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        <title>Wirtschaft als Leben</title>
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            <forname>Friedrich von</forname>
            <surname>Gottl-Ottlilienfeld</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1027869556</idno>
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        E  I  Q  E  U  T  U  M
ne  3
INSTITUTS
FÜR
WELTWIRTSCHAFT
BIDLIOTHEK
1  234«  4
        <pb n="2" />
        Wirtfchaft  als  Leben
v

Eine  Sammlung
erkenntniskritifeber  Arbeiten

von

Dr.  Friedrich  v.  iGottl«Ottlilienfeld
o.  Pcofcffor  der  Tbeoretifchen  Nationalökonomie
an  der  Univerfität  Kiel

Jena
Verlag  von  Guftav  Fifcber
1925
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        B  i  k

686

WtÄwirtsciiar*
KiGl

21.  3.4  5.

Inhaltsübersicht
Begleitwort:  S.  VII-XXXII.
„Der  Wertgedanke,  ein  verhülltes  Dogma  der  Nationalökonomie. ­
  Kritische  Studien  zur  Selbstbesinnung
des  Forschens  im  Bereiche  der  sogenannten  Wertlehre.“ ­

Einleitung:  S.  2—17.  Abschnitte  I—V:  S.  18—60.  Anhang:  S.  61—75.
„Die  Herrschaft  des  Wortes.  Untersuchungen  zur  Kritik
des  nationalökonomischen  Denkens.“
Vorwort:  S.  79—80.
Über  die  „Grundbegriffe“  in  der  Nationalökonomie.  Abschnitte  I—VIII:  S.  81—148.
Haushalten  und  Unternehmen,  als  Formeln  zur  Erkenntnis  des  Alltäglichen.  Abschnitte ­
  I—XVIII:  S.  151—241.
Ausblicke.  Abschnitte  I—XVI.:  S.  242—335.
„Die  Grenzen  der  Geschichte.“
Vorwort:  S.  339—341-Abschnitte
  I—VI:  S.  342—379.
Anhang.  Vorwort:  380—381.  Abschnitte  I—XXVIII:  S.  381—442.
«Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung.“
1.  „Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen“.
Vorbemerkungen:  S.  447—45°-I.
  Die  idiographische  Begriffsbildung.  (Die  Individuation.)
A.  Der  Sonderbegriff:  S.  451—463.
B.  Der  Individualbegriff:  S.  463—480.
II.  Die  idiographische  Reihenbildung.  (Die  Explikation):  S.  480—499.
III.  Die  Voraussetzungen  des  idiographischen  Verfahrens:  S.  499—511.
2.  „Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft“.
VorbemerkungenS.  515—  524.
I.  Die  mehrfache  Stellung  unseres  Denkens  zur  Wirklichkeit.  (Phänomenologisches ­
  und  noetisches  Denken.)
Vorbemerkung:  S.  524—5 2 5-A.
  Der  empirische  Tatbestand:  S.  S 2 5 — 537-B.
  Die  erkenntnistheoretische  Deutung:  S.  537—54 2 -
        <pb n="4" />
        VI

Inhaltsübersicht.

II.  Der  Stoff  des  noetischen  Denkens.  (Das  Dritte  Geschehen):  S.  542—563.
III.  Die  noetischen  Kategorien.  (Subjekt  und  Objekt,  Akt  und  Erleidung):
s.  563—570-3.
  „Geschichte  und  S  o  z  i  alwis  s  ens  chaft“.
Das  Problem  und  die  Umrisse  seiner  Lösung:  S.  573—599.
„Freiheit  vom  Worte.  Über  das  Verhältnis  einer  Allwirtschaftslehre ­
  zur  Soziologie.“
Nationalökonomische  Erläuterung.  Abschnitte  I—VIII:  S.  604—626.
Soziologische  Zusammenhänge.  Abschnitte  IX—XIV:  S.  627—643.
Methodologische  Glossen.  Abschnitte  XV—XX:  S.  644—662.
Ausklänge.  Abschnitte  XXI—XXIV:  S.  663—672.
„Die  Wirtschaftliche  Dimension.  Eine  Abrechnung  mit  der
sterbenden  Wertlehre.“
Vorwort.  Einleitung:  S.  675—681.
Inhaltsübersicht:  S.  682—691.
„Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner  Theorie.“
Abschnitte  I—V:  S.  695—717.
Sachregister:  S.  718ff.
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        Begleitwort.
Viel  Dank  habe  ich  zu  erstatten.  An  erster  Stelle  dem  Verlage
Gustav  Fischer  für  die  Herausgabe  dieser  Sammlung  —  es  ist  der
gleiche  Verlag,  der  vor  langen  Jahren  meine  Erstlingsarbeit  über  den
j,Wertgedanken“  veröffentlichte,  als  kurz  vorher  die  „Tübinger  Zeitschrift ­
  für  die  gesamten  Staats  Wissenschaften“  ihre  Aufnahme  abgelehnt
hatte;  A.  E.  F.  Schaeffle  selber  begründete  dies  mit  den  Worten:  „er
sähe  nicht,  wo  ich  hinaus  willl“
Zu  wärmstem  Dank  verpflichtet  mich  auch  das  ungewöhnliche
Entgegenkommen  des  Verlages  Duncker  &amp;amp;  Humblot,  den  Abdruck  gleich
zweier  Schriften  seines  Rechtsbereiches  zu  gestatten:  der  1904  erschienenen ­
  und  inzwischen  vergriffenen  „Grenzen  der  Geschichte“,
und  der  „Freiheit  vom  Worte“,  ein  1923  freundwillig  veranstalteter
Sonderdruck  aus  dem  Sammelwerk  „Erinnerungsgabe  für  Max  Weber“.
Dank  schulde  ich  ferner  dem  Verlage  J.  C.  B.  Mohr  (Paul  Siebeck)
für  die  Erlaubnis,  in  diese  Sammlung  auch  die  Artikelserie  „Zur
sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“  aufzunehmen,  die
das  „Archiv  für  Sozialwissenschaft  und  Sozialpolitik“  in  den  Jahren
1906—1909  gebracht  hat.  Ebenso  ist  aus  dem  „Weltwirtschaftlichen
Archiv“  der  im  Januarheft  1925  enthaltene  Artikel  „Vom  Wirtschaftsleben ­
  und  seiner  Theorie“  in  diese  Sammlung  übergegangen, ­
  als  ihr  Abschluß.
Den  Kern  der  Sammlung,  um  dies  hier  einzuflechten,  bilden  meine
zwei  älteren  Schriften  aus  dem  Verlage  von  Gustav  Fischer:  der  1897
erschienene  „Wert  ge  danke“  und  vor  allem  die  1901  erschienene
„Herrschaft  des  Wortes“;  beide  Schriften  waren  bereits  vergriffen.
Warum  sich  die  Sammlung  noch  gleichsam  abrundete  um  die  Vorrede
und  die  Inhaltsübersicht  meines  erst  1923  im  gleichen  Verlage  erschienenen ­
  Buches  „Die  Wirtschaftliche  Dimension“,  das  soll
noch  zur  Sprache  kommen.
Aufrichtig  dankbar  bin  ich  auch  meinem  Assistenten,  Herrn
Dr.  Arno  Winter,  der  mir  die  mühevolle  Arbeit  abnahm,  ein  Sachregister ­
  beizufügen.  Er  trug  auch  für  die  Reinheit  des  Textes  Sorge.
        <pb n="6" />
        VIII

Begleitwort.

Der  Abdruck  ist  im  Grundsätze  streng  wörtlich  erfolgt.  Bloß  die
Satzzeichen  habe  ich  gelegentlich  richtiger  gesetzt  und  Sperrungen  verändert, ­
  weit  überwiegend  aufgehoben.  Hie  und  da  nur,  ganz  vereinzelt,
wurde  ein  Ausdruck  verbessert,  im  besonderen  war  jene  Verwechslung
im  Gebrauch  der  Ausdrücke  „begreifen“  und  „verstehen“  gut  zu  machen,
die  einst  Max  Weber  an  meinen  Jugendarbeiten  gerügt  hat.  Gegen
das  Sprachgefühl,  so  glaube  ich  heute  noch,  habe  ich  damit  kaum
verstoßen,  wohl  aber  gegen  eine  Sprachgewohnheit  der  Wissenschaft
so  derb,  daß  es  beim  Neudruck  nicht  stehen  bleiben  durfte.
Eine  Umstellung  erfolgte  im  Rahmen  der  „Herrschaft  des  Wortes“,
im  zweiten  Teile.  Hier  sind  die  überlangen  Anmerkungen  in  den  Text
gerückt  worden.  Auch  ging  es  zum  Glück  ohne  Störung  des  Zusammenhanges ­
  ab,  jene  mit  dem  Stichwort  „Ausblicke“  überschriebenen
Darlegungen  an  den  Schluß  zu  verlegen,  die  sich  in  so  lästiger  Breite
zwischen  zwei  Abschnitte  dieses  Teiles  eingezwängt  hatten,  das  ganze
Buch  um  Form  und  Ebenmaß  bringend.  Seinen  Grund  fand  dies  in
der  seltsamen  Weise,  wie  dieser  Einschub  entstanden  war.  Ich  habe
damals  diese  Ausführungen  mitten  in  der  Drucklegung  des  Buches
hastig  niedergeschrieben,  stets  nur  Bogen  um  Bogen  dem  Druck  voraus.
Den  Ausgang  nahm  es  von  der  Absicht,  einen  einzelnen  Punkt  näher
zu  erklären,  das  Theorem  des  „Zuständlichen  Gebildes“.  Damit  war
aber  meine  Gedankenwelt  in  Auftrieb  geraten  und  brach  sich  nun  in
einer  langen  Folge  von  Darlegungen  Bahn,  unaufhaltsam  einem  Abschluß ­
  zudrängend;  wirklich  so,  wie  aus  einer  Bruchstelle  frisch  erstarrten ­
  Gesteins  die  Lava  aufquillt.  Eigentlich  aber  war  es  nur  ein
Anfall  schriftstellerischer  Schwäche  —  der  Schwäche  nämlich,  es  einmal
doch  nicht  zu  verbergen,  daß  man  ja  immer  viel  viel  mehr  zu  sagen
hätte,  als  man  wirklich  sagtl  Zu  sagen  war  aber  damals  schon  genug,
lag  doch  eine  Reihe  von  Jahren  geistigen  Ringens  bereits  vor  diesen
Erstlingen;  und  so  weitschweifig  diese  „Ausblicke“  im  ganzen  erscheinen,
gar  manches  ist  da  bloß  mit  einem  kurzen  Absatz  abgetan,  was  für
sich  allein  den  Gegenstand  von  Untersuchungen  bildete,  die  schon  bis
zur  letzten  Formung  gereift  waren,  dann  aber  unveröffentlicht  blieben.

Ihrem  Erscheinen  nach  streuen  die  hier  gesammelten  Arbeiten
nahezu  über  drei  Jahrzehnte.  Trotzdem  greift  da  alles  zu  einer  geschlossenen ­
  Einheit  ineinander.  Überall  folgt  der  Gedankengang  der
Losung,  die  gleich  die  Erstlingsarbeit  in  ihrem  Titel  ausgesprochen
hat:  Selbstbesinnung!  Daraus  leite  ich  das  Recht  ab,  diese
Arbeiten  als  „erkenntniskritische“  zu  bezeichnen.  Für  den  Titel  selber
        <pb n="7" />
        Begleitwort.

IX

erübrigte  sich  der  Zusatz,  auf  welchem  besonderen  Gebiete  es  hier  dem
Denken  im  Dienst  der  Erkenntnis  zugemutet  wird,  besinnliche  Einkehr
zu  pflegen.  Dies  verrät  ja  schon  der  Name  der  ganzen  Sammlung,
indem  er  ein  Ergebnis  der  errungenen  Selbstbesonnenheit  im  Schlagwort ­
  vorwegnimmt:  Wirtschaft  als  Leben!  In  dieser  Wendung
malt  sich  die  Art,  wie  unsere  Wissenschaft  ihren  Gegenstand  auffassen
muß,  will  sie  treu  zu  ihrer  wahren  Eigenart  stehen.
Mit  Erkenntniskritik,  gegenüber  einem  Sondergebiet  der
Wissenschaft,  da  ist  es  offenkundig  eine  andere,  tiefere  Sache  als  mit
Methodologie  im  durchschnittlichen  Sinne:  Diese  ruht  nicht  auf
Selbstbesinnung,  mehr  nur  auf  Selbstbeobachtung  der  Wissenschaft  als
Tat.  Alle  Methodologie  schlägt  ja  in  bloße  Technik  ein,  hier  in  die
Technik  der  Forschung  und  Darstellung  im  Bereich  des  Sondergebietes.
Der  Methodologe  fragt  einfach:  wie  geht  die  Wissenschaft  vor,  um  zu
den  Ergebnissen  zu  gelangen,  die  mit  ihr  vorliegen  ?  Kritik  der  Erkenntnis ­
  aber  drängt  zu  der  tieferen  Frage:  wie  ist  jene  Eigenart  des
fachwissenschaftlichen  Erkennens  beschaffen,  die  über  den  Vorgang
beim  Erkennen  überhaupt  erst  entscheidet?  Methodologie  umfaßt
schlechthin  das  Wissen  um  die  Wissenschaft  als  Tat.  Erst  die  Erkenntniskritik ­
  aber  läutert  dieses  Wissen  und  führt  so  zur  Einsicht,
wie  die  Wissenschaft  als  Tat  sein  soll.  Methodologie  hingegen  lernt
nur  von  der  Wissenschaft  selber,  um  sie  über  ihr  eigenes  Vorgehen
zu  belehren;  eigentlich  sorgt  sie  bloß  dafür,  daß  Forschung  und  Darstellung ­
  die  Wege  immer  auch  richtig  einhalten,  die  sie  selber  gefunden
haben.  So  war  z.  B.  die  „idealtypische“  Begriffsbildung  schon  längst  in
Übung,  bis  sie  endlich  Max  Weber  überzeugend  als  den  charakteristischen
Weg  der  Darstellung  auf  unseren  Gebieten  vorwies,  Darstellung  in  jenem
Sinne  Heinrich  Rickerts  gemeint,  daß  sie  mit  der  Begriffsbildung  einig
geht.  Es  war  damit  eine  methodologische  Tat  von  hohem  Belang
vollbracht,  Erkenntniskritik  aber  weiß  hinterher  zu  zeigen,  warum  es
gerade  so  auch  sein  muß!  Wo  eben  schon  aus  der  Erfahrung  heraus
alles  von  Zusammenhang  strotzt,  wie  auf  unseren  Gebieten,  da  bewältigt
man  das  erfaßlich  Zusammenhängende,  das  sich  zu  einer  Einheit  fügt
—  wie  im  berühmten  Beispiel  der  „antiken“  usw.  Stadt  nur
durch  ein  einseitiges  Hervorkehren  jener  Zusammenhänge,  die  in  der
Beziehung  auf  die  entscheidende  Fragestellung  als  die  „wesentlichen“
erscheinen,  weil  gerade  sie  der  einschlägigen  Lösung  förderlich  sind.
Das  Spiel  dieser  Zusammenhänge,  die  nun  allein  die  Einheit  tragen,
erfährt  dabei  unvermeidlich  eine  geistige  Übersteigerung.  Trotzdem
ist  damit  der  Wirklichkeit  ebensowenig  Gewalt  angetan,  wie  etwa  durch
die  wenigen  und  markigen  Striche,  mit  der  die  Künstlerhand  ein
        <pb n="8" />
        X  Begleitwort.
sinnlich  erschautes  Bild  so  festhält,  wie  es  sich  im  Künstlerauge
spiegelt.
In  diesem  Falle  bejaht  also  die  Erkenntniskritik  die  herrschende
Methodologie,  doch  ist  es  keineswegs  immer  so.  Dann  treibt  die  Selbstbesinnung ­
  vielmehr  in  Zweifel  hinein  an  dem  üblichen  Vorgehen  der
Wissenschaft.  Auf  eine  Stelle,  wo  ein  solcher  Zweifel  geradezu  zur  Pflicht
wird,  hat  nun  gleich  mein  erster  Versuch  verwiesen,  das  Schriftchen
über  den  „Wertgedanken“.  Wie  liegt  es  damit?  Jahrhundertlang
dreht  sich  ein  ganzes  Sondergebiet  unserer  fachlichen  Theorie,  und
unter  steigender  Beteuerung  seiner  grundlegenden  Wichtigkeit,  um  ein
einziges  Wort:  „Wert“!  Rein  nur  das  Wort  selber  steht  hier  dem
theoretischen  Denken  richtunggebend  voran;  denn  welcher  geistige  Inhalt ­
  des  Wortes,  oder  welche  „Sache“  dieses  Namens  eigentlich  in
Frage  käme,  gerade  das  soll  sich  erst  entlang  dem  Gedankengang
heraussteilen,  der  von  diesem  Wort  her  in  Bewegung  gerät.  Kein
Wunder,  wenn  daraufhin  der  Zahl  der  Forscher,  die  sich  um  solche
„Theorie“  bemühen,  die  Zahl  der  abweichenden  Aufschlüsse  gleichkommt ­
  und  so  auch  die  Zahl  der  Parteien  bei  einem  Streite,  der  sich
bar  aller  Möglichkeit  einer  Einigung  weiterschleppt,  endlos,  hoffnungslos. ­
  Wo  ist  da  nun  Wahrheit?  Hier  bringt  es  also  Selbstbesinnung
mit  sich,  daß  ein  fachwissenschaftlich  theoretisches  Denken  an  seinem
eigenen  Vorgang  irre  wird.  Was  aber  nun?  Soweithin  war  jene  Einrede ­
  im  guten  Recht:  wohinaus  soll  dieser  Zweifel  eigentlich  führen?
Seltsam  bloß,  daß  Schaeffle  das  Recht  auf  einen  Zweifel  verkannte,
der  offenbar  um  so  ernster  zu  nehmen  ist,  je  verblüffender  er  zunächst
wirkt  1  Daran  bemißt  sich  doch  nur  das  Versäumnis,  das  die  Fachwissenschaft ­
  ein  Jahrhundert  hindurch  begangen  hat.  Immerzu  verbiß
sie  sich  von  neuem  in  die  Frage:  „was  ist  der  Wert?“  Ob  diese  Fragestellung ­
  in  der  Sache  begründet  sei  und  wie  sie  es  wäre,  das  blieb
gänzlich  außer  Sehweite.
Es  war  natürlich  kein  bloßer  Einfall,  jene  „Kritische  Wertfrage“
aufzuwerfen,  die  nach  dem  Sinn  und  dem  sachlichen  Grund  der  ganzen
Wertforschung  fragt.  In  ihrem  tatsächlichen  Hergang  ist  eben  Selbstbesinnung ­
  ganz  und  gar  nicht  die  schlichte  Wendung  im  Denken,  zu
der  sich  ihre  letzten  Ergebnisse  hinterher  vereinfachen  lassen.  Wenn
sie  schließlich  den  Anspruch  erhebt,  den  Zeiger  einer  ganzen  Wissenschaft ­
  zurechtzurücken,  so  erkauft  sie  diese  Schlagkraft  ihrer  Ergebnisse ­
  recht  teuer:  Es  muß  sich  das  Gefühl  der  Unbefriedigtheit  gegenüber ­
  der  überkommenen  Pflege  der  Wissenschaft  schon  zu  einem
quälenden  Druck  steigern,  erst  dieser  treibt  dazu,  mit  der  Befangenheit
im  Herkömmlichen  innerlich  zu  ringen,  bis  zum  bewußten  Zweifel  an
        <pb n="9" />
        Begleitwort.

XI

Dingen,  die  einem  vorher  doch  genau  so  blind  selbstverständlich  erschienen, ­
  wie  jedermann.  Darum,  wenn  es  auch  persönlich  anmaßend
und  in  der  Sache  vermessen  erscheint,  daß  man  seinen  Eintritt  in  die
Wissenschaft  gleich  mit  einer  so  „polizeiwidrig“  ausfälligen  Untersuchung
vollzieht,  vermutlich  bringt  überhaupt  nur  ein  junger  Kopf  die  Beweglichkeit ­
  des  Denkens  auf,  um  über  diesem  Zweifel  bloß  am  Überkommenen
irre  zu  werden  —  und  nicht  gleich  an  sich  selber.  Damals  also,  oder
nie  mehr!
Dagegen  konnte  der  inhaltliche  Vorstoß  gegen  die  „Wertlehre“,
der  sich  im  „Wertgedanken“  ja  bloß  ankündigte,  ganz  gut  erst  ein
Vierteljahrhundert  später  erfolgen;  obgleich  mir  schon  damals  das  meiste
von  dem  feststand,  was  ich  erst  so  verspätet  vor  der  Öffentlichkeit
vertrete.  In  der  gleichen  Richtung  mit  der  ganzen  Kritik  bewegt
sich  eben  auch  dieser  Nachzügler,  das  1923  erschienene  Buch  „Die
Wirtschaftliche  Dimension.  Eine  Abrechnung  mit  der
sterbenden  Wertlehre“.  Es  hätte  aber  dieses  Buch  die  vorliegende
Sammlung  nicht  bloß  durch  seinen  Umfang  gesprengt,  mehr  noch
würde  sein  Inhalt  ihrem  Charakter  widerstreiten.  Denn  es  behandelt
aus  Zwang  der  Sache  schon  viel  zu  weitgehend  das  Wirtschaftsleben
als  solches,  um  nicht  aus  der  Reihe  dieser  streng  erkenntniskritischen
Arbeiten  herauszufallen.  Trotzdem  würde  hier  die  empfindlichste  Lücke
klaffen.  Sie  ließ  sich  zur  Not  ausfüllen,  indem  ich  Einleitung  und
Inhaltsübersicht  der  „Wirtschaftlichen  Dimension“  auch  noch  in  diese
Sammlung  einbezog,  an  der  chronologisch  richtigen  Stelle.  Die  Einleitung ­
  mußte  mit  herein,  denn  sie  beleuchtet  die  landläufige  Art,
nationalökonomische  Theorie  zu  treiben,  von  einer  ganz  besonderen
Seite.  Die  Übersicht  ihres  Inhalts  aber  bietet  diese  Schrift  in  knappen
Leitsätzen,  die  vieles  enthalten,  was  für  das  rechte  Verständnis  des
abschließenden  Aufsatzes  kaum  zu  entbehren  ist.

Damals,  in  meinen  Anfängen,  stand  es  aber  noch  anders;  eine
Bresche  war  vom  „Wertgedanken“  in  den  Ring  der  überkommenen
Anschauungen  schon  gebrochen,  diese  galt  es  nun  auszuweiten,  um
dem  Sturm  auf  diese  Anschauungen  freiere  Bahn  zu  schaffen.  Daraus
ist  nun  meine,  für  mich  geistig  folgenschwerste  Jugendschrift  entsprungen,
die  „Herrschaft  des  Wortes“.  Im  Titel  kündigt  sie  ihre  zwei
ungleichen  Teile  als  „einleitende  Aufsätze“  an,  als  Einleitung  für  eine
„Kritik  des  nationalökonomischen  Denkens“.  Tatsächlich  schwebte  mir
vom  Beginn  her  ein  Weitertreiben  der  Kritik  vor,  in  der  Art  etwa  der
„Wirtschaftlichen  Dimension“.  Dieses  Buch  bietet  ja  nur  ein  einzelnes
        <pb n="10" />
        XII

Begleitwort.

Beispiel  dafür,  was  alles  an  Kritik  gegenüber  der  herrschenden  Theorie
möglich  und  wohl  auch  heute  noch  geboten  wäre.  Vorläufig  aber
harren  viel  dringendere  Aufgaben  ihrer  endlichen  Lösung.
Der  erste  Aufsatz,  „Über  die  Grundbegriffe  in  der  Nationalökonomie“, ­
  war  bereits  1900  als  meine  Habilitationsschrift  gedruckt.
Er  arbeitet  gleich  in  voller  Breite  jenen  methodologischen  Tatbestand
heraus,  gegen  den  sich  die  erkenntniskritischen  Zweifel  von  der  Art
der  „Kritischen  Wertfrage“  kehren.  Einfacher  könnte  dieser  Tatbestand
gar  nicht  sein  als  ihn  meine  Kritik  hervorzieht;  was  auch  nur  darum
mit  einer  so  befremdenden  Umständlichkeit  geschehen  mußte,  weil  hier
tatsächlich  ein  blind  Selbverständliches  „sehenden  Auges“  zu  würdigen
war.  Jener  Kreis  vorgegebener  Worte,  die  als  „Grundbegriffe“  zu
Richtpunkten  der  theoretischen  Denkbewegung  werden  —  das  ist  der
ganze  Tatbestand!  Er  ist  auch  leicht  gedeutet.  In  Gestalt  unserer
Theorie,  wie  sie  ist,  sucht  eigentlich  nur  die  schlichte  Alltagskenntnis
vom  Wirtschaftsleben  dadurch  zu  Wissenschaft  umzuwenden,  daß  diese
Wissenschaft  gleich  von  der  Alltagskenntnis  die  gebräuchlichsten  Werkzeuge ­
  des  begrifflichen  Denkens  übernimmt  —  „Wirtschaft“,  „Wert“,
„Gut“,  „Vermögen“,  „Kapital“,  „Preis“,  „Zins“,  „Rente“,  „Geld“  usf.
Zusammen  ist  es  ein  lockerer  Verband  von  Worten,  die  schon  im  Alltag ­
  ebenso  häufig  verwendet  werden,  als  sie  dabei  beweglich  in  ihrem
Sinn  bleiben.  Diese  Worte  spielen  aber  nun  innerhalb  der  aufwachsenden
Fachwissenschaft  die  Rolle  der  „eingeborenen  Fachausdrücke“.  Das
ist  der  einfache  Sachverhalt  und  von  ihm  bildet  sich  eine  Methodologie
überhaupt  bloß  in  der  verkümmerten  Weise  aus,  daß  man  diese  Worte
eben  ohne  weiteres  als  die  „Grundbegriffe“  der  Disziplin  erachtet  und
darnach  auch  behandelt.  Gerade  die  Forschung,  die  dem  praktischen
Erfolg  nach  grundlegend  an  der  Theorie  arbeitet  —  ohne  sich  dessen
vielleicht  ganz  klar  zu  sein  —  setzt  allemal  bei  diesen  Worten  ein,  im
blinden  Glauben  an  den  Zwang,  auf  diese  Weise  die  „Grundbegriffe
bestimmen“  zu  müssen.  Mittelbar  entspringt  hier  demnach  alle  Theorie
aus  dem  Anstoß,  den  diese  bloßen  Worte  dem  theoretischen  Denken
geben.  So  strahlt  von  dem  Worte  „Wert“  die  ganze  „Wertlehre“  nicht
anders  aus,  wie  von  anderen  dieser  Grundworte  her  etwa  die  „Lehre
vom  Kapital“,  oder  die  „Lehre  von  der  Rente“,  usf.  Das  theoretische
Denken  unseres  Faches  gibt  sich  damit  aber  den  ungeprüften  Einflüssen
preis,  die  von  diesen  Worten  ausgehen.  Diesen  bloßen  Worten,  und
nur  weil  sie  zufällig  die  bräuchlichsten  Werkzeuge  des  Alltagsdenkens
in  der  gleichen  Richtung  sind,  ihnen  fällt  die  Gewalt  über  die  Gedankenführung ­
  der  Theorie  zu  1  Offenbar  ist  es  eine  ganz  unbefugte  Rolle,
die  hier  eine  Anzahl  hergelaufener  Worte  gegenüber  dem  wissen ­
        <pb n="11" />
        Begleitwort.

XIII

schaftlichen  Denken  spielt.  Diese  „Herrschaft  des  Wortes“  steht  auch
weit  ab  davon,  nur  eine  terminologische  Angelegenheit  zu  sein.  Sie
hat  mit  der  Frage  der  richtigen  Nennung,  oder  der  Verwendung  tauglicher ­
  Fachausdrücke,  gar  nichts  zu  tun.  Darum  bleibt  es  auch  völlig
dahingestellt  und  dem  Hergang  der  Forschung  überlassen,  ob  jene
vielberufenen  Worte  sich  überhaupt  für  den  Dienst  als  Fachausdrücke
eignen,  oder  etwa  als  Namen  von  eindeutigen  Tatbeständen,  und  ob
man  sie  dazu  auch  tatsächlich  heranziehen  soll.  Keineswegs  diesen
Worten  selber  und  ihrer  möglichen  Verwendung  im  Fache  ist  aufgesagt,
  sobald  man  „Freiheit  vom  Worte“  fordert,  sondern  eben  nur
der  unbefugten  Rolle,  die  man  ihnen  einräumt,  durch  die  herkömmliche
Art,  Theorie  grundlegend  zu  treiben,  eben  im  Sinne  jenes  „Ausgangs
vom  Worte“  1
Dem  setzt  nun  Erkenntniskritik  die  Forderung  entgegen,  von
Problemen  auszugehen!  Man  spricht  zwar  auch  von  einem  „Wertproblem“, ­
  einem  „Kapitalproblem“,  einem  „Produktivitätsproblem“  und
so  in  der  Reihe  weiter;  allein,  damit  steht  es  doch  nur  so,  daß  man
diese  Worte  ausspricht,  um  sich  über  die  Probleme  ausschweigen  zu
können,  deren  Lösung  man  auf  diese  seltsame  Weise  dem  theoretischen
Denken  zugeschoben  glaubt.  Die  Wissenschaft  muß  sich  doch  auch
in  der  theoretischen  Forschung  als  Tat  bewähren,  aber  es  fehlt  an  jeder
klaren  Richtschnur  für  ihr  Vorgehen,  sobald  diesem  Vorgehen  ein  bloßes
Wort  als  Wegweiser  dienen  soll.  Der  Mißstand  liegt  nicht  bei  der
Vieldeutigkeit  schlechthin  dieser  Worte,  sondern  darin,  daß  ein  vieldeutiges ­
  Wort  von  sich  aus  das  Denken  bald  dahin,  bald  dorthin  in
Bewegung  versetzen  kann,  daher  sich  die  verschiedenen  Theoretiker,
je  nach  dem  persönlichen  Zufall  ihrer  eigenen  Deutung,  um  ganz  verschiedene ­
  Probleme  abmühen.  Für  die  Allgemeinheit  läßt  eben  das
Wort  allein  völlig  in  Ungewißheit  über  die  Aufgabe,  die  es  der  Erkenntnis ­
  vorsetzt.  Diese  Aufgabe  muß  aber  schon  als  solche  klar  gegeben ­
  sein,  in  Gestalt  eines  inhaltlich  entwickelten  Problems,  erst  dann
winkt  die  rechte  Lösung.
Dieses  selbstbesonnene  Vorgehen,  in  Gestalt  des  Ausgangs  von
offen  aufgerollten  Problemen  statt  von  Worten,  führt  nun  der  zweite
Aufsatz  gleich  an  einem  praktischen  Beispiel  vor,  indem  er  die  „Formeln
zur  Erkenntnis  des  Alltäglichen“  entwickelt.  Hier  mußte  die
Darlegung  freilich  wie  mit  der  Tür  ins  Haus  fallen,  sonst  wäre  die
eigentliche  Sache  erstickt  unter  all  dem,  was  man  vorher  zu  ihrer  Rechtfertigung ­
  sagen  müßte.  Hier  wirft  sich  als  Problem  auch  nur  die  ganz
allgemeine  Forderung  auf,  das  Jedermannswissen,  die  bloße  Kenntnis
vom  Alltag,  zu  dessen  Erkenntnis  zu  vertiefen,  gemäß  der  Auffassung
        <pb n="12" />
        XIV

Begleitwort.

unserer  Wissenschaft,  als  einer  „Erkenntnis  des  Bekannten“.  Aber
damit  langt  dieser  frühe  und  recht  ungelenke  Versuch  doch  schon  nach
dem  eigentlichen  Erfolg  des  Ringens  um  die  „Freiheit  vom  Worte“.
Denn  solange  noch  das  Wort  über  das  wissenschaftliche  Denken  herrscht,
gibt  das  Alltagsdenken  den  Ton  an;  es  rundet  sich  damit  zwar  die
Alltagskenntnis  ab  und  verfeinert  sich  auch,  aber  ihr  Niveau  wird
grundsätzlich  noch  nicht  überschritten.  Jener  Versuch  lehnt  sich  nun
gerade  dagegen  auf,  daß  alles  wissenschaftliche  Denken  immer  nur  im
Schlepptau  des  vorwissenschaftlichen  fährt.  Daher  malt  sich  in  jenen
„Formeln“,  so  unbeholfen  sie  sich  geben,  trotzdem  schon  die  Theorie
neuer  Haltung  I
Es  ist  da  freilich  nicht  alles  glücklich  bezeichnet  —  gleich  der
Ausdruck  „Formeln“  hat  Anstoß  erregt  —  und  vieles  hat  tatsächlich
eine  recht  schiefe  Fassung  gefunden.  Im  ganzen  aber  sind  die  Dinge
doch  schon  ausdrücklich  aus  dem  menschlichen  Zusammenleben  herausgesehen; ­
  die  Wende  bereitet  sich  also  deutlich  vor,  daß  auch  unsere
fachliche  Theorie,  auf  den  Spuren  der  ungleich  reiferen  Forschung  in
Tatsachen,  Wirtschaft  auffaßt  als  eine  Teilgestaltung  menschlichen  Zusammenlebens ­
  und  sie  mithin  selber  als  ein  Leben  zu  erfassen  sucht,
als  ein  Zusammenspiel  von  Einheit,  Wirken  und  Dauer.  Nicht  umsonst
unterbaut  sich  schon  dieser  frühe  Lösungsversuch  mit  dem  Theorem
des  „Zuständlichen  Gebildes“,  hergeleitet  aus  der  erkenntniskritischen
Analyse  von  „Zustand“  und  „Entwicklung“.  Nebenbei  gesagt,  wo  in
diese  Tiefen  hinein  gedacht  ist,  will  es  mich  heute  noch  bedünken,  daß
man  die  Ergebnisse  durchaus  ernst  nehmen  darf;  und  doch  blieben
gerade  diese  Dinge  völlig  in  den  Wind  gesprochen!  Jedenfalls  tritt
hier  bereits  an  einer  so  verfrühten  Lösung  jenes  „Denken  in  Gebilden“
klar  hervor,  durch  das  sich  die  Theorie  neuer  Haltung  besonders  lebhaft ­
  abhebt  von  der  herkömmlichen  Theorie,  die  nachweislich  „in
Gütern  denkt“.  Endlich,  an  den  beiden  „Formeln“,  die  hier  das  letzte
Ergebnis  darbieten  —  „Haushalten“  und  „Unternehmen“  —  da  zeichnet
sich  bereits  scharf  die  grundsätzliche  Scheidung  ab  zwischen  Wirtschaft
und  Erwerb.  In  der  herkömmlichen  Theorie  verwischt  sich  dies  bis
zu  dem  Grade,  daß  man  für  die  Theorie  des  Wirtschaftslebens  überhaupt ­
  nur  eine  Theorie  des  Erwerbslebens  unterschiebt;  und  gleichgültig, ­
  ob  man  dabei  mehr  in  „technischer“  Wendung  die  „Produktion“
in  den  Mittelpunkt  rückt,  oder  mehr  das  „Einkommen“  —  kraft  einer
angeblich  „psychischen“  Auffassung.  Die  Herrschaft  des  Wortes  verstrickt ­
  eben  alles  theoretische  Denken  vorweg  und  ganz  einseitig  in
die  Verhältnisse  des  heutigen  Wirtschaftslebens,  der  „Erwerbswirtschaft“.
  Dagegen  münzen  es  die  „Formeln“  schon  auf  den  reinen
        <pb n="13" />
        Begleitwort.

XV

und  unwandelbaren  Vernunftgehalt  aller  Wirtschaft  überhaupt.  Als
Theoreme  hängen  sie  also  deutlich  nach  der  später  so  genannten
„Ewigen  Wirtschaft“  hin,  obwohl  ihr  eigener  Inhalt  noch  die  Erkenntnis ­
  des  geistigen  Kerns  aller  Wirtschaft  schuldig  bleibt,  obwohl  ich
damals  noch  gar  nicht  durchgedrungen  war  bis  zu  dem  Grundgedanken
aller  Wirtschaft,  dem  Streben  nämlich  nach  dauerndem  Einklang  von
Bedarf  und  Deckung.  Heute  kann  ich  daher  unmöglich  mehr  zu  diesen
„Formeln“  stehen,  aber  man  sieht  doch,  wie  sehr  ich  mit  ihnen  schon
auf  dem  rechten  Wege  war.
Das  Seltsamste  an  diesem  ersten  Vorstoß  in  „positiver“  Theorie
lag  jedoch  darin,  daß  er  über  sein  Ziel  weit  hinausschoß  1  Nicht  einfach,
daß  man  heute  rückblickend  wohl  sagen  würde:  in  Gestalt  dieser
„Formeln“  ist  mit  Soziologie  über  die  Nationalökonomie  zur  Tagesordnung ­
  übergegangen.  Es  liegt  noch  aufreizender.  Denn  obwohl  sich
offenkundig  eine  Theorie  anbahnt,  die  alle  Wirtschaft  schon  als  Leben
wahrhaben  will,  wird  allen  Ernstes  die  glatte  Weigerung  verfochten,
den  Gedanken  der  Wirtschaft  selber  ernst  zu  nehmen!  Zu  dieser
Skepsis  trug  ja  viel  die  Abscheu  bei  vor  jenem  Zerrbild  des  „rein
Ökonomischen“,  worin  man  herkömmlich  das  Wesen  der  Wirtschaft
sieht.  Im  Grunde  aber  war  die  Selbstbesonnenheit  erst  soweit  errungen,
daß  sich  unsere  Wissenschaft  überhaupt  als  Sozialwissenschaft  erkannt
hatte  und  sich  auch  über  ihren  Gegenstand  klar  wurde,  als  einer
Gestaltung  zu  Dauer  und  Bestand.  Daneben  jedoch  bäumte  sich  die
einmal  entfesselte  Skepsis  noch  allzu  heftig  gegen  das  Wort  auf,  nicht
bloß  gegen  die  Grundworte,  gleich  „Wert“  oder  „Kapital“,  auch  gegen
die  Schlüsselworte,  gleich  „Wirtschaft“  und  „Gesellschaft“.  Auf  solchen
Wortschall  sollte  sich  nun  eine  Aufspaltung  innerhalb  der  Sozialwissenschaft ­
  zurückleiten?  Das  erschien  mir  als  unmöglich  —  und
soweithin  mit  Recht,  da  ja  tatsächlich  nicht  diese  Worte  über  die
Sonderung  der  Fachwissenschaften  vom  menschlichen  Zusammenleben
entscheiden,  vielmehr  spielen  sie  bloß  hinterher  das  sprachliche  Sinnbild
dieser  Scheidung,  die  aus  durchaus  sachlichen  Gründen  erfolgt.  Eigentlich
ist  meine  vieljährige  Skepsis  in  Sachen  „Wirtschaft“  der  schlagendste
Beweis  dafür,  wie  schroff  sich  meine  Art  Theorie  davon  abkehrt,  das
Wort  zur  Richtschnur  zu  nehmen.  Die  sonst  so  selbstverständliche  Frage
„Was  ist  Wirtschaft?“,  die  immer  den  Reigen  eröffnet,  spielt  in  dieser
Theorie  nicht  die  geringste  Rolle!  Erst  nach  langen  Jahren  führten
mich  rein  sachliche  Erwägungen  darauf,  daß  sich  aus  dem  Zusammenleben ­
  ein  Tatbestand  immerhin  klar  genug  heraushebt,  den  man  aus
Zwang  des  richtigen  Sprechens  nicht  gut  anders  denn  „Wirtschaft“
nennen  kann.  Erst  vor  dieser  Einsicht  kapitulierte  meine  Skepsis.
        <pb n="14" />
        XVI

Begleitwort.

Aber  dies  verhüllte  sich  mir  damals  noch.  Bis  tief  in  die  weiteren
Arbeiten  hinein  bot  mir  immer  nur  der  Gegensatz  zwischen  Sozialwissenschaft ­
  und  Geschichtswissenschaft  den  Rückhalt,  als  ich  erkenntniskritisch ­
  das  Vorgehen  zu  klären  suchte,  wie  es  bestimmt  wird  von
der  besonderen  Eigenheit  unseres  fachlichen  Denkens.  Der  Klärung
selber  hat  dies  trotzdem  wenig  Abbruch  getan,  grundsätzlich  überhaupt ­
  keinen.  Einerlei,  ob  man  in  der  Nationalökonomie  nun
schlechthin  die  Sozialwissenschaft  erblickt,  als  Schwester  der  Historie,
oder  sie  schließlich  doch  nur  als  eine  unter  drei  Sozialwissenschaften
erkannt  hätte,  bei  allen  diesen  Wissenschaften  steht  ja  die  Erkenntnis
gleichmäßig  unter  den  nämlichen  Bedingungen,  grundsätzlich  halten  sie
insgesamt  das  gleiche  Vorgehen  ein.  Wonach  sie  sich  scheiden,  ist
eben  nur  der  besondere  Gesichtspunkt,  unter  dem  man  das  menschliche
Zusammenleben  je  wieder  als  eine  Gestaltung  zu  Dauer  und  Bestand
erfassen  kann.  Aber  die  Art  der  Erfassung,  das  ganze  Gebaren  bei
Forschung  und  Darstellung,  dies  alles  bleibt  für  alle  drei  Fälle  in  den
Grundzügen  das  gleiche,  ob  nun  das  Ökonomisch-Soziale  zum  Gegenstand ­
  wird,  wie  bei  uns,  oder  das  Politisch-Soziale  und  das  Spezifisch-Soziale,
  wie  in  den  Schwesterwissenschaften  —  die  sich  übrigens  noch
lange  nicht  in  jener  Gedrungenheit  verwirklicht  haben,  wie  unsere
eigene  Fachwissenschaft  mit  den  vielen  Namen.

Entstanden  war  der  Aufsatz  „Haushalten  und  Unternehmen“  als
ein  Vortrag  —  meine  Antrittsvorlesung  war  es,  als  Heidelberger  Privatdozent ­
  —  und  da  mußte  ich  frischweg  auf  die  Sache  losgehen,  ohne
viel  Wenn  und  Aber.  Erst  die  in  letzter  Stunde  eingeschobenen
„Ausblicke“  liefern  zum  Text  gleichsam  die  Legende  nach.  Sie  setzen,
wie  gesagt,  mit  der  erläuternden  Aussprache  über  das  „Zuständliche
Gebilde“  ein.  Dann  aber  schlingt  sich  der  Faden  sofort  zurück,  nach
jenem  fundamentalen  Gegensatz  zwischen  dem  naturwissenschaftlichen
und  dem  Erkennen  in  unserer  Art,  wovon  schon  vorher  der  Text,  aber
mehr  nur  in  anschaulichen  Gleichnissen  gehandelt  hatte.  Hier  schreitet
nun  Erkenntniskritik  im  tieferen  Sinne  ans  Werk:  In  stetem  Gegenhalt
zum  naturwissenschaftlichen  Erkennen  legen  sich  die  Untergründe  des
sozialwissenschaftlichen  Erkennens  bloß,  Schicht  um  Schicht.  Aus  der
letzten  Tiefe  ersteht  hier  schon  die  These  von  dem  grundsätzlichen ­
  Zweierlei  an  Erfahrung,  dem  die  Eine  Wirklichkeit  zugänglich ­
  bleibt,  das  anschaulich  Erlebte.  Auch  dieser  Gegensatz  hat
beim  ersten  Wurf  nur  eine  unzulängliche  Formung  gefunden;  damals
—  noch  ohne  die  spätere  Anlehnung  an  Münsterberg  —  schied  ich
        <pb n="15" />
        Begleitwort.

XVII

noch  vom  „unzerfällenden“  Denken,  wie  es  unseren  Wissenschaften  geläufig ­
  bleibt,  das  „zerfallende“  Denken  der  Naturwissenschaft:  dieses
wäre  auf  die  „Natur“,  jenes  auf  die  „Welt  des  Handelns“  eingestellt.
Immerhin  ist  das  Entwederoder  der  Erfahrung  —  „Erscheinungen“  oder
„Erlebungen“  —  schon  richtig  gesehen  und  in  seinem  alles  entscheidenden
Belang  erfaßt  für  die  Scheidung  innerhalb  der  Erkenntnis.  Auch  sind
dorthin  schon  manche  richtige  Folgerungen  gezogen.  Namentlich,
wie  sich  der  Weg  der  Begriffsbildung  so  charakteristisch  gabelt,  das
ist  bereits  ziemlich  scharf  entwickelt.  Allerdings  fehlt  es  noch  überall
an  der  letzten  Zuspitzung  der  Gedanken;  vielleicht  waren  es  ihrer  zu
viele,  wahrhaft  zu  Ende  gedacht  sind  alle  diese  Dinge  jedenfalls  nicht.
Dem  milderen  Urteile  Max  Webers  in  dieser  Hinsicht  gebe  ich  ohne
Vorbehalt  recht.  Mit  diesem  berechtigten  Vorbehalt  seinerseits  ist
er  lange  Zeit  fast  als  der  einzige  für  mein  Jugendwerk  eingetreten,
angefangen  gleich  von  der  ersten  jener  so  bedeutsamen  Arbeiten,  die  nun
als  seine  „Beiträge  zur  Wissenschaftslehre“  gesammelt  vorliegen.
Die  „Ausblicke“  legen  es  dar,  wie  sich  von  der  „Welt  des  Handelns“
her,  als  dem  Stoff  der  Erfahrung,  zwei  Möglichkeiten  der  Erkenntnis
gabeln.  Erkenntniskritik  ringt  gleich  nach  ihrer  vollblütigsten  Leistung,
sobald  sie  das  Tatsächliche  der  Wissenschaft  aus  seinen  letzten  Bedingungen ­
  als  ein  Mögliches  herleitet.  Aber  von  jenen  beiden  Möglichkeiten ­
  hätte  sich  eben  nur  die  eine  erfüllt,  die  „berichtende“  Wissenschaft ­
  nämlich  in  der  Historie  verwirklicht.  Für  die  andere,  die  „schildernde“ ­
  Wissenschaft  wäre  dies  nur  bedingt  zugetroffen,  nämlich  nur
im  Zuge  der  gerade  hier  so  lebendigen  Forschung  in  Tatsachen;  da
schwebten  mir  besonders  die  Leistungen  der  sogenannten  „historischen
Schule“  vor.  Hier  fehlt  wirklich  nur  eine  Theorie  gleich  lebendigen
Geistes;  über  diesen  Punkt  sprach  dann  viel  später,  und  schon  aus  der
abgeklärten  Rückschau,  die  Schrift  „Freiheit  vom  Worte“.
Ganz  anders  aber  als  die  Leistungen  der  Empirie  unserer  Wissenschaft ­
  erschienen  damals  meiner  Kritik  die  durchschnittlichen  „Systeme“ ­
  der  Nationalökonomie,  die  Träger  mithin  von  deren  überkommener ­
  Theorie.  Diese  Nationalökonomie  der  Systeme  stellt  sich
ja  einer  erschöpfenden  Kritik  gerade  dadurch  bloß,  daß  man  den  Maßstab ­
  der  „schildernden“  Wissenschaft  an  sie  anlegt;  mit  dieser  liegt  gleichsam ­
  eine  „idealtypische“  Schöpfung  der  Erkenntniskritik  vor.  Was  nun
in  unserer  fachlichen  Richtung  an  Erkenntnis  wahrhaft  möglich  erscheint, ­
  kraft  der  letzten  Bedingungen  des  Erkennens,  das  bleibt  diese
Nationalökonomie  der  Systeme  zum  besten  Teile  schuldig;  an  Stelle
dessen  bringt  sie,  am  Leitfaden  ihrer  „Grundbegriffe“,  nur  die  Art  und
Weise  zu  Schluß  und  in  Ordnung,  wie  der  Alltag  selber  über  sich  zu
v.  Go  t  tl-O  ttlil  ienf  el  d,  Wirtschaft  als  Leben.  ^
        <pb n="16" />
        XVIII

Begleitwort.

denken  pflegt!  Er  aber  tut  es  doch  in  aller  Schwäche  des  vorwissenschaftlichen ­
  Denkens,  das  immerzu  bloß  auf  den  Erfolg  des  Handelns,
auf  des  letzteren  „Instruktion“  zugeschnitten  ist,  keineswegs  aber  auf
Erkenntniserfolge.  Als  der  Inhalt  dieser  durchschnittlichen  „Systeme“
verkrüppelt  daraufhin  das  Wirtschaftsleben  zu  einer  „Güterwelt“,  erfüllt ­
  vom  Werden,  Wandern  und  Vergehen  der  Güter,  und  dies  alles
noch  dazu  einseitig  vom  Erwerb  her  gesehen.  In  der  Hand  dieser
Nationalökonomie  der  Systeme  verzerrt  sich  eben  schon  deshalb  das
Wirtschaftsleben  inhaltlich  zu  einer  Karikatur,  weil  es  auch  mit  der
Führung  dieser  Hand  schlimm  bestellt  ist.  Sie  faßt  gar  nicht  mit  der
echten  Naivität  des  Alltagsdenkens  zu.  Durch  den  Ausgang  vom  Worte
bewegt  sich  diese  Nationalökonomie  der  Systeme  zwar  bloß  auf  dem
Niveau  dieses  Denkens,  darüber  hinaus  aber  folgt  sie  durch  die  sonstige
Art  ihres  Vorgehens  häufig  den  Spuren  einer  verhängnisvollen  Analogie: ­
  sie  glaubt  dieses  Vorgehen  der  Naturwissenschaft  abgucken  zu
müssen!  Halb  ist  es  nur  gedankenlose  Analogie,  der  hier  gefolgt  wird,
halb  auch  Analogie  aus  Verzweiflung;  man  verzweifelt  wohl  daran,
Theorie  stets  nur  aus  Worten  herauszuquetschen  und  greift,  um  es
besser  zu  machen,  nach  der  naturwissenschaftlichen  Schablone.  Wie
dem  auch  sei,  in  scheuer  Demut  vor  dem  naturwissenschaftlichen
Denken  wähnt  sich  diese  Nationalökonomie  der  Systeme  durchschnittlich ­
  nicht  minder  als  eine  „Gesetzeswissenschaft“,  sie  schwört  auch
sonst  auf  die  naturwissenschaftlichen  Erkenntniswege,  sei  es  nun  die
„isolierende  Abstraktion“,  oder  etwa  das  Wechselspiel  zwischen  „Induktion“ ­
  und  „Deduktion“  —  alles  in  hellem  Widerspruch  zu  den
wahrhaften  Notwendigkeiten  der  Erkenntnis  auf  diesen  Gebieten!  So
wird  es  schließlich  noch  zu  einem  packenden  Sinnbild  dafür,  wie  schief
sich  die  angestrebte  Erkenntnis  des  Wirtschaftslebens  in  diesen
„Systemen“  auswächst,  wenn  diese  fast  einstimmig  das  sog.  „Wirtschaftliche ­
  Prinzip“  voranstellen,  noch  dazu  überwiegend  in  der  widersinnigen ­
  Fassung:  „Suche  den  höchsten  Nutzen  mit  den  geringsten
Kosten  zu  erzielen“!  Was  da  so  unglücklich  nach  Ausdruck  ringt,
will  doch  nur  dem  praktischen  Vorgehen  bei  der  einzelnen  Handlung
zur  Richtschnur  werden,  im  rein  technischen  Sinne,  als  der  Grundsatz
der  Technischen  Vernunft.  Und  so  verrät  sich  daran,  wie  sehr  dieser
Nationalökonomie  der  Systeme  noch  die  Eierschalen  der  technischen
Wissenschaft  ankleben,  als  die  ja  alle  Wissenschaft  urtümlich  aufwächst. ­

In  der  reißenden  Flut  dieser  Kritik  an  der  überkommenen  Theorie
des  Wirtschaftslebens,  die  sich  in  den  „Ausblicken“  den  Durchbruch
erzwang,  da  treiben  noch  zahlreiche  Aufstellungen  über  Wissenschaft
        <pb n="17" />
        Begleitwort.

XIX

und  Wirtschaft  Irgendwie  ist  da  eigentlich  schon  alles  gesagt,  was  zu
sagen  war.  Meine  späteren  Arbeiten  brauchten  in  der  Tat  nur  die
Fäden  weiterzuspinnen,  angesponnen  hat  sie  alle  schon  die  „Herrschaft
des  Wortes“.  Auch  konnte  weitaus  noch  nicht  alles  seine  Auswertung
finden,  was  aus  dem  Springquell  dieser  Jugendschrift  erstmals  emportauchte. ­
  All  das  wüßte  ich  heute  wohl  anders  zu  sagen,  etwas  anderes
aber  kaum.

In  nichts  so  sehr  gipfelt  die  errungene  Selbstbesonnenheit  unseres
fachwissenschaftlichen  Denkens,  wie  in  dem  Anspruch  auf  das  volle
Eigenrecht  der  Erkenntnis  auf  unseren  Gebieten.  Schon
ganz  im  allgemeinen  gereicht  es  einer  Forschung  zum  schwersten  Verhängnis, ­
  wenn  sie  zu  fremden  Göttern  betet.  Was  sie  dann  wissentlich ­
  anstrebt,  bleibt  ihr  tatsächlich  unerreichbar,  an  dem  Erreichbaren
aber  greift  sie  vorbei,  oder  sie  taumelt  förmlich  nur  wider  Willen  auch
da  hinein.  Tatsächlich  aber  war  unseren  Disziplinen  das  ganze  XIX.  Jahrhundert ­
  hindurch  der  Götzendienst  vor  der  Naturwissenschaft  zum  Unheil ­
  geworden.  Der  Wahn  herrschte  bei  ihnen  —  ausgerottet  ist  er
heute  noch  nicht  ganz  —  alle  Wissenschaft  müsse  nach  dieser  Fasson
selig  werden.  Gegen  diesen  eingerosteten  Irrglauben  war  also  der
erste  Schlag  zu  führen,  wenn  ich  mein  „Programm“  mit  Nachdruck
vertreten  wollte.  Etwas  Neues  war  dies  selbstverständlich  nicht  und  ich
mir  wohl  bewußt,  hier  nur  in  der  Phalanx  zu  kämpfen.  Die  Waffe  war
etwas  ungewöhnlich,  auch  sie  ist  mir  durch  eine  äußere  Verkettung  in
die  Hand  gespielt  worden.  Damals  wurde  ich  aufgefordert,  im  Rahmen
des  VII.  Deutschen  Historikertages  als  Erkenntniskritiker  gegen  die
Zumutungen  einer  zu  jener  Zeit  lebhaft  verfochtenen  „Reform“  der
Historie  zu  sprechen,  wie  es  an  vielen  Stellen  in  meiner  „Herrschaft
des  Wortes“  bereits  geschehen  war.  Ich  gab  jedoch  meinem  Vortrag
gleich  jene  streng  grundsätzliche  Wendung,  zog  also  überhaupt  nur
den  scharfen  Schnitt  zwischen  der  naturwissenschaftlichen  und  der  Erkenntnis ­
  auf  jenen  Gebieten,  die  Sozial-  und  Geschichtswissenschaft
gemeinsam  bebauen.  Es  war  damit  zu  meiner  Genugtuung  auch  jede
persönliche  Spitze  abgebogen,  vor  allem  dem  Manne  gegenüber,  der  besonders ­
  als  Träger  jener  „Reform“  galt,  den  ich  aber  seiner  früheren  Arbeiten
wegen  aufrichtig  verehrte.  Seinen  glücklichen  Reflex  fand  dies  dann
auch  in  der  Erwiderung  Karl  Lamprechts,  für  die  er  sich  inmitten
einer  sehr  beengten  Diskussion  gleich  vorweg  ein  „Stündchen“  ausbat.
Mindestens  durch  die  Art,  wie  er  mir  entgegentrat,  ist  er  —  und
anders  wieder  auch  Wilhelm  Windelband  —  meiner  Stellungnahme
ii*
        <pb n="18" />
        ■

XX  Begleitwort.
ungleich  gerechter  geworden,  als  die  meisten  der  Fachhistoriker,  deren
ureigenste  Sache  ich  doch  vertrat  1  Mit  meinen  erkenntniskritischen
Arbeiten  habe  ich  niemals  Glück  gehabt.
Dieser  Vortrag  —  „Die  Grenzen  der  Geschichte“  —  erweitert ­
  um  einen  sehr  ausgreifenden  Anhang,  erschien  noch  im  Herbst
1903,  mit  der  Jahreszahl  1904.  Bei  uns  hat  er  auch  späterhin  wenig
Beachtung  gefunden,  mehr  dagegen  im  Auslande  —  genannt  sei  nur
Benedetto  Croce.  Ich  muß  freilich  zugeben,  verwegener  hätte  ich  mich
an  Anschauungen  geheiligtsten  Herkommens  nicht  vergreifen  können,
als  durch  meine  Thesen:  geologische  und  historische  Erkenntnis  wären
einander  von  der  Wurzel  aus  so  fremd  und  sie  gehen  so  unbezogen
nebeneinander  her,  daß  uns  bloß  ein  grober,  wenn  auch  höchst  verführerischer ­
  Denkfehler  daran  glauben  läßt,  es  fänden  die  historischen,
schicksalserfüllten  Jahrtausende  in  die  Vergangenheit  zurück  ihre  Fortsetzung ­
  in  den  geologischen  Jahrmillionen;  vielmehr  liefe  da  von  anfang
  an  „erlebte“  und  „gedachte“  Zeit  glatt  aneinander  vorbei.  Jene
letzten  Grenzen  der  Geschichte  aber,  die  bei  dieser  grundsätzlichen  Erwägung ­
  in  Frage  stehen,  seien  für  ihren  Teil  überhaupt  nicht  mehr  in
der  Form  der  Zeit  denkbar  —  transtemporal.
Meiner  Absicht  nach  sollten  sich  in  einer  so  aufreizenden  Folgerung
um  so  greller  die  Prämissen  spiegeln,  auf  die  es  mir  ankam:  eben  der
grundwesentliche  Abstand  zwischen  den  beiden  Arten  von  Erkenntnis  1
Da  wie  dort  muß  das  begriffliche  Denken  —  und  solches  wird  bei
aller  Wissenschaft  erbarmungslos  gefordert  —  ein  Geschehen  geistig
in  sich  übernehmen.  Da  wie  dort  geht  dies  Hand  in  Hand  damit,
Zusammenhang  zu  bejahen.  Für  das  naturwissenschaftliche  Denken
ist  jedoch  dieser  Zusammenhang  schon  ein  wissenschaftlich  erarbeiteter;
gegeben  sind  hier  nur  zeitlich-räumliche  Abfolgen  der  an  sich  zusammenhanglosen ­
  „Erscheinungen“,  Zusammenhang  gilt  für  dieses  Geschehen ­
  letzten  Endes  erst  vom  Boden  der  Naturgesetze  aus.  Für  das
Erkennen  auf  unseren  Gebieten  hebt  sich  dagegen  der  Zusammenhang
gleich  unmittelbar  vom  Erleben  ab.  Hier  hängt  das  Geschehen  auch
ganz  anders,  nämlich  vom  Boden  der  logischen  Denkgesetze  aus  zusammen. ­

Das  ist  auch  richtig.  Mindestens  legt  dieser  „logische“  Zusammenhang ­
  stets  den  Grund  für  das  hier  so  eigentümliche  „Verstehen“
des  Geschehens,  immer  erst  dieser  „Eindenkung“  in  das  Geschehen
gesellt  sich  dann  die  „Einfühlung“.  Durch  sie  kann  auch  ein  „unlogischer“ ­
  Hergang  im  Geschehen,  etwa  das  Tun  eines  Zornigen,  für
uns  durchaus  „verständlich“  sein.  Aber  das  Zusammenhängen  gemäß ­
  der  logischen  Denkgesetze  bietet  gleichsam  doch  den  ersten
        <pb n="19" />
        Begleitwort.

XXI

Schlüssel  dar,  ob  es  selber  nun  bejaht  oder  verneint  werden  muß.
Wenn  ich  gleich  von  dieser  Erfassung  der  „Logik  im  Geschehen“  her
die  Eigenart  unserer  Art  Erkenntnis  zu  kennzeichnen  suchte,  so  war
dies  allerdings  einseitig,  aber  keineswegs  ein  Irrtum.  Jedenfalls  ist
damit  am  allerwenigsten  meiner  These  ein  Abbruch  getan,  weil  ja  das
Besondere  der  „Einfühlung“  den  Abstand  der  beiden  Arten  von  Erkenntnis ­
  erst  recht  vertieft!  Was  hier  eben  noch  unaufgelöst  erscheint,
ebenso  in  der  Gestalt  des  anfänglichen  Gegenhaltes  von  „zerfallendem“
und  „  unzerfällendem“  Denken,  das  hat  erst  in  der  späteren  Abhandlung
über  den  „Stoff  der  Sozialwissenschaft“  seine  endgültige  Klärung
gefunden.

In  der  Tat  war  es  mir  noch  zweimal  möglich,  Gedankengänge
aus  der  „Herrschaft  des  Wortes“  in  jener  Abrundung  und  Geschlossenheit ­
  vorzulegen,  zu  der  sie  inzwischen  ausgereift  waren.  Geplant  hatte
ich  unter  dem  fortlaufenden  Titel  „Zur  sozialwissenschaftlichen
Begriffsbildung“  gleich  eine  längere  Reihe  solcher  Aufsätze.
Max  Weber,  dem  ich  persönlich  so  viel  zu  verdanken  habe  und  der
sich  nicht  nur  in  seinen  Veröffentlichungen  mit  meinen  Arbeiten  viel
eindringlicher  abgab  als  die  übrige  Kollegenschaft  zusammen,  setzte
die  Aufnahme  jener  spröden  Dinger  im  „Archiv  für  Sozialwissenschaft
damaliger  Haltung  durch,  trotz  allem  Ach  und  Weh  des  Leserstammes.
Aber  schon  der  dritte  Aufsatz  jener  Reihe  —  „Geschichte  und  Sozialwissenschaft“ ­
  —  brach  über  einem  bloßen  Überblick  seines  Inhaltes
ab;  weitreichende  Vorarbeiten  kamen  damit  um  ihre  letzte  Formung
und  blieben  unveröffentlicht.  Inzwischen  hatte  ich  eben  die  Beschaulichkeit ­
  einer  kleineren  Hochschule  mit  den  Lasten  eines  ungleich
größeren  Wirkungskreises  vertauscht,  und  durch  die  Gründung  des
Technisch-wirtschaftlichen  Instituts  an  der  Münchner  Hochschule,  des
ersten  seiner  Art,  war  ich  bald  in  Studien  ganz  anderer  Richtung  verstrickt, ­
  die  auch  reichlich  „empirisch“  zu  treiben  mich  in  den  späteren
Münchner  Jahren  ein  staatliches  Nebenamt  zwang  —  als  wissenschaftlicher ­
  Berater  des  Staatsministeriums,  in  industriewirtschaftlichen  Fragen.
Auf  den  fast  gewaltsamen  Abbruch  liebgewordener  Arbeit  führe  ich
es  zurück,  wenn  mich  jener  steckengebliebene  Aufsatz  nicht  mehr  befriedigen ­
  will;  dagegen  möchte  ich  heute  noch  an  den  beiden  ersten
Artikeln  dieser  Reihe  auch  nicht  eine  Zeile  ändern  I
Den  Beginn  machte  unter  dem  Titel  „U  m  r  i  s  s  e  einer  Theorie
des  Individuellen“  ein  rein  logischer  Versuch;  an  ihn  habe  ich
mich  wahrlich  nur  aus  innerem  Drang  herangewagt.  Ich  muß  hier
        <pb n="20" />
        zMN

XXII  Begleitwort.
schon  dem  Bekenntnis  vorgreifen,  daß  besonders  meine  späteren  Arbeiten ­
  in  Erkenntniskritik  gleichsam  nur  ein  immer  wiederholtes  Stimmen
der  Instrumente  waren,  mit  denen  ich  beruflich  Musik  zu  machen
hatte  —  in  meinen  Vorlesungen!  Stets  wieder  trieb  es  mich  zu  besinnlicher ­
  Einkehr,  wo  ich  mir  über  mein  eigenes  Vorgehen  nicht  einig
war;  meinen  Blick  für  diese  Dinge  hatte  ich  aber  genügend  geschärft,
daher  dies  bis  zur  Selbstquälerei  häufig  eintrat.  So  nun  auch  in  diesem
Falle.  Seit  langem  war,  gestützt  von  der  so  erbärmlichen  „Schullogik“
her,  das  trügerische  Schema  einer  „Universalmethode“  eins  geworden
mit  einem  tief  eingerosteten  Selbstbetrug  des  Erkennens  auf  unseren
Gebieten.  Zwar  hatte  sich  die  wissenschaftliche  Logik  auch  schon  seit
längerem  dagegen  gestemmt.  Namentlich  war  die  Bahn  zu  der  Einsicht
schon  gebrochen,  daß  sich  unser  begriffliches  Denken  ebensogut  aut
das  Besondere  wie  auf  das  Allgemeine  einstellen  kann.  Aber  wie  man
sich  im  ersteren  Fall  als  Denkender  eigentlich  benimmt,  was  hier  den
rein  logischen  Hergang  ausmacht,  darüber  erschienen  mir  die  letzten
Aufschlüsse  zum  Teil  doch  als  allzu  schlagwörtlich.  Warum  etwas  so
Naheliegendes  verhehlen,  daß  mir  persönlich  Wendungen  gleich  der
vom  „Beziehen  auf  Kulturwerte“  recht  mißtönig  ins  Ohr  klingen  —
zu  tief  wurzelt  in  mir  die  Überzeugung:  in  irgendeiner  verwickelten
Denklage  spricht  man  immer  nur  dort  von  „Wert“,  wo  eine  Sache
noch  nicht  zu  Ende  gedacht  ist!  Dieses  Zu  Ende  Denken  kann  hin
und  wieder  dem  Gedanken  selber  den  Hals  umdrehen,  der  sich  mit
seiner  eigenen  Nichtigkeit  hinter  dieses  Trugwort  geflüchtet  hat.  Ohne
Belang  ist  es  wohl  nicht,  daß  sich  im  Mutterland  der  ganzen  Wertelei,
eben  in  unserer  fachlichen  Theorie,  nachweislich  das  hohle  Scheinproblem
eines  „Allpreisgrundes“  dahinter  verkrochen  hat.  Den  Siegeszug,  den
dieses  verhängnisvolle  Wort  vornehmlich  von  da  aus  über  die  ganze
moderne  Philosophie  hin  antrat,  verfolge  ich  seit  Jahren  mit  Staunen,
offengestanden  aber  nicht  gerade  mit  übergroßem  Respekt  vor  der
Disziplin  im  Denken,  die  sich  darin  verrät.
Es  hat  wirklich  sein  Gutes  gehabt,  die  Reihe  mit  der  „Theorie
des  Individuellen“  zu  eröffnen.  Ganz  ungezwungen  erwies  sich  damit,
wie  die  rein  logische  Erwägung  doch  wieder  zurückdrängt  zu  erkenntniskritischer ­
  Besinnung!  Zugleich  war  eine  praktische  Probe  darauf  abgelegt, ­
  daß  es  niemals  zureicht,  die  Eigenart  unserer  fachwissenschaftlichen ­
  Erkenntnis  nur  rein  logisch  zu  kennzeichnen.  Dem  Fachlogiker
darf  dies  natürlich  genügen,  wenn  er  auf  seinem  eigensten  Gebiete
den  Schnitt  ziehen  will  zwischen  der  Begriffsbildung  da  und  dort.
Den  Fachwissenschaftler  aber  führt  es  bei  seiner  Arbeit  völlig  in  die
Irre,  wenn  ihm  daraufhin  zum  Beispiel  gesagt  wird,  mit  jeglicher
        <pb n="21" />
        Begleitwort.

XXIII

Wendung  auf  das  Allgemeine  mischten  sich  „naturwissenschaftliche
Bestandteile“  in  sein  fachliches  Erkennen!  Das  kann  von  übelsten
Folgen  sein.  Man  täuscht  sich  dann  einen  Zwang  vor  zu  einer  Schaukelei ­
  beim  Erkennen,  eine  Auffassung,  die  aller  Sicherheit  im  Denken
beraubt.  Dann  braucht  es  wirklich  nicht  viel  bis  zu  dem  Wahn,
mindestens  in  Sachen  ihrer  „naturwissenschaftlichen  Bestandteile“  müsse
auch  unsere  Wissenschaft  auf  die  Suche  nach  „Gesetzen“  gehen,  um
so  erst  den  letzten  Schritt  der  Erkenntnis  zu  tun.  Man  sieht,  nachträglich ­
  käme  da  jene  Analogie  zu  Ehren,  die  hier  ohnehin  ihr  Unwesen
treibt,  halb  aus  Gedankenlosigkeit,  halb  aus  Verzweiflung.

Folgerichtig  handelt  daher  der  zweite  Artikel  der  Reihe  vom
„Stoff  der  Sozialwissenschaft“.  Erkenntniskritische  Besinnung
führt  hier  darauf,  wie  es  etwas  ganz  Besonderes  ist,  was  zu  den  Gegenständen ­
  des  sozialwissenschaftlichen  Denkens  begrifflich  geformt  wird,
zugleich  auch  zu  jenen  des  geschichtswissenschaftlichen  Denkens.  Mithin
scheidet  sich  das  Erkennen  auf  unseren  Gebieten  durchaus  nicht  bloß
in  logischer  Hinsicht  vom  naturwissenschaftlichen  Erkennen.  Ebensowenig, ­
  wie  schon  die  Wendung  auf  das  Allgemeine  das  naturwissenschaftliche ­
  Erkennen  erschöpfend  kennzeichnet,  ebensowenig  geht  die
Eigenart  unseres  Erkennens  darin  auf,  die  Wendung  auf  das  Besondere
zu  nehmen,  oder  gar  nur  auch  auf  dieses.  Da  wie  dort,  in  der  Naturwissenschaft ­
  und  bei  uns,  steht  man  zwar  der  Einen  und  nämlichen
Wirklichkeit  gegenüber,  der  Totalität  des  anschaulich  Erlebten,  aber
jedesmal  ist  der  Modus  der  Erfahrung  ein  anderer.  So  ist  es
hüben  und  drüben  keineswegs  das  nämliche  Einerlei  der  Erfahrung,
was  seiner  Formung  zu  allen  Gegenständen  des  begrifflichen  Denkens
unterliegt.  Daher  stellt  selbst  eine  Wendung  auf  das  Allgemeine  beileibe ­
  nicht  schon  das  sozialwissenschaftliche  dem  naturwissenschaftlichen
Erkennen  gleich.  Wie  dürfte  man  hier  von  „naturwissenschaftlichen
Bestandteilen“  unseres  Denkens  reden,  wo  doch  immer  noch  jener  tiefe
Gegensatz  einschneidet,  der  im  grundsätzlich  verschiedenen  Modus  der
Erfahrung  wurzelt!
Aus  der  erkenntniskritisch  besseren  Einsicht  entspringen  dann  auch
bedeutsame  methodologische  Folgerungen.  Selbst  wenn  unser  Denken
jene  Wendung  auf  das  Allgemeine  nimmt,  die  den  Gegensatz  zwischen
den  beiden  Erkenntnisarten  einzuebnen  scheint,  selbst  dann  schlägt  hier
das  zugehörige,  das  „nomothetische“  Verfahren  ganz  andere  Wege  ein.
Der  Gegensatz  im  Stoff  erzwingt  es  einfach,  daß  die  Bildung  von
Allgemeinbegriffen  in  den  Sozialwissenschaften  auch  logisch  einen
        <pb n="22" />
        XXIV

Begleitwort.

durchaus  anderen  Hergang  nimmt,  als  in  der  Naturwissenschaft.  Die
ganze  Methodologie  des  „Idealtypus“  gründet  sich  ja  letzten  Endes
auf  die  besondere  Eigenart  des  „Stoffes  der  Sozialwissenschaft“!
So  sucht  auch  den  Rückhalt  an  „Tatsachen“  zwar  jegliche  Erfahrungswissenschaft, ­
  in  der  einen  nicht  anders  wie  in  der  anderen
Gruppe.  Aber  jener  tiefe  Gegensatz  im  Stoff  des  erfahrungswissenschaftlichen ­
  Erkennens  schneidet  schroff  auch  in  die  Welt  der  Tatsachen
ein.  Es  führt  der  gegensätzliche  Modus  der  Erfahrung  unabwendbar
dazu,  daß  die  Wirklichkeit  da  und  dort  ganz  anders  zu  Tatsachen  eingedacht ­
  und  verbucht  wird.  „Tatsache“  heißt  es  da  wie  dort,  aber
vom  „Faktum“  scheidet  sich  grundwesentlich  das  „Datum“:  Die  Sozialwissenschaft ­
  hat  „Fakten“  geistig  zu  bewältigen,  die  Naturwissenschaft
„Daten“.  Damit  verknüpft  es  sich  auch,  und  gerade  dies  ist  von
höchster  Wichtigkeit,  daß  unsere  Wissenschaften  das  letzte  Ziel  der
Erkenntnis  ganz  wo  anders  suchen  müssen  als  die  Naturwissenschaft.
Nur  in  der  Naturwissenschaft  spricht  sich  das  letzte  Wort  der  Erkenntnis
im  „Naturgesetz“  aus.  Aber  wahnhaft  hält  man  daran  fest,  daß  ein
Gleiches  auch  bei  uns  gälte.  In  Wahrheit  ist  es  von  einer  sehr
minderen  Erkenntniswürde,  was  sich  bei  uns  als  „Gesetz“  brüstet.  Wo
aus  bloßer  Durchzählung  Regelmäßigkeit  der  Zahlen  hervorgeht,  wie
etwa  bei  der  Zahl  der  jährlichen  Selbstmorde  und  Verbrechen,  da  ist
von  einem  Zusammenhang  im  Geiste  des  „Gesetzes“  überhaupt  keine
Rede;  hier  bestätigt  sich  nur  schlecht  und  recht  der  Wahrscheinlichkeitskalkül ­
  in  der  großen  Zahl  des  Durchgezählten.  Aber  selbst  das
vielberufene  Zusammentreffen  etwa  der  Bewegung  von  Getreidepreis
und  Heiratsziffer,  auch  das  läßt  doch  nichts  in  der  Art  eines  Naturgesetzes ­
  „begreifen“,  als  ein  Mittel  der  Erkenntnis,  es  will  umgekehrt
seinerseits  „verstanden“  sein  und  nichts  fällt  auch  leichter  als  diesen
Zusammenhang  zu  „verstehen“.  Ähnlich  liegt  es  bei  den  Zusammenhängen, ­
  die  aus  Zwang  der  Vernunft  weben  und  sich  aus  dem  anschaulich ­
  Erlebten  unmittelbar,  und  so  auch  „idealtypisch“  generell
aufgreifen  lassen.  In  bündiger  Fassung  ausgesagt,  ergeben  diese
vernunftmäßig  zwingenden,  also  völlig  durchschaubaren  Zusammenhänge ­
  dann  die  berühmten  „ehernen  Gesetze  des  Wirtschaftslebens“,
gleich  der  Bauernregel  von  „Angebot  und  Nachfrage“.  Darauf  aber
verfallen  kann  natürlich  jeder  vernünftig  Denkende  auch  außerhalb
der  Wissenschaft,  jederzeit,  und  tatsächlich  sind  diese  Dinge  der  Praxis
des  Lebens  längst  schon  geläufig.  Man  glaubt  also  das  „letzte  Ziel“  der
Wissenschaft  ausgerechnet  dort  zu  sehen,  wo  sie  selber  in  Wahrheit  noch
gar  nicht  angefangen  hat!  Es  ist  einmal  so,  unsere  Wissenschaften
stellen  sich  besonders  darin  in  einen  scharfen  Gegensatz  zur  Naturwissen-
        <pb n="23" />
        Begleitwort.

XXV

Schaft,  daß  sie  gleich  dort  einsetzen,  wo  die  Naturwissenschaft  erst
ganz  zum  Schluß  hingelangt:  bei  der  Möglichkeit,  über  das  Erfahrbare
nach  dem  Satz  vom  zureichenden  Grunde  denken,  in  diesem  Sinne
also  Zusammenhang  bejahen  zu  können.  Das  Suchen  nach  „Gesetzen“
ist  somit  bei  uns  unbewußte  Schaumschlägerei.  Dagegen  bleibt  es  unseren
Wissenschaften  auferlegt,  daß  sie  an  letzter  Stelle  den  Allzusammenhang ­
  des  Erlebten  auch  begrifflich  wahrmachen;  das  gelingt  aber  jeder
der  Fachwissenschaften  nur  einseitig,  und  jeder  wieder  nur  in  anderer
Einseitigkeit.  Jedenfalls  schneidet  da,  vom  Gegensatz  im  Modus  der
Erfahrung  her,  die  Trennung  zwischen  den  beiden  Gruppen  ganz  ohne
Pardon  ein.  Zwar  steht  es  uns  als  Denkenden  immer  frei,  in  der  genau
gleichen  Richtung  die  Wirklichkeit  einmal  als  „Fakten“,  dann  wieder
als  „Daten“  in  unser  Denken  zu  übernehmen.  Damit  ist  jedoch  die
Entscheidung  über  alles  Weitere  schon  gefallen.  Auf  der  Unterlage
von  „Fakten“  kann  ich  niemals  Naturwissenschaft  treiben,  auf  der
Unterlage  von  „Daten“  niemals  Sozialwissenschaft.
Jenen  alles  entscheidenden  Gegensatz  im  Modus  der  Erfahrung
kleidet  nun  der  zweite  Aufsatz  in  eine  ganz  schlichte  Formel:  Unsere,
die  Schicksalswissenschaften  —  um  diesen  späteren  Ausdruck  zu  gebrauchen ­
  —  halten  es  mit  dem  „natürlichen“  Denken;  das  ist  jene
Denkweise,  mit  der  zugleich  auch  die  Sprache  aufgewachsen  ist.  Hier
wird  das  anschaulich  Erlebte  gleich  bei  seinem  selber  erlebten  Zusammenhang ­
  ins  begriffliche  Denken  übernommen.  Demgegenüber
nimmt  sich  das  naturwissenschaftliche  als  ein  „künstliches“  Denken
aus;  denn  hier  wird  das  anschaulich  Erlebte,  ausdrücklich  unter  Abstraktion ­
  von  seinem  ureigenen  Zusammenhang,  nur  als  eine  Mannigfaltigkeit ­
  begrifflich  eingedacht,  in  Gestalt  der  zeitlich-räumlichen  Abfolgen ­
  sinnlicher,  der  zeitlich-persönlichen  Abfolgen  seelischer  Erscheinungen. ­
  Eine  höchst  gewaltsame  Abstraktion  greift  hier  ein,  die  bloß
uns  Genossen  einer  „materialistisch“  gerichteten  Zeit  so  leicht  fällt,
daß  wir  ihre  fallweise  Übung  wie  ein  Selbstverständliches  empfinden.
Frühere  Zeiten  hätten  die  Künstelei  dieses  Denkens  heftig  empfunden,
und  den  Ostvölkern  bleibt  sie  heute  noch  fremd.  Diese  Abstraktion
dient  auch  gar  nicht  dem  Streben  nach  Wahrheit  —  obwohl  auch  noch
der  Wahnglaube  hier  ins  Bild  stimmt,  man  müsse  so  denken,  um  überhaupt ­
  wissenschaftlich  zu  denken.  Sie  dient  nur  dem  Streben  nach
Richtigkeit,  nach  Erfolg  beim  Handeln.  Dieses  „künstliche“  Denken
der  Naturwissenschaft  ist  eben  bloß  die  folgerichtige  und  höchste
Läuterung  technischen  Denkens.
Ob  nun  jene  schlichte  Formel  auch  den  Philosophen  von  Fach
befriedigt  —  den  Fachwissenschaftler  braucht  dies  nicht  weiter  zu  be ­
        <pb n="24" />
        XXVI

Begleitwort.

kümmern  I  Er  sieht  sich  nun  einmal  gezwungen,  seine  Sachen  selber
ins  Reine  zu  bringen;  der  Philosophie  verdankt  er  die  Anregung  dazu,
aber  mehr  kann  sie  ihm  nicht  bieten.  So  darf  es  ihm  genügen,  daß
er  die  Selbstbesinnung  bis  zu  dieser  Stelle  vorzutreiben  vermag;  er
gewinnt  damit  gleich  von  Grund  aus  Klarheit,  wie  man  sich  beim
fachwissenschaftlichen  Denken  zu  verhalten  hat  und  wohinaus  der  Weg
der  Erkenntnis  geht.  Anspruchslose  Philosophie  dieser  Art,  nur  für
den  Hausgebrauch  eines  Faches  bestimmt,  scheint  hier  durchaus  am
Platze.  Vor  dem  Philosophen  von  Fach,  der  es  zu  seinem  besonderen
Fache  macht,  über  andere  Fächer  nachzudenken,  hat  der  Fachwissenschaftler ­
  doch  einiges  voraus.  Er  allein  weiß,  wo  ihn  als  Forscher  der
Schuh  drückt.  Auf  der  anderen  Seite  hält  ihn  stets  das  Bewußtsein  in
scharfer  Spannung,  daß  er  alle  Theorie  der  Erkenntnis  durch  praktische
Tat  des  Erkennens  zu  verantworten  hat.  Das  System  einer  rein  philosophischen ­
  Wissenschaftslehre  —  in  diesem  pragmatischen  Sinne  —
bleibt  stehen,  selbst  wenn  es  ins  Blaue  gebaut  wäre.  Der  Fachwissenschaftler, ­
  wenn  er  von  einer  neuen  Grundauffassung  her  ans  Werk
schreitet,  setzt  sich  einer  erbarmungslosen  Kritik  aus,  gleich  dem  Ingenieur, ­
  dem  die  nach  fehlerhaften  Grundsätzen  gebaute  Brücke  einfach ­
  einstürzt.  Ganz  so  schlimm  ist  es  zwar  bei  der  Fachwissenschaft
nicht,  besonders,  wenn  sie  eingefahrene  Geleise  einhält.  Hier  lösen
sich  selbst  krasse  Widersprüche,  eben  die  zwischen  der  überkommenen
Auffassung  und  dem  wirklichen  Tun,  oft  in  der  einfachsten  Weise:
im  Wege  der  glücklichen  Inkonsequenzen  1  Man  verkündet  z.  B.  die
„Gesetze  der  Volkswirtschaft“  vorzulegen;  aber  was  man  wirklich  zustandebringt, ­
  ist  doch  nur  eine  Aufrollung  des  Allzusammenhangs  einschlägigen ­
  Sinnes,  ob  nun  mehr  oder  minder  gelungen.  Im  wohltuenden ­
  Gegensatz  dazu  ist  Selbstbesinnung  ein  Gebot  der  wissenschaftlichen ­
  Ehrlichkeit  1
Das  Zusammenspiel  der  logischen  Kennzeichnung  im  ersten,  der
erkenntniskritischen  im  zweiten  Artikel,  liefert  immer  noch  nicht  das
volle  Verständnis  der  sozial  wissenschaftlichen  Erkenntnis.  Ihre  Eigenart ­
  liegt  damit  erst  im  Rohguß  vor.  Die  letzten  Feinheiten  arbeitet
an  ihr  erst  der  Abgleich  heraus  zwischen  Sozial-  und  Geschichtswissenschaft. ­
  Für  beide  Wissenschaften  läuft  das  Erkennen  weithin  parallel,
dennoch  heben  sie  sich  deutlich  voneinander  ab,  als  zwei  getrennte
Möglichkeiten  der  Erkenntnis.  Der  „Stoff“,  den  beide  Wissenschaften
gemein  haben,  ist  gleichbedeutend  mit  einer  besonderen  Einstellung
des  erfahrenden  Denkens  auf  die  empirische  Wirklichkeit.  Als
„Stoff“  vergegenständlicht  sich  je  ein  besonderer  Weg  der  Erfahrung,
und  zwar  in  Gestalt  dessen,  was  auf  diesem  Wege  zum  Erfahrbaren
        <pb n="25" />
        Begleitwort.

XXVII

wird;  hier  sind  es  die  „Erlebungen“,  zum  Unterschied  vom  naturwissenschaftlichen ­
  „Stoff“,  den  „Erscheinungen“.  Ganz  analog  dazu
hebt  sich  nun  erst  wieder  die  Sozial-  von  der  Geschichtswissenschaft
ab,  durch  eine  besondere  Einstellung  des  erkennenden  Denkens
auf  die  gemeinsame  Tatsachenwelt  der  „Fakten“.  In  diese  Richtung
wollte  der  dritte  Artikel  einlenken.  Er  kam  aber  darüber  nicht  mehr
hinaus,  alle  einschlägigen  Fragen  und  Erwägungen  kurz  abzuschneiden.
So  bietet  er  kaum  viel  mehr  als  einen  flüchtigen  Vorblick  auf  die  zahlreichen ­
  Einzeluntersuchungen,  die  hinter  den  beiden  ersten  die  Reihe
fortgesetzt  hätten.  Wohlgemerkt,  keineswegs  der  Gedankengang  selber
reißt  hier  ab,  just  an  dem  Punkte,  wo  er  sich  in  alle  Einzelheiten
unserer  fachwissenschaftlichen  Methodologie  hinein  verästeln  müßte
aber  seine  Veröffentlichung!

Vielleicht,  ich  gestehe  es  freimütig,  hätte  es  jener  früher  erwähnten
Hemmungen  gar  nicht  bedurft,  die  der  Fortsetzung  in  den  Weg  traten,
der  weiteren  Kleinarbeit  nämlich  an  diesen,  schon  rein  methodologischen ­
  Fragen.  Der  Antrieb  dazu  erlahmte  auch  innerlich  in  mirl
Für  meine  Überzeugung  waren  ja  die  erkenntniskritischen  Grundlagen
der  Methodologie  bereits  alle  gelegt.  Nun  erst  noch  die  zwingenden
Folgerungen  daraus  zu  ziehen,  eben  in  Sachen  unserer  fachlichen
Methodologie,  und  dies  in  Monographien  niederzulegen  —  vielleicht
wird  dies  einst  zu  meinem  Alterswerk.  Aber  schon  damals  lag  und
heute  erst  recht  liegt  es  anders.  Wozu  viel  Worte  verlieren,  wo  die
Tat  am  Worte  ist,  die  Forschung  selber!  Methodologie  habe  ich  überhaupt ­
  nie  als  Beruf  empfunden.  Ich  bin  bloß  in  jungen  Jahren  auf
Erkenntniskritik  als  Gewissenssache  zurückgeworfen  worden,  als  ich
bereits  im  schönsten  Anlauf  war,  Forschung  zu  treiben  allerdings
n ur  als  nationalökonomische  Theorie  im  hergebrachten  Sinn,  und  dann
natürlich  mit  dem  Einsatz  bei  einer  „Werttheorie“.  Hingegen  der
Forschung  als  Beruf,  der  blieb  ich  auch  nach  der  großen  Wende  in
meiner  Grundauffassung  treu.  Aber  die  Umstände  waren  anfänglich
recht  entmutigend.  Aus  dem  Paradies  jugendfrischer  Erkenntnisarbeit,
dem  Privatdozententum,  wohl  allzufrüh  vertrieben,  mußte  ich  mich  nun
Jahr  für  Jahr  gleich  mit  dem  runden  Ganzen  meiner  Wissenschaft  auseinandersetzen, ­
  im  Dienst  ihrer  Lehre.  Allein,  mit  jener  Wissenschaft
hatte  ich  es  zu  tun,  deren  „Systeme“  vor  meinem  skeptischen  Blick
insgesamt  als  schwankende  Gestalten  erschienen!  Ihnen  allen  hat  der
blitzartige  Einschlag  der  Erkenntniskritik  für  meine  Auffassung  die
Grundlagen  zerbröckelt.  Das  war  eine  rechte  Kalamität.  An  einen
        <pb n="26" />
        XXVIII

Begleitwort.

Neubau,  gleich  in  der  ganzen  Runde  unseres  Erkenntnisbereichs,  durfte
ich  vorerst  gar  nicht  denken.  Man  kann  wohl  eine  Vorlesung  lehrhaft ­
  mit  Wissensinhalt  füllen,  selbst  wenn  ihr  theoretisches  Gerippe
vorläufig  mehr  nur  aus  Einfällen  gezimmert  ist.  In  der  gleichen  Weise
aber  ein  Buch  zu  schreiben,  dafür  lagen  doch  allzu  abschreckende  Beispiele ­
  vor  —  und  seither  mehrten  sie  sich  beängstigend.
Auf  der  anderen  Seite  ließ  die  Arbeit  fürs  Ganze,  weil  sie  unter
so  erschwerenden  Umständen  zu  leisten  war,  lange  Zeit  hindurch  keinen
Raum  für  Einzelforschung.  Wie  schwer  es  bei  einer  so  grundsätzlich
anderen  Haltung  der  Theorie  fällt,  diese  gleich  in  einer  bestimmten
Einzelrichtung  zu  treiben,  das  erfuhr  ich  viel  später  noch,  bei  der  Arbeit
an  der  „Wirtschaftlichen  Dimension“  —  die  ja  wirklich  nur  dort  „einreißt“, ­
  wo  sie  den  Neubau  zum  mindesten  absehen  läßt.  Von  da  aus
gesehen,  war  die  vorliegende  Reihe  von  Publikationen  sozusagen  auch
eine  Art  „Flucht  in  die  Öffentlichkeit“,  vor  den  inneren  Hemmungen
nämlich,  die  mir  „positive“  Publikationen  immer  noch  verwehrten.
Ich  konnte  damals  den  gutgemeinten  Rat  mir  Wohlgesinnter  einfach
nicht  befolgen  —  unter  Anderen  sprach  der  von  mir  hochverehrte
Wilhelm  Lexis  wiederholt  auf  mich  in  diesem  Sinne  ein  —  den  Rat,
daß  ich  doch  endlich  etwas  „Positives“  bieten  möge,  nachdem  ich  mich
bisher  —  so  behaupteten  die  mir  weniger  Wohlgesinnten  —  nur  in
„zersetzender  Kritik“  vergangen  hätte,  bis  zu  „wissenschaftlichem
Nihilismus“  (Kleinwächters  Ausdruck).  Darum  war  es  eigentlich  ein
recht  wohltätiger  Zwang,  als  mich  der  berufliche  Zufall  auf  ein  Nebengebiet ­
  unserer  Wissenschaft  festlegte,  auf  die  Beziehungen  der  Wirtschaft ­
  zur  Welt  der  Technik.  Ganze  Breiten  saftigen  Neulandes  lockten
da  zu  dem  Versuche,  sie  als  „gelernter“  Theoretiker  zu  beackern.  Hier
lagen  auch  die  Fragen  der  Methodologie  verhältnismäßig  harmloser,
durchaus  nicht  überall  war  schon  jemand  dagewesen,  demgegenüber
man  es  „anders“  zu  machen  und  dies  nun  zu  vertreten  hatte.  Gelegenheit ­
  bot  sich  mithin,  vom  „positiven“  Können  wenigstens  eine  kleine
Probe  abzulegen.  In  der  angedeutet  mittelbaren  Weise  hat  dies  wohl
auch  die  „Wirtschaftliche  Dimension“  getan.  Diese  Vorhalte  bin  ich
meinem  fachlichen  Leumund  schuldig;  den  setze  ich  ja  durch  diese
Sammlung,  durch  diesen  Massenaufmarsch  „bloßer“  Kritik,  neuerdings
arg  aufs  Spiel.

In  der  Zwischenzeit  reifte  langsam  der  Versuch  heran,  auf  neuer
Grundlage  die  Erkenntnisschätze  unserer  Wissenschaft  zu  einem  neuen
„System“  abzurunden.  Wie  weit  diese  Ausreife  gediehen  war,  erprobte
        <pb n="27" />
        Begleitwort.
sich  Jahr  um  Jahr  wieder  an  der  Art,  in  der  ich  die  „Hauptvorlesung'“
zu  gestalten  wußte.  Vergleiche  ich  da  meine  „Hefte“,  gleichsam  die
Jahresringe  des  treibenden  Stammes,  so  bestätigen  sie  mir,  wie  lebhaft
während  der  ganzen  langen  Jahre  die  Denkbewegung  durchhielt,  ohne
je  ihre  Richtung  zu  verlieren.  Steil  aufwärts  aber  ist  es  gegangen,  als
ich  nach  der  jungen  Hamburgischen  Universität  übersiedelte.  Nun  war
ich  ja  der  fachlichen  Theorie  wieder  mit  Haut  und  Haaren  übergeben.
Von  da  ab  ist  die  Veröffentlichung  meines  „Systems“  eigentlich  schon
überfällig  geworden.  Wenigstens  steht  seit  damals  der  ganze  Zug
schon  fahrbereit  im  Geleise;  die  „Wirtschaftliche  Dimension“  war  nur
der  vorausgeschickte  Schneepflug  in  Sachen  der  fachlichen  Polemik.
Aber  noch  zweimal  zog  mir  ein  äußerer  Anlaß  einen  heftigen
Rückfall  in  Kritik  zu.  Freilich  durfte  sich  diese  Kritik  nunmehr  schon
ganz  anders  aufspielen.  Sie  wußte  bereits  genügend  von  dem  hinter
sich,  wofür  sie  nun  schon  das  klare  „Programm“  abgab  aber  leider
auch  nicht  minder  zur  Verzögerung  beitrug,  wie  neuerdings  die  Beschäftigung ­
  mit  industrietheoretisch  aktuellen  Fragen.  An  sich  macht
es  ja  schlechte  Figur,  zweimal  hintereinander  nur  Programm  zu  sprechen,
sei  es  auch  aus  begründetem  Anlaß.  Den  Gewinn  aber  zieht  diese
Sammlung  daraus  1  Die  ganzen  Arbeiten  vorher  brechen  im  besten
Zuge  ab,  zusammen  tasten  sie  also  wie  ins  Leere.  Dem  hilft  nun  das
Gegenspiel  dieser  zwei  Programme  ab,  die  einander  nicht  unglücklich
ergänzen.  Hier  wird  nicht  mehr  peinlich  und  tief  vom  Grund  herauf
gebaut,  Stein  um  Stein,  hier  wölbt  sich  dem  Verständnis  eine  gangbare ­
  Brücke  gleich  mitten  in  die  Theorie  der  neuen  Haltung  hinein.
Gearbeitet  wird  da  beidemale  fast  nur  mit  flüchtigen  Andeutungen,
hilfreichen  Gleichnissen  und  kurz  angebundenen  Schlagworten.  Immerhin ­
  füllen  sich  wenigstens  mit  so  lockerem  Inhalt  die  Lücken,  die  beim
Abbruch  jener  Artikelserie  klaffen  bleiben.  Wenn  viel  Neues  auch
nicht  mehr  geboten  wird,  hoffentlich  ist  nun  alles  einfacher  gesehen
und  bündiger  gesagt.
Der  erste  jener  beiden  Anlässe  war  ein  trüber:  es  galt  einen  Beitrag ­
  für  das  Sammelwerk,  das  wir  Max  Weber  aufs  Grab  legten.
Max  Weber  hat  bis  zuletzt  zur  nationalökonomischen  Theorie  gestanden, ­
  wie  sie  ist,  den  „Grenznutzen“  beispielsweise  nicht  ausgeschlossen. ­
  Aber  mit  seiner  eigenen  begnadeten  Forschung  ging  er
daran  vorbei,  und  der  Geist  dieser  Forschung  kehrt  sich  vom  Geist
dieser  Theorie  vielleicht  nicht  viel  weniger  heftig  ab,  wie  meine  Kritik.
Im  Rahmen  jenes  Sammelwerkes  galt  es  nun  eine  Auseinandersetzung ­
  mit  der  Soziologie;  Max  Weber  bekannte  sich  ja  als  Soziologe,
und  wie  legitim  dieses  Bekenntnis  war,  habe  ich  gerade  in  dieser
        <pb n="28" />
        XXX

Begleitwort.

Schrift  darlegen  können.  Von  meinen  „Formeln“  her  jedoch,  und  weil
ich  in  der  Wirtschaft  von  jeher  eine  Teilgestaltung  des  menschlichen
Zusammenlebens  sehe,  von  daher  rührt  es  wohl,  daß  man  mich  selber
gelegentlich  aus  der  Nationalökonomie  in  die  Soziologie  hinauslobt.
Hiermit  war  schon  das  engere  Thema  gefunden.  Seine  Durchführung
aber  stellte  sich  wie  von  selber  in  das  Zeichen  der  erkenntniskritischen
Wende:  „Freiheit  vom  Worte“  1
Den  Beginn  macht  ein  Schattenbild  der  neuen  Theorie,  an  die
Wand  der  alten  geworfen,  so  daß  die  Abstände  zwischen  beidem  hervorleuchten. ­
  Die  neue  Theorie  kündigt  sich  als  eine  Leistung  des  gesunden
Menschenverstandes  an,  wobei  es  aber  den  Ausschlag  gibt,  daß  sich
das  Denken  freiringt  von  der  erkenntnisbeugenden  Macht  des  Wortes.
Scharf  wird  die  Abkehr  von  dem  „güterseligen“  Charakter  und  der
„erwerbswirtschaftlichen“  Verbiegung  der  hergebrachten  Theorie  betont,
was  ja  einig  geht  mit  der  Auffassung  der  Wirtschaft  als  Leben.  Hat
dies  nun  mit  Soziologie  etwas  zu  tun?  Das  Vorgehen  dabei  gewinnt ­
  allerdings  den  Sinn  einer  „soziologischen  Methode“.  Aber  damit
will  ich  bloß  sagen,  es  bewährt  sich  in  diesem  Vorgang  die  innere
Einheit  aller  Wissenschaften,  die  sich  dem  höchsten  Vorwurf  aller  Erfahrungswissenschaft ­
  gemeinsam  zuwenden,  dem  menschlichen  Zusammenleben. ­
  Auch  damit  ist  zwar  dem  „Schrei  nach  der  Synthese“  noch  nicht
genügt,  der  Fachwissenschaft  bleibt  dies  überhaupt  verwehrt;  aber  der
Synthese  zugänglich  erhält  sich  dann  auch  die  nationalökonomische
Erkenntnis,  in  jenem  höheren  Sinn,  daß  sie  ihren  Part  in  der  großen
Sinfonie  der  Erkenntnis  richtig  spielt.  Nur  als  eine  Soziologie  selber
darf  diese  erkenntniskritisch  geläuterte  Theorie  nicht  verkannt  werden,
auch  nicht  als  „Soziologie  der  Wirtschaft“,  deren  ganz  anderen  Typus
Max  Weber  festgelegt  hat.  Klipp  und  klar  ist  es  Wirtschaftslehre,  und
zwar  wurde  hier  erstmals  diese  Theorie  neuer  Haltung  als  „Allwirtschaftslehre“ ­
  eingeführt.  Denn  was  sie  zugleich  mit  den  Fesseln
der  Wortherrschaft  abstreift,  ist  die  Eingebundenheit  in  das  Besondere
heutiger  Wirtschaftsweise.  Grundwesentlich  ist  sie  nicht  auf  diesen  einzelnen ­
  „Fall“  zugeschnitten,  bleibt  vielmehr  der  Wirtschaft  aller  Zeiten
und  Völker  als  Theorie  gewachsen.
Die  Verneinung  der  Soziologie  in  eigener  Sache  war  noch  damit
zu  bekräftigen,  daß  ich  zeigte,  wo  man  dagegen  mit  Fug  und  Recht
von  Soziologie  reden  darf.  Mehrfach  ist  dies  möglich,  es  gibt  der  Fachwissenschaften ­
  mit  dem  vollen  Anrecht  auf  diesen  so  viel  mißbrauchten
Namen  unzweifelhaft  mehrere;  gleich  zwei  von  ihnen  haben  sich  der
unvergleichlichen  Pflege  von  seiten  Max  Webers  erfreut.  Zuletzt  läßt
sich  auch  eine  „Soziologie  als  Erkenntnislehre“  verfechten.  In  ihr  lebt
        <pb n="29" />
        Begleitwort.

XXXI

sich  die  Selbstbesinnung  der  sozialwissenschaftlichen  Erkenntnis  noch
im  engeren  Sinne  aus.  Der  ganzen  Gruppe  der  Sozialwissenschaften
ist  sie  eigentümlich  überstellt:  Sie  arbeitet  nämlich  die  verschiedenen
Gesichtspunkte  heraus,  unter  denen  eine  einheitliche  und  erschöpfende
Erkenntnis  des  menschlichen  Zusammenlebens  möglich  erscheint.  Bei
ihr  ruht  daher  der  Schlüssel  für  die  besondere  Problematik  der  verschiedenen ­
  Fachwissenschaften  vom  Zusammenleben.  Nach  dem  Vorbild
der  jüngsten  Mathematik  könnte  man  ihr  gegenüber  von  „Metasoziologie“
sprechen.  Ohne  daß  der  Aufsatz  diesen  Ausdruck  gebraucht,  wird
doch  schon  sein  hier  gemeinter  Sinn  scharf  Umrissen,  gezeigt,  wie
diese  „sublimste“  Soziologie  gleichsam  alle  Sozialwissenschaften  geistig
ankurbelt,  indem  sie  jeder  einzelnen  ihr  Grundproblem  zuteilt  und  ihr
damit  den  ersten  Anstoß  zur  Gedankenbewegung  gibt.  Dieser  kann
ja  unmöglich  aus  der  Fachwissenschaft  selber  entspringen,  genau  so
wenig  wie  die  Begriffe,  in  denen  das  Grundproblem  gedacht  wird,  die
also  schon  da  sein  müssen,  um  überhaupt  nationalökonomisch  denken
zu  können.
Es  bot  den  zweiten  der  beiden  Anlässe,  als  ich  mich  in  einen
neuen  Wirkungskreis  einführte,  mit  einem  Bekenntnis  zu  meiner  Auffassung ­
  von  nationalökonomischer  Theorie.  Weder  meine  Vergangenheit
als  Kritiker  durfte  ich  da  verleugnen,  noch  die  jahrzehntelange  Arbeit  in
der  neuen  Richtung  —  neu  ja  bloß  für  die  Theorie,  die  auf  diese  Art
doch  nur  innerlich  zusammenfinden  will  mit  der  rühmlich  vorangeschrittenen ­
  Forschung  in  Tatsachen  I  So  trieb  es  unaufhaltsam  nochmals ­
  auf  ein  „Programm“  hinaus,  nun  erst  recht:  „Vom  Wirtschaftsleben ­
  und  seiner  Theorie“.  Schon  dieser  Titel  sucht
von  der  Erkenntniskritik  zur  Sache  abzudrehen.  Besser  als  in  diesem
kurzen  Aufsatze  wüßte  ich  es  wirklich  nicht  zu  sagen,  wohin  die  Fahrt
gehen  soll,  auch  nicht  bündiger.  Darum  will  ich  diesem  Bekenntnis
selbst  in  einem  so  redseligen  Begleitwort  nichts  vorwegnehmen.  Lieber
möchte  ich  es  dem  Leser  zumuten,  daß  er  diesen  letzten  Teil  der
Sammlung  zuerst  liest  —  oder  doch  mindestens  diesen  I  Er  allein  sagt
natürlich  nicht  alles,  aber  von  allem  etwas  und  womöglich  gerade  das,
woran  der  Erfolg  dieser  ganzen  Sammlung  hängt.

Diese  Sammlung  will  ja  nichts  weniger  sein  als  eine  müde  Rückschau, ­
  etwa  gar  nur  auf  ein  Leben  voll  der  besten  Absichten.  Im
Gleichnis  gesprochen:  zu  einer  straffen  Spannung  der  ganzen  Etappenlinie ­
  soll  es  kommen,  als  Vorbereitung  für  den  entscheidenden  Vorstoß
an  der  Front!  Der  soll  nicht  ausbleiben.  Mit  ihrem  eigenen  Titel
        <pb n="30" />
        XXXII

Begleitwort.

„Wirtschaft  als  Leben“  spricht  ja  die  Sammlung  bloß  ein  Schlagwort
der  Verheißung  aus.  Es  kommt  aber  auf  die  Erfüllung  an.  Wenn
Methodologie  ohne  Forschung  schier  unerträglich  anmutet,  so  wäre
Erkenntniskritik  ohne  Forschung  schier  unverantwortlich.  Aber  ich
will  es  durchaus  verantworten,  daß  ich  im  engeren  Fach  der  nationalökonomischen ­
  Theorie  nur  als  Kritiker  an  die  Öffentlichkeit  getreten
bin.  Das  Buch  rein  „positiven“  Inhalts,  dessen  Erscheinen  ich  schon
vor  geraumer  Zeit  ankündigte,  ist  überhaupt  nur  im  Zuge  dieser  jahrzehntelangen ­
  Kritik  möglich  geworden.  Von  ihm  aus  läuft  der  geistige
Zusammenhang  buchstäblich  durch  alle  die  hier  gesammelten  Arbeiten
zurück,  bis  zur  ersten  Zeile,  die  ich  für  die  Öffentlichkeit  geschrieben  habe.
Selbstbesinnung  auf  unseren  Gebieten  macht  aber  gerade  die
Theorie  recht  bescheiden.  Es  darf  also  nicht  Wunder  nehmen,  wenn
bei  so  viel  Erkenntniskritik  schließlich  recht  wenig  an  Theorie  herauskommt, ­
  schlichte,  anspruchslose  Theorie.  Tatsächlich  geht  da  ein
Aderlaß  an  Theorie  vor  sich  —  denn  mit  der  errungenen  Selbstbesonnenheit ­
  ist  es  vorbei  mit  all  dem  Wust  jener  Theorie,  die  sich  im
besten  Glauben  selber  was  Vormacht  und  mit  viel  Lärm  taube  Nüsse
knackt.  In  den  Schicksalswissenschaften  steht  nun  einmal  der  empirischen, ­
  der  Forschung  in  Tatsachen  die  Vorhand  zu.  An  sie  lehnt
sich  auch  die  Theorie  an,  um  zu  ihren  letzten  Ergebnissen  zu  gelangen.
Nur  bei  ihrem  ersten  Einsatz  bleibt  die  Theorie  auf  sich  selber  gestellt, ­
  beim  Ausgang  vom  Grundproblem  I  Sie  nimmt  dann  bloß  an
der  Gemeinen  Erfahrung  ihren  Rückhalt,  ihr  Gedankengang  folgt  der
Spur  des  vernunftmäßig  Selbstverständlichen.  Die  Darlegung  dieser
schlichtesten  Theoreme,  die  zugleich  die  grundlegenden  bedeuten,  muß
aber  notwendig  den  Anfang  machen.  Kraft  ihrer  Artung  behaupten
sie  sich  inhaltlich  ohne  Rücksicht  auf  Zeit  und  Ort,  sie  gelten  immer
und  überall,  als  der  unwandelbare  Vernunftgehalt  alles  Wirtschaftslebens
überhaupt.  Darum  faßt  alle  diese  Grundlehren  unserer  fachlichen  Theorie
das  Schlagwort  zusammen:  „Ewige  Wirtschaft“!  So  nennt  sich
auch  das  kommende  Buch,  als  der  erste  Schritt  der  Erfüllung.
Kiel,  Frühjahr  1925.

Friedrich  v.  Gottl-Ottlilienfeld
        <pb n="31" />
        v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.

I

B  i  k

686

WelW.'Msot’a;-'
Kisi

21.  3.46.

Der  Wertgedanke
ein  verhülltes  Dogma  der  Nationalökonomie ­


Kritische  Studien
zur  Selbstbesinnung  des  Forschens  im  Bereiche
der  sogenannten  Wertlehre

1897
        <pb n="32" />
        Einleitung.
Für  die  Wissenschaft  der  Nationalökonomie,  für  ihren  Zustand,
ist  vielleicht  kein  Gebiet  in  ähr  so  bezeichnend  wie  jenes,  das  man  gewöhnlich ­
  die  Wertlehre  nennen  hört.  Für  meinen  Teil  werde  ich
immer  von  der  so  genannten  Wertlehre  sprechen.  So  versteht  mich
jedermann,  und  dabei  wahre  ich  mir  doch  alle  Freiheit  künftiger  Kritik.
In  bezug  auf  dieses  Gebiet  gehe  ich  nun  von  der  Behauptung  aus,  daß
es  seiner  ganzen  Art,  seinem  Gehaben  und  Gebaren  nach  in  hohem
Grade  seltsam  sei,  zum  Verwundern  merkwürdig.
Ich  weiß  es  wohl,  im  Augenblicke  stehe  ich  mit  dieser  Behauptung
allein.  Denn  wer  könnte  mir  gleich  jetzt,  bevor  ich  noch  den  Sachverhalt
darlege,  beistimmen?  Doch  nur  jene,  die  in  den  Verhältnissen,  die  hier
einspielen,  genügend  bewandert  sind;  also  die  Fachleute.  Diese  aber
wären  vorderhand  die  letzten,  in  der  sogenannten  Wertlehre  etwas  besonders ­
  Seltsames  zu  ersehen.  Und  das  ist  auch  leicht  zu  erklären.
Die  Umstände,  auf  die  hin  die  sogenannte  Wertlehre  seltsam  erscheinen ­
  darf,  sie  treffen  auch  bei  anderen,  ja  so  ziemlich  bei  allen  Gebieten ­
  unserer  Wissenschaft  zu.  Sonst  wäre  ohnehin  die  „Wertlehre
nicht  bezeichnend  für  den  Zustand  der  Wissenschaft,  die  in  ihr  eines
ihrer  wichtigsten  Gebiete,  wenn  nicht  das  wichtigste  ersieht.  In  der
fraglichen  Hinsicht  zeichnet  sich  die  sogenannte  Wertlehre  nur  dem
Grade  nach,  nicht  aber  in  der  Art  aus.  Was  ich  also  weiter  unten  in
seiner  Seltsamkeit  zeigen  werde,  das  ist  gleichsam  der  Lokalton  in
unserer  Wissenschaft  Es  ist  schon  ganz  und  gar  mit  der  Idee  dieser
Wissenschaft  eins  geworden.  In  der  letzteren  wird  sich  niemand  heimisch
fühlen,  der  sich  nicht  vorher  mit  diesen  Dingen  befreundet,  an  sie  gewöhnt ­
  hat  Die  Gewöhnung  aber  stumpft  uns  gegen  das  Absonderliche ­
  ab  und  läßt  es  uns  nicht  mehr  als  solches  empfinden.  Schließlich
wundert  man  sich  eher  darüber,  daß  ein  anderer  seltsam  findet  was
uns  etwas  längst  Gewohntes  ist.
Wegen  ihrer  Seltsamkeit  werde  ich  mich  in  der  Folge  in  scharfer
Kritik  gegen  die  „Wertlehre“  wenden,  lue  ich  nicht  damit  schon  ein
Gleiches  gegenüber  anderen,  verwandten  Gebieten,  ja  gegenüber  unserer
        <pb n="33" />
        4

»Der  Wertgedanke“,

Wissenschaft  überhaupt?  Nein  und  Ja.  Mit  Willen  werde  ich  es  nach
aller  Möglichkeit  vermeiden,  die  Ergebnisse  der  Untersuchung  über
andere  Gebiete  hin  zu  verallgemeinern.  Meine  Kritik  gilt  nur  dem
erwähnten  Gebiete  und  will  mit  ihm  allein  abrechnen.  Ich  kann  es
aber  nicht  verhindern,  daß  sich  die  Verallgemeinerungen  ganz  von
selber  nahelegen.  Gewisse  Dinge,  wenn  sie  erst  einmal  ausgesprochen
sind,  bedürfen  gar  nicht  meiner  Absicht,  sie  zu  verallgemeinern;  sie
werden  es  selber  besorgen.
Um  etwas  seltsam  zu  finden,  da  handelt  es  sich  um  einen  Eindruck, ­
  den  dieses  Etwas  auf  uns  macht.  Diesen  Eindruck  möchte  ich
nun  —  in  bezug  auf  die  sogenannte  Wertlehre  —  sowohl  jenen  zuführen, ­
  die  ihn  noch  nicht  haben  können,  als  jenen,  die  ihn  nicht
mehr  haben.
Ich  beginne  mit  der  Annahme,  daß  sich  ein  Außenstehender  über
das  fragliche  Gebiet  informieren  wolle;  zunächst  nur  im  allgemeinen  und
aus  zweiter  Hand.  Der  Zufall  bringt  ihm  da  nacheinander  zwei  Stellen
zu.  Die  eine,  und  gerade  jene  methodologischer  Färbung,  einem  Intellekte ­
  entsprungen,  dem  eine  mächtig  aufgeblühte  Richtung  in  unserer
Wissenschaft  ihre  erkenntnistheoretische  Begründung  verdankt;  die
andere,  ein  knapper  Bericht,  von  einem  der  gründlichsten  Kenner  der
Literaturgeschichte  dieser  Gebiete  herstammend:
„Die  Lehre  vom  Wert  ist  für  die  nationalökonomische  Wissenschaft
von  fundamentaler  Bedeutung.“
(Knies,  D.  nat.  L.  v.  W.  Tbgr.  Z.  n.  B.  S.  421.)
In  der  Lehre  vom  Wert  —  ist  beinahe  alles  streitig,  von  den  Benennungen
angefangen.“  (Zuckerkandel,  Z.  Th.  d.  Preises,  Leipz.  1889,  S.  10.)
Kann  man  voraussetzen,  daß  der  Betreffende  mit  Gleichmut  darüber
hinwegliest?  Wird  er  finden  können,  daß  sich  das  besonders  schön
zusammenreimt  ?
Man  wird  mir  Vorhalten,  daß  ich  jene  beiden  Stellen  mit  offener
Tendenz  gegeneinander  setze.  Gewiß;  aber  in  ihrem  Gegenüber  werden
sie  doch  um  keinen  Grad  weniger  stichhaltig,  nur  um  viele  Grade  kennzeichnender! ­
  Übrigens  könnte  jener  auch  auf  Stellen  kommen,  wo
beides,  sowohl  die  Anerkenntnis  der  hohen  Wichtigkeit  der  „Wertlehre“,
als  auch  die  Klage  über  das  Übermaß  an  Streit  und  Widerspruch  in
ihr,  gleich  in  einem  Atem  ausgesprochen  wird.  Ich  greife  nur  zwei
Aussprüche  heraus  von  sehr  berufenen  Seiten:
„Die  Lehre  vom  Wert  steht  sozusagen  im  Mittelpunkt  der  gesamten
nationalökonomischen  Doktrin.  Fast  alle  wichtigen  und  schwierigen  Probleme, ­
  zumal  die  großen  Fragen  der  Einkommensverteilung,  der  Grundrente,
        <pb n="34" />
        Einleitung.

s

des  Arbeitslohnes,  des  Kapitalzinses,  greifen  mit  ihren  Wurzeln  auf  sie  zurück.
Eine  endgültige  und  streitlose  Erledigung  des  Wertproblems  müßte  daher
unsere  Wissenschaft  mit  einem  Ruck  fast  an  allen  Punkten  vorwärts  bringen.
Dieser  wohlerkannten  Wichtigkeit  des  Stoffes  entspricht  die  Zahl  der  auf
seine  Aufklärung  gerichteten  Versuche.  Leider  blieb  bis  auf  die  jüngste
Zeit  die  Größe  des  Erfolges  weit  hinter  der  der  Bemühungen  zurück.  Trotz
unzähliger  Bestrebungen  war  und  blieb  die  Lehre  vom  Wert  eine  der  um
klarsten,  verworrensten  und  strittigsten  Partien  unserer  Wissenschaft.  Sie
ist  es  auch  noch  heute:  allein  —.“
(v.  Böhm-Bawerk,  Grundzüge  d.  Th.  d.  w.  Güterwerts.
Hildebrand-Conrad,  Jahrbücher  usw.  1886,  S.  3.)
„Die  Wertlehre  ist  bei  dem  leitenden  Einfluß  der  Wertvorstellung  auf
das  wirtschaftliche  Tun  und  Lassen  ganz  besonders  wichtig;  sie  ist  aber
wissenschaftlich  noch  sehr  im  Schwanken.“
(Schäffle,  Gesellschaftl.  System  d.  menschl.  W.  L  162.)
Unserem  Neuling  muß  sich  da  unwillkürlich  das  Bild  eines  „schwankenden ­
  Fundamentes“  aufdrängen;  als  das  Bild,  unter  welchem  er  sich
das  Gebiet,  über  das  er  Aufklärung  sucht,  nach  dessen  Rolle  in  der
Wissenschaft  vorstellen  soll.  Er  könnte  sich  wohl  auch  seine  Gedanken
machen  über  eine  Wissenschaft,  die  vorderhand  gleichsam  auf  Sand
gebaut  hat;  aber  er  wird  sich  eher  denken:  Es  muß  wohl  so  sein.
Das  ist  es  eben:  Der  Neuling  traut  sich  kein  Urteil  und  keine  Einsprache ­
  zu,  auch  wenn  er  sich  versucht  fühlt,  sich  höchlichst  zu  verwundern. ­
  Dem  Eingeweihten  stünde  wohl  Urteil  und  Einspruch  zu,
aber  er  hat  es  inzwischen  längst  verlernt,  sich  zu  wundern.
Vielleicht  wirft  der  Betreffende  nun  auch  auf  ein  anderes  Gebiet
unserer  Wissenschaft  einen  Blick,  für  den  Zweck  eines  aufklärenden
Vergleichs.  Da  könnte  er  in  dem  ausgezeichneten  Hauptwerke  einer
anderen  „Lehre“  eine  ungemein  bezeichnende  Stelle  finden:
„Wie  so  vieles  andere  im  Gebiete  der  Kapitalstheorie  ist  auch  der  Begriff ­
  des  Kapitals  selber  ein  Zankapfel  der  Theoretiker  geworden,  und  zwar
in  ganz  außergewöhnlichem  Grade.  Eine  schier  erstaunliche  Zahl  abweichender
Deutungen  steht  hier  wider  einander  im  Felde  und  hilft  den  Eingang  zur
Kapitalstheorie  mit  einer  der  verdrießlichsten  Kontroversen  zu  verrammeln,
in  die  unsere  Wissenschaft  verwickelt  werden  konnte.  An  sich  verdrießlich,
mußte  nämlich  die  Unsicherheit  über  den  Begriff  des  Kapitals  in  dem  Maße
ärgerlicher  werden,  je  mehr  das  „Kapital“  der  modernen  Wissenschaft  zu
denken  und  zu  reden  gibt.  In  der  Tat,  welch  peinliches,  ja  fast  unbegreifliches ­
  Mißgeschick,  wenn  einer  Wissenschaft,  stürmisch  angegangen  um  die
Lösung  der  großen  Probleme,  die  alle  Welt  kennt  und  bespricht,  und  zwar
        <pb n="35" />
        6

,Der  Wertgedanke“,

unter  dem  Namen  des  Kapitals  kennt  und  bespricht,  gleichsam  von  einer
zweiten  babylonischen  Sprachverwirrung  befallen,  sich  in  ein  endloses  Gezänke
darüber  verstrickt,  was  für  ein  Ding  denn  eigentlich  mit  dem  Namen  Kapital
gemeint  sei!  Eine  solche  Kontroverse  an  einem  solchen  Orte  ist  mehr  als
eine  bloße  Verlegenheit,  sie  ist  eine  Kalamität.  Als  solche  wird  sie  in
unserer  Wissenschaft  auch  lebhaft  empfunden.  Fast  Jahr  für  Jahr  erscheinen
neue  Versuche,  den  strittigen  Begriff  endlich  zu  fixieren.  Ein  durchgreifender
Erfolg  ist  ihnen  bisher  leider  nicht  beschieden  gewesen.  Im  Gegenteil  haben
manche  von  ihnen  nur  dazu  gedient,  dem  Kampfplatz  noch  mehr  Streiter
und  dem  Streite  noch  mehr  Nahrung  zuzuführen.“
(v.  Böhm-Bawerk,  Positive  Theorie  des  Kapitals.  Insbr.  1889,  S.  22.)
Auch  hier  also  dieselbe  Klage  —  ja  Anklage:  Ein  Gebiet  von  hoher
Wichtigkeit,  aber  völlig  in  sich  zerfallen  und  zerfahren.  Es  könnte  sich
da  leicht  der  Gedanke  eines  Zusammenhanges  nahelegen,  zwischen  der
Bedeutung  eines  Sondergebietes  unserer  Wissenschaft  und  seinem  Zustande. ­
  Freilich  ein  Zusammenhang  befremdlicher  Art:  je  wichtiger
nämlich  ein  solches  Gebiet,  desto  zerfahrener  1  Es  ist  auch  klar,  wie  das
eine  mit  dem  anderen  Zusammenhängen  könnte.  Von  den  wichtigsten
Gebieten  einer  Wissenschaft  kann  man  nämlich  voraussetzen,  daß  sie
reger  als  die  anderen  gepflegt  werden  und  somit  die  meisten  Bearbeiter ­
  finden.  Es  bedürfte  dann  nur  der  Eigenheit  dieser  Gebiete,
daß  alle  Bearbeitung  derselben  in  der  Tatsache  immer  nur  auf  eine
Mehrung  der  Wirrnis  in  ihnen  hinausläuft,  —  und  jener  Zusammenhang ­
  wäre  uns  in  seinen  Gründen  ebenso  klar,  als  er  seinem  Tatbestände ­
  nach  offen  vor  unseren  Augen  liegt.
Mit  der  sogenannten  Wertlehre  ist  es  nun  in  der  Tat  so  bestellt.
Unser  Neuling  würde  die  Vermutungen,  die  wir  ihm  begründet  zudenken,
verwirklicht  sehen,  wenn  er  jetzt  daranginge,  die  Aufklärung  über  diese
Dinge  sich  bei  ihnen  selber,  aus  erster  Hand  also  zu  erholen.
Das  fragliche  Gebiet  gehört  unstreitig  zu  den  vielbebautesten  unserer
Wissenschaft.  Kaum  ein  namhafter  Theoretiker,  der  sich  nicht  auf  ihm
versucht,  seinen  Beitrag  dazu  geleistet  hätte.  Dieser  Beitrag  zur  „Wertlehre“ ­
  will  in  aller  Regel  die  Neubegründung  oder  den  Ausbau  einer
sogenannten  Werttheorie  besagen.  Zwischen  „Wertlehre“  und
„Werttheorie“  besteht  aber  nun  ein  eigentümliches  Verhältnis 1 ).
’)  An  den  Namen  hängt  hier  nichts.  Es  kommt  nur  auf  den  sachlichen  Gegensatz
an,  zwischen  einem  Ganzen  und  dem  einzelnen  Teile  unter  den  vielen  Teilen  dieses
Ganzen.  Das  Ganze  ist  unpersönlich  wie  die  Wissenschaft  selber,  jeder  Teil  aber  der
persönliche  Beitrag  eines  bestimmten  Theoretikers  zu  jenem  Ganzen.  Man  spricht  zwar
auch  diesen  Teilen  gegenüber  von  „Wertlehren“,  so  z.  B.  Gerl  ach,  oder  dem  Ganzen
gegenüber  von  der  „Werttheorie“,  oder  „Wertdoktrin“,  wie  es  z.  B.  v.  Wies  er  tut.  Ich
        <pb n="36" />
        Einleitung.

Die  Rolle  nämlich,  welche,  im  allgemeinen  gesprochen,  die  sogenannte ­
  Wertlehre  in  unserer  Wissenschaft  zu  spielen  hat,  müßte  die
einzelne  „Werttheorie“  für  sich  allein  übernehmen  und  durchspielen,
wenn  anders  sie  ihren  Zweck  erreichen  will.  Die  einzelne  „Werttheorie
hätte  also  jeweils  für  die  ganze  „Wertlehre“  einzutreten,  und  nach  der
Ansicht  und  Überzeugung  ihres  Schöpfers  tut  sie  es  auch.  Es  ist  dabei
gleichgültig,  in  welchem  Grade  der  einzelne  Theoretiker  den  Inhalt
und  die  Ergebnisse  der  bereits  vorhandenen  „Werttheorien“  bei  der
Schöpfung  seiner  eigenen  beachtet  oder  auch  geradezu  verwendet.
Gleichgültig  also,  in  welchem  Verhältnisse  er  einerseits  Neues  erbringt,
andererseits  aber  dem  Alten,  der  bisherigen  „Wertlehre“  zu  Lehen
steht:  Liegt  seine  eigene  „Werttheorie“  erst  einmal  fertig  vor,  dann
stellt  sie  eine  in  sich  geschlossene  Einheit  dar,  die  nach  der  Ansicht
ihres  Schöpfers  alle  vorherigen  „Werttheorien“  entbehrlich,  alle  künftigen ­
  überflüssig  macht;  seiner  subjektiven  Anschauung  gemäß  waren
die  ersteren  ebensoviele  Umwege  der  Erkenntnis,  während  die  letzteren
ebensoviel  Abwegen  der  Erkenntnis  gleichkämen.  Die  „Wertlehre“  ist
somit  ein  aus  vielen  Teilen,  den  „Werttheorien“  zusammengesetztes
Ganze,  von  denen  schon  jeder  einzelne  nach  der  Anschauung  seines
Schöpfers  das  Ganze  aufwiegt.
Dem  unbeteiligten  Dritten  aber  muß  die  sogenannte  Wertlehre
als  ein  Ganzes  erscheinen,  das  aus  lauter  Teilen  besteht,  die  sich  inhaltlich ­
  untereinander  ausschließen.  Denn  unter  den  geschilderten ­
  Umständen  liegt  es  in  der  Natur  der  sogenannten  Werttheorien, ­
  daß  jede  einzelne  von  ihnen  Geltung  und  Anerkennung  an
Stelle  aller  übrigen  für  sich  in  Anspruch  nimmt,  und  darauf  auch
in  aller  Zukunft  auch  ihren  Nachfolgerinnen  gegenüber  nicht  verzichtet ­
  Es  tritt  daher  in  der  Tat  als  eine  unvermeidliche  Wirkung
ein,  daß  jeder  solche  Beitrag  zur  „Wertlehre“  die  vorhandenen  Gegensätze ­
  in  ihr  noch  mehrt,  die  Verwirrung  steigert.
Unser  Neuling  hätte  nun  ein  vortreffliches  Mittel  zur  Hand,  um
sich  über  das  Absonderliche,  Eigenartige  dieser  Sachlage  klar  zu
werden.  Bisher  hat  er  nur  über  die  Form  Einsicht  erlangt,  in  welcher
die  sogenannte  Wertlehre  ein  Gebiet  in  der  Wissenschaft  vorstellt;
nicht  auch  über  ihren  Inhalt.  Möge  er  doch  nun  in  dieser  Hinsicht
sein  Glück  versuchen.  Da  wird  er  finden,  daß  die  sogenannte  Wertlehre ­
  —  so  lehrreich  sie  in  einem  anderen  Sinne  ist,  das  will  sagen,

folge  aber  dem  häufigsten  Sprachgebrauch,  wenn  mir  das  unpersönliche  Ganze,  der  Inbegriff, ­
  als  die  sogenannte  Wertlehre  gilt,  einer  jener  Teile  persönlichen  Charakters  aber,
ein  Mit-Inbegriffenes  also,  als  sogenannte  Werttheorie.
        <pb n="37" />
        8

„Der  Werlgedanke“,

belehrend  über  den  Zustand  unserer  Wissenschaft,  •—  im  eigentlichen
Sinne  gar  nichts  lehrt;  die  „Wertlehre“  als  solche  nämlich,  als
das  unpersönliche  Ganze.  Und  zwar  deshalb,  weil  sie  als  dieses  Ganze
nur  aus  lauter  Teilen  besteht,  die  sich  gerade  inhaltlich  untereinander
ausschließen.
Belehrung  im  eigentlichen  Sinne  könnte  also  unserem  Neulinge
nur  von  einer  der  sogenannten  Werttheorien  werden.  Die  Wahl  bliebe
ihm  frei.  Jedoch  einer  von  ihnen  müßte  er  zuschwören;  und  damit
hätte  er  auch  schon  allen  anderen  abgeschworen!  Soll  er  nun  über
diese  Art,  in  der  eine  Wissenschaft  seinem  Erkenntnisdrang  begegnet,
nicht  den  Kopf  schütteln?  Vielleicht  denkt  er  mit  Bitterkeit  an  ein
Wort,  das  sich  nun,  wider  sein  besseres  Wollen  an  ihm  zu  verwirklichen ­
  droht:
„Am  besten  ist’s  auch  hier,  wenn  ihr  nur  Einen  hört,
Und  auf  des  Meisters  Worte  schwört.“
Ein  Zwischenwort.  Welcher  Fachmann  würde  nicht  in  die  hellste
Verlegenheit  geraten,  sollte  er  jemandem  klipp  und  klar  darüber  Rede
stehen,  was  denn  eigentlich  in  der  „Wertlehre“  gesicherter  Besitzstand
der  Wissenschaft  sei,  überhoben  allem  Für  und  Wider  subjektiver
Anschauung!  Ich  darf  dabei  wohl  die  ungezwungene  Voraussetzung
machen,  daß  jener  unbequeme  Fragesteller  von  den  kritischen  Bedenklichkeiten ­
  frei  sei,  deren  ich  mich  für  meinen  Teil  nicht  zu  entschlagen
weiß.  Seine  Frage  wird  also,  durchaus  gemäß  den  Anschauungen,  die
in  unserer  Wissenschaft  die  herkömmlichen  sind,  ungefähr  lauten:  „Was
steht  über  den  Wert  so  weit  fest,  daß  man  es  für  den  jetzigen
Stand  der  Wissenschaft  als  objektiv  gültig  ansehen  dürfte?“
Jedem  Außenstehenden  muß  diese  Frage  so  natürlich,  so  berechtigt
Vorkommen,  daß  er  von  dem  Fachmanne  voraussetzen  wird,  es  sei  ihm
ein  Leichtes,  darauf  zu  antworten.  Der  Fachmann  selber  dürfte  anderer
Meinung  sein.  Ist  es  nicht  sehr  bezeichnend,  daß  er  sich  die  Antwort
überhaupt  erst  zurechtlegen  muß?  Und  sehr  mühsam  zurechtlegen!
Denn  erstens  muß  er  sozusagen  seiner  eigenen  Überzeugung  Gewalt
antun,  wenn  er  jemanden  „über  den  Wert“  —  wie  die  Frage  es
fordert  —  aufklären  soll,  und  dabei  doch  nicht  seine  eigene  „Werttheorie“ ­
  entwickeln  darf;  das  letztere  würde  ja  offenbar  dem  Sinn  der
Frage  zuwider  sein.  Zweitens  aber  könnte  er  für  den  Zweck  der

*)  In  der  Wirklichkeit  bleibt  dem  Jünger  der  Wissenschaft  die  Qual  jener  Wahl
in  der  Regel  erspart.  Er  fällt  wohl  dem  ersten  Lehrbuche,  das  er  liest,  oder  dem  ersten
Kollegium,  das  er  hört,  zur  Beute.  Er  hat  sich  mit  der  „Wertlehre“  inhaltlich  längst
abgefunden,  ehe  ihm  die  Möglichkeit  jener  Wahl  recht  zum  Bewußtsein  kommen  konnte.
        <pb n="38" />
        Einleitung.

Antwort  überhaupt  nichts  anderes  tun,  als  daß  er  sich  der  verschiedenen
Punkte  zu  entsinnen  sucht,  in  welchen  der  Inhalt  seiner  eigenen  mit  dem
Inhalte  aller,  oder  doch  der  meisten  anderen  „Werttheorien“  übereinstimmt. ­
  Die  Antwort  wird  einmal  schon  etwas  sehr  Gezwungenes  an
sich  haben;  es  ist  nicht  leicht,  über  etwas  zu  reden,  soll  man  sich
dabei  von  den  eigenen  Gedanken  über  dieses  Etwas  wegdenken.  Die
Antwort  dürfte  auch  recht  karg  ausfallen;  oder  ließen  sich  besonders
viele  solcher  Punkte  der  allgemeinen  Übereinstimmung  aufzählen  f  Die
Antwort  wird  schließlich  auch  ziemlich  fadenscheiniger  Natur  sein;
denn  ob  jene  Übereinstimmung  im  einzelnen  Falle  eine  wirkliche  und
stichhaltige  sei,  das  könnte  doch  erst  eine  sehr  eindringliche  Kritik
feststellen.  Näher  kann  ich  hier  darauf  nicht  eingehen.  Es  war  mir
nur  um  ein  Streiflicht  zu  tun,  und  das  leuchtet  auch  so  noch  hell
genug.
Ich  lasse  jetzt  alle  Annahmen  fallen,  und  spreche  frei  zur  Sache.
Diese  Annahmen  haben  mir  geholfen,  eine  Behauptung  zu  rechtfertigen,
die  anfänglich  wohl  kaum  viel  Zustimmung  gefunden  hat.  Jetzt  wird
es  mir  vielleicht  eher  zugegeben  werden,  daß  man  gewisse  Dinge,
Zustände  nämlich  der  sogenannten  Wertlehre,  seltsam  finden  kann.
Dinge,  an  denen  sonst  in  der  Wissenschaft  achtlos  und  arglos  vorübergegangen ­
  wird.
Inzwischen  ist  aber  meine  Darlegung  bis  zu  einem  Punkt  gediehen, ­
  wo  der  Inhalt  jener  Behauptung  geradezu  die  Gestalt  einer
gebieterischen  Forderung  annimmt.  Von  den  Dingen,  die  sich  nunmehr
der  Erörterung  nahelegen,  gilt  in  der  Tat,  daß  man  sie  seltsam  finden
muß.  Deshalb  einfach,  weil  sonst  die  Möglichkeit  einer  dauernden
Schädigung  unserer  Wissenschaft  bestehen  bliebe.
Sobald  in  der  „Wertlehre“  von  ihrer  Zerfahrenheit  die  Rede  ist,
geschieht  es  zwar  meistens  im  Tone  des  Bedauerns,  der  Klage.  Aber
diese  Klagen  sind  zu  stumpf,  um  sehr  eindringlich  zu  sein,  um  aufrüttelnd ­
  zu  wirken.  Die  Hoffnungsseligkeit  hat  ihnen  die  Spitze  abgebrochen. ­
  Denn  immer  klingen  sie  in  einer  Hoffnung  aus,  ja  geradezu
in  der  Verheißung,  daß  es  nun  sicher  bald  besser  werden  soll.  So
meint  auch  v.  Böhm-Bawerk  in  der  unmittelbaren  Fortsetzung
jener  früher  angeführten  Stelle:
allein  wenn  mich  nicht  alles  täuscht,  so  ist  ein  endgültiger  Umschwung ­
  zum  Besseren  nahe.“
Woran  knüpft  sich  nun  diese  Hoffnung?  Sie  knüpft  sich  —  an
eine  „Werttheorie“  1  Das  gilt  von  der  Meinung  des  einzelnen  Theor
retikers,  wie  von  der  allgemeinen:  Die  Erlösung  aus  der  chaotischen
        <pb n="39" />
        IO

,Der  Wertgedanke“,

Wirrnis,  in  der  sie  schmachtet,  erhofft  die  „Wertlehre“  von  dem  Siege
einer  der  vorhandenen  oder  erst  künftigen  „Werttheorien“.
Vom  Standpunkte  des  einzelnen  Theoretikers  ist  die  Hoffnung
sehr  begreiflich;  indem  er  nämlich  dabei  immer  seine  eigene  „Werttheorie“ ­
  im  Auge  hat.  Noch  ist  keine  „Werttheorie“  aufgetreten,  bei
der  nicht  diese  Hoffnung  Gevatter  stund.  Denn  wie  der  Schöpfer
einer  solchen  „Werttheorie“  im  Grundsätze  so  denkt,  daß  sie  allein
die  ganze  „Wertlehre“  aufwiege,  die  vorhergegangenen  unter  ihresgleichen ­
  entbehrlich,  die  kommenden  überflüssig  mache,  so  hofft  er
eben,  daß  es  auch  in  der  Tatsache  so  käme:  daß  vor  der  eigenen
die  Vertreter  der  früheren  „Werttheorien“  verstummten  und  keine
weiteren  aufkämen.
Für  die  Allgemeinheit  liegen  aber  die  Dinge  doch  wesentlich
anders.  Der  klägliche  Zustand  der  „Wertlehre“,  ihre  Zerfahrenheit  und
schwebende  Unentschiedenheit  wurzelt  ja  gerade  in  dem  dauernden
Nebeneinander  dieser  „Werttheorien“,  von  denen  jede  einzelne  dauernd
den  Anspruch  auf  alleinige  Geltung  und  Anerkennung  erhebt,  an  Stelle
aller  übrigen  und  ihnen  zum  Trotz.  Nun  sollte  sich  dieser  Zustand  in
der  Weise  beheben,  daß  auf  einmal  doch  eine  dieser  „Werttheorien“
dort  siegt,  wo  sie  alle  bisher  fehlgeschlagen  haben:  In  eben  jenem  Ansprüche ­
  auf  alleinige  und  damit  auf  allgemeine  Geltung  und  Anerkennung! ­
  Man  möchte  glauben,  es  wäre  dies  nur  möglich,  wenn  eine
der  „Werttheorien“  zufällig  allein  zurückbliebe,  die  Vertreter  der  bisherigen ­
  ausstürben,  und  die  künftigen  gegen  alle  Erwartung  ausblieben.
Und  doch  harrt,  selbst  in  der  Allgemeinheit,  die  „Wertlehre“  immerzu
dieser  Botschaft  des  Heils.
Das  allein  ist  recht  seltsam.  Es  kann  nur  noch  seltsamer  erscheinen, ­
  wenn  man  den  Widerspruch  stärker  hervorhebt,  in  welchen
sich  hierbei  die  allgemeine  Anschauung  in  der  „Wertlehre“  zur  Erfahrung ­
  setzt.  Man  kann  ruhig  sagen,  jener  unwürdige  Zustand  der
„Wertlehre“  ist  nicht  viel  älter  als  die  Hoffnung,  daß  er  sich  auf  dem
Wege  beheben  läßt,  den  man  gleichsam  für  den  natürlichen  hält:  durch
den  endlichen  Sieg  einer  „Werttheorie“.  Soviel  „Werttheorien“  in
ihrem  unentschiedenen  Kampfe  gegeneinander  stehen  geblieben
sind,  soviel  betrogene  Hoffnungen!  Es  hat  sich  diese  Hoffnung  —
für  die  subjektive  Anschauung  eines  einzelnen  Theoretikers  —  manchmal ­
  bis  auf  einen  hohen  Grad  der  Sicherheit  hinaufgewagt.  Lange
vor  unseren  Tagen  hat  J.  S.  Mi  11  das  stolze  Wort  gesprochen:
„Happily,  there  is  nothing  in  the  laws  of  Value,  which  remains  for  the
present  or  any  future  writer  to  clear  up;  the  theory  of  the  subject  is  complete.“
(Principles,  Bk.  III.  Ch.  I.)
        <pb n="40" />
        Einleitung.

11

Nun,  wenn  es  einer  subjektiven  Ansicht  von  solcher  felsenharten
Entschiedenheit  widerfahren  mußte,  von  der  Nachzeit  und  in  einer
solch  krassen  Weise  berichtigt  zu  werden,  wie  es  hier  geschehen,  was
haben  da  die  Aussichten  einer  zitternden  Hoffnung  zu  besagen,  die
sich  in  der  gleichen  Richtung  bewegt  I
Es  hat  dieser  Hoffnung  auch  nie  gefruchtet,  wenn  der  Schöpfer
einer  neuen  „Werttheorie“  im  besonderen  die  Absicht  verfolgt  hatte
—  und  seiner  subjektiven  Überzeugung  nach  wohl  auch  verwirklicht ­
  —  zwischen  vorhandenen  Gegensätzen  zu  vermitteln,  auf  dem
Wege  des  Ausgleichs  also  der  guten  Sache  einer  Einigung  in  der
„Wertlehre“  zu  dienen.  Denn  es  sind  diese  Absichten  regelmäßig  verkannt, ­
  jene  Hoffnung  ist  also  auch  so  immer  wieder  getäuscht  worden.
Mit  jedem  Versuche,  ihm  zu  steuern,  ist  das  Übel  nur  noch  gewachsen.
Es  war  der  Optimismus  eines  Bastiat  danach  angetan,  seine  „Werttheorie“ ­
  mit  den  hoffnungsseligen  Worten  zu  empfehlen:
„Ainsi  les  Economistes  de  toutes  nuances  devront  se  tenir  pour  satisfaits.“
  (Harmonies  economiques,  p.  r5^-)

Den  Gefallen  haben  sie  ihm  nicht  getan.  Die  einzige  „Harmonie“,
die  auch  dieser  Friedensstifter  unter  den  Streitenden  hervorgebracht,
war  die,  daß  sie  sich  einen  Augenblick  alle  vereinten,  über  ihn  herzufallen. ­


Wenn  aber  in  der  „Wertlehre“  eine  gedeihliche  Änderung  ihres
Zustandes  so  sicher  erwartet  wird,  als  ob  dies  rein  nur  eine  Frage  der
Zeit  sei,  so  legt  man  sich  zugleich  auch  über  diese  Erwartung  nicht
die  mindeste  Rechenschaft  ab.  Da  wird  nichts  erörtert  und  nichts  erwogen, ­
  nichts  geprüft  und  nichts  bezweifelt,  es  nimmt  vielmehr  die
allgemeine  Anschauung  in  der  „Wertlehre“  diese  Erwartung  in  sich
auf, ;  ohne  es  sich  selber  auch  nur  bewußt  zu  werden.  Es  ist  daher
von  der  Artung  eines  blinden  Glaubens,  wenn  die  „Wertlehre“,
aller  Erfahrung  zum  Trotz,  ihren  trostlosen  Zustand  als  einen  v  o  r  -
übergehende  n  ansieht.  Und  das  ist  es  auch,  was  man  seltsam
finden  muß.
Tut  man  es  nicht,  nimmt  man  diese  hoffnungsselige  Erwartung
unentwegt  ruhig  hin,  als  etwas,  was  nichts  zu  staunen  und  nichts  zu
denken  gibt,  dann  trottet  eben  die  „Wertlehre“  blindlings  den  Weg
weiter,  von  dem  man  nur  weiß,  daß  es  der  alte  sei  und  vielbegangene,
von  dem  aber  niemand  weiß,  ob  es  der  rechte  sei;  ob  es  nicht  ein
Irrweg  sei,  der  die  Forschung  in  der  „Wertlehre“  nur  fortwährend  im
Kreise,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  an  der  Nase  herumführt,  und  der  es
verschuldet,  wenn  das  Erkenntnisstreben,  das  sich  in  der  „Wertlehre
        <pb n="41" />
        12

,Der  Wertgedanke“,

zu  betätigen  sucht,  in  eine  trostlose  Wirbelbewegung  hineingerissen
wird,  die  gar  keinen  eigentlichen  Fortschritt  kennt,  geschweige  ein  gedeihliches ­
  Ende.
Ganz  anders  aber,  wenn  man  sich  herbeiläßt,  diese  Dinge  seltsam
zu  finden.  Wenn  also  das  Denken  stutzig  wird  und  innehält,  um
nachsinnend  über  diesen  Dingen  zu  verweilen.  Dann  richten  sich  wie
von  selber  Fragen  auf,  an  die  sonst  niemand  denken  würde,  und  die
trotzdem  nach  ihrer  Antwort  lechzen.
Zu  einer  Frage  würde  wohl  zunächst  die  Anschauung  umkippen,
daß  es  eine  „Werttheorie“  sei,  was  der  „Wertlehre“  zum  Heil  gereichen ­
  soll.  Aber  man  wird  leicht  gewahr,  daß  sich  da  erst  eine
viel  weitergehende  Frage  vorschiebt.  Die  Frage,  die  jenen  blinden
Glauben  gutmachen  will,  und  lautet:  Ist  der  Zustand  der  „Wertlehre“,
wie  sie  ist,  ein  dauernd  notwendiger,  oder  läßt  er  sich  beheben? ­

Ob  er  ein  dauernd  notwendiger  sei.  Darüber  wird  nämlich
kein  Zweifel  bestehen,  daß  unter  den  gegebenen,  unter  den  Umständen,
die  bisher  obwalteten,  der  Zustand  der  „Wertlehre“  ein  notwendiger
sei.  Hier  die  Ursachen  aufdecken,  würde  schon  dem  Nachweise  gleichkommen, ­
  daß  es  sich  so  und  nicht  anders  gestalten  mußte.  Das  liegt
ja  im  Wesen  der  ursächlichen  Erklärung.  Jedoch  erklären,  weshalb
etwas  so  gekommen  ist,  und  damit  unter  Einem  beweisen,  daß  es  nur
so  und  nicht  anders  kommen  konnte,  das  heißt  noch  keineswegs  beweisen, ­
  daß  es  auch  in  aller  Zukunft  so  bleiben  muß.  In  dieser  Hinsicht ­
  ist  der  Beweis  oder  auch  der  Gegenbeweis  erst  noch  zu  erbringen. ­
  Und  gerade  dahin  richtet  sich  die  Spitze  unserer  Frage.
Diese  Frage  berührt  es  daher  auch  gar  nicht,  wenn  hier  und  da
versucht  wurde,  den  Zustand  der  „Wertlehre“  ursächlich  zu  erklären.
Mittelbar  hat  dies  A.  L  o  r  i  a  getan  („La  teoria  del  valore“,  siehe  darüber
das  Referat  von  Dietzel,  Tübgr.  Zschft.  1882),  indem  er  der  geschichtlichen ­
  Entwicklung  der  „Wertlehre“  erklärend  folgt.  Er  übertreibt
jedoch  die  richtige  Anschauung,  daß  alle  Erkenntnis  unter  der  Bedungenschaft ­
  von  Zeit  und  Ort  steht,  wenn  er  im  Geiste  seiner  Erklärung ­
  in  der  „Wertlehre“,  wie  sie  ist,  nur  eine  Bestätigung  des  Satzes
erblickt:  „Jeder  historischen  Epoche  entspricht  mit  Notwendigkeit  eine
ganz  bestimmte  Werttheorie“  S.  65.  Sicher  wird  niemand  bestreiten
wollen,  daß  viel  Gegensatz  der  Meinungen,  viel  Verschiedenheit  der
Ansichten  innerhalb  der  sogenannten  Wertlehre  sich  herleite  aus  dem
Wechsel  der  zeitlich-örtlichen  Bedingungen,  unter  denen  die  einzelnen
„Beiträge“  erfolgen.  Aber  wohin  mit  den  Widersprüchen  —  um  nur
dies  zu  erwähnen  —  die  zwischen  den  „Werttheorien“  selbst  von  Zeit-
        <pb n="42" />
        Einleitung.

13

und  Volksgenossen  sehr  oft  in  der  auffälligsten  Weise  klaffen?  Sie
müßten  unter  jenem  Gesichtspunkte  unerklärt  bleiben.  Im  Sinne
Lorias  läßt  sich  über  den  Zustand  der  „Wertlehre“  keineswegs  das
letzte  Wort  sprechen.
Einen  unmittelbaren  und  dabei  einen  überraschend  tiefen  Einblick
in  die  fraglichen  Verhältnisse  hat  F.  J.  Neumann  durch  seine  wiederholten ­
  Untersuchungen  eröffnet,  deren  Ergebnisse  besonders  klar  in
seinen  „Grundlagen  der  Volkswirtschaftslehre“  (Tübingen  1889)  dargelegt ­
  sind 1 ).
Nur  spricht  Neu  mann  nicht  ausdrücklich  von  der  „Wertlehre  ,
sondern  im  allgemeinen  Bezug  auf  verwandte  Gebiete.  Auf  seine  Ansichten ­
  werde  ich  erst  in  späterer  Folge  zurückkommen;  übrigens  hört
auch  die  vorliegende  Untersuchung  nicht  auf,  in  einem  stillen  Bezug
zu  jenen  gehaltvollen  Ausführungen  Neumanns  zu  bleiben.  Neumann ­
  streift  geradezu  den  Kern  unserer  Frage  selber,  wenn  er  die
Erkenntnis  auf  solchen  Gebieten,  wie  es  die  „Wertlehre“  ist,  von  der
Gefahr  „dauernder  Unsicherheit“  bedroht  sieht,  und  dies  auch  begründet ­
  (p.  1  a .  a.  O.) 2 ).
Allein,  er  nimmt  doch  keinen  rechten  Anstoß  daran.  Er  beruhigt
sich  förmlich  über  diese  merkwürdigen  Dinge,  indem  er  ihre  Erklärung
versucht.  So  kommt  es,  daß  er  im  eigentlichen  Sinne  unsere  Frage  gar
nicht  aufwirft,  gar  nicht  daran  denkt,  sie  aufzuwerfen;  obwohl  man
sagen  könnte,  daß  er  sie  im  uneigentlichen  Sinne  beantwortet,  indem
er  jene  „Gefahr“  begründet.  Es  reichen  deshalb  selbst  diese  Ausführungen ­
  Neumanns  nicht  wesentlich  über  den  Punkt  hinaus,  bei
welchem  die  folgende  Untersuchung  überhaupt  erst  einsetzen  wird.
Sehr  bezeichnend  ist  in  dieser  Hinsicht  die  Tragweite,  die  Neumann
seinen  Erwägungen  zugesteht.  Die  Folgerungen,  die  er  aus  seiner  Einsicht ­
  in  das,  was  da  ist,  auf  jenes  zieht,  was  da  sein  soll,  erscheinen
zwar  durchaus  originell.  Insbesondere  seine  eigenartige  Meinung  darüber,
wie  sich  die  Forschung  auf  solchen  Gebieten  das  „Interesse  der  Wissenschaft“ ­
  zur  Richtschnur  nehmen  soll.  Aber  trotzdem  bewegen  sich  diese
Folgerungen  durchaus  im  Rahmen  der  herkömmlichen  Anschauungen.
Beweis  dessen,  daß  sich  in  ihrem  Geiste  die  „Wertlehre“  auch  in  der

■)  Auch  H *“ d r\“ h T«b„  Z W ?t  w.” a ^fS
Frühere  Aufsätze  :  „Zur  Revision  der  Grundbegriffe  ,  g  .
„Über  die  Gestaltung  des  Preises“,  ebd.  36.  trostlosen  Zustand
*)  Es  fällt  dabei  sehr  ins  Gewicht,  daß  steh  Neumann  d-  trostlosen,  ^  ^
gerade  der  „Wertlehre“  keineswegs  verschließt  und  sein  Ur  ei  aru
eine  Wort  kleidet:  Ein  Chaos!
        <pb n="43" />
        14

,Der  Wertgedanke“,

Zukunft  nach  „Werttheorien“  weiterentwickeln  würde,  wenn  auch'  die
letzteren  unter  neuen  Gesichtspunkten  erstehen  müßten.
Tatsächlich  sind  auch  „Werttheorien“  aufgetreten,  für  die  Neumann
  Schule  gemacht  hat.  Ich  erinnere  an  Jul.  Wolff  (Z.  Lehre
v.  W.  Tübgr.  Zschft  1886).  Im  besonderen  aber  hat  ein  jüngerer
Forscher,  Otto  Gerlach,  die  Anschauungen,  die  von  Neu  mann
mehr  im  allgemeinen  entwickelt  wurden,  auf  dem  Gebiete  der  „Wertlehre“ ­
  zu  verwirklichen  gesucht.  Seine  ungemein  scharfsinnige  Schrift
„Über  die  Bedingungen  wirtschaftlicher  Tätigkeit“  (in  den  „Staatswissenschaftlichen ­
  Studien“  hgg.  von  Elster,  Jena  1890)  erschöpft  sich  im
ganzen  darin,  nach  den  Ideen  Neumanns  einer  selbständigen  „Werttheorie“ ­
  vorzuarbeiten.  Gerlach  führt  diese  „Vorarbeit“  in  einem
sehr  freien  Geiste  durch,  und  einem  überraschenden  Abschlüsse  zu.
Darin  klingt  sie  nämlich  aus,  daß  sie  die  Aufgabe,  die  ihr  gestellt  war,
nach  einer  scharfen  Kritik  so  gut  wie  zurückweist  1
Wer  die  Art  und  Weise  wohl  beachtet,  in  der  O.  Gerlach  die
Ideen  Neumanns  betätigt,  der  muß  ihm  die  Anerkennung  zollen,  er
habe  als  Erster  die  „Wertlehre“  von  einer  höheren  Warte  aus  betrachtet,
als  von  der  Zinne  einer  bestimmten,  eigenen  oder  angeeigneten  „Werttheorie“. ­
  Es  führt  sich  auf  diese  Art  und  Weise,  die  Dinge  zu  beschauen, ­
  zurück,  wenn  ich  die  Arbeit  O.  Gerl  ach  s  als  diejenige  bezeichnen ­
  darf,  welcher«  die  folgende  Untersuchung  in  ihrer  Eigenart
noch  am  nächsten  kommen  wird.  Trotzdem  gibt  sich  aber  zwischen
beiden  ein  tiefer  Gegensatz  kund.
Die  Absicht,  für  die  Begründung  einer  neuen  „Werttheorie“  die
Bahn  zu  ebnen,  liegt  mir  nämlich  gänzlich  fern.  Deshalb  schlage  ich
auch  mit  der  folgenden  Untersuchung  ganz  andere  Wege  ein.  Wegweiser ­
  ist  da  die  Frage,  die  uns  von  den  Seltsamkeiten  auf  dem  Gebiete ­
  der  sogenannten  Wertlehre  abgenötigt  wurde;  die  Frage,  ob  der
„Wertlehre“  befremdlicher  Zustand  Aussicht  auf  Besserung  darbietet
oder  im  Wesen  unbehebbar  sei.
Der  Aufwurf  dieser  Frage  erweist  nämlich  eine  hohe  grundsätzliche ­
  Bedeutung.  Es  ist  da  gleichsam  eine  Grenze  überschritten  worden.
Jenseits  dieser  Grenze  hört  die  „Wertlehre“  auf,  schlecht  und  recht  das
Gebiet  zu  sein,  auf  dem  in  immer  erneuter  Bemühung  Erkenntnis  zu
erbringen  ist,  in  einer  und  derselben  Richtung,  die  längst  vorgezeichnet
erscheint  durch  der  Vorgänger  Arbeiten;  hört  sie  auf,  das  Gebiet  zu
sein,  für  das  ununterbrochen  in  derselben  Art  und  guten  Absicht  und
mit  demselben  fraglichen  Erfolg  Beitrag  um  Beitrag  geleistet  wird,  ohne
daß  man  sich  hierbei  über  sie  selber,  die  „Wertlehre“,  allzuviel  Gedanken ­
  machen  würde.  Jenseits  dieser  Grenze  handelt  es  sich  eben  um
        <pb n="44" />
        Einleitung.

IS

nichts  weniger  als  um  die  Begründung  einer  neuen,  oder  den  Ausbau
einer  alten  „Werttheorie“.  Denn  nicht  die  Erkenntnis,  die  sonst  aus
der  „Wertlehre“  heraus  erwartet  wird,  steht  jetzt  als  Ziel,  sondern
die  Erkenntnis  über  diese  sogenannte  Wertlehre.
Hinter  jener  Grenze  betrachten  wir  also  die  „Wertlehre“  um  ihrer
selbst  willen;  als  ein  Gebiet  nationalökonomischer  Forschung,  von  dessen
Leistungen  es  für  einen  guten  Teil  abhängig  ist,  ob  unsere  Wissenschaft ­
  ihren  Erkenntniszweck  erfüllt.  Hier  tritt  der  Fall  ein,  daß  die
Forschung  gezwungen  wird,  bei  sich  selber  Einkehr  zu  halten.  Es  gilt,
dem  Forschen,  wie  es  auf  diesem  Gebiete  geübt  wird,  nachzuforschen,
das  Denken,  das  hier  an  der  Arbeit  ist,  für  sich  zu  überdenken  und
darin  bis  zu  gewissen  Ruhepunkten  auszudenken.
Soll  es  daher  in  eins  gefaßt  werden,  was  jenseits  der  Grenze  liegt,
die  mit  der  Stellung  jener  Frage  schon  für  überschritten  gilt,  so  läßt
sich  hierfür  das  Streben  namhaft  machen,  das  auch  in  der  letzteren
Frage  rege  ist:  Das  Streben  nach  der  Selbstbesinnung  des
Forschens  auf  dem  Gebiete  der  sogenannten  Wertlehre  1
Mit  der  Erfüllung  dieses  Strebens  wird  es  sich  dann  auch  zeigen,
ob  jenes  Forschen,  wenn  erst  sein  wahrer  Inhalt  erkannt  ist,  auch
künftighin  in  der  Form  von  einander  gegensätzlich  ausschließenden
„Werttheorien“  erscheinen  muß.  Dahinaus  liegen  sogar  die  letzten  und
höchsten  Ziele  der  Selbstbesinnung.  Es  genügt  nicht,  ein  trockenes  Ja
oder  ein  dürres  Nein  auf  die  Frage  zu  erhalten,  ob  jene  Forschung  auf
ewig  dazu  verdammt  sei,  von  „Werttheorie“  zu  „Werttheorie“  in  unfruchtbaren ­
  Widersprüchen  sich  hinzuschleppen.  Der  Wissenschaft  muß
es  vielmehr  darum  zu  tun  sein,  für  die  Forschung,  die  sich  innerhalb
der  sogenannten  Wertlehre  betätigt,  das  zu  finden,  was  Kant  den
„königlichen  Weg“  nennt  Der  Weg,  auf  dem  diese  Forschung
dann  ohne  Rücklauf  und  Abschweifung  stetig  vorwärts  schreiten  konnte,
mit  keinem  anderen  Wechsel  und  keinen  anderen  Gegensätzen  in  ihren
Ergebnissen  als  jenen,  die  aller  Erkenntnis  Bedungenschaft  durch  Zeit
und  Ort  entspringen.
Nach  diesem  fernen,  aber  klar  erschauten  Ziele  hin  einen  ersten
Schritt  zu  tun,  der  an  sich  geringfügig  scheinen  mag,  dem  jedoch
höhere  Bedeutung  von  der  Nachfolge  her  überkommt,  die  erst  durch
ihn  ermöglicht  wird,  das  macht  den  Gehalt  der  vorliegenden  Untersuchung ­
  aus 1 ).
*)  Für  die  Auferweckung  jenes  Strebens,  nach  der  Selbstbesinnung  des  Forschens
auf  dem  Gebiete  der  sogenannten  Wertlehre,  dafür  können  übrigens  leicht  auch  andere
Anlässe  tätig  sein,  die  freilich  von  einer  so  internen  Natur  sind,  daß  sie  sic  e  g
        <pb n="45" />
        i6

,Der  Wertgedanke“,

meinen  Besprechung  eigentlich  entziehen.  Es  handelt  sich  da  um  gewisse  Erfahrungen,
die  vielleicht  niemandem  erspart  bleiben,  der  im  alten  Sinne  seinen  Beitrag  zur  „Wertlehre“ ­
  leisten  wollte;  keinem  Werttheoretiker  also.  Was  aber  zu  erfahren  ist,  das  sind
Zustände  intellektueller  Beklemmung,  und  ein  unbestimmter  Drang,  sich  ihnen  zu  entwinden. ­
  Dieser  Drang  kann  sich  nämlich  zu  dem  Streben  nach  Selbstbesinnung  abklären.
  Freilich  tritt  dies  nur  dann  ein,  sobald  man  sich  über  diese  Dinge  genügend
Rechenschaft  ablegt.
Von  diesen  Anlässen  interner  Natur  kann  ich  aus  eigener  Erfahrung  sprechen.  Es
dünkt  mir  überhaupt  dem  Verständnisse  dieser  Arbeit  in  mancherlei  Hinsicht  forderlich,
wenn  ich  auch  den  tatsächlichen  Werdegang  derselben  in  seinen  Ursprüngen  flüchtig
beleuchte.
An  ihrer  Wurzel  war  eben  auch  eine  „Werttheorie“  gestanden;  ein  „Beitrag  zur
Wertlehre"  im  hergebrachten  Sinne.  Was  mich  dieser  „Werttheorie“  in  der  Folge  abwendig ­
  gemacht  hat,  war  ebensowenig  ein  Erkennen  ihrer  Irrigkeit  schlechthin,  als  meine
Bekehrung  zu  einer  fremden  „Werttheorie".  Ich  kann  es  hier  noch  nicht  darlegen,  weshalb ­
  das  eine  wie  das  andere  förmlich  von  Haus  aus  sich  als  unmöglich  erweist,  oder
doch  höchst  unwahrscheinlich  bedünkt.
Es  ist  vielmehr  ein  Stadium  vorangegangen,  bei  dem  ich  noch  als  Verteidiger  einer
eigenen,  eben  jener  totgeborenen  „Werttheorie“,  —  bei  Gelegenheit  der  Bemühungen
nämlich,  ihre  polemische  Vertretung  gegenüber  den  vorhandenen  „Werttheorien“  zu  instruieren, ­
  —  zu  der  nach  und  nach  hervorbrechenden  Erkenntnis  kam,  daß  die  Wertforschung ­
  nicht  genügend  über  sich  selber,  ihr  Weshalb  und  Wohin  im  klaren  sei.
Je  inständiger  ich  mich  nämlich  darum  bemühte,  desto  weniger  konnte  ich  mich
selber  davon  überzeugt  machen,  daß  ich  dort,  wo  ich  in  Vertretung  der  eigenen  den
fremden  „Werttheorien“  widersprechen  mußj  sie  auch  widerlegen  kann.  Bei
genauerem  und  kühlerem  Besehen  fielen  mir  alle  in  dieser  Hinsicht  mühsam  ausgetiftelten
Konstruktionen  immer  wieder  —  gleich  Seifenblasen  zu  einem  Tropfen  —  zu  dem  Satze
zusammen:  Hie  meine  MeinungI  —  Hie  deine  Meinung  1
Schon  damals  bin  ich  daraufhin  angeregt  worden,  das  Studium  der  Wertlehre,  nun
von  einem  freieren  Standpunkte  aus,  von  neuem  aufzunehmen.  Was  ich  hierbei  besonders
ifi  ihren  polemischen  Bestandteilen  gefunden,  war  zusammen  die  vollkommenste  Bestätigung ­
  jener  Erfahrungen  in  eigener  Sache.
Den  Widerspruch  herauszufühlen,  zwischen  dem  Widersprechen-Müssen  und  Nicht-Widerlegen-Können;
  das  Unvermögen  zu  empfinden,  von  dem,  was  man  gerade  im
Gegensätze  zur  fremden  „Werttheorie“  für  wahr  hält,  mit  zureichenden  Gründen  sagen
zu  können,  warum  man  es  für  wahr  halten  darf;  und  von  da  heraus  dem  Drange  zu
verfallen,  nach  einem  objektiven  Kriterium  der  Entscheidung  —  zu  was  anderem
konnten  sich  diese  Gedankenwirbel  abklären,  als  zu  dem  Streben  nach  einer  Selbstbesinnung ­
  der  in  ihren  alten  Geleisen  verfahrenen  Forschung!
'  Hier  war  der  Wendepunkt;  auf  dem  Wege,  den  von  da  ab  meine  Untersuchungen
nehmen  mußten,  waren  die  Ergebnisse  aufzulesen,  in  deren  Darlegung  ich  mit  der  vorliegenden ­
  Studie  den  Anfang  mache,
Man  sieht,  ich  habe  mir  die  Aufgabe,  an  deren  Lösung  ich  mich  heranwage,  nicht
in  Vorwitz  und  Anmaßung  willkürlich  gestellt;  sie  ist  mir  vielmehr  aus  der  allmählichen
Gestaltung  der  Dinge  heraus  nach  und  nach  zwingend  erwachsen.  Meiner
Stellungnahme  gegenüber  der  „Wertlehre“  benimmt  aber  wohl  der  Umstand  viel  von
ihrer  Schärfe  und  zerstreut  den  Schein  einer  Selbstüberhebung,  der  wohl  zu  beachtende
        <pb n="46" />
        Einleitung.

17
Umstand,  daß  ich  all  die  Fehler  und  Sünden,  denen  die  Forschung  auf  diesem  Gebiete ­
  verfällt,  gleichsam  am  eigenen  Leibe  erfahren  habe,  diese  Untersuchungen  mithin ­
  nur  einer  Selbstberichtigung  gleichkommen,  zu  der  ich  mich  nach  und  nach  durchgerungen. ­

Und  jene  „Werttheorie“ 1  ?  Wenn  ich  über  ihr  seltsam  Geschick  berichten  soll,  muß
ich  hier  schon  eingestehen,  daß  meine  Kritik  schließlich  zu  einer  sehr  umstürzenden  ausgewachsen ­
  ist.  Die  Sturmflut  des  Zweifels,  die  dann  entfesselt  war,  hat  mir  diese  „Werttheorie“ ­
  aus  meinen  Anschauungen  wie  spurlos  weggeschwemmt.  Mußte  ich  zuerst,  in
den  Anfängen  meiner  kritischen  Studien,  noch  in  Willkür  sie  zu  behandeln  suchen,  als
ob  sie  mir  objektiv  gegenüberstünde,  so  war  sie,  späterhin,  langsam  und  ganz  von  selber
mir  wirklich  objektiv  geworden.  So,  als  hätte  ein  anderer  dort  geirrt,  wo  ich  vorher
doch  mein  eigenes  Erkennen  für  die  Wahrheit  verpfändet  glaubte.

v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.
        <pb n="47" />
        I.

Wenn  es  irgendwo  in  einem  wissenschaftlichen  Sondergebiete  so
kraus  und  wirr  aussieht  und  so  bunt  hergeht,  wie  eben  in  der  sogenannten ­
  Wertlehre;  wenn  sich  die  Theoretiker  so  gar  nicht  über  das
verständigen  und  einigen  können,  über  das  sie  unaufhörlich  reden:
dann  empfiehlt  es  sich  doch,  auch  einmal  nach  dem  auszusehen,  über
das  sie  nicht  reden,  trotzdem  es  von  Bezug  und  Belang  für  dieses
Gebiet  ist.  Und  zwar  deshalb  nicht  reden,  weil  es  ihnen  allen  selbstverständlich ­
  dünkt,  weil  man  einen  Gemeinplatz  darin  sähe,  es  auszusprechen. ­

Da  ist  der  Hebel  einzusetzen.  Man  könnte  in  der  Tat  sagen:  Es
fängt  die  Selbstbesinnung  dort  an,  wo  die  Selbstverständlichkeiten
aufhören.  Diese  letzteren,  das  sind  ruhende  Gedanken,  auf  denen
sich  das  eigentliche,  bewegliche  Denken  erst  aufbaut;  Gedanken  also,
die  unberührt  von  dem  eigentlichen,  dem  beweglichen  Denken  bleiben,
das  letztere  aber,  als  dessen  Grundlagen,  in  hohem  Grade  beeinflussen.
Wenn  nun  das  Denken,  das  innerhalb  der  sogenannten  Wertlehre  das
herkömmliche  ist,  auf  keinen  grünen  Zweig  kommen  will,  kann
die  Schuld  daran  nicht  bei  jenen  Grundlagen  dieses  herkömmlichen
Denkens  liegen  ?  *)
Diesem  Fingerzeige  wird  die  vorliegende  Untersuchung  folgen.
Sie  wird  sich  in  erster  Linie  mit  den  Gedanken  beschäftigen,  die  auf
das  fragliche  Gebiet  Bezug  nehmen  und  dabei  dem  herkömmlichen
Denken  in  Selbstverständlichkeit  aneignen.  Das  sind  jene  Gedanken,
deren  Inhalt  das  herkömmliche  Denken  unentäußerlich  in  sich  schließt,

l )  Das  Denken,  das  mit  dem  Forschen  im  Bereiche  der  sogenannten  Wertlehre  rege
ist,  wird  viele  Gedanken  unter  sich  ruhen,  viele  seiner  Voraussetzungen  unerörtert  lassen,
die  nicht  so  sehr  seine,  als  die  Grundlage  jeglichen  Denkens  vorstellen.  Mit  diesen
Dingen  hat  es  die  folgende  Untersuchung  auch  nicht  im  entferntesten  zu  tun.  Sie  will
nicht  etwa  die  Grundlagen  des  Denkens  aufdecken;  das  wären  Angelegenheiten  der
Wissenschaft,  Fragen  der  Wissenschaftslehre.  Hier  fallen  nur  die  Grundlagen  in  Betracht,
auf  denen  sich  ein  bestimmtes  Denken  als  solches  aufbaut,  das  mit  dem  erwähnten
Forschen  rege  ist.  Darüber  aber  läßt  sich  durchaus  im  Rahmen  unserer  Wissenschaft
verhandeln,  als  über  eine  häusliche  Angelegenheit  der  letzteren.
        <pb n="48" />
        Abschnitt  I.

19

mag  es  sich  nun  innerhalb  jenes  Gebietes  betätigen,  oder  auch  bei
Erörterungen  über  dieses  Gebiet  am  Werke  sein 1 ).  Gerade  deshalb
aber  bleibt  der  Inhalt  dieser  Gedanken  für  sich  selber  außer  jeder  Erörterung. ­
  Im  Geiste  der  herkömmlichen  Anschauung  wird  eben  dauernd
mit  diesen  Gedanken,  niemals  über  sie  gedacht.  Es  sind  dies  aber
die  vier  Gedanken:
1.  Daß  man  mit  dem  Ausdrucke  „Wertlehre“  —  ebenso  aber  auch
mit  gleichsinnigen,  nur  weniger  gebräuchlichen  Ausdrücken  „Wertdoktrin“, ­
  „Werttheorie“  usw.  —  ein  selbständiges,  also  für  sich
bestimmtes  Gebiet  nationalökonomischer  Forschung  zur  Sprache
bringt.
2.  Daß  jenes  Gebiet,  als  solches,  durch  etwas  bestimmt  erscheint,
was  ihm  gegenüber  seinen  Gegenstand  vorstellt.
3-  Daß  sich  die  Bestimmtheit  jenes  Gebietes  derart  auf  seinen
Gegenstand  zurückführen  läßt,  daß  es  von  diesem  seine  Einheit  herleitet ­
  2 ).
4-  Daß  der  Gegenstand,  der  jenes  Gebiet  bestimmt,  indem  er  es
vereinheitlicht,  durch  das  Aussprechen  des  Wortes  „Wert“  namhaft
gemacht  wird.
Neues  kann  man  naturgemäß  mit  diesen  Gedanken  in  keiner  Weise
erfahren;  das  Überraschende  liegt  vielmehr  einzig  und  allein  in  ihrer
Aussprache.  Denn  als  Gedanken,  deren  Inhalt  in  vollbürtigem  Sinne
als  selbstverständlich  gilt  und  die  mit  dem  herkömmlichen  Denken
aufs  innigste  verwachsen  sind,  erfahren  sie  sonst  eben  gar  keine  eigentliche ­
  Aussprache.  Gerade  nur  in  dem  Namen  des  Gebietes,  auf  das
sich  diese  vier  Gedanken  gemeinsam  beziehen,  gelangen  sie  zu  einer
ebenso  flüchtigen  als  bündigen  Äußerung.  Dieser  Name  tritt,  wie
erwähnt,  in  mehreren  Spielarten  auf:  „Wertlehre“,  „Wertdoktrin“,
„Werttheorie“  usw.  Der  Wechsel  im  Ausdrucke  ist  dabei  ganz  ohne
‘)  In  unserer  Wissenschaft  wird  das  fragliche  Gebiet  in  einer  mannigfachen  Weise
erörtert.  Man  diskutiert  seine  Aufgaben,  man  erwägt  die  Stellung,  die  es  gegenüber
anderen  Gebieten  unserer  Wissenschaft  einnimmt,  man  erläutert  seine  geschichtliche  Entwicklung, ­
  man  klagt  schließlich  über  seinen  trübseligen  Zustand  und  verknüpft  noch  mit
ihm  jene  unverwüstlichen  Hoffnungen,  die  unter  dem  vielen  Seltsamen  hier  wohl  das
Seltsamste  sind.  Aber  bei  allen  diesen  Erörterungen  bleiben  die  Gedanken,  welche  das
Denken  in  der  „Wertlehre“  unter  sich  ruhen  läßt,  nicht  allein  außer  Spiel,  es  bauen  sich
vielmehr  alle  diese  Erörterungen  auf  genau  den  gleichen  Voraussetzungen  auf,  wie  jenes
Denken.  Dafür  wird  schon  die  unbefangene  Verwendung  des  Namens  jenes  Gebietes
(„Wertlehre“,  „Wertdoktrin“,  usw.)  zum  Kronzeugen,  in  einem  bald  aufzuhellenden  Sinne.
2)  Einheit  ist  hier  nicht  etwa  im  Sinne  der  üngeteiltheit  oder  gar  Unteilbarkeit
dieses  Gebietes  zu  verstehen,  sondern  im  Sinne  des,  über  Zeit  und  Personen  hinüber  ver
knüpften  Zusammenhanges  zwischen  allen  seinen  Bestandteilen.
        <pb n="49" />
        20

,Der  Wertgedanke",

Belang.  Aber  man  könnte  nicht  in  voller  Unbefangenheit  von  einer
„Lehre,  Doktrin,  Theorie  usw.  des  Wertes“  sprechen  (dabei  immer  ein
und  dasselbe  meinend),  ohne  nicht  im  stillen  auf  den  Komplex  jener
vier  Gedanken  Berufung  einzulegen.  Sobald  aber,  wie  es  hier  geschieht, ­
  diese  vier  Gedanken  in  der  bestimmten  Absicht  zur  wörtlichen
Aussprache  kommen,  um  über  sie  zu  erörtern,  sobald  sie  also,  im
Dienste  der  Kritik,  ihrer  Selbstverständlichkeit  entkleidet  werden,  dann
wird  jene  stillschweigende  Berufung  natürlich  hinfällig.  Dann  ist  es  auch
mit  der  Unbefangenheit  in  der  Verwendung  jener  Ausdrücke  vorbei.
Das  ist  der  Grund,  weshalb  ich  vom  Standpunkte  dieser  Untersuchung
aus  immer  nur  von  der  „sogenannten  Wertlehre“  sprechen  darf,  und
ebenso  nur  von  der  „sogenannten  Wertdoktrin“  usw.  sprechen  dürfte  J ).

’)  Dieser  unvermeidliche  Gegensatz  in  der  Art  und  Weise  des  Sprechens  wird  zu
einem  Hinweise  darauf,  wie  uns  das  Streben  nach  der  Selbstbesinnung  dieses  Forschen»
dazu  zwingt,  aus  dem  Rahmen  der  herkömmlichen  Anschauung  herauszutreten.  Es  ist
damit  schon  geschehen,  daß  wir  jene  vier  Gedanken,  für  die  sonst  nur  vereinzelte  Worte
einstehen,  zur  eigentlichen  Aussprache  gebracht  haben.  Es  wird  in  verstärktem  Maße
geschehen,  indem  wir  nunmehr  an  die  Erörterung  jener  Gedanken  schreiten.  Unsere
Untersuchung  bewegt  sich  von  da  an  gleichsam  in  den  Souterrains  des  herkömmlichen
Denkens.
Wenn  aber  im  Geiste  einer  Anschauung,  die  für  eine  ganze  Wissenschaft  als  die
herkömmliche  gelten  darf,  gewisse  Dinge  als  selbstverständlich  betrachtet  und  behandelt
werden,  ist  diesen  Dingen  gegenüber  überhaupt  noch  eine  Erörterung  zulässig?
Es  kann  einen  ganz  verschiedenen  Grund  haben,  weshalb  wir  von  irgend  etwas
dafürhalten,  daß  es  sich  von  selbst  verstünde.  Entweder  haben  wir  darüber  ein  für
allemal  ausgedacht,  oder  wir  haben  es  bisher  unterlassen,  darüber  zu  denken.  Das  will
etwas  ganz  Verschiedenes  besagen,  und  läuft  in  der  Wirkung  doch  auf  ein  und  dasselbe
hinaus.  Denn  in  beiden  Fällen  bleibt  das  Betreffende  außer  jeglicher  Erörterung;  wir
denken  mit  ihm,  ohne  doch  über  es  zu  denken.  Dort  könnten  wir  von  einem  festen
Niederschlag  des  Evidenten  sprechen,  den  das  eigentliche,  das  bewegliche,  flüssige
Denken  ausgeschieden  hat;  hier  aber  von  einem  festen  Bodensätze  des  unbesehen
Hingenommenen,  von  dem  wir  nicht  wissen,  ob  er  wirklich  unlösbar  sei,  oderseiner
Auflösung  in  dem  eigentlichen  Denken  bisher  nur  entgangen  ist.
Nichts  aber  als  ein  solcher  Bodensatz  von  unbesehen  Hingenommenem  ist  nun  aufgerührt, ­
  indem  jene  vier  Gedanken  zu  ihrer  Aussprache  gekommen  sind.  Denn  über  sie
ist  eben  keineswegs  ein  für  allemal  ausgedacht,  es  ist  bisher  nur  unterlassen  worden,
über  sie  zu  denken.  Da  müßte  es  sich  erst  zeigen,  ob  dieser  Bodensatz,  gleich  einem
ausgeschiedenen  Niederschlag,  als  etwas  fernerhin  Unlösliches  von  dem  eigentlichen,  dem
flüssigen  Denken  sich  scheidet.  Das  will  sagen,  ob  wir  in  jenen  Gedanken  letzten  Wahrheiten ­
  gegenüberstehen,  die  nicht  bloß  alle  Erörterung  überflüssig  machen,  die  erst  gar
keine  Erörterung  mehr  zulassen  —  ob  es  sich  also  bei  ihnen  um  Dinge  handelt,  die  wir
für  wahr  halten  müßten,  um  überhaupt  denken  zu  können.
In  Wahrheit  ist  es  aber  ganz  anders  um  jene  vier  Gedanken  bestellt.  Geschweige,
daß  sie  jede  weitere  Erörterung  ausschließen,  werden  sie  sich  einer  solchen  dringend
bedürftig  zeigen.
        <pb n="50" />
        Abschnitt  I.

21

Wer  im  Geiste  der  herkömmlichen  Anschauung  denkt,  wer  also  jene
vier  Gedanken  als  selbstverständliche  ansieht,  mit  ihnen  denkt,  ohne
doch  über  sie  zu  denken,  dem  muß  gerade  deshalb  die  Einsicht  notwendig ­
  verschlossen  bleiben,  daß  die  Gültigkeit  dieser  seiner  Denkungsweise
  von  einer  Voraussetzung  abhängig  ist.  Indem  er  so
denkt,  nimmt  er  also  unbewußt  diese  Voraussetzung  als  vorhanden,
ihren  Inhalt  daher  als  wahr  an.
Nachdem  einmal  diese  vier  Gedanken  zur  Aussprache  gekommen
sind,  steht  nun  auch  der  Weg  zu  jener  Voraussetzung  offen.  Es  bedarf
nur  einer  einfachen  logischen  Verknüpfung  dieser  vier  Gedanken  unter
sich.  Die  Gedankenbewegung,  die  in  dem  Sinne  an  vier  Punkten  vorzeitig ­
  innehält,  daß  jene  Gedanken  schon  für  sich  als  selbstverständlich
angesehen  werden,  wird  dadurch  über  diese  Punkte  hinausgeführt.  Wir
erfahren  dann,  was  in  dieser  Hinsicht  das  Denken,  wie  es  im  Geiste
der  herkömmlichen  Anschauung  geübt  wird,  in  letzter  Linie  in  sich
es  etwas  tun  würde,  was  ihm  durch  jene
allerdings  wesentlich  verwehrt  bleibt:  Sich
folgerichtig  durchdenkenl
Diese  Unterlassungssünde  des  herkömmlichen  Denkens,  die  von
ihm  nicht  zufällig  begangen  wird,  die  ihm  aus  dem  erwähnten  Grunde
im  Wesen  liegt,  suchen  wir  nun  gutzumachen.  Wir  verknüpfen  also
jene  vier  Gedanken  nach  ihren  logischen  Voraussetzungen.
Um  ein  Gebiet  wissenschaftlichen  Forschens  als  ein  für  sich  bestimmtes ­
  anzusehen,  muß  etwas  da  sein,  was  dieses  Gebiet  als  solches
bestimmt.  Gilt  aber  diese  Bestimmtheit  für  selbstverständlich,  dann
setzt  dies  voraus,  daß  jenes  Bestimmende,  das  notwendig  vorhanden
sein  muß,  es  auch  ohne  jedes  Hinzutun  seitens  der  Wissenschaft
sei.  Denn  jegliches  Hinzutun  für  dieses  Bestimmende  würde  einer
Begründung  der  Bestimmtheit  jenes  Gebietes  gleichkommen.  Das  aber
stünde  offenbar  in  Widerspruch  damit,  wenn  die  Bestimmtheit  jenes
Gebietes  als  etwas  Selbstverständliches  angesehen  wird.
Ist  nun  im  besonderen  dieses  Bestimmende  als  der  Gegenstand
jenes  Gebietes  gedacht,  dann  dürfte  es  kein  Gegenstand  sein,  den  sich
die  Wissenschaft  selber  setzt.  Denn  auf  diese  Setzung  hin  ließe
sich  wieder  die  Bestimmtheit  jenes  Gebietes,  im  Widerspruche  zu  der
Letzteren  Selbstverständlichkeit,  begründend  zurückführen.  Es  muß  also
ein  Gegenstand  sein,  der  irgendwie  der  Wissenschaft  schlechthin  vorgesetzt ­
  erscheint.
Soll  aber  ein  Gebiet  dadurch  bestimmt  sein,  daß  es  von  dem  Bestimmenden ­
  seine  Einheit  herleitet,  dann  muß  vorher  schon  dieses  Bestimmende, ­
  als  Bestimmendes,  Eines  vorstellen.  Wenn  es  im  be5&amp;gt;cnneßen ­

  müßte,  sobald
Selbstverständlichkeiten
        <pb n="51" />
        22

„Der  Wertgedanke“,

sonderen  in  der  Eigenschaft  des  Gegenstandes  bestimmend  ist,  dann
mag  es  seiner  eigenen  Natur  nach  zwar  immer  noch  Eines  oder  auch
Mehreres  sein:  Als  das  zu  Erledigende,  als  Gegenstand  muß  es  Eines
vorstellen;  für  jedermann  das  nämliche  Einerlei,  oder  auch  das  nämliche ­
  Vielerlei.  Wird  es  aber  als  selbstverständlich  angesehen,  daß  ein
Gebiet  durch  seinen  Gegenstand  bestimmt  erscheint,  indem  dieser  es
vereinheitlicht,  dann  setzt  dies  voraus,  daß  auch  die  Einheit  des  Bestimmenden ­
  ohne  Hinzutun  der  Wissenschaft  vorhanden  sei.  Denn
jegliches  Hinzutun  dafür  würde  eine  Begründung  der  mit  seiner  Einheit
gegebenen  Bestimmtheit  jenes  Gebietes  darstellen,  der  letzteren  Selbstverständlichkeit ­
  also  widersprechen.  Das  Bestimmende,  der  Gegenstand, ­
  muß  daher  schon  nach  dieser  Sonderheit  —  als  solcher  für
jedermann  der  nämliche  und  selbe  zu  sein  —  vorgesetzt  erscheinen.
Ein  Gleiches  gilt  schließlich  auch  von  der  sprachlichen  Vertretung
desjenigen,  das  in  der  Eigenschaft  des  Gegenstandes  bestimmend  für
jenes  Gebiet  wirkt.  Wenn  es  für  selbstverständlich  gilt,  diesen  bestimmenden ­
  Gegenstand  namhaft  zu  machen,  indem  man  das  Wort
„Wert“  ausspricht,  dann  muß  auch  dieser  Tatbestand  ohne  Hinzutun ­
  der  Wissenschaft  vorliegen.  Denn  wie  beim  Gegenstände  die
Setzung,  so  würde  hier  die  Nennung  der  Selbstverständlichkeit  widerstreiten, ­
  mit  der  man  auch  diesen  Tatbestand  vorhanden  sieht.  Es  muß
daher  jener  Gegenstand  gleich  unter  dem  Sprachzeichen  „Wert“  vorgesetzt ­
  sein.
Machen  wir  nun  den  Überschlag.  Wir  erkennen,  daß  sich  jene  vier
Gedanken  nach  ein  und  derselben,  also  gemeinsamen  und  dabei
unentratbaren  Voraussetzung  logisch  verknüpfen  lassen.  Wer  also
im  Geiste  der  herkömmlichen  Anschauung  irgendwie  für  das  Gebiet
oder  auch  über  das  Gebiet  der  sogenannten  Wertlehre  denkt,  der
nimmt  dabei,  ohne  sich  dessen  bewußt  zu  werden,  als
schlechthin  wahr  den  Inhalt  des  Gedankens  an:
Es  sei  der  Wissenschaft  unter  dem  Sprachzeichen
„Wert“  ein  Gegenstand  vorgesetzt,  der  als  der  Eine,
für  jedermann  nämliche  und  selbe  seiner  Erledigung ­
  harrt.
In  kürzester  Fassung:
Es  sei  der  Wissenschaft  unter  „Wert“  ein  Singularobjekt ­
  vorgesetzt.
Im  Wesen  dieses  Gedankens  ist  es  belegen,  daß  ihn  niemand
denken  kann,  der  im  Banne  der  herkömmlichen  Anschauung  steht.
Denn  es  schließt  das  herkömmliche  Denken  schon  mit  jenen  vier  Gedanken ­
  ab,  die  ihm  in  Selbstverständlichkeit  zueignen;  man  könnte
        <pb n="52" />
        Abschnitt  1.

23

ebensogut  sagen,  es  fängt  dort  erst  seine  Bewegung  an.  Dieser
Gedanke  aber  liegt  im  Jenseits  jener  Selbstverständlichkeiten,  als
ihre  gemeinsame,  unentratbare  Voraussetzung;  er  bleibt  daher  dem
herkömmlichen  Denken  im  Wesen  unzugänglich.
Nun,  da  er  ein  erstes  Mal  zur  Aussprache  gekommen,  kann  dieser
Gedanke  einen  zweifachen  und  dabei  ganz  verschiedenen  Eindruck
wachrufen.  Es  ist  einmal  schon  möglich,  daß  in  diesem  Gedanken
wieder  nur  ein  überaus  platter  Gemeinplatz  ersehen  wird;  etwas,  was
sich  doch  ganz  und  gar  von  selber  verstünde.  Darin  läge  nun  für  den
Standpunkt  dieser  Untersuchung  offenbar  kein  Vorwurf;  und  es  würde
dies  einfach  besagen,  daß  die  herkömmliche  Anschauung  nicht  damit
schon  an  sich  selber  irre  wird,  sobald  man  ihr  gleichsam  einen
Spiegel  vorhält,  sie  in  ihren  eigenen  Folgerungen  sich  beschauen  laßt.
Es  ist  aber  auch  der  Gegenfall  möglich:  Die  herkömmliche  Anschauung ­
  könnte  in  der  Tat  unter  den  vorliegenden  Verhältnissen  an
sich  selber  irre  werden.  Denn  jene  vier  Gedanken,  aus  denen  ich  den
fraglichen  gefolgert  habe,  gelten  ja  nicht  mit  der  vollen  Befugnis  letzter
Wahrheiten  für  selbstverständlich;  vielmehr  nur  in  dem  fadenscheinigen
Sinne,  daß  sie  unbesehen  hingenommen  werden.  Sie  sind  nur
im  Sinne  eines  bisher  unerschütterten  Glaubens  von  der  herkömmlichen ­
  Anschauung  getragen.  Die  letztere  aber  könnte  jetzt  nur  zu
leicht  —  auf  plötzlich  auftauchende  Selbstzweifel  hin  —  sich  in  zwölfter
Stunde  umbilden  wollen.  Indem  sie  sich  damit  selber  verleugnet,  verleugnete
  sie  auch  die  Folgerungen,  die  ihrer  bisherigen  Gestalt  gemäß
sind.  Und  unsere  Untersuchung  könnte  dann  zum  mindesten  dem  Vorwurf ­
  begegnen,  daß  sie  offene  Türen  einrenne;  daß  sie  Dinge  erst
umständlich  zu  kritisieren  sich  anschicke,  an  die  ohnehin  niemand
glaube.
Ich  trete  deshalb  unverweilt  den  Beweis  für  diesen  Gedanken  an.
Es  soll  aber  nicht  etwa  bewiesen  werden,  daß  er  von  wahrem  Inhalte,
für  sich  ein  richtiger  sei;  seine  eigene  Gültigkeit  bleibt  vielmehr  noch
gänzlich  dahingestellt.  Für  den  Augenblick  ist  nur  der  Nachweis  zu
führen,  daß  ein  Gedanke  dieses,  und  gen%u  dieses  Inhaltes  in  der  Tat
die  Rolle  spiele,  die  ich  dem  fraglichen  Gedanken  zugesprochen  habe:
als  unentratbare  Voraussetzung  für  Gedanken,  welche  dem  herkömmlichen ­
  Denken  über  die  „Wertlehre“  für  selbstverständlich  gelten,
eine  verborgene  Grundlage  dieses  herkömmlichen  Denkens  zu
sein.  Ob  er  für  sich  selber  nun  wahr  oder  falsch  sei:  in  dieser
Hinsicht  wenigstens  erweist  sich  dieser  Gedanke  von  tatsächlichem
Charakter  und  ist  kein  bloßes  Hirngespinst  und  nicht  aus  der  Luft
gegriffen.  Und  dafür  ist  nun  der  Beweis  zu  erbringen.
        <pb n="53" />
        24

„Der  Wertgedanke“,

II.
Den  fraglichen  Gedanken  kann  zwar  tatsächlich  niemand  hegen,
der  nach  herkömmlicher  Art  und  Weise  denkt.  Aber  es  ist  dieser  Gedanke ­
  doch  schon  in  jenen  vier  anderen  logisch  mitenthalten,  die  als
selbstverständliche  angesehen  werden.  Als  solche  sind  die  letzteren  dem
herkömmlichen  Denken  so  innig  verwachsen,  daß  sich  ihnen  das  herkömmliche ­
  Gebaren  innerhalb  der  sogenannten  Wertlehre  völlig  angepaßt
haben  muß.  Nun  darf  aber  dieses  herkömmliche  Gebaren  dann  auch
jenem  fraglichen  Gedanken  nicht  widersprechen.  Da  ergibt  sich  nun
die  Probe  darauf,  ob  der  letztere  aus  richtig  Erfaßtem  richtig  gefolgert
worden  ist:  Es  muß  der  Nachweis  gelingen,  daß  innerhalb  der  sogenannten ­
  Wertlehre  ganz  allgemein  so  vorgegangen  würde,  als  ob  auch
dieser  Gedanke  für  selbstverständlich  gälte.
Dafür  kann  gelegentlich  schon  die  Verwendungsweise  des  Ausdruckes ­
  „Wert“  zu  einem  unmittelbaren  Beweis  werden.  Gewisse  Bestandteile ­
  der  sogenannten  Wertlehre,  vom  Charakter  einzelner  Aussagen, ­
  bieten  hierzu  die  Gelegenheit.  Wir  sehen  jenen  Ausdruck  in  ein
Satzgefüge  hinein  verflochten;  wir  fragen,  unter  welcher  Bedingung
allein  diesem  Satze  ein  verständiger  Sinn  innewohnen  kann:  und  wir
finden,  daß  es  nur  unter  der  Bedingung  zutrifft,  sobald  bei  der  Verwendung ­
  des  Ausdruckes  „Wert“  jener  fragliche  Gedanke  als  eine  stille
Voraussetzung  unterliegt.
Dabei  muten  wir  dem  betreffenden  Aussagesubjekte  keineswegs
zu,  daß  es  tatsächlich  der  Verwendung  des  Ausdruckes  „Wert“  den
fraglichen  Gedanken  zugrunde  lege.  Gerade  deshalb,  weil  das  herkömmliche ­
  Denken  in  jenen  vier  Selbstverständlichkeiten  befangen  ist,  kann
dieser  Ausdruck  ganz  unbefangen  —  ohne  daß  man  sich  nämlich
die  mindeste  Rechenschaft  darüber  ablegen  würde  —  so  verwendet  und
auch  so  aufgenommen  werden,  daß  seiner  Verwendung  jener  fragliche
Gedanke  als  eine  scheinbar  stillschweigende,  in  Wahrheit  unbewußte
Voraussetzung  unterliegt,  1$  dieses  eigentümliche  Verhältnis  erlangt
man  natürlich  erst  dann  einen  Einblick,  sobald  man  jene  Befangenheit
abgestreift  hat;  so,  wie  es  vom  Standpunkte  dieser  Untersuchung  aus
geschieht.  Dann  ist  man  eben  nicht  mehr  in  der  Lage,  die  Verwendungen ­
  des  Ausdrucks  „Wert“  in  vollster  Unbefangenheit  hinzunehmen.
Man  muß  dann  erst  nach  der  Bedingung  aussehen,  unter  welcher  einem
Satzgefüge,  das  jenen  Ausdruck  verwendet,  erst  ein  verständiger  Sinn
innewohnt;  und  man  findet  dann  gelegentlich  die  erwähnte  Bedingung.
Die  Fälle,  bei  denen  der  Ausdruck  „Wert“  so  verwendet  erscheint,
        <pb n="54" />
        Abschnitt  II.

25
daß  seine  Verwendung  in  der  erwähnten  Weise  unmittelbar  beweiskräftig ­
  ist,  sind  recht  häufig,  aber  weitaus  nicht  die  überwiegenden.  In
den  überwiegenden  Fällen  verknüpft  sich  mit  dem  Ausdrucke  „Wert“
eine  materielle  Aussage,  in  bezug  auf  das  von  ihm  vertretene
Objekt  und  vom  Standpunkte  des  Aussagesubjektes  aus  getan  ').  Einer
solchen  Aussage,  nimmt  man  sie  für  sich  allein,  würde  nun  offenbar
auch  dann  ein  verständiger  Sinn  innewohnen,  sobald  es  den  Anschauungen ­
  des  betreffenden  Aussagesubjektes  gemäß  wäre,  unter  dem  Ausdrucke ­
  „Wert“  irgend  etwasBeliebiges  erledigen  zu  wollen,  was
sonst  niemand  unter  diesem  Ausdrucke  zu  erledigen  pflegt.  Diese
Zumutung  widerspricht  freilich  den  tatsächlichen  Verhältnissen.  Wir
lernen  es  noch  kennen,  wie  sich  auch  die  Aussagen  dieser  Art,  in  ihrer
Gesamtheit,  einem  mittelbaren  aber  höchst  schlagenden  Beweis  dafür
einschmiegen,  daß  in  der  „Wertlehre“  ganz  allgemein  so  vorgegangen
wird,  als  handelte  es  sich  wirklich  stets  um  den  Einen,  für  jedermann
um  den  nämlichen  Gegenstand,  der  Wissenschaft  unter  dem  Sprachzeichen
  „Wert“  zur  Erledigung  vorgesetzt.  Danach  müssen  wir  also
auch  den  Aussagen  dieser  Art  den  fraglichen  Gedanken  unterlegt  denken.
Immerhin,  greifen  wir  eine  solche  Aussage  heraus,  so  würde  sie,  auf
sich  selber  gestellt,  nicht  im  geringsten  beweisend  dafür  sein,  daß
jener  fragliche  Gedanke  richtig  erfaßt  worden  ist,  als  ein  unentratbarer,
aber  gleichsam  verborgener  Bestandteil  des  herkömmlichen  Denkens.
In  diesen  Fällen  seiner  Verwendung  steht  der  Ausdruck  „Wert“
für  etwas  ein,  das  auf  dem  Wege  einer  materiellen  Aussage  bereits
wirklich  erledigt  wird.  Man  könnte  sagen,  er  erscheint  in  der
Aussageform.  In  anderen  Fällen  aber  erscheint  der  Ausdruck  „Wert
—  innerhalb  der  sogenannten  Wertlehre  —  so  verwendet,  daß  er  nachweisbar ­
  für  etwas  erst  zu  Erledigendes  einsteht,  gleichsam  für  einen
abstrakt  genommenen  Gegenstand.  Sagen  wir,  er  steht  dann
in  der  Objektform.  Die  Aussagen  aber,  innerhalb  deren  er  in  Objektform ­
  erscheint,  erweisen  sich  für  unsere  Zwecke  unmittelbar  beweiskräftig. ­
  Denn  es  wohnt  ihnen  einsehbar  nur  dann  ein  verständiger ­
  Sinn  inne,  sobald  der  vom  Ausdrucke  „Wert“  vertretene
Gegenstand  als  der  Eine,  für  jedermann  näm  1  iche  gedacht  wird,
der  in  voller  Ursprünglichkeit  seiner  wissenschaftlichen  Erledigung  harrt.
Nicht  das  Aussagesubjekt  selber  denkt  so;  aber  seine  Befangenheit  im
herkömmlichen  Denken  führt  das  Aussagesubjekt  unbewußt  zu  einem

)  Es  trifft  dies  nicht  etwa  bloß  für  jene  Aussagen  zu,  die  man  herkömmlich  „Wertdefinitionen ­
  zu  nennen  pflegt;  auch  für  alle  Aussagen,  die  solche  „Wertdefinitionen“
bald  Torbereiten,  bald  wieder  erläutern  oder  auch  sachlich  fortsetzen.
        <pb n="55" />
        26

,Der  Wertgedanke“,

Vorgehen,  als  ob  es  so  denken  würde;  zu  einem  Vorgehen,  das  bei
wahrhaft  unbefangenem  Betrachten  nur  dann  verständlich  erscheint,  sobald ­
  man  ihm  jene  Voraussetzung  unterschiebt 1 ).
Es  ist  nach  zweierlei  Unterfällen  möglich,  von  einer  wissenschaftlichen ­
  Aussage  zu  behaupten,  daß  sie  den  Ausdruck  „Wert“  in  jener
beweiskräftigen  Objektform  in  sich  schließe.  Entweder  kann  man  sich
dafür  auf  die  Stellung  berufen,  die  die  betreffende  Aussage  in  dem
ganzen  Systeme  von  Aussagen  einnimmt,  das  sich  auf  ein  und  dasselbe
Aussagesubjekt  zurückführen  läßt.  Oder  es  geht  jener  verborgene,
theoretisch  unterschiebbare  Sinn  schon  aus  dem  offenliegenden  Sinn  der
Aussage  ganz  von  selber  hervor.  Um  ihn  herauszuhören,  dazu  bedarf
es  nur  des  Freiseins  von  der  Befangenheit  des  herkömmlichen  Denkens.
In  der  ersteren  Hinsicht  lassen  sich  jene  Aussagen  geltend  machen,
mit  denen  man  die  sogenannten  Werttheorien  einzuleiten  pflegt,  die
regelrechten  Beiträge  des  einzelnen  Theoretikers  zur  „Wertlehre“.  Da
wird  —  und  zunächst  eben  nicht  im  Sinne  der  Erledigung  —  von  „dem
Werte“  wie  von  etwas  jedermann  Bekanntem  gesprochen,  obwohl  noch
in  keiner  Weise  gesagt  wurde,  was  man  sich  denn  eigentlich  unter
diesem  Ausdrucke  zu  denken  habe.  Das  betreffende  Aussagesubjekt
könnte  es  unter  keinen  Umständen  für  genügend  erachten,  für  etwas,
was  doch  offenbar  erst  zu  erledigen  ist,  einfach  den  Ausdruck  „Wert“
zu  setzen,  von  ihm  schlankweg  als  von  „dem  Werte“  zu  reden,  wäre
in  ihm  auch  nur  der  leiseste  Zweifel  rege,  ob  sich  auf  den  Ausdruck
„Wert“  hin  auch  jeder  andere  vor  eben  und  genau  denselben  Gegenstand ­
  gestellt  sieht,  an  den  es  in  diesem  Augenblicke  selber  denkt.
*)  Wie  sehr  es  dem  Geiste  der  herkömmlichen  und  damit  allgemeinen  Anschauung
gemäß  ist,  den  Ausdruck  „Wert“  in  jener  bezeichnenden  Objektform  zu  gebrauchen,  davon
kann  sich  jedermann  leicht  überzeugen.  Es  genügt,  nach  den  Gedanken  zu  greifen,  die
sich  etwa  beim  Lesen  dieser  Ausführungen  einstellen  mögen.
So  dürfte  leicht  jemand,  der  auf  eine  eigene  oder  fremde  „Werttheorie“  eingeschworen ­
  ist,  den  trotzigen  Hintergedanken  festhalten:  „Die  Wahrheit  über  den  Wert
liegt  eben  doch  bei  meiner  Theorie  1“  Wer  aber  mit  den  hier  verhandelten  Dingen
weniger  vertraut  ist,  dem  liegt  vielleicht  dauernd  die  Frage  nahe:  „Was  ist  denn  eigentlich
nun  der  Wert?“  Und  endlich  könnte  mir  jedermann  den  Einwurf  machen  wollen:  „Irgend
etwas  muß  der  Wert  doch  sein!“
Ich  habe  an  dieser  Stelle  weder  jener  Behauptung  entgegenzutreten,  noch  jene  Frage
zu  beantworten,  noch  endlich  diesem  Einwurfe  Rede  zu  stehen.  Aber  mit  allem  Nachdrucke ­
  weise  ich  darauf  hin,  daß  es  gar  keinen  Sinn  hätte,  den  Ausdruck  „Wert“  in
solcher  Weise  in  diesen  drei  Satzgefügen  zu  verwenden,  würde  man  dabei  nicht  im
stillen  voraussetzen,  es  sei  das  unter  „Wert“  zu  Erledigende  als  der  Eine  und  nämliche
Gegenstand  der  Wissenschaft  vorgesetzt  1  Man  kann  es  gerade  solchen  ungezwungenen
Redeweisen  am  besten  nachfühlen,  wie  sehr  jener  Gedanke  inhaltlich  unseren  Anschauungen
in  Fleisch  und  Blut  übergegangen  ist.
        <pb n="56" />
        Abschnitt  II.

27

Wir  wissen  es,  bei  der  Befangenheit  im  herkömmlichen  Denken  kann
dieser  Zweifel  gar  nicht  aufkommen.  Und  so  guckt  wirklich  an  solchen
Stellen  der  verborgene  Bestandteil  des  herkömmlichen  Denkens  hervor.
Diese  Stellen  enthalten  eben  nur  unter  der  Bedingung  einen  verständigen ­
  Sinn,  daß  man  der  Wissenschaft  in  der  Tat  unter  dem  Sprachzeichen
  „Wert“  ein  Singularobjekt  vorgesetzt  vermeint
In  dieser  Hinsicht  nun  einige  Beispiele:
„Der  Wert  zeigt  die  Herrschaft  des  Geistes  auch  im  äußeren  Güterleben. ­
  —“  (Schäffle,  Gesellschaft!.  System,  I.  S.  33.)
„Offenbar  liegt  dem  Wert  ein  Verhältnis  zwischen  einem  Objekte  und
den  Bedürfnissen,  Neigungen  usw.  des  Menschen,  kurz  etwa  seinen  „Begehrungen“ ­
  zugrunde.  —  Zur  Erkenntnis  der  Natur  dieses  Verhältnisses  und
daraufhin  zum  Begriffe  des  Wertes  gelangt  man  leicht  durch  eine  Auseinanderlegung ­
  der  notwendigen  Stadien  einer  Gedankenreihe,  welche  zum
Wert  führt.“
(Jul.  Wolf,  Zur  Lehre  vom  W.  Tübgr.  Z.  42.  1886,  S.  416.)
„Unter  den  elementaren  Erscheinungen  der  Wirtschaft  nimmt  die  des
Wertes  eine  hervorragende  Stelle  ein.  Der  Wert  beherrscht  und  leitet  die
Beziehungen  des  Menschen  zu  der  Mannigfaltigkeit  des  Güterreiches,  und
damit  auch  die  Beziehungen  zwischen  den  Menschen,  welche  auf  dem  Verhältnisse ­
  zur  Güterwelt  beruhen.  Der  Wert  muß  daher  auch  auf  dem  Gebiete ­
  der  kollektivistischen  Wirtschaft  in  maßgebender  Geltung  stehen,  und
es  drängt  sich  die  Frage  auf:  in  welcher  Form  die  Urerscheinung  hier  auftritt.“
  (E.  Sax,  Staatswirtschaft,  S.  249.)
„Über  den  Wert  sind  bereits  praktisch  bewährte  Kenntnisse,  glaubwürdige
Mitteilungen,  uralte  durch  die  Zeiten  gefestigte  Überlieferungen  da.  Wer
wäre  töricht  genug,  sie  zu  verschmähen  ?“
(v.  Wieser,  Ursprung  und  Hauptgesetze  des  w.  W.,  S.  9.)
Bei  diesen  Aussagen  ist  es  die  unbefangene  Sicherheit,  mit  der  sie
an  vorgeschobener  Stelle  auftreten;  das  macht  sie  in  der  fraglichen
Richtung  beweiskräftig.  Bei  den  anderen  Aussagen  aber  ist  es  ihr
eigener  Gehalt.  Man  sieht  es  ihnen  auf  den  ersten  Blick  an,  daß  bei
ihnen  der  Ausdruck  ,  Wert“  ein  zu  Erledigendes  vertritt,  das  sich
allem  Wechsel  und  Wandel  in  seinen  mannigfachen  Erledigungen
als  das  Ständige  entgegensetzen  läßt5  nls  das  über  Zeit  und
Personen  hinweg  verharrende  Eine  —  der  sich  selber  gleichbleibende ­
  Gegenstand,  welcher  dem  Inhalt  des  fraglichen  Gedankens
gemäß  der  Wissenschaft  unter  „Wert“  vorgesetzt  sei.
Von  Aussagen,  die  in  dieser  zweiten  Art  für  den  gesuchten  Beweis
einstehen  können,  nun  einige  Beispiele:
        <pb n="57" />
        28

,Der  Wertgedanke“,

„Wohl  über  keinen  Gegenstand  der  Nationalökonomie  ist  die  Literatur
eine  so  ausgedehnte,  sind  die  Ansichten  so  verschiedene,  als  über  den  Wert.
Aber  von  keiner  jener  Untersuchungen  kann  gesagt  werden,  daß  sie  grundsätzlich ­
  die  Herrschaft  erlangt  habe:  in  unentschiedenem  Streite  stehen  sie
einander  gegenüber,  und  es  verbleibt  für  jeden,  der  über  diesen  grundlegenden
und  wissenschaftlich  noch  immer  problematischen  Begriff  der  Volkswirtschaftslehre ­
  zur  Klarheit  gelangen  will,  vor  allem  die  Aufgabe:  in  einer  notgedrungenen ­
  Auseinandersetzung  mit  den  Vorgängern  zuzusehen,  wie  sich  deren
zum  Teil  so  scharfsinnige  Untersuchungen  in  förderlicher  Weise  verwenden
lassen.“  (O.  Gerlach,  a.  a.  O.  S.  i.)
„Zunächst  löste  man  Schritt  für  Schritt  den  eigentlichen  Wert  von  der
bloßen  Nützlichkeit  ab.  Die  ersten  Versuche  in  dieser  Richtung  waren  allerdings ­
  noch  wenig  glücklich.  So  war  die  Betonung,  daß  der  Wert  immer
in  einem  subjektiven  menschlichen  Urteil  über  die  Nützlichkeit  fußen  müsse
(Storch,  Lotz,  Friedländer  u.  a.)  zwar  ganz  richtig,  aber  noch  nicht
ausreichend,  während  die  von  anderen  (z.  B.  Soden,  Rau,  Knies)  vertretene ­
  Auffassung,  daß  der  Wert  der  Grad  der  Nützlichkeit  sei,  mehr  nur
eine  dialektische  als  eine  sachliche  und  zudem  kaum  eine  zutreffende  Unterscheidung ­
  beider  Begriffe  bedeutete.  —“
(E.  v.  Böhm-Bawerk,  Art.  „Wert“  im  „Handwörterbuch  usw.“
von  Conrad  usw.,  S.  684.)
„Der  Gedanke,  daß  der  Wert  seinem  Wesen  nach  in  der  Beziehung  der
Güter  zu  den  Bedürfnissen  gelegen  sei  und  seiner  Größe  nach  durch  den
Nutzen  bestimmt  werde,  welchen  die  Güter  in  Hinsicht  auf  die  Befriedigung
von  Bedürfnissen  gewähren,  ist  im  Gegensätze  zur  Lehre  der  englischen
Tauschwertschule  schon  von  den  älteren  deutschen  Volkswirten  Jacob,
Soden,  Lotz,  Hufeland  und  Storch,  sowie  von  dem  französischen
Volkswirte  Louis  Say  ausgesprochen  und  weiterhin  von  Rau,  Herman
—  festgehalten  worden.“
(v.  Komorzynski,  D.  Wert  i.  d.  isol.  Wft.  Wien  89,  S.  65.)
„Knies  erkennt  in  dem  Werte,  gleich  wie  viele  seiner  Vorgänger  den
Grad  der  Brauchbarkeit  eines  Gutes  für  menschliche  Zwecke,  eine  Ansicht,
welcher  ich  jedoch  um  dessentwillen  nicht  folgen  kann.  —“
(Menger,  Grundsätze  der  V.  W.  L.,  S.  78,  Anm.)
„Die  Grundzüge,  die  wesentlichen  Leitsätze  der  Lehre  vom  Wert  entstammen ­
  dem  Denken  des  Mittelalters.“
(Dietzel,  Theoretische  Sozialökonomik.  1.  Band,  von  Wagner,
Lehr-  und  Handbuch,  95,  S.  210.)
„Die  bedeutendste  Anregung,  um  das  Wesen  des  Wertes  zu  erfassen,
hat  meines  Erachtens  C.  Menger  gegeben.“
(Zuckerkandel,  Z.  Th.  d.  Preises,  S.  317.)
        <pb n="58" />
        Abschnitt  II.

29

„—  Besonders  auffällig  ist  die  Enge  der  Auffassung  in  der  Lehre  vom
Werte.  Man  hat  nach  der  Ursache,  nach  dem  Ursprünge  des  Wertes  gefragt.
Man  hat  darauf  die  Antwort  gegeben,  der  Wert  entstehe  nur  aus  der  Arbeit,
ja  sogar  aus  einer  besonderen  Art  von  Arbeit.  Es  wurde  behauptet,  die
Arbeit  allein  habe  Wert,  allen  Gütern  komme  die  Qualität  des  Wertes  nur
nach  Maßgabe  des  Quantums  an  Arbeit  zu,  welches  zu  ihrer  Erzeugung  notwendig ­
  gewesen.  Nun  ringt  sich  allmählich  die  Überzeugung  durch,  daß  der
Wert  nicht  nach  dem  Quantum  der  auf  das  Gut  verwendeten  Arbeit  dem
Gute  anhafte  und  es  im  Grunde  für  den  Wert  des  Gutes  gleichgültig  sei,
ob  viel  oder  wenig  Arbeit  dazu  verwendet  worden.“
(v.  Gans-Ludassy,  „Wirtschaftl.  Energie“,  93,  S.  292.)
,,—  Viel  tiefer  gehen  in  die  Wertlehre  die  Sozialisten  ein,  welche
(Proudhon,  Karl  Marx,  Lassalle)  dem  Werte  eine  dominierende  Stellung  für
die  Wissenschaft  anweisen!  —  Die  Ergründung  des  Wertes  ist  sogar  die
dankbarste  Aufgabe  der  Nationalökonomie.“
(Schäffle,  Gesellschaftl.  System  I,  163.)
„Auf  dem  Gebiete  der  wissenschaftlichen  Forschung  über  den  Wert  hat
sich  in  neuester  Zeit  eine  Klärung  der  Ansichten  ergeben,  welche  als  die
Voraussetzung  für  die  endliche  Entschleierung  des  bisher  ungelösten  Rätsels
vom  Werte  anzusehen  ist.“  (v.  Komorzynski,  a.  a.  O.  im  Vorwort.)

„Ich  bin  der  Meinung,  daß  dieses  Rätsel  längst  gelöst,  —  daß  das
Problem  des  Wertes  seine,  zwar  in  Einzelheiten  mangelhafte,  im  großen  und
ganzen  aber  befriedigende  endgültige  und  unangreifbare  Beantwortung  durch
Ricardo  gefunden  hat.“
(Dietzel,  D.  klass.  Werttheorie  usw.  Hild.  Conr.  JB.  90,  S.  562.)

Wie  man  bemerkt,  können  sich  sogar  entschiedene  Widerspruche
in  genau  der  gleichen  Form  bewegen.  Außer  Streit  und  ohne  Widerspruch ­
  dürfte  übrigens  kaum  eine  unter  diesen  Aussagen  geblieben  sein.
Einen  grundsätzlichen  Anstoß  aber  nimmt  niemand  daran.  Nun
erweisen  sich  jedoch  alle  diese  Aussagen  nur  dann  von  Sinn  und  Verstand, ­
  sobald  man  ihnen  den  fraglichen  Gedanken  als  eine  stille  Voraussetzung ­
  unterschiebt.  Jede  einzelne  unter  ihnen  wird  deshalb  zum
Beweis  dafür,  daß  innerhalb  der  sogenannten  Wertlehre  wirklich  im
Einklänge  mit  dem  fraglichen  Gedanken  gedacht  wird,  obzwar  dieser
für  sich  selber  das  Ungedachte  bleibt.
Soweit  der  Beweis  an  der  Hand  ausdrücklicher  Belege.  Die
schlagendste  Beweisführung  aber,  die  sich  hier  eröffnet,  bedarf  gar
keiner  Belege.  Denn  sie  fußt  auf  einer  Tatsache  auf,  die  ohnehin
jedermann  in  die  Augen  springen  muß,  der  auch  nur  den  flüchtigsten
Einblick  in  die  „Wertlehre“  tut.  Dieser  Tatsache  ist  schon  in  der
        <pb n="59" />
        30

„Der  Wertgedanke“,

Einleitung  Erwähnung  geschehen,  mit  dem  Hinweise  auf  ihre  seltsamen
Folgezustände:  Es  betrifft  den  Kampf  aller  gegen  alle,  wie  er
innerhalb  der  „Wertlehre“  vorherrscht;  jenen  dauernden,  und  dauernd
unentschiedenen  Kampf  ums  Alleinsein!
Die  Erledigungen  dessen,  von  dem  man  dafür  hält,  daß  es
unter  „Wert“  zu  erledigen  sei,  sie  erfolgen  nämlich  je  vom  subjektiven ­
  Standpunkte  eines  Theoretikers  aus;  wobei  der  letztere,  sofern
er  einen  selbständigen  Beitrag  zur  „Wertlehre“  liefern  will  —  eine
„Werttheorie“!  —  nach  seiner  Weise  von  vorne  beginnen  muß.
Daneben  halten  aber  alle  diese  Erledigungen  unter  sich  auch  einen
Zusammenhang  im  objektiven  Sinne  aufrecht:  Sie  stellen  sich,  insgesamt, ­
  gegeneinander  in  ausschließenden  Widerspruch.  Jede  von  ihnen
will  unter  allen,  als  ihresgleichen  angesehenen  Erledigungen  den
Anspruch  auf  alleinige  Geltung  erheben,  und  läßt  demnach  von  den
übrigen  nur  soviel  gelten,  als  —  ihren  eigenen  Anschauungen  nach  —
ihr  selber  gemäß  ist.  So  ist,  in  großen  Zügen  das  Wesentliche  festgehalten, ­
  das  Gebaren  beschaffen,  das  innerhalb  der  „Wertlehre“  als
das  herkömmliche  gelten  darf.
Dieser  Tatbestand  liegt  viel  zu  offen,  um  ihn  erst  noch  durch  ausdrückliche ­
  Belege  erhärten  zu  müssen.  Wie  er  jedoch  seine  ganze
Wucht  für  den  gesuchten  Beweis  einsetzt,  wird  sofort  klar,  sobald  wir
uns  auf  das  Verhältnis  besinnen,  das  innerhalb  der  „Wertlehre“  vorwalten ­
  müßte,  wenn  anders  ein  solches  Gebaren  Sinn  und  Verstand
haben  soll.
Nach  solchem  Tatbestand  zu  schließen,  hält  man  im  Geiste  der
herkömmlichen  Anschauung  offenbar  dafür,  daß  alle  Aussagen,  die  sich
auf  irgendeine  Art  mit  dem  Ausdrucke  „Wert“  verknüpfen,  untereinander ­
  von  unmittelbarstem  Bezug  seien.  Danach  kann
also  unter  Anknüpfung  an  den  Ausdruck  „Wert“  in  irgendeiner  bestimmten ­
  Hinsicht  nichts  ausgesagt  werden,  ohne  nicht  damit  schon
allen  abweichenden  Aussagen,  die  unter  derselben  Anknüpfung  und
nach  der  gleichen  Hinsicht  erfolgen,  zu  widersprechen.  Unter  den
ebenerwähnten  Bedingungen  kommt  also  jeder  Unterschied  im
materiellen  Gehalt  verschiedener  Assagen  ohne  weiteres  schon  einem
Widerspruche  gleich.  In  einem  solchen  Verhältnisse  allein  könnte
jenes  herkömmliche  Gebaren  begründet  sein.
Damit  jedoch  ein  bloßer  Unterschied  zwischen  verschiedenen  Aussagen, ­
  die  sich  sonst  in  der  gleichen  Richtung  bewegen,  sofort  einem
Widerspruche  gleichkomme,  müßte  doch  ohne  Zweifel  über  ein  und
dasselbe  ausgesagt  worden  sein.  Denn  über  verschiedene  Dinge
kann  in  genau  derselben  Richtung  abweichend  ausgesagt  werden,  ohne
        <pb n="60" />
        Zusatz  zu  Abschnitt  II.

31
daß  sich  diese  Aussagen  deshalb  widersprechen  würden.  Sie  laufen
dann  einfach  ohne  jeden  Bezug  nebeneinander  her.
Wenn  aber  die  herkömmliche  Anschauung  jene  Aussagen  in  jenem
allseitigen  Bezug  und  Belang  erblickt,  dann  setzt  dies  zwingend
voraus,  daß  dem  Einen  Ausdruck  „Wert“,  dem  sich  alle  jene  Aussagen ­
  verknüpfen,  auch  der  Eine  Gegenstand  entspreche,  jener,
den  alle  jene  Aussagen  gemeinsam  zu  erledigen  suchten.  Weil  aber
das  Sichselbergleichbleiben,  die  ständige  Nämlichkeit  dieses  Gegenstandes ­
  weder  auf  eine  Vereinbarung  sich  zurückführen  läßt,  noch  sonst
zu  eigentlicher  Erörterung  kommt,  so  müßte  sie  —  gleich  dem  Gegenstände ­
  selber  und  seine  sprachliche  Vertretung  durch  den  Ausdruck
„Wert“  —  ohne  Hinzutun  der  Wissenschaft  vorhanden  sein.
Wir  erkennen,  das  herkömmliche  Gebaren  in  der  „Wertlehre  hat
nur  unter  der  Bedingung  Sinn  und  Verstand,  daß  wir  ihm  den  frag
liehen  Gedanken  als  eine  unbewußte  und  deshalb  auch  unerörterte
Voraussetzung  unterlegen.  Damit  ist  aber  nun  der  Beweis  geliefert,
daß  innerhalb  der  „Wertlehre“  wirklich  so  gedacht  und  so  vorgegangen
wird,  als  stünde,  aus  sich  selber  schon,  derGedanke  fest:
Es  sei  der  Wissenschaft  unter  dem  Sprachzeichen  „Wert“  ein  Singularobjekt ­
  vorgesetzt.
So  darf  es  als  verbürgt  gelten,  daß  der  fragliche  Gedanke  richtig
erfaßt  worden  ist;  genauer  gesagt,  daß  er  aus  richtig  Erfaßtem
—  jenen  vier  Selbstverständlichkeiten  —  richtig  gefolgert  wurde.
Zusatz.
Wie  keine  Ausreden  feiner  ersonnen  sind,  als  die,  mit  denen  wir
unser  Handeln  vor  unseren  Selbstvorwürfen  in  Schutz  nehmen,  so  verfällt ­
  auch  unser  Denken  auf  die  geschmeidigsten  Ausflüchte  dann,  wenn
es  durch  seine  Selbstkritik  in  die  Enge  getrieben,  wenn  es  die  Lauterkeit ­
  seiner  Ursprünge,  die  Gültigkeit  seiner  letzten  Voraussetzungen
in  Zweifel  gesetzt  fühlt.
So  mag  sich  meinen  bisherigen  Ausführungen  der  Einwand  dauernd
entgegenstemmen:  „Es  ist  ja  gar  nicht  der  Wert,  vielmehr  der  wirtschaftliche ­
  Wert  jener  Eine,  nämliche  Gegenstand,  jenes  der
Wissenschaft  Vorgesetzte  Singularobjekt,  auf  das  sich  im  besonderen
auch  das  Verhältnis  einer  allseitigen  Relevanz  der  Aussagen  innerhalb
der  Wertlehre  gründet“.
Wie  man  sieht,  streitet  dieser  Einwand  nicht  gegen  den  fraglichen
Gedanken,  gegen  die  Möglichkeit  seiner  Erfassung  überhaupt  an,  sondern
nur  gegen  eine  Einzelheit  in  der  Art  seiner  Erfassung.  Aber  selbst
nach  dieser  beschränkten  Hinsicht  wird  er  sich  nicht  als  stichhaltig  er
        <pb n="61" />
        32

,Der  Wertgedanke“,

weisen,  so  bestechend  er  dem  Wortlaute  nach  auch  klingen  mag.  Er
findet  eben  nur  einen  scheinbaren  Rückhalt  an  der  Tatsache,  daß  eine
Anzahl  von  Theoretikern  den  Gegenstand,  den  sie  durch  ihren  „Beitrag ­
  zur  Wertlehre“  zu  erledigen  suchen,  unter  dem  Ausdrucke  „wirtschaftlicher ­
  Wert“,  oder  auch  „wirtschaftlicher  Güterwert“  einführen.
Der  Einwand  selber  spitzt  sich  zur  Behauptung  eines  ausschließenden ­
  Gegensatzes  zu:  Nicht  „Wert“,  sondern  „wirtschaftlicher  Wert“
soll  jenes  Singularobjekt  besagen,  und  demgemäß  sei  auch  die  Fassung
des  fraglichen  Gedankens  abzuändern!
Nun  habe  ich  diesem  Gedanken  seine  Fassung  nicht  auf  gut  Glück
gegeben,  sondern  auf  dem  Wege  von  Schlüssen,  die  für  sich  jederzeit
überprüfbar  sind;  auch  ist  für  die  angegriffene  Fassung  auf  der  tatsächlichen ­
  Grundlage  wissenschaftlicher  Belege  der  Beweis  angetreten
worden.  Wenn  nun  jener  Einwand  dagegen  aufkommen  wollte,  so  darf
er  nicht  bloß  die  leere  Formel  eines  Einwandes  sein,  keine  wortschale
Ausflucht,  die  nur  für  den  ersten  Anschein  an  gewissen,  bisher  unerwähnten ­
  Tatsachen  ihren  Rückhalt  findet;  er  muß  vielmehr  seinem
Sinne  nach  ein  gültiger  Einwand  sein.  Das  letztere  ist  er  aber  nur
unter  zwei  Bedingungen:  Erstens  muß  das  Verhältnis  dessen,  was  je
einer  der  beiden,  im  Einwande  gegensätzlich  verwendeten  Ausdrücke
besagen  will,  zueinander  ein  logisch  geklärtes  sein;  und
zweitens  muß  dieses  Verhältnis  in  dem  Sinne  ein  logisch  geklärtes
sein,  um  die  gegensätzliche  Verwendung  der  beiden  Ausdrücke
„Wert“  und  „wirtschaftlicher  Wert“,  wie  sie  bei  jenem  Einwande  erfolgt, ­
  zu  rechtfertigen.
Was  nun  die  erste  Bedingung  anbetrifft,  so  kann  man  sagen:  Wer
jenen  Einwand  stellen  will,  darf  sich  keinesfalls  auf  die  tatsächlichen
Verhältnisse  in  der  „Wertlehre“  berufen.  Denn  in  der  letzteren  ist  das
Verhältnis  dessen,  was  unter  „Wert“  gemeint  wird,  zu  dem,  was  unter
„wirtschaftlicher  Wert“  gemeint  wird,  eben  kein  logisch  geklärtes,
vielmehr  ein  höchst  dunkles  und  verworrenes.
Der  Ausdruck  „wirtschaftlicher  Wert“  wird  der  Forschung  erst
verhältnismäßig  spät  geläufig.  Es  war  wohl  insbesondere  Schäffle,
der  ihn  mundgerecht  machte.  So  spricht  auch  Meng  er  noch  schlechthin ­
  von  „dem  Werte“,  und  erst  bei  v.  Böhm  und  v.  Wies  er,  die
sich  doch  für  des  ersteren  Werkfortsetzer  halten,  erscheint  der  Ausdruck ­
  „wirtschaftlicher  (Güter-)  Wert“;  was,  nebenbei  gesagt,  einen
unmotivierten  und  ungeklärten  Übergang  besagen  will,  der  für  das  Behauptete ­
  sehr  kennzeichnend  ist.
Es  sind  nur  wenige  Theoretiker,  welche  das  unter  diesen  beiden
Ausdrücken  Gemeinte  in  ein  klar  bestimmtes  Verhältnis  zueinander
        <pb n="62" />
        Zusatz  zu  Abschnitt  II.

33

setzen,  so  daß  man  weiß,  weshalb  einmal  von  „Wert“,  das  andere  Mal
von  „wirtschaftlichem  Wert“  gesprochen  wird.  So  z.  B.  Schäffle
und  Wolf.  Aber  auch  diese  beachten  diese  Scheidung  nur  für  den
Teil  der  eigenen  Aussagen,  während  auch  sie  mit  den  fremden
Aussagen  polemisieren,  ohne  Acht  darauf,  ob  die  letzteren  von  „Wert“
oder  von  „wirtschaftlichem  Wert“  reden.
Bei  anderen  Theoretikern  wieder  ist  es  keineswegs  klar  ersichtlich, ­
  in  welchem  Verhältnisse  das  unter  „Wert“  Gemeinte  zu  dem  unter
„wirtschaftlichem  Wert“  Gemeinten  steht  und  beides  erscheint  oft  in
ein  und  demselben  Satzgefüge  durcheinander  geworfen;  s.  z.B.v.Böhm-Bawerk,
  Art.  „Wert“  in  Conrads  Handwörterbuch  d.  St.-W.  S.  685:
„Von  der  volkswirtschaftlichen  Theorie  des  Wertes  heischen  wir,  daß
sie  uns  die  Entstehung  und  insbesondere  auch  die  Größe  des  wirtschaftlichen
Wertes  erkläre  und  zwar  ist,  entsprechend  der  Doppeldeutigkeit  dieses  Namens,
jene  Erklärungsaufgabe  natürlich  für  jede  der  beiden  verschiedenen  Erscheinungsgruppen ­
  zu  leisten,  die  rnit  dem  Namen  des  Wertes  bezeichnet
werden;  sowohl  für  den  subjektiven  als  für  den  objektiven  Wert  der  Güter.“
Die  weitaus  meisten  Theoretiker  gebrauchen  überhaupt  nur  den
Ausdruck  „Wert“;  dies  gilt,  mehr  noch  als  für  die  deutsche,  für  die
außerdeutschen  Literaturen.  Ihnen  ist,  von  Übersetzungen  und  Nachahmungen ­
  abgesehen,  ein  dem  Ausdrucke  „wirtschaftlicher  Wert  entsprechender ­
  Ausdruck  so  gut  wie  fremd  geblieben.
Dies  zur  Illustration.  Entscheidend  aber  in  dieser  Hinsicht  muß
es  erscheinen,  wenn  man,  ohne  Widerspruch  befürchten  zu  müssen,
behaupten  kann:
1.  Ein  Gegensatz,  der  sich  in  der  Verschiedenheit  der  beiden  Ausdrücke ­
  „Wert“  und  „wirtschaftlicher  Wert“  kundgeben  sollte,  ist
niemals  zum  Gegenstand  der  Polemik  zwischen  den  verschiedenen ­
  „Werttheorien“  gemacht  worden.  Niemals  hat  man  z.  B.
verfochten,  es  sei  das  oder  jenes  wohl  „Wert“,  aber  nicht  „wirtschaftlicher ­
  Wert“,  oder  umgekehrt  u.  dgl.
2.  Die  Polemik,  die  zwischen  den  verschiedenen  Theoretikern  und
insbesondere  in  den  sogenannten  „Dogmengeschichten  des  Wertes“
von  allen  gegen  alle  geführt  wird,  diese  Polemik  hat  niemals  eines
Gegensatzes  geachtet,  der  sich  in  der  Verschiedenheit  jener
beiden  Ausdrücke  äußerlich  dargetan  hätte.  Man  hat  sich,  ehe  die
Polemik  anhub,  niemals  darüber  auseinandergesetzt,  daß  der  eine
Theoretiker  von  „Wert“,  der  andere  jedoch  von  „wirtschaftlichem
Wert“  spricht,  vielmehr  geradenwegs  das  eine  gegen  das  andere  verfochten, ­
  als  ob  dem  äußerlichen  Gegensatz  im  Ausdrucke  eine  Nämlichkeit ­
  des  Inhalts  entspräche.
V.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.

3
        <pb n="63" />
        34

Der  Wertgedanke“,

Der  tatsächlichen  Übung  nach  werden  also  die  fraglichen
beiden  Ausdrücke  geradezu  als  gegenseitig  vertretbar,  als  synonym ­
  geachtet,  ganz  unabhängig  davon  und  ohne  Rücksicht  darauf,  daß
innerhalb  einzelner  „Werttheorien“  und  für  den  Teil  derselben  das
gegenseitige  Verhältnis  der  beiden  Ausdrücke  geklärt  erscheint.  Lauter
als  alles  spricht  aber  diese  eigentümliche  Quasi-Synonymie  dafür,  wie
dunkel  und  vollkommen  ungeklärt  dieses  Verhältnis  im  Rahmen  der
„Wertlehre“  geblieben  ist.  Von  daher  kann  also  jener  Einwand  die
erste  und  wichtigste  Bedingung  seiner  Gültigkeit  nicht  ziehen.  Unter
der  Berufung  auf  die  tatsächlichen  Verhältnisse  in  der  „Wertlehre“
stellt  er  sich  als  eine  wortschale  Ausflucht  heraus.
Wenden  wir  uns  aber  noch  der  Frage  zu:  Verträgt  sich  mit  den
Tatsachen,  die  nun  erst  zur  Erwähnung  gekommen  sind,  die  Fassung
des  fraglichen  Gedankens,  wie  er  sie  oben  erhalten  hat?  Kann  man
behaupten,  daß  in  der  „Wertlehre“  herkömmlich  so  vorgegangen  würde,
als  stünde  die  Wissenschaft  vor  einem  Singularobjekte  „Wert“,  wenn
eine  Anzahl  von  Theoretikern  den  Gegenstand,  den  sie  im  Rahmen
der  „Wertlehre“  zu  erledigen  suchen,  als  „wirtschaftlichenWert“
namhaft  machen  ?
Es  läßt  sich  aber  nun  leicht  zeigen,  daß  wir  diese  Frage  rückhaltlos ­
  bejahen  können,  und  zwar  gerade  in  Anbetracht  jener  eigentümlichen ­
  Quasi-Synonymie  der  beiden  Ausdrücke  „Wert“  und  „wirtschaftlicher ­
  Wert“.  Wenn  man  nämlich  davon  ausgeht,  daß  mit  diesem
merkwürdigen  Verhältnis  nicht  ein  barer  Unsinn,  ein  überaus  krasser
Gedankenfehler  vorliegt,  so  ließe  sich  ihm  eine  zweifache  logische
Deutung  geben.  B  e  i  d  e  Deutungen  aber  rechtfertigen  die  angegriffene
Fassung  unseres  Gedankens.
Nach  der  ersten  Deutung  könnten  die  Ausdrücke  „Wert“  und
„wirtschaftlicher  Wert“  in  dem  Sinne  Eines  besagen  wollen,  daß  der
Zusatz  „wirtschaftlich“  unwesentlich  sei,  daß  er  sozusagen  nur  eine
rednerische  Beigabe  vorstelle,  die  sich  im  Rahmen  unserer  Wissenschaft ­
  recht  gut  ausnimmt,  mit  der  aber  nicht  soweithin  etwas  Wesentliches ­
  ausgedrückt  wird,  um  davon  Notiz  nehmen  zu  müssen.  Dann
würde  man  im  Grunde  auch  nur  „Wert“  meinen,  obwohl  man  von
„wirtschaftlichem  Wert“  spricht.  Eine  Untersuchung  aber,  von  den
kritischen  Anforderungen  der  vorliegenden,  müßte  jene  rednerische
Beigabe  natürlich  weglassen,  und  so  täten  wir  vollkommen  Recht  daran,
zu  behaupten,  daß  man  jenes  Singularobjekt  der  Wissenschaft  ausdrücklich ­
  unter  „Wert“  vor  gesetzt  vermeint.
Im  Sinne  der  zweiten  Deutung  könnte  man  gerade  umgekehrt
geltend  machen:  Auch  dann,  wenn  bloß  der  Ausdruck  „Wert“  ge-
        <pb n="64" />
        Zusatz  zu  Abschnitt  II.

35
braucht  wird,  soll  —  im  Rahmen  unserer  Wissenschaft  1  —ganz  selbstverständlich ­
  doch  nur  dasjenige  gemeint  werden,  was  sich  erst  als
«wirtschaftlicher  Wert“  zu  seinem  scharfen  und  gültigen  Ausdruck
bringen  läßt.
Für  diesen  zweiten  Fall  würde  nun  jener  Einwand,  den  wir  doch
oben  schon  abgetan  haben,  scheinbar  wieder  aufleben.  Zum  mindesten
erweist  er  damit  seine  Geschmeidigkeit,  wenn  er  auf  eine  denkbare
Konstellation  hin  erst  einmal  abzuwehren  ist.  Im  Sinne  der  zweiten
Deutung  könnte  man  nämlich  einwenden,  daß  der  Zusatz  „wirtschaftlich“ ­
  doch  einen  sehr  wesentlichen  Charakter  habe;  die  Weglassung
dieses  Zusatzes  scheint  aber  dann,  vom  Standpunkte  der  vorliegenden
Untersuchung,  einen  schweren  kritischen  Verstoß  zu  besagen.
Überlegen  wir  einmal,  in  welchem  Sinne  der  Zusatz  „wirtschaftlich“ ­
  einen  wesentlichen  Charakter  haben  kann.  Die  tatsächlichen
Verhältnisse  in  der  „Wertlehre“  können  uns  darüber  keinen  allgemeingültigen ­
  Aufschluß  'geben.  Das  ist  wohl  schon  aus  ihrer  flüchtigen
Beleuchtung  klar  geworden.  Für  den  gesuchten  Aufschluß  sind  wir
daher  einfach  an  das  logische  Denken  verwiesen.
Unter  der  Bedingung  aber,  daß  wir  „wirtschaftlich“  als  einen
wesentlichen  Zusatz  ansehen  sollen,  sind  zwischen  „Wert“  und  „wirtschaftlichem ­
  Wert“  keine  anderen  Beziehungen  denkbar,  als  daß
„Wert“  ein  umschließendes  Weiteres,  „wirtschaftlicher  Wert“  aber  das
davon  umschlossene  Engere  vorstelle.  „Wirtschaftlicher  Wert“  ließe
sich  dann  nur  als  das  Ergebnis  einer  Determination  auffassen,  bei
welcher  „Wert“  die  Rolle  des  Determinierten,  „wirtschaftlich“  aber  jene
des  Determinierenden  spielt.  Um  also  z.  B.  der  Wissenschaft  unter
„wirtschaftlichem  Wert“  einen  zu  erledigenden  Gegenstand  zuzumuten,
müßte  ihr  vorher  schon  ein  solcher  unter  „Wert“  gegenüberstehen.
Faßt  man  nun  beides  als  zu  Erledigendes  auf,  dann  gewinnt
es  allerdings  den  Anschein,  daß  „Wert“  ein  unbestimmtes  Vielerlei,
„wirtschaftlicher  Wert“  dagegen  ein,  als  darin  enthalten  bestimmbares
Einerlei  sei.  Denn  außer  der  einen  Determination  —  jener,  die  vom
Ausdrucke  „wirtschaftlich“  repräsentiert  erscheint  —  könnte  noch  eine
weiter  gar  nicht  absehbare  Anzahl  anderer  Determinationen  eintreten;
  wie  z.  B.  „moralischer  Wert“,  „ästhetischer  Wert“,  „pädagogischer ­
  Wert“  usw.  usw.
Allein,  der  Nämlichkeit,  sagen  wir  dem  singulären  Charakter  des
unter  „Wert“  zu  erledigenden  Objektes  —  vorausgesetzt,  daß  unter
„Wert“  überhaupt  ein  Objekt  singulären  Charakters  vorgesetzt  sei
—  dieser  Nämlichkeit  täte  es  ja  gar  keinen  Abbruch,  wenn  sich  jenes
Objekt  von  einer  bestimmten  Phase  seiner  Erledigung  an  dort,  wo
3*
        <pb n="65" />
        36

,0er  Wertgedanke“,

es  zu  determinieren  wäre  —  in  einer  mannigfachen  Weise  weiter  erledigen ­
  ließe.  Die  Vielheit  der  möglichen  Determinationen  würde  nur
der  Vielheit  der  Gesichtspunkte  entsprechen,  unter  denen  jenes  Objekt, ­
  ohne  Beirrung  seines  singulären  Charakters,  von  einem  bestimmten
Punkte  an  seiner  weiteren  Erledigung  zuführbar  erschiene.  Nebenbei
gesagt,  wäre  dieser  Gesichtspunkt,  als  ein  bestimmter,  eindeutiger,  notwendig ­
  immer  vorhanden.  Denn  er  ist  eins  mit  demjenigen,  unter
welchen  man  ganz  im  allgemeinen  an  die  Erledigung  des  bewußten
Objektes  herangetreten  wäre:  also  z.  B.  im  Rahmen  einer  bestimmten
Wissenschaft.
Aber  die  Möglichkeit  verschiedener  Determinationen  (unter  welchen
jene  nach  „wirtschaftlich“  nur  die  eine),  sie  verträgt  sich  nicht  bloß
mit  der  eventuellen  Singularität  des  unter  „Wert“  Vorgesetzten  Objektes, ­
  des  letzteren  Singularität  wäre  vielmehr  sogar  die  wesentliche ­
  Bedingung  dafür,  daß  auch  das  unter  „wirtschaftlichem  Wert“
und  erst  nachher  zu  erledigende  Objekt  seinerseits  singulären  Charakters ­
  sei.  Denn  sobald  schon  das  Determinierte  „Wert“  nicht  ein
und  dasselbe,  ein  ständig  Nämliches  wäre,  dann  schon  gar  nicht
das  Produkt  der  Determination.  Letzteres  ist  in  dieser  Hinsicht
offenbar  das  abhängig  Bedungene,  ersteres  aber  das  unabhängig  B  e  -
dingende.  Selbst  also  im  Falle  der  Zulässigkeit  der  zweiten  Deutung, ­
  sobald  in  der  „Wertlehre“  stets  und  auch  dort  „wirtschaftlicher
Wert“  gemeint  wird,  wo  man  einfach  von  „Wert“  spricht,  auch  dann
wäre  jener  Einwand  hinfällig.  Denn  wir  brauchen  aus  dem  eben  Erörterten ­
  nur  die  Anwendung  zu  machen,  um  zu  erkennen,  daß  sich
jenes  Verhältnis  einer  allseitigen  Relevanz  der  Aussagen  in  der  „Wertlehre“ ­
  doch  nicht  auf  das  Dasein  und  die  ständige  Nämlichkeit  eines
unter  „wirtschaftlichem  Wert“  gedachten  Objektes,  sondern  auf  das
Dasein  und  die  ständige  Nämlichkeit  eines  unter  „Wert“  schon  vorher ­
  zu  denkenden  Objektes  in  letzter  und  ausschlaggebender
Linie  gründen  würde.
Es  geschieht  daher  mit  vollem  Rechte,  wenn  wir  dem  Gedanken,
der  dem  herkömmlichen  Gebaren  der  „Wertlehre“  zu  unterlegen  ist,
den  Inhalt  zuschreiben:  Es  sei  der  Wissenschaft  unter  „Wert“  ein
Singularobjekt  vorgesetzt.

III.
Der  gesuchte  Beweis  ist  nun  erbracht.  Ein  Gedanke  des  bewußten, ­
  und  genau  dieses  Inhaltes  spielt  in  der  Tat  die  Rolle,  daß  er
        <pb n="66" />
        Abschnitt  III.

37

ür  das  Denken  im  Geiste  der  herkömmlichen  Anschauung  eine  unbewußte,
  gleichsam  verborgene  Grundlage  bedeuten  will.  Damit  stimmt
es  ü t&amp;gt; er ein  —  und  dies  erst  setzt  die  Bedeutung  jenes  Gedankens  ins
re chte  Licht  —  daß  wir  nachweisen  konnten,  wie  das  Gebaren  in
der  sogenannten  Wertlehre  genau  diesem  Gedanken  angepaßt  erscheint. ­
  Der  letztere  bleibt  zwar  für  das  herkömmliche  Denken,  wie
es  ja  auch  bei  der  „Wertlehre“  am  Werke  ist,  das  Ungedachte  und
’na  Wesen  Unzugängliche.  Dennoch  könnte  das  Gebaren  innerhalb
er  „Wertlehre“  auch  dann  kein  anderes  sein,  als  es  tatsächlich  ist,
^enn  das  Forschen  auf  diesem  Gebiete  bewußt  und  klar  von  jenem
edanken  seinen  Ausgang  nehmen  würde.
Jenen  Gedanken  nun  —  es  sei  der  Wissenschaft  unter  dem  Sprachlichen ­
  „Wert“  ein  Gegenstand  vorgesetzt,  der  als  der  Eine,  für  jederma
 ^ n  nam hche  und  selbe  seiner  Erledigung  harre  —  nenne  ich,  um
urze  von  ihm  sprechen  zu  können,  den  Wertgedanken.  Ihn
seiner  Verborgenheit  heraus  an  den  Tag  zu  fördern,  will  den
^ r ^ en  Schritt  zur  Selbstbesinnung  des  Forschens  im  Bereiche  der  „Werte
  re  besagen.  Es  bedarf  da  bloß  einer  Würdigung  der  Einsicht,  die
Wir  ^ e f  Kenntnis  dieses  Gedankens  zugute  schreiben  müssen.
Die  Gültigkeit  des  Wertgedankens  ließ  sich  als  die  unentratbare
^oraussetzung  für  die  Gültigkeit  der  vier  Gedanken  erkennen,  die  im
1  u* S  u  -^ er  herkömmlichen  Anschauung  und  unter  Bezug  auf  die  „Wertw
 . f re  * n  Selbstverständlichkeit  gehegt  werden.  Im  Wertgedanken  halten
a ,  er  gleichsam  die  geheime  Wurzel  der  herkömmlichen  Meinung
st  h  diC  ” Wertle]lre “  in  der  Hand;  und  die  Richtigkeit  dieser  Meinung
diese  ^ er  Wahrheit  des  Wertgedankens.  Ein  Urteil  über
Denk  Clnun ^'  ü ^er  die  Art  und  Weise,  in  der  sich  das  herkömmliche
w ^ re  en  der  sogenannten  Wertlehre  abfindet,  ein  solches  Urteil  aber
Der  ^ Wei ^ os  einem  Erfolge  der  Selbstbesinnung  gleichzuschätzen.
Ged  ZU  c ^ esem  Erfolge  steht  uns  nunmehr,  auf  die  Kenntnis  jenes
an  ens  hin,  frei:  die  Kritik  am  Wertgedanken.

Ziehen  wir  dann  weiter  jenes  bedeutsame  Verhältnis  des  Wert
gedankens  zu  dem  ganzen  Gebaren  in  der  „Wertlehre  in  Betrach  .
Erinnern  wir  uns  dabei  an  die  Aufgabe  unserer  Untersuchung:  ein
bestimmtes  Forschen  seiner  Selbstbesinnung  näherzuführen.  Dieses
Forschen  will  also  für  unsere  Untersuchung  gleichsam  den  Rohstott
bedeuten.  Um  diesen  außer  Zweifel  zu  setzen,  war  uns  bisher  kein
anderes  Mittel  verfügbar  wir  konnten  jenes  Forschen  eben  nur  als
solches  zur  Sprache  bringen,  „das  sich  im  Bereiche  der  sogenannten
Wertlehre  betätigt“.  Diese  umschreibende  Art  seiner  Bestimmung  ar
jetzt  einer  ungleich  besseren  den  Platz  räumen.  Wir  können  nun,  in
        <pb n="67" />
        38

,Der  Wertgedanke“,

Kenntnis  des  Wertgedankens  und  seiner  Stellung  zur  „Wertlehre“,
sagen:  Jenem  Forschen  suchen  wir  zu  seiner  Selbstbesinnung  zu
verhelfen,  das  sich  nach  seinen  bisherigen  Äußerungen  —  und  diese
sind  in  der  Aussagenwelt  der  „Wertlehre“  zu  suchen  —  in  einer  Art
und  Weise  betätigt,  als  ob  der  Wertgedanke  zugleich  sein
Anlaß  und  seine  Grundlage  wäre.
Grundlage  und  Anlaß.  Denn  als  Grundlage  läßt  sich  dieser  Gedanke ­
  ganz  im  allgemeinen  dem  Denken  unterschieben,  das  für  unsere
Wissenschaft  das  herkömmliche  ist;  als  Grundlage  darf  er  daher  dem
nationalökonomischen  Forschen  überhaupt  theoretisch  unterlegt
werden.  Aber  gerade  die  fragliche  Forschung  können  wir  noch  dadurch ­
  unserem  Begreifen  näherbringen,  daß  wir  ihr  zumuten,  sie  fände  an
jenem  Gedanken  ihren  bewegenden  Anlaß,  indem  wir  uns  die  Hegung
jenes  Gedankens  als  wirklich  denken  —  was  unter  dem  gegebenen  Verhältnis ­
  theoretisch  zulässig  erscheint  —  und  diese  Hegung  zum  Erkenntnisgrund ­
  des  Daseins  jener  Forschung  umstellen.  Denn  setzen
wir  es  zur  tatsächlichen  Annahme,  daß  in  der  Wissenschaft  wirklich
(und  zwar  als  ein  selbstverständlicher)  der  Gedanke  gehegt  würde,  es
sei  der  Wissenschaft  unter  „Wert“  ein  Singularobjekt  vorgesetzt:  dann
würden  die  Versuche,  dieses  Objekt  wissenschaftlich  zu  erledigen,  ein
selbständiges  Gebiet  der  Forschung  ins  Dasein  rufen;  und  dieses  Gebiet
wäre  um  der  Einheit  seines  Gegenstandes  willen  einheitlich,  mögen
dabei  noch  so  viele  Erledigungen  dieses  einen  Gegenstandes  mitwirken,
je  von  einem  subjektiven  Standpunkt  aus  unternommen,  und  seien  auch
diese  Erledigungen  noch  so  sehr  untereinander  verschieden.  Dieses
Gebiet  aber  würde  offenbar  der  „Wertlehre“  entsprechen,  so  wie  sie
tatsächlich  ist.  Und  derart  setzt  uns  der  Wertgedanke,  als  der  Anlaß
dieser  Forschung  aufgefaßt,  in  die  Lage,  diese  Forschung  selber  als
Eines  aufzufassen,  sie  zu  bestimmen.
Wenn  ich  dieses  und  gerade  so  bestimmte  Forschen  nun  der  Kürze
wegen  die  Wertforschung  nenne,  so  darf  hinter  diesem  Namen
ganz  und  gar  nichts  anderes  gesucht  werden,  als  die  stille  Berufung ­
  darauf,  daß  die  Forschung,  die  unter  diesem  Namen  gemeint
wird,  von  unserem  Standpunkt  aus  in  der  eben  erwähnten  Art  ihre
eindeutige  Bestimmung  erfahren  habe. 1 )

*)  Ich  nenne  eben  dieses  Forschen  nur  deshalb  die  „W  e  r  t  forschung“,  weil  ich
den  sie  bestimmenden  Gedanken  den  „Wertgedanken“  genannt  habe;  die  letztere
Nennung  aber  knüpft  wieder  nur  an  den  Umstand  an,  daß  man  gerade  unter  dem  Sprachzeichen
  „Wert“  jenes  Singularobjekt  der  Wissenschaft  vorgesetzt  betrachtet,  das  im  Geiste
der  herkömmlichen  Anschauung  als  der  Gegenstand  der  „Wertlehre“  in  Selbstverständlichkeit ­
  gilt.  Wer  daher  meine  Nennung  nicht  vollständig  mißverstehen  will,  darf  aus  dem
        <pb n="68" />
        Abschnitt  III.

39
Ein  Forschen,  dem  wir  zur  Selbstbesinnung  verhelfen  wollen,
ann  schon  deshalb  nicht  als  etwas  Fertiges,  Abgeschlossenes  aufgefaßt ­
  werden.  So  können  wir  uns  auch  die  Wertforschung  gar  nicht
a nders  denken,  als  daß  sie  wohl  in  ihren  bisherigen  Äußerungen
in  der  Aussagenwelt  der  „Wertlehre“  —  uns  gegenständlich
geworden  ist,  für  sich  selber  jedoch  in  Fl  uß  und  Bewegung
^erharrt.  Wir  dürfen  deshalb  auch  von  einem  herkömmlichen
ergehen  der  Wertforschung  sprechen,  obwohl  sich  die  letztere,  wie
® le  ist,  in  diesem  ihrem  herkömmlichen  Vorgehen  erschöpft,
ndem  wir  solchermaßen  das  tatsächliche  Vorgehen  der  Wertforschung
a  s  ihr  herkömmliches  auffassen,  denken  wir  dabei  im  stillen  an  die
^  °g  ichkeit  eines  anderen  Vorgehens,  wir  denken  daran,  daß  sich
,  le  w eiterfließende  Wertforschung,  nachdem  sie  sich  auf  sich  selber
e sonnen,  in  ihrem  Vorgehen  berichtigen  könnte.
,  .  ^ er  Wertgedanke  aber  bestimmt  die  Wertforschung  nur  ihren
e ngen  Äußerungen,  also  nur  ihrem  gegenständlichen  Sein  nach.
höre  mmUtl ^ 5WOrt  ”^ ert "  Ausdrucke  „Wertforschung“  nicht  um  ein  Jota  mehr  heraus-^
  i^ 0 ^'” 1  a ' s  * c b  eben  darüber  gesagt  habe.
Ausdr'k^ 31111  **  n ' c ^ lt  verhindern,  daß  es  wohl  sprachlich  immer  zulässig  bleibt,  den
a j s  _ UC  »Wertforschung"  etwa  in  dem  Sinne  aufzulösen,  daß  er  „Forschung  mit  „„Wert““
m einen  tT  *  ■  "  ' autct ‘  Aber  ich  darf  mich  dagegen  verwahren,  diese  Nennung  so  zu
hör,  ■  a  ■' ene  Auflösung  sachlich  gerechtfertigt  erschiene.  Diese  Verwahrung  aber
Der  n‘  dCm  ° bigen  eingeIegt ‘
gewählt 61 ,}^ 1116  ."^ ert ^° rsC ^ un ^"  ' St  daber  a ' s  e i n  bloßes  kürzendes  Sprachzeichen
Wzun  t,'  aS  ^ e ’ ner ^ e *  Andeutung  über  Art  und  Wesen,  oder  gar  über  einen  im  voraus
e &amp;gt;ndeuti  °  60  ^’lö'ustand  des  so  benannten  Forschens  enthalten  will,  sondern  nur  der
g ! ‘danl C( f e  Aubu ^  dieses  Forschens  sein  soll,  das  in  jener  Art  —  mit  der  Hilfe  des  Wertseine
  eindeutige  Bestimmung  erfahren  hat.
der  Unter  ^  ^' ennun S?  erfolgt  daher  durchaus  unverbindlich  für  den  weiteren  Fortgang
das  Ding  d"*  UDg  ^ ber  das  so  Benannte.  Es  steht  der  vorliegenden  Untersuchung  frei,
sein  innerste 18  ***  V ° D  da  ab  a * s  „Wertforschung“  zur  Sprache  bringt,  selbst  noch  bis  in
Der  Nam^ CSen  b * ne ' n  ' n  Frage  und  Erörterung  zu  stellen,
lehre"  \y  6  ”  Wertforschung“  läßt  sich  daher  mit  den  herkömmlichen  Namen  „Wertden
  gleichen  ° alrin "  usw -  ausdrücklich  nicht  in  eine  Reihe  stellen,  obwohl  er  so  ziemlich
Forschens  ^  ^ ienst  wie  diese  herkömmlichen  Namen  versieht:  Die  Benennung  des
Forschen  ’betätilT  ®® lb8tbe «““ung  es  gilt,  resp.  des  Gebietes,  auf  dem  sich  dieses
habe,  in  welche*'  DCnn  in  aIlem &amp;lt;  was  ich  über  die  besondere  Art  und  Weise  gesagt
versieht,  verhalte*  ^  Ausdruck  „Wertforschung"  jenen  gleichen  Dienst  der  Benamsung
nur  daran  zu  ^  S1 ° h  die  Namen  „Wertlehre“  usw.  gegensätzlich.  Ich  brauche  da
bündigen  ( ma n  daß  in  diesen  herkömmlichen  Namen  jene  vier  Gedanken  zu  ihrem
durch  die  sich  d ° nnte  bein ahe  sagen:  unwillkürlich  aufgegriffenen)  Ausdruck  gelangen,
geht  alles  W  '  **  berbörnm liche  Denken  mit  dem  fraglichen  Gebiete  abfindet.  Daraus
ei tere  leicht  hervor:  daß  z.  B.  jene  Namen  für  das  fernere  Denken  über  das
clQn *ai  so  Benannte
im  ^ochsten  Grade  verbindlich  seien  usw.
        <pb n="69" />
        40

Der  Wertgedanke“,

Es  ist  ihr  herkömmliches  Vorgehen,  dem  er  sich  unterschieben  läßt,
und  wir  könnten  den  Wertgedanken  daher  auch  als  den  Grundund
  Leitgedanken  der  herkömmlichen  Wertforschung  auffassen,
der  als  solcher  allerdings  nur  theoretisch  setzbar  ist.  Denn  ihr  herkömmliches ­
  Vorgehen  betätigt  die  Wertforschung  einfach  und  ausschließlich ­
  nur  dadurch,  daß  sie  im  Geiste  der  herkömmlichen  Anschauung ­
  gepflegt  wird.  Sie  paßt  sich  diesem  Gedanken  nicht  anders
an,  als  daß  sie  jene  vier  anderen  Gedanken,  denen  der  erstere  die  unentratbare
  Voraussetzung  ist,  blindlings  als  etwas  Selbstverständliches
behandelt.
Allein  der  Wertgedanke,  der  uns  die  herkömmliche  Meinung  über
die  „Wertlehre“  der  Kritik  unmittelbar  zugänglich  macht,  erschöpft
seine  Bedeutung  auch  noch  darin  nicht,  daß  er  der  eindeutigen  Bestimmung ­
  des  Forschens  dienlich  wird,  dessen  Selbstbesinnung  es  gilt.
Aus  dem  Wertgedanken  können  wir  auch  erfahren,  wie  die  Wertforschung ­
  —  im  Einklänge  mit  ihrem  herkömmlichen  Vorgehen  —
in  letzter  Linie  über  sich  selber  denken  müßte,  wenn  es
ihr  überhaupt  gegeben  wäre,  über  sich  selber  klar  zu  werden.  Sich
selber  überlassen,  verharrt  sie  eben  notwendig  in  der  Befangenheit  des
herkömmlichen  Denkens.
Solange  man  sich  in  der  erwähnten  Hinsicht  begnügt,  die  herkömmlichen ­
  Namen  „Wertlehre“  usw.  buchstäblich  zu  nehmen,  solange
man  also  eine  „Lehre,  Doktrin  usw.  des  Wertes“  schlechthin  vorhanden
sieht,  dann  bekundet  man  nicht  mehr  Einsicht  in  die  fraglichen  Dinge,
als  der  Komplex  jener  vier  Gedanken  solche  Einsicht  vorstellt.  Und
diese  Einsicht  ist  noch  überdies  in  dem  Sinne  eine  mangelhafte,  daß
ja  über  jene  vier  Gedanken  der  Schleier  gezogen  ist,  der  sich  über
alles  breitet,  was  uns  selbstverständlich  dünkt.  Ein  Blick  auf  den  Wertgedanken ­
  kann  uns  eines  Besseren  belehren:  Sobald  die  Wertforschung
folgerichtig  über  sich  selber  zu  denken  vermöchte,  dann  müßte  sie  sich
eins  wissen  mit  der  Gesamtheit  subjektiver  Erledigungen,  sagen  wir
also  im  unpersönlichen  Sinne,  mit  dem  Erledigen  des  Singularobjektes ­
  „Wert“,  das  man  der  Wissenschaft  vorgesetzt
denkt.
Darin  nun  gleichsam  aufzugehen,  das  wäre  der  ständige  und
unentäußerliche  Charakter  dieser  Forschung,  darin  würde  sie  sich  selber
gleichbleiben,  was  immer  auch  die  Aufgaben  des  Gebietes  sein  mögen,
auf  dem  sich  diese  Forschung  betätigt;  die  Aufgaben,  die  jenes  Gebiet
im  Rahmen  unserer  Wissenschaft  zu  erfüllen  hätte,  und  die  uns  hier
nicht  weiter  interessieren.  Den  Aufgaben  der  „Wertlehre“  gegenüber,
über  deren  Art  und  Ausdehnung  die  Meinungen  vielleicht  geteilt  sein
        <pb n="70" />
        Abschnitt  III.

41

könnten,  stünden  wir  hier  um  es  mit  einem  Worte  zu  geben  —
vor  dem  Inhalte  der  Wertforschung,  der  immer  derselbe  bliebe,
wenn  auch  jene  Aufgaben  wechselten.
Über  den  Inhalt  der  Wertforschung,  über  dasjenige  also,  worin  sie
selber  zur  Gänze  aufgeht  und  in  dem  sie  sich  ständig  selber  gleichbleibt, ­
  darüber  gibt  uns  der  Wertgedanke  allerdings  nur  soweit  einen
Aufschluß,  daß  er  uns  kennen  lehrt,  was  auf  das  herkömmliche
Vorgehen  der  Wertforschung  hin  als  ihr  Inhalt  zu  denken  wäre.
Immerhin  prägt  sich  die  Bedeutsamkeit  dieses  Gedankens  in  nichts
klarer  und  deutlicher  aus,  als  gerade  in  dieser  Leistung.  Wir  sehen
uns  durch  ihn  daraufgeführt,  Dinge  in  Erwägung  zu  ziehen,  die  für
das  herkömmliche  Denken  dauernd  außer  Sehweite  geblieben  sind,  und
es  notwendig  bleiben  mußten.  Denn  jegliche  Erwägung  über  den
Inhalt  der  Wertforschung  ist  offenbar  versperrt,  jegliche  Erörterung  darüber ­
  im  Wesen  verhindert,  sobald  es  einmal  für  selbstverständlich  gilt,
in  jenem  Gebiete  schlechthin  die  „Lehre,  Doktrin  usw.  des  Wertes“  zu
erblicken.  Damit  ist  schon  alles  fernere  Denken  in  dieser  Hinsicht  abgeschnitten, ­
  und  dies,  noch  ehe  es  eigentlich  recht  begonnen  hatte.
Denn  über  Dinge,  die  für  selbstverständlich  gelten,  weil  sie  einfach  unbesehen ­
  hingenommen  werden,  über  solche  Dinge  legt  man  sich  ja
überhaupt  keine  Rechenschaft  ab.  So  hat  es  auch  erst  gegolten,  die
Befangenheit  abzustreifen,  die  unzertrennlich  vom  herkömmlichen  Denken
ist,  ehe  es  möglich  war,  ausdrücklich  zu  sagen,  was  man  denn  eigentlich ­
  mit  jenen  herkömmlichen  Namen  zum  Ausdruck  bringen  will:  den
Komplex  jener  vier  Gedanken.
Einer  Forschung  aber,  die  sich  selber  zu  erkennen  trachtet,  kann
offenbar  nichts  wichtiger  erscheinen,  als  die  Erkenntnis  und  Abgrenzung
ihres  eigenen  Inhalts.  Zwar  hat  sie  damit  noch  lange  nicht  über  sich
ausgedacht;  aber  sie  ist  dadurch  schon  in  der  Lage,  über  sich  auszudenken. ­
  Alle  Erwägungen  dieser  Art  liegen  gleichsam  herwärts
dieser  Erkenntnis,  keine  mehr  darüber  hinaus.  So  wird  die  Erkenntnis
des  Inhalts  einer  Forschung  zur  sicheren  Bürgschaft  für  ihre  Selbstbesinnung. ­

Es  liegt  so  nahe,  dies  auch  auf  die  Wertforschung  anzuwenden.
Und  doch  hat  es  für  diese  schlichte  Einsicht  erst  der  Aufdeckung  des
Wertgedankens  und  seiner  Stellung  zu  jenem  Forschen  bedurft,  während
diese  Einsicht  notwendig  unerfaßbar  bleibt,  solange  man  im  Geiste
der  herkömmlichen  Anschauung  denkt;  das  will  sagen  solange  man  so
und  soviele  Dinge  für  selbstverständlich  hält,  die  —  ob  sie  nun  wahr
        <pb n="71" />
        42

,Der  Wertgedanke“,

oder  falsch  seien!  —  im  Grundsätze  sicher  nicht  das  Recht  haben,
dafür  zu  gelten.
Die  bare  Kenntnis  des  Wertgedankens  als  solche  vermittelt  uns
noch  nicht  die  Erkenntnis  des  Inhalts  der  Wertforschung.  Wir  dürften
keineswegs  sagen,  daß  es  tatsächlich  den  Inhalt  dieser  Forschung
ausmache,  das  Singularobjekt  „Wert“  zu  erledigen,  das  man  der  Wissenschaft ­
  vorgesetzt  denkt.  Vorläufig  dürfen  wir  nur  sagen,  es  gehe  die
Wertforschung  herkömmlich  so  vor,  als  ob  sie  jenes  Inhaltes  wäre.
Die  Bedingung  aber,  unter  welcher  der  Wertforschung  dieser  Inhalt
tatsächlich  zukäme,  liegt  auf  der  Hand:  die  Wahrheit  des  Wertgedankens  1
Auch  diese  Ansicht  also  —  über  den  Inhalt  der  Wertforschung  —
die  schon  jenseits  der  herkömmlichen  Meinung  von  der  „Wertlehre“
liegt,  dieser  Meinung  wesentlich  unerreichbar  ist,  aber  in  der  letzteren
Geiste  gebildet,  auch  diese  Ansicht  steht  und  fällt  in  ihrer  Gültigkeit ­
  mit  der  Wahrheit  des  Wertgedankens.  Und  wenn  uns  dieser  Gedanke ­
  in  mehr  als  einer  Hinsicht  gleichsam  den  Schlüssel  zur  Selbstbesinnung ­
  der  Wertforschung  bedeuten  will,  so  erkennen  wir  auch  hier
die  Art,  diesen  Schlüssel  für  unsere  Zwecke  zu  handhaben,  in  nichts
anderem,  als  in  der  Kritik  des  Wertgedankens. 1 )

*)  Hier,  nachdem  es  sich  geoffenbart  hat,  daß  wir  die  Bürgschaft  zur  Erreichung
unseres  Zieles  —  der  Selbstbesinnung  der  Wertforschung  —  schon  in  den  Händen  halten,
sobald  uns  dasjenige  gültig  erschlossen  sein  wird,  was  ich  den  Inhalt  der  Wertforschung
genannt  habe,  hier  muß  ich  dem  Einwande  entgegensehen,  weshalb  ich  nicht  —  in
scheinbar  rationellerer  Weise  —  von  Haus  aus  davon  ausgegangen  bin,  jene  letzten  Dinge
für  den  Belang  der  Forschung,  die  sich  auf  sich  selber  besinnen  soll,  geradenwegs
zu  suchen.
Dem  ließe  sich  schon  im  allgemeinen  widersprechen.  Die  streng  methodische
Gliederung  einer  Untersuchung  ist  nicht  immer  die  sachlich  beste.  Es  läßt  sich  eben
nicht  alles  über  einen  Kamm  scheren.  Jeder  Stoff  —  und  gar  erst  ein  so  eigenartiger,
wie  der  hier  behandelte  —  regiert  seine  Behandlung,  und  vermag  daher  eine  gewisse
Empirie  dieser  Behandlung  sachlich  zu  rechfertigen.  Und  tatsächlich  läßt  sich  das  Verfahren, ­
  das  ich  im  Gange  dieser  Untersuchung  befolge,  in  dem  Sinne  ein  empirisches
nennen,  daß  ich  nur  der  gegebenen  Eigenart  des  Stoffes,  der  mir  vorliegt,  verantwortlich
dafür  bleiben  will,  wie  ich  ihn  behandle.  Wie  der  Stoff,  so  die  Behandlung.  Der  Schluß
geht  in  allen  Stücken  Zug  um  Zug,  und  bewahrt  mich  so  vor  der  Gefahr,  mich  in  Allgemeinheiten ­
  zu  verlieren.
Es  sprechen  aber  noch  besondere  Gründe  gegen  jenen  Einwand  und  rechtfertigen
den  Weg,  den  ich  tatsächlich  eingeschlagen  habe.  Ich  habe  es  schon  im  Texte  angedeutet, ­
  daß  die  Befangenheit  des  herkömmlichen  Denkens  von  der  Art  ist,  um  jede
eigentliche  Erwägung  über  den  Inhalt  der  Wertforschung  auszuschließen.  Ehe  es  zu
einer  solchen  Erwägung  käme,  verstrickt  sich  gleichsam  das  herkömmliche  Denken  in
die  erwähnten  Selbstverständlichkeiten,  und  reißt  bei  diesen  naturgemäß  ab.  Wenn  ich
da  nun  mit  der  Tür  ins  Haus  gefallen  wäre,  so  hätte  ich  der  Gefahr  trotzen  müssen,
        <pb n="72" />
        Abschnitt  IV.

43

IV.
Der  Wertgedanke  ist  von  der  Art  einer  ruhenden  Behauptung,
die  als  wahr  behandelt  wird,  ohne  daß  man  sich  ihrer  selber  und
dieses  Umstandes  bewußt  wäre.  Darin  liegt  aber  bereits  die  Entscheidung ­
  über  den  Weg,  den  die  Kritik  am  Wertgedanken  gehen  muß.
Wo  labiles  Gleichgewicht  herrscht,  da  genügt  die  leiseste  Berührung, ­
  um  die  ganze  Lage  der  Dinge  sozusagen  ins  Gegenteil  zu
Erörterungen  zu  pflegen,  die  nur  zu  leicht  unverstanden  bleiben  könnten,  weil  sie
dem  herkömmlichen  Denken,  solange  es  in  seiner  Befangenheit  bleibt,  unzugänglich  sind.
Aber  selbst  dann,  wenn  es  gelingen  könnte,  dieser  Gefahr  irgendwie  vorzubeugen,
selbst  dann  käme  noch  ein  Zweites  in  Betracht.  Es  ließe  sich  dieser  Gefahr  nicht
anders  begegnen,  als  daß  man  das  herkömmliche  Denken  dazu  brächte,  seiner  Befangenheit ­
  so  weit  Herr  zu  werden,  um  den  Erwägungen  über  den  Inhalt  der  Wertforschung
näher  zu  treten.  Nun  ist  es  aber  klar  geworden,  daß  man  im  Geiste  der  herkömmlichen
Anschauung,  wenn  überhaupt,  so  sicher  nur  dem  Wortlaute  des  Wertgedankens  nach
über  den  Inhalt  der  Wertforschung  zu  denken  vermöchte.  Diese  Ansicht  über  diesen
Inhalt  hätte  nun  einen  mächtigen  Rückhalt  an  den  Gedanken,  die  uns  die  herkömmliche
Meinung  über  die  „Wertlehre“  darstellen,  und  in  deren  Geiste  diese  Ansicht  gebildet
erscheint.  Denn  es  gelten  diese  Gedanken  eben  als  selbstverständlich  und  darum  jedes
Zweifels  überhoben.  Diese  Ansicht  bliebe  also  sozusagen  Glaubenssache.  Und
obwohl  sie  selber  vielleicht  nichts  weniger  als  klar,  obwohl  sie  förmlich  nur  instinktiv
gehegt  würde,  trotzdem  oder  vielleicht  gerade  deshalb  —  würde  sie  sich  allen  Erwägungen, ­
  die  geradenwegs  und  ohne  Rücksicht  auf  sie  über  den  Inhalt  der  Wertforschung ­
  gepflogen  würden,  als  ein  verstecktes  Hindernis  entgegenstemmen,  im  Sinne
einer  unbewußten  Voreingenommenheit.  Es  wären  eben  über  den  Inhalt  der  Wertforschung ­
  im  stillen  vorgebildete  Gedanken  da,  und  mit  diesen  kämen  jene,  die  erst  auf
dem  Wege  einer  methodisch  geregelten  Untersuchung  zu  bilden  wären,  auf  Schritt  und
Tritt  in  ein  störendes  Gedränge.
Deshalb  habe  ich  damit  begonnen,  dem  herkömmlichen  Denken  seine  Befangenheit
in  jenen  Selbstverständlichkeiten  vorzuhalten.  Deshalb  habe  ich  den  Inhalt  der  Wertforschung ­
  überhaupt  erst  dann  zur  Sprache  gebracht,  da  ich  zeigen  konnte,  wie  dem
herkömmlichen  Denken  diese  Erwägungen  fremd  bleiben  müssen,  und  zugleich  auch  zeigen
konnte,  wie  das  herkömmliche  Denken  diesen  Erwägungen  mittelbar  vorgreift  eben
mit  jener  Ansicht  über  den  Inhalt  der  Wertforschung,  die  sich  im  Geiste  der  herkömmlichen ­
  Anschauung  bilden  läßt.  Und  deshalb  mache  ich  nun  dem  herkömmlichen  Denken
auch  noch  das  Zugeständnis,  daß  ich  jener  Ansicht  die  Präsumption  zugestehe:  Ich
ziehe  es  noch  gar  nicht  in  Erwägung,  welcher  Art  der  tatsächliche  Inhalt  der  Wertforschung ­
  überhaupt  sein  könnte,  ehe  ich  nicht  darüber  Klarheit  erbracht,  ob  er
nicht  doch  von  der  Art  sei,  wie  es  dem  Geiste  der  herkömmlichen  Anschauung  gemäß
wärel  Nur  dann  also,  wenn  sich  diese,  von  der  herkömmlichen  Anschauung  gestützte
Ansicht  als  eine  fälschliche  erweisen  möchte  —  und  darüber  wird  uns  die  Kritik  am
Wertgedanken  Aufschluß  erteilen  —  erst  dann  würde  ich  geradenwegs  die  Frage  nach
dem  Inhalt  der  Wertforschung  erheben.  Dann  aber  könnte  ich  es  auch  —  diesem  Vorgänge ­
  zu  Dank  —  mit  aller  Beruhigung  tun,  ohne  weiter  mehr  eine  störende  Gedankenverspreizung ­
  befürchten  zu  müssen.
        <pb n="73" />
        44

Der  Wertgedanke“,

verkehren.  Ähnlich  ist  es  in  der  Welt  der  Gedanken,  sobald  es  sich
um  eine  Behauptung  jener  Art  handelt.  Es  genügt,  eine  solche  Behauptung ­
  ein  erstes  Mal  auszusprechen,  und  unser  Denken  müßte  sich
Gewalt  antun,  wollte  es  diese  Behauptung  nicht  sofort  zu  einer  Frage
Umstürzen  sehen.  So  kippt  auch  die  Behauptung,  die  mit  dem  Wertgedanken ­
  vorliegt,  ohne  weiteres  zu  der  Frage  um:
Ist  der  Wissenschaft  unter  „Wert“  ein  Singularobjekt
vorgesetztf
Wir  stehen  damit,  durch  den  Fortlauf  der  Untersuchung  zwingend
und  unausweichlich  daraufgeführt,  vor  einer  Frage,  die  sich  einer  außerordentlichen ­
  Tragweite  rühmen  darf;  die  aber  zugleich  nur  zu  sehr
allem  herkömmlichen  Denken  widerstreitet,  um  nicht  für  sich  selber
noch  der  Erläuterung  zu  bedürfen.
Es  setzt  diese  Frage  genau  dasjenige  in  Zweifel,  was  im  Wertgedanken ­
  als  Behauptung  auftritt:  Das  Dasein  eines  Gegenstandes, ­
  der  so  zu  denken  wäre,  daß  er  im  ursprünglichen  Sinne
—  das  will  sagen,  ohne  Hinzutun  der  Wissenschaft  —  unter  dem
Sprachzeichen  „Wert“  als  der  Eine,  für  jedermann  nämliche  und  selbe
seiner  wissenschaftlichen  Erledigung  harrt.
Für  den  Zweck  eines  erläuternden  Vergleiches  nehmen  wir  eine
andere  Frage  in  Betracht.  Eine  Frage,  die  in  der  Wertforschung  eine
wichtige  Rolle  spielt,  und  die  sich  eben  nur  im  Geiste  der  herkömmlichen ­
  Anschauung  mit  jener  Unbefangenheit  aufwerfen  läßt,  mit  der
unter  der  Herrschaft  dieser  Anschauung  z.  B.  auch  die  Ausdrücke
„Wertlehre“,  „Wertdoktrin“  usw.  in  Verwendung  kommen.  Die  Frage
nämlich:  „Was  ist  der  Wert?“
Wir  erkennen  leicht,  jene  erste  Frage  ist  mit  dieser  zweiten  so
wenig  eins,  daß  es  von  der  Antwort  auf  die  erstere  abhängt,  ob  die
letztere  überhaupt  aufzuwerfen  sei.  Erst  die  Bejahung  der  ersten  Frage
kann  den  Aufwurf  der  zweiten  rechtfertigen.  Denn  es  unterliegt  der
letzteren  der  Wertgedanke  als  eine  stille  Voraussetzung.
Diese  Abhängigkeit  der  einen  von  der  anderen  Frage  bleibt  aber
dem  herkömmlichen  Denken  unbewußt,  und  es  kann  derselben  somit
nicht  achten.  So  erklärt  sich  abermals  aus  der  Befangenheit  des  herkömmlichen ­
  Denkens  auch  die  naive  Unbefangenheit,  mit  welcher  die
Frage  „Was  ist  der  Wert?“  aufgeworfen  wird.  Ich  nenne  die  letztere
Frage  deshalb  die  Naive  Wertfrage  und  setze  ihr  jene  erste  Frage,
die  ihr  nach  dem  Geheiß  der  Kritik  vorzutreten  hat,  als  die
Kritische  Wertfrage  entgegen. 1 )

*)  Fr.  v.  Wies  er  bemerkt  im  Hinblicke  auf  die  Frage  „Was  ist  der  Wert“,  daß
        <pb n="74" />
        Abschnitt  IV.

45

Man  könnte  ferner  leicht  der  Meinung  verfallen,  daß  sich  die
Kritische  Wertfrage  ihrem  Sinne  nach  auf  die  Frage  vereinfachen
ließe:  „Ist  der  Wert?“  Aber  auch  bei  dieser  Frage  bleibt  doch  dasjenige, ­
  worauf  sich  die  Kritische  Wertfrage  richtet,  ganz  außer  Zweifel:
Das  Dasein  eines  Gegenstandes,  wie  er  dem  Wertgedanken  gemäß  zu
denken  wärel  Diese  weitere  Frage  zielt  vielmehr  nur  ungefähr  dahin
ab,  ob  der  unter  „Wert“  —  unentwegt  als  der  Eine  —  zu  erledigende
Gegenstand  sich  bei  seiner  durchgeführtenErledigung  als  etwas
Tatsächliches,  oder  etwa  bloß  als  etwas  Gedachtes  herausstellt.  Auch
der  Antwort  auf  diese,  gleichwie  jener  auf  die  Naive  Wertfrage,  muß
daher  schon  ein  Erledigen  des  im  Sinne  des  Wertgedankens  zu
denkenden  Gegenstandes  vorausgehen.  Derart  sind  beide  Fragen
die  ich  der  Kritischen  Wertfrage  zur  Erläuterung  entgegenstelle
an  die  Wahrheit  der  Behauptung  im  Wertgedanken  für  ihren  Aufwurf
gebunden,  sind  beide  also  von  der  Antwort  auf  die  Kritische  Wertfrage ­
  abhängig,  bei  welcher  allein  diese  Behauptung  selber  zu  einer
Frage  umgestürzt  erscheint.
Die  Beantwortung  der  Kritischen  Wertfrage  ist  eben  so  weit  davon
entfernt,  ein  Erledigen  jenes  —  im  Sinne  des  Wertgedankens  zu
denkenden  —  Gegenstandes  in  sich  zu  schließen  oder  gar  vorauszusie

  in  einer  „unkritischen  Voraussetzung  aufgeworfen“  sei.  (S.  „Ursprung  und  Hauptgesetze ­
  des  w.  W.“,  S.  52.)  Allein  er  bezieht  sich  dabei  nur  auf  den  tatsächlichen  Umsland,^daß
  man  die  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  von  der  Frage  „Was  bedeutet  das  Wort
er  nicht  gehörig  zu  trennen  weiß.  Die  „unkritische  Voraussetzung“  sieht  v.  Wies  er
UI '  Tn ^'  dem  Glauben  vorhanden,  die  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  ohne  weiteres  auferfen
  zu  können,  während  er  es  kritischem  Vorgehen  gemäß  findet,  zuerst  die  Zweig
  eit  zu  beheben,  die  von  jenem  tatsächlichen  Umstand  der  häufigen  Vermengung
jener  beiden  Fragen  her  droht.
Wenn  hier  nun  die  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  die  Naive  Wertfrage  genannt  wird,
^^  om mt  damit  allerdings  zum  Ausdruck,  daß  etwas  Unkritisches  dieser  Frage  anhaftet,
er  keineswegs  die  „unkritische  Voraussetzung“  im  Sinne  v.  Wiesers.  Denn  eine
der  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  mit  der  Frage  „Was  bedeutet  das  Wort
ert?  kann  im  obigen  Zusammenhänge  schon  deshalb  nicht  eintreten,  weil  ich  die
erstere,  die  Naive  Wertfrage  ausdrücklich  mit  der  Betonung  zur  Sprache  bringe,  daß
ihr  der  Wertgedanke  als  eine  stille  Voraussetzung  unterliege,  was  doch  bei  der  Frage
„Was  bedeutet  das  Wort  Wert?“  offenbar  nicht  der  Fall  ist.
Das  Unkritische  der  deshalb  von  uns  so  genannten  Naiven  Wertfrage  beruht  eben
gerade  in  der  unkritischen  Duldung,  in  dem  unkritischen  Nichtwissen  der  stillen  Voraussetzung, ­
  welche  dieser  Frage  unterliegt,  des  Wertgedankens  nämlich.  Diese  Einsicht
aber  mußte  v.  Wies  er  naturgemäß  ebenso  verborgen  bleiben,  wie  jedem  anderen
Theoretiker,  der  im  Geiste  der  herkömmlichen  Anschauung  für  die  Wertforschung
tätig  wird.
        <pb n="75" />
        46

,Der  Wertgedanke“,

setzen,  daß  es  sich  vielmehr  erst  durch  die  Antwort  auf  die  Kritische
Wertfrage  entscheiden  soll,  ob  in  diesem  Sinne  überhaupt
etwas  zu  erledigen  seil
Die  Tragweite  der  Kritischen  Wertfrage  wird  richtig  ermessen,
sobald  man  sich  vorhält,  daß  mit  ihr  die  Gültigkeit  des  Wertgedankens ­
  in  Frage  gestellt  ist.  An  dieser  Gültigkeit  hängt  aber
doch  sehr  viel!  Der  Wertgedanke  ließ  sich  als  eine  unbewußte  Grundlage ­
  des  Denkens  nachweisen,  das  für  unsere  Wissenschaft  als  das  herkömmliche ­
  gelten  darf.  Die  Gültigkeit  dieses  Gedankens  in  Zweifel
setzen,  heißt  eigentlich  die  ganze  nationalökonomische  Forschung  in
Mitleidenschaft  ziehen.  Nach  dieser  Hinsicht  kann  man  sich  die  Tragweite ­
  jener  Frage  im  Hinblicke  auf  den  Umstand  vergegenwärtigen,
daß  es  sich  mit  ihr  entscheiden  muß,  zunächst,  ob  in  unserer  Wissenschaft ­
  die  Naive  Wertfrage  („Was  ist  der  Wert?“)  ihren  zugleich  alltäglichen ­
  und  brennenden  Charakter  beibehalten  darf.  Weiters,  ob  man
auch  fernerhin,  wie  es  bisher  mit  naiver  Unbefangenheit  geschieht,  die
Namen  „Wertlehre“,  „Wertdoktrin“  usw.  aber  auch  Ausdrücke  wie
„Wertproblem“,  „Dogmengeschichte  des  Wertes“  u.  a.  m.  buchstäblich ­
  nehmen  kann.  Vor  allem  aber,  ob  es  ganz  im  allgemeinen  angeht, ­
  mit  jener  Unbefangenheit  von  „dem  Werte“  zu  sprechen,  wie
es  in  den  verschiedensten  Zusammenhängen  und  bei  unzähligen  Gelegenheiten ­
  bisher  getan  wird.
Denn  in  allen  diesen  Fällen  muß  man  sich  den  Wertgedanken
als  eine  stillschweigende  Voraussetzung  unterliegen  denken,  wird  also
die  Behauptung  im  Wertgedanken  unbewußt  als  wahr  behandelt.
Alle  diese  Vorkommnisse  gewinnen  daher  einen  fraglichen  Charakter,
sobald  einmal  jene  Behauptung  zur  Kritischen  Wertfrage  umgestürzt
erscheint;  und  von  der  letzteren  Antwort  muß  es  offenbar  abhängen,
ob  die  herkömmliche  Denk-  und  Sprechweise,  soweit  jene  Vorkommnisse ­
  in  Betracht  fallen,  zu  berichtigen  oder  zu  bestätigen  sei.
Dahinaus  könnte  unser  Beginnen  von  einer  merkwürdig  einschneidenden ­
  Wirkung  sein.  Denn  es  ist  zweifellos  eine  höchst  befremdende ­
  Vorstellung,  daß  sich  die  Wissenschaft  der  Nationalökonomie
genötigt  sehen  könnte,  ihr  bisheriges  Verhalten  zu  einem  ihrer  vielgebrauchtesten ­
  Ausdrücke  von  Grund  aus  ändern  zu  müssen.
Noch  dazu,  wenn  sie  hinter  diesem  Ausdrucke  etwas  zu  vermuten  gewohnt ­
  ist,  was  einmal  schon  geradezu  als  der  „Eckstein“  ihres  theoretischen ­
  Gebäudes  gerühmt  worden  und  was  nie  aufgehört  hat,  dieser
Wissenschaft  gegenüber  die  Rolle  der  „Großen  Unbekannten“  zu
spielen.  Und  nun  —  denn  im  Grundsätze  erscheint  ja  nunmehr  auch
dies  möglich  —  der  Gedanke  an  eine  Nationalökonomie,  die  nicht  etwa
        <pb n="76" />
        Abschnitt  IV.

47

im  Sinne  einer  bloß  terminologischen  Änderung,  die  vielmehr
im  wesentlichsten  Sinne  nicht  mehr  vom  „Wert“  handelt  1
Wenn  man  es  streng  ausdrücken  will:  Die  es  gar  nicht  zu  sagen  vermöchte, ­
  daß  sie  nicht  mehr  „vom  Werte“  handle,  weil  dann  für  sie
eine  solche  Ausdrucksweise  an  und  für  sich  allen  Sinn  und  jede  Bedeutung ­
  verloren  hätte!  Es  ist  wahrlich  nicht  leicht,  sich  solches  im
voraus  auszumalen  und  alle  seine  Folgen  abzusehen.  Hier  aber
verschließen  wir  uns  diesen  Dingen.
Hier  interessiert  uns  die  Tragweite  der  Kritischen  Wertfrage  nur
soweit,  als  sie  für  die  Selbstbesinnung  der  Wertforschung  in  Betracht
fällt.  Auch  um  dies  zu  ermessen,  nehmen  wir  den  Wertgedanken  zum
Anhalt,  seine  dargelegte  Bedeutung  für  jenes  Forschen.  Wir  erkennen
dann,  daß  wir  mit  der  Kritischen  Wertfrage  zunächst  das  herkömmliche ­
  Denken  über  die  „Wertlehre“  in  Zweifel  setzen,  indem  wir  es
gleichsam  an  seiner  Wurzel  untersuchen.  Aber  wir  zweifeln  unter
Einem  auch  den  Grund-  und  Leitgedanken  der  herkömmlichen  Wertforschung ­
  an.  Vor  allem  jedoch  prüfen  wir  jene  Ansicht  über  den
Inhalt  der  Wertforschung  auf  ihre  Gültigkeit,  die  sich,  dem  Geiste  der
herkömmlichen  Anschauung  gemäß,  im  Einklänge  mit  dem  herkömmlichen ­
  Vorgehen  dieser  Forschung,  aus  dem  Wertgedanken  heraus
bilden  läßt.
Da  wir  nämlich  dieser  Ansicht  einen  ausgesprochenen  Vorrang
zugestehen,  da  wir  über  diesen  Punkt,  den  wichtigsten  für  den  Belang
der  erstrebten  Selbstbesinnung,  mit  der  Bildung  einer  eigenen  Ansicht
solange  zurückhalten,  bis  wir  jene  herkömmliche  Ansicht  gewürdigt
haben:  So  erblicken  wir  in  der  Kritischen  Wertfrage  in  erster  Linie
das  Mittel,  ein  Urteil  über  diese  herkömmliche  Ansicht  vom  Inhalt
der  Wertforschung  zu  gewinnen.  Aus  diesem  Anlasse  werfen  wir
hier  die  Kritische  Wertfrage  auf,  ohne  Acht  auf  die  weittragenden
Nebenwirkungen  unseres  Beginnens  —  aber  auch  ohne  Scheu  vor
ihnen  1  Wir  nehmen  es  einfach  mit  dieser  Frage  auch  hier  so  ernst,
um  noch  ihrer  vollen  Bedeutsamkeit  Rechnung  zu  tragen.
Werfen  wir  einen  Blick  voraus  auf  die  möglichen  Fälle,  die  unser
Beginnen  herbeiführen  köonte.  Zuerst  den  Fall,  daß  wir  die  Kritische
Wertfrage  mit  zureichender  Begründung  verneinen  müßten.  Damit
allein  brauchte  dem  fortlaufenden  Bestand  der  Wertforschung  noch
keineswegs  ein  Ende  gesetzt  zu  sein.  Es  wäre  nur  über  die  herkömmliche
Meinung  in  bezug  auf  das  fragliche  Gebiet  der  Stab  gebrochen,  und
damit  auch  über  die  herkömmliche  Art  und  Weise  im  Vorgehen  der
Wertforschung.  Im  übrigen  jedoch  stünden  wir  nun  erst  vor  der  Frage
was  denn  eigentlich  der  tatsächliche  Inhalt  der  Wertforschung  sei,
        <pb n="77" />
        48

,Der  Wertgedanke“,

nachdem  sich  jene  herkömmliche  Ansicht  darüber  als  eine  trügerische
und  irrige  erwiesen  hätte.
Vermutlich  würde  schon  die  Bildung  des  absprechenden  Urteils
über  jene  Ansicht  die  Handhabe  dazu  bieten,  sie  zu  berichtigen,  das
will  sagen,  den  tatsächlichen  Inhalt  der  Wertforschung  aufzudecken.
Mit  dessen  Erkenntnis  wäre  der  Selbstbesinnung  dieses  Forschens  die
Bahn  geebnet;  die  Wertforschung  wäre  dann  in  der  Lage,  ihren  „königlichen ­
  Weg“  zu  finden.  Der  Zustand  unserer  Wissenschaft  aber,  wie
er  nach  dem  Fall  des  Wertgedankens  eintreten  würde,  und  der  so  viel
Unbegreifliches  in  sich  zu  schließen  scheint,  er  möchte  dann  sicher
begreifbar  werden.  Ihn  als  den  wahren  zu  erkennen,  wäre  ohne  Zweifel
eins  damit,  seine  Möglichkeit  einzusehen.
Die  Kritische  Wertfrage  könnte  ebensogut  bejaht  werden,  der
Wertgedanke  also  die  Probe  auf  seine  Gültigkeit  bestehen.  Scheinbar
bliebe  dann  alles  beim  alten.  Wäre  unser  Beginnen  deshalb  nutzlos
gewesen?  Gewiß  nicht.  Schon  im  allgemeinen  gesprochen,  kann  es
vom  Standpunkte  der  Wissenschaft  unmöglich  gleichgültig  sein,  ob
sich  ein  bestimmtes  Forschen  blindlings  (d.  i.  ohne  jede  Selbstbesonnenheit) ­
  nach  Brauch  und  Herkommen  betätigt  —  sei  es  auch,  daß
es  nach  seinem  Vorgehen  im  Einklänge  mit  den  Tatsachen  bleibt,  also
einen  treffsicheren  Instinkt  bekundet  —  oder  ob  dieses  Forschen  die
Art  seines  Vorgehens  mit  Bewußtsein  aus  der  Erkenntnis  seiner
selbst  herleitet.  Im  besonderen  aber  könnte  das  herkömmliche  Vorgehen ­
  der  Wertforschung  fraglos  noch  manche  Berichtigung  erfahren
und  zu  einer  wesentlichen  Klärung  kommen,  auf  die  Erkenntnis  hin,
daß  der  Wertgedanke  ein  gültiger  sei,  und  dank  der  Einsicht,  weshalb ­
  es  so  ist.  So  bliebe  auch  in  diesem  Falle  keineswegs  alles  beim
alten.  Es  wäre  zwar,  nachdem  einmal  schon  der  Wertgedanke  und
seine  Stellung  zur  Wertforschung  aufgedeckt  ist,  der  letzteren  Inhalt
nicht  mehr  zu  finden;  aber  er  wäre  doch,  so,  wie  er  aus  dem  Wertgedanken ­
  bestimmbar  erscheint,  erst  noch  als  der  tatsächliche
zu  erkennen.  Dies  geschähe,  indem  der  Wertgedanke  seine  Probe
bestünde.  Und  erst  daraufhin  könnte  auch  in  diesem  Falle  die  Wertforschung ­
  auf  den  „königlichen  Weg“  verwiesen  werden.  Denn  im
Finstern  ist  es  nur  zu  leicht  möglich,  daß  man  trotz  der  guten  Richtung
sich  mühsam  über  Stock  und  Stein  weiterschleppt,  und  des  Weges  nicht
gewahr  wird,  der  einen,  sehenden  Auges,  leicht  und  schnell  nach  dem
gleichen  Ziele  hinführen  könnte.
Wir  müssen  schließlich  noch  mit  der  Möglichkeit  rechnen,  daß
sich  die  Kritische  Wertfrage  weder  bejahen,  noch  auch  verneinen  läßt,
daß  sie  einer  eigentlichen  Antwort  unzugänglich  sei.  Der
        <pb n="78" />
        Abschnitt  IV.

49

Wertgedanke  ließe  sich  dann  nicht  als  wahr  erweisen,  aber  auch  nicht
widerlegen.
Da  liegt  aber  die  Vermutung  nahe,  daß  wir  nebenbei  noch  zu
einer  sehr  entscheidenden  Einsicht  kämen.  Zur  Einsicht,  daß  die  Wertforschung ­
  ganz  recht  daran  tut,  —  nur  sollte  es  auch  dann  gewiß  nicht
unbewußt  geschehen  1  —  den  Wertgedanken  als  wahr  zu  behandeln,  obwohl ­
  er  sich  weder  als  wahr  noch  als  falsch  erweisen  läßt.  Nur  unter
dieser  Bedingung  nämlich  —  so  könnte  uns  jene  Einsicht  lehren  —
vermag  unsere  Wissenschaft  ihren  Erkenntniszweck  zu  erfüllen,  indem
es  dadurch  erst  möglich  würde,  gewisse  Dinge  einer  wissenschaftlichen
Behandlung  zu  unterwerfen.
Unter  solchen  Umständen  wäre  dann  zu  erkennen,  daß  der  Wertgedanke ­
  nicht  als  etwas  schlechthin  Wahres  der  Wertforschung  unterliege; ­
  aber  die  letztere  würde  sich  im  Wertgedanken  ebensowenig  auf
einer  bloßen  Fiktion  aufbauen.  Wir  müßten  in  diesem  Falle  vielmehr
sagen:  Das  nationalökonomische  Denken  duldet  den  Wertgedanken  als
eine  seiner  Grundlagen,  und  im  besonderen  nimmt  die  Wertforschung
von  ihm  ihren  Ausgang,  indem  dabei  dem  Wertgedanken  zugestanden
würde,  daß  er  eine  nicht  zu  umgehende  Annahme  sei,  die
sich  nicht  beweisen  und  nicht  widerlegen  läßt,  sagen  wir  also  ein
Postulat.
Könnte  uns  die  Kritische  Wertfrage  auch  nur  diese  Einsicht  vermitteln, ­
  sie  wäre  keineswegs  nutzlos  aufgeworfen.  Denn  immer  ist  der
Vorteil  in  Anschlag  zu  bringen,  den  ein  Forschen  genießt,  das  sich  über
sich  selber  klar  geworden  ist,  einem  solchen  gegenüber,  das  gleichsam
nur  im  Finstern  tappt.  Auch  in  diesem  Falle  wüßte  dann  die  Wertforschung ­
  bis  zu  den  letzten  Dingen  Bescheid  über  sich,  und  vermöchte
sich  danach  einzurichten.
So  macht  es  in  allen  denkbaren  Fällen  die  zweifellose  Bedeutung
dieser  Frage  aus,  daß  sie  zum  Anlaß  wird,  ein  schweres  kritisches
Versäumnis  gutzumachen:  Darin  beruhend,  daß  schon  im  allgemeinen ­
  das  nationalökonomische  Denken  einen  Bestandteil  in  sich
schließt,  der  bisher  verborgen  und  daher  auch  ungeprüft  geblieben
ist;  daß  noch  im  besonderen  die  Wertforschung  damit  zugleich  von
einer  ungewußten  Voraussetzung  ausgegangen  ist,  die  im  höchsten
Grade  verbindlich  erscheint  für  das  ganze  Gebaren  dieser  Forschung.
Wir  mögen  also  immerhin  diese  Frage  hier  aus  ganz  bestimmten,
sozusagen  praktischen  Gründen  aufwerfen:  darüber  noch  hinaus  darf
es  als  eine  Ehrenpflicht  des  nationalökonomischen  Forschens  angesehen ­
  werden,  der  Kritischen  Wertfrage  Genüge  zu  tun.
Es  hat  sich  diese  Frage  aus  Erwägungen  zwingend  ableiten  lassen
4
v.  Göttl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.
        <pb n="79" />
        5°

,Der  Wertgedanke“,

die  ausdrücklich  auf  die  Wertforschung  Bezug  nahmen.  Und  die
vollzogene  Antwort  auf  diese  Frage  würde  in  der  unmittelbarsten  Weise
abermals  für  die  Wertforschung  von  Belang  sein.  So  aber,  wie  diese
Frage  nun  als  solche  daliegt,  fällt  eigentlich  für  ihre  Beantwortung  nicht
notwendig  gerade  die  Wertforschung  in  Betracht.  Es  ist  wenigstens
nicht  im  voraus  abzusehen,  ob  uns  etwa  eine  Kritik  der  Wertforschung,
wie  uns  die  letztere  in  ihren  bisherigen  Äußerungen  gegenständlich
geworden  ist,  schon  in  den  Stand  setzt,  jene  Frage  gültig  zu  erledigen.
Immerhin  erscheint  es  als  das  Naturgemäße,  daß  wir  uns  zunächst
nun  wieder  an  die  Wertforschung  halten,  um  die  gestellte  Aufgabe  zu
lösen,  oder  doch  ihrer  Lösung  näherzubringen.  Es  bleibt  damit  der
engste  Zusammenhang  mit  unserem  eigentlichen  Gegenstände  gewahrt,
und  von  dem  letzteren  würden  wir  uns  in  der  Folge  nur  soweit  entfernen, ­
  als  es  seine  eigene  Behandlung  notwendig  erscheinen  ließe.
Darin  nun,  daß  wir  die  Kritische  Wertfrage,  in  der  Absicht  ihrer
Erledigung,  zur  herkömmlichen,  also  zur  gegenständlich  gewordenen
Wertforschung  in  einen  kritischen  Gegenhalt  setzen,  darin  wird
sich  der  Rest  der  vorliegenden  Untersuchung  erschöpfen.

V.
Für  sich  selber  in  stetigem  Weiterfließen  gedacht,  darf  uns  die
Wertforschung  in  der  sogenannten  Wertlehre  als  etwas  erscheinen,
das  in  bleibender  Gestalt  und  abgeschlossen  vor  uns  liegt.  Im  Angesichte ­
  dieser  „Wertlehre“  suchen  wir  nun  der  Frage  zu  genügen,  ob
der  Wissenschaft  unter  „Wert“  ein  Singularobjekt  vorgesetzt  sei.
Die  Aussagenwelt  der  Wertlehre  ist  bisher  immer  nur  unter
der  stillen  Geltung  des  Wertgedankens  betrachtet  worden 1 ).
Nun  wird  sie  zum  ersten  Male  daraufhin  angesehen,  ob  sie  uns  eine
Handhabe  bietet,  den  Wertgedanken  auf  seine  Gültigkeit  zu  prüfen.
Es  ist  da  zunächst  der  irrtümlichen  Meinung  zu  begegnen,  als

l )  Es  macht  da  gar  keinen  Unterschied  aus,  ob  nun  der  einzelne  Theoretiker  die
„Wertlehre“  unter  keinem  anderen  Gesichtspunkt  betrachtet,  als  daß  er  sie  als  die  Gesamtheit ­
  der  bisherigen  „Werttheorien“  seiner  eigenen  „Werttheorie“  gegenübersieht.  (So
geschieht  es  in  aller  Regel,  der  Theoretiker  muß  sich  dann  als  Partei  im  Streite  gehaben,
und  seine  Kritik  ist  daher  im  Wesen  eine  rein  polemische.)  Oder,  ob  die  „Wertlehre“
umgekehrt  nur  unter  dem  Gesichtspunkte  betrachtet  wird,  daß  man  erst  nach  den  Ergebnissen ­
  dieser  Betrachtung  den  gebräuchlichen  Beitrag  zur  „Wertlehre“  zu  liefern,  also  erst
hinterher  eine  eigene  „Werttheorie“  zu  begründen  sucht.  Darin  beruht  das  Ungewöhnliche ­
  im  Vorgehen  O.  Gerlachs,  der  sich  im  übrigen  dennoch  im  Geiste  der  herkömmlichen ­
  Anschauung  bewegt,  weil  eben  auch  er  den  Wertgedanken  ruhig  hinnimmt.
        <pb n="80" />
        Abschnitt  V.

51

würde  die  „Wertlehre“,  die  für  das  Dasein  der  Wertforschung  zeugt,
damit  auch  schon  den  Beweis  für  das  Dasein  jenes  Singularobjektes
vorstellen,  wie  es  nach  dem  Inhalte  des  Wertgedankens  zu  denken
wäre.  Damit  aber,  daß  alle  Theoretiker  herkömmlich  so  Vorgehen,  als
würden  sie  im  guten  Glauben  an  das  Dasein  eines  Singularobjektes
„Wert“  handeln,  damit  allein  ist  des  letzteren  Dasein  doch  noch  keineswegs ­
  erwiesen.  So  sind  zum  Beispiel  die  alten  Alchymisten  tatsächlich
im  guten  Glauben  daran  vorgegangen,  den  „Stein  der  Weisen“  finden
zu  können.  Lag  etwa  darin  schon  ein  Beweis,  daß  der  „Stein  der
Weisen“  wirklich  zu  finden  sei?
Der  Wertgedanke  steht  für  den  inneren  Zusammenhang  unter  den
Teilen  der  „Wertlehre“  ein,  und  läßt  dadurch  erst  die  letztere  als
Eines  begreifen.  Im  Hinblick  auf  den  Wertgedanken  ist  es  also,  daß
uns  die  verschiedenen  „Beiträge  zur  Wertlehre“,  die  verschiedenen
„Werttheorien“,  untereinander  von  Bezug  und  Belang  erscheinen  dürfen.
Es  stünde  daher  der  Wertgedanke  mit  in  Frage,  und  es  könnte  die
Kritische  Wertfrage  aus  der  „Wertlehre“  heraus  ihre  Antwort  finden,
sobald  wir  es  in  kritische  Erwägung  ziehen  würden,  unter  welcher
Begründung  denn  eigentlich  die  verschiedenen  „Werttheorien“  für  einander ­
  relevant  seien.  Diese  Begründung  wäre  dann  entweder  dem
Inhalte  des  Wertgedankens  gemäß  zu  finden:  Sobald  die  verschiedenen
„Werttheorien“  sich  wirklich  dadurch  untereinander  relevant  zeigten,
daß  sie  alle  nur  Erledigungsversuche  des  Einen,  ständig  nämlichen,
des  Singularobjektes  „Wert“  darstellen,  je  vom  subjektiven  Standpunkte
eines  Theoretikers  aus  unternommen.  Oder  die  Begründung  der  Relevanz
aller  „Werttheorien“  für  einander  wäre  eben  nicht  in  diesem  Sinne,  vielmehr ­
  in  irgend  etwas  Anderem,  oder  auch  vielleicht  gar  nicht  zu  finden.
In  beiden  letzteren  Fällen  aber  läge  darin  auch  schon  der  Gegenbeweis
für  die  Gültigkeit  des  Wertgedankens;  die  Kritische  Wertfrage  hätte
unter  Einem  zwar  mittelbar,  aber  durchaus  entscheidend  ihre  Verneinung ­
  gefunden.
So  jedoch  vorgehen,  das  hieße  abermals  geradenwegs  —ohne
Rücksicht  auf  die  überkommenen  Meinungen  den  kritischen  Erwägungen ­
  folgen.  Ein  solches  Vorgehen  verbietet  sich  aber  aus
den  oben  erwähnten  Gründen.  Wir  bleiben  dagegen  dem  einmal  eingeschlagenen ­
  Wege  treu,  sobald  wir  zunächst  von  der  Annahme
aus  gehen,  daß  der  Wertgedanke  ein  gültiger  sei,  um  dann  unter
dem  Gesichtspunkte  dieser  Annahme  einen  prüfenden  Blick  in  die
Aussagenwelt  der  „Wertlehre“  zu  werfen.  Es  soll  sich  zeigen,  ob  die
tatsächlichen  Verhältnisse  innerhalb  der  „Wertlehre“  mit  den  Folgerungen
aus  jener  Annahme  in  Einklang  stehen.  Unser  Standpunkt  ist  also  der,
4*
        <pb n="81" />
        52

,Der  Wertgedanke“,

daß  wir  der  herkömmlichen  Meinung  zunächst  beitreten,  daß  wir  ihr
gleichsam  Recht  geben,  uns  dann  aber  überzeugen,  ob  die  tatsächlichen
Verhältnisse  ihrerseits  jene  herkömmliche  Meinung  bestätigen,  oder  ob
sie  ihr  irgendwie  widerstreiten.
Wir  nehmen  also  an,  daß  es  sich  für  die  ganze  „Wertlehre“  in
der  Tat  um  das  Erledigen  des  Singularobjektes  „Wert“,  als  des  Einen,
für  jedermann  nämlichen  Gegenstandes  handle.  Auch  unter  dieser
Annahme  bliebe  den  verschiedenen  Versuchen,  jenes  Objekt  je  vom
Standpunkte  eines  bestimmten  Theoretikers  aus  zu  erledigen,  eine
gewisse  Mannigfaltigkeit  unbenommen.  Es  soll  dabei  weniger
an  die  unvermeidlichen  Abweichungen  gedacht  werden,  die  sich  aus
der  Eigenart  der  subjektiven  Anschauungen  ergeben  könnten;  vielmehr
an  den  Umstand,  daß  auch  die  Erledigung  von  Ein  und  Demselben
immer  noch  nicht  bloß  in  verschiedenem  Ausmaße,  sondern  auch
unter  wechselnden  Gesichtspunkten  und  nach  getrennten  Richtungen
erfolgen  kann.  Aber  alle  diese  subjektiven  Beiträge  zur  Erledigung
jenes  Einen  Objektes  würden  notwendig  gewisse  Berührungspunkte ­
  gemein  haben,  an  denen  sie  sich  —  unter  Wahrung  des
Spielraumes  für  die  Sonderheiten  in  den  subjektiven  Anschauungen  —
inhaltlich  überdecken  müßten.
Der  vornehmste  dieser  Berührungspunkte  wäre  in  unserem  Falle
durch  die  Frage  markiert:  „Was  ist  der  Wert?“  Diese  Frage  dürfte
unter  der  gesetzten  Annahme  nicht  bloß  mit  Fug  und  Recht  aufgeworfen ­
  werden,  sie  wäre  unter  dieser  Annahme  auch  eines,  stets  und
immer  desselben  Sinnes,  und  eben  gerade  auf  diesen  Umstand
hin  für  alle  subjektiven  Beiträge  zur  Erledigung  jenes  Objektes  ein  gemeinsamer ­
  Berührungspunkt.  Was  aber  ihre  Wichtigkeit  anbelangt,  so
ist  es  klar,  daß  alles  Erledigen  jenes  Einen  Objektes,  gleichviel  von
welchem  Standpunkte  aus  es  unternommen  würde,  und  in  welchem
Ausmaße,  unter  welchem  Gesichtspunkte  und  nach  welchen  Richtungen
es  durchzuführen  wäre,  an  dieser  Frage  zu  beginnen,  bei  ihr  gleichsam
einzusetzen  hätte 1 ).
Im  folgenden  ist  nun  eine  Vielheit  solcher  Antworten  auf  die
Frage  „Was  ist  der  Wert?“  zusammengestellt;  jede  einzelne  bündig

’)  Es  ist  dabei  wieder  gleichgültig,  in  welcher  Art  und  Weise  sich  der  einzelne
Theoretiker  mit  dieser  Frage  abfindet.  Ob  er  sie  sozusagen  vom  Fleck  weg  beantwortet,
oder  ihre  Antwort  auf  dem  Wege  einer  mehr  oder  minder  weit  ausholenden  Ableitung
zu  erbringen  sucht.  Eine  Antwort  auf  diese  Frage  liegt  schließlich  auch  darin,  sobald
man  —  ob  nun  mit  Recht  oder  Unrecht  —  behauptet,  daß  es  um  der  Selbstverständlichkeit, ­
  der  allgemeinen  Bekanntheit  ihrer  Antwort  wegen  gar  nicht  nötig  sei,  diese
Frage  aufzuwerfen.
        <pb n="82" />
        Abschnitt  V.

53

gefaßt,  und  alle  zusammen  der  Aussagenwelt  der  „Wertlehre“  entnommen. ­

Die  Menge  irgendeines  anderen  Dinges,  das  für  ein  Ding  eingetauscht ­
  wird.  (Ricardo.)
Kaufkraft.  (J.  B.  Say.)
Die  allgemeine  Tauschkraft,  die  Verfügungsgewalt,  die  der  Besitz  eines
Dinges  über  käufliche  Güter  im  allgemeinen  verleiht.  (J.  St.  Mi  11.)
Das  Vermögen,  die  Kraft,  gleichgeschätzte  Güter  zu  erlangen,  zu  kaufen.
(J.  Garnier.)
Tauglichkeit  eines  Dinges,  als  Mittel  zu  einem  Zwecke.  (Hufeland.)
Tauglichkeit  eines  Gutes  als  Mittel  für  menschliche  Zwecke,  bzw.  das
Maß  dieser  Tauglichkeit.  (Lotz.)
Tauglichkeit  eines  Gutes  zur  Befriedigung  eines  Bedürfnisses.
(Hermann.)
Die  Nützlichkeit,  in  ihrer  besonderen  Beziehung  auf  die  Befriedigung
unserer  Bedürfnisse.  (Rossi.)
Das  im  menschlichen  Urteil  erkannte  Verhältnis,  wonach  ein  Ding
Mittel  für  die  Erfüllung  eines  erstrebenswerten  Zweckes  sein  kann.
(F  r  i  e  d  1  ä  n  d  e  r.)
Das  Urteil  über  die  Nützlichkeit  der  Dinge.  (Storch.)
Die  um  ihrer  Nützlichkeit  willen  den  Dingen  entgegengebrachte  Achtung.
(C  o  n  d  i  11  a  c.)
Der  im  menschlichen  Urteil  anerkannte  Grad  von  Nützlichkeit  eines
Sachgutes.  (R  a  u -)
Das  Maß  der  Nutzleistung.  (Knie  s.)
Maß  der  Fähigkeit  eines  Produktes,  Bedürfnisse  zu  befriedigen,  verglichen
mit  der  gleichen  Fähigkeit  anderer  Produkte.  (Wittelshöfer.)
Die  Gewichtigkeit  eines  Gegenstandes,  welche  ihm  in  Gemäßheit  des
Druckes  eines  auf  denselben  gerichteten  Begehrens  erteilt  wird.  (Thomas.)
Das  Maß,  in  welchem  jedes  der  Elemente  des  gesellschaftlichen  Reichtums
beiträgt,  des  Ganze  zu  bilden.  (Proudhon.)
Die  aus  der  Erkenntnis  der  Eignung  eines  Objektes,  Begehrungen  zu
dienen,  hervorgehende  Stellung  desselben  gegenüber  der  Gesamtpersönlichkeit
des  Menschen.  (W  o  1  f.)
Ein  Verhältnis  zwischen  Gütern,  das  nach  Maßgabe  der  Nützlichkeit  und
Seltenheit  derselben  gebildet  wird.  (Galiani.)
Bedeutung  jener  Gegenstände  der  Außenwelt,  welchen  der  Mensch  die
Fähigkeit  zuerkennt,  irgendeinem  seiner  Bedürfnisse  zu  entsprechen.
(M  a  n  g  o  1  d  t.)
        <pb n="83" />
        54

,Der  Wertgedanke“,

Bedeutung,  die  eine  Sache  als  Bedurftes  gegenüber  einem  Vorgesetzten
Zwecke  gewinnt.  (R  o  d  b  e  r  t  u  s.)
Die  Bedeutung,  die  einem  Gute  um  seiner  Nützlichkeit  wegen  beigelegt ­
  wird.  (W  a  g  n  e  r.)
Bedeutung  —  bzw.  Geltung  —  eines  Gutes,  als  subjektiver  Reflex  von
Nutzen  und  Kosten  gegen  das  Bewußtsein  des  wirtschaftenden  Subjektes.
(Schäffle.)
Bedeutung  eines  Gegenstandes,  demselben  wegen  der  durch  ihn  ersparten
Aufopferung  beigelegt.  (Putlitz.)
Ökonomische  Bedeutung  (eines  Gutes  für  eine  Wirtschaft),  insoferne  sie
durch  den  Grenzpreis  gemessen  wird.  (A.  V  o  i  g  t.)
Bedeutung,  die  ein  Gut  um  der  Abhängigkeit  einer  Bedürfnisbefriedigung
von  diesem  Gute  halber  erlangt,  bzw.  das  Urteil  über  diese  Bedeutung.
(M  e  n  g  e  r.)
Die  höhere  Wohlfahrtsbeziehung  zwischen  Mensch  und  Gütern,  im
Gegensatz  zur  Nützlichkeit.  Die  Bedeutung,  die  einem  Gute  als  unentbehrliche ­
  Bedingung  eines  Wohlfahrtserfolges  innewohnt.  (v.  B  ö  h  m  -  B  a  w  e  r  k.)
Die  mit  der  Vorstellung  der  Gutsdinge  verknüpfte  Vorstellung  der  Bedeutung ­
  der  an  dieselben  gewiesenen  Bedürfnisbefriedigungen.  (Sax.)
Sachliebe;  d.  i.  Assoziation  von  Interessengefühlen  mit  der  Vorstellung
der  Güter.  (v.  Wieser.)
Das  Verhältnis  zwischen  jenen  Bruchteilen  seines  Leistungsvermögens,
den  jemand  der  Erlangung  des  betreffenden  Dinges  widmen  will,  und  dem
Ganzen  dieses  Leistungsvermögens.  Bzw.  (wenn  zwei,  miteinander  tauschende
*  Personen  in  Betracht  kommen)  das  Verhältnis  zwischen  den  Mitteln  aus  jenen
Bruchteilen  und  den  Mitteln  aus  diesen  Ganzen.  (Turgot.)
Wirtschaftlicher  Maßstab  der  Brauchlichkeiten,  bzw.  die  durch  den  Besitz
einer  Nutzbarkeit  dem  Besitzer  ersparte  Anstrengung,  oder  die  Anstrengung,
die  man  für  ihre  Erlangung  aufzuwenden  geneigt  ist.  (Michaelis.)
Das  Verhältnis  der  Produktionskosten  zur  Brauchbarkeit.  (Engels.)
Das  Verhältnis  der  tauschmäßigen  Gegendienste.  (Bastiat.)
Die  in  einer  Ware  vergegenständlichte,  abstrakte  menschliche  Arbeit.
(Mar  x.)
Die  Macht  der  Natur  über  den  Menschen.  (Carey.)
Diese  Antworten  auf  die  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  sind  tunlichst
nach  ihrer  inneren  Verwandtschaft  aneinandergereiht.  Man  wird  bemerken, ­
  daß  sich  manche  unter  ihnen  inhaltlich  sehr  nahe  kommen.
Im  großen  und  ganzen  wird  man  aber  gewiß  nicht  den  Eindruck
empfangen,  daß  sich  diese  Antworten  in  ihrer  Gesamtheit  inhaltlich
überdecken  1
        <pb n="84" />
        Abschnitt  V.

55

Im  Grunde  genommen  renne  ich  mit  dieser  Feststellung  nur  offene
Türen  ein.  Sie  wird  niemand  überraschend  kommen.  Wir  stehen  da
einfach  vor  jenem  längstbekannten,  vielbeklagten  „Chaos“,  vor  jener
Zerfahrenheit  der  „Wertlehre“,  mit  der  man  sich  nun  einmal  abgefunden ­
  hat.
Die  Sache  selber  ist  eine  alte  und  längstbekannte;  aber  sie  muß
uns  hier  in  einer  neuen  Beleuchtung  erscheinen.  Wir  werden  hier  auf
einen  bedenklichen  Zwiespalt  aufmerksam,  in  welchen  die  tatsächlichen
Verhältnisse  in  der  „Wertlehre“  zu  der  überkommenen  Anschauung
geraten,  die  im  Wertgedanken  ihren  prägnanten  Ausdruck  findet.  Soweit ­
  nämlich  ein  erster  Überblick  ein  Urteil  darüber  zuläßt,  scheinen
diese  Antworten  auf  die  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  ganz  und  gar
nicht  darauf  hinzudeuten,  daß  es  sich  bei  ihnen  um  die  subjektiven
Erledigungen  von  einem  und  demselben  zu  Erledigenden
handelt.
Es  bedarf  da  sofort  einer  Erklärung,  weshalb  man  nicht  schon
längst  über  diese  Dinge  stutzig  geworden  ist.  Diese  Erklärung  ist
aber  leicht  zu  geben.  Um  nämlich  den  Widerspruch  herauszufühlen
zwischen  den  Verhältnissen  der  „Wertlehre“,  die  im  Geiste  der  herkömmlichen ­
  Anschauung  erstanden  ist,  und  dieser  Anschauung  selber,
dazu  bedarf  es  einer  Selbsterkenntnis  der  letzteren,  die  ihr  bisher  eben
unbestreitbar  gefehlt  hat.  Solange  der  Wertgedanke  die  verborgene
Grundlage  der  herkömmlichen  Anschauung  bleibt,  solange  er  gleichsam
das  Denken  beherrscht,  ohne  selber  von  ihm  beherrscht  zu  werden,
solange  vermag  er  ebensowenig  kritische  Bedenken  auszulösen,  als  er
selber  kritischen  Zweifeln  erreichbar  ist.  Da  war  es  erst  nötig,  den
Wertgedanken  bewußt  zur  Annahme  zu  setzen,  um  daraufhin  bei
der  Betrachtung  der  „Wertlehre“  jenen  Widerspruch  herausfühlen  zu
können.

Zum  Überfluß  ist  der  Wertgedanke  gerade  auf  seine  stille
Geltung  hin  dazu  angetan,  alle  kritischen  Bedenken  über  die  Wirrnis
in  der  „Wertlehre“  im  Keime  zu  ersticken.  Wer  nämlich  unter  der
Herrschaft  der  herkömmlichen  Anschauung  steht,  wer  also  im  Einklänge ­
  mit  dem  Wertgedanken  denkt,  ohne  sich  darüber  Rechenschaft
ablegen  zu  können,  der  muß  sich  dadurch  schon  einem
Singularobjekte  ,  Wert“  gegenübersehen,  das  er  —  nach
seiner  subjektiven  Ansicht  —  entweder  schon  durch  eine  der  vorhandenen ­
  „Werttheorien“  für  erledigt  hält,  oder  erst  durch  eine  eigene
„Werttheorie“  zu  erledigen  sucht.  Er  sieht  also  nicht  bloß  ein  unter
„Wert“  zu  Erledigendes  vorhanden,  das  er  für  alle  gemeinsam  wähnt,
es  gibt  ihm  auch  die  angeeignete  oder  eigene  „Werttheorie“  ein  Ur
        <pb n="85" />
        56

,Der  Wertgedanke“,

teil  darüber  an  die  Hand,  wie  dieses  Singularobjekt  zu  erledigen  sei.
Dieses  Urteil  aber  gewinnt  für  ihn,  der  in  den  übrigen  „Werttheorien“
nur  die  anderweitigen  Erledigungen  des  nämlichen  Objektes
„Wert“  ersehen  kann,  die  Bedeutung  eines  zwingenden  Vorurteils
bei  der  Würdigung  jener  anderen  „Beiträge  zur  Wertlehre“.  Wenn  er
nun  diese  anderweitigen  Erledigungen  von  jener  abweichen  sieht,  die
ihm  als  die  richtige  erscheinen  muß,  und  die  eben  mit  der  eigenen
oder  angeeigneten  „Werttheorie“  vorliegt,  und  dies  in  Punkten,  wo  sie
offenbar  übereinstimmen  sollten,  im  besonderen  also  bei  der  Antwort
auf  die  Frage  „Was  ist  der  Wert?“:  dann  kann  er  erst  gar  nicht  auf
den  Zweifel  verfallen,  ob  es  sich  bei  den  verschiedenen  „Beiträgen  zur
Wertlehre“  in  der  Tat  um  das  Eine,  für  jedermann  nämliche  Objekt
handle.  Denn  unter  dem  Zwange  jenes  Vorurteils  müssen  ihm  diese
Abweichungen  von  Haus  aus  als  Fehler  erscheinen,  deren  sich
jene  anderweitigen  Erledigungen  schuldig  machen.  Als  Fehler,  die
zwar  der  Tatsache  nach  im  Rahmen  der  „Wertlehre“  störend  wirken,
im  übrigen  aber  nicht  das  mindeste  an  dem  grundsätzlichen  Verhältnis
ändern  können,  daß  es  die  „Wertlehre“  mit  dem  Einen,  für  jedermann
nämlichen  Objekt  zu  tun  habe.  So  bringt  es  gerade  die  stille  Geltung
des  Wertgedankens  zuwege,  ihn  in  seiner  Verborgenheit  vor  allem
Zweifel  gefeit  zu  erhalten,  und  zugleich  erscheinen  dabei  die  seltsamen
Zustände  der  „Wertlehre“  in  einem  harmlosen  Lichte:  als  etwas,  das
an  sich  zwar  beklagenswert  ist,  aber  keinerlei  kritische  Bedenken  wachruft ­
  !).

*)  Ganz  im  Sinne  der  Auffassung,  welche  die  Verhältnisse  der  „Wertlehre“  unter
der  Herrschaft  der  herkömmlichen  Anschauung  mit  Notwendigkeit  erfahren,  ist  auch  das
Verhalten  der  Theoretiker  gegenüber  den  fremden  „Werttheorien“,  wo  diese  von  der
eigenen  oder  angeeigneten  inhaltlich  abweichen.  Im  besonderen  auch,  soweit  es  die
Antwort  auf  die  Frage  „Was  ist  der  Wert?"  betrifft.  Dreifach  ist  da  die  Art,  in  der
wir  die  Vertreter  einer  eigenen  Werttheorie  die  Aussagen  der  fremden  angreifen  sehen.
Die  abweichende  Antwort  auf  jene  Frage  wird  zum  Ersten  als  Definitionsfehler
hingestellt.  Man  sieht,  die  Einheit,  die  Nämlichkeit  des  Objektes  „Wert“  wird  hier  in
der  Einheit  und  Nämlichkeit  des  Definiens  erblickt,  wobei  das  Definitum,  wie  es  aus
der  eigenen  „Werttheorie“  hervorgeht,  als  Kriterium  der  Richtigkeit  im  Definieren  gehandhabt
  wird.  In  diesem  Sinne  sagt  z.  B.  Zuckerkandel  (Z.  Th.  d.  Pr.  S.  51):
„Die  von  Galiani  gegebene  Definition  des  Wertes  ist  unrichtig.“  Es  klingt  schon
mehr  die  (gleich  zu  erörternde)  zweite  Art  des  Angriffes  heraus,  wenn  Zuckerkandel
an  einer  anderen  Stelle  (a.  a.  O.  S.  45)  sagt:  „Will  man  die  Kaufkraft  aus  menschlichen ­
  Erwägungen  heraus  erklären,  so  muß  man  zunächst  wissen,  was  man  unter  Wert
zu  verstehen  hat.  Welche  Momente  Zusammentreffen  müssen,  damit  eine  Sache  Wert
erhalte,  dies  war  der  Wissenschaft  bald  klar  geworden,  und  man  hielt  allgemein  mit
Recht  daran  fest,  daß  der  Wert  entsteht,  sobald  eine  Sache  Nützlichkeit  und  Seltenheit
besitzt.  Damit  war  aber  noch  nicht  gegeben,  was  der  Wert  ist.  Lange  verstand  man
        <pb n="86" />
        Abschnitt  V.

57

unter  Wert  bloß  den  Ausdruck  desselben:  die  Kaufkraft;  später,  als  man  von  der
Wirkung  auf  die  Ursache  zurückging,  machte  es  große  Schwierigkeit,  den  Tatbestand
des  subjektiven  Reflexes  der  Nützlichkeit  und  Seltenheit  richtig  aufzunehraen.“  Da
bleibt  im  Grundsätze  wohl  auch  die  unbewußte  (besser  gesagt,  die  auf  den  unbewußten
Einfluß  des  Wertgedankens  hin  unwillkürliche)  Annahme  bestehen,  daß  sich  die
angegriffenen  Theoretiker  vor  einem  und  demselben  zuErledigenden  befunden  hätten.
Aber  es  wird  ihnen  zum  Vorwurf  gemacht,  daß  sie  nicht  erst  beim  Erledigen,  zum
Beispiel  also  im  Definieren,  gefehlt  hätten;  man  hält  ihnen  vielmehr  vor,  daß  schon  ihre
Auffassung  des  (unter  „Wert“)  zu  Erledigenden  eine  fehlerhafte,  oder  doch  eine
mangelhafte  gewesen  ist.
In  diesem  Sinne  heißt  es  dann  etwa,  Der  oder  Jener  hätte  „nur  den  Tauschwert",
°der  „nur  den  Gebrauchswert“  in  Betracht  gezogen  (über  den  Brauch  bei  der  Verwendung ­
  dieser  beiden  Ausdrücke  siehe  weiter  unten);  oder  es  heißt,  der  betreffende
I  heoretiker  hätte  „statt  des  Wertes  die  Nützlichkeit"  in  Erledigung  genommen  usw.
Uc  *)&amp;gt; er  ist  es  die  von  der  eigenen  „Werttheorie“  gelieferte  Antwort  auf  jene  Frage,
aS  d ' e  Richtschnur  dafür  abgibt,  den  fremden  Antworten  die  fehlerhafte  oder  doch
ugelhafte  Auffassung  schon  des  zu  Erledigenden  vorzuwerfen.
schwebende  Unentschiedenheit,  die  im  Kampfe  der  inhaltlich  sich  wider-„Werttheorien“
  dauernd  vorherrscht,  ist  der  Beweis  für  den  Mangel  eines,
üe  1  ^ r  i eden  Dutten  überzeugenden  (objektiven)  Kriteriums  der  Entscheidung  unter
ve rschiedenen  „Beiträgen  zur  Wertlehre“.  Bei  diesem  Mangel  steht  dem  einzelnen
e  _ er &amp;gt;  wenn  er  nicht  einfach  die  fremden  Meinungen  nach  der  eigenen  richtigdie
  ^  W '^’  nur  noc h  eine  (die  dritte)  Art  des  Angriffes  frei:  Dabei  wird  der  Antwort,
Zutr 7  fremde  „Werttheorie“  auf  die  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  liefert,  nicht  etwa  ihr
imm  6n '  '* lre  ^ u ff e b°rigkeit  zu  und  ihr  Ausreichen  für  jene  Frage  abgestritten  —  was
nur  unter  der  Berufung  auf  die  eigene  Antwort  möglich  erscheint  —  es  wird
J  fremden  Antwort  vielmehr  gleich  ihre  innere  Wahrheit  abgesprochen  I  Diese
Zwei  *k  ^ n ^ r ' deS|  die  kritisch  ungleich  höher  steht,  wird  nicht  allzu  oft  gehandhabt.
fremd  ° rDlen  ' assea  sich  da  in  der  Hauptsache  unterscheiden.  Entweder  wird  der
nac .  en  "Werttheorie"  für  den  Teil  jener  Antwort  schlechthin  ein  innerer  Widerspruch
er  'esen.  So  meint  z.  B.  J.  F.  Neu  mann:  „Anders  M  enger.  Indessen  hält  auch
y,r cn  ” dar getan“,  daß  alle  Werterscheinungen  derselben  Natur  sind  (S.  143)  und  der
j^ en  nUC  e ' n  e inziger  Begriff  ist  (S.  78  und  83).  Damit  aber  harmoniert  nicht,  daß
6  r  deQ  Wert  einerseits  S.  78  als  „Bedeutung“  bezeichnet,  „die  “,  sodann
,,  Bemerkt,  daß  Wert  ein  Urteil  der  wirtschaftenden  Individuen  über  die  „Bescheine
  '  Un&amp;lt;1  namcn riich  auf  S.  118  von  „Wertquoten“  spricht,  die  doch  allem  Anlagen“ ­
  naC ^  weder  &amp;gt;iUrteils“-Quoten  noch  „Bedeutungs“-Quoten  sein  sollen.“  („Grund-5
  »32,  Anm.  109.)
erledig  T  ^  W ' rd  dasjenige,  das  auf  die  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  hin  als  „Wert“
gesteift 11  g aUSBesa £ t  wird,  als  unwirklich,  der  Tatsächlichkeit  entbehrend
K  M  '  -  °  C  l&amp;lt;!n  An g ri ffen  war  keine  „Werttheorie“  mehr  ausgesetzt  als  jene
o"  GerUch  Z  B '  VOn  Seite “  Knies ’  Schaeffle  u.  v.  A.)
T'"'t‘al  •  W  se!ner  mehrfach  erwähnten  Schrift  („Über  die  Bedingungen  wirtschaftl.
»  )  eine  Anzahl  von  „Werttheorien“  unter  diesem  Gesichtspunkte  kritisch  beuc
  tet.  Siehe  Kap.  ft  &amp;lt;j; eser  s c i,rift:  „Die  Realität  der  als  Inhalt  des  Wertbegriffes
behaupteten  Beziehungen“.
Aber  auch  da  bleibt  es  ein  stiller  Hintergedanke,  daß  hier  bei  der  Erledigung
on  etwas  gefehlt  worden,  das  als  das  Eine,  für  jedermann  nämliche  Objekt  zu  erledigen ­
  wäre.

a uf  S.  86
deutun

hinvon

Neuerdings  hat
        <pb n="87" />
        58

,Der  Wertgedanke“,

Für  uns  aber  muß  es  der  kritischen  Bedenken  sehr  gewichtige  erregen, ­
  wenn  es  den  Anschein  hat,  als  würden  die  tatsächlichen  Verhältnisse ­
  in  der  „Wertlehre“  durchaus  nicht  mit  dem  Inhalt  des  Gedankens ­
  übereinstimmen,  auf  dessen  Grundlage  die  Wertforschung
vorgeht.
Bei  diesen  Bedenken  dürfen  wir  jedoch  nicht  stehen  bleiben.  Es
ist  uns  vielmehr  doch  darum  zu  tun,  die  Gültigkeit  des  Wertgedankens ­
  zu  prüfen;  was  dasselbe  sagen  will,  die  Kritische  Wertfrage ­
  zureichend  zu  beantworten.  Dazu  reichen  selbst  die  gewichtigsten
Bedenken  nicht  aus;  es  bedarf  klipp  und  klar  des  Beweises  für  oder
gegen  die  Wahrheit  des  Wertgedankens,  oder  auch  des  einwandfreien
Nachweises,  daß  ein  solcher  Beweis  außer  Möglichkeit  liegt.
Der  letztere  Nachweis  schließt  sich  hier  ganz  unmittelbar  aus.  Wir
können  wohl  zur  Einsicht  kommen,  daß  es  unter  der  Berufung  auf  die
tatsächlichen  Verhältnisse  in  der  „Wertlehre“  gar  nicht  möglich  sei,
einen  zureichenden  Beweis  für  oder  gegen  die  Wahrheit  des  Wertgedankens ­
  zu  führen.  Aber  weit  entfernt  davon,  daß  schon  mit  dieser
Einsicht  jener  Nachweis  vorläge,  würde  sie  uns  einfach  dazu  drängen,
erst  noch  zu  versuchen,  ob  die  Kritische  Wertfrage  nicht  in  irgendeiner ­
  anderen  Weise  ihre  Antwort  finden  könnte.  Und  erst  die
Gewißheit,  daß  solches  in  keiner  Weise  möglich  sei,  wäre  mit  jenem
Nachweise  gleichbedeutend.
Nun  gelangen  wir  aber  wirklich  zur  erwähnten  Einsicht.  Die  tatsächlichen ­
  Verhältnisse  in  der  „Wertlehre“  bieten  uns  keinerlei  Handhabe ­
  dazu,  über  den  Wertgedanken  entscheidend  abzuurteilen,
mögen  sie  auch  noch  so  gewichtige  Bedenken  gegen  seine  Gültigkeit
in  uns  wachrufen.  Darüber  kann  uns  eine  kurze  Erwägung  belehren.
Die  „Wertlehre“  setzt  sich  zur  Gänze  aus  den  Versuchen  zusammen,
die  jeder  einzelne  der  beitragenden  Theoretiker  zur  Erledigung  des
Objektes  unternimmt,  daß  er  seiner  Auffassung  nach  unter  dem
Sprachzeichen  „Wert“  vorhanden  erblickt.  Im  Geiste  der  herkömmlichen ­
  Anschauung  handelt  es  sich  da  überall  um  das  Eine,  für  jedermann ­
  um  das  nämliche  Objekt.  Auf  die  tatsächlichen  Verhältnisse  in
der  „Wertlehre“  hin  aber  gewinnt  es  nun  den  Anschein,  daß
es  eben  nicht  Ein  Objekt  sei,  was  dazu  erledigen  versucht  wird.  Um
jedoch  von  diesem  Anschein  zur  erforderlichen  Gewißheit  in
diesem  Punkte  vorzuschreiten,  wäre  erst  die  Frage  zu  erledigen,  in
welchem  Sinne  und  bis  zu  welchem  Grade  jene  Erledigungen  —
die  uns  allein  vorliegen  —  einen  gültigen  Rückschluß  auf  das
zu  Erledigende  zulassen.  Setzen  wir  nun  den  günstigsten  Fall:
Es  wäre  in  der  Tat  möglich,  in  unanfechtbarer  Weise  darzutun,  daß
        <pb n="88" />
        Abschnitt  V.

59

es  nicht  ein  und  dasselbe  Objekt  sei,  was  die  verschiedenen  Theoretiker ­
  durch  ihre  „Beiträge  zur  Wertlehre“  zu  erledigen  streben.  Dieser
Nachweis  möchte  ohne  Zweifel  das  Äußerste  vorstellen,  was  für  den
ln  Frage  stehenden  Beweis  aus  der  „Wertlehre“  heraus  beizubringen
wäre.  Dürften  wir  aber  damit  schon  den  Wertgedanken  als  endgültig ­
  abgetan  betrachten?
Denken  wir  uns  einmal  den  Wertgedanken  als  falsch.  Ein  Singularobjekt, ­
  daß  der  Wissenschaft  unter  dem  Sprachzeichen  „Wert“  vorgesetzt ­
  sei,  wäre  also  gar  nicht  vorhanden.  Damit  würde  es  nun  zwar
übereinstimmen,  sobald  wir  gültig  nachweisen  könnten,  daß  von  den
verschiedenen  „Beiträgen  zur  Wertlehre“  keineswegs  immer  das  Eine,
für  jedermann  nämliche  Objekt  zu  erledigen  gesucht  werde.  Um  jedoch
umgekehrt  von  letzterem  Tatbestand  zwingend  darauf  schließen  zu
können,  daß  der  Wertgedanke  ungültig  sei,  müßte  vorher  außer  Zweifel
sein ,  daß  jener  Tatbestand  einzig  und  allein  auf  die  Ungültigkeit
des  Wertgedankens  hin  eintreten  könnte.
Diese  Bedingung  trifft  aber  nicht  zu.  Sei  es  immerhin,  daß  der
Wissenschaft  unter  „Wert“  ein  Singularobjekt  vorgesetzt  sei:  es  könnten
trotzdem  die  Verhältnisse  in  der  „Wertlehre“  jenen  Tatbestand  begründen. ­
  Die  verschiedenen  „Beiträge  zur  Wertlehre“  würden  aus  dem
einfachen  Grunde  nicht  ein  und  dasselbe  Objekt  behandeln,  weil  sich
Er  0c * er  jener  Theoretiker  gleichsam  schon  im  zu  Erledigenden
Ver griffe n  hätte!
s  tu t  dabei  gar  nichts  zur  Sache,  wenn  es  sich  gar  nicht  absehen
frei*  WlG  man  J enen  Tatbestand  gerade  auf  diesen  Umstand  einwandall ­
  ZUriic k*ühren  könnte.  Die  grundsätzliche  Möglichkeit
* n  re ieht  hier  schon  aus,  um  jenen  Tatbestand  seiner  Beweiskraft
er  gegen  den  Wertgedanken  zu  berauben 1 ).
*)  Wir
welche  di  mussen  hier  also  mit  einer  Möglichkeit  rechnen,  die  nach  der  Auffassung,
sch  auu  16  Behältnisse  der  „Wertlehre“  unter  der  Herrschaft  der  herkömmlichen  An-»Wertth*
  Enden,  ohne  weiteres  als  Gewißheit  behandelt  wird.  Wenn  sich  der
im  gerin  ^urch  den  Zustand  der  „Wertlehre“  vielleicht  belästigt,  aber  nicht
die  ihm  °  ^  ^üsch  beunruhigt  fühlt,  dann  trägt  hierzu  eben  auch  die  Ansicht  bei,
theorie"  °n  aus  lestst eht:  es  hätte  sich  der  oder  jener  Gegner  bei  seiner  „Wertder
  Überze  ^  ' m  Zu  Erledigenden  vergriffen  1  Diese  Ansicht  geht  Hand  in  Hand  mit
sehen  brauch'' 1 ”^'  **  ^* tte  üer  betreffende  Theoretiker  nur  schärfer  und  richtiger  zusach
  "fl  r 0 ’  Um  auf  J en es  Objekt  zu  verfallen,  das  in  der  eigenen  „Werttheorie“  seine
(Urs^r  und  .  r ^ e&amp;lt; Ügung  findet.  So  ziemlich  in  dieser  Hinsicht  sagt  z.  B.  v.  Wies  er
Ökonomie 1  ‘“'Dgesetze  des  w.  W.  S.  1  f.):  „Gerade  was  die  theoretische  National-Seiten
  iT  Un  ‘“besondere  den  wirtschaftlichen  Wert  betrifft,  so  ist  fast  von  allen
als  das  Wor den,  daß  man  mehr  die  üblichen  Wertbegriffe  zu  analysieren,
ertproblem  zu  lösen  bestrebt  war,  und  der  geringe  Erfolg  der  theoretischen
        <pb n="89" />
        6o

„Der  Wertgedanke“,

So  müssen  wir  davon  Abstand  nehmen,  die  Kritische  Wertfrage
aus  der  Aussagenwelt  der  „Wertlehre“  heraus  zu  erledigen.  Es  wird
uns  nichts  übrig  bleiben,  als  die  Antwort  auf  diese  Frage  schlecht
und  recht  dort  zu  suchen,  wo  sie  uns  eben  erreichbar  scheint;  sollten
wir  auch  der  Mißlichkeit  zu  trotzen  haben,  daß  wir  uns  bei  diesem
Beginnen  von  unserem  eigentlichen  Gegenstand  entfernen  müßten.
Erst  dann,  wenn  diese  Frage  ihre  gültige  Antwort  gefunden  hat,
werden  wir  dem  bedeutsamen  Zusammenhang  Rechnung  tragen  können,
der  zwischen  ihr  und  der  Wertforschung  besteht.
In  einer  Hinsicht  war  unser  Beginnen  kein  verlorenes.  Auf  den
Wertgedanken  ist  von  den  Ergebnissen  der  Forschung  her,  die  unbewußt ­
  von  ihm  ausgeht  und  auf  ihn  sich  aufbaut,  ein  bedenkliches
Streiflicht  gefallen.  Das  aber  kann  uns  nur  in  der  Absicht  bestärken,
diesen  Gedanken  um  jeden  Preis  der  Kritik  zu  unterwerfen;  ihn,  der
im  stillen  als  ein  Dogma  gewaltet  hat,  solange  eine  Wissenschaft  der
Nationalökonomie  besteht!

Bemühungen  ist  vor  allem  diesem  Irrtume  in  der  Auffassung  der  Aufgabe  zuzuschreiben.“
Und  an  einer  anderen  Stelle:  „Wenn  alle  Welt  immer  gesagt  und  gedacht  hat,  dies  und
dies  sei  der  Wert,  so  muß  Derjenige  seine  abweichende  Meinung  erst  beweisen,  der  da
behauptet:  Nein,  dies,  was  ihr  immer  für  den  Wert  gehalten  habt,  scheint  bloß  der
Wert  zu  sein,  ist  es  aber  in  Wahrheit  nicht;  die  Tatsache,  das  Ereignis,  worauf  ihr
zielt,  wenn  ihr  vom  Werte  sprecht,  deckt  sich  nicht  mit  dem  Begriffe,  den  ihr  denkt,
wenn  ihr  seinen  Namen  gebraucht.“
Zu  dieser,  wie  eigentlich  zu  allen  Stellen,  die  ich  aus  der  „Wertlehre“  hier  zitiere,
hätte  ich  von  meinem  Standpunkte  aus  viele  Glossen  zu  machen.  Aber  ich  vermeide
dieses  Geplänkel  lieber  und  beschränke  mich  auf  den  Frontalangriff  gegen  den  Kern
der  Sache.
        <pb n="90" />
        Anhang.
Die  kritischen  Bedenken,  die  ein  Gegenhalt  des  Wertgedankens
zur  Aussagenwelt  der  „Wertlehre“  wachrufen  muß,  steigern  sich  mit
jedem  weiteren  Schritt,  den  man  in  der  näheren  Untersuchung  dieser
^inge  tut.  Es  hat  sich  zwar  soeben  erwiesen,  daß  wir  von  daheraus
uie  und  nimmer  zu  einem  abschließenden  Urteil  über  die  Gültigkeit
des  Wertgedankens  kommen  könnten.  Aber  es  ist  an  dieser  Stelle
vielleicht  nicht  ohne  Interesse,  wenn  ich  in  dieser  Hinsicht  einige  besonders ­
  auffällige  Vorkommnisse  kurz  beleuchte.
Ich  konnte  die  Annahme,  daß  der  Wertgedanke  ein  gültiger  sei,
uicht  stellen,  ohne  nicht  daraus  die  Folgerung  zu  ziehen,  daß  dann
die  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  für  den  ganzen  Bereich  der  „Wertre
  eines  und  desselben  Sinnes  wäre.  Die  weitere  Folgerung,
es  müßten  sich  die  verschiedenen  Antworten  auf  diese  Frage  —  cum
Smno  salis!  —  inhaltlich  überdecken,  hat  uns  dann  jenen  bedenklichen
fühl  erS ^ ruc k  zu  den  tatsächlichen  Verhältnissen  der  „Wertlehre“  herausen
  lassen.  Nicht  anders  ist  es  jedoch  schon  mit  jener  ersten
n“ c g h erun S  bestellt:  Der  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  wohnt  auch
j e k  i( Iin  entferntesten  für  den  ganzen  Bereich  der  „Wert-^
  der  gleiche  Sinn  innel
forde  1GSe  ^ ra £ e  ma cht  einen  unentäußerlichen  Bestandteil  der  Gesamtj
 C( jj  Un *=“  aus &amp;gt;  das  unter  „Wert“  vorgesetzt  gedachte  Objekt  zu  ervom
  ^ n f&amp;gt; e fähr  dieser  Gesamtforderung  gegenüber  spricht  man
gedanken ert ^ r °^^ em4i ’  un d  zwar »  ganz  im  Einklänge  mit  dem  Wertfiir
  m  ’  V ° n  »dem  Wertproblem“,  als  einem,  dem  nämlichen
s ;, r  »Wertlehre“.
oben  't- C  6  ^ rwa buungen  „des  Wertproblems“  findet  man  in  den
DietzeT^S* 1  ^ tellen  von  v -  Komorzynski  (S.  29),  v.  Wieser  (S.  60),
v  We'  h  2 ^’  ^ erner  O.  Gerl  ach  (a.  a.  O.  S.  1).  So  spricht  auch
des  peseuA'  °  von  »dem  Verdienste  Marx’,  in  der  Einführung
Wert  d  a  h UlChen  Momen tes  in  das  Wertproblem  .  .  .“  (Über  den
(Die  r/h  F  C * t ’  T ^-  Zeitschr.  51,  1895,  S.  620)  und  Naumann
e  f e  vom  Wert,  Leipzig  1893)  sagt:  „In  den  neueren  Bear ­
        <pb n="91" />
        62

,Der  Wertgedanke“,

beitungen  des  Wertproblems  lassen  sich  zwei  Richtungen  erkennen  .  .  .“
(S.  2)  usw.
In  diesem  Sinne  —  als  Bestandteil  des  „Wertproblems“  —  betrachtet, ­
  kann  man  von  der  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  sagen,  daß
die  Bedeutung,  mit  welcher  der  Ausdruck  „Wert“  schon  in
diese  Frage  eintritt,  gleichzuachten  wäre  der  Auffassung  des
unter  „Wert“  zu  Erledigenden.  Eine  nachgewiesene  Verschiedenheit ­
  jener  Bedeutung  besagt  daher  schon  eine  Verschiedenheit  in  der
Auffassung  des  unter  „Wert“  zu  Erledigenden.  Dies  aber  käme  dem
Nachweise  sehr  nahe,  daß  im  Bereiche  der  „Wertlehre“  Verschiedenes ­
  unter  „Wert“  zu  erledigen  versucht  wird,  sobald  man  nämlich
frei  von  der  Befangenheit  des  herkömmlichen  Denkens  diese  Dinge
betrachtet,  und  nicht  —  im  blinden  Glauben  an  die  Wahrheit  des
Wertgedankens  —  in  aller  Verschiedenheit  hier  immer  nur  Fehler
der  Anderen  erblickt.  Daß  es  solche  Fehler  sein  könnten,  das
bleibt  ja  dabei  als  grundsätzliche  Möglichkeit  bestehen.
Nun  läßt  sich  der  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  bei  ihrem  Auftreten
rings  in  der  „Wertlehre“  in  der  Tat  ein  so  wechselnder  Sinn  abhören, ­
  daß  man  darüber  den  Eindruck  empfängt,  es  würde  sich  jeder
einzelne  „Werttheoriker“  sein  eigenes  und  für  sich  besondertes  „Wertproblem“ ­
  zurechtlegen.  Da  könnte  man,  nebenbei  gesagt,  leicht  zu
der  Frage  versucht  werden,  ob  denn  allen  diesen  verschiedenen  „Wertproblemen“ ­
  nicht  ein  Gemeinsames  innewohne.  Diese  Frage  läßt
sich  jedoch  überhaupt  nicht  aufwerfen.  Denn  entweder  ist  der  Wertgedanke ­
  richtig;  dann  aber  wäre  nicht  zwischen  Verschiedenen  mit  je
einem  Kerne  von  Gemeinsamem  zu  unterscheiden,  sondern  einfach
zwischen  Richtigem  und  Fehlerhaftem  in  der  Stellung  des  „Wertproblems“. ­
  Oder  der  Wertgedanke  entbehrt  der  Wahrheit;  dann  kann
man  überhaupt  nicht  mehr,  und  weder  von  einem,  noch  von  verschiedenen ­
  „Wertproblemen“  reden,  noch  weniger  von  etwas  Gemeinsamem ­
  in  ihnen.  Man  darf  eben  dann  die  Wertforschung  nicht  in  dem
Sinne  als  etwas  Zusammenhängendes  ansehen,  die  verschiedenen  „Werttheorien“ ­
  für  einander  relevant  betrachten,  daß  es  sich  da  um  das  Erledigen ­
  eines  Gegenstandes  handle,  der  als  der  Eine,  für  jedermann ­
  nämliche  der  Wissenschaft  unter  „W  e  r  t“  vorgesetzt  wäre.
Vielmehr  erstünde  dann  nur  geradeaus  die  Frage  nach  dem  inneren
Zusammenhang  der  Wertforschung,  oder,  was  auf  dasselbe  hinausliefe,
nach  ihrem  Inhalte.
Es  wäre  ein  umständlich  Beginnen,  den  Sinneswechsel  der  Frage
„Was  ist  der  Wert?“  von  „Werttheorie“  zu  „Werttheorie“  festzustellen.
Ich  beschränke  mich  notgedrungen  darauf,  die  hervorstechendsten
        <pb n="92" />
        Anhang.

63

Gegensätze  im  Sinne  jener  Frage  darzulegen,  der  ihr  innerhalb  der
verschiedenen  „Werttheorien“  wechselnd  innewohnt.  Es  ergeben  sich
danach  gewisse  Einteilungen  unter  den  „Werttheorien“,  Einteilungen,
die  mit  größerer  oder  geringerer  Schärfe  die  „Wertlehre“  durchziehen,
un d  die  sich  zum  Teile  noch  überschneiden.  Der  letztere  Umstand
erhöht  natürlich  die  Mannigfaltigkeit  im  Sondersinn  jener  Frage,  die
übrigens  eine  viel  größere  ist,  als  es  nach  dem  hier  Erbrachten  scheinen
würde.
Es  wird  die  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  zunächst  derart  in  gegensätzlichem ­
  Sinne  aufgeworfen,  daß  nach  „Wert“  gefragt  wird
A.  als  einem  allgemein  bekannten  Dinge,
B-  als  einem  bisher  ungefundenen,  aber  findbaren  Dinge.
Diesem  gegensätzlichen  Sinne  gemäß  nimmt  die  Frage  „Was  ist
der  Wert?“  innerhalb  der  Gesamtforderung,  das  unter  „Wert“  vorgesetzt ­
  Gedachte  zu  erledigen,  also  innerhalb  des  „Wertproblems“,
das  der  betreffenden  „Werttheorie“  eigen  ist,  eine  ganz  verschiedene
e llung  ein.  Im  Falle  B  eine  höchst  wesentliche,  denn  hier
provoziert  sie  eben  die  Findung  des  bisher  Ungefundenen,  das  man
as  dnd bar  ansieht.  Im  Falle  A  jedoch  eine  mehr  unwesentliche,
^  nn  hier  provoziert  jene  Frage  einfach  nur  die  wörtliche  Ausruckung
  dessen,  was  allen  schon  mit  dem  bloßen  Aussprechen
the  ^° ( I j tes  »Wert“  ein  Bekanntes  ist.  So  beginnen  die  „Wertdes°p
 en  C * 6S  ^ a ^ es  A  eigentlich  dort,  wo  manche  „Werttheorien“
was  a  es  ^  schon  aufhören:  bei  der  eindeutigen  Bestimmung  dessen,
man  sich  unter  „Wert“  zu  denken  hat.  Es  ist  dabei  gleichgültig,
^  t  o  0  .  ,
Von  .  man  sich  das  Letztere  zu  denken  hat.  Es  wird  da  manchmal
wieder 11601  ”^ e £ r iffe“,  Bald  wieder  von  einer  „Erscheinung“,  bald
eine  n  V ° n  e * ner  »Tatsache“  gesprochen,  ein  Umstand,  der  wieder  für
F ra ge  s  •  V1C *  We her  gehende  Mannigfaltigkeit  im  Sondersinn  jener
Zu  *
RI  r  a  ,  üen  „Werttheorien“  nach  dem  Falle  A  zählen  z.  B.  jene  von
Ricardo  ft/Tn
was  man  U1  ’  Say  u -  v -  a -&amp;lt;  die  al ' e  über  die  Bestimmung  dessen,
und  offen  ly 1  Unter  »Wert“  eigentlich  zu  denken  hätte,  in  aller  Kürze
lieh  zu  u  mit  der  Überzeugung  hinweggehen,  damit  nur  etwas  wörtkönne
  Arr^k 6 ^ 611 ’  das  ohnehin  jedermann  mit  den  Händen  greifen
(Theoretische  arSten  tldtt  uns  a *- &amp;gt;er  der  Fall  A  bei  Dietzel  entgegen
I_  Bd  T  C  6  ^ 0zaa iökonomik,  in  Wagner,  Lehr-  und  Handbuch,
ist  der  WerT?“  l8 ^’  der  nic ht  bloß  eine  Antwort  auf  die  Frage  „Was
daß  j a  &amp;lt;-i as  ^ Und  au ^  analoge  Fragen)  mit  der  Begründung  ablehnt,
würdige  •  °  ^ e ^ ra S te  ohnehin  jedermann  bekannt  sei,  der  merkweise ­
  auch  in  den  Antworten,  die  von  den  übrigen  „Wert ­
        <pb n="93" />
        64

,Der  Wertgedanke“,

theorien“  geliefert  werden,  nur  lauter  Umschreibungen  jenes
ohnehin  Bekannten  erblickt,  das  als  solches,  wenn  es  nur  irgend  angeht, ­
  besser  unumschrieben  bliebe  1  Das  ist  eine  Seltsamkeit,  die
sich  wieder  nur  aus  dem  stillen,  also  unkontrollierten,  ich  möchte  sagen
logisch  unverantwortlichen  Walten  des  Wertgedankens  begreifen  läßt.
Dagegen  läßt  sich  der  Fall  B  erkennen,  wenn  z.  B.  Schäffle  für
seine  Antwort  auf  die  erwähnte  Frage  —  für  seine  „Wertauffassung“,
wie  er  sich  ausdrückt  —  ausdrücklich  die  Priorität  in  Anspruch  nimmt,
gleichsam  also  ein  Finderrecht  (Gesellsch.  Syst.,  III.  Auf!.,  2.  Bd.,  S.  162).
Nicht  minder  auch  aus  den  oben  (S.  60f.)  zitierten  Aussagen  v.  Wiesers.
Oder  wenn  v.  Komorzynski,  und  gerade  da  eben  von  Dietzel
widersprochen,  ein  „unentschleiertes  Rätsel  des  Wertes“  vorhanden  sieht
(siehe  oben  S.  29).
Diese  Scheidung  im  Sinn  der  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  darf  in
mehrfacher  Hinsicht  nicht  verkannt  werden.  So  wäre  es  falsch,  diese
Scheidung  darin  zu  erblicken,  daß  es  sich  im  Falle  A  um  die  Analyse
eines  jedermann  als  „Wert“  geläufigen  Begriffes  handle,  im  Falle  B
jedoch  um  die  Synthese  eines  „Wert“  erst  zu  nennenden  Begriffes ­
  handle.  Denn  es  gehen  auch  „Werttheorien“,  die  offenkundig
dem  Falle  B  entsprechen,  bei  der  Antwort  auf  jene  Frage  analytisch
vor.  Nur  sehen  sie  sich  dann  nicht  einer  Analyse  gegenüber,  die  sich
—  wie  im  Falle  A  —  sozusagen  von  selbst  ergäbe,  sondern  einer,  auf
die  man  nicht  gleich  zu  kommen  braucht,  und  von  seiten  der  übrigen
„Werttheoriker“  auch  nicht  gekommen  war.  Aus  diesem  Gesichtspunkte
sagt  z.  B.  v.  Böhm-Bawerk  (Grundzüge  d.  Th.  d.  w.  Güterw.  Conrads
Jahrbücher  1896,  S.  11):  „Unsere  Wissenschaft  hat  den  Schatz,  den  die
Sprache  ihr  im  selbständigen,  von  der  Nützlichkeit  unterschiedenen
Wertbegriff  bereit  hielt,  erst  spät,  sehr  spät  gehoben.“  Und  Gleiches
liegt  auch  in  einem  Ausspruche  von  Sax  (Grundlegung,  251),  wenn
er  von  dem  unter  „Wert“  zu  Erledigenden  mit  den  Worten  spricht:
.  .  eine  Sensation,  welche  man  eben  schwer  beschreiben  kann  und
deren  Eigenart  der  Umstand  beweist,  daß  seit  jeher  ein  urwüchsiger
Sprachname  für  dieselbe  vorhanden  ist.  Dieses  konkrete  Interesse  .  .  .
ist  der  Wert.“
So  läge  auch  die  irrige  Meinung  recht  nahe,  daß  jene  Scheidung
nach  den  Fällen  A  und  B  einfach  dahinausliefe,  jene  „Werttheorien“,  die
—  wie  man  sich  nach  herkömmlicher  Weise  ausdrückt  —  „nur  den
Tauschwert  behandeln“,  von  den  übrigen  zu  sondern,  die  sich  dieser
„Einseitigkeit“  eben  nicht  schuldig  machen.
Dieses  qui  pro  quo  würde  schon  in  der  Sache  nicht  stimmen.
Denn  man  wirft  auch  „Werttheorien“,  welche  dem  Falle  B  einzureihen
        <pb n="94" />
        Bik  686*^»*21.  3.46

Anhang.

65

wären,  da  sie  das  unter  „Wert“  Erledigte  erst  gefunden  haben
wollen,  vor,  daß  sie  „nur  den  Tauschwert  behandeln“;  so  u.  a.  Marx,
Bastiat.  Umgekehrt  kann  der  Vorwurf  jener  „Einseitigkeit“  gerade
die  „Werttheorie“,  die  am  klarsten  den  Fall  A  repräsentiert,  jene  von
Dietzel,  nicht  treffen,  weil  in  ihr  das  unter  „Wert“  Erledigte
ausdrücklich  eine  Einteilung  nach  „Tauschwert“  und  „Gebrauchswert“ ­
  erfährt  (a.  a.  O.  S.  206).  Um  aber  einen  dritten  Gegengrund
sachlicher  Natur  zu  würdigen,  ist  zunächst  wohl  zuzugeben,  daß  sich
—  im  schroffen  Gegensätze  zu  den  „Werttheorien“  des  Falles  B  —
die  „Werttheorien“  des  Falles  A  in  ihren  Antworten  auf  die  Naive
Wertfrage  inhaltlich  sehr  nahe  kommen,  soweit  sie  eine  Antwort  darauf
nicht  überhaupt  ablehnen.  Die  Begründung  des  letzteren  Verhaltens
stimmt  aber  mit  dem  ersteren  Umstand  gut  zusammen:  Was  wie  etwas
allgemein  Bekanntes  behandelt  wird,  muß  doch  von  Haus  aus  sozusagen
einschichtiger  Natur  sein.  Ich  kann  es  hier  nur  andeuten,  daß
die  „Werttheorien“,  welche  das  unter  „Wert“  zu  Erledigende  nach  dem
Falle  A  auffassen,  in  der  Tat  gemeinsame  Anlehnung  an  einen  volkstümlichen ­
  Begriff  nehmen,  der  in  dem  Sinne  Eines  ist,  daß  er  eben
dem
füllu
tracht

einen  Sprachzeichen  „Wert“  die  geläufigste  begriffliche  Ausn
 S  bedeutet,  soweit  man  den  allgemeinen  Sprachgebrauch  in  Benimmt. ­

  Wenn  nun  daraufhin  dasjenige,  was  diese  „Werttheorien
unter  „Wert“  zu  erledigen  suchen,  als  Eines  für  sich,  gesondert  n  e  n  n  a
erscheinen  darf,  so  ist  überdies  noch  ferner  zuzugeben,  daß  die  meiste
dieser  „Werttheorien“  in  der  Tat  hierfür  den  Namen  „Tauschwer
(»value  in  exchange“,  „valeur  echangeable“  usw.)  in  ausdrückliche  Ve
Wendung  nehmen.  Allein,  es  fällt  doch  sehr  in  Betracht,  in  welche
Sinnesmeinung  dies  eigentlich  geschieht!  Wenn  z.  B.  J.  •  J
seinem  Briefe  anMalthus,  zitiert  bei  Friedländer,  „Th.  des  Wertes
D °, r ? at  1852,  S.  9 )  schreibt:  „Adam  Smith,  apres
qul1  y  a  deux  sortes  de  valeurs,  l’une  valeur  en  usage  et  laute  vsde
en  echange,  abandonne  completement  la  premiere  et  s occupe  d
tout  le  cours  de  son  ouvrage  da  la  valeur  echangeab  e  umquement.
Cest  c.  que  vous  V Q U s.meme,  M,  ce  qua  fa.t  MrR.cardo,
cest  ce  que  j’ai  fait,  c'est  ce  que  nous  avons  fait  tous  par  la  raison
qu’B  n’y  a  pas  d - autre  valeur  en  economie  politique,  que  celle-la  e  t
sujette  ä  des  lobe  fixes,  qu’elle  seule  se  forme,  se  distribue  et  se  reg
suivant  des  regles  invariables  et  qui  peuvent  devemr  lobjet  dune  etud
scientifique.“  —  so  spricht  er  es  beinahe  wörtlich  aus,  daß  er  das  u
„Wert“  zu  Erledigende  in  etwas  vorhanden  sieht,  das  nur  desha
„Tauschwert“  zu  nennen  sei,  weil  daneben  etwas,  was  eben  gar  n
als  wissenschaftlicher  Gegenstand  in  Betracht  kommen  kann,  auc
V.  O  o

Gottl-Ottlili

e nfeld,  Wirtschaft  als  Leben.
        <pb n="95" />
        66

,Der  Wertgedanke“,

unter  „Wert“  verstanden  wird.  Unter  diesem  Gesichtspunkte  erkennen
wir  den  Mangel  jeder  sachlichen  Berechtigung,  jene  „Werttheorien“  —
vom  Standpunkte  des  unbefangenen  Dritten  aus  —  dahin  zu  kennzeichnen, ­
  daß  sie  „nur  den  Tauschwert  behandeln“.  Sie  suchen  einfach
auch  ein  unter  „Wert“  vorgesetzt  vermeintes  Objekt  zu  erledigen,  und
nur  ein  eigentlich  zufälliger  Umstand,  die  Rücksicht  auf  sprachliche
Eindeutigkeit,  bringt  sie  dazu,  dieses  zu  Erledigende  „Tauschwert“  zu
nennen.  Der  einzelne  „Werttheoretiker“,  der  handelt  gegebenenfalls
allerdings  folgerichtig,  wenn  er  im  Hinblicke  auf  seine  eigene  Auffassung ­
  des  unter  „Wert“  zu  Erledigenden  jenen  „Werttheorien“  eine
„Einseitigkeit“  vorwirft.  Dem  unterliegt  eben  wieder  im  stillen  der
Wertgedanke,  die  Ansicht,  daß  es  sich  hüben  und  drüben  um  das
nämliche  Objekt  handelt,  das  der  Wissenschaft  überhaupt  unter
„Wert“  vorgesetzt  sei;  eine  Ansicht,  die  wir  hier  kritisch  beleuchten
wollen,  aber  durchaus  nicht  ohne  weiteres  akzeptieren.
Außer  diesen  sachlichen  Gründen,  die  für  sich  entscheidend  sind,
sprechen  zum  Überfluß  noch  schwere  formelle  Bedenken  dagegen,
die  Scheidung  nach  den  Fällen  A  und  B  in  der  erwähnten  Weise  aufzufassen. ­
  Es  geht  absolut  nicht  an,  hier  mit  Ausdrücken  wie  „Tauschwert“ ­
  unbefangen  zu  hantieren.  Zwar  würde  es  mich  viel  zu  weit
führen,  hier  noch  nachzuweisen,  wie  der  Ausdruck  „Tauschwert“  in
Gemeinschaft  mit  dem  Ausdrucke  „Gebrauchswert“,  die  im  Rahmen
der  „Wertlehre“  überaus  häufig  verwendet  werden,  zusammen  nichts
vorstellen,  als  eine  stehende  Unterscheidungsformel  mit
durchaus  wechselndem  Inhalt.  Eine  Formel,  die  bald  für  eine
Einteilung,  bald  wieder  für  eine  bloße  Abscheidung  für  den  Belang
des  unter  „Wert“  Erledigten  einstehen  muß,  wobei  noch  die  Kriterien
der  Einteilung  oder  Abscheidung  verschiedene  sind,  und  nicht  minder
verschieden  auch  das  Eingeteilte  oder  in  sich  Geschiedene  selber.
Ferner,  wie  diese  Formel  und  ihre  vereinzelten  Glieder  auch  ohne
Berufung  auf  eine  bestimmte  „Werttheorie“  ganz  unbefangen  verwendet ­
  werden,  wobei  eine  gewisse  comunis  opinio  den  Schein  wahren
hilft,  mit  diesen  Ausdrücken  etwas  Wesentliches  aussagen  zu  können
—  eine  der  vielen  logischen  Versündigungen  innerhalb  der  „Wertlehre“,
die  sich  in  letzter  Linie  alle  nur  aus  dem  stillen  Walten  des  Wertgedankens ­
  erklären  ließen,  usw.  usw.  Hier  weise  ich  nur  kurz  darauf
hin,  daß  sich  die  Verwendung  des  Ausdruckes  „Tauschwert“,  wenn
auch  nicht  sachlich,  so  doch  logisch  nur  vom  Standpunkte  einer  bestimmten ­
  „Werttheorie“  und  unter  Anerkennung  des  Wertgedankens
rechtfertigen  ließe,  in  diesem  Zusammenhänge  daher  offener  Widersinn ­
  wäre.
        <pb n="96" />
        Anhang.

67

Nicht  so  ausgesprochen,  wie  der  eben  erörterte,  läßt  sich  ein
anderer  Gegensatz  aus  dem  Sinneswechsel  der  Frage  „Was  ist  der
Wert?“  nach  weisen.  Ihm  entspräche  eine  Einteilung,  die  nur  mit  sehr
verschwommenen  Grenzen  zwei  Gruppen  von  „Werttheorien“  voneinander ­
  sondern  ließe.  Unter  einem  anderen  Gesichtspunkte  wird
nämlich  in  einem  zweifachen  Sinn  nach  „Wert“  gefragt:
I.  Um  die  Bedeutung  (den  Sinn)  des  als  unentbehrlich
an gesehenen  Terminus  „Wert“,  nach  welcher  der  letztere  in
unserer  Wissenschaft  zu  verwenden  wäre,  festzustellen.
II.  Um  die  Natur  eines  Phänomens  (Tatsache,  Erscheinung)
des  Namens  „Wert“  wissenschaftlich  zu  ermitteln.
Im  Falle  I  handelt  es  sich  also  mehr  um  eine  Sicherstellung,  die
erst  ihrerseits  die  Wissenschaft  instandsetzen  soll,  ihren  Erkenntniszwecken ­
  gewachsen  zu  sein,  gleichsam  also  um  die  Beschreitung  eines
mittelbar  en  Erkenntnisweges.  Im  Falle  II  aber  wird  ein  solcher
krkenntniszweck  selber  zu  erfüllen  gesucht,  gleichsam  also  ein  unmi
 ttelbarer  Erkenntnisweg  beschritten.
Trotz  dieses  Gegensatzes  geht  jedoch  eins  ins  andere  derart  über,
a  wohl  auch  die  Ausdeutung  des  Terminus  „Wert“  auf  tatsächlicher
rundlage  sich  vollziehen,  aus  der  Ermittlung  von  Tatsachen  herzuen
  sein  wird;  während  umgekehrt  die  wissenschaftliche  Erledigung
e ! Des  Phänomens  des  Namens  „Wert“  zugleich  den  Erfolg  haben  muß,
e | nen  wissenschaftlichen  Terminus  „Wert“  mit  feststehender  Bedeutung
einen  Uilfen '  ^ er  Gegensatz  schränkt  sich  also  hier  darauf  ein,  ob  dem
n  oder  dem  anderen  wissenschaftlichen  Vorhaben  der  Vorrang  einsich ­
  "K  ’■  e * n  Übergewicht  zugestanden  wird.  Ein  Gegensatz  drückt
1;  .  r ^- ens  auch  noch  darin  aus,  daß  im  Falle  A  die  Unentbehr-11
  cnkeit-  h  ^
e i  4j-  ,  Qes  Jemnnus  „Wert“  als  etwas  Selbstverständliches,  daher
Dasein  °  ■  Uneidda rt  übernommen  wird,  während  im  Falle  II  schon  im
Erklär  Clnes  Phänomens  des  urwüchsigen  Namens  „Wert“  eine
Un i)  belegen  wäre,  weshalb  man  überhaupt  vom  „Wert“  in
VWr  SSCnSCllaft  ZU  handdn  habe '
entbehrr  d en  Fall  I,  wenn  z.  B.  J.  B.  Say  uns  zuerst  die  Uneiner ­
  natio  ^  dCS  Terminus  « Wert “  („valeur“)  dartut,  indem  er  an
nicht  b  *  ökonomischen  Erwägung  zeigt,  wie  an  diesem  Ausdrucke
j e  eiz ukomrnen  ist:  „Quelle  est  donc  la  qualite  qui  determine
est  squs  j  ont  entre  elles  ces  deux  portions  de  richesses,  dont  l’une
r...  a&amp;lt;  ,  orme  d ’une  boite  d’or,  et  l’autre  sous  la  forme  d’une  armoire
uu  Q  une  buffet?  Ti  &amp;gt;  ,  •  r  ,
repons  •  C  11  nest  aucun  de  vous '  messle urs,  qui  ne  fasse  la
e -  est  leur  valeur“  —  und  darauf  die  Notwendigkeit  der
5*
        <pb n="97" />
        68

„Der  Wertgedanke“,

Deutung  dieses  Terminus  begründet:  „Nous  n’aurions  qu’une  idee
imparfaite  de  la  nature  et  de  la  grandeur  des  richesses,  si  nous  n’avions
que  des  idees  confuses  de  ce  que  signifie  le  mot  valeur.“  (Cours
compl.  d’economie  pol.  ed.  p.  Horace  Say,  Bruxelles  1840,  S.  33.)
Desgleichen  wird  der  Fall  I  an  J.  St.  Mi  11  sehr  kenntlich:  „The  word
value,  when  used  without  adjunct,  always  means,  in  political  economy,
value  in  exchange;  ...Exchange  value  requires  to  be  distinguished
from  Price.  The  words  Value  and  Price  were  used  as  synonymous
by  the  early  political  economists,  and  are  not  always  discriminated
even  by  Ricardo.  But  the  most  accurate  modern  writers,  to  avoid  the
wasteful  expenditure  of  two  good  scientific  terms  on  a  single
idea,  have  employed  Price  to  express  the  value  of  a  thing  in  relation
to  money;  the  quantity  of  money,  for  which  it  will  exchange.
By  the  price  of  a  thing,  therefore,  we  shall  henceforth  understand
its  value  in  money;  by  the  value  or  exchange  value  of  a  thing,
its  general  power  of  purchasing;  the  command,  which  its  possession
gives  over  purchaseable  Commodities  in  general.“  (Principles,  Bk.  II.
Par.  2.)
Dagegen  wird  bei  v.  Wieser  deutlich,  daß  seine  Auffassung  über
das  unter  „Wert“  zu  Erledigende  dem  Falle  II  gemäß  ist,  wenn  er  seiner
„Werttheorie“  die  Erwägung  voranstellt:  „In  den  Naturwissenschaften
unterscheidet  man  überall  zwischen  der  Erscheinung  und  dem  Begriffe,
welchen  die  Menschen  sprachüblich  mit  dem  Namen  verbinden,  den
sie  der  Erscheinung  geben.  —  Die  moderne  Naturforschung  beschäftigt
sich  ausschließlich  mit  den  Phänomenen.  Niemand,  der  Anspruch  auf
den  Namen  eines  Forschers  macht,  wird  glauben,  dadurch  daß  er
die  geltenden  Sprachbegriffe  untersucht,  auch  nur  das  Geringste  zur
besseren  Erkenntnis  des  Wesens  der  Dinge  beitragen  zu  können.  .  .  .
In  den  Wissenschaften  vom  menschlichen  Geiste  und  den  menschlichen
Akten  ...  finden  wir  es  anders.  Hier  finden  wir  die  eben  besprochene
Unterscheidung  fast  nirgends  deutlich  vollzogen.  In  vielen  Fällen  wird
der  Leser  bei  aller  Aufmerksamkeit  außerstande  sein,  zu  beurteilen,
was  der  Autor  eigentlich  untersuchen  wollte,  ob  den  empirischen  Bestand ­
  der  Erscheinung,  oder  den  Begriff,  der  sich  an  den  Namen  der
Erscheinung  knüpft“  (Ursprung  usw.  S.  I  f.)  —  und  wenn  er  später  von
dem  unter  „Wert“  soweithin  Erledigten  sagt:  „Die  eigentliche  Tatsache
am  Wert,  das  Phänomen,  das  in  Wirklichkeit  dem  Namen  des  Werts
entspricht,  ist  subjektiver  Art,  ist  ein  persönliches  Interesse.  .  .  .  Der
Satz,  daß  der  Wert  in  Wahrheit  eine  subjektive  Erscheinung  ist,  kann
nicht  eindringlich  genug  gefaßt  werden“  (a.  a.  O.  S.  10).  Für  das  Zutreffen ­
  des  Falles  II  spricht  auch  klar  die  Stelle  bei  Sax  (Grundlegung,
        <pb n="98" />
        Anhang.

6g

S.  250):  „Die  Wissenschaft  ist  bei  der  Ergründung  der  Werterscheinung
längere  Zeit  irre  gegangen,  oder  doch  nicht  auf  den  Kern  gedrungen.
Erst  neuere  Forscher  sind  der  eigentlichen  Natur  des  Phänomens  näher
gekommen.“
Wie  sich  die  erste  mit  dieser  zweiten  Einteilung  auch  überschneiden
kann,  während  sie  innerhalb  der  obigen  Beispiele  parallel  laufen,  erweist
sich,  wenn  z.  B.  gerade  Dietzel  das  unter  „Wert“  zu  Erledigende,  das
•hm  so  bekannt  dünkt,  um  es  gar  nicht  erst  umschreiben  zu  müssen,  in
einer  Tatsache  erblickt  (die  „Grundtatsache  des  Wertes“);  während
wieder  J.  Wolf,  dessen  Theorie  eine  „findende“  ist,  ganz  im  Sinne
des  Falles  I  sich  ausspricht:  „Eine  Lehre  vom  Werte  beantwortet  in
erster  Linie  die  Frage:  ,Welchem  Begriffe  spreche  ich  zweckmäßig  die
Bezeichnung  Wert  zu?‘“  Das  aber  ist  nichts  als  die  Naive  Wertfrage,
Sinne  des  Falles  I  abgewandelt;  es  tut  nichts  dazu,  daß  hier  die
eutung  in  einer  eigentümlichen  Weise  auf  den  Kopf  gestellt  erscheint,
mdem  hier  eine  Bezeichnung  gleichsam  zu  vergeben  ist,  von  der
stillschweigend  festzustehen  scheint,  daß  sie  unbedingt  unterzubringen
•  r-&amp;gt;as  ist  wieder  die  verkehrte  Unentbehrlichkeit.
Übrigens  zeigt  gerade  das  Beispiel  Wolfs  —  besonders  mit  der
e -  »Es  muß  nämlich  festgehalten  werden,  daß  wir  nicht  den
P  aenbegriff  zu  erklären,  sondern  uns  einen  Begriff  zu  bilden  haben.“
Fall^ e ^ re  V "  ^kinger  Zeitschr.  1886,  S.  434)  —  daß  es  sich  im
daz C  ^ urc ^ aus  nicht  etwa  um  die  Beachtung,  und,  im  Gegensätze
VVe  ^  ^  ^  um  die  Nichtbeachtung  dessen  handle,  was  der  Ausdruck
^ er  *  dem  allgemeinen  Sprachgebrauche  nach  bedeutet.  Diese  Frage
,  eilnun g  an  den  oder  des  Absehens  von  dem  gewöhnlichen  Sprach-Sch
  C  e  ls ^  e ^ ne  vielerörterte  (besonders  durch  Neumann,  Cohn,
baren 11  ^* e tze  1,  v.  Wieser  u.  a.),  hat  aber  keinen  unmittelsondern ­
  eZU ^  aU ^  Auffassung  des  unter  „Wert“  zu  Erledigenden,
Art  und  ^  e * ne  ^ ra &amp;amp; e  der  durchführenden  Erledigung,  resp.  der
Anlaß^  ^ 61Se  der  letzteren.  Diese  Frage  kann  also  gar  nicht  den
an  rl'  cf 211  ® e ' 3en &amp;gt;  e i ne  weitere  Einteilung  den  bisher  erörterten  beiden
ließen  Einteilungen,  die  mir  die  auffälligsten  dünken,
j  ,  °.  noc h  manche  andere  zugesellen.  Der  Gegensätze,  oder
Wert  f r eniSStens  der  Unterschiede  im  Sinne  der  Frage  „Was  ist  der
in  dies"  tT  ^  ^ edeutun g.  mit  welcher  der  Ausdruck  „Wert“  schon
ra ^ e  e intritt,  dieser  Verschiedenheiten  ist  eben  kein  Mangel,
die^f  \ Wle  . erwa ^ nt &amp;gt;  so  weit,  daß  so  ziemlich  jede  „Werttheorie“
von  d  G '  S ^ G  ZU  ^ ösen  trachtet,  anders  gestellt  sieht.  Abgesehen
er  großen  Mannigfaltigkeit  in  der  Erledigung  dessen,  was
        <pb n="99" />
        70

,Der  Weitgedanke“,

jede  einzelne  „Werttheorie“  unter  „Wert“  zu  erledigen  trachtet,  und
von  dem  man  herkömmlich  dafürhält,  daß  es  für  den  ganzen  Bereich
der  Wertlehre  das  Eine,  für  jedermann  nämliche  Opfer  sei,  abgesehen
also  von  der  Buntheit  im  sichtbaren  Aufbau  der  „Werttheorien“,  ist
gleichsam  schon  der  Boden  tief  zerklüftet,  auf  dem  sich  die
letzteren  erst  aufbauen.  Daneben  aber  beharrt,  in  seiner  Verborgenheit, ­
  unentwegt  der  Wertgedanke,  unberührt  von  diesen  Verhältnissen,
die  ihm  so  sehr  zu  widersprechen  scheinen,  sobald  man  sie  frei  von
der  Befangenheit  des  herkömmlichen  Denkens  würdigt.
Wer  sich  nach  dem  Beispiel  des  hier  Erbrachten  einen  tieferen
Einblick  in  diese  Dinge  verschaffen  will  —  die  es  gar  nicht  mehr
überraschend  erscheinen  ließen,  wenn  uns  die  Kritische  Wertfrage  bei
ihrer  Erledigung  zu  einem  Abspruch  des  Wertgedankens  führen
sollte  —  der  darf  sich  bei  diesen  Analysen  im  besonderen  nicht  durch
etwas  verwirren  lassen,  dessen  ich  schließlich  noch  hier  erwähne.
Es  handelt  sich  da  nicht  im  eigentlichen  Sinne  um  einen  Gegensatz ­
  in  der  Auffassung  des  unter  „Wert“  zu  Erledigenden.  Aber  es  läuft
auch  nicht  auf  das  oben  erwähnte  Verhältnis  hinaus,  nach  welchem
sich  der  einzelne  „Werttheoretiker“  bei  der  durchführenden  Erledigung ­
  dessen,  was  er  unter  „Wert“  zu  erledigen  sucht,  mehr  oder
minder  auf  den  Sprachgebrauch  in  bezug  auf  das  Wort  „Wert“
stützt.  Dieses  Verhältnis  und  die  Gegensätze  in  jener  Auffassung  bestehen ­
  vielmehr  unabhängig  voneinander  und  wechseln  in  ihrer  Art  und
in  ihrem  Grade  nicht  minder  unabhängig  von  dem  weiteren  Umstande, ­
  daß  viele  Theoretiker  im  Rahmen  ihres  „Beitrages  zur  Wertlehre“, ­
  neben  der  Naiven  Wertfrage,  die  ja  im  Kerne  ihres  bezüglichen
„Wertproblems“  belegen  ist,  und  unbeschadet  der  Antwort  auf  die
letztere,  überdies  auch  noch  eine  andere  Frage  zu  erledigen
suchen,  die  aber  unausgesprochen  bleibt;  die  Frage  nämlich:  „Was
bedeutet  das  Wort  (oder  selbst  der  Terminus)  „„Wert““
außerdem  noch  alles?“
Diese  Zusatzfrage  zur  Frage  „Was  ist  der  Wert?“  ist  eben
nur  theoretisch  setzbar,  und  zwar  im  Widerhalte  zu  gewissen  Bestandteilen ­
  der  „Werttheorien“,  die  einsehbar  nicht  als  Antwort  auf  die
Naive  Wertfrage  zu  stehen  kommen.  Ein  Verhältnis,  das  sich  natürlich
auch  nur  aufdecken  läßt,  sobald  man  die  Aussagenwelt  der  „Wertlehre“
frei  von  der  Befangenheit  des  herkömmlichen  Denkens  beschaut.
Diese  Zusatzfrage  weist  ihrerseits  den  wechselnden  Sinn  auf,  daß
sie  bald  auf  den  gewöhnlichen,  bald  auf  den  wissenschaftlichen,  bald
auf  den  Sprachgebrauch  überhaupt  abzielt.  Es  ist  aber  in  jedem  Falle
        <pb n="100" />
        Anhang.

7i

kennzeichnend  für  sie  —  und  darauf  beruht  auch  ihr  schroffer  Gegensatz
zur  Naiven  Wertfrage  —  daß  sie  ohne  Berufung  auf  den  Wertgedanken ­
  aufgeworfen  zu  denken  ist.  Bei  ihrem  Aufwurfe  läuft  es
nicht  als  eine  scheinbar  stillschweigende,  in  Wahrheit  unbewußte  Annahme ­
  unter,  daß  der  Wissenschaft  unter  „Wert“  ein  Singularobjekt
vorgesetzt  sei,  dessen  —  unserer  Wissenschaft  obliegende  —  Erledigung ­
  unter  allen  Umständen  bei  der  Frage  „Was  ist  der  Wert?“
einzusetzen  hat,  wobei  die  letztere  Frage  daher  immer  unter  der  stillen
Geltung  des  Wertgedankens  zu  verstehen  ist.  Es  erhebt  sich  jene
Zusatzfrage  vielmehr  —  schlecht  und  recht  nach  ihrem  klaren  Wortlaute ­
  —  gegenüber  der  offenliegenden  Tatsache,  daß  die  Lautfolge  „Wert“
ein  Element  unserer  Sprache  ist,  und  als  solches  unter  der  Herrschaft
des  Sprachgebrauches  seinen  geistigen  Gehalt  empfängt.  Dieser  aber
soll  festgestellt  werden  1  Und  nicht  bloß  im  Angesichte  des  gewöhnlichen, ­
  manchmal  auch  des  wissenschaftlichen  Sprachgebrauches;
w obei  aber  wohl  zu  beachten  ist,  wie  es  sich  dabei  um  wissenschaftliche ­
  Verwendungen  des  Wortes  „Wert“  handelt,  die  ohne  Zusammen-^
 an g  mit  jenem  Objekte  erfolgen,  das  man  der  Wissenschaft  unter
demselben  Sprachzeichen  „Wert“  vorgesetzt  vermeint.  So  wendet  sich
f*  R  Schäffle,  und  in  einer  selten  klaren  Erfassung  dieses  Sachver-’
es ,  gegen  eine  solche,  nicht  das  gleichbezeichnete  Objekt  betreffende
^d  daher  für  die  „Wertlehre“  eigentlich  völlig  irrelevante
rwendungsweise  und  damit  korrespondierende  Bedeutung  des  Sprach-«nentes
  „Wert“,  wenn  er  (Bau  und  Leben,  III.  Bd.,  S.  278)  sagt:
m ißzuverstehende  Fälle  ausgenommen,  werden  wir  mit  dem
-  r .  e  »Wert“  nicht  den  gewöhnlichen  Sinn  von  Preis  oder  Tauschj
  1  enzverhältnis  zweier  Güter  verbinden“  —  und  noch  entschiedener
dann  das  \x;
des  W  Wort  »Wert“  für  die  sprachliche  Vertretung  des  im  Sinne
die  Erkr^ e&amp;lt; ^ an ^ enS  Zu  denkenden  Objektes  reserviert,  indem  er
Qk  ..  ar ong  abgibt:  „Nur  uneigentlich  und  in  Anbequemung  an  den
Normi  ! ^ Cn  Sprachgebrauch  nennen  wir  daher  die  Tauschäquivalenz-Tau
  G |' Un ^  auc d  Tauschwertbildung,  den  Preis  oder  die  Sozialtaxe
”  5^  W&amp;lt; ( rt “  °der  „Wert“  (281).
erled°i  S&amp;lt; t  ^  Wie  w * r d  diese  Sonderung  —  daß  Dies  als  „Wert“
w j rc j  f’  J ene s  aber  daneben  notgedrungen  auch  „Wert“  genannt
Wert  ed  D * r ^ en d s  berücksichtigt.  Bei  dem  stillen  Walten  des
wenn  '  •  se ' ner  Ungreifbarkeit,  ist  es  gar  nicht  verwunderlich,
so  p  in  a ^ Cr  Re g e l  die  Antworten  auf  diese  beiden,  im  Wesen
die  Ein n r V d rSC ^ edenen  Rra S en  irgendwie  (durch  eine  Einteilung  oder
oft  bL  erun S  in  ein  Begriffssystem  usw.)  miteinander  verklittert  und
is  zur  Unlösbarkeit  miteinander  verwoben  und  verwirrt  sehen.
        <pb n="101" />
        72

,Der  Wertgedanke“,

Dieser  Umstand  fordert  zwar  die  Kritik  heraus,  aber  er  gereicht  der
betreffenden  „Werttheorie“  durchaus  nicht  immer  zum  Schaden.  Denn
es  ist  der  Gedanke  an  eine  klare  und  logisch  einwurfsfreie  Sonderung
jener  beiden  Antworten  doch  nur  auf  Grund  der  Erfassung  des  Wertgedankens ­
  möglich,  schließt  sich  daher  unter  der  Herrschaft  der  überkommenen ­
  Anschauung  im  Grundsätze  aus.  Unter  der  letzteren  kann
immer  nur  ein  richtiger  Instinkt  jene  Sonderung  —  der  Tatsache
nach  —  eintreten  lassen;  ein  Instinkt,  in  bezug  auf  den  jedoch  der
Leser  nicht  immer  Schritt  zu  halten  braucht.  So  ist  es  möglich,  daß
gerade  diese  Sonderung,  weil  sie  für  das  herkömmliche  Denken  zu
subtil,  über  seine  Grenzen  hinausreichend  ist,  eher  als  Denkhindernis
empfunden  wird.  Während  sich  vielleicht  gerade  eine  „Werttheorie“
glatt  und  fließend  überlesen  läßt,  die  hier  nicht  viel  Federlesens  macht
und  sich  —  unbewußt  —  zugunsten  der  Klarheit  über  alle  verwickelten ­
  Rücksichten  auf  jene  Sonderung  hinwegsetzt.  So  möchte
ich  —  ohne  darauf  näher  eingehen  zu  können  —  die  übersichtliche
Klarheit  und  die  Faßlichkeit  der  „Werttheorie“  v.  Böhm-Bawerks
(nach  ihrer  Darstellung  in  Hild.-Conrads  Jahrbuch,  1886)  hauptsächlich
auch  auf  den  Umstand  zurückführen,  daß  er  die  —  grundsätzlich  zu
sondernden  —  Antworten  auf  die  Naive  Wertfrage  und  die  Zusatzfrage ­
  unbedenklich  einer  sehr  eingänglichen  und  packenden  systematischen ­
  Gliederung  einfügt:  seiner  Scheidung  zwischen  „subjektivem“  und
„objektivem  Wert“,  nach  dem  Vorbilde  F.  J.  Neu  man  ns.
Die  Kenntnis  dieses  Umstandes,  daß  in  den  „Beiträgen  zur  Wertlehre“ ­
  neben  der  Naiven  Wertfrage  meist  auch  jene  Zusatzfrage  ihre
Antwort  findet,  hat  nicht  bloß  die  eingangs  erwähnte  Bedeutung:  daß
erst  sie  bei  der  kritischen  Analyse  irgendeiner  gegebenen  „Werttheorie“ ­
  in  den  meisten  Fällen  eine  Wirrnis  ohne  Rest  auflösen  läßt,
vor  der  wir  sonst  ratlos  stünden.  Sie  ist  auch  in  einer  anderen  Hinsicht
von  großem  Interesse  für  uns.  Wir  haben  die  Wertforschung
dahin  bestimmt,  daß  bei  ihr  in  einer  Art  und  Weise  vorgegangen
würde,  als  ob  ihr  der  Wertgedanke  zugleich  Anlaß  und  Grundlage
wäre.  Das  letztere  trifft  aber  für  jene  Bestandteile  der  „Wertlehre“
nicht  zu,  die  uns  nur  als  Antwort  auf  die  theoretisch  setzbare  Zusatzfrage ­
  verständlich  werden.  Unter  die  Ergebnisse  einer  Forschung,  die
auf  der  Grundlage  des  Wertgedankens  vorgeht,  mischen  sich  dann  Ergebnisse ­
  eines  Forschens,  das  in  seiner  Durchführung  unabhängig
von  diesem  Gedanken  vorgeht.  Die  „Wertlehre“  darf  uns  daher  nicht
als  die  gegenständlich  gewordene  Wertforschung  in  völliger  Reinheit ­
  erscheinen,  sondern  durchsetzt  von  etwas,  das  sich  etwa  Wertkunde
  nennen  läßt  und  in  der  Antwort  auf  jene  gewisse  Zusatzfrage
        <pb n="102" />
        Anhang.

73

aufgehtI  Diese  Wertkunde  tritt  innerhalb  der  „Wertlehre“  selber  nicht
in  völliger  Reinheit  auf,  weil  sie,  bei  der  gänzlichen  Unaufgelöstheit
der  logischen  Beziehungen,  in  der  mannigfachsten  Weise  mit  den  Ergebnissen ­
  der  Wertforschung  untermischt  ist  Und  sie  tritt  innerhalb
der  „Wertlehre“  immer  nur  die  letzteren  Ergebnisse  begleitend  auf,
w eil  eben  unter  der  Herrschaft  der  herkömmlichen  Anschauung  in  erster
Linie  das  stille  Walten  des  Wertgedankens  sich  geltend  macht.
Es  liegt  klar  am  Tage,  daß  die  Ergebnisse  der  Wertkunde,  einer
Forschung,  die  unabhängig  vom  Wertgedanken  vorgeht,  gerade  deshalb ­
  unberührt  von  der  Kritik  bleiben,  die  hier  am  Wertgedanken ­
  geführt  wird,  aber  der  Selbstbesinnung  der  Wertforschung
dienen  soll.
Es  sind  wenige  „Werttheorien“,  die  nichts  von  Wertkunde  in  sich
schließen  (z.  B.  Meng  er,  Li  ndwurm  u.  a.).  Dagegen  ist  es  wieder
eine  einzige  Theorie,  die  in  Wertkunde  so  gut  wie  aufgeht:  Eine
»Werttheorie“,  von  der  nur  eine  eingehende  Analyse  zeigen  könnte,
daß  auch  sie  nebeneinander  die  Naive  Wertfrage  und  ihre  Zusatzra
 S e  zu  beantworten  sucht,  während  es  den  lebhaften  Anschein  gewinnt,
  als  würde  sie  einfach  nur  der  Frage  Antwort  stehen:  Was  alles
eu tet  das  Wort  „Wert“  bei  seinen  mannigfachen  Verwendungen  in
er  Wissenschaft,  in  Gesetzen  usw.  ?  Diese  „Werttheorie“,  deren  Sonderstellung ­
  gegenüber  allen  übrigen  zu  ihrer  vielfachen  und  argen  Verennung
  den  Anlaß  geliefert  hat,  ist  jene  F.  J.  Ne  um  an  ns.
Neumann  spricht  sozusagen  das  Leitmotiv  seiner  Untersuchungen
nur  WCnn  er  sa 2 t:  »Halten  wir  fest  im  Auge,  daß  in  der  Wissenschaft
läftr'k 6  ^sonders  wichtigen,  wegen  eingebürgerten  Gebrauches  unera
  en  Auffassungen  des  überaus  vieldeutigen  und  schwankenden
S  i  r 1 "  ”W e rt“  Anerkennung  verdienen“.  (Grundlagen,  Tübg.  1889,
fassun"  e ^ enso  i Q  Schönbergs  Handbuch.)  Unter  diesen  „Aufkreuz ­
  ^ Cn  ZU  s i c Ften,  und  sie  ebenso  vollständig  als  gewissenhaft
setze  UnC *  ? Uer  ^ urc b  den  Sprachgebrauch  der  Wissenschaft,  der  Gesich
  der W  ^  W ^ ssensc haftbcher  Strenge  festzustellen,  darum  bemüht
des  letet  eumannsc he  „Beitrag  zur  Wertlehre“,  und  darin  liegt  auch
begreif]- eminent  praktische  Bedeutung;  die  es,  nebenbei  gesagt,
werk  l&amp;lt; fr  maC ^ t  ‘—  entgegen  der  bezüglichen  Einrede  v.  Böhm-Bageradedi
  F ^ ndzüge  us w.  Hild.-Conrads  Jahrbuch,  1886,  S.  3)  —  wenn
gefunde  'l^ Us ^krungen  Neumanns  im  .erwähnten  Handbuche  Platz
zerf  11  a  en ’  We d  eben  mit  ihnen  weniger  ein  Vertreter  der  in  sich
V  enen  und  zerfahrenen  Wertforschung,  als  vielmehr  der  berufenste
2 W  r f tCr  dcr  e (£entlich  neutralen  und  dabei  gerade  für  informatorische
ecke  sehr  wichtigen  Wertkunde  zum  Wort  gekommen  ist!
        <pb n="103" />
        74

,Der  Wertgedanke“,

Dieses  höchst  auffällige  Überwiegen  der  Wertkunde  im  Rahmen
des  Neumannschen  „Beitrags  zur  Wertlehre“  deutet  auf  ein  Verhältnis ­
  hin,  das  uns  in  Anbetracht  der  bezüglichen  erkenntnistheoretischen ­
  Untersuchungen  Neumanns  durchaus  verständlich  würde,  und
sich  dahin  kennzeichnen  ließe,  daß  Neu  mann  eigentlich  schon  auf
halbem  Wege  ist,  sich  vom  Wertgedanken  loszusagen.  Bei
allem  Interesse,  das  wir  in  diesem  Zusammenhänge  einem  solchen
Faktum  entgegenbringen  müssen,  würde  es  doch  viel  zu  weit  führen,
dabei  über  bloße  Andeutungen  hinauszugehen.  Auch  fehlt  es  für  den
gültigen  Nachweis  dieses  Faktums  hier  noch  an  den  nötigen  Vorbedingungen. ­
  Denn  es  bedürfte  dazu  nicht  bloß  einer  scharfen  Analyse*
der  Neumannschen  „Werttheorie“,  sondern  auch  seiner  „Preistheorie“, ­
  und  ganz  besonders  des  Verhältnisses  zwischen  beiden.  Hier
aber  will  ich  nur  zwei  Dinge  hervorheben.
Es  wäre  zunächst  irrig,  einen  (unbewußten)  Widerspruch  Neumanns
  gegen  den  Wertgedanken  heraushören  zu  wollen,  wenn  er
sagt:  „Jedem  aber  —  so  wurde  es  in  der  Neuzeit  Sitte  —  war  der
von  ihm  ins  Auge  gefaßte  Wert:  „der  Wert“,  neben  dem  wie  selbstverständlich ­
  kein  anderer  in  Betracht  kam.  Nur  „einen  Wert“  gab  es.
Und  das  war  Jedem  derjenige,  zu  welchem  gerade  seine  besondere
Auffassung  des  überlieferten  Sprachgebrauches  oder  das  spezielle  Interesse
der  Dinge,  mit  denen  er  sich  beschäftigte,  geführt  hatte.  Jede  andere
Auffassung  war  verkehrt,  und  vor  ihr  die  Augen  zu  schließen,  ebenso
„natürlich“  als  bequem  und  Mühe  sparend“  (a.  a.  O.  S.  127).  Was
Neu  mann  hier  bekämpft,  ist  strenggenommen  nur  das  Absehen  von
der  gewissen  Zusatzfrage,  also  nur  die  Versündigung  gegen  die  Wertkunde.
  Nicht  dem  Wertgedanken  ist  da  widersprochen!  Denn  im
Wertgedanken  liegt  es  keineswegs,  daß  unter  „Wert“  Einfaches,
seiner  Artung  nach  gemeint,  zu  erledigen  sei;  es  kann  ebensogut  Vielfaches, ­
  ein  Vielerlei  sein,  jedoch  für  jedermann  das  nämliche  Einfache ­
  oder  auch  das  nämliche  Vielfache.
Aber  gerade  diese  Nämlichkeit  des  unter  „Wert“  zu  Erledigenden ­
  scheint  Neumann  nicht  vorhanden  zu  sehen.  Er  geht  damit
gleichsam  über  den  Wertgedanken  zur  Tagesordnung  über,  wenn  er
die  Antworten  auf  die  Frage  „Was  ist  der  Wert?“,  die  von  den  verschiedenen ­
  „Werttheorien“  geliefert  werden  und  sich  im  Geiste  des
Wertgedankens  untereinander  grundsätzlich  ausschließen,  als  ebenso
viele  „Auffassungen  des  Wertes“  in  einem  duldsamen  Nebeneinander ­
  sieht,  von  denen  er  die  eine  oder  die  andere  rein  der
Tatsache  nach,  weil  sie  seiner  Anschauung  gemäß  nicht  die  „Anerkennung ­
  in  der  Wissenschaft“  verdiene,  zurückweist!  So  wendet  er
        <pb n="104" />
        Anhang.

75

sich  gegen  eine  Reihe  solcher  „Auffassungen“,  die  er  unter  dem  Ausdrucke ­
  „Seltenheitswert“  zusammenfaßt:  „Indessen,  so  lebhaft  solche
Anschauungen  nunmehr  auch  in  der  deutschen  Literatur  verfochten
werden  —  zu  billigen  sind  sie  nicht.  Sehen  wir  von  mancher  Übertreibung ­
  ab,  so  ist  gegen  diese  Auffassung  des  Werts  als  Seltenheitswert ­
  namentlich  zweierlei  zu  erinnern:  Erstens  “  (Schönberg, ­
  Handb.,  Abh.  W.  Grundbegriffe,  Par.  io).  An  diesen  Stellen
der  Neumann  sehen  Ausführungen  scheint  es  mir  einzutreten  —  als
ein  in  seiner  Art  einziges  Vorkommnis  innerhalb  der  Aussagenwelt
der  „Wertlehre“  —  daß  in  das  Dogma  des  Wertgedankens  Bresche
gelegt  wird.

(Schluß  des  Anhanges.)
        <pb n="105" />
        1901

Die  Herrschaft  des  Wortes
Untersuchungen
zur  Kritik  des  nationalökonomischen  Denkens
        <pb n="106" />
        .

V  orwort.
Diese  beiden  Aufsätze  leiten  eine  Kritik  ein,  für  die  schon  mein
erstes  Büchlein  das  Vorspiel  war.  Als  fortlaufenden  Titel  habe  ich
den  Kernspruch  dieser  Kritik  gewählt:  „Die  Herrschaft  des  Wortes
—  eine  Warnung,  unserem  Denken  zugerufen.
Diese  Aufsätze  sind  von  sehr  ungleicher  Natur.  Der  erste  ist
eine  sachliche  Abhandlung,  die  schon  im  Dezember  1900  als  akademische
Pflichtschrift  gedruckt  war.  Der  zweite  ist  bloß  ein  zwangloser  Vortag, ­
  den  ich  am  15.  Dezember  1900  in  Heidelberg  gehalten  habe;
natürlich  in  viel  kürzerer  Form,  nicht  so  aus  allen  Fugen  geraten,  wie
er  sich  jetzt  darstellt,  seinem  Berufe  gegenüber  der  Kritik  zuliebe.
So  ungleich  diese  Aufsätze  sind,  und  so  völlig  unabhängig  voneinander, ­
  nach  ihrem  gemeinsamen  Bezug  auf  jene  Kritik  vertragen
sie  sich  aufs  beste.  Die  Abhandlung  sucht  den  Punkt  ins  klare
zu  bringen,  bei  dem  meine  Kritik  ein  setzt.  Es  war  schon  dabei
nötig,  vereinzelte  Blicke  auf  den  Weg  voraus  zu  werfen;  wenn  dies
auch  nur  i m  engeren  Anschluß  an  jene  gegebenen  Verhältnisse
möglich  war,  auf  deren  Boden  sich  diese  Abhandlung  bewegt.  Weit
unverblümter  will  es  nun  der  Vortrag  entnehmen  lassen,  wohin  die
Fahrt  geht.
        <pb n="107" />
        Es  sei  mir  erlaubt,  ein  Wort  innigsten  Dankes  dem  Manne  nachzurufen, ­
  den  wir  erst  unlängst,  und  in  herzenswarmer  Trauer,  zur
Ruhe  gebettet  haben:  Bernhard  Erdmannsdörfferl
Neben  Altmeister  Knies,  der  unserer  Universität  um  Jahre
früher  entrissen  ward,  durfte  ich  auch  in  jenem  Hochverdienten
meinen  Lehrer  verehren,  und  einen  treuen  Förderer  habe  ich  an  ihm
verloren.
Auch  er  ist  in  der  Zahl  der  Gesegneten,  die  zur  Weihe  ihres
Andenkens  Mühe  und  Arbeit  von  uns  fordern.
        <pb n="108" />
        V.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.

6

Über  die
„Grundbegriffe“  in  der  Nationalökonomie
        <pb n="109" />
        I.

In  der  Nationalökonomie  wird  sehr  häufig  von  „Grundbegriffen“
gesprochen.  Vor  neunzig  Jahren  hat  H.  S.  L  o  t  z  einem  umfangreichen
Werke  den  Titel  gegeben:  „Revision  der  Grundbegriffe“.  Seither  ist
S a r  manche  „Revision  der  Grundbegriffe“  nachgefolgt.  Man  schlage
auch  die  meisten  Lehrbücher  der  Wissenschaft  auf,  für  deren  Theorie
!mmer  noch  das  Lehrbuch  die  erste  Rolle  spielt:  die  Überschrift  des
er sten  Kapitels  kündet  an,  daß  von  „Grundbegriffen“  gehandelt  wird.
Der  Ausdruck  selber  bleibt  zwar  manchmal  auf  der  einsamen  Höhe
der  Überschrift  und  steigt  nicht  in  den  Text  hinab.  Dafür  kehrt  er
ln  za hllosen  anderen  Zusammenhängen  wieder.  Und  eigentlich  immer
so '  als  ob  niemand  in  Zweifel  sein  könnte,  wie  es  gemeint  sei,  sobald
Von  »Grundbegriffen“  die  Rede  ist 1 ).
In  gewisser  Hinsicht  ist  dieser  Ausdruck  auch  ganz  dazu  angetan,
a  man  ihn  ohne  viel  Umstände  verwende.  Bei  derlei  Zusammensetzungen ­
  legt  immer  schon  der  bloße  Wortlaut  eine  erklärende  Umschreibung ­
  nahe;  etwa  „grundlegende  Begriffe“.  In  diesem  Ausmaße
J^eiß  also  ein  solches  Wort  für  sich  selber  zu  sprechen,  seinen  Geals
  Bezeichnung  selber  zu  rechtfertigen.  Für  den  Ausdruck
für  r ^ nc ^ e griffe“  gilt  dies  auch  ungleich  mehr,  als  zum  Beispiel  gleich
ebr  Gn  ^ ru ^ erausc * ruc k  „Grundsatz“.  Den  hat  der  allgemeine  Sprachc
  schon  zu  sehr  unter  den  Hammer  genommen,  seine  Teile  so
lj
der  deuts  aatlon:d °konomische  Bezeichnung  ist  der  Ausdruck  „Grundbegriffe“  nur  in
Literaturen  ^  V,7 * sse nschaft  recht  flügge.  Denn  im  gleichen  Geiste  verwenden  fremde
foadamentaux*^ ISt  Ausdrücke &amp;gt;  die  sprachlich  etwas  abweichen,  —  zum  Beispiel  „termes
Nationalökon  ~  UQd  die  vor  allem  dort  nicht  die  Rolle  spielen,  wie  in  der  deutschen
dem  Ausdrucke" 6  ^ usdru ck  „Grundbegriffe“.  Wenn  nun  die  Kritik  dennoch  bei
deutsche  Pfl  ^  ’’ Grund begriffe“  einsetzt,  so  daß  also  die  Untersuchungen  mehr  nur  die
gehen  nicht  auch  ‘^ a&amp;lt;, ' ona 'db°nomie  im  Auge  behalten:  wirkt  solch  einseitiges  Vor-Das
  kl'  ^  Rr S e bnisse  und  ihre  Geltung  nachf
liehe  Geist  daT  UQ&amp;lt; *  ^ are  Nein  darauf  erbringen  die  Untersuchungen  selber.  Der  nämdem
  Ausdrucke  Un ® ezwun 8 en  ergeben,  der  innerhalb  der  deutschen  Wissenschaft
französischen  od  fUn  ° e ^ r ’^ e '*  se * ne  ganz  besondere  Rolle  zuerteilt,  er  ist  auch  in  der
*  er  in  der  englischen,  er  ist  in  der  Nationalökonomie  überhaupt  wach.
6*
        <pb n="110" />
        8 4

,Die  Herrschaft  des  Wortes 1

innig  verschweißt,  daß  wir  sie  in  ihrer  Trennung  gar  nicht  mehr
empfinden;  es  ist  uns  Ein  Wort  geworden,  fast  so  wie  „Ursache“.
Bringt  man  nur  jene  stumme  Definition  in  Anschlag,  die  im
bloßen  Wortlaut  „Grundbegriffe“  enthalten  ist,  dann  muß  man  zugeben, ­
  daß  es  in  jeglicher  Wissenschaft  möglich  sei,  von  „Grundbegriffen“ ­
  zu  sprechen.  Jede  Wissenschaft  kann  diesen  Ausdruck  als
Bezeichnung  vergeben,  sofern  sie  nur  von  „Begriffen“  sprechen  will.
Denn  jede  ist  in  der  Lage,  das  als  „Begriffe“  Bezeichnete  unter
irgendeinem  Gesichtspunkt  so  zu  ordnen,  um  „Grundbegriffe“  aussondern ­
  zu  können.  Je  triftiger  die  Gründe  dieser  Aussonderung
wären,  je  mehr  dadurch  für  das  Verständnis  wissenschaftlicher  Eigenart ­
  gewonnen,  desto  mehr  bekäme  jene  Bezeichnung  einen  methodologischen ­
  Anstrich.
Aber  der  Ausdruck  „Grundbegriffe“  wird  auch  unzählige  Male  als
eine  rein  gelegentliche  Bezeichnung  verwendet;  zu  der  man  weder  verbunden ­
  ist,  noch  daß  man  irgendwie  durch  sie  verbunden  würde.  Die
Verwendung  erfolgt  gleichsam  gesprächsweise;  irgendein  Sachverhalt
läßt  nach  diesem  Ausdruck  um  der  bloßen  Empfindung  wegen  greifen,
daß  dieser  Sachverhalt  im  Einklänge  steht  mit  der  stummen  Definition,
die  der  Ausdruck  mit  sich  herumträgt.  Mit  dem  Sachverhalt  aber
wechselt  von  einem  Falle  zum  anderen  dann  auch  das  so  Bezeichnete.
Da  faßt  zum  Beispiel  einmal  O.  Liebmann  „Trägheit“  und  „Kraft“ 1 )
als  „Grundbegriffe“  zusammen,  mit  ebenso  gutem  Rechte,  als  ein  andermal ­
  Trendelenburg 2  3 )  die  nämliche  Bezeichnung  im  Angesichte
von  sage  und  schreibe  993  Definitionen  verwendet.  Das  Recht  auf
eine  solche  Verwendung  kurzerhand  liegt  noch  offener,  wenn  der
Ausdruck  „Grundbegriffe“  einen  bestimmenden  Zusatz  erhält;  in  solcher
Weise  spricht  zum  Beispiel  H.Rickert 8 )  wiederholt  von  den  „logischen
Grundbegriffen  der  historischen  Wissenschaften“.  Auch  die  ganze  Sachlage ­
  kann  die  unbefangene  Verwendung  jenes  Ausdruckes  rechtfertigen;
ein  Fall,  der  zum  Beispiel  dort  zutrifft,  wo  R.  E  u  c  k  e  n  über  ein  geistvolles ­
  Buch  den  Titel  geschrieben:  „Die  Grundbegriffe  der  Gegenwart“.
In  der  Nationalökonomie,  und  deutscher  Zunge  also,  hat  es
mit  dem  Ausdruck  „Grundbegriffe“  seine  ganz  besondere  Bewandtnis.
Eine  Reihe  von  Umständen  sprechen  dafür,  daß  in  diesem  Punkte  für
die  Nationalökonomie  ein  Ausnahmeverhältnis  gilt,  mag  dieses  zuweilen
auch  in  ihrem  eigenen  Bereiche  verleugnet  werden.  Hierzu  ein  derbes

1 )  Zur  Analysis  d.  Wirklichkeit,  S.  294  Anm.
Historische  Beiträge,  3.  Bd.,  S.  22.
3 )  Grenzen  der  naturwissenschaftlichen  Begriffsbildung,  Freiburg  1896,  v.  z.  B.  S.  22.
        <pb n="111" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  I.

85

Beispiel:  In  einer  überaus  breit  angelegten  „Ökonomistischen  Methodologie“ ­
  *)  ist  auf  den  Ausdruck  „Grundbegriffe“  in  keiner  Weise  Rücksicht ­
  genommen.  Danach  wäre  also  auch  im  nationalökonomischen
Verwendungsbereich  diese  Bezeichnung  weder  unmittelbar  noch  mittelbar
ernst  zu  nehmen.  Es  ist  noch  viel  eher  begreiflich,  und  muß  dennoch
auffallen,  wenn  man  in  großen  Wörterbüchern  der  Wissenschaft  nach
einem  Artikel  „Grundbegriffe“  vergeblich  sucht.
Keine  zweite  Wissenschaft  mag  diesen  Ausdruck  so  beharrlich  im
Munde  führen,  und  mit  dem  gleichen  Vertrauen  auf  seine  unmittelbare
Verständlichkeit,  wie  es  für  die  Nationalökonomie  gilt.  Diese  Vielverwendung,
  und  diese  ruhige  Sicherheit  in  der  Verwendung,  das  sind
nicht  die  einzigen  Anzeichen  dafür,  daß  der  Ausdruck  „Grundbegriffe“
innerhalb  der  Nationalökonomie  ein  besonderes  Relief  gewinnt;  gleichgültig, ­
  ob  er  hierbei  durch  den  Zusatz  „nationalökonomisch“  ausdrücklich ­
  für  diese  Wissenschaft  beansprucht  wird,  oder  ob  ihm  dieser  Zusatz
nur  im  stillen  beigedacht  wird.  Noch  zwei  bezeichnende  Umstände
stimmen  hier  ins  Bild.
Seine  Verwendung  ist  ernst  genug  genommen  worden,  um  ihr
aus  P ers önlichen  Anschauungen  heraus  zu  widersprechen.  Widerspruch ­
  ist  da  sowohl  im  Stoß,  wie  in  der  Parade  erfolgt.  H.  Dietzel
wendet  sich  in  neueren  Ausführungen  2 )  ganz  ausdrücklich  gegen  den
national  ökonomischen  Brauch,  von  „Grundbegriffen“  zu  reden.  Andere
Wieder,  die  für  ihren  Teil  diesen  Ausdruck  vermeiden,  begründen  es
■  warum  sie  aus  gleichen  Anlässen  von  etwas  anderem  sprechen,
'-um  Beispiel  von  „Erscheinungen“;  so  hält  es  F.  v.  Wies  er  in  der
S e  ankenreichen  Einleitung  zu  seinem  Buch  „Ursprung  und  Hauptgese
 tze  des  wirtschaftlichen  Güterwertes“.
Es  *  f  *
ist  zwar  gewagt,  in  solch  ausschließendem  Sinne  etwas  zu  beökonc^
 11 '  a ^ Cr  ^  Staube  nicht,  daß  auch  außerhalb  der  Nationalder
  R  ^  * r £ enc lwo  Aussagen  fänden,  die  überSinn  und  Geist
ökonom' e ^ C ^ nUn ^  ”^ ru ndbegriffe“  erflossen  sind.  In  der  Nationaldieses
  Sdil  ^  dies  i eden ^ a ' ls  wiederholt  geschehen.  Die  Aussagen
Beme  k  a ^ es  ^ e B en  sich  in  der  Regel  zwar  nur  als  eingeflochtene
nur  n  t"  r  T'  ^ ie  sind  im  ganzen  sehr  spärlich,  und  das  erscheint
Anf  1C  "  ^ aS  s ’ e  in  Angriff  nehmen,  besagt  so  etwas  wie  den
nicht  leicht” 1  ^ nfangl ‘i  Bis  dahin  aber  greift  eine  junge  Wissenschaft
Klammer  zuriic k-  Von  solchen  Aussagen  nun  einige  Proben;  in  der
2 esa gt,  sind  sie  durchaus  nicht  blind  herausgegriffen,  nur  ist
2\  -p,  Cm  lst  f  v '  Gans-Ludassy,  Die  wirtschaftliche  Energie,  i.Bd.,  Jena  1893.
oretische  Sozialökonomik“,  in  Wagner,  Lehr-  und  Handbuch.
        <pb n="112" />
        86

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

in  dieser  Kritik  kein  Raum  dafür,  zu  erklären,  weshalb  mir  gerade  diese
Aussagen  unter  ihresgleichen  als  die  bedeutsamsten  erscheinen  müssen.
„Die  allgemeinsten  ökonomischen  Kategorien,  die  Elemente  aller  Wirtschaft, ­
  die  jedem  durch  das  ökonomische  Grundverhältnis  beherrschten
Handeln  zugrunde  liegen  .  .  .  mit  ihnen  sind  die  Grundbegriffe  der  Wirtschaft ­
  gegeben,  die  den  Ausgangspunkt  und  allgemeinen  Teil  unserer  Wissenschaft ­
  vom  Ökonomischen  liefern.“
E.  Sax,  Grundlegung  der  Staatswirtschaft,  S.  113.
„Die  bloße  Induktion  vieler  Einzelbeobachtungen  kann  die  Grundbegriffe
.  .  .  nicht  liefern.  Die  fundamentalen  Bedingungen  der  sozialwissenschaftlichen ­
  Erkenntnis  sind  für  sich  in  besonders  gearteter  Methode  zu  ergründen.“
R.  Stammler,  Wirtschaft  und  Recht,  1896,  S.  13.
„Die  nähere  Entwicklung  der  Sozialstoffwechsellehre  oder  der  Nationalökonomie ­
  heischt  nun  vor  allem  die  Feststellung  einiger  Grundvorstellungen
des  nationalökonomischen  Begreifens.  Als  „Grundbegriffe“  dürfen  wir  aber
nicht  Vorstellungen  von  geschichtlich  vergänglichen,  sondern  nur  von  grundwesentlichen, ­
  dem  Stoffwechsel  stets  angehörigen  Beziehungen,  nicht  historische,
sondern  absolute  Kategorien  ins  Auge  fassen.“
Schäffle,  Bau  und  Leben  des  Sozialen  Körpers,  III,  S.  345.
Die  Aussagen  dieses  Schlages  darf  man  übrigens  nicht  mit  den
zahlreichen  und  zusammenhängenden  Erörterungen  verwechseln,  von
der  Art,  wie  sie  besonders  F.  J.  Neumann  wiederholt  gepflogen  hat.
Sie  gelten  jenem  „Bestimmen  der  Grundbegriffe“,  das  erst  später  erörtert ­
  wird.  Natürlich  ist  auch  da  jedesmal  ein  Rückschluß  darauf
möglich,  wie  sich  die  betreffenden  Forscher  zu  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“ ­
  stellen.  Man  findet  nur  meist,  daß  sie  —  selbst  Neu  mann
nicht  ausgenommen  —  gleichsam  einen  Zwang,  diese  Bezeichnung  zu
verwenden,  in  gleicher  Weise  vorhanden  sehen  und  den  Ausdruck
„Grundbegriffe“  ebenso  ruhig  hinnehmen,  wie  es  die  Forscher  halten,
die  in  diesem  Punkte  überhaupt  nicht  Farbe  bekennen.
Soviel  ist  klar,  in  reiner  Willkür,  einmal  unter  diesem,  dann  wieder
unter  jenem  Bezug,  so  wird  der  Ausdruck  „Grundbegriffe“  in  der
Nationalökonomie  sicher  nicht  verwendet.  Die  Vielverwendung,  die
ruhige  Sicherheit  der  Verwendung,  der  Widerspruch  gegen  die  Verwendung, ­
  dies  alles  steht  als  Gegenbeweis  aufl  Am  meisten  aber  die
Art,  in  der  über  Sinn  und  Geist  dieser  Bezeichnung  ausgesagt  wird.
Diesen  Aussagen  fehlt  unverkennbar  die  Absicht,  ihren  Gegenstand  zu
erschöpfen;  sonst  müßten  sie  den  Zusammenhang,  dem  sie  eingeflochten
sind,  sprengen,  um  Abschluß  und  Einheit  in  sich  selber  zu  suchen.
Sie  gebärden  sich  doch  mehr  als  bloße  Beisteuern,  mögen  sie  ihren
        <pb n="113" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  II.

87

Gegenstand  noch  so  treffend  im  Kern  erfassen,  was  ja  hier  außer
Betracht  bleibt.  So  muß  etwas  in  Einheit  da  sein,  das  schon  vor
diesen  Aussagen  gegolten  hat,  unabhängig  von  ihnen  auch  weiter  gilt;
und  daran  nehmen  sie  gemeinsam  Anlehnung,  kreisen  wie  um  einen
ruhenden  Pol.
Kurz,  diese  Tatbestände  zwingen  den  Schluß  auf,  es  bestehe  in
her  Nationalökonomie  eine  allgemeine,  gleichsam  also  unpersönliche,  und
vom  Herkommen  getragene  Meinung  darüber,  wie  die  Bezeichnung
»Grundbegriffe“  zu  verstehen  sei.  Das  Herkommen  waltet  dabei  so,
haß  jene  Meinung  dauernd  zu  bestehen  weiß,  ohne  jemals  ausgesprochen
zu  werden.
Freilich,  daß  in  der  Nationalökonomie  Jeder  Jeden  verstehe,  wenn
Einer  dem  Anderen  von  „Grundbegriffen“  spricht,  scheint  ja  ein  Ding
her  plattesten  Erfahrung  zu  sein.  In  Wahrheit  ist  der  Sachverhalt  ein
wesentlich  anderer.  Erfahrung  spielt  hier  nur  in  einer  stumpfen  Weise
mit ;  nur  so,  daß  die  Erfahrung  eines  Mißverständnisses  ausbleibt!  Das
genügt  wohl,  um  jeden  Zweifel  an  der  Richtigkeit  der  Aussage  fernzuhalten, ­
  wenn  der  Bestand  jener  allgemeinen  Meinung  wirklich  ausgesagt ­
  wird;  und  so  kommt  hinterher  der  „gemeinplätzliche“  Eindruck
eser  Aussage  zustande.  Aber  sicherlich  ist  kein  Anreiz  für  unser
g enken  geboten,  wenn  nichts  geschieht,  als  daß  Erfahrung  ausbleibt.
^  ^ mu ssen  eben  doch  erst  irgendwie  Schlüsse  abrollen;  und  deshalb
lieh  ^  ^ e ^°^ en ’  i ene  Tatbestände  einmal  recht  zu  würdigen,  so  lächeruahe
  sie  uns  liegen.  Nur  so  kommt  man  dazu,  zunächst  den
achen  Bestand  einer  solchen  Meinung  zu  erfassen,  und  dann  erst
er steht  ganz  von  selber  die  Frage:  Was  macht  den  Inhalt  jener  unpersönlichen ­
  und  ungeschriebenen  Meinung  aus?

II.

Nach  dem  Inhalt  einer  Meinung  fragen,  die  vom  Herkom
getragen  wird,  führt  natürlich  erst  recht  einem  Gemeinplatz  entgegen,
allein  abermals  von  der  Art  dass  sich  unser  Denken  niemals  Rechenschaft ­
  darüber  ablegt.  Das  sind  eben  Dinge,  die  unserem  Auge  viel
zu  nahe  liegen;  so  nahe,  daß  wir  sie  immerzu  übersehen.  Wir  müssen
uns  daher  förmlich  zu  ertappen  suchen  bei  dieser  Meinung.
Angenommen,  die  Frage  tritt  von  ungefähr  an  uns  heran:  „Grün  -
begriffe“,  „was  ist  das?“  Und  nun,  wie  wir  uns  dazu  verhalten  —  a
ist  keinen  Augenblick  ein  Zweifel  möglich:  Wir  antworten  mit  einer
Aufzählung,  alle  Male!  Wir  zählen  es  augenscheinlich  auf,  was  w
        <pb n="114" />
        88

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

entweder  selbst  als  „Grundbegriffe“  ansehen,  oder  dafür  angesehen
wissen.
Diese  Aufzählung  könnte  nicht  vom  Herkommen  getragen  sein,
wenn  sie  nicht,  annähernd  wenigstens,  in  der  gleichen  Weise  vollzogen
würde.  Tatsächlich  steht  sie  nur  im  Runden  und  Rohen  fest;  im
einzelnen  wechselt  sie  von  Person  zu  Person.  Ich  gebe  hierzu  einer
Stelle  das  Wort,  die  zwar  nicht  genau  in  diesen  Zusammenhang  stimmt,
ihren  Platz  aber  doch  ausfüllt:
„Der  eine  Schriftsteller  handelt  von  diesen,  der  andere  von  jenen  Grundbegriffen; ­
  hier  werden  etwa  Wirtschaft,  Gut,  Bedürfnis,  Wert,  Einkommen,
Reichtum  definiert;  dort  fehlen  die  Erörterungen  über  Reichtum  und  Einkommen, ­
  während  die  über  Vermögen,  Kapital  und  Arbeit  noch  hinzutreten.
.  .  .  Lohnte  es  sich  der  Mühe,  so  könnte  eine  „Statistik“  der  Grundbegriffe
den  Beweis  erbringen,  daß  sowohl  hinsichtlich  des  Bestandes  wie  der  Anordnung
nichts  weniger  als  Übereinstimmung  herrscht.“
H.  Dietzel,  Theoret.  Sozialökonomik,  in  Wagner,  Lehr-  und  Handbuch, ­
  i.  Bd.,  S.  147.
Hier  wird  auch  das  Schwanken  in  der  Reihenfolge  tadelnd  hervorgehoben. ­
  Das  berührt  offenbar  schon  die  Natur  und  die  gegenseitigen
Beziehungen  des  Aufgezählten,  das  letztere  so  genommen,  wie  es  der
Aufzählende  meint.  Um  diese  Dinge  handelt  es  sich  vorläufig  noch
nicht.  So  kann  es  auch  erst  später  klar  werden,  wie  die  Aufzählung
nach  ihrem  Wortlaut  zwar  von  einem  Forscher  zum  anderen  wechselt,
dabei  aber  trotzdem  einen  einheitlichen  Bezug  aufrechterhält.  Es  wird
sich  eben  zeigen,  daß  alle  Worte,  die  in  die  wechselnden  Aufzählungen
eingehen,  und  in  diesen  nicht  gleichmäßig  wiederkehren,  von  einem
gemeinsamen  Band  umschlungen  sind.  So  kommt  es,  daß  wir,  rein
der  Tatsache  nach,  den  Wechsel  in  der  Aufzählung  recht  wenig  empfinden. ­
  An  dem  grundsätzlichen  Verhältnis,  wie  es  die  Kritik  allein
im  Auge  behält,  ändert  Dies  natürlich  nichts.
So  steht  also  neben  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  die  Möglichkeit, ­
  das  so  Bezeichnete  ohne  weiteres  aufzählen  zu  können.
Offenbar  ist  schon  daraus  die  ruhige  Sicherheit  verständlich,  mit  der
in  der  Nationalökonomie  der  Ausdruck  „Grundbegriffe“  verwendet
wird.  Im  gewöhnlichen  Lauf  der  Dinge  wird  man  es  keinem  Nationalökonomen ­
  verargen  können,  wenn  er  sich  dieses  Ausdruckes  ganz
unbefangen  bedient:  weil  er  ja  das  so  Bezeichnete  jederzeit  aufzuzählen
vermag,  und  sich  in  der  Aufzählung  mit  seinesgleichen  so  ziemlich
eins  weiß  1  Ebenso  zweifellos  ist  die  Kritik  in  ihrem  guten  Recht,  wenn
sie  etwas  zudringlicher  fragt,  ob  denn  jene  allgemeine  und  vom  Her ­
        <pb n="115" />
        Ober  die  „Grundbegriffe“  II.

89

kommen  getragene  Meinung,  wie  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  zu
verstehen  sei,  in  der  Möglichkeit  dieser  Aufzählung  sich  erschöpfe?
Es  erscheint  doch  ausflüchtig,  wenn  auf  die  Frage,  wie  eine  Bezeichnung ­
  gemeint  sei,  gerade  nur  die  Aufzählung  des  so  Bezeichneten
antwortet.  Das  ist  freilich  die  Weise,  in  welcher  das  gewöhnliche
Leben  seine  Bezeichnungen  meist  vergibt.  Wenn  da  z.  B.  von  „Großmächten“ ­
  gesprochen  wird,  so  erscheint  ein  näherer  Aufschluß  darüber
auch  nur  so  möglich,  daß  man  gewisse  „Mächte“  herzählt;  der  Grund
ihrer  aussondernden  Zusammenfassung  wird  dann  schlecht  und  recht
geliefert,  indem  man  das  Wort  „Großmacht“  mit  Nachdruck  ausspricht,
ki  diesem  Falle  mag  derlei  Verfahren  angehen  und  dem  gewöhnlichen
Lenken  überhaupt  erlaubt  sein.  Man  wird  aber  doch  etwas  höhere
Anforderungen  stellen,  wenn  es  sich  um  die  wissenschaftliche
Verwendung  eines  Ausdruckes  handelt;  eines  Ausdruckes  noch  dazu,
der  so  häufig,  und  zuweilen  so  bedeutsam  verwendet  wird.  An  dieser
vorgeschobenen  Stelle  sei  nur  ganz  nebenbei  daran  erinnert,  wie  für
ein  Problem,  das  sich  nach  einer  immerhin  verbreiteten  Ansicht  an  der
c  welle  der  Nationalökonomie  aufrichtet,  eigentlich  nur  die  Fassung
geläufig  i s t :  „Bestimmen  der  Grundbegriffe“.
Man  glaube  übrigens  nicht,  daß  ich  hier  schlechthin  die  Unterassung
  der  Definition  tadeln  wollte!  Wie  ehrlich  diese  Verwahrung
gemeint  ist,  kann  freilich  erst  in  späterer  Folge  klar  werden,  sobald
es  aus  anderen  Anlässen  scharf  betonen  muß,  wie  sich  ganz  verp
 C  ledene  Angelegenheiten  unseres  Denkens  in  jener  nämlichen
rm  ordnen  lassen,  die  man  nicht  gut  anders  denn  als  „Definition“
eichnen  kann.  Als  eine  bloße  und  unter  Umständen  vermeidbare
r m  aber,  in  die  sich  ein  Mehrerlei  bringen  läßt,  hat  die  Definition
zum  mindesten  unmittelbar  nichts  mit  der  ganz  bestimmten  Sache  zu
n ’  die  hier  in  Frage  steht.
Es  handelt  sich  einfach  darum,  ob  außer  der  Möglichkeit,  das  so
ozeic  nete  in  der  annähernd  gleichen  Art  aufzuzählen,  über  die
ezeichnung  „Grundbegriffe“  noch  etwas  anderes  in  der  Nationalomie
  als  herkömmlich  gelten  darf.  Nun  sind  ja  eine  Reihe  von
ihnen  ^  Sinn  und  Geist  der  Bezeichnung  erflossen.  In
zur  C  rin ^ en  s * c k  aber  doch  zunächst  nur  persönliche  Anschauungen
Gült'  k^ 11 ^  •  ^ arrdt  sod  natürlich  nicht  das  leiseste  Urteil  über  die
All^  &amp;lt; ~^ eSer  Aussagen  gefällt  sein;  das  sei  zum  Überfluß  betont.
Mein  eiQ ’  das  Bestehen  einer  allgemeinen  und  herkömmlichen
diese*^  ^ arüder ’  w ie  jene  Bezeichnung  gemeint  ist,  dafür  könnten
gemei  USSa ^ en  tr °tzdem  zu  einem  Anhalt  werden.  Sie  müßten  einen
msamen  Bezug  verraten;  oder  müßten  an  etwas  gleichsam  weiter ­
        <pb n="116" />
        90

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

bauen,  dessen  Geltung  sie  mittelbar  oder  unmittelbar,  und  im  Sinne
der  Zustimmung  oder  des  Widerspruches  anerkennen.  Das  erstere
tritt  nun  in  der  Tat  ein,  wie  es  ja  früher  schon  betont  wurde.  Aber
diesen  gemeinsamen  Bezug  knüpft  wieder  nur  die  Aufzählung;  das  ist
leicht  gezeigt.  Da  spricht  Sax  zum  Beispiel  von  den  „Elementen
aller  Wirtschaft,  die  jedem  durch  das  ökonomische  Grundverhältnis
beherrschten  Handeln  zugrunde  liegen“;  Stammler  von  den  „fundamentalen ­
  Bedingungen  sozialwissenschaftlicher  Erkenntnis“;  Schäffle
dagegen  von  „Grundvorstellungen  des  nationalökonomischen  Begreifens“.
Nun  reimen  sich  diese  Aussagen,  obwohl  äusserlich  recht  verschieden,
in  der  Sache  vielleicht  sehr  gut  zusammen;  vielleicht  auch  sehr  schlecht.
Das  ist  eine  Frage  ganz  für  sich.  Allein,  um  diese  Frage  überhaupt
nur  aufwerfen  zu  können,  muß  man  notwendig  von  der  Annahme
ausgehen,  daß  Sax,  Schäffle  und  Stammler  hier  über  ein  Nämliches ­
  aussagen.  Gewiß,  alle  Drei  knüpfen  ihre  Aussagen  an  das
nämliche  Wort  „Grundbegriffe“;  aber  vor  der  Kritik  ist  das  Wort  allein
ein  schlechter  Eideshelfer.  Worin  wurzelt  denn  nun  die  Sicherheit,
mit  der  wir  annehmen,  daß  hier  unter  dem  gleichen  Worte  über  ein
Nämliches  ausgesagt  wird?  Doch  nur  in  der  Wahrnehmung,  daß  die
Aufzählung  des  so  Bezeichneten,  mag  sie  nun  sogleich  oder  doch
hinterher  vollzogen  werden,  in  der  annähernd  gleichen  Weise  erfolgt!
Wie  für  den  Teil  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  wirklich
nichts  weiter  vom  Herkommen  getragen  wird,  als  die  Möglichkeit,
das  so  Bezeichnete  aufzählen  zu  können,  das  bekräftigt  noch  ein
anderer  Sachverhalt.  Es  führt  nämlich  nie  zu  einer  sachlichen  Begründung, ­
  wenn  das  Aufzählen,  das  ja  nur  im  Runden  und  Rohen
gleich  bleibt,  im  einzelnen  Falle  also  immer  wieder  anders  erfolgt.
Der  Wortlaut  der  Aufzählung  wird  in  aller  Regel  nicht  einmal  aus
den  persönlichen  Anschauungen  gerechtfertigt,  wie  sie  jene  spärlichen
Aussagen  über  Sinn  und  Geist  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  zum
Ausdruck  bringen.  Noch  weniger  wird  es  sachlich  verfochten,  weshalb
man  für  seinen  eigenen  Teil  die  Aufzählung  anders  vornimmt,  als  sie
ein  Anderer  wieder  um  seiner  persönlichen  Anschauungen  willen  vornimmt. ­
  Eine  Reibung  persönlicher  Anschauungen  führt  aber  der
Wechsel  in  der  Aufzählung  jedenfalls  mit  sich.  Wenn  nun  überhaupt
etwas  Herkömmliches,  Unpersönliches  vorhanden  wäre,  außer  dem  ungefähren ­
  Schema  der  Aufzählung:  hier  würde  doch  sicher  aller  Anreiz
gegeben  sein,  auf  dieses  Unpersönliche  zurückzugreifen,  um  es  auch
nach  dieser  Richtung  hin  zu  verfechten,  daß  man  für  seinen  Teil  die
Aufzählung  anders  vornimmt,  als  sie  von  Anderen  bewirkt  wird!  Allein
davon  ist  eben  keine  Spur  vorhanden;  ein  weiterer  Beleg  dafür,  daß
        <pb n="117" />
        Ober  die  „Grundbegriffe“  II.

91

der  nationalökonomische  Gebrauch  dieser  Bezeichnung  vom  Herkommen
überhaupt  nicht  anders  gedeckt  wird,  als  daß  recht  verschwommen
feststeht,  wie  das  so  Bezeichnete  aufzuzählen  ist.
In  einer  ganz  anderen  Richtung  wohl,  da  ist  es  zu  Rede  und
Gegenrede  gekommen.  Ich  meine  die  Erörterungen,  die  sich  um
die  Frage  nach  „dem  Grundbegriff“  der  Nationalökonomie  drehen.
Schaffle  hat  einst  den  Ausspruch  getan:  „Grundbegriff  der  Nationalökonomie ­
  ist  unbestritten  der  Wert“ 1 ).  Später  hat  Dietzel 1 )  die
„wirtschaftliche  Handlung“  als  „den  Grundbegriff  der  Sozialwirtschaftslehre“
  sachlich  verfochten.  Vielleicht  wäre  hier  erst  zu  erwägen,  ob
die  Ansicht  ganz  unmittelbar  die  Nationalökonomie  berührt.  Allein
gerade  in  der  Nationalökonomie  denkt  man  über  derlei  kleine  Unebenheiten ­
  frischweg  hinüber.  So  hat  auch  Jul.  Wölfin  ausdrücklicher
Gegenrede  zu  Dietzel,  die  Ansicht  geltend  gemacht,  daß  man  „Wertes ­
  „den  Grundbegriff  der  Nationalökonomie“  anzusehen  hatte;  unter
der  sachlichen  Begründung:  „Grundbegriff  ist  —  man  hat  dies  zu  erörtern ­
  bisher  versäumt  —  der  Begriff,  der  als  erster  das  Bewußtsein
des  Zweckes  an  sich  trägt“  3 ).
Zur  Sache  hier  steht  dies  in  gar  keinem  Bezug.  Nicht  bloß  laßt
es  der  erste  Blick  erkennen,  daß  die  Bezeichnung  „Grundbegriff  der
Nationalökonomie“  anderen  Sinnes,  anderen  Geistes  sei  als  die
Bezeichnung  „nationalökonomische  Grundbegriffe“.  Der  erstere  Ausdruck ­
  ist  auch  mitnichten  vom  Herkommen  getragen;  er  taucht  nur
ganz  vereinzelt  auf,  eben  bei  dieser  Erörterung.  Schon  deshalb  kann
nichts,  was  den  ersteren  Ausdruck  angeht,  die  herkömmliche  Meinung
über  Sinn  und  Geist  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  berühren;  nur
darum  handelt  es  sich  im  Augenblicke.  Im  übrigen  ist  es  ja  durchsichtig
  genug,  daß  sich  meine  Kritik  an  dieser  Bezeichnung  nur  um
der  Aufzählung  willen  festbeißt,  die  sich  von  ihr  nicht  wegdenken
läßt,  soweit  das  Herkommen  reicht.  Die  Einzahl  des  Wortes  schließt
aber  alle  Aufzählung,  und  in  diesem  Sinne  alles  Interesse  an  dem
Ausdruck  „Grundbegriff  der  Nationalökonomie“  aus.
Eine  allgemeine  und  vom  Herkommen  getragene  Meinung,  wie
die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  zu  verstehen  sei,  ist  in  der  Nationalökonomie ­
  wohl  vorhanden.  Sie  erschöpft  sich  aber  darin,  daß  sie
neben  die  Bezeichnung  die  Möglichkeit  setzt,  das  so  Bezeichnete  ohne
weiteres  aufzählen  zu  können;  dafür  bietet  sie  ein  ungefähres  Schema
*)  Tübinger  Zeitschr.  1864,  S.  196.
2 )  Tübinger  Zeitschr.  1883,  S.  I  ff.
3 )  Tübinger  Zeitschr.  1886,  S.  426.
        <pb n="118" />
        92

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

dar.  Alles  weitere  bleibt  der  persönlichen  Auffassung  überlassen.
Wirklich  vom  Herkommen  getragen  ist  also  die  nationalökonomische
Bezeichnung  „Grundbegriffe“  rein  nur  im  Geiste  eines  bloßen  Sammelnamens. ­
  Das  will  sagen,  eines  Wortes,  das  ein  an  anderen  Worten
hergezähltes  Vielerlei  ganz  kurzerhand  zusammenfaßt,  im  Wege  einer
einfachen  Nennung.

in.
Der  Sachverhalt,  der  nach  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  so
beharrlich  greifen  läßt,  ist  der  letzteren  zur  Seite  durch  eine  Aufzählung ­
  vertreten.  Was  wird  dabei  nun  eigentlich  aufgezählt?  Gewiß,
man  will  eben  die  „Grundbegriffe“  aufzählen,  was  man  selber  dafür
hält,  oder  doch  von  Anderen  dafür  gehalten  weiß.  Das  heißt  aber
doch  nur,  daß  man  das  Aufgezählte  als  „Grundbegriffe“  zusammenfassen ­
  will.  Was  ist  nun  dieses  Aufgezählte?
Die  Frage  muß  zunächst  widersinnig  klingen:  Was  könnte  man
denn  als  „Grundbegriffe“  aufzählen  wollen!  Aber  machen  wir  doch
eine  Probe.  Ich  zähle  also  auf,  und  zwar  in  jener  halben  Willkür,
die  sich  nicht  umgehen  läßt,  weil  eben  die  Weise  des  Aufzählens
nur  im  Runden  und  Rohen  feststeht:
„Bedürfnis,  Gut,  Wert,  Wirtschaft,  Vermögen,  Einkommen,  Kapital,
Arbeit,  Geld,  Preis,  Lohn,  Zins,  Rente.  .  .  .“
Was  will  nun  der  Nationalökonom,  denn  so  muß  die  Frage  vorerst
gestellt  werden,  damit  eigentlich  aufzählen  ?  Da  scheint  allerdings
nur  Eine  Antwort  möglich:  Begriffe!  Nein,  sagt  F.  v.  Wieser,
Erscheinungen!  Nein,  sagt  Dietzel,  Tatsachen!
Jene  erste  Auskunft,  die  sich  allem  Anschein  nach  allein  mit  der
Bezeichnung  „Grundbegriffe“  verträgt,  hält  sich  im  Rahmen  des  Herkommens, ­
  von  dem  diese  Bezeichnung  selber  getragen  wird.  Der
Widerspruch,  der  nachfolgt,  ist  also  schon  ein  Widerspruch  gegen  das
Herkömmliche.  Daß  im  Angesichte  jener  Aufzählung  ein  solcher  Widerspruch ­
  möglich  ist,  sei  es  auch  nur  vom  Boden  persönlicher  Anschauungen ­
  aus,  muß  schon  irgendwie  auf  den  Sachverhalt  schließen
lassen,  der  über  jene  Aufzählung  hinüber  mit  dem  Ausdruck  „Grundbegriffe“ ­
  verknüpft  erscheint.  Allein,  müssen  nicht  gleich  mehrere
und  auch  inhaltsschwere  Erwägungen  vorausgehen,  ehe  man  von  da
aus  zu  einem  greifbaren  Ergebnis  käme?  So  wäre  zum  Beispiel  erst
zu  ermitteln,  in  welchem  Grade  jener  Widerspruch  gegen  das  Herkömmliche ­
  nicht  bloß  an  Worten  hängt,  sondern  einen  wirklichen
        <pb n="119" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  III.

93

Rückhalt  besitzt  an  den  Ansichten  jener  Forscher,  die  hier  gleichsam
als  Zeugen  gepreßt  sind.  Auch  wäre  erst  zu  untersuchen,  wieweit,
oder  vielleicht  wie  wenig  dieser  Widerstreit  in  der  Sache  begründet
ist;  ob  sich  Begriffe,  Erscheinungen  und  Tatsachen  in  dieser  Hinsicht
überhaupt  in  Gegensatz  stellen  lassen.  Zum  Glück  kann  man  diese
Untersuchungen  —  auch  die  letztgenannte,  auf  die  ich  erst  in  einem
späteren  Zusammenhang  zurückkomme  —  für  den  Augenblick  noch
umgehen.  Abermals  ist  es  ein  höchst  kleinlicher  Tatbestand,  der  eine
willkommene  Handhabe  für  die  Kritik  darbietet.

Um  diesen  Tatbestand  vorzuweisen,  knüpfe  ich  an  die  Ausführungen
H.  Dietzels  an 1 ).  Wer  da  als  Nationalökonom  nachliest,  der  mag
diesen  Ansichten  beipflichten  oder  widersprechen,  jedenfalls  wird  er
dem  Gedankengange  Dietzels  rückhaltlos  zu  folgen  wissen.  Trotzdem ­
  liegt  hier  etwas  Unverständliches  vor,  in  einer  einzelnen  Hinsicht.
Nicht  im  Sinne  eines  persönlichen  Fehlers  im  Gedankengang,  wird  doch
der  Riß,  d er  hier  unter  logischem  Gesichtspunkt  vorhanden  ist,  durch
dieselben  Gewohnheiten  des  fachlichen  Denkens  verschuldet,  die
ibn  zugleich  auch  verschleiern!
Die  gleiche  Reihe  von  Worten,  die  man  herkömmlich  mit  der  Bezeichnung ­
  „Grundbegriffe“  in  Verbindung  bringt,  als  die  Aufzählung
des  so  Bezeichneten,  sie  nimmt  Dietzel  für  die  Bezeichnung  „Grundtatsachen“ ­
  in  Anspruch,  wieder  als  Aufzählung.  Das  ist  der  rohe  Tatbestand; ­
  der  soll  nun  etwas  näher  entfaltet  werden.
Zunächst  über  den  Wechsel  in  der  Auffassung,  der  hier  von  hüben
nach  drüben  Platz  greift.  Es  ändert  sich  die  Natur  des  Aufgezählten  ;
gegenüber  den  „Grundbegriffen“  werden  „Grundtatsachen"
geltend  gemacht.  Was  aber  gleichbleibt,  das  sind  zunächst  die  aufzählenden ­
  Worte.  Aber  noch  etwas:  wie  nämlich  hüben  „Grundbegriffe“, ­
  so  werden  drüben  „  G  r  u  n  d  tatsachen“  behauptet.
Dietzel  sucht  es  für  das  Aufgezählte  einzeln,  und  wenigstens  in
Stichproben,  verständlich  zu  machen,  daß  laut  der  aufzahlenden  Worte
gar  nicht  Begriffe,  sondern  Tatsachen  —  er  spricht  nebenher  von
»Phänomenen“  —  in  Frage  stünden.  Ob  hier  wirklich  ein  Gegensatz
begründet  wäre,  darf  im  wesentlichsten  Sinne  dahinstehen.  Denn
jedenfalls,  und  das  fällt  hier  allein  ins  Gewicht,  ist  diese  Überwechselung
»Begriffe  —  Tatsachen“  als  ein  Gegensatz  gemeint.  Nun  wäre  ja  verständlich, ­
  daß  man  einzelne,  oder  auch  alle  einzelnen  der  aufgezählten
»Grundbegriffe“  als  Tatsachen  behaupten  wollte.  Warum  sollen  aber

)  Theoret.  Sozialökonomik,  in  Wagner,  Lehr-  und  Handbuch,  I.  Bd.,  S.  147  ff-
        <pb n="120" />
        94

.Die  Herrschaft  des  Wortes“,

die  „Grundbegriffe“  in  Bausch  und  Bogen  sofort  auch  „  Grundtatsachen“ ­
  sein?
Wenn  es  Dietzel  so  hielte  wie  viele  andere,  die  zum  Beispiel
„Grundbegriffe“  und  „Grunderscheinungen“  für-  und  nebeneinander  als
Bezeichnung  des  Aufgezählten  verwenden,  dann  wäre  der  brennende
Punkt,  auf  den  ich  hindeuten  möchte,  zum  mindesten  verdeckt;  näher
gehe  ich  auf  diesen  Nebenfall  nicht  ein.  Aber  hier  sind  „Begriffe“  und
„Tatsachen“  offenkundig  im  Gegensatz  gemeint;  weshalb  müssen  nun
die  „Grundbegriffe“  von  der  Stelle  aus  und  gleichsam  ohne  Rest  in
den  „Grundtatsachen“  aufgehen?  Freilich,  dieser  Tatbestand  selbst
befremdet  uns  als  Nationalökonomen  ungleich  weniger,  oder  einfach
gar  nicht,  während  umgekehrt  jene  Frage  das  Befremdende  sein  muß.
Die  letztere  stört  eben  unser  fachliches  Denken  aus  lieben  Gewohnheiten ­
  auf.
Ein  bloßer  Zufall  dabei,  daß  sich  die  Tatsachen,  die  man  aus
besserem  Wissen  hinter  den  aufzählenden  Worten  der  „Grundbegriffe“
fände,  gleich  auch  als  „Grundtatsachen“  entpuppten,  solch  merkwürdiger
Zufall  ist  wohl  ausgeschlossen.  Er  träte  so  ein,  daß  sich  an  gewissen
Worten  herzählbare  Begriffe  um  ihrer  Begriffsnatur  willen  als  „Grundbegriffe“ ­
  ausweisen  könnten,  andererseits  aber  just  die  Tatsachen,  die
man  an  Stelle  von  Begriffen  hinter  den  nämlichen  Worten  zu  erkennen
glaubt,  um  ihrer  Tatsachennatur  wieder  als  „Grundtatsachen“.  So
meint  es  auch  Dietzel  keinesfalls;  und  gewiß  nicht  allein  deshalb,
weil  ihm  solche  Erwägung  überhaupt  fernsteht;  in  der  Art  und  Unart
des  fachlichen  Denkens,  das  sich  arglos  seinen  Gewohnheiten  hingibt,
Unter  logischem  Gesichtspunkt  muß  man  aber  daran  festhalten,  daß
die  Zusammenfassung  von  „Begriffen“  als  „Grundbegriffe“  unbedingt
nicht  aus  Gründen  erfolgen  kann,  die  für  die  Zusammenfassung  von
„Tatsachen“  als  „Grundtatsachen“  entscheidend  sind;  zum  mindesten
dann  nicht,  wenn  man  „Grundbegriffe“  und  „Grundtatsachen“  überhaupt
nur  um  eines  Gegensatzes  willen  füreinander  ausspielt.
Kurz  und  gut,  wenn  man  die  nämliche,  wortgleiche  Aufzählung,
die  sonst  als  die  Zusammenfassung  „Grundbegriffe  gemeint  ist,  ohne
weiteres  auch  als  die  Zusammenfassung  „Grundtatsachen“  verfechten
darf,  dann  kann  der  Grund  der  Zusammenfassung  unmöglich  bei  der
Natur  des  Aufgezählten  beruhen,  die  ja  hüben  und  drüben  als  eine
andere  gemeint  ist.  Der  Grund  dieser  Zusammenfassung  gleichen  Umfanges ­
  und  gleichen  Ausdruckes  —  „Grundbegriffe“,  „Grundtatsachen“
—  wird  unmittelbar  nur  dort  wurzeln,  wo  Gleichheit  zwischen  hüben
und  drüben  besteht;  und  das  gilt  für  das  Mittel  der  Aufzählung,
für  die  nackten  Wortei  Es  müssen  schon  die  Worte,  als
        <pb n="121" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  III.

95

solche,  irgendwie  Zusammenhalten!  So  zwar,  daß  man  gleichsam ­
  unter  der  verharrenden  Aufzählung  hinweg  die  Natur  des  Aufgezählten ­
  auswechseln  kann,  im  Geiste  einer  abweichenden  Ansicht,  ohne
daß  hierdurch  die  Aufzählung  in  die  Brüche  geht,  und  ohne  daß  die
Zusammenfassung,  für  welche  diese  Aufzählung  einsteht,  des  Anspruches
au f  den  gleichen  Ausdruck  verloren  geht:  eben  „Grundbegriffe“  hier
un&amp;lt; 3  „  Grund  tatsachen“  auch  dort.
Von  einem  solchen  Zusammenhalt  unter  den.  aufzählenden  Worten,
der  hier  den  logischen  Zusammenhang  erst  wirklich  zum  Schließen
bringt,  ist  aber  in  den  Ausführungen  Dietzels  keine  Rede;  in  diesem
ltlne  klafft  da  unter  logischem  Gesichtspunkte  ein  Riß.  Nur  ist  diese
ucke  im  ausgesagten  Gedankengang  durchaus  verständlich,  in  diesem
inne  also  Dietzels  Vorgehen  durchaus  entlastet.  Es  wird  eben  noch
arer  w erden,  wie  die  Bedingungen,  auf  die  jener  Zusammenhalt  unter
orten  in  seinem  Dasein  gestellt  ist,  so  gemeinplätzlicher  Natur  sind,
so  offen  am  Tage  liegen,  daß  wir  im  nationalökonomischen  Denken
auernd  von  der  Anerkennung  jenes  Zusammenhaltes  ausgehen,
ne  uns  jemals  darüber  Rechenschaft  abzulegen!  So  mauert  sich  eben
leT(; S  ^ aC ^* c ^ e  Denken  in  gewisse  Gewohnheiten  ein;  ihr  Vorweis  verei
  t  das  Recht,  in  jenem  tieferen  Sinne  von  einem  „Denken  in  herm
  K 'hen  Anschauungen“  zu  reden,  wie  es  in  der  Folge  wiederholt
geschehen  muß;  dabei  ist  einfach  das  fachliche  Denken  gemeint,  wie
jeder  National  Ökonom  schon  als  solcher  übt,  übermächtig  seinen
P  rsönlichen  Anschauungen.
ök  Un  eme  kleine  Überschau.  Es  hat  sich  erwiesen,  daß  der  nationaldi^
 0 n°mi sc i len  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  nicht  mehr  Bedeutung  als
Glnes  bloßen  Sammelnamens  zusteht.  Das  will  sagen,  im  Grunde
Ausd  mSn '  Unc *  soweit  es  wenigstens  am  Herkommen  hängt,  wird  der
1  fUC 'j  »Grundbegriffe“  auch  in  der  Nationalökonomie  als  eine  rein
j.  e 2 en ßiche  Bezeichnung  verwendet;  so  nämlich,  daß  irgendein  offen--
  er  Sachverhalt  nach  jenem  Ausdruck  greifen  läßt,  ohne  daß  man
.  er kömmlich  besondere  Rechenschaft  darüber  ablegte.  Wenn  nun
nur  d ' e  .^ at * ona l°konomie  trotzdem  eine  Ausnahme  gilt,  so  kann  diese
dies  da ^ n  bestehen,  daß  der  Sachverhalt,  der  in  der  Nationalökonomie
so  h  ^ e * egent ^ lc ke  Bezeichnung  herausfordert,  ein  so  auffälliger  ist,  und
des  C -  arr ^ C ^  nac k  seinem  Ausdruck  verlangt,  daß  es  zu  einer  Sache
von  riCht ‘ gen  Herkommens  werden  konnte,  in  der  Nationalökonomie
° n  "Grundbegriffen“  zu  sprechen;  mag  es  dann  auch  vom  Boden
Persönlicher  Anschauungen  aus  zu  mancherlei  Widerspruch  dagegen
mrnen.  Jener  Sachverhalt  aber  ist  offenbar  schon  bei  einem  Endchen
t,  indem  es  sich  (gerade  um  der  Art  solchen  Widerspruches  willen)
        <pb n="122" />
        96

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

herausstellt,  daß  hier  ein  Zusammenhalt  unter  den  aufzählenden  Worten
als  solchen  bestehen  müsse.  Daß  heißt,  diese  Worte  müssen  in  irgendeiner ­
  Weise  in  Zusammenhang  sein,  gleichgültig,  ob  man  nun  Begriffe,
oder  Erscheinungen,  oder  Tatsachen  hinter  ihnen  suchen  will;  und
noch  gleichgültiger,  welche  Begriffe,  welche  Erscheinungen  und  welche
Tatsachen  man  hinter  den  einzelnen  dieser  Worte  finden  will.  Der
Bestand  dieses  Zusammenhaltes  unter  den  aufzählenden  Worten,  auf
den  bisher  nur  Schlüsse  hindrängen,  wird  nun  aus  Tatsachen  zu  erweisen ­
  seinl  Im  Vollzüge  dieses  Nachweises  tritt  die  Bezeichnung
„Grundbegriffe“  für  einen  Augenblick  in  den  Hintergrund.  Den  Rückweg ­
  zu  ihr  wird  die  Kritik  dann  später  ungezwungen  finden.

IV.
Angenommen,  es  stünden  jene  Worte  irgendwo  schlicht  beisammen;
ich  wiederhole  sie,  die  hier  Kronzeugen  sind:
„  „Bedürfnis,  Gut,  Wert,  Wirtschaft,  Vermögen,  Einkommen,  Kapital,
Arbeit,  Geld,  Preis,  Lohn,  Zins,  Rente,  ““
Jeder  fachmännische  Anhauch  genügt,  um  hier  eben  die  „Grundbegriffe“ ­
  —  „Grunderscheinungen“,  „Grundtatsachen“  —  aufmarschiert
zu  sehen.  Aber  man  frage  sonst  jemand,  was  Dies  wohl  bedeuten
mag.  Er  kann  zwei  verschiedene  Antworten  geben,  beide  sehr  lehrreich ­
  für  diesen  Zusammenhang  hier.
Am  ehesten  noch  wird  er  andeuten,  daß  er  so  ungefähr  die
Quintessenz  der  rastlos  geschäftigen  Alltäglichkeit  vor  sich  sähe.  In
der  Tat  muß  besonders  der  Laie  hier  Dinge  aufgezählt  sehen,  deren
Wirklichkeit  er  sozusagen  am  eigenen  Leibe  wuchtig  zu  verspüren
glaubt.  Darauf  komme  ich  noch  zurück.  Jedenfalls  wird  dem  Laien,
nur  aus  anderen  Gründen  als  sie  für  den  Fachmann  entscheidend  sind,
der  Gedanke  fern  sein,  daß  es  vielleicht  doch  nur  die  Worte  sind,  mit
denen  er  Das  bloß  zu  „übersprechen“  gewohnt  ist,  in  irgendeiner  ausweichenden ­
  Art,  was  er  wirklich  am  eigenen  Leibe  verspürt.  Immerhin,
man  muß  es  diesen  Worten  zugestehen,  daß  sie  schon  für  das  harmloseste ­
  Sprachgefühl  zueinander  drängen.  Ohne  Zweifel  will  da  überall ­
  so  etwas  wie  Sorge  und  Mühe  des  täglichen  Lebens  anklingen.
Auch  Das  ist  schon  ein  Zusammenhalt  unter  diesen  Worten  als  solchen;
durch  ihre  „innere  Sprachform“  geknüpft.  Ich  bediene  mich  dieser
sprachwissenschaftlich  anerkannten  Ausdrücke  —  „innere  Sprachform“,
im  Gegensatz  zur  „äußeren  Sprachform“,  zum  Lautbild  des  Wortes
        <pb n="123" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  IV.

97

—  Ausdrücke,  die  schon  aus  dem  Zusammenhang  so  ziemlich  verständlich
sind,  bis  ich  späterhin  die  einschlägigen  Verhältnisse  sachlich  erörtere.
Nun  braucht  unser  Gewährsmann  nur  den  ungefährsten  Überblick
über  das  Fächerwerk  menschlicher  Wissenschaft  zu  haben,  und  er  kann
im  Angesichte  jener  Worte  auch  etwas  anderes  sagen:  Das  ist  Nation  al-Ökonomie!
  In  gewisser  Hinsicht  hätte  er  gerade  damit  den  Nagel
auf  den  Kopf  getroffen.  Man  mutet  es  doch  einer  guten  Definition
zu,  daß  sie  von  ihrem  Wortlaut  auf  ihren  Gegenstand  raten  lasse.  Ich
möchte  nun  keiner  der  zahlreichen  Definitionen  nahetreten,  die  sich
den  vielen  Namen  unserer  Wissenschaft  verknüpfen.  Aber  es  scheint,
daß  man  wahrhaftig  noch  am  sichersten,  auch  am  gutwilligsten  auf
die  Nationalökonomie  raten  wird,  sobald  man  jene  Worte  schlicht  beisammen ­
  sieht  1  Den  Fachmann,  wie  es  noch  näher  erklärt  wird  mag
dabei  der  Eindruck  bald  auf  diesem,  bald  auf  einem  anderen  Wege
überkommen  —  an  der  Nationalökonomie  wird  doch  keiner  vorbeiraten! ­
  Es  stellt  eben  dieses  Rudel  Worte  eine  Art  Steckbrief  vor,  wie
man  ihn  treffender  hinter  keiner  zweiten  Wissenschaft  erlassen  konnte.
Und  darin  prägt  sich  offenbar  ein  Zusammenhalt  unter  jenen  Worten
uus,  der  die  Nationalökonomie  ganz  unmittelbar  angeht.  Er  soll  zunächst ­
  in  aller  Kürze  dargelegt  werden.
Zugleich  mit  der  Tatsache,  daß  jene  Worte  insgesamt  aus  dem
grünen  Leben  stammen,  bleibe  es  völlig  aus  dem  Spiele,  in  welchem
Geiste  sie  verwendet,  auf  was  immer  sie  gemünzt  seien.  Dann  steht
trotzdem  fest,  daß  sie  inmitten  aller  nationalökonomischen  Erörterung
of t  und  beharrlich  auftauchen,  in  solchem  Grade,  daß  sie  dieser  Art
Erörterung  förmlich  zum  äußeren  Merkmal  gereichen.  Die  Erfahrung
lehrt  auch,  daß  in  der  Nationalökonomie  der  Gebrauch  dieser  Worte
als  un entratbar  empfunden  wird.  Sie  lassen  sich  zum  mindesten  auf
die  Dauer  nicht  umgehen.  Forscht  man  aber  den  Ursprüngen  ihrer
Verwendung  nach,  dann  gelangt  man  zu  einem  eigentümlichen  Ergebnis; ­
  solange  überhaupt  Erörterungen  nationalökonomischen  Anstrichs ­
  gepflogen,  sind  auch  jene  Worte  verwendet  worden  1
Immer  nur  auf  diese  Worte  selber  geachtet,  gleichsam  in  ihrer
nackten  Wörtlichkeit,  und  ihre  Gesamtheit  stets  nur  im  Ungefähren
gemeint,  kann  man  also  feststellen,  daß  sie  einheitlich  Fachausdrücke
der  Nationalökonomie  seien,  und  als  Fachausdrücke  nicht  erst  in  der
Wissenschaft  auftauchen,  sondern  schon  mit  ihr  zugleich.  Eins  ins
andere  gerechnet,  glaube  ich  auf  sie  den  bildlichen  Namen  von
Eingeborenen  Fachausdrücken  anwenden  zu  dürfen.
Diese  Nennung  soll  die  ganz  besondere  Art  ausdrücken,  in  der
jene  Worte  einen  Vorzug  vor  den  dunklen  Massen  aller  übrigen  Worte
T ‘  e»ottl-Ottlilienfe  1  d,  Wirtschaft  als  Lehen.  ^
        <pb n="124" />
        98

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

genießen,  die  im  wissenschaftlichen  Sprachgebrauch  durcheinanderwirbeln. ­
  Es  ist  eben  ein  andersgearteter  Vorzug,  als  ihn  Worte  genießen, ­
  die  zwar  auch  Fachausdrücke  vorstellen,  für  deren  Dasein  als
Fachausdrücke  aber  eine  wissenschaftliche  Tat  haftbar  ist,  als  die  einführende; ­
  mag  diese  einführende  Tat  nun  wirklich  nachweisbar  sein,
oder  nur  daraus  anzunehmen,  daß  ein  solcher  Ausdruck  die  wissenschaftliche ­
  Prägung  verrät.  Solche  Worte  sind  demUrsprung  nach
Fachausdrücke,  und  bedürfen  dazu  weder  des  Merkmales  der  Unentbehrlichkeit, ­
  noch  besonderer  Häufigkeit  der  Verwendung.  Jene  Worte
aber  erweisen  sich  gerade  erst  durch  die  letzteren  Merkmale  als  Fachausdrücke ­
  1  Denn  einerseits  sind  es  vollbürtige  Kinder  der  lebenden
Sprache,  Worte,  die  dem  grünen  Leben  entstammen,  doch  ohne  daß  ihr
wissenschaftlicher  Gebrauch  in  jenem  Sinne  nur  ein  bildlicher  ist,  wie
es  etwa  für  den  sprachwissenschaftlichen  oder  den  mathematischen
Fachausdruck  „Wurzel“  zutrifft.  Andererseits  aber  ist  es  jenen  Worten
als  Fachausdrücken  wesentlich,  daß  keinerlei  wissenschaftliche  Tat  für
ihre  Einführung  haftbar  ist,  weil  die  Wissenschaft  immer  schon  mit
ihrer  Hilfe  zur  Tat  schreitet.  Alles  dies  ist  ihre  Artgemeinschaft,  und
sie  läßt  es  nebenher  auch  begreifen,  daß  man  über  den  Umfang  dieser
Art  leicht  etwas  im  Zweifel  sein  kann;  so  daß  eine  so  gefügte  Wortgruppe ­
  immer  nur  im  Runden  und  Rohen  feststehen  mag.
Dies  fürs  erste.  Vorweisen  lassen  sich  diese  Dinge  ganz  flugs;
man  kann  recht  in  Bausch  und  Bogen  verfahren.  Sie  gehören  ja  sozusagen ­
  der  Gemeinen  Erfahrung  an;  Erfahrung  zwar  in  nationalökonomischen ­
  Dingen,  aber  hier  rede  ich  ja  überhaupt  nur  auf  Nationalökonomie ­
  ein.  Um  Entdeckungen  handelt  es  sich  also  wahrlich  nicht.
Lauter  Tatbestände  schlagen  hier  ein,  wie  sie  dem  Nationalökonomen
näher  gar  nicht  liegen  könnten.  Ihr  Vorweis  geschieht  aber  in  logischer
Absicht  1  Das  Ergebnis,  das  sich  von  ihnen  abheben  läßt,  wird  zu  einer
Schlußfolge  hinleiten,  die  wohl  begründet  sein  will.  Denn  sie  kommt
mit  Ansichten  in  Widerstreit,  und  wird  sehr  frühe  schon  gegen  Einwände ­
  zu  verteidigen  sein,  hinter  denen  die  herkömmlichen  Anschauungen ­
  stehen.  Die  letzteren  aber  lösen  sich  zum  Teil  von  den  nämlichen ­
  Tatbeständen  ab,  die  vorläufig  nur  einfach  dargelegt  wurden.
Zu  einem  solchen  Widerstreit  kann  es  trotz  der  gleichen  tatsächlichen
Grundlage  kommen.  Es  macht  eben  einen  Unterschied  aus,  ob  sich
unser  Denken  gleichsam  nur  dem  Eindruck  aus  derlei  offenliegenden
Tatbeständen  hingibt,  oder  ob  es  diese  sachlich  würdigt.  Das
letztere  muß  hier  geschehen;  und  so  ist  es  unter  diesen  Umständen
nicht  zu  vermeiden,  jene  platten  Dinge  erst  noch  breitzutreten  1
Zunächst  über  den  Umstand,  daß  die  fraglichen  Worte  nicht  erst
        <pb n="125" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  IV.

99

in  die  Nationalökonomie  eingeführt  worden  sind,  wie  es  sonst  für  Fachausdrücke ­
  gilt.  Man  versuche  doch,  eine  Erörterung  auszusinnen,  die
man  als  eine  nationalökonomische  ansehen  möchte,  die  aber  von  keinem
jener  Worte  Gebrauch  macht  I  Hier  besonders  muß  an  die  fließenden
Grenzen  jener  Wortgruppe  gedacht  werden,  aus  der  manche  Worte
im  gegebenen  Falle  ausfallen  können,  während  andere  zum  Beispiel
«Kosten“,  „Reinertrag“,  „Reichtum“  usw.  usw.  dafür  einspringen,
oder  noch  hinzutreten.
Man  darf  aber  gleich  von  einer  Vielverwendung  dieser  Worte
innerhalb  der  Nationalökonomie  sprechen;  ich  meine  natürlich  im  Vergleiche ­
  von  einer  Erörterung  zur  anderen.  Denn  es  versteht  sich  von
selbst,  der  einfachen  Zahl  nach  werden  diese  Worte  selbst  in  einer
nationalökonomischen  Erörterung  nicht  annähernd  so  oft  verwendet
wie  etwa  die  Worte  „der“,  „die“,  „das“.  Die  Vielverwendung  der
letzteren  Worte,  darauf  kommt  es  an,  ist  aber  in  keiner  Weise  für  bestimmte ­
  Erörterungen  bezeichnend.  Während  jene  vergleichsweise
Vielverwendung  der  fraglichen  Worte  ganz  ausgesprochen  ein  äußeres
Merkmal  nationalökonomischer  Erörterung  darstellt.
Beiläufig  gesagt,  was  geben  uns  denn  unsere  herkömmlichen  Anschauungen ­
  an  Wahrzeichen  an  die  Hand,  um  eine  gegebene  Erörterung ­
  aus  der  Rückschau  als  eine  nationalökonomische  zu  erkennen  ?
Auf  die  verschiedenen  Definitionen,  die  sich  mit  den  mancherlei  Namen
unserer  Wissenschaft  verknüpfen,  greifen  wir  dabei  kaum  zurück.  Sonst
käme  es  leicht  dazu,  daß  wir  vor  lauter  Streit  über  das  Entscheidende
uicht  zur  Entscheidung  gelangten.  Notgedrungen  sehen  wir  also  ganz
harmlos  nach,  ob  da  nicht  über  „wirtschaftliche  Dinge“,  oder  über  das
«Güterleben“,  oder  über  „Einkommensverhältnisse“,  oder  über  „Wertund
  Preisbewegung“  erörtert  würde;  oder  über  ähnliche  Angelegenheiten. ­
  die  ja  alle  darauf  hinauslaufen,  daß  eine  Vielverwendung  der

V 1 UV'.‘"'- UUUUS  “ V ' 1
Udiaui  uiu*«““;“'  zur  Aussage  dieser  Er-Worte
  Platz  greifen  muß,  deren  wir  ^  r ene s  äußerliche  Merkmal
kennungszeichen  nicht  entbehren  könn  e^^  f ra glichen  Worte  —  geht
—  die  vergleichsweise  Vielverwendung  ^  e ; n her,  die  uns  überhaupt
also  doch  recht  nahe  neben  den  Mer  ma  die  an  einer  Deutung
verfügbar  sind,  von  den  Merkmalen  a  Entscheid  praktisch  gar
so  persönlicher  Art  hängen,  daß  sie  ur  Definitionen  gilt,  die
nicht  in  Betracht  kommen;  wie  es  unleU ^^ hen .
sich  in  unentschiedenem  Kampfe  gegenü  er  Eines  der
übrigens  knüpfen  auch  jene  Definit,onen  -mntetens^n  „
fraglichen  Worte  an;  sei  es  „Wirtschaft

oder  „Gut“

oder  „Arbeit“

*)  Vgl.  Wundt,  Logik,  II,  2,  S.  499-
        <pb n="126" />
        IOO

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

An  eines  jener  Worte  also,  die  sich,  wie  die  Dinge  einmal  liegen,
sofort  als  Gruppe  einstellen,  wenn  sich  nur  erst  Eines  eingestellt  hat;
und  die  einzeln  wie  in  der  Gruppe  doch  gerade  auf  die  Nationalökonomie ­
  verweisen,  soweit  sie  mehr  als  Worte  sein  wollen  1  Es  kommt
also  zum  schönsten  Zirkeltanz:  das  nämliche  Wort,  das  Schlüsselwort
der  Nationalökonomie  sein  will,  soll  dennoch  erst  in  der  Nationalökonomie ­
  jene  Deutung  finden,  die  für  die  nationalökonomische  Eigenart ­
  entscheidend  gedacht  wird!  Wenn  solcher  Zirkeltanz  aber  das
Wirkliche  vorstellt,  und  also  irgendwie  möglich  sein  muß,  so  besagt
dies  noch  lange  nicht,  daß  er  zugleich  auch  logisch  einwandfrei  sei.
Soll  nun  etwa  in  diesem  Punkte  die  Logik  unseres  Denkens  notwendig
am  Ende  sein,  wäre  unserem  Denken  hier  aus  seiner  Eigenart  heraus
eine  Grenze  gesetzt?  Ich  glaube,  das  bleibt  doch  noch  zu  untersuchen.
Sonst  käme  es  im  voraus  zu  einer  Kapitulation  unseres  Denkens  vor
dem  Worte;  keinerlei  Herkommen  vermöchte  sie  zu  beschönigen.
Die  vergleichsweise  Vielverwendung  der  fraglichen  Worte  steigert
sich  übrigens  in  der  späteren  Nationalökonomie.  Es  kommt  noch  zur
Sprache,  wie  im  Entwicklungsgang  der  Wissenschaft  eine  Anzahl  der
Worte,  die  als  Eingeborene  Fachausdrücke  so  alt  wie  die  Nationalökonomie ­
  selber  sind,  sich  zu  Leitworten  ganzer  Forschungsrichtungen ­
  auswachsen.  Damit  hören  sie  natürlich  erst  recht  nicht
auf,  Fachausdrücke  zu  sein.  Sie  unterstreichen  sich  gleichsam  in  dieser
Eigenschaft;  und  für  weiteste  Gebiete  der  Forschung  bleiben  sie
daneben  schlichte  Fachausdrücke  nach  wie  vor.  Aber  jedenfalls  sind
sie  daraufhin  noch  häufiger  im  Munde  der  Nationalökonomie.  Dieses
unverkennbare  Anschwellen  ihrer  Vielverwendung  darf  aber  nicht  zu
dem  Glauben  verführen,  als  ob  diese  Vielverwendung  überhaupt  erst
mit  der  Zeit  eingetreten  wäre.
Als  Eingeborene  Fachausdrücke  sind  die  vielberufenen  Worte  schon
daran  zu  erkennen,  daß  sie  von  Haus  aus  in  vergleichsweiser  Vielverwendung ­
  stehen.  Dieses  äußere  Merkmal  ist  schon  zureichend,  aber
das  ergänzende  Merkmal,  die  Unvermeidlichkeit  der  Verwendung,  ist
trotzdem  nicht  überflüssig:  weil  es  unserem  Denken  gleichsam  einen
Halt  darbietet,  um  nicht  aus  der  Erfassung  des  Tatbestandes  unversehens ­
  in  seine  Erklärung  zu  gleiten  1  Dazu  verleitet  hier  schon  die
erschreckend  äußerliche  Natur  des  zureichenden  Merkmales,  des  bloßen
Umstandes  eben,  daß  in  nationalökonomischen  Erörterungen  jene  Worte
so  bezeichnend  häufig  wiederkehren.  Schon  deshalb  ist  es  gut,  wenn
man  hier  die  Grenzen  des  schlechthin  Tatsächlichen  wohl  beachtet.
Wirklich  zu  erfahren,  also  noch  zum  Tatbestand  selber  gehörig,  ist  aber
nur  der  weitere  Umstand,  daß  ein  Zwang  zur  Verwendung  jener
        <pb n="127" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  IV.

IOI

Worte  besteht.  Allein,  ein  solcher  Anhalt  ist  um  so  mehr  geboten,
weil  unserem  Denken  besonders  hier  die  herkömmlichen  Anschauungen
gleichsam  zur  schiefen  Ebene  werden.  Denn  zur  sofortigen  und  endgültigen ­
  Erklärung  jener  Vielverwendung,  dazu  liegt  uns  eben  das
Wörtlein  „Grundbegriffe“  auf  der  Zunge  1  Der  Zwang  zur  Verwendung
wäre  dann  offenbar  nur  das  stille,  vom  Denken  kaum  berührte  Mittelglied ­
  der  Erklärung;  die  letztere  würde  darüber  hinausschießen,  über
das  Erfahrbare  zum  Vorwissen.  Ob  nämlich  hinter  jenen  Worten
„Grundbegriffe“  stehen,  oder  etwa  „Grunderscheinungen“,  oder  „Grundtatsachen“, ­
  oder  was  immer,  das  muß  im  wesentlichsten  Sinne  offene
Frage  bleiben.  Die  Artgemeinschaft  der  Eingeborenen  Fachausdrucke
hat  sich  trotzdem  feststellen  lassen.  Sonst  läge  mit  ihr  auch  kein
Verhältnis  der  bloßen  Worte  vor.  Darauf  komme  ich  weiter  unten
nochmals  zurück.
Der  Zwang  zur  Verwendung  dieser  Worte  ist  natürlich  nicht  so
zu  verstehen,  als  würde  erst  durch  ihn  nationalökonomisches  Denken
in  Bewegung  kommen.  Damit  dieser  Zwang  in  Kraft  treten  kann,
muß  sich  nationalökonomisches  Denken  schon  betätigen.  Nichts  ist
natürlicher,  als  daß  eine  Verwendung  dieser  Worte  immer  nur  im
Wege  wissenschaftlicher  Tat  erfolgen  kann.  Allein  eben  nicht  erst
durch  die  Tat,  sondern  gleichsam  mit  der  Tat;  zu  der  einmal  die
Wissenschaft  immer  schon  unter  Verwendung  solcher  Worte  geschritten
war.  Darin  bringt  sich  jener  Zwang  zur  Geltung.
Anders  steht  es  um  jenen  Gebrauch  dieser  Worte,  um  den  sich
ihre  Vielverwendung  in  der  späteren  Nationalökonomie  noch  steigert.
Man  denke  an  das  Heer  der  „Werttheorien“,  der  „Kapitaltheorien“  usw.
Es  liegt  nahe,  und  wird  im  Weitergang  noch  klarer  werden,  daß  ganze
Reihen  tätiger  Eingriffe  des  wissenschaftlichen  Denkens  vorausgehen
müssen,  ehe  es  dazu  kommt,  daß  die  Forschung  diese  Worte  als  Sprachzeichen
  behandelt,  unter  denen  ihr  ebenso  viele  Gegenstände  zur  Erledigung ­
  vorgesetzt  wären.  Bei  diesem  Hergang  wachsen  eben  die
Eingeborenen  Fachausdrücke  zu  Leitworten  der  Forschung  aus.  Wenn
diese  Worte  als  Leitworte  verwendet  werden,  so  hängt  dies  also  an
einem  tätigen  Hinzutun  des  wissenschaftlichen  Denkens;  dazu  muß  sich
mit  des  letzteren  Weiterlauf  erst  jener  gute  Glaube  herausgebildet  haben.
Jener  Zwang  dagegen,  die  nämlichen  und  mehr  Worte  als  Fachausdrücke ­
  zu  verwenden,  ist  von  der  Wurzel  an  da,  und  setzt  für  sein
eigenes  Walten  nur  ein  uneigentliches  Hinzutun,  nur  ein  Dulden  des
wissenschaftlichen  Denkens  voraus.  Dem  letzteren  widerfährt  gleichsam
der  Gebrauch  dieser  Worte-  und  dies  bei  allen  Arten  und  Weisen
seiner  Betätigung.
        <pb n="128" />
        102

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Man  könnte  zwei  Hauptfälle  unterscheiden;  von  einer  scharfen
Sonderung  zwischen  ihnen  darf  freilich  nicht  die  Rede  sein,  weder
dem  Gedanken,  noch  der  Tat  nach.  Entweder  ist  das  wissenschaftliche ­
  Denken  damit  beschäftigt,  seine  Gegenstände  aus  der  Erfahrung
zu  übernehmen;  oder  es  will  sich  über  dieses  Erfahrene  des  weiteren
betätigen.  Dieser  Trennung  schmiegt  sich  nun  auch  die  besondere
Form  an,  in  der  jener  Zwang  zur  Verwendung  der  fraglichen  Worte
zur  Geltung  kommt.  Im  ersteren  Falle  gebärden  sich  diese  Worte  als
die  unentbehrlichen  Behelfe  der  Schilderung.  Im  letzteren  Falle  wird
etwa  die  Erklärung,  die  man  in  irgendeiner  Richtung  zu  geben  sucht,
oder  eine  Definition,  erst  dann  zu  einer  befriedigenden,  wenn  in  ihren
Wortlaut  das  eine  oder  andere  dieser  Worte  einbezogen  wird.
Hält  man  sich  nun  an  den  reinen  Tatbestand,  um  seiner  späteren
Deutung  in  keiner  Weise  vorzugreifen,  gerade  dann  darf  man  vor  der
Feststellung  nicht  zurückscheuen:  Das  Wort  hilft  da  schildern,  das
Wort  hilft  da  erklären,  um  das  Wort  kommt  man  bei  diesen  Gelegenheiten ­
  nicht  herum!  Unser  Denken  steht  dabei  offenbar  im  Hintertreffen. ­
  Denn  es  hätte  gut  sich  sträuben;  gerade  dieses  Sträuben  ließe
uns  erst  seine  Ohnmacht  empfinden,  und  erfahren,  daß  man  dem  Gebrauche ­
  jener  Worte  auf  die  Dauer  nicht  entrinnen  kann;  soweit
wenigstens  alle  Erfahrung  in  nationalökonomischen  Dingen  reicht.
Während  sich  der  Gedankengang  vielleicht  dem  einen  dieser  Worte
entwindet,  fällt  er  dem  anderen  in  die  Arme.
So  ist  nun  der  ganze  Tatbestand  in  ein  besseres  Licht  gerückt:
die  Artgemeinschaft  jener  Worte,  als  die  Eingeborenen  Fachausdrücke
der  Nationalökonomie.  Ein  Tatbestand,  den  wirklich  nur
lauter  Verhältnisse  der  bloßen  Worte  webenl  Er  läßt  sich
erfassen,  ohne  im  geringsten  darauf  zu  achten,  in  welchem  Verhältnisse ­
  diese  Worte  einzeln  zu  unserem  Denken  stehen,  oder  etwa  darauf,
was  man  in  der  Wissenschaft  hinter  diesen  Worten  suchen  will  und  zu
finden  glaubt.  Ob  Begriffe,  ob  Erscheinungen,  ob  Tatsachen  hinter
diesen  Worten  stehen,  oder  dies  Alles  zusammen,  oder  nichts  von  Allem,
es  ist  wirklich  so,  an  dieser  Stelle  kräht  kein  Hahn  danach.  Auch
die  „innere  Sprachform“  dieser  Worte,  ihr  geistiges  Erbteil  aus  der
lebenden  Sprache,  kommt  hier  in  keiner  Weise  in  Anschlag:  rein  nur
eine  Rolle  dieser  Worte,  die  sie  bei  der  Pflege  der  nationalökonomischen ­
  Wissenschaft  spielen,  und  für  die  man  ausdrücklich  nur  auf  ihre
„äußere  Sprachform“  zu  achten  hat.  Denn  einfach  die  Buchstabenfolgen ­
  „Wirtschaft“,  „Gut“,  „Wert“,  „Preis“  usw.  usw.  stechen  aus
den  nationalökonomischen  Erörterungen  so  bezeichnend  häufig  hervor.
Und  der  so  wiederzugebenden  Lautfolgen  kann  das  nationalökono ­
        <pb n="129" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  XV.

103

mische  Denken  nicht  entraten,  aller  Erfahrung  nach,  sobald  es  überhaupt ­
  in  Bewegung  verharren  will.  Welcher  Form,  welchen  Inhaltes,
wie  einheitlich  oder  wie  mannigfaltig  immer  es  sei,  was  da  in  unserem
Denken  über  dem  Klange  dieser  Worte  vorgeht,  allem  Anschein  nach
muß  dies  vorgehen,  und  so  müssen  diese  Worte  anklingen,  sie
müssen  einmal  ausgesprochen  werden,  soll  dem  nationalökonomischen
Denken  nicht  der  Faden  reißen.  Auf  den  Stelzen  von  lauter  Definitionen ­
  könnte  sich  unser  Denken  unmöglich  auf  die  Dauer  bewegen;
und  was  würde  es  fruchten,  wo  sich  diese  Worte  fast  ausnahmslos  so
definieren,  daß  sie  auch  dabei  unter  sich  bleiben,  und  die  Definitionen
also  nur  in  engerem  Bereiche  jenes  Spiel  wiederholen,  daß  erst  der
Klang  dieser  Worte  das  nationalökonomische  Denken  in  Bewegung
erhält.

Soviel  im  ersten  Anlauf  über  die  Eingeborenen  Fachausdrucke  der
Nationalökonomie.  Es  hat  sich  vorläufig  nur  um  den  schlichten  Tatbestand ­
  gehandelt.  Er  ist  freilich  so  beschaffen,  um  Kritik  in  mehr
als  einer  Hinsicht  herauszufordern;  kritische  Bedenken  und  Fragen
könnten  da  wie  die  Pilze  emporschießen.  Die  Kritik  muß  zunächst
aber  dem  einmal  eingeschlagenen  Wege  treu  bleiben.  Ihr  Gegenstand
ist  vorläufig  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“,  und  so  nimmt  sie  das
Dasein  von  Eingeborenen  Fachausdrücken  in  der  Nationalökonomie
fürs  erste  einfach  zur  Kenntnis.  Es  war  vorher  der  Schluß  zu  ziehen,
daß  ein  Zusammenhang  unter  den  aufzählenden  Worten  als  solchen
bestehe,  und  dieser  Schluß  hat  nun  bei  den  Tatsachen  Gegenliebe
gefunden.  Es  zeigt  sich,  daß  jener  Zusammenhalt  tatsächlich  besteht;
und  zwar  knüpft  ihn  die  Artgemeinschaft  dieser  Worte,  der  Umstand,
daß  sie  zusammen  die  Eingeborenen  Fachausdrücke  der  Nationalökonomie ­
  vorstellen.
Nun  erscheint  es  freilich  klar,  wie  man  über  den  Sinn  einer  Au  -
zählung  streiten  kann,  die  scheinbar  nur  dadurch  gegeben  ist,  daß  man
nach  allem  Herkommen  die  „Grundbegriffe“  in  solcher  Weise  aufzahlt.
Es  läßt  sich  unter  der  Aufzählung  hinweg  die  Natur  des  Aufgezahlten
auswechseln,  weil  die  Aufzählung  schon  als  bloße  Wortreihe  ihren
guten  Sinn  hat,  eben  als  die  Reihe  der  Eingeborenen  Fachausdrücke;
und  somit  starr  bleibt,  während  um  sie  herum  die  Ansichten  über
ihren  tieferen  Sinn  in  Fluß  geraten.  Nebenher  wird  es  auch  verständlich, ­
  weshalb  wir  den  Wechsel  in  der  Aufzählung  so  wenig  empfinden.
Der  Eindruck,  den  wir  aus  den  verschiedenen  Aufzählungen  erhalten,
muß  ja  trotz  des  Irrlichterlierens  der  einzelnen  Worte  ein  einheitlicher
sein,  weil  die  aufzählenden  Worte  sämtlich  Eines  Schlages  sind.  Das
letztere  ist  nun  für  gewöhnlich  allerdings  nur  eine  Sache  der  Empfin-
        <pb n="130" />
        104

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

düng;  und  dazu  liegen  auch  die  Tatbestände,  von  denen  sich  diese
Artgemeinschaft  ablösen  läßt,  offen  genug,  liegen  so  flach  auf  der
Hand,  daß  wir  gar  nicht  anfangen,  darüber  nachzudenken.
Es  macht,  wie  gesagt,  eine  der  Gewohnheiten  unseres  fachlichen
Denkens  aus,  daß  wir  jene  Artgemeinschaft  unaufhörlich  anerkennen,
ohne  sie  jemals  zu  erkennen.  Mit  der  Erkenntnis  dieser  Artgemeinschaft ­
  geht  es  aufs  Haar  so,  wie  mit  gewissen  Meinungen,  die  uns
nicht  in  jenem  Sinne  selbstverständlich  sind,  daß  sie  zuweilen  vor
unser  Denken  treten,  um  gleich  wieder  unterzutauchen,  weil  sich  unser
Denken  neuerlich  über  ihren  Inhalt  beruhigt  hat:  Meinungen  vielmehr, ­
  mit  denen  unser  Denken  überhaupt  nie  in  Berührung  kommt,
die  sich  einfach  nur  unserem  gewohnten  Gebaren  unterlegen  lassen.
Dieses  Gebaren  ist  eben  von  der  Art,  als  ob  uns  die  betreffenden
Meinungen  selbstverständlich  wären 1 ).  Es  sind  also  Meinungen,  die
wir  gar  nicht  hegen,  aber  gleichsam  immerzu  „begehen“.  Und  so  gibt
es  auch  Erkenntnisse,  bis  zu  denen  wir  niemals  Vordringen,  obwohl
wir  dauernd  auf  ihrem  Boden  stehen.  Treten  sie  nun  ein  erstes  Mal
vor  unser  Denken,  dann  braucht  ihr  Eindruck  ebensowenig  ein  vertrauter ­
  zu  sein,  als  wir  etwa  einen  vertrauten  Eindruck  empfangen,
wenn  uns  Röntgenstrahlen  unsere  eigenen  Knochen  sehen  lassen.

V.
Ein  Rückblick  nun  auf  die  bisherigen  Ergebnisse.
Die  nationalökonomische  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  wird  allem
Herkommen  nach  rein  gelegentlich  verwendet,  im  Geiste  eines  bloßen
Sammelnamens.  Wenn  man  in  der  Nationalökonomie  trotzdem  so
häufig  von  „Grundbegriffen“  redet,  dann  muß  sich  jene  Bezeichnung
auf  einen  Sachverhalt  beziehen,  der  ebenso  offen  liegt,  als  er  beharrlich
nach  seinem  Ausdruck  verlangt.
Auf  der  anderen  Seite  deutet  die  Art,  wie  in  der  Nationalökonomie
dem  Gebrauch  dieser  Bezeichnung  widersprochen  wird,  auf  einen  Zusammenhalt ­
  unter  den  aufzählenden  Worten  hin.  Der  ist  auch  tatsächlich ­
  vorhanden,  mit  der  Artgemeinschaft  der  Eingeborenen  Fachausdrücke ­
  !
Wie  es  scheint,  reimen  sich  diese  beiderlei  Ergebnisse  trefflich,  zusammen: ­
  In  der  Nationalökonomie  mag  wohl  deshalb  von  „Grundbegriffen“ ­
  so  viel  die  Rede  sein,  weil  diese  Wissenschaft  unter  dem

*)  Vgl.  „Der  Wertgedanke“,  S.  24.
        <pb n="131" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  V.

105

Eindrücke  ihrer  Eingeborenen  Fachausdrücke  steht,  und  darüber  mit
dem  Worte  „Grundbegriffe“  quittiert!  Allein,  wenn  diese  Ansicht
schließlich  auch  recht  behalten  wird,  so  doch  erst  noch  im  Wege  der
Kritik,  und  nicht  so  kurzerhand.  Trocken  ausgesprochen,  wird  sie
entweder  mißverstanden,  sofern  man  ihre  Spitze  gegen  die  herkömmlichen ­
  Anschauungen  nicht  herausfühlt;  oder  sie  bleibt  unverstanden,
weil  dieser  Widerspruch  nur  am  Ergebnis  schroff  hervortritt,  ohne  daß
eine  sachliche  Erörterung  zu  ihm  hin  vermittelt.  Das  soll  nun  mit
aller  Sorgfalt  geschehen.
Ein  Zusammenhang  zwischen  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“
rechts,  und  der  Artgemeinschaft  der  Eingeborenen  Fachausdrücke  links,
besteht  zweifellos.  Will  man  ihn  entfalten,  dann  muß  zunächst  jene
Artgemeinschaft  ihre  Würdigung  finden.  Es  handelt  sich  gleichsam
u m  ihren  sachlichen  Hintergrund.  Soweit  es  nötig  wird,  gehe  ich  nun
darauf  näher  ein.

Jene  Artgemeinschaft  war  als  ein  Verhältnis  der  bloßen  Worte
abzuleiten;  das  sei  hier  nochmals  betont.  Unter  „Eingeborenen  Fachausdrücken“ ­
  sind  eben  in  dem  Sinne  nur  Worte,  nichts  als  Worte  zu
verstehen,  weil  für  die  Zugehörigkeit  zu  dieser  Artgemeinschaft  nur  eine
bestimmte  Rolle  entscheidet,  die  bestimmten  Worten  bei  der  Pflege
der  nationalökonomischen  Wissenschaft  zufällt.  In  dieser  Rolle  spricht
sich  ja  auch  schon  ein  Verhältnis
aber  trotzdem
kann,  ohne  o  0  —  *  —
näheren  Verhältnisse  diese  Worte  einzeln  und  in  ihrer  Gesamtheit  zu
unserem  Denken  stehen.  Man  hat  sich  weder  um  die  Form,  noch  um
den  Inhalt  dieses  Verhältnisses  zu  kümmern:  Weder  darum,  ob  uns
mit  diesen  Worten  „Begriffe“,  oder  „Erscheinungen“  oder  was  immer
gegeben  seien,  oder  vielleicht  rein  nur  Worte,  sprachliche  ^Behelfe
unseres  Denkens;  noch  darum,  welche  „bestimmten  Begriffe“,  oder
«bestimmbaren  Begriffe“  uns  mit  diesen  Worten  vorlägen;  oder  auch,
in  welcher  besonderen  Weise  sie  unserem  Denken  ihre  Hilfe  leisten,
°hne  mehr  als  Worte

zu  unserem  Denken  aus.  Sie  fällt
bloßen  Worten  zu,  weil  man  diese  Rolle  festhalten
die  geringste  Rücksicht  darauf  zu  nehmen,  in  welchem

zu  sein.

,  a  Wort“  hier  verwende,  bedarf
Anmerkung.  So,  wie  ich  den  ^“einfach  jen en  Rest,  der  nach  Abzug
er  keiner  näheren  Erklärung.  Er  vertn  könnten  übrig  bleiben  muß
aller  Meinungen,  die  sich  hier  wlderspr ^  man  z .  B !  nacheinander  „Wirtais ­
  etwas,  das  ganz  außer  Streit  ist.  Sp  ^  begteherl)  wa s
schaff“,  „Gut“,  „Wert“,  „Preis“  aus,  so  „  oder  was  immer,
damit  aufgezählt  sei,  ob  „Begriffe“,  oder  „E  g  ,  n ämlich
z.  B.  alio  Hoüe  Wone:  übe,  das  Mittel  de,  Aufzahlung,  da,über  u.n,
        <pb n="132" />
        io6

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

kann  ein  Zweifel  nie  herrschen,  daß  hier  ein  Hersagen  von  Worten  eintritt!
In  diesem  Sinne  rechtfertigt  sich  die  harmlose  Verwendung,  die  ich  diesem
Ausdruck  angedeihen  lasse.
Gesetzt,  es  würde  mich  der  Weiterlauf  der  Kritik  dazu  führen,  die  Ausdrücke ­
  „Wort“  und  „Begriff“  und  noch  andere,  nach  der  Art  ihrer  Verwendung
gegenseitig  in  ein  klares  Verhältnis  zu  bringen.  Dann  würde  es  offenbar
möglich,  dem  Ausdrucke  „Wort“  eine  Definition  zu  verknüpfen.  Nun  wäre
es  an  sich  fragwürdig,  wenn  ich  dieser  Definition  eine  rückwirkende  Kraft
beilegen  wollte,  um  die  logische  Strenge  der  vorhergegangenen  Erörterung
zu  retten.  Dazu  läge  aber  gar  kein  Anlaß  vor,  weil  unter  den  oben  betonten ­
  Umständen  umgekehrt  zu  erwarten  ist,  daß  jene  Definition  es  erklärt,
warum  man  den  Ausdruck  „Wort“  harmlos  verwenden  darf,  ohne  gegen  die
logische  Strenge  zu  verstoßen.  Das  will  sagen,  die  Definition  des  Ausdruckes
„Wort“  muß  ihre  eigene  Entbehrlichkeit  erweisen,  sofern  es  nicht  auf  jene
besonderen  Erwägungen  ankommt,  die  auch  diese  Definition  nötig  machen.
Jenes  Verhältnis  der  bloßen  Worte,  die  Artgemeinschaft  der  Eingeborenen ­
  Fachausdrücke,  war  als  ein  Tatbestand  aufzufassen,  dessen
Erklärung  im  wesentlichsten  Sinne  dahinstehen  muß.  Diese
scharfe  Sonderung  zwischen  Tatbestand  und  Erklärung  ist  im  Interesse
der  Kritik  geboten;  die  Kritik  muß  auf  diese  Art  ihre  Eigenart  rein
erhalten,  und  sich  der  Versuchungen  erwehren,  durch  die  ihr  unsere
herkömmlichen  Anschauungen  gefährlich  werden.  So  scharf  aber  jene
Sonderung  zwischen  Tatbestand  und  Erklärung  geboten  erscheint,  es
ist  andererseits  höchst  wichtig,  daß  sie  überhaupt  nur  vom  Boden  dieser
Kritik  aus  Platz  greift.  Aus  einem  Sachverhalt,  der  nur  in  Einheit  und
Zusammenhang  wirklich  ist,  erscheint  da  als  Tatbestand  ausgeschnitten,
was  der  Kritik  auf  den  ersten  Zugriff  erreichbar  ist;  was  also  von  ihrem
Standpunkt  aus  das  Erfahrbare  vorstellt.  Der  Rest,  der  zurückbleibt,
ist  für  die  Kritik  nur  auf  dem  Umwege  von  allgemeinen  Erörterungen
erreichbar,  und  wäre  daher  in  diesem  Sinne  als  Erklärung  nachzutragen.
Ein  Verhältnis  der  bloßen  Worte,  gleich  jener  Artgemeinschaft,
kann  sozusagen  nicht  aus  sich  selber  Dasein  schöpfen.  Es  muß  ihm
das  nähere  Verhältnis  der  Worte  zum  Denken  unterliegen;  und  in
diesem  Falle  zum  fachlichen  Denken.  Denn  es  liegt  nahe,  daß  Worte,
die  nach  ihrem  Gebaren  innerhalb  einer  Sonderwissenschaft  vor  den
übrigen  Worten  hervorstechen,  insbesondere  auch  zum  fachlichen
Denken  ein  Verhältnis  einhalten,  das  für  andere  Worte  nicht  gilt,  und
das  in  seiner  Eigenheit  mitbaut  an  der  Eigenart  dieses  fachlichen,  also
hier  des  nationalökonomischen  Denkens.
So  wird  der  sachliche  Hintergrund  der  Eingeborenen  Fachausdrücke
        <pb n="133" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  V.

107

absehbar.  Dieses  Verhältnis  der  bloßen  Worte  stellt  eben  nur  das
Außen,  gleichsam  nur  die  Schale  eines  Sachverhaltes  vor,  der  in  irgendeiner ­
  Form  für  die  Pflege  der  nationalökonomischen  Wissenschaft  in
Kraft  steht.  Der  Kern  dieses  Sachverhaltes  ruht  im  Schoße  des
nationalökonomischen  Denkens,  und  hat  an  dessen  Eigenart  teil,  soweit
die  letztere  von  dem  Verhältnisse  dieses  fachlichen  Denkens  zum  Worte
abhängig  erscheint.
Dieser  ganze  Sachverhalt,  Kern  und  Schale,  steht  jedenfalls  als
der  eine  und  ungeteilte  in  Wirklichkeit.  Wenn  er  vom  erkennenden
Denken  statt  nach  Schale  und  Kern  nach  Tatbestand  und  Erklärung
in  sich  zerfällt  wird,  dann  ist  dies  eben  nur  vom  Boden  einer  Kritik
aus  möglich,  die  ihrer  Art  nach  vorerst  an  die  Außenseite  dieses
Sachverhaltes  stoßen  muß,  an  jenes  Verhältnis  der  bloßen  Worte.  In
der  Tat  macht  es  die  besondere  Art  dieser  Kritik  aus,  daß  sie  gleichsam
von  außen  in  die  Nationalökonomie  hineinsieht;  mit  jener  sehenden
Unbefangenheit,  die  nichts  im  voraus  wissen  will,  an  Stelle  der  blinden
Unbefangenheit  des  Laien.
Anmerkung.  Hier  am  Rande  sei  noch  ein  anderer  Weg  angedeutet,
nach  dem  Sachverhalt  hin  offen,  der  von  der  Kritik  nur  als  der  sachliche
Hintergrund  der  Eingeborenen  Fachausdrücke  in  Betracht  genommen  wird.
Dieser  Sachverhalt  wächst  aus  der  Eigenart  des  nationalökonomischen  Denkens
hervor.  Das  läßt  erkennen,  daß  man  auf  ihn  auch  von  Untersuchungen  her
stoßen  muß,  die  sich  gleichsam  den  Ersten  Fragen  der  Nationalökonomie
zuwenden:  Fragen  etwa,  wie  nationalökonomische  Erkenntnis  überhaupt
möglich  sei,  wie  das  nationalökonomische  Denken  nach  Gegenstand  und
Hergang  beschaffen  sei,  und  so  fort.  Übrigens  stehen  diese  Fragen  nur  für
das  selbstbesonnene  Denken  am  Anfänge;  denn  jenes  Denken,  mit  dem  die
Wissenschaft  wild  aufgewachsen  ist,  bewegt  sich  immer  schon  auf  dem  Boden
einer  unbewußten  und  ungeprüften  Lösung  dieser  Fragen.
Gelangt  das  erkennende  Denken  auf  diesem  anderen  Wege  vor  den  bewußten ­
  Sachverhalt,  dann  werden  die  Tatbestände,  aus  denen  er  gefügt
erscheint,  offenbar  in  der  verkehrten  Reihenfolge  ermittelt.  Keiner  dieser
zusammenhängenden  Tatbestände  wird  dann  als  solcher  ermittelt,  der  erst
aus  einem  anderen  wieder  zu  „erklären“  wäre.  Vielmehr  läßt  sich  dann  jeder
später  Ermittelte  aus  dem  Früheren  als  dessen  Folge  ableiten.  Zuletzt  ergäbe
sich  dann  jener  Zwang  zur  vergleichsweisen  Vielverwendung  bestimmter
Worte,  als  äußerster  Ausläufer  des  ganzen  Sachverhaltes.  Dieser  wäre  dann
eben  nicht  bei  seiner  Schale  erfaßt,  sondern  gleich  in  seinem  Kern.
So  führen,  im  Grundsätze  genommen,  zwei  Wege  nach  dem  Sachverhalt,
dessen  Annahme  sich  hier  aufzwingt,  dessen  Form  aber  dahinstehen  darf.
        <pb n="134" />
        io8

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Und  so  darf  es  hier  auch  dahingestellt  bleiben,  ob  diese  beiden  Wege  vom
Ausgang  bis  zum  Ende  getrennt  voneinander  verlaufen.  Leicht  möglich,  daß
die  Kritik,  wenn  sie  in  ihrer  Weise  beim  äußeren  Tatbestand,  bei  der  Artgemeinschaft ­
  der  Eingeborenen  Fachausdrücke  eingesetzt  hat  und  nun  zur
Erklärung  Vordringen  will,  überhaupt  nicht  weiter  kommt,  als  zur  Setzung
einer  Annahme:  Zu  einer  Annahme  über  die  Natur  dieses  Sachverhaltes,
die  zwar  an  ermittelten  Tatsachen  schon  als  Annahme  ihren  guten  Rückhalt
findet,  die  somit  als  das  Denkbare  sogleich  auch  wahrscheinlich  ist,  die  aber
doch  nur  so  zur  Gewißheit  werden  könnte,  daß  man  von  der  Kritik  zu
Untersuchungen  im  Geiste  jener  Ersten  Fragen  übergeht.  Das  will  sagen,
der  erste  Weg  würde  dann  schließlich  in  den  zweiten  einmünden.  Also  wäre
nur  der  zweite  Weg  der  gerade.  Aber  der  erste  Weg,  wie  ihn  die  Kritik
eingeschlagen  hat,  könnte  trotzdem  der  kürzeste  sein  —  und  Das  ist  er  sicher,
sobald  es  zu  einem  Widerstreit  mit  den  herkömmlichen  Anschauungen  kommt!
Mit  diesen  wäre  dann  gleich  im  voraus  abgerechnet,  schon  im  Begehen
dieses  ersten  Weges.  Es  wäre  viel  umständlicher,  wollte  man  diese  Abrechnung ­
  erst  nachtragen,  für  Ergebnisse  noch  dazu,  die  sich  nur  so  ableiten
ließen,  daß  man  alle  Fühlung  mit  den  herkömmlichen  Anschauungen  verloren
hätte.  Besonders  das  letztere  wird  man  bei  Strafe  der  platten  Unverständlichkeit ­
  vermeiden  müssen,  und  so  rechtfertigt  dieser  Umstand  allein  schon
das  Verfahren,  wie  ich  es  hier  einschlage.  Dies  nur  zur  Geschäftsordnung.
Nun  gehe  ich  schnell  noch  einen  Schritt  weiter,  und  deute  die  Form
an,  in  der  sich  jener  Sachverhalt  denken  ließe.  Es  folgt  da  eine  Betrachtung,
die  insgeheim  dem  Verständnis  dieser  ganzen  Kritik  dienen  soll,  die  aber
sachlich  nicht  in  den  geringsten  Zusammenhang  mit  der  Kritik  gebracht
wird,  weil  sie  mit  Annahmen  arbeitet,  die  selbst  über  die  letzten  Ergebnisse
der  Kritik  noch  hinübergreifen.
Die  Eigenart  des  nationalökonomischen  Denkens  kann  es  bedingen,  daß
in  ihm  eine  Reihe  von  Begriffen  dauernd  wach  bleiben  müssen;  das  will
sagen,  diese  Begriffe  müßten  dem  nationalökonomischen  Denken,  das  ihrer
auf  Schritt  und  Tritt  bedarf,  fortwährend  zur  Hand  bleiben.  So  will  ich  es
in  aller  Kürze  und  Einfalt  ausdrücken,  hier,  seitab  vom  Wege  der  Kritik.
Dieser  angenommene  Tatbestand  wäre  nun  offenbar  schon  aus  anderen  Tatbeständen ­
  hergeleitet;  aus  tieferen  Tatbeständen,  die  sich  auf  die  Eigenart,
auf  den  Gegenstand  und  den  Hergang  des  nationalökonomischen  Denkens
beziehen,  und  daher  die  Antwort  vorstellen  auf  jene  Ersten  Fragen.  Das  in
sich  verbundene  Gefüge  dieser  Tatbestände  ergäbe  also  den  Kern  eines
Sachverhaltes.  Seine  Schale  wäre  dann  mit  dem  Tatbestand  gegeben,  daß
für  die  Worte,  denen  sich  jene  Begriffe  verknüpfen,  ein  Zwang  zu  ihrer  vergleichsweisen ­
  Vielverwendung  in  Geltung  steht.  Das  letztere  ist  ja  ganz
offenkundig  aus  der  besonderen  Eigenheit  jener  Begriffe  herzuleiten,  die
        <pb n="135" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  V.

109

sozusagen  das  Handwerkszeug  des  nationalökonomischen  Denkens  vorstellen
würden.
Nun  spricht  zwar  schon  diese  flüchtige  Schilderung  dafür,  aber  die
näheren  Umstände  könnten  es  immer  noch  zutreffender  erscheinen  lassen,
wenn  man  diesen  ganzen  Sachverhalt  so  ausdrücken  wollte,  daß  die  Nationalökonomie ­
  einen  Bedarf  an  „Grundbegriffen“  habe.  Was  im  besonderen
den  letzteren  Ausdruck  betrifft,  so  würde  er  natürlich  zur  Erkenntnis  des
Sachverhaltes  gar  nichts  mehr  beitragen.  Er  hätte  nur  die  Bedeutung  des
sprachrichtig  hinzugewählten  Namens;  des  Wortes  also,  das  auf  Grund  einer
ganz  unabhängig  von  ihm  gewonnenen  Erkenntnis  durch  das  Sprachgefühl
herbeigerufen  wird.
So  entsteht  die  Vorstellung  von  einer  möglichen  Sache  des
Namens  „Grundbegriffe“.  Ihr  gegenüber  nun  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“. ­
  Diese  Sonderung  mag  recht  geschraubt  erscheinen,  und  noch  dazu
scheint  alle  Klarheit  darüber  ausgeschlossen,  solange  die  Kritik  nicht  über
die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  ausgeredet  hat.  In  einer  bestimmten  Hinsicht
wird  es  trotzdem  möglich,  jetzt  schon  das  Eine  zum  Anderen  ins  Verhältnis
zu  setz en;  wobei  zugleich  erhellt,  daß  jene  Sonderung  unter  Umständen  von
recht  wuchtigem  Belang  sein  könnte.
Den  Punkt,  von  dem  aus  ein  scharfer  Schnitt  möglich  wird,  hat  die
Kritik  sachlich  außer  Zweifel  gesetzt:  Von  der  herkömmlichen  Bezeichnung
»Grundbegriffe“  lassen  sich  bestimmte  Worte  einmal  nicht  wegdenken;  die
r  e &amp;gt;  an  denen  man  das  so  Bezeichnete  aufzählen  will.  Diese  Aufzählung
ja  sogar  das  Einzige,  was  vom  Boden  des  Herkommens  aus  über  diese
zei(; bnung  und  ihren  Gebrauch  feststeht.  Zieht  man  nun  die  mögliche
.  ac he  des  Namens  „Grundbegriffe“  in  Betracht,  so  schlösse  zwar  auch  diese
n  sich,  daß  es  zu  einer  vergleichsweisen  Vielverwendung  von  Worten  kommen
müßte.  Damit  aber  mit  dieser  Sache  von  Haus  aus  bestimmte  Worte,  und
wesentlich  und  innig  verknüpft  wären,  wie  es  für  die  Bezeichnung  „Grund-S
 n  e  kraft  alles  Herkommens  gilt,  müßte  die  Erkenntnis  jenes  Sachverhaltes ­
  ungefähr  von  der  Gestalt  sein:  „Diese  und  diese  Begriffe,  an  diesen
s  immten  Worten  —  eben  den  Eingeborenen  Fachausdrücken  —  vorweisbar,
müssen  im  nationalökonomischen  Denken  dauernd  wach  bleiben.“  Man  sieht,
was  für  die  herkömmliche  Bezeichnung  blind  und  unbedingt  gilt,  hängt  für
le  „Sache“  des  gleichlautenden  Namens  schon  an  einer  klar  ersichtlichen
Bedingung  1
For  Alie * n ’  CS  * St  zunl  mindesten  denkbar,  daß  sich  jene  Erkenntnis  in  der
^  rm  ergibt.  „I m  nationalökonomischen  Denken  muß  die  so  und  so  bestimmte
w  1  V ° n  ^ e S r ’ffen  dauernd  wach  bleiben.“  Dann  lägen  die  Dinge
vorer^*^  anC ' erS ’  Sache  des  Namens  „Grundbegriffe“  entspräche  dann
er st  gleichsam  einem  „weißen  Blatt“;  nicht  bloß  was  den  Inhalt,  sondern
        <pb n="136" />
        IIO

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

auch  was  die  Zahl  und  vor  allem  auch  den  Namen  der  Begriffe  anlangt,  die
im  nationalökonomischen  Denken  dauernd  wach  zu  bleiben  hätten.  Das  will
sagen,  die  Sache  des  Namens  „Grundbegriffe“  erstünde  zunächst  im  Sinne
eines  richtigen  Problems;  eines  Problems,  das  nach  seiner  ganz  besonderen
Art  wohl  nur  so  erstehen  könnte,  daß  man  sofort  auch  über  die  Mittel  und
Wege  seiner  Lösung  klar  wird.  Diese  Lösung  würde  erst  zu  den  Begriffen
hinführen,  die  zusammen  die  Sache  des  Namens  „Grundbegriffe“  ausmachten;
und  erst  damit  die  Worte  außer  Zweifel  stellen,  zu  deren  vergleichsweiser
Vielverwendung  es  kommen  muß,  wenn  anders  das  nationalökonomische
Denken  seiner  Eigenart  die  Ehre  geben  will.
Zieht  man  diesen  denkbaren  Fall  in  Erwägung,  dann  legt  sich  sofort
eine  Vorstellung  nahe,  die  unwillkürlich  befremden  muß.  Trifft  nämlich  jene
Schilderung  zu,  dann  besagt  es  ja,  grundsätzlich  genommen,  nur  einen  Zufall,
wenn  es  gerade  die  Eingeborenen  Fachausdrücke  der  Nationalökonomie
wären,  zu  denen  jenes  Problem  in  zwei  Schritten  hindrängte!  Nicht  bloß
ebensogut,  sondern  ungleich  wahrscheinlicher  könnten  es  also  ganz  andere
Worte  sein,  die  als  die  tauglichen  Stiele  erschienen  für  das  begriffliche  Handwerkszeug ­
  des  nationalökonomischen  Denkens.  Zu  diesen  anderen  Worten
müßte  man  beim  Lösen  jenes  Problems  trotzdem  greifen,  weil  sich  die  lösenden
Begriffe  mit  den  Eingeborenen  Fachausdrücken  einmal  nicht  vertragen  möchten  ;
weder  im  Hinblick  auf  die  Zahl  dieser  Ausdrücke,  noch  auf  deren  „innere
Sprachform“,  noch  endlich  auf  deren  wissenschaftliche  Vergangenheit.  Es
würden  aber  nicht  einfach  andere  Worte  an  ihre  Stelle  treten,  der  Auswechsel
der  Worte  wäre  sogar  nur  die  begleitende  Erscheinung.  Denn  auch  die
Stellung  dieser  Worte  zum  nationalökonomischen  Denken  wäre  eine  wesentlich
andere:  statt  der  Eingeborenen  Fachausdrücke  nun  richtige,  in  verständiger
Willkür  hinzugewählte  Namen!  Zum  Verständnis  kann  ich  an  dieser  vorgeschobenen ­
  Stelle  nur  mit  dem  Schlagwort  dienen:  Die  Nationalökonomie ­
  hätte  für  einen  Eisernen  Bestand  an  Worten
einen  gesicherten  Bestand  an  Begriffen  eingetauscht.
Aber  nun  sind  es  doch  einmal  die  Eingeborenen  Fachausdrücke,  die  in
der  Nationalökonomie  in  vergleichsweiser  Vielverwendung  stehen;  das  ist
und  bleibt  der  Tatbestand,  der  seine  Erklärung  fordert.  Kann  nun  dieser
Tatbestand  die  Schale  eines  Sachverhaltes  vorstellen,  der  seinem  Kern  nach
zur  vergleichsweisen  Vielverwendung  ganz  anderer  Worte  hindrängt?
Nun,  dieser  Widerspruch  ist  nur  ein  scheinbarer;  aber  ich  löse  ihn  hier
nicht  weiter  auf.  Das  werden  die  späteren  Ergebnisse  der  Kritik  besorgen.
Es  ist  doch  wenigstens  absehbar  geworden,  daß  einer  möglichen  Sache  des
Namens  „Grundbegriffe“  jener  starre  Bezug  auf  eine  Wortgruppe  mangeln
kann,  der  sich  von  der  herkömmlichen  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  gar  nicht
wegdenken  läßt.  Das  ist  das  Eine.  Zweitens  aber,  bestünde  eben  wirklich
        <pb n="137" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  V.

III

ein  Anlaß,  in  der  Nationalökonomie  von  „Grundbegriffen“  zu  reden,  in  einem
ernsten,  nationalökonomiscb  -  methodologischen  Sinne,  dann  würde  dieser
möglichen  Sache  des  Namens  „Grundbegriffe“  offenbar  kein  Haar  gekrümmt,
trotzdem  die  Kritik,  wie  es  immer  klarer  wird,  die  herkömmliche  Bezeichnung ­
  „Grundbegriffe“  logisch  zu  erdrosseln  sucht,  und  später  auch  den  aufzählenden ­
  Worten  hart  zusetzen  wird!  In  jener  ersteren  Hinsicht  aufzuklären,
und  in  der  letzteren  zu  beruhigen,  das  war  der  Zweck  dieser  Randglosse.
Nun  werden  die  Fälle  absehbar,  in  denen  ein  Zusammenhang
möglich  ist,  zwischen  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  auf  der  einen
und  der  Artgemeinschaft  der  Eingeborenen  Fachausdrücke  auf  der  anderen ­
  Seite.  Es  ist  ein  Sachverhalt  da,  der  für  die  Pflege  der  nationalökonomischen ­
  Wissenschaft  in  irgendeiner  Form  in  Kraft  steht,  und
dem  jenes  Verhältnis  der  bloßen  Worte  nur  die  Schale  bedeutet.  Die
Bezeichnung  „Grundbegriffe“  kann  sich  unmittelbar  auf  diese  Schale
beziehen,  als  der  Ausdruck  dieses  Verhältnisses  der  bloßen  Worte.
Diese  Bezeichnung  kann  sich  aber  auch  unmittelbar  auf  den  Kern  beziehen, ­
  als  der  Ausdruck  jenes  Sachverhaltes.  Dann  ist  nur  ein  mittelbarer ­
  Bezug  auf  die  Artgemeinschaft  der  Eingeborenen  Fachausdrücke
vorhanden,  und  offenbar  im  Sinne  einer  Erklärung  dieser  Artgemeinschaft.
  Denn  vom  Boden  der  Kritik  aus  sondert  sich  ja  Schale  und
Kern  im  Sinne  von  Tatbestand  und  Erklärung.
Das  sind  die  beiden  möglichen  Fälle  des  Zusammenhanges.  So
ersteht  die  Frage,  ob  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  mit  der  Schale,
oder  mit  dem  Kern  jenes  Sachverhaltes  zu  tun  hat.  Im  Munde  der
Kritik  erhält  diese  Frage  die  Form:  Ist  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“ ­
  als  der  Ausdruck  des  festgestellten  Tatbestandes  anzusehen,
oder  bedeutet  sie,  weil  sie  als  der  Ausdruck  des  dahingestellten  Sachwäre,
  schon  die  Erklärung  der  Artgemein  -
Fachausdrücke  ?  Die  Trennung  dieser  beiden
grundsätzlich  gemeint;  es  kann  eben  nur  der
ome  oder  der  andere  wirklich  zutreffen.  Es  steht  schon  in  zweiter
Linie,  ob  vielleicht  eine  tatsächliche  Vermischung  dazwischen  eintritt,
so  etwa,  daß  jene  Bezeichnung  Ausdruck  des  Tatbestandes  wäre,  und
nur  dem  Scheine  nach  den  letzteren  erklärt.
Dieser  Frage  kommen  die  früheren  Nachweise  zu  Hilfe.  Es  hat
sich  ja  gezeigt,  wie  fraglich  es  um  diese  Bezeichnung  bestellt  ist;  daß
sie  auf  jeden  Fall  nur  von  dem  Range  eines  Sammelnamens  wäre,  sei
es  für  was  immer,  und  auf  jeden  Fall  auch  einen  ganz  offen  liegenden
Tatbestand  zur  Seite  haben  muß.  Alles  Dies  mildert  den  Eindruck
denn  sonst  müßte  auch  diese  Frage  ganz  widersinnig  erscheinen.  Was

•  «naites

anzuerkennen
schaff  der  Eingeborenen
Möglichkeiten  ist  streng:
        <pb n="138" />
        112

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

soll  denn  eine  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  unmittelbar  mit  einem
Verhältnisse  der  bloßen  Worte  zu  schaffen  haben  -—  so  klar  es  andererseits ­
  ist,  daß  sie  mittelbar  Bezug  darauf  nimmt.
In  der  Tat,  nach  ihrem  Wortlaut  gerechnet,  erklärt  die  Bezeichnung ­
  schon  den  Tatbestand  der  Eingeborenen  Fachausdrücke.
Man  kann  von  „Begriffen“  nicht  reden,  ohne  auf  das  nähere  Verhältnis
von  Worten  zu  unserem  Denken  einzugehen.  Redet  man  aber  von
„Grundbegriffen“,  dann  mag  dies  wie  immer  zu  verstehen  sein:  jedenfalls ­
  soll  da  eine  bestimmte  Art  von  „Begriffen“  hervorgehoben  werden,
und  dies  antwortet  dann  auch  einer  besonderen  Rolle,  von  den  Worten
gespielt,  denen  sich  diese  „Begriffe“  verknüpfen.
Man  darf  eben  nicht  übersehen,  daß  vom  Boden  der  herkömmlichen ­
  Anschauungen  aus  der  Ausdruck  „Grundbegriffe“  durchaus
keiner  Erklärung  dienen  soll.  Da  sieht  man  die  vielberufenen  Worte
ganz  unmittelbar  dafür  an,  daß  mit  ihnen  die  „Grundbegriffe“  gegeben
seien.  Die  vergleichsweise  Vielverwendung  dieser  Worte  scheint  dann
als  eine  selbstverständliche  Folge  daraus  übersehen  zu  werden.
Jedenfalls  wird  mit  ihr  kein  Tatbestand  für  sich  erfaßt.  Dazu  muß
man  erst  heraustreten  aus  den  Gewohnheiten  des  fachlichen  Denkens,
und  lauter  Dinge  sachlich  würdigen,  die  sonst  viel  zu  nahe  liegen,  um
nicht  die  Bäume  zu  spielen,  vor  denen  man  den  Wald  nicht  sieht:
eben  die  Artgemeinschaft  der  Eingeborenen  Fachausdrücke.
Diesen  Tatbestand  wollen  auch  die  Forscher  keineswegs  erklären,
die  über  Sinn  und  Geist  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  aussagen;
sie  legen  sich  einfach  Rechenschaft  darüber  ab,  was  es  in  sich  schließt,
daß  mit  diesen  Worten  die  „Grundbegriffe“  gegeben  seien.  Auch
widersprochen  wird  dem  Gebrauche  dieser  Bezeichnung  nie  in  der
Absicht,  die  bessere  Erklärung  eines  Tatbestandes  beizubringen.  Man
sucht  es  nur  geradeaus  zu  verfechten,  daß  mit  jenen  Worten  nicht
„Grundbegriffe“,  sondern  „Grunderscheinungen“,  oder  „Grundtatsachen“ ­
  gegeben  seien.
Im  Geiste  des  fachlichen  Denkens  besagt  also  der  Ausdruck
„Grundbegriffe“  die  ein  wörtliche  Aussage  über  einen  Sachverhalt,  der
seine  Erklärung  schon  in  sich  trägt.  Die  Forscher,  die  diese  einwörtliche ­
  Aussage  „Grundbegriffe“  zu  einer  vielwörtlichen  erweitern,
indem  sie  darüber  Aufschluß  geben,  was  sie  unter  diesem  Ausdrucke
denken,  bleiben  den  herkömmlichen  Anschauungen  in  der  Form  und
in  der  Sache  treu.  Für  den  Teil  der  Form  gilt  dies  auch  von  jenen
Forschern,  die  einem  Gebrauche  dieses  Ausdruckes  widersprechen.
Sie  wollen  die  Aussage  über  einen  Sachverhalt,  der  sich  selber  Er ­
        <pb n="139" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  V.

113

klärung  genug  scheint,  abermals  durch  die  Aussage  eines  solchen
Sachverhaltes  verdrängen.
Für  die  Kritik  dagegen,  wie  sie  hier  abrollt,  für  diese  Kritik  liegt
mit  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  ein  Versuch  vor,  das  Dasein  der
Eingeborenen  Fachausdrücke  zu  erklären!  Eine  einwörtliche  und  vom
Herkommen  getragene  Erklärung,  die  von  seiten  einzelner  Forscher
vertieft  erscheint,  von  anderen  wieder  durch  eine  andere  Erklärung
ersetzt.
Nur  bei  dieser  Auffassung,  die  unseren  herkömmlichen  Anschauungen ­
  notwendig  fremd  bleiben  muß,  kann  die  Frage  erstehen,
ob  sich  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  auf  den  Kern  des  Sachverhaltes ­
  bezieht,  dem  die  Eingeborenen  Fachausdrücke  nur  die  Schale
sind,  oder  ob  sie  nur  mit  dieser  Schale  zu  tun  hat;  das  will  sagen,
ob  der  Erklärungsversuch,  der  mit  dieser  Bezeichnung  vorliegt,  ernst
zu  nehmen  sei,  oder  ob  man  diese  Bezeichnung  nur  als  den  bloßen
Sammelnamen  der  vielberufenen  Worte  aufzufassen  hat,  deren  Rolle
®ls  Eingeborene  Fachausdrücke  dabei  unerklärt  bliebe.
Dazu  ist  es  offenbar  nicht  nötig,  daß  die  Kritik  zuerst  von
ihrer  Seite  das  Dasein  der  Eingeborenen  Fachausdrücke  zu  erklären
sucht,  um  so  zu  einem  Urteile  über  jenen  herkömmlichen  Erklärungsversuch ­
  zu  gelangen.  Sie  braucht  einfach  zu  untersuchen,  in  welcher
Weise  diese  Erklärung  zustande  kommt;  mit  anderen  Worten,  wie
es  zu  einer  Sache  des  Herkommens  werden  konnte,  in  der  Nationalökonomie ­
  von  „Grundbegriffen“  zu  sprechen.
Anmerkung.  Schon  die  bisherigen  Ergebnisse  haben  es  als  eine
zwingende  Vermutung  nahegelegt,  daß  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  nur
ein  Verlegenheitsausdruck  sei.  Es  ist  die  nämliche  Sache  nur  von  einer
anderen  Seite  her  beleuchtet,  wenn  sich  diese  Bezeichnung  nun  als  eine
Scheinerklärung  ergeben  soll.  Erst  damit  aber  wird  die  zwingende  Vermutung
zum  Ergebnis  einer  richtigen  Untersuchung,  und  zugleich  kommt  es  zu  einem
Austrag  zwischen  Kritik  und  Herkommen.
Soweit  die  Kritik  an  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  Selbstzweck  sein
s °ll,  ist  gegen  einen  solchen  Vorgang  nichts  einzuwenden.  Es  wird  jedoch
immer  offenkundiger,  daß  die  kritische  Wendung  gegen  diese  Bezeichnung
nur  Mittel  zum  Zweck  ist,  Zweck  aber  die  Erklärung  des  Tatbestandes  der
Eingeborenen  Fachausdrücke,  der  eigentümlichen  Rolle  also,  die  bei  der
Pflege  der  nationalökonomischen  Wissenschalt  den  vielberufenen  Worten
zufällt.  Da  könnte  es  befremden,  daß  ich  diese  Bezeichnung  nicht  einfach
links  liegen  lasse,  mag  nun  der  Glaube  an  ihren  Ernst  bisher  schon  mehr
oder  minder  erschüttert  sein.  So  mögen  die  vielen  Worte,  die  mich  das
o
v *  G 0 ttl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.
        <pb n="140" />
        ,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

114

letzte  Wort  über  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  noch  kosten  wird,  im
günstigsten  Falle  nur  ein  Lächeln  erregen.  Wozu  die  ganze  Liebesmüh’1
Aber  nun  spielt  sich  diese  Bezeichnung  einmal  als  die  Erklärung  des
Tatbestandes  auf,  von  dem  in  der  Folge  erst  erhellen  soll,  wie  dringend  er
einer  Erklärung  bedarf;  und  stellt  jenen  Erklärungsversuch  vor,  von  dem,
weil  er  vom  Herkommen  getragen  wird,  alle  übrigen  ihren  gemeinsamen
Ausgang  nehmen.  Mit  ihm  müßte  die  Kritik  nicht  bloß  in  jedem  Falle  abrechnen, ­
  wenn  sie  dann  für  ihren  eigenen  Teil  der  Erklärung  nachgeht;  um
sich  dazu  freie  Bahn  zu  schaffen,  muß  sie  sogar  am  allerersten  mit  dem
Schein  dieser  Erklärung  aufräumen,  und  am  gründlichsten.  Denn  es  sei  noch
so  windig  um  eine  Bezeichnung  bestellt,  sofern  sie  nur  vom  Herkommen  in
Schutz  genommen  wird,  ist  sie  unserem  Denken  sicher  gut  genug,  um  sich
hinter  sie  zu  retten,  auf  der  Flucht  vor  sich  selber  1  Gesetzt,  der  Glaube
an  die  vielberufenen  Worte  sei  von  der  Kritik  noch  so  sehr  in  die  Enge
getrieben:  solange  jene  Bezeichnung  noch  nicht  endgültig  abgetan  ist,  stünde
diesem  Glauben  immer  noch  die  Ausflucht  offen,  daß  mit  diesen  Worten
schließlich  doch  die  „Grundbegriffe“  vorlägen!  Hier  muß  also  die  Kritik
ganze  Arbeit  leisten,  und  selbst  dem  Anschein  zum  Trotz,  daß  sie  Mücken
seihe.  Soviel  dürfte  ja  in  der  Folge  klar  werden,  wie  sehr  die  Nationalökonomie ­
  wohl  daran  tut,  wenn  sie  die  Angelegenheit  jener  Worte  einmal
etwas  gründlicher  ins  reine  zu  bringen  sucht,  und  nach  den  ungezählten
„Revisionen  der  Grundbegriffe“  so  etwas  wie  eine  „Revision
des  Grundbegreifens“  unternimmt.  So  möchte  ich  beinahe  sagen:
auch  wer  zuletzt  lächelt,  fahrt  am  besten  dabei.

VI.
Unseren  herkömmlichen  Anschauungen  bleiben  die  Eingeborenen
Fachausdrücke  nur  ihrer  Art  nach  verborgen,  bei  der  es  auf  ein
Verhältnis  der  bloßen  Worte  ankommt.  Von  ihnen  selber  jedoch,  als
Worten,  wird  durch  die  Aufzählung  Notiz  genommen,  die  allem
Herkommen  nach  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  zur  Seite  steht.
Ohne  Absicht,  aber  in  der  Tatsache  zweifellos,  wird  das  Dasein  der
Eingeborenen  Fachausdrücke  zu  erklären  gesucht,  wenn  jene  Worte
im  Geiste  der  herkömmlichen  Anschauungen  dafür  angesehen  werden,
daß  mit  ihnen  die  „Grundbegriffe“  vorlägen.  Nun  hängt  der  Erklärungsversuch, ­
  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“,  mit  dem  zu  Erklärenden, ­
  mit  der  Artgemeinschaft  der  Eingeborenen  Fachausdrücke,
sie  hängen  durch  die  vollzogene  Aufzählung  zusammen:  daher  ist  die
Art,  wie  hier  eine  Erklärung  überhaupt  zustande  kommt,  an  der  Art
        <pb n="141" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VI.

”5

und  Weise  zu  untersuchen,  in  der  jene  Aufzählung  vollzogen  wird;
wie  es  also  zu  einem  wirklichen  Beisammen  der  vielberufenen  Worte
kommt.
Im  Geiste  der  herkömmlichen  Anschauungen  müßten  diese
Worte  in  dem  Sinne  zueinander  kommen,  daß  vom  wissenschaftlichen
Denken  in  tätiger  Übung  die  „Grundbegriffe“  erkannt  würden.  Dann
wäre  die  einwörtliche  Erklärung,  die  mit  dem  Wortlaut  dieser  Bezeichnung ­
  vorliegen  will,  allerdings  ernst  zu  nehmen.  Das  wissenschaftliche ­
  Denken  hätte  sich  dann  wirklich  dem  Kern  jenes  Sachverhaltes ­
  zugewandt,  aus  dem  sich  das  auffällige  Gebaren  jener  Worte
a ls  eine  ganz  selbstverständliche  Folge  herleiten  ließe.  Demgegenüber
wird  nun  die  Kritik  einer  anderen  Möglichkeit  nachforschen.  Der
Vollzug  der  Aufzählung  kann  sich  ja  dem  wissenschaftlichen  Denken
schon  aus  den  Verhältnissen  der  bloßen  Worte  aufzwingen;  so  zwar,
daß  sich  das  wissenschaftliche  Denken  diesem  Zwange  beugen  würde,
ganz  unabhängig  davon,  was  es  hinter  den  aufgezählten  Worten  suchen
will  und  zu  finden  glaubt.  Damit  wäre  aber  bewiesen,  daß  die  Bezeichnung ­
  „Grundbegriffe“  nur  ihrem  W  ortlaut  nach  mit  dem  Kern,  in
der  Sache  jedoch  bloß  mit  der  Schale  jenes  Sachverhaltes  zu  tun  hat;  daß
sie  somit  die  Artgemeinschaft  der  Eingeborenen  Fachausdrücke  nicht
wirklich  erklärt,  sondern  einfach  Kenntnis  nimmt  von  ihr,  unter  der
Maske  einer  Scheinerklärung.
Für  die  Untersuchung  scheint  hier  nur  Ein  Weg  offen:  nachforschen, ­
  wann,  wo,  und  wie  einerseits  jene  Aufzählung  ein  erstes
Mal  erfolgt,  und  andererseits  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  zuerst
verwendet  worden  ist.  In  Wahrheit  ergäbe  Das  auch  nicht  den
geringsten  Aufschluß  1  Nehmen  wir  zum  Beispiel  als  ermittelt  an,
daß  jene  Aufzählung  schon  öfters  erfolgt  wäre,  ehe  diese  Bezeichnung
m it  ihr  in  Verbindung  gewesen.  Damit  läge  noch  nicht  die  Spur
eines  Gegenbeweises  gegen  die  Ansicht  vor,  daß  jene  W^orte  im  W^ege
einer  richtigen  Erkenntnis  der  „Grundbegriffe“  —  das  will  sagen,  von
etwas,  das  man  so  eben  nennen  dürfte  —  zusammenkämen.  Die
stumme  Aufzählung  beweist  ja  nichts  in  Sachen  der  Sinnesmeinung,
in  der  man  jene  Worte  zusammenbringen  will.  Allein,  selbst  diese
Sinnesmeinung  gibt  hier  noch  nicht  den  Ausschlag!  Es  sei  umgekehrt
angenommen,  daß  jene  Aufzählung  von  Anfang  an  nie  ohne  Hinzutritt
der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  erfolgt  wäre;  ja  sogar  nie  ohne
sachliche  Aussagen  über  Sinn  und  Geist  dieser  Bezeichnung.  Damit
spräche  sich  die  Sinnesmeinung  des  Aufzählens  zwar  mit  einer  Klarheit
aus,  hinter  welcher  die  nationalökonomische  Wirklichkeit  doch  etwas
zurückbleibt.  Aber  selbst  durch  diese  Annahme,  die  für  sie  zweifellos
        <pb n="142" />
        n6

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

die  günstigste  ist,  wäre  jene  Ansicht  noch  nicht  gerettet.  Denn  auch
mit  dieser  Annahme  müßte  die  Kritik  zu  rechnen  vermögen,  und  es
muß  ihr  trotzdem  der  Nachweis  gelingen,  daß  jene  Aufzählung  aus
Verhältnissen  der  bloßen  Worte  heraus  erzwungen  ist.  Dieser  Nachweis
wäre  ja  gar  nicht  vollständig,  wenn  nicht  aus  ihm  zugleich  verständlich
wird,  daß  auch  die  erzwungene  Aufzählung  stets  in  einer  Sinnesmeinung ­
  erfolgen  muß,  die  unter  den  einmal  gegebenen  Umständen
nach  jener  Bezeichnung  greifen  läßt;  so  zwar,  daß  es  nur  mehr  an
der  Selbstbesonnenheit  des  Denkens  hängt,  ob  man  diese  einwörtliche
Aussage  hinterher  zu  einer  vielwörtlichen  zu  erweitern  sucht.
Man  sieht,  innerhalb  dieses  Streites  geht  den  Tatsachen  des
„Schwarz  auf  Weiß“,  die  immer  nur  den  einzelnen  Fall  vertreten
können,  gleichsam  der  Atem  der  Beweiskraft  aus.  Unter  Bezug  auf
den  einzelnen  Fall  wird  die  Deutung  alles,  die  Tatsache  nichts.  Es
muß  daher  der  Anhalt  bei  Erwägungen  gesucht  werden,  die  unentwegt
auf  das  Ganze  der  einschlägigen  Verhältnisse  gerichtet  sind.  So  gehe
ich  sofort  zur  entscheidenden  Betrachtung  über,  ob  die  Artgemeinschaft
der  Eingeborenen  Fachausdrücke  das  Zeug  in  sich  hat,  um  sich  schon
als  das  Verhältnis  der  bloßen  Worte  dem  wissenschaftlichen  Denken
so  aufzudrängen,  daß  es  in  irgendeiner  Sinnesmeinung  früher  oder
später  zu  einer  Aufzählung  jener  Worte  kommen  muß.  Über  diese
Sinnesmeinung  wird  dann  an  zweiter  Stelle  zu  handeln  sein.
Zum  Vergleich  einen  Seitenblick  auf  jenen  Zusammenhalt  unter
den  nämlichen  Worten,  den  schon  ihre  „innere  Sprachform“  knüpft.
Artmerkmal  ist  hier  das  Anklingen  von  Sorge  und  Mühen  des  täglichen ­
  Lebens.  Aber  dieser  Zusammenhalt  bringt  sich  nicht  aus
eigener  Kraft  zur  Geltung.  Jenes  Artmerkmal  kann  immer  erst  durch
den  Vergleich  dieser  Worte  untereinander  auffallen.  Dazu  müssen
doch  diese  Worte  schon  beisammen  sein;  oder  man  müßte  die  Absicht
durchführen  wollen,  gleich  den  ganzen  Wortschatz  der  Sprache  nach
solchen  Anklängen  zu  ordnen.  Somit  bietet  diese  Artgemeinschaft  zu
einem  Zusammenstellen  dieser  Worte  so  wenig  den  ursprünglichen
Anlaß,  daß  sie  überhaupt  erst  zu  erkennen  ist,  nachdem  von  diesen
Worten  einige  schon  beisammen  sind;  dann  könnten  natürlich  die
übrigen  hinzugesucht  werden,  durch  prüfenden  Abgleich  an  dem
Stamm  der  Aufzählung.  Und  dazu  nun  das  Gegenstück,  der  Zusammenhalt
der  nämlichen  Worte,  als  Eingeborene  Fachausdrücke  der  Nationalökonomie. ­

Da  beruht  die  Artgemeinschaft  auf  dem  gleichen  Gebaren  inmitten ­
  der  Nationalökonomie,  wie  es  diese  Worte  erkennen  lassen,
gleichgültig,  was  immer  ihr  geistiger  Gehalt  sei.  Die  Artmerkmale
        <pb n="143" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VI.

ii  7

hier  gelten  aber  nicht  schlechthin  für  jedes  einzelne  Wort,  sie  kommen,
ohne  Vergleich  untereinander,  für  jedes  vereinzelte  Wort  gesondert
an  den  Tag.  Die  Einsicht  zum  Beispiel,  daß  in  der  Nationalökonomie
das  Wort  „Wirtschaft“  mit  einer  Beharrlichkeit  wiederkehrt,  die
keinen  Zweifel  offen  läßt,  daß  hier  ein  Zwang  zur  vergleichsweisen
Vielverwendung  obwaltet,  den  jeder  Nationalökonom  in  eigener  Sache
auch  wirklich  erfährt,  diese  Einsicht  kann  doch  im  Grundsätze  ganz
für  sich  gewonnen  werden!  Sie  ist  keineswegs  daran  gebunden,  daß
man  von  anderen  Worten  das  gleiche  ermittelt.  In  jedem  einzelnen
Falle  greift  da  wohl  ein  Vergleichen  mit  beliebigen  Worten  Platz;
ein  Vergleich  jener  Worte  untereinander  ist  nicht  vonnöten.
Wenn  also  das  Gebaren  dieser  Worte  nur  überhaupt  auffällt,  so  fällt
es  an  jedem  einzelnen  Worte  auf,  ohne  daß  man  sie  vorher  schon
zusammensuchen,  oder  gar  schon  beisammen  finden  müßte.
Aber  nichts  ist  natürlicher,  als  daß  jener  Worte  Treiben  auffallen ­
  muß,  früher  oder  später  1  Das  wissenschaftliche  Denken  braucht
n ur  ein  Fünkchen  Bedacht  zu  üben;  wenn  es  nur  soweit  seinen  Stoff
zu  beherrschen  anfängt,  um  nicht  mehr  völlig  von  ihm  beherrscht  zu
sein  und  schon  für  einen  flüchtigen  Blick  auf  sein  eigen  Gebaren
Zeit  zu  finden:  und  es  muß  dessen  gewahr  werden,  wie  es  immer
und  immer  wieder  auf  die  nämlichen  Worte  gestoßen  wird.  Die  Art,
iu  der  sich  das  nationalökonomische  Denken  hier  aus  der  Affäre
zieht,  kommt  erst  hinterher  zur  Erwägung.  Hier  war  nur  auf  den
springenden  Punkt  zu  verweisen,  daß  jenes  bezeichnende  Treiben  einiger
Worte  dem  wissenschaftlichen  Denken  in  die  eigenen  Kreise  fährt;
es  stolpert  gleichsam  darüber.  Das  Erkennen  jener  Artmerkmale  wird
v om  wissenschaftlichen  Denken  nicht  tätig  vollzogen,  sondern  ausgesprochen ­
  duldend  erlebt.  Nun  ist  es  schließlich  das  nämliche
Denken,  das  hier,  da,  dort,  bei  verschiedenen  Worten  also  die  nämlichen ­
  Erlebnisse  erntet.  Da  bedeutet  es  doch  mehr  als  ein  bloßes
Gleichnis,  zu  sagen,  daß  hier  die  Worte,  schon  die  bloßen  Worte
zusammendrängen,  weil  ein  immerhin  enger  Kreis  von  Worten  sich
einzeln  in  der  nämlichen  Weise  aufdrängt  1  Das  wissenschaftliche
Denken  könnte  noch  weit  von  der  Frage  stehen,  warum  diese
Worte  zusammengehören,  was  der  tiefere  Sinn  ihres  gleichen  Gebarens
Se *&amp;gt;  und  es  empfände  längst,  daß  sie  zusammengehören.
Vor  der  „formalen“  Logik  besteht  freilich  nur  der  Eine  Schlag
Artgemeinschaft:  durch  das  Sieb  des  Allgemeinen  aus  dem  Kunterbunt
des  Besonderen  geseiht.  Für  die  Welt  seines  eigenen  Gebarens,  für
die  grüne  Wirklichkeit  des  Denkens,  da  kann  Art  und  Art  sehr
zweierlei  sein,  genommen  nach  dem  Verhältnis  der  Art  zu  ihren
        <pb n="144" />
        ,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

1x8

Gliedern.  Gehören  zum  Beispiel  nicht  „Pferd“  und  „Pferd“  ganz  anders
zusammen,  als  etwa  „Tausch“  und  „Tausch“!  Denn  wo  das  Denken
schöpferisch  für  die  Wirklichkeit  erscheint  (wie  überall  beim  Handeln),
da  hinkt  das  Besondere  gerade  im  Wesen  dem  Allgemeinen  nach:
das  einzelne  Glied  der  Gattung  ist  Glied  der  Gattung  eben  dadurch,
daß  es  aus  dem  Denken  der  Art  vollzogen  wurde.  Und  so  gibt  es
auch  Arten,  deren  Glieder  zwar  nicht  aus  dem  Denken  der  Art  vollzogen ­
  werden,  die  aber  unser  Denken  auch  wieder  nicht  nach  einem
widerruflich  vorgefaßten  Schema  zusammensucht:  weil  es  sich  gleichsam
selber  fängt  an  ihnen,  kraft  der  besonderen  Artung  ihrer  Merkmale.
Und  dies  ohne  voran  gestelltes  Schema,  selbst  ohne  die  Absicht  einer
Verallgemeinerung.  Für  den  Teil  solcher  Artgemeinschaften  liefert
sich  das  erkennende  Denken  nur  einem  Erlebnis  leidend  aus.
Dafür  nun  hier  das  Beispiel.  Denn  eben  in  dieser  Weise  bringt
sich  die  Artgemeinschaft  der  Eingeborenen  Fachausdrücke  aus  eigener
Kraft  zur  Geltung,  und  so  drängen  hier  tatsächlich  die  Worte  selber
zur  Aufzählung.  Wie  unser  Denken  schon  dem  Gebrauch  dieser
Worte  machtlos  ausgeliefert  ist,  so  legt  sich  ihm,  und  aus  den  nämlichen ­
  duldenden  Erlebnissen  heraus,  auch  ihre  Aufzählung  nahe.  Also
nicht  einmal  den  bloßen  Worten  gegenüber,  mit  Rücksicht  auf  ihr
Gebaren,  kann  hier  von  einem  „Verallgemeinern“  die  Rede  sein,  im
Sinne  eines  tätigen  Eingriffs  unseres  Denkens.  Geschweige,  daß  der
Aufzählung  ein  „Verallgemeinern“  von  etwas  unterläge,  das  in  was
immer  für  einem  Verhältnis  zu  bloßen  Worten  stehen  mag,  aber  von
den  letzteren  doch  zu  sondern  sein  muß,  indem  man  es  „Begriffe“
nennt.  In  diesem  grundwesentlichen  Sinne  verbietet  sich  die  Ansicht,
daß  jene  Aufzählung  durch  ein  Erkennen  der  „Grundbegriffe“  zustande
käme.  Vor  Eindrücken,  die  ihm  förmlich  in  die  Augen  springen,
kann  unser  Denken  unmöglich  die  Augen  schließen,  um  dann  erst
aus  eigener  Macht  zu  erkennen,  was  ihm  gleichsam  wider  Willen  schon
das  Treiben  der  bloßen  Worte  zubringen  mußte.
Nun  bleibt  die  Sinnesmeinung  zu  erwägen,  in  der  jene  Aufzählung ­
  vollzogen  wird.  Es  ist  ja  im  voraus  klar,  der  Hinzutritt  der
Bezeichnung  „Grundbegriffe“  will  nur  irgendwie  besagen,  daß  sich
unser  Denken  eine  eigene  Leistung  vortäuscht,  dort,  wo  es  dem
Zwange  aus  einem  bloßen  Verhältnis  der  bloßen  Worte  heraus  nachgibt. ­
  Es  hätte  da  überhaupt  nur  Ja  und  Amen  zu  sagen,  nimmt  aber
die  aufdringlichen  Worte  nicht  als  Worte  entgegen,  sondern  spricht
sie  selbstgefällig  als  „Grundbegriffe“  anl  Diesem  frommen  Selbstbetrug ­
  leistet  übrigens  der  Sprachgebrauch  Vorschub,  und  für  diesen
letzten  Punkt  müßte  ich  auf  jeden  Fall  noch  Einiges  hinzufügen.  Das
        <pb n="145" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VI.

119

soll  später  geschehen.  Dort  will  ich  dann  auch  den  Schlußstrich
ziehen  und  die  Ergebnisse  überschlagen.
Aber  grundsätzlich  genommen  dürfte  die  ganze  Sache  eigentlich
jetzt  schon  als  erledigt  gelten,  und  durchaus  im  Geiste  der  Vermutung, ­
  die  schon  die  früheren  Ergebnisse  zwingend  nahegelegt
hatten.  Auch  läßt  sich  jetzt  schon  der  Widerstreit  übersehen,  von
dem  dort  die  Sprache  war;  jener  Widerstreit  gegen  unsere  herkömmlichen ­
  Anschauungen,  dem  diese  Kritik  nun  einmal  nicht  ausweichen
darf  —  leider,  weil  er  die  Kritik  immer  wieder  zwingt,  doppelt  zu
nähen;  und  so  auch  hier.
Ansichten,  die  in  unseren  herkömmlichen  Anschauungen  einwurzeln, ­
  können  logisch  tot  sein,  und  gleichsam  psychologisch  trotzdem ­
  weiterleben:  als  Keime  von  Vorurteilen,  die  im  gegebenen  Augenblicke ­
  unser  Denken  ganz  so  in  ihrer  Gewalt  haben,  als  ob  sich  dieses
Denken  niemals  vor  ihrer  Widerlegung  gebeugt  hätte.  So  bleibt
nichts  übrig,  ich  muß  auch  hier  Vorbeugen  und  die  erledigte  Sache
erst  noch  näher  erörtern,  nach  allen  ihren  Wenn  und  Aber.
Anmerkung.  Diesen  ganzen  Ausführungen,  besonders  noch  den
folgenden,  muß  ich  in  einer  bestimmten  Hinsicht  den  Rücken  decken.  Es
stehen  hier  Dinge  zur  Erwägung,  die  sich  im  Werdegang  der  Nationalökonomie ­
  abspielen.  Für  sie  könnte  man  aus  der  nationalökonomischen
Aussagenwelt  bald  irgendwie  Belege,  bald  Nachweise  auf  dem  Wege  einer
Durchzählung  beibringen.  Aber  die  Belege  wären  eitel  Flitter,  wie  es  oben
angedeutet  worden;  und  auch  jener  Nachweise  ist  diese  Erörterung  überhoben,
w eil  ihnen  wieder  die  „Gemeine  Erfahrung“  vorgreift.
Andererseits  aber  kann  es  nicht  ausbleiben,  daß  man  diese  Ausführungen,
weil  sie  nun  einmal  den  Werdegang  der  Nationalökonomie  angehen,  dem
letzteren  gleichsam  zur  Begleitung  beidenkt.  Geschieht  es  nicht  gemäß
einzelner  Vorkommnisse,  dann  sicher  den  allgemeinen  Vorstellungen  nach,
hie  sich  darüber  niedergeschlagen  haben.  Nun  ist  gerade  auch  der  Werdegang ­
  der  Nationalökonomie  so  beschaffen,  daß  er  eine  unbequeme,  störende
Folie  für  Erwägungen  abgibt,  die  immer  das  grundsätzliche  Verhältnis  im
Auge  behalten  müssen,  gedacht  bei  „glattem“  Verlauf  der  Dinge.  Denn  im
tatsächlichen  Hergang  verschleiert  sich  dieses  grundsätzliche  Verhältnis  oft
bis  zur  Unkenntlichkeit!  Schuld  daran  ist  etwas,  das  man  wohl  als  Umwege
dieses  Werdeganges  bezeichnen  muß;  da  unser  Denken  einmal  so  anmaßend
tst,  an  die  Wirklichkeit  immer  schon  mit  einem  Schema  heranzutreten,  dem
stß  bei  Strafe  ihres  Tadels  zu  gehorchen  hätte.  Jene  tatsächlichen  Verhältnisse ­
  will  ich  nun  kurz  berühren;  nur  in  gröbsten  Zügen,  die  übrigens  noch
v ieles  andere  umfahren,  das  noch  nicht  in  den  Text  hineingehört,  seinem
Verständnis  aber  doch  frommen  könnte.
        <pb n="146" />
        120

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Für  den  Werdegang  der  Nationalökonomie  wären  natürlich  die  Tatsachen
ihrer  Geschichte  am  Worte.  Aber  gerade  seine  Umwege  lassen  sich  an  den
fünf  Fingern  abzählen,  und  so  läßt  es  sich  vermeiden,  diese  erläuternde  Randzeichnung ­
  mit  literargeschichtlichen  Einzelheiten  zu  überladen.  Für  den
Einblick  in  jene  Umwege  genügt  es,  sich  etwas  vorzuhalten,  an  das  ich  hier
nur  unter  dem  Vorbehalt  sachlicher  Würdigung  streife,  weil  es  von  der  Bedeutung ­
  eines  Grundverhältnisses  für  die  Nationalökonomie  erscheint,  das  in
der  nationalökonomischen  Betrachtung  wohl  auch  nur  deshalb  nicht  ausreichend ­
  gewürdigt  wird,  weil  es  gar  zu  nahe  liegt.  Denn  zum  Alleralltäglichsten ­
  unseres  Daseins  gehört  doch  sicherlich  unser  Handeln!  In  der
Tat  aber  braucht  man  an  dieser  Stelle  nur  davon  auszugehen,  daß  die  Nationalökonomie ­
  eine  Wissenschaft  von  den  menschlichen  Handlungen
sei,  in  irgendeiner  besonderen  Weise.  Diese  nicht  einem  Schlüsselwort,  sondern
einem  sachlichen  Schlüssel  zu  entnehmen,  das  besagt  für  die  Nationalökonomie, ­
  um  es  hier  vorgreifend  anzudeuten,  die  Freiheit  vom  Worte.
Dieser  Schlüssel  mag  in  letzter  Linie  nur  einbesondererGesichtspunkt
  sein,  unter  dem  die  Nationalökonomie  ein  Erfahrungsgebiet  beschaut,
das  sie  mit  anderen  Wissenschaften  zu  Gemeinbesitz  hat.  Mit  diesem  Schlüssel
hängt  es  sachlich  zusammen,  aber  es  genügt  wohl,  wenn  ich,  und  hier  eben
nur  schlagwörtlich,  eine  Unterscheidung  zwischen  „geschichtlichen“  und
„ungeschichtlichen“  Handlungen  anklingen  lasse  l ),  um  es  eigentlich  wie  eine
Binsenwahrheit  empfinden  zu  lassen,  daß  die  Nationalökonomie  ihrer  roh
erfaßten  Sonderheit  nach  gar  nichts  anderes  sei,  als  die  Erfahrungswissenschaft
  vom  Alltagsleben  aller  Zeiten.
So  muß  sie  notwendig  eine  spätgeborene  Tochter  des  menschlichen
Geistes  sein.  Weniger  vielleicht,  weil  zum  Verstehen  dieser  nächstliegenden
Dinge  besonders  viel  Philosophie  gehört!  (Soweit  dies  übrigens  zutrifft,  kann
es  uns  ein  Trost  sein,  wenn  uns  Skrupel  über  dies  und  jenes  beschleichen.)
Aber  die  Gründe  der  Spätgeburt  liegen  zum  besten  Teil  wohl  darin,  daß
aller  Erkenntnis  des  Alltäglichen  jene  eingefleischte  Kenntnis
der  Alltäglichkeit  breit  im  Wege  steht,  die  uns  Allen  eigen  ist,  weil
wir  insgesamt,  Nationalökonomen  wie  Laien,  Fachleute  des  „täglichen
Lebens“  sind.
Denn  nur  für  den  ersten  Anschein  ebnet  diese  Kenntnis  —  die  unser
Denken  zum  mindesten  so  weich  und  warm  in  Worte  bettet  —  jener  Erkenntnis ­
  den  Weg.  Eher  sind  es  ja  die  letzten  Dinge,  über  welche  der
Mensch  zuerst  nachdenken  will;  während  die  nächsten,  die  Dinge,  die  unablässig ­
  Gegenstände  seines  Denkens  sind,  ihn  zum  Nachdenken  fürs
erste  nicht  reizen.  Wir  sind  allzusehr  mit  unseren  Interessen  dabei,  um

’)  Vgl.  Lexis,  „Einleitung  in  die  Theorie  der  Bevölkerungsstatistik“.
        <pb n="147" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VI.

121

Interesse  daran  zu  finden  1 ).  Für  den  Hausgebrauch  sind  wir  eben  versehen,
für  alles  weitere  fehlt  der  Kitzel  des  Absonderlichen.  Es  fehlt  aber  nicht
bloß  der  Anreiz,  diese  Dinge  machen  uns  das  Nachdenken  auch  nicht  leicht.
Abermals  weniger,  weil  sie  in  so  übergroßer  Nähe  sind,  der  sich  unser
geistiger  Blick  erst  anpassen  muß  (und  gerade  Dies  fällt  dem  Fachlogiker,
der  gewöhnlich  durch  die  Schule  eines  Denkens  über  die  „letzten  Dinge‘&amp;lt;
gegangen  ist,  ganz  naturgemäß  schwer;  so  daß  am  meisten  noch  die  Nationalökonomie ­
  die  Ordnung  ihrer  häuslichen  Angelegenheiten  in  eigene  Regie
übernehmen  muß).  Vor  allem  wurzelt  die  Schwierigkeit  darin,  daß  unser
Nachdenken  überall  im  zähen  Brei  des  schlicht  Vorgedachten
herumwaten  muß.  Dieses  schlicht  und  keck  zugleich  Vorgedachte  schwatzt
überall  herein,  weiß  alles  im  voraus,  bringt  z.  B.  auch  Tatbestand  und  Erklärung ­
  durcheinander  —  in  der  Tat  die  gleichen  Schwierigkeiten,  die  dem
methodologischen  Denken  aus  dem  Alltagsleben  einer  Wissenschaft  heraus
erwachsen!
So  ist  es  ganz  gut  zu  verstehen,  daß  just  die  lebensgrünste  Wissenschaft,
die  sich  eines  unermeßlichen  Erfahrungsgebietes  voll  der  packendsten  Vorwürfe ­
  rühmen  darf,  lange  Zeit  hindurch  nur  aus  Ansätzen  bestanden  hat,
in  der  Hut  älterer  Wissenschaften,  und  eines  so  gegensätzlichen  Schlages,
daß  sie,  als  echte  Erfahrungswissenschaft,  bei  ihnen  vielleicht  nicht  die  beste
Kinderstube  genoß.  Bis  sie  endlich  sich  selber  gefunden  hatte;  wohl  ein
bißchen  zu  sehr  durch  Kammer,  Kanzlei  und  Kontor  hindurch,  wie  es
abermals  der  Unstern  ihres  Erfahrungsstoffes  mit  sich  bringen  mußte.  Daß
die  Nationalökonomie  überdies  —  wenn  mir  im  Vorbeigehen  auch  diese
vorwitzige  Bemerkung  erlaubt  ist!  —  das  Unglück  hatte,  ein  Wunderkind
z u  sein,  und  „klassisch“  war,  ehe  sie  recht  wußte,  daß  und  wie  sie  eine
Erfahrungswissenschaft  sei,  das  gehört  auch  hierher.  Das  Genie  verfrühter
Autoritäten  muß  schon  sehr  viel  Gutes  tun,  um  das  viele  Böse  wettzumachen,
das  ihre  Worte  und  Wendungen  einer  Erfahrungswissenschaft  zufügen
können,  wenn  die  letzteren,  mit  der  Wucht  der  Autorität  in  die  Erinnerung
eingehämmert,  zu  einem  eisernen  Bestand  an  Worten  hinzutreten,  unter  dem
das  Denken  haltlos  auf  und  ab  wallt.
Aus  jenem  Grundverhältnis  nun,  daß  die  Nationalökonomie  eine  der
Erfahrungswissenschaften  von  den  menschlichen  Handlungen  sei,  ergeben  sich
die  Wissenschaften  ganz  von  selber,  die,  ohne  ihresgleichen  zu  sein,  bei  ihr
wenigstens  die  Patenstelle  übernehmen  mußten;  wenn  auch  alles  nationalökonomische ­
  Denken  in  letzter  und  entscheidender  Linie  aus  der  Alltagskenntnis ­
  emporwächst.
Den  ersten  Anlaß  wohl,  das  Handeln  mehr  zu  überdenken,  als  es  schon

l )  v gl-  Windelband,  „Präludien“,  S.  208.
        <pb n="148" />
        122

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

für  das  Handeln  selber  nötig  wird,  spricht  man  mit  dem  Worte  Recht  aus.
Dieser  Antrieb  steigert  sich  mit  jeder  Stufe  der  Rechtsentwicklung,  schon
vom  freilebenden  zum  kodifizierten  Recht;  und  auf  der  dritten  Stufe  entführt
er  das  Denken  bis  in  die  Höhe  von  „Begriffen“,  über  die  Welt  des  Handelns,
die  unübertrefflich  wären,  wenn  sie  nicht,  in  irgendeinem  Sinne  immer,
zwischen  sich  und  der  Wirklichkeit  die  wortgefesselteSatzung  hätten.
Es  ist  keine  tröstliche  Einsicht,  aber  hier  ist  jedenfalls  ein  Wurzelpunkt
nationalökonomischer  Erkenntnis  anzunehmen,  und  die  Tatsachen  sagen  Ja.
Weil  aber  das  menschliche  Handeln  ein  gar  so  merkwürdig  Ding  ist,
das  sich  vor  seiner  eigenen  Wirklichkeit  beschauen  kann,  so  begreift  man
abermals  im  voraus,  daß  immer  noch  früher  als  das  starre  Sein  der  verwirklichten ­
  Handlungen  —  und  noch  dazu  von  seiner  nüchternsten  Seite  her  —-das
  bewegliche  Sollen  des  Handelns  dem  Nachdenken  verfällt.  Die  Theoreme,
die  von  da  her,  von  Moral  und  Ethik,  in  die  Nationalökonomie  hineinschatten, ­
  haben  nur  leider  wieder  ihr  gutes  Recht  darauf,  daß  sie  die  Wirklichkeit ­
  nicht  zur  Mutter  brauchen,  weil  sie  den  Wunsch  nach  dem  Guten
und  Sittlichen  schon  zum  Vater  haben.  Dieser  Wunsch  aber,  wie  er  von
Satzung  ausgeht,  kehrt  zu  Satzung  auch  zurück,  die  als  solche  eben  am
Worte  hängt.
So  nebenher  wird  es  hier  fühlbar,  wie  sich  gegen  diese  arme  Erfahrungswissenschaft ­
  förmlich  Alles  verschwört,  um  ihr  Denken  dem  Worte
botmäßig  zu  machen;  im  Geiste  jenes  Schemas  „Wort  —  Erfahrung  —
Begriff“,  von  dem  ich  später  andeuten  will,  wie  es  (scholastisch)  die  Eigenart
eines  Denkens  beirrt,  dem  als  erfahrungswissenschaftlichen  Denken  nur  das
Schema  „Erfahrung  —  Begriff  —  Wort“  geziemt.  In  dieser  Richtung  wirkt
schon  der  Umstand,  daß  der  Nationalökonomie,  und  mehr  als  jeder  anderen
Wissenschaft,  jenes  vorwissenschaftliche  Denken  vorgreift,  das  auch  immer
das  außerwissenschaftliche  bleiben  wird,  und  das,  weil  es  mit  der  Sprache
zusammen  grün  aufwächst,  ihren  Worten  und  Wendungen  verhaftet  bleibt.
(Diesem  Vorgriff  dankt  ja  die  Nationalökonomie  ihre  Eingeborenen  Fachausdrücke.) ­
  Die  Kunstsprache  der  „Klassiker“  trägt  auch  ihr  Scherflein
dazu  bei.  Und  nun  zeigt  es  sich,  daß  der  Werdegang  der  Nationalökonomie
seinen  Umweg  über  Wissenschaften  nimmt,  für  die  das  Verhältnis  des  Wortes
zum  Denken  so  ziemlich  im  Gegensatz  dazu  steht,  wie  es  für  eine  Erfahrungswissenschaft ­
  zu  gelten  hätte.
Im  Augenblicke  sind  nur  diese  Umwege  über  ältere  Wissenschaften  von
aktuellem  Interesse,  in  einer  sehr  äußerlichen  Hinsicht.  Sie  sind  es  eben,
die  jenes  grundsätzliche  Verhältnis  verschleiern,  an  das  sich  die  laufende
Erörterung  halten  muß,  will  sie  ihrem  Gegenstand  überhaupt  beikommen.
Soll  nun  z.  B.  erwogen  werden,  wie  die  Wissenschaft  auf  gewisse  Worte
aufmerksam  wurde,  dann  darf  es  gleich  nicht  beirren,  wenn  sich  dieser  Vor-
        <pb n="149" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VII.  123
gang  gar  nicht  eigentlich  in  der  Nationalökonomie,  sondern  schon  vorher
in  fremden  Wissenschaften  abgespielt  hätte,  und  dann  eben  innerhalb  von
Erörterungen,  die  trotz  ihres  äußerlichen  Verbandes  die  nationalökonomische
Eigenart  vorwegnehmen.  Die  Nationalökonomie  steht  da  weniger  geschaffenen
Tatsachen  gegenüber,  als  sie  zum  Teil  aus  eben  diesen  Tatsachen  selber  erst
geschaffen  wurde.  Ihr  Werdegang  verläuft  eben  jugendwärts  in  andere  Wissenschaften ­
  hinein,  und  was  dort  geschehen,  ist  dem  grundsätzlichen  Verhältnis
nach  doch  in  der  Nationalökonomie  geschehen.  Das  hängt  nicht  einfach
an  den  gleichen  Worten,  sondern  vor  allem  an  der  nämlichen  Rolle  der
gleichen  Worte.  Und  hier  nun  wieder  der  Anschluß  an  die  Sache,  nach
einer  langen  Abschweifung,  zum  Teil  freilich  gegen  den  Kern  der  Sache  hin.

VII.
Ursprünglich  mußten  die  vielberufenen  Worte  auch  in  der  Nationalökonomie ­
  eine  harmlose,  unbefangene  Verwendung  finden.  Allerdings
hat  der  Zwang  zu  ihrer  vergleichsweisen  Vielverwendung  trotzdem
schon  bestanden:  der  ist  ja  unzertrennlich  von  der  nationalökonomischen
Erörterung,  wie  sie  anders  in  der  Erfahrung  einmal  nicht  gegeben  ist.
Aber  dieser  Zwang  hat  eben  blind  vorgewaltet;  das  wissenschaftliche
Denken  war  sich  seiner  auch  nicht  für  einzelne  jener  Worte  bewußt.
Es  hat  der  letzteren  Hilfe  nicht  anders  in  Anspruch  genommen,  als
dies  für  die  übrigen  Worte  der  lebenden  Sprache  gilt.  Diese  Worte
waren  der  Tatsache  nach  schon  in  ihrer  Rolle,  als  Fachausdrücke;  aber
sie  verloren  sich  gleichsam  noch  im  Dunkel  der  Sprache.
Diese  Vorstellung  muß  uns  heutigentages  befremden;  das  erklärt
sich  aus  mehreren  Gründen,  vor  allem  aus  einem  ganz  allgemeinen.
Die  Flut  der  Definitionen  und  „Wesenserklärungen“,  der  „Lehren“
und  „Theorien“,  die  sich  seither  über  jene  Worte  ergossen  hat,  der
endlose  Streit,  der  sich  daraus  entsponnen,  dies  Alles  hat  uns  diese
Worte  bis  zu  solchem  Überdruß  unter  die  Nase  gerieben,  daß  unser
Denken  seine  Harmlosigkeit  ihnen  gegenüber  bis  auf  den  letzten  Rest
einbüßen  mußte.  Schon  deshalb  fällt  es  uns  schwer,  von  der  Vorstellung ­
  auszugehen,  daß  auch  diese  Worte  einst  ganz  so  verwendet
wurden,  als  etwa  die  Wörtchen  „der“,  „die“,  „das“.  Inzwischen,  seit
das  Herkommen  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  die  Reihe  dieser
Worte  an  die  Seite  zu  stellen  wußte,  als  die  Aufzählung  des  so  Bezeichneten,
  gilt  von  diesen  Worten,  daß  sie  für  unser  Auge  aus  allen
Zusammenhängen  hervorstechen,  selbst  dort,  wo  sie  mit  Absicht  ganz
unbefangen  verwendet  werden  —  eine  Unbefangenheit,  die  übrigens
        <pb n="150" />
        124

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

schon  deshalb  keine  echte  mehr  sein  kann,  weil  dabei  nunmehr  ein
Widerspruch  gegen  das  nationalökonomische  Herkommen  unterläuft.
Derlei  passive  Auflehnung  gegen  das  „Herrschen“  dieser  Worte,  um
auch  dies  vorgreifend  zu  berühren,  bleibt  auf  halbem  Wege  stecken,
so  gut  und  richtig  sie  gemeint  ist.  •
Gegen  jene  Vorstellung,  von  der  man  trotzdem  notwendig  ausgehen ­
  muß,  lehnt  sich  noch  etwas  anderes  auf.  Es  widerspräche  zwar
unseren  herkömmlichen  Anschauungen  selber,  anzunehmen,  daß  die
Nationalökonomie  gleich  mit  einer  richtigen  Aufzählung  jener  Worte
ins  Dasein  getreten  wäre.  Das  schlösse  gerade  vom  Boden  des  Herkömmlichen ­
  aus  in  sich,  daß  eine  Wissenschaft  mit  der  Erkenntnis
ihrer  „Grundbegriffe“  ins  Dasein  treten  würde;  eine  durchaus  unwirkliche ­
  Vorstellung.  Es  legt  sich  jedoch  um  anderer  Umstände  wegen
gefühlsmäßig  nahe,  daß  alles  nationalökonomische  Denken  von  Haus
aus  in  einem  wesentlichen  Sinne  mit  jenen  Worten  zu  schaffen  hatte;
in  dem  Sinne,  daß  es  gleichsam  als  ein  Denken  aus  diesen  Worten
heraus  geboren  wurde;  als  ein  Denken  nämlich  über  „die  Wirtschaft“,
„den  Wert“,  „die  Güter“  und  so  fort.  Für  dieses  Vorurteil  lassen  sich
zwei  Wurzeln  vorweisen.
Die  Nationalökonomie  mag  wie  immer  emporgewachsen  sein,  zum
rechten  Bewußtsein  ihrer  selbst  ist  sie,  gleich  jeder  anderen  Wissenschaft,
erst  dadurch  gelangt,  daß  man  zwischen  vielerlei  Erkenntnissen  genug
Einheit  wahrnahm,  um  sie  zu  einem  gegliederten  Aufbau,  zu  einem
„Systeme“  zu  vereinen.  Es  liegt  aber  nahe,  daß  bei  aller  „Systematisierung“ ­
  der  Wissenschaft  die  Worte,  an  denen  man  herkömmlich  die
„Grundbegriffe“  aufzählt,  irgendwie  zum  Anhalt  wurden.  In  der  Tat,
wo  immer  die  nationalökonomischen  Erkenntnisse  in  Reih  und  Glied
zu  bringen  waren,  fiel  den  Eingeborenen  Fachausdrücken  dabei  die
Rolle  der  Flügelmänner  zu;  ihnen  selber,  oder  doch  Worten,  die  sich
für  ihr  eigenes  Verhältnis  zu  unserem  Denken  auf  jenes  von  einzelnen
dieser  Ausdrücke  berufen  —  man  denke  zum  Beispiel  an  „Produktion,
Konsumtion,  Verteilung  der  Güter“  und  ähnliches.  So  haftet  unserem
Denken  die  Neigung  an,  nach  jenen  Flügelmännern  auszublicken;  unwillkürlich ­
  suchen  wir  jede  gegebene  nationalökonomische  Erörterung
mittelbar  oder  unmittelbar  mit  einem  der  Eingeborenen  Fachausdrücke
in  Beziehung  zu  bringen.  In  solcher  Weise  erstehen  unserem  Denken
für  den  überschauenden  Blick  die  verschiedenen  „Lehren“:  „Lehre
von  der  Wirtschaft“,  „Lehre  vom  Werte“,  „Lehre  vom  Einkommen“
und  so  fort.  Das  sind  übrigens  „Lehren“  im  weiteren  Sinne;  sie
haben  nur  mittelbar  mit  jenen  „Lehren“  im  engeren  Sinne  zu
schaffen,  die  sich  damit  ergeben,  daß  sich  die  Eingeborenen  Fach ­
        <pb n="151" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VII.

125

ausdrücke  zu  Leitworten  der  Forschung  auswachsen;  das  bleibe  einstweilen ­
  außer  Betracht.  Jedenfalls  wird  es  uns  mit  mehr  oder  weniger
Gewalt  möglich,  jegliche  Erörterung,  die  wir  als  eine  nationalökonomische, ­
  vielleicht  nur  aus  der  Rückschau,  erkennen,  unter  eine
dieser  „Lehren“  einzureihen.
Mit  dieser  Gewohnheit  nun,  alles  Nationalökonomische  an  die  Eingeborenen ­
  Fachausdrücke  zu  heften,  stehen  wir  eben  völlig  auf  dem
Boden  des  inzwischen  Gewordenen.  Die  Erfahrung  der  ganzen  Reihe
von  „Systemen“  spricht  da  aus  uns  heraus;  und  um  so  lebhafter,  als
ja  diese  Systeme  in  nichts  so  einhellig  sind,  als  gerade  in  der  Art,  wie
sie  über  ihre  äußerliche  Fächerung  jene  Worte  und  deren  Trabanten
entscheiden  lassen ] ).  Hier  wurzelt  offenbar  der  eine  Anlaß,  wenn  die
Vorstellung  von  jenem  Urzustand  nationalökonomischer  Erörterung  befremdet, ­
  und  wir  eher  der  Anschauung  zuneigen,  daß  am  Anfänge  der
Nationalökonomie  Erörterungen  über  „die  Wirtschaft“  oder  „den  Wert“
und  so  weiter  gestanden  hätten.  Man  sieht,  wie  hier  ein  Vorurteil  seine
Schlingen  legt.  Was  nun  für  den  rückschauenden  Blick  bedingte  Geltung
hat,  dieser  mittelbare  Bezug  einer  gegebenen  Erörterung  auf  einen  der
Eingeborenen  Fachausdrücke,  wird  hier  schlankweg  in  die  eigene  Sache
dieser  Erörterung  hineinverlegt.
Ein  Vorurteil  mit  dem  gleichen  Erfolg  der  Täuschung  sucht  unser
Denken  von  einer  anderen  Seite  her  zu  umgarnen.  Hier  spielt  ein
Verhältnis  ein,  das  ich  schon  früher  nebenher  erwähnte.  Der  Laie  in
nationalökonomischen  Angelegenheiten,  dem  man  die  Eingeborenen
Fachausdrücke  in  geschlossener  Reihe  vorhält,  würde  sie  für  eine  Aufzählung ­
  von  wirklichen  Dingen  hinnehmen,  mit  denen  ihn  das  tägliche
Leben  in  stete  Berührung  bringt.  Von  ungefähr  wird  es  hier  fühlbar,
wie  nahe  sich  Nationalökonomie  und  tägliches  Leben  stehen.  Für  den
Augenblick  wäre  aber  nur  der  Vorstellung  Gehör  zu  schenken,  daß
an  der  Wurzel  der  Nationalökonomie  dann  Erwägungen
stehen  dürften,  die  gleichsam  das  alltägliche  Denken
ins  Wissenschaftliche  fortsetzen.  Erwägungen  also,  wie  das
tägliche  Leben  sie  schon  um  seiner  selbst  willen  pflegen  mag.  Für
solche  Erwägungen,  und  somit  für  die  Anfänge  der  Nationalökonomie
müßte  dann  aber,  so  könnte  man  schließen,  jener  laienhafte  Eindruck
maßgebend  sein.  Danach  aber  hätte  die  Nationalökonomie  also  mit  Erörterungen ­
  über  „die  Wirtschaft“,  „den  Wert“,  „das  Gut“  und  ähnlich
eingesetzt.  Das  widerspräche  aber  doch  einer  harmlosen  Verwendung
*)  Vgl.  hingegen  Schmoller,  Grundriß  der  Volkswirtschaftslehre,  I.  Bd.,  1900,
im  besonderen  S.  124,  Schluß  der  Einleitung.
        <pb n="152" />
        126

.Die  Herrschaft  des  Wortes“,

jener  Worte,  sobald  sie  von  Haus  aus  die  Stichworte  nationalökonomischer
Erörterung  bedeuten!
Von  dem  Eindrücke  aus,  daß  mit  den  Eingeborenen  Fachausdrücken
schlecht  und  recht  wirkliche  Dinge  hergezählt  seien,  wäre  zweifellos  nur
Ein  Schritt  dazu,  dem  Wirklichen  auf  die  Spur  zu  gehen,  das  von  jenen
Worten  vertreten  scheint.  Aber  verkennen  wir  die  Bedingungen
nicht,  an  denen  dieser  Eindruck  hängt.  Es  kommt  hierfür  in  Betracht,
daß  jene  Worte  aus  dem  grünen  Leben  stammen.  Dort  werden  sie
überaus  oft  verwendet,  und  stets  im  blindesten  und  unerschüttertsten
Vertrauen  darauf,  daß  sich  die  Sprechenden  bei  diesen  Worten  richtig
verstehen.  Mit  ihrer  und  ihresgleichen  Hilfe  finden  wir  uns  in  der
Wirklichkeit  zurecht,  die  uns  alltäglich  umgibt.  Dieser  Dienst  nun  und
jenes  Vertrauen,  sie  erklären  zusammen  den  Eindruck,  den  jedermann
empfangen  muß,  dem  jene  Worte  ein  erstes  Mal  vorgehalten  werden,
unvermittelt  herausgehoben  aus  der  verwimmelnden  Menge  aller  Worte,
aus  dem  Dunkel  der  Sprache.
So  hängt  jener  Eindruck  an  zwei  Bedingungen.  Erstens  an  der
Gewohnheit,  diese  Worte  in  der  vollsten  Harmlosigkeit  zu  gebrauchen;
so  harmlos,  wie  eben  nur  das  außerwissenschaftliche  Denken  mit  seinen
Worten  umgeht;  selbst  mit  jenen,  von  denen  es  den  unablässigsten
Gebrauch  macht,  die  für  gewisse  seiner  Bezirke  gleichsam  seine  Leibworte ­
  sind.  Zweite  Bedingung  ist  aber  das  Vorhalten  jener  Worte.
Jener  Eindruck  kann  also  offenbar  nur  dort  praktisch  werden,  wo
Nationalökonom  und  Laie  aufeinanderstoßen.  Der  Eine  als  der  Träger
jener  Gewohnheit;  der  Andere  wieder  in  der  Lage,  diese  Worte  im
Zusammenhang  vorzuhalten.  Wie  könnte  aber  ein  Eindruck  maßgebend ­
  für  die  Anfänge  der  Nationalökonomie  sein,  der  nur  auf  der
Grundlage  ihrer  späteren  Entwicklung  entstehen  kann  1  Denn  was
bringt  den  Nationalökonomen  in  jene  Lage?  Doch  nur  die  ganze
Entwicklung  des  nationalökonomischen  Denkens,  wie  sie  inzwischen
sich  vollzogen  hat.  So,  wie  es  nach  seiner  allgemeinen  Möglichkeit
schon  verfochten  wurde,  muß  sich  der  Zusammenhalt  unter  jenen
Worten  bereits  zur  Geltung  gebracht  haben,  die  Nationalökonomie
muß  ihre  Eingeborenen  Fachausdrücke  schon  duldend  entdeckt  haben:
dann  erst  wird  jenes  Vorhalten  dieser  Worte  möglich,  an  dem  der
fragliche  Eindruck  hängt.  Man  sieht,  hier  ist  Grund  und  Folge  schon
gar  verwechselt.
Anmerkung.  Diese  Ausführungen  kämpfen  wirklich  nicht  gegen
Windmühlen.  Es  war  einem  Vorurteil  zu  wehren,  dessen  Natur  auch  schon
erkennen  läßt,  weshalb  unser  Denken  just  gegen  dieses  Vorurteil  so  wenig
        <pb n="153" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VII.

12  7

stichfest  ist.  Das  letztere  schließt  ja  als  unbewußten  Kern  in  sich,  daß  der
Laie  sozusagen  von  Natur  aus  nationalökonomisch  denke.  Nun,  wenn  auch
eine  Sonderung  in  der  einen  Richtung  unbedingt  gilt,  so  erscheint  der  Verstoß
gegen  sie  doch  verzeihlicher,  sobald  die  nämliche  Sonderung  in  der  anderen
Richtung  nur  bedingte  Geltung  hat.  Es  ist  aber  so,  daß  der  Nationalökonom ­
  nie  ganz  aufhören  kann,  laienhaft  zu  denken,  wo
immer  die  vielberufenen  Worte  aufs  Tapet  kommen.  Eben
weil  es  die  Leibworte  eines  bestimmten  Bezirkes  der  Alltäglichkeit  sind,  und
auch  der  Nationalökonom  nun  einmal  Fachmann  dieses  täglichen  Lebens
bleibt.  Er  kann  nicht  aus  seiner  Haut  heraus,  und  das  ist  die  nämliche
Haut,  die  er  im  Alltagsleben  zu  Markte  tragen  muß.  So  kommt  jene
Personalunion  zweierlei  Denkens  zur  Geltung,  die  für  diese  ganzen
Verhältnisse  von  der  höchsten  Tragweite  ist.  Über  die  gleichen  Worte  hinüber, ­
  deren  Gebrauch  zu  einem  äußerlichen  Bande  zwischen  hüben  und  drüben
wird,  wirbeln  da  zwei  ganz  verschiedene  Denkweisen  ineinander.  Hüben
das  wissenschaftliche  Denken,  wie  es  sich  mit  der  Entwicklung  der  Nationalökonomie ­
  zu  sich  selber  erzogen  hat;  drüben  das  außerwissenschaftliche
Denken,  wie  es  im  täglichen  Handeln  urwüchsig  lebt  und  webt.
Es  ist  nicht  immer  möglich,  bei  einem  Tatbestand,  der  selber  eitel
Verwicklung  ist,  der  verschlungenen  Spur  seiner  Folgen  nachzugehen.  Aber
wenn  sich  der  Zusammenhang  auch  nicht  überall  klären  läßt,  so  ist  doch
kein  Zweifel,  daß  von  dem  Seltsamen,  auf  das  die  Kritik  noch  stoßen  wird,
vieles  auf  die  Rechnung  jener  merkwürdigen  Verwicklung  kommt.  Die
letztere,  und  wenigstens  in  solchem  Grade,  kehrt  bei  keiner  anderen  Erfahrungswissenschaft ­
  wieder  So  können  auch  Zustände,  die  vielleicht  in  den  meisten
anderen  Wissenschaften  nicht  anders  liegen,  für  die  Nationalökonomie  doch
von  einem  ausnehmenden  Belang  sein.  Das  wird  sich  in  späterer  Folge
uoch  besser  übersehen  lassen.  Aber  ein  Streiflicht  voraus,  nur  in  einer
einzelnen  Hinsicht,  wird  der  Sache  recht  gut  bekommen.
Den  Nationalökonomen  bringt  freilich  nur  sein  fachliches  Denken
dazu,  daß  er  die  vielberufenen  Worte  vor  sich  sieht;  das  will  sagen,  ausgelöst
aus  den  sprachlichen  Zusammenhängen,  hinter  denen  sie  sonst  verborgen
bleiben.  Dem  außerwissenschaftlichen  Denken  fiele  es  ja  gewiß
nicht  bei,  unter  den  Ausdrücken,  die  ihm  dienstbar  werden,  zu  sichten  und
zu  ordnen.  Allein,  einmal  Auge  in  Auge  mit  ihnen,  überkommt  insgeheim
auch  den  Nationalökonomen  der  laienhafte  Eindruck,  der  von  diesen  Worten
so  wuchtig  ausgeht.  Was  es  aber  besagen  kann,  daß  uns  allen  der  Laie
im  Nacken  sitzt,  sobald  nur  eines  jener  Worte  auftaucht,  das  will  ich  nun,
halb  im  Vorgriff  nach  späteren  Ergebnissen,  an  einer  wichtigen  Angelegenheit
verdeutlichen.
Es  handelt  sich  um  die  Entwicklung,  die  den  Eingeborenen  Fach ­
        <pb n="154" />
        128

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

ausdruck  zu  einem  richtigen  Leitwort  der  Forschung  werden  läßt;
das  tritt  von  Wort  zu  Wort  in  sehr  verschiedenem  Grade  ein,  bei  einzelnen
Worten  aber  in  einem  sehr  hohen.  In  Gang  gebracht  wird  diese  Entwicklung
sicher  nicht  durch  jenen  laienhaften  Eindruck;  das  hieße  ja  nur  in  den  oben
zergliederten  Denkfehler  verfallen.  Es  kann  diese  Entwicklung  nur  mit  jenem
Gebaren  des  wissenschaftlichen  Denkens  anheben,  aus  dem  ich  später  dann
erklären  will,  wie  diese  Worte  aus  dem  Dunkel  der  Sprache  hervortreten.
Dieses  Gebaren  trägt  aber  den  steigenden  Anreiz  zu  seiner  Wiederholung  in
sich,  und  dadurch  nährt  es  auch  jene  Entwicklung.  Um  es  kurz  und  unverblümt ­
  zu  sagen:  Definitionen  und  kein  Ende!  So  bildet  sich  die  „Lehre“
heraus,  hier  im  engeren  Sinne  gemeint.  Ihre  Pflege,  die  mit  den  Definitionen
anhebt,  findet  schließlich  an  dem  bloßen  Definieren  kein  Genüge  mehr;  unter
begleitenden  und  mithelfenden  Umständen,  die  aber  hier  nichts  zur  Sache
tun,  reihen  sich  in  der  weiteren  Folge  die  „Theorien“  an.  Mittlerweile  tritt
nun  das  ein,  worauf  ich  hier  den  Nachdruck  lege.  Dank  seiner  fortwährenden
Reibung  mit  dem  wissenschaftlichen  Denken,  das  immer  nachsinnlicher  über
diesem  Worte  verweilt,  rückt  das  letztere  in  immer  helleres  Licht;  nebenbei
gesagt,  muß  sich  zugleich  die  Vorstellung,  daß  auch  dieses  Wort  einst  im
Dunkel  der  Sprache  verborgen  lag,  unserem  Denken  mehr  und  mehr  entfremden. ­
  Je  heller  beleuchtet,  je  deutlicher  uns  aber  das  Wort  vor  Augen
tritt,  desto  zugänglicher  werden  wir  jenem  laienhaften  Eindruck.  Überdies
hat  die  Art,  in  der  nun  einmal  definiert  wird,  schließlich  den  Erfolg,  daß
uns  ein  bestimmtes  Wort  auch  schon  für  einen  bestimmten  Gegenstand ­
  gut  wird;  der  als  der  Eine  und  nämliche  nach  seiner  Erledigung
verlangt,  und  dadurch  eben  nach  den  Definitionen  erst  die  „Theorien“
herausfordert,  unter  mancherlei  helfenden  Umständen.  Dies  aber  klingt  immer
schöner  mit  jenem  laienhaften  Eindruck  zusammen.  Wir  machen  es  uns
freilich  nicht  klar,  aber  nur  um  so  tiefer  empfinden  wir  es  als  recht  und  billig,
daß  mit  diesem  Kometenschweif  von  Definitionen  und  „Theorien“,  den  das
Wort  schließlich  nachschleppt,  daß  mit  dieser  ganzen  „Lehre“  das  wissenschaftliche ­
  Denken  jenem  Wirklichen  seinen  schuldigen  Tribut
zollt,  das  nun  einmal  durch  dieses  Wort  sprachlich  vertreten  ist;  dafür  ist
uns  die  Alltäglichkeit  Zeuge,  die  es  ja  wissen  mußl
So  ungefähr  helfen  sich  bei  der  Behandlung  jener  Worte  der  Nationalökonom ­
  und  der  Laie  in  uns  gegenseitig  aus.  Was  der  Laie  empfindet,  es
bekräftigt  das  Streben  des  Nationalökonomen.  Das  verhilft  zu  innerlichem
Einklang,  und  verleiht  uns  jene  glückliche  Ruhe,  die  wir  dann  selbst  über
Zuständen  nicht  verlieren,  die  außer  der  Nationalökonomie  wohl  keine  zweite
Erfahrungswissenschaft  aufweist 1 ).

*)  Vgl.  die  Einleitung  meiner  oben  erwähnten  Schrift.
        <pb n="155" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VII.

129

Noch  etwas  sei  hier  beiseite  gesagt.  Der  Einklang  zwischen  Denken
und  Gefühl,  wie  er  allem  herkömmlichen  Verhalten  gegenüber  jenen  Worten
innewohnt,  wird  natürlich  auch  zu  einem  versteckten  Hindernis  für  diese  Art
Kritik  hier.  Die  letztere  stößt  nicht  einfach  gegen  das  Herkommen  an.  Es
widerstrebt  besonders  noch  jenem  laienhaften  Denken  in  uns,  das  an  seine
Worte  und  ihren  Ernst  blindlings  glaubt,  wenn  sich  kritische  Zweifel  an
diesen  Worten  vergreifen  wollen.  So  ist  es  im  voraus  klar,  daß  sich  dieser
„Schuß“  Laiendenken  erst  recht  gegen  die  Erwägungen  sträuben  muß,  denen
diese  Kritik  später  nachgehen  wird.  Von  der  Art  etwa,  ob  wir  das  Verhältnis ­
  jener  Worte  zu  unserem  Denken  nicht  doch  in  irgendeinem  wesentlichen ­
  Sinne  verkennen;  indem  wir  vielleicht  den  vielseitigen  Mittler  für  die
einschichtige  Sache  nehmen  usw.  Und  nun  erst  die  Vorstellung,  die  aus
solchen  Bedenken  emporwächst,  daß  jene  „Lehren“  —  in  engerem  Sinne  —
vielleicht  nichts  anderes  seien,  als  wildes  Fleisch,  wuchernd  aus  stets  von
neuem  gereizten  Wunden  —  Wunden,  die  unserem  Denken  der  Druck  der
Worte  erzeugt,  von  denen  es  nicht  loszukommen  weiß,  und  doch  loskommen
muß,  aus  vielen  guten  Gründen  1  Lauter  Dinge,  die  nicht  einfach  den  herkömmlichen ­
  Anschauungen  abzutrotzen  sind,  die  ihren  härtesten  Strauß  mit
den  Vorurteilen  zu  bestehen  haben,  wie  sie  jener  Personalunion  zweierlei
Denkens  entspringen.
Es  kommt  also  nur  auf  ein  wenig  Besonnenheit  im  Denken  an,
und  nichts  kann  natürlicher  erscheinen,  als  daß  ursprünglich  auch  jene
Worte  eine  harmlose  Verwendung  gefunden  haben,  denen  gegenüber
unser  Denken  inzwischen  alle  Unbefangenheit  eingebüßt  hat.  Rechnet
naan  also  nach  dem  Schicksal  der  vielberufenen  Worte,  dann  darf  man
von  einem  Urzustände  der  nationalökonomischen  Erörterung
sprechen,  bei  dem  jene  Worte  noch  im  Dunkel  der  Sprache  verborgen
lagen.  Wie  lange  dieser  Urzustand  gewährt  hat,  ist  völlig  gleichgültig. ­
  Jedenfalls  war  damals  das  nationalökonomische  Denken  noch
zu  sehr  von  seinem  Stoffe  beherrscht,  um  sein  eigenes  Gebaren  und
dessen  äußere  Bedingungen  in  acht  zu  nehmen.  An  Stoff  hat  es
sicher  nicht  gemangelt,  weil  eben  die  Nationalökonomie  bestimmte
Richtungen  des  alltäglichen  Denkens  fortsetzt.  Stoff  waren  also  die
mancherlei  Angelegenheiten,  die  schon  die  Alltäglichkeit  mit  Hilfe
jener  Worte  erörtert,  unter  dem  gleichen  Zwange  ihrer  vergleichsweisen ­
  Vielverwendung,  ohne  sich  weiter  darum  zu  kümmern.  Jene
Angelegenheiten  blieben  natürlich  auch  dann  noch  Antrieb  und  Gegenstand ­
  nationalökonomischer  Erörterungen,  nachdem  das  Denken  dabei
längst  schon  seine  Harmlosigkeit  im  Gebrauche  jener  Worte  verloren
hatte.  Es  ist  auch  ohne  weiteres  klar,  daß  viel,  sehr  viel  im  engeren
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  9
        <pb n="156" />
        130

f Die  Herrschaft  des  Wortes“,

oder  weiteren  Anschluß  an  die  Alltäglichkeit  erörtert  werden  mußte,
ehe  die  Worte,  denen  sich  zuerst  nur  nebenher,  nur  im  Dienste  dieser
Erörterungen,  die  Aufmerksamkeit  zu  wendete,  ehe  diese  Worte  selber
zum  Anlasse  selbständiger  Erörterungen  genommen  wurden.  So  ist  es
auch  bezeichnend,  viel  zu  bezeichnend,  um  es  unerwähnt  zu  lassen,
daß  selbst  noch  der  alte  Lotz  bei  seiner  vorbildlichen  „Revision  der
Grundbegriffe“  von  einer  Erörterung  der  Teuerung  ausgegangen  ist,
und  daraus  erst  den  Anlaß  nahm,  im  buchstäblichen  Sinne  über  „den
Wert“  oder  „den  Preis“  zu  handeln.
Soweit  es  auf  das  alltägliche  Denken  ankäme,  das  zugleich  jenes
der  Sprache  und  somit  das  Denken  vorstellt,  mit  dem  jene  Worte,
gleich  allen  übrigen,  grün  aufgewachsen  sind,  wären  auch  diese  Worte
nie  aus  den  sprachlichen  Zusammenhängen  ausgelöst  worden;  geschweige ­
  daß  es  zu  ihrem  wirklichen  Beisammen,  zu  ihrer  Aufzählung
gekommen  wäre.  Dazu  mußte  der  Zwang,  diese  Worte  vergleichsweise
viel  zu  verwenden,  von  gewissen  alltäglichen  Erörterungen,  für  die  er
gilt,  in  jene  wissenschaftlichen  Erörterungen  übernommen  werden,  die
sich  an  die  ersteren  anschließen.  Dann  erst  hat  es  ja  Sinn,  von  Eingeborenen ­
  Fachausdrücken  zu  sprechen;  und  dazu,  so  kann  man  es
ausdrücken,  mußten  jene  Worte  erst  werden,  ehe  der  Vorgang  ins
Rollen  kam,  der  hier  zu  erörtern  ist,  und  auf  den  die  Frage  abzielt:
Wie  sind  jene  Worte  aus  dem  Dunkel  der  Sprache  hervorgetreten  f
Zwei  Fälle  scheinen  hier  denkbar.  Diese  Worte  können  einzeln
und  allmählich  die  Aufmerksamkeit  des  Denkens  auf  sich  gezogen
haben;  oder  sie  sind  alle  zusammen,  und  dann  mit  Einem  Schlage
aus  ihrer  sprachlichen  Verborgenheit  gerissen  worden.  Aber  dieser
zweite  Fall  muß  sich  bei  näherem  Zusehen  als  undenkbar  heraussteilen ­
  ;  dafür  bürgt  —  oder  damit  steht  und  fällt,  wie  man  es  nehmen
will  —  die  grundsätzliche  Erwägung,  die  ich  vorausgeschickt  habe.
Darauf  gehe  ich  nun  etwas  näher  ein.
Es  ist  ja  inzwischen  das  Herkömmliche  geworden,  die  Aufzählung
jener  Worte  mit  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  zu  verknüpfen.  Also
könnten  diese  Worte,  alle  zugleich,  durch  nichts  anderes  über  die
Schwelle  des  nationalökonomischen  Denkens  gehoben  worden  sein,  als
durch  die  Frage  nach  den  „Grundbegriffen“  I  Gleichgültig  nun,  in
welcher  Sinnesmeinung  diese  Frage  den  Anstoß  geben  soll,  es  käme
jedesmal  eine  Verspreizung  mit  jener  früheren  Erkenntnis  heraus.
Wenn  diese  Sinnesmeinung  noch  so  oberflächlich  angenommen  wird,
so  liegt  doch  mit  jener  Frage  ein  tätiger  Eingriff  des  wissenschaftlichen ­
  Denkens  vor,  und  schon  das  ergäbe  einen  Widerspruch.  Aber
jene  Frage  kann  auch  so  angenommen  werden,  daß  sie  von  einem
        <pb n="157" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VII.

131

sehr  tiefen  Sinn  wäre,  und  den  innersten  Kern  des  Sachverhaltes  berührte, ­
  dem  die  Eingeborenen  Fachausdrücke  nur  die  Schale  sind.
Eine  Annahme,  die  schon  gar  nicht  denkbar  sein  darf,  oder  es  ist
mit  dem  zwingenden  Nachweis  vorbei,  daß  sich  die  vielberufenen
Worte  eben  nur  als  Worte,  und  rein  nur  um  eines  Verhältnisses  der
bloßen  Worte  halber,  zu  jener  Aufzählung  zusammengefunden  haben.
In  der  Tat  schließt  jener  zweite  Fall  einen  inneren  Widerspruch
in  sich,  und  scheidet  daher  vom  Platze  weg  aus.  Der  Ausdruck  „Grundbegriffe“ ­
  konnte  natürlich  schon  verfügbar  sein,  ehe  der  Kreis  der
Wissenschaften  um  jene  bereichert  war,  die  mit  der  Zeit  besonders
gern  „Nationalökonomie“  genannt  worden  ist.  Aber  die  entscheidende
Frage  kommt  hier  doch  nur  so  in  Anschlag,  daß  sie  nach  den  „nationalökonomischen
  Grundbegriffen“  ausgeht;  oder,  weil  es  nicht
auf  den  Namen  „Nationalökonomie“  ankommt,  nach  den  „Grundbegriffen“ ­
  jener  Wissenschaft,  die  inzwischen  für  diesen  Namen  besondere
Vorliebe  gezeigt  hat;  bei  dem  letzteren  sei  hier  nur  der  Einfachheit
halber  geblieben.  Ehe  man  nach  ihren  „Grundbegriffen“  fragen  kann,
muß  man  doch  von  der  Nationalökonomie  reden  können.  Das  heißt,
es  genügt  dafür  nicht,  daß  wissenschaftliche  Erörterungen  vorhanden
sind,  welche  die  nationalökonomische  Eigenart  an  sich  tragen  —  irgendwie ­
  verstreut,  ob  nun  in  den  Bezirken  älterer  Wissenschaften,  oder  frei
und  einsam  aus  den  Erörterungen  der  Alltäglichkeit  emporgewachsen.
Es  genügt  also  nicht,  daß  die  Nationalökonomie  erst  dem  Tatbestand
nach  vorhanden  war,  wie  er  sich  nur  dem  rückschauenden  Blick  offenbart. ­
  Vielmehr  muß  diese  Wissenschaft,  um  nach  ihren  „Grundbegriffen“ ­
  fragen  zu  können,  doch  schon  zum  Bewußtseinihrer  selbst
gekommen  sein!  Hieraus  aber  verrät  sich  nun  der  Widersinn,  die  Undenkbarkeit
  jenes  zweiten  Falles;  das  ist  leicht  zu  zeigen.
Zufällig  mußte  ich  es  schon  früher  andeuten,  wie  das  wissenschaftliche ­
  Denken  mindestens  einen  Anfang  darin  gemacht  hat,  von  den
vielberufenen  Worten  Notiz  zu  nehmen,  ehe  die  Nationalökonomie  ihrer
selbst  bewußt  wurde.  Auch  daran  sei  erinnert,  daß  sich  diese  Wissenschaft ­
  heute  noch,  ob  nun  mehr  oder  minder  verhüllt,  für  ihre  Eigenart
auf  ein  Schlüsselwort  berufen  muß,  das  auch  nur  dem  Kreise
jener  Worte  entnommen  ist.  Man  halte  sich  endlich  vor,  daß  wir
gleichfalls  bis  zum  heutigen  Tage,  weil  der  Widerstreit  unter  den
Definitionen  der  Schlüsselworte  keinen  anderen  Ausweg  offen  läßt,  die
nationalökonomische  Erörterung  schlecht  und  recht  an  ihren  Eingeborenen ­
  Fachausdrücken  erkennen.  Dies  Alles  spricht  für  das  durchaus
Unwirkliche  und  Widersinnige  einer  solchen  Annahme,  daß  einst  die
zerstreuten  Erörterungen,  die  unbewußt  die  nationalökonomische  Eigen-9*
        <pb n="158" />
        132

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

art  schon  an  sich  trugen,  zu  einheitlichem  Gefüge,  und  damit  zur  Erkenntnis ­
  ihrer  einheitlichen  Eigenart  gekommen  sind;  daß  es  also  möglich ­
  wurde,  von  einer  Wissenschaft  der  Nationalökonomie  zu  sprechen,
trotzdem  jene  Worte  immer  noch  der  Aufmerksamkeit  entgangen  wären.
Somit  ist  jene  Frage  überhaupt  erst  durch  die  nämlichen  Vorgänge
möglich  geworden,  zu  denen  sie  den  Anstoß  geben  soll  —  im  Geiste
jenes  zweiten  Falles,  der  sich  damit  als  undenkbar  erweist.
Anmerkung.  Es  liegt  nahe,  daß  die  Frage  nach  den  „Grundbegriffen“ ­
  erst  dann  wirklich  aufgeworfen  wird,  sobald  der  Ausdruck  „Grundbegriffe“ ­
  schon  als  eine  Bezeichnung  in  Gebrauch  genommen  wird,  im  bald
erörterten  Sinne.  Es  ist  dann  Erfolg  dieser  Frage,  daß  sich  die  Aufzählung
des  als  „Grundbegriffe“  Bezeichneten  abrundet,  und  so  die  Entwicklung  zu
einem  gewissen  Abschluß  kommt,  die  schon  vorher  anheben  mußte,  ehe  sich
ein  Anlaß  ergeben  konnte,  von  „Grundbegriffen“  überhaupt  zu  sprechen.
Das  Aufwachsen  der  Nationalökonomie  stellt  sich  hier  im  Spiegel  des
Schicksals  jener  Worte  dar.  Das  Zusammenkommen  dieser  Worte,  der  Vollzug ­
  ihrer  Aufzählung,  von  dem  zu  zeigen  sein  wird,  wie  er  die  Bezeichnung
„Grundbegriffe“  herausfordert,  das  entspricht  ungefähr  dem  Bewußtwerden
der  Nationalökonomie,  als  Sonderwissenschaft.  Der  bedingende  Vorgang  aber,
das  Heraustreten  jener  Worte  aus  dem  Dunkel  der  Sprache,  spielt  sich  in
der  Hauptsache  schon  vorher  ab;  zu  einer  Zeit,  als  die  Nationalökonomie
nur  der  Tatsache  nach,  also  nur  für  den  rückschauenden  Blick  in  Dasein
steht,  gleichsam  also  in  der  Vorvergangenheit  dieser  Wissenschaft.
An  den  letzteren  Umstand  könnte  sich  die  Einrede  klammern:  Also  hat
es  für  die  Nationalökonomie  selber  doch  nie  gegolten,  daß  sie  die  vielberufenen ­
  Worte  harmlos  verwende!  Sofern  man  unter  Nationalökonomie
nur  das  verstehen  will,  was  sich  selber  so  oder  doch  ähnlich  zu  nennen
weiß,  hat  man  allerdings  mit  dieser  Auffassung  recht.  Aber  die  letztere
steht  sachlich  auf  schwachen  Füßen,  wo  es  sich  um  eine  Wissenschaft  handelt,
von  einer  so  markigen  Sonderheit,  gleich  der  Nationalökonomie;  sei  es  auch,
daß  wir  diese  Sonderheit  mehr  als  das  einmal  Gegebene  hinnehmen,  mehr
empfinden,  und  uns  für  ihren  Teil  mehr  an  äußerliche  Kennzeichen  halten
müssen,  als  daß  wir  uns  über  ihren  inneren  Grund  klar  und  einig  wären.
Das  besagt  ja  nur  einen  Mangel  an  Reife,  an  errungener  Selbstbesonnenheit,
der  bei  einer  jungen  Wissenschaft  nichts  Verwunderliches  an  sich  hat,  sondern
einfach  entwicklungsnotwendig  ist.  Jedenfalls  gilt  für  eine  Wissenschaft  von
so  bewährter  Selbständigkeit,  daß  sie  nicht  erfunden  und  nicht  entdeckt
wird,  vielmehr  sich  selber  findet,  das  will  eben  sagen,  zum  Bewußtsein  ihrer
selber  gelangt!  Dort  also,  wo  die  ersten  „Systeme“  dieser  Wissenschaft
stehen,  da  fängt  die  letztere  nicht  an,  es  schlägt  nur  ihre  unbewußte  Pflege
        <pb n="159" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VII.

133

in  ihre  bewußte  um;  das  aber,  was  sich  von  da  ab  so  und  so  zu  nennen
weiß,  war  auch  vorher  schon  vorhanden.  Soweit  die  sachliche  Verwahrung
gegen  jene  Einrede.  Im  übrigen  besagt  sie  einen  Streit  um  des  Kaisers
Bart.  Denn  im  Wesen  handelt  es  sich  hier  nur  um  den  Hergang,  wie  jene
Worte  überhaupt  aus  dem  Dunkel  der  Sprache  hervortreten.  Dieser  Hergang
aber  bleibt  derselbe,  ob  man  dort,  wo  er  sich  abspielt,  auch  schon  Nationalökonomie ­
  vorhanden  sieht,  oder  bloß  wissenschaftliche  Erörterungen,  die  zur
Nationalökonomie  erst  hinleiten.
Gleiches  gilt  für  einen  anderen  Einwand,  der  seinen  Widerspruch  gleichsam ­
  um  einen  Schritt  weiter  zurück  einstemmt:  Zugegeben,  daß  die  Nationalökonomie ­
  schon  dort  beginnt,  wo  immer  sich  bestimmte  Erwägungen  der
Alltäglichkeit  ins  Wissenschaftliche  fortsetzen;  darf  man  aber  von  einer
wissenschaftlichen,  hier  also  von  einer  nationalökonomischen  Erörterung  reden,
solange  noch  Worte  harmlos  verwendet  werden,  die  für  Erwägungen  dieser
bestimmten  Art  nun  einmal  eine  ausnehmende  Rolle  spielen?  Danach  hätte
für  die  Nationalökonomie  auch  in  jenem  weiteren  Spielraum  nicht  gegolten,
daß  sie  ursprünglich  jener  Worte  nicht  geachtet  hat.  An  die  Sache  reicht
dieser  Einwand  ebensowenig  heran  wie  der  frühere.  Für  den  fraglichen
Hergang  ist  es  einmal  gleichgültig,  wo  immer  man  den  Strich  ziehen  will,
um  zu  sagen,  erst  von  hier  an  fängt  die  Nationalökonomie  an.  Für  seinen
eigenen  Teil  aber  ist  dieser  Einwand  noch  viel  fragwürdiger  als  der  frühere.
Darüber  ein  paar  Worte.  Auch  dieser  Einwand  stört  zwar  meine  Kreise
nicht,  aber  er  nährt  Anschauungen,  die  nicht  unwiderlegt  bleiben  dürfen.
Wenn  es  sich  eben  noch  um  Dinge  handeln  würde,  die  unser  Denken
mit  sich  allein  auszumachen  hat;  hier  aber  steht  das  Denken  irgendwie  der
Erfahrung  gegenüber!  Hier  bietet  sich  also  noch  mancher  Anhalt  dafür,
ob  man  von  einer  Übung  wissenschaftlichen  Denkens  sprechen  darf;
nicht  bloß  die  Art,  wie  unser  Denken  von  den  Worten  Gebrauch  macht,  an
deren  Hilfe  es  gebunden  erscheint.  Unter  mehreren  Wägegründen  nur  den
einen  allein  entscheiden  zu  lassen,  das  ist  offenbar  Willkür;  eine  Willkür,
die  bei  der  Nationalökonomie  besonders  hart  einschneiden  würde,  weil  diese
Wissenschaft  dem  Leben  und  seinem  Denken  so  nahe  steht,  und  besonders
oft  eine  Entscheidung  treffen  muß  darüber,  was  sie  noch  als  eigene  Beisteuer
anerkennen,  oder  von  sich  abschütteln  soll.  Vielleicht  sind  die  Forscher
nie  ausgestorben,  und  jedenfalls  mehren  sie  sich,  die  jene  Worte,  ob  nun
mit  mehr  oder  weniger  Absicht,  harmlos  verwenden;  sie  könnten  sehr  gute
Gründe  dafür  haben,  wären  aber  unter  jenem  Gesichtspunkte  als  lauter  Bönhasen
  anzusehen.
So  bleibt,  über  alle  Wenn  und  Aber  hinaus,  wirklich  nur  jener
erste  Fall  zurück,  für  den  sich  die  grundsätzliche  Erörterung  auf  den
        <pb n="160" />
        134

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

ersten  Zugriff  entschieden  hatte.  Die  vielberufenen  Worte
lenken  die  Aufmerksamkeit  des  wissenschaftlichen
Denkens  schon  als  bloße  Worte  auf  sich,  kraft  ihrer
Eigenschaft  als  die  Eingeborenen  Fachausdrücke  der
Nationalökonomie,  und  so  treten  sie  einzeln  und  allmählich ­
  aus  dem  Dunkel  der  Sprache  hervor,  und
drängen  nach  ihrer  Aufzählung.  Der  Hergang  dabei  ist
schon  im  voraus  erläutert  worden,  und  seither  ließ  sich  mancher  ergänzende ­
  Zug  nachtragen.  Es  erübrigt  nur  mehr,  die  Sinnesmeinung ­
  zu  erwägen,  in  der  dieser  Vorgang  zur  Tatsache  wird.

VIII.
Mit  jener  Sinnesmeinung  steht  die  Art  und  Weise  in  Frage,  wie
das  nationalökonomische  Denken  von  den  Eingeborenen  Fachausdrücken
Notiz  genommen  hat.  Darüber  entscheidet  aber  eine  Eigenheit  des
wissenschaftlichen  Sprachgebrauchs;  genauer  gesagt,  etwas,  das  igh
hier  in  jener  Form  aufzeige,  in  der  sich  alle  Angelegenheiten  unseres
Denkens  an  letzter  Stelle  zur  Geltung  bringen:  als  eine  Sache  des
wörtlichen  Ausdrucks  1  Denn  schon  unter  dieser  Einschränkung  wird
es  klar,  weshalb  allein  nur  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  vom
Herkommen  getragen  wird,  und  sich  zähe  neben  den  anderen  behauptet ­
  —  „Grunderscheinungen“,  „Grundtatsachen“  —  die  erst  im
Widerspruch  gegen  sie  aufgekommen  sind.  Es  wird  sich  eben  zeigen,
wie  die  Worte,  die  in  der  angedeuteten  Weise  dem  wissenschaftlichen
Denken  sich  aufdrängen,  notwendig  dieser  Bezeichnung  in  die  Arme
laufen.
Jene  Eigenheit  des  wissenschaftlichen  Sprachgebrauchs  wird  als
solche  freilich  nicht  empfunden;  eher  als  das  ganz  und  gar  Natürliche.
So  tief  wurzelt  der  Brauch,  überall  dort  von  einem  „Begriffe“
zu  reden,  wo  immer  das  wissenschaftliche  Denken
Anlaß  findet,  ein  Wort  aus  seinen  sprachlichen  Zusammenhängen ­
  auszulösen,  um  nachsinnlich  über  ihm
zu  verweilen.
Für  die  laufende  Erwägung  kommt  diese  Sprachsitte  nur  in  ihrer
nackten  Tatsächlichkeit  in  Anschlag,  ohne  Rücksicht  auf  ihren  tieferen
Gehalt.  Trotzdem  empfiehlt  sich  der  Hinweis,  daß  jener  Brauch
durchaus  nicht  harmlos  ist,  noch  daß  er  sozusagen  in  der  Luft  hinge,
als  eine  zufällige  Laune  der  Sprache.
Die  Dinge  liegen  also  so,  daß  man  ein  vereinzelt  betrachtetes
        <pb n="161" />
        Ober  die  „Grundbegriffe“  VIII.

135

Wort,  zum  Beispiel  „Wirtschaft“,  oder  „Wert“,  gar  nicht  als  solches
würdigt,  sondern  sofort  als  „Begriff“  anspricht  1  Es  sei  denn,  man
ginge  der  sprachlichen  Vergangenheit  dieser  Worte  nach,  ihrem  Lautwandel. ­
  Auf  sprachwissenschaftlichem  Gebiete  gilt  jener  Brauch  überhaupt ­
  nicht.  Es  liegt  nahe,  daß  der  Ausdruck  „Wort“  doch  wenigstens
dort  nicht  zu  kurz  kommt,  wo  er  von  der  Bedeutung  eines  Fachausdruckes ­
  ist.  Das  trifft  auch,  nur  wieder  in  einem  anderen  Geiste,  für
die  wissenschaftliche  Logik  immer  mehr  zu.
Gegenüber  einem  solchen  Lautgebilde,  wie  es  im  Schoße  der
lebenden  Sprache  aufwächst,  zugleich  mit  seinem  einfachen  oder  verwickelteren
  Verhältnisse  zu  unserem  Denken,  da  ist  eben  nur  die  Bezeichnung ­
  „Wort“  die  wirklich  harmlose,  die  in  nichts  vorgreift  und
unverbindlich  bleibt  für  alles  Eingehen  auf  den  näheren  Tatbestand.
Ganz  anders,  sobald  man  sich  jenem  Brauche  hingibt,  und  von  Haus
aus  von  einem  „Begriff  Wirtschaft“,  oder  von  dem  „Begriff  Wert“
spricht.  In  irgendeinem  Sinne  gewiß,  gleichviel  in  welchem,  hat  man
sich  durch  diese  Aussage  schon  dafür  verbunden,  wie  man  über  das
Verhältnis  denken  soll,  das  zwischen  dem  mitausgesagten  Worte  und
unserem  Denken  in  Geltung  steht.  Eine  Voreiligkeit  liegt  da  zweifellos
vor.  Ob  auch  ein  Fehler  in  der  Sache  vorliegt,  das  läßt  sich  nicht
ohne  weiteres  entscheiden,  und  soll  ganz  in  der  Schwebe  bleiben.
Man  darf  auch  nicht  glauben,  daß  ein  solcher  Brauch  harmlos  sei,
und  ohne  Folgen  bleibe,  weil  schon  die  Gewohnheit,  so  zu  reden,
allen  Nachdruck  auf  das  entscheidende  Wort  hintanhält.  An  diesem
Worte  selber,  „Begriff“,  da  hinge  allerdings  nichts;  ob  man  es  dem
anderen,  jenem  Worte,  über  dem  unser  Denken  nachsinnlich  verweilen
will,  voransetzt,  oder  nicht  voransetzt.  Soweit  ist  der  Name  Schall
und  Rauch.  Aber  dem  Worte  folgen  die  Gewohnheiten  unseres
Denkens.  Die  Auffassungen,  die  sich'  ihm  zu  verknüpfen  pflegen,  wo
es  ernst  genommen  wird,  vielleicht  als  Fachausdruck,  diese  Auffassungen
schleppt  es  auch  dorthin  nach,  wo  es  nur  in  der  Hingabe  an  einen
Sprachgebrauch  verwendet  wird.  Was  aber  schwerer  wiegt:  im  gegebenen ­
  Augenblicke  setzen  sich  diese  Auffassungen  in  Tat  uml  Dann
hat  man  gut  von  Schall  und  Rauch  sprechen,  die  Folgen  der  „bloßen
Nennung“  werden  bedenklich  greifbar.
Nur  im  Anstreifen  sei  daran  erinnert,  daß  dem  Ausdruck  „Begriff“
in  alle  seine  Verwendungen  das  Gebot  der  Definition  nachfolgt.
Wo  immer  die  Verhältnisse  bestehen,  die  man  bei  der  Begründung
dieses  Gebotes  im  Auge  hält,  ist  das  letztere  zweifellos  am  Platze.
Wenn  aber  das  auslösende  Wort,  „Begriff“,  blindlings  einschlägt,
in  der  blinden  Hingabe  an  eine  blinde  Sprachsitte  verwendet,  dann
        <pb n="162" />
        ,Dic  Herrschaft  des  Wortes“,

136

kann  ebensogut  das  Rechte  getroffen  werden,  wie  auch  das  Falsche.
Für  die  Worte,  die  trotzdem  zu  ihrer  Definition  verurteilt  werden,
ohne  die  Bezeichnung  zu  verdienen,  die  ihnen  ein  trügerischer  Brauch
an  den  Hals  gehängt  hat,  für  diese  Worte  heißt  es  dann  eben:  „Begreif’
dich,  oder  ich  fress’  dich!“  Warum  soll  es  nicht  Worte  geben,  die
ihrem  besonderen  Verhältnis  zu  unserem  Denken  nach  überhaupt  keiner
Definition  zugänglich  sind;  als  richtige  Wechselbälge  von  Wesen  und
Beruf!  Das  Eine  ist  natürlich  mit  jedem  Worte,  überhaupt  mit  jeder
Lautfolge  möglich,  daß  man  den  Stiel  umkehrt,  und  erst  durch  die
Definition  in  Willkür  einen  Namen  schafft;  wobei  es  noch  fraglich
bleibt,  ob  sich  jedes  Wort  gutwillig  dazu  hergibt,  ob  es  nicht  zwei
Seiten  weiter  der  Willkür  entschlüpft,  und  sich  so  verstehen  läßt,  wie
ihm  der  Schnabel  undefinierlich  gewachsen  ist.  Das  sind  lauter  Dinge,
die  sich  nur  von  Fall  zu  Fall,  von  Wort  zu  Wort  entscheiden  lassen;
man  darf  da  nichts  über  einen  Kamm  scheren,  nichts  im  voraus
wissen  wollen.  Aber  jene  Sprachsitte,  höflich  gesagt,  die  will  beides,
bis  zur  letzten  Neige  I  Und  mit  dieser  Gewohnheit  schleicht  sich  dieses
Vorwissen  so  sehr  in  unser  Denken  ein,  daß  wir  unwillkürlich  jedem
vereinzelten  Worte  gegenüber  etwas  von  dem  empfinden,  was  man
den  Glauben  an  die  alleinseligmachende  Definition
nennen  könnte;  sei  es  auch  das  ungebärdigste  Naturkind  der  Sprache,
dem  hernach  die  Definitionen  auswuchern  wie  die  Hydraköpfe.  Und
schließlich  auch  die  „Theorien“  1  Denn  wie  die  blinde  Nennung  als
„Begriff“  das  Gebot  der  Definition  nach  sich  zieht,  und  dieses  Gebot
ganz  von  selber  das  Streben  nach  der  Einen,  nach  der  Definition  erstehen ­
  läßt,  die  alle  anderen  aus  dem  Felde  schlägt,  so  wächst  aus
diesem  Glauben  an  die  alleinseligmachende  Definition  schließlich  noch
ein  anderer  Glaube  empor,  ganz  unvermeidlich:  Der  Glaube,  daß  jenes
Wort,  über  das  sich  die  erforderlichen  Definitionen  seither  ergossen
hatten,  schlechthin  Eines  sprachlich  vertrete;  etwas  für  jedermann
Nämliches,  das  irgendwie  mehr  sein  muß,  als  jener  Eine  „Begriff“,
den  schon  jedes  Durchschnittswort,  den  überhaupt  jedes  Wort  schon
als  solches  vorstellt  —  unter  Gewähr  des  Sprachgebrauchs!  Dieses
Eine  kann  dann  „Erscheinung“,  und  nur  nebenher,  gegen  das  Wort
hin  betrachtet,  „Begriff“  sein;  oder  vielleicht  „Tatsache“  und  beileibe
kein  „Begriff“;  das  hängt  dann  ganz  am  persönlichen  Geschmack.  Im
ganzen  eine  Entwicklung,  für  die  natürlich  sehr  vieles  noch  mithilft,
und  die  unter  besonderen  Umständen  auch  anders  einsetzen  kann,  die
aber  den  kräftigsten  Nährboden  immer  an  jener  Sprachsitte  findet;  sie
ist  eine  deutsche  —  und  wo  anders  sind  die  „Theorien“  so  üppig  ins
Kraut  geschossen,  wie  in  der  deutschen  Nationalökonomie  1
        <pb n="163" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VIII.

137

Aber  selbst  dieser  Vorstoß,  auch  ihn  vorläufig  nur,  um  das  Bild
abzurunden,  das  ich  in  aller  Eile  von  dem  möglichen  Gehalt  jener
„harmlosen“  Sprachsitte  entwerfen  wollte.  Noch  ein  Wort  über  den
tieferen  Zusammenhang,  dem  sich  diese  Sprachsitte  einflicht.
Mit  dem  Brauche,  das  nachsinnlich  beschaute  Wort  „Begriff“  zu
heißen,  gibt  sich  in  einem  einzelnen,  aber  markigen  Zuge  etwas  nach
außen  kund,  das  ich  als  herkömmliche  Logik  bezeichnen  möchte.
Das  Verhältnis  des  Wortes  zum  Denken  ist  freilich  nur  in  einer  beschränkten ­
  Hinsicht  Gegenstand  der  Logik.  Aber  man  tut  dem  Ausdrucke ­
  „herkömmliche  Logik“  keine  sonderliche  Gewalt  an,  sofern
man  ihm  auch  die  erkenntnistheoretischen  und  psychologischen  Voraussetzungen ­
  unterstellt,  von  denen  das  herkömmliche  Denken  unbewußt
ausgeht.
„Denken  in  herkömmlichen  Anschauungen“  —  wie  diese  Wendung
gemeint  ist,  und  eben  nicht  im  Geiste  eines  Schlagwortes,  das  sofort
auch  ein  anmaßendes  wäre,  sondern  nüchtern  und  sachlich,  das  habe
ich  schon  an  früher  Stelle  zu  erläutern  gesucht;  seither  hat  es  wohl
der  einfache  Hergang  der  Kritik  klarer  gemacht,  in  welchem  Geiste
man  sich  dieser  Wendung  bedienen  darf.  So  wage  ich  es  auch,  von
einer  herkömmlichen  Logik  zu  sprechen;  abermals  im  Vertrauen,  daß
die  Kritik  nur  weiterzulaufen  braucht,  um  auch  hier  die  Taufrede  sachlich ­
  zu  unterstützen.
Mit  dem  herkömmlichen  Denken  bedingt  sich  die  herkömmliche
Logik  ganz  ebenso,  wie  es  Denken  und  Logik  überhaupt  tun.  Die
herkömmliche  Logik  baut  sich  einfach  aus  den  logischen  Anschauungen
auf,  von  denen  das  herkömmliche  Denken  getragen  wird;  die  ihrerseits
  jedoch  wieder  nur  mit  dem  letzteren  zugleich  von  Dasein  sindl
Denn  es  ist  die  herkömmliche  Logik  zunächst  nur  eine  Logik  als  Tat,
gegeben  mit  dem  wirklichen  Gebaren  eines  verwirklichten  Denkens.
Sie  ist  gleichsam  das  ungeschriebene  Gewohnheitsrecht  jenes  Denkens,
das  an  der  Pflege  der  Wissenschaften  tätig  ist.
Nur  in  dem  einschränkenden  Sinne  dieses  Gleichnisses  ist  die
herkömmliche  Logik  die  in  die  Tat  umgesetzte  Logik  als  Wissenschaft. ­
  Sie  zweigt  nicht  eigentlich  von  dem  ab,  was  man  die  wissenschaftliche ­
  Logik  nennen  darf,  die  im  Fluß  des  Strebens  nach
Erkenntnis  verharrt;  sondern  eher  von  dem,  was  öfters  die  Logiker
selbst  bekämpfen  müssen,  bald  als  „Schullogik“  (Mi  11),  bald  als
„formale  Logik“  (Wundt);  obwohl  es  zu  jener  Ruhe  in  sich  selber
gelangt  ist,  der  man  unwillkürlich  Achtung  entgegenbringen  muß;
die  sich  andererseits  aber  auch  so  gut  auf  das  Herkommen  reimt.  Nur
diese  „Schullogik“  —  der  Name  fährt  dem  erklärenden  Zusammen ­
        <pb n="164" />
        13»

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

hang  nachl  —  ist  es  eben,  die  landläufig  geworden  und  dem  wissenschaftlichen ­
  Denken  wirklich  in  Fleisch  und  Blut  gedrungen  ist.  So
wird  sie  umgekehrt,  für  die  Kritik  am  wissenschaftlichen  Denken,  als
herkömmliche  Logik  erfahrbar.  Danach  steht  zu  erwarten,  daß  die
Kritik  öfters  in  die  Lage  kommt,  von  der  herkömmlichen  Logik  an
die  wissenschaftliche  Logik  mit  Erfolg  zu  appellieren!  Vielleicht
gerade  auch  in  dem  Punkte,  auf  den  es  hier  ankommt.
Durch  lauter  halbe  Vorgriffe,  die  ebensoviel  verteidigende  Angriffe ­
  waren,  dürfte  jene  Eigenheit  des  wissenschaftlichen  Sprachgebrauches ­
  so  weit  im  klaren  sein,  daß  ich  von  ihr  so  ausgehen  kann,
wie  sie  als  schlichte  Tatsache  vorliegt:  Jedes  vereinzelt  betrachtete
Wort  gilt  einfach  schon  als  solches  als  „Begriff“.
Nun  komme  das  nationalökonomische  Denken  also  in  die  Lage,
daß  es  für  einen  Seitenblick  auf  sein  eigenes  Gebaren  Zeit  findet.
Dann  muß  sich  seine  Aufmerksamkeit  an  den  einzelnen  der  vielberufenen ­
  Worte  fangen;  sei  es,  daß  die  letzteren  durch  ihre  häufige
Wiederkehr  auffallen;  meinetwegen  kann  man  sogar  einen  solchen
Grad  von  Selbstbesonnenheit  in  Annahme  stellen,  daß  noch  vor  der
Erfahrung  jener  häufigen  Wiederkehr  sich  irgendwie  der  Zwang
fühlbar  macht,  jene  Worte  zu  verwenden.  Ob  sie  so  oder  so  aus  dem
Dunkel  der  Sprache  emportauchen,  kraft  ihres  eigenen  Treibens,  übermächtig ­
  dem  Denken,  jedenfalls  erregen  sie  des  letzteren  Aufmerksamkeit. ­
  Weil  aber  jene  Sprachsitte  vorwaltet,  kann  das  wissenschaftliche ­
  Denken  von  diesen  Worten,  indem  sie  als  vereinzelte  auffallen, ­
  nicht  anders  Notiz  nehmen,  als  daß  es  diese  Worte  einzeln  als
„Begriffe“  entgegennimmt.  Das  ist  der  schlichte  Tatbestand,  der  vom
Boden  dieser  Kritik  aus  noch  einer  zweifachen  Erläuterung  bedarf.
Die  mehr  oder  minder  tiefe  Sinnesmeinung,  die  ein  Hinzutritt
der  Bezeichnung  „Begriffe“  nach  außen  kündet,  entzieht  sich  freilich
aller  Kenntnis.  Weiß  Gott,  was  der  Einzelne  dabei  denken  mag,
wenn  er  irgend  etwas  als  „Begriff“  anspricht.  Aber  was  immer  er
denken  mag,  viel  oder  wenig,  flach  oder  tief,  genau  das  Nämliche
sieht  er  dann  mit  jenen  Worten  vorliegen,  die  er  als  „Begriffe“  entgegennimmt. ­
  Das  gilt  bedingungslos.  Es  sei  irgendeine  solche
Sinnesmeinung,  die  sich  der  Bezeichnung  „Begriff“  für  ein  Denken
verknüpft,  als  „Weiß“  verbildlicht.  Dann  liegt  mit  jedem  der  vielberufenen ­
  Worte  für  dieses  Denken  jenes  „Weiß“  vor,  und  möge  der
Tatbestand,  der  hier  wirklich  unterläuft,  hundertmal  eher  als  „Schwarz“
zu  verbildlichen  sein.  Hier  setzt  nun  gleich  die  zweite  kritische  Erläuterung ­
  fort.
Faßt  man  den  Tatbestand  ins  Auge,  daß  das  nationalökonomische
        <pb n="165" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VIII.

139

Denken  die  vielberufenen  Worte  einzeln  als  „Begriffe“  entgegennimmt,
so  hängt  das  Interesse  der  Kritik  dabei  nicht  an  dem,  was  nachher
vor  sich  geht,  sondern  nur  an  dem,  was  vorher  ausgeblieben  war:
Jeder  tätige  Eingriff  des  wissenschaftlichen  Denkens  war  ausgeblieben  1
Aus  dem  Dunkel  der  Sprache  steigen  diese  Worte  durch  ihr  eigenes
Gebaren  empor;  das  wissenschaftliche  Denken  braucht  sich  gerade
nur  Zeit  zu  nehmen,  diesen  Vorgang  duldend  zu  erleben.  Und  die
Bezeichnung  „Begriff“  tritt  zu  den  einzelnen  dieser  Worte  wieder
dadurch,  daß  sich  das  wissenschaftliche  Denken  jener  Sprachsitte
leidend  ausliefert.  Tat  und  Wirken  beginnen  für  das  wissenschaftliche
Denken  erst  dort,  wo  ihm  für  seine  Auffassung  bereits  der  „Begriff
Wirtschaft“,  der  „Wertbegriff“  usf.,  vorliegen.
Dann  freilich,  von  da  ab  werden  diese  Worte  bedingungslos  als
»Begriffe“  behandelt  —  oder  mißhandelt;  das  hängt  ja  nur  an  den
fallweisen  Umständen,  über  die  hier  zur  Tagesordnung  übergegangen
wird.  Worte  sind  ja  geduldig;  nur  wie  die  Erkenntnis  dabei  fährt,  ist
die  Frage.  Die  Worte  selber  jedoch  lassen  sich  in  jedem  Falle  als
»Begriffe“  definieren,  differenzieren,  rubrizieren,  die  Definitionen  zu
»Theorien“  ausbauen:
„Und  wenn  es  uns  glückt,
Und  wenn  es  sich  schickt,
So  sind  es  Gedanken  I“
Aber  diese  ganze  und  umständliche  Geschichte  folgt  erst  hinterher,
und  ändert  daher  nicht  das  geringste  mehr  an  der  entscheidenden
Tatsache,  daß  jene  Worte  nicht  etwa  so  aus  ihrer  Verborgenheit  aufgegriffen
  werden,  daß  man  sie  als  „Begriffe“  erkennen  würde,  und
gleichviel,  was  diese  Erkenntnis  in  sich  schließen  müßte;  sondern  daß
sie  als  Worte  auftauchen,  und  nur  äußerlich  jene  Bezeichnung  „Begriffe“
sofort  aufgestülpt  erhalten,  die  hier  irgendwie  über  die  Sinnesmeinung
entscheidet.
Reihenfolge  und  Tempo  dabei  sind  ebenso  gleichgültig  wie  der
ganze  nähere  Hergang;  zum  Beispiel  gleich  die  Art,  wie  sich  das
Verhalten  der  verschiedenen  Pfleger  der  Wissenschaft  gegenseitig
beeinflußt.  Nur  im  allgemeinen  sei  erwähnt,  daß  jegliche  Definition,
von  der  ein  Wort  der  lebenden  Sprache  befallen  wird,  zu  einer
Wiederholung  des  Versuches  anreizt,  dieses  Wort  in  die  rechte
Stellung  zu  unserem  Denken  zu  rücken;  weil  der  Erfolg  dabei  vom
Nächstbesten  gleich  wieder  als  ein  unbefriedigender  empfunden  wird.
Von  dem  Worte,  an  dem  sich  das  besinnliche  Denken  —  Denken,
das  seiner  eigenen  Bedingungen  zu  achten  strebt  —  einmal  gefangen
Bat,  von  diesem  Worte  kommt  es  nicht  mehr  los;  und  so  kann  ein
        <pb n="166" />
        140

,Die  Herrschaft  des  Wortes",

solches  Wort  nicht  gut  mehr  in  das  Dunkel  der  Sprache  zurücksinken,
sofern  es  innerhalb  eines  fachlichen  Sprachgebrauches  dauernd  die
Rolle  spielt,  um  derentwillen  es  die  Aufmerksamkeit  erregt  hat.  Für
die  Eingeborenen  Fachausdrücke  aber  trifft  dies  im  Wesen  zu,  und  so
werden  sie  für  das  fachliche  Denken  über  kurz  oder  lang  dauernd  von
dem  sprachlichen  Hintergrund  abstechen,  dem  sie  entstammen;  und
eben  als  „Begriffe“  abstechen.  Dieser  Sachlage  entspinnt  sich  nun
ungezwungen  der  weitere  Hergang.
Während  es  in  Fühlung  mit  den  vielberufenen  Worten  tritt,  wird
das  nationalökonomische  Denken  auch  sonst  mit  vielerlei  zu  tun
bekommen,  um  dessentwillen  in  der  Nationalökonomie  von  „Begriffen“
gesprochen  wird.  Zum  Teil  in  der  Hingabe  an  jenen  Brauch  der
Sprache,  zum  Teil  aus  anderen,  vielleicht  einwandsfreieren  Anlässen.
Dort  sieht  man  den  „Begriff“  mit  einem  Worte  vorliegen,  ausgelöst
aus  den  sprachlichen  Zusammenhängen,  in  denen  sich  das  wissenschaftliche ­
  Denken  zur  Darstellung  bringt.  Dann  ist  zuerst  das
Wort  da,  weil  eben  das  wissenschaftliche  Denken  schon  vorher  an
die  Hilfe  dieses  Wortes  gebunden  war,  ehe  es  nachsinnlich  über  ihm
verweilt.  Umgekehrt  kann  ein  Wort  zu  einem  Ergebnis  des  Denkens,
das  sich  zunächst  in  vielen  Worten  darstellt,  erst  hinzutreten;  in
verständiger  Willkür  dafür  auserwählt,  dieses  Ergebnis  sprachlich  zu
vertreten;  gleichgültig,  ob  man  dieses  Wort  dazu  neu  bildet,  oder
fertig  der  Sprache  entlehnt.  Dann  war  das  beteiligte  Denken  nicht
von  Haus  aus  an  die  Hilfe  dieses  Wortes  gebunden,  es  hat  das  letztere
als  Namen  in  seinen  Dienst  genommen.  Nicht  das  Wort,  sondern
die  Möglichkeit  der  Definition  war  dann  zuerst  da.  Näher
brauche  ich  auf  diese  Sonderung  hier  nicht  einzugehen.  Denn  im
Geiste  der  herkömmlichen  Logik  liegt  in  beiden  Fällen  mit  dem
betreffenden  Worte  ein  „Begriff“  vor,  und  darauf  allein  kommt  es  für
diesen  Zusammenhang  an.
Der  Kreis  der  „Begriffe“,  die  für  das  nationalökonomische  Denken
mit  seinen  Eingeborenen  Fachausdrücken  vorliegen,  verharrt  in  seinen
engen  Grenzen.  Die  Überzahl  der  sonstigen  „Begriffe“  schwillt
dagegen  stetig  an.  Einerseits  häufen  sich  die  Anlässe,  die  das  nationalökonomische ­
  Denken  in  seinen  verschiedenen  Bereichen  dafür  findet,
über  hilfreichen  Worten  nachsinnlich  zu  verweilen.  Andererseits  steigt
mit  seinen  Leistungen  der  Bedarf  an  Namen.  Mit  diesen  anderen
„Begriffen“  kommt  aber  das  nationalökonomische  Denken  nur  fallweise
in  Berührung;  nur  in  vereinzelten  Bezirken  seiner  Tätigkeit  häufiger,
oder  überhaupt  nur  selten.  Für  jene  „Begriffe“  darunter,  die  mit  ausgelösten ­
  Worten  vorliegen,  unter  Gewähr  jener  Sprachsitte,  versteht
        <pb n="167" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VIII.

141

sich  das  von  selber.  Ausnahmen  kann  es  hier  nicht  weiter  geben,
weil  einfach  schon  die  Eingeborenen  Fachausdrücke  diesen  Ausnahmen
entsprechen.  Ausnahmen  sind  nur  unter  den  „Begriffen“  denkbar,  die
nicht  mit  ausgelösten,  sondern  mit  hinzutretenden  Worten,  mit  richtigen
Namen  richtiger  Ergebnisse  vorliegen.  Und  wirklich  nur  Ausnahmen.
Denn  gerade  das  erfahrungswissenschaftliche  Denken  läuft  mit  seinen
Ergebnissen  sozusagen  in  lauter  Spitzen  aus,  bei  denen  es  in  der
Regel  abbricht.  Aber  nur  diese  Ausnahmen  eifern  den  „Begriffen“
nach,  die  mit  den  Eingeborenen  Fachausdrücken  vorliegen.  Weil  nun
schließlich  jeder  richtige  Name  als  Fachausdruck  anzusehen  ist,  so  wird
man  die  Worte,  mit  denen  die  Ausnahmen  unter  diesen  „Begriffen“  vorliegen, ­
  als  Eingebürgerte  Fachausdrücke  bezeichnen  dürfen:
die  vielverwendeten  Namen  vielgeschäftiger  Ergebnisse!  In  bezug  auf
die  Nationalökonomie  erinnere  ich  zum  Beispiel  an  „Produktivität“,
„Volkswirtschaft“,  „Tauschwert“;  übrigens  nur  unter  allen  möglichen
Vorbehalten,  die  inhaltlich  noch  nicht  hierher  gehören.  Aber  weder
diese  vereinzelten  Nebenbuhler  der  Eingeborenen  Fachausdrücke,  noch
die  fließenden  Grenzen  der  letzteren  erschüttern  den  Gegensatz,  der
sich  zwischen  den  „Begriffen“,  die  mit  den  Eingeborenen  Fachausdrücken ­
  vorliegen,  und  jenen  anderen  „Begriffen“  fühlbar  macht.
Je  mehr  die  Nationalökonomie  sich  selber  findet,  je  freier  der
Blick  wird,  den  ein  Denken  nationalökonomischer  Eigenart  rings  über
die  zerstreuten  Bereiche  seiner  Tätigkeit  zu  werfen  vermag,  desto
augenfälliger  muß  dieser  Gegensatz  werden.  Auf  der  einen  Seite  die
Bunte,  registerschwere  Menge  der  „Begriffe“,  von  denen  man  an  die
einen  nur  da,  an  die  anderen  nur  dort  stößt.  Auf  der  anderen  Seite
das  Häuflein  der  Unvermeidlichen,  die  „Begriffe“,  die  mit  den
vielberufenen  Worten  vorliegen;  denen  man  an  allen  Ecken  und  Enden
begegnet,  und  nie  ganz  ausweichen  kann;  und  besonders  auch,  wenn
es  auf  die  Definitionen  der  übrigen  „Begriffe“  ankommt.  Nach  dem
Eindruck  genommen,  den  das  nationalökonomische  Denken  hier  empfangen ­
  muß,  sondert  sich  für  dieses  Denken  aus  dem  schillernden
Gewimmel  der  „Begriffe“,  die  ihm  den  ewigen  Wandel  und  Wechsel
bedeuten,  da  sondert  sich  die  kleine  Zahl  der  „Begriffe“  aus,  die  in
ihrer  zähen  Wiederkehr  die  Ruhe,  das  Bleibende  darstellen.  Dort  also,
wo  ihre  Aufzählung  möglich  wird,  erscheinen  sie  aus  dem  Gesichtspunkte ­
  der  Nationalökonomie  als  das  Unverrückbare;  dem  Grund  und
Boden  vergleichbar,  über  den  wir  wandern.  Wenn  die  Bezeichnung
„Grundbegriffe“  nicht  schon  da  wäre,  in  der  Anempfindung  an  diese
Sachlage  könnte  man  sie  erfinden  —  und  eben,  weil  die  Umstände  sie  frei
erfinden  lassen,  mußte  diese  Bezeichnung  dem  Herkommen  verwachsen!
        <pb n="168" />
        m

1^2  „Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Es  bleibt  ja  immerzu  dahingestellt,  was  hinter  den  vielberufenen
Worten  eigentlich  steckt,  in  welchem  näheren  Verhältnisse  sie  zum
Denken  im  allgemeinen,  und  besonders  noch  zum  fachlichen  Denken
stehen.  Wie  aber  diese  Worte  nur  als  solche  Zusammenkommen,  wie
nichts  als  ihr  Zusammenhalt,  ihre  Artgemeinschaft  als  Eingeborene  Fachausdrücke ­
  ihre  schließliche  Aufzählung  zuwege  bringt,  das  ist  dadurch
wohl  noch  klarer  geworden,  daß  nun  auch  die  Sinnesmeinung,  in  der
sich  jene  Aufzählung  vollzieht,  nach  ihren  Anlässen  offen  liegt.  I  n
der  Hingabe  an  die  blinde  Sprachsitte  werden  diese
Worte  als  „Begriffe“  entgegengenommen,  und  der  bloße
Eindruck,  den  ihr  Gebaren  hervorrufen  muß,  legt  die
Bezeichnung  „Grundbegriffe“  nahe.  So  also,  wie  diese  Bezeichnung ­
  für  den  nationalökonomischen  Sprachgebrauch  zur  Tatsache
wird,  und  dem  Herkommen  verwächst,  bedeutet  sie  rein  nur  einen
Sammelnamen  für  aufdringliche  Fachausdrücke.
Abermals  liegt  die  Bezeichnung  schon  vor  (und  hier  neben  ihr
noch  die  Möglichkeit,  das  so  Bezeichnete  aufzählen  zu  können),  ehe
das  wissenschaftliche  Denken  zu  tätigem  Eingriff  käme.  Ein  zwingender
Anlaß  ist  dazu  nicht  vorhanden;  man  beruhigt  sich  einfach  bei  diesem
vorgeschaffenen  Sachverhalt,  und  spricht  von  „Grundbegriffen“,  als  ob
dies  eine  längst  ausgemachte  Sache  wäre.  Es  anders  zu  halten,  setzt
schon  eine  ziemliche  Selbstbesonnenheit  des  Denkens  voraus.  Dann
aber  mangelt  es  dem  letzteren  nicht  an  Anknüpfungspunkten;  „Grundbegriffe“ ­
  —  wieviel  Gedanken  läßt  ein  solches  Woit  nicht  anklingen,
wie  viele  Vorstellungskreise  schwingen  da  bei  seinem  Klange  nicht
mitl  Allein,  das  Denken  hat  auch  gebundene  Marschroute:  man  weiß
ja  die  „Grundbegriffe“  sofort  auch  aufzuzählen.  Mit  den  aufzählenden
Worten  sieht  man  von  Haus  aus  „Begriffe“  vorliegen;  diese  „Begriffe“
wird  man  für  seinen  Teil  irgendwie  zu  denken  wissen,  und  das  Gemeinsame ­
  daran  liefert  von  der  anderen  Seite  her  einen  Anhalt,  wie  man
über  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  denken  soll.  So  ist  zwar  Nahrung
genug  da,  um  Aussagen  über  Sinn  und  Geist  der  Bezeichnung  zu
speisen.  Aber  diese  Erkenntnis  kommt  gleichsam  nach  Torschluß  1  Es
rettet  den  Ernst  dieser  Bezeichnung  nur  zum  Scheine,  wenn  man  sie
hinterher  mit  dem  so  Bezeichneten  in  Einklang  zu  bringen  sucht-  Der
Bezeichnung  hätte  ein  tätiger  Eingriff  des  wissenschaftlichen  Denkens
vorangehen  müssen;  unter  dem,  was  man  zunächst  als  „Begriffe“  erkannt ­
  hat,  die  „Grundbegriffe“  zu  erkennen,  darauf  wäre  es  angekommen, ­
  gleichgültig,  was  das  Eine  und  das  Andere  in  sich  schließen
müßte.  So  aber  war  die  Bezeichnung  zuerst  da,  und  mit  ihr  hat  einerseits ­
  eine  blinde  Sprachsitte  dem  wissenschaftlichen  Denken  vorgegriffen,
        <pb n="169" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VIII.

143

andrerseits  aber  der  Eindruck  aus  dem  Treiben  der  bloßen  Worte.  Und
in  diesem  Sinne  bleibt  die  herkömmliche  Bezeichnung  „Grundbegriffe  ,
bei  allen  Versuchen,  sie  vom  Standpunkte  persönlicher  Anschauungen
aus  zu  vertiefen,  doch  nur  eine  lose  Wortklammer  um  Wortei
Um  Worte  herum,  von  denen  zwar  völlig  in  der  Schwebe  bleiben  muß,
ob  es  bloße  Worte  sind,  während  es  ebenso  fest  steht,  daß  sie  rein  nur
in  ihrer  Eigenschaft  als  Worte  von  jener  Bezeichnung  umklammert
werden.  Und  deshalb  ist  diese  Bezeichnung  selber  nur  ein  tönendes
Wort,  wenn  man  den  Tatbestand  ihrer  nationalökonomischen  Verwendung ­
  an  ihrem  eigenen  Wortlaut  mißt;  der  eben  an  einen  inneren
Gehalt  glauben  macht,  von  dem  diese  nationalökonomische  Bezeichnung
im  Wesen  frei  ist,  und  daher  im  Grundsätze  auch  fiei  bleibt,  selbst
wenn  ihr  nachträglich  etwas  eingetrichtert  wird.
Dieser  Schützling  des  Herkommens  ist  also  nichts  weniger  als
e rnst  zu  nehmen.  Es  kann  aber  unmöglich  gleichgültig
sein,  in  welchem  Geiste  eine  Wissenschaft  von  ihren
«Grundbegriffen“  spricht.  In  der  Tat  steht  hier  mehr  auf  dem
Spiele,  als  der  Ernst  einer  vereinzelten  Bezeichnung.  Der  kritische  Abspruch ­
  über  die  letztere  ist  nur  das  greifbarste  Ergebnis  der  Untersuchungen ­
  bisher.  Ihr  eigentlicher  Erfolg  liegt  darüber  hinaus:  In  einer
Richtung,  in  die  sich  die  Kritik  durch  ihren  eigenen  Hergang  gedrängt
s ah.  Durch  ihre  Wendung  gegen  die  nationalökonomische  Bezeichnung
«Grundbegriffe“  kam  sie  dazu,  den  Tatbestand  der  „Eingeborenen  Fachausdrücke“ ­
  zu  erfassen;  seither  war  der  Zusammenhang  zwischen  dem
Einen  und  dem  Anderen  in  Frage.  Auch  hier  nun  ein  kurzer  Überschlag, ­
  der  nur  Ergebnisse  liefert,  die  seit  langem  zum  Greifen  nahe
liegen.  Von  da  aus  kommt  die  Kritik  ungezwungen  in  die  Lage,  ihr
W erk  an  den  Aufgaben  zu  messen,  die  ihr  neu  erstehen.
Vom  Boden  der  Kritik  aus  stellt  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe
einen  Versuch  dar,  das  Dasein  der  Eingeborenen  Fachausdrücke  zu  erklären. ­
  Der  Wortlaut  dieser  Bezeichnung  steht  dafür  ein.  Von  „Begriffen“ ­
  reden,  wie  immer  man  es  meint,  heißt  auf  das  Verhältnis  der
aufzählenden  Worte  zu  unserem  Denken  anspielen;  und  auf  das  Verhältnis ­
  zum  fachlichen  Denken,  sobald  man  von  „Grundbegriffen“  redet,
die  eben  als  nationalökonomische  gemeint  sind.  So  scheint  also  der
Geist  dieser  Bezeichnung  bis  in  den  innersten  Kern  des  Sachverhaltes
einzudringen,  dem  die  Eingeborenen  Fachausdrücke  nur  die  Schale
bedeuten.
Die  Kritik  kann  es  diesem  Erklärungsversuch  aber  haarklein  nachrechnen,
  wie  er  zustande  kommt.  Von  „Begriffen“  wird  nur  in  der  Hingabe ­
  an  eine  blinde  Sprachsitte  gesprochen.  Von  „Grundbegriffen“  nur
        <pb n="170" />
        144

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,
um  eines  bloßen  Eindrucks  willen;  dieser  Eindruck  entstammt  dem
Treiben  jener  Worte,  als  Eingeborene  Fachausdrücke;  das  ist  aber
gerade  der  Tatbestand,  der  erst  zu  erklären  wäre,  die  Schale!  Nur
damit  hat  also  diese  Bezeichnung  zu  tun,  trotz  ihres  tiefen  Klanges;
nichts  mit  dem  Kern  des  Sachverhaltes,  nur  mit  jenem  Verhältnisse
der  bloßen  Worte.  Der  Tatbestand  also,  der  damit  vorliegt,  wird  nicht
im  geringsten  erklärt;  er  wird  einfach  zur  Kenntnis  genommen,  und
gleichsam  nur  unter  der  Vorspiegelung,  ihn  zu  erklären.  Nach  Erklärung ­
  tönt  eben  nur  das  Wort.
Diese  Sorte  Erklärung  läßt  es  aber  gar  nie  zum  Bewußtsein
kommen,  daß  hier  etwas  seiner  Erklärung  harre!  Sie  bringt  den  Tatbestand ­
  unter  der  Maske  seiner  Erklärung,  und  täuscht  so  einen  Sachverhalt ­
  vor,  der  seine  Erklärung  schon  in  sich  selber  trüge.  Dann
kommt  es  nur  mit  den  Versuchen,  diesen  Sachverhalt  als  solchen  zu
würdigen,  zu  einer  Erklärung;  wider  Willen  und  Wissen.  Solche  Erklärung ­
  krankt  wieder  unheilbar  daran,  daß  ihr  der  Wortlaut  der  Bezeichnung ­
  den  Weg  weist.  Worte  reiten  schnell,  und  wenn  ein  Tatbestand ­
  schon  als  das  Unerklärte  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“
abschmeichelt,  dann  liegt  es  nahe,  daß  der  letzteren  Wortlaut  sofort
wieder  in  die  Sache  zurückspricht,  und  alles  Mögliche  erklärend  hineinspricht, ­
  was  sich  doch  nur  aus  dem  Worte  heraushören  ließ,  durch
Verflechtung  von  so  und  so  vielen  Vorstellungskreisen.
Es  handelt  sich  da  offenbar  um  die  Aussagen  über  Sinn  und  Geist
der  Bezeichnung;  mit  ihnen  wird  unbewußt  das  Dasein  der  Eingeborenen
Fachausdrücke  zu  erklären  gesucht.  Aber  wie  es  von  diesen  Aussagen
gilt,  daß  sie  den  Ernst  der  Bezeichnung  nur  zum  Scheine  retten,  so
gilt  von  ihnen  auch,  daß  sie  in  Sachen  dieser  Erklärung  nichts  mehr
gutmachen  können.  Sie  gehen  ja  alle  davon  aus,  daß  mit  den  auffälligen ­
  Worten  eben  die  „Grundbegriffe“  vorlägen:  sie  stellen  sich
somit  von  Haus  aus  auf  den  Boden  jener  wortschalen  Erklärung,  von
der  einmal  sicher  ist,  daß  sie  in  keiner  Weise  Erkenntnis  bedeutet,
sondern  dem  wissenschaftlichen  Denken  aus  Verhältnissen  überkommt,
die  ihm  übermächtig  sind.
So  führt  der  Abspruch  über  die  nationalökonomische  Bezeichnung
„Grundbegriffe“  die  Erkenntnis  mit  sich,  daß  innerhalb  der  Pflege  dieser
Wissenschaft  ein  Tatbestand  vorhanden  ist,  der  seiner  Erklärung  harrt:
das  Dasein  Eingeborener  Fachausdrücke!  Dieser  Tatbestand  bleibt  nicht
schlechthin  als  das  Unerklärte  zurück;  als  etwas,  das  seiner  Erklärung
bedürftig  ist,  taucht  er  überhaupt  erst  damit  auf,  daß  man  jener  Bezeichnung ­
  den  Prozeß  macht.  Daß  hier  eine  Erklärung  aussteht,  war
unseren  herkömmlichen  Anschauungen  erst  abzuringen;  die  geben  sich
        <pb n="171" />
        Über  die  „Grundbegriffe"  VIII.

145

nicht  so  leicht  gefangen!  Wir  haben  wirklich  Mühe,  uns  auch  nur  ein
bißchen  darüber  zu  wundern,  daß  unser  nationalökonomisches  Denken
an  die  Hilfe  jener  Worte  so  hilflos  gebunden  ist.  Gerade  darin  muß
nun  die  Kritik  nachhelfen.
Sie  hat  jenes  Verhältnis  der  bloßen  Worte  bisher  nur  als  schlichte
Tatsache  aufgegriffen;  in  keiner  Weise  nach  seinem  näheren  Belang
für  die  Pflege  der  Nationalökonomie.  Darauf  aber  kommt  es  zunächst
an,  und  dazu  ist  auch  die  Bahn  frei,  jetzt,  wo  man  auf  den  Popanz
jener  Bezeichnung  weiter  keine  Rücksicht  mehr  zu  nehmen  braucht.
So  erwächst  als  die  Aufgabe,  die  an  erster  Stelle  zu  lösen  ist,  eine
kritische  Würdigung  jenes  Tatbestandes,  Antwort  also  auf  die  Frage,
was  es  in  sich  schließe,  daß  in  der  Nationalökonomie
Eingeborene  Fachausdrücke  vorhanden  sind?
Hier  läßt  sich  nun  unseren  herkömmlichen  Anschauungen  eine
Einrede  aus  der  Seele  sprechen,  deren  Widerlegung  es  erst  ermöglicht,
Kritik  und  Herkommen  ins  rechte  Verhältnis  zueinander  zu  setzen.
So  kommt  es  zum  lösenden  Wort.
Gegen  die  Aufgabe  selber,  die  sich  die  Kritik  da  zurechtgelegt,
wäre  kaum  etwas  einzuwenden.  Allein,  eine  junge  Wissenschaft  hat
doch  andere  Aufgaben,  hat  Wichtigeres  zu  tun,  als  ihrem  Gefüge  bis
ins  kleinste  nachzuspüren,  ohne  rechten  Zweck  1  Denn  schließlich
mag  das  Gebaren  jener  Worte  noch  so  eigenartig  sein:  seine
Würdigung  und  Erklärung  zusammen  könnten  doch  nur  dartun,  daß
die  Rolle  jener  Worte  so,  wie  sie  nun  einmal  ist,  auch  sein  muß!
Freilich,  ob  man  die  vieberufenen  Worte  als  Leitworte  der  Forschung
achten  soll,  darüber  läßt  sich  streiten,  der  Streit  ist  längst  Tatsache,
u nd  die  Pflege  der  Nationalökonomie  ist  dabei  so  ziemlich  entzwei
gegangen;  aber  Fachausdrücke,  und,  weil  sie  es  von  jeher  waren,  also
Eingeborene  Fachausdrücke,  das  sind  sie,  und  das  bleiben  sie  auchl
Diese  Einrede  hat  zweifellos  alle  Erfahrung  in  nationalökonomischen ­
  Dingen  auf  ihrer  Seite.  Systeme,  Methoden,  Theorien,  das
alles  hat  in  steter  Flucht  gewechselt:  jene  Worte  sind  in  ihrer  Rolle
geblieben!  So  muß  uns  allerdings  jede  Vorstellung  fehlen,  wie  es
möglich  wäre,  daß  auch  da  eine  Änderung  eintritt,  worin  sie  bestünde,
was  ihr  zum  Anlaß  würde.  Aber  wenn  uns  jede  Vorstellung  fehlt,
daß  dergleichen  überhaupt  möglich  sei,  dann  verrät  sich  doch  nur
wieder  die  trügerische  Macht  der  Bezeichnung  „Grundbegriffe“.
Man  unterschätze  die  Rückwirkung  nicht,  die  von  der  Sachlage
ausgeht,  daß  jene  Worte  vom  Herkommen  nun  einmal  an  die  Bezeichnung ­
  „Grundbegriffe“  geschmiedet  sind.  Eines  Eindrucks  halber,
weil  sie  als  das  Unverrückbare  erscheinen  müssen,  tritt  diese  Bev
 *  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.

IO
        <pb n="172" />
        146

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Zeichnung  zur  Aufzählung  jener  Worte  hinzu.  Sie  ist  aber  sofort  wie
Brief  und  Siegel  darauf,  daß  die  Rolle  jener  Worte  fortbestehen  müsse  I
Die  letzteren,  immer  nach  ihrer  Rolle  innerhalb  der  Nationalökonomie,
müssen  dann  sofort  auch  als  das  Unverrückbare  in  der  Zeit  erscheinen.
Denn  soll  man  etwa  an  „Grundbegriffe  auf  Kündigung“  denken  1  Und
wenn  dies  auch  alles  an  bloßen  Eindrücken  und  Wortlauten  hängt,  es
gräbt  sich  nur  um  so  tiefer  in  unser  Denken  ein.  So  muß  sich  ja
die  Anschauung  festigen,  daß  jene  Worte  und  ihre  Rolle  zur  Nationalökonomie ­
  gehören  wie  der  Takt  zur  Musik.  Die  bezeichnende  Anlehnung ­
  an  diese  Worte  erscheint  nicht  schlechthin  als  etwas,  das  von
jeher  gegolten  hat,  sondern  als  das,  was  allezeit  gelten  muß.  Sie  wird
geradeaus  als  eine  Notwendigkeit  empfunden.
Inzwischen  aber  ließ  die  Kritik  erkennen,  daß  die  vielberufenen
Worte  nur  bei  einem  hohlen  Worte  genannt  sind,  wenn  ihnen  so,  wie
es  herkömmlich  geschieht,  die  Bezeichnung  „Grundbegriffe“  zufällt.
Der  Glorienschein,  der  um  der  letzteren  willen  diese  Worte  umstrahlt,
ist  falsch,  und  alle  Eindrücke,  die  unser  Denken  daraus  empfängt,  sind
nichtig.  Von  diesen  Worten  steht  eben  zunächst  nur  Eines  fest:  ihre
Aufdringlichkeit  als  Fachausdrücke!  Über  alles  weitere  herrscht  jene
wesentliche  Ungewißheit,  der  nur  unsere  herkömmlichen  Anschauungen
vorgreifen.  Freilich,  mit  den  vielberufenen  Worten  kann  alles  mögliche ­
  vorliegen;  vielleicht  sogar  etwas,  das  man  nicht  gut  anders  als
„Grundbegriffe“  nennen  könnte;  ebensogut  aber  mögen  diese  Dinge
weitab  von  dieser  einen  unter  vielen  Möglichkeiten  liegen.  Weil  aber
Alles  in  Frage  steht,  und  nichts  in  Gewißheit,  außer  jenem  Verhältnis
der  bloßen  Worte  als  solchem,  so  bleibt  zur  Rettung  der  Ansicht,  daß
die  vielberufenen  Worte  in  ihrer  Rolle  unzertrennlich  von  der  Nationalökonomie ­
  seien,  nur  ein  fragwürdiger  Schluß  zurück:  Der  Schluß,  daß
da  jede  Änderung  ausgeschlossen  sei,  aus  keinem  anderen  Grunde
als  dem,  weil  sie  bisher  ausgeblieben  ist!
Den  Gedanken  einer  solchen  Änderung  darf  man  beileibe  nicht
so  ins  Auge  fassen,  als  ob  hier  schlechthin  ein  Irrtum  der  Wahrheit
zu  weichen  hätte.  Denn  soviel  steht  fest,  das  national  ökonomische
Denken  ist  nun  einmal  in  der  Anlehnung  an  jene  Worte  aufgewachsen;
es  wäre  sinnlos,  ihm  daraus  einen  Vorwurf  zu  machen.  Je  tiefer  die
Kritik  eindringt,  um  so  klarer  müßte  sie  erkennen  lassen,  wie  die
Wissenschaft  der  Nationalökonomie  überhaupt  nur  an  der  Hand  dieser
Worte  ins  Dasein  treten  konnte.  Von  den  äußeren  Bedingungen  dafür
war  ja  schon  anzudeuten,  wie  diese  Wissenschaft  aus  Leistungen  des
alltäglichen  Denkens  emporwächst,  so  daß  von  da  heraus  der  Zwang
zur  vergleichsweisen  Vielverwendung  der  Worte  „Wirtschaft“,  „Gut“,
        <pb n="173" />
        Über  die  „Grundbegriffe“  VIII.

147

«Wert“  usf.  in  das  wissenschaftliche  Denken  übernommen  wird.  Und
wieder  nur  so,  daß  von  diesen  Worten  ihrer  Rolle  wegen  Notiz  genommen ­
  würde,  konnte  die  Nationalökonomie  sich  selber  finden.
Kurz,  entwicklungsnotwendig  war  die  Anlehnung  an  diese
Worte  jedenfalls.  Auf  der  anderen  Seite  ist  es  Tatsache,  daß  der  Zwang
zu  'hrer  vergleichsweisen  Vielverwendung  heute  noch  im  nationalökonomischen ­
  Sprachgebrauch  besteht.  Diesen  Zustand  empfinden  wir  nun
lm  Geiste  unserer  herkömmlichen  Anschauungen  so,  als  ob  er  einer
Denknotwendigkeit  entspräche.  Die  Kritik  aber  ist  in  ihrem
guten  und  mühselig  erworbenen  Rechte,  wenn  sie  fernerhin  mit  der
Möglichkeit  rechnet,  daß  hier  nur  eine  bloße  Gewohnheit  unseres
■Denkens  vorliege;  eine  Gewohnheit,  die  in  der  Nationalökonomie  seither ­
  vielleicht  zu  einer  rückständigen  geworden  ist,  gemessen  an  der  Reife
dieser  Wissenschaft,  so  daß  sie  in  diesem  Sinne  immer  mehr  zu  einer
Sc hlechten  Gewohnheit  des  fachlichen  Denkens  ausartetI
Es  kann  eben  auch  in  diesen  Dingen  Vernunft  mit  der  Zeit  zu
usinn  werden;  mag  dieser  Umschlag  auch  so  langsam  und  allmählich
Vor  sich  gehen,  daß  wir  die  Plage  kaum  empfinden,  in  die  sich  die
msprüngliche  Wohltat  verkehrt.  In  dieser  Hinsicht  vor  allem  drängt
! e  ^ r itik  nun  zur  Einkehr:  der  allzugewohnte  Zustand  soll
^  mal  in  „sehender  Unbefangenheit“  beschaut  werden!
s  lst  ^ er  Sinn  der  nächsten  unter  den  Aufgaben,  die  aus  diesen  Unterteilungen ­
  neu  erstehen,  und  die  unter  der  Auffassung,  zu  der  sich

di e  Kritik

inzwischen  durchgerungen  hat,  wohl  auch  der  praktischen

«_i  »»  OG11CU  UUlUlgt.lUU{
Bedeutung  nicht  ganz  entbehren.
Anmerkung.  Daran  muß  man  festhalten:  Die  Nationalökonomie  kann
in  ihrem  Sonderdasein  als  Wissenschaft  auf  festerem  Boden  stehen,  as  es  1
Gebundenheit  an  einen  Kreis  bestimmter  Worte  ist.  Die  Abkehr  von  1  s
Worten  -  in  jenem  g rU ndwesentlichen  Sinne,  der  unendlich  mehr  in  si
schlösse,  als  eine  „terminologische“  Änderung,  einen  bloßen  Auswec  se  v  n
Worten  —  wär e  also  durchaus  nicht  das  Ende  der  nationalokonomis
Wissenschaft;  aber  wer  umgekehrt  davon  den  Anfang  der  wissenschafthc  en
Nationalökonomie  erwarten  wollte,  angesichts  des  Umstandes  vielleicht  daß  dann
erst  das  nationalökonomische  Denken  Herr  im  eigenen  Hause  wurde  der
beginge  doch  wieder  nur  die  grobe  Willkür,  die  oben  schon  gerügt  wurde.
Allein  die  Anerkenntnis  jener  grundsätzlichen  Möglichkeit  fruchtet  unserem
Denken  blutwenig.  Nach  wie  vor  muß  uns  die  Vorstellung  befremden,  daß
jene  vielberühmten  Worte  ihrer  bevorzugten  Stellung  verlustig  gehen  sollten
—  als  Fachausdrücke  zum  alten  Eisen,  als  Worte  zurück  in  das  Dunkel  der
Sprache!  Und  doch  kann  unser  Denken  an  gewissen  Vorkommnissen  einigen
Anhalt  finden,  so  daß  ihm  das  Absonderliche  jener  Wandlung  mundgerechtei
IO*
        <pb n="174" />
        148

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

wird.  (Eine  Wandlung  übrigens,  die  sich  nicht  von  heute  auf  morgen  vollziehen, ­
  die  eher  Geschlechter  überspannen  könnte;  davon  noch  unten.)
Sprechen  wir  im  gewöhnlichen  Leben  nicht  von  „Gras“  und  „Kräutern“,
oder  von  „Stein“  —  und  was  weiß  die  Botanik,  die  Mineralogie  damit  anzufangen! ­
  Andererseits,  ist  das  Denken  der  Chemie  nicht  über  den  „Begriff“
vom  „Stein  der  Weisen“  in  einem  grundwesentlichen  Sinne  hinausgewachsen,
das  physikalische  Denken  nicht  über  den  „horror  vacui“,  oder  spricht  die
Medizin  etwa  noch  von  „Säften“!  Nun,  der  Sinn  der  Absage,  die  vom
nationalökonomischen  Denken  an  seine  Lieblingsworte  erginge,  kann  im
einzelnen  Falle  bald  an  das  eine,  bald  an  ein  anderes  jener  Beispiele  erinnern.
Nur  hätte  jener  Wandel  seine  einheitliche  und  streng  grundsätzliche
Bedeutung.  Dies  gilt  in  solchem  Grade,  daß  im  einzelnen  Falle  leicht  nur
„taktische“  Rücksichten  davon  abhalten  könnten,  hinterher  Namen  aus
einzelnen  der  Worte  zu  machen,  die  man  gerade  zuvor  aus  ihrer  beherrschenden
Stellung  gedrängt  hätte.  Eben  nicht  den  Worten  selber,  ihrer
unbefugten  Rolle  gilt  der  Angriff!
Wie  fest  unter  den  oben  erörterten  Umständen  der  Glaube  wurzelt,  daß
solcher  Angriff  von  Haus  aus  ein  hoffnungsloser  sei,  davon  haben  die  Besprechungen ­
  Zeugnis  abgelegt,  die  meine  mehrfach  erwähnte  Erstlingsschrift
gefunden  hat.  Dort  habe  ich  die  gleichen  Fragen  angeschnitten,  nur  in  einem
viel  engeren  Bezirk,  und  es  beim  Fragen  belassen  1 ).
Besonders  in  dieser  Sachlage  ist  für  mich  die  Mahnung  belegen,  der
vorliegenden  „Streitschrift  wider  Willen“  eine  Darlegung  jener  positiven
Ergebnisse  auf  dem  Fuße  folgen  zu  lassen,  von  deren  Boden  aus  ich  mich
zu  dieser  Kritik  vorwage,  die  andererseits  der  letzteren  doch  den  Vortritt
lassen  müssen.
Nicht  eben,  um  darzutun,  daß  man  dort  auch  „bauen“  kann,  wo  diese
Kritik  „niederreißt“.  Denn  schon  von  „Niedeiyeißen“  läßt  sich  nicht  gut
sprechen,  wo  es  (im  Wege  der  Selbstbesinnung)  nur  d  e  m  zu  wehren  gilt,  daß
sich  unser  Denken  um  schöner  Worte  willen  an  der  Erfahrung  versündigt.
Und  gar  von  „Bauen“  darf  nicht  die  Rede  sein,  wenn  es  sich  nur  um  tastende
Versuche  handeln  kann!  Denn  in  letzter  Linie  fällt  die  „Herrschaft  des
Wortes“  mit  nichts  anderem  in  eins,  als  mit  der  hundert-  und  aberhundertjährigen ­
  Gewohnheit  des  wissenschaftlichen  Denkens,  den  Urgewohnheiten  des
„gewöhnlichen“  Denkens  zu  fröhnen;  jenes  Denkens,  das  mit  unserem  Handeln
wurzelständig  ist,  und  ihm  verwachsen  bleibt,  nach  wie  vor.  Solcher  Gewohnheit ­
  Fesseln  streift  aber  selbst  das  wissenschaftliche  Denken  nicht  eins  zwei
ab.  Es  muß  sich  auch  in  diesem  Punkte  erst  allmählich  zu  sich  selber  erziehen.
*)  Vgl.  E.  v.  Böhm-Bawerk,  in  der  Zeitschrift  f.  Sozialpolitik  und  Verwaltung.
VII.  Bd.,  1898,  S.  428ff.  und  C.  Rist,  Revue  d'economie  politique,  Okt.-Nov.  1899,  S.  9 2 3-
        <pb n="175" />
        BiK  686

Wsi’iV/ir'sch^r 1 '  r-  -•
Kiel  ^  ‘  ■

3.4  6.

Haushalten  und  Unternehmen
als  Formeln
zur  Erkenntnis  des  Alltäglichen
        <pb n="176" />
        I.

Die  Ausdrücke  „Haushalten“  und  „Unternehmen“  sollen  zwar
a uf  meinen  engeren  Gegenstand  vorbereiten,  aber  sie  tun  es  aus
guten  Gründen  anders,  als  es  nationalökonomischer  Brauch  ist.  Dieser
Widerspruch  gegen  das  Herkommen  und  seine  Gründe,  das  ist  mein
weiterer  Gegenstand,  mein  eigentlicher;  denn  dort  handelt  es  sich  nur
um  ein  sachliches  Beispiel.
Dh  stelle  jene  Ausdrücke  keineswegs  aller  Erörterung  so  voran,
Wle  es  mit  ihresgleichen  immerzu  geschieht;  mit  den  Ausdrücken
»Wirtschaft“,  „Gut“,  „Wert“,  „Kapital“,  „Geld“,  und  wie  diese  Wegweiser ­
  nationalökonomischer  Theorie  lauten.
Dieser  Brauch  legt  mir  zwei  Fragen  nahe:  Vor  allem  die,  ob
eine  DrfahrungsWissenschaft  dazu  gezwungen  sei,  mit  ihren  theoretischen ­
  Erwägungen  stets  von  neuem  an  gewisse  Ausdrücke  anzuuupfen,
  deren  Kreis  dabei  außer  Erwägung  bleibt.  Vielleicht  ist  es
, er  au Pt  nur  der  letztere  Umstand,  der  jene  Ausdrücke  ernst  nehmen
läßt  c  ■■  J
_  lautet  daher  die  zweite  Frage,  ob  derlei  Ausdrücke  von  Haus
ähig  wären,  einen  Gegenstand  wissenschaftlicher  Erörterung  außer
Zweifel  zu  setzen.
Diese  zweite  Frage  mag  für  den  Teil  der  Ausdrücke  „Haushalten“
»Unternehmen“  offen  bleiben.  Denn  so,  wie  diese  Worte  in  der
gä  e  meines  Themas  erscheinen,  sind  es  schlecht  und  recht  Namen:
P rac  Ze ichen,  in  verständiger  Willkür  zu  etwas  hinzugewählt,  das  sich
fcjänz  unabhängig  von  ihnen  entwickeln  läßt.  Dieses  Etwas  büßte  nicht
16  Uaser  von  seinem  Wesen  ein,  hätte  ich  es  irgendwie  anders
genannt.  So  aber  bin  ich  dem  Sprachgefühle  treu  geblieben.  Einmal
ickelt,  erzwingt  sich  jenes  Etwas  diese  Nennung;  man  könnte
hin 60 "  CS  Wac ^ st  seiner  freien  Entwicklung  just  in  diese  Ausdrücke
eine* 11  ^° mmt  es  au ch,  daß  mit  diesen  Worten  der  sachliche  Kern
;r,, ErÖrt -n g  anklingt,  die  mit  ihnen  selber  zunächst  gar  nichts  zu
schaffen  hat.
Worf" S  diese  Erörterung  nicht  von  diesen,  noch  von  anderen
Und  1 ^ ren  Aus ^ an £&amp;gt;  sondern  von  einem  richtigen  Problemei
lc  verhehle  nicht,  daß  ich  hiermit  jene  bedeutsame  erste  Frage
        <pb n="177" />
        152

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

in  bewußter  Tat  zu  verneinen  suche.  An  einem  schlichten  Beispiele
möchte  ich  Ihnen  zeigen,  wie  nationalökonomische  Theorie  möglich
ist,  ohne  die  alte  Weise  jener  „Lehren“  anzustimmen:  von  der
„Wirtschaft“,  vom  „Wert“  usw.  Eine  eigentliche  Darstellung  von
Ergebnissen  ist  in  diesem  Rahmen  nicht  möglich;  weder  in  bezug  auf
die  engere  Sache,  noch  in  der  Richtung  der  allgemeinen  Ansichten,
die  ihr  zur  Seite  treten.  Es  handelt  sich  rein  nur  um  einen  aufklärenden ­
  Vorstoß,  ohne  jede  Sicherung  der  Etappen.
Das  Problem,  von  dem  ich  ausgehe,  muß  Sie  bei  seiner  ersten
Aussprache  etwas  befremden.  Es  ist  mit  der  Aufgabe  eins,  die
Formeln  zur  Erkenntnis  des  Alltäglichen  zu  suchen.
Ich  bin  also  vor  allem  Aufschluß  schuldig,  was  unter  solchen  „Formeln“
zu  verstehen  sei.  Im  Äußeren  wird  dies  auf  eine  Erklärung  der  Ausdrücke ­
  hinauslaufen,  in  die  ich  das  Problem  bündig  fasse.  Dem  Wesen
nach  aber  handelt  es  sich  einzig  darum,  das  Problem  selber  zu
entwickeln.
Wenn  dies  geschieht,  wird  nicht  etwa  mit  Gedanken  ein  kurzweilig ­
  Spiel  getrieben.  Probleme,  wie  ich  sie  meine,  lassen  sich  in
einer  Erfahrungswissenschaft  nicht  erfinden.  Man  kann  sie  immer
nur  aufspüren.  Es  gelangt  das  Forschen,  das  bei  sich  selber  Einkehr
hält,  vor  Aufgaben  hin,  die  es  lösen  muß,  wenn  es  seinem  Berufe
genügen  will.  Meist  werden  es  Aufgaben  sein,  denen  das  Forschen
schon  nachgekommen  ist,  ehe  es  ihrer  recht  bewußt  war.  Einfach  um
sich  selber  zu  ermöglichen,  war  die  Forschung  zu  Leistungen  genötigt,
die  einer  Lösung  gleichkommen.  Nur  steht  zu  erwarten,  daß  solche
Lösungen  wider  Willen  und  Wissen  etwas  fragwürdig  sind.  Es  lohnt
immerhin  der  Mühe,  an  der  Hand  der  Probleme  die  Arbeit  zu
wiederholen.
Nun  einen  Blick  voraus  auf  meinen  Weg.  Die  Erkenntnis
des  Alltäglichen  will  ich  aus  einem  Gegensätze  deuten;  ich  stelle
sie  für  ihre  Erklärung  jener  Kenntnis  der  Alltäglichkeit  gegenüber, ­
  die  keinem  mangeln  kann.  Denn  wir  alle  sind  ja  in  der  Lehre
jenes  täglichen  Lebens,  dem  niemand  zu  entrinnen  wüsste.  Aus  dieser
Kenntnis  der  Alltäglichkeit  werde  ich  die  Erkenntnis  des  Alltäglichen
an  der  Hand  gewisser  Forderungen  ableiten,  die  sich  einfach  schon
aus  der  Natur  des  wissenschaftlichen  Denkens  ergeben.  Und  diese
Forderungen  sind  es,  die  sich  zu  unserem  Probleme  verweben.  So
hängt  im  Grunde  alles  an  der  Selbstbesonnenheit.  Wir  brauchen  uns
nur  auf  unser  Denken  zu  besinnen,  um  das  Problem  zu  finden,  und  so
wird  später  eine  einfache  Besinnung  auf  unser  Handeln  genügen,  um
das  Problem  zu  lösen.
        <pb n="178" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  I.

153

Nach  diesem  Plane  gehe  ich  dann  vor.  Eines  aber  sei  laut  und
bell  betont:  Um  meinem  Vorhaben  treu  zu  bleiben,  muß  ich  rückhaltlos ­
  die  Strenge  opfern,  die  so  leicht  zu  erzielen  ist,  sobald  man
v on  Problemen,  statt  von  Worten  ausgeht.  Denn  hier
besteht  die  Gefahr  nicht,  daß  sich  das  Streben  nach  größerer  Schärfe
ln  die  Sackgasse  der  worterklärenden  Definition  verrennt.  Ein  Vorzug,
au f  den  ich  nur  kurz  verweise;  ich  kann  ihn  nicht  ausnützen.  Sonst
brächte  ich  es  in  diesem  engen  Rahmen  nicht  fertig,  das  ganze  Gebaren
vorzuführen,  von  der  Wurzel  an  gleich  bis  zu  Früchten,  zu  greifbaren
Ergebnissen.  Daher  können  auch  diese  Ergebnisse  nur  von  der
Wahrheit  der  rohesten  Skizze  sein.  Denn  schon  das  Problem  selber,
Wle  es  hier  entwickelt  wird,  ist  nur  vom  Range  einer  gültigen  Losung,
bie  auf  kecken  Durchgrifif  ausgeht.
Es  läßt  sich  in  voller  Schärfe  nur  aufrollen,  sobald  man  es  aus
seinem  Zusammenhang  mit  anderen  Problemen  herleitet,  die  ihm  vorantreten; ­
  i n  einer  lückenlosen  Kette,  bis  zum  ursprünglichsten  zurück.
as  w ären  vom  Standpunkte  der  Nationalökonomie  jene  Ersten  Probleme,
m ‘t  denen  diese  Wissenschaft  ihr  eigenes  Dasein  in  Frage  stellt,  Aufschluß ­
  begehrt  über  ihre  Möglichkeit  und  ihres  Wesens  Art.  Probleme,
von  denen  freilich  nicht  viel  die  Rede  ist,  solange  sich  die  Nationalonomie
  für  die  Kenntnis  ihrer  Eigenart  auf  ein  Schlüsselwort  verläßt;
sei  es  »Wirtschaft“,  oder  „Gut“,  oder  sonst  ein  „Begriff“,  der  dann
* n  den  Namen  eingeht,  und  von  dessen  „Bestimmung“  diese
n  e  erwartet  wird.  Aber  es  wäre  ja  traurig  um  eine  Wissenschaft
...  e  wenn  sie  dauernd  bei  ihrem  Namen  anfragen  müßte,  wie  sie
er  sich  selber  denken  solll
Jenen  tieferen  Zusammenhängen  kann  ich  bei  der  Entwicklung
nseres  Problemes  nicht  folgen.  Sonst  würde  es  besser  erhellen,  wie
J^ ne  rkenntnis  des  Alltäglichen,  die  hier  nur  zur  Not  eine  einseitige
eu  ung  finden  soll,  im  Grunde  gar  nichts  anderes  betrifft,  als  das
^ a tion  alökonomische  Denken,  das  sich  auf  sich  selber
^sonnen  hat.  Nur  kleidet  sich  diese  Selbsterkenntnis  dabei  in  eine
der  a ^ W ? rt ^ c E e  Wendung.  Ähnlich,  wie  man  im  gleichen  Geiste  von
ationalökonomie  sagen  kann,  daß  sie  die  Erfahrungswissenschaft
°m  Alltagsleben  aller  Zeiten  sei.
nur  c ^ a £wörtlich  sind  diese  Aussagen,  weil  ihr  buchstäblicher  Sinn
dT  k  ÖChst  Hotelbar  die  Sonderheit  der  Nationalökonomie  und  ihres
dazu  ^  W * ec ^ er S^t.  Denn  bloß  im  tatsächlichen  Hergang  kommt  es
Daraus  ^  S * C ^  ^' ese  Wissenschaft  gerade  dem  Alltäglichen  zukehrt,
sie  d  S  r ^ c ^ t ^ ert ‘2 en  sich  jene  Schlagworte;  auch  nur  scheinbar  spannen
en  Rahmen  dieser  Wissenschaft  viel  zu  weit.  Aber  die  Wendung
        <pb n="179" />
        i54

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

gegen  das  Alltägliche  besagt  schon  eine  Folge  und  ist  durchaus
nicht  der  Grund  der  nationalökonomischen  Sonderheit.  Der  sitzt
tiefer  und  läßt  sich  ungleich  schärfer  fassen.  Auch  darüber  gleich
eine  Andeutung,  auf  die  ich  mich  in  der  Folge  oftmals  beziehe.
Damit  wird  sich  das  Bild  erst  beleben,  das  ich  hier  bloß  in  schroffen
Umrissen  erscheinen  lasse.
Den  entfernteren  Grund  ihrer  Eigenart  teilt  die  Nationalökonomie ­
  noch  mit  anderen  Wissenschaften;  ich  nenne  sofort  die
Historie.  Mit  dem  historischen  zusammen,  ist  das  nationalökonomische
Denken  ein  eigenartiges,  und  trennt  sich  z.  B.  aufs  schärfste  vom  naturwissenschaftlichen, ­
  weil  es  sich  gleichsam  einer  anderen  Welt  vermählt:
Jener  Welt  des  Handelns,  die  als  das  selbstherrliche  und  ursprüngliche ­
  Dritte  zwischen  Sinnenwelt  und  Seelenwelt  steht.
Eine  Welt,  voll  der  eigenartigsten  Gebilde,  die  aber  einheitlich
ruhen  auf  dem  Erlebnis  der  Tat;  jenem,  unserem  Denken  urwüchsig ­
  und  noch  unzerfällt  Gegebenen,  von  dem  man  schon  die
toten  Teile  in  der  Hand  hält,  sobald  man  sinnliche  oder  seelische
Erscheinungen  vor  sich  sieht.  Und  diese  andere,  die  Welt  der  Erlebungen, ­
  vermählt  sich  unserem  Denken  auch  ganz  anders,  als  die
Welt  der  Erscheinungen.  Da  ergibt  sich  der  Zusammenhang  im
Geschehen  nicht  in  jenem  ursächlichen  Sinne,  wie  dort,  wo  das  Einzelne
in  der  Art  untergehen  muß,  ehe  uns  die  Abfolge  der  Erscheinungen
aus  „Gesetzen“  verständlich  wird.  Gleich  seinen  Abkömmlingen,  können
wir  schon  das  einfachste  Erlebnis  stets  nur  aus  dem  Zusammenhang
des  Geschehens  erfassen,  der  uns  schon  mit  dem  Erleben  des  letzteren
zufällt  1  Es  heftet  das  Erlebnis  gleichsam  seinen  Grund  schon  an  die
eigene  Gegebenheit.  Und  so  verknüpfen  sich  diese  Erlebnisse  und  ihre
Gebilde  von  Haus  aus  jenem  viel  verschlungenen  Gewebe,  als  das  uns
die  Welt  des  Handelns  ganz  unmittelbar  begreiflich  ist,  nach  dem
Vorbilde  unseres  eigenen  Handelns.  Für  unser  Begreifen  dieser  Welt
kommen  „Gesetze“  hoffnungslos  zu  spät.  Das  scheinbar  Gesetzmäßige
in  dieser  Welt  steht  auf  einer  Stufe  mit  dem  scheinbar  Zufälligen  in
der  Natur:  Ein  gelegentliches  Alpha,  nicht  das  grundsätzliche  Omega
der  Erkenntnis  1  Das  will  sagen,  es  harrt  gleichsam  seiner  Auflösung
in  jenen  Einen  und  großen  Zusammenhang,  den  zu  durchschauen  hier
das  letzte  Ziel  alles  Forschens  bleibt.
Dieses  Reich  der  Tat  nun  ist  Gemeinbesitz  mehrerer  Wissenschaften. ­
  Ich  deute  es  an  einer  gesonderten  Stelle  an,  wie  sich  die
letzteren,  unter  ihnen  die  Nationalökonomie,  nur  des  verschiedenen
Gesichtspunktes  wegen  absondern,  aus  dem  sie  jenes  Einerlei  beschauen. ­
  In  diesem  Geiste  ist  die  Nationalökonomie  aber  eine  Wissen ­
        <pb n="180" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  II.

155

schaft  für  sich,  weil  sich  das  nationalökonomische  Denken  als  eine
echte  Spielart  besondert  von  jenem  erfahrungswissenschaftlichen
Denken,  das  der  Welt  der  Erlebungen  ganz  ebenso  gerecht  wird,
wie  das  naturwissenschaftliche  Denken  der  Welt  der  Erscheinungen.
Sagen  wir  etwa,  das  nationalökonomische  Denken  erkennt  sich  selber
als  die  eine  der  Möglichkeiten,  „aktionswissenschaftlich“  zu  denken.  Der
Name  „Aktionswissenschaften“  wäre  mir  natürlich  für  jeden  besseren  feil.
Zu  einer  weiteren  Teilung  im  Stoffe  der  Erfahrung  kommt  es
also  nicht.  Im  entscheidenden,  im  grundsätzlichen  Sinne  ist  demnach
die  Sonderheit  der  Nationalökonomie  keineswegs  auf  ein  besonderes,
nur  dieser  Wissenschaft  eigentümliches  „Gebiet“  gegründet.  Weder
ln  jenem  Sinne,  an  den  uns  im  voraus,  also  zur  großen  Bequemlichkeit ­
  unseres  Denkens,  der  vertraute  Klang  gewisser  Worte  glauben
macht;  ich  meine  die  liebgewohnten  Schlüsselworte,  wie  etwa  „Wirtschaft“, ­
  „Staat“,  „Gesellschaft“.  Die  Aussonderung  tritt  aber  auch
nicht  so  in  Kraft,  daß  der  Nationalökonomie  aus  der  Welt  des
Handelns  etwa  das  „Alltägliche“  Vorbehalten  bliebe.  Beachten  Sie,
daß  in  diesem  Zusammenhänge  hier  dieses  Wort  zwischen  Gänsefüßchen ­
  hineingehört.  Denn  gewiß,  man  kann  es  sagen,  es  wende
sich  die  Nationalökonomie  in  der  tatsächlichen  Sachlage  dem  „Alltäglichen“ ­
  zu&amp;gt;  Aber  damit  stellt  man  sich  bereits  auf  den  Boden
eines  Denkens  minderer  Strenge.  Vor  dem  eindringlichen  Blick
jener  Ersten  Probleme  fänden  eben  Ausdrücke,  wie  „Alltägliches“
un d  „Alltagswelt“  keine  Gnade.  Und  so  verrät  es  das  Walten  eines
i  h° C ^ erten  ^ en ^ ens  un&amp;lt; ^  kennzeichnet  die  durchfahrige  Art,  in  der
c  zur  engeren  Sache  reden  muß,  wenn  ich  von  da  ab  die  Wendung
v °n  der  „Erkenntnis  des  Alltäglichen“  buchstäblich  nehme,  und  daher
zunächst  in  vollem  Ernste  vom  Alltäglichen  spreche.

II.

R  dl  eich  der  Wechsel  zwischen
Alltäglich  ist  freilich  vieles;  z-  •  S  obwohl  auch  er  für
Tag  und  Nacht.  Der  kann  mcht  gC ^ e kommt unter  den  zahllosen
die  Welt  des  Handelns  zur  Geltung
TN-.

»Deb

r-  chehens  Aber  wie  ist  nun  das  All-■.rerminanten“
  des  erlebten  Gesc  f  scheint  da  zu  drohen.
tägliche  gemeint?  Der  Definition  gan  J  ^  ^  d as  alltägliche
Dennoch,  sofern  man  nur  darauf,  h  me hr  als  entbehrlich;
Handeln  in  Frage  kommt,  ist  alle  ^  Mtägliche  nur  als
sie  wäre  von  Übel.  Definieren  konn  alltäglich
die  Art  eines  Geschehens.  Wie  aber  zwischen  dem,
        <pb n="181" />
        156

,Die  Herrschaft  des  Wortes",

und  jenem,  was  nicht  alltäglich  ist,  zu  scheiden  wäre,  darüber  müßte
sich  unser  Denken  sofort  entzweien.  Jedoch  das  genaue  Gegenteil  tut
hier  not:  ein  sicherer,  eindeutiger  Ausgang  für  unser  Denken  1  Der
aber  liegt  mit  dem  Alltäglichen  als  Inbegriff  vor,  unabhängig  von
aller  Definition.  Nur  dieser  günstige  Umstand  erlaubt  es  ja,  unser
Problem  an  das  Alltägliche  anzuknüpfen;  wir  klammern  uns  an  dessen
unzweideutigen  Kern,  während  uns  das  Verschwimmen  der  Grenzen
gleichgültig  bleibt.  So  ist  es  wesentlich,  daß  wir  uns  wirklich  nur
diesen  losen  Inbegriff  von  erlebtem  Geschehen'  Vorhalten;  der  zwar
nichts  Greifbares  besagt,  und  von  dem  ich  nun  erst  erwägen  will,  wie
er  uns  im  einzelnen  begreifbar  wird,  der  uns  aber  trotzdem  so  vertraut, ­
  so  ganz  außer  Zweifel  und  Mißverständnis  ist,  weil  wir  mit
unserem  ganzen  Tun  und  Treiben,  mit  unserem  ganzen  Wohl  und
Wehe  in  diesem  Inbegriff  das  Inbegriffene  sindl
Umschreiben  läßt  sich  dieser  Inbegriff  allerdings;  z.  B.  als  das
Ganze  des  mehr  oder  minder  nüchternen,  hausbackenen  Geschehens
durch  uns  und  rings  um  uns,  mit  dem  in  nie  aussetzendem  Flusse  aus
dem  Gestern  das  Heute  und  aus  dem  Heute  das  Morgen  wird.  Derlei
Umschreibung  erläutert  wohl  die  Sache,  bei  der  wir  einsetzen.  Aber
schon  zum  Überfluß;  so  wenig  verbindlich  solche  vorausgeworfene
Erläuterung  ist,  in  diesem  Fall,  so  wenig  sind  wir  zu  ihr  verbunden.
Wir  sind  uns  einmal  dieser  Sache  viel  zu  gewiß,  als  daß  sie  erst  eindeutig ­
  würde,  sofern  wir  ihren  Namen  scharf  und  gültig  definieren.
Auch  weiterhin  bleiben  die  Gefahren  der  worterklärenden  Definition ­
  vermieden.  Vom  Alltäglichen  aus  führt  uns  eine  sachliche
Erwägung  vor  jene  Kenntnis  der  Alltäglichkeit  hin,  an  die  sich  unser
Problem  des  näheren  knüpft.  Wir  erwägen  da,  wie  sich  unser  Denken
zu  jener  Sphäre  der  erlebten  Gemeinplätze  verhält.  Dazu  sei  nun  in
aller  Einfalt  ein  Vergleich  gezogen,  zwischen  gewissen  Vorkommnissen
des  Alltags  und  gewissen  Erscheinungen  der  Natur.  Der  Vergleich
aber  rechtfertigt  sich  aus  dem  Umstande,  daß  es  hüben  und  drüben
auf  ein  vielartiges  Geschehen  ankommt,  von  jenem  innigen  Zusammenhalte, ­
  als  ob  jedes  Eine  um  Aller,  und  Alle  um  jedes  Einen  willen
da  wären.
Ein  Mehrerlei  des  Geschehens,  das  sich  wechselseitig  bedingt,
unserem  Denken  also  gegliedert,  „organisiert“  erscheint,  das  steht  in
der  Tat  bei  jedem  tierischen  oder  pflanzlichen  Organismus  in  Wirklichkeit. ­
  Aber  hier  durchblicken  wir  die  Gliederung  im  Geschehen
doch  nur  soweit,  als  wir  mit  Absicht  beobachtet  und  über  das  Beobachtete ­
  nachgedacht  haben;  wobei  wir  natürlich  die  Früchte  der
gleichen  Bemühung  Anderer  nutzen.  Von  Haus  aus  erscheinen  diese
        <pb n="182" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  II.

157

Gebiete  für  das  menschliche  Denken  fremd.  Unser  Handeln  ist  zwar
selber  durch  einen  Organismus  determiniert;  von  dem  weiß  jedoch
das  urwüchsige  Denken  blutwenig.  So  bleibt  es  dem  wissenschaftlichen ­
  Denken  Vorbehalten,  in  diese  Gebiete,  und  dann  gleichsam
erobernd  vorzudringen.
Zum  Vergleich  nun  etwas  Ähnliches  aus  der  Alltagswelt;  in  recht
unverhohlener  Absicht  ausgewählt.  Wenn  Sie  da  z.  B.  durch  ein
Schaufenster  blicken,  und  die  Leute  hinter  dem  Ladentisch  beobachten,
wie  sie  Dies  und  Jenes  tun,  bald  einen  Kunden  sehr  umständlich,
bald  einen  Reisenden  sehr  kurz  behandeln,  dann  wieder  die  Eintragung ­
  in  dicke  Bücher  machen,  eine  Sendung  empfangen,  Waren
e infächern  —  ein  Vielerlei  von  Geschehen  ergibt  sich  Ihnen  da,  das
grundsätzlich  schon  im  einzelnen,  sicher  jedoch  im  ganzen,  in  seiner
Gliederung,  für  Sie  verständlich  ist.  Gleichgültig,  wie  Sie  daraufhin
das  Begriffene  ausdrücken  wollen;  ob  Sie  von  „Geschäft“  reden,  oder
von  «Erwerb“,  oder  von  „Unternehmung“.  Jeder  von  uns,  soviel  ist
sicher,  weiß  sich  auf  dieses  bunte  Getriebe  sofort  einen  Reim  zu
machen.  Man  braucht  da  wahrlich  nicht  erst  auf  den  Nationalökonomen
zu  warten,  erfreut  sich  auch  so  schon  einer  Einsicht,  die  gleich  bis  in
den  Kern  der  Sache  vordringt.
So  auch,  wenn  Sie  etwa  in  eine  Wohnung  blicken,  und  auch  da
erum  das  vielfältigste  Gebaren  sehen.  Ein  und  aus  von  allerlei
und  en "  Aufstei S en  von  Rauch  au s  den  Kaminen,  Hantieren  mit  Besen
Un  Kochlöffel  usw.  Auch  da  wissen  Sie  natürlich  sofort,  wieviel  es,
ms  Ganze  beschaut,  geschlagen  hat;  so  ginge  es  eben  „bei  Schulzens“
er i  oder  im  „Müllerschen  Hauswesen“.  Der  Alltag  birgt  keinerlei
se  m  sich  1  Da  ist  uns  Alles  so  vertraut,  daß  wir  der  Voraus-V
  ZUn ^ en  g ar  nicht  mehr  gedenken,  auf  denen  unser  unbeirrtes
^  Geständnis  rt *Et.  Und  es  ist  doch  klar,  daß  uns  solche  Wissenschaft
von  Natur  aus  ist,  sondern  uns  durch  unser  eigenes  Handeln
bei  '  C * Urc * 1  unser  Leben  inmitten  solchen  Getriebes,  von  Kindesoen
  an.  In  dieser  Richtung  geht  daher  das  wissenschaftliche  Denken
erobernd  vor;  zunächst  ist  es  vielmehr  in  der  Lage  zu  erben.
,  * eses  Erbe  nun,  das  allem  Denken  über  die  Welt  des  Handelns
zu  t,  das  ist  die  Alltagskenntnis.  Ein  Wissen,  das  schon  in
aus Serer  Fähigkeit  zu  handeln  enthalten  ist,  und  uns  doch  wieder  nur
unseM) 11  IIandeln  selber  geworden  ist;  in  jenem  tieferen  Sinne,  wie
Es  r  en k £n  un&amp;lt; ä  unser  Handeln  überhaupt  aneinander  heranwachsen,
od  1C ^ t  a ' 3Gr  d * ese  Kenntnis  der  Alltäglichkeit  mit  keinerlei  Definitionen
2u  S aUSgearbeiteten  Theorien  vor;  höchstens,  daß  Einzelnes  aus  ihr
priichen  bündig  gefaßt  ist.  So  kommt  es  vor  allem  auf  das
        <pb n="183" />
        ,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

I 5 8

Verhältnis  an,  das  zwischen  dieser  Jedermanns-Weisheit  und  den
Worten  besteht,  den  Kindern  der  lebenden  Sprache.
An  sich  ruht  diese  Alltagskenntnis,  wie  gesagt,  als  ein  gestaltloses
Wissen  in  uns;  als  das  unklare  Ganze  von  lauter  ungeklärten  Anschauungen, ­
  die  ihrem  Inhalte  nach  viel  zu  selbstverständlich  sind,  als  daß
uns  ihr  Besitz  im  gewöhnlichen  Verlauf  der  Dinge  zum  Bewußtsein
käme.  Weil  wir  nun  Alle  handeln,  ist  uns  Allen  dieser  Besitz  gemein.
Diese  Anschauungen,  in  denen  sich  unser  gemeinsames  Verhältnis  zum
Handeln  spiegelt,  sind  ja  wieder  viel  zu  ungeklärt,  um  einem  Zwiespalte ­
  Raum  zu  geben.  Mit  dieser  Tatsache  nun,  daß  wir  Alle  die
Alltagskenntnis  teilen,  fällt  es  in  eins,  daß  uns  die  Worte  verständlich
sind,  mit  deren  besonderer  Hilfe  wir  im  Handeln  selber  über  das
Handeln  sprechen.  Sie  sind  uns  das  Mittel  des  Ausdruckes,  durch  das
wir  uns  im  nämlichen  Gedanken  finden,  ohne  uns  den  letzteren  eigentlich ­
  klarzumachen.  Und  dazu  gehören  z.  B.  auch  „Haushalten“  und
„Unternehmen“.  Nicht  also,  daß  wir  diese  Worte  in  Eintracht  zu
definieren  wüßten.  Muß  denn  so  eine  Einheit  der  Sprache  gleich  auch
eine  Einheit  unserer  Gedankenwelt  sein  ?  Daran  hängt  das  sprachliche
Verständnis  ganz  und  gar  nicht.  Solche  Worte  sind  um  so  verständlicher, ­
  je  harmloser  wir  sie  verwenden;  je  ruhiger  sie  im  Flusse  der
Rede  schwimmen.  Dann  erst  scheinen  sie  auf  jenes  gestaltlose  Gemeinwissen ­
  die  erfolgreichste  Berufung  einzulegen.  Wir  fruchten  einfach
diese  Alltagskenntnis,  wo  immer  wir  jene  Worte  im  zwanglosen  Sprechen
verwenden.
So  wird  es  gerade  durch  einen  unbefangenen  Gebrauch  dieser
Worte  möglich,  kurzerhand  Alltägliches  zu  erörtern.  Es  erhellt  hier,
um  es  im  Vorgriff  zu  sagen,  wie  nationalökonomische  Leistungen
möglich  sind,  auch  wenn  man  auf  jene  „Theorie  vor  den  Tatsachen“
verzichtet,  auf  die  ich  später  verweise.  Es  ist  gleichgültig,  ob  dieser
Verzicht  nun  ein  bewußter  ist,  oder  uns  aus  der  Gewöhnung  zwanglosen ­
  Sprechens  überkommt.  Erörterungen,  die  diesen  Verzicht  leisten,
können  sich  kraft  mancherlei  Tugenden  zum  Range  einer  wissenschaftlichen ­
  Leistung  erheben:  Treue  gegenüber  den  Tatsachen,  Schärfe  der
Folgerung,  vor  allem  der  Umstand,  daß  man  das  Interesse  an  der  Erfahrung ­
  über  die  Interessen  am  Erfahrbaren  stellt!  Eines  aber  bleiben
solche  Erörterungen  ihrer  Wissenschaftlichkeit  schuldig,  und  je  geläuterter ­
  sie  sind,  desto  drückender  das  Versäumnis:  Sie  zehren  ja  von
der  Alltagskenntnis,  stellen  sich  also  auf  den  Boden  ungeklärter ­
  Anschauungen,  von  denen  sie  sich  keinerlei
Rechenschaft  ablegen.
Hier  steht  es  zweifellos  dem  Denken  frei,  in  eigener  Sache  einen
        <pb n="184" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  II.

159

guten  Schritt  vorwärts  zu  tun!  Da  keimen  die  Forderungen,  die  schon
aus  der  Natur  des  wissenschaftlichen  Denkens  zu  begründen  sind;
worunter  ich  eben  ein  Denken  meine,  das  stetig  über  sich  selber
hinausstrebt.  Nur  richten  sich  diese  Forderungen  nicht  etwa  deshalb
auf,  weil  die  Alltagskenntnis  falsch  sei.  Ein  Urteil  wäre  da  immer
nur  über  die  Einzelheiten  zulässig.  Der  Inhalt  der  Alltagskenntnis  ist
aber  viel  zu  ungeklärt,  um  das  Einzelne  daraus  auf  wahr  oder  falsch
Zu  beurteilen.  Wohl  aber  kann  man  vom  Ganzen  sagen,  daß  mit  der
Alltagskenntnis  ein  Denken  zur  Ruhe  kommt,  das  mit  dem  Handeln
aufwächst,  stets  nur  die  Bedürfnisse  des  Handelns  vor  Augen  hat,  unbehütet
  von  aller  Kritik  bleibt,  und  daher  nie  anders  an  sich  bessert,
als  daß  es  im  Vollzüge  des  Handelns  sich  ganz  von  selber  berichtigt.
Ein  Denken  also,  von  dem  wahrlich  nicht  gilt,  es  strebe  stetig  über
s 'ch  selber  hinaus.  Ungefähr  in  diesem  Geiste  möchte  ich  Kenntnis
und  Erkenntnis  scheiden,  und  so  ergibt  sich  die  Alltagsk
 enn tnis  als  ein  fremder  Stoff  im  wissenschaftlichen
Senken,  den  das  letztere  ausstoßen  muß.
Meine  Darlegung  mußte  um  so  roher  bleiben,  als  der  Sachverhalt
em  se h r  in  sich  verspreizter  ist,  und  sich  nur  gewaltsam  in  Kürze
abtun  läßt.  Ein  drohendes  Mißverständnis  ist  aber  jedenfalls  abgewandt: ­
  Sie  bemerken,  mit  der  Erkenntnis  des  Alltäglichen  steuern  wir
ei  eibe  nicht  einer  „Philosophie  des  Banalen“  zu,  die  irgendwie  das
nationalökonomische  Denken  über  seine  Grenzen  drängt.  Es  handelt
^ C h  urn  e ine  ungemütlich  nüchterne  Sache:  Schärfere  Zucht  im
e  n  k  e  n,  auf  Kosten  seiner  Bequemlichkeit,  seiner  lieben  Gewohnh
  eiten!

Jenen  Forderungen  entspinnt  sich  nun  unser  Problem.  1
gilt  es,  ungeklärte  Anschauungen,  auf  denen  das  nationalokonom
Denken  fußt,  i n  tätiger  Erkenntnis  zu  läutern.  So  hilft  unser  ro
dazu  mit,  jenes  Erbe,  das  auch  dem  nationalökonomischen  en  en
zufällt,  erst  noch  zu  erwerben,  um  es  recht  zu  besitzen.  Die  beson  ere
Au fgabe,  die  sich  zu  unserem  Probleme  fassen  läßt,  soll  dann  auf
einem  Umwege  klar  werden,  der  sich  durch  besseres  Verständnis  bezahlt ­
  macht.  Vorher  einen  Seitenblick  auf  die  tatsächlichen  Verhältnisse ­
  in  der  Nationalökonomie.  .....  ,
Die  Frage  ersteht  ob  die  Nationalökonomie  nicht  langst  schon
versucht  hat,  jene  banausische  Art  von  „Apriori“  aus  ihrem  Denken
auszumerzen.  Zunächst  ist  ja  nichts  natürlicher,  als  daß  sich  besonders
in  der  Wissenschaft  vom  Alltäglichen  die  Worte  herumtreiben,  die
gleichsam  die  Leibworte  des  Alltags  sind:  Jene  vieberühmten  Worte
»Wirtschaft“,  „Gut“,  „Wert“,  „Kapital“,  „Geld“,  „Vermögen“

usw.,
        <pb n="185" />
        i6o

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

hinter  denen  die  Nationalökonomie  ihre  „Grundbegriffe“  sucht.  Über
der  Sorge  um  diese  „Grundbegriffe“  kommt  es  ja  dazu,  daß  sich  diese
Wissenschaft  auf  den  bezüglichen  Gebieten  in  einem  hartnäckigen
Wechselfieber  der  Definitionen  und  Theorien  schüttelt.  Wenn  Dies
auch  den  Kern  der  Wissenschaft  so  unberührt  läßt,  wie  es  einem
Außenstehenden  kaum  begreiflich  ist,  soll  es  denn  bloße  scholastische
Spiegelfechterei  sein?  Spielt  da  nicht  unverkennbar  das  Streben  mit,
den  Schnitt  zu  führen  zwischen  dem  nationalökonomischen  Denken
und  dem  alltäglichen?
Zum  Glück  ist  kein  Anlaß  da,  diese  verwickelten  Dinge  schon  in
diesem  Rahmen  aufzurühren.  Meine  Zweifel  brauche  ich  deswegen
doch  nicht  zu  verhehlen.  Es  scheint  mir  in  der  Tat,  daß  jenes  gültige
Streben  wirkungslos  verpuffen  muß,  solange  es  sich  nur  in  jenen
„wortgebundenen“  Problemen  entladet,  die  in  ihrer  kindlichsten  Gestalt
eins  sind  mit  Fragen  von  der  Art:  „Was  ist  die  Wirtschaft?“,  „Was
ist  der  Wert?“  usw.  —  den  ganzen  nationalökonomischen  Katechismus
herunter.  Wie  kann  man  mit  dem  alltäglichen  Denken  fertig  werden,
wenn  man  sich  in  den  gläubigen  Dienst  seiner  ureigensten  Sprößlinge
  stellt  1
Es  war  wohl  nötig,  den  Widerspruch  gegen  das  nationalökonomische ­
  Herkommen  zu  betonen;  das  ist  von  Beginn  an  geschehen,
und  hier  schimmern  auch  die  tieferen  Gründe  durch.  Der  Weg  aber,
den  ich  hier  einschlage,  ist  auf  den  Widerspruch  gegen  das  Herkommen
nicht  angewiesen.  Man  darf  geradeaus  für  das  gute  Recht  der  Probleme
eintreten,  die  sich  nur  vor  einem  selbstbesonnenen  Denken  aufrollen,
vor  einem  Denken  der  Einkehr.  Zu  ihnen  gehört  auch  unser  Problem,
wenn  ich  seinen  tieferen  Zusammenhängen  auch  nicht  gerecht  werde.
Aber  jenen  Vergleich,  der  uns  schon  vorher  geleitet  hat,  greife  ich
jetzt  etwas  sorgsamer  auf,  um  auf  diesem  Wege  zu  unserem  Probleme
zu  gelangen.

III.
Das  Naturgeschehen,  ein  Fallen,  ein  Stoßen,  das  ist  uns  ewiglich
fremd.  Wir  begreifen  es  wohl  aus  dem  Naturgesetz;  aber  was  ist  das
anderes  als  der  allgemeinste  Ausdruck  des  Geschehens  selber  1  Weil
Diesem  jener  Gehalt  fehlt,  der  in  allem  Handeln  lebt,  (mit  dem  Worte
„Zweck“  aber  nur  höchst  oberflächlich  anklingt),  deshalb  lösen  wir
beim  Naturgeschehen  das  Besondere  im  Allgemeinen  auf,  und  vom
Allgemeinen  her,  mit  dem  „Gesetz“  als  Obersatz,  erscheint  uns  das
        <pb n="186" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  III.

161

Besondere  dann  als  notwendig.  In  das  Geschehen  des  Handelns  jedoch,
lr gendein  Tun,  da  sehen  wir  eben  hinein;  oder  besser,  wir  stecken
selber  darin.  Mit  seinem  Gehalt,  den  es  aus  seinem  erlebten  Zusammenhang ­
  mit  seinesgleichen  empfängt,  ist  es  gleichsam  ein  Stück  von
unserem  Selbst.
Zunächst  stecken  wir  freilich  nur  im  eigenen  Handeln.  Aber  im
Wahrnehmen  fremden  Handelns  verlegen  wir  sofort  unser  Ich  in  die
fremde  Menschenhülle,  und  damit  stecken  wir  auch  im  fremden  Handeln.
Und  diese  Verlegung  unseres  Ichs,  die  einfach  schon  mit  der  Wahruehmung
  eins  ist,  die  haben  wir  nicht  erst  zu  lernen;  im  Gegenteil.
Bür  das  Kind  laufen  auch  die  Steine,  und  so  hört  der  „Naturmensch“
Bas  Donnern  in  unsäglicher  Angst  als  ein  Brüllen.  Wir,  die  Menschheit ­
  u n( j  der  einzelne  Mensch,  wir  müssen  es  umgekehrt  erst  lernen,
Baß  nicht  jegliches  Geschehen  gleich  aus  dem  Spiegelbilde  unseres
fchs  zu  erfassen  sei.  Vorher  nehmen  wir  eben  alles  Geschehen  als
ein  Handeln  wahr,  jedes  duldende  Erlebnis  sich  ablösender  Empfindungen; ­
  und  stets  nach  dem  Vorbilde  unseres  eigenen  Handelns,
essen  Zusammenhang  wir  ja  empfinden,  ehe  wir  ihn  denken  könnten.
So  engt  sich  die  Welt  des  Handelns,  die  für  das  harmlose  Bewußtsein ­
  das  ganze  Geschehen  umspannt,  erst  nach  und  nach  in  ihre
rechten  Grenzen  ein.  Grenzen,  die  schließlich  nur  jenes  Geschehen
umziehen,  an  dessen  „Ursprüngen“,  den  Knotenpunkten  seiner  Zusammenhänge,
  auch  für  das  geläuterte  Bewußtsein  ein  Ich  stehen
*  '  Uas  ist  überall  dort  der  Fall,  wo  wir  in  unbeirrter  Ruhe  anen
 &amp;gt;  daß  sich  Geschehen  in  seinen  Zusammenhängen  genau  so
0  et,  wie  das  eigene  Handeln  in  unserem  Ich.  Aus  jener  Ruhe
ucht  uns  z.  B.  der  Narr  auf,  und  scheidet  daher  mit  seinem  Getue
e °  °rt  aus  der  Welt  des  Handelns  aus;  er  handelt  als  solcher  nicht,
sesse^“"^ 6 ^  ’  °* as  na * ve  Bewußtsein  wird  er  gehandelt,  ist  „beu
  '  ^° r  a ^ em  aber  sondert  sich  jener  ungeheure  Rest  des  Ge-.
  ens  aus &amp;gt;  das  uns  harmloser  irre  macht  an  jenen  „Rückschlüssen“,
uns  1  m  ^ a ^ en  w * r  Bann  den  Schlüssel  verloren;  es  entseelt  sich  für
zu  '  eS  W * r&amp;lt; *  Uatur.  Wir  wissen  es  nicht  weiter  aus  seinem  Gehalte
verstehen,  und  suchen  es  nur  mehr  zu  begreifen.
reilich,  es  bedarf  nur  der  Zerfällung  des  Erlebten,  und  wir  versin
  S °*° rt  aucl1  für  jene  echte  Welt  des  Handelns  ein  Gegenüber
g  C . er  und  seelischer  Natur  einzutauschen,  einen  „Parallelismus  der
dune  ein ? ngenl&amp;lt;  ’  s °f ern  wir  nur  einmal  soweit  sind,  unsere  Empfinauch
 S  d”  C ' t  ZU  ^ atur  zu  entseelen.  Diese  gültige  Möglichkeit,  hier
w •  s  38  Zerfällte  zu  erkennen,  verwirklicht  sich  mit  aller  Naturenschaft
  vom  Menschen.  Aber  sie  entbindet  doch  nie  und
V '  G0ttl - 0 “liHe„£ el a,  Wirtschaft  als  Labea.  II
        <pb n="187" />
        IÖ2

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

nimmer  von  jener  Erkenntnis  des  Unzerfällten,  mit  der  allein
auch  der  Welt  des  Handelns,  dem  Größer-Ich,  das  volle  Recht  wird.
Diese  Erkenntnis  ist  allermenschlichste  Erkenntnis;  ihr  allein  ist  unser
Schicksal  greifbar,  das  ja  mit  dem  Spiel  der  Molekeln  und  bloßen
Empfindungen  nichts  gemein  hat.  Darum  ist  diese  Erkenntnis  auch
niemals  eine  „überholte“;  und  wenn  man  noch  so  geringschätzig,  so
recht  im  Pfuiteufelton  von  ihr  spricht,  weil  sie  der  naturwissenschaftlichen ­
  Erkenntnis  „entgegen“  sei.
Da  sich  unser  Ich  darin  spiegelt,  ist  alles  Geschehen  des  Handelns
für  uns  Erlebnis.  Wir  nehmen  es  geradeaus  als  Miterlebtes  entgegen, ­
  auf  dem  Umwege  der  Sprache  als  Nach  er  lebt  es.  Es  trifft
mit  diesem  Erleben  zusammen,  daß  uns  alles  Geschehen  des  Handelns
gleich  mit  einem  Gehalte  zufällt.  So  können  wir  z.  B.  zwar  von  der
„auffälligen  Bewegung  eines  menschlichen  Armes“  reden;  im  Geiste
jenes  zerfällenden  Denkens,  das  uns  so  nahe  liegt,  weil  uns  das  Handeln
selber  dafür  schult.  Aber  jene  „auffällige  Bewegung“  ist  nie  das
harmlos  Gegebene  für  uns;  was  wir  wahrnehmen,  das  ist  sofort  ein
„Drohen“,  oder  „Winken“,  oder  „Grüßen“  u.  dgl.  Zu  den  mannigfachsten ­
  Zusammenhängen  sind  eben  schon  in  der  Wahrnehmung  die
Ansätze  da,  die  im  Weiterdenken  dann  ins  schrankenlose  auswuchern.
In  diesem  Sinne  spinnt  sich  das  Geschehen  schon  in  seiner  schlichten
Erlebtheit  in  die  Zusammenhänge  mit  Seinesgleichen  ein;  hinter  dem
„Drohen“  steht  z.  B.  die  „Strafe“  oder  der  „Angriff“.  Und  so  ist  der
Gehalt  dieses  Geschehens  eins  damit,  daß  sich  letzteres  dem  Einen
Gewebe  der  Erlebnisse  einknüpft  —  im  Weiterdenken  in  der  reichfältigsten
  Art!  Nur  in  der  prallen  Wahrnehmung  kann  uns  jener
Gehalt  des  Geschehens  zunächst  bloß  im  Grundsätze  vorhanden  sein;
als  ein  leeres  oder  doch  nur  auf  sofortigen  Widerruf  beschriebenes
Blatt.  Das  eine  Mal  sagen  wir  etwa  „Was  will  der  Mann  1“;  im  anderen
Falle  „Mir  war’s,  als  ob  er  gedroht  hätte“.
Das  Vorbild  des  eigenen  Handelns  läßt  uns  das  erlebte  Geschehen
nicht  bloß  in  seinen  strebigen  Zusammenhängen  durchschauen;
nicht  bloß  auf  die  Art  und  Weise  hin,  wie  das  nächste  Streben  durch
seinen  Erfolg  sich  selber,  und  zugleich  auch  einem  ferneren,  bis  einem
fernsten  Streben  dienen  will.  Dadurch  allein  schon  ist  der  Grundstock
gelegt  für  die  außerordentliche  Vielverwobenheit  des  erlebten  Geschehens. ­
  Aber  nach  dem  Vorbilde  unseres  Handelns  durchschauen
wir  das  erlebte  Geschehen  gleich  auch  in  seinen  seitlichen  Zusammenhängen. ­
  Ich  meine  die  Art,  wie  sich  Handlungen,  die  ganz
verschiedenem  Streben  antworten,  wechselseitig  bedingen,  auch
wenn  sie  nicht  gleichzeitig  vollzogen  werden;  und  so  auch  Hand ­
        <pb n="188" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  III.

163

lungen  ganz  verschiedenen  Ursprunges.  In  diesen  drei  Weisen
verknotet  sich  das  erlebte  Geschehen,  und  gewinnt  jene  Zusammenhänge, ­
  die  hier  allein  in  Betracht  zu  ziehen  sind.  Daneben  bleibt
natürlich  die  unendliche  Vielart  übrig,  wie  sich  die  Handlungen,  sei
es  des  nämlichen,  sei  es  verschiedenen  Ursprunges,  untereinander
determinieren;  da  ist  die  Beziehung  keine  wechselseitige,  es  steht
sich  Handeln  und  Erdulden  gegenüber.  In  ähnlicher  Weise  ist  unser
Handeln  mit  dem  ganzen  Naturgeschehen  in  Beziehung.  Von  dem
eigentlichen  Zusammenhang  im  Handeln  ist  aber  nur  jenes  Dreierlei
vorhanden,  das  man  schlagwörtlich  als  das  Auseinander,  dasWegene
  in  ander,  und  das  Miteinander  der  Handlungen  sondern  kann.
Auch  jene  Flut  des  Geschehens,  das  Alltägliche,  fällt  uns  nicht  als
ein  knatterndes  Nacheinander  zu,  in  das  wir  erst  hinterher  Zusammenhang ­
  denken.  Wir  erleben  auch  dieses  flutende  Geschehen  in  Hüter
Zusammenhängen,  durchschauen  es  von  Haus  aus  als  ein  unablässig
Auseinander,  Wegeneinander,  Miteinander.  Im  Grunde  besagt  Dies
nur  die  Art,  wie  uns  das  erlebte  Geschehen  überhaupt  gegeben  erscheint,
kraft  jenes  Denkens,  das  mit  unserem  Handeln  urverwachsen  ist.  Hier
aber,  da  wir  das  Alltägliche  ernst  nehmen,  wird  uns  damit  eine
Leistung  der  Alltagskenntnis  greifbar.  Und  die  Alltagskenntnis ­
  just  für  den  Umfang  dieser  Leistung  entbehrlich  zu
machen,  darin  gipfelt  unser  Problem!
Dieses  Problem  bindet  übrigens  nur  mit  jenem  Wegenein  ander
und  Miteinander  der  Handlungen  an;  nicht  auch  mit  ihrem  Auseinander. ­
  Die  Art  nämlich,  wie  wir  die  strebigen,  sagen  wir  die
«technischen“  Zusammenhänge  im  Handeln  begreifen,  das  läßt  sich
nicht  in  wenige  „Formeln“  pressen.  Dazu  sind  der  menschlichen
Streben  zu  v i e i e?  und  ist  ihre  Art  zu  vielgeschieden.  Hier  wäre  nur
das  Schema  möglich,  wie  sich  überhaupt  unser  Streben  im  lebenden
b'lusse  des  Handelns  zergliedert;  als  Ein  Schema,  weil  das  Handeln,
über  das  uns  schon  unser  Ich  die  geistige  Gewalt  verleiht,  im  Wesen
nur  Eines  ist  Dieses  eine  Schema  ließe  sich  nur  besondern,
un d  diese  Besonderung  ist  dann  Sache  von  aller  Art  „Technologie  .
In  bezug  auf  den  seitlichen  Zusammenhang  im  Handeln  aber,  da
begen  die  Dinge  schon  fürs  Allgemeine  günstiger.  Dahinaus  wird
mm  unser  Problem  möglich,  als  das  Suchen  nach  jenen  „Formeln“,
die  jetzt  zu  erörtern  bleiben.
Der  Blick  in  die  Zusammenhänge  des  Handelns  soll  also  der
Alltagskenntnis  entraten  können.  Dann  gilt  es  einen  Ersatz  jener
ungeklärten  Anschauungen,  die  im  Bereiche  der  Alltagskenntnis  gerade
dazu  ihre  Hilfe  bieten.  Wir  müssen  sie  durch  klare  Gedankengebilde
11*
        <pb n="189" />
        164

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

ersetzen.  Es  kann  sich  da  nur  um  Begriffe  handeln,  die  uns  den  Zusammenhang ­
  überblicken  lassen,  soweit  er  dem  Wegeneinander  und
Miteinander  der  Handlungen  entspricht.  Diese  Begriffe,  die  zusammen
die  Lösung  unseres  Problemes  bilden,  sind  also  nach  ihrem  Inhalte
lauter  Spielarten  des  Zusammenhangs  im  Handeln.  Auch
das  besondere  Wesen  dieser  Begriffe  läßt  sich  im  voraus  absehen.
Es  hängt  im  weiteren  Sinne  an  einer  Eigenheit  aller  Begriffe,  die  in  die
Welt  des  Handelns  einspielen.  Im  engeren  Sinne  hängt  dieses  Wesen
an  dem  Berufe,  der  im  Geiste  unseres  Problemes  diesen  Begriffen  zufällt.
In  alle  Natur,  die  uns  fremd  bleibt,  indem  sie  als  etwas  Vorgegebenes ­
  aus  dem  Erleben  sich  aussondert,  greift  unser  Denken
erst  hinterher  mit  seinen  Begriffen  ein,  durchordnend.  In  der  Welt
des  Handelns  ist  es  gleichsam  ein  und  dasselbe  Werden,  das  Begriff
und  Begriffenes  gebärt.  Dem  Denken  aber  steht  da  allemal
der  Vortritt  zu.  Das  gilt  schon  im  Ursprünge;  das  inzwischen  erlebte ­
  Geschehen  wird  eben  von  unserem  Denken  stetig  überholt,  mit
neuen  Begriffen,  die  sich  dann  erst  im  Geschehen  ausleben.  Ein  notwendiger ­
  Sachverhalt,  der  sich  im  einzelnen  Falle  verschleiern  mag,
namentlich  durch  das  trügerische  Verhältnis  zwischen  Begriff  und
Wort.  Und  wie  schon  ursprünglich  der  Begriff  vor  dem  Begriffenen
da  ist,  so  gilt  auch  für  alle  Zukunft,  daß  die  Vollzüge  des  Geschehens
dem  Begriffe  folgen,  wie  die  Schafe  dem  Hirten.
So  bedeuten  auch  jene  erwarteten  Begriffe,  wenigstens  im  grundsätzlichen ­
  Verhältnisse,  Wegweiser  für  unser  Handeln.  Das  ist  ihr
eines  Gesicht,  gleichsam  dem  eigenen  Handeln  zugekehrt.  Diese  Begriffe
sollen  aber  Anschauungen  ersetzen,  mit  denen  wir  des  wogenden  Geschehens ­
  um  uns  geistig  Herr  werden.  Nach  ihrem  engeren  Berufe
also  sind  es  Schlüssel,  für  das  Verständnis  des  Alltäglichen.  Von
daher  das  andere  Gesicht  dieser  Begriffe,  nun  dem  Geschehen  rings
um  uns  zugekehrt.  Diese  Begriffe  aber,  die  für  unser  geistiges  Auge
in  den  Alltag  hineinleuchten,  weil  sie  unserem  eigenen  Handeln  voranleuchten, ­
  die  nenne  ich  nun  Formeln.  Es  scheint  mir  dieses  Wort
die  Sache  noch  am  besten  zu  malen.  Es  sind  aber  Formeln  zur
Erkenntnis  des  Alltäglichen,  weil  sie  eine  hilfreiche  Hand
dazu  bieten,  wenn  sich  das  nationalökonomische  Denken  hinausheben
  will  über  die  Alltagskenntnis,  um  sich  selber  zu  finden.  Nur
vergessen  Sie  nicht,  daß  unser  Problem  bloß  der  eine  Schritt  aus  den
vielen  ist,  die  das  nationalökonomische  Denken  in  der  richtigen  Folge
zu  tun  hat,  will  es  der  Vormundschaft  des  urwüchsigen  Denkens  entrinnen. ­
  Aus  dem  Prozesse  seiner  Läuterung  ist  nur  eine  einzelne
Phase  herausgegriffen,  wenn  wir  jetzt  jene  Formeln  suchen.
        <pb n="190" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  IV.

165

Der  Grund,  weshalb  ich  gerade  nach  diesem  Probleme  gelangt
habe,  ist  recht  einfach.  Für  die  Entwicklung  war  ein  vorbereitender
Aufwand  nicht  nötig.  Denn  vom  Alltäglichen  kann  gerade  ein  Denken
minderer  Strenge  noch  am  sichersten  ausgehen.  Und  durch  eine
gleiche  Gunst  der  Lage  ermöglicht  sich  auch  die  Lösung  dieses
Problemes  ohne  viel  Klügelei.  Man  kann  die  Spielarten  des  Zusammenhanges ­
  im  Handeln  aus  Tatbeständen  ableiten,  die  zum  Greifen
nahe  liegen,  über  die  kein  Zweifel  bestehen  kann,  solange  unser  Denken
nicht  allzu  verzagt  ist.  Dabei  aber  ist  die  Lösung  doch  nicht  wie  vom
Himmel  gefallen.  Zu  ihr  leitet  ungezwungen  eine  einfache  Erwägung ­
  hin.
Der  ganze  Inhalt  der  Alltagskenntnis  ist  uns  bis  zur  Unbewußtheit
selbstverständlich.  Auch  jene  Anschauungen  also,  die  wir  durch  unsere
Formeln  ersetzen  sollen,  sind  eitel  Gemeinplatz.  So  kann  auch  der
Inhalt  der  Formeln,  die  hier  Ersatz  bieten,  alles  eher  bedeuten,  nur
eine  Entdeckungen.  Ob  man  da  in  aller  Strenge,  oder  nur  obenhin
Vorgehen  will,  auf  der  Spur  der  eben  entwickelten,  oder  einer  schärferen
orm  unseres  Problems,  stets  wird  es  eine  Besinnung  aufNächst-^^
 gen( I es  bleiben.  Und  für  jeden  Fall  hängt  der  Erfolg  daran,
maD  k e ’  diesem  Besinnen  bis  ans  Ende  geht,  und  nicht  auf  halbem
/Vege  stehen  bleibt.  So  müssen  wir  auch  in  unserer  Lage  bis  weit
er  J ene  Anschauungen  zurücklangen,  bis  zu  letzten  Tatbeständen,
n  Slc ^  uns er  ganzes  Handeln  anbequemt.  Nur  im  Wege  dieser
cquemung  hat  sich  unsere  Alltagskenntnis  um  die  Anschauungen
c  ert,  die  nun  zu  ersetzen  sind.  Was  aber  da  im  lebendigen
Wis^  ^ eS  ^ anc Hl ns  ganz  von  selber  auf  keimt,  als  ein  ungreifbares
Sen .’  c * as  n ur  bei  dem  vertrauten  Klange  einzelner  Worte  mitschwingt,
Wlr d  nun  in  tätiger  Erkenntnis  zu  gestalten  sein;  im  Angesichte
Erfah  ^ Zten  Tatbestände,  und  in  steter  Anlehnung  an  den  Schatz  der
q  run £  &amp;gt;  den  uns  allen  der  Alltag  zubringt.  Ich  meine  jene
j  , meine  Erfahrung,  die  sich  unserer  Alltagskenntnis  in  der
Erfah^ 1  ^ e ' Se  vers chwistert,  wie  es  überhaupt  zwischen  Denken  und
der  N Cn  ^  d * e  ^elt  des  Handelns  gilt,  ganz  anders  als  gegenüber

IV.
daß  sc ^Fchte  Besinnung  auf  unsere  Lage  im  Handeln  ergibt,
beide 11  er .^* esem  Handeln  zwei  Grundverhältnisse  walten.  Für
spricht  unsere  Erfahrung  offen  und  mit  rohem  Nachdruck.
        <pb n="191" />
        i66

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

So  erfahren  wir  es  ewiglich  von  neuem,  daß  unser  Können  nicht
Schritt  hält  mit  unserem  Wollen;  der  Erfolg  bleibt  hinter  unserem
ursprünglichen  Streben  zurück.  Dieses  Hinken  des  Erfolges  tritt  schon
im  einzelnen  nur  zu  oft  ein;  unfehlbar  jedoch,  wenn  wir  ins  Ganze
rechnen.  Da  ergibt  sich  dann,  daß  nicht  unserem  Wollen,  aber  unserem
Können  starre  Grenzen  gezogen  sind.  Gegen  diese  Grenzen  rennt
unser  Handeln  überallhin  an.  Wer  sie  im  voraus  in  acht  behält,
mildert  wohl  den  Anprall;  aber  daß  solche  Grenzen  da  sind,  bleibt
als  Erfahrung  niemand  erspart.
Hierin  beruht  nun  so  ein  letzter  Tatbestand,  um  dessen  willen
sich  seitliche  Zusammenhänge  im  Handeln  knüpfen.  Unser  Wollen
unbegrenzt,  unser  Können  begrenzt,  das  reimt  sich  nur  zu  der  bitteren
Einsicht  zusammen,  daß  sich  nie  ein  Streben  erfüllen  läßt,
ohne  dem  Erfolge  anderer  Streben  in  irgendeiner  Weise
Abbruch  zu  tun.  Denn  alle  Erfüllung  nagt  an  der  Erfüllbarkeit
des  Unerfüllten.  So  waltet  das  eine,  das  Grundverhältnis  der  Not.
Es  mutet  wie  ein  Segen  an,  den  Fluch  ausgleichend,  der  mit
der  Not  auf  dem  Handeln  lastet,  wenn  es  uns  allezeit  freisteht,  durch
vereintes  Streben  Erfolge  zu  erreichen,  die  dem  einzelnen  Streben
versagt  blieben.  Auch  dahinter  birgt  sich  nun  ein  letzter  Tatbestand,
der  ganz  unmittelbar  dem  seitlichen  Zusammenhang  im  Handeln
unterliegt.  Mit  der  Art  und  Weise,  wie  sich  das  einzelne  Streben
in  der  Wucht  seiner  Erfüllung  zu  steigern  weiß,  kraft
des  Daseins  einer  Mehrheit  von  Handelnden,  damit  bringt
sich  das  Walten  des  anderen  der  beiden  Grundverhältnisse  zum  Ausdruck, ­
  jenes  der  Macht.  Mögen  Sie  nicht  übersehen,  daß  ich  hier
genau  so  wenig  eine  „Definition  der  Macht“  liefern  will,  wie  dort  eine
„Definition  der  Not“.  Diese  Ausdrücke  bedeuten  nicht  einmal  die
Namen,  sie  dienen  mir  als  bloße  Stichworte  jener  Grundverhältnisse;
  sie  sollen  einfach  die  Gedanken  auf  jene  letzten  Tatbestände
lenken,  die  ich  flüchtig  geschildert  habe.  Das  sind  aber  so  lapidare
Gemeinplätze,  daß  man  unwillkürlich  nach  einem  markigen  Ausdruck
hascht.
Not  und  Macht,  im  Bilde  gesprochen,  stellen  die  beiden  Brennpunkte ­
  vor,  von  denen  alle  seitlichen  Zusammenhänge  im  Handeln
ausstrahlen.  Wie  sich  das  früher  berührte  Auseinander  der  Handlungen ­
  aus  den  strebigen  Zusammenhängen  spinnt,  so  das  Wegeneinander ­
  aus  den  notbedungenen,  das  Miteinander  aus  den
machtbedingenden.  Ein  Dreierlei  der  Zusammenhänge,  von  denen
das  lebendige  Flechtwerk  des  Alltags  in  dichter  und  unendlich  mannigfaltiger ­
  Verschlingung  gewoben  wird.
        <pb n="192" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  IV.

167

Von  diesen  Grundverhältnissen  her,  von  der  Not  zunächst  und
dann  von  der  Macht,  lege  ich  nun  unsere  Formeln  zurecht.  Sie  wollen
der  Reihe  nach  entwickelt  sein.  Ich  gehe  die  vier  ersten  in  aller
Hast  durch.  Es  gilt  von  allen  diesen  Formeln,  daß  ihr  Inhalt
keinerlei  Tätigkeit  festhält.  Was  er  festhält,  ist  stets  nur  eine
Möglichkeit,  wie  Handlungen  in  seitliche  Zusammenhänge  geraten.
In  einer  solchen  Formel  prägt  sich  also  keineswegs  ein  persönliches
Gebaren  aus,  von  bestimmter  Art,  sondern  nur  ein  unpersönlicher
tr
ne rgang  im  Geschehen.  Aber  es  ist  klar,  daß  ein  solcher
Hergang  stets  von  einem  eigenartigen  Handeln  getragen  wird.  Er
tritt  regelmäßig  kraft  eines  bestimmten  Gebarens  ein,  von  den  Personen
bekundet,  die  bald  einzeln,  bald  in  Vielheit  hinter  den  betroffenen
andlungen  stehen.  So  bedingt  sich,  im  voraus  gesagt,  jede  dieser
ormeln  zugleich  mit  dem  Schema  eines  bestimmten  Gebarens  im
andeln;  die  Formel  ist  mithin  nur  soweit  „Wegweiser“,  als  jenes
ema  in  ihr  gleichsam  zum  Scheiteln  kommt.  Das  wird  sich  später
einem  Beispiele  erläutern  lassen.  Dort  kann  ich  auch  die  Art
^j^riigen,  in  der  ich  nunmehr  diese  Formeln  entwickle;  so  nämlich,
ich  allemal  der  plattesten  Erwägung  folge,  wie  wir  uns  einer
gegebenen  Sachlage  gegenüber  verhalten.  Ich  sehe  mir  gleichsam  ein
Persönliches  Gebaren  daraufhin  an,  wie  es  sich  von  außen  her  als
eiQ  Un Persönlicher  Hergang  ausnimmt.
j  ersc heint  es  gleich  als  ein  schreiender  Gemeinplatz,  daß  man
die  N ° geSichte  ^ er  Hot  zwe &amp;gt; er lei  vermag:  Mit  der  Not  rechnen,  und
wir  0t  Brechen.  Zunächst  also  mit  der  Not  rechnen.  Stellen
Erfüll' 118 -  V ° r  ^ächlage,  die  sich  ungefähr  in  den  Worten  spiegelt:
^  ein  Streben,  und  irgendwie  immer  schmälerst  du  anderen  Streben
er  '  y,  *  Streben  erscheint  da  gegen  Streben  gehetzt,  und  somit
ent  ^  ^ Cr  ^ wan £.  über  den  Vorzug  in  der  Erfüllung  zu
scheiden,  der  einem  bestimmten  Streben  auf  Kosten
..  .
k  .  Zu gestanden  wird.  Gesetzt,  mein  Wunsch  wäre  ein
,  J mmtes  A;  aber  auch  ein  bestimmtes  B.  Von  diesen  Streben
der  M"  ° aS  eine  ra ' t  dem  anderen  irgendwie  ins  Gedränge;  sei  es  nun
schl  1?  C ’  ^ Cr  der  Zeit  wegen,  oder  vielleicht  auch  so,  daß  sie
um  C ?  th * n  unvereinbar  sind.  Diese  Streben  sind  also  im  Wettbewerb
Anspruch  ^ rfÜllUng  -Deshalb  schlichte  ich  gleichsam  unter  ihren
zusteht C  \r’  gCbe  i edem  nur '  was  unter  Rücksicht  auf  das  andere
Handl  lelle icht  also  dem  einen  gar  nichts;  dann  gerät  offenbar  eine
Unterlas^  mi *.  e * ner  Unterlassung  in  seitlichen  Zusammenhang,
neinun  SSU H g  * St  das  sa chliche  Gegenstück,  nicht  die  einfache  Ver-S
  er  Handlung;  e s  ist  die  Aberhandlung.  Meistens  aber
        <pb n="193" />
        L t

168

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

werden  gleich  mehrere  Streben  in  Wettbewerb  treten,  und  nicht  immer
bis  auf  ein  einziges  leer  ausgehen.  So  kommt  es  dazu,  daß  für  den
Teil  verschiedener  Streben,  die  einander  sonst  fremd  blieben,  das  erfüllende ­
  Handeln  nur  in  wechselseitiger  Bedingnis  vollzogen
wird.  Dieser  unpersönliche  Hergang  aber,  mit  dem  eine  Mehrheit  von
Handlungen  deshalb  in  seitlichen  Zusammenhang  gerät,  weil  unter  verschiedenen ­
  Streben  über  den  Vorzug  in  der  Erfüllung  entschieden
wird,  sei  Werten  genannt.  Beachten  Sie  gütigst,  in  welchem  Geiste
ich  dieses  Wort  zum  Namen  einer  Formel  mache.  Ich  will  damit  nicht
sagen,  daß  hier  ein  „Werten“  vorgenommen  wird;  von  dem
persönlichen  Gebaren,  das  hier  in  Wahrheit  dahintersteckt,  ist  bald  die
Rede.  Vielmehr  ist  die  Nennung  so  gemeint,  daß  hier  das  Werten
schlechthin  eintritt;  im  Sinne  einer  Spielart  des  Zusammenhangs
im  Handeln.  Wir  stellen  uns  bei  der  Fassung  aller  dieser  Formeln
gleichsam  über  die  Handelnden;  stellen  uns  also  theoretisch  aus  dem
Handeln  heraus,  um  es  nach  seinen  Zusammenhängen  geistig  zu  beherrschen. ­
  Wir  gebärden  uns  eben,  als  ob  wir  etwas  Vorgegebenes
durchordnen  wollten;  obwohl  wir  im  Grunde  nur  das,  was  unser
Handeln  „setzt“,  aus  dem  setzenden  Denken  in  verallgemeinernden
Schlüssen  ableiten.
Nun  darüber,  wie  die  Not  gebrochen  wird.  Da  alle  Erfüllung ­
  an  der  Erfüllbarkeit  des  Unerfüllten  nagt,  erhebt  sich  für  uns
der  Zwang,  unser  ganzes  Streben  erst  noch  erfüllbarer  zu
machen.  Ich  beziehe  mich  hier  sofort  auf  die  Gesamtheit  unserer
Streben.  Eigentlich  müßte  vorher  zur  Geltung  kommen,  daß  schon
jedes  einzelne  Streben  zu  einem  anderen  hinleiten  kann,  mit  dem  sich
das  erstere  erfüllbar  macht;  wenn  es  sich  z.  B.  darum  handelt,  eine
„Einschaltung  in  die  zwecksame  Verkettung“  erst  zu  ermöglichen,  ein
„Mittel“  verfügbar  zu  machen.  Für  den  Teil  des  einzelnen  Strebens
berührt  dies  noch  den  strebigen  Zusammenhang  selber;  es  ist  ein
Ineinander  von  Handlungen.  Der  Umschlag  zum  seitlichen  Zusammenhang ­
  erfolgt  nur  unter  Bezug  auf  die  Gesamtheit  der  Streben,
und  hängt  an  sehr  verwickelten  Bedingungen,  die  ich  hier  kurzweg  unterschiebe. ­
  Wenn  ich  es  flüchtig  und  vorgreifend  andeuten  soll,  wird
uns  ja  „Erwerben“  und  „Erwerb“  erst  dann  erfaßbar,  bildet  sich  erst
dann  die  „Unternehmung“  heraus  —  denn  hier  gehen  Denken
und  Handeln  stets  Arm  in  Arm  —  sobald  sich  zu  gleicher  Zeit
jener  höchst  verwickelte  Tatbestand  herausbildet,  über  den  wir  frischweg ­
  mit  dem  Worte  „Geld“  hinübersprechen.  Solchen  Einzelheiten
kann  ich  ja  nirgends  folgen,  muß  mich  an  der  Oberfläche  der  Fragen
halten,  um  nicht  in  der  Antwort  oberflächlich  zu  werden.
        <pb n="194" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  IV.

169

So  preßt  also  das  Gedränge  unserer  Wünsche  ein  neues  Streben
empor.  Dort,  der  Formel  des  Wertens  gemäß,  war  es  Parade,  hier  ist
es  Ausfall  gegen  die  Not.  Das  persönliche  Gebaren,  das  hier  unterlegt, ­
  erschöpft  sich  nicht  in  einem  bloßen  Schlichten:  es  ist  selber  einem
Handeln  gut,  aus  der  Not  geboren.  Ich  will  A,  und  B,  und  C,  und
H,  usf.,  und  mit  dem  Streben,  alle  anderen  Streben  erfüllbarer  zu  machen,
er gibt  sich  mir  weiter  ein  Streben  M.  Dieses  M  wird  jener  A,  B,  C,
D  halber  erstrebt;  die  letzteren  aber  sollen  dem  M  zu  Dank  erfüllbarer
werden.  So  kommt  es  im  tatsächlichen  Verlauf  dazu,  daß  sich  das  erfüllende ­
  Handeln  dort,  und  das  erfüllende  Handeln  hier,  abermals  in
wechselseitigerBedingnis  vollzieht.  Dieser  unpersönliche  Hergang,
rmt  dem  eine  bestimmte  Vielheit  von  Handlungen  deshalb  in  seitlichen
Zusammenhang  gerät,  weil  die  bessere  Erfüllbarkeit  der  übrigen  Streben
nun  se lbst  zu  einem  Streben  geworden  ist,  sei  Werben  genannt.  Abermals ­
  bezieht  sich  der  Name  dieser  Formel  nicht  auf  das  persönliche  Gearen•
  letzteres  wäre  hier  das  werbende  Handeln;  als  Schema  seiner
ollziehung  das  „Erwerben“,  im  Erfolge  der  „Erwerb“.  Das  Werben
er  tritt  nur  rein  tatsächlich  mit  dem  werbenden  Handeln  ein,  im
ne  eine r  weiteren  Spielart  des  Zusammenhangs  im  Handeln.
Ein  Wort  dazwischen.  Wenn  ich  diese  Hergänge  im  Handeln
«  erten“  und  „Werben“  nenne,  dann  will  ich  natürlich  dem  Gewissen
C f  ^P rac he  treu  bleiben;  ich  wähle  als  Name  das  Wort  aus,  dessen
^  Klang  mit  der  geschilderten  Sache  einen  Akkord  gibt.  Aber
erst  C  lldemn e  bleibt  völlig  unabhängig  von  dem  Worte;  dieses  tritt
^ nac hher  als  Name  des  Geschilderten  hinzu.  Das  letztere  ist  daher
ln  keiner  Weise  an  das  Wort  gebunden.  Wenn  Ihnen  also  die
oder r s nen  ^ amen  n * c ht  gefallen,  nennen  Sie  jene  Hergänge  wie  immer;
Her  ^  netlnen  s ' e  überhaupt  nicht,  sprechen  einfach  von  „Hergang  I“,
r  h'  So  liegen  hier  einmal  die  Dinge;  Sie  können  die  Namen
Die^  We ^ asen ,  und  von  der  Sache  fliegt  nicht  ein  Stäubchen  mit.
in  '  rU ^  ^ er  entwickelnden  Schilderung,  und  diese  wurzelt
einem  Gedankengange,  der  an  keiner  Stelle  an  der  Deutung
die  d' S  Vere ‘ nze ken  Wortes  hängt.  Denkt  man  also  die  Namen,
•jy.  lenen den  Worte  hinweg,  so  verharrt  trotzdem  die  Schilderung,  als
nitf^  ^  ^ aChe ‘  ihr  auch  die  Möglichkeit  einer  Defi-„
  einer  Definition  aber,  die  wohl  hinterher  bereit  ist,  den  zuvor ­
  Cn  ^ atnen  zu  erklären,  die  keineswegs  aber  von  Haus  aus  ein
wir^n^ 6 ^ 61168  ^ ort  zu  Leuten  sucht.  Vor  der  Welt  des  Handelns  sollten
Vor'd' 0 * 1  am  a ^ erwen igsten  die  Worte  gleichsam  als  Natur  behandeln,
es  nu'^  die  nichts  als  die  Nachschöpfung  unseres  Ichs  ist,  ist
ur  ie  Gewohnheit,  die  unser  Denken  dem  Worte  verpflichtet;
        <pb n="195" />
        170

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

seine  Bequemlichkeit  läßt  das  Wort  herrschen.  Dem  ist  hier  nun  gesteuert. ­
  Hier  bauen  wir  eben  von  dem  gewachsenen  Boden  des  Erfahrenen, ­
  von  dem  Erlebten  herauf,  und  nicht  erst  auf  dem  Wortschutt,
den  das  sprachschaffende  Denken  darüber  abgelagert  hat.  Ich  meine
jenes  urwüchsige,  mit  dem  Handeln  verwachsene  Denken,  dem  zugleich
auch  die  Sprache  verwachsen  bleibt,  weil  es  sich  im  Schaffen  der
Sprache  erst  recht  ermöglicht  und  abklärt.
Werten  und  Werben,  das  schließt  sich  in  keiner  Weise  gegenseitig
aus.  Dazu  sind  die  Gebaren  viel  zu  verschieden,  die  jenen  Arten
von  Zusammenhang  unterliegen.  Dort  ein  Verketten  von  Handlungen,
hier  ein  Handeln  aus  einer  Verkettung  heraus.  Eher  darf  man  sagen,
es  hingen  unsere  ganzen  Handlungen  zu  gleicher  Zeit  im  Sinne  des
Wertens  und  im  Geiste  des  Werbens  zusammen.  Das  werbende  Handeln
z.  B.  wird  in  besonders  strenger  Zucht  vom  Werten  gehalten.  Dort
eben,  wo  man  kämpfend  gegen  die  Not  vorgeht,  wird  man  am  allerletzten ­
  übersehen,  mit  der  Not  zu  rechnen.  Und  dann  wieder,  weshalb
jagen  die  Leute  so  fieberhaft  dem  Erwerbe  nach?  Man  will  sich  freiere
Bewegung  wahren,  will  die  Formel  Werten  möglichst  fern  halten  von
dem  heimeligen  Rest  des  Handelns;  jene  schnöde  Formel,  mit  der
gleichsam  die  Not  selber  ihre  dürren  Finger  drosselnd  um  Wunsch
und  Verlangen  krallt.  Und  so  weben  diese  Zusammenhänge  vielfach
über-  und  untereinander  hinweg,  im  krausen  Gespinste  des  Alltags.
Einen  Blick  noch  auf  das  persönliche  Gebaren,  das  unter
dem  Hergang  „Werten“  betätigt  wird.  Die  Wahlentscheidung
im  Handeln  steht  da  in  Frage.  Aber  steht  es  nicht  außer  Frage,
daß  es  hier  zu  einem  „Schätzen  des  Wertes“  kommt,  in  mancherlei
Wendung?  Nun,  reden  kann  man  natürlich  auch  hier  von  „Wert“;
wo  denn  nicht!  Mit  der  Geschmeidigkeit  dieses  Wortes  läßt  sich  ja
Kautschuk  kaum  mehr  vergleichen.  Aber  für  seine  Dienste  verlangt
es  Wucherlohn.  Nur  im  Hauch  sei  angedeutet,  daß  in  jenen  Bereichen
das  Wort  „Wert“  einer  Verquickung  zerfällender  und  unzerfällender
  Erkenntnis  Vorschub  leistet;  weil  man  von  „Werturteilen“ ­
  sprechen  kann,  zieht  es  nach  der  einen,  weil  man  daneben
auch  von  „Wertgefühlen“  reden  kann,  wieder  nach  der  anderen  Richtung; ­
  wobei  ihm  in  der  letzteren  Hinsicht  die  rettenden  Worte  „Lust“
und  „Unlust“  sekundieren.  Im  Enderfolg  ist  also  Rechts  und  Links  vertauscht. ­
  Allein,  auf  einen  richtigen  Streit  dürfte  ich  mich  hier  nicht
einlassen.  Dazu  ist  dieser  Wertlaut  ein  viel  zu  verschlagener  Geselle.
In  Kürze  wird  man  nie  recht  fertig  mit  ihm,  wo  immer  er  auftaucht;
sofern  er  nicht  einfach  ein  trockenes  Sprachgleichnis  ist,  wie  in  der
Mathematik  oder  Technologie.  „Wert“,  das  ist  so  recht  das  Wort  der
        <pb n="196" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  IV.

171
Worte,  der  Retter  aus  tausend  Nöten  unseres  Denkens,  der  Liebling
aller  tönenden  Rede.  Für  einen  Augenblick  aber  sei  er  beiseite  geschoben. ­
  Besinnen  wir  uns  doch  friedlich  und  in  nüchterner  Ruhe,
als  ob  es  keinen  Wertrausch  gäbe,  aut  ein  Verhalten,  das  uns  allen  so
überaus  nahe  liegt,  die  wir  Handelnde  sind;  eben  nur  zu  nahel
Zwei  Streben,  A  und  B,  harren  der  Erfüllung.  Entweder  A  allein,
oder  nur  B  allein  ist  erfüllbar;  das  sei  unsere  kürzende  Annahme.
Was  tun  wir?  Wir  stöbern  allemal  nach  jenem  dritten,  mehr  in’s
Weite  gedehnten  Streben  C,  etwa  als  „Fernzweck -1  erfaßbar,  dem  A  und
B  gemeinsam  dienen;  gleichgültig,  ob  dies  nun  unmittelbar  oder  irgendwie ­
  vermittelt  der  Fall  sei.  Der  Schwung,  der  mit  diesem  Streben
C  wach  ist,  reißt  uns  ganz  von  selber  zur  Erfüllung  von  A,  sofern  mit
diesem  dem  C  besser  gedient  ist;  oder  zur  Erfüllung  von  B,  wenn
eher  noch  letzteres  jenem  C  frommt.  Natürlich  kann  die  Entscheidung
auch  in  der  Mitte  liegen,  und  ergibt  sich  auch  da  als  der  Sachverhalt,
bei  dem  jenes  C  am  besten  fährt.  Alle  Einzelheiten  ändern  an  diesem
Grundbilde  nichts  Wesentliches  mehr.  Der  Vorgang  verwickelt  sich  nur
im  Sinne  der  engeren  Wiederholung  seiner  selbst.  So  vollzieht  sich  also
d ie  Entscheidung  über  den  Vorzug  in  der  Erfüllung  in  zwei  einfachen
Schritten:  Man  erkundet  jenes  höhere  Streben,  von  dem  her  die  feindlichen ­
  Streben  gabeln;  dann  genügt  der  Vorblick  nach  dem  Erfolge  dortl
Die  Wenn  und  Aber  dürfen  hier  sämtlich  in  der  Schwebe  bleiben.
Diese  flüchtige  Zeichnung  am  Rande  soll  ja  nur  erläutern,  wie  es  überhaupt ­
  zu  verstehen  sei,  daß  sich  an  jede  unserer  Formeln  noch  das
Schema  eines  bestimmten  Gebarens  heftet.  Alle  diese  Gebaren ­
  liegen  für  uns  Handelnde  auf  der  flachen  Hand.  Die  Kenntnis,
uns  je  nach  Umständen  so  zu  gebärden,  sie  gehört  eben  auch  zur
Alltagskenntnis;  innerhalb  dieser  bildet  sie  im  engeren  unseren  Mutterwitz- ­
  Auch  der  lebt  als  ein  gestaltloses  Wissen  in  uns.  Und  so
würde  es  auch  ihm  gegenüber  gelten,  ungreitbare  Anschauungen  die
nur  über  dem  Schall  einzelner  Worte  anklingen,  z.  B.  also  „Wert  ,
durch  klare  Gedanken  zu  ersetzen.  So  ließe  sich  eine  Theorie  unsres ­
  Mutterwitzes  gestalten,  nicht  minder  im  Wege  einer  läuternden ­
  Einkehr  unseres  Denkens,  auf  der  Spur  von  P  r  o  b  1  e  m  e  n.  Solche
Theorie  ergäbe  zunächst  die  Grundlage  aller  Kunstlehre  vom
Handeln.  Mit  der  letzteren  hat  nun  die  Erkenntnis  des  Alltäglichen
auch  nicht  das  geringste  zu  schaffen;  sie  will  den  Alltag  erkennen,
mcht  ihn  bemuttern.  Aber  bedeutsam  für  die  Nationalökonomie  wäre
jene  Theorie  des  Mutterwitzes  selber.
Freilich  ist  der  Blick  dieser  Theorie  abgewendet  von  der  Welt
des  Handelns,  die  sich  dem  wissenschaftlichen,  rückschauenden  Denken
        <pb n="197" />
        \J2

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

als  die  Vollzogenheit  aller  Handlungen  darbietet.  Der  Blick  jener
Theorie  ist  gebannt  auf  den  schlichten  Vollzug  des  Handelns.  Die
Begriffe  dieser  Theorie  sind  nur  Wegweiser  des  Handelns;  nicht  zugleich
Schlüssel  für  das  Verständnis  des  lebendigen  Geschehens  um  uns.  Nur
in  der  Tatsache  lehrt  uns  auch  diese  Theorie  das  Geschehen  besser
verstehen;  im  allgemeinen,  wie  im  besonderen.  Es  wird  niemand
lebendigen  Zusammenhang  recht  entfalten  können,  wenn  er  nicht  der
„Technik“  des  so  zusammenhängenden  Handelns  gewachsen  ist;  und
dafür  gibt  ihm  jene  Theorie  die  letzten  Anhaltspunkte.
Aber  wie  jetzt  besser  erhellt,  scheiteln  gewisse  Schemata  jener
Theorie  in  den  Formeln  zur  Erkenntnis  des  Alltäglichen.  Jeder  dieser
Formeln  ist  ein  solches  Schema  unterbaut.  Lassen  sich  ja  die  unpersönlichen ­
  Hergänge  im  Handeln  immer  nur  aus  dem  persönlichen
Gebaren  ableiten.  So  erscheint  die  Erkenntnis  des  Alltäglichen ­
  an  die  Theorie  des  Mutterwitzes  gebunden.
Mit  der  letzteren  kämen  gar  manche  Probleme  zur  Erledigung,  die  dem
unsrigen  vorantreten.  Auch  daran  also  hängt  die  rechte  Lösung;  dann
erst  ließen  sich  unsere  Formeln  in  voller  Schärfe  prägen;  eigentlich
aber  das,  was  sie  in  keckem  Griffe  vorwegnehmen.  Inzwischen  aber
muß,  in  Ermanglung  seiner  Theorie,  ein  steter  Appell  an  den  gestaltlosen ­
  Mutterwitz  die  Lösung  unseres  Problems  in  Gang  erhalten:
nichts  anderes  ist  aber  jenes  Nachfolgen  hinter  der  plattesten  Erwägung,
dem  ich  bei  der  Entwicklung  unserer  Formeln  Raum  gebe.
Wie  nun  der  Not  das  Werten  und  Werben,  so  stehen  dem  Grundverhältnis ­
  der  Macht  die  Formeln  Helfen  und  Herrschen  gegenüber,
wieder  als  unpersönliche  Hergänge  gemeint.  Offenbar  kann  sich  ein
Streben  auf  doppelte  Art  in  der  Wucht  seiner  Erfüllung  erhöhen.  Wo
sich  das  einzelne  Streben  im  Einklang  mit  anderen  durch  das  Handeln ­
  von  mehreren  zu  erfüllen  weiß,  wird  man  den  unpersönlichen
Hergang  dabei  als  Helfen  kennzeichnen  dürfen.  Das  persönliche
Gebaren,  das  solchen  Zusammenhang  mit  sich  bringt,  kann  sehr  oft
als  das  „Schließen  eines  Vertrages“  angedeutet  werden.  Zugleich  eine
Erinnerung,  daß  alles  Denken  in  dieser  Richtung  juristisch  angekränkelt
scheint;  die  Läuterung  des  nationalökonomischen  Denkens  wäre  also
hier  ein  Zwei-Frontenkrieg.
Wo  immer  jedoch  ein  fremdes  Streben  im  Mißklang
zum  eigenen  Streben  durch  das  eigene  Handeln  erfüllt
wird,  tritt  Herrschen  ein.  Ich  stelle  das  fremde  Streben  als  Seele
des  unterliegenden  Gebarens  hin,  weil  man  beim  eigenen  Streben  zu
schnell  an  das  Ich  denkt.  Aber  nicht  immer  erscheint  ein  Ich  als  der
Träger  des  herrschenden  Gebarens.  Während  umgekehrt  immer  das
        <pb n="198" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  V.

173

Ich,  sei  es  auch  vermittelt,  von  dem  Herrschen  betroffen  wird.  An
letzter  Stelle  löst  sich  da  vieles  als  Schein  auf,  aber  gerade  dem  unmittelbaren ­
  Eindruck  muß  ich  die  Darstellung  anpassen.  Harmlos
betrachtet,  kann  etwa  das  Helfen  innerhalb  einer  Vielheit  zu  einer  Herrschaft ­
  der  Gesamtheit,  also  doch  keines  Ichs,  über  den  Einzelnen  führen,
btes  diene  zugleich  als  Beispiel,  wie  sich  auch  von  diesen  Arten  des
Zusammenhanges,  Helfen  und  Herrschen,  das  eine  mit  dem  anderen
aufs  Vielfältigste  verschränkt.
In  immer  gröberen  Strichen  habe  ich  Ihnen  diese  vier  einfachen
bormein  Umrissen:  Werten  und  Werben,  Helfen  und  Herrschen.  Was
wir  an  ihrer  Hand  beim  Erleben  des  Alltags  besser  durchschauen,  als
cs  schon  unsere  Alltagskenntnis  zur  Not  erlaubt,  das  ist  überall  der
Zusammenhang  zwischen  bestimmten  Handlungen.  Aber  mit
dem  Blick  auf  lauter  einzelne  Handlungen  nur,  da  würde  unser  Geist
gar  nicht  Herr  des  wogenden  Geschehens  um  uns.  In  der  Tat,  er
weiß  bündiger  damit  umzuspringen.  Über  diese  Gabe  unseres  Denkens
nun  s °viel,  als  nötig  ist,  um  jene  Formeln  zu  entwickeln,  deren  Inhalt
er /f  das  Getriebe  des  Alltags  recht  meistern  läßt;  unter  ihnen  auch
”  a ushalten“  und  „Unternehmen“.  Nur  scheinbar  verlieren  wir  uns
amit  in  eine  lange  Abschweifung.

V.
Unser  Denken  weiß  in  Bausch  und  Bogen  mit  dem  erlebten
Geschehen  zu  verfahren:  allein  wohlgemerkt,  ohne  es  da  e
Zeitenlauf  völlig  abzulösen..  Das  ist  hier  der  wesentliche  Unterschied ­
  von  jener  rein  begrifflichen  Bewältigung  des  Handelns,  J
mit  allem  Stoffe  unseres  Denkens  möglich  wird;  und  die  auc  n
wendig  ist,  um  in  Worten  sprechen  zu  können.  Wieder  andere
schiede  gelten  hier  gegenüber  Leistungen  des  zerfallenden  ,
die  neben  die  Erfahrungsform  des  Naturgeschehens  noch  etwas  anderes
st eUen;  ich  erinnere  an  den  Denkinhalt  „Gas“,  im  Sinne  der  „kinetischen ­
  Gastheorie“.  Daran  gehe  ich  einfach  vorbei,  in  jener  notgedrungenen
  Eile,  die  vieles  andere  noch  entschuldigen  muß.
Des  Geschehens,  des  Handelns  wird  unser  Denken  nicht  bloß  so
habhaft,  wie  es,  unablösbar  vom  Denken  selber,  erlebt  wird;  erleben
a ber,  als  Erlebnis,  Miterlebnis  oder  Nacherlebnis  erfahren,  laßt  sich
das  Handeln  immer  nur  so  wie  es  von  Streben  zu  Erfolg  fließt,  als
der  jederzeit  in  sich  nämliche  Ablauf,  und  dabei  in  mancherlei  Zusammenhänge ­
  sich  einspinnt.  Es  sind  unserem  Denken  aber  noch
        <pb n="199" />
        174

.Die  Herrschaft  des  Wortes“,

geläufig  zwei  Formen  des  Wissens  von  den  Handlungen.  Ich
nenne  sie  gleich  im  voraus,  Zustand  und  Entwicklung.
Um  in  diesen  Formen  zu  denken,  muß  vorher  eine  Wiederkehr
im  Geschehen  erfaßbar  sein.  Aber  es  handelt  sich  wirklich  nur
um  eine  bloße  Erfassung;  im  Sinne  eines  denkenden  Eingriffes  in
das  Erlebte.  Denn  von  seiner  Seite  aus  ist  alles  erlebte  Geschehen
„singulär“,  fremd  aller  Wiederkehr.  Und  dieses  Sondertum  geht
ihm  bis  ins  Mark.  Es  hängt  nicht  bloß  an  jener  Bestimmtheit  in  Zeit
und  Ort,  die  allem  Geschehen  schon  als  solchem  eigen  ist.  Es  erschöpft ­
  sich  selbst  in  jener  Mannigfaltigkeit  alles  Geschehens
nicht,  durch  die  erst  unsere  Begriffe  durchfahren.  In  viel  tieferem
Sinne  ist  in  unserem  Geiste  das  Handeln  stets  das  Eine,  das  keinem
anderen  gleichen  kann.
Alles  Naturgeschehen  —  um  wieder  aus  dem  Gegensätze  zu
erklären  —  fällt  uns  als  das  zeitliche  Nacheinander  und  das  örtliche
Nebeneinander  der  Erscheinungen  zu,  in  das  unser  Denken  erst  hinterher
Zusammenhang  bringt.  Das  geschieht,  indem  wir  ursächliche  Ketten
denken.  Aber  dabei  läßt  sich  jedes  einzelne  Glied  selbst  an  das  allernächste ­
  nur  an  der  Hand  einer  Verallgemeinerung  knüpfen  —
sei  es  im  Geiste  eines  „Gesetzes“,  oder  bloß  im  Sinne  einer  „chemischen
Reaktion“  —  vor  deren  Allgemeinheit  alles  Besondere  erlischt. ­
  Auch  die  Bestimmtheit  in  Raum  und  Zeit  bleibt  nicht  unberührt, ­
  sofern  man  nicht  im  voraus  nur  die  gedachte  Zeit  oder  den
gedachten  Raum  im  Auge  hat,  den  das  Naturgesetz,  und  andererseits
z.  B.  die  ganze  Molekulartheorie  zur  Seite  hat;  davon  können  wir  hier
absehen.
Für  irgendein  Fallen  kommt  das  Fallende  nur  als  „Schweres“  in
Betracht.  Für  das  Ersticken  eines  Tieres  in  Kohlensäure  ist  es  gleichgültig, ­
  ob  diese  Kohlensäure  im  nächsten  Gliede  auf  Calcit,  oder  auf
Diamant  aufgefolgt  war.  Weil  da  nun  überall  das  Besondere  aufhört,
wo  der  Zusammenhang  für  unser  Denken  erst  anhebt,  fällt  dem  Naturgeschehen ­
  aus  seinen  Zusammenhängen  niemals  ein  Gehalt  zu.
Seine  Eigenheit  wird  niemals  durch  etwas  verstärkt,  das  außerhalb
seiner  läge;  auf  solche  Verstärkung  münzt  es  ja  der  bildliche  Ausdruck
eines  „Gehaltes“.  Es  nimmt  sich  eben,  von  dieser  Seite  her  betrachtet,
die  „Fremdheit“  des  Naturgeschehens  für  uns  als  seine  Leere  aus;
die  zugleich  eins  ist  mit  seiner  Abgerissenheit.  Bei  dieser  Sachlage
bleibt  es  ganz  ohne  Belang,  mögen  wir  auch  die  ursächlichen  Ketten
als  einen  einzigen  und  allumfassenden  Zusammenhang  denken.  Diesem
kann  übrigens  nie  und  nimmer  die  Welt  des  Handelns  eingepfarrt  sein;
stets  nur  jener  „Parallelismus  der  Erscheinungen“,  zu  dem  sie  jeder ­
        <pb n="200" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  V.

*75

zeit,  im  einzelnen  und  im  ganzen,  zerfällbar  ist.  In  diesem,  als  einzig
gedachten  Zusammenhang  fügt  sich  nun  das  Naturgeschehen  zwar  an
jener  einzigen  Stelle  ein,  die  sein  zeitlicher  und  örtlicher  Weiser  anzeigt; ­
  der,  als  konkret  bestimmter,  eigentlich  nur  eine  Anleihe  aus  der
Welt  des  Handelns  ist.  Aber  das  ist  hier  gleichgültig.  Denn  aus
dieser  Einen  Stelle  im  Zusammenhang  kann  dem  Naturgeschehen  in
keinem  Falle  ein  ureigener,  ein  spezifischer  Gehalt  erwachsen  —  aus
dem  guten  Grunde,  weil  hier  überhaupt  von  keinem  Gehalte  die  Rede
istl  Es  gilt  also  vom  Naturgeschehen,  und  wie  immer  man  über  seine
Bestimmtheit  in  Zeit  und  Raum  denkt,  daß  es  für  uns  nur  darum
einziglich  ist,  weil  es  von  seinesgleichen  schlechthin  abweicht.  Über
diese  bloße  Mannigfaltigkeit  hinaus  erhebt  sich  das  Naturgeschehen

le mals  zu  einer  Eigenheit,  die  für  unser  Denken  sozusagen  praktisch
w ürde.  Wir  wissen  wohl,  das  Naturgeschehen  wiederholt  sich  nie  als
gleiches;  aber  mit  ihm  geschieht  nur  etwas,  es  ereignet  sich  nichts.
Warum  alles  Handeln  da  in  einer  ganz  anderen  Lage  ist,  das
jauche  ich  wohl  nicht  mehr  im  einzelnen  darzulegen.  Es  vernimmt
en  UQ ser  geistiges  Ohr  das  Geschehen  des  Handelns  ganz  anders
a  s  das  Naturgeschehen:  nicht  als  ein  Geknatter  der  Erscheinungen,
sondern  stets  als  eine  Passage  inmitten  der  endlosen  Melodie  des
ens!  Denn  alles  erlebte  Geschehen  ist  uns  in  dem  Einen  Gewebe
,  Cr  Erlebnisse  gegeben,  das  wir  ganz  unmittelbar  in  seinen  Zusammenhängen ­
  durchschauen.  Darin  knüpft  es  sich  an  Einer  Stelle  ein,  und
Und  ^  V ° n  ^ a ^ eraus  e i nen  ureigenen,  spezifischen  Gehalt,
aber  *^ esem  Gehalte,  der  unserem  Denken  handgreiflich  ist,  der
fällen' SO! ° rt  en tschlüpft,  sobald  wir  das  Erlebnis  zu  Erscheinungen  zeren
 .  darauf  beruht  sein  wesentliches  Mehr  an  Eigenheit,  sein
S °ndertum.
^ as  Wort,  das  wir  aus  Zwang  des  Ausdruckes  über  das  Erlebnis
du 26 “'  * Ösc k t  nicht  allen  Gehalt  aus.  Der  „Spaziergang“  sondert  sich
W i^ C  aus  v °m  «Geschäftsgang“.  Das  zerfallende  Denken  käme  da
0rt  auf  die  „Bewegung  des  unterstützten  Fallens“;  um  der  Zerd
 ei . Un ^  n ^kt  eingehender  zu  folgen.  Aber  jener  spezifische  Gehalt,
läßt Z  ^  Jec * en  Beliebigen  „Spaziergang“  als  das  „Singuläre“  erscheinen
Verei'f^' 1  V ° m  Worte  ausgetilgt;  im  Vollzüge  jener  begrifflichen
die  Cm  ac ! lun S&amp;gt;  die  für  unser  Sprechen  einmal  unentbehrlich  ist.  Und
tum  des dCdC  ^* ni ^ erun g  Bes  Gehaltes,  bei  der  alles  Sonder-Wied
 CS  /* esc bebens  schon  erlischt,  bahnt  das  Erfassen  einer
bedarf Cr  ' m  er * e bten  Geschehen  an.  Um  sie  zu  erfassen,
wird  als CS  lmmer  sc b°n  der  Anlehnung  an  Begriffe.  Das  Geschehen
0  aus  den  Zusammenhängen,  in  deren  Mitte  es  erlebt  ist,  kraft
        <pb n="201" />
        i;6

,Die  Herrschaft  des  Wortes 1

seiner  Artmerkmale  ausgelöst,  herausgehoben,  und  wird  nunmehr,  nach
unbestimmten  Vielheiten,  in  den  Denkrahmen  von  Zustand  und  Entwicklung ­
  gefaßt;  gleichsam  in  sortierten,  aber  nicht  durchgezählten
Paketen,  deren  Inhalt  wir  nur  in  einem  Muster  vor  Augen  haben.
Was  so  harmlos,  wie  es  dem  urwüchsigen  Denken  eigen  ist,  als
Alltag  gemeint  wird,  ist  zugleich  die  rohe  Gesamtheit  jenes
Handelns,  das  sich  in  Wiederkehr  erfassen  läßt;  das  Geschehen, ­
  das  stets  ein  wenig  an  des  „Dienstes  ewig  gleichgestellte
Uhr“  gemahnt.  Hier  ist  im  voraus  absehbar,  weshalb  das  Alltägliche
gerade  jener  Wissenschaft  zunächst  steht,  die  in  den  Formen  von
Zustand  und  Entwicklung  denkt.  Ebenso  klar  ist  auch  das
innige  Verhältnis  zwischen  Natur  und  Wiederkehr  im  Handeln.
Die  Natur  liefert  dem  Handeln  zahllose  seiner  Determinanten.  Das
Naturgeschehen  aber,  das  sich  so  geflissentlich  dem  Begriffe  preisgibt,
das  hält  zugleich  auch  guten  Takt  ein:  Steter  Wechsel  zwischen  Tag
und  Nacht,  Sommer  und  Winter,  Blühen  und  Reifen;  und  in  uns
selber  stets  von  neuem  der  Hunger,  der  Durst,  der  Schlaf.  So  kommt
von  diesem  Geschehen,  her  Rhythmus  und  Wiederkehr  auch  in  das
Handeln.  Im  Bilde  gesehen,  ist  der  Alltag  ja  die  Tretmühle  des
Handelns,  in  der  harten  Frohne  der  Natur;  der  Kampf  um  „unser
tägliches  Brot“  1
Nicht  alles  Naturgeschehen  leistet  der  Wiederkehr  Vorschub.  Es
liefert  nicht  bloß  chronische  Determinanten,  gleich  der  „Körperwelt“;
es  spielt  sich  zuweilen  als  sehr  akute  Determinante  des  Handelns
auf.  Denken  wir  an  eine  Überschwemmung,  oder  gleich  an  die  Zuider
See.  Im  „Haushalt  der  Natur“  sind  es  Alltäglichkeiten.  In  die  Welt
des  Handelns  aber  schlagen  sie  ein,  wie  ein  derbes  Felsstück  in  den
Fluß,  das  nicht  bloß  vorübergehend  weite  Kreise  zieht,  das  auch
dauernd  den  Lauf  an  einer  Stelle  beirrt.  Da  tritt  auch  jedesmal  Naturgeschehen ­
  ins  helle  Licht  der  lebendigen  Zeit.  Erst  als  einer  Determinante ­
  wird  diesem  Geschehen  der  Paß  ordentlich  visiert,  mit  den
richtigen  Weisem  der  Zeit  und  des  Ortes.  Das  Naturgeschehen  wird
zum  Naturereignis.  In  diesem  mittelbaren  Sinne  hat  es  an  der  Welt
des  Handelns  teil  —  ein  Stück  Ufer  des  lebendigen  Stromes.
Übrigens  hängt  es  ausdrücklich  am  Gesichtspunkte,  ob  diese
Naturereignisse,  diese  Findelkinder  der  unzerfällenden  Erkenntnis,  als
chronische  oder  als  akute  Determinanten  aufzufassen  seien.  Geburt,
Krankheit,  Tod,  das  ist  z.  B.  für  die  Historie  überhaupt  nicht  vorhanden, ­
  sofern  es  nicht  gleich  als  „Ereignis“  vorhanden  ist.  Als  Determinante ­
  des  „geschichtlichen“  Handelns  zwängt  sich  das  Geschehnis
zu  gewaltsam  unter  seinesgleichen  ein,  es  verschiebt  zu  lebhaft  alle
        <pb n="202" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  V.

177

Determination,  um  als  bloße  Determinante  zu  gelten.  Geburt  ist  da
gleichsam  eine  erste  Tat,  Sterben  eine  letzte,  endgültige,  folgenschwerste
Unterlassung.  Jene  vielgeschmähten  „Drohnenlisten“  haben  ja  gerade
diesen  tieferen  Sinn,  daß  für  die  Historie  die  „gewöhnlichen“  Menschen
nicht  geboren  werden  und  nicht  sterben;  wohl  aber  die  Könige,  die
gekrönten  und  die  ungekrönten,  die  Pächter  der  Tat.  Aber  vor  dem
weitschweifenden  Blick,  wenn  Geburt  und  Tod  zur  Reihe  der  Geschlechter ­
  wird,  ergeben  sich  chronische  Determinanten,  nach  deren
gewaltigen  Taktschlägen  auch  in  die  „Geschichte“  ein  gewisser  Rhythmus ­
  kommt.  Für  die  Nationalökonomie  dagegen  erscheinen
Geburt,  Krankheit  und  Tod  von  Haus  aus  relevant;  und  als  chronische ­
  Determinanten,  die  uns  als  „echte  Massenerscheinungen  erfaßbar ­
  werden.  TT  ,
Die  „Grenzen“  zwischen  der  Natur  und  der  Welt  des  Handelns
aber,  die  können  so  wenig  verschwimmen,  als  je  zwischen  Rechts  und
Links,  oder  Innen  und  Außen,  wie  überhaupt  bei  jedem  starren
Lntwederoder  der  Auffassung.  So  mag  man  immerhin  von
einem  „generischen“  Handeln  reden,  ein  Handeln  einfach,  das  uns
geringfügig  in  seinem  Sondertume  unerheblich  bedünkt,  und  seiner
Aufhebung  i n  Artbegriffen  daher  nicht  recht  zu  widerstreben  weiß.
Es  ist  das  richtige  Kanonenfutter  für  Zustand  und  Entwicklung.  Auch
lie gt  es  nahe,  daß  ein  Geschehen  da  in  Frage  stehen  muß,  das  in
hohem  Grade  der  Bedungenheit  durch  die  Natur  ausgeliefert  ist.  Aber
wenn  dieses  arthafte  Geschehen  auch  zu  ersticken  scheint  unter  der
Last  seiner  Determinanten,  im  Wesen  bleibt  es  deshalb  doch  erlebtes
Geschehen;  aufs  Haar  so,  wie  die  gewaltigste  „Haupt-  und  Staatsaktion“. ­
  Es  bleibt  nach  dem  Vorbilde  unseres  eigenen  Handelns  für
uns  verstehbar;  lauter  Streben  bleiben  seine  auslösenden  Bedmgungen,
  w i e  immer  auch  daneben  die  seitlichen  Bedingungen  sich
aufzwingen,  die  selber  arthaften  Determinanten.  Und  daher  konnte  es
genau  so  wenig  in  „ursächliche“  Ketten  eingefügt  werden,  der  „gesetzmäßigen ­
  Erklärung“  ganz  ebensowenig  anheimfallen,  wie  umgekehrt
etwa  ein  Thermometer,  wenn  es  nur  recht  groß  ist,  zu  einem  Barometer ­
  würde.
Wie  denken  wir  nun  einen  Zustand?  Wir  halten  uns  ent-Weder
  einen  Zeitpunkt  vor,  um  den  herum,  oder  zwei  Zeitpunkte,
2wis '' 1 '"-  ’  en  ein  Geschehen  in  Wiederkehr  gedacht  wird.
Vollzüge  bleiben  wir  uns  weniger  bewußt  als  des
sich  im  Rückblick  auf  damals  für  jeden  be-.
  *scn  Zeitpunkt  ein  Vollzug  annehmen  läßt.  Es  trennt
sich  also  das  Geschehen  gar  nicht  eigentlich  von  jener  Zeit.  Solange
° tt!  Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  12

Der

u  aen
Reihe  seiner
mstandes,  daß
1  1  e  h  i  rr  _  .  ^  .
        <pb n="203" />
        I 7 S

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

wir  den  Zustand  denken,  und  nicht  die  Form  zerschlagen,  aus  der
das  Handeln  dann  so  ausrinnt,  wie  es  erlebt  worden  ist,  solange  ist
das  Geschehen  nicht  rein  als  solches  da;  nicht  bloß  als  etwas,  das  im
Entstehen  auch  schon  vergeht;  denn  es  ist  als  stets  von
neuem  da  gedacht,  ist  also  vor  unserem  Denken  zugleich  etwas,  das
im  Vergehen  auch  schon  entsteht.  Das  ewig  in  die  Zeit
flüchtende  Handeln  wandelt  sich  hier  zu  etwas  Verharrendem  um;
das  Fließen  stockt.  Um  seiner  Wiederkehr  halber  gerinnt  gleichsam
das  Geschehen  zu  einem  Zustande;  natürlich  nur  vor  unserem  rückschauenden ­
  Denken.  Wenn  ich  z.  B.  sage,  „um  diese  Zeit  hat  Herr  X
die  Vorlesungen  von  Herrn  Y  besucht“;  oder  wenn  ich  sage,  „in  den
achtziger  Jahren  war  der  Ort  M  ein  von  den  Heidelbergern  vielbesuchter“, ­
  dann  sage  ich  beidesmal  einen  Zustand  aus;  freilich  von  sehr
engen  Grenzen.  Ein  viel  weiter  gespannter  Zustand,  nur  in  anderer
Wendung,  verbirgt  sich  etwa  hinter  dem  Ausdrucke  „Steinzeit“.
Es  erläutert  das  summarische  Verfahren,  das  uns  den  „Zustand“
einbringt,  wenn  man  etwa  den  bildlichen  Ausdruck  wählt:  Im  Denken
eines  Zustandes  projizieren  wir  das  in  Wiederkehr  fließende  Geschehen
auf  die  Zeitfläche  einer  Gegenwart.  Sieht  man  aber  schärfer  zu,
so  ist  es  umgekehrt  erst  dieses  Denken  von  Zuständen,  das
aus  dem  bloßen,  „zeitlosen“  Punkte,  der  zwischen  Vergangenheit  und
Zukunft  scheidet,  eine  „Zeit“  werden  läßt,  die  von  diesen  Zuständen
gleich  ihr  Gepräge  erhält.  Mit  dem  Blicke  auf  das  Geschehen  selber,
das  für  die  Welt  des  Handelns  ihr  alles  bedeutet,  gibt  es  in  dieser
Welt  keine  „Gegenwart“  —  die  uns  ja  als  etwas  vorschwebt,  für  das
der  Zeitenlauf  gleichsam  gesperrt  erscheint  Zum  mindesten  ist  für
alle  grundsätzliche  Erwägung  diese  „Zeit“  gar  nicht  vorhanden.
Dagegen  ergibt  es  sich  als  ein  tatsächliches  Verhältnis,  daß  die
Gegenwart  jener  Wissenschaft  zunächst  steht,  die  in  den  Formen  von
Zustand  und  Entwicklung  denkt;  wobei  aber  „unsere  Gegenwart“,
grundsätzlich  genommen,  nicht  schwerer  ins  Gewicht  fällt  als  jede  beliebige ­
  andere,  zu  der  die  Vergangenheit  an  irgendeiner  Stelle  „gesperrt“ ­
  erscheint.  Im  Rohen  ist  also  der  Vorsprung  dieser  Wissenschaft
nur  der,  daß  sie  „unsere  Gegenwart“  auch  unter  die  Hände  bekommt.
Während  es  z.  B.  von  der  Historie  gilt,  daß  sie  nur  der  Vergangenheit ­
  sich  zu  wendet;  des  Historikers  Interesse  beginnt  ja  erst  dort,  wo
er  dem  Geschehen  eine  Zukunft  prophezeien  kann,  die  für  ihn  in  Tatsachen ­
  übersehbare  Vergangenheit  ist  1
Einen  Augenblick  halte  ich  nun  bei  der  Entwicklung  inne-Vorweg
  gesagt,  nach  allen  Proben  meines  Vorgehens  kann  es  keinesfalls
meine  Absicht  sein,  daß  ich  irgendwie  dem  „Begriff  Entwicklung 4
        <pb n="204" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  V.

179

Rede  stehen  wollte.  Ich  schere  mich  nicht  im  geringsten  um  dieses
Wort  und  seine  Schicksale;  verkenne  natürlich  auch  nicht,  daß  es
vielleicht  das  sieghaiteste  Wort  in  der  Wissenschaft  unserer  Zeit  ist,
da s  klingende  Symbol  für  ein  Mancherlei  der  fruchtbarsten  Strebungen,
^ier  aber  schlägt  es  nur  als  ein  zwingender  Name  ein,  für  das  Gegenstück ­
  von  dem,  was  ebenso  gebieterisch  „Zustand“  genannt  sein  will.
Eine  Wiederkehr  im  Handeln  ist  wesentlich  nur  für  unser
Senken  vorhanden,  auch  wenn  das  Sondertum  alles  erlebten  Geschehens ­
  von  Beginn  an  außer  Spiel  bleibt.  Denn  schon  in  ihrer
ei °fachen  Mannigfaltigkeit,  die  sie  mit  jedem  Geschehen  teilen,  verstoßen ­
  die  Erlebnisse  fortwährend  gegen  ihre  Art,  ihre  gleiche  Abfolge.
csonders  aus  zwei  Gründen.  Erstens  wechseln  die  Determinanten
des  Geschehens,  zu  denen  das  letztere  selber  am  allermeisten  beisteuert.
weitens  folgen  die  Geschehnisse  nicht  dauernd  den  nämlichen  Hirten;
6S  Wec hseln  auch  die  schöpferischen  Begriffe.  Kraft  seines  Oberhirtenamtes ­
  über  das  erlebte  Geschehen,  setzt  unser  Geist  die  Hirten  fortwährend ­
  ein  und  ab,  je  nach  den  Erfahrungen  an  der  Herde.  Eins
R  ^andere  gerechnet,  kommt  es  dazu,  daß  die  Geschehnisse  in  ihren
en  ’®mer  untreuer  ihrer  Art  werden,  bis  unser  rückschauendes
cmcen  schließlich  an  der  Wiederkehr  des  Geschehens  irre  wird.
ge -^ er  nur  ungern;  denn  fürs  Gewöhnliche  schwört  unser  Denken  auf
^ orte  und  ihr  immer  gleicher  Schall  nimmt  offenbar  für  Art  und
er  "  v!^  C ” r  ^ Gr  VOn  ^ nen  benannten  Geschehnisse  ein.  Ein  Vorurteil
j m  ^  st  da  dem  Sumpfboden  der  Worte,  das  Art  und  Wiederkehr
j st  ^ sc hehen  als  das  „Natürliche“  erscheinen  läßt.  Im  Grunde
( j er  ^ ese  Wiederkehr  für  jeden  einzelnen  Fall  genau  so
r klärung  bedürftig  wie  ihre  Störungen!
r eden  ^  ^ tdrun g en  der  Wiederkehr  kann  man  überhaupt  nur
denkt'  S °^ an ^ e  man  an  einen  geringfügigen  Wechsel  im  Geschehen
’  sons t  hört  mit  der  Wiederkehr  auch  ihre  Störung  auf.  Geringfü

 gige  Stör

geben  run g en  sind  aber  andererseits  schon  mit  der  Tatsache  gefü
  -  D ’  da ®  ad e  Wiederkehr  nur  eine  annähernde  ist.  Diese  gering-Das^G
 1  ^ tÖrun 2 en  sind  nun  sehr  häufig  von  der  gleichen  Art.
Unc [  esc .hehen  wechselt  von  Vollzug  zu  Vollzug  im  gleichen  Geiste,
atl  da S °7  -  der  nämlichen  Richtung  immer  weiter.  Denken  wir
F 0 lg e S  ”  rlcalten  e * ner  Freundschaft“;  darunter  birgt  sich  eine  ganze
von  y^ rsön Rcher  Berührungen,  gespeist  von  Handlungen,  wie  auch
e mpfi n b  ^ aSSUngen ’  d ‘ e  W R  i Q  absteigender  Linie  als  erquickend
der  Wie'ci  d * eser  Weise  kommen  wiederkehrende  Störungen
von  der  ■  er ^ e ^ r  ^ er aus.  Was  da  in  unserem  Beispiele  als  Abstand
einen  zur  nächsten  Berührung  empfunden  wird,  ist  stets  von

12*
        <pb n="205" />
        i8o

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

neuem  eine  Minderung  der  Erquicklichkeit.  Das  Geschehen  weist  also
von  Vollzug  zu  Vollzug  die  sinngleichen  Abstände  auf,  die  sich  den
Reihen  der  Vollzüge  entlang  aufsummen.
Dieses  Aufsummen  gilt  aber  bloß  vor  unserem  Denken.  Im
Erleben  sind  nur  die  Vollzüge  des  Geschehens  da,  in  ihrer  einfachen
Mannigfaltigkeit;  z.  B.  also  die  verschiedenen  Berührungen,  mit  unseren
Eindrücken  von  ihnen.  Nimmt  es  daher  unser  Denken  peinlich,  dann
wäre  diesem  Erleben  nur  mit  einer  Reihe  vergleichender  Urteile  Genüge
getan,  die  Reihe  der  Vollzüge  begleitend.  Unser  Denken  macht  aber
kürzeren  Prozeß.  Jene  Störungen  der  Wiederkehr,  die  selber  wiederkehren, ­
  erfaßt  unser  Denken  als  ein  stetiges  Geschehen;  in
unserem  Beispiel  bildlich  das  „Erkalten“.  Als  ein  stetiges  waltet  dieses
Geschehen  erst  noch  über  dem  erlebten  Geschehen,  es  ist  also
gleichsam  ein  Geschehen  am  Geschehen.  Im  Beispiele  liegt  das
erlebte  Geschehen  mit  den  Berührungen  vor,  die  wir  aber  zuständlich
als  „Freundschaft“  erfassen;  hier  wird  übrigens  die  stete  Wechselbeziehung, ­
  die  zwischen  Handeln  und  Empfinden,  zwischen  tätigem
und  duldendem  Erlebnis  hin-  und  hergeht,  besonders  deutlich;  dem
gedachten  Zustand  ist  Empfinden  bei  gesellt,  im  Sinne  chronischer
Determinanten,  zwischen  denen  eingebettet  das  als  „Freundschaft“
zuständlich  erfaßte  Geschehen  dahinfließt  —  ein  „Verhältnis  zwischen
Handelnden“,  ein  „Bestand“.  Jenes  sozusagen  höhere  Geschehen
nun,  das  nicht  erlebt  wird,  sondern  rein  nur  eine  Sache  unseres  rückschauenden ­
  Denkens  vorstellt,  entspricht  der  Entwicklung.  Wie
man  mit  dem  „Erkalten  der  Freundschaft“  eine  Entwicklung  aussagt,
wird  deutlicher,  wenn  wir  zum  Vergleich  vom  „Bruch  einer  Freundschaft“ ­
  reden;  womit  offenbar  keine  Entwicklung,  sondern  Erlebtes
ausgesagt  wird.  Nicht  die  langsame,  allmähliche  Art  ist  hier  entscheidend, ­
  sie  wohnt  der  Entwicklung  bloß  im  tatsächlichen  Erfolg
inne;  entscheidend  ist  der  Gegensatz  des  rein  denkend  erfaßten
Geschehens  gegenüber  dem  erlebten.  In  diesem  Sinne  sind  j a
Zustand  und  Entwicklung  Stiefbrüder  des  Begriffes.
Beim  Zustand  geht  der  Griff,  den  unser  raffendes  Denken  in  die
Fülle  des  Handelns  tut,  quer  über  den  Zeitenlauf;  bei  der  Entwicklung ­
  überdies  dem  Zeitenlaufe  entlang.  Wir  müssen,
wie  es  auch  in  unserem  Beispiele  ersichtlich  war,  in  der  Form  des
Zustandes  denken,  ehe  uns  eine  Entwicklung  erfaßbar  wird.  Alle  Entwicklung ­
  läßt  sich  als  ein  Wandel  im  Zustande  verbildlichen,
als  das  Ineinanderlaufen  von  Zuständen.  „Freundschaft“  ist  der  Zustand,
„Erkalten“  ihr  Wandel:  auflösbar  als  lauter,  stetig  ineinander  auf'
gehende  Zustände  —  die  absteigenden  „Grade“  der  „Freundschaft  •
        <pb n="206" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  V.

181

W o  immer  jedoch  in  derWelt  des  Handelns  ein  Zustand,
ist  auch  eine  Entwicklung  erfaßbar.  Auch  die  „Freundschaft“ ­
  wird  entweder  schon  dadurch  inniger,  daß  sie  in  Treue  älter
Wlr d,  oder  sie  schläft  ein,  oder  erkaltet  eben.  Alles  „geronnene“
Geschehen  ist  ja  schon  als  solches  kein  starres  Sein;  früher  oder
später  gerät  es  in  Bewegung.  Man  könnte,  etwas  gewagt,  sagen,  das
geronnene  Handeln  schmilzt  wieder;  und  damit  ist  die  Entwicklung
gegeben.  Beides,  das  Gerinnsel  und  sein  Schmelzen,  ist  nur  für  unser
Denken  vorhanden.  In  diesen  kürzenden  Formen  wissen  wir  vom
Gandein.  Was  wir  erleben,  ist  immer  nur  das  Handeln  selber,  als  das
stetig  von  Streben  zu  Erfolg  fließende  Geschehen.
Der  Übergang,  den  unser  rückschauendes  Denken  zum  Beispiel
ttHt  den  Worten  „Steinzeit“  und  „Bronzezeit“  festhält,  entspricht  einer
nt  Wicklung,  die  zwischen  weitgespannten  Zuständen  vermittelt.  Das
piel  zwischen  Geschehen,  Zustand  und  Entwicklung  ist  hier  so  einfach
nur  möglich.  Das  Handeln  ist  bloß  daraufhin  als  ein  wiedern
  rendes  erfaßt,  daß  sich  Dinge  einer  bestimmten  Art  ihm  eingliedern.
^  lese  Dinge  weiß  nur  das  zerfällende  Denken  zu  sondern:  „Stein“
Un  ”^ ronz e“.  In  dieser  Hinsicht  aber  denken  wir  im  Handeln  selbst
^  enc *-  er g e ben  sich  Unterschiede  im  strebigen  Zusammenhang
fall  ande  ns,  die  auch  für  das  Denken  über  das  Handeln  ins  Gewicht
au/d'  ^ Cr  er ^ te  instand  und  sein  Wandel,  sie  münzen  es  hier  also
etl  strebigen  Zusammenhang;  die  Entwicklung  erscheint  schlecht
recht  als  eine  „technische“,  als  eine  einfache  Umbildung  im
Geb »«  d es  Handelns.
UCa  ^ e se  einfachsten  Fälle  der  Entwicklung  sind  in  mehrfacher
wiedei- 0 ^^’  W6 ^  Störung  Ber  Wiederkehr  einmal  so  und  dann
r  anders  zur  Tatsache  wird.  Darauf  kann  ich  hier  nicht  eingehen.
hilfr  •  u  UCh  ^' e  Bemerkung  nur  hingeworfen,  daß  es  nichts  als  ein
solche""  p  ^  ^  * s t,  spricht  man  von  „fortwirkenden  Ursachen“,  die
eine  ^  ntv G c klung  unterlägen.  Hier  ist  dieses  „höhere“  Geschehen
diese  ^  6  ^  unzer lallenden  Denkens.  Für  sein  eigen  Teil  aber  kennt
kommt  Cn ^ en  ü * 3er  die  Welt  des  Handelns  nichts  „Ursächliches“;  es
soweit  mit  ^ em  »Ursächlichen“  nur  mittelbar  in  Berührung;  eben  nur
Wahrh  * m  Gandein  selber  zerfällend  denken.  Die  ewige
gilt  nT-  i- daß  ^ enken  un d  Zusammenhang  unzertrennlich  sind,
schmähun  ^  aUC ^  ^ ür  ^ as  unzer DUende  Denken,  trotz  jener  Verem
 pfund  dCS  »Grsächlichen“;  für  dieses  Denken,  das  allein  an
e rster  Linie^ 060  ^ usammen h an g  sich  anlehnt,  gilt  sie  sogar  in  aller-
        <pb n="207" />
        i82

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

VI.
Das  Verhältnis  zwischen  erlebtem  Geschehen,  Zustand  und  Entwicklung ­
  kann  auch  anders  vorliegen.  Dann  ordnet  sich,  und  zwar
ausdrücklich  durch  ein  Denken  in  den  Formen  von  Zustand  und
Entwicklung,  das  flutende  Geschehen  um  uns  in  einer  eigentümlichen
Weise.  Sie  zur  Not  zu  erklären,  ist  allein  der  Grund,  weshalb  ich
überhaupt  von  diesen  Denkformen  spreche.  Denn  auf  der  anderen
Seite  sind  die  restlichen  Formeln  eben  nur  aus  jener  Weise  abzuleiten, ­
  wie  in  das  Handeln  Ordnung  kommt.  Ich  knüpfe  da  nochmals
an  das  Naturgeschehen  an;  aber  der  Vergleich  bedeutet  hier  schon
mehr  ein  bloßes  Gleichnis.
Aus  dem  Rahmen  der  sinnlichen  Welt  tritt  uns  jeder  Fluß
so  gedrungen  als  eine  Einheit  entgegen,  daß  wir  mit  einem  richtigen
Eigennamen  von  ihm  Notiz  nehmen:  „Neckar“!  Hinter  dieser  Einheit
ist  Naturgeschehen  im  Gange:  das  zu  Tal  Strömen  des  Wassers.
Während  die  auslösende  Bedingung  des  erlebten  Geschehens  als
„Streben“  in  ihm  selber  atmet,  seinen  Zusammenhalt  uns  unmittelbar
empfinden  läßt,  müssen  wir  beim  Naturgeschehen,  sofern  wir  nicht
einfach  von  „Energien“  reden,  die  auslösende  Bedingung  außerhalb
des  Geschehens  hinzudenken:  Als  jene  „Ursache“,  die  hier  z.  B.  als
die  „Schwere“  des  Wassers  zum  Ausdruck  kommt;  in  jener  naiven
Wendung,  die  den  Zusammenhang  im  Geschehen  noch  als  eine  Eigenschaft ­
  des  betroffenen  „Körpers“  stammelt.  Die  ganze  Gestaltung  des
Bodens,  der  sich  das  Strömen  anbequemt,  das  wären  beim  Handeln
die  Determinanten,  das  seitlich  Bedingende.
Es  sind  immer  andere  Wasser,  die  durchströmen.  Aber  weil  das
Geschehen  der  nämlichen  Auslösung  gehorcht,  und  weil  mit  der
Gestalt  des  Bodens  auch  die  seitlichen  Bedingungen  verharren,  ist
uns  das  Strömen  in  allen  Einzelheiten  eine  Wiederkehr.  Wir  fußen
auf  dieser  Wiederkehr,  wenn  wir  vom  „Lauf“  sprechen,  seiner  Geschwindigkeit ­
  und  seiner  Richtung;  oder  von  einer  „Stauung“,  einer
„Schnelle“,  einem  „Wirbel“,  einem  „Fall“.  Hier  gerinnt  jedesmal  das
Geschehen  des  Strömens  zu  einem  Zustande.  Es  tritt  freilich  noch
eine  Mithilfe  dazu,  wovon  ich  später  rede;  darum  ist  es  nur  ein
Gleichnis.
Mit  der  Zeit  nun  würde  das  Strömen  für  unser  rückschauendes
Denken  von  etwas  anderem  begleitet.  Wir  sagen  dann  wohl,  es  verrücke ­
  sich  Ufer  und  Sohle;  das  Bett  wird  tiefer  hier,  dort  wieder
breiter;  Fälle  rücken  stromaufwärts;  der  Fluß  macht  eine  Schleife
        <pb n="208" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  VI.

183

mehr,  um  dort  wieder  eine  andere  abzuschneiden;  er  wechselt  also
das  Bett,  vielleicht  sogar  das  Tal.  Das  stellt  sich  als  ein  Geschehen
für  sich  dar,  waltend  über  dem  stetigen  Strömen.  Mit  ihm  gerät
alles  in  Wandel  und  Bewegung,  was  dem  Strömen  gegenüber  das
Ständige  schien.  Von  Welle  zu  Welle,  von  Schwall  zu  Schwall
ändert  sich  scheinbar  nichts;  und  doch  tragen  sie  alle  ihr  Scherflein
dazu  bei,  bis  schließlich  jenes  andere  Geschehen  anhebt,  das  hier  der
Entwicklung  entspricht.
Wie  ist  uns  der  Fluß  nun  Eines?  Nicht  als  der  Inbegriff  der
Bedingungen  seines  Laufes,  nicht  als  sein  bloßes  Bett  —  das  letztere
wird  ihm  nur  notwendig  beigedacht  —  ebensowenig  aber  als  der  bloße
Inbegriff  der  durchströmenden  Wasser.  Der  Fluß  ist  uns  Eines,
weil  er  ein  Ganzes  darstellt,  zu  dem  sich  Teilzustände  vereinen:  der
„Lauf“  in  allen  Spielarten  seiner  Richtung  und  Geschwindigkeit,  die
„Stauungen“,  „Wirbel“,  „Fälle“.  Diese  Bruchstücke  fügen  sich  zur
Einheit  des  Flusses  zurecht,  weil  hier  dem  räumlichen  Nebeneinander,
der  Gestalt  des  Bodens,  das  zeitliche  Nacheinander  des  Strömens  zur
Seite  bleibt.  Soweit  ist  uns  der  Fluß  etwas  durch  und  durch  Zuständliches;
  nichts  als  ein  Gesamtzustand,  der  uns  für  jeden  beliebigen ­
  Zeitpunkt  zu  verharren  scheint.  Er  bleibt  uns  jedoch  das
Eine,  auch  wenn  mit  der  Zeit  jene  Teilzustände  wechseln.  Als  das
Nämliche  überdauert  er  also  auch  den  Wandel  im  Gesamtzustande.
Wie  er  die  stetige  Folge  seiner  eigenen  Zustände  ist,  erscheint  der
Fluß  auch  als  Träger  der  ihm  zugesprochenen  Entwicklung.
Hier  dreht  sich  die  Frage  offenbar  nicht  um  den  „Begriff  des
Flusses“,  sondern  um  die  Bedingungen,  unter  denen  er  uns  denkbar
ist.  Ich  suche  einfach  zu  entfalten,  wie  hier  unser  Denken  eine  Fülle
von  Naturgeschehen  in  Einen  Inhalt  schöpft;  wie  also  für  unser  Denken,
das  eitel  Zusammenhang  ist,  eine  Einheit  sich  gestaltet,  etwas  nämlich, ­
  das  sich  für  weiteren  Zusammenhang  in  die  Rolle  dessen  findet,
was  Zusammenhänge  also  „Prädikat“  werden  kann.  Jene  Einheit,  als
ein  Inhalt  unseres  Denkens,  ist  dann  eben  so  beschaffen,  daß  sie  in
einer  eigentümlichen  Weise  einem  Worte  sich  verknüpfen  kann;  sie
tut  es  auch  anders  dem  Worte  „Fluß“,  anders  dem  Worte  „Neckar“
—  Artbegriff  und  Sonderbegriff.  Da  und  dort  wird  dieser  Inhalt  gleichsam ­
  sprachflüssig;  er  wird  zur  „unvorgestellten  Wortbedeutung“.
In  dieser  Verfassung  schmiegt  er  sich  dem  kunstvollen  Reigen  der
Inhalte  ein,  die  an  der  Kette  eines  Sprachverlaufes,  eines  „Satzes“,
unser  Bewußtsein  durchschweben,  als  unser  ungehemmtes,  sich  selber
überlassenes  Denken.
Aber  vergessen  wir  nicht,  daß  uns  der  Fluß  auch  etwas  An  sch  au-
        <pb n="209" />
        184

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

liches  ist;  daß  er  unabhängig  vom  Worte,  und  auch  unabhängig  von
allem  Zusammenhang,  den  Rahmen  unseres  Bewußtseins  ausfüllen  kann,
als  ein  bloßes  Bild  der  Erinnerung.  Denn  gleichgültig,  ob  wir  überhaupt ­
  schon  eine  sinnliche  Welt  vor  uns  haben,  und  nach  bloßen  Erscheinungen ­
  in  ihr  zu  sondern  wissen,  sehen  wir  eben  den  „Lauf“,
wir  sehen  einen  „Fall“.  Und  gleichgültig,  in  welcher  versteckten  Beziehung ­
  dies  alles  zu  unserem  Denken  stehen  mag,  es  fällt  auch  der
Fluß  noch  in  den  Spielraum  unserer  Anschauung.  Freilich,  jenes
„höhere“  Geschehen,  das  über  dem  Strömen  waltet,  das  sehen  wir  nur
mehr  „im  Geiste“.  Auch  hier  aber  spricht  die  Anschauung  das  entscheidende ­
  Wort.  Denn  nur  so,  wie  vor  unserem  körperlichen  Auge
der  „Fall“  sich  dartut,  sei  es  mit  oder  ohne  Hilfe  unseres  Denkens,
nur  so  „wandert“  er  vor  unserem  geistigen  Auge.  In  dieser  schlichten,
anschaulichen  Weise  grenzt  sich  aus  dem  Gewirre  des  Naturgeschehens ­
  diese  Einheit  heraus.  Was  uns  über  jene  zeitlich-räumliche
Nachbarschaft  von  Geschehen  und  Sein  belehrt,  das  spinnt  hier  den  „roten
Faden“;  jenen  Faden,  der  sich  gleichsam  durch  ein  Vielerlei  von  Zuständen ­
  hindurchzieht,  quer  über  den  Zeitenlauf  und  ihm  entlang,  und
daraus  eine  Einheit  macht,  etwas  Zuständliches,  das  sich  entwickelt.
Soweit  das  Gleichnis.  Die  Beispiele  für  unsere  jetzige  Sache
zähle  ich  bloß  beim  Namen  her;  es  wäre  viel  zu  umständlich,  ja  ohne
lange  Vorbereitung  gar  nicht  möglich,  auch  nur  eines  richtig  zu  entfalten. ­
  Zur  Sache  spreche  ich  dann  nur  im  allgemeinen,  und  darf  es
um  so  kürzer  tun,  da  ja  ihr  Gleichnis  im  voraus  erörtert  ist  und  ihre
Beispiele  wenigstens  genannt  sind.  In  der  Tat  klingen  lauter  Inhalte
an,  in  die  eine  Fülle  von  erlebtem  Geschehen  eingeschöpft ­
  erscheint,  spricht  man  in  diesem  Zusammenhänge  hier
von  einem  „Staate“,  etwa  vom  „Deutschen  Reiche“;  oder  von  einer
„Universität“,  etwa  der  „Ruperto  Carola“;  oder  auch  von  einem  „Postamt“, ­
  einer  „Unternehmung“,  einem  „Haushalt“;  als  Proben  aus  einer
strotzenden  Menge.  Nur  hängt  es  in  keinem  Falle  an  den  Worten
selber,  die  je  nach  Umständen  auch  etwas  ganz  anderes  bedeuten
könnten.  Der  Zusammenhang  allein  tut  es,  wie  ja  unser  Denken  immerzu ­
  der  Sklave  seines  eigenen  Verlaufes  bleibt.
Auch  hier  ersteht  die  Frage,  ob  nicht  bloße  Inbegriffe  von
erlebtem  Geschehen  vorliegen;  seien  es  auch  Inbegriffe  in  der  Abart
des  Zustandes,  ähnlich  dem  Inhalte  „Steinzeit“.  Es  kommt  hier  also
darauf  an,  ob  unser  Denken  aus  eigener  Willkür  ganze  Massen
von  Geschehen  mit  einem  Griffe  umspannt.  Allein,  die  besinnliche
Auflösung  jener  Inhalte  verneint  dies!  Auflösen,  wohlgemerkt, ­
  nicht  definieren.  Davon  sei  abgesehen,  wie  schwer  es  hielte,  die  an
        <pb n="210" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  VI.

I8 5

jenen  Worten  haftbaren  Inhalte  so  zu  definieren,  wie  es  die  löbliche
Regel  scholastischen  Denkens  verlangt.  Ohne  Selbstbetrug,  der
beliebige  Kürzung  zuließe,  müßte  man  da  eine  tüchtige  Hühnerleiter
von  Definitionen  herunterklettern,  bis  zum  „Undefinierbaren“;  vom
Wortestrug,  durch  den  unser  Denken  von  jeder  einzelnen  Sprosse  fallen
könnte,  und  von  der  Kalamität  des  Wortstreites  ganz  zu  schweigen.
Vor  allem  aber  gilt,  daß  man  diese  Inhalte  entweder  nur  von  Haus
aus  als  bloße  Inbegriffe  definieren  könnte;  was  ja  häufig  genug
geschieht.  Oder  man  müßte  umgekehrt  im  voraus  annehmen,  daß
hinter  dem  Worte  eine  Einheit  steht,  die  unserem  Denken  irgendwie
gesetzt  ist.  Dieser  Doppelfall  entspräche  ungefähr  der  vermeintlichen
Zwickmühle  „Nominalismus-Realismus“;  die  letzteren  Ausdrücke  in
jener  flachen  Alltagsmeinung  genommen,  auf  der  sich  solche  Wortpaare
gern  ausruhen,  nachdem  sie  durch  ungezählte  Definitionen  durchgehetzt
worden  sind.  Eine  vermeintliche  Zwickmühle,  weil  es  doch  um
alles  nicht  nötig  ist,  gleich  im  voraus  eine  Meinung  zu  fassen,  um  dann
nach  dieser  vorgefaßten  Meinung  die  Worte  zu  behandeln.  Man  lasse
es  doch  ruhig  auf  den  einzelnenFall  ankommen,  soweit  es  überhaupt ­
  von  Belang  erscheint,  der  Sache  auf  den  Grund  zu  gehen.  Hier
ist  dazu  nun  Anlaß  geboten.  Mit  der  folgenden  Darlegung  ergreife  ich
also  weder  für  den  „Nominalismus“,  noch  für  den  „Realismus“  Partei;
in  dem  wesentlichen  Sinne,  daß  ich  gerade  in  solcher  Parteilichkeit
den  Grundfehler  sehe.
Für  gewöhnlich  haften  also  jene  Inhalte  sprachflüssig  an  Worten.
Dann  ist  uns  das  eingeschöpfte  Geschehen  ganz  ungreifbar.  Unser
Denken  überläßt  sich  einfach  seinem  Laufe,  es  verliert  sich  gleichsam
in  der  Jagd  seiner  Inhalte.  Aber  wir  können  einen  solchen  Inhalt
jederzeit  etwas  fester  beim  Wortschopf  packen.  Dann  taucht  hinter
dem  Lautbilde  des  Wortes,  z.  B.  also  hinter  „Unternehmung“,  sofort
das  erlebte  Geschehen  empor  1  Zunächst  als  ein  Mancherlei  von  Handlungen, ­
  die  gleichsam  die  Stichproben  sind  ihrer  eigenen  Wiederkehr;
wir  überfliegen  damit  die  ..Muster“  auf  den  sortierten  und  irgendwie
eingefächerten  Paketen.  Freilich  setzt  dies  schon  voraus,  daß  man
solchen  Inhalt  zu  erwischen  weiß,  statt  ganz  am  Worte  zu  kleben  und
buchstabierend  zu  denken;  daß  man  nicht  über  der  Vergangenheit  des
Wortes  die  Gegenwart  seiner  Sache  vergißt  oder  sie  doch  mißversteht,
die  ja  mit  einem  bloßen  Inbegriff  genau  so  vorläge.  Unser  Denken
darf  einfach  dem  Worte  nicht  aufsitzen.  Das  ist  gewiß  kein  schöner
Ausdruck,  aber  die  Sache  verdient  keinen  besseren.
Je  beharrlicher  wir  unser  Bewußtsein  an  diesen  Inhalt  nageln,  je
tiefer  wir  uns  in  ihn  versenken,  desto  reicher  und  zugleich  geordneter
        <pb n="211" />
        i86

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

entfaltet  sich  aber  das  eingeschöpfte  Geschehen.  Immer  ausgesprochener
denken  wir  in  den  Formen  von  Zustand  und  Entwicklung.  Es
verrät  sich  da,  daß  Zustand  und  Entwicklung  den  zwei  einander  ergänzenden ­
  Weisen  einer  Schilderung  entsprechen.  Eine  Schilderung
hebt  da  an,  die  nicht  schlechthin  ein  eigenartiges  Handeln  zum  Gegenstand ­
  hat.  Je  ehrlicher  wir  es  mit  der  Sache  nehmen,  desto  wahrnehmbarer ­
  folgt  unser  Denken  einem  „roten  Faden“,  der  ein  Vielerlei ­
  von  zuständlich  erfaßtem  Handeln  zu  einer  Einheit  verschnürt.
Diese  Einheit  entspringt  also  wirklich  nicht  der  Willkür  unseres  Denkens.
Sie  erscheint  unserem  Denken  gesetzt.  Wie  dies  zu  verstehen  sei,
soll  nun  mit  dem  Seitenblick  auf  unser  Gleichnis  erläutert  werden.
Beim  Flusse  bleibt  die  auslösende  Bedingung  des  Geschehens
immer  die  gleiche.  So  einförmig  sind  die  Auslösungen  des  erlebten
Geschehens  sicher  nicht.  Wir  müssen  mit  einer  Vielart  von  Streben
rechnen.  Daneben  ist  das  Spiel  der  Determinanten,  der  Wechsel  in
der  Art  und  Weise  der  seitlichen  Bedingungen  zum  mindesten  so
mannigfaltig  wie  in  der  Natur.  Kein  Zweifel  also,  daß  hier  die  Wiederkehr ­
  im  Geschehen  eine  überaus  vielgeschiedene  sein  muß.  Das  Geschehen ­
  kehrt  zur  gleichen  Zeit  in  einer  Unzahl  von  Spielarten  wieder,
jede  für  sich  bildet  eine  Zeitreihe  von  Vollzügen.  Von  dem  Geschehen,
das  einem  solchen  Inhalte  verfällt,  kann  man  daher  sagen,  es  wälze  sich
als  ein  ganzes  Bündel  wiederkehrenden  Geschehens  durch
die  Zeit.  Im  Bilderbuch  der  aufgezählten  Beispiele  kann  man  diese
Dinge  alle  nachblättern.
Zur  einen  Hand  sei  an  das  Gewoge  in  jener  bunten  Welt  gedacht,
der  Alltag  bietet  dahin  einen  günstigen  Ausblick;  zur  anderen  Hand,
daß  unser  Denken  nicht  willkürlich  eingreifen  darf:  wie  grenzt  sich  trotzdem ­
  ein  solches  Bündel  Geschehen  als  eine  geschlossene  Einheit  heraus?
Die  Anschauung  kann  hier  unmöglich  den  Ausschlag  geben;  von
ihrem  Boden  aus  kann  man  höchstens  von  einem  „Getümmel“,  oder
von  einem  „Gedränge“,  einer  „Ansammlung“  sprechen;  während  z.  B.
schon  ein  „Auflauf“  geistige  Wurzeln  hat.  Das  Anschauliche  geht  hier
in  mannigfacher  Weise  nur  nebenher.  Es  stützt  zuweilen,  ich  möchte
sagen,  das  geographische  Gegenstück  jener  Inhalte;  man  denke  an  die
„Stadt“,  die  uns  als  „Häusermeer“,  übrigens  auch  schon  mit  Vorbehalten,
anschaulich  ist;  während  es  sich  für  uns  um  die  „Gemeinde“  handeln
würde,  die  ja  nicht  die  Körpersammlung,  selbst  nicht  die  bloße  Personengemeinschaft ­
  ihrer  Bürger  ist.  Anders  wieder  ist  das  Anschauliche  in
der  Symbolik  da:  die  Wappen  und  Fahnen,  die  Siegel  und  Unterschriften. ­
  Solange  wir  überhaupt  vor  der  Welt  des  Handelns  stehen,
ist  aber  offenbar  das  Erleben  dazu  berufen,  den  „roten  Faden“  zu
        <pb n="212" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  VI.

iS/

spinnen,  vorgreifend  unserem  Denken.  Es  muß  schon  das  Erleben
selber  für  jene  Einheiten  irgendwie  haftbar  sein,  damit  sie  unserem
Denken  gesetzt  seien.
Das  Erleben  des  Handelns  ist  nun  eins  damit,  seine  Zusammenhänge ­
  zu  durchschauen.  Das  Erleben  selber,  für  das  ja  Wahrnehmung
oder  überliefernde  Schilderung  immer  nur  den  ersten  Anstoß  bedeuten,
der  uns  nach  dem  Schlüsselbunde  unserer  „Lebenserfahrung“  greifen
läßt,  dieses  Erleben  belehrt  uns  über  die  Art,  wie  sich  Handlungen
Vieler,  und  aus  vielerlei  Streben,  wechselseitig  bedingen.  Offenbar ­
  können  nur  diese  erlebten  Zusammenhänge  dafür  tätig  sein,  daß
sich  im  Erleben  selber  gedrungene  Einheiten  herausbilden.  Sie  allein
sind  da  als  Kitt  denkbar.
Aber  diese  Zusammenhänge  schießen  kreuz  und  quer  durch  das
erlebte  Geschehen,  dem  Enderfolg  nach  schrankenlos.  Gleichgültig,
wie  einschneidend  die  Bedingnis  ist,  die  von  der  einzelnen  Handlung
ausgeht,  und  gleichgültig,  wie  sich  der  Zusammenhang  an  jedem  Mittel  -
gliede  zu  einem  immer  feineren  zerfasern  mag,  schließlich  hängt  doch
jede  Handlung  mit  jeder  zusammen:  das  Eine  Gewebe  der  Erlebnisse!
Eine  rein  grundsätzliche  Vorstellung,  die  über  die  Tatsache,  daß  z.  B.
Amerika  erst  „entdeckt“  werden  mußte,  ebensowenig  stolpert,  wie  sie
der  Trennung  der  verschiedenen  „Geschichten“,  „Deutsche“,  „Französische“ ­
  usw.,  entgegen  ist.  Mit  dem  ersten  Schritte,  den  Kolumbus
auf  die  neue  Erde  setzte,  war  die  Verknüpfung  gegeben,  die  dem  rückschauenden ­
  Blick  sofort  das  Eine  Gewebe  gelten  ließ,  an  dem  der
letzte  „Indianer“,  mit  seiner  gleichgültigsten  Handlung,  im  Grundsätze
nicht  unbeteiligter  ist  als  etwa  Karl  der  Große  mit  der  wuchtigsten  seiner
Taten.  Was  aber  jene  „Geschichten“  betrifft,  so  fallen  sie,  nur  eben  in
eigener  Weise,  auch  in  den  Bereich  der  Erwägungen,  die  nun  vor  uns
stehen;  auch  das  sind  Einheiten,  geschieden  aus  dem  mächtigen  Strom
des  Erlebten.
Um  Kitt  für  unsere  Einheiten  zu  sein,  müssen  diese  Zusammenhänge ­
  innerhalb  gewisser  Handlungen  in  irgendeinem  wesentlichen
Sinne  inniger  sein,  als  es  von  den  nämlichen  Handlungen  allen  übrigen
gegenüber  gilt.  Es  müssen  sich  Kreise  von  Handlungen  absondern,
kraft  jenes  innigeren  Zusammenhaltes;  obschon  ja  der  allgemeine  Zusammenhang ­
  an  keiner  Stelle  reißen  kann.  Und  diese  Kreise  müssen
gleichsam  indieZeitweiterrollen.  Denn  unsere  Einheiten  kämen
nur  als  solche  in  Frage,  die  den  Zeitenlauf  begleiten.
Die  Innigkeit  des  Zusammenhanges,  der  ja  im  Handeln  in  allen
möglichen  Spielarten  wach  ist,  die  läßt  sich  zum  Behufe  eines  allgemeinen ­
  Vergleiches  nur  an  etwas  messen,  das  allem  Besonderen
        <pb n="213" />
        188

„Die  Herrschaft  des  Wortes 1

entrückt  bleibt.  Und  das  ist  allein  die  Zahl  derMittelglieder  im
Zusammenhalt;  ob  es  nämlich  mehr  oder  weniger  Mittelglieder  sind,
über  die  hinüber  eine  gegebene  Handlung  mit  einer  gegebenen  anderen
zusammenhängt.  Es  soll  aber  der  Zusammenhang  innerhalb  einer
Gruppe  von  Handlungen,  die  sich  stetig  verjüngt,  ein  wesentlich  innigerer
sein,  als  er  in  allen  Richtungen  nach  außen  weitergeht.  Nun,  dieser
Zusammenhang  ist  nur  dann  im  wesentlichen  Sinne  ein  derber
geknüpfter,  sobald  die  Handlungen,  für  die  er  im  Inneren  steht,  alle
unter  sich  so  Zusammenhängen,  daß  nur  sie  selber,  und  keine
weiteren  Handlungen,  als  die  Mittelglieder  des  Zusammenhanges  erscheinen. ­
  Dann  rollt  auch  der  Kreis  der  Handlungen,  die  so  verbunden
sind,  in  die  Zeit  weiter.  Denn  es  kommt  diese  unvermittelt  allseitige
  Bedungenschaft  überhaupt  nur  so  zustande,  daß  ihr  immer
neue  Handlungen  anheimfallen.  Sonst  geht  ja  der  Allbedungenheit,
die  ebenso  aus  der  Zukunft  zurück,  wie  aus  der  Vergangenheit  heraus
ihr  Schiffchen  weben  läßt,  der  Atem  aus.  Im  Sinne  dieser  Bedingnis
verjüngt  sich  also  die  Gruppe  der  betroffenen  Handlungen  unaufhörlich,
bis  mit  dem  Versagen  dieser  Bedingnis  auch  die  Folge  der  so  zusammenhängenden ­
  Handlungen  abreißt.
Diese  Allbedungenheit  zwischen  Handlungen  ist  natürlich  in  verständigem ­
  Sinne  zu  nehmen.  Von  dem  weiterfließenden  Geschehen  wird
immer  nur  ein  Kern  in  so  straffem  Zusammenhalt  erlebt;  ein  Rest
von  Handeln  wird  sich  mehr  oder  minder  lose  angliedern,  von  dem
rollenden  Kreise  gleichsam  mitgeschleift.  Aber  dieser  Kern  genügt,
um  überall  dort,  wo  jene  Allbedungenheit  vorherrscht,  von  einer  in
sich  ruhenden  Einheit  des  Handelns  zu  sprechen.  Jene  Bedingnis ­
  liefert  selber  den  inneren  Grund,  aus  dem  das  Fortbestehen
dieser  Einheiten  des  Handelns  verständlich  wird.  Es  sind  uns  auch
äußere  Gründe  dafür  geboten.  Sie  liegen  mit  dem  Einklang  vor
zwischen  dem  Innenzusammenhang,  dem  Zusammenhalt  des  Flandelns,
und  den  Determinanten  des  letzteren.  Darauf  kann  ich  nicht  eingehen
und  beschwöre  nur  flüchtig  das  Gleichnis  des  Organismus  herauf.
Jene  Allbedungenheit,  die  sich  mit  dem  Geschehen  weiterschleppt,
findet  im  „Leben“  ihr  Bild;  während  ich  für  jenen  „Einklang“  schlechthin ­
  an  die  Abhängigkeit  von  Raum,  Licht,  Luft,  Nahrung  erinnere.
In  dieser  Art  grenzen  sich  aus  dem  Handeln  schon  durch  sein
Erleben  selber  Einheiten  heraus.  Unserem  Denken  sind  diese  Einheiten ­
  also  gesetzt  —  scheinbar  nur  unserem  rückschauenden
Denken:  die  Art,  wie  z.  B.  auch  in  der  Wissenschaft  gedacht  wird.
Es  erscheinen  aber  diese  Einheiten  auch  dem  Denken  gesetzt,  das  am
Erleben  selber  beteiligt  ist;  das  gilt  unter  Vorbehalten,  die  hier  keinen
        <pb n="214" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  VI.

189

Platz  finden.  Der  Umstand,  daß  neben  dem  rückschauenden  allemal
auch  das  beteiligte,  das  lebendige  Denken  zu  beachten  bleibt,  wenn
die  Sache  zu  ihrem  vollen  Rechte  kommen  soll,  er  verwickelt  ja  das
Verhältnis  von  Denken  und  Erfahrung  so  überaus,  wo  immer  wir  es
mit  der  Welt  des  Handelns  zu  tun  haben  —  Verwicklungen,  in  die  ich
mich  auch  an  dieser  Stelle  nicht  verlieren  dürfte.  Es  gilt  ohnehin,
daß  alles  Eingehen  auf  diese  Welt  stets  zum  Zerfließen  neigt,  je  hingebender ­
  es  dem  Wesen  dieser  Welt  bleibt,  die  nicht  minder,  als  echtes
Kind  unseres  Geistes,  eitel  Zusammenhang  ist.
Für  unser  Denken,  soweit  es  die  fraglichen  Inhalte  in  sich  schließt,
sind  aber  nicht  die  Handlungen  selber  da,  in  ihrer  Allbedungenheit.
Dieses  Denken  erfaßt  ja  die  Wiederkehr  im  Geschehen,  und  das
fließende  Geschehen  muß  ihm  daraufhin  zu  lauter  Zuständen  gerinnen. ­
  Jene  Allbedungenheit  aber,  die  wird  im  selben  Verlaufe  als
die  Gliederung  des  wiederkehrenden  Geschehens  erfaßt.
Wenn  sich  unter  den  Handlungen  Zusammenhang  knüpft,  so  versteift
sich  dieser  Zusammenhang  im  Zuständlichen  zur  Gliederung:  zur
Art  und  Weise,  in  der  sich  zu  einem  beliebigen  Zeitpunkte  eine  Vielheit ­
  von  Teilzuständen  zu  einem  abgeschlossenen  Ganzen  zurechtfügt  I
Im  gesamten  also,  löst  man  die  Inhalte  unseres  Denkens  auf,  die
in  Worte  wie  „Staat“,  „Universität“  usw.  fallweise  einschlüpfen,  so
ergibt  sich  ungefähr  das  folgende  Bild.  Vor  unserem  Denken  zieht
sich  ein  ganzes  Bündel  von  wiederkehrendem  Geschehen  durch  die  Zeit,
in  solcher  Gliederung,  daß  sich  das  Geschehen  zu  jedem  beliebigen
Zeitpunkte  allseitig  im  Dasein  bedingt.  Eines  scheint  um  aller,  alle
um  eines  willen  da.  Diese  Gliederung  setzt  in  keinem  Augenblicke  aus;
sie  schiebt  sich  mit  dem  Geschehen  in  die  Zeit  weiter.  Das  will  sagen,
es  wälzt  sich  das  Geschehen  in  solcher  Gliederung  durch  die  Zeit,  daß
schon  die  Art,  wie  es  gegliedert  ist,  seine  stetige  Wiederkehr
verbürgt.
Nun  erleidet  diese  Wiederkehr  zwar  ununterbrochen  die  vielfachsten
Störungen.  Solange  aber  die  Störung  der  Wiederkehr  nicht  auch  eine
Störung  der  Gliederung  mit  sich  bringt,  solange  es  vielmehr,  im  steten
Wandel  der  Zustände,  nur  zu  einer  stetigen  Umgliederung  kommt,
solange  reißt  auch  der  „rote  Faden“  nicht  ab.  Er  knüpft  im  Sinne
der  Gliederung,  q uer  ü b er  den  Zeitenlauf,  Teilzustand  an  Teilzustand;
im  Sinne  der  Umgliederung,  dem  Zeitenlauf  entlang,  Gesamtzustand
an  Gesamtzustand.  So  verschnürt  er,  gleichsam  übers  Kreuz,  eine
Vielheit  von  sonderartigen  Zuständen  zu  einer  gedrungenen  Einheit.
Das  höhere  Geschehen,  das  unser  Denken  erfaßt,  die  Entwicklung,
ist  hier  eine  Umbildung  nicht  einfach  im  Hergang  des  Handelns,  son-
        <pb n="215" />
        190

,Die  Herrschaft  des  Wortes' 1 ,

dem  im  Gefüge  seiner  Einheiten;  sie  ist  eine  „organische“.
Mit  jenen  Einheiten  ist  also  je  ein  richtiger  Träger  der  Entwicklung
da.  Es  wandeln  sich  nicht  schlechthin  Zustände,  es  istZuständliches
da,  das  sich  entwickelt,  und  entwickelt,  indem  sich  das  Gefüge
umbildet,  kraft  dessen  für  jeden  beliebigen  Zeitpunkt  ein  starres  Gebilde ­
  da  scheint.  Man  darf  daher  sagen,  es  stelle  sich  unserem  Denken
eine  solche  erlebte  Einheit  des  Handelns  als  ein  Zuständliches  Gebilde ­
  dar  —  obwohl  sie  nichts  ist,  als  eine  bloße  Strömung  im  unendlichen ­
  Meere  des  Handelns.  Mit  dem  Bilderbuche  unserer  Beispiele
scheint  sich  dieser  Nachsatz  nicht  gut  zu  vertragen;  ich  komme  darauf ­
  zurück.
Selbst  zur  Not  ist  nicht  alles  gesagt,  aber  Mühe  hat  es  genug
gekostet.  Er  muß  leider  mit  viel  Worten  ausgekämpft  werden,  der
Kampf  gegen  das  Wort.  Besonders  auch  hier.  Ein  anderes  ist  eben
die  Erklärung,  wie  etwas  geschieht,  und  ein  anderes  die  Tatsache,
daß  es  geschieht.  Jene  Inhalte  in  sich  zu  schließen,  das  macht
unserem  Denken,  sei  es  das  rückschauende,  sei  es  das  lebendige,  nicht
die  geringste  Mühe!  Dazu  sind  wir  die  Fachleute  des  täglichen  Lebens.
Unser  Denken  hat  sich  in  solchen  Stückchen  geübt,  weil  mit  unseren
Handlungen  wir  Alle  und  sogar  in  einer  Mehrzahl  solcher  Gebilde
mitten  inne  stecken;  als  Beteiligte,  als  Zuträger  des  eingegliederten
Handelns.  Und  so  dürfen  wir  es  abermals  von  unserer  Alltags  -
k  e  n  n  t  n  i  s  erwarten,  daß  sie  uns  in  den  Stand  setzt,  jeweilig  die
Gliederung  dieser  Einheiten  zu  durchschauen.  Genau  so,
wie  uns  kraft  dieser  Kenntnis  der  Zusammenhang  zwischen  einzelnen
und  bestimmten  Handlungen  klar  wird.
Auch  dafür  leben  Anschauungen  in  uns,  die  uns  im  Wege  des
Handelns  für  den  Dienst  des  Handelns  zufallen.  Und  erst  durch  sie
ist  uns  über  das  massenhafte  Geschehen,  über  den  Alltag,  Gewalt  verliehen. ­
  Ersetzen  wir  sie  durch  Formeln,  dann  sind  es  recht  eigentlich
die  Formeln  zur  Erkenntnis  des  Alltäglichen  1  Unter  ihnen  jene  bedeutsamen ­
  zwei,  die  gerade  in  herkömmlicher  Denkart  für  die  Nationalökonomie ­
  von  ausnehmendem  Belang  scheinen.  Daher  habe  ich  Diese
in  der  Aufschrift  genannt.  Über  ihren  Namen  soll  es  zu  diesem  vorläufigen ­
  Austrag  kommen,  zwischen  dem  herkömmlichen  Vorgang  auf
der  einen,  dieser  Art  Vorgehen  auf  der  anderen  Seite.
Hier,  inmitten  so  vieler  Umschweife,  fällt  wohl  ein  scheeles  Licht
auf  mein  Vorgehen.  Seine  Eigenart  gipfelt  wirklich  nicht  darin,  über  alles
mögliche  zu  reden,  nur  nicht  über  die  Sache.  Halten  wir  doch  Wort
und  Sache  auch  da  hübsch  getrennt  1  Die  Worte  „Haushalten“  und
„Unternehmen“,  die  lassen  freilich  noch  auf  sich  warten.  Die  gehören
        <pb n="216" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  VII.

191
auch  ans  Ende.  Dafür  sind  es  eben  Namen,  im  geziemlichen  Dienst
einer  Sache,  die  erst  zu  entwickeln  war.  Es  mangelt  also  jeder  Anlaß,
schon  im  voraus  mit  dem  Worte  zu  fuchteln.  Dazu  ist  man  nur  dann
verbunden,  sobald  die  Sache  gleichsam  aus  dem  Worte  herauswächst,
mit  der  worterklärenden  Definition  als  dem  mehr  oder  minder  verhehlten ­
  Keimblatt.  Dort,  wo  dieses  wortlahme  Denken  am  Werke
ist,  dort  will  immerzu  das  Wort  ausgesprochen  sein,  soll  man  zur
Sache  sein  Bestes  sagen.  Hier  bleiben  wir  der  Sache  etwas  mehr  am
Kern;  sie  wird  im  freibewegten  Denken  entwickelt.  Bis  zu  dem
Punkte,  an  dem  sie  nennbar  wird  und  ihre  Nennung  auch  gleich  das
Amen  sagt,  liegt  hier  die  Sache  mit  ihrer  eigenen  Entwicklung  vor,
wie  es  schon  einmal  zu  betonen  war.  In  diesem  echten  Sinne  ist  nun
unablässig  zur  Sache  gesprochen  worden  1
Sie  war  in  bezug  auf  die  Form  schon  erledigt,  als  ich  gleicherweise ­
  darlegen  konnte,  was  unter  einer  Formel  zur  Erkenntnis  des
Alltäglichen  zu  verstehen  sei.  Die  Betrachtung  über  Zustand  und  Entwicklung, ­
  die  lehrt  wieder,  aus  welchen  Anlässen  neben  den  vier  einfachen ­
  Formeln,  Werten  und  Werben,  Helfen  und  Herrschen,  noch
andere  Formeln  zu  erwarten  sind.  Damit  wird  die  Sache  auch  in
ihrem  Zwecke  klar.  Und  da  es  sich  zeigen  wird,  daß  Haushalten
und  Unternehmen  nur  eine  Art  Oberstufe  von  Weiten  und  Werben
bedeuten,  so  ist  uns  die  Sache  auch  inhaltlich  schon  nahe.  Ich  lege
also  nur  mehr  die  letzte  Hand  an,  wenn  ich  dann  zur  wörtlichen
Fassung  jener  Formeln  schreite. 1 )

VII.
Werten  und  Werben,  Helfen  und  Herrschen,  das  entfaltet  den
Zusammenhang  von  Handlung  zu  Handlung.  Die  höheren  Formeln,
die  nun  an  der  Reihe  sind,  münzen  es  dagegen  auf  unbestimmte
Vielheiten  von  Handlungen,  die  in  Wiederkehr  der  Zeit  entlang
gehen;  aber  nicht  in  schlichten  Reihen,  sondern  im  Verbände  der
„rollenden  Kreise“.  Mit  diesen  Formeln  soll  sich  die  Gliederung
im  Zuständlichen  Gebilde  entfalten.  Aus  ihnen  soll  uns  die
Einheit  im  Geschehen  verständlich  werden,  die  einem  solchen  Gebilde ­
  im  Wesen  unterliegt.  Deshalb  sind  diese  Formeln  kein  rechter
Schritt  mehr  über  das  früher  Gesagte  hinaus.  Fürs  Allgemeine  ist  uns
jene  Einheit  im  Geschehen  schon  verständlich  geworden:  mit  der  Einl ­
 )  Hier  folgten  in  der  Urschrift,  in  den  Text  eingeschoben,  jene  „Ausblicke“,
die  als  Anhang  nachgetragen  werden.
        <pb n="217" />
        192

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

sicht,  daß  da  überall  Geschehen  in  einer  Gliederung  wiederkehrt, ­
  die  diese  Wiederkehr  verbürgtl  Darin  sind  die
höheren  Formeln  sämtlich  enthalten,  nur  eben  unentwickelt.  Es  verrät
sich  da  in  tieferem  Sinne,  daß  bloß  noch  die  letzte  Hand  anzulegen
bleibt.  Der  lange  Anfang  hat  also  Vorarbeit  erschöpfend  geliefert.
Mehr  aus  anderen  Gründen  bedarf  es  noch  eines  langen  Schlusses.
Je  unabhängiger  nämlich  der  Schluß  vom  Anfang  bleibt,  desto
schwerer  wiegt  auch  der  Einklang  zwischen  beiden!  Ich  leite  also
die  höheren  Formeln  nicht  aus  jener  Einsicht,  sondern  aus  Erwägungen
ab,  für  die  uns  abermals  der  Mutterwitz  zum  Führer  werden  soll.
Es  bewährt  sich  dann,  daß  auch  diese  Formeln  ein  Ersatz  für  Anschauungen ­
  sind,  die  uns  allen  zu  Gebote  stehen.  Allein,  auch  in
diesem  Punkte  gilt  es  eine  Vorarbeit,  die  auf  alle  Fälle  nötig  wäre:
Ich  muß  nämlich  den  höheren  Formeln  ihre  Ehre  als  Gemeinplätze ­
  erst  retten.  Zu  leicht  könnte  es  scheinen,  daß  ihr
Inhalt  eine  theoretische  Klügelei  sei,  die  ich  unserer  Alltagskenntnis
aufhalse.  Diesem  falschen  Anschein  muß  ich  vorbauen.  Handelte  es
sich  um  keine  Gemeinplätze,  dann  läge  auch  keine  Lösung  unseres
Problems  mehr  vor.  Über  jene  einfachen  Formeln  hinaus  stünde  daher
alles  in  Frage.
Die  Schuld  trägt  ein  eigentümlicher  Kleinmut,  der  unser
Denken  leicht  befällt,  wo  es  mit  Zuständlichen  Gebilden  zu  tun
bekommt.  Zu  Diesen  verhält  sich  zunächst  unsere  Person  in  verschiedener ­
  Weise.  Mißt  man  an  ihrer  Menge,  dann  sind  es  nur  wenige,
in  die  unser  eigenes  Handeln  eingegliedert  erscheint.  Bei  ihnen
spielen  wir  gleichsam  im  Stücke  mit;  gelegentlich  nur  als  Statisten.
Für  den  erdrückenden  Rest  sind  wir  bloße  Zuschauer.  Danach
steht  unsere  Person  bald  „drinnen“,  bald  „draußen“!  Eigentlich  gilt
etwas  Ähnliches  gegenüber  allen  Gegenständen  der  Schicksalswelt;
für  die  Zuständlichen  Gebilde,  die  ich  nun  allein  im  Auge  behalte,  noch
am  meisten.  Sie  besonders  stellen  auch  das  „Körperliche“  jener  Welt
dar,  und  so  rechtfertigen  sich  derlei  räumliche  Bilder.  Ich  wende
sie  auch  für  das  zweifache  Verhältnis  an,  das  für  unser
Denken  gegenüber  den  Zuständlichen  Gebilden  gilt.
Soweit  wir  nämlich  unvermögend  wären,  ein  Gebilde,  das  uns  zunächst
mit  seinem  Namen  gegeben  ist,  in  seinen  Zusammenhängen  zu  durchschauen, ­
  es  also  richtig  zu  verstehen,  soweit  stünde  unser  Denken
gleichsam  im  „Außen“;  für  den  gegenteiligen  Fall  im  „Innen“.
Dieser  Wechsel  hängt  nicht  immer  daran,  ob  unsere  Person  in  Bezug
auf  ein  solches  Gebilde  „drinnen“  oder  „draußen“  steht.  Als  Statisten
können  wir  persönlich  „drinnen“  stehen,  unser  schlechtberatenes
        <pb n="218" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  VII.

193

Denken  trotzdem  im  „Außen“  des  Gebildes.  Umgekehrt  mögen  wir
persönlich  zwar  „draußen“  stehen,  als  Unbeteiligte,  während  unser
wohlberatenes  Denken  trotzdem  im  „Innen“  steht.  Darauf  komme  ich
noch  zurück.  Sofort  aber  sei  betont,  daß  jener  Wechsel,  den  ich  hier
als  die  Stellung  im  „Innen“  und  „Außen“  verbildliche,  nichts  mit
unserer  Erkenntnis  zu  tun  hat.  Ein  Gegensatz  in  der  Erkenntnis
herrscht  nur  dort  vor,  wo  unserem  Denken  einmal  Gegenstände  der
Natur,  das  andere  Mal  aber  Gegenstände  jener  Welt,  z.  B.  also  Zuständliche
  Gebilde,  gegeben  sind.  Auch  diesen  Gegensatz  könnte  man
als  ein  „Innen“  und  „Außen“  verbildlichen;  dann  unterläge  diesen
Bildern  ein  ungleich  tieferer  Sinn,  ganz  anders,  als  er  hier  gemeint  ist.

Anmerkung:  Unseie  Erkenntnis  steht  gegenüber  der  Natur  im  gleich
grundwesentlichen  Sinne  im  „Außen“,  als  sie  gegentibei  der  Welt  des
Handelns  im  „Innen“  steht.  Dort  suchen  wir  das  Erfaßte  nur  zu  begreifen, ­
  hier  vermögen  wir  es  zu  verstehen.  Die  Natur  ist  uns  mit
dem  Verzichte  gegeben,  das  duldende  Erlebnis,  die  sich  ablösenden  Empfindungen, ­
  gleich  vom  Boden  des  tätigen  Erlebnisses  aus  zu  überdenken.
Zunächst  ist  uns  die  Natur  ein  anschauliches  Geschehen:  Erblicktes,  Gehörtes,
Gefühltes.  Was  wir  „Körper“  nennen,  ist  nur  eine  Art  zuständlich  erfaßte
Verflechtung  von  Naturgeschehen.  Es  kommt  in  dem  Sinne  dazu,  daß
Empfindungen  einander  ablösen,  weil  Tat  eingreift;  es  schweift  unser  Blick,
es  tastet  unsere  Hand,  wir  selber  bewegen  uns.  Das  letztere,  das  wir  in
verkehrter  Richtung  als  „Wechsel  des  Standpunktes“  aussagen,  nimmt  uns
bis  zu  einem  gewissen  Grade  schon  das  Doppelspiel  unserer  zwei  Augen  ab
—  das  „Körperlich-Sehen“.  Etwas  anderes  ist  wieder  die  für  sich  selber
starr  vorgegebene  Verflechtung  von  Empfindungen,  kraft  der
wir  z.  B.  Geschehen,  also  sich  ablösende  Empfindungen,  als  zusammenhängend ­
  empfinden  die  Verwachsung  von  Denken  und  Handeln  am
Ich.  Das  Handeln  hat  für  unser  Denken  stets  die  Präsumption.  Deshalb
darf  man  dort  von  einem  „Verzichte“  reden,  Handeln  wahrzunehmen,  und
in  der  gleichen  Bevorzugung  des  Handelns  nenne  ich  jenen  Akt  des  Verzichtes ­
  ein  „Zerfällen“;  denn 0 für  den  Teil  des  Handelns  führt  er  zur  Gabelung
zwischen  dem  Seelischen  und  Sinnlichen!  Das  Gegenstück  jener  starr  vorgegebenen ­
  Verflechtung,  die  uns  die  „Erlebung“  zubringt,  liefert  bei  der
Natur  keineswegs  die  „Erscheinung“,  sondern  zunächst  die  Naturgegenstände. ­
  Z.  B.  also  das  Zuständliche  des  „Körpers“,  das  wir  als  Träger
des  Geschehens  erfassen;  ähnlich,  wie  wir  in  der  Welt  des  Handelns  das
Zuständliche  Gebilde  als  Träger  seiner  Entwicklung,  seiner  Zustände  erfassen.
Beide  Male  beziehen  wir  das  Einfache  auf  das  Mehrfache,  das  nur  aus  diesem
Einfachen  besteht,  unserem  Denken  aber  als  Ganzes  sich  aufzwingt.  Von
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  13
        <pb n="219" />
        194

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

diesen  Naturgegenständen  kommen  wir  erst  im  Walten  generalisierender  und
isolierender  Abstraktion  zu  den  „Erscheinungen“.  Das  besagt  eine  Vorarbeit
unseres  Denkens,  das  nun  erst  eigentlich  dem  Naturgeschehen  als  dem
Nacheinander  und  Nebeneinander  der  Erscheinungen  gegenübersteht. ­
  Da  kommt  nun  für  unser  zusammenhang-lüsternes  Denken  blutwenig ­
  heraus.  (Denn  von  den  „Organismen“  muß  man  hier,  wo  es  auf  die
Leistungen  des  zerfallenden  Denkens  ankommt,  billig  absehen,  weil  wir  das
„Organische“  nur  im  verschämt  -  unzerfällenden  Denken  begreifen.  Wir
fingieren  Zuständliche  Gebilde,  im  Sinne  von  „Apparaten“,  dem  „Lebenszweck“ ­
  angepaßt;  für  den  Teil  ihrer  inneren  Bedingnis  stehen  wir  mit  der
„Zelle“  genau  vor  den  nämlichen  Rätseln,  wie  vor  dem  harmloser  gegebenen
„Organismus“  selber;  ein  Kesseltreiben  ohne  Ende.)  Im  übrigen  ist  unserer
Weisheit  ganzer  Schluß,  daß  wir  vor  Abfolgen  hingelangen,  die  ihrer
Verallgemeinerung  standhalten.  Wo  uns  eine  Verflechtung
dieser  Abfolgen  gegeben  ist,  denken  wir  sie  zuständlich  als  „Stoff“.  Der
ganze  „Chemismus“  ist  ein  System  der  Verflechtung  von  Abfolgen,  der
„Reaktionen“.  Dort,  wo  eine  Verflechtung  von  Abfolgen  im  Sinne  der  Ausstrahlung ­
  vorliegt,  erblicken  wir  die  „Elemente“;  überall  dort,  wo  wir  eine
Verflechtung  im  Sinne  der  Überkreuzung  zuständlich  erfassen,  die  „Verbindungen“. ­
  Würde  es  möglich,  die  „Stoffe“  alle  in  alle  überführbar  zu  machen,
so  wäre  nichts  erreicht,  als  daß  wir  statt  vieler  Pole  dann  Einen  Pol  vor
uns  sähen.  Vor  dem  Zuständlichen  dieser  verflochtenen  Abfolgen,  „Stoff“,
stehen  wir  genau  so  klug  wie  vor  der  unverflochtenen  Abfolge,  die  ebenfalls
ihrer  Verallgemeinerung  standhält,  dem  „Gesetze“.  Nur  wird  da  nichts  Zuständliches
  gedacht,  sobald  wir  einmal  die  Naivität  der  „Eigenschaften“  überwunden ­
  haben;  somit  kommt  hier  das  Naturgeschehen  am  reinsten  zur  Geltung.
Immerhin  steht  auch  vor  dem  „Gesetze“  unsere  Erkenntnis  so  hilflos  wie
der  einzelne  Mensch  vor  seinem  „Sckicksal“  —  als  das  gemeint,  was  er  in  der
Verflechtung  des  Handelns  nicht  voraussehen  konnte.  Unsere  Erkenntnis
antichambriert  also,  wo  immer  sie  mit  der  Natur  zu  tun  hat.  Es  handelt  sich
stets  nur  um  die  immer  weiter  gespannte  Verallgemeinerung;  jeder  beliebige ­
  Handelnde  kommt  im  Handeln  selbst  dazu,  ein  kleiner  Newton  zu
sein.  Auch  die  gereiften  Schöpfungen  des  theoretischen  Denkens,  z.  B.  die
„Molekulartheorie“  —  die  im  Geiste  wortseligen  Denkens  bekanntlich  schon
dort  „entdeckt“  ist,  wo  jemand  ein  erstes  Mal  von  „Unteilbarem“  gestottert
hat  —  auch  sie  bringen  nur  heilsame  Ordnung  ins  Erkannte,  erbringen
aber  keinerlei  Erkenntnis  über  jene  „Grenzen“  hinaus.  Was  wir  damit  der
Erscheinungswelt  unterlegen,  sind  ja  nur  verständige  Umdichtungen
ihrer  selbst.  Verständig  sind  diese  Ausmalungen  übrigens  nur  den  sinnlichen ­
  Erscheinungen  gegenüber,  nicht  auch  für  die  seelischen  Erscheinungen, ­
  für  die  bloßen  Empfindungen,  die  wir  aus  ihrer  vorgegebenen
        <pb n="220" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  VII.

195

Verflechtung,  im  Walten  generalisierender  und  isolierender  Abstraktion,  ausgelöst ­
  haben.  Wie  man  dort  mit  „letzten  Körpern“,  müßte  man  hier  mit
„letzten  Empfindungseinheiten“  arbeiten,  mit  „Geisterchen“.  Auch  in  diesem
ausmalbaren  Jenseits  der  Erfahrung  hört  der  „Parallelismus“  der  Erscheinungen ­
  nur  im  Wege  des  Selbstbetruges  auf.  Freilich,  diese  „Geisterchen“
wären  als  etwas  ebenso  Minimalstes  zu  denken  wie  die  „Atome“.  Es  ist  also
verzeihlich,  wenn  sich  unser  Denken  in  so  niedlichen  Dingern  vergreift,  und
das  Spiel  der  bloßen  Empfindungen,  hinter  dem  diese  „Geisterchen“  ihr
Wesen  trieben,  gleich  für  das  Spiel  der  „Gehirnatome“  ansieht.  Einfachheit
geht  unserem  Denken  stets  über  Erkenntnis.
Ziehen  wir  nun  den  Vergleich,  so  ergibt  sich  im  ganzen  ungefähr  das
Folgende.  Das  zeitgebärende  Urgeschehen  am  Ich,  die  einander  ablosenden
Empfindungen,  versetzen  wir,  indem  wir  zu  denken  suchen,  in  einer  zweifachen ­
  Weise  „hinaus“;  (bei  der  Selbstbeobachtung  „fingieren“  wir  bloß  das
„hinaus“,  wir  trennen  uns,  denkend,  entweder  von  unserer  Person,  oder  von
unserem  „Körper“,  oder  von  unserem  Empfinden).  Entweder  versetzen  wir
es  als  Naturgeschehen  „hinaus“,  oder  als  Handeln.  Im  ersteren
Falle  kommt  unser  Denken,  das  nur  vom  Zusammenhang  lebt,  bloß  aus
eigenstem  Hinzu  tun,  im  Sinne  der  Verallgemeinerung,  zu  weiterer  Bewegung. ­
  Damit,  daß  unser  Denken  zunächst  ohne  Fühlung  mit  dem  „Hinausversetzten“ ­
  bleibt,  weil  es  Zusammenhang  erst  hineinbringen  muß,  erscheint
uns  die  Natur  als  das  fremd  und  abgerissen  Gegebene,  als  ein  V  o  r  g  e  -
gebenes.  Hier  können  wir  immer  nur  „begreifen“;  in  rein  logischer
Ausbeutung  der  Verallgemeinerungen,  die  unser  Denken  erst  geschaffen  hat.
Das  Handeln  aber  ist  von  Haus  aus  das  in  eitel  Zusammenhang  „Hinausversetzte“. ­
  Deshalb  ist  uns  die  Welt  des  Handelns,  mit  der  unser  Denken
niemals  die  Fühlung  verliert,  das  schlechthin  Gegebene.  Hier  durch  -
blicken  wir  Zusammenhänge,  die  unserem  Denken  gegeben  sind,  ohne  daß
es  eines  Hinzutuns  der  Verallgemeinerung  bedürfe.  Hier  sind  wir  also  im
Rechte,  wenn  wir  den  Zusammenhang  selber  „hinaus“  versetzen.  Weil
wir  ihn  zugleich  aber  denkend  beherrschen,  ihn  durchblicken,  „verstehen“
wir.  In  dieser  Art  steht  unsere  Erkenntnis  in  bezug  auf  die  Welt  des
Handelns  im  „Innern“,  in  bezug  auf  die  Natur  jedoch  im  „Außen“.
Dieses  „Außen“  darf  übrigens  nicht  so  aufgefaßt  werden,  als  ob  uns
hier  der  Blick  „i ns  Innere  der  Natur“  fehlen  würde.  Die  Natur  ist  überhaupt ­
  nur  so  für  uns  da,  daß  unsere  Erkenntnis  einmal  auch  im  „Außen“
steht!  Es  hängt  dies  mit  der  Verwahrung  zusammen,  als  ob  auch  „Natur“
und  „Welt  des  Handelns“  nichts  als  „Gebiete“  wären,  die  wir  „hinaus“  versetzen. ­
  „Gebiete“  sind  es  im  praktischen  Sinne,  weil  hier  zu  einer  Arbeitsteilung ­
  der  Anlaß  geboten  ist.  Um  sie  aber  als  „Gebiete“  im  eigentlichen
Sinne  zu  denken,  müßte  ein  Drittes  vorhanden  sein,  auf  das  wir  sie
13*
        <pb n="221" />
        ig6

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

gemeinsam  so  beziehen  könnten,  wie  etwa  die  „Geschichte“  und  das  „Menschheitsleben“ ­
  auf  die  „Welt  des  Handelns“.  Dieses  Dritte  ist  nun  im  wesentlichen ­
  Sinne  undenkbar.  Sobald  wir  denken,  ist  eben  entweder  die
„Natur“,  oder  die  „Welt  des  Handelns“  draußen!
Wenn  wir  von  dem  „Innern  der  Natur“  reden,  so  rühren  wir  damit  an
ein  „Drittes“,  das  der  Natur  nicht  anders  beigeseilbar  ist  als  der  Welt  des
Handelns.  Es  handelt  sich  um  jenes  Undenkbare,  das  gleichsam  noch
vor  dem  duldenden  Erlebnis  steht,  und  für  uns  eben  nur  in  der  unvollkommeneren ­
  Art  als  Natur,  oder  in  der  vollkommeneren  Art  als
Welt  des  Handelns  denkbar  wird.  So  könnte  man  es  wenigstens  ausdrücken.
  Jedenfalls  kommt  dieses  geheimnisvolle  „Dritte“  zu  dem  Namen
„Natur“  in  gleich  irriger  Weise  wie  die  „Welt  des  Handelns“  zu  dem  Namen
„Geschichte“.  Hier  fällt  auch  in  Betracht,  daß  uns  jene  unvollkommenere
Art  der  „Objektivierung“  unbegrenzt,  die  andere  begrenzt  möglich  ist.  Weil
es  sich  jedoch  um  einen  Wechsel  in  der  „Objektivierung“  handelt,  so  ist
mit  der  ersteren  Art  durchaus  nicht  jenes  „Weitere“  gegeben,  dessen  „Engeres“
mit  der  letzteren  Art  gegeben  wäre.  Man  kann  eben  nur  in  bildlicher
Annäherung  von  einem  „Einengen  in  rechte  Grenzen“  reden,  das  für  die
Welt  des  Handelns  gelten  würde.  Solche  bildliche  Annäherungen  liegen  mit
den  Ausdrücken  „Verlegung  unseres  Ichs“,  „Gehalt  des  Geschehens“  und
noch  mit  manchem  anderen  vor.  Das  Recht  darauf  liegt  ja  offen.
Man  sieht,  die  Welt  des  Handelns  kommt  beide  Male  um  ihren  Namen
zu  kurz;  gleichsam  nach  oben,  wie  nach  unten  hin.  Sie  aber  hat  eines
Namens  bedurft.  Jenes  geheimnisvolle  „Dritte“  nicht,  das  kann  uns  vollständig ­
  gleichgültig  bleiben,  am  meisten  noch  für  derlei  unmaßgebliche  Erkenntnistheorie, ­
  die  bloß  für  den  Hausgebrauch  einer  Wissenschaft
zugeschnitten  ist,  bei  der  Alles  darauf  ankommt,  nie  zu  vergessen,  daß  man
da  einer  Welt  verständlichsten  Geschehens  gegenübersteht!
Die  letzten  Verlängerungen  dieses  Leitgedankens  sind  da  schon  gar  nebensächlich. ­
  Meinetwegen  kann  man  in  jenem  geheimnisvollen  „Dritten“,  das
sich  uns  bald  als  Reich  der  Natur,  bald  als  Reich  der  Tat  offenbart,  das
„Reich  der  Mütter“  suchen.  Da  klänge  zwar  Mystik  an,  aber  endlich  einmal
dort,  wo  sie  hingehört.

VIII.
Wenn  unser  Denken  einmal  im  „Innen“,  und  dann  wieder  im
„Außen“  von  Zuständlichen  Gebilden  steht,  so  besagt  dies  eine
recht  harmlose  Geschichte.  Es  hängt  einfach  daran,  wieweit  wir  von
jener  Welt  schlechthin  Kenntnis  haben,  oder  diese  uns  fehlt.  Das
        <pb n="222" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  VIII.

197

„Außen“  kann  nur  ein  vorübergehendes  Verhältnis  sein,  das  dort
eintritt,  wo  unsere  Alltagskenntnis  uns  im  Stiche  läßt.
Sie  tut  es  oft  genug,  weil  sie  ja  lückenhaft  ist.  Auf  die  Lücke  in
unserer  Alltagskenntnis  war  schon  zu  verweisen:  die  strebigen,  die
„technischen“  Zusammenhänge  im  Handeln!  Diese  Lücke  ist  um  so
empfindlicher,  weil  an  jener  Art  von  Zusammenhängen  der  Gliederbau,
die  „Struktur“  des  Zuständlichen  Gebildes  hängt,  und  an  dieser
wieder  des  letzteren  Sonderart.  Für  unsere  Formeln  selber  ist  der
Gliederbau  des  Zuständlichen  Gebildes  gleichgültig;  nur  um  ihr  rechtes
Verständnis  zu  schützen,  im  laufenden  Sinne,  wende  ich  mich  auch
diesen  Dingen  flüchtig  zu.

Vom  Boden  des  Erlebens  aus  sind  immer  nur  die  Zusammenhänge ­
  der  Handlungen  da:  die  Art  und  Weise,  wie  sich  das  Ge
schehen  verknotet,  weil  es  in  wechselseitiger  Bedingnis  vollzogen  wird.
Aus  ihnen  wird  die  Gliederung  des  Handelns,  wenn  dieses  im  rückoder
  vorschauenden  Denken  zuständlich  erfaßt  wird;  Gliederung
ist  stets  der  Zusammenhalt  im  Zuständlichen.  Aus  der
Gliederung  wird  der  Gliederbau  eines  Zuständlichen  Gebildes,  sobald ­
  unser  Denken  gestaltend  eingreift;  das  geschieht  natürlich  nicht
auf  einmal,  sondern  erfolgt  bei  jedem  einzelnen  Schritte,  den  das
lebendige  Denken  Arm  in  Arm  mit  dem  Geschehen  tut;  und  die  Umformungen ­
  der  früheren  Schritte  sind  dann  jedesmal  bereits  Inhalte
des  lebendigen  Denkens  bei  jedem  neuen  Schritte.  Die  Struktur
bezieht  sich  also  auf  die  denkenden  Umformungen  alles  eingegliederten ­
  Geschehens.  Weil  hier  jedoch  schon  vom  Boden  des
Erlebens  aus  eine  Einheit  vorliegt,  stellt  sich  uns  das  Gegliederte,
wie  es  umformend  ausgestaltet  ist,  als  die  Glieder  teile  eines
Voll  wesens  dar,  gleich  den  „Organen“  eines  „Organismus“;  und
dem  letzteren  selbst  entspricht  die  denkende  Umformung  „Zuständliches
  Gebilde“.

d ; e  strebigen  Zusammenhänge
Es  leuchtet  ein,  warum  g erad  besonders  regeln  ja
vor  allem  der  Struktur  unterliegen.  Zusam menhanges  ist  die
die  Umformung.  Das  Element  Verknotung  bis  zu  einer
„Handlung“,  das  Geschehen  von  de  um  den  Zweckgehalt
anderen;  das  wir  erfassen  können,  o  Erleben  ist  ja  nur
des  Strebens  zu  kümmern,  das  in  lhm  *  ^  Erfolg  besagen  schon
das  Zusammenhängen  selber  da;  Stäben  recht  von  dem  Zweck-Eingriffe
  unseres  Denkens.  Das  gdt  e  Erfolg  bejaht  oder
geh  alt  des  Strebens:  jene  VorsteUung,  Rücksicht  nehme n,  wird
verneint.  Wo  wir  diesen  Zweckgeha  dag  Element  der
aus  der  Handlung  ein  spezifisches  ’
        <pb n="223" />
        198

.Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Gliederung,  die  jedoch  unbestimmte  Vielheiten  solcher  Tätigkeiten  betrifft. ­
  Nun  erscheint  das  Handeln  mit  jedem  andersgehaltigen  Streben
auch  wieder  anders  in  das  Spiel  anderer  Determinanten  verwickelt.
Wenn  ich  „essen“  will,  ist  mein  Handeln  ganz  anders  durch  „Hunger“,
„Genuß“,  durch  das  „Eßbare“  und  noch  vieles  andere  determiniert,
als  es  z.  B.  dann,  wenn  ich  mich  „verteidigen“  will,  einerseits  durch
das  „Angreifende“,  andererseits  durch  „Wehr  und  Waffen“,  durch
„Zuflucht“  und  „Hilfe“  determiniert  erscheint.  Alle  diese  Ausdrücke
deuten  roh  auf  die  wechselnden  Umformungen  hin,  die  unser
gestaltender  Geist  mit  dem  Geschehen  vornimmt.  Es  ergeben  sich
überall  andere  „Geschehnisse“,  zu  denen  sich  das  Geschehen  vor
unserem  Geiste  stückelt,  überall  andere  „Vorgänge“,  zu  denen  es  verschmilzt, ­
  überall  andere  „Bestände“,  zu  denen  es  erstarrt.  Im  Wechsel
der  Art,  wie  sich  diese  Bildungen  gemäß  des  strebigen  Zusammenhanges ­
  lagern,  passen  sie  sich  immer  anders  „zahnig“  zusammen.
Liegt  nun  einer  ganzen  Fülle  so  gestalteten  Geschehens  eine  Einheit
zugrunde,  dann  bauen  diese  Bildungen  unseres  Geistes  an  dem  stets
eigenartigen  Gefüge  des  Vollwesens,  des  Zuständlichen  Gebildes.
Danach  steht  ein  solches  Gebilde  erst  eigentlich  vor  unserem  Denken;
und  so,  der  Umgliederung  gemäß  auch  sein  Gefüge  umbildend,  wächst
es  vor  unserem  Denken  „körperlich“  durch  die  Zeit.
Nur  in  der  Richtung  dieser  Struktur  läßt  uns  die  Alltagskenntnis ­
  oft  genug  im  Stiche.  Davon  ist  keine  Rede,  daß  unser  urwüchsiges ­
  Denken  solche  Gebilde  überhaupt  nicht  als  Inhalte  in  sich
bergen  könnte.  Wo  bliebe  dann  die  Welt  des  Handelns!  Philosophie
hält  ihren  Bau  nicht  zusammen;  aber  irgendeines  theoretischen
Denkens,  etwa  des  Denkens  der  Nationalökonomie,  bedarf  es  ebensowenig. ­
  Umgekehrt  kann  das  theoretische  Denken  gerade  hier  dem
urwüchsigen  nachhinken;  und  würde  man  auch  in  bezug  auf  diese
Gebilde  dann  von  „bloßen  Vorstellungen“,  von  „Vulgärbegriffen“  reden,
die  erst  der  Theorie  zur  Nachhilfe  bedürften,  so  bewiese  es  nichts
anderes,  als  daß  man  im  buchstabierenden  Denken  an  den  Inhalten
des  urwüchsigen,  lebendigen  Denkens  vorbeigegriffen  1  Das  letztere
ist  eben  der  „erlebten  Körperwelt“  stets  gewachsen,  wo  immer  sein
Beruf  es  verlangt.
Allein,  so  recht  „körperlich“  stehen  vor  unserem  Denken  nur
jene  Gebilde,  die  in  ihrer  Struktur  den  wenigen  ähneln,  denen  unser
eigenes  Handeln  in  nicht  zu  nebensächlicher  Weise  einen  Tribut  zollt.
Wir  sehen  gewöhnlich  nicht  viel  weiter,  als  unser  eigenes  Handeln,
mit  seiner  eigenen  „Technik“,  reicht.  Wo  dieser  Schlüssel  nicht  mehr
sperrt,  kommt  unser  Denken  in  Verlegenheit;  hier  scheidet  sich
        <pb n="224" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  VIII.

199

nun  das  „Außen“  und  das  „Innen“!  Im  Rohen  ist  es  die  Scheidung
zwischen  dem  „Fachmann“  und  dem  „Laien“:  Rollen,  die  uns  vor
den  wechselnden  Gebilden  abwechselnd  zufallen.  Rechnet  man  also
die  Rücksicht  auf  die  Struktur  mit,  dann  wäre  die  Kenntnis  des
Alltages  auf  viele  Köpfe  verteilt,  in  der  verschiedensten  Weise.  Soweit
umrahmt  ja  mehr  oder  minder  jeden  ein  anderer  Alltag.  Aber  nie
dieser  „persönliche“,  stets  nur  der  Jedermanns-Alltag  ist  hier  in  Frage;
und  so  ist  auch  die  Alltagskenntnis  stets  als  die  Jedermanns-Weisheit
gemeint.  Diese  findet  hier  nun  ihre  Schranken.
Es  zeigt  sich  da  gleich,  wie  jenes  „Außen“  nur  vorübergehend
gilt;  denn  in  bezug  auf  jedes  beliebige  Gebilde  steht  es  jedem  Laien
frei,  zu  einem  Fachmann  zu  werden,  der  Bescheid  weiß,  im  „Innen“
steht.  Daneben  gilt  auch,  daß  dort,  wo  der  Laie  in  diesem  engeren
Sinne  anfängt,  der  Fachmann  des  täglichen  Lebens  noch  lange
nicht  auf  hört!  Dafür  sollen  unsere  Formeln  zeugen;  gerade  darin
droht  aber  ihre  Verkennung,  und  droht  eben  aus  jenem  Kleinmut
unseres  Denkens,  dessen  Anlässe  ich  hier  aufdecke.  Weil  wir  seiner
Struktur  nicht  gewachsen  sind,  stehen  wir  mit  offenem  Munde  vor
dem  Namen  eines  solchen  Gebildes  und  suchen  ein  Rätsel  hinter  ihm,
obwohl  uns  immer  noch  ein  Durchblick  bis  ins  Wesen  freistünde.  Aber
das  vergessen  wir,  und  der  Kleinmut  unseres  Denkens  obsiegt.  Es
hängt  Dies  vor  allem  daran,  daß  wir  im  Angesichte  eines  Namens
sofort  die  Sonderart  des  so  Benannten  erfahren  wollen;  und  da
rächt  sich  jene  Lücke  unserer  Alltagskenntnis  noch  im  engeren.
Nach  ihrer  Gliederung  sind  alle  Zuständlichen  Gebilde,  soweit
sie  für  sich  gesondert  fortbestehen,  im  Wesen  gleich.  Daraus  wird,
praktisch  genommen,  die  Ableitung  der  höheren  Formeln  erst  möglich.
Richtiger  müßte  man  sagen,  daß  sich  in  diesen  Formeln  zum  Ausdruck ­
  bringt,  weshalb  unter  den  Gegenständen  der  Schicksalswelt  auch
diese  „Kategorie“  vertreten  ist.  Soweit  die  Gliederung  den  Gliederbau
  beeinflußt  —  i m  Wege  „abgeleiteter“  Streben  —  kommen
gleichsam  auch  Familienzüge  in  die  Physiognomie  des  Gebildes.
Die  letztere  liegt  eben  stets  mit  der  Struktur  vor.  Denn  vor  allem
nach  der  Eigenart  ihres  Gliederbaues  sondern  sich  die  Zuständlichen ­
  Gebilde  voneinander  ab.  Ihre  Vielgeschiedenheit  spiegelt
sich  dann  auch  in  ihren  wechselnden  Namen;  mehr  oder  minder
glücklich,  je  nachdem  eben  der  Name  die  Eigenart  des  Gebildes  auszudrücken ­
  vermag.  Jedenfalls  beruft  sich  der  Name,  das  vor  unserem
Denken  für  das  Gebilde  akkreditierte  Wort,  zunächst  auf  die  Physiognomie, ­
  diese  auf  die  Struktur,  und  diese  auf  die  strebigen  Zusammenhänge. ­
  Je  schlechter  unser  Denken  über  die  letzteren  Bescheid
        <pb n="225" />
        200

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

weiß,  desto  verlegener  muß  es  vor  dem  nennenden  Worte  sich  fühlen.
Diese  Bedrängnis,  die  unser  Denken  kleinmütig  macht,  läßt  sich  noch
anders  beleuchten.
Die  Anschauungen,  denen  unsere  Formeln  nacheifern,  sind  uns
wohl  Gemeinbesitz.  Aber  was  hilft  uns  Dies,  wenn  jedem  Gebilde
gleichsam  eine  andere  „technische  Formel“  entspricht,  an  deren
Stelle  uns  nicht  einmal  rohe  Anschauungen  eigen  sindl  Eine  solche
„technische  Formel“  liegt  z.  B.  mit  der  „Verfassung  und  Verwaltung“
eines  „Staates“  vor,  aber  recht  einseitig.  Gemeint  ist  der  erschöpfende
Ausdruck  dafür,  wie  die  Struktur  eines  Zuständlichen  Gebildes  einheitlich ­
  bleibt,  obgleich  sie  einer  Mehrheit  von  „Zwecken“
angepaßt  ist.  „Zweck“  ist  hier  die  Form,  wie  wir  von  dem  wiederkehrenden ­
  Zweckgehalt  unbestimmt  vieler  Streben  Notiz  nehmen,  die
in  dem  eingegliederten  Handeln  atmen.  In  diesem  Sinne  sprechen
wir  z.  B.  von  dem  „Wohnzweck“,  oder  dem  „Wohnbedürfnis“,  mit
dem  Blick  auf  eine  „Haushaltung“.  Bringen  wir  einen  solchen  „Zweck“
mit  der  Struktur  des  Gebildes  in  gedankliche  Verbindung,  so  erscheint
uns  das  Gebilde  in  der  betreffenden  Hinsicht  als  eine  „Einrichtung“,
ein  „Apparat“.  Das  nämliche  Gebilde  kann  aber  „Einrichtung“  für
eine  Vielzahl  von  „Zwecken“  sein;  es  trifft  dies  um  so  eher  zu,  je
umspannender  und  zugleich  ausgegliederter  ein  Gebilde  ist.
Man  darf  sich  daher  nicht  verleiten  lassen,  ein  solches  Gebilde,
wie  es  zu  einem  Inhalte  unseres  Denkens  und  an  einem  Worte  sprachflüssig
  wird,  schlecht  und  recht  als  einen  „Zweckbegriff“  anzusehen. ­
  Derlei  hölzerne  Auffassung  würde  nur  einer  gewissen  Logik
zu  Gesicht  stehen.  Wie  es  da  heißt:  »Ein  Wort  —  Ein  Begriff  —
Eine  Definition!“  müßte  es  dann  auch  lauten:  „Ein  Wort  —  Ein
Zweckbegriff  —  Ein  Zweck  1“  Aus  dem  gleichen  Morast  einer  rückständigen ­
  Denkweise,  der  hier  so  ziemlich  alles  über  den  Horizont
geht,  entsteigt  dort  der  Streit  um  das  Wort,  und  entstiege  hier
nun  der  Streit  um  des  Kaisers  Bart.  Unwillkürlich  gedenkt
man  der  tiefsinnigen  Frage:  „Was  ist  der  Zweck  des  Staates?“  —
selbst  nach  „Staatszwecken“  darf  man  nur  in  einem  überaus  verständigen ­
  Sinn  fragen;  hier,  im  Angesichte  krönender  Gebilde,  denen
gar  viele  „Menschenzwecke“  zu  Gevatter  stehen.

IX.
Einem  Zuständlichen  Gebilde  kann  also  bitter  Unrecht  getan  sein,
sobald  man  es  als  schlichten  „Zweckbegriff“  denken  wollte.  Das
        <pb n="226" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  IX.

201

laienhafte  Denken  aber  sucht  stets  diesen  Ausweg.  Wird
uns  durch  seinen  Namen  ein  Gebilde  vorgehalten,  vor  dem  sich  unser
Denken  verlegen  im  „Außen“  fühlt,  dann  spähen  wir  sofort  nach
einem  solchen  „Zwecke“  aus.  Vor  allem  sehen  wir  uns  schon  das
nennende  Wort  daraufhin  an;  unser  Denken  buchstabiert  wieder  einmal.
Seine  Absicht  ist  dabei  recht  klar;  es  trachtet  nach  einem  Surrogat
für  jene  „technische  Formel“,  deren  Fehlen  eins  ist  mit  der  Unkenntnis
der  Struktur  des  Gebildes.  Das  Surrogat  kommt  aber  damit  zustande,
daß  wir  jenen  „Zweck“  mit  dem  allgemeinen  Schema  in  Verbindung ­
  setzen,  über  das  sich  unsere  Alltagskenntnis  auch  in  der
Richtung  der  strebigen  Zusammenhänge  ausdehnt.  Von  einem
„Zwecke“  aus,  auch  in  diesem  abgeleiteten  Sinne,  wissen  wir  uns  eben
allezeit  zurechtzufinden.  Da  geht  uns  unser  Mutterwitz  an  die  Hand
und  lehrt,  worauf  es  da  allemal  ankommt:  Man  zergliedert  den  Zweckgehalt ­
  des  Strebens  zu  einem  ganzen  Systeme,  zu  einer  „zielsamen
Verkettung  von  Zwecken“,  und  spürt  dann  überallhin  die  „Wege  zum
Zweck“  aus,  die  unser  Handeln  beschreiten  muß,  um  am  „Erfolge“
auszumünden;  an  jenem  bedingten  Ruhepunkte,  den  unser  vor-  oder
rückschaüendes  Denken  im  ewigen  Flusse  des  Geschehens  wahrnimmt,
um  zugleich  das  Geschehen  selber,  wie  es  sich  am  „Erfolge“  zu  stauen
scheint,  als  vollzogen  zu  erfassen,  als  „Tat“.  Eigentlich  gilt  ja  dieses
Schema  nur  für  die  einzelne  und  bestimmte  Handlung.  Wir  unterschieben ­
  sie  jedoch  auch  dem  unbestimmten  Ganzen
der  Handlungen,  die  wir  im  Rahmen  des  Gebildes  annehmen. ­
  In  solcher  Weise  besitzen  wir  einen  Rohschlüssel  auch  für
die  Struktur  der  Gebilde:  einen  Schlüssel,  dessen  Bart  wir  erst  jedesmal
zufeilen.  Fehlt  uns  aber  selbst  die  Kenntnis  eines  „Zweckes“,  dann
mangelt  uns  damit  die  Feile.  Das  trifft  in  den  zahllosen  Fällen  zu,
für  die  wir  dann  wirklich  im  „Außen“  stehen.  Dann  geschieht  es
auch,  daß  wir  der  besseren  Schlüssel  vergessen,  die  unsere  Alltagskenntnis ­
  bereit  hält:  aus  Kleinmut  unseres  Denkens  vergessen  wir
dann  auch  der  Alltagskenntnis  selber!
Wie  viele  Leute  sprechen  nicht  von  der  „Börse 1 ,  mitunter  sehr
temperamentvoll.  Aber  was  denkt  sich  der  Gebildete  im  Durchschnitt
darunter?  Ich  meine  natürlich,  beim  nachsinnlichen  Verweilen  über
dem  Worte;  denn  im  Flusse  der  Rede  plätschern  auch  derlei  Namen
recht  munter,  und  wenn  unser  Denken  vor  dem  so  Benannten  noch
so  verlegen  im  „Außen“  stünde.  Freilich,  in  diesem  besonderen  Fall
muß  schon  die  Wahrnehmung  kopfscheu  machen,  wie  sehr  sich  gelegentlich ­
  die  Juristen,  sogar  die  Juristen  um  den  „Begriff  der  Börse“
abquälen.  Ihre  Kalamität  wurzelt  aber  darin,  daß  hier  die  wort  er ­
        <pb n="227" />
        202

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

klärende  Definition,  sei  es  auch  nur  für  bestimmte  Zwecke,
etwas  leisten  soll,  dem  doch  nur  die  schildernde  Auflösung
recht  gewachsen  bleibt.  Durch  den  Zwang  zur  Interpretation  sind
eben  die  Juristen  zum  Wortdienste  einmal  verdammt.  Es  muß  bündig
außer  Zweifel  gesetzt  sein,  worauf  der  oder  jener  Gesetzesausdruck
anwendbar  wäre.  Wortstreit  ist  dabei  im  Wesen  unvermeidbar;  so
kommt  es  für  die  Juristen  auch  in  dieser  Hinsicht  stets  auf  eine
„höchste  Instanz“  an;  schon  für  die  Gesetzesauslegung,  soweit  sie  an
einer  Wortdeutung  hängt.  Der  Laie  nun,  der  an  die  völlige  Andersart
dieser  Aufgabe  nicht  denkt,  hält  dann  natürlich  das  Gebilde  für
schwer  verständlich.  Hier  ist  es  weniger  verwunderlich,  wenn  der
Laie  förmlich  pflichtschuldigst  vor  einem  „Unbegriffe“  steht,  und  sich
vor  dem  Kitzel  des  Wortes  ins  Anschauliche  flüchtet:  Ein  Gebäude,
drinnen  ein  Haufe  schreiender  Menschen,  und  hinterher,  in  der  allmorgendlichen ­
  Zeitung,  unendliche  Zahlenkolonnen  1
Ähnlich  liegt  es  auch  dann,  wenn  die  Verhältnisse  nicht  so  erschwerende ­
  sind.  Für  die  Gebilde,  vor  denen  unser  Denken  im
„Außen“  steht,  nehmen  wir  vor  allem  ihren  Namen  in  Empfang.
Das  Wort  bleibt  der  wertvollste  Besitz,  weil  es  zu  streiten  und  zu  behaupten ­
  erlaubt,  mit  oder  ohne  Hintergrund  von  Gedanken.  Der
letztere  fehlt  ja  in  solchen  Fällen  auch  so  ziemlich.  Wir  staffieren  das
Wort  nur  mit  ein  bißchen  Anschauung  aus,  verknüpfen  ihm  einige
zusammenhanglose  Bilder.  Diese  Flucht  ins  Anschauliche  ist  gerechtfertigt, ­
  weil  wir  eben  auf  den  bestimmten  Namen  hin  auch  das  so
Benannte  als  ein  Bestimmtes  erfassen  wollen.  Aber  so  verzeihlich  es
erscheint,  kleinmütig  bleibt  es  doch  von  unserem  Denken,  wenn  wir
ratlos  vor  Gebilden  stehen,  die  wir  bis  ins  Innerste  durchschauen ­
  könnenl  Weil  unser  Denken  in  solchen  Fällen  der
Struktur  nicht  gewachsen  ist,  wirft  es  überhaupt  die  Flinte  ins
Korn,  und  umklammert  den  allzeit  getreuen  Retter,  das  Wort  —  als  ob
nicht  außer  der  Struktur,  und  eigentlich  als  das  Wesentlichere,  die
Gliederung  in  Betracht  fiele,  der  unser  Denken  jederzeit  gewachsen ­
  bleibt!  Allerdings,  um  das  einzelne  Gebilde,  die  einzelne  Art,
z.  B.  also  „Börse“,  von  anderen  abzusondern,  dafür  sagt  uns  die
Gliederung  gar  nichts.  Trotzdem  ist  es  just  diese  Gliederung,  die
hier  jenen  Durchblick  erlaubt,  jenes  Erfassen  der  inneren  Bedingnis
des  Fortbestehens,  wie  es  für  den  Teil  des  Naturgegenstandes  im
Wesen  ausgeschlossen  bleibt.
Anmerkung:  Wo  unser  Denken  nicht  der  Struktur,  nicht  den  strebigen
Zusammenhängen  gewachsen  ist,  wird  es  auch  aus  einem  anderen  Grunde
        <pb n="228" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  IX.

203

kleinmütig;  der  Schleier,  der  in  solchen  Fällen  die  Eigenart  des  Gebildes
verhüllt,  tut  es  nicht  allein.  Unser  Denken  empfindet  jenen  Mangel  besonders ­
  peinlich.  Man  kann  die  strebigen  Zusammenhänge  an  sich  gewiß
nicht  über  die  „seitlichen“  stellen;  unser  Interesse  jedoch  haben  jederzeit
die  strebigen  Zusammenhänge  in  Pacht.  Wie  sehr  wir  uns  vorzüglich
für  das  Technische  interessieren,  prägt  sich  im  großen  und  im  kleinen
aus.  Dafür  zeugt  z.  B.  die  „naturwissenschaftliche“,  also  dem  Streben  zugewandte ­
  Richtung,  die  der  theoretische  Geist  zunächst  eingeschlagen  hat,
nachdem  er  einmal  erwacht  war.  An  den  Folgen  trägt  unsere  ganze  Denkweise ­
  schwer  genug.  Sie  ist  ja  ewiglich  auf  Eine  Schablone  versessen;
unter  diesen  Umständen  mußte  es  die  naturwissenschaftliche  sein;  daher  auch
der  Kausalitätskoller  und  der  Gesetzesdusel  gegenüber  der  Schicksalswelt,
von  denen  nebstbei  ganz  besonders  gilt,  was  ich  dann  von  der  „allzu-organischen"
  Auffassung  der  Gebilde  sagen  muß.  Oder  nehmen  wir  z.  B.  die
schildernde  Wissenschaft:  wenn  sie  nichts  Eiligeres  zu  tun  hatte,  als  den
Einzelnen,  die  Fürsten,  zum  mindesten  die  Völker  die  Kunst  zu  lehren,
wie  man  „reich“  wird!  Auch  sie  mußte  ihr  alchimistisches  Zeitalter  durchmachen. ­


Gewiß,  es  tritt  dann  ein  „Rückschlag“  ein,  eine  „Reaktion“.  Aber  man
glaube  ja  nicht,  daß  man  aus  dem  Regen  des  einen  Extremes  gleich  in  die
rraufe  eines  anderen  kommen  müßte.  Steckt  denn  hinter  dieser  „Reaktion
blindes  Walten?  Naturgeschehen  etwa,  das  sich  einmal  so,  dann  wieder
anders  verallgemeinern  ließe?  Hängt  der  „Rückschlag“  in  der  Schicksals  weit
nicht  einfach  nur  am  Allzusammenhang  des  Erlebten,  kraft  dessen  sich
Überspannungen  ausgleichen!  Die  Maschen  dieses  Allzusammenhanges ­
  sind  ja  in  wählender  Tat  geknüpft;  da  kann  also  sehr  gut  auf
ein  Falsches  das  Richtige  „rückschlagen“,  und  das  letztere  dann  ruhig
beharren;  weil  es  als  solches  nie  einer  Überspannung  gleichkommt,  weil  es
vielmehr  der  wählenden  Tat,  wenn  sie  weiterflicht,  dauernd  gelegen  bleibt.
In  dieser  Welt  kann  man  jedenfalls  die  Zeit,  die  der  Italiener  „ehrlich“
nennt,  auch  „klug“  nennen.  Sie  verhilft  dem,  was  klug  ist,  zum  Siege.  a
bedarf  es  immer  erst  der  Erläuterung,  wie  man  vom  Klugen  wieder  abkommen
  konnte.  Die  Präsumption  liegt  in  der  Schicksalswelt  allemal  beim
„Fortschritt“.  Freilich  darf  man  ihn  nicht  dort  suchen,  wo  das  Beharren ­
  des  Allzusammenhanges  mitsprechen  muß.  Das  gilt  z.  B.  für  jene,
aus  dem  Allzusammenhang  selber  erblühende  Forderung,  die  verklärt  im
holdesten  Menschenworte  anklingt:  „Liebe“!  Sie  braucht,  als  Forderung
erkannt  und  gestaltet,  nicht  immer'  in  edler  Gestalt  zum  Durchbruch  zu
kommen;  das  kann  auch  in  sehr  krauser  Form  geschehen.  Aber  schließlich
bleibt  mit  dem  Allzusammenhang,  und  mit  dem  Wandel  alles  Übrigen,
doch  auch  sie  ein  Ewiges.  Bei  dem  ewigen  Wandel  um  sie  herum  muß
        <pb n="229" />
        204

Die  Herrschaft  des  Wortes“,

auch  der  Verstoß  gegen  sie  ewig  sein,  im  Anprall  des  Zeitlichen  an  das
über  alle  Zeiten  Erhabene.  Und  so  bleibt  ewig  auch  der  Traum  einer  Vergeltung ­
  und  des  Vergelters,  ewig  die  Hoffnung  einer  Aussöhnung;  und  dann
natürlich  so  gedacht,  daß  sich  das  Zeitliche  abstreift.  Denn  auch  Traum
und  Hoffnung,  wenn  die  ewige  Liebe  sie  weckt,  trachten  selber  nach  „Ewigem“
empor.
Das  Interesse  am  Technischen  prägt  sich  auch  im  kleinen  aus.  Der
Besitz  eines  Fahrrades,  um  recht  im  Alltäglichen  zu  waten,  kann  in  alle
möglichen  Zusammenhänge,  und  kann  sehr  zerrüttend  eingegriffen  haben;  er
kann  in  der  Richtung  von  Gesundheit  und  Familienleben  noch  so  chronisch
alle  Determination  verschieben;  aber  wer  damit  zu  tun  bekommt,  ist  der
Technik  verfallen;  oder  hätte  man  einen  Radfahrer  schon  von  etwas  anderem
reden  gehört,  als  von  „Sattelkonstruktion“,  „Übersetzung“  und  ähnlichen
Dingen  überragender  Bedeutung!  Immerhin,  der  Grund  dieses  Interesses
liegt  als  ein  rühmlicher  nahe.  Da  zittert  in  uns  jener  Kampf  nach,  der
vom  Wesen  des  Handelns  ganz  untrennbar  ist;  sonst  könnte  man  weder  von
„Streben“,  noch  von  „Erfolg“  sprechen.  Es  betrifft  den  Kampf  gegen  jene
Widerstände,  die  uns  im  gewaltigen  ein  Sporn  sind,  deren  Überwindung  von
uns  angestaunt  wird,  als  „Wunder  der  Technik“;  die  uns  im  kleineren  so
lästig  fallen,  als  griffen  wir  beim  Handeln  in  lauter  Nadeln;  bis  sie  uns  im
kleinsten,  auch  wenn  es  Widerstände  nur  mittelbar  sind,  oft  bis  zur  Verzweiflung ­
  bringen:  die  „Tücke  des  Objekts“,  nach  dem  Ausdrucke  eines
hochadeligen  Geistes,  für  dessen  echtes  Menschenfühlen  selbst  da  noch  Seele
im  Geschehen  blieb.  Ähnliches  gilt  übrigens,  und  mit  einer  Zartheit,  die
unserem  Alltagsdenken  längst  verlustig  gegangen  ist,  auch  tausendfach  von
der  Sprache.  W  i  r  führen  den  Kampf  eben  schon  viel  zu  professionell.  Wir
arbeiten  schon  viel  zu  sehr,  das  naturwissenschaftliche  Denken  vor-  und  nachahmend, ­
  mit  nüchternen  „Versuchsreihen“,  die  unsere  Gegner  im  Kampfe
entseelen.  Der  Duft  ist  ihm  also  genommen,  aber  desto  stierer  ist  jenes
Interesse  geblieben.  Und  von  daher  unsere  Affenliebe  für  alles  Technische,
die  uns  so  leicht  alles  andere  vergessen  läßt!  Kein  Wunder,  wenn  die
geschilderte  Verlegenheit  unseres  Denkens  sich  gleich  bis  zur  Verblüfftheit
steigert.

X.
Dem  Gefühle  der  Schwäche,  das  unser  Denken  so  leicht  vor  den
Zu  stündlichen  Gebilden  anwandelt,  entwachsen  dann  Vorurteile;
schiefe  Auffassungen  von  diesen  Gebilden  überhaupt,  so  „körperlich“
auch  einzelne  für  unser  lebendiges  Denken  bleiben.  Entweder  faßt
        <pb n="230" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  X.

205

man  diese  Gebilde  „unorganisch“  auf,  mehr  als  lose  Inbegriffe
von  Geschehen,  die  nur  von  Wortesgnaden  leben  und  daher  auseinander ­
  fielen,  wenn  man  die  Wortklammer  wegdenkt.  Oder  man  faßt
diese  Gebilde  „  all  zu-or  gani  sch  auf,  im  Nachbeten  biologischer
Erkenntnis.  Dort  bleibt  man  dem  Denken  dieser  Gebilde  gleichsam
die  dritte  Dimension  schuldig;  sie  verflachen  zu  einem  unklaren  Gemenge ­
  von  Handlungen,  im  Sinne  einer  „Gesamtheit“,  eines  „Ganzen  ,
was  sich  häufig  genug  in  den  Definitionen  verrät.  Hier  wieder  begnügt ­
  man  sich  mit  den  drei  Dimensionen  nicht,  wie  sie  mit  der  Verständlichkeit ­
  dieser  Geschöpfe  unseres  Denkens  vorliegen;  man  versteigt
sich  in  die  vierte  Dimension,  umnebelt  diese  Gebilde  mit  lauter  Geheimnissen, ­
  die  man  dem  Biologen  nachfühlt.  Jenes  erste  Vorurteil  lauft
auf  eins  heraus  mit  dem  Mangel  an  „historischem  Sinn  ;  den  wahrhaft
nur  besitzt,  wer  sich  in  den  Gedanken  jenes  Allzusammenhangs  hineinlebt, ­
  der  allem  Erlebten  Gestalt  und  ureigenes  Gepräge  verleiht.  Im
anderen  Falle,  bei  der  „allzu-organischen“  Auffassung,  scheint  dem
Denken  der  Genuß  von  Naturwissenschaft  nicht  ganz  gut  bekommen
zu  sein.  Beides  muß  jenes  Mißtrauen  gegen  die  höheren
Formeln  erzeugen,  dem  ich  hier  zu  steuern  suche.  Glaubt  man  an
richtige  Geheimnisse,  dann  muß  man  Verdacht  gegen  Formeln  hegen,
die  das  lösende  Wort  mühelos  ausplaudern.  Wem  dagegen  die  Zuständlichen
  Gebilde  Luft  sind,  die  sich  nur  in  den  Schallwellen  eines
Wortes  gestaltet,  der  muß  Formeln,  die  auf  diese  Gebilde  selbst  abzielen, ­
  folgerichtig  für  Wind  halten.
Nur  die  vier  einfachen  Formeln  hatten  es  leicht.  An  Handlungen
glaubt  jedermann,  und  daher  auch  an  ihre  Zusammenhänge,  und  an
deren  Spielarten.  Die  höheren  Formeln  aber  leiden  durch  ihren  Bezug
auf  die  Zuständlichen  Gebilde,  die  schon  im  allgemeinen
spröde  für  unser  theoretisches  Denken  bleiben.  Ein  Umstand, ­
  der  besonders  in  der  Wissenschaft  vom  Alltäglichen  von  Tragweite ­
  wird.  Denn  für  ihr  Denken  sind  ja  die  zuständlichen  Gebilde
das  tägliche  Brot;  ihre  rechte  Würdigung  bedeutet  hier  so  etwas  wie
die  Eselsbrücke.  Aber  weil  sie  in  jener  gestaltreichen  Welt  die  H  ö  c  h  s  t  -
gebilde  sind,  ist  unS er  Denken  eben  nur  zu  sehr  der  Gefahr  ausgesetzt, ­
  ihnen  zu  viel,  oder  zu  wenig  Ehre  anzutun.  Entweder  überschätzt ­
  man  sie,  behandelt  sie  selber  als  Natur;  oder  man  unterschätzt
sie,  indem  man  bereits  das  nennende  Wort  als  Natur  behandelt  und
sich  gleich  dabei  beruhigt.  Auch  diese  Gebilde  sind  zwar  nicht  vom
bloßen  Wortlaut  getragen,  aber  auch  nicht  schlechthin  von  „Dasein“,
im  Sinne  eines  Vorgegebenen.  Von  ihnen  gilt  eben  nur,  daß  sie  „fortbestehen“,
  und  dies,  weil  etwas  „geschieht“;  ein  Geschehen  aber,  das
        <pb n="231" />
        206

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

nichts  anderes  ist  als  das  mit  unserem  lebendigen  Denken  erwachsene
Handeln.  Dennoch  hat  gerade  der  Gedanke  etwas  Sprödes,  daß
auch  in  diesen  Höchstgebilden,  und  in  ihrer  Totalität,  schöpferische
Begriffe  sich  ausleben.  Und  auch  Dies  nimmt  gegen  unsere
Formeln  ein!  Denn  mit  ihnen  soll  ausdrücklich  diesen  schöpferischen
Begriffen  das  Knochengerüst  ausgelöst  werden;  das  überaus  schlichte,
aber  tragende,  das  für  sie  zugleich  das  einzig  Gemeinsame  bedeutet,
bei  dem  reichen  Wechsel  unter  ihnen,  und  das  einzig  Beharrende,  in
ihrem  ewigen  Wandel.
Anmerkung:  Was  uns  hier  beirrt,  ist  der  unwillkürliche  Blick  nach
jenen  unter  diesen  Höchstgebilden,  mit  denen  sie  sich  selber  noch  zu  übertreffen ­
  scheinen:  die  „Staaten“!  In  der  Tat,  hier  liegen  die  Verhältnisse
so  reichverwickelt,  daß  sich  die  Erwägung  ins  Bodenlose  zu  verlieren  droht.
Nur  ganz  dürftig  sei  auch  in  dieser  Richtung  die  Bahn  geklärt.  Wenn  sich
selbst  mit  jenen  Ungetümen  der  Schicksalswelt  schöpferische  Begriffe  ausleben,
so  darf  man  nicht  die  Binsenwahrheit  dahinter  suchen,  daß  z.  B.  das
„Deutsche  Reich“  gedacht  sein  mußte,  ehe  seine  „Gründung“  möglich  war.
Schon  hinter  dieser  Binsenwahrheit  treiben  verkehrteste  Anschauungen  ihr
Unwesen.  Die  „Gründung“  kann  in  ihren  Voraussetzungen,  gleichwie
in  ihren  Nachfolgen  verkannt  sein.  Auch  für  die  „Gründung“  —  ein  „Vorgang“, ­
  mit  dem  ein  Unendliches  eben  nur  in  der  Anlehnung  an  die  summarische ­
  Umformung  des  „Gegründeten“  so  schlankweg  denkbar  erscheint  —
auch  da  war  der  schöpferische  Begriff  nicht  vom  Himmel  gefallen.  Vielmehr
war  das  Denken  für  unzählbare  Schritte  in  der  Lehre  des  Geschehens,  und
umgekehrt  mußte  sich  der  schöpferische  Begriff  vorher  schon,  auf  dem  Wege
zu  sich  selber,  vielfach  in  Gebilden  ausgelebt  haben;  dann  erst  konnte,  durch
Tat  und  Abertat,  jene  letzte  Wegstrecke  an  die  Reihe  kommen,  die  man  als
„Gründung“  ausspricht.  Hier  am  allerletzten  darf  man  vergessen,  wie  Denken
und  Handeln  stets  aneinander  heranwachsen:  die  Milchbrüder  an  den  Brüsten
der  Zeit.  Das  Eine  erzieht  das  Andere.  Das  Handeln  wird  vom  Denken
ganz  systematisch  in  die  Lehre  genommen;  es  steigert  ihm  nach  und  nach
die  Aufgabe.  Die  Erziehung  des  Denkens  wieder  nimmt  das  Handeln  sokratisch
  vor:  stets  ist  der  weitere  Ausbau  des  schöpferischen  Begriffes  eine  Antwort ­
  auf  Fragen  des  Handelns;  und  auf  die  Richtigkeit  macht  jedesmal
dat  die  Probe.  Je  höher  hinauf  diese  Gebilde,  desto  mehr  will  die  Zeit  mit
von  der  Partie  sein,  desto  weniger  läßt  sich  etwas  „extemporieren“.  Überraschend, ­
  so  recht  als  „Gründung“,  stellt  sich  die  Sachlage  nur  für  jene  dar,
die  nicht  merken,  daß  da  schon  „reiten“  könnte,  was  nur  mehr  in  den  Sattel
zu  heben  ist.  Mit  dem  „Reiten-Können“  war  eben  der  schöpferische  Begriff
schon  überaus  weit  gekommen;  auf  dem  Wege  zu  jener  letzten  Formung,
        <pb n="232" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  X.

207

die  ihn  scheinbar  erst  zum  schöpferischen  macht.  Und  beileibe  nicht,  daß
nach  der  „Gründung“  der  schöpferische  Begriff  seine  Rolle  ausgespielt  hätte
und  nur  mehr  für  die  „Geschichte“  da  wäre;  wie  das  Vorher,  wird  hier
das  Nachher  verkannt!
Der  Schnitt,  den  das  harmlose  Denken  hinter  der  „Gründung“  erschaut,
liegt  weniger  damit  vor,  daß  hier  das  Geschehen  in  seiner  fortlaufenden  Verflechtung ­
  hochdramatische  Punkte  passiert,  ehe  es  zu  Schluß  und  zum  Rollen
des  neuen  „Kreises“  kommt.  Was  da  benachbart  vorher  steht,  das  nimmt
man  einfach  als  die  „Ursachen“  entgegen.  Jener  Schnitt  im  Hergange  prägt
sich  dem  harmlosen  Denken  vor  allem  darin  ein,  daß  ein  Wort,  das  vorher
nur  „disponibel“  schien,  nun  richtig  „in  Dienst  gestellt  erscheint.  1  riiher
konnte  man  von  „einem  Deutschen  Reiche“,  nun  auf  einmal  kann  man
von  „dem  Deutschen  Reiche“  sprechen.  Dem  Worte  treten  die  Paragraphen
zur  Seite,  die  nun  als  „Verfassung“  vorliegen.  Und  mit  Wort  und  Paragraphen, ­
  die  beide  so  stramm  verharren,  scheint  auch  die  Sache  nun  von
„Dasein“,  und  aus  sich  selber  zu  verharren;  gerade  nur,  daß  man  ein  bißchen
gegen  ihren  Umfall  Sorge  trägt.  Es  nimmt  sich  schon  sehr  erhaben  aus,
das  „Dasein“  der  Sache  im  „Flusse  des  Geschehens“  zu  denken.  In  Wahrheit ­
  aber  fließt  sie  selber  als  Geschehen!  Kann  doch  selbst  von
ihrer  „Entwicklung“  nur  im  Walten  versteifenden  Denkens  geredet  werden.
Vom  Boden  unseres  gestaltenden  Geistes  ist  es  ein  „Fortbestehen  ,  das
nicht  bloß  dauernd  den  schöpferischen  Begriff  nötig  hat;  der
letztere  selber  ist  in  unablässiger  Umbildung.  Dem  lautbeständigen
Worte  zum  Hohn,  und  selbst  dem  geheiligten  Bestand  der  Paragraphen  zum
Trotz,  ist  es  eben  von  Kopf  bis  zu  Fuß  ein  anderes  Geschehen,  was  sich
unserem  wortseligen  Denken  etwa  im  Jahre  1880,  und  dann  wieder  im
Jahre  1900  als  „Deutsches  Reich“  verknöchert.  Im  Erlebten  ist  die  Art
der  Verflechtung  eine  andere,  da  und  dort,  im  Zuständlichen  die  Art
der  Gliederung;  und  mit  allem  Um  und  Auf  des  „wirbelnden“  Geschehens
wechselt  auch  die  Art  und  Weise  seiner  Integration  —  das  Um  und  Auf
des  „oberpersönlichen“  Handelns.  Auch  die  Paragraphen  verharren  nur  scheinbar ­
  ;  denn  ihr  gleichbleibender  Wortlaut,  selbst  ihre  gleichbleibende  Auslegung,
das  ist  eben  nur  der  eine  Faktor  für  das  Spiel  der  Determinanten,  in  das
sich  ihre  „Rechtskraft“  auflöst;  durch  die  Flüssigkeit  der  anderen  Faktoren
werden  auch  die  Paragraphen’  in  den  Strom  des  Geschehens  gerissen.  Da
hilft  die  Verankerung  der  Worte  nichts.  Wahrhaftig  beständig  bleibt  auch
da  nur  das  Wort;  dies  aber  gibt  für  das  harmlose  Denken  gehörig  den
Ausschlag!  Ein  Wandel  würde  eben  nur  dann  zählen,  wenn  man  statt  von
„dem  Deutschen  Reiche“  wieder  von  „einem  Deutschen  Reiche“  reden  könnte.
In  der  Zwischenzeit  gilt  das  Dasein“  des  so  Benannten.  Der  schöpferische
Begriff  aber,  der  ja  für  der  Worttragödie  zweiten  Teil  nicht  mehr  vonnöten
        <pb n="233" />
        208

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

scheint,  gelangt  sofort  nach  der  „Gründung“  behaglichst  zur  Ruhe.  Das
wären  ja  die  äußersten  Verkennungen;  so  ein  wenig  aber  hält  uns  alle
das  Wort  im  Bann,  und  eben  in  solchem  Geiste.
Natürlich  helfen  noch  tausend  Umstände  hinzu,  um  unser  Denken  an
ein  „Dasein“  solcher  Gebilde  glauben  zu  lassen.  Es  genüge  der  Hinweis
auf  das  „geographische  Gegenstück“  dieser  Gebilde.  Aber  so  vieles
da  im  richtigen  „Dasein“  verharrt,  Fluß  und  Küste,  Berg  und  Tal,  Wind
und  Wetterlage,  und  was  da  kriecht  und  fliegt  und  schwimmt,  treibt  und
gedeiht,  und  unter  Tag  ruht,  es  verharrt  nur,  soweit  es  gleichsam  am
Kartenbilde  mittut.  Im  Verbände  der  Determination,  durch  die
sich  jene  Strömung  im  lebendigen  Meere  durchfinden  muß,  spielt  es  doch
nur  wieder  den  Teilfaktor.  Da  gilt  das  Nämliche,  wie  von  den  Paragraphen;
die  so  recht  auch  nur  auf  dem  Papiere  verharren,  während  sich  der  Wandel
der  Determination,  an  der  sie  beteiligt  sind,  gelegentlich  darin  ausprägen
kann,  daß  sie  überhaupt  nur  „auf  dem  Papiere“  stehen.  Und  so  ist  auch
jenes  Verharrende  in  ein  Spiel  mit  tausendfältig  sich  Wandelndem
verwickelt  —  mit  allem  Zuständlichen  —  und  bringt  sich  erst  in  dieser
Verflüssigung  als  das  seitlich  Bedingende  zur  Geltung.  Einige  Mark
Änderung  im  „Getreidezoll“,  und  die  nordöstliche  Wasserkante  steht  sofort
anders  innerhalb  der  Determination;  eine  einzige  „Gesetzesmaßregel“,  und
Flußläufe  werden  ganz  anders  im  Spiele  Trumpf.  —  Man  sieht  da,  meine
Beispiele  neigen  auch  schon  dazu,  die  Wendung  „Deutsches  Reich“  nur  als
eine,  ins  Welthandelsregister  eingetragene  „Firma“  zu  nehmen.  Aber  wie
glücklich  immer  man  die  Beispiele  wählt,  soviel  machen  sie  klar,  wie  auch
hier  das  Verharren  nur  ein  Wort  sch  ein  ist,  und  lebendige  Tatsache  nur
das  Fließen  und  abermals  Fließen!
Gibt  man  auch  zu,  daß  dort,  wo  kein  „Dasein“,  sondern  ein  „Fortbestehen“ ­
  gilt,  der  schöpferische  Begriff  nie  entbehrt  werden  kann,  als  tiefster
Atem  des  Geschehens,  das  in  jenem  „Fortbestehen“  zu  gegliederter  und  sich
stetig  umgliedernder  Andauer  kommt,  so  fängt  nun  erst  recht  das  Kopfschütteln ­
  an.  Denn  wer  hegt  nun  jenen  schöpferischen  Begriff,
und  wie  geschieht  es?  Denkt  ihn  des  Reiches  Oberhaupt,  oder  jeder
Reichsangehörige,  oder  die  Herrn  vom  grünen  Tisch,  oder  die  Hirten  der
Wählerherde,  oder  die  „Publizisten“,  (und  welche  Lesart  dieses  Doppelsinnes),
oder  wer  sonst?  Und  birgt  ihn  das  Denken  als  Vollbegriff,  oder  als  Notbegriff, ­
  oder  wird  er  ratenweise  gedacht,  oder  auf  Kuxen,  oder  wie  anders?
Nach  all  dem  Gesagten  darf  ich  ja  diesen  Bedenken  kühnlich  die  These
entgegenhalten:  Irgendwie  muß  das  Gebilde,  um  nur  überhaupt  „fortzubestehen“, ­
  auch  Inhalt  des  lebendigen  Denkens  bleiben,  wie  es  dem  vollziehenden
Handeln  eingeboren  ist;  „Fortbestehen“  ist  im  Wesen  eins  mit
solchem  „Fortdenken“!  Für  den  Sachverhalt  aber  könnte  man  das
        <pb n="234" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  X.

209

Beste  nur  sagen,  wenn  man  die  Struktur  durchspricht.  Denn  wie  das
Geschehen  selber  sich  zu  Gestalt  und  Gefüge  gliedert,  tut  es  auch  das
lebendige  Denken,  seinen  Inhalten  nach;  es  ist  ja  nur  in  theoretischer  Willkür ­
  aus  dem  Geschehen  lösbar.  Da  würde  sich  nun  eine  eigentümliche
Verteilung  der  Last  dieses  schöpferischen  Begriffes  erweisen;  nur  eben
keine  bruchweise,  sondern  auch  wieder  eine  „organisch“  waltende,  die  niemals ­
  dem  Vollwesen  Unrecht  tut,  bei  dem  alles  Einzelne  für  das  Ganze,
und  dieses  für  jedes  Einzelne  da  zu  sein  scheint.  Es  würde  sich  ergeben,
daß  hier  tatsächlich  eine  ganze  Reihe  von  immer  anders  vereinfachten
Notbegriffen  tätig  ist.  Als  schöpferischer  Begriff  wird  der  Inhalt
„Deutsches  Reich“  in  mannigfacher  zweckdienlicher  „Reduktion“  gedacht,
deren  Wechsel  noch  weit  über  jenen  hinausgeht,  an  den  man  sofort  denkt:
bei  den  Ausdrücken  „Staatshoheit“,  „Rechtshoheit“,  „Fiskus“.  Damit  ist
zugleich  eine  Erleichterung  jener  Last  gegeben.  Es  ist  auch  sonst  klar,
daß  unser  urwüchsiges  Denken  sich  nicht  aus  hormenfreude  in  jene  Rolle
hineinmüht,  in  der  ich  es  ständig  als  „unser  gestaltender  Geist“  vorführe.
Es  tut  einmal  keine  anderen  als  wegkürzende  Schritte,  und  müht  sich  bloß
seiner  Bequemlichkeit  zuliebe.  In  dieser  „formalistischen“  Hinsicht  natürlich,
denn  im  Gewände  des  Handelns  selber  geht  ihm  die  Arbeit  nie  aus.  Jedenfalls ­
  kennt  es  nur  Arbeit  und  Rüsten  dazu  —  das  bloße  Turnen  am
Geräte  des  Wortes  und  in  der  Rennbahn  der  Definitionen  und  Distinktionen,
das  überläßt  es  der  Wissenschaften  Diener  am  Worte.

Eines  ließe  sich  betonen.  Es  ist  tatsächlich  nicht  jedermanns  Sache,
mit  den  schöpferischen  Begriffen  dieser  Art  sich  abzuplacken.  Wozu  wären
wir  auch  „Statisten“!  Wir  Alle  mischen  zwar  die  Karten,  die  doch  nur
wenige  für  uns  ausspielen.  Und  so  wird  auch  ein  Inhalt,  wie  ihn  die
Wendung  „Deutsches  Reich“  zu  bergen  vermag,  überall  dort,  wo  er  nie  t
als  schöpferischer  Begriff  erfordert  wird,  leicht  als  „Unbegriff“,  oder  doch  in
rechter  Ungestalt  gedacht  werden.  Der  Dörfler  denkt  sich  etwa  ein  „besseres“
Dorf,  und  der  Städter,  wenn  er  auch  soviel  gescheiter  ist,  tut  es  ihm  hierin
kaum  wesentlich  zuvor.  Hier  läge  ja  ein  Gradmesser  der  „politischen  Reife  .
So  recht  muß  der  schöpferische  Begriff  nur  dort  gedacht  sein,  wo  sich
die  dichtesten  Knoten  schürzen.  Übrigens  erscheint  auch  dies  erleichtert, ­
  und  zwar  so,  daß  es  nur  ein  Verflechten  ganzer  und  dicker
Strähnen  des  Zusammenhanges  besagt.  Hier  greift  eben  der  „gestaltende
Geist“  hilfreich  ein.
Wenn  man  bedenkt,  wieviel  da  über  unsere  Kopfe  hinweg  geflochten
wird,  erscheint  der  vielverhöhnte  „beschränkte  Untertanenverstand“  nicht  so
ganz  unbegründet.  Wir  reden  zwar  viel  über  Dinge,  die  uns  nichts  angehen;
aber  je  wortseliger  das  Denken,  desto  mehr  sind  Reden  und  Denken  zweierlei.
Der  „Staat“  ist  eben  in  der  Tat  mehr  als  bloße  Vereinsmeierei;  aber  auch
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  14
        <pb n="235" />
        210

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

unendlich  mehr,  als  die  verwickeltste  Paragraphierung,  nach  Satzung  und
Herkommen,  zu  erfassen  vermöchte;  er  ist  gleichsam  juristisch  inkommensurabel. ­
  Auf  der  anderen  Seite  erscheint  das  Sprüchlein  von
„Amt“  und  „Verstand“  nur  in  einem  recht  minderen  Sinne  begründet.  Es
beruht  in  der  „Organisation“  des  Denkens  schöpferischer  Begriffe,  wenn  sich
auch  die  höchstverwickelten  nicht  um  gar  zu  vieles  schwerer  denken  lassen,
als  es  etwa  dort  Anstrengungen  kostet,  wo  die  Interessen  von  „Schulzens“
zu  wahren  sind.  Das  geht  Hand  in  Hand  mit  der  Erleichterung  des  Verflechtens;
  es  ist  „organisch“  Alles  so  klüglich  vorgerüstet,  daß  es  stets  wieder
auf  ein  Exempel  des  Mutterwitzes  hinausläuft.  Das  Aufsteigen  ist  freilich
nicht  leicht,  aber  daß  man  dann  im  Sattel  des  frommen  „Amtsschimmels“  sitzt,
der  schon  selber  Bescheid  weiß,  trifft  ein  bißchen  allerorten  zu.  Wo  nur
der  Mutterwitz  und  die  Tatkraft  da  sind,  lassen  sich  die  „Portefeuilles“  am
ehesten  wechseln;  denn  bei  ihnen  kulminiert  die  „organische“  Zurüstung.
Das  Denken  in  „höheren  Wirklichkeiten“  ist  also  nicht  als  etwas  wirklich
Höheres  zu  denken.  Umgekehrt  aber  kann  jener  alte  Schwede  mit  seiner
Indiskretion  unmöglich  recht  haben;  sofern  er  nämlich  das  normale  Verhältnis ­
  meint,  bei  dem  die  Staatsschifflein  doch  nicht  jeden  Augenblick
Schiffbruch  leiden.  Das  müßte  aber  dort  erfolgen,  wo  das  „staatsmännische“
Denken,  laut  jener  Eintaxierung,  den  schöpferischen  Begriffen  ebensowenig
als  anderen  gewachsen  wäre.  Es  kann  also  schlimmsten  Falles  nur  Dies  vorliegen, ­
  daß  der  Staatsmann  des  Amtes  bloß  der  Strohmann  der  Tat  ist!
Tat,  und  mit  ihr  schöpferischer  Begriff,  die  können  nicht  fehlen.  Unterschrieben ­
  heißt  noch  nicht  regiert;  es  bleibt  dann  noch  in  der  Schwebe,  von
woher  regiert  wird.  Dies  aber  ist  Handeln,  das  vom  schöpferischen
Begriffe  getragen  wird.  Irgend  jemand  muß  ihn  denken;  ob  er  sich
im  j,Subalternen“,  oder  im  „Externen“  verbirgt.  Auch  darin  zeichnet  sich
das  grüne  Leben  vor  der  grauen  Theorie  aus,  daß  bei  ihm  die  Regierung
niemals  dem  Worte  abgetreten  werden  kann.  Das  „Deutsche  Reich“  besteht
nur  durch  ein  Denken  seiner  fort;  aber  es  wird  nicht  durch  seinen  Namen
zusammengehalten,  und  ist  ebensowenig  an  eine  richtige  Definition  desselben
gebunden.  Schöpferische  Begriffe  lassen  sich  überhaupt  nicht  in  einer  Definition ­
  einfangen.  Empirisch  ergeben  sie  sich  aus  der  Fühlung  mit  dem
Handeln;  theoretisch  aber  kommt  man  ihnen  nur  durch  die  schildernde  Auflösung ­
  ihres  Geschöpfes  bei.  Für  ein  Denken,  das  in  der  Anwendung  auf
das  Handeln  zu  einem  wortseligen  wird,  bleiben  sie  unerfaßlich.  Schon  deshalb ­
  muß  der  Staatsmann  den  Juristen  ausziehen,  sonst  spielt  er  den  Strohmann, ­
  der  zwar  überall  sehr  gut  weiß,  wie  er  es  tun  soll,  aber  nirgends  zu
überblicken  vermag,  was  er  eigentlich  tut.
An  der  Tatsache,  daß  auch  bei  den  Zuständlichen  Gebilden  der  Begriff
vor  dem  Begriffenen  da  sein,  und  hier  auch  bleiben  muß,  darf  uns  noch
        <pb n="236" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  X.

211

ein  Anderes  nicht  beirren.  Unser  Denken  weiß  auch  Geschehen  einheitlich
umzuformen,  dessen  Einheit  nicht  durch  das  lebendige  Denken
hindurchgegangen  ist.  Auch  diese,  mehr  lockeren  Einheiten  werden,
als  Inhalte  unseres  Denkens,  an  Worten  sprachflüssig.  Und  das  Wort,  das
einschichtig  gleich  dem  Namen  eines  Zuständlichen  Gebildes  auftritt,  übernimmt ­
  es  auch  hier  recht  gern,  unserem  Denken  den  Unterschied  zu  verschleiern. ­
  Man  spricht  von  der  „Berliner  Milchversorgung“  äußerlich  nicht
anders  als  von  der  „Stadt  Berlin“.  Und  doch  handelt  es  sich  dort  um  eine
Vielzahl  von  „Vorgängen“,  die  nur  als  vereinzelte  zu  Inhalten  des
lebendigen  Denkens  werden.  Im  Grundsätze  findet  erst  unser  überblickendes,
«platonisches“  Denken  jene  „Reihe“  heraus,  die  hier  zum  Denken  einer
Einheit  den  Anlaß  gibt;  ein  Verhältnis,  das  selbst  dann  gilt,  wenn  sich  ein
früherer  „EinzelVorgang“  zergliedert  hätte.  So  denkt  der  „Milchproduzent
so  recht  nur  bis  zum  „Milchhändler“  vor,  der  „Milchkonsument“  nur  zum
„Milchhändler“  zurück;  für  das  richtige  Stadtkind  kann  die  „Milch“  etwas
schlechthin  „Käufliches“  sein,  braucht  nicht  als  „Gemolkenes“  in  seinen  Anschauungen ­
  zu  leben.  Nur  der  „Milchhändler“,  der  zufälligen  Gage
ha lber,  denkt  vom  A  bis  zum  C  der  Reihe!  (Woraus  sich  im  ungezwungenen ­
  Fortschluß  erklärt,  weshalb  die  Wissenschaft,  die  es  auf  die  Zusammenhänge ­
  nur  der  letzteren  selbst  wegen  abgesehen  hat,  den  „Kontorduft“ ­
  nie  ganz  verlieren  will.  Auch  daraus  erscheint  ihre  jugendliche  Verirrung,
  die  Wendung  gegen  die  „Güter“,  verzeihlicher;  aber  niemals
gerechtfertigt,  da  selbst  der  Alltag  immer  noch  ein  bißchen  mehr  ist,  als  ein
großes  Kaufhaus.)  Im  Grundsätze  aber,  wie  gesagt,  wird  jene  „Reihe“  ausschlaggebend
  nur  für  das  überblickende  Denken;  nicht  für  das  lebendige,
als  solches.  Das  hindert  nicht,  daß  sich  die  Beteiligten  selber  zum  überblickenden ­
  Denken  aufschwingen,  um  etwa  einer  besseren  „Organisation“
vorzuarbeiten.  Aber  gerade  deshalb,  weil  hier  das  „Vorgehen“  nicht  in

Einheit

an  einen  schöpferischen  Begriff  gebunden  erscheint,  fehlt  das

Wesentliche  zum  Zuständlichen  Gebilde;  es  handelt  sich  bloß  um  einen
„Zuständlichen  Vorgang“.  Hier  kann  man  eher  von  einem  „Zweckbegriff“ ­
  reden;  obwohl  sich  auch  dabei  die  rückständige  Denkweise  sofort
der  rückständigen  Wissenschaft  verbindet,  und  den  Blick  nur  auf  die
wandernde  „Milch“  lenkt,  während  die  Menschen  bloß  dazu  da  sind,  daß
jenes  „Gut“  durch  ihrer  Hände  Kette  geht.  So  würde  man  auch  von  dem
„Verkehre“  unserer  Zeit  nicht  soviel  Aufhebens  machen,  wenn  nicht  das
theoretisierende  Denken  des  Alltags  im  Zeichen  des  Wortes  stünde.  Der
Alltag  ist  darin  um  ein  gesegnet  Menschenalter  hinter  seiner  Wissenschaft
zurück,  und  so  steckt  in  seiner  Denkweise  recht  viel  altes  Eisen  —  man
drückt  dies  im  Alltage  selbst  viel  kürzer  durch  das  Wort  „modern“  aus!
Jener  „Zuständliche  Vorgang“,  nebenbei  gesagt,  ist  die  Form,  in  der  wir
        <pb n="237" />
        212

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

mit  Vorliebe  jenes  Geschehen  ausgestalten,  das  von  dem  „rollenden  Kreise
nur  mitgeschleift“  wird.  Daher  auch  solche  Inhalte  gewöhnlich  an  „attributiven“
Wendungen  sprachflüssig  werden.
XL
Soviel  für  den  Anfang  vom  Ende.  Alles  nur,  damit  Späteres  hübsch
gemein  plätzlich  klinge.  Selbst  wenn  man  Gemeinplätze  nicht  „breittritt“,
auch  das  fällt  breit  aus,  mit  Anstand  von  ihnen  zu  sprechen;  es  ist
zähester,  klebrigster  Stoff  des  Denkens.  Wir  besinnen  uns  jetzt  neuerdings ­
  auf  unsere  Lage  im  Handeln.  Für  die  einfachen  Formeln
waren  Not  und  Macht  in  Anschlag  zu  bringen,  als  die  Grundverhältnisse. ­
  Dabei  sah  ich  von  einem  dritten  Verhältnisse  ab,  das  eben
dort  außer  Betracht  bleibt,  wo  man  bestimmte  Handlungen  ins
Auge  faßt.  Nun,  da  unbestimmte,  in  die  Zeit  wandernde  Vielheiten ­
  von  Handlungen  ins  Auge  zu  fassen  sind,  kommt  jenes  Verhältnis ­
  an  erster  Stelle  in  Anschlag.  Es  besitzt  aber  zu  wenig  Einheit,
um  es  ein  Grundverhältnis  zu  nennen.  Einheitlich  ist  daran  nur  das
Ergebnis,  das  aus  vielen,  leicht  trennbaren  Wurzeln  emportreibt:  die
Wiederkehr  im  Handelnl
Ich  sprach  davon,  wie  vor  allem  die  Natur  sich  in  dieser  Richtung
geltend  macht.  Im  Sinne  chronischer  Determinanten  waltend,  schlägt
sie  unserem  Handeln  den  Takt  zur  Wiederkehr.  Wir  müssen  stets
wieder  Schutz  suchen  vor  rückfälliger  Unbill  aller  Art;  und  müssen
stets  von  neuem  schlafen,  trinken,  essen.  Diese  Determinanten  kann
man  nur  in  der  Ausnahme  beiseite  schieben;  schließlich  bekommen  sie
uns  doch  in  die  Klemme,  und  drillen  unser  Handeln  auf  gleichen  Schritt  und
Tritt.  Für  die  Wiederkehr  bringen  sich  auch  die  zahllosen  chronischen
Determinanten  zur  Geltung,  die  für  das  fließende  Geschehen  aus  den  Zuständen ­
  entspringen.  Die  Zustände  werden  ja  nur  im  Hinblicke  auf  die
Wiederkehr  erfaßlich;  hier  leistet  also  die  Wiederkehr  sich  selber
Vorschub.  In  der  Tat  greift  sie  nach  unserer  ganzen  Hand,  wenn
ihr  erst  einmal  der  kleine  Finger  gereicht  ist.  Wir  stecken  wahrhaftig
wie  ein  Zahnrad  im  Uhrwerk  jener  Welt,  und  müssen  da  mittun,  immer
von  neuem  dahin  und  dorthin  gedreht;  bald  aus  „Pflicht“,  bald  aus
„Anstand“.  Dort  verbirgt  sich  am  letzten  Ende  der  Allzusammenhang;
hier  mehr  die  übersehbaren  Zusammenhänge.  Dem  Joche  der  kleinlichen ­
  Wiederkehr  beugen  wir  uns  gelegentlich  demütiger  als  der  Bürde
wiederkehrender  Pflicht.  Für  die  letztere  muß  vielfach  die  geschriebene
Satzung  an  dem  Spiele  der  Determinanten  mitmachen;  fürs  erstere  ist
dies  gar  nicht  nötig.  Wie  sehr  uns  gerade  dieses  feinere  Spiel  umgarnt
        <pb n="238" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XI.

213

hält,  kann  man  sich  an  etwas  anderem  klarmachen:  daran,  daß  gerade
die  „nicht-einklagbaren“  Schulden,  als  „Ehrenschulden“,  ihrer  Tilgung
am  sichersten  sind  1  Den  zarter  gesponnenen  Netzen,  wenn  ihre  Fäden
nur  recht  tief  einwurzeln,  entschlüpft  man  am  allerletzten.
So  gilt  es  überhaupt  von  der  Wiederkehr  im  Handeln,  daß  sie
ihre  tiefsten  Wurzeln  in  jene  Wechselbeziehung  einsenkt,  die  zwischen
Handeln  und  Empfinden  rastlos  hin  und  wieder  schießt.  Hier  ungefähi
wäre  der  Anlaß,  im  umfassendsten,  und  zugleich  doch  in  einem  tiefsten
Sinne  von  „Gewohnheit“  zu  sprechen.  Die  Nationalökonomie,  die
selber  der  Gewohnheit  erlegen  war,  alles  auf  „Güter“  zu  beziehen,
spricht  da  lieber  von  „Bedürfnissen“,  nach  deren  Erklärung  hin  sie  die
„Gewohnheit“  verweist.  „Bedürfnis“,  „Wert“,  „Gut“,  das  war  so  die
dreizinkige  Wortgabel,  mit  der  alleinig  in  den  intimeren  Hergängen
des  Handelns  gestochert  wurde.  Will  man,  außer  Not  und  Macht,  um
jeden  Preis  ein  weiteres  Grundverhältnis  des  Handelns  aufzählen,  dann
ist  es  „Gewohnheit“.
Zur  Wiederkehr  aber  trägt  in  löblichem  Eifer  unsere  Scheu  bei,
gar  zu  viel  über  neuen  schöpferischen  Begriffen  zu  sinnen;  das  will
sagen,  nach  der  Lehre  des  Handelns  die  alten  weiterzubilden.  Die
gewisse  Eigenheit  unseres  Denkens,  durch  die  es  im  Bereiche  der
Erkenntnis  dem  Worte  überliefert  wird,  sie  prägt  sich  in  urwüchsiger
Derbheit  schon  im  lebendigen  Denken  aus.  Man  hält  sich  vergnügt ­
  in  den  ausgefahrenen  Geleisen,  solange  die  Fahrt  nicht  allzu
holperig  geht.  Im  grünen  Leben  hat  der  Schlendrian  auch  vielfach
sein  Gutes.  Es  gilt  nur  in  Sachen  der  Erkenntnis,  daß
selbst  der  magerste  Prozeß  immer  noch  besser  ist  als
der  fetteste  Vergleich;  auf  Kosten  der  Erkenntnis  wäre  das  dann
stets  ein  Pakt  mit  lieben  Worten:  „Tu’  mir  nichts,  ich  tu’  dir  nichts  1“.
Nur  einer  falschverstandenen  Sorge  wird  man  auch  hier  den
wohlverstandenen  Schlendrian  vorziehen.  Nehmen  wir  z.  B.  die  Sorge
um  jenes  „Requisit“,  das  sich  im  Wortg  ebrauche  spiegelt.  Da
hat  das  wissenschaftliche  Denken  wohl  die  Aufgabe,  ausgefahrene  Geleise ­
  durch  selbstgelegte  Schienen  zu  ersetzen,  auf  dem  Amboß
zurüstender  Forschung  rnit  wuchtigen  Schlägen  der  Kritik  geschmiedet.
Aber  was  will  man  inzwischen  an  den  ausgefahrenen  Geleisen,  statt
sie  getrost  einzuhalten,  noch  bessern  und  bosseln  —  sie  etwa  mit
Blech  ausfüttern  f
Mit  der  Wieder  kehr  im  Handeln  muß  das  lebendige  Denken
genau  so  rechnen,  wie  mit  der  Not  und  mit  der  Macht.  Auch  dazu
wird  es  vom  Handeln  selbst  erzogen.  Es  muß  ja  erst  der  Rückschau
fähig  sein,  ehe  es  die  Wiederkehr  erfassen  kann.  Das  blinde  Festhalten
        <pb n="239" />
        214

p Die  Herrschaft  des  Wortes“,

am  schöpferischen  Begriffe  fruchtet  allein  nichts.  Die  Rückschau  ist
erst  möglich,  wenn  unser  Denken  fr  ei  kommt  vom  Geschehen  selbst,
dem  es  innewohnt;  wenn  es  Muße  findet,  seinen  Blick  von  Vollzug
zu  Vollzug,  von  Handlung  zu  Handlung  wandern  zu  lassen.  Es  muß
erlebtes  Geschehen  hinter  sich  sehen,  lebendige  Vergangenheit.
Dann  erst  kann  es  die  Lehre  daraus  ziehen,  und  sieht  auch  Handlung
über  Handlung  vor  sich,  Zukunft.  Freilich,  den  begrenzten
Vorblick  lehrt  unser  Denken  schon  die  einzelne  Handlung.  Selbst
der  schlichteste  Zweckgehalt  eines  Strebens  verweist  uns  auf  einen
Weg,  der  erst  zu  begehen  bleibt.  Auch  alles  Erdulden,  das  sich  in
der  Erinnerung  eingeprägt  hat,  als  schattenhafte  Vergangenheit,  droht
mit  einer  unbestimmten  Wiederholung  aus  der  Ferne;  wer  Schweres
erlebt  hat,  hat  das  Bangen  damit  erlernt,  auch  wenn  er  sonst  kein
Hasenfuß  ist.  Aber  die  begrenzte  Zukunft  der  ablaufenden  Handlung,
und  die  schattenhafte  Zukunft  aus  dem  Bangen,  sie  reichen  nicht  an
die  Vorstellung  heran,  die  sich  aus  jener  Rückschau  der  Vorschau
mitteilt.  Erst  mit  der  unbegrenzten  Wiederkehr  von  Handlungen,  die
wir  doch  schon  in  Rechnung  ziehen,  wird  die  unerlebte  Zeit  lebendig;
hört  auf,  die  bloße  und  gespenstige  Frage  zu  sein  —  für  die  unsere
Träume  die  schülerhaften  Antworten  schreiben,  bis  das  Schicksal  mit
seinem  Rotstift  darüber  hinfährt.  Und  diese  lebendige  Zukunft  steht
um  so  klarer  vor  uns,  je  klarer  lebendige  Vergangenheit  hinter  uns
liegt.  Wir  sehen  deshalb  peinlicher  zurück,  führen  sorgsamer  schon
über  das  Erleben  Buch,  um  deutlicher  vorauszusehen.  So  werden
auch  Vorschau  und  Rückschau  miteinander  reif;  durch  eine  Fülle  der
Beziehungen,  die  hier  nur  recht  hölzern  anzudeuten  ging.  Ich  suchte
diese  Beziehungen  im  ausmalenden  Sinne  zu  erklären;  indem  ich  erwog,
wie  der  Einzelne  zur  Erfassung  lebendiger  Zeit  kommt.  Hier  kann
das  theoretische  Denken  es  weithin  dem  urwüchsigen  zuvor  tun;  und
die  Probe  auf  echt  „historisches“  Denken  wird  immer  die  sein,  ob  man
die  gewisse  Empfindung  hat,  daß  auch  die  verklungenen  Zeiten  nicht
rascher  vom  Erleben  sich  lösten,  und  nicht  minder  schicksalserfüllt
waren,  als  die  von  uns  durchlebten.
Es  ruht  in  unserem  Handeln  selber  begründet,  daß  unser  vorund
  unser  rückschauendes  Denken  es  einander  gleich  tun.  Da
wie  dort  ist  die  Aufgabe  die  nämliche:  Wir  müssen  lernen,  mit  Einem
geistigen  Blick  immer  mehr  des  erlebten  Geschehens  zu  überfliegen.
An  der  Hand  der  Wiederkehr  wird  unser  Denken  mit  unbestimmten
Mengen  des  Handelns  fertig.  Wir  erfassen  Zustände,  die  sich  aus
dem  Durchlebten  heraus,  über  das  Erleben  hinweg,  in  das  Unerlebte
dehnen.  Die  Art,  wie  das  Handeln  im  Erleben  zusammenhängt,  lernen
        <pb n="240" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XI.

215

wir  als  etwas  zu  erfassen,  das  selbst  wieder  über  das  Erleben  hinweg
verharrt,  als  Gliederung.  Dies  Alles  muß  vorangehen,  ehe  unser
lebendiges  Denken  fähig  ist,  um  gewisser  Anlässe  halber  Gebilde
zu  erschauen,  ehe  aus  dem  Geschehen  rings  um  uns  eine  erlebte
„Körperwelt“  ersteht.
Die  Anlässe  dazu  entspringen  aus  dem  reichen  Wechselspiel,
das  sich  dem  vorschauenden  Blick  dartut,  zwischen  der  Vielart  im
Streben,  der  Wiederkehr,  der  Not  und  der  Macht.  Von  diesem
Ansätze  darf  man  ausgehen,  darf  aber  nicht  vergessen,  daß  für  das
lebendige  Denken  der  Zusammenhang  im  Handeln  zunächst  ein  ungeschiedener ­
  bleibt.  Nur  in  unserer  theoretischen  Erwägung  halten
wir  schon  im  voraus  Wiederkehr,  Streben,  Not  und  Macht  scharf  voneinander ­
  gesondert,  um  daraus  abzuleiten,  wie  sich  das  Handeln  gliedert.
Das  lebendige  Denken  aber  müht  sich  durch  ein  Wirrsal  der  Erwägungen ­
  hindurch,  und  greift  nie  eigentlich  zu  jener  klärenden,  aber
willkürlichen  Scheidung.  Nur  mit  den  Einklängen  der  Fülle  von  Erwägungen, ­
  hinter  denen  wir  jeden  Tag,  jede  Stunde  unseres  Lebens
her  sind,  schlagen  sich  verwandte  Anschauungen  nieder,  die
unserem  Denken  gleichsam  als  Lehre  aus  dem  Handeln  zufallen.  Im
Grunde  sind  es  ausgetretene  Pfade  seiner  Bewegung,  kürzeste  Arten,
mit  der  Überlegung  fertig  zu  werden,  trotzdem  sie  jeden  Augenblick
in  anderer  Form  an  uns  herantritt.  Jene  Anschauungen  lehnen  sich
dann  an  Worte  an,  die  sich  solcher  Wegkürzung  darbieten;  und  die
uns  um  so  verständlicher  werden,  je  öfter  und  je  geschickter  das
lebendige  Denken  sich  ihrer  Hilfe  bedient,  um  die  kürzenden  Wege
zu  gehen.  Das  Leben  kommt  auf  empirische  Weise,  selbst  durch
die  Sprache  nur  im  Sinne  eines  Wortrahmens  für  Theorie
unterstützt,  zum  Ausnützen  der  Scheidungen,  von  denen  wir  hier
sofort  ausgehen.

'V,  übrigens  außer  Spiel.
Die  strebigen  Zusammenhänge  b  e  ^  Denken  keine  Pfade
Denn  es  treten  sich  dahinzu  auch
ein"  Streben  seinem  Erfolge
aus.  Das  allgemeine  Schema,  ^  nur  soweit  zu  berückzuführbar
  erscheint,  ist  für  unsere  Erwagu^  Akte  zerschlägt,
sichtigen,  daß  sich  die  einzelne  Han  u’Jg  1  Zusammenhang
jeder  ein  spezifisches  Tun.  Für  jeg 1C  Aber  da  es  überfallen ­
  diese  Akte  gleich  Handlungen  in  dl  enf  bloße  Zeitreihen
haupt  auf  unbestimmte  Vielheiten  von  a Verm J hr ü ng  ke inen  Belang
der  Vollzüge  ankommt,  so  hat  selbst  l e « e  •  hen  Wiederkehr,
für  „ns.  Es  bleibt  «!so  nnr  das  Wechsel%?£££  v*  die  Art,
Not  und  Macht  zu  erwägen.  Von  da  Gliederung  nahesich ­
  dem  lebendigen  Denken  Einheiten  er
        <pb n="241" />
        2IÖ

.Die  Herrschaft  des  Wortes 1

legen.  Die  Struktur,  die  ja  an  das  Einspielen  der  strebigen  Zusammenhänge ­
  gebunden  wäre,  bleibt  dauernd  außer  Betracht.

XII.
Wer  lebendige  Zukunft  denkt,  wer  unbestimmte  Vielheiten  seiner
Handlungen  in  Wiederkehr  durch  die  Zeit  wandern  sieht,  der  muß
vor  allem  mit  dem  fremdenHandeln  rechnen;  das  ihm  bald  Hilfe
bringt,  bald  Zwang  auflastet,  bald  Widerstand  leistet.  Mit  der  Natur
weiß  man  sich  eher  abzufinden.  Die  ist  ja  selber  auf  Wiederkehr  geeicht. ­
  Aber  das  fremde  Handeln  bleibt  die  Ungewißheit  steter  Drohung, ­
  steter  Hoffnung.  Hier  ist  eben  Verflechtung,  im  guten  und  bösen
Sinne,  allezeit  möglich,  und  fordert  herrisch  dazu  auf,  unser  Handeln
zuerst  dorthin  zu  verbürgen.  Es  muß  also  die  Wiederkehr  des
eigenen  mit  der  Wiederkehr  des  fremden  Handelns  irgendwie  ins
Verhältnis  kommen.  Mit  dem  Blicke  auf  die  einzelne  Handlung  mag
dies  bald  im  Sinne  des  Helfens,  bald  in  jenem  des  Herrschens  gelten.
Jedenfalls  macht  der  Handelnde,  der  die  Wiederkehr  des  eigenen  der
Wiederkehr  des  fremden  Handelns  verbrüdert,  seine  Person  zum  „Gesellen“ ­
  anderer  Personen.
Man  sieht,  die  Art  der  Gliederung  im  Handeln  will  in  erster  Linie
aus  dem  Spiele  zwischen  Wiederkehr  und  Macht  abgeleitet  sein.
Freilich  gilt  auch  diese  Reihenfolge  nur  für  die  Theorie.  In  der  Praxis
lebendigen  Denkens  ist  der  Austrag  zwischen  Wiederkehr  und  Macht
gar  nicht  möglich,  ohne  gleich  auch  Streben  und  Not  zum  Austrag  zu
bringen.  Im  einzelnen  wird  ja  die  Not  von  der  Macht  und  vom
Streben  bedungen  sein,  das  Streben  von  Not  und  Macht,  die  Macht
von  Streben  und  Not;  gleichgültig,  ob  diese  Bedingnis  auf  geraden,
oder  auf  Umwegen  in  Kraft  steht.  Darin  beruht  abermals  die  erlaubte,
der  Klärung  dienliche  Willkür,  damit  folgen  wir  den  ausgetretenen
Pfaden  des  lebendigen  Denkens,  wenn  wir  zunächst  nur  das  Eine  in
Erwägung  ziehen.  Der  rechte  Anfang  ist  hier  nun  ermittelt.  Von  ihm
aus  will  ich  die  drei  höheren  Formeln  dann  im  Zusammenhang  entwickeln. ­

Es  liegt  hier  mehreres  am  Wege.  Immer  steht  der  Umstand  voran,
daß  für  den  Handelnden,  der  lebendige  Zukunft  denkt,  die  „gesellschaftlichen“ ­
  Zusammenhänge  eine  ernste  Sorge  bilden.  Also  muß  z.  B.  auch
das  Spiel  dieser  Zusammenhänge  von  Haus  aus  eine  Sicherung  erfahren, ­
  oder  die  Wiederkehr  wäre  gar  nicht  möglich.  Es  drängt  sich
daher  eine  Regelung  des  Handelns  zwingend  auf:  „Brauch“,
        <pb n="242" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XII.

217

„Sitte“,  „Recht“!  Diese  sind  unzertrennlich  vom  Handeln,  wo
immer  für  das  Handeln  mehrerer  eine  Wiederkehr  in  Frage  kommt.
Sie  erweisen  sich  als  Eines  Geistes  Kind  mit  dem  Zuständlichen  Gebilde! ­
  Denn  wie  jene  Art  Zusammenhänge  eine  erste  Sorge  für  den
vorschauend  Handelnden  sind,  so  liefern  sie  auch  den  ersten  Anlaß
dafür,  erscheinen  als  der  eigentliche  Antrieb,  Gebilde  zu  denken.  Wenn
sie  nämlich  dem  Äußeren  nach  dazu  hinleiten,  daß  es  unter  den  Handelnden ­
  zu  einem  Ausschluß  für  Einige  gegenüber  allen  Anderen
kommt,  so  liegt  da  im  tieferen  eine  Aussonderung  inniger  verflochtenen ­
  Handelns  zugrunde;  und  das  ist  eben  die  Einheit  der
Gliederung,  das  Zuständliche  Gebilde.

Anmerkung:  Robinson,  z.  B.,  dessen  Handeln  aller  Verflechtung
mit  fremdem  Handeln  entrückt  ist,  hätte  gar  keinen  Anlaß,  ein  Gebilde  zu
denken.  Sein  ganzes  Handeln  ist  gleichsam  nur  Eine  und  ungestörte
Handlung,  die  bloß  in  sich  selber  strebig  verknotet  ist,  nach  einzelnen  und
wiederkehrenden  Akten;  es  ist  nur  eine  „zielsame  Verkettung“  von  lauter
spezifischem  Tun;  und  so  begründet  sein  Handeln  selbst  dann,  wenn  es  zuständlich
  gedacht  wird,  keine  weitere  Einheit,  als  sie  schon  mit  seiner
Person  gegeben  ist.  Bei  dem  Erscheinen  von  „Freitag“  ändert  sich  die
Sachlage  mit  einem  Schlage.  Natürlich  kann  sich  Robinson  schon  vorher
den  Luxus  erlauben  und  kann  das  schlechthin  Abgesonderte  seines  Handelns
als  ein  Ausgesondertes  denken,  als  ein  Gebilde.  Diesen  Luxus  wird  ihm
schon  die  Erinnerung  lieb  und  wert  machen;  er  ist  ja  ein  Versprengter  der
geselligen  Welt;  jener  Welt,  der  z.  B.  selbst  jeder  „Einsiedler“  angehört.
Der  letztere  erfreut  sich  „Eigentums“,  wie  gering  es  immer  sei.  Vielleicht
steht  er  auch  irgendwie  im  „Verkehre“  —  und  wenn  es  nur  die  Duldung
seiner  völligen  Abkehr  wäre,  auch  damit  ist  ein  Bezug  zum  Allzusammenhang
vorhanden;  damit  ist  schon  etwas  Ausgesondertes,  eine  Einheit  begründet,
die  gleichsam  nur  in  der  Tatsache  mit  der  Einheit  des  persönlichen  Lebens
zusammenfällt.  Seine  „Haushaltung“  ist  doch  wenigstens  in  jenem  mittelbaren
Sinne  eine  „Gesellung“.  Um  auch  Dies  hier  gleich  zu  sagen,  gilt  Ähnliches
erst  recht  von  einer  „Haushaltung“,  die  abermals  nur  auf  zwei  Augen  steht,
die  jedoch  in  höherem  Grade,  als  es  für  den  „Einsiedler“  gilt,  anderen
Einheiten  an-,  und  umfassenderen  Einheiten  eingegliedert  ist.  Hier  ist  dann
vollwichtiger  Anlaß  da,  ein  Gebilde  zu  denken.

Die  Robinsonade,  das  „Ungebilde“,  kann  bloß  von  einem  Denken,  das
der  dritten  Dimension  noch  "ermangelt,  für  die  Einheit  genommen  werden,
die  schon  in  ihrer  zahllosen  Wiederholung  die  Welt  des  Handelns  ergäbe;
wobei  dann  einfach  nur  die  „Verkehrsmöglichkeiten“  hinzuträten.  Will  man
es  auf  diese  Welt  abgesehen  haben,  und  studiert  das  Spiel  der  Zusammen ­
        <pb n="243" />
        218

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

hänge  an  Robinson,  so  entspricht  dies  ungefähr  dem  Vorgänge  eines  Biologen,
der  seine  Experimente  an  einem  Hampelmann  vornimmt.
Es  ist  kein  Zufall,  wenn  man  in  den  Anfängen  der  Nationalökonomie
soviel  Interesse  an  der  Gestalt  nimmt,  die  alles  junge  Denken  zu  fesseln
weiß.  Ihr  Reiz  für  ein  Denken,  das  sich  noch  in  der  minderjährigen  Tat,
im  Spiele  auslebt,  wurzelt  wohl  darin,  daß  Robinson  in  jenem  Kampfe,
den  wir  in  der  Kohorte  ausfechten,  auf  sich  allein  gestellt  ist.  Es  gebührt
dem  trefflichen  Robinson  ein  Ehrenplatz  in  jenem  Museum  nationalökonomischer
  Altertümer,  das  außerdem  noch  „Diamanten“  enthält,  „seltene
Weine  und  Statuen“,  „Wüstenreisende“,  „unbebaute  Ländereien“,  und  noch
ein  Mancherlei,  wonach  das  Denken  greifen  mußte,  weil  das  Alltägliche  ein
gar  so  unzugänglicher  Stoff  ist!  Von  ungefähr  taucht  die  Erinnerung  an  jene
„Mißgeburten-Kabinette“  auf,  die  am  Beginne  der  Stoffsammlung  für  naturwissenschaftliche ­
  Beobachtung  standen.  Wie  die  Natur,  wollte  auch  der  Alltag
erst  nach  und  nach  entdeckt  sein;  hier  der  Art  nach  gemeint,  wie  unser
theoretisches  Denken  den  Stoff  richtig  fand,  den  es  vorher  schon  gesucht  hatte.
Dazu  soll  ja  in  Sachen  des  Alltages  besonders  viel  der  Philosophie
gehören!  Nun,  zum  mindesten  von  sehr  untergeordneter  Artung:  „Praktische“
Philosophie  jener  hausbackensten  Lesart,  die  man  als  Mutterwitz  aussagen
kann,  auch  dieser  Ausdruck  aus  dem  Zusammenhänge  verstanden.  Im  allgemeinen ­
  aber  wird  kaum  ein  Gegensatz  greller  sein,  wie  der  zwischen  dem
„aktionswissenschaftlichen“  und  dem  metaphysischen  Denken.
Auch  das  ist  kein  Zufall,  wenn  gerade  dem  „aktionswissenschaftlichen“
Denker  vom  reinsten  Gebliite,  dem  Historiker,  die  philosophische  Ader  zu
fehlen  pflegt;  zum  Glück  meistens  auch  die  „geschichtsphilosophische“.  Wer
noch  über  die  Ansprüche  vollendeter  Darstellung  hinaus  nach  letzter  Verallgemeinerung ­
  trachtet,  der  unterbindet  sich  die  Lebensader  historischen
Denkens,  entfremdet  sich  dem  Gedanken  des  Allzusammenhangs.  Wer  überall
nach  steuernden  Gewalten  hascht,  dem  entgeht  die  erhabene  Schlichtheit
jenes  Geschehens;  denn  gerade  in  der  Art,  wie  es  so  wuchtig  klar  ist,  so
ganz  aus  sich  heraus  verständlich,  webt  es  am  Menschenschicksal.
Gleich  breitspurig  auf  gewachsenem  Boden  steht  kein  zweites
Denken,  wie  jenes,  das  überall  mit  dem  eigenen  Ich  zahlt,  um  Erfahrung  einzutauschen; ­
  und  gerade  der  Erdgeruch  jenes  Bodens  „schlägt“  sich  mit  dem
Dufte  der  Blüten,  die  in  den  metaphysischen  Äther  emporranken.  Philosophie
steht  jenseits  der  zerfallenden  Erkenntnis,  wenn  die  unzerfällende  Erkenntnis
diesseits  steht,  oder  umgekehrt.  Auch  diese  Extreme  berühren  sich;  dabei
kommt  nur  der  Gemeinplatz  zu  Ehren,  daß  der  Boden  nicht  vom  Äther,
aber  die  höchstaufgeschossenen  Blüten  immer  noch  vom  Boden  leben.  Schon
im  Verhältnisse  zum  Worte  spiegelt  sich  der  Gegensatz  „aktionswissenschaftlicher“
  und  metaphysischer  Erkenntnis:  Hüben  ein  Denken,  das  auch
        <pb n="244" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XIII,

219

ohne  das  „Greifbare“  mit  dem  Wortgelichter  fertig  wird,  sich  frei  nach  den
Ansprüchen  seines  lebendigen  Inhaltes  zu  bewegen  vermag  —  drüben  ist
das  Denken  an  gewisse  Worte,  die  daraufhin  als  Grenzworte  erscheinen,
so  bedingungslos  ausgeliefert,  so  im  Wesen  zu  einem  Hantieren  mit  diesen
„letzten  Begriffen“  gezwungen,  daß  es  unverständig  wäre,  dieses  Denken  ein
„wortseliges“  zu  nennen;  solange  es  in  seinen  Schranken  bleibt,  ist  es  genau
so  wenig  wie  das  juristische  Denken  „wortselig“;  das  hieße  dem  Schornsteinfeger ­
  seine  Verfassung  zum  Vorwurf  machen.
Scheinbar  gibt  es  eine  metaphysische  Frage,  an  der  die  unzerfällende
Erkenntnis  ganz  unmittelbar  interessiert  ist:  die  „Freiheit  des  Willens“.
Wie  sehr  diese  Frage,  um  sie  überhaupt  ernst  zu  nehmen,  eine  metaphysische ­
  ist,  beweist,  daß  von  jenen  beiden  Spielarten  erfahrungswissenschaftlicher ­
  Erkenntnis  die  eine  sie  nicht  aufwerfen  kann,  die
andere  sie  nicht  aufwerfen  darf!  Die  Naturwissenschaft  spricht  von
jener  „Willensfreiheit“  wie  der  Blindgeborene  von  der  Farbe;  sie  wüßte  das
Problem  gar  nicht  zu  formulieren,  ohne  Fehltritte  in  die  unzerfallende  Erkenntnis. ­
  Wer  sich  darüber  hinaussetzt,  und  nun  mit  der  „Kausalität“,  wie
Sle  ^ er  Naturwissenschaft  im  Kerne  steht,  jene  „Willensfreiheit“  totschlagen ­
  will,  d er  pn  e ; nen  gewaltigen  Lufthieb  —  als  ein  Opfer  jener  Vernnung,
  über  die  ich  keine  Silbe  mehr  verliere;  im  Äußeren  ist  da  ein
^wbolischer  Schabernack  des  Wortes  geschäftig.  Vom  Boden  der  unzera
  enden  Erkenntnis  aus  wäre  das  Problem  wohl  zu  formulieren;  nur
von  diesem  Boden  aus!  Der  Frage  aber  nach  der  „Freiheit  des  Willens“
k lr  lieh  Raum  geben,  das  wäre  der  Selbstmord  der  unzerfällenden  Erenntnis;
  denn  übersetzt  man  die  Welt  des  Handelns,  das  unserem  Denken
gichtigst  Gegebene,  ins  Metaphysische,  dann  lautet  sie  „Willensfreiheit“!
au^  a ' 3er  ^ es ^ a ^h  glaubt,  daß  alle  unzerfällende  Erkenntnis  erst  an  das  J  a
lieh  t ^' 6Se  met;a physische  Frage  gekettet  wäre,  der  versinkt  in  jenem  klägder
  p n  Skeptizismus,  in  dessen  Geiste  alle  Wissenschaft  mit  der  Bejahung
rage  stehen  und  fallen  würde:  „Ist  Erkenntnis  überhaupt  möglich?“

XIII.
,  .  hrauc ht  freilich  nicht  jeder  zu
Der  Wiederkehr  im  Hände  n  yoo  Ge bilden  bemühen.
achten;  nicht  jeder  muß  sich  um  das  en  ^  eben  mit  oder  ohne
Für  Die,  die  im  Augenblicke  leben,  ^ chenwerk  des  Allzusammen-Willen
  die  Anderen  etwas  weiter.  Das  ^  solche  Eintagsfliegen  zu
hanges  ist  gleichsam  dicht  genug,  um  aU ^ m  aus  den  Zusammenverstricken. ­
  Aber  gesponnen  ist  es  vor  a  Auge n  hat.  Ich
hängen  des  Handelns,  das  lebendige
        <pb n="245" />
        220

Die  Herrschaft  des  Wortes'

habe  es  angedeutet,  wie  sich  der  Mutterwitz  dafür  einsetzt,  daß  man
der  Wiederkehr  und  neben  ihr  zunächst  der  Macht  gedenkt.  In  solcher
Weise  leiten  sich  auch  die  höheren  Formeln  aus  dem  persönlichen
Gebaren  her,  das  im  Handeln  rege  ist.  Sie  selbst  jedoch  beziehen
sich  abermals  nur  auf  unpersönliche  Hergänge.  Sie  entsprechen ­
  ja  den  Spielarten  des  zuständlich  erfaßten  Zusammenhangs
im  Handeln,  der  Gliederung.  Ich  weise  noch  darauf  hin,  wie
äußerst  verwickelt  das  Gebaren  ist,  das  jenen  Hergängen  unterliegt.
Dennoch  schöpfen  die  Formeln,  mit  denen  uns  diese  Hergänge  erfaßbar ­
  werden,  gleichsam  den  Rahm  ab.  Sie  bergen  den  leitenden
Gedanken  in  sich,  bei  dem  jene  verwickelten  Gebaren  am  letzten
Ende  scheiteln.  So  bewähren  sich  auch  diese  höheren  Formeln  zugleich ­
  als  Schlüssel  und  Wegweiser.
Für  ihre  Fassung  gilt  es  nicht  minder,  daß  man  sich  aus  dem
Handeln  gleichsam  heraussteilen  muß.  Wie  nun  der  Einzelne
seine  Lage  mit  dem  Blick  zugleich  auf  Wiederkehr  und  Macht  erwägt,
so  lebt  auch  der  nämliche  Geist,  die  gleiche  Regung  des  Mutterwitzes,
in  der  Formel.  Sie  faßt  aber  den  Hergang  ins  Auge,  gleichviel,
wer  derlei  Erwägung  wirklich  vornimmt.  Der  Hergang  ist  als  solcher
gemeint,  der  sich  zwischen  einer  unbestimmten  Vielheit  von
Handlungen  abspielt.  Handlungen,  die  in  solcher  Unbestimmtheit
zuständlich  erfaßbar  sind,  stellen  sich  dann  schlechthin  als  ein  Handeln
dar;  in  dieser  Art  reden  wir  etwa  von  unserem  „Essen“,  oder  von
unserem  „Arbeiten“.  Wir  zielen  dabei  auf  eine  unbestimmte  Folge
von  Handlungen  ab,  die  eine  Wiederkehr  begründen,  weil  der  Zweckgehalt ­
  im  Streben  aller  einzelnen  Handlungen  wiederkehrt;  z.  B.
kommt  es  stets  wieder  darauf  an,  unseren  Hunger  zu  stillen,  unserem
Geschmack  zu  fröhnen.  Diese  Reihe  von  Streben,  deren  Zweckgehalt
wiederkehrt,  fließt  vor  unserem  rück-  oder  vorschauenden  Blick  zu
Einem  Streben  zusammen,  abermals  zuständlich  erfaßt;  es  sei  hier
von  einem  Dauerstreben  gesprochen.  Für  diese  Art  zuständlich
erfaßtes  Streben  sind  uns  eigene  Ausdrücke  verfügbar;  wir  reden  etwa
von  der  „Ernährung“,  oder  von  der  „Erholung“,  oder  der  „Pflichterfüllung“. ­
  Es  ist  klar,  daß  wir  aus  der  Rückschau  und  Vorschau ­
  vor  allem  das  Handeln  ins  Auge  fassen,  das  solchen
Dauerstreben  antwortet.  Auf  etwas  anderes  könnte  sich  auch
die  Gliederung  nicht  beziehen;  auch  in  jener  Einheit  nicht,  die  je
einem  Gebilde  unterliegt.
Anmerkung:  Auch  die  Struktur  der  Gebilde  bezieht  sich  stets  auf
diese  Dauerstreben.  Ihren  Zweckgehalt  machen  wir  uns  als  die  ver ­
        <pb n="246" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XIII.

221

schiedenen  „Zwecke“  klar,  denen  das  Gebilde  mit  seiner  Struktur  angepaßt
erscheint,  als  „Einrichtung“.  Dauerstreben  können  auch  aus  der  Gliederung ­
  selber  abgeleitet  sein.  Sie  entspringen  dann  dem  Wechselspiel
zwischen  Wiederkehr,  Not  und  Macht;  man  denke  an  „Leitung“,  an  „Ordnung“, ­
  an  „Buchführung“;  aber  z.  B.  auch  an  die  „Rüstung  für  Angriff  und
Verteidigung“,  die  sich  scheinbar  auf  kaum  Absehbares  bezieht;  in  dieser
mittelbaren  Art  wird  überhaupt  auch  aus  dem  „Unvorhersehbaren“  ein  Moment
des  Strebens,  und  somit  der  Struktur.  Jene  abgeleiteten  Streben  drängen
noch  im  Kreise  der  übrigen  zur  Gliederung.  Zugleich  bedeuten  sie  den
Umweg,  auf  dem  sich  auch  die  „wirtschaftlichen  und  „gesell
schaftlichen“  Zusammenhänge  für  die  Struktur  des  Gebildes  zur  Geltung
bringen.  Auch  sie  regeln  dann  die  Umformung  und  bedingen  die  Art,  wie
das  Handeln  nun  im  engeren  Sinne,  an  der  Hand  der  Umformungen,  zuständlich
  erfaßbar  wird.
Diese  abgeleiteten  Streben  treten  um  so  deutlicher  hervor,  je  umspannender
  das  Gebilde  ist;  je  bedeutsamer  also  schon  die  Gliederung
ist,  die  ihm  unterliegt.  Bei  den  umspannendsten  Gebilden  sind  wir  dann
leicht  geneigt,  überhaupt  nur  diese  abgeleiteten  Streben  in  Rücksicht  zu
nehmen!  Wir  gelangen  damit  zu  der  trügerischen  Vorstellung,  als  ob  ein
„privates“  Leben  von  einem  „öffentlichen“,  „politischen“  Leben  gleichsam
überwölbt  wäre;  und  weiter,  als  ob  der  „Staat“,  die  „Gemeinde“  mit
nichts  anderem  als  jenem  Überbau  zu  tun  hätte;  der  natürlich  nicht  als
das  früher  erwähnte  „Übereinander“  des  umgeformten  Geschehens  gemeint
wäre.  In  Wahrheit  ist  auch  nach  unten  hin  die  Eine  Allbedingnis  innerhalb
des  Gebildes  rege,  unmittelbar,  oder  irgendwie  vermittelt.  Unser  „privates“
Leben,  wie  wir  es  führen,  ist  im  wesentlichsten  Sinne,  nicht  bloß  „seitenweise“, ­
  aus  seiner  Eingliederung  in  „Staat“,  „Gemeinde“  usw.,  bedungen.
Bedingungen,  von  denen  es  gar  nicht  ablösbar  ist!  Der
«staatenlose“  Zustand  kann  sich  nicht  etwa  auf  das  „Tierleben“  berufen,
das  ist  auf  ganz  anderen,  uns  fremden  Gleichungen  des  Zusammenhanges
aufgebaut:  die  Vorstellung  selber  ist  ein  Gedankenfehler,  und
jener  Zustand  nur  in  schwacher  Annäherung  als  das  „Chaos“  ausmalbar,
dem  sofort  Gebilde  neu  entsteigen  müßten!
Jene  Vorstellung  ist  ein  Widerspruch  in  sich,  dem  aber  die  Bahn  geebnet ­
  ist,  eben  durch  den  Trug  jener  Scheidung  zwischen  dem  „privaten“
und  einem  „öffentlichen“  Leben.  Auch  die  letztere  besagt  eine  Willkür,  die
unter  Umständen  klärend  wirkt;  wir  müssen  oft  genug  von  „öffentlichem“
und  „privatem“  Leben  sprechen,  'um  uns  im  wogenden  Geschehen  zurechtzufinden. ­
  Zum  Trug  wird  auch  diese  Scheidung  erst,  sobald  man  an  ihren
sachlichen  Ernst  glaubt.  Es  liegt  aber  nahe,  wenn  es  in  Kürze  auch  nicht
darzulegen  geht,  daß  uns  in  solchem  Trug  am  meisten  noch  die  juristische
        <pb n="247" />
        222

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Denkweise  bestärkt;  wobei  ich  mehr  als  die  Trennung  zwischen  „privatem“
und  „öffentlichem“  Rechte  im  Auge  habe.  Es  genüge  die  Andeutung,  daß
uns  gerade  die  juristische  Auffassung  den  Gedanken  an  eine  „Gesellschaftsordnung“ ­
  aufdrängt;  als  etwas,  das,  trennbar  vom  Geschehen
selber,  in  das  Geschehen  hineingelegt  würde;  eine  Vorstellung,  die
knöchern  bleibt,  auch  wenn  man  jene  „Gesellschaftsordnung“,  für  welche
eben  das  „Recht“  einstünde,  mit  dem  „Lebenszweck  der  Gesellschaft“  in
Beziehung  bringt.  Nun,  in  diesem  verknöchernden  Sinne  muß  ich  mir  zuerst
etwas  Starres  denken,  wenn  ich  „sprengen“  will;  so  erscheint  gerade
die  juristische  Denkweise  als  der  Wurzelgrund  für  den  Wahn  eines
„staatenlosen“  Zustandes.  Anarchistisch-theoretisches  Denken  ist  gleichsam
nur  als  ein  pervers-juristisches  möglich.
Es  war  oben  anzudeuten,  wie  das  Geschehen  aus  Eigenem  zu
seiner  Regelung  drängt,  wo  einmal  die  Wiederkehr  in  Frage
kommt;  was  aber  schon  mit  dem  Handeln  selber  zutrifft,  da  ja  nur  die
theoretische  Erwägung  das  Beachten  der  Wiederkehr  zur  Beachtung  von
Not  und  Macht  erst  hinzutreten  läßt.  Mit  allem  Zuständlichen,  das
vom  Handeln  in  das  Spiel  seiner  eigenen  Determinanten  hineingetragen  wird,
um  nun  erst  recht  der  Wiederkehr  Vorschub  zu  leisten,  wird  auch  jene
Regelung  des  Geschehens,  die  sich  in  Brauch,  Sitte  und  Recht  festlegt,
gleichsam  aus  dem  Geschehen  selbst  geboren!  Ich  denke  hier
an  kein  „Naturrecht“;  in  der  gleichen  Richtung  vielmehr,  in  der  von  dem
Schematismus  des  „Naturrechts“  das  „positive  Recht“  absteht,  tut  es  von
dem  Schematismus  des  letzteren  erst  noch  jenes  Recht,  das  ich  hier  meine.
Seine  rein  tatsächliche  Beziehung  zum  „Gewohnheitsrecht“  kann  außer  Erörterung ­
  bleiben.  Diesem  eingeborenen  Recht  nicht  wehe  zu  tun,  ist  ja
das  notwendige  Strebeziel  aller  legislativen  Bemühung.  Es  spricht  sich  z.  B.
auch  darin  aus,  daß  sich  „Gesetze“  nicht  sofort  in  juristischer  Denkweise
schaffen  lassen;  man  sucht  zuerst  in  die  Hergänge  des  Geschehens,  als
solches,  einzudringen.  Der  volle  Einklang  zwischen  jenem  eingeborenen  und
dem  „positiven“  Rechte  wird  stets  ein  unerfüllbares  Ideal  bleiben.  Das
„positive“  Recht  wird  immer  zu  einer  Verspreizung  im  Spiele  der
Determinanten  führen,  an  dem  es  im  Sinne  der  „Rechtskraft“  teilhat.  Es
kann  weder  mit  dem  Wechsel,  noch  mit  dem  Wandel  des  Geschehens
Schritt  halten;  es  könnte  anders  gar  nicht  praktisch  werden.  Das  Geschehen
ist  dauernd  in  jenem  Kampfe  mit  dem  Rechte,  der  mit  der  Verletzung
eines  Gesetzes  nichts  zu  tun  hat;  nur  mit  der  Art,  wie  es  als  Druck
und  Fessel  empfunden  wird;  und  natürlich  um  so  mehr,  je  energischer ­
  es  in  der  Determination  mitspielt,  je  praktischer  die  „Rechtskraft“
eines  Gesetzes  wird.  Wir  sind  im  allgemeinen  geneigt,  mehr  an  das  „veraltete“ ­
  Recht  zu  denken;  in  dieser  Hinsicht  ist  ja  allerdings  das  Recht  ganz
        <pb n="248" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XIV.

223

besonders  die  Form,  in  der  die  Vergangenheit  der  Gegenwart  im  Magen
Hegt.  Aber  das  „veraltete“  Recht  hat  doch  das  Ehrwürdige  für  sich;  und
.schließlich,  wenn  es  nicht  gleich  von  Anfang  an  „dehnbar“  war,  wird  es  im
Altern  „brüchig“.  Das  „verfrühte“  Recht  aber,  das  gegen  „organische
Weiterbildung“  verstößt,  das  ist  nackt  und  hart  ein  Unheil  des  Geschehens.
Durch  sein  Einspielen  wird  die  Determination  des  Geschehens  leicht  bis  zur
Unterbindung  des  letzteren  verspreizt.  Auf  ein  „Sprengen“  läuft  es
auch  hier  bloß  für  eine  verknöcherte  Auffassung  hinaus;  aber  das  Geschehen
kann  versiegen,  die  Allbedingnis  seiner  Gebilde  abreißen,  diese  selber
also  können  zerfallen.  Verhältnisse,  die  für  zahllose,  und  z.  T.  auch
höchst  unerfreuliche  Entwicklungen  den  Schlüssel  bieten!  Man  braucht  nur
zu  bedenken,  daß  hier  das  Geschehen,  wenn  ihm  sein  eingeborenes  Recht
gar  zu  sehr  vorenthalten  bleibt,  im  Lebensnerv  getroffen  wird;  dann  ist  es
kaum  mehr  eine  Frage,  was  gründlichere  Arbeit  tut:  der  Anarchismus  des
Dynamits,  oder  der  Anarchismus  der  Paragraphen,  den  zuweilen
die  hehren  Worte  „Recht“  und  „Gesetz“  verhüllen!  Dort  ist  die  Absicht
schlecht,  die  Wirkung  schlimm;  hier  ist  die  Absicht  gut,  die  Wirkung  um
so  schlimmer.  Die  Sache  ist  da  und  dort  wortselig  verkannt,  aber  nur  der
gutgemeinten  Verkennung  ist  sie  schutzlos  ausgeliefert.

XIV.
Jener  leitende  Gedanke,  der  in  unsere  Formeln  eingeht,  zielt  auf
a s  Verhältnis  ab,  in  das  man  verschiedene  Dauerstreben
einander  bringt;  einmal  dem  Austrag  gemäß  zwischen  Wiederda ­
  k  Un ^  ^ aC ^’  dann  zwischen  Wiederkehr  und  Not.  Kern  des  Gea
 °  en . s  Heide  Male  die  Art  jenes  Verhältnisses.  Aber  da  wie  dort
r  U  dieses  Verhältnis  so  in  Kraft  stehen,  daß  hieraus  eine  Gliede-S,
  eine  Weise  der  allseitigen  Bedingnis  des  erfüllenden
a n  e  ns  entspringt,  die  eins  ist  mit  einer  Gewähr  der  Andauer
^eses  Handelns.  Das  ist  der  Kehr  reim  aller  Gliederung,
denj^ 0  ln  ^nheit  vorwaltet,  daß  sie  uns  ein  Gebilde
M  w i r d  also  mit  jenem  leitenden  Gedanken  von  der
bed  4  ^  ^  Cine ’  VOn  der  Not  her  das  andere  Wort  über  die  Allsich
 Ung k nheit  gesagt ’  die  jedesmal  aus  vielerlei  Geschehen  eine  in
zerfall/d'  Cnde  ®^ n heit  begründet.  Vom  Boden  des  Erlebens  aus
unter  sich^ 68  Geschehen  in  Zeitreihen  wiederkehrender  Handlungen;
Zeit  weiterrollt mmenhängend ’  stellen  diese  den  ” Kreis “  vor,  der  in  die
ge  von  der  Allbedingnis  schlechthin  die  Rede  war,  lag  nur
        <pb n="249" />
        224

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

offen,  wie  wir  Gebilde  denken;  man  rechne  die  Umformungen,  die
auf  der  Grundlage  der  Gliederung  unser  gestaltender  Geist  vornimmt,
stets  noch  hinzu.  Nun,  da  wir  den  Inhalt  der  Allbedingnis  mit  den
Formeln  aussprechen,  einmal  als  ein  Austrag  zwischen  Wiederkehr  und
Macht,  dann  zwischen  Wiederkehr  und  Not,  wird  uns  die  Gliederung,
die  hier  eine  Einheit  des  Handelns  begründet,  erst  recht  verständlich.
Damit  erhellt  also,  warum  wir  diese  Gebilde  denken;  was  das  gleiche
sagen  will,  warum  Geschehen  in  solcher  Einheit  erlebt  wird.  Man
darf  diese  Gebilde  gleichsam  als  eine  Aufzucht  unseres  Mutterwitzes ­
  ansehen;  jedoch  nur,  um  sich  klarzubleiben,  in  welchem
Sinne  hier  unser  Denken  nichts  Vorgegebenes  vor  sich  sieht.  Zweifellos
ist  ein  Recht  da,  von  „schöpferischen  Begriffen“  zu  reden,  die  sich  in
den  einzelnen  dieser  Gebilde  ausleben.  In  allgemeiner  Hinsicht
aber  darf  man  nicht  übersehen,  daß  unser  Denken  für  den  Teil
dieser  Gebilde  in  starre  Bedingungen  eingeengt  istl  Auch
diese  Höchstgebilde  stehen  in  der  Gewalt,  ihrer  allgemeinsten  Art
nach  aber  stehen  auch  sie  nicht  im  Belieben  unseres  Denkens.  In
welchem  Sinne  das  letztere  an  Bedingungen  gebunden  ist,  das  kommt
mittelbar  gerade  mit  unseren  Formeln  zum  Ausdruck.
Anmerkung:  Wie  schon  früher,  ist  auch  hier  die  Tatsache  gestreift,
daß  solche  Gebilde  selbst  dem  vorschauenden  Denken  ein  Gegebenes
sind,  daß  sie  selbst  für  das  am  Erleben  beteiligte  Denken  gesetzt  erscheinen; ­
  näher  wüßte  ich  dies  auch  an  dieser  Stelle  nicht  auszuführen.  Es
sind  ja  alle  Ansätze,  die  in  dieser  Richtung  gehen,  nur  durch  ein  Denken
minderer  Strenge  dargeboten;  ein  Denken,  das  bloß  mit  Rohbegriffen,
„Macht“,  „Not“,  „Wiederkehr“,  arbeitet.  Da  läßt  sich  ein  Gedanke  schwer
fortspinnen,  der  in  die  heikelsten  Verwicklungen  eindringen  müßte.  Ich
wage  nur  den  Hinweis,  daß  auch  die  Logik  —  hier  als  Erkenntnis  unseres
Gedanken-Alltags  genommen  —  wenn  sie  den  starren  Bedingungen  nachgeht,
in  die  unser  Denken  bei  seiner  Bewegung  eingeengt  ist,  nie  vor  etwas  anderem
steht,  als  vor  der  Welt  der  Erlebungen!  „Schlüsse“,  „Axiome“  usw.
sind  vom  Boden  der  bloßen  Empfindungen  aus,  die  man  aus  der  Gedankenbewegung ­
  im  Walten  der  Abstraktion  auslösen  kann,  einfach  ungreifbar.
Es  spukt  hier  die  Frage,  ob  man  auch  von  einem  „Parallelismus  der  Erlebungen“ ­
  reden  müßte.  Da  wäre  im  voraus  nur  Eines  klar,  angesichts  des
fundamentalen  Abstandes  zwischen  Erlebung  und  Erscheinung:  Zum  „Parallelismus ­
  der  Erscheinungen“  bestünde  kaum  mehr  als  eine  Namensverwandtschaft.
  Was  dem  Einen  billig,  müßte  dem  Anderen  durchaus  nicht  recht
sein.  Es  könnte  sich  in  jener  Richtung  z.  B.  gleichsam  um  eine  Gabel
handeln,  deren  Griff  das  Ich  in  der  Hand  behielte,  auch  wenn  das  Erleben
        <pb n="250" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XV.

225

von  irgendeinem  Punkte  aus  in  die  zwei  Zinken  sich  teilen  würde.  Z  u  -
sammenhang  wäre  da  wie  dort,  wie  schon  im  Ungeteilten,  die  Losung.
Wo  nun  das  Handeln  mehrerer  Personen,  kraft  eines
erzielten  Gleichgewichtes  unter  ihren  Dauerstreben,
in  solcher  Gliederung  vollzogen  wird,  daß  mit  ihr  eine
Gewähr  für  die  Andauer  dieses  Handelns  geboten  ist,
dort  sei  der  Hergang  im  Geschehen  ein  Gesellen  genannt.  Diese
Formel  ist  die  einzige,  deren  Namen  es  gelingt,  das  Unpersönliche
des  Herganges  zu  betonen.  Denn  von  der  Seite  irgendeines  Beteiligten ­
  aus  müßte  es  ja  lauten:  „sich  gesellen“.  Sich  mit  Anderen
zu  gesellen,  sei  es  helfend,  sei  es  herrschend,  solange  man  vom  Boden
des  Erlebten  aus  spricht,  das  wird  dem  Handelnden  persönlich
möglich.  Der  Ausdruck  „Gesellen“  bleibt  um  so  deutlicher  der  Art
Vorbehalten,  wie  eine  unbestimmte  Vielheit  von  Handlungen  zu  standlieh
  in  sich  zusammenhängt,  wobei  alle  Einzelheiten  grundsätzlich  in
der  Schwebe  bleiben.
Die  Formel  Gesellen  lehrt,  wie  uns  das  Zuständliche  Gebilde  von
der  Macht  her  durchsichtig  ist;  wie  es  uns  in  erster  Lime  verständlich ­
  wird,  aus  dem  Spiele  zwischen  Wiederkehr  und  Macht.  Im
Geiste  des  Gesellens  vor  unserem  Denken  erschlossen,  stellt  sich  das
Zuständliche  Gebilde  als  eine  Gesellung  dar.  Als  Gesellung  ist  das
Zuständliche  Gebilde  nur  einseitig,  und  eben  von  der  Macht  her  erfaßt.
Man  hält  dann  nur  die  machtbedingenden,  die  „gesellschaftlichen“  Zusammenhänge ­
  im  Auge.  Dieser  Formel  gebührt  aus  den  erläuterten
Gründen  der  Vortritt;  auch  hier,  in  der  Theorie.  Wie  es  früher  vom
vorschauenden  Denken  zu  sagen  war,  wird  dieser  Vortritt  auch
für  das  rückschauende  Denken  praktisch:  Wir  halten  uns  die
Zuständlichen  Gebilde  vor  allem  als  Gesellungen  vor  Augen.  Hier
färbt  nicht  etwa  die  juristische  Denkweise  an  der  urwüchsigen  ab.
Das  lebendige  Denken  ist  in  diesem  Punkte  aus  Eigenem  geneigt,
gleichsam  juristisch  zu  denken;  weil  nun  einmal  der  Blick  in  lebendige
Zukunft  sofort  auch  der  Regelung  des  Handelns  achten  läßt.

XV.
öie  Hälfte  über  diese  Einheiten
Mit  der  Formel  „Gesellen“  ist  nur  an  dem  Austrage
des  Handelns  gesagt.  Ihr  Fortbestehe  ^  dies  al i es  im  Erleben
zwischen  Wiederkehr,  Macht  und  Not.  m L lich)  den  Rest  jenes
miteinander  verschlungen  ist,  hier  wir  zweiten  Formel
Austrages  ganz  unabhängig  von  der  ersten  Ig
v.  Gottl-Ottlilienf  eld,  Wirtschaft  als  Leben.
        <pb n="251" />
        226

.Die  Herrschaft  des  Wortes 1

zu  fassen.  So  begründet  es  einen  weiteren  Hergang  im  Handeln,  wo
immer  aus  vielen  Dauer  streben,  kraft  eines  erzieltenAusgleiches
  unter  ihnen,  Handeln  in  einer  Gliederung  erfließt,
  die  eine  Gewähr  für  die  Andauer  dieses  Handelns
d  arbietet.
Diese  Formel  sei  vorerst  X  genannt;  es  fehlt  der  rechte  Anhalt,
ihr  sofort  einen  Namen  zu  erteilen.  Nur  im  früheren  Falle  war  es  im
voraus  klar,  wohin  der  Name  lauten  soll.  Die  Verbrüderung  der  Wiederkehr, ­
  im  eigenen  und  im  fremden  Handeln,  macht  ja  den  Handelnden
zum  „Gesellen“  anderer.  Deshalb  durfte  ich  auch  die  Zusammenhänge,
die  den  Formeln  Helfen  und  Herrschen  gemäß  sind,  und  die  gemeinsam
in  dem  Hergang  des  Gesellens  untergehen,  schon  vorgreifend  die  „gesellschaftlichen“ ­
  nennen.  Die  Nennung  rechtfertigte  sich  sofort  aus  dem
Sprachgefühle;  aber  nicht  in  allen  Fällen  darf  man  das  letztere  gleich
entscheiden  lassen.  So  war  es  zwar  richtig,  die  Zusammenhänge  hinter
den  Formeln  „Werten“  und  „Werben“  als  die  „wirtschaftlichen“  zu
bezeichnen  —  auch  dies  wird  sich  noch  besser  rechtfertigen  —  dagegen
würde  es  das  System  dieser  Nennungen  durchbrechen,  wenn  ich  hier
umgekehrt  die  Formel  nach  den  verwandten  Zusammenhängen  taufen
wollte;  in  diesem  Falle  wäre  es  auch  sachlich  verwirrend.  Das  sei
zum  Heile  der  Sache  erläutert.
Die  Anschauungen,  die  sich  im  urwüchsigen  Denken  über  seinem
Dienste  im  Handeln  niederschlagen,  drängen  stets  an  Worte  heran.
So  lehnen  sich  z.  B.  an  das  Wort  „Wirtschaften“  sämtliche  Anschauungen ­
  an,  die  ihren  Ersatz  durch  die  Formeln  Werten  und  Werben
finden,  auch  durch  die  Formel  X  und  jene  Formel  Y,  zu  der  uns  der
Gedankengang  erst  hinführen  soll.  In  allen  diesen  Richtungen  dient
das  nämliche  Wort  „Wirtschaften“  der  Bewegung  des  urwüchsigen
Denkens,  und  tut  es  aufs  beste.  Bei  dieser  Sachlage  kommt  es  schon
äußerlich  nicht  zu  einer  Unterscheidung  zwischen  den  verschiedenen
Hergängen;  genau  so  wenig  zu  einer  Scheidung  zwischen  Hergang
und  Gebaren;  und  erst  recht  nicht  zu  einer  Trennung  zwischen
dem  Fließenden  und  dem  Zuständlichen  im  Handeln.  Darüber
läßt  man  sich  im  urwüchsigen  Denken  überhaupt  keine  grauen  Haare
wachsen.  Kommt  es  gelegentlich  auch  auf  derlei  Feinheit  an,  verläßt
man  sich  auf  den  ganzen  Zusammenhang,  von  dem  das  Wort  emporgetragen
  wird.  Der  Zusammenhang,  und  das  Zusammenspiel  aller  begleitenden ­
  Umstände,  besorgt  dies  auch  getreulich  und  läßt  uns  selbst
ein  so  vielgeschäftiges  Wort  stets  wieder  richtig  verstehen.  Im  einzelnen
Falle  tritt  ein  anderes  Wort  zur  schärferen  Prägung  des  Gedankens
hinzu,  und  umgekehrt  gibt  das  überbotene  Wort  wieder  nach  anderen
        <pb n="252" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XV.

22/

15*

Richtungen  hin  Gastrollen.  Es  ist  wirklich  so:  Wir  denken  zwar  vornehmlich ­
  mit  Worten,  aber  nicht  in  Worten,  sondern  gleichsam  an
Worten;  ich  meine  natürlich  dort,  wo  es  uns  auf  richtiges  Denken
ankommt,  und  nicht  bloß  auf  den  Schein.  Wo  unser  Handeln  auf  dem
Spiele  steht,  da  nehmen  wir  im  allgemeinen  die  Sache  ernst;  Mundspitzen ­
  hilft  da  nichts,  da  muß  gepfiffen  sein.  Im  Theoretischen  bietet
sich  dann  eher  Gelegenheit  zur  Erholung.
Nun  wäre  es  schon  irrig,  die  aufgezählten  Formeln  als  die  verschiedenen ­
  „Bedeutungen“  des  Wortes  „Wirtschaften“  anzusehen;
oder  es  müßte  unter  Vorbehalten  geschehen,  die  von  der  gemeinten
Sache  kaum  etwas  übrig  lassen.  Grundsätzlich  ist  das  Wort  nicht
wegen  jener  Anschauungen  da,  und  die  letzteren  noch  viel  weniger
nur  des  Wortes  halber;  man  lügt  hier  dem  Worte  in  den  Sack,  was
ruhender  Besitz  unseres  Denkens  ist.  Zweitens  sind  die  Scheidungen,
die  sich  mit  den  Formeln  aus  prägen,  nicht  schon  für  jene  Anschauungen
gültig;  da  fließt  vielmehr  eines  ins  andere.  Man  hätte  auch  im  Hinblicke ­
  auf  den  Umfang  gefehlt.  Das  Wort  „Wirtschaften“  ist  durchaus ­
  nicht  an  den  Hintergrund  jener  Anschauungen  angenagelt.  Z.  B.
kommt  es  gleich  nur  aut  den  Zusammenhang  an,  und
der  „Sinn“  des  Wortes  neigt  zu  Helfen  und  Herrschen,
und  vor  allem  zu  Gesellen  hin;  wenn  sich  der  Hintergrund  dabei ­
  auch  nicht  vertauscht,  so  schieben  sich  doch  andere  Kulissen  ein.
Am  verkehrtesten  aber  wäre  es,  mit  dem  Worte  „Wirtschaften“  jenen
«Allgemeinbegriff“  vorhanden  zu  sehen,  dem  unsere  Formeln  die
«Teilbegriffe“  bedeuten.  Wie  es  schon  ausgeschlossen  ist,  daß  man
den  Inhalt  dieser  Formeln  aus  dem  Worte  „herausklaubt“,  so  stellen
diese  Formeln  noch  weniger  eine  „Differenzierung“  des  „Begriffes
Wirtschaften“  vor.  Jene  ungeklärten  Anschauungen  sind  als  ein  ungeklärtes ­
  Ganzes  an  dieses  Wort  angelehnt;  nebenbei  auch  an
andere.  Es  ist  da  gleichsam  nur  ein  Urschleim  der  Gedanken  vorhanden, ­
  die  nun,  im  Wege  des  Problemes,  zur  Gestaltung  gekommen ­
  sind.  Der  Bezug  zum  Worte  „Wirtschaften“  ist  selbst  noch  in
seiner  Verschwommenheit  kein  anderer  als  ein  zufälliger.  Man  übersehe
doch  nicht,  daß  solche  Wortschlacken  des  urwüchsigen  Denkens  für  das
freibewegte  nur  eine  lästige  Beigabe  sind;  nicht  aber  Stützpunkte
seiner  Bewegung,  wie  es  jener  Vorstellung  eines  „Differenzierens“
entspräche.
Gesetzt  nun,  ich  würde  für  unser  X  den  Ausdruck  „Wirtschaften“
als  Namen  dieser  Formel  wählen.  Dann  käme  zu  manchem  anderen
Mißverständnis  vor  allem  jenes,  als  stünden  hinter  dem  X  das  Werten
und  Werben  in  der  gleichen  Art,  wie  hinter  dem  Gesellen  das  Helfen
        <pb n="253" />
        228

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

und  Herrschen.  Damit  wäre  die  Sache  von  Grund  aus  verwirrt  Im
Geschehen,  dessen  Zusammenhalt  als  X  erfaßbar  wird,  sind  vom  Boden
des  Erlebens  aus  unter  Umständen  auch  vielfach  Zusammenhänge  wach,
dem  Werben  gemäß.  Die  Formel  X  selbst  jedoch  ist  nur  mit  der
Formel  Werten  näher  verwandt.  Sie  stellt  imZuständlichen  dar,
als  ein  Zusammenhalt,  was  die  Formel  Werten  im  Erlebten  bedeutet,
im  Sinne  einer  Art,  wie  bestimmte  Handlungen  Zusammenhängen.  In
diesem  bedächtigen  Sinne  darf  man  das  X  als  eine  Oberstufe  des
Wertens  ansehen.  Den  Aufstieg  von  dem  Werten  zum  Zusammenhalte ­
  X  kann  man  sich  am  persönlichen  Gebaren  deutlich
machen,  das  da  und  dort  betätigt  würde.  Nicht  mehr  von  Handlung
zu  Handlung  wird  über  den  Vorzug  in  der  Erfüllung  entschieden,  nicht
ein  schlichter  Abgleich  vom  einen  zum  anderen  Streben  geht  vor
sich;  es  geschieht  vielmehr  sofort  in  jener  Runde  herum,  über  die
schon  im  Geiste  der  Gesellung  entschieden  ist,  daß  man
alle  Dauerstreben  ins  rechte  Verhältnis  zueinander
setzt,  was  ihre  Erfüllung  anlangt.  Es  ist  kein  fortgesetztes
Werten,  sondern  ein  von  Haus  gedrungen  und  in  Einheit  vollzogener
Ausgleich.  Die  Verwandtschaft  zum  Werten  liegt  vor  allem  darin,
daß  auch  hier  dem  einzelnen  Dauerstreben  nur  zugebilligt  wird,  was  sich
mit  der  Rücksicht  auf  die  anderen,  hier  aber  gleich  auf  alle  anderen
verträgt.  Dieser  Ausgleich  ist  übrigens  klar  genug  ein  solcher,  der  nie
eigentlich  zur  Ruhe  kommt.  Es  ist  das  nämliche  wie  bei  der  Formel
Gesellen:  auch  dort  wird  man  das  Gleichgewicht  unablässig,  selbst
über  Störungen  hinüber,  zu  bewahren  suchen.  Dieses  Gebaren
muß  zunächst  einmal  im  richtigen  Gange  sein;  auch  dann  aber  läuft
es  weiter,  in  stetem  Wandel.  Eine  Andauer,  die  erstens  damit  im
Einklänge  steht,  daß  auch  die  Hergänge,  die  sich  in  diesen  höheren
Formeln  ausprägen,  beharren:  Geschehen  wälzt  sich  in  entsprechender
Gliederung  stetig  durch  die  Zeit!  Zweitens  ist  die  ewige  Unruhe,  die
hinter  diesen  Formeln  wach  bleibt,  schon  mit  ihrem  Bezug  zu  dem
schöpferischen  Begriffe  gegeben;  auch  der  muß  ja  im  ewigen
Wandel  beharren,  weil  sich  sein  Weiterdenken  nicht  vom  Fortbestehen
des  Gebildes  trennen  läßt.  Wenn  diese  Formeln  das  Skelett  des
schöpferischen  Begriffes  auslösen,  so  trifft  dies  deshalb  im  Wesen  zu,
weil  sie  nur  im  allgemeinen  auf  „einen“  Ausgleich,  auf  „ein“  Gleichgewicht ­
  Bezug  nehmen.  Alle  Einzelheiten,  mit  denen  erst  der  Wandel
in  beidem  vorliegt,  bleiben  ja  grundsätzlich  in  der  Schwebe.  Als  solcher
ist  der  Ausgleich,  und  als  solches  auch  das  Gleichgewicht  aber-  das
Verharrende,  solange  nicht  mit  dem  schöpferischen  Begriffe  auch  dem
Gebilde  der  Atem  ausgeht.
        <pb n="254" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XV.

229

Durch  die  Formel  X  wird  das  Zuständliche  Gebilde  einseitig  von
der  Not  her  erfaßbar;  stellt  es  sich  daraufhin  etwa  als  „Wirtschaft“
darf  Für  das  urwüchsige  Denken  eröffnet  sich  hier  tatsächlich  die
Möglichkeit,  das  Wort  „Wirtschaft“  zu  verwenden.  Mit  diesem  Worte
ist  es  um  kein  Haar  besser  bestellt  als  mit  dem  Worte  „Wirtschaften“,
und  mit  allen  anderen  abgegriffenen  Münzen  des  Gedankenverkehrs
lm  Alltage.  Vom  Boden  jener  Verwendung  aus  erscheint  „Wirtschaft“
uls  die  gedankliche  Volksausgabe  des  Zuständlichen  Gebildes,  sofern
es  nicht  von  der  Macht  her  betrachtet  wird.  Es  bildet  jedoch  eher
das  letztere  die  Regel,  weil  eben  schon  der  Handelnde,  als  solcher,
vielfach  an  der  juristischen  Denkweise  krankt;  da  wirft  die  Sorge  um
die  Regelung  des  Handelns,  die  von  dem  Wunsche  seiner  Andauer
unzertrennlich  ist,  schon  in  das  grünste  Leben  ihre  Schatten  hinein.
So  erhält  es  seinen  eigenen  und  tieferen  Sinn,  die  Worte  „Wirtschaft“
und  „Recht“  zu  paaren.  Im  übrigen  ist  auch  der  Ausdruck  „Wirtschaft“ ­
  viel  zu  flatterhaft,  um  ihn  getrost  auf  eine  ganz  bestimmte
der  Verwendung  festzulegen;  noch  dazu,  wenn  er  in  der  ganzen
Nachbarschaft  verwendbar  bleibt.  Es  gilt  von  allen  Worten  dieses
c  la £ es .  daß  sie  gleichsam  zu  schänden  gedacht  sind.  Der
a g  selber  verwendet  sie  zu  vielfach,  und  die  Theorie  hat  ihnen
un  ert  Definitionen  angehängt.  Für  einen  ehrlichen  Namendienst
taugen  sie  nichts  mehr.

Anmerkung:  Diese  kleinlichen  Erörterungen  waren  nicht  zu  vermeiden.
ra  e  das  freibewegte  Denken  spottet  im  allgemeinen  der  Sorge  um  den
muhten  ^ amen -  Es  kennt  ja  die  Furcht  vor  dem  Worte  nicht,  die  sich  daverrät.
  Es  herrscht,  und  die  Worte  dienen  ihm;  es  spannt  sie  über-^
  F  11  ur  als  richtige  Namen  vor,  statt  ihnen  definierend  nachzukriechen,
man  vergesse  nicht,  daß  hier  die  Majestät  des  Schlüsselwortes
,  lte  &amp;gt;  mit  ihm  und  seiner  Sippschaft  kam  die  Sache  hier  in  engste
^  run g-  Da  war  gute  Gelegenheit,  neben  die  grundsätzliche  Abkehr  von
Wo  t ”^ e * tWOrten “  auc h  den  Hinweis  zu  stellen,  wie  schlecht  sich  just  diese
e  mit  den  bescheidensten  Ansprüchen  an  Schärfe  und  Klarheit  vertragen.
nicht  k le * n hch  sich  diese  Erörterungen  trotzdem  ausnehmen,  man  darf
Th  VCr S essen ,  daß  sie  dazu  dienen,  zahllosen  Kleinlichkeiten  der
daß 60116  ^  Wasser  von  der  Mühle  zu  leiten.  Der  Laie  ahnt  freilich  nicht,
darin™ 111  ^  Wissensc haft  des  Alltäglichen  vielfach  immer  noch  „Theorie“
begriffi- rbllCkt ’  fÜr  dIe  vorhandene  Anzahl  von  Wortlivreen  stets  wieder  neue
Theorien^ 6  ^' eners&amp;lt;dla ^  anzuwerben;  an  der  Hand  von  Definitionen  und
Theorien'  Um  ^  niemand  weiter  schert  als  jene  Anderen,  die  fremde
n  und  Definitionen  nötig  haben,  um  zur  Güte  der  eigenen  doch  etwas
        <pb n="255" />
        230

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

sagen  zu  können.  Der  Laie  wüßte  es  nicht,  daß  man  die  Erkenntnis  des
Alltages  zu  fördern  glaubt,  indem  man  den  letzten  Sprach  wurzeln  jener  geheiligten ­
  Worte  nachgräbt,  über  die  alle  Theorie  ihren  Weg  nimmt;  jener
Worte,  die  draußen  die  abgehetzten  Diener  des  urwüchsigen  Denkens  sind,
während  ihnen  das  theoretische  Denken  Altäre  baut.  Diese  Verhältnisse
muß  man  würdigen,  um  einzusehen,  wie  not  da  ein  Aderlaß  an  Theorie
tut,  bei  der  die  Wissenschaft  nur  schwammiges  Wortwissen  ansetzt,  und  an
dem  unheilbaren  Übel  des  Wortstreites  siecht.  Gilt  dies  auch  nur  für  die
engen  Bereiche  der  Theorie  selber,  um  so  schlimmer,  wenn  sie  alle  Fühlung
mit  dem  eigentlichen  Forschen  verlieren  muß,  das  aus  gesundem  Instinkt
davor  bewahrt  bleibt,  von  diesen  Erbaulichkeiten  Notiz  zu  nehmen.  Im  Enderfolge ­
  steht  dann  neben  einem  Generalstab,  dem  das  Heer  fehlt,  ein  Heer
ohne  Generalstab.
Ich  rede  über  diese  fatalen  Dinge  um  so  unverhohlener,  als  ich  ja  selbst
eine  „werttheoretische“  Vergangenheit  zu  beklagen  habe.  Was  aber  jene
Erörterungen  anlangt,  die  in  ihrer  Kleinlichkeit  so  lang  geworden  sind,  daß
ich  sie  verlängern  mußte,  so  haben  auch  sie  der  Sache  gedient.  Ich  habe
damit  das  Nötigste  über  die  beiden  Formeln  auf  jenem  Umwege  gesagt,  daß
man  überhaupt  nur  vom  Worte  abzurücken  braucht,  um  der  Sache  nahezukommen. ­
  Das  ist  das  Gegenstück  zu  dem  Wahne,  daß  man  die  Sache
erfaßt,  wenn  man  das  Wort  umarmt.  Man  könnte  da  von  einer  „philologischen“ ­
  Klippe  des  nationalökonomischen  Denkens  reden,  wenn  es  nicht
die  juristische  wäre.
Die  rechte  Bezeichnung  für  die  Formel  X  leitet  sich  aus  dem
Namen  jener  Gebilde  her,  die  wir  ganz  besonders  im  Geiste  dieser
Formel  denken:  „Haushaltung“,  „Hauswesen“.  Hier  sind  die  „gesellschaftlichen“ ­
  Zusammenhänge  meist  viel  zu  einfach,  um  der
Gliederung  von  der  Macht  her  zu  gedenken:  „Familie“!  Auch
zeichnen  sich  Gebilde  dieser  niedersten  Schicht  durch  die  vergleichsweise ­
  größte  Buntheit  in  den  Streben  aus,  die  in  ihrem  Geschehen
atmen.  So  kommt  kein  einzelnes  Streben  dazu,  ihre  Struktur  so
entschieden  zu  beeinflussen,  daß  unser  geistiger  Blick  abgelenkt  würde
von  jenem  Ausgleich  unter  Dauerstreben,  der  uns  bei  diesen
Gebilden  als  das  Rückgrat  erscheint.  Nur  der  eine  „Zweck“,  der
auch  für  das  Anschauliche  dieser  Gebilde  das  große  Wort  führt,  prägt
sich  im  Namen  aus.  Deshalb  sei  die  Formel  X  Haushalten  genannt.
Wie  sich  das  Zuständliche  Gebilde  von  der  Macht  her  gesehen  als
Gesellung  darstellt,  so  von  der  Not  her  als  Haushalt.
Haushalten  und  Gesellen  sind  die  höheren  Formeln,  mit  denen
das  offene  Geheimnis  der  Allbedungenheit  ausgeplaudert  ist,  die  allen
        <pb n="256" />
        j  M  tM'Mirm-  -Mi

Haushalten  und  Unternehmen,  XVI.

231

Zu$tändlichen  Gebilden  innewohnt.  Sie  stehen  beide  für  jegliches ­
  Gebilde  in  Kraft.  Der  Formel  Gesellen  wird  man  es  kaum
bestreiten,  daß  sie  ein  Schlüssel  für  diese  Höchstgebilde  der  Schicksalswelt ­
  ist;  eher  noch  der  Formel  Haushalten.  Und  dennoch  steht
es  außer  Zweifel,  daß  kein  Handeln  von  Dauer  wäre,  bei  dem  nicht
auch  das  Spiel  zwischen  Wiederkehr  und  Not  in  die  Gliederung
dreinredet,  im  Geiste  dieser  zweiten  Formel.  Denn  Not  ist  stets  vorhanden. ­
  Man  darf  nicht  immer  nur  an  „Geld  und  Gut“  denken.
Gleich  die  Zeit,  z.  B.,  hat  die  schlechte  Eigenschaft,  daß  man  sie
nicht  „ausbauchen“  kann;  so  dart  es  vom  Boden  jener  Formel  aus
ausgedrückt  werden.  Besonders  auch  die  Erwägung  von  diesem  Boden
aus  pflanzt  uns  die  Neigung  ein,  alles  Geschehen  zu  einem  Schalten  mit
starr  Gegenständlichem,  mit  „Gütern“,  umzudenken.  Und  so  ziehen
wir  selbst  die  Zeit  als  etwas  „Verteilbares“  in  Betracht;  mag  sie  im
Grunde  auch  nur  der  Wettlauf  alles  Geschehens  sein,  und  „Zeitverlustnichts ­
  als  ein  Zurückbleiben  1  So  ergibt  sich  unter  anderem  ein
gesunder  Sinn,  das  Haushalten  auch  über  die  Macht  ausgedehnt  zu
sehen!  Das  sind  Nebendinge,  Hauptsache  nur,  daß  schon  aus  diesen
zwei  Formeln  verständlich  wird,  warum  sich  jene  Einheiten  im  Handeln
herausbilden,  auf  deren  Grundlage  dann  vor  unserem  Geiste  eine  erlebte
„Körperwelt“  ersteht.  In  dieser  Hinsicht  sind  Gesellen  und  Haushalten
von  einem  besonders  tiefen  Klang.  Sie  sind  es  auch,  wodurch  uns
über  das  wogende  Geschehen  um  uns  geistige  Gewalt  verliehen  ist.
In  dieser  Richtung  aber  würden  sie  nicht  völlig  hinreichen.  Art  und
Beruf  einer  dritten  Formel,  die  ihnen  ergänzend  zur  Seite  steht,
ergibt  sich  aus  dem  Verhältnisse  zwischen  Haushalten  und  Werben.

XVI.

l  _nft  oirh  ganz  im  all  ge
Der  Hergang  des  Haushaltens  Dauerstreben  -  e in  Ausmeinen ­
  auf  einen  Ausgleich  un  bleibt  eg  völbg  in  der
gleich,  der  aul  die  Erfüllung  abzie  .  erfüllbar  seien.  Hier
Schwebe,  in  welcher  Art  diese  Dauerstreben  ertu
o»  •—  - 1

•  äußersten,  zwischen  denen  beliebige
sind  zwei  Fälle  möglich,  als  jene  ers treben  können  sich  zunächst
Übergänge  denkbar  sind.  Von  den  der  Zweckgehalt  des  einen
je  zwei  wie  Mutter  und  Tochter  ver  a  Hier  tritt  es  ein,  daß
beruht  darin,  das  andere  erfüllbarer  zu  vQQ  Handlungen,  was
uns  als  ein  Handeln  gilt,  als  eine  Wie  a  kte  von  Handlungen
eigentlich  nur  die  Wiederkehr  bestimm  ».  t  j n  Zeitreihen
besagt;  und  diese  laufen  mit  ihren  übrigen  Akten
        <pb n="257" />
        232

( Die  Herrschaft  des  Wortes“,

nebenher.  Es  ist  auch  der  andere  Fall  möglich,  daß  im  Kreise  der
Dauerstreben,  die  einem  Ausgleiche  unterliegen,  das  eine  Streben  die
gemeinsame  Tochter  aller  übrigen  vorstellt.  Sein  Zweckgehalt
beruht  darin,  alle  anderen  Dauerstreben  erfüllbarer  zu  machen.
In  die  Zahl  aller  übrigen  „Zwecke“  ist  dann  auch  der  „Erwerbszweck“ ­
  eingeschlossen.  Das  ist  natürlich  nur  unter  bestimmten  Voraussetzungen ­
  möglich,  die  früher  anzudeuten  waren:  „Geld“!  Man
darf  aber  diesen  Ausdruck  nur  als  das  „Stichwort“  eines  hochverwickelten ­
  Sachverhaltes  nehmen.
Für  das  persönliche  Gebaren,  das  unter  dem  Hergange  des
Haushaltens  waltet,  wirkt  jener  Wechsel  überaus  einschneidend.  Da
macht  es  einen  gewaltigen  Unterschied  aus,  ob  ein  Vielerlei  des
Handelns  vollzogen  wird,  von  dem  sich  jedes  auf  eigene  Faust  zum
Erfolge  durchschlägt;  oder  ob  es  an  den  Erfolg  der  einen  Art
Handeln  gebunden  ist,  in  welchem  Ausmaße  alles  andere  sich  vollziehen
läßt:  ob  also  ein  „Erwerben“  eingreift,  das  nach  seinem  einheitlichen ­
  Bezug  auf  das  Geschehen,  über  den  Ausgleich  aller  Dauerstreben
hinweg,  als  jenes  „Einwerben“  erscheint,  das  im  Gebilde  gut  und  bös
Wetter  macht.  Aber  trotzdem  in  diesem  Fall  auch  der  Hergang  des
Werbe  ns  einspielt,  wird  davon  immer  nur  die  besondere  Art  des
Ausgleiches  berührt.  Für  den  Hergang  des  Haushaltens  ändert  sich
nichts,  weil  es  auf  den  besonderen  Zweckgehalt  der  Dauerstreben
gar  nicht  ankommt.  Es  tritt  der  „Erwerbszweck“  aufs  Haar  so  in
Wettbewerb  mit  allen  übrigen,  wie  es  etwa  der  „Wohnzweck“  oder
irgendein  anderer  „Zweck“  tut.  Nach  wie  vor  bleibt  das  Haushalten
die  eigentümliche  Oberstufe  des  Wertens;  denn  im  Grundsätze
ändert  sich  nicht  das  mindeste.
Wohl  in  derTatsache  aber  kann  etwas  Platz  greifen,
das  uns  auf  jene  dritte  Formel  verweist.  Ich  schalte  den
Hinweis  ein,  daß  jederzeit  eines  der  Dauerstreben,  die  vom  Ausgleich
umklammert  sind,  den  Anlaß  zum  Sprossen  eines  Tochtergebildes
geben  kann:  ein  Gebilde,  das  trotz  seiner  eigenen  Gliederung  noch  in
jener  des  ursprünglichen  Gebildes  eingehängt  bleibt.  Im  rollenden
Kreise  rotiert  dann  ein  kleinerer  irgendwie  mit.  Damit  ist  nur  eine
der  mancherlei  Verwicklungen  gestreift,  denen  ich  hier  nicht  nachgehen
kann.  Auch  jenes  Tochtergebilde  ist  dann  für  sich  erfaßbar;  einmal
als  eine  Gesellung,  mit  der  zugleich  irgendeine  Personalunion  io
Kraft  steht,  und  das  andere  Mal  als  Haushalt  für  sich.  Es  wird  ihm
auch  seine  eigene  „technische  Formel“  entsprechen.  Diese  kann
recht  einfach  sein,  wenn  es  nur  ein  einzelnes  Dauerstreben  war,  über
dem  das  Gebilde  als  Schößling  des  Muttergebildes  aufgewachsen  ist-
        <pb n="258" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XVI.

233

Unsere  Alltagskenntnis  käme  selbst  für  diese  „technischen  Formeln“
nicht  mehr  nach.  Ganz  anders  aber,  wenn  der  „Erwerbszweck“
der  Gehalt  des  Dauerstrebens  ist,  über  dem  sich  das  Tochtergebilde
ausgestaltet  hat.  Auch  Dieses  ist  dann  für  seinen  eigenen  Teil  als
Gesellung,  und  es  ist  als  Haushalt  erfaßbar;  es  wird  auch  einer
»technischen  Formel“  gehorchen,  die  von  einem  zum  anderen  Falle
wechselt.  Daneben  freut  sich  das  Gebilde  jedoch  einer  Gliederung,
die  an  seiner  Grundlage  mitbaut,  und  die  in  allen  Fällen  die  gleiche
lst 5  denn  sie  hängt  an  der  Eigenart  des  Strebens,  das  für  die  Abschnürung ­
  maßgebend  war.
Ein  Dauerstreben,  das  den  „Erwerbszweck“  zum  Gehalt  hat,
erweist  sich  stets  in  einer  eigentümlichen  Weise  als  ein  doppeltes.
le  jedes  andere,  ist  es  zunächst  auf  einen  Erfolg  gerichtet,  der
schon  für  seinen  eigenen  Teil  erfüllt  sein  will.  Die  Art,  wie  das
auerstreben  zu  diesem  Erfolg  hinführt,  prägt  sich  in  der  „technischen
ormel“  aus.  Dieser  „technische  Erfolg“  ist  aber  gleichsam  nur  die
attel,  von  der  aus  das  Dauerstreben  erst  nach  dem  „Erwerb“  langt.
&amp;lt; ' m  »technischen  Erfolg“  ist  kein  „Zweck“  vorgelagert,  der  sich
er  genügt;  seine  Verfolgung  erscheint  nur  als  jener  „Weg  zum
rwer bszweck“,  der  das  Handeln  in  Andauer  am  „Erwerbe“  ausmunden ­
  läßt,  wenn  es  ihn  richtig  beschreitet.  Diese  Unterordnung
ein en  „Zweckes“,  sagen  wir  des  „technischen“,  unter  den  „Erwerbsauch^
  nUD  etwas ’  das  allem  Wechsel  des  ersteren  und  daher
R^h  k e i  aller  Buntheit  der  „technischen  Formel“  verharrt.  In  dieser
un g  Ußt  sich  also  über  die  Allbedungenheit,  die  einem  solchen

Tochtergebilde

Neben  dem  Austrage  zwischen  Wiederkehr  und  Macht  sowie  Wiederkehr ­
  und  Not,  kommt  hier  ein  weiterer  Austrag  in  Betracht.  Jene
den  das  vorschauende  Denken  zwischen  der  Wiederkehr  rech  ts&amp;gt;,
jenem  Sachverhalte  links  einleitet,  an  den  das  Wort  „Ge  g  *
Ein  „Grundverhältnis“  darf  man  auch  dahinter  nicht  suchen  ^ungleich
weniger,  als  in  der  Richtung  der  Wiederkehr  Gesellen  und  -
h ^ten  bleiben  ja  davon  ganz  unberührt;  sie  erhalten  nur  in  bestimmten
Urenzen  eine  Assistenz.  ,.  .  ..
,  Jener  Sachverhalt  hat  schon  den  Umschlag  strebiger  m  seitliche ­
  Zusammenhänge  bewirkt,  auf  den  bei  der  Formel  Werben  angespielt
  wurde.  Hier  bringt  er  es  zuwege,  daß  eine  strebige  Gliedere ­
  im  Handeln,  der  nur  eine  „technische  Formel“  gerecht  wird
nebenbei  zu  einer  Gliederung  umschlägt,  die  eine  dritte  höhere  Formel
gestalten  läßt.  Diese  Formel  Y  sagt  jenen  Hergang  aus,  bei  dem
aus  dem  Dauerstreben,  alle  ausgleichsverwandte

im  Herzen  steht,  noch  ein  drittes  Wort  sprechen.
        <pb n="259" />
        234

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Dauerstreben  erfüllbarer  zu  machen,  ein  Handeln  erfließt,
  das  kraft  der  Unterordnung  des  „technischen“
unter  den  „Erwerbszweck“  von  einer  Gliederung  ist,
die  eine  Gewähr  für  seine  erfüllende  Andauer  bietet.
Anmerkung:  Ich  betone  hier  die  Erfüllung,  weil  das  Gebilde  an  den
„Erwerbszweck“  gebunden  erscheint;  da  ist  keine  Verschiebung,  keine
Unterdrückung  von  Streben  möglich,  wie  es  der  Hergang  des  Gesellens,  auch
der  des  Haushaltens  mit  sich  bringen  muß.  Das  „Abhängig-Variable“  stellt
im  Gebilde  die  strebige  Gliederung  und  der  „technische  Zweck“  selber  dar;
nur  schießen  auch  bei  diesem  Hergange  die  Beziehungen  viel  zu  dicht  durcheinander, ­
  um  dies  nicht  in  sehr  verständigem  Sinne  zu  meinen.  Der  „Erwerbszweck“ ­
  ist  selber  ein  Abhängiges;  da  macht  sich  die  Einhängung  des
Tochtergebildes  in  die  Gliederung  des  Muttergebildes  geltend.  Soweit  der
Ausgleich  im  Muttergebilde  im  Sinne  der  „Lebenshaltung“  vor  Anker  liegt,  was
abermals  nur  bedingt  gilt,  stellt  er  den  einen  unter  mehreren  Polen  vor,  die
einem  ganzen  Systeme  zum  Ausgang  werden;  jenem  Systeme  seitlichen  Zusammenhanges ­
  im  Handeln,  das  sich  z.  B.  in  der  „Preisbewegung“  spiegelt.
In  stetem  Bezüge  auf  die  Formel  X  ließe  sich  der  Sinn  dieses  Systems  einseitig ­
  als  das  „Behaupten  der  einkömmlichen  Preisabstände“
andeuten.  Dieses  System  haftet  in  der  verschiedensten  Weise  an  dem  Gleichgewichte ­
  und  dem  Ausgleiche  innerhalb  von  Gebilden,  die  in  buntester
Eingliederung  und  Angliederung  fortbestehen.  Ihre  schildernde  Auflösung
kann  da  allein  nach  allen  Richtungen  Erkenntnis  bringen.  Dies  nur  als  eine
oberflächliche  Andeutung,  wie  man  an  der  Hand  dieser  schlichten  Formeln
auch  in  Bereiche  eindringen  kann,  die  unter  dem  Wortnebel  im  Schatten
der  Mystik  ruhen.
Wie  sich  das  Haushalten  zum  Werten  stellt,  so  der  Hergang  Y
zum  Werben.  Ein  Zusammenhalt  im  Zuständlichen  ist  dort  im  gleichen
Geiste  vorhanden,  wie  mit  dem  Werben  ein  Zusammenhang  unter  den
Handlungen.  Diese  dritte  höhere  Formel  ist  den  zwei  anderen  nicht
ebenbürtig.  Sie  bedeutet  den  ergänzenden  Schlüssel  nur  für  eine
besondere  Art  der  Zuständlichen  Gebilde.  Nun  tragen  die  Gebilde,
die  uns  ganz  besonders  aus  der  dritten  Formel  verständlich  sind,  den
Namen  „Unternehmung“  —  ein  Ausdruck,  der  weit  über  diesen
Namendienst  hinaus  beschäftigt  ist.  Immerhin  hält  es  sich  im  Ritus
dieser  ganzen  Taufen,  wenn  ich  für  dieses  Y  den  Ausdruck  Unternehmen ­
  als  Namen  der  letzten  Formel  wähle.  Die  „Unternehmung“
aber  läßt  sich  nur  der  „Haushaltung“,  oder  der  „Gemeinde“,  oder  dem
„Staate“  zur  Seite  stellen;  sie  versinnlicht  eine  unter  den  zahllosen
Familien,  in  die  sich  das  Volk  der  Zuständlichen  Gebilde  schon  für
        <pb n="260" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XVII.

235

das  urwüchsige  Denken  zu  teilen  scheint  —  Scheidungen,  die  von  Haus
aus  keine  scharfen  sind,  wie  es  einmal  in  der  Welt  des  Handelns  nicht
anders  ist;  da  geht  mehr  oder  minder  alles  mit  fließenden  Grenzen  ineinander ­
  über.  Die  „Unternehmung“  selber  tritt  etwas  aus  der  Reihe
heraus;  oder  besser  gesagt,  die  Gebilde,  die  sich  so  nennen  ließen,
weil  sie  der  Formel  Unternehmen  zu  ihrem  rechten  Verständnis  bedürfen.
Nur  diese  Art  Gebilde  läßt  das  Geheimnis  ihrer  Gliederung  erst  mit
einem  dritten  Worte  ausplaudern.

XVII.
Es  liegt  im  Wesen  der  Formel  Unternehmen,  daß  sie  nur  als
Schlüssel  für  Tochtergebilde  dienen  kann;  nur  für  Gebilde  a  ,
die  nicht  bloß  in  jenem  tatsächlichen  Sinne  mit  an  eren  ln  er
bindung  stehen,  der  für  alle  Höchstgebilde  der  Schicksalswelt  zutrifft
bald  in  der  Art  eines  Anschlusses,  bald  in  der  Art  eines  Einschlusses.
Dieser  Einschluß  gilt  für  die  Sippe  der  „Unternehmungen'  ganz  w  e  s  e  n  t  -
Hch.  Dabei  kann  aber  das  Verhältnis  des  Tochter-  zum  Muttergebilde
höchst  verschieden  sein.  Da  gelten  fließende  Übergänge;  zwischen
einer  La ge ,  bei  der  über  dem  „Erwerbszwecke“  einer  Haushaltung  kaum
erst  ein  Tochtergebilde  erwachsen  ist,  bis  zu  jener  Lage,  die  es  umgekehrt ­
  schwer  macht,  die  Eingliederung  als  bestehend  zu  erkennen.
Jener  erste  Fall  klingt  z.  B.  mit  der  biederen  Wendung  „Haus  und
Hof“  an.  Auf  der  anderen  Seite  verhüllt  den  Mangel  an  Selbständigkeit, ­
  der  aller  „Unternehmung“  im  Wesen  liegt,  besonders  der  Umstand,
daß  ein  Verhältnis  zugleich  zu  einer  Mehrheit  von  Muttergebilden
vorliegen  kann,  und  obendrein  als  ein  bewegliches:  „Aktienunternehmung“ ­
  1
Anmerkung:  Hier  besonders  spielt  auch  die  „Rechtsordnung“  ein,
&amp;lt;üe  aber  im  Grundsätzlichen  nichts  entscheidet.  Die  Formel  Unterne  men
kommt  nicht  erst  dort  zu  Ehren,  wo  das  Recht  einen  solchen  Ableger  als
Zuständliches  Gebilde  gleichsam  verbrieft.  So  innig  das  Recht  mit  dem  Geschehen ­
  und  seinem  Um  und  Auf  verflochten  bleibt,  im  Grundsätze  erscheint
es  doch  nur  als  geschoben.  Auch  im  einzelnen  zaubert  es  diese  Gebilde
nicht  hervor;  es  lenkt  nur  die  schöpferische  Hand  des  Geschehens.  Selbst
dem  Geschehen,  hinter  dem  das  lebendige  Denken  steht,  kann  nichts  auf  der
flachen  Hand  wachsen.  Es  ist  an  seine  Determinanten  gekettet,  vermag  aber
die  Schöpfung  zum  Teil  bei  diesen  zu  beginnen.  Es  ist  auch  im  anderen
Sinne  nie  ganz  freischöpferisch;  aber  gerade  die  „Nachahmung“  sichert  der
Welt  des  Handelns  ihre  ganz  andere  „Ontogenie“:  der  Stammbaum  der
        <pb n="261" />
        236

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Gebilde  läuft  nur  in  der  Tatsache  über  diese  selber  hin;  im  Grundsätze
über  ihre  Begriffe!
Die  Formeln  Gesellen  und  Haushalten  sind  für  das  Alltagsleben
aller  Zeiten  die  Schlüssel.  Sie  stehen  im  wesentlichsten  Sinne  außer
Entwicklung,  gehören  zum  eisernen  Inventar  des  Handelns.  Die
Formel  Unternehmen  dagegen  ist  im  Kreise  ihrer  Voraussetzungen  von
der  Entwicklung  emporgetragen  worden.  Es  prägt  sich  eine  allgemeinste ­
  Entwicklung  des  Alltags  darin  aus,  ob  diese  Formel  mehr
oder  minder  als  ein  brauchbarer  Schlüssel  erscheint.  Für  den  Alltag
unserer  Zeiten  gilt  da  zweifellos  ein  Anschwellen.  Die  Tochtergebilde
gehen  immer  mehr  auf  eigenen  Füßen,  und  mit  steigend  dröhnenden
Schritten.
Anmerkung:  Man  könnte  sich  fragen,  ob  die  Formel  Unternehmen
das  notwendige  und  ausschließende  Dritte  für  die  beiden  Urformein ­
  bedeute.  Ich  beziehe  mich  offenbar  nicht  auf  das  bloße  Abgehen
von  der  „Privatunternehmung“  oder  sonst  auf  einen  noch  so  einschneidenden
Wandel  in  der  „Unternehmungsform“,  selbst  ein  Wechsel  in  der  Voraussetzung ­
  für  diese  Formel  —  „Buchgeld“  —  kommt  jener  Frage  nicht  mehr
nach.  Sie  zielt  darauf  ab,  daß  es  vielleicht  nur  an  Bedingungen  hängen
kann,  ob  nicht  ein  künftiger  Alltag  noch  ganz  anderen  Arten  der  Gliederung
gewachsen  sein  wird.  In  Frage  stünde  die  Möglichkeit  eines  wesentlichen ­
  Fortschrittes  im  Generalbaß  unseres  Handelnsl
Welche  Bewandtnis  es  mit  einem  solchen  Fortschritt  hätte,  läßt  sich  in
einer  anderen  Richtung  verbildlichen:  im  Glanzbereiche  des  „in  sich  gekehrten
Handelns“,  in  der  Mathematik.  Da  ist  wortfreies  Denken  geschäftig,
allen  Möglichkeiten  seiner  Bewegung  nachzugehen.  Die  kürzesten  Wege,  die
es  es  dabei  ausspürt,  kommen  unter  einer  gewissen  Voraussetzung  auch  allem
anderen  Denken  zugute.  Die  Voraussetzung  ist  das  Ausgehen  von  „Einheiten“, ­
  von  bedingt  Zusammenhanglosem;  daher  wird  das  Überdenken  der
Erscheinungsabfolgen  stets  nur  durch  Mathematik  selig,  sei  es  auch  nur  im
Wege  der  Umdichtung.  Und  in  diesem  Bereiche  wäre  nun  das  lehrreiche
Gleichnis  mit  der  „Erfindung“  der  Infinitesimalrechnung  geboten;  da
kamen  brachliegende  Möglichkeiten  der  Denkbewegung  erst  an  die  Reihe,
ausgenützt  zu  werden.  Das  ergab  nun  einen  Fortschritt,  der  selbst  dem  Laien
als  ein  wesentlicher  einleuchten  muß.
Einen  Fortschritt,  rein  theoretisch  betrachtet,  stellt  eigentlich  schon  die
Formel  Unternehmen  vor.  Sie  kann  den  Urformein  kein  Jota  rauben,
genau  so  wenig,  wie  jener  mathematische  Fortschritt  dem  Vorhandenen  Abbruch ­
  getan  hat.  Die  Frage  lautet  also  gleichsam,  ob  die  Formel  Unternehmen ­
  der  einzig  mögliche,  oder  nur  schlecht  und  recht  ein  Fortschritt
        <pb n="262" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XVII.

23  7

sei.  Diese  Frage  könnte  man  nur  im  Wege  von  Erwägungen  wirklich  beantworten, ­
  für  die  uns  eigentlich  noch  Alles  fehlt.  Vorläufig  hat  sie  ihre
bescheiden  „regulative“  Bedeutung,  und  ist  die  ganze  Neugier  recht  platonisch.
Der  Weg  zum  Ausblick  nach  dem  Ungekannten  führt  sicher  nur  über  die
Erkenntnis  des  Bekannten,  also  des  Alltages  der  verklungenen  und  klingenden
Zeiten.  Das  Buch  der  Zukunft  unseres  Handelns  kann  leicht  in  einer  unbekannten ­
  Sprache  geschrieben  sein;  aber  selbst  dies  erführen  wir  erst,
sobald  wir  die  elementarste  Voraussetzung  im  Trocknen  hätten:  das  Abc!

Noch  ein  Blick  auf  das  persönliche  Gebaren,  das  unter  den
Hergängen  des  Gesellens,  Haushaltens  und  Unternehmens  rege  ist  Da
läßt  sich  nicht  viel  mehr  erbringen,  als  ein  Hinweis  au
schillernde  Fülle  dieses  Gebarens.  Man  kann  ja  im  a  g
von  einer  Kunstlehre  des  Handelns  reden;  aber  hinter'diesen
Formeln  lebt  und  webt  genügend  viel,  um  eine  ganze  ei
Kunstlehren  für  sich  zu  begründen.  Sie  liegen  auch  zahl  eich
vor;  nur  daß  ihnen  Einheit  und  Abrundung  fehlt.  Es  steh  z.  ■
der  einzigen  Formel  Gesellen  so  gut  wie  alle  Foliti  •  le
Unternehmen  wieder  hält  sich  mittelbar  die  ganze  Techno  og
im  hergebracht  engeren  Sinne  -  zu  ihren  Diensten,  geradeaus  aber
„Betriebslehren“  aller  Spielarten.  Nach  der  Kunstlehre  die
im  engeren  der  Formel  Haushalten  antwortet,  darf  man  nicht  dorthin
aussehen,  wo  das  ihr  entsprechende  Gebaren  die  erste  Geige  spielt.
Es  war  vielmehr  der  Sorge  für  die  „Unternehmung“  Vorbehalten,  diese
Kunstlehre  auszubauen;  sie  gipfelt  am  deutlichsten  in  der  „doppelten
Buchführung“,  obwohl  da  zugleich  der  Formel  Unternehmen  geachtet
wird.  Die  „Haushaltung“  selbst  jedoch  erinnert  an  den  Satz  vom
Schuhmacher,  der  die  schlechtesten  Schuhe  trägt.  Im  Rahmen
Haushaltung  i st  der  Ausgleich  unter  den  Dauerstreben  auch  sehr  erleichtert. ­
  Da  steht  überall  die  alte  Gouvernante,  die  Sitte  hinter  uns
Es  bleibt  da  mehr  nur  ins  Feine  zu  arbeiten,  was  im  Sinne
„Lebenshaltung“  im  Rohen  feststeht.  Kraft  des  nämlichen  Sachverhaltes, ­
  durch  den  zur  anderen  Hand  die  „Unternehmung  ermöglicht
lst &amp;gt;  spielt  sich  jener  Ausgleich,  praktisch  besehen,  als  eine  Aufteilung
ab -  Vom  Erwerben,  oder  ausgesprochen  vom  Tochtergebilde  der
"Unternehmung“  her,  füllt  sich  gleichsam  das  Reservoir,  von  dem  aus
Hie  Dauerstreben  mehr  oder  minder  stetig  gespeist  werden.  Hier
f hen  dann  auch  die  Geschlechter  ihren  eigenen  Weg.  Der  Mann
^ hrt  im  Sinne  des  „Berufes“  oder  „Geschäftes“  den  Kampf  um  den
Erwerb.  Die  Frau  aber  bringt  die  Formel  Haushalten  zu  Ehren.  Ihr
lst  das  „Schlüsselrecht“  zugebilligt;  um  sie  drängen  sich  ja  die  hungrigen
Mäulchen,  bei  denen  alle  Aufteilung  beginnt.
        <pb n="263" />
        238

»Die  Herrschaft  des  Wortes“,

XVIII.
Die  Lösung  unseres  Problems  läge  nun  vor;  nur  als  ein  roher
Versuch.  Wenn  ich  Dies  nochmals  betone,  will  ich  nicht  um  Nachsicht
werben.  Fühlbar  genug  war  der  Rahmen  zu  eng,  um  jener  Sache
überallhin  auf  der  Spur  zu  bleiben,  für  die  unser  Problem  nur  als
Sturmbock  diente.  Wie  sich  über  die  Mängel  seiner  Lösung  das
Problem  hinaushebt,  so  reckt  sich  über  dieses  noch  dieForderung
empor,  von  Problemen  auszugehen,  statt  von  Worten!  Eine
Forderung,  die  für  unsere  Wissenschaft  wie  für  keine  zweite  herrisch
ist.  Gerade  für  sie,  bei  der  aus  zwingendsten  Gründen  das  Wort  im
Anfang  stehen  mußte!  Gerade  für  sie,  bei  der  es  am  wenigsten  so  bleiben
dürfte!  Solange  ihr  Denken  am  Gängelband  der  Worte  ist,  steht  ihre
Denkweise  im  Banne  der  urwüchsigen;  es  hält  sie  der  Geist  des
Handelns  umfangen,  ihres  eigensten  Stoffes.  Über  Diesen  fehlt  ihr
die  volle  Herrschaft,  die  zu  erringen  nur  Eines  verbürgt:  Freiheit
vom  Worte!
Anmerkung:  Es  gilt  auch  ganz  im  allgemeinen,  daß  man  auf  hören
soll,  stets  nur  um  die  Ecke  des  Wortes  nach  Erkenntnis  zu  schielen.  Im
einzelnen  Fall  mag  das  Ergebnis  ein  noch  so  erfreuliches  sein,  kommt  es  in
schwächere  Hände,  wird  doch  wieder  nur  Wörterei  daraus.  Und  mit  jedem
Worte,  dem  sich  unser  Denken  beugt,  lasten  Vorurteile  auf  ihm.  Ungewußte
Voraussetzungen  schleichen  sich  ein,  die  alleinig  das  Starre  sind,  während
um  sie  herum  die  Gedanken  ruhelos  wirbeln.  Wenn  es  nicht  Hochtrab  auf
einer  ach  so  lahmgerittenen  Wendung  wäre,  man  könnte  wahrhaftig  sagen:
Das  offene  Dogma  sind  wir  glücklich  los,  aber  das  Dogmatische  ist  uns
geblieben  —  verhüllt  hinter  den  auserlesenen  Worten,  nach  deren  Pfeife  alle
Theorie  tanzt  1
Seinen  lebendigen  Inhalt  hat  unser  Denken  gefunden;  dafür  sind  wir
in  der  Schuld  der  Forschung:  So  möge  auch  das  theoretische  Denken
nach  dem  Geheiße  dieses  Inhaltes  sich  bewegen.  Auch  da  soll  nicht  mehr
Selbstzweck  sein,  weder  im  Sinne  des  Schlüsselwortes,  noch  des  Leitwortes,
was  doch  nur  ein  armselig  Mittel  zum  Zweck  ist.  Betrübend  genug,  daß  wir
auf  das  Wort  angewiesen  bleiben,  weil  uns  elegantere  Mittel  der  Gedankenbewegung ­
  versagt  sind;  auf  viel  zu  unabsehbare  Zeit  hinaus,  um  auch  dorthin
auszublicken.  Immerhin,  sie  sind  nicht  mehr  zum  Spielen  da,  zum  fortwährenden ­
  An-  und  Ausziehen,  Lösen  und  Verschnüren  der  Riemchen,
sondern  doch  schon  zum  Gehen,  diese  lästigen  Kinderschuhe  unseres
Denkens,  die  Worte!
        <pb n="264" />
        Haushalten  und  Unternehmen,  XVIII.

239

Das  Problem  habe  ich  zu  lösen  versucht,  um  die  Probe  auf  ein
bestimmtes  Vorgehen  zu  tun.  Dieses  Vorgehen  soll  der  Gesamtheit
fruchten,  aus  der  unser  Problem  nur  ein  vereinzeltes  Glied  vorstellt.
Diese  ganzen  Probleme  wollen  auf  jenem  Wege  in  Einheit  gelöst
sein.  Eine  Aufgabe,  die  nicht  in  das  eigentliche  Arbeitsgebiet  der
Nationalökonomie  fällt,  und  doch  zu  ihr  gehört.  Die  Arbeit,  die  hier
zu  leisten  ist,  bedeutet  vom  Standpunkte  der  Nationalökonomie  nur
e in  Rüsten  zur  Arbeit.  Denn  in  dieser  Wissenschaft  gilt  es,  Erlebtem
nachzuleben:  Forschung  in  Tatsachen  1  Jene  Aufgabe  jedoch
verweist  im  engeren  Sinne  auf  Theorie.  Eine  Theorie,  die  sich  auf
den  Boden  der  Gemeinen  Erfahrung  stellt,  selber  der  Tatsachen  entraten
kann,  dem  Forschen  in  Tatsachen  aber  die  Wege  ebnen  will:  Theorie
Vor  den  Tatsachen!  Im  Grundsätze  müßte  sie  ihr  Werk  erfüllt
haben,  ehe  man  dort  anfangen  könnte.  An  diesen  Gang  ist  aber  die
Wissenschaft  nicht  gebunden.  Für  den  Erfolg  jener  Theorie  liegt  ein
taugliches  Surrogat  vor.  Zur  einen  Seite  ist  es  mit  der  ungeläuterten
Alltagskenntnis  gegeben.  Zur  anderen  Seite  verbindet  es  sich
mit  dem  unbefangenen  Gebrauch  jener  Worte,  die  es  wohl  schlecht
ent gelten,  wenn  man  ernstlich  „Grundbegriffe“  hinter  ihnen  sucht,
während  s ' e  gute  Dienste  tun  als  die  rohen,  aber  handlichen  Werkzeuge
er  Forschung:  Grundwortei  Mit  ihnen  ist  die  Forschung  inzwischen
versorgt,  und  jene  Theorie  findet  Zeit,  in  Ruhe  und  Frieden  auszureifen.
In  Ruhe,  weil  ihr  im  Geiste  jenes  Vorgehens  der  Wahn  erspart
•’  C ' a ^  s * e  Fir  den  Wortgebrauch  der  Forschung  verantwortlich  sei.
kJ 1  Sle  die  Worte  seitab  liegen  läßt,  mit  denen  die  Forschung  arbeitet,
i^ nru d'gt  sie  diese  nicht.  Sie  hofmeistert  sie  nicht  im  Gebrauche
^rer  Werkzeuge;  und  so  bleibt  es  ihr  erspart,  die  Ohnmacht  solcher
U  un S  zu  empfinden!  Und  wieder  im  Geiste  jenes  Vorgehens  ist
ei gene  Arbeit  eine  friedliche.  Gewiß  gilt  es  da  Aufgaben,  die
der  R  S  ^ en  ersten  Anlauf  zu  lösen  wären!  Es  gilt  ja  ein  Werk
der  r,'-  e ° r  ’ n  das,  was  uns  Allen  geistiger  Gemeinbesitz  ist.  Da  kann
a j g  lnze lne  nie  das  endgültig  letzte  Wort  sprechen.  Nirgends  mehr
Kritik Cr  k CC * ar ^  es  der  Mitarbeit,  und  der  nachprüfenden,  läuternden
ist  1  ^er  sobald  Streit  nur  im  Zeichen  des  Problems  geführt  wird,
zur  ^  .^ acllstre d,  der  sofort  ersprießlich  wirkt,  und  am  letzten  Ende
schaff  1 ” trac Ft  führen  muß.  Wortstreit,  diese  Geißel  der  Wissenp
  da  im  Wesen  ausgeschlossen.
Stund  ° rSChung  und  Theorie  marschieren  dann  getrennt,  um  zur  rechten
verlieren^M^  ™  SchIagen -  Die  Fühlung  miteinander  können  sie  nie
alles  p**"  *  k  *? er  Theorie  klärt  sich  jene  Alltagskenntnis  ab,  von  der
sc  en  in  Tatsachen  zehren  muß.  Die  Theorie  fruchtet  also
        <pb n="265" />
        240

„Die  Herrschaft  des  Wortes",

dem  Forschen  bereits  dann,  wenn  der  Arbeit  an  den  Tatsachen
immer  noch  die  rohen  Werkzeuge  dienen.  Diese  hilfreichen  Worte
wird  die  Theorie  der  Forschung  niemals  aus  der  Hand  reißen;  in
solcher  Weise  bricht  die  rechte  Stunde  nicht  herein.  Sie  winkt  überhaupt ­
  nur  aus  einer  fernen  Zukunft.  Sie  wird  mit  der  Eintracht  da
sein,  die  aus  dem  Sachstreit  erblühen  muß.  Diese  Theorie  kehrt  ja
in  das  Denken  ein,  das  sich  im  Handeln  auslebt;  so  macht  sie  im
Erfolge  den  Satz  wahr,  daß  alles,  was  mit  dem  Handeln  gegeben  ist,
in  der  vollen  Gewalt  unseres  Denkens  sei.  Über  die  Weise,  in  der
unser  Denken  in  das  Handeln  eingreift,  müssen  sich  Definitionen  abklären,
  die  das  Handeln  im  lebendigen  Kern  erfassen;  ungleich  tiefer,
als  wir  im  Handeln  selber  das  Handeln  erfassen,  was  ja  stets  nur
seinem  Vollzüge  zuliebe,  nie  seiner  Erkenntnis  halber  geschieht.  Mit
jener  Gewalt  lebendiger  Wahrheit  zu  definieren,  das  mag  unseren
Enkeln  Vorbehalten  sein.  Aber  sei  es  noch  so  allmählich,  ebenso
gewiß  leitet  jene  Theorie  zur  vollendeten  Art  hin,  über  das
Handeln  zu  sprechen.  Und  diesen  Vorteil  wird  auch  der  Forscher
in  Tatsachen  sich  nicht  entgehen  lassen.  Ebenso  allmählich,  wie  der
Umwechsel  in  der  Art  des  Sprechens  möglich  wird,  wird  er  auch
eintreten.  Man  legt  die  rohen  Werkzeuge  gern  beiseite,  wenn  schärfere
zur  Hand  sind.  Im  Äußeren  mag  es  wie  immer  ein  Umtausch  von
Worten  sein,  jedenfalls  ist  dann  die  Wissenschaft,  die  sich  mit  Grundworten ­
  bescheiden  mußte,  zur  Klarheit  über  ihre  Grundbegriffe
gekommen.  Der  Sinn  aber,  wie  Theorie  und  Forschung  dann  vereint
geschlagen  haben,  ist  eins  mit  dem  Erfolge  in  jenem  Streben,  von
dem  die  Theorie  beseelt  war:  die  Emanzipation  des  nationalökonomischen ­
  vom  urwüchsigen  Denken  —  volle  Herrschaft  über  den  Stoff  1
Die  Wege,  die  solche  Theorie  klarbewußt  zu  wandeln  hätte,  sind
durchaus  nicht  unbegangen.  Im  tatsächlichen  Erfolg  ist  gar  vieles  geschehen; ­
  man  darf  dies  anerkennen,  und  deshalb  bleibt  dennoch  die
Art,  wie  sich  die  nationalökonomische  Theorie  mit  ihrer  Pflicht  abfindet, ­
  der  Kritik  Vorbehalten.  Besonders  jener  Richtung,  die  man  als
die  Österreichische  Schule  zu  bezeichnen  pflegt,  wird  man  die
Anerkennung  zollen  müssen,  daß  sie  in  verdienstvoller  Entschiedenheit
jene  Pfade  begeht 1 ).  Sie  vor  allem  richtet  den  Blick  klar  auf  das
Handeln;  am  meisten  noch  in  ihr  arbeitet  sich  der  Drang  empor,
Probleme  für  Worte  zu  setzen.  In  diesem  wesentlichen  Sinne  ist  auch

')  Ich  hätte  richtiger  gesagt:  v.  Böhm-Bawerk!  Vgl.  unten  in  ,  .Freiheit  vom
Worte“,  Abschnitt  17.  (1925)
        <pb n="266" />
        -  «'  i  ;  -v  HOä

Haushalten  und  Unternehmen,  XVIII.

241

sie  in  Fühlung  mit  der  Forschung  in  Tatsachen.  Das  gilt  trotz  des
so  heftig  geführten  Kampfes;  der  kein  Wortstreit  war,  und  den  trotzdem
das  Wort  vergiftet  hat.  Nie  wirkt  die  Macht  des  Wortes  so  heimtückisch ­
  auf  uns,  wie  dort,  wo  unsere  grundsätzlichen  Anschauungen
sich  in  Worte  kleiden.  Das  Wort  ist  es  stets,  das  die  Menschen  verhetzt, ­
  weit  über  den  Zwiespalt  in  der  Sache  hinaus.  Wer  den  Frieden
will,  muß  diesem  Aufreizer  den  Krieg  erklären.
Wo  das  Wort  entzweit,  muß  der  Geist  versöhnen.  Wie  ein
Friedensruf  klingt  auch  in  diesen  Streit  ein  Satz  hinein,  der  so  recht
als  Wahlspruch  unserer  Wissenschaft  gelten  darf.  Er  ist  in  jenem
einzigen  Gedicht  enthalten,  das  auch  aller  Erkenntnis  das  Hohe  Lied
gesungen  hat;  nicht  jubelnd,  sondern  herb  und  zerrissen,  aber  nur
um  so  gewaltiger.  Am  gewaltigsten  vielleicht  mit  jenem  Satze,  der
vor  Wort  und  Sinn  und  Kraft  getrost  die  Tat  stelltI
Fs  will  zwar  anmaßend  scheinen,  wenn  eine  einzelne  Wissenschaft
nach  diesem  Satze  greift;  er  verweist  ja  auf  den  Urquell  unserer  Erkenntnis, ­
  und  zugleich  auf  jene  Grenze,  an  die  immer  wieder  die  Metaphysik ­
  hingelangt,  wenn  sie  alle  anderen  Grenzen  überschritten  hat.
er  dem  unsterblichen  Gedanken,  den  jener  Satz  kündet,  wiegen  sich
au ch  die  Träume,  denen  in  der  innersten  Menschennatur  ihr  Recht
gewahrt  bleibt,  jene  Träume,  die  in  ihrer  hehren  Reinheit  nur  im
wortverächterischen  Gleichnis  Ausdruck  finden,  und  niemals  wortselig
SUK *’  se Fg  nur  des  wahrhaft  Schöpferischen,  der  Tat.
Dennoch,  am  ehesten  darf  unsere  Wissenschaft  jenen  Satz  in
^.nspruch  ne hmen.  Auch  sie  blickt  aus  nach  der  Gottheit  lebendigem
sucht  warmes  Leben,  sucht  Menschenschicksal.  Und  wie
-  zweite,  schlägt  diese  Wissenschaft  das  Wort  in  Fesseln.  Der
Erdul enCn  ^ atZ  £ es prochen  hat,  das  war  der  Welt  des  Handelns  und
das  I  GnS  köchstgeborenes  Kind;  vor  dessen  wunderbarem  Auge  sich
en  und  sein  Schicksalszug  erschlossen,  wie  vor  keinem  anderen,
er  r a' Var  ^ er  dichter  zugleich,  der  das  Wort  gehaßt,  wie  keiner;
er'  aUS  königlicher  Gewalt  des  Geistes  unser  Deutsch  geadelt  hat;
r »  er  noch  aus  dem  Klang  der  Worte  süßesten  Zauber  schuf.
A  °  ^ at  wa hrhaftig  die  Wissenschaft  des  Alltäglichen  ein  lauteres
c  t  auf  den  Wahlspruch,  den  einigenden  und  befreienden:
Im  Anfang  war  die  Tat!

Kleide,
keine
aber

V -  G “tt!-Ottim en feld,  Wirtschaft  als  Leben.

16
        <pb n="267" />
        Ausblicke.

i.
Was  hier  als  „Sache“  zu  besprechen  war,  diente  mir  unverhohlen
nur  als  Mittel  zum  Zweck;  als  Beispiel,  wie  man  auch  auf  diesem
Wege  zu  Ergebnissen  gelangen  kann.  Diesen  Weg  suchte  ich  fortwährend ­
  nach  aller  Möglichkeit  auch  grundsätzlich  zu  rechtfertigen,
von  Eigenheiten  unseres  Denkens  her,  soweit  sie  die  Pflege  einer
Einzelwissenschaft  aus  der  Tiefe  bewegen.  Den  Ansprüchen  dieser
Stoffe  mußte  ich  unendlich  viel  schuldig  bleiben.  Aber  so  dürftig  in
dieser  Hinsicht  meine  Andeutungen  ausfallen,  sachlich  sind  auch  sie
Ich  schweife  von  meinem  Gegenstände  nur  dem  Äußeren  nach  ab,
wenn  ich  seine  Erledigung  abrunde.  Nun  aber  strebe  ich  einer  Abrundung ­
  zu,  die  an  sich  nicht  minder  überstürzt  ist;  aber  doch  viel
zu  umständlich,  um  sich  nicht  als  „Anhang“  zu  bescheiden.  Für  ihr
Daseinsrecht  muß  sie  selber  sprechen.
Zunächst  fülle  ich  einige  Lücken  aus.  Was  als  Zuständliches
Gebilde  vorzuführen  war,  ist  für  sich  selber  nichts,  was  wir  erlebten; ­
  es  ist  eine  durch  unser  Denken  bewirkte,  ich  glaube  ohne
Mißverständnis  sagen  zu  dürfen,  eine  denkende  Umformung
von  Erlebtem.  Wir  erleben  stets  nur  das  Handeln  selber  in  seiner
Einheit;  d.  h.  die  Handlungen  in  jenen  Zusammenhängen,  aus  denen
sich  der  „rote  Faden“  spinnt.  Weil  dieser  jedoch  unstreitig  da  ist,
steht  unser  Denken  mit  un  serem  Erleben  im  Einklang,
wo  immer  ein  Zuständliches  Gebilde  erfaßt  wird.  Der  Inhalt  „Staat“
z.  B.  ist  daher  von  einer  ganz  anderen  Würde  als  etwa  der  Inhalt
„Steinzeit“.  Man  könnte  hier  sagen,  nicht  die  „Steinzeit“,  aber  ein
„Staat“  sei  wirklich;  und  mindestens  so,  als  uns  der  Fluß  für  wirklich ­
  gilt.
Allein,  das  hieße  jetzt,  nach  allem  Vorangegangenen,  eigentlich
nichts  anderes,  als  für  eine  fraglose  Sache  ein  immerhin  fragwürdiges
Wort  setzen.  Was  heißt  denn  „wirklich“?  Im  allgemeinen  ist  es  ein
bloßes  Grenzwort,  zuhanden  von  Überlegungen,  die  unter  Umständen
        <pb n="268" />
        Ausblicke,  I.

243

selbst  schon  überaus  tief  gehen.  Gewiß,  auch  darüber  kann  man  sich
Rechenschaft  ablegen,  in  welcher  Art  unser  Denken  über  dem  Worte
„wirklich“  zu  einer  bedingten  Ruhe  kommt.  Ob  man  mit  solchem
Bekenntnis  aber  Zustimmung  abringt,  ist  mehr  als  die  Frage.  In  jenem
eigenen  Falle  zwar,  wenn  das  Wort  gleichsam  nur  ornamentale  Verwendung ­
  findet,  müßte  der  Schrecken  des  Wortstreites  noch  nicht
hereinbrechen.  Der  Stachel  zu  ihm  fehlt,  solange  nicht  der  entscheidende ­
  Gedankengang  über  einem  Worte  scheitelt.  Darauf
kommt  es  ja  an;  es  darf  eben  niemals  das  Wort  als  bloßer  Lückenbüßer ­
  einspringen.  Sonst  kocht  man  nur  mit  Wasser.  In  Nebensachen
sind  wir  ja  unrettbar  dazu  gezwungen.  Es  scheint  aber  vielleicht,  daß
ich  von  meiner  Seite  auch  in  der  Hauptsache  mich  vergehe,  und  fortwährend ­
  mit  dem  Worte  „Erleben“  sündige  1  Nun,  um  eine  Stufe
steht  es  damit  unstreitig  besser.  Es  hat  dieses  Wort  doch  mitgeholfen, ­
  früher  und  jetzt,  den  gleichen  Gedanken  etwas  sachlicher  zu
entfalten,  den  das  Wort  „wirklich“  nur  mit  seinen  eigenen  zwei  Silben
zu  stammeln  wüßte.
Vielleicht  sind  auch  im  Wesen  Unterschiede  da.  Beweisen  kann  es
ja  nicht  die  Spur,  was  man  so  aus  Worten  herausklügelt;  bezeichnend
aber  bleibt  es  immerhin,  daß  z.  B.  die  deutschen  Worte  „wirklich“,
„Wirkung“,  „Tatsache“  doch  nur  Bilder  sind,  dem  Handeln  entlehnt; ­
  von  dorther  also,  wo  das  Wort  „Erleben“  sachlich  klingt.
Und  wahrhaftig,  hinter  „Erleben“  und  „Handeln“  da  lebt  und  webt
jener  gewisse  Zusammenhang,  der  sich  immer  noch  beliebig  auf  Worte
spannen  läßt:  „Streben  und  Erfolg“,  oder  „Zweck  und  Werk“,  oder
„Wunsch  und  Erfüllung“,  oder  „Absicht  und  Erzielung“,  oder  „Begehr
und  Befriedigung“,  oder  „Bedürfnis  und  Stillung“,  wer  weiß  in  wieviel
Arten  noch  des  Ausdruckes,  die  je  nach  Dienlichkeit  zur  Verfügung
stehen.  Sicher  ist,  daß  just  dieser  Zusammenhang  ein  Urtümlichstes
bedeutet.  Als  das  unmittelbar  Empfundene  hat  er  vor  allem  Gedachten ­
  den  vorbildlichen  Schritt  voraus.  Z.  B.  vor  jenem
kurzatmigen  Zusammenhang,  den  wir  als  „Ursache  und  Wirkung“  auss
 *gen,  sofern  wir  nicht  mit  der  Aussage  „Kraft  und  Wirkung“  noch
um  eine  Stufe  tiefer  im  lebendigen  Denken  stecken  bleiben;  jenem
Zusammenhang,  mit  dem  wir  eine  Abfolge  von  Erscheinungen  denken,
von  der  wir  es  im  Sinne  eines  „Gesetzes“  wissen  oder  doch  aus  anderen
Gründen  annehmen  dürfen,  daß  sie  ihrer  Verallgemeinerung  standhält.
Da s  sind  Dinge,  die  eigentlich  nicht  mehr  zählen.  Ich  will  damit  bloß
dem  Scheine  wehren,  als  ob  ich  wissentlich  selber  mit  Worten
Mißbrauch  triebe.  Ich  meine  eben,  solange  sie  auf  jenen
Zusammenhang  abzielen,  dessen  sich  unser  nachhinkendes  Denken
16*
        <pb n="269" />
        244

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

allezeit  getrosten  darf,  solange  darf  man  mit  Worten,  wie  „Erleben“
und  „Handeln“,  schon  eher  kochen;  da  schwimmen  doch  Fettaugen
auf  der  Wassersuppe.
Kraft  jenes  Einklanges  mit  dem  Erlebten,  wo  immer  ein  Zuständliches
  Gebilde  von  unserem  Geist  gestaltet  wird,  ist  er  im  vollen  Rechte,
wenn  für  seinen  Umblick  die  Zuständlichen  Gebilde  an  der  Welt
des  Handelns  bauen;  ähnlich,  wie  der  Fluß  an  der  sinnlichen  Welt
baut.  Damit  reckt  sich  jene  Welt  des  Geschehens  erst  in  ein  übersichtlich ­
  festes  Gefüge.  Von  dem  letzteren  gilt  freilich,  daß  es  an
jedem  Punkte,  den  unser  geistiger  Blick  schärfer  trifft,  im  Hui  wieder
zu  Geschehen  zerfließt!  Aber  das  nämliche  denkende  Umformen,
bei  dem  sich  unser  Geist  vor  dem  Erleben  nichts  vergibt,  ist  auch  in
anderer  Richtung  geschäftig.  Auch  dies  liegt  am  Wege  zur  „Abrundung“; ­
  ich  muß  vorher  aber  ein  Versäumnis  nachholen.
Die  Einheiten  des  Handelns,  die  als  Zuständliche  Gebilde  erfaßbar
sind,  stehen  als  solche  Einheiten  durchaus  nicht  allein;  man  kann  in
doppelter  Hinsicht  von  ihresgleichen  reden.  Fürs  erste  deute  ich  es
später  an,  wie  das  Zuständliche  Gebilde  gleichsam  nur  die  höchste
unter  den  vielen  Arten  von  Einheiten  ist,  deren  Untergebene  die  Welt
des  Handelns  erfüllen;  so  genommen,  wie  diese  unserem  Geiste  sich
darstellt.  In  der  anderen  Richtung  aber  dürfen  wir  nicht  die  ursprünglichsten ­
  unter  den  Einheiten  des  Handelns  vergessen!  Die
ganze  Welt  des  Handelns  ist  nur  so  für  uns  gegeben,  daß  wir  lauter
Spiegelbilder  unseres  Ichs  vor  uns  sehen,  als  die  Knotenpunkte  des
erlebten  Geschehens.  Auf  das  eine  Handeln  bezogen,  das  zum  lebendigen
Strome  jener  Welt  wird,  ist  uns  das  Ich  Person.  An  der  Person
hängt  das  erlebte  Geschehen  in  der  schlagendsten  Weise  ohne  weitere
Mittelglieder  zusammen.  Obwohl  nun  im  persönlichen  Handeln  nicht
minder  jene  Allbedungenheit  der  Handlungen  zutrifft,  so  ist  diese  Bedingnis
  hier  doch  ebensowenig  der  Grund  wie  die  Folge  der  Einheit;
Allbedungenheit  und  Einheit  berufen  sich  vielmehr  gemeinsam  auf  das
Ich.  So  erscheint  das  Handeln  einer  Person,  zusammen  mit  der
Wechelbeziehung  zum  Empfinden  ihr  „Leben“,  als  die  ursprünglichste,
die  am  Ich  aufruhende  Einheit  des  Handelns.  Mit  dem  Ich,  das
uns  ewiglich  das  Ebenbild  unseres  eigenen  ist,  hört  auch  diese  Einheit
auf.  Das  trifft  wieder  für  den  Narren  zu,  der  dieser  Einheit  des
persönlichen  Lebens  verlustig  ist.  Der  Narr  wird  für  uns  durchaus
nicht  zum  Tier;  damit  hörte  die  Einheit  nicht  auf.  Das  Tier  ist  uns
gleichsam  jene  „Unterstufe  des  Ichs“,  die  Knotenpunkt  ist  für  ein
Geschehen,  das  zwischen  Handeln  und  Naturgeschehen  die  rätselhafte
Mitte  hält;  und  z.  B.  im  „klugen“  Hunde  sogar  zu  einer  Abart  von
        <pb n="270" />
        Ausblicke,  I.

245

Individualität  kommt.  Der  wesentliche  Unterschied  bleibt  hier  der,  daß
sich  das  Treiben  des  „klügsten“  Hundes  nicht  schon  nach  dem  Vorbilde ­
  unseres  eigenen  Handelns  durchschauen  läßt,  sondern  stets  nur
kraft  einer  denkenden  Beobachtung  dieses  Treibens;  hier  gilt
es  nicht  Mitleben,  sondern  „Einleben“.  Die  Narrheit  aber  ist  uns  nicht
eine  fremde  Gleichung  des  Zusammenhanges,  sondern  ein  Rechenfehler! ­
  Der  Narr  hat  nicht  die  Halbperson  des  Hundes,  bezogen  auf
das  Geschehen;  er  ist  uns  um  so  erschütternder  Unperson,  als  ja
das  Anschauliche  den  Umsturz  nicht  annähernd  so  grell  mitmacht.
Die  spezifischen  Änderungen,  auf  die  uns  erst  die  naturwissenschaftliche ­
  Erkenntnis  hinlenkt,  indem  sie  etwa  auch  diesen  Rechenfehler ­
  des  Handelns  zum  „Parallelismus  der  Erscheinungen“  zerfällt,
kommen  ja  für  jene  Eindrücke  nicht  in  Betracht.

Dem  Handeln  im  Verbände  dieser  Einheit,  un  Rahmen  d
persönlichen  Lebens,  diesem  Handeln  sind  D * te ' m |“  .  .
ur  eigen,  die  vor  allem  auch  mit  der  ewigen  Wechselbezieh  g
zwischen  Handeln  und  Empfinden  zu  tun  haben.  In  ihrer
geschlossenen  Einheit  begründen  sie  die  Persönlichkeit,  ie
vidualität.  An  dieser  determinierenden  Einheit,  an  der  Persönlichkeit,
bauen  vor  allem  seelische  Determinanten,  die  an  dem  Erdulden
hängen,  an  der  Rückstrahlung  des  Handelns,  wie  auch  seiner  erflechtung
  mit  dem  fremden  Handeln,  auf  das  Ich.  Individualität  un^
Schicksal  sind  untrennbar  miteinander  verflochten.  Die  „Person
gehört  eben  im  wesentlichsten  Sinne  der  Welt  des  Handelns  an.  Aller
zerfallenden  Erkenntnis,  aller  „empirisch-psychologischen“  Betrachtung,
is t  die  Individualität  genau  so  schlankweg  ungreifbar,  wie  unser
Schicksal!  Hier  könnte  nur  jene  „Psychologie“  frommen,  die  sic
läuternd  über  unsere  Menschenkenntnis“  hinaushebt;  eine  Wissenschaft, ­
  die  mit  dem  Blick  auf  die  Welt  des  Handelns  ebenfalls  nicht
unter,  sondern  über  einer  „Gesetzeswissenschaft“  steht,  aber  auch
keine  reine  Erfahrungswissenschaft  ist,  weil  sie  ihre  Erkenntnis  ^
H aus  aus  einem  fremden,  und  ausgesprochen  einem  „praktischen
Gesichtspunkte  botmäßig  macht.  Wenn  sie  Individualitäten  durchordnet,
  oder  jene  gewisse  Wechselbeziehung  besinnlich  uberdenkt,,  so
sie  dem  Handeln  selber  dienen;  mittelbar  dann  auch  seiner
eigentlichen  Erkenntnis  den  „Aktionswissenschaften“.  Diese  Wissenschaft ­
  zehrt  von  den  Ergebnissen  der  Historie  und  Nationalökonomie;
nicht  diese  setzen  sie  voraus,  sondern  umgekehrt.  Denn  die  Läuterung
der  »Menschenkenntnis“  ist  nur  in  den  Spuren  der  Wissenschaften
möglich,  die  dem  Schicksalszuge  folgen.  Aber  weil  jene  Wissenschaften
lhr  Wer k  im  rühmlichsten  Sinne  nie  zu  Ende  führen,  deshalb  käme
        <pb n="271" />
        246

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

solche  „Psychologie“  auch  für  sie  nicht  zu  spät;  genau  so  wenig  wie
für  das  Handeln.  Es  würde  uns  jene  Wissenschaft  die  Abwandlungen
lehren,  die  wir  bei  der  Verlegung  unseres  eigenen  Ichs  zu  beachten
haben;  für  die  wohlbekannte  Gleichung,  die  uns  das  menschliche
Handeln  aus  dem  eigenen  aufschließt,  wüßten  wir  die  feineren  Einsätze, ­
  die  „persönlichen  Koeffizienten“,  besser  zu  beherrschen,  als  es
unsere  einfache  Lebenserfahrung  uns  zubringt.
Für  Einheiten,  gleich  den  Zuständlichen  Gebilden,  gilt  es  nur  der
Tatsache  nach,  von  den  ursprünglichsten  Einheiten  aber  im  Grundsätze,
daß  offenbar  alles  erlebte  Geschehen  ohne  Rest  auf  diese  Einheiten
verteilt  ist.  Neben  dem  zeitlichen  und  örtlichen  fällt  also  dem
erlebten  Geschehen  stets  auch  ein  persönlicher  Weiser  zu.  In
verständiger  Meinung  ein  Symbol  des  Sondertums;  nicht,  weil  das
letztere  etwa  an  der  Person,  der  Individualität  hinge;  nur  deshalb,  weil
erst  dieser  dritte  Weiser  jene  Eine  Stelle  in  dem  Einen  Gewebe  außer
Zweifel  setzt,  die  über  den  ureigenen  Gehalt  des  Geschehens  entscheidet. ­
  Vor  dem  begrifflichen  Denken  über  das  Handeln  verlöschen
alle  drei  Weiser.  Etwas  abgestufter  gilt  dies  vom  Denken  in  den
vielerwähnten  zwei  Formen.  Am  häufigsten  verlöscht  aber  der
persönliche  Weiser,  soweit  nicht  das  persönliche  Leben  selbst  für
Zustand  und  Entwicklung  die  Grenzen  zieht.  Sonst  erscheint  im  Denkrahmen ­
  von  Zustand  und  Entwicklung  das  Handeln  stets  entpersönlicht. ­
  Im  Zuständlichen  Gebilde,  das  ja  noch  summarischer
eingreift,  ist  überhaupt  nur  solches,  von  der  Person  gelöstes  Handeln
eingeschluckt.  Natürlich  nur  vor  unserem  Denken;  denn  nur  für  unser
Denken  machen  die  ursprünglichsten  Einheiten  den  in  sich  ruhenden
Platz.  Um  nicht  von  einem  „unpersönlichen“  Handeln  zu  sprechen,
das  für  unseren  Geist  innerhalb  der  Zuständlichen  Gebilde  wirbelt,  sei
von  einem  unterpersönlichen  gesprochen.  Wenn  man  nach
der  zugehörigen  „Unterperson“  frägt:  es  ist  Herr  Jemand,  der  sich
meist  in  das  Wörtchen  „man“  verschlüpft.  In  einer  anderen  Hinsicht
wieder  ist  es  „der  Deutsche“,  „der  Franzose“,  „der  Russe“.  Wieder
in  einer  anderen  „der  Arbeiter“,  „der  Kapitalist“  usf.
Nun  zu  jener  anderen  Umformung.  Unserem  Denken  stellt  sich
da  ein  Geschehen  dar,  das  am  Zuständlichen  Gebilde  sich  verknotet,
das  mit  seinen  Abschnitten,  von  Zusammenhang  zu  Zusammenhang,
dort  also  gleichsam  seinen  Ursprung  nimmt.  Ganz  so,  wie  sich  das
persönliche  Handeln  dem  Ich  entringt,  heißt  es  z.  B.:  „Das  Deutsche
Reich  ist  den  Beschlüssen  der  Haager  Konferenz  beigetreten.“
sieht,  es  läßt  sich  hier  ein  Geschehen  als  vollzogen,  als  Tat,  wenden,
es  wird  also  fließend  gedacht,  wie  das  erlebte  persönliche  Handeln
        <pb n="272" />
        Ausblicke,  I.

247

selber.  Und  wirklich  ist  es  noch  der  „Gerinnung“  fähig.  Wenn  man
z.  B.  sagt:  „Zu  allen  Zeiten  hat  sich  das  Deutsche  Reich  als  ein  Hüter
des  Weltfriedens  bewährt“,  dann  ist  hier  Geschehen  jener  eigentümlichen ­
  Art  zuständlich  erfaßt.  Der  Zustand  verbirgt  sich  hier  im
„Hüten“,  das  offenbar  nur  in  einem  steten  Wandel  des  „hütenden
Geschehens  möglich  ist;  aber  die  Entwicklung  in  der  Richtung  eines
„Preisgebens“  wird  hier  im  selben  Laufe  verneint,
Erlebt,  in  jenem  ernsten,  für  unser  Denken  ruhsamen  Sinne,  ist
dieses  eigentümliche  Geschehen  aufs  Haar  so  wenig,  wie  das  Zuständliche
  Gebilde,  dem  es  zugeschoben  wird.  Es  ist  abermals  eine
denkende  Umformung  von  Erlebtem;  nur  wieder  anderer  Art.
Einen  greifbaren  Fall  ihres  Herganges  führe  ich  im  rohen  Schattenriß
vor-  Inmitten  eines  Zuständlichen  Gebildes,  denken  wir  gleich  an  einen
„Staat“,  drängt  sich  eine  wimmelnde  Menge  erlebten  Geschehens  durch
den  Engpaß  weniger  Handlungen;  an  denen  verdichten  sich  einfach
&amp;lt;Ee  vielgearteten  Zusammenhänge  des  nachdrängenden  Geschehens.
fasst  nun  unser  Denken  zu  und  ballt  auch  diese  Handlungen  noch
zu  einem  schlichten  Geschehen  zusammen,  das  nunmehr  aus  dem
Zuständlichen  Gebilde  ausfließt.  Auch  hier  ist  also  persönliches
Handeln,  unmittelbar  jene  wenigen  Handlungen,  mittelbar  das  Gedränge
hinterher,  in  einer  eigenen  Art  entpersönlicht  worden.  Unser
Denken  braucht  aber  nur  schärfer  hinzublicken,  und  dann  kommt  schon
der  Vorstellung  nach,  für  die  Forschung  aber  greifbar  in  „Tatsachen“,
das  erlebte  Geschehen  auf  Kosten  dieser  Umformung  zu  seinem  Rechte;
es  entwindet  sich  der  letzteren.  Beim  Lösen  der  gedanklichen  Umschnürung ­
  fällt  dieses  Geschehen  zu  lauter  Handlungen  auseinander,
die  nur  i n  einer  ganz  besonderen  Weise  verknotet  und  determiniert
erscheinen.  Namentlich  fallen  hier  die  „Rechtsverhältnisse“  in  Betracht,
di e  aber  nicht

die  Auferstehung  wohl
die  „entladenden“  bezeichnen  kann

minder  im  Spiel  des  Geschehens  und  seiner  Deter
minanten  auflösbar  sind.  Am  ehesten  blüht
jenen  Handlungen,  die  man  als  .  ,
und  die  gleichsam  die  Platzhalter  jenes  eigentümlichen  Geschehens
slQ d:  die  „Haupt-  und  Staatsaktionen“.  Das  nachdrangende,  den  Zusammenhang ­
  gleichsam  „spannende“  Geschehen  aber  das  mit  seiner
dichtesten  Partie  im  Alltag  umherwimmelt,  bleibt  vielleicht  überhaupt
uur  im  Sinne  von  Zustand  und  Entwicklung  erfaßbar.  Je  deutlicher
nun  »  D  ’•
je  mehr

Aktionen
mehr

dieser  Schattenriß  mit  dem  Geschehen  „draußen“  harmoniert,
^  es  uns  erfaßbar  scheint,  daß  hinter  den  „Haupt-  und  Staatsa

 * s  dem  Geschobenen,  der  Alltag  das  Schiebende  sei,  desto
Politik“ ind  W ' f  ZU  der  kürzenden  Aussage  verleitet,  daß  in  der  „Hohen
das  „Wirtschaftliche“  zur  Geltung  käme.  Ich  kann  es  hier
        <pb n="273" />
        248

Die  Herrschaft  des  Wortes“,

nicht  ausführen  und  auch  in  der  Folge  nur  andeuten,  daß  uns  in
allen  diesen  Dingen  auch  nur  das  Wort  an  wesentliche  Unterschiede
glauben  macht,  und  wieder  nur  das  Wort  zu  grundsätzlichen  Auffassungen ­
  verleitet.
Wie  nun  dieses  eigentümliche  Geschehen  kein  erlebtes  ist,  so  wird
auch  um  seinetwillen  nie  und  nimmer  aus  dem  Zuständlichen  Gebilde
ein  Ich!  Solche  Zauberei  bringt  keine  und  noch  so  befugte  Umformung ­
  unseres  Denkens  zuwege;  um  etwas  anderes  aber  handelt  es  sich
tatsächlich  nicht.  Nur  die  Mystik  kann  jenen  Zauber  träumen.  Wohl
aber  bleibt  unser  Denken  auch  bei  dieser  Umformung  mit  dem  Erleben
in  Einklang.  Es  greift  nicht  einfach  mit  jener  kürzenden  Willkür  ein,
die  uns  z.  B.  von  dem  „Erwachen  der  Idee  des  Weltfriedens“  reden
läßt.  Das  Handeln  im  Bereiche  dieser  strömenden  Einheiten  stachelt
selber  dazu  an,  kraft  seiner  Zusammenhänge,  erlebtes  Geschehen  so
umzuformen.  Und  deshalb  ist  unser  Geist  abermals  im  guten  Recht,
wenn  er  noch  über  diesen  Anreiz  hinaus  Form  und  Farbe  in  die  Welt
der  Erlebungen  bringt.  So  stellt  sich  uns  auch  jenes  Geschehen  als
ein  Handeln  dar.  Nach  seinem  Bezug  auf  dieses  höhere  Handeln
erscheint  das  Zuständliche  Gebilde  als  eine  Abart  von  Person;  sagen
wir,  es  wird  zur  Oberperson.  Die  ist  für  das  geläuterte  Bewußtsein
mit  dem  Gebilde,  dem  „Staate“  z.  B.,  schlechthin  Eines.  Das  urwüchsige ­
  Denken  redet  etwas  markiger  vom  „perfiden  Albion“,  oder
vom  „unaussprechlichen  Türken“.  Wenn  hier  persönliches  Handeln
im  oberpersönlichen  aufgeht,  so  bildet  auch  dieses  wieder  eine
Einheit.  Sie  steht  schon  zwei  Schritte  vom  Erlebten  ab.  Allein
auch  dem  Geschehen  im  Verbände  dieser  Einheit  sind  Determinanten
ureigen.  Auch  die  Oberperson  verrät  Persönlichkeit;  man  kann
ruhig  von  Individualität  sprechen,  wenn  auch  das  Verhältnis  dann  noch
befremdlicher  wird.  Aber  es  hängt  ja,  wie  sofort  erwähnt  wird,  das
oberpersönliche  Handeln  an  dem  Gliederbau  des  Zuständlichen  Gebildes.
Das  letztere  ist  selbst  für  unser  verflachendes  Denken  um  so  eigenartiger
gegliedert,  je  umspannender  es  ist.  Ein  „Staat“  z.  B.,  der  entspricht
schon  einer  gehörigen  Spannweite,  die  übrigens  nicht  an  Köpfen  zu
zählen  und  nicht  an  Grenzen  zu  messen  ist.  Es  handelt  sich  um
gegliedertes  Geschehen,  und  daher  spricht  auch  der  Reichtum
der  Gliederung  mit.  Nicht  je  „größer“,  sondern  je  intensiver  diese
Gebilde  sind,  desto  eigenartiger  sind  sie.  Damit  sind  aber  für  das
oberpersönliche  Handeln  sofort  spezifische  Determinanten  gegeben-Dazu
  steuern  z.  B.  auch  die  Individualitäten  der  Personen  bei,  &amp;amp; e
gleichsam  als  Sachwalter  des  „höheren“  Handelns  erscheinen.  Auf  ß er
anderen  Seite  machen  sich  umgekehrt  wieder  die  Übereinstimmungen
        <pb n="274" />
        Ausblicke,  I.

2 49‘

der  Personen  geltend,  die  schattenhaft  hinter  dem  nachdrangenden
Handeln  stehen.  Man  könnte  sagen,  es  ist  die  Oberperson  auch  in  dem
Maße  Individualität,  als  es  ihrerseits  die  Unterperson  ist,  und  eben
im  Sinne  jener  Einklänge;  in  der  Einheit  „Französische  Politik’  spiegelt
sich  deutlich  „der  Franzose“.
Warum  unser  Geist  auch  hier  keine  Willkür  verbricht,  sondern  es
dem  Erleben  selber  ablauscht,  wie  er  mit  dem  Erlebten  glatter  fertig
wird,  das  läßt  sich  in  Kürze  nicht  erläutern.  Die  frühere  Erläuterung
des  gleichen  Sinnes  war  auch  nur  eine  Gewalttat  der  Kürzung;  beim
Zuständlichen  Gebilde  wohl,  aber  noch  um  ein  Stockwerk  hoher  ist
es  nicht  möglich.  Dem  Äußeren  nach  habe  ich  den  Eingriff  unseres
Denkens  ja  angedeutet.  Man  kann  hier  nicht  gut  sagen,  daß  unser
Denken  einem  „roten  Faden“  folge.  Denn  auch  in  seiner  Umformung
ist  das  Geschehen  ein  stetig  fließendes;  es  fällt  nicht  in  Zustän  a  ®
einander,  die  nun  erst  zu  heften  wären.  Eher  trifft  das  Bild  zu,  da
unser  Denken  der  Stromlinie  in  jenen  strömenden  Einheiten  au
der  Spur  bleibt.  Aber  richtig  zu  begreifen  ist  der  Hergang  dieser
Umformung,  wie  auch  die  Befugnis  zu  ihr,  nur  aus  dem  Gliederbau, ­
  aus  der  „Struktur“  des  Zuständlichen  Gebildes,  die  ich  vollständig ­
  übergehen  mußte.  _
In  diesen  Richtungen  bleibt  ganz  besonders  viel  zu  tun,  weil  hier
das  juristische  Denken  so  außerordentlich  viel  vorgearbeitet  hat.
Staats-,  Verfassungs-,  Verwaltungs-,  Genossenschaftsrecht,  das  bezieht
sich  mittelbar  Alles  auf  diese  denkende  Umformung  des  oberpersönlichen ­
  Handelns.  Die  Oberperson  verhält  sich  zur  „moralischen“,
„juristischen  Person“  genau  so,  wie  das  „aktionswissenschaftliche“
Denken  zum  juristischen.  Neben  der  Fülle  dieser  Vorarbeit,  die  ebenso
hoch  zu  bewerten,  wie  vorsichtig  zu  gebrauchen  wäre,  liegen  die
Schwierigkeiten  des  Stoffes  selber  auf  der  Hand.  Die  bloßen  Worte
„innere“  und  „äußere  Politik“  erinnern  daran,  daß  hier  die  Gliederung
irgendwie  ä  double  ressort  vorhanden  sein  muß.  Es  läßt  sich  auch
sofort  absehen,  daß  beide  Male  so  etwas  wie  Hebelarme  der  Macht
sich  ausgestalten  müssen.  Man  denkt  unwillkürlich  an  die  „Französische
Verwaltung“,  jenes  kunstvolle  Hebelwerk,  das  sich,  aus  guten  Anfängen,
em  Großmeister  der  Tat  zurechtgefügt  hat;  an  welchem  Hebelwerk
dann  die  bunteste  Reihe  geschaltet  hat,  und  heute  noch  schaltet,  mit
dem  stehenden  Erfolge,  daß  sich  der  französische  Alltag  wie  aus  einem
archimedischen  Punkt  heraus  bewegen  läßt.  Und  so  gehen  die  Hebelarme ­
  auch  „hinaus“,  als  die  gigantischen  Brecheisen  der  Völkerschicksale. ­
  Für  die  Arbeit  an  ihnen,  da  bedeutet  es  schon  etwas,  ob  der
„rechte  Mann  am  rechten  Platze“  steht;  mit  anderen  Worten,  durch
        <pb n="275" />
        250

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

welche  Persönlichkeit  das  oberpersönliche  Handeln  seine  Direktion
erhält  Wo  aber  dieses  Plandeln  so  recht  verwächst  mit  dem  persönlichen ­
  eines  Einzelnen,  der  immer  weiß,  wohin  er  schieben  will,  und
nie  vergißt,  wohin  er  geschoben  wird,  der  seine  Tatkraft  mit  der  Oberperson ­
  multipliziert,  da  gestaltet  sich  im  wuchtigsten  Sinne  der  Held
heraus.  In  ihm  vermenschlicht  sich  die  Oberperson,  und  macht  ihn
zum  Übermenschen;  freilich  nicht  im  gewissen  Sinne  des  krankhaft
übersteigerten  Ichs,  nicht  im  Geiste  jener  Philosophie  der  wackelnden
Köpfe.
Übrigens  lassen  sich  die  Zuständlichen  Gebilde  danach  unterscheiden, ­
  in  welcher  Art  sie  als  Oberperson  gegliedert  sind,  und  ob
sie  es  zureichend  seien.  So  findet  das  Zuständliche  Gebilde  bald  mehr
im  tierischen,  bald  mehr  im  pflanzlichen  Organismus  sein
Gleichnis;  verstanden  natürlich  in  ihrer  deutlichsten  Ausprägung.  Von
ihnen  gilt  ja  dann  der  Unterschied,  daß  der  eine,  das  „Tier“,  den
äußeren  Bedingungen  seines  Fortbestandes  „aktiv“  entgegenkommt,  der
andere,  die  „Pflanze“,  sie  „passiv“  abwartet.  Halten  wir  nun  z.  B.
„Staat“  und  „Nation“  einander  gegenüber;  aber  weshalb  nicht  das
Nächste  für  uns  hier:  „Unternehmung“  und  „Haushaltung“!  Unter
dem  Zeichen  der  Pflanze  stehen  auch  zahllose  Gebilde,  in  denen  ein
höchst  feingeartetes  Geschehen  wirbelt,  dessen  Bedingnis  wie  aus
glitzernden  Fäden  gewoben  erscheint.  So  z.  B.  jede  „Wissenschaft“,
ihrer  Pflege  nach,  das  „Kunstleben  einer  Stadt“,  eine  „künstlerische
Schule“,  das  sind  in  ihrer  Art  Zuständliche  Gebilde.  Die  letzteren
gestaltet  eben  unser  Geist  mit  Fug  und  Recht  überall  dort,  wo  ein
lebendiger  Zusammenhalt  im  Geschehen  ist.
Hier  flechte  ich  eine  Abwehr  ein.  Meine  Darstellung  muß  überall
so  derb  allen  Feinheiten  durchgreifen,  daß  unwillkürlich  der  Schein
einer  hölzernen  Auffassung  entkeimen  muß;  einer  Auffassung,  die
einem  gröbsten  Überblick  zuliebe  aus  dem  Reiche  der  Tat  überall  den
Geist  austreibe!  Es  ist  nicht  zu  leugnen,  daß  ich  genau  vom  anderen
Ende  her  zufasse,  als  es  schöngeistiger  Mystik  anstünde.  Nur  schade,
daß  bei  der  letzteren  die  Worte  gar  so  leicht  mit  unserem  Denken
durchgehen.  Im  übrigen  ließe  sich  vieles  von  diesem  Standpunkte  aus
bequemer  und  gefälliger  erledigen.  Zur  Ergänzung  ist  Mystik  zweifellos
an  ihrem  Platz;  gerade  vor  der  Welt  des  Handelns,  die  ihrer  wissenschaftlichen ­
  Erledigung  die  allergrößten  Schwierigkeiten,  aber  nicht  das
allerkleinste  Rätsel  in  den  Weg  legt,  gerade  da  antwortet  es  der
menschlichen  Natur,  stets  ein  bißchen  was  hinein  zu  geheim  nissen.  Ich
glaube  aber,  daß  die  „Imponderabilien“  des  Geschehens  auch  bei
nüchterner  Auffassung  nicht  zu  kurz  kommen.  Einiges  ließ  sich
        <pb n="276" />
        Ausblicke,  II.

251

immerhin  andeuten.  Freilich  wird  es  immer  viel  schöner  klingen,  von
„Milieu“  und  „Umwelt“  zu  sprechen,  als  trocken  von  der  Determination,
dem  in  sich  bedungenen  Ganzen  des  seitlich  Bedingenden.  Allein,  wie
jene  Worte  auch  erst  den  Anfang  machen,  und  Alles  an  der  sachlichen
Erläuterung  hängt,  so  stehen  auch  diese  vereinzelten  Phasen  eines  einheitlichen ­
  Gedankenganges,  dem  sie  herausgegriffen  sind,  gleichsam
erst  am  Anfangel  Kurz  und  gut,  die  Auffassung  selber  ist  gar  nicht
so  hölzern.  Nur  komme  ich  bei  solcher  Kürze  nirgends  über  das  Gerippe ­
  hinaus;  und  das  ist  als  solches  spröde,  oder  es  wäre  keines.
Auf  zwei  Verwicklungen  sei  kurz  hingewiesen.  Die  Umformung,
die  uns  das  oberpersönliche  Handeln  einbringt,  kann  auch  diesem
Geschehen  wieder  Form  verleihen;  und  auch  mehrmals  hintereinander.
Unser  gestaltendes  Denken  beginnt  sein  Werk  dann  von  immer  höheren
Horizonten.  Auch  danach  sondern  sich  die  Zuständlichen  Gebilde.
Heißt  es  z.  B.  „Schulzens“,  dann  ist  unmittelbar  das  erlebte  Geschehen
umgeformt;  ganz  anders,  wenn  es  wieder  heißt  „Deutsches  Reich“.
Es  kommt  da  zu  einem  eigentümlichen  Übereinander  des  Geschehens. ­
  Viel  Zusammenhang  geht  natürlich  auch  unvermittelt  durch
die  Stockwerke  hindurch.
Dann  vergesse  man  nicht,  daß  jene  in  sich  ruhenden  Einheiten
des  Handelns  nicht  Geschehen  von  Geschehen  sondern;  so  halten  es
nur  die  ursprünglichsten,  wie  sie  am  Ich  ruhen.  Jene  Einheiten  aber
empfangen  ja  einzig  aus  den  Zusammenhängen  ihre  innere  Bedingnis.
  Sie  können  daher  vor  unserem  gestaltenden  Denken,  und  in
beliebiger  Verwicklung,  ineinander  stecken,  gleich  den  Zellen  im
Organismus.  Es  wirbeln  oft,  mit  dem  Blick  auf  das  Erlebte  gesprochen,
zu  einer  solchen  strömenden  Einheit  der  schlichteren  Einheiten  viele,
und  von  vielfacher  Art,  und  in  vielfacher  Weise  zusammen.  Und  es
»st  mehr  oder  minder  das  nämliche  Geschehen,  das  sie  zum  Wallen
gebracht  haben,  es  zugleich  dahin,  dorthin  wendend,  im  Auf  und  Ab
der  Lebensfluten!  Der  Strom  folgt  natürlich  nicht  den  Gesetzen  des
«tropfbar  Flüssigen“.  Das  Gleichnis  hinkt  also,  aber  der  Gedanke  nicht
m it  ihm.

II.
_  1  1  »fite  ich  berühren,  um  den  etwas
Das  oberpersönliche  Handeln  mu  ermög li c hen,  die  sachlich
schärferen  Zug  jener  letzten  Abrun J^  zu  Sch ritt  ist  es  fühlbarer
hier  die  wichtigste  ist.  Aber  von  ben  ,  habe,  der
geworden,  daß  ich  den  Weg  gewaltsam  abges
        <pb n="277" />
        252

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

vor  das  Zuständliche  Gebilde  hiuführt.  Dieses  käme  ja  unter
den  Arten,  wie  unser  Geist  Erlebtes  umformt,  ohne  gegen  das  Erleben
selber  zu  verstoßen,  erst  am  letzten  Ende.  Unter  diesen  „höheren
Wirklichkeiten“  aus  der  Welt  des  Handelns  ist  das  Zuständliche  Gebilde ­
  gleichsam  die  höchste.  Und  es  ist  klar,  daß  man  beim  Einfachsten ­
  beginnen  müßte,  um  auch  hier  der  ansteigenden  Verwicklung
zu  folgen.
Das  Problem,  das  ich  hier  umgangen  habe,  heischt  ein  kürzestes
Inventar  der  Gegenstände  jener  Welt:  lauter  Einheiten  des
Handelns,  für  welche  das  Erleben  selber  einsteht,  und  denen  unser
Geist  erst  Gestalt  verleiht.  Nehmen  wir  also  jenes  Problem  als  gelöst
an,  dann  liegt  gleichsam  die  Tafel  der  erlebten  Einheiten  vor.
Es  ist  dann  ein  doppelter  Erfolg  erzielt.  Auf  der  einen  Seite  erblickt
man  die  verschiedenen  „Begriffsmöglichkeiten“,  die  für  die  Welt  des
Handelns  gelten.  Das  will  einfach  sagen,  die  verschiedene  Art,  wie
unser  Denken  erlebtes  Geschehen  in  Einen  Inhalt  schöpft,  der  hierauf
an  einem  Worte  sprachflüssig  wird.  Auf  der  anderen  Seite  enthüllt
sich  der  Aufbau  dieser  Welt,  soweit  ihn  sonst  der  Schleier  der  Worte
verhüllt;  jener  Worte,  die  uns  das  nämliche  Leben  verständlich  macht,
über  das  wir  uns  mit  ihrer  Hilfe  verständigen.  Der  Grund,  weshalb
jene  beiden  Erfolge  Hand  in  Hand  gehen,  ist  zugleich  der,  aus  dem
jenes  ganze  Beginnen  möglich  erscheint:  Die  Welt  des  Handelns
ist  aus  unserer  Tat  geworden,  und  daher  in  der  vollen
Gewalt  unseres  Denkensl
Unser  Problem  der  Formeln,  das  will  dem  nationalökonomischen ­
  Denken  den  Weg  klären.  Es  liegt  diesseits  jener  Ersten
Fragen  der  Nationalökonomie,  an  die  ich  bei  der  letzten  Abrundung
streifen  will.  Das  fragliche  Problem  liegt  schon  jenseits  dieser  Fragen.
Es  ist  eine  allgemeine  Angelegenheit  der  Erkenntnis,  die  sich  im  nationalökonomischen ­
  Denken  nur  besondert.  Das  ist  jene  unzerfällende
Erkenntnis,  die  allein  der  Welt  des  Plandelns  gerecht  wird.  Es  bedarf
aber  diese  Erkenntnis  jenes  kürzesten  Inventars,  um  sich  selber  zu
finden,  um  mündig  zu  werden.
Als  Vormund  —  von  der  „Alltagskenntnis“,  dem  lebendigen
Denken,  hier  ganz  abgesehen  —  schwebt  mir  nicht  etwa  das  biologische ­
  Denken  vor.  Sein  gewaltiger  Vorsprung  an  Reife  und
Zucht  hat  zwar  der  besten  Köpfe  genug  berauscht.  Man  ließ  sich  von
Organismus,  Gewebe  und  Zelle  darüber  belehren,  wie  es  bei  uns  z 1 '
Hause,  in  der  Welt  des  Handelns  eigentlich  herginge.  Aber  dieser
Umweg  ist  doch  allzusehr  ein  Rundlauf;  mehr  als  einen  erfrischenden
Spaziergang,  wie  er  zu  Zeiten  auch  sein  Gutes  hat,  kann  er  nicht  be*
        <pb n="278" />
        Ausblicke,  II.

253

deuten.  Ich  spiele  hier  nicht  darauf  an,  daß  alles  zerfallende  Denken
nur  deshalb  da  ist,  weil  wir  im  Handeln  selber  zerfallend  denken
müssen;  die  ganze  Naturwissenschaft  ist  nur  ein  —  bis  zum  Selbstzweck ­
  —  überquellendes  Sinnen  über  die  strebigen  Zusammenhänge
im  Handeln!  Aber  dort  münze  ich  es  nur  auf  die  offene  Tatsache,
daß  gerade  das  biologische  Denken  noch  am  deutlichsten  lehrt,  wie
sehr  wir  allezeit  nur  kraft  unser  er  Eigenschaft  als  Handelnde
zu  denken  vermögen.  Bei  diesem  Denken  geht  dies  so  weit,  daß
die  Zerfällung  selber  einen  kleinen  Schritt  zurück  tun  muß:  das
„Zweckmäßige“!  Von  dem  lebendigen,  dem  handelnden  Denken
jedoch  erbt  nur  die  unzerfällende  Erkenntnis  in  gerader  Linie.  In
ihre  Hut  ist  dieses  Erbe  gegeben.  Wenn  also  da  überhaupt  eine  Vormundschaft ­
  bestehen  soll,  so  eher  noch  in  der  verkehrten  Richtung!
  Aber  vorläufig  ist  das  Ei  klüger  als  die  Henne.
Unter  den  Vormündern,  die  ich  wirklich  meine,  sei  das  j  u  r  i  s  t  i  s  c  h  e
Denken  genannt,  in  seiner  unvergleichlichen  Vollendung.  Wehe  aber,
wir  das  juristische  Denken  über  das  Gefüge  jener  Welt  geradeaus

daß
als  da

is  wissenschaftliche  Denken  empfinden!  In  seiner  vo  g
Eigenart  hat  es  nicht  schlechthin  der  Erkenntnis,  sondern  S
lung  des  Handelns  sich  angepaßt.  Die  Inhalte  des  juristischen  Denkens
beziehen  sich  zwar  an  letzter  Stelle  auch  auf  die.  erlebten  Einheiten
des  Handelns.  Allein,  zur  lebendigen  Umformung,  die  mit  dem  Erleben
selber  im  Einklang  bleibt,  gesellt  sich  erst  noch  eine  weitere  Umbildung, ­
  aus  dem  Gesichtspunkte  der  Regelung  des  Handelns. ­
  Beidem,  jener  lebendigen  Umformung,  wie  der  Art,  in  der
das  Umgeformte  erst  noch  umgedacht  wird,  beidem  könnte  man  nur
^  der  Hand  jenes  Problems  nachgehen.  Solange  wir  uns  von  dem
juristischen  Denken  nicht  freimachen,  verzeichnet  sich  uns  die  w  eit
des  Handelns;  in  einer  Weise,  die  eigentlich  im  voraus  einsehbar  ist.
Um  sie  in  einem  übertreibenden  Bilde  zu  malen:  Vor  dem  juristischen
Blick  fällt  die  ganze  Welt  des  Handelns  in  Starrkrampf  1
Bei  der  Art,  wie  ich  das  Zuständliche  Gebilde  hier  erörtert  habe,
wird  besonders  Etwas  Anstoß  erregt  haben:  seine  Rückführung  auf  eine
bloße  strömende  Einheit  des  Handelns.  Auch  da  spricht  die  Macht
des  juristischen  Denkens  mit,  die  sich  einzig  an  der  Hand  jenes  Problems
brechen  ließe,  in  Einem  Ruck  mit  den  Fesseln  des  Wortes.  Diese
Gleichzeitigkeit  erklärt  sich  einfach  daraus,  daß  seinem  ganzen  Wesen
nach  das  juristische  Denken  dazu  geneigt  ist,  nur  durch  die  Brille  des
Gesetzeswortes  ins  Leben  zu  schauen;  andererseits  aber  ist  jedes  Wort
m  seiner  Art  ein  kleiner  Jurist!  So  hätte  die  Lösung  jenes  Problems
—  übrigens  auch  eine  Sache  geduldigster  „Werkfortsetzung“  —  für
        <pb n="279" />
        254

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

die  unzerfällende  Erkenntnis  ihre  nicht  zu  verkennende  Bedeutung:  die
Auferstehung  des  Geschehens  aus  den  Gräbern  des  materialisierenden,
verknöchernden  Wortesl  Und  so  auch  im  hier  gemeinten  Falle.  Es
müßten  eben  die  schlichteren  Fälle  der  Umformung,  es  müßte
„Geschehnis“  und  müßten  alle  Arten  „Vorgänge“  und  „Bestände“  zuerst ­
  im  klaren  sein;  und  auch  die  Weise,  wie  sie  in  bunter  Menge  dem
Zuständlichen  Gebilde  eingefügt  sind.  Dann  erst  kann  erhellen,  wie
buchstäblich  das  Zuständliche  Gebilde,  mit  seinem  ganzen  Um  und  Auf,
nichts  als  eitel  Geschehen  ist.  Nur  eben  in  Einheit  erlebtes
Geschehen!  Um  dieser  Einheit  willen  formt  dann  unser  Geist  jenes
Etwas,  das  nicht  „ist“,  und  noch  weniger  bloß  „gilt“;  das  auch  nicht
„geschieht“,  nicht  „besteht“  und  nicht  „vergeht“,  sondern  „fortbesteht“: ­
  an  eine  innere  und  an  äußere  Bedingnisse  gebunden.
Es  gilt  zwar  auch  vom  Organismus,  daß  er  in  diesem  Sinne
„fortbesteht“.  Auch  schließt  solche  Art  Gegenständlichkeit  da  wie
dort  den  umgliedernden  Wandel  in  sich.  Allein,  der  Organismus  ist
wahrlich  nicht  eitel  Geschehen.  Um  die  Einheit  des  Geschehens  schlingt
sich  bei  ihm  ein  „körperliches  Band“;  als  das  laufende  Tier,  als  die
treibende  Pflanze,  ist  er  uns  anschaulich.  Aus  dem  Gesichtspunkte
der  Einheit  kommt  hier  das  Geschehen  nur  in  seiner  Beziehung  auf
das  Sein,  nur  als  „Funktion“  zur  Geltung;  und  so  betrifft  auch  die
Entwicklung  hier  den  „Körper“  —  „spezifische  Formgestaltung“.  Und
noch  in  einem  anderen  Sinne  gähnt  zwischen  Organismus  und  Zuständlichem
  Gebilde  eine  unüberbrückbare  Kluft.  Es  mag  das  erobernde
Denken  in  die  innere  Bedingnis  der  Einheit  „Organismus“  tief  und
tiefer  eindringen,  das  letzte  Wort  dieser  Bedingnis  flüchtet  vor  dem
Eindringling  zurück!  Die  Bedingnis  im  Zuständlichen  Gebilde  ist  dagegen ­
  ein  recht  offenes  Geheimnis.  Im  stillen  weiß  jedermann  von
ihm.  Zwei  oder  drei  Förmelchen  zur  Erkenntnis  des  Alltäglichen  genügen
zur  Not,  um  es  auszuplaudern!  Aber  vorher  eben  einen  Blick  auf  die
Anlässe  jenes  Denkens,  das  sich  über  diesen  Formeln  läutert.

BL
Ich  streife  hier  die  Frage,  in  welchen  Spielarten  gegenüber ­
  der  Welt  des  Handelns  Erkenntnis  möglich  ist.  Es
handelt  sich  nur  um  erfahrungswissenschaftliche  Erkenntnis:
eine  Erkenntnis,  die  einen  unserem  Denken  gegebenen  Stoff  erledigt
ohne  diese  Erledigung  von  Haus  aus  unter  einen  Gesichtspunkt  z u
stellen,  der  nicht  aus  ihr  selber  entsprungen  ist!  Für  den  Gegensatz
        <pb n="280" />
        Ausblicke,  III.

255

verweise  ich  einfach  auf  das  juristische  Denken.  Von  der  anderen
Seite  her  ist  die  Welt  des  Handelns  nur  soweit  Stoff  unseres  Denkens,
als  unzerfällende  Erkenntnis  in  Frage  kommt.  Dann  aber  liegt
mit  dem  Handeln  ein  Stoff  vor,  so  wuchtig  gegeben,  wie  gar  kein  zweiter  L
Ich  erwäge  hier  ausschließlich  das  grundsätzliche  Verhältnis.  Meine
Erwägung  kümmert  sich  also  um  die  Schwierigkeiten  nicht,  zur
Gegebenheit  dieses  Stoffes  vorzudringen;  sei  es  auf  dem
Wege  der  Information,  oder  der  Umfrage,  oder  der  Überlieferung,  oder
etwas  anderem.  Das  betrifft  Sorgen  der  Methode;  um  die  handelt  es
sich  nicht  1  Ehe  man  den  Vollzug  einer  Erkenntnis,  gleichsam  die
Wege  der  Forschung  erörtert,  muß  die  Möglichkeit  dieser  Erkenntnis
außer  Zweifel  stehen,  also  gleichsam  das  Ziel  der  Forschung.  Darauf
allein  kommt  es  hier  an.

Mit  dem  Blicke  auf  das  Erleben  liegt  d:e  Welt  v f  dieser
nicht  bloß  als  der  im  Wesen  einerlei  Stoff  gegeben  ’
Stoff  ist  auch  durch  und  durch  Einer,  aus  eitel  Zusammenha  g
in  sich  abgeschlossen.  Was  aber  so  im  Grundwesen  Eines  ist  kann
nicht  mehr  im  grundsätzlichen  Sinne  vereinfacht  werden;  oder  es  wi
im  Wesen  verkannt.  Bei  Strafe  des  Fehlers  im  Grundsätze  verbietet
es  sich  dann,  eine  „Unifikation“  als  das  letzte  zu  erstreben.  Erken  ’
ist  hier  einzig  in  dem  Sinne  möglich,  daß  sich  uns  lese  in  ei
selber  erschließt:  der  Eine  Zusammenhang  alles  Erlebten.
Hier  wird  der  Gegensatz  zwischen  der  unzerfällenden  Erkenntnis
und  der  Naturwissenschaft  ein  viel  zu  schroffer,  um  ihn  gänzlich  außer
Spiel  zu  lassen.  Näher  kann  ich  es  freilich  nicht  ausführen,  in  welchem
Sinne  die  Naturwissenschaft  von  einem  Vielerlei  des  Geschehens  ausgeht, ­
  und  zu  einem  Einerlei  hinstrebt;  während  ja  das  unzerfallende
Denken  sofort  bei  dem  Handeln  einsetzt,  wie  es  uns  nach  dem  Verbilde
unseres  eigenen  erschließbar  ist,  um  nun  dessen  Einheit  zu  erbissen.
Auch  dabei,  wie  hier  eigentlich  überall,  handelt  es  sich  um  Dinge,
die  ihre  wiederholte  und  meisterhafte  Erledigung  in  der  Literatur
gefunden  haben;  was  aber  nicht  hindert,  daß  so  Längsterkanntes  stets
von  neuem  verkannt  wird.  In  bezug  auf  jenen  Zwiespalt,  der  innerha  b  er
erfahrungswissenschaftlichen  Erkenntnis  klafft,  gebricht  es  leider  noch  an
einer  einheitlichen  Fassung  der  Ansichten.  Sonst  konnte
Slc h  auch  der  Wahn,  als  ob  „Wissenschaft"  und  „Gesetzunzertrennliche
  Dinge  wären,  nicht  so  zähe  behauptenl
Er  tut  es  nur  zu  sehr;  und  eben  im  Bunde  mit  Anschauungen,  für  die
jener  unversöhnliche  Gegensatz  einfach  nicht  besteht.  Höchstens,  daß
man  dabei  einen  erheblichen  Unterschied  im  Grade  der  Verwicklung
        <pb n="281" />
        256

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

zugesteht;  so  zwar,  daß  die  Welt  des  Handelns  als  Gegenstand  einer
Art  „höheren  Meteorologie“  zur  Natur  herabsinkt.
Je  wohlgemeinter  die  Sucht  ist,  der  Welt  des  Handelns  mit  dem
„Gesetze“  die  Vereinfachung  aufzudrängen,  desto  seltsamer  muß  sie  erscheinen. ­
  Das  Brot  ihrer  lebendigen  Einheit  will  man  dieser  Welt
nicht  reichen;  aber  den  Stein  ihrer  Vereinfachung  bleibt  man  ihr
schuldig.  Denn  aus  einem  Beginnen,  das  so  im  Wesen  verfehlt  ist,
kann  ja  Erkenntnis  immer  nur  zum  Scheine  hervorgehen!  Dieses
Fatum  erfüllt  sich  besonders  in  dreierlei  Schlägen.  Vor  allem  ist  es
das  liebe  Wort,  das  kralt  seiner  Lautbeständigkeit  gegen  die  Natur
der  Sache  ein  „Gesetz“  aussprechen  läßt.  Nicht  bloß  „Systeme“  lassen
sich  mit  Worten  bereiten,  sondern  vor  allem  auch  „Gesetze“.  Auch
da  tritt  die  erkenntnisbeugende  Macht  des  Wortes  in  Geltung,  das  eben
jedem  Selbstbetrug  unseres  Denkens  liebedienerisch  willfahrt,  als  der
„schändliche  Kuppler“  zwischen  Geist  und  Irrtum.  Sehen  wir  etwa  —
ein  freigebildetes,  rein  zur  Verdeutlichung  dienendes  Beispiel  —  den
Satz  an:  „Der  Republik  folgt  allezeit  die  Diktatur.“  Dann  ist  im  Grundsätze ­
  damit  keine  andere  „Abfolge“  ausgesprochen,  als  die,  daß  man
in  vielen  Fällen,  dem  Zeitenlauf  folgend,  zuerst  das  fadenscheinige  Wort
„Republik“  anwenden  kann,  wo  nachher  das  nicht  minder  fadenscheinige
Wort  „Diktatur“  verwendbar  ist.  Soweit  entspricht  es  etwa  der  Weisheit ­
  eines  Botanikers,  der  das  „Gesetz“  finden  würde:  „Grüne  Blätter
werden  gelb.“  Aber  es  steht  noch  im  Wesen  schlimmer!  Ich  will
nicht  über  die  Abkehr  von  der  eigentlichen  Aufgabe  des  unzerfällenden
Denkens  sprechen.  Das  wird  sich  in  der  Folge  ganz  von  selber  ergeben, ­
  daß  mit  solchen  „Abfolgen“  auch  nicht  die  Spur  von  jener
Aufgabe  erfüllt  ist.  Ich  will  nur  dem  Selbstbetrug  auf  die  Schliche
gehen,  als  ob  man  doch  auch  in  solcher  Weise  Erkenntnis  erzielte.
Vergleichen  wir  jenes  „botanische  Gesetz“  mit  unserem  „historischen“,
so  spricht  das  erstere  doch  wenigstens  eine  Erfahrung  aus,  die  zwar
jeder  macht,  aber  doch  immerhin  zu  machen  hat.  Die  Aussage  der
„Abfolge“  ist  an  ihre  eigene  Beobachtung  gebunden.  Besinnt  man
sich  aber  auf  jene  historische  „Abfolge“,  dann  ergibt  sich,  ohne  daß  ich
es  hier  umständlich  besprechen  könnte,  daß  uns  diese  „Abfolge“,  gerade
in  ihrer  Verschwommenheit,  im  voraus  verständlich  ist!  Aus
Erwägungen,  die  weder  mit  der  „Republik“,  noch  mit  der  „Diktatur“
selber  zu  tun  hätten,  sondern  buchstäblich  mit  der  Alltagskenntnis,  mhdem
  Besitz  der  so  wohlbekannten  „Gleichung“  des  Zusammenhanges
im  menschlichen  Handeln.  Das  „Gesetz“  ist  also  im  Schlepptau  v°n
richtigen  Gemeinplätzen;  in  seinem  „Kerne“  fällt  es  mit  ihnen  zusammen. ­
  Und  damit  stehen  wir  vor  dem  zweiten  Punkte.  Vom
        <pb n="282" />
        A  -  --Ausblicke,

  III.

257

Wortestrug  ganz  abgesehen,  rennen  diese  „Gesetze“  meistens  offene
Türen  ein!  Wer  sie  „findet“,  will  nun  keineswegs  der  Selbsterkenntnis,
er  will  doch  der  Erkenntnis  dienen.  Er  denkt  nicht  im  entferntesten
an  eine  „Theorie  vor  den  Tatsachen“,  sondern  an  eine  „Theorie  statt
der  Tatsachen“.  Das  liegt  ja  im  Wesen  der  „Unifikation“.  Im  Erfolge
aber  bietet  er  das  Erstere  an  Stelle  des  Anderen.  „Theorie  statt  der
Tatsachen“  ist  überhaupt  nicht  vorhanden,  weil  die  Beobachtung  im
Grundsätze  entbehrlich  ist,  und  höchstens  als  „Bestätigung“  erscheint,
in  Wortseligkeit.  „Theorie  vor  den  Tatsachen“  aber  wird  hier  nur
wider  Willen  gefunden,  und  daher  in  einer  höchst  fragwürdigen  unbrauchbaren ­
  Gestalt.  Will  man  sich  deutlicher  machen,  wie  diese
»Gesetze“  zumeist  nur  einen  brüllenden  Gemeinplatz  aussprec  en,  einen
Hergang  im  Handeln,  den  man  sich  an  den  fünf  Fingern  a  za  en
kann,  nun,  dann  denke  man  einfach  an  die  wirtschaftliche  Bauernregel
von  „Angebot  und  Nachfrage“!  Diese  besonders  steckt  als  „Kern  in
so  manchem  dieser  „Gesetze“,  mit  denen  nichts  erreicht  ist,  als  le
Verekelung  der  ehrlichen,  mühseligen  Tatsachenforschung;  man  glaubt
eben  schon  Alles,  oder  doch  genug  zu  wissen.  Im  Erfolge  ist  es  eine
Art  schlimmsten  Raubbaues,  an  den  Erkenntnisaufgaben  der  Wissenschaft ­
  verbrochen.  Nun  wären  noch  jene  „Gesetze“  zu  berühren,  die
stets  die  Paradepferde  blieben,  die  sie  von  Anfang  an  waren.  Unwillkürlich ­
  erinnert  man  sich  an  die  Klage  eines  scharfen  und  ehrlichen
Denkers,  daß  ihm  die  „historischen  Gesetze“  ein  unerfüllter  Traum
geblieben  sind.  Es  verblieb  eben  bei  jenen  „Gesetzen“,  die  einst  als
die  Verheißung  eines  Neuen  Zeitalters  in  der  Wissenschaft  des  Handelns
begrüßt  wurden:  Die  Wiederkehr  in  der  jährlichen  Zahl  der  Selbstmorde,
Verbrechen  usw .  Das  wären  im  besten  Falle  bloße  Gesetzmäßigkeiten,
  „empirische  Gesetze“,  die  noch  nicht  der  Verallgemeinerung
eines  Geschehens  entsprechen,  noch  nicht  dem  „Kausalgesetz“.  Auch
bloße  Gesetzmäßigkeiten  sind  sie  nur  scheinbar;  sie  sind  keineswegs
das  A,  zu  dem  ein  Gesetz,  die  Verallgemeinerung  eines  Geschehens,
d as  B  sagen  kann.  Bei  ihrer  Erzielung  wird  ja  von  allem  Zusammenhang ­
  abgesehen;  mit  dem  hört  aber  zugleich  das  Geschehen  auf,  von
dern  sie  eine  Abfolge  verraten  könnten,  die  der  Verallgemeinerung
standhält.  Es  liegt  dies  im  Wesen  ihrer  Erzielung,  in  der  bloßen
Durchzählung  von  Fällen,  bei  der  man  nicht  an  den  Zusammenhang ­
  denkt,  der  zweifellos  vorhanden  ist,  sondern  an  rein  äußerliche
Grenzen,  innerhalb  deren  gezählt  wird!  In  diesem  Sinne  bedeuten
sie  zunächst  nichts  als  eine  Bestätigung  des  Wahrscheinlichkeitskalküls.
Ihr  Nutzen  als  „Symptome“  bleibt  ja  von  ihrer  Würde  oder  Unwürde
a!s  „Gesetze“  ganz  unberührt.  „Symptomatisch“  ist  übrigens  gerade
enfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  V

v-  Gottl-Ottlilie
        <pb n="283" />
        258

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

das  Schwanken.  Es  läßt  sich  nicht  schnell  genug  darlegen,  wie  diese
„symptomatische“  Bedeutung  nur  damit  zu  tun  hat,  daß  in  ihrer
besonderen  Art  auch  diese  „Gesetze“  eine  offene  Tür  einrennen:  Sie
bestätigen  mittelbar  den  Gemeinplatz,  daß  im  Handeln  Alles  mit  Allem
zusammenhängt;  genau  so,  wie  rieselnde  Sandkörner  eben  nur  daraufhin ­
  einen  Kegel  ergeben,  daß  sie  in  Berührung  miteinander  bleiben.
Nun  deuten  aber  diese  „Gesetze“  auf  jenen  Allzusammenhang  im
Handeln  hin,  der  als  solcher  für  „Gesetzeserklärung“  viel  zu  gut  ist.
In  diesem  Sinne  bedeuten  jene  „Gesetze“  ihre  eigene  Verhöhnung.
Wenn  man  glaubt,  wenigstens  von  „Entwicklungsgesetzen“,  „historischen ­
  Gesetzen“  u.  dgl.  sprechen  zu  dürfen,  so  ist  dies  im  Grunde
nichts  als  ein  recht  wortseliges  Zugeständnis  an  jene  Irrung  durch
Mark  und  Bein.  Damit  nur  ja  der  unzerfällenden  Erkenntnis  der  Aufputz ­
  jenes  Wortes  „Gesetz“  nicht  entgehe  1  Einerlei  und  Einheit,  im
Sinne  jenes  Gegensatzes,  der  abermals  nicht  aus  den  Worten  zu  klügeln
ist,  sondern  aus  unserer  Sache  zu  verstehen,  das  läßt  sich  nicht  unter
einen  Hut  bringen.  Nichts  anderes  aber  versuchen  diese  ausflüchtigen
Wendungen.  Sofern  der  Ausdruck  „Gesetz“  nur  irgendwie  auf  das
Streben  nach  dem  Einerlei  gemünzt  ist,  während  der  Ausdruck  „historisch“ ­
  der  richtigen  Auffassung  Raum  geben  will,  dem  Streben  nach
der  Einheit,  dann  schielt  man  zur  gleichen  Zeit  nach  dem  Einerlei
und  nach  der  Einheit.  Ebensogut  wie  von  einem  „historischen  Gesetze“,
kann  man  von  einem  nassen  Feuer  reden.
Wer  den  unversöhnlichen  Gegensatz  verkennt,  zwischen
zerfällender  und  unzerfällender  Erkenntnis,  der  versagt  sich  natürlich
auch  den  Blick  für  alle  Vorzüge,  die  der  unzerfällenden  Erkenntnis
gerade  aus  diesem  Gegensätze  erblühen.  Der  Form  nach  setzt  die
unzerfällende  Erkenntnis  gleich  dort  ein,  wo  die  zerfällende  erst  hinstrebt ­
  !  Das  war  oben  gestreift  worden.  Schon  in  der  Form  steht  auch
das  Erfassen  der  Einheit  höher  als  jenes  bloße  Erfassen  der
Einheitlichkeit,  wie  es  mit  dem  Streben  nach  dem  Einerlei  vorliegt, ­
  auf  dem  Wege  des  vereinfachenden  „Gesetzes“.  Die  Vorzüge
liegen  aber  auch  greifbarer  da.
Wenn  irgendeine  Abfolge  der  Erscheinungen  ihrer  Verallgemeinerung ­
  standhält;  wenn  ich  also  weiß,  auf  A  folgt  immer  B:  hat
damit  meine  Erkenntnis  etwas  gewonnen?  Doch  nur  mittelbar;  nur
soweit,  als  ich  die  Erkenntnis  dem  Handeln  unterstelle,  zum
Heile  seiner  strebigen  Zusammenhänge.  Wie  eine  weitere  Zerlegung
jener  Abfolge  schließlich  auch  nicht  geradeaus  mein  Erkennen  befriedigt)
da  alle  Zerlegung  wieder  nur  vor  Abfolgen  hinführt,  deren  Eintreffe 11
mir  gar  nichts  sagt;  wie  hier  abermals  nur  das  Handeln  den  Vorteil
        <pb n="284" />
        Ausblicke,  III.

259

17*

zieht,  indem  ich  es  kennen  lerne,  die  nämlichen  Erfolge  auch  auf
anderen  Wegen  zu  erstreben,  alles  das  läßt  sich  nicht  in  Kürze  ausführen. ­
  Aber  ungefähr  in  diesem  Sinne  ist  alle  Naturwissenschaft  nur
eine  folgerichtig  erweiterte  und  geläuterte  Art,  wie  im  Handeln  selber
schon  zerfällend  gedacht  wird.  Die  Naturwissenschaft  stellt  sich  also
unter  jenes  Handeln,  über  das  sich  nur  die  unzerfällende  Erkenntnis,
als  solche,  gebietend  hinaushebt!  Wo  immer  ich  jedoch  der
Einheit  des  erlebten  Geschehens  um  einen  noch  so  kleinen  Schritt
uäher  komme,  da  ist  nicht  bloß  in  der  Form  für  meine  Erkenntnis
mehr  gewonnen.  Aller  Zusammenhang,  den  ich  im  Handeln  erschließe,
&amp;gt;m  Sinne  seines  Mitlebens  und  Nachlebens,  lehnt  sich  an  das  Vorbild
deines  eigenen  Handelns  an,  dessen  Zusammenhang  ich  unmittelbar
em P  find e .  Und  dieses  Mitschwingen  eines  Empfindens,  dessen  wir
uns  s °  gewiß  sind  wie  unseres  eigenen  Ichs,  das  macht  die  unzerfällende ­
  Erkenntnis  auch  zu  einer  innerlich  höheren;  sie  ist  ganz
anders  eine  befriedigende.  Unter  der  Voraussetzung  natürlich,
daß  ich  mich  da  und  dort  mit  der  Erfahrung  auf  gutem  Fuße  weiß!
| n  ^tzterer  Hinsicht  scheint  ja  ein  Vorsprung  der  zerfallenden  Eruntnis
  vorhanden;  so  wesentlich  ist  er  sicher  nicht  da,  um  es  für
einen  schlechten  Witz  der  Sprache  anzusehen,  wenn  sie  z.  B.  umgekehrt
^ch  das,  was  uns  in  der  Natur  für  gewiß  gilt,  als  „Tatsache“  lallt.
g Cr  Vorsprung,  den  das  „Greifbare“  gewährt,  liegt  ganz  wo  anders.
r  erleichtert  der  Naturwissenschaft  in  beneidensselh
 rte - m  Grade  den  U m gang  mit  Wortenl  Für  die  Forschung
er  ist  da  zwischen  Wort  und  Gedanke  immer  ein  Drittes  vori?
 1S  ar ’  grundsätzlich  wenigstens.  Und  so  ist  der  Naturforscher  in  der
macht 1Cdlen  Ga ^ e ’  i ener  hergebrachten  Logik,  die  ein  System  daraus
’  u nser  Denken  dem  Worte  zu  beugen,  in  ihren  Anmaßungen
£  geg enz utreten,  weil  er  ihr  jederzeit  das  „greifbare  Dritte“  an  den
°P  werfen  kann.

.  •  v  an  einer  Obergrenze
Alles  Streben  nach  Vereinfachung  ^„ptotisch“;
tot.  Dieser  Obergrenze  nähert  sich  m el bt  es  natürlich  geboten,  stetig
dem  naturwissenschaftlichen  D  e  n  k  e  n  ^  jedem  greifbaren  Fortiiber ­
  sich  selber  hinauszustreben.  ”  ^  angeschnitten,  für  die
schritt  ist  dann  gleichsam  eine  neue  y  ^  Aber  diese  bleibt  gelten  1
sich  die  „asymptotische“  Näherung  au  ns  Einheit  als  völlig
Wann  aber  dürfte,  rein  der  Vorstellung  n vers ’ chlungen(  w i e  jene  der
erschlossen  gelten,  so  unendlich  w  S1C  ^  nicht  daß  der  unzer-Welt
  des  Handelns  1  Allein,  »ergesse“  V'„ leicbs am  unter  den  Händen
fällenden  Erkenntnis  ihr  lebendiger  bto  &amp;amp;  bietet  er  unaufhörlich
weiterwuchert.  In  seiner  fortlaufenden  Er  e  u
        <pb n="285" />
        2Ö0

,Die  Herrschaft  des  Wortes",

die  Mittel  dar,  die  Einheit  des  Ganzen  immer  tiefer  zu  erschließen!
Es  entwirren  sich  immer  mehr  der  Zusammenhänge,  die  erst  von  da
ab  unserem  Verständnis  dienlich  werden.  In  diesem  gedoppelten  Sinne
ist  hier  selbst  jede  „asymptotische“  Näherung  an  eine  haltgebietende
Grenze  ausgeschlossen.  So  erscheinen  die  Wissenschaften  der  Tat  recht
eigentlich  als  die  Gebiete  wissenschaftlicher  Tat.  Es  blüht  ihnen  ewige
Jugend.

IV.
Die  Welt  des  Handelns  in  ihrer  lebendigen  Einheit  zu  erschließen, ­
  ist  hier  im  Grundsätze  die  einzigmögliche,  alleingültige  Aufgabe. ­
  Nur  spricht  die  Eigenheit  unseres  ganzen  Denkens  noch  ihr
Wörtlein  mit.  Es  fragt  sich  eben,  in  welchem  Grade  unser  Denken
jener  Aufgabe  gewachsen  sei.  Daran  hängt  erst  die  Entscheidung,
wie  jene  Erkenntnis  tatsächlich  „möglich“  erscheint.  Da  soll  sich
nun  zeigen,  daß  im  Rahmen  des  grundsätzlichen  Verhältnisses,  ohne
dieses  zu  beirren,  doch  eine  Vereinfachung  eintreten  muß,  nur
eben  ganz  anderer  Art,  als  sie  dem  naturwissenschaftlichen  Denken
eigen  ist:  Eine  Vereinfachung  nämlich,  die  darauf  zugeschnitten  ist,
das  Erfassen  der  Einheit  wahrzumachenl
Die  Welt  des  Handelns,  als  das  in  sich  einheitliche  Ganze,  als  das
Eine  Gewebe  der  Erlebnisse,  das  ist  immer  nur  ein  Ding  der  Vorstellung. ­
  Aber  diese  Vorstellung  liegt  uns  Allen  so  nahe.  Denn  jeder
von  uns  erlebt  genug  des  Geschehens,  das  in  steter  und  reichfältigster
Verknüpfung  mit  dem  eigenen  Handeln  ist  und  uns  nach  des  letzteren
Vorbilde  gleich  in  seinen  Zusammenhängen  zufällt;  in  seinem  Weshalb,
Wieso,  Wozu,  und  wie  diese  Fragworte  alle  lauten,  denen  das  Erleben
selber  Antwort  steht.  Es  wäre  Unvernunft,  die  Fäden  dieses  vielgeäderten ­
  Zusammenhanges  nicht  auch  dort  im  Weiterlauf  zu  denken,
wo  sie  unser  eigener  Blick  nicht  mehr  zu  verfolgen  weiß.  Was  wir
Schicksal  nennen,  das  berührt  ja  gerade  auch  die  Art,  wie  diese  Fäden
aus  dem  undurchdringlichen  Dunkel  ihrer  Verflechtung  gegen  uns
heranzüngeln.
Es  genügt,  an  unsere  Ohnmacht  zu  denken,  dem  Zusammenhänge
über  einen  engen  Gesichtskreis  hinaus  auf  der  Spur  zu  bleiben;  dann
zwingt  sich  ein  anderer  Gedanke  ebenso  herrisch  auf.  Die  Einsicht,
daß  der  menschliche  Geist  außerstande  sei,  die  All-Einheit  des
erlebten  Geschehens  bis  ins  einzelste  ihrer  Gliederung  zu  erfasseß-Es
  dehnt  sich  diese  Aufgabe  so  ins  Unendliche,  daß  wir  ihrer  Lösung
        <pb n="286" />
        A

t  13

Ausblicke,  IV.

261

um  kein  Stück  näher  kommen,  solange  wir  sie  zu  buchstäblich  nehmen;
solange  unser  rückschauender  Blick  zähe  am  grünen  Handeln  klebt.
Wenn  wir  nur  ein  einziges  Menschenleben  in  diesem  Sinne  entfalten
wollten,  und  nur  in  der  allernächsten  Verflechtung  mit  dem  fremden
Handeln,  vielleicht  reichte  wieder  ein  ganzes  Menschenleben  nicht  aus,
um  des  anderen  Herr  zu  werden  1  Wobei  wir  natürlich  von  allen
Schwierigkeiten,  die  „Tatsachen“  zureichend  zu  sichern,  einfach  wegdenken ­
  müssen,  sie  als  gelöst  annehmen  dürfen.  Nur  die  Aufgabe
fällt  in  Betracht,  im  rückschauenden  Denken  jenes  unendlich  dichte
Flechtwerk  zu  beherrschen,  in  alle  Verknüpfungen  zu  verfolgen,,  das
sich  im  Erleben  selber  durch  das  lebendige,  am  Handeln  selbst  beteiligte
Denken  hindurchgezogen  hat;  und  für  dieses  lebendige  Denken  in
jener  harmlosen  Weise,  die  unablässig  für  unser  eigenes,  unserem
eigenen  Handeln  verwachsenes  Denken  in  Geltung  steht.  Diese  Au
gäbe  muß  man  sich  in  ihrer  ganzen  Schwere  Vorhalten.  Und  dabei
handelte  es  sich  nur  um  einen  zitternden  Tropfen  aus  der  unendlichen
Flu t;  während  auf  der  anderen  Seite  die  Schwierigkeiten  in  mehr  als
geometrischer  Progression  steigen,  wollte  man  die  Aufgabe  erhöhen.
Denn  mit  der  Menge  des  überschauten  Geschehens,  dem  man  immer
uoch  ins  einzelste  zu  folgen  suchte,  steigert  sich  der  Zusammenhang
ins  Ungemessene.  Kein  Zweifel  also,  daß  unser  Denken  da  ein
kürzendes  Verfahren  einschlagen  muß.  Es  kann  nur  über  lauter
Zugeständnisse  hinüber  den  Grundsatz  retten.
Hier  poche  ich  nochmals  auf  das  Recht,  die  Aufgabe  des  unzerfallenden ­
  Denkens  aus  der  Eigenart  seines  Stoffes  herzuleiten,  ohne
Rücksicht  darauf,  in  welchem  Sinne  und  Grade  dieser  Stoff  der
Forschung  erreichbar  ist  Es  sei  für  einen  Augenblick  Denken,
Erkenntnis  und  Forschung,  im  Bilde  auseinander  gehalten  als
eine  handelnde  Person,  ihr  Streben,  und  ihr  Handeln.  Nach  seinem
Bezug  auf  die  Forschung,  auf  das  Handeln  im  Dienste  der  Erkenntnis, ­
  erscheint  jeder  Stoff  unseres  Denkens  jeweilig  als  „Material  .
Als  Material  gebärdet  sich  der  Stoff  des  unzerfällenden  Denkens
a uch  ganz  anders,  denn  als  solcher  selbst.  Der  Lebensstrom  verrauscht;
bloß  ein  armselig  Bruchteil  der  Erlebnisse  überdauert  sich  selber,  und
erscheint  im  Gewände  der  Überlieferung,  welcher  Art  immer  diese  sei,
al t s  »Tatsachen“.  Das  ist  hier  das  Wenige  vom  grünen  Handeln,  das

Sfeichsam

in  den  Herbarien  des  Schrifttums  aufbewahrt  bleibt.

MV  n  *****  *»
——  sch iecht  und  recht  mit  diesen
Die  Forschung,  das  ist  klar,  stellvertretenden  Wirkbloßen ­
  Mittlern  des  Stoffes  abfinden.  bemerkt  sind  z.  B.  alle
lichkeit  der  Tatsachen“.  In  der  Klamm  Erlebtes  verbucht;
o  .  .  ,  Ahart  Wie  SICH
Satzungen  eine  eigentümliche  &amp;gt;
        <pb n="287" />
        262

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

man  kann  sie  überhaupt  als  „Tatsachen  vor  der  Wirklichkeit“  verbildlichen, ­
  und  damit  verbindet  es  sich,  daß  sie  das  Erlebte  gleich  in  der
Denkform  des  Zustandes  überliefern,  soweit  sich  ihre  richtige  Geltung
nach  Zeit  und  Ort  bestimmen  läßt.  Mit  Vorsicht  behandelt,  ergeben
sie  ein  wertvolles  Füllsel  für  die  Lücken  des  eigentlichen  Materiales,
das  ja  im  Lichte  jener  grundsätzlichen  Erwägung  nie  anders  als
lückenhaft  sein  kann.  Und  so  gilt  überhaupt  für  die  Forschung,
daß  sie  scharren  und  graben  muß  nach  diesen  „Tatsachen“,  um  sich
selber  möglich  zu  machen.  So  gewaltig  sticht  das  Verhältnis  zwischen
Forschung  und  Material  von  jenem  anderen  ab:  von  dem  Verhältnis
zwischen  dem  unzerfällenden  Denken  und  seinem  Stoffe,  an  dessen
Überfluß  das  erstere  ja  hundertmal  ersticken  könnte.  Das  hindert  aber
nicht,  daß  unser  Denken,  dem  gegenüber  die  Forschung  ja  nur  die
Tat  ist,  seine  Angelegenheiten  einzig  mit  dem  Stoffe  selber
ordnet.  Nur  daraus  leitet  unser  Denken  in  letzter  Linie  seinStreben
ab;  das  will  sagen,  es  setzt  sich  danach  eine  Erkenntnis  vor,  ganz  bestimmter ­
  Eigenart,  in  deren  Dienst  sich  dann  die  Forschung  stellt,  als
erfüllende  Tat.
Auf  der  einen  Seite  stehen  sich  also  Denken  und  Stoff  gegenüber; ­
  das  ist  das  grundlegende  Verhältnis.  Daraus  ist  das  andere,
jenes  zwischen  Forschung  und  Material  im  wesentlichsten  Sinne  schon
bedungen.  Nur  dort,  vom  Boden  des  grundlegenden  Verhältnisses
aus,  entscheidet  es  sich,  was  wir  vollbringen  sollen  und  können;
hier  immer  nur,  wie  wir  es  im  einzelnen  vollbringen.  Dort  kommt
es  zwischen  der  Eigenheit  des  Stoffes  und  der  sonstigen  Eigenheit
unseres  Denkens  zu  einem  Austrage,  und  so  ergibt  sich  sowohl  der
grundsätzliche  Inhalt,  als  auch  die  Möglichkeit  der  Erkenntnis.  Erst
auf  dieser  Grundlage  baut  sich  dann  das  Verhältnis  zwischen  Forschung
und  Material  aufl  Hier,  also  in  zweiter  Linie,  erhellen  dann  die
Wege  der  Forschung,  lösen  sich  die  Fragen  der  Methode.  Diese
Dinge  bleiben  außer  Erörterung.  Gerade  nur  der  Hinweis
sei  eingeschaltet,  daß  alles  Lösen  jenes  fundamentalen  Problems  —  der
erlebten  Einheiten  —  auch  der  Forschung  zugute  käme,  in  ihrem
engsten  Betriebe.  Es  hängt  damit  zusammen,  daß  einerseits  alle  Überlieferung ­
  Worte  beschreitet,  und  die  Forschung  andererseits  nie  allein
die  Glaubwürdigkeit  der  Aussage,  immer  auch  die  Denkbarkeit
des  Aus  gesagten  im  Auge  behält.  Für  solche  Erwägungen  wären
nun  dort  die  Grundlinien  gezogen.  Ich  gehe  aber  nur  auf  das  Verhältnis ­
  zwischen  Denken  und  Stoff  ein,  um  die  Spielarten  abzuleiten, ­
  in  denen  unzerfällende  Erkenntnis  möglich  erscheint.
Diese  Scheidung  der  beiden  Verhältnisse  sieht  wieder  nach  Haar ­
        <pb n="288" />
        Ausblicke,  IV.

263

spalterei  aus;  hier  tritt  es  tatsächlich  ein,  daß  Wohl  und  Wehe  des
Gedankenganges  sich  innerhalb  Haaresbreite  entscheiden.  Da  muß
„getüftelt“  werden!  Man  muß  sich  einmal  klar  darüber  bleiben,  daß
die  Betrachtung  nicht  gleich  an  das  Abgeleitete  anknüpfen  darf,
wenn  der  unversöhnlichste  Gegensatz  schon  im  Ursprünglichen
klafft.  „Tatsachen“  heißt  es  natürlich  da  und  dort;  in  bezug  auf  die
Welt  des  Handelns  genau  so,  wie  in  bezug  auf  die  Natur.  Und  abermals ­
  ist  es  der  verwünschte  Gleichklang  eines  Wortes,  der  unser
Denken  narrt.  So  verschleiert  sich  auch  der  grelle  Gegensatz  dessen,
was  da  und  dort  hinter  der  „Tatsache“  steckt.  Dort,  für  den  Teil  der
naturwissenschaftlichen  Erkenntnis,  ist  eine  zeitliche  und  räum  ic  e
Abfolge  von  Erscheinungen,  die  sich  aus  der  Beobachtung  erge  en  at,
in  einer  Aussage  festgehalten.  Die  Beobachtung,  nebenbei  gesagt,  ist
hier  eins  mit  der  zerfallenden  Wahrnehmung;  und  diese  wieder  mit
dem  Verzicht,  das  duldende  Erlebnis  gleich  vom  Boden  des  tätigen  aus
wahrzunehmen.  Mit  dem  tätigen  Erlebnis  tritt  eben  dasZusammenhängen
  dazu,  die  Möglichkeit  des  Denkens.  Jener  Verzicht  ist  gleichsam ­
  an  die  Vertröstung  gebunden,  in  der  Anlehnung  an  viele  Wahrnehmungen ­
  ein  Denken  zu  ermöglichen,  im  Wege  der  Verallgemeinerung; ­
  und  nicht  mehr  vom  Boden  des  urtümlichsten  Zusammenhanges ­
  aus,  der  mit  dem  tätigen  Erlebnis  vorliegt,  aber  doch
nach  seinem  V  o  r  b  i  1  d  e:  indem  aus  dem  stets  persönlichen  Zusammenhang ­
  „Streben  und  Erfolg“  der  ganz  unpersönliche  Zusammenhang
»Ursache  und  Wirkung“  wird!  Für  die  zerfällende  Wahrnehmung  hat
uns  das  Handeln  selber  geschult;  und  ihre  hohe  Weiterbildung  innerhalb ­
  aller  Naturwissenschaft  hat  es  dazu  gebracht,  daß  sie  uns  das
ganz  Selbstverständliche  ist,  und  das  Primäre  scheint.  Nur  bei  der
»Selbstbeobachtung“,  da  hat  es  seinen  Haken;  obwohl  zweifellos  auch
hier  schon  das  lebendige  Denken  in  der  Zerfällung  irgendwie  vorangeht. ­
  Wohin  hier  die  Gefahren  treiben,  davon  legt  symbolisch  schon
d er  einschichtige  Name  „Psychologie“  Zeugnis  ab;  hinter  dem
sich  auch  in  der  Sache  noch  nicht  die  rechte  Klärung  vollzogen  hat,
die  zwischen  dem  Walten  zerfällender  und  jenem  der  unzerfällenden
Erkenntnis  doch  so  brennend  nötig  erscheint!  Hier  droht  in  allen
Stücken  die  Verquickung  Beider.  Zum  Beispiel  gleich  in  dem
kupplerischen  Worte  „Trieb“,  wie  es  über  die  Nationalökonomie  her-[
 ällt -  geben  sich  zerfällende  ’  und  unzerfällende  Erkenntnis  ein  unerlaubtes ­
  Stelldichein;  fast  so  arg,  wie  im  Fluchworte  alles  klaren
Denkens;  „Wert“!
Nun  gilt  gegenüber  der  Natur  nur  das  Streben  nach  dem  Einerlei,
enn  wir  können  einmal  das  uns  Fremde  nie  in  seiner  Einheit  be ­
        <pb n="289" />
        264

,Die  Herrschaft  des  Wortes",

greifen;  daher  auch  der  bloß  gedachte  „Kausalzusammenhang  der
Natur“  gar  nicht  heranreicht  an  das  Eine  Gewebe  der  Erlebnisse!  In
bezug  auf  die  Natur  bedeutet  also  die  einzelne  „Tatsache“  überhaupt
nur  soweit  etwas,  als  sie  das  Glied  einer  Reihe  vorstellt,  längs  der
sich  eine  Verallgemeinerung  vollziehen  kann.  Die  einzelne  Tatsache,
die  hier  nie  ein  „Ereignis“  in  einer  Aussage  festnagelt,  ist  also  nie
im  engeren,  wärmeren  Sinne  ein  „Faktum“.  Sobald  jene  mögliche
Verallgemeinerung  einmal  wirklich  vollzogen  ist,  haben  sämtliche  „Tatsachen“, ­
  die  ihr  unterliegen,  sich  gleichsam  überlebt;  sie  bedeuten  nun
so  etwas  wie  bloßen  Abfall  der  Forschung,  auf  den  die  letztere  nur
unter  Umständen  zurückgreift.  Sogar  jede  Überprüfung  bedient  sich
in  aller  Regel  anderer  „Tatsachen“,  die  wir  nur  unter  Bezug  auf
andere  und  gesicherte  Verallgemeinerungen  als  die  „gleichen“  ansehen.
Beispiele  wären  hier  besonders  aus  der  Methodologie  des  „Experimentes“ ­
  zu  erholen;  das  gründet  sich  ja  im  Wesen  auf  jene  „Wiederholung“, ­
  und  hat  mit  dem  sogenannten  „Experimentieren“  in  lebendigen
Zusammenhängen  des  Handelns  ungefähr  so  viel  gemein,  wie  das
„Tänzeln“  der  Wellen  mit  einem  getanzten  Walzer.
Auch  hier  kann  ich  nicht  dem  Besonderen  jener  Wissenschaften
nachgehen,  die  sich  ganz  aus  der  Reihe  heraussteilen,  wie  vor  allem
die  Geographie.  Da  geht  man  von  Haus  aus  nur  dem  Nebeneinander ­
  der  Erscheinungen  nach.  Das  Streben  nach  dem  Einerlei
ist  grundsätzlich  genau  so  vorhanden,  stellt  sich  aber  tatsächlich  unter
etwas  anderes!  Zerfallende  Erkenntnis  ist  auch  in  der  Geographie
tätig;  daher  ihr  Zehren  von  allen  Naturwissenschaften.  Aber  in  ihrer
Aufgabe  ist  diese  zerfällende  Erkenntnis  dem  Bedürfnis  der  unzerfällenden
  Erkenntnis  unterordnet;  und  nur  so  wird  sie
auf  den  Auch-Zusammenhang  jenes  Nebeneinanders  gehetzt.  Im  tatsächlichen ­
  Erfolg  wird  eben  mit  der  Geographie  eine  Lehre  bestimmter ­
  Determinanten  des  Handelns  ausgebaut.  So  nahe
die  Geologie  der  Geographie  zu  stehen  scheint,  und  so  groß  die
Wechselbeziehung  beider  ist,  so  ist  jene  erstere  Wissenschaft  doch
schon  ungleich  mehr  Naturwissenschaft  im  Wesen.  Ihre  Domäne  ist
die  gedachte  Zeit,  als  der  eine  Zeitverlauf;  denn  nach  ihren
„Perioden“  hin  sind  ja  alle  Schlüsse  durch  das  naturwissenschaftliche,
das  verallgemeinernde,  dem  Gesetze  nachgehende  Denken
hindurchgezogen!
Mit  den  „Tatsachen“,  die  irgendwie  Erlebtes  verbuchen,  ist  es
von  Haus  aus  ein  ander  Ding.  Hinter  jeder  dieser  „Tatsachen“  verbirgt ­
  sich  gleichsam  ein  ganzer  Stern  von  Zusammenhängen,
denen  entlang  wir  sofort  weiterdenken  können,  nach  dem  Vorbilde
        <pb n="290" />
        Ausblicke,  IV.

265

unseres  eigenen  Handelns,  auf  Grund  unserer  ganzen  „Lebenserfahrung“,
im  Handeln  und  Erdulden.  Unter  Umständen  scheinen  zwar  auch
diese  „Tatsachen“  nur  dafür  gut,  um  ein  Denken  in  Zustand  und  Entwicklung ­
  zu  ermöglichen;  und  dann  eben  auf  „tatsächlicher  Grundlage“.
Dabei  kann  es  scheinbar  auf  ein  bloßes  Anreihen  von  Größen  ankommen, ­
  deren  Zahlenbewegung  wir  dann  wieder  in  einer  bestimmten
Umformung  erfassen,  als  den  numerischen  Wandel,  das  Auf  und  Ab
der  „Reihengröße“.  Es  ist  die  Art,  wie  wir  zum  Beispiel  schon  im
gewöhnlichen  Leben  vom  „Steigen  des  Mietpreises  da  und  dort“,  oder
von  der  „Abnahme  der  Bevölkerung“  sprechen.  Das  gehört  aber  schon
’ n  die  Methodologie,  die  in  dieser  Richtung  aus  dem  Alltag
heraus  sich  fortsetzt;  dieweil  dieser,  nüchtern  wie  er  ist,  im  großen
und  ganzen  überhaupt  nur  im  „rechnenden“  Sinne  an  sich  selber
denkt  I  Nun  soll  dann  sofort  erhellen,  daß  Zustand  und  Entwicklung
auch  nur  ein  Umweg  sind,  auf  den  das  Streben  nach  der  Einheit
gedrängt  wird.  Im  Grundsätze  läuft  es  somit  stets  darauf  hinaus,  aus
jenen  ausgetrennten  Sternen  das  Eine  und  große  Gewebe
  geistig  nachzuschaffen,  das  uns  mit  seinen  lebendigen
Ausläufern  als  Schicksal  umgarnt.  In  dieser  Nachschöpfung  der  All-Einheit
  des  Handelns  finden  auch  die  geringfügigsten  jener  „Tatsachen“
diren  dauernden  Platz.  Keine  von  ihnen  ist  als  Abfall  zu  verwerfen;
auch  jene  Tatsachen  nicht,  die  in  Zustand  und  Entwicklung  aufgehen,
uch  Diese  überleben  sich  nie,  sondern  bleiben  nach  wie  vor  die
ronzeugen  jenes  Lebens,  für  das  Zustand  und  Entwicklung  bloß
Ie  gedanklichen  Surrogate  sind.  Es  gehört  eben  schon  jene  Verennung
  durch  Mark  und  Bein  dazu,  um  gegenüber  dem  einheitlichen
anzen  dieser  lebenswarmen  „Tatsachen“  von  einem  „ungeregelten
auienwerk“  zu  sprechen,  in  das  nun  erst  rechte  Ordnung  zu  bringen
Ware  natürlich  im  Sinne  des  alleinseligmachenden  „Gesetzes“,  und
womöglich  noch  unter  vollbrüstigem  Hinweis  auf  das  „Walten  der
ewigen  Naturgesetze“  und  derlei  schiefgetretene  Redensarten,  deren
e  rschismus  hierbei  gerade  dem  naturwissenschaftlichen  Denken  in  der
eele  zuwider  sein  muß.
u  ^ &amp;gt;er  »tüftelig“  aufgebaute  Satz,  daß  das  Verhältnis  zwischen  Denken
j en es  zwischen  Forschung  und  Material  schon  wesentlich
hält  &amp;lt; ^ eser  ^ atz  laßt  eine  Art  Gegenprobe  zu.  Dem  letzteren  Versach
 mS “ entSpricllt  daS  Verhalten  des  Forschers  gegenüber  den  „Tatfahr
 Gn  '  Aus  Diesen  selber  kann  aber  der  Forscher  doch  nicht  erdie
  's  ,r aS  Cr  mit  ihnen  zu  tun  habel  Das  erinnerte  ein  bißchen  an
das  ”  C  StbCWegUn e  e ines  Systemes“.  Es  muß  also  etwas  da  sein,
ns  im  rechten  Umgang  mit  den  „Tatsachen“  unterweist.  Und
        <pb n="291" />
        266

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

darüber  steht  die  lehrhafte  Entscheidung  in  jeder  Hinsicht  jenem
grundlegenden  Verhältnisse  zu,  zwischen  dem  unzerfällenden
Denken  und  seinem  Stoffe!  Für  den  besonderen  Fall  der  Historie
liegen  zwar  just  diese  grundsätzlichen  Verhältnisse  so  flach  auf  der
Hand,  daß  sich  diese  Wissenschaft  mit  gutem  Rechte  mehr  um  das
Weitere,  ich  möchte  sagen,  mehr  um  die  „Durchführungsvorschriften“
gesorgt  hat;  nennen  wir  als  rundes  Beispiel  die  Quellenkritik.  Auf  die
tieferen  Fragen  —  die  es  bleiben,  so  flach  ihre  Antwort  auf  der  Hand
liegt  —  ist  die  Historie  immer  erst  dadurch  gedrängt  worden,  daß  sie
jeden  Augenblick  sich  anderer  „Reformatoren“  zu  erwehren  hat.
Denen  liegt  wohl  das  Richtige  hier  gar  zu  nahe,  zu  sehr  auf  der
flachen  Hand,  um  diese  nicht  lieber  zu  schließen  und  mit  der  Faust
der  „gesetzlichen“  und  „ursächlichen  Erklärung“  dreinzuschlagen  1  Je
befriedigender  aber  die  „reformierten“  Leistungen  ausfallen,  desto
weniger  kann  es  im  Sinne  der  Selbsttäuschung  sein,  die  hier  aus
der  Historie  „erst  eine  Wissenschaft  machen“  will.  Dann  wird  höchstens
statt  Historie  einfach  Nationalökonomie  erzielt;  im  einzelnen  Fall  sogar
eine  so  wertvolle,  daß  es  in  der  Sache  nichts  verschlägt,  wenn  da  im
Äußeren  nur  eine  Historie  vorliegt,  die  ihren  Beruf  verfehlt  hat.
Eine  Stelle  sei  herausgegriffen,  für  die  sich  die  Gebundenheit  alles
Forschens  an  jene  grundsätzlichen  Erwägungen  noch  am  besten  in
Kürze  zeigen  läßt.  Vom  Nationalökonomen  sei  hier  abgesehen;  der
kann  alles  verwenden,  gerade  auch  das  Kleinzeug  der  „Tatsachen“.
Ihm  kommt  zum  Beispiel  auch  eine  „Schlosserrechnung  Goethes“  gelegen; ­
  nur  eben  als  Schlosserrechnung  pure  et  simple  —  so  widerstrebend ­
  uns  auch  der  Gedanke  ist,  daß  sogar  das  Ewige  Licht  eines
solchen  persönlichen  Weisers  verlöschen  muß,  genau  so,  als  ob  es
sich  um  die  Schlosserrechnung  von  Hans  Piepenbrink  handeln  würde.
Der  Historiker  also,  von  dem  hier  allein  die  Rede  ist,  muß  unter
den  „Tatsachen“,  die  ihm  verfügbar  sind,  oder  erst  erreichbar  scheinen,
eine  Auswahl  treffen.  Die  Forschung  selber,  die  entbehrt  auch  hier
der  allgemeinen  Erwägung  leichten  Herzens.  Wie  in  keiner  anderen,
triumphiert  in  der  historischen  Forschung  die  Empirie.  Sie,  die
dem  grünen  Handeln  nacheifert,  zehrt  eben  wie  keine  andere  vom
„ganzen  Menschen“;  verlangt  aber  auch  den  Vollmenschen.  Zugleich
darf  man  es  dem  Historiker,  der  dem  Leben  so  tief  ins  Antlitz  schauen
muß,  am  wenigsten  verargen,  wenn  er  an  grauer  Theorie  kein  Gefallen
findet.
Jener  Auswahl  unter  den  „Tatsachen“  scheint  nun  die  allgemeine
Erwägung  leicht  vorgezeichnet:  Man  nimmt  eben  einfach  ei^ie  „Wertung“ ­
  der  „Tatsachen“  vor,  scheidet  danach  den  Weizen  der  „historisch
        <pb n="292" />
        Ausblicke,  IV.

267

wertvollen“  von  der  Spreu  der  „historisch  wertlosen“.  Nun,  der  Sache
nach  hüllt  sich  in  diese  Verweisung  auf  den  „historischen  Wert“  nichts
anderes,  als  eine  Rückverweisung  auf  den  einzelnen  Fall;
vor  dem  man  zweifellos  klug  steht,  kraft  der  Gewalt  des  gesunden
Menschenverstandes  über  nächstliegende  Erwägungen,  aber  auch  nicht
um  ein  Haar  klüger  als  zuvor.  In  der  Form  also  läuft  hier  die
Empirie  über  den  Umweg  eines  bloßen  Wortes  in  sich  selber  zurück.
Für  die  Theorie  kommen  die  Schallwellen  des  Wertlautes  auf;  die
gewiß  sehr  feierliche  sind,  weil  aus  ihnen  der  natürliche  Respekt
unseres  Denkens  vor  seinem  Großen  Helfer  herausklingt  —  wie  es  ähnlich ­
  zwischen  dem  Kranken  und  Arzt  oder  Gelehrten  und  Bibliothekar
zutrifft.  Dem  Forscher,  um  es  zu  wiederholen,  dürfen  diese  allgemeinen ­
  Erwägungen  für  seine  eigene  Arbeit  herzlich  gleichgültig
bleiben.  Ihm  verschlägt  es  daher  auch  nichts,  wie  immer  jenes  verlogenste ­
  aller  Worte  auch  hier  sein  Unwesen  treibt,  und  welche  „Verdienste“ ­
  es  sich  um  unsere  Erkenntnis  erwirbt.  Nun  ist  aber  die
Neugier  nicht  unbefugt,  und  ihre  Stillung  nicht  in  allen  Fallen  unerbeblich, ­
  wie  denn  eigentlich  jener  lösende  Gedanke  aussieht,  über
den  man  sich  so  bequem  ausschweigt,  indem  man  tief  bewußt  und
salbungsvoll  ein  Wort  ausspricht.  Beim  Hangen  am  Worte  weiß
uian  ja  zu  keiner  Zeit,  von  wieviel  Dingen  wir  nichts  wissen,  die
a ber  noch  lange  nicht  unser  Ignorabimus,  sondern  schlichtbürgerlich
unsere  Ignoranz  berühren.  Besonders  jenes  verdächtige  „Lieblingswort
der  Gegenwart“,  wie  es  höchst  treffend  genannt  wurde,  ist  allezeit  ein
Feigenblatt  unserer  Wissensblöße.  Und  hier  handelt  es  sich  um  ein
Wissen  höchst  bescheidener  Güte,  fast  um  einen  Gemeinplatz;  der
dennoch  gewußt  sein  will,  und  nicht  bloß  gewörtelt.  Es  ist  aber
klar,  die  Einsicht  in  den  allgemeinen  Grund  der  Auswahl,  die  kann
nur  aus  der  Erkenntnis  entspringen,  weshalb  es  überhaupt  zu  einer
Auswahl  kommt;  der  Scheidegrund  der  Wahl  hat  notwendig  mit  dem
F&amp;gt;aseinsgrund  des  Wählens  zu  tun.  Der  aber  fällt  ebenso  klar  in  den
bereich  der  allgemeinen  Erwägungen,  die  ich  nun  pflegen  will.  Aus
Di esen  muß  sich  also  auch  die  Richtschnur  der  Auswahl  ergeben;
gleichsam  als  eine  der  Verlängerungen,  die  über  das  grundsätzliche
Verhältnis  zwischen  Denken  und  Stoff  sich  hinüberziehen  lassen  nach
dem  zwischen  Forschung  und  Material.  Ihr  wirklicher  Zug  bedarf
kaum  der  Andeutung.
        <pb n="293" />
        268

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

V.
Unser  Denken  wird  der  Welt  des  Handelns  einmal  nicht  anders
gerecht  als  durch  ein  kürzendes  Verfahren.  Da  steht  es  nun  vor  einer
recht  klaren  Wahl.  Es  hält  sich  entweder  an  das  erlebte  Geschehen ­
  selber,  an  das  grüne  Handeln,  muß  daraus  aber  nach
jenem  Wenigen  trachten,  das  ihm  den  ungeheuren  Rest
entbehrlich  macht.  Oder  es  geht  von  Haus  aus  in  Bausch
und  Bogen  vor,  um  auf  solche  Weise  das  erlebte  Geschehen  in  seiner
breiten  Gesamtheit  zu  bewältigen.  Da  und  dort  ist  das  Ziel  das  nämliche: ­
  die  All-Einheit  dieses  Geschehens  zu  erfassen!  Kommt  es  also
im  ersten  Fall  auf  eine  Auslese  im  Stoff  an,  so  fallen  jene  Handlungen ­
  in  Betracht,  die  an  den  Linien  des  dichtesten  Zusammenhanges ­
  liegen;  über  die  sich  die  Hauptadern  des  Allzusammenhanges ­
  hinziehen.  Und  wenn  es  sich  im  zweiten  Falle  um
eine  gedankliche  Bewältigung  des  Stoffes  handelt,  so  kann  dies
nur  eine  solche  im  Sinne  von  Zustand  und  Entwicklung  sein;
weil  da  allein  das  Geschehen  nicht  vom  Zeitenlaufe  abgelöst  wird,
neben  dem  ja  der  Allzusammenhang  einhergeht.
Damit  liegen  schon  die  beiden  Spielarten  vor,  in  denen  unzerfällende
  Erkenntnis  möglich  erscheint!  Von  ihnen  ist  die  eine  genau
so  unentbehrlich  wie  die  andere;  denn  keine  reichte  allein  aus,  um
der  Welt  des  Handelns  gerecht  zu  werden.  Nicht,  als  ob  sich  diese
Welt  im  Lichte  solcher  Erkenntnis  fälschte!  Man  könnte  eher  sagen,
sie  verebnet  sich;  ähnlich  wie  es  beim  Zeichnen  eines  körperlichen
Gebildes  eintritt.  Namentlich  das  „geometrische“  Zeichnen,  jenes  nach
„Grundriß  und  Aufriß“,  kann  hier  als  Gleichnis  dienen.  Wie  Aufriß
und  Grundriß  je  für  sich  nur  unvollkommen  sind,  aber  aufs  beste  sich
ergänzen,  genau  so  halten  es  auch  jene  beiden  Spielarten  unzerfällender
Erkenntnis.  Aber  wie  der  Zeichner  dem  körperlichen  Gebilde  überhaupt ­
  nur  im  Sinne  von  Aufriß  und  Grundriß  nachzueifern  vermag;
so  weiß  unser  Geist  auch  nur  in  jenen  beiden  Arten  der  Welt  des
Handelns  beizukommen.  Nun  liegt  es  sofort  nahe,  die  beiden  Spiel'
arten  möglicher  Erkenntnis  als  die  letzten  Daseinsgründe  vo»
zwei  Wissenschaften  anzusehen.  Von  Diesen  gilt  dann,  daß  sie
einander  ergänzen.  Allein,  weder  könnte  die  Eine  jemals  in  der  Anderen
aufgehen,  noch  wäre  neben  ihnen  eine  dritte  Wissenschaft  möglich;
die  in  erschöpfender  Vollkommenheit  sie  beide  aufwiegen  würde-Diese
  dritte,  vollkommene  Wissenschaft,  die  ist  für  unseren  Geist  genau
        <pb n="294" />
        Ausblicke,  V.

269

so  unmöglich,  wie  dem  Zeichner  eine  Nachgestaltung  des  körperlichen
Gebildes  selber.
Man  darf  diese  beiden  Spielarten  unzerfällender  Erkenntnis  nicht
mit  ihren  Voraussetzungen  verwechseln.  Die  Eine  setzt  voraus,
daß  wir  das  erlebte  Geschehen  so  zu  denken  vermögen,  wie  es  erlebt
wird.  Die  Andere  setzt  voraus,  daß  wir  das  erlebte  Geschehen  als  Zustand ­
  und  Entwicklung  denken  können,  in  diesen  Formen  bloßen
Wissens  von  ihm.  Sagt  man  aber  da  und  dort  das  Gedachte  in
Worten  aus,  dann  ergibt  sich  dort  der  Bericht  über  das  erlebte  Geschehen, ­
  hier  aber  die  Schilderung  von  Zustand  und  Entwicklung!
Diese  Trennung  ist  abermals  nicht  mit  den  Worten  „Bericht“  und
»Schilderung“  gegeben,  sie  schmiegt  sich  vielmehr  dem  ganzen  Gedankengange ­
  ein.  Auch  da  wäre  es  in  Grund  und  Boden  verfehlt,  in
den  nennenden  Worten  nach  der  Sache  zu  klügeln,  oder  gar  aus
'hrem  Namen  gegen  die  Sache  zu  argumentieren.  Genug,  wenn  die
Nennung  nicht  gegen  das  Sprachgefühl  verstößt;  jene  scholastischen
Unarten  aber  muß  man  endlich  einmal  ablegen.  Die  Worte  sind  für
unser  Denken  da,  aber  unser  Denken  nicht  für  die  Worte.
Wo  immer  wir  dem  Erlebten  durch  seine  Aussage  nacheifern,  da
|st  ein  Wechsel  zwischen  Bericht  und  Schilderung  nicht  bloß  möglich,
ls  zu  einem  gewissen  Grade  ist  er  einfach  notwendig.  Der  Bericht
über  ein  Geschehen  in  seiner  Erlebtheit,  über  grünes  Handeln,  drängt
ru  er  oder  später  dazu,  den  Hintergrund  der  bedingenden  Zustände
und  Entwicklungen  zu  schildern.  Die  Schilderung  aber  von  Zuständen
und  Entwicklungen,  zu  denen  erlebtes  Geschehen  vor  unserem  Denken
gerinnt,  sie  leitet  schließlich  doch  auf  einen  Bericht  über  grünes  Handeln
ln ,  das  irgendwie  in  Wiederkehr  und  Gliederung  eingegriffen  hat.
?  helfen  Bericht  und  Schilderung  einander  stetig  aus,  wo  immer  über
le  Welt  des  Handelns  nachschöpferisch  auszusagen  ist.  Sie  gleichen
a rin  den  Messern  einer  Schere.
Es  gilt  daher  keineswegs  von  den  Wissenschaften,  denen  je  eine
pielart  der  unzerfällenden  Erkenntnis  zum  Lebensnerv  wird,  daß  die
e me  nur  durch  Berichten,  die  andere  nur  durch  Schildern  ihre  Auf-.
  e  er füllt.  Dennoch  wird  man  die  eine  als  die  b  e  r  i  c  h  t  e  n  d  e  kennzeichnen ­
  dürfen;  obwohl  sie  ihren  Bericht  fortwährend  durch  Schilderungen ­
  unterbricht,  und  um  so  mehr,  je  vollkommener  sie  ihren  Ben
 * C  t  liefern  will.  Die  andere  wird  man  umgekehrt  die  schildernde
«inen  dürfen,  wenn  sie  auch  ihre  Schilderung  fortwährend  mit  Beum
  d" 1  1 i ntermischt ’  oder  doch  auf  Berichte  sich  beziehen  muß;  einfach,
ie  childerung  selber  vollkommener  zu  machen.  Das  wesentliche
ergewicht  des  Berichtes  dort,  der  Schilderung  hier,  hängt  mit  der
        <pb n="295" />
        270

,Dic  Herrschaft  des  Wortes“,

Erkenntnisaufgabe  dieser  Wissenschaften  zusammen:  das  Erfassen  der
All-Einheit.  Bei  der  berichtenden  Wissenschaft  geschieht  es  eben  an
der  Hand  des  Berichtes,  bei  der  schildernden  an  der  Hand
der  Schilderung,  daß  unserem  Verständnis  jene  All-Einheit  näher
geführt  wird.  Dort  wird  der  Bericht,  hier  aber  die  Schilderung  gleichsam
zum  Rückgrat.  Diese  Scheidung  ist  notwendig,  weil  sich  der  Allzusammenhang ­
  bloß  auf  die  eine,  oder  auf  die  andere  Weise  so  erschließen ­
  läßt,  daß  er  eine  Sache  unseres  Verstehens  wird.  Unserem
Geiste  ist  es  einmal  nicht  gegeben,  die  Welt  des  Handelns  in  ihrem
Allzusammenhang  anders  zu  meistern,  denn  im  bloßen  Aufriß,  oder  im
bloßen  Grundriß.  Das  sind  die  Bilder  der  hier  unvermeidlichen  Vereinfachung; ­
  jener  Vereinfachung,  die  nichts  mit  der  naturwissenschaftlichen ­
  gemein  hat,  weil  sie  nicht  auf  das  Erfassen  des  Einerlei,  sondern
auf  das  Erfassen  der  Einheit  zugespitzt  erscheint.  Von  diesen  bloßen
Bildern  dringe  ich  nun  in  beiden  Richtungen  rasch  zur  Sache  vor.
Zunächst  über  die  berichtende  Wissenschaft.  Im  Grundsätze
folgt  da  unser  Blick  dem  Geschehen  in  seiner  Erlebtheit,  dem  grünen
Handeln,  das  von  Determinanten  der  mannigfachsten  Art  —  sinnlicher,
seelischer,  zuständlicher  Natur  —  umrahmt  erscheint,  zwischen  denen  es
sich,  ewiglich  von  Streben  zu  Erfolg  fließend,  durchwinden  muß.  Es
liegt  also  nahe,  wie  sich  hier  die  All-Einheit  im  Grundsätze  erschließt:
als  jenes,  längs  dem  Zeitenlaufe  gesponnene  Netz  von  Handlungen,
mit  dem  wir  das  derbste  Geäder  im  Allzusammenhang  überblicken.
Aber  wie  es  nicht  anders  möglich  ist,  befleißigt  sich  unser  rückschauendes
  Denken,  das  auch  in  der  Wissenschaft  rege  ist,  aller
Umformungen,  die  schon  dem  lebendigen  Denken  geläufig  sind,
dem  am  Handeln  selber  beteiligten.  Dazu  gehört  vor  allem  die  Stückelung ­
  des  erlebten  Geschehens  zu  aller  Art  „Geschehnissen“,  und  deren
Verschmelzung  zu  aller  Art  „Vorgängen“;  dazu  treten  auch  alle  „Bestände“ ­
  und  „Fortbestände“:  Lauter  Umformungen,  für  welche  das
„Zuständliche  Gebilde“  das  einzig  deutlicher  berührte  Beispiel  bleiben
darf,  weil  es  sich  einfach  um  die  „Kategorien“  handelt,  in
denen  wir  im  Leben  selber  über  das  Leben  denken.  Hier
im  Augenblick  kommt  es  nur  auf  ihre  rohe  Gesamtheit  an,  und  so
genügt  es,  wenn  von  den  Einzelheiten  nur  die  bloßen  Gattungsnamen
aufflattern.  Denn  es  fällt  diese  Gesamtheit  ja  mit  der  schlichten  Mög'
lichkeit  in  eins,  über  unser  Handeln  überhaupt  sprechen  zu  können-Auf
  dieser  Möglichkeit  ruht  auch  die  berichtende  und  die  schildernde
Wissenschaft.
Es  kehren  sich  aber  jene  Umformungen  nicht  bloß  gegen  das
erlebte  Geschehen  selber,  gegen  das  persönliche  Handeln,  sondern  auch
        <pb n="296" />
        Ausblicke,  V.

271

gegen  das  oberpersönliche  Handeln.  Sie  treten  also  im  Bunde
mit  etwas  auf,  was  selber  schon  eine  Umformung  darstellt,  die  aber
für  die  Lage  der  berichtenden  Wissenschaft  von  ausnehmender  Bedeutung ­
  ist.  Die  Umformung,  die  mit  dem  oberpersönlichen  Handeln
vorliegt,  ist  von  Haus  aus  ein  Fingerzeig  der  Auslese,  zu  der
die  berichtende  Wissenschaft  gedrängt  wird.  Hinter  dem  oberpersönlichen ­
  Handeln  verbergen  sich  allemal  Handlungen,  die  an  den  Linien
dichteren  Zusammenhanges  liegen;  um  so  dichter,  je  umspannender
das  Zuständliche  Gebilde  ist,  dem  dieses  „höhere“  Handeln  zugeschoben
w ird.  Bei  dieser  Umformung  folgt  unser  Denken  ja  den  Stromlinien
der  strömenden  Einheiten;  diese  Stromlinien,  und  das  derbste  Geäder
lrn  Allzusammenhang,  das  sind  Bilder  der  gleichen  Sache.  Da  und
dort  unterliegt  jenes  erlebte  Geschehen,  das  dem  Wägegrund  der  Auslese ­
  Genüge  tut:  das  Wenige  zu  sein,  dessen  Besitz  den  ungeheuren
Rest  entbehrlich  macht  1  Vom  Boden  des  Erlebens  aus,  der  bei  jenen
We gweisenden  Umformungen  verlassen  ist,  sind  es  die  „geschichtlichen
Handlungen“  —  i m  altväterischen  Ausdruck  einer  nie  veraltenden
ac he:  die  „Haupt-  und  Staatsaktionen“.
Der  Umstand  in  der  Tat,  daß  die  umgreifendsten  der  Zuständlichen
^  üde,  die  noch  das  lebendige  Denken  selber  umformt,  auf  den  Namen
”  a  a  t 4&amp;lt;  hören,  er  läßt  den  vielgeschmähten  Hang  nach  dem  „Staaten
  ,  dem  „Politischen“,  der  gerade  der  leistungsfähigsten  Historie
ei gen  ist,  im  rechten  Lichte  schauen.  Die  Sache  liegt  wirklich  nicht
steh^ 3 ^’  ^  G * ne  ”^°^^ sc ^ e  Geschichtsforschung“  unter  vielen  anderen
|, e  ’  * e  ihr,  als  einem  „überwundenen  Standpunkt“,  kaum  das  gleiche
^. eC  *  Zu billigen.  Welche  Bewandtnis  es  um  die  sonstigen  „Geschichten“
di eS W Art  Scheidung  hat,  kommt  noch  zu  flüchtiger  Erwähnung.  Aber
Um  * ssensc haft,  die  mit  dem  Blick  auf  das  grüne  Handeln  das  Erlebte
s ucht emer  SC ^ St  w iH en &amp;gt;  ec ht  erfahrungswissenschaftlich  also,  zu  erledigen
bl  *k'  dann  eben  so,  wie  es  dem  Wesen  des  Erlebten  genehm
ist 1  p  H a cheifern  der  All-Einheit  des  Geschehens,  diese  Wissenschaft
2  u  ”t  H'^che  Geschichtsforschung“,  oder  sie  ist  überhaupt  nicht  1  Die
uotwe 111 ^ 6 ’  deren  Schilderung  sie  ihren  Bericht  untermischt,  sind
am  n  * n  erster  Linie  die,  von  denen  das  oberpersönliche  Handeln
bau  Unm ^ tte ^ arsten  determiniert  wird.  Sie  zielen  also  auf  den  Glieder-£
 s  s J ;^ er  ums P ann endsten  der  Zuständlichen  Gebilde  ab,  der  „Staaten“.
leider 11  Zustände,  an  die  uns  das  Wort  „Verfassung“  erinnert:
ist.  g  mi -«  einem  i uris tischen  Beigeschmack,  der  mehr  als  entbehrlich
es  ist  etwas handelt  ^  S * Ch  da  vor  a U em  um  »Rechtsverhältnisse“.  Aber
Punkte  Was  anderes &amp;gt;  a hes  Geschehen  nur  aus  dem  juristischen  Gesichtsun
  etwas  ganz  anderes,  umgekehrt  auch  das  „Rechtliche“
        <pb n="297" />
        272

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

nicht  minder  aus  dem  Gesichtspunkte  zu  betrachten,  der  allein  dem
Geschehen,  dem  Handeln  selber  sein  Recht  läßt.  Von  einer  Einschränkung ­
  auf  das,  was  zweifellos  an  erste  Stelle  gehört,  ist  natürlich ­
  keine  Rede.  Es  gibt  überhaupt  nichts,  was  der  Historiker  zu
übersehen  brauchte;  sei  es  nach  dem  Klang  welcher  Worte  immer  aus
der  All-Einheit  des  Geschehens  herausgebissen.  Dieser  All-Bezug  liegt
einfach  schon  in  dieser  All-Einheit  des  Erlebten  enthalten.  Wer
Dieser  nacheifert,  mit  dem  Blicke  auf  das  grüne  Handeln,  wird  trotz
des  notwendigen  Ausganges  vom  „Politischen“  ganz  von  selber  dazu
gedrängt,  jenen  All-Bezug  in  Ehren  zu  halten,  nach  „Vollgeschichte“
zu  streben.  Aber  die  Orgel  der  Schilderung  von  Zuständen  kann  mit
noch  so  vielen  Registern  tönen,  um  den  „Bardengesang“  zu  begleiten,
so  führt  mit  dem  letzteren  doch  der  Bericht  die  Stimme.  Er  allein
eifert  hier  der  Einheit  nach,  in  der  das  erlebte  Geschehen  um  seiner
selbst  willen  erschlossen  sein  will.  Alles  andere  ordnet  sich  dieser
Einheit  unter;  es  sondert  sich  nicht,  um  eines  fremden  Gesichtspunktes
willen,  zu  einer  Einheit  für  sich  aus.  „Vollgeschichte“  ist  niemals  die
Addition  von  allen  möglichen  und  einigen  unmöglichen  der  „Geschichten“. ­
  Es  ist  ihr  völliges  Ineinander,  in  innigster  Verschmelzung;
jener  All-Einheit  anempfunden,  die  mit  dem  Blick  auf  das  grüne
Handeln  nie  anders  erschließbar  wird,  als  so,  daß  allezeit  Rückgrat  bleibt
der  Bericht  vom  wuchtigsten  Geschehen.
Mit  diesem  Versuche,  gleich  hier  den  Gesichtspunkt  über  das
wortselig  gewähnte  „Gebiet“,  im  Grunde  also  unser  Denken  über
das  anmaßende  Wort  obsiegen  zu  lassen  —  die  Quintessenz  der
Antwort  auf  diese  Ersten  Fragen  auch  der  Nationalökonomie  —  damit
bin  ich  der  Sache  um  mehrere  Schritte  voraus,  die  ich  jetzt  nachhole.
Von  allem  Bezug  zwischen  der  berichtenden,  als  einer  aus  den  Verhältnissen ­
  unserer  Erkenntnis  möglichen,  und  der  Historie,  als  einer
gewordenen  Wissenschaft,  sei  nun  wieder  abgesehen.  Darauf  soll
uns  der  Gedankengang  erst  hindrängen.
Die  Umformungen  von  der  Art  des  „Geschehnisses“,  des  „Vorganges“, ­
  und  des  oberpersönlichen  Handelns,  die  auch  im  Bunde  zusammen ­
  auftreten,  haben  etwas  gemein.  Mag  ihr  Griff  in  das  erlebte
Geschehen  hinein  noch  so  herzhaft  raffend  sein,  sie  belassen  das  Geschehen, ­
  auch  nachdem  es  in  diesen  Arten  umgeformt  ist,  als  ein
fließendes;  zunächst  mit  zeitlichen  und  örtlichen  Weisem.  Auf
seine  Zusammenhänge  hin  fließt  es  vor  unserem  Denken  im  Bette  von
Zuständen  dahin;  man  denke  gleich  an  das  Ausfließen  des  oberpersönlichen ­
  Handelns  aus  dem  Allerzuständlichsten,  dem  Zuständlichen
Gebilde.  Genau  so  erscheint  dieses  fließende  Geschehen  von  Ent-
        <pb n="298" />
        Ausblicke,  V.

273

Wicklungen  begleitet,  oder  auch  durchkreuzt.  Beides,  Zustand  und
Entwicklung,  kommen  dabei  in  irgendeiner  Weise  immer  unter  den
Determinanten  des  Geschehens  in  Anschlag,  deren  Kreis  hiermit
um  die  zuständlichen  erweitert  wird.  Zugleich  aber  beruft  sich  dieses
Geschehen,  und  das  oberpersönliche  Handeln  wenigstens  mittelbar,  auf
die  ursprünglichsten  Einheiten  des  Handelns.  Diese  entschwinden ­
  unserem  Geiste  nur  dort,  wo  das  Denken  in  den  vielerwähnten ­
  Formen  den  Ton  angibt.  Mit  jenen  Umformungen  jedoch
rückt  hier  an  allen  Stellen  Person  und  persönliches  Leben  in
den  Vordergrund.  Das  gilt  auch  von  den  „Geschehnissen  und
den  „Vorgängen“  des  oberpersönlichen  Handelns;  man  denke  einfach
an  die  Sachwalter  dieses  letzteren.  Trotz  seiner  Umformung  wahrt  sich
also  das  Geschehen  neben  seinem  zeitlichen  und  örtlichen  stets  auch
seinen  persönlichen  Weiser.  Kraft  dieser  einweisenden  Dreiheit
sichert  sich  das  Geschehen  seinen  Platz  in  dem  Einen  und  großen  Gewebe ­
  ;  es  macht  damit  aber  auf  seinen  ureigenen  Gehalt  Anspruch.
Es  erscheint  als  etwas,  das  auch  vor  unserem  Denken  im  greifbaren,
praktisch  werdenden  Sinne  nur  mit  sich  selber  da  ist,  in  diesem
Sinne  sich  „ereignet“.  Diese  Umformungen  geben  sich  somit  als  „Ereignisse“. ­
  Das  erlebte  Geschehen  selbst,  das  grüne  Handeln,
ist  deshalb  nicht  Ereignis,  weil  es  beharrlich  mit  unserem  Ich  zusammenbleibt; ­
  sei  es  im  Erleben  selber,  im  Mitleben,  oder  im  Nachleben. ­
  Ereignis  ist  immer  umformend  Ausgesondertes.  Wenn
wir  uns  trotzdem  oft  genug  bewußt  sind,  „einem  Ereignis  beizuwohnen“,
so  folgt  hier  entweder  die  Aussonderung  auf  dem  Fuße;  es  geht  uns
sofort  ein  Licht  darüber  auf,  daß  hier  etwas  auszusondern  sei,  das  für
alle  Rückschau  einen  Anhalt  bietet  —  als  ein  deutlicher
Scheideweg  der  Linien  des  zusammenhängenden  Geschehens,  als
„dramatischer  Punkt“  oder  es  hängt  dieser  Eindruck  daran,  daß  wir
in  die  Zukunft  voraus  genau  so  umformend,  Ereignisse  aussondernd,
denken  wie  in  die  Vergangenheit  zurück;  diese  Gleichheit  des  rückund
  des  vorschauenden  Denkens  wird  sich  an  unseren  letzten
Formeln  bewähren.  Und  so  kommen  wir  in  die  Lage,  Ereignissen
auch  „entgegen“  zu  sehen.
Wie  in  der  „kleinen“,  unserer  engeren  Welt,  so  auch  in  der  „großen“l
Für  die  Rückschau  sind  die  Ereignisse  der  Anhalt.  In  ihrem,  den
Zeitenlauf  begleitenden  Zusammenhang,  sei  er  nun  wie
immer  dicht  bestockt  und  verschlungen,  bedeuten  diese  Ereignisse  die
Art,  wie  sich  unserem  Denken  jenes  Netz  von  Handlungen  darstellt,
das  hier  im  Grundsätze  zu  suchen  ist.  Aus  den  Handlungen,  die  an
den  dichtesten  Zusammenhängen  liegen,  werden  Ereignisse  des  wuchv.
  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  18
        <pb n="299" />
        274

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

tigsten  Geschehens.  Es  ist  nur  ein  dürftiger  Abhub  von  dem  Einen
und  großen  Gewebe  der  Erlebnisse,  was  sich  da  unserem  geistigen
Blicke  dartut.  Wieviel  in  Menschenschicksal  hämmerndes  Geschehen
geht  z.  B.  dem  genauesten  Bericht  über  eine  „Schlacht“  verloren,
der  sich  ja  nach  allen  Seiten  hin  zur  bloßen  Schilderung  ausweiten
muß.  Und  doch  nie  anders,  als  mit  jenem  zeit  flüssigen  Gewebe
von  Ereignissen,  wird  uns  die  All-Einheit  des  erlebten  Geschehens
erfaßbar,  soweit  wir  sie  mit  dem  Blicke  auf  das  grüne  Handeln  durchschauen; ­
  stets  nur  zur  Not,  zur  Not  aber  immerhin,  mit  der  Freiheit
endloser  Vervollkommnung.  Jener  Abhub  vom  lebendigen  Gewebe,
das  ist  die  Welt  des  Handelns  im  Aufrisse.  Auch  dieser  Aufriß  ist
zunächst  nur  ein  Ding  der  Vorstellung;  aber  hier  ist  das  Mögliche  im
Auge  behalten.  Die  berichtende  Wissenschaft  macht  diesen  Aufriß  zur
Tatsache;  er  bedeutet  für  die  Wissenschaft  schlechthin  den  Gegenstand ­
  —  nicht  zu  verwechseln  mit  den  engeren  Gegenständen  ihres
Denkens!  Aber  er  ist  selbst  noch,  als  der  allumfassende,  einem  Worte
verhaftet,  schon  für  das  urwüchsige  Denken.  Denn  als  Name  für  jenes
zeitflüssige  Gewebe  der  Ereignisse  liegt  jenes  Wort  „Geschichte“ ­
  bereit,  mit  dem  unser  Deutsch  die  All-Einheit  des  erlebten
„Geschehens“  so  hübsch  zu  stammeln  weiß.

VL
Nun  die  Verhältnisse  der  schildernden  Wissenschaft.  Da  wir
beim  Denken  von  Zustand  und  Entwicklung  das  Geschehen  aus  seinen
erlebten  Zusammenhängen  lösen,  ist  es  nicht  sofort  klar,  wie  man  auch
auf  diesem  Wege  der  All-Einheit  nacheifern  kann.  Nun,  das  Auslösen
trifft  ja  zu.  Erstens  aber  hängt  das  Ausgelöste  in  sich  zusammen;  und
um  so  mehr,  je  weiter  der  Zustand  gespannt  ist.  Zweitens  ist  in  Zustand ­
  und  Entwicklung  doch  erlebtes  Geschehen  geronnen.  Von
Diesem  gilt,  was  ich  für  den  besonderen  Fall  der  „Tatsachen“  aus  der
Welt  des  Handelns  erwähnte;  wir  können  da  überallhin  weiterdenken. ­
  Dem  zuständlich  erfaßten  Geschehen  entspricht  zwar  kein
bloßer  Stern  von  Zusammenhängen;  denn  mit  dem  Geschehen  sind
auch  seine  Zusammenhänge  zuständlich  erfaßt.  Man  könnte  eher
von  einer  ganzen  Spule  wiederkehrenden  Zusammenhanges  sprechen,
die  sich  mit  der  Wiederkehr  des  Geschehens  fortwährend  auf-  und  abwickelt. ­
  Nun  ist  aber  das  Geschehen,  nach  dem  diese  Zusammenhänge
hinlaufen,  auch  wieder  als  Zustand  erfaßbar.  Dann  haspeln  sich  die
zuständlich  erfaßten  Zusammenhänge  von  Spule  zu  Spule,  ohne  ab-
        <pb n="300" />
        Ausblicke,  VI.

275

zureißen,  solange  die  Wiederkehr  anhält.  Das  Beispiel  des  Zuständlichen ­
  Gebildes  hat  ferner  gelehrt,  wie  die  Zusammenhänge  des  wiederkehrenden ­
  Geschehens  zum  Schließen  kommen;  so  zwar,  daß  sie
fortwährend  in  sich  selber  zurücklaufen.  Jedes  Zuständliche  Gebilde
ist  ein  ausgegliedertes  Ganzes  jener  Spulen.  Allein  noch  über  diese
Einheiten  hinaus  setzen  sich  die  Zusammenhänge  fort,  in  steigender
Verwicklung  doch  immer  wiederkehrend.  So  etwa  rückt  die  Vorstellung
nahe,  daß  sich  schließlich  auch  der  Allzusammenhang  des  erlebten
Geschehens  ins  Zuständliche  umlegen  1  äßt;  als  surrende  Wiederkehr ­
  aller  Zusammenhänge,  im  Rahmen  eines  weitesten,  allumspannenden
  Gebildes:  Ein  Zuständliches  Gebilde,  das
quer  über  den  Zeitenlauf  spreitet,  mit  seinem  umgliedernden  Wandel
aber  dem  Zeitenlauf  entlang  sich  dehnt,  und  dergestalt  alles  erlebten
Geschehens  in  Bausch  und  Bogen  Herr  wird.  Vor  unserem  Geiste
haspeln  sich  dann  die  Zusammenhänge  von  Spule  zu  Spule,  von  Spindel
zu  Spindel,  und  ergeben  zu  jedem  beliebigen  Zeitpunkte  annähernd  ein
ständiges  Flechtwerk,  das  auch  über  dem  Wandel  der  Spulen  und
und  Spindeln  nicht  in  Verwirrung  gerät,  sondern  mit  ihm  Schritt  hält,
in  mählicher  Änderung.
Es  ist  klar,  daß  sich  die  schildernde  Wissenschaft  überhaupt  an
die  Zuständlichen  Gebilde  halten  muß,  an  diese  summarischen
Umformungen  des  Erlebten.  Sie  erfüllt  ihre  Aufgabe,  indem  sie
diese  Gebilde,  in  ihrem  Ineinander  und  Nebeneinander,  nach  Zustand ­
  und  Entwicklung  schildernd  auflöst.  Auch  nach
ihrer  Einordnung  in  jenes  höchste  der  Zuständlichen  Gebilde.  Mit
ihm  ist  die  All-Einheit  des  Geschehens,  zunächst  rein  der  Vorstellung
nach,  zuständlich  erfaßt  und  denkend  ausgestaltet.
Dieses  allumfassende  Gebilde  bedeutet  dieWelt  desHandelns
„  i  m  Grundriß“.  Es  durch  ein  Schildern  nach  Zustand  und  Entwicklung ­
  aufzulösen,  aus  einem  Ding  der  Vorstellung  zu  einer  Sache  zu
machen,  mit  der  wir  den  Allzusammenhang  begrifflich  erfaßt  haben,  ist
die  Aufgabe  der  schildernden  Wissenschaft,  jenes  Gebilde  daher  schlechthin ­
  ihr  Gegenstand.  Aber  da  zeigt  es  sich  nun,  wie  sehr  diese  Umformung ­
  eine  Tat  des  wissenschaftlichen  Denkens  bleibt:  indem ­
  dieses  Gegenstück  zur  „Geschichte“  eine  bloß  theoretische
Gestaltung  ist,  die  dem  lebendigen,  urwüchsigen  Denken  nicht  im
Traume  einfällt  Es  mangelt  hier  nämlich  das  kurze  Wort,  das  als
Namen  dienen  könnte.
Zu  jener  Umformung,  eines  allumspannenden  Gebildes,  liegt  nur
soweit  eine  Befugnis  vor,  als  es  schon  im  Zusammenhängen  aller  mit
allen  Handlungen  enthalten  ist,  daß  auch  hier  keine  fremden  Mittel-18*
        <pb n="301" />
        2  76

p Die  Herrschaft  des  Wortes“,

glieder  einspielen.  Von  dieser  Seite  her  gesehen,  strömt  eine  in  sich
ruhende  Einheit  des  Handelns  dahin.  Von  einem  Gebilde  aber  ist
es  nur  der  Schatten;  sein  Gliederbau  kommt  für  die  Umformung  gar
nicht  in  Betracht.  Ein  Umstand,  auf  dem  ich  nicht  verweilen  kann,
weil  ich  beim  Zuständlichen  Gebilde  selber  von  seinem  Gliederbau  absah, ­
  und  nur  schlechthin,  wie  es  für  unsere  Formeln  in  Betracht  fällt,
von  seiner  Gliederung  gesprochen  habe.  Allein,  alle  begleitenden
Umstände  erinnern  da  an  ein  Zuständliches  Gebilde.  Jeglichem  Geschehen ­
  geht  hier  der  persönliche  Weiser  verloren;  selbst  der  zeitliche
und  örtliche  Weiser  stumpfen  sich  zu  rohen  Grenzen  von  Zustand  und
Entwicklung  ab.  Im  Grundsätze  gilt  Dies  auch  von  der  verschwindenden
Minderheit  jener  Handlungen,  nach  denen  die  berichtende  Wissenschaft
Auslug  hält.  Nur  in  der  Tatsache,  beim  auflösendenSchildern,
das  aus  diesem  Grunde  von  Berichten  durchsetzt  ist,  kommen  jene
Handlungen  zu  Ehren;  soweit  sie  in  die  Massen  des  „namenlosen“
Geschehens  wuchtig  eingreifen,  Entwicklungen  auslösen  oder  Zuständen
widerstreiten.  Sie  spielen  hier  nicht  das  Wenige,  das  uns  den  ungeheuren ­
  Rest  entbehrlich  machen  soll  und  dessen  Bericht  die  Stimme
führt;  die  Stimmführung  bleibt  hier  der  Schilderung  Vorbehalten,  und
das  fließende  Geschehen  kommt  ähnlich  nur  als  Determination
des  zuständlichen  in  Anschlag,  wie  dort  das  zuständliche  als  Determination ­
  des  fließenden  Geschehens.  Der  Rollenwechsel,  der  hier  eintritt,
läßt  sich  etwa  an  dem  Gleichnis  verdeutlichen,  daß  dort  ein  Porträt
mit  landschaftlichem  Hintergründe,  hier  die  Landschaft  mit  Staffage
vorliegt.  In  der  Tat,  auch  dem  darstellenden  Künstler  ist  hiermit  eine
Wahl  aufgezwungen,  obgleich  vom  Boden  der  Anschauung  aus  der
Vorwurf  da  und  dort  der  gleiche  scheint;  wenn  eben  nicht  die  Anschauung ­
  selber  schon  in  der  nämlichen  Zwickmühle  wäre,  wie  es,  nur
deutlicher,  vom  Künstler  giltl  Weil  nun  die  einzelne  Forschungsleistung
nie  die  Einheit  des  „Bildes“  hat,  so  kann  in  ihrem  Rahmen  jener  Rollenwechsel ­
  mehrfach  eintreten.  Von  einer  solchen  Forschungsleistung
wird  man  gar  nicht  sagen  können,  ob  sie  der  berichtenden  oder  der
schildernden  Wissenschaft  angehört.  Das  wäre  durchaus  kein  Fehler.
Denn  nicht  der  Forschung  sind  hier  starre  Rubriken  gezogen,  sondern
dem  Denken  die  Perspektiven  seiner  möglichen  Entfaltung  dargelegt  I
Im  Ganzen  bleiben  die  zwei  Wissenschaften,  trotz  beliebiger  „Grenzverletzungen“ ­
  ,  im  unvereinbaren  Nebeneinander  stehen.  Es  hebt
dies  ihre  Eigenart  ebensowenig  auf,  wie  etwa  das  Schwarz  und  das
Weiß  durch  ihre  Vermischbarkeit  zu  aller  Art  Grau  aufgehoben  würden.
Im  Grundsätze  jedoch,  da  tritt  bei  der  schildernden  Wissenschaft
Person  und  persönliches  Leben  ins  Dunkel  zurück.  Wie  die  berichtende
        <pb n="302" />
        Ausblicke,  VI.

277

Wissenschaft  vom  persönlichen  Handeln  zum  oberpersönlichen  hinauf,
so  geht  die  schildernde  vom  persönlichen  zum  unterpersönlichen  hinunter. ­
  Ein  Höher  oder  Nieder  der  beiden  Wissenschaften,  miteinander
verglichen,  ist  hiermit  nicht  gegeben;  denn  es  handelt  sich  beidemal
um  eine  Umformung,  die  das  persönliche  Handeln  entpersönlicht.
Ein  Vorzug  der  berichtenden  Wissenschaft  gilt  nur  soweit,  als  sie
im  Grundsätze  nach  dem  grünen  Handeln  blickt;  dieser  Vorzug  verwirklicht ­
  sich  also  um  so  mehr,  je  mehr  diese  Wissenschaft  ganz  unmittelbar ­
  das  Menschenschicksal  nachschöpferisch  gestaltet.  In  solcher
Nachschöpfung  ist  die  berichtende  Wissenschaft  gleichsam  „intensiver  ,
die  schildernde  „extensiver  Betrieb“.  Das  verträgt  sich  gut  mit  dem
eigentümlichen  Verhältnisse,  daß  der  schildernden  Wissenschaft  die
Gegenwart  Vorbehalten  bleibt;  weil  diese  so  von  „Tatsachen“  starrt
und  so  zahlensprühend  ist,  daß  hier  der  Forschung  ein  gewaltiges
„Weideland“  offen  steht.  Der  Hang  nach  dem  „generischen  Schicksal
verweist  die  schildernde  Wissenschaft  auch  zur  Arbeit  über  jenen  Punkt
hinaus,  den  ein  großer  Meister  des  unzerfällenden  Denkens  genial  als
den  herausgefunden  hat,  bei  dem  mit  dem  „Schrifttume“  auch  alle
„Geschichte“  aufhört;  das  will  sagen,  der  schildernden  Wissenschaft
ist  auch  die  „Urzeit“  Vorbehalten  1
Weil  vor  jener  theoretischen  Umgestaltung  alle  ursprünglichen
Einheiten  des  persönlichen  Handelns  in  den  Schatten  treten,  liegt  es
nahe,  in  ihr  selber  wieder  eine  ursprüngliche  Einheit  zu  erblicken,
ein  „Leben“.  Träger  dieses  „Lebens“,  soweit  wenigstens,  daß  es  jener
Einheit  gegenüber  die  Person  bedeutet,  wäre  dann  die  Menschheit.
In  diesem  Sinne  erscheint  das  Menschheitsleben  als  der  Gegenstand ­
  der  schildernden  Wissenschaft.  Es  ist  schon  damit  vorgebeugt,
diese  Umformung  so  ernst  zu  nehmen  wie  jene  anderen,  für  welche
das  Leben  selber  einsteht  und  die  schon  dem  urwüchsigen  Denken
geläufig  sind.  Es  ist  vielleicht  gut,  diesem  eigentlichen  Namen  einen
anderen,  wie  in  der  Klammer,  beizugeben;  als  stete  Warnung,  hier
kein  eigentliches  Gebilde  zu  sehen,  als  stete  Mahnung,  daß  auch  die
schildernde  Wissenschaft  der  Einheit  des  Geschehens  nacheifert;
wenn  sie  es  auch  in  jener  Hinsicht  gegensätzlich  der  Art  tut,  in  der
die  berichtende  Wissenschaft  vorgeht.  Den  Sachverhalt  nämlich,  daß  im
engen  Raume  der  gleichen  Erkenntnisaufgabe,  des  gleichen  Stoffes,
doch  noch  der  schroffste  Gegensatz  wach  bleibt,  den  drückt  man
vielleicht  am  besten  aus,  sobald  man  der  berichtenden,  als  Wissenschaft
von  der  „Geschichte“,  die  schildernde  als  die  Wissenschaft  von  der
„Ungeschichte“  entgegen  hält.  Ein  Wort,  das  sich  also  im  gleichen
Namendienste  mit  dem  Worte  „Menschheitsleben“  teilt.
        <pb n="303" />
        278

,Die  Herrschaft  des  Wortes' 1 ,

Menschheitsleben  und  Geschichte,  das  steht  in  keinem
anderen  Verhältnisse  zueinander,  als  daß  hier  die  zwei  möglichen
Auffassungen  eines  Dritten  vorliegen.  Nur  dieses  Dritte  jedoch  ist
Stoff  unseres  Denkens,  dem  letzteren  gegeben:  Die  Welt  des
Handelns  nämlich,  die  eben  nur  die  Eine  ist,  als  das  Eine  und  große
Gewebe  der  Erlebnissel  Diese  Welt  hat  keine  „Gebiete“  und  keine
„Seiten“.  Davon  spricht  man  stets  nur  im  kürzenden  Sinne,  aber
keineswegs  immer  im  abgeklärten;  und  spricht  überall  dort  davon,  wo
in  Wahrheit  nur  die  Unterschiede  in  der  Erkenntnis,  oder
ein  engerer  Wechsel  der  Beschauung,  alleinig  scheidet  und  sondert.
So  kann  man  das  eine  Mal  in  der  Geschichte,  das  andere  Mal  im
Menschheitsleben  den  Gegenstand  einer  Wissenschaft  erblicken.  Allein
man  sei  sich  klar,  daß  da  und  dort  die  nämliche  Welt  des  Handelns
den  Stoff  beisteuert,  der  jedesmal  nur  aus  einem  anderen  Gesichtspunkte ­
  beschaut  wird.  In  beiden  Fällen  entspringt  hier  der  Gesichtspunkt ­
  aus  dem  Stoffe  selber.  So,  wie  er  unserem  Denken  gegeben
ist,  zwingt  er  das  Streben  nach  der  Einheit  auf.  Aber  die  Einheit
läßt  sich  nicht  anders  erfassen  als  nur  im  Sinne  jener  Auslese  oder
im  Sinne  jenes  Zusammenballens.  Dem  einen  Gesichtspunkt  entspricht
die  Auffassung  der  Welt  des  Handelns  als  Geschichte,  dem  anderen
wieder  als  Menschheitsleben.
Hier  ist  also  in  die  Erledigung  des  Stoffes  kein  fremder
Gesichtspunkt  hineingetragen;  in  diesem  Geiste  ist  die  Erkenntnis
da  und  dort  eine  erfahrungswissenschaftliche.  Vor  der  Welt
des  Handelns  sind  als  reine  Erfahrungswissenschaften  nur  jene
beiden  möglich:  die  eine  mit  der  Geschichte,  die  andere  mit  dem
Menschheitsleben  als  Vorwurf.  Auf  einen  Fall  anderen  Schlages  habe
ich  mit  dem  Beispiele  der  Jurisprudenz  hingewiesen.  Da  ließ  sich
der  Gesichtspunkt  der  Regelung  des  Handelns  als  jener  andeuten, ­
  der  irgendwie  voransteht.  Gleich  von  Haus  aus  tritt  aber  dieser
Gesichtspunkt  auch  dort  hinzu,  wo  sich  das  juristische  Denken  mit
der  Erfahrung  verbindet,  wie  in  der  Rechtsgeschichte.  In  ähnlicher ­
  Art,  wie  es  die  Jurisprudenz  tut,  bleibt  auch  die  Ethik  der
unzerfällenden  Erkenntnis  treu.  Ihr  steht  der  Gesichtspunkt  der
Weisung  des  Handelns  voran.  Nicht  das  Geschehen  als  solches,
aber  auch  nicht  das  Um  und  Auf  seines  Vollzuges,  sondern  das  Streben,
das  in  ihm  atmet,  das  fällt  für  die  Ethik  in  Betracht.
Die  Welt  des  Handelns,  Ethik  und  Moral,  das  läßt  sich  nicht  voneinander ­
  trennen.  Mit  der  ersteren  liegt  ja  der  Allzusammenhang ­
  des  Handelns  vor,  der  uns  Alle  für  Jeden,  und  Jeden  für  uns
Alle  da  sein  läßt,  im  buchstäblichsten  Sinne;  und  das  Spiel  dieser
        <pb n="304" />
        Ausblicke,  VI.

279

bindenden  Wechselbedingnis,  das  wiederholt  sich  für  jede  einzelne  und
geringste  unserer  Handlungen,  und  lastet  jeglicher  ihre  Verantwortung
für  das  Ganze  auf.  So  bleibt  das  Reich  der  Tat  ewiglich  eine  Welt
derPflichten.  Dem  Allzusammenhang  selber  entsteigen  Weisungen,
Imperative,  die  sich  immer  nur  in  sich  besondern,  aber  so  wenig  in
ihrer  Art  abwandeln  lassen,  wie  der  Allzusammenhang  als  solcher  sich
wandelt.  Jene  Weisungen  sind  die  Sache  der  Ethik.  Mit  ihnen  liefert
sie  uns  Maßstäbe  in  die  Hand,  um  über  den  Vorzug  unter  allem
Streben  und  Handeln  so  zu  urteilen,  wie  es  dem  Handelnden  geziemt:
mit  dem  Blick  auf  den  Allzusammenhangl  Diese  Weisungen
der  Ethik,  das  ist  etwas  ganz  anderes  als  die  Rezepte,  die  neben  aller
Technologie  hergehen,  aus  der  Erwägung  über  die  strebigen  Zusammenhänge ­
  im  Handeln  gesogen.  Gerade  deshalb  berufen  sich  diese
„technischen“  Weisungen  nicht  im  geringsten  auf  den  Allzusammenhang,
in  den  hinein  alles  Menschenschicksal  verwoben  ist;  sie  stellen  den
Menschen  ganz  beiseite.  Als  „machttechnische“,  als  „politische“,
denken  sie  eben  nur  an  Macht,  als  „produktionstechnische“  etwa  an
„Güter“  nur,  und  so  fort.
Nun  ist  es  eine  begreifliche  Eigenheit  aller  erfahrungswissenschaftlichen ­
  Erkenntnis,  mag  sie  der  Welt  des  Handelns  auf  dem  Wege
des  Berichtes  oder  auf  'jenem  der  Schilderung  nachwandeln,  daß  sie
zu  jenen  Urteilen  des  Vorzuges  herausfordert.  Diese  Erkenntnis ­
  muß  ja  stets  dessen  eingedenk  bleiben,  daß  sie  ihren  Stoff
nicht  darauf  anzusehen  habe,  wie  sich  Ketten  ableiern,  sondern  wie
sich  Knoten  schürzen,  in  den  Zusammenhängen  bewußter,  wählender
Tat.  Aber  darüber  noch  hinaus,  fällt  es  im  Denken  über  das  Handeln
nicht  leicht,  der  eigenen  Rolle  als  Handelnder  so  zu  vergessen,  um
nicht  doch  die  Frage  der  rechten  Entscheidung  aufzuwerfen.  Nun
bleibt  sich  alle  unzerfällende  Erkenntnis  nur  dann  selber  treu,  wenn
sie  mit  dem  Allzusammenhang  das  Menschenschicksal  im  Auge  behält.
Damit  ist  die  Forderung  gegeben,  daß  alle  Urteile,  die  man  hier  neben
die  Erfahrung  stellen  will,  in  erster  Linie  die  ethischen
Weisungen  als  Maßstäbe  handhaben,  erst  in  zweiter  Linie  die  technischen. ­
  So  ungefähr  gesellt  sich  das  Ethische  auch  jenen  Erfahrungswissenschaften ­
  inniglich  zu.  Es  hat  mittelbar  an  ihrer  Eigenart
Teil,  ohne  diese  auch  nur  im  mindesten  in  ihren  Grundlagen  zu  erschüttern. ­

Schon  die  Erwähnung  der  Rechtsgeschichte  hat  daran  erinnert,
daß  andere  Wissenschaften  da  sind,  die  jenen  beiden,  die  als  Erfahrungswissenschaften ­
  die  einzigen  sind,  sehr  nahe  stehen.  Je  verhüllter
der  fremde  Gesichtspunkt  ist,  der  von  Haus  aus  über  der  Erledigung
        <pb n="305" />
        28o

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

waltet,  desto  schwieriger  fällt  natürlich  die  reinliche  Scheidung.  Ich
greife  den  einfacheren  Fall  der  Kunstgeschichte  heraus.  Diese
interessiert  sich  zum  Beispiel,  sagen  wir,  für  die  „Entstehung  eines
Gemäldes“.  Hinter  diesem  „Vorgang“  verbirgt  sich  erlebtes  Geschehen.
Das  letztere  knüpft  sich  nicht  minder  dem  großen  Gewebe  ein,  hat
an  dem  Spiel  der  Zusammenhänge  teil.  Seine  Zusammenhänge  bieten
auf  jeden  Fall  eine  Handhabe  dazu,  um  auch  dieses  Geschehen  der
Bewältigung  nach  Zustand  und  Entwicklung  anheimfallen  zu  lassen.
Was  da  vorgeht,  wird  zum  Beispiel  sicherlich  irgendwie  von  Zuständlichen
  Gebilden  in  sich  geschluckt;  der  Künstler  kann  Familienvater,
Geschäftsmann,  Zünftler,  Bürger  sein.  Aber  dahinaus  geht  das  Interesse
der  Kunstgeschichte  nicht;  mit  der  Abkehr  von  allem,  was  „alltäglich“
ist,  sagt  man  dann  etwa:  die  „wirtschaftliche  Seite“,  oder  die  „gesellschaftliche ­
  Seite“  ist  wohl  da,  wird  aber  nicht  beachtet;  eher  noch  die
„technische  Seite“.  So  ist  es  ständiglich:  die  Unterschiede,  die  im
Grunde  nur  in  unserem  rückschau  enden  Denken  da  sind,  die  werfen
wir  nach  außen,  in  das  Überdachte,  und  nehmen  sie  von  dort  her  als
„Seiten“  und  „Gebiete“  zurück.  Ähnlich  mag  es  von  jenem  „Vorgang“ ­
  auch  heißen,  daß  ihm  die  „politische  Seite“  fehle.  Das  will
sagen,  vor  jener  Auslese,  an  die  sich  die  berichtende  Wissenschaft
halten  muß,  fände  jenes  Geschehen  keine  Gnade;  oder  es  müßte  von
ungefähr  doch  ein  dickerer  Strang  des  Allzusammenhanges  darüber
hinlaufen,  was  am  greifbarsten  bei  einer  „politischen  Karikatur“  zuträfe. ­
  Sonst  wären  diese  „Vorgänge“,  und  selbst  vom  Boden  der  Vollgeschichte ­
  aus,  nur  mehr  im  Zuständlichen  erfaßlich.  Aber  vor  jener
Auslese  findet  das  Geschehen  Gnade,  die  von  der  Kunstgeschichte  in
eigener  Sache  vorgenommen  wird.  In  diesem  Sinne  spricht  man  eben
von  einem  bestimmten  „Gebiete“,  das  sich  die  Kunstgeschichte  vorbehält. ­
  Auch  hier  ist  es  zweifellos  auf  einen  einheitlichen  Zusammenhang ­
  gemünzt;  auch  hier  soll  Allbedungenheit  entfaltet
werden.  Zu  jener  Einsicht  verschlingt  sich  aber  das  Geschehen  nicht
um  seiner  selbst  willen,  und  auch  seine  Zusammenhänge  fallen  erst  in
zweiter  Linie  in  Betracht.  Denn  für  diese  Betrachtung  ist  nicht  das
Geschehen  selber  das  Primäre,  sondern  sein  für  sich  betrachteter  Erfolg, ­
  das  Werk:  ein  Wort,  das  in  solcher  Bedeutung  weit  über  diesen
einzelnen  Fall  hinaus  gilt,  für  den  es  zufällig  besonders  gut  stimmt.
Wenn  es  zu  jener  besonderen  Auslese,  zum  Streben  nach  dieser  Einheit ­
  für  sich  kommt,  so  hängt  dies  an  einem  Gesichtspunkte,  der
von  Haus  aus  zur  Erledigung  der  Welt  des  Handelns  hinzutritt.
Dieser  Gesichtspunkt  ist  nicht  aus  der  Erledigung  selber  entsprungen;
er  hat  mit  dem  Geschehen  nichts  zu  tun,  sondern  mit  Urteilen
        <pb n="306" />
        Ausblicke,  VI.

28l

über  das  Werk.  Diesen  Gesichtspunkt  kann  sich  die  Kunstgeschichte
nicht  selber  setzen.  In  der  Tat  übernimmt  sie  ihn  von  der  Ästhetik;
ganz  ähnlich,  wie  die  Rechtsgeschichte  den  ihrigen  von  der  Jurisprudenz
entlehnt.  Man  sieht  auch,  daß  sich  so  wurzelfremde  Einheiten  —  Einheiten ­
  der  Erkenntnis  im  Nacheifern  der  Welt  des  Handelns  nicht
„addieren“  ließen.  Freilich  müssen  auch  diese  Wissenschaften  dem
All-Bezug  Rechnung  tragen.  Jede  weitet  sich  ganz  von  selber  so  aus,
wie  es  für  den  Fall  der  berichtenden  Wissenschaft  angedeutet  wurde.
Keine  von  diesen  Wissenschaften  könnte  aber  die  schildernde  oder
berichtende  Wissenschaft  entbehrlich  machen,  sie  gleichsam  von  der
Seite  her  unterlaufen;  und  wenn  sie  noch  so  sehr  dem  All-Bezug  nacheifert. ­
  Oder  sie  müßte  einfach  ihr  Rückgrat  vertauschen,  auf  ihre
Selbständigkeit  verzichten,  um  entweder  in  der  Historie  oder  in  der
Nationalökonomie  aufzugehen.  Ihre  Sonderheit  hängt  eben  wesentlich
an  dem  fremden  Gesichtspunkt,  der  von  Haus  aus  der  Erledigung
der  Welt  des  Handelns  sich  aufzwingt.
Mit  diesen  Ausflügen  wollte  ich  den  Satz  etwas  erläutern,  daß  nur
die  berichtende  und  die  schildernde  Wissenschaft  gegenüber  der  Welt
des  Handelns  echte  Erfahrungswissenschaften  seien.  Weil  aber  Erfahren ­
  mit  dem  Erleben  in  eins  fällt,  und  dieses  Erleben  das  Handeln
betrifft,  so  erscheinen  jene  Schwestern  zugleich  als  die  einzigen
„Aktionswissenschaften“.  Sie  allein  werden  dem  Reiche  der  Tat  rein
um  seiner  selbst  willen  gerecht;  sie  allein  packen  das  erlebte  Geschehen
als  solches,  in  seiner  All-Einheit.  Die  anderen  suchen  nur  darin
herum,  wie  es  in  ihren  Kram  paßt,  ihren  abgesonderten  Einheiten  sich
einfügt.  Als  Mensch  aber,  der  mit  seinem  Schicksal  dem  Einen  und
großen  Gewebe  verflochten  ist,  gilt  mein  erstes  Interesse  schlechthin
dem,  „was  geschehen  ist,  und  wie  es  sich  zugetragen  hat“.
So  ein  bißchen  sollte  auch  ein  Streiflicht  auf  die  liebe  Gewohnheit
der  Schlüsselworte  fallen.  In  je  friedlicherem  Nebeneinander  man
da  „Gebiete“  denkt,  „Staat“,  „Wirtschaft“,  „Gesellschaft“,  „Recht“,
„Kunst“,  „Sitte“,  „Kultur“  usw.,  Kraut  und  Rüben  hübsch  durcheinander, ­
  desto  einfacher  muß  die  Teilung  der  Welt  des  Handelns  unter
ihre  Wissenschaften  erscheinen!  Dann  fehlt  eben  nur,  daß  man  auch
den  gemeinsamen  Stoff  noch  verkennt  und  sich  die  Welt  des  Handelns
etwa  als  eine  gemütliche  Ecke  im  Hause  der  „Allmutter  Natur“  vorstellt. ­
  Dann  ist  das  Fächerwerk  der  Wissenschaften  so  furchtbar
einfach,  wie  es  nur  der  große  Gedankensparer,  das  Wort,  zu  drechseln
vermag.
        <pb n="307" />
        282

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

VII.
Mit  der  „berichtenden“  und  der  „schildernden“  Wissenschaft,  da
halten  wir  immer  noch  bei  möglichen  Wissenschaften;  hergeleitet
aus  der  ganzen  Lage  unserer  Erkenntnis.  Aber  diese  Wissenschaften
stehen  nicht  auf  dem  Papiere;  sie  lassen  sich  tatsächlich  in  der  Historie
und  in  der  Nationalökonomie  wiederfinden.  Wenn  ich  die  berichtende ­
  Wissenschaft  in  der  Historie  erkenne,  so  wird  man  schlimmsten
Falles  finden,  daß  ich  mich  zu  einer  sehr  „orthodoxen“  Auffassung
bekenne.  Es  kommt  da  zu  einer  seltsamen  Übereinstimmung.  Die
Wissenschaft  vom  nüchternen  Alltag,  die  wird  von  Außenstehenden
immerzu  als  eine  „praktische“  verkannt;  obwohl  sie  es  genau  so  wenig
ist,  wie  etwa  die  Astronomie  eine  „weltbewegende“  wäre,  oder  der
Meteorologe  ein  Wettermacher.  Der  Einschluß  einer  „praktischen
Nationalökonomie“,  die  sich  mit  dem  Namen  nur  soweit  deckt,  als  es
bestimmte  Lehrzwecke  notwendig  machen,  leistet  dieser  Verkennung
einigen  Vorschub.  So  wird  auch  —  als  triebe  der  nämliche  Trugschluß ­
  vom  Stoff  auf  die  Erkenntnis  sein  Wesen  —  keine  Wissenschaft
so  sehr  als  eine  „veraltete“  ausposaunt  wie  gerade  die  Historie,  die
Wissenschaft  von  den  Großen  Tagen  der  Vergangenheit.  Über  die
Sucht  ihrer  Verneuerung  war  ja  Einiges  anzudeuten.
Aber  wie  nun,  wenn  ich  die  schildernde  Wissenschaft  mit  der
Nationalökonomie  gleichsetze  1  Es  ist  klar,  daß  ich  die  letztere
Wissenschaft  dann  in  alles  weniger  denn  „orthodoxem“  Sinne  verstehe.
Ich  habe  trotzdem  keine  Nationalökonomie  der  Zukunft  vor  Augen,
sondern  klipp  und  klar  die  lebensvolle  unserer  Zeit,
vor  allem  der  deutschen  Gegenwart.  Wie  es  sich  ziemt,
erhellen  damit  diese  ganzen  Erwägungen  als  ein  Treppenwitz  der
schöpferisch  vorangegangenen  Forschung.  Auch  in  eigenster  Sache
handelt  es  sich  um  keinerlei  Theorie  ins  Blitzblaue.  Es  sind  gleichsam
Verlängerungen  über  gewisse  Zutaten  zur  nationalökonomischen  Forschung ­
  hinaus,  die  über  diesen  Erwägungen  absehbarer  werden.
Mit  dem  Worte  „Wirtschaft“  bringt  mich  die  engere  Sache  noch
in  Berührung.  Von  ihm  selber  ist  die  rührende  Meinung  zu  trennen,
daß  die  Nationalökonomie  ihres  Wesens  Art  aus  diesem  Worte  „herausklauben“ ­
  könnte.  Einer  Polemik  bedarf  es  da  nicht.  Der  Auslauf
dieser  Erwägungen  bringt  die  Sache  mittelbar  besser  ins  Reine.  Ein
kurzes  Sprüchlein  sei  mir  nur  zu  dem  „Wirtschaftlichen  Prinzip“ ­
  erlaubt.  Es  ist  so  anerkannt  und  von  so  scharfen  Denkern  —
auch  unter  den  Logikern  —  auf  gut  Treu  und  Glauben  übernommen
        <pb n="308" />
        u  -

m

Ausblicke,  VII.

283

worden,  daß  man  seine  Ansicht  ganz  unverhohlen  aussprechen  kann.
Überhaupt  habe  ich  im  allgemeinen  das  Glück,  gegen  Ansichten  zu
streiten,  die  wir  niemand  zurechnen,  weil  wir  sie  mehr  oder  minder
alle  teilen  l  Da  ist  der  einzelne  zum  vollen  Ausmaß  das  Opfer,  aber
zum  kleinsten  Bruchteil  der  Schuldige.
Der  Angriff  gegen  jenes  „Prinzip“  gehört  durchaus  zur  Fehde
gegen  die  Wörterei.  Für  die  Nationalökonomie  gilt  es  da,  ihre  Emanzipation ­
  vom  urwüchsigen,  „alltäglichen“  Denken  zu  erstreben.  Jenes
„Prinzip“  aber  trägt  leuchtend  die  Züge  der  —  mit  Respekt  vor  uns  allen,
den  Fachleuten  der  Alltäglichkeit,  gesagt  —  dummpfiffigen  Art  des
alltäglichen  Denkens,  das  eben  stets  nur  auf  den  Vorteil  unseres  Handelns, ­
  aber  nie  auf  seine  eigene  Gültigkeit  bedacht  ist.  Die  Seelenverwandtschaft ­
  mit  dem  Alltäglichen  ist  wohl  auch  der  Grund,  weshalb
die  Wissenschaft  vom  Alltäglichen  dieses  „Prinzip“  geduldig  auf  der
Stirne  trägt;  sonst  wäre  es  nicht  einmal  aus  ihrer  Jugend  zu  erklären  1
Denn  so  vernünftig  es  zweifellos  gemeint  ist,  der  Fassung  nach
ist  es  heller  Widersinn  1  „Den  höchsten  Nutzen  mit  den  geringsten
Kosten  zu  erzielen“  wie  kann  man  zwei  Superlative  so  gegeneinander
hetzen,  daß  sie  sich  gegenseitig  den  Boden  wegziehen  1  Will  man  die
wässerigen  Ausdrücke  „Nutzen“  und  „Kosten“  überhaupt  ernst  nehmen,
und  das  ist  doch  Voraussetzung  dabei,  so  kann  man  wohl  einen  gegebenen ­
  „Nutzen“  mit  den  geringsten  „Kosten“,  oder  mit  gegebenen
„Kosten“  den  höchsten  „Nutzen“  zu  erzielen  suchen;  aber  beides  in
einem  Atem,  das  heißt  ungefähr  „Wasch’  mir  den  Pelz  und  mach’  mir’n
nicht  naß  1“  Schön  wäre  es  ja,  aber  möglich  ist  es  nicht;  und  so  ist
es  nicht  schön,  eine  machtvoll  aufgeblühte  Wissenschaft  auch  nur
äußerlich  auf  solchen  Unfall  im  Denken  zu  gründen.  Das  ist  noch
nicht  alles.  Sinn  dieses  „Prinzipes“  ist  es  unbestreitbar,  ein  bestimmtes ­
  Handeln  auszugrenzen,  dem  sich  die  Nationalökonomie  als  ihrem
„Gebiete“  zuwendet.  Sehen  wir  uns  also  die  richtige  Fassung  an,  die
einzigmögliche.  Die  kürzeste  Überlegung  bringt  da  auf  etwas,  das  ich
hier  nicht  in  der  strengen  Form  zeigen  kann,  in  der  es  zu  zeigen
möglich  wäre.  Was  nämlich  als  „Sparen  mit  den  Kosten“  und  als
„Trachten  nach  dem  Nutzen“  gemeint  ist,  kennzeichnet  durchaus  nicht
ein  bestimmtes  Handeln.  Denn  so  gebärdet  sich  das  „Zweckhandeln“
überhaupt,  oder  es  verneint  sich  selber.  Allerdings  nur,  soweit  es  ein
Handeln  unter  Not  ist.  Darunter  braucht  man  aber  nicht  gleich
an  hohlwangige  Verhältnisse  zu  denken;  es  ist  einfach  unser  Handeln,
die  wir  nicht  in  Schlaraffia  leben;  und  selbst  dort  kehrte  im  Hinblick
auf  die  Zeit  doch  wieder  die  liebe  Not  ein.  Not  ist  hier  das  Vorhandensein ­
  von  Grenzen,  und  wenn  sie  noch  so  milliardenhaft
        <pb n="309" />
        284

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

in  die  Ferne  gerückt  sind.  Will  man  daher,  um  der  Nationalökonomie
ihr  „Gebiet“  abzustecken,  mit  jenem  „Prinzipe“  ein  bestimmtes
Handeln  kennzeichnen,  so  steht  zweierlei  offen.  Entweder  fällt  die
Bestimmung  etwas  zu  weit  aus;  wenn  man  nämlich  die  richtige
Meinung  im  Auge  hat  und  damit  unser  ganzes  Handeln  als  ein
„wirtschaftliches“  erhellt.  Öderes  fällt  die  Bestimmung  etwas  zu  eng
aus;  falls  man  nämlich  jenes  „Prinzip“  buchstäblich  meint.  Dann
wäre  der  Nationalökonomie  ihre  Aufgabe  wesentlich  erleichtert:  Denn
ihr  Gebiet  würde  sich  auf  jene  Handlungen  beschränken,  die  Unmögliches ­
  möglich  machen!
Nun  das  „wirtschaftliche  Handeln“  sonstiger  Lesart.  Ich  komme
bald  zum  Hinweis,  in  welchem  Sinne  man  vom  „Wirtschaftlichen“  in
einem  verständigen,  in  einem  friedlichen  Sinne  reden  kann,  alles
Wortstreites  überhoben;  für  die  Forschung  hat  auch  dieser  Sinn  nur
fragwürdigen  Belang.  Jedenfalls  aber  ist  es  Bedingung,  daß  man  dabei
das  Ganze  im  Auge  hat.  Es  handelt  sich  da  um  die  Art,  wie  die
Welt  des  Handelns  gleichsam  aus  der  „didaktischen  Vogelschau“
übersehbar  wird.  Ausgeschlossen  bleibt  also  die  Möglichkeit,  von
Handlung  zu  Handlung  eine  Sonderung  vorzunehmen,  die  Handlungen ­
  zu  „sortieren“.  Von  Versuchen  dieser  Art  habe  ich  dem  verbreitetsten, ­
  man  könnte  beinahe  vom  offiziellen  sprechen,  seine  Rechnung ­
  schon  gelegt.  Im  übrigen  läuft  es  auf  eine  gutgemeinte,  aber
schlechtgelohnte  Willkür  hinaus,  das  spezifisch  „Wirtschaftliche“
einer  vereinzelten  Handlung  auszuklügeln.  Der  Alltag  meint  darunter
wohl  die  Handlungen  metallischer  Klangfarbe;  sein  Theoretiker  denkt
unter  Umständen  etwa  an  das  „materielle  Gut“.  Auf  Willkür  muß  es
stets  hinauslaufen,  wenn  man  etwas  an  die  Sache  ketten  will,  was  einfach ­
  am  Gesichtspunkte  hängt  und  die  Art  betrifft,  wie  er  einmal ­
  die,  dann  wieder  jene  Zusammenhänge  vors  Auge  führt.  Aber
ich  wäre  gern  bereit,  in  diesem  Punkte  auf  irgendeines  Meisters  Worte
zu  schwören,  wenn  ich  nur  den  Vorteil  für  die  Nationalökonomie
herausfände.  Wozu  soll  diese  „Bestimmung“  der  „wirtschaftlichen
Handlung“  eigentlich  frommen?  Ich  gebe  natürlich  zu,  daß  es  im
Bereiche  harmlosen  Sprechens  hundertmal  nötig  wird,  von  einem  „wirtschaftlichen ­
  Handeln“  zu  reden.  Das  Wort  „Wirtschalt“  ist  auch
genügend  Kautschuk  dazu,  und  so  verständigen  wir  uns  gerade  ohne
jene  „Bestimmung“  am  besten;  in  jener  Richtung  nämlich,  auf  die  es
für  den  gegebenen  Fall  ankommt.  Aber  was  soll  einer  Er  fahr  ungswissenschaft
  jene  „Bestimmung“?  Wenn  nicht  der  Gedanke  an
den  Allzusammenhang  des  Geschehens,  an  die  All-Einheit  jener  Welt
nebenhergeht  —  und  das  ist  aus  dem  guten  Grunde  unwahrscheinlich,
        <pb n="310" />
        Ausblicke,  VIII.

285

weil  der  Ausdruck  „wirtschaftliches  Handeln“  dabei  alles  ernsten  Sinnes
verlustig  geht  —  dann  ist  eben  der  große  Haufe  aller  möglichen,
immer  anders  etikettierten  Handlungen  da,  aus  dem  sich  die  Nationalökonomie ­
  ihre  Spezialität  herausscharrt;  als  Rohstoff,  um  sich  daraus
ihre  Gesetzlein  brauen  zu  können.  Denn  offenbar  geht  nur  da  hinaus
der  Weg,  in  diese  Wüstenei  mit  ihrer  „Gesetzes“-Fatamorgana,  sobald
jener  Allzusammenhang  und  seine  Forderungen  verkannt  werden.  Man
verkennt  ihn  aber  am  ehesten,  wenn  man  solchen  Worten,  und  auf
ihre  Bürgschaft  hin  allen  „Seiten“  und  „Gebieten“  blindlings  glaubt;
ahnungslos,  daß  man  da  nur  wähnend  nach  außen  versetzt,  was  bloß
in  unserem  Kopfe  ist,  wenn  er  sich  an  bequemer  Wortseligkeit  gütlich ­
  tut.
Aber  alles  Zausen  und  alle  Polemik  bringt  die  berichtende  Wissenschaft ­
  und  die  Nationalökonomie  einander  nicht  näher.  Es  ist  nur
das  Vorrecht  des  Wortstreites,  daß  bei  ihm  die  eigene  Meinung
besser  wird,  sofern  man  nur  die  fremde  schlechter  macht;  andere
Kriterien  sind  da  nicht  verfügbar.  Hier  will  die  Erledigung  sauerer
erworben  sein.  Mit  der  geschickten  Hilfe  „abschneidender“  Worte
ginge  es  immer  noch  schneller;  das  Wort  ist  ja  ein  um  so  gewandterer
Kürzer,  je  mehr  es  das  Rotwälsch  unserer  Denkfaulheit  ist.  Aber  der
Grundsatz  „kurz  und  schlecht“  ist  bei  derlei  Erwägungen  der  Einkehr
am  übelsten  angebracht.

VIII.
,  aus  der  ganzen  Lage  unserer
Hält  man  eine  solche  „moglic  ,  ,  gegenüber,
Erkenntnis  abgeleitete  Wissenschaft  en  ge  Fines  nicht  verals
  einen  Spiegel  der  Selbsterkenntnis,  so  ai  Nährboden,  auf
gessen:  Eine  solche  Möglichkeit  ist_g  eic  sam  “ U fwachsen i  Von  ihnen
dem  Pflänzlein  der  verschiedensten  Diszip  inen  ^  mög ii c he  Wissenwird ­
  auf  die  Dauer  nur  eine,  die  „z en  ’  ■*  ,  auc h  a i s
schaft  richtig  erfüllen.  Die  -^“/^Trem  Rückhalt  in  der
lebendige  Einheiten  dieses  GescheheD ’ ehrbüchem ,  Fachzeitschriften,
Fachliteratur,  ihrem  ganzen  Beiwerk  von  L  *&amp;gt;  ^
Vereinen,  Lehrkanzeln,  Akademien  usw.  •  •
will  die  Rückbesinnung  auf  die  mögliche  Wissenschaft  nicht  m
mindesten  eingreifen;  es  gilt  nicht  etwa,  Lehr  anze  n  in  eine  „na
liehe  Ordnung“  zu  rücken.  Nur  der  Forschung  so  ge  len  se  ,
im  Geiste  heilsamer  Einkehrl  Zugleich  soll  sich  im  es  rupp
wildaufgewachsenen  Disziplinen  der  treibende  tamm  eraus
        <pb n="311" />
        286

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,
lassen;  der  ja  überwuchert  ist  von  allen  möglichen  Schößlingen,  die
ihr  Daseinsrecht  und  vorher  schon  ihr  Dasein  mehr  den  äußeren  Umständen ­
  verdanken  —  vor  allem  der  Rücksicht  auf  den  praktischen
Nutzen,  der  meist  auch  hinter  dem  Zweiten  steckt,  hinter  der  Rücksicht ­
  auf  die  Lehre,  z.  B.  also  den  akademischen  Unterricht.
Die  Eigenart  der  schildernden  Wissenschaft  ist  dem  praktischen
Nutzen  durchaus  nicht  widerstrebend.  Es  gilt  zwar  auch  von  ihr,
daß  sie  ihr  Werk  nie  fertig  bringt,  während  sie  im  einzelnen  trotzdem
Vollendetes  schaffen  kann.  Sie  weiß  das  Erfassen  der  All-Einheit
auch  nur  über  ungezählte  Anläufe  hinweg  zu  erstreben;  von  denen
jeder,  sofern  er  dieser  Einheit  wirklich  nacheifert,  zu  einem  gedeihlichen ­
  Erfolg,  keiner  aber  zum  Ende  führt  —  gleichgültig,  ob  diese
Anläufe  im  großen  oder  im  kleinen  unternommen  werden.  Der
Ruhm,  nicht  eine  Schwäche  dieser  Wissenschaften  ist  es  ja,  daß  sie
dazu  begnadet  sind,  unablässig  sich  selber  zu  übertreffen;  und  sie  nicht
bloß  im  Denken,  sondern  auch  im  Werkl  Sehen  wir  nun  von  jenem
höheren  Nutzen,  „von  dreitausend  Jahren  sich  Rechenschaft  zu  geben“,
ganz  ab,  auch  der  unmittelbare  Nutzen,  sagen  wir  die  Interessen
des  Alltags,  auch  die  fahren  bei  jener  Eigenheit  recht  gut.  Alle  Aufgaben, ­
  die  sich  da  stellen,  und  nicht  gleich  ins  Ungreifbare  ausschweifen, ­
  alle  diese  Aufgaben  wachsen  ja  selber  aus  dem  Zusammenhang ­
  heraus,  gleichsam  an  einer  bestimmten  Stelle.  Mit  jenem  Blick
auf  diese  Stelle,  der  geläutert  ist  durch  die  Übung,  Zusammenhänge
in  die  Weite  und  Tiefe  zu  durchschauen,  kann  man  der  Lösung  solcher
Aufgaben  nun  die  Wege  ebnen;  im  todesernsten  Bewußtsein,  daß
jeder  Eingriff  in  dieses  lebendige  Gewebe  Menschenschicksal  bewegt,
und  daß  er  kraft  des  Allzusammenhanges  ebensogut  drosseln,  wie
lindern  kann.  Kurzerhand  sei  auf  die  „Schriften  des  Vereines  für
Sozialpolitik“  verwiesen,  als  eines  besten  Beispieles  dafür,  wie  sich  die
schildernde  Wissenschaft  in  den  Dienst  des  Handelns  stellen  kann.
Und  hier  ist  es  gleich  wieder  die  Nationalökonomie,  die  sich  in
der  Mission  der  schildernden  Wissenschaft  bewährt!
Aber  nun  die  Ansprüche  des  Unterrichtes.  Dem  Unterricht
ist  es  wohl  immer  versagt,  den  Wissensschatz  ohne  Striche  und
Knetungen  zu  übermitteln.  Vom  lebendigen  Werk  der  Forschung
bietet  er  stets  nur  einen  lehrhaften  Auszug;  wobei  ich  natürlich
nicht  an  keimfreien  Extrakt  ad  usum  delphini  denke.  In  durchaus
zwingender  Weise  tritt  an  jede  Wissenschaft  die  Frage  heran  nach
ihrer  Zurichtung  für  die  Lehre;  sagen  wir,  es  handelt  sich  bei  jeder
um  die  didaktische  Reduktion  ihres  Wissensschatzes.
Dieser  jedoch  ist  nicht  überall  leicht  reduzierbar.  Auf  die  günstige
        <pb n="312" />
        Ausblicke,  VIII.

287

Lage  der  Wissenschaften,  die  im  Streben  nach  dem  Einerlei  gipfeln,
sei  nur  flüchtig  verwiesen.  Gehen  die  Dinge  nicht  mit  „höherer
Mathematik“  in  die  Köpfe,  so  hämmert  man  sie  mit  der  „niederen“
ein;  finden  die  „Arten“  keinen  Platz  mehr,  dann  doch  wenigstens  die
„Klassen“,  mit  einem  Vorspiel  der  intimeren  Tier-  und  Pflanzenwelt.
Aber  z.  B.  auch  die  Historie  ist  hier  weniger  in  Verlegenheit.  Sie
kürzt  ihren  Bericht  um  die  ergänzenden  Schilderungen.  Sie  vereinfacht
ihn,  indem  sie  mit  immer  herzhafteren  Umformungen  arbeitet.  Jede
bekommt  eine  Jahreszahl  in  die  Hand,  einen  Namen  als  Gewand  und
etwas  Erzählung  in  den  Ranzen,  und  in  dieser  leichtgeschürzten  Ausrüstung ­
  wandern  die  schicksalsschwersten  Vorgänge  den  Berg  des
Schülerverständnisses  hinan.  Dem  äußeren  Bilde  nach  stellt  sich  diese
schärfste,  rein  schulmäßige  Reduktion  als  die  „Drohnen-  und  Schlachtenliste“ ­
  dar,  mit  dem  Nutzen,  ein  Gerippe  für  weitere  Ausfüllung  zu
bleiben;  nützlicher  vielleicht  als  eine  Reduktion,  die  sich  an  etwas
anlehnen  würde,  was  selber  nur  eine  halb  unbewußte  und  dann  um
so  gewagtere  Reduktion  der  lebendigen  Historie  ist;  ich  meine,
nützlicher  als  etwa  eine  Reduktion,  die  aus  dem  Wölkenkuckucksheim
der  „Geschichtsphilosophie“  hernieder  stiege.
Vor  jenen  Ansprüchen  des  Unterrichtes  ist  die  schildernde,
die  Wissenschaft  vom  Menschheitsleben  in  einer  eigentümlichen  Lage.
Zunächst  in  einer  ungünstigen.  Bei  ihr  deckt  die  Forschung  den
Allzusammenhang  nach  Zustand  und  Entwicklung  auf.  Die  Zuständlichen
  Gebilde  in  ihrem  eigenen  Gefüge,  in  ihrer  gegenseitigen  Angliederung, ­
  und  dazu  den  umgliedernden  Wandel  in  diesem  ganzen
Gliederwerk,  das  ist  es  was  man  hier  schildernd  aufzulösen  sucht.
Aus  diesen  Leistungen  wirkt  sich  hier  der  lebendige  Wissensschatz;
sie  allein  bedeuten  Mark  und  Kern  für  diese  Disziplin.  Hier  erscheint ­
  aber  Reduktion  als  ein  heikel  Ding.  Der  Bericht,  der  kann
in  der  angedeuteten  Weise  fröhlich  kürzen,  und  dabei  reißt  der  Zusammenhang ­
  doch  nicht.  Der  Bericht  kann  auch  die  Schilderung  ausmerzen. ­
  Aber  was  hilft  es  der  Schilderung,  wenn  sie  den  Bericht  ausstößt: ­
  sie  selber  bleibt,  wie  sie  einmal  ist,  ungefüge,  umständlich,  oder
sie  müßte  auf  sich  selbst  verzichten.
Auch  der  schildernden  'Wissenschaft  ist  solche  „Reduktion  nicht
unbedingt  versagt.  Die  Kürzung  und  Umbildung  aber,  die  zusammen
erst  den  lehrhaften  Auszug  ergeben,  stellen  hier  ganz  andere  Anforderungen ­
  als  bei  der  Historie.  Der  letzteren  wird  das  oberpersönliche
Handeln  noch  für  den  lehrhaften  Auszug  dienlich,  als  Fingerzeig  und
Hilfe.  Von  je  höheren  Horizonten  jene  Umformung  erzielbar  scheint,
rloof/v  &amp;lt;-»*  -H  1

desto  sicherer  kann

ma n  sein,  den  Stromlinien  sofort  der  mächtigsten
        <pb n="313" />
        288

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Ströme  zu  folgen.  So  bleibt  man  ganz  von  selber  dem  allerderbsten
Geäder  des  Allzusammenhanges  auf  der  Spur.  Hier  aber  liegt,  in  ewiger
Unruhe,  das  Flechtwerk  vor,  mit  dem  sich  der  Allzusammenhang
darstellt,  nach  Zustand  und  Entwicklung  erfaßt.  Hier  erheischt  es  einen
höchst  geläuterten  Durchblick  und  eine  große  Umsicht,  um  aus
diesem  Gewirre,  dessen  Linien  einander  nur  im  Reichtume  ihrer  Verzweigungen ­
  überbieten,  jenes  Wenige  für  die  Lehre  auszulösen,  das  den
Rest  entbehrlich  macht.
Ehe  die  didaktische  Reduktion  als  eine  so  lebenswahre
möglich  wird,  so  aus  dem  Mark  der  Wissenschaft  genommen,  muß
sich  ein  reicher  Schatz  des  Wissens  aufgespeichert  haben.  Was  ihrer
glücklicheren  Schwester  in  den  Schoß  fällt,  das  winkt  der  schildernden
Wissenschaft  erst  als  Preis  gewaltiger  Forschungsarbeit!  In  der  Tat,
auch  da  hinaus  geht  der  Fortschritt  der  schildernden  Wissenschaft.  Sie
weiß  sich  immer  lehrhafter  zu  geben,  liefert  sich  dem  Unterricht  in
steigend  gedrungener,  übersichtlicher  Gestalt  aus,  als  ein  immer  hellerer
Abglanz  ihres  wahren  Inhaltes.  Und  dies,  obwohl  im  selben  Laufe
ihr  Inhalt  immer  gewaltiger  über  das  Maß  dessen  anschwillt,  was  dem
Unterrichte  frommen  könnte.  Je  mehr  diese  Wissenschaft  „gelehrter
Einzelforschung“  überantwortet  wird,  die  sich  für  den  Laienblick  vom
Hundertsten  ins  Tausendste  zu  verlieren  scheint,  desto  frischer  und  fröhlicher ­
  quillt  der  Born  der  Lehre  aus  ihr.

IX.
Die  Nationalökonomie,  von  der  ich  zeigen  will,  daß  sich  in
ihr  die  schildernde  Wissenschaft  erfüllt,  ist  erst  in  unseren  Tagen  bis
zu  diesem  Grad  der  Entwicklung  gediehen.  Die  zweite  Hälfte  des
Jahrhunderts,  das  eben  zu  Ende  ging,  hat  in  steigender  Fülle  Arbeit
auf  Arbeit  gehäuft;  so  ist  allmählich  die  Grundlage  geschaffen,  von  der
aus  jene  lebenswahre  Reduktion  möglich  wird.  Die  hochbedeutsamen
Spuren  dieser  Wandlung  sind  nicht  ausgeblieben.  Wir  fangen  an,
Lehrbücher  der  Nationalökonomie  zu  besitzen,  weil  die  Nationalökonomie
endlich  aufgehört  hat,  eine  Wissenschaft  der  Lehrbücher  zu  sein.  Das
ist  kein  Spiel  mit  Worten.  Gerade  dieses  Paradoxon  will  erklärt  sein,
um  zu  beweisen,  daß  Nationalökonomie  und  schildernde
Wissenschaft  Eines  sind.
Die  landläufige  Meinung  über  eine  Wissenschaft  führt  stets  auf
ihre  Lehrbücher  zurück.  Das  gilt  für  alle  Dauer,  in  einer  eigentümlichen ­
  Weise  aber  schon  für  den  ersten  Anfang.  Alle  Wissenschaften,
        <pb n="314" />
        Ausblicke,  IX.

289

mit  wenigen  Ausnahmen,  kommen  erst  über  ein  „System -1  hinüber  zum
Bewußtsein  ihrer  selbst;  es  liegt  aber  nahe,  daß  den  Anlaß  zur  systematischen ­
  Zusammenfassung  der  Lehrzweck  bietet.  Die  Historie  gehört
zu  jenen  Ausnahmen.  Die  Nationalökonomie  hält  sich  zwar  innerhalb
der  Regel,  aber  sie  tut  es  in  einem  ganz  ausnehmenden  Sinne;  und
schon  diese  Extravaganz,  die  eben  darin  besteht,  eine  Zeitlang  nur  eine
Wissenschaft  der  Lehrbücher  zu  sein,  steht  mit  dem  Wesen  der
schildernden  Wissenschaft  in  vollstem  Einklang.  Wenn  es  nämlich
Regel  ist,  daß  eine  Wissenschaft  über  ihr  erstes  Lehrbuch  zum  Bewußtsein ­
  kommt,  so  heißt  dies,  daß  sie  zunächst  nur  als  ihre  eigene
didaktische  Reduktion  ans  Tageslicht  tritt.  Was  da  lehrhaft  zugerichtet ­
  erscheint,  wird  in  aller  Regel  der  Wissensschatz  sein,  den  zerstreute ­
  Forschungen  bisher  angehäuft  haben.  Aber  der  schildernden
Wissenschaft  ist  dieser  Weg  einer  Reduktion,  die  gleich  aus  ihrem
Mark  genommen  ist,  nicht  geebnet.  Denn  sie  muß  sehr  weit  gediehen
sein,  ehe  sie  zu  solcher  lebenswahren  Reduktion  fähig  ist!  Die  Zusammenfassung ­
  der  zerstreuten  Ergebnisse,  die  ihr  erstes  „System -1
vornimmt,  muß  daher  irgendeinen  krummen  Weg  eingeschlagen
haben.  Es  muß  eine  Reduktion  dieser  Wissenschaft
möglich  sein  bei  der  man  sich  von  ihrem  wahren  Inhalte ­
  noch  abkehrt.  Auf  diese  Reduktion,  die  zugleich  verstehen
läßt,  wie  die  Nationalökonomie  als  die  Reihe  ihrer  Lehrbücher  begonnen
hat,  auf  diese  Reduktion  gehe  ich  dann  etwas  ausführlicher  ein.  Ihre
Eigenart  hat  ja  über  die  Lehrbücher  entschieden,  mittelbar  also  über
die  landläufige  Meinung  von  der  Nationalökonomie.  An  dieser  Reduktion
wird  zu  zeigen  sein,  wie  sie  das  Lehrbuch  von  der  Wissenschaft,  und
eigentlich  diese  von  sich  selber  ferngehalten  hat,  und  wie  dadurch  eine
ganz  falsche  Auffassung  über  die  Nationalökonomie  genährt  wurde,  die
zum  Teil  heute  noch  beharrt  und  die  nur  mit  dem  gesunden  Instinkt
der  Forschung  überwunden  ist.  Diese  ganzen  Verhältnisse  der  Nationalökonomie ­
  werden  uns  aber  daraus  verständlich,  daß  wir  die  Verhältnisse ­
  der  schildernden  Wissenschaft  erwägen.  Damit  wird  nun
ungezwungen  der  Beweis  angetreten,  daß  sich  jene  mögliche,  die
schildernde  Wissenschaft,  in  dieser  gewordenen,  in  der  Nationalökonomie ­
  erfülle.
Es  steht  eine  Reduktion  in  Frage,  die  ausgesprochen  etwas  Minderes
besagt,  bei  der  man  sich,  wie  gesagt,  vom  wahren  Inhalt  der
Wissenschaft  abkehrt.  So  schwer  aber  der  schildernden  Wissenschaft ­
  jene  lebenswahre,  so  leicht  ist  ihr  diese  mindere  Reduktion  gemacht! ­
  Ein  Vergleich  mit  der  Lage  der  Historie,  den  ich  nun  in
mehrfacher  Hinsicht  ziehe,  wird  dies  erläutern.  Reduzierbar  in  dieser
V.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  19
        <pb n="315" />
        290

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

minderen  Art  ist  auch  die  Historie.  Zum  Glück  ist  Diese  nicht  darauf
angewiesen;  ihr  winkt  ja  der  Vorsprung  in  der  früheren  Richtung,  ihr
fällt  jene  lebenswahre  Reduktion  so  überaus  leicht.  Wollte  sich
aber  die  Historie  in  jener  anderen  Weise  reduzieren,  dann  ergäbe  es
einen  seltsamen  „Geschichtsunterricht“  —  darauf  beschränkt,  daß  man
schlecht  und  recht  erklärt,  was  ein  Volk  ist,  ein  König,  eine  Verfassung,
eine  Revolution,  ein  Krieg,  wie  es  im  Kriege  zu  Schlachten  kommt,
nach  dem  Kriege  zu  einem  Friedensschluß,  bei  diesem  etwa  zu  einer
Landabtretung  usf.  Die  Kunde  von  lauter  „Requisit“,  von  bloßen
Mitteln  zu  dem  einzigen  Zweck,  die  All-Einheit  des  erlebten  Geschehens
mit  dem  Blicke  auf  das  grüne  Handeln  erfaßbar  zu  machen!  Es  würde
also  die  bloße  Form  für  den  Inhalt,  die  trockene  Schale  für  den  saftigen
Kern  geboten.  Um  nun  zu  zeigen,  daß  auch  die  schildernde  Wissenschaft ­
  in  der  gleichen  Lage  gegenüber  jener  Reduktion  ist,  trotz  aller
Abstände  von  der  Historie,  gehe  ich  zunächst  auf  diese  Abstände  etwas
näher  ein.
„Volk“,  „König“,  „Verfassung“,  „Krieg“  usf.,  das  beruft  sich
offenkundig  auf  Wiederkehr  und  Art  im  Handeln.  Daran  ist  die
Historie  nur  soweit  gebunden,  als  es  schon  mit  dem  Zwange  zum
wörtlichen  Ausdruck  verknüpft  ist.  Alles  Sprechen  ist  nur  vom  Boden
des  begrifflichen  Denkens  aus  möglich.  Selbst  der  Sonderbegriff,
der  am  Eigennamen  sprachflüssig  wird,  z.  B.  „Karl  der  Große“,  auch
er  muß  sich  sofort  an  Artbegriffe  anlehnen;  wir  müssen  ja  an  den
„Menschen“,  den  „Mann“,  den  „Herrscher“,  den  „mächtigen“,  „weisen“
usw.  denken,  in  der  Anlehnung  an  lauter  Artbegriffe  über  das  Handeln.
Übrigens  entspricht  der  Sonderbegriff  nicht  der  bloßen  Mischung  von
vielerlei  Arthaftem;  er  wurzelt  in  der  zeitlich-örtlich-persönlichen  Bestimmtheit, ­
  beruft  sich  also  auf  den  Einen  Platz  in  dem  Einen  Gewebe.
Man  darf  aber  nicht  glauben,  daß  nur  die  Historie  nach  lauter  Sonderbegriffen ­
  trachte.  In  anderer,  in  unmittelbarer  Hinsicht  wohl,  aber
nicht  in  dieser  macht  sich  zwischen  den  Schwesterwissenschaften  ein
Abstand  geltend.  Denn  auch  die  schildernde  Wissenschaft  ist  im  wesentlichsten ­
  Sinne  auf  lauter  Sonderbegriffe  verpflichtet!
Diese  Sonderbegriffe  gehen  bei  ihr  nur  in  zweiter  Linie  Ereignisse
und  Personen  an;  nur  soweit,  als  ein  Bericht  ihre  Schilderung  unterstützen ­
  muß.  In  erster  Linie  unterliegen  ihren  Sonderbegriffen  lauter
singuläre  Zustände  und  Entwicklungen;  die  nicht  minder
auf  ihren  ureigenen  Gehalt  Anspruch  erheben,  weil  in  ihrer  Art  auch
sie  ihres  Platzes  im  Einen  und  großen  Gewebe  sicher  sind.  Auch  sie
bewähren  sich  als  Sonderbegriffe  dadurch,  daß  sie  nicht  minder  an  Zeit
und  Ort  haften.  Der  unentbehrliche  dritte  Weiser  ist  zwar  nicht  als
        <pb n="316" />
        Ausblicke,  IX.

29I

ein  persönlicher  vorhanden,  aber  als  der  oberpersönliche.  Statt
auf  die  ursprünglichsten,  berufen  sich  diese  Zustände  und  Entwicklungen ­
  stets  auf  bestimmte  in  sich  ruhende  Einheiten  des  Handelns;
auf  jene,  die  mehr  oder  minder  unmittelbar  als  ihre  Träger  erscheinen.
In  dieser  Art  tritt  hier  überall  das  Zuständliche  Gebilde  in  den
Vordergrund,  wird  seine  schildernde  Auflösung  zum  Rückgrat  dieser
Wissenschaft!  Hier  wird  das  Geschehen  aufs  Korn  genommen,  das
innerhalb  dieser  Gebilde  wirbelt,  nicht  das  Geschehen,  das  für  unser
Denken  diesen  Gebilden  ausfließt;  wenigstens  nicht  im  eigentlichen
Sinne.  Dieses  oberpersönliche  Handeln  kommt  selber  nur  als  ein  zuständliches
  in  Betracht.  Es  hängt  dies  mit  dem  Ineinander  jener  Gebilde ­
  zusammen.  Sie  schachteln  sich  nicht  einfach  ein,  sie  gliedern
sich  ein.  Dabei  steuert  unter  anderem  auch  das  oberpersönliche
Handeln,  das  dem  eingeschlossenen  Gebilde  ausfließt,  zu  dem  ganzen
Geschehen  bei,  das  im  Rahmen  des  umschließenden  Gebildes  „geronnen
erscheint.  Den  „Ereignissen“  der  Geschichte  entsprechen  hier  also  die
„Gebilde“,  wie  sie  in  zeitlich-örtlicher  Bestimmtheit  „fortbestehen  ;
wobei  immerzu  mit  dem  Versagen  der  inneren  Bedingnis  eine  Auflösung,
mit  dem  Eintritt  solcher  Bedingnis  eine  Neubildung  vor  sich  geht.
Zugleich  hört  niemals  der  umgliedernde  Wandel  dieser  Gebilde  auf,
weder  in  ihrem  eigenen  Gefüge,  noch  in  der  Art,  wie  sie  einander
eingefügt  sind.  Wenn  es  nicht  selber  Oberpersonen  sind,  so  vegetieren
sie  doch  inmitten  solcher,  im  Sinne  der  „Pflanze“.  In  ihrer  Gesamtheit, ­
  mehr  oder  minder  deutlich  zu  einem  Ganzen  ausgegliedert,  gehen
sie  neben  dem  Zeitenlauf  einher,  als  das  Menschheitsleben.  Nie
darf  man  eben  vergessen,  daß  auch  diesem  Vorwurf  der  schildernden
Wissenschaft  das  Gleiche  unterliegt,  wie  dem  Vorwurf  der  Historie,
also  der  Geschichte.  Von  dem  wunderbaren  Gewebe,  das  vom  Webstuhl ­
  der  Zeit  unablässig  in  die  Vergangenheit  gleitet,  faßt  die  schildernde
Wissenschaft  den  massigen  Grund  ins  Auge,  wie  er  nach  Kette  und
Einschuß  gewoben  ist:  als  Zustände  und  Entwicklungen.  Die  Historie
aber  verfolgt  das  fortlaufende  Muster,  das  zeitflüssige  Gewebe
der  Ereignisse;  das  sich  nur  für  unser  geistiges  Auge  abzuheben  scheint
vom  „Grunde“,  mit  dem  es  ja  in  Einem  gewirkt  ist,  als
„der  Gottheit  lebendiges  Kleid“  I
So  bilden  auch  bei  der  schildernden  Wissenschaft  lauter  Sonderbegriffe ­
  das  Mark.  Zum  lebendigen  Wissensschatz  gehört  da  z.  B.
der  Sonderbegriff  „Straßburger  Tücher-  und  Weberzunft“.  Hier  tritt
keine  Definition  in  die  Mitte;  der  Schwerpunkt  liegt  notwendig  bei  der
schildernden  Auflösung  nach  Zustand  und  Entwicklung.  Anders  wieder
der  Artbegriff  „Zunft“.  Dieser  bedeutet  nicht  mehr  lebendiges  Wissen,
        <pb n="317" />
        2g2  „Die  Herrschaft  des  Wortes“,
ist  nur  mehr  bloßes  „Requisit“  für  dieses.  In  seiner  Denkbarkeit  ist
er  nichts  als  Mittel  zum  Zweck,  und  Zweck  ist  der  gleiche  wie  bei
der  Historie.  Denn  auch  die  schildernde  Wissenschaft  hat  vor  der
höchsten  Instanz,  vor  der  Möglichkeit  unserer  Erkenntnis,  nur  den
Einen  Zweck,  die  All-Einheit  des  erlebten  Geschehens  erfaßlich  zu
machen,  sei  es  auch  auf  einem  anderen  Umwege.  Diesem  Zweck
gegenüber  ist  alles  andere  nur  Mittelvorrat,  „Requisit“.
Daran  muß  man  eisern  festhalten,  weil  gerade  hier  der  äußere  Anschein
ein  trügerischer  ist.  Um  diesem  beizukommen,  will  ich  im  fortlaufenden
Vergleich  mit  der  Historie  zunächst  erläutern,  aus  welchen  Gründen
die  schildernde  Wissenschaft  jener  Reduktion  besonders  zugänglich  ist,
die  für  jenen  falschen  Schein  verantwortlich  ist.
Auch  die  schildernde  Wissenschaft  ist  zum  wörtlichen  Ausdruck
gezwungen  und  damit  zu  begrifflichem  Denken  genötigt,  genau  so  wie
die  Historie.  Aber  weit  darüber  hinaus  gilt  für  die  Wissenschaft  vom
Menschheitsleben  ein  Drang  nach  dem  Artbegriffe,  in  ihres
eigenen  Wesens  Art  begründet.  Bei  ihr  ist  ja  Zustand  und  Entwicklung ­
  die  Losung  1  Diese  setzen  gemeinsam  die  Wiederkehr  voraus,  und
diese  wieder  die  Art  —  ein  Abstand  von  der  Historie,  der  sehr  weite
Kreise  zieht,  namentlich  nach  der  Methodologie  hin.  Die  letztere
interessiert  uns  hier  nicht;  nur  der  engeren  Sache  zuliebe  einige  Andeutung. ­
  Bei  der  Historie  ist  ihre  Pflege  auf  irgendein  vorbereitendes
Denken  nicht  angewiesen;  im  Grundsätze  wenigstens.  Nur  jener  Hang
nach  dem  „Staatlichen“  bringt  hier  eine  tatsächliche  Änderung  zuwege.
Ihren  Bericht  muß  die  Historie  an  erster  Stelle  durch  die  Schilderung
der  „staatlichen“  Zustände  ergänzen.  Dadurch  rückt  alles,  was  irgendwie ­
  an  „Verfassung“  erinnert,  zur  Stellung  eines  vorbereitenden  Wissens
für  die  Historie  auf.  Es  kommt  da  zu  einer  Abart  von  „Grundbegriffen“. ­
  Dorthin  ginge  auch  jene  Reduktion,  die  sich  bei  dieser
Wissenschaft  mehr  als  ihre  Parodie  ausnähme.  Für  die  Historie  kommt
es  auf  die  machtbedingenden  Zusammenhänge  weiten  Griffes  an.
So  ist  auch  die  Technik  im  Schürzen  dieser  Zusammenhänge  von
besonderem  Belang  für  die  Historie.  Daher  ihr  altes  Interesse  für  alles
„Machttechnische“,  für  alle  „Politik“,  als  Kunstlehre  des  „staatlichen“,
wenn  man  will,  des  ausgeprägtest  oberpersönlichen  Handelns;  es  dreht
sich  da  um  das  Handwerk  an  den  gewissen  Hebelarmen.  Zu  allen
diesen  Dingen  aber,  wie  gesagt,  kommt  die  Historie  mehr  aus  Versehen.
Für  die  schildernde  Wissenschaft  gilt  Ähnliches  ganz  ungleich  mehr
im  Grundsätze;  erklärlich  aus  ihrem  Hang  zu  Wiederkehr  und  Art.
Hier  liegt  der  Wurzelpunkt  eines  „grundbegrifflichen“  Denkens
für  diese  Wissenschaft,  der  treibende  Anlaß  für  jene  „Theorie  vor
        <pb n="318" />
        Ausblicke,  X.

293

den  Tatsachen“,  die  noch  von  anderen  Seiten  her  gestreift  wird.
Im  Augenblicke  sehen  wir  mehr  den  Folgen  dieser  Verhältnisse  nach,
in  der  Richtung  jener  minderen  Reduktion.  Wie  es  näher  zu  erläutern
bleibt,  beruht  die  letztere  gerade  darauf,  daß  der  reiche  Mittelvorrat
der  schildernden  Wissenschaft,  das  viele  „Requisit“,  das  ihre  Eigenart
nötig  macht,  gleichsam  sich  selber  ein  Zweck  wird,  im  Ausbau  zu
einem  ganzen  System  von  Artbegriffen.
Der  Umstand  allein,  daß  sie  für  derlei  Reduktion  so  leicht  zugänglich ­
  ist,  muß  die  Meinung  über  diese  Wissenschaft  irreleiten.  Eine
Wissenschaft,  die  es  so  nachdrücklich  nach  dem  Artbegriffe  zieht,  mag
ihrem  inneren  Wesen  nach  wo  immer  hinstreben,  nach  Einheit  und
Abereinheit;  nichts  ist  verzeihlicher,  als  sie  für  eine  „generelle  anzusehen, ­
  die  also  im  „Allgemeinen“  ihren  Kern  hätte;  sagen  wir,  für  eine
„systematische“  Wissenschaft.  Um  so  mehr,  als  es  durchaus  zu
keiner  Parodie  dieser  Wissenschaft  führt,  wenn  sie  im  Walten  begrifflichen ­
  Denkens  reduziert  wird.  Alles  Zuständliche  ist  schon  auf  halbem
Wege  zum  Begrifflichen.  Nun  ist  zwar  das  Innehalten  hier  das
unbestreitbar  Rechte;  scheinbar  jedoch  wird  der  einmal  beschrittene
Weg  nur  folgerichtig  ausgegangen,  wenn  man  sofort  zum  Begriffs
Systeme  hinstrebt.  Es  hilft  noch  manches  dazu.  So  minderwertig  jene
Reduktion  im  Grundsätze  bleibt,  für  die  Lehre  ist  sie  außerordentlich
brauchbar;  für  gewisse  Lehrzwecke  wird  man  sie  nie  entbehren  können.
Faßt  man  nun  vorgreifend  die  Nationalökonomie  ins  Auge  und  rechnet
jene  Hergänge  ihres  Entstehens  hinzu,  die  auch  noch  berührt  werden,
so  wäre  im  ganzen  eher  das  Gegenteil  verwunderlich,  nicht  das  wirklich
Fingetretene.  Es  ist  im  voraus  durchaus  verständlich,  wenn  außer
d er  „gemeinen  Meinung“  selbst  scharfe  Denker  —  auch  unter  den
Logikern  —  zu  dem  Mißverständnis  kamen,  daß  hier  im  Kerne  eine
„systematische“  Wissenschaft  vorläge,  die  nur  als  Anhängsel  die
„Wirtschaftsgeschichte“  neben  sich  hätte.  Und  so  ist  von  jeher
die  Reduktion  für  die  Wissenschaft  genommen  worden,
bis  auf  unsere  Tage,  obgleich  es  die  helle  Verwechslung  ist  zwischen
Form  und  Inhalt,  zwischen  Schale  und  Kern.  Allein,  damit  ist  die
Sache  noch  lange  nicht  erledigt.

X.
Meine  ganzen  Ausführungen  geben  sicher  keinen  Anlaß  dazu;  aber
es  kann  sich  hier  ein  Zweifel  aufdrängen,  dem  ich  lieber  offen  entgegentrete. ­
  Er  entspringt  dem  Gedanken,  daß  es  vielleicht  doch  nur
        <pb n="319" />
        294

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

am  Gesichtspunkte  hänge,  ob  die  Wissenschaft  vom  Menschheitsleben ­
  im  Sonderbegriffe  gipfle  oder  im  Artbegriffe.  In  ihrer  einen
Form  würde  sie  zwar  der  Historie  Schwester  bleiben;  alle  Artbegriffe
wären  da  ihr  bloßes  „Requisit“;  genau  so  wie  es  „Volk“,  „König“,
„Verfassung“,  „Krieg“  usw.  für  die  Historie  sind.  Ihrer  anderen  Form
nach  aber  würde  sie  in  einem  Begriffs-Systeme  ihren  Schwerpunkt
finden,  mithin  den  „systematischen  Naturwissenschaften“,  Zoologie,
Botanik,  Mineralogie,  in  irgendeiner  Annäherung  zur  Seite  treten.
Allein,  der  Gedanke,  daß  ein  solches  Kippen  des  Gesichtspunktes,  und
mit  diesen  Folgen,  innerhalb  der  Wissenschaft  vom  Menschheitsleben
eintreten  könnte,  dieser  Gedanke  ist  in  sich  unmöglich.  Der
Beweis  ist  bald  geführt.
Es  war  zu  erwähnen,  wie  Menschheitsleben  und  Geschichte  nur
Kinder  unserer  Auffassung  sind,  und  wie  hinter  ihnen  gemeinsam  die
Welt  des  Handelns  steht.  Diese  „Welt“  ist  nun  selber  schon  das  Kind
einer  bloßen  Auffassung;  jener,  deren  Gegenstück  die  „Natur“  zum
Kind  hat.  Diese  wechselnde  Auffassung  bezieht  sich  auf  unser  verschiedenes ­
  Verhalten  gegenüber  dem  duldenden  Erlebnis,  den  sich  ablösenden ­
  Empfindungen.  Irgendwie  müssen  wir  uns  zu  diesem
duldenden  Erlebnis  verhalten.  Bei  ihm  können  wir  niemals  stehen
bleiben,  wie  es  uns  gegenüber  der  Welt  des  Handelns  möglich  ist,
ohne  daß  wir  uns  für  die  Wahl  „Menschheitsleben“  oder  „Geschichte“
entscheiden.  Wenn  wir  uns  dieser  Wahl  enthalten,  so  besagt  dies  nur,
daß  wir  jene  Welt  nicht  schon  in  ihrer  All-Einheit  begrifflich  zu  erfassen
suchen;  trotzdem  bleibt  sie  uns  vor  dem  Denken,  im  einzelnen,  oder
als  Ding  der  bloßen  Vorstellung.  Aber  für  die  Wahl:  „Welt  des
Handelns“  oder  „Natur“,  da  müssen  wir  uns  entscheiden,  oder  wir
müßten  einfach  zu  denken  auf  hören.  In  diesem  Sinne  liegt
hier  ein  starres  Entwederoder  der  Auffassung  vor.
Sind  daher  auch  „Welt  des  Handelns“  und  „Natur“  nur  „Gebiete“,
so  gewiß  keine,  die  wir  aus  unserem  Denken  hinaus  versetzen.  Denn
aus  unserem  Denken  „hinaus“  geht  der  Weg  notwendig  schon  entweder ­
  in  die  Welt  des  Handelns  oder  in  die  Natur.
Nun  halte  man  sich  die  Hierarchie  dieser  Auffassungen  und  ihres
Wechsels  vor.  Primär  ist  der  Wechsel  zwischen  „Welt  des  Handelns“
und  „Natur“.  Sekundär  ist  der  Wechsel  zwischen  „Geschichte“  und
„Menschheitsleben“.  Ein  Wechsel,  der  innerhalb  der  Wissenschaft  vom
Menschheitsleben  einträte,  wäre  etwas  Tertiäres.  Am  primären
Wechsel  gabelt  das  Denken  und  sein  Stoff;  an  der  einen  Zinke  das
zerfallende  Denken  und  die  Erscheinungen,  an  der  anderen  Zinke  das
unzerfällende  Denken  und  die  Erlebungen.  Hiermit  gabelt  auch  schon
        <pb n="320" />
        Ausblicke,  X.

295

die  Aufgabe  unserer  Erkenntnis  1  dort  das  Streben  nach  dem  Einerlei,
hier  das  Streben  nach  der  Einheit.  Am  sekundären  Wechsel
gabelt  nur  mehr  die  Art  und  Weise  im  Erfassen  der  Einheit
Das  Streben  nach  der  Einheit  bleibt  von  diesem  Wechsel  unberührt
Nun  käme  jener  gewähnte  tertiäre  Wechsel.  Von  ihm  soll  es  abhängen,
  ob  das  Begriffssystem  bloßes  „Requisit -4  oder  Selbstzweck
wäre;  ob  der  Sonderbegriff  oder  der  Artbegriff  vorherrsche.  Aber  der
Vortritt  des  Sonderbegriffes  ist  unzertrennlich  vom  Streben  nach  der
Einheit.  Somit  wäre  das  Streben  nach  der  Einheit  für  diesen  tertiären
Wechsel  ein  bloßer  Wahlfall.  Mit  diesem  tertiären  Wechsel  sollte
also  gleichsam  ins  Wanken  kommen,  was  selbst  dort  ein  Ruhendes
ist,  wo  es  noch  auf  Sein  oder  Nichtsein  der  ganzen  schildernden  Wissenschaft ­
  ankommt  1  Das  will  sagen,  im  Rahmen  der  schildernden  Wissenschaft ­
  würde  vom  Belieben  des  Gesichtspunktes  etwas  abhängen,  was
schon  dort  allem  Belieben  entrückt  ist,  wo  es  der  schildernden  Wissenschaft ­
  immer  noch  freisteht,  mit  ihrem  Gegenstände  zugleich,  dem
Menschheitsleben,  um  sich  selber  zu  kommen.  Auf  solche  Weise  ist
jener  Gedanke  ein  in  sich  unmöglicher,  und  der  Zweifel,  den  er  nährt,
alles  vernünftigen  Sinnes  bar.
Erwägungen  von  so  prinzipieller  Wucht  bedürfen  keiner  Stütze;
sie  können  sie  nicht  finden,  weil  alles  andere  an  ihnen  Stütze  sucht.
Ich  habe  von  Beginn  an  darauf  hingelenkt,  und  nun  steht  es  für  alle
weitere  Erwägung  erst  recht  außer  Frage,  daß  nicht  die  schildernde
Wissenschaft  selber,  sondern  bloß  eine  didaktische  Reduktion
vorliegt,  wo  ein  System  ihrer  Artbegriffe  ausgebaut  ist.  Als
solches  zu  erscheinen,  besagt  für  die  Wissenschaft  vom  Menschheitsleben ­
  auf  jeden  Fall  schon  ihr  reduziertes  Aussehen!  Das  Wortspiel
trifft  hier  zu,  weil  ja  eine  bessere  Reduktion  dieser  Wissenschaft
absehbar  geworden  ist.  Diese  grundsätzlichen  Verhältnisse  verbieten
es,  das  Begriffs-System  der  schildernden  Wissenschaft
in  eine  Reihe  mit  den  Begriffs-Systemen  der  Natur  zu
stellen,  die  in  der  Zoologie,  Botanik,  Mineralogie  den  Kern  dieser
Wissenschaften  ausmachen,  auf  dem  geraden  Wege  nach  ihrem  Erkenntnisziele ­
  liegend.  Die  Natur-Systeme  dienen  ja  dem  Streben  nach
dem  Einerlei  genau  so,  wie  es  am  vollkommensten  das  Naturgesetz
tut.  Dieser  Abstand  von  System  zu  System  läßt  sich  ebensowenig
noch  anders  erhärten,  nachdem  einmal  seine  letzten  Gründe  vorliegen,
wie  diese  selber.  Aber  die  Gegensätze  zwischen  dem  Systeme  der
schildernden  Wissenschaft  und  den  Systemen  der  Natur  will  ich  in
Kürze  beleuchten.
In  den  „systematischen“  Naturwissenschaften  beziehen  sich  die
        <pb n="321" />
        296

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Artbegriffe  auf  die  Gegenstände  des  zerfällenden  Denkens,  in  der
schildernden  Wissenschaft  auf  die  Gegenstände  des  unzerfällenden
Denkens.  Wie  es  noch  etwas  klarer  werden  soll,  läßt  dieser  Unterschied ­
  nicht  mit  sich  spaßen;  dem  praktischen  Erfolg  nach  aber  ist
das  Wort  mächtig  genug,  um  ihn  zu  verschleiern.  Für  unser  wortesfürchtig
  Denken  macht  es  ganz  gewaltig  etwas  aus,  daß  man  z.  B.  von
„Elefant“  genau  so  einwörtlich  reden  kann,  wie  von  „Freund“  oder
„König“.  Von  Namen  zu  Namen  spaziert  es  sich  durch  die  Welt  des
Handelns  nicht  anders  wie  durch  die  Natur!  Das  sind  zunächst  Eindrücke ­
  des  urwüchsigen  Denkens.  Allein,  in  der  Wissenschaft  ist  kein
Denken  so  sehr  von  der  rotbäckigen  Alltäglichkeit  angekränkelt,  wie
gerade  das  unzerfällende.  Kein  Wunder  also,  wenn  sich  Dieses  in  der
gleichen  Rolle  des  Ordners  und  Sortierers  wähnt,  die  nur  dem
zerfällenden  Denken  vor  der  Natur  zusteht.  In  der  Welt  des
Handelns,  wo  der  Begriff  ständig  vor  dem  Begriffenen  da  ist,  kommt
alles  Sortieren  zu  spät.  Nur  abermals  das  Wort  täuscht  hier  über
den  Sachverhalt,  und  tut  es  dieses  zweite  Mal  mittelbar.  Manches,  das
im  Vollzüge  oder  Bestehen  den  gleichen  schöpferischen  Begriffen  folgt,
trägt  verschiedene  Namen;  vieles  umgekehrt  den  gleichen  Namen,
obwohl  es  ganz  verschiedenen  Begriffen  folgt.  Hier  will  diese  Neckerei
schon  etwas  besagen,  wo  doch  die  Reibung  mit  der  „populären  Nomenklatur“ ­
  eine  weitaus  schärfere  ist;  denn  hier  ist  einfach  alles  schon
zu  seinen  eingewurzelten  Namen  gekommen,  ehe  ein  „systematisches“
Denken  eingreift.  Auch  will  das  nennende  Wort  hier  ganz  anders
respektiert  sein,  weil  es  dem  schöpferischen  Begriffe  verwachsen  ist.
Deshalb  bleibt  es  doch  nur  das  Streben,  eine  eingerissene  Unordnung
wieder  gut  zu  machen,  was  hier  in  der  selbstgefälligen  Maske
des  „Ordnens“  auftrittl
Nach  der  Art,  wie  uns  alle  Natur  zur  Erfahrung  wird,  sind  uns
die  Gegenstände,  auf  die  sich  die  Artbegriffe  der  Natur-Systeme  beziehen, ­
  ein  Fremdes,  Vorgegebenes;  sie  erscheinen  zugleich  als
Primäres  gegenüber  dem  Sekundären  der  Erscheinungen.  Die
Gegenstände  aus  der  Welt  des  Handelns  sind  uns  zunächst  nur  mit  dem
nennenden  Worte  gegeben.  Für  ihren  eigenen  Teil  sind  sie  nichts  weniger
denn  Primäres;  da  sie  lauter  denkende  Umformungen  des  Erlebten,
sind  sie  Geschöpfe  unseres  Denkens;  nicht  gleich  in  dem  Maße,  als  es
z.  B.  in  der  Mathematik,  in  einer  richtigen  „Begriffswissenschaft“  gilt,
deren  Gegenstände  im  buchstäblichsten  Sinne  Geschöpfe  unseres
Denkens  sind  —  Ziffern  und  Figuren  besagen  ja  nur  hilfreiche  Symbole
dieser  Gedankenbewegung  1  Die  Gegenstände  der  Welt  des  Handelns
sind  eine  Schöpfung  unseres  Denkens  auf  einem  Umwege:  auf
        <pb n="322" />
        Ausblicke,  X.

297

dem  Umwege  des  mit  unserem  Denken  verwachsenen  Handelns.
Das  steht  durchaus  nicht  in  Widerspruch  dazu,  wenn  ich  so  oft  von
den  „schöpferischen  Begriffen“  rede;  es  sind  dies  die  Einheiten  des
lebendigen,  „handelnden“  Denkens,  die  zwar  dem  vollziehenden  Geschehen ­
  vorantreten,  aber  trotzdem  dem  Handeln  verpflichtet  sind.
Unser  Denken  ist  dem  Handeln,  im  Sinne  der  „neuen  Begriffe,  die  sich
dann  erst  im  Geschehen  ausleben“,  nicht  um  mehr  voraus,  als  um
einen  Schritt  aus  vielen  Schritten.  Nie  gleich  um  tausend  Schritte,
wie  es  etwa  der  Vorstellung  gemäß  wäre,  daß  ein  Haufe  „Urmenschen“
Zusammentritt  und  kundtut:  „Genug  des  Strolchens  und  Raufens,  wir
gründen  nun  einen  Staat!“.  Das  überspringt  999  Zwischenglieder,  die
sich  vorher  im  Geschehen  vollziehen  müßten.  So  ist  auch  der
«schöpferische  Begriff“,  vom  ersten  Anfang  an,  nur  zum  Teile  frisch
Gedachtes,  zum  größten  Teile  ist  er  selber  durch  das  Handeln  hindurchgegangen. ­
  In  diesem  Sinne  steht  auch  bei  ihm  der  Umweg  über  das
Handeln  in  Geltung.  Aber  weil  es  ein  Umweg  nur  über  das  mit
unserem  Denken  verwachsene  Handeln  ist,  so  ändert  sich
nichts  an  der  Tatsache,  daß  alle  Gegenstände  dieser  Welt  unserem
Denken  völlig  in  die  Hand  geliefert  sind  1  Sie  sind  durchaus  nichts
Vorgegebenes,  das  sich  erst  im  Walten  isolierender  und  generalisierender ­
  Abstraktion,  im  Vergleichen  von  „Merkmalen“  überdenken
ließe;  sie  lassen  sich  gleich  einzeln  von  der  Wurzel
aus  durchdenken.  Darauf  beruht  der  außerordentliche  Gegensatz
zwischen  den  Artbegrififen  hier  und  den  Artbegrififen  dort.  Selbst  für
den  weiteren  Ausbau  des  Systems  werden  hier  die  verschiedenen  Arten
nicht  aneinander  „abgepaßt“,  wie  sie  zu  höheren  sich  vereinen  ließen;
es  ergeben  sich  die  niederen  mit  der  Abwandlung  der  vom  Denken
vorweggenommen  höheren.  Ich  will  es  doch  lieber  betonen,  daß  hier,
beim  Zimmern  bloßer  Systeme,  von  „Induktion“  genau  so  wenig  die
Rede  sein  kann  wie  von  „Deduktion“.
Allein,  für  jene  Gegensätze  ist  unser  Denken  um  des  lieben  Wortes
willen  blind!  Im  tätigen  Vollzüge  profitiert  es  natürlich  von  der
günstigeren  Lage;  aber  es  gefällt  sich  trotzdem  in  der  Rolle  des  verdienstvollen ­
  Ordners  „von  Grund  aus“.  Auch  die  Welt  des  Handelns
sieht  man  als  ein  Kunterbunt  vor  sich,  das  erst  reihum  bei  seinen
Namen  zusammengefangen  sein  will,  um  es  dann  nach  seinen  „Merkmalen“ ­
  hübsch  einzufächern,  in  recht  sorgsam  gezogene  Rubriken.
Hierher  die  Bemerkung,  daß  Worte  als  Natur  behandelt  werden  1  Auch
jene  andere  spielt  da  herein  daß  mit  den  Worten  ein  Schleier  auf  dem
Aufbau  dieser  Welt  ruhe:  weil  eben  vor  dem  übermittelnden  Worte
unser  Denken  einfach  vergißt,  daß  sein  Blick  so  durch  und  durch  zu
        <pb n="323" />
        29B

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

dringen  vermag,  im  Enthüllen  des  mit  ihm  selber  verwachsenen
Handelns,  das  hier  überall  dahintersteckt.  Und  in  diesem  Geiste
sind  die  Worte  zugleich  Gräber  des  Geschehens,  Verknöcherer.

XI.
Die  wortfrommen  Eindrücke  unseres  Denkens  machen  wohl  den
Anfang;  aber  erst  unsere  hergebrachte  Logik  bringt  System  in  die
Sache!  Auf  den  ersten  Streich  wird  alles  Nennbare  über  einen
Leisten  geschlagen;  und  mehr  als  dies.  Denn  jedes  beliebige  Wort
gilt  einfach  schon  als  solches  für  einen  „Begriff“,  hier  natürlich  in
Gänsefüßchen;  wobei  es  eben  ganz  gleichgültig  ist,  ob  das  Wort  einen
Gegenstand  des  unzerfällenden  oder  des  zerfällendeu  Denkens  vertritt,
oder  der  mathematischen  oder  sonst  einer  Erkenntnis,  die  sich  an  das
knüpft,  was  durch  unser  Denken  selber  gegeben  ist;  oder  sei  es  überhaupt ­
  nur  ein  Wort,  eine  Einheit  der  Sprache,  der  keine  Einheit  unserer ­
  Gedankenwelt  entspricht,  mit  der  nur  eine  Nestel  des  Zusammenhanges ­
  vorliegt;  oder  gar  nur  ein  Pflaster  für  Gedankenrisse.  Einerlei,
ein  „Begriff“  liegt  vorl  Der  zweite  Streich  über  den  Leisten  geht  nun
in  der  Richtung  der  Behandlung  dieser  „Begriffe“:  ihre  Definition. ­
  Auch  in  dieser  Hinsicht  gilt  für  diese  Logik,  die  mit  der
wissenschaftlichen  Logik  fast  nichts,  die  nur  mit  den  eingerosteten
Gewohnheiten  unseres  Denkens  zu  tun  hat  und  einer  entarteten
Scholastik  entspricht,  einer  Rückbildung  dieser  zwar  „formalen“,  aber
doch  vollendeten  Denkweise,  für  diese  Afterlogik  gilt  überall  das
„Schema  F“.  Tritt  eine  Teilung  ein  —  „Realdefinition“,  „Nominaldefinition“, ­
  „genetische“  usw.  —  so  gilt  dieses  „F,  a“,  „F,  b“  usw.  wieder
für  jedes  beliebige  Wort!  Auf  unseren  Fall  angewandt,  müßte  also
z.  B.  „Elefant“  aufs  Haar  im  nämlichen  Hergang  definiert  werden
wie  „Freund“  oder  „König“.  Vergleichen  wir  etwa  die  beiderseitige
Lage  gegenüber  der  „Realdefinition“,  die  als  Schema  „F,  a“  vorzunehmen
wäre;  für  „Elefant“  ganz  so  wie  für  „Freund“.  Dort  bekäme  man
etwas  unter  die  Hände,  was  sich  für  eine  „Erklärung“  sozusagen  nur
tastend  umfahren  läßt;  wenn  man  nicht  sofort  auf  Verallgemeinerungen
zurückgreift,  die  gleich  die  ganze  „organische“  Welt  angehen.  Hier
dagegen  bekäme  man  mit  etwas  zu  tun,  das  aus  dem  Handeln,  und
damit  zugleich  aus  unserem  Denken  geworden  ist;  die  Wechselbeziehung ­
  zum  Empfinden  eingerechnet.  Als  „Freund“,  der  hier  zu
definieren  wäre,  ist  ja  einfach  ein  „Verhältnis  zwischen  Handelnden“
auf  den  Kopf  einer  beteiligten  Person  ausgesagt,  gleichsam  also  ins
        <pb n="324" />
        Ausblicke,  XI.

299

Anschauliche  gewendet.  Zu  definieren  ist  somit  etwas,  das  überhaupt ­
  nicht  „ist“,  sondern  „besteht“;  und  dies,  weil  etwas  „geschieht“,
in  der  entsprechenden  Garnierung  von  Determinanten.  Es  „geschieht
in  diesem  Sinne  aber  nichts,  was  nicht  gedacht  und  nachlebend  denkbar
wäre.  Und  ein  derart  aus  eitel  Denken  gewobenes  Etwas  soll  nun
aufs  Haar  so  in  seinem  „Wesen“,  oder  nach  seinen  „Merkmalen  erfaßt ­
  werden,  wie  jenes  andere  Etwas,  das  unserem  Denken  breitspurig
vor  die  Nase  gesetzt  ist!
Es  liegt  nahe,  daß  jene  „Logik“  in  ihrer  blühenden  Unlogik,  auch
dort  zur  Definition  hetzt,  wo  statt  des  fragwürdigen  Abstieges  von
der  Hühnerleiter  stets  nur  die  schildernde  Auflösung  am  Platze
ist.  Nebenan  drängt  zu  diesen  „deplacierten“  Definitionen  auch  der
Übergriff  des  juristischen  Denkens,  das  die  Interpretation  des  vor
handenen,  oder  doch  in  Zukunft  möglichen  Gesetzeswortes  im  Auge
behält.  Umgekehrt  bleibt  es  dabei  ganz  außer  Sehweite,  daß  vor  der
Welt  des  Handelns  Definitionen  eines  ganz  anderen  Schlages  und
Berufes  möglich  sind,  kraft  der  Eigenart  ihrer  Gegenstände  I  Definitionen,
mit  denen  eine  Arbeit  heilsamster  Einkehr  abzuschließen  vermag.
Diese  Definitionen  haben  freilich  mit  dem  Begriffs-Systeme,  das  als
lehrhafter  Auszug  der  schildernden  Wissenschaft  möglich  ist,  nicht  mehr
zu  tun  als  mit  der  letzteren  selber,  und  mit  ihr  nicht  mehr  als  mit
der  berichtenden  Wissenschaft.  Der  unmittelbar  Beteiligte  ist  dabei
das  unzerfällende  Denken.  Dieses  kann  zu  seinen  Inhalten
gelangen,  ganz  unabhängig  von  dem  schillernden  Wortkleide,  worin  es
bei  seiner  Bewegung  gehüllt  ist.  Es  hat  nicht  nötig,  alle  Worte,  die
sich  auf  die  Welt  des  Handelns  beziehen  könnten,  reihum  nach  jenen
Inhalten  auszubeuteln.  Jene  Gunst  fällt  um  so  schwerer  ins  Gewicht,
als  ja  die  Gegenstände  jener  Welt  zunächst  nur  mit  Worten  gegeben
erscheinen,  während  in  der  Natur  von  Haus  aus  das  „Greifbare“  da
ist,  und  damit  die  günstige  Position  gegenüber  jener  Logik  und  ihren
Albernheiten.  Die  Zoologie,  z.  B.,  ist  offenkundig  nicht  darauf  angewiesen, ­
  den  ganzen  Sprachschatz  nach  allen  Worten  animalischer
Witterung  durchzusieben,  um  dann  an  der  Hand  ihrer  Definitionen  ein
Natur-System  in  Angriff  zu  nehmen.  Nur  das  unzerfällende  Denken
wähnt  sich  mehr  oder  minder  in  dieser  Zwangslage!  Ein  Wahn,  der
unter  dem  Patronate  unserer  hergebrachten  Logik  steht,  aber  dem
wirklichen  Sachverhalt  kein  Tüpfelchen  raubt.
Auf  der  Grundlage  des  früher  erwähnten  „kürzesten  Inventars“
ließe  sich  jederzeit  ein  vollständiges  Inventar  der  Gegenstände
jener  Welt  anstreben.  Man  brauchte  nur  nach  allen  Richtungen  hin
'  »Geschehnisse“,  „Vorgänge“,  „Bestände“,  „Fortbestände“  —  die
        <pb n="325" />
        300

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

möglichen  Umformungen  zu  verfolgen,  mit  dem  Ausgange  vom
Primären.  Es  liegen  ja  diese  Gegenstände  alle  auf  dem  Wege,  den
unser  Denken  von  etwas  Primärem  her  in  tätiger  Umformung  beschreitet. ­
  Das  Primäre  wären  nun  die  Erlebungen:  die  kürzesten
Teilstücke,  die  schlichtesten  Kuppeln  jenes  empfundenen  Zusammenhanges, ­
  den  ich  von  meiner  Seite  stets  als  Streben  und  Erfolg  ausdrücke.
  Um  einige  davon  in  Unordnung  zu  nennen:  „greifen“,
„drängen“,  „ziehen“,  „werfen“,  „fliehen“,  „verzichten“,  „behaupten“;
sie  lassen  sich  z.  T.  auch  in  anderer  Wendung  ausdrücken:  „festhalten“,
  „erlangen“,  „haben“;  im  ganzen  so  etwas  wie  die  Tatenwelt
des  Babys.  In  ihrer  gedrungenen  Urwüchsigkeit,  um  den  falschen
Schein  ihrer  Verwickeltheit  abzuwenden,  ließen  sich  diese  Erlebungen
besser  mit  den  lebendigen  Ausrufen  malen:  „her!“  „weg!“  „hinl“
„halt  1“  usw.  Sie  erhellen  gleichsam  als  der  Rohstoff  der  Umformung;
und  der  letzteren  könnte  man  nun  in  allen  Richtungen  folgen.  Z.  T.
würde  es  sich  um  Gestaltungen  handeln,  auf  die  unser  Geist  durch  die
determinierende  Natur  verpflichtet  erscheint:  „Mutter“,  „Vater“,
„Bruder“.  Und  wie  hier,  würden  im  ganzen  auch  alle  anderen  erreichbaren ­
  Inhalte  in  Worte  mehr  oder  minder  gut  hineinwachsen:
„Helfer“,  „Genosse“,  „Freund“,  „Führer“,  „Häuptling“,  „Schutzherr“,
„König“;  „Gegner“,  „Feind“,  „Zwingherr“;  usw.,  wenn  man  bloß  der
zufällig  eingeschlagenen  Richtung,  und  nur  ganz  obenhin  folgt.  Auch
hier  ist  keine  rechte  Ordnung  einzuhalten,  weil  sich  die  Beziehungen
vielfach  gabeln,  eine  bloße  Reihe  sie  daher  niemals  richtig  wiedergeben
kann,  höchstens  ein  Tableau,  im  Sinne  einer  Abart  von  Stammbaum
dieser  Gegenstände.
Ungefähr  auf  diese  Art  wüßte  das  unzerfällende  Denken  seinen
Worten  erst  den  Herrn  zu  zeigen.  Es  wüßte  mit  ihnen  Fangball  zu
spielen,  statt  sich  von  ihnen  prellen  zu  lassen.  Aber  gerade  von  dieser
Möglichkeit,  im  Wege  der  Selbstbesinnung,  und  in  diesem  Sinne  abschließend ­
  zu  definieren,  davon  läßt  sich  die  gute  alte  Logik  kaum
etwas  träumen.  Für  sie  ist  Definition  stets  nur  die  demütige  Verbeugung ­
  unseres  Denkens  vor  jedem  hergelaufenen  Worte.  Hinter
dem  Ausdruck  „Begriff“  trabt  da  der  Schimmel  der  worterklärenden
„Definition“  ähnlich  so,  wie  es  hinter  dem  Ausdrucke  „Tatsache“
wieder  Deduktion  und  Induktion  tun  —  als  ob  sie  einfach  unentbehrlich ­
  wären,  wo  immer  von  „Tatsachen“  geredet  werden  kannl
Selbst  dort  also,  wo  weder  vom  Allgemeinen  aufs  Besondere,  noch
vom  Besonderen  aufs  Allgemeine  zu  schließen  ist;  wo  wir  vielmehr  vom
Boden  unseres  eigenen  Handelns  aus  die  Zusammenhänge  im  fremden
        <pb n="326" />
        Ausblicke,  XI.

301

erschließen,  und  nie  anders,  als  daß  wir  uns  in  jeden  einzelnen  Fall
hineinversetzen  1
Jene  Erlebungen,  um  das  einzuflicken,  sind  in  solchem  Grade
primär,  daß  ihnen  gegenüber  unser  Denken  selber  als  das  Sekundäre
erscheinen  könnte.  Nur  ist  Dies  eine  rein  ausmalende  Vorstellung,
sie  will  nur  den  Sachverhalt  pointieren,  will  Beziehungen  klären.  Aber
man  darf  keine  sachliche  Aussage  dahinter  suchen,  vielleicht  über  die
„Urzeit“.  Wie  sie  dem  Arbeitsfelde  der  schildernden  Wissenschaft  angehörte, ­
  kann  von  einer  „vorgeschichtlichen“,  einer  „Urzeit  im  wesentlichsten ­
  Sinne  nur  vom  Boden  des  unzerfällenden  Denkens  aus
geredet  werden.  Aber  selbst  das  unzerfällende  Denken  weiß  es
Münchhausen  nicht  gleichzutun,  wenn  er  sich  beim  eigenen  Zopfe  aus
dem  Sumpfe  zieht.  Über  die  Wurzel  aller  Erfahrung  kann  man  nicht
mehr  erfahrungswissenschaftlich  denken  —  da  pfuscht  man  ins  Metaphysische! ­
  So  bleibt  für  das  unzerfällende  Denken  kaum  mehr  ein
Anlaß,  der  Gefahren  zu  achten,  die  unser  Geist  überall  dort  lauft,  wo
die  gedachte  und  die  erlebte  Zeit  aufeinander  prallen.  Es  drohen
da  Fehler,  die  den  Schein  der  plattesten  Logik  für  sich  haben;  nur
daß  sie  nicht  immer  so  greifbar  zu  sein  brauchen,  wie  jener  entfernt
Verwandte  von  ihnen,  der  uns  nach  einem  mächtigeren  Mikroskope
trachten  ließe,  um  Molekeln  und  Atome  doch  endlich  „sehen  zu
können;  denn  berechnen  lassen  sich  diese  in  ihrer  Größe  durchaus
einwandsfrei,  und  somit  scheinbar  auch  der  Abstand,  der  sich  noch
bis  zur  erforderlichen  „Vergrößerung“  dehnt.
Aber  selbst  dort,  wo  das  unzerfällende  Denken  noch  lange  nicht
der  Metaphysik  ins  '  Gehege  käme,  auf  Kosten  seiner  Gültigkeit,
wird  man  es  mit  ausmalenden  Vorstellungen  jener  Art  sehr  heikel
nehmen  müssen.  So  wird  z.  B.  abermals  ein  Sachverhalt  pointiert,
Beziehungen  werden  klarer,  wenn  man  sich  vorstellt,  daß  auf  das
„Rauben“  nicht  sofort  das  „Tauschen“  folgen  könnte.  Der  Gedanke
eines  „wechselseitigen  und  dauernden  Verzichtes  auf  Habe“,  der  ist  ein
viel  zu  verwickelter,  um  eine  plötzliche  Eingebung  zu  sein;  um  nicht
vielmehr  löffelweiser  Einflößung  zu  bedürfen,  im  Sinne  vermittelnder
Zwischenglieder  des  Geschehens.  Da  hilft  sogar  das  Hineindichten
einer  „Gabe  der  Wertschätzung“  gar  nichts  Wesentliches.  Anders,
wenn  wir  etwa  an  die  „gütlich  und  im  voraus  erlegte  Buße“  dächten,
um  uns  wenigsten  Ein”  Mittelglied  vor  Augen  zu  halten.  Und  erst
dabei,  nebenbei  gesagt,  könnte  sich  der  Gedanke  jener  „Gleichheit
artverschiedener  Mengen“  herausbilden,  die  eine  notwendige  Fiktion
des  juristischen  Denkens  bleiben  wird,  auch  wenn  der  Wertwahn  des
Unzerfällenden  Denkens  längst  verflogen  ist.  Kurz,  Beziehungen
        <pb n="327" />
        302

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

zwischen  mancherlei  werden  über  derlei  Vorstellungen  klarer.  Nur
muß  man  sich  hüten,  diese  Art  „Entwicklungen“,  die  allein  der
gedachten  Zeit  beigeordnet  bleiben,  an  irgendeinem,  noch  so  unbestimmten, ­
  in  noch  so  graue  Fernen  gerückten  Platz  in  der  lebendigen
Zeit  unterzubringen!  Die  „Widerlegung“  bliebe  natürlich  aus;  aber
der  Selbstbetrug  ist  da.  Man  darf  nicht  für  Erkenntnis  nehmen,  was
nichts  als  Erwägungen  sind,  von  „regulativer“  Bedeutung  für  das
Erkannte.
Nun  ein  weiterer  Gegensatz  zwischen  System  und  System.  Alle
Artbegriffe,  die  man  der  schildernden  Wissenschaft  entnehmen  kann,
hängen  untereinander  aufs  innigste  zusammen.  Nur
damit  bewähren  sie  sich  als  brauchbares  Werkzeug,  um  der  All-Einheit
des  Geschehens  nachzueifern.  Dieser  innige  Wechselbezug  fehlt  den
Gliedern  jener  Systeme  der  Natur;  hier  kommt  er  nur  vereinzelt  in
Betracht  —  „Schmarotzerwesen“,  „Tierstaaten“.  Jener  Wechselbezug
unter  den  Artbegriffen  trifft  bloß  für  die  Biologie  zu.  Und  damit
liegt  die  einzige  Verwandtschaft  zwischen  Biologie  und  schildernder
Wissenschaft  vor.  Im  praktischen  Sinne  geht  also  das  Band  nur  über
den  lehrhaften  Auszug  der  letzteren  Wissenschaft  hinüber.  Daher  auch
die  didaktische  Bedeutung  der  „organischen  Auffassung“;  mit
der  ja  der  Forscher  gar  nichts  anfangen  kann,  weil  er  keinen  gefährlichen ­
  Umweg  einschlagen  wird,  wo  ihm  das  Durchschauen  des  Zusammenhanges ­
  schon  auf  dem  geraden  Wege  möglich  wird,  während
umgekehrt  der  Biologe  unablässig  im  Kielwasser  des  unzerfällenden
  Denkens  bleibt,  und  wenn  er  noch  so  „mechanistisch“  denkt.
Der  Gegensatz  im  Artbegriff,  hier  des  zerfällenden,  dort  des  unzerfällenden
  Denkens,  besteht  zwischen  schildernder  Wissenschaft  und
Biologie  grundsätzlich  sofort  in  voller  Schroffheit.  Nur  die  „Ontogenie“
bringt  da  in  der  Tatsache  eine  eigentümliche  Annäherung  zuwege:
statt  daß  sich  die  Gegenstände  von  der  Wurzel  aus  durchdenken
lassen,  „entwickeln“  sie  sich  vor  unseren  Augen.  Übrigens  bleibt  für
unsere  hergebrachte  Logik,  trotz  ihrer  „genetischen“  Definition,  gemäß
Schema  „F,  c“,  schon  die  Biologie  ganz  außer  Sehweite.  Selbst  der
wissenschaftlichen  Logik  ist  von  sehr  berufenen  Seiten  vorgeworfen
worden,  daß  sie  mehr  eine  solche  der  „Körperwelt“,  will  sagen  der
Natur-Systeme  sei.  Im  allgemeinen  mag  dies  zutreffen;  trotzdem  gilt,
und  so  viel  auch  im  Interesse  des  unzerfällenden  Denkens  zu  verfechten ­
  bleibt,  daß  man  sich  in  allen  Stücken  auf  die  wissenschaftliche
Logik  berufen  könnte.  Nur  jene  Logik  des  wissenschaftlichen  Alltags
hat  sich  alleinig  den  Bedürfnissen  des  erobernden  Denkens  angepaßt,
als  ein  fauler  Kompromiß  zwischen  Scholastik  und  Naturwissenschaft;
        <pb n="328" />
        Ausblicke,  XI.

303

und  sie  lastet  daher  dem  erbenden  Denken,  der  unzerfällenden  Erkenntnis, ­
  als  eine  drückende  Fremdherrschaft  auf.  Die  „Lehre  vom
Schluß“  geht  eher  noch  jegliches  Denken  an,  trotz  der  wechselnden
Vorliebe  für  gewisse  Schlußformen.  Aber  sie  macht  leider  dort  am
wenigsten  selig,  wo  mehr  als  irgendwo  anders  der  gesunde  Menschenverstand ­
  der  Weber  ist.
Jener  Wechselbezug  ist  damit  gegeben,  daß  uns  vor  der  Welt
des  Handelns  jeder  beliebige  Artbegriff  ungezwungen,  und  nicht  auf
bloße  „Ähnlichkeiten“  hin,  auf  alle  anderen  führen  kann!^  Um
es  nur  sprunghaft  anzudeuten,  kommt  man  etwa  von  „König  auf
„Staat“,  von  da  auf  „Bürger“,  von  da  auf  „Familienvater“,  auf  „Haushalt“, ­
  auf  „Unternehmung“,  auf  „Genossenschaft“,  auf  „Verwaltung“,
und  zurück  auf  „Staat“  und  „König“;  worauf  man  in  jeder  beliebigen
Richtung  die  Rundreise  von  neuem  antreten  könnte,  nun  etwa  über
„Steuer“,  „Zoll“,  „Preis“,  „Lohn“,  „Gehalt“,  „Zivilliste“.  Und  so  von
jedem  beliebigen  Punkte  aus.  Die  Verbindung  ist  immer  ungezwungen,
und  in  einem  allertiefsten  Sinne  da.  Denn  in  letzter  Linie  steckt  auch
hier  der  Allzusammenhang  des  erlebten  Geschehens  dahinter: ­
  Jener  Allzusammenhang,  der  wohl  gedachte  Pole  besitzt,  z.  B.
Not  und  Macht,  sobald  man,  gewisser  Vorarbeiten  halber,  nur
die  seitlichen  Zusammenhänge  ins  Auge  faßt;  der  aber  als  Zusammenhang ­
  kein  „vorn“  und  kein  „hinten“,  kein  „oben“  und  kein  „unten“,
keine  „Spitze“  und  keine  „Basis“  kennt.  So  zwar,  daß  es  geradeaus
a ls  ein  Verstoß  gegen  Gemeinplätze  erscheinen  muß,  wenn  man  wähnt,
diesen  Allzusammenhang  von  einer  bestimmten  Richtung  her  auflösen
zu  müssen,  um  ihn  richtig  aufgelöst  zu  haben.  Was  ergäbe  nun  eine
solche  „bestimmte“  Richtung?  Ach  wahrhaftig,  das  „Wirtschaftliche 4  ;
denn  etwas  zureichender  „Bestimmtes“  ist  gar  nicht  denkbar.  Nach
dem  Obigen  läuft  zwar  ein  kleiner  Fehler  gegen  Adam  Riese  unter;
trotzdem  kann  unter  diesen  zwingenden  Umständen  nicht  der  geringste
Zweifel  bestehen,  daß  die  ganze  Welt  des  Handelns  auf  der  „Basis  des
Wirtschaftlichen“  ruhe.  Dies  nur  nebenbei;  so  nahe  es  liegt,  daß  alle
diese  Verkennungen  sich  gegenseitig  bedingen,  und  die  ganze  Wörterei
n ur  Ein  Rattenkönig  der  Irrungen  ist.
Dieser  Wechselbezug  vor  allem  erleichtert  es  unserem  Denken
lm  Rahmen  der  schildernden  Wissenschaft,  sich  vor  dem  Worte
zu  erniedrigen.  Man  spricht  sich,  im  mehr  oder  minder  buchstabierenden ­
  Denken,  munter  von  Wort  zu  Wort  und  baut  auf  diese
bequeme  Weise  sein  Kartenhaus  von  System.  Scheinbar  ist  dann  von
dem  Flechtwerk,  als  das  sich  unserem  Geiste  das  Menschheitsleben
darstellt,  ein  Gedankenbild  abgehoben.  Für  die  Welt  des  Handelns
        <pb n="329" />
        304

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

im  Grundriß  nun  ihr  bloßer  Schattenriß!  Man  überblickt  zur  Not  das
Spiel  der  Zusammenhänge,  die  Gliederung  im  Geschehen,  und  tut  es
quer  über  den  Zeitverlauf,  im  einzelnen  auch  dem  Zeitverlauf  entlang.
Zeitverlauf,  in  der  Tat,  nicht  Zeitenlauf;  den  letzteren  Ausdruck  wird
man  besser  der  duldend  erlebten,  schicksalerfüllten  Zeit  Vorbehalten,
nicht  der  nach  ihrem  Vorbilde  gedachten  Zeit,  die  für  jene  begrifflich ­
  erfaßten  Zustände  und  Entwicklungen  allein  in  Betracht  fällt.
Vor  allem  sei  aber  betont,  daß  mit  dieser  bequemen  Reduktion  keineswegs ­
  jenes  Flechtwerk  „in  abstracto“  vorliegt,  das  mit  dem  Menschheitsleben ­
  „in  concreto“  vorliegt  und  hier  den  lebendigen  Wissensschatz
bedeutet.  Von  einer  eigentlichen  Abstraktion  ist  gar  keine  Rede.  Die
Zustände  und  Entwicklungen,  die  sich  zugleich  mit  dem  Begriffs-Systeme
  ergeben,  kraft  des  Wechselbezuges  aller  Artbegriffe  dieses
Systems,  die  sind  nicht  etwa  vom  Leben  abgenommen,  auch
nicht  über  das  Mittelglied  der  schildernden  Wissenschaft;  sie  sind  in
einer  eigentümlichen  Weise  angenommen.  Es  handelt  sich  nicht
schlechthin  um  ein  minderes  Surrogat  des  Erlebten,  gemessen  am
lebendigen  Wissensschatz,  es  handelt  sich  um  ein  Surrogat  des  Surrogates. ­
  Das  läßt  sich  am  besten  mittelbar  erläutern.

XII.
Der  Laie,  der  ein  älteres  „Lehrbuch  der  Nationalökonomie“  —
„Traite“,  „Principles“  —  vor  sich  hat,  das  eben  solcher  minderen  Reduktion ­
  um  so  sklavischer  folgt,  je  mehr  es  über  den  Leisten  gearbeitet
ist,  der  Laie  denkt  gar  nicht  anders,  als  daß  hinter  diesem  Systeme
genau  so  die  ganze  Nationalökonomie  stehe,  wie  etwa  hinter  einem
Lehrbuch  der  Zoologie  die  ganze  Zoologie  stehen  kann.  Es  mag  ja
mancherlei  hinein  verarbeitet  sein,  was  lebendiges  Wissen  bedeutet.
Im  Grundsätze  steht  hinter  dem  Systeme  nichts  anderes  als  die  Gemeine ­
  Erfahrung.  Diese  allein  reicht  aus,  den  Wechselbezug  der
Artbegriffe  übersehbar  zu  machen,  die  selber  schon  aus  ihr  erblühen.
Abermals  ist  keine  „Theorie  vor  den  Tatsachen“  geboten;  dazu  sind
diese  Lehrbücher  schon  im  allgemeinen  viel  zu  sehr  dem  Worte  verpflichtet, ­
  besonders  aber  den  patentierten  Fachausdrücken,  die  als
eigentlichste  Tradition  aus  dem  einen  Buch  ins  andere  schleichen.  Wortseligkeit ­
  und  Selbstbesinnung,  das  schließt  sich  so  ziemlich  aus!  Aber
auch  keine  „Theorie  statt  der  Tatsachen“  liegt  vor,  wie  es  bei  den
Systemen  der  Natur  zutrifft,  bis  zu  ihren  naivsten  zurück.  An  Stelle
aller  Tatsachen  ist  einfach  die  Gemeine  Erfahrung  verarbeitet;  &amp;lt;F e
        <pb n="330" />
        Ausblicke,  XII.

305

nichts  enthält,  was  nicht  jedermann  wüßte,  und  daher  auch  nichts,
was  man  erst  in  einer  Aussage  festnageln  muß,  um  es  jedermann  verfügbar ­
  zu  erhalten;  in  diesem  Sinne  schließen  sich  Gemeine  Erfahrung
und  Tatsachen  aus.  Es  handelt  sich  gleichsam  um  eine  „Theorie
trotz  der  Tatsachen“;  eine  Theorie,  unabhängig  von  aller  Forschung,
und  vom  Boden  der  Erfahrung  aus  gar  nicht  beurteilbar.  Sie  kann
immer  nur  folgerichtig,  schlechthin  logisch  oder  unlogisch  sein.  Wenn
sie  dessen  ungeachtet  stets  an  das  Erlebte  erinnern  wird,  so  bringt
zwar  gerade  dies  den  Schein  zuwege,  daß  bei  solcher  Reduktion  der
lebendige  Wissensschatz  geschont  würde.  Aber  es  hangt  dies  an
keinerlei  Bezug  mit  der  Wissenschaft  selber,  sondern  hängt  einfach  an
jenem  Wechselbezug  der  Artbegriffe.  Sofern  man  sie  aus  der  Gemeinen ­
  Erfahrung  nur  etwas  sorgsamer  übernimmt,  und  sie  in  ihren
offenkundigen  Beziehungen  nur  einigermaßen  richtig  durchdenkt,  muß
ja  ganz  von  selber  ein  Nachbild  des  Flechtwerkes  herauskommen.  In
dieser  Weise  erscheint  solche  Reduktion  ebenso  bequem  und  ebenso
naturtreu,  wie  sie  minderer  Gattung  ist.  Denn  sie  liegt  keineswegs
über  den  lebendigen  Wissensschatz  hinaus,  ist  ein  lehrhafter  Auszug
nicht  im  Sinne  einer  Abstraktion  des  letzteren,  sondern  im  Aftersinne
einer  freien  Nachdichtung.  Allerdings  vom  sicheren  Boden  der
Gemeinen  Erfahrung  aus.
Mit  ihren  Systemen  stehen  also  diese  Lehrbücher,  von  der  Alt
der  älteren  nationalökonomischen,  ganz  außerhalb  der  schildernden
Wissenschaft.  Sie  können  daher  auch  ohne  alle  schildernde  Wissenschaft ­
  bestehen;  das  ist  der  Erfolg  jener  minderen  Reduktion.  Die
schildernde  Wissenschaft  ist  dann  ähnlich  da,  und  doch  nicht  da,  wie
es  zwischen  Larve  und  Schmetterling  gilt.  Der  schildernden  Wissenschaft ­
  ist  also  ein  Larvenzustand  möglich,  bei  dem  sie  von
ihrer  eigenen  Reduktion  vorweggenommen  erscheint.
In  solcher  Weise  kann  sie  eine  Zeitlang  nur  mit  ihren  eigenen  Lehrbüchern ­
  vorhanden  sein,  als  eine  richtige  Lehr  buchs  Wissenschaft.
Es  genügt,  daß  ihr  dieser  Larvenzustand  möglich  ist;  dann  ist
sicher,  daß  sie  ihn  durchmachen  wird.  Ich  meine,  ganz  abgesehen  von
dem  Zwange  dazu,  daß  sie  den  krummen  Weg  dieser  minderen  Reduktion ­
  einschlagen  muß,  um  sich  selber  zu  finden.  Auch  alle
an deren  Verhältnisse  klingen  da  in  Harmonie  zusammen.  Nicht  einfach, ­
  daß  der  Unterricht  auch  mit  dem  Lehrbuch  zufrieden  ist,  das
statt  der  Wissenschaft  vorliegt!  Nicht  bloß,  daß  es  an  den  einzelnen
sehr  versucherisch  herantritt,  mit  dem  Talwege  des  Lehrbuches  die
steilen  Pfade  der  Forschung’  abzuschneiden;  und  wie  hübsch,  wenn
man  gleich  die  „Grundsätze“,  die  „Prinzipien“  einer  Wissenschaft  aus
v '  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  20
        <pb n="331" />
        306

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

der  Erde  zu  stampfen  vermag.  Versuchungen,  denen  helle  Köpfe,
selbständige  Denker  am  meisten  ausgesetzt  sind;  gerade  sie  ficht  die
Lockung  an,  nach  System  und  „Exaktheit“  dort  zu  streben,  wo  diese
ihren  Beruf  verfehlen.  Aber  vergessen  wir  nicht,  daß  die  schildernde
„Aktionswissenschaft“  im  tatsächlichen  Erfolge  die  Wissenschaft  vom
Alltäglichen  ist.  Mit  ihr  wacht  der  Alltag  zu  wissenschaftlichem
Bewußtsein  auf.  Für  seine  Einzelfragen  ist  ihm  ernste  Antwort  von
jeher  nicht  versagt  gewesen.  An  Monographien,  gesunden  Ansätzen
zur  schildernden  Wissenschaft,  hat  es  nie  gefehlt.  Aber  da  hinüber
konnte  die  ruhige  Entwicklung  nicht  gehen.  Denn  mit  dem  ersten
„System“  gewahrt  sich  der  Alltag  plötzlich  in  seiner  Totalität  zur
Frage  gestellt  und  beantwortet.  Dann  ist  es  solche  Art  Belehrung,
um  die  er  die  Wissenschaft  stürmisch  angeht.  Und  so  raubt  er  ihr
die  Möglichkeit,  in  Stille  auszureifen.  So  macht  er  seine  eigene  Wissenschaft ­
  altklug;  läßt  sie  alles  wissen,  bevor  sie  recht  Zeit  fand,  auch
nur  wenig  zu  erfahren.  Das  Interesse  von  ihm,  der  nur  für  den  Augenblick ­
  da  ist,  geht  beileibe  nicht  auf  jenes  tiefgründige  Ganze,  dem  er
nur  die  Oberfläche  der  „Gegenwart“  ist  An  seine  eigenen  Vergangenheiten ­
  denkt  er  ja  so  wenig,  um  nicht  einmal  ein  Wort  dafür  zu
schöpfen.  Gerade  nur  die  Sehnsucht  aller  nach  der  Jugend  läßt  die
Völker  von  einer  „Goldenen  Zeit“  reden,  den  einzelnen  um  die  „gute
alte  Zeit“  klagen;  dort  nur  ein  Traumbild,  hier  nur  ein  in  Wehmut
verschwommener  Ausschnitt  aus  dem  Großen  des  Menschheitslebens,
das  dem  Alltag  einfach  entgeht.  Er  denkt  nur  an  sich,  und
eben  darum  sich  selber  als  ewig.  Sein  verwehend  Eintagsdasein ­
  ist  ihm  das  ganze  Menschheitsleben.  Darnach  will  er  auch
seine  Wissenschaft.  Eine  Wissenschaft,  die  gar  nicht  daran  denkt,  daß
es  anders  sein  könnte,  als  es  just  im  Augenblicke  istl  Man  sieht,  als
Wissenschaft  vom  Alltäglichen  wird  es  der  schildernden  Wissenschaft
sehr  leicht  gemacht,  sich  selber  so  zu  mißverstehen,  wie  es  unter  den
übrigen  Verhältnissen  kommen  muß.  Denn  so,  wie  die  Reduktion
beschaffen  ist,  die  ein  Lehrbuch  ohne  Wissenschaft  erlaubt,  so  wird
über  diese  Lehrbücher  hinüber  die  M  e  i  n  u  n  g  beschaffen  sein,  die  von
dieser  „eskomptierten“  Wissenschaft  aufkeimen  muß.  Wer  also  das
Lehrbuch  schreibt,  glaubt  die  Wissenschaft  kernig  zu  fördern.  Denn
unter  solchen  Umständen  bleibt  es  der  letzteren  nicht  erspart,  sich
selber  als  eine  „systematische“  anzusehen.  Nach  außen  hin  wird
sie  diesen  Leumund  erst  recht  nicht  los.  Im  besten  Falle,  wenn  die
Forschung  gar  zu  deutlich  ihre  „Abwege“  geht,  wird  die  Wissenschaft
als  ein  nützlich  Anhängsel  ihrer  eigenen  Reduktion  anerkannt. ­
  Man  denke  an  das  Verhältnis,  wie  es  nach  der  Gemeinen
        <pb n="332" />
        Ausblicke,  XII.

307

Meinung,  aber  vielfach  auch  jener  der  wissenschaftlichen  Logik,  zwischen
„der“  Nationalökonomie  auf  der  einen,  und  einer  gewissen
„Wirtschaftsgeschichte“  auf  der  anderen  Seite  bestünde;  jener
„Wirtschaftsgeschichte“,  die  man  auf  dem  Koppelfelde  der  „Gebiete“
so  friedlich  weiden  sieht,  neben  „Politischer  Geschichte  ,  „Verfassungsgeschichte“, ­
  „Rechtsgeschichte“  und  so  weiter;  fehlt  gerade  noch  die
„Naturgeschichte“.
Das  Verhältnis  zwischen  Kern  und  Anhängsel  gilt  so  sehr  in
verkehrtem  Sinne,  daß  man  von  dem  grundsätzlichen  Veto  absehen
kann,  und  der  Gedanke  an  „Teilwissenschaften“  kommt  doch  nicht
auf.  Eine  Teilung  greift  allerdings  Platz.  Ist  der  Schmetterling  ausgekrochen, ­
  bleiben  jene  Art  Lehrbücher  als  bloße  Hülle  zurück.  Ihre
Folge  wird  weitergehen,  weil  gewisse  Lehrzwecke  es  verlangen.  Man
kann  in  ihrer  Folge  ruhig  eine  Einheit  für  sich  sehen  und  von  einer
Wissenschaft  sprechen;  Patent  auf  dieses  Wort  ist  nicht  genommen.
Jene  Wissenschaft  kann  man  „Systematische  Nationalökonomie“  oder
w ie  immer  nennen.  Nur  übersehe  man  das  untergeordnete  Verhält ­
  nis  nicht,  das  vor  der  schildernden  Wissenschaft  diesem  Kadaver
ßer  alten  Lehrbuchswissenschaft  zusteht  I
Schon  ihr  Wesen  darf  nicht  verkannt  werden.  Ein  eigentlicher
Fortschritt  ist  da  ausgeschlossen.  Er  war  bei  dieser  „Systematischen ­
  Nationalökonomie“  von  jeher  nicht  gut  möglich:  aber  wahrhaftig ­
  nicht,  weil  es  bekanntlich  „Klassiker“  gewesen  sind,  die  erst  den
richtigen  Anfang  gemacht  haben.  Der  Fortschritt  hat  ausbleiben
müssen,  weil  hier  das  Anfängen  so  gut  wie  alles  istl  Denn  hier  ist
doch  die  Gemeine  Erfahrung  der  Rohstoff.  Das  aber,  was
jedem  zur  Verfügung  steht,  braucht  nur  ein  erstes  Mal  in  wissenschaftlicher ­
  Form,  in  der  Abgerundetheit  eines  Systems,  ausgesagt  zu
■werden:  dann  ist  der  Anfang  gemacht,  der  im  Grundsätze  schon  das
Ende  bedeutet  —  ein  Anfang,  der  sich  nicht  fortsetzen,  der  sich  immer
nur  wiederholen  läßt.  Wohl  muß  sich  auch  die  Gemeine  Erfahrung,
mit  ihrem  Wurzelgrunde,  mit  dem  Alltage,  nach  Zeit  und  Ort  abschatten; ­
  allein  es  fällt  dies  am  wenigsten  dort  in  Betracht,  wo  vor
allem  die  Grundlinien  des  gewissen  Flechtwerkes  nachgedichtet  werden,
wo  also  die  Gemeinste  Erfahrung  im  Kerne  steht.  Außerdem
bildet  sich  neben  diesem  Ausgang  vom  Gleichen  starrste  Tradition
aus -  Es  wird  aus  den  alltäglichsten  der  Alltagsworte  ein  System  bereitet. ­
  Mit  diesen  Worten,  und  ihren  Mithelfern  am  ersten  System,
schleppt  sich  die  Tradition  weiter;  und  in  deren  wortschalen  Rahmen
geschieht  es,  daß  eigentlich  jeder  von  vorne  anfängt.  Sie  steigen
sich  nicht  auf  die  Schultern,  sie  steigen  sich  mehr  auf  die  Köpfe.  Im
20*
        <pb n="333" />
        ßo8  ,,Di e  Herrschaft  des  Wortes“,
Enderfolge  muß  sich  das  Schicksal  erfüllen,  das  immer  hereinbricht,
wo  immer  das  Wort  herrscht:  Um  die  Achse  der  Worte
dreht  sich  das  Karussell  der  Systeme  und  Theorien,
und  dreht  sich  endlos,  ohne  daß  einer  vor  den  anderen ­
  einen  richtigen  Vorsprung  gewinnen  könnte.
Statt  echten  Fortschrittes  ist  Inzucht  da;  zwischen  Gemeiner  Erfahrung
und  einer  Tradition,  die  um  so  starrer  ist,  weil  hier  der  Anfang  aus  dem
guten  Grunde  von  „Klassikern“  gemacht  wurde,  daß  es  ausreicht,  anzufangen, ­
  um  als  „Klassiker“  zu  gelten.
In  der  Tat,  die  allein  haben  etwas  voraus,  die  jenen  Anfang
machen,  der  sich  nur  wiederholen  läßt,  und  in  diesem  armseligen
Sinne  gleich  das  Ende  ist.  Da  ist  freilich  nichts  zu  überholen;
Klassizität  also  billig  erworben.  Gewiß  ist  es  ein  Verdienst,  auf  einem
Wege  voranzugehen,  sei  es  auch  ein  krummer.  Aber  schon  dieses
Verdienst  ist  vom  Tatbestand  recht  beschnitten.  Wenn  irgendwo,  ist
hier  der  einzelne  nur  das  „Werkzeug  einer  allgemeinen  Bewegung“.
Wie  überall  in  der  Welt  des  Handelns  Denken  und  Geschehen  Arm
in  Arm  wandeln,  so  auch  dort,  wo  sich  der  Alltag  auf  Umwegen  selber
entdeckte;  dort  mußte  es  zur  Wissenschaft  vom  Alltäglichen  drängen.
Das  Geschehen  hat  dem  Denken  die  geniale  Tat  erleichtert.  Das
wäre  schließlich  nur  ein  persönliches  Verdienst  geworden.  Wo  bleiben
aber  die  Rechte  der  schildernden  Wissenschaft,  wenn  man  dort  von
„Klassikern“  sprichtl  Vergessen  wir  nicht,  daß  hier  Autorität
weniger  um  der  Wissenschaft  halber,  eher  auf  Kosten  der  Wissenschaft ­
  erblüht  ist.  So  sehr  es  der  allgemeinen  Lage  entsprungen  war,
der  Alltag  war  doch  verblüfft,  sich  in  einer  Wissenschaft  wiederzuerkennen. ­
  Er  befand  sich  in  der  geschmeichelten  Stimmung  jener
Moliereschen  Figur,  die  erfährt,  daß  sie  zeitlebens  „Prosa“  gesprochen;
so  empfing  der  Alltag  die  Kunde,  daß  er  durch  und  durch  Nationalökonomie ­
  seil  Kein  Wunder,  daß  man  diese  Wissenschaft  interessant
bis  zur  Hoffähigkeit  fand.  Kein  Wunder,  daß  sie  in  unerhörtem  Maße
in  der  Bewegung  Faktor  wurde,  aus  der  und  für  die  sie  geboren  wurde.
Auch  das  ist  sofort  erklärlich,  daß  eine  Wissenschaft,  die  aus  eigenster
Schwäche  mit  dem  Alltag  Eines  Geistes  war,  den  Alltag  am
tiefsten  bewegt  hat;  bis  zur  Ablenkung  der  mächtigsten  Stromlinien
des  erlebten  Geschehens.  Aber  was  kümmert  dies  alles  die  Wissenschaft, ­
  die  hier  in  der  Larve  steckte  1  Mittelbar  leider  sehr  viel.  Die
Bergeslast  der  Autorität,  die  nur  „draußen“  zu  erwerben  war,  hat  sich
„drinnen“  auf  die  Köpfe  gewälzt.  Wer  weiß,  ob  wir  nicht  ohne  unsere
„Klassiker“  viel  weiter  gekommen  wären.  Die  unvermeidliche
Verkennung  hätte  sich  nicht  so  zur  starren  Verknöcherung  aus-
        <pb n="334" />
        Ausblicke,  XII.

309

gewachsen.  Die  letztere  zu  brechen,  das  hat  eigentlich  eine  ganz
andere  wissenschaftliche  Tat  besagt  als  jene.  Gewiß  war  auch  das
Einspinnen  der  Larve  nötig;  aber  es  ist  ein  bißchen  zu  gründlich  geschehen. ­
  Mit  diesem  einen  unter  vielen  notwendigen  Schritten  hätte
sich  noch  am  allerletzten  Autorität  verbinden  dürfen;  die  letztere  war
vom  Standpunkte  der  schildernden  Wissenschaft  eine  schmerzlichst
verfrühte.  Freilich,  daran  sind  jene  „Klassiker“  genau  so  unschuldig,
wie  an  ihrer  Autorität  selber,  wenn  sie  aus  dem  Nachteil  ihrer  Wissenschaft ­
  ihren  Vorteil  gedreht  haben.  Immerhin,  man  mag  sie  in  wortseligster ­
  Verzückung  die  „Klassiker“  nennen,  ihrer  Wissenschaft  gegenüber ­
  erscheinen  sie  mehr  als  Klassikaner.
Wenn  jener  „Systematischen  Nationalökonomie“  der  Fortschritt
verwehrt  ist,  so  spiegelt  sich  darin  das  untergeordnete  Verhältnis,  das
hier  zur  Wissenschaft  des  Menschheitslebens  aus  Gründen  gilt,  die
recht  greifbar  sind.  Den  nämlichen  Wechselbezug  der  Gegenstände,
der  in  der  „Systematischen  Nationalökonomie“  ausgeschrotet  erscheint,
ihn  muß  auch  der  Forscher  in  Tatsachen,  der  eigentliche
Pfleger  der  schildernden  Wissenschaft,  unausgesetzt  im  Auge  behalten.
Anders  wüßte  er  die  All-Einheit  des  Geschehens  auch  nicht  im
kleinsten  zu  erschließen.  Alle  Tatsachen  blieben  ihm  sonst  leere
Worte,  hohle  Ziffern.  Sie  als  Tatsachen,  mit  denen  Erlebtes  verbucht
ist,  zu  verstehen,  und  jenen  Wechselbezug,  wie  auch  sonst  die
Gemeine  Erfahrung  im  Auge  behalten,  das  ist  untrennbar  Eines.
So  bewährt  sich  auch  von  dieser  Seite  her,  daß  nur  ein  bloßes
Ingrediens  des  lebendigen  Wissensschatzes,  nicht  sein  Destillat  vorhegt, ­
  wo  immer  derlei  Systeme  ausgebaut  sind.  Der  bloßen  Mittel
aber,  die  hiermit  einheitlich  ausgestaltet  sind,  bedarf  die  Forschung
als  solcher.  Aller  Ausbau  ist  ihr  nicht  einfach  gleichgültig,  er  darf
für  sie  gar  nicht  vorhanden  sein.  Wenn  sich  die  Forschung  zum
Schleppenträger  dieser  Systeme  hergeben  wollte,  würden  alle  Vorurteile ­
  sie  vergiften,  von  denen  sich  jene  Art  Nachdichtung  nie  frei
halten  kann.  Wie  der  Dichter  seiner  Stimmung,  ist  der
Schöpfer  eines  solchen  Systems  seinen  Anschauungen
ausgeliefert,  an  denen  die  Nachdichtung  nichts  ändert,  weil  sie
umgekehrt  darnach  ausfällt.  Objektivität  ist  schon  dem  Forscher
schwer  gemacht,  der  das  Erlebte  nachzuleben  sucht;  immerhin  kann
er  sich  an  den  Tatsachen  festhalten,  im  ehrlichen  Streben,  von  seinen
Vorurteilen  sich  zu  trennen.  Dem  Lehrbüchler,  der  in  der  Hauptsache
nach  Innen  greift,  um  das  Außen  nachzudichten,  dem  ist  dieser  Anhalt
versagt.  Auch  auf  den  Ergebnissen  der  Forschung  wird  ein  Meltau
der  Vorurteile  haften;  die  Systeme  aber  sind  notwendig  in  der  Wolle
        <pb n="335" />
        3io

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

gefärbt,  je  nach  dem  Zuge  des  Herzens.  Die  Systeme  sind  also  nicht
Vorbereitung,  nicht  kürzende  Wege  der  Forschung,  für  die  letztere
bedeuten  sie  den  Holzweg.  So  ungefähr  liegt  das  Verhältniszwischen
  der  lebendigen  und  jener  Kadaverwissenschaft  1  Ein  Gegensatz,
von  dem  mit  der  Zeit  auch  die  Laienwelt  Witterung  erhalten  wird.
Kunde  davon,  daß  Lehrbücher  dieser  Sorte  nur  ein  Manöverspiel  sind,
mit  den  blinden  Salven  des  Wortstreites,  während  ganz  wo  anders
heiß  gekämpft  wird.  Je  mehr  der  Lärm  dieses  Kampfes  auch  zum
Laien  dringt,  desto  mehr  wird  er  den  Geschmack  an  bloßen  Schaustücken ­
  verlieren.  Er  wird  Siegesberichte  von  jenem  Kampfe  verlangen, ­
  im  Sinne  der  anderen,  der  lebenswahren  Reduktion;  bei
der  ein  Lehrbuch  für  seine  Wissenschaft,  und  nicht  als  diese
Wissenschaft  da  sein  will.

XIII.
An  der  Nationalökonomie  hat  sich  das  Schicksal  erfüllt,
das  aus  dem  Wesen  der  schildernden  Wissenschaft  zu  folgern  ging.
In  diesem  Sinne  sind  sich  jene  mögliche  und  diese  gewordene  Wissenschaft ­
  nahe  gekommen.  Was  trennt  sie  noch?  Scheinbar  nur  mehr
eine  Frage  des  Umfanges.  Die  Nationalökonomie  erscheint  zu  enge,
um  die  schildernde  Wissenschaft  aufzuwiegen;  sie  wende  sich  ja  nicht
dem  Menschheitsleben,  nur  der  „Volkswirtschaft“  zu!  Auf  den
ersten  Blick  will  dies  allerdings  nicht  viel  sagen.  Dann  wäre  einfach
nicht  der  Nationalökonomie  allein,  auch  noch  anderen  Wissenschaften
neben  ihr,  mit  der  schildernden  Wissenschaft  ein  Spiegel  der  Selbsterkenntnis ­
  vorgehalten.  Leider  steht  es  viel  bedenklicher.  Solange  man
nur  überhaupt  an  eine  weitere  Trennung  glaubt,  spukt  der  Wahn  der
„Gebiete“.  Da  hat  man  gut  für  Gesichtspunkte,  für  die  Souveränität
des  Denkens  über  das  Wort,  als  Schlüsselwort,  zu  streiten.  Der
Wortestrug  ist  nur  bei  der  einen  Türe  hinausgeworfen,  um  sich  sofort
durch  dieses  Hintertürchen  einzuschleichen.  Glaubt  man  ernstlich  an
ein  Gebiet  des  „Wirtschaftlichen“,  dann  ist  wenigstens  dem  Eindrücke ­
  nach  alles  wieder  in  Frage  gestellt,  was  im  Grundsätze
schon  erledigt  war.  Warum  soll  dieses  „Gebiet“  nicht  aut  seine
Fagon  selig  werden!  Warum  soll  nicht  für  das  „Wirtschaftsleben“
gelten,  was  freilich  für  andere  „Gebiete“  nicht  gilt!  Warum  soll
das  Menschheitsleben  nicht  von  seiner  „wirtschaftlichen  Seite“  her  in
ganz  anderer  Art  erkennbar  sein!  Wo  es  hier  doch  z.  B.  von
Zahlen  wimmelt  —  und  in  der  Tat,  wo  immer  Zahlen  auftauchen.
        <pb n="336" />
        Ausblicke,  XIII.

311

werden  alle  Leute  geschäftig,  die  ebenso  gute  Rechner,  wie  schlechte
Mathematiker  sind;  die  munter  darauf  los  dividieren  und  integrieren,
ohne  sich  im  geringsten  zu  fragen,  ob  man  hier  überhaupt
rechnen  kann.  Und  es  ist  ziemlich  offen,  daß  dort,  wo  alles
Einheit  ist  im  Wesen,  gerade  deshalb  keine  numerischen  „Einheiten“
da  sind,  trotz  „Preis“  und  „Münzfuß“;  womit  die  erste  Voraussetzung ­
  für  alles  Rechnen  mangelt.  Die  Rechnung  hinterher
stimmt;  aber  der  Ansatz  vorher  ist  falsch,  ist  Willkür,  und  damit
zieht  der  böseste  aller  Fehler  ein:  der  Fehler  im  Ansätze.  Diese
«Mathematische  Nationalökonomie“  ist  die  würdige  Schwester  der
»Systematischen“.  Die  Zahl  allein  tut  es  nicht;  man  muß  auch  an
das  nennende  Wort  glauben.  Auf  diesem  Umwege  vollzieht  sich
dann,  was  dem  wortseligen  Denken  schon  im  Wesen  steckt,  eben  der
Fehler  im  Ansätze.  Das  wortselige  Denken  ist  gleichsam  auch  nur
ein  Rechnen  in  Worten,  die  ohne  weiteres  für  „Einheiten“  genommen
werden:  ob's  nun  stimmt  oder  nicht.  Dann  sind  hinterher  wieder  die
Schlüsse  richtig.  Aber  mit  dem  Fehler  im  Ansätze  ist  das  Ergebnis,
da  wie  dort,  schon  in  derWurzel  vergiftet.  Bei  jener  ganzen  Sachla
 ge  bin  ich  gezwungen,  auch  diese  letzte  Scheidewand  der  Vorurteile
wegzuschieben,  die  von  der  schildernden  Wissenschaft  die  Nationalökonomie ­
  getrennt  hält.  Bisher  hat  das  Annähern  beider  den  Nebensinn ­
  gehabt,  zu  zeigen,  wie  die  Nationalökonomie  besser  ist  als  die
gemeine  Meinung  über  sie.  Nun  soll  sich  ergeben,  wie  sie  auch  besser
ist  als  ihr  eigener  Name.

r&amp;gt;  r  ,  f,  die  Nationalökonomie  eine  Sonderwissen
Dem  Gedanke»,  daß  *e  ^  einem  jGanzea  de r  w.rt-Schaft
  sei,  weil  sie  schlecht  un  im  voraus  entgegenschaftlichen
  Handlungen“  stünde,  em  ^  dar!  zum  mindesten
getreten.  Davon  kann  nicht  mehr  ie  I  .  ildernde  Wissenschaft
der  Einschluß  der  Nationalökonomie  in  die  Schilde  Unterteilung
als  sicher  gelten.  Nur  mehr  dl *  in  Frage.  Den  Anlaß
der  schildernden  WissenS ‘  iete «  geb en,  die  sich  irgendwie  in
zu  ihr  könnten  jedoch  keine  » Ge  Verbietet  sich  angesichts  der
der  Sache  trennten.  Dieser  Geda  mit  dem  Menschheitsleben  als
schildernden  Wissenschaft,  die  eben  nur  schildernde  Wissen-Gegenstand
  denkbar  ist.  Wie  beric  teD  f_ hen  un d  nur  in  der  Aufschaft ­
  vor  der  Einen  Welt  des  Handelns  st  ^  ^  die
fassung,  im  Gesichtspunkte  dem’  Einen  Menschheitsleben.
Zweige  der  schildernden  Wissenschaft  vo  .  ,  ur  e i ne
Was  jeßen  Zwei,  «»sich  b-**  &amp;lt;"Ihfso,  daß  etwa
        <pb n="337" />
        312

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

herauskommt;  auch  darüber  sind  die  Akten  geschlossen.  Die  Trennung
könnte  nur  den  Sinn  haben,  daß  wohl  beide  Teilwissenschaften  der
Einheit  nacheifern,  und  beide  in  den  Denkformen  von  Zustand  und
Entwicklung;  aber  daß  ihre  Zweiheit  nötig  wäre,  um  das  Menschheitsleben ­
  zu  erledigen.  Einmal  also  von  der  „wirtschaftlichen  Seite“,
ein  zweites  Mal  von  der  „gesellschaftlichen“;  einmal  als  „Volkswirtschaft“, ­
  dann  wieder  als  „Gesellschaft“.
Es  soll  sich  nun  ergeben,  daß  jene  Scheidung  der  Gesichtspunkte
wohl  für  den  lehrhaften  Auszug  möglich  wird.  Sie  mag  zu  zwei
„Lehrfächern“  führen,  hinter  denen  die  Eine  schildernde  Wissenschaft
entfernt  so  steht,  wie  hinter  „anorganischer“  und  „organischer  Chemie“
die  Eine  Wissenschaft  der  Chemie.  Der  Gedanke  aber,  daß  die
Forschung  innerhalb  der  schildernden  Wissenschaft  zu  dieser
Scheidung  gezwungen  wäre,  und  es  somit  zu  einer  Teilung  der
Wissenschaft  selber  käme,  im  lebendigen  Wissensschatz,  dieser  Gedanke
wird  aus  einer  grundsätzlichen  Erwägung  heraus  seine  Widerlegung
finden.  Und  der  letzteren  tritt  auch  die  Nationalökonomie  selber  zur
Seite,  in  jener  Gestalt  genommen,  wie  sie  als  Ergebnis  der  lebensvollen ­
  Forschung  unserer  Zeit  gefördert  wird.  In  solcher  Weise
bewährt  sich  eben  die  Nationalökonomie  als  jene  gewordene  Wissenschaft, ­
  mit  der  sich  die  mögliche  Wissenschaft  vom  Menschheitsleben
erfüllt.
Dem  grundsätzlichen  Veto  gegen  eine  Unterteilung  der  schildernden ­
  Wissenschaft  muß  ich  gewisse  Erwägungen  vorausschicken;
sie  knüpfen  vielfach  an  die  frühere  Polemik  gegen  das  „wirtschaftliche
Prinzip“  und  die  „wirtschaftliche  Handlung“  an.  Der  Gedanke  jener
Unterteilung  entspringt  nicht  einfach  wortfrommen  Eindrücken  unseres
Denkens,  wie  es  für  den  Wahn  einer  „Systematischen  Nationalökonomie“
zutrifft.  Für  diesen  Gedanken  nehmen  uns  richtige  Vorurteile
gefangen;  tief  einwurzelnd  in  dem  Glauben  an  Worte,  die  in  ihrer
Würde  als  Schlüsselworte  so  gut  wie  unerschüttert  sind.  „Wirtschaft“ ­
  und  „Gesellschaft“,  oder  sagen  wir  gleich  im  rechten  Bezug
auf  unsere  Frage,  das  „Wirtschaftliche“  und  das  „Gesellschaftliche“,
diesen  Worten  ist  unser  Denken  auf  Gnade  und  Ungnade  ergeben.
Dem  Glauben  an  den  unbedingten  Ernst  dieser  Ausdrücke,  an  ihren
sachlichen,  um  nicht  zu  sagen  stofflichen  Gehalt,  entsteigen  Vorurteile,
mit  denen  der  Gedanke  jener  Unterteilung  gleichsam  in  unseren
Anschauungen  verkeilt  steckt.  Diese  Vorurteile  muß  ich  soweit
zu  erschüttern  suchen,  daß  im  voraus  jener  Gedanke  gelockert  erscheint. ­
  Sonst  könnte  die  grundsätzliche  Erwägung,  die  in  Einem
Ruck  mit  diesem  Gedanken  fertig  wird,  kein  gutgläubiges  Verständnis
        <pb n="338" />
        Ausblicke,  XIII.

313

finden.  Unser  Denken  ist  stets  dazu  geneigt,  dem  Worte  mehr  zu
glauben  als  sich  selber.
Aus  Gründen,  die  noch  absehbar  werden,  ist  es  dem  Sprachgefühle ­
  gemäß,  nennt  man  die  notbedungenen  Zusammenhänge
im  Handeln  die  „wirtschaftlichen“  und  die  machtbedingenden ­
  wieder  die  „gesellschaftlichen“.  Die  Sache  selbst  wird
nicht  besser,  noch  schlechter  dadurch;  sie  ist  und  bleibt  in  jener
Gestalt  und  von  jenem  Ernste,  wie  sie  im  Walten  freibewegten
Denkens  zu  entwickeln  war.  Weil  aber  auch  diese  zweite,  gleichsam
überschüssige  Nennung  eine  so  ungesuchte  ist,  ergibt  sich  zugleich
der  Sinn,  wie  man  eindeutig  und  friedlich  vom  „Gesellschaftlichen“ ­
  und  vom  „Wirtschaftlichen“  reden  kann.  Unter  dem
letzteren,  z.  B.,  wird  dann  einfach  das  gemeint,  worauf  der  Blick  vor
allem  fällt,  sobald  er  aus  dem  Gesichtspunkte  der  Not  auf  die  Welt
des  Handelns  trifft;  sobald  also  in  nächster  Linie  die  notbedungenen
Zusammenhänge  besonders  ins  Licht  treten,  natürlich  aber  nur  vor
diesem  Blicke.  Im  Erlebten  selber  bleiben  die  notbedungenen
mit  den  machtbedingenden,  und  auch  mit  den  strebigen
Zusammenhängen,  unlösbar  verflochten;  ich  komme  bald  darauf
zurück,  daß  schon  die  Sonderung  dieser  dreierlei  Zusammenhänge  nur
einer  Willkür  unseresDenkens  entspringt.  Dem  Erlebten  selber,
in  seinem  Allzusammenhang,  tut  diese  Sonderung  schon  Gewalt  an,
eine  Tatsache,  über  die  uns  abermals  auch  der  Umstand  beirrt,  daß
wir  in  der  gleichen  Art  der  kürzenden  und  klärenden  Willkür  vorschauend ­
  denken,  wie  wir  es  rückschauend  tun.  Dies  darf  man  nie
vergessen,  wenn  man  sich  erinnern  wollte,  daß  wir  doch  im  Leben
°ft  genug  etwas  „Wirtschaftlichem“,  etwas  „Gesellschaftlichem“  bewußt
entgegensehen.  Die  Zusammenhänge,  die  bei  ihrer  Verknotung  unser
lebendiges  Denken  durchziehen,  sind  manchmal  schon  dabei  den  Worten
angekettet,  deren  Hilfe  sich  dieses  lebendige  Denken  bedient,  bei  seinen
Willkürakten  gegen  sich  selber.
Nichts  ist  mißtrauischer  als  Vorurteile,  denen  es  an  den  Kragen
geht!  Ich  muß  daher  erläutern,  in  welchem  Sinne  hier  eine  „Bestimmung ­
  des  Wirtschaftlichen“  erfolgt  sei.  Beim  Ausgange  vom
W orte,  da  will  man  stets  etwas  „bestimmen“.  Z.  B.  also  das
55Wirtschaftliche“;  doch  müßte  die  „Bestimmung  der  Wirtschaft“  vorangehen, ­
  weil  unter  dem  Zeichen  des  Wortes  auch  die  Grammatik
dl rigiert  und  nicht  bloß  Ordnung  hält.  Dieses  „Bestimmen“  ist  hier
als  ein  „Näher-Bestimmen“  gemeint,  als  ein  Klären.  Um  zu  klären,
muß  aber  wenigstens  das  Ungeklärte  außer  Zweifel  sein.  Die  Bestimmtheit ­
  des  Ungeklärten,  des  „Bestimmbaren“,  erachtet  man  nun  durch
        <pb n="339" />
        314

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

das  Wort  für  gewährleistet.  Aber  gerade  mit  dieser  Bestimmtheit ­
  des  „Bestimmbaren“  hat  es  seinen  Haken.
Nicht  bei  allen  Worten,  und  nicht  bei  allen  Anlässen.  Es  sind  öfters
„äußere  Bürgschaften“  geboten;  etwa  der  sinnfällige  Aufweis.  Aber
daß  es  z.  B.  die  Nationalökonomie  mit  jener  bösesten  Sorte  zu  tun
hat,  die  man  als  die  „problematischen“  Worte  bezeichnen  darf,  und
die  ich  vor  allem  ins  Auge  fasse,  das  werden  gewisse  Ähnlichkeiten ­
  ergeben.  Bei  jenem  „Bestimmen“  muß  dem  Denken  ein
Ausgangspunkt  geboten  sein,  gleichsam  über  dem  Worte  drüben.
Daran,  daß  ihn  irgendwie  das  Wort  fixiert,  wird  blind  geglaubt,  wie
immer  trostlos  die  Erfahrungen  lauten.  Dieses  Vertrauen  in  das  Wort
ist  übrigens  weit  über  die  Nationalökonomie  hinaus  verbreitet.  Man
merkt  nicht,  daß  jener  Ausgangspunkt  haltlos  in  der  Luft  hängt.
Man  läßt  sich  daran  genügen,  daß  ja  das  Wort  selber  beharre.  Aber
was  hilft’s,  es  ist  ja  bloßer  Mittler!  Und  Mittler  nicht  einfach  zu
„verschiedenen  Bedeutungen“  hin,  oder  „Sprachbegriffen“!  Bei  dem
wunderbar  reichgestalteten  Verhältnisse,  das  zwischen  Wort  und
Denken  besteht,  ist  es  eine  unsäglich  hölzerne  Auffassung,  dem  Worte
eine  endliche  Zahl  von  „Bedeutungen“  zuzusprechen.  Das  besagt  eine
kürzende  Willkür,  nach  der  z.  B.  die  Sprachwissenschaft  greifen  muß;
sie  aus  gutem  Rechte,  weil  bei  ihr  das  Wort  selber  und  seine  Schicksale ­
  zum  Gegenstand  werden.  Bei  einem  Denken  jedoch,  das  sich  übers
Wort  herüber  den  Anlaß  zu  seiner  Bewegung  sucht,  das  also  dem
Worte  eine  so  verantwortliche  Mission  aufdrängt,  führt  dies  zu  hellem
Selbstbetrug.  Über  das  Mittel  des  Wortes  können  einfach  beliebig
viele  Direktiven  zur  Gedankenbewegung  erfließen,  die  einander ­
  nur  in  rohen  Hauptrichtungen  ähneln.  An  den  letzteren  darf
sich  die  Sprachwissenschaft  genügen  lassen;  sie  fixiert  sie  dem  Worte
als  dessen  „Bedeutungen“.  Für  jenes  Denken  aber,  da  wird  das  Wort
zu  einem  Knopfe,  an  den  Ungezählte  die  Röcke  ihrer  Definitionen
und  Theorien  nähen  können.  Keiner  mit  mehr  Recht  als  der  andere,
weil  sie  alle  zusammen  Willkür  begehen!  Da  wird  dann  hin  und  her
gezogen,  um  den  Knopf  von  den  fremden  Röcken  abzureißen.  Das
gelingt  auch;  aber  es  gelingt  von  seinem  Standpunkte  aus  jedem,  und
somit  doch  wieder  keinem!  Deshalb  kann  der  Wortstreit,  der  hier
ein  Bild  gefunden  hat,  zu  keinem  gedeihlichen  Ende  führen,  und  auch
jenes  „Bestimmen“  nicht.
Von  einem  „Bestimmen“,  wie  es.dort  grundsätzlich  erstrebt  wird
und  in  Wortstreit  hetzt,  war  hier  keine  Rede.  Nur  der  tatsächliche
Enderfolg  ist  der  gleiche.  Im  Wesen  aber  hat  sich  einfach  eine
Nennung  ermöglicht.  Für  das  so  Benannte  steht  ein  Gedanken-
        <pb n="340" />
        _*  -  '

Ausblicke,  XIII.

315

gang  ein,  der  an  keiner  Stelle  an  der  Deutung  eines  Wortes  hangt;
somit  ist  aller  Wortstreit  im  Wesen  ausgeschlossen.  Die  Nennung  aber
genügt  offenkundig  dem  Sprachgefühle;  Namensstreit  wäre  da  vom
Zaune  gerissen.  Auf  solche  Art  erscheint  gerade  diese  uneigenthche
„Bestimmung“  als  eine  eindeutige,  eine  friedliche.  Eindeutig  kraft  der
Sache  selbst,  mit  der  alle  schillernden  „Bedeutungen“  ihres  Namens
gar  nichts  zu  tun  haben.  Friedlich,  weil  diese  „Bestimmung“  niemand
zuliebe  und  niemand  zuleide  erfolgt  ist;  ich  habe  sie  nirgendshin
polemisch  zu  vertreten;  weder  gegen  die  „Sprachbegriffe  des  Wirtschaftlichen“, ­
  noch  gegen  eine  jener  „Bestimmungen“.  Denn  ich
behaupte  nicht,  das  und  das  ist  das  „Wirtschaftliche“,  sondern  poche
einfach  darauf,  daß  sich  jene  ganz  bestimmte  Sache  das  „Wirtschaftliche
nennen  läßt;  genauer  gesagt,  daß  dahinzu  ein  Recht  vorliegt  vom
„Wirtschaftlichen“  zu  reden.  Hiermit  ist  die  Möglichkeit  geboten,
das  Verhältnis  des  „Wirtschaftlichen“  zur  schildernden  Wissenschaft
zu  erörtern.
Nun  könnte  jemand  sagen:  „das  ist  aber  gar  nicht  das  Wirtschaftbche,
  wie  es  hier  in  Betracht  käme;  denn  unter  dem  Wirtschaftlichen
versteht  —“  er  soll  lieber  nicht  ausreden.  Denn  er  widerlegt  nicht
mich,  nur  sich  selber,  wenn  er  den  Boden  verläßt,  von  dem  allein
e ine  Erwägung  möglich  ist,  wie  sie  vermutlich  auch  ihm  vorschwebt.
Seine  Ausführungen  würden  von  dort  ab  zu  einem  polemischen  Monolo
 g,  wie  ihn  jeder  nach  seiner  Art,  jeder  anders  halten  müßte.  Da
würde  in  lauter  fremden  Zungen  gesprochen,  wie  stets  beim  Wortstreite, ­
  an  dem  ja  nichts  verständlicher  ist  als  das  allgemeine  Mißverstehen. ­
  Allein,  der  Einwand  prallt  auch  ohne  Wortstreit  ab.  Wenn
ich  dabei  bleibe,  daß  es  hier  auf  dieses  „Wirtschaftliche“  ankomme,
dann  meine  ich  es  natürlich  nicht  unter  Bezug  auf  das  Wort.  Vom
Worte  her  gesehen  ist  meine  uneigentliche  „Bestimmung“  nicht  um
ein  Haar  besser  als  jede  beliebige  wortgläubige.  Ich  habe  ja  vorausgeschickt, ­
  daß  ich  im  Wettlauf  um  die  alleinseligmachende  Definition
nicht  mittue.  Denn  was  geht  uns  auch  hier  das  Wort  als  solches  anl
Schlimm  genug,  wenn  man  Worte  selber  als  Natur  behandelt,  das  will
sa gen,  ihren  Bezug  auf  unser  Denken  als  etwas  Vorgegebenes,  so
daß  immer  nur  die  worterklärende  Definition  ob  nun  „Nominaldefinition“ ­
  oder  „Realdefinition“  —  zu  besorgen  bleibt.  Aber  soll
auch  noch  der  Bezug  eines  Wortes  zu  einer  Wissenschaft  Natur
sei n,  etwas  starr  Vorgegebenes  I  Soll  man  von  vornherein  einen  Bezug
zwischen  dem  Worte  „Wirtschaftliches“  und  der  schildernden  Wissenschaft ­
  in  Demut  hinnehmen  I  Dann  allerdings  würde  das  Wort  als
solches,  mit  seiner  ganzen  Eigenheit  als  Element  der  Sprache,  ins
        <pb n="341" />
        j  (g  »Die  Herrschaft  des  Wortes“,
Gewicht  fallen;  dann  wäre  es  Willkür  zu  sagen,  dieses  „Wirtschaftliche“ ­
  interessiert  uns  hier.  Aber  diese  ganze  leidige  Erörterung  wird
doch  aus  einem  klaren  Grunde  nötig:  In  jener  Wissenschaft  der
Nationalökonomie,  die  sich  in  der  schildernden  Wissenschaft  spiegeln
soll,  hat  das  Wort  „Wirtschaft“  die  Eigenschaft  eines  „Fachausdruckes“;
und  in  so  bedeutsamem  Sinne,  daß  es  als  Schlüsselwort  behandelt
wird.  Wäre  dem  nicht  so,  brauchte  ich  mich  mit  dem  „Wirtschaftlichen“ ­
  genau  so  wenig  herumzuschlagen  wie  etwa  mit  „Papagei“.
Das  ist  also  der  Anlaß  der  Erörterung.  Aber  selbst  jene  Rolle  des
Wortes  „Wirtschaft“  ist  nichts  Vorgegebenes;  es  muß  aus  unserer  Erörterung ­
  verständlich  werden,  weshalb  gerade  das  Wort  „Wirtschaft“
innerhalb  der  Nationalökonomie  zu  so  hohen  Ehren  gekommen  ist.
Diese  Erörterung  selber  jedoch,  die  kann  nur  damit  ihren  Ausgang
nehmen,  daß  man  eine  Sache  antrifft,  die  schon  für  ihren  eigenen
Teil,  die  also  sachlichen  Bezug  zur  schildernden  Wissenschaft  hat,
zur  anderen  Hand  aber  als  das  „Wirtschaftliche“  nennbar  erscheint.
Nur  dieser  Doppelumstand  erlaubt  es,  das  Verhältnis  zwischen  dem
„Wirtschaftlichen“  und  der  schildernden  Wissenschaft  zu  erörtern;  sonst
verbricht  man  jenen  Widersinn,  und  behandelt  den  Bezug  zwischen
der  letzteren  Wissenschaft  und  dem  Worte  „Wirtschaftliches“  als
Natur.  Nun  wird  erst  noch  der  Einwand  kommen:  Wer  weiß  denn,
wie  vielerlei  „Sachen“  es  gibt,  die  einerseits  mit  der  schildernden
Wissenschaft  zu  tun  haben,  andererseits  als  das  „Wirtschaftliche“  nennbar ­
  sind;  weshalb  nun  gerade  jenes  „Wirtschaftliche“  zum  Ausgang
wählen!  Den  Vordersatz  bestreite  ich  gar  nicht;  aber  deshalb  schießt
der  Nachsatz  vorbei.  Gewiß  kann  es  hunderttausend  „Sachen“  geben,
die  mit  der  schildernden  Wissenschaft  zu  tun  haben  und  sich  durchaus ­
  sprachrichtig  das  „Wirtschaftliche“  nennen  lassen.  Aber  man  sehe
sich  die  „Bestimmung“  an,  von  deren  Boden  aus  ich  erörtern  will,  ob
da  nicht  alles  Mögliche  Platz  fände  1  Auch  dieser  letzte  Einwand
verfängt  nicht.  Er  führt  nur  ungewollt  darauf,  wie  höchst  verschwommen ­
  man  das  „Wirtschaftliche“  auffassen  muß,  ehe  man
seinen  Bezug  auf  die  schildernde  Wissenschaft  ernst  nehmen  kann.
Alle  schärfere  „Bestimmung“  wäre  sofort  Willkür  und  mit  ihr  der
Boden  verlassen,  von  dem  aus  eine  Diskussion  möglich  ist.  Solcher
schärferen  „Bestimmungen“  würde  jeder  seine  eigene  bereithalten.
Sieht  er  nun  Diese  in  bezug  zur  schildernden  Wissenschaft,  dann  hat
er  von  seinem  Standpunkte  aus  recht;  jedoch  nicht  mehr,  als  es  von
dem  anderen  Standpunkte  aus  wieder  der  andere  „hat“.  In  solcher
Art  ist  eben  aller  Wortstreit  bloße  Rechthaberei.  Aber  dort  liegt
unmöglich  das  Richtige,  wo  jeder  in  ganz  anderer  Weise,  aus  ganz
        <pb n="342" />
        Ausblicke,  XIII.

317

anderen  Gründen,  und  jeder  nur  von  seinem  Standpunkte  aus  recht
hat.  Darüber  muß  man  sich  klar  bleiben.  Ein  Bezug  zwischen  der
schildernden  Wissenschaft  rechts,  und  dem  „Wirtschaftlichen“  links,  ist
buchstäblich  nur  so  vorhanden,  daß  man  nach  jener  so  verschwommenen ­
  „Bestimmung“  zurückflüchtet.  Und  so  fällt  wahrhaftig  dieses
„Wirtschaftliche“  allein  in  Betracht:  Alles  das,  was  vor  unserem  Blicke
mehr  ans  Licht  tritt,  sobald  dieser  Blick  von  dem  Gesichtspunkte  der
Not  her  auf  die  Welt  des  Handelns  trifft.
Sofort  wird  nun  klar,  unter  welchen  Verhältnissen  es  so  recht
erst  praktisch  wird,  in  der  Welt  des  Handelns  das  „Wirtschaftliche“
zu  erblicken:  Beim  Nachdichten  des  gewissen  Flechtwerkes,  im  Durchdenken ­
  des  gewissen  Wechselbezuges.  Man  faßt  dann  von  Haus  aus
jene  Gegenstände  ins  Auge,  deren  Bezug  zu  den  notbedungenen  Zusammenhängen ­
  schon  vom  Boden  der  Gemeinen  Erfahrung  aus  offen
liegt:  „Wirtschaft“,  „Tausch“,  „Arbeit“,  „Vermögen“,  „Kapital“,  „Preis“,
„Geld“,  „Lohn“  usw..  Es  ist  durchaus  nicht  gesagt,  daß  sich  unter
diesen  Worten  stets  nur  etwas  denken  läßt,  was  ausschließlich  mit
den  notbedungenen  Zusammenhängen  in  Beziehung  steht.  Allein,  unbewußt ­
  stellt  man  sich  so,  vom  Worte  daraufhin  belastet,  als
ob  nur  die  „wirtschaftlichen“  Zusammenhänge  in  Frage  kämen.  Und
so  spinnt  man  auch  Diese  allein  aus  den  Gegenständen  heraus,
wenn  man  auf  der  Spur  ihres  Wechselbezuges  von  dem  einen  zum
anderen  hindenkt.  Auf  solche  Weise  wäre  sogar  klarbewußt  zu  erreichen, ­
  was  hier  wortgläubig  unbewußt  resultieren  muß:  gleichsam
Reinkulturen  des  „Wirtschaftlichen“;  nichts  als  Dinge,  die
man  bei  der  Beschauung  aus  dem  Gesichtspunkte  der  Not  vor  sich
sieht.  Diese  einseitige  Nachdichtung  wird  immer  noch  dem  Flechtwerk
ähnlich  sein;  aber  schon  mehr  im  Sinne  der  Karikatur.  Das  bemerkt
man  freilich  nur,  sobald  man  klaren  Auges  den  Schlichen  unseres
bequemen  Denkens  nachgefolgt  war;  denn  nichts  als  Bequemlichkeit
lst  e s  ja,  das  Flechtwerk  so  ins  Einfachste  zu  karikieren.  Im  anderen
Falle  jedoch,  wenn  man  dem  Worte  auf  den  Leim  gegangen  ist,  sieht
man  in  dieser  fertigen  Dichtung  mit  dem  Kehrreim  der  Not  durchaus
keine  Karikatur,  sondern  nur  das  treffende  Abbild  eines  „Gebietes“;
man  sieht  das  „Wirtschaftsleben“  vor  sich  ausgebreitet  1  Tief
überzeugt,  daß  hier  der  eine  unter  den  vielen  notwendigen  Schritten
getan  wäre,  eines  der  vielerlei  „Gebiete“  erledigt,  nach  denen  das
Menschheitsleben  erledigt  werden  muß,  um  es  überhaupt  zu  erledigen.
Unser  Denken  schafft  eben  nirgends  so  gründliche  Arbeit  wie  dort,
w °  es  einmal  anfängt,  sich  die  Arbeit  leicht  zu  machen.  Wo  immer
bie  generalisierende  Abstraktion  auch  nur  zum  Scheine  da  ist,
        <pb n="343" />
        318

,Die  Herrschaft  des  Wortes 11 ,

sofort  springt  ihr  die  isolierende  zu  Hilfe.  So  wird  auch  das
Flechtwerk  des  Menschheitslebens  nicht  schlechthin  zum  Gedankenbild.
Die  Zustände  werden  nicht  bloß  begrifflich  vereinfacht,  in  der  Ablösung
vom  Zeitenlauf;  sie  werden  in  sich  geteilt.  Im  Widerspruche  zu  dem
Einen  Gewebe  der  Erlebnisse,  dem  auch  die  theoretische  Umformung
des  „Menschheitslebens“  als  das  Eine  und  Ungeteilte  nacheifert,  geht
da  eine  Abspaltung  vor  sich.  Man  zappelt  mehrere  kleine  Schritte,
um  sich  den  unbequemen  einen  zu  ersparen,  der  hier  allein  am  Platze
wäre.  Denn  es  handelt  sich  offenkundig  um  keine  Auslese,  nach  der
die  Forschung  selber  hingedrängt  würde,  durch  einen  von  Haus
aus  und  zwingend  hinzutretenden  Gesichtspunkt  Der  Gesichtspunkt
tritt  nur  der  Bequemlichkeit  wegen  hinzu  und  bewirkt  dann  jene  rein
gedankliche  Auslösung,  die  nur  der  Lehrzweck  rechtfertigen  kann.  Es
kommt  dadurch  zu  scheinbaren  Einheiten  der  Erkenntnis,  die  eben  nur
Einheiten  der  lehrhaften  Übermittlung  von  Wissen  sind.  Sie  werden
nicht  minder  zu  „Gebieten“  umgedacht.  Aber  weder  ahnt  man,  daß
hier  nur  der  Gesichtspunkt  dahintersteckt;  noch  weniger,  daß  es  hier
in  ganz  anderer  Weise  der  Fall  ist  als  bei  anderen  „Gebieten“,  die
man  im  friedlichen  Nebeneinander  wähnt.  Ein  „Gebiet“  wie  das
„Wirtschaftsleben“  hat  nicht  im  entferntesten  die  Würde  des  „Rechtslebens“, ­
  des  „Sittenlebens“,  des  „Kunstlebens“  der  Menschheit;  oder
sonst  einer  dieser  intimeren  „Welten“,  die  wir  aus  dem  gültigen  Grunde
vor  uns  sehen,  weil  da  buchstäblich  mit  ganz  anderen  Augen  in  die
Welt  des  Handelns  geschaut  wird.  Hier  dagegen  dreht  es  sich  um
„Gebiete“,  die  ausgesprochen  nur  Kinder  unserer  Denkfaulheit
sind.  Sie  antworten  einer  Trennung  im  Gesichtspunkte,  die  überhaupt
nur  dem  oberflächlichsten  Blicke  möglich  wird;  ich  habe  im  voraus
die  Wendung  „aus  der  didaktischen  Vogelschau“  gebraucht.
Im  ganzen  wird  hier  schon  klar,  daß  die  schildernde  Wissenschaft
nicht  als  Wissenschaft  vom  Menschheitsleben  in  der  Larve  der  „Systematik“ ­
  stecken  konnte,  nicht  in  solcher  einfach,  sondern  in  jener
zweifach  geschundenen  Gestalt.  Und  tatsächlich  in  diesem  mehr  als
reduzierten  Aussehen  befand  sich  die  Nationalökonomie,  als  sie
„klassisch“  war.  Auf  diesem  dürren  Ästlein  einer  gedoppelten  Reduktion
saßen  die  Leute  und  offenbarten  die  „ewigen“  und  „ehernen  Gesetze“,
die  „der  Nachwelt  nichts  mehr  zu  tun  übrig  lassen“.  Es  ist  auch
sofort  klar,  weshalb  es  eine  „Wissenschaft  vom  Wirtschaftlichen“
war,  als  Station  der  schildernden  Wissenschaft  auf  dem  Leidenswege
zu  sich  selber.  Wenn  der  Alltag  zum  wissenschaftlichen  Bewußtsein
aufwachen  sollte,  dann  war  es  der  Gesichtspunkt  der  Not,  der  nottat.
        <pb n="344" />
        Ausblicke,  XIV.

319

Den  anderen,  den  Gesichtspunkt  der  Macht,  den  hatte  von  jeher  die
Jurisprudenz  in  ihrer  Art  in  Beschlag  genommen.

XIV.
Jene  friedliche,  allein  ernst  zu  nehmende  „Bestimmung  des  Wirtschaftlichen“, ­
  die  schon  für  den  Blick  aufs  Ganze  höchst  verschwommen
ausfällt,  verfängt  erst  recht  nicht  fürs  einzelne.  Nur  ein  Geschehen,
das  ein  auf  Worte  dressiertes  Denken  sich  konstruiert,  wie  es  oben
anzudeuten  war,  kann  sich  fein  säuberlich  als  „wirtschaftliches  Handeln“
von  einem  „Handeln“  anderer  Etikette  sondern.  Lebendiges,  am
Schicksal  webendes  Geschehen,  wie  es  erlebt,  miterlebt,  nacherlebt
Wlr d,  das  spottet  dieser  Etiketten.  Freilich,  die  Worte,  denen  unser
urwüchsiges  Denken  einmal  verkauft  bleibt,  die  kann  man  noch  so
hoch  prellen,  sie  fallen  immer  wieder  auf  die  Beine.  Es  tut  nichts,
Wenn  jene  Scheidung  zwischen  dem  „Wirtschaftlichen“  und  dem  „Gesellschaftlichen“ ­
  versagt,  sobald  man  sie  auf  Einzelheiten  des  erlebten
Geschehens  anwenden  will.  Dort,  wo  sie  sich  abstumpfen  würde,
helfen  ihr  sofort  jene  willkürlichen  „Bestimmungen“  aus,  die  von  vornerein ­
  an  die  Sache  ketten,  was  allein  am  Gesichtspunkte  hängt.  Sie
sind  uns  allen  geläufig;  denn  im  alltäglichen  Denken,  und  auch  sonst
in  schwachen  Augenblicken,  sind  wir  alle  wortgläubig.  Ehe  wir  uns
essen  recht  bewußt  sind,  denken  wir  schon  munter  in  den  „Merkmalen ­
  der  wirtschaftlichen  Handlung“.  Genauer  gesagt,  wir  haben  die
rnpfindung,  dieses  Wort  verwenden  zu  können.  Warum,  darum.
lr  w üßten  uns  keine  Rechenschaft  darüber  abzulegen,  ohne  Theoretiker
v °n  Beruf  zu  werden;  aber  desto  lebhafter  ist  die  Empfindung.  Das
verschwört  sich  zu  einem  so  zähen  Eindruck  auf  unser  Denken,  daß
iiiuu  selbst  mit  ehrlichem  Willen  schwer  dagegen  aufkommt.  Es  wäre
tief 16  ^ e * n ’£keit,  diesen  Vorurteilen  richtig  entgegen  zu  treten.  Zu
! C  haben  sie  sich  in  unser  Denken  eingefressen,  über  der  ewigen  Be-Ma
 rUn ^  m '*  den  Worten,  in  denen  sie  sich  gleichsam  personifizieren.
n  müßte  eine  ganze  Reihe  von  Beispielen  durchsprechen,  und  jedes
^ Zelne  behutsam  entfalten.  Ein  Aufwand,  der  hier  entbehrlich  ist.
er 6  vT- V ° rUrteile  brauchen  nicht  umgerannt  zu  sein,  genug,  wenn  sie
zu  C f  Üttert  sind -  Ähnliches  habe  ich  in  einer  anderen  Richtung  noch
will  Un ’  Um  der  grundsätzlichen  Erwägung  Luft  zu  machen.  Mit  Dieser
Schild 11 ”* 1  Ze *^ en ’  dab  J ene  Scheidung  gegen  die  Aufgaben  der
y  .  ernden  Wissenschaft  verstößt,  und  somit  eine  unzulässige  sei.
er  der  Hinweis,  daß  sie  für  die  Forschung  unbrauchbar  sei;
        <pb n="345" />
        320

„Die  Herrschaft  des  Wortes“,

und  weiter,  daß  jene  vereinfachenden  Gesichtspunkte,  der  Not  und  der
Macht,  schon  für  ihren  eigenen  Teil  nicht  würdig  seien,  um  Einheiten ­
  der  Erkenntnis  aus  ihnen  herzuleiten.
Es  ist  kein  Appell  an  den  einzelnen  Forscher  nötig,  ob  ihm  die
Scheidung  zwischen  dem  „Wirtschaftlichen“  und  dem  „Gesellschaftlichen“ ­
  nicht  um  so  zweifelhafter  erscheine,  je  tiefer  er  in  seinen
lebendigen  Stoff  sich  versenkt.  Denn  so,  wie  diese  Scheidung  allein
ernst  zu  nehmen  geht,  fällt  sie  für  den  Blick  aufs  Ganze  viel  zu  verschwommen ­
  aus,  um  nicht  dem  Einzelnen  gegenüber  zu  versagen.
Aber  nur  mit  dem  Einzelnen  hat  es  der  Forscher  zu  tun,  wenn  er  dem
Erlebten  nachzuleben  sucht.  Einzig  bei  der  Darstellung  seiner
Ergebnisse  ändert  sich  das  Bild.  Alle  Darstellung  ist  der  Lehre  verwandt, ­
  auch  wenn  sie  dem  Lehrzweck  nicht  gehorcht,  wenn  man  über
Ergebnisse  einfach  Rechenschaft  ablegt.  Auch  da  muß  jeden  Augenblick ­
  zusammenfassend  gesprochen  werden,  im  bloßen  Rückblick  auf
Einzelheiten.  Selbst  dort,  wo  der  Schwerpunkt  notwendig  bei  diesen
Einzelheiten  belegen  ist,  wie  gerade  in  Wissenschaften,  die  im  Sonderbegriffe ­
  gipfeln.  Man  erinnere  sich  an  alle  „Generalisierungen“
historischer  Darstellung.  Z.  B.  an  den  eigentümlichen  Umstand,  daß
hier  von  „Ideen“  gesprochen  wird,  die  sich  im  Geschehen  „auswirken“.
Das  sind  Formen  der  Darstellung,  bei  denen  gleichsam  nur
rhetorisch  das  Verallgemeinerte  zum  „Obersatz“  wird,  aus  dem  das
Einzelne  als  „notwendig“  darstellbar  erscheint  Die  Forschung
selber,  dort,  wo  sie  dem  Erlebten  nachwandelt,  fühlt  sich  nicht  im  entferntesten ­
  im  Dienste  einer  Verallgemeinerung;  nicht  der  Forscher  als
solcher,  nur  in  seiner  Eigenschaft  als  „Geschichtsschreiber“  kommt  da
äußerlich  in  die  Lage,  die  für  den  Naturforscher  im  Wesen  gilt.  In
der  Nationalökonomie  spielen  diese  Formen  generalisierender  Darstellung ­
  eine  ungleich  größere  Rolle;  man  denke  an  „typische  Verläufe“,
an  „Entwicklungstendenzen“.  Hier  sticht  Dies  aber  von  dem  eigentlichen ­
  Gehalte  der  Darstellung  nicht  so  grell  ab;  das  bewirkt  der  Hang
dieser  Wissenschaft  zu  Art  und  Wiederkehr,  trotzdem  auch  sie  im
Sonderbegriffe  gipfelt.  Allein,  von  diesen  Dingen,  die  fast  noch  über  die
Methodologie  hinausliegen,  sehe  ich  mit  vollem  Rechte  ab.  Denn  auch
hier  ist  das  Verhältnis  zwischen  Denken  und  Stoff  in  letzter  Linie
entscheidend.  Nur  vorübergehend  auch  noch  jenes  zwischen  Forschung
und  Material.  Ihm  gegenüber  müßte  sich  jene  Scheidung  bewähren.
Aber  da  versagt  sie  völlig,  weil  sie  eben  nur  dem  schülerhaften  Denken
gewachsen  bleibt,  dessen  Blick  oberflächlich  über  das  runde  Ganze
schweift.  Die  nämliche  isolierende  Abstraktion,  die  nur  dem  Lehrbuch
so  gelegen  kommt,  müßte  der  Forschung  die  Kehle  zuschnüren;  wenn
        <pb n="346" />
        Ausblicke,  XIV.

321

nicht  alle  Forschung,  die  im  Geiste  der  schildernden  Wissenschaft
möglich  wird,  schon  durch  ihren  gesunden  Instinkt  vor  unnötigen
Gewalttaten  am  Erlebten  bewahrt  bliebe.
Es  klingt  erfreulicherweise  nach  einer  Binsenwahrheit,  zu  sagen,
daß  man  das  „Wirtschaftliche“  nicht  erledigen  kann,  ohne  das  „Gesellschaftliche“ ­
  mit  in  Rücksicht  zu  ziehen,  und  umgekehrt.  Immerhin
ist  da  ein  richtiger  Gedanke  in  einer  Form  ausgesprochen,  die  jener
Scheidung  zu  viel  Ehre  antut.  Dem  Worte  ist  zwar  in  seiner  Sache
abgesagt;  was  hat  es  noch  viel  Sinn,  „Gebiete“  ernstlich  getrennt  zu
halten,  die  sich  in  ernster  Forschungsarbeit  doch  nicht  getrennt  erledigen ­
  lassen  1  Man  sieht  übrigens,  daß  mir  hier  die  Ausflüge  in  der

Richtung  „Kunstgeschichte“  usw.  als  Rückendeckung  frommen;  dort

war  zu  sehen,  wie  scheinbar  ähnliche  Dinge  doch  im  Wesen  anders
hegen  können;  wie  also  Schlüsselwort  und  Schlüsselwort  sehr  zweierlei
sein  kann,  obgleich  sie  alle  zusammen  einwörtlich  anklingen,  „Kunst  ,
„Recht“  nicht  anders  als  „Wirtschaft“  und  „Gesellschaft“.  Was  nun
jene  Absage  an  unsere  Scheidung  anlangt,  so  ist  sie  immer  noch  in
einer  Form  ausgesprochen,  die  gleichsam  die  Hypnose  des  Wortes
verrät.  Selbst  jene  milde  Form,  die  nur  eine  „gesellschaftliche“  und
eine  „wirtschaftliche  Seite“  des  Erlebten  retten  will,  wird  dem  gewalttätigen ­
  Worte  noch  ebenso  gerecht  wie  der  vergewaltigten  Sache.
Nicht  etwa,  daß  die  „wirtschaftlichen“  und  die  „gesellschaftlichen“
Zusammenhänge  viel  zu  dicht  miteinander  verflochten  wären,  um  bald
die  einen  vor  den  anderen,  dann  wieder  diese  vor  jenen  hervortreten
zu  lassen:  Das  Handeln  wird  einfach  in  ungespaltenen  Zusammenhängen ­
  erlebt,  und  es  besagt  schon  eine  Willkür  unseres
Denkens,  von  den  notbedungenen  die  machtbedingenden,  und  beide
von  den  strebigen  Zusammenhängen  zu  trennen.  Daran  habe  ich
früher  schon  gestreift;  hier  sei  mir  erlaubt,  meiner  engeren  Sache
beizuspringen.
Nicht  ihr  roher  Durchgriff  kommt  hier  ins  schiefe  Licht;  sondern
der  Umstand,  daß  selbst  die  schärfste  Erledigung  ihres  Problems  zu
einem  willkürlichen  Eingriff  ins  Erlebte  führt.  Aber  man  lasse  eben
den  berechtigten  Anlaß  dazu  gelten.  Es  erheischt  da  eine  Vorarbeit,
u m  lebendigen  Zusammenhang  besser,  gültiger,  mit  geläutertem  Blick
zu  erschließen.  Will  man  dem  zusammenhängend  Erlebten  nachgehen,
Zusammenhänge  also  erschließen,  die  von  ihrer  Seite  her  so  uferlos
viftl«.

•  .  e&amp;gt;  -  '-lok-uncucn  f  ****  ou  utcuus
e  geartet  und  dabei  von  so  äußerster  Verflechtung  sind,  dann  muß

unser

senken  in  harmloser  Bewegung  gewachsen  ist,  ist  es  nicht  mehr  in
rück-  oder  vorschauender  Wendung  gegen  sich  selber  gewachsen;  oder

21
        <pb n="347" />
        r

322

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

es  müßte  sich  in  seiner  Kapazität,  die  im  ganzen  doch  nur  mit  dem
Handeln  Schritt  hält,  soweit  sie  dem  Handeln  gegenüber  sich  erproben
soll,  gleichsam  verdoppeln  können.  Nun  ist  es  Beruf  jener  Vorarbeit,
daß  sie  alle  Willkür,  die  hier  nötig  wird,  vorweg  und  auf  sich
nimmt,  um  sie  der  vollziehenden  Tat,  der  Forschung  zu  ersparen.
Auch  dies  gehört  zu  jener  „Theorie  vor  den  Tatsachen“,  mit  der  sich
das  Denken  für  seine  Arbeit  im  Gegebenen,  für  das  Forschen  in  Tatsachen, ­
  gleichsam  trainiert.  Alle  unvermeidliche  Willkür,  die  wird  nun
bei  jener  Vorarbeit  bedachtsam  im  voraus  gehandhabt.  Dann  ist  es
der  Forschung  um  so  leichter  gemacht,  und  selbst  vor  der  verwirrenden
Totalität  des  Zusammenhanges,  zurück  zu  trachten  nach  der  Ungeteiltheit
  des  Erlebten!  Sie  vermag  das  Erlebte  viel  leichter  wie  aus
Einem  Gusse  nachzuschöpfen,  wenn  die  notwendigen  Bruchstücke  des
Gusses  scharfe  Ränder  haben,  und  nur  mehr  die  „Nähte“  weg  zu
ziselieren  bleiben.  Ganz  anders,  wenn  sie  empirisch  vorgehen  soll.
Dann  muß  sie  vom  Boden  des  urwüchsigen  Denkens  aus  mit  den
zerstückelnden  Worten  dreinfahren,  um  dann  erst  die  plumpen  Bruchstücke ­
  zu  einem  Ganzen  zu  flicken.  Lauter  Dinge,  die  ich  nur  ungern
einem  so  rohen  Versuche  zur  Seite  spreche,  wie  ihn  meine  engere
Sache  darstellt.  Immerhin  war  es  nötig,  um  den  Schein  zu  vermeiden,
als  ob  ich  selber  den  Ast  absägte,  auf  dem  meine  sieben  Formeln
sitzen.
Es  war  übrigens  schon  dort  zu  betonen,  wie  bedingt  und  verklausuliert ­
  gerade  das  gilt,  was  sich  dem  keck  zugreifenden  Denken  so
willig  in  die  Arme  wirft.  Nur  ihm  erscheint  da  alles  recht  einfach;
wenn  auch  nicht  entfernt  so  einfach  wie  dem  urwüchsigen  Denken,
das  kraft  seiner  Wortstelzen  mit  wenigen  Schritten  über  dick  und
dünn  stolpert.  Sieht  man  jedoch  schärfer  zu,  dann  stimmen  selbst
Dinge  bedenklich,  die  sich  dem  unverzagt  durchfahrenden  Denken  als
die  wuchtigsten  Gemeinplätze  geben,  dort  als  letzte  Tatbestände  erfaßbar ­
  sind:  Not  und  Macht!  „Grundverhältnisse“  sind  es  nur  für  ein
Denken  minderer  Strenge;  man  kann  ihnen  noch  gehörig  selber  auf
den  Grund  gehen,  ohne  im  mindesten  „Grenzen“  zu  verletzen.  Was
Not  und  Macht  im  Tieferen  unterliegt,  berührt  die  vielgestaltige  Beziehung ­
  zwischen  dem  Streben  im  Handeln  und  den  Determinanten ­
  des  letzteren.  Ungefähr  also  das  Spiel  zwischen  dem
auslösend  und  dem  seitlich  Bedingenden  des  Geschehens.  Diese  „Lehre“
von  der  Determination  unseres  Handelns,  ein  Bruchteil  aus  der  „Theorie
vor  den  Tatsachen“,  wäre  etwas  so  Nüchternes,  verläßt  den  Boden  der
Erfahrung  so  wenig,  daß  es  umgekehrt  der  älteren  Nationalökonomie
gefrommt  hätte,  sich  dieser  „Lehre“  anzunehmen,  statt  in  Mystik  ge'
        <pb n="348" />
        323

B  i  k

686^^21  3  4  6.

Ausblicke,  XIV.
danklich  auszuschweifen.  Es  sind  nichts  als  rohe,  mystisch  unklare
Anklänge  an  jene  „Lehre“,  wenn  die  „Systematische  Nationalökonomie“
von  „Faktoren  der  Produktion“  spricht,  von  der  gewissen  Dreiheit
„Natur,  Kapital,  Arbeit“  —  alles  aus  dem  Zusammenhänge  hier  zu
verstehen.  Die  Dreiheit,  die  sich  endlos  um  die  Ehre  katzbalgt,  wer
bei  der  Kabbalistik  der  „Werterzeugung“,  der  „Werteschaffung“,  die
Rolle  des  Ersten  Magiers  zu  spielen  hätte.  Hier  herum  ist  es  zu  einem
wahren  Brutnest  der  Mystik  gekommen.  Ihm  ist  jene  Phantasmagorie
einer  „Verteilung“  entstiegen,  mit  der,  neben  verwickelten,  auch  die
einfachsten  Dinge  auf  den  Kopf  gestellt  werden.  Von  hier  lösen  sich
auch  die  hohlen  Blendworte  „produktiv“,  „unproduktiv“,  „werteschaffende ­
  Stände“  und  so  weiter  ab.  Dahinter  steht  eben,  als  Refugium ­
  des  Tiefsinns,  überall  die  „Große  Unbekannte“:  „Wert  1  Das
Lügenwort,  das  bei  dieser,  wie  vielleicht  bei  keiner  anderen  Gelegenheit
unser  Denken  höhnt  und  nasführt.  Nach  jenen  Erzeugnissen  seiner
Wissenschaft  greift  dann  auch  der  Alltag  und  verschafft  sich  damit  für
das  Gezänke  seiner  Schichten  die  giftigsten  Pfeile.  Direkte  oder  indirekte ­
  Verbalinjurien,  die  um  so  mehr  verletzen,  weil  darunter  zwar
niemand  was  Rechtes  zu  denken  weiß,  aber  desto  überzeugter  bleibt,
daß  sich  dabei  unendlich  viel  und  Tiefes  denken  lassen  muß.  Hier
überall  feiert  die  Wörterei  die  wahrsten  Orgien.
In  jenen  Untergründen  der  „Not“  und  „Macht“  ergeben  sich  unter
anderem  Verhältnisse,  die  man  als  „Zweckförderung“  und  „Zweckhinderung“ ­
  anklingen  lassen  kann.  Nun  geht  aber  die  „Not“  durchaus
nicht  ohne  Rest  im  „Zweckhindernden“,  die  „Macht“  ebensowenig  im
„Zweckfördernden“  auf.  Das  will  sagen,  die  urwüchsige,  scheinbar  so
lapidare  Sonderung  „spießt“  sich,  wenn  man  sie  in  ernstere  Sonde-Tungen
  einzugründen  sucht.  Selbst  das  „Dasein  einer  Mehrheit  von
Handelnden“,  oder  das  „Vorhandensein  von  Grenzen“  fällt  für  den
eindeutigen,  klaren  Bestand  dieser  „Grundverhältnisse“  durchaus  nicht
so  wuchtig  in  die  Wagschale,  als  es  scheinen  mag.  Auch  hier  verbricht ­
  unser  Denken  Willkür;  darin,  daß  es  überall  an  rein  tatsächliche,
um  nicht  zu  sagen  zufällige  Verhältnisse  sich  anklammert.  Im
kecken  Zugriff  hascht  es  eben  nach  dem  Greifbarsten.  Je  mehr  nun
unser  Denken  die  Schärfe  steigert,  desto  mehr  blickt  es  nach  dem
Prinzipiellen  aus;  und  dann  entschwinden  die  Vorzüge,  die  uns  hier
VOn  »Grundverhältnissen“  reden  lassen.  Soweit  zum  Beispiel  die  „Not“
lm  »Zweckhindernden“  steht,  tut  sie  es  nicht  um  ein  Haar  anders  als
etwa  die  „Trägheit“,  i m  mechanischen  Sinne.  Da  stünde  also  der
Gesichtspunkt  der  „Not“  auf  einer  Stufe  mit  dem  Gesichtspunkte  der
„Trägheit“;  die  „Systematische  Nationalökonomie“  könnte  in  dieser

21
        <pb n="349" />
        324

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Hinsicht  scheinbar  eine  Parodie  finden;  in  Wahrheit  wäre  da  wie  dort
auf  gleiche  Art  gesündigt.  Es  erweist  sich  eben,  daß  der  Vorsprung,
den  für  unseren  geistigen  Blick  der  Gesichtspunkt  der  „Not“,  der
„Macht“  zweifellos  besitzt,  rein  praktisehen  Gehaltes  ist.  Es  unterliegt ­
  ihm  kein  theoretischer  Ernst.  Daher  mangelt  jenen  Gesichtspunkten, ­
  die  für  die  Gemeine  Meinung  ganze  Wissenschaften  ins  Leben
rufen,  schon  für  ihren  eigensten  Teil  alles  Recht,  unserer  Erkenntnis
die  Wege  zu  weisen.  Jene  Scheidung  aber,  zwischen  dem  „Wirtschaftlichen“ ­
  und  dem  „Gesellschaftlichen“,  bekommt  noch  eine  weitere
schlechte  Note.  Nicht  allein,  daß  es  mit  dem  wechselnden  Hervortreten
bald  der  notbedungenen,  bald  der  machtbedingenden  Zusammenhänge
recht  windig  bestellt  ist  —  weil  da  bloß  für  unser  Denken  hervortritt,
was  an  sich  selber  Eines  ist.  Auch  die  Anhaltspunkte  dieses  Wechsels,
eben  „Not“  und  „Macht“,  erscheinen  mehr  als  schwankende,  denn  als
ruhende  Pole  in  der  Zusammenhänge  Flucht.  Wenn  also  die  fraglichen ­
  „Gebiete“  überhaupt  nur  Kinder  einer  Auffassung  sind,  so  erhellt ­
  die  Fragwürdigkeit  der  letzteren  auch  darin,  daß  schon  die  Väter,
„Not“  und  „Macht“,  nichts  weniger  sind  als  pupillarsicher.  In  dieser
verdächtigen  Art  besondert  sich  das  „Wirtschaftliche“  und  das  „Gesellschaftliche“. ­
  Arme  Welt  des  Handelns,  die  gar  nur  auf  dem  einen
dieser  gichtbrüchigen  Beinchen  stehen  soll!

XV.
Lange  genug  habe  ich  die  Denkweise,  die  hinter  dieser  Scheidung
steht,  als  eine  schülerhafte  gebrandmarkt,  um  es  nicht  wieder  hervorzuheben, ­
  daß  sie  der  lebensvollen  Nationalökonomie
unserer  Tage  fremd  bleibt;  im  entscheidenden  Sinne,  in  bezug
auf  die  Forschung,  und  unbeschadet  jener  Wendung  gegen  die  „Volkswirtschaft“, ­
  die  noch  erläutert  wird.  Zur  Steuer  des  guten  Rechtes
und  des  rechten  Verständnisses  dieser  Wissenschaft  erscheinen  derlei
Erörterungen  mehr  als  geboten;  aber  für  den  Forscher  sind  nur  Eulen
nach  Athen  getragen.  Die  nationalökonomische  Forschung  hat  der
generalisierenden  Abstraktion  entsagt;  damit  hat  sich  in  ihr  die  eine
Kinderkrankheit  der  schildernden  Wissenschaft  überwunden;  die  andere
damit,  daß  sie  nicht  minder  der  isolierenden  Abstraktion  entsagt  hat,
mit  der  Abkehr  von  jener  verdächtigen  Scheidung.  Und  so  bewährt
sich  die  Nationalökonomie  als  der  treibende  Stamm,  inmitten  des
ganzen  Gestrüppes  der  „Wissenschaften“,  die  auf  dem  gleichen  Nährboden ­
  aufgeschossen  sind,  zum  großen  Teil  übrigens  zugleich  a ' s
        <pb n="350" />
        Ausblicke,  XV.

325.

Schmarotzerpflanzen  der  Jurisprudenz  und  Technologie;  die  letztere
im  hier  stets  gemeinten  Sinne,  als  die  Wissenschaft  der  „Wege  zum
Zweck“,  mit  dem  Gesichtspunkte  der  „Unterweisung  des  Handelns“,
ob  man  nun  Maschinen,  oder  Ländereien,  oder  Finanzen,  oder  was
immer  unter  den  Händen  hat.  So  erscheint  also  die  Nationalökonomie
tatsächlich  als  jene  gewordene  Wissenschaft,  mit  der  sich  die  schildernde
Wissenschaft  auslebt  1  Allein,  es  fehlt  immer  noch  ein  Glied  in  dieser
überlangen  Kette.  Wer  nämlich  an  jene  vielerwähnte  Scheidung
glaubt  —  ich  schätze  die  Macht  des  Wortes  durchaus  nicht  so  gering
ein,  um  dies  als  unwahrscheinlich  zu  behandeln  —  der  glaubt  auch  an
die  Notwendigkeit  der  Unterteilung,  mit  der  sich  die  Nationalökonomie ­
  nur  als  Teil  der  schildernden  Wissenschaft  ergäbe.  In  jenem,
von  gesündestem  Instinkte  getragenen  Gebaren  der  Forschung  würde
er  nichts  sehen  als  einen  fortwährenden  „Übergriff“.  Für  ihn  gälte
einfach,  daß  man  hier  widerrechtlich  vermischt,  was  im  Grundsätze

getrennt  bleiben  muß.  Deshalb  bedarf  es  eben  des  Beweises,  da  jene
Unterteilung  mit  der  schildernden  Wissenschaft  im  Wesen  unvereinbar ­
  ist  Dieser  Beweis  ist  ganz  unabhängig  von  dem  ganzen
Kampf  gegen  Vorurteile  aus  Worten.  Er  allein  reicht  hin,  um  die
Näherung  zwischen  Nationalökonomie  und  schildernder  Wissenschaft
bis  zur  Identität  zu  erzielen.  Wenn  jene  Unterteilung  unzulässig  ist,
dann  übergreift  die  Nationalökonomie  nicht  auf  fremde  Felder;  sie  beweist ­
  nur,  daß  sich  in  ihr  die  schildernde  Wissenschaft  erfüllt.
So  mühevoll  es  war,  ihr  die  Bahn  zu  klären,  diese  grundsätzliche
Erwägung  selber  ist  höchst  schlicht.  Man  halte  sich  einfach  vor,  daß
die  schildernde  Wissenschaft  nur  als  ein  Zugeständnis  da  ist,  das
aber  ausreicht  und  daher  kein  weiteres  neben  sich  duldet.  Unsere
Erkenntnis  muß  der  Einheit  der  Welt  des  Handelns  nachgehen.
Eie  Unvollkommenheit  unseres  Denkens  setzt  hier  aber  Schranken.
So  kommt  es  zu  den  Zugeständnissen.  Der  Historiker  trachtet  nach
dem  Wenigen,  dessen  geistiger  Besitz  den  Rest  entbehrlich  macht;  es
*ritt  die  Auslese  in  Kraft.  Der  Nationalökonom  sucht  das  Erlebte  nach
Zustand  und  Entwicklung  zu  bewältigen;  hier  geht  das  Zusammenballen ­
  seine  Wege.  Mißt  man  am  ursprünglichen  Streben,  dann  sind
es  da  und  dort  sehr  derbe  Konzessionen,  die  erst  zum  Erreichbaren
führen.  Wenn  uns  das  Eine  und  große  Gewebe  auch  nur  ein  Ding
der  Vorstellung  bleibt,  soviel  ist  klar,  daß  es  sehr  zusammenschrumpft,
wie  es  in  den  Händen  der  Historie  zur  Geschichte,  in  den  Händen  der
Nationalökonomie  zum  Menschheitsleben  wird.  Dafür  reichen  diese
Konzessionen  auch  völlig  aus,  da  wie  dort.  Der  Auslese  selber  ist  ja
ebensowenig  wie  dem  Zusammenballen  eine  Grenze  gesetzt.  Diese
        <pb n="351" />
        326

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Vereinfachungen,  die  noch  vom  Stoffe  selber  abgerungen  sind,  erscheinen ­
  für  ihren  Teil  dazu  angetan,  schrankenlos  zu  walten.
Jede  weitere  Vereinfachung  würde  Diesen  nicht  mehr  ebenbürtig
sein;  sie  wäre  aus  der  Erledigung  des  Stoffes  überhaupt  nicht  mehr  zu
rechtfertigen.  Mit  ihr  läge  also  eine  Abkehr  von  dem  vor,  was  der
Erfahrung  noch  ihr  Recht  beläßt;  und  weil  sie  eine  vermeidbare  ist,
erschiene  diese  Abkehr  als  eine  freventliche.  Das  will  sagen,  nimmt
man  noch  im  Rahmen  der  schildernden  Wissenschaft  irgendeinen
vereinfachenden  Gesichtspunkt  ein,  so  besagt  dies  klipp  und  klar  eine
Versündigung  am  Stoffe.  Eine  solche  Vereinfachung  würde  der
Erkenntnis  nicht  irgendwie  Hilfe  leihen,  sondern  ihr  den  Hals  brechen.
Wenn  also  die  Forschung,  die  vom  Geiste  der  schildernden  Wissenschaft ­
  erfüllt  sein  will,  dieser  Vereinfachung  abhold  bleibt,  so  erscheint
dies  als  eine  „Äußerung  ihres  Selbsterhaltungstriebes“;  das  will  einfach
sagen,  es  erscheint  vor  unserem  Denken  als  eine,  in  sie  verlegte  Bedingung ­
  ihres  eigenen  Fortbestandes.
Mit  dem  Nachtrag  dieser  Erwägung,  die  wohl  ebenso  einfach  wie
wuchtig  ist,  glaube  ich  die  Kette  des  Beweises  geschlossen  zu  haben,
daß  Nationalökonomie  und  schildernde  Wissenschaft
Eines  seien.  Ich  verweile  nicht  weiter  bei  dem  Verhältnisse  dieser
lebensvollen  Wissenschaft  zu  einer  ganzen  Reihe  von  Schwestern,  die
um  vollberechtigter  Lehr  zwecke  willen  ihr  volles  Daseinsrecht  besitzen; ­
  nur  sollten  sie  in  ihrem  großen  Familienkreise  die  Nationalökonomie ­
  nicht  gar  zu  sehr  als  Auchschwester  ansehen.  Eines  aber
bleibt  noch  zu  erörtern.  Es  kann  jetzt  kein  Zweifel  mehr  bestehen,
daß  die  Nationalökonomie  besser  als  ihr  Name  sei.  Aber  dieser  Abstand ­
  selber  zwischen  Name  und  Gehalt  ist  noch  in  Frage:  die
Wendung  gerade  der  lebensvollen  Forschung  gegen  die  „Volkswirtschaft“! ­
  Die  ebenbürtigen  Schwestern,  Historie  und  Nationalökonomie,
sollen  auch  bei  dieser  letzten  Erwägung  nebeneinander  bleiben.
Über  den  Gehalt  dieser  Wissenschaften  —  der  mir  seinesgleichen
zu  suchen  scheint  —  darf  uns  die  Meinung  nicht  beirren,  die  in  ihnen
selber  vorherrscht;  mehr  scheinbar,  denn  auch  da  ist  das  Denken
besser  als  sein  Wortkleid.  Es  ist  wahr,  der  Historiker  sieht  sich  nicht
schlechthin  der  „Geschichte“,  sondern  dem  „Staatlichen“,  „Politischen“,
und  der  National  Ökonom  erst  recht  nicht  dem  „Menschheitsleben“,
sondern  dem  „Wirtschaftlichen“,  im  eigentlichen  Sinne  aber  der
„Volkswirtschaft“  gegenüber.  Beides  ist  unschwer  erklärt.  Die
Trennung,  die  hier  im  Wesen  unterliegt,  jene  zwischen  berichtender
und  schildernder  Wissenschaft,  die  schweift  mit  ihrem  Um  und  Auf
viel  zu  sehr  ins  Graue  aus,  ist  gar  zu  dürres  Gedankenwerk.  Dazu  ist
        <pb n="352" />
        Ausblicke,  XV.

327

die  Nationalökonomie  in  viel  zu  blühender  Jugend;  die  Historie  ist
zwar  mit  ihren  naivsten,  ungeschriebenen  Anfängen  so  alt,  wie  Menschen
ihrer  Väter  Schicksale  nicht  vergaßen;  aber  zu  einem  Verhältnis,  über
das  sie  nachdenken  sollte,  gehört  auch  das  Zweitbeteiligte.  Ungleich
saftiger,  schon  unserer  Anlehnung  an  liebe  Worte  halber,  erscheint  die
Trennung  nach  „Gebieten“.  Nimmt  man  die  Gabelung  der  „aktionswissenschaftlichen“ ­
  Erkenntnis  —  einmal  mit  der  Geschichte,  dann  mit
dem  Menschheitsleben  als  Gegenstand  —  für  das  Primäre,  so  ergäbe
sich  als  das  Sekundäre  die  Trennung  zwischen  dem  „Geschichtlichen
und  dem  „Ungeschichtlichen“.  Es  ist  klar,  daß  man  auch  dabei  nicht
stehen  blieb.
Wenn  die  Historie  sofort  zum  Tertiären  übergeht,  eben  zum
„Politischen“,  so  erscheint  dies  nur  wohlgetan.  Soll  es  überhaupt  das
„Gebiet“  machen,  dann  ist  der  rechte  Weg  gleich  bis  zum  Greifbarsten
ausgegangen.  In  kerniger  Abrundung  wird  es  immer  wahr  bleiben,
daß  für  das  wuchtigste  Geschehen,  auf  das  ja  die  Historie  verpflichtet
ist,  ewiglich  der  „Staat“  als  Angelpunkt  erscheint!  Auch  in  der
„Weltmonarchie“  oder  im  „Zukunftsstaate“  bliebe  es  so;  ihnen  gegenüber ­
  käme  die  Historie  ebensowenig  aufs  Altenteil,  wie  vor  dem
Schlaraffenland  die  Nationalökonomie.  Nicht  in  „Schlachten“  allein
ist  das  Geschehen  wuchtig,  und  nicht  in  „Tausch“  und  „Arbeit  allein
alltäglich  I  Aber  für  jene  Hausmeinung  der  Historie  fällt  etwas
a nderes  mit  ins  Gewicht,  das  als  Schabernack  des  Wortes  hier  zur
engsten  Sache  gehört.  Weil  der  Alltag,  der  als  richtiger  Proletarier
keine  Tradition  kennt,  seine  Vergangenheit  ohne  Wort  beläßt,  so  ist
für  unsere  Sprache,  und  daher  pflichtschuldigst  auch  für  unser  theoretisches ­
  Denken,  „Welt  des  Handelns“  und  „Geschichte“  Eines!  Ein
Vorurteil,  das  z.  B.  in  dem  bezeichnenden  Ausdruck  eines  genialen
Pfadfinders  —  „geschichtlich-gesellschaftliche  Wirklichkeit“  —  von  Haus
aus  überwunden  erscheint;  hier  ist  eben  „Gesellschaft“  genau  so
Wen ig  als  Gegensatz  zu  „Wirtschaft“  gemeint,  wie  etwa  als  Gegensatz
Zu  »Zurückgezogenheit“.  Daher  die  Scheu  der  Historie,  ohne  Umstände ­
  die  „Geschichte“  in  Beschlag  zu  nehmen.  Das  erlaubt  sich
nu r  der  Unterricht,  indem  er  das  Historische  vor  allem  darbietet,  nur
mit  einigen  kunst-,  literatur-  und  „kulturgeschichtlichen“  Löckchen
verziert.  Die  Wissenschaft  aber  bescheidet  sich  als  „Politische  Geschichte“ ­
  ;  denn  sie  will  nicht  Kunstgeschichte,  Rechtsgeschichte,  Sittengeschichte ­
  usw.  um  ihre  scheinbaren  Ansprüche  auf  die  „Geschichte“
bringen.  Das  ruht  eben  unter  dem  Schleier  des  Wortes,  wie  jene
anderen  Wissenschaften,  wenn  sie  auch  tatsächlich  an  der  „vorarbeitenden“
  Historie  Anlehnung  suchen,  im  Grundsätze  gar  nichts  mit
        <pb n="353" />
        328

Die  Herrschaft  des  Wortes“,

der  „Geschichte“  zu  tun  haben,  sondern  aus  erster  Hand  mit  der
Welt  des  Handelns.  Ihnen  entsprechen  gleichsam  seitliche
Aufrisse  dieser  Welt,  solche  nämlich,  die  nicht  im  Perpendikel  der
Erfahrung  liegen.
Die  Nationalökonomie  jedoch,  deren  Primäres  das  Menschheitsleben, ­
  deren  Sekundäres  das  „Ungeschichtliche“  ist,  die  bleibt  nicht
einmal  beim  Tertiären  stehen.  Das  wäre  offenbar  der  „Alltag“;  man
sieht,  wie  dieser  Ausdruck  erst  zwei  Schritte  vom  Denken  ab  verwendbar ­
  erscheint,  das  auf  seine  Prinzipien  hält.  Aber  es  wäre  weit
gefehlt,  zu  meinen,  daß  die  Nationalökonomie  noch  unter  dieses
Tertiäre  heruntersteige,  sofern  sie  es  echt  und  recht  mit  der  „Volkswirtschaft“ ­
  zu  tun  haben  will.  Wie  es  erhellen  soll,  schnellt  sie
damit  gleich  bis  zum  Primären  wieder  hinauf.  Freilich  mit  einer  seitlichen ­
  Ablenkung.  Aber  diese  ist  vollauf  erklärt  durch  der  Nationalökonomie ­
  wunderkindische  Vergangenheit.  Der  letzteren  muß  ich  mich
kurz  zuwenden,  um  es  ins  rechte  Licht  zu  bringen,  was  jenes  Emporschnellen ­
  besagen  will.  Es  ging  durch  alle  Verkennung  hindurch,  bis
zur  Lichthöhe  schildernder  Wissenschaft.

XVI.
Die  „Systematische  Nationalökonomie“  allerdings,  die  hat  noch
unterhalb  des  Tertiären  begonnen,  wie  es  nicht  anders  möglich  war.
Sie  allein  hat  sich  schlechthin  dem  „Wirtschaftlichen“  gegenüber
gesehen.  Allein,  wenn  sie  auch  von  „Wirtschaft“  und  meinetwegen
auch  „Volkswirtschaft“  spricht,  und  diese  Worte  wie  geziemlich
definiert,  das  Schlüsselwort  war  selbst  „Wirtschaft“  nur  nominell;  in
Wahrheit  hieß  es  „Gut“.  Bei  jenem  führenden  Geiste  zwar,  der  so
turmhoch  über  die  Kollegen  in  der  „Klassizität“  hinausragt,  der  in
vieler  Hinsicht  wahrhaft  ein  Klassiker  war,  nur  eben  nicht  in  der
Relation  auf  die  Nationalökonomie,  dessen  Buch  sich  aber  wie  eine
Verheißung  schildernder  Wissenschaft  liest  —  eine  Morgenröte  mit
starkem  Nebel  hinterher  —  bei  ihm  z.  B.  müßte  man  von  einem
Schlüsselworte  der  „Arbeit“  sprechen.  Nur  eine  Andeutung:  Man
sehe  sich  doch  einmal  seine  „werttheoretischen“  Ausführungen  an,
ohne  jedoch  auf  jene  Stelle  allein  zu  starren,  wo  dieser  freie  Denker
eine  Wortangelegenheit  nebensächlichst  abtut,  um  sich  sofort  wieder
seinem  eigentlichen  Gedankengange  zu  überlassen;  und  der  ist  wahrhaftig ­
  erhaben  über  die  kläglichen  „Berichtigungen“,  mit  denen  ihn
schon  seine  „Mit-Klassiker“  zu  hofmeistern  wagten.  Ein  Adam  Smith
        <pb n="354" />
        Ausblicke,  XVI.

329

begeht  nicht  die  Torheiten,  die  bloß  jene  Herrn  mit  ihrem  buchstabierenden ­
  und  steigend  vom  Worte  geknechteten  Denken  aus  ihm
herauslesen.  Und  gerade  auch  dort  ist  ein  Wurzelpunkt  für  das
Gedankengewebe,  das  jenes  schöne  Buch  so  durchflicht,  um  das  Wort
„Arbeit“  als  Schlüssel  erscheinen  zu  lassen.  Aber  für  das  Gros  und
den  ganzen  Nachtrab  dieser  sogenannten  „klassischen  Schule“  war
„Gut“  das  Schlüsselwort,  wenigstens  im  tatsächlichen  Erfolg.  Was
Dies  besagen  will,  wird  deutlich,  wenn  man  sich  den  bezeichnenden
Inhalt  jener  „Systeme“  vor  Augen  hält:  Nichts  als  ein  Werden,
Wandern  und  Vergehen  von  „Gütern“l  Lauter  Güterschicksale,  an
denen  die  Menschenschicksale  nur  noch  baumeln,  durch  ein  paar
„Rechtsverhältnisse“  angeklebt.  Der  handelnde  Mensch  sinkt  zur
Statistenrolle  eines  bloßen  Behandlers  der  „Güter“  herab.  Von  allen
Gebilden  in  der  Welt  des  Handelns  bleibt  nichts  zurück,  rein  nichts.
Dieses  ganze  „Geschehen“  spielt  sich  nur  unter  stetem  Bezüge  auf
einen  losen  Inbegriff  ab,  auf  jenes  Ganze  der  „Verkehrsmöghchkeiten“,
das  sich  das  lebensgrüne  Wort  „Markt“  als  Namen  erborgt.  Man  sieht,
aus  der  „Gottheit  lebendigem  Kleide“  ist  eine  Art  englisches  Sackleinen ­
  geworden,  um  lauter  „Güter“  und  „Waren“  gewickelt!  Was
Rh  hier  male,  ist  nur  dann  Karikatur,  wenn  man  nicht  gewöhnt  ist,
an  der  Vorstellung  zu  messen  von  jenem  lebendigen  Strome,  der  in
Macht  und  Fülle  durch  die  Zeiten  rauscht.  In  Wahrheit  ist  eben
Karikatur  schon  dort  verbrochen,  und  mein  Bild  ein  treues.  Man
sieht,  das  gleichzeitige  Walten  der  generalisierenden  und  isolierenden
Abstraktion  vereinfacht  nicht  schlechthin,  es  verzerrt;  statt  eines
Gedankenbildes  vom  Flechtwerk  ergibt  sich  gleich  ein  Jammerbild.
Und  es  steht  mit  einer  ganzen  Zahl  unserer  Erwägungen  in  bestem
Einklang,  wen n  es  hier  so  deutlich  erhellt,  daß  sich  diese  einseitige
Beschauung,  aus  dem  Gesichtspunkte  der  Not,  eben  nur  so  ermöglichen
läßt,  daß  man  den  Menschen,  sein  Schicksal  und  sein  Handeln  über
„Güter“  und  „Waren“,  über  Profitmachen  und  Feilschen  vergißt.
Aus  dem  Reiche  der  Tat  wird  Wochenmarktsgetriebe,  aus  der  Welt
d es  Handelns  eine  Welt  des  Handels,  und  somit  aus  „Aktionswissenschaft“
  so  etwas  wie  „AktionärWissenschaft“.  Das  muß  man  im  Auge
behalten,  um  zu  verstehen,  weshalb  die  Nachschöpfung  eines  schlichtesten ­
  Dorflebens  mehr  befriedigen  kann  als  diese  ganzen  „Systeme“.
Von  ihnen  könnte  man  sagen,  daß  sie  gleichsam  im  Diesseits  des
Wor tes  „Gut“  stehen  und  im  Walten  seiner  „transverbalen  Einflüsse“
au sgesponnen  sind.  Das  herrschende  Wort  suggeriert  uns  eben  alle
vereinfachende,  verzerrende  Art  der  Beschauung,  die  seiner  eigenen
Verwendbarkeit  unterliegt;  und  dies  umsomehr,  je  mehr  es  selber  in
        <pb n="355" />
        330

Die  Herrschaft  des  Wortes“,

den  Vordergrund  gerückt  wird.  Weil  das,  was  hier  unter  dem  Worte
„Gut“  gedacht  wird,  als  ein  „Bestand“  denkbar  ist,  im  Sinne  der
Erstarrung  des  Geschehens,  so  kann  das  ganze  erlebte  Geschehen,
wenn  es  hauptsächlich  über  dieses  Wort  herüber  übernommen  wird,
nur  mehr  eine  „Gütermechanik“  darstellen.  Welche  Gewaltakte  unseres
Denkens  hier  unterlaufen,  das  hat  ja  seine  Darlegung  gefunden.  Nun
ist  auch  die  löbliche  Mithilfe  des  Wortes  angedeutet  worden.  Selbst
das  Schlüsselwort  gibt  für  alle  die  Verkennung  nicht  den  Ausschlag;
aber  es  leistet  ihr,  mit  seinesgleichen,  den  breitesten  Vorschub.  Das
Wort  ist  der  Hehler  für  alle  Diebereien  an  der  Erkenntnis.
Man  glaube  nicht,  daß  den  Ausdrücken  „Volkswirtschaft“  und
„Gesellschaft“  an  und  für  sich  theoretische  Umformungen  entsprechen,
die  vom  Range  des  „Menschheitslebens“  sind;  nur  daß  einmal  die
Not,  das  andere  Mal  die  Macht  als  vereinfachender  Gesichtspunkt
hinzuträte.  Die  Dinge  liegen  anders.  Im  Vorbeigehen  zunächst  ein
Wort  zur  „Soziologie“:  Die  Wissenschaft,  die  es  scheinbar  mit  der
„Gesellschaft“  zu  tun  hat.  Eigentlich  wird  da  als  „Gesellschaft“  meist
das  Zuständliche  Gebilde  deutlicherer  Ausprägung  gemeint;  aber  mehr
von  der  Macht  her,  als  eine  „Gesellung“  begriffen,  oder  vielmehr  als
die  Unbegreiflichkeit  eines  „Organismus“  erfaßt.  Der  Allzusammenhang, ­
  der  nach  einer  theoretischen  Umformung  drängen  müßte,  kommt
dort  am  wenigsten  zu  seinem  Rechte,  wo  man  dem  Begreifen  des
Begreifbarsten  allerlei  Mystik  vorzieht.  Aber  denken  wir  dieser  Wissenschaft ­
  ruhig  die  theoretische  Umformung  „Gesellschaft“  zu,  so  wäre
ihr  trotzdem  nicht  viel  geholfen.  Es  ist  wahr,  sie  ist  eine  durchaus
verständliche  Reaktion  gegen  die  Sachlage,  daß  der  Gesichtspunkt  der
Macht  in  den  Händen  der  Jurisprudenz  geblieben  war.  Aber
wozu  diese  vereinfachenden  Gesichtspunkte,  nachdem  die  Welt  des
Handelns  ihre  schildernde  Wissenschaft  gefunden  hat  1  Soweit  also  die
„Soziologie“  ihre  Sonderheit  beanspruchen  will,  muß  gerade  diese
„hypermoderne“  Wissenschaft  als  eine  angesehen  werden,  die  von
vornherein  das  Nachsehen  hat,  überholt  war,  ehe  sie  recht  angefangen.
Aber  es  ist  schwer,  in  grundsätzlicher  Erwägung,  in  vollem  Ernste
also  von  einer  Wissenschaft  zu  sprechen,  die  ein  wahrer  Hexensabbath
für  alle  Spiel-  und  Abarten  menschlicher  Erkenntnis  ist.  Da  quirlt
zerfallende  und  unzerfällende  Erkenntnis,  „positivistischer“  Firlefanz,
„synthetische  Philosophie“  und  weiß  Gott  was  noch  zusammen,  und
ergibt  einen  Zwitter  von  Natur-  und  schildernder  Wissenschaft,  von
Mystik  durchsetzt;  einen  richtigen  Wechselbalg,  der  mit  diesem  Durcheinander ­
  von  rechts  und  links,  oben  und  unten  ganz  unbewußt  das
Böse  will,  unter  tüchtigsten  Händen  übrigens  viel  Gutes  schafft  I  Es
        <pb n="356" />
        Ausblicke,  XVI.

331

ist  ja  der  Segen  alles  Forschens,  daß  dabei  stets  was  herauskommt,
wie  einseitig  und  verbohrt  immer  man  das  Gegebene  aufsuchen,  dem
Erlebten  nachleben  will;  im  Gegensatz  zu  dem  Drechseln  bloßer
„Systeme“,  dem  Froschmäusekrieg  der  wortverhetzten  „Theorien  .
Eine  theoretische  Umformung,  die  an  das  Menschheitsleben
gemahnt,  steht  hinter  dem  Worte  „Gesellschaft“  eher  noch  dort,  wo
es  ausgesprochen  als  Schlüsselwort  den  übrigen:  „Recht“,  „Kunst  ,
„Sitte“  usf.,  gegenüber  gehalten  wird.  Ähnliches  gilt  auch  für  das
Wort  „Volkswirtschaft“.  Aber  es  gilt  da  und  dort  nur  in  höchst
bedingtem  Sinne;  mit  der  einzigen  Ausnahme,  sobald  der  nationalökonomische ­
  Forscher  das  Wort  „Volkswirtschaft“  in  den  Mund
nimmt;  und  dies  aus  noch  zu  erklärenden  Gründen.  Sonst  steht
hinter  diesen  Worten  selbst  in  den  Augenblicken  ihrer  Schlüsselgewalt
nur  der  Schatten,  die  Ahnung  theoretischer  Umformungen,  die  unserem
Denken  ja  nicht  in  den  Schoß  fallen.  Die  Verwendung  ist  gut
gemeint,  aber  der  Sinn  ist  zu  schwach.  Wird  nun  gar  schlechthin  vom
„Volkswirtschaftlichen“  gesprochen,  oder  wird  etwas  „volkswirtschaftlicher ­
  Bedeutung“  gewürdigt,  oder  vom  „volkswirtschaftlichen  Standpunkte“ ­
  geurteilt,  dann  liegt  die  Sache  erst  recht  anders.  Nur  vor
der  Grammatik  bezieht  sich  derlei  Wendung  auf  das  Wort  „Volkswirtschaft“, ­
  in  seinem  ernsten  theoretischen  Sinne.  Tatsächlich  liegt
dieser  Bezug  gar  nicht  vor.  Solche  Wendungen  münzen  es  geradeaus
auf  einen  Sachverhalt,  der  leicht  aufzudecken  ist.  Es  liegt  auch  dem
harmlosen  Denken  nahe,  auf  die  gewisse  „Kette“  zu  stoßen,  mit  der
sich  z.  B.  selbst  der  Kaffeepreis  von  Tripstril  an  die  Ernte  in  Ceylon
geschmiedet  sieht.  Ebenso  liegen  auch  die  gewissen  „Zweckreihen“
furchtbar  nahe,  die  z.  B.  Bergwerk,  Hüttenwerk,  Walzwerk,  Maschinenfabrik ­
  usw.,  im  Gänsemarsch  bedingenden  Zusammenhanges  erfaßbar
machen.  Schließlich  muß  es  aber  zur  Einsicht  kommen,  daß  es  neben
„Kette“  und  „Reihen“,  neben  „Konjunktur“,  „Produktions-Stammbaum“, ­
  „Arbeitsteilung“,  „Arbeitsvereinigung“,  und  solcher  Verknüpfungen ­
  mehr,  immer  noch  etwas  anderes  gibt.  Natürlich  ist  das
einfach  der  Allzusammenhang  des  Erlebten  —  im  nüchtern  erfahiungswissenschaftlichen,
  nicht  im  mystischen  Sinnei  —  der  sich  da  selbst
harmlosen  Gemütern  aufdrängt;  und  dies  wollen  jene  Wendungen
stammeln.  Vom  „volkswirtschaftlichen  Standpunkte“,  das  heißt
einfach,  mit  dem  Blick  auf  den  Allzusammenhang;  doch
nur  so  weit,  als  er  praktisch  wird.  Denn  auch  da  handelt  es  sich  mehr
um  alltägliche,  ungeklärte  Anschauungen,  die  bloß  die  rechte  Witterung
von  etwas  haben,  dessen  theoretische  Umformung  ihnen  gar  nicht  absehbar ­
  ist.  Gerade  in  dieser  ahnungsvollen  Unbegriffenheit,  wie  immer
        <pb n="357" />
        332

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

sie  definiert  sein  mögen,  treiben  sich  die  Worte  „Volkswirtschaft“  und
„volkswirtschaftlich“  schon  in  der  „Systematischen  Nationalökonomie“
herum,  und  so  wandern  sie  in  den  Alltag  hinaus,  der  ja  alle  rettenden
Worte  seiner  Wissenschaft  getreulich  übernimmt,  zum  Glück  auch
solche,  die  als  gesunde  Schlagworte  dienen  können.  Nebenaus  sei
erwähnt,  daß  sich  der  Ausdruck  „Weltwirtschaft“  mehr  nur  auf  jene
„Kette“  und  auf  jene  „Reihen“  bezieht;  in  ihm  spiegelt  sich  der
Gesichtskreis  des  „königlichen“  Kaufmannes.
Soweit  die  äußerlichen  Ansätze  für  jenen  Gedanken  der
„Volkswirtschaft“,  der  für  die  lebensvolle  Nationalökonomie  zur  Achse
geworden  ist.  Tieferen  Eindrucks  waren  auf  die  Dauer  wohl  die
Anregungen,  die  sich  mit  der  „staatsmännischen  Praxis“  ergeben
mußten.  Auch  dort,  wo  sich  die  Riesen  unter  den  Zuständlichen
Gebilden  ausgliederten,  war  Denken  dabei,  und  stets  um  einen  Schritt
voraus.  Das  war  in  nächster  Linie  Sorge  Jener,  die  als  Sachwalter  des
oberpersönlichen  Handelns  dieser  Gebilde  wirkten.  Diese  Sorge
vermochten  ihnen  später  Denker  von  Beruf  zu  erleichtern;  aber  sie
mußten  sich  auf  jeden  Fall  damit  abfinden.  Denn  jenes  „staatsmännische
  Handeln“  ist  besonders  noch  darin  ein  eigenes,  von  absonderlicher ­
  Determination  und  Verknotung  abgesehen,  daß  es  von
einem  Denken  spezifischer  Inhalte  getragen  wird:  ein  Denken  gleichsam
in  den  „höheren  Wirklichkeiten“  des  Reiches  der  Tat,  ein  Denken  in
Bausch  und  Bogen,  das  trotzdem  der  Gliederungen  nicht  übersehen
darf,  das  überall  durch  verwickelten  Zusammenhang  durchreißen  will,
ohne  die  Hauptadern  zu  verletzen.  Und  solchem  Denken  mußte  das
Handeln  selbst  zur  richtigen  Zeit  einen  Inhalt  aufdrängen,  der  in
der  Art  jener  theoretischen  Umformungen  gebildet  erscheint.  Vom
Boden  unseres  gestaltenden,  umformenden  Geistes  aus  gesprochen,  hat
nun  das  fortschreitende  Ausgliedern  dieser  Gebilde  dem  nachdrängenden ­
  Alltag  immer  neue  Bahnen  geebnet  nach  den  Engpässen  des  oberpersönlichen ­
  Handelns;  es  sind  da  auch  „Bahnungen“  geschaffen
worden  —  „Volksimpulse“.  Wo  nun  die  Spannung  der  Zusammenhänge ­
  eine  so  fühlbare  wurde  und  somit  das  massenhafte  Geschehen
aufdringlicher,  da  mußte  sich  das  Zuständliche  Gebilde  auch  in  Abstraktion ­
  von  juristischer  Erfassung  nahelegen.  Das  ergab
ein  Theorem,  das  sich  durch  den  Ausdruck  „Staatswirtschaft“
bezeichnen  ließe  —  etwas  anderes  als  die  „Finanzwirtschaft“,  die  ja  bloß
im  großen  ist,  in  der  entsprechenden  Abwandlung,  was  auch  d er
Alltag  im  kleinen  kennt.  Jener  Ausdruck  empfiehlt  sich,  weil  d* e
Umformung  hier  über  den  Inhalt  „Staat“  geht,  wie  ihn  juristisches
Denken  vorher  gestaltet  hat.  Die  „Staatswirtschaft“  wäre  dann  so  weit
        <pb n="358" />
        Ausblicke  XVI.

333

vorhanden,  als  man  über  das  Gebilde  im  Abrücken  vom  Juristischen
denkt;  was  ja  niemals  ein  Übersehen  des  „Rechtes“  in  sich  schließt.
Gerade  Inhalten  dieser  Art  zuliebe  muß  sich  der  „Staatsmann“  des
Juristen  entäußern;  er  steht  ja  als  Vorkämpfer  mitten  im  Geschehen,
und  thront  nicht  als  Richter  darüber.
Allein,  die  ganzen  Anreize  von  der  Art,  wie  sie  hier  vorbeigehuscht
S1 nd,  hätten  nicht  ausgereicht,  den  Gedanken  jener  echten  Umformung ­
  „Volkswirtschaft“  zu  schaffen,  wie  er  in  der  forschenden
Nationalökonomie  lebt.  Da  macht  sich  keineswegs  die  Ahnung  von
e twas,  das  die  anderen  Worte  nicht  mehr  übersprechen  lassen,  in  einem
neuen  Worte  Luft.  Da  weitet  sich  auch  kein  bloßer  Inhalt  lebendigen
Denkens  aus,  das  sich  den  Vorsprung  vor  dem  Geschehen  wahren  muß;
auch  dort  voraus  sein  muß,  wo  immer  mehr  und  auch  immer  dichter
geflochtene  Zusammenhänge  zu  schürzen  sind.  Da  ist  vielmehr  dem
Sollen  Bewußtsein  des  All  Zusammenhangs  Gestalt
Ver Hehen;  sei  es  abermals  in  einer  eigentümlichen  Berührung  mit
dem  Inhalt  „Staat“.  Als  „Volkswirtschaft“  ist  da  regelrecht  ein  Zuständliches
  Gebilde  gedacht;  vollgesogen  des  wahrhaften,  erlebten ­
  Geschehens,  in  sich  gegliedert,  und  nach  seinem  umgliedernden
Wandel  hingedehnt  über  den  Lauf  der  lebendigen  Zeit!  Ein  Gedanke,
der  sich  mit  der  „Systematik“  der  nationalökonomischen  Kindheit  noch
uicht  verträgt.  Diese  konnte  Gebilde  nicht  denken,  weil  ihr
geichsam  noch  die  dritte  Dimension  abging;  ihrem  theoretischen
enken  hatte  die  Tat  noch  nicht  den  Raum  geoffenbart.  Tat  ist  hier
orschung,  die  Erlebtem  nachlebt,  Forschung  in  Tatsachen;  und  der
^  aum  ist  hier  die  Welt  des  Handelns,  als  das  Eine  und  große  Gewebe,
... S  mit  der  „Gütermechanik“  einfach  nicht  vorhanden  war.  Dieses
Jämmerliche  Flechtwerk  ist  von  Haus  aus  in  der  Fläche  gewoben;
mcht  etwa  als  ein  „Querschnitt“  durch  jenes  Große  Gewebe,  im  Sinne
mer  erlebten  Gegenwart,  sondern  eben  als  eine  gedachte  Gegenwart,
f ltle  bloße  und  dauernde  Stockung  der  gedachten  Zeit,  im  Geiste  jener
ornierten  „Ewigkeit“  des  Alltags,  die  er  sich  bei  unbelehrter  Urwüchsigkeit ­
  beilegt.  Da  war  nun  buchstäblich  kein  Raum  für  ein
e  vorhanden,  das  so,  wie  es  gedacht  wird,  vor  unserem  Denken
dank  T  kör P erlic h  durch  die  Zeit  wächst.  Dieser  Ge-„
  i,  e  konn te  erst  dort  aufkeimen,  wo  die  schildernde  Wissenschaft
e J. am  frohen  Erwachen  war!
da  •  die  genia ' en  Seher  schildernder  Wissenschaft  vermochten
Tat^iik^ eS  zu  tun -  Ich  meine  die  Altmeister,  die  jene  größere
ihnen°  .. rackten ’  d * e  starre  Verknöcherung  durchbrochen  haben.  Von
gl  *  w °bl  &amp;gt;  daß  auch  sie  Anregung  empfingen,  durch  das  Auf ­
        <pb n="359" />
        334

.Die  Herrschaft  des  Wortes'

blühen  unzerfällender  Erkenntnis;  sie  waren  nichts  weniger  denn  vom
Alltage  geschoben.  Ihr  Ruhm  muß  vielmehr  ewiglich  dem  Alltage
entgehen,  der  überhaupt  mehr  dem  Flach-Logischen  nachhängt,
weil  er  mit  der  Ungeduld  des  Kindes  Alles  wissen,  Alles  „erklärt“
haben  will.  Jene  Bahnbrecher  haben  ja  dem  Alltag  ein  Konterfei
vorgehalten,  wie  er  es  nicht  willl  Durch  sie  sind  wir  im  entscheidenden ­
  Sinne  vom  Alltage  weg  und  in  die  Tiefe  verwiesen
worden.  Sie  haben  unseren  Blick  auf  jenes  tiefgründige  Ganze  gelenkt,
das  der  Alltag,  die  Oberfläche  davon,  nach  wie  vor  gebührend  oberflächlich ­
  übersieht.  Allein,  auch  sie  konnten  nur  den  Rahmen  liefern,
in  den  erst  die  Forschung,  in  schöpferischer  Tat,  den  Inhalt
hineinschuf;  eine  Forschung,  die  sich  hingebend  in  ihren  lebendigen
Stoff  versenkt,  und  sich  immer  mehr  des  Gedankens  seiner  All-Einheit
erfüllt,  im  wachsenden  Drange,  der  letzteren  nachzueifern.  So  erst
konnte  sich  das  Bewußtsein  von  jenem  Allzusammenhang  recht  erhellen,
den  der  geläuterte  theoretische  Geist  zur  „Volkswirtschaft“  gestaltet.
Und  hier  ist  nun  das  Denken  hoch  empor  gekommen  über  das  Wort;
dieses  so  genommen,  wie  es  sich  buchstabierend  denken  läßt:  „Volkswirtschaft“. ­
  Auch  darüber  noch  etwas.
Diese  Umformung  liegt  nicht  über  den  Inhalt  „Staat“  hinaus.  Sie
ist  in  ihrer  scheinbaren  Einseitigkeit  gerade  damit  erklärt,  daß  sie
gleichsam  vor  diesem  Inhalte  „Staat“  scheu  innehält,  und  nur  Anlehnung ­
  sucht  an  ihn.  Hier  verrät  sich  klipp  und  klar  unsere  Ehrfurcht ­
  vor  dem  juristischen  Denken,  das  ja  seine  schwere  Hand  sofort
auf  die  Erkenntnis  legt,  wo  immer  das  Gefüge  jener  Welt  in  Frage
kommt.  Denn  „Volkswirtschaft“,  das  ist  im  Grunde  nur
das  Zuständliche  Gebilde  „Staat“  selber;  jedoch  in  jener
Einseitigkeit  erfaßt,  die  man  sich  der  anderen,  der  juristisch  einseitigen
Auffassung  schuldig  glaubt.  Dies  als  kürzeste  Andeutung,  wie  für  jene
theoretische  Umformung  das  „Wirtschaftliche“  gar  nicht  den  Ausschlag
gibt.  Wie  könnte  es  auch  anders  sein,  bei  dem  vollblütigen  Geschöpfe
einer  Forschung,  die  über  die  generalisierende  und  isolierende  Abstraktion ­
  hinausgewachsen  istl  Man  würde  auch  den  Wortteil  „Wirtschaft“ ­
  viel  mehr  als  etwas  Zufälliges  empfinden,  aber  die  „Klassizität“
liegt  uns  noch  so  schwer  im  Magen.  Sie  hat  ja  allen  Fachausdrücken
ihr  Gepräge  verliehen,  und  so  besitzt  sie  einen  mächtigen  Bundesgenossen ­
  an  der  Schar  dieser  Wörtchen,  die  sich  so  klettenzäh  in  unser
Denken  verbeißen.  Trotzdem,  mit  ihrer  Wendung  gegen  die  „Volkswirtschaft“, ­
  die  sie  als  ihren  eigentlichen  Gegenstand  betrachtet,  hat
die  Nationalökonomie  hinausgefunden  durch  alle  Verkennung,  dem
Primären  ihrer  Sonderheit  zu.  Ihr  Blick  ist  mit  einer  nebensächlichen
        <pb n="360" />
        Ausblicke,  XVI.

335

Ablenkung  auf  das  Menschheitsleben  gerichtet.  Es  liegt  ja  offen
genug,  daß  die  so  verstandene  „Volkswirtschaft“  gegenüber  dem
Menschheitsleben  genau  so  das  Greifbarste,  für  die  Forschung
Praktische  ist,  wie  das  „staatliche“  Geschehen  für  den  Historiker.
Durch  ihr  Ausmünden  in  der  schildernden  Wissenschaft  ist  aber  die
Nationalökonomie  reif  geworden  und  auf  dem  besten  Wege,  auch  im
Werke  ebenbürtig  zu  sein  ihrer  ehrwürdigen  Schwester,  der  Historie.
Versteht  man  also  „Nationalökonomie“  als  „Volkswirtschaftslehre“,
dann  hinkt  dieser  Name  eigentlich  nur  soweit  dem  Benannten  nach,
als  man  über  der  Fülle  „klassischer“  Beklemmungen  zu  sehr  das  „Wirtschaftliche“ ­
  betont  fühlt.  Weil  dies  nun  unleugbar  immer  noch  gilt,
a m  meisten  aber  für  die  Gemeine  Meinung,  vor  der  ja  ein  solcher
Name  ernsteste  Bedeutung  hat,  so  könnte  man  an  mich  die  Frage
richten,  weshalb  ich  unentwegt  von  „Nationalökonomie“  spreche,  wenn
ich  doch  die  schildernde  Wissenschaft  meine  1  Das  beträfe
also  nur  mehr  Äußerliches;  ich  hätte  mehreres  zu  erwidern.  Erstens
stimmt  der  Name  nicht  so  schlecht,  wie  es  zunächst  scheinen  will.  Mit
der  Wissenschaft  ist  im  Grunde  noch  ihr  Name  besser  als  die  Gemeine
Meinung,  die  landläufige  Auffassung  von  beidem.  Ein  Sachfehler  liegt
also  gar  nicht  vor,  wenn  man  in  verständigem  Sinne  hinblickt;  und
Wan  tut  es  um  so  verständiger,  je  weniger  man  sich  um  Worte  quält,
weitens  warnt  vor  jeder  Neuerung  schon  die  Zähigkeit,  mit  der  sich
er  Formfehler  dieses  geläufigsten  Namens  behauptet  hat:  „National-°.
  onom ' e “&amp;gt;  statt  „Nationalökonomik“.  Der  erstere  Ausdruck  steckt
einmal  eingerammt  in  der  Gemeinen  Meinung  —  und  so  mag  es  ruhig
k  eiben.  Einer  Wissenschaft,  die  sich  selber  gefunden  hat,
ann  überhaupt  nichts  gleichgültiger  sein  als  ihr
ei gener  Name!

(Schluß  der  „Ausblicke“.)
        <pb n="361" />
        V '  GottI -°ttlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.

22

Die  Grenzen  der  Geschichte

1903
        <pb n="362" />
        V  orwort.

Der  Vortrag  „Über  die  Grenzen  der  Geschichte  ,  den  ich  am
»7.  April  d.  J.  in  der  VII.  Versammlung  deutscher  Historiker  zu  Heidelberg ­
  gehalten  habe,  erscheint  hier  in  ziemlich  erweiterter  Form.  Die
Abschnitte  I,  II  und  VI  sind  beinahe  unverändert  geblieben,  die  Abschnitte ­
  m,  IV  und  V  aber  waren  im  gesprochenen  Vortrage  nur  nach
ihren  Ergebnissen  enthalten,  nur  thesenhaft  Dank  ihrer  jetzigen  Form,
die  ja  der  ursprünglichen  entspricht,  dürfte  sich  manches  Mißverständnis
beheben,  das  in  der  Diskussion  des  Vortrages  auf  dem  Historikertage
aufgetaucht  ist;  namentlich  auch  auf  Seite  Lamprechts,  dem  in
der  Lebhaftigkeit,  mit  der  er  die  Diskussion  eröffnete,  überhaupt
manches  entschlüpfte,  was  er  aufrecht  zu  halten  selber  nicht  geneigt
sein  dürfte.

Vortrag  geht  diese  Schrift  vor  allem  durch
Uber  den  gesprochenen  V  JJ  der  Vortrag  nur
ihren  „Anhang“  hinaus.  Von  eingestreute  Bemerkungen  —
Andeutungen  bringen,  als  da  un  u m  Lamprechts  launigen
die  „Protuberanzen  des  tieferen  Idee^  ^  Gedanken  die  geschlossene
Ausdruck  zu  gebrauchen.  Nun  ^  ihnen  zusteht.  Wie  ich
und  abgerundete  Form  zurucker  -  gelber  her vor.  Aber
diesen  Anhang  aufgefaßt  wisse«l  wiU  Leistung,  eben  nur
wenn  er  auch  ausdrücklich  nicht  a  Wagnis  bleibt  er  doch,
als  eine  Art  Hintergrundmalerei  gemein  is  &amp;gt;  behandle;  man
Wenige,  durch  die  Art,  wie  ich  die  berteffende.  F^e»  ^  ^
wird  ja  nur  bei  Übelwollen  aus  dem  und  Nat ; 0 nalökonomen
Schrift  besonders  an  die  Kreise  der  is  u pdar f  als  wenn  ich  vor
wendet  und  so  einer  ganz  anderen  ^^Methodologen  zu  sprechen
Philosophen,  Erkenntnistheoretikern  un  daß  ich  Fragen
hätte.  Das  Wagnis  aber  ist  schon  da ” D  g Erl f enntnis  überhaupt  aufvon
  so  wuchtigem  Belang  für  unsere  g  ht  zu  wer den.  Reue
greife,  ohne  ihnen  sofort  auch  sachlh  ^  Verständnis  der  Sache
empfinde  ich  trotzdem  nicht  Zum  re  keinen
war  dieser  Anhang  nötig;  die  Diskussion  a ™ a  e  Freude&amp;gt;  da ß  ich
Zweifel  gelassen.  Es  ist  mir  nebenbei  eine
        <pb n="363" />
        340

„Die  Grenzen  der  Geschichte“,

in  den  hinzugetretenen  Ausführungen  auch  dem  Ideengange  der  bedeutungsvollen ­
  Worte  gerecht  werde,  mit  denen  Windelband  jene
Diskussion  zu  sachlichem  Abschluß  brachte.
Was  aber  den  Vortrag  selber  anlangt,  so  war  er  nach  seinem  Inhalt
gewiß  nicht  unangebracht.  Ich  bin  mir  bewußt,  daß  ich  mit  meiner
Stellungnahme  gegen  die  „naturwissenschaftliche  Weltanschauung“
zahlreichen  Historikern  und  Nationalökonomen  aus  der  Seele  spreche,
und  dem  nur  Worte  leihe,  was  sich  an  letztgründigem  Widerspruch
gegen  Strebungen  au  gesammelt  hat,  die  unseren  Disziplinen  fremdartig,
mit  ihrem  Wesen  unvereinbar  sind.  Auch  die  jüngst  erschienene
prächtige  Studie  E.  Meyers,  „Zur  Theorie  und  Methodik  der  Geschichte“, ­
  ist  mir  dafür  ein  wertvoller  Beleg.
Übrigens  habe  ich  noch  meinen  besonderen  Zweck  verfolgt.  Es
hängt  dies  mit  der  Entstehung  dieser  Arbeit  zusammen.  Ihr  Grundgedanke ­
  —  die  Irrelevanz  aller  (historisch-)geologischen  und  biogenetischen ­
  Erkenntnis  für  die  Geschichtswissenschaft,  der  grundsätzliche ­
  Abstand  beider  Erkenntnisarten,  der  bis  zur  völligen  Beziehungslosigkeit
  ihrer  Ergebnisse  geht  —  beschäftigte
mich  bei  meinen  methodologischen  Erwägungen  bereits  früher.  Ausdruck ­
  habe  ich  ihm  zuerst  in  meinen  Heidelberger  Vorlesungen  über
„Theoretische  Grundfragen  der  Nationalökonomie“  (Sommersemester
1901)  gegeben;  und  bald  darauf  hat  dieser  Gedanke  in  meiner  programmatischen ­
  Schrift  „Die  Herrschaft  des  Wortes“  (Jena,  Gustav  Fischer,
1901)  andeutungsweise  Aufnahme  gefunden.  Nur  erscheint  er  dort
(vgl.  S.  301  f.)  in  einer  Formulierung,  die  ich  später  gegen  eine  mir
zweckmäßiger  erscheinende  vertauscht  habe.
Das  Problem  hat  sich  mir  ursprünglich  so  gestellt,  ob  es  denn
wahr  sei,  daß  man  beim  Vordringen  in  eine  immer  fernere  Vergangenheit ­
  aus  der  Historie  oder  Nationalökonomie  schließlich  unversehens
in  die  Geologie  gelangt.  Diese  Frage  erhält  ihre  praktische  Bedeutung
durch  meine  Auffassung  der  Nationalökonomie,  als  einer  Schwesterwissenschaft ­
  der  Geschichte,  als  „Erfahrungswissenschaft  vom  Alltagsleben ­
  aller  Zeiten“,  wie  ich  es  schlagwörtlich  ausdrücke.  Muß  nun  für
den  Teil  der  überlieferungslosen  „Urzeit“  der  Nationalökonom  dem
Anthropologen,  dem  „Naturwissenschaftler“  den  Platz  räumen?  Für
den  „äußeren“  Forschungstrieb  gewiß;  wer  unter  Steinen  und  Versteinerungen ­
  stöbert  und  sichtet,  dem  müssen  naturgemäß  auch  Gräber
und  Kulturreste  aufstoßen.  Die  Deutung  der  Funde  aber  kann,
für  die  Dauer  wenigstens,  unmöglich  dem  mehr  naturwissenschaftlich
geschulten  und  auch  naturwissenschaftlich  denkenden  Anthropologe 11
überlassen  bleiben.  Nicht  aus  kleinlichem  Zunftneid  erhebt  der  National'
        <pb n="364" />
        Vorwort.

341

Ökonom  auf  diese  Erkenntnisgebiete  Anspruch;  er  bedarf  des  Einblickes ­
  auch  in  jene  fernliegenden  Zustände,  wenn  er  den  Werdegang
des  Alltagslebens  aufzurollen  sucht,  und  er  allein  ist  den  Aufgaben
dabei  auch  gewachsen.  Nur  er  besitzt  schon  fachlich  die  Schulung
dafür,  die  Zusammenhänge  des  täglichen  Lebens  zu  entwirren,  die
Komplexität  dieser  Vorkommnisse  zu  durchdringen,  nur  er  wird  dieser
Art  „Korrelation“  gerecht.
Und  nun  handelt  es  sich  einfach  darum,  ob  dieser  Anspruch,  den
die  Nationalökonomie  der  „historischen  Anthropologie“  gegenüber
erhebt,  nicht  auch  ein  prinzipiell  befugter  ist.  Auf  diese  Frage
antwortet  die  vorliegende  Arbeit  mit  einem  entschiedenen  Ja.  Darin
wurzelt  ihr  engerer  Zusammenhang  mit  der  nationalökonomischen
Methodologie.  Im  Texte  kommt  dies  natürlich  bloß  nebenher  zur
Geltung.  Für  mich  persönlich  aber  lag  darin  der  Antrieb  zu  dieser
Arbeit.

Freilich,  wenn  ein  solcher  Anspruch  auf  „Hausherrnrechte  im
Prinzipe  auch  feststeht,  er  ist  zunächst  doch  nur  ein  Erbe,  das  durch
positive  Forschungsleistungen  erst  erworben  sein  will.  Soweit  daraus
für  mich  selber  Verbindlichkeiten  erwachsen,  hoffe  ich  sie  späterhin
einzulösen.  Es  scheint  mir  außer  Zweifel,  daß  sich  aus  einer  entsprechenden ­
  Bearbeitung  jener  „urzeitlichen“  Gebiete  für  theoretische
Probleme  der  Nationalökonomie  sehr  viel  gewinnen  läßt.
Dorthin  also  geht  der  Weg  für  mich  noch  weiter.  Dagegen  ist
in  bezug  auf  die  großen  Fragen,  die  ich  da  aufzurühren  wage,  mein
iegitimes  Interesse  mit  dieser  Arbeit  schon  erschöpft.  Und  wie  es
der  Lehrberuf  einmal  mit  sich  bringt,  nimmt  uns  die  fachliche  Arbeit
vi el  zu  sehr  in  Beschlag,  um  nebenher  Aufgaben  zu  lösen,  die  allein
schon  ein  Menschenleben  überreichlich  ausfüllen  könnten.  Nicht  ohne
Wehmut  also  trenne  ich  mich  von  dieser  Schrift.  Ich  weiß  nur  zu
gut,  wie  fern  ihre  Ergebnisse  von  abschließender  Bedeutung  sind;  aber
es  ist  mir  nicht  gegönnt,  diese  Arbeit  als  eine  „vorläufige  Mitteilung“
Zu  bezeichnen.

deutsche  Technische  Hochschule  zu  Brünn,
Herbst  1903.
        <pb n="365" />
        I.

Mein  Thema  muß  ich  aus  verwandten  Fragen  erst  herausschälen.
Der  Ausdruck  „Grenzen  der  Geschichte“  läßt  eben  verschiedene ­
  Deutungen  zu,  die  nicht  bloß  im  Namen,  die  auch  in
der  Sache  Zusammenhängen.  Um  so  nötiger  erscheint  es,  sie  alle  zur
Sprache  zu  bringen,  obwohl  es  sich  nur  um  eine  aus  ihnen  handelt.
Ich  führe  sie  also  nacheinander  vor.
Wer  von  Grenzen  der  Geschichte  hört,  denkt  zuerst  wohl  an  eine
Scheidung  zwischen  dem,  was  die  historische  Wissenschaft  zu  leisten
vermag,  und  dem,  was  sie  anderen  Disziplinen  überlassen  muß.  Das
wären  also  die  Grenzen  des  Arbeitsfeldes  einer  Fachwissenschaft. ­
  Solche  Grenzen  zwischen  sich  und  den  Nachbarn  zu
ziehen,  gehört  zur  Selbsterkenntnis  einer  Disziplin.  Erwägungen  darüber
empfehlen  sich  besonders  dann,  wenn  die  ruhige  Pflege  einer  Wissenschaft ­
  aufgestört  wird  durch  den  Streit  über  ihren  Sinn  und  Beruf.
Die  Historie,  nebenbei  gesagt,  ist  ja  so  ziemlich  in  dieser  Lage.
Nur  scheint  sie  herzlich  wenig  der  Gefahr  ausgesetzt,  an  ihrer  eigenen
Art  irre  zu  werden.  Unter  den  Wissenschaften  ist  sie  von  so  altem
Adel,  wie  etwa  unter  den  Künsten  die  Bildhauerei.  Menschenschicksal,
Menschenschönheit,  das  scheinen  Vorwürfe,  die  das  geistige  Streben
recht  sicher  im  Geleise  halten.  Wenn  nun  gerade  der  Historie  immer
von  neuem  Reformen  gepredigt  werden,  so  mag  man  über  diese
Bestrebungen  im  einzelnen  noch  so  sympathisch  denken,  in  der  Hauptsache ­
  lernt  die  Historie  aus  diesen  Reformen  doch  nur,  wie  sie  es
nicht  machen  soll.  In  schlichtem  Weiter  wirken  findet  sie  stets  wieder
zu  sich  zurück.  Aber  soviel  ist  klar,  für  einen  theoretischen
Vortrag  —  und  zu  einem  solchen  bin  ich  ja  aufgefordert  worden  —
wäre  das  Thema  von  den  Grenzen  des  historischen  Arbeitsfeldes  recht
aktuell.  Und  mir  persönlich,  namentlich  was  die  Grenzen  zwischen
Historie  und  Nationalökonomie  anlangt,  läge  es  einigermaßen  nahe 1 ).
Aber  ich  greife  es  nicht  auf.  Als  Theoretiker  und  Methodologe  auf
nationalökonomischem  Gebiete  will  ich  vor  einem  Parterre  von

*)  Vgl.  „Herrschaft  des  Wortes“,  bes.  S.  268  u.  a.  a.  O.
        <pb n="366" />
        Abschnitt  I.  343

Geschichtsforschern  lieber  eine  Frage  behandeln,  die  unsere  Wissenschaften ­
  solidarisch  findet.
Die  Wendung  von  den  Grenzen  der  Geschichte  läßt  sich  auch
noch  anders  verstehen.  Unwillkürlich  denkt  man  an  den  Satz  Rankes,
daß  alle  Geschichte  erst  mit  dem  Schrifttum  beginnt.  Wie  ist  dies
wieder  gemeint?  Zweifellos  wird  dabei  an  die  festere  Form  gedacht,
die  von  da  ab  die  geschichtliche  Erinnerung  der  Völker  annimmt.
Im  tatsächlichen  Erfolg  aber  sind  damit  die  Grenzen  der  Geschichtsschreibung ­
  bestimmt,  und  zwar  ihrer  praktischen
Möglichkeit.  Bis  dorthin  zurück  kommt  die  Vergangenheit  buchstäblich ­
  selber  zum  Wort;  als  ihr  kluger  Dolmetsch  erscheint  die  Geschichtsschreibung ­
  möglich.  Darüber  hinaus  ist  die  Vergangenheit
stumm,  man  kann  gleichsam  nur  mehr  ihre  Gebärden  zu  deuten  suchen.
Ein  Unterschied,  der  tatsächlich  schwer  ins  Gewicht  fällt.
Auch  die  Grenzen  der  theoretischen  Möglichkeit
einer  Geschichtsschreibung  hat  man  wiederholt  zu  bestimmen
gesucht.  Wenn  Ottokar  Lorenz  den  Anfang  der  Geschichte  in
dem  „Auftreten  des  auf  den  Staat  wirkenden  Menschen“  ersehen
wollte,  Eduard  Meyer  einstmals  in  dem  „Hervorbrechen  der  Individualität ­
  als  eingreifender  Faktor  im  Leben  eines  Volkes“,  so  hat  dies
ungefähr  jene  Bedeutung.  Man  sucht  den  Punkt  zu  bestimmen,  über
den  hinaus  es  auf  keinen  Fall  mehr  möglich  wäre,  Geschichte  zu
schreiben;  wobei  für  jeden  einzelnen  dieser  Versuche  an  eine  Geschichtsschreibung ­
  eines  ganz  bestimmten  Geistes  zu  denken  ist,  jenes  nämlich,
der  sich  gerade  bei  dieser  Gelegenheit  klar  verrät.  Denn  es  hat  diese
Art  Grenzermittlung  den  versteckten  Sinn,  daß  sich  der  betreffende
Forscher  über  seine  allgemeinsten  Anschauungen  Rechenschaft  ablegt
Wer  in  solcher  Weise  nach  dem  Anfang  der  Geschichte  fragt,  umschreibt ­
  eben  nur  die  Frage,  was  Geschichte  ist  und  Geschichtsschreibung
will.  Für  die  Stellung,  die  der  ausübende  Historiker  zur  Theorie
nimmt,  ist  es  bezeichnend,  wenn  er  das  Wesen  der  Geschichte  gleich
im  Bilde  ihres  Anfanges  zu  erschauen  sucht.  Auch  erscheint  es  von
seinem  Standpunkt  aus  vollauf  gerechtfertigt,  wenn  er  dabei  als
Geschichte  nur  das  zu  bestimmen  sucht,  was  eine  Geschichtsschreibung
seines  Geistes  erst  möglich  macht.  In  diesem  dritten  Falle  ihrer
Deutung  besagen  also  die  Grenzen  der  Geschichte  eigentlich  nur  eine
theoretische  Hilfsvorstellung  der  ausübenden  Historie.
Drei  Deutungen  habe  ich  in  Kürze  vorgeführt.  Man  kann  erstens
die  Grenzen  des  historischen  Arbeitsfeldes  im  Sinne  haben,
zweitens  die  Grenzen  der  praktischen,  drittens  die  Grenzen  der
        <pb n="367" />
        nää/u

Mi'

*?*n

344  „Die  Grenzen  der  Geschichte“,
theoretischen  Möglichkeit  einer  Geschichtsschreibung.
Jeder  einzelnen  dieser  drei  Deutungen  entspricht  ein  selbständiges
Problem,  und  alle  drei  Probleme  sind  in  der  Literatur  zu  ihrem
Recht  gekommen.  Mein  Thema  aber  hat  mit  keinem  dieser  drei
Probleme  etwas  zu  tun,  die  ich  eben  nur  angeführt  habe,  um  sie
scharf  getrennt  zu  halten  von  jenem  vierten  Probleme,  dem  ich
mich  ausschließlich  zuwende.
Wie  sich  zeigen  soll,  hat  es  mit  diesem  vierten  Probleme  seine
ganz  eigene  Bewandtnis.  Nur  so  ist  es  möglich,  daß  gerade  dieses
Problem,  das  bedeutsamer  noch  als  die  übrigen  ist,  der  theoretischen
Erwägung  bisher  so  gut  wie  entgehen  konnte.  Und  dabei  liegt  es
zum  Greifen  nahe.  Man  braucht  die  Wendung  von  den  Grenzen  der
Geschichte  bloß  in  ihrem  wörtlichsten  und  strengsten  Sinn  zu  nehmen.
So  also,  daß  man  „Geschichte“  nicht  in  der  übertragenen  Bedeutung
als  Wissenschaft  von  der  Geschichte,  als  Historie  versteht,  sondern
als  das  historische  Geschehen  selber;  und  daß  man  bei  den
„Grenzen“  nur  an  dieses  Geschehen  denkt  und  nicht  jenen  Bezug  aul
die  Geschichtsschreibung  einschmuggelt,  von  dem  sich  der  ausübende
Historiker  so  schwer  lossagen  kann.  Die  Grenzen  der  Geschichte ­
  besagen  dann  also  so  viel  wie  die  realen  Ausläufe
des  historischen  Geschehens;  gemeint  im  Sinne  des  Blickes
aus  der  Gegenwart  in  die  Vergangenheit  zurück.  Es  handelt  sich  also
um  Erwägungen  von  der  Art:  Wo  hört  das  historische  Geschehen
endlich  auf,  wenn  es  der  Vorstellung  nach  in  die  Vergangenheit  verfolgt ­
  wird,  wie  verliert  es  sich  dort  in  etwas  anderes,  und  was  ist
dieses  andere?  Das  ist  im  rohen  schon  unser  ganzes  Problem.  Ich
will  es  nun  schärfer  entwickeln,  noch  als  Problem  selber,  und  eigentlich
gehe  ich  überhaupt  nicht  weiter.  Von  der  Lösung  spreche  ich  in  der
Folge  nur  soviel,  als  es  dem  Verständnisse  des  Problemes  frommt.
Mit  einem  Wort:  ich  exponiere  nur.
Es  ist  ein  zulässiger  Kunstgriff,  wenn  man  im  Angesichte  einer
Wissenschaft  alles,  was  ihren  praktischen  Betrieb  angeht,  als
etwas  Abgeleitetes,  schon  als  etwas  Bedungenes  ansieht.  Dazu
gehört  auch  die  Geschichtsschreibung,  im  weitesten  Umfang  dieser
Tätigkeit.  Als  das  Primäre,  Bedingende  dazu  erscheint  dann  bei
einer  Erfahrungswissenschaft  der  Stoff  ihrer  Erfahrung:  ich
wähle  diesen  und  vermeide  den  üblicheren  Ausdruck  des  „Gegenstandes“ ­
  einer  Wissenschaft,  weil  die  letztere  Bezeichnung  doppelzüngig ­
  ist  und  ebensowohl  den  Erfahrungsstoff  bedeuten  kann,  als  auch
die  Aufgaben,  die  ihm  gegenüber  zu  lösen  sind.
        <pb n="368" />
        Abschnitt  1.

345

Was  ist  nun  für  die  Historie  dieser  Erfahrungsstoff,  das  also,
was  uns  ihr  gegenüber  als  das  Primäre  erscheinen  darf?  Der  Forscher,
daran  ist  nicht  zu  zweifeln,  hat  es  in  aller  Regel  nur  mit  der  Überlieferung ­
  zu  tun,  mit  irgendeiner  Form  der  Erinnerung  an  das
einstmals  Geschehene.  Aber  dieses  Ganze  der  „Quellen“,  der  aufgefundenen ­
  und  noch  aufzufindenden,  gehört,  in  der  Eigenschaft  des
„Materiales“  für  die  Geschichtsschreibung,  schon  zum  praktischen  Betrieb
der  Wissenschaft.  Jenes  Primäre  wird  erst  jenseits  der  Überlieferung
zu  suchen  sein.  Es  bedarf  nun  keiner  langen  Erörterung,  daß  dieses
Primäre,  demgegenüber  die  Überlieferung  nur  mehr  eine  Art  stellvertretende ­
  Wirklichkeit  besagt,  ein  Geschehen  sei;  jenes  Geschehen
offenbar,  das  unser  Deutsch  mit  dem  Ausdrucke  „Geschichte  so
hübsch  und  bedeutungsvoll  in  eins  zu  fassen  weiß  1 ).
Wer  nun  nach  den  Grenzen  der  Geschichte  fragen  will  und  als
Geschichte  den  Erfahrungsstoff  der  Historie  im  Auge  hält,  für  den
muß  jenes  Geschehen  ein  ganz  besonderes,  etwas  Spezifisches
sein  5  so  zwar,  daß  es  sich  mit  keinem  anderen  Geschehen  verwechseln
läßt,  mit  keinem  anderen  sich  vermischt.  Sonst  hätte  es  ja  gar  keinen
Sinn,  nach  den  Grenzen  dieses  Geschehens,  nach  seinen  realen
Ausläufen  zu  fragen.  Also  erscheint  die  spezifische  Natur  des
Geschehens,  das  man  unter  Geschichte  versteht,  als
die  notwendige  Voraussetzung  unseres  Problems.
Wie  es  scheint,  handelt  es  sich  einfach  um  den  Anfang  des
Geschehens,  das  uns  als  Geschichte  spezifisch  wäre.  Allein,  hier  ist
sofort  ein  Einspruch  am  Platz.  Wer  solche  Fragen  der  äußersten
Neugier  aufwirft,  darf  sich  nicht  auf  die  Erwägung  beschränken,  ob  er
die  oder  jene  Antwort  auch  zu  verantworten  weiß:  er  muß  schon  für
die  Frage  gutstehen.  Und  wirklich  entpuppt  es  sich  als  eine  Voreiligkeit, ­
  statt  nach  den  Grenzen  gleich  nach  dem  Anfang  der  Geschichte
zu  fragen.
Was  könnte  dieser  Anfang  sein?  Der  Anfang  alles  und  jeglichen
*)  Nach  der  Ausdrucksweise,  die  ich  in  den  bezüglichen  Ausführungen  a.  a.  O.
befolgt  habe,  müßte  ich  den  Erfahrungsstoff  der  Historie  als  die  „Welt  des  Handelns“,
„Welt  der  Erlebungen“  bezeichnen,  während  der  Ausdruck  „Geschichte“  einem  engeren
Sinne  Vorbehalten  bliebe.  Hier  im  Vortrage  verbietet  sich  diese,  an  sich  gewissenhaftere
Terminologie,  da  ihre  Rechtfertigung  zu  weit  führen  würde.  Auch  schädigt  es  die  hier
behandelte  Sache  nicht,  wenn  ich  in  der  Anlehnung  an  die  landläufige  Ausdrucksweise
Unterscheidungen  übergehe,  die  erst  dort  von  Bedeutung  wären,  wo  es  sich  um  die
Grenzen  zwischen  Nationalökonomie  und  Historie  handelt.  Hier  aber  gilt  es  eine  gemeinsame ­
  Angelegenheit  beider,  als  Wissenschaften  vom  handelnden  Menschen,  als
„Aktionswissenschaften“.
        <pb n="369" />
        346

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

Geschehens  sicher  nicht;  das  widerspräche  ja  unserer  Voraussetzung.
Also  kann  es  sich  nur  um  einen  Wendepunkt,  sagen  wir  um  einen
Übergang  im  Geschehen  handeln;  sei  es  nun  im  Sinne  einer
Abwandlung  von  einer  Art  des  Geschehens  zu  einer  anderen,  oder  im
Sinne  einer  Abschnürung,  oder  wie  immer.  Jedenfalls  läge  der  Anfang
der  Geschichte  dort,  wo  wir  auf  ein  Geschehen,  das  uns  etwas  spezifisch
anderes  als  Geschichte  ist,  die  letztere  auffolgen  sehen.  Nun  ist  aber
der  Fall  möglich,  daß  wir  von  diesem  Übergang  im  Geschehen  wohl
in  abstracto  sprechen  könnten,  genauer  gesagt,  von  dem  hierzu  nötigen
Zweierlei  des  Geschehens;  der  Übergang  selber  jedoch  wäre  für  uns
nicht  widerspruchslos,  also  nicht  gültig  denkbar.  Vielleicht  erscheint
diese  Besorgnis  zu  weit  hergeholt;  immerhin,  warum  sollten  wir  das
Problem  von  vornherein  so  enge  fassen,  daß  seine  Lösung  gegebenenfalls
daran  ersticken  könnte?  Es  verbietet  sich  also  bei  Strafe  eines  bedenklichen ­
  Vorurteils,  geradeaus  nach  dem  Anfang  der  Geschichte
zu  fragen.  Die  Frage  nach  den  Grenzen  der  Geschichte  bleibt  dagegen ­
  aufrecht,  weil  sie  selbst  in  jenem  schlimmsten  Falle  kein  Präjudiz
schafft.  Gesetzt,  wir  könnten  jenen  Übergang  im  Geschehen  wirklich
nur  so  erfassen,  daß  unser  Denken  dabei  seiner  Gültigkeit  verlustig
ginge,  einem  Selbstbetrug  verfiele:  was  würde  dies  besagen?  Daß  die
Geschichte  keinen  Anfang  habe?  Das  wäre  ein  ebenso  ungeschickter
wie  trügerischer  Ausdruck  des  wahren  Sachverhaltes,  der  dann  einfach
so  läge,  daß  die  Grenzen  der  Geschichte  zugleich  Grenzen  unserer
Erkenntnis  wären  1
Jenes  vierte  Problem  von  den  Grenzen  der  Geschichte,  das  zu
meinem  Thema  wird,  läßt  sich  also  nur  dann  aufwerfen,  wenn  uns  als
Geschichte  ein  Geschehen  spezifisch  ist.  Und  nur  dann  ist  dieses
Problem  im  positiven  Sinne  lösbar,  wenn  zwischen  dem  „historischen“
und  einem  spezifisch  anderen  Geschehen  ein  Übergang  vermittelt,  der
in  seinem  Ablaufe  für  uns  etwas  widerspruchslos  Denkbares  ist.  Damit
wäre  die  Untersuchung  orientiert,  und  unter  normalen  Verhältnissen
hätte  ich  nun  mit  der  Prüfung  jener  Voraussetzung  zu  beginnen.  Die
Dinge  liegen  aber  anders.  Vorderhand  scheinen  alle  kritischen  Bedenken, ­
  ob  das  Problem  sich  aufwerfen  und  ob  es  sich  positiv  lösen
läßt,  gegenstandslos  zu  sein.  Denn  allem  Anschein  nach
rennt  das  Problem  offene  Türen  ein!  Sollte  denn  wirklich
auch  nur  der  mindeste  Zweifel  bestehen,  wie  jene  Frage  nach  den
Grenzen  der  Geschichte  zu  beantworten  wäre?  Es  scheint  doch  vielmehr, ­
  daß  sich  die  Antwort  in  aller  Einfalt  geben  läßt,  durch  eine
        <pb n="370" />
        Abschnitt  I.  347
schlichte  Besinnung  auf  Dinge,  die  uns  mehr  oder  minder  selbstverständlich ­
  sind.  Machen  wir  uns  dies  einmal  klar.
Für  den  ausübenden  Historiker  sind  Geschichte  und  Volk
untrennbar;  er  steht  eben  unter  dem  Eindrücke  der  Bedingungen,  an
die  seine  Tätigkeit  als  Geschichtsschreiber  gebunden  ist.  Für  den  allgemeinen ­
  Standpunkt  aber  gilt  dies  nicht.  Da  wird  schlechthin  an
das  Geschehen  gedacht,  soweit  es  Menschen  als  Tat  und  Schicksal
erleben.  Man  kann  behaupten,  je  unbefangener,  je  harmloser  wir  von
Geschichte  sprechen  —  ohne  die  Wissenschaft  zu  meinen,  die  Historie  —
desto  weniger  kann  ein  Mißverständnis  darüber  aufkommen,  was  wir
unter  diesem  Worte  meinen:  das  Ganze  der  Menschenschicksale!
Während  es  nur  unter  dem  Vorbehalt  näherer  Erklärung  gilt,  daß
Geschichte  und  Volk  zueinander  gehören,  so  gilt  es  ohne  weiteres  und
unbedingt,  daß  Geschichte  und  Mensch  zueinander  gehören.
Das  soll  natürlich  keine  These  sein,  ebensowenig  wie  ich  dort  eine
Definition  der  Geschichte  gegeben  hätte.  Ich  gehe  hier  nur  jener
allgemeinen  Ansicht  auf  die  Spur,  die  zwar  nirgends  ausgesprochen ­
  wird,  aber  desto  inniger  mit  allen  unseren  Anschauungen
verwachsen  ist.
Zur  Geschichte  gehört  darnach  also  der  Mensch;  mit  ihm  steht
und  fällt  sie,  daher  beginnt  und  endet  sie  auch  mit  ihm;  zum  mindesten
in  allerletzter  Linie,  und  somit  im  ausschlaggebenden  Sinne.  Die
Grenzen  der  Geschichte,  im  Geiste  jenes  vierten  Problemes,  wären  also
klipp  und  klar  die  Grenzen  des  Menschentumes:  dort  läge  der
Anfang  der  Geschichte,  wo  das  Menschentum  anhebt.  Eine  Divergenz
bestände  innerhalb  dieser  allgemeinen  Ansicht  nur  darüber,  ob  man
sich  dieses  Anheben  als  einen  Schöpfungsakt  denken  soll,  oder  als  eine
Phase  in  der  gattungsmäßigen  Entwicklung  der  Lebewesen.  Für  uns
hier  ordnet  sich  dieser  Zwiespalt  auf  das  einfachste.  Die  Natur  der
einen  Ansicht  bringt  es  mit  sich,  daß  sie  vor  keiner  Erkenntniskritik
verantwortlich  erscheint.  Also  bleibt  für  uns  nur  die  andere  Ansicht
relevant:  die  Lösung  unseres  Problemes  vom  Standpunkte
der  sogenannten  naturwissenschaftlichen  Weltanschauung. ­
  Das  ist  es,  demgegenüber  eine  Auseinandersetzung  not  tut,  sobald ­
  jenes  vierte  Problem  zum  Thema  wird.
Soweit  hier  eine  Lösung  unseres  Problems  vorliegt,  ist  sie,  prinzipiell ­
  genommen,  fast  wider  Willen  und  Wissen  erfolgt.  Nicht  das
Problem  hat  die  Lösung  herbeigerufen;  das  Lösende  hat  sich  vielmehr
ganz  von  selber  eingestellt,  im  Gefolge  der  ganzen  wissenschaftlichen
Entwicklung.  Ein  Umstand,  der  in  gleich  hohem  Grade  zur  Kritik
herausfordert,  wie  er  die  Kritik  auch  erschwert.  Es  empfiehlt  sich  jeder-
        <pb n="371" />
        348

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

zeit,  einer  solchen  Lösung,  die  sich  förmlich  nur  eingeschlichen  hat,
ich  möchte  sagen,  einer  solchen  Lösung  aus  Versehen,  ein  wenig  auf
den  Zahn  zu  fühlen.  Ihre  Kritik  ist  aber  sehr  prekär,  weil  gerade  eine
Lösung  solcher  Art  organisch  aufgewachsen  erscheint,  weil  sie  ihrer
Entstehung  nach  auf  einer  breiten  Grundlage  von  Anschauungen  ruht,
die  vorher  schon  über  alle  Kritik  hinaus  scheinen.  Dadurch  gewinnt
die  Lösung  für  uns  den  Anschein  des  blindlings  Selbstverständlichen. ­
  Und  wie  sie  da  war,  ohne  auf  das  Problem  zu  warten,
so  läßt  sie  dieses  nun  gar  nicht  aufkommen;  sie  erdrückt  es
gleichsam.  Dies  der  Grund,  weshalb  jenes  vierte  Problem  von  den
Grenzen  der  Geschichte  für  das  wissenschaftliche  Erkenntnisstreben
eigentlich  gar  nicht  als  vorhanden  gilt.  Wenn  ich  nun  Kritik  übe
an  dieser  Lösung,  so  geschieht  es  nicht  bloß  deshalb,  um  dem  Problem
zu  seinem  Recht  zu  verhelfen.  Es  stellt  der  Zweifel  an  der
Gültigkeit  jener  Lösung  eine  häusliche  Sorge  der
Historie  und  ihrer  Geistesverwandten  dar,  brennender
und  bedeutungsvoller,  als  es  auf  den  ersten  Blick  erscheinen ­
  mag.  Das  will  ich  noch  am  Schlüsse  erörtern,  als  Moral
der  ganzen  Darlegung.
Sehen  wir  uns  jene  aufdringliche  Lösung  unseres  Problems  etwas
näher  an.  In  ihr  lebt  ein  Gedankengang,  wie  er  überzeugender  kaum
gedacht  werden  kann.  Die  Geschichte,  heißt  es  da  ungefähr,  ist  ein
Schauspiel,  dessen  Inhalt  die  Menschenschicksale  sind.  Zum  Schauspiel
gehört  notwendig  der  Schauplatz  und  gehören  notwendig  die  Akteure.
Also  ist  die  Erdgeschichte  und  dann  die  Entwicklungsgeschichte  des
Menschen  das  notwendige  Vorspiel  der  Geschichte,  und  diese  beginnt
dort,  wo  jenes  Vorspiel  endet:  also  beim  Anheben  des  Menschentumes.
Eine  Argumentation,  die  ohne  Zweifel  ungeheuer  plausibel  klingt,  weil
sich  ihre  Schwächen  gerade  bei  dieser  naiven  Form  ihres  Ausdruckes
am  besten  verhüllen.  Um  ihr  beizukommen,  muß  man  auf  die  wissenschaftlichen ­
  Anschauungen  zurückgehen,  von  deren  breitem  Rücken
diese  Lösung  emporgetragen  wird.
Im  Geiste  der  Anschauungen,  denen  diese  Lösung  entsteigt,  liegen
die  Dinge  ungefähr  so.  Jenes  der  Historie  gegenüber  primäre  Geschehen, ­
  das  wir  als  Geschichte  schlechthin  bezeichnen,  ist  darin  und
kann  nur  darin  etwas  Spezifisches  sein,  daß  es  an  den  Menschen  anknüpft; ­
  denn  es  ist  in  jenem  Geiste  nur  ein  Ausschnitt  aus  dem  Gesamtgeschehen. ­
  Soweit  es  der  historischen  Forschung  übersehbar  ist,
füllt  es  eine  Anzahl  Jahrtausende  aus,  gleichgültig,  ob  nun  zwei,  oder
fünf,  oder  fünfzehn;  daher  spreche  ich  in  der  Folge  von  dem  Ge ­
        <pb n="372" />
        Abschnitt  I.

349

schehen  der  historischen  Jahrtausende.  Auch  weiter  zurück
hört  das  Geschehen  noch  nicht  auf,  in  jenem  naivsten,  aber  eindeutigsten ­
  Sinne  als  Geschichte  spezifisch  zu  sein.  Wir  sprechen  dann
zwar  von  der  „prähistorischen“  Zeit,  von  der  „Vorgeschichte“,  oder
„Urgeschichte“,  und  statten  sie  mit  Hunderttausenden  von  Jahren  aus.
Aber  dieser  Namenswechsel  erfolgt,  um  es  kurz  zu  sagen,  bloß  im
Rankeschen  Geiste:  man  respektiert  hier  die  Grenzen  der  praktischen
Möglichkeit  einer  Geschichtsschreibung.  Das  Geschehen  bleibt  vorläufig ­
  noch  dem  Menschen  verknüpft  und  ändert  seine  spezifische ­
  Natur  erst  dort,  wo  man  die  Ursprünge  des
Menschengeschlechts  hinverlegt.  Je  nach  dem  Stande  der
Forschung  mag  dies  nun  im  älteren  Diluvium,  oder  im  Tertiär,  oder
wo  immer  sein,  dort  lägen  dann  die  Grenzen  der  Geschichte. ­
  Dort  hätte  das  Geschehen  den  entscheidenden  Wendepunkt ­
  passiert.  Herwärts  jener  Phase  in  der  gattungsmäßigen  Entwicklung ­
  der  Lebewesen  wäre  uns  ein  Geschehen  als  Geschichte  erfaßbar ­
  geworden;  selbst  vom  Standpunkte  des  ausübenden  Historikers
aus  wäre  von  da  ab  Geschichte  wenigstens  möglich  geworden.
Jenseits  jener  Phase  aber  vermischt  sich  dieses  Geschehen  dem  mütterlichen ­
  Strome  des  Gesamtgeschehens,  von  dem  es  ja  überhaupt  nur
ein  abzweigendes  Äderchen  vorstellt;  sagen  wir,  es  verliert  sich  von
da  ab  in  dem  Geschehen  der  geologischen  Jahrmillionen.
Auf  den  ersten  Blick  scheint  es  allerdings  um  die  Aussichten  der
Kritik  schlecht  bestellt.  Handelt  es  sich  doch  um  lauter  Dinge,  die
uns  allmählich  zu  Gemeinplätzen  der  Erkenntnis  geworden  sind.  Es
gilt  dies  im  einzelnen,  wie  fürs  Ganze.  Daß  nur  ein  einziges  Kontinuum
des  Geschehens  die  Welt  erfüllt,  der  einen  Zeit  entlang,  das  wird  ja
als  eine  unerschütterliche  Grundlage  unseres  ganzen  modernen  Denkens
angesehen.  Aber  gerade  auf  dieser  Grundlage  scheint  auch  jene
Lösung  unseres  Problems  zu  ruhen;  wo  soll  also  der  Zweifel  da
hinaus  1  Die  Sache  scheint  ja,  ein  für  allemal,  glatt  und  aufs  beste
erledigt!  Nun,  ich  kann  mir  nicht  helfen,  ich  finde  eben  doch  ein
Haar  darin.
Prüfen  wir  einmal  das  Verhältnis,  das  hier  zwischen  Geschehen
und  Erkenntnis  des  Geschehens  besteht.  Auf  der  einen  Seite
also  das  System  alles  realen  Geschehens,  wie  es  im  Geiste  der  naturwissenschaftlichen ­
  Weltanschauung  vorliegt;  auf  der  anderen  Seite  das
System  unserer  Erkenntnis,  zu  dem  sich  die  verschiedenen  Disziplinen
zusammenschließen.  Es  wäre  also  der  große  und  einheitliche  Verlauf
des  gesamten  Geschehens  da:  Das  Geschehen  der  historischen  Jahrtausende ­
  bildet  mit  dem  Geschehen  der  geologischen  Jahrmillionen  eine
        <pb n="373" />
        35°

p Die  Grenzen  der  Geschichte“,

stetige  Folge,  ein  Kontinuum,  und  zwar  im  Sinne  einer  Abzweigung
des  ersteren  aus  dem  letzteren,  über  das  Mittelglied  einer  Urzeit  hinüber.
Diesem  Kontinuum  des  Geschehens  stünde  dann  ein  Kontinuum ­
  der  Erkenntnis  gegenüber.  Alle  Wissenschaft,  die  dem
Geschehen  in  die  Zeit  nachgeht,  den  Blick  auf  die  Vergangenheit  gerichtet, ­
  wäre  im  Grunde  nur  die  eine  und  selbe.  Zwar  hat  es  der
hier  mit  Steinen,  der  andere  mit  Lebewesen,  ein  dritter  mit  Menschenschicksalen ­
  zu  tun.  Im  Grundsätze  aber  würden  sich  die  einzelnen
Disziplinen  gleichsam  nur  nach  der  verschiedenen  Position
zum  Gesamt  geschehen  voneinander  sondern.  Der  Historiker  durchforscht ­
  an  der  Hand  seiner  Quellen  die  nähere  Vergangenheit.  Der
Prähistoriker  spürt  dem  Menschentume  bis  in  jenes  Dunkel  der  Zeiten
nach,  aus  dem  keinerlei  Überlieferung,  nur  mehr  kärgliche  Reste  auf
uns  gekommen  sind.  Und  sie  beide  überholt  der  Blick  des  Geologen,
der  über  die  Jahrmillionen  hin  der  Erdgeschichte  schweift.  So  löst  der
eine  den  anderen  in  der  Erfüllung  der  wesensgleichen  Aufgabe  ab,
der  Vorstellung  gemäß,  daß  dort,  wo  die  Geschichte  verstummt,  erst
noch  die  Steine  zu  reden  beginnen.  Historie,  Prähistorie,  historische
Geologie,  und  dazu  die  Entwicklungsgeschichte  der  Tiere  und  Pflanzen,
sie  alle  wären  danach  Schwestern  im  Geiste,  „historische“  Wissenschaft
im  weitesten  Sinne  des  Wortes.  Das  will  sagen,  es  müßte  dieser
ganze  Disziplinenkomplex  von  innerer  Einheit  und  Geschlossenheit ­
  sein,  in  Grund  und  Wesen  homogen.  Und  dies
als  eine  zwingende  Folgerung  aus  jenen  Anschauungen,  weil  man  eben
dem  Kontinuum  des  Geschehens  folgerichtig  das  Kontinuum  der  Erkenntnis ­
  beidenken  muß.
Hier  bietet  sich  nun  die  Möglichkeit,  die  Prämissen  auf  ihre  Gültigkeit ­
  zu  prüfen,  indem  man  an  ihrer  zwingenden  Folgerung  Kritik  übt.
Ich  will  an  dem  Verhältnisse  der  Historie  zur  historischen ­
  Geologie  zeigen,  daß  eben  doch  ein  tiefer  und
scharfer  Riß  durch  jene  Gruppe  der  „historischen“  Disziplinen ­
  geht,  von  durchaus  grundsätzlicher  Bedeutung.
In  diesem  Sinne  suche  ich  jener  Lösung  unseres  Problemes,  die  so
selbstverständlich,  so  unangreifbar  scheint,  durch  Erkenntniskritik
beizukommen.  Um  aber  nicht  gar  zu  abstrakt  zu  bleiben,  führe  ich
diese  Kernthese  meiner  Ausführungen  an  einer  Art  Schulbeispiel  durch.
        <pb n="374" />
        Abschnitt  II.

351

II.
Dort  draußen,  am  Saume  des  Odenwaldes,  im  schönen  Gelände
der  Bergstraße,  findet  sich  ein  Plätzchen,  das  ein  ganz  seltsamer  Anreiz
sein  kann,  über  Fragen  von  der  Art  der  jetzigen  zu  grübeln.  Dort
treten  sie  uns  greifbar  und  lebendig  entgegen;  wenn  auch  nicht  in
Fleisch  und  Blut,  so  doch  in  Stein  und  Moos.  Man  steigt  einen  sanften
Abhang  hinab,  und  der  Wald,  der  hier  jeden  Ausblick  verwehrt,  hält
zwei  Überraschungen  bereit  Eine  Lichtung,  die  sich  plötzlich  gegen
das  Tal  hin  öffnet,  ist  erfüllt  von  einem  dichten  Gedränge  mächtiger
Steinblöcke;  so  wirr  durcheinander  geschoben,  als  ob  da  eine  grauenhafte ­
  Bewegung,  ein  Schieben,  Pressen,  Auftürmen  und  Überstürzen,
urplötzlich  erstarrt  wäre.  Wenige  Schritte  seitab  von  diesem  „Felsenmeer“, ­
  wie  man  es  hier  nennt,  tragen  gewaltige  Blöcke  des  frei  aufliegenden ­
  Felsens  die  klaren,  aber  auch  schon  altersgrauen  Spuren
einer  Bearbeitung  durch  Menschenhand.  Es  sind  der  vollen  Breite
nach  Stufen  abgesprengt.  Aber  auch  hier,  mitten  in  dieser  Arbeit,
scheint  ein  plötzlicher  Stillstand  erfolgt  zu  sein,  so  daß  man  sie  in  allen
Stadien  vertreten  sieht:  Das  Ebnen  und  Glätten  der  Fläche,  das  Ziehen
der  Sprengritze,  das  Eintreiben  der  Löcher  für  die  Brecheisen,  das
Nachteufen  der  Bruchspalte,  bis  zur  gelungenen  Absprengung  der
Stufen,  von  denen  die  Ausmaße  annehmen  lassen,  daß  sie  für  Säulen
bestimmt  waren.  Ganz  in  der  Nähe  liegt  auch  ein  hünenhafter  Säulenschaft, ­
  tief  eingesunken  in  den  Untergrund,  die  vielberühmte  Riesensäule ­
  im  Auerbacher  Forst.
Wie  das  Felsenmeer  dort,  so  ist  auch  diese  Arbeitsstätte  ein  Ding,
das  aus  der  Zeit  verstanden  sein  will.  Da  wie  dort  ist  gleichsam  Geschehen ­
  erstarrt,  und  so  tritt  uns  in  Formen  des  nämlichen  Gesteins
zweifach  die  Frage  nach  dem  Einst  entgegen:  was  hat  jene  Klötze
dort  wirr  durcheinander  geworfen,  und  wessen  Hand  hat  hier  gewaltet  ?
Diese  Doppelfrage  macht  den  lauschigen  Winkel  an  der  Bergstraße
zu  einem  Stelldichein  mit  der  Vergangenheit,  recht  wie  wir  es  als
Schulbeispiel  brauchen.
Wir  nehmen  nun  an,  ein  Lokalhistoriker  belehrt  uns,  daß  jener
Steinbruch  aus  der  Römerzeit  stammt.  Ein  ortskundiger  Geologe  aber
klärt  uns  darüber  auf,  daß  jene  Klötze  niemals  durcheinander  geworfen
wurden;  vielmehr  sei  früher  eine  Schicht  zerklüfteten  Granites  dagewesen, ­
  und  den  hätte  das  atmosphärische  Wasser  so  lange  durchnagt ­
  und  nach  Teilstücken  abgerundet,  bis  das  Trugbild  dieses  gigan ­
        <pb n="375" />
        352

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

tischen  Melees  fertig  war.  Die  wissenschaftliche  Gültigkeit  dieser
Aufschlüsse  sei  schlechthin  unsere  Annahme.
So  wird  dahin  wie  dorthin  die  Vergangenheit  lebendig  5  das  in
Formen  des  Gesteins  erstarrte  Geschehen  wacht  vor  uns  auf.  Hier  als
das  emsige  Tun  römischer  Werkleute,  dort  zwar  nicht  als  ein  Kampf
der  Felsen,  wohl  aber  als  das  Nagen  und  Wühlen  des  niedersickernden
Wassers.  Vom  Boden  der  landläufigen  Anschauungen  aus  ist  das  eine
schlechthin  ein  Naturgeschehen,  das  andere  ein  dem  Menschen  verknüpftes, ­
  und  in  diesem  Sinne  wäre  das  letztere  also  ein  Endchen
Geschichte.
Wie  es  nun  scheint,  läßt  sich  das  eine  Geschehen  auch  tatsächlich
mit  dem  anderen  in  Verbindung  bringen.  Das  ganze  Gebaren  bei  der
Arbeit  zwingt  zur  Annahme,  daß  die  Römer  schon  die  frei  aufliegenden
Blöcke  vor  sich  hatten.  Also  müssen  wir  das  Naturgeschehen,  aus  dem
uns  der  Geologe  die  Formen  des  Gesteins  erklärt,  in  die  Vorzeit  der
Römerarbeit  rücken.  Weil  aber  die  Spuren  dieser  Arbeit  ein  Gepräge
tragen,  das  der  Geologe  gleichfalls  aus  der  Verwitterung  erklären
würde,  so  umklammert  das  Naturgeschehen,  der  Zeit  nach,  das  Menschenwerk. ­
  Es  erscheint  somit  möglich,  das  eine  Geschehen  dem  anderen
gegenüber  im  Zeitenlauf  zu  lokalisieren.  Unter  welchen  Vorbehalten
dies  alleinig  zutrifft,  das  gehört  nicht  hierher.  In  diesem  einzelnen
Falle  wie  in  tausend  anderen  gelingt  es  der  kasuistischen  Erwägung
zweifellos,  Elemente  geologischer  und  historischer  Erkenntnis  im  Wege
gültiger  Schlüsse  zu  vermischen.  Der  Schluß  insbesondere,  den  wir
aus  der  Lagerung,  aus  dem  Über  und  Unter,  auf  das  Früher  und
Später  der  Schichten  ziehen,  der  bleibt  immer  zwingend,  ob  wir  ihn
mit  geologischen  oder  mit  historischen  oder  mit  Erkenntniselementen
von  beider  Art  speisen.  Aber  diese  kasuistischen  Erwägungen,  denen
wir  so  zugänglich  sind,  sind  darum  auch  die  gefährlichsten.  Sie
drängen  sich  unserem  Urteile  auch  dann  auf,  und  dann  offenbar  zu
seinem  Schaden,  wenn  es  sich  um  Fragen  handelt,  die  einer  kasuistischen ­
  Erwägung  nur  scheinbar  zugänglich  sind.  Fragen  von  so
prinzipieller  Bedeutung,  daß  es  umgekehrt  erst  ihre  klare  Lösung
ermöglichen  könnte,  eine  kasuistische  Erwägung  in  voller  kritischer
Strenge  zu  vollziehen.  Wenn  sich  also  in  unserem  Beispiele  die  Römerarbeit ­
  und  der  Verwitterungsprozeß  zueinander  lokalisieren  lassen,  so
ist  damit  noch  nicht  im  entferntesten  entschieden,  ob  es  mit  jenem
Kontinuum  des  Geschehens  und  der  Erkenntnis  seine  Richtigkeit  habe.
Wir  gehen  in  dieser  Frage  ruhig  auf  die  prinzipielle  Erwägung  los.
Auch  der  Anreiz  zu  dieser  löst  sich  von  der  nachsinnlichen  Stimmung ­
  ab,  in  die  uns  diese  Örtlichkeit  bringt.  Unwillkürlich  weben  die
        <pb n="376" />
        Abschnitt  II.

353

Gedanken  von  der  Spur  der  Menschenhand,  und  von  der  Spur  der
Elemente  aus,  und  bei  ihrer  spielenden  Wanderung  von  da  und  dort  her
führen  sie  in  viel  zu  gesonderte  Vorstellungsbezirke,  um  nicht  zu  einem
Vergleiche  herauszufordern.  Und  so  mag  uns  im  stummen  Zwiegespräch ­
  mit  jenem  Winkel  der  Sinn  geologischer  Erkenntnis
und  der  Sinn  historischer  Erkenntnis  klar  werden.
Es  ist  ein  nüchternes  Tun,  ein  recht  alltägliches  Geschehen,  was
uns  da  in  Formen  des  Gesteines  überliefert  erscheint.  Diese  Vorarbeit
für  irgendeinen  Bau,  das  Zurüsten  von  Säulen,  ist  kaum  im  eigentlichen ­
  Sinne  von  geschichtlichem  Belang.  Wenn  der  Blick  das  große
Gewebe  der  Erlebnisse  in  seinen  Zusammenhängen  verfolgt,  so  wird
ihm  hier  kaum  ein  merklicher  Anhalt  geboten  sein;  ein  „Ereignis  also
war  dieses  Treiben  römischer  Werkleute  schwerlich.  Immerhin,  eine
steinerne  Urkunde  liegt  vor,  die  man  nur  richtig  lesen  und  mit  tausend
anderen  Überlieferungen  gültig  verknüpfen  muß,  und  dann  zeugt  auch
sie  dafür,  daß  die  Römer  einst  auf  germanischem  Boden  Fuß  gefaßt
hatten.  Und  vielleicht  gilt  hier  noch  mehr.  Es  ist  ja  eine  ergreifende
Vorstellung,  die  sich  im  Angesichte  dieser  jählings  unterbrochenen
Arbeit  aufdrängt.  Da  schaffen  Leute  in  Granit,  mühen  sich  in  weit
ausholender  Vorsorge  für  ihren  Wohnsitz,  wollen  Jahrhunderte  trotzigen
Beharrens  vorwegnehmen,  und  vielleicht  der  nächste  Tag  schon  bringt
Tod  den  Einen,  Flucht  dem  Rest,  Abzug  auf  Nimmerwiederkehr  1  So
geringfügig  also,  so  ungeschichtlich  jenes  Geschehen,  vielleicht  hat
seinen  Weg  ganz  unmittelbar  der  Schritt  gewaltiger  Ereignisse  gestreift.
Um  so  lebhafter  reißen  sich  unsere  Gedanken  von  diesem  Fleckchen
Erde  los  und  stürmen  in  die  Zeiten,  dem  Sinne  der  historischen
Erkenntnis  getreu.  In  den  stillen  Waldwinkel  herein  dringt  das  Brausen ­
  der  Geschichte,  das  Getöse  der  streitenden  Völker,  ihr  Jubel  und
ihre  Klage.  Wir  sehen  das  bißchen  Geschehen,  das  vor  unserem
geistigen  Auge  aus  jener  Spur  der  Menschenhand  sickert,  hineingerissen
in  den  wirbelnden  Strom  der  Geschehnisse,  der  durch  die  Jahrtausende
zu  uns  heranflutet.  Und  so  löst  sich  für  das  Denken  des  Historikers
die  starre  Form  des  Gesteins  in  eine  Bewegung  auf,  die  sich  nach
tausend  Richtungen  weiterspinnt,  nimmer  rastend,  immer  wechselnd,
eitel  Geschehen.
Freilich,  legt  man  die  Hand  fragend  auf  jene  eigentümlich  regelmäßigen ­
  Formen  des  Gesteins,  so  ist  es  auch  nur  der  Historiker,
der  uns  erschöpfende  und  befriedigende  Auskunft  mit  den  Worten
gibt:  Hier  waren  die  Römer  an  einer  Arbeit.  Damit  haben  wir  ein
Ding,  das  aus  der  Zeit  verstanden  sein  will,  tatsächlich  erfaßt.
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  ^3
        <pb n="377" />
        354

.Die  Grenzen  der  Geschichte“,

Aber  soll  es  etwa  der  letzte  Beruf  aller  Geschichtswissenschaft  sein,
Aufschlüsse  solcher  Art  zu  geben?  Das  gilt  doch  nur  im  Sinne
einer  gelegentlichen  Nutzanwendung  der  historischen  Erkenntnis
und  gilt  nur  für  den  einzelnen  Fall,  kasuistisch.  Dehnt  man  die
Erwägung  jedoch  ins  prinzipielle  aus,  dann  wird  man  kaum  der  Anschauung ­
  verfallen,  daß  die  Historie  nur  darin  gipfle,  in  die  bunte  und
krause  Gesamtheit  aller  Spuren  der  Menschenhand,  aller  Kulturreste,
aller  Urkunden  Ordnung  zu  bringen,  das  will  hier  sagen,  das  Nebeneinander ­
  dieser  Dinge,  die  alle  aus  der  Zeit  begriffen  sein  wollen,  in
ein  verständliches  Nacheinander  zu  wandeln.  Wenn  uns  diese  Dinge
einzeln  verständlich  werden,  so  ist  dies  wirklich  nur  ein  Nebenerfolg,  im
Geiste  einer  Nutzanwendung.  Grundsätzlich  aber  erscheint  umgekehrt
die  Gesamtheit  dieser  Dinge  nur  als  ein  Mittel,  das  uns  historische
Erkenntnis  erst  möglich  macht.  Zweck  dieser  Erkenntnis  ist  es,  jenen
vielverschlungenen  Lauf  erlebten  Geschehens  aufzudecken,  der  uns
überall  um  seiner  selbst  willen  interessant  ist,  weil  er,  der  uns  das
eigene  Schicksal  entgegenbringt,  überall  aus  Menschenschicksal  gewoben
erscheint.  Ihn,  ausdrücklich  ihn  wollen  wir  erschließen.  Und  aus
diesem  ihrem  Zweck,  der  von  der  Würde  eines  Selbstzweckes  ist,
leitet  die  historische  Erkenntnis  ihren  Sinn  her.  Sie  guckt  nicht  einfach ­
  in  die  Vergangenheit,  um  irgend  etwas  säuberlich  einzufächern,
noch  um  spielerisch  Altertümerchen  und  Anekdoten  zu  sammeln:  sie
will  uns  die  unerschöpfliche  Fülle  des  erlebten  Geschehens ­
  in  Einheit  erfaßlich  machen,  will  uns  in  diesem
Sinne  Geschichte  erschauen  lassen.
Wenden  wir  uns  nun  jenen  Formen  zu,  für  die  uns  der  Geologe
den  Aufschluß  schuldig  war.  Hier  kommt  das  Geschehen  des  sickernden ­
  und  nagenden  Wassers  in  Betracht.  Vorausgesetzt,  daß  wir  dieses
Geschehen  nicht  im  Sinne  der  reinen  Naturwissenschaft  zerlegen,  zu
lauter  chemisch-physikalischen  Vorgängen  zerfasern,  deren  Betrachtung
uns  sofort  absolut  indifferent  gegenüber  Ort  und  Zeit  machen  würde,
was  denken  wir  uns  bei  diesem  Geschehen?  Wir  ermessen  wohl  die
ungeheure  Zeit,  die  wir  ihm  einräumen  müssen,  um  solche  Erfolge  zu
fördern,  und  wir  erschauern  vor  dieser  Zeit,  weil  wir  den  Maßstab
unseres  eigenen  Lebens  daran  legen;  das  ist  fast  alles.  Dem  Geschehen
selber  jedoch,  das  ja  eigentlich  nur  ein  Zustand  ist  des  stetigen
Sickerns,  dem  denken  wir  höchstens  so  weit  nach,  daß  wir  uns  das
Zusammenfließen  dieser  Wässerlein  ausmalen,  die  nun  als  Bäche,  als
Flüsse  und  Ströme  gemeinsam  und  im  großen  ihre  Wühlarbeit  fortsetzen, ­
  Täler  graben,  Land  ablagern.  Oder  es  führen  uns  unsere  Ge ­
        <pb n="378" />
        Abschnitt  II.

355

danken  gleichsam  in  die  Breite,  führen  uns  zu  ähnlichen  Geschehen,
zu  analogen  Wirkungen;  alle  Erscheinungen  des  Neptunismus,  Erosion,
Ablagerung  und  ähnliches,  treten  dann  vor  unseren  Geist.  Aber  gestehen ­
  wir  es  nur,  auch  da  geschieht  nirgends  etwas,  das  uns  um
seiner  selbst  willen,  schon  als  Geschehen  fesseln  könnte,  genau  wie
an  Ort  und  Stelle  selbst.  Überall  ist  es  nur  der  Wandel  im
starren  Sein,  überall  gleichsam  nur  die  Verschiebung  der  Kulissen,
was  an  diesem  Schauspiel  unser  Interesse  erregt.  Wenn  auch  die
Geologie  an  dem  Ausdruck  „Erdgeschichte“  festhält,  es  geschieht
da  so  recht  nichts  —  es  wandelt  sich  nur  das  Seiende.
Selbst  die  alte  und  so  dramatische,  die  „revolutionistische“  Auffassung ­
  in  der  Geologie  hat  nur  ein  überstürztes  Tempo  beim  Kulissenwechsel ­
  bedeutet,  während  der  letztere  bei  der  modernen  Auffassung
mehr  ein  allmählicher  ist,  einer,  der  in  seinem  Hergang  klar  vor  uns
liegt,  gleichsam  bei  offener  Szene  sich  vollzieht.  Da  wie  dort  aber
kommt  das  Geschehen  nicht  zu  seinem  eigenen  Recht;  es  verknüpft
sich  nicht  in  Zusammenhängen,  die  wir  um  ihrer  selbst  willen  zu
durchschauen  trachten.  Wenn  man  vom  Kausalzusammenhang  absieht,
der  hier  alles  durchflechtend  gedacht  wird,  dann  bleibt  nur  eines
übrig,  was  einen  für  uns  erfaßlichen  Zusammenhalt  im  Geschehen
begründet,  von  Etappe  zu  Etappe:  Es  sind  die  Formen  des  Seins,  die
räumlichen  Dinge,  Gestaltungen,  wie  sie  einstens  waren,  wie  sie  heute
vorliegen.  Das  Geschehen,  das  vor  dem  Auge  des  Geologen  aufwacht,
erstarrt  stets  wieder  zu  einem  Sein,  von  Schicht  zu  Schicht;  das
Geschehen  selber  besagt  nur  den  erklärenden  Einschub. ­
  So  leitet  uns  auch  das  Bild  der  starrenden  Blöcke  sofort  zur
Vorstellung  der  festen  Granitschicht,  die  vorher  dagewesen  sein  muß,
dem  Geiste  der  Erklärung  gemäß.  Der  Prozeß  der  Verwitterung  aber
hat  nur  die  Bedeutung,  daß  er  aus  der  einen  Form  der  Gesteinslage
in  die  andere  hinüberführt;  und  so  ist  es  überall,  durch  die  ganze
historische  und  dynamische  Geologie  1  Denn  immer  nur  so  macht  uns
die  Geologie  einen  Bestandteil  der  Erdrinde  aus  der  Zeit  begreiflich,
daß  sie  ihn  nach  seiner  Lagerung  zu  seinesgleichen  als  Schicht  erfaßbar ­
  macht.
Es  ist  aber  keine  bloße  Nutzanwendung  der  Erkenntnis,  wenn  uns
hier  die  räumlichen  Dinge,  z.  B.  also  die  Blöcke,  aus  der  Zeit  begreiflich ­
  werden.  Es  ist  dies  geradeaus  der  Sinn  der  geologischen
Erkenntnis.  Vor  uns  liegt  die  Erdrinde,  in  allen  ihren  Formen,  ihren
Bestandteilen  und  Einschlüssen;  und  in  diese  Fülle  der  Gestaltungen
will  die  historische  Geologie  Ordnung  bringen.  Sie  sucht  das
Nebeneinander  der  Dinge  in  ein  Nacheinander  zu  wandeln,  um
2 3 *
        <pb n="379" />
        356

,Die  Grenzen  der  Geschichte'

die  fertigen  Gestaltungen  aus  ihrem  Werden  erklärlich
zu  machen.  Dazu  vollzieht  sie  überall  verständige  Einschübe ­
  von  Geschehen.  Verständig,  weil  ja  dieses  Geschehen
nicht  aus  der  Luft  gegriffen  wird;  man  sucht  es  experimentell  zu  ermitteln ­
  oder  sonstwie  aus  der  Analogie  festzustellen,  und  jedenfalls
trachtet  man,  die  Natur  des  einzuschiebenden  Geschehens  den  Formen
des  Seins  selber  abzulesen.  Auch  die  Geologie  interpretiert  also,  aber
nicht  um  seiner  selbst  willen  sucht  sie  das  Geschehen  zu  erschließen.
Die  Interpretation  ist  hier  nur  der  äußere  Hergang.  Im  tieferen  Wesen
aber  vollzieht  sich  eine  Interpolation  von  Geschehen,  weil  es
in  letzter  Linie  doch  nur  gilt,  Seiendes,  die  räumlichen  Dinge  zeithaft ­
  zu  ordnen.  Auch  diese  Ordnung  soll  in  Einheit  bewirkt
werden,  soll  in  einem  geschlossenen  System  der  Schichten
gipfeln;  und  danach  ist  der  Ausdruck  zu  verstehen,  daß  uns  der
Geologe  die  Dinge  des  Seins  im  Rahmen  ihrer  Schichtung  erfassen ­
  lehrt.  Nichts  anderes  ist  ja  der  Sinn  des  Systems  der  geologischen ­
  „Perioden“.
Ziehen  wir  nun  den  Schlußstrich.  Es  war  die  Aufgabe,  zwischen
dem  Sinn  historischer  Erkenntnis  und  dem  Sinn  geologischer ­
  Erkenntnis  zu  scheiden.  In  die  kürzeste  Formel  gefaßt, ­
  ist  der  Gegensatz  der  folgende:
Historie  ist  Interpretation  von  Sein,  um  Geschehen ­
  zu  erschließen.
Historische  Geologie  ist  Interpolation  von  Geschehen, ­
  um  Sein  zu  ordnen.
Dort  ist  das  Stichwort  der  Erkenntnis  „Geschichte“,  hier  jedoch ­
  „Schichtung“!  Etymologisch  hängt  nur  „Geschichte“  mit
„Geschehen“  zusammen.  Es  ist  aber  so,  daß  nur  die  Historie  im
eigentlichen  Sinne  mit  Geschehen  zu  tun  hat,  die  Geologie  nur  im
uneigentlichen  —  wenn  irgendwo,  so  ist  dieses  gräßliche  Wort  hier
am  Platze.  Die  historischen  Urkunden  erzählen  von  etwas,  das  ihrem
eigenen  starren  Sein  bis  ins  Herz  hinein  fremd  ist:  von  dem  Geschehen,
mit  dem  die  Menschenschicksale  dahinfließen.  Die  geologischen  Urkunden ­
  dagegen,  die  Steine  nach  ihrer  Lagerung  und  ihren  Einschlüssen, ­
  die  reden  sozusagen  pro  domo.  Für  die  Historie  sind  eben
alle  Dinge  des  Seins,  Urkunden  und  Reste,  nur  die  Platzhalter  des
Geschehens;  das  Sein  ist  hier  dem  Geschehen  tributär.  Für  die
Geologie  sind  die  räumlichen  Dinge  keineswegs  bloße  Stellvertreter
des  Geschehens,  denn  gerade  um  ihre  Ordnung  dreht  sich  hier  alles,
um  ihretwillen  wird  nach  Geschehen  zur  besseren  Erklärung  gegriffen;
        <pb n="380" />
        Abschnitt  II.

357

hier  ist  also  das  Geschehen  dem  Sein  botmäßig.  In  diesem  Geiste  ist
nicht  die  Geologie,  ist  nur  die  Historie  echt  und  recht  eine
Wissenschaft  vom  Geschehen.
Nur  für  die  Historie  hat  das  Geschehen  die  Würde,  Erfahrungs-Stoff
  der  Wissenschaft  zu  sein.  Für  die  Geologie  bedeuten  dagegen
die  räumlichen  Dinge,  das  zu  Ordnende  eben,  den  Stoff  der  Erfahrung. ­
  Das  Geschehen  jedoch,  in  seiner  Totalität  genommen  und
dies  grundsätzlich  gemeint,  ist  hier  bloßer  Konstruktionsbehelf.
Weil  aber  nur  das  Geschehen  Träger  der  Vergangenheit  ist,  so  darf
man  hier  schon  das  Paradoxon  wagen,  daß  nur  die  Historie  die  Vergangenheit ­
  erschließt,  während  die  Geologie  über  eine  Vergangenheit
disponiert.  Ich  sage  mit  Absicht,  über  „eine“  Vergangenheit  denn
sind  wir  auch  wirklich  darin  gut  beraten,  daß  uns  die  Erhabenheit  der
schicksalserfüllten  Jahrtausende  vergällt  wird  durch  den  brutalen  Eindruck ­
  der  geologischen  Jahrmillionen  1  Wenn  etwa  das  eine  wohl
klingende  Münze  wäre,  das  andere  hingegen  nur  plumpe
Rechenpfennigei
Was  von  der  geologischen  Erkenntnis  und  ihrem  Verhältnis  zum
Geschehen  gilt,  das  gilt  auch  für  die  Entwicklungsgeschichte
der  Tiere  und  Pflanzen,  die  ja  über  das  Bindeglied  der  Paläontologie ­
  aufs  innigste  mit  der  Geologie  verwachsen  ist.  Auch  die  biogenetische ­
  Erkenntnis  hat  nur  den  Sinn,  das  Seiende  als  Gewordenes
erklärlicher  zu  machen,  indem  man  das  vorliegende  Nebeneinander
durch  verständige  Einschübe  von  Geschehen  in  ein  Nacheinander
wandelt.  Nur  besagt  hier  die  einheitliche  Vornahme  der  zeithaften
Ordnung,  d.  h.  also  die  Schichtung  der  Lebewesen,  sie  besagt
natürlich  keine  Lagerung,  sondern  die  Abstammung;  und  das
interpolierte  Geschehen  liegt  hier  mit  der  gattungsmäßigen  Entwicklung ­
  vor.
Es  zieht  sich  eben  der  Riß,  der  zwischen  Historie  und  historischer ­
  Geologie  klafft,  durch  die  ganze  Gruppe  der  Disziplinen,
die  man  allzusehr  Eines  Geistes  mit  der  Historie  glaubt.  Daher  sondert
sich  von  der  Historie  und  ihren  echten  Geistesverwandten,  wozu  ich
in  erster  Linie  die  Nationalökonomie  rechne,  von  ihnen  sondert  sich
eine  Gruppe  von  Disziplinen,  von  denen  man  im  Geiste  jener  Unterscheidung ­
  sagen  darf,  daß  sie  bis  ins  Mark  hinein  das  naturwissenschaftliche ­
  Gepräge  tragen.  Historische  Geologie,  Kosmogonie,
  Entwicklungsgeschichte  der  Lebewesen,  sie  alle
erscheinen  sonach  derHistorie  gegenüber  als  eine  Quasi-Historie.
Nun  will  es  mir  aus  Gründen,  die  ich  noch  andeute,  scheinen,  als  ob
jene  Wissenschaften  gerade  dadurch,  daß  sie  sich  die  Lösung  unseres
        <pb n="381" />
        358

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

Problemes  anmaßen,  die  widerspruchsvolle  Rolle  einer  erfahrungswissenschaltlichen
  Metaphysik  spielen;  ich  riskiere  daher  für  diese
Gruppe  von  Wissenschaften  den  Namen  der  Metahistorie.  Und
unverhohlen  heißt  dies  der  Katze  eine  Schelle  angehängt,  um  ihr  das
Mausen  metaphysischer  Probleme  zu  legen.  Aber  auch  nicht  mehrl
Denn  mit  dieser  Absonderung  der  metahistorischen  von  der  historischen ­
  Erkenntnis  will  ich  dem  wissenschaftlichen  Ernst  der  geologischen
und  biogenetischen  Disziplinen  auch  nicht  im  mindesten  nahetreten.
Was  ich  im  Schilde  führe,  das  sind  ja  nur  erkenntniskritische  Bedenken
gegen  eine  Verquickung  der  Historie  und  Metahistorie,  eben  bei
jener  anscheinend  so  selbstverständlichen  Antwort  auf  die  Frage,  was
man  von  den  realen  Ausläufen  des  historischen  Geschehens  denken
soll.  Hier  aber  ist  Vorsicht  wirklich  geboten.  Sobald  man  die  metahistorischen ­
  Lehren  richtig  erfaßt,  eine  erfahrungswissenschaftlich  gültige,
ja  vielleicht  die  beste  Ordnung  der  räumlichen  Dinge  in  ihnen  erblickt,
so  mögen  sie  von  der  höchsten  wissenschaftlichen  Bedeutung  sein;  und
meiner  unmaßgeblichen  Meinung  nach  sind  sie  es  auch.  Und  dabei
könnten  sie  trotzdem  absolut  ungeeignet  sein,  über  die  realen  Ausläufe
des  historischen  Geschehens  zu  entscheiden.  Das  gehört  eben  auf  ein
ganz  anderes  Blatt!
Es  ist  wahr,  man  braucht  nur  an  das  wunderbar  überzeugende
Wechselspiel  zu  denken,  zwischen  der  Lagerung  der  Gesteine,  ihrem
Einschluß  an  Versteinerungen  und  der  ontogenetischen  Entwicklung,
und  wird  zugeben,  daß  sich  uns  der  metahistorische  Schluß  oft  mit
einer  Wucht  seiner  Gültigkeit  aufdrängt,  die  ihresgleichen  sucht.  Ein
anderes  aber  ist  die  logische  Würde  einer  Disziplin,  sagen  wir  die
Erkenntniswürde  ihrer  Ergebnisse,  und  ein  ganz  anderes  ist  der
Wirklichkeitsgehalt  dieser  Ergebnisse.  Da  können  doch  ganz
prinzipielle  Stufungen  gelten,  gleich  von  Haus  aus,  so  daß  alle  Gunst
der  Schlüsse  und  aller  wissenschaftliche  Wetteifer  den  Unterschied  nicht
mehr  auszutilgen,  den  Vorsprung  nicht  mehr  einzuholen  vermag.  Gewiß, ­
  man  kann  in  Holz  sehr  solide  und  man  kann  in  Stein  wieder
sehr  schleuderhaft  bauen;  deshalb  sagt  Steinbau  doch  etwas  spezifisch
anderes  denn  Holzbau.  An  dieses  Gleichnis  werden  uns  die  Ergebnisse ­
  der  kommenden  Ausführungen  gemahnen.  Und  abermals  ist  es
das  Verhältnis  zum  Geschehen,  was  sich  als  der  wunde  Punkt  der
Metahistorie  herausstellt  I
        <pb n="382" />
        Abschnitt  III.

359

DL
Die  Einsicht,  wie  der  Sinn  der  historischen  Erkenntnis  in
einem  ausgesprochenen  Gegensatz  zu  dem  Sinn  der  metahistorischen ­
  Erkenntnis  steht,  läßt  sich  noch  vertiefen.  Es  korrespondiert
dieser  formelle  Gegensatz  mit  sehr  bedeutsamen  materiellen
Unterschieden  zwischen  Historie  und  Metahistorie.
Diese  Abstände  zwischen  den  beiden  Erkenntnisgebieten  lassen  sich
auf  den  einen  Posten  bringen,  daß  hüben  und  drüben  das
Geschehen,  dem  sich  die  Erkenntnis  zuwendet,  gleichsam ­
  schon  in  der  Substanz  ein  verschiedenes  ist.
Nicht  bloß  der  Inhalt  des  Geschehens  ist  ein  anderer,  dort  z.  B.
Menschenschicksale,  hier  wieder  Wandlungen  in  der  Gesteinslage;  das
Geschehen  selber,  als  Gefäß  dieses  Inhaltes,  ist  da  und  dort  ein  anderes.
Das  Geschehen,  das  die  Historie  um  seiner  selbst  willen  zu  erschließen
sucht,  weicht  in  seiner  innersten  Struktur  von  dem  Geschehen  ab,  das
die  Metahistorie  gemäß  den  Beziehungen  der  räumlichen  Dinge  interpoliert, ­
  um  sie  zeithaft  zu  ordnen.  Wer  unseren  landläufigen  Anschauungen ­
  Glauben  schenkt,  würde  hier  freilich  nur  den  vielumstrittenen
Gegensatz  zwischen  „teleologischer“  und  „kausaler  Erklärung“ ­
  vor  sich  sehen.  Diese  Meinung  bedarf  aber  einer
Korrektur,  und  gerade  dafür  bewährt  sich  unser  Schulbeispiel  vortrefflich. ­
  Bei  ihm  sind  nämlich  die  Tatsachen,  von  denen  die  Erkenntnis ­
  ihren  Ausgang  nimmt,  für  Historie  und  Metahistorie  von  der
gleichen  Natur:  Formen  des  Gesteines.  So  bleibt  es  hier  vermieden,
daß  sich  die  fraglichen  Abstände  hinter  die  Verschiedenheit  der  Ausgangspunkte ­
  verkriechen  und  zugleich  mit  dieser  übersehen  werden.
Fragen  wir  uns  zunächst,  wie  der  Geologe  dazu  gelangt,  jenes
„Felsenmeer“  aus  einem  Verwitterungsprozeß  zu  erklären.  Ich  habe
erwähnt,  daß  auch  hier  eine  Interpretation  vor  sich  geht,  die  sich  aber
von  Haus  aus  in  den  Dienst  der  Interpolation  stellt.  Die  Art  nun,
wie  der  Geologe  hier  ein  Sein  in  Geschehen  umdeutet,  ist  eine  überaus
schlichte.  Sie  beruht  auf  der  erfahrungsmäßigen  Kenntnis
kausaler  Verkettungen,  die  eins  sind  mit  Abfolgen  von  Erscheinungen. ­
  Man  weiß  aus  der  Erfahrung,  daß  —  schematisch  gesprochen ­
  —  auf  A  ein  B  folgt,  auf  D  ein  E,  auf  F  ein  G,  und  so  eine
beliebige  Reihe  hindurch.  Man  weiß  z.  B.,  daß  sickerndes  Wasser  an
den  Bruchflächen  des  Steines  nagt;  nur  steckt  in  einem  solchen  Erfahrungssatze ­
  schon  ein  ganzes  System  kausaler  Verkettungen,  alle  aber
nach  dem  Schema:  auf  A  folgt  B.  Der  Schluß  vom  Vorliegenden
        <pb n="383" />
        360

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

auf  das  Vorgegangene  ist  nun  ein  sehr  einfacher.  Es  bedarf
jedesmal  nur  der  Erwägung,  welches  System  kausaler  Verkettungen
in  dem  Entstehen  der  fraglichen  Formen  ausmünden  könnte.  Dieses
System  bedeutet  dann  schon  den  naturwissenschaftlichen  Ausdruck  für
das  Geschehen,  das  zu  interpolieren  wäre;  als  Einschub  nämlich
zwischen  dem  vorliegenden  und  einem  als  Ausgangszustand  gedachten
Sein,  z.  B.  also  zwischen  dem  Felsenmeer  und  einer  zerklüfteten  Granitschicht. ­
  Nun  steht  aber  hinter  den  kausalen  Verkettungen,  die  uns
hier  das  Geschehen  erfaßlich  machen,  als  ihr  letzterSinn  das  Naturgesetz ­
  in  seinen  verschiedenen  Spielarten,  die  sich  sämtlich  nicht
minder  auf  das  Schema  „auf  A  folgt  B“  bringen  lassen;  nur  daß  sich
dieses  Schema  verschleiert,  sobald  im  Gesetze  auch  der  mathematisch
verfeinerte  Ausdruck  für  die  Größenbeziehung  zwischen  A  und  B
enthalten  ist.  Wie  man  also  zum  vorläufigen  Abschluß  sagen  kann,
interpoliert  die  Metahistorie  ein  Geschehen,  das  uns
vom  Boden  der  Naturgesetze  aus  erfaßbar  ist,  als
eine  Abfolge  von  Erscheinungen.
Das  Ergebnis  der  Interpretation,  die  an  diesem  Orte  der  Historiker ­
  vornimmt,  kann  man  dahin  zusammenfassen,  daß  hier  Römer
an  der  Arbeit  waren.  An  dieser  Interpretation  lassen  sich  aber  zwei
Teile  unterscheiden.  Für  den  praktischen  Betrieb  der  Wissenschaft,
für  die  ausübende  Historie,  ist  nur  der  zweite  Teil  von  Interesse:
in  der  Einsicht  gipfelnd,  daß  es  gerade  die  Römer  waren,  die  hier
gearbeitet.  Dieser  zweite  Teil  stellt  die  eigentliche
Forschungsleistung  des  Historikers  dar;  erst  damit  ist  in
das  Eine  und  große  Gewebe  der  Erlebnisse,  dem  die  Historie  als  ihrem
Erkenntnisziele  nachgeht,  eine  neue  Masche  eingeflochten  worden.
Der  erste  Teil  der  Interpretation  dehnt  sich  nur  bis  zu  der  Einsicht,
daß  hier  überhaupt  gearbeitet  worden  ist,  nämlich  Säulen  zugerüstet. ­
  Bis  hierher  fällt  uns  die  Interpretation  so  überaus  leicht,  daß
sie  fast  unbewußt  bleibt;  ihr  Ergebnis  kommt  beinahe  einem  unmittelbaren ­
  Eindruck  gleich.  Das  Bild  der  eigentümlich  regelmäßigen
Formen  im  Gesteine  hebt  sich  für  unser  Auge  so  unwillkürlich  von
dem  Gesamtbilde  ab,  ruft  so  unmittelbar  die  Vorstellung  der  Menschenhand ­
  herbei,  die  in  wählender  Tat  geschäftig  war,  daß  wir  die  Mitarbeit ­
  unseres  Denkens  an  diesem  Eindrücke  nur  zu  leicht  vergessen.
Der  Historiker  wäre  sicher  geneigt,  gleich  in  der  Einsicht,  daß  hier
„gearbeitet“  worden  ist,  die  „Tatsache“  zu  erblicken,  bei  dem  seine
Interpretation  einzusetzen  hat.  Er  sieht  da  einfach  eine  steinerne  Urkunde ­
  vor  sich,  die  er  als  Bürgschaft  menschlichen  Tuns  ebenso  ge*
        <pb n="384" />
        Abschnitt  III.

361

lassen  hinnimmt,  wie  im  anderen  Falle  ein  Schriftstück,  obwohl  dieses
schon  gar  eine  ganz  wunderbare  Geschehensverflechtung  darstellt.
Seien  wir  uns  aber  klar,  daß  streng  genommen  nur  jene  eigentümlichen ­
  Formen  des  Gesteines  die  Tatsachen  sind,
bei  denen  die  Interpretation  einsetzt.  Auch  liegt  es  nahe,
daß  gerade  jener  erste  Teil  der  Interpretation  für  uns  vom  größten
Interesse  ist.  Er  stellt  die  Basis  der  ganzen  Interpretation  dar,  mit
ihm  entscheidet  es  sich,  daß  historische  Erkenntnis
am  Werke  ist;  und  so  muß  sich  an  ihm  auch  die  Natur  des
Geschehens  offenbaren,  dem  sich  die  historische  Erkenntnis  zuwendet.
Sehen  wir  uns  also  diesen  ersten  Teil  der  Interpretation  etwas
näher  an.
Die  Wahrnehmung,  daß  gewisse  Formen  des  Gesteines  so  seltsam
regelmäßig  sind,  macht  uns  wohl  stutzig  und  fordert  sogleich  zu  einer
Interpretation  heraus,  die  von  der  naturwissenschaftlichen  abweicht.
Ihr  besonderes  Gepräge  erhält  diese  Interpretation  aber  durch  etwas,
das  sich  am  besten  gleich  an  unserem  Beispiele  demonstrieren  läßt.
Wir  nehmen  da  unter  anderem  ebene  Flächen  wahr;  weil  aber  das  Gestein
sonst  überall  eine  rauhe,  wellige  Oberfläche  zeigt,  schließen  wir,  daß
hier  ein  Ebnen  vorgegangen  ist.  In  ähnlicher  Weise  schließen  wir  aus
den  bezüglichen  Formen  des  Gesteines,  daß  auch  ein  Einritzen  erfolgt
ist,  auch  ein  Eintreiben  von  Löchern,  und  so  auch  ein  Abspalten  von
Stufen.  Diese  Ausdrücke  beziehen  sich  zwar  sämtlich  schon  auf  ein
Tun  der  Menschenhand.  Im  Augenblicke  sollen  sie  aber  nur  schlechthin
ein  Geschehen  bezeichnen,  und  zwar  ein  Geschehen,  das  wir  ausdrücklich ­
  nur  als  eine  Formveränderung  erfassen.  Zunächst  ist
also  ein  mehrfaches  Geschehen  da.  Es  besteht  kein  Zweifel,  daß  man
ein  jedes  dieser  Geschehen  für  sich  als  ein  System  kausaler  Verkettungen ­
  auflösen  könnte.  Von  dieser  Aufgabe  kehrt  sich  jedoch
unser  Interesse  deshalb  ab,  weil  wir  zu  gleicher  Zeit  erkennen,
daß  jenes  Mehrerlei  von  Geschehen  in  einer  ganz
besonderen  Weise  zu  einem  einzigen  Geschehen  verflochten ­
  ist.
Wie  dies  zu  verstehen  sei,  will  ich  dann  sofort  zeigen  und  schicke
nur  eine  Verwahrung  voraus.  Wenn  unsere  Erkenntnis  jener  Verflechtung ­
  im  Geschehen  Rechnung  trägt  und  so  den  seltsamen  Formen
im  Gestein  ein  fortlaufendes  Geschehen  unterlegt,  aus  dem  sie  gleichsam
erstehen,  so  läuft  dies  bloß  im  tatsächlichen  Erfolg  auf
eine  „Erklärung“  der  fraglichen  Formen  hinaus.  Es  ist
eben  für  die  ganze  Situation  bezeichnend,  daß  die  Möglichkeit  jener
Verflechtung  nur  aufzutauchen  braucht,  und  sofort  hört  das  Ver ­
        <pb n="385" />
        362

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

ständnis  jener  Formen  auf,  Selbstzweck  zu  sein.  Diese  Formen  werden
sofort  zu  einem  bloßen  Mittel,  ein  Geschehen  zu  erschließen! ­
  Ein  Geschehen,  das  uns  um  seiner  selbst  willen  interessiert, ­
  weil  es  kraft  seiner  Verflechtung  eine  Struktur  aufweist,  wie
sie  auch  dem  Geschehen  eigen  ist,  mit  dem  wir  selber  im  buchstäblichsten ­
  Sinne  „wirklich“  sind:  die  Struktur  unseres  eigenen  Handelns.
Jene  Verflechtung  des  Geschehens  ist  damit  noch  nicht  gegeben,
daß  sich  das  Ebnen,  Einritzen,  Eintreiben  und  Abspalten  harmonisch
einem  kausalen  Zusammenhang  einfügt,  der  bei  dem  Ergebnis  der
abgesprengten  Stufe  ausmündet.  Diese  kausalen  Beziehungen  stellen
gleichsam  nur  den  Rohstoff  des  Bindemittels  dar,  das  hier  aus
einem  Mehrerlei  von  Geschehen  ein  einziges  Geschehen  macht.  Das
Bindemittel  aber  ist  nichts  anderes  als  das  vernünftige
Denken.  Die  Vorgänge  des  Ebnens,  Einritzens,  Eintreibens  und  Abspaltens
  erscheinen  uns  deshalb  zu  einem  einzigen  Geschehen  so  verflochten, ­
  als  ob  eines  um  aller  willen  und  alle  um  eines  willen  da
wären,  weil  sie  sowohl  einzeln  wie  als  Reihe  mit
einer  vernünftigen  Erwägung  im  Einklang  stehen.
Sie  harmonieren  mit  einer  Erwägung,  die  uns  durchaus  geläufig  ist,
weil  unser  eigenes  Handeln  von  lauter  Erwägungen  dieser  Art  getragen
wird,  genauer  gesagt,  in  der  untrennbaren  Verknüpfung  mit  solchen
Erwägungen  in  Wirklichkeit  steht.
Auch  diese  vernünftige  Erwägung  läßt  sich  auf  ein
Schema  bringen:  Gegeben  ist  der  Zustand  M,  zu  erreichen  wäre  der
Zustand  N;  welches  sind  die  Tätigkeiten,  die  man  nacheinander  setzen
muß,  um  M  in  N  zu  überführen?  In  unserem  Beispiele  nimmt  diese
Erwägung  etwa  die  folgende  Gestalt  an.  Es  wären  Säulen  herzustellen,
man  steht  aber  gewachsenem  Fels  gegenüber;  das  ist  der  Ansatz
der  Erwägung.  In  ihrem  Vollzüge  müssen  wir  uns  die  Erwägung
von  der  erfahrungsmäßigen  Kenntnis  kausaler  Verkettungen  gespeist
denken.  Man  weiß  z.  B.  aus  Erfahrung,  daß  man  einem  gewaltsamen
Bruch  im  Gestein  durch  einen  vorgezogenen  Spalt  die  Richtung  geben
kann.  Aus  lauter  solchen  Erfahrungssätzen,  deren  tieferer  kausaler
Gehalt  ganz  in  der  Schwebe  bleiben  kann,  setzt  sich  die  Instruktion
der  Erwägung  zusammen.  Das  Ergebnis  der  Erwägung  aber  läßt
sich  in  einem  Kettenschlusse  darstellen:  Um  Säulen  herzustellen,  bedarf
es  zunächst  eines  abgetrennten  Stückes  Gestein;  dazu  muß  eine  Abspaltung ­
  erfolgen;  um  diese  zu  vollziehen,  müssen  die  Keile  eingreifen
können,  müssen  also  Löcher  da  sein,  und  muß  vorher  auf  geebneter
Fläche  ein  Spalt  dem  Bruche  die  Richtung  geben.  Hiermit  ist  die
Reihe  der  Tätigkeiten  aufgerollt,  der  entlang  sich  der  Ausgangszustand
        <pb n="386" />
        Abschnitt  III.

363

in  den  Endzustand  überführen  läßt.  Weil  nun  dieser  Reihe  die  Vorgänge ­
  des  Ebnens,  Einritzens,  Eintreibens  und  Abspaltens  entsprechen,
sowohl  ihrer  einzelnen  Natur  als  auch  ihrer  Reihenfolge  nach,  erscheinen ­
  uns  diese  Vorgänge,  kraft  jener  vernünftigen ­
  Erwägung,  zu  einem  einzigen,  fortlaufenden
Geschehen  verflochten;  zu  einer  Handlung,  die  in  der
Schaffung  von  Säulen  ihren  Zweck  und  Erfolg  sieht.
Für  den  inneren  Zusammenhang  in  dem  so  verflochtenen  Geschehen ­
  steht  jene  vernünftige  Erwägung  ein,  die  uns  ohne  weiteres
geläufig  ist,  weil  wir,  als  die  Erkennenden,  zugleich  Denkende  und
Handelnde  sind.  Hinter  dieser  vernünftigen  Erwägung  aber  steht,  als
ihr  letzter  Sinn,  das  logische  Denkgesetz  in  seinen  verschiedenen
Spielarten.  Alles,  was  mit  dieser  vernünftigen  Erwägung
vorgeht,  läßt  sich  in  letzter  Linie  auf  das  Walten  der
logischen  Denkgesetze  reduzieren.  Während  also  die  Metahistorie ­
  ein  Geschehen  interpoliert,  das  uns  vom  Boden  der  Naturgesetze ­
  aus  als  eine  Abfolge  von  Erscheinungen  erfaßbar  ist,  erschließt ­
  die  Historie  ein  Geschehen,  das  wir  vom
Boden  der  logischen  Denkgesetze  aus  erfassen,  als
ein  Geflecht  vernünftigen  Tuns.
Diesen  Gegensatz  könnte  man  nur  zu  leicht  mißverstehen.  Gewiß,
logisch  denken,  das  muß  auch  der  Metahistoriker  beim  Vollzüge
des  Forschens.  Darin  unterscheidet  sich  die  Metahistorie  von  der
Historie  natürlich  nicht.  Wohl  aber  gilt  es  nur  von  dem  Geschehen,
dem  sich  die  Historie  zuwendet,  daß  hier  die  Logik
gleichsam  im  Geschehen  selber  steckt,  daß  sie  zu  dessen
Substanz  gehört,  für  seine  eigenartige  Struktur  den  Ausschlag  gibt.
Der  naheliegenden  Meinung,  als  ob  hier  „teleologische  Erklärung“  eingriffe,
  darf  man  nicht  die  bessere  Einsicht  opfern.  Es  besagt  nicht
eine  besondere  Art  Erklärung  jener  Vorgänge,  wenn  sich  die
letzteren  unserer  Erkenntnis  als  verflochten  darstellen:  in  ihrer  Verflechtung ­
  erscheinen  sie  als  eine  andere  Art  Geschehen! ­
  Die  Verflechtung  selber  erscheint  als  die  eigenartige
Struktur  dieses  Geschehens.
Nehmen  wir  also  an,  daß  in  einem  anderen  Falle  die  Verhältnisse
nicht  so  klar  lägen  wie  in  unserem  Beispiele;  daß  es  fraglich  wäre,
ob  sich  Vorgänge,  die  man  einzeln  aus  den  Tatsachen  herausliest,  in
jenem  Sinne  verflechten  lassen;  dann  besagt  dies  nicht  etwa,  daß  nun
die  „teleologische  Erklärung“  jener  Vorgänge  „hypothetisch“  bleiben
muß.  Es  bleibt  dann  einfach  in  der  Schwebe,  ob  man  aus  jenen  Tat-
        <pb n="387" />
        364

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

Sachen  ein  Geschehen  jener  besonderen  Art,  ein  Handeln  erschließen ­
  darf,  oder  sich  begnügen  muß,  diese  Vorgänge  als  kausale
Verkettungen  aufzulösen,  als  bloße  Abfolgen  von  Erscheinungen.
Denken  wir  uns  z.  B.  eine  Basaltformation,  die  durch  ihre  besonders
regelmäßigen  Formen  auffällt;  da  könnten  wir  vorübergehend  im
Zweifel  sein,  ob  hier  die  Menschenhand  oder  die  Natur  gewaltet  hat.
Entscheiden  wir  uns  für  das  letztere,  dann  hat  nicht  etwa  jene  Art
„Erklärung“  versagt;  wir  erkennen  es  einfach  als  irrig,  aus  diesen
Formen  ein  Handeln  erschließen  zu  wollen.
Freilich  kann  man  wieder  sagen,  daß  jene  Vorgänge  des  Ebnens
usw.  dem  tatsächlichen  Erfolg  nach  doch  eine  „Erklärung“  gefunden
hätten,  sobald  man  sie  kraft  ihrer  Verflechtung  als  jene  besondere  Art
Geschehen  erfaßt.  Erklärt  sind  diese  Vorgänge  dann  allerdings,
nämlich  im  Sinne  ihrer  näheren  Bestimmung,  als  Gliederteile  eines
Handelns.  Deshalb  bleibt  es  trotzdem  irreführend,  den  Vorgang
des  Erkennens  selber,  dem  diese  nähere  Bestimmung  rein  tatsächlich ­
  entspringt,  eine  „Erklärung“  zu  nennen;  denn  die  Erkenntnis
ist  hier  im  grundwesentlichen  Sinne  eins  mit  dem  Erschließen
einer  besonderen  Art  Geschehen.
Es  tritt  dann  wohl  noch  eine  wirkliche  Erklärung  hinzu;
diese  aber  bezieht  sich  bereits  auf  diese  besondere  Art  Geschehen.
Das  Handeln  wird  dann  ausdrücklich  schon  als  solches  erklärt,  und
zwar  aus  den  Bedingungen,  unter  denen  es  vollzogen
erscheint.  Dazu  gehören  einerseits  die  Bedingungen,  die  sich  auf
den  Geist  der  Verflechtung  beziehen,  auf  die  Art  und  Weise  also,  in
der  die  Handlung  in  sich  und  über  sich  hinaus  noch  mit  anderen
Handlungen  verflochten  ist;  hier  erklären  wir  uns  das  Handeln  aus
seinem  Zweckgehalt,  indem  wir,  neben  dem  „Zweck“  der  Handlung, ­
  noch  ihre  „Unterzwecke“,  ihre  „Fernzwecke“  und  „Nebenzwecke“
erkennen.  Auf  der  anderen  Seite  handelt  es  sich  um  jene  Bedingungen,
die  auf  den  Hergang  der  Handlung  von  Einfluß  waren;  hier
erfolgt  die  Erklärung  aus  der  ganzen  Sachlage,  der  gegenüber  sich
die  Handlung  abspielt.  Wir  ermessen  z.  B.  die  Hindernisse,  die  von
der  Handlung  zu  überwinden  waren,  die  Vorteile,  die  sie  ausnützen
konnte,  die  Hilfsmittel,  die  ihr  zu  Gebote  standen,  die  technischen
Kenntnisse,  von  denen  sie  getragen  erscheint.  Im  ganzen  hat  dieses
Erklären  den  Sinn,  daß  wir  gleichsam  das  Wollen,  Können  und  Wissen
erörtern,  das  sich  an  der  erschlossenen  Handlung  dokumentiert.  Wie
es  nahe  liegt,  überdeckt  sich  mit  diesem  Gebiete  eigentlicher  Erklärung
jener  zweite  Teil  der  Interpretation,  an  dem  der  Historiker  Interesse
nimmt.  Es  ist  eben  notwendig,  sich  die  Handlung  aus  den  Be ­
        <pb n="388" />
        Abschnitt  IV.

365

dingungen  ihres  Vollzuges  zu  erklären,  will  man  erkennen,  wie  sich
dieses,  als  „res  gestae“  erschlossene  Geschehen  in  jenen  Einen  und
großen  Zusammenhang  des  Erlebten  einspinnt,  den  die
Historie  aufzudecken  sucht.
Jener  erste  Teil  der  Interpretation  aber,  der  dem  ausübenden
Historiker  so  gut  wie  unbewußt  bleibt,  hat  nicht  den  Sinn  einer
Erklärung;  hier  gipfelt  die  Erkenntnis  vielmehr  darin,  daß  ein  Geschehen ­
  jener  besonderen  Art,  ein  Handeln  nämlich,  erschlossen
wird.  Es  ist  kein  müßiger  Streit  um  Worte,  wenn  ich  dies  so  nachdrücklich ­
  betone.  Die  ganze  Einsicht  in  den  materiellen  Gegensatz
zwischen  der  historischen  und  metahistorischen  Erkenntnis  steht  da
auf  dem  Spiele.  Man  muß  sich  klar  bleiben,  daß  die  historische
Erkenntnis  mit  der  Erschließung  eines  Geschehens
einsetzt,  das  für  die  metahistorische  Erkenntnis  gar
nicht  greifbar  istl
Die  letztere  ist  eben  durch  und  durch  eine  naturwissenschaftliche ­
  Erkenntnis;  sie  vermag  stets  nur  vom  Boden  der  Naturgesetze ­
  aus  ein  Geschehen  zu  erfassen,  als  eine  Abfolge  von  Erscheinungen. ­
  Von  einer  „Römerarbeit“  z.  B.  darf  die  metahistorische
Erkenntnis,  will  sie  sich  selber  treu  bleiben,  im  grundwesentlichsten
Sinne  nichts  wissen;  diesem  Begriffe  unterliegen  Kategorien,  die  der
Metahistorie  völlig  fremd  und  ungreifbar  sind.  Wo  der  Historiker
das  Geschehen  der  Römerarbeit  erschließt,  darf  der  Metahistoriker  aus
den  Formen  des  Gesteins  nur  etwas  ablesen,  das  er  etwa  einem  Biberbau ­
  oder  einem  Korallenriff  an  die  Seite  stellt.  Er  bringt  eben  diese
Formen  in  kausale  Beziehung  mit  den  Äußerungen  eines  interpolierten
Lebewesens,  schlecht  und  recht  wie  die  anderen;  höchstens  daß  bei
diesem  Lebewesen,  bei  der  Spezies  „Mensch“,  der  Modus  der  Auslösung
von  Bewegungen  durch  Reize  ein  verwickelterer  ist  als  bei  anderen.

IV.
Unsere  landläufigen  Anschauungen  sehen  den  Abstand  zwischen
historischer  und  metahistorischer  Erkenntnis  in  einem  ganz  anderen
Lichte.  Man  denkt  sich  das  Feststellen  von  Tatsachen  da  und  dort
als  einen  wesensgleichen  Vorgang,  und  erst  bei  der  „Erklärung“
des  tatsächlich  Festgestellten  würde  ein  prinzipieller  Unterschied  Platz
greifen.  Alle  historische  Erkenntnis  würde  dann  zu  einer  Erklärung
des  Geschehens  übergehen,  die  man  zum  Unterschied  von  der  „Kausalerklärung“ ­
  als  die  „teleologische“  oder  „Finalerklärung“  bezeichnet,
        <pb n="389" />
        366

,Die  Grenzen  der  Geschichte'

weil  man  sie  für  eine  solche  hält,  die  nur  aus  dem  Zweckgehalt  des
Geschehens  erfolgt.  Man  sieht,  im  Lichte  unserer  landläufigen  Anschauungen ­
  reduziert  sich  selbst  der  zweite  Teil  der  historischen
Interpretation  sehr  bedenklich;  und  ihr  erster,  fundamentaler  Teil,
mit  dem  ja  die  historische  Erkenntnis  schon  ihr  Gepräge  erhält,  gilt
da  überhaupt  nicht  als  relevant.  Nun  braucht  man  nur  an  die  scheele
Meinung  zu  denken,  die  über  jener  „finalen“  Art  des  Erklärens  wach  ist,
und  muß  sich  eingestehen,  daß  die  ganze  historische  Erkenntnis  dann
als  ein  Provisorium  erscheint,  als  eine  vorläufige  Erkenntnis  minderer
Güte,  gemessen  an  dem  Definitivum,  das  immer  nur  mit  der
metahistorisch-naturwissenschaftlichen  Erkenntnis  vorläge.
So  wäre  in  unserem  Beispiele,  im  Angesichte  der  gewissen  Formen,
noch  weitaus  nicht  das  letzte  Wort  der  Erkenntnis  gesprochen,  sobald
der  Historiker  hier  eine  Römerarbeit  festgestellt  hat;  und  wenn  er
dieses  Handeln  noch  so  scharf  als  solches  in  seinem  Hergange  und
nach  seiner  Verflechtung  erklärt  hätte,  die  Einknüpfung  dieses  Geschehens ­
  in  den  großen  Zusammenhang  des  Erlebten  noch  so  befriedigend ­
  zu  bewirken  wüßte.  Die  endgültige,  die  „wahre“  Erkenntnis
wäre  erst  dann  erbracht,  sobald  man  jenen  Formen  in  der  schon  oben
skizzierten  Weise  ein  Geschehen  zu  unterlegen  vermöchte,  das  sich  in
lauter  streng  kausale  Verkettungen  auf  löst;  Verkettungen,  die  sich  hier
also  über  den  Reiz-  und  Bewegungsapparat  eines  streng  kausal  erfaßten ­
  Lebewesens  hinüber  dehnen  müßten.  Hier,  wie  eben  überall,
bliebe  also  das  Höchste  an  Erkenntnis  der  Metahistorie  Vorbehalten.
Ihr  gegenüber  wäre  die  Historie  nur  ein  willkommener  Notbau;  wenn
man  will,  ein  luftiger  Oberstock  der  Erkenntnis,  den  unser  seltsam  geartetes ­
  Denken  nun  einmal  zu  zimmern  weiß,  obwohl  die  Fundamente
und  der  massive  Unterbau  noch  ausstehen.  Was  übrigens  diese
letzteren  anlangt,  dürften  wir  uns  vor  allem  auch  auf  die  „Soziologie“
verlassen,  die  bekanntlich  uns  armen  historisch  Erkennenden  erst  den
Star  stechen  wird.
Da  ich  zur  Not  zeigen  konnte,  daß  sich  der  materielle  Gegensatz
zwischen  Historie  und  Metahistorie  durchaus  nicht  auf  eine  abweichende
Art  im  Erklären  reduzieren  läßt,  entgehe  ich  dem  mißlichen  Streit,
der  sich  über  das  Verhältnis  zwischen  „teleologischer“  und  „Kausalerklärung“ ­
  entsponnen  hat,  und  der  gelegentlich  zu  einem  Rattenkönig
von  Mißverständnissen  ausgewachsen  ist,  wie  es  nun  einmal  der  Brauch,
wo  immer  das  liebe  Wort  den  Ton  angibt.  Ich  konstatiere  einfach,
daß  man  geneigt  ist,  die  Historie  deshalb  tiefer  als  die  Metahistorie
zu  stellen,  weil  man  sie  mit  der  „teleologischen  Erklärung“  in  Verbindung ­
  bringt;  unter  welchem  Ausdruck  man  zwar  alles  mögliche
        <pb n="390" />
        Abschnitt  IV.  367
versteht,  jedenfalls  aber  etwas,  das  in  der  Sache  der  Erkenntnis  von
der  „Kausalerklärung“  überboten  wird.
Nun  mag  es  ja  gelegentlich  zutreffen,  daß  der  Übergang  von  der
„teleologischen“  zur  „kausalen“  Erklärung  einen  Fortschritt  in  der
Erkenntnis  bedeutet:  das  käme  ja  nur  auf  den  Sinn  an,  den  man  jenen
Ausdrücken  gibt,  und  auf  die  Anlässe,  bei  denen  sie  verwendet  werden.
In  der  Biologie,  z.  B.,  könnte  sich  diesen  Ausdrücken  eine  sehr
ernste  Diskussion  verknüpfen.  Wie  irrig  aber  gerade  hier  jener  Rückschluß ­
  von  einer  angeblich  minderwertigen  Erklärung  auf  eine  angeblich ­
  minderwertige  Erkenntnis  ist,  das  zeigt  sich  am  besten  darin,  daß
man  hier  den  Spieß  sogar  umdrehen  kann.  Soweit  es  überhaupt  angeht, ­
  Erkenntnisarten  aneinander  zu  messen,  von  denen  jede  ihr  gutes
Recht  hat,  eine  so  unentbehrlich  wie  die  andere  ist,  kann  man  behaupten, ­
  daß  unsere  Erkenntnis  mit  der  Historie  entschieden ­
  besser  fährt  als  mit  der  Metahistorie.  Natürlich ­
  kommen  da  nicht  die  tatsächlichen  Leistungen  auf  beiden  Gebieten
in  Betracht,  sondern  rein  prinzipielle  Verhältnisse.
Es  gilt  erstens,  daß  die  Historie  jenes  Geschehens,  dessen  Erfassung ­
  ihr  spezifisch  ist,  mit  festerem  Griff  habhaft  wird,  als  es  der
Metahistorie  mit  ihrem  Geschehen  gelingt.  Das  läßt  sich  an  einem
Vergleich  der  Interpretation  hüben  und  drüben  erläutern.
Der  Schluß  von  dem,  was  vorliegt,  auf  das,  was  vorgegangen  ist,  die
Erfassung  des  Geschehens  also,  nimmt  in  beiden  Fällen  den  gleichen
Ausgang.  Historiker  wie  Metahistoriker  machen  sich  das  Vorliegende
zunächst  als  einen  schlichten  Wandel  von  etwas  klar,  das  früher  Vorgelegen ­
  hat.  Soweithin  ist  das  Geschehen  weder  als  eine  Abfolge  von
Erscheinungen,  noch  als  eine  Tätigkeit,  weder  „kausal“  noch  „final“
erfaßt,  sondern  rein  abstrakt,  als  eine  Formveränderung.  Schon
dieser  erste  Schritt  der  Erfassung  kann  ein  zweifelhafter  sein.  So
könnte  z.  B.  das  Felsenmeer  ebensogut  eine  Umlagerung  der  Steinklötze ­
  sein,  wie  die  Umwandlung  einer  festen  Steinschicht.  Der  Geologe
bleibt  diesem  zweiten  Ansatz  der  Interpretation  treu,  weil  es  ihm  gelingt,
  gerade  dieses  letztere  Geschehen  konkret  auszugestalten,  indem
es  als  den  Verwitterungsprozeß  der  festen  Schicht  kausal  auflöst.
Aber  nehmen  wir  selbst  den  günstigen  ball  an,  daß  sich  an  den
Steinklötzen  eine  gleichsam  durchlaufende  Schicht  verrät,  die  es  fast
zur  Gewißheit  macht,  daß  keine  Umlagerung  von  Felsblöcken,  nur
eine  Umwandlung  kompakten  Gesteines  vorliegt.  Dann  hätte  dies
eben  nur  die  Bedeutung,  daß  der  Geologe  über  den  Ausgang  seiner
Interpretation  nicht  mehr  im  Zweifel  zu  sein  brauchte.  An  dem
        <pb n="391" />
        368

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

Hergang  seiner  Interpretation,  wie  er  schon  früher  skizziert  wurde,
ändert  sich  damit  absolut  nichts.  Der  Geologe  muß  sich,  nach  wie
vor,  auf  jenes  mögliche  System  kausaler  Verkettungen  besinnen,  das
bei  der  fraglichen  Umwandlung  ausmünden  könnte.  Diese  Umwandlung ­
  ist  dann  jenes  „Vorliegende“,  dem  er  das  „Vorgegangene“  gleichsam ­
  unterbauen  muß.  Der  Geologe  erfaßt  also  das  Geschehen
sozusagen  stets  nur  bei  einem  Ende.  Auch  wenn  er  das  System
kausaler  Verkettungen  so  zu  entfalten  weiß,  den  Verwitterungsprozeß
derart  in  viele  Einzelprozesse  zerlegt,  daß  er  das  Geschehen  dann  nach
vielen  Abschnitten  kleinerer  Spannweite  zu  erfassen  vermag,  auch  dann
ändert  sich  nichts.  Es  wiederholt  sich  dann  für  jeden  dieser  Abschnitte, ­
  daß  man  das  Geschehen  doch  nur  bei  einem  Ende  erfaßt.
Von  welchem  Geiste  diese  Erfassung  getragen  wird,  wie  hier  stets  nur
der  Analogieschluß  vom  Geschehenden  auf  das  Geschehene  waltet,  soll
gleich  unten  erhellen.  So  viel  ist  sicher,  daß  der  Geologe  darauf  angewiesen ­
  bleibt,  von  dem  Vorliegenden  aus,  im  Sinne  der  Abfolge
A—B,  das  Geschehen  frei  zu  gestalten,  ohne  daß  sein  Denken
hierbei  noch  einen  weiteren  Anhalt  fände.  Die  Gestaltung  in  dem
einen  Abschnitt  findet  nicht  den  mindesten  Rückhalt  an  den  übrigen
Abschnitten,  geht  also  unter  voller  Verantwortung  für  die  Gültigkeit
des  Ganzen  vor  sich.  Ein  Fehlschluß  in  irgendeinem  Abschnitt  macht
die  ganze  Interpretation  hinfällig.  Wenn  also  die  Interpretation  noch
so  sorgsam,  noch  so  einwandsfrei  erfolgt,  in  ihrem  Ergebnis  noch  so
überzeugend  und  für  den  augenblicklichen  Stand  der  kausalen  Forschung
unerschütterlich  ist,  jenes  prinzipielle  Verhältnis  bleibt  bestehen,  wonach
die  Metahistorie  ein  Geschehen  nur  so  erfaßt,  daß  sie  es  auf  das
Zeugnis  einer  einzigen  Instanz  hin  gestaltet,  wie  immer
sich  auch  das  Problem  dieser  Gestaltung  verengt  und  erleichtert.
Das  ist  der  Grund,  weshalb  ich  stets  den  Ausdruck  vermeide,  daß
die  Metahistorie  ein  Geschehen  „erschließe“.  Mit  vollem  Recht  aber
darf  man  diesen  Ausdruck  auf  die  Art  anwenden,  in  der  von  der
Historie  das  ihr  spezifische  Geschehen  erfaßt  wird.  Das  geschieht
eben  tatsächlich  auf  das  Zeugnis  einer  Mehrheit  von  Instanzen  hin,
und  alle  diese  Zeugnisse  stützen  und  ergänzen  sich  untereinander. ­
  Erinnern  wir  uns  an  den  Ansatz  der  historischen  Interpretation ­
  in  unserem  Beispiele:  Eine  Reihe  abstrakt,  als  Formveränderung ­
  erfaßbarer  Geschehen,  die  Vorgänge  des  Ebnens,  Einritzens  usw.
Ihnen  gegenüber  jene  vernünftige  Erwägung,  die  uns  durch  unsere
Lebenserfahrung  geläufig,  durch  die  logischen  Denkgesetze  in  ihrer
Gültigkeit  verbürgt  ist.  Und  nun  die  Einsicht,  daß  jene  Vorgänge
sowohl  einzeln,  jeder  gemäß  seiner  Natur,  als  auch  ihrer  konstatier ­
        <pb n="392" />
        Abschnitt  IV.

369

baren  Reihenfolge  nach  mit  jener  Erwägung  im  Einklang  stehen.  Das
ergibt  eine  Fülle  von  Momenten,  die  unsere  Erkenntnis  zwingend  bestimmen; ­
  so  reich,  daß  eines  oder  das  andere  daraus  ohne  Schaden
ausfallen  könnte.  Die  Löcher  zum  Beispiel,  die  für  die  Keile  und  Brecheisen ­
  vorgebohrt  erscheinen,  könnten  ganz  gut  durch  Verwitterung  und
Vegetation  so  verunstaltet  sein,  daß  sie,  für  sich  betrachtet,  kaum  mehr
als  Spur  der  Menschenhand  gelten  dürften.  Es  bliebe  trotzdem  genug
des  imperativsten  Anlasses,  hier  eine  Reihe  von  Vorgängen  als  eine
Verflechtung  vernünftigen  Tuns  zu  erfassen.  Ein  Geschehen  dieser
Struktur  hat  unsere  Erkenntnis  nicht  erst  zu  gestalten,  es  drängt  sich
ihr  gebieterisch  auf,  kraft  des  übereinstimmenden  Zeugnisses  vieler
Instanzen.  In  diesem  Sinne  ist  es  keine  Laune  des  Ausdruckes,  sondern
eine  Aussage  von  sachlichstem  Gehalt,  zu  sagen,  daß  die  Historie  ein
Geschehen  erschließe.  Wie  immer  dann  jener  zweite  Teil  der
Interpretation  ausfällt,  ob  nun  die  Erklärung  des  erschlossenen  Geschehens ­
  als  „Römerarbeit“  überzeugend  oder  zweifelhaft  sei,  das  ändert
an  diesem  prinzipiellen  Verhältnisse  nicht  das  mindeste  mehr.
Hier  verrät  sich  gleich  eine  bedeutsame  Korrespondenz
zwischen  dem  formellen  Gegensatz  der  beiden  Erkenntnisarten
und  ihren  materiellen  Unterschieden.  Wenn  die  Metahistorie
den  Sinn  einer  Interpolation  von  Geschehen  hat,  um  Sein  zu  ordnen,
die  Historie  aber  den  Sinn  einer  Interpretation  von  Sein,  um  Geschehen
zu  erschließen,  so  harmoniert  dies  aufs  beste  mit  der  eben  gewonnenen
Einsicht.  Das  Geschehen  der  Metahistorie  hat  sich  formell  als  ein
bloßer  Konstruktionsbehelf  dartun  lassen;  nun  erhellt  es  materiell
als  ein  Ergebnis  freier  Gestaltung.  Die  Historie  wieder  erblickt ­
  formell  in  ihrem  Geschehen  ihren  Erfahrungsstoff;  nun
zeigt  es  sich,  wie  dieses  Geschehen  tatsächlich  erschlossen  sein  will.
Dem  Geschehen  gegenüber  verhält  sich  die  metahistorische  Erkenntnis
quasi  produktiv,  die  historische  Erkenntnis  aber  ausgesprochen
rezeptiv.  Hier  ist  eben  das  Geschehen  das  Primäre,  dort  eher  die
Erkenntnis.
Man  denke  z.  B.  an  den  Umschwung,  der  in  der  Geologie  von
der  alten,  „revolutionistischen“,  zur  modernen  Auffassung  eintreten
  konnte.  Wie  hätte  das  Geschehen,  von  dem  man  die  geologischen ­
  „Perioden“  getragen  denkt,  im  Geiste  jener  Katastrophentheorie ­
  ausgesehen,  und  wie  ganz  anders  sieht  es  nunmehr  aus.  Die
moderne  Auffassung,  die  in  diesem  ganzen  Geschehen  gleichsam  nur
eine  Verlängerung  dessen  erblickt,  was  auch  heute  um  uns  vorgeht,
ist  gewiß  sehr  plausibel,  und  gewiß  entspringt  sie  einer  sorgfältigeren
Interpretation.  Aber  daß  eine  gesteigerte  Sorgfalt  im  Ausdeuten  das
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  24
        <pb n="393" />
        370

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

Ergebnis  der  Deutung  so  radikal  zu  ändern  vermag,  daß  der  Interpretation ­
  ein  so  unbegrenzter  Spielraum  gewährt  ist,  das  erscheint  eben
nur  deshalb  möglich,  weil  hier  nicht  schlechthin  ein  Wandel  in
der  Interpretation,  sondern  ein  Wechsel  in  der  Interpolation ­
  vorgegangen  ist,  weil  hier  das  Geschehen  ein  von  der  Erkenntnis ­
  gestalteter  Einschübling  ist,  der  Form  nach  also  ein
Konstruktionsbehelf.
Noch  in  einer  zweiten  Hinsicht  zeichnet  sich  die  Historie  vor  der
Metahistorie  aus.  Sie  erschließt  das  Geschehen  in  solcher  Art  und
Weise,  daß  es  von  Haus  aus  in  einem  innigeren  Verhältnis  zu
unserem  erkennenden  Denken  steht,  als  dies  für  das  metahistorische
Geschehen  gilt  Dieses  wird  vom  Boden  der  Naturgesetze,  jenes
vom  Boden  der  logischen  Denkgesetze  aus  erfaßt.  Hinter  den
Naturgesetzen  aber  steht,  als  letzte  Instanz,  erst  noch  die  Erfahrung.
Nicht  auch  hinter  den  logischen  Denkgesetzen,  die  sich  selber  schon
die  letzte  Instanz  sind.  Dieser  Unterschied  gibt  hier  den  Ausschlag,
und  es  ist  leicht  gezeigt,  wie  er  es  tut.
Alle  Erfahrung,  die  ein  Geschehen  betrifft,  wurzelt  in  dem,  was
um  uns  her  vorgeht.  Um  die  Abfolge  A—B  als  Erfahrung  hinzunehmen, ­
  muß  ein  Geschehen  seinen  Lauf  nehmen.  Träger  der  Erfahrung ­
  ist  stets  das  Geschehende.  Hinter  den  Naturgesetzen  steht
also  das  Geschehende,  und  ein  Geschehen  vom  Boden  der  Naturgesetze
aus  erfassen,  heißt  nichts  anderes,  als  daß  man  das  Geschehene
nach  der  Analogie  zum  Geschehenden  gestaltet.  Dem
entspricht  nun  auch  das  Verhältnis  des  metahistorischen  Geschehens
zu  unserem  Denken.  Unsere  Einsicht  ei  schöpft  sich  hier  darin,  daß
wir  die  Vorgänge  aus  der  Analogie  des  Geschehenen
zum  Geschehenden  begreifen.  So  mögen  wir  in  unserem  Beispiele ­
  den  Verwitterungsprozeß  noch  so  eindringlich  in  lauter  kausale
Verkettungen  auflösen,  für  unsere  Erkenntnis  ist  damit  nichts  weiter
erreicht,  als  daß  wir  nun  jeden  Teilvorgang  für  sich  aus  der  Analogie
des  Geschehenen  zum  Geschehenden  begreifen.  Ein  weiterer  Zusammenhang ­
  im  Geschehen  selber  offenbart  sich  uns  nicht.  Es  verbleibt ­
  bei  jenem  kausalen  Zusammenhang  nach  dem  Schema  A—B,
der  stets  nur  das  Nächste  an  das  Nächste  kettet.  Die  Einsicht  in
diesen  kurzatmigen  Zusammenhang  aber  bedeutet  vom  Standpunkte
unseres  erkennenden  Denkens  aus  immer  nur  ein  Begreifen  aus
der  Analogie.  Dafür,  daß  es  so  und  so  geschehen  ist,  berufen
wir  uns  einfach  darauf,  daß  es  aller  Erfahrung  nach  immer  so  geschieht. ­
        <pb n="394" />
        Abschnitt  IV.

371

Auch  die  historische  Erkenntnis  mag  vielfach  mit  Analogieschlüssen ­
  arbeiten;  sie  berühren  hier  aber  nicht  den  Kern
der  Sache.  In  jenem  ersten,  für  ihre  Eigenart  entscheidenden  Teil
hat  die  historische  Interpretation  durchaus  nicht  den  Sinn  eines
Schlusses  aus  der  Analogie.  Wir  deuten  jene  gewissen  Formen  nicht
deshalb  als  Arbeit  an  Säulen,  weil  es  dort  so  aussieht,  wie  es  überall
aussieht,  wo  immer  an  Säulen  gearbeitet  wird.  Unser  eigenes  Handeln
wird  uns  wohl  zum  aufklärenden  Vorbilde;  aber  nur  so,  daß  wir  einem
Geschehen  auf  die  Spur  kommen,  für  das  uns  zum  Schlüssel  eine  vernünftige ­
  Erwägung  wird,  ganz  von  der  Art,  wie  sie  unser  eigenes
Handeln  in  sich  schließt.  Von  da  ab  finden  wir  an  den  logischen
Denkgesetzen  unseren  Rückhalt,  die  uns  keineswegs  über  sich
hinaus  auf  die  Erfahrung  verweisen,  keineswegs  zu  Analogieschlüssen
drängen.  Das  Erschließen  des  Geschehens  hat  hier  den  Sinn,  daß  wir
an  der  Hand  jener  vernünftigen  Erwägung  das  Geschehen  in
seinen  inneren  Zusammenhängen  durchschauen.  In
solcher  Weise  steckt  hier  gleichsam  die  Logik  im  Geschehen  selber.
Und  danach  ist  auch  das  Verhältnis  unseres  erkennenden  Denkens  zum
historischen  Geschehen  beschaffen.
Dem  historischen  Geschehen  gegenüber  sind  wir  nicht  auf  ein
bloßes  Begreifen  aus  der  Analogie  beschränkt.  So,  wie  es  erschlossen
ist,  enthüllt  sich  uns  ein  innerer  Zusammenhang  dieses  Geschehens, ­
  der  in  zweifacher  Hinsicht  den  kausalen  Zusammenhang
übertrumpft.  Erstens  ist  er  von  einer  zwingenderen  Natur  und
darf  daher  unserer  Erkenntnis  eine  höhere  Befriedigung  gewähren.
Denn  für  die  Art,  in  der  die  Knoten  dieses  Zusammenhanges  geschlungen ­
  sind,  steht  sofort  die  höchste  und  letzte  Instanz  unseres  Denkens
ein,  eben  die  logischen  Denkgesetze,  mit  denen  unser  ganzes  Denken
und  Erfahren  steht  und  fällt.  Zweitens  ist  der  Zusammenhang,  mit
dem  zugleich  dieses  Geschehen  erschlossen  wird,  ungleich  reicher
als  der  Kausalzusammenhang  im  metahistorischen  Geschehen.  Geschweige, ­
  daß  er  nur  das  Nächste  an  das  Nächste  ketten  würde,  weben
seine  Fäden  schier  grenzenlos  hin  und  her,  verflechten  das  Geschehen
in  sich  selbst  und  über  sich  hinaus  mit  anderem  Geschehen,  und  verknüpfen ­
  so  das  Nächste  auch  noch  mit  Fernem  und  Fernstem.
So  steht  z.  B.  das  Zurüsten  von  Säulen  mit  dem  Bau  eines  Hauses
oder  eines  Tempels  in  Zusammenhang,  dieser  mit  der  Schaffung  einer
festen  Ansiedlung,  diese  mit  der  Behauptung  eines  vorgeschobenen
Postens,  so  daß  man  schließlich  das  schlichte  Treiben  der  römischen
Werkleute  ungezwungen  als  einen  Ausfluß  der  römischen  Weltpolitik
zu  erkennen  vermag.  Solcher  Zusammenhänge  lassen  sich  eine  Unzahl
        <pb n="395" />
        372

,Die  Grenzen  der  Geschichte 1

feststellen.  Die  Lage  des  Werkplatzes  gegenüber  der  Lage  des  Bauplatzes ­
  mag  in  dem  erschlossenen  Geschehen  den  Ausdruck  eines
Sparens  mit  der  Arbeitskraft  erkennen  lassen.  Auch  in  seiner  inneren
Verflechtung,  in  seiner  Stückelung  nach  Akten  und  in  seinem  ganzen
Hergang,  erkennen  wir  das  Geschehen  aus  seinem  Zusammenhang  mit
späterem  und  ebenso  auch  mit  früherem  Geschehen.  So  läßt  sich
z.  B.  die  ganze  Entwicklung  der  römischen  Bautechnik  mit  diesem
Geschehen  in  einen  Zusammenhang  bringen,  der  uns  das  Geschehen
als  solches  in  seinem  besonderen  Gepräge  erklärt.  Es  gilt  von  allen
diesen  Zusammenhängen,  daß  ihre  Aufdeckung  im  strengsten  Sinne
eine  Erklärung  des  Geschehens  selber  darstellt,  und  nicht
bloß  seines  Eintrittes.
Gewiß  denkt  man  sich  auch  den  Kausalzusammenhang  so,  daß
er  schließlich  alles  mit  allem  verbindet.  Er  tut  es  aber  stets  nur  von
Station  zu  Station;  er  verkettet  eben  nur,  aber  er  übergreift  sich
als  Zusammenhang  niemals,  er  verknüpft  also  nichtI  Der  Vorstellung ­
  nach  könnten  wir  uns  wohl  aus  dem  großen  Kausalzusammenhang ­
  begreiflich  machen,  wie  es  kam,  daß  an  dieser  bestimmten  Stelle
ein  Wasser  bestimmter  Bewegungsart,  unter  bestimmten  Umständen,
mit  einer  bestimmten  mineralischen  Spezies  in  Kontakt  gelangt  ist.
Für  das  Begreifen  des  Geschehens,  das  aus  diesem  Kontakt  entspringt, ­
  lernen  wir  daraus  auch  nicht  das  mindeste.  Für  sein  Begreifen ­
  sind  wir,  nach  wie  vor,  auf  den  Analogieschluß  vom  Geschehenden ­
  auf  das  Geschehene  angewiesen:  der  Kontakt  von  Wasser
und  Glimmer  wirkt  so  und  so,  ergibt  dieses  und  dieses  Geschehen.
Und  es  ist  dabei  absolut  gleichgültig,  wie  es  im  Ablauf  des  früheren
Geschehens  zu  diesem  bestimmten  Kontakt  gekommen  ist.
Ein  Geschehen  aber,  daß  wir  als  ein  Geflecht  vernünftigen  Tuns
erschließen,  ist  bis  ins  Innerste  hinein  ein  Geschöpf
seiner  Zusammenhänge  mit  anderem  Geschehen.  Je
tiefer  wir  in  diese  Zusammenhänge  eindringen,  desto  greifbarer  wird
uns  nebenbei  die  Einsicht,  daß  ein  Geschehen  dieser  ganz  bestimmten
Art  eben  nur  an  diesem  Orte,  zu  dieser  Zeit  und  in  dieser  Verflechtung
möglich  war.  Auch  „die  Natur  ist  nur  einmal  da“  (Mach).  Hier
aber  wird  uns  das  Einmalige,  das  Niewiederkehrende  des  Geschehens
klar  erfaßlich,  weil  seine  Eigenart  darin  wurzelt.  In  den  großen
Zusammenhang  des  Erlebten  knüpft  sich  dieses  Geschehen  an  einer
ganz  bestimmten  Stelle  ein,  und  gerade  aus  dieser  einzigen
Position  schöpft  das  Geschehen  sein  ganzes  Um  und
Auf.  Je  sorglicher  wir  seine  Einknüpfung  erschließen,  desto  verständlicher ­
  wird  uns  das  Geschehen,  als  solches.  Einverständnis,  dem
        <pb n="396" />
        Abschnitt  IV.

373

der  Vorstellung  nach  gar  keine  Obergrenze  gesetzt  ist  Es  empfiehlt
sich  daher,  dieses  ungleich  innigere  Verhältnis  des  Geschehens  zu
unserem  erkennenden  Denken  auch  im  Ausdruck  festzulegen:  dort,  in
der  Metahistorie,  begreifen  wir  nur;  hier,  in  der  Historie,  verstehen ­
  wir.  Abschließend  kann  man  also  diesen  zweiten  Vorzug  der
historischen  Erkenntnis  dahin  formulieren,  daß  wir  das  metahistorische
Geschehen  stets  nur  aus  der  Analogie  zu  begreifen,  das  historische ­
  Geschehen  aber  aus  seinen  inneren  Zusammenhängen ­
  zu  verstehen  vermögen.
Man  darf  daher  nicht  glauben,  daß  in  Sachen  des  einst  Geschehenen ­
  stets  der  Metahistorie  das  letzte  Wort  der  Erkenntnis
Vorbehalten  ist.  Sie  spricht  schlechthin  ein  anderes  Wort,  und  dieses
hat  nicht  einmal  den  besseren  Klang  1  Wenn  in  unserem  Beispiele
der  Metahistoriker  die  Deutung  der  gewissen  Formen  dem  Historiker
aus  der  Hand  nehmen  wollte,  so  wäre  dies  wohl  von  seinem  Standpunkte ­
  aus  konsequent  gehandelt;  wie  weit  er  bei  diesem  Beginnen
käme,  soll  hier  außer  Erörterung  bleiben.  Jedenfalls  aber  würde  diese
Konkurrenzleistung  der  Metahistorie,  an  sich  betrachtet,  kein  A  u  fsteigen
  besagen,  sondern  eher  ein  Absteigen  in  der  Erkenntnis!
Der  Historiker  erschließt  da  vernünftige  Tat  und  weiß  sie  als  Römerarbeit ­
  bis  ins  unbegrenzte  zu  erklären.  Wenn  wir  an  Stelle  dessen
nun  die  kausalen  Verkettungen  auflösen,  die  Lebensäußerungen  eines
interpolierten  Lebewesens  den  fraglichen  Formen  einschieben,  so  besagt
dies  offenbar  nur,  daß  wir  darauf  verzichten,  ein  Geschehen  zu  erschließen, ­
  das  wir  aus  seinen  inneren  Zusammenhängen  zu  verstehen
vermöchten;  und  daß  wir  statt  dessen  ein  Geschehen  gestalten,  das  uns
nur  mehr  aus  der  Analogie  begreiflich  ist.  Da  besteht  wohl  kein
Zweifel,  wo  unsere  Erkenntnis  das  bessere  Geschäft  macht.  Aber  ich
betone  ausdrücklich,  daß  ich  hiermit  nur  die  Überlegenheit  der
historischen  gegenüber  der  metahistorischen  Erkenntnis ­
  demonstrieren  will,  und  nicht  etwa  das  bessere  Recht  einer
sogenannten  „teleologischen“  gegenüber  der  „Kausalerklärung“.  Das
hieße  eine  unzweideutige  Sache  durch  eine  ebenso  vieldeutige  als  vielmißbrauchte
  Ausdrucksweise  kompromittieren.
Den  formellen  Gegensatz  zwischen  den  beiden  Erkenntnisarten
habe  ich  dahin  zugespitzt,  daß  die  Historie  eine  Interpretation  von
Sein  ist,  um  Geschehen  zu  erschließen,  die  Metahistorie  aber  eine
Interpolation  von  Geschehen,  um  Sein  zu  ordnen.  Im  Anschluß  daran
fasse  ich  nun  auch  die  materiellen  Unterschiede  zwischen
Historie  und  Metahistorie  in  eine  Formel  zusammen:
        <pb n="397" />
        374

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

Bei  der  metahistorischen  Interpolation  handelt
es  sich  um  ein  Geschehen,  das  wir  vom  Boden
der  Naturgesetze  aus  als  eine  Abfolge  von  Erscheinungen ­
  gestalten,  daher  wir  es  immer  nur
aus  der  Analogie  zum  Geschehenden  begreifen..
Bei  der  historischen  Interpretation  handelt
es  sich  um  ein  Geschehen,  das  wir  vom  Boden
der  logischen  Denkgesetze  aus  als  ein  Geflecht
vernünftigen  Tuns  erschließen,  so  daß  wir  es
aus  seinen  inneren  Zusammenhängen  verstehen.

V.
Besinnen  wir  uns  auf  die  Ausgangspunkte.  Unser  Thema  ist  jenes
vierte  Problem  von  den  Grenzen  der  Geschichte,  das  eins  ist  mit
der  Frage  nach  den  realen  Ausläufen  des  historischen  Geschehens. ­
  Da  hat  sich  die  Schwierigkeit  ergeben,  dieses  Problem  zu
diskutieren,  weil  es  unter  der  Last  einer  scheinbar  selbstverständlichen ­
  Lösung  begraben  liegt.  Es  fällt  uns  ja  im
gewöhnlichen  Verlauf  der  Dinge  gar  nicht  bei,  nach  den  Grenzen  der
Geschichte  in  jenem  wörtlichsten  und  zugleich  weitestgehenden  Sinne
zu  fragen,  der  unserem  Probleme  entspricht,  weil  es  für  eine  ausgemachte ­
  Sache  gilt,  daß  man  diese  Grenzen  im  älteren  Diluvium  oder
da  herum  zu  suchen  hätte.  Wenn  der  Glaube  an  diese  Lösung  wirklich
unerschütterlich  wäre,  besäße  das  Problem  kein  Daseinsrecht;  ebensogut
könnte  man  fragen,  warum  zwei  mal  zwei  vier  ist.  Nun  ließ  sich  aber
an  dieser  Lösung  eine  verwundbare  Stelle  ermitteln:  Im  Geiste
dieser  Lösung  müßten  die  historischen,  geologischen  und  biogenetischen
Disziplinen  ein  Ganzes  bilden,  von  innerer  Einheit  und  Geschlossenheit, ­
  sie  müßten  also  der  Erkenntnis  nach  homogen  sein  I  Bei
diesem  Punkte  hat  meine  Kritik  eingesetzt,  und  ihr  Ergebnis  lehrt,
daß  man  jener  Lösung  gegenüber  am  Zweifel  nicht
verzweifeln  mußl
Wer  jene  Gruppen  von  Disziplinen  eines  Geistes  wähnt,  begeht
eine  arge  Überschätzung  dessen,  was  diesen  Wissenschaften  in  logischer
und  anderer  Hinsicht  tatsächlich  gemein  ist.  Denn  mitten  durch
diese  Gruppe  zieht  sich  ein  scharfer  Riß,  gemäß  der
Scheidung  zwischen  Historie  und  Metahistorie.  Diese
Scheidung  aber  ist  von  grundsätzlicher  Natur;  das  heißt,  sie  läßt
nirgends  eine  Vermischung  des  Geschiedenen  zu,  weder  im  ganzen.
        <pb n="398" />
        Abschnitt  V.

375

noch  im  einzelnen.  Überall  läuft  es  auf  ein  starres  Entwederoder
hinaus.  In  formeller  Hinsicht  liegt  dies  genügend  klar  am  Tage,  weil
da  ein  ausgesprochener  Gegensatz  Historie  und  Metahistorie  von  Haus
aus  trennt.  Allein  auch  die  materiellen  Unterschiede  in  der  Erkenntnis ­
  hüben  und  drüben  sind  von  dieser  grundsätzlichen  Art,  lassen
keine  Übergänge,  keine  Vermischung  des  Unterschiedenen  zu.  Ein
Beispiel  soll  dafür  noch  als  Stichprobe  dienen.

Jener  Einbruch  des  Meeres  in  die  Niederungen  Hollands,  der  die
Zuyder  See  geschaffen  hat,  war  ein  Geschehnis,  dem  zweifellos
historische  Bedeutsamkeit  innewohnt.  Ebenso  zweifellos  ist  es  möglich,
dieses  Geschehen  in  kausale  Verkettungen  aufzulösen,  die  „Kausalerklärung“ ­
  jenes  Einbruches  zu  geben.  Es  fragt  sich  nun,  ob  man
diese  „Kausalerklärung“  der  Historie  zurechnen  muß;
in  diesem  Falle  würde  sich  die  historische  Erkenntnis  auf  ein  Gesche  en
ausdehnen,  das  uns  nur  vom  Boden  der  Naturgesetze  aus  als  eine  Abfolge
von  Erscheinungen  erfaßlich,  nur  aus  der  Analogie  zum  Geschehenden
begreiflich  ist.  Also  würde  sich  an  diesem  Punkte  historische  und
metahistorische  Erkenntnis  ihrer  Eigenart  nach  vermischen.
In  Wahrheit  aber  tritt  diese  Vermischung  gar  nicht  ein.
Es  wurzelt  freilich  in  Verhältnissen  historischer  Natur,  wenn
wir  an  der  „Kausalerklärung“  jenes  Geschehnisses  ein  besonderes
Interesse  nehmen.  Hieraus  entspringt  aber  noch  kein  Anlaß,  diese
„Kausalerklärung“  selber  der  Historie  zuzurechnen.  Dazu  wäre  man
erst  dann  befugt,  sobald  sich  die  Erkenntnis  jenes  historischen  Geschehens, ­
  für  welches  der  Meereseinbruch  von  Belang  war,  mit  Hilfe
dieser  „Kausalerklärung“  vertiefen  ließe.  Dies  trifft  aber
keineswegs  zu.  Die  Erkenntnis  jenes  historischen  Geschehens  läßt  sich
in  dieser  Hinsicht  nur  so  vertiefen,  daß  man  immer  klarer  zu  erfassen
sucht,  in  welcher  Art  der  Eintritt  jener  Katastrophe  in  das  ganze
Gewebe  von  Schicksal  und  Tat  bedingend  eingegriffen  hat
Sobald  es  nämlich  gilt,  die  Zusammenhänge  des  historischen  Geschehens
aufzudecken,  kommt  jener  Einbruch,  im  ganzen  wie  auch  in  den
Einzelheiten  seines  Herganges,  als  etwas  schlechthin  Gegebenes
in  Betracht;  er  erscheint  gleichsam  als  ein  bloßer  Ansatz  bei  der
Gestaltung  aller  Beziehungen,  genau  so,  wie  etwa  das  Klima  von
Holland  oder  der  Linienzug  seiner  Küste.
In  diesem  Sinne  findet  die  „Kausalerklärung“  des  Einbruches  im
Systeme  der  historischen  Erkenntnis  überhaupt  keinen  Platz.  Sie
vertieft  da  nichts  und  ergänzt  nichts,  sie  geht
schlechthin  nebenher.  Sie  selber  ist  uns  nur  deshalb  möglich,
        <pb n="399" />
        376

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

weil  sie  sich  einem  ganz  anderen  System  organisch  einfügt,  dem  System
der  metahistorischen  Erkenntnis.  Wenn  jene  Erklärung  aus  diesem
Systeme,  in  dessen  Gefüge  sie  allein  möglich  ist,  herausgegrififen  wird,
so  hat  dies  offenkundig  die  Bedeutung  einer  Nutzanwendung  der
metahistorischen  Erkenntnis;  eine  Nutzanwendung,  die  provoziert ­
  wird  durch  ein  Interesse,  das  zufällig  aus  Anlässen  historischer
Natur  entspringt.  Man  sieht,  selbst  dieser  bestechende  Ausnahmefall
gibt  nicht  den  Anstoß  dazu,  daß  sich  historische  und  metahistorische
Erkenntnis  in  ihrer  Eigenart  vermischen.  Auch  die  materiellen  Unterschiede ­
  in  der  Erkenntnis  bleiben  im  Sinne  eines  starren  Entwederoders
bestehen,  und  so  zeugen  auch  sie  für  die  grundsätzliche  Natur
des  Abstandes  zwischen  Historie  und  Metahistorie.
Es  ist  nicht  notwendig,  die  Weite  dieses  Abstandes  zu  ermessen;
die  Tatsache  allein,  daß  er  nicht  zufällig,  sondern  als  ein  grundsätzlicher ­
  besteht,  widerstreitet  der  Annahme,  als  ob
in  allen  jenen  Disziplinen  die  Erkenntnis  eine  homogene ­
  sei.  Also  widerstreiten  unsere  Ergebnisse  auch  der  Anschauung, ­
  daß  sich  diese  Gruppe  von  Disziplinen  zu  einem  Kontinuum ­
  der  Erkenntnis  zusammenschließe.  Wieder  ist  es  gar
nicht  notwendig,  nun  diesen  Widerstreit  bis  ins  einzelne  zu  verfolgen.
Daraus,  daß  er  überhaupt  besteht,  lassen  sich  ganz
unmittelbar  erkenntniskritische  Bedenken  gegen  jene
blindgläubige  Lösung  unseres  Problemes  erheben:  Bedenken ­
  nämlich,  ob  mit  dieser  Lösung  nicht  eine  unzulässige
Verquickung  von  zwei  Erkenntnisarten  Platz  greift,
die  einander  bis  in  die  Wurzel  fremd,  ihren  Ergebnissen ­
  nach  also  beziehungslos  sind.  Und  so  mündet
meine  ganze  Untersuchung  in  den  Zweifel  aus,  ob  es  der
metahistorischen  Erkenntnis  überhaupt  zusteht,  dem
Erfahrungsstoff  der  historischen  Erkenntnis  die
Grenzen  zu  ziehen!
Dieses  schließliche  Ergebnis  nimmt  sich  etwas  mager  und  spitzfindig ­
  aus;  aber  man  darf  eben  zwei  Dinge  nicht  vergessen.  Erstens
wäre  es  unbillig,  an  das  Ergebnis  der  Kritik  den  Maßstab  der  wuchtigen ­
  Vorstellungen  zu  legen,  die  zur  Kritik  standen.  Für  das  Denken
unserer  naturwissenschaftlichen  Zeit  hat  es  ja  etwas  brutal  Plausibles,
sich  auszumalen,  wie  das  Geschehen,  dem  wir  selber  die  Akteure  sind,
sich  im  gleichsam  absteigenden  Sinne  schließlich  in  die  Vorgänge  der
natürlichen  Entwicklung  jener  Spezies  verliert,  zu  der  abermals  wir
        <pb n="400" />
        Abschnitt  VI.

377

selber  gehören.  Diese  Vorstellung  hat  den  Schein  der  plattesten
Logik  für  sich.  Sie  also  mit  der  gleichen  Wucht  der  Glaubwürdigkeit
zu  widerlegen,  sie  gleichsam  umzurennen,  ist  im  voraus  ausgeschlossen. ­
  Die  Korrektur,  die  nötig  wäre,  könnte  nie  anders  als  durch
Erwägungen  erfolgen,  die  für  den  oberflächlichen  Blick  nach
Spitzfindigkeit  und  Haarspalterei  aussehen.  Die  Kritik  an  dieser
Lösung  kann  eben  immer  nur  ein  grämliches  Memento  sein,  unserem
allzuschnellfertigen  Denken  zugerufen;  eine  Mahnung  zur  Einkehr,  zu
schärferer  Zucht  im  Denken,  zu  größerer  Ehrlichkeit  des  letzteren
gegen  sich  selber.
Zweitens  darf  man  die  Schranken  nicht  übersehen,  die  ich
meinem  eigenen  Beginnen  von  vornherein  gezogen  habe.  Es  kam  mir
bloß  darauf  an,  dem  Problem  als  solchem  zu  seinem  Rechte  zu
verhelfen;  um  es  nochmals  zu  betonen,  ich  exponiere  eben  nur.  Weil
aber  dem  Verständnisse  dieses  Problems  seine  eigene  Lösung  im  Wege
steht,  hat  es  gegolten,  vorerst  an  dieser  Lösung  Kritik  zu  üben.  Das
lst  geschehen  und  zuungunsten  der  Lösung  ausgefallen.  Dem
praktischen  Erfolg  nach  ist  also  das  Problem  zur
Diskussion  gestellt!  Damit  hat  der  Vortrag  seine  Aufgabe  erfüllt. ­
  Die  Lösung  des  Problems  gehört  nicht  mehr  zur  Sache.

VI.
Neben  den  drei  Problemen,  die  sich  bisher  schon  a n  d\e  ^ndung
von  den  Grenzen  der  Geschichte“  geknüpft  haben  und  auch  in  der
Literatm  Ä  gekommen^tancbt  ™  £
historischen^'Geschehens.  Sein  Recht  auf  Dasein  wird
diesem  Probleme  nicht  abstreiten;  aber  hat  es  ^  als  „akademisches^
Interesse,  dieses  Problem  ^  ^^Tdabdl  '  Nun,’  dafür  will  ich
praktische  Pflege  der  Wissenschaft  et  '  dieses  Problem
gern  einstehen,  daß  es  an  er  Stan d pU nkte  der  Historie  und
an  zu  schneiden.  Es  gilt  * eS  V ,.  Hinsicht  die  Interessen  teilen,
der  Nationalökonomie,  die  auch  in  dies
So  komme  ich  zur  Moral  meiner  Ausführungen.  r&amp;gt; Kwr.Vi1
ü  •  j  ,,  .  ,,  .  „ e i n  daß  unser  Problem,  obwohl
Es  wird  wohl  nicht  entgangen  sein,
,  ...  „  \-u-isse  des  Geschehens  bezieht,
es  sich  unmittelbar  auf  Verhältnisse  _
mittelbar  doch  wieder  eine  Scheidung  zwisc  en  1SS ®
schäften  berührt.  Da  handelt  es  sich  um  die  Grenzen  zwischen  den
zwei  großen  Gruppen  der  reinen  Erfahrungswissen ­
        <pb n="401" />
        378

.Die  Grenzen  der  Geschichte'

schäften:  hüben  die  Historie  und  ihre  echten  Geistesverwandten,
drüben  die  Naturwissenschaften.  Die  Grenzen  dazwischen  aber
sind  besonderer  Art;  nicht  etwa  wie  z.  B.  jene  zwischen  Historie  und
Nationalökonomie,  an  die  sich  die  Forschung,  die  stets  aus  eigenem
Rechte  ihre  Wege  geht,  niemals  binden  muß.  Diesmal  sind  es  Grenzen
im  Sinne  einer  imperativen  Sonderung:  das  Denken  achtet
ihrer,  oder  es  betrügt  sich  selber,  zerschneidet  die  Wurzeln  seiner
Gültigkeit  1
Diese  Scheidung  unter  den  Erfahrungswissenschaften,  zu  der  auch
die  Trennung  zwischen  Historie  und  Metahistorie  als  Ergänzung  hinzutritt, ­
  ist  etwas  längst  Konstatiertes;  sie  wird  seit  langem  verfochten, ­
  im  Dienste  und  im  Geiste  einer  Selbsterkenntnis  des
Historischen,  das  sich  gegen  die  Mäjorisierung  durch  die  naturwissenschaftlichen ­
  Ideen  wehren  muß.  Was  der  geniale  Blick  eines
Dilthey  und  Windelband  erschaut  hat,  was  Rickert  und
Münsterberg  durchzuführen  suchen,  was  im  historischen  Lager  einst
schon  Droysen  glänzend  vertreten  hat,  neuerdings  Bernheim,
Lorenz,  und  erst  jüngst  noch  Eduard  Meyer,  von  anderen
Ausgängen  her  auch  Schuppe  und  Stammler  —  um  nur  das
Markanteste,  das  Zielbewußteste  dieser  geistigen  Bewegung  anzuführen
—  alles  das  vereint  sich,  trotz  der  großen  und  noch  unausgeglichenen
Divergenzen,  doch  in  dem  Einen  Ziele:  die  Emanzipation  des
historischen  vom  naturwissenschaftlichen  Denkenl
Diese  Selbstherrlichkeit  der  historischen  Erkenntnis,  für  die
ja  am  lautesten  die  Werke  der  großen  Historiker  zeugen,  die  sich  aber
auch  theoretisch  so  wohl  und  tief  begründen  läßt,  die  spielen  wir
nicht  als  Trutz  gegen  die  Naturwissenschaft  aus.  Was  deren  erleuchtete ­
  Denker  kundgeben,  ein  Baer,  ein  Kirchhoff,  ein  Mach,
ist  vielfach  Wasser  auf  unsere  Mühle.  Wir  aber  handeln  aus  Notwehr: ­
  gegen  jene  Sendboten  der  alleinseligmachenden  Naturwissenschaft
in  unserem  eigenen  Lager,  die  uns  von  der  gewissen  Höhe  „moderner“
Erkenntnis  herab  in  das  Geheimnis  einweihen  wollen,  wie  man  eine
Wissenschaft  fertig  bringt.  An  Comte  und  Spencer  klammern
sie  sich  an,  aber  jene  ganze  Phalanx  unserer  historisch-theoretischen
Denker  hätte  für  sie  in  die  Luft  geredet.
Es  ist  aber  genug  endlich,  daß  uns  Anschauungen,  die  auf  einer
so  bemerkenswert  rückständigen  Grundlage  ruhen,  heute  noch
als  das  Modernste  gepredigt  werden.  Zur  Mode  freilich,  dafür
sind  sie  geeignet,  weil  der  Nachtrab  der  breiten  Schichten  inzwischen
glücklich  bis  zu  solchen  Anschauungen  vorgedrungen  ist.  Aber  deshalb
ist  dies  im  Zeitalter  der  Erkenntnistheorie  doch  ein  Biedermeier-
        <pb n="402" />
        Abschnitt  VI.

379

Standpunkt.  Das  muß  gesagt  werden,  weil  man  gerade  jene,  die
aus  geläuterten  Gründen  das  gute  alte  Recht  der  Historie  verteidigen,
als  die  Biedermeier,  als  die  Erkenntnisbureaukraten  hinstellt,  die  nicht
höher  als  auf  das  Bestehende  schwören.
Hieraus  will  nun  das  Zeitgemäße  jenes  vierten  Problems  von
den  Grenzen  der  Geschichte  verstanden  sein.  An  sich  ist  es  durchaus
nicht  so  hoch  und  keck  gegriffen,  wie  es  den  Anschein  hat.  Es  liegt
in  der  schnurgeraden  Verlängerung  jener  geistigen
Bewegung.  Denn  je  schärfer  die  Trennung  offenbar  wird,  die  inmitten ­
  der  Erfahrungswissenschaft  klafft,  desto  näher  muß  die  Frage
rücken,  ob  nicht  auch  jenes  letzte  Band,  das  da  irgendwo  über  dem
„älteren  Diluvium“  geknüpft  wäre,  nur  ein  scheinbares  sei.  Also
ist  unser  Problem  nur  eine  Art  Schlußglied  in  der  ganzen  Entwicklung. ­
  Aber  vielleicht  bringt  erst  dieser  Abschluß  den  richtigen
Eindruck  der  ganzen  Bewegung  in  Gang.  Denn  jenes  Problem  und
seine  sakrosankte  Lösung  zur  Diskussion  stellen,  das  ist  Stoß,  nicht
mehr  bloße  Parade.  Und  wahrscheinlich  tut  gerade  das  not.  Die
defensive  Kampfesweise  verfängt  nicht  recht:  gehen  wir  also  zur
Offensive  überl
        <pb n="403" />
        Anhang.
Zur  Sache  selbst  gehört  es  nicht  mehr,  aber  die  ganzen  Verhältnisse ­
  zwingen  mich  dazu,  daß  ich  auch  über  die  Lösung  des
Problems  einiges  sage.  Es  kann  dies  nur  unter  allen  möglichen  Vorbehalten ­
  geschehen,  aber  es  muß  geschehen.  Zu  lebhaft  ist  der  Anschein, ­
  daß  sich  unser  Denken  in  eine  Sackgasse  verrennt,  sobald  es
jene  landläufige  Lösung  verschmäht.  Diesem  lähmenden  Eindruck  muß
ich  zu  steuern  suchen.  Es  soll  sich  zeigen,  daß  man  den  Weg
auch  bis  ans  Ende  ausgehen  kann,  den  die  Kritik  im
Vortrage  nur  mit  einem  einzigen  Schritt  betreten  hat.
Die  folgenden  Ausführungen  sind  ganz  dezidiert  gehalten,  weil  die
gebotene  Kürze  auch  dies  verlangt.  Aber  sie  erheben  keineswegs ­
  den  Anspruch,  ihren  Gegenstand  sachgemäß  zu
erledigen.  Damit  hätte  es  gute  Wege.  Es  kann  unter  den  gegebenen ­
  Verhältnissen  unmöglich  meine  Absicht  sein,  mit  jener  landläufigen ­
  Lösung  gleich  definitiv  abzurechnen.  Aber  es  genügt  auch,
wenn  die  Abrechnung,  und  zugleich  auch  eine  andere  Art  der  Lösung,
überhaupt  nur  absehbar  werden.  Es  soll  denkbar  erscheinen,  daß
man  auch  „links  herum“  kommt.  Zum  besseren  Verständnis  stelle  ich
die  Leitgedanken  meiner  Darlegung  voran.
Alles,  was  die  moderne  Erfahrungswissenschaft  über  den  Ursprung
des  Menschengeschlechtes  zu  ermitteln  weiß,  gehört  der  Metahistorie
an.  Es  will  ausdrücklich  als  metahistorische  Erkenntnis  verstanden
sein.  Also  behält  diese  Ermittlung  ihren  vollen  wissenschaftlichen  Wert
auch  dann,  wenn  ihr  jeder  Belang  für  die  historische  Erkenntnis
mangelt.  Dies  trifft  in  der  Tat  zu.  Aus  der  Metahistorie  allein,  die
ihn  zu  ermitteln  sucht,  schöpft  der  Ursprung  des  Menschengeschlechtes
seine  Bedeutung;  die  Bedeutung  aber,  der  Geschichte  die  Grenzen  zu
ziehen,  kommt  ihm  nicht  zu.  Diese  Bedeutung  wird  ihm  zwar  beigelegt,
  aber  nur  so,  daß  unser  Denken  hierbei  einem  verführerischen ­
  Selbstbetrug  zum  Opfer  fällt.  Wie  es  auch  scheint,
verbietet  es  sich  von  Haus  aus,  auf  die  Frage  nach  den  realen  Aus-
        <pb n="404" />
        3»i

Anhang,  I.
laufen  des  historischen  Geschehens  eine  erfahrungswissenschaftliche
Antwort  zu  geben.  In  diesem  Sinne  muß  man  die  Grenzen  der
Geschichte  zugleich  als  Grenzen  unserer  Erkenntnis  ansehen.  Alles
dies  führe  ich  nun  etwas  näher  aus.

I.

Nach  dem  Stande  der  Forschung  kann  man  sagen,  daß  sich  die
frühesten  Spuren  des  Menschengeschlechtes  im  älteren  Diluvium,  vielleicht ­
  noch  im  Tertiär  nach  weisen  lassen.  Dieser  Satz  ist  zweifellos
vom  Range  einer  wissenschaftlichen  Wahrheit,  nur  muß  man  ihn
richtig  auffassen.  Man  muß  des  Wesens  der  Disziplinen  eingedenk
bleiben,  die  diesen  Satz  vertreten;  und  hier  bewährt  sich  nun  der
Nutzen  unserer  Scheidung  zwischen  Historie  und  Metahistorie.
Dank  dieser  Scheidung  wird  es  möglich,  einen  Satz,  den  die  landläufige ­
  Meinung  sofort  mit  dem  vierten  Probleme  von  den  Grenzen
der  Geschichte  in  Verbindung  bringt,  noch  ganz  unabhängig
davon  in  seiner  wissenschaftlichen  Bedeutung  zu
würdigen.

In  den  geologisch-biogenetischen  Disziplinen  waltet  eine  Erkennt  ^
die  zum  Sinn  hat,  die  räumlichen  Dinge  wie  ^  ^  ^  ^’neen
Wege  ihrer  Schichtung  zeithaft  zu  ordnen.  Zu.  M ens chgehören
  aber  auch  die  Lebewesen,  und  zu  ihnen  auch  ’
der  Mensch,  wie  er  sich  nach  seinem  Bau  und  seinen  Leb^auß™  ^
naturwissenschaftlich  erfassen  läßt,  als  eine  10  oglsc  zeithafte
Gleich  deh  anderen  Efae^okhe  Einordnnng  läßt
Einordnung  unter  die  übrigen  D-  *,1-  sin „  bewerkstelligen.  Man
Sich  zunächst  in  einem  mehr  auße  ffenden  Spez ies,  nach  der
weist  den  paläontologischen  Funden  in  den  geologischen
Art  ihres  Einschlusses  im  Gestem  ’  ,  ksmitte l  der  zeithaften  Ord-Perioden
  an,  die  ja  selber  nur  sieh t  man  zugleich
nung  aller  räumlichen  Dinge  vorstell  ^  J  ^  betreffenden  Lebewesen s
als  Beweise  der  gattungsmäßigen  Exist  innt  der  Fund&amp;gt;  der
innerhalb  der  betreffenden  Periode  an.  ^  „  ,
sich  in  die  früheste  Periode  einordnen  laßt,  die  e  e  S-Auftauchen
  der  Spezies  zeitlich  fixiert.  arnac  is  Weise
,  o  w  TTr  will  die  Art  und  Weise
gangs  erwähnte  Satz  zu  verstehen.  E  r  w
präzisieren,  in  der  sich  die  biologische  Spezies
„Mensch“,  gemäß  ihren  paläontologischen  Fu
        <pb n="405" />
        382

„Die  Grenzen  der  Geschichte“,

unter  die  übrigen  räumlichen  Dinge  zeithaft  einordnen
  läßt.
Im  Geiste  der  Disziplinen,  die  das  Auftauchen  des  Menschen  zu
ermitteln  trachten,  geht  diesem  Auftauchen  die  gattungsmäßige
Entwicklung  des  Menschen  voran.  Aus  irgendeiner  anderen  Spezies,
die  man  als  tieferstehend  ansieht,  entwickelt  sich  in  irgendeiner  Weise
die  Spezies  „Mensch“.  Wie  man  sich  das  Um  und  Auf  dieser  Entwicklung ­
  denkt,  ob  nun  im  Geiste  des  Darwinismus,  oder  des
Lamarckismus,  oder  wie  immer,  ist  hier  völlig  gleichgültig.  Jedenfalls
kann  die  Ansicht,  daß  der  Mensch  aus  einer  Entwicklung  entspringt,
richtig  auch  nur  aus  der  metahistorischen  Natur  jener  Disziplinen  verstanden ­
  werden,  die  für  diese  Ansicht  eintreten;  es  sind  dies  die  biogenetischen ­
  Disziplinen.  Auch  da  handelt  es  sich  im  letzten  Sinne
darum,  räumliche  Dinge  im  Wege  ihrer  Schichtung
zeithaft  zu  ordnen.  Hier  sind  es  die  Lebewesen  unter
sich,  die  zu  ordnen  wären.  Die  Schichtung  nimmt  hier  die  Form
der  Abstammung  an,  während  das  interpolierte,  die  Beziehungen
zwischen  den  räumlichen  Dingen  knüpfende  Geschehen  als  gattungsmäßige ­
  Entwicklung  erscheint.  In  dieser  Weise  sucht  man  die
Lebewesen,  gleichwie  man  sie  ihrer  gattungsmäßigen  Existenz  nach  in
die  geologischen  Perioden  einreiht,  auch  noch  in  die  biogenetischen
„Stammbäume“  einzugliedern,  ihrer  gattungsmäßigen  Entwicklung
nach.
Was  aber  für  alle  Lebewesen  gilt,  gilt  folgerichtig  auch  für  den
Menschen.  Was  hätte  es  für  einen  Sinn,  die  biologische  Spezies
„Mensch“,  die  uns  vom  naturwissenschaftlichen  Standpunkt  aus  nun
einmal  erfaßbar  ist,  von  jener  Schichtung  aller  Lebewesen  auszunehmen  I
Auch  diese  Spezies  muß  daran  glauben,  ob  sich  die  Tatsachen  hierzu
nun  mehr  oder  minder  spröde  verhalten.  In  der  Tat,  wenn  sich  die
zeithafte  Ordnung  der  Lebewesen,  ihre  Schichtung  im  Sinne  der
„Stammbäume“,  nur  überhaupt  bewährt,  dann  ist  es  eigentlich  gleichgültig, ­
  ob  man  die  Eingliederung  der  einzelnen  Spezies  mehr  oder
minder  glatt  zu  bewirken  weiß.  Es  ist  z.  B.  gleichgültig,  ob  sich  unter
den  paläontologischen  Funden  alle  Mittelglieder  aufspüren  lassen,  die
für  die  „Entwicklungsreihe“  dieser  Spezies  erwünscht  wären.  Über
solche  Zufälligkeiten  des  tatsächlichen  Befundes  ist  daher  auch  die
Anschauung  erhaben,  daß  auch  das  Menschengeschlecht  in  solchen
Vorgängen  gattungsmäßiger  Entwicklung  seinen  Ursprung  nimmt.
Denn  es  wurzelt  diese  Anschauung  in  der  Idee
dieses  zeithaften  Ordnens  überhaupt,  steht  und  fällt
also  mit  dem  ganzen  Berufe  der  Metahistorie.  Nur
        <pb n="406" />
        Anhang,  II.

383

gegen  die  letztere  selber  könnte  man  sich  stemmen,  wenn  es  im  übrigen
einen  Sinn  hätte,  eine  fruchtbare  Form  erfahrungswissenschaftlicher
Erkenntnis  abzulehnen;  nie  aber  gegen  eine  konsequente  Einzelheit
aus  ihr.  Hinter  dem  Auftauchen  der  Spezies  „Mensch“  die  Vorgänge
ihrer  Entwicklung  aus  anderen  Lebewesen  zu  erblicken,  das  stellt  sich
als  ein  zwingendes  Postulat  der  metahistorischen  Erkenntnis ­
  dar.  Und  darauf  beruht  auch  der  wissenschaftliche  Wert
aller  Ermittlungen,  die  sich  auf  den  entwicklungsmäßigen  Ursprung
des  Menschengeschlechtes  beziehen.  Auch  das  sind  Ergebnisse  der
Forschung,  die  schon  ihrem  metahistorischen  Gehalt  nach  vom  Range
wissenschaftlicher  Wahrheiten  sind,  und  die  bedeutsam  in  dem  Maße
erscheinen,  als  sie  unser  Streben  nach  metahistorischer  Erkenntnis
erfüllen.  Ihre  Erkenntniswürde  ist  nicht  im  mindesten
daran  gebunden,  ob  sie  auch  noch  für  unser  Problem
von  Belang  wären.

II.
So  ist  es  gemeint,  daß  alles,  was  die  -oderne  Erfahrnngswisseschaff
  über  den  Ursprung  des  Menschengeschlechtes  zu  ermittel
weiß,  der  Metahistorie  angehört,  aus  der  Metalustone  seine  Bedeutung
schöpft.  Diesen  Ergebnissen  der  geologisch-biogenetischen  Forsch  g
wird  hierdurch  ein  wissenschaftlicher  Wert  zugestanden,  der  absol
unabhängig  von  aller  Kritik  bleibt,  die  man  daneben  an  etwas  ganz
anderem  üben  muß:  an  der  landläufigen  Deutung  dieser
Ergebnissei  ..  ..  j; P „ en  Krim ­
  Geiste  der  landläufigen  Anschauungen  wur  Dort
gebnisseff  schon  die  Lösung  unseres  Problems  vor  ie  ^  ’
wo  das  Menschengeschlecht  seinen  entwic  ungsma  vor h a nden
nimmt,  wäre  der  erfaßliche  Übergang  in  jenes  Geschehen  vorhanden
das  der  Historiker  aufzudecken  sucht.  Dort  a  so  wurde  aus  ^em  Ge
samtgeschehen,  aus  dem  Geschehen  der  geo  ogisc  en  or ik ers  als
jenes  Geschehen  abzweigen,  das  sich  dem  Auge  des  ^tonke  s
das  Geschehen  der  historischen  Jahrtausende  darstellt  Die  rea  en
A  ...  „  ,  .  .  r»»rhphens  hatte  man  also
Auslaufe  des  historischen  Gescne  .  ,  ,
-  tt  TTTcmäßieer  Entwicklung  zu
'n  jenen  Vorgängen  gattungsmäßig
j  .  ,  a  ;  P  biologische  bpezies
suchen,  mit  denen  sich  o' e  s  r
„Mensch“  herausbildet.
Auf  diese  Weise  spricht  man  den  metahistorischen  Ergebnissen,
die  ja  schon  als  solche  ihre  eigene  Bedeutung  haben,  noch  die
        <pb n="407" />
        384

,Die  Grenzen  der  Geschichte",

weitere  Bedeutung  zu,  daß  sie  unser  Problem  von  den
Grenzen  der  Geschichte  lösen.  Nur  diese  überschüssige
Bedeutung  ist  Gegenstand  meiner  Kritik.  Im  Vortrage  selbst  habe  ich
diese  Kritik  indirekt  zu  üben  versucht;  nun  soll  es  direkt  geschehen, ­
  in  der  Anlehnung  an  alles,  was  sich  schon  im  sachlichen
Teil  ergeben  hat.  Dazu  gehört  aber  vor  allem  die  Einsicht,  daß  unser
Problem  die  spezifische  Natur  des  historischen  Geschehens ­
  zur  Voraussetzung  hat.  Denn  von  realen  Ausläufen
kann  man  nur  unter  Bezug  auf  ein  spezifisches  Geschehen  reden.
Den  Beginn  muß  daher  die  Erwägung  machen,  in  welchem  Sinn
uns  das  historische  Geschehen  als  ein  spezifisches
erscheinen  darf.

IIL
Es  ist  wahr,  wir  sind  bis  zur  blinden  Selbstverständlichkeit  gewohnt,
Unseresgleichen  als  Träger,  als  Akteure  und  Statisten  des  Geschehens ­
  zu  erblicken,  dem  sich  die  Historie  zuwendet.  Trotzdem
gehört  diese  Bindung  an  den  Menschen  nicht  zum
Wesen  des  Geschehens;  sie  bedeutet  nur  einen  treuesten  Begleitumstand. ­
  Nur  scheinbar  ist  sie  ein  Essentiale,  in  Wahrheit  ein  nie
fehlendes  Accidens  dieses  Geschehens.  Die  Verknüpftheit  mit  dem
Menschen  ist  uns  wohl  in  aller  Erfahrung  gegeben,  als  eine  vornehmste
Bedingung,  unter  denen  sich  jenes  Geschehen  vollzieht.  Ein  prinzipielles ­
  Verhältnis  aber  liegt  damit  nicht  vor;  wohl  aber  mit  etwas
ganz  anderem,  das  uns  dank  der  früheren  Betrachtungen  bekannt  ist,
ehe  wir  noch  die  erkenntnistheoretischen  Verhältnisse  würdigen.  Dem
historischen  Geschehen  ist  nur  eines  grundwesentlich:  Seine  Erfaßbarkeit
  vom  Boden  der  logischen  Denkgesetze  aus;
die  besondere  Art  also,  wie  dieses  Geschehen  in  sich  selber  und  zuletzt
noch  mit  unserem  eigenen  Tun  und  Leiden  zusammenhängt.
Darin,  in  der  Tat,  darf  uns  das  historische  Geschehen  als  ein
spezifisches  erscheinen.  Nicht  die  Verknüpfung  mit  unserer  „ungefiederten ­
  Zweibeinigkeit“,  aber  die  logische  Natur  seiner  Zusammenhänge, ­
  die  hier  gleichsam  zur  Substanz  gehört,  erscheint
als  das  Essentiale  dieses  Geschehens.  Dieses  Spezifikum  allein  darf
nie  ausfallen.  Der  Narr,  z.  B.,  gehört  wohl  zur  Spezies  „Mensch“;  sei
es  auch  nur  im  Sinne  einer  Mißbildung.  Für  sein  Getue  jedoch  ist
in  dem  historischen  Zusammenhang  absolut  kein  Platz.  Wenn  man
sagen  darf,  der  Narr  handelt  nicht,  er  geschieht,  so  ist  dies  nur  ein
        <pb n="408" />
        Anhang,  IV.

385

anderer  Ausdruck  dafür,  daß  hier  ein  Geschehen  nicht  selber  als
ein  historisches  in  Betracht  fällt,  sondern  nur  als  ein  Wandel  in
der  bedingenden  Konstellation  des  historischen  Geschehens;
also  genau  so  wie  irgendein  Naturereignis.  Umgekehrt  aber,  sofern
nur  jenes  Spezifikum  standhält,  könnte  man  daneben  alles
andere  vertauscht  und  verworfen  denken,  und  das  Geschehen
bliebe  seinem  Wesen  nach  dennoch  ein  historisches.  Es  könnten
ganz  andere  Wesen  seine  Akteure  sein,  und  von  ihnen  zu  uns  könnte
sich  trotzdem  das  Geschehen  in  durchaus  verständlichen  Zusammenhängen ­
  schlingen.  Mythologie  und  Fabeldichtung  machen  von  diesem
Gedanken  Gebrauch,  dem  eben  nicht  die  innere  Wahrheit,  nur  der
Rückhalt  an  unserer  Erfahrung  mangelt.
Ohne  inneren  Widerspruch  können  wir  uns  als  Träger  des  historischen ­
  Geschehens  Wesen  von  ganz  anderer  Sinnesqualität  denken;
Wesen,  die  unsere  Farben  riechen,  unsere  Töne  sehen  würden.  Es
könnten  Wesen  sein,  mit  denen  zugleich  eine  Welt  zu  denken  wäre,
für  die  ganz  andere  Naturgesetze  gelten;  in  der  z.  B.  das  Wasser
bergauf  fließt.  Ja,  sogar  eine  Welt,  bar  aller  Naturgesetzlichkeit. ­
  Unsere  Naturgesetze  sind  ja  nur  ein  bündigster  Ausdruck  der
Bedingungen,  unter  denen  sich  unser  Handeln  vollzieht.  Sie  erscheinen
für  die  Gestaltung  der  logischen  Zusammenhänge  stets  nur  als  ein
hilfreichster  Ansatz,  den  wir  uns  variiert,  den  wir  uns  selbst  eliminiert
denken  dürfen.  Wenn  das  Handeln  jener  bequemen  Voraussicht
beraubt  wäre,  die  uns  durch  die  Geltung  von  Naturgesetzen  möglich
wird,  würde  es  gewiß  ein  unsäglich  schwieriges  sein;  es  gäbe  da  ein
trostloses  Tasten  nach  dem  Erstrebten,  dessen  Eintritt  sich  dann  eben
nicht  an  eine  Abfolge  A—B  binden  würde.  Aber  der  logische  Zusammenhang ­
  im  Geschehen  könnte  trotzdem  aufrecht  bleiben,  und
damit  bliebe  auch  das  Geschehen  seinem  Wesen  nach  ein  historisches;
es  wäre  nach  wie  vor  vom  Boden  der  Denkgesetze  aus  erfaßlich.

IV.
„ r  .  ,  ^  „.uphen  läßt  sich  also  nur
Vom  historischen  Gesche  ..  n ; r ht  wpo-„
  oo  m  m  e  nhange  ment  wegdie
  logische  Natur  seiner  Zus  .  -  ..
.  s  .  _  c  „Kcmnz.  Alles  übrige  können
denken;  die  gehört  eben  zu  seiner  bub  .  ...
wir  „ns  variiert,^  tun,  Teil  sogar  eliminiert  denken.  Gleiches  gilt  nun
auch  von  der  zusammenhängenden  Gesamtheit  d.eses  spezifischen  Geschehens, ­
  von  der  Geschichte.  Wir  wissen  es  also  nunmehr  zn
beurteilen,  wenn  es  nach  landläufiger  Meinung  hei  t,  a  esc  ic
25
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.
        <pb n="409" />
        ^86  »Die  Grenzen  der  Geschichte“,
und  Mensch  zueinander  gehören.  Soll  dies  richtig  sein,  dann  darf
man  gewiß  nicht  an  die  biologische  Spezies  „Mensch“  denken.  Denn
diese  schließt  ja  im  wesentlichsten  Sinne  alles  Variierbare  und  Eliminierbare ­
  in  sich.  Rein  nur  als  Repräsentant  des  logisch
zusammenhängenden,  des  „vernünftigen“  Geschehens
ist  der  Mensch  unzertrennlich  von  der  Geschichte;
sagen  wir,  als  Vernunftwesen  pur  et  simple,  als  bloßer  Knotenpunkt ­
  —  „Subjekt“  —  des  vernünftigen,  vom  Boden  der  Denkgesetze
aus  erfaßlichen  Geschehens.
Hier  ist  nun  der  Punkt  erreicht,  bei  dem  die
Kritik  einsetzen  kann.  Ihre  Spitze  richtet  sich  zunächst  gegen
die  dialektische  Begründung  der  landläufigen  „Lösung“  unseres
Problemes.  Denn  von  dem  Satze,  daß  Geschichte  und  Mensch  zueinander ­
  gehören,  geht  ja  die  Argumentation  aus,  die  jener
„Lösung“  im  stillen  zu  unterliegen  scheint.  Es  heißt  da
ungefähr:  „Zur  Geschichte  gehört  der  Mensch;  also  beginnt  die  Geschichte ­
  dort,  wo  der  Mensch  auftritt.“  Rechnet  man  nach  dem  bloßen
Wortlaut,  dann  wäre  diese  Schlußfolge  so  einwandsfrei  als  irgendeine,
und  so  kommt  der  Eindruck  zustande,  daß  für  jene  „Lösung“  die
platteste  Logik  zu  sprechen  scheint.  Wir  sind  aber  jetzt  in  der  Lage,
die  Verhältnisse  etwas  genauer  zu  prüfen.
Gültig  ist  die  Argumentation  nur  dann,  wenn  erstens  die  Prämisse
richtig  gedacht  ist.  Zweitens  dürfte  der  entscheidende  Ausdruck
„Mensch“  auch  in  der  Folgerung  keinen  anderen  Sinn  beanspruchen
als  den,  der  ihm  nach  der  richtig  gedachten  Prämisse  zufällt.  Das
heißt  also,  da  wie  dort  müßte  man  unter  dem  Ausdruck  „Mensch“
das  Vernunftwesen  pur  et  simple  meinen.  Da  zeigt  sich  nun,  daß  die
Argumentation,  sobald  sie  in  diesem  richtigen  Sinn  verstanden  wird,
auf  einen  Gemeinplatz  hinausläuft.  Sie  stellt  einfach  fest,  daß  die
Geschichte  zugleich  mit  der  Existenz  eines  Vernunftwesens  beginnt.
Man  braucht  aber  nur  die  spezifische  Natur  des  historischen  Geschehens
in  Rücksicht  zu  nehmen,  und  dann  versteht  es  sich  von  selbst,  daß
die  Grenzen  der  Geschichte,  um  es  bildlich  auszudrücken,  die  Geburt ­
  der  Logik  im  Geschehen  bedeuten  würden:  was  dasselbe
sagt,  den  virtuellen  Geltungsbeginn  der  logischen  Denkgesetze.
Ein  eigentümlicher  Widerspruch  tritt  uns  da  entgegen.  Faßt  man
jene  Argumentation  nach  ihrem  richtigen  Sinn  auf,  dann  führt  sie  zu
gar  keiner  eigentlichen  Lösung  des  Prpblems.  Sie  führt
bloß  zu  einer  Umschreibung  der  Grenzen  der  Geschichte,  die  als
solche  dabei  immer  noch  Problem  bleiben.  Auf  der  anderen  Seite  ist
es  doch  wieder  der  Wortlaut  dieser  Argumentation,  was  uns  die  land-
        <pb n="410" />
        Anhang,  V.

387

läufige  „Lösung“  des  Problemes  so  plausibel  erscheinen  läßt.
Dieser  Widerspruch  klärt  sich  aber  ungezwungen  auf.  So,  wie  jene
Argumentation  der  landläufigen  „Lösung“  zu  unterliegen  scheint,  ist
sie  eben  gar  nicht  nach  ihrem  richtigen,  buchstäblichen  Sinn  gemeint.
Sie  ist  dann  nur  der  verschwommene,  oberflächlich  zusammengezogene ­
  Ausdruck  eines  Gedankenganges,  der
tatsächlich  zu  dieser  „Lösung“  hindrängt.  Dieser  Gedankengang ­
  trägt  hier  alle  Verantwortung;  mit  seiner  Wahrheit  steht
und  fällt  die  ganze  „Lösung“.  Er  also  wird  zu  überprüfen
sein.  Der  Umstand  aber,  daß  er  sich  zu  jener  Argumentation  gleichsam
komprimieren  läßt,  dient  der  „Lösung“  als  Rückendeckung.  Weil
eben  jene  Argumentation  ihrem  Wortlaute  nach  viel  zu  einwandsfrei
ist,  um  sachliche  Zweifel  aufkommen  zu  lassen,  sind  auch  von  der
«Lösung“  von  Haus  aus  alle  Zweifel  abgehalten;  sie  erscheint  uns  als
schlechthin  selbstverständlich.  Alle  Bedenken,  die  in  uns  auftauchen
könnten,  zerschellen  an  der  wuchtigen  Logik  jener  Argumentation.
In  solcher  Weise  kann  sich  ein  sachlicher  Irrtum,  den  die  „Lösung“
doch  nur  zu  leicht  einschließen  könnte,  angesichts  der  heiklen  Erwägungen, ­
  um  die  es  sich  bei  ihr  handelt,  zu  einem  regulären
Selbstbetrug  unseres  Denkens  steigern,  von  der  allerverführerischesten ­
  Art

V.
Es  kann  nicht  schwer  fallen,  jenen  entscheidenden^  Gedankengang
  aufanrollen,  der  tatsächlich  der  Losung  «nerhegt
Selbst  dann  nfcht,  wenn  man  ihm  das  Zngestandm.  emer  gro,ß«en
Schärfe  macht,  als  sie  unter  diesen  eigenartrgen  Ve.hal  nassen  an»
nehmen  ist;  handelt  es  sich  doch  um  Gedanken  le  g  e
cu  11  j  •  WtUrhen  Bewußtseins  bleiben,  während  wir
der  Schwelle  des  Wissenschaft]  ,  rfmeinolätze  der  Erkenntnis  empihre
  Ergebnisse  dann  gleich  als  Gerne  p  riankenpanpes  die
finden.  Setzen  wir  also  an  den  Anfang  jenes  Ded  ^chlechthin
richtige  Einsicht,  daß  zur  Geschichte  nur  das  Vernunftwesen  schlec  t
gehört.  An  das  Ende  gehört  natürlich  die  landläufige  „Losung  aber
auch  in  der  schärferen  Form,  daß  es  ausdrücklich  den  metahistorische
Ergebnissen  über  den  Ursprung  der  Spezies  „  ensc  zugesc  o  en
wird,  die  Frage  nach  den  realen  Ausläufen  des  historischen  Geschehens
^  beantworten.  Es  erübrigt  also  nur  mehr,  die  verbindenden
Gedanken  festzulegen,  in  Anlehnung  daran,  wie  man  le  einsc  agige
Verhältnisse  landläufig  auffaßt.  Daraufhin  lägen  die  Dinge  etwa
        <pb n="411" />
        388

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

folgend.  Als  naiver  Ausdruck  bliebe  jene  scheinbar  so  überzeugende
Argumentation:  „Zur  Geschichte  gehört  der  Mensch;  also  beginnt  die
Geschichte  dort,  wo  der  Mensch  auftritt“.  Der  Gedankengang
selber  jedoch  wäre  von  der  Gestalt:  „Zur  Geschichte  gehört  ein
Vernunftwesen;  weil  es  aber  der  biologischen  Spezies  „Mensch“  Vorbehalten ­
  bleibt,  Träger  des  vernünftigen  Geschehens  zu  sein,  liegen  die
Grenzen  der  Geschichte  dort,  wo  die  biologische  Spezies  „Mensch“
ihren  entwicklungsmäßigen  Ursprung  nimmt.“  Von  diesem  Gedankengang ­
  dürfen  wir  uns  die  landläufige  „Lösung“  getragen  denken.  Es
liegt  mit  ihm  so  ziemlich  alles  vor,  was  sich  vom  Boden  der  landläufigen ­
  Anschauungen  aus  zur  Sache  unseres  Problems  beibringen
läßt.  Hier  ist  also  eine  Abrechnung  möglich.
Ein  rein  prinzipielles  Bedenken  läßt  sich  sofort  ins
Treffen  führen,  ehe  man  die  logischen  Verhältnisse  näher  prüft.  Es
setzt  jener  Gedankengang  zwar  bei  einer  Anerkennung  dessen  ein,  was
dem  historischen  Geschehen  spezifisch  ist.  Trotzdem  wird  er  diesem
entscheidenden  Verhältnisse  nicht  gerecht.  Er  übersieht,  daß  sich  die
Frage  nach  den  realen  Ausläufen  des  historischen  Geschehens  nur  dann
gültig  beantworten  läßt,  sobald  man  die  spezifische  Natur  des  Geschehens
ganz  ausdrücklich  in  Rechnung  zieht;  nicht  aber  bloß  in  jener  indirekten
Weise,  die  hier,  wie  es  sofort  erhellen  soll,  einem  prinzipiellen  Verstoß
Vorschub  leistet.  Die  Grenzen  der  Geschichte  können
immer  nur  dort  liegen,  wo  im  Geschehen  die  logische
Natur  seiner  Zusammenhänge  erlischt.  Unser  Problem
bedeutet  eben  eine  streng  prinzipielle  Erwägung,  für  die  auch  wieder
nur  prinzipielle  Verhältnisse  in  Betracht  fallen.  Nie  aber  kann  ein  rein
tatsächliches  Verhältnis  bei  dieser  Erwägung  so  mitspielen,  daß  die
Lösung  gleichsam  um  die  Ecke  herum  erfolgt.  Es  liegt  jedoch  bloß
ein  rein  tatsächlicher  Umstand  damit  vor,  daß  dies  oder  jenes  als
Träger  des  historischen  Geschehens  erscheint.  Vom  Standpunkte  jener
prinzipiellen  Erwägung  aus  ist  dies  etwas  Zufälliges;  es  kann  niemals
den  Ausschlag  geben.  In  jenem  Gedankengang  aber  gibt  es  den  Ausschlag. ­
  Über  den  vermittelnden  Satz  hinüber,  daß  es  der  biologischen
Spezies  „Mensch“  Vorbehalten  sei,  Träger  des  historischen  Geschehens
zu  sein,  gerät  also  der  Gedankengang  gleichsam  auf  einen  falschen
Strang.  Nicht  mehr  das  Sein  oder  Nichtsein  der  logischen
Natur  seiner  Zusammenhänge,  sondern  das  Sein  oder
Nichtsein  seines  augenblicklichen  Trägers  soll  über  die
Grenzen  des  historischen  Geschehens  entscheiden.  Das  besagt  einen
prinzipiellen  Verstoß,  den  keinerlei  Nebenumstand  ausgleichen
und  gutmachen  kann;  höchstens  können  es  diese  Nebenumstände  er-
        <pb n="412" />
        Anhang,  V.  3^9
klären,  warum  uns  im  gewöhnlichen  Verlaufe  der  Dinge  jede  Empfindung ­
  dafür  mangelt,  daß  hier  schon  im  Prinzipe  gefehlt  wird.
Es  fällt  in  dieser  Hinsicht  vor  allem  ins  Gewicht,  daß  die  Bindung
an  den  Menschen  zwar  nur  ein  Akzidens  des  historischen  Geschehens
ist,  eines  aber,  das  aller  Erfahrung  nach  nie  ausbleibt,  und  sich  außerdem ­
  wuchtig  zur  Geltung  bringt.  Mag  es  immerhin  für  das  historische
Geschehen,  als  solches,  etwas  Zufälliges  sein,  daß  die  unentbehrliche
Rolle  des  Vernunftwesens  gerade  von  dem  gespielt  wird,  was  sich
naturwissenschaftlich  als  die  Spezies  „Mensch“  erfassen  läßt:  damit
legen  sich  eben  doch  im  weitestgehenden  Maße  die  Bedingungen  fest,
unter  denen  sich  dieses  Geschehen  vollzieht.  Und  so  prägt  sich  dieser
rein  tatsächliche  Umstand  im  ganzen  Inhalt  und  im  ganzen  Hergang
der  Geschichte  aus;  wie  sie  uns  tatsächlich  vorliegt,  ist  die  Geschichte
durch  und  durch  „Menschengeschichte“.  Dazu  kommt  nun
überdies,  daß  wir  vom  erfahrungswissenschaftlichen  Standpunkt  aus
überhaupt  keine  andere  als  diese  „Menschengeschichte  kennen.  Kein
Wunder  also,  wenn  sich  mißverständliche  Anschauungen  einstellen.
Wie  nahe  liegt  es  dann,  die  Begriffe  „Geschichte  und  „Menschengeschichte“ ­
  schlankweg  zu  identifizieren.  Man  übersieht,  daß  diese
„Menschengeschichte“,  prinzipiell  genommen,  schon  eine  besondere ­
  Art  Geschichte  vorstellt;  wenn  es  auch  jene  ist,  die  uns
allein  vorliegt.  Denn  es  ist  die  Bindung  an  den  Menschen  zwar  das
in  aller  Erfahrung  Gegebene,  aber  nichts  Denknotwendiges,
nichts  von  dem  Begriffe  der  Geschichte  Unzertrennliches.  Ebenso
nahe  liegt  es  dann,  die  Grenzen  der  Geschichte  mit  den  Grenzen  der
„Menschengeschichte“  in  eins  fallen  zu  lassen.  In  Wahrheit  aber,  so
paradox  es  klingt,  müssen  wir  stets  mit  der  prinzipiellen  Möglichkeit
rechnen,  daß  ein  Wechsel  im  Träger  des  historischen  Geschehens
stattgefunden  hat  Freilich  darf  man  hier  das  prinzipiell  Denkbare
nicht  mit  dem  praktisch  Möglichen  oder  gar  mit  dem  Wahrscheinlichen
verwechseln.
Wenn  wir  selber  auch  nur  den  Menschen  als  jenen  Träger  kennen,
denkbar  ist  es  durchaus,  daß  es  nicht  immer  so  war;  einfach  deshalb,
w eil  es  unbestritten  gilt,  daß  das  historische  Geschehen  auch  über  einen
Wechsel  seines  Trägers  hinüber  seine  spezifische  Natur  behaupten  könnte.
Und  dies  allein  entscheidet.  Wenn  dieser  Gedanke  nur  in  sich  selber
möglich  ist,  kommt  er  in  jener  Hinsicht  voll  in  Anschlag.  Um  seinetwillen ­
  verbietet  es  sich,  die  Grenzen  der  Geschichte  mit  den  Grenzen
der  „Menschengeschichte“  zu  identifizieren,  und  wenn  für  diesen
Uedanken  erfahrungswissenschaftlich  auch  nicht  der  geringste  Anhalt
vorliegt.  Der  Erfahrungswissenschaft  steht  da  gewiß  nicht  a  priori  die
        <pb n="413" />
        390

„Die  Grenzen  der  Geschichte“,

Entscheidung  zu.  Denn  gerade  auch  das  muß  in  der  Schwebe  bleiben,
ob  sich  Fragen  von  der  Art  unseres  Problems  überhaupt ­
  erfahrungswissenschaftlich  erledigen  lassen.

VI.
Die  mißverständlichen  Anschauungen,  die  sich  da  aufdrängen,
verschleiern  wohl  den  prinzipiellen  Verstoß  in  jenem  Gedankengang. ­
  Wenn  man  „Geschichte“  und  „Menschengeschichte“,  und  so
auch  die  Grenzen  der  einen  und  die  Grenzen  der  anderen  für  ein  und
dasselbe  erachtet,  dann  muß  es  durchaus  plausibel  erscheinen,  daß  die
Ursprünge  des  Menschengeschlechtes  gleich  der  Geschichte  selber  die
Grenzen  setzen.  Dafür  also  ließen  sich  diese  Mißverständnisse  haftbar
machen,  daß  man  etwas,  das  im  besten  Falle  für  die  „Menschengeschichte“ ­
  gälte,  gleich  für  die  Geschichte  entscheiden  läßt.  Aber
für  jenen  prinzipiellen  Verstoß  selber  tragen  nicht  diese  Mißverständnisse
die  Verantwortung,  sondern  bloß  jener  vermittelnde  Satz,  der
den  Gedankengang  aus  dem  richtigen  Geleise  bringt.
Hier  muß  der  Kern  des  Denkfehlers  stecken.  Ausdrücklich  jener
Satz  schiebt  den  metahistorischen  Ergebnissen  die  Bedeutung  zu,  unser
Problem  zu  lösen.  Denn  seien  es  auch  nur  die  Grenzen  der  „Menschengeschichte“, ­
  die  sich  daraus  ermitteln  ließen,  so  wäre  unser  Problem
doch  so  weit  gelöst,  als  es  vom  erfahrungswissenschaftlichen  Standpunkt
aus  überhaupt  lösbar  erschiene.
Es  liegt  klar  zutage,  wie  dieser  Satz  zur  landläufigen  „Lösung“
hindrängt.  Wenn  man  es  kritiklos  hinnimmt,  daß  es  der  biologischen ­
  Spezies  „Mensch“  Vorbehalten  sei,  Träger  des  vernünftigen
Geschehens  zu  sein,  dann  liegt  es  freilich  nahe,  das  historische  Geschehen, ­
  das  ja  als  ein  vernünftiges  spezifisch  ist,  mit  den  Lebensäußerungen ­
  dieser  Spezies  gleichzusetzen.  Dann  fehlt  nicht  viel  daran,
die  ganze  Geschichte  nur  als  ein  funktionelles  Anhängsel  der  biologischen ­
  Spezies  „Mensch“  anzusehen.  Dort  aber,  wo  der  ausschließliche ­
  Träger  des  vernünftigen  Geschehens  seinen  Ursprung  nimmt,
würde  man  die  Geburt  der  Logik  im  Geschehen  erblicken.  Und  so
hätte  auch  in  diesem  Sinne  der  entwicklungsmäßige  Ursprung  dieser
Spezies  die  Bedeutung,  der  Geschichte  die  Grenzen  zu  setzen.  Es  wird
sich  aber  erweisen,  daß  dies  nur  lauter  Konsequenzen  einer
inkonsequenten  Ausdrucksweise  sind.
        <pb n="414" />
        Anhang,  VII.

391

VII.
Im  Rahmen  des  Gedankenganges  ist  jener  vermittelnde  Satz  ganz
buchstäblich  gemeint;  nur  so  stellt  er  die  logische  Brücke  vor,  die  von
der  richtigen  Prämisse  zum  Ergebnis  der  Konklusion,  also  zur  landläufigen ­
  „Lösung“  führt.  Darin  aber,  daß  er  ganz  buchstäblich  genommen ­
  wird,  wurzelt  der  Denkfehler.  Denn  in  Wahrheit  ist  dieser
Satz  auch  nur  der  bündige,  aber  ungenaue  Ausdruck  eines  Tatbestandes, ­
  dessen  Aufdeckung  hier  die  Korrektur  ermöglichen  wird.
In  neunundneunzig  Fällen  mag  es  zulässig  sein,  diesen  bündigen  Ausdruck ­
  zu  verwenden.  Hier,  wo  der  Satz  in  eine  hochbedeutsame
Schlußfolge  eingreift,  ist  jedenfalls  jener  hundertste  Fall  gegeben,.  wo
dies  unstatthaft  ist,  wo  die  kürzende  Ungenauigkeit  im  Ausdruck  einen
sachlichen  Fehler  verschuldet.
Es  soll  der  biologischen  Spezies  „Mensch“  Vorbehalten  sein,  Träger
des  vernünftigen  Geschehens  zu  sein.  Damit  ist  offenkundig  etwas
Richtiges  gemeint.  Einerseits  ist  es  der  in  aller  Erfahrung  gegebene
Träger  des  historischen  Geschehens,  was  wir  vom  naturwissenschaftlichen ­
  Standpunkt  aus  als  die  biologische  Spezies  „Mensch  erfassen;
andererseits  ist  das  historische  Geschehen  als  ein  vernünftiges  spezifisch.
Diesen  zweigliedrigen  Tatbestand  bringt  jener  Satz  nun  zu  bündigem
Ausdruck;  gewiß  unmittelbar  verständlich,  ebenso  gewiß  aber  in  einer
ungenauen  und  dabei  durch  und  durch  inkonsequenten  Weise.
Denn  die  biologische  Spezies  „Mensch“  ist  im  wesentlichsten  Sinne
nur  vom  naturwissenschaftlichen  Standpunkte  aus  erfaßbar.
Von  diesem  Standpunkte  aus  ist  aber  das  vernünftige  Geschehen  in
ebenso  wesentlichem  Sinne  ungreifbar.  Wo  für  den  Historiker  ein
menschliches  Handeln  als  vernünftiges  Geschehen  vorliegt,  da  sind  für
den,  der  naturwissenschaftlich  denken  will,  nichts  als  Bewegungen  vorhanden, ­
  die  nach  einem  bestimmten  Modus  durch  Reize  ausgelöst
werden.  Die  Bewegungen  werden  hierbei  als  Attribute  des  Lebewesens
erfaßt,  im  Sinne  seiner  Lebensäußerungen,  und  der  besondere  Modus
ihrer  Auslösung  durch  Reize  baut  an  der  Eigenart  der  Spezies  mit,
ist  ihr  charakteristisch.  Übrigens  ist  dieser  Modus  überhaupt  nur  für
d en  Teil  der  Spezies  „Mensch“  inhaltlich  bestimmbar,  im  Wege
»empirisch-psychologischer“  Untersuchung;  für  alle  anderen  Lebewesen
bleibt  er  durchaus  problematisch;  weiß  Gott,  wieviel  wir  in  dieser
Hinsicht  sündigen,  indem  wir  die  „Natur“  nur  allzusehr  nach  unserem
Ebenbilde  erschaffen.  Jedenfalls  gilt,  daß  jene  im  Modus  der  Reizauslösung ­
  charakteristischen  Lebens  äußerungen  der  Spezies
        <pb n="415" />
        392

„Die  Grenzen  der  Geschichte“,

„Mensch“  das  naturwissenschaftliche  Gegenstück  des
vernünftigen  Geschehens  darstellen.  Und  nur  mit  diesem
naturwissenschaftlichen  Gegenstück  und  nie  mit  dem  vernünftigen ­
  Geschehen  selber  läßt  sich  die  biologische  Spezies
„Mensch“  derart  in  logische  Verbindung  bringen,  daß  man  gültige
Schlüsse  daraus  ziehen  darf.
Etwas  Ähnliches  gilt  auch  unter  Bezug  auf  einen  Sachverhalt,
der  hier  vom  greifbarsten  Belang  ist.  Im  Angesichte  eines  paläontologischen
  Fundes  erscheint  es  der  Forschung  stets  als  untrüglichster
Beweis,  daß  sich  der  Fund  auf  die  biologische  Spezies  „Mensch“  bezieht, ­
  sobald  zugleich  auch  Werkzeuge  gefunden  werden.  Man  wäre
versucht,  die  Spezies  „Mensch“  paläontologisch  als  das  „Werkzeugtier“ ­
  zu  charakterisieren.  Nur  wäre  schon  dies  in  verständigem  Sinne
zu  nehmen;  denn  um  so  von  Werkzeug  —  Schmuck  und  Waffen  inbegriffen ­
  —  zu  sprechen,  wie  es  etwa  der  Nationalökonom  tut,  fehlen
dem  metahistorisch  -  naturwissenschaftlichen  Denken  abermals  alle
Kategorien;  wenn  es  die  historische  Anthropologie  dennoch  tut,  um
so  schlimmer  für  sie!  Das  entsprechend  geformte  Ding  darf  dem
Metahistoriker,  wenn  er  konsequent  denkt,  nicht  ein  Werkzeug  sein,
und  so  auch  kein  Zeugnis  vernünftigen  Geschehens,  sondern  nur
das  charakteristische  Substrat  jener  Lebensäußerungen, ­
  die  zur  Eigenart  der  biologischen  Spezies
„Mensch“  gehören.  Das  mag  nach  einem  sehr  grellen  „Purismus“
aussehen,  aber  in  prinzipiellen  Erwägungen  rechtfertigt  sich  auch  dieser.
Sofern  man  also  die  biologische  Spezies  „Mensch“  cum  grano  salis
als  das  „Werkzeugtier“  bezeichnen  will,  stellt  dieses  nicht  das
Vernunftwesen  der  Geschichte  dar,  nicht  den  „historischen
Menschen“,  sondern  auch  nur  das  naturwissenschaftliche
Gegenstück  dazu.  Es  macht  also  nichts  aus,  wenn  man  zwar
von  der  biologischen  Spezies  „Mensch“  spricht,  dabei  aber  ausdrücklich ­
  an  das  „Werkzeugtier“  denkt;  auch  dieses  kann  immer
nur  als  der  Träger  jener  gewissen  Art  Lebensäußerungen ­
  ausgesagt  werden,  nicht  aber  als  der  Träger
des  vernünftigen  Geschehens  selber.
Nun  ist  es  gerade  dieses  qui  pro  quo,  dessen  sich  jener  vermittelnde ­
  Satz  schuldig  macht.  Er  spricht  es  ja  ausdrücklich  der  biologischen ­
  Spezies  „Mensch“  zu,  Träger  des  vernünftigen  Geschehens
zu  sein.  Dadurch  setzt  sich  dieser  Satz  über  eine  Scheidung  hinweg,
die  sehr  ernst  zu  nehmen  ist;  die  Scheidung  nämlich  zwischen
dem,  was  bloß  vom  historischen,  und  jenem,  was
        <pb n="416" />
        Anhang,  VIII.

393

wieder  bloß  vom  naturwissenschaftlichen  Standpunkt
aus  erfaßbar  ist.  In  jenem  qui  pro  quo  wird  uns  also  der  Denkfehler ­
  greifbar,  der  in  dem  vermittelnden  Satze  steckt  und  den  ganzen
Gedankengang  vergiftet.  Auf  Rechnung  dieses  Fehlers  käme  auch  der
prinzipielle  Verstoß,  der  jenem  Gedankengang  von  Haus  aus  vorzuwerfen ­
  war.  Für  die  Grenzen  der  Geschichte  wird  der
metahistorische  Aufschluß  über  den  Träger  des  historischen ­
  Geschehens  nur  in  dem  fehlerhaften  Sinne
ausschlaggebend,  daß  man  das  bloß  historisch  Erfaßbare ­
  mit  dem  bloß  naturwissenschaftlich  Erfaßbaren ­
  in  eine  logisch  unzulässige  Verbindung  bringt.
So  würde  sich  also  zu  gleicher  Zeit  der  Kompetenzeinwand  rechtfertigen,
  der  im  Vortrage  gegenüber  der  landläufigen  „Lösung“  erhoben ­
  wurde.  Denn  was  ist  das  schuldtragende  qui  pro  quo  anders
als  eine  Verquickung  dessen,  was  aus  erkenntniskritischen  Gründen
streng  auseinander  gehalten  werden  muß.  Bedenkt  man  aber,  daß
jenes  qui  pro  quo  zugleich  den  Sinn  einer  ungenauen  aber  bequemen
Ausdrucksweise  hat,  die  vielleicht  in  jedem  anderen  Fall  unschädlich
wäre,  erwägt  man,  wie  vertraut  uns  die  Anschauungen  sind,  die  dieser
Ausdrucksweise  parallel  gehen,  so  wird  man  schon  daraus  die  versucherische ­
  Kraft  ermessen  können,  mit  der  sich  die  landläufige
„Lösung“  unserem  Denken  aufdrängt.

VIII.
Zur  Kritik  dieser  „Lösung“  ist  bisher  zweierlei  geschehen.  Erstens
habe  ich  gezeigt,  daß  die  schlichte  Argumentation,  die  dieser ”
zu  unterließen  scheint  als  logische  Begründung  gar  nicht  ernst  zu
M hr e n  isTVa?“  immerhi  der  „Lösung“  als  ***££*
dienen,  den  Schein  hervorrufen,  de°!ich  tatsächlich  in
würde.  Zweitens  habe  ich  dem  W  nachzur echnen  verder
  landläufigen  „Lösung  auslebt,  s  dünkt ,  sie  ist  schon
sucht.  So  selbstverständlich  uns  diese  ”  ? ne  heikle  Sache  um  die
logisch  unhaltbar.  Aber  es  ble ‘ bttt  einmal  in  Fleisch
rein  dialektische  Widerlegung  einer  Ansicht,  cne  um,
,  .  „r  mifitrauen  da  zehnmal  früher  dem
und  Blut  übergegangen  ist.  Wir  mißtra
Angriff,  als  daß  wir  an  dem  Angegriffenen  irre  wurden.  Noch  dazu,
wenn  die  „Lösung“  alle  Bequemlichkeit  des  Denkens  auf  ihrer  Seite
hat.  Der  bloße  Nachweis,  daß  der  Weg  zu  dieser  „Losung  über
Irrtümer  führt,  genügt  nicht.  Dieser  Nachweis  war  nicht  zu  entbehren,
        <pb n="417" />
        394

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

aber  zum  entscheidenden  Schlag  muß  die  Kritik  von  einer  anderen
Richtung  her  ausholen.  Ich  muß  versuchen,  jener  „Lösung“,  die  so
innig  mit  allen  unseren  Anschauungen  verwachsen  ist,  den  guten
Glauben  abwendig  zu  machen.  Im  Widerspruch  zu  ihr  soll
es  glaubhaft  werden,  daß  die  metahistorischen  Ergebnisse
schon  ihrer  eigenen  Natur  nach  gar  nicht  die  Bedeutung ­
  haben,  unser  Problem  zu  lösen.
Der  erste  Schritt,  den  ich  in  dieser  Hinsicht  tue,  kommt  noch  der
dialektischen  Kritik  zugute.  In  ihrem  Kerne  stand  rlie  Scheidung
zwischen  dem  bloß  historisch  und  dem  bloß  naturwissenschaftlich ­
  Erfaßbaren.  Diese  Scheidung  ist  bisher  nur  so  weit
verfolgt  worden,  als  noch  ein  gewisser  Parallelismus  zwischen  dem
Geschiedenen  besteht.  Weiter  hinaus  trifft  dies  aber  nicht  mehr  zu.
Das  Vernunftwesen  der  Geschichte  und  das  vernünftige  Geschehen
finden  noch  ein  richtiges  Gegenstück  in  dem,  was  vom  naturwissenschaftlichen ­
  Standpunkte  aus  erfaßlich  ist.  Aber  nicht  mehr  für
die  Geschichte  selber,  und  so  auch  nicht  für  die
Grenzen  der  Geschichte  läßt  sich  ein  naturwissenschaftliches ­
  Gegenstück  anerkennen.  Dies  will  ich  im
folgenden  klarstellen,  um  einen  doppelten  Erfolg  zu  erzielen.  Zur
einen  Hand  bekundet  sich  der  sachliche  Ernst  der  Scheidung,  von  der
aus  jener  Gedankengang  widerlegt  wurde.  Dadurch  gewinnt  die
Widerlegung  nachträglich  an  überzeugender  Kraft.  Zur  anderen  Hand
aber  kommt  es  zu  einer  reinlichen  Sonderung  dort,  wo  die  „Lösung“
die  Dinge  sachwidrig  vermengt.

IX.
Die  Geschichte,  als  Gesamtheit  des  historischen  Geschehens,
stellt  eine  reale  Einheit  vor.  Durch  die  nämlichen  logischen
Zusammenhänge,  die  das  Spezifische  des  historischen  Geschehens  sind,
durch  die  Art,  wie  dieses  Geschehen  kraft  vernünftiger  Erwägung  in
sich  und  über  sich  hinaus  verflochten  und  allen  seinen  Bedingungen
verwachsen  ist,  ist  da  alles  mit  allem  in  so  grundwesentlichem  und  für
uns  verständlichem  Sinne  verknüpft,  daß  man  von  jenem  Allzusammenhang ­
  des  Erlebten  sprechen  darf,  den  die  Historie  aufzudecken ­
  sucht.  Sie  verfolgt  den  roten  Faden,  der  dieses  lebendige
Gewebe  vielverschlungen  durchzieht.  Nun  ist  es  zwar  in  der  Vorstellung ­
  möglich,  daß  man  dieser  Gesamtheit  des  historischen  Geschehens ­
  eine  andere  Gesamtheit,  jene  der  Lebensäuße-
        <pb n="418" />
        Anhang,  IX.

395

rungen  des  „Werkzeugtieres“  gegenüberstellt.  Aber  wenn
man  selbst  davon  absieht,  daß  sich  das  eine  mit  dem  anderen  gar
nicht  überdeckt,  weil  eben  die  Geschichte,  als  Allzusammenhang  des
Erlebten,  unendlich  umfassender  ist,  selbst  dann  kann  man  in  dem
einen  nicht  das  Gegenstück  des  anderen  erblicken.
Die  andere  Gesamtheit  ist  eben  nichts  weniger  als  eine  reale
Einheit.  Prinzipiell  genommen  ist  das  ein  bloßer  Inbegriff,  der  alles
umfaßt,  was  unter  den  betreffenden  Gattungsbegriff  fällt.  Die  Gesamtheit ­
  aller  Lebensäußerungen  der  Spezies  „Mensch“
ist  nur  in  Willkür  unseres  Denkens  zusammengezogen;
wenn  auch  in  verständiger  Willkür.  Ist  doch  jede  dieser
Lebensäußerungen  für  sich  allein  in  den  großen
Kausalzusammenhang  eingekettet,  den  wir  vom  naturwissenschaftlichen ­
  Standpunkte  aus  vor  uns  sehen.  Und  es  ist.  immer
prinzipiell  genommen,  schon  zufälligen  Charakters,  wenn  trotzdem
auch  eine  Verkettung  der  Lebensäußerungen  von  Individuum  zu  Individuum ­
  vorliegt;  und  mag  sie  auch  so  häufig  vorliegen,  wie  es  durch
das  „Zusammenleben“,  durch  die  „arterhaltenden“  Vorgänge  herbeigeführt ­
  wird.  Dem  Denken  der  „Gattung“  zuliebe  überschätzen ­
  wir  diese  Zusammenhänge  und  vergessen  oder  vernachlässigen ­
  doch,  daß  sie  sich  nach  allen  Richtungen  hin  in  den  großen
Kausalzusammenhang  verlieren,  aus  dem  sie  nur  für  unser  geistiges
Auge  als  Einheit  sich  herausheben.  Auch  der  Blutzusammenhang,  der
als  etwas  Potentielles,  als  eine  Möglichkeit,  dem  Denken  der  „Gattung“
unterliegt,  ist  ja  zunächst  nur  ein  Gedankending,  das  die  Exemplare
untereinander  in  Beziehung  setzt,  aber  keine  reale  Einheit  des  Geschehens ­
  begründet.  Die  letztere  liegt  eben  prinzipiell  überhaupt  nicht
so  vor,  wie  es  bei  der  Geschichte  gilt;  nur  der  Vorstellung  nach  lassen
sich  jene  gesamten  Lebensäußerungen  als  ein  funktionelles  Anhängsel
der  Spezies  auffassen.
Wenn  aber  für  die  Geschichte  das  naturwissenschaftliche
Gegenstück  fehlt,  weil  sie  unter  den  Händen  der  Naturwissenschaft
zu  lauter  disparaten  Vorgängen  zerfällt,  die  nur  das  Denken  der
»Gattung“  zusammenhält,  so  gilt  das  Analoge  folgerichtig  auch  für  die
Grenzen  der  Geschichte.  So  selbstverständlich  dies  im  voraus  ist,
es  wird  gut  sein,  sich  die  Verhältnisse  im  einzelnen  zurechtzulegen.
Die  Grenzen  der  Geschichte  lägen  damit  vor,  daß  aus  dem  realen
Zusammenhang  des  historischen  Geschehens  ein  erfaßlicher  Übergang
iu  ein  spezifisch  anderes  Geschehen  zurückleitet.  Diese  Grenzen  sind
also  im  Sinne  des  entscheidenden  Wendepunktes  zwischen
zwei  geschlossenen  Systemen  gedacht.  Davon  kann  aber
        <pb n="419" />
        396

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

bei  den  Vorgängen  gattungsmäßiger  Entwicklung,  wie  sie  als  Ursprung
der  Spezies  „Mensch“  metahistorisch  gedacht  sind,  keine  Rede  sein.
Was  sich  da  wandelt,  ist  nicht  das  Geschehen  als  solches,  sondern
als  Attribut  des  Lebewesens.  Die  Entwicklung  —  auch  die
„funktionelle“  —  betrifft  direkt  immer  nur  das  Lebewesen,  in
seiner  ganzen  Eigenart,  in  die  sich  der  Charakter  der  Lebensäußerungen
nur  als  organisches  Glied  einfügt.  Bei  jenem  entwicklungsmäßigen
Ursprung  hebt  also  nicht  ein  anderer  Geschehenszusammenhang  an,
sondern  die  gattungsmäßige  .  Existenz  eines  anderen
Lebewesens.  Und  nur  nebenbei  erstreckt  sich  der  Wandel
auch  auf  das  funktionelle  Anhängsel,  auf  die  Lebensäußerungen;  nicht
anders  jedoch,  als  sich  dieser  Wandel  zugleich  auf  den  ganzen  anatomischen ­
  Bau,  im  besonderen  z.  B.  auf  die  Gestaltung  des  Zentralnervensystems ­
  erstreckt.  Die  Sache  liegt  also  so,  daß  früher  mit  der
anderen  Spezies  zugleich  die  anderen  Lebensäußerungen  existent  waren;
nun  sind  mit  der  Spezies  „Mensch“  zugleich  die  „menschlichen“  Lebensäußerungen ­
  existent.  Mehr  Bedeutung  für  das  Geschehen  hat  jener
metahistorisch  ermittelte  Punkt  nicht.  Er  besagt  keinen  Übergang
zwischen  zwei  geschlossenen  Geschehenszusammenhängen  von  spezifisch
anderer  Natur,  sondern  nur  den  Übergang  von  der  gattungsmäßigen ­
  Existenz  der  einen  in  die  gattungsmäßige
Existenz  der  anderen  Art  Geschehen.
Um  ein  naturwissenschaftliches  Gegenstück  zu  den  Grenzen  der
Geschichte  zu  sein,  fehlt  jenem  Übergang  noch  eine  andere  Eigentümlichkeit: ­
  er  besagt  vom  metahistorisch  -  naturwissenschaftlichen
Standpunkt  durchaus  keinen  entscheidenden  Wendepunkt.
Von  diesem  Standpunkte  aus  hat  ja  das  Auttauchen  des  „Werkzeugtieres“ ­
  grundsätzlich  nicht  mehr  Bedeutung  als  etwa  das  Auftauchen
irgendeiner  Wasserkäferart.  Es  ist  eine  Station  in  der  postulierten
Entwicklung,  schlecht  und  recht  wie  jede  andere;  und  wenn  es  der
Reihenfolge  nach  auch  als  die  „letzte“  Station  gedacht  ist,  so  erscheint
sie  doch  für  das  Nachher  an  Erscheinungen  nicht  ausschlaggebender
als  jede  vorhergegangene.
Freilich,  unser  Interesse  ist  hier  mehr  engagiert  als  bei  irgendeiner ­
  anderen  Wandlung.  Soweithin  ist  es  durchaus  berechtigt,  wenn
sich  darüber  eine  eigene  Disziplin  ausbildet:  die  „historische  Anthropologie“. ­
  Aber  es  ist  eine  schneidende  Inkonsequenz,  wenn
sich  diese  Disziplin  als  ein  Bindeglied  zwischen  Naturwissenschaft  und
Geschichte  wähnt,  sich  ganz  so  gebärdet,  als  ob  das  Auftauchen  des
„Werkzeugtieres“  die  Bedeutung  hätte,  die  ihm  einmal  nicht  zukommt:
entscheidender  Wendepunkt  zwischen  zwei  Geschehenszusammenhängen
        <pb n="420" />
        Anhang,  IX.

397

zu  sein.  Es  ist  dies  ein  Beginnen,  das  sich  zugleich  mit  der  landläufigen
Lösung  verurteilen  würde,  das  aber  jedenfalls  ein  Abweichen  von  dem
Standpunkte  in  sich  schließt,  von  dem  aus  die  metahistorischen  Ergebnisse ­
  allein  ernst  zu  nehmen  sind.  Denn  es  sieht  dann  gerade  so
aus,  als  ob  die  ganze  metahistorische  Erkenntnis  nur  den  Sinn  hätte,
den  Unterbau  der  Geschichte  zu  liefern,  die  als  Krönung  des  ganzen
metahistorischen  Systemes  erschiene.  Man  sieht,  hier  erliegt  die  Naturwissenschaft ­
  gerade  dabei  einer  anthropozentrischen  Anwandlung, ­
  daß  sie  uns  um  jeden  Preis  jener  harmlosen,  aber  unerschütterlichen ­
  Sonderstellung  berauben  will,  die  Träger  und  wechselseitigen
Bürgen  der  empirischen  Wirklichkeit  zu  sein.  Sie  will  uns  daher  auch
in  unserer  Eigenschaft  als  Akteure  der  Geschichte,  als  Kinder  des
Schicksals,  mit  unserem  ganzen  Tun  und  Leiden  in  ihr  Erkenntnisbereich ­
  einzwängen,  in  das  einmal  nichts  anderes  gehört  als  das  „Werkzeugtier“, ­
  jener  Hampelmann  kausalen  Gezappels,  den  wir  in  naturwissenschaftlicher ­
  Auffassung  vorstellen.  Hier  verrät  es  sich  übrigens,
daß  die  landläufige  „Lösung“  auch  jene  rationalistische  Neigung,  in
Sachen  der  Erkenntnis  alles  über  einen  Kamm  zu  scheren,  zum
Bundesgenossen  hat.
Die  Grenzen  der  Geschichte  hätten  endlich  noch  die  Bedeutung
einer  Geburt  der  Logik  im  Geschehen.  Auch  in  dieser  Hinsicht ­
  versagt  das  naturwissenschaftliche  Gegenstück.  Dieser  virtuelle
Geltungsbeginn  der  logischen  Denkgesetze  ist  im  wesentlichsten  Sinne
so  gemeint,  daß  ein  geschlossener  Geschehenszusammenhang,  der  uns
vom  Boden  der  logischen  Denkgesetze  aus  erfaßlich  ist,  von  irgendeiner
Stelle  an  diese  Erfaßlichkeit  verliert;  daß  dort  also  in  irgendeiner
Weise  die  logische  Natur  der  Zusammenhänge  erlischt.
Nun  ist  es  wahr,  erst  mit  dem  Auftauchen  des  „Werkzeugtieres“  hübe
die  gattungsmäßige  Existenz  dessen  an,  was  uns  als  naturwissenschaftliches ­
  Gegenstück  des  Vernunftwesens  der  Geschichte  gelten  darf;  und
so  auch  die  gattungsmäßige  Existenz  jener  Lebensäußerungen,  in  denen
das  vernünftige  Geschehen  sein  Gegenstück  findet.  Der  Übergang
jedoch,  der  von  andersgearteten  Lebensäußerungen  zum  Gegenstück
des  vernünftigen  Geschehens  hin  vermittelt,  vollzieht  sich  beim  Auftauchen ­
  des  „Werkzeugtieres“  wohl  im  Sinne  des  Erstmaligen,  aber
nicht  des  Einmaligen.  Er  wiederholt  sich  bei  jedem  Exemplar
der  Gattung,  wenn  auch  unter  geänderten  kausalen  Verhältnissen,  und
bei  jedem  Exemplar  erfolgt  auch  seine  Umkehrung:  der  Übergang  in
ein  Geschehen,  das  nicht  mehr  ein  Gegenstück  vernünftigen  Geschehens
J st,  das  Umkippen  der  Lebensäußerungen  in  die  Vorgänge  der  körperlichen ­
  Zersetzung,  beim  Tode.  Was  also  da  vorliegt,  ist  nur  das
        <pb n="421" />
        39«

,Die  Grenzen  der  Geschichte 1 ',

Gegenstück  zu  einer  fortwährenden  Wiedergeburt  und  einem  dauernden
Wiedererlöschen  der  Logik  im  Geschehen.  Die  Andauer  der  logischen
Zusammenhänge  wäre  bloß  durch  die  Existenz  der  Gattung,  durch
das  dauernde  Nebeneinander  von  Exemplaren  verbürgt.
In  der  Geschichte  ist  dagegen  das  Geschehen  selber  in  stetigem
Flusse,  und  mit  ihm  sind  seine  logischen  Zusammenhänge  stetig.  Man
darf  weder  sagen,  daß  das  historische  Geschehen,  als  solches,  unaufhörlich
einer  spontanen  Neubildung,  noch  daß  es  einer  fortwährenden  Rückbildung ­
  in  etwas  anderes  unterliegt.  Es  fließt  seinen  logischen  Zusammenhängen ­
  entlang  dahin  und  ändert  nur  die  Modalität
seines  Verlaufes.  Dazu  gehört  der  Wechsel  in  den  Knotenpunkten
der  Zusammenhänge,  also  die  Mehrung  und  Minderung  der  „Subjekte“
des  Geschehens,  und  der  Wandel  in  seinen  Bedingungen.  So  ist
z.  B.  das  Hineinwachsen  eines  Kindes  in  die  geschichtliche  Welt
eins  damit,  daß  ein  neuer  Knotenpunkt  des  Geschehens  hinzutritt,  um
den  sich  der  Geschehensverlauf  differenziert,  und  daß  ein  Komplex
neuer  Bedingungen  des  Geschehens  in  den  Gesamtkreis  der  Bedingungen
einfließt.  Bildlich  kann  man  da  von  einer  „Verjüngung“  des  Geschehens ­
  sprechen.  In  der  Tatsache  ist  kein  spontanes  Auftauchen
historischen  Geschehens,  nur  eine  Differenzierung  seines  Verlaufes ­
  eingetreten;  Ähnliches  gilt  auch  vom  Tode.  Und  dieser  Wandel
in  der  Modalität  des  Geschehens  tritt  auch  gar  nicht  als  ein  allmählicher ­
  ein,  wie  es  der  naturwissenschaftlichen  Vorstellung  entspräche.
Denn  vom  Standpunkte  der  Geschichte  gilt  immer  nur  das  starre  Entwederoder:
  Entweder  gilt  uns  das  Geschehen  als  ein  solches,  das  vom
Boden  der  logischen  Denkgesetze  aus  er  faßlich  ist;  dann  hat  es
am  Geschehenszusammenhang  der  Geschichte  selber  teil.  Oder  es  gilt
als  vom  Boden  der  Denkgesetze  nicht  erfaßlich,  dann  bedeutet  es
bloß  eine  Verschiebung  in  den  Bedingungen  des  historischen ­
  Geschehens.  Ein  Kind,  z.  B.,  ist  so  lange  überhaupt
nur  ein  beweglicher  Komplex  von  Bedingungen  des  Geschehens,  bis
es  durch  etwas,  das  wir  ihm  attributiv  als  „Tat“  zusprechen,  zu
einem  Knotenpunkt  der  Zusammenhänge  des  nachher  wie  vorher
stetig  dahinfließenden  Geschehens  geworden  ist.  Für  dieses  Geschehen
selber  wäre  eben  die  Geburt  der  Logik,  wie  sie  mit  den  Grenzen  der
Geschichte  vorläge,  etwas  im  Wesen  Einmaliges,  nicht  aber  das
gattungsmäßig  von  Exemplar  zu  Exemplar  sich  Wiederholende.
Und  so  hätte  auch  in  diesem  Sinne  das  Auftauchen  des
„Werkzeugtieres“  gar  nicht  die  Bedeutung,  das  naturwissenschaftliche ­
  Gegenstück  der  Grenzen  der  Geschichte ­
  zu  sein.
        <pb n="422" />
        ;  &amp;gt;  v

Anhang,  X.

399

X.
Diese  ganzen  Erwägungen  lehren,  wie  ernst  in  der  Tat  die
Scheidung  zu  nehmen  ist,  die  das  Historische  vom  Naturwissenschaftlichen ­
  getrennt  hält.  Sie  ergeben  auch  die  Irrigkeit  der  Anschauungen,
die  mit  der  inkonsequenten  Ausdrucksweise  in  jenem  Gedankengang,
und  somit  auch  mit  der  landläufigen  „Lösung“  parallel  gehen.  Die
Geschichte  ist  weit  entfernt  davon,  daß  man  sie  als  das  funktionelle
Anhängsel  einer  biologischen  Spezies  ansehen  dürfte.  Sie  ist  kein
Endchen  Natur,  dem  man  großmütig  einen  Kuriositätswert ­
  zugestehen  möchte.  So,  wie  sie  für  die  Historie  vorliegt,
ist  sie  vom  naturwissenschaftlichen  Standpunkte  aus  nicht  bloß  ungreifbar, ­
  es  läßt  sich  ihr  von  dort  aus  gar  nichts  an  die  Seite  stellen.
Man  könnte  sagen,  die  Geschichte  ist  naturwissenschaftlich
inkommensurabel.  Gleiches  gilt  auch  für  die  Grenzen  der  Geschichte. ­
  Mit  dem  Auftauchen  des  „Werkzeugtieres“  haben  sie  im
wesentlichsten  Sinne  nichts  zu  tun.  Nur  scheinbar  verhält  sich  das
eine  zu  dem  anderen  so,  wie  das  Wort  der  einen  Sprache  zum  sinnesgleichen ­
  Worte  der  anderen  Sprache.  Die  Verschiedenheit  der
Sprachen  trifft  wohl  zu,  aber  es  handelt  sich  um  Worte,  die  sich  überhaupt ­
  nicht  übersetzen  lassen.  Wenn  nun  trotzdem  die  landläufige
«Lösung“  die  realen  Ausläufe  des  historischen  Geschehens  mit  den  Vorgängen ­
  gattungsmäßiger  Entwicklung  identifiziert,  aus  denen  die  Spezies
«Mensch“  hervorgeht,  so  erhellt  diese  „Lösung“  nur  um  so  deutlicher
als  eine  Verquickung  beziehungsloser  Gedankenreihen.
Allein,  der  gute  Glaube  an  diese  „Lösung“  hat  noch  einen  ganz
anderen  Rückhalt.  Alle  Inkongruenz  des  Historischen  und  des  Metahistorischen ­
  kann  man  gelten  lassen,  und  dabei  doch  bei  der
Meinung  verharren,  daß  auch  die  metahistorische  Erkenntnis ­
  ein  Weg  in  die  Vergangenheit  sei,  genau  wie
die  historische.  Also  könnte  das  metahistorisch  Ermittelte  unmöglich ­
  ohne  Belang  für  eine  Frage  sein,  die  so  tief  in  die  Vergangenheit
ausholt,  wie  unser  Problem.  Es  läßt  sich  zunächst  der  folgende  Einwand ­
  formulieren:  „Ob  die  Geschichte  nun  ein  naturwissenschaftliches
Gegenstück  hat  oder  es  nicht  hat,  jedenfalls  steht  es  uns  frei,  das  historische ­
  Geschehen  an  jeder  beliebigen  Stelle  gleichsam
i Q s  Naturwissenschaftliche  zu  übersetzen.  In  der  Vorstellung ­
  substituieren  wir  dann  für  das  historische  Geschehen  die
charakteristischen  Lebensäußerungen  der  Spezies  „Mensch“,  des  „Werkzeugtieres“. ­
  Dieses  Umdenken  ist  uns  auch  jederzeit  im  entgegen ­
        <pb n="423" />
        400

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

gesetzen  Sinne  möglich;  darauf  aber  kommt  es  an.  Das  Auftauchen
des  „Werkzeugtieres“  mag,  prinzipiell  genommen,  das  Gegenstück  der
Grenzen  der  Geschichte  sein  oder  mag  es  nicht  sein,  von  dort  an,  wo
diese  Spezies  existiert,  wo  also  ihre  Lebensäußerungen  vorliegen,  ist
uns  jedenfalls  die  Umdenkung  ins  Historische  möglich.  Dem
tatsächlichen  Erfolg  nach  erscheint  hier  also  doch  jener  äußerste  Punkt
bestimmt,  bis  zu  dem  zurück  ein  Geschehen  vorhanden  ist,  das  sich
dann  nach  logischen  Zusammenhängen  bis  zu  unserem  eigenen  Tun
und  Leiden  fortspinnt.  Jene  Möglichkeit  der  Umdenkung  gestaltet  sich
aber  entwicklungsmäßig  heraus,  und  so  liegen  mit  den  Vorgängen
dieser  Entwicklung  tatsächlich  die  realen  Ausläufe  des  historischen  Geschehens ­
  vor.“  Soweit  dieses  Raisonnement,  dem  ich  mit  einigem
Nachdruck  entgegentreten  muß,  weil  ja  gerade  das  Verhältnis  zwischen
der  historischen  und  der  metahistorischen  Erkenntnis  der  springende
Punkt  der  ganzen  Angelegenheit  ist.

XI.
Die  erkenntnistheoretischen  Verhältnisse  können  auch  hier  außer
Spiel  bleiben.  Wie  sich  das  vom  historischen  zu  dem  vom  naturwissenschaftlichen ­
  Standpunkte  aus  Erfaßbare  stellt,  ob  eines  nur  eine
Auffassungsweise  des  anderen,  ob  beides  nur  Auffassungsweisen  eines
dritten  sind,  ist  hier  gleichgültig.  Den  Ausgangspunkt  jenes  Raisonnements
  wird  man  zugeben  dürfen.  Man  kann  es  so  sagen,  daß  sich
das  historische  Geschehen  an  jeder  beliebigen  Stelle  ins  Naturwissenschaftliche ­
  übersetzen  läßt.  Ob  die  Umdenkung  restlos  möglich  ist,
im  Sinne  einer  echten  Substitution,  tut  auch  nichts  zur  Sache.  Jedenfalls ­
  liegen  uns  dann  an  Stelle  des  historischen  Geschehens  die
charakteristischen  Lebensäußerungen  des  „Werkzeugtieres“  vor.  Darauf
beruft  sich  jenes  Raisonnement,  geht  aber  sofort  den  Weg  eines  sehr
voreiligen  Schlusses.  Weil  jene  Umdenkung  möglich  ist,  sollen  sich
umgekehrt  auch  die  Lebensäußerungen  des  „Werkzeugtieres“, ­
  wo  immer  sie  vorliegen,  in  historisches  Geschehen ­
  umdenken  lassen.  Hier  waltet  nun  der  Trug  einer
halben  Wahrheit.  Daß  man  die  Umdenkung  aus  dem  Historischen  ins
Naturwissenschaftliche  jederzeit  zurücktun  kann,  versteht  sich  von
selbst.  Darum  handelt  es  sich  aber  nicht.  Jener  Schluß  wird  auf  die
Umdenkung  der  metahistorischen  Ergebnisse  angewendet,  und  da
ist  doch  eine  Umdenkung  aus  dem  Historischen  gewiß  nicht  vorausgesetzt. ­
  Die  landläufige  „Lösung“  hat  ja  gerade  den  Sinn,  daß  es  aus ­
        <pb n="424" />
        Anhang,  XI,

401

drücklich  der  Naturwissenschaft,  an  der  Hand  der  metahistorischen
Disziplinen,  gelänge,  unser  Problem  zu  lösen.
Eine  trügerische  Halbwahrheit  bleibt  jener  Schluß  zwar  außerdem
noch.  Denn  auch  das  ist  unbestreitbar,  daß  man  die  Lebensäußerungen
des  „Werkzeugtieres“  jederzeit  zu  vernünftigem  Geschehen  umdenken ­
  kann.  Die  Vorstellung  des  vernünftigen  Geschehens  geht  der
Vorstellung  jener  Lebensäußerungen  auf  Schritt  und  Tritt  parallel;  wo
immer  wir  uns  die  letzteren  denken  können,  da  sofort  auch  das  erstere.
Was  aber  vom  vernünftigen  Geschehen  gilt,  gilt  nicht  schon  vom
historischen.  Gerade  dies  behandelt  aber  jener  Schluß  als  eine
ausgemachte  Sache;  eine  Voreile,  die  jenes  Raisonnement  um  seine
Wahrheit  bringt.
Die  Unterscheidung,  die  hier  auftaucht,  kann  nur  auf  den  ersten
Blick  befremden.  Gewiß,  das  historische  Geschehen  ist  als  ein  vernünftiges ­
  spezifisch.  Deshalb  ist  das  eine  doch  nicht  dem  anderen
identisch.  Mit  dem  vernünftigen  Geschehen  ist  eben  rein  nur  die
spezifische  Artung  des  historischen  erfaßt.  Gegenüber  dem  vernünftigen ­
  Geschehen,  als  einem  Abstraktum,  ist  das  historische
Geschehen  jederzeit  als  ein  Konkretum  zu  denken,  stets
im  Sinne  eines  Bruchstückes  aus  dem  großen  Geschehenszusammenhang
der  Geschichte,  ausgelöst  aus  dieser  realen  Einheit.  Wenn  wir  uns  also  an
die  metahistorischen  Ergebnisse  halten  und  die  Lebensäußerungen  des
auftauchenden  „Werkzeugtieres“  uns  vorstellen,  so  ist  es  wohl  außer
Zweifel,  daß  wir  uns  die  letzteren  zu  vernünftigem  Geschehen
umdenken  dürfen.  Aber  es  ist  durchaus  nicht  ausgemacht,
ob  wir  uns  dieses  vernünftige  Geschehen,  wie  es  dann
in  unserer  Vorstellung  lebt,  sofort  auch  als  ein  historisches ­
  vorstellen  dürfen.  Das  will  sagen,  als  ein  Geschehen,
auf  das  unser  geistiger  Blick  endlich  stoßen  müßte,  wenn  es  ihm  beschieden
  wäre,  dem  Geschehenszusammenhang  der  Geschichte  schrankenlos ­
  zu  folgen,  immer  tiefer  in  die  Vergangenheit  hinein.  Wer  dies  als
eine  ausgemachte  Sache  ansieht,  spricht  der  metahistorischen  Forschung
zu,  auf  indirektem  Wege  historische  Ergebnisse  zu  liefern;  es  bedürfte
dazu  bloß  einer  schlichten  Umdenkung.  Das  schließt  aber  in  sich,  daß
man  zwischen  Historie  und  Metahistorie  keinen  Unterschied  in  der
Art  anerkennt,  wie  sie  uns  über  vergangenes  Geschehen  Aufschluß  erbringen. ­
  Dahin  gehen  tatsächlich  die  landläufigen  Anschauungen;  mit
jenem  Raisonnement  sind  eben  wieder  nur  sie  zum  Wort  gekommen.
Jenes  vorgestellte  Geschehen  darf  uns  nur  dann  als  ein  historisches
gelten,  wenn  die  Metahistorie  ausdrücklich  für  diesen  Punkt  gut  steht.
Denn  auf  ihr  lastet  hier  die  Verantwortung.  Sie  ist  dieser  aber  nicht
v«  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  ^
        <pb n="425" />
        402

,Die  Grenzen  der  Geschichte",

gewachsen.  Worauf  der  wissenschaftliche  Wert  der  Metahistorie  beruht, ­
  war  gleich  im  Anfang  gezeigt  worden.  Man  darf  ihr  aber  nicht
mehr  zumuten,  als  sie  ihrem  Wesen  nach  zu  leisten  vermag.  Denn
hier  käme  es  darauf  an,  daß  die  metahistorische  Forschung
über  vergangenes  Geschehen  in  einer  analogen  Weise
Aufschluß  erbringt  wie  die  histor  is  che  Forschung.  Nur
dann  hätten  die  Lebensäußerungen  des  auftauchenden  „Werkzeugtieres“,
wie  sie  als  metahistorisches  Ergebnis  in  unserer  Vorstellung  leben,  zugleich ­
  die  konkrete  Bedeutung,  die  Anfänge  des  Geschehenszusammenhanges ­
  der  Geschichte  zu  sein.  Nun  macht  es  aber  das  Wesen  der
Metahistorie  aus,  daßsiezu  dem  vergangen  en  Geschehen
fn  einem  radikal  anderen  Verhältnisse  steht  als  die
Historie.  Sie  will  ja  nicht  schlechthin  feststellen,  was  einst  geschehen ­
  ist,  sie  will  die  räumlichen  Dinge  zeithaft  ordnen;  Schichtung, ­
  nicht  Geschichte,  ist  ihr  Feldruf.  Nicht  das  Geschehen  um
seiner  selbst  willen  zu  erschließen,  gelingt  ihr;  sie  gestaltet  es  in  der
Vorstellung  nach  der  Analogie  des  Geschehenden,  um  es  den  Beziehungen ­
  der  räumlichen  Dinge  gemäß  zu  interpolieren,  als  Bindemittel ­
  ihrer  Schichtung.
Nicht  anders  aber  darf  man  jene  Lebensäußerungen  des  auftauchenden ­
  „Werkzeugtieres“  auffassen.  Wie  sie  im  Rahmen  der  metahistorischen ­
  Ergebnisse  gedacht  sind,  bedeuten  auch  sie  nicht  etwas
Erschlossenes.  Auch  sie  sind  etwas  Gestaltetes,  gestaltet  nach  der
Analogie  des  biologischen  Befundes.  Auf  diesem  Wege  sind  sie  dem
„Werkzeugtiere“  für  die  Anfänge  seiner  gattungsmäßigen  Existenz  als
funktionelles  Anhängsel  beigedacht,  um  innerhalb  des  metahistorischen ­
  Systemes  die  Verbindung  aufrecht  zu  erhalten  zwischen  jenen
ersten  und  den  späteren  Exemplaren  der  Spezies,  bis  auf  uns.  Mehr
dürfen  wir  hinter  der  Vorstellung  jener  Lebensäußerungen  nicht  suchen.
Sie  sind  ein  Detail  der  me  tahistorische  n  Kons  t  ruktio  n;
gültig,  ja  sogar  denknotwendig,  allein  eben  doch  nur  als  Konstruktionsbehelf. ­
  Einen  Gegenwert  für  das  historische  Geschehen,  speziell  also
für  das  Konkretum  der  Anfänge  jener  realen  Einheit  „Geschichte“,
das  können  sie  unter  diesen  Umständen  nie  und  nimmer  darstellen.
Nur  das  Abstraktum  des  vernünftigen  Geschehens  verträgt  sich  mit
ihrer  Vorstellung.
Wenn  ich  das  Geschehen,  das  im  Rahmen  der  metahistorischen  Ergebnisse ­
  mitgedacht  wird,  so  niedrig  eintaxiere,  gerate  ich  scheinbar
mit  nackten  Tatsachen  in  Widerspruch.  Oft  genug  schließen  ja  paläontologische
  Funde  der  Spezies  „Mensch“  die  untrüglichen  Spuren
menschlichen  Tuns  in  sich;  zum  Beispiel  eben  Werkzeuge.  Wären  dies
        <pb n="426" />
        Anhang,  XII.

403

nicht  Lebensäußerungen,  die  einerseits  an  dem  metahistorischen  System
Anteil  haben,  andererseits  aber  die  Übersetzung  ins  Historische  vertrügen? ­
  Nun,  erstens  sollte  man  da  eher  von  einer  Umdenkung  aus
dem  Historischen  ins  Naturwissenschaftliche  reden;  denn  als  Geschehen ­
  erschlossen,  in  seiner  vollen  Wirklichkeit,  kann  doch  nur  das
vernünftige  Tun  werden,  das  sich  hier  dokumentiert.  Vom  naturwissenschaftlichen ­
  Standpunkt  aus  wäre  immer  nur  der  Analogieschluß
vom  biologischen  auf  den  paläontologischen  Befund  möglich.  Hier  geht
eben  die  metahistorische  Forschung  bei  der  Historie  in  Kost.  Zweitens
aber  stehen  diese  erschlossenen  Lebensäußerungen  in  einem  total  anderen ­
  Verhältnis  zum  metahistorischen  System,  als  jene  gedachten
Lebensäußerungen,  die  als  Anfänge  der  Geschichte  gelten  sollen.  Die
letzteren  selber  könnten  der  Forschung  niemals  aufstoßen.  Sie  sind
notwendig  nur  das,  was  im  Geiste  des  ganzen  metahistorischen  Systemes
der  Zeit  des  ältesten  Fundes  vorhergedacht  wird.  Man  darf  eben
nicht  übersehen,  daß  auch  alle  paläontologischen  Funde  unter  die
räumlichen  Dinge  zählen,  deren  zeithafte  Ordnung  der
Metahistorie  zufällt.  Sie  selber  sind  also  Ausgangspunkte
der  metahistorischen  Konstruktion,  und  mit  ihnen  auch  die  aus  ihnen
erschlossenen  Lebensäußerungen.  Diese  nun,  die  selber  erst  mithelfen,
jene  Konstruktion  möglich  zu  machen,  können  doch  nicht  als  Belege
dafür  dienen,  in  welcher  Artung  das  Geschehen  im  Rahmen  dieser
Konstruktion  gedacht  wird!  In  dieser  Richtung  entscheidet  doch  nur
der  Geist,  in  welchem  die  Konstruktion  von  jenen  Ausgangspunkten ­
  her  vorgenommen  wird.  Das  geschieht  aber
ausdrücklich  so,  daß  dem  Geschehen  nur  die  Rolle  eines  Konstruktionsbehelfes ­
  zufällt.  Mit  solchen  Gedankendingern  aber  darf  man
das  historische  Geschehen  selbst  dann  nicht  in  eine  Reihe  stellen,  wenn
das  eine  wie  das  andere  doch  nur  in  unserer  Vorstellung  leben  würde.

XII.
Aber  selbst  diesen  fragwürdigen  Charakter  des  metahistorischen
Geschehens  kann  man  zugeben,  und  es  findet  sich  immer  noch  ein
Einwand,  der  die  landläufige  Lösung  zu  retten  scheint.  „  enn  der
Sinn  der  Metahistorie  auch  nur  die  Schichtung  ist,  as  zeit  a  te
Ordnen  der  räumlichen  Dinge,  ihre  „genetische  r  ärung  ,  was  tut  s
Sobald  dieses  Ordnen  gültig  vorgenommen  wird,  muß  sich  ganz
von  selbst  ein  Aufschluß  über  die  Vergangenheit  erge
ben  der  auch  für  das  Geschehen  von  Belang  ist.  Mit  der
26*
        <pb n="427" />
        404

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

metahistorischen  Konstruktion,  mit  den  geologischen  „Epochen“  und
den  biogenetischen  „Stammbäumen“  ist  doch  wenigstens  ein  Gerippe
geschaffen,  an  dem  selbst  das  interpolierte  Geschehen  den  nötigen  Anhalt ­
  fände,  um  zur  Not  wenigstens  ein  Gegenwert  historischen  Geschehens ­
  zu  sein.  Der  Aufschluß  über  das  einst  Geschehene  wäre  stark
verklausuliert,  immerhin  aber  geliefert.  In  der  landläufigen  Lösung
unseres  Problemes  steckt  also  doch  ein  gesunder  Kern.“
Dieser  Gedanke  hat  schon  deshalb  etwas  Blendendes,  weil  es  im
scheinbar  entscheidenden  Punkt,  mit  der  gültigen  Vornahme  des
Ordnens,  aufs  beste  bestellt  ist.  Ich  erinnere  nochmals  an  jene  schlagenden ­
  Übereinstimmungen  zwischen  der  Lage  der  Gesteine,  ihren
Einschlüssen  und  der  ontogenetischen  Entwicklung  —  wie  einerseits
die  tiefer  liegenden  Gesteinsschichten  regelmäßig  auch  die  „einfacheren“
Lebensformen  bergen,  als  ob  sich  das  „ältere“  des  Gesteines  mit  den
„tieferen“  Stufen  gattungsmäßiger  Entwicklung  paaren  würde;  wie  andererseits ­
  jedes  Lebewesen  über  einfachere  Formen  zu  sich  selber  heranwächst, ­
  als  ob  es  seine  Ahnenreihe  rekapitulieren  müßte.  Und  so
räume  ich  es  nochmals  ein,  daß  sich  uns  der  metahistorische  Schluß
auf  das  „Vorher“  und  „Nachher“  geradezu  aufzwingt.
Aber  gleich  dabei  kann  meine  Replik  einsetzen.  Was  drängt  sich  uns
hier  so  überzeugend  auf  —  der  Aufschluß  über  die  Vergangenheit?  Zunächst ­
  doch  nur  die  Art  und  Weise,  wie  sich  die  räumlichen ­
  Dinge  in  eine  zeithafte  Ordnung  bringen  lassem
Wenn  jene  Übereinstimmungen  nicht  wären,  kämen  wir  gar  nicht
auf  die  Idee,  das  Seiende  im  Geiste  der  metahistorischen  Konstruktion ­
  als  Gewordenes  aufzufassen,  z.  B.  also  die  Spezies  „Mensch“
als  Weiterentwicklung  der  organischen  Welt.  Genau  so  wenig,  wie
man  von  den  Ausgangspunkten  der  Konstruktion  auf  die  Natur  des
Konstruierten  rückschließen  darf,  ebensowenig  können  die  Verhältnisse,
die  überhaupt  erst  den  Geist  des  Konstruierens  wecken,  auch
noch  für  die  reale  Wahrheit  der  Konstruktion  einstehen.
Je  mehr  solcher  Übereinstimmungen  erhellen,  um  so  besser  kann  sich
der  Gedanke,  das  Seiende  in  jenem  weitgehenden  Sinne  als
Gewordenes  aufzufassen,  als  ordnendes  Prinzip  bewähren;
darauf  komme  ich  noch  zurück.  Für  die  Realität  des  Geschehens
aber,  das  wir  hierbei  als  das  Werden  denken,  wäre  durch  jene
Übereinstimmungen  nur  in  einem  einzigen  Falle  etwas  bewiesen:
sobald  nämlich  das  zeithafte  Ordnen  von  Haus  aus  so
gedacht  ist,  daß  sich  zugleich  ein  gültiger  Aufschluß
über  die  Vergangenheit  ergibt.
        <pb n="428" />
        Anhang,  XIII.

405

Nachdem  also  die  Kritik  möglichst  viel  aus  dem  Weg  geräumt
hat,  was  den  Blick  beirren  könnte,  steht  sie  jetzt  vor  der  Kardinalfrage: ­
  Ist  die  Metahistorie  ein  gültiger  Weg  in  die  Vergangenheit ­
  oder  nicht?  Die  Antwort  darauf,  die,  im  Einklang
zu  den  Ergebnissen  bisher,  ungünstig  für  die  landläufige  Lösung  ausfallen
  wird,  so  eigentümlich  sie  beschaffen  ist,  muß  selbst  in  diesem
engen  Rahmen  mit  etwas  mehr  Sorgfalt  geliefert  werden.  Weil  sie
erstens  in  der  ganzen  Kritik  der  Trumpf  ist  und  weil  sie  zugleich  den
härtesten  Anprall  an  die  landläufigen  Anschauungen  herbeiführt.
In  deren  Geist  wäre  eben  jene  Frage  rückhaltlos  zu  bejahen.
Etwas  anderes  als  eine  Kunde  über  die  Vergangenheit  sieht  man  ja  in
den  metahistorischen  Disziplinen  kaum;  wenn  ein  bißchen  Systematik
dabei  herausschaut,  so  gilt  dies  als  ein  interessanter  Nebenerfolg.  Soviel ­
  ist  sicher:  wer  im  Geiste  der  landläufigen  Anschauungen  denkt,
wird  niemals  daran  zweifeln,  daß  die  metahistorischen  Ergebnisse  vollwertige ­
  Aufschlüsse  über  die  Vergangenheit  seien.  Auch  den  metahistorischen ­
  Forscher  selbst,  den  Geologen,  den  Biologen,  wird  im
Durchschnitt  nie  ein  solcher  Zweifel  anwandeln,  nie  ihm  der  Gedanke
kommen,  daß  er  mit  seiner  Forschertätigkeit  zur  Vergangenheit  anders
Stellung  nimmt  als  der  Historiker.  Man  wird  hier  an  das  Wundtsche
Wort  erinnert,  daß  für  den  Glauben  an  die  Realität  abstrakter  Beziehungen ­
  nichts  so  geneigt  macht,  wie  die  dauernde  Beschäftigung  mit
ihnen.  Dieser  Glaube  verschlägt  auch  nichts,  solange  der  Metahistoriker ­
  bei  seinem  Leisten  bleibt.  Es  leidet  das  zeithafte  Ordnen  nicht
im  mindesten,  wenn  es  im  guten  Glauben  daran  vorgenommen  wird,
daß  man  an  der  Hand  der  „Epochen“  und  „Stammbäume“  ganz  ebenso
in  die  Vergangenheit  eindringt,  wie  auf  der  Spur  der  historischen
„Ereignisse“.  Nur  in  dem  einzigen  Ausnahmefalle  unseres
Problems  ist  die  Zeit  zur  Besinnung  gekommen.  Hier
kommt  es  ausdrücklich  darauf  an,  ob  das  Geschehen,  wie  es  im
Rahmen  der  metahistorischen  Ergebnisse  gedacht  wird,
e in  voller  Gegenwert  des  historischen  Geschehens  sei.
Es  trifft  dies  aber  nicht  einmal  in  dem  bedingten  Sinne  zu,  der  nun
schließlich  in  Erwägung  steht.

XIII.

Das  metahistorische  System  der  „Epochen“  und  „Stammbäume“
will  der  Vergangenheit  im  Wege  kausaler  Erfassung  gerecht  werden.
Was  also  der  historischen  Erkenntnis  gegenüber  der  Geschehenszu-
        <pb n="429" />
        406

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

sammenhang  der  Geschichte  ist,  das  bedeutet  für  die  Metahistorie ­
  der  große  Kausalzusammenhang  der  Erscheinungen. ­
  Darnach  läßt  sich  der  Grad  bestimmen,  in  welchem  die
eine  und  die  andere  Erkenntnisart  über  die  Ve  rgangenheit  Aufschluß ­
  erbringt.  Die  historische  Erkenntnis  tut  es  in  dem  Ausmaße, ­
  als  sie  den  Geschehenszusammenhang  der  Geschichte  aufzurollen
vermag;  die  metahistorische  Erkenntnis  aber  täte  es  in
dem  Ausmaße,  als  es  ihr  gelingt,  den  Kausalzusammenhang ­
  aufzurollen.  Vergleichen  wir  also  den  Erfolg  hüben  und
drüben.
Die  historische  Erkenntnis  richtet  den  Blick  geradeaus  auf  den
Geschehenszusammenhang  der  Geschichte.  Sie  trachtet  ja  das  Geschehen
um  seiner  selbst  willen  aufzudecken;  alles  Seiende,  die  räumlichen
Dinge,  das  gilt  ihr  nur  als  ein  mehr  oder  minder  taugliches  Mittel  zum
Zweck.  In  ihrem  Streben  jedoch,  den  Geschehenszusammenhang  der
Geschichte  aufzurollen,  muß  sich  die  historische  Erkenntnis  von  Haus
aus  Beschränkungen  auferlegen.  Sie  vermag  diesem  Zusammenhang ­
  nicht  in  seiner  vollen  Ausdehnung  nachzueifern.  Das  würde  alle
reale  Möglichkeit  der  Erkenntnis  selbst  dann  übersteigen,  wenn  die
Mittel  dazu,  die  „Quellen“,  unbeschränkt  zur  Verfügung  stünden.  Ist
doch  die  Fülle  des  Erlebten  —  dieses  im  strengsten  und  nicht  in  jenem ­
  alltäglichen  Sinne  der  „Erlebnisse“  gemeint,  der  selber  schon  eine
weitgehende  Auswahl  in  sich  schließt  —  schon  für  den  einzelnen  eine
mehr  als  erdrückende.  So  muß  sich  die  historische  Forschung  dazu
verstehen,  unter  dem,  was  sie  feststellen  könnte,  eine  Auswahl ­
  zu  treffen.  Mißt  man  an  der  unermeßlichen  Totalität  jenes
Zusammenhanges,  dann  ist  es  nur  weniges,  was  die  Forschung  tatsächlich ­
  feststellen  kann.  Wozu  sie  überhaupt  etwas  festzustellen
trachtet,  das  habe  ich  früher  schon  als  das  Erkenntnisziel  der  Historie
formuliert:  Sie  will  uns  den  Zusammenhang  des  historischen  Geschehens ­
  in  Einheit  erfaßlich  machen.  Das  Generalprinzip  jener  notgedrungenen ­
  Auswahl  beruht  nun  darin,  daß  die  Forschung  jenes
wenige  festzustellen  sucht,  dessen  geistiger  Besitz  ihr
bei  der  Verfolgung  jenes  Erkenntniszieles  den  ungeheuren ­
  Rest  zur  Not  entbehrlich  macht.  Wie  sich  dieses  allgemeinste ­
  Prinzip  spezialisieren  und  im  einzelnen  durchführen  läßt,  wie
sich  die  P'orschung  mit  der  Zwangslage  abfindet,  in  die  sie  durch  den
Zwang  zur  Auswahl  von  der  einen,  durch  die  Kargheit  der  „Quellen
von  der  anderen  Seite  her  versetzt  ist,  das  sind  Angelegenheiten  sekundärer ­
  Bedeutung,  interne  Sorgen  der  Forschung.
Nach  diesem  ebenso  klaren  wie  unausweichlichen  Verhalten  der
        <pb n="430" />
        Anhang,  XIV.

407

Forschung,  die  in  ihrem  Dienste  steht,  muß  es  der  historische  ^Erkenntnis ­
  jedenfalls  zugestanden  werden,  daß  sie  der  Aufgabe,  den  Geschehenszusammenhang ­
  der  Geschichte  aufzurollen,  im  Prinzipe  gerecht
wird.  DieLeistung,  die  sie  fördert,  liegt  auf  dem  geraden
Wege  zum  Ideal  der  Leistung.  Wenn  dieses  Ideal  auch  stets
unerfüllt  bleiben  muß,  die  Annäherung  daran  ist  an  der  Hand  der
historischen  Forschung  ohne  Obergrenze  möglich.  Gleiches  gilt  auch
für  die  Einzelheiten  des  erschlossenen  Geschehens.  Eine  absolute
Gewißheit  ist  da  niemals  zu  erzielen;  aber  bei  der  ungeheuren  Fülle
der  Beziehungen,  nach  denen  sich  ein  vom  Boden  der  Denkgesetze
aus  erfaßliches  Geschehen  ermitteln  läßt,  ist  die  historische  Erkenntnis ­
  allemal  eine  Annäherung  an  das  absolut  Gewisse; ­
  eine  Annäherung,  die  sich  im  asymptotischen  Sinne  bis  ins  ungemessene ­
  steigern  läßt.  So  rechtfertigt  sich  der  Stolz,  mit  dem  die
Historie  nur  darauf  Anspruch  erhebt,  zu  sagen,  „was  geschehen  ist
und  wie  es  sich  zugetragen  hat“  1

XIV.
Nun  zur  metahistorische«  Erkenntnis  und  ihrem  Beruf  gegenüber
  dem  großen  Kausalzusammenhang  der  Erschein
gen.  Gerade  vom  orthodox-naturwissenschaftlichen  Sta ^P unk te  aus
läge  der  Einwand  nahe,  daß  wir  gar  kein  Interesse  hatten  d^en
Kausalzusammenhang  inhaltlich  aufzurollen.  Unser  Interesse
schon  daraufhin  befriedigt,  daß  man  alle  Entwicklungsgesetze  und
dergleichen  zu  ermitteln  sucht,  die  schließlich  jene  „WdAnnd  auf
stellen  ließen,  mit  der  jener  ganze  Zusammenhang  gleichsam  in  «nem
Griff  erfaßbar  würde.  Dieser  Anschauung  ist  W1  n  d  e  1
klassischen  Vortrag  „Geschichte  und  Naturwissenschaft  entgegenge
treten.  Hier  braucht  ich  nicht  näher  darauf  emzugehem  Wurde  ja
der  fragliche  Einwand  von  vornherein  der  Metahistorie
schaftlichen  Ernst  absprechen,  oder  doch  wenigstens  allen  Beruf,
Schluß  über  die  Vergangenheit  zu  erbringen.
Jener  große  Kausalzusammenhang  der  Erscheinungen  ist  uns,zunächst ­
  wenigstens,  ein  Ding  der  bloßen  Vorstellung.  Aber
schon  dabei  sehen  wir  klar  genug,  um  es  außer  Zweifel  zu  stellen,
daß  eine  Aufrollung  jenes  Zusammenhanges,  wenn  sie  u  er  aup  ™°‘=&amp;gt;
lieh  ist,  auch  nur  unter  äußerster  Einschränkung  möglich
wäre.  Um  dies  noch  besser  einzusehen,  brauchen  wir  uns  nur  en
Versuch  auszumalen,  irgendein  erlebtes  Geschehen,  eine  schlichte  Be-
        <pb n="431" />
        408

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

gebenheit  ins  Naturwissenschaftliche  zu  übersetzen.  Mit  jedem  Schritt
tieferen  Hineindenkens  breitet  sich  eine  steigende  Menge  von  Vorgängen ­
  vor  uns  aus,  in  uferloser  Vielfältigkeit.  Und  es  ist  schließlich
doch  nur  dem  Worte  nach  eine  Kürzung,  wollten  wir,  in  scheinbarer
Vereinfachung,  nur  ein  „Spiel  der  Atome“  oder  eine  „energetische“
Konstellation  vor  uns  sehen.  Auch  hier  also  müßte  das  Erstrebte
irgendwie  auf  das  Erreichbare  einschnellen,  sofern  wir  überhaupt  in
der  Lage  wären,  jenen  Zusammenhang  aufzurollen.
Es  gewinnt  nun  den  Anschein,  als  ob  sich  just
mit  dem  metahistorischen  Systeme  eine  solche  Einschränkung ­
  verwirklichen  würde.  Dieses  System  der
„Epochen“  und  „Stammbäume“  nimmt  sich  wie  eine  Kausal  ge  -
schichte  der  Arten  aus;  warum  sollte  diese  nicht  als  ein  handlicher ­
  Abriß  jener  Kausalgeschichte  der  Individuen  gemeint
sein,  die  alleinig  jenem  Kausalzusammenhang  der  Erscheinungen
adäquat  bliebe.  Auch  die  Metahistorie  könnte  dann  zwar  nicht  alles
bieten,  aber  was  sie  bietet,  würde  uns  das  Fehlende  verschmerzen
lassen.  So  scheinen  die  Dinge  zu  liegen.  Lassen  wir  uns  aber  nicht
davon  abbringen,  daß  hier  zunächst  nur  eines  feststeht:  Das  metahistorische ­
  System  der  „Epochen“  und  „Stammbäume“  bezieht  sich
tatsächlich  nur  auf  die  Gattungen  der  räumlichen  Dinge!
Dieser  ausgesprochen  generische  Charakter  der  Metahistorie
will  richtig  verstanden  sein.  Er  hängt  nicht  schon  daran,  daß  die
metahistorische  Konstruktion  selber  von  abstrakter  Natur  ist,  wenn
sie  auch  vom  Konkreten  ausgeht  und  im  Wege  ihrer  Nutzanwendung
sich  dem  Konkreten  wieder  zuwendet  —  es  sind  z.  B.  immer  nur  einzelne ­
  und  bestimmte  Gesteinslagerungen,  jede  als  Konkretum  genommen,
die  den  Anhalt  bieten,  das  Abstraktum  einer  „Formation“  zu  gestalten;
umgekehrt  läßt  sich  dann  im  Geiste  der  metahistorischen  Konstruktion
jede  beliebige,  ganz  bestimmte  Örtlichkeit  bis  ins  Detail  geologisch
deuten,  „erdgeschichtlich“  charakterisieren.  Jener  generische
Charakter  aber  wurzelt  darin,  daß  selbst  jedes  Konkretum  sowohl
bei  der  Vornahme  als  auch  bei  der  rückstrahlenden  Nutzanwendung
der  Konstruktion,  nicht  als  Individuum  in  Betracht  fällt,
sondern  im  wesentlichsten  Sinne  nur  als  Exemplar
einer  Gattung,  gemäß  seiner  generellen  Natur.  Es  fällt  also
niemals  für  sich  allein  in  Betracht,  sondern  stets  nur  kraft  seiner
rein  gedanklichen  Verknüpfung  mit  allen  anderen  Individuen, ­
  die  mit  ihm  gemeinsam  in  dem  Denken
einer  Gattung  aufgehoben  sind.  So  kommt  z.  B.  bei  der
Reihenbildung  „gleicher“  Fälle,  die  zur  Erfassung  einer  „Formation“
        <pb n="432" />
        '  •  *  ^”

Anhang,  XV.

führt,  nie  das  konkrete  Gestein  so  in  Betracht,  wie  es  ein  ganz  bestimmtes, ­
  nur  sich  selber  gleiches  „Ding“  ist,  ausscheidbar  aus  unseren
Empfindungsinhalten;  es  kommt  nur  gattungsmäßig  in  Betracht,  z.  B.
als  „Gneis“,  oder  als  Muttergestein  der  oder  jener  Art  von  Fossilien.
Und  so  mag  sich  eine  Örtlichkeit  wie  immer  kasuistisch  deuten  lassen,
ihre  Deutung  kraft  der  Nutzanwendung  metahistorischer  Erkenntnis,
im  Sinne  der  Eingliederung  in  das  System  der  Epochen,  beruht  stets
nur  auf  den  gattungsmäßigen  Verhältnissen,  gilt  daher  auch  nur
auf  dieser  Grundlage;  also  nur  soweithin,  als  es  uns  z.  B.  als  eine
„Gneis“schicht  erfaßlich  ist,  was  wir  in  der  oder  jener  Lage  zu  einer
uns  als  „Tonschiefer“  erfaßlichen  Schicht  vorfinden.  In  diesem  grundwesentlichen ­
  Sinne  bezieht  sich  das  metahistorische  System  auf  die
räumlichen  Dinge  nicht  so,  wie  sie  uns  als  Individuen  umgeben,  e  s
bezieht  sich  direkt  nur  auf  ihre  Gattungen.
Da  gilt  nun  die  Erwägung,  ob  dieser  generische  Charakter
der  Metahistorie  dahin  zu  verstehen  sei,  daß  auch
bei  der  Aufrollung  des  großen  Kausalzusammenhanges
eine  sachlich  unschädliche  Einschränkung  Platz  greift.
Diese  Annahme  widerlegt  sich  aber  ungezwungen  durch  die  Einsicht,
wie  jener  generische  Charakter  der  Metahistorie  auf  etwas  ganz  ander ­
  e  s  zurückzuführen  sei  als  auf  das  Streben,  unter  den  Tatsachen,
die  man  ermitteln  könnte,  eine  verständige  Auswahl  zu  treffen.
Zwei  entscheidende  Verhältnisse  kommen  da  einander  so  entgegen,
daß  uns  der  generische  Charakter  der  Metahistorie  wohl  als  etwas  Notwendiges ­
  erscheinen  muß,  zugleich  aber  als  etwas,  das  auch  nicht
im  entferntesten  mit  einem  Prinzipe  der  metahistorischen ­
  Auswahl  zu  tun  hat.  Einerseits  bringt  sich  der  Umstand ­
  zur  Geltung,  daß  die  Metahistorie  den  Sinn  einer  Schichtung,
einer  zeithaften  Ordnung  der  räumlichen  Dinge  auf  jeden  Fall  hat,  ob
sie  nun  außerdem  wirklich  oder  nur  scheinbar  Aufschluß  über  die
Vergangenheit  erbringt.  Von  der  anderen  Seite  aber  ist  die  fragwürdige ­
  Art  von  entscheidendem  Einfluß,  in  der  man  dem  kausal  erfaßten ­
  Geschehen  alleinig  beizukommen  vermag.

XV.
Der  zeithaften  Ordnung  der  Dinge  muß  notwendig  eine  andere
vorangehen.  Jene,  die  schon  in  der  Eigenart  unseres  Denkens  begründet
ist  und  ein  Sprechen  in  Worten  erst  möglich  macht.  Es  ist  dies  die
klassifikatorische  Ordnung  der  Dinge,  die  uns  umgeben.  Sie
        <pb n="433" />
        4io

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

mag  den  oder  jenen  Ausgang  nehmen,  ihrem  praktischen  Erfolg  nach
läßt  sie  uns  die  Dinge  nach  ihrer  Zugehörigkeit  zu  einer  Gattung  erfassen. ­
  Vorerst  in  dieser  Weise  finden  wir  uns  gegenüber  der  Mannigfaltigkeit ­
  dessen  zurecht,  was  uns  umgibt  (Rickert).  Der  Gedanke,
ein  Ding  unter  die  übrigen  zeit  ha  ft  einzuordnen,  es  als  Gewordenes
erfassen  zu  wollen,  kann  uns  vorher  gar  nicht  kommen,  ehe  wir  es
nicht  gattungsmäßig  erfaßt  hätten.  Im  einzelnen  Falle  kann  sich
dies  verschleiern;  die  Frage  nach  der  Entstehung  des  Dinges  kann
die  Frage  umschreiben,  was  es  ist.  Für  die  Gesamtheit  der
räumlichen  Dinge  gilt  die  Priorität  der  klassifikatorischen
Ordnung  unbedingt;  und  dies  ist  im  Bereich  der  Erfahrungswissenschaft ­
  nicht  anders  als  im  Bereiche  des  vorwissenschaftlichen
Denkens.
Was  lenkt  denn  zuerst  wohl  den  Blick  in  eine  fernere  Vergangenheit? ­
  Das  Interesse  an  dem,  was  die  Vorfahren  getan  und
erlitten  haben;  an  diesem  Interesse  reift  der  Begriff  einer  Vergangenheit
heran,  die  über  eigene  Erinnerung  hinausreicht.  An  einen  Wandel  der
Umwelt,  in  jenem  weitgehenden  Sinne  eines  Werdens  aller  Dinge,  an
eine  solche  chronische  Verschiebung  der  Bedingungen,
unter  denen  gehandelt  wird,  denkt  man  wohl  erst  viel  später.
So  kennen  auch  die  „Schöpfungsgeschichten“  wohl  schon  Arten
der  Dinge,  aber  ihr  metaphysischer  Inhalt  antwortet  so  wenig  einer
metahistorischen  Neugier,  daß  sie  eher  als  der  Ausdruck  des
Glaubens  an  die  U  n  Wandelbarkeit  aller  Dinge  erscheinen.  Dieser
Glaube  spukt  auch  noch  in  der  Historie.  Nichts  fällt  dieser  so  schwer,
wie  mit  dem  Wandel  der  Bedingungen  geistig  Schritt  zu  halten,  aus
denen  sich  das  als  „res  gestae“  erschlossene  Geschehen  erklären  ließe.
Für  den  Teil  dieser  Bedingungen  ist  ja  der  Historiker  meist  ähnlich
zu  Interpolationen  genötigt,  wie  der  Metahistoriker  in  bezug  auf  das
Geschehen.  Da  hat  es  stets  die  Präsumtion  für  sich,  diese  Bedingungen
einfach  aus  der  erlebten  Gegenwart  da  und  dorthin  zu  übertragen;
etwa  so,  wie  die  mittelalterlichen  Maler  auch  den  mythologischen
Gestalten  Ausdruck  und  Tracht  ihrer  eigenen  Zeit  gaben.  Der  „Entwicklungsgedanke“ ­
  ist  in  jeder  Abart  ein  Spätling  unseres  Geistes.
Das  Streben,  das  sich  in  der  metahistorischen  Erkenntnis  auslebt,
findet  also  jedenfalls  schon  die  Klassifikation  der  Dinge  vor,  ihre
Gattungen.  Sieht  man  mit  diesen  gleichfalls  eine  „Auswahl“  getroffen, ­
  unter  der  Überfülle  dessen,  was  wir  geistig  zu  beherrschen
trachten,  dann  ist  dies  ein  Prinzip  der  Auswahl,  das  offenbar
noch  dem  Seienden,  nicht  dem  Geschehen  gegenüber,  gewählt
erscheint,  und  jedenfalls  schon  längst  durchgeführt  ist,
        <pb n="434" />
        Anhang,  XVI.

411
ehe  der  Gedanke  an  etwas  Metahistorisches  auch  nur
auftaucht.  Setzt  dann  aber  Metahistorie  ein,  dann  bedarf  es  sicherlich
keiner  Erklärung,  wenn  die  zeithafte  Ordnung  der  Dinge  auf  der  Grundlage ­
  ihrer  Klassifikation  vorgenommen  wird.  Nur  das  Gegenteil  müßte
erklärt  werden.  Oder  soll  man  es  unserem  Denken  zumuten,  daß  es
die  vollzogene  „Auswahl“  ungeschehen  machte,  um  sie  hinterher  erst
nochmals  vorzunehmen,  und  nun  aus  Gründen,  die  in  der  Unmöglichkeit
einer  völligen  Aufrollung  des  Kausalnexus  wurzeln?  Das  wäre  eine
ganz  widersinnige  Annahme.  So  erklärt  sich  also  der  generische
Charakter  der  Metahistorie  zur  einen  Hälfte  daraus,  daß  die  zeithafte ­
  Ordnung  der  räumlichen  Dinge  notwendig  schon
auf  der  Grundlage  der  Klassifikation  vorgenommen
wird;  gleichsam  als  eine  Ordnung  über  die  letzterwähnte  noch  hinaus.
Dies  schließt  gewiß  nicht  aus,  daß  uns  das  zeithafte  Ordnen  der  räumlichen ­
  Dinge,  ihre  Schichtung,  neue  Auffassungen  über  die  Beziehungen ­
  der  Gattungen  zubringt.  Nichts  ist  natürlicher,  als  daß
z.  B.  die  organische  Welt  dadurch  zu  einer  neuen,  zu  einer  biogenetischen ­
  Systematik  gelangt.  Darin  liegt  ja  der
letzte  Zweck  aller  Metahistorie,  die  räumlichen  Dinge
in  einer  geläuterten  Weise,  aus  tieferen  Gründen
systematisch  zu  ordnen,  als  es  im  Wege  des  bloßen
Vergleiches  möglich  ist.

XVI.
Soweit  darüber,  daß  der  Gedanke,  der  sich  im  generischen
Charakter  der  Metahistorie  ausspricht,  von  außen  her  und  schon  in
voller  Durchführung  in  die  Metahistorie  übernommen  ist  un
deshalb  nicht  die  Bedeutung  eines  Prinzipes  der  Auswahl  hat,  das
vom  metahistorischen  Standpunkt  aus  gegenüber  dem  Kausalzusammenhang ­
  gehandhabt  wird.  Es  gilt  dies  um  so  starrer,  als  gera  e  vom
metahistorischen  Standpunkt  aus  dieser  Gedanke  von  einem  ganz
anderen  Belang  ist.  Ich  erinnere  daran,  wie  man  stets  nur  ein
Geschehen,  das  uns  vom  Boden  der  Denkgesetze  aus  er  a  ic  ist,
im  buchstäblichen  Sinne  erschließen  kann.  Handelt  es  sich  aber,
wie  in  der  Metahistorie  ausnahmslos,  um  ein  vom  Boden  er  a  t  u  r
gesetze  aus  erfaßbares  Geschehen,  dann  hat  der  Schluß,  den  wir
vom  Vorliegenden  auf  das  Vorgegangene  ziehen,  stets  nur  die
Natur  eines  Analogieschlusses  vom  Geschehenden  auf
das  Geschehene.  Der  Analogieschluß  ist  aber  nur  dann  in
        <pb n="435" />
        412

,Die  Grenzen  der  Geschichte'

seinem  Ausmaß  —  ein  gültiger,  wenn  er  nicht  an  beliebige  Ähnlichkeiten, ­
  an  oberflächliche  Übereinstimmungen  Anlehnung  nimmt,
sondern  an  jene  besten,  gültigsten  Vergleichsergebnisse,  die  gerade  im
Denken  der  Gattungen  enthalten  sind.  Will  man  also  das  zu
interpolierende  Geschehen  formen,  dann  ist  man  an  das  Denken  der
Gattungen  gebunden.  Zur  Interpolation  aber  wird  man  gezwungen,
weil  anders  eine  metahistorische  Konstruktion  gar  nicht  möglich  wäre,
wenn  sie  die  Bedeutung  einer  zeithaften  Ordnung,  einer  Schichtung
der  Seinsdinge  haben  soll,  um  die  letzteren  als  Gewordenes  erfaßlich
zu  machen.  In  so  wesentlichem  Sinne  erscheinen  also
Metahistorie  und  Denken  in  Gattungen  unzertrennlich.
Die  Metahistorie  ist  generischen  Charakters,  oder  sie  ist  überhaupt ­
  nicht.
Man  sieht,  die  beiden  Verhältnisse  könnten  nicht  harmonischer
sein.  Nach  dem  einen  versteht  es  sich  von  selbst,  daß  die  zeithafte
Ordnung  der  räumlichen  Dinge  über  die  Klassifikation  der  letzteren
hinaus,  als  ihre  Perfektionierung  vollzogen  wird;  laut  dem  anderen
ergibt  sich  diese  Klassifikation  als  das,  was  ein  zeithaftes  Ordnen  überhaupt ­
  erst  möglich  macht  I  So  vereinen  sie  sich  zur  Widerlegung ­
  der  Annahme,  als  ob  der  generische  Charakter
der  Metahistorie  ein  metahistorisches  Prinzip  der
Auswahl  unterliegen  hätte.  Der  Gedanke,  die  Dinge  nicht
als  Individuen,  sondern  bloß  nach  ihrer  Zugehörigkeit  zur  Gattung  in
Betracht  zu  nehmen,  geht  in  seiner  praktischen  Durchführung  nicht
bloß  der  Metahistorie  voraus,  ist  also  nicht  bloß  unabhängig  von
der  Einsicht,  daß  sich  der  Kausalzusammenhang  nur  beschränkt  aufrollen
  läßt,  er  hat  auch  für  die  ganze  Metahistorie  den  Sinn  einer
conditio  sine  qua  non.
Würde  es  sich  um  ein  Prinzip  der  Auswahl  handeln,  nach
dem  sich  die  Forschung  zu  richten  hat,  dann  stünde  es  im  Belieben ­
  der  Forschung,  dieses  Prinzip  im  einzelnen  zu  durchbrechen. ­
  Das  geschieht  dann  freilich  auf  Kosten  der  Forschungsergebnisse, ­
  die  in  proportionalem  Maße  an  Wert  verlieren,  oder  an
Belang.  Aber  es  ist  doch  möglich!  Die  historische  Forschung  mag
oft  genug  gegen  die  richtige  Auswahl  verstoßen,  um  das  eine  Mal  in
Akribie  zu  sündigen,  ein  andermal  weniger  eindringlich  zu  arbeiten,  als
es  geboten  wäre.  Ein  solcher  Verstoß  ist  dort  aber  im  Wesen  ausgeschlossen. ­
  Es  steht  absolut  nicht  im  Belieben  der
metahistorischen  Forschung,  den  generischen  Charakter ­
  dieser  Erkenntnisart  abzustreifen.  Sie  kann  z.  B.
mit  der  Nutzanwendung  ihrer  Ergebnisse  noch  so  sehr  ins  Konkrete
        <pb n="436" />
        ST

Anhang,  XVII.  413
und  Einzelne  dringen,  schließlich  gilt  alles  doch  nur  soweit,  wie  die
von  der  geologischen  oder  biogenetischen  Deutung  betroffenen  Dinge
nach  ihrer  Zugehörigkeit  zu  einer  Gattung  in  Betracht  kommen,
also  nach  rein  gedanklichen  Beziehungen  zu  anderen  Dingen,
nicht  aber  nach  dem,  was  sie  uns  wirklich  und  für  sich
allein  sind.  Es  läuft  eben  alle  metahistorische  Deutung,  getreu  dem
generischen  Charakter  dieser  Erkenntnis,  stets  nur  darauf  hinaus,
daß  sich  mitten  im  Konkreten  lauter  abstrakte  Beziehungen ­
  weben.

XVII.
Es  steht  also  kein  Prinzip  der  Auswahl  gegenüber  dem  Kausalzusammenhang ­
  in  Kraft,  wenn  sich  das  metahistorische  System  der
„Epochen“  und  „Stammbäume“  nur  auf  die  Gattungen  der  räumlichen
Dinge  bezieht,  und  nicht  auf  sie  als  Individuen.  Ebensowenig  aber
kann  die  Rede  sein,  daß  der  Kausalzusammenhang  durch  dieses  System
erschöpfend  aufgerollt  würde.  Der  Kausalzusammenhang  schrumpft
da  jedenfalls  in  hohem  Grade  zusammen.  Dieses  Einschrumpfen  hat
aber  nicht  den  Sinn  einer  verständigen  Kürzung,  die  ohne  wesentlichen ­
  Schaden  erfolgt.  Die  Vereinfachung,  die  dem  tatsächlichen
Erfolg  nach  eintritt,  rechtfertigt  sich  eben  nicht  aus  einem  gültigen
Prinzip  der  Auswahl.  Diese  Vereinfachung  erfolgt  aus
Anlässen,  die  völlig  fremd  dem  Streben  sind,  den
Kausalzusammenhang  so  gut,  wie  es  überhaupt  noch
möglich  ist,  aufzurollen.  Soll  also  dieses  System  der  „Epochen“
und  „Stammbäume“  eine  Kausalgeschichte  der  Arten  sein,  dann  ist
mit  dieser  kein  gültiger  Ersatz,  kein  Abriß  jener  Kausalgeschichte
der  Individuen  geboten,  die  hier  das  Ideal  darstellt.  Als  Aufrollung
des  Kausalzusammenhanges  genommen,  kann  das  metahistorische
System  nicht  mehr  Bedeutung  beanspruchen  als  die  eines  Surrogats.
Dieses  Verhalten  zum  Kausalzusammenhang  soll  nun  den  Maßstab
dafür  abgeben,  in  welchem  Grade  uns  jenes  System  der  „Epochen
un d  „Stammbäume“  einen  gültigen  Aufschluß  über  die
Vergangenheit  gewährt.  Nur  zwei  Fälle  scheinen  möglich;
entweder  wird  dieser  Aufschluß  geboten,  oder  er  wird  nicht  geboten. ­
  Ein  Drittes  scheint  ausgeschlossen,  und  doch  stellt  es  sich  in
dem  Sinne  ein,  daß  man  vom  metahistorischen  Systeme
weder  das  eine  noch  das  andere  behaupten  kannl
Gerade  darin  spricht  sich  eine  besondere  Artung  aus,  daß  es  der
        <pb n="437" />
        414

„Die  Grenzen  der  Geschichte",

i

Vergangenheit  gegenüber  eine  so  eigenartige  Zwitterstellung
einnimmt.  Denn  einerseits  steht  es  fest,  daß  uns  ein  Aufschluß  über
die  kausal  erfaßte  Vergangenheit  überhaupt  nur  im  Wege  der
metahistorischen  Forschung  werden  könnte.  Daran  halten  sich
einseitig  die  landläufigen  Anschauungen,  für  welche  daher  ein  Zweifel
an  dem  Wirklichkeitsgehalt  der  metahistorischen  Ergebnisse  gar  nicht
existiert.  So  einseitig  dürfen  wir  nicht  urteilen.  Wohl  aber  ist  uns
auf  jenen  Umstand  hin  jedes  Recht  genommen,  das  metahistorische
System  von  Haus  aus  als  einen  ungültigen  Aufschluß  über  die
Vergangenheit  anzusehen,  sofern  nur  die  metahistorische  Forschung
als  solche  gültig  geübt  wird.  Auf  der  anderen  Seite  aber  müssen  wir
hier  doch  beachten,  wie  fragwürdig  das  Verhalten  der  metahistorischen ­
  Erkenntnis  gegenüber  dem  Kausalzusammenhang  der  Erscheinungen ­
  ist.  Dadurch  sind  wir  nicht  minder  außerstande,  im
metahistorischen  System  von  Haus  aus  einen  gültigen  Aufschluß
über  die  Vergangenheit  zu  ersehen.  Dieser  Widerspruch  ist  ein  so
prinzipieller,  daß  er  durch  nichts  aus  der  Welt  geschafft  werden  kann;
am  wenigsten  durch  einen  Hinweis  darauf,  in  welch  überzeugender
Weise  sich  uns  die  metahistorischen  Ergebnisse  aufdrängen.  Weil  sie
es  notwendig  nur  in  ihrer  Artung  als  metahistorische  Ergebnisse ­
  tun  können,  bleiben  alle  prinzipiellen  Verhältnisse  aufrecht,
und  damit  auch  der  Widerspruch  zwischen  ihnen.  Der  metahistorische
Weg  allein  steht  offen;  ihn  müssen  wir  gehen,  ob  es  nun  so  oder
anders  mit  ihm  bestellt  ist.  Weder  seine  Gültigkeit  noch  seinen  Trug
könnten  wir  durch  etwas  anderes  ermessen,  als  eben  durch  eine  Erwägung ­
  der  prinzipiellen  Verhältnisse;  die  aber  führt  zu  einem
Widerspruch.  Es  fehlt  jedes  weitere  Kriterium  der  Entscheidung. ­

Besonders  hier  muß  man  der  nachbarlichen  Grenzen  der  Metahistorie ­
  eingedenk  bleiben.  Nur  eben  die  sogenannte  „historische“
Geologie,  nur  die  „historische“  Biologie  hat  an  der  Metahistorie
teil,  alles  schlechtweg  Geologische,  alles  schlechtweg  Paläontologische
gehört  selbstverständlich  nicht  mehr  dazu,  wird  also  durch  jene
Erwägungen  gar  nicht  berührt.  So  sind  alle  Aufschlüsse
über  die  Art  und  Lagerung  der  Gesteine,  über  die  biologische  Eigenart
der  paläontologischen  Funde,  über  die  Art  ihres  Einschlusses,  sie  alle
sind  schlechthin  wahr,  sofern  nur  die  Forschung  gültig  geübt
wird.  Sobald  man  jedoch  von  dem  „Über“  und  „Unter“  der  Schichten
auf  das  „Vorher“  und  „Nachher“  schließt,  aus  dem  „Höheren“  und
„Niederen“  der  Lebensformen  auf  das  „Jünger“  und  „Älter“  der
Gattungen,  dann  muß  notwendig  eine  Interpolation  von  Ge-
        <pb n="438" />
        Anhang,  XVIII.

415

schehen  Platz  greifen,  dann  ist  metahistorische  Erkenntnis
am  Werke.  Dann  erst  weben  sich  die  abstrakten  Beziehungen,  die
in  der  Konstruktion  der  „Epochen“  und  „Stammbäume“  zu  ihrer  einheitlichen ­
  Ausgestaltung  gelangen.  Die  Forschungsergebnisse  dieser
Provenienz  arbeiten  an  der  Schichtung,  an  der  zeithaften  Ordnung ­
  der  räumlichen  Dinge.  Ihre  wissenschaftliche  Bedeutung  in  dieser
Hinsicht  ist  im  voraus  außer  Kritik  gestellt  worden.  Augenblicklich
aber  handelt  es  sich  um  ihre  Eigenschaft  als  Aufschlüsse  über
die  Vergangenheit.  Ich  vermeide  es  mit  Absicht,  sie  in  dieser
Hinsicht  als  „hypothetische“  zu  bezeichnen.  Hypothetisch  sind
in  höherem  oder  geringerem  auch  alle  historischen  Ergebnisse.
Sie  alle  sind  nur  Annäherungen  an  das  absolut  Gewisse;  aber
in  welchem  Grade  immer  sie  es  wären,  sie  sind  doch  echte  Annäherungen, ­
  und  es  hängt  nur  an  der  Sorgfalt  und  an  dem  Glück  der
Forschung,  sie  als  Annäherungen  bis  ins  ungemessene  zu  steigern.
Gerade  dies  aber  ist  bei  den  metahistorischen  Ergebnissen  im  Wesen
ausgeschlossen.  Als  Aufschlüsse  über  die  Vergangenheit
sind  die  metahistorischen  Ergebnisse  von  Haus  aus
weder  wahr  noch  falsch.  Sorgfalt  und  Glück  der  Forschung
sind  diesem  Verhältnisse  gegenüber  ohnmächtig;  sie  kommen
etwas  ganz  anderem  zugutel

XVIII.
Für  den  ersten  Blick  ist  diese  Anschauung  gewiß  sonderbar;  noch
sonderbarer,  daß  den  metahistorischen  Ergebnissen  jene  Zwitterna  ur
sogar  im  Wesen  liegen  soll.  Aber  dies  alles  läßt  sich  noc  vo
anderen  Seite  her  beleuchten,  und  dann  wird  im  weiteren  e
auch  der  ganze  Zusammenhang  der  Verhältnisse  durchsic  lg
es  schon  im  Vortrage  gezeigt  und  seither  schon  einem  an
Gedankengang  eingeflochten  wurde,  ruht  die  ganze
historische  Erkenntnis  auf  Analogieschlüssen.  Wo  es
sich  nicht  um  ein  Geschehen  handelt,  das  uns  vom  0  en  e
gesetze  aus  erfaßlich  ist,  da  bleibt  eben  gleichsam  vom  Geschehen  nur
soviel  Spur  zurück,  um  den  Analogieschluß  vom  Geschehenden  aufs
Geschehene  ziehen  zu  können.  Auch  in  jenem  günstigeren  a  ,  ei
der  historischen  Erkenntnis,  kann  das  Erschließen  a  o  er  ac  ic  ,
bald  gewissenhaft  vorgenommen  werden;  aber  je  gültiger  es  erfolgt,
desto  näher  rückt  eben  das  Erschlossene  an  das  absolut  Gewisse  heran.
Immer  befugter  sind  wir  zur  Behauptung,  daß  es  so  und  nicht  anders
        <pb n="439" />
        4i6

„Die  Grenzen  der  Geschichte“,

geschehen  sei.  Beim  Analogieschluß  jedoch  ist  diese  Annäherung  an
das  absolut  Gewisse  im  Prinzipe  ausgeschlossen.  Wenn  er  noch  so
gewissenhaft  vollzogen  wird,  noch  so  viele  Analogien  harmonisch
zusammenklingen,  zu  noch  so  auffälligen  Übereinstimmungen,  man
kommt  doch  nicht  weiter,  als  daß  man  mit  immer  besserem
Fug  und  Recht  behaupten  kann,  die  Dinge  liegen  so,
als  Ob  es  so  geschehen  sei.  Der  absoluten  Gewißheit,  daß  es  so
und  nicht  anders  geschehen  sei,  läßt  sich  auf  diesem  Wege  auch  nicht
um  Haaresbreite  näher  kommen.
Es  besagt  dies  einen  Unterschied,  über  den  das  praktische
Leben  in  tausend  Fällen  leichthin  hinweggeht,  so  daß  uns  die  Gewohnheiten ­
  des  praktischen  Denkens  hier  nur  eine  unerhörte
Spitzfindigkeit  erblicken  lassen.  Nun,  der  Erwägung  würde  dieses
Los  in  allerbester  Gesellschaft.  Vom  Standpunkte  dieses  praktischen
Denkens  aus  wäre  auch  das  Kopernikanische  System  nur  einer  unerhörten ­
  Spitzfindigkeit  entstammt:  der  Beachtung  eines  „eleganteren“
Modus  in  astronomischen  Rechnungen,  für  den  das  praktische  Leben
genau  so  viel  Empfindung  besitzt  wie  für  jene  Schwäche  des  Analogieschlusses. ­
  Diese  liegt  im  Prinzipe  einmal  vor;  unser  Problem  betrifft
aber  eine  streng  prinzipielle  Erwägung,  und  so  fällt  daher  jener  Unterschied ­
  im  Schlußverfahren  voll  ins  Gewicht,  wie  immer  die  Eindrücke
des  praktischen  Denkens  auch  sein  mögen.  Man  glaube  übrigens  nicht,
daß  man  sich  jenen  Unterschied  analog  dazu  denken  müßte,  wie  sich
der  „Indizienbeweis“  zum  „Zeugenbeweis“  verhält.  Das  führte  schon
deshalb  irre,  weil  beide  Beweisarten  vom  naturwissenschaftlichen
Standpunkt  aus  gar  nicht  greifbar  sind,  beide  auf  das  Erschließen
eines  vom  Boden  der  Denkgesetze  aus  erfaßlichen  Geschehens
hinauslaufen.
Wieviel  jener  Unterschied  zuungunsten  der  metahistorischen  Erkenntnis ­
  besagt,  wird  erst  klar,  wenn  man  sich  vorhält,  daß  die
Bindung  an  Analogieschlüsse  und  der  generische
Charakter  der  Metahistorie  zwar  Korrelatbegriffe  sind,  für  die
Erwägung  aber,  wie  prekär  der  metahistorische  Aufschluß  über  die
Vergangenheit  ist,  nebeneinander  in  Anschlag  kommen.  Es  bleibt
der  metahistorischen  Erkenntnis  nicht  bloß  versagt,  die  räumlichen
Dinge  anders  als  aus  dem  Gesichtspunkte  ihrer  abstrakten  Beziehungen
zu  erfassen;  auch  die  Art,  wie  wir  uns  diese  Dinge  in  das  kausale
Geschehen  verflochten  denken,  ergibt  sich  aus  dem  Gesichtspunkte
von  abstrakten  Beziehungen,  die  sich  zum  Analogieschlüsse  verdichten.
In  dieser  doppelten  Weise  wird  also  die  Frage,  was  denn  eigentlich
wirklich  geschehen  sei,  im  wesentlichsten  Sinne  ausweichend
        <pb n="440" />
        Anhang,  XIX.

417

beantwortet.  Unserem  Denken  blüht  dann  wohl  die  Gelegenheit,  sich
das  Vergangene  plausibel  auszumalen,  aber  unsere  Erkenntnis
wird  nur  um  einen  uneinlösbaren  Wechsel  reicher!

XIX.
Wenn  nun  die  Ergebnisse  der  Metahistorie,  als  Aufschlüsse  über
die  Vergangenheit  genommen,  weder  falsch  noch  richtig  sind,  was  sind
sie  denn?  Wenn  das  metahistorische  System  der  „Epochen“  und
„Stammbäume“  gar  nicht  auf  dem  Wege  zum  Ideale  einer  Aufrollung
des  Kausalzusammenhanges  liegt,  welchem  Ideale,  welchem  Erkenntnisziele ­
  strebt  denn  eigentlich  die  metahistorische  Forschung  zu,  um  ihr
Vorgehen  danach  einzurichten,  um  auch  nur  den  Antrieb  zu  empfinden, ­
  ihre  Feststellungen  immer  ausgebreiteter  vorzunehmen,  immer
gewissenhafter  zu  deuten  ?  Jagt  sie  nur  einem  Phantome  nach,  wäre
sie  nur  eine  gelehrte  Spielerei,  ein  bloßes  Wühlen  im  Schatze  der
naturwissenschaftlichen  Erkenntnisse  ?  Die  Antwort  auf  alle  diese  Fragen
ist  mit  der  Charakteristik  der  Metahistorie  längst  geliefert  worden.
Es  soll  uns  jetzt  aber  aus  seinen  inneren  Zusammenhängen
klar  werden,  was  sich  bisher  nur  aus  dem  mehr  äußerlichen  Vergleich
mit  der  Historie  feststellen  ließ.
Es  könnte  gar  kein  Selbstzweck  für  die  Metahistorie  sein,  Aufschluß ­
  über  die  Vergangenheit  zu  erbringen,  wenn  ihre  Ergebnisse  in
dieser  Hinsicht  weder  falsch  noch  wahr  sind.  Trotz  dieser  Zwitternatur ­
  erlangen  aber  die  metahistorischen  Ergebnisse  sofort  den  vollsten
wissenschaftlichen  Wert,  wenn  jene  Wendung  gegen  die  Vergangenheit ­
  nur  ein  Mittel  zum  Zweck  ist,  der  Zweck
also  über  jene  zwitterhaften  Aufschlüsse  hinausliegt.
Dies  trifft  in  der  Tat  zu:  in  so  engem  Zusammenhang  mit  der  ganzen
Artung  der  metahistorischen  Erkenntnis  steht  ihr  Beruf,  die  räumlichen ­
  Dinge  zeithaft  zu  ordnen!  Da  kommt  es  wirklich  nicht
darauf  an,  ob  dieses  System  der  „Epochen“  und  „Stammbäume  nach
seinem  Verhältnis  zur  Vergangenheit  schlechthin  wahr  ist;  es  genügt, ­
  wenn  dieses  System,  als  ein  System  des  Ordnens,  in  sich
wahr  ist.  So  bedarf  es  auch  keiner  Annäherung  an  die  absolute  Gewißheit ­
  über  das  Geschehene,  um  uns  ein  Ding  aus  seinem  Werden  erfaßlicher
  zu  machen.  Es  genügt,  wenn  diese  „genetischen  Erklärungen“,
die  zusammen  die  zeithafte  Ordnung  der  Dinge  ergeben,  untereinander ­
  im  Einklang  sind.  Denn  es  unterliegen  hier  im  Wesen  abstrakte ­
  Beziehungen,  die  zwar  vom  Konkreten  ausgehen,  und  auf  das
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  2*]
        <pb n="441" />
        418

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

Konkrete  rückstrahlen,  die  aber  unter  sich  nur  ein  inneres  und  kein
äußeres  Kriterium  der  Wahrheit  handhaben  lassen.  Das  Fehlen  dieses
äußeren  Kriteriums  bekundet  sich  gerade  darin,  daß  diese  Ergebnisse,
als  Aufschlüsse  über  die  Vergangenheit,  weder  wahr  noch  falsch  sind.
Es  wäre  in  der  Tat  unberechtigt,  zu  erwarten,  daß  sich  die  metahistorischen ­
  Ergebnisse  gegenseitig  kontrollieren,  kraft  ihrer
Beziehung  zur  Vergangenheit;  sie  können  immer  nur  untereinander ­
  harmonieren,  aus  dem  Gesichtspunkte  ihrer  Stellung  im
ganzen  Systeme;  mit  dem  Erfolge,  daß  die  zeithafte  Ordnung  der
Dinge  eine  steigend  plausible  wird.  In  solchem  Geiste  beruft
sich  das  einzelne  metahistorische  Ergebnis  für  seine  Wahrheit  auf  die
Wahrheit  aller  übrigen;  sie  alle  sind  solidarisch  gültig,  im
Sinne  ihres  Zusammenschlu  sses  zueinem  in  sichwahren
Systeme.  Hier  erhellt  zugleich,  weshalb  der  Glaube  an  die  Realität
dieser  abstrakten  Beziehungen  der  Forschung  keinen  Eintrag  tut.  Für
alle  metahistorischen  Ergebnisse  gilt  gleichmäßig  der  einschränkende
Vordersatz,  daß  die  Dinge  so  lägen,  als  ob  sich  dies  oder  jenes  zugetragen ­
  hätte.  Solange  man  nun  im  Bereiche  der  Metahistorie  bleibt,
läßt  sich  diese  Einschränkung  gleich  einem  gemeinsamen  Nenner  ignorieren, ­
  und  man  darf  ohne  Schädigung  der  erzielten  Erkenntnis  die
metahistorischen  Ergebnisse  so  auffassen,  als  würden  die  Dinge  dafür
zeugen,  daß  sich  dies  oder  jenes  zugetragen  hätte.

XX.
Das  prekäre  Verhältnis  der  Metahistorie  zur  Vergangenheit  kann
man  durch  einen  etwas  phantastischen  Gedankengang  verdeutlichen.  Den
biogenetischen  Disziplinen  liegt  der  Gedanke  des  Einen  Blutzusammenhanges ­
  zugrunde,  der  alle  Lebewesen  verknüpft.  Die  konkreten  Grundlagen ­
  dieses  Gedankens,  die  bezüglichen  biologischen  Beobachtungen  und
Versuchsreihen,  sind  noch  verhältnismäßig  dürftig.  Denken  wir  uns
diese  Unterlagen  auf  die  höchste  Stufe  der  Vollkommenheit  gebracht.
Nehmen  wir  an,  es  wäre  „züchtungsexperimentell“  gelungen,  jede  beliebige ­
  Spezies  über  die  entsprechenden  Mittelglieder  hinweg  in  jede
beliebige  andere  Art  zu  überführen.  Die  Spezies  „Mensch“  nehme  ich
bei  dieser  Vorstellung  ausdrücklich  nicht  aus.  Vom  Standpunkte  der
Historie  und  aller  ihrer  Probleme,  die  metaphysischen  ein  geschlossen,
bliebe  es  absolut  gleichgültig,  ob  es  nun  schlecht  und  recht  ein  herangewachsenes ­
  Kind  oder  ein  heran  gezüchteter  „Homunculus“  ist,  wodurch ­
  sich  das  historische  Geschehen  um  einen  neuen  Knotenpunkt
        <pb n="442" />
        Anhang,  XX.

419

seiner  Zusammenhänge  differenzieren  würde  und  um  eine  Gruppe  neuer
Bedingungen  seines  Verlaufes  komplizieren.  Von  allen  Erwägungen,
die  hier  zu  pflegen  waren,  wäre  auch  kein  Jota  preiszugeben.  Mit
ihnen  allen  verträgt  sich  jene  paradoxe  Annahme  aufs  beste.  Aber
wie  stünde  es  dann  um  die  metahistorische  Konstruktion  der  „Stammbäume“? ­
  Vom  Boden  des  praktischen  Denkens,  das  prinzipielle
Skrupel  nicht  kennt,  wäre  jene  Konstruktion  dann  schlankweg  bewiesen, ­
  ihre  Details  der  absoluten  Gewißheit  näher  gebracht,  als
es  für  irgendein  Ergebnis  der  historischen  Forschung  gelten  könnte.
Von  jenem  prinzipiellen  Standpunkte  aus,  der  hier  der  allein  zulässige ­
  ist,  stünde  die  Sache  radikal  anders.  Der  absoluten  Gewißheit ­
  über  das,  was  wirklich  geschehen  ist,  um  die
vorliegenden  Verhältnisse  zu  schaffen,  wäre  man,  beim
Fortschreiten  vom  heutigen  zu  jenem  idealen  Zustand,
auch  nicht  um  Linienbreite  näher  gekommen.  Auch  dann
nicht,  wenn  alle  übrigen  konkreten  Grundlagen  des  metahistorischen
Systems  auf  den  höchsten  Grad  der  Güte  gesteigert  wären;  wenn  man
alle  benötigten  paläontologischen  Funde  aufgestöbert  hätte,  alle  denkbare ­
  Harmonie  mit  dem  System  der  „Epochen“  erzielt.  Man  verkenne
doch  nicht,  daß  mit  all  diesem  nur  die  Gültigkeit  der  waltenden ­
  Analogieschlüsse  als  solche  ins  ungemessene  gesteigert
wäre;  aber  Analogieschlüsse  blieben  sie  nach  wie  vor,  und  darum
bliebe  auch  das  prinzipielle  Verhältnis  bestehen,  die  Zwitternatur
der  Ergebnisse.  Was  tatsächlich  erreicht  wäre,  beschränkte  sich
darauf,  daß  man  dann  mit  fast  absoluter  Gültigkeit  behaupten  könnte,
die  Dinge  lägen  so,  als  ob  sich  die  Vorgänge  im  Geiste  jenes  biogenetischen ­
  Grundgedankens  abgespielt  hätten.  Das  würde  mit  anderen ­
  Worten  sagen,  daß  jener  Gedanke  die  höchste  Stufe  der
Gültigkeit  als  ein  Prinzip  des  zeithaften  Ordnens  erreicht ­
  hätte.
Daran  hängt  ja  das  richtige  Verständnis  dieser  Erkenntnisart,  daß
man  einen  solchen  Gedanken  nicht  als  etwas  ansieht,  das  sich  erhärten ­
  ließe  in  seiner  Wahrheit;  sondern  stets  nur  als  etwas,  das
sich  immer  besser  bewährt,  in  seiner  Eigenschaft  als  regulatives
Prinzip  der  Erkenntnis.  Je  mehr  dies  zutrifft,  desto  mehr  würde
das  metahistorische  System,  wie  es  im  Geiste  dieses  Gedankens  konstruiert ­
  ist,  in  sich  harmonischer  werden,  an  innerer  Wahrheit
gewinnen.  In  jenem  geschilderten  Falle  hätte  es  die  höchste
Stufe  erreicht;  die  räumlichen  Dinge  in  solcher  Wejge  zeithaft  zu
ordnen,  das  würden  wir  dann  nicht  mehr  als  plausibel  empfinden,
sondern  geradeaus  als  eine  Denknotwendigkeit,  als  etwas  Unaus-27*
        <pb n="443" />
        420

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

weichliches.  Aber  der  Vergangenheit  gegenüber  wäre  das  metahistorische
  System  selbst  dann  noch  genau  dasselbe,  was  es  in  seiner
unvollkommenen  Gestalt  schon  heute  ist:  ein  uneinlöslicher  Wechsel
auf  Erkenntnis!

XXI.
Der  Umstand,  daß  sich  in  jenem  Sinn  ein  Höhepunkt  der  metahistorischen
  Erkenntnis  ausmalen  läßt,  bekundet  nebenbei  den  rein
naturwissenschaftlichen  Charakter  aller  Metahi  storie;
und  so  wird  auch  dahinzu  der  Abstand  gegenüber  der  Historie  klarer.
Für  die  historische  Forschung  schließt  sich  jede  Obergrenze  im
Wesen  aus.  Es  hieße  eine  Unmöglichkeit  verlangen,  sollte  die  historische ­
  Erkenntnis  einfach  alles  an  erlebtem  Geschehen  aufschließen;
selbst  wenn  es  keine  Schranken  der  Forschung  gäbe  und  die  „Quellen“
nicht  stetig  kärglicher  fließen  würden,  je  tiefer  sich  die  Forschung  mit
der  Vergangenheit  einläßt.  Hier  muß  also  notwendig  ein  Prinzip  der
Auswahl  gehandhabt  werden.  Deshalb  aber  ist  kein  Zustand  der  historischen ­
  Forschungsleistung  denkbar,  der  sich  nicht  doch  noch  überbieten ­
  ließe  —  sei  es  im  Sinne  eines  besseren  Prinzipes  der  Auswahl,
sei  es  in  der  Durchführung  des  augenblicklich  besten  Prinzipes.  Denn
in  der  Tat,  weil  der  Stoff  der  historischen  Erkenntnis  gleichsam  vor
unseren  Augen  weiter  wuchert,  kann  sich  ein  bisher  festgehaltenes
Prinzip  der  Auswahl  überleben.  Bei  dem  vielverschlungenen  Allzusammenhang, ­
  der  für  das  historische  Geschehen  gilt,  zieht  eben  alles,,
was  geschieht,  zugleich  unsere  Auffassung  vom  vorher  Geschehenen  in
Mitleidenschaft.
Freilich,  auch  die  Verhältnisse  der  räumlichen  Dinge  verschieben ­
  sich  stetig  mit  der  weitererlebten  Zeit.  Aber  das  sind  Änderungen, ­
  die  sich  gleichsam  registrieren  ließen,  angenommen,  daß  jener
Höchstzustand  der  metahistorischen  Erkenntnis  erklommen  wäre.  Diese
Erkenntnis  handhabt  eben  kein  Prinzip  der  Auswahl.  Wohl  verbindet
sich  mit  ihrem  generischen  Charakter  von  Haus  aus  und  starr  eine  Einschränkung. ­
  Im  Rahmen  der  letzteren  aber,  der  gegenüber  sie  ohnmächtig ­
  ist,  strebt  die  Metahistorie  Vollständigkeit  an.  So  vermag ­
  sie  auch  im  quantitativen  Sinne,  wie  dort  qualitativ,  einen
Höchststand  zu  erreichen,  den  sie  dann  nur  mehr  zu  behaupten
hätte,  ohne  ihn  jemals  mehr  überschreiten  zu  können.  Dem  Ganzen
der  Gattungen  und  ihres  Um  und  Auf  ist  eben  unser  Denken  aus  dem
einfachen  Grunde  gewachsen,  weil  das  Denken  der  Gattungen  aus-
        <pb n="444" />
        Anhang,  XXI.

421

drücklich  der  Weg  ist,  der  „extensiven  und  intensiven  Mannigfaltigkeit“, ­
  die  um  uns  ist,  Herr  zu  werden.
Es  ist  selber  nur  ein  Ausdruck  des  naturwissenschaftlichen
Charakters  der  Metahistorie,  wenn  sie  nicht  als  Aufschluß  über  die  Vergangenheit, ­
  sondern  nur  als  zeithafte  Ordnung  der  räumlichen  Dinge
wissenschaftlich  ernst  zu  nehmen  ist.  Und  durch  ihre  generische  Natur
akzentuiert  sich  dies  noch  mehr.
Bei  der  Würdigung  des  naturwissenschaftlichen  Charakters  der  Metahistorie ­
  dürfen  uns  nicht  die  zahllosen  Beziehungen  beirren,  die  von  metahistorischen ­
  Disziplinen  aus,  namentlich  der  historischen  Geologie,  zur
Geographie  sich  spinnen.  Alle  Metahistorie  ist  ein  Ausbau  der  Naturwissenschaft. ­
  Sie  kann  aus  dem  Programm  der  Naturwissenschaft,  „die
Natur  auf  die  einfachste  Weise  zu  beschreiben“  (Kirchhoff)  verstanden
werden;  als  eine  beste  Systematik  der  räumlichen  Dinge  und  somit  als
ein  Weg  der  kürzesten  Beschreibung.  Die  Geographie  dagegen  ist
ein  Trabant  der  Historie,  soweit  sie  nicht  zugleich  eine  technische ­
  Wissenschaft  ist,  die,  mit  dem  Ausgang  von  der  Erfahrung,  unser
Handeln  direkt  über  die  besten  Wege  zum  Zweck  belehrt;  gleichviel,  ob
es  die  Verwaltung,  die  Politik  oder  die  Technik  im  engeren  Sinne  betrifft
Sehen  wir  davon  ab,  so  stellt  die  Geographie,  als  „physikalische“,  die
Naturwissenschaft  in  den  Dienst  der  historischen  Erkenntnis,  zum  Behufe
einer  geläuterten  Auffassung  jener  Bedingungen,  aus  denen  wir  das  erschlossene ­
  Geschehen  zu  erklären  suchen.  Dadurch  wird  die  Geographie ­
  zu  einer  Wissenschaft  des  Individuellen.
So  individualisiert  auch  das  Metahistorische,  über  seine  Nutzanwendung ­
  hinaus.  Die  letztere  selber  ist  vom  Forschungsbetrieb
der  Metahistorie  nicht  zu  trennen;  es  findet  noch  Erwähnung,  wie  sich
das  metahistorische  System  gerade  im  Wege  seiner  Nutzanwendung  zu
läutern  weiß.  Aber  während  es  der  Metahistorie  eigen  ist,  vom  Konkreten ­
  ihrer  Nutzanwendung  wieder  zum  Abstrakten  zurückzukehren,
während  ihr  also  das  Konkrete  immer  nur  zur  Reihenbildung
„gleicher  Fälle“  frommt,  hält  die  Geographie  an  dem
Konkreten  fest  und  gestaltet  es  zum  Individuellen  aus.
Für  die  Geographie  ist  es  von  fundamentaler  Bedeutung,  daß  sich
Gesamtheiten  der  räumlichen  Dinge  zu  realen  Einheiten  zusammenfügen, ­
  zu  „Ländern“,  „Kontinenten“,  „Verbreitungssphären“.  Für  die
Metahistorie,  kraft  ihres  naturwissenschaftlichen  Berufes,  ist  dies  ein
zufälliger  Umstand:  etwas,  das  rein  der  Tatsache  nach  ins  Gewicht
fällt.  Das  Individuelle  jener  Einheiten  kommt  für  die  Metahistorie
prinzipiell  nicht  in  Betracht.  Von  ihrem  Standpunkte  aus  kommt  selbst
der  Erdball  nicht  als  Individuum,  sondern  bloß  nach  seiner  Zugehörig ­
        <pb n="445" />
        422

„Die  Grenzen  der  Geschichte“,
keit  zu  einer  Gattung  in  Betracht.  Wenn  Kosmographie  ein  Seitenstück ­
  zur  Geographie  ist,  so  sind  die  kosmogonischen  Hypothesen
(Kant-Laplace)  ein  integrierender  Bestandteil  der  Metahistorie-Auch
  die  Weltkörper  gehören  zu  den  räumlichen  Dingen,  die  ihre  zeithafte ­
  Ordnung  beanspruchen.  Kosmogonische,  „erdgeschichtliche“  und
biogenetische  Erkenntnis  stehen  harmonisch  im  metahistorischen  System,,
ob  die  Forschung  dies  nun  genügend  beachtet  oder  nicht.  (Ratzel.)
Es  ergibt  sich  hier  als  ein  Fehler  im  Prinzipe,  wenn  man  das
metahistorische  System  der  „Epochen“  selber  als  eine
„Entwicklungsgeschichte“  des  Individuums  „Erdball“  ansieht,
und  die  kosmogonischen  Hypothesen  dann  als  P'ortsetzung  denkt.  Wie  es
nicht  unerwähnt  bleiben  soll,  haben  bahnbrechende  Denker  und  Forscher
unter  den  Geologen  (Lyell)  es  abgelehnt,  Anfang  oder  Ende  des  geologischen ­
  Geschehens  in  Erwägung  zu  ziehen.  Es  blieb  der  „evolutionistischen“
  Auffassung  Vorbehalten,  jenem  prinzipiellen  Fehler  Vorschub ­
  zu  leisten.  Die  metahistorische  Erkenntnis  wird  da  mit  jener  Individualisierung ­
  ihrer  Nutzanwendungen  verwechselt,  die
allein  der  Geographie  Vorbehalten  bleibt.  Diese  will  hiermit  den
Schauplatz  des  historischen  Geschehens,  als  reale  Gesamtheit  seiner
äußeren  Bedingungen,  einheitlich  und  besser  zur  Erfassung  bringen,
als  es  ohne  Nutzanwendung  metahistorischer  Erkenntnis  möglich  wäre-Nur
  darf  die  Geographie  nicht  wähnen,  daß  sie  dadurch
unser  Wissen  vom  wirklich  Geschehenen,  wie  es  die
Historie  vermittelt,  auch  noch  auf  die  Entstehungsgeschichte ­
  des  Schauplatzes  alles  historischen  Geschehens ­
  ausdehnt.
Hier  handelt  es  sich  offenbar  um  den  folgerichtigen  zweiten
Schritt  in  jener  Richtung,  die  mit  der  landläufigen  „Lösung“  unseres
Problems  betreten  ist:  Zu  der  Entwicklungsgeschichte  des  Akteurs
der  Geschichte  erst  noch  jene  des  Schauplatzesl  Von  diesem
zweiten  Schritt  gilt  alles,  was  vom  ersten  zu  sagen  ist,  und  das  oben
Gesagte  noch  hinzu.  Wenn  der  erste  Schritt  ein  Mißbrauch  der
metahistorischen  Erkenntnis  ist,  so  der  zweite  ein  Miß*
brauch  ihrer  Nutzanwendung.  In  dieser  fragwürdigen  Art
leimt  sich  das  „Kontinuum  des  Geschehens“  zusammen,  dem  unser
Blick  in  die  Vergangenheit  zu  folgen  wüßte;  im  Geiste  jener  „naturwissenschaftlichen ­
  Weltanschauung“,  die  auf  den  „Entwicklungsgedanken“ ­
  pocht.  Diesem  Gedanken  kommt  auf  naturwissenschaftlichem ­
  Gebiete  eben  nur  die  Bedeutung  eines  Prinzipes  der  zeithaften ­
  Ordnung  der  räumlichen  Dinge  zu,  für  den  Zweck
einer  höchststehenden  Systematik  der  letzteren,  nie  aber  darf  man
        <pb n="446" />
        Anhang,  XXII.

423

ihm  zumuten,  daß  er  in  jenem  Geiste  Naturwissenschaft ­
  zu  Geschichte  wandelt.  Doch  ich  greife  hier  der
Schlußfolge  vor  und  tue  es  nur,  um  den  Anschluß  an  die  tiefsinnige
Bemerkung  Sigwarts  zu  finden,  daß  man  der  „Entwicklung“  zumutet, ­
  Schlüssel  zu  allen  Rätseln  zu  sein.

XXII.
Es  ergab  sich  also,  daß  die  Schichtung  der  räumlichen  Dinge,
ihr  zeithaftes  Ordnen,  keineswegs  einen  um  so  gültigeren
Aufschluß  über  die  Vergangenheit  gewährt,  je  gültiger
sie  selber  vorgenommen  wird.  Denn  um  die  metahistorische
Erkenntnis  richtig  aufzufassen,  muß  man  sie  als  ein  zeithaftes  Ordnen
der  Dinge,  als  einen  Ausbau  der  naturwissenschaftlichen  Systematik
gerade  deshalb  auffassen,  weil  diese  Erkenntnis  nach  ihrer  Relation
zur  Vergangenheit  im  wesentlichsten  Sinne  weder  wahr  noch  falsch
ist.  Bei  aller  Sorgfalt  der  Forschung,  bei  aller  Gunst  der  Schlüsse
kann  die  Metahistorie  doch  nie  etwas  anderes  erzielen  als  eine  immer
größere  innere  Wahrheit  ihres  Systems.  Der  Vergangenheit  gegenüber ­
  ist  sie  im  Vergleich  zur  Historie  ohnmächtig.  Mit  dem
Systeme  der  „Epochen“  und  „Stammbäume“  liegt  also
keineswegs  ein  Gerippe  vor,  an  das  sich  das  interpolierte ­
  Geschehen  so  anlehnen  könnte,  um  wenigstens
in  diesem  bedingten  Sinne  ein  Gegenwert  historischen
Geschehens  zu  sein.  Damit  ist  aber  der  gute  Glaube  an  die
landläufige  „Lösung“  unseres  Problems  aus  seiner  letzten  Position
herausgedrängt:  Zwischen  den  Lebensäußerungen  des  auftauchenden ­
  „Werkzeugtieres“  und  dem  historischen  Geschehen ­
  besteht  überhaupt  keine  wie  immer  geartete
Beziehung.  Aber  gerade  dieser  Gedanke,  daß  historische  und  metahistorische ­
  Forschung  beziehungslos  nebeneinander  hergehen, ­
  ist  ein  viel  zu  spröder,  um  nicht  der  Unterstützung  durch
einige  klärende  Erwägungen  zu  bedürfen,  ehe  man  den  Schlußstrich  zieht.
Greifen  wir  zunächst  den  Fall  irgendeiner  Versteinerung  auf,
die  aus  einer  tiefliegenden  Schicht  ausgegraben  wird.  Es  ist  gewiß
kein  Zweifel  möglich,  daß  dieses  räumliche  Ding  alt  ist;  das  Lebewesen ­
  mußte  ja  versteinern  und  seine  Gesteinsumgebung  zur  tiefen
Schicht  werden.  Die  Vorstellung  seines  hohen  Alters  mag  sich  durch
die  Einsicht  akzentuieren,  daß  es  paläontologisch  keiner  der  Gattungen
von  Lebewesen  zugehört,  die  um  uns  existieren.  Soweit  ist  die  Aus ­
        <pb n="447" />
        424

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

deutung  kasuistisch  möglich  und  ist  unverfänglich.  Aber
sobald  wir  zu  ermitteln  suchen,  wie  alt  dieses  Ding  sei,  in  welchen
Beziehungen  es  zu  anderen  Versteinerungen,  zu  den  existierenden
Lebewesen  und  mit  seiner  Gesteinsumgebung  zu  der  jetzigen  Gestaltung ­
  seines  Fundortes  steht,  dann  sind  wir  notwendig  auf  die  Nutzanwendung ­
  metahistorischer  Erkenntnis  angewiesen.  Wir
erzielen  damit  aber  nichts  anderes,  als  daß  wir  diese  Versteinerung,
soweit  sie  als  ein  Gattungsexemplar  in  Betracht  kommt,  in  das  metahistorische ­
  System  eingliedern,  sie  also  unter  die  übrigen  Dinge  zeitha
  ft  einordnen,  im  Walten  von  lauter  Analogieschlüssen!  Alles
nun,  was  sich  in  dieser  Hinsicht  ermitteln  läßt,  gilt
nur  kraft  der  inneren  Wahrheit  des  metahistorischen
Systems.  Das  letztere  muß  sich  auch  auf  dieses  räumliche  Ding
ausdehnen  lassen,  muß  sich  also  unter  Umständen  seinetwegen  in
irgendeiner  Einzelheit  modifizieren.  Denn  offenbar  kann  man  den
Weg  der  Nutzanwendung,  den  Weg  vom  Abstrakten  des  Systems  zum
Konkreten  dieses  Fundes  nicht  gehen,  ohne  daß  nicht  auch  dieser  Fund
als  weitere  konkrete  Unterlage  des  Systems  zur  Geltung  käme.  In
solcher  Weise  bringen  es  die  Nutzanwendungen  des  Systems  mit  sich,
daß  sich  das  letztere  in  ansteigendem  Grade  in  sich  selber  abklärt.
Um  den  Abstand  nun  zu  beleuchten,  der  zu  den  Verhältnissen  der
Historie  besteht,  greife  ich  das  Moment  der  Zeitbestimmung
heraus.  Im  Wesen  der  metahistorischen  Erkenntnis  ist  eigentlich  nur
eine  relative  Zeitbestimmung  gelegen,  im  Sinne  der  bloßen  Reihenfolge, ­
  des  baren  Vorher  und  Nachher  der  Dinge,  die  metahistorisch
überdacht  werden.  Schon  damit  würde  die  Metahistorie  ihrem  eigentlichen ­
  Berufe  Genüge  leisten,  eine  zeithafte  Ordnung  herzustellen.  In
dieses  Gewebe  relativer  Zeitbestimmungen  läßt  sich  aber  unschwer  die
absolute  Größe  einführen,  um  so  die  Zeitbestimmung  in  Zahlen  von
Jahren  zu  liefern.  Erstens  lehnt  sich  das  metahistorische  System  in
seinen  Konstruktionselementen  an  historisch  beglaubigte  Ereignisse
an,  für  welche  absolute  Zeitangaben  vorliegen.  Man  weiß  z.  B.  auf
den  Tag  anzugeben,  wann  dieser  Vulkan  da  seine  Tätigkeit  begann,
wann  jene  Küstensenkung  zu  einer  Überflutung  geführt  hat.  Zweitens
wird  die  absolute  Zeitbestimmung  durch  Analogieschlüsse  von  der
Zeitdauer  des  Geschehenden  auf  die  Zeitdauer  des  interpolierten
Geschehens  ermöglicht.  Man  beobachtet  z.  B.,  wie  in  der  und  der
Frist  ein  Fluß  sein  Bett  verändert,  und  schließt  auf  die  Dauer  des
Prozesses  zurück,  als  dessen  Ergebnis  wir  uns  den  Taleinschnitt  begreiflich ­
  gemacht  haben.  Von  solchen  Ausgangspunkten  gelangt  man
dann  im  verständigen  Weiterschließen  zu  immer  zahlreicheren  abso ­
        <pb n="448" />
        luten  Zeitbestimmungen,  die  aber  unter  diesen  Umständen  wohl  ausnahmslos ­
  nur  schätzungsweise  möglich  sind.
So  kann  die  irrige  Meinung  erstehen,  als  ob  der  ganze  Unterschied
zwischen  historischen  und  metahistorischen  Zeitbestimmungen  überhaupt
nur  der  wäre,  daß  die  ersteren  als  präzise  Zeitangaben,  die  letzteren
nur  als  ungefähre  Zeitschätzungen  möglich  seien.  Man  ist  so  weit
gegangen,  den  Abstand  zwischen  den  betreffenden  Erkenntnisgebieten
bloß  darin  zu  ersehen,  daß  die  einen  als  Disziplinen  der  „Zeitmessung“,
die  anderen  aber  als  Disziplinen  der  „Zeitschätzung“  erscheinen
(Ratzel).  In  Konsequenz  dazu  glaubt  man  an  fließende  Grenzen
zwischen  historischer  und  metahistorischer  Erkenntnis,  an  einen  Übergang ­
  von  Schichtung  zu  Geschichte  überall  dort,  wo  es  scheinbar
gelingt,  schätzungsweise  Zeitbestimmungen  durch  präzise  Zeitangaben
zu  ersetzen.
Hier  wird  einmal  schon  die  verschiedene  Genesis  der  Zeitbestimmung ­
  hüben  und  drüben  übersehen.  Aller  historischen  Zeitbestimmung, ­
  ob  sie  nun  als  präzise  oder  nur  als  ungefähre  möglich  ist,
unterliegt  als  Sinn,  daß  man  das  erschlossene  Geschehen
in  den  Geschehenszusammenhang  der  Geschichte  einzuflechten ­
  weiß,  der  sich  in  seinem  Verlaufe  über  eine  Unzahl  von
Zeitbestimmungen  hinbewegt,  die  sämtlich  Annäherungen  an  das
absolut  Gewisse  sind.  Gelingt  es  also  im  Wege  der  historischen
Interpretation,  dem  Geschehen  eine  bestimmte  Stelle  in  jenem  Zusammenhänge ­
  anzuweisen,  so  ist  schon  dadurch  eine  ungefähre
Zeitbestimmung  gegeben,  die  auch  ihrerseits  eine  Annäherung  an  das
absolut  Gewisse  bedeutet.  Es  hängt  dann  von  den  Umständen  ab,
ob  eine  weitere  Präzisierung  gelingt.  Man  darf  auch  nicht  übersehen,
welchen  Vorsprung  die  historische  Erkenntnis  dank  der  überlieferten
Jahreszahlen  besitzt,  die  sich  im  Wege  einfacher  historischer  Kritik  an
das  absolut  Gewisse  annähern  lassen.  Aber  auch  dort,  wo  dieser  Weg
nicht  offen  steht,  bedeutet  die  historische  Zeitbestimmung  stets  im
wesentlichsten  Sinne  eine  Eindatierung.  Sie  fügt  sich  einem
ganzen  Systeme  von  Zeitbestimmungen  ein,  die  alle  mehr  oder  minder
den  Anspruch  erheben,  schlechthin  wahr  zu  sein,  und  die  zusammen
ein  festes  Gerippe  für  allen  Aufschluß  über  die  Vergangenheit  bilden.
Eine  Eindatierung  in  diesem  buchstäblichen  Sinn  können  die
nietahistorischen  Zeitbestimmungen  schon  deshalb  nicht  sein,
w eil  die  metahistorische  Erkenntnis  den  Kausalzusammenhang  ganz
wesentlich  unvollkommener  aufrollt  als  die  historische  Erkenntnis  den
Geschehenszusammenhang  der  Geschichte.  Der  historischen  Forschungsleistung ­
  läßt  sich  die  „Kausalgeschichte  der  Arten“  nun  einmal  nicht
        <pb n="449" />
        426

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

an  die  Seite  stellen.  Es  ist  auch  keineswegs  der  Hilfe  ebenbürtig,  die
alle  historische  Zeitbestimmung  an  den  überlieferten  Jahreszahlen
findet,  wenn  sich  auch  metahistorische  Datierungen  gelegentlich
durch  ein  isoliertes  Verfahren  ermöglichen:  eben  durch  Schlüsse  in
bezug  auf  die  Zeitdauer  von  Prozessen.  Denn  auch  dabei  entrinnt  die
Metahistorie  nicht  dem  Fluch  des  Analogieschlusses  1  Entscheidend
aber  für  die  Artung  der  metahistorischen  Datierung  ist  jene  relative
Zeitbestimmung,  die  mit  dem  metahistorischen  Systeme
selber  vorliegt:  die  Aufeinanderfolge,  die  sich  in  den  „Epochen“
und  „Stammbäumen“  zum  Ausdruck  bringt.  Diese  relative  Zeitbestimmung ­
  ist  das  Fundament  der  absoluten,  weil  ja  alle  Schlüsse,
die  zu  absoluten  Zeitangaben  führen,  von  dem  Verhältnis  des  Vorher
und  Nachher  ausgehen  müssen,  wie  es  mit  dem  metahistorischen
Systeme  selber  fixiert  ist.  Weil  aber  dieses  Vorher  und
Nachher  selbst  nur  aus  innerer  Wahrheit  des  Systems
Gültigkeit  besitzt,  ergibt  sich  das  gleiche  auch  für
alle  metahistorischen  Zeitbestimmungen;  von  jenen
historischer  Provenienz  abgesehen,  die  als  Anhaltspunkte  dafür
dienen,  um  in  das  System  relativer  Zeitbestimmung  absolute  Werte
einzuführen.  Und  damit  erhellt  der  prinzipielle  Abstand  zwischen
historischer  und  metahistorischer  Datierung.  Alle  historischen
Jahreszahlen,  genaue  und  runde,  erheben  den  befugten  Anspruch,
schlechthin  um  so  wahrer  zu  sein,  je  gültiger  die  Forschung  gearbeitet
hat;  sie  alle  sind  echte  Annäherungen  an  das  absolut  Gewisse.  Alle
metahistorischen  Zeitbestimmungen,  die  vielberufenen  Jahrmillionen
der  Geologie,  können  im  vornherein  nur  von  der  inneren  Wahrheit ­
  des  metahistorischen  Systems  sein;  und  immer  nur  diese
innere  Wahrheit  steigert  sich,  je  gewissenhafter  die  Forschung  gewaltet
hat.  Jede  Annäherung  an  das  absolut  Gewisse  aber  bleibt  für  sie  im
Wesen  ausgeschlossen.  Man  kann  auch  diese  Zeitbestimmungen  richtig
nur  aus  dem  Berufe  der  Metahistorie  verstehen.  Es  sind  bequeme
Ausdrucksmittel  für  das  zeithafte  Ordnen  der  räumlichen ­
  Dinge,  bündigste  Weiser  der  Schichtung.  In  der
Relation  auf  die  Vergangenheit  erscheinen  somit  die  metahistorischen
Zeitangaben  wirklich  nur  als  Rechenpfennige,  wenn  man  ihnen
gegenüber  die  historischen  Jahreszahlen  als  klingende  Münze  auffassen
will.  Es  ist  ja  nur  natürlich,  wenn  diese  metahistorischen  Zeitbestimmungen ­
  auch  bloß  das  sind,  was  die  Aufschlüsse  über  die
Vergangenheit  sind,  auf  die  sie  sich  beziehen:  weder  wahr  noch
falsch,  vom  historischen  Standpunkte  aus  also  absolut  irrelevant
—  Luftl
        <pb n="450" />
        Anhang,  XXII.

427

Daher  besagt  es  auch  keinen  bloßen  Ersatz  von  schätzungsweisen
durch  präzise  Zeitangaben,  wenn  sich  die  Grenzen  der  Geschichtsschreibung ­
  auf  Tatsachenbezirke  vorschieben,  die  sich  bisher  nur  zu
Schichtung  verarbeiten  ließen.  Praktisch  wird  dies  doch  nur  der
historischen  Anthropologie  gegenüber,  und  bei  der  fragwürdigen ­
  Haltung  dieser  Disziplin  erscheint  die  Erörterung  mißlich;
es  kann  da  leicht  nach  einer  Berührung  zwischen  Geschichte  und
Schichtung  aussehen,  was  in  Wahrheit  eine  Grenzverletzung  von  Seite
des  Forschens  ist.  Im  Prinzipe  aber  könnte  gewiß  nur  das  eintreten,
daß  im  Angesichte  der  nämlichen  Tatsachenkreise  —  Gräberfunde,
Kulturreste  u.  dgl.  —  die  Ziffern  der  Zeitangaben,  die  als  historische
schlechthin  wahr  sind,  bis  zur  Höhe  der  Ziffern  jener  Zeitangaben
anwachsen,  die  nur  von  der  inneren  Wahrheit  des  metahistorischen
Systems,  historisch  also  irrelevant  sind.  Eine  Kontrolle,  eine  Korrektur
der  Zeitangaben,  tritt  dann  nur  scheinbar  ein.  Denn  im  Prinzipe
ist  die  Übereinstimmung  oder  Diskrepanz  zwischen  den  präzisen
historischen  und  den  schätzungsweise  metahistorischen  Zeitangaben
ganz  ohne  Belang.  Die  ersteren  vermögen  die  letzteren  genau
so  wenig  zu  erhärten,  wie  es  etwa  die  Solidität  einer  Papierwährung
bekundet,  wenn  in  ihren  Scheidemünzen  der  Metallgehalt  genau  der
Proportion  des  Münzwertes  entspricht;  also  die  Münze  von  zehn  Einheiten ­
  auch  den  zehnfachen  Metallgehalt  der  Münze  von  einer  Einheit
besitzt.  Relevanter  sind  tatsächlich  die  historischen  und  die  metahistorischen ­
  Zeitangaben  füreinander  nicht;  immer  vorausgesetzt,  daß
es  sich  effektiv  um  metahistorisch-naturwissenschaftliche  und  nicht  um
eingeschmuggelte  historische  Erkenntnis  handelt.
Eine  Beziehung  zwischen  der  Zeitbestimmung  da  und  dort  besteht
überhaupt  nur  in  dem  äußerlichen  Sinne,  daß  alle  bisherigen  historischen ­
  Data  Konstruktionselemente  des  metahistorischen ­
  Systems  sind,  und  es  daher  leicht  möglich  ist,  daß  eine
neue  historische  Feststellung  äußerlich  im  Einklang  mit  der  metahistorischen ­
  Konstruktion  bleibt.  Eine  Kontrolle  liegt  aber  deshalb
nicht  darin,  weil  die  metahistorischen  Zeitangaben  gar  nicht  unmittelbar
der  Vergangenheit,  sondern  direkt  nur  dem  metahistorischen  Systeme
verantwortlich  sind.  Nicht  die  einzelne  Zeitangabe  erleidet
eine  Korrektur,  sondern  das  ganze  System  bedarf  dann
einer  Revision.  Denn  an  Stelle  eines  Details  der  Konstruktion ­
  ist  nun  ein  neues  Konstruktionselement  getreten,  im
Angesichte  dessen  eine  Überarbeitung  des  Systems  nötig  wird.
Es  ist  auch  nie  abzusehen,  wie  tief  dies  ins  System  einschneidet.  In
dieser  Weise  schwebt  z.  B.  über  dem  anthropologisch-metahistorischen
        <pb n="451" />
        428

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

Systeme  der  „Kulturen“  fortwährend  das  Damoklesschwert  eines
wesentlichen  Fortschrittes  in  der  historischen,  in  jener  Erkenntnis,  die
ein  erschlossenes  Geschehen  dem  großen  Geschehenszusammenhang
der  Geschichte  einzuflechten  weiß.  Hier  wird  uns  dann  das  Prekäre
des  metahistorischen  Aufschlusses  über  die  Vergangenheit  auch
praktisch  fühlbar.  Das  System  der  „Epochen“,  das  System  der
„Stammbäume“,  sie  können  freilich  auf  das  Sprüchlein  pochen:  Weit
davon  ist  gut  vorm  Schuß.  Das  Überzeugende  von  allem,  was  die
Metahistorie  über  die  Grenzen  der  Geschichte  zu  künden  scheint,
hängt  nicht  zuletzt  daran,  daß  sich  für  unsere  Vorstellung  zwischen  die
geschichtliche  Zeit  und  jene  Vorgänge  hinein  eine  „graue  Vorzeit“
schiebt,  hinter  deren  Nebel  sich  die  Schwächen  des  metahistorischen
Erkennens  gut  verbergen.  Was  kommt  es  für  eine  so  große  Zeitdistanz
auf  einen  so  kleinen  Denkfehler  anl

XXIII.
Das  Moment  der  Zeitbestimmung  war  um  so  schärfer  zu  beleuchten,
als  ja  die  absoluten  Zeitangaben,  die  in  der  Metahistorie  meist  so  stolz,
in  der  Historie  stets  so  armselig  aussehen,  eine  hervorragende  Rolle
in  dieser  ganzen  Komödie  der  Irrungen  spielen.  Es  kommen  da
Eindrücke  zustande,  die  mehr  als  alles  übrige  über  das  wahre
Verhältnis  zwischen  Historie  und  Metahistorie  in  die  Irre  führen.  Das
gleiche  Ausdrucksmittel,  die  Zahl  von  Jahren,  verschleiert  den
tiefen  prinzipiellen  Abstand,  und  die  arithmetische  Folge  der  Ziffern
täuscht  uns  das  innige  Verhältnis  einer  Sukzession  zwischen  etwas
vor,  das  füreinander  absolut  irrelevant  ist.  Von  daher
dann  die  geringschätzige  Meinung  vom  Historischen:  als  ob  das  ganze,
uns  übersehbare  historische  Geschehen  nur  ein  „geologisches  Heute“
wäre.  Von  daher  auch  der  Spott  über  den  Namen  der  „Weltgeschichte“, ­
  den  sich  die  einheitliche  Darstellung  der  historischen
Ergebnisse  beizulegen  pflegt.  Von  daher  die  Anschauung,  daß
Geologie  und  ihresgleichen  die  mächtigen  Werkfortsetzer  der  Historie
wären,  daß  der  Blick  des  Geologen  den  Blick  des  Historikers  bis  ins
ungemessene  überholt.  Als  ob  man  dort  von  einem  „Überholen
reden  dürfte,  wo  zwar  die  gleichbenannte  Zahl  hüben  und  drüben
zum  Ausdrucksmittel  wird,  für  etwas  aber,  das  unter  sich  überhaupt
in  keiner  greifbaren  Beziehung  steht  I  Nicht  weiter  oder  tiefer  als  der
Historiker  blickt  der  Metahistoriker  in  die  Vergangenheit,  aus  dem  einfachen ­
  Grunde,  weil  sich  das  Verhältnis  des  Historikers
        <pb n="452" />
        Anhang,  XXIII.

429

zur  Vergangenheit  überhaupt  nicht  auf  die  Metahistorie ­
  ausdehnt.  Nur  der  Historiker  darf  von  sich  behaupten,
daß  er  erkennend  in  die  Vergangenheit  eindringt.  Der  Metahistoriker
aber  konstruiert  von  dem  naturwissenschaftlich  Erkannten  aus  in
eine  Vergangenheit  hinaus,  die  sich  zur  historischen  Vergangenheit
durchaus  problematisch  verhält.  In  Parallelismus  zu  dem
Geschehenszusammenhang  der  Geschichte  dürften  wir  uns  immer
nur  die  „Kausalgeschichte  der  Individuen“  denken;  diese  allein
käme  einer  erschöpfenden  Umdenkung  des  Historischen  ins  Naturwissenschaftliche ­
  gleich.  Die  „Kausalgeschichte  der  Arten“  aber,  die
mit  dem  metahistorischen  Systeme  vorzuliegen  scheint,  steht  nicht
einmal  zu  der  „Kausalgeschichte  der  Individuen“  in  einem  logisch
greifbaren  Verhältnis;  sie  ist  kein  gültiger,  kein  in  verständiger  Willkür
erzielter  Abriß  der  letzteren.  Um  so  weniger  könnte  diese  „Kausalgeschichte ­
  der  Arten“  zum  Geschehenszusammenhang  der  Geschichte
in  einem  greifbaren  logischen  Verhältnis  stehen.  Das  metahistorische
System  ist  beileibe  nicht  die  vom  naturwissenschaftlichen  Standpunkte
aus  vorgenommene  Abstraktion  der  geschichtlichen  Welt;  man
könnte  eher  noch  sagen,  das  metahistorische  System  wäre  in  Abstraktion ­
  von  aller  geschichtlichen  Welt  gedacht.  An  jenen  mittelbaren ­
  Beziehungen  fehlt  es  natürlich  nicht,  daß  z.  B.  die  nämlichen
Tatsachenkreise,  die  dort  als  Konstruktionselemente  erscheinen,
hier  unter  den  für  die  Erklärung  des  Geschehens  herangezogenen
„Bedingungen“  auftauchen.  Im  Prinzip  aber  gilt  es  jedenfalls,  daß
Historiker  und  Metahistoriker  gleichsam  beziehungslos
aneinander  vorbei  erkennen.  Gerade  dafür  noch  ein  Beispiel.
Denken  wir  an  jenen  paläontologischen  Fund,  irgendwo  im  älteren
Diluvium  oder  im  Tertiär,  der  im  Geiste  der  Metahistorie  für  den
Teil  der  Spezies  „Mensch“  als  der  „älteste“  erscheint  und  daher
ihrer  gattungsmäßigen  Existenz  die  Grenze  zieht.  Nehmen  wir  nun
an,  daß  dort  zugleich  auch  Werkzeuge  gefunden  wurden.  Dann
wäre  dieser  Fund,  der  metahistorisch  so  bedeutsam  ist,  prinzipiell
auch  für  die  Historie  relevant.  Es  gilt  nun,  hier  unter  den
Kompetenzen  zu  sichten,  die  Erkenntnis  reinlich  zu  sondern,  die  nach
der  einen  und  nach  der  anderen  Richtung  von  der  nämlichen  Tatsachengruppe ­
  ausstrahlt.
Historisch  wäre  der  Fund  deshalb  relevant,  weil  mit  den  Formen
des  als  Werkzeug  erkannten  Dinges  die  Bedingungen  vorliegen,  um
vom  Boden  der  Denkgesetze  aus  ein  Geschehen  zu  erschließen.  Es
macht  nichts  aus,  wenn  dies  zum  Teil  bloß  im  zuständlichen
Sinne  möglich  ist,  indem  wir  nur  erschließen,  was  zu  geschehen
        <pb n="453" />
        430

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

pflegte:  der  vernünftige  Gebrauch  des  Werkzeuges.  Nun  ist  zuzugeben, ­
  daß  mit  diesem  Geschehen  die  Historie  im  engeren  Sinne
des  Wortes  nichts  anzufangen  wüßte.  Eher  noch  ihre  Schwester  im
Geiste,  die  Nationalökonomie.  Der  Nationalökonom,  der  den
Zusammenhängen  des  alltäglichen  Geschehens  nachgeht,  kann  ja  bis
zu  einem  gewissen  Grade  das  bekannte  Buffonsche  Wort  variieren  und
ohne  arge  Übertreibung  sagen:  Weiset  mir  ein  gebräuchliches  Werkzeug ­
  vor,  und  ich  entwerfe  euch  darnach  ein  Bild  von  dem  ganzen
Tun  und  Treiben  der  Leute,  die  sich  seiner  zu  bedienen  pflegten!
Für  den  Historiker  aber  wäre  der  praktische  Belang  dieser
Tatsachen  gleich  Null.  Ihm  kann  das  erschlossene  Geschehen  kein
Interesse  abnötigen,  weil  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  jeder  Anhalt
fehlt,  um  dieses  Geschehen  als  ein  konkretes  und  individuelles  zugleich
dem  Geschehenszusammenhang  der  Geschichte  einzuflechten.  Deshalb
gebricht  es  dem  Historiker  auch  an  der  Möglichkeit,  dieses  Geschehen
irgendwie  einzudatieren.  Trotzdem  braucht  er  sich  nicht  der
naheliegenden  Einsicht  zu  verschließen,  daß  uns  da  ein  sehr  altes
Geschehen  vorliegt:  ein  Geschehen,  das  dem  Historiker  bis  zur
Interesselosigkeit  alt  erscheint,  da  es  bereits  jenseits  aller
Grenzen  der  Möglichkeit  einer  Geschichtsschreibung  liegt.  Ob  der
Nationalökonom  in  bezug  auf  Eindatierung  glücklicher  ist,  ob  er  sich
auf  seinen  eigenen  Wegen  nicht  doch  eine  Vorstellung  vom  Alter
dieses  Geschehens  zu  machen  wüßte,  soll  hier  unerörtert  bleiben.  Es
wäre  sonst  eine  Auseinandersetzung  mit  der  „historischen  Anthropologie“ ­
  nötig,  die  gerade  an  solchen  Stellen,  ihren  naturwissenschaftlichen ­
  Charakter  verkennend,  der  Nationalökonomie ­
  ins  Handwerk  pfuscht!  Denn  es  ist  kein  Zweifel,
daß  auch  diese  überlieferungslose  „Urzeit“,  bei  der  es  jedoch  ein
Geschehen  vom  Boden  der  Denkgesetze  aus  zu  erschließen  gilt,
in  die  Kompetenz  der  Nationalökonomie  gehört;  sofern
man  diese  richtig  auffaßt,  als  Erfahrungswissenschaft  vom  Alltagsleben
aller  Zeiten,  als  jene  Disziplin,  mit  der  sich  eine  zweite  Möglichkeit
historischer  Erkenntnis  verwirklicht  —  sobald  nämlich  der  Geschehenszusammenhang ­
  der  Geschichte  nicht  nach  den  roten  Fäden  seines
Verlaufes,  nicht  als  ein  Geflecht  von  „Ereignissen“  aufgerollt  wird,
sondern  im  Walten  der  kürzenden  Denkformen  „Zustand“  und  „Entwicklung“. ­

Soviel  steht  fest,  daß  für  die  Nationalökonomie  und  für  die
Historie  im  engeren  Sinne,  für  alle  historische  Erkenntnis  also,  die
metahistorischen  Ermittlungen  völlig  irrelevant  bleiben,  trotzdem
sie  an  die  gleiche  Tatsachengruppe  anknüpfen:  Irrelevant  die  Zeit-
        <pb n="454" />
        m

’M  j

Anhang,  XXIV.

431

bestimmung,  irrelevant  erst  recht  die  metahistorische  Anschauung,  daß
wir  irgendwo  über  diesen  „ältesten“  Fund  hinaus  die  Vorgänge
gattungsmäßiger  Entwicklung  annehmen  müßten,  in  denen  das
Menschengeschlecht  seinen  Ursprung  nähme.  Die  nämlichen  Tatsachen
vergeistigen  sich  dahin  und  dorthin  zu  völlig  beziehungslosen  Ergebnissen, ­
  etwa  so,  wie  die  nämlichen  Laute  zu  Worten  fremder
Sprachen  werden,  um  da  und  dort  Bedeutungen  zu  erlangen,  die  in
keinerlei  Beziehung  zueinander  stehen.

XXIV.
Wie  fremd  sich  Historie  und  Metahistorie  zueinander  stellen,  läßt
sich  auch  theoretisch  gar  nicht  besser  illustrieren  als  gerade  durch
unser  Problem.  Dieses  gipfelt  in  der  Frage  nach  den  realen  Ausläufen
des  historischen  Geschehens,  und  somit  in  der  Erwägung,  ob  und  wie
aus  dem  Geschehenszusammenhang  der  Geschichte  ein  erfaßlicher,  ohne
inneren  Widerspruch  denkbarer  Übergang  in  etwas  vom  historischen
Geschehen  spezifisch  Verschiedenes  führt.  Das  Erfassen  dieses
Überganges  im  Geschehen  steht  also  im  Kerne  unseres  Problems.
Wenden  wir  uns  nun  den  metahistorischen  Ergebnissen  zu,  die  man
als  „Lösung“  unseres  Problems  wähnt.  Als  jener  erfaßliche  Übergang
im  Geschehen  sind  hier  die  Vorgänge  gattungsmäßiger  Entwicklung ­
  gedacht,  aus  denen  die  Spezies  „Mensch“  emporwächst.
Wie  gelangen  wir  aber  zu  der  Vorstellung  dieser  Entwicklungsvorgänge?
Doch  nur  durch  den  konstruktiven  Ausbau  des  metahistorischen
Systems,  gleichsam  durch  eine  ideelle  Verlängerung  alles  dessen,  was
überhaupt  für  die  Lebewesen  gelten  könnte,  über  die  Spezies
«Mensch“  hin.  Nun  ist  der  Grundgedanke  des  biogenetischen
Systems,  der  Gedanke  des  Einen  Blutzusammenhanges,  der  im  entwicklungsmäßigen ­
  Sinne  der  Deszendenzlehre  alle  Lebewesen  verknüpft,
zweifellos  genügend  fundiert,  um  jene  ideelle  Verlängerung  auch
dann  zu  rechtfertigen,  wenn  sich  an  paläontologischen  Funden  und
biologischen  Betrachtungen  nicht  alles  beibringen  läßt,  was  wünschenswert ­
  wäre,  um  das  metahistorische  System  auch  in  diesem  Punkte  auf
die  höchste  Stufe  seiner  inneren  Wahrheit  emporzuheben.  Es  war
deshalb  schon  früher  zu  betonen,  daß  die  Einbeziehung  der  Spezies
«Mensch“  in  das  biogenetische  System  von  Haus  aus  ein  gebieterisches ­
  Postulat  der  metahistorischen  Erkenntnis  sei.  Diese
Einbeziehung  erfolgt  nun  so,  daß  man  in  die  Vorzeit  der  erwähnten
paläontologischen  Funde  jene  Vorgänge  gattungsmäßiger  Ent ­
        <pb n="455" />
        432

( Die  Grenzen  der  Geschichte“,

wicklung  hineindenkt,  die  sich  nach  der  Analogie  der  biologischen
Versuchsreihen  gestalten  lassen.  Diese  Interpolation  aber  ist  im  tatsächlichen ­
  Erfolge  eins  damit,  daß  uns  jener  entscheidende  Übergang
im  Geschehen  erfaßlich  wird:  wir  können  uns  nun  in  jeglicher
Hinsicht  den  Entwicklungsgang  bis  ins  Detail  auszumalen  suchen.  Es
bezieht  sich  also  das  zwingende  Postulat  der  Metahistorie  ausdrücklich
auf  jenes  Erfassen  des  Überganges,  das  dort,  vom  historischen
Standpunkte  aus,  im  Kerne  unseres  Problems  steht.  Was  also  von
dem  einen  Standpunkte  aus  im  wesentlichsten  Sinne  Problem  ist,
Erkenntnis  also,  die  in  Frage  steht,  ist  vom  anderen  Standpunkte  aus
im  wesentlichsten  Sinne  Postulat,  Erkenntnis  also,  die  von  Haus
aus  außer  Frage  steht.
Dieser  schreiende  Gegensatz  rückt  uns  noch  einmal  den  Abstand
zwischen  Historie  und  Metahistorie  vor  Augen.  Aber  es  ergibt  sich
zugleich,  daß  wir  in  bezug  auf  die  landläufige  „Lösung“  von  allem
absehen  könnten,  was  sich  gegen  sie  Vorbringen  ließ  —  von  den  Irrtümern
  ihrer  dialektischen  Begründung;  von  dem  Umstande,  daß  man
die  Grenzen  der  Geschichte  gleich  mit  den  Grenzen  der  „Menschengeschichte“ ­
  übereinfallen  läßt;  von  dem  Nachweise,  daß  die  metahistorischen ­
  Ergebnisse  ihrer  innersten  Natur  nach  der  Bedeutung  ermangeln, ­
  auch  nur  dieser  „Menschengeschichte“  die  Grenzen  zu  ziehen,
weil  sie  nie  und  nimmer  ein  Gegenwert  historischen  Geschehens  sind
—  von  allem  könnte  man  absehen,  und  es  bliebe  noch  immer  der
Vorwurf  in  Kraft,  daß  die  landläufige  „Lösung“  mit  jener  volte-face
von  Problem  zu  Postulat  einen  inneren  Widerspruch  in  sich
birgt,  der  allein  hinreichte,  um  sie  alles  wissenschaftlichen ­
  Ernstes  zu  berauben,  so  verführerisch  sie  uns  auch
scheinen  mag.  Die  „Lösung  aus  Versehen“  hat  sich  also  vor  der  Erkenntniskritik ­
  als  eine  Lösung  zu  Unrecht  erwiesen,  als  ein
Selbstbetrug  unseres  Denkens;  inhaltlich  aber  als  ein  Mißbrauch ­
  der  metahistorischen  Ergebnisse,  um  unser  Problem  nur  um
jeden  Preis  zu  „lösen“.

XXV.
Der  Weg  ist  ausgegangen.  Es  konnte  nur  einen  auf  klärenden
Vorstoß  gelten,  der  unmöglich  schon  die  Entscheidung  bringt.  Fragwürdig ­
  mußte  die  Durchführung  bleiben,  fraglos  aber  ist  der  angestrebte ­
  Erfolg.  Es  hat  sich  erwiesen,  daß  der  kleine,  zaghafte  Schritt,
den  die  Kritik  im  Vortrag  getan,  nicht  unbedingt  in  eine  hoffnungslose
        <pb n="456" />
        Anhang,  XXV.

433

Richtung  führen  muß;  es  geht  in  der  Tat  auch  „links
herum“l  Auch  der  Instinkt,  von  dem  sich  die  Kritik  im  Vortrage
leiten  ließ,  hat  sich  bewährt.  Denn  soviel  steht  wohl  außer  Zweifel,
daß  alle  Diskussion  unseres  Problems  und  seiner  Lösung  auf  einen
Streit  der  Kompetenzen  hinauslaufen  muß.  Wenn  nicht  alle
Zeichen  trügen,  unterliegt  da  wirklich  eine  Verquickung  von
Erkenntnisarten,  die  einander  bis  in  die  Wurzel
fremd  sind.  Verführerisch  aber  wäre  die  Lösung  im  letzten  Grunde
deshalb,  weil  die  Verlockung  gar  zu  groß  ist,  eine  Frage,
die  auf  dem  einen  Erkenntnisgebiete  als  offene  klafft,
durch  die  Ergebnisse  zu  beantworten,  die  von  dem
anderen  Erkenntnisbereiche  her  dieser  Frage  entgegenzueilen ­
  scheinen.
Nun  erst,  da  sich  die  „Lösung“  als  irrig  erwiesen  hat,  die  uns  in
solchem  Grade  selbstverständlich  dünkt,  daß  sie  das  Problem
gleichsam  unter  sich  begräbt,  wäre  die  Bahn  frei  für  eine
abschließende  Diskussion  des  Problems.  Da  stehen  wir
jedoch  sofort  vor  einer  eigentümlichen  Situation.  So  berechtigt  die
Abkehr  von  dieser  „Lösung“  wäre,  es  ist  eben  doch  keine  Lösung
teile  quelle,  von  der  wir  uns  lossagen;  eher  will  es  scheinen,  daß  sie
die  Lösung  des  Problems  bedeuten  würde,  jene  nämlich,  die,  wie  die
Dinge  liegen,  die  allein  mögliche  scheint.  Denn  woher  sollte
sonst  die  Lösung  kommen?  Die  Frage  nach  den  realen  Ausläufen
des  historischen  Geschehens  kann  doch  nicht  im  Wege  historischer
Forschung  gelöst  werden  1  Hat  es  sich  aber  erwiesen,  daß  man  das
Problem  auch  im  Wege  der  metahistorischen  Forschung  bloß  aus  Selbstbetrug ­
  unseres  Denkens  zu  lösen  vermag,  welche  andere  Möglichkeit
bliebe  da  noch,  dieses  Problem  erfahrungswissenschaftlich
zu  lösen  1  So  drängt  sich  uns  der  Gedanke  an  die  Unlösbarkeit
dieses  Problems  auf.  Freilich  nur  vom  Boden  der  Erfahrungswissenschaft ­
  aus.  Wie  sich  die  Metaphysik  dazu  stellt,  muß  uns  für
unseren  Teil  gleichgültig  bleiben.  Höchstens  dürften  wir  noch
konstatieren,  daß  unser  Problem  ausgesprochen  ein  metaphysisches
se i.  Damit  wäre  aber  nur  mit  anderen  Worten  gesagt,  daß  sich  eine
erfahrungswissenschaftliche  Lösung  dieses  Problems  von  Haus  aus
verbietet.
Gerade  dafür  bedürfte  es  aber  eines  präzisen,  eingänglichen  Ausdruckes. ­
  Es  gilt  eine  einfache  Formel  für  die  Unlösbarkeit
unseres  Problems  zu  finden,  und  damit  zugleich  den  Schlüssel
für  alle  aufgedeckten  Verhältnisse:  Für  den  Gegensatz
zwischen  Historie  und  Metahistorie,  für  die  radikal  verschiedene  Stellung
v.  Gottl-O  ttlilienf  e  1  d,  Wirtschaft  als  Leben.  ^^
        <pb n="457" />
        434

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

beider  zur  Vergangenheit,  für  die  sonderbare  Zwitternatur  der  metahistorischen ­
  Ergebnisse,  sofern  sie  als  Aufschlüsse  über  die  Vergangenheit ­
  genommen  werden,  kurz  für  alles,  was  sich  bisher  gleichsam
rein  empirisch  feststellen  ließ  —  im  Wege  einer  schlichten  Erkenntniskritik, ­
  die  sich  an  die  offenliegenden  Beziehungen  der  Erkenntnisarten ­
  untereinander  gehalten  hat,  und  an  die  nicht  minder
naheliegenden  Beziehungen  zwischen  dem  Berufe  und  der  Artung  der
einzelnen  Erkenntnisart.
Es  will  mir  nun  scheinen,  daß  sich  diese  Formel  tatsächlich  finden
läßt.  Zum  mindesten  der  Weg,  der  zu  ihr  führen  müßte,  steht  außer
Zweifel.  Es  käme  bloß  darauf  an,  dem  ganzen  Sachverhalt  überallhin
bis  auf  den  Grund  zu  dringen,  auch  allen  tiefer  greifenden  Fragen
Antwort  zu  stehen,  die  sich  bisher  umgehen  ließen.  Der  Erkenntnistheorie ­
  im  eigentlichen  Sinne  bliebe  das  letzte  Wort  Vorbehalten.
Nebenbei  wäre  dann  auch  für  die  Kritik  der  landläufigen  „Lösung“
das  äußerste  geschehen.  Denn  für  den  erkenntniskritisch  geführten
Nachweis,  daß  die  metahistorischen  Ergebnisse  nicht  von  der  Bedeutung ­
  sind,  unser  Problem  zu  lösen,  hätte  es  den  Wert  einer
schlagenden  Gegenprobe,  sobald  sich  erkenntnistheoretisch
nach  weisen  läßt,  daß  sie  jene  Bedeutung  gar  nicht  haben
können.
Allein,  so  viel  auch  dieser  Weg  der  eigentlich  erkenntnistheoretischen ­
  Untersuchung  für  unsere  Sache  verspricht,  es  ist  ausgeschlossen, ­
  daß  man  in  dem  engen  Rahmen  dieses  Anhanges  den
Ansprüchen  einer  solchen  Untersuchung  gerecht  werden  könnte.  Die
bare  Unmöglichkeit  in  dieser  Hinsicht  liegt  so  klar  zutage,  daß  es  auf
andere  Bedenken,  persönlicher  oder  sachlicher  Natur,  gar  nicht  mehr
ankommt.  Gänzlich  übergehen  darf  ich  diese  Dinge  trotzdem  nicht;
wenn  aber  meine  Darlegung  bisher  schon  eine  rein  kursorische  war,
nur  ein  dürres  Gerippe  von  Schlußfolgen  und  einige  Randbemerkungen
an  Stelle  einer  sachwürdigen  Erledigung  geboten  hat,  so  muß  ich  mich
für  den  Rest  gar  nur  auf  ein  paar  Andeutungen  beschränken,  die  nicht
anders  als  problematisch  sein  können.

XXVI.
Je  mehr  sich  die  moderne  Erkenntnistheorie  daran  erinnert  hat,
daß  es  bei  allem  Glanz  der  Naturwissenschaft  doch  auch  so  etwas  wie
eine  historische  Forschung  gibt,  desto  mehr  arbeitet  sich  der
Widerspruch  gegen  die  rationalistische  Überlieferung
        <pb n="458" />
        Anhang,  XXVI.

435

28*

von  der  einen  und  ungeteilten  Erkenntnis  empor.
Neben  dieser  konnte  nur  die  heillos  verfahrene  stoffliche  Scheidung
„Natur  und  Geist“  bestehen.  Nun  kommt  ein  ganz  anderer,  ein
sachlicher,  nüchterner  Dualismus  zur  Geltung:  hüben  der  historische,
drüben  der  naturwissenschaftliche  Erkenntnis  weg.  Die
Deutungen  sind  noch  unausgeglichen,  stehen  vielfach  noch  in  mißverständlicher ­
  Gegnerschaft;  aber  darin  harmonieren  sie,  daß
man  dem  historischen  Denken  in  einer  bedeutsamen
Hinsicht  den  Vorrang  vor  dem  naturwissenschaftlichen ­
  zugesteht.  Es  betrifft  das  Verhältnis  zum  schlechthin
Gegebenen,  von  dem  alle  Erkenntnis  den  Ausgang  nehmen  muß,
zur  empirischen  Wirklichkeit.  Ihr  steht  nicht  das  naturwissenschaftliche, ­
  sondern  ausdrücklich  das  historische  Denken  so
nahe,  wie  es  bei  der  Artung  unseres  Denkens  überhaupt ­
  möglich  ist.  Offenbar  war  hier  das  Vorurteil  zu  überwinden, ­
  daß  wir  naturwissenschaftlich  denken  müßten,  um  der
Wirklichkeit  nahe  zu  bleiben.
Gesetzt  z.  B.,  wir  dürften  die  empirische  Wirklichkeit  dem  Erleben
gleichsetzen,  das  zwar  Erlebtes  und  Erlebendes  trennen  läßt,  eine
Zerfällung  aber  in  „Sinnliches“  und  „Seelisches“  noch  im  Prinzipe
ausschließt.  Die  Übereinstimmung  im  Erleben  würde  uns  den
„Glauben  an  die  Realität  der  Außenwelt“  zubringen,  wie  vorher  schon
die  Übereinstimmung  im  Denken  und  in  der  Verflechtung  des
Geschehens  den  Glauben  an  das  andere  Ich.  Gesetzt,  es  wäre  also  das
Element  der  empirischen  Wirklichkeit,  ihr  letzter  Bruchteil,  in  der
Erlebung  zu  suchen;  ein  schlichtester  Modus  der  Aktualität,  der  sich
nur  mehr  durch  Eingriffe  unseres  Denkens  in  „Empfindungsreihen“
zerlegen  ließe,  die  sich  über  das  „stellungnehmende  Subjekt“  hinüber
verweben.  Dieses  Element  der  Wirklichkeit  könnte  nun  im  Geiste
jener  modernen  Anschauung  nur  für  das  historische  Denken
zum  Inhalt  werden,  nie  aber  für  das  naturwissenschaftliche.
Selbst  die  schlichteste,  scheinbar  unverfänglichste  „Tatsache  ,  die  das
naturwissenschaftliche  Denken  sich  selber  zu  unterlegen  sucht,  wäre
schon  etwas  Abgeleitetes,  ein  gedankliches  Destillat  aus
d en  Erlebungen  des  Forschers.  In  gleichem  Geiste  wäre
auch  die  ganze  Natur  nicht,  wie  sie  unsern  Dichtern  mystisch  als
„Allmutter“  vorschwebt,  sondern  wie  sie  der  Naturwissenschaft  Inhalt
und  Namen  gibt  —  nur  eine  gedankliche  Verarbeitung  der
Totalität  des  Erlebten;  wobei  die  Kausalität,  als  die  dem
„Naturgesetz“  koordinierte  Form  der  Beziehung,  das  denknotwendige
Prinzip  der  Umwandlung  vorstellt.
        <pb n="459" />
        436

„Die  Grenzen  der  Geschichte“,

Nun  wurzelt  zwar  alles  Erfahren,  auch  das  naturwissenschaftliche,
im  Erleben.  Während  sich  aber  für  den  Fall  der  Naturwissenschaft ­
  zwischen  Erlebung  und  Tatsache  ein  gedanklicher  Prozeß  einschiebt, ­
  ein  Schnitt  gegenüber  der  empirischen  Wirklichkeit ­
  vollzieht,  darf  man  von  der  historischen  Erkenntnis  sagen,
daß  ihr  Erfahrungsstoff  nichts  anderes  sei  als  die
empirische  Wirklichkeit  selber.  Dieses  schlechthin  Gegebene,
die  Totalität  des  Erlebten  ist  es,  was  uns  als  der  Geschehenszusammenhang ­
  der  Geschichte  in  Einheit  denkbar  wird.  Man  darf
eben  nicht  vergessen,  daß  selbst  die  eindringlichste  historische
Erkenntnis  immer  nur  ein  mageres  Geflecht  „roter  Fäden“  aus  jenem
allumfassenden  Zusammenhang  auszulösen  vermag.  Man  darf  nicht
übersehen,  daß  uns  erst  der  Gedanke  an  eine  „Übersetzung  des
Historischen  ins  Naturwissenschaftliche“,  bei  der  wir  uns  eben  an  die
Stelle  des  vernünftigen  Geschehens  die  Lebensäußerungen  des
„Werkzeugtieres“  tretend  denken,  daß  uns  erst  dies  die  schiefe  Auffassung ­
  zubringt,  als  ob  sich  mit  dem  historischen  Geschehen  nur  ein
dünnes  Äderchen  durch  die  Gesamtheit  alles  Geschehens  ziehen  würde.
Im  Erleben,  das  ganz  unmittelbar  den  Erfahrungsstoff  der  historischen
Erkenntnis  liefert,  ist  eben  alles  enthalten;  auch  das,  was  wir  dann
im  Destillationsprozeß  der  kausalen  Erfassung  als  „Naturgeschehen“
aussondern.  Nur  daß  wir  im  Nacherleben  —  und  das  ist  die
Form,  die  aller  historischen  Erkenntnis  im  Angesichte  der  „Quellen“,
gegenüber  der  stellvertretenden  Wirklichkeit  des  Überlieferten,  aufgedrängt ­
  wird  —  einen  ungeheuren  Rest  des  Erlebten  gegenüber
dem  wenigen  vernachlässigen,  was  uns  allein  schon  den  Geschehenszusammenhang ­
  erfassen  läßt.
Man  kann  sich  übrigens  die  Dinge  wie  immer  zurechtlegen,  mag
„Erlebung“  oder  mag  „Empfindung“  oder  was  immer  als  Grenzbegriff
der  Erkenntnistheorie  behandeln,  es  genügt,  daß  man  nur  überhaupt
das  Naturwissenschaftliche  um  einen  wesentlichen  Schritt  weiter  von
der  empirischen  Wirklichkeit  erkennt,  als  es  für  das  Historische  gilt;
gerade  darin  aber  harmonieren,  wie  erwähnt,  die  Ansichten  verdienstvollster ­
  Theoretiker.  Dann  aber  scheint  der  Schlüssel  für  das
Verhältnis  zwischen  Historie  und  Metahistorie  gefunden.  Darüber
zunächst  einige  Worte.

XXVII.
Wir  können  uns  die  empirische  Wirklichkeit  nur  als  ein  lückenloses,
sich  selber  genügendes  Geschehenssystem  vorstellen,  demgegenüber
        <pb n="460" />
        Anhang,  XXVII.

437

Gegenwart  und  Vergangenheit  bloße  Relationen  sind.  Ein  gültiger
Aufschluß  über  die  Vergangenheit  ist  daher  nur  von  einer  Erkenntnis
zu  erwarten,  die  auf  dem  Boden  der  empirischen  Wirklichkeit
steht.  Dies  trifft  allein  für  die  historische  Erkenntnis  zu;  in  der
Weise,  daß  sie  den  Geschehenszusammenhang  der  Geschichte  aufzurollen ­
  sucht,  der  ja  in  seiner  richtig  verstandenen  Totalität  mit  dem
Geschehenssystem  der  empirischen  Wirklichkeit  zusammenfällt.  Alles,
was  die  historische  Erkenntnis  über  das  Vergangene  uns  übermittelt,
ist  so  gemeint,  daß  es  unserer  erlebten  Gegenwart  gleichwertig
wäre;  und  dies  nicht  bloß  in  dem  formellen  Sinne  des  naturwissenschaftlichen ­
  Postulates  vom  Beharren  der  „Naturgesetze“.
Die  Metahistorie  aber  kann  deshalb  nie  einen  Aufschluß  über
die  Vergangenheit  erbringen,  der  uns  schlechthin  wahr  oder  falsch
erscheinen  dürfte,  weil  sie  die  n  aturwiss  enschaftliche  Erkenntnis
zur  Grundlage  hat,  also  von  Haus  aus  nicht  auf  dem  Boden  der
empirischen  Wirklichkeit  steht.  Auch  kann  sie  dem  Kausalzusammenhang ­
  der  Erscheinungen  aus  dem  einfachen  Grunde  nicht  so  nacheifern, ­
  wie  es  der  Historie  gegenüber  der  Geschichte  gelingt,  weil
auch  dieser  Kausalzusammenhang  schon  ein  Geschöpf  unseres
Denkens  ist,  und  nur  in  dem  kärglichen  Maße  aufhört,  gar  nur  ein
Ding  der  bloßen  Vorstellung  zu  sein,  als  wir  im  Wege  des  Denkens
von  der  empirischen  Wirklichkeit  abgehen,  z.  B.  also  Erlebungen  zu
Natur  wandeln.  Das  metahistorische  System  kann  daher  nie  mehr
Bedeutung  haben  als  die  einer  zeithaften  Entfaltung  der
Abstraktion  „Natur“,  vollzogen  aus  Gründen  wissenschaftlicher ­
  Zweckmäßigkeit.  Deshalb  fehlt  auch  den  metahistorischen ­
  Ergebnissen  aller  Wirklichkeitsgehalt;  sie  haben  rein  nur
den  formellen  Gehalt,  der  ihnen  kraft  der  Zweckmäßigkeit  jener  zeithaften ­
  Entfaltung  zusteht.
Es  legt  sich  hier  eine  Parallele  zwischen  Metahistorie  und
Atomistik  nahe.  Beide  gehen  nicht  von  der  empirischen  Wirklichkeit ­
  aus,  sondern  von  ihrer  gedanklichen  Verarbeitung  zu  Natur.
Beide  entfernen  sich,  im  Wege  einer  rein  gedanklichen
Konstruktion,  noch  um  einen  wesentlichen  Schritt  von  dem
schlechthin  Gegebenen.  In  der  Tat  gilt  dies  auch  von  der  Metahistorie;
obgleich  sie  in  einem  besseren  Rufe  steht,  obgleich  sich  z.  B.  nur
gegen  die  Atomistik  der  Ruf  nach  „hypothesenfreier  Naturwissenschaft“
erhebt  —  freilich  nicht  unwidersprochen.  Wieso  die  Metahistorie
etwas  voraus  zu  haben  scheint,  soll  noch  erwähnt  werden.
Bei  der  weiteren  gedanklichen  Verarbeitung,  die  Metahistorie  ebenso
wie  Atomistik  mit  der  empirischen  Wirklichkeit  vornehmen,  ergänzen
        <pb n="461" />
        43§

Die  Grenzen  der  Geschichte“,

sich  beide  aufs  beste.  Die  Atomistik  setzt  bei  dem  Zeithaften
von  Vorgängen  ein.  Der  ganze  Chemismus,  wie  er  als  Unterlage
der  Atomistik  gedacht  wird,  ist  ja  nur  eine  Gesamtheit  von  Vorgängen,
den  „Reaktionen“,  die  wir  im  attributiven  Sinne  so  zusammenfassen,
daß  wir  uns  als  ihren  Träger  die  „Materie“  denken,  die  sich  kraft  der
nämlichen  Vorgänge  dann  als  „Stoff“  qualifiziert.  Dieses  Zeithafte
von  Vorgängen  wird  nun  in  das  Raumhafte  eines  diskreten  Aufbaues
der  „Materie“  so  umgedacht,  daß  aus  den  Vorgängen  ein  geschlossenes
System  wird.  Hier  erscheint  also  ein  Nacheinander  in  ein  Nebeneinander ­
  gewandelt.  Es  werden  Zeitwerte  zum  Behufe
ihrer  Systematischen  Ordnung  inRaumwerte  umgedacht.
Mit  der  Metahistorie  aber  werden  Raumwerte
behufs  ihrer  systematischen  Ordnung  in  Zeitwerte
umgedacht  Die  Metahistorie  setzt  beim  Raumhaften  ein:  Gesteine
und  ihre  Lagerung,  Lebewesen,  Weltkörper.  Von  da  aus  schreitet
sie  zur  Konstruktion  ihrer  „Epochen“  und  „Stammbäume“,  mit  denen
sie  das  Nebeneinander  in  ein  Nacheinander,  das  Seiende  in  Werdendes,
das  Raumhafte  also  in  lauter  zeithafte  Beziehungen  wandelt,  um  ein
einheitliches  System  daraus  zu  machen.  Dem  diskreten  Aufbau  der
„Materie“  entspricht  hier  der  subjektlose  Verlauf  kausalen
Geschehens.  Metahistorie  wie  Atomistik  operieren  mit  der  Annahme ­
  einer  subjektlosen  Welt;  im  Gegensatz  zur  empirischen  Welt,
die  ja  in  ebenso  wesentlichem  Sinne  nur  mit  uns  ist,  wie  auch  wir
nur  mit  ihr.  In  jener  Annahme  einer  subjektlosen  Welt  bekundet
sich  der  wesentliche  Schritt  von  der  empirischen  Wirklichkeit  noch
weiter  fort.  Das  Erlebte  wird  nicht  einfach  „objektiviert“,  wie  es  alle
Naturwissenschaft  schon  als  solche  tut:  Metahistorie  und  Atomistik
setzen  das  „Objektivierte“  noch  für  sich  selber  in  weitere  gedankliche ­
  Beziehungen.
In  keinem  Punkt  gibt  die  eine  der  anderen  etwas  nach.  Vom
Boden  der  Atomistik  aus  vermögen  wir  uns  auch  über  die  absolute
Größe  der  Molekeln  und  Atome  eine  Vorstellung  zu  machen.  Auch
hier  wird  es  der  Nächstbeteiligte,  der  Chemiker  von  Fach  sein,  der
im  Durchschnitt  am  meisten  geneigt  ist,  an  die  Realität  der  abstrakten ­
  Beziehungen  zu  glauben,  aus  denen  das  atomistische  System
gewoben  ist.  Trotzdem  ist  gegen  die  Atomistik  längst  das  Wort  vom
„bloßen  Handwerkszeug  einer  Spezialwissenschaft“  (Mach)  gefallen.
Der  Mangel  an  Wirklichkeitsgehalt,  der  den  atomistischen  Vorstellungen
eigen  ist,  liegt  eben  doch  verhältnismäßig  klarer  zutage.  Man  kann
sich  unschwer  zurechtlegen,  daß  uns  die  Molekeln  und  Atome  nicht
erst  deshalb  unsichtbar  bleiben,  weil  sie  in  ihrer  Kleinheit  bereits
        <pb n="462" />
        *

Anhang,  XXVII.

439

unter  die  „Grenzen  des  mikroskopischen  Sehens“  hinabreichen.  Wir
können  sie  schon  aus  dem  wesentlichen  Grunde  nicht  sehen,  weil  sie
ausdrücklich  als  das  gedacht  sind,  dessen  Beziehungen  aller  Sinnesqualität, ­
  allen  „stofflichen  Eigenschaften“  bestimmend  unterliegt.
Sie  sind  nicht  einmal  „bloß  für  den  Tastsinn  da“;  denn  warum  sollten
ihre  Beziehungen  nicht  auch  der  Tastbarkeit  der  Dinge  zugrundeliegen,
wenn  dies  für  jede  andere  Sinnesqualität  gilt.  Sie  selber  sind  eben
etwas  im  Wesen  Nicht-Sinnliches,  sagen  wir,  etwas  Untersinnliches.
Es  handelt  sich  eben  nur  um  spezifische  Raumbeziehungen,
die  wir  uns  freilich  nur  im  Bilde  körperlicher  Dinge  vorstellen  können.
Ungleich  zäher  widerstrebt  uns  der  Gedanke,  daß  auch  den
metahistorischen  Vorstellungen  der  Wirklichkeitsgehalt  mangeln
soll.  Widerstrebt  uns  selbst  dann,  wenn  wir  von  dem  Mißverständnis
zurückgekommen  sind,  als  ob  z.  B.  die  Versteinerungen  etwas  für  das
Prestige  des  metahistorischen  Systems  beweisen  könnten  was  eben
nicht  der  Fall  ist,  weil  uns  einerseits  eine  solche  Versteinerung  schon
als  isoliertes  Faktum  von  notorischem  Alter  ist,  ein  Stück  Vergangenheit,
während  andererseits  das  metahistorische  System  nicht  die  unverfängliche ­
  Addition  solcher  Tatsachen  vorstellt,  sondern  ihre
sehr  verfängliche  Integration.  Wohl  aber  scheint  es  die
Metahistorie  voraus  zu  haben,  daß  man  sich  einen  Zeugen  jenes
Geschehens  denken  könnte,  mit  dem  die  „Epochen“  abrollen  und  die
Gattungen  im  Sinne  der  „Stammbäume“  auseinander  hervorgehen.
Die  Fiktion  dieses  Zeugen  liegt  uns  um  so  näher,  und  der  Ablauf  des
metahistorischen  Geschehens  gewinnt  anscheinend  um  so  mehr  an
Wirklichkeit,  als  ja  die  heutige  Metahistorie  von  der  Annahme  ausgeht,
daß  alle  Veränderungen  des  Raumhaften  aus  keinen  anderen  Vorgängen ­
  hervorgegangen  wären,  als  wir  sie  auch  heute  um  uns
beobachten.  Daraufhin  nimmt  sich  das  metahistorische  Geschehen
als  die  schlichte,  denknotwendige  Verlängerung  dessen  aus,  was  auch
heute  um  uns  vorgeht.  Warum  sollte  also  dieses  metahistorische
Geschehen  irgendwie  von  der  empirischen  Wirklichkeit  abrücken?
Vor  allem  ist  es  wirklich  eine  Annahme  und  nicht  etwa  ein
Massenergebnis  der  Metahistorie,  wenn  man,  vom  fernsten  bis  auf  den
heutigen  Tag,  die  Vorgänge  sich  treu  bleiben  läßt.  Auch  da  kann
nicht  festgestellt  werden,  daß  es  so  geschehen  ist;  es  konnte  sich
bloß  immer  besser  bewähren,  bei  der  metahistorischen
Konstruktion  von  dieser  Annahme  auszugehen!  Überallhin
rechtfertigten  die  Tatsachen  es,  zu  behaupten,  daß  die  Dinge  so  lägen,
als  ob  nur  der  oder  jener  Vorgang  eingegriffen  hätte,  den  wir  auch
heute  noch  beobachten.  Aber  verkennen  wir  nicht,  daß  jene  Annahme
        <pb n="463" />
        440

,Die  Grenzen  der  Geschichte“,

nicht  bloß  höchst  plausibel  klingt,  sie  ist  schon  aus  Gründen  der
Zweckmäßigkeit  unausweichlich,  sofern  sie  sich  auch
nur  halbwegs  als  leitendes  Prinzip  bewährt.  Sie  ist  der
einzige  Weg,  das  metahistorische  System  so  zu  gestalten,  daß  wir,  der
Vorstellung  nach,  den  „Epochen“  und  „Stammbäumen“  ein  lückenloses ­
  Geschehenssystem  zu  unterlegen  vermögen.  Denn  was
sind  die  Vorgänge,  die  wir  selber  beobachten,  anders  als  jenes
Geschehende,  nach  dessen  Analogie  sich  das  kausal  Geschehene ­
  allein  erfassen  läßt!  Das  heißt  also,  daß  wir  jene  Annahme
nötig  haben,  wenn  wir  mit  unserer  naturwissenschaftlichen  Erkenntnis
das  Auslangen  finden  wollen,  um  das  für  das  metahistorische  System
erforderliche  Geschehen  zu  interpolieren.  Sonst  müßten  wir  uns  den
Übergang  der  „Epochen“  immer  noch  als  „Neuschöpfungen“  oder
doch  als  ebensowenig  erfaßliche  „Revolutionen“  ausmalen;  und  auch
die  „Stammbäume“  würden  der  inneren  Wahrheit  entbehren,  hätten
mehr  nur  jenen  bildlichen  Sinn,  der  seit  jeher  z.  B.  von  „Familien“
der  Lebewesen  sprechen  ließ.  Auch  diese  Annahme  ist  also  bloß  als
etwas  zu  verstehen,  das  die  metahistorische  Konstruktion  erst  vollständig ­
  möglich  macht,  also  die  innere  Wahrheit  des
Systemes  erhöht.  Nur  scheinbar  kann  sich  der  Wirklichkeitsgehalt ­
  der  metahistorischen  Vorstellungen  dadurch  erhöhen.
Ein  Abrücken  von  der  empirischen  Wirklichkeit  aber  liegt  beim
metahistorischen  Geschehen  deshalb  vor,  weil  es  gestaltet  wird  nach
dem  Ebenbilde  jener  „Vorgänge,  die  wir  selbst  beobachten“,  und  diese
nicht  mehr  die  empirische  Wirklichkeit  selber  bedeuten,  nicht  etwas,
das  wir  erleben,  sondern  schon  ein  gedankliches  Destillat  daraus.  Die
scheinbare  Verlängerung  der  empirischen  Wirklichkeit,  ihre  Streckung
in  die  Vergangenheit,  kommt  in  Wahrheit  so  zustande,  daß  wir  mit
jenem  naturwissenschaftlichen  Destillat  aus  ihr  weiterkonstruieren. ­
  Es  ist  daher  ein  Trugschluß,  zu  sagen,  daß  sich  das
metahistorische  Geschehen  deshalb  aus  lauter  Vorgängen  aufbaut,  die
wir  selber  beobachten,  deren  Zeugen  wir  sein  könnten,  weil  sie  den
Vorgängen  um  uns  selber  gleichartig  seien.  Gleichartig  gedacht,
als  interpoliertes  Geschehen,  sind  sie  bloß  dem  Destillate  aus  unseren
Erlebungen.  Weil  sie  nun  die  konstruktive  Verlängerung  eines  „objektivierten“, ­
  eines  im  Wesen  subjektlosen  Geschehens  darstellen,
nach  dessen  Ebenbilde  sie  gestaltet  wurden,  sind  diese  Vorgänge  selber
im  Wesen  subjektlos,  sind  also  im  Wesen  dem  Erlebtwerden
entzogen.  Der  Schnitt  gegenüber  der  empirischen  Wirklichkeit  ist
einmal  schon  mit  der  naturwissenschaftlichen  Erfassung  jener  Vorgänge
zur  Tatsache  geworden  und  wird  doch  am  wenigsten  dadurch  un-
        <pb n="464" />
        Anhang,  XXVIII.

441

geschehen  gemacht,  daß  man  das  naturwissenschaftlich  Erfaßte  noch
unter  sich  in  gedankliche  Beziehungen  bringt,  um  ein  Geschehenssystem ­
  zu  konstruieren;  dadurch  rückt  man  vielmehr  noch  um  einen
weiteren  Schritt  von  der  empirischen  Wirklichkeit  abl
Es  besagt  daher  jene  trügerische  Vorstellung,  als  ob  wir  dem  Geschehen ­
  hinter  den  „Epochen“  und  „Stammbäumen“  die  Zeugen
sein  könnten,  keine  schlichte  Fiktion;  nicht  das  Nichterlebte  wird  als
Erlebtes  fingiert.  Sie  besagt  einen  inneren  Widerspruch,  sie
täuscht  uns  das  Nieerlebbare  als  erlebbar  vor.  Damit  entfällt
der  Schein,  als  ob  die  Metahistorie  mit  der  empirischen  Wirklichkeit
auf  einem  vertrauteren  Fuße  stünde  als  die  Atomistik.  Beides  sind
in  der  Tat  konstruktive  Entfaltungen  der  Abstraktion  „Natur“;  die
eine  zeithaft,  die  andere  raumhaft.  Beider  Ergebnisse  sind  ohne
Wirklichkeitswert.  Wer  sich  dieser  Einsicht  verschließt,  wer  also
z.  B.  quand  meme  jenes  Mikroskop  erhofft,  das  uns  die  Atome  und
Molekeln  schließlich  doch  erblicken  ließe,  der  mag  auch  getrost  jenes
„Paläoskop“  abwarten,  das  die  im  Weltenraum  dahinfliehenden  Ätherwellen ­
  genügend  zur  Umkehr  zwingt,  um  uns  das  Geschehen  der  geologischen ­
  Jahrmillionen  vor  Augen  zu  führen,  und  so  das  Nieerlebbare
zum  Erlebnis  zu  machen  1

XXVIII.
In  solcher  Weise  könnte  es  uns  aus  seinen  letzten  Gründen  klar
werden,  warum  die  metahistorischen  Erge  msse  is  ° r
different  sind,  und  wie  sich  überhaupt  Historie  und  Metahistone  zu
einander  stellen.  Dann  wäre  auch  zur  Sache  unseres  ro
letztes  Wort  mögüch.  k  ängen  ergäbe,  kommt  die  land-Wie
  sich  aus  diesen  Geaaniceng  s  s  .  ,; e /4ien  Vorläufige
  „Lösung“  so  zustande,  daß  man  den  metah.stonache»  Vor
„  ,.  .  uitnphenden  Verarbeitung  der  em
Stellungen,  die  einer  weitgehen  ,  wirkl  ich keitspirischen
  Wirklichkeit  gleichkommen  Gesche hen,  das  man  den
geh  alt  zubilligt.  Man  sieht  al ®°  für  schlechthin  wirklich  an.
„Epochen“  und  „Stammbäumen  unter  g  ,  würde  es  an
Als  ein  sich  selber  genügendes  System  es  esc  metahicto
der  Vergangenheit  bauen.  Man  verkennt  eben  daß  dieses  “etahisto-•
  ,  „  s  L on  Sekundäres  ist,  wahrend  das
rische  Geschehen  etwas  ausgesprochen  0  ..  ....
Primäre  dazu  mit  dem  historischen  Geschehen  vorhegt,  weil  dieses
allein  der  empirischen  Wirklichkeit  gleichkommt  von  ihm  allein  alle
Erfahrung  gespeist,  alle  Beobachtung  und  Forsc  ung  getragen  wir
Im  Geiste  jener  Anschauungen  aber  wird  das  Sekundäre  zum  Primären,
        <pb n="465" />
        442

.Die  Grenzen  der  Geschichte“.

das  Primäre  zum  Sekundären.  Der  landläufigen  Lösung  gemäß  würde
das  historische  Geschehen  aus  dem  metahistorischen  abzweigen;
  ein  Verhältnis  also  der  realen  Auseinanderfolge  zwischen
dem,  was  der  empirischen  Wirklichkeit  gleichkommt,  und  dem,  was  nur
ein  verwickeltes  Derivat  aus  ihr  ist.  Das  will  sagen,  das  schlechthin ­
  Gegebene  müßte  aus  seinem  eigenen  Derivat
emporwachsen.  Ebensogut  könnte  die  Henne  aus  einem  Ei  geschlüpft ­
  sein,  das  sie  selber  gelegt  hat.
Auch  die  Formel  für  die  Unlösbarkeit  unseres  Problems  läge  zum
Greifen  nahe.  Vom  Boden  der  Erfahrungswissenschaft  aus
ist  dieses  Problem  aus  dem  einfachen  Grunde  unlösbar,
weil  die  Grenzen  der  Geschichte  dort  zu  suchen  wären,
wo  die  empirische  Wirklichkeit  ihren  Anfang  nähme.
Wir  können  aber  von  der  Erfahrung,  die  für  ihren  Teil  das  schlechthin ­
  Gegebene  schon  voraussetzt,  unmöglich  einen  Aufschluß  darüber
verlangen,  wie,  wann  und  wo  diese  Voraussetzung  selber  erst  in  Kraft  tritt.
Vom  Boden  der  Erfahrungswissenschaft  aus  müßte  man  also  die  Grenzen
der  Geschichte  in  der  Tat  als  Grenzen  unserer  Erkenntnis
respektieren.  Grenzen,  die  sich  nur  bei  Strafe  eines  Selbstbetruges
überschreiten  lassen.  Die  Metaphysik  allein  dürfte  es  wagen,  den
Weg  aus  der  empirischen  Wirklichkeit  heraus  zu  suchen.  Wozu  es
aber  führt,  wenn  die  Erfahrungswissenschaft  diesem  Probleme
gerecht  zu  werden  glaubt,  in  Verkennung  seines  metaphysischen
Charakters,  das  hat  die  Kritik  der  landläufigen  „Lösung“  gezeigt.
Hinter  der  Unmöglichkeit,  auf  die  Frage  nach  den  realen  Ausläufen ­
  des  historischen  Geschehens  eine  Antwort  zu  finden,  darf  man
keineswegs  die  Behauptung  suchen,  als  ob  sich  das  historische  Geschehen ­
  bis  ins  unendliche  in  die  Vergangenheit  hinein  erstrecken
würde.  Darin  läge  ja  doch  wieder  eine  positive  Annahme  über  die
zeitliche  Position  jener  Grenzen  1  Es  entspricht  aber  der  Unlösbarkeit ­
  unseres  Problems,  daß  die  Grenzen  der  Geschichte  auch  in  dieser
Hinsicht  aller  gedanklichen  Erfassung  im  Wesen  entzogen  sind.  Wir
müssen  sie  als  etwas  Unzeitliches  ansehen.  Sie  selber  sind  nicht
mehr  in  der  Form  denkbar,  in  der  wir  das  lückenlose,  sich  selber
genügende  System  des  historischen  Geschehens  denken.  Soweit  es  also
einen  Sinn  hat,  einen  neuen  Ausdruck  dort  zu  prägen,  wo  uns  nicht
die  süße  Frucht  der  gewährten,  nur  die  Herbheit  einer  verwehrten  Erkenntnis ­
  winkt,  könnte  man  abschließend  sagen:  die  Grenzen  der
Geschichte,  im  Sinne  jenes  vierten  Problems,  sind  transtemporal! ­
        <pb n="466" />
        Zur  sozialwissenschaftlichen
Begriffsbildung

1906—1909
        <pb n="467" />
        I.
Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen

1906
        <pb n="468" />
        Vorbemerkungen.
Unter  dem  allgemeiner  verständlichen  Namen  einer  „Theorie  des
Individuellen“  lege  ich  hier  eine  methodologische  Untersuchung  vor,
die  in  schärferer  Ausdrucksweise  zu  bezeichnen  wäre  als  eine  Analyse
des  idiographischen  Verfahrens.  Der  von  Windelband
eingeführte  Ausdruck  „id  io  graphisch“  will  jenes  Erkennen,  jene
Denkweise  bezeichnen,  die  auf  die  Erfassung  des  Besonderen,
schließlich  also  des  „Individuellen“  ausgeht;  im  Gegensatz  zum  „nomothetischen“ ­
  Erkennen,  dem  die  Erfassung  des  Allgemeinen,
schließlich  also  des  „Gesetzes“  eigen  ist  Da  nun  die  „idiographische“
Denkweise  dem  Vorgänge  des  Historikers,  die  „nomothetische 1  aber
dem  Vorgänge  des  Naturforschers  das  Gepräge  verleiht,  hat  Rickert
jenen  —  fundamentalsten  —  Gegensatz  im  Erkennen  als  den
Unterschied  zwischen  „historischer“  und  „naturwissenschaftlicher“
Begriffsbildung  formuliert.  Nicht  bloß,  weil  Rickerts  Formulierung
zu  Mißverständnissen  Anlaß  gab,  sondern  auch  aus  sachlichen  Erwägungen ­
  halte  ich  an  Windelbands  Ausdrücken  fest.
Es  hieße  nämlich  die  Mißverständlichkeit  auf  die  Spitze  treiben,
zu  sagen,  daß  die  Sozialwissenschaft  methodologisch  danach  zu  kennzeichnen ­
  sei,  wie  sie  aus  „historischen“  und  „naturwissenschaftlichen“
Bestandteilen  sich  aufbaue.  Hier  gereicht  der  Ausdruck  langsam  der
Sache  selber  zum  Fehler.  Den  hochbedeutsamen  Gedanken,  der  hier
unterliegt,  darf  man  wohl  nur  mit  der  These  aussprechen,  daß  die
Sozialwissenschaft  ihr  methodologisches  Fundamentalproblem  in
der  Frage  zu  suchen  hat,  wie  sich  in  ihrem  Bereiche  nomothetische ­
  und  idiographische  Denkweise  zueinander ­
  stellen.
Karl  Menger  hat  gleich  auf  der  ersten  Seite  seiner  „Untersuchungen“ ­
  mit  größter  Klarheit  den  Gegensatz  zwischen  der  Erkenntnis ­
  des  „Generellen“  und  jener  des  „Individuellen  betont.  Damit
war  1883  der  Gedanke  vorweggenommen,  der  ein  Jahrzehnt  später  als
der  Leitgedanke  einer  neuen  Strömung  in  der  fachwissenschaftlichen
Logik  auftaucht.  Dies  gereicht  der  sozialwissenschaftlichen  Methodo ­
        <pb n="469" />
        448

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

logie  wahrhaft  zur  Ehre;  zu  heller  Unehre  aber  die  Tatsache,  daß  unsere
Methodenlehre  von  jener  kostbaren  Fährte,  die  ihr  Menger  wies,
seither  total  abgekommen  war.  Gleich  über  den  Methodenstreit
selber,  den  Mengers  Buch  entfesselte,  hat  sich  die  erschreckend
oberflächliche  Meinung  gebildet,  daß  hier  eine  Partei  des  „deduktiven“ ­
  Verfahrens  einer  Partei  des  „induktiven“  Verfahrens  gegenüber ­
  stünde.  Als  ob  der  Gegensatz  zwischen  „Induktion“  und  „Deduktion“, ­
  wie  er  jenem  Wahne  als  fragwürdiger  Sinn  unterliegt,  überhaupt ­
  auf  unserem  Gebiete  ernst  zu  nehmen  wäre  1  Aber  es  ist
wirklich  zur  landläufigen  Ansicht  geworden,  daß  man  nach  dem  Verhältnis ­
  zwischen  „Induktion  und  Deduktion“  fragen  müsse,  will  man
über  unsere  Wissenschaft  methodologisch  ins  klare  kommen.  In
solchem  Grade  verlor  man  jenen  anderen  und  tatsächlich  entscheidenden
Gegensatz  aus  den  Augen.
Neuerdings  hat  es  Max  Weber  unternommen,  unserer  verkümmernden ­
  Methodologie  frisches  Blut  zuzuführen,  indem  er  ihr  die
bezüglichen  Leistungen  unserer  modernen  Logiker  —  namentlich
Windelband,  Rickert,  Simmel,  Münsterberg  kommen
neben  anderen  hier  in  Betracht  —  nutzbar  zu  machen  sucht;  besonders
auch  zur  Aufklärung  über  jenes  Fundamentalverhältnis.  In  meiner
programmatischen  Schrift  „Die  Herrschaft  des  Wortes“  und  in  der
Monographie  „Die  Grenzen  der  Geschichte“  hatte  ich  etwas  Ähnliches
versucht.  Die  Arbeiten  Max  Webers  —  dem  ich  namentlich  für
das  Verständnis  der  genialen  Problemstellungen  Rickerts  ungleich
mehr  verdanke,  als  im  Text  zum  Ausdruck  kommen  könnte  —  gaben
mir  die  Anregung,  jenen  Versuch  auf  breiterer  Grundlage  zu  erneuern.
In  der  hier  beginnenden  Serie  von  Untersuchungen  ist  es  daher  mein
Streben,  in  der  Anlehnung  an  die  moderne  Logik  an  der  Klärung
des  Verhältnisses  zwischen  nomothetischem  und  idiographischem
  Erkennen  zu  arbeiten.  Gerade  damit  aber  verbindet ­
  sich  der  Kampf  gegen  die  „Wortherrschaft“  in  unserer  Theorie.
Die  Sozialwissenschaft  soll,  um  sich  selber  zu  erkennen,  nicht  auf  ein
Ausschlachten  ihrer  Schlüsselworte  —  „Wirtschaft“,  „Gesellschaft“  —•
angewiesen  bleiben;  und  in  ihrer  Theorie  sollen  sich  mehr  die  Worte
um  die  Begriffe  drehen,  nicht  immerzu  nur  die  Begriffe  um  herrschende
Worte.
Für  die  Scheidung  zwischen  nomothetischer  und  idiographischer
Denkweise  —  in  ihrer  Tragweite  für  alle  Methodologie  schier  unabsehbar ­
  —  war  besonders  Windelbands  Straßburger  Rektoratsrede
„Geschichte  und  Naturwissenschaft“  bahnbrechend.  Was  diese  Denkweisen ­
  selber  anlangt,  so  hat  sich  die  ganze  traditionelle  Logik
        <pb n="470" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  Vorbemerkungen.

449

darin  erschöpft,  uns  über  das  nomothetische  Denken  aufzuklären;
gegenüber  der  anderen,  durchaus  ebenbürtigen  Denkweise  war
sie  völlig  blind  geblieben.
So  liegt  als  methodologische  „Lehre  vom  Besonderen“  eigentlich
nur  Rickerts  Theorie  der  historischen  Begriffsbildung
vor;  abgesehen  von  vereinzelten  wertvollen  Aufschlüssen,  die  wir  z.  B.
Dilthey,  Sigwart,  namentlich  aber  Schuppe  verdanken  —  der
mir  bei  der  Abfassung  meiner  ersterwähnten  Schrift  sträflicherweise
unbekannt  geblieben  war,  bis  mich  Bernheims  machtvoll  fortschreitendes ­
  Werk  auf  ihn  verwies.
Rickerts  Lehre  scheint  mir  ihren  charakteristischen  Ausdruck
in  dem  Satz  zu  finden:  „In  die  historischen  Begriffe  gehört  eben  das,
was  sich  durch  die  bloße  Beziehung  auf  allgemein  anerkannte  Werte
heraushebt,  und  zu  individuellen  Einheiten  zusammenschließt.
„Grenzen“  S.  371.  Dieser  Gedanke  ist  bei  Rickert  vielleicht  nicht
ganz  einwandfrei  unterbaut;  aber  er  bewährt  sich  durch  eine  außerordentlich ­
  fruchtbare  Anwendung,  die  Rickert  selber  für  die  Erläuterung ­
  des  historischen  Erkennens  von  ihm  macht.  Wie  es  aber
jeder  Vorstoß  in  neue  Bahnen  mit  sich  bringt,  bleibt  im  einzelnen  viel
zu  ergänzen.  Insbesondere  läßt  Rickert  den  Ausdruck  „Beziehen
auf  Werte“  im  Grunde  doch  unaufgelöst.  Auch  ist  gerade  für  die
Orientierung  der  Fachmethodologie  gar  manches  nachzuholen. ­
  Dies  versucht  nun  der  vorliegende  Aufsatz.
Er  unternimmt  es,  wie  erwähnt,  das  idiographische  Verfahren  zu
analysieren,  und  zwar  im  Geiste  einer  Methodologie  der  Darstellung. ­
  „Darstellung“  nicht  etwa  als  die  Art  und  Weise  gemeint,
wie  sich  die  Ergebnisse  der  Wissenschaft  in  eine  sprachliche  oder
sonstige  Form  kleiden:  es  handelt  sich  vielmehr  um  die  gedankliche ­
  Formulierung  dieser  Ergebnisse,  in  der  Form  nämlich  von  Begriffen. ­
  Diese  gedankliche  Formulierung,  als  Begriffsbildung
gemeint,  ist  eben  eine  andere,  je  nachdem  unser  Erkennen  das  Allgemeine ­
  oder  das  Besondere  als  Ziel  wählt.  Der  letztere  Fall  kommt
für  die  vorliegende  Untersuchung  in  Betracht.
Ihre  Probleme  entlehnt  diese  Untersuchung  dem  Windelband-Ricke
  rt  sehen  Gedankengang.  In  der  Durchführung  muß  sie  vielfach
ihre  eigenen  Wege  gehen.  Sie  zerlegt  das  idiographische  Verfahren  in
seine  Phasen,  erörtert  hierauf  den  durchgängigen  Zusammenhang  seiner
Ergebnisse  und  wendet  sich  dann  noch  seinen  Voraussetzungen  zu.
Sozialwissenschaftlich  von  Belang  ist  diese  Untersuchung
unmittelbar  deshalb,  weil  sie  jene  wissenschaftlichen  Darstellungsformen
kennen  lehrt,  deren  sich  gleich  allem  idiographischen  Erkennen  auch
V.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  z 9
        <pb n="471" />
        450

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

die  sogenannte  „Wirtschafts-  und  Sozialgeschichte“  bedient.  Ihr
eigentlicher  Belang  ist  aber  mittelbarer  Natur:  Indem  sie  das  idiographische
  Verfahren  als  solches  darlegt,  schafft  sie  die  unentbehrliche
Vorbedingung  dafür,  über  das  Verhältnis  des  nomothetischen
zum  idiographischen  Erkennen  für  den  Teil  der  Sozialwissenschaft ­
  ins  klare  zu  kommen.  So  bahnt  sie  die  Lösung  jenes
fundamentalen  Problems  unserer  Methodologie  an.
Dies  war  um  so  schärfer  zu  betonen,  als  im  folgenden  dem  Buchstaben ­
  nach  von  Sozialwissenschaft  gar  nicht  gesprochen  wird.  Es
scheint  zwar  das  Natürliche,  daß  ich  das  idiographische  Verfahren  an
Beispielen  erläutere,  die  der  „Wirtschafts-  und  Sozialgeschichte“  entnommen ­
  würden.  Allein,  nach  der  ganzen  Anlage  dieser  Untersuchungen ­
  muß  das  sozial  wissenschaftliche  Denken  jeglicher  Spielart
so  lange  ferngehalten  bleiben,  bis  es  dann  selber  als  Problem  an
die  Reihe  kommt.  So  wird  sich  erst  der  nächste  Aufsatz  —  »Der
Stoff  der  Sozialwissenschaft“  —  der  Eigenart  des  sozialwissenschaftlichen ­
  Denkens  zu  nähern  suchen;  diese  Eigenart  wirklich  zu  erfassen,
bleibt  dem  dritten  Aufsatz  Vorbehalten,  der  sich  dem  Verhältnis
zwischen  Sozialwissenschaft  und  Geschichte  zuwendet.  Darum  ist  es
mir  auch  verwehrt,  die  Beispiele  dem  historischen  Denken  i.  e.  S.  zu
entlehnen,  so  innig  auch  dessen  Beziehungen  zur  Idiographie  sein
mögen.  Da  ist  es  ein  willkommener  Zufall,  daß  uns  allen  ein  idiographisches
  Denken  geläufig  ist,  das  eher  noch  als  neutral  erscheint
und  dabei  recht  anschaulich  verfährt:  Unsere  populär-geographischen ­
  Vorstellungen,  wie  sie  uns  Schule,  Reise,  alltägliche ­
  Umgebung  zubringen.  Ausschließlich  aus  diesem  Vorstellungskreis ­
  schöpfe  ich  meine  Beispiele.  Daraufhin  nun  gewinnt  die  Untersuchung ­
  erst  recht  einen  „unfachlichen“  Habitus,  der  aber  ihrem  Belang
für  unsere  Methodologie  keinen  Abbruch  tut.
Mit  geographischer  Methodologie  dagegen  hat  sie  im  Prinzip
gar  nichts  zu  tun.  Der  Zufall  der  Beispiele  —  die  übrigens  ihren  Beruf
verfehlen  würden,  hätte  ich  sie  nicht  „laienhaft“  gewählt  und  ebenso
durchgedacht  —  ändert  nichts  daran,  daß  die  Geographie  nicht  in
höherem  Grade  mitbeteiligt  erscheint  als  jede  andere  Wissenschaft,
die  irgendwie  auch  am  idiographischen  Verfahren  interessiert  ist.
        <pb n="472" />
        45i

Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  A.

I.  Die  idiographische  Begriffsbildung.
Die  Individuation.
A.  Der  Sonderbegriff.
Im  Sinne  eines  Beispieles,  das  sich  durch  die  ganze  Untersuchung
ziehen  soll,  stellen  wir  uns  ein  kleines  geographisches  Szenarium  zurecht:
Auf  dem  Plateau  von  Dingskirchen,  nordöstlich  von  letzterem  Orte,
unter  dem  m.  Grade  nördlicher  Breite  und  dem  n.  Grade  östlicher
Länge  v.  G.,  erhebt  sich  vereinsamt  der  X-Berg  —  unser  engeres
Objekt;  er  liegt  in  der  Verlängerung  des  Höhenzuges  A,  der  jenes
Plateau  mit  dem  Hauptstock  des  Y-Gebirges  verbindet.  Nach  unserer
Annahme  wäre  diese  ganze  Situation  der  Wirklichkeit  entnommen,
so  daß  alle  ihre  Einzelheiten  Eigennamen  tragen;  für  die  letzteren
wären  bloß  der  Kürze  wegen  Buchstaben  eingesetzt.
Denken  wir  uns  selber  im  Angesichte  des  X-Berges,  dann  reckt
sich  dieser  als  eine  anschauliche  Einheit  vor  uns  empor.  Die  Genesis
dieser  Sachlage,  die  erkenntnistheoretischen  Verhältnisse,  das  interessiert
uns  hier  nicht.  Jedenfalls  ist  uns  dann  der  Berg  ein  bestimmtes
Einzelnes,  also  ein  Besonderes.  Bestimmt  in  dem  Sinne,  daß
wir  nicht  zu  fürchten  brauchen,  dieses  Einzelne  mit  einem  anderen  zu
verwechseln,  solange  es  in  seiner  Anschaulichkeit  verharrt.  Unter
dieser  Voraussetzung  ist  uns  der  Berg  also  ein  anschaulich  Besonderes, ­
  ein  Konkretum.  Zwischen  ihm  und  uns  spinnt  die  Anschauung ­
  selber  die  Fäden  dieser  eindeutigen  Verbindung,  während
unser  begriffliches  Denken  zu  dieser  Art  Bestimmtheit  nichts  Wesentliches ­
  beiträgt.
Setzen  wir  nun  den  Fall,  daß  sich  zwei  Personen  ein  Stelldichein
„am  südlichen  Fuße  des  X-Berges“  geben,  um  etwa  dort  ein  Grundstück
zu  besichtigen.  Für  sie  wäre  bei  dieser  Verabredung,  weil  sie  brieflich
erfolgt,  der  X  Berg  nicht  das  anschaulich  Bestimmte.  Wenn  sie  sich
nachher  dort  wirklich  treffen,  dann  setzt  dies  voraus,  daß  sie  erstens
den  Ausdruck  „am  südlichen  Fuße“  richtig  zu  deuten  wußten;  zweitens
aber,  daß  beide  Personen  mit  dem  Worte  „X-Berg“  auf  das
nämliche  wirkliche  Ding  Bezug  nahmen.  Ihnen  —  und  das
gilt  für  jeden,  dem  das  Wort  „X-Berg“  als  Eigenname  verständlich ­
  ist  —  bleibt  daher  unser  Berg  auch  als  das  bloß  Gedachte  ein
Einzelnes,  das  vor  der  Verwechslung  mit  einem  anderen  Einzelnen  behütet ­
  ist.  Da  haben  wir  also  eine  zweite  Art  Bestimmtheit:  im
Gegensatz  zur  anschaulichen  nun  die  g  ed  an  kl  i  che  Bestimmtheit  des
29*
        <pb n="473" />
        452

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Einzelnen.  Lag  uns  früher  ein  Konkretum  selber  vor,  so  handelt  es
sich  jetzt  bloß  um  den  Bezug  auf  ein  Konkretum;  und  es  ist  klar,
daß  diese  gedankliche  Bestimmtheit  erst  perfekt  ist,  sofern  unser  Denken
auf  ein  einziges  Konkretum  Bezug  zu  nehmen  weiß.  Als  Konkretum
ist  schlechthin  das  Einzelne  erfaßt;  das  gedanklich  Besondere  aber  will
ausdrücklich  als  das  Einzige  erfaßt  sein:  so  wird  man  das  gedanklich
bestimmte  Einzelne  als  das  Singuläre  bezeichnen  dürfen.
Während  das  Konkretum  sozusagen  die  Form  der  Wirklichkeit
selber  ist,  tritt  uns  mit  dem  Singulären  schon  etwas  entgegen,  was
irgendwie  mit  unserem  Denken  über  die  Wirklichkeit  zu  tun  hat.  Und
zwar  kommt  dabei  jenes  Denken  in  Frage,  dem  die  Richtung  auf
das  Besondere  charakteristisch  ist;  das  ist  aber  das  idiographische
Denken.
Es  erhellt  hier  zugleich,  wie  diese  Charakteristik  des  idiographischen
Denkens  richtig  zu  verstehen  ist.  Das  idiographische  Denken  kann  sich
unmöglich  das  anschaulich  Besondere,  das  Konkrete,  zum  Ziel  setzen;
aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  nicht  dasjenige  ein  Ziel  des  Denkens
sein  kann,  von  dem  alles  erfahrungswissenschaftliche  Denken  notwendig
ausgehen  muß.  In  der  Tat  muß  das  idiographische  Denken  aufs
Haar  so  vom  Konkreten,  vom  anschaulich  Besonderen  ausgehen,  wie
das  nomothetische.  Während  aber  das  Letztere  hierauf  zum  Allgemeinen ­
  hinstrebt,  bewegt  sich  das  idiographische  Denken  dem  g  e  -
danklich  Besonderen,  dem  Singulären  zu.
Vom  nomothetischen  Denken  gilt  es  unwidersprochen,  daß  sein
Streben  nach  dem  Allgemeinen  sich  in  Begriffen  verwirklicht;  das
sind  Gedankengebilde,  in  welche  dieses  Denken  gleichsam  ausläuft,
zur  Ruhe  gelangt.  Im  speziellen  sind  die  „Naturgesetze“  nomothetische
Denkformen  dieser  Art,  in  höchster  Vollendung.  Machen  wir  uns  nun
klar,  daß  auch  dort,  wo  sich  das  idiographische  Streben  nach  dem  Besonderen ­
  verwirklicht,  wo  also  das  Singuläre  erfaßt  erscheint,  jedesmal ­
  ein  Begriff  absonderlicher  Art  vorliegt,  als  die  spezifisch
idiographische  Denkform.
Die  Gedanken  der  beiden  Personen,  die  sich  an  das  Wort  „X-Berg“
knüpfen,  mögen  recht  verschieden  sein.  Der  eine  „weiß“  vielleicht
gerade  genug,  um  hinzufinden;  der  andere  „weiß“  nicht  allein  viel
mehr,  er  hegt  in  seiner  Erinnerung  auch  eine  anschauliche  Vorstellung
von  diesem  Berge,  lebhaft  und  farbenfrisch.  Um  diese  psychologischen
Unterschiede  kümmern  wir  uns  nicht.  Wir  halten  uns  ausschließlich
an  die  logischen  Verhältnisse  des  Tatbestandes,  der  damit  vorliegt,
daß  sich  ein  Einzelnes  auch  im  Denken  als  unverwechselbar ­
  erwiesen  hat.  Wir  fassen  den  hier  erreichten  Erfolg  als
        <pb n="474" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  A.

453

eine  Leistung  auf,  die  im  Dienste  bestimmter  Ziele  unseres  Denkens
vollzogen  wird.  Diese  Leistung  kann  nicht  dem  Worte  „X-Berg“,  als
solchem,  zugesprochen  werden,  sondern  dem,  was  dieses  Wort  zu
einem  Eigennamen  macht.  Dieses,  einem  Worte  verknüpfte  Gedankending, ­
  das  uns  als  Träger  jener  Leistung  gilt,  dürfen  wir  zweifellos ­
  einen  Begriff  nennen.  Nur  ist  das  kein  Begriff  im  landläufigen
Verstände  des  Wortes,  kein  Allgemeinbegriff;  denn  indem  der
Allgemeinbegriff  das  Gemeinsame,  also  das  vom  Einzelnen  zum
Einzelnen  Wiederkehrende  festhält,  ist  mit  ihm  gerade  das  erfaßt,  was
eine  unbestimmte  Vielheit  Einzelner  untereinander  verwechselbar
macht.  Umgekehrt  beruht  aber  das  logische  Wesen  jenes  Begriffes,
der  ein  Wort  zum  Eigennamen  wandelt,  gerade  darin,  daß  er  das  benannte ­
  Ding  unverwechselbar  macht.  Einen  Begriff  nun,  dem
in  solcher  Weise  der  Bezug  auf  ein  einziges  Konkretum
im  Wesen  liegt,  nenneicheinen  Sonderbegriff.  Sein  einwörtlicher ­
  Träger  ist  der  Eigenname,  sein  Substrat  ist  das  Singuläre;
genauer  gesagt,  ist  sein  Substrat  jenes  Konkretum,  auf  das  wir  mit
ihm  Bezug  nehmen,  und  das  gerade  durch  ihn  zu  etwas  gedanklich
Bestimmtem  wird,  so  daß  es  auf  einen  Eigennamen  Anspruch  hat.
Ohne  Mißverständnis  kann  nunmehr  von  einem  Begriffe  „X-Berg“
gesprochen  werden,  der  das  Konkretum  dieses  Namens  in  unserer  Gedankenwelt ­
  vertritt.  So  läßt  sich  unserem  Beispiele  auch  ein  Begriff
„Dingskirchen“  entnehmen,  ein  Begriff  „Plateau  von  Dingskirchen“,  ein
Begriff  „Höhenzug  A“,  ein  Begriff  „Y-Gebirge“.  Ausnahmslos  sind
dies  Paradigmen  für  den  Sonderbegriff.  Von  Diesem  ist  uns  bisher ­
  bloß  seine  spezifische  Leistung  bekannt  geworden,  auf  der  allerdings ­
  sein  logisches  Wesen  beruht.  Nun  wenden  wir  uns  dem
inneren  Aufbau  des  Sonderbegriffes  zu.  Wir  suchen  die  Bedingungen ­
  aufzudecken,  an  welche  seine  spezifische  Leistung  gebunden
erscheint,  legen  also  den  Begriff  nach  seinen  logischen  Elementen
auseinander.  Nur  von  diesem  logischen  Gesichtspunkte  aus  wird
hier  von  der  „Bildung“  dieses  idiographischen  Begriffes  gehandelt.  Dagegen ­
  sehen  wir  nach  wie  vor  prinzipiell  davon  ab,  wie  sich  dieser  Begriff ­
  dem  tatsächlichen  Hergang  nach  herausgestaltet,  also  im
psychologischen  Sinne;  sei  es  nun  im  betreffenden  einzelnen  Falle  oder
im  allgemeinen.
Mit  der  Bildung  des  Sonderbegriffes  erscheint  die  logische  Aufgabe ­
  gelöst,  ein  Konkretum  zu  einem  gedanklich  bestimmten
Einzelnen  zu  machen,  sagen  wir  kurz,  ein  Konkretum  zu
singularisieren.  Für  diesen  Umsatz  anschaulicher  in  gedankliche
Bestimmtheit  ist  unser  begriffliches  Denken  kompetent;  dieses
        <pb n="475" />
        454

„Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

webt  die  gewissen  Fäden  eindeutiger  Verbindung,  und  webt  sie  in  Gestalt ­
  gedanklicher  Bestimmungen.  Darunter  verstehe  ich  die  Inhalte ­
  der  Urteile,  die  über  das  Konkretum  ergehen.  Nun  ist  es
für  die  Situation  des  idiographischen  Verfahrens  höchst  wichtig,  daß
ein  gesicherter  und  logisch  ausgeglichener  Bestand  von  solchen  Urteilen ­
  immer  schon  da  ist:  und  zwar  mit  dem  Allgemeinbegriffe,
als  dessen  Exemplar  das  Konkretum  sich  erfassen  läßt.  So  in
unserem  Beispiele,  wenn  wir  das  Konkretum  als  einen  „Berg“  anerkennen,
d.  h.  also  ungefähr,  als  eine  natürliche  Erhebung  des  Bodens,  von  beträchtlicher ­
  Höhe.  Für  das  Singularisieren,  das  ja  den  Weg  gedanklicher
Bestimmung  gehen  muß,  erscheint  dieser  Allgemeinbegriff  als  vorgetane ­
  Arbeit;  es  wäre  ein  grober  Verstoß  gegen  alle  Ökonomie
des  Denkens,  diese  Vorarbeit  beiseite  zu  lassen,  um  dann  auf  schier
endlosen  Wegen  von  A  anzufangen.
So  steht  jeglicher  Sonderbegriff  in  einer  ausnehmend  innigen  Beziehung ­
  zu  einem  Allgemeinbegriff;  zu  jenem  eben,  als  dessen
Exemplar  das  zu  singularisierende  Konkretum  erfaßbar  ist.  Nennen
wir  ihn  den  Stam  mbe  griff.  In  diesem  Verhältnis  kannein  und  derselbe ­
  Allgemeinbegriff  zu  einer  unbegrenzten  Reihe  von  Sonderbegriffen ­
  stehen;  der  Allgemeinbegriff  „Berg“,  z.  B.,  zu  der  Reihe  „X-Berg“,
„Gaurisankar“,  „Sinai“,  „Brocken“  usw.  Aber  diesen  Sonderbegriffen
gegenüber  spielt  der  gemeinsame  Stammbegriff  keineswegs  die  Rolle
des  logisch  übergeordneten  Begriffes.  Es  wiederholt  sich  hier  durchaus ­
  nicht  das  Verhältnis,  wie  es  zwischen  dem  Begriffe  „Berg“  und
den  Begriffen  „Kalkberg“,  „Granitberg“,  oder  „spitzer  Berg“,  „stumpfer
Berg“,  vorwaltet.  Das  Verhältnis  ist  ein  spezifisch  anderes.  Die  Sonderbegriffe ­
  stellen  beileibe  nicht  so  etwas  wie  niederste  Unterarten  des
Stammbegriffes  vor;  vielmehr  sind  es  durchaus  eigenartige  Ausgestaltungen ­
  des  letzteren.  Wenn  in  den  Sonderbegriffen  „X-Berg“,
„Gaurisankar“,  „Sinai“,  „Brocken“  usw.  ein  Konkretum  immer  wieder
als  „Berg“  erfaßt  erscheint,  so  besagt  dies,  daß  der  Stammbegriff  „Berg“
für  alle  diese  Sonderbegriffe  gleichsam  das  Schema  liefert,  nach
welchem  anschauliche  Mannigfaltigkeit  wieder  zu  begrifflicher  Einheit
zusammengefaßt  wird.  Der  Stammbegriff  hat  hier  also  formende,
„kategoriale“  Bedeutung.  Man  könte  dies  so  ausdrücken,  daß  jeder
Sonderbegriff  einen  Allgemeinbegriff  zur  kategorialen  Unterlage ­
  hat.
Um  nun  dieses  eigentümliche  Verhältnis  zu  klären  und  zu  gleicher
Zeit  die  weiteren  logischen  Elemente  des  Sonderbegriffes  zu  studieren,
wenden  wir  den  Kunstgriff  an,  das  Singularisieren  des  Konkretums  als
den  logischen  Prozeß  einer  spezifischen  Umbildung  des
        <pb n="476" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  A.

455

Stammbegriffes  aufzufassen.  Von  dieser  Umbildung  bleibt  nur
die  kategoriale  Begriffseinheit  unberührt:  im  Sonderbegriff  „X-Berg“  ist
genau  jenes  „Raumding  Berg“  angelegt,  das  uns  der  Allgemeinbegriff
„Berg“  repräsentiert.  Jedoch  Inhalt  und  Umfang  des  letzteren  erleiden ­
  wesentliche  Änderungen.  Nimmt  doch  der  Allgemeinbegriff,
seiner  Natur  gemäß,  auf  eine  unbestimmte  Vielheit  konkreter
Einzelner  Bezug,  während  dem  Sonderbegriff  der  Bezug  auf  ein
einziges  Konkretum  im  Wesen  liegt.  Jene  spezifische  Umbildung
vollzieht  sich  daher  absehbar  nach  letzterem  Erfolg  hin.  Es  muß
der  Stammbegriff  seinen  Inhalt  so  ändern,  daß  er  darüber
seinen  Umfang  völlig  einbüßt.  Offenbar  kann  dies  nur  in  der
Weise  geschehen,  daß  zu  dem  Minimum  an  gedanklichen  Bestimmungen,
das  bereits  mit  dem  Stammbegriffe  vorliegt,  noch  weitere  Bestimmungen ­
  hinzutreten.  So  begründen  also  jene  Urteile  über  das
Konkretum,  die  sich  noch  als  nötig  erweisen,  um  das  Singularisieren
perfekt  zu  machen,  irgendwie  die  weiteren  logischen  Elemente ­
  des  Sonderbegriffes.
Von  solchen  Urteilen,  die  im  Dienste  der  idiographischen
Begriffsbildung  stehen,  werden  wir  nacheinander  vier  Gruppen
kennen  lernen;  um  sie  vorläufig  wenigstens  zu  nennen:  die  Urteile
über  die  Artung,  über  die  Lage,  über  das  Gefüge,  über  die
Stellung  —  „Natur“,  „Position“,  „Struktur“,  „Konstellation“.  Wie
schon  das  ersterwähnte  Element  des  Sonderbegriffes,  seine  kategoriale
Unterlage,  erwiesen  hat,  weiß  sich  das  idiographische  Denken  die
Ergebnisse  .des  nomothetischen  dienstbar  zu  machen.
So  auch  bei  jenen  Urteilen,  die,  unter  dem  Zwange  der  Eigenart
unseres  „diskursiven  Erkennens“,  durchwegs  allgemeinbegrifflicher ­
  Natur  sind.  Wie  sich  aber  trotz  dieser  Tatsache
das  idiographische  Streben  nach  dem  Besonderen  zu
selbständiger  Geltung  bringt,  dies  zu  zeigen  ist  ja  das
Problem  dieser  ganzen  Untersuchung!
Da  man  instinktiv  dem  Glauben  zuneigt,  daß  für  das  Besondere
der  Dinge  ihre  Eigenart  den  Ausschlag  gibt,  so  gebührt  der  Vortritt
in  unserer  Diskussion  den  Urteilen  über  die  Artung.  Wenn  diese
Urteile  über  das  Konkretum  ergehen,  ziehen  sie  es  als  ein  Vere
 inzeltes  in  Betracht,  sehen  also  von  allen  Zusammenhängen  ab,
inmitten  welcher  das  Konkretum  schon  dem  anschaulichen  Befund
nach  wirklich  ist.  Stellen  wir  unseren  Berg,  im  Sinne  eines  arthaften
Urteils,  als  einen  „Kalkberg“  fest,  oder  nach  seiner  hervorstechenden
Färbung  als  einen  „weißen  Berg“,  so  abstrahieren  wir  dabei  völlig  von
seinem  Verhältnis  zur  räumlichen  Umgebung.  Aber  selbst  wenn  wir
        <pb n="477" />
        456

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung 1

ihn  als  „auf  einem  Plateau  befindlich“  beurteilen,  ist  dabei  von  dem
ganzen  übrigen  Zusammenhang  abstrahiert.  Der  Berg  ist  dann  einfach
in  eine  rein  gedankliche  Verbindung  mit  allen  anderen  „auf
einem  Plateau  befindlichen“  Bergen  gebracht  worden.  Wie  in  diesem
Falle,  ist  es  überhaupt  der  Erfolg  dieser  arthaften  Urteile,  daß  sie  die
Zugehörigkeit  des  Konkretums  zu  einer  Unterart  des  Stammbegriffes
bejahen  oder  auch  verneinen.  Auch  das  Urteil:  „dieser  Berg  ist  hoch“,
unterstellt  das  Konkretum  der  Unterart  der  „hohen  Berge“.  Nur  lassen
sich  diese  „quantitativen“  Urteile  auch  in  zahlenmäßiger  Schärfe  fällen,
indem  unser  theoretisches  Denken  eingreift,  eine  Einheit,  eine  Skala
wählt;  und  dieser  gegenüber  vollzieht  sich  dann  jener  Vergleich,
der  überhaupt  sämtlichen  Urteilen  über  die  Artung  unterliegt.
Über  die  arthaften  Urteile  hinweg  führt  der  Weg  zur  Erfassung
der  Eigenart,  sofern  man  diese  im  buchstäblichen  Sinne  meint.
Sie  ist  dann  erfaßt,  sobald  das  Konkretum  einer  Unterart  des  Stammbegriffes ­
  zugesprochen  wird,  von  der  wir  annehmen  dürfen,  daß  ihr
einziges  Exemplar  mit  dem  Konkretum  selber  vorliegt.  Wenn
jedes  arthafte  Urteil,  dem  logischen  Erfolg  nach,  den  Stammbegriff
determiniert,  so  wäre  in  diesem  Falle  die  extreme  Determination ­
  des  Stammbegriffes  eingetreten.  Vom  Standpunkte
des  praktischen  Denkens  aus  gilt  uns  übrigens  die  Eigenart  schon
dann  als  erfaßt,  sobald  die  Determination  des  Stammbegriffes  zu  einer
Unterart  geführt  hat,  die  uns  als  solche  nicht  mehr  geläufig  ist;  die
also  gleichsam  schon  des  klassifikatorischen  Wertes  entbehrt.  Wo  es
uns  im  Umkreise  des  gewöhnlichen  Lebens  auf  das  Besondere  ankommt,
orientieren  wir  uns  mit  Vorliebe  an  der  so  erfaßten  Eigenart  der
Dinge;  und  um  so  lieber,  weil  dabei  unser  anschauliches  Vorstellen  —
die  bildhaften  Erinnerungen  —  in  der  glücklichsten  Weise  unserem
begrifflichen  Denken  sekundiert.
Die  extreme  Determination  des  Stammbegriffes  tritt  früher  oder
später  ein,  je  nach  der  Natur  der  determinierenden  Urteile.  Ließ  sich
unser  Berg  als  „Kalkberg“  bestimmen,  dann  mag  er  nacheinander  als
„weißer“,  als  „spitzer“,  als  „schroffer“  bestimmt  werden,  ohne  daß  wir
seiner  Eigenart  wesentlich  näher  kommen;  die  letzteren  Bestimmungen
sind  eben  auf  „naturgesetzliche“  Beziehungen  hin  der  Bestimmung  als
„Kalkberg“  beigeordnet.  Könnten  wir  aber  den  „Kalkberg“  außerdem ­
  als  „Kuppelberg“  bestimmen,  dann  wären  wir  der  Eigenart  dieses
Konkretums  beträchtlich  näher  gekommen,  was  sich  offenkundig  wieder
aus  den  „naturgesetzlichen“  Beziehungen  erklärt.  In  ganz  anderer  Art
wieder  führt  die  quantitative  Bestimmung,  sobald  sie  zahlenmäßig
präzis  geliefert  wird,  in  einem  einzigen  Schritte  nahe  an  die  extreme
        <pb n="478" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  A.

457

Determination  des  Stammbegrififes  heran.  Stellen  wir  die  Höhe  unseres
Berges  mit  1237  Meter  fest,  so  ist  prinzipiell  unser  Berg  der  Unterart
der  „1237  Meter  hohen  Berge“  unterstellt.  Damit  hat  sich  der  Umfang
des  Stammbegriffes,  auf  den  wir  nach  dieser  Bestimmung  noch  Bezug
nehmen,  um  alle  über  und  unter  1237  Meter  hohen  Berge  vermindert,
ist  also  auf  ein  Minimum  gesunken;  wir  dürften  ruhig  annehmen:  auf
unser  Konkretum,  als  einziges  Exemplar.  Von  dieser  Überlegenheit
der  quantitativen  gegenüber  der  qualitativen  Bestimmung  macht  das
praktische  Leben  reichlichen  Gebrauch,  z.  B.  in  der  Kriminalistik.  Man
denke  an  das  Bertillonsche  Verfahren  —  Idiographie  kriminalistischer
Praxis!
Fragen  wir  nun,  was  für  das  Singularisieren  des  Konkretums
gewonnen  ist,  sobald  wir  den  Stammbegriff  extrem  determiniert,  also
die  Eigenart  erfaßt  haben.  Vom  Standpunkte  des  praktischen
Denkens  aus  erscheint  uns  ein  Ding,  dessen  Eigenart  wir  kennen,  jedenfalls ­
  schon  als  ein  gedanklich  bestimmtes  Ding,  als  unverwechselbar.
Was  Eigenart  besitzt,  so  argumentieren  wir  dabei,  hat  nicht  seinesgleichen. ­
  Was  nicht  seinesgleichen  hat,  ist  unersetzlich.  Weil  aber
jede  Verwechslung  einen  unfreiwilligen  Ersatz  in  sich  birgt,  so  ist  die
Verwechslung  gerade  durch  die  erfaßte  Unersetzlichkeit  im  voraus
ausgeschlossen.  Diese  Argumentation  ist  richtig,  aber  nur  in  Grenzen.
Vergessen  wir  nicht,  daß  alle  Eigenart  nur  so  weit  erfaßbar  ist,  als
wir  annehmen  dürfen,  daß  mit  dem  betreffenden  Konkretum  das
einzige  Exemplar  jener  engsten  Art  vorliegt,  auf  die  uns  die  Determination ­
  schließlich  geführt  hat.  Dürfen  wir  dies  annehmen?  Immer
nur  unter  notwendigem  Bezug  auf  den  Umkreis  unserer  Erfahrungen! ­
  In  der  Erfassung  der  Eigenart  eines  Dinges  ist  stets
nur  die  Behauptung  enthalten,  daß  jenes  Ding  aller  Erfahrung
nach  seinesgleichen  nicht  hat.  Denn  es  ist  keine  Verknüpfung  arthaft ­
  er  Merkmale  denkbar,  die  sich  nicht  wiederholen  könnte.  Gesetzt,
unser  Berg  läßt  sich  als  „1237  Meter  hoher,  kuppelförmiger  Kalkberg“
bestimmen;  damit  wäre  seine  Eigenart,  trotz  der  kleinen  Zahl  der  Bestimmungen, ­
  schon  in  idealer  Weise  bekundet.  Wir  könnten  diese
Wuchtigen  Bestimmungen  als  gleichwertig  einer  außerordentlich  langen
Reihe  von  Bestimmungen  durchschnittlicher  Art  ansehen.  Die  Reihe
wäre  dann  so  lang,  daß  die  mathematische  Wahrscheinlichkeit,  diese
Kombination  von  Merkmalen  unter  allen  wirklichen  Bergen  noch  einmal ­
  anzutreffen,  annähernd  gleich  Null  wird.  Aber  was  hilft  selbst
diese  Berechnung!  Sie  beweist  durch  ihren  Ansatz  —  die  ungefähre
Zahl  der  wirklichen  Berge  —  abermals  nur,  daß  wir  bei  der  Aussage
der  Eigenart  stets  von  dem  Umkreis  der  Erfahrung  abhängig
        <pb n="479" />
        458

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

bleiben.  Die  Eigenart  ist  also  ausgesprochen  empirischer  Natur.
Auf  sie  läßt  sich  daher  nur  eine  empirische  Singularität  gründen.
Mit  dieser  empirischen  Singularität  wäre  aber  den  Interessen
des  idiographischen  Denkens  nicht  gedient,  wenn  es  ein  wissenschaftliches ­
  Denken  sein  will.  Gerade  in  der  Richtung,  die  ihm
spezifisch  ist,  in  der  Richtung  auf  das  Besondere,  dürften  seine  Ergebnisse ­
  nicht  von  bloß  empirischem  Werte  sein.  Gerade  in  dieser
Richtung  müssen  die  Ergebnisse  allgemeingültige  sein;  das  will
in  dieser  rein  formalen  Hinsicht  sagen:  sie  müssen  auf  der  Erfahrung
beruhen,  ohne  doch  von  dem  Umkreis  der  Erfahrung  abhängig  zu
sein.  Weil  nun  die  Urteile  über  die  Artung  nicht  fähig  sind,  nach
solchen  Ergebnissen  hin  zu  vermitteln,  so  spielen  sie  im  idiographischen
Denken  keineswegs  jene  wesentliche  Rolle,  die  ihnen  der  lebhafte  Anschein ­
  zuspricht.  Es  liefert  eine  Gegenprobe  hierfür,  hält  man  sich
vor,  wohin  ein  Denken  führen  würde,  das  überall  nur  der  Eigenart
auf  die  Spur  ginge.  Was  eigenartig  ist,  ist  anders  als  alles  Andere.
Im  Enderfolge  erbrächte  also  jenes  Denken  den  Nachweis,  daß  Alles
anders  als  alles  Andere  sei  —  die  Türe  wäre  eingerannt,  die  mit  der
alten  Volksweisheit,  daß  kein  Ei  dem  anderen  gleiche,  weit  offensteht.
Überdies  wäre  sozusagen  die  ganze  Wirklichkeit  zu  eitel  Eigenartigkeiten ­
  in  Trümmer  geschlagen  und  somit  das  Chaos  wieder  da,  das  zu
bewältigen  unser  allgemeinbegriffliches  Denken  bestrebt  war.  So
brauchen  wir  uns  im  Grunde  nicht  zu  wundern,  daß  sich  aller  idiographischen ­
  Erkenntnis  ein  starres  Vorurteil  entgegenstemmt:  Man
überschätzt  eben  die  Rolle,  die  für  das  Besondere  der  Dinge  ihre
Eigenart  spielt,  und  wähnt  daher,  in  Unkenntnis  der  wahren  Sachlage, ­
  daß  die  Richtung  auf  das  Besondere  schließlich  doch  nur  zu  jener
widersinnigen  Umkehrung  des  nomothetischen  Denkens  führe;  zum
mindesten  aber,  daß  hinter  dem  idiographischen  Erkennen  erst  noch
jedesmal  das  nomothetische  eingreifen  müsse,  um  „Ordnung  zu  schaffen“.
Die  extreme  Determination  des  Stammbegriffes,  die  über  arthafte ­
  Urteile  hinüber  zur  Erfassung  der  Eigenart  führt,  liefert  also
noch  immer  nicht  den  Sonderbegriff.  Zwar  ist  bloß  mehr  der  Bezug
auf  ein  einziges  Konkretum  da,  der  Allgemeinbegriff  hat  seinen.
Umfang  eingebüßt.  Aber  dies  ist  rein  der  Tatsache  nach  eingetreten,
prinzipielle  Bedeutung  hat  dieser  Wandel  nicht.  Denn  selbst  der  extrem
determinierte  Stammbegriff  ist  geblieben,  was  er  war:  Wenigstens
potentiell  ist  auch  er  ein  Allgemeinbegriff,  weil  Artgenossen
dieses  Konkretums  denkbar  sind;  die  Erfahrung  spricht  nur  gegen
ihre  Existenz,  nicht  gegen  die  Möglichkeit  dieser.  So  ist  die  spezifische ­
  Umbildung  des  Stammbegriffes,  der  Wandel  von  einer  nomo ­
        <pb n="480" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  A.

459

thetischen  zu  einer  idiographischen  Denkform,  ausgeblieben.
Urteile  über  die  Artung  tragen  also  nichts  Wesentliches  zur  Bildung
des  Sonderbegriffes  bei,  zählen  daher  nicht  zu  seinen  logischen
Elementen.  Wir  werden  noch  sehen,  daß  sie  als  Füllsel  dienen.  —
Was  den  Urteilen  über  die  Artung  versagt  bleibt,  gelingt  jenen
über  die  Lage.  Es  besagt  ein  Urteil  über  die  Lage,  bestimme  ich
unseren  Berg  als  den  „zwei  Meilen  nordöstlich  von  Dingskirchen
gelegenen“.  Eigentlich  sind  hier  schon  zwei  Lagebestimmungen
zusammengezogen,  von  denen  jede  im  äußeren  einer  arthaften
Bestimmung  gleicht;  denn  man  könnte  von  einer  Unterart  der  „zwei
Meilen  von  Dingskirchen  entfernten  Berge“  und  von  einer  Unterart
der  „nordöstlich  von  Dingskirchen  gelegenen  Berge“  sprechen.  Urteile
über  die  Artung  sind  es  doch  keine.  Es  ist  kein  Zufall,  daß  ihre
Verschmelzung  bereits  genügt,  um  unseren  Berg  außer  Zweifel  zu
stellen  —  sofern  uns  vorher  schon  „Dingskirchen“  etwas  Singuläres
istl  Denn  diese  Urteile  sind  ihrem  Wesen  nach  auf  diesen
Erfolg  angelegt,  sie  sind  gleichsam  idiographischen  Metiers.  Die
Urteile  über  die  Lage  machen  das  Einzelne  unverwechselbar,  indem
sie  das  eindeutige  Verhältnis  desselben  zu  etwas  Unverwechselbarem ­
  feststellen.  Nun  ist  „Dingskirchen  ,  auch
wenn  wir  es  als  wirklich  denken,  nur  etwas  relativ  Unverwechselbares, ­
  sofern  man  etwa  von  den  „Dingskirchnern“  absieht.  Es  darf
wieder  nur  auf  Grund  von  Urteilen  über  die  Lage  als  bestimmt  gelten.
Diese  aber  sagen  dann  bloß  über  das  eindeutige  Verhältnis  von  „Dingskirchen“ ­
  zu  etwas  aus,  für  das  von  neuem  das  Problem  seiner  Unverwechselbarkeit
  erstünde.  So  werden  wir  der  Frage  zugeführt,  ob
man  aus  dieser  Relativität  hinausfindet.  Gibt  es  einen  sicheren  Ansatzpunkt ­
  für  diese  Urteile  über  die  Lage,  einen  Hort  aller  Bestimmtheit?
Zwei  Dinge  sind  in  der  Tat  absolut  unverwechselbar,
besagen  das  an  sich  Singuläre:  Unser  Ich  und  die  Allheit.
Sein  eigen  Ich  verwechselt  niemand,  der  nicht  eben  deshalb  ein  Narr
wird;  und  womit  sollte  man  die  Allheit  verwechseln?  Von  der  Unverwechselbarkeit
  des  Ichs  macht  wieder  das  Leben  den  reichlichsten
Gebrauch.  Vom  körperlichen  Substrat  des  Ichs  aus  entfalten  wir  das
räumliche  Zusammenhängen  der  Dinge  um  uns.  Wir  bestimmen  sie
danach,  ob  sie  „vor  uns“,  „hinter  uns“,  „rechts  von  uns  usw.  gelegen
sind  —  durchaus  Variationen  des  eindeutigen  Verhältnisses  zu  uns;
und  so  werden  uns,  unter  Mithilfe  aller  sonstigen  Bestimmtheit,  die
Dinge  zu  etwas  Unverwechselbarem.  Wir  wenden  dies  besonders  auf
unseren  Standort,  unseren  gewöhnlichen  Wohnort  an,  in  sinnvoller
Übertragung,  und  schaffen  uns  dadurch  ein  festes  Gerippe  gedanklicher
        <pb n="481" />
        460

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung‘

Bestimmtheit,  für  alle  Dinge  unserer  gewöhnlichen  Umgebung.  Aber
dieses  ganze  System  der  subjektiven  Lagebestimmung  kommt  hier
nicht  weiter  in  Betracht.  Uns  interessiert  jene  objektive  Lagebestimmung, ­
  von  der  auch  unser  Beispiel  Gebrauch  macht.
Der  X-Berg,  heißt  es  da,  liegt  unter  dem  m.  Grade  nördlicher
Breite  und  n.  Grade  östlicher  Länge  v.  G.  Dies  ist  zweifellos  eine
objektive  Lagebestimmung.  Anders  könnte  auch  „Dingskirchen“
nicht  bestimmt  werden,  wenn  es  daneben  auch  für  die  „Dingskirchner“
in  subjektiver  Bestimmtheit  verharrt.  Auch  zur  objektiven  Bestimmung
verflechten  sich  zwei  Urteile  über  die  Lage,  die  ihrer  Natur  nach  offensichtlich ­
  auf  diese  Verflechtung  angelegt  sind.  Woran  knüpfen  diese
Urteile  nun  an?  Eines  von  ihnen  nennt  ein  geographisches  Konkretum:
Greenwich  1  Aber  dies  ist  nur  der  im  Wege  eines  Übereinkommens
gewählte  Nullpunkt  des  Systems;  und  alles,  was  seine  Wahl  betrifft,
gehört  zur  Durchführung  des  Systems,  das  eine  bewunderungswürdige
Leistung  des  theoretischen  Denkens  vorstellt.  Hier  handelt  es  sich  um
den  Sinn  dieses  Systems.  Wie  immer  nun  die  Unverwechselbarkeit
des  Ichs  hier  in  versteckter  Weise  mitbeteiligt  sein  mag,  es  ist  vor
allem  wichtig,  daß  sich  dieses  geographische  System  der  objektiven
Lagebestimmung  an  die  Allheit  anlehnt;  gemeint  im  räumlichen
Sinne  —  als  die  schrankenlose  Weiterdehnung  jenes  räumlichen  Zusammenhanges ­
  aller  Dinge,  den  die  Wirklichkeit  selber  anschaulich
vor  uns  ausbreitet  —  sagen  wir,  als  der  räumliche  Allzusammenhang. ­
  Dieser  ist,  aus  Zwang  unseres  Denkens,  nur  einmal  undimmer
als  der  nämliche  da,  ist  das  an  sich  Singuläre.  Aber  gerade,
weil  er  selber  schrankenlos  ist,  ersteht  die  Frage,  wie  er  der
Hort  aller  Lagebestimmtheit  sein  kann.  Nun,  bekanntlich  hilft  sich  die
Geographie  damit  aus  dem  Schrankenlosen  heraus,  daß  sie  den  räumlichen ­
  Allzusammenhang  auf  die  Erdoberfläche  reduziert,  diese
wenigstens  als  Basis  wählt.  Aber  warum  dies?  Der  Umstand,  daß
die  Erdoberfläche,  als  eine  in  sich  verlaufende  Kugelfläche,  besondere
Vorteile  als  Reduktionsbasis  darbietet,  kann  nicht  entscheidend  sein.
Soweithin  spricht  ein  historischer  Zufall,  unser  neuzeitliches  Weltbild
mit.  Das  Prinzip  aber,  nach  weichemeine,  die  Unverwechselbarkeit ­
  der  Allheit  in  sich  tragende  Basis  für  alle  Lagebestimmung ­
  gewählt  wird,  als  Hort  aller  Singularität,  müßte  auf  das
Vorptolomäische  oder  irgendein  anderes  Weltbild  genau  so  anwendbar
bleiben.  Dieses  Prinzip  lassen  wir  vorläufig  in  der  Schwebe.
Soviel  ist  aber  im  voraus  sicher:  Dieses  Prinzip  muß  mit  den  letzten
Gründen  Zusammenhängen,  aus  denen  wir  überhaupt  idiographisch
denken,  das  will  sagen,  Interesse  am  Besonderen  der  Dinge  nehmen.
        <pb n="482" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  A.

461

Hier  sehen  wir  also  die  Möglichkeit  einer  objektiven  Lagebestimmung ­
  als  gegeben  an.  Was  daraufhin  die  Urteile  über  die
Lage,  gemäß  ihrer  entsprechenden  Verflechtung,  dem  Konkretum
zusprechen,  ist  dessen  Position  im  räumlichen  Allzusammenhang ­
  e.  Mit  dieser  Position  weist  sich  das  Konkretum  über  seine
eindeutige  Verbindung  mit  der  Allheit,  mit  dem  absolut  Unverwechselbaren, ­
  aus  und  wird  daraufhin  selber  als  etwas  Singuläres  erfaßt,  sofort
aber  in  einer  ganz  anderen,  schlagenderen  Weise.  Denn  es  fällt  dem
Konkretum  hieraus  eine  Modalität  zu,  die  Eigenlage,  die  es  mit
keinem  anderen  Konkretum  teilen  kann.  Sie  verleiht  dem  Konkretum
den  Sinn  des  absolut  Unwiederholbaren.  Während  das  Konkretum ­
  auf  Grund  seiner  Eigenart  deshalb  als  ein  Einziges  erhellt,
weil  es  sich  im  Umkreis  der  Erfahrung  und  im  Wege  des  Vergleiches
von  allen  anderen  Konkreten  sondert,  ist  es  kraft  seiner  Eigenlage
ganz  unmittelbar  und  ohne  Vorbehalt  ein  Einziges,
aus  Zwang  unseres  Denkens.  Dort  hat  es  sich  bloß  um  eine  Singularität ­
  auf  Widerruf  gehandelt;  hier  um  eine,  die,  wenn  sie  einmal  auf
Grund  der  Erfahrung  erhellt  ist,  allem  Weitergang  der  Erfahrung
gegenüber  in  Geltung  verharrt.  In  diesem  Sinne  ist  hier,  an  der  Hand
der  Eigenlage,  jene  allgemeingültige  Singularität  erzielt,
auf  die  es  der  idiographischen  Erkenntnis  ankommt.
Was  nie  eintreten  kann,  solange  der  Inhalt  des  Stammbegriffes
bloß  um  arthafte  Bestimmungen  reicher  wird,  das  bewirkt  sofort
der  Einbezug  der  Eigenlage:  die  spezifische  Umbildung!  Es  hat
eben  prinzipielle  Bedeutung,  wenn  nun  der  Stammbegriff  seinen
Umfang  einbüßt  und  der  Bezug  auf  ein  einziges  Konkretum  übrig
bleibt.  Denn  hier  sind  Artgenossen  im  wesentlichsten  Sinne
undenkbar,  weil  das  Konkretum  seine  Position  im  Allzusammenhange
  mit  einem  anderen  Konkretum  einfach  nicht  teilen  kann.  So
ist  aus  dem  Stammbegriff,  ohne  Erschütterung  der  kategorialen  Einheit,
ein  Begriff  geworden,  dem  der  Bezug  auf  ein  einziges  Konkretum  im
Wesen  liegt,  ein  Sonderbegriff.  Eine  Determination,  wenn  man
es  so  nennen  will,  hat  auch  hier  die  Umbildung  bewirkt,  den  Umfangsverlust ­
  herbeigeführt.  Und  das  Resultat  der  Umbildung  läßt  sich  auch
hier  als  eine  Kombination  von  Allgemeinbegriffen  auffassen.
Während  aber  der  extrem  determinierte  Stammbegriff,  der  mit  der
Eigenart  zugleich  erfaßt  wird,  nicht  mehr  bedeutet  als  eine
erfahrungsgemäß  unwiederholte,  besagt  der  Sonderbegriff
eme  unwiederholbare  Kombination  von  Allgemeinbegriffen.
Noch  von  einer  anderen  Seite  her  sei  dies  beleuchtet.  Es  erlauben
heide  Begriffe,  ein  Existentialurteil  in  jener  Weise  auszusprechen,
        <pb n="483" />
        462

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung'

die  für  jeden  erfahrungswissenschaftlichen  Begriff,  ob  nun  Allgemeinoder ­
  Sonderbegriff,  möglich  sein  muß.  So  kann  ich  ebensowohl  sagen:
„Es  gibt  einen  Berg  jener  Eigenart“,  als  auch:  „Es  gibt  einen  Berg
jener  Eigenlage“.  Suche  ich  dagegen  den  Inhalt  beider  Begriffe  so
in  ein  gleichwertiges  Existentialurteil  umzusetzen,  daß  der  Bezug  auf
ein  einziges  Konkretum  im  Urteil  selber  zur  Geltung  kommt,  dann
gelange  ich  im  Sinne  der  früheren  Fassungen  zu  den  beiden  Urteilen:
„Unter  dem  m.  Grade  nördlicher  Breite  und  n.  Grade  östlicher  Länge
v.  G.  liegt  ein  Berg“  —  »Ein  einziger  kuppelförmiger  Kalkberg  ist
1237  Meter  hoch“.  Während  nun  das  letztere  Urteil  dergestalt  nur
bedingt  gültig  ist,  daß  es  in  seiner  Wahrheit  an  den  Umfang
unserer  Erfahrung  gebunden  erscheint,  ist  das  erstere  Urteil  offenbar
ein  unbedingt  gültiges,  und  daher,  soweit  dies  überhaupt  von  einem
Erfahrungsurteil  zu  erwarten  ist,  in  formaler  Hinsicht  ein  a  11  g  em  e  i  n  -
gültiges.  In  diesem  Geiste  ist  jeder  Sonderbegriff  einem
allgemeingültigen  Existentialurteil  gleichwertig.  Da
nun  der  Sonderbegriff  dem  idiographischen  Denken  als  die  Form  seiner
Ergebnisse  spezifisch  ist,  also  im  Sinne  Rickerts  eine  spezifische
Form  der  Darstellung  für  dieses  Denken  ist,  so  erweist  sich  das
letztere  schon  aus  jenem  Umstande  als  fähig,  ein  wissenschaftliches
Denken  zu  sein.  Weil  aber  diese  ganzen  Möglichkeiten  an  das  Einspielen ­
  der  Eigenlage  gebunden  sind  und  diese  sich  notwendig  auf
einen  Allzusammenhang  berufen  muß,  so  ergibt  sich  schon  hier,
daß  idiographische  Wissenschaft  überhaupt  nur  dann  möglich  ist,  sobald ­
  der  Bezug  auf  einen  Allzusammenhang  vorliegt.
Wie  es  in  unserem  Beispiele  der  räumliche  Allzusammenhang
verdeutlicht,  kommt  es  dabei  auf  ein  Zusammenhängen  an,  das  allem
wissenschafdichen  Denken  vorangeht,  und  nicht  etwa  bloß  im  Sinne
eines  Postulates.  So  ist  idiographisches  Erkennen  nur  in  der  Reflexion
auf  Zusammenhänge  durchführbar,  welche  die  Wirklichkeit  selber  anschaulich ­
  vor  uns  ausbreitet.
Jene  Verflechtung  von  Urteilen  über  die  Lage,  die  uns  die
Eigenlage  einbringt,  stellt  also  das  zweite  logische  Element
des  Sonderbegriffs  dar,  neben  der  kategorialen  Unterlage,  vom  Stammbegriffe ­
  her.  Kurz  gesagt,  Art  und  Eigenlage  sind  das
Essentiale  im  Sonderbegriffe;  während  alles,  was  die
Eigenart  betrifft,  nur  als  gelegentliche  Füllung  des  festen  Rahmens
erscheint,  der  schon  dort  geschaffen  ist.  Es  besagt  auch  gar  keinen
wesentlichen  Fortschritt,  wenn  innerhalb  dieses  Rahmens  auch  noch
die  Eigenart  buchstäblich  erfaßt  wird.  Was  einmal  im  Sinne  des
absolut  Unwiederholbaren  als  singulär  erfaßt  ist,  wird  nicht  singulärer,
        <pb n="484" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  B.

463

wenn  es  überdies  als  empirisch  unersetzlich,  als  eigenartig  erkannt
würde.  So  stehen  auch  die  beiden  Merkmalsgruppen:  „unter  dem  so
und  sovielten  Grade  gelegener  Berg“  und  „1237  Meter  hoch,  kuppelförmig ­
  und  aus  Kalk“,  eigentlich  unbezogen  nebeneinander.  Beiden
ist  der  ausschließliche  Bezug  auf  ein  einziges  Konkretum  gemeinsam,
trotzdem  setzen  sie  sozusagen  nur  einen  Merkmalskomplex  zusammen. ­
  Es  gebricht  an  der  Ausgeglichenheit,  an  der  richtigen
Einheit  dieser  Merkmale,  die  eben  in  zwei  Gruppen,  jede  nach  einem
anderen  Sinn  hin,  auseinanderstreben:  Die  eine  Gruppe  nach
dem  Sinn  des  absolut  Unwiederholbaren,  die  andere  nach  jenem  einer
empirischen  Unersetzlichkeit  hin.
So  ersteht  die  Frage,  ob  es  nicht  zu  einer  Synthese  von

Eigenlage  und  Eigenart  kommen  kann,  auf  der  Grundlage  des
Stammbegriffs,  der  für  die  kategoriale  Einheit  einstünde.  Es  hat  also

das  idiographische  Denken  mit  dem  Sonderbegriff  offenbar  noch  nicht
sein  letztes  Ergebnis  erzielt.
B.  Der  Individualb  egriff.
Die  letzten  Elemente  aller  idiographischen  Erkenntnis  sind  notwendig ­
  nomothetischer  Natur;  das  spezifische  Element  dieser
Erkenntnis  aber  bleibt  der  Sonderbegriff,  auf  dem  sie  überall  fußt.
Nur  über  ihn  hinaus  liegen  jene  reiferen  Ergebnisse  der  Idiographie,
die  jetzt  unser  Problem  sind.  Im  Grunde  handelt  es  sich  also  um  die
logische  Ausgestaltung  des  Sonderbegriffes.  Dieser
stellt  das  unentbehrliche  Minimum  dieser  Begriffsbildung  vor,  gleichsam
den  idiographischen  Notbegriff;  nun  steht  seine  Ausreife  zum
Vollbegriff  in  Frage.  Die  Bildung  des  Sonderbegriffes  haben  wir
als  das  Singularisieren  des  Konkretums  gedeutet;  nun  kommt  es
darauf  an,  ob  sich  dem  bereits  Singularisierten  erst
noch  ein  besonderer  Charakter  abgewinnen  läßt.  Er
wird  sich  uns  mit  der  „Individualität“  der  Dinge  ergeben,  wie
sie  an  der  Hand  des  „Individualbegriffes“  erfaßbar  ist.  Der
letztere  stellt  dann  schon  die  logische  Ausgestaltung  des  Sonderbegriffes ­
  dar;  mit  der  ersteren  hat  sich  die  Synthese  von  Eigenart
und  Eigenlage  verwirklicht.  Den  Weg  dahin  aber  soll  uns  die
Einsicht  in  die  allgemeine  Natur  des  idiographischen
Denkens  weisen.

par  excellence,  nur  eine  untergeordnete  Rolle  bei
        <pb n="485" />
        464

p Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

ihm.  Zwar  bedeutet  auch  die  Eigenlage  eine  denkbar  schärfste
Unterscheidung  der  Dinge;  für  jedes  Konkretum  gilt  sie  notwendig
anders  als  für  jedes  andere.  Aber  gerade  sie,  die  den  Kern  des
Sonderbegriffes  ausmacht,  verrät  den  charakteristischen  Zug  aller
Idiographie:  Die  Eigenlage  ordnet  das  Konkretum  gedanklich
einem  großen  und  einmaligen  Zusammenhang  ein,  der  in  der
Wirklichkeit  alles  Konkrete  anschaulich  umfängt:  einem  Allzusammenhang.
  Bei  seinem  Streben  nach  dem  Besonderen  hält
sich  also  das  idiographische  Denken  an  jenes  Unterscheidende  der
Dinge,  das  uns  zugleich  über  ihren  Zusammenhang  in
der  Wirklichkeit  aufklärt.
So  erhellt  jetzt,  weshalb  die  arthaften  Urteile,  soweit  sie  an  der
Eigenart  bauen  —  von  der  kategorialen  Unterlage  stets  abgesehen
—  ein  fremder  Stoff  im  Sonderbegriffe  sind.  Es  kennzeichnet
diese  Urteile,  daß  sie  das  Konkretum  aus  seinen  anschaulichen
Zusammenhängen  herausheben,  um  es  mit  den  Trägern  der
gleichen  Merkmale  in  die  rein  gedankliche  Verbindung  einer
„Unterart“  zu  bringen.  Mit  dieser  Zusprache  zu  immer  engeren
Unterarten  ist  dem  idiographischen  Denken  nicht  gedient.  Vielmehr
bleibt  daraufhin  auch  die  Verflechtung  dieser  Urteile,  die  Eigenart
selber,  ein  Fremdkörper  im  Organismus  des  Sonderbegriffes.  Soll  also
die  Synthese  von  Eigenart  und  Eigenlage  gelingen,  sollen  alle
Bestimmungen,  die  im  Angesichte  des  Konkretums  überhaupt  möglich
sind,  untereinander  verbindbar  werden,  dann  bedarf  es  einer
spezifischen  Fortbildung  der  arthaften  Urteile.  Genauer
gesagt,  die  letzteren  müssen  ihren  materiellen  Inhalt  an  Urteile  abgeben, ­
  in  denen  eine  ganz  andere  Absicht  lebt:  nicht  die  Absicht
einer  Unterordnung  unter  Artbegriffe,  sondern  einer  Einordnung ­
  in  anschauliche  Zusammenhänge.  Jene  Erbschaft
treten  nun  die  Urteile  über  das  Gefüge  und  über  die  Stellung
an;  arthafte  Bestimmung  wandelt  sich  in  Bestimmung  der  Struktur
und  Konstellation.
Das  arthafte  Urteil:  „Dieser  Berg  ist  spitz“,  besagt  materiell
nichts  wesentlich  anderes  als  etwa  ein  Urteil  von  der  Form:  „Die
Erdoberfläche  gestaltet  sich  an  dieser  Stelle  zu  einem  kegelförmigen
System  steiler  Hänge  aus“.  Der  Inhalt  dieser  beiden  Urteile  ist  annähernd ­
  der  gleiche,  wohl  aber  sind  beide  von  einer  verschiedenen
Absicht  getragen.  Im  ersten  Urteile  berichte  ich  über  das  Ergebnis
eines  anschaulichen  Vergleiches,  der  von  Berg  zu  Berg  vollzogen  wird,
und  den  ich  auch  numerisch  präzisieren  kann,  durch  Angabe  der
Winkel,  die  ein  Vertikalschnitt  des  Berges  aufweist;  wobei  es  immerzu
        <pb n="486" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  B.

465

meine  Absicht  bleibt,  den  konkreten  Berg  in  die  Unterart  der  „spitzen
Berge“  einzureihen.  Im  zweiten  Urteil  verfolge  ich  eine  ganz  andere
Absicht.  Hier  suche  ich  das  Konkretum  so  zu  erfassen,  wie  es  einen
Ausschnitt  aus  dem  räumlichen  Allzusammenhang  darstellt, ­
  den  letzteren  auf  die  Erdoberfläche  reduziert.  Dieser  Ausschnitt
ist  ein  kategorial  umgrenzter,  gemäß  der  Kategorie  des  „körperlichen ­
  Dinges“.  Diese  unterliegt  zwar  notwendig  schon  dem  Allgemeinbegriffe ­
  „Berg“;  jetzt  aber  suche  ich  es  mir  ausdrücklich  klar  zu
machen,  wie  etwas  Mannigfaltiges,  das  sich  der  Erdoberfläche  einschmiegt, ­
  so  in  sich  geschlossen  ist,  daß  es  alles  übrige  ausschließt,
  im  Sinne  einer  in  sich  ausgeglichenen  Einheit:
das  „kegelförmige  System  der  Hänge“.  Und  was  früher  als  arthafte
Bestimmung  „spitz“  den  Stammbegriff  „Berg“  schlechthin  bereichert
hat,  in  der  Richtung  auf  seine  Eigenart,  wird  mir  jetzt  als  eine
Modalität  erfaßbar,  unter  der  jener  innere  Ausgleich  zur  Einheit  erfolgt: ­
  zum  „kegelförmigen  System“  schließen  sich  ausdrücklich  „steile
Hänge“  zueinander,  also  im  Sinne  des  Auslaufes  in  eine  Spitze.  So
sind  der  Berg  und  seine  spitzige  Beschaffenheit,  Art  und  Eigenartiges,
gleichmäßig  in  etwas  anderem  aufgegangen:  arthafte  Bestimmung  hat
sich  fortgebildet  zur  Strukturbestimmung.  An  Stelle  der  Urteile
über  die  Artung  sind  Urteile  über  das  Gefüge  des  Konkretums  getreten. ­
  Nicht  der  materielle  Inhalt  der  Aussage,  aber  ihre  formale
Natur  hat  sich  geändert.  Der  geänderten  Absicht  gemäß  ziehen  die
Urteile  jetzt  das  Konkretum  ausdrücklich  nach  seinen  Zusammenhängen ­
  in  Betracht;  hier  speziell  danach,  wie  es  in  sich  zusammenhängt, ­
  als  ein  kategorial  umgrenzter  Ausschnitt  aus  dem  räumlichen
Allzusammenhang.
Diese  Urteile  über  die  Struktur  brauchen  sich  natürlich  nicht  auf
die  Verhältnisse  der  körperlichen  Form  zu  beschränken.  Selbst  dann,
wenn  diese  Urteile  auf  den  räumlichen  Allzusammenhang  ausgerichtet ­
  bleiben,  sind  auch  in  unserem  Beispiele  noch  viele  andere
Weisen  der  Entfaltung,  des  Auseinanderlegens,  möglich.  Ich  kann  den
Berg  auch  als  eine  ge’ognostische  Einheit  zu  erfassen  suchen,  nach
seinem  Aufbau  aus  stofflich  qualifizierten  „Schichten  ;  und  so  auch  als
«ne  geogenetische  Einheit;  oder  als  eine  agronomische  Einheit, ­
  insofern  er  nämlich  „Böden“  spezifischer  Art  und  Güte  —  Ackerland, ­
  Weinbergsboden,  Waldboden,  Ödland  usw.  so  in  sich  schließt,
um  sich  hierdurch  von  seiner  Umgebung  abzugrenzen.  Wie  es  sein
ka nn,  daß  für  das  nämliche  Konkretum  so  verschiedene  Urteile  über
d 'e  Struktur  nebeneinander  möglich  sind,  und  wie  jedes  für  sich
allein  möglich  wird,  da  wir  doch  immer  von  neuem  die  unendliche
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  3°
        <pb n="487" />
        466

&amp;gt;Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Mannigfaltigkeit  des  Wirklichen  vor  uns  haben,  dies  alles  wird  uns  noch
beschäftigen.
Von  den  Urteilen  über  die  Artung  lassen  sich  nicht  alle  in  Urteile ­
  über  die  Struktur  überführen.  Wie  schon  erwähnt,  gibt  es  arthafte ­
  Urteile  von  der  Form,  daß  z.  B.  unser  Berg  als  ein  „auf  einem
Plateau  befindlicher“  oder  „in  der  Verlängerung  eines  Höhenzuges  gelegener“ ­
  bestimmt  wird.  Wenn  diese  Urteile  auf  Beziehungen  abzielen,
die  vom  Objekt  aus  nach  außen  weben,  so  beirrt  dies  allein  noch
keineswegs  die  nomothetische  Tendenz  dieser  Urteile.  Man  will
auch  da  auf  die  Erfassung  der  Eigenart  hinaus,  im  Wege  der  Zusprache ­
  zu  immer  engeren  Unterarten.  Es  fehlt  gerade  im  Prinzipe
noch  an  der  idiographischen  Tendenz;  an  der  Tendenz,  den  Berg
hierdurch  gedanklich  einem  Zusammenhänge  einzu  ordnen,  der  ihn  als
Konkretum  in  der  Wirklichkeit  umfängt.  Diesen  Unterschied  in  der
Absicht  des  Urteilens  verschleiert  hier  der  Umstand,  daß  man  an
der  wörtlichen  Fassung  dieser  Urteile  nur  ein  Geringes  zu  ändern
braucht,  und  sofort  lebt  die  andere  Tendenz  in  ihnen  auf.  Es
genügt,  nicht  mehr  von  „einem  Plateau“,  sondern  von  dem  „Plateau
von  Dingskirchen“  zu  sprechen.  Und  selbst  dieses  qui  pro  quo  kann
sich  noch  verschleiern.  Dies  würde  der  Fall  sein,  wenn  man  nicht  sofort ­
  mit  dem  Eigennamen  herausrücken  will  oder  ihn  gar  nicht  kennt,
aber  trotzdem  nicht  mehr  den  Allgemeinbegriff  „Plateau“  als  solchen
in  das  Urteil  übernimmt;  wenn  man  also  nicht  mehr  etwas  meint,  was  zwar
„Plateau“  nennbar  ist,  sonst  aber  ganz  unbestimmt  bleibt,  sondern  schon
einen  bestimmten  Träger  dieses  Gattungsnamens.  Jedenfalls  ist  es
dieser  Einsatz  des  Sonderbegriffes  für  den  Allgemeinbegriff,
was  den  Umschwung  herbeiführt;  gleichgültig,  ob  sich  dies  nun  mehr
oder  minder  deutlich  im  wörtlichen  Ausdruck  spiegelt.  Urteile  jener
Form,  die  sich  auf  Sonderbegriffe  gründen,  sind  keine  arthaften
mehr,  sondern  Urteile  über  die  Stellung  des  Konkretums.  Die
Natur  einer  solchen  Konstellationsbestimmung  wird  erst  recht
klar,  wenn  man  ihrer  Beziehung  zur  Eigenlage  nachgeht.
Kraft  seiner  Eigenlage  verharrt  das  Konkretum  nicht  bloß  zur  Allheit ­
  in  einer  festen  Relation,  es  nimmt  dadurch  auch  zu  seinesgleichen ­
  in  eindeutiger  Weise  Stellung.  Denn  auch  jedes  andere
Konkretum  besitzt  seine  Eigenlage,  weist  sich  also  gleichfalls  über  ein
festes  Verhältnis  zur  Allheit  aus.  Daher  läßt  sich  das  Konkretum  auch
in  mittelbarer  Weise  zur  Allheit  in  Beziehung  setzen,  das  will
sagen,  dem  Allzusammenhang  einordnen:  man  setzt  einfach  genügend
viele  jener  wechselseitigen  Verhältnisse  außer  Zweifel.  Dies  geschieht ­
  nun  mit  Hilfe  jener  Urteile  über  die  Stellung.  Es  geht  dann
        <pb n="488" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  B.

467

•die  Bestimmung  der  Position  im  Allzusammenhang  in  die  Bestimmung ­
  der  Konstellation  innerhalb  des  Allzusammenhanges
■über.  Ein  tiefer  Gegensatz  kann  zwischen  diesen  beiden  Betrachtungsweisen ­
  schon  deshalb  nicht  bestehen,  weil  sie  beide  von  der  idiographischen
  Tendenz  getragen  sind,  beide  auf  den  Allzusammenhang
reflektieren.  So  ist  es  z.  B.  bezeichnend,  daß  die  Positionsbestimmung ­
  nur  unter  Mithilfe  einer  einzelnen  Konstellationsbestimmung ­
  möglich  wird:  „n.  Grad  östlich  von  Greenwichl“
Trotz  ihrer  inneren  Verwandtschaft  aber  bleibt  zwischen  Position  und
Konstellation  der  Gegensatz  in  Kraft,  daß  mit  der  ersteren  das  Verhältnis ­
  zur  Gesamtheit,  mit  der  letzteren  das  Verhältnis  zu  allen
Einzelnen  gemeint  wird.  Dieses  vielgestaltete  Verhältnis  ist  aber
von  dem  Zusammenhang  abgehoben,  der  in  der  Wirklichkeit  alles
Konkrete  anschaulich  umfängt:  in  unserem  Beispiele  vom  räumlichen
Allzusammenhang.  Es  gilt  daher  auch  von  den  Urteilen  über  die  Konstellation, ­
  daß  sie  das  Konkretum  nach  seinen  Zusammenhängen ­
  in  Betracht  ziehen.  Nicht  aber,  wie  es  im  Sinne  der  Struktur
in  sich  zusammenhängt,  erscheint  hier  unter  Urteil  genommen,
sondern  vielmehr  die  Art  und  Weise,  wie  es  über  sich  selber
hinaus  mit  allem  Konkreten  zusammenhängt.
Fragen  wir  uns,  was  mit  den  hier  skizzierten  Urteilen  über  Struktur
und  Konstellation  für  das  idiographische  Denken  gewonnen  ist,
sobald  es  höhere  Ergebnisse  als  den  schlichten  Sonderbegriff  anstrebt. ­
  Zunächst  erhellt,  daß  diese  beiden  Gruppen  von  Urteilen  die
Gesamtheit  dessen  erschöpfen,  was  sich  an  einem  Konkretum  überhaupt ­
  bestimmen  läßt.  Denn  in  der  Eigenart  kann  nichts  enthalten
sein,  was  nicht  irgendwie  in  Struktur  und  Konstellation  überführbar
wäre,  sofern  es  überhaupt  idiographisch  relevant  ist.  Die  Eigenlage
wieder  ist  in  der  Konstellation  mitenthalten.  Soweithin  erlauben  es
also  diese  beiden  Urteilsgruppen,  in  ihrem  eigenen  Umkreise  die
Aufgabe  zu  lösen,  an  der  die  logische  Ausgestaltung  des  Sonderbegriffes ­
  hängt:  die  Synthese  von  Eigenart  und  EigenlageI  Dazu  würde
e s  aber  einer  Verflechtung  der  Urteile  über  Struktur  und  Konstellation ­
  bedürfen.  Gemeint  nicht  in  dem  Sinne  eines  Schlußverfahrens,
sondern  so,  daß  man  die  Inhalte  der  Urteile  ausdrücklich  zu  dem
Zwecke  aufeinander  bezieht,  um  sie  auf  der  Grundlage  des
Stammbegriffes  zu  begrifflicher  Einheit  ausgleichen  zu
können.  In  ähnlicher  Weise,  also  im  Sinne  einer  Begriffsbildung,
heßen  sich  die  beiden  Urteile  über  die  Lage:  „Dieser  konkrete  Berg
hegt  zwei  Meilen  entfernt  von  Dingskirchen“  und  „Dieser  konkrete
Eerg  liegt  nordöstlich  von  Dingskirchen“  miteinander  verflechten.  In-30*
        <pb n="489" />
        468

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

dem  man  nämlich  ihre  Inhalte  aufeinander  bezog,  ergaben  sie  in  ihrer
Verflechtung  den  Sonderbegriff  des  „zwei  Meilen  nordöstlich  von
Dingskirchen  gelegenen  Berges“,  unseres  X-Berges.  Zugleich  fiel  darüber
dem  Konkretum  ein  bestimmter  Charakter  zu:  seine  absolute  Unwiederholbarkeit, ­
  im  Sinne  seiner  Eigenlage.  Hier  lag  die  Möglichkeit,
die  beiden  Lagebestimmungen  aufeinander  zu  beziehen,  klar  und  aE
eine  denkbar  einfache  zutage.  Wie  in  jedem  Koordinatensystem  je
eine  Abszisse  und  eine  Ordinate  den  einzelnen  Punkt  außer  Zweifel
stellen,  so  auch  hier.  Ob  nun  Struktur  und  Konstellation
in  verwandter  Weise  aufeinander  beziehbar  sind,  wird
jetzt  zu  erörtern  sein.  Wären  sie  es  tatsächlich,  dann  hätten
wir  für  die  Synthese  von  Eigenart  und  Eigenlage,  also  für  den
logischen  Ausbau  des  Sonderbegriffes,  eine  einfache  Formel
gefunden:  Jene  Synthese  verwirklicht  sich,  indem  man  Struktur
und  Konstellation  aufeinander  bezieht!
Während  zwischen  den  Urteilen  über  die  Artung  und  jenen  über
die  Lage  jeglicher  Rapport  mangelte,  abgesehen  von  ihrer  Bezugnahme
auf  das  nämliche  Konkretum,  während  also  diese  Urteile  gleichsam
inkommensurabel  füreinander  sind,  lebt  in  den  Urteilen  über  Gefüge ­
  und  Stellung  einhellig  die  idiographische  Tendenz:  insgesamt
trachten  sie  das  Einzelne  aus  dem  Gesichtspunkte
seiner  Einordnung  in  den  Allzusammenhang  zu  besondern.
  Im  Prinzip  sind  daher  jene  Urteile  miteinander  verknüpfbar; ­
  denn  auf  ihre  gemeinsame  Absicht  hin  erweisen  sie  jedenfalls ­
  Bezug  aufeinander.  Allein,  so  unverkennbar  ihre  Verwandtschaft
ist,  der  Verknüpfung  dieser  Urteile  steht  dennoch  etwas
im  Wege!  Es  ist  dies  wichtig  genug,  um  eingehender  davon  zu
sprechen.
Wie  ihr  Vergleich  lehrt,  greifen  die  Urteile  über  das  Gefüge
ganz  anders  in  das  anschaulich  Gegebene  ein  als  die  Urteile  über  die
Stellung.  Die  ersteren  machen  uns  das  Konkretum  als  Einheit  verständlich, ­
  wie  es  schon  früher  angedeutet  wurde.  Die  Urteile  über  die
Stellung  hingegen  drohen  uns  vorerst  in  das  Wirrsal  der  allseitigen
Verhältnisse  zu  verwickeln.  Dem  sind  wir  in  unserem  Beispiele  zwar
entgangen.  Es  klingt  ganz  verständlich,  den  Berg  zum  Plateau,  zum
Höhenzuge  A  und  über  diesen  hinweg  zum  Y-Gebirge  ins  Verhältnis
zu  setzen.  Erstens  aber  ist  damit  die  Konstellationsbestimmung  noch
nicht  weit  genug  gediehen,  um  im  eigentlichen  Sinne  zugleich  die  Eigenläge
  des  Konkretums  klarzustellen.  Wie  es  später  noch  erörtert  wird,
müßten  wir  das  Y-Gebirge  erst  noch  etwa  einem  Gebirgssyteme  S,
dieses  einem  Kontinente  P  einordnen  können,  ehe  unser  Berg  in  dieser
        <pb n="490" />
        */

Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  B.

469

mittelbaren  Weise  in  ein  festes  Verhältnis  zum  räumlichen  Allzusammenhang ­
  gebracht  wäre.  Zweitens  aber,  wenn  wir  an  Stelle  der
allseitigen  Verhältnisse,  die  ja  erst  die  Konstellation  des  Konkretums ­
  ausmachen,  mit  einer  so  kleinen  Zahl  von  Bestimmungen  unser
Auslangen  finden,  so  verhilft  uns  dazu  offenbar  schon  irgendein
Prinzip  der  Auswahl;  wir  lassen  es  vorläufig  ganz  in  der  Schwebe.
Zwar  muß  ein  Prinzip  der  Auswahl,  und  wohl  das  gleiche,  auch  die
Urteile  über  das  Gefüge  beherrschen:  wie  käme  man  sonst  zu  der
Lösung,  den  Berg  gerade  als  das  geschlossene  System  seiner  Hänge
oder  im  anderen  Falle  seiner  Schichten  verständlich  zu  machen,  da  doch
außer  Hängen  und  Schichten  noch  eine  unendliche  Mannigfaltigkeit
und  damit  eine  Unzahl  nennbarer  Dinge  in  diesem  Konkretum  beschlossen ­
  ruhen!  Darin  aber  prägt  sich  der  erwähnte  Vorsprung
ffer  Urteile  über  das  Gefüge  aus,  daß  man  es  ihnen  sofort  nachrechnen
kann,  wie  sie  vorgehen:  die  Urteile  über  das  Gefüge  machen  uns
&amp;lt;ias  Konkretum  als  das  Ganze  seiner  Teile  verständlich.
Von  diesem  besonderen  Geiste  könnte  die  Strukturbestimmung
nicht  getragen  sein,  wenn  nicht  auch  ihre  nomothetischen
Elemente  andere  wären  als  bei  allen  übrigen  Bestimmungen
bei  jenen  über  die  Artung,  die  Lage  und  die  Stellung.  Diese
gründen  sich  insgesamt  auf  das  Genereil-Allgemeine,  arbeiten
mit  dem  Artbegriff,  indem  die  betreffenden  Urteile  zunächst  mit
der  Zusprache  des  Konkretums  zu  einer  Unterart  des  Stammbegriffes
Einsetzen;  z.  B.  also  mit  der  Zusprache  zu  den  „zwei  Meilen  von  Dingskirchen ­
  entfernten  Bergen.“  Mit  dem  Artbegriff  arbeiten  natürlich
auch  die  Urteile  über  die  Struktur;  mindestens  darin,  daß  sie,  der
Natur  unseres  Denkens  gemäß,  von  „Hängen“,  „Schichten“,  von  „steil“
und  auch  sonst  in  generellem  Sinne  sprechen  müssen.  Wesentlich
aber  ist  es  für  die  Strukturbestimmung,  daß  sie  sich  außerdem  auf  das
Kollektiv-Allgemeine  gründetl  Es  nehmen  alle  Urteile  über  die
Struktur,  die  über  ein  Konkretum  ergehen,  gemeinsam  auf  einen
Kollektivbegriff  Bezug,  der  gleichsam  die  Anleitung  liefert,  wie
sich  diese  Urteile  verflechten  müssen,  damit  im  Enderfolg  die  Struktur ­
  des  Konkretums  erfaßt  wird.
Der  Kollektivbegriff  hat  es  mit  dem  Artbegriff  gemein,  daß
er  ein  All  ge  mein  begriff  ist,  also  eine  Form  des  nomothetischen
Denkens.  Während  nämlich  jeder  idiographische  Begriff  alles  das  in
sich  schließt,  was  ein  Einzelnes  gedanklich  unverwechselbar  macht,
setzt  sich  der  Inhalt  des  Kollektivbegriffes  aus  dem  zusammen,
w as  eine  unbestimmte  Vielheit  von  Dingen  als  untereinander ­
  verwechselbar  erscheinen  läßt.  Nur  kommen
        <pb n="491" />
        470

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

diese  Dinge  nicht  als  Einzeldinge  in  Betracht,  wie  beim  Artbegriff,
sondern  selbst  wieder  als  unbestimmte  Vielheiten;  und  was
sie  als  untereinander  verwechselbar  erscheinen  läßt,  ist  die  bei  allen
wiederkehrende  Art  und  Weise,  wie  sie  sich  aus  Einzelnen
aufbauen.  Während  also  der  Artbegriff  von  unbestimmt  vielen
Einzelnen  das  schlechthin  Gemeinsame  abhebt,  hebt  der
Kollektivbegriff  von  unbestimmt  vielen  Vielheiten  das  Gemeinsame ­
  ihres  Aufbaues  aus  Einzelnen  ab.  So  ist  z.  B.
der  Allgemeinbegriff  „Wald“  ein  Kollektivbegriff,  weil  mit  ihm  die  unbestimmte ­
  Vielheit  aller  „Wälder“  gedanklich  aufgehoben  erscheint,  die
alle  untereinander  auf  die  besondere  Art  und  Weise  hin  verwechselbar
sind,  in  der  sie  sich  aus  vielen  Bäumen,  aus  Buschwerk,  Moos-  und
Streuflächen  u.  dgl.  aufbauen.  Mit  dem  Art  begriff  verglichen,  stellt:
der  Kollektivbegriff  offenbar  schon  ein  verwickelteres  Schema
dar,  nach  welchem  sich  das  Mannigfaltige  der  Wirklichkeit  zu  kategorialer
  Einheit  zusammenfassen  läßt.  Und  nach  diesem  Schema
machen  uns  die  Urteile  über  die  Struktur  das  Konkretum  verständlich.
Um  den  Kollektivbegriff  richtig  zu  würdigen,  muß  man  das
Kollektivum,  also  den  einzelnen  Fall  seiner  Verwirklichung,  zu
dem  bloßen  Inbegriff  in  Gegensatz  stellen.  Auch  mit  dem
Inbegriff  ist  eine  Vielheit  von  Dingen  in  eins  gefaßt.  Über  deren
Umkreis  entscheidet  aber  etwas,  das  nicht  schon  in  den  Beziehungen
der  umfaßten  Dinge  selber  angelegt  ist.  Die  Zusammenfassung,  so
könnte  man  sagen,  ist  hier  auf  äußere,  nicht  auf  innere  Bedingungen ­
  gestellt.  Z.  B.  läßt  sich  der  Inbegriff  der  „auf  dem  Plateau
von  Dingskirchen  gelegenen  Berge“  bilden;  hier  zieht  die  Fläche  des
Plateaus  den  Umkreis,  und  diese  hat  mit  den  Beziehungen  innerhalb
der  zusammengefaßten  Berge  offenkundig  nichts  zu  tun.  Sagen  wir
dagegen  unseren  Berg  als  das  „kegelförmige  System  seiner  Hänge“
aus,  dann  ist  die  Zusammenfassung  der  Hänge  nicht  von  außen  an  sie;
herangebracht,  sie  ist  in  ihren  eigenen  Beziehungen  angelegt.  Hier
tritt  uns  nun  jenes  eigentümliche  Verhältnis  zwischen  dem  Ganzen
und  seinen  Teilen  entgegen,  das  dem  Inbegriff  fehlt:  bei
letzterem  dürfte  man  nur  von  der  Gesamtheit  und  ihren  Bestandteilen
sprechen  —  wenn  sich  unsere  Sprache  an  so  subtile  Dinge  kehren
würde  I  Als  das  „kegelförmige  System  seiner  Hänge“  repräsentiert
unser  Berg  deshalb  ein  richtiges  Ganzes,  weil  er  die  umschließende ­
  Vielheit  darstellt,  die  sich  den  umschlossenen
Einzelnen  gegenüber  vor  unserem  Denken  als  Einheit
zur  Geltung  bringt.  So  ungefähr  ließe  sich  für  unsere  Zwecke
das  vielerörterte  Verhältnis  ausdrücken,  wie  das  Ganze  jene  Teile  „trägt“,
        <pb n="492" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  B.

471

von  denen  es  doch  selber  „getragen“  wird.  Damit  tritt  dann  der
Gegensatz  zum  numerischen  Inbegriff,  zur  bloßen  Summe,  klar
hervor,  weil  man  von  einer  Summe  gerade  daraufhin  spricht,  daß  sich
umgekehrt  die  umschlossenen  Einzelnen  der  umschließenden  Vielheit
gegenüber  als  Einheiten  zur  Geltung  bringen.  Die  besondere
Art  aber,  wie  sich  die  umschließende  Vielheit  als  Einheit  zur  Geltung
bringt,  macht  das  Wesen  des  Aufbaues  eines  Kollektivums  aus;
um  sie  dreht  sich  alle  Strukturbestimmung.  Die  Urteile  über  das
Gefüge  zählen  nicht  etwa  bloß  die  Teile  auf,  sie  suchen  dieses
zentrale  Verhältnis,  das  Verhältnis  des  Ganzen  zu  seinen  Teilen,
aufzuklären.  In  unserem  schlichten  Beispiele  hat  es  in  dieser  Hinsicht
genügt,  die  uns  allen  geläufige  Vorstellung  des  „Kegels“  heraufzubeschwören ­
  ,  im  Sinne  eines  spezifischen  Flächenkontinuums,  das  sich
den  umschlossenen  Flächen  gegenüber  als  Einheit  zur  Geltung  bringt.
In  anderen  Fällen  mag  es  weit  schwieriger  sein,  den  Gedanken  jener
zugleich  tragenden  und  getragenen  Einheit  ins  rechte  Licht  zu  setzen.
Jedenfalls  stellt  immer  ein  Kollektivbegriff  den  „formenden
Gedanken  jener  Einheit  bei;  und  indem  sie  auf  diesen  gemeinsam
Bezug  nehmen,  machen  uns  die  Urteile  über  die  Struktur  das  Konkretum ­
  als  das  Ganze  seiner  Teile  verständlich.
Es  ist  aber  keineswegs  ein  Zufall,  wenn  wir  uns  den  Berg  in  jener
Weise  als  ein  räumliches  Kollektivum  zurechtlegen.  Dies  gilt  auch
dann,  sobald  wir  den  Berg  als  eine  geognostische,  oder  eine  geogenetische,
  oder  eine  agronomische  Einheit  zu  erfassen  suchen.  Dieser
Wechsel  in  der  Strukturauffassung,  dessen  Sinn  erst  später  erhellen  soll,
ändert  daran  nichts,  daß  der  Berg  jedesmal  auf  räumliche  Beziehungen ­
  hin  als  das  Ganze  seiner  Teile  erscheint;  das  eine  Mal  als
ein  Ganzes  von  Flächen,  dann  wieder  als  ein  Ganzes  körperlicher
Schichten.  Allerdings  werden  auch  noch  andersgeartete  Beziehungen ­
  in  Rücksicht  gezogen,  um  das  Kollektivum  schärfer  herauszuarbeiten. ­
  Wenn  es  uns  ganz  selbstverständlich  dünkt,  daß  ein  solches
»kegelförmiges  System“  nicht  mit  seiner  Spitze,  sondern  mit  seiner
Basis  der  Erdoberfläche  eingeordnet  ist,  so  spricht  dies  bloß  für  die
Geläufigkeit  der  „naturgesetzlichen“  Beziehungen,  auf  die  sich  die
Kegelform  des  Berges  zurückführen  läßt:  die  Wirkung  der  Schwerkraft,
auf  die  Steinmasse  sowohl  als  auf  das  niederrieselnde  Wasser.  Oder
denken  wir  daran,  unter  welchen  Umständen  sich  unser  Berg  als  eine
agronomische  Einheit  erfassen  läßt:  sobald  er  nämlich  seine  Oberfläche ­
  als  einen  geschlossenen  Bezirk  spezifischer  „Böden“  aus  seiner
Umgebung  heraushebt.  Da  wäre  zunächst  etwa  ein  äußerer  Ring,  zu
dem  sich  ein  Streifen  Weinbergslagen  mit  einem  —  an  der  „Winter ­
        <pb n="493" />
        47  2

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

seite“  gelegenen  —  Streifen  minderen  Ackerlandes  schließt;  dann  ein
ringförmiger  Streifen  Waldboden,  bis  endlich,  um  die  Spitze  herum,
ein  Bereich  von  Ödland  den  Mittelraum  ausfüllt.  Nun  begreifen  wir
es  zweifellos  aus  „naturgesetzlichen“  Beziehungen,  weshalb  es
unter  den  gegebenen  Verhältnissen  zu  dieser  Anordnung  kommen
muß.  Auch  ist  es  klar,  daß  uns  diese  agronomische  Einheit  nicht
bloß  geometrisch,  als  System  konzentrischer  Ringe,  nahe  gelegt  wird,
sondern  auch  dadurch,  daß  alle  diese  spezifischen  Böden  einheitlich
aus  der  Kegelform  der  Bergoberfläche  heraus  bedungen  sind.  Wir
sind  also  imstande,  die  eine  Strukturauffassung  aus  der  anderen  „kausal“
abzuleiten.  Weil  aber  das  Kollektivum  selber  schließlich  doch  als  ein
räumliches  erfaßt  ist,  so  hat  dies  alles  nur  die  Bedeutung  einer
kausalen  Interpretation  der  Zusammenfassung.  Diese
Zusammenfassung  selber  jedoch  geht  den  Weg,  der  für  das  idiographische
  Denken  in  unserem  Beispiele  der  charakteristische  ist,  denn
sie  erfolgt  auf  räumliche  Beziehungen  hin,  die  von  den  räumlichen ­
  Zusammenhängen  abgehoben  sind.
So  gilt  es  auch  für  den  Teil  jener  „naturgesetzlichen“  Beziehungen,
daß  sich  das  idiographische  Denken  die  Ergebnisse  des  nomothetischen
nutzbar  macht.  Und  so  ist  ihm  gerade  auch  der  Kollektivbegriff,
der  zur  Zusammenfassung  anleitet,  bloß  ein  Mittel  zum  Zweck.
Es  handelt  sich  weder  um  eine  bloße  „Unterordnung“  unter  den
Kollektivbegriff  „Kegel“,  noch  um  eine  bloße  „Exemplifizierung“  desselben ­
  durch  unseren  Berg.  Das  idiographische  Denken  erstrebt  ausdrücklich ­
  den  Einschluß  des  Konkretums  in  den  räumlichen  Allzusammenhang, ­
  oder  sagen  wir,  seine  Auflösung  in  dem  letzteren.
Wir  suchen  uns  bei  der  Strukturbestimmung  klar  zu  werden,
wie  hier  ein  Konkretum  dadurch  vorliegt,  daß  sich  auf  der  Grundlage ­
  des  räumlichen  Zusammenhängens  ein  Kollektivum ­
  erfassen  läßt.  Das  Ergebnis  der  Strukturbestimmung
gipfelt  also  in  einem  Teilaufschluß  über  die  Struktur  des
räumlichen  Allzusammenhanges.  So  ist  mit  der  bloßen
Strukturbestimmung  offenbar  nur  etwas  geleistet,  das  noch  über  sich
hinausweist  1
Die  Formel  für  die  abschließende  Arbeit,  soweit  sie  für  ein
einzelnes  Konkretum  zu  leisten  wäre,  ist  uns  bekannt;  es  gilt,
Struktur  und  Konstellation  aufeinander  zu  beziehen.
Wir  wissen  aber  jetzt,  was  eine  Strukturbestimmung  immer  noch  von
einer  Konstellationsbestimmung  getrennt  hält  und  es  also  verhindert,
beide  so  in  eins  zu  ziehen,  wie  dies  mit  den  früher  erwähnten  Lagebestimmungen ­
  ohne  weiteres  möglich  war.  Im  Gegensatz  zur  Struktur-
        <pb n="494" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  B.

473

bestimmung  fußt  eben  auch  die  Konstellationsbestimmung
auf  dem  Ge  ner  eil-All  ge  m  e  inen.  Nur  mittelbar,  soweit  sie
nämlich  an  eine  Auswahl  gebunden  ist,  und  diese  Auswahl  den  Weg
einer  Kollektivation  geht,  kommt  auch  bei  der  Konstellation  as
Kollektiv-Allgemeine  zur  Geltung;  so  z.  B.,  wenn  unser  Berg  zu  einem
„Höhenzug“,  zu  einem  „Gebirge“,  zu  einem  ganzen  „Gebirgssystem
in  ein  eindeutiges  Verhältnis  gesetzt  wird.  Dies  ändert  aber  nichts
an  dem  trennenden  Gegensatz  zwischen  diesen  beiden  Arten  der  estimmung.
  Erst  dann  also  erhalten  sie  wahrhaft  Bezug  aufeinander,
sobald  sich  der  Geist  der  Strukturbestimmung  auch  der
Konstellationsbestimmung  mitteilt;  wodurch  die  letztere
dann  mit  der  ersteren  gleichsam  verschmilzt.  ie  is  ies
Seiner  Konstellation  nach  kann  uns  das  Konkretum  freilich
nie  als  das  Ganze  seiner  Teile  verständlich  werden.  Aber  wir  können
es  als  Teil  eines  höheren  Ganzen  zu  verstehen  suchen
Dann  hat  sich  die  Bestimmung  der  Konstellation  mit  dem  Geiste  der
Strukturbestimmung  erfüllt,  beide  haben  Bezug  aufeinanderer  ,
sie  können  miteinander  zu  einem  Dritten  verschmelzen.
Nun  ist  aber  jener  Bedingung  in  der  Konstellationsbestimmung  stets
vorgearbeitet;  um  vollständig  zu  sein,  muß  sie  Kollektiven
nennen,  über  die  hinweg  das  Konkretum  zum  Allzusammenhang  ins
eindeutige  Verhältnis  gesetzt  wird,  und  mit  jedem  dieser  Kollektiven
hegt  ein  höheres  Ganzes  vor.  So  nimmt  unser  Beispiel  drei  und
steigend  deutlichere  Kollektivbegriffe  in  Dienst:  den  Hohenzug,  das
Gebirge,  das  Gebirgssystem.  Nennen  wir  nun  ein  solches  Kollektivum
das  ein  singuläres  Ganzes  vorstellt,  weil  es  auf . der  J^  ; ne r
des  Allzusammenhanges  erfaßt  ist  und  in  dessen  Gefüge  kraft  seiner
Eigenlage  unverwechselbar  verharrt,  ein  System,  ^**™*°*\™
einen  singulären  Teil  dieses  singulären  Ganzen  als  G  ie  ,
jene  Verschmelzung  dahinaus,  daß  wir  das  Konkretum
so  erfassen,  wie  es  für  sich  System  ist  »»de  me.  zugleich ­
  Glied  eines  höheren  Systems  ist.  So  ergibt  sich
schließlich  als  der  sachliche  Gehalt  der  Forme  ,  Struktur  und
Konstellation  aufeinander  zu  beziehen,  daß  es  darauf  ankommt  das
Konkretum  auf  der  Grundlage  des  Allzusammenhangs
als  System  im  System  zu  erfassen.
Dieses  Verschmelzen  von  Struktur  und  Konstellation  ist  uns  gerade
in  geographischen  Dingen  außerordentlich  geläufig  Das  Urteil.
«Der  Berg  liegt  isoliert  in  der  Verlängerung  des  Hohenzuges  A
wandelt  sich  uns  ganz  ungezwungen  zu  der  Aussage.  „  er  erg
ein  isolierter  Ausläufer  des  Höhenzuges  A  .  n  oc  is  von
        <pb n="495" />
        474

,Zur  sozialwissenschaftlicben  Begriffsbildung“,

dort  nach  hier  schon  der  entscheidende  Umschwung  eingetreten!  Im
ersteren  Urteile  ist  der  Höhenzug  A  rein  nur  als  eine  Richtlinie  aufgefaßt, ­
  in  deren  Verlängerung  unser  Berg  nicht  anders  liegt,  als  etwa
ein  Abgrund,  oder  eine  Ortschaft,  oder  was  immer  liegen  könnte.
Soweit  ist  es  eitel  Konstellation.  Dagegen  könnte  der  Abgrund
oder  die  Ortschaft  niemals  als  ein  „Ausläufer“  des  Höhenzuges  erfaßt
werden.  Darin  verrät  es  sich,  daß  bei  der  zweiten  Aussage  schon  die
Struktur  entscheidend  mitspricht!  Dann  ist  der  Höhenzug  schon
als  ein  System  von  Hängen,  Steigungen,  Spitzen  und  Sätteln  gedacht,
die  sich  in  kleinerem  Kreise  je  als  „Höhe“  oder  „Berg“  zur  Einheit
ausgleichen.  Und  diesem  umfassenderen  System  ist  nun  unser
Konkretum  ausdrücklich  wieder  als  ein  System  von  Hängen  eingeordnet. ­
  Als  „Ausläufer“  ist  daher  unser  Berg  offenbar  schon  als
System  im  System  erfaßt,  freilich  im  allerprimitivsten  Sinne.  Ihn  als
einen  „isolierten  Ausläufer  des  Höhenzuges  A“  zu  kennzeichnen,  ist
weder  arthafte,  noch  Lagenbestimmung,  weder  Struktur-  noch  Konstellationsbestimmung, ­
  es  ist  bereits  eine  Fortbildung  und  Synthese ­
  von  allen  vier  Bestimmungsweisen!
Aussagen  dieser  Art,  die  unverkennbar  schon  etwas  Abschließendes ­
  an  sich  tragen,  liegen  auch  dann  vor,  wenn  man
unseren  Berg  als  „Krönung  des  Plateaus  von  Dingskirchen“
kennzeichnet  oder  von  dem  „Hauptstock  des  Y-Gebirges“  spricht;  es
wird  auch  dann  jedesmal  ein  System  einem  höheren  System  so  eingeordnet, ­
  daß  man  zugleich  über  den  Modus  der  Einordnung  im
klaren  ist.  Diesen  Aussagen  unterliegt  klar  ersichtlich  eine  dritte
Form  des  Allgemeinen.  Da  handelt  es  sich  nicht  schlechthin
um  die  Verwechselbarkeit  unbestimmt  vieler  Einzelnen,  wie  beim
Generell-Allgemeinen;  auch  nicht  um  die  Verwechselbarkeit  unbestimmt ­
  vieler  Vielheiten,  nach  ihrer  Relation  auf  die  umschlossenen
Einzelnen,  wie  beim  Kollektiv-Allgemeinen.  Dieses  dritte  Allgemeine
liegt  vielmehr  damit  vor,  daß  eine  unbestimmte  Vielzahl  von  Einzelnen ­
  untereinander  verwechselbar  ist,  und  zwar  gemäß  der
Relation  dieser  Einzelnen  auf  die  umschließenden
Vielheiten.  Das  Gemeinsame,  das  allein  von  diesen  Einzelnen
gedanklich  abgehoben  erscheint,  ist  ihre  Eigenschaft  als  Glieder
höherer  Einheiten:  „Ausläufer“!  Diese  ihre  Gliedeigenschaft  begreift
einerseits  den  Dienst  in  sich,  den  diese  Einzelnen  als  Glieder  im
Gefüge  der  höheren  Einheiten  leisten;  auf  der  anderen  Seite  aber  die
Abhängigkeit  vom  Ganzen,  die  sich  mit  dem  Begriff  eines  bloßen
Teiles  stets  verknüpft.  Jenen  Dienst  und  diese  Abhängigkeit  faßt  nun  am
besten  der  Ausdruck  „Funktion“  in  ein  einziges  Wort.  Verwechselbar
        <pb n="496" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  B.

475

sind  also  im  Rahmen  jenes  Allgemeinen  die  Einzelnen  gemäß  ihrer
Funktion.  Man  darf  vom  Funktionell-Allgemeinen
sprechen,  dem  als  nomothetische  Denkform  der  Funktionalbegriff
entspricht,  der  sich,  als  die  dritte  Variation  des  Allgemeinbegriffes,
neben  Art-  und  Kollektivbegriff  stellt.  Wir  dürfen  somit  die
Eigenart  jener  Aussagen  logisch  darin  kennzeichnen,  daß  sie  mit
dem  Funktionalbegriff  arbeiten;  „Ausläufer“,  „Krönung“,
„Hauptstock“  sind  die  uns  absehbaren  Beispiele  dieses  Begriffes,
durchaus  schlichtester  Art.
Jeder  Funktionalbegriff  legt  eine  stille  Berufung  auf  jenen
Kollektivbegriff  ein,  den  er  in  einer  Einzeih  eit  des  vielgestaltigen
Verhältnisses  zwischen  dem  Ganzen  und  seinen  Teilen  erläutert;
so  hält  es  der  Begriff  „Ausläufer“  mit  dem  Kollektivbegriff  „Höhenzug“,
als  dem,  das  mit  irgend  einem  seiner  Teile  „ausläuft“.  Dieses
Wechselspiel  zwischen  Kollektiv-  und  Funktionalbegriff ­
  antwortet  in  spezifischer  Weise  dem  Charakter  des  idiographischen
  Denkens.  Dieses  lehrt  uns  überall  aus  dem
Ganzen  das  Einzelne  so  verstehen,  daß  wir  im  Einzelnen ­
  auch  schon  das  Ganze  ermessen.  Es  vermittelt
stets  „organische“  Auffassung  in  jenem  tiefen  Kantischen  Sinne,  daß
wir  einsehen,  wie  Alles  um  Eines,  und  jedes  Einzelne  um  Aller  willen
da  scheint.
Da  jene  abschließenden  Aussagen  eine  Fortbildung  und  Synthese
aller  vier  Bestimmungsweisen  bedeuten,  erscheint  mit  ihnen  je  eine
Anzahl  der  verschiedenartigsten  Bestimmungen  zu  begrifflicher
Einheit  ausgeglichen.  Bestimmungen,  die  zu  einem  Teil  die
Eigenart,  zum  anderen  die  Eigenlage  konstituieren  helfen,  streben  jetzt
nicht  mehr  auseinander.  Sie  reflektieren  jetzt  nicht  mehr  bloß  auf
das  nämliche  Konkretum,  sondern  auch  ein  innerer,  ein  Bezug
dieser  Urteilsinhalte  aufeinander,  war  vorhanden  und  hat  sich
durchgesetzt.  Ohne  Zweifel  realisieren  also  jene  Aussagen  schon
die  logische  Ausgestaltung  des  Sonderbegriffes!  Sie  bauen  bereits  an
dem  Inhalte  des  idiographischen  Begriffes  höherer  Stufe,  des  Vollbegriffes.
  Um  diesen  richtig  zu  verstehen  und  danach  auch  zu
benennen,  fragen  wir  nach  der  logischen  Leistung,  die  ihm
spezifisch  ist.
Für  den  Sonderbegriff  sahen  wir  diese  Leistung  darin,  daß  er  uns
e in  Einzelnes  der  Wirklichkeit  auch  im  Denken  unverwechselbar
m acht.  Er  singularisiert  das  Konkretum.  So  muß  sich  die
logische  Leistung  des  Vollbegriffes  in  analoger  Weise  in  dem
Charakter  spiegeln,  den  er  erst  noch  dem  Singulären  beizulegen
        <pb n="497" />
        476

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

weiß.  Was  könnte  nun  dieser  Charakter  sein?  Die  absolute  Unwiederholbarkeit ­
  nicht;  sie  wohnt  dem  Singulären  schon  als
solchem  inne.  Sie  selber  könnte  auch  nicht  überboten  werden;  wohl
aber  jene  empirische  Unersetzlichkeit,  die  sich  der  Eigenart
des  Dinges  verknüpft.  So  kann  es  sich  nur  um  eine  Unersetzlichkeit ­
  handeln,  die  jene  absolute  UnWiederholbarkeit  in
sich  schließt  und  in  diesem  Sinne  als  eine  allgemeingültige
erscheint.  Folgen  wir  dieser  Spur.
Allgemeingültig  singulär  ist  das  Konkretum  auf  Grund  seiner
Relation  zum  Allzusammenhang.  Bloß  in  der  gleichen
Relation  kann  es  in  einer  allgemeingültigen  Weise  auch  unersetzlich ­
  sein.  Nun  hält  der  Inhalt  des  Vollbegriffes,  wie  ihn  jene
abschließenden  Aussagen  bilden,  eine  Relation  zum  Allzusammenhang
tatsächlich  aufrecht.  Wir  ersahen  bereits  den  Sinn  der  Strukturbestimmung ­
  darin,  daß  sie  einen  Teilaufschluß  über  die  Struktur
des  Allzusammenhanges  bietet.  In  einem  noch  tieferen  Sinne  gilt  dies
für  jene  Aussagen,  in  denen  Struktur  und  Konstellation  schon  miteinander ­
  verschmolzen  sind.  Als  System  im  System  wird  das  Konkretum
zwar  immer  nur  gegenüber  Kollektiven  erfaßt,  die  aus  dem  Allzusammenhange
  gleichsam  ausgetrennt  werden.  Prinzipiell  aber
gelten  uns  auch  diese  Kollektiven  als  Glieder  des  Allzusammenhanges, ­
  die  an  seinem  Aufbau  tätig  sind.  Im  Prinzip
also  würdigen  jene  Aussagen  das  Konkretum  dennoch  als  ein
Element  für  den  Aufbau  des  Allzusammenhanges;  und
zwar  als  ein  unentbehrliches  Element,  weil  es  ja  nach  Maßgabe
seiner  Eigenlage,  als  etwas  Singuläres,  als  das  absolut  Unwiederholbare,
am  Allzusammenhange  baut.  Auch  kommt  es  für  seine  Mitarbeit  am
Aufbau  ausdrücklich  als  System  in  Betracht,  also  im  wesentlichsten
Sinne  als  ein  Ganzes.  Im  Rahmen  der  Mission,  die  dem  Konkretum
innerhalb  des  Allzusammenhanges  zufällt,  ist  daher  seine  Ganzheit
nicht  etwas,  das  rein  tatsächlich  als  seine  Ungeteiltheit  vorliegt, ­
  wie  es  schließlich  für  jegliches  Ding  schon  als  solches  gilt.  Die
Ganzheit  ist  hier  das  Prinzipielle;  sie  ruht,  sofern  man  das  Ding
nach  jener  Mission  würdigen  will,  im  Wesen  der  Sache  beschlossen,
im  Sinne  einer  Unteilbarkeit  des  Dinges.  So  ist  es  sachlich  und
sprachlich  richtig  zu  sagen,  daß  wir  mit  jenen  Aussagen,  in  denen
das  idiographische  Denken  sein  Bestes  leistet,  die  Individualität
der  Dinge  erfassen!  Das  ist  keine  bloße  Modalität,  gleich  der  Eigenlage; ­
  aber  es  ist  auch  weitaus  mehr  als  die  rein  empirische  Eigenart.
Die  Individualität  des  Dinges  hebt  gleichsam  seine
Eigenlage  und  seine  Eigenart  restlos  in  sich  auf.  Mit
        <pb n="498" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  B.

477

ihr  erschließt  sich  uns  eine  Eigenwürde  des  Dinges;  wir  sprechen  sie
dem  Dinge  daraufhin  zu,  daß  uns  das  Ding,  als  unteilbares  Ganzes,
als  ein  unentbehrliches  Element  im  Aufbau  des  Allzusammenhanges ­
  gilt.  Die  so  verstandene  und  erfaßte  Individualität
des  Dinges  hat  aber  offenbar  den  Sinn  einer  allgemeingültigen
Unersetzlichkeit;  denn  wir  erfassen  mit  ihr,  wie  sich  die  Struktur
des  Einzelnen  mit  der  Struktur  des  Allzusammenhanges  wechselweise ­
  bedingt.  Dies  ist  der  Charakter,  der  dem  Singulären  erst
noch  zu  fällt.  Das  Singuläre  also  zu  individualisieren,
das  will  sagen,  das  Einzelne  aus  dem  Gesichtspunkte
einer  Erkenntnis  des  umfassenden  Ganzen  als  das
Besondere  zu  würdigen,  das  erscheint  als  die  logische
Leistung  des  Vollbegriffs.  Dieses  reifere  Ergebnis  des  idiographischen
  Denkens  muß  daher  als  Individualbegriff  bezeichnet
werden.
Nun  kann  aber  unser  Berg  sowohl  als  „isolierter  Ausläufer  des
Höhenzuges  A“  wie  auch  als  „Krönung  des  Plateaus  von  Dingskirchen
idiographisch  charakterisiert  werden.  Ergibt  dies  nun  zwei  gesonderte
Individualbegriffe  vom  X - Berg,  oder  sind  dies  Teilinhalte  eines  einzigen?
Offenbar  ist  es  ein  starres  Prinzip,  daß  von  Einem  Singulären,  von
Einem  Träger  einer  Eigenlage,  auch  nur  Ein  Individualbegriff
denkbar  ist.  Ebenso  offenkundig  ist  aber  keine  Grenze  dem  Beginnen
gezogen,  Struktur  und  Konstellation  so  aufeinander  zu  beziehen,  um
das  Konkretum  als  System  im  System  zu  erfassen.  Droht  also  nicht
die  Gefahr,  daß  dieser  Individualbegriff  bis  ins  Formlose  anschwillt?
Diesem  Bedenken  darf  man  ruhig  die  These  entgegensetzen,  daß  es
dem  Individualbegriff  tatsächlich  im  Wesen  liegt,  nie  fertig  zu
werden:  seinem  eigenen  Ausbau  ist  keine  Obergrenze
gezogenl  Suchen  wir  uns  über  die  Konsequenzen  dieser  so
Befremdlichen  Tatsache  zu  beruhigen.
Schon  in  diesem  Zusammenhänge  werden  wir  zur  Frage  gedrängt,
°b  nicht  auch  der  Individualbegriff  als  ein  dienendes  Glied  im
Ganzen  der  idiographischen  Erkenntnis  aufzufassen  wäre;  die  Antwort
tf ägt  erst  das  nächste  Kapitel  nach.  Im  Prinzipe  aber  ist  der
individualbegriff  sich  selber  ungleich  mehr  Selbstzweck  als  jeder,
auc h  der  höchst  ausgereifte  Allgemeinbegriff  1  Wenn  auch  alle
Begriffsbildung  nur  den  Sinn  hat,  die  unendliche  Mannigfaltigkeit  des
Wirklichen  gedanklich  zu  überwinden,  so  gebärdet  sich  darin  der
biographische  Begriff  doch  ganz  anders  wie  der  nomothetische.
Ein  Allgemeinbegriff  von  unendlich  vielen  Merkmalen  wäre  ein
Widerspruch  in  sich,  weil  er  seinem  Wesen  nach  ein  Werkzeug
        <pb n="499" />
        473

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung 11 ,

unseres  beschränkten  Intellektes  sein  soll,  und  daher,  sofern  er  selber
die  Schranken  überschreitet,  sich  selbst  verneint.  Werkzeug  aber  soll  er
in  dem  Sinne  sein,  daß  er  uns  in  seiner  möglichst  umfassenden  Anwendung ­
  die  Wirklichkeit  geistig  zu  beherrschen  hilft;  ob  man  diese
Anwendung  nun  als  „Erklärung“,  oder  als  „einfachste  Form  der  Beschreibung“ ­
  deuten  mag.  Der  Individualbegriff  dagegen  ist  nie  in
diesem  Sinne  ein  bloßes  Werkzeug  weiterer  Gedankenarbeit;  wir
werden  sehen,  daß  von  ihm  das  idiographische  Erkennen,  als  Ganzes
betrachtet,  niemals  Anwendung  machen  kann,  ohne  ihn  nicht
selber  wieder  zu  vertiefen!  Alle  Gedankenarbeit  seiner  Anwendung ­
  mündet  wieder  in  ihn  selber  aus,  weil  er  für  sich  selbst
schon  gleichsam  den  Weg  versinnlicht,  den  unser  Denken  in
die  Wirklichkeit  hinein  zu  finden  weiß.  Das  „Geradeda-sein“
  und  das  „Gerade-so-sein“,  die  „brutale  Gegebenheit“  des
Wirklichen,  sie  bringt  der  Individualbegriff  soweit  in  Einklang  mit  der
„diskursiven“  Natur  unseres  Erkennens,  wie  dies  eben  noch  möglich
ist.  Jedenfalls  braucht  er  nicht  zugunsten  seiner  Anwendung  möglichst
einfach  zu  sein,  weil  ihn  eben  diese  Anwendung  doch  wieder
kompliziert;  und  auch  komplizieren  darf,  weil  er  selbst  schon  am
letzten  Auslauf  des  Erkenntnisstrebens  liegt,  das  sich  des
Besonderen  der  Dinge  annimmt.  Es  ist  daher  auch  gar  nicht  notwendig, ­
  daß  der  Individualbegriff  einer  Definition  zugänglich  wäre.
Jede  Definition  desselben  würde  uns  unter  den  Händen  weiterwachsen ­
  und  sich  damit  selber  aufheben.  Dem  Äußeren  nach  mag
also  sein  Inhalt,  und  den  bilden  jene  abschließenden  Aussagen,  von
lockerstem  Gefüge  sein,  seine  Einheit  leidet  darunter  doch  nicht.
Während  der  Allgemeinbegriff  stets  nach  der  gedrungenen  Gestalt
einer  Formel  strebt  —  sei  es  in  mathematischer  Reinheit,  wie  bei
den  „Naturgesetzen“,  sei  es  mehr  in  symbolischer  Gestalt,  wie  in  der
Chemie,  oder,  noch  deutlicher  klassifikatorisch,  in  Gestalt  einer
„Zahnformel“,  einer  „Blütenformel“  —  kann  sich  der  Inhalt  des
Individualbegriffes  sozusagen  über  ein  ganzes  Buch  hindehnen.
Und  es  bleibt  doch  Ein  Begriff,  nicht  bloß  deshalb,  weil  alle  Teilinhalte
  einträchtig  auf  das  nämliche  Konkretum  reflektieren.  Die
Einheit  des  so  weithin  Verstreuten  ist  auch  als  eine  innere  da.
Darüber  einige  Worte.
Zwei  arthafte  Bestimmungen,  als  Teilinhalte  eines  Artbegriffes, ­
  z.  B.  „Berg  aus  Kalk“  und  „zerklüfteter  Berg“,  weisen
sich  als  zusammenhängende  aus,  sobald  sie  sich  über  das  Mittelglied ­
  eines  höheren  Artbegriffes  hinweg  verbinden  lassen.  Hier
wäre  es  der  Begriff  der  „Verwitterung“,  der  sich  auf  „Kalk“,  „Granit“,
        <pb n="500" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  I,  B.

479

„Sandstein“  usw.  anwenden  läßt,  in  der  Relation  auf  „Kalk“  aber  auf
die  „zerklüftete“  Beschaffenheit  führt.  Dem  idiographischen
Denken  ist  es  eigen,  daß  diese  Rolle  des  Verbindenden  nicht  eine
höhere  Art,  sondern  ein  höheres  Ganzes  spielt.  Wie  sich  unser
Berg  zugleich  als  „Ausläufer“  und  als  „Krönung“  charakterisieren
läßt,  wird  uns  sofort  aus  der  Struktur  des  Y-Gebirges
klar:  das  Plateau,  das  unser  Berg  „krönt“,  wird  dem  Gebirge  eben  mit
jenem  Höhenzug  A  eingegliedert,  der  in  unserem  Berge  „ausläuft“.
Umgekehrt  aber,  sobald  unser  Berg  in  jener  doppelten  Weise
charakterisiert  wird,  also  sein  Individualbegriff  schon  beide  Teilinhalte
umfaßt,  dann  leistet  dieser  um  so  besser  seinen  logischen  Dienst:
um  so  besser  läßt  er  uns  in  dem  Einzelnen,  kraft  dessen  Charakteristik,
schon  das  umschließende  Ganze  durchblicken!  Soviel
ist  also  sicher,  die  beiden  Teilinhalte  des  Individualbegriffes  stehen
nicht  bezuglos  nebeneinander;  sie  verschmelzen  unter  sich  wieder  zu
einem  Gesamtcharakter.  Diesen  Ausbau  des  Individualbegriffes,
i  m  W  ege  des  Einbezuges  neuer  Charakteristik,  die
mit  der  bereits  vorliegenden  verschmilzt,  will  ich  an
unserem  Beispiele  noch  für  einen  kleinen  weiteren  Schritt  beleuchten.
Unter  einer  „Wasserscheide“  stellen  wir  uns  eine  Linie  vor,  von
der  aus  nach  rechts  und  links  die  Wässer  anderen  Flüssen  oder
Meeren  Zuströmen.  Im  Grunde  handelt  es  sich  auch  hier  um  Systeme
der  Bodengestaltung,  um  die  Scheidung  von  zwei  Systemen  je  gleichsinniger ­
  Abdachung.  Hüben  und  drüben  fügen  sich  benachbarte
Flächen  verschiedenen  Gefälles  dadurch  in  eins,  daß  ihr  stetiger  Abfall ­
  an  derselben  Grundlinie  zur  Ruhe  gelangt:  z.  B.  an  einer  Meeresküste. ­
  Die  Feststellung  solcher  Systeme  nimmt  uns  in  der  einfachsten
Weise  die  Natur  ab,  eben  durch  die  Laufrichtung,  die  Mündungstendenz
der  ab  fließenden  Wässer.  Setzen  wir  nun  das  Verhältnis  unseres
Berges  zur  Laufrichtung  der  benachbarten  Gewässer  außer  Zweifel,  so
besagt  dies  noch  eine  Bestimmung  der  Konstellation.  Stellen  wir
aber  an  der  Hand  des  Funktionalbegriffes  „Wasserscheide“  fest,  daß
unser  Berg  „die  über  den  Höhenzug  A  hinlaufende  Wasserscheide  fortsetzt“, ­
  dann  ist  dies  nicht  mehr  bloße  Konstellationsbestimmung.  Es
Fegt  eine  Charakteristik,  das  heißt,  ein  Teilinhalt  des  Individualbegriffes ­
  vor;  denn  ausdrüklich  als  das  System  seiner
Hänge  fügt  sich  unser  Berg  zugleich  in  jene  beiden  Abdachungssysteme
ein &amp;gt;  die  „scheiden“  zu  helfen  seine  Funktion  ausmacht.  Weil  aber
diese  „Wasserscheide“  über  unseren  Berg  und  den  Höhenzug  A  veriäuft,
  beide  also  der  nämlichen  „hydrographischen“  Einheit  angehören,
so  vertieft  diese  Charakteristik  jene  frühere,  wonach  unser  Berg  ein
        <pb n="501" />
        480

,Zur  sozialwisseDschaftlichen  Begriffsbildung“,

„Ausläufer  des  Höhenzuges  A“  ist.  Wie  er  als  „Krönung  des  Plateaus“
einen  „Ausläufer  des  Höhenzuges  A“  bedeutet,  so  setzt  er  als  „Ausläufer“ ­
  jene,  über  den  Höhenzug  A  hinlaufende  „Wasserscheide“  fort.
Wir  bemerken,  wie  sich  diese  Teilinhalte  des  Individualbegriffes  gegenseitig ­
  stützen,  einander  förmlich  die  Begründung  sind.  Wir  sehen  zugleich, ­
  wie  uns  aus  solcher  Gesamtcharakteristik  des  Einzelnen
schon  der  Aufbau  des  höheren  Ganzen  klar  zu  werden  beginnt:
von  Höhenzug  und  Berg,  als  einheitliche  Kammlinie  gedacht,  senken
sich  über  das  Plateau  hinweg  die  beiden  Abdachungen  den  Grundlinien ­
  zu,  etwa  den  Rinnsalen  der  Flüsse  F  und  G,  mit  Rücksicht  auf
die  von  einer  Wasserscheide  gesprochen  wurde.  Zugleich  erhellt,  wie
auch  eine  einzelne  Bestimmung  im  Rahmen  solcher  Charakteristik
sofort  an  ihren  richtigen  Platz  gelangen  kann.  Angenommen,  unser
Berg  wäre  höher  als  der  Höhenzug  A,  so  kommt  auch  diese  Höhe
jetzt  daraufhin  in  Betracht,  daß  die  über  den  Höhenzug  hinlaufende
„Wasserscheide“  in  unserem  Berge  „kulminiert“.  Damit  erscheint
unser  Berg  selbst  als  die  „Kulmination“  jenes  ganzen  Systems  der
Abdachungen,  und  dies  in  seiner  Eigenschaft  als  ein  das  Plateau
„krönender“,  isolierter  „Ausläufer“  des  Höhenzuges.
In  solcher  Weise  könnten  wir,  ganz  ohne  Zweifel,  in  den  Individualbegriff ­
  des  X-Berges  hinein  auch  die  geognostischen,  die  geogenetischen,
die  agronomischen  und  weiß  Gott  welche  Verhältnisse  noch  verarbeiten. ­
  Stets  wird  da  zuerst  Struktur  und  Konstellation  verschmolzen,
und  die  neue  Charakteristik,  die  sich  hieraus  ergibt,  mit  der  bereits
gewonnenen  zu  einem  Gesamtcharakter  ausgeglichen.  Im  ganzen
macht  dies  den  Vorgang  der  Individuation  aus:  eine  spezifische
Urteilsverknüpfung,  bei  der  sich  das  idiographische
Denken  des  nomothetischen  so  bedient,  daß  es  im
Enderfolg  sich  selber  treu  bleibt.  Das  idiographische  Verfahren ­
  aber  erschöpft  dieser  Vorgang  noch  nicht  1

II.  Die  idiographische  Reihenbildung.
Die  Explikation.
Die  Individuation  ist  der  logische  Vorgang,  der  uns  Individuen
erfassen  läßt.  Das  Individuum  gehört  nicht  der  Wirklichkeit  selber  an,
die  als  solche  nicht  einmal  das  Singuläre  in  sich  schließt.  Die  Wirklichkeit ­
  baut  sich  immer  nur  aus  dem  Konkreten  auf,  sie  bringt  uns
anschaulich  das  Einzelne  entgegen.  Das  Einzige,  das  Singuläre  also,
und  erst  recht  das  Individuelle,  trägt  bloß  unser  Denken  in  die  Wirk'
        <pb n="502" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  II.

481

lichkeit  hinein.  Malen  wir  uns  nun  aus,  daß  wir  die  Wirklichkeit  gedanklich ­
  in  Individuen  aufgelöst  hätten:  wäre  unserer  Erkenntnis  damit ­
  gedient?  Eine  Gefahr,  daß  die  Welt  dabei  abermals  in  ein  Chaos
verwandelt  würde,  besteht  nur  scheinbar.  In  Wahrheit  ist  hier  von
Haus  aus  jener  Zusammenhang,  jene  Einheit  der  Ergebnisse  vorhanden, ­
  die  sich  dem  Begriff  der  Wissenschaft  verknüpft.  Dem
Individuum,  das  eitel  Zusammenhang  in  sich  verarbeitet,  ist  alle
Isolierung  fremd.  Es  hängen  alle  Ergebnisse  des  idiographischen
Denkens  untereinander  zusammen,  dem  Geiste  dieses  Denkens
gemäß,  das  im  Einzelnen  immer  schon  das  Ganze  zu  umfangen  sucht.
Dieses  Zusammenhängen  aller  Individualbegriffe  blieb  bisher  außer
Spiel;  der  methodische  Gang  der  Untersuchung  hat  es  so  verlangt  und
die  Anlehnung  an  unser  Beispiel  ließ  es  zu.  Dessen  Geläufigkeit  hat
uns  insgeheim  über  alle  Stellen  hinweggeholfen,  an  denen  die  Individuation ­
  noch  mit  einem  anderen  Vorgang  sich  bedingt:  eben  mit
dem  Vorgänge,  der  jenen  durchgängigen  Zusammenhang  der
Individualbegriffe  zur  Geltung  bringt.  Wir  werden  in  der  Tat
sehen,  daß  alle  Individuation  des  Einzelnen  wechselseitig  an
die  Explikation  des  umfassenden  Ganzen  gebunden  ist.
Wesen  und  Sinn  dieses  Vorganges  der  Explikation  soll  nun  wieder
an  unserem  Beispiele  beleuchtet  werden.  Die  Denkweise,  von  der
dieses  Beispiel  getragen  wird,  sein  ganzer  Vorstellungskreis  ist  uns  so
geläufig,  daß  wir  es  nach  Belieben  erweitern  können;  schließlich  bis
zu  einem  „Kosmos“  unserer  geographischen  Vorstellungen.  Es  legt
uns  dann  gleichsam  alle  restlichen  Probleme  als  gelöst  vor,  so  daß  wir
den  Gang  der  Lösung  analytisch  aus  ihm  herleiten  können.  Zunächst
sei  auf  diesem  Wege  gezeigt,  in  welch  schlichter  Art  alle  unsere  geographischen ­
  Vorstellungen  ihre  Einheit  im  räumlichen  Allzusammenhange
  finden.
Wie  erwähnt,  läßt  sich  unser  Berg  zum  Erdrund  in  eine  eindeutige
Beziehung  bringen,  auch  ohne  daß  man  seine  Position  erwähnt.  Wir
halten  uns  einfach  vor,  wie  der  Berg  auf  dem  Plateau  und  in  der  Verengerung ­
  des  Höhenzuges  liegt;  wie  ferner  diese  beiden  höheren
Einheiten  unter  die  noch  höhere  des  Y-Gebirges  fallen,  von  dem
ein  Gleiches  gegenüber  dem  Gebirgssystem  S  gilt;  wie  endlich
dieses  vom  Kontin  ente  P  umfangen  wird,  von  dem  aus  der  nächste
Schritt  in  dieser  Reihe  schon  zum  Erdrund  selber  führt.  Über  eine
solche  Reihe  hinweg,  in  der  System  auf  System  folgt,
hängt  aber  jedes  beliebige  Konkretum  mit  dem  Erdrund  zusammen,
üie  Staffeln  dieser  Reihen  werden  sehr  oft  die  gleichen  sein.  So  teilt
z -  B.  unser  Berg  seine  Reihe  mit  allen  Höhen,  die  der  Höhenzug  A
V '  ^*°ttl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  3*
        <pb n="503" />
        482

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

umfaßt;  mit  irgendeinem  anderen  Berge,  der  jedoch  selber  noch  dem
Y-Gebirge  angehört,  hat  er  wenigstens  von  letzterem  aufwärts  die
Reihe  gemein.  Zum  mindesten  aber  ist  es  der  Auslauf  im  Erdrund,
was  allen  Reihen  gemeinsam  ist,  so  daß  sie  insgesamt  in  radialer
Verbindung  stehen.  In  ihrer  Totalität  umspannen  diese  Reihen  alles,
was  überhaupt  an  geographischen  Individuen  erfaßbar  ist.  Soweit  man
also  hier  von  einem  großen  Ganzen  idiographischer  Ergebnisse  reden
darf,  stellen  jene  Reihen  den  durchgängigen  Zusammenhang
dieser  Ergebnisse  dar.  In  entscheidendem  Sinne  ist  dieser  Zusammenhang ­
  über  das  Erdrund  hinweg  geknüpft,  das  uns  irgendwie  —  dies
bleibt  auch  hier  noch  Problem  —  den  räumlichen  Allzusammenhang ­
  vertritt.  Auf  den  letzteren  gründen  also  in  solcher  Weise  alle
idiographischen  Ergebnisse  ihre  Einheit,  was  uns  im  Hinblick  auf  die
Natur  des  idiographischen  Denkens  völlig  plausibel  sein  muß.
Man  kann  hier  von  einer  Reihenbildung  sprechen,  ähnlich
gemeint,  wie  früher  die  Begriffsbildung;  nicht  also,  wie  diese  Reihen
im  tatsächlichen  Hergang  der  Forschung  gebildet  werden,
sondern  wie  sie  den  logischen  Verhältnissen  nach  gebildet  sind!
Soviel  ist  im  voraus  sicher,  daß  nicht  bloß  das  idiographische  Erkennen
diese  Reihenbildung  aufweist.  Es  ist  dies  ganz  im  allgemeinen
die  Form,  in  der  die  Ergebnisse  einer  und  derselben  Erkenntnisweise
unter  sich  Zusammenhängen.  Jede  Reihe  folgt  dabei  dem  inhaltlichen
Zusammenhang  der  Ergebnisse;  so  hängt  der  Begriff  „X-Berg“  seinem
Inhalte  nach  mit  den  Begriffen  „Plateau  von  D.“  und  „Höhenzug  A“
zusammen,  diese  ebenso  mit  dem  Begriffe  „Y-Gebirge“  usf.  Der
gleiche  Geist  des  Zusammenhanges  lebt  aber  auch  in  der  Reihenbildung
der  „systematischen“  Naturwissenschaften,  z.  B.  in  der  Systematik  des
Tierreiches;  und  so  auch  in  der  Reihenbildung  der  eigentlichen
„Gesetzeswissenschaften“.  Es  ist  ziemlich  durchsichtig,  daß  solche
Reihenbildungen  mit  der  „Ökonomie  unseres  Denkens“  zu  tun  haben,
die  eben  in  der  Idiographie  nicht  minder  als  beim  nomothetischen
Erkennen  gewahrt  wird.  Während  dies  somit  ohne  Belang  für  uns  ist,
fällt  ein  anderer  Umstand  für  die  Eigenart  des  idiographischen  Verfahrens ­
  mehr  in  Betracht.  Es  steht  nämlich  diese  Reihenbildung  in
enger  und  notwendiger  Verknüpfung  damit,  daß  die  Wirklichkeit
einseitig,  je  von  einem  bestimmten  Gesichtspunkt  aus  betrachtet ­
  wird.  So  entspricht  die  Reihe  in  unserem  Beispiele  dem
„orographischen“  Gesichtspunkte;  das  will  sagen,  wir  gebärden  uns
dabei  gerade  so,  als  ob  von  der  unendlichen  Mannigfaltigkeit  dessen,
was  die  Erdoberfläche  anschaulich  in  sich  schließt,  nur  die  Formgestaltungen ­
  für  uns  vorhanden  wären:  Meeresspiegel  und  Er-
        <pb n="504" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  II.

483

hebung  über  diesen,  Berg  und  Tal,  Hang  und  Spitze  und  dergleichen
mehr.  An  sich  ist  auch  diese  Einseitigkeit  der  Betrachtung
nichts,  was  zum  Besonderen  der  Idiographie  gehörte:  könnte  man  doch
jegliches  Denken,  das  überhaupt  ein  wissenschaftliches  sein  will,  als
ein  zielbewußt  einseitiges  kennzeichnen  1  Allein,  es  ist  ein  besonderes
Kennzeichen  des  idiographischen  Denkens,  daß  es  über  diese
Einseitigkeit  noch  hinauszufinden  sucht,  zurückstrebt  nach  der
vollen  Wirklichkeit,  in  jenem  bedingten  Sinn,  der  später  als  die
Synthese  der  Reihenbildungen  erläutert  wird.  Vorläufig
sehen  wir  uns  die  Reihe  in  unserem  Beispiele  darauf  an,  was  an  ihr
spezifisch  idiographisch  ist,  also  die  Richtung  auf  das  Besondere  auch
in  diesem  Belange  verrät.

Das  ist  nun  offenbar  das  logische  Band  der  Reihe,  die  Form
der  Abhängigkeit,  in  der  die  inhaltlich  zusammenhängenden  Ergebnisse ­
  in  dieser  Reihe  zueinander  stehen.  Da  folgt  nicht  auf  einen
Allgemeinbegriff  jedesmal  der  höhere;  also  nicht  etwa  auf  die  „Spezies
die  „Art“,  auf  diese  die  „Gattung“,  um  späterhin  mit  dem  „Reiche“
abzuschließen;  auch  nicht  auf  das  „Spezialgesetz“  das  universellere
»Gesetz“,  bis  endlich  ein  „letztes  Gesetz“  den  Abschluß  macht,  demgegenüber ­
  alle  qualitativen  Unterschiede  zu  bloßen  Größenbeziehungen
»letzter  Dinge“  vergeistigt  sind.  Es  folgen  sich  vielmehr  idiographische
  Begriffe,  je  ein  unverwechselbares  Ganzes  vertretend,
ein  System;  und  sie  folgen  sich  so,  daß  jedes  System  dem  nächsthöheren ­
  ebenso  ein  bloßes  Glied  bedeutet,  wie  ihm  selber  gegenüber
das  vorhergegangene  System  bloß  ein  Glied  war.  Mit  der  fortschreitenden ­
  Reihe  weitet  sich  also  nicht  der  Umfang  des  Begriffes,
sondern  des  Begriffenen:  das  anschauliche  Zusammenhängen ­
  der  Dinge  dehnt  sich  in  gedanklicher  Erfassung  weiter
und  weiter,  vom  Ganzen  je  zum  höheren,  d.  h.  umschließenden
Ganzen.  Am  letzten  Ende  steht  dann  nicht  der  umfassendste  Begriff,
sondern  der  Begriff  des  Umfassendsten:  des  Allzusammenhangs
der  Dinge,  der  uns  unter  Bezug  auf  alle  diese  idiographischen  Reihen
a ls  das  System  der  Systeme  erscheint.
Nebenbei  erhellt  hier,  daß  uns  der  Allzusammenhang  wohl  irgendwie
als  die  höchste  Einheit  gilt,  als  System  der  Systeme  aber  nicht  selber
uiehr  der  Individuation  zugänglich  ist.  Gerade  weil  er  im  prinzipiellen
S'nne  die  letzte  Bedingung  aller  Individuation  ist,  erscheint  er  selber
als  das  Überindividuelle  —  im  objektiven,  und  nicht  in  jenem
objektiven  Sinne  gemeint,  wie  man  etwa  von  „überindividuellen
Werten“  spricht,  unter  Bezug  auf  jenen  bevorzugten
r eis  der  Individuen,  die  uns  auf  der  Unterlage  der
31*

K
        <pb n="505" />
        4 8 4

„Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung 1

anschaulichsten  Einheit,  des  Ichs,  erfaßlich  sind!
Reicht  der  Allzusammenhang  über  die  Möglichkeit  der  Individuation
hinaus,  so  bleibt  Alles  unter  dieser  Möglichkeit,  was  zwar  i  m  System,,
aber  nicht  mehr  als  System  erfaßbar  ist;  in  vorbildlicher  Weise  gilt
dies  von  der  Vorstellung  des  „Atoms“.  Innerhalb  dieser  Extreme  ist
wenigstens  in  formaler  Hinsicht  die  Individuation  möglich,  ob  sie
außerdem  an  inhaltliche  Voraussetzungen  gebunden  ist,  steht  noch
dahin.  Vorläufig  handelt  es  sich  um  den  Sinn  jener  Reihenbildung,,
die  den  durchgängigen  Zusammenhang  aller  überhaupt  erfaßbaren
Individuen  darstellt.
Blickt  man  gleichsam  vom  Allzusammenhang  her  aul  die  Totalität
dieser  Reihenbildung,  dann  ergibt  sich  diese  als  eine  fortschreitende
Zergliederung,  als  eine  Entfaltung  des  Allzusammenhanges.  Erweitern ­
  wir  einfach  unser  Beispiel  auf  die  geläufige  Vorstellung,  wie
sich  das  Erdrund  in  Ozeane  und  Kontinente  zerteilt,  jeder  Kontinent
wieder  —  in  „orographischer“  Hinsicht  —  in  umfassende  Systeme  der
Bodengestaltung,  z.  B.  also  Gebirgssysteme,  diese  in  Gebirge,  so  daß
wir  schließlich  bis  zu  unserem  Berge  gelangen  könnten,  wie  zu  jedem
beliebigen  anderen  Konkretum.  Wir  sehen,  daß  hier  jedesmal  ein
System  nach  seinen  Teilsystemen  auseinandergelegt
wird.  Macht  nun  dieses  Auseinanderlegen  schon  den  Vorgang  der
Explikation  aus?
Legt  man  ein  System  dergestalt  nach  seinen  Teilsystemen  auseinander, ­
  so  geht  im  Grunde  nichts  vor,  als  daß  man  im  Angesichte
eines  Ganzen  alle  seine  Teile  aufzählt.  Aber  selbst  von  der  Strukturbestimmung, ­
  die  doch  nur  ein  Element  der  Individuation  ist,  war  zn
sagen,  daß  sie  mehr  als  die  bloße  Aufzählung  der  Teile  eines  Ganzen
sei.  Dies  muß  erst  recht  von  der  Explikation  gelten,  sofern  sie
der  Individuation  die  Wage  halten  soll.  Im  Wesen  der  Explikation
muß  sich  also  ein  tieferer  Sinn  der  Reihenbildung  bergen.  Es  geht
aber  die  Strukturbestimmung  so  über  das  bloße  Aufzählen  der  Teile
hinaus,  daß  sie  das  Verhältnis  der  Teile  zum  Ganzen  zu
erhellen  sucht;  wobei  uns  dieses  zentrale  Verhältnis  zugleich  über  jenes
der  Teile  untereinander  auf  klärt.  Allein  der  Aufbau  des  Ganzen
ist  hier  immer  nur  im  nomothetischen  Geiste  zur  Erkenntnis
gebracht.  Nun  lehnt  sich  zwar  auch  die  Explikation  an  das
Kollektiv-Allgemeine  an;  auch  ihr  wird  das  Verhältnis  der  Teile  untereinander ­
  und  zum  Ganzen  das  notwendige  Objekt  bleiben.  Der
wesentliche  Unterschied  liegt  aber  im  Hervorbrechen  der  idiographischen
  Tendenz  1  Nicht,  wie  überhaupt  die  Teile  das
Ganze  aufbauen,  sondern  wie  ihr  Verhältnis  untereinander  und  zum
        <pb n="506" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  II.

48  s
‘Ganzen  mit  der  unwiederholbaren  Art  zusammenhängt,  in  der  sie
Systeme  im  System,  also  Individuen  sind.  Das  System  wird  hier
nicht  einfach  in  seine  Teilsysteme  zerlegt,  es  erhellt  vielmehr,  wie
•sich  das  System  in  einer  unwiederholbaren  Art  aus
Teilsystemen  aufbaut,  die  gerade  daraufhin  als  Individuen
erfaßbar  sind,  daß  sie  in  einem  unwiederholbaren  Verhältnis  untereinander ­
  und  zum  Ganzen  stehen.  Dies  zu  zeigen,  macht  nun  den
Vorgang  der  Explikation  aus.  Man  expliziert  in  diesem
Sinne  ein  System,  indem  man  aus  ihm  heraus  seine
Glieder  individualisierend  entwickelt.  Dies  soll  wieder
an  unserem  Beispiele  beleuchtet  werden;  und  zwar  so,  daß  zugleich
die  Wechselbeziehung  zwischen  Explikation  und  Individuation
klar  wird.
Vorher  noch  der  Hinweis,  daß  die  so  verstandene  Explikation  tatsächlich ­
  den  tieferen  Sinn  aller  idiographischen  Reihenbildung  ausmacht.
Nun  bringt  sich  aber  mit  der  letzteren  der  durchgängige  Zusammenhang ­
  aller  Ergebnisse  der  Idiographie  zum  Ausdruck,  und  zwar  gründen
diese  ihre  innere  Einheit  auf  den  Allzusammenhang.  Dieser  ist  es
somit,  was  hier  überall  in  letzter  und  entscheidender  Hinsicht  expliziert ­
  wird,  gemäß  dem  tieferen  Sinne  aller  Reihenbildung.  So
läßt  sich  alle  idiographische  Erkenntnis  auf  den  Einen  Posten  bringen:
Explikation  des  Allzusamme  nhangesl  Vielleicht  klingt  es
befremdlich,  daß  gerade  dort,  wo  man  individualisierend  zu  erkennen
sucht,  wo  man  also  in  das  Einzelnste  und  in  den  Kern  des  Besonderen
Eindringen  will,  daß  gerade  dort  das  Umfassendste  dauernd  im  Auge
hehalten  würde.  Hier  sei  nun  das  Wort  eines  Klassikers  idiographischer
Forschung  in  Erinnerung  gebracht  —  daß  alle  Historie,  was  immer
Ihr  spezieller  Vorwurf  sei,  als  Universalhistorie  sich  gebärden  müsse
(Ranke).  Im  übrigen  kommt  hier  die  oft  wiederholte  Charakteristik
des  idiographischen  Denkens  zu  Ehren:  dessen  Streben  nämlich,  im
Einzelnen  auch  schon  das  Ganze  zu  umfangen  1
Individuation  und  Explikation  stehen  so  zueinander,  daß  sowohl
«he  erstere  von  der  letzteren  abhängig  ist,  wie  auch  umgekehrt.  Zunächst ­
  sei  an  der  Individuation  in  unserem  Beispiele  gezeigt,  wie
auch  sie  eine  explikativ  bedingte  ist;  d.  h.,  auch  bei  ihr  hilft
msgeheim  eine  Explikation  mit.  Dies  ließ  sich  bisher  vernachlässigen,
w eil  hier  schlichteste  Verhältnisse  vorliegen,  über  die  wir  in  blinder
Geläufigkeit  zu  denken  pflegen.  So  versteht  es  sich  für  uns  beinahe
v on  selbst,  daß  wir  unseren  Berg,  um  ihn  zu  charakterisieren,  zunächst
zum  Höhenzug  und  zum  Plateau  in  konstellationsmäßige  Beziehung
bringen.  Freilich  ist  uns  hierfür  auch  der  besondere  Gesichts ­
        <pb n="507" />
        486

„Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

punkt  bestimmend,  für  den  wir  uns  im  voraus  entscheiden.  Einer
„orographischen“  Auffassung  des  Berges  zuliebe  müssen  wir  eben  nach
„orographischen“  Einheiten  ausblicken,  um  festzustellen,  wie  zu  ihnen
unser  Berg  irgendwie  Stellung  nimmt.  Zwischen  jenen  Urteilen  über
das  Gefüge  und  über  die  Stellung,  deren  Verschmelzung  die  Individualität ­
  ergeben  soll,  waltet  also  stets  Korrelation.  Allein,  auch
solcher  korrelativer  Einheiten,  hier  also  der  „orographischen“,  gäbe  es
immer  noch  eine  unübersehbare  Vielzahl;  weshalb  greifen  wir  gerade
das  Plateau  und  den  Höhenzug  heraus  i  Kein  Zweifel,  daß  sie  gleichsam
die  Nachbarn  sind,  das  Plateau  sogar  in  physischem  Zusammenhang
mit  unserem  Berge  ist.  Irgendwie  spielt  diese  Rücksicht  auf  das
„Nächstliegende“  sicherlich  mit.  Fällt  aber  schon  daraufhin  jenen
beiden  Gebilden  die  Rolle  zu,  für  die  erforderliche  Konstellationsbestimmung ­
  als  Richtpunkte  zu  dienen?
Wie  es  die  bloße  Nähe  nicht  ausmacht,  das  läßt  sich  an  einer
Ergänzung  unseres  Beispieles  beleuchten.  Angenommen,  es  breitet
sich  am  Fuße  des  Plateaus,  für  unseren  Berg  also  vielleicht  in  größerer
Nähe  als  der  Höhenzug,  eine  Ebene  aus.  Auch  damit  liegt  eine
„orographische“  Einheit  vor,  in  bezug  auf  die  sich  unser  Berg  charakterisieren ­
  ließe;  und  doch  nehmen  wir  zu  letzterem  Behufe  instinktiv
sofort  vom  Höhenzug  Notiz  1  So  gilt  es  wenigstens  für  unser  geographisches ­
  Denken  schlechthin.  Nun  sei  aber  der  Fall  gesetzt,  daß
gegen  Dingskirchen  ein  Heeresteil  kämpfend  anrückt,  und  zwar  von
jener  Ebene  her.  Würdigen  wir  nunmehr  die  Sachlage,  dann  müßten
wir  den  Berg  sofort  zur  Ebene  in  Beziehung  setzen;  danach  etwa,
wie  er  sie  „beherrscht“,  so  daß  er  als  „Schlüssel“  des  ganzen  Geländes
um  Dingskirchen  zu  charakterisieren  wäre.  An  den  Verhältnissen  der
Nähe  hat  sich  nichts  geändert;  der  Wandel  betrifft  bloß  die  Auffassung, ­
  von  der  die  Individuation  getragen  wird.  Im  zweiten  Falle
spielen  offenbar  „taktische“  Erwägungen  ein.  Es  hängt  dies  aber
damit  zusammen,  daß  die  explikativen  Absichten,  die  sich
jeglicher  Individuation  notwendig  verknüpfen,  im  zweiten  Falle  ganz
andere  sind.  Dadurch  ist  dann  vor  allem  die  Ebene  ein  Richtpunkt
der  Konstellationsbestimmung  geworden.
Hier  liegt  tatsächlich  die  Lösung  der  Schwierigkeiten  —  die
natürlich  nur  theoretisch  hervorzukehren  waren,  denn  für  unser  praktisches ­
  Denken,  in  seiner  Geläufigkeit,  sind  sie  ja  kaum  vorhanden.
Es  ergeben  sich  die  Richtpunkte  der  Konstellationsbestimmung
stets  dadurch,  daß  wir  mit  der  Absicht  einer  Individuation  notwendig
auch  die  Absicht  einer  Explikation  verbinden;  expliziert  aber
wird  ein  höheres  System.  In  unserem  Beispiele  stellen  zwar
        <pb n="508" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  II.

487

Höhenzug  und  Plateau  selbst  schon  höhere  Systeme  dar,  verglichen
mit  dem  Berge;  dieser  wird  ja  darin  charakterisiert,  wie  er  in  ihnen
als  System  erfaßbar  ist.  Als  Richtpunkte  aber  erhellen  sie  doch
nur  so,  daß  man  ein  sie  alle  umschließendes  System  zu  explizieren ­
  sucht.  Das  wäre  in  unserem  Falle  das  ^Gebirge,
dem  Gesichtspunkte  dieser  Explikation  sind  dann  der  Ho  enzug  un
das  Plateau  unserem  Berge  koordiniert.  Faßt  man  nämlich  das  Y-Gebirge
als  System  auf,  um  aus  ihm  heraus  seine  Glieder  zu  entwickeln  dann
müßte  in  Sachen  des  Höhenzuges  wie  auch  des  Plateaussofortac
unser  Berg  zur  Sprache  kommen:  für  den  Höhenzug  als  äußerste  Begrenzung ­
  für  das  Plateau  gleichsam  als  Schönheitsfehler,  dm  bei  der
kategorialen  Zusammenfassung  nach  dem  Schema  des
„Plateau“  einbekannt  werden  muß,  um  die  Zusammenfassung  trotzde
zu  rechtfertigen.  Man  sieht,  wie  hier  explikative  Absl ^°  ^
Individuation  eingreifen,  indem  sie  über  die  a  er
entscheiden;  wie  also  diese  Richtpunkte  ausdrücklich  aIs  *
in  Betracht  fallen;  und  wie  es  sich  um  jene  Teilsysteme
deren  Erfassung  schon  der  Sonderbegriff  tätig  mitwir  ,  en
Individualbegriff  auszugestalten  sucht.  So  erübrigt  nur  die  Frage  des
übergeordneten  Systems.
An  letzter  Stelle  müßte  dies  für  jegliche  Individuation  der
Allzusammenhang  sein;  expliziert  man  dieses  System  der  Systeme,
dann  führt  dies  nach  und  nach  auf  die  Gesamtheit  der  Individuen
Aber  diese  umfassendste  Explikation  steht  nicht  ungeteilt  im  Dienste
jeder  einzelnen  Individuation.  Unser  Berg  etwa  der  dem
Kontinente  P  angehört,  wird  für  seine  Charakteristik  kaum  etwas
gewinnen,  sobald  man  zur  Explikation  der  übrigen  Kontinente  und  de
Ozeane  übergeht.  Etwas  Ähnliches  könnte  zum  Teile  auch  d “-Plikation
  des  Kontinents  P,  ja  selbst  des  Gebirgssystems  S  ^reffen.  Wenn
das  letztere  etwa  noch  die  Teilsysteme  „Z-Gebirge  un  „  g
umschließt,  dann  könnte  auch  deren  Explikation  ganz  ohne  Belang
für  die  Absicht  bleiben,  unseren  Berg  zu  individuahsieren.^  Dies  wäre
dann  der  Fall,  sobald  sich  die  drei  Glieder  des  Gebirgssy
letzterem  heraus  entwickeln  lassen,  ohne  daß  unser  ^, rg  P
kommt.  Dann  wäre  also  ausschließlich  das  Y-Gebirge  1
Rolle  des  übergeordneten  Systems;  in  jenem  idiographischen  Sinne,
daß  uns  seine  Explikation  darüber  auf  klärt,  auf  welche  Gebilde  unser
Berg  konstellationsmäßig  zu  beziehen  ist,  will  man  ihn  individualisieren.
Das  übergeordnete  System  erfüllt  also  den  Beru  ,  a  es  er  on
stellationsbestimmung  den  richtigen  Umkreis  zieht.
Weil  aber  dafür  nicht  alle  seine  Teilsysteme  in  Betracht  fallen,  sondern
        <pb n="509" />
        488

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

nur  jene  vereinzelten,  die  nicht  anders  als  unter  tätiger  Mithilfe  des
Begriffes  „X-Berg“  erfaßbar  sind,  so  könnte  der  Ausdruck  Umkreis
mißverständlich  wirken.  Es  ist  also  vielleicht  besser,  zu  sagen,  daß
jenes  übergeordnete  System  den  Beziehungsradius  ermessen  läßt.
Nun  können  auch  zu  gleicher  Zeit  mehrere  Systeme  in
der  Rolle  des  übergeordneten  sein.  Damit  ist  nicht  der  selbstverständliche ­
  Umstand  gemeint,  daß  sich  unser  Berg  nicht  bloß  aus
dem  „orographischen“  Gesichtspunkt,  sondern  überdies  aus  dem
„hydrographischen“  und  noch  aus  beliebig  vielen  anderen  Gesichtspunkten ­
  charakterisieren  läßt;  wobei  jedem  dieser  Gesichtspunkte
wieder  eine  andere  Reihenbildung,  also  eine  andere  Folge  jener  umschließenden ­
  Systeme  entspricht,  die  als  übergeordnete  in  Betracht
kommen  könnten.  Es  handelt  sich  vielmehr  darum,  daß  neben  dem
Y-Gebirge  immerhin  auch  das  Gebirgssystem  S  als  übergeordnet
denkbar  ist.  Unser  Beispiel  hat  ja  dem  X-Berg  eine  so  exponierte
Situation  zugedacht,  daß  man  ungezwungen  annehmen  kann,  er
„begrenze“  etwa  das  Y-Gebirge,  und  in  so  entschiedener  Weise,  um
seiner  schon  bei  der  Explikation  des  Gebirgssystems  S  Erwähnung
tun  zu  müssen.  Dann  wäre  er  als  „Ausläufer“  des  Höhenzuges  und
„Krönung“  des  Plateaus  noch  nicht  genügend  charakterisiert;
der  Beziehungsradius  wäre  zu  kurz  genommen  1  Der  Berg  müßte
sogar  an  erster  Stelle  daraufhin  gewürdigt  werden,  daß  er  gleichsam
einen  „Eckpfeiler“  des  Y-Gebirges  vorstellt.  Nehmen  wir  endlich  an,
daß  unser  Berg  allein  die  ideelle  Verbindung  zwischen  Y-  und
Z-Gebirge  herstellt,  dann  käme  er  gar  schon  dort  in  Betracht,  wo
man  aus  dem  Kontinent  P  heraus  neben  anderen  Gliedern  auch  das
Gebirgssystem  S  zu  entwickeln  sucht.  Daraufhin  hätte  der  Individualbegriff ­
  unseres  Berges  sozusagen  noch  eine  dritte  Etage  erhalten,
gemäß  seiner  Würde  als  „Verbindungsglied“  im  Gefüge  des  Gebirgssystems. ­
  Nun  brauchen  wir  uns  nur  vorzuhalten,  daß  unser  Berg  in
diesem  Falle,  wie  wir  die  Dinge  zu  betrachten  pflegen,  uns  von
„kontinentalgeographischer  Bedeutung“  erschiene.  Damit
ist  dann  auf  eine  eigentümliche  Stufung  der  Individuen  untereinander ­
  hingewiesen,  und  diese  Stufung  richtet  sich  offenbar
danach,  welchen  Dienst  der  betreffende  Individualbegriff  bei  der
Explikation  umschließender  Systeme  leistet  Es  hat  uns
mithin  die  Erörterung,  wie  die  Individuation  stets  an  explikative
Absichten  gebunden  ist,  ganz  von  selber  der  Einsicht  nahe  gebracht,
wie  umgekehrt  jede  Explikation  darauf  angewiesen  ist,
daß  wir  Individualbegriffe  bilden.  Abermals  beweist  dies
        <pb n="510" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  II.  489

nur,  in  welch  enger  Wechselbeziehung  diese  beiden  Vorgänge
im  Rahmen  des  idiographischen  Verfahrens  stehen.
Die  Stufungen,  von  denen  uns  hier  die  erste  absehbar  wurde,
betreffen  nur  mittelbar  die  Individuen,  unmittelbar  aber  die
Individualbegriffe,  auf  die  hin  die  ersteren  erfaßlich  sind.  Da
uns  als  Individuum  gilt,  was  wir  in  seiner  Eigenwürde  erfaßt  zu
haben  glauben,  was  uns  also  in  allgemeingültigem  Sinne  für
unersetzlich  gilt,  und  da  sich  in  letzterer  Hinsicht  jede  Steigerung
ausschließt,  so  kann  ein  Individuum  das  andere  unmittelbar  gar  nicht
überbieten.  Es  stufen  sich  eben  nicht  die  Individuen  selber  nach
ihrer  Eigenwürde  ab,  sondern  immer  nur  die  Individualbegriffe
nach  ihrer  Erkenntniswürde.  Und  nur  auf  diesem  Umwege
erscheint  uns  das  eine  Individuum  „höher“,  ein  anderes  wieder
„geringer“  in  seiner  Bedeutung.  Das  Maß  dieser  Bedeutung  ergibt  sich
aus  dem  Dienste,  den  der  betreffende  Individualbegriff  im  Rahmen  der
idiographischen  Erkenntnis  ableistet.  Dies  soll  dann  gleich  aus  der
Rückschau  auf  die  oben  skizzierten  Verhältnisse  erläutert  werden.
Jedenfalls  darf  es  uns  nicht  wundernehmen,  daß  man  an  schlichten  Proben
unseres  „populärgeographischen“  Denkens  darlegen  kann,  wie  eigentümlich ­
  in  sich  verkettet  das  idiographische  Erkennen  verläuft.  Auch
jenes  Denken  ist  eben  ein  wohl  diszipliniertes  und  weiß,  was  es  will.  So
fällt  es  uns  selbst  im  gewöhnlichen  Verlauf  der  Dinge  nicht  ein,  ein
Stück  Wirklichkeit,  gleich  unserem  Berge,  auf  gut  Glück  und  querfeldein
unter  Urteil  zu  nehmen,  sobald  wir  es  zu  individualisieren  suchen,
sobald  wir  uns  also  mit  seiner  Wirklichkeit  um  ihrer  selbst  willen
auseinanderzusetzen  trachten.  Auch  da  wenden  wir  uns  dem  Einzelnen
nur  aus  dem  Gesichtspunkte  einer  Einsicht  in  das  Ganze  zu.
Wir  verfahren  sofort  explikativ;  daher  nicht  minder  systematisch,  als
wenn  wir  etwa  unseren  Besitz  an  nomothetischer  Erkenntnis  auf  das
Einzelne  anzuwenden  suchten.
Ein  Individuum  erscheint  uns  um  so  bedeutsamer,  je  umfassender ­
  das  System  ist,  mit  dessen  Explikation  es  untrennbar
zusammenhängt.  Da  aber  alle  Systeme  restlos  im  Allzusammenhange
aufgehen,  so  kann  man  auch  sagen,  jene  explikatorische  Bedeutung ­
  des  Individuums  stuft  sich  gemäß  der
Reihenfolge  ab,  in  der  die  Individuen  bei  der  Explikation ­
  des  Allzusammenhanges  zugleich  erfaßbar
und  behilflich  werden;  sofern  wir  uns  nämlich  diese  Explikation
als  einen  fortgesetzten  Prozeß  denken,  der  das  Ganze  des  idiographischen ­
  Erkennens  in  sich  faßt.  Diese  Auffassung,  die  natürlich
mit  dem  tatsächlichen  Hergang  der  idiographischen  Forschung  gar  nichts
        <pb n="511" />
        490

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

zu  tun  hat,  ist  eine  durchaus  zulässige.  Es  verhält  sich  dann  die
Explikation  des  Allzusammenhanges  zu  allen  denkbaren
Individuationen  ähnlich  so,  wie  sich  Deduktion  und  Induktion ­
  bei  einer  nomothetischen  Erfahrungswissenschaft
verhalten,  sobald  wir  uns  die  letztere  im  Zustande  höchster  Vollendung ­
  denken.
So  bekundet  unser  Berg  zwar  keine  „weltgeographische“  Bedeutung,
aber  im  Geiste  unserer  späteren  Annahmen  immerhin  jene  „kontinentalgeographische“. ­
  Er  würde  danach  unter  die  geographischen  Individuen ­
  zweiter  Ordnung  zählen;  während  die  Kontinente  selber
und  die  Ozeane  Individuen  erster  Ordnung  darstellen.  Das
gleiche  gälte  aber  auch  z.  B.  von  der  Landenge  von  Panama,  die
als  „Landbrücke“  zwischen  dem  Nord-  und  dem  Südkontinente
von  Amerika,  ein  Individuum  „weltgeographischer“  Bedeutung,  also
auch  schon  erster  Ordnung  versinnlicht.  Man  könnte  nämlich  das
Erdrund  wohl  schlechthin  auseinanderlegen,  ohne  von  dieser  Landenge
zu  sprechen,  indem  man  einfach  die  Kontinente  und  Ozeane  aufzählt;
explizieren  aber,  in  dem  hier  festgehaltenen  Sinne,  läßt  sich  das
Erdrund  nicht,  ohne  dieser  Landenge  so  zu  gedenken,  daß  sie  im
gleichen  Laufe  als  die  „Landbrücke“  zweier  Kontinente  charakterisiert
würde.
Gleich  dieser  Landenge  bringt  sich  auch  unser  Berg  in  seiner
hervorragenden  Bedeutung  besonders  gegenüber  jenen  Individuen  zur
Geltung,  die  auf  der  gleichen  kategorialen  Unterlage  erfaßbar
sind.  Denken  wir  also  zum  Vergleiche  an  einen  der  Berge  im
Verbände  des  Höhenzuges  A.  Auch  er  ließe  sich  zweifellos  individualisieren, ­
  aber  bloß  im  engsten  Bezirk;  vielleicht  nur  in  der  Beziehung ­
  auf  seinesgleichen,  sofern  nämlich  erst  die  Explikation  des
Höhenzuges  A  von  ihm  Notiz  nehmen  läßt,  so  daß  er  als  Individuum
fünfter  Ordnung  erscheint.  Dann  übertrifft  ihn  mithin  der  X-Berg  um
drei  volle  Stufen  höherer  Bedeutung.  So  stufen  sich  also  insbesondere
noch  die  Individuen  der  gleichen  kategorialen  Unterlage  zueinander
ab,  je  nach  dem  Grade,  in  welchem  sie  als  Individuen  bedeutsam
erscheinen.  Ihre  hervorstechend  explikatorische  Bedeutung  verleiht
ihnen  in  der  Relation  auf  ihresgleichen  einen  höheren  Individualwert. ­

Eine  weitere  Stufung,  die  uns  über  den  Sinn  aufklärt,  in  welchem
die  Individuen  explikatorisch  bedeutsam  sind,  greift  unter  jenen  Individuen ­
  Platz,  die  auf  der  gleichen  Stufe  auch  der  nämlichen
Explikation  dienstbar  werden.  Halten  wir  z.  B.  das  Uralgebirge
dem  Uralfluß  gegenüber,  so  könnten  beide  darin  von  weit-
        <pb n="512" />
        geographischer  Bedeutung  sein,  daß  sie  die  Glieder  Europa  und  Asien
aus  dem  System  des  Erdrunds  heraus  entwickeln  helfen.  Es  liegt  aber
nahe,  daß  diese  Bedeutung  dem  Uralgebirge  viel  gültiger,  viel  echter
zufiele  als  dem  Uralflusse.  Der  letztere  wäre,  wenn  überhaupt,  so
mehr  nur  im  Sinne  eines  theoretischen  Übereinkommens  für  die
Scheidung  jener  Kontinente  von  Belang.  Im  selben  Maße  erhellt
seine  weltgeographische  Bedeutung  als  eine  recht  fadenscheinige;  der
Charakter,  der  ihm  daraus  zufällt,  ist  ein  sehr  unausgesprochener.
Man  könnte  also  sagen,  das  Uralgebirge  übertrifft  in  diesem  Belange
den  Uralfluß  weithin  an  Charakterwert.
Der  Ursprung  dieses  Charakterwertes  ist  übrigens  ein  doppelter
und  sogar  ein  gegensätzlicher.  Die  explikatorische  Bedeutung  des
Individuums  wurzelt  entweder  in  der  Scheidung  der  Teilsysteme,
oder  in  der  Zusammenfassung  dieser  Systeme.  So  verrät  sich  die
kontinentalgeographische  Bedeutung  unseres  Berges,  als  „Verbindungsglied“ ­
  im  Gebirgssysteme  S,  deutlich  als  eine  integral  explikatorische.
Soweit  er  aber  der  „Eckpfeiler“  des  Y-Gebirges  oder  ein  „Ausläufer“
des  Höhenzuges  ist,  bekundet  er  eine  differential  explikatorische  Bedeutung. ­
  Sein  damit  gegebener  Charakterwert  ist  übrigens  in  beiden
Hinsichten  ein  gleich  erheblicher.  Auch  die  Bedeutung  der  Landenge
von  Panama  gibt  sich  als  eine  differential  explikatorische,  soweit
man  buchstäblich  an  die  Landenge  denkt,  in  dem  Sinne,  daß  hier  die
Entfernung  zwischen  den  alles  umspülenden  Meeren  auf  ein  Minimum
sinkt.  Den  Proponenten  etwa  eines  Kanals  zwischen  dem  Stillen  und
Atlantischen  Ozean  sticht  gewiß  nur  dieser  Charakter  des  dortigen
Erdwinkels  in  die  Augen.  Das  von  solchen  Spezialerwägungen  unberührte ­
  geographische  Denken  hält  es  anders:  ihm  bedeutet  dieser
Landstreifen  etwas  hervorragend  integral  Explikatorisches,  zum
mindesten  als  Träger  des  verbindenden  Kordillerenzuges,  und  dies
gerade  will  nun  die  Charakteristik  als  „Landbrücke“  malen;  wobei  sich
übrigens  der  Charakterwert  dieses  Individuums  kaum  überbieten  läßt.
Was  hier  über  den  Dienst  der  Individuen  anzudeuten  war,  wie
nämlich  ihre  Erfassung  teils  der  Scheidung,  teils  der  Zusammenfassung ­
  der  Teilsysteme  hilfreich  ist,  das  läßt  Probleme  fühlbar
werden,  die  noch  offen  sind.  Die  Tatsache,  daß  hier  Probleme  ihrer
Lösung  harren,  verhehlt  sich  uns  abermals  bloß  auf  die  Geläufigkeit ­
  hin,  mit  der  wir  von  „Kontinenten“,  von  „Gebirgen“  u.  dgl.
sprechen;  als  ob  es  eine  ausgemachte  Sache  wäre,  das  unendlich
Mannigfaltige  des  Wirklichen  gerade  in  dieser  Weise  zu  Einheiten
zu  formen.  Zwar  ist  uns  im  voraus  klar,  daß  die  Formung  stets
nach  dem  Schema  eines  Allgemeinbegriffes  geschieht;  und  dort,  wo  es
        <pb n="513" />
        492

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

sich  nicht  mehr  um  ein  Konkretum  von  der  Anschaulichkeit  unseres
Berges  handelt,  geschieht  sie  sofort  nach  der  kategorialen  Anweisung
eines  Kollektivbegriffes.  Auch  wissen  wir,  wie  im  Gedankenkreise
unseres  Beispieles  einzig  und  allein  raumhafte  Zusammenfassungen
in  Frage  kommen.  Immerhin  sind  es  der  Schemata,  die  sich  in
solchem  Geiste  auf  die  Wirklichkeit  anwenden  ließen,  unübersehbar
viele:  weshalb  entscheiden  wir  uns  also  für  jene  ganz  bestimmten
Formungen?  Was  führt  uns  mit  solcher  Sicherheit  darauf,  aus  dem
Allzusammenhang  heraus  gerade  diese  bestimmten  Systeme  und  Teilsysteme ­
  zu  entwickeln?  Ohne  Zweifel  müßten  wir  erst  darüber  im
reinen  sein,  ehe  wir  recht  begreifen,  wie  gewisse  Individuen  die  Zusammenfassung ­
  bald  positiv,  bald  negativ  unterstützen,  also  bald  im
integralen,  bald  im  differentialen  Sinne  von  explikatorischer  Bedeutung
sind.  Jenen  Problemen  wendet  sich  erst  das  letzte  Kapitel  zu.  So  ist
es  nur  obenhin  möglich,  noch  in  diesem  Zusammenhang  Dinge  zu
erledigen,  die  sich  besonders  lebhaft  mit  jenen  Problemen  überkreuzen.
Jede  Explikation  eines  Systems  bewegt  sich  über  zwei  verschiedene ­
  Arten  von  Individuen  hinweg;  man  beachte  einfach ­
  den  Gegensatz  zwischen  Süd-  und  Nordamerika  auf  der  einen
Seite,  der  Landenge  von  Panama  auf  der  anderen.  Es  steht  also  gleichsam ­
  das  Passiv-Individuelle  der  Teilsysteme  im  Gegensatz  zum
Aktiv-Individuellen  der  charakteristischen  Individuen.  Jene  das
Geschiedene,  diese  das  Scheidende.  Denkt  man  sich  die  Explikation ­
  in  verkehrter  Richtung  vorgenommen,  als  den  gedanklichen
A  u  fb  a  u  des  Systems,  so  versinnlicht  alles  Passiv-Individuelle  die
Quadern,  das  Aktiv-Individuelle  den  Mörtel.  Der  Historiker  übrigens
wird  hier  unwillkürlich  des  Gegensatzes  zwischen  den  „Epochen“  und
dem  „Epochalen“  gedenken.  Aus  dem  umfassenden  System  heraus
werden  aber  sowohl  die  einen  wie  die  anderen  Individuen  als
Glieder  explikativ  entwickelt.  Ziehen  wir  nun  die  Explikation  als
jenen  einheitlichen  Prozeß  in  Betracht,  der  das  Ganze  der  idiographischen
  Erkenntnis  theoretisch  aufwiegt,  und  nehmen  wir  diesen
Prozeß  als  einen  gleichförmig  sich  vollziehenden  an,  so  erhellt,  daß  die
Explikation  weiterhin  auf  sämtliche  Glieder  übergreift;  also  nicht
bloß  auf  die  Teilsysteme,  sondern  auch  auf  das  Aktiv-Individuelle  der
charakteristischen  Individuen.  Stellen  doch  auch  Diese
explizierbare  Systeme  dar,  weil  sie  anders  überhaupt  nicht  als  Individuen
denkbar  wären.  Nun  sind  aber  diese  charakteristischen  Individuen,
würdigt  man  ihre  kategoriale  Unterlage,  ungleich  weniger  umfassend ­
  als  jene  Systeme  des  Passiv-Individuellen,  die  zugleich
mit  ihnen  der  Explikation  unterzogen  werden.  Dieses  „minder  Um-
        <pb n="514" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  II.

493

fassende“  ist  natürlich  stets  in  der  Relation  auf  den  maßgebenden
Allzusammenhang  gemeint,  für  unser  Beispiel  also  im  räumlichen  Sinne.
Die  Glieder,  die  aus  den  aktiv-individuellen  Systemen  heraus  entwickelt ­
  werden,  stellen  sich  somit  als  Einzelheiten  dar,  vergleicht
man  sie  den  Gliedern,  die  aus  der  Explikation  des  Passiv-Individuellen
hervorgehen.  Und  zwar  sind  sie  um  so  ausgesprochenere  Einzelheiten,
je  größer  der  Individual  wert  der  charakteristischen  Individuen  ist;  d.  h.,
je  vorzeitiger  hier  Systeme  einer  Explikation  unterzogen  werden.  Eine
kurze  Überlegung  würde  lehren,  daß  sich  der  Abstand  sogar  in  geometrischer ­
  Proportion  steigert.  Jedenfalls  läßt  sich  hieraus  die  bekannte
Eigentümlichkeit  alles  idiographischen  Erkennens  deuten,  daß  sein
Interesse  an  Einzelheiten  in  anschwellendem  Maße  proportional
dem  Individualwert  seiner  Objekte  ist,  oder,  was  mittelbar  dasselbe ­
  sagt,  ihrer  vergleichsweise  hohen  Bedeutsamkeit.
Die  Explikation  eines  Systems  führt  nicht  bloß  jenen  Gegensatz
zwischen  dem  Passiv-  und  dem  Aktiv-Individuellen  mit  sich,  sie  läßt
auch  noch  zwei  restliche  Stufungen  entnehmen.  Prinzipiell  gelten
sie  für  alle  Systeme,  wie  sie  aus  einem  übergeordneten  heraus  entwickelt ­
  werden;  unwillkürlich  aber  hat  man  dabei  das  Passiv-Individuelle
der  Teilsysteme  im  Auge.  Diese  können  einander  als  das  Explizierende ­
  oder  als  das  Explizierte  überbieten.  Im  ersteren  Fall
tun  sie  es  gemäß  dem  Grade,  in  welchem  sie  leicht  und  deutlich  erfaßbare ­
  Glieder  des  übergeordneten  Systems  darstellen.  Offenbar  hängt
dies  davon  ab,  ob  sie  mehr  oder  minder  ausgesprochene  Systeme,  also
scharfe  Zusammenfassungen,  klare  Einheiten  sind.  Danach  bemißt
sich  ihr  System  wert.  Darin  übertrumpft  z.  B.  unser  Berg,  weil  er
ein  isolierter  ist,  jeden  der  Berge  im  Verbände  des  Höhenzuges  A,  die
eben  nur  in  ideeller  Auslösung  aus  dem  letzteren  von  der  klaren  Einheit ­
  unseres  Berges  sind.  Ebenso  leicht  könnte  man  „Italien“  und
„Deutschland“,  oder  „Böhmen“  und  „Niederösterreich“,  als  deutliche
Gegensätze  in  bezug  auf  den  Systemwert  deuten.
Die  andere  Stufung  aber  hat  den  Sinn,  daß  sich  die  verschiedenen
Teilsysteme  selber  wieder  in  verschiedenem  Grade  der  Leichtigkeit
explizieren  lassen;  so  nämlich,  daß  sie  mehr  oder  minder  deutliche
Glieder  aus  sich  heraus  zu  entwickeln  erlauben.  Danach  bemißt
sich  der  Strukturwert  eines  Individuums.  Er  steht  in  einer  klaren
Beziehung  zu  dem  Systemwert  der  umschlossenen  Individuen.  An
Strukturwert  ist  unser  Berg  um  so  ärmer,  je  buchstäblicher  er  ein
„kegelförmiges“  System  seiner  Hänge  darstellt.  So  ist  Europa,  und
nicht  bloß  der  „horizontalen  Konfiguration“  nach,  von  hohem  Strukturwert, ­
  verglichen  etwa  mit  Australien.  Übrigens  macht  es  einen  Unter ­
        <pb n="515" />
        494

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

schied  aus,  ob  die  Gliederung  gleich  an  nächster  Stelle,  bei  den  umfassenden ­
  Teilsystemen,  oder  erst  in  den  fernen  Einzelheiten  eine
scharfe  ist.  So  hat  der  Westen  der  Balkanhalbinsel  in  diesem  intensiven,
der  Osten  hingegen  in  jenem  extensiven  Sinne  einen  hohen  Strukturwert; ­
  im  Westen  die  ominöse  „Zerrissenheit“,  im  Osten  die  klare  Anordnung ­
  nach  großen  Maßen.
Es  ist  bezeichnend,  daß  wir  instinktiv  geneigt  sind,  uns  die  Individualität ­
  der  Dinge  ganz  anders  zu  vergegenwärtigen,  je  nachdem ­
  es  sich  um  umfassende  oder  um  minder  umfassende
Systeme  handelt.  Im  ersteren  Falle  halten  wir  uns  mehr  an  den
System-  und  Strukturwert,  somit  an  die  Anerkenntnis  einer  klaren
wohlgegliederten  Einheit;  im  letzteren  Falle  berufen  wir  uns  mehr
auf  den  Individual-  und  Charakterwert,  wir  fassen  die  Mission  ins
Auge,  die  dem  Einzelnen  im  Rahmen  eines  höheren  Ganzen  zufällt.
So  wäre  man  versucht,  zwischen  Samtindividuen  und  Einzelindividuen
  zu  unterscheiden;  jene  wären  mehr  auf  das  kollektive,
diese  mehr  auf  das  funktionelle  Moment  abgestimmt.  Wie  sich
diese  Eindrücke  selbst  gegen  über  den  sprichwörtlichen  Individuen,
den  „auf  dem  Ich  aufruhenden  Einheiten“  geltend  machen,  gehört
nicht  mehr  hierher;  nur  soviel,  daß  wir  bei  der  „episodischen  Figur“,
die  bloß  mit  einer  vereinzelten  Handlung  der  Geschichte  anheirnfällt,
auch  mehr  nur  das  Funktionelle  würdigen;  während  der  „Held“,  der
eine  ganze  Epoche  tragen  hilft,  uns  sofort  auch  als  Einheit,  somit  also
auf  System-  und  Strukturwert  hin  interessiert.  Wir  sagen  dann  etwa,
daß  wir  Charakter  und  Wirken  von  ihm  in  ihren  verwickelten  Beziehungen ­
  aufzudecken  suchen.  Im  Vorstellungskreise  unseres  Beispiels
aber  tritt  eine  Scheidung  zwischen  Samt-  und  Einzelindividuum
besonders  dort  versucherisch  an  uns  heran,  wo  auf  der  einen  Seite
ein  umfassendes  Kollektivum  steht,  etwa  ein  ganzes  Gebirgssystem,
  das  uns  höchstens  im  Kartenbilde  als  anschauliche  Einheit  erscheint; ­
  ihm  gegenüber  aber  so  recht  ein  „Einzelding“,  eine  Einheit
nämlich,  so  wuchtig  anschaulich,  daß  wir  uns  immer  erst  besinnen
müssen,  wie  auch  hier  ein  System,  ein  Kollektivum  vorliegt,  wie  also
z.  B.  auch  der  Berg  erst  noch  das  Ganze  seiner  Hänge  ist.  Mit  dem
Berge  verglichen,  empfinden  wir  übrigens  schon  den  Höhenzug  als
Kollektivum  und  demgemäß  als  Samtindividuum,  weil  hier  der  Teil
dem  Ganzen  bereits  an  Anschaulichkeit  überlegen  ist.
Solchen  Eindrücken  zum  Trotz  kann  aber  die  Scheidung  zwischen
Samt-  und  Einzelindividuen  nicht  den  Anspruch  erheben,  mehr  als  eine
relative  zu  sein.  Sie  hängt  in  letzter  Linie  mit  der  Scheidung
zwischen  dem  Passiv-  und  dem  Aktiv-Individuellen  zusammen;  und
        <pb n="516" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  II.

495

auch  dabei  wird  nicht  im  Objekt  geschieden,  sondern  nach  der
augenblicklichen  Auffassung,  die  wir  gemäß  der  „Lage
unseres  Denkens“  vom  Objekt  gewinnen.  Was  im  Rahmen  der  einen
Explikation  als  Passiv-Individuelles  erscheint,  wird  bei  einer  anderen
Explikation  zum  Aktiv-Individuellen,  und  so  auch  umgekehrt.  Unser
Berg,  der  noch  bei  der  Explikation  des  Y-Gebirges  ein  charakterisierendes
Individuum,  im  Sinne  eines  Einzelindividuums  bedeutet,  würde  bei  einer
Explikation  des  Höhenzuges  A  sofort  ein  charakterisiertes  Teilsystem,
im  Sinne  eines  Samtindividuums.  Dies  gilt  noch  deutlicher,  sobald  die
Explikation  dann  auf  unseren  Berg  selber  übergreift.  Es  hat  eben  die
Scheidung  zwischen  dem  Aktiv-  und  dem  Passiv-Individuellen  überhaupt ­
  nur  den  Beruf,  den  wechselnden  Dienst  herauszuzeichnen,
den  ein  und  derselbe  Individualbegriff  für  das  Ganze  der  idiographischen
  Erkenntnis  leistet.  Wir  machen  uns  also  damit  nur  das
geregelte  Spiel  der  Zusammenhänge  innerhalb  dieser  Erkenntnis  klar;
was  dasselbe  sagt,  die  durchaus  systematische  Natur  des  idiographischen
  Erkennens,  das  eben  auch  in  diesen  Begriffsverhältnissen ­
  der  nomothetischen  Erkenntnis  gar  nichts  nachgibt.  Von
Samt-  und  Einzelindividuen  aber  darf  man  allein  in  dem  verständigen
Sinne  sprechen,  daß  uns,  je  nach  dem  verschiedenen  Dienst  der
Individualbegriffe,  auch  ihre  Substrate  in  wechselndem  Lichte
erscheinen.
Von  einer  zur  anderen  Gelegenheit  wechselt  aber  beim  idiographischen
  Erkennen  nicht  bloß  der  Dienst  der  Individualbegriffe,  vor
allem  ändert  sich  auch  der  Umfang,  in  welchem  Individualbegriffe
zum  Dienst  herangezogen  und  damit  er  faßlich  werden.  Bei  der
Explikation  des  Y-Gebirges  ist  von  den  Höhen  im  Verbände  des
Höhenzuges  A  nicht  weiter  die  Rede;  abgesehen  natürlich  von  unserem
Berge,  und  vielleicht  noch  von  jenem,  mit  dem  der  Höhenzug  dem
Hauptstock  des  Y-Gebirges  „angehängt“  erscheint.  Die  anderen  Höhen
sind  in  unbestimmter  Zahl  und  Art  dort  mitgedacht,  wo  man
explikativ  das  Kollektivum  „Höhenzug“  erfaßt  hat,  dessen  Strukturelemente ­
  sie  darstellen.  Soweithin  besagen  sie  vor  unserem  Denken
keine  Glieder  eines  Systems,  sondern  bloß  die  arthaften  Teile
eines  singulären  Ganzen,  das  also  für  sich  bereits  als  System  erfaßt
wird.  Wenn  man  es  so  ausdrücken  will,  sind  also  jene  Höhen  vorläufig ­
  nur  „Massenglieder“:  Exemplare  vom  Strukturelement  des
Systems  „Höhenzug“.  Erst  die  Explikation  des  Höhenzuges  selber  läßt
sie  als  zu  charakterisierende  Teilsysteme  erfassen,  hebt  sie  also  gleichsam
über  die  Schwelle  der  spezifisch  idiographischen  Erfassung.  In  anderer
Wendung  wieder  mag  auch  unser  Berg,  der  „orographisch“  auf  seine
        <pb n="517" />
        496

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung* 1 ,

kontinentalgeographische  Bedeutung  pochen  darf,  von  anderen
Gesichtspunkten  aus  doch  nur  ein  „gleichgültiges  Massenglied“  sein.
So  oft  aber  ein  Individualbegriff,  der  aus  irgendeinem  Gesichtspunkt
erfaßbar  war,  bei  der  Betrachtung  von  einem  anderen  Gesichtspunkte
aus  über  die  Schwelle  gehoben  wird,  läuft  dies  notwendig  auf  eine
neue  Charakteristik  seines  Substrates,  also  auf  eine  Bereicherung
seines  eigenen  Inhaltes  hinaus.  Dies  galt  in  anderer  Weise  schon  dort,
wo  etwa  der  Individualbegriff  X-Berg,  wie  er  der  Explikation  des
Y-Gebirges  dient,  erst  noch  in  den  Dienst  der  Explikation  des  Gebirgssystemes
  S  —  und  weiterhin  des  Kontinents  P  gestellt  wurde.  Jede  idiographische
  Anwendung  eines  Individualbegriffes  ist  gleichbedeutend
damit,  ihn  einem  weiteren  Begriffsverhältnis  so  einzuflechten,  daß
darüber  sein  Inhalt  reicher,  sein  Substrat  noch  schärfer  charakterisiert
wird.  In  diesem  Sinne  vertieft  sich  der  Individualbegriff  mit  jeder
seiner  Anwendungen.  —
Zwischen  einem  Individualbegriffe,  z.  B.  „Y-Gebirge“,  und  allen
jenen  Individualbegriffen,  auf  welche  die  Explikation  seines
Substrates  führt  —  das  wären  also  „Höhenzug  A“,  „Plateau  von
Dingskirchen“,  „X-Berg“  usf.  —besteht  ein  Verhältnis  der  logischen
Unterordnung,  das  dem  idiographischen  Denken  spezifisch
ist.  Das  nomothetische  kennt  dies  aus  dem  einfachen  Grunde  nicht,
weil  für  das  letztere  Denken  von  einem  Vorgänge  der  Explikation
nicht  die  Rede  sein  kann.  Das  Spezifische  jener  logischen  Unterordnung ­
  malt  sich  am  besten  noch  in  dem  fundamentalen  Verhältnis
aller  Idiographie:  im  Verhältnis  des  Ganzen  zu  seinen-  Teilen.
Es  stimmt  nicht  buchstäblich,  aber  dennoch  könnte  man  sagen,  daß
der  Individualbegriff  die  ihm  untergeordneten  Individualbegriffe  ebensowohl ­
  trägt,  wie  er  von  ihnen  getragen  wird.  Er  trägt  sie,  versinnlicht ­
  die  Einheit,  zu  der  sie  allesamt  synthetisch  sich  ausgleichen,
weil  eben  nur  die  Explikation  seines  Substrates  zu  ihnen  hin  vermittelt;
einheitlich  über  ihn  hinweg  sind  sie  dem  großen  Ganzen  der  idiographischen ­
  Erkenntnis  eingefügt.  Wie  dagegen  er  von  ihnen  getragen
wird,  hängt  mit  der  besonderen  Art  zusammen,  in  der  sie  seinen  Inhalt
bereichern.  Zur  Not  soll  dies  aus  der  abschließenden  Erörterung
deutlich  werden.  Es  sind  nämlich  Begriffe  nachzutragen,  an  denen
sich  die  ganze  Darlegung  erläutern  läßt,  die  von  dem  Wechselspiel
zwischen  Individuation  und  Explikation  geboten  wurde.
Von  der  Individualität  der  Dinge  war  zu  sagen,  daß  sie
Eigenart  und  Eigen  läge  restlos  in  sich  auf  hebt.  Die  Individuation, ­
  als  der  vermittelnde  Vorgang,  ist  bis  ins  schrankenlose
möglich;  stets  aber  gilt  es  bei  ihr,  Struktur  und  Konstellation  so  zu
        <pb n="518" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  II.

497

verschmelzen,  daß  uns  das  Konkretum  als  System  im  System  erfaßbar
wird.  Nun  sind  Eigenart  und  Eigenlage  gleichsam  alles  das  ins  I  d  i  o  -
graphische  gewendet,  was  mit  Artung  und  Lage  vorliegt.  Unwillkürlich ­
  drängt  sich  die  Frage  auf,  ob  dies  nicht  für  den  Teil  von
Struktur  und  Konstellation  ein  Gegenstück  findet.  Das  ergäbe  offenbar
die  Begriffe  von  Sonderbau  und  Sonderstellung.  Es  ist  leicht
gezeigt,  daß  auch  dies  sinnvolle  Modalitäten  des  Dinges  sind,
gleich  Eigenart  und  Eigenlage;  nur  daß  zu  ihrer  Erfassung  immer  erst
die  bewußt  und  systematisch  vollzogene  Explikation  hinführt.
Es  ergibt  sich  die  Sonderstellung  aus  der  Explikation,  sobald
man  das  bereits  erfaßte  Individuum  aus  immer  anderen  Systemen
heraus  zu  entwickeln  sucht,  als  charakterisiertes  oder  charakterisierendes
Glied:  Entweder,  indem  man  die  ursprünglich  der  Individuation  unterlegte ­
  Reihe  auf  und  ab  durchgeht,  um  die  Konstellation  gemäß  allen,
überhaupt  möglichen  Beziehungsradien  festzustellen;  oder  aber,  indem
man  noch  andere  Reihen  in  Betracht  zieht,  also  das  unter  einem
bestimmten  Gesichtspunkte  erfaßte  Individuum  erst  noch  aus  anderen
Gesichtspunkten  zu  würdigen  sucht.  Die  Sonderstellung  erhellt  dann
als  die  unwiederholbare  Art  und  Weise,  in  der  das
Individuum  zu  den  übrigen  Individuen  Stellung
nimmt  —  soweit  ihm  die  letzteren  koordiniert  oder  übergeordnet
sind.  Der  Sonderstellung  wird  also  offenbar  in  jener  Weise  Rechnung
getragen,  die  früher  als  das  Herausarbeiten  eines  Gesamtcharakters ­
  angedeutet  wurde.
Der  Sonderbau  wieder  betrifft  die  u  n  wiederholbare  Art,
in  der  sich  das  Individuum  aus  den  ihm  untergeordneten ­
  Individuen  aufbaut.  Auch  diese  Modalität
resultiert  im  Wege  einer  Explikation:  sobald  man  nämlich  aus
dem  Individuum  selber  heraus  seine  Glieder  zu  entwickeln  sucht;  ein
Beginnen  übrigens,  dem  gar  keine  Grenze  gesetzt  ist,  weil  sich  die
Explikation  auch  an  diesen  Gliedern  fortsetzen  ließe;  nur  muß  sich
das  Eindringen  in  immer  intimere  Details  noch  aus  dem  Individualwert
des  Systems  rechtfertigen,  von  dem  man  ausgeht.  Jedenfalls  macht  es
erst  die  Beachtung  des  Sonderbaues  wahr,  daß  alles,  was  die
Eigenart  enthält,  so  in  Struktur  umsetzbar  ist,  daß  es  dadurch  für  die
Charakteristik  gewonnen  werden  kann.  Denn  was  davon  nicht  für
die  Stellung  des  Individuums  nach  außen  hin  in  Betracht  fällt,
tut  es  gewiß  für  die  Stellung  der  untergeordneten  Individuen  untereinander. ­

Vom  Sonderbau  haben  wir  bisher  nicht  einmal  mittelbar  Notiz
genommen.  Es  hat  sich  ein  vielgestaltiger  Charakter  unseres  Berges
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  3^
        <pb n="519" />
        49«

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

ergeben,  obwohl  wir  schlecht  und  recht  seine  Struktur  in  Anschlag
brachten:  die  Art  einfach,  wie  sich  dieses  Konkretum  nach  der  Anweisung ­
  eines  Kollektivbegriffes  als  System  erfassen  läßt  So  gewinnt
es  den  Anschein,  als  ob  der  Sonderbau  eines  Dinges  eine  Modalität
wäre,  die  unabhängig  und  außerhalb  seiner  Individualität  zu  Recht
bestünde.  In  diesem  Falle  hätte  auch  der  Inhalt  des  Individualbegriffes
mit  dem  Inhalte  der  ihm  untergeordneten  Begriffe  gar  nichts  zu  tun.
Dies  widerstrebt  aber  dem  unmittelbarsten  Gefühle.  Es  ist  bezeichnend, ­
  daß  der  Allzusammenhang,  gleichwie  er  sich  nicht  individualisieren ­
  läßt,  auch  weder  Sonderstellung  noch  Sonderbau
besitzen  kann.  In  der  Tat,  diese  beiden  können  unmöglich  außerhalb
der  Individualität  stehen.  Es  liegt  vielmehr  nahe,  daß  erst  in  Sonderbau
und  Sonderstellung  zum  Ausdruck  kommt,  wie  Eigenart  und  Eigenlage
restlos  in  der  Individualität  aufgehen.  So  drängt  alles  zu  der  Einsicht,
daß  unsere  Formel  —  Struktur  und  Konstellation  zu  verschmelzen  —
bloß  die  elementare  Bildung  des  Individualbegriffes  ins  Auge  faßt.
Nun  aber  wird  uns  erst  noch  der  Sinn  der  logischen  Ausgestaltung ­
  dieses  Begriffes  völlig  absehbar.  Ein  erster  Schritt,
wie  früher  erwähnt,  ist  schon  damit  getan,  daß  man  den  Gesamtcharakter ­
  herauszuarbeiten  sucht.  Dem  unterliegt  eigentlich  schon  die
Formel,  Struktur  und  Sonderstellung  aufeinander  zu  beziehen;
denn  mit  der  Sonderstellung  wird  das  in  seinem  Gefüge  unwiederholbare ­
  Ganze  aller  Konstellationen  gemeint,  die  überhaupt  für  die
Individuation  belangvoll  sind.  Dieser  erste  Schritt  vollzieht  sich  aber
so,  daß  man  die  Individuation  ganz  systematisch  mit  der  Explikation
von  immer  anderen  Systemen  verflicht.  Der  letzte  Schritt,  der  hier
möglich  ist,  schließt  in  sich,  daß  man  auch  die  Explikation  des
zu  Individualisierenden  selber  in  die  Individuation
einbezieht.  Es  soll  also  auch  jenes  idiographische  Denken  im
Individualbegriff  ausmünden,  das  sich  in  sein  eigenes  Substrat  versenkt.
Dies  ist  offenbar  nur  nach  der  Formel  möglich:  Sonderbau  und
Sonderstellung  aufeinander  zu  beziehenl  Man  sucht  es
gegeneinander  zu  gedanklichem  Ausgleich  zu  bringen,  wie  sich  das
Individuum  einerseits  in  unwiederholbarer  Art  aus  Individuen  a  u  f  b  a  u  t,
wie  es  andererseits  in  unwiederholbarer  Art  zu  den  sonstigen  Individuen
Stellung  nimmt.  Dann  sind  alle  unwiederholbaren  Beziehungen,
die  das  Individuum  in  sich  hinein  verwebt  und  aus  sich  heraus  spinnt,
zu  begrifflicher  Synthese  gekommen.  Der  Individualbegrifl,
der  über  dem  Trachten  nach  dem  Gesamtcharakter  im  extensiven
Sinne  ausgebaut  wird,  wird  es  hier  nun  überdies  im  intensiven.
        <pb n="520" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  III.

499

Eine  Obergrenze  ist  diesem  Bemühen  schon  gar  nicht  gesetzt
Ist  doch  die  Explikation,  die  uns  das  Individuum  selber  erschließt,
nicht  minder  unbegrenzt  als  jene,  die  uns  das  Individuum  in  einer
immer  anderen  Verflechtung  erfassen  läßt.  Begrenzt  ist  bloß  unser
Interesse  am  Ergebnis;  in  dieser  rein  formalen  Hinsicht  aber
bemißt  sich  unser  Interesse  nach  dem  „organisch“  richtigen  Verhältnisse, ­
  das  zwischen  der  Einzelleistung  und  der  jeweils  vorliegenden ­
  Gesamtleistung  auf  idiographischem  Gebiete  bestehen
muß.  Soviel  ist  klar,  daß  im  Geiste  jener  zweiten  Formel  das  idiographische
  Erkennen  seine  Höchstleistungen  vollbringt;  von  dorther ­
  werden  ihm  als  Preis  die  „feinsten  Blumen“  winken.  Unser  Beispiel ­
  freilich  käme  diesen  Verwicklungen  nicht  mehr  nach;  in  seiner
Ausgedachtheit  hat  es  die  Darlegung  gleich  einer  „Übung  am  Phantom“
begleitet,  und  nur  an  der  lebendigen  Wirklichkeit  selber  könnte  man
es  erläutern,  wie  unser  Denken  den  tiefsten  Blick  in  ihr  ureigenes
Gewebe  hinein  zu  tun  vermag.  Genug,  wenn  dieses  Beispiel  verdeutlicht ­
  hat,  wie  sich  das  Wechselspiel  zwischen  Individuation  und
Explikation  als  roter  Faden  durch  das  ganze  idiographische  Denken
zieht,  die  ganz  besondere  Form  verratend,  in  der  auch  dieses  Erkennen
die  „Einheit  im  Mannigfaltigen“  sucht:  im  Geiste  einer  Explikation,
einer  systematischen  Zergliederung  des  Allzusammenh
  a  n  g  e  s.

III.  Die  Voraussetzungen  des  idiographischen  Verfahrens.
Es  hat  die  logische  Analyse  des  idiographischen  Verfahrens  ausgemacht, ­
  die  zwei  Vorgänge  zu  sondern  und  ihre  Beziehungen  aufzudecken: ­
  die  Individuation,  als  eine  spezifische  Art,  wie  sich  Urteile
zu  Begriffen  verflechten,  die  Explikation,  als  eine  spezifische  Art,
in  der  sich  die  Verhältnisse  zwischen  Begriffen  gestalten.  Nun  wenden
wir  uns  noch  der  erkenntnistheoretischen  Seite  des  Verfahrens
zu,  seinen  Voraussetzungen.  Die  Bedingungen  stehen  in
Frage,  unter  denen  biographisches  Erkennen  möglich  wird.  Sie  haben
sich  zum  Teil  schon  bei  der  logischen  Analyse  ergeben.  Zum  restlichen ­
  Teil  sind  sie  uns  als  Probleme  fühlbar  geworden.  Es  handelt
sich  nun  darum,  diese  Probleme  richtig  zu  verstehen.  Ihre  Lösung
kann  nur  mehr  angedeutet  werden;  sonst  müßte  geradeaus  die  Präge
nach  dem  Sinn  der  ganzen  geographischen  Erkenntnis  aufgeworfen
werden,  weil  geographische  Vorstellungen  auch  der  jetzigen  Erwägung ­
  als  Folie  dienen.

32'
        <pb n="521" />
        500

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Soviel  wir  bisher  sahen,  setzt  das  idiographische  Verfahren  zweierlei
voraus:  die  stete  Mithilfe  nomothetischer  Erkenntnis
und  den  steten  Bezug  auf  einen  Allzusammenhang.
Die  erstere  Voraussetzung  versteht  sich  bei  der  Natur  unseres  Denkens
von  selbst.  Ihr  ist  im  rohen  schon  durch  unsere  Fähigkeit  genügt,
in  Worten  zu  sprechen.  Jede  Läuterung  aber  der  nomothetischen  Erkenntnis ­
  kommt  auch  der  idiographischen  zugute.  Erstens  läutern
sich  dadurch  die  Elemente  der  idiographischen  Begriffe;  zweitens  erleichtert ­
  sich  die  Interpretation  der  Zusammenfassungen,  die  sich  mit
jenen  Begriffen  verwirklichen.  Es  muß  aber  auch  ein  Allzusammenhang ­
  zugrunde  liegen,  will  man  im  wissenschaftlichen  Geiste  idiographisch
  denken;  ein  Zusammenhang  nämlich,  der  mit  der  Wirklichkeit
selber  gegeben  ist,  der  also  das  Wirkliche  anschaulich  umfängt,
und  dabei  schrankenlos  sich  weiterdehnt,  so  daß  er  A11  es  auf
Alles  beziehbar  macht.  Er  allein  läßt  jenes  Denken,  wie  es  im  innersten ­
  Wesen  ein  beziehendes  ist,  zu  einem  wissenschaftlichen
werden.  Nur  vom  Allzusammenhange  lassen  sich  Beziehungen  so  abheben, ­
  um  die  Wirklichkeit  einheitlich  zu  bewältigen;  und  bloß
vom  Allzusammenhange  lassen  sich  unwiederholbare  Beziehungen
abheben.  Er  allein  ist  der  Hort  jener  objektiven  Bestimmtheit,
mit  der  die  Idiographie  steht  und  fällt.  Denn  nur  er  trägt  das  absolut
Unverwechselbare  der  Allheit  in  sich.
Als  das  Schrankenlose  aber  könnte  der  Allzusammenhang  zur  Basis
der  Bestimmtheit  jedes  Einzelnen  gar  nicht  werden.  Dazu  muß  er
erst  eine  Reduktion  erfahren,  ohne  aufzuhören,  das  absolut  Unverwechselbare ­
  zu  sein.  Wie  geht  diese  Reduktion  vor  sich,  was  bringt
uns  im  geographischen  Vorstellungskreise  dazu,  das  Erdrund  als  jene
Basis  zu  wählen?  Hier  sind  wir  problematischen  Voraussetzungen
unseres  Verfahrens  begegnet;  hier  und  noch  an  einer  zweiten  Stelle,
Des  Wirklichen  nämlich  wird  das  idiographische  Denken  stets  nach
dem  Schema  eines  Allgemeinbegriffes  Herr;  obwohl  nun  solcher
Schemata  für  jeden  Blick  in  die  Wirklichkeit,  um  sie  begrifflich  zu
bewältigen,  gar  viele  zur  Hand  liegen,  greifen  wir  doch  nur  ganz  bestimmte ­
  für  diesen  Zweck  heraus.  Im  Enderfolg  ist  diese  Wahl  des
Schemas  eine  Auswahl,  die  wir  unter  dem  unendlich  Mannigfaltigen
vornehmen,  das  die  Wirklichkeit  vor  uns  ausbreitet.  Problem  ist  hier
also  ein  Prinzip  der  Auswahl,  gleichwie  es  bei  jener  ersten  Gelegenheit ­
  ein  Prinzip  der  eindeutigen  Umgrenzung  des
Allzusammenhanges  ist.
Scheinbar  finden  wir  da  und  dort  über  den  Zweifel  hinaus,  sobald
wir  einfach  unser  Interesse  am  Besonderen  ins  Treffen  führen.
        <pb n="522" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  III.

Wohl  Dieses  entscheidet,  in  welchem  Umkreise  wir  dem  an  sich
schrankenlosen  Zusammenhang  der  Dinge  folgen,  und  bestimmt  uns,
nach  welchem  Schema  wir  aus  dem  unendlich  Mannigfaltigen  des
Wirklichen  bestimmte  Dinge  aufgreifen.  Allein,  mit  dieser  Deutung  ist
für  die  Sache  überhaupt  nichts,  für  ihren  Ausdruck  nur  soviel  gewonnen, ­
  daß  wir  ein  Wort  —  „Interesse“  —  als  Platzhalter  der
eigentlichen  Lösung  setzen.  Das  scheinbar  entscheidende  Interesse
beruft  sich  erst  noch  auf  etwas  anderes;  mag  dies  nun  sein  Anlaß,
sein  Grund  oder  die  Bedingung  sein,  unter  der  es  immer  erst  rege
wird.  Jedenfalls  drücken  wir  als  unser  Interesse  nur  die  zutage
liegende  Form  dessen  aus,  was  uns  inhaltlich  nun  erst  recht  als
Problem  erscheint.  Im  Gegensätze  zu  jenen  beiden  formalen  Voraussetzungen ­
  gemeint,  die  uns  schon  bekannt  sind,  könnte  man  hier
von  einer  inhaltlichen  Voraussetzung  des  idiographischen  Verfahrens ­
  reden.  Um  ihr  näher  zu  kommen,  schlagen  wir  abermals  den
analytischen  Weg  ein,  pressen  also  sozusagen  unser  Beispiel  noch  einmal ­
  zur  Zeugenschaft.
Wir  wissen,  nach  der  Anweisung  des  Allgemeinbegriffes  „Berg“
sind  eine  Unzahl  idiographischer  Begriffe  geformt:  „Gaurisankar“,
äSinai“,  „Brocken“  usw.,  bis  zu  unserem  „X-Berge“.  Man  könnte  allerdings ­
  mit  dem  Gedanken  spielen,  daß  dem  Allgemeinbegriffe  „Berg“
diese  idiographischen  Begriffe  ähnlich  so  vorausgehen  wie  jeglicher
Induktion  ihre  Instanzen.  Aber  diese  psychogenetische  Erwägung  halten
wir  mit  gutem  Rechte  fern.  Unter  erkenntnistheoretischem  Gesichtspunkte ­
  ist  der  Allgemeinbegriff  das  Primäre,  kraft  seiner  „formenden“ ­
  Bedeutung.  Dabei  sind  ihm  gegenüber  erst  noch  die  Kategorien
das  Primäre  ;  er  selbst  ist  nach  der  Kategorie  des  „Dinges“,  speziell
des  „Raumdinges“  geformt.  In  einer  eigentümlichen  Weise  legt  sich
nun  die  Vermutung  nahe,  daß  zur  Formung  des  Begriffes  „Berg“
die  Kategorien  gar  nicht  ausreichen;  für  ihn  scheint  vielmehr ­
  noch  etwas  anderes  von  „formender“  Bedeutung  zu  seinl
Maßgebend  dafür  ist  uns  die  Tatsache,  daß  die  Formungen  nach
dem  Schema  „Berg“  in  aller  Regel  zu  Trägern  von  Eigennamen
werden,  also  vom  Werte  idiographischer  Gebilde  sind.  Danach
scheint  es  dem  Begriffe  „Berg“  gleichsam  angeboren  zu  sein,  daß
er  in  seiner  Anwendung  auf  die  anschauliche  Wirklichkeit  Formungen
liefert,  auf  die  unser  Interesse  am  Besonderen  reagiert.  Dies  ist  gewiß
auffällig  genug,  um  die  Vermutung  aufleben  zu  lassen,  ob  nicht  schon
beider  Formung  des  Begriffes  „Berg“  das  nämliche  insgeheim
mitwirkt,  was  zugleich  unserem  Interesse  am  Besonderen ­
  zugrunde  liegt.  Hier  könnten  wir  also  der  inhaltlichen
        <pb n="523" />
        502

„Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Voraussetzung  aller  Idiographie  auf  die  Spur  kommen!  So  paradox
es  zunächst  klingt,  wenn  wir  das  Walten  jener  inhaltlichen  Voraussetzung ­
  gleichsam  über  den  Allgemeinbegriff  hinaus  verlegen,,
es  trifft  für  unser  Beispiel  doch  zu  und  stimmt  hier  überhaupt  ins  Bild.
Denn  vom  Stammbegriff  herwärts  sind  uns  die  ganzen  Verhältnisse
schon  aus  der  logischen  Analyse  klar  geworden.  Insbesondere  wissen
wir,  welche  vielfältige  Bedeutung  ein  Gebilde  nach  dem  Schema  „Berg“
vor  unserem  Denken  gewinnen  kann  und  in  welcher  Weise  es  überhaupt ­
  eine  Bedeutung  gewinnt,  statt  ein  bloßes  Exemplar  des  Begriffes ­
  „Berg“  zu  bleiben,  das  sich  im  Dunkel  verliert.  Übrigens  muß
es  völlig  in  der  Schwebe  bleiben,  von  welchem  Umkreis  von  Allgemeinbegriffen ­
  es  gelten  soll,  daß  für  ihre  Formung  die  Kategorien
nicht  ausreichen.  Uns  hier  genügt  es,  wenn  dies  für  den  Begriff  „Berg“
rein  empirisch  zutrifft  Damit  bahnen  wir  uns  einfach  einen  gangbaren, ­
  plausiblen  Weg  ins  Herz  jener  inhaltlichen  Voraussetzung.
Zu  der  Vermutung,  daß  neben  den  Kategorien  noch  etwas
anderes  an  der  Formung  dieses  Begriffes  mitwirke,  gelangen  wir
auch  von  einer  zweiten  Seite.  Ein  Berg,  sagten  wir,  sei  eine  Bodenerhebung ­
  von  beträchtlicher  Höhe.  Diese  Definition  hat  theoretischen
Charakter;  sie  ist  aus  dem  „orographischen“  Gesichtspunkt  gebildet,
und  somit  einseitig.  Wir  können  es  ihr  überdies  nachrechnen,  daß
sie  eine  bedeutsame  Frage  offen  läßt.  Sie  setzt  den  Berg  schlechthin
einer  qualifizierten  Gestaltung  des  Bodens  gleich;  qualifiziert  als
Erhebung,  und  im  Sinne  der  Beträchtlichkeit  dieser  Erhebung.  Was
verschafft  aber  einer  quantitativen  Eigenheit  die  Qualität  eines
selbständigen  Begriffes?  Wäre  es  eine  Sache  des  bloßen  Übereinkommens, ­
  Erhebungen,  die  eine  gewisse  Höhe  erreichen,  für  sich
gesondert  als  „Berge“  zu  bezeichnen?  Darüber  läßt  uns  die  Definition
ganz  im  unklaren.  Nun  ist  uns  bekanntlich  eine  Steigerung  geläufig,
die  erst  über  „Anhöhe“  und  „Hügel“  hinweg  zum  „Berge“  führt.
Hierzwischen  scharfe  Grenzen  zu  ziehen,  das  mag  einem  Übereinkommen ­
  der  „Orographie“  zustehen.  An  jenem  Verhältnis  ändert
sich  trotzdem  nichts.  Anhöhen  und  Hügel  sind  auch  nur  gleichsam
abgeschwächte  Berge.  So  beharrt  die  Frage,  was  uns  gegenüber  der
unendlichen  Fülle  der  Abstufungen  zwischen  bloßen  „Unebenheiten“
auf  der  einen  Seite  und  jenen  begrifflichen  Sonderungen  auf  der
anderen  Seite  zu  scheiden  veranlaßt.  Dazu  reichen  die  Kategorien
offenkundig  nicht  hin.  Es  kann  sogar,  rein  kategorial  genommen,  eine
bloße  „Unebenheit“  eine  viel  klarere  Einheit  darstellen,  im  Sinne  eines
Kegels,  einer  Halbkugel,  einer  Pyramide  usf.,  sie  kann  also  viel
leichter  erfaßlich  als  jene  Gebilde  sein,  die  trotzdem  zu  einem
        <pb n="524" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  III.

503

Gattungsnamen  für  sich  allein  gekommen  sind.  Mithin  muß
für  die  Formung  jener  Begriffe  noch  etwas  anderes  haftbar  sein,
außer  den  Kategorien.
Sehen  wir  uns  einmal  das  sprachliche  Gebilde  „Berg“  an,  den
Ausdruck,  als  sinnvolles  Wort  genommen;  nicht  etwa,  um  in
scholastischer  Weise  für  die  Sache  aus  dem  Wort  heraus  zu
argumentieren.  Wir  verfolgen  einfach  die  Spur  weiter,  auf  die  wir
in  Sachen  der  inhaltlichen  Voraussetzung  aller  Idiographie  gelangt
sind;  und  dazu  frommt  uns  durch  einen  günstigen  Zufall  auch  das
Wort  „Berg“,  oder  sagen  wir  genauer,  seine  „innere  Sprachform“.
Da  ist  es  gleich  bedeutsam,  daß  unser  Sprachgefühl  mitnichten
verletzt  wird,  wenn  von  einem  „Bergwerke“  auch  dort  gesprochen
wird,  wo  das  Eindringen  mitten  in  einer  Ebene  erfolgt.  Nicht  minder
„symptomatisch“  ist  es,  wenn  der  pfälzische  Bauer  nach  seinem  Ausdruck ­
  „in  den  Berg“  geht,  wo  er  einfach  den  ganz  flach  gelegenen
Wald  aufsucht!  Wobei  vielleicht  dieselbe  Ideenverflechtung  unterläuft,
die  uns  umgekehrt  vom  „Odenwald“  sprechen  und  schließlich  doch
ein  Bergland  meinen  läßt.  Es  ist  nämlich  der  Zusammenhang  zwischen
„Berg“  und  „bergen“  nicht  bloß  etymologisch  da,  im  urwüchsigen
Sinne  scheint  dies  überhaupt  den  Ausschlag  zu  geben,  weshalb  wir
auch  unabhängig  von  theoretisch-„orographischer“  Betrachtung
das  Schema  „Berg“  als  ein  selbständiges  handhaben.  Danach
wäre  also  ein  Berg  zunächst  das,  was  entweder  etwas  vor  uns  „birgt“,
oder  uns  selber  zu  „bergen“  vermag.  Beides  aber  läßt  sich  gleich  gut
mit  dem  Sinn  einer  Bodengestaltung  vereinen.  Diese  kann  ebensowohl ­
  in  ihrem  Hohlraum  allerlei  Begehrenswertes  einschließen,  als
auch  auf  ihrer  Höhe  uns  Zuflucht  gewähren.  Das  letztere  so,  daß
sie  uns  den  Vorteil  eines  weiten  Ausblickes  verschafft  und  zugleich
die  Annäherung  an  uns,  die  Bewegung  des  uns  Feindlichen,  erschwert.
So  hebt  es  die  „innere  Sprachform“  des  Wortes  klar  hervor,  warum
eine  Erhebung  von  beträchtlicher  Höhe  zu  etwas  Spezifischem
wird  und  sohin  einen  Begriff  für  sich  gestalten  läßt:  kraft
ihres  Sinnes  für  uns!  Erst  also  in  der  Beziehung  auf
uns,  auf  das,  was  wir  wollen  oder  nicht  wollen,  erstreben  oder  abwehren,
  wird  eine  Erhebung  beträchtlicher  Höhe  zu  etwas  Spezifischem,
wandelt  sich  also  quantitative  Eigenheit  zu  Begriffsqualität.  Unsere
praktischen  Interessen  als  Handelnde  geben  in  dieser  hochtheoretischen
Hinsicht  den  Ausschlag.  Auch  darüber  löst  sich  jeder  Zweifel,  weshalb ­
  Gebilde  nach  dem  Schema  „Berg“  unser  Interesse  am  Besonderen ­
  anregen.  Es  genügt,  daß  solche  Formungen  des  Anschaulichen ­
  von  der  Wurzel  aus  unseren  praktischen  Interessen
        <pb n="525" />
        504

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

anbequemt  sind  —  den  letzteren  ist  unser  theoretisches  Interesse
am  Besonderen  untrennbar  verflochtenl  Denn  als  Handelnde,
um  mit  Rickert  zu  sprechen,  leben  wir  im  Einzelnen  und  sind
wirklich  nur  als  Einzelne.  '  Es  kann  unmöglich  überraschen,  daß
unserem  Interesse  am  Besonderen  vor  allem  unsere  besonderen  Interessen ­
  unterliegen.
So  bestätigt  es  sich  am  lebendigen  Leibe  des  Begriffes,  daß  bei
seiner  Formung  nicht  bloß  die  Kategorien  beteiligt  sind,  sondern  auch
das,  was  zugleich  unserem  Interesse  am  Besonderen  unterliegt.  Von
daher  eröffnet  sich  nun  der  Einblick  in  die  inhaltliche  Voraussetzung
aller  idiographischen  Erkenntnis:  Idiographisches  Denken  wäre  stets
nur  unter  Bezugnahme  auf  etwas  möglich,  das  außerhalb  der
unmittelbaren  Objekte  dieses  Denkens,  genauer  gesagt,  seines  kategorial
formbaren  Stoffes  liegt.  Für  dieses  Etwas  hätten  wir  vorläufig  das
„Beziehen  auf  unsere  besonderen  Interessen“  eingesetzt.
Wenden  wir  diese  erkenntnistheoretische  Ansicht  zusammenfassend
auf  unseren  Berg  an,  so  wäre  er  das  „Stück  Wirklichkeit“,  wofür  er
uns  nun  einmal  gilt,  nicht  schon  in  der  Anwendung  der  raumhaften
Kategorien  auf  ihren  Stoff.  Nur  scheinbar  wäre  er  schon  daraufhin
erfaßlich,  nämlich  kraft  seiner  Kegelform.  In  Wahrheit  müßte  er  sich
soweithin  hilflos  im  Chaos  aller  überhaupt  möglichen  Formungen  des
Raumhaften  verlieren.  Wenn  er  uns  hingegen  gleichsam  auf  den
ersten  Blick  als  wirklich  erscheint,  und  so  wuchtig,  um  über  kurz  und
lang  unser  Interesse  an  seiner  Besonderheit  zu  erwecken,  so  verrät
sich  darin  die  formende  Gewalt  jener  Bezugnahme  auf
unsere  Interessen.  Erst  daraufhin  ist  uns  diese  Bodengestaltung
als  das  Spezifische  eines  „Berges“  unmittelbar  erfaßlich;  während
wir  ungezählte  Formungen,  die  kategorial  nicht  minder  möglich  wären,
von  uns  weisen.  In  dieser  kategorial  geregelten  Weise  vollzieht ­
  sich  hier,  dem  tatsächlichen  Erfolg  nach,  eine  Auswahl.  Wir
greifen  dann,  nach  dem  Leitfaden  steter  Beziehung  auf  unsere  Interessen, ­
  aus  der  unendlichen  Mannigfaltigkeit  des  Wirklichen  ein
Weniges  heraus  und  glauben  doch  die  ganze  Wirklichkeit  in  Händen
zu  halten,  während  uns  ein  unendlicher  Rest  zwischen  den  Fingern
durchgeglitten  ist  —  das  „Uninteressante“.
Unser  Berg  ist  sohin  nur  scheinbar  eine  „naturgegebene“  Einheit;
in  Wahrheit  ist  er  uns  Einheit  kraft  der  Beziehung  auf  unsere  Interessen. ­
  Er  ist  kein  bloßes  „Anwendungsobjekt“  idiographischer  Erkenntnis, ­
  sondern  Fleisch  von  ihrem  Fleische.  Denken  wir  hingegen
an  die  „Berge“  im  Monde,  an  die  „Ringgebirge“  dort,  so  liegt  die
Sache  sofort  ganz  anders.  Im  Grunde  sind  dies  buchstäblich  nur
        <pb n="526" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  III.

505

„Unebenheiten“  der  Mondoberfläche,  die  wir  bloß  in  spielender
Analogie  „Berge“  nennen.  Auch  zu  individualisieren  vermöchten
wir  sie  nicht  ernsthaft;  wir  registrieren  sie  einfach,  gleich  Sternen
und  Kometen.  Da  überall  würde  der  Idiographie  die  Seele  fehlen!
Für  unsere  Auffassung,  die  keine  Astrologie  duldet,  dehnt  sich  eben
nicht  bis  dorthin  die  Möglichkeit  jener  Beziehung  auf  unsere  Interessen,
die  geographisches  Denken  erst  ins  Leben  ruft.  Wir  sehen  übrigens,
wie  jenes  fundamentale  „Beziehen  auf  unsere  Interessen“  zugleich  das
Prinzip  für  die  eindeutige  Umgrenzung  des  Allzusammenhanges ­
  liefert;  kurz  vorher  hat  es  sich  für  den  Beruf  eines
Prinzips  der  Auswahl  qualifiziert.
Was  enthält  aber  jene  offenkundig  schlagwörtliche  Wendung
vom  „Beziehen“  als  sachlichen  Kerni  Wir  wollen  etwas,  so
lautet  die  bisherige  Deutung,  wir  nehmen  also  zustimmend  oder  ablehnend ­
  Stellung  zur  Wirklichkeit;  und  in  der  Beziehung  darauf ­
  gewinne  die  eine  oder  andere  der  Zusammenfassungen,  die  kategorial
  möglich  wären,  für  uns  einen  spezifischen  Sinn.  So  entstehe ­
  ein  Begriff,  der  sich  idiographisch  ausgestalten  läßt.  Dieses
Spiel  der  inhaltlichen  Voraussetzung  bedürfte  nun  einer  schärferen
Fassung.  Soweit  es  hier  zu  erläutern  geht,  hätte  es  beim  geographischen ­
  Denken  mit  jenem  „Beziehen  auf  unsere  Interessen“
ungefähr  die  folgende  Bewandtnis.
Es  ist  zunächst  ein  spezifisches  Geschehen  da;  „Geschehen“
gleichbedeutend  mit  einer  bestimmten  Formungsweise,  um  nicht
zu  sagen,  mit  einer  Rationalisierung  jenes  „Erlebens“,  das  unsere
Wirklichkeit  in  letzter  Instanz  ausmacht,  für  sich  selber  jedoch  unserem
Denken  ungreifbar,  bloß  unserem  anschaulichen  Vorstellen  zugänglich
ist.  Ob  und  wieviel  noch  andere  „Geschehen“  neben  jenem  anzuerkennen ­
  sind,  weshalb  unter  ihnen  auch  jenes  als  ein  spezifisches  gilt,
wie  es  zu  nennen  wäre,  ob  nun  „Handeln“  oder,  vielleicht  weniger
mißverständlich,  „Kulturgeschehen“  —  dies  alles  gehört  nicht
hierher.  Jedenfalls  ist  dieses  Geschehen  darin  in  der  Gewalt  unseres
Denkens,  daß  wir  uns  seinen  Ablauf  aus  dessen  Bedingungen ­
  zurechtlegen.  Diese  Bedingungen  sind  entweder
primäre,  solche  nämlich,  die  wir  in  das  Geschehen  selber  verlegen,
so  daß  es  mit  ihnen  steht  und  fällt;  wir  sprechen  eine  solche  primäre
Bedingung  inhaltlich  stets  mit  der  Wendung  aus,  daß  wir  das  oder
jenes  „wollen“.  Hier  interessieren  uns  mehr  die  sekundären  Bedingungen, ­
  jene,  die  allemal  nur  in  der  Relation  auf  eine
primäre  Bedingung  erfaßbar  sind,  als  etwas,  was  außerhalb ­
  des  Geschehens  selber  liegt.  Sie  machen  die  Determinanten
        <pb n="527" />
        Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

506

jenes  Geschehens  aus;  jene  ersteren  aber  seine  Dominanten  —
Reinkes  bildlicher  Ausdruck  trifft  hier  nämlich  in  der  Sache  zul  So
erschließt  sich  uns  jenes  Geschehen  als  das  stete  Gegenspiel  der
Dominanten  und  Determinanten,  In  dieser  Art  läßt  sich  auch  der
entscheidende  Sachverhalt  diskutieren.  Z.  B.  antwortet  also  der  höhere
oder  niedere  Standort  als  Determinante  dem  „Ausblicken-wollen“;  die
Hänge  des  Berges  wieder  determinieren  je  nach  ihrer  steilen  oder
sanften,  zerklüfteten  oder  glatten  Beschaffenheit  das  „Aufwärtsdringenwollen“, ­
  mittelbar  also  das  „Sicher-sein-wollen“  der  auf  der  Höhe  Befindlichen. ­
  Es  ist  wohl  ohne  weiteres  klar,  daß  der  Sinn  der  Bodengestalt, ­
  die  uns  daraufhin  als  das  Spezifische  des  „Berges“  gilt,  auf
den  möglichen  Determinationen  jenes  Geschehens  seitens
dieser  Bodengestalt  beruht  1  Dazu  steuert  noch  Zahlloses  bei;  z.  B.  die
Determination  des  „Gehen-wollens“  —  der  Berg  als  Hindernis  unseres
Verkehrs;  oder  die  Determination  des  „Ernten-wollens“—je  nachdem
uns  der  Berg  den  Weinbau  erlaubt,  den  Körnerbau  erschwert,  den
Holzwuchs  entgegenbringt.  Abschließend  darf  man  daher  sagen:
Jenes  fundamentale  „Beziehen  auf  unsere  Interessen“  hat  beim  geographischen ­
  Denken  den  sachlichen  Gehalt,  daß  wir  das
Raumhafte  in  seiner  determinativen  Bedeutung  für
unser  Handeln  würdigen.
Nun  stellt  sich  das  Raumhafte  je  in  einer  anderen  determinativen ­
  Bedeutung  dar,  je  nachdem  wir  die  Wirklichkeit  zu  der  oder
jener  Dominante  in  Relation  setzen  —  und  dies  macht,  in
der  entsprechenden  Verwicklung  des  konkreten  Falls,  unsere  „Stellungnahme“ ­
  zur  Wirklichkeit  ausl  So  quittiert  gleichsam  jeder  das
Raumhafte,  das  ihm  hierbei  als  „Berg“  erfaßlich  wird,  wieder  anders;  der
Flüchtende  als  das  „Bergende“,  der  Wanderer  als  das  „Hindernde“,
der  Erschöpfte  als  das  „Schattende“,  usf.  Dieser  Wechsel  determinativer ­
  Würdigung  zieht  sich  tief  noch  in  die  Individuation  hinein:
wenn  z.  B.  der  X-Berg  einer  anrückenden  Truppe  speziell  im  Lichte
des  „Beherrschenden“  erscheint.  Nun  war  gerade  dort  schon  zu  betonen, ­
  daß  eine  so  einseitige  Würdigung  dem  geographischen  Denken
selber  fremd  sei.  Geographisches  Denken  muß  vielmehr
über  die  Denkweise  des  Stellungnehmenden  irgendwie
hinausliegen.  Und  besonders  in  dieser  Hinsicht  erheischt  es  eine
sorgsame  Läuterung  jener  schlagwörtlich  provisorischen  Lösung.  Hierin
gipfelt  geradezu  das  Problem  der  inhaltlichen  Voraussetzung  aller  Idiographie,
  sofern  die  letztere  eine  wissenschaftliche  sein  will.
Hüten  wir  uns  aber  vor  dem  Wahne,  als  ob  speziell  diese  Kernfrage ­
  des  Problems  —  die  reinliche  Scheidung  von  der  Denkweise
        <pb n="528" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  III.

So  7

des  Stellungnehmenden  —  irgendwie  dadurch  gelöst  oder  sozusagen
annulliert  würde,  daß  wir  jeden  einzelnen  Vorwurf  geographischen
Denkens  ganz  systematisch  erst  „orographisch“,  dann  „hydrographisch“
usw.  durchgingen.  Denn  in  der  Tat,  mit  der  Idiographie  als  solcher
hat  diese  einseitige  Betrachtungsweise  gar  nichts  zu  schaffen.  Sie  versteht ­
  sich,  wie  gesagt,  für  alles  wissenschaftliche  Denken  ganz  von
selbst.  Das  Verwickelte  des  Wirklichen  läßt  sich  anders  nicht  bewältigen ­
  als  durch  ein  denkendes  Zerlegen  in  viele  Einfache.  Es  ist
klar,  daß  man  durch  die  Handhabung  jener  einseitigen  Gesichtspunkte
den  Vorteil  erzielt,  je  den  Anschluß  zu  finden  an  eine  bestimmte
nomothetische  Erkenntnisweise.  So  macht  sich  unser  geographisches ­
  Denken  etwa  im  Wege  des  „agronomischen“  Gesichtspunktes
die  ganze  „Kulturbiologie“,  insbesondere  die  Lehre  vom  Pflanzenbau,
mittelbar  also  die  ganze  Biologie  dienstbar;  und  zwar  für  den  Zweck
einer  kausalen  Interpretation  des  geographisch  Zusammengefaßten. ­
  Aber  diese  geographischen  Zusammenfassungen  selber,  in
letzter  Linie  also  die  geographischen  Individuen,  die  haben
mit  diesen  Gesichtspunkten  nichts  zu  tun.  Sie  bleiben  nach  wie  vor
das,  was  in  jener  problematischen  Weise  über  die  einseitig  determinative ­
  Würdigung  hinausliegt.  Und  gerade,  weil  dies  für  alle  Idiographie ­
  im  wesentlichsten  Sinne  gilt,  ist  auch  dem  geographischen
Denken  alle  einseitige,  „orographische“  usw.  Betrachtung  bloß  Mittel
zum  Zweck;  nicht  minder  die  hieraus  resultierende  einseitige  Reihenbildung. ­
  Endzweck  ist  die  Synthese  dieser  Reihen.  Jene
Gesichtspunkte  besagen  dann  nur,  daß  von  verschiedenen  Seiten  her,
„orographisch“,  „hydrographisch“  usf.  begonnen  wird,  eine  terminale
Reihe  herauszuarbeiten.  Wenn  aber  nicht  alles  täuscht,  so  steht
diese  Ansicht  in  erfreulichem  Einklang  mit  jener  wissenschaftlichen
Auffassung  der  Geographie,  wie  sie  neuerdings  Hettner  in  seinen
Arbeiten  verficht:  wonach  die  Geographie  am  letzten  Ende  die  Erde
zu  „Ländern“  und  „Landschaften“  zu  zergliedern  sucht.
Dieser,  aller  Idiographie  eigene  Drang  nach  der  Synthese
—  diesen  Ausdruck  natürlich  im  landläufigen,  nicht  erkenntnistheoretischen ­
  Sinn  gemeint  —  prägt  sich  schon  in  der  Individuation
aus,  von  der  zu  sagen  war,  daß  sie  überallhin  Synthesen  anstrebt.
Alle  Idiographie  trachtet  eben  nach  der  Ungeteiltheit
des  Wirklichen  zurück  und  sucht  mit  der  Synthese
darzubieten,  was  sie  der  Anschauung  schuldig  bleibt.
Hier  erhellt  aber,  daß  bereits  die  Formung  des  idiographischen  Begriffs, ­
  mithin  die  Erfassung  dessen,  was  dann  erst  zum  Individuum
ausgestaltet  wird,  das  Problem  einer  Synthese  in  sich  birgt.  Denn
        <pb n="529" />
        508

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

auch  über  die  einseitige  Würdigung  des  Stellungnehmenden  kommt
man  nicht  anders  als  im  Wege  irgendeiner  Synthese  möglicher
Würdigungen  dieser  Art  hinaus.  Dem  geographischen  Individuum
darf  eben  nicht  eine  einzelne  determinative  Würdigung  unterliegen, ­
  sondern  die  synthetische  Einheit  solcher  Würdigungen.  So
ist  das  geographische  Individuum  selber  von  der  Wurzel  aus  als  eine
determinative  Einheit  anzusehen.  Der  X-Berg  z.  B.  ist  dies
kraft  seiner  Individuation  im  virtuellen  Sinne,  aber  schon  darin,  daß
er  überhaupt  als  „Berg“  erfaßlich  war,  im  potentiellen  Sinne.
Die  schließliche  Synthese  dessen,  wodurch  der  Berg  determinativ  bedeutsam ­
  erscheint,  ist  schon  in  der  Formung  des  Begriffes  „Berg“  angelegt. ­
  Und  so  kann  man  es  von  dem  Ganzen  unseres  geographischen
Denkens  sagen:  mit  Synthesen  —  eben  jenen  Formungen  —  setzt
es  ein,  um  in  einer  letzten  Synthese  —bei  der  terminalen  Reihenbildung ­
  —  auszumünden.  Nur  in  der  Mitte  dazwischen  liegt  das
tributäre  Reich  der  einseitigen  Betrachtungsweise,  aus  dem  „orographischen“
  und  noch  anderen  Gesichtspunkten.
UnserVersuch,  aus  dem  Schlagwort  „Beziehen  auf  Interessen“  die
Sache  herauszuschälen,  hält  mithin  bei  der  Frage,  in  welchem  Sinne
das  geographische  Denken  seine  Einheiten  zugleich  kategorial  und  so
formt,  daß  das  Mitformende  dabei  den  Sinn  einer  einheitlich
determinativen  Würdigung  des  Raumhaften  hat;  einer
solchen  also,  die  über  das  Würdigen  seitens  des  Stellungnehmenden,
als  zufälliger  Einzelfall  der  Determination,  in  synthetischem
Geiste  hinausliegt.  Zur  Antwort  eröffnen  sich  zwei  Wege.
Entweder  geht  man  davon  aus,  daß  schließlich  auch  die  geographische
Art,  das  Raumhafte  determinativ  zu  würdigen,  einen  Kreis  von
einzelnen  Würdigungen  unter  sich  befaßt.  Jede  der  letzteren  antwortet ­
  einer  möglichen  Dominante.  An  möglichen  Dominanten
sind  aber  unzählige  da;  man  denke  an  die  bunte  Fülle  dessen,  was
wir  s  o  wollen,  daß  es  irgendwie  durch  ein  Raumhaftes  bedingt  werde.
So  erscheint  also  jene  Frage  erstens  im  Wege  einer  Auslese  unter
den  Dominanten  lösbar,  in  der  Relation  auf  welche  das  Raumhafte ­
  zu  würdigen  wäre.  Es  handelt  sich  also  um  erlesene  Dominanten, ­
  darin  qualifiziert,  daß  sie  über  die  Zufälligkeiten  im  Ablaufe
des  auf  ihnen  ruhenden  Geschehens  erhaben  wären.  Um  es  in  ein
anderes  Provisorium  zu  kleiden:  jene  Dominanten  fallen  in  Betracht,
die  nicht  einer  willkürlichen,  sondernden  uns  allen  zugemuteten,
aufgedrängten  Stellungnahmen  unterliegen.  Ein  paar  einfachste
Zwischenglieder,  und  wir  lenken  auf  diesem  Wege  in  den  Gedankengang ­
  Rickerts  ein,  kämen  zu  seiner  Formel,  daß  nämlich  idio-
        <pb n="530" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  III.  jOg
graphisches  Denken  stets  nur  unter  Beziehung  auf  „allgemein
anerkannte  Werte“  möglich  sei.
Vielleicht  aber  könnte  man  versuchen  —  dies  ergäbe  den
zweiten  Weg  —  dem  synthetischen  Geist  aller  Idiographie
gerecht  zu  werden.  Es  müßte  dann  das  Wort  „Wert“  fern  bleiben,
dessen  Unsegen  es  ist,  uns  das  im  generellen  Sinne,  also  von  Fall
zu  Fall  für  sich  wieder  als  entscheidbar  vorzuspiegeln,  was  doch
nur  aus  dem  großen  Ganzen  heraus  zur  Entscheidung
gelangen  kann.  Wir  müßten  die  Auffassung  hochhalten,  daß  wir  uns
dem  Einzelnen  doch  nur  um  der  Einsicht  in  das  Ganze  willen  zuwenden,
und  daß  das  Einzelne  erst  im  Ganzen  aufgehen  muß,  ehe  wir  es  als
Individuum  zurückerhalten.  So  wäre  schon  für  die  Deutung  des
allerersten  Schrittes  das  Ende  ins  Auge  zu  fassen:  die  terminale
Reihenbildungl  Daraufhin  würde  das  geographische  Denken  ganz
ungezwungen  über  die  Denkweise  des  Stellungnehmenden  hinausfinden:
Der  letztere  vollzieht  die  determinative  Würdigung  unter  dem  Gesichtswinkel ­
  seiner  zufälligen  Lage,  der  Geograph  aber  unter  dem
einheitlichen  Gesichtswinkel  der  Absicht,  die  terminale ­
  Reihe  herauszuarbeiten.  Geographisch  würde  also  unser
Berg  daraufhin  erfaßt,  daß  er  im  Rahmen  eines  „Landes“  von  determinativer ­
  Bedeutung  ist,  und  so  erfaßt,  wie  er  darin  bedeutsam  erscheint. ­
  Natürlich  fänden  wir  in  letzterer  Hinsicht,  bei  der  Individuation,
hierauf  bloß  an  der  Hand  der  einseitigen  Gesichtspunkte  durch  alle
Verwicklung  des  konkreten  Befundes  hindurch.  Geographisch
relevant  aber  wäre  aus  der  unendlichen  Fülle  des
Raumhaften  alles  das,  was  für  die  Erfassung  von
„Ländern“  in  Betracht  fällt;  und  auch  in  dem  Maße  geographisch ­
  bedeutsam,  als  es  dafür  in  Betracht  fällt.  Die  ganze
Geographie  aber  ginge  auf  in  einer,  an  der  determinativen
Würdigung  des  Raumhaften  orientierten  Explikation
des  Erdrunds;  wobei  dieses  als  Inbegriff  der  „Länder“  erschiene,
weil  eben  die  Umgrenzung  daran  hängt,  wie  weit  wir  das
Raumhafte  zu  Dominanten  in  Relation  setzen.  Alles
aber,  was  über  die  explikatorische  Bedeutung  der  Individuen,  ihren
Individual-,  Charakter-,  System-  und  Strukturwert  in  rein  formaler
Hinsicht  zu  sagen  war,  käme  hieraus  erst  zu  seiner  inhaltlichen
Deutung.
Offenbar  ist  unser  Problem  jetzt  dahinzu  verschoben,  warum
und  wieso  uns  die  „Länder“  als  Einheiten  gelten.  Aber
gerade  diese  Verschiebung  will  dem  synthetischen  Geist  der  Idiographie
        <pb n="531" />
        5io

Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Rechnung  tragen.  Das  geographische  Denken  kann  eben  nur  dann
einheitlich  von  der  Absicht  einer  terminalen  Reihenbildung  beherrscht
sein,  sobald  die  Formung  der  Einheiten  dieser  Reihe,  also  der
„Länder“,  als  das  Primäre  möglich  ist,  gegenüber  der
Formung  aller  übrigen  Einheiten.  Dies  ist  wieder  erkenntnistheoretisch
gemeint,  ohne  jeden  Bezug  auf  den  tatsächlichen  Hergang  der
Forschung.  Jene  primär  geformten  Einheiten  hätten  dann  die
Gesamtheit  der  übrigen  zu  tragen;  d.  h.,  die  Beziehung  auf  die
primären  Einheiten  wäre  dann  das  Mitformende  für  alle  übrigen.
So  wäre  also  die  fundamentale  Beziehung  auf  die  Determination  nur
für  die  „Länder“  unmittelbar,  für  alle  übrigen  geographischen
Individuen  aber  bloß  mittelbar  von  formender  Bedeutung;  eben
nur  soweit,  wie  dies  vorher  für  die  „Länder“  gegolten  hätte,  die  hier
als  formende  Zwischeninstanz  dienen.
In  der  Tat,  auch  diese  primären  Einheiten,  die  „Länder“  und
„Landschaften“,  können  unmöglich  etwas  „Naturgegebenes“  sein.  Nur
die  Forderung,  daß  die  Formung  aller  Willkür  entrückt  sei,
bringt  uns  gelegentlich  zu  dem  Ausdruck,  die  terminale  Reihenbildung
als  die  „natürliche“  Gliederung  des  Erdrundes  auszusagen.  Nun
ist  aber  die  Willkür  dieser  Formung  durch  gar  nichts  anderes  ausgeschaltet, ­
  als  eben  durch  die  Beziehung  auf  die  Determination ­
  jenes  spezifischen  Geschehens.
Aller  weiteren  Analyse  des  Sachverhaltes  eilt  hier  nun  eine
Ansicht  voraus,  die  sich  beinahe  als  Selbstverständlichkeit  einstellt:
Die  Einheiten  der  terminalen  Reihe,  die  „Länder“,  können  nur  raumhafte ­
  Gestaltungen  vom  spezifischen  Sinne  eines  „Kulturschauplatzes“ ­
  oder  eines  „Völkerwohnsitzes“  sein;  die  „Landschaften“ ­
  aber  wären  dann  einfach  die  organischen  Abstufungen  dazu,
als  Teilsysteme  der  so  erfaßlichen  „Länder“.
Auch  hier  stellen  Dominanten,  zuletzt  also  „Werte“,  die  äußersten
Pole  der  formenden  Beziehung  dar.  Nur  bleibt  es  hier  im  Prinzipe
verhütet,  daß  sich  diese  Dominanten  mit  solchen  vermischen,  die
zufälligen  Stellungnahmen  unterliegen.  Das  Einheitliche,
Synthetische  der  determinativen  Würdigung  ist  hier  prinzipiell
verbürgt.  Denn  es  handelt  sich  überhaupt  nicht  mehr  schlechthin  um
die  Determination  jenes  spezifischen  Geschehens.  Vielmehr  kommt
nur  die  Determination  der  Art  und  Weise  in  Frage,  wie
sich  die  Totalität  jenes  Geschehens  in  sich  zu  Einheiten ­
  aus  gleicht  —„sozialisiert“!  Wie  dies  des  näheren  möglich
ist,  welcher  Sinn  dem  innewohnt,  das  kann  allein  die  Untersuchung
jenes  spezifischen  Geschehens  lehren.
        <pb n="532" />
        Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen,  III.

511

So  bricht  diese  erste  Untersuchung  —  durch  den  Zufall  des  Grenzverhältnisses ­
  zwischen  Geographie,  als  Träger  der  Beispiele,  und  Sozialwissenschaft ­
  —  genau  an  dem  Punkte  ab,  wo  sich  dem  prinzipiellen
Interesse,  das  die  sozialwissenschaftliche  Methodologie  dem  idiographischen
  Erkennen  schuldig  ist,  noch  ein  aktuelles  Interesse  an
den  Voraussetzungen  des  idiographischen  Verfahrens  zugesellt.
Denn  jenes  spezifische  Geschehen,  an  dessen  Natur  nun  alles  Weitere
hinge,  wird  sich  uns  als  der  Stoff  der  Sozialwissenschaft
ergeben.
        <pb n="533" />
        v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaftals  Leben.

33

II.
Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft
1907
        <pb n="534" />
        V  orb  emerkungen
zur  Orientierung  über  das  Problem,  über  seine  Geschichte
und  seine  Terminologie.
An  der  Hand  einer  Analyse  des  idiographischen  Verfahrens  hat
der  i.  Artikel  gezeigt,  daß  die  Begriffsbildung  abhängig  sei  von  dem
Ziele  der  Erkenntnis.  Erkenntnisziel  ist  entweder  die  Erfassung  des
Allgemeinen  —  nomothetische  Erkenntnis  —  oder  die  Erfassung  des
Besonderen  —  idiographische  Erkenntnis.  Der  nomothetischen  Erkenntnis ­
  entspricht  die  Bildung  von  Allgemeinbegriffen,  schließlich
also  die  Erfassung  von  „Gesetzen“;  der  idiographischen  Erkenntnis
entspricht  die  Bildung  von  Sonderbegriffen,  die  zu  Individualbegriffen
ausgestaltet  werden,  um  hiermit  die  „Individuen  inmitten  des  Allzusammenhanges ­
  zu  erfassen.
Hängt  nun  die  Eigenart  der  Begriffsbildung  einzig  und  allein  nur
am  Erkenntnisziel?  Offenbar  läuft  dies  auf  die  Frage  hinaus,  ob  der
Gegensatz  zwischen  nomothetischer  und  idiographischer  Erkenntnis
nicht  ein  Gegenstück  findet,  in  dem  Sinne,  daß  wir  noch  eine
andere,  nicht  minder  grundsätzliche  Scheidung  innerhalb ­
  der  erfahrungs  wissenschaftlichen  Erkenntnis  zu
beachten  hätten.
In  der  Tat  handelt  es  sich  ausschließlich  um  erfahrungswissenschaftliche ­
  Erkenntnis.  Nun  ist  es  dieser  Erkenntnis  eigen,
daß  als  Kriterium  einer  grundsätzlichen  Scheidung,  sofern  man  von
dem  Ziele  dieser  Erkenntnis  absieht,  nur  noch  etwas  in  Betracht  fallen
kann:  das,  wovon  diese  Erkenntnis  ausgeht,  was  ihr  also  gegeben
ist.  Und  auf  dieses,  einer  Erkenntnis  Gegebene,  im  besonderen  aber
darauf,  wie  es  ihr  gegeben  ist,  bezieht  sich  der  Begriff  des  „Stoffes  .
Das  Gegebene  fällt  mit  dem  Erfahrbaren  zusammen,  der  „Stoff
korrespondiert  mit  einem  bestimmten  Modus  der  Erfahrung.
Verschiedenheit  des  „Stoffes“  besagt  also  keineswegs  eine  sachliche
Trennung  innerhalb  der  Objekte,  sondern  basiert  auf  einem  erkenntnistheoretischen ­
  Unterschied  in  der  Objektivation:
  ein  Unterschied  in  der  Art  also,  wie  sich  das  Anschauliche
33*
        <pb n="535" />
        516

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung 1

in  Gegenstände  unseres  Denkens  und  damit  in  Begriffliches  umsetzen
läßt.  Der  bestimmte  „Stoff“  kennzeichnet  mithin  eine  Denkweise
von  grundsätzlicher  Bestimmtheit.  So  wird  sich  tatsächlich  im  Verlaufe
dieser  Untersuchung  an  die  Seite  des  Gegensatzes  „nomothetisch—
idiographisch“  der  nicht  minder  grundsätzliche  Unterschied  zwischen
dem  „phänomenologischen“  und  dem  „noetischen“  Denken
stellen.
Drückt  sich  im  „Stoffe“  zunächst  eine  grundsätzlich  bestimmte
Denkweise  aus,  so  kennzeichnet  der  bestimmte  „Stoff“  doch  auch  eine
bestimmte  Wissenschaft.  Denn  eine  Einheit  dieser  Art,  eine
Wissenschaft,  gestaltet  sich  gewiß  nur  so  heraus,  daß  alle  ihre  Teile
von  der  grundsätzlich  gleichen  Denkweise  getragen  sind.  Nur
hat  natürlich  nicht  jede  Wissenschaft  ihren  „Stoff“  für  sich  allein.  So
teilt  gleich  die  Sozialwissenschaft  ihren  „Stoff“  mit
der  Geschichte;  bloß  die  Behandlung  des  gemeinsamen
„Stoffes“  ist  da  und  dort  eine  verschiedene  —  wie  es  der  letzte
Artikel  dieser  Serie  dartun  wird.
Diese  Gleichheit  des  „Stoffes“,  die  für  Sozial-  und  Geschichtswissenschaft ­
  gilt,  spiegelt  sich  übrigens  in  einem  Tatbestand,  der  ganz
offen  zutage  liegt.  Fragen  wir  einfach,  wovon  diese  Wissenschaften
ausschließlich  handeln?  Immer  nur  von  Tat  und  Schicksal  der
Menschen,  und  was  in  Beziehung  dazu  gebracht  wird.  Handeln
und  Leiden,  darum  dreht  sich  hier  alles.  Was  nicht  selber  ein
Handeln  oder  Leiden  ist,  kommt  nur  soweit  für  diese  Wissenschaften
in  Betracht,  als  es  zu  Handeln  und  Leiden  in  Relation  gesetzt
werden  kann.  Nehmen  wir  als  Beispiel  das  Eisen:  nicht  als  der
stoffliche  Träger  bestimmter  Eigenschaften,  der  sich  chemisch  und
physikalisch  so  und  so  verhält,  mineralogisch  da  und  dort  vorkommt,
fällt  das  Eisen  für  die  Sozial  Wissenschaft  in  Betracht;  sondern  als  der
da  und  dort  „abbaubare“  Rohstoff  gewisser  Produktionen,  von
bestimmter  Stellung  innerhalb  des  Verkehrs  und  von  bestimmtem
Belange  für  das  ganze  Tun  und  Treiben  der  Menschheit.
Jener  Tatbestand  ist  viel  zu  schlicht  und  handgreiflich,  als  daß  er
nicht  darin  verkannt  würde,  von  welcher  hohen  grundsätzlichen
Bedeutung  er  ist.  Man  faßt  ihn  kurzerhand  so  auf,  daß  hier  eine
Gesamtheit  artgleicher  Dinge  ausgesondert  und  für  sich  besonders  in
Erwägung  gezogen  wird.  Danach  wäre  das  Handeln  und  Leiden,  wie
es  unsere  Wissenschaften  ins  Auge  fassen,  ein  bloßer  „Ausschnitt  aus
dem  Weltgeschehen“,  so  etwas  wie  ein  „Viertes  Reich“.
Diese  Auffassung  ist  geradezu  die  herrschende.  Im  Grunde  genommen ­
  wird  von  ihr  selbst  jene  Scheidung  zwischen  „Natur“-  und
        <pb n="536" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissecschaft,  Vorbemerkung.

517

„GeistesWissenschaften“  getragen,  die  zur  landläufigen  Orientierung  über
alle  Verhältnisse  unseres  Erkennens  geworden  ist;  und  zwar  für  unsere
Zeit  in  der  Nachfolge  Wilhelm  Wundts,  dessen  eindrucksvolle  Gedanken ­
  dabei  aber  in  einer  bedenklichen  Verflachung  populär  geworden
sind.  Wahrhaft  konsequent  ist  auf  dem  Boden  jener  herrschenden  Auffassung ­
  doch  nur  der  Positivismus,  wenn  er  unseren  Wissenschaften
zwar  eine  höhere  Stufe  in  der  ansteigenden  Komplikation  der  Erfahrungselemente ­
  zugesteht,  sie  im  übrigen  jedoch  den  Naturwissenschaften ­
  beizählt.
Wie  unbrauchbar  der  Gegensatz  von  „Natur“  und  „Geist“  dafür
ist,  um  die  Wissenschaften  so  zu  ordnen,  daß  uns  zugleich  die  Verhältnisse ­
  des  wissenschaftlichen  Denkens  klar  werden,  das  hat  Rickert
überzeugend  dargelegt.  Er  selber  läßt  keinen  anderen  Gegensatz  gelten
als  jenen  zwischen  den  Zielen  der  Erkenntnis.  Darin,  daß  unsere
Wissenschaften  ausschließlich  mit  dem  Plandeln  und  Leiden  und  ihren
Relationen  zu  tun  haben,  sieht  auch  Rickert  nur  eine  sachliche
Trennung  im  Objekt.  Denn  nach  Rickert  wäre  unseren  Wissenschaften
die  „Kultur“  als  Objekt  eigentümlich.  Wenn  sich  nun  der  „Kultur“
die  „Kulturwerte“  verknüpfen,  so  stünde  dies  wohl  im  Einklang  damit,
daß  alle  Erkenntnis,  die  sich  dem  Besonderen  zuwendet,  notwendig
Probleme  der  „Wertung“  in  sich  schließt.  Um  konsequent  zu  bleiben,
muß  aber  Rickert  solche  „Wertprobleme“  auch  in  Wissenschaften
hineinlegen,  die  von  den  unseren  ganz  unverkennbar  abstehen,  ob  man
nun  nach  „Objekten“  oder  nach  „Stoffen“  unterscheidet.  Daher
müssen  sich  auch  dem  Objekte  dieser  Wissenschaften,  z.  B.  der
historischen  Geologie,  „Wertungen“  verknüpfen  lassen,  grundsätzlich
nicht  anders  als  der  „Kultur“.  In  dieser  Weise  verliert  es  für  die  Ansicht ­
  Rickerts  alle  prinzipielle  Bedeutung,  wenn  unsere  Wissenschaften ­
  das  Handeln  und  Leiden  so  auffällig  in  den  Vordergrund
rücken.
Es  zeichnet  die  Stellungnahme  Max  Webers  aus,  daß  er  diesen
Tatbestand  doch  ungleich  ernster  nimmt.  Er  verweist  mit  Nachdruck
darauf,  daß  wir  es  überallhin  mit  „verständlichem  Handeln  zu  tun
hätten,  daher  die  Kategorie  des  „Verstehens“  unausweichlich  von  Einfluß ­
  auf  die  Denkweise  und  wohl  auch  auf  die  Begriffsbildung  werden
muß.  Von  da  aus  bleibt  eigentlich  nur  mehr  ein  kleiner  Schritt  zur
Anerkennung,  daß  gerade  unsere  Wissenschaften  noch  einen  weiteren
grundsätzlichen  Gegensatz  der  Erkenntnis  in  Sehweite  rücken.
Von  meiner  Seite  aus  komme  ich  in  diesem  und  im  folgenden
Aufsatz  der  Ansicht  Webers  ganz  wesentlich  entgegen.  Dies  geschieht
im  Wege  einer  Art  Rückbesinnung  auf  meine  ursprünglichen  An ­
        <pb n="537" />
        5 i8

„Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

schauungen.  Denn  soweit  sich  Weber  gegen  gewisse  Aufstellungen  in
meinen  „Grenzen  der  Geschichte“  wendet,  betrifft  dies  eigentlich  nur
die  schiefe  Formulierung  von  Ansichten,  die  in  der  „Herrschaft  des
Wortes“  wohl  unklarer,  aber  gesünder  enthalten  waren.  Die  Niederschrift ­
  der  „Grenzen“  stand  eben  unter  dem  frischen  und  überwältigenden
Eindruck  der  Arbeiten  Hugo  Münsterbergs,  die  ich  viel  zu  sehr
bewundere,  um  nicht  zuerst  auch  von  ihren  gelegentlichen  Fehlern
mitgerissen  zu  werden.  Davon  hat  mich  nun  die  Polemik  Webers
zurückgebracht.  Von  Webers  eigenen  Ausführungen  über  die  „Zurechnung“ ­
  und  die  Kategorie  des  „objektiv  Möglichen“  kann  erst  mein
nächster  Aufsatz  Nutzen  ziehen,  insbesondere  für  das  Kapitel  von  der
„noetischen  Kausalität“,  mit  ihren  Kategorien,  den  „Dominanten“  und
„Determinanten“.
Um  die  Verdienste  zu  würdigen,  die  sich  Münsterberg  für  das  Verständnis ­
  unserer  Wissenschaften  erworben  hat,  müßte  man  eigentlich
das  vorherige,  nicht  sonderlich  glänzende  Schicksal  der  Idee  verfolgen,
daß  innerhalb  unseres  Denkens  ein  erkenntnistheoretischer ­
  Gegensatz  klafft.  Ihre  Wurzeln  reichen  allerdings  in
die  „klassische“  Philosophie  hinein.  Münsterberg  selbst  schließt  sich
eng  an  Fichte  an;  und  eine  lehrreiche  Arbeit  über  diesen  Philosophen, ­
  der  gewaltigen  Erlebnissen  die  Denkgewalt  über  das  Geschichtliche ­
  abgewonnen  hat,  E.  Lasks  „Fichtes  Idealismus  und  die  Geschichte“, ­
  bekräftigt  den  „klassischen“  Ursprung  jener  Idee  vielleicht
mehr,  als  es  dem  Verfasser  im  Sinne  lag.  Unter  den  Theoretikern  der
Geschichte  hat  J.  G.  Droysen  die  richtigste  Empfindung  für  jenen
Zwiespalt  in  der  Erkenntnis  bekundet;  besonders  darin  ist  er  ganz  und
gar  nicht  „veraltet“.  Jenem  Psychologismus  dagegen,  den  der  überragende ­
  Einfluß  Wundts  deckt,  verschleiert  sich  dieser  Zwiespalt,
trotz  der  tiefen  Einsichten,  die  wir  gerade  Wundt  verdanken.  Ähnliches ­
  gilt  für  Simmel,  der  erst  in  der  2.  Auflage  seiner  „Probleme  der
Geschichtsphilosophie“  auch  diesem  Probleme  etwas  mehr  von  dem
Reichtum  seiner  geistvollen  Apergus  zufallen  läßt.
Max  Weber  hat  mir  selber  „Psychologismus“  vorgeworfen,  und  an
den  betreffenden  Stellen  nicht  mit  Unrecht.  Im  allgemeinen  weiß  ich
mich  frei  davon.  Auch  jene  „Theorie  vor  den  Tatsachen“,  die  ich  in
meiner  programmatischen  Schrift  gefordert  und  an  einem  flüchtigen
Beispiel  vorgewiesen  habe,  ist  zwar  als  eine  „Theorie  des  Handelns“
gemeint,  ausdrücklich  aber  als  eine  n  i  c  h  t  psychologische.  Wie  nahe
man  übrigens  vom  psychologistischen  Standpunkt  aus  an  die  Position
herankommen  kann,  die  ich  in  der  „Herrschaft  des  Wortes“  vertreten
habe,  das  erweist  sich  an  merkwürdig  vielen  Stellen  in  einer  jüngst
        <pb n="538" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  Vorbemerkungen.

519

erschienenen  Schrift:  Spranger,  „Die  Grundlagen  der  Geschichtswissenschaft“. ­
  Die  Kontrastierung  einer  „Psychologie  der  komplexen
Lebensvorgänge“  mit  einer  „Psychologie  der  Elemente“  geht  an  den
Tatbestand  so  nahe  heran,  als  es  die  Verkennung  des  grundsätzlichen ­
  Unterschiedes  in  der  Denkweise  eben  noch  zuläßt;  diese  Verkennung ­
  macht  aber  den  Psychologismus  ausl
Ob  bereits  für  die  vorbildliche  Trennung  zwischen  einer  „beschreibenden“ ­
  und  einer  „erklärenden“  Psychologie  etwas  Gleiches  gilt
oder  nicht,  jedenfalls  ging  der  große  Wurf,  den  Dilthey  mit  seiner
„Einleitung  in  die  Geisteswissenschaften“  getan  hat,  für  den  Teil  des
fraglichen  Problems  über  das  Ziel  hinaus:  bei  Dilthey  übersteigert
sich  der  Unterschied  in  der  Objektivation  zu  einem  —  buchstäblich
„ontologischen“  Riß  quer  durch  die  Wirklichkeit  selber.  Hier  muß
man  dem  Einwande  Rickerts  beipflichten,  daß  die  verschiedenen  Denkweisen ­
  stets  wieder  auf  die  ganze  Wirklichkeit  anwendbar  bleiben.
Nur  darf  man  dabei  nicht  ausschließlich  an  den  Gegensatz  „nomothetisch—idiographisch“, ­
  oder  mit  Rickert  zu  sprechen,  „naturwissenschaftlich—historisch“ ­
  denken.
Die  „Klarheit“  der  Gedanken,  mit  denen  sich  Stammler  des
fraglichen  Zwiespaltes  im  Erkennen  zu  bemächtigen  sucht,  ist  sattsam
gerühmt  worden.  Unvergleichlich  tiefer  läßt  uns  Münsterberg  nun
blicken.  Wie  er  zwischen  „subjektivierenden“  und  „objektivierenden“
Wissenschaften  sondert  und  diese  Sonderung  bis  in  die  letzten
Konsequenzen  durchführt,  das  darf  wohl  als  bekannt  vorausgesetzt
werden,  insbesondere  nach  der  klaren  Wiedergabe  durch  Rickert,
Medicus,  Ritschl,  Max  Adler  u.  a.  Für  die  Theorie  unserer  Wissenschaften ­
  als  solcher  ist  Münsterbergs  Buch  —  wenn  man  in  diesem
Zusammenhang  einerseits  von  Dilthey,  andererseits  von  Karl  Menger
absieht  —  ganz  ebenso  in  bezug  auf  Erkenntnistheorie  ein
Markstein,  wie  dies  in  bezug  auf  Logik  für  die  Arbeiten  von  Windelband ­
  und  Rickert  gilt.  Es  ist  richtig,  der  unausweichlichen  Frage,  die
Max  Weber  im  Geiste  Husserls  aufwirft,  in  welcher  Art  nämlich
auch  die  Geschichtswissenschaft  objektivierend  denkt,  dieser  Präge
hat  Münsterberg  die  Antwort  vorenthalten.  Auch  von  den  Einzelausführungen ­
  über  den  Vorgang  unserer  Wissenschaften  dürften  nicht
viele  unwidersprochen  bleiben.  Sein  Verständnis  für  das  eigene
Recht  unserer  Wissenschaften  aber,  das  müssen  wir  gerade
diesem  Philosophen,  der  zugleich  um  die  Naturwissenschaft  so  verdient
ist,  hoch  anrechnen  1  Denn  von  überall  sonst,  wo  auch  nur  ein  bißchen
Zusammenhang  mit  der  Naturwissenschaft  die  Brust  schwellen  macht,
        <pb n="539" />
        520

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

tönt  uns  der  Spott  über  „Eigenbrödelei“,  „Spezialistentum  vom  reinsten
Wasser“  und  dergleichen  entgegen.
Schließlich  sei  nur  noch  Fritz  Medicus  erwähnt,  der  das  erkenntnistheoretische ­
  Verhältnis  zwischen  Natur-  und  Geschichtswissenschaft ­
  in  einer  überaus  gedankenfrischen  Arbeit  behandelt  hat:  „Kant
und  Ranke“  (Kantstudien  VIII).  Dieser  Aufsatz  bot  mir  wohl  eine
erfreuliche  Bekräftigung  eigener  Ansichten;  aber  bei  dem  kühnen  Einsatz ­
  einer  „Potentialität“  für  die  Substanzialität,  der  „logischen  Dependenz“
  für  die  Kausalität  vermag  ich  Medicus  wenigstens  jetzt  nicht
mehr  zu  folgen.  Die  von  Medicus  aufgezählten  Beispiele  „historischer
Potenzen“  —  Servianische  Verfassung,  römisches  Reich,  Papsttum  usw.
—  hätten  übrigens  schon  vom  Standpunkte  meiner  programmatischen
Schrift  aus  eine  harmlosere  Deutung  gefunden,  als  „Zuständliche  Gebilde“, ­
  „Einrichtungen“  usw.
Da  ich  bei  der  jetzigen  Formulierung  den  Begriff  des  „Stoffes“  in
den  Vordergrund  stelle,  der  ein  durchaus  ungeläufiger  auf  diesem  Gebiete ­
  ist,  bedarf  es  auch  einer  terminologischen  Vorrede.
Der  „Stoff“  einer  Wissenschaft  ist  so  zu  verstehen,  daß  er  einerseits ­
  der  Eigenart  einer  Wissenschaft  unterliegt,  als  einer  jener
Faktoren,  deren  wechselnde  Kombination  jeder  Wissenschaft  immer
wieder  ihren  eigenen  Charakter  verleiht;  auf  der  anderen  Seite  hängt
der  „Stoff“  inhaltlich  mit  dem  zusammen,  was  dem  wissenschaftlichen
Denken  das  Gegebene  ist.  In  beiden  Relationen  sind  nun  ganz
andere  Ausdrücke  die  geläufigen.
Um  eine  Wissenschaft  zu  charakterisieren,  pflegt  man  von  ihrem
„Gebiete“  oder  von  ihrem  „Gegenstände“  zu  sprechen.  Es  ist  zwar
richtig,  daß  jede  Wissenschaft  im  tatsächlichen  Verlauf  stets  nur  an
Problemen  heranwächst;  soll  aber  die  Wissenschaft  charakterisiert  und
klassifiziert  werden,  dann  zieht  man  diese  Probleme  gewiß  nicht  inhaltlich ­
  in  Betracht,  sondern  bloß  nach  den  schematischen  Bedingungen,
an  die  ihr  Aufwurf  und  ihre  Lösung  gebunden  sind.  Darauf  nun  bezieht ­
  sich  „Gebiet“,  „Gegenstand“,  und  so  auch  der  „Stoff“  selber.
Soweit  dieser  jedoch  mit  dem  Gegebenen  zusammenhängt,  wäre  nach
dem  eingelebten  Sprachgebrauche  eher  von  „Tatsachen“  die  Rede,  in
anderer  Wendung  aber  von  dem  „Materiale“  einer  Wissenschaft.  Allen
diesen  geläufigen  Ausdrücken  gegenüber  tut  nun  eine  reinliche
Scheidung  not.
Der  Angabe  des  „Gebietes“  unterliegt  stets  eine  Artbestimmung.
In  ihrer  Art  bestimmt  sind  dabei  die  charakteristischen  Gegenstände
des  Denkens  der  betreffenden  Wissenschaft.  Auf  Grund  ihrer  gemeinsamen ­
  Art  setzen  diese  das  „Gebiet“  zusammen.  Aber  die  Art ­
        <pb n="540" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  Vorbemerkungen.

521

bestimmung  selber,  die  über  das  „Gebiet“  entscheidet,  ist  in  aller
Regel  empirisch  vorweggenommen,  indem  sich  ein  Name
der  VVissenschalt  eingebürgert  hat.  Dieser  eingebürgerte  Name  verbürgt ­
  uns  die  Einheit  der  Wissenschaft  und  drückt  den  Charakter  der
Wissenschaft  aus,  ehe  die  letztere  in  der  Lage  ist,  theoretisch  über  sich
selber  ins  klare  zu  kommen.  So  erscheint  der  Ausdruck,  der  diesen
Namen  erst  zu  einem  bezeichnenden  macht,  als  Schlüsselwort  für
das  empirische  Verständnis  der  Wissenschaft:  „Sozialwissenschaft“  ist
uns  als  „Wissenschaft  vom  Sozialen“  empirisch  verständlich.  Ihr
„Gebiet“  umfaßt  danach  alle  Gegenstände,  die  sich  einzeln  als  „Soziales“
bezeichnen  lassen.  Der  Eingriff  der  Theorie  beginnt  nun  damit,  daß
sie  das  Schlüsselwort  umschreibt:  das  „Soziale“  etwa  als  die  „Erscheinungen ­
  des  menschlichen  Gemeinschaftslebens“.  Will  nun  die
Theorie,  wie  es  gewohnheitsmäßig  geschieht,  von  diesem  Einsatz  beim
Schlüsselworte  aus  tiefer  greifen,  indem  sie  das  Schlüsselwort  selber
nicht  bloß  sprachlich  zu  umschreiben,  sondern  auch  sachlich  zu  erläutern ­
  sucht,  dann  steht  ihr  zunächst  nur  ein  Vergleich  aller  jener
Gegenstände  offen,  die  durch  das  Schlüsselwort  der  Wissenschaft  schon
empirisch  zusammengefaßt  erscheinen.  Die  empirische  Zusammenfassung ­
  soll  auf  diesem  Wege  einer  theoretischen  Platz  machen.
Offenkundig  unterläuft  hier  nun  der  Zirkel,  daß  man  den  Aufschluß
über  den  Umfang  nur  auf  der  Grundlage  des  Umfanges  erzielt.
Dieser  Zirkel  ist  lösbar,  aber  doch  nur  so,  daß  man  für  das  theoretisch
zu  bestimmende  „Gebiet“  an  letzter  Stelle  das  empirisch  gegebene
„Gebiet“  haftbar  machen  muß.  Die  Frage,  was  in  die  Wissenschaft
theoretisch  hineingehört,  wird  also  auf  Grund  dessen  entschieden,  was
in  der  Wissenschaft  empirisch  enthalten  ist;  denn  nur  ein  Vergleich
der  Gegenstände  des  empirischen  Inhaltes  liefert  jene  Artbestimmung,
die  das  Schlüsselwort  sachlich  erläutert,  so  daß  sich  unter  Bezug  darauf
das  „Gebiet“  theoretisch  scharf  umgrenzt.  Charakterisiert  man  also
eine  Wissenschaft  an  der  Hand  ihres  „Gebietes“,  indem  man  ihr
Schlüsselwort  sachlich  erläutert,  so  ist  diese  Bestimmung  in  dem  üblen
Sinne  eine  empirische,  daß  man  bei  ihr  von  der  überkommenen
Zusammenfassung  unter  einem  eingebürgerten  Namen  abhängig  bleibt.
Auf  diesem  Wege  läßt  sich  die  Eigenart  einer  Wissenschaft  niemals
voll  erfassen;  es  verbleibt  ein  unaufgelöster  Rest:  im  Hinblick
auf  die  ungreifbaren  Vorgänge,  die  sich  hinter  dem  Schleier  jener
empirischen  Zusammenfassung  verbergen,  von  der  man  notwendig  als
von  etwas  Gegebenem  ausgehen  mußte.
Die  Vorstellung  wieder,  wie  sich  die  Eigenart  einer  Wissenschaft
in  ihrem  „Gegenstände“  ausdrückt,  ist  von  Haus  aus  keine  klare.
        <pb n="541" />
        522

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Zur  Erläuterung  sei  an  jenen  kernigen  Teil  der  Sozialwissenschaft
erinnert,  der  —  sozusagen  in  akademischer  Zucht  —  wohl  zur  Abrundung ­
  und  Reife,  aber  noch  immer  nicht  zu  einem  festen  Namen
gelangt  ist;  während  der  in  alle  Winde  zerflatternde  Rest  der  Sozialwissenschaft ­
  um  so  krampfhafter  an  dem  schönen  Namen  „Soziologie“
festhält,  als  dem  Einzigen,  was  hier  verbindet,  indem  es  verharrt.  Für
jenen  ersten  Teil,  der.  als  Arbeitsgebiet  und  selbständige  „Lehre“
zweifellos  ein  Ding  für  sich  ist,  wird  als  „Gegenstand“  nun  etwa  die
„Volkswirtschaft“  namhaft  gemacht.  Es  ist  aber  weder  den  landläufigen
Anschauungen  noch  dem  Sprachgebrauche  zuwider,  wollte  man  diesen
„Gegenstand“  vielleicht  erst  in  den  „Gesetzen“  —  oder  doch  „Entwicklungsgesetzen“ ­
  —  der  Volkswirtschaft  ersehen.  So  versteht  man
unter  dem  „Gegenstände“  einmal  eine  —  zunächst  problematische
—  Integration  jener  Denkobjekte,  die  additioneil  das  „Gebiet“  ergeben, ­
  wobei  diese  Integration  durch  die  substantivische  Form  des
Schlüsselwortesausgedrückt  wird:  „Volkswirtschaft“,  „Gesellschaft“  usw.
Das  andere  Mal  meint  man  unter  „Gegenstand“  eben  diese  Integration,
aber  verquickt  mit  den  „Aufgaben“  der  Wissenschaft.
„Gebiet“  und  „Gegenstand“,  so  auch  „Inhalt“  und  „Aufgaben“
einer  Wissenschaft,  das  sind  eben  die  Ausdrucksmittel  einer  roh
empirischen  Erwägung,  mit  der  man  der  Eigenart  einer  Wissenschaft ­
  beizukommen  sucht.  Auch  derlei  Erwägung  kann  ihre  hohen
Verdienste  haben,  im  Sinne  eines  Überganges  zur  weiteren  Klärung.
Wieviel  dankt  nicht  unsere  Wissenschaft  dem  Buche,  worin  Karl
Knies  die  Erkenntnis  der  „Politischen  Ökonomie“  schließlich  doch
nur  auf  Erwägungen  dieses  niederen  Ranges  zu  gründen  suchte.  Denn
erst  der  Nachtrag,  den  Knies  bezeichnenderweise  an  die  Spitze  der
zweiten  Auflage  setzte,  wird  der  bedeutsamen  Verknüpfung  unserer
Wissenschaft  mit  dem  menschlichen  Handeln  gerecht;  hier  erst  wird
das  Problem  angeschnitten,  in  dessen  Dienst  sich  der  Begriff  des
„Stoffes“  stellt.
Auch  der  „Stoff“  hängt  mit  den  Gegenständen  des  Denkens  einer
Wissenschaft  zusammen,  weil  es  nur  dann  Sinn  hat,  vom  „Stoffe“  einer
Wissenschaft  zu  reden,  wenn  er  als  das  Eine  erfaßbar  ist,  gegenüber
den  zahllosen  Gegenständen  des  wissenschaftlichen  Denkens.  Er  ist
dieses  Eine  aber  weder  im  Sinne  des  Gemeinsamen,  d.  h.  der  gleichen
Artung  aller  Gegenstände,  wonach  diese  ein  „Gebiet“  bilden;  noch  im
Sinne  ihrer  integralen  Einheit,  die  als  „Gegenstand“  zum  Ausdruck
käme.  Wir  werden  sehen,  das  Eine  bedeutet  der  „Stoff“  im  Geiste
eines  Einerlei  der  Erfahrung,  das  der  Formung  aller
Gegenstände  unterliegt,  gleichsam  ihr  gemeinsamer  Wurzel ­
        <pb n="542" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  Vorbemerkungen.

523

boden  ist.  Der  „Stoff“  ist  es,  der  sich  in  diesem  rein  theoretischen
Sinne  zwischen  Wirklichkeit  und  wissenschaftliches
Denken  stellt;  in  ihm  ist  die  wechselnde  Stellungnahme
unseres  Denkens  zur  Einen  Wirklichkeit  versinnlicht.  —
Von  „Tatsachen“  wird  zuweilen  so  geredet,  als  wäre  die  Wirklichkeit ­
  selber  aus  ihnen  aufgebaut;  in  der  Wendung  etwa,  daß  etwas
„von  den  Tatsachen  überholt  sei“.  In  der  Methodologie  aber  kann  die
„Tatsache“  nie  etwas  anderes  sein  als  der  Inhalt  einer,  als
gültig  erwiesenen  Aussage  über  die  Wirklichkeit.  Danach ­
  erscheinen  die  „Tatsachen“  als  eine  geistige  Dauerform  des  Erfahrenen, ­
  eventuell  über  dessen  eigene  Vergänglichkeit  hinaus,  wenn
nämlich  ein  Geschehnis  zu  erfahren  war.  Mit  den  „Tatsachen“  wird
die  Erfahrung  gleichsam  verbucht  und  so  für  jedermann  zur  Verfügung
gehalten.  Da  es  sich  aber  um  Inhalte  von  Aussagen  handelt,  müssen
die  „Tatsachen“  notwendig  etwas  begrifflich  Geformtes  sein,  so
daß  der  „Stoff“,  als  das  erst  zu  Formende,  noch  hinter  den  „Tatsachen“ ­
  zu  suchen  ist;  die  Verschiedenheit  des  „Stoffes“  bringt  sich
auch  in  den  „Tatsachen“  zur  Geltung,  daher  wir  in  der  späteren  Folge
zwischen  „Datum“  und  „Faktum“  sondern  werden.
Bei  dem  Ausdrucke  „Material“  endlich  hat  man  an  die  Konfrontation ­
  des  wissenschaftlichen  Denkens  mit  dem  Erfahrbaren  zu
denken;  oder  auch  bloß  mit  den  „Tatsachen“,  sofern  man  vom  „Tatsachenmaterial“ ­
  spricht,  das  irgendwie  verarbeitet  oder  auch  nur  als
Beleg  herangezogen  wird.  Vom  „Material“  kann  stets  nur  in  der
Methodologie  der  Forschung  die  Rede  sein.  So  handelt  es  sich
bei  der  Sonderung  von  „Augenschein“,  „Umfrage“,  „Überlieferung“  usw.
um  die  Spielarten  jener  Konfrontation  des  Denkens  mit  dem  Gegebenen,
worin  alle  „Tatsachenforschung“  beruht.  Sondert  dann  z.  B.  der
Historiker  noch  für  den  Teil  der  Überlieferung  zwischen  „Aufzeichnungen“, ­
  „Denkmälern“,  „Resten“  usw.  mehr,  so  wechselt  hier  nur
mehr  die  Gestalt,  in  der  das  Erfahrene  zum  „Material“  wird.  Das
»Material“  ist  stets  das  dem  Forscher  empirisch  Gegebene,
während  der  „Stoff“  mit  dem  zusammenhängt,  was  im  erkenntnistheoretischen ­
  Sinne  unserem  Denken  das  Gegebene  vorstellt.
Der  Eindruck,  der  für  den  I.  Artikel  so  mißlich  war,  als  ob
nämlich  ganz  andere  Dinge  als  die  Sozialwissenschaft  in  Frage  stünden,
dieser  Eindruck  wird  auch  durch  das  Folgende  erweckt  werden.  Setzt
doch  der  Text  mit  der  Frage  ein,  wie  unser  Denken  der  Einen  Wirklichkeit ­
  gegenüber  in  verschiedener  Weise  Stellung  nimmt.  Diese
Frage,  die  scheinbar  so  weit  von  der  Sozialwissenschaft  abliegt,  ist  hier
dennoch  am  Platze.  Um  nämlich  die  sozialwissenschaftliche  Begriffs ­
        <pb n="543" />
        524

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

bildung  tiefer  zu  verstehen,  bedarf  es  vorerst  der  Klarheit  über  die
Sozialwissenschaft  selber.  Man  hat  aber  eine  Wissenschaft  erst  dann
wahrhaft  erkannt,  ihre  Eigenart  voll  erfaßt,  sobald  es  gelungen  ist,
diese  Eigenart  von  den  allgemeinsten  Verhältnissen
unseres  Denkens  her  zu  entwickeln.  Es  muß  sich  unter
den  verschiedenen  Möglichkeiten  des  Erkennens  jene  besondere
ergeben,  die  in  jedem  beliebigen  Teilinhalt  der  fraglichen  Wissenschaft
als  schon  verwirklicht  nachweisbar  ist.  So  handelt  es  sich  um  eine
erkenntnistheoretische  Konstruktion,  in  der  sich  diese  Wissenschaft
völlig  wiedererkennt,  daher  ihre  Eigenart  als  Wissenschaft  in  dieser
Konstruktion  zu  theoretischem  Ausdruck  kommt.  Eine  Konstruktion
dieser  Art  und  Bestimmung  soll  nun  für  den  Teil  der  Sozialwissenschaft
  versucht  werden.  Der  vorliegende  Aufsatz  führt  dies
nur  so  weit  durch,  daß  er  die  Eigenart  des  sozialwissenschaftlichen
Denkens  an  dem  „Stoffe“  des  letzteren  vorweist,  der  aber  zugleich
auch  der  „Stoff“  des  historischen  Denkens  ist.
Zum  Problem  wird  uns  die  Sozialwissenschaft  ausdrücklich  als
eine  Erfahrungswissenschaft.  Daher  muß  jene  Konstruktion  von  der
Frage  ausgehen,  in  welcher  verschiedenen  Weise  wir  die
Eine  Wirklichkeit  als  Erfahrung  in  unser  Denken  übernehmen. ­


I.  Die  mehrfache  Stellungnahme  unseres  Denkens  zur
Wirklichkeit.
Phänomenologisches  und  noetisches  Denken.
Die  Eine  und  ungeteilte  Wirklichkeit,  zu  der  unser
Denken  Stellung  nimmt,  im  Sinne  der  Erfahrung,  ist  die  „empirische“
Wirklichkeit.  Als  metaphysisches  Problem  lassen  wir  die  Wirklichkeit
völlig  dahingestellt.  Für  uns  kommt  sie  bloß  in  ihrer  Form  als
Inhalt  unseres  Bewußtseins  in  Betracht.  In  dieser  Form  macht
sie  unser  Erleben  aus.  Natürlich  geht  unsere  Vorstellung  von
der  Wirklichkeit,  das  also,  was  wir  „für  wirklich  halten“,  unendlich
weit  über  das  Erlebte  selber  hinaus.  Die  Bewegung  der  Erde  um  die
Sonne  „erlebt“  niemand.  Wir  halten  sie  trotzdem  für  wirklich,  weil
sie  unserem  Denken,  soweit  sich  dieses  auf  der  Grundlage  des  Erlebten
bewegt,  für  wahr  gilt.
Was  wir  erleben,  ist  für  sich  selber  grundsätzlich  unserem  begrifflichen ­
  Denken  entzogen,  weil  das  letztere  immer  schon  die  kategoriale
Formung  des  Erlebten  darstellt.  Bloß  mit  unserer  anschaulichen  Vor-
        <pb n="544" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  I,  A.

S25

Stellung,  mit  dem  „bildhaften“  Denken,  kommen  wir  an  das  Erlebte
heran.  Als  Inhalt  unseres  Bewußtseins,  ohne  doch  Inhalt  unseres
Denkens  zu  sein,  selbst  nicht  unseres  „bildhaften“  Denkens,  ist  das
Erlebte  gleichbedeutend  mit  dem  rein  und  ungebrochen  Anschaulichen. ­
  Das  hat,  um  Rickert  nachzusprechen,  nichts  mit  „Schauen“
zu  tun,  engt  die  Wirklichkeit  nicht  zuliebe  des  Gesichtssinnes  oder
sonst  eines  „äußeren“  oder  „inneren“  Sinnes  ein.  Das  Anschauliche
läßt  sich  nur  nach  jener  Relation  zum  Bewußtsein  und  Denken  erläutern
und  bleibt  im  übrigen  undefinierbar.  Gleich  dem  Erleben  selber  ist
es  ein  bloßer  Grenzbegriff,  den  unsere  Erwägung  gleich  einem
Riegel  gegen  alle  metaphysische  Spekulation  vorschiebt.
Da  mit  dem  Verhältnis  des  Denkens  zum  Erleben  auch  dieses
selber  in  Diskussion  gezogen  wird,  so  brauchen  wir  ein  Beispiel  dieses
Erlebens,  ein  Erlebnis.  Mit  Worten  ist  dabei  nichts  auszurichten,
weil  wir  von  diesen  Worten,  die  notwendig  schon  eine  Formung
des  Erlebten  sind,  erst  auf  das  Geformte  zurückgehen  müßten,  um  uns
hierauf  das  Erlebnis  anschaulich  zu  vergegenwärtigen.  Darüber  käme
die  Eindeutigkeit  der  Diskussion  in  Gefahr.  Zum  Glück  steht  ein
anderer  Weg  offen.  Denn  ein  Stück  Wirklichkeit  im  empirischen
Sinne,  ein  Erlebnis,  über  das  sich  eindeutig  diskutieren  läßt,  liegt  einfach ­
  damit  vor,  daß  der  Leser  diese  Zeilen  liest.  Der
Schreiber  dieser  Zeilen  kann  zwar  nur  hypothetisch  davon  reden,  aber
auf  den  Leser  kommt  es  an,  und  der  steht  mitten  in  diesem  Erlebnis.
An  ihm  sollen  nun  die  empirisch  gegebenen  Verhältnisse  unseres
Denkens  beleuchtet  werden.
A.  Der  empirische  Tatbestand.
Die  Wirklichkeit  läßt  sich  nie  und  nirgends  mit  Worten  ausschöpfen. ­
  Auch  im  Anblicke  dessen,  was  der  Leser  erlebt,  könnte
man  eine  gar  nicht  absehbare  Zahl  von  Erfahrungsurteilen  aussprechen.
Von  den  möglichen  Aussagen  über  dieses  Erlebnis  seien  nun
drei  in  verständiger  Willkür  herausgegriffen,  als  Typen.  Sie  sind
unausweichlich  genereller  Natur;  jeder  Leser  mag  ihnen  aber  den  Bezug
auf  sein  momentanes  Erlebnis  supponieren:
A.  „Der  Leser  liest  diese  Zeilen.“
B.  „Die  Augen  des  Lesers  bewegen  sich  in  der  Relation  auf  die
Wortbilder  des  Druckes  so,  daß  diese  nacheinander  den  Blickpunkt
passieren.“
C.  „Im  Bewußtsein  des  Lesers  wird  die  sukzessive  Wahrnehmung
der  Wortbilder  von  einem  Vorstellungsverlauf  begleitet.“
        <pb n="545" />
        526

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Von  diesen  Aussagen  redet  nur  A  die  Sprache  des
gewöhnlichen  Lebens.  Es  hat  ferner  den  Anschein,  daß  nur  B
und  C  die  Wirklichkeit  sozusagen  unter  sich  aufteilen:  B  gibt  den
„sinnlichen“,  C  den  „seelischen“  Vorgang  wieder.  Dagegen
gewinnt  man  in  dieser  Hinsicht  von  A  einen  ganz  verschiedenen  Eindruck, ­
  je  nachdem  man  es  mit  B  oder  mit  C  vergleicht.  So  scheint
A  irgendwie  die  unbestimmte  Mitte  zwischen  B  und  C  zu  halten.
Danach  würde  es  der  Aussage  A  an  jener  klaren  Einseitigkeit  fehlen,
die  aller  wissenschaftlichen  Betrachtung  eigen  ist.  Weil  aber  A  zugleich ­
  die  nächstliegende  Aussage  ist,  jene  gleichsam,  die  nach  der
„Regel  des  Lebens“  vollzogen  wird,  so  könnte  man  A  geradezu  als
den  Typus  einer  unwissenschaftlichen  Aussage  ansehen  wollen.
Diesem  Eindruck  zum  Trotz  sei  nun  Schritt  für  Schritt  nachgewiesen,
daß  die  Aussage  A  durchaus  selbständig  und  ebenbürtig  neben
B  und  C  steht,  als  der  Typus  einer,  von  jener  Denkweise
getragenen  Aussage,  die  zugleich  die  sozial  wissenschaftliche ­
  ist.  Dadurch  soll  uns  die  Vergleichung  der  drei  Aussagen ­
  auf  einen  tiefen  Gegensatz  im  Denken  und  Erkennen  führen,
dem  man  bisher  so  wenig  Rechnung  trug,  daß  darüber  das  richtige
Verständnis  unserer  Wissenschaft  zu  Schaden  gekommen  ist.
A  wäre  als  Aussage  angeblich  darum  nicht  selbständig,  weil  sich
im  Inhalt  von  A  der  Inhalt  von  B  und  C  in  einer  eigentümlichen
Weise  mischt.  Man  hält  dafür,  daß  A  einen  Vorgang  wiedergibt,  bei
dem  einem  „seelischen  Innen“  ein  „sinnliches  Außen“  entspricht;  auf
das  letztere  bezöge  sich  B,  auf  das  erstere  C.  Diese  beiden  Aussagen,
mit  noch  anderen  ihres  Typus  zusammen,  würden  also  den  Inhalt  der
Aussage  A  restlos  aufheben.  Da  nun  B  ein  „physisches“,  C  ein
„psychisches“  Geschehen  zur  Aussage  bringt,  so  würde  die  Aussage  A
folgerichtig  ein  „psychophysisches“  Geschehen  wiedergeben.  Diese
Auffassung  ist  so  ziemlich  die  herrschende.  Ihr  unterliegt  die  axiomatische
  Annahme,  daß  sich  der  Schnitt  zwischen  dem  „Sinnlichen“  und
dem  „Seelischen“  durch  die  ganze  Erfahrungswelt  zieht,  so  daß  also
das  „Sinnliche“  und  „Seelische“  zusammengenommen  bereits  das
Ganze  des  überhaupt  Erfahrbaren  ausmachen  würden,  ohne  daß  für
etwas  Drittes  im  Reiche  der  Erfahrung  Platz  wäre.
In  Wahrheit  hat  die  Aussage  A  ebensogut  ihren  Inhalt  ganz  für
sich,  wie  B  und  C  den  ihrigen.  Wer  A  aussagt,  hat  durchaus  kein
mixtum  compositum  aus  B  und  C  im  Sinne.  Er  will  vielmehr  zum
Ausdruck  bringen,  daß  jemand,  der  vorgreifend  der  „Leser“  genannt
wird,  durch  den  Blick  von  dem  Kenntnis  erhält,  was  im
Wege  vereinbarter  Zeichen  zur  Mitteilung  gelangt.
        <pb n="546" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  1,  A.

5 27

Dies  stützt  sich  offenbar  auf  eine  Definition  von  „lesen“,  wie  dieses
Wort  in  der  Aussage  A  verwendet  wird  und  sie  ja  eigentlich  trägt.
Ob  nun  diese  Definition  für  ihren  Teil  befriedigt,  oder  ob  sie  zu  weit
oder  zu  eng  ausgefallen  ist,  tut  soweit  nichts  zur  Sache,  als  sie  nur
überhaupt  möglich  ist.  Denn  mit  ihrer  bloßen  Möglichkeit  wird
es  bereits  absehbar,  daß  auch  die  Aussage  A  ihren  eigenen,  selbständigen ­
  Inhalt  hat.  Freilich  ist  neben  der  hier  gelieferten  Definition
von  „lesen“  auch  noch  eine  andere  möglich,  die  ausgesprochen  physiologischer ­
  Natur  wäre,  und  eine  dritte  von  ausgesprochen  psychologischer ­
  Natur.  Aber  gerade  die  Möglichkeit  dieses  Dreierlei
der  Definitionen,  die  Möglichkeit  also,  daß  sich  die  Deutung  von  „lesen“,
wie  es  in  der  Aussage  A  enthalten  ist,  auf  einer  selbständigen
Linie  bewegen  kann,  spricht  für  die  Selbständigkeit  von  A.
Dieser  Behauptung  stellen  sich  eine  Menge  Zweifel  entgegen,  denen
die  Untersuchung  erst  nach  und  nach  gerecht  wird.  Vorläufig  kann
man  dies  außer  acht  lassen,  da  ein  Einwand  möglich  ist,  der  so  sehr
auf  den  Kern  der  ganzen  Sachlage  abzielt,  daß  seine  Widerlegung  alle
Ungewißheit  wettmacht.  Da  nämlich  die  Aussage  A  als  eine  erfahrungswissenschaftliche ­
  zur  Diskussion  steht,  macht  es  im
Grunde  nicht  viel  aus,  ob  sie  einen  mehr  oder  minder  selbständigen
Inhalt  besitzt;  um  so  mehr  jedoch,  insoweit  man  die  Bedenken  gegen
sie  in  dem  Einwand  zusammenfassen  kann,  daß  sie  den  Aussagen  B
und  C  nicht  ebenbürtig  sei,  indem  sie  vom  erfahrungswissenschaftlichen ­
  Standpunkt  aus  etwas  Minderwertiges
Wäre.  Hier  fällt  zweifellos  die  Entscheidung!
Die  drei  Aussagen  lassen  sich  als  Erfahrungsurteile  ansehen,  sofern ­
  man  sie  einem  Beobachter  in  den  Mund  legt.  Die  Aussage
A  nimmt  dann  etwa  die  Form  an:  „Dieser  liest.“  Jener  Einwand
stützt  sich  nun  auf  die  alte,  stets  von  neuem  wiederholte  Behauptung,
daß  der  Beobachter  eine  solche  Aussage  nicht  anders  vollziehen  könne
als  im  Wege  eines  ganzen  Schluß  verfahrens:  Eines  Schlusses,  der
von  dem  „Gesehenen“,  „Gehörten“  usw.,  also  vom  Inhalte  einer  Aussage ­
  nach  dem  Typus  B,  ausgeht  und  sich  dabei  über  die  Analogie
zum  eigenen  Erleben  hinbewegt,  bevor  er  zu  jener  Konklusion  führt,
die  mit  A  ausgesagt  wird.  Diese  Behauptung  ist  erkenntnispsychologischer
  Natur;  es  muß  ihr  daher  ebenso  begegnet  werden.
Versetzen  wir  uns  also  in  die  Rolle  des  Beobachters.
Soviel  ist  sicher,  der  Ausdruck  „lesen“,  wie  er  die  Aussage  A
trägt,  kann  sich  unmöglich  als  der  Name  für  die  Wahrnehmung  eingebürgert ­
  haben,  daß  die  Bewegung  der  Augen  den  Wortbildern
folgt;  auch  nicht  dafür,  daß  die  Augen  zentrisch  auf  ein  Buch  ein ­
        <pb n="547" />
        528

p Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

gestellt  sind.  Ob  nicht  vielleicht  das  Kind  den  Ausdruck  „lesen“  zuerst ­
  nur  so  verwendet,  beweist  hier  nichts;  dem  Kinde  wäre  dann  einfach ­
  der  wahre  Sinn  dieses  Ausdruckes  noch  nicht  aufgegangen.  Es
hätte  den  entscheidenden  Gedanken  noch  nicht  erfaßt,  daß  „lesen“
eine  besondere  Art  besagen  will,  wie  man  von  Mitgeteiltem  Kenntnis ­
  erhält.
Um  A  auszusagen,  ist  es  andererseits  nicht  nötig,  daß  der
Beobachter  selber  lesen  kann.  Es  genügt,  wenn  er  sich  im  Wege  anschaulicher ­
  Vorstellung  in  die  Lage  dessen  zu  versetzen  weiß,  der  in
dieser  besonderen  Weise  von  etwas  Mitgeteiltem  Kenntnis  erhält.
Bloß  darüber  muß  er  vorher  durch  sein  eigenes  Erleben  belehrt  sein,
was  es  überhaupt  heißt,  eine  Mitteilung  zu  erhalten.  Nur  in  diesem
abgeschwächten  Sinne  ist  es  richtig,  daß  wir  Aussagen  vom  Typus  A
bloß  nach  der  Analogie  zum  eigenen  Erleben  zu  vollziehen  wüßten.
Damit  ist  aber  noch  keineswegs  gesagt,  daß  dieses  Mitspielen  einer
Analogie  den  logischen  Wert  eines  Analogieschlusses  haben
müsse,  und  gar  eines  solchen,  für  welchen  in  unserem  Falle  die  Aussage ­
  B,  das  „Gesehene“,  den  notwendigen  Untersatz  beizustellen  hätte!
Will  uns  dies  jene  oft  wiederholte  Behauptung  einreden,  so  verrät
sie  damit  nur,  daß  sich  die  landläufige  Meinung  unser  Beobachten  als
ein  ausschließlich  sinnliches  Beobachten  denkt,  im  Geiste  eines
Registrierens  von  Sinnesdaten.  Danach  wäre  das  Primäre  an
Erfahrung  stets  hinter  den  Aussagen  vom  Typus  B  zu  suchen,  im  Sinne
des  „Gesehenen“,  „Gehörten“,  Getasteten“  usw.  Aussagen  vom
Typus  A  jedoch  würden  überhaupt  nur  so  möglich  sein,  daß  man  diese
registrierten  Sinnesdaten  nachträglich  zu  „deuten“  sucht.  Hier  besonders ­
  erliegt  die  landläufige  Meinung  der  Wucht
jener  Vorurteile,  die  uns  die  Schulung  zu  naturwissenschaftlichem ­
  Denken  eingeimpft  hat.
Zur  raschen  Orientierung  über  den  ganzen  Sachverhalt  sei  an  ein
bekanntes  Histörchen  erinnert.  Es  wird  erzählt,  daß  Indianer,  denen  ein
Missionar  aus  der  Bibel  vorlas,  das  Buch  an  ihr  Ohr  legten,  in  der
Hoffnung,  damit  das  Rätsel  zu  lösen,  das  dieser  unbekannte  Vorgang ­
  ihnen  aufgab.  Die  Indianer  fanden  also  von  dem  aus,  was  sie
erlebten,  keinen  Weg  zur  Feststellung,  daß  sich  die  Augen  des
Missionars  in  spezifischer  Weise  bewegen.  Gab  nicht  dennoch  das
„Gesehene“  bei  der  Beobachtung  den  Ton  an,  indem  die  Indianer  zu
sehen  glaubten,  daß  der  Missionar  das  Ding  in  seiner  Hand  „behorche“  ?
Dieses  „Horchen-sehen“  war  dann  erstens  eine  hypothetische  Feststellung, ­
  denn  die  Beobachter  selbst  waren  sofort  auf  eine  Verifikation
bedacht.  Auch  ist  es  nach  der  ganzen  Sachlage  klar,  daß  gerade  diese
        <pb n="548" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  I,  A.

529

Hypothese  sinnesmäßig  schlecht  fundiert  war.  Die  Sache  liegt  also
so,  daß  die  Beobachter  das  Sehbare  des  Vorganges  übersehen,
etwas  ganz  anderes  aber  förmlich  gewaltsam  hineingesehen  haben  1
Wie  reimt  sich  dies  mit  der  herrschenden  Meinung,  daß  stets  der
Sinnesausdruck  als  solcher  den  Ausschlag  gibt?  Nun  könnte  man  die
Lösung  dieses  Widerspruches  darin  suchen,  daß  man  dem  Histörchen
die  „innere  Wahrheit“  abspricht.  Aber  dies  wäre  grundfalsch;  es
mutet  uns  durchaus  plausibel  an,  daß  die  Indianer  diesem  Mißverständnis ­
  verfallen  sind  —  ein  Beweis,  daß  uns  das  eigene  Gebaren
als  Beobachter  den  Schlüssel  für  diesen  Fehler  darbietet.
In  der  Tat,  nicht  der  Sinneseindruck  ist  das  Primäre  dabei,  was
immer  wir  beobachten.  Das  Erste,  was  wir  dem  Erlebnis  denkend
entnehmen,  solange  es  nach  Sinneseindrücken  absolut
noch  nicht  differenzierbar  ist,  das  Erste  also,  womit  wir  die
volle  Anschaulichkeit  des  Erlebnisses  durch  Denken  quittieren,
ist  die  Anerkennung  eines  tätigen  oder  leidenden  Verhaltens, ­
  einer  Subj  ektbeku  n  du  ng.  So  waren  sich  auch  in
unserem  Histörchen  die  Indianer  zuerst  klar,  daß  ihnen  der  Missionar
etwas  wiedererzählt,  was  ihm  selber  mit  geteilt  wird;  soweit
schöpften  sie  aus  der  vollen,  ungebrochenen  Anschaulichkeit  ihres  Erlebnisses! ­
  Und  erst  vom  Boden  dieser  Anerkennung  aus,  die  hier
das  wahrhaft  Primäre  vorstellt,  gingen  sie  dazu  über,  Sinnesdaten
zu  registrieren.  Gerade  dabei  aber  vergriffen  sie  sich;  denn  das  von
ihnen  nunmehr  differenziert  „Gesehene“  entsprach  nicht  dem
Marionettenspiel  eines  Sehenden,  sondern  dem  Marionettenspiel  eines
Horchenden.  Warum  dies?  Weil  die  Indianer  selbst  jetzt  noch,  wo
nur  mehr  das  nähere  Wie  der  Subjektbekundung  in  Frage  blieb  —
also  die  Alternative:  „Kenntnisnahme  durch  den  Blick“  oder
«Kenntnisnahme  durch  Horchen“  —  nicht  dem  „Gesehenen“  die
Vorhand  ließen,  sondern  sich  erst  wieder  über  das  Subjektverhalten ­
  eine  speziellere  Hypothese  bildeten.  Natürlich  bildeten ­
  sie  sich  jene,  die  für  ihre  Lebenserfahrung  die  nächstliegende
w ar:  sie  rieten  einfach  auf  eine  „Kenntnisnahme  von  Mitgeteiltem
durch  das  Horchen“;  und  unter  dem  Vorurteil  dieser  Annahme
differenzierte  sich  ihnen  ihr  Erlebnis  nach  Sinneseindrücken  „irrtümlich“ ­
  so,  daß  sie  das  Marionettenspiel  des  Horchenden  zu  sehen
glaubten  1  Nur  waren  sie  vorsichtig  genug,  um  gleich  die  Probe  darauf ­
  abzulegen.  Als  diese  natürlich  fehlschlug,  mag  auch  für  die
Indianer  die  andere  Subjektbekundung  als  leitende  Hypothese  an
die  Reihe  gekommen  sein,  so  daß  sie  nachträglich  wohl  auch  die
spezifische  Augenbewegung  des  Missionars  zu  registrieren  wußten.
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  34
        <pb n="549" />
        530

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Dazu  war  ihnen  vermutlich  der  Gedanke  an  die  „Symbole“  ihres
Gürtels  oder  ihrer  Tätowierung  behilflich.  So  mögen  sie  das  Erlebnis ­
  schließlich  mit  einer  Annäherung  an  jenen  Begriff  denkend
bewältigt  haben,  für  den,  um  ihn  flüssiger  zu  gebrauchen,  den  Indianern ­
  ein  dem  „lesen“  gleiches  Wort  eben  noch  mangelte.
Ein  tätiges  oder  leidendes  Verhalten,  eine  Subjektbekundung,
wird  aber  gewiß  nur  durch  Aussagen  vom  Typus  A  zum  Ausdruck
gebracht.  Mithin  stünden  die  Dinge  gerade  umgekehrt,  als  es  der
Legende  vom  „Analogieschluß“  entspräche:  Primär  ist  das  in
A  Ausgesagte,  während  die  Aussagen  B  und  C  überhaupt  nur  in
der  Anlehnung  daran  möglich  werden.  Was  uns  dieser  Ansicht
abspenstig  macht,  ist  eben  nur  jenes  naturwissenschaftlich  gefärbte
Vorurteil,  als  ob  unser  Erleben  restlos  in  Sinneseindrücken  aufginge; ­
  wobei  man  hier  für  die  „seelischen“  Erscheinungen  auch  noch
den  vielberufenen  „inneren“  Sinn  hinzunehmen  mag.  Dieses  Vorurteil ­
  begreift  aber  eine  unsägliche  Verarmung  jenes  Erlebens  in  sich,
das  uns  in  Fülle  und  glühender  Lebendigkeit  umwebt  I  Denn  dieses
Erleben  ist  reich  genug,  um  uns  unmittelbar  vom  Boden  des  Anschaulichen ­
  aus,  im  Sinne  eines  intuitiven  Eingriffes  unseres  Denkens, ­
  zu  jenen  Annahmen  gelangen  zu  lassen,  die  gleichsam  als
Rahmen  für  alle  weiteren  Feststellungen  dienen.  Man  schränkt  sich
dem  Erleben  gegenüber  nicht  auf  ein  differenziertes  „Sehen“,  „Hören“,
„Tasten“  usw.  ein,  um  dann  erst  das  „Gesehene“,  „Gehörte“,  „Getastete“ ­
  gemäß  der  Analogie  zum  eigenen  Erleben  und  im  Sinne  eines
Schluß  Verfahrens  zu  „deuten“;  sondern  das  im  Erleben  undifferenziert ­
  enthaltene  „Sehen“,  „Hören“,  „Tasten“  usw.  wird  überhaupt
nur  so  weit  zu  einem  Registrieren  von  Sinnesdaten,  als  dies  für  den
Dienst  einer  versuchsweisen  Bewältigung  des  Erlebten  nötig
wird,  die  stets  von  jener  Art  ist,  daß  sie  unmittelbar  zu  einer
Aussage  vom  Typus  A  führen  könnte;  denn  ob  dieses  ganze  Spiel
nun  mehr  oder  weniger  bewußt  vor  sich  geht,  ist  für  das  Wesen  der
Sache  völlig  gleichgültig.
Übrigens  rückt  unser  Histörchen  noch  etwas  in  Sehweite,  worüber ­
  sich  die  landläufige  Meinung  leichtsinnig  hinwegsetzt.  Es  ist
mehr  als  verzeihlich,  wenn  jemand,  der  nicht  gleich  das  „lesen“  selber
als  intuitive  Hypothese  handhaben  konnte,  das  „Sehbare“  am  Lesen,
die  spezifische  Augenbewegung,  zuerst  völlig  übersieht.  Das  Erleben ­
  füllt  unser  Bewußtsein  jederzeit  mit  einem  so  reichen  Inhalt
des  Differenzierbaren,  daß  es  ein  schier  unglaublicher  Zufall  wäre,
blind  zuzugreifen  und  dennoch  gerade  jene  sinnliche  Feststellung
herauszulangen,  die  laut  der  Legende  vom  „Analogieschluß“  nötig  ist,
        <pb n="550" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  I,  A.

531
um  über  den  letzteren  hinüber  zur  Aussage  zu  führen.  Man  halte
dies  nicht  für  eine  Frage,  wie  eine  schnelle  Erfassung  allein  möglich ­
  wäre.  Im  Gegenteil,  je  mehr  wir  uns  Zeit  ließen,  das  Erlebnis
nach  Sinneseindrücken  wahllos  zu  differenzieren,  desto  verwirrender
wird  die  Fülle  dessen,  vor  dem  wir  rat-  und  hilflos  stünden  1  Freilich
fällt  es  uns  leicht,  die  wir  alle  mehr  oder  minder  im  naturwissenschaftlichen ­
  Beobachten  geschult  sind,  unsere  Aufmerksamkeit  auf
einen  bestimmten  Punkt  einzustellen  und  hier  nun  die  Sinnesdaten
irgendwelcher  Art  zu  registrieren.  Aber  dies  setzt  doch  voraus,  daß
wir  uns  im  Angesichte  des  Erlebens  schon  irgendwie  zurechtgefunden ­
  haben;  erst  einer  denkend  schon  bewältigten
Sachlage  gegenüber  lassen  wir  dann,  in  Willkür,  jene  Beobachtung
eintreten,  die  mit  dem  Registrieren  von  Sinnesdaten  eins  ist.  Wir
finden  uns  aber  nur  so  zurecht,  daß  wir  der  verwirrenden  Fülle
gegenüber  an  etwas  anderem  unseren  Rückhalt  suchen.  Dies  besorgen ­
  nun  jene  intuitiven  Hypothesen  nach  dem  Typus  der  Aussage
A,  deren  uns  die  Analogie  zum  eigenen  Erleben  fähig  macht.  Denn
es  handelt  sich  stets  um  Annahmen  von  Subjektbekundungen;
über  diese  aber  klärt  uns  an  letzter  Stelle  allein  die  Art  und  Weise
auf,  wie  sich  unser  eigenes  Ich  auslebt.
Von  hier  aus  wird  uns  der  „Anim  ismus“  des  primitiven  Denkens
als  eine  absolute  Notwendigkeit  verständlich!  Es  ist  ein  Umsatz  des
Erlebten  in  Denken  gar  nicht  anders  möglich,  als  daß  man  sich  jenes
Ariadnefadens  bedient.  So  kommt  es  im  tatsächlichen  Erfolg  dazu,
daß  sich  der  Primitive  alle  Vorgänge  der  Umwelt,  und  selbst  seines
eigenen  Körpers,  ja  seines  Denkens  und  Träumens,  nach  jenem
„Schema“  zu  deuten  sucht,  das  er  sich  für  sein  eigenes  Subjektverhalten ­
  zurechtgelegt  hat.  Er  „beseele“  die  Natur,  sagen  wir,  er
hätte  es  überall  mit  dem  zu  tun,  was  wir  „Geister“  nennen.  Der  anschauungsfrohe ­
  Dichter  freut  sich  dieser  Sache,  die  aber  bloß  ein
nüchterner  Zwang  unseres  Denkens  ist.  Denn  ohne  diese  „Geister
kämen  auch  wir  nicht  aus.  Der  Unterschied  liegt  nur  darin,  daß  wir  sie
nicht  in  die  Vorstellung  hinübernehmen,  die  wir  über  die  „Welt  uns
bilden.  Unser  Denken  aber  kann  ihrer,  genauer  gesagt,  der  Sache,  die
sie  personifizieren,  niemals  entbehren.  Auch  wir  finden  uns  bloß  an
jenem  Ariadnefaden  im  Wirrsal  des  Erlebens  zurecht.  Für  den  Primitiven ­
  aber  „rollt“  der  Stein  ganz  buchstäblich  so,  wie  wir  selber
„gehen“;  er  „tut  rollen“,  wie  es  die  Volkssprache  heute  noch  festhält.
Allein  auch  für  uns  ist  die  Feststellung  zunächst  nicht  anders  möglich,
als  im  Sinne  einer  Anerkennung  des  tätigen  Verhaltens  dessen,  was
w ir  als  „Rollendes“  und  weiterhin  erst  als  Stein  erfassen.  Nur  daß  es
34*
        <pb n="551" />
        532

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

uns,  dank  unserer  Vorstellung  von  der  Welt,  jederzeit  leicht  fiele,
uns  auf  die  bloße  „Bewegung“  des  Steines  zurückzubesinnen,  so  daß
wir  dann  in  voller  Bewußtheit  bloß  Sinnesdaten  registrieren.  Es
ist  sicher,  daß  wir  uns  um  diese  Rückbesinnung  nur  höchst  selten  bemühen ­
  und  für  gewöhnlich  hübsch  im  „Animismus“  bleiben.  Sagen
aber  müssen  wir  in  jedem  Falle  von  dem  Steine,  daß  „er“  rolle,
weil  eben  unsere  ganze  Ausdrucksweise,  der  ganze  Satzbau, ­
  die  stete  Trennung  von  „Subjekt“  und  „Prädikat“
und  „Objekt“,  der  primitiven  und  ganz  unausrottbaren
Auffassung  angepaßt  bleibtl  Erst  wenn  wir  zum  theoretischmathematischen ­
  Ausdruck  übergehen,  für  das  „rollen  tun“  etwa
ein  „Bewegungsmoment“  einsetzen,  ist  auch  für  den  Ausdruck  des
Festgestellten  jene  Form  gefunden,  die  wahrhaft  adäquat  dem  bloßen
Registrieren  von  Sinnesdaten  ist.  Dann  erst  ist  alles  abgestreift,  was
an  die  psychische  Genesis  der  Aussage  erinnert.
Erkenntnispsychologisch  kann  man  also  die  Aussagen  nach  dem
Typus  A  als  die  primären  ansehen.  Bei  der  denkenden  Bewältigung
des  Erlebten  sind  es  diese  Aussagen,  die  als  intuitive  Hypothesen
vorantreten;  nicht  aber  führt  erst  ein  Schluß  zu  ihnen.  Der  Umstand
jedoch,  daß  sie  zuerst  nur  den  Wert  von  Hypothesen  haben,  könnte
abermals  gegen  sie  ausgebeutet  werden.  Mögen  diese  Aussagen  auch
das  erkenntnispsychologisch  Primäre  sein,  im  logischen  Sinne,  soweit
es  nämlich  auf  ihre  Wahrheit  ankommt,  wären  sie,  auf  jenen  Umstand ­
  hin,  doch  nur  das  Sekundäre.  Diesem  Einwand  liegt  aber  ein
Mißverständnis  zugrunde.  Die  psychische  Genesis  der  Aussage  „Dieser
liest“,  wie  sie  der  Beobachter  vollzieht,  kann  es  im  einzelnen  Falle
wohl  in  sich  schließen,  daß  wir  die  intuitive  Hypothese,  als  welche
diese  Aussage  gedanklich  aufkeimt,  durch  jenes  Registrieren  von
Sinnesdaten  zu  verifizieren  suchen,  das  überhaupt  erst  vom  Boden
dieser  Hypothese  aus  möglich  wird.  Das  will  sagen,  es  „scheint“  uns
zunächst,  daß  „Dieser  lese“,  und  nun  blicken  wir  schärfer  zu,  wir
differenzieren  also  das  Erlebnis  nach  Sinnesdaten,  um  daraufhin  erst
die  von  Beginn  an  mögliche  Aussage  auch  wirklich  zu  vo  11  ziehen.
Aber  diese  Verifikation,  die  rein  erkenntnispsychologisch  im
Werdegang  der  Aussage  liegt,  darf  eben  nicht  mit  der
logischen  Verifikation  der  Aussage  verwechselt  werden  1  Es  ist  eine
Frage  ganz  für  sich,  wie  sich  die  drei  Aussagen  als  wahr  erweisen
lassen,  das  heißt,  auf  welchem  Wege  wir  ihren  Inhalt  als  gültig
demonstrieren.
Wäre  die  Aussage  A  tatsächlich  nur  ein  logisches  Derivat  aus  der
Aussage  B,  so  daß  also  vom  „Gesehenen“  her  ein  regelrechter  Analogie-
        <pb n="552" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaff,  I,  A.

533

Schluß  zu  A  vermittelt,  dann  ließe  sich  ein  Zweifel  an  der  Wahrheit
von  A  dadurch  beheben,  daß  man  sich  mit  gesteigertem  Nachdruck
auf  das  „Gesehene“  beruft.  Gesetzt  nun,  der  Beobachter  will  die
erkenntnispsychologisch  fertige  Aussage  „Dieser  liest“  außer  Zweifel
stellen:  wird  er  sich  etwa  damit  aufhalten,  die  Augenbewegung  des
Beobachters  in  der  hierfür  maßgebenden  Art  als  gültig  zu  demonstrieren  ?
Wir  brauchen  nur  an  die  Möglichkeit  einer  beabsichtigten  Täuschung
des  Beobachters  von  seiten  seines  Objektes  zu  denken,  um  einzusehen,
daß  auf  diesem  Wege  eine  zwingende  Erhärtung  der  Aussage  A
ganz  unmöglich  istl  In  welch  grundwesentlichem  Sinne  es  aber
ausgeschlossen  bleibt,  überdies  noch  Aussagen  nach  dem  Typus  C,
psychologische  Aussagen  also,  in  den  Beweis  einzuflechten,  wird  sich
dann  sofort  zeigen.  Der  Vorgang,  um  A  als  gültig  zu  demonstrieren,
ist  doch  einfach  der,  daß  der  Beobachter  an  sein  Objekt  Fragen
stellen  wird,  die  sich  auf  den  Inhalt  des  Gelesenen  beziehen.  Auch
wird  er  untersuchen,  ob  der  Beobachtete  nicht  schon  früher  die  Kenntnis
erhalten  haben  kann,  die  er  durch  seine  Antworten  verrät.  Diese
Beweisführung  kann  im  Einzelfalle  eine  höchst  umständliche  sein,  i  n
jedem  Falle  aber  wird  der  Beweis  ganz  und  gar  in  der
Richtung  geführt,  in  der  sich  A  selber  bewegt:  A  sagt
über  Subjektbekundungen  aus,  die  Fragen  aber  haben  auch  nur  den
Sinn,  ein  weiteres  Verhalten  herauszufordern,  von  dem  aus  Rückschlüsse ­
  auf  das  beobachtete  Verhalten,  auf  das  „lesen“  oder  „nichtlesen“
  möglich  werden.  Ob  diese  Rückschlüsse  an  „Regeln“  des
Subjektverhaltens  gewiesen  sind,  tut  in  diesem  Zusammenhang  absolut
nichts  zur  Sache.  Weil  es  „Regeln“  des  Subjektverhaltens
wären,  steht  schon  außer  Zweifel,  daß  unser  Urteil  über  die
Wahrheit  von  A  gleichsam  nach  dessen  eigenem  Recht
gefällt  wird.  Dies  beweist  zur  Genüge,  daß  A  seinen  selbständigen ­
  Inhalt  besitzt,  unabhängig  vom  Inhalte  der  Aussage  B,
und  daß  A  dieser  Aussage  zugleich  ebenbürtig  ist,  weil  es  seinen
eigenen  Weg  geht,  um  sich  als  gültig  zu  demonstrieren.
Natürlich  läßt  sich  auch  die  Aussage  B,  jene  über  das  „Gesehene
also,  in  ihrem  eigenen  Geiste  als  gültig  demonstrieren;  darüber  entscheiden ­
  die  Kriterien  der  „sinnlichen“  Beobachtung.  Ganz  anders
Hegt  dagegen  die  Sache  mit  CI  Man  kann  diese  psychologische
Aussage  zwar  dem  Leser  selbst  in  den  Mund  legen,  um  ihr  den
Charakter  eines  echten  Erfahrungsurteils  zu  wahren.  Eine  Über-Prüfung
  ihrer  Wahrheit  aber,  in  dem  Sinne  und  Ausmaß  wie  bei  A
oder  B,  ist  hier  absolut  ausgeschlossen.  Und  gar  der  Beobachter
ist  hier  in  einer  prekären  Lage.  Er  kann  nur  das  „lesen“  feststellen.
        <pb n="553" />
        534

„Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

die  Subjektbekundung,  dies  hierauf  als  gültig  demonstrieren,  um  nun
den  Schluß  zu  ziehen:  „Wenn  ich  selber  lese,  geht  in  meinem  Bewußtsein ­
  dies  und  jenes  vor;  dieser  liest,  also  geht  in  seinem  Bewußtsein ­
  das  gleiche  vor“.  Man  sieht,  was  die  Legende  vom  „Analogieschluß“ ­
  der  Aussage  A  nachredet,  gilt  in  Wahrheit  nur  von
der  Aussage  CI  Soferne  man  diese  psychologische  Aussage  nicht
dem  Leser  selbst  in  den  Mund  legt,  ist  sie  durch  ein  Schlußverfahren ­
  aus  der  Aussage  A  abgeleitet.  Während  also  die  Aussage  A
gegenüber  der  Aussage  B  das  erkenntnispsychologisch  Primäre ­
  ist,  ist  sie  der  Aussage  C  gegenüber  sogar  das  logisch
Primäre.
Die  Aussage  A  ist  also  den  Aussagen  B  und  C  nicht  bloß  ebenbürtig, ­
  in  gewisser  Beziehung  ist  sie  ihnen  sogar  überlegen.  Um  so
problematischer  muß  uns  diese  Aussage  für  ihren  eigenen  Teil
erscheinen.  Sie  bezieht  sich  unstreitig  auf  ein  Erlebnis,  demgegenüber
physiologische  und  psychologische  Aussagen  möglich  werden.  Der
Aussage  A  selber  jedoch  läßt  sich  unter  den  geschilderten  Umständen
weder  der  eine,  noch  der  andere  Charakter  zusprechen.  Wie  sie
ganz  offenkundig  keine  physiologische  Aussage,  ist  sie  auf  der  anderen
Seite  auch  nur  eine  p  s  e  u  d  o  -  psychologische.  Dies  bezeugt  der  Umstand, ­
  daß  die  Aussage  A  in  einem  ganz  anderen  Verhältnis  zur  Aussage ­
  B  steht,  als  es  für  die  psychologische  Aussage  C  gilt,  und  daß
zur  letzteren  selber  die  Aussage  A  in  das  Verhältnis  des  logisch  Primären ­
  tritt;  dazu  kommen  noch  die  Verhältnisse  der  logischen  Beweisführung, ­
  die  später  näher  erläutert  werden.  So  drängt  alles  zu  der
Vermutung,  daß  es  mit  der  Aussage  A  überhaupt  seine  eigene  Bewandtnis ­
  habe.  In  der  Tat  tritt  nun  die  Aussage  A  noch  in  einen
weiteren  und  diesmal  gemeinsamen  Gegensatz  zu  B  und  C.  An
sich  betrifft  dieser  Gegensatz  wieder  etwas  Erkenntnispsychologisches.
Hier  aber  sondert  sich  A  in  so  entschiedener  Weise  von  B  und  C,
daß  es  geboten  erscheint,  von  diesem  weiteren  Gegensatz  gleich  zur
erkenntnistheoretischen  Deutung  der  ganzen  Sachlage  zu
schreiten.  So  schlägt  das  Folgende  die  Brücke  zur  definitiven  Aussprache. ­

Die  pseudo-psychologische  Aussage  —  »Der  Leser  liest  diese
Zeilen“  —  hört  sich  nicht  umsonst  wie  ein  summarischer  Bericht  an,
mit  dem  verglichen  es  nur  Details  sind,  was  B  und  C  aussagen.  Verweilt ­
  man  nachsinnlich  über  jener  Aussage  A,  so  gewinnt  man  den
Eindruck,  daß  sich  eine  unbegrenzte  Fülle  von  Einzelheiten  aus  ihr
heraushören  läßt!  Unwillkürlich  spielt  man  mit  der  Vorstellung  der
mannigfachen  Absichten,  die  der  Leser  mit  dem  Lesen  verknüpft;  mit
        <pb n="554" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  I,  A.

535

der  Vorstellung  der  Eindrücke  und  Stimmungen,  die  dem  Leser  diese
Lektüre  zubringt;  mit  der  Vorstellung  des  ganzen  Gebarens  des  Lesers
beim  Lesen;  wir  sehen  ihn  etwa  über  das  Heft  dieser  Zeitschrift  gebeugt, ­
  das  Blatt  zum  Umwenden  in  der  Hand,  und  so  weiter.  Diese
Fülle  von  Vorstellungen,  die  jene  Aussage  entfesselt,  vermag  sie  doch
wieder  zu  beherrschen.  Einer  geheimnisvollen  Abbreviatur  gleich  hebt
die  kurze  Wortfolge  diese  ganze  Fülle  auf.  Es  ist  also  in  der  Aussage
A  ein  begriffliches  Denken  rege,  dem  das  Mitschwingen  anschaulicher ­
  Vorstellungen  nicht  störend  wird;  es  fordert
dieses  Mitschwingen  geradezu  heraus  1
Dieser  Charakter  ist  aber  den  Aussagen  B  und  C  völlig  fremd.
Je  nachdrücklicher  wir  uns  in  diese  Aussagen  hineindenken,  desto
unduldsamer  verhält  sich  das  begriffliche  Denken  in  ihnen  zur
anschaulichen  Vorstellung.  Wer  der  Augenbewegung  nachsinnt,  von
der  B  berichtet,  empfindet  es  gewiß  nur  als  Störung,  kommt  ihm  von
ungefähr  in  den  Sinn,  daß  der  Leser  beim  Lesen  den  Kopf  auf  den
Arm  stützt.  Was  soll  hier  diese  Vorstellung  1  Sie  schmiegt  sich
absolut  nicht  dem  Gedankengang  in  B  ein.  Sie  gibt  höchstens  den
Anlaß,  die  weitere  Aussage  zu  bilden:  „Die  Kopfmasse  des  Lesers
verharrt  auf  dem  starren  System  des  Armes  in  der  Ruhelage“.  Diese
weitere  Aussage,  ob  nun  hypothetisch  oder  als  Erfahrungsurteil  gebildet, ­
  steht  völlig  gesondert  neben  B.  Vergleichen  wir  dagegen  das
Verhältnis  der  Aussage:  „Der  Leser  stützt  beim  Lesen  den  Kopf  auf
seinen  Arm“  zur  Aussage  A,  so  ergibt  sich,  daß  auch  diese  weitere
Aussage,  mindestens  ihrem  anschaulichen  Inhalt  nach,  schon  in  A
mit  enthalten  ist.
Auch  in  den  psychologischen  Aussagen,  vom  Typus  C,  sträubt
sich  das  begriffliche  Denken  gegen  alle  „bildhafte“  Begleitung.  Selbst
die  „Einheit  des  Bewußtseins“  ändert  daran  nichts  und  mahnt  nur
daran,  daß  hier  Abstraktionen  vorliegen,  mit  denen  der
Wirklichkeit  besondere  Gewalt  angetan  wirdl  Jedenfalls
ist  es  auch  im  Vollzüge  der  Aussage  C  nur  eine  lästige  Störung,  wenn
uns  etwa  in  den  Sinn  kommt,  daß  sich  beim  Leser  Schmerzempfindungen
im  Auge  einstellen.  Das  ist  wieder  eine  Sache  ganz  für  sich,  und  die
eventuellen  „Wechselbeziehungen“  kausaler  Art  wären  erst  recht  wieder
eine  dritte  Sache.  Dies  alles  muß  säuberlich  getrennt  bleiben,  oder
es  kommt  das  begriffliche  Denken,  das  sich  nacheinander  dessen  bemächtigt, ­
  überhaupt  nicht  zustande.
b^ a £ e &amp;amp;en  widerspricht  es  dieser  eigentümlichen  Schroffheit  des
begrifflichen  Denkens  in  B  und  C  keineswegs,  wenn  neben  dem  begrifflich ­
  Gedachten  die  Empfindung  einer  gewissen  Zusammen ­
        <pb n="555" />
        536

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

gehörigkeit  verharrt.  So  empfinden  wir  je  eine  Fülle  physiologischer
und  psychologischer  Aussagen  in  dem  Sinne  als  zusammengehörig,  daß  sie
sich  einheitlich  auf  das  „Lesen“  beziehen.  In  der  Tat,  diese  pseudopsychologischen ­
  Begriffe  von  der  Art  des  „Lesens“  leisten  den
wichtigen  Nebendienst,  daß  sie  der  Physiologie  und  der  Psychologie
die  Probleme  vorlegen!  Es  hängt  dies  notwendig  damit  zusammen,
daß  jene  Aussagen  vom  Typus  A  stets  das  erkenntnispsychologisch
Primäre  sind.  So  muß  es  z.  B.  der  Psychologe  ankündigen,  daß  er
sich  dem  „Lesen“  zuwende,  da  er  bloß  durch  ein  Denken  dieses  Begriffes, ­
  wie  er  in  A  enthalten  ist,  zu  seinen  eigenen  Feststellungen
schreiten  kann;  dies  gilt  auch  für  jeden,  der  dem  Psychologen  denkend
folgen  will.  Der  Umstand  aber,  daß  diese  pseudo-psychologischen  Begriffe ­
  der  Naturwissenschaft  Probleme  vorzeichnen,  hat  mehr  als  alles
verschuldet,  diese  Begriffe  überhaupt  nur  als  Titelüberschriften,  als
bloße  Namen  anzusehen,  denen  als  „Sache“  immer  erst  das  entspräche,
was  in  Aussagen  vom  Typus  B  oder  C  gefaßt  erscheint!
Die  drei  Aussagen  veranschaulichen  also,  sobald  man  A  zu  B  und
C  in  Vergleich  stellt,  einen  auffälligen  Unterschied  inmitten
unseres  begrifflichen  Denkens  über  die  Wirklichkeit.
Dort,  in  Aussagen  vom  Typus  A,  ist  das  Denken  ein  duldsames
zur  anschaulichen  Vorstellung,  fordert  deren  Mitschwingen  heraus;  es
muß  also  der  Fülle  des  Anschaulichen  wenigstens  mittelbar  g  e  -
wachsen  sein.  Dagegen  ist  es  dem  Denken  in  Aussagen  vom
Typus  B  und  C  eigen,  daß  es  die  anschauliche  Vorstellung  zurückdrängen ­
  muß,  um  das  Erlebte  in  Begriffe  umzusetzen.  Zugleich  hört
sich  eine  Aussage  vom  Typus  A  wie  ein  Zusammenfassen  jener
Fülle  des  Anschaulichen  an,  die  im  Erlebnis  beschlossen  ist;  die  Aussagen ­
  nach  den  anderen  Typen  dagegen  wie  ein  Herausgreifen
von  Einzelheiten  aus  jener  Fülle.  So  könnte  man  sagen,  daß  in
A  ein  synthetisch  einsetzendes  Denken  rege  ist,  weil  alle  weiteren
Aussagen  über  das  gleiche  Erlebnis  umgekehrt  nur  auf  analytischem
Wege  möglich  werden,  ganz  so,  als  müßte  man  sie  aus  A  herausschälen. ­
  Dagegen  wären  B  und  C  von  einem  analytisch  einsetzenden
Denken  getragen;  denn  alle  weiteren  Aussagen  stellen  sich  hier  der
ersten  an  die  Seite,  werden  aber  ganz  so  als  zusammengehörig
empfunden,  als  ob  eine  Synthese  vor  sich  ginge.
So  sind  also  vor  dem  nämlichen  Erlebnis  zweierlei  Aussagen
vollziehbar,  die  sich  ihrem  begrifflichen  Denken  nach  sehr  deutlich
voneinander  abheben.  Daraus  läßt  sich  der  Schluß  ziehen,  daß  es  zu
einer  doppelten  Stellungnahme  führen  kann,  sobald  wir
uns  in  der  Absicht  begrifflichen  Denkens  gegen  das
        <pb n="556" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  I,  B.

537

Erlebte  kehren.  Hier  muß  nun  die  erkenntnistheoretische
Erwägung  einsetzen.  Ihr  Beruf  liegt  darin,  daß  sie  die  bisher  ermittelten ­
  Verhältnisse  unseres  Denkens  in  Einklang  zu  bringen  sucht
mit  den  Annahmen  über  die  Natur  des  Gegebenen,  also
mit  den  ontologischen  Voraussetzungen.
B.  Die  erkenntnistheoretische  Deutung.
Als  Bewußtseinsinhalt,  ohne  doch  Gedachtes  zu  sein,  ist  das  Erlebte ­
  zunächst  das  Anschauliche.  Freilich  ist  auch  unser  begriffliches ­
  Denken  im  Erleben  beschlossen;  aber  dann  wieder  nur  als  jenes
Anschauliche,  das  wir  als  „unser  begriffliches  Denken“  erst  zu  einem
Begriffe  formen.  Ebenso  zweifellos,  wie  das  Erlebte  anschaulich  ist,
müssen  wir  ihm  Mannigfaltigkeit  zusprechen;  und  zwar  unendliche ­
  Mannigfaltigkeit  in  dem  Sinne,  daß  keine  noch  so  große  Zahl
von  Erfahrungsurteilen  ausreicht,  um  den  Inhalt  des  Erlebten  auszuschöpfen. ­
  Bis  hierher  gehen  die  so  ziemlich  unbestrittenen  Annahmen
über  die  Natur  des  Gegebenen.
Es  hat  nun  auch  bloß  den  Sinn  einer  Annahme  über  die  Natur
des  Gegebenen,  wenn  man  den  Gegensatz  „sinnlich  seelisch“
schon  in  das  Erlebte  selber  einsenkt;  dieses  läge  dann,  schon  in  seiner
Anschaulichkeit,  teils  als  seelische,  teils  als  sinnliche  Mannigfaltigkeit
vor.  Es  wäre  dies  der  herrschenden  Anschauung  gemäß,  wonach  sich
jenem  Gegensätze  nichts  entziehen  könne,  was  nur  überhaupt  erfahrbar
ist;  dies  alles  müßte  entweder  seelisch  oder  sinnlich  sein.  Nun
wäre  es  allerdings  Wahnwitz,  dieser  Scheidung  ihre  fundamentale  Bedeutung ­
  abzusprechen;  die  Einschränkung,  unter  welcher  dieser  Gegensatz ­
  immer  noch  als  ein  ganz  kategorischer  gilt,  wird  sich  uns
auch  bald  ergeben.  In  die  reine,  ungeschmälerte  Anschaulichkeit  des
Erlebens  aber  darf  diese  Scheidung  nicht  hineinreichen.  Sonst  unterschieben ­
  wir  eine  Voraussetzung,  die  mit  den  faktischen  Verhältnissen
unseres  Denkens  nicht  in  Einklang  zu  bringen  ist.  Denn  alles,  was
über  die  pseudo-psychologischen  Aussagen  vom  Typus  A  und  das
ihnen  spezifische  Denken  bisher  zu  sagen  war  und  nun  erst  zu  begründen ­
  sein  wird,  ist  absolut  nur  mit  der  Annahme  vereinbar,  daß
dem  Erlebten  selber,  in  seiner  unberührten  Anschaulichkeit,  die  Scheidung
zwischen  dem  Seelischen  und  dem  Sinnlichen  fremd  bleibt.  Wir
müssen  das  Erlebte  als  das  in  dieser  Hinsicht  noch  Ungeschiedene
ansehen.
Vielleicht  befremdet  es,  wenn  einer  so  lapidaren  Anschauung  gegenüber ­
  mit  bloßen  Gründen  der  Zweckmäßigkeit  argumentiert  wird.  Aber
es  handelt  sich  tatsächlich  nur  um  unsere  Annahmen  über  die  Natur
        <pb n="557" />
        538

&amp;gt;Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

des  Gegebenen.  Es  sind  dies  Dinge,  die  notwendig  vorausgesetzt
sein  wollen,  legt  man  sich  die  allgemeinsten  Verhältnisse  unseres
Denkens  zurecht.  Denn  beweisbar  sind  die  Dinge  überhaupt  nicht
anders  als  durch  den  Hinweis,  daß  wir  sie  annehmen  müssen,
um  jene  Verhältnisse  in  der  einfachsten,  ungezwungensten  Art  zu  erläutern. ­
  Jede  andere  Beweisführung  müßte  sich  auf  Erfahrung  stützen:
wie  wäre  dies  möglich,  sobald  es  sich  um  die  Ansichten  darüber  handelt,
wie  unsere  Erfahrung  selber  zustande  kommt!  Voraussetzungen  dieser
Art  liegen  ganz  wesentlich  bloß  an  ihrer  Zweckmäßigkeit  vor  Anker.
Ergibt  sich  also,  daß  eine  dieser  Annahmen  der  Bemühung  im  Wege
steht,  über  unser  empirisch  gegebenes  Erkennen  theoretisch  ins  reine
zu  kommen,  dann  fort  mit  ihrl
Während  wir  also  den  Gegensatz  seelisch-sinnlich  vom  Erlebten
selber  fernhalten,  läßt  sich  eine  ganz  andere  Annahme  als  überaus
zweckmäßig  nachweisen;  und  dabei  klingt  sie  von  Haus  aus  so
plausibel,  daß  nur  die  unglückselige  Vorliebe  aller  Philosophie  für  die
Naturwissenschaft  es  erklären  kann,  wenn  sich  diese  Annahme  nicht
bisher  schon  zu  allgemeiner  Anerkennung  durchgerungen  hat.  Das
richtige  Verständnis  unserer  Wissenschaften  steht  und
fällt  mit  der  Annahme,  daß  dem  anschaulichen  Inhalt
des  Erlebens  nicht  bloß  unendliche  Mannigfaltigkeit,
sondern  auch  stetiger  Zusammenhang  eigen  sei.  Was  wir
erleben,  ist  in  seiner  Anschaulichkeit  nicht  bloß  mannigfaltig,  es
hängt  auch  anschaulich  zusammen.  Doch  wäre  es  dem
Zweck  dieser  Annahme  direkt  zuwider,  auch  diesen  anschaulichen  Zusammenhang ­
  des  Erlebten  erst  noch  als  unübersehbar  zu  denken:  er
reißt  bloß  niemals  ab,  und  ist  in  diesem  Sinne  ein  stetiger.  Diese
Stetigkeit  ist  ihm  ganz  so  inhärent,  wie  dem  Mannigfaltigen  seine  Unendlichkeit. ­
  So  lassen  sich  die  ontologischen  Voraussetzungen,
von  denen  hier  auszugehen  ist,  in  die  Definition  fassen:  Erleben  ist
Stetigkeit  im  anschaulichen  Zusammenhängen  einer
unendlichen  Mannigfaltigkeit  des  Anschaulichen.
Ehe  wir  diese  Definition  erkenntnistheoretisch  ausbeuten,  sei  ihr
Einklang  mit  unseren  bisherigen  Ergebnissen  dargelegt.  Unsere  Annahme ­
  will  im  Grunde  nur  die  Erläuterung  dafür  bieten,  daß  unser
Denken,  wie  es  vor  dem  Gegebenen  steht,  ebensowohl  als  ein  unterscheidendes, ­
  wie  auch  als  ein  beziehendes  einzusetzen  vermag.
„Identität“  und  „Relation“  wechseln  damit  als  die  Kategorien  ab,
welche  den  Einsatz  unseres  Denkens  beherrschen;  daß  sie,  über  den
Einsatz  hinaus,  für  alle  Bewegung  unseres  Denkens  unzertrennlich ­
  bleiben,  daß  also  das  beziehend  einsetzende  sofort  auch  ein
        <pb n="558" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  I,  B.

539

unterscheidendes  Denken  sein  muß,  und  umgekehrt,  versteht  sich  wohl
von  selbst.  Beim  Einsatz  aber  ist  das  beziehende  Denken,  weil
es  dem  stetigen  Zusammenhang  des  Erlebten  antwortet,  in  einer
günstigeren  Lage  als  das  vor  die  Unendlichkeit  des  Mannigfaltigen
gestellte  unterscheidende  Denken.  Kein  Wunder  also,  wenn  das  Letztere
die  Anlehnung  an  das  Erstere  sucht,  wenn  also  das  beziehend  —
„synthetisch“  —  einsetzende  Denken  zum  erkenntnispsychologisch
Primären  wird.  Um  sich  nicht  im  Chaos  zu  verlieren,  sucht  unser
Denken  den  stillen  Anhalt  an  dem  Zusammenhang  des  Erlebten  selbst
dann,  sobald  es  sich  als  ein  unterscheidendes  zu  verwirklichen  trachtet.
So  erklärt  sich  ungezwungen  der  Dienst,  den  der  Inhalt  der  Aussage  A
bei  der  Feststellung  des  in  B  und  C  Ausgesagten  leistet.
Nie  kann  begriffliches  Denken  ins  Dasein  treten,  ohne  daß
ihm  anschauliche  Vorstellungen  zur  Seite  gingen,  hilfreich
oder  störend.  Setzt  nun  dieses  Denken  begrifflich  als  ein  beziehendes ­
  ein,  langt  es  gleichsam  nach  dem  anschaulichen  Zusammenhang, ­
  dem  „lebendigen  Bande“,  so  bleibt  die  anschauliche
Mannigfaltigkeit  der  ihr  adäquaten  Vorstellung  überantwortet.
Diese  Art  Denken  wird  aber  duldsam  für  dieses  Spiel  der  Bilder  sein,
weil  es  darüber  nie  in  Verwirrung  gerät:  mit  dem  Griff  nach  dem
„Bande“  bleiben  wir  aller  Mannigfaltigkeit  in  dem  mittelbaren  Sinne
Herr,  daß  wir  begrifflich  erfassen,  wie  sie  im  Erleben  anschaulich ­
  zusammenhängt.  Umgekehrt  aber,  trachtet  unser  Denken  als
unterscheidendes  ins  Dasein,  tritt  es  also  dieser  Mannigfaltigkeit ­
  gegenüber,  dann  ist  dies  erstens  immer  nur  im  begrenzten  Sinne
möglich  —  das  „Detailhafte“  aller  Aussagen  vom  Typus  B  und  C  —
zweitens  aber  muß  dann  alle  anschauliche  Vorstellung,  die  sich  auf
den  unendlichen  Rest  des  Mannigfaltigen  bezieht,  als  störend  empfunden
und  daher  zurückgedrängt  werden.  Bloß  die  anschauliche  Vorstellung
vom  anschaulichen  Zusammenhang  selber,  sie  muß  stets  neben  dem
unterscheidenden  Denken  verharren,  weil  sonst  die  „toten  Teile  in
gur  keiner  Zusammengehörigkeit  empfunden  würden,  und  so  Anhalt
und  Vorbild  zugleich  für  jenen  Zusammenhang  mangeln,  den  nachträglich ­
  erst  unser  Denken  zwischen  dem  Unterschiedenen  stiftet.
Somit  vertragen  sich  alle  bisherigen  Ergebnisse  aufs  beste  mit  der
Annahme,  daß  im  Erlebten  selber  Zusammenhang  anschaulich ­
  enthalten  sei.  In  ganz  empirischer  Weise  ist  es  endlich ­
  möglich,  daß  man  mit  dieser  Annahme  auch  die  drei  Aussagen,
die  unser  Beispiel  sind,  in  Übereinstimmung  bringt.  Man  sieht  es
einer  Aussage  vom  Typus  A  unschwer  an,  daß  sie  einen  Zusammenhang ­
  wiedergibt,  den  nicht  erst  unser  begriffliches  Denken  stiftet.  In
        <pb n="559" />
        540

„Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

der  Aussage  „Der  Leser  liest  diese  Zeilen“  berufen  sich  alle  ihre
Elemente  einträchtig  auf  jenen  Begriff  von  „lesen“,  als  einer  besonderen
Art,  wie  man  von  Mitgeteiltem  Kenntnis  erhält,  welcher  Begriff  für
sich  selber  also  eitel  Zusammenhang  ist.  Der  „Leser“  ist  ausdrücklich
als  der  „Blickende“  und  damit  „Kenntnis  Erhaltende“  gedacht,  wie
immer  er  zugleich  auch  das  anschaulich  Vorgestellte  sein  mag.  Die
Zeilen  wieder  sind  als  ein  Mittel  der  Kenntnisnahme  begrifflich  gedacht.
So  erscheinen  als  Elemente  der  Aussage  durchaus  Denkgebilde,  die
gleichsam  das  Denken  jenes  Zusammenhanges  erst  aus  sich  entläßt.
Hier  ist  also  der  Zusammenhang  —  als  „lesen“  wiedergegeben  —  in
der  Aussage  das  Primäre;  er  ist  nicht  etwas  dem  vorher  Gedachten
nachträglich  Prädiziertes,  sondern  erscheint  unmittelbar  in  unser  Denken
übernommen.  Umgekehrt  ist  es  bei  der  Aussage  B.  Auch  B  gibt,
der  Natur  unseres  Denkens  gemäß,  einen  Zusammenhang  wieder;  von
diesem  sind  aber  die  Elemente  der  Aussage  völlig  unabhängig.  Es
sind  die  „Augen“  als  etwas  ganz  für  sich  Erfaßliches  in  Bewegung  gemeint; ­
  diese  „Bewegung“  bezieht  sich  auf  die  „Zeilen“  so,  daß  auch
die  letzteren  als  das  für  sich  Erfaßliche  gemeint  sind,  und  selbst  für
den  Relationsbegriff  „Blickpunkt“  gilt  ein  gleiches.  Er  ist  wohl  ein
Mittel,  die  Relativität  der  Augenbewegung  gegenüber  den  Zeilen  als  den
hier  gemeinten  Zusammenhang  auszusagen,  ist  aber  von  dem  letzteren
unabhängig  das  für  sich  Erfaßliche.  So  ist  hier  das  Zusammenhängende
in  seiner  Mannigfaltigkeit  das  Primäre,  der  Zusammenhang  aber,  als
etwas  Prädiziertes,  ist  das  Sekundäre.
Damit  legt  uns  schließlich  der  Nachweis,  wie  verträglich  unsere
Ergebnisse  mit  der  Annahme  eines  anschaulichen  Zusammenhangs  im
Erlebten  sind,  auch  die  erkenntnistheoretische  Deutung  der
ganzen  Sachlage  zum  Greifen  nahe.  In  der  Absicht  begrifflichen
Denkens  über  die  Wirklichkeit  können  wir  deshalb  in
doppelter  Weise  Stellung  zur  Wirklichkeit  nehmen,  weil  es  uns  freisteht, ­
  das  Erlebte  entweder  seinem  anschaulichen  Zusammenhang ­
  nach  oder  seiner  anschaulichen  Mannigfaltigkeit
nach  umzusetzen  in  begrifflich  Gedachtes.  Hier  dazwischen  bleibt
uns  die  Wahl  frei,  die  letztere  selber  ist  uns  aber  aufgezwungen.  Unser
begriffliches  Denken  vermag  das  Gegebene  immer  nur  in  der  einen
oder  in  der  anderen  Weise  zu  bewältigen.  In  solchem  Sinne  trennen
sich  zwei  grundsätzlich  verschiedene  Denkweisen:  die
Aussage  A  entspricht  der  einen,  die  Aussagen  B  und  C  der  anderen.
Geschieht  es  der  anschaulichen  Mannigfaltigkeit  nach,  daß
unser  begriffliches  Denken  sich  des  Erlebten  zu  bemächtigen  sucht,
dann  ist  es  schlecht  und  recht  das  Sein  der  Wirklichkeit,  was  in
        <pb n="560" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  I,  B.

541

unser  Denken  übernommen  wird.  Dieses  Sein  geht  für  uns  notwendig
in  Erscheinungen  auf;  wir  denken  in  diesem  Falle  also
phänomenologisch.  Sobald  sich  unser  Denken  aber  des  Erlebten
seinem  anschaulichen  Zusammenhang  nach  bemächtigt,  dann  übergeht ­
  der  Sinn  der  Wirklichkeit  in  unser  Denken.  Dieser  „Sinn“  hier
ist  absolut  nicht  metaphysisch  gemeint;  er  ist  nicht  etwa  der  „Sinn
der  Welt“.  Es  ist  vielmehr  der  Sinn,  der  dem  Erlebten  für  uns,  die
wir  die  Erlebenden  sind,  dadurch  innewohnt,  daß  wir  schon  auf  anschaulichem ­
  Wege  die  Einsicht  besitzen,  wie  das  in  sich  zusammenhängt, ­
  was  wir  erleben  —  ein  Sinn  also,  den  nicht
unser  Denken  erst  in  das  Erleben  hineinlegt,  sondern  unmittelbar  aus
dem  Erleben  entnimmt,  für  unser  Denken  gleichsam  als  der  Kern
dessen,  dem  die  Erscheinungen  die  Schale  sind.  In  diesem  zweiten
Falle  denken  wir  daher  anders  denn  phänomenologisch  über  die  Wirklichkeit: ­
  wir  denken  noetisch  über  sie.  Die  Aussage  „Der  Leser
liest  diese  Zeilen“  ist  von  der  noetischen  Denkweise  getragen;  wahrend
in  der  Feststellung  der  „Augenbewegung“,  oder  des  „Vorstellungsverlaufes“ ­
  in  unserem  Bewußtsein,  die  phänomenologische  Denkweise  geschäftig ­
  ist.
jene  n  o  e  t  i  s  c  h  e  Denkweise  steht  unserem  Interesse  voran,  weil
es  unter  anderen  auch  die  Sozial  Wissenschaft  ist,  die  sich  ihrer
bedient.  Gründet  sich  diese  Wissenschaft  doch  ausnahmslos  auf  Aussagen ­
  vom  Typus  A;  Subjektbekundungen  allein  sind  ihr  die  Erfahrungsgrundlage. ­
  Gerade  dadurch  wird  es  zur  empirischen
Außenseite  dieser  Wissenschaft,  daß  sie  nur  mit  dem  Handeln  und
Leiden  und  deren  Relationen  zu  tun  hat.  Bei  dieser  Lage  der  Dinge
spielt  aber  ein  eigenes  Verhängnis  herein,  das  uns  begreiflich  macht,
weshalb  das  Verständnis  unserer  Wissenschaft  immer  noch  so  dürftig  ist.
Vergessen  wir  nicht:  die  Wirklichkeit  mit  Aussagen  nach  dem
Typus  A  aufzugreifen,  sie  also  ihrem  Sinne  nach,  noetisch  zu  bewältigen, ­
  entspricht  ja  dem  ganz  natürlichen  Gebaren  von  uns,  as
Denkende,  da  wir  uns  inmitten  der  Wirklichkeit  fortwährend  als  S  u  b
jekte  unter  Subjekten  zurechtfinden  müssen.  Daher  der  hausbackene, ­
  alltägliche  Charakter  der  Aussagen  vom  Typus  A.  Umgekehrt
ist  das  phänomenologische,  das  Denken  in  den  Aussagen  vom  ypus
F  und  C,  ein  ausgesprochenes  Kunstdenken.  s  eginnt  zwar
schon  unser  Handeln  selber  damit,  uns  für  dieses  künstliche  Denken
zu  schulen;  zur  Reife  gedeiht  dieses  phänomenologische  Denken  doch
erst  innerhalb  der  Naturwissenschaft.  Von  dorther  übernimmt
unsere  Betrachtung  dieses  phänomenologische  Denken  zugleich  mit  dem
Eindruck,  daß  es  das  recht  eigentlich  „wissenschaftliche“  Denken  wäre
        <pb n="561" />
        542

„Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

—  ein  ganz  begreifliches  Vorurteil.  Das  noetische  Denken  aber  steht
uns  vom  Leben  her  viel  zu  nahe,  um  so  ohne  weiteres  auch  ihm  gerecht ­
  zu  werden  und  seiner  vollblütig  erfahrungswissenschaftlichen
Natur.  So  bedarf  es  erst  des  ganzen  Aufwandes  dieser  Betrachtungen,
um  auch  diesem  noetischen  Denken  sein  gutes  Recht  zu  wahren.  Im
ganzen  aber  ist  dieses  noetische  Denken  ein  Stiefkind
der  Erkenntnistheorie  geblieben,  ähnlich  wie  das  idiographische
  Denken  ein  Stiefkind  der  Logik.  Nun  kann
man  sich  danach  ungefähr  ausmalen,  welches  theoretische  Verständnis
bisher  jene  Wissenschaften  finden  mußten,  die  noe  tisch  denken,
und  gerade  deshalb  auch  in  der  Hauptsache  idiographisch
  verfahren!  So  betrübend  es  ist,  ebenso  begreiflich
erscheint  es,  daß  man  diese  Wissenschaften,  darunter  auch  unsere,  nur
soweit  als  Wissenschaften  gelten  ließ,  wie  sie  die  glücklichere  Schwester,
die  Naturwissenschaft,  zu  kopieren  suchten.  Das  aber  war,  ist  und  wird
niemals  anders  möglich  sein  als  in  grober  Versündigung  an  ihrer
eigenen  Natur!
Blicken  wir  zurück,  so  war  es  nur  eine  Annäherung  daran,  von
der  phänomenologischen  Denkweise  die  noetische  zu  sondern,  wenn
wir  das  aller  Anschauung  gegenüber  duldsame  Denken  in  der  Aussage
A  entgegensetzten  dem  aller  Anschauung  feindlichen  Denken  in  den
Aussagen  B  und  C;  so  auch,  wenn  wir  in  gleichem  Bezug  das
synthetische  und  das  analytische,  das  beziehend  einsetzende  und  das
unterscheidend  einsetzende  Denken  kontrastierten.  Dies  alles  ist
sekundär  gegenüber  dem  eigentlichen,  grundsätzlichen  Gegensatz  dieser
Denkweisen:  in  ihrem  „Stoffe“.

II.  Der  Stoff  des  noetischen  Denkens.
Das  Dritte  Geschehen.
Alles  begriffliche  Denken  über  die  Wirklichkeit  ist  notwendig  ein
einseitiges.  Denn  nur  ihr  Sinn  und  ihr  Sein  zusammen
machen  die  ganze  Wirklichkeit  aus,  wie  sie  Inhalt  unseres  Bewußtseins ­
  ist,  als  unser  Erlebnis.  Begriffliches  Denken  aber  weiß  sich
dieser  Wirklichkeit  nicht  anders  zu  bemächtigen  als  entweder
ihrem  Sein  oder  ihrem  Sinne  nach.  Darauf,  und  zugleich  auf  die
Freiheit  der  Wahl  zwischen  den  beiden  Denkweisen,  zielt  das  Gleichnis ­
  von  der  „doppelten  Stellungnahme“  unseres  Denkens  zur  Wirklichkeit: ­
  als  ob  diese  etwas  Körperliches  wäre,  das  sich  von  zwei  Seiten
her,  jedesmal  also  einseitig,  beschauen  läßt.  Allein,  welche  sach-
        <pb n="562" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  II.

543

liehe  Vorstellung  sollen  wir  diesem  Bilde  unterlegen,  um  über  das
Zweierlei  der  möglichen  Denkweise  klar  zu  werden?  Von  einer
gedanklichen  „Aussonderung“,  einmal  des  Zusammenhanges,  dann
wieder  des  Mannigfaltigen  der  Wirklichkeit,  im  Sinne  „isolierender
Abstraktion“,  kann  absolut  nicht  die  Rede  sein.  Denn  es  ist  ja
dieser  Gegensatz  mitnichten  gegenständlicher  Natur;  er  hält  sich
streng  im  Bereiche  einer  formalen  Charakteristik  des  Anschaulichen.
So  bleibt  nur  die  Vorstellung  übrig,  daß  es  die  Wirklichkeit
selber  ist,  die  uns  in  verschiedener  Weise  vorliegt,  indem  sie
jedesmal  wieder  anders  als  das  kategorial  nun  erst  zu  Formende,  als
das  Objektivierbare  sich  darstellt.  Unserem  Denken  wäre  es
also  eigen,  daß  ihm  gegenüber  niemals  die  ungeschmälerte  Wirklichkeit ­
  das  Objektivierbare  sein  kann.  Für  die  erkenntnistheoretische
Auffassung  würde  sich  vielmehr  zwischen  die  Wirklichkeit  und
unser  Denken  erst  noch  etwas  einschieben:  die  in  bestimmter
Weise  objektivierbar  gewordene  Wirklichkeit.  Und  als  das
in  bestimmter  Weise  Objektivierbare  stellt  die  Wirklichkeit  einen
bestimmten  Stoff  unseres  Denkens  vor.  So  bleibt  dann  die
Wirklichkeit  selber,  als  das  unberührt  anschauliche  Erlebnis,  wohl
immerzu  das  Eine;  aber  in  der  Relation  auf  unser  begriffliches ­
  Denken  —  als  das  Objektivierbare,  das  nun  erst  der  Objektivation
  unterliegt  —  wird  sie  zu  einer  Mehrheit  von  Stoffen.
Man  könnte  ein  Problem  darin  ersehen,  durch  welchen  Vorgang
die  ungeschmälerte  Wirklichkeit  in  bestimmter  Weise  zu  etwas  Objektivierbarem, ­
  also  zu  einem  bestimmten  Stoffe  wird.  So  hält  es
Münsterberg,  der  sich  diesem  Probleme  eingehend  zuwendet;  die
Lösung  sucht  er  ungefähr  mit  der  Alternative:  Ablösung  oder  Nichtablösung ­
  des  „Objekts“  vom  „Subjekte“  zu  geben.  Aber  gerade  an
dieser  Stelle  versagt  seine  Darlegung  gegenüber  der  Frage,  wie  auch
Wissenschaften  von  der  Art  der  Geschichte  objektivierend  denken.
Ls  ist  nun  keine  bloße  Ausflucht,  sondern  eine  Auffassung,  berechtigt
wie  jede  andere  und  dabei  wohl  zweckdienlicher,  wenn  man  hier
überhaupt  kein  Problem  anerkennt!  Damit  spricht  man
es  einfach  der  ureigenen  Art  unseres  Denkens  zu,  daß  ihm
die  Wirklichkeit  niemals  schlechthin,  sondern  stets  nur  in  bestimmter
W eise  als  das  Objektivierbare  entspricht.  Man  schneidet  damit  Erwägungen ­
  ab,  die  sich  auf  die  Natur  unseres  Denkens  beziehen,  aber
ln  ihrer  Durchführung  an  das  Verständnis  eben  jener  Gegensätze
gebunden  sind,  die  hier  erst  abzuleiten  wären.  Das  Prinzipielle
im  Gegensatz  jener  beiden  Denkweisen  ist  dann  freilich  nicht  sachlich
erläutert,  sondern  nur  mittelbar  daran  vorgewiesen,  daß  sich  das
        <pb n="563" />
        544

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Nebeneinander  der  beiden  Denkweisen  stets  nur  irgendwie  konstatieren, ­
  nicht  aber  weiter  begründen  läßt.  Allein  ob  man,  gleich
hier,  willkürlich  schon  beim  Denken  und  seiner  „ureigenen“
Natur  stehen  bleibt,  oder  schließlich  doch  bei  dem  Unerforschlichen
des  „Subjektes“  stehen  bleiben  muß,  das  ja  den  Akten  unseres
Denkens  ebenso  unterliegt  wie  anderen  Akten  —  das  macht  kaum
einen  Unterschied.
Als  problematischer  Vorgang  verbleibt  dann  nur  die  unserem
Willen  zugeschobene  Wahl,  ob  wir  uns  in  einem  gegebenen  Augenblick ­
  für  die  eine  oder  für  die  andere  der  Denkweisen  entscheiden, ­
  die  grundsätzlich  und  unvermischbar  nebeneinander  verharren.
Dieses  Problem  ist  bereits  ein  erkenntnispsychologisches,  es  kommt
für  uns  nicht  weiter  in  Betracht.  Soviel  ist  sicher,  die  Wahl  steht
uns  frei,  und  ihr  Vollzug  fällt  uns  meist  bis  zur  Unbewußtheit  leicht.
Je  leichter  damit  zugleich  der  Wechsel  von  der  einen  zur  anderen
Denkweise  fällt,  desto  peinlicher  müssen  wir  uns  beim  wissenschaftlichen ­
  Denken  davor  hüten,  daß  er  unbeabsichtigt  eintritt  —
z.  B.  als  Psychologismus  1  Denn  sonst,  bei  dem  notwendigen  Zusammenhang ­
  aller  Ergebnisse  einer  Wissenschaft,  ist  eine  heillose
Konfusion  die  Folge,  sobald  die  Erkenntnis  unbedacht  in  verschiedenen ­
  Zungen  zu  reden  beginnt.
Sachliches  Problem  ist  die  Unterscheidung  der  Stoffe,  die
unserem  Denken  unterliegen.  Der  Stoff  ist  dife  in  bestimmter  Weise
objektivierbar  gewordene,  der  Formung  zugängliche  Wirklichkeit;  zugleich ­
  ist  der  Stoff  also  das  zu  den  Gegenständen  einer  bestimmten
Denkweise  Geformte.  Aussagen  über  den  Stoff  können  sich  daher
weder  auf  die  Formung,  noch  selbst  auf  die  Formungsweise  beziehen,
sondern  bloß  auf  die  Voraussetzungen  der  Formung.  Der  Charakter ­
  eines  bestimmten  Stoffes  fällt  daher  mit  den  generellen
Grundlagen  der  Objektivation  in  eins.  Nur  sind  wir  nicht
auf  den  empirischen  Weg  angewiesen,  den  Stoff  zu  suchen,  indem
wir  jene  Grundlagen  wirklich  generalisieren,  einer  ganzen  Reihe  von
Aussagen  des  gleichen  Typus  entlang.  Dies  erspart  uns  der  Rückhalt
an  der  erkenntnistheoretischen  Erwägung,  mit  der  für  alle  Verhältnisse ­
  des  Denkens  auf  die  Eigenart  des  ihm  an  letzter  Stelle  Gegebenen ­
  reflektiert  wird.  So  wissen  wir  z.  B.  im  voraus,  daß  der
Stoff,  der  jener  noetischen  Aussage  A  unterliegt,  irgendwie  mit  dem
anschaulichen  Zusammenhang  des  Erlebten  in  Beziehung  stehen  muß-Dadurch
  kann  aus  der  Generalisation  die  bloße  Demonstration  an
Beispielen  werden.
        <pb n="564" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  II.

545

Da  wir  andererseits  doch  nur  bei  den  fertigen  Formungen,
bei  den  Aussagen,  mit  der  Diskussion  einsetzen  können,  so  sind
wir  an  die  Frage  verwiesen,  welche  anschaulichen  Elemente
das  begriffliche  Denken  der  Aussagen  von  verschiedenem  Typus  in
sich  schließt.  Diese  anschaulichen  Elemente  gehören  zweifellos  schon
zum  Inhalte  des  Stoffes,  aus  welchem  die  Aussagen  geformt  sind.
Etwas  über  das  Erleben  selber  auszusagen,  das  gleichsam  noch  zwei
Schritte  vom  begrifflichen  Denken  absteht,  erscheint  bloß  in  formaler
Hinsicht  möglich;  daher  die  bloß  formale  Charakteristik  des  Erlebten,
nach  Anschaulichkeit,  Mannigfaltigkeit  und  Zusammenhang.  er
Stoff  dagegen  läßt  bereits  über  seinen  Inhalt  etwas  aussagen  im
Wege  jenes  Rückschlusses  von  den  Formungen  auf  das
zu  ihnen  Geformte.  Gerade  dabei  wird  man  stets  zwischen  der
Eigenart  des  Denkens  einerseits  und  der  Eigenart  des  ihm  Gegebenen
andererseits  den  Einklang  zu  wahren  haben.  ,  .  ,
Über  die  anschaulichen  Elemente  in  jenem  Denken  das  in  den
Aussagen  B  und  C  rege  ist,  kann  ein  Zweifel  so  wenig  herrschen,  als
eben  deshalb  dieses  Denken  das  „phänomenologische  genannt  wurde.
Element  ist  hier  jenes  Anschauliche,  das  dem  Begriffe  der
scheinung  unterstellt  wird.  Es  handelt  sich  um  den  anschaulichen
Inhalt  des  „Gesehenen“,  „Gehörten“,  „Getasteten“  usw.,  auf  den  wir
im  formallogischen  Sinne  auch  durch  Analyse  stoßen,  indem  wir  in
der  Definition  eines  phänomenologisch  erfaßten  Gegenstandes  bis  ans
Ende  gehen,  zum  nicht  weiter  Definierbaren.  So  laßt  sich  z.  B.  „rot
wohl  noch  dem  Begriffe  der  Farbe  unterstellen,  im  übrigen  aber  steht
hier  ein  Letztes  vor  uns;  die  weitere  Erläuterung  muß  hier  das  begriffliche ­
  Denken  der  Anschauung  abtreten.  Daran  ändert
sich  auch  mit  der  naturwissenschaftlichen  Betrachtung  nichts  wenn
man  „rot“  durch  Schwingungszahlen  usw.  scheinbar  zu
vermag;  denn  nicht  eine  Defit^onwhd  theoretisch
stitution  geht  hier  vor  sich:  für  das  Anschaulich  wiro
Begriffliches  unterschoben,  zu  dem  Zwecke,  das  phänomenologisch  Erfahrbare ­
  in  der  einfachsten  Weise  denkend  zu  ewa  ige  T^„ n u Ptl9
Diese  anschaulichen  Elemente  des  phänomenolog'schen  Denkens
die  Erscheinungen,  nehmen  unbedingt  auf  die  Mannigfaltigkeit
des  Erlebten  Bezug.  Es  wäre  aber  durchaus  urig  hier  nach  dem
Prozesse  eines  „Zerfalles“  dieser  Mannigfaltigkeit  in  die  Erscheinungen
zu  fragen.  Diese  Mannigfaltigkeit  ist  überhaupt  nur  als  formale
Charakteristik  des  Erlebten  gemeint:  es  mangelt  ihr  absolut  an  jener
gegenständlichen  Natur,  um  in  etwas  anderes  zu  „zerfa  en  So  au
sich  das  Erleben  selber  schon,  in  seiner  unberührten  Anschaulichkeit,
_  35
v.  Gottl-Ottlilienf  eld,  Wirtschaft  als  Leben.
        <pb n="565" />
        546

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

weder  aus  Erscheinungen,  noch  außerdem  aus  anderen  Elementen  auf;
es  hat  überhaupt  erst  dann  Sinn,  von  Erscheinungen  und  ihresgleichen
zu  reden,  sobald  wir  das  Erlebte  in  Relation  zu  unserem  begrifflichen ­
  Denken  gesetzt  sehen.
Daher  kann  von  Erscheinungen  auch  dann  nicht  die  Rede  sein,
wenn  wir  die  „Selbstvergessenheit“,  mit  der  wir  uns  für  gewöhnlich
dem  Erlebnis  hingeben,  zwar  aufheben,  wenn  sich  dabei  aber  unser
Bewußtsein  doch  nicht  mit  der  Absicht  begrifflichen  Denkens
gegen  das  Erlebte  kehrt.  Diese  dritte,  „anschauende“  Stellungnahme ­
  zur  Wirklichkeit,  die  offenbar  mit  der  künstlerischen  Beobachtung ­
  in  eins  fällt,  fühlt  sich  übrigens  ungleich  mehr  der  noetischen
als  der  phänomenologischen  Denkweise  verwandt  1  Wo  daher  für  den
künstlerischen  Ausdruck  vorübergehend  das  begriffliche  Denken  ein
Mittel  zum  Zweck  wird,  wie  in  der  Poesie  —  die  sich  im  Geiste
Lessings  der  Sprache  immer  nur  so  bedient,  daß  wir  über  dem
lebendigen  Eindruck  des  Gesagten  der  verwendeten  Worte  vergessen
—  da  sind  dann  ausschließlich  die  noetischen  Denkformen,  niemals
die  phänomenologischen  beteiligt.  Jene  Verwandtschaft  basiert  vor
allem  darauf,  daß  sich  das  noetische  Denken  so  gut  mit  der
Anschauung  abzufinden  weiß,  nie  aufhört,  diese  für  sich  selber
arbeiten  zu  lassen.  So  ist  es  wieder  recht  begreiflich,  wenn  man  besonders ­
  den  Historiker,  der  noch  dazu  mit  Dichtkunst,  Plastik  und
Malerei  seine  Vorwürfe  teilt,  immer  wieder  als  „Künstler“  aus  der
Wissenschaft  hinausloben  will.  Ins  Erdichten  kann  er  vielleicht  leichter
fallen;  Künstler  jedoch  ist  der  Historiker,  da  er  eine  vollwertige
Spielart  begrifflichen  Denkens  verwaltet,  gar  nicht  anders  als
etwa  der  Mathematiker,  der  nach  der  „eleganten“  Lösung  einer
Gleichung  strebt:  immer  nur  im  Geiste  jener  Anmut,  die  aus  der
vollendeten  Kraft  emporblüht,  und  natürlich  auch  nach  Maßgabe  der
ästhetischen  Qualitäten  der  Darstellung.
Auch  die  psychologischen  Aussagen  haben  Erscheinungen
zu  ihren  anschaulichen  Elementen.  Denn  auch  bei  ihnen  tauschen
wir  „irreduktible“  Elemente  für  die  unberührte  Anschaulichkeit  des
Erlebnisses  ein,  sobald  wir  uns  in  der  Absicht  begrifflichen  Denkens
gegen  das  Erlebte  kehren.  Allein,  gleichwohl  es  da  und  dort  auf
Erscheinungen  hinausläuft,  dürfen  wir  den  physiologischen  und  den
psychologischen  Aussagen  trotzdem  nicht  den  nämlichen  Stoff
unterlegen!  Ein  Vergleich  der  Aussagen  B  und  C  lenkt  unseren  Blick
auf  einen  Unterschied  innerhalb  der  Erscheinungen,  der  g aflZ
kategorischer  Natur  ist.  Über  diesen  Gegensatz  vermag  sich
        <pb n="566" />
        Bik  686

Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  II.

547

nichts  hinauszuheben,  was  nur  überhaupt  als  Erscheinung  ein  anschauliches ­
  Element  unseres  Denkens  ist.

An  die  Wurzel  dieser  Einsicht  hat  schon  die  frühere  Erörterung

gestreift,  bei  dem  Verhältnis  der  drei  Aussagen  zueinander.  Die
physiologische  Aussage  B,  nimmt  man  sie  als  Erfahrungsurteil,  läßt
sich  ohne  weiteres  verifizieren,  das  heißt,  in  einer  auch  für  jeden
Dritten  überzeugenden  Weise  als  gültig  demonstrieren.  Nichts  bedarf
es  dazu,  als  eines  sorgsamen  Registrierens  der  Sinnesdaten,  unter
Achthaben  auf  alle  Fehlerquellen.  Die  psychologische  Aussage  C,  um
als  Erfahrungsurteil  zu  gelten,  muß  vom  Leser  selbst  vollzogen  werden.
Eine  Verifikation,  wie  bei  B,  ist  dann  absolut  ausgeschlossen.  Das
Einzige  ist  möglich,  daß  man  C  in  die  generelle  Form  umsetzt.
»Beim  Lesen  wird  die  Wahrnehmung  der  Wortbilder  von  einem  Vorstellungsverlauf ­
  begleitet“.  Dann  ist  jedermann  in  der  Lage,  für
seinen  Teil  zu  erproben,  ob  sich  sein  eigenes  Erlebnis,  als  Leser,  in
dieser  Weise  kategorial  formen  läßt,  ob  er  also  das  gleiche  mit  gutem
Gewissen  auszusagen  vermag.  Jede  weitere  Verifikation  ist  unmöglich.
Es  handelt  sich  hier  natürlich  um  den  konkreten  Inhalt  jener  konkreten ­
  Aussage,  also  um  eine  Tatsache,  und  nicht  um  eine  generelle
Feststellung,  nicht  um  einen  Erfahrungssatz,  dem  man  durch  psychophysische ­
  Versuchsreihen  selbstverständlich  leicht  beikommt.  So  läßt
sich  etwa  die  „Ermüdung“  an  Versuchsreihen  studieren;  die  erhaltenen
Erfahrungssätze  sind  dann  ohne  weiteres  an  der  Hand  anderer  Versuchsreihen ­
  „verifizierbar“.
Es  treten  also  den  Aussagen,  die  schlechthin  und  daher  auch  im
speziellen  Sinne  verifizierbar  sind,  die  Aussagen  gegenüber,  die  nur
generell  verifizierbar  sind.  So  harmlos  der  Gegensatz  klingen  mag,
wenn  er  auf  diesen  logischen  Ausdruck  gebracht  wird,  so  ist  es
doch  nur  dieses  logische  Verhältnis,  das  selbst  das  naive  Denken
zu  der  Scheidung  zwischen  dem  „in  mir“  und  „außer  mir  Geschehenden ­
  führt,  so  daß  die  Geltung  jenes  Gegensatzes  mit  dem
Glauben  an  das  eigene  Ich  steht  und  fällt  1  Die  außerordentliche
Wucht,  die  hieraus  für  diesen  Gegensatz  entspringt,  macht  es  erklärlich,
wenn  man  dieses  logische  Verhältnis  auch  in  der  Theorie  als  ein
ontologisches  zu  verstehen  sucht.  Aber  niemals  in  das  Erleben

^ lber &amp;gt;  nur  zwischen  die  Erscheinungen  hinein  darf  der
e gensatz  zurückgeschoben  werden.

Wir  argumentieren  dabei  etwa  folgend.  Schließt  sich  für  die  Aussage ­
  C  alle  direkte  Verifikation  aus,  so  daß  jeder,  und  nur  für  seinen
eigenen  Teil,  bloß  die  generelle  Sachlage  zu  bejahen  vermag,  so
«Vli"

aussen  die  anschaulichen  Elemente  dieser  Aussage  dem  Erleben  jedes
35*
        <pb n="567" />
        548

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

einzelnen  Erlebenden  ausschließlich  zugehören.  Von  den  anschaulichen ­
  Elementen,  die  in  den  physiologischen  Aussagen  enthalten ­
  sind,  kann  ein  Gleiches  nicht  gelten.  Aber  sollen  wir  uns  eine
Gemeinsamkeit  dieser  anschaulichen  Elemente  für  alle  Erlebenden
denken?  Dieser  Gedanke,  der  irgendwie  immer  ein  Ineinanderfließen
des  eigenen  mit  dem  fremden  Ich  in  Sehweite  rückt,  ist  jedenfalls  ein
sehr  heikler;  gleichviel,  ob  nicht  vielleicht  doch  eine  scharfe  Trennung
zwischen  dem  Ich  des  Erlebens  und  dem  noetisch  und  phänomenologisch ­
  gedachten  Ich,  hier  von  Mißverständnissen  entlasten  und  zu
einer  plausiblen  Lösung  führen  mag.  Um  diesen  spröden  Gedanken
suchen  wir  nun  durch  die  „Introj  ektion“  herumzukommen!  Wir
trennen  die  „Vorstellung  in  uns“  von  dem  „Dinge  außer  uns“,  betrachten ­
  jene  als  „ausschließenden“,  dieses  aber  als  „gemeinsamen 4 “
Besitz.  Und  diesem  gemeinsamen  Besitz  zu  dank,  wäre  dann  jede
Aussage  vom  Typus  B  schlechthin  verifizierbar.  Weil  uns  aber  als
Vermittler  zwischen  dem  „Ding  außer  uns“  und  der  „Vorstellung  in
uns“  nur  die  Sinne  denkbar  erscheinen,  so  bezeichnen  wir  die  anschaulichen ­
  Elemente  jener  Aussagen,  deren  ontologische  Deutung  zur
„Introjektion“  drängt,  als  sinnliche  Erscheinungen.  Jene  Aussagen,
die  des  Kunstgriffes  der  „Introjektion“  nicht  bedürfen,  haben  dann
zu  anschaulichen  Elementen  die  seelischen  Erscheinungen.  Denn
jenes  ausschließliche  Besitzrecht  an  gewissen  anschaulichen  Elementen ­
  unseres  Denkens  wird  als  „Seele“  objektiviert.  Dieser
psychologische  Begriff  der  „Seele“  reduziert  sich  dann  auf  die
bloße,  aber  unübersteigliche  Grenzlinie,  innerhalb  welcher  die  anschaulichen ­
  Elemente  begrifflichen  Denkens  ein  ausschließlicher
Besitz  des  Erlebenden  sind.  Darin  nun,  daß  diese  Elemente  nur
entweder  innerhalb  oder  außerhalb  jener  Scheidelinie  liegen  können,
drückt  sich  die  kategorische  Natur  der  Scheidung  zwischen  dem
Seelischen  und  dem  Sinnlichen  aus.  Sinn  aber  hat  diese  Scheidung
überhaupt  nur  dort,  wo  Erscheinungen  in  Betracht  kommen.
Für  die  speziell  verifizierbaren  Aussagen  nach  dem  Typus  B
bilden  also  sinnliche  Erscheinungen,  für  die  generell  verifizierbaren
Aussagen  nach  dem  Typus  C  seelische  Erscheinungen  den  Stoff»
der  zu  ihnen  geformt  ist.  Der  Stoff  da  und  dort  läßt  sich  aber  noch
weiter  charakterisieren.  Es  stellen  jene  Aussagen,  soweit  verifiziert,
als  es  eben  noch  möglich  ist,  erfahrungswissenschaftlich  Wahres  darin ­
  ihrer  Totalität,  einschließlich  dessen,  was  wir  auf  ihrer  Grundlag 6
für  wirklich  halten,  setzen  sie  ein  Weltbild  zusammen.  E s
liegt  aber  nahe,  daß  bloß  der  Inhalt  der  speziell  verifizierbaren  Aus'
sagen,  also  das  sinnlich  Seiende,  dazu  tauglich  ist,  ein  uns  a  11 e0
        <pb n="568" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  IX.

549

gemeinsames  Weltbild  aufzubauen,  gemäß  der  uns  selber,  unserem
eigenen  Sein  nach  umschließenden  „Körperwelt“  Gleichwie  uns  nun
für  dieses  Weltbild  „Raum“  »ud  „Zeit“  die  Beaiehungsmoglichke.ten
darstellen  so  müssen  wir  auch  die  anschaulichen  Elemente  der  für
dieses  Weltbild  haftbaren  Aussagen  als  ein  Neben-  und  Nacheinander
anerkennen.  Dieses  Neben-  und  Nacheinander  sinnlicher
Erscheinungen,  das  sich  als  etwas  Stetiges  darstellt  und  d*er  als
sinnliches  Geschehen  bea.ichnen  labt,  bildet  nun  den  Stoff,
aus  dem  die  Aussagen  vom  Typus  B  geformt  sind.
Auch  die  psychologischen  Aussagen,  die  bloß  generell  venfizierbar
  sind,  lassen  sich  ihrem  Inhalt  nach  als  eine  Totali  at  denken.
Aber  daraus  setzt  sich  kein  Weltbild  zusammen,  das  uns  aUenf'
-am  wäre.  Bloß  im  generellen  Sinne  ka ™™VTr  T  seinem
leben“  sprechen.  Das  Analogon  zur  Körperwelt  hat  jeder  n  se  em
eigenen  Seelenleben;  dieses  aber  als  eine  Totalltat,  d ‘ e  G Q W
der  „Einheit  des  Bewußtseins“  jedem  ansc  au  jc  v  ’
daß  es  erst  der  Aussagen  darüber  und  ihrer  Verifikation  bedurfte,
gleicht  sich  die  Unmöglichkeit,  Aussagen  vom  Typus. G
verifizieren  für  jeden  von  uns  durch  die  „Selbstgewißheit  dessen  a  -
was  jeder  von  uns  als  das  seelisch  Seiende  vorzufinden  weiß ;  er  muß
es  freilich  erst  gelernt  haben,  sich  als  psychologische  Seele  dort  vorzufinden, ­
  wo  er  nach  der  „Regel  des  Lebens“  gewohnt  war  sich  als
„Subjekt“  bejaht  zu  wissen.  Weil  sich  aber  unser  seelisches  Sein  den
anderen  gegenüber  nicht  als  solches,  sondern  bloß  im  Sinne  seiner
Ausschließlichkeit  geltend  machen  kann,  verlegen  wir  es  „in  uns
„lokalisieren“  es  .»  dem  Körper,  als  den  wir  uns  ‘"  j“
biTrEi;;  Betbun^mö  *bkei,'  ^  *
Aussagen  nach  dem  Typus  C  d * r  „  unseres  Denken s  zu  ver-Noch
  andere  anschauliche  Eie  über  den  Gesichtsmuten, ­
  außer  den  Erscheinungen  das  1  J  6^  daher  auch  die
kreis  der  landläufigen  Meinung  hinaus.  Meinungen“  des  geschicht-Gewohnheit
  tief  eingewurzelt  von  den  ,  ^  Doch  versteht
liehen  ° der  des  gesellschaftlichen  Leb  ^  anschaulicher  Ele .
man  diese  „Erscheinungen  gar  mc  „Naturerscheinungen“,
Swa  ^  TTk  TT  tt  es  sind  schlechthin  Vorkommetwa
  einem  Erdbeben,  zur  Seite  tritt,  es
nisse,  fertig  ausgestaltete  Formungen.  Sieht  m.an  a  er  se  s
Btren gsten  Sinne  alles  Erfahrbare  in  Erscheinungen  aufgehen.
        <pb n="569" />
        SSO

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

alles  Begriffliche  in  der  Erscheinung  wurzeln,  dann  geht  dies  offenbar
Hand  in  Hand  damit,  daß  man  den  Gegensatz  der  beiden  Denkweisen
völlig  übersieht  I  Solange  man  eben  in  dem  Inhalt  einer  Aussage  vom
Typus  A  etwas  Psychisches  oder  doch  etwas  Psycho-Physisches  erblickt, ­
  fehlt  jeder  Anlaß,  neben  den  Erscheinungen  noch  anschauliche
Elemente  einer  anderen  Natur  anzuerkennen.
Diesen  anschaulichen  Elementen  des  noetischen  Denkens,  die
beispielsweise  der  Aussage  A  unterliegen,  fällt  im  voraus  ihr  Name
zu.  Der  Ausdruck  „Erscheinung“  rechtfertigt  sich  nur  dort,  wo  die
anschaulichen  Elemente  auf  die  Mannigfaltigkeit  Bezug  nehmen,  auf
das  Sein  der  Wirklichkeit.  Dann  ist  „Erscheinung“  als  jene  speziellere
Wortgrenze  zu  verstehen,  die  gegenüber  aller  metaphysischen
Spekulation  über  das  Sein  der  Wirklichkeit  gezogen  wird;  sei  dies
immerzu  auch  schon  im  metaphysischen  Sinne.  Nun  beziehen  sich
aber  die  Elemente  des  noetischen  Denkens  auf  den  Zusammenhang ­
  der  Wirklichkeit,  auf  ihren  Sinn.  Es  ist  dies  stets  ein  Sinn
für  uns,  die  Erlebenden.  Der  Begriff  von  diesen  anschaulichen  Elementen ­
  ist  daher  ein  Korrelat  der  Bewußtseinsform  des  Wirklichen,
des  Erlebens.  Den  Erscheinungen  kann  man  daher,  als  die  anschaulichen ­
  Elemente  des  noetischen  Denkens,  sinngemäß  nur  die
„Erlebungen“  an  die  Seite  stellen.
Um  diesem  Namen  den  Begriff  nachzutragen,  gilt  es  die  Aussage
zu  analysieren,  die  als  Beispiel  noetischer  Denkweise  dient:  „Der  Leser
liest  diese  Zeilen“.  Allein,  weder  Grammatik  noch  formale  Logik  hülfe
uns  dabei.  Grammatisch  zerfällt  die  Aussage  wohl  in  „Subjekt“,
„Prädikat“,  „Objekt“,  jedoch  in  jener  nichtssagenden  Weise,  die
ebensogut  für  eine  Aussage  nach  dem  Typus  B  oder  C  gälte  1  Jenen
Ausdrucksformen  des  noetischen  Denkens,  die  in  unserer  Sprache  erstarrt ­
  sind,  hat  sich  zwar  auch  die  formale  Logik  angepaßt,  dabei  aber
gänzlich  erfüllt  mit  dem  Geiste  des  phänomenologischen  Denkens;
sie  hat  sich  zu  einer  Hausordnung  der  Naturwissenschaft  degradiert.
Formallogisch  wäre  z.  B.  der  Formung  „Leser“,  die  ungefähr  als  „Mensch,
der  liest“  aufzulösen  wäre,  das  „lesen“  einfach  prädiziert  worden.
Der  formalen  Logik  geht  es  völlig  über  den  Horizont,  daß  die  Aussage ­
  A  in  Wahrheit  einen  Zusammenhang  wiedergibt,  der  keineswegs ­
  etwas  vorher  Erfaßlichem  nachträglich  prädiziert  wurde,  sondern
in  dem  Sinne  aus  dem  Erleben  aufgegriffen  erscheint,  daß
er  das  begriffliche  Denken  von  „Leser“  und  „Zeilen“
überhaupt  erst  aus  sich  entläßtl  In  der  Tat,  als  richtiges
Erfahrungsurteil  in  Betracht  gezogen,  hat  die  Aussage  A  unverkennbar
die  Neigung,  in  der  Form  vollzogen  zu  werden:  „Dieser  liest  dieses“-
        <pb n="570" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  II.

551

Für  unser  Denken  in  diesem  Falle  bezieht  sich  „Dieser“  und
„Dieses“  noch  keineswegs  auf  „Leser“  und  „Zeilen.  le  e  z  eren
sind  vielmehr  Formungen  abschließender  Natur  die  schon  zum
Besten  des  sprachlichen  Ausdrucks  erfolgen,  die  aber  dem  vorausgehenden ­
  Umsatz  des  Anschaulichen  in  Begriffliches  noch  entbehrfich
  sind.  Es  berufen  sich  „Dieser“  und  „Dxeses“  unmttemar  au
das  Anschauliche  des  Erlebnisses,  und  so  auch  nur  auf  die  Erlebth  t
dessen  was  hinterher  zu  „Leser“  und  „Zeilen  gef° rm *  wird,  bei
der  Finalisierung  der  Aussage.  Vollziehbar  jedoc  wir
schon  dadurch,  daß  man  jenes  Anschauliche  nur  s °  ,.  in  das
es  seine  Einflechtung  in  das  primär  Geformte  mi  s  Dieses «  a i s
„lesen“.  Dem  „lesen“  ist  „Dieser“  einfaclh  als  Subj*
Objekt,  oder  wie  es  früher  ausgedrückt  worden  ist,  als  ” L "  ende  j
„Gelesenes“  eingeflochten.  Von  dieser  z ^ es P a ^ l |“  e “  das ’ nächst e
als  Subjekt,  dann  wieder  als  Obje  ,  ,  w i r  dem
Kapitel:  von  den  noetischen  Kategorien.  ier  n
ganzen  Sachverhalt  bloß  die  Lehre,  daß  man  bei  der  Such e  nach  d^
anschaulichen  Elementen  dieser  Aussage  A  jeden  a  s  an
der  Formung  lesen“  gewiesen  ist.  Denn  alles,  was  die  Ausgestaltung ­
  der  Begriffe  „Leser“  und  „Zeilen“  betrifft  hat  nur  mit  er
Formungsweise  des  noetischen  Denkens,  nicht  aber  mit  den
generellen  Grundlagen  jener  Objektivation  zu  tun,  die  wir  als  das
noetische  Denken  studieren.  ,  ,  R i-  i.
Dem  „lesen“  gaben  wir  die  noetische  Deutung:  „Durch  den  Bhdt
von  dem  Kenntnis  erhalten,  was  im  Wege  vereinbarter  Zeichen  zu
Mitteilung  gelang,“.  Man  sieht,  die  Formung  is,  bererts^ne  sehr  ver.
wickelte.  Nicht  schlechthin  um  ein  „Kenntnis  er  a  en  ,
eines  „durch  den  Blick“  handelt  es  sich;  Kenntnis  «1  «»•
etwas  „Mitgeteiltem“,  welch  letzteres  erst  noch  dahin  determ  ^
scheint,  daß  die  Mitteilung  „im  Wege  von  Zeit  en  ,  “  ”  die
einbarter  Zeichen“  erfolgt.  Nun  fVcht'an”  merken,  daß  sie’  der
hier  zu  „lesen“  verflochten  sind,  le  Allerdings  die
Phänomenologischen  Denkweise  fremd  seien,  ^mgs.jhe
Psychologische  Aussage  C  zum  Beispiel,  spricht  von  „  g
nicht  anders,  als  jene  noetische  Deutung  etwa  von  i,m&amp;gt;«*len  ,  .ver
einbaren“,  bafUr  is,  auch  dieses  „begleiten“  in  C  nur  ein  Sprach
el  e  1  c  h  n  is;  sofern  wir  Oberhaupt  phänomenologisch  denken
es  den  „Vorstellungen“  doch  nicht  ernsthaft  ansmnen,  daßi  »e  diei  „WM.
nehmungen“  buchstäblich  „begleiten“;  das  nämlich  sagen,  ihne
»bei  de,  Bewegung  einverständlich  zur  Seit«  bleiben  Es  liegt  also
einfach  so,  daß  auch  dieses  „begleiten“  die  Fremdheit  gegenüber  dem
        <pb n="571" />
        552

&amp;gt;Zur  sozial-wissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

phänomenologischen  Denken  teilt,  die  sich  von  den  meisten  Formungen
innerhalb  des  „lesen“  behaupten  läßt.  Für  den  Teil  dieser  Formungen
klingt  es  daher  im  voraus  plausibler,  denkt  man  ihnen  andere  anschauliche ­
  Elemente  zu,  als  sie  den  phänomenologischen  Formungen
eigen  sind.  Nur  die  Formung  „Blick“  klingt  ganz  und  gar  phänomenologisch; ­
  es  sei  deshalb  gerade  für  ihren  Teil  versucht,  von  der
Formung  auf  das  Geformte  zurückzugehen.
Natürlich  sieht  man  dabei  von  jenem  „Blick“  ab,  der  als  „freundlicher“, ­
  „gnädiger“,  „wütender“,  „neidischer“  usw.  das  mehr  oder
minder  unfreiwillig  dargebotene  Anzeichen  einer  Gemütslage  vorstellt;
ebenso  von  jenem  „vielsagenden“,  „warnenden“  usw.  „Blick“,  der  ausdrücklich ­
  als  ein  Zeichen  gemeint  ist;  und  gar  erst  von  jenem  „bösen
Blick“,  der  mystisch  als  ein  Agens  gedacht  ist.  Nur  der  „Blick“  im
eigentlichen  Verstände  des  Wortes  fällt  hier  in  Betracht;  gerade  dieser
nun  scheint  restlos  darin  aufzugehen,  daß  eine  „Augeneinstellung“ ­
  erfolgt,  unter  gleichzeitiger  „Steigerung  der  Aufmerksamkeit
auf  Sehreize“.  So  wiederholt  sich  hier  im  engeren  Bezirk  der  Wahn,
als  ob  schlecht  und  recht  ein  „psychophysisches“  Geschehen  vorläge  1
Dem  zum  Trotz  versuchen  wir  nun  eine  selbständig  noetische
Deutung.  Danach  wäre  „Blick“  etwa  ein  „Akt  der  Kenntnisnahme
durch  das  Auge“.  Nun  ist  aber  in  diesem  Zusammenhänge  „Auge“
entweder  direkt  in  gleichem  Sinne  als  ein  bloßer  „Gastbegriff“  abzusondern, ­
  wie  es  für  „begleiten“  innerhalb  der  Aussage  C  zutrifft.  Oder
wir  suchen,  da  eine  noetische  Deutung  in  Frage  steht,  nach  dem
noetischen  Denken  hinter  diesem  Ausdrucke  „Blick“,  ohne  jener
Verquickung  mit  dem  phänomenologischen  Denken  weiter  zu  achten.
Dann  ergibt  sich,  daß  der  Ausdruck  „Auge“,  noetisch  genommen,  auch
nur  auf  ein  Anschauliches  Berufung  einlegt,  das  vom  noetischen
Standpunkt  aus  überhaupt  nur  als  das  „Blickende“,  oder  „des  Blickes
Fähige“,  begrifflich  erfaßt  wird.  Im  Dienste  einer  noetischen
Deutung  stellt  sich  mithin  die  Determination  „durch  das  Auge“  als
eine  rückläufige  heraus;  es  wäre  „Blick“  mit  Hilfe  des  „Blickenden“
erläutert,  somit  die  Deutung  in  dieser  Hinsicht  nichtssagend  ist.  Der
noetischen  Formung  „Blick“  eignet  es  daher,  daß  sie  überhaupt  nicht
mehr  begrifflich  determinierbar  erscheint.  Als  genus  proximum
wäre  zwar  der  „Akt  der  Kenntnisnahme“  da,  aber  es  fehlt  an  der
differentia  specifica,  so  daß  die  Anschauung  selber  hilfreich  einspringen
muß.  Das  will  sagen,  „Blick“  wäre  vom  noetischen  Standpunkt  aus
eine  nur  mehr  anschauliche  Variation  des  „Aktes  der
Kenntnisnahme“.  Soweit  die  einzigmögliche  Deutung.  Aber  liegt
nicht  ein  innerer  Widerspruch  in  der  Art  und  Weise,  wie  wir  die
        <pb n="572" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  II.

553
Formung  „Blick“  auch  für  die  noetische  Denkweise  in  Anspruch
nehmen?  Davon  stets  abgesehen,  daß  „Blick“  daneben  auch  als
ein  „psychophysisches“  Geschehen  erfaßlich  bleibt.
Im  Grunde  geschieht  aber  gar  nichts  anderes,  als  daß  wir  „Blick“,
als  noetische  Formung,  in  eine  Reihe  etwa  mit  der  phänomenologischen
Formung  „Röte“  stellen.  Beides  sind  richtige  Formungen,  nicht
bloß  lallender  Ausdruck  vom  nur  mehr  Anschaulichen.  Zugleich  sind
es  aber  erstmögliche  Formungen,  die  bloß  um  einen  einzigen
Schritt  vom  Formbaren  selber,  vom  Stoffe  abstehen.  Gleichwie
„Röte“  die  erste  richtige  Objektivation  von  „rot“  ist,  das  selber  bereits
eine  Erscheinung  schlechthin  zum  Ausdruck  bringt,  so  vergegenständlicht ­
  „Blick“  wieder  in  einer  anderen  Weise  im  Sinne  des
«Aktes“,  wie  sich  im  nächsten  Kapitel  zeigen  wird  ein  nur  mehr
Anschauliches,  das  man  nicht  gut  anders  denn  als  „blicken  ins
Wort  umsetzen  kann.  Dann  aber  ist  dieses  „blicken“  so  gemeint,  daß
ihm  überhaupt  nichts  Begriffliches  mehr  anhaftet;  vielmehr  werden  wir
uns  näher  davon  überzeugen,  daß  hier  eineErlebung  zum  Ausdruck
gelangt,  eine  tätige  Erlebung,  eine  aktive  Subjektbejahung.
Im  formellen  Sinne  wäre  bei  diesem  Rückgriff  von  der  Formung
„Blick“  auf  das  zu  ihr  Geformte  wohl  alles  in  Ordnung,  vorbehaltlich
der  späteren  Ausführungen  über  die  noetische  Formungsweise.  Es  erheben ­
  sich  aber  sofort  materielle  Zweifel  gegen  die  Behauptung,  daß
jenes  „blicken“  etwas  anschaulich  Einfaches,  ein  anschauliches
Element  des  noetisch-begriffliehen  Denkens  sei.  Zum  Beispiel  könnte
man  gutwillig  zugeben,  daß  es  in  einer  ganz  anderen  Denkrichtung
Hegt,  wenn  man  „Blick“  nicht  als  „Augeneinstellung  bei  gleichzeitiger
Aufmerksamkeit  auf  Sehreize“  deutet,  sondern  als  einen  „Akt  der
Kenntnisnahme“,  dem  überhaupt  nur  mehr  das  anschaulich  zu  verstehende ­
  „blicken“  unterläge.  Aber  es  beharrt  auch  dann  der  Anschein, ­
  daß  man  in  der  Absicht,  den  Ausdruck  „Blick“  überhaupt
zu  deuten,  im  Wege  der  phänomenologischen  Deutung  schließlich ­
  doch  auf  etwas  Einfacheres  stößt,  sofern  man  bis  zu  den  Erscheinungen ­
  vordringt,  als  es  im  Wege  der  noetischen  Deutung  geschähe, ­
  die  „schon“  an  dem  „blicken“  ausläuft.  Es  scheint  also  zum
mindesten,  daß  unter  den  zwei,  als  vorhanden  vorerst  zugegebenen
Denkweisen  die  phänomenologische  wesentlich  tiefer  greift.  Denn
hie  noetische  Denkweise,  wenn  ihr  dieses  „blicken  bereits  als
Element  gilt,  setzt  anscheinend  immer  schon  bei  ganzen  „Komplexen“ ­
  von  Erscheinungen  ein.  Nun  kämen  zwar  durchaus  nicht
immer  „Komplexe“  von  ausschließlich  seelischen  Erscheinungen  in
Fr age;  denn  es  müßte  sich  diese  Einrede  auch  auf  jene  Erlebungen
        <pb n="573" />
        554

&amp;gt;Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

ausdehnen,  die  sich  z.  B.  als  „ziehen“,  drücken“,  „stoßen“  wiedergeben
lassen.  Immerhin,  bei  der  heiklen  Natur  dieser  Anschaulichkeiten  wird
es  an  diesem  Punkte  begreiflicher,  wenn  man  sich  über  diese  verwickelten ­
  Dinge  einfach  hinweggesetzt  und  den  Gegensatz  der  Denkweisen ­
  darauf  reduziert  hat,  daß  neben  einer  „Psychologie  der
Elemente“  erst  noch  eine  „Psychologie  der  komplexen  Lebensvorgänge“ ­
  anzuerkennen  sei.  Auf  der  letzteren  würde  dann  alles  Verständnis ­
  unserer  Wissenschaften  beruhen.  In  neuer  Form  kehrt  hier  die
alte  Geschichte  von  dem  „luftigen  Oberstock“  zurück,  darin  sich  das
Erkennen  unserer  Wissenschaft  wohl  sein  läßt,  unbekümmert,  wie  es
um  die  „Fundamente“  bestellt  wäre.  Zur  Arbeit  an  diesen  „Fundamenten“ ­
  fühlt  sich  natürlich  die  „Soziologie“  berufen,  der  nur  mehr
die  Kleinigkeit  ihrer  eigenen  Existenz  fehlt,  um  dann  unsere  Disziplinen,
die  bloßen  „Ramsch-Wissenschaften“,  definitiv  abzulösen.
Dem  Zweifel  an  der  anschaulichen  Einfachheit  des  „blicken“
unterliegt  hier  ein  arges  Mißverständnis.  Angeblich  verhalten  sich  Erscheinung ­
  und  Erlebung  so  zueinander,  wie  die  wahren  Elemente  und
ganze  „Komplexe“  dieser  Elemente.  Nun  besteht  aber  eine  direkte
Beziehung  zwischen  Erscheinung  und  Erlebung  überhaupt  nicht;
selbst  nicht  jene  zwischen  dem  Zusammenhängenden  und  dem  Zusammenhang. ­
  Vielmehr  beziehen  sich  Erscheinung  und  Erlebung  immer  nur
gemeinsam  auf  das  Erleben.  Dieses  selber  besteht  in  seiner
unberührten  Anschaulichkeit  weder  aus  Erscheinungen,  noch  aus  Erlebungen, ­
  noch  endlich  aus  beiden  zugleich.  Denn  erst  in  der
Relation  auf  unser  begriffliches  Denken  scheidet  sich,  von
dem  Mittleren  des  Erlebens  aus,  die  Erscheinung  von  der  Erlebung.
Ein  und  dasselbe  Erlebnis  stellt  sich  dem  einsetzenden  Denken
gegenüber  entweder  als  ein  Kompositum  unzähliger  Erscheinungen ­
  dar,  dann  ist  phänomenologische  Denkweise  im
Gange;  oder  als  das  Totum  der  Erlebung,  mithin  dann
noetische  Denkweise  im  Gang  ist.  Übersieht  man  nun  das  grundwesentliche ­
  Dazwischentreten  des  Erlebens  selber,  dann  freilich
kann  die  Tatsache  einer  Unzahl  von  Erscheinungen  dort,  einer  Einzahl
der  Erlebung  hier,  zu  dem  Mißverständnis  führen,  als  ob  sich  Erscheinung ­
  und  Erlebung  unmittelbar  aufeinander  bezögen,  wie  das
Einfache  zu  einem  „Komplex“  solcher  Einfacher.  In  Wahrheit  ist  die
Erlebung  etwas  in  Mark  und  Kern  von  der  Erscheinung  Verschiedenes  1
Beide  sind  einander  ebenso  inkommensurabel,  wie  es  überhaupt  fü f
Sinn  und  Sein  der  Wirklichkeit  gilt,  von  denen  das  Sein  eben  nur  dem
phänomenologischen,  der  Sinn  eben  nur  dem  noetischen  Denken  erfaß'
bar  bleibt.
        <pb n="574" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  II.

555

Freilich  „entgehen“  uns  die  Erscheinungen,  sobald  wir  noetisch
denken;  aber  nicht  anders,  als  dem  wieder  die  Erlebungen  „entgangen“
sind,  der  phänomenologisch  denkt.  Aus  diesen  Sackgassen  kommt
unser  Denken  über  die  Wirklichkeit  nun  einmal  nicht  heraus.  Die
ganze  Wirklichkeit  ist  einzig  und  allein  dann  in  unserem  Bewußtsein,
wenn  wir  uns  „selbstvergessen“  dem  Erleben  hingeben,  bar  aller  Absicht, ­
  darüber  zu  denken;  was  natürlich  ein  Denken  als  Erlebnis
ebensowenig  ausschließt,  wie  etwa  Forschung  und  Methodologie  unzertrennlich ­
  wären.
Wie  sehr  eine  Erlebung  eine  Sache  ganz  für  sich  ist,  gegenüber
jenen  sinnlichen  und  seelischen  Erscheinungen,  als  welche  sich  das
nämliche  Erlebnis  dem  phänomenologischen  Denken  darstellen
würde,  läßt  sich  folgendermaßen  verdeutlichen.  Das  „blicken  ,  wie  es
aus  der  noetischen  Formung  „lesen“  als  eines  ihrer  anschaulichen
Elemente  herauszuschälen  möglich  war,  bezieht  sich  weder  darauf,  was
man  an  einem  anderen,  der  „blickt“,  sinnlich  beobachten  kann,  noch
darauf,  was  man  seelisch  an  sich  selber  beobachten  kann,  sobald  man
selber  „blickt“.  Aber  dann  zum  mindesten  doch  auf  beides  zugleich?
Nun,  es  ist  wohl  des  noetischen  Denkens  Art,  daß  bei  der  Aussprache
des  Wortes  „blicken“  sowohl  das  an  mir,  wie  auch  das  an  anderen
Beobachtete  in  anschaulicher  Vorstellung  mitschwingt.  Das  „blicken“
selber  jedoch,  als  anschauliches  Element,  als  Erlebung,  ist  auch  nicht
die  Zusammenfassung  des  einen  und  des  anderen,  sondern  das  spezifische ­
  Dritte:  die  Subjektbejahung.  Das  ist  keinerlei
Seiendes,  sondern  ein  Geltendes:  nichts  also,  was  „vorgefunden“  wird,
weder  an  mir,  noch  am  anderen;  sondern  etwas,  das  ich  bei  dem
anderen  so  „anerkenne“,  wie  sich  mein  eigenes  Ich  gleichsam  darin
auslebt.  Nur  daß  ich  auf  seine  anschauliche  Geltung  für  mich  selber
erst  dadurch  verfalle,  daß  ich  sie  bei  anderen  „anerkenne“:  hierher,
in  der  Tat,  die  alte’  psychogenetische  Wahrheit  von  der  „sozialen“
Bedingtheit  unseres  begrifflichen  Denkens  —  soweit  es  als  ein  noetisches
aufwächst;  und  dafür  legt  unsere  ganze  Sprache  Zeugnis  ab.
Mit  dem  Hinweis  auf  die  Erscheinungen  kann  also  der  Zweifel  an
der  anschaulichen  Einfachheit  der  Erlebung  nicht  begründet  werden.
Allein,  ist  unser  „blicken“  nicht  erst  noch  einer  noetischen  Deutung
zugänglich,  so  zwar,  daß  es  noch  nicht  selber  das  noetisch  Elementare
wä re?  Denn  mag  auch  „blicken“  nur  mehr  eine  anschauliche  Variation
des  „Kenntnisnehmens“  ”sein,  so  läßt  doch  das  letztere  noch  eine
uoetische  Deutung  zu:  „gewollter  Übergang  vom  Nichtwissen  zum
Wissen“!  Übertragen  wir  dies  jedoch  von  dem  „Kenntnisnehmen“
auf  das  „blicken“,  so  ergibt  sich  aus  der  unausweichlichen  Wendung:
        <pb n="575" />
        556

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

„gewollte  Überführung  des  noch  nicht  Erblickten  in  Erblicktes“,  daß
auch  hier  die  Deutung  eine  rückläufige,  eine  nichtssagende  istl
So  bewährt  sich  das  „blicken“  als  der  unaustilgbare  Rest  des  Anschaulichen, ­
  als  das  anschaulich  Einfache.  Nicht  also  gedeutet,  sondern
bloß  umschrieben  worden  ist  dort  das  „blicken“,  mit  Hilfe  von
Verallgemeinerungen  seiner  selbst;  tatsächlich  ist  „Kenntnisnehmen“ ­
  bereits  eine  Abstraktion  von  Anschaulichkeiten  in  der
Art  des  „blicken“.
So  ist  im  besonderen  die  „Gewolltheit“  jenes  „Überganges“
nichts,  das  hinweisen  würde  auf  das  anschaulich  Einfachere,  auf  das
wahrhaft  Elementare  eines  „Wollens“,  noch  innerhalb  der  Erlebung
  „blicken“.  Für  das  phänomenologische  Denken  allerdings,  da
mag  das  „Wollen“  oder  die  „Wollung“,  „Willensregung“  oder  wie
man  es  auszudrücken  beliebe,  entweder  selbst  etwas  anschaulich  Einfaches, ­
  eine  Erscheinung  gleich  „rot“  sein,  oder  auch  ein  Komplex
von  Erscheinungen,  der  erst  nach  seiner  Auflösung  verlangt;  vielleicht
in  etwas,  was  man  als  seelische  Erscheinung  durch  den  Ausdruck
„Empfindung“  distinguiert.  Dem  noetischen  Denken  aber  unterliegt
das  „Wollen“  durchaus  nicht  als  etwas  Anschauliches,  was  noch  einfacher, ­
  noch  elementarer  als  die  Erlebungen,  die  noetischen  „Qualitäten“
wäre.  Im  noetischen  Denken  entspricht  dem  „Wollen“  umgekehrt
eine  höchsteVerallgemeinerung,  die  den  Erlebungen  gegenüber
möglich  wird.  Dies  sei  kurz  erläutert.
Der  Abstraktion  des  „Kenntnisnehmens“  ließe  sich  eine  ganze
Reihe  von  Subjektbejahungen  unterstellen:  neben  „blicken“  noch
„horchen“,  „betasten“,  „schmecken“  usw.  Nebenbei  gesagt,  wenn  es
verwirren  sollte,  daß  hier  Erlebungen  in  so  unheimlicher  Nachbarschaft
zu  dem  „Gesehenen“,  „Gehörten“,  „Getasteten“  usw.  auftauchen,  also
zu  dem  Registrieren  von  Sinnesdaten,  so  sei  an  zweierlei  erinnert.
Erstens  sind  die  Sinnesdaten  nur  der  anschauliche  Inhalt  dessen,  was
sich  den,  von  jenen  Erlebungen  getragenen  Akten  gegenüber  als
Objekt  verhält:  eben  das  „Gesehene“,  „Gehörte“  usw.  Zweitens
kann  die  Nachbarschaft  von  naturwissenschaftlicher  Beobachtung  und
von  Akten  doch  nicht  wundernehmen,  weil  ja  der  Naturforscher
keine  Hand  hebt  und  auch  keinen  Gedanken  faßt,  ohne  einen  Akt  zu
vollziehen,  ohne  sich  tätig  oder  leidend  als  Subjekt  zu  bejahen;  so  daß
er  selber  das  noetisch  Erfaßbare  bleibt,  auch  wenn  er  noch  so  geflissentlich ­
  phänomenologisch  denkt.  Alles  Erkennen  ist  am
letzten  Ende  Tat  des  Forschers.  Noch  das  Eine  sei  eingeschaltet, ­
  daß  die  Verflechtung  jener  erwähnten  mit  anderen  Erlebungen ­
  zu  zahllosen  Derivaten  begrifflicher  Natur  führt:  „lauschen“,
        <pb n="576" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  II.

557

„lauern“,  „spähen“,  „erkunden“,  „ausspionieren“,  „erfragen“,  „studieren“,
„forschen“  usw.  Wie  nun  hier  als  „Kenntnisnehmen“,  läßt  sich  eine
Reihe  anderer  Erlebungen,  „ergreifen“,  „fassen“,  „verstehen“  usw.
als  „Besitznehmen“  verallgemeinern.  Faßt  man  nun  diese  Gruppen
und  noch  andere  Erlebungen,  „ziehen“,  „rufen“,  „holen“  usw.  zusammen,
so  ermöglicht  sich  eine  eigentümliche  Verallgemeinerung,  die  ihre
symbolische  Hülle  in  dem  Ausruf  „her!“  findet.  Gleichwie  aber  dieses
„herl“  eine  Unzahl  von  Subjektbejahungen  unter  sich  befaßt,  so  auch
die  Ausrufe  „hin!“  —  „stoßen“,  „drücken“,  „werfen“,  „schieben“,
„schreiten“  usw.  —  und  so  auch  die  Ausrufe  „weg!“,  „haltl“  und
noch  andere.
Den  wesentlichen  Schritt  nun,  noch  über  diese  spezifischen
Verallgemeinerungen  hinaus,  die  selber  schon  das  Anschauliche  weit
hinter  sich  zurücklassen,  besagt  nun  das  „Wollen“.  Gewiß  darf  man
es  sagen,  daß  sich  in  jenen  Erlebungen  insgesamt  der  „Wille“
manifestiere;  dem  liegt  sachlich  aber  doch  nur  zugrunde,  daß  man
im  „Wollen“  die  höchste  jener  inhaltlichen  Verallgemeinerungen
ersehen  darf,  deren  nur  mehr  anschauliche  Variationen  mit  jenen  Erlebungen ­
  vorliegen.  Die  Erlebungen  selber  aber  sind  „irreduktibel“,
"weil  jede  einzelne  wieder  ein  anschaulich  Einfaches  bedeutet.  Keine
von  ihnen  läßt  sich  durch  das  „Wollen“  noetisch  deuten,  sämtlich  aber
kann  man  sie  mit  Hilfe  des  Ausdrucks  „Wollen“,  und  auch  mit
Ausdrücken  anderer  Verallgemeinerungen  ihrer  selbst,  umschreiben.
Der  besondere  Wert  dieser  höchsten  Verallgemeinerung  „Wollen“
liegt  darin,  daß  sie  den  Gegensatz  hervorstellt,  der  innerhalb  der
Gesamtheit  aller  Erlebungen  klafft:  jenen  zwischen  den  aktiven  und
den  passiven  Subjektbejahungen.  Die  anschauliche  Variation  des
»Wollens“  ergibt  die  tätigen  Erlebungen;  diese  aber  erschöpfen
noch  keineswegs  jene  Anschaulichkeiten,  durch  welche  das  Subjekt  bejaht ­
  erscheint.  Dem  Wollen  selber,  in  diesem  noetischen  Sinne,
tritt  nicht  etwa  das  „Denken“  und  „Fühlen“  an  die  Seite;  dies  wäre
mehr  oder  minder  phänomenologisch  gedacht  von  Klarheit  nämlich
u nd  Eindeutigkeit  sind  hier  die  Ansichten  weit  entfernt,  weil  gerade
an  dieser  Stelle  das  phänomenologische  Denken  vielfach  verquickt
erscheint  mit  dem  noetischen.  Vom  Standpunkte  jedoch  des  noetischen
Denkens  selber  aus,  da  tritt  mit  vollster  Eindeutigkeit  und  Schärfe
dem  Wollen  das  Erleiden  an  die  Seite.  Die  anschauliche
Variation  des  Erleidens  lieiert  den  Rest  der  Subjektbejahungen,  die
leidenden  Erlebungen.
Auch  dieses  Erleiden  ist  eine  höchste  inhaltliche  Verallgemeinerung! ­
  Auch  zu  ihr  leiten  Abstraktionen  hinüber,  die  dem  noe-
        <pb n="577" />
        558

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung 11 ,

tischen  Denken  spezifisch  sind  und  wieder  einen  symbolischen  Ausdruck ­
  finden:  nicht  aber  in  den  „imperativen“  Ausrufen,  wie  dort
gegenüber  dem  Wollen,  sondern  in  den  richtigen  Interjektionen:
„wehe“,  „oh“,  „ah“  usw.  Dagegen  kommen  Ausdrücke  gleich
„Schmerz“,  „Lust“,  „Schreck“,  „Drang“,  „Zwang“  usw.  den  leidenden
Erlebungen  selber  ganz  nahe.  Wenn  es  uns  besonders  bei  den  leidenden
Erlebungen  schwer  fällt,  an  ihrer  anschaulichen  Einfachheit  nicht  irre
zu  werden,  so  trägt  der  Psychologismus  daran  die  Schuld,  der  in
diesen  Richtungen  die  Probleme  noetisch  stellt,  dann  aber  mechanisierend
löst;  das  will  sagen,  unter  Abirrung  ins  Phänomenologische.  An  der
Umbiegung  der  noetischen  Kategorie  des  „Zweckes“  in  die  „Zweckvorstellung“ ­
  —  diese  phänomenologisch  als  „wirkende  Ursache“  gedacht ­
  —  wird  sich  dies  später  besser  zeigen  lassen.  Diesem  Psychologismus ­
  danken  wir  auch  die  unsäglich  hölzerne  Kontrastierung  von
„Lust“  und  „Unlust“,  mit  der  dann  ebenso  gewaltsam  alles  auf  das
Einfachste  gebracht  wird,  wie  etwa  in  der  Lehre  von  der  Preisgestaltung
durch  den  schillernden  Begriff  des  „Wertes“.  Es  handelt  sich  auch  bei
„Lust“  und  „Unlust“  offenkundig  um  inhaltliche  Verallgemeinerungen ­
  des  Passiven,  nur  eben  um  schematisch  verzerrte.  So  unterliegen ­
  z.  B.  den  Formungen  von  der  Art,  daß  uns  „eine  Leidenschaft
beherrscht“,  oder  „ein  Wunsch  beseelt“,  oder  „ein  Bedürfnis  innewohnt“, ­
  sicher  passive  Subjektbejahungen  als  anschauliche  Elemente.
Es  würde  aber  schwer  halten,  sie  unter  das  scheinbar  kategorische
Schema  „Lust—Unlust“  zu  beugen.  Natürlich  bleibt  es  auch  den  leidenden ­
  Erlebungen  vollkommen  gleichgültig,  ob  das  Erlebnis,  das  sich  mit
ihnen  dem  noetischen  Denken  als  Totum  darstellt,  phänomenologisch
ein  Kompositum  von  nur  seelischen,  oder  auch  sinnlichen  Erscheinungen ­
  ergibt.  Ob  man  nun,  in  Konkurrenz  zu  sinnlicher
Wahrnehmung,  „einen  Schlag  erhält“  oder,  ohne  diese,  „einen  Einfall ­
  hat“,  macht  für  die  leidenden  Erlebungen,  die  hier  unterliegen, ­
  nicht  den  mindesten  Unterschied  aus!
Noch  weniger  darf  man  eine  Analogie  zur  Scheidung  zwischen
dem  Seelischen  und  dem  Sinnlichen  darin  sehen,  wenn  wir  es  so
deutlich  zu  trennen  wissen,  daß  uns  das  eine  Erlebnis  noetisch  als
tätige,  das  andere  als  leidende  Erlebung  gilt.  Hier  wird  nicht  ein
logisches  Verhältnis  ins  Ontologische  umgedacht.  Die  Verifikation
der  Aussagen  spielt  hier  überhaupt  nicht  mit.  So  ist  z.  B.  die  Aussage
  „Dieser  liest“  in  der  Richtung  der  tätigen  Erlebung  des
„Blickens“  gar  nicht  anders  verifizierbar  als  in  der  Richtung  jener
leidenden  Erlebung,  für  welche  das  „Kenntniserhalten“  einspringt-Was
  soll  auch  für  das  „blicken“  die  Konkurrenz  sinnlicher  Wahr ­
        <pb n="578" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  II.

5  59

nehmung  an  Vorteil  mit  sich  bringen  1  Denn  das  starre,  auf  einen
Punkt  eingestellte  Auge  macht  noch  lange  nicht  den  noetischen
„Blick“  aus.  Den  noetischen  „Blick“  aber  durch  die  „Steigerung  der
Aufmerksamkeit  auf  Sehreize“  verifizieren  zu  wollen,  stellt  den
Tatbestand  und  alle  Möglichkeit  auf  den  Kopf.  Der  „Blick“  muß
also  noetisch  verifiziert  werden,  und  dies  geschieht  natürlich  in
Einem  Laufe  mit  der  Verifikation  der  leidenden  Erlebung  „Kenntniserhalten“. ­
  Jene  Aussage  „Dieser  liest“  ist  eben  in  ihrer  Totalität
verifizierbar.  Die  Natur  der  Erlebungen  dagegen  ist  nicht  im  mindesten ­
  von  Einfluß  auf  die  Verifikation.  Nicht  mit  der  letzteren
also  hängt  der  Gegensatz  aktiv—passiv  zusammen,  überhaupt  mit
keinem  logischen  Verhältnis,  sondern  nur  damit,  daß  es  da  und  dort
auf  eine  Subjekt-Bejahung  ankommt.  Der  Gegensatz  zwischen
Passivität  und  Aktivität  bedingt  sich  grundwesentlich  mit  dem  Subjektbegriffe, ­
  und  diese  Bedingnis  bleibt  transzendent.  Über  eine  einfache ­
  Feststellung  geht  es  bei  diesen  Dingen  also  nicht  hinaus.
Wohl  mit  Recht  kennzeichnet  Münsterberg  das  Subjekt  als  das
»einzigartig  Antithetische“.  Nur  scheint  dieses  „Antithetische“  nicht
schon  darin  zu  liegen,  daß  „jedes  Wollen  ein  Nichtwollen  ablehnt“;
in  diesem  Ausmaße  schließt  auch  jedes  Sein  ein  Nichtsein,  jedes
»rot“  ein  „nicht-rot“  aus.  Also  kaum  in  diesem  kontradiktorischen,
sondern  wohl  in  jenem  konträren  Gegensatz  wurzelt  das  „einzigartig ­
  Antithetische“  des  Subjekts,  daß  einem  Wollen  stets  ein
Erleiden  gegenübersteht:  dem  „schieben“  ein  „geschoben  werden“,
dem  „zustimmen“  ein  „Beifall  gewinnen“,  dem  „Freudemachen“  ein
»Erfreutwerden“  usw.  Nun  „zerschmettert“  zwar  der  fallende  Felsblock ­
  einen  Baum  und  „wird  zerschmettert“  durch  den  Auffall.
Allein  hier  spiegelt  nur  der  noetisch  gewendete  Ausdruck  jenen
Gegensatz  vor;  der  Sache  nach  ist  es  ein  und  dasselbe,  nicht
weiter  in  sich  gegensätzliche  Geschehen,  was  einerseits  zur
Formveränderung  des  Baumes,  andererseits  zur  Formveränderung  des
Felsblockes  führt.  Hier  fehlt  es  für  unsere  Auffassung  einfach  an
jener  Relation  zum  Subjekt,  die  allein  dafür  haftbar  ist,  wenn
sich  die  anschaulichen  Elemente  des  noetischen  Denkens  spalten,
ln  tätige  und  leidende  Erlebungen.  —
Es  liegt  kein  Anlaß  vor,  den  Erlebungen  den  „zeitlichen  Charakter ­
  abzusprechen;  wie  könnten  sie  sonst  etwas  Anschauliches  seinl
»Räumlich“  dagegen  sind  die  Erlebungen  genau  so  wenig  wie  die
seelischen  Erscheinungen.  Auch  darin  liegt  eine  Versuchung,  die
Erlebungen  mit  den  seelischen  Erscheinungen  in  einen  Topf  zu
werfen;  nur  greift  die  landläufige  Ansicht  dem  vor  und  bezieht  die
        <pb n="579" />
        560

„Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

noetischen  Aussagen  von  Haus  aus  auf  ein  Psychisches  oder  doch
Psychophysisches,  wodurch  natürlich  ihre  Eigenart  vollständig  negiert
bleibt.  Nun  ist  zwar,  für  sich  betrachtet,  ein  „blicken“  oder  „Schlag
erhalten“  genau  so  unräumlich  wie  etwa  eine  „Wahrnehmung“,
eine  „Wollung“.  Die  Verwandtschaft  mit  den  seelischen  Erscheinungen ­
  ist  aber  doch  nur  eine  scheinbare:  es  besteht  ein  gewaltiger
Unterschied,  wie  sich  das  Unräumliche  der  seelischen  Erscheinungen ­
  auf  der  einen  Seite,  das  Unräumliche  der  Erlebungen
auf  der  anderen  Seite  mit  einer  „Lokalisierung“  der  bezüglichen
Formungen  im  Rahmen  der  Körperwelt  verträgt.
Außer  Betracht  bleibt  jene  „phrenologische“  Lokalisierung  des
Seelischen,  die  sich  schon  durch  ihre  generelle  Natur  als  eine  theoretische ­
  Leistung  verrät:  und  tatsächlich  sucht  hier  die  theoretische
Betrachtung  die  Daten  aus  verschiedenen  Gebieten  miteinander  in
Einklang  zu  bringen.  Es  handelt  sich  nur  um  jene  Verknüpfung  des
konkret  Seelischen  mit  unserem  Körper,  die  jeglichem  Denken,
auch  dem  naiven,  unausweichlich  erscheint.  Ganz  anders  ist
nun  die  Lokalisierung  des  Noetischen,  soweit  auch  sie  wieder  jedem
Denken  unausweichlich  ist,  also  keinesfalls  nur  den  Wert  einer  Ansicht ­
  hat,  die  an  bestimmte  Theorien  vom  „Parallelismus“  und  dergleichen ­
  gebunden  wäre.  Da  nämlich  das  Formen  des  noetischen
Stoffes,  wie  es  bald  erörtert  wird,  Subjekt  und  Objekt  erfassen  läßt,
diesen  noetischen  Formungen  aber  wieder  phänomenologische  Formungen ­
  konkurrieren,  so  daß  z.  B.  der  „Leser“  zugleich  ein  Exemplar ­
  des  „homo  sapiens“,  die  „Zeilen“  zugleich  eine  Anordnung  von
Buchstabenbildern  sind,  und  da  beide  als  Körperdinge  ihren  „Ort“,
also  ihre  Eigenlage  im  Raume  besitzen,  so  tritt  in  einem  weiten
Ausmaß  die  Möglichkeit  ein,  auch  die  Erlebungen  selber,  oder  doch
ihre  primären  Formungen:  „Akte“  u.  dgl.,  für  räumlich  fixiert
zu  halten.  Diese  Möglichkeit  steigert  sich  unserem  Denken  sofort
zum  Zwang.  Der  an  sich  unräumliche  „Blick“  unseres  Beispieles
„lokalisiert“  sich  in  einer,  unserem  Denken  ganz  unausweichlichen
Art  zugleich  am  „Leser“  und  am  „Gelesenen“,  gleichsam  also
„zwischen“  ihnen.
Für  die  Totalität  dessen,  was  wir  durch  noetisches  Denken
für  wirklich  halten  und  das  eine  „Welt  der  Erlebungen“  aufbaut, ­
  die  uns  allen  gemeinsam  ist,  da  alle  noetischen  Aussagen ­
  verifizierbar  sind,  für  diese  Totalität  besteht  also  eine  dreifache ­
  Beziehungsmöglichkeit.  Erstens  jene  der  „Zeit“;  mittelbar
aber  auch  jene  des  „Raumes“,  und  zwar  vermittelt  durch  eine  dritte
und  spezifische  Beziehungsmöglichkeit.  Diese  läßt  sich  dahin
        <pb n="580" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  II.

56l

ausdrücken,  daß  die  „Welt  der  Erlebungen“,  als  die  noetisch  gedachte ­
  Totalität  des  Wirklichen,  notwendig  eine  „Welt  der  Subjekte“ ­
  ist.  Es  ist  dann  eine  naive,  aber  durchaus  zulässige  Vorstellung, ­
  sofern  wir  uns  diese  „Welt  der  Subjekte“  gleichsam  hin  eingestellt ­
  denken  in  die  „Körperwelt“,  lokalisiert  nach  dem  „Körperlichen“, ­
  das  mit  den  Subjekten  konkurriert;  worauf  dann  der  ungeheure ­
  Rest  des  „Körperlichen“  zugleich  und  ausnahmslos  Objekt ­
  wird,  genauer  gesagt,  in  Objektfunktion  rückt.  Denn  umgekehrt
wäre  es  eine  lächerliche  Verkennung,  anzunehmen,  daß  sich  die  Welt
der  Erlebungen,  nach  der  Konkurrenz  zum  phänomenologisch  Erfaßbaren ­
  gerechnet,  etwa  nur  auf  die  „Automatik“  des  menschlichen
Handelns,  auf  das  Marionettenspiel  der  Menschenlerer  ausdehnen
würde;  mit  anderen  Worten,  daß  man  die  Welt  der  Erlebungen  dem
gleichsetzen  müßte,  was  phänomenologisch  als  das  „Psychophysische
erfaßbar  wird.  Es  ist  abermals  die  ganze  Wirklichkeit,  die  in  die
„Welt  der  Erlebungen“  eingeht,  nur  daß  sie  uns  dabei  in  der  noetisch ­
  einseitigen  Weise  allein  erfaßlich  wird.
Im  Denkrahmen  dieser  Welt,  z.  B„  „regnet“  es  auch,  was  doch
gewiß  nichts  Psychophysisches  an  sich  hätte.  Aber  es  „regnet  nicht
in  dem  phänomenologischen  Sinne,  daß  ein  Zusammentreffen  verschiedener ­
  Luftschichten  eine  Kondensation  von  Wasserdampf  bewirkt,
der  nun  als  Schwarm  fallender  Tropfen  in  Erscheinung  tritt.  Es
„regnet“  vielmehr  schlecht  und  recht  im  Alltagssinne  des  Rundlichen ­
  Wetters“,  das  uns  die  Aussicht  und  das  Licht  schmälert,  Kleider
und  Schuhe  durchnäßt  und  den  Weg  verdirbt;  oder  es  „regnet  etwa
im  Geiste  des  „Himmelssegens“,  der  unsere  Kulturen  Rt,  uns
selber  erquickliche  Frische  bringt.  Da  und  dort  P^nomenologisch
und  noetisch,  ist  die  nämliche  anschauliche  Wirklichkeit  zur  Formung
gekommen;  noetisch  jedoch  nicht  als  der  ,” g  ei ^ gU  ‘ gC ,  •  erha ib
meteorologischer  Artung,  sondern  im  Sinne  eines  an  c^iektpebaren
so  und  so  vieler  Objekt-Funktionen,  die  unser  Subjektgebar  n
begleiten,  so  daß  jener  Wandel  notwendig  auch  Sub ^  1
Mitleidenschaft  zieht  1  In  ähnlicher  Weise  wird  aber  de  ge  am
anschauliche  Gehalt  der  Wirklichkeit  sozusagen  einver  ei 1  J  ”
der  Erlebungen“.  So  verfährt  schon  unser  g e ^ 0 ^ n  1C  es  ’
«  nicht,  zur  Instruktion  unseres  eigenen  Verhaltens,  die  g  g
legentlich  phänomenologisch  zu  nehmen  beginnt.  Ganz  so  verfahren
aber  auch  die  noetisch  denkenden  Wissenschaften  also  auch  unsere
Disziplinen.  Sie  schneiden  nicht  etwa  das  menschliche  Handeln  aus
der  „Welt  der  Erscheinungen“  heraus,  im  Sinne  einer  psychophysischen
Automatik,  sozusagen  als  „Viertes  Reich“;  auch  ihnen  hegtRehr
y.  Gottl-Ottlilieofeld,  Wirtschaft  als  Leben.
        <pb n="581" />
        562

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung 11 ,

sofort  wieder  die  ganze  Wirklichkeit  als  „Welt  der  Erlebungen“  vor.
Man  sieht  übrigens,  wie  tief  begründet  in  der  noetischen  Denkweise
jene  „anthropozentrische“  Auffassungsweise  ist,  die  man  unseren  Wissenschaften ­
  zum  Vorwurf  machen  will  1
Auf  ihre  zeithafte  Natur  hin  können  auch  die  Erlebungen  nur  in
einer  stetigen  Folge  der  Stoff  des  noetischen  Denkens  sein.  Da  sich
aber  jede  einzelne  Erlebung  schon  auf  den  anschaulichen  Zusammenhang ­
  des  Erlebten  bezieht,  kann  für  ihre  Zeitreihe  von
einem  „Nacheinander“  schlecht  und  recht,  gleich  der  Abfolge  der  Erscheinungen, ­
  nicht  die  Rede  sein.  Zur  Illustration  sei  aus  der  verwickelten ­
  Formung  „lesen“  der  erste  Teil  herausgegriffen:  „durch  den
Blick  Kenntnis  erhalten“.  Da  unterliegt  die  tätige  Erlebung  des
„blicken“,  dann  auch  jene  leidende,  die  zum  „Kenntniserhalten“  verallgemeinert ­
  ist,  deren  anschauliche  Einfachheit  etwa  als  „ansichtig
werden“  zum  Ausdruck  käme.  Dieses  Beispiel  lehrt  nun  gut,  wie  hier
an  Stelle  der  Abfolge  die  Ausfolge  tritt,  wie  also  nicht  ein  Nacheinander ­
  der  Erlebungen,  sondern  ihr  Auseinander  gilt.  Das  „blicken“
hat  wohl  den  zeitlichen  Vortritt,  aber  gerade  nur  so  weit,  daß  ihm
dann,  um  seiner  eigenen  Natur  willen,  das  „ansichtig  werden“
zeitlich  zur  Seite  bleibt.  Man  darf  aber  die  anschauliche  Verflechtung ­
  dieser  Erlebungen  beileibe  nicht  als  eine  ursächliche
Verkettung  mißverstehen.  Sonst  verwechselt  man  mit  einer  Tat
unseres  Denkens,  genauer  gesagt,  mit  dem  Erfolge  verwickelter
Denkakte  verwechselt  man  etwas,  das  in  der  Anschauung
eingegründet  ist,  absolut  voran  allem  Denken.  Es  steht
aber  eigentlich  noch  schlimmer,  da  nämlich  hier  das  Primäre  aus  dem
Sekundären  hergeleitet  würde!  Denn  gewiß  in  dieser  Richtung  gilt
das  tiefsinnige  Wort  Diltheys,  daß  „Ursache  und  Wirkung  bloß  Abstraktionen ­
  aus  dem  Leben  unseres  Willens“  seien.  Dieses  „Leben
unseres  Willens“  braucht  nicht  weiter  metaphysisch  verklügelt  zu
werden;  es  dokumentiert  sich  empirisch  an  der  Verflochtenheit  der
tätigen  mit  der  leidenden  Erlebung,  an  der  Ausfolge  des  „ansichtig
werden“  aus  dem  „blicken“.  Gewiß  nur  nach  dem  anschaulichen
Vorbilde  dieser  Ausfolge  lernt  es  unser  Denken,  auch  die  konkreten ­
  Erscheinungskomplexe  im  Sinne  von  „Ursache  und  Wirkung“
verkettet  zu  sehen,  gleichwohl  deren  Verknüpfung  immer  nur  das
Arthafte  daran  angeht,  weil  sie  nicht  anders  bewerkstelligt  wird,  als
über  das  Mittelglied  des  „Naturgesetzes“.  Mag  sich  dann  auch  dieses
Taterfolges  unseres  verallgemeinernden  Denkens  die  Metaphysik
bemächtigen,  mag  sie,  nach  dem  anschaulichen  Vorbilde  jener  Verflochtenheit, ­
  zwischen  dem  generell  verketteten  Konkreten  selber  ein
        <pb n="582" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  III.

563

„Band“  vorhanden  sehen,  so  darf  uns  dies  alles  über  den  wahren
intellektuellen  Sachverhalt  nicht  täuschen.
In  diesem  Auseinander  von  Erlebungen  dürfen  wir  also
den  Stoff  des  noetischen  Denkens  ersehen.  Als  Verflechtung
tätiger  und  leidender  Erlebungen  versinnlicht  dieser  noetische  Stoff
abermals  ein  Geschehen;  es  tritt  dem  sinnlichen  Geschehen  und
dem  seelischen  Geschehen  als  das  Dritte  Geschehen  an  die
Seite.  Fürwahr,  wozu  erst  lange  nach  einem  passenden  anderen  Namen
suchen  I  Handeln  und  Leiden  darf  man  es  nicht  nennen,  weil  damit
schon  die,  diesem  Stoffe  spezifische  Formung  seiner  selbst  gemeint
wird:  ähnlich  wie  das  „Naturgeschehen“  kausalen  Zusammenhanges
auch  schon  die  spezifische  Formung  der  Erscheinungen  ist.  „Kulturgeschehen“ ­
  es  zu  nennen  wird  man  besser  unterlassen,  weil  sonst  das
Gespenst  der  „Wertung“  schon  inmitten  des  Anschaulichen  auftauchen
würde,  wo  es  gottlob  noch  nichts  zu  schaffen  hat.  So  bleibe  es  beim
„Dritten  Geschehen“,  da  jeder  andere  Name  die  Natur  des  Benannten ­
  doch  nur  mißverstehen  ließe:  die  volle  Ursprünglichkeit
■dieses,  aus  eitel  Anschauung  gewobenen  Geschehens.

III  Die  noetischen  Kategorien.
Subjekt  und  Objekt,  Akt  und  Erleidung,
tv  v  Tnha i t  des  Erlebens  kann  ebensowohl  als  stnn-Der
  anschauliche  Inhalt  auch  als  Drit tes  Geschehen
hches  und  seeiisches  Gescheit  ,  gtoff  unseres  Denkens  werden.
objektmerbar  sein,  das  helßt ’  zu  etwas  Gegenständlichem
D le ser  Stoff  wird  durch  seine  begrifflichen  Denkens.  Die
und  ergibt  damit  den  Inhalt  kat egoriale,  in  dem  Sinne,
Formung  des  Stoffes  ist  jedesma  Anweisung  dafür  erscheinen,
daß  die  Kategorien  als  die  allgemeinste  Anweisung  ^
das  Anschauliche  in  Begriffliches  zu  wan  ^  no g tis chen  Denkweise,
formenden  Kategorien,  für  ^  Lösung.  Es  soll
kommt  im  folgenden  nur  höchst  denken  lie ß e ,  soweit  angegerade
  nur  die  Art,  wie  sich  diese  ^  weiteren  Charakteristik
deutet  werden,  wie  es  unbedingt  no  ig  nogtischen  Denkweise,  die
des  Dritten  Geschehens,  und  damit  J  Begriffsbildung  souverän
unter  anderem  auch  die  sozialwissensc  a
beherrscht.  Wirklichkeit  von  „rot“  sprechen
Ehe  man  unter  Relation  auf  die  W  kl  eingegriffen  haben;
kann,  muß  unser  Denken  vielfach  1  von  Sinnesdaten
zuletzt  so,  daß  es  zuliebe  einer  Verallgemeiner  g  ^
        <pb n="583" />
        564

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

diesen  Ausdruck  „rot“  selber  zu  bilden  vermag.  Notwendig  steht  auch
dieser  Ausdruck  mit  der  „allgemeinbegrifflichen“  Natur  unseres  Denkens
im  Einklang.  Aber  dies  interessiert  uns  hier  nicht;  auch  nicht  die
symbolische  Bedeutung  des  als  „rot“  Ausgesagten,  etwa  als  „Farbe
der  Liebe“,  oder  „Parteifarbe“,  oder  auch  als  „Signal“.  Wir  ziehen
einziglich  in  Betracht,  daß  sich  dieser  Ausdruck  „rot“  auf  etwas  anschaulich ­
  Einfaches,  auf  eine  Erscheinung  bezieht;  dadurch
ermöglicht  es  uns  dieser  Ausdruck,  von  dem  zu  sprechen,  das
überhaupt  erst  zu  formen  ist  —  im  erkenntnistheoretischen
Sinne,  natürlich,  unabhängig  von  der  psychogenetischen  Sachlage,
wonach  für  Denken  und  Sprache  etwa  die  Formung  „Blut“  dem  „rot“
vielleicht  vorangetreten  ist.  In  gleicher  Weise  bringt  nun  auch  der
Ausdruck  „blicken“  das  noch  Ungeformte,  aber  schon  Formbare ­
  einer  Erlebung  zum  Ausdruck.  Was  mit  diesem  Ausdruck,
der  nicht  minder  ein  allgemeinbegrifflicher  ist,  hier  gemeint  wird,  ist
für  sich  selber  noch  kein  Gegenstand  unseres  begrifflichen  Denkens,
sondern  wieder  ein  Anschauliches.  In  der  Formung  dieses  Anschaulichen, ­
  so  daß  es  zu  etwas  Begrifflichem  wird,
beruht  nun  mit  unsere  „Erfahrung“.
Wer  mitten  im  Erleben  steht  und  sich  in  „Selbstvergessenheit“
dem  Anschaulichen  hingibt,  der  entzieht  sich  gerade  dadurch  dem
Erfahren,  dem  entgeht  noch  die  Erfahrung  dessen,  was  er  erlebt.  Um
Erleben  in  Erfahren  zu  wandeln,  muß  man  sich  denkend  über  das
Erlebte  Rechenschaft  ablegen,  im  Wege  der  Formung  des  Anschaulichen. ­
  Nur  unserer  anschaulichen  Vorstellung  steht  es  frei,
sich  der  Wirklichkeit  zu  bemächtigen,  ohne  sie  zu  formen.  In  dem
Grade,  wie  wir  diese  anschaulichen  Vorstellungen  zu  bewahren  und  das
anschaulich  Erlebte  somit  zu  „reproduzieren“  vermögen,  im  Sinne  des
Nacherlebens,  kann  die  Erfahrung  dem  Erleben  auch  nachhinken.
Das  Erlebte  wird  dann  so  geformt  und  in  Erfahrung  gewandelt,  wie
es  kraft  anschaulicher  Vorstellung  nacherlebt  werden  kann.  Erfahrung
schließt  in  diesem  erkenntnistheoretischen  Sinne  stets  begriffliche
Erfassung  ein,  Formung  des  anschaulich  Erlebten  oder  Nacherlebten.
Wie  es  nun  in  der  so  beschaffenen  Erfahrung  kein  „rot“  gibt,  das
wir  nicht  als  „Röte“  auf  ein  Ding  beziehen,  so  gibt  es  in  dieser
Erfahrung  auch  kein  „blicken“,  das  wir  nicht  als  „Blick“  gleichfalls
auf  ein  Ding  beziehen.  Während  aber  die  erstmögliche  Formung  des
„rot“  den  Sinn  einer  Eigenschaft  hat,  die  im  Geiste  derlnhären^
auf  ein  körperliches  Ding  bezogen  wird,  steht  es  mit  dem  „blicken
in  allen  drei  Punkten  anders.  Die  erstmögliche  Form  des  „blicken  &amp;gt;
der  „Blick“,  hat  den  kategorialen  Sinn  einer  Relation,  in  diesem
        <pb n="584" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft;,  III.

565

Falle  speziell  eines  Aktes;  diese  Formung  bezieht  sich  ferner  auf  ein
Subjekt,  und  dies  endlich  nicht  im  Geiste  der  Inharenz  sondern  der
Kohärenz.  In  analoger  Weis»  ist  die  emtmögliohe  Formung  der
leidenden  Erlebung  „ansichtig  werden“,  der  „ llcR  *
geformt  hier  speziell  als  eine  Erleidung,  dre  abermals  &amp;gt;m  Gerste
der  Kohärenz  auf  ein  Subjekt  bezogen  wird.
In  der  Tat  ergeben  sich  die  „Substanzen“  des  noetrsche»  Denkens
mit  de»  Subjekten.  Der  Subjektbegriff  ist  der  „oet.sch  qualrfizrerte
Dingbegriff.  Auch  das  Subjekt  stellt  als  Ding  etwas  dar,  das  „ist  .
Während  aber  das  Sein  der  Körperdinge  auf  der  '" h '  '
Eigenschaften  beruht,  die  mit  ihm  notwendig  “  k
erscheinen,  aber  nicht  zugleich  auch  isoliert  werden  ■  «n b
das  Sei«  de,  Subjekte  auf  der  Kohärenz  geltender  Akte  und
Erleidungen.  Daraufhin  lassen  sich  die  Erlebungen  als  -  akhve
,  .  c  ij-Kmiahune'en,  die  Akte  und  Erlernungen
oder  passive  -  Subjektbejahu  g  Das  Körperding  ist  uns  als
als  Subjektbekundungen  auss  g  •  ^  Röte“  Gestalt“
Einschluß  seiner  Eigenschaften  erfaßlich  „Rot  ,  „  -
„Schwere“  usw  -  im  Sinne  einer  Einheit,  die  ebenso  ihre  Teile
„  cnwere  usw.  wird .  Das  Subjekt  ist  uns  in  gleichem
tragt,  als  sie  von  ihnen  getragen  w  Erleidungen  er-Smne
  als  der  Zusammenschluß  seiner  n
faßlich.  Wenn  aber  die,  das  Körperdmg  tragenden  E.genschaften
•  ...  ,  1  Qnhiekt  tragenden  Relationen  der  Akte  un
„sind  wahrend  die,  das  Subjekt  g  Charakteristik
£ä  «  rrs*
di :  r  ^IL*
Stellung”  zur  Einen  Wirklichkeit  ausmalen;  als  Tat  unseres  Denkens
•  ,  .  &amp;amp;  .  „Avrp-  qo  wenig  zu  verstehen,  aaD  mer
ist  aber  das  eine  wie  das  andere  ^  um  ü5erhaupt  erst
vielmehr  die  Voraussetzungen  g  .  ««fM-isrh
denken  zu  können:  dort  phänomeno  ogisc  ^  Kategorie  der
Die  Akte  und .  Erleld ““Ij  °  ön  Su bj  ektbeziehungen.
Relation  geformt,  im  speziellen  Sl  n  ^  die  nicht  schlechthin
Darunter  kann  bloß  eine  Beziehung  ve  sondern
zwischen  den  Punkten  ihrer  Anknüpfung  Angriffspunkt;
einen  Pol  besitzt  das  will  sagen,  einen  &amp;lt;1  »
und  d  •  t  u  7  Tu-  J  Diese  Qualifikation  des  einen  An-«nd
  das  ist  eben  das  Subjekt.  Dies  Vi  heraus:  dem  pol  eQt .
knupfungspunktes  fordert  auch  J ene  de ,  auch  au f  diesen  Gegenpol
pncht  der  Gegenpol.  Das  Anscha  Bedingung  dafür|  um  die
ube Zlehenj  ergibt  skh  als  die  se  kund  ^  g Wenn  das  Subjekt
Erlebungen  als  Akte  und  Erleidungen  z  F  „: npe  n un
als  Pol  erfaßlich  wird,  so  als  Gegenpol  das  j
        <pb n="585" />
        ,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

566

nicht  an,  das  Subjekt  selber  als  das,  in  die  Subjektbeziehung  „Einbezogene“ ­
  zu  erläutern.  Das  Subjekt  ist  von  primärer  Bedeutung
für  die  Formung  der  Akte  und  Erleidungen,  mit  dem  Subjekte  steht
und  fällt  die  ganze  Subjektbeziehung,  mithin  es  widersinnig  wäre,  das
Subjekt  als  das  ihr  Einbezogene  anzusehen.  Ohne  weiteres  aber  erläutert ­
  sich  das  Objekt  als  das,  in  die  Subjektbeziehung
Einbezogene.
Konstruieren  wir  die  Wendung:  „Der  Blick  des  Lesers  auf  die
Zeilen“,  so  rollt  dies  die  ganze  Subjektbeziehung  sprachlich  auf.  Die
Kohärenz  des  Aktes  gegenüber  dem  Subjekte  ist  hier  nicht  weniger
in  der  Sprachform  markiert  als  auch  die  bloße  Einbezogenheit  des
Objektes.  Die  Tatsache  aber,  daß  die  Formung  primär  durch  den
Bezug  auf  das  Subjekt,  nur  sekundär  durch  den  Bezug  auf  das  Objekt
bedingt  ist,  läßt  sich  an  der  Konstruktion  veranschaulichen:  „Der  Leser
blickt  auf  die  Zeilen“.  Das  zu  „blickt“  abgewandelte  „blicken“  ist
jetzt  keineswegs  der  Ausdruck  jener  gleichbenannten  Erlebung,  die  hier
ja  schon  geformt  erscheint.  Das  „blicken“  besagt  jetzt  vielmehr  jenes
„Zeitwort“,  das  sich  abwandelt,  um  den  Akt  des  „Blickes“  in  verschiedene ­
  Zeiten  zu  rücken,  hier  also  in  die  Gegenwart.  Es  erklärt
sich  übrigens  selber,  daß  gerade  die  unbestimmteste,  die  Infinitivform
des  Zeitwortes,  zum  Ausdruck  der  wohl  zeithaften,  aber  noch  nicht
weiter  geformten  Erlebung  werden  muß.  Nun  wird  jene  Aussage  bezeichnenderweise ­
  auch  dann  nicht  sinnlos,  sobald  man  das  Objekt
unterdrückt:  „Der  Leser  blickt“.  Subjekt  und  Akt  vereint,  finden
also  bereits  ihr  Auslangen  1  Das  Objekt,  das  sekundär  Bedingende,
bleibt  hier  der  anschaulichen  Vorstellung  überantwortet.  Verneint  wird
es  sozusagen  beim  „Blick  ins  Leere“,  in  welchem  extremen  Falle  jedoch
der  „Blick“  selber  zum  Schemen  wird,  die  Formung,  als  eine  noetische,
gleichsam  verkümmert.  Wenn  uns  umgekehrt  die  Konstruktion  „blickt
auf  die  Zeilen“  so  unerträglich  mangelhaft  erscheint,  so  bezeugt  dies
die  primäre  Bedeutung  des  Subjektes  für  alles  noetische ­
  Formen.
Die  Formung  des  Objektes  ist  nicht  mehr  so  lapidar  einfach
wie  jene  des  Subjektes  oder  auch  des  Aktes.  Auch  das  Objekt  wird
als  eine  Relation  geformt,  jedoch  muß  eine  hievon  unabhängige
Formung  als  Substanz  möglich  sein.  Nicht  umsonst  ist  das
Objekt  als  das  bloß  Einbezogene  erfaßlich:  während  sich  Subjekt  und
Akt  in  ihrem  gegenseitigen  Verhältnis  erschöpfen,  wahrt  sich  das
Objekt  eine  relative  Selbständigkeit,  steht  gleichsam  innerhalb
und  außerhalb  der  Subjektbeziehung.  Es  ist  das  Objekt  nicht  Substanz
kraft  des  Aktes,  sondern  zunächst  aus  eigenem  Rechte  Substanz,
        <pb n="586" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  III.

567

und  dann  erst  Relation  zum  Subjektei  Als  dieser  Zwitter
zwischen  Ding  und  Beziehung  ist  das  Objekt  eine  Funktion.  In
die  Objektfunktion  kann  auch  ein  Subjekt  treten,  wobei  dann  eben
noetische  Substanz  die  unumgängliche  Voraussetzung  dafür  abgibt,
ein  noetisches  Objekt  zu  formen.  Ebensogut  kann  aber  die  seitliche
Formung  als  Substanz  eine  phänomenologische  sein:  der  anscheinend ­
  gewöhnliche  Fall.  So  ist  es  bei  den  „Zeilen“,  an  denen
überhaupt  nur  die  Objektfunktion  innerhalb  des  „lesen“  noetisch  ist,
wobei  aber  ein  Hintergrund  phänomenologischer  Substanz  verharrt:
das  so  und  so  gestaltete,  so  und  so  materiell  vorhandene,  in  Tintenrückstand ­
  oder  Druckerschwärze  dargebotene  Raumding.
Gerät  nicht  in  diesen  Fällen  die  noetische  Denkweise  unter  die
Vormundschaft  der  phänomenologischen?  Schon  deshalb  nicht,  weil
es  genügt,  wenn  das  als  Gegenpol  des  Subjekts  zu  Erfassende  auch
nur  formbar  ist  zu  einer  phänomenologischen  Substanz;  die  Formung
selber  ist  nicht  nötig.  Begrifflich  erfaßt  wird  dann  nur  die  Objektfunktion, ­
  während  der  substanzielle  Hintergrund  der  anschaulichen
Vorstellung  überlassen  bleibt.  So  kommen  in  unserem  Beispiele  die
„Zeilen“  überhaupt  nur  als  „Zeichen“  in  Betracht;  das  ist  der  wörtliche ­
  Ausdruck  ihrer  Objektfunktion  innerhalb  des  „lesen“.  Soweithin
ist  aber  die  Formung  rein  noetisch:  „vereinbartes  Zwischenglied  der
Mitteilung“.  Alles,  was  formbar  wäre  zum  früher  erwähnten  Raumding, ­
  das  schwingt  nur  in  anschaulicher  Vorstellung  hier  mit.  So  führt
uns  jenes  Bedenken  eigentlich  nur  darauf  zurück,  wie  gut  sich
das  noetische  Denken  mit  der  Anschauung  zu  stellen
weiß!  Denn  selbst  bei  der  Formung  des  Subjektes,  als  noetische
Substanz,  kann  beliebig  viel  in  anschaulicher  Vorstellung  mitschwingen,
was  seinerseits  zu  phänomenologischer  Substanz  formbar  wäre.  Durch
diese  Fülle  des  Seienden  greift  das  noetische  Denken
stets  mit  großer  Sicherheit  durch  und  langt  nach  dem
„lebendigen  Bande“,  nach  dem  Sinn  der  Wirklichkeit.  Das
früher  erwähnte  Spiel  der  Bilder,  um  die  Aussage  A  herum,  greift  ja
auch  auf  das  „Exterieur  des  Lesers“  über.  Dagegen  ist  der  spielerische
Gedanke  an  eine  bestimmte  „Person“,  die  als  „Leser“  fungiert,
gleichbedeutend  damit,  daß  man  dem  Subjekt  des  „lesen“  die
„noetische  Eigenlage“  anschaulich  zuerkennt  —  wie  es  in  späterer  Folge
erläutert  wird.
Nur  im  Äußerlichen  des  Ausdrucks  hat  es  oft  genug  den  Anschein, ­
  daß  die  noetische  Denkweise  bei  ihrer  Schwester  in  Kost  ginge.
Wir  nennen  die  Dinge,  auch  wenn  wir  sie  bloß  ihrer  Objektfunktion
nach  erfassen,  phänomenologisch.  Das  Sein  ist  dann  aber  bloß
        <pb n="587" />
        568

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

im  Namen,  im  Denken  der  Sinn.  Nur  dem  Worte  nach  pflücken  wir
stets  die  „Rose“,  auch  dann,  wenn  wir  sie  ganz  ungetrübt  von  aller
Phänomenologie  als  „Schmuck“,  als  „Liebeszeichen“,  als  „Augentrost“
gepflückt  hätten.  Oft  ist  dieses  qui  pro  quo  nur  eine  lebensfremde
Abstraktheit  der  Sprechweise;  der  Städter  sieht  „das  Gras  mähen“,
wo  der  Landmann  lebenswarm  davon  spricht,  daß  er  „das  Futter  einheimst“. ­
  Bei  den  noetisch  geformten  Substanzen  ist  es  übrigens  meist
anders;  da  gereichen  die  Gastbegriffe  aus  der  anderen  Denkweise  sogar ­
  zur  höheren  Anschaulichkeit:  „Der  Lange“,  „Rotbart“,  „Sausewind“.
Im  ganzen  ist  das  noetische  Denken  mehr  das  gebende  als  das
nehmende.  Erborgt  es  sich  selber  für  Dinge  und  Eigenschaften
phänomenologische  Namen,  so  zeigen  dafür  die  Relationsbegriffe
des  phänomenologischen  Denkens  fast  durchweg  die  noetische  Prägung:
„kommunizierende  Röhre“,  „Zug“,  „Assoziation“  usw.  Beziehendes
Denken  und  noetischer  Ausdruck  fallen  nun  einmal  überein,  bis  hinauf ­
  zu  den  Gattungsnamen  jener  mathematischen  Ausdrucksformen:
„Gleichung“,  „Potenz“,  „Integral“,  „Exponent“  —  die  nun  erst  in  der
Sache  Wandel  schaffen.  Der  Wahn  aber,  noetisch  denken  hieße  soviel ­
  wie  oberflächlich  denken,  wird  auch  dadurch  genährt,  wie  gesagt,
daß  die  Naturwissenschaft  im  ersten  Zugriff  alles  noetisch  ausdrückt,
um  sich  dann  erst  die  Dinge  in  ihrer  eigenen  Art  zurechtzulegen.
Es  stimmt  mit  dem  fundamentalen  Gegensatz  „aktiv—passiv“  überein, ­
  wenn  die  Subjektbeziehung  in  den  zwei  Formen  des  Aktes  und
der  Erleidung  auftritt;  aber  es  harmoniert  dies  auch  mit  ihrer  polaren
Natur.  Wo  eine  Beziehung  nicht  schlechthin  zwischen  ihren  Anknüpfungspunkten ­
  webt,  sondern  einen  Pol  besitzt,  da  ist  ihr  auch
Bestimmtheit  in  der  Richtung  eigen,  sie  wird  verkehrbar.  So  sind
auch  Akt  und  Erleidung  einander  invers:  Als  Akt  entspringt  die
Subjektbeziehung  beim  Subjekt,  während  sie  als  Erleidung  beim  Subjekt ­
  ausmündet!  Die  Kohärenz  des  Aktes  hat  also  den  näheren
Sinn  des  Ursprungs,  die  Kohärenz  der  Erleidung  aber  jenen  der  Ausmündung ­
  im  Subjekte.  Das  sind  freilich  nur  Bilder;  als  Sache  steht
dahinter  jene  „einzigartig  antithetische“  Natur  des  Subjektes,  die  sich
nur  mehr  konstatieren,  aber  nicht  weiter  erläutern  läßt.
Subjekt,  Objekt,  Akt  und  Erleidung  lassen  sich  wohl  zueinander
ins  Verhältnis  setzen,  aber  keine  von  diesen  Kategorien  ließe  sich  in
die  übrigen  auflöse  n.  So  ist  es  klar,  daß  sich  das  Subjekt  nicht
etwa  als  eine  Komposition  von  Akten  und  Erleidungen  darstellt,  weil
die  letzteren  selber  nur  gemäß  ihrer  Kohärenz  zum  Subjekte  erfaßlich
sind.  Insbesondere  darf  man  die  Erleidung  nicht  so  auffassen,  als
wäre  hier  einfach  das  Subjekt  in  die  Objektfunktion  gedrängt.  Das
        <pb n="588" />
        Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft,  III.

569

Subjekt,  für  welches  die  Erleidung  „gilt“,  wird  ja  durch  das  Anschauliche ­
  hierbei,  durch  die  passive  Erlebung,  aufs  Haar  so  als  Subjekt
bejaht  wie  durch  irgendeine  aktive  Erlebung.  Die  Erleidung  ist  eben
eine  Subjektbeziehung  für  sich,  die  auch  vereinzelt  auftreten  kann,  gar
nicht  anders  wie  der  Akt.  Aber  es  ist  richtig  —  und  so  erklärt  sich
auch  der  Zweifel  an  der  autonomen  Natur  der  Erleidung  —  daß  regelmäßig ­
  auch  dort  eine  Erleidung  in  Geltung  steht,  wo  das  Subjekt
einem  anderen  Subjekte  gegenüber  in  Objektfunktion
tritt;  was  übrigens  auch  gegenseitig  möglich  ist.  Dies  bezieht  sich
auf  jene  Erlebnisse,  die  man,  in  ihrer  Geformtheit,  als  „geschichtliche ­
  und  soziale  Erscheinungen“  anspricht,  denen  der  Psychologismus
mit  dem  Begriffe  der  „psychischen  Wechselwirkung“  beizukommen  sucht.
Hier  tritt  es  dann  ein,  daß  ein  und  dasselbe  Erlebnis  zugleich
auf  eine  Mehrheit  von  Subjekten  bezogen  wird  und  dabei
zugleich  als  Akt  und  Erleidung  erfaßbar  ist.  Dieser,  für  unsere
Wissenschaften  entscheidende  Fall,  daß  sich  das  Dritte  Geschehen  als
multipolares  Geschehen  erfassen  läßt,  kann  hier  nicht  weiter  erläutert ­
  werden.  Zu  diesem  multipolaren  Geschehen  sind  Akte  und
Erleidungen  in  einer  analogen  Weise  verflochten,  wie  dies  an
der  Ausfolge  der  Erlebungen  vorzuweisen  war.  Hier  aber
handelt  es  sich  ausdrücklich  um  subjektfremde  Akte  und  Erleidungen. ­
  Da  nun  Akte  und  Erleidungen,  nach  ihrem  Verhältnis  zu
Subjekten  und  Objekten  im  konkreten  Falle  erfaßt,  das  noetisch  Erfahrene, ­
  Tatsächliche,  das  Faktische  ausmachen,  da  ferner  die  notwendige ­
  Verknüpfung  der  Fakten  das  Problem  der  noetischen
Kausalität  begründet,  so  leitet  es  bereits  in  dieses  Kausalitätsproblem
hinüber,  sobald  wir  erwägen,  in  welcher  Art  im  multipolaren  Geschehen ­
  die  subjektfremden  Akte  und  Erleidungen  verflochten  sind.
Dieses  Problem  und  alles,  was  damit  zusammenhängt,  geht  aber  bereits
die  Frage  nach  den  noetisch  denkenden  Einzelwissenschaften ­
  an,  also  die  Scheidung  zwischen  Sozial-  und  Geschichtswissenschaft. ­
  Denn  es  gehört  offenbar  auch  die  kausale  Deutung
des  Faktischen  mit  zu  jener  „Behandlung“  des  gemeinsamen  Stoffes,
danach  sich  die  beiden  Schwesterwissenschaften  sondern  lassen;
hier  speziell  nach  dem  Geiste,  von  dem  die  Kausaldeutung  getragen
wird,  genauer  gesagt,  nach  dem  Geiste  jener  Einschränkung,  dank
welcher  die  Kausaldeutung  überhaupt  erst  durchführbar,  das  heißt,  für
die  Forschung  praktisch  wird.
Für  sich  irreduktibel,  sind  jene  vier  Kategorien  zugleich  die
einzig  echten  des  noetischen  Denkens.  Auf  diese  vier  Typen  der
erstmöglichen  Formung  läßt  sich  die  ganze  Fülle  der  noetischen
        <pb n="589" />
        570

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“.

Formungen,  lassen  sich  also  alle  Gegenstände  des  sozial-  und
geschichtswissenschaftlichen  Denkens  zurückführen.  Es  sind  diese
Formungen  aber  meist  Kompositionen  aus  Subjekten,  Objekten,
Akten  und  Erleidungen;  von  der  wechselndsten  und  zum  Teil  von
höchst  verwickelter  Art.  Auch  für  die  Art  der  Komposition,
die  von  jenen  erstmöglichen  Formungen  hinführt  zu  den,  in  der  Sozialund
  Geschichtswissenschaft  verwendeten  Begriffen,  sind  Typen  zu  erwarten; ­
  auch  das  ergäbe  dann  allgemeinste  Schemata  der  Begriffsbildung, ­
  denen  man  „formende“,  quasi-kategoriale  Bedeutung
zusprechen  darf.  Wenn  „Substanz“,  „Relation“  usw.  als  Kategorien
der  ersten  Stufe  gelten  und  die  noetischen  Kategorien  dann
schon  auf  der  zweiten  Stufe  stehen,  so  kämen  hier  die  Kategorien
der  dritten  Stufe  in  Frage.  Darunter  vor  allem  jene  Kategorien
des  multipolaren  Geschehens,  die  uns  z.  B.  den  Begriff  des
„Lesers“  als  nach  der  Kategorie  des  „Subjektverhältnisses“  geformt  erläutern, ­
  das  „lesen“  selber  als  spezifisch  gemeinten  „Vorgang“.  Neben
dem  Begriffe  „Leser“  wären  dann  z.  B.  die  Begriffe  „Freund“,  „Genosse“,
„König“,  „Käufer“  usw.  der  gleichen  Kategorie  unterstellt.
Zu  diesen  Kategorien  des  multipolaren  Geschehens  gehört  auch
das  Schema  für  jene  umstrittensten  Formungen  des  noetischen
Denkens,  jene  „sozialen  Kollektivbegriffe“  gleich  „Staat“,
„Familie“,  „Unternehmung“,  über  deren  Natur  „Romanisten“  und
„Germanisten“,  „Realisten“  und  „Nominalisten“  streiten,  die  für  ihren
eigenen  Teil  gedeutet  wurden  bald  als  „höhere  Gegenstände“,  bald  als
„Zeitdinge“,  bald  gar  als  „Potenzen“.  Uns  sind  diese  verwickelten
Kategorien  schon  deshalb  interessant,  weil  sich  die  Schlüsselworte
unserer  Disziplinen  —  „Geschichte“,  „Gesellschaft“,  „Wirtschaft“  —
auf  sie  beziehen.  Auch  diese  Formungen  gehören,  ihrer  Theorie  nach,
schon  in  den  nächsten  Zusammenhang;  mit  allem  zugleich,  was  über
das  multipolare  Geschehen  zu  sagen  ist,  über  diesen  engeren  Gehalt ­
  der  „geschichtlich-gesellschaftlichen“  Wirklichkeit.  Hier  sehen  wir
also  der  sachlichen  Entwicklung  der  Begriffe  entgegen,  für
welche  zunächst  nur  rettende  Worte  einspringen,  spricht  man  vom
„Geschichtlichen“  oder  vom  „Sozialen“.
        <pb n="590" />
        Das  Problem  und  die  Umrisse  seiner  Lösung.

Über  das  Verhältnis  zwischen  Geschichts-  und  Sozialwissenschaft
handelt  die  folgende  Untersuchung  nicht  in  jener  empirischen  Art,  daß
sie  die  „Gebiete“,  oder  die  „Gegenstände“,  oder  die  „Aufgaben“  der
beiden  Disziplinen  vergleicht.  Sie  zieht  auch  nicht  die  Grenze  zwischen
den  Problemen,  die  einerseits  die  Geschichte,  andererseits  die  Sozialwissenschaft ­
  zu  lösen  hätte.  Bei  solchem  Vorgehen  käme  für  das  Verständnis ­
  der  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung  wenig  heraus,  und
nur  in  dieser  fachwissenschaftlichen  Absicht,  die  Bildung  unserer  Begriffe
richtig  zu  verstehen,  ist  das  Problem  gestellt;  aber  gerade  deshalb  muß
es  vom  Boden  der  Erkenntnistheorie  aus  gelöst  werden.  Es  gilt,
daß  man  die  beiden  Disziplinen  erkenntnistheoretisch  untersucht  und
nachforscht,  wie  sie  aus  spezifischen  Denkvorgängen  sich  aufbauen. ­
  Für  beide  Disziplinen  zugleich  muß  dies  geschehen,  weil  man
jene  Denkvorgänge  nur  dann  scharf  erfaßt,  wenn  man  noch  den
Gegensatz  herauszufinden  sucht,  der  zwischen  diesen  Disziplinen
trotz  ihrer  Verwandtschaft  besteht.  Geht  man  so  vor,  dann  enthüllt
sich  in  der  Tat  die  ganze  Eigenart  der  Begriffsbildung  in  diesen  Disziplinen.
Auf  diesen  Erfolg  war  aber  von  Beginn  an  die  ganze  Untersuchung
angelegt.  Daher  genügt  ein  Rückblick  auf  die  Ergebnisse
bisher,  um  das  Problem  gleich  im  rechten  Lichte  vorzuführen.
Diese  Ergebnisse  waren  ganz  allgemeiner  Natur;  einerseits  die  Darlegung, ­
  wie  die  Bildung  der  Begriffe  vom  Ziele  unserer  Erkenntnis
abhängt,  andererseits,  wie  sie  vom  Stoffe  unserer  Erkenntnis  abhängt.
Zweifellos  wäre  es  eine  Aufgabe  der  allgemeinen  Erkenntnislehre,
diese  Untersuchungen  anzustellen.  Will  sich  aber  die  Methodologie
einer  Fachwissenschaft  über  derlei  Fragen  instruieren  und  sie  findet
statt  der  ausgereiften  Ergebnisse,  deren  sie  bedürfte,  um  auf  ihnen
weiterzubauen,  eigentlich  nur  Versäumnisse  vor,  dann  bleibt  eben
nichts  anderes  übrig,  sie  muß  auf  eigene  Gefahr  in  die
Tiefen  jener  Fragen  dringen,  bis  sie  wieder  festen
Boden  unter  sich  fühlt.
        <pb n="591" />
        574

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Versäumnisse  lagen  tatsächlich  in  beiden  Richtungen  vor.  Es  entgeht ­
  der  herrschenden  Lehre,  daß  die  Begrififsbildung  jedesmal  eine
andere  ist,  je  nachdem  unser  Erkennen  auf  das  Allgemeine  oder
auf  das  Besondere  abzielt;  denn  als  Erkenntnisziel  gilt  überhaupt
nur  das  Allgemeine.  Es  ist  nun  wahr,  unser  Denken  trennt  sich  niemals ­
  vom  Allgemeinen,  da  seine  Elemente  notwendig  abstrakte  sind.
Dies  wird  aber  in  falscher  Analogie  auf  das  Ziel  unseres  Erkennens
ausgedehnt  So  erwächst  die  Meinung,  daß  die  wissenschaftlichen
Begriffe  durchweg  Allgemeinbegriffe  seien  und  jede  auf  Erfahrung
gegründete  Wissenschaft  also  darin  gipfeln  müßte,  daß  man  „Gesetze“
erfaßt.  Nun  ist  zwar  der  Korrektur  dieses  Irrtums  die  Bahn  längst
gebrochen;  zuletzt  hat  es  Rick  er  t  umfassend  gezeigt,  wie  sich  insbesondere ­
  in  der  Geschichtswissenschaft  das  Besondere  als  Ziel  unserer
Erkenntnis  bewährt.  Es  hat  aber  gegolten,  das  logische  Verfahren
selber,  das  wir  dabei  befolgen,  in  seiner  Reinheit  darzustellen,  losgelöst ­
  von  seiner  Anwendung  in  irgendeiner  Fachwissenschaft  Der
Zweck  dieser  „Theorie  des  Individuellen“  war  ein  doppelter.  Erstens
ließ  sich  bloß  durch  die  scharfe  Analyse  des  Verfahrens  dartun,  daß
letzteres  völlig  ebenbürtig  dem  anderen  Verfahren  sei,  nämlich  der
Bildung  von  Allgemeinbegriffen.  Zweitens  ergaben  sich  alle  Voraussetzungen, ­
  an  welche  die  Anwendung  dieses  Verfahrens  gebunden
ist.  Beides  aber  erweist  sich  von  ausnehmendem  Belang  für  das  Verständnis ­
  der  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung  1  Der  erstere  Nachweis ­
  räumt  mit  dem  Vorurteil  auf,  als  ob  auch  die  Sozialwissenschaft,
um  Wissenschaft  zu  bleiben,  in  Allgemeinbegriffen  und  „Gesetzen“
aufgehen  müsse.  Die  Kenntnis  jener  Voraussetzungen  wieder  bietet
den  Schlüssel  dar  zur  Lösung  eines  Problems,  das  für  unsere  fachliche
Methodologie  das  fundamentale  bleibt:  wie  sich  innerhalb  der  Sozialwissenschaft ­
  die  „nomothetische“  und  die  „idiographische“  Begriffsbildung ­
  zueinander  stellen.  Im  Rahmen  der  Lösung  dieses  Problems
läßt  sich  der  ganze  Streit  zwischen  „Historikern“  und  „Theoretikern“
in  unseren  Disziplinen  schlichten,  soweit  er  begriffstechnischer  Natur
ist,  also  der  Methodologie  der  Darstellung  zur  Entscheidung  anheimfällt.
Die  Lösung  dieses  Problems  setzt  jedoch  voraus,  daß  man  über
die  Sozialwissenschaft  selber  prinzipiell  im  klaren  ist.  Hier  also  schiebt
sich  die  erkenntnistheoretische  Erwägung  ein,  wie  Sozialwissenschaft ­
  überhaupt  als  Erfahrungswissenschaft  möglich
ist.  Für  den  Vollzug  dieser  Erwägung  gebricht  es  nun  schon  ganz
und  gar  an  der  richtigen  Instruktion;  hier  waren  Lücken  auszufüllen ­
  in  Bezug  auf  ganz  fundamentale  Verhältnisse
unseres  Erkennensl  Dies  konnte  natürlich  bloß  ad  hoc  versucht
        <pb n="592" />
        Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

575

werden,  nur  soweithin,  daß  die  Lösung  gerade  noch  hinreicht,  um  bestimmte ­
  Eigenheiten  unseres  fachlichen  Denkens,  denen  man  sonst
gar  nicht  beikäme,  von  ihren  letzten  Gründen  her  zu  beleuchten.
Hiefür  waren  Dilthey  und  Münsterberg  vorbildlich.
Die  herkömmliche  Auffassung  weiß  nur  von  einer  Art,  wie  sich
das  anschauliche  Erlebnis  —  das  in  der  Relation  auf  unser  Erkennen
die  Wirklichkeit  darstellt  —  in  begriffliches  Denken  so  umsetzt,  daß
Erfahrung  zustandekommt.  Man  hat  dabei  jenen  Modus  der  Erfahrung,
jene  Denkweise  einseitig  im  Auge,  bei  der  sich  das  Anschauliche  seiner
„Mannigfaltigkeit“  nach  in  Begriffe  umsetzt,  womit  gleichsam  das
„Sein“  der  Wirklichkeit  in  unser  Denken  eingeht.  Gleich  in  diesem
Falle  wird  ein  bestimmter  „Stoff“  zu  unseren  Begriffen  geformt,  im
Sinne  des  Umsatzes  vom  Anschaulichen  ins  Begriffliche,  und  zwar
nach  der  Anweisung  bestimmter  Kategorien;  dieser  Stoff  setzt  sich
aus  den  „Erscheinungen“  zusammen,  sinnlicher  und  seelischer  Art.
Dies  die  Denkweise,  die  man  herkömmlich  als  die  einzigmögliche  vermeint; ­
  daher  also  auch  die  Sozial  Wissenschaft  von  ihr  getragen  wäre,
nicht  anders,  als  dies  z.  B.  für  die  Naturwissenschaft  tatsächlich  der
Fall  ist.
Nun  ließ  sich  aber  noch  ein  ganz  anderer  Modus  der  Erfahrung
nachweisen.  Er  entgeht  der  Theorie  unseres  Denkens,  weil  er  fast
unzertrennlich  von  der  Praxis  unseres  Denkens  ist  und  so  das  ganz
und  gar  Selbstverständliche  bleibt,  an  dem  sich  unser  theoretisches
Interesse  eben  nicht  verfängt!  Außer  jener  „phänomenologischen“
Denkweise  existiert  also  noch  eine  andere,  die  „noe  tische“;  und
noetisch  denken  wir,  wie  gesagt,  fast  ununterbrochen,  mit  Ausnahme
der  Fälle  nämlich,  sobald  wir  im  strengsten  Sinne  naturwissenschaftlich ­
  oder  mathematisch  denken.  Diese  Ausnahmefälle,  bei  denen  es
sich  um  die  Übung  eines  nach  Zweck  und  Anwendbarkeit  durchaus
einseitigen  Kunstdenkens  handelt,  haben  jedoch  das  Interesse  der
Philosophen  von  jeher  so  kaptiviert,  daß  ihnen  das  natürliche
Denken  ganz  außer  Sehweite  bliebl  Bei  dieser  natürlichen,
der  noetischen  Denkweise  die  wir  als  handelnde  Subjekte  unter  Subjekten ­
  unablässig  betätigen,  erfaßt  man  das  Erlebnis  nicht  seiner
Mannigfaltigkeit,  sondern  seinem  anschaulichen  Zusammenhang ­
  nach;  und  damit  übergeht  gleichsam  der  „Sinn“  der  Wirklichkeit ­
  in  unser  Denken.  Nicht  seelische  und  nicht  sinnliche  Erscheinungen ­
  bilden  hier  den  Stoff,  der  zu  begrifflicher  Formung  gedeiht,
sondern  ein  spezifisches  Drittes  macht  hier  den  Stoff  aus:  die  „Erlebungen“.
  Auch  vollzieht  sich  das  Formen  dieses  Stoffes  nach  besonderen ­
  Kategorien  —  Subjekt,  Objekt,  Akt  und  Erleidung
        <pb n="593" />
        576

„Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung 1 ',

—  durchweg  Kategorien,  welche  der  phänomenologischen  Denkweise
notwendig  fremd  bleiben.
Es  kann  nicht  einen  Augenblick  im  Zweifel  sein,  daß  in  der
Sozialwissenschaft  die  noetische  Denkweise  rege  ist.  Dreht
sich  doch  in  dieser  Wissenschaft  alles  um  das  Handeln  und  Leiden
der  zueinander  Stellung  nehmenden  Subjektei  Darum  durfte  in  diesem
Zusammenhang  der  aus  Erlebungen  gewobene  Stoff,  das  noetisch  Erfahrbare, ­
  gleich  als  der  „Stoff  der  Sozialwissenschaft“  vorgeführt  werden.
Diese  Gleichsetzung  des  sozialwissenschaftlichen  mit  einer  Spielart  des
noetischen  Denkens  bedarf  auch  deshalb  keines  weiteren  Beweises,  weil
die  ganze  spätere  Untersuchung  die  Probe  darauf  machen  wird.
Die  Frage,  wie  Sozialwissenschaft  möglich  ist,  hat  offenbar  schon
ihre  erste  Antwort  gefunden,  wenn  man  in  der  Sozialwissenschaft  ein
Gebiet  der  noetischen  Erfahrung  erkennt.  Wir  ermessen
sofort,  es  sondert  sich  daraufhin  die  Sozialwissenschaft  von  aller
Naturwissenschaft  ab,  einschließlich  der  Psychologie,  weil  dies  wieder
Gebiete  der  phänomenologischen  Erfahrung  sind.  In  der  Tat,  auch
die  Psychologie,  als  Wissenschaft  von  den  psychischen  Erscheinungen,
hat  nichts  mit  der  noetischen  Denkweise  zu  tun.  Nur  der  laxe
Sprachgebrauch,  der  sich  einmal  eingebürgert  hat,  verleitet  uns,  von
„Psychologie“  selbst  in  jenem  grundsätzlich  ganz  verschiedenen ­
  Falle  zu  reden,  wenn  es  sich  um  das  stellungnehmende ­
  Subjekt  handelt!  Dann  handelt  es  sich  eben  nicht
um  psychologische,  sondern  um  noetische  Erwägungen;  und  nennen
wir  beispielsweise  einen  Dichter  einen  „guten  Psychologen“,  so  ist  er
in  Wahrheit,  weil  er  die  kausale  Verflechtung  des  noetisch  Erfahrbaren ­
  geistig  zu  beherrschen  weiß,  ein  guter  N  o  e  t  i  k  e  r.  Ein  eigentlicher, ­
  organischer  Zusammenhang  zwischen  Psychologie  und  Sozialwissenschaft ­
  fehlt  in  dem  gleichen  grundsätzlichen  Sinne,  als
sich  die  noetische  von  der  phänomenologischen  Denkweise  sondert.
Natürlich  gehört  es  auf  ein  ganz  anderes  Blatt,  in  welchem  Sinn  und
Ausmaß  es  der  Sozialwissenschaft  trotzdem  gelingt,  naturwissenschaftliche, ­
  also  auch  psychologische  Wahrheiten  für  ihre  eigenen  Zwecke
zu  verwerten,  und  so  auch  umgekehrt.  Es  ist  ein  Schulbeispiel ­
  oberflächlichen  Denkens,  vermengt  man  diese
zwei  Verhältnisse  miteinander!
Als  Gebiet  der  noetischen  Erfahrung  steht  die  Sozialwissenschaft
nicht  allein.  Von  Wissenschaften  in  der  Art  der  Ethik,  oder  der
Jurisprudenz,  müssen  wir  zunächst  absehen;  sie  kommen  für  den
ersten  Umblick  nicht  in  Betracht,  so  unverkennbar  ihre  noetische
Artung  ist;  wäre  doch  erst  ihr  besonderes  Verhältnis  zur  Erfahrung
        <pb n="594" />
        Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

577

abzuklären.  Unter  den  Erfahrungswissenschaften  selber  ist  es  dagegen
die  Geschichte,  von  der  es  nicht  minder  unmittelbar  offenliegt,
daß  sie  auf  noetischer  Erfahrung  beruht.  Sozial-  und  Geschichtswissenschaft ­
  teilen  sich  somit  in  den  gleichen
Stoff  der  Begriffsbildung.  Will  man  also  in  der  Antwort  auf
die  Frage,  wie  Sozialwissenschaft  möglich  ist,  bis  ans  Ende  gehen,  so
bedarf  es  einer  reinlichen  Scheidung  zwischen  diesen
beiden  Disziplinen  der  noetischen  Erfahrung;  erst  dann,
sobald  uns  ihr  Nebeneinander  einleuchtet,  wird  uns  jede  einzelne  von
ihnen  in  ihrer  eigenen  Existenz  verständlich.  So  ersteht  das  Problem
der  folgenden  Untersuchung  1  Man  sieht,  es  ist  von  Haus  aus  erkenntnistheoretisch ­
  orientiert,  da  es  in  die  Frage  ausläuft,  warum
und  in  welcher  Art  das  Gebiet  der  noetischen  Erfahrung  in  die  zwei
Disziplinen  zerfällt,  in  Geschichte  und  Sozialwissenschaft.  Weil  aber
die  noetische  Erfahrung  gleichwertig  ist  einer  spezifischen  Art  der
Begriffsbildung,  so  verspricht  auch  die  Lösung  des  Problems,  eben
jene  Differenzierung  der  noetischen  Erfahrung  zu  Geschichte  und
Sozialwissenschaft,  den  tiefsten  Einblick  in  das  Wesen  der  sozialwissenschaftlichen
  Begriffsbildung.
Nun  wäre  das  Problem  noch  als  solches  näher  zu  entwickeln.
Gleich  dazu  sei  einiger  Abwege  seiner  Lösung  gedacht.  Es  verurteilt ­
  sich  selber  als  „common  sense  -  Lösung“  niederster  Gattung,
teilt  man  der  Geschichte  die  Vergangenheit  dessen  zu,  von  dem
die  Sozialwissenschaft  die  Gegenwart  behandelt  Übrigens  sprechen
wir,  ziemlich  in  diesem  Geiste,  sofort  von  Sozial-„Geschichte“,  von
Wirtschafts-„Geschichte“,  sobald  sich  der  Sozialforscher  der  Vergangenheit ­
  zuwendet  1  Diese  Ausdrucksweise  empfiehlt  sich  demnach
soweithin  der  Kritik,  als  ihr  eben  eine  Auffassung  zu  unterliegen
scheint,  die  für  ihren  Teil  nicht  ernst  zu  nehmen  ist.  Nicht  viel  besser
wäre  es  um  den  Versuch  bestellt,  die  beiden  Disziplinen  in  der
Weise  zu  sondern,  daß  man  nachsinnt,  was  „Geschichte“  und  was
„Gesellschaft“  bedeute;  oder  auch,  was  man  sich  unter  dem  „Historischen“ ­
  und  dem  „Sozialen“  vorzustellen  habe.  Das  sind  zunächst
doch  nur  Worte,  die  wir  in  vielerlei  Sinn  und  aus  vielerlei  Anlässen
verwenden,  und  so  auch  dazu,  den  empirisch  herausgefühlten  Gegensatz
zweier  Disziplinen  auf  ein  bündiges  Schlagwort  zu  bringen.
Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  sich  diesen  Worten  gerade  dann,
wenn  man  sie  so  verwendet,  bestimmte  Begriffe  verknüpfen.  Ob
dies  zutrifft,  und  um  welche  Begriffe  es  sich  handelt,  läßt  sich  jedenfalls ­
  erst  dann  entscheiden,  sobald  wir  einen  sachlichen  Einblick
in  die  Verhältnisse  erlangen,  die  mit  Hilfe  jener  Worte  schlagv. ­

  G  ö  ttl-O  tt  lil  i  e  n  f  e  1  d,  Wirtschaft  als  Leben.

37
        <pb n="595" />
        57 8

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

wörtlich  ausgedrückt  sind.  So  gehört  also  die  sogenannte
„Bestimmung“  dieser  Ausdrücke  nicht  an  den  Anfang,
sondern  an  das  Ende  der  Untersuchung!  Die  Erkenntnistheorie ­
  darf  diese  Ausdrücke  keinesfalls  so  als  Schlüsselworte  unserer
Disziplinen  behandeln,  wie  es  sonst  in  aller  Regel  beliebt  wird.  Wir
halten  uns  vielmehr  an  den  sachlichen  Schlüssel,  den  uns  die  Einsicht ­
  bietet,  daß  Sozialwissenschaft  und  Geschichte  Erfahrungswissenschaften ­
  seien,  und  zwar  die  Wissenschaften  der  noptischen ­
  Erfahrung.  Zwar  legt  sich  auch  dann  noch  eine  Art
„common  sense-Lösung“  nahe:  in  der  Sozialwissenschaft  wäre  das
Allgemeine,  in  der  Geschichte  das  Besondere  das  Ziel  unserer
Erkenntnis!  Vor  diesem  Abweg  behütet  uns  das  früher  erwähnte
Problem,  das  ja  ausdrücklich  mit  der  Tatsache  rechnet,  wie  innerhalb
der  Sozialwissenschaft  das  Allgemeine  und  das  Besondere  als  Ziele
unserer  Erkenntnis  abwechseln  —  Dinge,  die  Karl  Meng  er  schon
vor  fünfundzwanzig  Jahren  außer  Zweifel  gestellt  hat,  allerdings  ohne
daß  unsere  fachliche  Methodologie  den  Wert  dieser  Einsicht  zu  würdigen ­
  vermochte.
Die  Lösung  unseres  Problems  gerät  allemal  auf  Abwege,  solange
wir  uns  unvermittelt  fragen,  wie  sich  die  beiden  Disziplinen  voneinander ­
  sondern.  Es  bedarf  notwendig  der  Vorfrage,  wie  weit  die
Einheit  im  Gebaren  der  beiden  Disziplinen  reicht.
Zu  allererst  darüber  müssen  wir  Klarheit  gewinnen.  Für  unsere
letzten  Zwecke  ist  diese  Vorarbeit  ganz  besonders  wichtig.  Denn
nur,  um  ihre  Begriffsbildung  zu  studieren,  dringen  wir  in  das  Wesen
der  Sozialwissenschaft  ein.  Nun  teilt  aber  diese  Wissenschaft  von
ihres  Wesens  Art  ein  gut  Stück  mit  der  Geschichte;  vielleicht  sogar
das  beste  Stück,  soweit  es  eben  die  Begriffsbildung  angeht.  Sind
doch  beide  Disziplinen  erstens  Erfahrungswissenschaften,  zweitens  und
besonders  aber,  unterliegt  doch  beiden  gemeinsam  die  noetische  Erfahrung. ­
  Damit  ist  schon  zum  größten  Teile  über  das  ganze  Gebaren ­
  dieser  Wissenschaften  entschieden,  insbesondere  auch  über
die  Eigenheit  ihrer  Begriffsbildung.  Zwar  wird  sich  auch  noch  der
Gegensatz  zwischen  den  beiden  Disziplinen  je  in  ihrer  Begriffsbildung
geltend  machen;  da  handelt  es  sich  jedoch  nur  mehr  um  die  feinere
Abtönung  des  Bildes,  das  in  seinen  wuchtigen  Zügen  schon  vorher
feststeht.
Im  Prinzipe  ist  es  leicht  einzusehen,  wie  weit  die  Einheit  im
Vorgehen  der  beiden  Disziplinen  reicht.  Da  sie  Erfahrungswissenschaften ­
  sind,  gehen  sie  notwendig  im  Geiste  der  einfachen  Formel
vor,  daß  man  Tatsachen  feststellt  und  sie  verarbeitet;
        <pb n="596" />
        Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

579

verarbeitet  werden  die  Tatsachen,  indem  man  sie  einerseits  kausal,
andererseits  begrifflich,  z.  B.  also  klassifikatorisch,  zu  verknüpfen ­
  sucht.  So  weit  reicht  die  Einheit  im  Vorgänge  aller
Erfahrungswissenschaften  überhaupt.  Für  jene  beiden  Disziplinen
reicht  sie  aber  noch  weit  darüber  hinaus:  Man  muß  dem  überaus
wichtigen  Umstand  Rechnung  tragen,  daß  beiden  Disziplinen  gemeinsam ­
  die  noetische  Erfahrung  unterliegt!  Es  ist  wohl  ohne
weiteres  klar,  daß  ein  so  spezifischer  Modus  im  Erfahren  einen  gewaltigen ­
  Einfluß  darauf  ausübt,  wie  man  Tatsachen  feststellt  und  sie
verarbeitet.  So  macht  es  speziell  für  die  sozialwissenschaftliche  Begriffsbildung ­
  den  Grundstock  ihres  Wesens  aus,  daß  sich  in  ihr  die
Poetische  Denkweise  auslebt.
Dieser  tiefgreifende  Einfluß  der  Denkweise  auf  das  ganze  Gebaren,
insbesondere  also  auf  die  Begriffsbildung  einer  Wissenschaft,  bleibt  der
herrschenden  Lehre  ganz  außer  Sehweite.  Sie  weiß  ja  nichts  von
einem  Gegensatz  im  Modus  des  Erfahrens,  was  dasselbe  sagt,  in  der
Denkweise.  Sie  kennt  theoretisch  nur  die  eine,  die  phänomenologische
Denkweise,  und  danach  hält  sie  auch  das  Gebaren  aller  Erfahrungswissenschaften ­
  für  ein  im  Prinzipe  einheitliches.  Für  sie  versteht
sich  der  „Universalismus  der  Methoden“  in  solchem  Grade  von  selber,
daß  er  nur  ausnahmsweise  betont  wird.  Nur  dann  geschieht  dies,
wenn  es  eine  gegenteilige  Meinung  abzuwehren  gilt,  die  dann  wohl
als  „Eigenbrödelei“  einzelner  Disziplinen  abgefertigt  wird.  Aber  mit
dem  gleichen  Rechte,  wie  hier  den  zwei  Gruppen  der  Erfahrungswissenschaften ­
  ihre  spezifischen  Methoden  abgesprochen  werden,  könnte
man  es  etwa  den  Wassertieren  als  „Eigenbrödelei“  auslegen,  daß  sie
Kiemen  statt  der  Lungen  haben!  Freilich  ist  der  hier  bedingende
Gegensatz  zwischen  Wasser  und  Land  leichter  zu  erfassen,  als  jener
zwischen  noetischer  und  phänomenologischer  Denkweise,  der  immerhin
erst  durchdacht  sein  will;  gleiches  gilt  ja  auch  von  dem  Gegensatz
zwischen  nomothetischem  und  idiographischem  Verfahren.  Darum  gehört ­
  auch  das  Schlagwort  vom  „Universalismus  der  Methoden“  zu
jener  nichtsnutzigen  Sorte,  die  von  der  Ignoranz  lebt  und  sich  dabei
von  der  Denkfaulheit  aushalten  läßt.
Der  Einfluß  auf  das  Gebaren  einer  Wissenschaft,  den  die  Denkweise ­
  ausübt,  von  der  sie  getragen  wird,  wird  sich  hauptsächlich  nach
drei  Richtungen  hin  geltend  machen.  Erstens  in  bezug  auf  die  Tatsachen, ­
  von  denen  die  betreffende  Wissenschaft  ausgeht.  Die
spezifische  Denkweise  wird  ebensowohl  die  Natur  der  Tatsachen,  als
auch  die  Art  ihrer  Feststellung  spezifisch  beeinflussen.  Die  Tatsache
ist  dann  nicht  als  ein  Stückchen  Wirklichkeit  zu  verstehen;  das  ent-37*
        <pb n="597" />
        580

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

spräche  der  naiven  Anschauung,  die  sich  auch  im  Sprachgebrauch
durchsetzt.  Für  die  Methodologie  ist  die  Tatsache  immer  schon  aufgefaßte ­
  Wirklichkeit:  das  Anschauliche  ist  dann  notwendig  schon  in
begriffliches  Denken  umgesetzt.  Was  nämlich  den  Erfahrungswissenschaften ­
  als  Tatsache  unterlegt  wird,  entspricht  dem  Inhalte  einer
evidenten  Aussage  über  Konkretes.  Da  nun  die  Tatsache  von  notwendig ­
  begrifflichem  Charakter  ist,  macht  sich  in  ihr  die  spezifische
Denkweise  geltend;  gibt  es  zwei  Denkweisen,  dann  auch  zweierlei
Tatsachen.  Kraft  ihrer  spezifischen  Natur  treten  also  phänomenologische ­
  und  noetische  Tatsache,  „Datum“  und  „Faktum“  auseinander. ­
  Geschichte  und  Sozialwissenschaft  sind  daher  vor  allem
darin  eins,  daß  sie  beide  von  noetisch  gearteten  Tatsachen,  von
„Fakten“  ausgehen.  So  wird  sich  die  Untersuchung  an  erster  Stelle
mit  der  Natur  der  „Fakten“  und  mit  der  Art  ihrer  Feststellung  beschäftigen. ­
  Sie  streift  hierbei  auch  das  Problem  der  „Deutung“:
Das  Feststellen  der  „Fakten“  darf  wohl  seinem  Erfolge  nach  als
„Deutung“  bezeichnet  werden;  denn  hier  wird  etwas  in  Begriffe  umgesetzt, ­
  das  sich  bildlich  als  der  „Sinn“  der  Wirklichkeit  bezeichnen
läßt.  In  der  Sache  jedoch  hat  dies  selbst  dann  nichts  mit  einer
„Deutung“  zu  tun,  wenn  die  Feststellung  im  Angesichte  der  anschaulichen ­
  Wirklichkeit,  aus  dem  Erlebnis  heraus,  erfolgt  1  Das  ganze
Verständnis  der  noetischen  Denkweise  hängt  an  dieser
Einsicht.  Noch  weniger  aber  hat  das  Feststellen  der  „Fakten“  den
Sinn,  daß  man  den  physischen  Daten  psychische  Daten  interpoliert;
dieses  grobe  Mißverständnis  macht  die  „psychologistische“  Verkennung
der  Noetik  aus.
Zweitens  prägt  sich  die  spezifische  Denkweise  auch  in  der  Art  der
kausalen  Verknüpfung  von  Tatsachen  aus.  Um  die  metaphysischen ­
  Anschauungen  über  Kausalität  braucht  sich  zum  mindesten
die  fachwissenschaftliche  Methodenlehre  nicht  zu  kümmern.  Ihr  gilt
die  Kausalität  einfach  als  ein  Zusammenhang  zwischen
Tatsachen,  der  uns  so  erfaßlich  wird,  daß  sich  die  betreffenden ­
  Tatsachen  gemäß  dem  Satz  vom  Grunde  aufeinander ­
  beziehen  lassen.  Allerdings  schwebt  uns  dabei  sofort
das  Verhältnis  zwischen  „Ursache“  und  „Wirkung“,  sowie  das  „Naturgesetz“ ­
  vor.  Das  sind  nämlich  die  Formen,  die  der  Kausalnexus  aufweist, ­
  sobald  wir  die  phänomenologische  Denkweise  üben;  jene
Formen  also,  in  denen  die  phänomenologisch  gearteten  Tatsachen,  die
«Daten“  kausal  verknüpft  werden.  Nun  fällt  aber  die  kausale  Verknüpfung ­
  notwendig  ganz  anders  aus,  sobald  noetisch  geartete  Tatsachen, ­
  „Fakten“  in  Frage  kommen.  Im  Gegensatz  zu  den  „Daten“'
        <pb n="598" />
        Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

S 8r

•sind  die  „Fakten“  schon  in  sich  eitel  Zusammenhang;
sie  fordern  daher  eine  grundsätzlich  andere  Art  ihrer  Verknüpfung  heraus. ­
  Wir  haben  uns  freilich  gewöhnt,  von  „Ursache  und  Wirkung“
auch  dort  zu  reden,  wo  „Fakten“  kausal  verknüpft  werden.  Doch
klingt  es  dem  geschulten  Ohre  schon  einigermaßen  naiv,  fragt  man
etwa  nach  den  „Ursachen“  der  französischen  Revolution,  als  handelte  es
sich  um  eine  Pulverexplosion,  und  als  ob  die  Kausalerklärung  mit  jener
gewissen  Unterscheidung  zwischen  „bedingenden“  und  „auslösenden“
Ursachen  ihr  Auslangen  fände,  die  selbst  im  Bereiche  des  phänomenologischen ­
  Denkens  nicht  ernst  zu  nehmen  ist.  Hier  wird  es  also  fühlbar, ­
  daß  uns  die  theoretische  Einsicht  darin  fehlt,  wie  man  eigentlich
die  „Fakten“  kausal  verknüpft.  Es  liegt  ja  auf  der  Hand:  muß  die
Methodologie  mit  zweierlei  Tatsachen  rechnen,  dann  auch  mit
zweierlei  Kausalitätl
Sozialwissenschaft  und  Geschichte  finden  also  auch  darin  zusammen,
daß  sie  beide  ihre  Tatsachen  im  Geiste  der  noetischen  Kausalität
erklären.  An  zweiter  Stelle  sind  daher  die  spezifischen  Formen  dieser
Art  Kausalität  zu  untersuchen.  Es  stellt  sich  dann  heraus,  daß  unseren
Disziplinen  weder  die  „Erklärung  aus  der  Ursache“,  noch  die  „Erklärung ­
  aus  dem  Zweck“  den  Charakter  verleiht.  So  ist  es  ein  Streit
um  des  Kaisers  Bart,  der  darüber  so  heftig  geführt  wird.  „Ursachen“
kennt  die  noetische  Kausalität  überhaupt  nicht.  Schon  das  Problem
der  Erklärung  ist  hier  ganz  anders  gestellt.  Da  liegt  stets  ein  in  sich
zusammenhängendes  Geschehen  vor,  dessen  Verlauf  nun  restlos  auf  Bedingungen ­
  zurückzuführen  ist,  die  sich  in  zwei  Arten  sondern:  einerseits
die  „Dominanten“,  als  die  primären,  dem  Geschehen  selber  inhärenten
Bedingungen  seines  Verlaufs,  zur  anderen  Seite  die  sekundären  Bedingungen, ­
  die  in  der  objektiven  Sachlage  wurzeln,  die  „Determinanten“.
Die  „Erklärung  aus  dem  Zweck“  aber  ist  nur  ein  handliches ­
  Surrogat  der  noetischen  Kausalerklärung.  Das
Schema  von  „Zweck  und  Mittel“  hat  sich  das  praktische  Handeln  für
seinen  eigenen  Vollzug  zurecht  gelegt.  Darum  sind  wir  als  Handelnde
stets  versucht,  über  die  Dinge  des  Handelns  in  diesen  „pragmatischen“
Kategorien  zu  denken.  Auf  dieses  bloße  Surrogat  der  Erklärung
schränkt  sich  übrigens  die  Praxis  des  Wissenschaftsbetriebes  absolut
nicht  ein.  Nur  die  Theorie  will  uns  gelegentlich  einreden,  daß  unsere
Disziplinen  auf  die  „Erklärung  aus  dem  Zweck“  angewiesen  seien.
Zwischen  diesen  „pragmatischen“  und  den  kausaltheoretischen  Kategorien ­
  besteht  überhaupt  nur  ein  schiefer  Gegensatz,  der  uns  über  die
Eigenheit  unserer  Disziplinen  niemals  aufklären  kann;  dazu  bedarf  es
        <pb n="599" />
        582

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

erst  der  Einsicht  in  den  richtigen  Gegensatz,  in  jenen  zwischen!
phänomenologischer  und  noetischer  Kausalität  I
An  dritter  Stelle  wird  der  Einfluß  zu  untersuchen  sein,  den  die
spezifische  Denkweise  geradeaus  auf  die  Begriffsbildung  nimmG
Durch  die  Welt  der  sozialen  und  historischen  Begriffe  geht  schon
darum  ein  streng  einheitlicher  Zug,  weil  ihnen  allen  am  letzten  Ende
die  noetischen  Kategorien  unterliegen:  Subjekt,  Objekt,  Akt
und  Erleidung.  Diese  Kategorien  sind  nicht  als  Begriffe  von  höchster
Allgemeinheit  zu  verstehen,  sondern  besagen  gleichsam  die  Begriffs  -
möglichkeiten,  die  Typen  der  primären  Formung  des  Anschaulichen. ­
  Auch  schließen  an  diese  Kategorien  nicht  gleich  die  Begriffe
an,  nach  denen  wir  die  Wirklichkeit  auffassen,  sobald  wir  Tatsachen
feststellen.  Es  vermitteln  dazwischen  erst  noch  sekundäre  Kategorien,
Typen  der  weiteren  Formung  des  Anschaulichen.  Dazu  gehören  insbesondere ­
  jene  Kategorien  des  multipolaren  Geschehens,
die  recht  eigentlich  die  gemeinsame  Grundlage  der  Begriffswelt  beider
Disziplinen  sind.  Es  ist  diesen  Disziplinen  eigen,  daß  sie  das  in  den
noetischen  Kategorien  Denkbare,  das  „Dritte  Geschehen“,  in  aller
Regel  so  erfassen,  daß  es  gleichzeitig  auf  eine  Mehrheit  von  Subjekten
bezogen  erscheint.  Insbesondere  die  Feststellung  der  Tatsachen  geht
regelmäßig  diesen  Weg,  so  daß  die  sozialen  und  historischen  Tatbestände ­
  ausnahmslos  das  multipolare  Geschehen  betreffen;  und
erst  die  kausale  Verknüpfung  der  Tatsachen  führt  dazu,  das
„Dritte  Geschehen“  zu  erfassen,  ohne  daß  man  es  gleichzeitig  auf
eine  Mehrheit  von  Subjekten  bezieht  1  Der  roh  empirische  Ausdruck
hierfür  ist  die  landläufige  Unterscheidung  zwischen  den  „res  gestae“
und  den  „inneren  Seelenvorgängen“.
In  diesen  drei  Richtungen  muß  uns  das  einheitliche  Vorgehen  der
beiden  Disziplinen  klar  geworden  sein,  dann  erst  läßt  sich  der  Schnitt
zwischen  Sozialwissenschaft  und  Geschichte  in  voller  Schärfe
ziehen.  Der  Gedankengang  dieser  Scheidung  soll  nun  bloß  skizziert
werden.  Nach  jener  wichtigen  Vorarbeit  handelt  es  sich  nunmehr  um
die  eigentliche  Lösung  unseres  Problems.
Vom  erkenntnistheoretischen  Standpunkte  aus  —  das  lehrt  die
Vorarbeit  —  fehlt  es  an  jedem  Gegensatz  zwischen  den  beiden
Disziplinen.  Sie  behandeln  den  gleichen  Stoff  und  in  der  gleichen
Weise.  Mit  anderen  Worten,  sie  zeigen  das  nämliche  Verhalten  zur
Wirklichkeit  im  erkenntnistheoretischen  Sinne,  zum  anschaulichen  Erlebnis. ­
  Dies  hat  zur  Folge,  daß  beide  es  mit  ein  und  derselben
Wirklichkeit  im  empirischen  Sinne  zu  tun  haben;  man  kann
also  mit  vollem  Rechte  von  einer  „gesellschaftlich-geschichtlichen  Wirk-
        <pb n="600" />
        Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

583

lichkeit“  sprechen.  Die  ganze  Vorarbeit  gipfelt  ja  in  der  Darstellung,
wie  sich  diese  Art  Wirklichkeit  aus  dem  Anschaulichen  heraus  aufbaut, ­
  wie  der  besondere  Stoff  gemäß  besonderen  Kategorien  geformt
und  dann,  abermals  in  besonderer  Art,  kausal  und  begrifflich  ausgestaltet ­
  wird.  Ein  Gegensatz  zwischen  den  beiden  Disziplinen  ist  daher ­
  nur  so  möglich,  daß  ihr  Verhalten  zur  ihnen  gemeinsamen ­
  Wirklichkeit  ein  verschiedenes  ist.
Da  sich  auf  dieser  Einsicht  die  ganze  Lösung  aufbaut,  sei  der
Zusammenhang  noch  etwas  näher  erläutert.  Zwei  Dinge  sind  scharf
zu  sondern:  das  Verhalten  zur  erkenntnistheoretisch  gemeinten
und  das  Verhalten  zur  empirisch  gemeinten  Wirklichkeit.  Das
erstere  läßt  sich  als  das  wissenschaftliche  Gebaren  „unter  Tag“  verbildlichen; ­
  denn  es  entzieht  sich  vollständig  der  Wahrnehmung,  solange
man  mit  dem  unaufgelösten  Begriff  der  Erfahrung  operiert,  wie
es  die  Methodologie  leider  gewöhnlich  tutl  In  ihrem  Gesichtskreis
liegt  dann  bloß  das  Verhalten  zur  empirisch  gemeinten  Wirklichkeit, ­
  zur  Wirklichkeit  schlechthin;  daher  man  hier  wieder  vom  wissenschaftlichen ­
  Gebaren  „über  Tag“  reden  darf.  Das  Gebaren  „unter
Tag“  ist  bei  der  Sozialwissenschaft  nicht  anders  als  bei  der  Geschichte;
daraufhin  besondern  sich  überhaupt  noch  nicht  die  einzelnen  Wissenschaften, ­
  nur  das  erfahrungswissenschaftliche  Erkennen,  als  solches,
zerfällt  in  ein  noetisch  und  in  ein  phänomenologisch  geartetes,  und
zwar  in  Bezug  auf  Tatsache,  Kausalität  und  Begriff.  Insbesondere  die
Begrififsbildung  zeigt  sich  hier  ebenso  vom  Stoffe  der  Erkenntnis  abhängig, ­
  wie  sie  nachweislich  vom  Ziele  der  Erkenntnis  abhängt.
Das  Gebaren  „über  Tag“  betrifft  zunächst  die  eigentliche
„Methode“  der  Wissenschaften.  Auch  hier  regiert  der  „Stoff“  seine
Behandlung;  nur  ist  es  hier  der  erkenntnistheoretisch  bereits  ausgestaltete ­
  Stoff,  also  das  von  uns  für  wirklich  Gehaltene,  in  Tatsachen ­
  Aufgreifbare,  das  „Tatsächliche“.  Wenn  diese  Behandlung  je
nach  dem  Stoff  eine  verschiedene  sein  muß,  so  zieht  dies  noch  immer
keine  Sonderung  zwischen  einzelnen  Wissenschaften  nach  sich;  was
sich  daraufhin  spezialisiert,  sind  vielmehr  die  Methoden  der
Forschung.  So  will  z.  B.  das  empirisch  Besondere  der  „Überlieferungen, ­
  Denkmäler  und  Reste“  in  ganz  besonderer  Weise  behandelt ­
  sein;  dies  ergibt  die  „historische  Methode“.  Diese  tritt  aber
in  den  Dienst  der  Sozialwissenschaft  nicht  anders  als  in  jenen  der
Geschichtswissenschaft  selber!  Auch  der  Sozialforscher  bedient  sich
notwendig  dieser  Methode,  sobald  er  sich  der  Vergangenheit  zuwendet,
aber  er  bleibt  deshalb  doch  Sozialforscher.
        <pb n="601" />
        584

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Woran  hängt  dies  nun,  was  macht  in  diesem  Falle  die  Sozialwissenschaft ­
  zu  einer  Wissenschaft  für  sich,  die  man  in  ihren  Teilleistungen ­
  wiedererkennt,  wenn  dies  nicht  die  Methoden  der  Forschung
tun?  Darauf  würde  die  landläufige  Antwort  lauten:  ihr  besonderer
„Gegenstand“  tut  es.  Die  Sozialwissenschaft  korrespondiert  mit  der
„Gesellschaft“,  die  Historie  mit  der  „Geschichte“.  In  dieser  Antwort
steckt  nun  eine  halbe  Wahrheit.  „Geschichte“  und  „Gesellschaft“  sind
hier  offenkundig  als  große  Gesamtheiten  gemeint,  die  sich  unserem
überschauenden  Denken  darstellen;  es  handelt  sich  also  um  weitumfassende ­
  Einheiten  des  Empirischen,  die  in  unserer  Vorstellung  leben,
sagen  wir,  es  handelt  sich  um  ideale  Totalitäten.  Und  soviel  ist
wahr,  soll  sich  eine  besondere  Wissenschaft  herausgestalten,  im  Sinne
einer  richtigen  Einheit  unserer  Erkenntnis,  so  genügt  es  nicht,  daß
man  besondere  Methoden  befolgt  oder  daß  man  einen  „empirischen
Bestand“  von  besonderer  Natur  unter  die  Hand  bekommt:  Es  muß
sich  vorher  schon  dieser  „empirische  Bestand“  als  Einheit
denken  lassen,  er  muß  zu  einer  idealen  Totalität  zusammenfaßbar  sein.
Aber  bloß  eine  halbe  Wahrheit  steckt  in  jener  landläufigen  Ansicht, ­
  wonach  allein  schon  ihr  „Gegenstand“  oder  auch  ihr  „Gebiet“
die  Einzelwissenschaft  begründe;  denn  es  besagt  diese  Korrespondenz
mit  einer  großen  Gesamtheit  des  Empirischen  bloß  die  eine  der  Voraussetzungen, ­
  unter  welchen  es  zur  Abscheidung  einer  Einzelwissenschaft
kommt.  So  einfach  sondern  sich  die  Wissenschaften  nicht  voneinander,
daß  mit  der  hier  diese,  mit  jener  wieder  eine  andere  Totalität  korrespondiert! ­
  Zu  dieser  charakteristischen  Beziehung  auf  eine  Totalität
des  Empirischen  tritt  notwendig  noch  ein  Zweites:  charakteristische
Prinzipien  des  einheitlichen  Aufbaues,  woraufhin  erst  eine
richtige  Einheit  der  Erkenntnis  heraussieht,  eine  Wissenschaft
für  sich.  Scheiden  sich  also  die  Wissenschaften  voneinander  und  erlangen ­
  sie  den  Charakter  von  etwas  für  sich  Besonderem,  so  geschieht
es  nicht  im  Hinblick  auf  ihre  Methoden,  noch  im  Hinblick  auf  ihren
„Gegenstand“,  ihr  „Gebiet“  u.  dgl.  Mit  der  Bezugnahme  auf  eine  bestimmte ­
  Totalität  des  Empirischen  hebt  die  Besonderung  einer  Wissenschaft ­
  erst  an,  den  Ausschlag  aber  geben  hierfür  ihre  Kompositionsprinzipien; ­
  sie  sind  das  wahrhafte  Kriterium  für  die  Unterscheidung
der  Einzelwissenschaften!  Und  tatsächlich  handelt  es  sich  dabei  um
das  Verhalten  zur  empirischen  Wirklichkeit.  Denn  mit  diesen
Kompositionsprinzipien  regelt  sich  das  Verhältnis  des  Erkennens  zur
betreffenden  Totalität  des  Empirischen.  Auch  diese  Prinzipien  betreffen ­
  das  Gebaren  „über  Tag“,  das  eben  weitaus  noch  nicht  erfaßt
ist,  solange  man  nur  die  Methoden  der  Forschung  dargelegt  hat.  Die
        <pb n="602" />
        ■

Geschichte  und  Sozial  Wissenschaft.  -  g  -
Methoden  der  Forschung  gehören  gar  nicht  zum  Charakter  einer  Einzelwissenschaft, ­
  aber  ihre  Kompositionsprinzipien  machen  ihn  aus.
Sozialwissenschaft  und  Geschichte  haben  ihren  „empirischen  Bestand“ ­
  gemein:  die  „geschichtlich-gesellschaftliche  Wirklichkeit“,  schärfer
gesagt,  das  in  den  Kategorien  des  multipolaren  Geschehens ­
  gedachte  „Dritte  Geschehen“;  also  das  noetisch
Erfahrbare,  jedoch  so  aufgefaßt,  daß  es  stets  zugleich  auf  eine  Mehrheit ­
  der  Subjekte  bezogen  erscheint.  Es  hängt  nun  alles  an  der
Frage,  wie  sich  dieser  „empirische  Bestand“  als  ein  einheitliches
Ganzes  denken  läßt?  Auf  den  ersten  Blick  möchte  es  wohl
scheinen,  daß  schon  dabei  ein  Gegensatz  herauskäme:  die  Sozial  Wissenschaft ­
  wäre  vor  die  „Gesellschaft“,  ihre  SchwesterWissenschaft  vor  die
„Geschichte“  gestellt.  Dies  widerspräche  aber  der  Einheit  dieses
empirischen  Bestandes.  Wenn  es  möglich  ist,  daß  sich  dieser  gemeinsame ­
  empirische  Bestand  auch  in  jener  doppelten  Weise  als  ideale
Totalität  erfassen  läßt,  so  muß  dies  irgendwie  schon  eine  Folge  der
gesuchten  Scheidung  sein;  unmöglich  kann  es  ihr  Grund  sein!  Im
Lichte  der  erkenntnistheoretischen  Betrachtung  kehrt  sich  der  landläufig ­
  angenommene  Sachverhalt  auch  hier  wieder  in  der  charakteristischen ­
  Weise  um:  „Geschichte“  und  „Gesellschaft“  sind  dann  nichts,
was  „draußen“  läge,  sei  es  als  „Gebiet“,  „Gegenstand“  u.  dgl.,  und
das  nun  erst  in  unser  Erkennen  übernommen  würde,  an  der
Hand  gewisser  Disziplinen;  was  uns  „draußen“  scheint,  ist  in  Wahrheit ­
  erst  „hinausversetzt“  kraft  der  spezifischen  Art  unseres
Denkens.
Der  gemeinsame  empirische  Bestand  der  beiden  Disziplinen  duldet
an  sich  gewiß  nur  eine  einzige  Vorstellung  seiner  Totalität.  Hier  läßt
es  sich  nicht  näher  ausführen,  aber  tatsächlich  ist  diese  Vorstellung
des  Zusammenhängens  zur  Einheit  schon  in  der  Natur  des  Zusammenhängenden ­
  angelegt;  sie  ist  in  der  erkenntnistheoretischen  Eigenart
des  noetisch  Erfahrbaren  begründet,  weil  hier  eben  ununterbrochen
auf  den  anschaulichen  Zusammenhang  des  Erlebten  reflektiert  wird.
Wer  über  jene  empirische  Wirklichkeit,  deren  einheitliche  Konstitution
die  Vorarbeit  aufdeckt,  erfahrungswissenschaftlich  denken  will,  sieht  sich
dem  Allzusammenhang  des  multipolaren  Geschehens
gegenüber,  wie  er  über  Zeit,  Raum  und  Subjekte  hinweg  geflochten
ist.  Anders  läßt  sich  die  zu  empirischer  Wirklichkeit  ausgestaltete
„Welt  der  Erlebungen“  nicht  in  Einheit  denken,  als  in  Gestalt  dieser
„Welt  des  Handelns“.  Die  letztere  faßt  alles  in  sich,  was  der
Historiker  sowohl  wie  auch  der  Sozialforscher  als  „wirklich“  vor  sich
erblickt,  was  also  beiden  für  „tatsächlich“  gilt.  Diese  „Welt  des
        <pb n="603" />
        586

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Handelns“  ist  aber  beileibe  nicht  als  eine  Summierung  von  „Geschichte“
und  „Gesellschaft“  zu  vermeinen;  für  die  letzteren  Totalitäten  bedeutet
sie  den  gemeinsamen  Mutterboden,  in  welchem  diese  noch  unentwickelt
ruhen  1  Es  muß  erst  die  spezifische  Auffassungsweise  Platz  greifen,  die
sich  einerseits  in  der  Geschichts-,  andererseits  in  der  Sozialwissenschaft
auslebt;  dann  erst  stellt  sich  uns  die  nämliche  „Welt  des  Handelns“
dort  als  „Geschichte“,  hier  als  „Gesellschaft“  dar.
Soweit  reicht  also  immer  noch  die  Gemeinschaft  der  beiden
Disziplinen,  daß  sie  einträchtig  vor  dem  Allzusammenhang  des  multipolaren ­
  Geschehens,  vor  der  „Welt  des  Handelns“  stehen.  Beiden  erwächst ­
  auch  die  Aufgabe,  diesen  idealen  Geschehenszusammenhang,
der  eben  bloß  in  unserer  Vorstellung  lebt,  irgendwie  für  unsere  Erkenntnis ­
  zu  realisieren.  Im  Prinzipe  liegt  die  Lösung  dieser  Aufgabe
recht  nahe:  für  das  Geschehen  tauscht  man  Tatsachen  ein,  sein
Zusammenhang  aber  kann  nur  als  ein  kausaler  erfaßt  werden,  gemäß
der  Eigenart  unseres  Denkens.  Natürlich  stellt  man  hier  noetische
Tatsachen  fest  und  hat  sie  im  Geiste  der  noetischen  Kausalität  zu  verknüpfen. ­
  Der  Umsatz  in  Erkenntnis  vollzieht  sich  also  notwendig  so,
daß  man  einen  Kausalzusammenhang  von  Tatsachen  erarbeitet. ­
  Es  darf  vorläufig  unerörtert  bleiben,  an  der  Hand  welcher
Methoden,  und  so  auch,  in  welcher  näheren  Form  der  Begriffe  dies
geschehen  soll:  ob  nämlich  dieser  Kausalzusammenhang  im  einzelnen
als  „Gesetz“  oder  als  „Individuum“  zu  gestalten  sei.  Soviel  ist  sicher,
wäre  dieser  Umsatz  in  Erkenntnis  als  ein  einheitlicher  möglich,  könnte
man  hier  einen  Kausalzusammenhang  von  Tatsachen  erarbeiten,  über
den  hinaus  es  keine  weitere  Erkenntnis  gäbe  —  davon  natürlich  abgesehen, ­
  daß  seiner  eigenen  Ausgestaltung  niemals  eine  Grenze  gesetzt
sein  kann  —  dann  wäre  auch  bloß  eine  einzige  Wissenschaft  der
noetischen  Erfahrung  möglich.
In  Wahrheit  sind  es  aber  zwei  Wege,  die  sich  unserer  Erkenntnis ­
  hier  eröffnen;  den  einen  schlägt  die  Sozialwissenschaft,  den  anderen ­
  die  Geschichte  ein.  So  treten  diese  beiden  Disziplinen  erst
hier  in  Gegensatz  zueinander,  erst  in  der  Relation  auf  die
ideale  Totalität  des  empirisch  Wirklichen,  die  ihnen
noch  gemeinsam  vorschwebt:  auf  die  „Welt  des  Handelns“.  Die
letztere  ist  dabei  etwas  durchaus  Eigenartiges,  verglichen  mit  den
idealen  Totalitäten  des  empirisch  Wirklichen,  die  sich  sonst  noch
bilden  lassen,  z.  B.  als  „Natur“,  oder  „Psyche“,  oder  „organisches
Leben“.  Denn  in  ihrer,  hier  nur  schlagwörtlich  angedeuteten  Eigenschaft, ­
  als  der  Allzusammenhang  des  multipolaren  Geschehens,  stellt
die  „Welt  des  Handelns“  die  spezifische  Verflechtung  eines  Ge ­
        <pb n="604" />
        Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

587

schehens  dar,  das  selber  bis  in  die  letzten  Kategorien  seiner  Erfassung ­
  zurück  ein  spezifisches  ist.  Daher  bedürfte  es  auch  der
vollen  Einsicht  in  die  Eigenart  dieser  „Welt“,  wollte  man  den  Gegensatz ­
  der  beiden  Disziplinen  sachlich  entwickeln;  hier  läßt  er  sich  nur
roh  umzeichnen.
Die  „Welt  des  Handelns“,  die  in  unserer  Idee  als  ein  großer  und
lückenloser  Zusammenhang  lebt,  birgt  einen  letzten  Gegensatz
in  sich:  den  Gegensatz  zwischen  dem  Wechsel  im  Geschehen
und  der  Wiederkehr  im  Geschehenl  Beides  setzt  ein  Zusammenhängen ­
  des  Geschehens  voraus.  Denkt  man  an  vereinzelte
Geschehnisse,  so  lassen  sich  diese  bloß  als  gleich  oder  ungleich  aufeinander ­
  beziehen.  Zur  Wiederkehr  wird  die  Gleichheit,  zum  Wechsel
die  Verschiedenheit  erst  dann,  sobald  man  das  Geschehen  als  ein
zusammenhängendes  in  Betracht  nimmt,  sobald  also  das  Zusammenhängen ­
  hinzutritt.  Wechsel  und  Wiederkehr  sind  daher  für  das
zusammenhängende  Geschehen,  was  Beharren  und  Veränderung
für  das  im  „Ding“  zusammenhängende  Sein  bedeuten.  Man  kann
nur  mehr  im  übertragenen  Sinne  davon  sprechen,  daß  auch  Geschehen ­
  „beharre“,  sofern  es  eben  wiederkehrt,  oder  auch  Geschehen
„sich  verändere“,  insofern  es  nämlich  wechselt.  Als  ganz  unhaltbar
aber  erscheint  jene  —  mit  der  hier  vorgetragenen  Auffassung  sonst
leicht  zu  vermengende  —  geschichtsphilosophische  Konstruktion,  die
in  der  Geschichte  selber,  also  jedenfalls  doch  in  einer  zur  Einheit
zusammenhängenden  Geschehens-Vielheit,  nur  das  ewige  Spiel
zwischen  Beharren  und  Veränderung  ersieht.  Der  Fehler  liegt  nicht
vielleicht  nur  darin,  daß  hier  Ausdrücke  sachlich  gemeint  sind,  die
man  nur  bildlich  verwenden  darf;  es  macht  den  groben  Fehler  aus,
daß  hier  der  Gegensatz  selber,  zwischen  dem  Wechsel  und  der
Wiederkehr  im  Geschehen,  als  ein  sachlicher  genommen  wird,
ganz  so,  als  wäre  er  im  Objekte  begründet.  Dies  läuft  auf  Begriffsrealismus ­
  hinaus,  in  der  noch  zu  erläuternden  Weise.
Übrigens  entbehrt  diese  Konstruktion  nicht  ganz  des  heuristischen
Werts,  so  unhaltbar  sie  auch  ist.  Denn  es  stellen  die  als  „Dinge“
auffaßbaren  Derivate  des  Geschehens  —  „Verhältnisse“,  „Einrichtungen“, ­
  „Gebilde“  usw.  —  etwas  vor,  das  im  echten  Sinne  beharrt
oder  sich  verändert.  Hier  liegt  tatsächlich  das  Bestehen  unablässig
im  Kampfe  mit  dem  Vergehen,  und  daraus  mag  sich  nun  ein  ordnendes ­
  Prinzip  für  den  Ablauf  des  Geschehens  selber  herleiten  lassen.
Der  Gegensatz  zwischen  dem  Wechsel  und  der  Wiederkehr  im
Geschehen  wird  mißverstanden,  faßt  man  ihn  als  einen  bloß  „relativen“ ­
  auf,  unter  der  Begründung,  daß  sich  getrennte  Geschehnisse
        <pb n="605" />
        588

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung' 1 ,

überhaupt  nicht  als  gleich  aufeinander  beziehen  lassen,  angesichts  der
„unendlichen  Mannigfaltigkeit  alles  Wirklichen“.  Sucht  man  die
Gleichheit  derart  im  Objekte,  dann  fällt  jener  Gegensatz  überhaupt
aus,  und  was  übrig  bliebe,  wäre  dann  bloß  der  ewige  Wechsel  des
Geschehens,  in  einer  unendlichen  Stufenfolge  seiner  Intensität.  Gewiß
aber  darf  man  von  einer  „Gleichheit“  nur  so  sprechen,  daß  sich  verschiedene ­
  Geschehnisse  den  gleichen  Begriffen  unterordnen  lassen,
ungeachtet  aller  Verhältnisse  im  Objekte.  Diese  begriffliche
Gleichheit  muß  man  im  Auge  behalten,  nicht  jene  in  sich  unmögliche
„objektive“  Gleichheit.  Dann  erst  kann  man  zwischen  gleich  und
ungleich  unterscheiden,  dann  erst  kommt  es  zu  dem  Gegensätze
zwischen  Wechsel-und  Wiederkehr,  und  dann  aber  ist  dieser  Gegensatz ­
  sofort  auch  ein  absoluter.
Wenn  uns  der  oberflächliche  Blick  dazu  verführt,  diesen  Gegensatz ­
  einen  „relativen“  zu  nennen,  so  liegt  hier  etwas  anderes  zugrunde. ­
  Bezieht  man  verschiedene  Geschehnisse  als  gleich  oder  ungleich ­
  aufeinander,  dann  geschieht  dies  ja  nicht  im  Wege  eines  anschaulichen ­
  Vergleiches,  nicht  so  etwa,  wie  man  bunte  Papierschnitzel
sortiert;  vielmehr  tritt  notwendig  die  begriffliche  Erfassung  der  Geschehnisse ­
  voran,  wir  beziehen  die  letzteren  also  immer  schon  gemäß ­
  der  Begriffe,  mit  deren  Hilfe  wir  sie  erfaßt  haben,  als  gleich
oder  ungleich  aufeinander.  Daher  hängt  es  bloß  an  der  Variation
der  erfassenden  Begriffe,  und  in  der  nämlichen  Richtung,  in
der  bisher  eine  Wiederkehr  festzustellen  war,  kann  nun  ein  Wechsel
festgestellt  werden,  und  so  auch  umgekehrt  1  Es  steht  z.  B.  im  Belieben ­
  unserer  Auffassung,  die  Unterzeichnung  des  Frankfurter
Friedensvertrages  als  „Tintenverbrauch“  oder  „Amtshandlung“  zu  erfassen, ­
  das  Geschehnis  also  zu  ungezählten  anderen  in  das  Verhältnis
absoluter  Gleichheit  zu  setzen  und  es  demgemäß  der  Wiederkehr
einzuordnen;  obwohl  es  sich,  der  anderen  möglichen  Auffassung  nach,
um  ein  Geschehnis  handelt,  das  ausdrücklich  den  Wechsel  im  Geschehen ­
  markiert.  Wiederkehr  und  Wechsel  im  Geschehen  treten
also  dergestalt  in  Gegensatz  zueinander,  daß  durch  eine  bloße  Variation ­
  der  erfassenden  Begriffe  der  Gegensatz  zur  Identität  umkippen
kann,  in  dem  Sinne,  daß  der  bisherige  Wechsel  nun  auch  als  Wiederkehr, ­
  oder  die  bisherige  Wiederkehr  nun  auch  als  Wechsel  erfaßbar
wird.  In  solchem  Geiste  ist  dieser  Gegensatz,  der  ein  relativer  sein
soll,  in  Wahrheit  ein  labiler.
Diese  Labilität  des  Gegensatzes  liegt  recht  klar  zutage;  aber  dem
naiven  Blick  entgeht  sie  dennoch.  Vor  dem  naiven  Blick,  der  sich
auf  zusammenhängendes  Geschehen  richtet,  scheidet  sich  vom  Wechsel
        <pb n="606" />
        Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

589

die  Wiederkehr  gerade  so,  als  ob  dies  ein  starrer,  mit  dem  Objekt
verwachsener  Gegensatz  wäre,  den  unser  Denken  einfach  hinzunehmen
hat.  Da  und  da  träte  eben  Wiederkehr,  dort  und  dort  Wechsel  des
Geschehens  in  Wirklichkeit.  Man  übersieht  es  gänzlich,  daß  die  Feststellung ­
  des  Wechsels  oder  der  Wiederkehr  jedesmal  zugleich  eine
Funktion  unseres  Denkens  ist.  Nur  weil  wir  mit  ganz  bestimmten ­
  Begriffen  an  die  Wirklichkeit  herangetreten  sind,  war  hier
ein  Wechsel,  dort  eine  Wiederkehr  im  Geschehen  festzustellen  I  Wer
also  diese  Verhältnisse,  und  so  den  fraglichen  Gegensatz  überhaupt
starr  mit  dem  Objekte  verwachsen  glaubt,  dem  entgeht  dieses  notwendige ­
  Dazwischentreten  unserer  Begriffe;  mit  anderen  Worten,  er
nimmt  die  Begriffe,  in  denen  wir  über  die  Wirklichkeit  denken,
schon  für  die  Wirklichkeit  selber,  er  begeht  also  Begriffsrealismus.
  Dieser  Denkfehler  steckt  auch  in  der  erwähnten  geschichtsphilosophischen ­
  Konstruktion.
Man  darf  aber  die  Labilität  des  Gegensatzes  nicht  dahin  mißverstehen, ­
  daß  es  auf  reine  Willkür  hinausläuft,  hier  Wechsel,  dort
Wiederkehr  im  Geschehen  festzustellen.  Ist  diese  Feststellung  einerseits ­
  eine  Funktion  unseres  Denkens,  so  doch  auch  eine  Funktion  des
Objektes;  das  heißt,  unser  Denken  ist  auch  durch  das  Anschauliche
zu  dieser  Feststellung  verbunden.  Haben  wir  uns  einmal  für  bestimmte ­
  Begriffe  entschieden,  nach  denen  wir  die  Wirklichkeit  erfassen, ­
  dann  hängt  es  von  der  Wirklichkeit  ab,  wo  eine  Wiederkehr
und  wo  ein  Wechsel  im  Geschehen  sich  feststellen  läßt.  Nur  für
das  Erste  sind  wir  frei,  beim  Zweiten  Knechtei  Natürlich  könnte
man  an  dem  Einfluß,  den  die  Wirklichkeit  hier  ausübt,  gar  nicht
rütteln;  geht  er  doch  vom  Objekt  aus,  von  dem  unserem  Denken
Gesetzten,  ihm  wahrhaft  „Gegenständlichen“.  Wohl  aber  verknüpft
es  sich  mit  der  vielerwähnten  Labilität  des  Gegensatzes,  daß  uns
etwas  anderes  freisteht:  wir  können  die  Abhängigkeit,  in  der  sich  die
Feststellung  von  den  Begriffen  her  befindet,  auch  umkehren.  Es  darf
zu  unserer  Absicht  werden,  ausschließlich  Wiederkehr
oder  ebenso  ausschließlich  Wechsel  im  Geschehen  festzustellen. ­
  Das  Objekt  kehrt  sich  an  solche  Absichten  freilich  nicht;  um
also  dem  Objekt  keine  Gewalt  anzutun,  müssen  dann  die  erfassenden
Begriffe  danach  ausgewählt  werden,  daß  wir  das  eine  Mal  überallhin
Wiederkehr,  dann  wieder  überallhin  Wechsel  festzustellen  vermögen.
Damit  werden  aber  zwei  Spielarten  absehbar,  wie  sich  zusammenhängendes ­
  Geschehen  einheitlich  bewältigen  läßt;  und  so  führt  die
Labilität  jenes  Gegensatzes  schließlich  zu  zwei  Gesichtspunkten,
        <pb n="607" />
        590

„Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

von  denen  aus  die  „Welt  des  Handelns“  je  in  einheitlicher ­
  Weise  erkennbar  wird!
Wir  sehen  die  Möglichkeit  vor  uns,  jenen  großen  Geschehenszusammenhang
  einmal  aus  dem  Gesichtspunkte  des  Wechsels
im  Geschehen,  dann  wieder  aus  dem  Gesichtspunkte  der
Wiederkehr  im  Geschehen  zu  betrachten.  Dort  löst  sich  für
unser  Erkennen  die  „Welt  des  Handelns“  in  eitel  Wechsel,  hier  in
eitel  Wiederkehr  auf.  Soll  aber  bei  dieser  Art  Umsatz  in  Erkenntnis
der  Geschehenszusammenhang  nicht  verstümmelt  werden,  sollen  sich
vielmehr  zwei  Weisen  der  Betrachtung  ergeben,  von  denen  jede  zwar
einseitig,  in  ihrer  Art  aber  auch  jede  erschöpfend  ist,  so  muß  diese
einseitige  Betrachtungsweise  doch  eine  verständig  umfassende  bleiben.
Achtet  man  also  einmal  nur  des  Wechsels  im  Geschehen,  so  umfaßt
dieser  nicht  bloß  den  Wechsel  des  Geschehenden,  sondern  auch  den
Wechsel  in  der  Wiederkehr  des  Geschehenden;  das  heißt,  man
ist  in  diesem  Falle  auch  für  die  erfaßbare  Wiederkehr  im  Geschehen
nicht  blind,  trägt  ihr  aber  nur  so  weithin  Rechnung,  als  sie  sich  doch
wieder  dem  Wechsel  unterordnet.  Und  so  umspannt  die  zu  erfassende ­
  Wiederkehr  im  Geschehen  nicht  bloß  die  Wiederkehr  des
Geschehenden,  sondern  auch  die  Wiederkehr  im  Wechsel  des
Geschehenden.  Nicht  also  die  Ausschließlichkeit,  wohl  aber  die
Präsumtion  in  der  Betrachtung  gesteht  man  einmal  dem  Wechsel,
das  andere  Mal  der  Wiederkehr  zu.  Rein  zur  Illustration,  ohne  näher
darauf  einzugehen,  sei  erwähnt,  daß  sich  der  Geschehenszusammenhang ­
  dann  jedesmal  anders  in  Tatsachen  umsetzt.  In  dem  einen  Falle
sehen  wir  das  Tatsächliche  als  „Ereignisse“  und  „Wandlungen“
vor  uns,  im  anderen  Falle  als  „Zustände“  und  „Entwicklungen“.
Jedem  dieser  Ausdrücke  fällt  hierbei  aus  der  geschehenstheoretischen
Erwägung,  die  hier  abläuft,  ein  scharfer  und  eindeutiger  Sinn  zu.
Übrigens  liegt  es  so  ziemlich  auf  der  Hand,  daß  man  als  „Ereignis“
den  Wechsel,  als  „Zustand“  die  Wiederkehr  von  Geschehen  im  Auge
hat;  schärfer  muß  man  zublicken,  um  noch  zwischen  „Wandlung“  und
„Entwicklung“  zu  scheiden,  also  zwischen  dem  Wechsel  in  der  Wiederkehr ­
  und  der  Wiederkehr  im  Wechsel.  Dies  alles  ist  dauernd  in  der
Relation  auf  das  multipolare  Geschehen  gemeint;  es  darf  nicht  unkritisch ­
  verallgemeinert  werden.
Soweithin  läge  aber  doch  kein  Anlaß  vor,  daß  man  die  beiden
Betrachtungsweisen  gleich  zu  besonderen  Disziplinen  ausbaut.  Viel
zu  leicht  löst  die  eine  Betrachtungsweise  die  andere  ab,  geht  also  die
eine  in  die  andere  über.  Ganz  anders  aber,  wenn  sich  die  Erkenntnis
auch  darauf  ausdehnt,  daß  man  das  Geschehende  auf  seine  Zusammen ­
        <pb n="608" />
        Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

591

hänge  erklärend  zurückführt;  das  will  sagen,  sobald  man  nicht  einfach
Tatsachen  feststellt,  sondern  einen  Kausalzusammenhang  von
Tatsachen  erarbeiten  will.  Dann  vertieft  sich  der  Abstand  zwischen
den  beiden  Weisen  der  Betrachtung  1  Bei  jener,  die  uns  die  Wiederkehr ­
  im  Geschehen  vor  Augen  bringt,  ist  es  das  Geschehende  in  der
Beziehungsform  seiner  Wiederkehr,  kürzend  gesagt,  ist  es  also  die
Wiederkehr,  was  wir  auf  den  Zusammenhang  im  Geschehen  zurückzuführen ­
  suchen,  um  es  damit  zu  „erklären“;  im  anderen  Falle  ist  dies
hingegen  der  Wechsel  im  Geschehen.  Ergibt  sich  nun,  daß  uns
die  Kausalerklärung  der  Wiederkehr  im  Geschehen  vor  eine  ganz  andere
Aufgabe  stellt  als  die  Kausalerklärung  des  Wechsels  im  Geschehen,
dann  sind  die  beiden  Betrachtungsweisen  tatsächlich  nicht  mehr  in
einer  einzigen  Disziplin  vereinbar;  denn  unter  diesen  Umständen
arbeitet  man  da  und  dort  je  auf  einen  ganz  anderen  Kausalzusammenhang ­
  von  Tatsachen  hinaus.  Hier  wäre  der  Punkt  erreicht,  wo  sich
die  Verschiedenheit  ihrer  Kompositionsprinzipien,  und  somit  die  eigentliche ­
  Scheidung  zwischen  Geschichte  und  Sozialwissenschaft  einsehen
läßt.  Eigentümlicherweise  ist  es  klipp  und  klar  die  Frage  der
Kausalerklärung,  die  unser  Problem  zu  lösen  verheißt  —  während
man  doch  der  Geschichte  so  oft  vorwirft,  daß  sie  bloß  Tatsachen  aufhäuft, ­
  ohne  sie  „erklären“  zu  können,  und  wo  man  andererseits  aus
der  Not  dieses  Angriffs  die  Tugend  einer  Abwehr  zu  machen  sucht,
und  es  unseren  Disziplinen  gelegentlich  als  ihr  Wesen  aufredet,  daß
„ihnen  alle  Kausalerklärung  fremd“  bleibe.
Es  sei  hier  eingeschaltet,  daß  es  sogar  dann  noch  verhältnismäßig
leicht  fällt,  von  der  einen  Betrachtungsweise  auf  die  andere  abzuspringen, ­
  sobald  die  Kausalerklärung  einbezogen  wird.  Halten  sich
doch  beide  Arten  der  Beschauung  im  Rahmen  einer  und  derselben,
der  noetischen  Denkweise!  So  haftet  der  Blick  an  der  nämlichen
Wirklichkeit,  da  wie  dort,  und  mindestens  im  Prinzipe  arbeitet  das  Erkennen ­
  in  beiden  Fällen  mit  dem  gleichen  begrifflichen  Apparat.  Besonders ­
  die  Forschung  in  den  beiden  Disziplinen  kann  nicht  dazu
verhalten  sein,  sich  ausschließlich  immer  nur  der  einen  dieser  Betrachtungsweisen ­
  zu  bedienen.  So  nahe  verwandte  Disziplinen  trennen
sich  überhaupt  mehr  in  der  Idee,  jede  als  eine  in  Einheit  gedachte
Zusammenfassung,  ein  „System“  von  Ergebnissen.  In  der  Praxis  des
Forschens  aber  wird  es  nicht  bloß  eintreten,  daß  jede  der  beiden
Disziplinen  von  den  Ergebnissen  der  anderen  zehrt;  dies  ist  ja  selbst
zwischen  ganz  fremden  Erkenntnisgebieten  möglich,  es  verbietet  sich
bloß  in  Ausnahmefällen.  Hier  aber  wird  jede  der  beiden  Disziplinen
gelegentlich  sogar  die  Betrachtungsweise  der  anderen  pflegen.  Im
        <pb n="609" />
        592

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung 4 ',

Prinzipe  gilt  freilich  auch  für  die  Kausalerklärung,  was  früher  bezüglich ­
  der  Erhebung  von  Tatsachen  gesagt  wurde:  hüben  wird  dem
Wechsel,  drüben  der  Wiederkehr  im  Geschehen  die  Präsumtion  zustehen. ­
  Nur  so  hält  jede  dieser  Disziplinen  das  Prinzip  ihres  einheitlichen ­
  Aufbaues  fest,  bleibt  der  Kausalzusammenhang,  den  jede  für
ihren  eigenen  Teil  erarbeitet,  im  Grundzuge  ein  einheitlicher.  So  wird
sich  z.  B.  die  eine  Disziplin  nur  deshalb  der  Wiederkehr  und  ihrer  Kausalerklärung ­
  zuwenden,  um  das  kausale  Verständnis  des  Wechsels  im  Geschehen ­
  zu  vertiefen.  Auf  die  Forderung,  in  diesem  Geiste
und  zu  diesem  Zwecke  auch  die  „Zustände“  und  „Entwicklungen“ ­
  in  den  historischen  Kausalnexus  einzuflechten, ­
  reduziert  sich  ja  der  gesunde  Kern  der  vielbeschrieenen
  „Reform  der  Geschichtswissenschaft“!
Auch  den  nebulösen  Sinn  der  „Milieu-Schilderung“  klärt  diese  Auffassungsweise ­
  der  Erkenntnisaufgabe  unserer  Disziplinen  ab;  und  so
läutert  sich  im  Wege  der  geschehenstheoretischen  Erwägung  gar  manches
zu  schlichter  Prägnanz,  was  sonst,  trotz  so  vieler  im  Streit  verlorener
Worte,  recht  im  Zwielicht  bleibt.
Es  ist  ganz  ausgeschlossen,  daß  wir  dem  Vorgang  der  Kausalerklärung, ­
  einerseits  des  Wechsels,  andererseits  der  Wiederkehr  im
Geschehen,  in  alle  Einzelheiten  folgen.  Dazu  wäre  in  die  Rechnung
erst  das  Spezifische  des  Geschehenszusammenhanges  einzusetzen,
um  den  es  sich  fortdauernd  handelt.  Darum  läßt  sich  auch  der  entscheidende ­
  Unterschied  in  der  Kausalerklärung  hier  nur  andeuten.  Und
zwar  wird  es  genügen,  die  Eigenart  jener  Kausalerklärung  zu  skizzieren,
die  der  Sozialwissenschaft  ihren  Charakter  verleiht.  Die  historische ­
  Kausalerklärung  interessiert  hier  ohnehin  nur  des  Kontrastes
halber;  dieser  jedoch  wäre  erst  dann  zur  schärferen  Beleuchtung  heranzuziehen, ­
  sobald  man  in  diese  Verhältnisse  sachlich,  und  nicht  bloß
nach  Schlagworten,  einzudringen  in  der  Lage  ist.
Geschehenstheoretische  Erwägung  lehrt,  daß  uns  eine  Wiederkehr
der  Geschehnisse  niemals  als  ein  isoliertes  Faktum  erfaßlich  ist.  Darin
sondert  sich  die  Wiederkehr  von  der  Wiederholung,  deren  „Absichtlichkeit“ ­
  diese  Verhältnisse  ändern  kann.  Zur  Wiederkehr  kommt  es
für  unsere  Auffassung  stets  nur  für  mehrere  Reihen  von  Geschehnissen
zugleich.  Es  hat  dies  mit  der  Art  und  Weise  zu  tun,  wie  sich  aus
dem  Zusammenhang  der  Geschehnisse  die  zureichende  Bedingung  für
ihre  Wiederkehr  ergibt.  Immer  handelt  es  sich  um  eine  ganze  Gruppe
von  Reihen  wiederkehrender  Geschehnisse;  denn  innerhalb  dieser  Gruppe
zeigt  sich  die  Wiederkehr,  die  sich  in  einer  einzelnen  Reihe  verwirklicht, ­
  ebensowohl  von  der  Wiederkehr  in  allen  anderen  Reihen  be-
        <pb n="610" />
        Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

593

düngen,  im  passiven  Sinne,  wie  sie  ihrerseits  diese  aktiv  bedingt.  Kraft
dieser  allseitigen  Bedingnis  geschieht  es  dann  auch,  daß  die  Gruppe
der  Geschehensreihen  als  solche  beharrt,  daß  sie  gleich  einem  „Dinge“
von  Andauer  wird.  Ihre  Andauer  beruft  sich  gleicherweise  auf  die
Wiederkehr  innerhalb  jeder  Reihe,  wie  sich  diese  Wiederkehr  auf  die
Andauer  der  Gruppe  beruft  I  Dieses  innige  Verhältnis  zwischen  Wiederkehr ­
  und  Andauer  schließt  aber  in  sich,  daß  alle  Geschehnisse  innerhalb ­
  des  betreffenden  Kreises  aufeinander  „abgestimmt“,  gegeneinander
„ausgeglichen“  sind,  daß  sie  also  untereinander  und  zugleich  mit  ihrer
Gesamtheit  im  Einklang  stehen,  nach  der  Art  der  Glieder  eines
Ganzen.  Der  Umstand  nun,  daß  die  Geschehnisse  dergestalt  nur  als
zusammengestimmte  wiederkehren,  läßt  sich  in  das  Bild  fassen,
daß  innerhalb  der  Gruppe  das  Geschehen  im  Gleichgewicht  verharren ­
  muß.  Führt  man  also  die  Wiederkehr  des  Geschehens  auf
des  letzteren  Zusammenhänge  zurück,  so  mündet  dies  stets  in  den
Nachweis  aus,  daß  im  Rahmen  der  betreffenden  Gruppen  das  Geschehen
ins  Gleichgewicht  versetzt  erscheint,  sagen  wir,  daß  es  „e  q  u  ilibri  er  t“
sei.  Die  Gruppen  aber,  innerhalb  welcher  diese  Equilibration  des  Geschehens ­
  eintritt,  und  die  überhaupt  nur  kraft  dieser  Equilibration
wirklich  sind,  diese  Gruppen  stellen  in  sich  ruhende  Systeme
und  damit  reale  Einheiten  des  Geschehens  dar  —  die  „sozialen
Gebilde“  1  Das  erkenntnistheoretische  Schema  ihrer  Erfassung  wird
sich  unter  den  Kategorien  des  multipolaren  Geschehens  ergeben,  als
die  Kategorie  des  „Zuständlichen  Gebildes“.  Die  „Equilibration“  des
Geschehens  aber  ist  der  bildliche  Ausdruck  für  den  Tatbestand,  der
sich  empirisch  als  „Sozialisierung“  des  Geschehens  wiedergeben
läßt:  der  Zusammenschluß  der  Geschehnisse  zu  Einheiten,  deren  Andauer ­
  sich  mit  der  Wiederkehr  des  Geschehens  deckt,  die  aber  nur
kraft  der  Zusammengestimmtheit  der  Geschehnisse  beharren.
Man  sieht,  in  dieser  Disziplin  führt  die  Kausalerklärung ­
  irgendwie  immer  zu  einer  Diskussion  der
„Gebilde“.  Direkt  oder  indirekt,  stets  handelt  es  sich  um  die  Frage,
wie  sich  das  Geschehen,  seiner  Wiederkehr  zuliebe,  zu  Einheiten  zusammenschließt, ­
  die  gleichsam  seine  Beharrungsform  darstellen.  Natürlich ­
  greift  der  erfaßliche  Zusammenhang  des  Geschehens  auch  noch
über  diese  Einheiten  hinaus;  es  handelt  sich  ja  um  einen  großen  und
lückenlosen  Geschehenszusammenhang.  Auch  in  dieser  Hinsicht  zielt
die  Kausalerklärung  auf  den  Nachweis  der  Equilibration  des  Geschehens
ab.  Analog  dem  Ausgleiche  innerhalb  dieser  Einheiten,  drängt  auch
von  Einheit  zu  Einheit  das  Geschehen  ins  Gleichgewicht;  es  „sozialisiert“
sich  weiterhin,  im  Rahmen  umfassender  Systeme.  So  hat  die
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  3^
        <pb n="611" />
        594

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

Kausalerklärung  hier  schließlich  den  Erfolg,  daß  wir  es  auf  den  Zusammenhang ­
  im  Geschehen  zurückführen,  wie  diese  Einheiten  für  ihren
eigenen  Teil  sowohl,  als  auch  neben-  und  ineinander  beharren,  womit
uns  allenthalben  die  Wiederkehr  im  Geschehen  verständlich  wird.
Soviel  über  die  Kompositionsprinzipien  der  Sozialwissenschaft, ­
  die  eben  in  einer  spezifischen  Art  der  Kausalerklärung  beruhen. ­
  Hiermit  ist  die  erkenntnistheoretische  Konstruktion  unserer
Wissenschaft  schon  vollzogen!  Vielleicht  kostet  es  Mühe,  die  Sozialwissenschaft, ­
  wie  man  sie  zu  kennen  glaubt,  in  dieser  Konstruktion
wiederzuerkennen.  Man  kennt  sie  eben  nur  empirisch,  in  jener  krausen
Gestalt,  die  sie  zuliebe  von  hunderterlei  Interessen  angenommen  hat,
Interessen  des  Lebens,  des  Unterrichts,  der  Forschung,  des  Nachbarverhältnisses ­
  zu  anderen  Disziplinen  usw.  Aber  gerade  diese  empirische
Gestalt  unserer  Wissenschaft  ist  für  die  Methodologie  von  wenig
Interesse;  die  Methodologie  hat  sich  auch  nicht  um  die  Gliederung
dieser  Wissenschaft  zu  kümmern,  so  lange  sie  der  fundamentalen  Frage
nachgeht,  wie  sozialwissenschaftliche  Erkenntnis  überhaupt  möglich  ist.
Alle  Unterteilung  dieser  Wissenschaft  erscheint  demgegenüber  sekundär,
gleichgültig,  ob  man  mehr  eine  Frage  der  Zweckmäßigkeit  darin  sieht,
hinsichtlich  der  Arbeitsteilung,  die  in  der  Forschung  nötig  wird  (Max
Weber),  oder  diese  Unterteilung  aus  ganz  prinzipiellen  Erwägungen  herzuleiten ­
  sucht  (Othmar  Spann).
Man  sieht,  die  Antwort  auf  die  Frage,  wie  Sozialwissenschaft
möglich  ist,  fällt  ganz  anders  aus,  als  man  sonst  wohl  den  Daseinsgrund ­
  unserer  Wissenschaft  sich  zurechtlegt.  Danach  gäbe  es  unter
den  „Erscheinungen“  auch  solche,  die  sich  auf  dies  und  jenes  hin  als
„soziale  Erscheinungen“  qualifizieren;  dieser  Sondergruppe  von  „Erscheinungen“ ­
  würde  nun  unsere  Wissenschaft  ähnlich  so  gerecht,  wie
etwa  die  Physik  die  „physischen  Erscheinungen“  erledigt.  Einfach  ist
diese  Lösung  wohl;  richtig  daran  ist  nur  soviel,  daß  wir  tatsächlich ­
  in  einem  bestimmten  Sinne  vom  „Sozialen“  zu
sprechen  wissen.  Es  liegt  aber  dieser  Möglichkeit,  aus  der  Fülle
der  Gegenstände  unseres  Denkens  das  „Soziale“  herauszuheben,  keineswegs ­
  eine  sachliche  Trennung  im  Objekt  zugrunde.  Wenn  wir  das
„Soziale“  überhaupt  von  etwas  anderem  zu  unterscheiden  wissen,  so
vollzieht  sich  dies  als  die  —  recht  entwickelte  —  Funktion  einer
ganz  bestimmten  Denk-  und  Betrachtungsweise,  jener
nämlich,  die  sich  zur  Sozialwissenschaft  läutert.  Aber  sie  ist  uns  natürlich ­
  schon  vorher  geläufig  und  bleibt  dies  auch  unabhängig  von  ihrer
Läuterung,  so  zwar,  daß  wir  auch  ungeachtet  der  Sozial  Wissenschaft
vom  „Sozialen“  zu  sprechen  wissen.  Auch  dann  unterliegt  eine
        <pb n="612" />
        Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

595

spezifische  Auffassung  der  Wirklichkeit;  diese  Auffassung  die  uns  das
„Soziale“  überhaupt  erst  erfaßbar  macht,  sei  nun  in  ihren  Phasen
nochmals  durchgegangen.
Damit  uns  das  „Soziale“  erfaßlich  wird,  sehen  wir  erstens
das  Erfahrbare  nicht  in  Gestalt  von  „Erscheinungen“,  sondern  von
„Erlebungen“  vor  uns.  Es  handelt  sich  dann  nicht  um  sinnliches,  noch
um  seelisches,  sondern  ausdrücklich  um  jenes  spezifische  Dritte  Geschehen, ­
  mit  dem  sich  die  Subjekte  als  solche  bejahen.  Darum  ist  es
bis  ins  Mark  irrig,  das  „soziale“  Geschehen  als  einen  „Ausschnitt  aus
dem  Naturgeschehen  überhaupt“  hinzustellen  I  Die  Erfassung  des
„Sozialen“  ist  notwendig  an  die  noetische  Denkweise  gebunden,  die
aber  ganz  grundsätzlich  andere  Wege  geht  als  jene  phänomenologische,
bei  welcher  wieder  das  „Naturgeschehen“  erfaßlich  wird.  Zweitens
muß  uns  die  „Welt  der  Erlebungen“,  vor  die  uns  die  noetische  Denkweise ­
  stellt,  erst  noch  zur  „Welt  des  Handelns“  werden;  wir  müssen
über  das  noetisch  Erfahrbare  ausdrücklich  in  den  Kategorien  des
multipolaren  Geschehens  denken,  das  heißt,  wir  müssen  das  Dritte
Geschehen,  um  es  begrifflich  zu  erfassen,  zugleich  auf  eine  Mehrheit
von  Subjekten  beziehen.  Drittens  endlich  müssen  wir  das  multipolare ­
  Geschehen,  das  wir  hiermit  erfaßt  haben,  erst  noch  unter  einem
einseitigen  Gesichtspunkt  beschauen.  Es  muß  mit  Rücksicht
darauf  betrachtet  werden,  wie  es  im  Wege  seiner  Zusammenhänge ­
  zu  Einheiten  sich  gliedert,  deren  Andauer
kraft  der  Zusammengestimmtheit  des  Geschehens  die
Wiederkehr  des  letzteren  verbürgt.
So  leicht  es  uns  fällt,  etwas  ohne  Zögern  als  „Soziales“  zu  bezeichnen ­
  oder  etwas  „Soziales“  uns  vorzustellen,  da  wir  von  Kind  auf
für  diese  Art  Erfassung  geschult  sind,  so  setzt  dies  eben  doch  jene
dreifache  Bindung  unserer  Denktätigkeit  voraus:  erstens  an  die  noetische
Denkweise,  zweitens  an  ein  Denken  in  den  multipolaren  Kategorien,
drittens  an  eine  Betrachtung  aus  dem  Gesichtspunkte  der  Equilibration
des  Geschehens,  das  will  sagen,  an  ein  stetes  Beziehen  des  Geschehens
auf  seine  Einheiten,  die  „Gebilde“  1  Es  ist  übrigens  leicht  begreiflich,
wenn  wir  dabei  weniger  das  Geschehen  selber  und  seine
Beziehungen,  als  den  Kreis  der  beteiligten  Subjekte  vor
Augen  haben.  Von  daher  auch  das  Wort  „sozial“.
Bei  der  anderen  Disziplin,  die  den  Wechsel  im  Geschehen  ins
Auge  faßt,  zielt  die  Kausalerklärung  —  um  gleich  das  Schlagwort  zu
bringen  —  auf  die  Novation  des  Geschehens  ab.  Was  uns  hier  als
Kausalerklärung  geboten  wird,  betrifft  nicht  die  Art,  wie  das  Geschehen
innerhalb  von  Einheiten,  die  sich  erst  dadurch  konstituieren,  ins  Gleich-38*
        <pb n="613" />
        596

„Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“,

gewicht  drängt;  hier  gilt  vielmehr  der  Nachweis,  wie  der  Zusammenhang ­
  des  Geschehens  des  letzteren  Wechsel  und  so  stets  wieder  ein
Neues  an  Geschehen  bedingt.
Das  Verhältnis  zwischen  Geschichte  und  Sozialwissenschaft ­
  wird  daher  etwa  in  der  folgenden  Weise  zu  bestimmen  sein.
Beiden  ist  der  nämliche  „empirische  Bestand“  eigen,  die  „Welt  des
Handelns“.  Zwar  sieht  die  eine  Disziplin  sofort  die  „Geschichte“,  die
andere  wieder  die  „Gesellschaft“  vor  sich.  Was  aber  hiermit  jede  der
beiden  Disziplinen  als  ihren  besonderen  „Gegenstand“  von  sich  trennt,
hängt  in  Wahrheit  tief  innerlich  mit  ihr  zusammen.  Als  „Geschichte“ ­
  und  „Gesellschaft“  objektiviert  sich  nur  die
spezifische  Art  der  Betrachtung,  die  jede  dieser  Disziplinen ­
  gegenüber  der  „Welt  des  Handelns“  pflegt.
Die  Sozialwissenschaft  wählt  den  Gesichtspunkt  der  Wiederkehr  im
Geschehen,  die  Geschichte  jenen  des  Wechsels  im  Geschehen.  Folgerichtig ­
  ist  dann  auch  die  Art  verschieden,  wie  beide  Disziplinen  das
Geschehen  auf  seine  Zusammenhänge  erklärend  zurückführen.  Den
Sinn  des  Zusammenhangs  im  Geschehen,  seine  letzte  und  allgemeinste
Konsequenz,  erblickt  die  Sozialwissenschaft  in  der  Equilibration,
die  Geschichte  in  der  Novation  des  Geschehens.
Es  muß  aber  auf  ihr  ganzes  Vorgehen  von  Rückwirkung  sein,
wenn  die  beiden  Disziplinen  in  so  verschiedener  Weise  zur  „Welt  des
Handelns“  Stellung  nehmen.  Erkenntnistheoretisch  betrachtet,  gehen
Sozialwissenschaft  wie  Geschichte  der  noetischen  Kausalität  nach.  Weil
aber  jede  das  kausale  Verknüpfen  der  Tatsachen  wieder  anders  übt,
qualifiziert  sich  die  Art  der  Verknüpfung;  methodologisch  genommen, ­
  sondert  sich  daher  die  „soziale“  von  der  „historischen“
Kausation  der  Tatsachen.  Dies  wirkt  nun  weiter  auf  die  Tatsachen
zurück.  Die  noetische  Natur  der  Tatsachen  bleibt  hüben  und  drüben
die  gleiche,  aber  es  bedingt  mindestens  den  Umkreis  der  Tatsachen,
die  man  im  Dienste  dieser  Disziplinen  festzustellen  sucht,  sobald  die
Absicht  wechselt,  von  der  ihre  kausale  Verknüpfung  getragen  wird.
So  bahnt  sich  auch  eine  Scheidung  zwischen  „sozialen“  und
„historischen“  Tatsachen  an.  Dazu  trägt  noch  mittelbar  der  Umstand ­
  bei,  daß  jede  Tatsache  für  ihre  Feststellung  der  Begriffe  bedarf. ­
  Denn  auch  in  die  Welt  der  Begriffe  hinein  zieht  sich  jener
Zwiespalt  in  der  Kausation  der  Tatsachen.  Einmal  schon  im  Sinne
des  verschiedenen  Gebrauchs,  den  die  beiden  Disziplinen  von  den
gleichen  noetischen  Begriffsformen  machen,  weil  jede  eben  gewisse
Formen  bevorzugt,  andere  vernachlässigt,  will  sie  ihre  Eigenart  wahren;
sodann  auch,  weil  sich  in  den  Dienst  der  „sozialen“  und  der  „histo-
        <pb n="614" />
        Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

rischen“  Kassation  der  Tatsachen  je  besondere  Begriffe  stellen
werden.  So  kommt  es  in  methodologischer  Hinsicht  auch  noch  zu  einer
Sonderung  der  „sozialen“  Begriffe  und  Begriffsformen  von
den  „historischen“.  Kurz,  im  ganzen  Vorgehen  der  beiden  Disziplinen ­
  wird  sich  je  ihr  spezifischer  Charakter  ausprägen,  unbeschadet
ihrer  engen  Verwandtschaft.  Hier  verrät  es  sich  übrigens,  wie  sehr  es
der  Methodologie  unserer  Disziplinen  frommt,  wenn  man  den  Schnitt
zwischen  ihnen  in  aller  Schärfe  zu  führen  sucht.  Denn  alles,  was  Tatsache, ­
  Kausalität  und  Begriff  angeht,  läßt  sich  dann  erst  bis  in  die
letzten  Feinheiten  durcharbeiten.
Es  sei  nur  Eines  hervorgehoben:  auch  die  Frage  des  „grundbegrifflichen“ ­
  Denkens  in  unseren  Disziplinen  kann  hier  erst  ihrer
rationellen  Lösung  zugeführt  werden.  Wir  erfahren  dann,  in  welchem
Geiste  es  überhaupt  sozialwissenschaftliche  „Grundbegriffe“  gibt,  welches
ihre  Mission  ist,  in  welchem  Verhältnis  sie  zu  anderen  Begriffsformen
stehen,  und  vor  allem,  wo  der  sichere  Weg  zu  ihrem  Inhalt  geht.
Es  ist  ja  klar,  so  lange  wir  nicht  über  die  Form  des  „grundbegrifflichen“ ­
  Denkens  im  reinen  sind,  kann  es  auch  inhaltlich  nicht
zur  Ruhe  kommenl  Jedermann  weiß,  wie  kläglich  es  damit  in
unserer  Wissenschaft  bestellt  ist.  Niemand  aber  scheint  sich  eingestehen
zu  wollen,  daß  wir  zu  eigentlichen  „Grundbegriffen“  noch  gar  nicht
gelangt  sind;  vorläufig  sind  nur  „Gr  und  Worte“  da,  um  die  sich
hundert  Definitionen  bemühen  —  „Herrschaft  des  Wortes“  i
Schließlich  sei  noch  jenes  fundamentalen  Problems  unserer  Methodologie ­
  gedacht,  das  dann  ebenfalls  seine  Lösung  finden  muß.  Für  den
allerdings,  der  in  der  Sozialwissenschaft  nur  eine  „Gesetze“  suchende
Wissenschaft  erblickt,  existiert  dieses  Problem  überhaupt  nicht.  Tatsächlich ­
  ist  aber  in  unserer  Wissenschaft  Spielraum  für  beiderlei
Erkenntnis  vorhanden,  sowohl  für  jene,  die  sich  das  Allgemeine,  wie
für  jene,  die  sich  das  Besondere  als  Ziel  setzt.  Es  läßt  sich  sogar
zeigen,  daß  innerhalb  der  Sozialwissenschaft  eher  noch  die  idiographische
  Erkenntnis  den  Vorrang  beanspruchen  darfl  Für  diese
Wissenschaft  treffen  nämlich  die  Voraussetzungen,  an  welche  die  Anwendung ­
  des  idiographischen  Verfahrens  gebunden  ist,  in  vorbildlicher ­
  Weise  zu.  Es  sind  die  Allgemeinbegriffe  vorhanden,  die  übrigens
gerade  in  diesem  Zusammenhang  mehr  nur  als  Mittel  zum  Zweck  erscheinen; ­
  auch  liegt  hier  in  der  denkbar  vollendetsten  Gestalt  ein
Allzusammenhang  vor,  der  alles  auf  alles  beziehbar  macht;  und
schließlich  ist  auch  in  bezug  auf  die  dritte  Voraussetzung,  nämlich  für
ein  Prinzip  der  Auswahl,  in  der  besten  Weise  gesorgt.  Da  hier  das
Geschehen  unablässig  auf  seine  eigenen  Gebilde  bezogen  wird,  fehlt  es
        <pb n="615" />
        598

,Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung",

für  das  Herausarbeiten  des  Individuellen  niemals  an  sicheren  Anhaltspunkten. ­
  Anders  ausgedrückt,  man  kann  hier  niemals  über  das
„Wesentliche“  im  Zweifel  sein:  „Wesentlich“  ist  alles,  was  für
das  Beharren  der  Gebilde  in  Betracht  kommt,  und  in
dem  Grade  „wesentlich“,  als  es  an  diesem  Erfolge  Anteil ­
  hat.
Es  empfiehlt  sich  ein  flüchtiger  Vergleich  mit  der  Geschichte.
Dieser  Disziplin  ist  mit  dem  Prinzipe  ihres  einheitlichen  Aufbaues  nicht
auch  zugleich  ein  Prinzip  der  Auswahl  dargeboten  I  Auf  die  Forderung
allein  hin,  die  „Welt  des  Handelns“  aus  dem  Gesichtspunkte  der
Novation  des  Geschehens  zu  betrachten,  könnte  sich  die  Geschichte
noch  gar  nicht  verwirklichen.  Sie  bedarf  noch  eines  weiteren
Kompositionsprinzips.  Als  dieses  sekundäre  Prinzip  ergibt  sich  nun
jene  Voraussetzung  historischer  Erkenntnis,  die  Rickert  als  das  „Beziehen ­
  auf  Werte“  formuliert  hat.  Hier  kommt  es  dann  notwendig  zu
einer  Differenzierung  der  historischen  Erkenntnis;  je  nach  der  Natur
der  „Werte“,  auf  welche  das  Geschehen  „bezogen“  wird,  um  es  individualisierend ­
  formen  zu  können,  sondern  sich  dann  die  verschiedenen
„Geschichten“.
Was  nun  die  Rolle  der  nomothetischen  Erkenntnis  anlangt,
so  steht  im  voraus  nur  eines  fest:  in  dem  Grade,  wie  sich  die  Sozialwissenschaft ­
  nebenbei  auch  das  Allgemeine  als  Erkenntnisziel  zu
setzen  vermag,  tritt  sie  noch  ganz  zuletzt  in  einen  scharfen  Gegensatz
zu  ihrer  Schwesterwissenschaft.  In  der  Geschichte  schließt  sich  das
nomothetische  Verfahren,  das  Herausarbeiten  des  Allgemeinen,  grundsätzlich ­
  aus;  es  widerstreitet  schroff  ihrem  primären  Kompositionsprinzip. ­
  Eine  Betrachtung  aus  dem  Gesichtspunkte  der  Novation
des  Geschehens  und  zugleich  die  Denkrichtung  auf  das  Allgemeine,
zuletzt  also  auf  das  „Gesetz“,  das  ergäbe  einen  Widerspruch  in  sich.
Es  ist  auch  höchst  bezeichnend,  daß  historische  Erkenntnis  überhaupt
erst  dadurch  realisierbar  wird,  daß  zu  ihrem  primären  Prinzip  erst  noch
die  letzte  Voraussetzung  des  idiographischen  Verfahrens  als  ihr  sekundäres ­
  Prinzip  hinzutritt.  Nur‘die  Geschichts-Schreibung  kennt  eine
„generalisierende  Betrachtung“,  sie  aber  in  dem  mehr  äußerlichen
Sinne,  daß  man  aus  schattenhafter  Verallgemeinerung  einen  Hintergrund
bereitet,  von  dem  sich  die  historische  Gestaltung  um  so  körperlicher
in  ihrem  Sondertum  abhebt.
Im  übrigen  ist  die  Anwendung  des  nomothetischen  Verfahrens  io
der  Sozialwissenschaft  für  den  Methodologen  durch  und  durch  Problem ­
  1  Nur  das  Vorurteil  des  „Universalismus  der  Methoden“  läßt  uns
glauben,  daß  die  Anwendbarkeit  jenes  Verfahrens  bar  aller  Voraus-
        <pb n="616" />
        Geschichte  und  Sozialwissenschaft.

599

Setzungen  sei.  Man  glaubt  dann  eben,  es  sei  für  alle  Wissenschaften
blind  selbstverständlich,  über  das  Allgemeine  hinaus  nach  der  Erkenntnis
der  „Gesetze“  zu  trachten.  Hier  unterläuft  vielleicht  auch  ein  stiller
Bezug  auf  die  „allgemeinbegriffliche“  Natur  unseres  Denkens.  Aber
die  Bindung  an  Allgemeinbegriffe,  der  sich  ja  selbst  die  Idiographie
nicht  entzieht,  sowie  die  Arbeit  mit  Allgemeinbegriffen,  das  ist  immer
noch  etwas  ganz  anderes  als  das  nomothetische  Verfahren.  Genau
so,  wie  das  idiographische  Verfahren  erst  dann  recht  wirklich  wird,
sobald  man  vom  Sonderbegriff  zur  Individuation  fortschreitet,  so  gibt
auch  für  das  nomothetische  Verfahren  noch  nicht  der  Allgemeinbegriff,
sondern  erst  das  Fortschreiten  zum  „Gesetz“  den  Ausschlag.  Ob  nun
dergleichen  innerhalb  der  Sozialwissenschaft  überhaupt  möglich  ist,  ist
durchaus  problematisch,  solange  man  nicht  den  Voraussetzungen
des  Verfahrens  nachgeht,  und  dann  untersucht,  ob  sie  in  der
Sozialwissenschaft  zutreffenl  Erst  darüber  hinaus  führt  der
Weg  zur  Entscheidung,  ob  und  in  welchem  Sinn  man  von  „sozialwissenschaftlichen ­
  Gesetzen“  reden  darf.  Die  Voraussetzungen,  das
soll  sich  zeigen,  treffen  wohl  zu.  Aber  es  kann  nicht  wundernehmen,
daß  sich  auch  das  nomothetische  Verfahren,  wird  es  innerhalb  der
Sozial  Wissenschaft  angewendet,  ganz  spezifisch  gestaltet  1  Dies
prägt  sich  insbesondere  in  einer  eigentümlichen  Begriffsbildung ­
  aus,  die  am  Werke  ist,  wo  sich  etwas  den
„Gesetzen“  Analoges  darbieten  läßt:  es  handelt  sich  um
jene  Begriffsbildung,  die  Max  Weber  als  die  „idealtypische“
formuliert  hat.  In  ihr  kulminiert  die  Eigenart  sozialwissenschaftlicher
Begriffsbildung  überhaupt.
        <pb n="617" />
        1923

Freiheit  vom  Worte
Über  das  Verhältnis  einer  Allwirtschaftslehre  zur  Soziologie
        <pb n="618" />
        Nationalökonomische  Erläuterung.

i.
Als  „Allwirtschaftslehre“  ist  weder  eine  neue  Wissenschaft  gemeint, ­
  noch  soll  es  ein  neuer  Name  sein  für  die  Nationalökonomie.
Es  handelt  sich  auch  nicht  um  diese  Wissenschaft  als  Ganzes,  nur
um  ihre  Theorie.  Es  gilt,  nationalökonomische  Theorie  vom  Boden
einer  ganz  anderen  Grundauffassung  aus  zu  treiben,  vom  Boden  jener
nämlich,  die  ich  die  „allwirtschaftliche“  nenne.  Dieser  Name,  das
wird  sich  zeigen,  hebt  den  Gegensatz  zur  herkömmlichen  Grundauffassung ­
  bloß  in  einseitiger  Weise  hervor.  Auch  so  aber  dient  das
Neuwort  zum  sprachlichen  Symbol  der  Forderung,  daß  sich  die
nationalökonomische  Theorie  von  Grund  aus  läutern  soll.  Wie  sich
daraufhin  ihr  Inhalt  gestaltet,  inwiefern  er  sich  um  bestimmte  Theoreme ­
  bereichert,  ob  daneben  eine  Ausmerzung  von  Scheinproblemen
eintritt,  mag  vorläufig  dahinstehen.  Jedenfalls  geht  aus  der  veränderten ­
  Grundauffassung  eine  neue  Haltung  der  Theorie  hervor.
Nationalökonomische  Theorie  von  dieser  neuen  Haltung,  das  verstehe
ich  unter  Allwirtschaftslehre.
Wird  aber  der  Theorie  einer  Wissenschaft  eine  andere  Grundauffassung ­
  zugemutet,  stülpt  dies  nicht  die  ganze  Wissenschaft  um?
Wenn  es  auch  sonst  zuträfe,  hier  liegen  die  Dinge  seltsam  anders.
Neu  ist  diese  Grundauffassung  bloß  für  die  Theorie,  keineswegs  für
die  Wissenschaft  als  Ganzes.  In  der  Nationalökonomie  sondert  sich
eben  die  Theorie  von  dem  weit  überwiegenden  Rest  der  Wissenschaft
in  einer  ganz  eigentümlichen  Weise  ab.  Gerade  in  Sachen  der  Grundauffassung ­
  ist  die  nationalökonomische  Theorie  hinter  ihrer  eigenen
Wissenschaft  nachweislich  zurückgeblieben;  sie  ist  rückständig  geworden. ­
  Nun  soll  sie  aufholen.  Nichts  anderes  ist  der  Sinn  der
Forderung,  daß  sich  diese  Theorie  zur  Allwirtschaftslehre  läutere.
Man  sieht,  die  Wissenschaft  als  Ganzes  gerät  darüber  keineswegs  aus
den  Fugen;  umgekehrt,  ihr  Gefüge  wird  ins  rechte  Lot  gerückt.
Allein,  eine  Wissenschaft  denkt  man  sich  doch  mit  ihrer  Theorie
aufs  innigste  verflochten;  da  bedarf  es  schon  ausnehmender  Verhält ­
        <pb n="619" />
        Nationalökonomische  Erläuterung,  II.

6o$
nisse,  ehe  ein  solcher  Zwiespalt  in  der  Grundauffassung  einreißen
kann.  Denkbar  bleibt  überhaupt  nur  der  Fall,  daß  sich  die  Theorie
förmlich  eingekapselt  hätte,  als  ein  Spezialgebiet  der  Wissenschaft,
um  das  sich  die  übrigen  Gebiete  gar  nicht  weiter  scheren.  Aufs
Haar  so  liegt  es  aber  in  der  Nationalökonomie.  So  gut  wie  vollständig ­
  mangelt  es  bislang  an  inneren  Beziehungen  zwischen  Theorie
und  Empirie  in  dieser  Wissenschaft.  Beides  führt  ausgesprochen  sein
Eigenleben,  geht  seine  Wege  für  sich.  Verständlich  ist  dies  schon
aus  dem  Werdegang  dieser  Wissenschaft;  darauf  soll  ein  flüchtiger
Blick  noch  fallen.  Der  letzte  Grund  wurzelt  in  der  eigentümlichen
Art,  in  der  die  Nationalökonomie  eine  Erfahrungswissenschaft  ist.
Erfahrung  schöpft  sie  aus  dem,  was  uns  alle  als  Alltag  umgibt,  was
also  jedermann  in  irgendeinem  Grade  schlechthin  bekannt  ist;  daher
auch  meine  einstige  Kennzeichnung  dieser  Wissenschaft  als  „Erkenntnis ­
  des  Bekannten“.  Daraufhin  eröffnen  sich  ihr  zwei  gesonderte
Wege  der  Erfahrung:  die  gemeine  Erfahrung,  wie  ich  es  damals
nannte,  und  die  Erfahrung  im  Wege  wissenschaftlich  festgestellter
Tatsachen.  Schlägt  nun  die  Theorie  einseitig  den  Weg  der  gemeinen
Erfahrung  ein  —  ein  Theoretiker  vom  Range  Friedr  ich  v.  Wiesers
hat  sich  ausdrücklich  dazu  bekannt  —  während  die  Ausbeute  der
aus  der  Gegenwart  und  Vergangenheit  der  Wirtschaft  feststellbaren
Tatsachen  ausschließlich  den  empirischen  Gebieten  der  Wissenschaft
überlassen  bleibt,  dann  allerdings  können  sich  Theorie  und  Empirie
weitab  voneinander  entwickeln,  selbst  bis  zu  völliger  Entfremdung
zwischen  beiden,  schon  in  der  Grundauffassung.  Ohnehin  steht  ja
die  gemeine  Erfahrung  auch  dem  zu  Gebote,  der  in  Tatsachen  forscht;
er  vermag  also  Theorie  dieses  Ursprunges  jederzeit  für  seinen  eigenen
Bedarf  zu  improvisieren,  und  so  hält  er  sich  erst  recht  unabhängig
von  der  zünftigen  Theorie.  Aber  alle  diese  Dinge  erheischen  doch
ein  näheres  Eingehen  auf  den  Sachverhalt.

II.
Bekanntlich  zerfällt  die  Nationalökonomie  ganz  ausgesprochen  in
einen  theoretischen  Teil  und  in  eine  große  Zahl  empirischer  Gebiete,
woran  sich  erst  noch  mancherlei  technische  Anhängsel  knüpfen.
Davon  ist  der  theoretische  Teil,  also  die  theoretische  Nationalökonomie,
vornehmlich  in  der  Nachfolge  der  „klassischen“  Schule  aufgewachsen,
im  Geiste  einer  „Güterlehre“,  einer  Theorie  der  Produktion,  Zirkulation,
Distribution  und  Konsumtion  der  Güter.  Diese  theoretische  National-
        <pb n="620" />
        6o6

„Freiheit  vom  Worte“,

Ökonomie  entfaltet  sich  zu  einer  Unzahl  engerer  „Lehren“;  so  „vom
Werte“,  „vom  Preise“,  „vom  Kapital“,  „vom  Zins“,  „von  der  Rente“,
„vom  Lohne“,  „vom  Einkommen“,  „von  der  Produktivität“,  „vom
Gelde“  usw....  Alle  diese  verschiedenen  „Lehren“  aber  sind  mehr
oder  minder  ausgeartet  in  Zerfahrenheit  und  Zerstrittenheit,  und  nachweisbar ­
  mußte  es  so  kommen,  solange  man  nationalökonomische
Theorie  nur  vom  Boden  der  herkömmlichen  Grundauffassung  aus  zu
treiben  weiß.  Kein  Wunder,  wenn  daraufhin  —  und  schon  seit
einigen  Jahrzehnten,  namentlich  vom  Methodenstreit  Menger-Schmoller
  her  —  die  theoretische  Nationalökonomie  steigend  sich
selber  zum  Problem  geworden  ist,  zu  einer  brennenden  Frage  hinsichtlich ­
  ihres  Sinnes,  ihres  Berufes,  ihrer  ganzen  Haltung  überhaupt.
Auch  ich  habe  vor  zwanzig  und  mehr  Jahren  eine  recht  einschneidende
Kritik  an  der  herkömmlichen  Art  geübt,  Theorie  zu  treiben.  Gleich
vom  Beginn  an  verfocht  ich  die  Ansicht,  daß  der  Nationalökonomie
nicht  mehr,  wie  es  so  oft  versucht  wurde  und  immer  wieder  versucht
wird,  durch  eine  „Revision  der  Grundbegriffe“  zu  helfen  wäre;  sitzt
doch  gerade  in  diesen  „Grundbegriffen“  der  Wurm.  Nur  eines  hilft:
eine  „Revision  des  Grundbegreifens“  1
Dies  nun  läuft  auf  resoluten  Auswechsel  der  Grundauffassung
hinaus,  um  endlich  auch  in  der  Theorie  Schritt  zu  halten  mit  der
sonstigen  Entwicklung  unserer  Wissenschaft.  Das  Verdienst  an  dieser
Entwicklung  gebührt  der  Empirie,  der  Forschung  in  Tatsachen.
Wie  überaus  viel  die  Nationalökonomie  ihrer  Empirie  verdankt,  das
spiegelt  sich  schon  äußerlich  in  ihrem  gewaltigen  Wachstum.  Über
dem  Ausbau  ihrer  empirischen  Gebiete  hat  sich  die  Nationalökonomie
zu  einem  ganzen  Bündel  von  Fachwissenschaften  entfaltet,  von  denen
jede  für  sich  wieder  in  die  Breite  und  Tiefe  gediehen  ist.  Ihrem
Umfang  und  der  Fülle  ihres  Inhaltes  nach  sucht  unsere  Wissenschaft
daraufhin  wahrlich  ihresgleichen.  Zugleich  aber  verschob  sich  ihr
geistiger  Schwerpunkt  bald  nach  der  Empirie  hin.  Daran  ändert
auch  jener  oberflächliche  Eindruck  nichts,  dem  die  allgemeine  Meinung ­
  stets  wieder  erliegt;  für  diese  verharrt  ja  die  Theorie  auch
dann  im  Vordergrund  und  wird  für  das  Hauptstück  der  Wissenschaft
genommen,  wenn  sie  doch  nur  einer  täuschenden  Fassade  gleichkommt, ­
  ohne  jeden  organischen  Zusammenhang  mit  dem  mächtigen
Bauwerk  dahinter.  So  ist  es  aber  tatsächlich  um  die  nationalökonomische ­
  Theorie  von  heute  bestellt.  Sie  ist  des  Anspruchs  verlustig
  gegangen,  den  jede  Theorie  einer  reifen  Wissenschaft  erheben
darf:  vornehmlich  von  sich  aus  der  Empirie  die  Ziele  zu  setzen  und
die  rechten  Wege  zu  weisen,  unbedingt  aber  das  letzte  Wort  der
        <pb n="621" />
        Nationalökonomische  Erläuterung,  III.

607

Erkenntnis  zu  sprechen,  über  die  Ergebnisse  der  Empirie  noch  hinaus. ­
  Von  solcher  Führung  und  geistigen  Obergewalt  der  nationalökonomischen ­
  Theorie  ist  heute  nichts  zu  spüren.  Einseitig  gehorchen
die  empirischen  Gebiete  den  herrischen  Anregungen  des  Lebens
selber.  Nur  von  da  her  gestalten  sie  ihr  reiches  Eigenleben  aus  und
nehmen  im  übrigen  selbstherrlich  ihre  Entwicklung,  ohne  Acht  und
Rücksicht  darauf,  was  nebenher  in  der  Theorie  getan  und  unterlassen
wird.  So  konnte  es  auch  kommen,  daß  sich  die  Forschung  in  Tatsachen ­
  für  ihren  eigenen  Teil  eine  Grundauffassung  zu  erarbeiten
wußte,  weitab  von  jener,  an  der  die  Theorie  durchschnittlich  immer
noch  festhält.
Von  der  Grundauffassung,  wie  sie  in  der  reifen  Empirie  unserer
Tage  lebt,  der  Theorie  förmlich  zum  Trotz,  war  schon  zu  sagen,  daß
sie  durchaus  im  Einklang  stünde  mit  jener,  die  ich  die  allwirtschaftliche
nenne.  Übrigens  erfolgt  diese  Nennung,  die  mir  aus  Gründen  der
klaren  Stellungnahme  geboten  erscheint,  erst  hinterher.  Denn  vertreten ­
  habe  ich  eine  grundsätzlich  gleiche  Auffassung  bereits  im  Vollzüge ­
  meiner  damaligen  Kritik,  besonders  in  der  erkenntniskritischen
Schrift  „Die  Herrschaft  des  Wortes“.  Schon  damals  war  hervorzuheben,
daß  ich  mich  bei  meinem  scharfen  Angriff  auf  die  Theorie  völlig  in
einer  Linie  mit  der  Empirie  weiß.  Es  ist  mir  aber  keineswegs  darum
zu  tun,  die  Empiriker  zu  Kronzeugen  für  die  Richtigkeit  meiner  Ansicht ­
  zu  pressen.  Vielmehr  genügt  hier  der  schlichte  Hinweis  auf
jenen  Einklang  der  Auffassungen.  Hat  doch  dieser  Hinweis  überhaupt
nur  den  Sinn,  darzutun,  daß  ich  mir  bewußt  bin,  ganz  und  gar  nichts
Neues  zu  vertreten,  und  daß  mir  jeder  Anspruch  fremd  bleibt,  „grundstürzend“ ­
  in  unsere  Wissenschaft  einzugreifen.  Die  Theorie  hinkt  einfach ­
  dorthin  nach,  wohin  sich  die  Empirie  längst  schon  durchgearbeitet
hat;  das  ist  alles.

in.
In  der  Welt  der  wirtschaftlichen  Tatsachen  majorisiert  die  gewordene ­
  Vergangenheit  allemal  die  werdende,  die  Gegenwart.  Dort
aber,  wo  der  Stoff  so  viel  reicher  sich  darbietet,  in  der  weithin  sich
dehnenden  Vergangenheit,  dort  bewegt  sich  auch  der  geistige  Blick
freier,  weniger  gebunden  an  Interessen,  nicht  so  beengt  durch  das
Allzunahe.  Dies  hat  der  Wirtschaftsgeschichte  die  Vorhand  eingeräumt,
so  daß  vornehmlich  sie  die  fragliche  Auffassung  zu  erarbeiten  wußte;
Wirtschaftsgeschichte  nicht  als  Abart  der  Geschichte  gemeint,  sondern
        <pb n="622" />
        6o8

.Freiheit  vom  Worte“,

als  vollwertig  nationalökonomische  Forschung.  Sie  ist  uns  wahrhaft
zum  Lehrgang  geworden,  Wirtschaft  richtig  zu  sehen  als  einen  Tatbestand ­
  des  Lebens,  und  richtig  auch  als  Problem  zu  sehen.  So  tritt
uns  vor  allem  aus  den  reifsten  der  wirtschaftsgeschichtlichen  Leistungen
die  fragliche  Auffassung  klar  entgegen.  Es  ist  überhaupt  nur  diesem
angeblichen  „Historismus“  zu  verdanken,  wenn  sich  jene  Auffassung
seither  auch  in  einer  steigenden  Zahl  der  Arbeiten  durchsetzt,  die  von
der  Gegenwart  des  Wirtschaftslebens  handeln.  Und  sie  setzt  sich,  in
hellem  Gegensatz  zur  durchschnittlichen  Haltung  der  Theorie,  sogar
bis  in  diese  hinein  durch;  mindestens  gilt  dies  für  einzelne  Gipfelleistungen, ­
  so  für  Georg  Friedrich  Knapps  „Staatliche  Theorie
des  Geldes“,  für  Alfred  Webers  „Industrielle  Standortslehre“.
Offenbar  klärt  sich  diese  Auffassung  so  recht  erst  bei  der  vollen
Reife  des  fachlichen  Denkens  ab.  Ihr  erstes  Aufkeimen  jedoch  reicht
weit  in  die  Vergangenheit  zurück.  Im  Grunde  ist  der  Hang  nach
dieser  Auffassung  ebenso  alt  wie  der  wissenschaftliche  Sinn  in  der
Nationalökonomie.  Ihre  Keime  ließen  sich  ohne  Zweifel  noch  weit
vor  den  „Klassikern“  nachweisen.  Unter  diesen  hätte  Adam  Smith,
wäre  es  auf  den  tieferen  Gehalt  seines  grandiosen  Werkes  angekommen,
die  Ausreife  gewaltig  fördern  können.  Aber  leider  vollzog  sich  die
weitere  Entwicklung  weniger  im  Lichte  als  im  Schatten  seiner  Leistung.
Schale  Wortgläubigkeit  war  sofort  dahinterher;  ein  bloßes  Fortspinnen
begann,  und  nicht  etwa  der  vielen  Ansätze  zu  reifster  Theorie,  nein,
ein  kleinliches  Fortspinnen  ausgerechnet  nur  von  dem,  was  sich  dieser
Kenner  des  Lebens  von  richtigen  Gemeinplätzen  her  und  sozusagen
nur  für  den  eigenen  Gebrauch  als  Theorie  zurechtlegte,  mit  der  leichten
Hand  dessen,  der  wirkungsvoll  fürs  Leben  schreiben  will,  nicht  aber
verantwortungsvoll  für  die  Lehre.  So  hat  man  dieses  urgewaltige
Buch,  die  unerhört  erfolgreiche  Streitschrift  für  die  Neuwirtschaft  von
damals,  als  ein  Lehrbuch  auszubuchstabieren  sich  nicht  gescheut.  In
der  weiteren  Folge  davon  ist  unsere  Wissenschaft  mit  dem  Wasserkopf
der  „klassischen“  Schule  aufgewachsen.  Auch  schon  David  Ricardo
krittelte  buchstabierend  an  Smith  herum.  Seinem  überlegen  scharfen
Geiste  stand  freilich  mehr  als  „gemeine“  Erfahrung  zu  Gebote.  Immerhin, ­
  und  das  entschied  für  die  Epigonen,  schon  er  erhob  das  einseitige
Ausschlachten  der  gemeinen  Erfahrung  zum  Forschungsprinzip  der
nationalökonomischen  Theorie.  Ricardo  verhalf  einer  Wissenschaft,
die  tatsachenhungrig  wie  keine  ist,  bereits  zu  einem  Zeitpunkt,  als  ihre
eigentliche  Tatsachenbasis  noch  überaus  schmal  war,  zu  einer  ganz
verfrühten  Reife  ihrer  Theorie.  Diese  Reife  ging  natürlich  nicht  unter
die  Oberfläche;  aber  für  den  Eindruck  auf  die  Zeitgenossen  genügte
        <pb n="623" />
        Nationalökonomische  Erläuterung,  III.

609

auch  dies,  in  der  verhängnisvollsten  Weise.  Von  da  ab  lag  unsere
Theorie  an  der  Kette  ihrer  „Grundbegriffe“,  gefangen  in  der  „klassischen“ ­
  Auffassung.  Weil  sie  ausschließlich  aus  der  gemeinen  Erfahrung
schöpfte,  war  sie  ein  Gebiet  ganz  für  sich  geworden;  sie  blieb  wie
von  einer  chinesischen  Mauer  umzogen,  jedoch  in  verkehrtem  Sinn:
im  Innern  eitel  Kampf  der  wortverhetzten  „Theorien“,  während  draußen,
ganz  ungestört  davon,  die  Forschung  in  Tatsachen  an  der  eigentlichen
Erkenntnis  arbeitet.  Man  gehe  die  Reihe  der  Wissenschaften  hin  und
her  durch,  dieses  Verhältnis  findet  sich  kein  zweites  Mal.
In  der  Folge  konnte  es  nur  im  Widerspruch  zur  „klassischen“
Schule  geschehen,  daß  die  fragliche  Auffassung  aus  ihren  Keimen
schlüpfte.  Solange  aber  dieser  schöpferische  Widerspruch  in  einer
Theorie  stecken  blieb,  die  abermals  nur  auf  gemeiner  Erfahrung  beruhte, ­
  wie  etwa  bei  den  „Romantikern“,  war  nicht  viel  erreicht;  der
vorzeitigen  Reife  war  bloß  eine  verfrühte  Opposition  gemacht.  Ungleich ­
  mehr  hat  Friedrich  List  ausgerichtet  durch  die  Vehemenz,
mit  der  er  gleichsam  das  Wirtschaftsleben  selber  gegen  dessen  theoretische ­
  Verkennung  zum  Kampfe  aufrief.  Die  entscheidende  Wendung
trat  erst  ein,  als  eine  bewußt  lebensvollere  Auffassung  der  Wirtschaft
als  ein  Programm  aufgestellt  wurde,  dem  in  der  Folge  auch  seine
Erfüllung  beschieden  war  durch  das  Aufblühen  der  Empirie  in  unserer
Wissenschaft,  durch  eine  methodische  Pflege  der  Forschung  in  Tatsachen! ­
  Diese  hatte  ja  nie  ausgesetzt,  der  Faden  war  nie  gerissen.
Nun,  in  der  Hochflut  empirischer  Leistungen,  während  der  zweiten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  —  das  Beispiel  der  gewaltigen  Schriftenreihe ­
  des  „Vereins  für  Sozialpolitik“  sagt  hier  das  Beste  —  gedeiht
die  Auffassung,  die  alle  Wirtschaft  richtig  als  Leben  zu  packen  sucht,
endgültig  zur  Reife!  WilhelmRoscher,  der  selber  in  theoretischen
Dingen  von  naivster  Wortgläubigkeit  umfangen  blieb,  hat  eigentlich
nicht  viel  mehr  als  den  äußeren  Anstoß  dazu  gegeben.  Den  Geist
steuerte  Bruno  Hildebrand  bei,  vor  allem  aber  mein  alter  Lehrer
Karl  Knies.  Sein  „schlecht  geschriebenes“  Jugendwerk  —  allerdings
taumelt  und  stolpert  da  der  Ausdruck  über  die  Fülle  der  Gedanken
—  trägt  wohl  das  Hauptverdienst  daran,  wenn  sich  die  deutsche
Nationalökonomie  gleich  in  ihrem  eigenen  Bereich  zu  jener  Läuterung
durchrang,  die  anderwärts  ganz  andere  und  krumme  Wege  einschlagen
mußte.  Um  es  vorgreifend  anzudeuten:  Soziologie,  als  „Forderung“,
hat  sich  bei  uns  zuerst  in  der  Nationalökonomie  selber  durchgesetzt,
hi  deren  empirischen  Teilen,  unbekümmert  um  die  rückständige  Theorie;
während  in  anderen  Ländern  das  Schwergewicht  einer  orthodoxen
Theorie  dazu  führte,  daß  sich  Soziologie  bloß  neben  der  Nationalv.
  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  39
        <pb n="624" />
        6io

»Freiheit  vom  Worte“,

Ökonomie  gestalten  konnte,  gleich  als  gestempelte  Soziologie  auftretend.
Dies  verschuldet  zwar  den  Schein  unserer  angeblichen  „Rückständigkeit“
in  Soziologie;  letzten  Endes  bedeutet  es  doch  einen  Vorsprung.  Er
verriet  sich  ja  bisher  schon  in  der  werbenden  Kraft  der  deutschen
Nationalökonomie  geläuterter  Auffassung  —  in  bezug  auf  diese  ist  der
Ausdruck  „historische  Schule“  ein  durchaus  schiefer;  gibt  er  doch
den  bloßen  Weg,  den  die  Läuterung  notgedrungen  einschlagen  mußte,
für  die  Sache  aus.  Der  Gang,  den  es  bei  uns  nahm,  ist  aber  auch
verheißungsvoll  für  die  Zukunft.  An  der  orthodoxen  Theorie  der
Romanen  und  Angelsachsen  droht  alle  ihre  Soziologie  dauernd  abzuprallen: ­
  der  Versuch,  in  dieser  Form  die  Theorie  zu  läutern,  müßte
ja  als  ein  unzulässiger  Eingriff  von  außen  empfunden  werden.  Bei
uns  erledigt  sich  das  gleiche  zwanglos  als  eine  häusliche  Angelegenheit
der  Nationalökonomie;  sie  selber  rechnet  einfach  mit  der  rückständigen
Auffassung  ihrer  Theorie  ab.  Da  wird  nur  in  eigener  Sache  das
Schiefe  gerade  gebogen.
Bei  einem  bloßen  Hinweis  darauf,  wie  sich  in  der  Nationalökonomie,
ihrer  eigenen  Theorie  zum  Trotz,  jene  lebensvolle  Auffassung  durchgerungen ­
  hat,  kommt  das  Besondere  einzelner  Fälle  unmöglich  zu
seinem  Recht.  Geschweige,  daß  sich  auch  die  ganz  absonderliche
theoretische  Stellung  einzelner,  z.  B.  Albert  Eberhard  Schäffles,
zureichend  würdigen  ließe.  Er  hat  unstreitig  für  die  Theorie  nach  einer
tieferen  Grundauffassung  gerungen.  Es  ist  aber  klar,  eine  eingerottete
Grundauffassung  läßt  sich  nicht  so  eins  zwei  über  den  Haufen  rennen,
ohne  daß  Erkenntniskritik  eingreift.  Ihr  fällt  die  Aufgabe  zu,  den  herkömmlichen ­
  Gedankengang  überall  dort  aufzulockern,  wo  er  im  geheimen ­
  seine  falschen  Ruhepunkte  findet.
An  Erkenntniskritik  gebricht  es  auch  jenem  unvergleichlichen
Werke,  mit  dem  Gustav  v.  Schmoller  den  zünftigen  Theoretikern
jns  Handwerk  des  Lehrbuchs  gepfuscht  hat.  Darum  setzt  er  sich  mit
der  Theorie  ganz  wie  von  gleich  zu  gleich  auseinander.  Und  doch
offenbart  sich  an  diesem  Buche  wie  nie  zuvor  die  Kluft  zwischen  den
zwei  Grundauffassungen:  zwischen  der  rühmlich  erarbeiteten  und  jener
unrühmlich  ererbten,  die  heute  noch  im  breiten  Durchschnitt  ganz  so
festgehalten  wird  wie  einst,  als  sie  beim  naiven  Einsatz  der  Theorie
das  notwendige  Übel  war.  Freilich,  der  Verzicht  auf  Erkenntniskritik
ist  bei  einem  Buch  eher  verständlich,  hinter  dem  die  Summe  der
Forschung  in  Tatsachen  steht;  deren  Ergebnisse  wissen  für  sich  selber
zu  sprechen.  Nur  fehlt  es  bei  Schmoller  auch  an  der  letzten  theoretischen ­
  Zuspitzung.  Man  kann  unseren  Empirikern  ihre  Abneigung
gegen  Theorie  von  der  heute  noch  durchschnittlichen  Sorte  gewiß
        <pb n="625" />
        Nationalökonomische  Erläuterung,  IV.  gj  j
nachfühlen.  Aber  ein  Lehrbuch  gleichsam  ohne  Theorie,  übertreibend
gesagt,  das  kann  die  Mission  für  sich  allein  nicht  erfüllen,  die  ihm  bei
seinen  sonstigen  Qualitäten  zufiele.  Es  bricht  wohl  der  geläuterten
Auffassung  kraftvoll  Bahn,  unterhöhlt  die  Grundlagen  der  herkömmlichen ­
  Theorie.  Dennoch  bleibt  diese  daneben  aufrecht,  im  falschen
Schein,  schlechthin  die  nationalökonomische  Theorie  vorzustellen,  trotzdem ­
  schon  ihre  Zeit  so  offenkundig  abgelaufen  ist.  Was  aber  fallen
will,  das  soll  man  stoßen.  Den  Stoß  selber  muß  Erkenntniskritik
führen.  Diese  wird  sich  freilich  nur  dann  endlich  durchsetzen,  sobald
ausführende  Theorie  hinter  ihr  steht,  getragen  von  der  geläuterten
Auffassung.  Hier  schreibe  ich  gleichsam  nur  das  Vorwort  dazu.

IV.
Nennt  man  die  Auffassung,  durch  die  sich  die  nationalökonomische
Theorie  läutern  soll,  die  allwirtschaftliche,  die  geläuterte  Theorie  dann
Allwirtschaftslehre,  so  hebt  dies  nicht  den  eigentlichen  Wandel  hervor,
der  sich  hier  vollziehen  soll,  mehr  nur  einen  einzelnen  Erfolg  davon.
Was  sich  im  letzten  Grunde  dabei  wandelt,  wird  erst  in  der  Folge  absehbar: ­
  es  soll  die  „Wortgebundenheit“  der  herkömmlichen  Theorie
überwunden  werden,  zugleich  das  „Güterselige“,  das  „Unsoziologische“
ihrer  Haltung.  Jener  einzelne  Erfolg  aber  beruht  darin,  daß  die  geläuterte ­
  Theorie  im  Verbände  ihrer  Wissenschaft  spezifisch  mehr  zu
leisten  vermag  als  die  herkömmliche.  Kurz  gesagt,  besitzen  wir  vorläufig ­
  nur  eine  Theorie  der  Wirtschaft  von  heute;  eine  Theorie  aber,
die  gerade  infolge  dieser  Einschränkung  selbst  ihrem  engen  Vorwurf
nicht  gerecht  wird.  Was  also  nottut,  ist  eine  Theorie,  die  ausdrücklich
auch  der  VTrtschaft  von  heute  darum  besser  beikommt,  weil  sie  einfach ­
  der  Erfassung  aller  und  jeder  Wirtschaft  gewachsen  bleibt,  wie
immer  auch  das  Wirtschaftsleben  seinen  Formen  nach  geartet  war
und  wäre.  Eine  Theorie,  solcher  Leistung  fähig,  darf  sich  wohl  Allwirtschaftslehre ­
  nennen.
Dem  Namen  „Allwirtschaftslehre“  wird  hoffentlich  die  Mißdeutung
erspart  bleiben,  als  ob  da  ein  „Inbegriff“  gemeint  wäre,  der  sowohl
„Volkswirtschaftslehre“  wie  auch  „Weltwirtschaftslehre  und  „Privatwirtschaftslehre“ ­
  umspannt.  Es  ist  bedenklich  genug,  drechselt  man
wie  hier  aus  einem  imposanten  Ganzen  und  zweien  seiner  zahlreichen
Teile  eine  ebenmäßige  Reihe,  um  sich  daraufhin  zu  gewöhnen,  daß
man  eine  Wissenschaft  von  diesem  Range  in  einem  Atem  nennt  mit
der  Zusammenfassung  einiger  ihrer  empirischen  Spezialgebiete  auf  der
39*
        <pb n="626" />
        612

Freiheit  vom  Worte“,

einen  und  mit  einem  ihrer  technischen  Annexe  auf  der  anderen  Seite;
handelt  es  sich  bei  der  „Privatwirtschaftslehre“  im  Kerne  doch  um  die
Kunstlehre  vom  unternehmungsweisen  Erwerb,  also  um  Unternehmungsführungslehre, ­
  die  man  natürlich  nicht  mit  ihrer  eigenen  Hilfstechnik,
Buchhaltungslehre  usw.,  verwechseln  darf.  Dieses  Nebeneinanderstellen
mag  vom  Standpunkte  des  Lehrbetriebes  noch  hingehen,  bei  dem  man
auch  mit  praktischen  Interessen  zu  rechnen  hat,  und  so  z.  B.  auch  mit
dem  sehr  erheblichen  Belang  von  engeren  Berufslehren  des  modernen
Geschäftslebens.  Theoretisch  aber  läßt  sich  eine  Reihe  überhaupt  nicht
ernst  nehmen,  die  schlankweg  nebeneinanderstellt,  was  in  der  verwickeltsten
  Weise  ineinander  hängt.  Der  Gipfel  wäre  nun  mit  jener
widersinnigen  Deutung  des  neuen  Namens  erstiegen:  Allwirtschaftslehre ­
  als  „Inbegriff  der  drei  Wissenschaften  von  der  Wirtschaft“.
Für  unsere  Wissenschaft  selber,  da  ziehe  ich  doch  den  Namen
„Nationalökonomie“  allen  anderen  vor,  weil  er  nachgerade  zu  einer
bloßen  Wortmarke  verflacht  ist,  ohne  daß  man  seinem  eigenen  Sinn
noch  viel  Gehör  schenkt.  Anders  schon  beim  Namen  „Volkswirtschaftslehre“. ­
  Wie  es  in  dieser  Verdeutschung  um  so  deutlicher  anklingt,
engt  dann  ihr  Name  den  Vorwurf  unserer  Wissenschaft  ausdrücklich
ein.  Weist  doch  das  Wirtschaftsleben  wohl  heute  bei  uns,  aber  nicht
zu  allen  Zeiten  und  überall  die  Sozialform  der  „Volkswirtschaft“  auf.
Mittelbar  stellt  daher  jener  einengende  Name  die  Nationalökonomie
als  eine  Art  „Gegenwartswissenschaft“  hin.  Ganz  so  faßt  es  auch  die
landläufige  Meinung  über  die  Nationalökonomie  auf.  Daher  erblickt
man  in  der  sogenannten  Wirtschaftsgeschichte  nur  eine  bloße  Ergänzung
der  Nationalökonomie,  zu  der  ihr  angeblich  die  Geschichtswissenschaft
verhilft.  Gerade  darüber  ist  nun  unsere  Wissenschaft  in  schöpferischer
Tat  längst  zur  Tagesordnung  übergegangen.  Was  da  als  Wirtschaftsgeschichte ­
  erwuchs,  ist  auch  nur  empirische  Nationalökonomie,  mit
ihren  Problemen  aber  auf  Vergangenes  eingestellt.  Zwar  wird  niemand
blind  für  das  vorwaltende  Interesse  sein,  das  wir  als  Lebende  dem
Leben  um  uns  entgegenbringen,  dem  wir  selber  verflochten  bleiben.
So  ruht  auch  für  die  wissenschaftliche  Arbeit  in  der  Nationalökonomie
der  Ton  stets  auf  dem  heutigen  Wirtschaftsleben;  und  die  Art,  wie
sie  dieses  geistig  zu  bewältigen  vermag,  wird  allemal  der  Gradmesser
ihres  Erfolges  sein.  Aber  diese  Tatsachen  des  praktischen  Interesses
erschüttern  nicht  im  mindesten  das  grundsätzliche  Verhältnis:  als  Erfahrungswissenschaft ­
  steht  die  Nationalökonomie  vor  dem  Tatbestand
des  Wirtschaftslebens  überhaupt,  einem  gewaltigen  Strom  erlebter
Wirklichkeit.  Eitel  Bewegung  bleibt  ja  auch  das  Gegenwärtige,  nicht
bloß  dem  Stoff  nach,  als  Geschehen;  auch  als  Gestaltung  dieses  Stoffes
        <pb n="627" />
        Nationalökonomische  Erläuterung,  V.

613

besagt  das  Wirtschaftsleben  etwas  durch  und  durch  Gewordenes,  das
auch  nie  aufhört,  ein  Werdendes  zu  bleiben.  Zeitliche  und  örtliche
Grenzen  sind  jedenfalls  dem  Vorwurf  unserer  Wissenschaft  grundsätzlich ­
  nicht  gezogen.  In  diesem  Geiste  versuchte  ich  einst  die  Nationalökonomie ­
  auch  zu  kennzeichnen,  an  der  Hand  bewußt  unaufgelöster
Begriffe  und  in  roher  Annäherung  bloß,  als  die  „Erfahrungswissenschaft
  vom  Alltagsleben  aller  Zeiten  und  Völker“.
Man  könnte  mich  nun  fragen,  weshalb  ich  nicht  gleich  den  Namen
unserer  Wissenschaft  umgeändert  wissen  will,  aus  „Volkswirtschaftslehre“ ­
  in  „Allwirtschaftslehre“;  das  wäre  sie  doch,  meiner  Auffassung
nach.  Gewiß  ist  sie  das,  ihrer  eigenen  Theorie  herkömmlicher  Haltung
zum  Trotz;  und  sie  ist  Allwirtschaftslehre  nicht  bloß  im  Grundsätze,
sondern  ausdrücklich  auch  der  tatsächlichen  Auffassung  nach,  soweit
diese  in  der  Empirie  lebt,  im  markigen  Großteil  der  Wissenschaft.
Aber  gerade  dies  hält  mich  von  der  Neubenennung  ab.  Ich  würde  es
ja  begrüßen,  wenn  mehr  Einheit  im  Gebrauch  des  zureichend  abgegriffenen ­
  Namens  „Nationalökonomie“  zustande  käme,  auch  auf  Kosten
der  krankhaften  Neubildung  „Sozialökonomik“.  Dagegen  erschiene  es
mir  recht  müßig,  an  einer  einmal  so  eingebürgerten  Bezeichnung  zu
rütteln.  Wozu?  Nur  um  der  Wissenschaft  auch  noch  im  Namen  aufzudringen, ­
  was  sie  in  der  Sache  zum  besten  Teile  längst  schon  errungen ­
  f  Da  bleibt  es  meine  Anschauung,  daß  einer  Wissenschaft,  die
sich  selber  gefunden  hat,  gar  nichts  gleichgültiger  sein  kann  als  ihr
eigener  Name.

V.

Bloß  der  nationalökonomischen  Theorie  halse  ich  den  Namen
„  All  wirtschaftslehre  “  auf,  unter  dem  Vorbehalt  ihrer  Läuterung.  Übrigens
auch  ihr  nur  vorübergehend.  Je  früher  sich  das  Neuwort  wieder  entbehrlich ­
  machen  würde  —  hätte  sich  nur  erst  die  so  benannte  Auffassung ­
  auch  in  unserer  Theorie  überwiegend  durchgesetzt,  waren
Theorie  und  Empirie  nur  erst  glücklich  im  Geiste  geeint,  dürfte  also
die  „allwirtschaftliche“  als  die  nationalökonomische  Grundauffassung
schlechtweg  gelten  —  je  früher  mithin  dieser  Name  als  Streitruf  im
Kampfe  schon  seinen  Dienst  getan  und  abdanken  könnte,  um  so  besser!
In  der  Zwischenzeit  aber  ist  diese  Nennung  für  die  Theorie  sicher  nicht
gleichgültig.  Die  nationalökonomische  Theorie,  im  Durchschnitt,  hat
sich  ganz  und  gar  noch  nicht  selber  gefunden.  Im  Gegenteil,  sie  hat
sich  innerlich  verloren,  an  eine  Einzelheit  des  großartigen  Vorwurfes
        <pb n="628" />
        614

„Freiheit  vom  Worte“,

unserer  Wissenschaft,  an  einen  vereinzelten  „Fall“  von  Wirtschaft,,
nämlich  an  das  „heutige“  Wirtschaftsleben!  Wahrhaft  innerlich  verloren. ­
  Es  ist  nicht  an  dem,  daß  sich  der  Inhalt  der  herkömmlichen
Theorie  darin  erschöpft,  ein  Gedankenbild  zurecht  zu  zimmern  ausschließlich ­
  von  der  heutigen  Wirtschaftsweise,  sagen  wir  von  der  „Erwerbswirtschaft“ ­
  —  alle  wirtschaftliche  Selbstbehauptung  ist  heute  Erwerb ­
  von  Einkommen,  und  beim  unternehmungsweisen  Erwerb  die
Aktivität  der  Wirtschaft.  Auf  das  Besondere  dieser  Wirtschaftsweise,
das  ist  das  Bedenkliche,  hat  sich  die  Theorie  gleich  von  Grund  aus
festgelegt.  Daraus  erwachsen  für  die  Denkbewegung  in  der  herkömmlichen ­
  Theorie  geheime  Bindungen;  geheim,  weil  sich  der  Theoretiker
ihrer  gar  nicht  bewußt  ist.  So  denkt  er  gleichsam  zwangsläufig  in
der  Ausrichtung  auf  das  geschichtlich  Zufällige  der  „Erwerbswirtschaft“.
Was  da  unterläuft,  darf  man  nicht  so  ausdrücken,  als  bediene  sich  diese
Theorie  eines  Begriffsapparates,  der  „auf  die  Erwerbswirtschaft  zugeschnitten“ ­
  wäre.  Entscheidend  sind  dafür  allerdings  die  sogenannten
„Grundbegriffe“.  Diese  aber,  das  wird  noch  klarer,  legen  das  Denken
keineswegs  auf  bestimmte  Begriffsinhalte  fest,  sondern  auf  bestimmte
Probleme.  Und  so  enthüllen  sich  jene  Bindungen  darin,  daß  die  herkömmliche ­
  Theorie  —  kraft  der  Gewalt  von  problemvertretenden
Worten  —  eingebunden  bleibt  in  eine  auf  die  „Erwerbswirtschaft“  zugeschnittene ­
  Problematik  1  Offenbar  fällt  es  der  allwirtschaftlichen  Auffassung ­
  als  Aufgabe  zu,  der  Theorie  herauszuhelfen  aus  dieser  fatalen
Verstrickung  ins  „Erwerbswirtschaftliche“.
Es  ist  klar,  wie  böse  sich  die  Erkenntnis  verzerren  muß,  wenn  die
Theorie,  wider  Willen  und  Wissen,  an  jedes  beliebige  Wirtschaftsleben
immer  nur  die  einseitig  der  „Erwerbswirtschaft“  abgesehenen  Probleme
heranbringt;  oder,  falls  man  dieses  Klischee  vorzieht,  wenn  die  Theorie
über  Wirtschaft  überhaupt  bloß  in  erwerbswirtschaftlichen  Kategorien
zu  denken  vermag.  Z.  B.  also,  daß  sie  überall  nur  das  tauschmäßige
Größenspiel  einzelner  Handlungen  vor  sich  sieht,  die  immerzu  auf
Tauschgewinn,  ob  nun  in  „Geld“  oder  „Wert“,  ausgerichtet  ablaufen,  in
ihrer  Vereinzelung  stets  wieder  nach  „Nutzen  und  Kosten“  beurteilt,  usw.
Gleichwie  Faust  Helena  in  jedem  Weibe,  erblickt  die  herkömmliche
Theorie  Erwerb  in  jeder  Wirtschaft.  Die  Rolle  des  Zaubertränkleins
spielt  hier  die  Auffassung  der  „klassischen“  Schule.  Von  ihr  kommt
ja  die  Theorie  auch  dann  nicht  los,  sobald  sie  den  „Klassikern“  im
Äußeren  widerspricht:  denn  ob  man  nun  z.  B.  „objektiv“  oder  „subjektiv“, ­
  wie  es  so  schön  auseinandergehalten  wird,  die  Entscheidung
über  das  Größenspiel  der  Handlungen  im  Tausche  fallen  sieht,  das
verschlägt  auch  nicht  das  mindeste,  solange  man  eben  stets  wieder  die
        <pb n="629" />
        Nationalökonomische  Erläuterung,  V.

6i5

vereinzelten  Handlungen  gegeneinander  im  Spiele  wähnt.  Dort  z.  B.,
wo  der  Tausch  fehlt,  wird  dann  einfach  der  „innere“  Tausch  in  das
Wirtschaftstreiben  hineingesehen,  usw.  Auf  der  anderen  Seite  ist  es
ganz  gut  verständlich,  wie  die  „klassische“  Schule  dazu  kam,  an  dem
Zaubertränklein  just  dieser  Auffassung  zu  brauen.  Ihr  drängte  sich  die
„erwerbswirtschaftliche“,  als  die  gerade  noch  im  Status  nascendi  befindliche ­
  Verfassung  damaligen  Wirtschaftslebens,  besonders  wuchtig
auf;  überdies  wußte  sie  die  gemeine  Erfahrung  in  der  Hauptsache  nur
mit  börsenmäßiger  Erfahrung  empirisch  zu  unterfüttern.
Wie  nachhaltig  die  „klassische“  Auffassungsweise  darin  wirkt,  das
theoretische  Denken  innerlich  hörig  zu  machen  der  „Erwerbswirtschaft“,
dafür  liefert  Karl  Marx  ein  Beispiel.  Seine  Kritik  heutiger  Wirtschaft
bewegt  sich  vornehmlich  im  Zuge  eines  Problems,  das  wie  kein  zweites
der  „klassischen“  Auffassung  spottet.  Schlechtweg  ein  Problem  ist  es
gar  nicht,  denn  es  hebt  gleich  eine  Fülle  bedeutsamer  Probleme  in  sich
auf,  Probleme  nämlich  aus  den  Grenzgebieten  der  Sozialwissenschaften
untereinander,  und  in  die  Ethik  hinein.  Diese  Probleme  leiden  keineswegs ­
  an  peripherischer  Verflachung;  denn  gerade  dort,  im  Grenzbereich,
wachsen  die  verschiedenen  Erkenntnisarten,  die  gegenüber  dem  menschlichen ­
  Zusammenleben  möglich  sind,  in  der  Bedeutung  ihrer  Probleme
förmlich  aneinander  empor,  gleichwie  Flammen  bei  ihrer  Berührung
auflodern.  Unter  jenen  Vorbehalten  aber  darf  man  es  immerhin  ein
nationalökonomisches  Problem  nennen  und  als  das  Scheitelproblem
unserer  Wissenschaft  erachten,  dieses  gewaltige  Problem  des  Wirtschaftsschicksals ­
  der  Menschen  und  ihrer  Gemeinschaften!  Marx  selber  rollt
das  Problem  ganz  einseitig  auf;  das  ist  seine  Sache.  Auch  so  aber
mußte  ihn  die  Wucht  dieses  Problems  hinausreißen  über  die  Denkweise ­
  herkömmlicher  Theorie.  Denn  in  der  „Güterlehre“  findet  dieses
Problem  keinen  Platz;  das  hieße,  den  Stier  in  die  Hühnersteige  sperren.
Rein  nur  die  quantitativen  Ausläufer  des  Problems,  Einkommensfragen
usw.,  zwängen  sich  dem  Gedankengang  dieser  Theorie  gerade  noch
ein,  als  „Lehre  von  der  Verteilung  der  Güter“.  Das  Problem  selber
atmet  allwirtschaftliche  Auffassung;  für  diese  spielt  eben  das  Menschenschicksal, ­
  soweit  es  von  der  Wirtschaft  her  bedingt  ist,  nicht  auch  nur
eine  lockere  Begleiterscheinung  der  Güterschicksale,  wie  in  der  „Güterlehre“. ­
  So  könnte  man  erwarten,  daß  der  Schwung  jenes  Problems
ganz  von  selber  auch  alle  die  geheimen  Fesseln  sprengt,  die  ganze
erwerbswirtschaftliche“  Vernagelung  des  Denkens  überwindet.  In
hundert  Gedankengängen  nebenher  ringt  sich  Karl  Marx  auch  frei
von  dieser  Beschränktheit  der  herkömmlichen  Theorie.  Im  Kern  jedoch,
gerade  vom  streng  theoretischen  Standpunkt  aus,  da  stellt  er  doch  nur
        <pb n="630" />
        6i6

„Freiheit  vom  Worte“,

die  abgeleierte  Werthypothese  in  den  Dienst  seiner  Kritik  1  Der  Lösung
des  einseitig  aufgerollten  Problems,  wie  sie  ihm  vorschwebt,  verleiht  er
in  unbewußter  Resignation  die  Gestalt  der  „Mehrwert-Theorie“.  Das
ist  helle  „Güterlehre“.  Nicht  nur  verschwimmt  nun  alles  zur  „Weltbund ­
  „Waren“-Kabbalistik,  sofort  spielen  auch  wieder,  trotz  aller  Betonung ­
  des  „Gesellschaftlichen“,  ausdrücklich  die  vereinzelten  Handlungen ­
  gegeneinander,  Zug  um  Zug,  Lohn  und  Leistung  —  „erwerbswirtschaftlich“ ­
  ausgerichtetes  Denken  also  von  reinstem  Wasserl  Fast
könnte  man  sagen  „kapitalistisches“  Denken,  nur  eben  hier  mit  verkehrtem ­
  Vorzeichen.  Die  Kritik  am  Heutigen  geht  ja  bekanntlich  strikt
verneinend  aus;  aber  sie  bewegt  sich  dabei  in  Denkformen,  die  das
Verneinte  insgeheim  wieder  bejahen.  Denn  wie  stellt  sich  der  entscheidende ­
  Sachverhalt  dem  Kritiker  darf  Als  Ausbeutung  des  Lohnarbeiters, ­
  in  dem  Sinne,  daß  ihm  der  „Mehrwert“  vorenthalten  werde.
Danach  würde  also  in  einem  stets  wieder  Zug  um  Zug  gedachten  Geschäfte ­
  der  eine  Partner  übers  Ohr  gehauen.  So  läuft  letzten  Endes
alles,  die  Lösung  des  schwungvollsten  Problems  unserer  Wissenschaft
und  die  schärfste  Kritik  heutiger  Wirtschaft,  theoretisch  läuft  dies  alles
nur  zu  einer  Vorstellung  in  die  Spitze  aus,  deren  platt  „erwerbswirtschaftliche“ ­
  Konzeption  kaum  zu  überbieten  ist:  zur  Vorstellung  einer
Abart  von  Bemogelung  beim  Tausche!

VL
Es  ist  jene  Schwäche  der  herkömmlichen  Theorie,  was  einsehbar
zum  innerlichen  Bruch  führt  zwischen  Theorie  und  Empirie.  Versagt
nämlich  die  Theorie  hinsichtlich  aller  vergangenen  oder  sonst  anders
gearteten  Wirtschaft,  wie  sie  im  Arbeitsfelde  unserer  Wissenschaft  doch
auch  zum  Tatsächlichen  gehört,  dann  bleibt  dem  Empiriker  nichts
übrig;  er  muß  im  gegebenen  Falle  seine  eigene  Theorie  improvisieren.
Das  geschieht  auch  regelmäßig;  in  vereinzelten  Fällen  allerdings  so,
daß  der  Empiriker  daneben  gutgläubig  auch  an  der  „orthodoxen“
Theorie  festhält.  Dies  nötigt  ihn  wohl  zu  einem  Eiertanz.  Übrigens
lehrt  das  Beispiel  Werner  Sombarts,  dem  die  Empirie  unserer
Wissenschaft  so  Unschätzbares  dankt,  daß  selbst  dabei  Grazie  walten
kann.
Hier  rechne  ich  nun  mit  dem  Einwand:  Wozu  überhaupt  dieser
ganze  „Historismus“  der  Empirie,  so  weit  zurück  hinter  unserer  Zeit!
Der  Einwand  ist  von  zwei  ganz  verschiedenen  Seiten  her  zu  erwarten
und  ist  dann  auch  von  ganz  verschiedenem  Tenor.  Er  droht  von
        <pb n="631" />
        Nationalökonomische  Erläuterung,  VI.

617

seiten  dessen,  dem  meine  Auffassung  des  Heutigen,  als  bloßen  „Falles“
von  Wirtschaft,  in  die  Nase  sticht;  denn  ihm  selber  erscheint  die
Gegenwart  sinnvoll  nur  als  verlängerte  Vergangenheit,  die  Zukunft  nur
als  ein  festes  Sitzenbleiben  auf  der  Gegenwart.  Für  die  andere  Seite,
da  hätte  selbst  die  Gegenwart  nur  als  Sprung  in  die  Zukunft  hinüber
einigen  Sinn,  und  so  erscheint  die  Vergangenheit  schon  gar  von
keinerlei  Belang.  Natürlich  ist  mit  diesen  Anschauungen  über  den
Wert  der  Vergangenheit,  da  sie  jenseits  von  Wahr  und  Falsch  halten,
keine  Diskussion  möglich.  Dagegen  wird  es  der  Erkenntniskritik  wohl
nicht  schwer  fallen,  schlüssig  zu  vertreten,  wie  sehr  sich  dieser  angebliche ­
  „Historismus“  einfach  in  der  Bahn  der  Notwendigkeiten  richtigen
Erkennens  bewegt!  So  viel  war  hier  schon  zu  sagen,  es  bleibt  schließlich ­
  eine  Aufgabe  der  Erkenntnis  wie  jede  andere  auch,  sucht  man
nicht  bloß  der  Wirtschaft  um  uns  geistig  Herr  zu  werden,  sondern
auch  der  verklungenen  oder  der  entlegenen  Wirtschaft.  Ist  die  herkömmliche ­
  Theorie  dem  nicht  voll  gewachsen,  muß  unweigerlich
Remedur  eintreten.  Dies  besorgt  die  allwirtschaftliche  Auffassung.
Wer  sie  deshalb  des  „Historismus“  anklagt,  nun,  der  kann  auch  ruhig
dem  Dachdecker  Verstiegenheit  nachsagen  oder  dem  Zoologen  animalische ­
  Neigungen.
Remedur  ist  in  der  anderen  Richtung  nicht  minder  geboten.  Nur
scheinbar  ist  eine  Theorie,  die  sich  vor  aller  andersgearteten  Wirtschaft
zu  schwach  erweist,  um  so  stärker  in  bezug  auf  die  Wirtschaft  von
heute.  Gewiß  nicht  auf  solche  Art  läßt  sich  das  wissenschaftliche
Denken  zu  einem  „Spezialwerkzeug“  für  bestimmte  Aufgaben  gestalten.
Bewegt  sich  eine  Theorie  so  ganz  zwangsläufig,  der  einseitigen  Problematik ­
  gemäß,  in  ihrem  Denken,  so  erblüht  daraus  überhaupt  kein
Vorzug  für  sie;  und  ausdrücklich  auch  nicht  jenem  Vorwurf  gegenüber,
dem  sich  das  Denken  dabei  zuwendet,  nämlich  der  Wirtschaft  von
heute.  Auch  in  dieser  Hinsicht  besagt  es  immer  nur  ein  einseitiges
und  hilfloses  Festgeranntsein  des  theoretischen  Denkens.  Darin  liegt
nichts  von  besonderer  „Begabung“  für  Erkenntnis  des  Heutigen,  sondern
klipp  und  klar  nur  Beschränktheit  überhaupt.  Oder  sollte  sich  die
Sünde  nicht  rächen,  wenn  das  theoretische  Denken  einer  Wissenschaft
so  wenig  über  sich  selbst  Bescheid  weiß,  so  wenig  sich  selber  in  der
Hand  hat,  daß  es  automatisch  einseitig  sich  bewegt?  Es  rächt  sich
dies  vorerst  so,  daß  sich  die  Theorie  für  die  Wirtschaft  stets  wieder
am  Erwerb  vergreift.  Wie  weithin  aber  sind  Wirtschaft  und  Erwerb
zweierleil  Wem  das  heute  noch  nicht  aufgegangen  ist,  dem  ist  wirklich ­
  nicht  zu  helfen.  Heute  sieht  man  vielfach  den  Erwerb,  gleichwohl
ihn  selber  die  schwersten  Krisen  umlauern  und  fallweise  auch  ereilen,
        <pb n="632" />
        6i8

,Freiheit  vom  Worte“,

inzwischen  doch  vergleichsweise  gedeihen,  wie  zum  Hohn  der  Wirtschaft. ­
  Denn  diese  schüttelt  sich  dauernd  und  weltenweit  in  einer
ganz  unerhörten  Krise.  Krisen  in  der  Wirtschaft  hatten  wir  immer,
eine  Krise  statt  der  Wirtschaft  erst  heute.  Nicht  ohne  tiefe  Beziehungen
dazwischen  schlagen  ja  zwei  Krisen  zusammen:  eine  Versorgungskrise
ohnegleichen,  eine  beispiellose  Zerrüttung  des  ganzen  Spieles  zwischen
Bedarf  und  Deckung,  und  eine  schwere  Sozialkrise,  indem  die  breitesten
Schichten  mit  ihrem  alten  Wirtschaftsschicksal  hadern,  während  eine
immer  noch  breite  Schicht  ihrem  neuen  zu  erliegen  droht.
Mag  der  Erwerb  in  der  heutigen  Wirtschaft  noch  so  wuchtig  vorwalten, ­
  für  ihre  Zusammenhänge  noch  so  belangvoll  sein,  die  Wirtschaft ­
  selber  macht  er  noch  lange  nicht  aus.  Darum  vermag  eine  einseitig ­
  an  ihm  ausgerichtete  Problematik  der  Theorie  zu  nichts  anderem
zu  führen,  als  zur  Erarbeitung  eines  Zerrbildes  der  Wirtschaft.  Dies
bestätigt  sich  in  dem  dürren  Tauschmechanismus,  in  der  öden  Preisakrobatik, ­
  als  „Hauptinhalt“  der  heute  durchschnittlichen  „Wirtschaftstheorie“; ­
  man  muß  sie  wirklich  zwischen  Gänsefüßchen  setzen.  Gewiß
erheischt  auch  das  Größenspiel  in  der  Wirtschaft  die  eindringlichste
Würdigung,  und  keineswegs  nur,  um  die  einschlägigen  Theoreme
technisch  auszuwerten.  Aber  diese  Theoreme  dürfen  nicht  so  völlig
in  die  Luft  gebaut  werden;  und  das  gilt  von  ihnen,  trotz  dem  falschen
„Fundament“  einer  offenen  oder  versteckten  Werthypothese.  Ihnen
fehlt  der  Unterbau,  weil  eben  ganz  einseitig  das  Größenspiel  der  Wirtschaft ­
  erfaßt  wird,  zuschulden  der  nur  auf  „Angebot  und  Nachfrage“,
auf  „Soll  und  Haben“  eingestellten  Problematik.  Die  wahrhaft  fundamentalen, ­
  die  Dinge  der  Gestaltung  in  der  Wirtschaft,  kommen  für  die
herkömmliche  Auffassung  beinahe  völlig  um  ihr  Recht.  Geschweige,
daß  man  der  abschließenden  Gestaltung  gerade  auch  der  heutigen
Wirtschaft  achtet:  zum  Höchstgebilde  nämlich  der  Volkswirtschaft  und
zu  deren  lebensnotwendiger  Verflechtung  mit  ihresgleichen.  Unsere
durchschnittlichen  Lehrbücher  der  „Volkswirtschaftslehre“  setzen  auf
ihr  Titelblatt  just  das,  was  ihr  Inhalt  schuldig  bleibt  oder  geradezu
verneint;  das  letztere,  seine  Blindheit  also  gegenüber  der  Volkswirtschaft ­
  offen  zu  dokumentieren,  ist  nicht  einmal  das  Schlimmste.
Schlimmer  mutet  eigentlich  das  überwiegend  geübte  Flickwerk  in
diesem  Betracht  an,  die  Verbrämung  überhaupt  der  Theorie  herkömmlichen ­
  Schlages  mit  allwirtschaftlich  anmutenden  Arabesken.  Dem
ziehe  ich  beinahe  noch  den  wenigstens  folgerichtigen  Stumpfsinn  der
„klassischen“  Schule  strenger  Observanz  vor,  auch  wenn  sie  beispielsweise ­
  nicht  einmal  das  Gebilde  der  Unternehmung  im  Blickfeld  hatte.
Kraß  ausgedrückt,  war  ihr  ja  eigentlich  das  ganze  Wirtschaftsleben  nur
        <pb n="633" />
        Nationalökonomische  Erläuterung,  VII.

619

eine  Börse,  mit  freiem  Zutritt  für  jedermann,  bloß  daß  der  eine  mit
Geld,  der  zweite  mit  Land,  ein  dritter  mit  Arbeitskraft  am  Schranken
erschien.

VII.
Ein  richtiges  und  daher  peinigendes  Gefühl  dafür,  wie  trüb  und
verzeichnet  sich  das  Bild  der  Wirtschaft  ausnimmt  im  Spiegel  der  herkömmlichen ­
  Theorie,  hat  eigentlich  nie  gefehlt.  Vielleicht  in  dieser
Stimmung  hat  man  von  dem  „Geldschleier“  gesprochen,  der  über  dem
Wirtschaftsleben  läge.  Ihn  müßte  man  erst  lüften,  um  die  Dinge  so
zu  sehen,  wie  sie  wirklich  sind.  Man  versuchte  ihn  wegzuziehen,  aber
was  vermochte  man  bei  gleichbleibender  Grundauffassung  hinter  ihm
zu  erschauen?  Doch  nur  die  „Güterbewegung“  in  ihrer  „naturalen“
Unverhülltheit.  Es  entzog  sich  notwendig  der  Einsicht,  wie  auch  dieses
ganze  „Güterleben“  stets  nur  das  Außenbild  der  Wirtschaft  bedeutet,
weil  es  doch  stets  nur  die  sinnfällige  Begleiterscheinung  aller  Wirtschaft ­
  ausmacht,  wenn  man  die  Güter  ihren  Schicksalsweg  ziehen  sieht
bei  ihrem  Werden,  Wandern  und  Vergehen.  So  haftet  auch  jener
„Geldschleier“  eigentlich  nur  der  „Erwerbsmaske“  an,  die  vor  dem
Blick  der  herkömmlichen  Theorie  die  Wirtschaft  trägt.  Abreißen  braucht
man  ihr  diese  Maske  ebensowenig  wie  gesondert  jenen  Schleier  lüften.
Beides  fällt  zugleich  und  ganz  von  selber,  sobald  nur  die  Wirtschaft
richtig  als  Wirtschaft  und  Wirtschaft  richtig  als  Leben  gesehen  wird
im  Geiste  der  allwirtschaftlichen  Auffassung.  Das  heißt  natürlich  nicht,
als  würde  nun  wieder  der  Erwerb  übersehen  oder  etwa  die  Rolle  des
Geldes;  sondern  umgekehrt,  auch  beider  Einspielen  in  die  Wirtschaft
hinein  und  beider  eigene  Bedingtheit  aus  der  Wirtschaft  heraus,  auch
dies  würde  daraufhin  erst  richtig  gesehen.  Anders  steht  es  ja  auch
nicht  um  den  „königlichen  Kaufmann“  von  Geistes  Gnaden;  auch  er
weiß,  Wirtschaft  richtig  als  solche  zu  sehen  und  den  Erwerb  stets  nur
in  seiner  realen  Verflochtenheit  darin;  auch  er,  könnte  man  sagen,
denkt  allwirtschaftlich,  also  in  Gestaltungen,  in  Gebilden,  nicht  aber  in
der  „erwerbsduseligen“  Beschränktheit  der  Theorie,  nicht  rein  nur  in
Gütern,  in  Geld  und  Waren;  das  überläßt  er  dem  Krämer.
Als  die  Theorie  noch  Herr  im  Hause  war,  die  Empirie  noch
nicht  zu  respektieren  brauchte,  da  durfte  sie  ohne  alle  Beklemmung
einem  Eindruck  sich  hingeben,  der  sie  sozusagen  aus  der  Logik  der
Tatsachen  überkam.  Ist  nämlich  das  theoretische  Denken  darauf  verhaftet, ­
  aus  aller  Wirtschaft  Erwerb  herauszusehen,  dann  muß  dem
        <pb n="634" />
        620

Freiheit  vom  Worte“,

Denkenden  folgerichtig  die  danach  geartete,  die  „ErwerbsWirtschaft“,
selber  im  Licht  der  „Wirtschaft  überhaupt“  erscheinen.  Mit  anderen
Worten,  das  „Erwerbswirtschaftliche“  muß  dann  als  das  „Naturgemäße“ ­
  der  Wirtschaft  bedünken.  Dieses  stolze  Bewußtsein  nun,
mit  der  ureigensten  Natur  aller  Wirtschaft  im  reinen  zu  sein,  das  muß
man  den  Epigonen  der  „Klassiker“  nachfühlen;  man  versteht  dann
die  souveräne  Sicherheit,  mit  der  sie  ihre  „ewigen  und  unerschütterlichen ­
  Naturgesetze  der  Wirtschaft“  in  die  Welt  hinausposaunten,  die
Bauernregel  von  Angebot  und  Nachfrage  stets  voran.  Aber  in  dieses
Wespennest  der  „Gesetze“  will  ich  lieber  noch  nicht  stechen.
In  welche  Verlegenheit  gerieten  dagegen  die  Spätgeborenen
dieser  Art  Theorie,  als  ihnen  die  Empirie  langsam  über  den  Kopf
wuchs  1  Was  im  Rahmen  dieser  Empirie  ausreifte,  dank  dem  freieren
Blick  über  alle  Wirklichkeiten  und  auch  Möglichkeiten  der  Wirtschaft
hinüber,  das  mußte  natürlich  den  Glauben  an  das  „Naturhafte“  der
Wirtschaft  erschüttern,  das  ließ  an  dem  „Naturgemäßen“  ihrer  „erwerbswirtschaftlichen“ ­
  Artung  irre  werden.  Daneben  aber  blieb  nach
wie  vor  die  „erwerbswirtschaftliche“  Versteifung  der  Problematik,  soweit ­
  nämlich  die  grundlegenden  Probleme  an  den  sogenannten
„Grundbegriffen“  vor  Anker  liegen,  und  äußerlich  noch  das  starre
Erkenntnisschema  der  „Güterlehre“  hinzutritt.  Und  so  blieb  auch  die
gewisse  Eingebundenheit,  die  innerliche  Hörigkeit  des  theoretischen
Denkens,  trotz  der  Erschütterung  jenes  naiven  Glaubens;  eines  verspreizt
  sich  dann  mit  dem  anderen,  ein  geheimer  innerer  Widerspruch
vergiftet  die  Theorie.  Dann  ist  es  auch  ganz  gleichgültig,  ob  sich
der  einzelne  Theoretiker  als  „Klassizist“,  als  „Vulgärökonom“  oder
als  „Marxist“  fühlt  und  gebärdet;  denn  was  jene  Dinge  anlangt,  auf
dem  Fliegenleim  der  „Grundbegriffe“  sitzen  sie  alle  einträchtig  fest.
Es  klingt  bloß  sonderbar  und  ist  doch  so  einfach,  daß  es  wirklich
ohne  Einfluß  bleibt,  wie  sich  der  Theoretiker  herkömmlichen  Schlages
emotionell  und  gesinnungsmäßig  zur  Wirtschaft  von  heute  stellt.  Ob
er  sie  bejaht  oder  verneint  oder  sich  der  Abstimmung  zu  enthalten
sucht,  intellektuell  bejaht  er  sie  insgeheim  allemal,  einfach  weil  seine
Denkbewegung  im  grundsätzlichsten  Sinne  an  spezifischen  Eigenheiten
von  ihr  ausgerichtet  bleibt.  Wie  immer  sein  Denken  sich  im  Bereiche ­
  der  wirtschaftlichen  Zusammenhänge  bewegt,  dorthin  sind
dessen  Bewegung  fixe  Rieht-  und  Drehpunkte  ein  für  allemal  gesetzt.
In  diesem  Ausmaß  entlarvt  sich  das  herkömmlich  theoretische  Denken
unserer  Wissenschaft  als  ein  noch  innerlich  unfreies  1  Einer  Erfahrungs-Wissenschaft
  läßt  sich  Schlimmeres  nicht  nachsagen.
        <pb n="635" />
        Nationalökonomische  Erläuterung,  VII.

Ö2I

So  trachtet  die  allwirtschaftliche  Auffassung  nicht  bloß  danach,
unsere  fachliche  Theorie  leistungsfähiger  zu  machen.  Das  theoretische
Denken  in  unserer  Wissenschaft  soll  sich  auch  von  dem  Makel
reinigen,  als  erfahrungswissenschaftliches  Denken  ein  dogmatisch  gebundenes ­
  zu  sein.  Den  Finger  darauf  habe  ich  gleich  in  meiner
Erstlingsschrift  gelegt;  in  ihrem  Titel  nannte  ich  den  „Wertgedanken“
ein  „verhülltes  Dogma“  der  Nationalökonomie.  Denn  was  ist  dieser
„Wertgedanke“?  Die  aus  Zwang  der  „klassischen“  Auffassung  festgehaltene ­
  Ansicht,  hinter  „Wert“  ein  spezifisch  nationalökonomisches
Problem  zu  ersehen.  Für  seinen  eigenen  Teil  wäre  das  Wort  „Wert“
in  unserem  Bereiche  recht  harmlos,  als  der  sprachnotwendige  Name
für  einen  schlichten  Tatbestand.  Es  fällt  nämlich,  und  am  klarsten
aus  dem  Tauschverkehr  heraus,  jeder  Güterart  für  sich  wieder  eine
Art  „wirtschaftlicher  Dimension“  zu,  schlagwörtlich  ausgedrückt,  im
Sinne  einer  „Allpreisfolge“.  Danach  wird  jede  Gütermenge  für  sich
wieder  veranschlagbar,  sei  es  als  Aufwand  oder  schlechthin  als  Teil
der  Verfügungsmacht.  Wie  nun  diese  größenhafte  Veranschlagung
im  Einzelfall  erfolgen  soll  und  kann,  je  nach  ihrem  Zweck  und  je
nach  der  Möglichkeit,  den  betreffenden  Teil  der  Verfügungsmacht
irgendwie  zu  jenen  Preisgrößen  oder  technischen  Mengenverhältnissen
in  Beziehung  zu  setzen,  die  letzten  Endes  für  die  Veranschlagung
selber  von  entscheidendem  Belang  sind,  das  macht  die  sogenannten
„Werttheorien  der  Privatwirtschaftslehre“  aus,  die  Lehre  vom  „Einstands-“, ­
  „Bilanz-“,  „Veräußerungs-  usw.  Wert“.  Bei  unseren  nationalökonomischen ­
  „Werttheorien“  im  eigentlichen  Sinne,  da  handelt  es
sich  um  etwas  ganz  anderes:  um  die  Suche  nach  der  Hypothese
eines  „Allpreisgrundes“  I  Etwas  wird  da  unterstellt,  was  die  Preise
nicht  wieder  nur  auf  Preise  zurückführen  soll,  die  Erklärung  vielmehr
nach  einem  Ruhepunkt  hintreibt,  als  das  letzte  Warum  der  Preise.
Das  wäre  also  irgend  etwas,  selber  größenhaft  geartet,  dimensional,
von  dem  aus  aber  das  ganze  Größenspiel  der  Wirtschaft  endgültig
beherrscht  würde,  so  daß  man  dieses  gleichsam  auf  einen  Posten  gebracht ­
  hätte.  Was  dieser  Allpreisgrund  nun  seiner  Sache  nach  sei,,
und  wie  davon  der  allbeherrschende  Einfluß  auf  alle  Größen  des
Wirtschaftslebens  ausgeht,  das  hat  jeder  „Werttheoretiker  für  sich
wieder  aus  seinen  Fingern  gesogen,  festgenagelt  aber  auf  diesen
so  verführerischen  Wahn  einer  summarischen  Allerklärung  des  wirtschaftlichen ­
  Größenspiels  hat  sie  allesamt  die  „erwerbswirtschaftliche“ ­
  Ausgerichtetheit  ihrer  Grundauffassung.  Man  sucht  ja  nach
dem  „Wert  als  Allpreisgrund“  zwar  immer  jenseits  des  „Wertes  als
Allpreisfolge“,  jenseits  des  „Tauschwertes“,  um  im  Rotwelsch  der
        <pb n="636" />
        622

.Freiheit  vom  Worte“,

„Güterlehre“  zu  reden,  und  wird  nicht  müde,  ihn  besonders  gern  in
der  Richtung  jener  oberflächlichen  Redensart  vom  „Gebrauchswert“
zu  suchen,  die  gerade  Adam  Smith  so  erquicklich  geringschätzig
beiseite  schob,  was  ihm  aber  zum  Ruhm  eines  Schöpfers  der  „grundlegenden ­
  Unterscheidung  des  Wertes“  verholfen  hat,  o  jal  Sinnvoll
aber  ist  dieses  Haschen  nach  dem  „Allpreisgrund“  überhaupt  nur
dann,  wenn  sich  aller  Zusammenhang  der  Wirtschaft  „atomistisch“
auflöst  in  ein  System  tauschmäßig  gegeneinander  spielender,  in  Geldoder ­
  Lustgewinnabsicht  vollzogener  Handlungen;  kurz,  wenn  man
unter  dem  Druck  der  „klassischen“  Auffassung  in  aller  Wirtschaft
eitel  Erwerb  sieht.
Neuerdings  wird  eine  sogenannte  „wertfreie“,  das  ist  auf  die
Werthypothese  verzichtende  Nationalökonomie  unter  den  Theoretikern
zur  Mode.  Nur  sehr  bedingt  gereicht  dies  dem  zur  Genugtuung,  der
schon  vor  fünfundzwanzig  Jahren  dem  Wertwahn  öffentlich  abgesagt
hat.  Denn  hier  wird  keineswegs  der  steile  Weg  der  Selbstbesinnung
beschritten,  der  unmittelbar  herausführt  aus  der  Enge  jener  rückständigen ­
  Auffassung.  Man  handhabt  das  bequeme  Aushilfsmittel  der
„glücklichen  Inkonsequenz“.  Durch  sie  überschlägt  sich  das  grundsätzlich ­
  falsch  eingestellte  Denken  nach  dem  Richtigen  zurück;  man
treibt  also  „Purzelbaumerkenntnis“.  Für  die  „Güterlehre“  hat  das
„Wertfreie“  den  Sinn,  daß  sie  vorläufig  dort  ein  Loch  bekommt,  wo
es  inzwischen  gar  zu  auffällig  geworden  ist,  daß  etwas  „nicht  stimme“.
Für  die  Theorie  als  Ganzes  sieht  sich  die  Sache  anders  an.  Auf  der
schiefen  Bahn  der  Inkonsequenzen  gleitet  unsere  Theorie  vorerst  in
noch  tiefere  Zerfahrenheit  hinab.  Das  Durcheinander  der  Wertgläubigen ­
  steigert  sich  eben  noch  durch  die  Wertverächter.  Möglich,
sogar  wahrscheinlich,  daß  auch  hier  die  Erlösung  sich  nahe,  ist  nur
erst  das  Chaos  da.  Vielleicht  würde  die  Läuterung  der  nationalökonomischen ­
  Theorie  schließlich  auch  im  Wege  dieser  Inkonsequenzen ­
  eintreten;  sie  könnte  sich  sozusagen  einschleichen,  im  Sinne
eines  langsamen  Abstreifens  schlechter  Gewohnheiten.  Es  liegt  aber
kein  Grund  vor,  dieser  tröstlichen  Aussicht  zuliebe  den  Kampf  um
die  Selbstbesinnung  abzubrechen.  Nur  der  Schluß  läßt  sich  daraus
ziehen,  aus  diesen  Anzeichen  vom  Eintritt  eines  unbewußten  Läuterungsprozesses ­
  der  Theorie  selber,  daß  es  wirklich  um  gar  nichts  Großes
mehr  sich  dreht.  Bloß  um  einen  letzten  Gnadenstoß.
        <pb n="637" />
        Nationalökonomische  Erläuterung,  VIII.

623

VIII.
Dagegen  ist  es  zweimal  schon  in  wahrhaft  großem  Zuge  gelungen,
das  nationalökonomische  Denken  aus  der  inneren  Unfreiheit  herauszuführen. ­
  Das  eine  Mal,  als  unsere  Altmeister  gegenüber  der  „klassischen“
und  „romantischen“  Verbohrtheit  das  „Relativitätsprinzip“  aufstellten.
Diese  erste  und  große  Tat  der  Selbstbesinnung  leitete  die  Wende  ein
vom  naiven  zum  Reifezustand  unserer  Wissenschaft.  Das  zweite  Mal,
als  Max  Weber  die  „Werturteile“  aus  der  Wissenschaft  hinauswies.
Das  ergab  die  Oberstufe  in  der  Erhebung  der  Nationalökonomie  zum
vollen  Rang  einer  Erfahrungswissenschaft  1  Auch  in  diesen  beiden
Fällen  kam  es  darauf  an,  dem  wissenschaftlichen  Denken  herauszuhelfen
aus  innerer  Gebundenheit.
Am  Beispiel  des  „Freihandels“  sei  dies  in  Kürze  beleuchtet.
Natürlich  dürfte  man  nicht  davon  ausgehen,  daß  „Freihandel“  ein
schlechthin  eindeutiger  Tatbestand  sei.  Das  wäre  naive  Wortgläubigkeit, ­
  wie  sie  besonders  wieder  im  „klassischen“  Zeitalter  unserer
Wissenschaft  geblüht  hat.  Über  den  gemeinten  Tatbestand  muß  natürlich ­
  schon  als  solchen  volle  Klarheit  herrschen.  Zweierlei  steht  dann
der  Wissenschaft  ohne  weiteres  zu,  indem  sie  in  bezug  darauf  den  erlebten ­
  Zusammenhang  aufrollt.  Einmal  kann  sie  den  „Freihandel“
selber,  ob  nun  abstrakt  erfaßt  oder  in  einem  konkreten  Fall,  auf  den
zureichenden  Grund  zurückführen,  also  zeigen,  wie  es  überhaupt  zu
ihm  kommt.  Dann  aber  kann  sie  feststellen,  was  vom  „Freihandel“
seinerseits  an  Folgen  ausgeht,  wofür  er  selber  den  zureichenden  Grund
spielt.  Neben  diesem  Zweierlei,  wenig  dem  Anschein,  unendlich  viel
der  Tatsache  nach,  ermöglicht  sich  nun  außerdem,  als  Drittes,  eine
Stellungnahme  zum  „Freihandel“,  indem  man  ihn  auf  „Falsch  oder
Richtig“  beurteilt,  ihn  ablehnt  oder  ihm  beifällt.  In  der  Sache  wird
dabei  vorerst  über  seine  Zweckrichtigkeit  in  irgendeiner  Hinsicht  geurteilt. ­
  Der  „Absolutismus“  im  Urteil,  wie  er  die  „klassische  Schule,
über  auch  ihre  Widerparte  von  damals,  kennzeichnet,  wurzelt  nun  darin,
daß  sich  der  Urteilende  jedesmal  an  den  zufälligen  Standpunkt  innerlich ­
  verlor,  von  dem  aus  er  selber  das  Urteil  fällte  5  es  unterlief  also
e in  „Absolutismus  des  Standpunktes“.  Man  hatte  z.  B.  nur  die  englischen ­
  Verhältnisse  und  nur  die  seiner  Zeit  im  Auge,  und  sah  vielleicht ­
  auch  da  hauptsächlich  nur  mit  den  Augen  des  Handels  selber
auf  die  zu  beurteilende  Sache  des  „Freihandels“.  Von  einem  anderen
Standpunkt  aus,  in  der  Relation  also  auf  ein  anderes  Land,  eine  andere
        <pb n="638" />
        624

.Freiheit  vom  Worte 1

Zeit,  auch  nur  auf  eine  andere  Interessenlage,  hätte  das  Urteil  vermutlich ­
  ganz  anders  ausfallen  müssen.
Der  Urteilende  war  also  in  der  Gewalt  seines  zufälligen  Standpunktes; ­
  darin  war  sein  Denken  unfrei  I  Er  glaubte  so  das  letzte  Wort
über  die  Sache  des  „Freihandels“  zu  sprechen,  ohne  zu  ahnen,  wie  viel
dazu  fehlte.  Mittelbar  hatten  alle  diese  „klassischen“  Urteile  einen  voreilig ­
  dogmatischen  Charakter.  Das  „Relativitätsprinzip“  entlastete
unsere  Wissenschaft  auf  einen  Schlag  von  zahllosen  solcher  Quasi-Dogmen.
  Die  „klassische“  Schule,  nebenbei  gesagt,  hätte  sich  von
Rechts  wegen  gleich  damals  die  Gänsefüßchen  zugezogen.  Denn  auch
dieser  Fortschritt  zur  Wissenschaft  vollzog  sich  hauptsächlich  auf  ihre
Kosten.  Das  sollte  man  nicht  übersehen.  Man  verleiht  doch  auch  in
anderen,  z.  B.  den  Naturwissenschaften,  den  Ehrentitel  der  „Klassiker“
nicht  gerade  an  jene,  von  denen  man  überwiegend  nur  lernt,  wie  man
es  nicht  machen  soll.  Ihre  literarischen  Verdienste  dabei  in  allen
Ehren.
Die  ganze  alte  Nationalökonomie  sündigte  also  in  Stumpfheit  des
Urteils,  da  ihr  die  Abhängigkeit  jedes  Urteils  vom  Standpunkt  des  Urteilenden ­
  entgangen  war.  Allein,  selbst  wenn  man  diesen  plumpen
Fehler  vermeidet,  im  Geiste  des  „Relativitätsprinzips“,  droht  erst  noch
eine  weitere  schwere  Gefahr,  der  „Absolutismus  der  Zielsetzung“!
Jener  Zielsetzung,  die  hier  letzten  Endes  über  das  Urteil  entscheidet.
Auch  das  bereits  differenzierte  Urteil  über  die  „Richtigkeit  des  Freihandels“ ­
  ist  immer  nur  bedingt  von  wahrhaft  allgemeiner  Geltung;
eben  nur  so  weit,  als  es  möglich  ist,  daß  man  diese  „Richtigkeit“  gemäß ­
  der  Beziehung  auf  klar  hervorgestellte  Zwecke  verficht,  mithin
ausgesprochen  als  „Zweckrichtigkeit“.  Aber  diese  Hervorhebung  wird
in  der  Regel  bloß  näheren  Zwecken  gegenüber  möglich  sein,  so  etwa:
Belebung  des  Verkehrs,  Ausgleich  der  Deckungsmöglichkeiten  des
Bedarfs  usw.  Geht  man  aber  darüber  hinaus  und  pflichtet  dem  „Freihandel“, ­
  der  mancherlei  Zweckrichtigkeit  halber,  die  man  darzulegen
wüßte,  gleich  schlechthin  bei,  um  ihn  daraufhin  zu  fordern,  oder
lehnt  ihn  in  einem  anderen  Falle  schlechthin  ab  und  bekämpft  ihn,  so
schließt  dies  unbestreitbar  in  sich,  daß  man  die  betreffenden  Zwecke
dadurch  selber  bejaht  oder  im  Gegenfall  verneint.  Es  ist  dabei  gleichgültig, ­
  ob  man  diese  Zwecke  nun  bejaht,  im  anderen  Falle  verneint,
je  nachdem  sie,  selber  als  Mittel  aufgefaßt,  fernere  Zwecke  und  schließlich ­
  einen  Endzweck  erfüllen  helfen,  der  dem  Urteilenden  vorschwebt;
oder  weil  sich  das,  was  dabei  vorgeht,  in  einer  Richtung  bewegt,  die
dem  Urteilenden  für  schlechthin  richtig  gilt,  indem  ein  an  letzter  Stelle
Richtunggebendes,  ein  „letzter  Wert“,  dahinaus  verweist.  Das  Urteil
        <pb n="639" />
        Nationalökonomische  Erläuterung,  VIII.

625

ergeht  in  beiden  Fällen  in  der  entscheidenden  Beziehung  auf  eine  letzte
Zielsetzung,  und  die  entzieht  sich  wohl  in  aller  Regel  der  ganz  klaren
Hervorstellung.  Sie  liegt  zuletzt  irgendwie  immer  in  der  persönlichen
Gesinnung  vor  Anker,  gemäß  Seelenstimmung,  Interessenlage,  Jugendeindrücken, ­
  Eingebundenheit  in  Tradition,  weiß  Gott  was  allem  noch.
Aber  dieser  Zielsetzung,  die  alles  Urteilen  letzten  Endes  beherrscht,
ist  jedermann  in  irgendeinem  Grade  ausgeliefert.  Sie  kommt  in  diesem
Ausmaß  für  ihn  einer  starren  inneren  Einstellung  gleich,  die  sich  in
seinen  Urteilen  ebenso  sicher  auswirkt,  wie  er  nicht  heraus  kann  aus
seiner  Haut.  Auch  dies  begründet  eine  innere  Verlorenheit  an  einen
Zwang  im  Denken,  hier  beim  Urteilen;  mithin  besagt  es  abermals
Unfreiheit  im  Denken!  Denn  ergeht  ein  Urteil  über  eine  Sache,  deren
Zweckrichtigkeit  man  im  Munde  führt,  letzten  Endes  gleich  auch  hinsichtlich ­
  ihrer  Gesinnungsrichtigkeit,  um  es  so  zu  nennen,  so  verstößt
dies  offenkundig  gegen  die  Würde  einer  Erfahrungswissenschaft.  In
ihrem  Bereich  ist  einfach  ein  Urteil  nicht  zulässig,  das  sich  selbst  im
günstigsten  Falle  nicht  durchzusetzen  vermag  bis  zur  allgemeinen  Anerkennung, ­
  dem  also  der  grundsätzliche  Anspruch  auf  Allgemeingültigkeit ­
  versagt  bleibt.  Bei  Urteilen  aber,  die  in  jenem  Sinne  über  die
Schnur  hauen,  schließt  sich  ihre  allgemeine  Anerkennung  grundsätzlich ­
  aus.  Es  gelänge  wohl,  bis  zu  irgendeinem  Punkte  eine  streng
sachliche  Diskussion  zwischen  den  verschiedenen  Urteilenden  vorzutreiben; ­
  solange  es  sich  nämlich  ausgesprochen  um  Zweckrichtigkeit
handelt  und  solange  man  die  Zwecke,  auf  die  sich  das  Urteil  bezieht,
als  Mittel  auffassen  kann  gegenüber  nächstgemeinsamen  Fernzwecken  —
Ausdrücke  aus  der  „Herrschaft  des  Wortes“  —  und  solange  diese  Fernzwecke ­
  selber  noch  klar  hervorstellbar  bleiben.  Darüber  hinaus  aber,
in  Sachen  der  Stellungnahme  zu  diesen  Fernzwecken  selber,  ist  es  mit
der  weiteren  Auseinandersetzung  an  der  Hand  von  Gründen  zu  Ende.
Von  da  ab  redet  man  aneinander  vorbei,  weil  jeder  in  der  eigenen
Befangenheit  stecken  bleibt,  hilflos,  aber  unangreifbar  zugleich.  Der
eine  bejaht,  was  der  andere  verneint,  und  umgekehrt.  Im  besten  Falle,
um  mit  Max  Weber  zu  reden,  brächte  es  die  weitere  Auseinandersetzung ­
  in  einem  solchen  Falle  nur  mehr  ans  Licht,  worin  sich  die
beiden  Parteien  überhaupt  in  ihrer  letzten  Zielsetzung  scheiden,  in
ihren  „Idealen“,  und  darin,  was  ihnen  als  „letzte  Werte“  gilt.  Ideale,
Werte  —  an  sich  wäre  dies  etwas  höchst  Persönliches.  Allein,  jegliche
innere  Fühlung  in  dieser  Hinsicht,  von  Mensch  zu  Mensch,  je  inniger
sie  vorwaltet,  im  Sinne  eines  Teiles  der  Ideale,  in  Gestalt  eines  gleichgerichteten ­
  letzten  Wollens,  dies  alles  stiftet  bekanntlich  in  um  so
tieferem  Sinne  Gemeinschaft;  und  so  ist  auch  jene  innere  Stellungv.
  Gottl-Ottlilienfe  1  d,  Wirtschaft  als  Leben.  4®
        <pb n="640" />
        626

.Freiheit  vom  Worte“,

nähme  weithin  Gemeinschaftssache.  Auf  der  anderen  Seite  erscheinen
diese  bis  ins  Gesinnungsrichtige  sich  überstürzenden  Urteile,  eben  weil
sie  letzten  Endes  unbegründbar  sind,  nicht  minder  als  quasi-dogmatisch
geartet,  sie  nicht  voreilig,  sondern  unfreiwillig  dogmatisch.  Im  ganzen
handelt  es  sich  anscheinend  um  „ichstarre“  Urteile;  im  tieferen  Sachverhalt ­
  jedoch  sind  es  häufig  „gemeinschaftsstarre“  —  „klassenstarre“,
„volksstarre“  usw.  —  Urteile.
Ungefähr  so  lassen  sich  jene  eigentümlichen  Urteile  in  den  laufenden
Zusammenhang  stellen  und  von  der  Analogie  zur  eigenen  Sache  her
beleuchten,  jene  „Werturteile“,  gegen  die  Max  Weber  schon  vor
Jahren  so  eindrucksvoll  sein  Veto  eingelegt  hat.  Mitten  inne,  zwischen
der  lahmen  Formel  von  der  „Voraussetzungslosigkeit  der  Wissenschaft“
auf  der  einen  Seite  und  der  landläufigen  Vorstellung  von  einer  vermeidbar ­
  gedachten  „Subjektivität“  im  Urteilen  auf  der  anderen  Seite,
hat  er  mit  genialer  Sicherheit  durchgegriffen  und  diese  gleichsam  unvermeidbar ­
  subjektiven  Urteile  ans  Licht  gezogen;  und  mit  höchstem
Scharfsinn  hat  er  uns  gezeigt,  wie  es  da  warmblütig  auf  letzte  Zielsetzungen ­
  ankäme,  nicht  aber  hölzern  auf  letzte  „Voraussetzungen“.
Die  Urteile  dieser  Artung  vorweisen,  war  für  Max  Weber  eins  damit,
energisch  auf  ihrer  Ausmerzung  zu  bestehen,  im  Zeichen  der  Reinheit
der  Erkenntnis,  der  inneren  Freiheit  erfahrungswissenschaftlichen  Denkens.
Das  schloß  einen  gewaltigen  Fortschritt  zur  Wissenschaft  in  sich.
Nun  bleiben  erst  noch  jene  gewissen  Reste  innerer  Unfreiheit
unseres  fachlichen  Denkens  zurück.  Ganz  verstohlen  lastet  da  auf  ihm,
was  sich  in  der  Folge  noch  deutlicher  enthüllen  wird,  als  der  Zwang
„problemstarren“  Erkennens.  Gewiß  sind  diese  Reste  schon  in  der
Auflösung  begriffen.  Immerhin,  wenn  auch  nur  an  dieser  einen  Stelle,
es  gilt  im  Grunde  doch,  ein  rühmliches  Beginnen  Max  Webers  fortzusetzen ­
  I
        <pb n="641" />
        Soziologische  Zusammenhänge.

ix.
In  Max  Webers  hinterlassener  Soziologie  greifen  zwei  Teile  gedanklich ­
  aufs  innigste  ineinander.  In  dieser  Hinsicht  ganz  und  gar
eins,  scheiden  sich  die  beiden  Teile  trotzdem  scharf  in  der  Sache.  Besonders ­
  vom  zweiten  Teile  wird  hier  nur  andeutungsweise  zu  reden
sein.  Mit  seinem  Inhalt  schlägt  dieser  zweite  Teil,  gleich  früheren
Leistungen  Max  Webers,  für  meine  Auffassung  in  die  tiefste  jener
drei  „engeren“  Sozialwissenschaften  ein,  deren  eine  die  Nationalökonomie
selber  ist,  die  Nationalökonomie  als  die  Wissenschaft  vom  „Ökonomisch-Sozialen“.
  Vorläufig  sind  es  natürlich  leere  Worte,  wenn  ich  noch
weiter  vorgreife  und  sage,  wie  daneben  auch  das  „Politisch-Soziale  ,
drittens  noch  das  „Spezifisch-Soziale“  in  Anschlag  käme;  und  dieses
Dritte  wäre  nun  der  „Stoff“  jenes  zweiten  Teiles  der  ^Veb  ersehen
Soziologie!  Dagegen  sei  der  erste  Teil  kurzerhand  als  „Systematische
Soziologie“  bezeichnet.  Dieser  Disziplin  kommt  für  mein  Gefühl
beispielsweise  auch  der  „Abriß  der  Soziologie“,  das  Alterswerk  Albert
Eberhard  Schäffles,  nahe;  aber  selbst  Georg  Simmels  „Soziologie ­
  als  Formenlehre“,  und  ferner  wohl  die  „Beziehungslehre“,  auch
nach  den  Ansichten  Leopold  v.  Wieses.
An  mehreren  Stellen  dieser  „Systematischen  Soziologie“,  die  ein
so  gewaltiges  Wissen  verrät,  und  in  der  Zucht  einer  so  seltenen  Scharfe
im  Denken,  scheidet  nun  Max  Weber  seine  eigene  Behandlung  der
Wirtschaft  ganz  ausdrücklich  von  „Wirtschaftstheorie“.  Was  er  selber
treibt,  setzt  er  ihr  als  „soziologische  Theorie  der  Wirtschaft“  entgegen.
Danach  wäre  also  „Wirtschaftstheorie“  an  sich  etwas  Nicht-Soziologischesl
  Da  herum  dreht  sich  nun  alles.
Vorweg  gesagt,  soll  nach  und  nach  folgendes  klar  werden.  Weder
die  nationalökonomische  Theorie  der  herkömmlichen,  noch  jene  der
neuen  Haltung  besagt  Soziologie  im  fachwissenschaftlichen  Sinne.  Mit
seiner  Scheidung  ist  demnach  Max  Weber  im  vollen  Recht.  Aber
der  entscheidende  Gegensatz  greift  darin  ein,  daß  die  herkömmliche
40*
        <pb n="642" />
        628

.Freiheit  vom  Worte 1

„Wirtschaftstheorie“  auch  in  ihrer  Haltung  durchaus  unsoziologisch
geartet  ist.  Dagegen  muß  die  neue  Haltung  der  nationalökonomischen ­
  Theorie,  wie  sie  aus  der  allwirtschaftlichen  Auffassung  hervorgehen ­
  soll,  grundwesentlich  eine  soziologische  seinl  Läutert  sich
also  die  Theorie  im  soziologischen  Geiste,  so  bedeutet  dies  keineswegs ­
  ein  fragwürdiges  Abdrängen  nach  einem  anderen  Fachgebiet.
Die  nationalökonomische  Theorie  bleibt,  was  sie  ist.  Gerade  darum
aber,  um  es  richtig  zu  sein,  was  sie  zu  sein  hat,  muß  sie  sich  mit
soziologischem  Geiste  erfüllen.  Dahinaus  führt  im  ganzen  der  Weg.
Da  er  jedoch  von  jener  Aufstellung  Max  Webers  ausläuft,  von
dessen  Scheidung  zwischen  „Wirtschaftstheorie“  und  „soziologischer
Theorie  der  Wirtschaft“,  ist  eine  Auseinandersetzung  mit  der  Soziologie ­
  unvermeidlich.
Es  fällt  mir  nicht  ganz  leicht,  darüber  zu  sprechen.  Selber  habe
ich  oft  genug  an  Dingen  gearbeitet,  die  in  irgendeinem  Sinne  auf
Soziologie  hinausliefen;  ich  tue  es  im  Grunde  auch  hier  und  denke
es  in  Zukunft  erst  recht  zu  tun.  Mein  skeptisches  Verhältnis  aber
zur  Soziologie  habe  ich  nie  verleugnet.  Es  ist  ja  auch  eine  üble
Sache  mit  Worten,  gleich  „Soziologie“,  die  gleichsam  schon  jeder
Zweite  in  einem  dritten  Sinn  versteht.  Meint  nun  ein  in  seinen
geistigen  Eingeweiden  so  vergrimmtes  Wort  gar  Wissenschaft,  dann
mag  leicht  nur  jener  „Wechselbalg“,  jener  „Hexensabbat  für  alle
Spiel-  und  Abarten  menschlicher  Erkenntnis“  dahinterstecken,  von
dem  ich  einstens  so  unhöflich  sprach.  Mindestens  war  dies  pedantisch.
Zu  meiner  Rechtfertigung  wiederhole  ich,  daß  man  in  Sachen  der
Erkenntnis  den  magersten  Prozeß  immer  noch  höher  stellen  muß  als
den  fettesten  Vergleich,  weil  dieser  auf  Kosten  der  Echtheit  der  Erkenntnis ­
  geht.  Aber  selbst  mit  solcher  Pedanterie  vereint  es  sich
durchaus,  wenn  ich  Max  Webers  hinterlassene  Leistung  auch
meinerseits  nicht  besser  zu  benennen  wüßte,  denn  als  Soziologie!
Soviel  Mißbrauch  mit  diesem  Worte  getrieben  wird,  hier  scheint  es
mir  mit  Fug  und  Recht  verwendet.  Diese  Leistungen  gehen  klar  in
einer  Linie  damit,  wie  auch  der  Skeptiker  —  ohne  sich  etwas  zu  vergeben, ­
  wofür  der  Beweis  noch  nachgetragen  wird  —  von  Soziologie
sprechen  kann:  überall  dort  nämlich,  wo  sich  die  innere  Einheit  aller
der  Wissenschaften  bewährt,  die  einträchtig  vom  menschlichen  Zusammenleben ­
  handeln!  Zu  ihnen  gehört  von  altersher  die  Geschichte,
die  Statistik,  gehören  die  Wissenschaften  von  Wirtschaft,  Staat  und
Volk,  in  ihrer  Art  auch  die  Wissenschaften  von  Religion,  Recht»
Kunst,  Wissenschaft,  Schrifttum,  bedingt  auch  die  von  der  Sprache  —•
alles  nur  kunterbunt  und  lückenhaft  aufgezählt.
        <pb n="643" />
        Soziologische  Zusammenhänge,  X.

629

Gleich  in  Max  Webers  Systematischer  Soziologie  setzt  sich  die
Bewährung  jener  inneren  Einheit  vieler  Wissenschaften  gegenständlich
durch.  Hier  liefert  sie  Erkenntnisinhalte  —  und  in  welcher  Fülle  —
die  sich  keineswegs  auf  die  verschiedenen  „alten“  Wissenschaften  aufteilen. ­
  Mit  diesen  überschneiden  sich  diese  Erkenntnisse  bloß,  bilden
aber  eine  rechtmäßige  Einheit  für  sich,  als  Fachwissenschaft  von  besonderer ­
  Struktur.  Es  gestaltet  sich  da  im  Kerne  ein  vorwaltend
klassifikatorisches  System  von  Begriffen  heraus,  das  gleichsam  quer
über  alle  „alten“  Fachwissenschaften  spreitet.  Sofort  drängt  sich  ein
Vergleich  damit  auf,  wie  sich  die  „systematischen“  Naturwissenschaften
zur  Biologie  verhalten.  Allein  eine  Aussprache  darüber  könnte  doch
nur  verwirren,  geht  sie  nicht  ganz  tief;  dazu  sind  aber  die  fraglichen
Verhältnisse  noch  viel  zu  oberflächlich  angeschnitten.  Es  bleibe  auch
in  der  Schwebe,  ob  sich  alle  „soziologisch“  erarbeiteten  Begriffe
schlankweg  in  die  „alten“  Wissenschaften  übertragen  ließen.  Max
Weber  verwahrt  sich  mehrfach  dagegen.  Keinesfalls  dürfte  man
wähnen  —  auch  dieser  Wahn  hat  auf  den  armen  Namen  „Soziologie“
Anspruch  erhoben  —  als  ob  hier  allen  anderen  Fachwissenschaften
grundsätzlich  das  „Allgemeine  abgesaugt“  würde.  Der  Rest  wäre  ja
tatsächlich  nicht  mehr  zu  gebrauchen  1  Natürlich  wahrt  sich  also  jede
der  „alten“  Fachwissenschaften  daneben  ihre  eigene  Problematik  und
kraft  dessen  auch  ihre  eigene  Begriffsbildung.  Trotzdem  ist  etwas
anderes  gut  denkbar:  daß  sich  von  hier,  von  einem  Begriffssystem
dieser  eigentümlichen  Sattellage  aus,  die  Terminologie  aller  Wissenschaften ­
  unseres  Kreises  vereinheitlicht,  soweit  dies  das  Eigenrecht
jeder  Fachwissenschaft  nicht  verletzt.  Besseres  könnten  wir  uns  nicht
wünschen.  Im  Angesichte  dieser  überragenden  Leistung  steht  es  auch
zu  erwarten.

X.
Hier  ist  es  an  einem  klassischen  Beispiel  klar  geworden  wie  sich
eine  Fachwissenschaft  mit  Recht  als  Soziologie  ansprechen  laßt  Man
kann  aber  das  Recht  auf  Verwendung  dieses  Namens  auch  im  umfassenderen ­
  Sinne  erörtern,  um  so  zu  erfahren,  „was  alles 1  sich  Soziologie
nennen  läßt.  In  ganz  unmaßgeblicher  Weise  will  ich  dies  versuchen.
Aber  da  ich  auch  dabei  meinen  Standpunkt  wahre,  als  gelernter
Zweifler  an  der  Denkfestigkeit  der  Worte,  bedarf  es  einer  grundsätzlichen ­
  Aussprache.  Es  ist  da  vieles  zu  sagen,  was  auch  zur  engeren
Sache  der  nationalökonomischen  Theorie  gehört.
        <pb n="644" />
        630

.Freiheit  vom  Worte“,

Meiner  Schrift  über  die  „Herrschaft  des  Wortes“  hat  es  das  beste
an  Unterbau  und  noch  mehr  an  Abklärung  entzogen,  daß  mir  diekurz
  vorher  erschienene  „Kritik  der  Sprache“  Fritz  Mauthners
sträflicherweise  unbekannt  geblieben  war.  Allein,  so  enge  mein  Beobachtungsfeld ­
  damals  gewesen  ist,  auf  dem  ich  seit  langem  derlei
„Sprachkritik“  trieb,  im  Dienste  der  fachlichen  Theorie  und  bald  auch
Erkenntniskritik,  eine  bessere  Wahl  hätte  ich  selbst  mit  Vorbedacht
nicht  treffen  können.  Denn  gerade  da,  auf  dem  Gebiete  der  nationalökonomischen ­
  Theorie,  sind  die  Worte  dem  Denken  schon  in  einer
ganz  absonderlichen  Weise  über  den  Kopf  gewachsen.  Da  läßt  sich
allerdings  für  die  rechte  Art,  mit  Worten  umzugehen,  manches  lernen.
Offenbar  handelt  es  sich  um  die  sogenannten  „Grundbegriffe“  der
Nationalökonomie:  „Wirtschaft“,  „Gut“,  „Wert“,  „Preis“,  „Kapital“,
„Zins“,  „Rente“  usw.  Jene  „eingeborenen  Fachausdrücke“  unserer
Wissenschaft  also,  von  denen  das  herkömmlich  geartete  theoretische
Denken  immer  wieder  auszugehen  sucht,  gleich  wie  von  ewigen  Fixpunkten. ­
  Meine  Auffassung  geht  nun  dahin,  daß  ich  in  diesen
„Grundbegriffen“  überhaupt  nur  Worte  sehe;  allerdings  sind  es  die
über  das  naive  theoretische  Denken  „herrschenden“  Worte.  Keiner
dieser  Ausdrücke  gilt  mir  einfach  als  ein  vieldeutiges,  ein  in  höchst
wandelbarem  Sinn  gebrauchtes  Wort.  Eigenfachliche  Erfahrungen
haben  mich  vielmehr  gewitzigt,  einem  so  auffallend  problematischen
Worte  ganz  buchstäblich  seinen  eigenen  Gehalt  an  Problemen  nachzurechnen. ­
  Es  gilt  da,  aus  dem  Wort  jene  Probleme  herauszuhören,
für  die,  unausgesprochen  und  daher  unentwickelt,  wie  sie  inmitten
der  naiven  Theorie  geblieben  sind,  vorerst  das  Wort  rettend  einspringt. ­
  In  der  Tat,  nicht  nur  für  fehlende  Begriffe  gibt  es  dies,  auch
für  fehlende  Problemei  Es  spielt  das  Wort  auch  in  diesem  weitergehenden ­
  Sinne  den  Helfer  unseres  theoretischen  Denkens;  dem  bekommt ­
  aber  diese  Hilfe  schlecht  genug.
Heraushören  übrigens  heißt  nicht  abhorchen;  da  wäre  man  auf
dem  Holzweg.  Es  geschieht  zwar  sonst  ganz  üblicherweise,  daß  man
den  Worten,  besonders  auch  den  „Grundbegriffen“,  ihren  geistigen
Gehalt  durch  defxnitorischen  Druck  zu  „entquetschen“  trachtet;  gegebenenfalls ­
  in  einer  veredelten  Form:  man  deutet  das  Wort  nicht
schlechthin  wörtlich  aus,  etwa  also  „Sozio“-logie,  sucht  vielmehr  den
durchlaufenden  Sinn  bei  den  verschiedenen  Verwendungen  des
Wortes  hübsch  in  der  Runde  herum  „abzuhorchen“.  In  unserer
Theorie  wird  diese  Umfrage  beim  lebendigen,  sprachverwendeten
Worte  heute  noch  als  ein  probates  Mittel  anempfohlen,  allen  Ernstes,
um  selbst  auf  die  grundlegendsten  Dinge  zu  kommen.  Nun,  dazu  ist
        <pb n="645" />
        Soziologische  Zusammenhänge,  X.

631

das  ganze  Verfahren  des  „Abhorchens“  doch  etwas  zu  kindisch,  um
der  Probleme  habhaft  zu  werden,  die  von  solchen  Worten  „vertreten“
sind;  jene  unausgesprochen  bleibenden  Probleme  also,  die  gleichsam
hinter  dem  Worte  heraus,  als  „transverbale“  Einflüsse,  unser  Denken
umgarnen.  Wer  sich  der  so  zu  verstehenden  „Herrschaft  des  Wortes“
zu  entwinden  sucht,  muß  schon  sachlichere  Wege  gehen.  Beiläufig
gesagt,  hat  einst  in  der  gleichen  Richtung  auch  Eugen  v.  Böhm-Bawerk
  nicht  einfach  den  Weg  des  „Abhorchens“  beschriften;  er
hat  vielmehr  den  Gedankengängen  zahlloser  der  „Kapital-  und  Zinstheorien“ ­
  selber  kritisch  nachgespürt,  auf  der  Suche  nach  den  einschlägigen ­
  Problemen.
Diese  Existenz  von  problemvertretenden  Worten,  gleich  den
nationalökonomischen  „Grundbegriffen“,  führt  zu  einem  köstlichen  Verhältnis ­
  :  dank  einem  solchen  Worte  ist  nämlich  der  Denkende,  soweit
er  theoretische  Aspirationen  hegt,  in  der  verhängnisvoll  glücklichen
Lage,  sich  über  sein  Problem  auszuschweigen,  indem  er  einfach  ein
Wort  ausspricht!  Dies  geschieht  dann  natürlich  in  fragender  Form,
z.  B.:  „Was  ist  Kapital?“  Bevor  ein  Wort  diese  problemvertretende
Kraft  erlangt,  muß  wohl  eine  lange  Geschichte  seiner  theoretischen
Verwendung  hinter  ihm  liegen.  Offenbar  braucht  es  seine  Zeit,  bis
sich  derlei  „Bahnungen“  des  theoretischen  Gedankenverlaufs  gestalten.
Dann  aber  genügt  es,  daß  man  gleichsam  nur  auf  den  Knopf  dieses
Wortes  drückt,  und  das  theoretische  Denken  ist  sofort  auf  ganz  bestimmte ­
  Probleme  eingestellt.  Von  diesen  erbaulichen  Dingen  hat
nicht  nur  die  „gute  alte  Logik“,  der  ich  es  einst  vorwarf,  keine  Ahnung;
davon  weiß  auch  manche  sehr  neue  „Wissenschaftslehre“  nichts.  Mehr
als  eine  nimmt  nicht  minder  unsere  famosen  „Grundbegriffe“  als  Begriffe ­
  ernst,  als  Worte,  deren  fester  Denkinhalt  mindestens  Postulat
wäre;  statt  hinter  diesen  einfachen  Witz  der  theoretischen  Sprache
zu  kommen,  daß  hier  überhaupt  nur  bloße  Richtungen  der  theoretischen
Denkbewegung  ausgesteckt  sind.
Im  Grunde  gilt  nun  auch  von  dem  Worte  „Soziologie  Ähnliches.
Freilich  nicht  für  den  Alltag.  Im  Leben  draußen  ist  das  Wort  schlechthin ­
  ein  Unbegriff,  Wortmarke  einer  Wissenschaft,  die  eben  deshalb,
weil  niemand  was  Rechtes  von  ihr  weiß,  so  sehr  an  Reiz  gewinnt.
Wozu  noch  der  Stachel  beiträgt  von  der  platten  Wortdeutung  her;
denn  im  Durchschnitt  dürften  wohl  die  einen  mit  geheimem  Grauen,
die  anderen  mit  geheimen  Hoffnungen,  beide  aber  übereinfallend  so
etwas  wie  „Sozialismologie“  herausbuchstabieren.  Dagegen  wird  an
jeden  theoretischen  Kopf  das  Wort  einfach  als  Problem  anpochen.
Nur  legt  sich  nicht  jeder  Rechenschaft  darüber  ab.  Es  sind  natürlich
        <pb n="646" />
        632

,Freiheit  vom  Worte“,

keineswegs  die  Probleme  der  Soziologie  gemeint,  sondern  die  Soziologie
selber  als  Problem.  Um  das  Problem  handelt  es  sich,  das  schon  im
Vermächtnis  Max  Webers  auf  zwei  verschiedenen  Wegen  gelöst  erscheint. ­
  Es  stehen  aber  noch  andere  Wege  offen.  Denn  wie  hier  die
Dinge  liegen,  entfaltet  sich  die  naive  Frage  „Was  ist  Soziologie?“  zu
der  nachsinnlichen  Frage:  In  wievielerlei  Weise  überhaupt  ist  jene  Bewährung ­
  innerer  Einheit  unter  den  Wissenschaften  vom  menschlichen
Zusammenleben  möglich?
Von  daher  gesehen  ist  Soziologie  nicht  schon  von  vornherein
eine  einzelne  Fachwissenschaft,  auch  nicht  eine  Gruppe  solcher,  noch
aber  eine  „Universalwissenschaft“  oder  sonst  dergleichen;  sondern  vorerst ­
  schlecht  und  recht  eine  Aufgabe,  der  Erkenntnis  gestellt,  nachhinkend ­
  den  „alten“  Fachwissenschaften,  oder  besser  eine  zusätzliche
Forderung,  an  das  erkennende  Denken  gerichtet!  Und  es  kann  sich
nun  erst  erweisen,  in  welcher  und  wievielerlei  Art  sein  Genügen  findet,
was  als  Soziologie  da  hinterher  „gefordert“  wird.
Von  jener  bedachtsam  entfalteten  Frage  her  gabelt  sich  also  der
Weg  nach  allen  „Möglichkeiten  von  Soziologie“.  Selbstverständlich
sind  diese  „Möglichkeiten“  hier  nicht  erkenntnistheoretisch  gemeint.
Dazu  fordert  für  uns  hier  die  Frage  nicht  auf,  daß  man  nun  im  Wege
der  eindringlichsten  Selbstbesinnung  aufdecke,  welche  „Soziologie“
nennbaren  Erkenntnisarten  sich  als  „möglich“  herausstellen,  wie  sie  es
tun,  und  unter  welchem  Um  und  Auf  des  Stoffes,  des  Vorganges,  der
Begriffsbildung  usw.  sie  es  tun.  Das  wäre  ein  unendlich  weiter  ausholendes ­
  Beginnen  und  hier  fehl  am  Orte.  Was  jene  Frage  fordert,
ist  vielmehr  rein  nur  die  harmlose  Umschau,  welche  Möglichkeiten  dafür ­
  vorliegen,  im  schon  übersehbaren  Kreise  der  Wissenschaften  einfach ­
  den  „Namen  Soziologie“  rechtmäßig  zu  vergeben.

XL
Eine  Bewährung  jener  inneren  Einheit  unter  den  erwähnten
Wissenschaften  ermöglicht  sich  gleich  so,  daß  man  einfach  alle  unsere
Fachwissenschaften  —  natürlich  auch  jene,  die  schon  für  ihren  engeren
Teil  auf  diesen  Namen  Anspruch  erheben  —  als  Soziologie  zusammenfaßt, ­
  also  einen  Sammelnamen  daraus  macht:  „Soziologie  als  Inbegriff“!
Von  Belang  wäre  diese  Zusammenfassung,  um  die  Wissenschaften  vom
menschlichen  Zusammenleben  gleich  als  Ganzes  von  den  Naturwissenschaften ­
  abzugrenzen.  Dem  eingebürgerten  Sammelnamen  „Geistes-
        <pb n="647" />
        --jv

mmms

,

Mt  .  «-  4  .  ;|  ,:v  -

Soziologische  Zusammenhänge,  XI.

633

Wissenschaften“  wäre  demnach  „Soziologie“  als  eine  gleichsam  berichtigende ­
  Erläuterung  zur  Seite  gedacht
Hier  sei  durchaus  vorgreifend  eingeschaltet,  daß  es  selbstverständlich ­
  immer  zulässig  bleibt,  überall  dort,  wo  uns  die  erlebte  Wirklichkeit ­
  als  das  menschliche  Zusammenleben  entgegentritt,  durch  eine  veränderte ­
  Einstellung  des  erfahrenden  Denkens  auch  „Natur“  zu  sehen;
dann  erblickt  man  also  z.  B.  dort,  wo  für  uns  Staat  oder  Familie  oder
Genossenschaft  und  Ähnliches  tatsächlich  ist,  etwa  nur  mehr  „Systeme
verwickelter  Reizauslösung“,  im  Geiste  Hugo  Münster  bergs.  Eben
darum  sind  diese  Systeme  selber  ausdrücklich  nicht  mehr  menschliches
Zusammenleben,  und  so  bleibt  der  hervorgestellte  Gegensatz  gegenüber
der  Natur  und  den  Naturwissenschaften  unerschüttert  aufrecht.  Soziologie ­
  als  Inbegriff  würde  also  auch  jene  Naturwissenschaften  ausschließen, ­
  die  sich  mit  solchen  „Reizauslösungssystemen“  beschäftigen
müßten;  so  stünde  insbesondere  die  „Psychologie  als  Naturwissenschaft“
außerhalb  der  Soziologie.  Den  hier  gemeinten  Gegensatz  scheint  mir
nun  „Soziologie  als  Inbegriff“  glücklicher  ins  rechte  Licht  zu  rücken,
als  wenn  man  den  Naturwissenschaften  etwa  die  „Kulturwissenschaften“
entgegensetzt.  Freilich,  sobald  der  Gegensatz  schon  im  Worte  scharf
anklingt,  wie  auch  in  diesem  Falle,  schmeichelt  er  sich  unserem  Denken
stets  ein;  pflegen  wir  doch  z.  B.  im  Lehrbetrieb  unserer  Wissenschaft
auch  der  theoretischen  Nationalökonomie  sofort  eine  „praktische“
Nationalökonomie  zu  paaren,  obgleich  dies  mehr  ein  schlechter  Witz
a ls  ein  guter  Name  dafür  ist,  daß  neben  den  theoretischen  Gebieten
auch  die  empirischen  Gebiete  zum  Gegenstand  einer  Vorlesung  werden.
Gewiß  steht  hinter  der  Wortklammer  „Kulturwissenschaften“  das  sehr
ernst  zu  nehmende,  geniale  Theorem  Heinrich  Rickerts:  ein  durchgängiges ­
  „Beziehen  auf  Kulturwerte“,  als  „Prinzip  der  Auslese“.  Erstens
aber  kann  man  schon  über  das  Kategorische  dieses  Vorganges  anderer
Meinung  sein.  So  stellt  sich  gerade  unsere  Wissenschaft  darin  in
Gegensatz  zur  Geschichte,  daß  hier  ein  „Beziehen  auf  Probleme  in
Kraft  steht.  Zweitens  gilt  hinsichtlich  des  Wortes  „Kultur“,  daß  sich
jeder  mindestens  einbildet,  und  auch  darauf  etwas  einbildet,  ein  ganz
Bestimmtes  zu  meinen.  Ob  nun  dieser  störrige  „Kulturbegriff  jedesmal ­
  wieder  mit  dem  Dienst  des  Wortes  als  Sammelname  im  Einklang
steht,  das  bezweifele  ich  auch  in  eigener  Sache.  Dagegen  hat  man
sich  längst  gewöhnt,  unter  „Soziologie“  alles  nur  Erdenkliche  verstanden ­
  zu  wissen,  um  so  weniger  also  selber  dabei  etwas  zu  denken;
u nd  dies  macht  das  Wort  zum  Sammelnamen  außerordentlich  geeignet.
Nur  leider,  weil  dieser  Name  so  geduldig  ist,  wirkt  sich  der  Fluch
seines  Ursprungs  —  er  stammt  ja  vom  Reißbrett  der  „positivistischen“
        <pb n="648" />
        634

.Freiheit  vom  Worte“,

Wissenschaftslehre  Comtes  —  fortzeugend  in  ihm  aus.  Des  Namens
„Soziologie“  bemächtigt  sich  stets  wieder  allerlei  interessanter  Versuch, ­
  die  Tatbestände  menschlichen  Zusammenlebens  naturwissenschaftlich ­
  schief  zu  treten.  Dann  wird  z.  B.  der  Staat  selber  wissenschaftlich ­
  so  zu  behandeln  versucht,  als  ob  er  ein  „Reizauslösungssystem“ ­
  wäre.  Diese  Aftersoziologie  wird  unausrottbar  die  Erlustigung
der  Geister  bleiben,  die  von  der  Wahrheit  der  Einen  Wirklichkeit  stets
nur  zur  Simpelei  der  einen  Wissenschaft  weiterzudenken  vermögen;
als  ob  es  nicht  von  der  einen  Wirklichkeit  ein  spezifisches  Zweierlei
an  Erfahrung  gäbe  1  Ist  doch  daraufhin  die  „Universalmethode“  gleichwertig ­
  der  Zumutung,  daß  alle  Tiere,  auch  die  Kiementiere,  in  der
Luft  oder  wieder  alle,  auch  die  Lungentiere,  unterWasser  leben  sollten;
oder  daß  man  mit  dem  Meißel  auch  malen,  mit  dem  Pinsel  auch  bildhauern
  sollte.  Was  immer  bei  solchen  „Verstauchungen“  des  Erkennens
herauskäme,  tatsächlich  haben  sie  der  Soziologie  nebenher  die  ominöse
Deutung  zugezogen,  die  Einbruchsstelle  der  Naturwissenschaft  auf
unser  Gebiet  zu  sein.  Damit  allein  schon  ist  aber  die  ganze  Absicht
einer  summarischen  Zusammenfassung  unserer,  im  Gegenhalt  zu  den
Naturwissenschaften,  dauernd  durchkreuzt:  der  sonst  so  taugliche
Sammelname  ist  eigentlich  verpfuscht.  Ich  glaube  hier  trotzdem  von
Fall  zu  Fall  von  „inbegrifflich-soziologischen“  Dingen  reden  zu  dürfen.

XII.
Bei  der  „Soziologie  als  Inbegriff“  gelangt  das  „herausgehörte“
Problem  gar  nicht  weiter  zur  Lösung.  Nur  mittelbar  liegt  eine  richtige
Lösung  wenigstens  in  der'  ideellen  Verlängerung  davon;  sie  wird  in  der
Folge  im  Sinne  einer  „Soziologie  als  Erkenntnislehre“  zu  deuten  sein.
Ganz  anders  erfüllt  sich  die  Soziologie  als  Aufgabe,  das  will  sagen,  bewährt ­
  sich  die  innere  Einheit  jener  Wissenschaften,  sobald  dies  hinausläuft ­
  auf  „Soziologie  als  Fachwissenschaft“.  Am  Beispiel  der  Systematischen ­
  Soziologie  Max  Webers  deutete  ich  es  obenhin  an,  wie  es
um  diese  Disziplin  bestellt  wäre,  und  warum  sie  mit  Recht  ihren
Namen  trüge.  Natürlich  lastet  es  späterer  Erkenntniskritik  auf,  daß
sie  das  Besondere  dieser  Systematischen  Soziologie  herausarbeitet,  im
Kreise  der  Wissenschaften  vom  menschlichen  Zusammenleben.  Das
gleiche  steht  auch  für  jene  „dritte“  Sozialwissenschaft  aus,  in  deren
übrigens  schier  unermeßlichen  Bereich  wohl  die  glänzendsten  Leistungen
Max  Webers  fallen.  Es  erhebt  hier  eine  zweite,  ganz  anders  g e "
artete  Disziplin  den  Anspruch  auf  den  Namen  Soziologie,  sagen
        <pb n="649" />
        Soziologische  Zusammenhänge,  XII.

63  5
als  „Analytische  Soziologie“!  Wie  ich  es  schlagwörtlich  schon  angedeutet, ­
  dreht  es  sich  um  die  Wissenschaft  vom  „Spezifisch-Sozialen“  ;
noch  weiter  vorgreifend  gesagt,  um  die  Wissenschaft  von  aller  Gestaltung ­
  menschlichen  Zusammenlebens  im  Geiste  dessen,  was  die
Menschen,  ob  nun  unmittelbar  oder  mittelbar,  innerlich  zusammenführt,
selber  also  auf  Zusammenhalt,  innere  Verbundenheit  hinausläuft.  Wie
nahe  sich  dies  mit  „innerem  Einverständnis“  und  „Gemeinschaft“  berührt, ­
  gemäß  der  tiefsinnigen  Deutung  von  Ferdinand  Tönnies,
leuchtet  grell  heraus.  In  der  Tat,  für  diese  dreifältige  Auflösung  der
„Sozialwissenschaft“,  die  ich  doch  früher  stets  unaufgelöst  zur  Geschichtswissenschaft ­
  in  Gegenhalt  brachte,  war  mir  schließlich  nichts
bestimmender  als  die  allmähliche  Einfühlung  in  die  so  ganz  besondere
Art,  wie  Ferdinand  T  ö  n  n  i  e  s  in  die  Tiefe  schürft.  Dazu  kam  noch
der  frappierende  Eindruck  von  Max  Webers  Vordringen  auf  Neuland ­
  sozialer  Erkenntnis.
Wenn  nun  die  „Analytische  Soziologie“  sozusagen  in  der  Richtung
der  „Gemeinschaft“  bohrt,  dann  bliebe  für  die  „zweite“  Sozialwissenschaft, ­
  neben  der  Nationalökonomie,  doch  wohl  die  Einstellung  auf
„Gesellschaft“,  im  Geiste  von  Tön  nies?  Ja,  so  ungefähr  liegt  es  bei
jener  Wissenschaft  vom  „Politisch-Sozialen“,  die  man  am  besten  an  der
Staatslehre  veranschaulichen  könnte,  ohne  daß  diese  schon  den  erschöpfenden ­
  Inhalt  dieser  Wissenschaft  darböte.  Und  vielleicht  gar
nicht  dieses  „Zweite“,  aber  ausgerechnet  jenes  „Dritte“  soll  nun  Soziologie ­
  heißen?  Gewiß;  da  waltet  einfach  der  Unterschied  zwischen  wortfromm ­
  buchstabierender  Deutung  —  „Sozio-logie“  gleich  „Gesellschaftslehre“ ­
  -  und  einer  Deutung  und  Nennung  gemäß  dem  wissenschaftlich
Ausschlaggebenden,  dem  Probleme  !  Denn  nachweislich  gerade  dort,  an
jener  „dritten“  Stelle,  läuft  alles,  alle  Wissenschaften  überhaupt  vom
menschlichen  Zusammenleben,  in  die  letzten  Tiefen  der  Erkenntnis
aus;  im  Einklang  dazu  ist  ja  auch  der  Ausdruck  vom  „Spezifisch-Sozialen“
  gewählt.  Dort  aber,  wo  alle  anderen  Disziplinen  ihr  gemeinsames ­
  Rückgrat  wissen,  dort  wohl  bewährt  sich  abermals  ihre  innere
Einheit;  dort  ist  mit  Fug  und  Recht  abermals  von  Soziologie  zu
sprechen.  Auch  in  diesen  harmloseren  Dingen  der  Benennung  braucht
man  nicht  immer  nach  der  Pfeife  des  Wortes  zu  tanzen  Auch  da  ist
es  besser,  lieber  auf  die  Worte  zu  pfeifen,  sobald  man  der  Sache  zureichend ­
  sicher  ist.  Mindestens  liegen  also  schon  zwei  Spielarten  von
„Soziologie  als  Fachwissenschaft“  vor,  sehr  ungleichen  Gefüges,
es  deren  noch  mehrere  gibt?  Vielleicht.  Hier  bin  ich  an  keiner  „Inventur ­
  der  Soziologien“  am  Werke;  ich  rolle  diesen  Zusammenhang  absichtlich ­
  nur  so  weit  auf,  als  es  die  nationalökonomische  Theorie  allwirt ­
        <pb n="650" />
        636

.Freiheit  vom  Worte“.

schaftlicher  Haltung  tiefer  verständlich  macht.  Es  steht  nun  knapp  davor. ­
  Nur  rasch  ein  paar  Worte  vorher,  die  vielleicht  nicht  ganz  überflüssig ­
  sind.
Man  sieht,  wie  die  Dreiteilung  der  engeren  Sozialwissenschaft  nichts
mit  einer  „Dreiteilung  des  sozialen  Organismus“  zu  tun  hat.  Ebensowenig ­
  ist  sie  in  Mystik  eingegründet.  In  Sachen  der  Nationalökonomie
als  reiner  Erfahrungswissenschaft  habe  ich  stets  den  Schnitt  vor  alle
Mystik  gezogen.  Dem  Theoretiker  erscheint  ja  besonders  jene  kleinliche ­
  Mystik  als  recht  minderwertig,  jene  Mystik  als  Mache,  in  die
sich  Theorie  gelegentlich  dort  hüllt,  wo  sie  aus  Schuld  falscher  Einstellung ­
  sich  selber  verstrudelt.  Nach  meiner  Überzeugung  darf  aber
an  die  Theorie  einer  Erfahrungswissenschaft  erst  recht  nicht  Mystik
als  Weltanschauungssache  heran;  auch  nicht  zeitgenössisch  verquickt
mit  Mystik  als  Psychose,  oder  gar  mit  Mystik  als  Gewerbe.
Noch  eine  zweite  Verwahrung.  Notgedrungen  stelle  ich  fest,  daß
schon  in  meiner  Schrift  „Herrschaft  des  Wortes“  alles  hinaustrieb  auf
ein  „Denken  in  eitel  Gebilden“,  auf  „Allzusammenhang“,  „Allbedungenheit“,
  auf  „Einheit“,  „Einmaligkeit“  und  „Persönlichkeit“,  um  so  überall ­
  „Leben“  zu  sehen,  als  Gestaltung  der  „Erlebungen“;  an  Stelle  aller
Flachheit  im  Gefolge  von  „Kausalitätskoller  und  Gesetzesdusel“.  Auch
diese  kecken  Worte  gingen  schon  1901  in  Druck;  geläufig  waren  sie
mir  lange  vorher.  Und  wenige  Jahre  nachher,  nachdem  ich  in
dem  Büchlein  von  den  „Grenzen  der  Geschichte“  den  Scheidestrich
zwischen  der  „erlebten“  Zeit  der  Geschichte  und  den  „Rechenpfennigen
der  geologischen  Jahrmillionen“  gezogen,  suchte  ich  jene  Grundauffassung, ­
  die  allem  „Naturalismus“,  oder  meinetwegen  aller  „Mechanistik“
und  aller  „Berechenbarkeit“,  für  unsere  Denkgebiete  aufsagt,  noch  in
die  Tiefe  zu  arbeiten:  in  meinen  Aufsätzen  „Zur  sozialwissenschaftlichen ­
  Begriffsbildung“,  im  „Archiv  für  Sozialwissenschaft“.  Dies  alles
geschah  aber  doch  im  hellen  Bewußtsein,  dabei  nur  ins  eigene  Fach
hinein  den  Erfüller  und  Werkfortsetzer  einer  geistigen  Bewegung  zu
spielen,  die  in  ihren  Anfängen  mindestens  bis  auf  F  i  c  h  t  e  zurückgreift,
die  seither  ins  Breite  gediehen  war  und  für  zahlreiche  Leistungen
unserer  Wissenschaft  sich  längst  von  selber  versteht.  Da  vollzieht  sich
einfach  am  erhabenen  Gebilde  der  Wissenschaft  der  unaufhaltsame
Prozeß  einer  organisch  richtigen  Weiterbildung,  der  aber  von  seiner
eigenen  Zeit  als  eine  Wende  empfunden  wird.  In  dieser  geistigen
Strömung  trieb  auch  mein  Beginnen  und  setzt  sich  nun  mit  verstärktem ­
  Nachdruck  fort.  Aber  es  hat  damit  nichts  zu  schaffen,  wenn
neuestens  eine  überhitzte  Nachempfindung  jener  Wende  sich  zur  Bot ­
        <pb n="651" />
        637

Soziologische  Zusammenhänge,  XIII.

schaft  einer  „Neuen  Lehre“  aufbläht,  die  auf  allen  Gebieten  des  Erkennens
  alles  von  unterst  zu  oberst  zu  kehren  wähnt,  im  Saltomortale
zu  einer  Art  „November-Wissenschaft“.

XIII.
Mit  der  Produktion  von  „Soziologie  als  Fachwissenschaft“  ist  es
allein  nicht  getan.  Als  Aufgabe  erfüllt  sich  Soziologie  zum  besten
Teil  erst  so,  daß  jede  der  sonstigen  Fachwissenschaften,  kraft  der  Art
ihres  eigenen  Vorgehens,  die  innere  Einheit  von  ihnen  allen  wahr
macht:  „Soziologie  als  Methode“!  In  der  Tat,  die  Wissenschaften  von
Geschichte,  Wirtschaft,  Staat,  von  Recht,  Kunst  usf.,  sie  alle,  richtig
betrieben,  arbeiten  in  ihrer  Art  dauernd  an  Soziologie.  Sofern  sie  die
viel  berufene  „soziologische  Methode“  befolgen  i  Nun,  gewiß  nicht  alles,
was  sich  so  nennt,  ist  es  auch  schon  in  jenem  Geiste.  Allzu  häufig
glaubt  man  „soziologisch“  vorzugehen,  wenn  sich  das  fachliche  Denken
jener  gewissen  Aftersoziologie  preisgibt;  wobei  die  Psychologie  als
Naturwissenschaft  in  den  meisten  Fällen  die  Kupplerin  spielt.  Aber  die
Bastardierung  von  zwei  wurzelfremden  Erfahrungsweisen  kann  natürlich ­
  zu  nichts  Rechtem  führen;  meist  nur  zu  krampfhaften  Versuchen,
Lehrsätzlein  als  „Gesetze“  herauszuquetschen,  und  zu  ähnlichen  Mißbildungen ­
  unserer  Art  Erkenntnis.  Der  Scheidestrich  gegen  derlei
„soziologische  Methode“  kann  gar  nicht  scharf  genug  gezogen  werden.
Das  Ziel  ist  beileibe  nicht  diese  Entartung  der  fachlichen  Erkenntnis,  im
Gefolge  des  „positivistischen“  Wahnes,  alles  über  einen  Leisten  schlagen
zu  müssen.
Die  soziologische  Methode  entspringt  vielmehr  aus  der  Auffassung
vom  wahren  Beruf  einer  Fachwissenschaft  unseres  Kreises.  Ein  Vorgehen ­
  ist  gemeint,  das  ebensowohl  dem  Eigenwert  des  Faches  genügt
"de  auch  den  Ansprüchen  auf  Wahrung  der  inneren  Einheit  aller
Wissenschaften  vom  menschlichen  Zusammenleben.  Innere  Einheit,
d as  ist  das  Fehlen  von  Widersprüchen  natürlich  auch;  doch  in  erster
Linie  denke  ich  dabei  an  wechselseitige  Ergänzung,  an  ein  lebendiges
Zusammenspiel  aller  zu  erschöpfender  Erkenntnis  des  gemeinsamen
Vorwurfes.  Müssen  doch  alle  diese  Wissenschaften  im  geschlossenen
Vereine  das  menschliche  Zusammenleben  bewältigen  —  das  ist  und
Bleibt  ja  der  erhabenste  Vorwurf  aller  Erfahrungswissenschaft!  Bei
keiner  jener  Wissenschaften  kommt  es  daher  schlechthin  so  auf  Erkenntnis ­
  an,  als  wäre  dies  ihre  Spezialsache  und  sie  allein  auf  der
Welt:  sondern  darauf  kommt  es  an,  daß  jede  wohl  das  Ihre  tut,  aus-
        <pb n="652" />
        638

„Freiheit  vom  Worte“,

drücklich  aber  unter  Wahrung  des  notwendigen  Zusammenspieles  aller.
Dann  erst  ist  die  Fachwissenschaft  auch  als  solche  von  vollem  Werte.
Es  erweist  sich  in  der  Folge  noch  klarer,  wie  jede  dieser  Fachwissenschaften ­
  ganz  notwendig  jene  Einheit  bejahen  muß,  um  sich  selber  in
voller  Richtigkeit  zu  ermöglichen.  Aber  schon  der  Idee  nach  ist  das
soziologische  Vorgehen  der  Fachwissenschaft  gleichbedeutend  mit  ihrem
richtigen  Vorgehen  schlechthin.  Für  die  Nationalökonomie  nun,  da
verknüpft  sich  dieses  soziologische  Vorgehen  mit  der  all  wirtschaftlichen ­
  Auffassung.
Eine  Sache  kann  man  auch  aus  ihrem  Gegensatz  klar  machen.
Die  Allwirtschaftslehre,  als  nationalökonomische  Theorie  soziologischen
Geistes  gemeint,  findet  ihren  erläuternden  Gegensatz  vorweg  in  der
herkömmlichen  Theorie,  in  der  „Güterlehre“.  Recht  im  Widerspruch
zu  allem,  was  eben  zu  sagen  war,  sitzt  da  eine  Fachwissenschaft  gleichsam ­
  auf  dem  Isolierschemel!  Zwar  nur  mit  ihrer  Theorie;  mit  dieser
aber  vorbildlich.  Darin  prägt  sich  die  „unsoziologische“  Haltung  dieser
Theorie  aus.  Es  ist  aber  sofort  klar,  daß  niemand  an  diesem  „Unsoziologischen“ ­
  innerlich  Anstoß  nimmt,  dem  die  Wirtschaft  selber  als
etwas  an  sich  „Unsoziales“  gilt;  das  will  sagen,  wer  also  leugnet,  daß
Wirtschaft  und  menschliches  Zusammenleben  grundwesentlich  verflochten ­
  sind.  Eine  richtige  Auseinandersetzung  darüber  ist  hier  unmöglich. ­
  Vorgreifend  sei  aber  doch  einiges  gesagt,  nur  wieder,  um
den  Boden  etwas  aufzulockern.
Es  ist  eine  weit  verbreitete,  fast  die  allgemeine  Ansicht,  Wirtschaft ­
  sei,  rein  grundsätzlich  genommen,  die  Sache  des  „Einzelnen“.
Für  die  „Güterlehre“  ergibt  dies  nebenher  einen  drolligen  Widerspruch; ­
  denn  hier  ist  ja  allemal  nur  Erwerb  als  die  Wirtschaft  gedacht, ­
  und  wenn  der  „Einzelne“  auch  alles  könnte,  erwerben,  wie  es
hier  in  Frage  steht  und  für  „Wirtschaft“  angesehen  wird,  das  kann
er  in  seiner  Vereinzelung  nicht!  Als  „Güterlehre“  verhöhnt  sich  also
die  heutige  Theorie  soweithin  selber,  als  sie  das  grundsätzlich  „Unsoziale“ ­
  der  Wirtschaft  behauptet.  Aber  jene  Ansicht  übersteht  noch
ganz  andere  Widersprüche;  zu  fest  stützt  sie  sich  auf  geheime  Rückhalte. ­
  Da  spukt  von  rechts  das  „Wirtschaftliche  Prinzip“:  „Suche  den
höchsten  Nutzen  mit  den  geringsten  Kosten  zu  erzielen!“  Daran  hänge
die  Wirtschaft;  ein  Plandeln  gemäß  diesem  Prinzip  stünde  jedoch  auch
dem  „Einzelnen“  zu,  daher  also  Wirtschaft  grundsätzlich  dessen  Sache
sei.  Nun,  was  sich  aus  dem  hellen  Widersinn  jener  landläufigen
Fassung  dieses  „Prinzips“  überhaupt  als  vernünftiger  Sinn  herauswickeln
läßt,  ist  einfach  der  von  mir  so  genannte  Grundsatz  der  technischen
Vernunft:  „Handle  stets  mit  dem  vergleichsweise  mindesten  Aufwand!“
        <pb n="653" />
        Soziologische  Zusammenhänge,  XIII.

639

Diesem  Grundsatz  bleibt  freilich  auch  der  „Einzelne“  unterworfen,  weil
auch  er  handelt  und  dies  technisch  vernünftig  zu  besorgen  hat;  aber
damit  ist  natürlich  für  die  „nichtsoziale“  Artung  der  Wirtschaft  auch
nicht  das  mindeste  bewiesen.  Von  links  dagegen  meldet  sich  Herr
Robinson,  der  ja  allemal  herhalten  muß,  sobald  sich  die  „Güterlehre“
in  einem  lichten  Augenblick  zurückbesinnen  will  vom  Erwerb  auf
Wirtschaft.  Denn  buchstäblich  erwerben,  darüber  ist  man  sich  klar,
könnte  auch  Robinson  nicht,  gewiß  aber  wirtschaften.  Kann  er  dies
nun  wirklich?  Warum  nicht  1  Nur  führt  er  nicht  jene  „Musterwirtschaft“, ­
  jene  sozusagen  noch  nicht  sozial  entartete,  die  man  ihm  nachrühmt ­
  ;  sondern  umgekehrt,  eine  ganz  und  gar  verkrüppelte  Wirtschaft
treibt  er,  weil  einfach  in  der  Robinsonade  das  menschliche  Zusammenleben ­
  bis  zum  äußersten  Grenzfall  eingeschrumpft  erscheint.  Davon
selbst  abgesehen,  wie  sehr  sich  Robinson  überhaupt  nur  kraft  seiner
materiellen  und  geistigen  Erbschaft  aus  dem  Zusammenleben  zu  behaupten ­
  weiß,  kann  man  im  Grundsatz  sagen:  die  Robinsonade  ist
nicht  die  durchgehende  Einheit  für  den  Aufbau,  nur  ein  letztes  Eins
hinter  dem  Abbau  des  Wirtschaftslebens.  Auch  dieser  abgesprengte
Wirtschaftssplitter  widerlegt  also  bloß  scheinbar  den  grundwesentlichen
Zusammenhang  von  Wirtschaft  und  Zusammenleben.
Wie  die  ganze  Sache  für  meine  eigene  Auffassung  liegt,  kann
wieder  nur  vorgreifend  angedeutet  werden.  Ganz  unabhängig  vom
Worte  „Wirtschaft“,  ohne  auch  nur  im  mindesten  von  dessen  Deutung  auszugehen, ­
  läßt  sich  ein  Tatbestand  nachweisen,  den  man  hinterher
darum  „Wirtschaft“  nennen  muß,  weil  man  ihn  sprachrichtig  gar  nicht
anders  nennen  kann;  und  erst  und  überhaupt  nur  darüber,  über  den
Zwang  zu  dieser  Nennung  des  vorher  festgesetzten  Tatbestandes,  entscheidet ­
  der  deutbare  Sinn  des  Wortes.  Der  Tatbestand  selber  ergibt
sich  als  der  Auslauf  einer  spezifischen  Teilgestaltung  des  menschlichen
Zusammenlebens.  Darin  sehe  ich  den  grundwesentlichen  Zusammenhang ­
  zwischen  Wirtschaft  und  Zusammenleben.  Wirtschaft,  als  Leben,
ist  Gestaltung  menschlichen  Zusammenlebens  im  Geiste  dauernden
Einklangs  von  Bedarf  und  Deckung.  An  die  Stelle  dieser  Teilgestaltung
menschlichen  Zusammenlebens  setzt  nun  die  nationalökonomische
Theorie  unverzagt  jenes  „Güterleben“,  in  dessen  Konstruktion  sich
diese  Theorie  auch  erschöpft.
Als  „Güterleben“  ist  eben  keineswegs  eine  Teilgestaltung  vom
Zusammenleben  abgehoben.  Da  hat  man  sich  vielmehr  einen  Mechanismus ­
  der  Güterbewegung  zurechtgelegt,  dem  alles  Menschliche  gerade
11  ur  die  Begleiterscheinung  abgibt.  So  ist  ja  tatsächlich  das  starre
System  im  Geiste  dieser  verschrobenen  Stoffbehandlung  beschaffen;
        <pb n="654" />
        640

.Freiheit  vom  Worte“,

die  noch  so  täuschende  Auswattierung  dieses  Systems  mit  allwirtschaftlichen ­
  Einfällen  ändert  daran  nichts.  Diese  Konstruktion  eines
„Güterlebens“  geht  auch  nur  scheinbar  in  der  Formel  „Individualismus“
auf.  Selbst  angenommen,  es  wäre  ein  solcher  Gedankenbau  nur  als
das  Werk  und  die  Freude  von  „Individualisten“  denkbar,  so  liegt  in
der  Sache  selber  ebensowenig  „Individualismus“  wie  „Universalismus“
damit  vor;  soweit  diese  Kartothekbegriffe  überhaupt  etwas  sagen.
Denn  was  mit  der  „Güterlehre“  geboten  wird,  besagt  keinerlei
Stellungnahme  zum,  sondern  ein  glattes  Herausstellen  aus  dem  Zusammenleben ­
  1  Dies  geht  so  weit,  daß  man  es  in  der  Reinzucht  dieser
Theorie  sogar  für  zulässig  erachtet,  von  den  menschlichen  Handlungen
gänzlich  zu  abstrahieren!  Und  dabei  spielen  sich  als  „Handlungen“
ohnehin  nur  Tauschhandlungen  auf,  die  als  „atomistisch“  vereinzelte
ihr  gewinnstrebiges  Gegenspiel  aufführen.  Wird  eben  in  der  letzten
Folgerichtigkeit  gedacht,  so  darf  wohl  überhaupt  nur  die  nackte  Güterbewegung ­
  hier  übrig  bleiben.  Sie  erst  liefert  das  „ungetrübte“  theoretische ­
  Spiegelbild  der  Wirtschaft!  Nebenbei  gesagt,  daß  alle  Welt
die  in  diese  Extreme  auszüngelnde  „Güterlehre“  als  „Wirtschaftstheorie“
geduldig  hinnimmt,  im  unerschütterlich  guten  Glauben,  das  sei  und
bleibe  nun  einmal  „die“  nationalökonomische  Theorie,  das  bringt
wahrhaftig  nur  die  abstumpfende,  entnervende  Gewöhnung  eines
ganzen  Jahrhunderts  zuwege.

XIV.
Das  völlige  Un-  oder  eigentlich  Widersoziologische  der  „Güterlehre“ ­
  beruht  darin,  daß  hier  die  Theorie  einer  Fachwissenschaft  vom
menschlichen  Zusammenleben  völlig  „abgedreht“  hat;  und  zwar  so
heftig,  daß  alle  unmittelbaren  Beziehungen  zu  den  übrigen  Fachwissenschaften ­
  schrill  abreißen.  Gerade  nur  die  „formalistische“  Jurisprudenz
die  in  mehr  als  einer  inneren  Verwandtschaft  zu  unserer  heutigen,
Theorie  steht,  macht  die  Drehung  willig  mit.  Alle  anderen  Wissenschaften ­
  aber  wissen  damit  nichts  anzufangen,  wenn  aus  der  Wirtschaft ­
  als  Leben,  aus  einer  Teilgestaltung  des  Zusammenlebens,  ein
rein  mengenhaftes  „Güterleben“  geworden  ist,nichts  als  ein  ausbalanciertes
Werden,  Wandern,  Verteiltwerden  und  Vergehen  der  Güter.  Soweit
es  also  auf  die  überlieferte  nationalökonomische  Theorie  ankäme,
dürften  die  übrigen  Fachwissenschaften  gleichsam  stets  nur  um  die
Ecke  des  „Güterlebens“  herum  in  das  Wirtschaftsleben  hineinsehen.
Dies  alles  übertreibt  nicht!  Denn  bei  der  „Güterlehre“  handelt  es
        <pb n="655" />
        Soziologische  Zusammenhänge,  XIV.

641

sich  doch  um  wissenschaftliche  Auffassungen,  und  da  müßte  folglich
das  Grundsätzliche  der  Sache  auch  schon  das  für  die  Sache  tatsächlich
Entscheidende  sein.  Mein  Bild  der  Sachlage  weicht  also  nur  so  weit
von  der  Wirklichkeit  ab,  als  in  dieser  selber,  in  der  Theorie  als  „Güterlehre“, ­
  abermals  die  „glücklichen  Inkonsequenzen“  am  Werke  sind  und
geschäftig,  das  Krumme  unter  der  Hand  wieder  gerade  zu  biegen.
Zum  Vergleich  setze  ich  hierher  eine  Stelle  aus  dem  „Grundriß“
von  Schm  oll  er:  „Der  Grundgedanke  unserer  Volkswirtschaftslehre
ist  der,  daß  das  Wirtschaftsleben  der  Menschheit  sich  vollzieht  in  einer
Summe  von  politisch-gesellschaftlichen  Körpern,  die  sich  teils  neben-,
teils  nacheinander  unserem  Blicke  darstellen.“  Selbst  wenn  ich  zugebe,
daß  man  an  Theorie  ganz  andere  Ansprüche  stellen  muß,  als  ihnen
hier  genügt  wird,  zugestanden  also,  es  wäre  dies  erst  auf  dem  Wege
zu  eigentlicher  Theorie:  gut,  aber  dann  würdige  man  zum  mindesten
diesen  Weg!  Er  verliert  sich  nicht  seitwärts  in  die  Öde  einer  bloßen
Mengenbewegung  von  Gütern,  sondern  führt  mitten  hinein  in  die  Gestaltung ­
  menschlichen  Zusammenlebens.  In  dieser,  wenn  auch  erst
werdenden  Theorie,  da  regt  sich  eine  ganz  andere  und  lebensfrische
Auffassung.  Es  wird  unverkennbar  in  Gebilden  gedacht,  in  richtigen
Lebensformen,  nicht  in  Gütern.  Besonders  deutlich  verrät  sich  die  Freiheit ­
  des  Denkens  von  dem  Zufälligen  heutiger  Wirtschaft.  Mithin,  in
aller  Naivität,  zugleich  aber  mit  dem  Vollwert  des  bodenständig  Aufgewachsenen, ­
  tritt  uns  hier  allwirtschaftliche  Auffassung  entgegen  1
Nicht  aber  jene  krämerhaft  güterselige  und  erwerbsduselige  Auffassung ­
  der  „Güterlehre“,  die  unser  fachliches  Denken  so  weit  abführt
von  seinem  wahren  Vorwurf,  daß  man  sie  fast  eine  widerwirtschaftliche
heißen  könnte.
Trotzdem  wird  diese  „Güterlehre“  heute  noch  mit  solcher  Gewißheit ­
  als  die  abgestempelt  „nationalökonomische“  Theorie  empfunden,
daß  ich  auf  den  Einwand  gefaßt  bleibe:  Sch  mol  ler  spricht  hier  eben
als  Soziologe,  und  es  ist  helles  Unrecht,  legt  man  seine  Haltung  als
Maßstab  an  die  nationalökonomische  Theorie  1  Warum  als  „Soziologe“  ?
Vielleicht  gar,  weil  er  von  politisch-„gesellschaftlichen“  Körpern  redet?
Das  wäre  ja  ein  völliger  Rückfall  in  die  wortfromm  buchstabierende
Deutung  des  Sachverhaltes.  Was  sich  tatsächlich  als  „soziologisch“
hier  an  Schm  oller  bekundet,  ist  bloß  die  richtige  Art,  wie  er  ein
Nationalökonom  zu  sein  strebt:  Einfach  um  Nationalökonomie  richtig
zu  betreiben,  hält  er  es  mit  der  soziologischen  Methode  1  Das  will
sagen,  seiner  Wissenschaft  sucht  er  völlig  gerecht  zu  werden,  ausdrücklich ­
  auch  insoweit,  als  sie  ihre  Mission  im  Kreise  der  Wissenschaften
vom  menschlichen  Zusammenleben  zu  erfüllen  hat.  Alles,  was  er  in
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  ^
        <pb n="656" />
        642

„Freiheit  vom  Worte“,

der  notwendigen,  unentrinnbaren  Einseitigkeit  seines  Faches  sagt,  ist
dann  so  gesagt,  um  unmittelbar  einen  lebendigen  Widerhall  zu  finden
in  all  den  vielerlei  Wissenschaften,  die  sich  gemeinsam  um  den  gleichen
Vorwurf  mühen.  Gewiß  wickelt  der  Nationalökonom  die  Zusammenhänge ­
  dieser  Welt  des  Lebens  stets  einseitig  auf  —  Einseitigkeit  ist
ja  von  Wissenschaft  gar  nicht  zu  trennen!  Allein  eben  so,  daß  sich
die  einseitig  aufgerollten  wie  von  selber  verknüpfen  mit  jenen  Zusammenhängen, ­
  die  wieder  innerhalb  der  anderen  Erkenntnisgebiete
entwirrt  werden,  nämlich  in  den  übrigen  Fachwissenschaften.  Woraus
dann  allmählich,  von  vielen  Seiten  her,  immer  dichter,  immer  engmaschiger, ­
  immer  fester  umschnürend,  jenes  geistige  Netz  sich  gegestaltet,
  das  von  unserem,  stets  nur  im  Zusammenhang  sich  auslebenden ­
  Denken  listig  der  Wirklichkeit  übergeworfen  wird,  im  Sinne
einer  Erkenntnis,  die  ihres  Stoffes  wahrhaft  Herr  ist.  Nur  der  rechte
Zusammenhang  im  Vorgehen  aller  verbürgt  diesen  letzten,  höchsten
Erfolg.  Niemals  könnte  dies  ein  hölzernes  Nebeneinander  tun,  von
stets  wieder  anders  ausartenden  Verschrobenheiten  im  Schema  der
geistigen  Bewältigung  des  Stoffes.  Welcher  Stoff  aber  fordert  mehr
zur  Einheitlichkeit  seiner  Bewältigung  heraus  als  der,  der  doch  selber
von  so  majestätischer  Einheit  ist,  durch  den  Allzusammenhang  des  Erlebten! ­

Wieviel  unserer  Theorie  bisher  entgangen  ist,  als  bloßer  „Güterlehre“, ­
  läßt  gerade  auch  die  Behandlung  des  Wirtschaftslebens  in
Max  Webers  Soziologie  gut  ermessen.  Im  Rahmen  des  ganzen  Zusammenlebens ­
  wird  hier  an  die  Wirtschaft  mit  einer  viel  einfacheren
Problemstellung  herangegangen,  als  es  in  der  Nationalökonomie  der
Fall  sein  müßte.  Denn  gerade  für  den  Teil  der  Wirtschaft  ist  vorwaltend ­
  nur  Systematische  Soziologie  am  Werke,  trotz  der  räumlichen
Verteilung  der  „Wirtschaftssoziologie“  auf  beide  Teile  des  Vermächtnisses; ­
  auch  im  zweiten  Teil  setzt  Analytische  Soziologie  gleichsam ­
  erst  nur  an.  Für  die  eigentümliche  Wandlung  seiner  Erkenntnisziele ­
  ist  es  ja  bezeichnend,  daß  Max  Weber  die  soziologische  Analysis
zwar  gegenüber  Religion,  Recht,  Kunst  so  wundervoll  handhabt,  während
er  die  Wirtschaft,  trotzdem  dort  überall  von  der  Beziehung  auf  sie
ausgegangen  war,  als  solche  doch  vergleichsweise  vernachlässigt;  und
doch  bleiben  auch  alle  ihre  besonderen  Gestaltungen,  sofern  man  sie
einseitig  als  „Gemeinschaft“  sieht,  nicht  minder  dieser  Analyse  unterworfen ­
  1
Aber  so  einfach  die  Behandlung  des  Stoffes  ausfällt,  als  „empirisch
und  „formal“  von  Max  Weber  selbst  gekennzeichnet,  trotzdem  al s °
da  alles  auf  reine  Klassifikation,  auf  „Begriffskataloge“  hinauszutreibe»
        <pb n="657" />
        Soziologische  Zusammenhänge,  XIV.

643

41

scheint,  wie  hoch  überragt  nicht  trotzdem  diese  soziologische  Theorie
der  Wirtschaft  die  herkömmliche  unseres  Faches  I  Die  eigentlichen
„Lehren“  fehlen  natürlich;  man  vermißt  sie  kaum.  Wie  einen  Hohn
aber  empfindet  man  es  gerade  hier,  daß  Wirtschaftstheorie  erst  dann
als  „nationalökonomische“  gelten  soll,  wenn  sie  von  den  „Grundbegriffen“ ­
  und  von  der  Wassersuppe  der  Gemeinen  Erfahrung  allein
sich  nährt  und  dann  klapperdürr  einherstelzt,  gleich  der  „Güterlehre“.
Als  „Reinheit“  der  Theorie  predigt  man  diese  unglaubliche  Versimpelung ­
  theoretischen  Gebarens  I  So  kann  es  kommen,  daß  erst
von  einer  spezifisch  nicht-nationalökonomischen  Leistung,  gleich  der
Max  Webers,  wahrhaft  das  „Meer  von  Licht“  ausgeht,  ergossen
über  die  Fülle  der  Gestalten  und  Gesichte  empirischer  Wirklichkeit
der  Wirtschaft,  wenn  diese  mit  den  tausend  scharfen  Augen  der  Tatsachenforschung ­
  gesehen  wird.  Aus  keinem  anderen  Grunde  aber
zeigt  sich  diese  Leistung  Max  Webers,  und  auch  in  der  Gedankenführung, ­
  so  überlegen  der  herkömmlichen  „Güterlehre“,  weil  sich  jene
allwirtschaftliche  Auffassung,  von  der  schon  die  meisterhaften  empirischnationalökonomischen ­
  Arbeiten  Max  Webers  getragen  waren,  selbst
bei  dieser  veränderten  Problemstellung  sieghaft  durchsetzt  1  Darum  begegnet ­
  sich  auch  diese  soziologische  Wirtschaftstheorie  so  vielfach  mit
allen  Ansätzen  geläutert  nationalökonomischer  Theorie.  Im  ganzen,
so  kann  man  ruhig  sagen,  schuf  hier  Max  Weber  im  voraus  das
richtige,  und  ein  höchst  wertvolles  Gegenstück  zur  Allwirtschaftslehre  I
Trotz  der  anderen  Einstellung  ist  ein  köstliches  Vorbild  geboten,  und
eine  reiche  Schatzkammer  hat  sich  aufgetan.  Weniger  für  die  Grundlehren, ­
  im  Sinne  etwa  einer  „Theorie  der  Ewigen  Wirtschaft“,  um  so
mehr  aber  für  die  Formenlehre,  für  die  „Theorie  der  Gewordenen.
Wirtschaft“  überhaupt.
        <pb n="658" />
        Methodologische  Glossen.

xv.
Was  immer  man  sagen  wollte  gegen  jene  eingerostete  Art,  nationalökonomische ­
  Theorie  zu  treiben,  es  prallt  alles  an  dem  blinden  Glauben
der  Methodologie  ab,  hier  läge  klipp  und  klar  ein  „Zwang  unseres
Denkens“  vor.  Täte  man  immerhin  bei  dieser  „Güterlehre“  der
Wirklichkeit  mehr  oder  minder  Gewalt  an,  es  verschlägt  nichts;  so
müsse  man  einfach  Vorgehen  oder  überhaupt  darauf  verzichten,  der
Deskription  eine  Theorie  gegenüberzustellen,  die  nicht  selber  Soziologie ­
  wäre.
Worin  soll  nun  eigentlich  jener  Zwang  beruhen,  der  alle  nationalökonomische ­
  Theorie  bei  der  „Güterlehre“  landen  ließe?  Die  methodologische ­
  Formel  dafür  lautet  bekanntlich:  hier  walte  der  Zwang  zur
„isolierenden  Abstraktion“  1  Das  wisse  jedes  Kind,  wie  unentbehrlich
sie  für  alles  Erkennen  auf  unseren  Gebieten  sei,  analog  zum  experimentellen ­
  und  theoretischen  Vorgang  in  anderen,  z.  B.  in  den  Naturwissenschaften. ­
  Aber  schon  mit  dieser  Analogie  hat  es  meines  Erachtens
die  schwersten  Bedenken.  Die  Formel  selber,  von  der  „isolierenden
Abstraktion“,  scheint  mir  ziemlich  viel  von  einer  Selbsttäuschung  an
sich  zu  haben.  Hier  aber  wäre  sie  mehr  als  ein  Ammenmärchen  der
naiven  Theorie  vorerzählt,  um  diese  in  das  wohlige  Gruseln  einzulullen, ­
  ihr  Verhalten  entspringe  aus  einem  „Zwang  unseres  Denkens“-Im
  Verfolg  dieser  Ansichten  würden  hier  aber  ganz  trostlose  Abschweifungen ­
  drohen.  Denn  von  da  aus  ginge  es  tief  hinein  in  eine
kritische  Erörterung  der  „idealtypischen“  Begriffsbildung,  im  Geiste
Max  Webers:  jenes  wunderbaren  Erkenntnismittels,  ohne  das  io
unseren  Wissenschaften  weder  Empirie  möglich  wäre  noch  auch  Theorie
im  richtigen  Sinne.  Wobei  jedesmal  als  „Idealtypus“  das  „Wesentliche“, ­
  es  mag  sich  nun  in  „Wertbezogenheit“  oder  in  „Problembezogenheit“
  von  der  unendlichen  Mannigfaltigkeit  alles  Wirklichen
abheben,  so  übersteigert  wird,  daß  es  kraft  seiner  eigenen  Zusammenhänge ­
  die  ganze  Fülle  der  wirklichen  Zusammenhänge  entbehrlich
        <pb n="659" />
        Methodologische  Glossen,  XV.

645

macht;  wir  glauben  dann  bei  diesem  emporgezerrten  Geflechte  ihrer
roten  Fäden  schon  die  „ganze“  Sache  zu  erfassen.  An  sich  nun  hätte
dieses  Hervorheben,  dieses  Betonen  des  „Wesentlichen“  nichts  mit  „Isolieren“ ­
  zutun;  bleibt  doch  sozusagen  die  ganze  Wirklichkeit  insgeheim
daran  hängen;  denn  jederzeit  und  in  jedem  Ausmaße  ließe  sich  auch
das  „Zurückgedrängte“,  das  steigend  „Unwesentliche“,  noch  einbeziehen,
ohne  das  Gedankenbild  zu  verwirren.
Dem  Anschein  richtiger  „Isolierung“  leistet  aber  etwas  anderes
Vorschub:  das  Einspielen  der  „Fiktion“  1  Alles  hängt  an  der  Einsicht,
daß  die  „idealtypische“  Begriffsbildung  in  zwei  Spielarten  auftritt.  Sie
kann  auch  von  etwas  anderem  ausgehen  als  von  der  Empirie,  mit  deren
Hilfe  zwar  auch  kein  „Abbild“  der  Wirklichkeit,  aber  deren  geistiges
„Nachbild“  erzielt  wird.  Man  kann  nämlich  von  vornherein  auch  in
rein  konstruktivem  Sinne  mit  eitel  „legitimen  Fiktionen 1  arbeiten;  ich
meine  bei  der  Begriffsbildung  selber,  und  nicht  bloß  in  Sachen  der
Hilfserwägungen,  die  als  solche  in  der  Wissenschaft  allemal  mit  Fiktionen ­
  arbeiten.  Hier  überall  spielt  absehbar  die  Frage  des  „Rationalen“ ­
  herein,  dessen  hohen  Erkenntniswert  Max  Weber  so  klar
hervorhebt.  Jedenfalls  ist  dieser  rein  konstruktiv  entstandene  „Idealtypus“ ­
  nicht  vom  Werte  eines  geistigen  „Nachbildes“,  sondern  einer
bloßen  „Nachdichtung“  der  Wirklichkeit!  Diese  Nachdichtung  erscheint
trotzdem  als  um  so  rechtmäßiger,  je  „freier“  sie  geartet  ist;  das  will
in  diesem  Falle  sagen,  je  ungehemmter  sich  dabei  das  Denken  gemäß
der  Vernunft  bewegt.  Bei  solchen  „freien  Nachdichtungen“  der  Wirklichkeit ­
  folgt  man  einfach  den  Spuren  des  vernunftmäßig  Selbstverständlichen ­
  1
So  erstehen  in  unserer  Theorie  jene  Theoreme,  mit  denen  eigentlich ­
  nur  Gemeinplätze  breitgetreten  sind;  auch  damit  sich  abzugeben,
bleibt  das  Los  unserer  Wissenschaft,  als  „Erkenntnis  des  Bekannten  .
Die  herkömmliche  Theorie  gibt  sich  überhaupt  nur  damit  ab.  Da  sie
aber  mit  ihrer  Begriffsbildung  grundsätzlich  nirgends  hinter  der  Empirie ­
  fortarbeitet,  kennt  sie  Nachbilder  der  Wirklichkeit  eigentlich  nur
als  Füllsel.  Sie  baut  am  System  der  „Güterlehre“  fast  ausschließlich
mit  Nachdichtungen.  Aber  diese  sind  bei  ihr  allemal  „unfreie  I  Denn
hier  gehorcht  das  konstruktive  Denken,  wenn  es  dem  „Rationalen  ,
dem  vernunftmäßig  Selbstverständlichen  auf  der  Spur  blei  t,  von  vorn
herein  jenen  ungewußten  „erwerbswirtschaftlichen“  Einstellungen,  die
gleich  Bindungen  von  ihm  wirken.  Als  Abschluß  ein  zusammenfassendes ­
  Bild.  Für  alle  legitimen  Fiktionen,  für  die  erkenntnisnotwendigen
Unterstellungen  überhaupt,  drängt  sich  das  Gleichnis  von  Hilfslinien
a uf,  ohne  die  ja  eine  regelrechte  Zeichnung  nicht  zustande  kommt
        <pb n="660" />
        646

.Freiheit  vom  Worte“,

Im  Zuge  des  Gleichnisses  könnte  man  übertreibend  nun  sagen,  die
ganze  „Güterlehre“  sei  eine  Zeichnung  aus  eitel  Hilfslinien,  diese  aber  alle
unter  einem  schiefen  Winkel  gezogen!  Natürlich  ist  mit  diesen  halb
orakelhaften  Vorstößen  auf  das  Gebiet  schwierigster  Methodologie  hier
nichts  anzufangen.  Zum  Glück  läßt  sich  der  ganzen  Sache  auch
schlichter  beikommen.
Niemand  wird  leugnen  wollen,  wie  packend  anschaulich,  wie  eingänglich
  es  ist,  setzt  man  für  das  verwirrende  Treiben  des  Wirtschaftslebens ­
  das  „Güterleben“  ein,  obwohl  es  im  Grunde  doch  bloß  der
Wirtschaft  schales  Außenbild  bleibt.  Damit  treten  uns  sozusagen  die
„res  gestae“  des  Wirtschaftslebens  in  schlichtester  Ordnung  vor  Augen.
Dieses  Ganze  der  Vorstellungen  von  der  ewigen  Wiederkehr  im  Auf
und  Ab  der  Güterbewegung,  von  dem  vermeintlich  damit  schon
erfaßten  „wirtschaftlichen  Kreislauf“,  kommt  einer  Art  „Volksausgabe“
der  nationalökonomischen  Theorie  gleich,  jedoch  mit  einem  Stich  ins
hanebüchen  Drastische,  Kolportagehafte.  Gewiß,  auch  die  reife  Theorie ­
  wird  sich  die  anschauliche  Kraft  dieser  Art  Reduktion  des  Wirtschaftslebens ­
  nicht  entgehen  lassen,  der  Reduktion  nämlich  auf  den  nie
fehlenden  Begleitvorgang  aller  Wirtschaft,  eben  die  Güterbewegung.
So  wird  man  z.  B.  gelegentlich  immer  wieder  mit  der  hilfreichen  Vorstellung ­
  des  „Güterstromes“  arbeiten.  Die  Theorie  braucht  fallweise
auch  keine  Scheu  zu  tragen,  sogar  in  einem  tieferen  Sinne  „in  Gütern
zu  denken“.  Als  einer  Hilfe  nämlich  beim  Vorgang  des  Erkennens
wird  man  sich  stets  wieder  des  Tricks  bedienen,  die  Zusammenhänge
des  Wirtschaftslebens  gleichsam  vom  Objekt  her  aufzurollen,  eben  von
den  Gütern  her.  Dies  wird  namentlich  hinsichtlich  aller  Dinge  des
Größenspiels  der  Wirtschaft  öfters  so  zu  pflegen  sein.  Besonders  aber
gilt  dies  in  Sachen  der  Theoreme,  die  vornehmlich  zum  Behufe  ihrer
technischen  Auswertung  erarbeitet  werden,  auf  die  also  irgendeine  der
Kunstlehren  im  Schlepptau  unserer  Wissenschaft  lauert;  ob  nun  die
Kunstlehre  in  der  Richtung  der  Finanzwirtschaft,  oder  jene  des  Erwerbsbetriebes ­
  in  der  Unternehmung,  oder  der  bewußten  Eingriffe  in  das
wirtschaftliche  Treiben,  im  Sinne  irgendeiner  „Politik“,  z.  B.  der  „Zollpolitik“. ­
  Derlei  Theoreme,  die  auf  der  Kippe  zwischen  Wissenschaft
und  Technik  halten,  dürfen  einsehbar  einen  besonders  reichen  Gebrauch
von  der  „Vergüterung“  des  Wirtschaftslebens  machen.  Hier  gilt  es
gleichsam  überhaupt  nur  die  Hilfslinien  zu  ziehen,  um  sich  an
ihnen  in  der  Wirklichkeit  praktisch  zurecht  zu  finden.  Die  eigentlichen,
die  Grundlinien,  weiß  dann  die  Praxis  selber  schon  einzuzeichnen,  weil
sie  Auge  in  Auge  mit  der  Wirklichkeit  verharrt.  Hingegen  aber,  daß
die  Theorie  überhaupt  nur  am  Ziehen  dieser  Hilfslinien  ihr  Genüge
        <pb n="661" />
        Methodologische  Glossen,  XVI.

647

finden  soll,  bis  sich  die  Wirklichkeit  theoretisch  nur  mehr  in  einer
Zeichnung  aus  eitel  Hilfslinien  spiegelt,  nein!  Fiktionen,  der  Erkenntnis
hilfreich  zur  Seite,  das  ist  schön;  Fiktionen  im  Dienste  der  Technik,
das  ist  schön  und  gut;  aber  Fiktionen  einfach  an  Stelle  aller  Erkenntnis,

das  ist  übell
Wo  in  aller  Welt  steht  es  geschrieben,  daß  unsere  Theorie  die
wirtschaftlichen  Zusammenhänge  grundsätzlich  nur  vom  Objekt  her
aufrollen  soll?  Gerade  dies  entspricht  aber  dem  starren  Schema  der
Stoffbehandlung  in  der  herkömmlichen  Theorie,  im  Sinne  der  „Güterlehre“. ­
  Mit  der  beschönigenden  Deutung,  so  verlange  es  eben  der
„Zwang  zur  isolierenden  Abstraktion“,  ist  es  ja  wirklich  nichts.
Welcherart  Zwang  hier  tatsächlich  waltet,  kommt  bald  zur  Sprache.
Vorher  soll  aber  einiges  Wasser  in  den  allzu  starken  Wein  dieser
Kritik  am  Herkömmlichen  gegossen  werden.  Einmal  möge  es  um
einen  Grad  verständlicher  werden,  warum  die  Theorie  von  heute  an
ihrem  Vorgehen  festhält  und  auch  festhalten  zu  müssen  glaubt;  denn
jene  methodologische  Ansicht  von  der  Allgewalt  der  „isolierenden
Abstraktion“  steht  gewiß  nicht  allein  hinter  jenem  schier  unerschütterlichen ­
  Glauben;  das  setzt  bei  jeglichem  Theoretiker  Methodologie,  also
zuviel  voraus.  Zweitens  aber  darf  man  der  Theorie  von  heute  nicht
die  Anerkenntnis  vorenthalten,  wieviel  sie  trotz  aller  Verschrobenheit
zu  leisten  wußte,  wenigstens  in  Einzelheiten  der  Erkenntnis.

XVI.
Was  die  „Güterlehre“  überhaupt  leistet  sei  kurz  überschlagen
Für  die  Erkenntnis  leistet  die  herkömmliche  Theorie  als  G * n * es
allzuviel.  Wenn  sie  uns  vom  Wirtschaftsleben  stets  nur-  den  |  Kolpo&amp;gt;  ageroman
  des  „Güterlebens“  zu  erzählen  weiß,  das  hat  mch  sUberwalügendes ­
  an  sich.  Für  die  Empirie  unserer  Wissenschaft  selber  aber  est
sie  platterdings  nichts.  Der  echte  Empiriker,  er  orsc  er  “  sje ’
merkt  den  „Kommerzialismus“  der  Theorie  eraus  un  Denken
Sie  selber  hätte  zwar  den  Ehrgeiz,  für  alles  nationalokonomische  Denke
überhaupt  die  Grundlage  zu  erarbeiten.  Die  „Grundbegriffe  will  sie
ja  festlegen.  An  dieser  Absicht  gemessen  nehmen  sich  aber  ihre
„Lehren“  als  ein  trefflicher  Wortwitz  aus,  angesichts  ihrer  theorienspeienden ­
  Artung  und  daraus  folgenden  Selbstvernemung  Der
Empiriker  gebraucht  die  fraglichen  Worte,  vom  „Wert  angefangen,
in  der  harmlosesten  Unbekümmertheit,  einfach  in  ihrem  Alltagssinn,
also  i m  wechselnden  Sinn,  gemäß  dem  ganzen  Zusammenhang,  im
        <pb n="662" />
        648

.Freiheit  vom  Worte“

Gleichnis  gesprochen:  Über  die  gleiche  „Schiene“  des  Wortes  rollen
verschiedene  Züge,  je  nach  der  Verkehrslage,  dem  Gedanken  verlauf.
Nicht  viel  anders  als  die  Empiriker  halten  es  aber  selbst  die  Theoretiker,
gleich  zwei  Zeilen  hinter  ihrer  „Definition“,  und  tun  gut  daran.  Jedenfalls, ­
  denkt  man  sich  einmal  die  ganze  Theorie  als  „Güterlehre“  weg,
es  wäre  also  jenes  Bild  aus  eitel  Hilfslinien,  an  dem  man  nun  schon
ein  Jahrhundert  zirkelt,  einfach  ausgelöscht  —  die  Empirie  unserer
Wissenschaft,  ihre  Tatsachenforschung,  würde  gar  nichts  merken  1  Nach
wie  vor  würde  sich  jeder  Empiriker,  auf  Grund  der  Gemeinen  Erfahrung ­
  einerseits,  seiner  empirischen  Einsicht  andererseits,  für  seinen
Hausbedarf  an  Theorie  selber  eindecken.  Um  in  dieser  Ausmalung  noch
einen  kecken  Schritt  weiter  zu  gehen:  unserer  Wissenschaft  wäre  beileibe ­
  nicht  der  Kopf  abgeschnitten,  bloß  eine  Art  knolliger  Wucherung,
die  eigentlich  nur  ein  „Reizzustand“  hervorgerufen  hat,  nämlich  die
Reibung  mit  den  Aussprüchen  der  Praxis  des  Lebens  1
Dahinzu  in  der  Tat  muß  man  auch  die  herkömmliche  Theorie
ernst  nehmen.  Hier  liegt  wirklich  eine  Leistung  von  ihr  vor.  Sie
alimentiert  die  Kunstlehren,  die  ihre  theoretische  Untergründung  von
unserer  Wissenschaft  fordern.  Zwar  kommt  sie,  wie  sie  einmal  ist,
auch  diesem  Dienste  nicht  vollwertig  nach;  sie  bietet  schlechte  Hausmannskost. ­
  Immerhin  war  es  anzudeuten,  wie  zu  technischer  Verwertung ­
  gerade  die  „güterseligen“  Theoreme  brauchbar,  fallweise  sogar ­
  unentbehrlich  wären.  Jedenfalls  ist  es  diese  einseitige  Leistung,
die  Kunstlehren  theoretisch  zu  fundamentieren,  worauf  die  ganze
„Güterlehre“  zugeschnitten  erscheint.  Daher  ihr  „Kommerzialismus“,
daher  ihr  Parteinehmen  für  das  Größenspiel  der  Wirtschaft,  daher  auch
ihr  Hang  nach  allem,  was  einem  „Gesetze“  von  weitem  ähnlich  sieht;
und  wenn  es  allemal  auch  nur  die  „idealtypisch“  bündige  Darlegung
eines  Zusammenhangs  besagt,  den  man  sich  jederzeit  an  den  fünf
Fingern  abhaspeln  kann.  Hier  spukt  übrigens  die  kurzsichtige  Meinung,
alle  technische  Erwägung  sei  hinsichtlich  ihrer  „ratio“  auf  einen  allgemeinen ­
  Satz  angewiesen.
An  diesem  ganz  einseitigen  Zuschnitt  unserer  Theorie  verrät  sich
deutlich  auch  ihre  Unreife.  Ihrer  unleugbaren  Schwäche,  in  Sachen
der  Erkenntnis  sowohl  als  des  inneren  Wissenschaftsbetriebes,  bleibt  sie
sich  instinktiv  bewußt.  Dieses  Gefühl  schlägt  nun  in  den  kleinlichen
Ehrgeiz  um,  zum  mindesten  der  Praxis  etwas  zu  bieten;  man  sucht
also  ein  für  das  praktische  Handeln  sofort  verwertbares  Wissen  zu  produzieren. ­
  Das  Leben  bestürmt  ja  gleich  schon  die  unentwickelte
Theorie  mit  seinen  Fragestellungen.  Das  macht  die  Theorie  einerseits
altklug;  auf  der  anderen  Seite  fühlt  sie  sich  ihrer  selbst  unsicher.  Da ­
        <pb n="663" />
        Methodologische  Glossen,  XVI.

649

her  auch  die  dämonische  Gewalt  aller  naturwissenschaftlichen  Gedankengänge ­
  über  sie,  was  übrigens  ganz  allgemein  das  Stigma  naiver
Theorie  von  „unsoziologischer“  Haltung  bleibt.  Sieht  doch  unsere
Theorie  mit  neidisch  bewunderndem  Blick,  wie  weit  ihr  die  Naturwissenschaften ­
  darin  voraus  sind,  sich  als  Erkenntnis  im  Dienste  des
Handelns  zu  erschöpfen,  also  der  Technik  nachzulaufen.  Solange  der
nationalökonomischen  Theorie  noch  diese  Eierschalen  technischer
Haltung  ankleben,  fürchtet  sie  nichts  so  sehr,  als  für  „unpraktisch“  zu
gelten.  Wie  könnte  sie  also  ihren  einseitigen  Zuschnitt  auf  Technik,
der  übrigens  auch  hier  entwicklungsnotwendig  vorangeht,  so  leichthin
abstreifen  wollen  1  Man  sieht,  gerade  dies  mauert  sie  um  so  tiefer  in
den  Glauben  ein,  als  nationalökonomische  Theorie  sei  sie  entweder  so,
wie  sie  ist,  oder  überhaupt  nicht  möglich  1  Fern  bleibt  ihr  der  Gedanke, ­
  wie  viel  mehr  eine  Theorie  gerade  auch  dem  praktischen  Leben
zu  bieten  vermag,  wenn  sie  nur  erst  sich  selber  in  Reife  gefunden  hat.
Am  allerwenigsten  aber  wird  bei  dieser  Sucht,  alles  auf  technische
Verwertbarkeit  anzulegen,  an  den  Vorwurf  unserer  Wissenschaft  gedacht, ­
  der  doch  erhaben  genug  ist,  um  auch  seiner  selbst  wegen  erkannt ­
  zu  werden:  das  menschliche  Zusammenleben,  hier  in  seiner  Teilgestaltung ­
  als  Wirtschaftsleben.
Allein  trotz  ihrer  bebenden  Gier,  dem  praktischen  Leben  etwas
zu  sein,  blieben  der  „Güterlehre“  auch  theoretische  Erfolge,  richtiger
Gewinn  an  Erkenntnis,  im  einzelnen  durchaus  nicht  versagt.  Unser
Denken  scheint  robust  genug,  um  selbst  über  innere  Hemmungen  hinweg ­
  seine  Sache  richtig  zu  tun.  So  wäre  es  ein  lächerliches  Mißverständnis, ­
  zu  glauben,  man  müßte  im  Zeichen  der  allwirtschaftlichen
Auffassung  die  heutige  Theorie  „en  bloc“  verwerfen  1  Vielleicht  bringt
man  dann  mehr  an  wertvollem  Inhalt  heraus,  als  es  heute  davon  den
Anschein  hat.  Heute  nimmt  sich  unsere  Theorie  eigentlich  als  Ein
Widerspruch  aus,  eine  einzige  wechselseitige  Verneinung.  Dennoch
ist  unendlich  mehr  vorhanden  als  die  Schwänze  der  Löwen  ie  s ‘ c
da  gegenseitig  auffressen.  Es  gilt  bloß,  den  reic  en  n  a  an  e
danken  vor  der  theoretisch  schiefen  Einstellung  des  Denkens  selber  in
Schutz  zu  nehmen.  Dafür  genügt  es  im  großen  und  ganzen  -  denn
einiges  bleibt  ja  wohl  nachzutragen  -  wenn  man  die  eitel  „Hi  s  mien
jener  Gedankenzeichnung  ihren  wahren  Sinn  wieder  gewinnen  laßt,
indem  schon  die  Theorie  selber  die  Haupt-und  Grundlinien  einzeichnet
Nur  muß  dies  im  festen  Zuge  und  einheitlich  geschehen.  Flickarbeit
verfängt  nicht.
Es  liegen  hier  doch  grundsätzliche  Verkehrtheiten  vor,  organische
Fehler  der  Theorie.  Darum  verträgt  sich  mit  ihnen  die  geistvolls  e
        <pb n="664" />
        .Freiheit  vom  Worte“,

650

und  scharfsinnigste  Art,  Theorie  zu  treiben,  genau  so  gut  wie  die
ödeste;  und  verantwortlich  für  diesen  Fehler  läßt  sich  weder  der
einzelne  machen  noch  irgendeine  Schule  von  heute.  Darum  ändert
daran  auch  keinerlei  Verfeinerung  der  Theorie  etwas,  wie  z.  B.  die,
mathematisch  freilich  so  schief  ausgedrückte  Scheidung  zwischen
„Statik  und  Dynamik“.  Noch  weniger  rettet  alle  Verklügelung  der
Theorie  etwas,  am  wenigsten  der  so  unmathematische  Mißbrauch  der
Infinitesimalrechnung.  Aber  auch  hier  wäre  mit  einem  Kurieren  an
den  Symptomen  gegen  eine  so  tief  sitzende  Verfehltheit  sicherlich  nicht
aufzukommen.  Das  Messer  muß  rücksichtslos  dort  ansetzen,  wo  das
Übel  zutiefst  sich  eingenistet  hat  und  dort  auch  immer  weiterfräße,
selbst  wenn  man  Pflaster  auf  Pflaster  auflegen  würde.  Nur  ein  solches
Pflaster  besagt  es,  sobald  man  z.  B.  höchst  löblicherweise  dafür  eintritt,
die  Theorie  müsse  neben  dem  „Rein-Ökonomischen“  der  „Sozialen
Kategorie“  gebührend  Ehre  antun.  Aber  mit  einem  Mehr  an  Inhalt
der  Theorie  ist  es  noch  lange  nicht  getan.  Auch  eine  solche  halbe
Läuterung  vermehrt  das  Irrsal  unserer  Theorie  vorerst  mehr,  als  daß
es  ihr  zum  Heil  würde.
Beiläufig  gesagt,  das  „Rein-Ökonomische“  hier,  in  dieser  immer
wortfrommen,  dem  Buchstabieren  zugeneigten  Umgebung,  als  Gegensatz ­
  zu  verstehen  zur  „sozialen  Kategorie“,  das  macht  sich  unbezahlbar:
hat  man  denn  ganz  vergessen,  was  „oikos“  besagen  will?  Wäre  dies
vielleicht  etwas  „Nicht-Soziales“  ?  Mit  diesem  „Rein-Ökonomischen“,
wie  es  als  das  mit  Tausch  und  Preis  Zusammenhängende  gemeint  ist,
hätte  z.  B.  die  „Oikenwirtschaft“  just  am  wenigsten  zu  tun.  Da  ist
eben  eine  völlige  Verschiebung  des  theoretischen  Wortsinnes  vom
„Ökonomischen“  eingerissen,  nach  dem  Tauschgüterwesen  hin,  nach
dem  Erwerbswirtschaftlichen  1
Im  Leben  selber  ging  die  Verschiebung  anderswo  hin,  vom  Haushalt ­
  zum  Haushälterischen,  zum  „Sparsamen“;  so  wird  hier  das
„Ökonomische“  verstanden,  und  daher  auch  das  „Ökonomische  Prinzip“-So
  wird  ja  auch  im  Bereiche  der  Technik  vom  „Wirtschaftlichen“  hartnäckig ­
  dort  gesprochen,  wo  die  Technik  bloß  sich  selber  bejaht,  beim
Niedrighalten  des  Aufwandes  nämlich.  Keiner  bloßen  Verschiebung,
sondern  schon  einer  geologischen  „Verwerfung“  gleich  kommt  der
Ausdruck  „Sozialökonomik“  als  Name  unserer  Wissenschaft.  Äußerstenfalls ­
  von  einer  „Grünfarbenlehre“,  nie  aber  von  einer  „Farbengrünlehre“
kann  man  reden.  Der  neue  Name  war  sicherlich  gut  gemeint,  ist  aber
widersinnig  gefügt.  Überzeugend  wäre  diese  Randbemerkung  allerdings
erst,  wenn  ich  hier  schon  die  Wendung  vom  „Ökonomisch-Sozialen“
besser  rechtfertigen  könnte  und  des  näheren  zeigen,  in  welchem  Sinne
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        *_&amp;gt;  l

_

aJr

Methodologische  Glossen,  XVII.  g  g  I
mir  Wirtschaft  als  eine  der  drei  Teilgestaltungen  des  Zusammenlebens
erscheint,  eben  als  die  Gestaltung  menschlichen  Zusammenlebens  im
Geiste  dauernden  Einklangs  zwischen  Bedarf  und  Deckung.  Hier  aber,
wo  diese  kürzende  Formel  für  den  Tatbestand,  der  als  Vorwurf  unserer
Wissenschaft  erscheint,  doch  nur  für  eine  „Definition  des  Grundbegriffes
Wirtschaft“  genommen  würde,  fällt  diese  ganze  Erläuterung  auf  die
Nase.

XVII.
Offenbar  ist  es  der  „güterselige“  Charakter  der  heutigen  Theorie,  j
was  sie  den  übrigen  Fachwissenschaften  vom  Zusammenleben  abspenstig ­
  macht  und  so  ihre  unsoziologische  Haltung  verschuldet.  Freiwillig ­
  liefert  sich  das  fachliche  Denken  diesen  Einseitigkeiten  nicht
aus;  auch  seine  technischen  Allüren  machen  es  allein  nicht.  Das
Denken  beugt  sich  da  wirklich  einem  Zwang.  Aber  er  ist  nicht  im
eigenen  Wesen  des  Denkens  begründet,  wie  das  Märlein  vom  Zwang
zur  „isolierenden  Abstraktion“  faselt,  sondern  einfach  in  einer  Notlage
dieses  Denkens  hinsichtlich  seiner  Problematik  1  Das  ist  unschwer  abzuleiten. ­
  Wenn  sich  zu  diesem  verschrobenen  Bild  des  Wirtschaftslebens, ­
  zur  „Güterlehre“,  aus  der  ganzen  Fülle  der  Zusammenhänge
nur  jene  schürzen,  die  zwischen  den  Gütermengen  hin  und  her  laufen
und  immer  erst  von  ihnen  zu  den  Menschen  als  ihren  bloßen  „Behandlern“, ­
  so  waltet  da  offenbar  ein  bestimmtes  „Prinzip  der  Auslese  .
Nun  entscheidet  über  die  Auslese  dessen,  was  vom  Standpunkt  der
nationalökonomischen  Theorie  aus  für  „wesentlich“  gilt,  für  sie  gleic  sam
in  den  geistigen  Blickpunkt  rückt,  die  „Problembezogenheit  des  Erfahrbaren. ­
  Alles  nämlich,  was  sich  in  der  Beziehung  auf  die  fachlichen
Probleme  aus  dem  Erfahrbaren  aufgreifen  laßt,  ihrer  Losung  zuliebe,
das  schließt  sich  zum  Ertrag  jener  „Auslese“  zusammen.  Aber  wie
steht  es  mit  diesen  Problemen  in  der  heutigen  Theorie.
Da  stoßen  wir  auf  den  Urgrund  aller  Verschrobenheiten  dieser
Theorie:  sie  kennt  zwar  ihrer  Probleme  eine  Menge;  nur  just  von  ihren
grundlegendsten  Problemen,  die  gleich  über  die  erste  Einste  ung  es
theoretischen  Denkens  ein  für  allemal  entscheiden,  weiß  sie  so  gut  wie
nichts.  Da  wird  von  einem  „Wertproblem“,  von  einem  Guterproblem  ,
von  einem  „Kapitalproblem“  gesprochen  und  so  ort.  le  me
jedoch,  als  in  diesen  Worten  selber  liegt  und  sich  bei  ihrer  Umstellung
je  zu  einer  Frage  -  z.  B.  „was  ist  Wert?“  -  entladet,  weiß  unsere
Theorie  von  ihren  grundlegenden  Problemen  doch  nicht.  Darin  beruht
        <pb n="666" />
        652

„Freiheit  vom  Worte“,

ja  ihre  „Wortgebundenheit“,  der  organische  Grundfehler  heutiger
Theorie,  daß  sie  ihre  fundamentalsten  Probleme  nur  immer  einwörtlich
zu  stammeln  vermag  1  Das  Ungewußte  dieser  letzten  Einstellungen
macht  diese  aber  unbeweglich.  Die  Theorie  ist  sozusagen  zugleich
problemblind  und  problemstarr.  Daraus  ihre  geheimen  Bindungen,
das  Unfreie  ihres  Denkens  1  Zusammen  aber  spannen  diese,  nur  im
Unterbewußtsein  sich  auswirkenden  Probleme  die  ganze  Theorie  auf
das  starre  Schema  der  „Güterlehre“;  und  dem  sekundieren  noch  theoretische ­
  Monstrositäten,  gleich  dem  unsterblich  blamablen  „Wirtschaftlichen ­
  Prinzip“  herkömmlicher  Fassung.  Eines  ist  des  anderen
wert.  So  klittert  sich  der  Eindruck  zusammen,  als  wäre  die  nationalökonomische ­
  Theorie  schon  aus  „Zwang  des  Denkens“  darauf  verhaftet,
das  Wirtschaftsleben  als  „Güterleben“  zu  sehen,  als  etwas,  das  ja  keiner
„Totalansicht“  von  der  Wirtschaft  gleichkommt,  sondern  eher  einem
totalen  Vorbeisehen  an  der  Wirtschaft.  Aus  dieser  kläglichen  Notlage
des  theoretischen  Denkens  soll  ihm  nun  die  allwirtschaftliche  Auffassung ­
  endgültig  heraushelfen.
Endgültig;  denn  an  Versuchen,  dieser  „Herrschaft  des  Wortes“
zu  entrinnen,  hat  es  schon  bisher  nicht  gefehlt.  Auch  hier  lassen  sich
dem  dunklen  Bilde  einige  Lichter  aufsetzen.  Man  hat  es  wiederholt
und  gewissenhaft  versucht,  über  die  nationalökonomische  Problematik
sich  Rechenschaft  abzulegen.  In  aller  Regel  aber  machte  diese  Selbstbesinnung ­
  halt  vor  der  starren,  wortfesten  Grundlage  der  nationalökonomischen ­
  Problematik.  Die  grundlegenden  Probleme  haben  sich
stets  dem  Blick  entzogen;  sie  verschwinden  einfach  hinter  der  spanischen
Wand  des  „Kapitels  der  Grundbegriffe“.  Was  man  daraufhin  allein
entfaltet  hat,  war  dann  natürlich  nur  ein  System  von  Problemen  der
bereits  als  „Güterlehre“  festgerannten  Theorie.  Immer  sind  es  daraufhin
überwiegend  „Größenprobleme“;  von  den  Gestaltungsproblemen  laufen
nur  einige  untergeordnete  nebenher.  Die  „Güterlehre“  selber  weiß
bloß  von  einer  einzigen,  alles  beherrschenden  Gestaltung:  vom  Schicksalsweg ­
  des  Gutes  —  Produktion,  Zirkulation,  Distribution,  Konsumtion
der  Güter,  als  „Kreislauf“  gedacht.  Nur  ganz  vereinzelt  bohrt  sich  die
Selbstbesinnung  nationalökonomischen  Denkens  auch  noch  in  den
festen  Grund  der  Problematik  ein,  auf  der  Suche  nach  den  wortverschütteten ­
  Problemen.
Derlei  ist  bloß  einmal  großen  Zuges  versucht  worden,  als  Eugen
v.  Böhm-Bawerk,  über  ein  Zwillingspaar  von  „Grundbegriffen“
hinaus,  „Kapital  und  Zins“,  nach  den  Problemen  gerungen  hat,  die
sich  hinter  diesen  Worten  bergen.  Das  hat  er  nicht  nur  überlegen
durchgeführt;  es  war  in  dieser  Eindringlichkeit  des  Denkens  auch  eine
        <pb n="667" />
        Methodologische  Glossen,  XVII.

653

wahrhafte  Neuerung,  und  tief  ist  es  als  solche  auch  empfunden  worden.
Wie  anders  erklärte  sich  auch  der  gewaltige  Eindruck  der  Leistung
Böhm-Bawerks  auf  die  ganze  FachweltI  Der  Ruck,  den  alle
spürten,  war  eben  nahe  vom  archimedischen  Punkt  der  ganzen  Theorie
ausgegangen,  weil  Böhm-Bawerk  den  Hebel  eigentlich  schon  an
ihre  „Wortgebundenheit“  angelegt  hat.  Allein,  da  er  ihn  nur  einseitig
ansetzte,  ist  der  Hebel  abgeknickt.  Dem  äußeren  Verlauf  nach  wurde
der  geniale  Neuerer  zugleich  von  allen  Seiten  derer,  die  er  aus  der
Ruhe  des  Herkömmlichen  aufgestört  hat,  so  sehr  in  Polemik  verwickelt,
daß  seine  Theorie  wohl  an  Durchbildung,  nicht  aber  an  erkenntniskritischer ­
  Vertiefung  gewann.  Die  erkenntniskritische  Verallgemeinerung
blieb  überhaupt  aus.  Im  Enderfolg  konnte  die  Rückbesinnung  auf
vereinzelte  Probleme  doch  nicht  fruchten.  Das  Netz  war  bloß  an  einer
Stelle  durchgerissen,  nicht  abgestreift.  In  seinem  Reste  blieb  selbst
die  vorstoßende  Theorie  hängen;  die  Theorie  als  Ganzes  verfing  sich
neuerdings  erst  recht  arg  in  diesem  Netze.  Abermals  war  die  Wortgläubigkeit ­
  dahinter  geschäftig  und  ein  kleinliches  Fortspinnen  der
Gedanken.  So  ging  auch  dieser  rühmliche  Vorstoß  als  Episode  aus.
Wie  läßt  sich  nun  wirklich  der  Zwang  brechen,  der  aus  dieser
verhängnisvollen  Notlage  unseres  fachlichen  Denkens  erwächst?  Keineswegs ­
  durch  irgendeine  Änderung  der  Methode,  soweit  „Methode  der
Darstellung“  gemeint  ist,  in  jenem  tiefen  Sinne  Heinrich  Rickerts,
daß  man  darunter  die  Art  und  den  Vorgang  der  Begriffsbildung  zu
verstehen  hätte.  Das  hieße  das  Pferd  beim  Schweif  aufzäumen.  Mein
Spott  über  die  „isolierende  Abstraktion“  verhüllt  ja  keineswegs  die
Absicht,  etwa  gar  für  eine  recht  lebhaft  „abnehmende  Abstraktion“
freie  Bahn  zu  schaffen,  um  auf  diesem  Wege  der  Wirklichkeit  näher
zu  kommen.  Der  kommt  man  so  nicht  näher.  In  diesem  „abnehmend
abstrahieren“,  wie  es  heute  Übung  ist,  sehe  ich  einfach  ein  „zunehmend
fingieren“,  ein  Häufen  der  Unterstellungen,  von  denen  aus  an  die
»unfreie  Nachdichtung“  der  Wirklichkeit  geschritten  wird.  Dann  verdichten ­
  sich  in  der  gewissen  Zeichnung  aus  eitel  Hilfslinien  wohl  die
letzteren,  es  erleichtert  sich  das  Einzeichnen  der  Grundlinien;  aber  auf
diese  kommt  es  geradeaus  an,  ohne  erst  solche  Umwege  einzuschlagen,
fifie  „isolierende  Abstraktion“  selber  bedarf  aus  dem  einfachen  Grunde
keines  Ersatzes,  weil  sie  ja  eigentlich  gar  nicht  da  ist.  Das  aber,  was
wirklich  geübt  wird,  eben  die  „unfreie  Nachdichtung“,  räumt  den  Platz
ganz  von  selber  der  rechtmäßigen  „Methode  der  Darstellung“,  sobald
fiie  Sache  aus  der  Tiefe  heraus  eingerenkt  wird.
Das  ist  möglich  nur  durch  einen  Wechsel  in  der  „Methode  der
Forschung“!  Diese  ist  auch  wieder  nicht  in  dem  flachen  Sinn  etwa
        <pb n="668" />
        654

„Freiheit  vom  Worte“,

einer  Technik  der  Behandlung  von  Tatsachen  gemeint,  z.  B.  also  im
Sinne  der  „historischen  Methode“,  das  will  sagen  des  richtigen  Umgangs ­
  mit  den  „Quellen“,  sondern  in  jenem  tiefen  Sinn,  wie  sich  das
erkennende  Denken  überhaupt  erst  darauf  einstellt,  was  ihm  das  erfahrende ­
  Denken  vorlegt.  Das  hier  Gemeinte  hat  schon  angeklungen:
Es  gilt,  das  als  Tatbestand  richtig  Gesehene  erst  noch  richtig  als
Problem  zu  sehen.  Dazu  gehört  mehrerlei.  Erstens  darf  man  sich
schon  am  „Stoff“  nicht  vergreifen,  nicht  also  für  „Fakten“  an  „Daten“,
nicht  für  die  Tatbestände  des  Zusammenlebens  an  irgendwelcher
„Natur“,  in  „psychologistischer“  Unart;  aber  darüber  habe  ich  mich
längst  schon  in  meinen  Aufsätzen  „Zur  sozialwissenschaftlichen  Begriffsbildung“ ­
  ausgesprochen.  Zweitens,  was  hier  den  Ausschlag  gibt,  es
müssen  wahrhafter  Selbstbesinnung  abgerungene  Probleme  sein,  worauf
man  das  Erfahrbare  erkennend  bezieht!
So  weicht  jeder  Zweifel  darüber,  wie  sich  die  allwirtschaftliche
Auffassung  über  die  Schwelle  des  theoretischen  Bewußtseins  heben
läßt.  Sie,  die  längst  schon  die  beste  Empirie  unserer  Wissenschaft  getragen ­
  hat,  als  richtiges  Lebensgefühl,  soll  fernerhin  auch  die  Theorie
beleben,  zu  sicherer  Führung  des  theoretischen  Denkens.  Der  Weg
nun,  diese  Auffassung  vollbewußt  zu  hegen,  führt  offenbar  nur  über
die  Läuterung  der  fachlichen  Problematik!  Beim  Erarbeiten  dieser
Auffassung  muß  es  die  Nationalökonomie  immerzu  nach  Klarheit  treiben
über  ihre  Probleme,  unentwegt  bis  zu  den  grundlegendsten  zurück,  und
nach  Klarheit  auch  über  den  Zusammenhang  zwischen  ihnen.  Als
Ertrag  dieser  Läuterung  der  grundlegenden  Problematik  darf  es  noch
nicht  gelten,  daß  man  je  den  verschiedenen  „Grundbegriffen“  entlang
einzeln  nach  den  Problemen  tastet,  um  dergestalt  den  verhängnisvollen
„Ausgang  vom  Worte“  Schritt  um  Schritt  zu  überwinden.  Vom
Schweiß  ihres  mühseligen  Werdeganges  darf  ja  dem  Abschluß  einer
Sache  nichts  mehr  ankleben.  Ganz  grundsätzlich  und  in  einem  Zuge
muß  das  Aufrollen  dieser  tiefsten  Probleme  geschehen.
Derlei  Arbeit  an  ihr  selber  erscheint  selbst  für  eine  Erfahrungswissenschaft, ­
  die  so  inniglich  wie  die  Nationalökonomie  dem  Leben
verwachsen  ist,  zwingend  geboten.  Vorerst  ist  es  freilich  nur  auf  die
Wissenschaft  abgesehen,  revidiert  man  ihre  Problematik.  In  ihren
Problemen  lebt  ja  eine  Wissenschaft  ihr  tiefstes  Leben,  und  sie  erlebt
in  deren  Läuterung  ihre  eigene  Reife.  Für  die  Wissenschaft  selber
gipfeln  auch  alle  Versuche,  ihre  Probleme  zu  lösen,  abermals  nur  darin,
diese  Probleme  selber  zu  läutern  und  ihres  Zusammenhanges  sicherer
zu  werden.  Doch  nur  scheinbar  ist  dies  „l’art  pour  l’art“  gedacht.
Das  praktische  Leben  allerdings  heischt  Lösungen  und  harrt  dieser
        <pb n="669" />
        Methodologische  Glossen,  XVIII.

655
immer  ungeduldiger.  Aber  auch  das  Leben  fährt  dort  am  besten.
Steht  doch  die  Wissenschaft,  je  mehr  sie  in  ihren  Problemen  selber
reift,  dann  auch  für  immer  reifere  Lösungen  gut,  für  Lösungen  von
steigender  Leistungswucht.  Stockt  hingegen  die  Problematik  einer
Wissenschaft,  wie  im  Zustand  wortgebundener  Theorie,  soll  das  Leben
dabei  viel  gewinnen?  Ja,  als  noch  das  ganze  Wirtschaftsleben  vergleichsweise ­
  ruhig  dahinlief,  in  einem  annähernden  Beharrungszustand,
da  war  zur  Not  selbst  mit  einer  Theorie  von  jener  seltsam  versteiften
Problematik  auszukommen.  Heute  aber,  wo  alle  Wirtschaft  Eine  Krisis,
unsere  Zeit  Ein  Zweifel  ist!

XVIII.
Im  Umriß  ist  es  allmählich  hervorgetreten,  wie  sich  die  Theorie
der  neuen  Haltung  abhebt  von  jener  der  herkömmlichen.  Den  tiefsten
Wandel  führt  die  Läuterung  der  nationalökonomischen  Problematik
herbei,  der  Bruch  mit  der  Wortgebundenheit  der  Theorie.  Daraus  geht
nun  gleich  mehrerlei  hervor,  unter  sich  innig  verflochten.  Einmal  löst
sich  jene  geheime  Bindung  an  die  Wirtschaft  von  heute;  hiermit  tritt
an  die  Stelle  der  „kommerzialistischen“  Theorie  die  Allwirtschaftslehre,
im  buchstäblichen  Sinne  des  Wortes.  Aber  es  ist  gleichzeitig  der
Zwang  zur  „unfreien  Nachdichtung“  des  Lebens  überwunden;  die
„Tauschgüterlehre“,  die  man  heute  als  den  notwendigen  „Hauptinhalt“
unserer  Theorie  wähnt,  sinkt  zur  Rolle  einer  Hilfserwägung  herab.
Damit  wieder  streift  unsere  Theorie  ihren  „unsoziologischen“  Habitus
ab.  Wie  sich  die  soziologische  Methode  selber  durchsetzt,  wird  noch
in  naher  Folge  klarer.  Jedoch  ein  Drittes  ist  absehbar  geworden.
Weil  sich  nämlich  die  Theorie  nur  in  einem  Laufe  mit  der  ganzen
nationalökonomischen  Problematik  läutert,  tritt  ein  weitererUmschwung
ein:  aus  einer  „Theorie  der  bloßen  Lösungen“  wird  eine  „Theorie  der
Probleme“  I  Wie  das  letztere  gemeint  ist,  soll  auch  noch  klarer  werden.
Dagegen  ist  es  bereits  klar,  wie  das  erstere  zu  verstehen  sei.  So  eigentümlich ­
  versteift  ist  eben  die  Problematik  bei  ihr,  daß  in  der  herkömmlichen ­
  Theorie  von  den  grundlegenden  Problemen  wirklich  nur
einwörtlich  gestottert  wird,  von  ihnen  gehandelt  aber  nur  ausnahmsweise ­
  und  ohne  rechten  Zusammenhang.  Als  eigentlicher  Gehalt  der
Theorie  kehren  also  nur  die  Versuche  wieder,  die  alten  Probleme
immer  von  neuem  zu  lösen,  wobei  die  Probleme  selber  im  Unterbewußtsein ­
  steckenbleiben.  So  stumpft  das  Ganze  zu  einem  Wust
        <pb n="670" />
        656

„Freiheit  vom  Worte“,

von  Lösungen  ab,  die  einander  im  end-  und  hoffnungslosen  Wechsel
folgen.
Im  engsten  Zusammenhang  damit  endlich  ein  Viertes.  Aus  einer
Theorie,  die  sich  fast  gänzlich  aussondert  aus  ihrer  Wissenschaft,  um
ein  pathologisches  Eigenleben  zu  führen,  soll  eine  Theorie  werden,  die,
zu  Dank  ihrer  organisch  richtigen  Verbundenheit  mit  dem  Ganzen
ihrer  Wissenschaft,  einen  hervorragenden  Anteil  nimmt  an  deren
frischem  Leben.  Die  Theorie  von  heute  weist  ja  Verbindungen  eigentlich ­
  bloß  mit  den  Kunstlehren  auf,  indem  sie  diese  theoretisch  zu
Untergründen  trachtet.  Selbst  diese  Verbindungen  sind  wie  zerfasert,
angesichts  des  tumultuarischen  Zustandes  der  „Lehren“.  Dem  markigen
Großteil  unserer  Wissenschaft  aber,  der  Empirie,  bleibt  die  Theorie
gänzlich  entfremdet.  Das  seltsame  Verhältnis  zwischen  ihnen  läßt  sich
auf  die  Formel  bringen;  heute  lernt  die  Theorie  von  der  Empirie
nichts,  noch  wüßte  sie  diese  etwas  zu  lehren  I  Sie  lernt  nichts  von  ihr,
nützt  die  Ergebnisse  der  Empirie  nicht,  weil  sie  sich  grundsätzlich  auf
der  Gemeinen  Erfahrung  aufbaut,  getreu  der  „klassischen“  Tradition.
Mindestens  entscheidet  dies  über  ihr  eigentliches  Gefüge,  so  daß  Ergebnisse ­
  der  Empirie  immer  nur  äußerlich  einbezogen  werden,  als  Umrahmung ­
  der  Theoreme,  Füllsel  des  „Systems“.  Die  Theorie  weiß
aber  die  Empirie  auch  nichts  zu  lehren.  Geschweige,  daß  sie  ihr
Probleme  übermittelt,  bleiben  auch  die  wechselnden  Lösungsversuche
der  starren  theoretischen  Probleme  ganz  ohne  Eindruck  auf  die  Empirie.
Angeblich  sollen  ja  damit  die  „Grundbegriffe“  festgelegt  werden.  Man
weiß  mittlerweile,  woran  man  da  ist.  Der  Mißerfolg  ist  aber  schon  im
Wesen  der  Sache  beschlossen.  Denn  nur  scheinbar  drängen  die  Fragen
von  der  Art:  „Was  ist  der  Wert?“,  zu  einer  Fixierung  des  Denkinhaltes ­
  von  diesem  Worte,  als  Fachausdruck;  vielmehr  treiben  sie  zu
immer  erneuter  Lösung  der  Probleme,  die  sich  hinter  dem  Worte  verbergen. ­
  Daher  es  auch  von  den  Theoretikern  selber  nur  folgerichtig
ist,  wenn  sie  wider  Willen  stets  wieder  in  den  wechselnden  Alltagssinn ­
  der  Worte  „Wert“,  „Kapital“  usw.  zurückfallen.  Allen  Theoremen
jedoch,  die  über  diese  scheinbaren  Wortdeutungen  noch  hinausgehen,
mißtraut  die  Empirie,  und  wie  es  sich  erwies  mit  Recht.  Sie  fühlt
die  „kommerzialistische“  Verbogenheit  des  theoretischen  Denkens
heraus.  Das  ergäbe  stumpfe  Werkzeuge  für  sie;  so  improvisiert  sie
lieber  ihre  eigenen.
Es  ist  absehbar,  auch  als  Allwirtschaftslehre  beutet  die  Theorie
sicherlich  die  Gemeine  Erfahrung  aus.  Dazu  verpflichtet  schon  die
Eigenart  unserer  Wissenschaft  als  „Erkenntnis  des  Bekannten“.  Nur
verfährt  sie  dann  auch  ganz  anders  mit  diesem  absonderlichen  Erfah ­
        <pb n="671" />
        Methodologische  Glossen,  XIX.

657

rungsstoff  der  so  gesättigt  ist  mit  hausbackener  Abstraktion.  Auch
an  ihn  bringt  sie  die  voll  entwickelten  Probleme  des  fachlichen  Denkens
heran.  Entdeckungen  können  zwar  auch  dann  unmöglich  herauskommen; ­
  im  Grund  wieder  nur  Gemeinplätze.  Trotzdem  beanspruchen
die  Ergebnisse  den  Rang  von  echten  Theoremen;  denn  zurechtgelegt
hat  man  sich  diese  Gemeinplätze  „problembewußt“,  als  das  vernunftmäßig ­
  Selbstverständliche  im  Zuge  der  Probleme.  So  entsteht  von
der  Gemeinen  Erfahrung  her  jene  „Theorie  vor  den  Tatsachen“,  die
mit  der  „Güterlehre“  zwar  auch,  aber  bloß  in  verzerrter  Gestalt  vorliegt. ­
  Wird  doch  in  der  „Güterlehre“  das  Ungeklärte  der  Gemeinen
Erfahrung  immer  nur  zur  Lösung  von  unbewußten  Problemen  verarbeitet, ­
  die  noch  dazu  einer  verschrobenen  Einstellung  des  Denkens
gleichkommen.
Der  schärfste  Unterschied  aber  sticht  damit  heraus,  daß  die  Allwirtschaftslehre, ­
  soweit  sie  über  „Theorie  vor  den  Tatsachen“  hinausgeht, ­
  auch  als  Theorie  noch  alle  Ergebnisse  der  Empirie  in  sich  verarbeitet! ­
  Gerade  daraufhin  läßt  sie  die  herkömmliche  Theorie  weit
hinter  sich;  putzt  doch  diese  mit  solchen  Ergebnissen  bestenfalls  ihr
starres  Gerippe  auf.  Die  Allwirtschaftslehre  in  den  betreffenden  Abschnitten ­
  verfährt  mit  diesen  Ergebnissen  natürlich  ganz  anders  als
etwa  die  „Systematische  Soziologie“,  im  engeren  die  „Soziologische
Theorie  der  Wirtschaft“.  Auch  diesen  edleren  Stoff  einer  schon  verarbeiteten ­
  und  vorher  selber  erst  als  Tatsachen  erarbeiteten  Erfahrung
bewältigt  die  Allwirtschaftslehre  stets  nach  der  Richtschnur  ihrer  klar
entwickelten  Probleme.  Wie  sie  diese  Ergebnisse  der  Empirie  sich
einverleibt,  sie  gleichsam  erst  noch  zuspitzt  zu  Lösungen  ihrer  eignen
Probleme,  das  ist  gleichbedeutend  mit  der  Form,  in  der  die  Allwirtschaftslehre ­
  von  der  Empirie  zu  „lernen“  sucht.  Da  liegt  es  sofort  nahe,  daß
s &amp;gt;e,  umgekehrt  wieder,  die  Empirie  zu  bewegen  trachtet,  ihre  Ergebnisse
auch  auf  die  Lösung  der  theoretischen  Probleme  abzustellen.  Die  Allwirtschaftslehre ­
  lernt  also  durch  Lösungen  und  lehrt  in  Problemen.

XIX.
Im  Grunde  versteht  sich  dieses  Verhältnis  zwischen  Theorie  und
Empirie  einer  und  derselben  Wissenschaft  ganz  von  selbst.  Ihm  widerspricht ­
  aber  völlig  die  herkömmliche  Haltung  der  Theorie,  sintemalen
diese  in  jener  Hinsicht  eben  nichts  lernt  und  nichts  lehrt.  So  ist  es
denn  auch  begreiflich,  daß  man  sich  über  dieses  unnatürliche  Verhältnis ­
  um  jeden  Preis  hinwegzutäuschen  sucht.  Dahin  scheint  mir  der
42
▼.  Gottl-OttlilieDfeld,  Wirtschaft  als  Leben.
        <pb n="672" />
        658

.Freiheit  vom  Worte“,

Sinn  der  sonst  ganz  widersinnigen  Formel  zu  gehen,  daß  sich  Theorie
und  Empirie  in  unserer  Wissenschaft  zueinander  verhielten  wie  „Deduktion“ ­
  und  „Induktion“.  Man  läßt  ja  bekanntlich  dem  Methodenstreit ­
  Menger-Schmoller  als  communis  opinio  die  erheiternde
Kunde  nachlaufen,  es  hätte  sich  bei  ihm  um  den  Kampf  zwischen
„Deduktion“  und  „Induktion“  gedreht.  Nun,  gedreht  hat  es  sich  dabei
um  sehr  vieles,  nur  sicherlich  nicht  um  dieses,  obgleich  die  Worte
„Deduktion“  und  „Induktion“  hin-  und  herflogen.  Im  Kern  aber
prallten  einfach  die  beiden  Grundauffassungen  zusammen  1  Zwar  blieben
sie  beide  unter  der  Schwelle  des  Bewußtseins;  dafür  ging  auch  der
ganze  Streit  aus  wie  das  Hornberger  Schießen.  Den  besonders  Klugen
hat  dieser  Ausgang  die  salomonische  Entscheidung  eingegeben,  „Deduktion“ ­
  und  „Induktion“  seien  eben  gleichen  Rechtes,  gleichberechtigt
in  der  Wissenschaft  daher  auch  Theorie  und  Empirie!  Ein  Spruch
von  erlösender  Kraft.  Immerhin  bringt  er  das  Kunststück  zuwege,
einen  brüllenden  Gemeinplatz  schlüssig  aus  zweierlei  Widersinn  herzuleiten: ­
  daß  einerseits  unsere  Theorie  in  „Deduktion“,  andererseits
unsere  Empirie  in  „Induktion“  aufgehe.
„Deduktiv“  verfahre  unsere  heutige  Theorie,  weil  da  angeblich  alles
aus  dem  einen  Obersatz  abgeleitet  sei,  daß  „jeder  seinem  Vorteil  nachgehe“. ­
  Aber  davor  muß  man  die  arme  „Güterlehre“  doch  in  Schutz
nehmen.  Es  steckt  beträchtlich  mehr  in  ihr,  als  von  dorther  „deduktiv“
herauskäme,  nämlich  nichts!  Doch  wäre  es  schließlich  eher  noch  zu
verzeihen,  daß  man  den  Obersatz  einer  „Deduktion“  in  dem  sieht,  was
gar  nichts  anderes  ist  als  eine  der  vornehmsten  Unterstellungen  für
eine  Konstruktion,  für  jene  nämlich  in  Sachen  der  gewissen  „unfreien
Nachdichtung“.  Zwar  gehört  dann  zur  „Ableitung“  der  „Güterlehre“
außerdem  die  Kleinigkeit  der  Gemeinen  Erfahrung,  und  die  hat  als
Ganzes  wirklich  nicht  viel  von  einem  ferneren  „Zubehör  einer  Deduktion“;
aber  das  scheint  in  methodologischen  Fragen  unserer  Wissenschaft  eine
zu  vernachlässigende  Größe  zu  sein.  So  verzeihlich  also  jene  kleine
Verwechselung,  unverzeihlich  in  jedem  Betracht  bleibt  die  Deutung
unserer  Empirie  als  „Induktion“.  Es  macht  doch  nicht  einfach  nur
der  Ausgang  überhaupt  von  Tatsachen  die  „Induktion“  aus  1  „Induktion"
ist  immer  schon  eine  ganz  bestimmte  Behandlung  von  Tatsachen.
Wann  allein  aber  wäre  eine  solche  Behandlung  von  Tatsachen  so  ohne
weiteres  am  Platz,  wie  man  es  hier  anzunehmen  scheint?  Offenbar
doch  nur,  wenn  sich  aus  Tatsachen  überhaupt  nichts  anderes  machen
ließe,  als  von  ihnen  zu  „allgemeinen  Sätzen  aufzusteigen“.  Das  trifft
nun  absolut  nicht  zu.
        <pb n="673" />
        Methodologische  Glossen,  XIX.

659

Es  hat  dieser  „Aufstieg“  ja  Sinn,  solange  man  sich  in  den  Niederungen ­
  an  sich  zusammenhangloser  Erscheinungsreihen  bewegt,  wozu
alle  Naturwissenschaft  bei  ihrer  Tatsachenfeststellung  verdammt  bleibt,
gemäß  der  ihr  eigenen  Art  Erfahrung:  sobald  nämlich  die  erlebte
Wirklichkeit,  ihres  anschaulich  erlebten  Zusammenhanges  entkleidet,
nur  als  anschauliche  Mannigfaltigkeit  vorliegt,  als  sinnloses  Sein.  Mehr
sieht  dann  für  unser  zusammenhanglüsternes  Denken  einmal  nicht  heraus. ­
  Hier  muß  man  sich  letzten  Endes  schlechterdings  mit  dem
minderwertigen  Erkenntnismittel  des  „Gesetzes“  begnügen,  mit  diesem
Zusammenhangssurrogat,  das  zwar  hinterher  der  Technik  für  ihren  Bedarf ­
  alles  bietet,  aber  dem  Streben  nach  tieferer  Erkenntnis  fast  ebensoviel ­
  schuldig  bleibt,  solange  man  nicht  Metaphysik  zu  Hilfe  ruft.
Ganz  anders  aber  dort,  wo  der  anschaulich  erlebte  Zusammenhang,
wie  bei  uns,  schon  in  den  Tatsachen  steckt,  weil  diese  von  Erlebungen
abgehoben  sind,  als  „Fakten“,  nicht  als  „Daten“,  so  daß  also  jeder
Tatbestand  eitel  Zusammenhang  in  sich  birgt,  den  man  nur  zu  erschließen ­
  braucht,  und  darüber  hinaus  sogar  im  großen,  einheitlichen
Zuge  aufzurollen  vermag.  Und  trotzdem  nun  ausgerechnet  der  Verallgemeinerung, ­
  dem  „Gesetz“,  das  letzte  Wort  der  Erkenntnis  zuzuschieben, ­
  so  daß  auch  wir  nichts  Höheres  als  „Gesetze“  finden,  nichts
Besseres  als  „Gesetze“  suchen  könnten,  das  kommt  —  um  ein  kräftiges
Bild  der  Brutalität  und  Stupidität  zugleich  des  unseren  Wissenschaften
damit  zugesonnenen  Vorgehens  zu  liefern  —  der  Forderung  gleich,
Austern  mit  der  Mistgabel  zu  essen!
Ins  Wespennest  ist  gestochen;  aber  vertieft  und  richtig  ausgetragen
braucht  die  Sache  hier  nicht  zu  werden.  Es  ist  auch  so  klar,  wo
jenes  despektierliche  Gerede  von  „Deduktion“  und  „Induktion“  eigentlich ­
  hinaus  will:  man  täuscht  sich  damit  wenigstens  den  Schein  eines
inneren  Zusammenhangs  in  der  heutigen  Nationalökonomie  vorl  Unwillkürlich ­
  sieht  man  unsere  Empirie  dort  „induktiv“  hinaufklettern,
wo  unsere  Theorie  heutigen  Schlages  „deduktiv“  herabklettert,  eben
a uf  der  Laubfroschleiter  der  Verallgemeinerung  bis  zu  den  Gesetzen.
Und  je  oberflächlicher  dies  alles  gedacht  sein  will,  bevor  es  jene  beruhigende ­
  Täuschung  wirklich  hervorruft,  um  so  besser  stimmt  es  ja
in  das  ganze  Bild  dieser  landläufigen  —  „Methodologie  1
Mit  dieser  Vorstellung  von  einer  „deduktiven  Artung  unserer
Theorie  hat  es  trotzdem  sein  ganz  Besonderes.  An  sich  gehorcht  ja
diese  Vorstellung  sklavisch  dem  Schema  F  des  naturwissenschaftlichen
Erkennens.  Die  naive  Theorie,  von  jenem  kleinlichen  Ehrgeiz  technischer ­
  Verwertbarkeit  besessen,  weiß  nun  einmal  nicht  anders  über
sich  selber  zu  denken.  Merkwürdig  aber,  zu  dieser  lächerlichen  Vor-42*
        <pb n="674" />
        66o

,Freiheit  vom  Worte“,

Stellung  gleichsam  umgebogen  und  so  zur  Karikatur  geworden,  ist
trotzdem  eine  tiefe  Einsicht  in  den  wahren  Sachverhalt:  Hinter  dem
kindlichen  Glauben  an  eine  „deduktive“  Ableitung  aller  nationalökonomischen ­
  Theoreme  aus  einem  „Obersatz“,  da  birgt  sich  ein  richtiger
Instinkt  davon,  wie  sich  alle  nationalökonomischen  Probleme  insgesamt
und  notwendig  von  einem  Grundproblem  herleiten  müßten  1  Die  hier
entscheidende  Läuterung  der  Problematik  erheischt  es  ja,  daß  man
aller  Probleme  gleich  in  ihrem  einheitlichen  Zusammenhang  habhaft
wird.  Wie  anders  nun  soll  dieser  Zusammenhang  wahrhaft  von  Einheit ­
  sein,  als  so,  daß  Ein  Problem  beherrschend  in  die  Mitte  tritt,  um
alle  anderen  aus  sich  zu  entlassen  1  Freilich,  für  den  herkömmlichen
Zustand  der  Problematik  gilt  dies  wieder  nur  sehr  annähernd;  das  ist
hier  eben  das  Pathologische.  Ihre  Probleme,  von  denen  die  heutige
Theorie  so  wenig  weiß,  sind  einheitlich  nur  in  der  gemeinsamen  Ausrichtung ­
  auf  die  „Erwerbswirtschaft“.  Jedenfalls,  es  kommt  also  auf
diese  „Deduktion  der  Probleme“  an;  wenn  man  es  so  nennen  darf,
was  an  Stelle  jener  wahnhaften  „Deduktion  der  Theoreme“  wirklich
in  Kraft  steht.

XX.
So  erhellt  schließlich  auch  die  Art,  wie  sich  die  Allwirtschaftslehre
des  näheren  gebärdet,  eben  als  eine  „Theorie  der  Probleme“:  In  ihr
vollzieht  sich  in  einheitlichem  Zusammenhang  die  Entwicklung  aller
nationalökonomischen  Probleme!  Allein,  wenn  sie  bloß  mit  Problemen
zu  tun  hätte,  wo  bleiben  dann  die  Lösungen,  also  die  eigentlichen
Theoreme?  Aber  dieser  Zweifel  löst  sich  ungezwungen.  Wie  lassen
sich  überhaupt  Probleme  aus  Problemen  herleiten,  oder  auch  in  verkehrter ­
  Richtung,  wie  lassen  sich  gegebene  Probleme  auf  Probleme
höherer  Art  zurückführen?  Diese  „Filiation  der  Probleme“  vollstreckt
sich  immer  als  ein  Gleiches,  ob  nun  theoretische  Probleme  in  Frage
stünden  wie  hier,  oder  praktische  Probleme  wie  etwa  in  Sachen  des
technischen  Fortschrittes:  allemal  sind  auch  die  Lösungen  mit  von  der
Partie!  Zwar  läßt  sich  jegliches  Problem  zunächst  von  der  Stelle  aus
entfalten,  in  Teilprobleme  zerlegen.  Dann  aber  stockt  der  „progressus“,
bis  man  an  die  Versuche  der  Lösungen  herantritt  und  daraus  lernt,,
welche  Fragestellungen  nun  dabei  wieder  erwachsen.  So  leben  speziellere ­
  Probleme  auf,  als  Tochterprobleme  von  jenem,  das  vorher  bloß
entfaltet  wurde  und  sich  nunmehr  erst  recht  als  das  „grundlegende“
ausnimmt.  Dieses  Schema  dafür,  wie  Probleme  aus  Problemen  ent ­
        <pb n="675" />
        Methodologische  Glossen,  XX.

661

stehen  und  umgekehrt  wieder  auf  Probleme  zurückführen,  gilt  natürlich
auch  für  die  Nationalökonomie.  Mithin  wird  auch  deren  Theorie  richtiger ­
  Haltung  schon  bei  der  Problementwicklung  fortwährend  zu
Lösungen  gedrängt  und  bereichert  sich  so  um  ihre  derberen  Inhalte,
die  Theoreme.  Dann  aber  sind  es  Theoreme  nicht  von  jener  stumpfen
Art  wie  in  der  „Güterlehre“,  keine  bloßen  Lösungsversuche  für  eine
starre  und  kaum  bewußte  Problematik;  es  vollzieht  sich  also  kein
leidiges  Kneten  und  Umkneten,  kein  hoffnungsloses  Herumtasten  an
den  so  vagen  Lösungsmöglichkeiten  eines  völlig  unentwickelten  Problems, ­
  von  dem  stets  ein  bloßes  Wort,  der  „Grundbegriff  ,  noch  das
beste  zu  sagen  weiß.  Vielmehr  ringen  dann  offene  Fragen  nach  ihrer
klaren  Antwort,  als  voll  entwickelte  Probleme,  klären  sich  darüber
selber  und  klären  sich  auch  in  ihrem  inneren  Zusammenhang,  indem
diese  Antworten  wieder  als  Zwischenglieder  der  Filiation  dienen.  Dies
wirkt  auch  günstig  auf  die  Antworten  zurück;  denn  diese  haben  nun
steigend  geklärten  Fragen  zu  genügen.  In  Theoremen  aber,  die  allemal ­
  dergestalt  ihrer  eigenen  Vervollkommnung  dienen,  daß  sich  die
Probleme  an  ihnen  klären  und  zurechtrücken,  atmet  schon  das  frische
Leben  einer  Erkenntnis,  die  sich  selber  richtig  gefunden  hat!  Darum
bedeutet  die  Läuterung  ihrer  grundlegenden  Problematik  unverkennbar
die  höchste  und  fruchtbarste  Form  der  Selbstbesinnung  eines  fachwissenschaftlichen ­
  Denkens.  Damit  verglichen  ist  das  Ausgehen  von
vorweg  hingenommenen  „Grundbegriffen“,  ob  sie  nun  wirr  oder  „geordnet“ ­
  vorliegen,  nur  ein  Wühlen  im  Urschleim  der  Erkenntnis.
Erst  in  ihrer  geläuterten  Form,  als  Allwirtschaftslehre,  kann  der
nationalökonomischen  Theorie  die  Stellung  zufallen,  die  ihr  im  Verbände ­
  unserer  Wissenschaft  gebührt.  Nichts  ist  klarer,  sie  als  die
„problementwickelnde“  Disziplin  wird  dann  erst  zum  richtigen  Kerngebiet ­
  der  ganzen  Wissenschaft!  Eben  weil  sich  in  ihr  die  kernhafte
Vereinheitlichung  aller  Probleme  der  Wissenschaft  vollzieht,  am  Grundproblem. ­
  Von  der  Theorie  aus  weben  dann  alle  Faden  und  nach  ihr
wieder  zurück.  Ihr  selber  obliegt  die  Lösung  nur  der  grundlegenden
Probleme,  die  eben  gelöst  sein  wollen,  um  zu  den  weiteren  hinzutasten.
Die  mehr  randwärts  sich  entfächernden  Probleme  heischen  ihre  Lösung
bereits  von  der  Empirie,  von  der  Forschung  in  Tatsachen,  deren  zahllose ­
  Gebiete  sich  rund  um  das  Kerngebiet  ordnen,  wahrend  im  Außenbereich ­
  der  Wissenschaft  sich  erst  noch  die  Kunstlehren  vorlagern.
Dieses  ganze  Gefüge  baut  sich  dann  nach  der  Richtschnur  dieser
Problementwicklung  auf;  aber  auch  schon  innerhalb  der  Theorie  ordnen
sich  ihre  Inhalte  gemäß  diesem  Zusammenhang  der  Probleme.  Natür-Üch
  gilt  es  überwiegend  nur  im  Grundsatz,  daß  erst  die  Theorie  allen
        <pb n="676" />
        662

Freiheit  vom  Worte'

empirischen  Gebieten  die  Probleme  zuschiebt.  Dort  stößt  die  Forschung ­
  überall  mit  der  Tatsachenwelt  des  Lebens  zusammen;  sie  vermag ­
  also  der  Wirklichkeit  selber  die  Probleme  abzulauschen,  indem
sie  immer  wieder  neue  Tatbestände  richtig  als  Probleme  zu  sehen
trachtet.  Auch  brandet  vom  Sturm  des  Lebens  her  ganz  unmittelbar
das  Gewoge  neuer  Fragen  an  die  Forschung  heran.  Für  alle  diese
Probleme  vom  Rande  steigt  dann  die  Filiation  nicht  abwärts,  sondern
aufwärts;  es  rücken  sich  die  Probleme,  ob  sie  nun  in  der  Empirie
oder  im  Leben  bodenständig  sind,  gegen  die  grundlegenden  Probleme
hin  zurecht,  kernwärts,  bis  zum  einheitlichen  Zusammenstoß  aller  am
Grundproblem  der  Wissenschaft.  Nicht  minder  bei  dieser  rücklaufenden
Bewegung  klären  sich  Zusammenhang,  Inhalt  und  Lösung  der  Probleme.
So  spielt  ein  fortwährendes  Lernen  und  Lehren  hin  und  her.  Lebendigster ­
  Zusammenhang  webt  von  der  Theorie,  als  der  „Forschung  in
Problemen“,  nach  der  Empirie  hin,  als  der  „Forschung  in  Tatsachen“,
und  schlägt  von  dort  belebend  wieder  zurück.  Darüber  erst  vergliedert
sich  die  Wissenschaft,  die  heute  wie  auseinandergebrochen  zu  eitel
Stückwerk  ist,  zu  einem  lebensvollen  Ganzen.
        <pb n="677" />
        Ausklänge.

XXI.
Sinn  und  Beruf  der  Allwirtschaftslehre  ließen  sich  anders  nicht
klären  als  durch  eitel  Angriffe  auf  die  herkömmliche  Art,  nationalökonomische ­
  Theorie  zu  treiben.  Eines  aber  kann  man  dieser  Theorie
nicht  nehmen:  sie  oder  doch  etwas  ebenso  Naives  mußte  den  Anfang
machen!  Nur  fiel  hier  dieser  Anfang  ein  wenig  zu  gründlich  aus;
alsbald  trat  ja  die  „klassische  Schule“  auf  und  täuschte  sich  selber  und
den  Epigonen  eine  Reife  vor,  als  wäre  gleich  im  ersten  Anlauf  der
Gipfel  erstiegen  worden.  Aber  wie  es  auch  kam,  niemals  hätte  eine
andere  als  naive  Theorie  den  Beginn  machen  können.  Denn  anders
bebt  der  Werdegang  einer  Wissenschaft  einmal  nicht  an.  So  nehmen
sich  im  Grunde  alle  gerügten  Fehler  und  Schwächen  um  so  verzeihlicher ­
  aus,  je  mehr  sie  für  entwicklungsnotwendig  gelten  dürfen.  Das
dürfen  sie  in  hohem  Grade.  Ihre  Reife  erlangt  eine  Wissenschaft,  das
ist  klar,  immer  erst  im  Wege  der  Selbstbesinnung  ihres  Denkens;  es
ist  nicht  minder  klar,  daß  schon  viel  an  Gedachtem  da  sein  muß,  ehe
man  von  da  aus  Einkehr  halten  kann  in  das  Erdenken.
Was  dieser  Zwang  zu  naiver  Theorie  bedeutet,  dem  jede  Wissenschaft ­
  in  ihren  Anfängen  unterworfen  bleibt,  das  tritt  nirgends  so
greifbar  hervor  wie  im  Angesichte  der  restlichen,  der  Frage  nach  dem
nationalökonomischen  Grundproblem  I  Allwirtschaftslehre,  als  der  Versuch ­
  abgeklärter  Theorie  des  W  irtschaftslebens,  steht  und  fällt  mit  der
Antwort  auf  diese  Frage.  Natürlich  lassen  sich  alle  die  Probleme,  die
von  jenem  grundlegendsten  her  ausstrahlen,  niemals  vollständig  übersehen; ­
  allein  schon  der  Reichtum  des  Lebens  und  seiner  Wandlungen
sorgt  für  ewige  Unruhe  in  der  Problematik  unserer  Wissenschaft.  Im
Grundsatz  aber  bleibt  reife  Theorie  nur  so  denkbar,  daß  von  jenem,
a lles  umspannenden  Grundproblem  aus  ein  streng  geschlossener  Gedankengang ­
  führt  nach  allen  anderen  Problemen.  Unbedingt  also  von
dort  her  richtet  sich  die  ganze  Bewegung  des  theoretischen  Denkens
einheitlich  aus.  Darum  gebührt  der  Frage  nach  dem  Grundproblem
        <pb n="678" />
        664

.Freiheit  vom  Worte“,

unbestritten  der  Vortritt.  Gälte  aber  ein  Gleiches  auch  für  die  naive
Theorie,  für  die  Anfänge  der  Wissenschaft?  Nun,  würde  man  annehmen,
die  Geburt  einer  Wissenschaft  fiele  sofort  mit  dem  Bewußtwerden
ihres  Grundproblems  zusammen,  so  kommt  dies  entfernt  wohl  der
Vorstellung  gleich,  Deutschland  hätte  am  28.  August  1749  geflaggt,
weil  Goethe  zur  Welt  kam.
Mittelbar  verrät  sich  damit  auch  die  Wortgebundenheit  des  theoretischen ­
  Denkens  als  etwas  zu  seiner  Zeit  Notwendiges;  dem  Denken
ist  sie  unentratbar  für  sein  erstes  Einsetzen  gegenüber  der  Wirklichkeit.
Stets  nur  den  nämlichen  Worten  entlang,  „Wirtschaft“,  „Gut“,  „Wert“,
„Preis“,  „Kapital“  usw.,  mit  denen  das  Leben  über  sich  selber  zu
sprechen  pflegt,  tastet  sich  die  junge  Wissenschaft  an  die  Tatbestände
des  Lebens  heran.  Allmählich  spielen  diese  Worte  dann  die  Vertreter
der  Probleme,  um  deren  Lösung  das  wissenschaftliche  Denken  ringt,
im  unablässigen  Versuche,  den  Zusammenhang  der  Tatbestände  zu
entwirren.  Die  geistigen  Kräfte,  die  sich  dabei  in  ihnen  auswirken,
verdanken  die  Worte  selber  dem  sprachschaffenden  Denken,  aller
Wissenschaft  voran.  Indem  sie  nun  zu  Leitworten  der  Theorie  aufsteigen, ­
  als  deren  „Grundbegriffe“  empfunden  werden,  tritt  das  wissenschaftliche ­
  Denken  offenkundig  in  die  Fußtapfen  des  vorwissenschaftlichen. ­
  Letzten  Endes  vom  Alltag  her  entlehnt  also  die  Theorie  ihre
Problematik.  Und  wenn  es  nun  der  Alltag  der  Erwerbswirtschaft  ist,
verfällt  die  Theorie  somit  der  Einbindung  in  die  einseitig  erwerbswirtschaftlich ­
  ausgerichtete  Problematik.  Es  „kommerzialisiert“  sich
die  Theorie.  Ungefähr  so  verläuft  der  Erkenntnisweg  der  Wissenschaft,
bevor  Selbstbesinnung  eingreift.
Als  schüchterner  Ansatz  regt  sich  dann  erstmals  die  Besinnung
auf  den  Vorwurf  der  Wissenschaft,  auf  ihren  „Gegenstand“.  Der  bisher
nur  werdenden  Wissenschaft  mußte  dies  noch  fremd  bleiben.  Solches
Besinnen  steht  notwendig  erst  der  gewordenen  Wissenschaft  zu.  Zur
Nationalökonomie  mußten  sich  alle  möglichen  Teilerkenntnisse  von
da  und  dort  zusammenfinden,  von  Geld  und  Finanzen,  von  Landwirtschaft ­
  und  Handel  her,  die  nun  zu  einem  Lehrgebäude,  einem
„System“  zusammengefaßt  wurden,  und  zwar  hauptsächlich  im  Zeichen
der  Technik  richtiger  Führung  eines  städtischen  oder  fürstlichen  Haushaltes ­
  und  der  öffentlichen  Verwaltung  dahinter.  Für  diesen  neuen
Bereich  von  Erkenntnis  ertastet  sich  anfänglich  nur  das  Sprachgefühl
den  Namen,  entleiht  ihn  dem  umfassendsten  Tatbestand,  der  Wirtschaft
überhaupt,  und  scheidet  ihn  durch  wechselnde  Bestimmungen  von
seiner  älteren  Verwendung  für  engere  Vorwürfe;  so  beginnt  man,  in
Abscheidung  von  der  „ländlichen“  nun  von  „politischer  Ökonomie“
        <pb n="679" />
        Ausklänge,  XXII.

665
zu  sprechen,  von  „Nationalökonomie“  und  Ähnlichem.  Es  wäre  eigentlich ­
  anzunehmen,  der  einmal  eingebürgerte  Name  hätte,  mindestens  in
seinem  Kernteil  „Wirtschaft“,  gleich  anfänglich  zum  Schlüsselwort  gedient ­
  für  die  Deutung  des  Benannten,  also  der  Wissenschaft  selber.
Tatsächlich  ging  jedoch  die  Besinnung  zunächst  nur  auf  das  Greifbarste
des  herkömmlichen  Inhaltes,  auf  das  Gut!  So  blieb  „Sachgüterversorgung“ ­
  in  dieser  Hinsicht  die  bündigste  Art,  wie  sich  die  Theorie
durch  Angabe  ihres  Inhaltes  selber  den  Paß  auszustellen  wußte.  Im
übrigen  verließ  man  sich  für  die  Deutung,  wo  denn  Nationalökonomie
eigentlich  hinaus  will,  meist  auf  das  Schema  F  der  Naturwissenschaft:
Nationalökonomie  wäre  die  „Lehre  von  den  Gesetzen  der  Volkswirtschaft“ ­
  !
Für  den  durchschnittlichen  Stand  der  fachlichen  Selbsterkenntnis
ist  aber  nichts  so  bezeichnend  wie  die  Art,  in  der  heute  noch  viele
Lehrbücher  alle  Skrupel  des  Woher  und  Wohin  ihrer  Wissenschaft
unter  dem  Diktum  begraben:  „Volkswirtschaftslehre  ist  die  Lehre  von
der  Volkswirtschaft“!  Allerdings.  Im  Grunde  aber  wird  da  eigentlich
nur  die  Bindung  an  das  Wort  offen  und  ehrlich  einbekannt.  Hingegen
täuscht  es  immer  schon  etwas  vor,  es  geschieht  mehr  nur,  um  das
Gesicht  zu  wahren,  wenn  man  irgendeine,  wie  aus  der  Pistole  geschossene ­
  „Definition  der  Wirtschaft“  vorangestellt  sieht,  oder  sogar
eine  „Definition  der  Volkswirtschaft“.  Denn  selbst  nach  einer  wortreichen ­
  Explikation  dieser  Deutung,  zumeist  mit  Ausflügen  ins  Geschichtliche, ­
  pflegt  schlecht  und  recht  wieder  nur  die  „Güterlehre“
aufzumarschieren.  Es  hat  eben  jenes  überragende  Beginnen  von  Karl
Knies,  Volkswirtschaft  bewußt  als  Gebilde  zu  erfassen,  während  sie
vorher  höchstens  im  stillen  so  behandelt  und  gewürdigt  wurde,  zunächst ­
  bloß  der  Empirie  unserer  Wissenschaft  gefruchtet.  Für  die
Theorie  blieb  „Volkswirtschaft“  die  bloße  Wortmarke  im  Namen  jener
Wissenschaft,  die  selber  nach  wie  vor  das  „Güterleben“  zu  ihrem  Inhalt ­
  wählte.

XXII.
Nur  auf  Umwegen  begann  man  es  allmählich  wahr  zu  machen,
daß  mittlerweile  das  Wort  „Wirtschaft“  immer  deutlicher  als  das
Schlüsselwort  der  Wissenschaft  empfunden  würde.  Entweder  gab  man
das  „wirtschaftliche  Prinzip“  als  den  roten  Faden  aus,  der  alle  nationalökonomische ­
  Theorie  durchflicht;  oder  man  gn  nac  er  „wir
schaftlichen  Handlung“  zurück,  um  sie  als  den  „elementaren  Erfahrungs ­
        <pb n="680" />
        666

„Freiheit  vom  Worte“,

stoff  der  Wissenschaft  hervorzustellen.  Auch  in  letzterer  Hinsicht  war
aber  der  Selbsterkenntnis  der  Nationalökonomie  kein  besonderer  Dienst
erwiesen.  Denn  nur  bei  der  so  ganz  anders,  so  viel  schlichter  gearteten ­
  Fragestellung  der  Systematischen  Soziologie  liefert  die  Handlung,
als  Einheit  des  „verstehbaren“  Geschehens,  den  richtigen  Angriffspunkt.
Übrigens  zeigt  sich,  von  daher  gesehen,  dann  selbst  das  Wortgefüge
„Sozialökonomik“  in  einer  geistigen  Verkürzung,  bei  der  auch  sein
innerer  Widersinn  sozusagen  einschrumpft.  Der  Ausdruck  wird  also
verzeihlicher.  So  ist  es  auch  kein  Zufall,  wenn  dieser  neue  Name  in
Heinrich  Dietzel  seinen  Schöpfer  fand.  Ihm,  in  Sachen  der  „wirtschaftlichen ­
  Handlung“,  gleichwie  Schäffle  in  Sachen  des  „wirtschaftlichen ­
  Prinzips“,  darf  man  auch  das  Streben  nachrühmen  nach  einer
streng  einheitlichen  Ausrichtung  der  Theorie,  hier  von  der  „Handlung“, ­
  dort  vom  „Prinzip“  her.  Mindestens  seiner  Idee  nach  taucht
bereits  hiermit  das  alles  beherrschende  Grundproblem  auf,  wenn  auch
der  Griff  nach  seinem  Inhalt  noch  fehlgeht.  Unverkennbar  regt  sich
erstmals  die  Auflehnung  gegen  die  blinde  Herrschaft  des  Wortes
und  gegen  das  starre  Schema  des  Erkennens  in  Gestalt  der  „Güterlehre“. ­

Inzwischen  waren  die  beiden  Grundauffassungen  zusammengeprallt:
hie  Menger,  hie  Schm  oll  er;  der  Drang  nach  Selbstbesinnung
lebt  nun  auf,  gleich  dem  Recht  auch  im  Streit  geboren.  Davon  laufen
zwei  ganz  verschiedene  Strömungen  aus.  Die  eine  schlängelt  sich  am
Kern  der  Sache  eigentlich  vorbei.  Das  betrifft  die  Ausgestaltung  einer
„Lehre  von  der  Wirtschaft“,  zu  den  sonstigen  „Lehren“  noch  hinzu.
Abermals  bejaht  dies  nur  die  Wortgebundenheit  der  Theorie,  und  dies
selbst  dann,  wenn  man  das  gewisse  „Abhorchen“  nicht  gleich  zur  angepriesenen ­
  Methode  macht,  es  vielmehr  nur  so  nebenher  einschlüpfen
läßt,  was  das  Schlüsselwort  alles  „meint“.  Auch  dabei  kommt  man
vom  Wort  nicht  frei.  Man  bleibt  auf  die  Eingebung  vom  Wort  angewiesen, ­
  transverbalen  Einflüssen  ausgeliefert.  Dabei  mögen  die  Ergebnisse ­
  der  Wirklichkeit  noch  so  nahekommen  und  auch  schon  ein
einheitlicher  Zusammenhang  im  Erkennen  sie  auszeichnen,  der  Weg
der  Einkehr  ist  einmal  nicht  zu  Ende  beschritten;  das  Ganze  setzt
an  die  Stelle  der  „klassischen“  Frühreife  bloß  eine  Notreife  unserer
Theorie.
Die  andere  Strömung  führt  in  den  Kern  der  Sache  hinein.  Freilich, ­
  dem  äußeren  Verlauf  nach  scheint  sich  wenig  zu  ändern.  Woher
kommt  dies  ?  Jene  „Lehre  von  der  Wirtschaft“  kann  ihren  vernünftigen ­
  Sinn  auch  nur  in  der  Absicht  sehen,  daß  sich  dabei  der  Tatbestand ­
  klärt,  mit  dem  es  unsere  Wissenschaft  zu  tun  hat.  Hier  wäre
        <pb n="681" />
        Ausklänge,  XXII.

667
jedoch  jeder  Zweifel  sinnlos,  ob  man  von  „Wirtschaft“  reden  soll.  Denn
nicht  nur  ist  es  geradeaus  die  Lehre  „von  der  Wirtschaft“:  hier  steuert
ausdrücklich  das  Wort  selber,  ob  nun  offen  oder  verstohlen,  mit  seinen
geistigen  Kräften  wesentlich  dazu  bei,  die  Eigenart  des  Tatbestandes
zu  ermitteln.  Nun  bleibt  zwar  gerade  dieses  auf  dem  anderen  Wege,
beim  Ausgang  von  Problemen  statt  von  Worten,  grundsätzlich  vermieden; ­
  allein,  dem  Tatbestand  selber,  wie  gesagt,  kann  man  schließlich ­
  den  Namen  „Wirtschaft“  doch  nicht  vorenthalten.  In  diesem
Punkte  ändert  sich  allerdings  nichts.  „Wirtschaft“,  übrigens,  ist  dann
im  näheren  Sinn  des  „Wirtschaftslebens“  zu  verstehen,  nicht  also  im
Sinne  einer  „Wirtschaftsweise“  —  gleich  „Erwerbswirtschaft“  —  oder
gar  eines  „Wirtschaftsgebildes“;  kürzend  spricht  man  eben  in  allen
drei  Fällen  von  „Wirtschaft“.
Gegen  diese  Nennung  ist  auch  von  keinem  Standpunkt  aus  etwas
einzuwenden.  Der  Kampf  gegen  das  Wort  gilt  ja  nicht  den  Worten
als  solchen.  Er  ist  beileibe  keine  Sache  der  bloßen  Terminologie,
sondern  der  letzten  Erkenntniskritik.  Worauf  er  es  einziglich  münzt,
ist  die  ungebührliche  Rolle  des  Wortes  beim  Erkennen.  Es  ist  eben
für  die  Dauer  unerträglich,  daß  ein  erfahrungswissenschaftliches  Denken
von  blind  hinzunehmenden  Worten  seine  zeitlich  ersten  und  zugleich
logisch  letzten  Ausrichtungen  erleiden  soll.  Dem  so  verstandenen
Herrschtum  der  Worte  über  das  theoretische  Denken,  dem  soll  der
Garaus  gemacht  werden.  Dagegen  steht  nichts  im  Wege,  daß  man
selbst  diese  Worte,  sobald  ihnen  nur  einmal  die  Giftzähne  ausgebrochen ­
  sind,  im  Namensdienst  so  verwendet,  wie  es  Sprachgebrauch
und  Zweckmäßigkeit  erheischen.  Es  ist  richtig,  einst  habe  ich  mich
auch  dagegen  gesträubt;  diese  Worte  seien  „zuschanden  gedacht“,  sie
taugten  nichts  mehr  für  den  Dienst  eines  Namens.  Aber  davon  bin
ich  längst  zurückgekommen,  ebenso  von  der  Skepsis  gegenüber  dem
„Wirtschaft“  nennbaren  Tatbestand  selber.  Vollzieht  man  aber  diese
Nennung,  dann  allerdings  scheint  dem  Äußeren  nach  alles  beim  alten
zu  bleiben.  Die  mehrerwähnte  Formel  für  diesen  Tatbestand  sieht
einer  „Definition  der  Wirtschaft“  gleich,  wie  ein  Ei  dem  anderen.  Der
ganze  Gedankengang,  der  zu  ihr  führt,  bewegt  sich  also  scheinbar  im
Zuge  der  banalen  Frage:  „Was  ist  Wirtschaft?“  Worin  beruht  nun
trotzdem  der  grundwesentliche  Unterschied?
        <pb n="682" />
        668

.Freiheit  vom  Worte“,

XXIII.
Schon  für  den  Hergang  darin,  daß  nicht  nur  die  Sache  zum  Wort,
sondern  das  Wort  zur  Sache  hinzutritt.  Darum  ist  es  eine  wahrhafte
Nennung,  nicht  aber  eine  jener  „Bestimmungen“,  wo  dann,  ähnlich  wie
Münchhausen  sich  beim  eigenen  Zopf  aus  dem  Sumpfe  zerrt,  das  Benannte ­
  sich  bei  seinem  Namen  aus  dem  Ungewissen  ziehen  soll.  Hier
führt  vielmehr  zur  Sache  hin,  auch  wenn  sie  unweigerlich  dem  Namen
der  „Wirtschaft“  verfällt,  ein  weitausholender  Gedankengang,  der  mit
diesem  Worte  gar  nichts  zu  schaffen  hat.  Dieser  Gedankengang  aber
fällt  mit  der  Ableitung  des  nationalökonomischen  Grundproblems  zusammen! ­
  So  entfernt  sich  hier  auch  der  Inhalt  des  Beginnens  weit
von  einer  bloßen  Deutung  eines  Wortes.
Wie  ist  es  aber  möglich:  es  soll  der  nämliche  Gedankengang  sowohl ­
  zum  Tatbestand  führen,  der  unserer  Wissenschaft  als  Vorwurf
gilt,  wie  auch  zum  Grundproblem  dieser  Wissenschaft?  Nun,  für  eine
Erfahrungswissenschaft  schwebt  ihr  Grundproblem  nicht  aus  Wölkenkuckucksheim ­
  herab.  Schon  ihr  Grundproblem  ist  bodenständig  in
solchem  Grade,  daß  es  verschwistert  bleibt  mit  dem  Tatbestand  selber.
Das  Wechselverhältnis,  das  hier  webt,  läßt  sich  von  beiden  Seiten  her
aufrollen.  Einmal  kann  man  sagen:  der  Tatbestand  des  Namens  „Wirtschaft“, ­
  richtig  als  Problem  gesehen,  ergibt  schon  das  nationalökonomische ­
  Grundproblem.  Ebensogut  läßt  sich  sagen:  das  menschliche
Zusammenleben,  aus  dem  Gesichtswinkel  des  nationalökonomischen
Grundproblems  gesehen,  ergibt  den  Tatbestand,  den  man  nicht  anders
als  „Wirtschaft“  nennen  kann.
Man  denke  sich  einen  bunten  Mosaikboden,  nicht  figural,  nicht
streng  geometrisch  gezeichnet,  aus  Steinchen  von  drei  Farben  gefügt.
Von  ihm  ist  uns  ein  Gesamteindruck  zugänglich.  Aber  es  steht  uns
außerdem  frei,  bald  nur  jene  Figur  herauszusehen,  zu  der  sich  die
roten  Steinchen  unwillkürlich  zusammenschließen,  wofür  dann  die
zurücktretende  Masse  der  blauen  und  weißen  Steine  den  unbestimmten
Grund  abgibt;  bald  in  gleicher  Weise  nur  die  blaue,  bald  endlich  nur
die  weiße  Figur.  Das  Ganze  liefert  ein  freilich  nur  plumpes  Bild
dafür,  was  unserem  geistigen  Blick  gegenüber  dem  menschlichen  Zusammenleben ­
  offen  steht!  Als  Gesamteindruck  bleibt  da  nur  die
„Schau“  möglich.  Unser  begriffliches  Denken  aber  heftet  sich  einseitig ­
  entweder  an  die  rote  oder  die  weiße  oder  die  blaue  Figur.  Das
hängt  von  der  Einstellung  des  Denkens  ab,  und  diese  entspricht  dem
        <pb n="683" />
        Ausklänge,  XXIII.

669

Problem,  unter  dessen  Gesichtswinkel  über  das  Zusammenleben  gedacht ­
  wird.
Zunächst  ist  es  Ein  großes  Problem,  das  so  recht  vom  Grund  aus
das  Zusammenleben  zu  bewältigen  erlaubt:  das  Problem  der  gestaltungsmäßig ­
  verbürgten  Dauer;  Dauer  im  Sinne  des  innerlich  erarbeiteten ­
  Bestandes  der  Gebilde,  bei  richtiger  Einpassung  in  die  Umwelt,
im  Sinne  also  der  gesicherten  Wiederkehr  des  erlebten  Geschehens.
Das  ist  jenes  Problem  der  Andauer,  das  sich  mit  dem  empirischen
Grundgedanken  alles  Lebens  überhaupt  berührt  —  soweit  eben  das
Leben  dem  begrifflichen  Denken  noch  zugänglich  bleibt.  Aber  dieses
Problem  spaltet  sich  notwendig  auf  und  begründet  so  durch  die  Dreizahl ­
  der  Grundprobleme  das  mehrerwähnte  Dreierlei  der  „engeren
Sozialwissenschaften“.  Stellt  man  beispielsweise  den  Blick  auf  das
Spiel  ein  zwischen  Bedarf  und  Deckung,  dann  hebt  sich  aus  dem
„Realobjekt“,  das  ist  allemal  das  menschliche  Zusammenleben,  der
Tatbestand  des  Wirtschaftslebens  heraus,  als  das  gesonderte  „Erkenntnisobjekt“ ­
  unserer  Wissenschaft.  Nationalökonomisch  denken  heißt,  das
menschliche  Zusammenleben  einseitig  zu  erfassen  als  Gestaltung  im
Geiste  dauernden  Einklangs  zwischen  Bedarf  und  Deckung,  um  so
auch  in  dieser  Weise  gestaltungsmäßig  verbürgte  Dauer,  Leben  zu
sehen;  in  diesem  Falle  Wirtschaft  als  Leben.  Und  in  dieser  Einseitigkeit ­
  des  Denkens  prägt  sich  jenes  fundamentale  Problem  aus,
von  dem  alle  übrigen  nationalökonomischen  Probleme  letzten  Endes
ausgehen.
Mit  so  verzweifelt  weiten  Vorgriffen,  in  Gestalt  loser  Andeutungen,
ist  natürlich  der  Klarheit  wenig  gedient.  Da  hilft  auch  die  fernere  Andeutung ­
  nicht  viel,  daß  jenes  Dreierlei  des  Gestaltung  suchenden  Denkens
—  eingestellt  bald  auf  den  Einklang  zwischen  Bedarf  und  Deckung,
bald  auf  den  Einklang  zwischen  Zwang  und  Freiheit,  bald  auf  den
inneren  Zusammenhalt  zu  Gemeinschaft  auch  empirisch  übereinstimme ­
  mit  drei  großen  Willensrichtungen  des  Lebens,  deren  ungefährer ­
  Zug  sich  recht  ungenau  in  den  drei  Schlagworten  malt.  Not,
Macht,  Liebe.  Vielleicht  aber  schwindet  wenigstens  das  Mißtrauen,  als
ob  das  Ganze  doch  nur  eine  umschreibende  Deutung  von  Worten
wäre.  Für  einen  so  geschlossenen  Gedankengang  könnte  die  Klügelei
aus  dem  Worte  heraus  ohnehin  nichts  fruchten.  Aber  selbst  wenn
alles  unklar  geblieben  wäre,  so  viel  sieht  man  mindestens  doch  ab,
daß  der  angedeutete  Gedankengang  weit  über  die  Fachwissenschaft
hinausdrängt,  dem  Punkte  zu,  wo  sich  abermals  alle  Fachwissenschaften
vom  Zusammenleben  in  ihrer  inneren  Einheit  bewähren  I
        <pb n="684" />
        670

p Freiheit  vom  Worte“,

XXIV.
Hier  rundet  sich  auch  das  Zwiegespräch  mit  der  Soziologie.
Drängen  jene  Grundfragen  der  Fachwissenschaft  ganz  in  der  Richtung,
daß  man  abermals  der  inneren  Einheit  aller  Fachwissenschaften  unseres
Kreises  gewahr  wird,  heißt  dies  nicht  wieder  Soziologie  treiben  ?  Ohne
Zweifel:  „Soziologie  als  Erkenntnislehre“  1  Es  gilt  da  ausgesprochen
erkenntniskritische  Leistungen,  ein  besinnliches  Versenken  in  den  Tatbestand ­
  des  Zusammenlebens,  tief  genug,  daß  man  es  absieht,  welcher
Art  Erkenntnis  überhaupt  und  wievielerlei  Erkenntnisweisen  im  besonderen ­
  dort  „möglich“  wären,  wo  das  menschliche  Zusammenleben
zum  Vorwurf  wird.
Grundsätzlich  steht  nichts  im  Wege,  dieses  heikle  Geschäft  als
eine  Aufgabe  ganz  für  sich  zu  besorgen.  Das  würde  sich  im  Stoffe
und  im  Ziele,  keineswegs  im  Vorgang,  ungefähr  damit  berühren,  wie
Othmar  Spann  die  Soziologie  überhaupt  auffaßt,  als  „Analyse  des
formalen  und  materialen  Gesellschaftsbegriffes“.  Ob  hier  tatsächlich
eine  Fachwissenschaft  vorliegt,  dazu  fällt  noch  ein  Wort.  Im  übrigen
verbietet  sich  ein  Austrag  an  dieser  Stelle.  Nur  soviel  bringt  sich  ganz
von  selber  hier  in  Erinnerung,  daß  ich  zwar  schon  die  längste  Zeit
von  Soziologie,  niemals  aber  —  oder  doch  einmal  nur  in  einem  ganz
abgesonderten  Sinne  —  von  „Gesellschaft“  gesprochen  habe,  geschweige
von  „dem  Gesellschaftsbegriff“  1  Ich  spreche  immer  vom  Tatbestand
des  menschlichen  Zusammenlebens.  Das  will  sagen,  ich  suche  für  jenen
Tatbestand,  der  so  wuchtig  tatsächlich  und  auch  gedanklich  so  unverwechselbar ­
  ist  wie  unser  eigenes,  ichbejahendes  Leben,  für  diesen
Tatbestand  suche  ich  nach  der  denkbar  harmlosesten,  unvorgreiflichsten
Wendung:  Zusammenleben,  als  Dauer  im  Wechselspiel  von  Leben  zu
Leben  der  Beteiligten.  Man  wird  es  vielleicht  herausfühlen,  wie  dies
nicht  eine  faule  Umschreibung  besagt,  sondern  gleichsam  ein  Zurücktreten ­
  auf  festen  Grund.  Das  hierdurch  ermöglichte  Totschweigen  der
„Gesellschaft“  aber  ist  weder  Marotte  noch  Mache,  sondern  imperativster
Zwang  der  richtigen  Gedankenführung  hier.  Selbst  wenn  man  menschliches ­
  Zusammenleben  und  Gesellschaft  so  weit  hin  gleichsetzt,  daß  man
„Gesellschaft“  als  das  Gebilde  ansieht,  in  welchem  das  Zusammenleben
aufgehoben  wäre,  so  unterläuft  hier  eine  „kategoriale  Verschiebung“,
die  nicht  weniger  problematisch  ist  als  der  Denkinhalt  des  Wortes
„Gesellschaft“  selber.  Man  kann  aber  doch  nicht  für  den  Kampf  gegen
die  „Herrschaft  des  Wortes“  plädieren,  um  die  ganze  Untersuchung
schließlich  und  geradeaus  in  den  gähnenden  Rachen  eines  der  problema ­
        <pb n="685" />
        Ausklänge,  XXIV.

671

tischsten  aller  Worte  hineinzujagen.  Denn  nicht  einfach  die  „Vieldeutigkeit“ ­
  dieses  Wortes  ist  die  Gefahr,  abermals  die  verstohlene
Problematik  dahinter!
Aus  welchem  Grunde  soll  jene  soziologische  Erkenntnislehre  nicht
auch  wieder  nur  eine  Spielart  der  „Soziologie“  als  „Fachwissenschaft“
sein?  Ich  stelle  die  Gegenfrage:  Was  führt  dazu,  derlei  Erkenntnislehre ­
  zu  treiben?  Doch  vor  allem  die  Absicht,  in  der  eigenfachlichen
Theorie  mit  besonderem  Vorbedacht  zu  verfahren,  selbstbesonnen.
Dies  scheint  mir  der  typische  Fall,  an  „Soziologie  als  Erkenntnislehre“
zu  arbeiten.  Somit  breitet  sich  hier  ein  Arbeitsfeld  aus,  das  aus  Zwang
der  Lage  von  ganz  verschiedenen  Seiten  her  bestellt  werden  muß,  von
all  den  verschiedenen  Fachwissenschaften  her.  Schlechthin  ein  Grenzgebiet ­
  ist  es  sicherlich  keines.  Zwar  stoßen  alle  „inbegriffiich-soziologischen“
  Fachwissenschaften  hier  tatsächlich  zusammen;  aber  sie  tun
es  in  der  bedeutsamen  Art,  daß  sie  alle  sich  hier  in  ihrer  höchsten
theoretischen  Zuspitzung  zusammenfinden,  ausdrücklich  je  mit  ihrem
Kerngebiet.  Auch  eine  „Theorie  der  Theorien“  ist  es  nicht  in  dem
gewöhnlichen  Sinne,  der  schließlich  für  alles  Methodologische  zutrifft.
Auch  das  ist  es  vielmehr  in  jenem  tiefsten  Sinn,  daß  hier  für  alle
Fachwissenschaften  das  gemeinsame  Herz  ihrer  Problematik  schlägt
Dieses  Arbeitsfeld  ist  einzigartig  schon  deshalb,  weil  jede  Fachwissenschaft ­
  an  dieser  Stelle  befugtermaßen  in  eigener  Sache  spricht;  und
doch  pfuscht  sie  hier  den  übrigen  ins  Handwerk!  Haben  doch  auch
diese  ihre  eigene  Sache  zu  vertreten.  Auf  dieses  Arbeitsfeld  muß  sich
früher  oder  später  jede  der  Fachwissenschaften  hinauswagen.  Denn
für  jede  steht  hier  das  Ureigenste  ihrer  Haltung  als  Wissenschaft  in
Frage.  So  handelt  es  sich  für  jede  um  eine  wahre  Gewissenserforschung.
Kann  man  sich  dieses  höchst  persönliche  Geschäft  nun  gleichsam  gewerbsmäßig ­
  von  einem  Dritten  besorgt  denken,  der  hier  für  alle  im
„übertragenen  Wirkungskreis“  tätig  wäre,  so  daß  er  dieses  seltsame
Arbeitsfeld  bestellt,  gleich  einer  richtigen  Fachwissenschaft?
Freilich,  im  Grundsätze  darf  auf  dieses  Gebiet  die  Philosophie
Anspruch  erheben,  von  ihrem  Beruf  her  als  Wissenschaftslehre.  Auf
ihrer  Seita  ist  sehr  viel  Erfreuliches  geleistet  worden.  Die  Namen
Dilthey,  Windelband  und  Rickert,  Schuppeund  Münsterberg, ­
  Scheler  und  Lask,  Husserl  und  Spranger,  Simmel
nicht  zuletzt,  liefern  rühmlichste  Beispiele.  Aber  die  unerfreulichen  Beispiele ­
  fehlen  auch  nicht.  Die  Formel,  mit  der  neuestens  Vaihinger  die
nationalökonomische  Theorie  seiner  „Als-ob“-Philosophie  einschachtelt,
scheint  hier  seitab  zu  bleiben.  Denn  ihm  ist  es  überhaupt  nur  um
Fiktionen  zu  tun.  Wo  aber  schier  alles  Fiktion  ist,  wie  in  der  „Güter ­
        <pb n="686" />
        672

.Freiheit  vom  Worte“.

/

lehre“,  wie  lehrreich  hätte  da  für  beide  Teile  eine  nur  etwas  tiefere
Analyse  ausfallen  können  I  Als  Beispiel  aus  etwas  früherer  Zeit  lese
man  nach,  auf  welcher  bescheidenen,  die  Verzeihlichkeiten  der  communis
opinio  kaum  überragenden  Höhe  sich  die  Ausführungen  halten,  mit
denen  Wilhelm  Wundt  in  seiner  Logik  der  Nationalökonomie  den
Paß  ausstellt.  Niemand  wird  so  beschränkt  sein,  daß  er  der  eigenen
Meinung  zu  Gefallen  gleich  eine  vernichtende  Kritik  erwartet.  Aber
doch  Kritik  überhaupt,  nicht  bloß  immerzu  die  gar  nicht  neue  Art,
über  die  alte  Misere  duldsam  hinüber  zu  sprechen  I  Die  Gefahr,  die
solcher  „Gewissenserforschung  im  Hauptberuf“  droht,  liegt  ja  auf  der
Hand;  die  Gefahr,  daß  da  Klitterungen  ohne  Seele  herauskommen,
die  an  das  Leben  der  Fachwissenschaft  gar  nicht  heranfinden;  und
nicht  nur,  weil  eine  bloße  Einfühlung  in  das  Um  und  Auf  der  Facharbeit ­
  niemals  deren  Erlebnis  aufwiegen  kann.  Mehr  noch,  weil  diesem
gewerbsmäßigen  Tun  überhaupt  der  tiefere  Sinn  versagt  bleibt,  der
Sinn  heißen  Ringens  nach  der  Selbstbesinnung  über  das  lebenfüllend
eigene  Tunl
Solches  Ringen  ist  die  Soziologie  der  hier  gemeinten,  sublimsten
Art,  sein  Preis  aber  die  Allwirtschaftslehre,  verstanden  als  nationalökonomische ­
  Theorie,  geläutert  in  soziologischem  Geiste  —  im  Geiste
Max  Webers!
        <pb n="687" />
        Die  Wirtschaftliche  Dimension
Eine  Abrechnung  mit  der  sterbenden  Wertlehre

1923

Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.

43
        <pb n="688" />
        Einleitung.

Mit  den  Untersuchungen,  deren  erste  ich  hier  vorlege,  hätte  ich
•ebensogut  schon  vor  Jahren  hervortreten  können,  gleich  nach  meinen
frühesten  Schriften,  über  den  „Wertgedanken“  und  über  die  „Herrschaft ­
  des  Wortes“.  Damals  aber  predigte  solche  Kritik  noch  tauben
Ohren.  Inzwischen  hat  die  Zeit  ihr  Werk  getan,  und  mir  den  Gefallen,
daß  ich  von  einer  „sterbenden“  Wertlehre  sprechen  darf,  was  doch
einstens  halb  als  Anmaßung,  halb  als  toller  Einfall  geklungen  hätte.
Aber  spricht  nicht  schon  dieser  Wandel  dem  verspäteten  Beginnen  das
Urteil?  Wozu  der  Aufwand  an  Kritik  noch  Dingen  gegenüber,  die
sich  ganz  von  selber  überleben  1
Diese  wie  bei  Münchhausen  eingefrorne  Trompete  taut  allerdings
nicht  deshalb  auf,  um  der  nationalökonomischen  Wertlehre  schnell
noch  Halali  zu  blasen,  bevor  ein  aufwachsendes  Geschlecht  selbst  dies
nicht  mehr  hören  will.  Meine  persönliche  Absicht  dabei  brauche  ich
nicht  zu  verhehlen:  Mit  der  Reihe  dieser  Aufsätze  suche  ich  von
aller  fachlichen  Polemik  ein  kom  m  endes  Buch  zu  entlasten, ­
  das  seine  Sache  in  voller  Ruhe  sagen  will.  Aber
diese  Abrechnung  mit  der  hergebrachten  Art,  nationalökonomische
Theorie  zu  treiben,  rechtfertigt  sich  auch  für  ihren  eigenen  Teil.
Die  Wertlehre  selber  spielt  hier  tatsächlich  nur  den  Sack,  den  die
Kritik  schlägt.  Was  Diese  eigentlich  meint,  ist  die  Denkweise  überhaupt, ­
  von  der  alle  die  „Lehren“  getragen  sind,  an  denen  unsere  fachliche ­
  Theorie  würgt  5  auf  die  ganze  Grundbegrifielei  ist  es  gemünzt,
auf  die  Herrschaft  des  Wortesl  Gewiß  hat  es  etwas  Erfreuliches,
daß  doch  wenigstens  jenes  der  „herrschenden“  Worte  langsam  ab  wirtschaftet, ­
  von  dem  sich  zeigen  soll,  wie  es  dem  theoretischen  Denken
€ inen  bedeutsamen  Tatbestand  fast  umnebelt  und  dafür  ein  Scheinproblem ­
  vorgetäuscht  hat;  indem  es  vor  allem  nach  jenem  wahnhaften
^Allpreisgrund“  haschen  läßt,  mit  dem  die  Erklärung  des  ganzen
Größenspiels  der  Wirtschaft  auf  einen  einzigen  Posten  gebracht  wäre.
Phne  sich  darüber  recht  klar  zu  sein,  verzichtet  man  neuerdings
immer  häufiger,  noch  weiterhin  in  der  üblichen  W  eise  nach  dem
•»Wert“  zu  fragen,  einfach  unter  dem  Eindruck,  daß  nichts  dabei  herauskommt; ­
  und  so  versucht  man  es  mit  einer  „wertfreien“  Theorie  der
43*
        <pb n="689" />
        676

,Die  Wirtschaftliche  Dimension“,

wirtschaftlichen  Größen.  Allein,  auf  diesem  rein  empirischen  Wege
gelingt  die  Läuterung  unserer  fachlichen  Theorie  doch  nur  scheinbar.
Nach  wie  vor  wird  unbeirrt  danach  gefragt,  was  „Kapital“  ist,  was
„Grundrente“,  was  „Produktivität“,  und  so  weiter.  Nach  wie  vor
räumt  dies  einem  Kreise  vorgegebener  Worte,  den  sogenannten
„Grundbegriffen“,  die  Vollmacht  ein,  dem  theoretischen  Denken  zugleich ­
  die  erste  Einstellung  und  die  letzte  Ausrichtung  zu  geben.  Und
hier  käme  es  doch  offenbar  darauf  an,  daß  man  an  Stelle  dessen
die  grundlegendsten  Probleme  der  Theorie  in  geschlossenem ­
  Zusammenhang  entwickelt!  So  aber  stammelt
man  immerzu  diese  Worte  in  fragender  Form.  Bloße  Worte  vertreten  die
Probleme,  begraben  sie  unter  sich.  Wenn  also  auch  die  Wertlehre  stirbt,  das
„wortgebundene“  Denken  und  Erkennen  nicht  mit  ihr.  So  bliebe  es  auch  mit
allen  Schäden  dieser  Denkweise  beim  alten;  darum  muß  Kritik  eingreifen.
Weniger  das  Quantum  als  das  Quäle  der  Erkenntnis,  die  auf
so  naivem  Wege  gesucht  wird,  leidet  durch  diese  Naivität  Schaden.
Selbst  in  der  Wertlehre,  wo  so  viel  redliches  Streben  nach  Erkenntnis
schuldlos  in  die  Irre  geht,  weil  es  dem  Trug  des  Wortes  zum  Opfer
fällt,  selbst  da  vermag  die  nachprüfende  Kritik  immer  noch  eine  reiche
Ernte  einzuheimsen,  an  zum  Teil  schätzbarster  Erkenntnis.  Aber  dieser
Erkenntnis,  hier  und  in  den  anderen  „Lehren“,  mangelt  einmal  schon
der  rechte  Zusammenhang.  Daran  fehlt  es  innerhalb  der  eigenen
Wissenschaft,  fehlt  es  nicht  minder  auch  nach  anderen  Wissenschaften
hin,  soweit  sie  gemeinsam  die  erlebte  Wirklichkeit  geistig  zu  bewältigen
suchen.  Beim  Ausgang  vom  Worte,  statt  von  klar  entwickelten  Problemen ­
  auszugehen,  kommt  als  Ergebnis  nichts  heraus,  was  nicht  als
fachliche  Theorie  unfruchtbar,  als  Erkenntnis  an  sich  aber  fachwissenschaftlich ­
  verschroben  wäre.  Besonders  darüber  habe  ich  mich  in  einer
kürzlich  erschienenen  Schrift  ausgesprochen;  ihr  Titel  sagt  es,  wohin
der  Weg  ins  Freie  geht:  „Freiheit  vom  Worte“l
Aber  es  lauern  noch  andere  Schäden  hinter  dieser  Bindung  an
das  Wort.  Ihnen  kommt  man  richtig  nur  bei,  sofern  man  den  Dingen
da  und  dort,  an  einigen  Stellen  wenigstens,  ganz  auf  den  Grund  geht..
Weder  vor  der  verzweifeltsten  Haarspalterei  darf  man  dann  zurückschrecken, ­
  noch  vor  den  weitesten  Umwegen,  wenn  bloß  diese  in  den
Kern  der  Sache  Einlaß  gewähren.  Diese  Untersuchungen  geben  sich
dazu  her.  Weil  sie  aber  darüber  schier  ungenießbar  werden,  besonders
die  vorliegende,  bedürfen  sie  gleichsam  eines  Vorschusses  an  Rechtfertigung. ­
  Deshalb  nehme  ich  hier  eines  ihrer  letzten  Ergebnisse
in  Kürze  vorweg,  mit  der  Andeutung,  was  sich  als  der  eigentliche
Schaden  wortgebundenen  Denkens  herausstellen  soll.
        <pb n="690" />
        Einleitung.

6  77

Unter  der  Herrschaft  des  Wortes  entartet  alle
Theorie  zu  wirtschaftspolitischer  Stellungnahme.  Sie
verfallt  der  strengen  Bindung  an  den  „Standpunkt“!  Mit  voller
Absicht  wähle  ich  den  Ausdruck  „wirtschaftspolitischer  Standpunkt“,
um  nicht  dem  lächerlichen  Schwulst  des  Alltags  zu  folgen,  der  hier
sofort  von  „Weltanschauungssache“  reden  ließe.  Gemeint  aber  ist  es
so,  daß  in  der  nationalökonomischen  Theorie  Vorurteile  nicht  erst
dort  ihr  Unwesen  treiben,  wo  ausdrückliche  „Werturteile“  gefällt  werden,
Urteile  nämlich,  die  über  das  Gesinnungsrichtige,  namentlich
hinsichtlich  dessen  ergehen,  was  „sein  soll“:  nein,  schon  die  Theoreme ­
  selber,  und  gleich  die  grundlegendsten,  besagen  eitel  Stellungnahme ­
  !  Der  Zwang  zu  einer  innerlichen,  ungeprüften,  unerschütterlichen ­
  Einstellung  lastet  auf  ihnen.  So  wurzelt  die  Theorie,  auf  deren
Grundlage  man  überhaupt  erst  urteilt,  selber  schon  im  logisch  Verantwortungslosen ­
  der  Gesinnung;  gleichviel,  was  wieder  zu  dieser
verwoben  ist,  Seelenstimmung,  Interessenlage,  oder  was  immer,  bestenfalls ­
  auch  so  etwas  wie  Lebensanschauung  überhaupt.  Kurz,  alle
nationalökonomische  Theorie  der  hergebrachten  Art  ist  gleichsam
schon  in  der  Wolle  gesinnungstreu  gefärbt!
Logisch  genommen,  führt  zwar  selbst  das  grundlegendste  Theorem
wieder  auf  Urteile  zurück,  im  Sinne  seiner  Gestaltung  als  Begriff.  So
müßte  man  zugeben,  daß  hier  abermals  „Werturteile“,  Urteile  über
das  Gesinnungsrichtige  in  Frage  kämen;  freilich  unausgesprochen,  nur
mittelbar  damit  gefällt,  daß  man  das  Theorem  so  und  nicht  anders
gestaltet.  Wie  aber  in  das  Gestalten  der  Theoreme  immer  schon  Gesinnung ­
  hineinredet,  wird  sich  auch  anders  und  greifbarer  erläutern
lassen:  durch  die  unbefugte  Rolle,  die  beim  Vollzüge  des
Erkennens  das  Wort  spielt!  Wo  eben  nicht  das  Problem  das
erkennende  Denken  bewegt,  das  aus  dem  Zusammenhang  mit  seinesgleichen ­
  klar  entwickelte  Problem,  da  drängt  sich  das  problemvertretende, ­
  das  „herrschende“  Wort  ein,  und  entfaltet  insgeheim  die
geistigen  Kräfte,  die  ihm  für  den  Bereich  der  fachlichen  Theorie  so
eigentümlich  zugewachsen  sind.  Daraufhin  rollt  sich  das  Problem  nur
so  weit  auf,  daß  der  Theoretiker  die  Eingebung  vom  Worte  her,  und
Uber  das  Wort  hinweg,  gleich  als  Lösung  empfindet.  Die  transverbale
Intuition,  um  es  so  zu  nennen,  entscheidet  dann  an  letzter  Stelle  über
di e  Erkenntnis;  und  sie  ist  es,  die  alle  Erkenntnis  dem  logisch  Verantwortungslosen ­
  der  Gesinnung  ausliefert.  So  wird  das  Wort  zum
Ku Ppler  dafür,  daß  sich  unser  Denken  unserem  Wollen  und  Fühlen
schlechterdings  preisgibt.
Und  die  Folge  davon?  Die  ganze  nationalökonomische  Theorie,
        <pb n="691" />
        678

„Die  Wirtschaftliche  Dimension“

bis  zu  ihren  letzten,  grundlegendsten  Inhalten  zurück,  spaltet  sieb
rein  gesinnungsmäßig  auf;  eigentlich  von  Theoretiker  zu  Theoretiker, ­
  fürs  Grobe  aber  von  Schule  zu  Schule,  mit  einem  ganz  unüberbrückbaren ­
  Abstand  zwischen  ihnen.  Heute  kann  man  jeden  nationalökonomischen ­
  Theoretiker  mit  den  Worten  anreden:  Sage  mir,  wie
Du  über  „Wert“  oder  doch  über  „Kapital“  denkst,  über  „Produktivität“, ­
  „Rente“,  „Zins“  und  so  fort,  und  ich  sage  Dir,  wer  Du  bist
und  wo  Du  hinauswillst  mit  der  Wirtschaft  1  Allerdings,  man  braucht
es  bloß  auf  diese  Formel  zu  bringen,  und  sofort  verliert  es  das  Ansehen
des  Ungehörigen.  So  gewendet,  wird  man  mir  die  geschilderte  Verfassung ­
  unserer  Theorie  bereitwillig  zugeben  und  dem  nur  mit  zweierlei ­
  Einrede  begegnen.  Die  Einen  wohl  mit  der  Frage:  Kann  es
denn  anders  sein?  Die  Anderen  mit  der  Frage:  Soll  es  denn
anders  sein?  Beiden  sei  nun  kurz  erwidert.
Kein  Zweifel,  auch  unser  erkennendes  Denken  bleibt  stets  in  dem
Kampf  gegen  all  das  verstrickt,  was  wir  fühlen  und  wollen.  Aber
dieser  Kampf  wird  in  Gestalt  der  Wissenschaft  immer  um  einen  Preis
geführt;  und  der  ist  Erkenntnis,  die  für  jedermann  ihrer  selbst  gewiß
und  ihrer  inneren  Einheit  sicher  bleibt.  Dieser  Kampf  ist  praktisch
bloß  den  Wissenschaften  unseres  Kreises  aufgezwungen,  bei  denen
das  erfahrende  Denken  die  erlebte  Wirklichkeit  nicht  ihres  erlebten
Zusammenhangs  beraubt.  Drüben,  bei  den  Naturwissenschaften,  auf
ihrem  ganz  anderen  Horizont  der  Erfahrung,  da  ist  nach  dem  Kantschen
  Wort  allemal  soviel  an  eigentlicher  Wissenschaft  vorhanden,  als
in  Wissenschaft  Mathematik  enthalten  ist.  Für  unsere  Gebiete  verliert
dieses  Wort  jeglichen  Sinn.  Bei  uns  ist  an  Wissenschaft  soviel  vorhanden, ­
  als  jener  Kampf  zu  Sieg  ausklingt,  das  will  sagen,  soweit  das
erkennende  Denken  nicht  doch  wieder  in  Bekenntnis
stecken  bleibt,  vielmehr  sich  durchringt  zu  echter  Erkenntnis,  im
Walten  gesinnungsfreien  Denkensl  Dahinzu  ringt  wohl  auch
die  „mathematische  Methode“  in  unserer  Wissenschaft,  als  ein  verzweifelter, ­
  aber  hoffnungsloser  Vorstoß.  Die  Rechnung  stimmt.  Aber
in  ihren  Ansätzen  steckt,  zugleich  mit  allen  Fehlern  und  Vorurteilen
des  wortgebundenen  Denkens,  auch  die  Gesinnung  I  Wie  ja  überhaupt
dabei  nichts  herauskommt,  was  nicht  hineingesteckt  wäre,  und  allein
schon  das  Rechnen  auf  solchen  Gebieten  selber  das  Urteil  fällt:  Gute
Rechner  vielleicht,  schlechte  Mathematiker  sicher!
Die  volle  Läuterung  vom  Vorurteil  mag  uns  ewiglich  verwehrt
bleiben;  sicher  nur  im  ewigen  Streben  danach  erfüllt  sich  Wissenschaft. ­
  Daher  verknüpft  es  sich  schon  mit  der  Idee  der  Wissenschaft, ­
  daß  alle  Urteile  über  das  Gesinnungsrichtige,  alle  „Werturteile“
        <pb n="692" />
        Einleitung.

679

ausscheiden;  sie  führen  ja  immer  nur  zu  Bekenntnissen.  Der  Kampf  aber
gegen  die  Herrschaft  des  Wortes  geht  noch  einen  Schritt  folgerichtig
weiter.  Gilt  er  doch  jenen  verhohlenen  „Werturteilen“,  die  schon  in
den  Theoremen  selber  stecken,  solange  das  Wort  über  das  Denken  ungebührlich ­
  Gewalt  übt,  Erkenntnis  umbeugend  zu  Bekenntnis.
Freilich  werden  sich  niemals  alle  Wurzeln  glatt  zerschneiden  lassen,
an  denen  unser  Denken  auch  insgeheim  emporwächst  aus  dem  logisch
Verantwortungslosen  der  Gesinnung;  selbst  dann  nicht,  sobald  der
Ausgang  vom  Worte  vermieden  bleibt.  Auch  die  offene  und  klare
Entfaltung  der  Probleme,  in  ihrem  alles  entscheidenden  Zusammenhang,
wird  immerzu  im  Schatten  unserer  Vorurteile  stehen.  So  wird  vermutlich ­
  um  diese  Probleme  nicht  minder  heftig  gestritten  werden.
Aber  gerade  dieser  Streit  demaskiert  die  Vorurteile,  bevor  noch  die
Lösungen  vorweg  und  blindlings  auf  sie  eingeschworen  sind.  Das
Vorurteil  mauert  sich  da  nicht  so  verbissen  ein,  wie  in  der  Form  der
transverbalen  Intuition,  die  ja  logisch  ungreifbar  ihr  dunkles  Werk  besorgt. ­
  Es  liegt  auf  der  Hand,  in  dieser  Hinsicht  ist  das  Wort  der
Feind  des  Denkens,  und  seine  erkenntnisbeugende  Macht  will  immer
erst  gebrochen  sein.
Den  wirtschaftspolitischen  Kampf  selber  schafft  natürlich  auch  die
reifste  Theorie  nicht  aus  der  Welt.  Überhaupt  nur  soweit,  als  dieser
Kampf  von  Überzeugung  zu  Überzeugung  auch  mit  geistigen  Waffen
ausgefochten  wird,  berührt  er  sich  mit  der  Wissenschaft;  denn  nur
diese  weiß  ihm  solche  Waffen  zu  liefern.  Aber  diese  Waffen  sind  vergiftet, ­
  solange  der  Gegensatz  der  Gesinnung  noch  im  Herzen  der
Wissenschaft  selber  nistet.  Dann  wähnt  man,  um  Erkenntnis  zu
streiten,  und  gleich  mit  den  grundlegendsten  Theoremen  wirft  man
sich  gegenseitig  eitel  Bekenntnisse  an  den  Kopf.  Diese  g,fegen  Waffen
verbittern  bloß  den  Kampf  im  Leben  draußen.  Was  aber  hatte  denn
eine  gesinnungsmäßig  zerrissene  Wissenschaft  dem  Leben  sonst  noch
an  bieten  I  Allerdings,  das  Amt  des  Richters  im  Streite,  das  käme  der
Wissenschaft  überhaupt  nie  zu,  ebensowenig  die  Rolle  des  Führers.
Beides  ist  praktische  Tat,  gleich  aller  schöpferischen  Gestaltung,  liegt
mithin  jenseits  der  Wissenschaft.  Dieser  aber  bleibt  selbst  ln  Sachen
des  wirtschaftspolitischen  Kampfes  genügend  vie  zu  eIS  cn  u  n g-Dem
  Leben  gegenüber  muß  sich  die  Wissenschaft  als  das  große  geistige
Arsenal  bewätoe»,  dem  der  Kampf  der  Gesinnungen  ehrliche  Waffen
au  entnehmen  vermag,  der  Richter  richtig.  Maßstabe,  der  Fuhre,  klaren
überblick  und  vollen  Aufschluß,  der  schöpferisch  Gestaltende  aber
Vorbild  und  Richtschnur.  Das  sind  Ansprüche,  die  vom  Leben  selber
an  die  Wissenschaft  gestellt  werden,  und  ihnen  kommt  sie  gewiß  nur
        <pb n="693" />
        68o

,Die  Wirtschaftliche  Dimension“,

in  dem  Maße  nach,  als  sie  sich  frei  ringt  von  den  Vorurteilen  der  Gesinnung. ­
  Je  wilder  bewegt  die  Wirtschaft  einer  Zeit,  desto  bedürftiger
ist  sie  eines  solchen  geistigen  Arsenals,  desto  mahnender  die  Forderung,
es  zu  schaffen.
Wäre  damit  nicht  gleich  auch  der  zweiten  Einrede  begegnet?
Wenn  das  Leben  selber  nach  Wissenschaft  verlangt,  Wissenschaft  sich
aber  an  Erkenntnis,  Erkenntnis  an  gesinnungsfreies  Denken  bindet,
darf  man  da  weiter  noch  fragen,  ob  es  anders  auch  sein  soll,  als  es
heute  unter  der  Herrschaft  des  Wortes  ist?  Allein,  als  eine  vernehmbare ­
  Stimme  unserer  Zeit  ist  diese  zweite  Einrede  keineswegs  von  so
einfachem  geistigen  Klang,  um  die  Dissonanz  zu  ihr  so  eins  zwei  durch
ein  logisches  Räsonnement  aufzulösen.  Wenn  es  bloß  der  Vorwurf
wäre,  daß  Wissenschaft  um  so  farbloser  und  innerlich  kälter  wird,  je
geflissentlicher  sie  sich  von  aller  Gesinnung  löst,  dem  würde  man  leicht
begegnen  können.  Dieser  Vorwurf  träfe  doch  nur  die  Persönlichkeit,
die  Wissenschaft  zu  treiben  hat,  nicht  aber  die  Art,  in  der  Wissenschaft ­
  zu  treiben  ist  I  Persönlichkeit  ohne  Gesinnung,  nein.  Das  wissenschaftliche ­
  Denken  aber  wäre  ein  armselig  Ding,  stünde  es  in  Farbe
und  Wärme  stets  nur  einer  Gesinnung  zu  Lehen.  Je  gesinnungsfreier
das  Denken,  um  so  mehr  ist  es  etwas  schwer  Erkämpftes,  dieser  Kampf
aber  ohne  Leidenschaft  kaum  zu  führen.  Ist  diese  Leidenschaft  wahrhafter ­
  Erkenntnis  noch  gar  nicht  erwacht,  gibt  sich  das  Denken  noch
blindlings  dem  Worte  preis,  dann  freilich  muß  es  Farbe  und  Wärme
von  der  Gesinnung  erborgen,  der  es  ausgeliefert  bleibt.  Je  hinreißender
sich  naive  Theorie  aufspielt,  desto  mehr  zahlt  sie  mit  dieser  falschen
Münze.  Just  in  unserer  Wissenschaft  ist  es  immer  noch  der  sicherste
Weg  zum  „Namen“,  daß  man  irgendeiner  gesinnungsmäßigen  Entwicklung ­
  laut  schreiend  vorausläuft.  Bald  dem  „Freihandel“,  bald  dem
„Schutzzoll“,  bald  der  „Hebung  der  unteren  Klassen“,  bald  der  „Erhaltung
der  Substanz“.  Mit  Wissenschaft  hat  dies  nichts  zu  schaffen.  Wissenschaft ­
  steht  höher,  um  bloß  das  Megaphon  für  Gesinnungen  zu  spielen.
Die  zweite  Einrede,  richtig  verstanden,  führt  übrigens  viel  zu  sehr
in  die  letzten  Tiefen  der  Zeit,  unmöglich  läßt  sich  ihr  hier  Rede  stehen.
Was  aus  ihr  spricht,  ist  innere  Abkehr  von  der  Wissenschaft,  wie  sie
ist,  oder  gar  von  Wissenschaft  überhaupt.  Gerade  nur  soviel  in  diesem
Zusammenhang,  daß  weder  das  Eine,  noch  das  Andere  ganz  unverständlich ­
  erscheint.
An  der  Abkehr  von  der  Wissenschaft,  wie  sie  ist,  trägt  diese  wohl
auch  selber,  und  nicht  zuletzt  unser  Fach,  die  Schuld.  Wie  schwer
wiegt  allein  schon  der  Umstand,  daß  sich  mit  der  Naivität  des  wortgebundenen ­
  Erkennens  eine  weitere  Kinderkrankheit  verbindet:  die
        <pb n="694" />
        Einleitung.

681

unselige  Sucht  unserer  Wissenschaften,  es  der  mechanistischen  Naturwissenschaft ­
  gleichtun  zu  wollen,  um  nur  ja  der  Technik  des  Geschäftes
nachlaufen  zu  können.  Dem  Leben,  das  eitel  Gestaltung  und  Schicksal
ist,  sind  diese  Disziplinen  Erkenntnis  schuldig  und  spotten  ihrer  selbst,
indem  sie  Größenprobleme  allen  voransetzen,  um  so  nicht  minder  in
der  Rechnung  stets  das  letzte  Wort  zu  suchen.  Was  macht  schließlich
der  durchschnittliche  Theoretiker  unseres  Faches  aus  der  Wirtschaft?
Eine  Welt  des  autonomen  Objekts,  eine  „Güterwelt“,  und  ihr
gegenüber  setzt  er  eine  Puppe,  den  „Hampelmann  des  Erwerbs“;  so
muß  man  es  wohl  nennen,  was  da  als  Ersatz  sich  aufspielt  für  die
repräsentativen  Subjekte  der  Gebilde,  aus  denen  sich  die  Wirtschaft
als  Leben  aufbaut.  Damit  ist  das  Szenarium  gestellt,  um  nun  mit  einer
platten  Mechanik  des  Größenspieles  in  der  Wirtschaft  aufzuwarten.
Wenn  solche  Dinge  als  Lösung  dort  geboten  werden,  wo  man  Erkenntnis ­
  des  Lebens  sucht,  soll  dies  auf  Wissenschaft  erpicht  machen?
Soll  dieses  Puppentheater  denen  Respekt  einflößen,  die  sich  in  einer,
auch  geistig  so  schwer  ringenden  Zeit  der  Wissenschaft  nähern?
Kein  Eindruck  aber  ist  so  nachhaltig  und  verhängnisvoll  zugleich,
als  der,  daß  in  unserer  Theorie,  von  der  ersten  Grundlegung  bis  zur
„letzten  Wahrheit“,  nichts  gesagt  werden  kann,  was  nicht  vom  „Standpunkt“ ­
  abhinge.  Nur  der  Fachmann  stumpft  gegen  diesen  Eindruck
ab  und  hilft  sich  so  oder  so  darüber  hinaus.  Entweder  rettet  er  sich
auf  eine  „mittlere  Linie“,  oder  er  täuscht  sich  „Übereinstimmungen“,
»feststehende  Wahrheiten“  vor,  die  im  Grunde  nur  seine  eigene
Stellungnahme  widerspiegeln.  Aber  die  Tatsache  schroffer  und  eben
auch  gesinnungsmäßiger  Zerklüftung  unserer  Theorie  bleibt  aufrecht,
ihre  förmliche  Selbstverneinung.  Wo  ist  da  nun  Wahrheit?  Nichts
kann  erschütternder  sein  als  diese  völlige  Erschütterung  alles  Glaubens
an  unerschütterliche  Erkenntnis.  Was  geboten  wird,  gibt  sich  für  Erkenntnis ­
  aus,  ist  letzten  Endes  doch  nur  Bekenntnis,  als  das  aber  von
einer  ungewollten  Unaufrichtigkeit!  Gut,  dann  lieber  gleich
ein  Bekenntnis  offen  und  frei,  man  folgt  der  Fahne,  die  frisch
voranweht  —  statt  nur  über  ihre  Fetzen  intellektuell  zu  stolpern.  Ist
dieses  Räsonnement  so  unberechtigt?  Kein  Zweifel,  es  treibt  im  Unterbewußtsein ­
  der  Zeit  sein  Wesen.  Ein  Zustand  aber,  wo  ehrliches,
'wahrheitsuchendes  Denken,  wie  es  aufgerüttelt  ist  von  der  Unruhe
dieser  Zeit,  sich  schon  gefühlsmäßig  abkehren  muß  von  der
Wissenschaft,  kann  unmöglich  ein  gesunder  sein.  Dies,  so  will  es  mir
scheinen,  gibt  erst  recht  der  Kritik  das  Wort.
        <pb n="695" />
        Inhaltsübersicht.

Einleitung.
Entgegen  der  Herrschaft  des  Wortes  in  der  Nationalökonomie  erhebt
sich  die  Forderung  problembewußten  Denkens  und  gesinnungsfreier  Erkenntnis.

I.  Anlauf  der  Kritik.
1.  Der  Streit  um  die  Äquivalenz  beim  Tausche,  als  Angriffspunkt  der  Kritik.
2.  Der  Satz  von  den  „ungleichen  Werten“,  im  Sinne  eines  „Wertgewinns“ ­
  beim  Tausche,  stützt  sich  bloß  auf  eine  hohle  Redensart.
II.  Vom  Tatbestand  der  Wirtschaftlichen  Dimension.
1.  Der  Satz  von  den  „gleichen  Werten“  stützt  sich  mittelbar  auf  den
Tatbestand  der  Wirtschaftlichen  Dimension,  als  die  wirtschaftlich  charakteristische ­
  Zahl  des  Objekts,  vom  Belang  einer  geltenden  Größe.
2.  Im  Gegensatz  zum  Tatbestand  des  „Preises*',  als  fallweises  Verhältnis
der  tauschgepaarten  Mengen,  spielt  die  geltende  Größe  der  Wirtschaftlichen
Dimension  die  doppelte  Rolle:  einerseits  als  Richtschnur  aller  Veranschlagung,
andererseits  als  begründete  Erwartung  künftiger  Preise,  Preishoffnung.
3.  Die  Wirtschaftliche  Dimension,  als  der  notwendige  Anhalt  beim  Entschluß ­
  zu  Tausch  und  Preis,  wird  zur  bestimmenden  Norm  des  Tausches.
4.  In  der  Wirtschaftlichen  Dimension,  als  dem  preisbestimmend  Preisbestimmten, ­
  erscheinen  Vergangenheit  und  Zukunft  der  Preise  verwoben.
5.  Kraft  des  grundsätzlichen  Verhältnisses  der  Preisstetigkeit,  führt  jeder
Tausch  eine  beiderseitige  Stellungnahme  zur  Wirtschaftlichen  Dimension  herbei,
mit  der  Wirkung  eines  Fortspinnens  der  Preisreihe,  selbst  bei  sprunghaftem
Wechsel  der  Preishöhe.
6.  Dem  Tatbestand  der  Wirtschaftlichen  Dimension,  auffaßbar  als  „Allpreisfolge“, ­
  setzt  die  engere  Wertlehre  die  Hypothese  vom  „Allpreisgrund“
gegenüber.
7.  Die  Spielarten  der  Wirtschaftlichen  Dimension:  a)  Üblicher  Preisstand. ­
  b)  Fällige  Preishöhe.
        <pb n="696" />
        Inhaltsübersicht.

683

8.  Gegenüber  dieser  „wirtschaftsusuellen“  und  „wirtschaftsaktuellen“  noch
c)  die  „wirtschaftsokkasionelle“  Dimension,  als  Errechntes  (hierzu  „Ertragswert“ ­
  usw.).  Erste  Sonderung  zwischen  den  Theorien  der  „Wert-Kalkulation“
(„privatwirtschaftliche“  Werttheorien),  der  „Wert-Ethik“  (z.  B.  Kirchenväter),
der  „Wert-Analytik“  (z.  B.  „Klassiker“),  der  „Wert-Pragmatik“  (z.  B.  „Grenznutzenlehre“) ­
  und  der  „Wert-Metaphysik“  (z.  B.  Karl  Marx).
9.  Die  Wirtschaftliche  Dimension  erstmals  gedeutet,  als  der  vereinheitlichte ­
  Ausdruck  der  Tauschgeschicke  eines  Objektes,  in  Gestalt  einer  Anzahl
von  Geldeinheiten.
10.  Vom  Aberglauben  eines  „Schätzens  des  Wertes“  und  des  „Geldes
als  Wertmaß“.  Aus  der  Unentrinnbarkeit  des  Denkens  der  Wirtschaftlichen
Dimension  führt  bloß  das  Problem  von  „Urtausch  und  Urpreis“  hinaus.

III.  Vom  Werden  der  Wirtschaftlichen  Dimension.
1.  Reine  Arbeitshypothesen  stehen  in  Frage.  Danach  wäre  zunächst  der
Tausch  selber  als  talionsrechtlich  gebändigter  Raub  entstanden.
2.  Jedenfalls  sind  auch  die  Verhältnisse  der  tauschgepaarten  Mengen
beim  Urtausch  strenge  der  Sitte  unterworfen.
3.  Diese  sittegemäßen  Austauschverhältnisse  bleiben  untereinander  unausgeglichen, ­
  infolge  noch  mangelnder  Arbitrage  von  Objekt  zu  Objekt.  Widersinn ­
  ihrer  „Fehlerhaftigkeit“.
4.  Diesem  prävaloren  Tausche  könnte  die  Wirtschaftliche  Dimension
bloß  als  die  untrügliche  Vereinheitlichung  der  noch  verworrenen  Tauschgeschicke ­
  des  Objekts  entsteigen.
5.  Ablehnung  der  Arbeitshypothese  von  einem  „sakralen“  Ursprung  der
Wirtschaftlichen  Dimension,  aus  der  numerischen  Rechtssymbolik  heraus  der
sühnegepaarten  Mengen.  Von  Prunkender  Habe  und  Schatz.
6.  Ihren  „profanen“  Ursprung  kann  die  Wirtschaftliche  Dimension  unmöglich ­
  im  Geiste  der  Karl  Mengerschen  Doktrin  vom  „unreflektierten  Ursprung ­
  des  Geldes“  gefunden  haben.  Deren  Widerlegung.
7.  Die  Wirtschaftliche  Dimension  ersteht  nur,  sofern  die  Entwicklung
des  prävaloren  Tausches  ihren  toten  Punkt  überwindet.  Mit  ihrem  Entstand
vollzöge  sich  bereits  der  Einbruch  des  Rationalen  in  die  traditional  gebundene
Wirtschaftsweise.
8.  Die  an  sich  folgenlose  Entdeckung  des  „indirekten“  Tausches  leitet
nur  bei  rationaler  Einstellung  des  Tauschenden  weiter  zur  Entdeckung  des
bandeismäßigen  Erwerbs.  Der  Urhändler  als  Keimpunkt  aller  Rationalisierung
des  Tausches.
9-  Das  Nebeneinander  der  Händler,  als  Ferment  der  weiteren  Entwicklung.
Es  lockert  sich  die  Starrheit  der  prävaloren  Proportionen  auf.
        <pb n="697" />
        684

,Die  Wirtschaftliche  Dimension",

10.  Vom  indirekten  Tausch  „übers  Kreuz“  der  Übergang  zum  Wettbewerb ­
  der  Händler.  Bildung  eines  eigentlichen,  preisgebärenden  Marktes
und  einer  vernunftmäßigen  Verkehrssitte,  innerhalb  der  von  der  Allgemeinheit
scharf  abgehobenen  Händlerschaft.
11.  Die  Wirtschaftliche  Dimension  entspringt  dem  praktischen  Problem,
den  „Erwerb  als  Rechnung“  zu  ermöglichen,  im  Wege  einer  Normalisierung
jener  mehrfachen  Norm  des  Tausches,  die  schon  mit  den  verworrenen,  sittegemäßen ­
  Austauschverhältnissen  vorlag.
12.  Die  Wirtschaftliche  Dimension  hängt  am  Vorhandensein  einer  Einheit
des  Zählens.  Der  Lieferant  dieser  Einheit  tritt  als  Zählgeld  in  Kraft,  auf
Grund  der  Rechengeld-Eigenschaft  des  betreffenden  Trägers  der  Einheit.
Wirtschaftliche  Dimension  im  notwendigen  Bunde  mit  Zählgeld,  als  die  Grundsteine ­
  der  Verkehrssitte  innerhalb  der  Händlerschaft.
13.  Zählgeld  führt  zu  Geld  als  Tat,  zum  Zahlen,  womit  es  in  der  Rolle
als  Zahlgeld  auftritt.
14.  „Zahlgeld“  spielt  ein  Objekt  kraft  seiner  Bargeldeigenschaft,  im
Sinne  der  jedermann  willkommenen  Gegengabe.  Erst  Zahlgeld  wird  nachher
im  engeren  zum  „Tauschmittel“.
15.  Das  Eingreifen  des  Zahlgeldes  wandelt  den  Tausch  zum  eigentlichen,
geldbewegenden  Kauf.  Spaltung  der  Rollen  beim  Tausche,  Käufer  und  Verkäufer. ­
  Der  Kauf,  als  Tausch  auf  dem  kürzesten  Umweg  erstrebt,  wandelt
sich  zum  geraden  Weg  des  Tauschens.
16.  Die  Händlerschaft  erzieht  die  Allgemeinheit  zu  einem  Denken  in
Wirtschaftlicher  Dimension  und  Geldgrößen.  Darüber  hinaus  verharrt  unbeirrbar ­
  der  Gegensatz  zwischen  Erwerbs-  und  Wirtschaftsführung:  dort  auf  das
Maximum  des  „Ertrags“  abzielend,  hier  auf  ein  Optimum,  Einklang  zwischen
Bedarf  und  Deckung.  Von  der  Dienenden  und  Werbenden,  Strömenden  und
Kreisenden  Habe.
17.  Der  Tausch,  zunächst  nur  durch  den  Erwerb  für  dessen  Zwecke
gefördert,  während  sich  die  Wirtschaftsführung  ihm  gegenüber  spröde  verhält;
bis  mit  einbrechender  „Erwerbswirtschaft“  die  Allkäuflichkeit  vorwaltet  und
so  auch  „Wirtschaft  als  Rechnung“  möglich  wird.
18.  Dann  erst  schmiegt  sich  der  zum  geldbewegenden  Kauf  gewandelte
Tausch  auch  dem  Allzusammenhang  der  Wirtschaft  ein,  die  nunmehr  über
ihn  hinweg  geführt  wird,  so  daß  er  zum  tragenden  Vorgang  des  ganzen
Wirtschaftslebens  aufsteigt.  Verkehrsmäßiges  Verhältnis  zwischen  Ingebilden
und  Umgebilde.  Die  Wirtschaftliche  Dimension  aber  gestaltet  sich  gemäß
dem  Ausgleich  zwischen  Bedarf  und  Deckung  innerhalb  des  ganzen  Verkehrskreises, ­
  im  Geiste  der  Verbürgung  von  Dauer  und  Bestand.
        <pb n="698" />
        Inhaltsübersicht.

685

IV.  Vom  Sinn  der  Wirtschaftlichen  Dimension.
1.  Die  landläufige  Deutung  der  Wirtschaftlichen  Dimension  als  „Kaufkraft ­
  des  Gutes“.  Grundsätzlich  betrachtet,  unterbaut  erst  ihr  die  engere
Wertlehre  den  „Allpreisgrund“,  im  Sinne  des  „wahren  Wertes“.
2.  Die  Wirtschaftliche  Dimension  will  nicht  vom  Objekt  her  gedeutet
sein,  „güterselig“,  sondern  aus  dem  Zusammenhang  der  Wirtschaft  als  Leben
heraus.  Dann  vollzieht  den  Tausch  beiderseits  das  repräsentative  Subjekt
des  Gebildes:  beim  Wirtschaftsgebilde  der  Wirtschafter,  beim  Erwerbsgebilde
der  Unternehmer  als  Händler.
3.  Abwege  dabei,  die  Beziehung  zwischen  Subjekt  und  Objekt  zu  deuten:
„Nutzen“  und  „Kosten“.  Die  „Subjektivität“  der  Theorien  der  „Wert-Pragmatik“.

4.  Bei  ihrem  gestaltenden  Wirken  vollziehen  Wirtschafter,  gleichwie
Unternehmer,  den  Objekten  gegenüber  Verfügungen,  die  auf  Verwendung  der
Objekte  hinauslaufen,  auf  Nutzentscheide  zurückfiihren.
5.  Angesichts  der  Zweckumworbenheit  der  Objekte  tritt  das  Verwendete
in  die  Beziehung  des  Aufwandes,  als  das  anderweitiger  Verwendung  Entgehende. ­
  Beim  Wirtschaftsgebilde  entspringen  die  Nutzentscheide  einheitlich
aus  der  Aufteilung  des  Verfügbaren  auf  den  Bedarf.  Die  Richtschnur  dafür
bildet  das  lebensförderlichste  Zusammenspiel  der  Eifüllungen  im  Gebilde.
6.  Verwendbarkeit  und  Verfügbarkeit  der  Objekte.  Erstere  die  technische ­
  Beziehung.  Der  Verfügbarkeit  unterliegt  zunächst  die  Greifbarkeit
des  Objekts.  Von  Gebilde  zu  Gebilde  unterliegt  ihr  die  Freiheit  des  Nutzwillens. ­
  Gemeintum  und  Eigentum.  Das  Recht  als  gestaltet  Gestaltendes,
als  gleichsam  bewußt  gestaltete  Vernunft  des  Zusammenlebens,  gegenüber  der
Sitte,  als  gewordener  Vernunft.
7.  Die  Verfügungsgewalt  über  ein  Objekt  durchaus  konkret.  Möglich
ist  als  dritte  Art  der  Verwendung  des  Objekts,  neben  Verbrauch  und  Gebrauch, ­
  das  Dreierlei  von  Verzicht,  Abtretung  und  befristeter  Überlassung
der  Verfügungsgewalt  darüber;  das  letztere  z.  B.  als  Pacht.  Verfügungsgewalt
besagt  Gestaltungsgewalt.  „Wertschätzung“  der  Objekte,  als  bloß  nachträglicher
Reflex  der  tätigen  Stellungnahme  zu  ihnen.
8.  Verfügungsbereich  des  Subjektes.  Leistungs-  und  Bedarfsbereich  des
Gebildes.  Lebenshaltung,  Bedarfssitte  und  Arbeitssitte.  Enge  Grenzen  des
Rationalen  in  der  Wirtschaftsführung.
9-  Im  Dienste  der  Wirtschaftsführung  erfolgt  gedanklich  die  Einebnung
des  Gestalteten  zu  sinnvollen  Mengen,  im  Geiste  eines  mengenhaften  Verf
 ügen-Könnens:  Verfügungsmacht.  Wirtschaftliche  Dimension  gestaltet  das
Verfügen-Können  zu  einem  maßhaften.  Anlässe  dazu:  Veranschlagung  von
Aufwänden,  Abgleich  von  Gebilde  zu  Gebilde  (hierzu  „Vermögen“).
        <pb n="699" />
        686

,Die  Wirtschaftliche  Dimension“,

10.  Dritter  und  vornehmster  Anlaß  dazu:  Überblick  über  die  großen
Bewegungen  des  Verfügbaren  innerhalb  des  Gebildes,  gesteuert  vom  Willen
zur  Wirtschaft,  bzw.  zum  Erwerb.  Vor  verfügungsmacht:  alles,  was  an  Verfügungsmacht ­
  von  der  Deckung  des  laufenden  Bedarfs  abgesteuert  ist  zur
mittelbaren  Deckung  künftigen  Bedarfs.  Ablehnung  des  mehrfältig  bedingungsweisen ­
  Namens  dafür:  „Kapital“.  Im  besonderen  ist  die  sogenannte
„Kapitalsrechnung“  ein  Rechnen  in  Verfügungsmacht.  Deutung  der  Wirtschaftlichen ­
  Dimension,  als  jenes  Ausmaß  an  Verfügungsmacht,  das  dem
Subjekt  durch  die  Verfügungsgewalt  über  die  Objekteinheit  zugeschoben  ist.
11.  Wie  das  Denken  in  Wirtschaftlicher  Dimension,  indem  es  Verfügungsmacht ­
  als  maßhaftes  Verfügen-Können  erfaßbar  macht,  die  Aufteilung  läutert
des  Verfügbaren  auf  den  Bedarf.  Gleichwie  dies  erst  die  „Wirtschaft  als
Rechnung“  ermöglicht,  so  hängt  an  solchem  Denken  in  Wirtschaftlicher
Dimension  auch  rationale  Technik.
12.  Die  Wirtschaftliche  Dimension  vermittelt  nicht  einfach  einen  „gemeinschaftlichen ­
  Nenner“  für  die  Veranschlagung  der  Objekte.  Zwei  Beispiele
des  Ungenügens  bloßer  Umrechnung  auf  gleichbenannte  Zahlen:  a)  „Energie“,
als  angebliche  Vereinheitlichung  aller  technischen  Aufwände,  b)  Fremdbürtige
Wirtschaftliche  Dimension,  untauglich  als  Mittel,  um  tauschlose  Wirtschaft
„rechenhaft“  zu  machen.
13.  In  Sachen  der  Verrechenbarkeit  von  Allem  mit  Allem  dankt  die
Wirtschaftliche  Dimension  ihren  Belang  ausdrücklich  dem  Rückhalt  am
Tausche.  Anscheinend  ist  sie  ein  Ausmaß  bloß  von  Tausch  verfügungsmacht,
im  Sinne  der  wahlfreien  Ertauschbarkeit  aller  anderen  Objekte,  innerhalb
bestimmter  Spannweite.
14.  Das  Geld,  mit  seiner  Einheit  erst  aller  Wirtschaftlichen  Dimension
zum  Ausdruck  verhelfend,  entbehrt  daraufhin  selber  der  Wirtschaftlichen
Dimension.  Es  besitzt  bloß  eine  Wirtschaftliche  Dimensionalität,  insoweit
seine  Einheit  —  da  Geldverfügung  virtuelle,  Objektverfiigung  nur  potentielle
Verfügungsmacht  zuschiebt  —  gleichfalls  in  einer  bestimmten  Spannweite  die
wahlfreie  Ertauschbarkeit  aller  anderen  Objekte  einräumt,  die  jedoch  bloß  in
einem  Zahlenkomplex  zum  scharfen  Ausdruck  kommen  kann.
15.  Verfügungsmacht  ist  in  der  Regel  gebunden  an  eine  Objektbasis,
die  aber  grundsätzlich  beweglich  bleibt,  teilweise  oder  als  Ganzes  auswechselbar.
Daraus  entspringt  eine  große  Freiheit  in  der  Führung  von  Wirtschaft  und
Erwerb,  die  letzten  Endes  nicht  minder  verdankt  wird  dem  Denken  in  Wirtschaftlicher ­
  Dimension.
16.  Jene  grundsätzliche  Indifferenz  der  Verfügungsmacht  des  Subjekts
gegenüber  den  sie  vermittelnden  Objekten  engt  sich  dreifach  ein:  a)  Grad
der  Feilheit  des  Objekts  seitens  des  Subjekts,  b)  Grad  der  Tauschflüssigkeit
        <pb n="700" />
        Inhaltsübersicht.

687
des  Objekts,  c)  Doppelt  mögliche  Art  der  Veranschlagung,  als  Vereinzeltes,
oder  in  Gestaltung  Aufgegangenes.
17.  Der  Grad,  in  welchem  Verfügungsmacht  für  das  Subjekt  sofort  oder
binnen  Frist  auswirkbar  ist:  seine  Verfügungswucht  (hierzu  „Liquidität“).
Der  Grad,  in  welchem  diese  Verfügungswucht  nicht  schon  vorweg  durch
plangemäß  Fällige  Verfügungen,  Nutzentscheide,  belastet  erscheint:  die  Verfügungsfreiheit ­
  des  Subjekts  (hierzu  „freies  Einkommen“).
18.  Tausch  verfügungsmacht  ist  der  Sache  nach  richtige  Verfügungsmacht
überhaupt,  Macht  der  Gestaltung.
19.  Der  Wirtschaftlichen  Dimension,  als  ihrem  Ausmaß  gegenüber,  sinkt
der  Tatbestand  des  Geldes  als  dienendes  Mittel  zum  Zweck  herab.  Die  Geldeinheit, ­
  als  aufbauende  Einheit  der  Wirtschaftlichen  Dimension,  führt,  ihrer
Dimensionalität  nach,  selber  wieder  auf  eitel  Wirtschaftliche  Dimension  zurück.
Aus  dieser  Zwickmühle  suchen  die  hypothetischen  Vorstellungen  „Geldwert“
und  „Werteinheit“  zu  flüchten.
20.  Die  Starrgeld-Eigenschaft,  als  das  feste  Skelett  des  Geldes.
21.  Darauf  sich  vornehmlich  stützende  Ableger  der  Zahlgeld-Funktion:
a)  Traggeld,  als  Vehikel  der  Verfügungsmacht,  b)  Hortgeld,  als  Objektbasis
hinterlegter  Verfügungsmacht,  c)  Tilggeld,  im  Dienste  des  Rückfalles  befristet
übertragener  Verfügungsmacht  (hierzu  „Darlehn“,  „Leihe“);  Abarten  dieser
befristeten  Überlassung  von  Verfügungsmacht  und  über  deren  Bewegung.
22.  Die  Wirtschaftliche  Dimension  abschließend  als  das  Ausmaß  gedeutet,
in  welchem  die  Verfügungsgewalt  über  die  Objekteinheit  dem  Subjekte  Gestaltungsfreiheit ­
  einräumt,  den  Willen  zur  Wirtschaft  bejahend.

V.  Von  den  vier  Gleichungen  des  Tausches.
1.  Der  Satz  von  den  „gleichen  Werten“,  Äquivalenz  beim  Tausche  behauptend, ­
  widerstrebt  der  Deutung,  daß  hier  irgendwie  „gleiche  Tauschwerte“
sich  begegnen  sollen.
2.  Die  vertauschten  Objektmengen  sind  beim  richtig,  d.  i.  gemäß  der
bestimmenden  Norm  der  Wirtschaftlichen  Dimension  verlaufenden  Tausch,
gleichzahlig  dimensional.  Der  Satz  von  den  „gleichen  Werten“  kann  nur  als
Bild  für  Gleichwertigkeit  des  Vertauschten,  nicht  als  Aussage  einer  sachlichen
)iWerte-Gleichheit“  beim  Tausche  gedeutet  werden.
3-  Die  Unpersönliche  Gleichung  des  Vertauschbaren  (Gleichung  A)  setzt
gleichzahlig  dimensionale  Mengen  gleich,  sie  versinnlicht  jenen  richtig  verlaufenden ­
  Tausch.  Diese  Gleichung  ist  bloß  von  deklaratorischem,  nicht  von
kalkulatorischem  Belang.
        <pb n="701" />
        688

»Die  Wirtschaftliche  Dimension“,

4.  Die  Persönliche  Gleichung  des  Vertauschten  (Gleichung  B)  gibt  einfach ­
  die  tauschgepaarten  Mengen  wieder,  sie  leistet  den  Ansatz  zur  binnengebildüchen
  Veranschlagung  des  Ertauschten,  namentlich  zwecks  der  Ertragrechnung ­
  im  Erwerbsgebilde.
5.  Die  Persönliche  Gleichung  des  Vertauschbaren  („Gleichung“  C)
symbolisiert  den  Wahn  einer  „binnengebildlichen  Dimension“,  die  sich  mit
dem  „wahren  Wert“  überdecken  würde.  Auf  diese  wahnhafte  Gleichung
bezieht  sich,  im  sie  ausschließenden  Sinne,  der  Satz  von  den  „ungleichen
Werten“  beim  Tausche.  Daran  orientiert  sich  der  „Hampelmann  des  Erwerbs“, ­
  vulgo  homo  oeconomicus.
6.  Wie  sich  des  näheren  das  Ziel  des  Erwerbsgebildes,  als  Ertrag,  im
Sinne  des  Größenhaften  schroff  vom  Ziele  des  Wirtschaftsgebildes  scheidet,
das  stets  auf  Einklang  von  Bedarf  und  Deckung  ausgeht.
7.  Der  Wahn  der  „binnengebildlichen  Dimension“  als  verzeihlich  erscheinend, ­
  im  Hinblick  auf  den  Tatbestand  von  Grenzzahlen,  die  für  den
Entschluß  zu  Tausch  und  Preis  einen  größenhaften  Anhalt  bieten,  neben  der
Wirtschaftlichen  Dimension.  Sinn  der  „Teuerung“.
8.  Als  Grenzzahl  des  Erwerbsgebildes  der  Noch  rentable  Kostensatz.
Als  Grenzzahl  des  Wirtschaftsgebildes  die  Noch  auskömmliche  Preishöhe.
Das  Behaupten  der  Einkömmlichen  Preisabstände,  dem  System  der  wirtschaftlichen ­
  Größen  unterliegend.  Die  Verschiebungen  in  diesem  System.
9.  Mit  „Kosten“,  als  einer  abzuziehenden  Summe  von  Aufwänden,  hat
es  nur  der  technische  Kalkül  und  der  „Erwerb  als  Rechnung“  zu  tun,  nicht
aber  das  Wirtschaftsgebilde.  Hier  widerstreitet  allem  „Kosten“-Anschlag,  in
jenem  Sinne,  die  Aufteilung  gleich  von  allem  Verfügbaren,  gemäß  der  Formel
vom  lebensförderlichsten  Zusammenspiel  der  Erfüllungen  im  Gebilde.  Sie
als  Beispiel  einer  vom  Problem  her  entwickelten  Formel,  im  Gegensatz  zu
unaufgelösten  Schlagworten,  gleich  „Nutzen“  oder  auch  „Wert“.
xo.  Die  Wirtschaftsführung,  wenn  sie  Schwebenden  („fixen“,  bzw.  „Tax-“)
Preisen  gegenübersteht,  kommt  für  ihren  einheitlichen  Plan  ohne  Grenzzahlen
aus.  In  diesem  Plane  liegt  bereits  aller  Entschluß  zu  Tausch  und  Preis
zureichend  vorgebildet.  Von  der  Rangordnung  der  Bedarfe.  Bedarfswucht,
als  Vordringlichkeit  und  Aufdringlichkeit  der  Bedarfe.  Erfüllungswürdiger
und  deckungsfähiger  Bedarf,  letzterer,  soweit  die  „Decke“  reicht.  Zwingender
Bedarf.  Schmälerung  der  Deckung  des  Bedarfs,  Entfeinerung  und  Ausmerzung
von  Bedarf.  „Grenznutzen“  und  abnehmende  Bedarfswucht.
n.  Jene  Grenzzahlen  können  von  Belang  werden,  sobald  man  mit  einer
Änderung  der  Schwebenden  Preise  zu  rechnen  hat.
12.  Ihr  eigentlicher  Belang  wurzelt  in  der  Voraussicht  eines  „Preiskampfes“. ­
  Den  letzten  größenhaften  Anhalt  liefert  für  den  Entschluß  zu
        <pb n="702" />
        Inhaltsübersicht.

689

Tausch  und  Preis  stets  die  Wirtschaftliche  Dimension.  Sie  ist  es,  weis  zu  den
Grenzzahlen  fortgebildet  wird,  indem  man  die  Aufteilung  des  Verfügbaren
auf  die  Bedarfe  unter  Wechsel  ihrer  Ansätze  durchrechnet.
13.  Grenzzahlen,  die  über  die  Höhe  der  Wirtschaftlichen  Dimension
hinausgehen,  errechnen  sich  vornehmlich  für  die  Zwingenden  Bedarfe,  und
zwar  je  doppelt:  Überschreitet  die  Wirtschaftliche  Dimension  die  niederer
gelegene  Grenzzahl,  so  müßte  der  mildere  Ausweg  beschritten  werden,  den
Bedarfsanspruch  einzuengen;  überschreitet  sie  die  höhere,  muß  in  derberer
Weise  Entfeinerung  des  Bedarfs  eintreten.  Einen  Sinn,  gleichsam  als  vorläufig ­
  schon  überholte  Maxima,  besitzen  auch  Grenzzahlen  kleiner  als  die
Wirtschaftliche  Dimension;  letztere  müßte  so  tief  sinken,  bevor  auch  noch
die  zugehörigen,  jetzt  vernachlässigten  Bedarfe  zu  ihrer  Deckung  kämen.
14.  Bei  unzulänglicher  „Decke“  gesellt  sich  zur  Schmälerung  der
Deckung,  sowie  zur  Entfeinerung  und  Ausmerzung  der  Bedarfe,  noch  der
Eingriff  der,  bzw.  in  die  Vorverfügungsmacht.  Die  regelrechte  Abwehr  entladet ­
  sich  als  Auftrieb  des  Strebens  nach  „Einkommen  .  Rückblick  auf  den
ganzen  Zusammenhang,  der  den  in  der  „Gleichung  C“  symbolisierten  Wahn
der  Theorien  der  „Wert-Pragmatik“  als  verzeihlich  erscheinen  läßt.
15.  Die  vierte,  die  Unpersönliche  Gleichung  des  Vertauschten  („Gleichung
D“),  selber  die  sinnvollen  Gleichungen  A  und  B  widersinnig  verquickend,
symbolisiert  den  Irrtum,  das  Vertauschte  schlechthin  gleichsetzen  zu  können.
Mittelbar  symbolisiert  sie  den  Wahn  einer  „kryptoökonomischen  Dimension“,
die  sich  als  der  „Allpreisgrund“,  und  in  Gestalt  der  Geltung  der  Wirtschaftlichen ­
  Dimension,  beim  Tausche  mystisch  durchsetzen  würde.
16.  Dem  „Volksvorurteil“,  das  Vertauschte  blindlings  gleichsetzen  zu
dürfen,  zeigt  sich  auch  Aristoteles  unterworfen,  der  es  aber  weislich  ablehnt,
diese  Gleichung  bis  zu  Folgerungen  aus  ihr  ernst  zu  nehmen.
17.  Karl  Marx  unterlegt  seiner  Theorie  ausdrücklich  diese  sinnlose
»Gleichung  D“,  indem  er  daraus  seine  „Wert“-Behauptung  entwickelt.
18.  Zur  letzteren  auf  dem  logischen  Wege  einer  „Schlußfolge“  zu  gelangen,
  ist  die  Eigenheit  der  marxistischen  Theorie.  An  sich  ist  damit  der
verhängnisvolle  „Fehler  im  Ansatz“  begangen.
19.  Das  von  Marx  als  „Wert“  Behauptete  setzt  sich,  als  jene  „kryptoökonomische
  Dimension“,  kraft  eines  „Wertgesetzes“  unmittelbar  im  Tausche
durch,  indem  die  tauschgepaarten  Mengen  stets  einer  „Wertsubstanz  zum
Ausdruck  zu  verhelfen  hätten.  Darum  „Wert-Metaphysik“.  In  „glücklicher
Inkonsequenz“  soll  dies  nur  unter  dem  Vorbehalt  „richtigen“  Tausches  gelten,
^r  Sache  nach  liegt  eine  „Verabsolutierung“  jener,  von  „klassischen“  Werttheorien ­
  mittelbar  vertretenen  Anschauung  vor,  als  ob  die  „menschliche  Arbeit“ ­
  ein  Monopol  auf  die  Veranschlagung  als  Aufwand  besitzen  wurde.
V.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.
        <pb n="703" />
        690

,Die  Wirtschaftliche  Dimension“,

VI.  Ausklang  der  Kritik.
1.  Rückblick  auf  die  Ergebnisse  des  Abschnitts  V,  hinsichtlich  der
Streitfrage.  Im  besonderen  die  hervorgestellten  Parteien  des  Streites.  Ihre
verschiedene  Art  der  „Wert“-Taufe.
2.  Zusammenfassendes  über  das  Verhältnis  der  Äquivalenz,  als  erfaßliche
Gleichheit  trotz  sachlicher  Ungleichheit  —  „paradoxe“  Gleichheit.  Über
Wechselwertigkeit,  Gleichwertigkeit,  Wertigkeit  („Valenz“).
3.  Zusammenfassendes  über  die  sprachlichen  Schicksale  des  Wortes
„Wert“.  Die  beiden  Wurzeln  seines  Sinnes:  einerseits  als  zureichender  Grund
eines  Vorzuges,  andererseits  als  Gleichheit  trotz  Ungleichheit,  bzw.  als  zureichender ­
  Grund  der  Gleichsetzbarkeit.  Warum  der  Sinn  dieses  Wortes  so
beweglich  ist.
4.  Die  Schlichtung  der  Streitfrage:  Die  beiden  Sätze  kennzeichnen  nebeneinander ­
  und  friedlich  den  Tausch  als  Vorgang;  einerseits  wahnhaft  als  jenen,
der  bloß  bei  „Wertgewinn“  binnengebildlich  sinnvoll  vollzogen  würde;  andererseits ­
  als  jenen,  der  bei  zwischengebildlich  richtigem  Verlauf  die  Verfügungsmacht ­
  der  Beteiligten  weder  mindert  noch  steigert.
5.  Kritik  der  beiden  streitenden  Sätze  je  für  sich.  Der  von  der  Zuspitzung ­
  auf  „Wert“  verschuldete  Widersinn,  sie  in  ausschließendem  Widerspruch ­
  zueinander  zu  vermeinen.  Wenn  aber,  trotz  der  Einsicht  darin,  dennoch
über  die  Äquivalenz  beim  Tausche  gestritten  wird,  so  setzt  sich  damit  bloß
in  anderer  Form  der  Streit  um  den  „wahren  Wert“  fort.
6.  Erkenntniskritischer  Überblick  über  die  Eigenart  des  wortgebundenen
Denkens.  Seine  Problemblindheit  verschuldet  Scheinprobleme,  läßt  die  anderen
Probleme  vernachlässigen  oder  verbiegt  sie.
7.  Über  die  absonderliche  Lage  des  Theoretikers  bei  wortgebundenem
Denken.  Die  Geburt  einer  Hypothese  im  Wege  transverbaler  Intuition.
8.  Mehrfältige  Aufklärung,  um  scheinbare  Widersprüche  der  Darlegung
zu  beheben.
9.  Warum  beim  wortgebundenen  Denken  Erkenntnis  teilweise  in  Bekenntnis ­
  umkippt.
xo.  Kritik  des  Streites  von  Theorie  zu  Theorie.
11.  Auch  die  legitime  Form  des  Streites  entartet  dahinzu,  daß  im  ganzen
der  üble  Anschein  völliger  Selbstverneinung  der  „Lehre“  eintritt,  während
der  Außenstehende  wieder  bloßen  „Wortstreit“  vor  sich  sieht.  Der  streitende
Theoretiker  selber  erscheint  entlastet,  durch  den  bei  Wortgebundenheit  des
Denkens  waltenden  Zwang  zur  Unlogik.
12.  Das  Sündenregister  der  Herrschaft  des  Wortes.  Ihre  Überwindung»
        <pb n="704" />
        im  Geiste  der  Formel:  Ausgang  von  Problemen,  in  geschlossenem  Zusammenhang ­
  entwickelt.
13.  Der  Tatbestand  der  Wirtschaftlichen  Dimension  als  der  erkenntniskritische ­
  Drehpunkt  der  Wertlehre.  Warum  von  einer  gesonderten  „Preislehre“ ­
  keine  Notiz  zu  nehmen  war.  Überlebt  aber  die  Wertlehre  nicht
selbst  die  vorliegende  Kritik,  unbeschadet  im  besonderen  der  selbstverständlichen ­
  Ausmerzung  des  Scheinproblems  eines  „Allpreisgrundes“  ?
14.  Auch  die  geläuterte  Problematik  des  Tatbestandes  der  Wirtschaftlichen ­
  Dimension,  als  caput  mortuum  der  alten  Wertlehre  auf  verschiedene
„Lehren“  der  reifen  Theorie  sich  verteilend,  begründet  darum  keine  „Neue
Wertlehre“.
        <pb n="705" />
        Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner
Theorie

1924
        <pb n="706" />
        I.

Taucht  das  Wort  „Wirtschaftsleben“  in  der  fließenden  Rede  auf,
dann  ist  es  geistig  wie  umschwirrt  von  einer  Fülle  lebhafter  Vorstellungen: ­
  Verkehr,  Treiben  auf  den  Märkten,  Auf  und  Nieder  der  Preise,
Umlauf  des  Geldes,  Wanderung  der  Kapitalien,  Vermögensaufstieg  und
-verfall,  Gedeihen  und  Niedergang  der  Banken,  Handelshäuser,  Fabriken,
Reedereien,  Wettbewerb,  Zusammenschluß  von  Unternehmern  und  Arbeitern, ­
  Lohnkämpfe,  Streiks,  Aufschwung  überhaupt  oder  Stockung  1  Dies
alles  aber,  so  scheint  es,  hält  jenes  Wort  bloß  als  Inbegriff  zusammen;  oder
doch  nur  als  der  unklare  Gedanke  von  einer  Bewegung,  die  jene  Vorgänge ­
  sämtlich  in  sich  aufhebt  und  mit  sich  reißt.  So  gilt  es  wenigstens ­
  für  die  Allgemeinheit.  Man  gebraucht  dieses  Wort  recht  gern,
aber  man  denkt  sich  nicht  viel  dabei.
Ich  hingegen  denke  mir  recht  viel  dabei.  Einmal  schon  nehme
ich  dieses  Wort  fachlich  ernst.  Ich  bedarf  seiner  gleich  für  die  erste
Stellungnahme  zu  der  Wissenschaft,  die  ich  Nationalökonomie  nenne;
daneben  trägt  sie  bekanntlich  noch  viele  Namen.  Ihr  Name  bleibt  mir
völlig  gleichgültig,  in  der  Sache  aber  gilt  sie  mir  als  die  Erfahrungswissenschaft ­
  vom  Wirtschaftsleben  aller  Zeiten  und
Völker.  Dabei  nun  verstehe  ich  „Wirtschaftsleben“  auch  ganz  wörtlich: ­
  nicht  als  ein  Leben,  das  neben  dem  Dasein  der  Wirtschaft  einherliefe, ­
  sondern  Wirtschaft  selber  geht  für  mich  auf  in  Leben,  Wirtschaftsleben ­
  heißt  also  für  mich  Wirtschaft  als  Leben!
Das  ist  vorläufig  ein  Schlagwort,  und  ihm  setze  ich  sofort  ein
anderes  entgegen:  Wirtschaft  als  Leistung!  Da  herum  dreht
sich  nun  alles.  Nicht  etwa  zwei  verschiedene  Begriffe  oder  Definitionen
von  Wirtschaft  stehen  in  Frage.  Ein  scharfer  Gegensatz  klafft  hierzwischen ­
  zwei  Grundanschauungen  vom  Vorwurf  oder  Gegenstand
unserer  Wissenschaft;  besser  gesagt,  zwischen  zwei  Einstellungen  auf
diesen  Vorwurf.  Daraus  entspringt  auch  ein  grundsätzliches  Zweierlei
an  nationalökonomischem  Denken.  Einerseits  das  leistungstheoretische ­
  Denken,  und  von  diesem  ist  so  gut  wie  die  ganze  bisherige
Theorie  getragen.  Auf  der  anderen  Seite  das  1  e  b  e  n  s  t  h  e  o  r  e  11  s  c  h  e
Denken,  und  dieses  für  die  Theorie  erst  zu  fordern,  macht  das  wissen ­
        <pb n="707" />
        6g6

Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner  Theorie",

schaftliche  Bekenntnis  aus,  das  ich  hier  ablege.  Freilich  rennt  diese
Forderung  einigermaßen  offene  Türen  ein,  soweit  es  auf  die  Denkweise
der  empirischen  Teile  unserer  Wissenschaft,  auf  die  Tatsachenforschung
über  Gegenwart  und  Vergangenheit  der  Wirtschaft  ankommt.  So  spitzt
sich  jene  Forderung  dahin  zu,  diese  hie  und  da  schon  praktisch  geübte
Denkweise  gleichsam  über  die  Schwelle  des  theoretischen  Bewußtseins
emporzuheben.
Unschätzbare  Vorarbeit  dafür  hat  schon  Karl  Knies  mit  seinem
Hauptwerk  geleistet,  aber  er  ließ  den  Faden  später  fallen.  Als  nun
einer  seiner  letzten  Schüler  —  das  bin  ich  gewesen  —  diesen  Faden
wieder  aufnahm,  geschah  es  vorerst  in  jugendlichem  Ungestüm,  ganz
ohne  Rücksicht  auf  die  Form  der  Darstellung,  damals  wohl  auch  noch
unzeitgemäß  —  wirkungslos!  Heute,  nach  fünfundzwanzig  Jahren,  ist
dieses  Beginnen  vielleicht  doch  schon  zeitgemäßer  geworden.
In  dieses  Neuland  nun,  der  Einstellung  auf  Wirtschaft  als  Leben,
sollen  vier  Schritte  führen.  Zuerst  erläutere  ich  das  leistungstheoretische ­
  Denken,  hierauf  das  lebenstheoretische  Denken  und  spreche
dann  über  dessen  Zusammenhang  mit  der  Nationalökonomie;  den  Abschluß ­
  macht  ein  Vorblick  auf  die  Theorie  dieser  neuen  Haltung. 1 )
*)  Das  hier  Folgende  wiederholt  in  einiger  Abwandlung  vieles,  was  ich  bereits  vor
zwei  Jahren  in  meiner  programmatischen  Schrift  „Freiheit  vom  Worte“  (München
u.  Leipzig  1923)  ausgeführt  habe.  Dort  war  es  jedoch  auf  den  Nachweis  gemünzt,  daß
sich  die  Theorie  der  neuen  Haltung,  als  „Allwirtschaftslehre“  gemeint,  streng  scheidet
von  jeder  denkbaren  Art  Soziologie,  z.  B.  auch  nicht  verwechselt  werden  darf  mit  der
„Soziologie  der  Wirtschaft“  im  Geiste  Max  Webers.  Darum  auch  der  Untertitel  jener
Schrift:  „Über  das  Verhältnis  einer  Allwirtschaftslehre  zur  Soziologie“;  leider  ist  dieser
unentbehrliche  Untertitel  bei  der  gleichzeitigen  Herausgabe  der  Schrift  im  Rahmen  der
„Erinnerungsgabe  für  Max  Weber“  in  Verlust  geraten.  Seither  kam  ein  Buch  von  mir
heraus:  „Die  Wirtschaftliche  Dimension.  Eine  Abrechnung  mit  der  sterbenden
Wertlehre“  (Jena  1923),  das  zwar  in  der  Polemik  gegen  die  herkömmliche  Theorie  seinen
Schwerpunkt  findet,  dabei  aber  durch  seinen  „positiven"  Inhalt  doch  auch  zum  Verständnis
der  neuen  Lehre  mancherlei  erbringt.  Eine  Art  Kostprobe  davon  bietet  mittelbar  auch
der  Aufsatz:  „Arbeit  als  Tatbestand  des  Wirtschaftslebens“  (im  „Archiv  für  Sozialwissenschaft ­
  und  Sozialpolitik“.  Tübingen.  50.  Bd.  [1922/23],  S.  289  ff.).
Doch  selbst  meine  Veröffentlichungen  auf  dem  Spezialgebiete  der  Beziehungen
zwischen  Wirtschaft  und  Technik  entbehren  nicht  der  Anklänge  daran.  Schon  für  die
Schrift  gilt  dies:  „Der  wirtschaftliche  Charakter  der  technischen  Arbeit“
(Berlin  1910);  mehr  noch  für  die  umfassende  Untersuchung  „Wirtsch  aft  und  Technik“
(in  2.  Auflage  erschienen  als  selbständiger  Band  II,  2  vom  „Grundriß  der  Sozialökonomik“,
Tübingen  1923).  Vereinzeltes  davon  findet  sich  auch  in  meinen  jüngsten  Publikationen:
„Fordismusf“  (Heft  10  der  „Kieler  Vorträge,  gehalten  im  Wissenschaftlichen  Klub  des
Instituts  für  Weltwirtschaft  und  Seeverkehr  an  der  Universität  Kiel“),  wovon  eine  Neuauflage ­
  bei  Gustav  Fischer,  Jena,  soeben  erscheint;  und  der  Vortrag  „Technischer  Fortschritt ­
  und  Wirtschaftsleben"  (im  „Hamburger  Übersee-Jahrbuch  1924“,  S.  247  fr.).
        <pb n="708" />
        Abschnitt  II.

69  7

II.
Leistungstheoretisch  denkt  schon  der  Alltag  über  die  Wirtschaft.
Alltagsdenken  folgt  stets  der  Linie  des  geringsten  logischen  Widerstandes, ­
  es  hält  sich  an  das  Eingänglichste,  Plausibelste.  Einleuchtender ­
  aber  können  jene  zahllosen  Vorgänge,  die  der  scheinbare  Inbegriff ­
  „Wirtschaftsleben“  umspannt,  gar  nicht  als  Einheit  gesehen
werden  als  eben  so,  daß  man  sie  auf  gewisse  Ziele  bezieht  und  damit
Wirtschaft  als  eine  Leistung  auffaßt.  Wie  sich  daraufhin  der  Inhalt
des  Wirtschaftslebens  im  Alltagsdenken  spiegelt,  entspricht  etwa  der
Formel:  Vorsorge  treffen  für  das  tägliche  Brot,  für  Kleidung  und
schützendes  Dach,  auch  für  allerlei  Schmuck  und  feiertägliche  Freuden.
Es  ist  dabei  gleichgültig,  ob  nun  im  Dienste  dieser  sinnbildlich  gemeinten ­
  Ziele  viel  oder  wenig  an  Apparat  aufgeboten  wäre,  gleichgültig, ­
  wie  reich  immer  sich  diese  Ziele  selber  entfaltet  hätten,  gleich-Für

  jene  erkenntniskritischen  Gedankengänge,  deren  Ergebnisse  im  später  folgenden
eine  Rolle  spielen,  habe  ich  die  Grundlagen  schon  in  den  Jahren  1906/09  in  einer  Artikelreihe ­
  schärfer  herausgearbeitet,  die  unter  dem  fortlaufenden  Titel:  „Zur  sozialwissenschaftlichen ­
  Begriffsbildung' 1  im  „Archiv  für  Sozialwisscnschaft  und  Sozialpolitik“  erschienen ­
  ist  („Umrisse  einer  Theorie  des  Individuellen“,  23.  Bd.  [1906],  S.  403  fr.  —
„Der  Stoff  der  Sozialwissenschaft“,  24.  Bd.  [1907],  S.  265  fr.  —  „Geschichte  und  Sozialwissenschaft“, ­
  28.  Bd.  [1909],  S.  72ff.).  Den  scharfen  Schnitt  aber  zwischen  der  naturwissenschaftlichen ­
  und  unserer  Denkweise  hatte  vorher  schon  das  Büchlein  gezogen:
„Die  Grenzen  der  Geschichte“  (Leipzig  1904),  die  Erweiterung  eines  auf  dem
VII.  Deutschen  Historikertag  I9°3  gehaltenen  Vortrages.  Hier  ist  die  fragliche  Scheidung
der  beiden  Denkweisen  zu  der  These  zugespitzt,  daß  nur  durch  groben  Denkfehler  die
Jahrtausende  der  Geschichte  ihre  angebliche  Verlängerung  in  den  „Jahrmillionen“  der
Geologie  fänden.
Der  ganze  Ideengang  einer  Erneuerung  unserer  fachlichen  Theorie,  womit  sie  zugleich
mit  unserer  fachlichen  Empirie  erst  wahrhaft  Eines  Geistes  würde,  ist  schnurgerade  vorgezeichnet ­
  gleich  durch  meine  allererste  Schrift:  „Der  Wertgedanke,  ein  verhülltes
Dogma  der  Nationalökonomie“  (Jena  1897).  Schon  diese  Untersuchung  war  unter  das
Zeichen  der  Selbstbesinnung  nationalökonomischen  Denkens  gestellt.  So  sind  denn  auch
_  .  T  .  .  ~  .  TT  .L«  f*  a-c  Wortes“  (Tena  lQOi),  besonders  in  dem
meinem  Jugendwerk  „Die  Herrschait  acs  woncs.  U c  *  j,
umfangreichen  Abschnitt  „Ausblicke“  und  in  den  Anmerkungen  zu  dem  Schlußkapitel,
gleichwie  in  diesem  selber,  eigentlich  schon  alle  Gedanken  ausnahmslos  enthalten,  die
ich  hier  nochmals  in  programmatischer  Absicht  vorlege;  nur  eben  dort  noch  in  sozusagen
eruptiver  Unform.  Zwischen  dieser  frühen  und  der  heutigen  Darstellung  liegt  fast  ein
Vierteljahrhundert  akademischer  Lehrtätigkeit,  von  dem  Streben  getragen,  die  Theorie  der
ucuen  Haltung  wenigstens  in  einer  ersten  Annäherung  wahrzumachen.  Es  fehlt  also
durchaus  nicht  an  der  Musik  für  diese  wiederholten  Programme.  Bloß  die  „öffenüiche
Aufführung.,  steht  noch  aus  -  soweit  nicht  in  Spezialarbeiten  von  Schülern  und  auch  so
öe t&amp;gt;enaus  schon  mancherlei  durchgesickert  ist.
        <pb n="709" />
        6g8

„Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner  Theorie“,

gültig,  wie  üppig  daraufhin  auch  alle  Formen  der  Wirtschaft  auswuchern ­
  mögen:  jenen  Sinn  der  Wirtschaft,  als  Leistung  nämlich,  hält
der  Alltag  eisern  fest.  Es  übersteigt  völlig  den  Horizont  des  Alltagsdenkens, ­
  daß  nicht  schon  diese  Leistungen  die  Wirtschaft  ausmachen,
sondern  sie  es  nur  sind,  worin  sich  die  Wirtschaft  als  ein  Leben  bekundet. ­

Und  nun  die  nationalökonomische  Theorie?  Man  darf  sie  freilich
nicht  über  einen  Kamm  scheren.  Aber  wie  lautet  das  Fazit  auch  des
theoretischen  Denkens  über  die  Wirtschaft?  Da  heißt  es  bald  „vorsorgliche ­
  Bedarfsdeckung“,  bald  „Sachgüterversorgung“,  bald  „Wirtschaft ­
  als  zweites  Reich  der  Mittel“,  bald  „Wirtschaft  als  Vergleich
zwischen  Nutzen  und  Kosten“  usf.  So  abweichend  voneinander  dies
klingt,  ausnahmslos  besagt  es  Wirtschaft  als  Leistung.  Bei  solcher
Einstellung  drängen  sich  begreiflicherweise  die  sachlichen  Träger  der
Leistung  in  den  Vordergrund,  die  „Güter“.  Schon  vom  Alltag  kann
man  sagen,  er  denke  über  die  Wirtschaft  gleichsam  in  Gütern.  Und
güterselig  denkt  nun  auch  die  Theorie,  offen  oder  verhohlen.  Mit  dem
einseitigen  Blick  auf  die  Güter  ordnet  sich  dann  auch  die  theoretische
Darstellung.  Der  sog.  „Kreislauf  der  Wirtschaft“  ist  einfach  ein  Kreislauf ­
  der  Güterschicksale:  das  Werden,  Wandern  und  Vergehen  der
Güter.  Daher  auch  die  Abschnitte,  die  „Lehren“  von  der  „Produktion,
Zirkulation,  Distribution  und  Konsumtion“  zum  eisernen  Schema  werden
für  die  durchschnittlichen  Systeme  unserer  Theorie.  Im  ganzen  ist  so
aus  dem  Wirtschaftsleben  als  Tatbestand  ein  „Güterleben“  als  Redensart ­
  geworden.
Wie  geistvoll  und  scharfsinnig  auch  diese  Systeme  der  Nationalökonomie ­
  als  Güterlehre  gelegentlich  ausfallen,  man  fühlt  es  längst
heraus,  daß  da  etwas  nicht  stimmt,  daß  sich  die  Wissenschaft  dabei
selber  etwas  schuldig  bleibe.  Aber  wohin  treibt  diese  Empfindung?
Sehr  früh  schon  zur  Forderung,  auch  unsere  Wissenschaft  müsse  auf
„Gesetze“  hinarbeiten,  als  Krönung  aller  Theorie.  Man  will  eben  das
praktische  Handeln  über  die  „Naturgesetze  der  Wirtschaft“  aufklären.
Sehr  gut.  Z.  B.  also  gleich  das  berühmte  „Gesetz  von  Angebot  und
Nachfrage“.  Der  Politiker,  der  Gesetzgeber  mag  sich  dagegen  noch
so  oft  und  stark  versündigen,  mit  plumper  und  einseitiger  „Höchstpreis-Festsetzung“ ­
  und  ähnlichem;  aber  jeder  kaufmännische  „Stift“
kann  schon  am  dritten  Tage  seines  Amtsantritts  zum  Newton  dieses
„Gesetzes“  werden.  Er  haspelt  sich  die  Sache  an  den  fünf  Fingern  ab.
Dieses  sog.  „Gesetz“  ist  ja  nur  die  idealtypische  Aufrollung  eines
völlig  durchsichtigen  Zusammenhanges,  der  hiermit  nur  ein  für  allemal
auf  eine  bündige  Formel  gebracht,  gleichsam  also  auf  Lager  gedacht
        <pb n="710" />
        Abschnitt  II.

699

erscheint,  als  Denkfaulenzer.  Um  soviel  bequemer  vermag  man  dann
auch  umfassendere,  verwickeltere  Zusammenhänge  zu  entwirren.  Und
so  ist  es  mit  allen  diesen  „Naturgesetzen  der  Wirtschaft“.  Was  an
Zusammenhang  mit  ihnen  aufgegriffen  wird,  erweist  sich  allerdings  als
ein  zwingender  und  muß  vom  praktischen  Leben  gewaltig  respektiert
werden;  zwingend  aber  ist  dies  kraft  des  Zwangs  der  Vernunft  im
Handeln  I  Eben  darum  ist  dieser  Zusammenhang  ganz  und  gar  durchschaubar, ­
  und  ihn  zu  durchschauen,  das  besorgt  allemal  schon  die
Praxis;  Wissenschaft  hinkt  da  nur  hinterher,  auch  wenn  sie  sich  noch
soviel  zugute  tut  auf  diese  „Gesetze“.  Hier  enthüllt  sich  der  schroffe
Gegensatz  zu  jener  blinden  Notwendigkeit,  die  mit  dem  echten  Naturgesetz ­
  erfaßt  wird  und  als  dieses  erarbeitet  ist,  im  Sinne  einer  höchsten
Leistung  der  Erkenntnis.  Das  Fallgesetz,  als  Beispiel  dafür,  gilt  nach
der  Formel:  warum  —  darum.  Ein  Denken  über  diesen  Zusammenhang, ­
  wie  ihn  das  Gesetz  in  mathematischer  Zuschärfung  darlegt,  versagt ­
  sich  gänzlich;  man  muß  ihn  blindlings  hinnehmen,  kann  überhaupt ­
  erst  mit  seiner  Hilfe  tiefer  denken.  Das  naturwissenschaftliche
Gesetz  ist  einfach  das  Erkenntnismitte],  um  selbst  über  ein  an  sich
Zusammenhangloses  nach  dem  Satz  vom  zureichenden  Grunde  denken,
das  will  sagen,  Zusammenhang  bejahen  zu  können.  Darum  ist  das
Suchen  nach  Gesetzen  ein  Erkenntnisziel  wohl  in  der  Naturwissenschaft, ­
  die  vor  der  unendlichen  Mannigfaltigkeit  der  Erscheinungen
steht,  der  nur  zeitlich-räumlich  geordneten,  an  sich  zusammenhanglosen
Erscheinungen.  Ist  doch  das  erfahrende  Denken  der  Naturwissenschaft
soweithin  ein  künstliches,  als  es  ein  vom  selber  erlebten  Zusammenhang ­
  aller  Erlebnisse  abstrahierendes  Denken  ist.  Bei  uns  aber  strotzt
schon  alles  Erfahrene  von  Zusammenhang,  jede  einzelne  Tatsache  tut
es  so,  als  „Faktum“,  im  Gegensatz  zu  den  naturwissenschaftlichen  Tatsachen, ­
  den  bloßen  „Daten“.  Denn  unser  erfahrendes  Denken  greift
die  empirische  Wirklichkeit,  das  anschaulich  Erlebte,  gleich  beim  selber
erlebten  Zusammenhang  auf:  bei  jenem  Zusammenhang  nämlich,  der
sich  in  der  einfachsten  Form  dem  Wollen  entlang,  über  das  Können
hinweg,  zur  Erfüllung  hin  flicht;  wofür  das  gewöhnliche  Leben  einfach
die  Aussageform  verwendet,  das  oder  jenes  sei  unter  den  und  den
Umständen  „gewollt“,  darum  geschieht  es  so  und  nicht  anders.  Die
landläufig  theoretische  Aussageform  für  diesen  ganzen  Sachverhalt  aber
lautet,  wir  hätten  es  in  unseren  Wissenschaften  mit  „sinnvollen“  Vorgängen ­
  zu  tun,  mit  einem  dem  „Verstehen“  zugänglichen  Geschehen.
Und  so  watet  auch  die  Nationalökonomie  förmlich  in  Zusammenhang,
darum  ihre  sog.  „Gesetze“  nur  vom  Range  bloßer  Denkbehelfe  sin  .
Nationalökonomische  Theorie  aber  ausdrücklich  auf  jenes  Zusammen ­
        <pb n="711" />
        700

„Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner  Theorie“,

hangssurrogat  des  Naturgesetzes  erst  dressieren  wollen  —  nun,  ebensogut ­
  könnte  man  Schwimmkurse  für  Fische  einrichten.
Ähnlich  liegt  es  mit  der  Forderung,  nationalökonomische  Theorie
müsse  sich  zu  „exakter“  Theorie  in  mathematischem  Kleide  läutern.
Integrale  nehmen  sich  in  der  Wissenschaft  immer  wunderschön  aus,
besonders  wenn  man  sie  nicht  versteht.  Allein,  so  zahlensprühend
auch  das  Wirtschaftsleben  durch  Preise  und  Preisähnliches  ist,  nur  dem
oberflächlichen  Anschein  nach  ergibt  sich  daraus  Verrechenbarkeit  im
mathematischen  Sinne.  Wo  eben  alles  aufgeht  in  Zusammenhang,  da
fehlt  es  grundsätzlich  an  der  tiefsten  Voraussetzung  mathematischer
Funktionalbeziehung,  an  dem  spezifisch  Zusammenhanglosen  der  Einheit, ­
  als  Mengenelement.  Einer  grundsätzlich  mathematischen  Behandlung ­
  ist  der  Stoff  unserer  Erkenntnis  mithin  bloß  im  Wege  logischer
Gewalttat  zugänglich,  der  eben  alles  möglich  bleibt;  an  sich  aber  ist
diese  ebenso  deplaziert,  als  wenn  man  jene  Fische  überdies  noch
frisieren  wollte.  Adolf  Exner  hat  in  seiner  prachtvollen  Rektoratsrede ­
  über  „politische  Bildung“  schon  1891  gesagt:  „Die  Befangenheit
der  Geister  in  den  naturwissenschaftlichen  Denkformen  ist  der  Zopf
des  Jahrhunderts“.  Dieser  Zopf  hängt  vielen  Fachgenossen  heute  noch
hinten,  im  Sinne  eines  Vorgehens  nach  dem  Schema  F  der  Naturwissenschaft. ­
  Ich  verstehe  durchaus  jenen  Drang  nach  höherer  Wissenschaftlichkeit, ­
  aber  der  Weg  dorthin  geht  wohl  über  die  Selbstbesinnung
des  Denkens,  nicht  über  frommen  Selbstbetrug.
Wäre  auch  jene  allgemeine  Einstellung  auf  Wirtschaft  als  Leistung
falsch?  Sie  keineswegs.  War  etwa  die  Technik  der  Steinzeit  falsch?
Falsch  ist  auch  jene  Grundanschauung  nicht,  aber  naiv  ist  sie,  aufgelegte ­
  Anfängerei.  So  muß  auch  beileibe  nicht  alles  irrig  sein,  was
auf  dem  Boden  dieser  Grundanschauung  erwachsen  ist.  Nicht  Umsturz
aller  Theorie,  sondern  ihre  Läuterung  und  Vertiefung  gilt  es.
Was  will  denn  überhaupt  Theorie?  Das  Erfahrene  in  Einheit  zu
Ende  denken.  Alle  Erfahrung  ist  ja  bereits  Gedachtes,  jede  Tatsache,
ob  nun  „Faktum“  oder  „Datum“,  geht  schon  aus  der  Eindenkung  des
Erlebten  hervor.  Also  schon  die  empirische,  die  Forschung  in  Tatsachen, ­
  spinnt  an  den  geistigen  Fäden  der  Erkenntnis,  Theorie  aber
zieht  diese  Fäden  einheitlich  zusammen  und  erarbeitet  so,  von  der  Erfahrung ­
  her,  einen  begrifflichen  Allzusammenhang;  für  uns  wäre  es
richtiger,  zu  sagen,  daß  Theorie  den  Allzusammenhang  des  Erlebten
begrifflich  nachgestaltet.  Ausdrücklich  dies  ist  hier  das  letzte  Erkenntnisziel, ­
  und  nicht  die  unbewußte  Komik  der  „Gesetzessuche“.  Liefert
uns  auch  die  herkömmliche  Güterlehre  einen  solchen  Allzusammenhang? ­
  Natürlich  tut  sie  es,  nichts  anderes  ist  ja  der  sog.  „Kreislauf
        <pb n="712" />
        Abschnitt  II.

701

der  Wirtschaft“,  erarbeitet  aber  mehr  nur  auf  einem  Schleichwege!  Das
leistungstheoretische  Denken  dieser  Systeme  setzt  es  doch  nur  fort,
wie  vorher  schon  der  Alltag  leistungstheoretisch  denkt.  Hier  fährt
also  wissenschaftliches  Denken  im  Schlepptau  des  vorwissenschaftlichen.
Dieses  naivste  Denken  entscheidet  bereits  über  die  grundlegende  Einstellung ­
  auf  den  Vorwurf  der  Erkenntnis.  Denn  schon  jene  Worte,  mit
deren  Hilfe  der  Alltag  über  sich  selber  zu  sprechen  pflegt  —  „Wirtschaft“, ­
  „Bedürfnis“,  „Gut“,  „Wert“,  „Preis“,  „Vermögen“,  „Kapital“,
„Zins“,  „Rente“  usw.  —  diese  Worte  sieht  man  vorweg  als  die  „Grundbegriffe ­
  der  Nationalökonomie“  an  und  behandelt  sie  auch  danach.
Doch  zu  welcher  Absurdität  führt  dies  ?  Es  mag  sich  die  Theorie  ihre
weiteren  Fragestellungen  auch  noch  so  gewissenhaft  zurechtdenken,
just  für  den  Teil  ihrer  grundlegendsten  Probleme  bleibt  sie  ein  für  allemal ­
  auf  dem  Alltagsdenken  sitzen  —  und  weiß  es  gar  nicht,  das  ist
das  schönste!  Damit  ergeben  sich  dann  die  gewissen  einwörtlichen
Probleme:  „Was  ist  Wirtschaft?“,  „was  ist  Wert?“,  „was  ist  Kapital?“
usw.  Darauf  beruht  ja  die  Herrschaft  des  Wortes  in  unserer  Theorie:
Es  baut  sich  nämlich  diese  Theorie  zutiefst  auf  einer  wortgebundenen
Problematik  auf,  bloße  Worte  vertreten  die  letzten  Probleme,  statt  daß
man  auch  diese  noch  von  einem  Grundproblem  her  bewußt  zu  entwickeln ­
  verstünde.  Und  diese  zugleich  blinde  und  starre,  unlebendige
Problematik,  sie  liegt  auch  durchaus  in  der  Ebene  der  vorwissenschaftlichen ­
  Problematik,  der  Alltagsproblematik.
Falsch  ist  auch  dies  nicht,  als  Anfang  war  es  sogar  schier  notwendig. ­
  Denn  irgendwie,  irgendwo  will  doch  angefangen  sein;  und
hier  blieb  wirklich  nichts  übrig,  als  sich  vom  Alltag  her  in  die  Wissenschaft ­
  hineinzuplaudern.  Dem  Alltag  ist  ja  tatsächlich  schon  alles  mehr
oder  minder  bekannt,  was  unsere  Wissenschaft  geistig  zu  bewältigen
hat.  Sucht  man  nun  bloß  über  die  gewissen  „Grundbegriffe“  hinweg
tiefer  in  alle  Zusammenhänge  einzudringen,  so  erzielt  man  doch  einfach ­
  nur  eine  intimere  Bekanntschaft  mit  dem  an  sich  Bekannten.  Und
dabei  bleibt  es  auch;  denn  an  der  Richtschnur  dieser  Worte,  daran
hängt  die  Theorie  von  heute  so  hoffnungslos,  wie  der  Maikäfer  am
Faden  des  bösen  Jungen.  Wissenschaft  aber  heißt  in  diesem  Palle
doch  Erkenntnis  des  Bekannten;  das  will  sagen,  bewußte  und  entschiedene ­
  Abkehr  von  der  Naivität  des  Alltagsdenkens,  Durchstoß
nach  einer  tieferen,  einer  lebensnäheren  Ebene  der  Problematik.  Und
nichts  anderes  macht  die  geforderte  Wende  aus,  von  der  Einstellung
auf  Wirtschaft  als  Leistung  zu  jener  auf  Wirtschaft  als  Leben.
        <pb n="713" />
        7  02

,Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner  Theorie“,

III.
Warum  denn  bloß  lebensnäher?  Weil  das  Leben,  wo  es  aus  seiner
vollen  Tiefe  aufquillt,  ein  so  eigenstörrisch  Ding  ist,  daß  bloß  der
Dichter  ihm  beikommt.  Einer  Fachwissenschaft  dagegen,  der  steht
immer  nur  der  spröde  Apparat  zu  Gebote  des  zusammenhängend,  des
„systematisch“  begrifflichen  Denkens.  Wenn  sie  nun  an  ihr  Werk
geht  und  das  erlebte  Leben  einzudenken  und  auf  Einheit  zu  verarbeiten ­
  sucht,  da  zeigen  sich  die  Schwächen  jenes  Apparats.  Fachwissenschaft ­
  muß  da  stets  mit  Wasser  kochen.  Aber  so  wenig  im
Grunde  erreichbar  bleibt,  es  hängt  eben  doch  die  Reife  der  Wissenschaft ­
  davon  ab.
Mit  welcher  Art  Leben  hat  es  die  Nationalökonomie  und  ihresgleichen ­
  zu  tun?  Nur  mittelbar  mit  dem  Urfall  alles  Lebens,  nämlich
dem  persönlichen,  dem  ichbejahenden  Leben.  Gar  nichts  zu  tun  hat
sie  mit  dem  „organischen“  Leben,  das  ist  jene  rätselhafte  Verwicklung
inmitten  der  Erscheinungswelt,  in  der  sich  die  Biologie  nur  dadurch
einigermaßen  zurechtfindet,  daß  sie  geistige  Anleihen  gerade  auch
bei  der  sozialen  Begriffswelt  aufnimmt.  Die  Nationalökonomie  aber
steht  unmittelbar  vor  jenem  dritten,  sozusagen  erlebten  Leben,
worin  wir  alle  uns  als  Lebende  unter  Lebenden  vorfinden;  so  daß  wir
ein  Ander-Ich  auch  nur  so  anerkennen,  daß  wir  einer  wirkenden  Einheit, ­
  einem  Knotenpunkt  erlebten  Geschehens  einräumen,  es  fände
sich  im  Geflechte  des  erlebten  Allzusammenhanges  gerade  so  vor  wie
wir  selber.  Diesen  Erfahrungsbereich  teilt  aber  die  Nationalökonomie
noch  mit  Schwesterwissenschaften,  und  auch  mit  den  historischen
Wissenschaften.  Man  könnte  diese  Gruppe  von  reinen  Erfahrungswissenschaften ­
  als  „Lebenswissenschaften“  zusammenfassen.  Aber  da
ist  eben  der  ärgerliche  Anklang  an  die  Biologie,  die  ja  im  schroff  entgegengesetzten ­
  Lager  der  Naturwissenschaften  steht;  zu  denen  von
uns  aus  jegliche  Beziehung  fehlt,  weil  sich  Naturwissenschaft  sozusagen ­
  in  jenseitiger  Erfahrung  eingründet,  indem  sie  gleichsam  von
der  Medaille  „empirische  Wirklichkeit“  bloß  die  Reversseite  sieht.
Man  faßt  deshalb  unsere  Wissenschaften  besser  sinnbildlich  als  Schicksalswissenschaften ­
  zusammen;  denn  nicht  minder  sinnbildlich  läßt  sich
ihr  gemeinsamer  Erfahrungsbereich,  die  Totalität  des  erlebten  Lebens,
als  Schicksalswelt  bezeichnen.  Und  das  wäre  nun  das  Gegenstück  zur
„Natur“  der  Naturwissenschaft  —  nicht  zu  verwechseln  mit  der  „Natur“
des  Dichters,  belebt  von  den  „Brüdern  in  Wald  und  Flur“,  womit  ja
nur  eine  poetisch  verklärte  Schicksalswelt  vorliegt.  Wir  also  sehen
        <pb n="714" />
        Hs

SÄ??

31®

?

m&amp;amp;mm

Abschnitt  III.

703

gleichsam  die  Aversseite  der  Medaille  „Wirklichkeit“;  oder  sachlicher
gesprochen:  zwei  grundverschiedene  Wege  der  Erfahrung  führen  in  die
immer  Eine  und  ungeteilte  Wirklichkeit  des  anschaulich  Erlebten!
Darüber  noch  hinaus  braucht  die  erkenntniskritische  Untergründung
einer  Fachwissenschaft,  im  Geiste  ihrer  Selbstbesinnung,  nicht  mehr
zu  gehen.
Aber  was  ist  denn  Leben  ?  Da  flüchtet  die  Antwort  wohl  ins  Reich
der  Gleichnisse.  Bilder  drängen  sich  auf,  von  einem  Strom,  der  seine
eigenen  Quellen  speist,  oder  von  einem  Ruhenden  inmitten  aller
Wandlungen  Unrast.  Damit  ist  einer  Fachwissenschaft  nun  gar  nicht
gedient.  Gleichgültig,  was  Leben  „ist“,  will  sie  bloß  wissen,  ob  und  wie
denn  selbst  ihr  systematisch  begriffliches  Denken  noch  heranfindet  an
das  Leben.  Und  da  besinnt  man  sich  einfach  auf  den  empirischen
Grundgedanken  alles  Lebens:  dort  ist  Leben,  wo  sich  Einheit,  Wirken
und  Dauer  zusammenfinden.  Wirken  und  Dauer  verschränken  sich  so
zur  Einheit,  daß  die  Dauer  ebenso  das  Wirken  trägt  wie  dieses  die
Dauer.  Dort  also  ist  ein  Lebendes,  wo  eine  wirkende  Einheit  ihr  Dasein
selbsttätig  behauptet,  als  wirkende  Einheit  von  gleichsam  innerlich
erarbeitetem  Bestand.  So  ist  es  beim  Lebewesen,  beim  biologischen
Organismus,  besser  gesagt,  nur  bei  solcher  Auffassung  wird  man  dieser
Verwicklung  zur  Not  noch  Herr.  Die  gleiche  Auffassung  widerstreitet
auch  nicht  dem  persönlichen  Leben,  soweit  in  dessen  Tiefe  begriffliches ­
  Denken  hinabreicht.  Erschöpfend  aber  malen  sich  in  dieser
Auffassung  jene  Lebenswirklichkeiten  der  Schicksalswelt,  die  als  ihre
„Gebilde“  später  zu  beleuchten  sind.
Der  engere  Grundgedanke  alles  Lebens  aber  ist  eben  doch  die
Dauer!  Nicht  jene  stumpfe  Dauer,  wie  etwa  beim  Stein  am  Wege,
der  liegen  bleibt,  solange  ihn  niemand  wegstößt,  und  ganz  bleibt,  solange ­
  ihn  nichts  zertrümmert.  Sondern  eben  eine  tätige  und  auch  tätig
ertrotzte  Dauer;  eine  Dauer,  so  innig  verflochten  mit  Wirken,  daß  sie
eine  zugleich  erwirkte  und  eine  Dauer  des  W  irkens  darstellt.  Trifft
solche  Dauer  irgendwo  zu,  trifft  Leben  zu.  Diese  lebenbedeutende
Dauer  sei  kurz  als  Andauer  bezeichnet.
Aber  wir  retten  uns  lieber  auf  ein  einfachstes,  nüchternstes  Beispiel:
  eine  moderne  Erwerbsunternehmung,  also  je  nach  Wahl  eine
Bank  oder  ein  Handelshaus,  eine  Fabrik,  eine  Reederei  oder  ähnliches. ­
  Das  Streben  nach  Ertrag  hat  man  die  Seele  des  Unternehmens
genannt.  Tatsächlich  spielt  es  hier  die  idealtypisch  gesehene  „Dominante“, ­
  aussagbar  als  der  dieses  Gebilde  tragende  „Wille  zum  Erwerb“.
Nu r  darf  man  dieses  Streben  nicht  einfach  als  eine  Zielsetzung  auffessen,
  um  daraufhin  in  der  Unternehmung  nur  die  einschlägige

-■■■■■■
        <pb n="715" />
        704

Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner  Theorie“,

Leistung  zu  sehen.  Die  Unternehmung  vielmehr  bewährt  sich  auch
damit  als  wirkende  Einheit,  im  Sinne  einer  Ertragsquelle.  Aber  sie  tut
es  auch  im  Sinne  einer  Quelle  persönlichen  Erwerbs,  für  Arbeiter
und  Angestellte,  anders  wieder  für  die  Lieferanten  und  Kreditoren;
vor  allem  auch  im  Sinne  einer  Versorgungsquelle,  soweit  von  seiten
der  Unternehmung  produziert  oder  Tausch  oder  Kredit  oder  Verkehr
vermittelt  wird.  Woraus  geht  nun  schlechthin  die  Dauer  der  Unternehmung ­
  als  wirkender  Einheit  hervor  ?  Unsere  Neuromantiker  sagen,
aus  der  Wiederkehr  der  Zielsetzung,  also  wohl  so,  daß  immer  wieder
Ertrag  erstrebt  würde.  Daran  ist  so  viel  richtig,  daß  bei  einer  sogenannten ­
  „Liquidation“  oder  „Aufgabe  des  Geschäfts“  das  Ertragstreben
hinsichtlich  der  Unternehmung  erlischt,  und  damit  auch  die  Unternehmung ­
  selber.  Nichts  kann  ja  klarer  sein,  als  daß  zugleich  mit  der
„Dominante“,  mit  der  im  Geschehen  selber  enthaltenen,  „währenden“
Urbedingung  seines  Verlaufes,  auch  das  Geschehen  aussetzt.  Es  ist
auch  richtig,  daß  alle  die  vielerlei  Strebungen,  die  sich  außerdem  noch
in  der  Unternehmung  erfüllen  —  z.  B.  also  das  Streben  nach  Lohn
und  Gehalt  oder  jenes  Streben  nach  Versorgung,  das  sich  in  der
Nachfrage  bekundet  —  daß  sich  alle  diese  Strebungen  in  ihrer  Verknüpfung ­
  mit  dem  Unternehmen  sozusagen  als  Dauerstreben  ausweisen.
  Bevor  aber  beispielsweise  eine  Geschäftsaufgabe  aus  Willkür
eintritt,  behauptet  sich  bis  dahin  die  Unternehmung  wirklich  nur  kraft
Wiederkehr  der  Zielsetzung  ?  Beim  Bankerott  etwa,  da  bricht  die  Unternehmung ­
  doch  nicht  deshalb  zusammen,  weil  das  Ertragstreben  nicht
mehr  wiederkehrt;  sondern  umgekehrt,  infolge  des  Zusammenbruches
bleibt  diese  Wiederkehr  aus.  Ihr  ist  also  dann  irgendwie  der  Boden
entzogen,  ihr  und  allen  übrigen  Zielsetzungen.  Ein  Gegenbeispiel:  Der
Hunger  kehrt  doch  beim  schon  Verhungerten  auch  nicht  wieder,  da
muß  sich  immer  erst  Sättigung  einschieben;  also  trifft  richtige  Wiederkehr ­
  des  Hungers  und  seiner  Zielsetzung,  nämlich  des  Strebens  nach
Ernährung,  auch  nur  dann  zu,  sobald  in  dieser  Hinsicht  die  Versorgung ­
  irgendwie  gewährleistet  bleibt.  Mithin  muß  sich  die  Wiederkehr ­
  der  Zielsetzung  selber  noch  auf  etwas  anderes  gründen.  Nicht
aber  sichert  allein  schon  diese  Wiederkehr  den  Bestand  der  Unternehmung. ­
  Es  muß  vielmehr  irgendwie  eine  Bürgschaft  dafür  geboten
sein,  daß  mit  der  Leistung  zugleich  auch  die  Zielsetzung  wiederkehren
kann.
Was  liefert  nun  diese  Bürgschaft?  Gestaltung  tut  es;  jedoch
nicht  einfach  ein  Gestalten  von  Leistung,  nicht  einfach  eine  Koordination ­
  mannigfaltig  sich  „entsprechender“  Vorgänge  zur  Einheit  einer
Leistung.  Ein  Ins-Leben-Gestalten  liegt  hier  vor,  Gestaltung  nämlich
        <pb n="716" />
        Abschnitt  III.

705

als  Zusammenordnung  alles  einschlägigen  Geschehens  zu  Dauer  und
Bestand  1  Was  im  engeren  hier  „dauert“,  ist  das  Geschehen  in  seiner
verbürgten  Wiederkehr,  was  hier  „besteht“,  ist  die  daraufhin  gestaltete
Einheit,  ist  das  aus  jener  Zusammenordnung  erst  hervorgehende  Gebilde, ­
  hier  also  die  Unternehmung.  In  solchem  Geiste  ist  die  Unternehmung ­
  eine  wirkende  Einheit  von  innerlich  erarbeitetem  Bestand.
Damit  aber  weist  sich  dieses  Gebilde  schon  als  ein  Stück  Leben  aus,
wenn  auch  von  spezifisch  geringer  Lebenstiefe,  immerhin  als  eine
Lebenswirklichkeit.  Wohlgemerkt  jedoch,  die  Ordnung,  die  hier  den
Ausschlag  gibt,  ist  keine  Ordnung  von  Dauer,  keine  dauernde  Ordnung, ­
  im  Gegenteil,  sie  muß  sich  fast  unablässig  wandeln,  um  das  zu
bleiben,  was  sie  sein  will,  eine  Ordnung  nämlich  z  u  Dauer  und  Bestand, ­
  eine  lebenschöpferische  Ordnung.  Ich  vermeide  absichtlich  den
so  abgegriffenen  Ausdruck  „Organisation“  dafür,  der  im  Alltag  bald
nur  Koalition  meint,  bald  nur  Koordination  oder  Kooperation,  im
Sinne  des  richtigen  Ineinandergreifens  von  vielerlei  Tätigkeit  zur  Einheit
einer  Leistung,  bald  gar  nur  Zentralisation,  im  kriegswirtschaftlichen
und  reißbrettsozialistischen  Verstand  des  Wortes;  so  zwar,  daß  dieser
Ausdruck,  im  Hinblick  auf  den  immer  ganz  einseitigen  Sinn  seiner
Verwendung,  jenes  tiefen  Sinnes  gar  nicht  würdig  ist.
Das  fragliche  Zusammenordnen  zu  Dauer  und  Bestand  umschließt
erstens  schon  die  richtige  Abgestimmtheit  aller  jener  Vorgänge  aufeinander, ­
  die  zur  Unternehmung  gleichsam  verwirbeln;  also  das  Leiten
und  Verwalten,  das  Ein-  und  Verkaufen  und  Kreditieren,  das  Produzieren, ­
  das  Ausschütten  des  Ertrags,  das  Investieren  und  so  fort.  Mit
ihrem  verschiedenen  Inhalt  müssen  alle  diese  Vorgänge  ja  schon  der
Leistung  halber,  technisch  also,  richtig  ineinandergreifen.  Aber  sie  dürfen
einander  auch  nicht  stören,  sollen  sich  vielmehr  wechselseitig  fördern,
im  Sinne  ihrer  „laufrichtigen“  Form.  Es  will  alles  so  vollzogen  werden, ­
  um  dauernd  vollziehbar  zu  bleiben.  Dazu  aber  müssen  sich  die
Vorgänge  sogar  allseitig  herausfordern  I  Für  dieses  entscheidende  Verhältnis ­
  liefert  es  ein  ganz  rohes  Beispiel,  wenn  etwa  innerhalb  einer
industriellen  Unternehmung  der  Einkauf  alles  Produktionsbedarfes  die
Produktion  ermöglicht,  diese  den  Verkauf  der  Produkte,  und  dieser
wieder  sowohl  die  Ertragserzielung  wie  auch  abermals  jene  Vorgänge
des  Einkaufs.  Eines  leitet  aus  dem  Andern  seinen  Anlaß  her,  und
Jedes  hat  überhaupt  nur  Sinn  kraft  des  Zusammenspieles  Aller.  Obwohl ­
  jenes  Beispiel  diesen  Sachverhalt  nur  höchst  oberflächlich  aufrollt, ­
  sieht  man  doch  schon,  wie  sich  hier  gleichsam  ein  Kreis
schließt.  Darauf  läuft  es  nun  immer  und  überall  hinaus  1  Aber  zu
diesem  Zusammenspiel  der  Vorgänge  im  Innern  gesellt  sich,  als
T -  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.  45
        <pb n="717" />
        7o6

,Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner  Theorie'

Zweites,  ein  Austrag  mit  der  Umwelt.  Dabei  wieder  sind  alle  Vorgänge ­
  im  Innern,  gemäß  Art  und  Zusammenspiel,  in  förderliche  Übereinstimmung, ­
  in  Einklang  zu  bringen  mit  dem  Sein  und  Geschehen
in  der  Umwelt  —  förderlich  stets  in  bezug  auf  die  Verbürgung  der
Dauer.  Dies  schließt  auch  entsprechende  Eingriffe  in  diese  Umwelt
ein.  Die  Unternehmung,  z.  B.,  sucht  sich  nicht  nur  ihrem  „Markt“  anzupassen, ­
  sie  „bearbeitet“  ihn  auch,  ihn  wieder  sich  selber  anpassend.
So  kann  man  dieses  Zweite  im  ganzen  als  die  „Einpassung“  des  Gebildes ­
  in  seine  Umwelt  bezeichnen.
In  ihrem  Zusammenspiel  stellen  alle  Vorgänge  im  Gebilde  den
lebenerhaltenden  Umtrieb  des  Geschehens  vor.  Aber  sie  vollziehen
sich  nicht  aus  dem  Stegreif,  nicht  als  Improvisation.  Gestaltung  setzt
natürlich  schon  damit  ein,  daß  sich  diese  wiederkehrenden  Vorgänge
gleichsam  festlegen,  eine  Dauerform  annehmen.  So  konsolidiert  sich
z.  B.  der  Verbrauch  von  Sachen  zum  Halten  ihrer  „Vorräte“,  der
Gebrauch  von  Hilfsmitteln  konsolidiert  sich  zur  Einrichtung  von  „Anlagen“, ­
  und  so  legen  sich  persönliche  Leistungen,  Arbeit  oder  Wirken
von  bestimmter  Aufgabe,  je  als  ein  „Dienst“  am  Gebilde  fest;  zusammengehörige ­
  Dienste  bauen  dann  an  einer  „Stellung“  im  Gebilde,  die  irgendwie ­
  durch  Personen  auszufüllen  ist.  Diese  Vorkehrungen  aller  Art  vergliedern
  sich  ihrerseits  schon  zu  Teilgebilden,  meist  von  der  Form
eines  „Betriebes“,  d.  h.,  irgendein  bestimmter  Vorgang,  durchaus  nicht
Produktion  allein,  vollzieht  sich  in  gesicherter  Wiederkehr  auf  der
Grundlage  ein  für  allemal  getroffener  Vorkehrungen.  Erst  aus  solchen
Bauelementen  —  beim  Unternehmen  etwa  Direktion,  Einkaufsabteilung,
Werkbetriebe,  Verkaufs-  und  Propagandaabteilung,  Buchhaltung  und
ähnliches  —  erst  daraus  gestaltet  sich  dann  das  Gebilde  selber.  An
sich  ein  Unräumliches,  steht  es  daraufhin  dennoch  körperhaft  vor  unserem ­
  geistigen  Auge.  In  diesem  Gliederbau  des  Gebildes  spiegelt
sich  erst  recht  deutlich  die  Zusammengeordnetheit  alles  Geschehens,
von  dem  das  Gebilde  rastlos  durchströmt  bleibt.  Das  Gebilde  selber
erscheint  dann  als  eine  ganz  eigentümliche,  nämlich  als  eine  „kreisschlüssige“ ­
  Anordnung  von  Einrichtungen.  Die  tätig
erwirkte  Dauer  eines  Wirkenden  ergibt  sich  daraufhin  als  eine  gestalthaft ­
  verbürgte  Dauer.  In  diesem  schärferen  Sinne  ist  das
Gebilde  Unternehmung  von  der  Daseinsform  des  Lebens.  Und  je
kräftiger  sich  diese,  das  Leben  tragende  Bürgschaft  gestaltet,  desto
wuchtiger  ist  die  Unternehmung  eine  Lebenswirklichkeit.  Wir  sagen
diese  Lebenswucht  der  Unternehmung  als  ihr  „Gedeihen“  aus.  Was
sich  aber  hier  am  Beispiel  der  Unternehmung  beleuchten  ließ,  gilt
auch  von  allen  Wirtschaftsgebilden,  von  der  Haushaltung  bis  zu  Volks-
        <pb n="718" />
        Abschnitt  III.

707
und  Weltwirtschaft,  gilt  von  Staat,  von  Volk,  von  Universität  und
Kirche  und  so  die  ganze  Reihe  dieser  Lebenswirklichkeiten  durchnur
  daß  da  überall  Kreisschluß,  Zusammenspiel  und  Einpassung  ungleich ­
  verwickelter  zutreffen  als  bei  dem  schlichten  Zweckgebilde  der
Unternehmung.
Das  lebenstheoretische  Denken  erfaßt  also  die  Gebilde  stets  als
wirkende  Einheiten  von  gestalthaft  verbürgter  Dauer.  Da  bleibt  kein
problematischer  Rest  zurück  1  Diese  Gebilde  sind  in  genau  dem
gleichen  Ausmaß  von  der  Daseinsform  des  Lebens,  wie  sie  durchschaubar, ­
  also  geistig  zu  entfalten  möglich  sind.  Ihre  tatsächliche  Erschließung
mag  der  Wissenschaft  gelegentlich  noch  so  schwer  fallen,  verwickelt,
wie  sie  selber  und  erst  recht  durch  ihre  Eingebundenheit  ineinander
sind:  niemals  und  nirgends  begegnet  hier  das  begriffliche  Denken
einem  grundsätzlichen  Widerstande,  keinen  Rätseln  wie  im  organischen
Leben,  keinen  Abgründen  wie  im  persönlichen  Leben.  Das  lebenstheoretische ­
  Denken  aber  packt  die  Gebilde  gleich  als  solche,  als
Lebenswirklichkeiten.  Und  dieser  Griff  ins  Wesenhafte  führt  sicher
an  Gefahren  vorbei,  denen  das  leistungstheoretische  Denken  unentrinnbar ­
  erliegt.  Dieses  Denken  zerrt  ja  aus  den  Gebilden  stets  nur  die
Beziehung  zwischen  Ziel  und  Leistung  heraus,  es  erfaßt  also  im  besten
Falle  nur  Leistungsgestaltung,  wenn  es  nicht  überhaupt  bloß  an  oberflächlichen ­
  Größenproblemen  hängen  bleibt.  Ganz  übersehen  kann  die
Gebilde  auch  dieses  Denken  nicht.  Aber  es  konstruiert  sie  nur  entweder ­
  „individualistisch“  von  den  Individuen  her,  als  deren  Beziehungssysteme, ­
  als  Verbände  u.  dgl.,  oder  es  rollt  dieses  Denken  das
menschliche  Zusammenleben  von  mystischen  Gesamtheiten  her  und
gegen  die  Individuen  hin  auf,  „universalistisch“.  Das  lebenstheoretische
Denken  hingegen,  als  ein  problembewußtes  Denken  in  Gebilden,
Weiß  ebensowohl  den  hohlkonstruktiven  „Individualismus“  zu  vermeiden
wie  auch  die  flachmetaphysische  Verstiegenheit  des  „Universalismus“.,
Immer  nur  scheinbar  liegt  damit  ein  kategorisches  Entweder-Oder  für
unser  Denken  über  das  menschliche  Zusammenleben  vor.  Damit
stehen  bloß  dem  leistungstheoretischen  Denken  zwei  Verlegenheitsauswege ­
  zwingend  zur  Wahl,  wenn  dieses  naive  Denken  das  menschliche
Zusammenleben  erfassen  will,  dabei  aber  in  seiner  Art  am  Leben  selber
vorbeigreift  I  Für  das  reife,  das  Denken  in  Gebilden,  spielt  darum  auch
keinerlei  Fetischismus  der  „Ganzheit“  eine  Rolle.  Dieses  lebenstheoretische ­
  Denken  verneint  auch  völlig  den  sogenannten  „Organizismus“,
denn  auch  das  ist  ja  unfreiwillige  Komik,  wenn  sich  das  Denken  über
menschliches  Zusammenleben  von  seinem  Schuldner,  dem  biologischen
Denken,  die  Begriffe  und  Theoreme  aus  jener  Schuldmasse  gleichsam
45*
        <pb n="719" />
        708

„Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner  Theorie“,

wieder  zurückerborgt,  in  Gestalt  der  sogenannten  „organischen  Analogie“. ­
  Das  Gebilde  der  Schicksalswelt  ist  kein  Organismus,  kein  Lebewesen ­
  mit  seinen  Rätseln,  weder  ein  höheres  noch  sonst  eines;  ebensowenig, ­
  wie  es  ein  Mechanismus  wäre,  ein  bloßes  Gliederwerk,  eine
bloße  Leistungsgestaltung.  Es  ist  ein  Stück  echtes  Leben,  aber  im
klar  durchschaubaren  Sinn  gestalthaft  verbürgter  Dauer.
Die  Schicksalswelt,  als  Totalität  des  erlebten  Lebens,  ist  erfüllt  von
eitel  solchen  Gebilden,  hinter  denen  erst  noch  der  Reichtum  des  persönlichen ­
  Lebens  quillt  und  sprudelt.  Immer  kommt  es  ja  darauf  an,
wie  die  verschiedenen  Stellungen  im  Gliederbau  der  Gebilde  ausgefüllt
werden  durch  Personen.  Im  Bering  des  Unternehmens,  beispielsweise,
bauen  lebenswichtigste  Dienste  gemeinsam  an  der  „Unternehmerstellung“. ­
  Diese  kann  eine  einzige  Person  ausfüllen,  ebensogut  ein
selber  schon  gestalthaft  ausgebauter  Kreis  von  Personen.  Im  Wege
dieser  Ausfüllung  aller  seiner  und  oft  zahlreichen  Stellungen,  ergießt
sich  gleichsam  persönliches  Leben  ins  Gebilde;  oder  anders  gesehen,
von  da  aus  stürzt  das  völlig  durchschaubare  erlebte  Leben  immer  schon
in  die  abgründige  Tiefe  des  persönlichen  Lebens  ab.  Jedenfalls  steht
für  das  lebenstheoretische  Denken  immer  der  ganze  Mensch  im  Blickfeld, ­
  keine  bloße  Marionette,  kein  bloßer  homo  oeconomicus,  kein
business  man,  kein  Hampelmann  des  Erwerbs.  Aber  das  Individuum
als  Person  steht  nur  peripherisch  im  Blickfeld,  denn  im  Blickpunkt
verharren  die  Gebilde.  Sozialwissenschaft  entfaltet  das  persönliche
Leben  immer  nur  in  dem  Ausmaße,  als  sich  jeder  von  uns  im  Zusammenleben ­
  selber  erlebt;  daher  auch  der  Ausdruck  für  den  Vorwurf
dieser  Wissenschaft:  „erlebtes  Leben“.  Dahinter  erst  birgt  sich  die
eigentliche  Domäne  des  ichbej  ah  enden  Lebens.
Aber  diese  Lebenswirklichkeiten  der  Schicksalswelt,  die  Gebilde,
überkreuzen  sich  nicht  bloß  mit  dem  persönlichen  Leben,  sie  überschneiden ­
  sich  auch  untereinander  und  überdecken  sich  vielfach;  und
auch  damit  nesteln  sich  schwer  auflösbare  Verwicklungen  zusammen.
Die  Schicksalswelt  zeigt  eben  nicht  bloß  ein  beziehungsreiches  Nebeneinander ­
  der  Gebilde,  sondern  auch  ihr  buntfältig  Mit-  und  Ineinander.
Umschlossene  Gebilde,  ich  nenne  sie  „Ingebilde“,  gliedern  sich  umschließenden ­
  Gebilden  ein,  den  „Umgebilden“.  So  kann  z.  B.  eine
Unternehmung,  als  Ingebilde,  einem  Konzern  oder  einem  Kartell  eingehängt ­
  sein,  zugleich  gliedert  sie  sich  ihrer  Branche  ein,  mit  dieser
dem  ganzen  Industriekörper  einer  Volkswirtschaft  und  so  dieser  selbst,
gleichwie  sich  die  Volkswirtschaft  noch  mehrfach  und  abgestuft  weltwirtschaftlichen ­
  Umgebilden  einfügt.  Auf  allen  Stufen  dieser  Eingebundenheit ­
  laufen  die  Zusammenhänge  noch  zwischen  den  gleich-
        <pb n="720" />
        Abschnitt  III.

7  09
stufigen  Gebilden  hin  und  her,  z.  B.  als  die  „Geschäftsfreundschaft“
der  Unternehmung  zu  in-  und  ausländischen  Unternehmungen.  Auch
noch  darin  bekundet  sich  das  Gebilde  als  ein  Eigenleben.  Als  Ingebilde ­
  aber  hat  es  auch  teil  an  allem  Leben,  das  mit  seinen  Umgebilden ­
  da  ist.  Hier  greift  dann  der  lebenerhaltende  Umtrieb  des  Geschehens ­
  im  Gebilde  gleichsam  schleifenförmig  dorthinzu  aus,  und  so
wird  schon  von  seinen  Umgebilden  her  dem  Ingebilde  zum  guten  Teile
sein  Schicksal  und  Gedeihen,  kraft  seiner  Eingebundenheit.  Anders
wieder  lebt  das  Umgebilde  gleichsam  aus  seinen  Ingebilden  heraus.
Im  Zuge  aller  dieser  Verwicklungen  baut  sich  das  menschliche  Zusammenleben ­
  auf  als  das  Wechselspiel  von  Leben  zu  Leben  Gebilde
und  Personen.  In  ihm  steckt  grundsätzlich  die  ganze  Schicksalswelt
und  in  dieser  wieder  die  ganze  Wirklichkeit,  sozusagen  mit  Sonne,
Mond  und  Sternen.  Alle  diese  angeblichen  „Gebiete“  der  Wirklichkeit,
die  man  nach  dem  Geheiß  der  Schlüsselworte  „Gesellschaft  ,  „Wirtschaft“, ­
  „Staat“,  „Religion“,  „Kunst“  und  so  fort  —  vor  sich  wähnt,  sind
ja  nur  in  die  Wirklichkeit  hineingesehen.  Jedesmal  wird  dann  einfach
die  Wirklichkeit  unter  einem  verschiedenen  Gesichtswinkel  beschaut
und  so  immer  wieder  eine  andere  Totalität  aus  ihr  herausgesehen.
Was  aber  als  einseitige  Beschauungsweise  nur  eine  Sache  unseres
Denkens  ist,  das  werfen  wir  gleichsam  in  die  Wirklichkeit  zurück,  und
so  glauben  wir,  ihre  „Gebiete“  zu  sehen.  Das  naive  Denken  ergeht
sich  dann  jeweilig  in  der  Suche  nach  den  „Merkmalen“,  die  dem  Inhalt ­
  dieser  Gebiete  eigen  wären;  ganz  so  wird  beispielsweise  nach  den
„Merkmalen  der  wirtschaftlichen  Handlungen“  gesucht,  im  Glauben,
daß  sich  daraus  das  Wirtschaftsleben  atomistisch  aufbaue.  Ebenso
sollen  etwa  die  „Beziehungen  von  Mensch  zu  Mensch“  die  „Gesellschaft“
zusammensetzen.  Immer  nimmt  man  diese  „Gebiete“,  begriffsrealistisch,
als  Ausschnitte  aus  der  Wirklichkeit  ernst.  Tatsächlich  aber  steht  die
Schicksalswelt  selber,  und  einfach  dann  als  menschliches  Zusammenleben ­
  vor  uns,  sobald  uns  eine  bestimmte  und  einseitige  Beschauungsweise ­
  jene  Gebilde  vor  Augen  rückt,  sie  und  ihr  Wechselspiel  untereinander ­
  und  mit  dem  persönlichen  Leben,  dann  nur  umspult  und  getragen ­
  von  dem  zeitgebärenden  Strom  erlebten  Geschehens.  Denn
ebensogut,  wie  als  menschliches  Zusammenleben,  können  wir  ei  an
d «er  Beschauung  die  ganze  Schicksalswelt  als  jenen  Strom  ewig  sich
verjüngenden  Geschehens  in  Einheit  sehen,  als  „Geschichte  ;  wobei
dann  wieder  Kreisschluß,  Zusammenspiel  und  Einpassung  in  Sachen
de r  Gebilde  in  den  Hintergrund  treten,  ja  die  meisten  Gebilde  selber
z ü  einer  bloß  determinativen  Rolle  herabsinken.
        <pb n="721" />
        7io

,Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner  Theorie 1

IV.
Wie  hängt  nun  das  lebenstheoretische,  das  Denken  in  Gebilden,
mit  der  Nationalökonomie  zusammen  ?  Meine  Beispiele  haben  zum
Glück  die  Verbindung  mit  der  Nationalökonomie  aufrechterhalten  und
so  den  Eindruck  abgewehrt,  als  ginge  die  Fahrt  nach  Wölkenkuckucksheim. ­
  Und  wie  man  sich  zu  einem  Denken  in  Gebilden  praktisch
durchringen  kann,  das  lehrt  die  Tatsachenforschung,  mindestens  in
ihren  reifsten  Werken,  deren  Inhalt  uns  gerade  daraufhin  so  lebensinnig ­
  anmutet.  Zu  der  Einstellung  jedoch  auf  Wirtschaft  als  Leben,
womit  zugleich  das  Denken  in  Gebilden  in  Kraft  tritt,  dazu  führt  nun
auch  die  erkenntniskritische  Selbstbesinnung  unseres  Faches!  Denn
sie  belehrt  nicht  nur,  wie  es  roh  anzudeuten  war,  über  Erkenntnisstoff
und  Erkenntnisziel  dieser  Disziplin,  sie  erschließt  auch  deren  Grundproblem, ­
  und  auf  dessen  Inhalt  führt  jene  Einstellung  unmittelbar
zurück.  Das  soll  sich  zeigen.  Aber  von  hier  ab  kann  ich  aus  einem
streng  geschlossenen  Gedankengang,  der  bei  der  erkenntniskritischen
Selbstbesinnung  des  nationalökonomischen  Denkens  abrollt,  bloß  die
letzten  Ergebnisse  auslösen;  die  zwingende  Schlußfolge  selber  muß  ich
unterdrücken,  das  würde  viel  zu  weit  führen.  Es  trifft  sich  günstig,
daß  gerade  diese  letzten  Folgerungen  von  recht  einleuchtender  Natur  sind.
Wie  lautet  das  nationalökonomische  Grundproblem?  Es  ist  von
zwei  Vorstellungen  getragen,  die  sich  mithin  als  die  richtigen  Grundvorstellungen ­
  unseres  fachlichen  Denkens  aufspielen,  im  Zustand  seiner
schon  errungenen  Selbstbesonnenheit.  Von  der  einen  war  das  Nötigste
schon  zu  sagen;  das  ist  jene  Vorstellung  von  der  Gestaltung  menschlichen ­
  Zusammenlebens,  womit  unser  fachliches  Denken  schon  zu
lebenstheoretischem  Stil  verpflichtet  erscheint.  Die  andere  Grundvorstellung ­
  ist  die  vom  sozusagen  wirtschaftsfüllenden  Spiele  zwischen
Bedarf  und  Deckung.  Auch  das  sind  mir  keine  bloßen  Worte,
vom  Alltag  als  Richtschnur  des  Denkens  übernommen,  so  daß  dieses
so  tanzen  müßte,  wie  jene  pfeifen.  Auch  das  sind  nur  die  sprachnotwendigen
  Namen  für  unabhängig  von  ihnen  erarbeitete  Theoreme.  An
letzter  Stelle  unterliegt  hier  die  Einsicht  in  eines  der  Grundverhältnisse
alles  menschlichen  Zusammenlebens,  in  jenes,  das  ich  die  Lebensnot
genannt  habe.  Das  ist  der  grundsätzliche  Widerspruch,  damit  gegeben,
daß  alles  Wollen  als  solches  unbeschränkt,  alles  Können  stets  begrenzt
ist.  Dieses  Grundverhältnis  zwingt  nun  schon  dem  praktischen  Handeln
eine  Erwägung  auf.  Man  darf  sie  vom  Platz  weg  die  ökonomischpragmatische
  Erwägung  nennen,  denn  nachweislich  läßt  sich  ihr
        <pb n="722" />
        f  ■  .  ■  '

Abschnitt  IV.

Sinngehalt  sprachlich  bloß  mit  den  Worten  Bedarf  und  Deckung  wiedergeben, ­
  einfach  aus  Zwang  zu  richtigem  Sprechen.  Die  vom  Wollen
selbst  genährte  Forderung,  über  die  Bedingungen  des  Könnens  Verfügung ­
  zu  erlangen,  läßt  sich  sprachrichtig  nur  als  „Bedarf“  aussagen,
ihre  Erfüllung,  der  Eintritt  also  der  Verfügbarkeit,  nur  als  „Deckung
des  Bedarfs“.  Das  Gegenstück  liefert  die  technisch-pragmatische
Erwägung,  gemäß  Zweck  und  Mittel.  Technisch-pragmatisch  dreht  es
sich  um  die  Brauchbarkeit  der  Objekte  des  Handelns,  ökonomischpragmatisch ­
  um  ihre  Verfügbarkeit;  und  immer  dies  entscheidet  1
Übrigens  dienen  diese  beiden  Begriffspaare,  Zweck  und  Mittel  einerseits, ­
  Bedarf  und  Deckung  anderseits,  als  einseitig  vertretende  Denkformen ­
  der  tiefsten,  intellektuell  befriedigendsten  aller  Kausalitäten,  der
schicksalswissenschaftlichen  Kausalität.  Wie  diese  zwischen  „Domination“
  und  „Determination“  des  erlebten  Geschehens  in  reichster
Entfaltung  hin-  und  herwebt,  auch  das  muß  ich  ganz  übergehen.  Auf
das  Gegenüber  von  Bedarf  und  Deckung  führen  unzählige  Begriffspaare ­
  unseres  fachlichen  Denkens  zurück:  Konsument  und  Produzent, ­
  Nachfrage  und  Angebot,  Schuldner  und  Gläubiger  usw.
Wenn  wir  uns  daneben  alle,  ausnahmslos,  mit  Vorliebe  der  Denkform
„Zweck  und  Mittel“  bedienen,  um  die  Zusammenhänge  des  erlebten
Lebens  zu  entwirren,  so  ist  dies  verzeihlich,  wir  denken  dann  einfach
in  der  Weise  des  praktisch  Handelnden  als  technisch  Erwägenden
lässig  weiter.  Unverzeihlich  aber  ist  es,  wenn  man  diese  bloße  und
höchst  minderwertige  Denkform  der  tiefsten  aller  Kausalitäten,  wenn
man  sie  als  sogenannte  „Teleologie“  in  Gegensatz  zu  Kausalität  überhaupt ­
  stellt  und  daraus  nun  das  Schibboleth  der  Schicksalswelt  macht.
Das  ist  ein  starkes  Stück.  Darüber  geht  nur  mehr,  daß  man  die
arme  Schicksalswelt  als  „Welt  der  Werte“  zu  kennzeichnen  sucht,  sie
also  mit  Haut  und  Haaren  ausliefert  diesem  Trugwort,  dem  Brandmal
alles  undisziplinierten  Denkens.  Bei  uns  in  der  Nationalökonomie  hat
der  Unfug  der  Wertelei  begonnen,  wir  haben  die  ganze  moderne
Philosophie  damit  angesteckt,  wir  beginnen  auch  reinen  Tisch  damit
zu  machen,  die  Einen  empirisch,  der  Andere  theoretisch.  Aber  dies
uur  nebenbei.
Wie  verflechten  sich  nun  jene  beiden  Grundvorstellungen  zu
unserem  Grundproblem?  Hier  müßte  der  erkenntniskritische  Gedankengang ­
  flüchtig  skizziert  werden.  Zunächst  finden  sich  alle  Sozial-"üssenschaften
  darin  zusammen,  daß  sie  das  Problem  der  Andauer ­
  lösen.  Sie  treten  an  die  Schicksalswelt  einträchtig  mit  der
Frage  heran:  wie  gestaltet  sich  menschliches  Zusammenleben,  im  Sinne
des  Wechselspiels  zwischen  wirkenden  Einheiten  von  gestalthaft  ver ­
        <pb n="723" />
        712

,Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner  Theorie“,

bürgter  Dauer?  Nun  müssen  sich  aber  nachweislich  drei  Fachwissenschaften ­
  in  die  Aufgabe  teilen,  dieses  Problem  zu  lösen.  Denn  nicht
minder  nachweislich  vollzieht  sich  die  Gestaltung  sozialen  Lebens  auch
praktisch  auf  drei  verschiedene  Richtpunkte  hin:  Lebenseintracht,
Lebenszwietracht,  Lebensnot.  Diese  Gestaltung  läßt  sich  daraufhin
begrifflich  in  drei  Teilgestaltungen  zerlegen.  Immer  nur  einer  davon,
also  nur  immer  der  Gestaltung  in  einem  bestimmt  einseitigen  Geiste,
nur  ihr  ist  die  einzelne  Fachwissenschaft  noch  gewachsen;  das  heißt,
nur  in  dieser  notgedrungenen  Einseitigkeit  weiß  Fachwissenschaft  das
menschliche  Zusammenleben  so  zu  bewältigen,  daß  sie  es  gleichsam
geistig  umlegt  zu  einem  begrifflichen  Allzusammenhang.  Seiner  „diskursiven“ ­
  Natur  gemäß  vermag  begriffliches  Denken  eben  stets  nur
einem  Hasen  nachzulaufen,  sofern  es  in  sich  einheitlich  bleiben  will.
Es  interessiert  hier  nicht,  wie  neben  der  Nationalökonomie,  erstens,
eine  Schwesterwissenschaft  möglich  bleibt  vom  Politisch-Sozialen;  sie
arbeitet  alle  „Gesellung“  und  deren  Um  und  Auf  aus  dem  Zusammenleben ­
  heraus,  will  sagen,  alle  Gestaltung  im  Geiste  dauernden  Einklangs
von  Zwang  und  Freiheit.  Und  wie  sich  daneben  noch  eine  dritte
Wissenschaft  als  Aufgabe  ergibt,  jene  vom  Spezifisch-Sozialen,  vielleicht
als  „Soziologie“  tiefsten  Sinnes;  ausgerichtet  auf  alle  „Gemeinschaft“,
alle  Gestaltung  nämlich  im  Geiste  des  Sich-in-innerem-Einverständnisfinden.
  Auch  das  interessiert  hier  nicht  weiter,  wie  diese  drei
Schwestern  das  nämliche  erlebte  Leben  nur  immer  anders  sehen;  so
erscheint  zum  Beispiel  ein  und  dasselbe,  wuchtigste  Gebilde  der
Schicksalswelt,  das  alle  andern  unter  und  über  sich  trägt,  es  erscheint
der  einen  Disziplin  etwa  als  „Volk“,  der  zweiten  etwa  als  „Staat“,
der  dritten  als  „Volkswirtschaft“.  Dafür  verwende  ich  immer  das
Gleichnis  vom  Teppich  mit  dem  grün-weiß-roten  Muster,  woraus  die
eine  der  Schwestern  alles  Weiß,  die  andere  alles  Rot,  die  dritte  alles
Grün  als  zusammenhängende  Figur  heraussieht,  während  der  jeweilige
Rest  des  Musters  zum  bloßen,  nicht  weiter  zusammenhängenden  Hintergrund ­
  wird.
Dies  alles  sei  übergangen:  leuchtet  es  doch  ohnehin  ein,  welche
Teilgestaltung  menschlichen  Zusammenlebens  einseitig  die  Nationalökonomie ­
  aufs  Korn  nimmt,  sie  als  die  Wissenschaft  vom  Ökonomisch-Sozialen: ­
  jene  einfach,  die  im  Geiste  dauernden  Einklangs ­
  von  Bedarf  und  Deckung  erfolgt  1  Denn  nur  so  läßt
sich  im  Wege  der  Gestaltung  Trotz  bieten  der  Lebensnot.  Diese  verschuldet ­
  ja  grundsätzlich  eine  ewige  Spannung  zwischen  Bedarf  und
Deckung  —  leistungstheoretisch  gesehen  ist  dies  die  sogenannte
„Güterknappheit“.  Diese  Spannung  droht  sich  allemal  in  Streit  aus
        <pb n="724" />
        Abschnitt  IV.

713
Not  und  wieder  Not  aus  Streit  zu  entladen,  alle  Dauer  bedrohend
lebenhemmend.  Der  Gestaltung  aber  läßt  sich  unmöglich  zumuten
daß  sie  schlechthin  einem  Höchsten  an  Bedarfsdeckung  nachstrebe
weil  der  Bedarf  schließlich  immer  wieder  die  Deckung  überwuchert.
Die  Formel  vom  dauernden  Einklang  zwischen  ihnen  geht  nun  ebensowohl ­
  auf  höchsten  Auftrieb  der  Deckung  wie  auf  jene  Bändigung
des  Bedarfs,  bei  der  das  erstere  noch  erstrebbar  bleibt.
Damit  liegt  das  nationalökonomische  Grundproblem  in  seiner
ganzen  Schlichtheit  offen:  Man  denkt  nationalökonomisch  in  lebenstheoretischem ­
  Stile,  sobald  man  an  die  Schicksalswelt  letzten  Endes
die  Frage  richtet,  wie  gestaltet  sich  menschliches  Zusammenleben ­
  im  Geiste  dauernden  Einklangs  von
Bedarf  und  Deckung?  Letzten  Endes,  das  heißt,  die  jeweilige
Fragestellung  muß  immer  wieder  aus  jenem  Grundproblem  hergeleitet
sein,  im  Wege  der  Filiation  der  Probleme.  Es  läßt  sich  aber  dieses
Grundproblem  zu  einer  definitionsähnlichen  Formel  umstülpen:  Wirtschaft, ­
  als  Leben,  ist  Gestaltung  menschlichen  Zusammenlebens  im
Geiste  dauernden  Einklangs  von  Bedarf  und  Deckung.  Das  ist  nichts
anderes  als  die  kürzeste,  jedoch  das  Wesen  und  nicht  bloße  „Merkmale“ ­
  erfassende  Aussage  über  jenen  Tatbestand,  der  den  engeren
Vorwurf  unserer  Wissenschaft  bedeutet,  wenn  man  will,  also  ihr
»Erkenntnisobjekt“.  Nicht  herausgeschnitten,  sondern  auch  nur  herausgesehen, ­
  im  Gesichtswinkel  des  Grundproblems,  ist  dieser  Tatbestand;
unmittelbar  aus  dem  Zusammenleben,  mittelbar  aus  der  Schicksalswelt,
in  letzter  Linie  aus  der  empirischen  Wirklichkeit,  so  zwar,  daß  auch
noch  in  diesem  Tatbestand,  nur  eben  einseitig  erschaut,  die  ganze
Wirklichkeit  steckt,  auch  wieder  mit  Sonne,  Mond  und  Sternen  —
oder  wäre  etwa  die  licht-  und  wärmespendende  Sonne  nicht  höchsten
Belangs  für  allen  wirtschaftlichen  Zusammenhang?  Freilich  nicht  als
Planetenzentrum  im  Gefüge  eines  naturwissenschaftlichen  Weltbildes,
sondern  als  das  Sinnvolle  einer  gewaltigsten  Determinante  des  erlebten
Geschehens.  Jenem  Tatbestand  nun,  weil  er  erfüllt  ist  vom  Spiel
zwischen  Bedarf  und  Deckung,  kann  man  aus  Zwang  der  Sprache  richtig
nur  den  Namen  des  „Wirtschaftslebens“  zuteilen,  womit  er  in  lässiger
Kürze  als  „Wirtschaft“  nennbar  erscheint.  So  kommt  der  Anschein
heraus,  als  ob  nur  eine  Definition  des  „Grundbegriffes  Wirtschaft“
vorläge.  Allein,  hier  ist  eben  nicht  das  Theorem  zum  vorgegebenen
Wort  gekommen,  nicht  also  dem  Wort  definitorisch  entquetscht
Worden,  weder  offen  noch  verhohlen;  sondern  umgekehrt,  dem  erkenntniskritisch
  und  problembewußt  erarbeiteten  Theorem  drängt  sich  erst
hinterher  dieses  Wort  als  bloßer,  wenn  auch  sprachnotwendiger  Name
        <pb n="725" />
        Solche  Theorie  weiß  durch  den  sicheren  Ausgang  vom  Grundproblem ­
  etwas  zu  leisten,  was  bei  der  alten,  naiven  Einstellung  unmöglich ­
  bleibt.  Denn  es  trägt  hier  Theorie  noch  die  Fesseln  des  Alltagsdenkens, ­
  aber  dieser  Alltag  ist  jener  der  Wirtschaft  von  heute  und
um  uns;  daher  alles  leistungstheoretische  Denken,  ob  nun  Karl  Menger
oder  Karl  Marx  oder  wer  immer  es  übe,  gleichsam  in  der  Wolle
„erwerbswirtschaftlich“  gefärbt  bleibt.  Nun  aber  ist  die  Bahn  frei  zu
einer  systematischen  Besinnung  darauf,  was  als  das  wahrhaft  Unwandelbare ­
  in  aller  Wirtschaft  verharrt,  sie  möge  welcher  Formen
immer  sein,  „kapitalistisch“,  „munizipalistisch“,  „oikistisch“,  „sozialistisch“ ­
  usf.,  jedesmal  wieder  in  Wechselbedingnis  zu  den  sonstigen
Formen  des  Zusammenlebens  der  betreffenden  Zeit  und  des
betreffenden  Volkes,  Formen  der  Gesellung  und  der  Gemeinschaft.
Da  gilt  es  also  gleichsam  die  „Idee“  aller  Wirtschaft  zu  gewinnen,  als
das,  was  sich  nur  immer  wieder  anders  auslebt,  „inkarniert“,  in  wirklicher, ­
  in  „Gewordener“  Wirtschaft.  Geworden  ist  ja  alle  wirkliche ­
  Wirtschaft,  ihren  Formen  nach,  und  hört  auch  nie  auf,  ein
Werdendes  zu  bleiben.  Wie  verläuft  aber  diese  Besinnung  systematisch ­
  ?  Man  denkt  vom  Grundproblem  aus  im  geschlossenen  Zusammenhang, ­
  indem  man  der  Schnur  nach  die  immer  noch  grundlegenden
Probleme  herauswickelt  und  dann  ihrer  Lösung  nachgeht,  stets  auf  der
Spur  des  vernunftmäßig  Selbstverständlichen;  es  kommen  dabei  tatsächlich ­
  nur  Dinge  von  unmittelbarster  Evidenz  heraus,  wie  es  bei
einer  Erkenntnis  des  Bekannten  im  Unterbau  der  Theorie  gar  nicht
anders  sein  kann.  Hierbei  aber,  zweitens,  sieht  man  bewußt  ab,
das  heißt,  man  „abstrahiert“  also  von  allen  Formen  des  Zusammenlebens ­
  ;  weil  diese  sonst  das  Bild  beirren  müßten,  wie  sich  Zusammenleben ­
  ausdrücklich  im  Geiste  dauernden  Einklangs  von  Bedarf  und
Deckung  gestaltet.  Damit  spürt  man  den  unwandelbaren  Grundgehalt
aller  Wirtschaft  auf.  Er  umfaßt  alles,  was  aus  Zwang  der  Vernunft
immer  zutreffen  muß,  wo  und  wann  immer  Wirtschaft  wirklich  oder
selbst  nur  als  wirklich  denkbar  wäre.  Dieses  bloße  Vernunftgerippe
        <pb n="726" />
        Abschnitt  V.

715
jeglicher  Wirtschaft  ist  offenbar  ein  wahrhaft  zeitlos  Gültiges.  Ich
bringe  es  unter  das  Schlagwort  der  „Ewigen  Wirtschaft“.
Das  hat  nichts  zu  tun  mit  „abnehmend  isolierender  Abstraktion“
die  ja  in  Wahrheit  eine  zunehmend  fingierende  Abstraktion  ist,  eine
steigende  Häufung  von  Unterstellungen,  wobei  man  gleich  von  der
ersten  Stufe  an  der  Wirklichkeit  ins  Gesicht  schlägt.  Schon  gar  nichts
zu  tun  hat  dies  mit  der  gewissen  „reinen  Ökonomie“  der  mathematisch
entarteten  Theorie.  Aber  auch  die  so  beliebte  Flucht  zu  Robinson  verhilft
  nur  zu  einem  trügerischen  Ersatz  dafür.  Der  gute  Robinson  ist
doch  wirklich  keine  aufrufbare  Instanz  gegen  das  menschliche  Zusammenleben. ­
  In  seiner  Vereinzelung  behauptet  er  sich  offenbar  nur
als  der  Erbe,  der  geistige  und  sachliche  Erbe  des  Zusammenlebens,
ist  einfach  ein  vom  Zusammenleben  abgesprengter  Splitter.  Er  spielt
die  zufällige  letzte  Eins  hinter  dem  Abbau  des  Zusammenlebens  —
wie  sich  dieser  im  Wege  von  Schiffahrt  und  Schiffbruch  vollzieht  —
nicht  aber  bedeutet  er  für  dessen  Aufbau  die  grundsätzliche  Einheit,
nichts  weniger  als  das  „Bauelement“  des  Zusammenlebens.  Was  man
auch  ihm  an  Wirtschaft  zugestehen  kann,  ist  eine  verkrüppelte,  eine
Karikatur  auf  Wirtschaft;  denn  hier  fallen  ganz  wesentliche  Inhalte
des  Tatbestandes  aus,  vor  dem  unsere  Wissenschaft  steht,  z.  B.  gleich
die  so  ausschlaggebenden  Verhältnisse  der  Verfügbarkeit.  Freilich  ist
auch  seine  Krüppelwirtschaft  als  eine  wirkliche  mindestens  unterstellt.
Aber  gerade  dies  erscheint  hier  bedeutsam.  Die  Robinsonade  besagt
doch  kein  Abstraktum,  erzielt  durch  Abstraktion  von  allen  Formen  des
Zusammenlebens,  sondern  plump  und  klar  ein  aus  dem  Zusammenleben
hinausgeworfenes  Konkretum  1  Das  ist  aber  doch  sehr  zweierlei,  daher
man  nicht  schon  aus  Robinson  die  „Idee“  der  Wirtschaft  entwickeln
darf.  Lassen  wir  also  Robinson  lieber  dort,  von  wo  unsere  Theorie
endlich  heraus  muß  —  in  der  Kinderstube.
Was  demnach  als  erste  Neuerung  vernunftmäßig  zu  erarbeiten  ist,
hat  den  Sinn  einer  reinen  „Theorie  vor  den  Tatsachen“.  Verstandesmäßig ­
  baut  sie  sich  auf  der  Gemeinen  Erfahrung  auf,  das  ist
das  Jedermannswissen  von  der  Wirtschaft.  Ohne  eine  solche  Grundlage ­
  ließen  sich  ja  die  Zusammenhänge  aus  Zwang  der  Vernunft  überhaupt ­
  nicht  aufrollen.  Auf  der  Grundlage  dieser  Gemeinen  Erfahrung
ruhen  aber  auch  ausnahmslos  die  theoretischen  Systeme  der  Güterlehre, ­
  bewußt  oder  unbewußt.  Jedoch,  es  wollen  sich  diese  Systeme
auch  die  Ergebnisse  der  Tatsachenforschung  nicht  ganz  entgehen
lassen;  da  genügt  ihnen  auch  jene  „Lehre  von  den  Wirtschaftsstufen“
nicht  immer,  die  man  so  häufig  dem  unvermeidlichen  „Grundbegriffskapitel“ ­
  vor-  oder  nachschiebt.  So  stopft  man  denn  im  Fortgang  der
        <pb n="727" />
        yi6

,Vom  Wirtschaftsleben  und  seiner  Theorie“,

Theorie,  von  den  grundlegenden  zu  den  weiteren  Problemen,  aus  der
wachsenden  Flut  jener  Ergebnisse  in  das  System  hinein,  was  nur  Platz
hat.  Gemeine  Erfahrung  mischt  sich  somit  regellos  mit  wissenschaftlich ­
  erarbeiteter,  mit  Tatsachenerfahrung,  bis  förmlich  nur  ein  Brei
von  Erfahrung  in  die  Systeme  einfließt  und  ein  wahres  „Literessen“
an  Theorie  herauskommt.  Hier  nun  ist  reinliche  Scheidung  geboten,
und  jene  strenge  „Theorie  vor  den  Tatsachen“  macht  dies  auch  möglich. ­
  Sie  hat  die  Grundlehren  von  der  Wirtschaft  erbracht.  Mit
deren  Hilfe,  als  geistiges  Werkzeug,  lassen  sich  nun  die  Ergebnisse
der  Tatsachenforschung  streng  theoretisch  verarbeiten,  um  so  die
ganze  Vorarbeit  der  Empirie  erst  voll  für  die  Theorie  zu  verwerten,
ausdrücklich  zum  Behufe  einer  reinen  „Theorie  auf  Tatsachengrundlage“. ­
  Dies  die  zweite  Neuerung.  Damit  stellt  sich  der  Lehre
vom  Unwandelbaren  eine  Lehre  vom  Wandelbaren  gegenüber,  im
Sinne  einer  systematischen  Formenlehre  der  Wirtschaft.  Hier
gälte  es,  Reihen  zu  bilden  der  Lage-,  Verkehrs-,  Versorgungs-,  Rechts-,
Zweck-,  Gesinnungs-  und  so  weiter  Formen,  jedoch  inhaltlich  geordnete, ­
  keineswegs  Entwicklungsreihen.  Daraufhin  fänden  sich  auch
Gruppen  innerlich  zusammengehöriger  Formen  heraus  —  als  jene
Formenkomplexe,  die  je  einer  „Wirtschaftsordnung“  idealtypisch  eigen
sind.  Jede  Gewordene  Wirtschaft  weist  eine  bestimmte  „Wirtschaftsverfassung“ ­
  auf,  die  selber  wieder  durch  das  Vorwalten  einer  bestimmten ­
  „Wirtschaftsordnung“  gekennzeichnet  ist.
Dann  erst,  gleichsam  durch  ein  sinnvolles  Gegenspiel  von  Grundlehren ­
  und  Formenlehre  der  Wirtschaft,  dringt  man  durch  zu  einer
eigentlichen  Gestaltungslehre  von  der  wirklichen,  der  Gewordenen
Wirtschaft.  Man  erwägt  einfach,  wie  sich  die  „Idee“  der  Wirtschaft
jedesmal  wieder  in  einem  solchen  Formenkomplex  erfüllt.  Das
läuft  z.  B.  auf  die  Frage  hinaus:  wie  ist  „unternehmungsweise  Erwerbswirtschaft“ ­
  möglich?  Und  erst  bei  solcher  Fragestellung,  mit  jenem
Rückhalt  am  vollen  Ertrag  der  Tatsachenforschung,  da  erst  kann
das  lebenstheoretische  Denken  erhoffen,  daß  ihm  die  erschöpfende
Entwirrung  der  wesenhaften  Zusammenhänge  des  Wirtschaftslebens
gelinge.  Auch  noch  in  dieser  Dreistufigkeit  der  Theorie  —  Grundlehren,
  Formenlehre,  Gestaltungslehre  —  prägt  sich  die  Disziplin  des
Denkens  aus.
Doch  ist  dies  alles  noch  Zukunftsmusik.  Niemand  weiß,  wann
die  Wissenschaft  reif  sein  wird  für  den  erschöpfenden  Ausbau
eines  solchen  Systems  nationalökonomischer  Theorie.  Gerade  nur  der
erste  Schritt  ist  ohne  weiteres  möglich:  die  Theorie  der  „Ewigen
Wirtschaft“  I  Darüber  noch  hinaus  wird  man  sich  vorerst  schlecht  und
        <pb n="728" />
        Abschnitt  V.

717
recht  behelfen  müssen.  Ist  doch  der  Ausbau  der  höheren  Stufen
solcher  Theorie  bloß  im  regen  Wechselverkehr  zwischen  Theorie  und
Empirie  denkbar,  indem  die  erstere  der  letzteren  unausgesetzt  die
Probleme  stellt,  die  ein  weiterer  Ausbau  von  Formenlehre  und  Gestaltungslehre ­
  zu  lösen  erheischt;  eine  Aufgabe,  die  sich  nur  im  Wege
richtiger  Werkfortsetzung  erfüllen  ließe,  vielleicht  über  Generationen
hinweg.  Die  Zeit  der  rasch  fertigen  Systeme  ist  dann  eben  endgültig
vorbei.  Die  Nationalökonomie  hört  dann  auch  für  den  Teil  ihrer
Theorie  auf,  eine  Wissenschaft  zu  sein,  deren  Stelle  ihre  Lehrbücher
vertreten.  Gewiß,  nur  ein  Wechsel  auf  lange  Frist  wird  hier  gezogen, ­
  aber  es  steht  doch  Barzahlung  in  klingender  Münze  der
Erkenntnis  in  sicherer  Aussicht.  Für  zwei  Erfolge  bietet  sich  die
Bürgschaft  dar:  Einmal,  daß  so  der  Schlüssel  zu  finden  wäre,  um
jeder  wirklichen,  auch  jeder  nur  denkbaren  Wirtschaft  ihr  tiefstes
Wesen  abzulauschen,  im  Geiste  einer  „Allwirtschaftslehre“;
zweitens  aber,  daß  hier  ein  Denken  am  Werke  ist,  im  Vorgang ­
  und  in  seiner  Problembewußtheit  scharf  diszipliniert,  ein
Denken,  über  dem  sich  die  Theorie  nicht  vorweg  und  unheilbar  zerklüftet. ­
  Denn  nun  gilt  es  nicht  ferner,  zu  vorgegebenen  Worten  die
richtigen  Begriffe  und  Theoreme  finden  zu  wollen,  was  unrettbar  in
Widersprüche  von  Theoretiker  zu  Theoretiker  hineintreibt,  die  unauflösbar ­
  schon  deshalb  sind,  weil  sie  letzten  Endes  in  abweichender  Gesinnung ­
  wurzeln.  Gestritten  muß  immer  werden,  und  so  auch  hier,
über  die  Probleme  zunächst,  dann  über  ihre  Lösung.  Aber  dieser
Streit  ist  fruchtbar  und  führt  notwendig  zu  förderlichem  Ausgleich  der
Meinungen.  So  winkt  hier  erst  wahrhaft  eine  Theorie,  die  sich  dauernd
dem  Grenzwert  allgemeiner  Anerkanntheit  zubewegt  1
        <pb n="729" />
        Sachregister
        <pb n="730" />
        B  i  K

6  8621.  3.46

Abbild,  Nachbild,  Nachdichtung  645.
Abfolge/Ausfolge  562;
—  der  Erscheinungen  154,  194,  243,  256,
258,  359364f-.  375.  406,  562;
s.  a.  Naturgeschehen,  Kausalzusammenhang. ­

Abgleich/Ausgleich  228.
abhorchen/heraushören  630,  666.
Absicht  und  Erzielung  243.
absolut  unersetzlich  s.  1.;
—  unverwechselbar  s.  1.;
—  unwiederholbar  s.  1.
Absolutismus  des  Standpunkts  623  t.;
—  im  Urteil  623;
—  der  Zielsetzung  624  f.
Abstammung  357,  382.
Abstraktion/Fiktion  645,  653;
—,  generalisierende  194,  297,  3*7,  3 2 4i
329,  334;
—,  isolierende  194,  297,  318,  320,  324,
329,  334,  543,  644  f.,  647,  651,  653,
7l4f-Abtretung
  685.
Adler,  Max  519.
Äquivalenz  682,  687,  690.
Ästhetik  281.
Aftersoziologie  634,  637.
Akt  553,  55 6 ,  56o,  563  fr.,  575,  582;
—,  Kohärenz  des  568;
—,  subjektfremde  569.
Aktionärwissenschaft  329.
Aktionswissenschaften  155,  2l8f.,  245,
255  fr.,  261  ff.,  281,  329;
~~7Aktionärwissenschaft  329;
,  Geschichtsphilosophie,  Metaphysik  2i8f.;
/Naturwissenschaften  255  fr.;
'  ,  Tatsachen  in  den  261  ff.;
s.  Schicksalswissenschaften,
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leben.

Aktiv-Individuelle  s.  1.
aktiv-passiv  250,  559,  565,568;
—,  Organismus,  biologischer  250;
—,  Transzendenz  von  559.
Allbedungenheit  188f.,  223  f.,  23of.,  636;
—  erfaßbar  als  Gliederung  189,  223;
—,  Formeln  für  die  230  f.;
—  zwischen  Handlungen  X  88.
All-Bezug  272,  281.
Alleinheit  erlebten  Geschehens
—  als  Ding  der  Vorstellung  274,  275,  294,
325;
—  als  Erkenntnisziel  s.  Einheit;
—,  Erschließungsmöglichkeiten  der  268  ff.,
321,  586;  als  Geschichte  274,  s.  d.  —
als  Gebilde  275,  s.  Menschheitsleben  —
als  Menschheitsleben  277,  s.  d.;
—,  Unmöglichkeit  restloser  Erfassung  d.  260.
Allgemeinbegriff  453fr.,  483,  491,  501  ff.,
515,  574!
—  als  Denkform,  nomothetische  452,  469
—  als  Stammbegriff  454;
—  als  Unterlage,  kategoriale  454,  501  ff.;
—,  Anwendung  des  478;
—,  Formel  des  478;
—,  Kombination  von  461;
s.  a.  Artbegriff,  Funktionalbegriff,  Kollektivbegriff.

Allgemeine
—,  Begriffsbildung  des  s.  Begriffsbildung,
nomothetische;
—/Besondere  Ii7f-,  160,  174,  300;
—  als  Erkenntnisziel  447,  449,  452,  515,
574,  578,  597;
s.  ferner  Funktionell-,  Generell-,  Kollektiv-A.

Allgemeingültigkeit  /  Gesinnungsrichtigkeit
        <pb n="731" />
        722

Sachregister.

Allheit,  unverwechselbar  459.
Allkäuflichkeit  684.
Allpreisfolge  621,  682  f.
Allpreisgrund  621,  622,  675,  682  t.,  685,
689,  691.
Alltag  156  ff.,  164,  176,  199,  265,  327.
Alltägliche  i2off.,  152fr.,  163fr.,  176;
—  als  verständliches  Geschehen  155  ff.,  177;
—  als  Gesamtheit  wiederkehrenden  Handelns ­
  176;
—  als  Inbegriff  Ij6;
—  als  unverwechselbar  156;
—,  Erkenntnis  des  120ff.,  I52ff.,  171;
—,  Formeln  zur  Erkenntnis  des  s.  Formeln;
—,  Zusammenhänge  des  162  ff.
Alltagsdenken  119  ff.,  158  ff.,  240,306,  697  f.,
701  ;
—,  leistungstheoretisch  697,  701;
—/Denken,nationalökonomisches  und  wissenschaftliches ­
  X19ff-,  I26ff.,  157fr.,  240,
306,  701.
Alltagskenntnis  120,  152  f.,  156  fr.,  163,
190,  196  fr.,  252;
—  als  „Apriori“  nationalökonomischen  Denkens ­
  159.
Allwirtschaftslehre  601  ff.;
—  als  Grundauffassung,  neue  604fr.;
—  als  Inbegriff  6llf.;
—  als  Name  für  die  nationalökonomische
Theorie  613;
—  als  Schlüssel  jeglicher  Wirtschaft  717;
—  als  Theorie  aller  und  jeder  Wirtschaft
6ll;
—  als  Theorie  der  Probleme  statt  Theorie
bloßer  Lösungen  655  fr.,  66of.;
—  als  Theorie,  geläuterte  6u,  613,654fr.;
—,  Aufbau  der  A.  aus  Grundlehren  der
Wirtschaft  als  Theorie  der  Ewigen  Wirtschaft ­
  643,  716  —  als  Theorie  vor  den
Tatsachen  657,  715f.,  s.  a.  Theorie;
Formenlehre  der  Wirtschaft  als  Theorie
auf  Tatsachengrundlage  716,  s.  a.  643;
Gestaltungslehre  der  Wirtschaft  als
Theorie  der  Gewordenen  Wirtschaft
716,  s.  a.  643;
—.  Charakteristik  der  654  fr.;  ausgehend
vom  Problem  statt  vom  Worte  654,  714
—  diszipliniert  und  problembewußt  657,
7  Hi  7 1 7  —  Dreistufigkeit  716,  s.  Aufbau ­

  —  im  Einklang  mit  der  Empirie
656  f.,  661  f-,  716f.  —  Habitus,  soziologischer ­
  628,  638  fr.,  655  —  abgelöst
vom  Kommerzialismus  655  —  geläuterte
Problematik  654  —  problementwickelnd
661  ff.;
—,  Empirie  und  656  fr.,  661  f.,  716  f.;
—,  Gemeine  Erfahrung  und  656,  7 1 S»
—,  Grundproblem  und  Filiation  der  Probleme ­
  in  der  660  ff.;
—,  Kunstlehren  und  661;
—  lernt  durch  Lösungen,  lehrt  in  Problemen
657,  662;
—,  Nationalökonomie  und  604fr.;
—,  Problematik  der  654fr.,  660ff.;
—/Soziologie  im  fachwissenschaftlichen  Sinn
und  627;
—/soziologische  Wirtschaftstheorie  Webers
627  f.,  642  f.,  657;
—,  Theoreme  der  660  f.
all  wirtschaftliche  Auffassung  609,  611,
619,  638,  641  f.,  649,  652,  654  fr.;
—  bei  Schmoller  641  f.;
—  und  Güterlehre  649,  652.
allzu-organische  Auffassung  der  Gebilde  203.
Allzusammenhang
—,  begrifflicher  275,  700,  712;
—  des  Erlebten  154,  203,  258,  278  f.,  300,
33L  372,  394i  420,  585  f.,  636;
—  des  multipolaren  Geschehens  585  f.;
—,  räumlicher  460  fr.,  480  fr.;
—  als  Basis  objektiver  Bestimmung  500,
s.  a.  460;
—  als  Begriff  des  Umfassendsten  483;
—  als  Ding  der  Vorstellung  s.  Alleinheit;
—  als  Gebilde  275,  s.  Menschheitsleben;
—  als  Geschichte  274,  s.  d.;
—  als  Menschheitsleben  277,  s.  d.;
—  als  System  der  Systeme  483;
—  als  das  Überindividuelle  483;
—  als  Volkswirtschaft  333;
—  als  Voraussetzung,  formale,  idiographischer
  Erkenntnis  460,  500;
—,  Erschließungsmöglichkeiten  des  268  ff-,
321,  586,  s.  Alleinheit;
—,  Ethik  und  278  f.;
—/Fortschritt  und  Rückschlag  203;
—,  Reduktion  des  500  fr.,  s.  a.  460;
—,  Unverwechselbarkeit  des  460,  500;
        <pb n="732" />
        Sachregister.

7  23

Allzusammenhang
—/Zweckreihen  331;
s.  a.  Geschehenszusammenhang,  Zusammenhang. ­

Als  ob  416,  418,  419,  439.
Als-ob-Philosophie  671.
Analogie
—,  naturwissenschaftliche  370  ff.,  644,  649,
681,  708;
—,  organische  708;
—  zum  Erleben  527  ff.
Analogie-Schluß
—  vom  Geschehenden  auf  das  Geschehene
368,  370  ff.,  375,  411,  415;
—  vom  Höheren  und  Niederen  auf  Jünger
und  Älter  414;
—  vom  Über  und  Unter  auf  Früher  und
Später  352,  404,  414;
—  vom  Vorliegenden  auf  das  Vorgegangene
359  f-,  367  f-Andauer
  223,  225  f.,  228,  233,  234,  593,
669,  703,  711;
—  als  Grundgedanke,  empirischer,  alles
Lebens  669,  703;
-—  als  Problem,  gemeinsames,  der  Sozialwissenschaften ­
  711,  s.  a.  669.
Ander-Ich  435,  702,  s.  a.  162;  vgl.  Größer-Ich.

anerkennen/vorfinden  565.
Angebot  und  Nachfrage  257,  6181  62°,
698  f.,  711;
—  als  Gesetz/Idealtypus  698  f.
Animismus  531.
Anlagen  706.
Anschauliche  525,  537  ff.,  575-Anschauung
  und  Denken,  begriffliches,
noetisches  und  phänomenologisches  s.  1.
Anstand  212.
Anthropologie,  historische  340  f.,  39 2 &amp;gt;
396  f.,  430.
Antithetische,  einzigartig  559.
Apparat  194,  200.
»Apriori“,  nationalökonomisches  159-Arbeit

als  Fachausdruck  9 2 .  99  i
als  Schlüsselwort  328;
'  als  Tatbestand  des  Wirtschaftslebens
696.

Arbeitssitte  685.
Aristoteles  689.
Art  117,  455  ff-,  462,  465  f.,  479,  483;
—  als  Essentiale  462.
Artbegriff  183,  290ff,  462,  469  f.,  475,
478;
—  in  den  Aktionswissenschaften  290  ff.,
302  f.,  305  —  in  der  Biologie  302  —
in  den  Naturwissenschaften  296  ff.,  302;
—/Sonderbegriff  183,  290,  454,  462.
arthafte  Verkettung  s.  1.
Artung  455  fr.,  465  ff -.  497-Atom
  195.  3oi,  408,  437  ff.  44L  484.
622;
—  als  Untergrenze,  formale,  der  Individuation ­
  484.
Atomistik  437  ff.,  s.  a.  Gehirnatome.
Auch-Zusammenhang  des  Nebeneinander
264.
Auffassung
—,  allwirtschaftliche  s.  1.;
—,  allzu-organische  203,  205  —  organische
302,  475  —  unorganische  205.
Auffassungsweise
—,  anthropozentrische  562;
—n  vom  Menschheitsleben  311  ff.,  320fr.;
—n  von  der  Welt  des  Handelns  274,  277.
278,  291,  294,  31t.
Auflösung,  schildernde  184,  202,  234,
275  f.,  291,  299,  s.  a.  Schilderung.
Aufteilung  des  Verfügbaren  685,  686,
688,  689  j
—,  Kostenanschlag  und  688.
Aufwand  685.
Aufzeichnungen  523.
Augenschein  523.
Auseinander  562  f.;
—/Nacheinander  562;
,  Miteinander,  Wegeneinander  der  Handlungen ­
  163,  s.  Zusammenhänge.
Ausfolge/Abfolge  562,  569.
Ausgleich  228,  230fr.,  237.
Ausrufe  557.
Aussagetypen  über  „lesen“  525  fr.;
—,  erkenntnispsychologisch  532  fr.,
s.  a.  527  fr.,  534  ff!
—,  erkenntnistheoretisch  534,  537  ff;
—,  logisch  532ff.

46*
        <pb n="733" />
        724

Sachregister.

Aussagetypus
-—,  noetischer  551  ff.,  s.  a.  pseudo-psychologischer ­
  A.;
—,  physiologischer  546  ff.,  s.  a.  527,  534;
—,  pseudo-psychologischer  534fr.,  550,
—,  psychologischer  546  fr.,  s.  a.  527,  534;
—,  Demonstration  des  532  ff.,  544,  547  ff-!
—,  Generalisation  des  544;
—,  Verifikation  des  528,  532  ff.,  547  ff.,
558  f-Auswahlprinzip
  s.  unter  Erkenntnis,  Prinzip ­
  und  Einzelwissenschaften.
Automatik,  psychophysische  561.
Axiom/Empfindung  224.
Baer  378.
Bargeldeigenschaft  684.
Bastardierung  von  Erfahrungsweisen  170,
33°,  376,  637,  s.  a.  Aftersoziologie;  Erkenntnis, ­
  metahistorische;  Psychologismus. ­

Bastiat  II,  54,  65.
Bedarf  688  f.,  711;
—,  aufdringlicher,  vordringlicher,  deckungsfahiger,
  erfüllungswürdiger,  zwingender
688  f.;
—,  Ausmerzung,  Deckungsschmälerung,  Entfeinerung
  der  688  f.;
—,  Rangordnung  der  688.
Bedarf  und  Deckung  639,  669,  710  ff.
—  als  Grundvorstellung  710;
—  als  Denkform  711.
Bedarfsbereich  685.
Bedarfsdeckung  s.  Deckung.
Bedarfssitte  685.
Bedarfswucht  688.
Bedürfnis  als  Fachausdruck  92.
Bedürfnis  und  Stillung  243.
Begehr  und  Befriedigung  243.
begreifen
—  aus  der  Analogie  370  ff.;
—/verstehen  161,  193,  195,  373.
Begriff
—,  grundlegende  83  ;
—,  historische,  soziale  597;
—,  idiographischer  s.  Begriffsbildung;
—,  nomothetischer  469,  477;

—,  schöpferischer  179,  2o6ff.,  213  f.,  224,
228,  236,  296  f.,  s.  a.  164;
—,  umfassendster  B./Begriff  des  Umfassendsten ­
  483;
—,  unvermeidliche  141;
—,  Eiserner  Bestand  an  110;
—,  Qualität  und  quantitative  Eigenheit  des
502  ff.;
—,  Umfang  des  483;
—/Wort/Definition  107  ff.,  134  fr.,  298  f.;
s.  Allgemeinbegriff,  Artbegriff,  Funktionalbegriff, ­
  Gastbegriff,  Grenzbegriff,
Grundbegriff,  Inbegriff,  Individualbegriff,
Kollektivbegriff,  Notbegriff,  Relationsbegriff, ­
  Rohbegriff,  Sonderbegriff,  Stammbegriff, ­
  Vollbegriff.
begrifflich/denkend  erfassen  s.  Erfassung;
Umformungen,  denkende.
Begriffsbildung
—,  generelle  s.  B.,  nomothetische;
—,  historische  s.  B.,  idiographische;
—,  idiographische  449,  451  ff.;
—,  idealtypische  599,  644  h,  648;
—,  individuelle  s.  B.,  idiographische;
—,  naturwissenschaftliche  447,  s.  B.,  nomothetische ­
  ;
—,  nomothetische  449,  452,  458,  469,  477;
—,  sozialwissenschaftliche  443  fl.,  636,  654,
697;
—,  Erkenntnisziel  und  447,  449,  452,  515,
573  f-;
—,  Stoff  und  515  fr.,  573.
Begriffsmöglichkeiten  für  die  Erfassung  der
Welt  des  Handelns  252,  s.  Umformungen,
denkende;
—,  Kategorien  als  582.
Begriffsrealismus  587,  589,  709.
Begriffs-System  295  ff.,  298  ff.
Beobachtung  263,  533,  546.
Berechenbarkeit  636.
Berg,  Anhöhe,  Hügel,  Unebenheiten  502  f.;
—  und  bergen  503;
—/Mondberge  504.
Bericht  269  f.,  272,  274,  287.
Bernheim  378,  449.
beseelen  531.
Besondere  s.  Einzelne,  Individuelle.
Bestand,  Eiserner,  an  Begriffen  —  an  Worten
Iio;
        <pb n="734" />
        Sachregister.

725

Bestand,  empirischer  584f.,  596.
Bestände  198,  254,  270,  299.
bestehen/dauern  705.
Bestimmtheit
—,  anschauliche  451fr.;
—,  gedankliche  451fr.;
—,  zeit-örtliche  291,  s.  a.  549;
—,  zeit-örtlich-persönliche  246,  290,  s.  a.
560  f.,  585.
Bestimmung/Nennung  313  fr.
Betrachtung,  generalisierende  598.
Betrieb  706.
Betriebslehre  237.
Bewegung  532.
Bewußtseinseinheit  535,  549.
Bewußtseinsinhalt  524  f.,  537  f.,  542.
Beziehen
—  aut  Interessen  503  fr.;
—  aut  Probleme  633,  644,  651,  7 I1 fci
—  aut  Werte  449,  509,  598,  633,  644f.
Beziehbarkeit  von  Allem  auf  Alles  500,
597-Beziehungslehre
  s.  Soziologie.
Beziehungsmöglichkeit,  dreifache  und
spezifische  560  f„  585.
Beziehungsradius  487  f.
Bilanzwert  621.
Biogenetische  Disziplinen  374i  381  f-&amp;gt;  4 1 ®,
s.  a.  Metahistorie;
—  Grundgedanke  395,  418,  4191  43 1 !
s.  Entwicklungsgedanke.
Biologie  302,  367,  414,  629,  7 02  f-  &amp;gt;
—,  Artbegriff  in  der  302;
—/Denken,  un  zerfallend  es  I94i  2 5 2 ’  3 02 &amp;gt;
702  f.,  707  f.;
—,  historische  414;
—,  kausal-teleologisch  in  der  367!
—»  Naturwissenschaft,  systematische,  und
629;
—/Wissenschaft,  schildernde  302,  s.  Leben,
organisches.
Wicken  552  fr.,  562,  564,  566.
Blutzusammenhang  39S&amp;gt;  4 j 8i  43 1 -
v *  Böhm-Bawerk  5  *•»  9»  2 8&amp;gt;  3 2  54»  ®4»
72  f.,  148,  652  f.
Börse  201  f.
Botanik  148.
Brauch  216,  222.

Buffon  430.
Buße  301.
business  man  708.
Carey  54.
Charakterwert  491,  494,  509.
Chemie  148,  312.
chemische  Reaktion  174,  194.
Chemismus  194,  438.
Cohn  69.
compositum  mixtum  526  —  der  Erscheinungen ­
  554,  558.
Comte  378,  634.
Condillac  53.
Darlehn  687.
Datum  523,  580  f.,  654,  659,  699  f.
Dauer  669,  703  fr.
dauern,  bestehen  705,  s.  fortbestehen.
Dauerstreben  220L,  223,  225  fr.,  704;
—,  abgeleitete  221;
—,  Ausgleich  unter  den  228,  230  fr.,  237;
—,  Erfüllbarkeit  der  231  ff.
Deckung  689,  711,  713;
—,  höchste  713;
—,  unzulängliche  689.
Deduktion/Induktion  297,  30of.,  448,  490,
658  fr.
Definition
—  des  Erlebens  538;
—  der  Geschichte  347;
—  der  Grundbegriffe  89;
—  der  Volkswirtschaft  665;
—  der  Wirtschaft  665,  667;
—  des  Wortes  106;
—en  der  Eingeborenen  Fachausdrücke  103,
131;
—en  des  Wertes  25,  56;
—en  in  der  Nationalökonomie  99,  103,  123,
128;
—,  alleinseligmachende  136,  315;
—,  genetische  298,  302;
—,  namenerklärende  169;
—,  worterklärende  153,  155  f.,  202,  229,
3°o,  315;
—/Begriff  298  f.;
—/Erkenntnis,  unzerfallende  298  ff.;
—/Formel  667  f.;
        <pb n="735" />
        726

Sachregister.

Definition
: —,  Wiederholungsreiz  jeglicher  139  f.
definieren/auflösen  l84f.,  201  f.,  234,  s.
Auflösung,  schildernde.
Demonstration  532fr.,  544,  547  ff.
Denken
—,  anarchistisch-theoretisches  222  ;
—,  bildhaftes  525  ;
—,  buchstabierendes  185,  192,  303;
—,  freibewegtes  20,  191,  227,  229;
—,  juristisches  202,  219,  222,  225,  229,
249&amp;gt;  253.  255,  271,  278,  299,  301;
—,  künstliches  541,  575»  699!
—,  lebendiges  189,  190.  197f-.  2*3.  215
u.  a.  O.;
—,  natürliches  541,  575;
—,  primitives  531;
—,  rückschauendes  188  f.,  190,  197,  201,
2x4  u.  a.  O.  —  vorschauendes  197,
201  u.  a.  O.;
—,  wissenschaftliches  /  außerwissenschaftliches, ­
  vorwissenschaftliches  122,  127,
148,  158f.,  240,  701,  s.  Alltagsdenken;
Alltagskenntnis;  Denken,  begriffliches;
—  der  Gattung  395  fr.,  408  fr.,  420  f.;
—  in  Gebilden  215,  2x7,  219,  224,  332f.,
636,  641,  665,  669,  707,  710;
—  in  Gütern  231,  646,  s.  güterselig.
Denken,  begriffliches  164,  173  f.,  289,  292,
523  fr.,  702,  712;
—,  analytisch-synthetisch  einsetzend  536,
538,  542;
—,  beziehendes-unterscheidendes  538  f.,  542,
568;
—,  Anschauung  im  535  f-,  539,  545  fr.;
—,  Bedingtheit,  soziale,  des  555;
—  diskursiv  7 12 ;
—/Sprechen  289,  292;
—,  Stoff  und  261fr.,  294f.,  326,  542fr.;
—  systematisch  702.
Denken,  noetisches  541  ff.,  549  ff.,  575  ff.;
—,  Anschauung  und  546,  550  ff.,  567,  s.  a.
535  f -&amp;gt;  539  und  Erlebung;
—,  Stoff  des  563  ff.;
s.  D.,  unzerfällendes.
Denken,  phänomenologisches  541  ff.,  575  ff.;
—,  Anschauung  und  545  ff.,  s.  a.  535  f.,
539  und  Erscheinung;

Denken,  phänomenologisches,  Stoff  des
546  fr.;
s.  D-,  zerfallendes.
Denken,  unzerfällendes  181,  194,  218  f.,
252  fr.,  26iff.,  294,  s.  a.  D.,  noetisches.
Denken,  zerfällendes  162,  170,  173  fr.,  181,
194,  218f.,  245,  253,  258  f.,  263;
—  im  Handeln  162,  181,  253,  258f.,  263;
—/Individualität,  Schicksal  245  ;
s.  a.  D.,  phänomenologisches,
denkend/begrifflich  erfassen  s.  Erfassung;
Umformungen,  denkende.
Denkgesetze,  logische  363  fr.,  370  fr.;
—  als  Essentiale  historischen  Geschehens
3840.;
—  als  Grundlage  des  Handelns  362  ff.»
370fr.,  384ff.,  411,415.
Denkweise
—/Begriffsbildung  582,  s.  Begriffsbildung;
—/Erkenntnisziel  s.  Erkenntnis  ;
—/Gebaren,  wissenschaftliches  579  ff.;
—/Kausalität  580fr.,  s.  Kausalität;
—/Stoff  s.  d.;
—/Tatsache  579  ff.,  s.  d.
Dependenz,  logische  520.
Deszendenzlehre  431.
Determinanten  155,  182,  299,  322,  505  fr.,
518,  581;
—,  akute  1766;
—,  chronische  I7öf.,  180,  212;
—,  naturhafte  176  f.;
—,  persönliche  245  ;
—,  oberpersönliche  248  ;
—,  seelische,  sinnliche  245,  270;
—,  zuständliche  27of.,  273,  s.  a.  2X2,  222;
—,  Geographie  als  Lehre  bestimmter  264;
—,  Rechtskraft  als  207,  222;
—,  Wechsel  der  179,  207  f.
Determination  163,  i76f.,  198,  207f.,  212,
222,  271  ff,  322,  505  fr.,  711;
—  der  Handlungen  163,  198;
—  durch  Geschehen,  fließendes  276  —  zu*
ständliches  212,  222,  271,  273,  276;
durch  die  Lage,  geographische  208,
506;  durch  Naturgeschehen  176  f.,  2X2,
300;  durch  Recht  2076,  222;  durch
Zölle  208;
—,  Lehre  von  der  322.
—,  extreme,  des  Stammbegriffes  456  ff.
        <pb n="736" />
        Sachregister.

727

determinative  Würdigung  506  ff.
Deutsches  Reich  184,  206  ff.,  246  ff.
Deutung  528,  569,  580.
Dienst  706,  708.
Dietzel,  Heinrich  12,  28  f.,  61,  63  ff.,  69,
85,  88,  91fr.,  666.
differential-explikatorisch  491  f.
Differenzierung  historischen  Geschehens
398,  419.
Dilthey  327,  378,  449,  519.  562,  575,  671.
Dimension,  Wirtschaftliche  673  fr.,  696;
—,  Sinn  der  683,  685  ff.;  als  Anzahl  von
Geldeinheiten  683;  als  Kaufkraft  des
Gutes  (landläufige  Deutung)  683;  als
Ausmaß  an  Verfügungsmacht  686;  als
Ausmaß  an  Tauschverfügungsmacht  686;
als  Ausmaß  an  Gestaltungsfreiheit  (abschließende ­
  Deutung)  687;
—,  Tatbestand  der  682  f.,  691;  als  wirtschaftlich ­
  charakteristische  Zahl  682;
als  Richtschnur  aller  Veranschlagung
682;  als  Preishoffnung  682;  als  bestimmende ­
  Norm  beim  Entschluß  zu
Tausch  und  Preis  682,  687,  689;  als
preisbestimmend  Preisbestimmtes  682;
—,  Werdegang  der  683  f.;
—,  binnengebildliche  688;
—,  fremdbürtige  686;
—,  kryptoökonomische  689;
—,  wirtschaftsaktuelle,  wirtschaftsokkasionelle ­
  und  wirtschaftsusuelle  683!
—  als  Allpreisfolge  621;
—/Geldeinheit  687;
—/Grenzzahlen  689;
—/Preisstetigkeit  682;
—/Werthypothese  682,  685,  689.
dimensional,  gleichzahlig  687.
Dimensionalität,  Wirtschaftliche  686.
Ding
—■  als  Kategorie  465,  501,  564  f.;
—1  Eigenwürde  des  477?  4^9!
—,  Individualität  des  476  f.;
—,  Modalitäten  des  461,  465,  497-diskursiv
  712.
Diszipliniertheit  159.  7*4,  7*6f.
Dogma  60,  75,  238,  621.
Dogmengeschichte  des  Wertes  46.

Dominanten  506  ff.,  518,  581,  703;
—,  erlesene  508.
Domination  711.
Dreiteilung
—  des  sozialen  Organismus  636;
—  der  Sozialwissenschaft  635  f.,  669,  712.
drinnen-draußen  192(7.;
—,  Doppelsinn  von  193;
—/Natur-Welt  des  Handelns  r  93  fF.;
—/Gebilde,  Zuständliches  196  ff.
Drittes  Geschehen  s.  1.
Droysen,  I.  G.  378,  518.
Dualismus  der  Erkenntniswege  435,  565,
s.  Entweder-Oder  der  Auffassung.
Durchschaubarkeit  erlebten  Geschehens
154,  157,  161  ff.,  175,  1 77  &amp;gt;  190,  192fr.,
196fl.,  224,  255,259,  265,  300f.,  698  f.,
707  f.,  s.  verstehen/begreifen;  Geschehen,
vernünftiges.

Eigenart  455  ff.,  467,  475  f.,  496fr.;
—  als  Fremdkörper  464;
—  als  Füllung  462;
—  als  Unterscheidendes  par  excellence
463  f.,  s.  a.  458.
Eigenartigkeiten  458.
Eigenlage  461fr.,  466  f.,  4756,  496  fr.;
—  als  Essentiale  der  Sonderbegriffe  462.
Eigenname  453,  501.
Eigenschaften  182,  194,  564  f.
Eigentum  685.
Eigenwürde  des  Dinges  477,  489.
Ein  Zusammenhang  alles  Erlebten  255,
s.  Allzusammenhang.
Eindatierung  425.
Eindenkung  des  Erlebten  700,  702.
Eine  Gewebe  der  Erlebnisse  175,  187,
246,  260,  264,  265,  273,  278,  281,  290,
325.  333.  36°;
—  als  Ding  der  Vorstellung  s.  Alleinheit.
Eine  und  ungeteilte  Wirklichkeit  s.  Wirklichkeit. ­

Einerlei  255,  258,  263,  295;
—/Einheit  255,  258,  270,  295.
Eingebundenheit  s.  Gebilde;  Nationalökonomie, ­
  theoretische.
Einheit
—,  agronomische  465,  47  x  f.;
        <pb n="737" />
        7  28

Sachregister.

Einheit
—,  ausgeglichene  465;
—&amp;gt;  geogenetische  465,  471;
—,  geognostische  465,  471;
—,  höchste  244,  s.  Gebilde;
—,  hydrographische  479;
—,  in  sich  ruhende  188,  223,  246,  276,
291;
—,  mathematische  236,  311,  700;
—,  strömende  190,  248  f.,  253  f.;
—,  ursprünglichste  244,  246,  251,  273;
—,  wirkende  703  ff.,  s.  Gebilde;
—  als  Erkenntnisziel  255,  258ff.,  268  ff.,
295,  354,  s.  a.  Alleinheit;
—  des  Bewußtseins  535;
—/Einerlei,  Einheitlichkeit  255,  258,  270,
295;
—  im  Handeln  313,  321,  s.  Scheidung  im
Denken;  Wirklichkeit,  Eine;
—en  der  Erkenntnis  320,  584  f.;
—en  des  Handelns  244fr.,  252,  s.  Gebilde;
Umformungen,  denkende;
—en  im  erlebten  Geschehen  184  fr.,  s.  Gebilde; ­
  Umformungen,  denkende;
—en  im  Naturgeschehen  182  f.
Einheitlichkeit  als  Erkenntnisziel  258,  s.
Einerlei.
Einklang
—  zwischen  Bedarf  und  Deckung  639,  669,
688,  712  f.;
—  zwischen  Denken  und  Erleben  242,  244,
248;
-  zwischen  Zwang  und  Freiheit  669,  712.
Einkommen  92,  687,  689;
—  als  Fachausdruck  92;
—,  freies  687.
Einleben  245.
Einordnung  in  anschauliche  Zusammenhänge ­
  464  fr.
Einpassung  669,  706,  707,  709.
Einrichtung  200,  221,  520,  587,  706.
Einstandswert  621.
Einzelne
—  als  Individuum  463  fr.;
—  als  Konkretum  451  ff.;
—  als  Singuläres  452  ff.;
—,  anschaulich  bestimmt  451fr.;
—,  gedanklich  bestimmt  452  ff.,  463  fr.

Elemente
—,  anschauliche  545  ff.,  s.  Denken,  begriffliches, ­
  noetisches  und  phänomenologisches ­
  ;
—,  chemische  194;
—,  irreduktible  546,  557,  569;
—  aller  Wirtschaft  90.
Empfindung  193  ff-,  224,  436,  556;
—  als  Grenzbegriff  436  ;
—/Axiom,  Schluß  224.
Empfindungseinheiten,  letzte  195.
Empfindungsreihen  435.
Empirie,  nationalökonomische  s.  Forschung,
Nationalökonomie,
empirisch
—  Gegebene  s.  1.
—  unersetzlich  s.  1.
—  unverwechselbar  s.  1.
—  unwiederholt  s.  1.
—e  Singularität  s.  1.
-—e  Wirklichkeit  s.  1.
Endzweck  624.
energetische  Konstellation  408.
Energie  182,  686.
Engels,  Fr.  54.
Entpersönlichung  des  Handelns  246  f.,  s.
Handeln.
Entsprechung  704.
Entweder-Oder  der  Auffassung  (begrifflichen
Denkens)  177,  193,  195,  196,  294f„
375.  378,  54°.  542  ff-,  7°3-Entwicklung

—,  biologische  302,  s.  a.  gattungsmäßige;
—,  gattungsmäßige  357,  382,  396,  404,
43i;
—  als  Denkform  s.  Zustand  und  Entwicklung. ­

Entwicklungsgedanke  410,  419,  422  f.;
—  als  Prinzip  zeithaften  Ordnens  419,  422;
—,  Wahrheit  des  419.
Entwicklungsgeschichte  348,350,  357,422;
—  als  Vorspiel  der  Geschichte  348,  350,
s.  a.  Geschichte;
—  des  Erdballs  422  —  des  Menschen  348,
422  —  der  Tiere  und  Pflanzen  350,  357;
—,  Metahistorie  als  422,  s.  e.
Entwicklungsgesetz  258,  407,  522.
Entwicklungsreihe  382.
        <pb n="738" />
        Sachregister.

729

Epochen
—,  geologische  404f.,  439f.,  s.  Perioden;
—,  historische  492.
Equilibration  593,  595.
Erdball  421  f.
Erdgeschichte  348,  349  f-,  355,  408,  422;
—  als  Vorspiel  der  Geschichte  348;
—,  Jahrmillionen  der  349  h,  383,  426.
Erdmannsdörffer,  Bernhard  80.
ereignen/geschehen  175.
Ereignis  176,  264,  273  f.,  291,  353,  405,
430,  s.  a.  Naturereignis;
•—  und  Wandlung  590.
Erfahrung
—,  Gemeine  98,  119,  165,  239,  304fr.,
317,  605,  608  f.,  615,  643,  648,  656  f.,
658,  7 1 5  f-  —  als  börsenmäßige  E.  der
Klassiker  615,  als  Forschungsprinzip
608,  s.  a.  Allwirtschaftslehre,  Giiterlehre,
Nationalökonomie,  Theorie  vor  den
Tatsachen;
—,  wissenschaftliche  605,  657,  7*6,  s -
Forschung  in  Tatsachen;
—,  noetische  576  ff.,  585,  595!
—,  phänomenologische  576;
—,  als  Begriff,  unaufgelöster  585  i
—,  als  Formung,  begriffliche  564,  7°°i
—/Begriff/Wort  122;
—/Erleben,  Nacherleben  564,  575,  s -  Stoff;
—,  Interesse  an  der/Interessen  am  Erfahrbaren ­
  158;
—,  Modi  der  s.  Stoff;
—,  Voraussetzung  der  442;
•—,  Wurzel  der  301,  436;
—,  Zweierlei  von  634,  703,  s.  Denken,  unzerfallendes
  und  zerfallendes;  Entweder-Oder
  der  Auffassung;  Erfahrung,  noetische ­
  und  phänomenologische;  Natur/
Welt  des  Handelns.
Erfahrungsweisen  s.  Stoff.
Erfahrungswissenschaft
—,  Betrieb,  praktischer,  einer  344;
'—,  Gebaren  der  579,  583  fr.;
—,  Gegenstand  einer  344;
"—,  Gesichtspunkt  einer  154  f.,  254  f.,
278  fr.;
—,  Grundproblem  einer  668;
,  Stoff  einer  344,  s.  Stoff;
'  ,  Werturteile  und  623  fr.;

Erfahrungswissenschaft
—,  Würde  einer  625  f.;
—en  noetischer  Erfahrung  576  ff.,  583,  586;
—en  phänomenologischer  Erfahrung  576,
579,  583;
—  en/Problem/Wort  I5lff.,  s.  Problem,
W  ortgebundenheit;
■—en,  Scheidung  der  254  f.,  278f.,  337f.,
391fr.,  434  fr.,  447  ff.,  515fr.,  576fr.,  583;
s.  a.  Aktionswissenschaften,  Historie,
Metahistorie,  Nationalökonomie,  Naturwissenschaften, ­
  Schicksalswissenschaften
usw.;  Erkenntnis,  erfahrungswissenschaftliche;
  Erkenntnis,  historische  und
metahistorische;  Erkenntnis,  unzerfallende
und  zerfallende.
Erfahrungsurteil  525  fr.,  s.  Demonstration,
Generalisation,  Verifikation,
erfaßbar
—,  historisch  39  t  ff.;
—,  kausal  405  fr.,  414;
—,  naturwissenschaftlich  391  ff.
Erfassung
—,  denkende/begriffliche  173;  s.  Alleinheit;
Allzusammenhang,  begrifflicher;  Einheit
als  Erkenntnisziel;  Umformungen,  denkende. ­


Erkenntnis
—/Bekenntnis  679,  681,  690,  s.  Werturteil;
—/Kenntnis  120,  159.
Erkenntnis,  biogenetische  357  f.,  381  f.,  422.

Erkenntnis,  historische  35  t  ff.;  vgl.  Historie;
—  als  Aufschluß  über  die  Vergangenheit
34°f-,  35°,  35 1  { -&amp;lt;  354,  4°6f.,  429,  437;
—  als  Provisorium  366;
—,  Auswahlprinzip  der  406,  420,  598;
—,  Emanzipation  der  378;

Erkenntnisziel  der  354,  360,  406  f.;
Gewißheit  der  s.  e.;
Nutzanwendung  der  354;
rezeptiv  369;
Sinn  der  353  f.,  356,  360  fT.;
Überlegenheit  der  373,  435;
und  Wirklichkeit  435  f.,  441  f.;
Wirklichkeitsgehalt  der  437;
Zeitbestimmung  der  424  fr.;
-/metahistorische  E.  356  fr.,  381,  391  ff.
rkenntnis,  idiographische  447  fr.,  515  ff.,
597;
        <pb n="739" />
        730

Sachregister.

Erkenntnis,  idiographische,  als  Umkehrung
nomothetischer  E.  458;
—,  Bedingungen,  formale  und  inhaltliche,
der  499ff.;
—,  Charakter,  synthetischer  509f.  —  systematischer ­
  495;
—,  Eigenart  der  463  ff.;
—,  Möglichkeit  der  462;
—,  Reihenbildung  der  480  fr.;
—,  Stoff  der  515  ff.;
—,  Ziel  der  447,  452,  464  fr.,  472,  507,
515  J  v g ! -  a -  Einheit;
—,  Zusammenhang  der  481fr.;
s.  Begriffsbildung,  idiographische;  Individualbegriff;
  Obergrenze;  Sonderbegriff.

Erkenntnis,  metahistorische  358  fr.,  380  fr.,
391  ff.,  407  fr.;
—  als  Aufschluß  über  die  Vergangenheit
340f.,  350,  351  f.,  354,  357,  399ff.,
413  fr.,  429,  437;
—  als  Definitivum  366;
—,  Auswahlprinzip  der  404,  408  fr.,  420;
—,  Charakter,  generischer,  der  408  fr.,  416,
420  f.;
—,  Erkenntnis  würde  der  383;
—,  Erkenntnisziel  der  406  fr.,  417  f.;
—,  Grenzen  der  391fr.;
—,  Individualisierung  der  42  If.;
—,  Konstruktion,  Konstruktionsbehelf,  Konstruktionselemente ­
  der  357,  369  f.,  402  fr.,
414f.,  419,  427,  437  ff;
—,  Nutzanwendung  der  376,  421  f.,  424;
—,  quasi  produktiv  369;
—,  Sinn  der  381  ff.,  402  ff.;
—,  Wahrheit  der  413  fr.;
—,  Wirklichkeitsgehalt  der  435,  437  ff;
—,  Zeitbestimmung  der  424  fr.;
—,  Zwitternatur  der  413  fr.,  419,  434;
s.  Kausalzusammenhang;  Ordnungsprinzip, ­
  zeithaftes;  Sein-Sinn.
Erkenntnis,  naturwissenschaftliche  s.  E.,
metahistorische,  nomothetische,  zerfallende; ­
  Denken,  phänomenologisches.
Erkenntnis,  nomothetische  447  fr.,  515  fr.
Erkenntnis,  unzerfällende  252  fr.,  294fr.;
—,  befriedigender  259;
—/Einheit  als  Erkenntnisziel  258  fr.,  261  ff.,
268,  295;

Erkenntnis,  unzerfällende,  Material  der
261  f.;
—,  Obergrenze  der  259  f.,  286;
—,  Spielarten  der  268  f.;
—,  Stoff  der  261  ff.,  294;
—,  Tatsachen  der  261  ff.;
—,  Voraussetzungen  der  269;
s.  Begriffssystem;  Denken,  unzerfallendes;
  Gegenstand;  Wissenschaft,  berichtende ­
  und  schildernde.
Erkenntnis,  zerfallende  253  fr.,  294  fr.,  s.  a.
162,  173  fr.,  181,  194,  218  f.;
—/Einerlei  als  Erkenntnisziel  255,  258,
263,  295;
—/Individualität  245;
—,  Obergrenze  der  259;
—,  Stoff  der  294;
—  unterordnet  264;
s.  Begriffssystem;  Denken,  zerfallendes
Gegenstand.
Erkenntnismittel  s.  Gesetz  als  Erkenntnismittel. ­

Erkenntnismöglichkeiten
—,  erfahrungswissenschaftliche,  gegenüber
der  Welt  des  Handelns  154t.,  254fr.,
260,262,  268ff,  278,  584  fr.,  596,  709;
s.  Geschichte,  Menschheitsleben;  Historie, ­
  Sozialwissenschaft;
—  als  Daseinsgrund  möglicher  Wissenschaften ­
  268,  282;
—  namens  Soziologie  632,  s.  Soziologie.
Erkenntnisobjekt  669,  713;  s.  Gegenstand;
Realobjekt;  unter  den  Einzelwissenschaften. ­

erkenntnispsychologisch  527,  532  fr.;
—/logisch  532  fr.
erkenntnistheoretisch
—  Gegebene  s.  1.,  s.  a.  Wirklichkeit  in  erkenntnistheoretischem ­
  Sinn;
—e  Deutung  534,  537fr.
Erkenntnistheorie  für  den  Hausgebrauch
196,  703.
Erkenntniswürde
—  der  Individualbegriffe  489;
—  einer  Erfahrungswissenschaft  625  f.;
—  /Erkenntnis,  metahistorische  383;
—,  Wirklichkeitsgehalt  und  358.
Erkenntnisziel
—  der  Aktionswissenschaften,  Schicksals-
        <pb n="740" />
        Sachregister.

731

Wissenschaften,  Sozialwissenschaften
698  ff.;  s.  Alleinheit;  Allzusammenhang;
Einheit;  unter  den  Einzelwissenschaften;
—  der  Naturwissenschaften  699,  s.  Einerlei,
Gesetz  als  E.,  Ordnung;
—/Begriffsbildung  447,  449,  452,  515,  573  f.,
583,  s.  Begriffsbildung,  idiographische
und  nomothetische;
—/Denken  s.  Denken,  noetisches  und
phänomenologisches;  Erkenntnis,  unzerfallende ­
  und  zerfallende;
—/Stoff  s.  1.;
vergl.  Allgemeine,  Besondere;  Einerlei,
Einheit,  Gesetz  als  Erkenntnisziel;  unter
den  Einzelwissenschaften.
Erklärung  359fr.,  581,  591  ff-,  5941
—,  finale  365  ff.;
—,  genetische  403,  417;
—,  historische  59X  f.,  595,  s.  a.  E.,  finale
und  teleologische;
—,  kausale  359f-,  3 6 4 ff -&amp;gt;  373.  375 f -&amp;gt;  5 8l &amp;gt;
591  ff-,  594;
—,  noetische  581;
—,  sozialwissenschaftliche  591  ff-;
—,  teleologische  359,  363  fr.,  373.  5 81  &amp;gt;
—,  wirkliche  364f.,  372;
—  aus  der  Sachlage  364;
—  des  Wechsels  591  f.;
—  der  Wiederkehr  591  f.,  594-Erleben
  i54f.,  i6if.,  173f-,  193**-.  2 43 f -&amp;gt;
435  ff -,  5°5.  5 2 4ff-!
—  als  Wort  im  Dienste  des  Erkennens  243f.;
—,  Definition  des  538;
■—,  Denken  und  s.  Einklang  zwischen  Erleben ­
  und  Denken,  Wirklichkeit;
—/Erfahren  564,  575,  s.  Stoff;
—,  Erlebendes,  Erlebtes  435  f-i
—,  Erscheinungen  und  435  ff.,  545  ff  &amp;gt;
s.  im  einzelnen:  Erlebnis,  Erlebte,  Erlebung,
  Wirklichkeit.
Erlebnis  154,  162,  173,  525;
—,  duldendes-tätiges  193,  263;
—  im  alltäglichen  Sinn  406;
—  der  Tat  154;
—,  erfaßbar  aus  dem  Zusammenhang  154.
s.  begreifen/verstehen;
—1  Welt  des  Handelns  als  162.
Erlebte,  Anschaulichkeit,  Mannigfaltigkeit
und  Zusammenhang  des  537  ff.;

Erlebte
—,  Charakteristik,  formale,  des  538,  543,
545!
—,  Eindenkung  des  s.  e.;
—/Erlebendes  43  5  f.;
—,  miterlebt,  nacherlebt  162,  173,  436;
—,  Umformungen  des  s.  U.,  denkende;
—,  Ungeschiedenheit  des  537  f.;
s.  Geschehen,  erlebtes;  Welt  des  Handelns.
Erlebungen  I54f.,  I93f-,  55°,  553ff-,  575,
595;
—,  leidende-tätige  557  ff.;
—  als  Anerkanntes  565;
—  als  Grenzbegriff  435  f.;
—  als  Primäres  300  f.;
—,  Auseinander  und  Ausfolge  der  562  f.,
5 6 9i
—/Erscheinung  193f.,  224,  294,  435,  553ff.,
565;
—,  irreduktibel  557;
—,  Lokalisierung  der  560;
—/Naturgegenstand  s.  d.;
—,  Parallelismus  der  224;
—,  Raum-,  Zeitform  der  559,  562;
—/Tatsache  436;
—,  Totum  der  554,  558;
—/Umformung,  denkende  299  f.
Erleiden  557,  559,  5 82 ;
—/Wollen  557,  559.
Erleidung  563  fr.,  575;
—,  Kohärenz  der  568;
—en,  subjektfremde  569.
Ermüdung  547.
Erscheinungen
—,  geschichtliche  und  soziale  549,  569,
594  f.
—,  seelische  154,  161,  194,  53°,  54 8  f-,
555,  5 6o &amp;gt;  575  ;
—,  sinnliche  154,  161,  194,  54«  ff-,  555,
575.  594!
—,  Abfolge  der  s.  e.;
—  als  Anschauliches  545  ff.,  564;
—  als  Vorfindliches  565,  s.  a.  gegeben/
vorgegeben;
—  als  Wortgrenze  550;
—/Erleben  435,  545  ff;
—/Erlebung  I54f.,  193f-,  224,  294,  553  ff-,
5h5  i
—,  irreduktibel  546;
        <pb n="741" />
        732

Sachregister.

Erscheinungen
—,  Kausalzusammenhang  der  406  ff.,  s.  e.;
—,  Kompositum  der  554;
—,  Mit-  und  Nacheinander  der  549;
—/Naturgegenstand  s.  d.;
—,  Neben-  und  Nacheinander  der  549;
—,  Parallelismus  der  161,  174,  195,  224,
245.  56o;
—,  Unterschied  innerhalb  der  546  ff.
erschließen  255,  259,  30t,  321  f.,  356ff.,
368  ff.,  402.
Erschließungsmöglichkeiten  s.  Alleinheit.
Ertrag  688.
Ertragsrechnung  688.
Ertragsstreben  als  Dominante,  nicht  als
Zielsetzung  7°3  f-Ertragswert
  683.
Erwägung
—,  ökonomisch-pragmatisch  7lof.;
—,  technisch-pragmatisch  711;
—,  vernünftige  362  fr.,  371.
Erwerb  614fr.,  684,  688;
—  als  Rechnung  684,  688;
—/Geld  168;
—  in  der  Wirtschaft  619  —  statt  Wirtschaft ­
  614  fr.,  622,  638  fr.,  664  —  und
Wirtschaft  684;
—/Kosten  688.
erwerben  232.
Erwerbsgebilde  688;
—,  Ertrag  als  Ziel  des  688;
■—,  der  Noch  rentable  Kostensatz  als  Grenzzahl ­
  des  688;
s.  a.  Unternehmung,  Wirtschaftsgebilde.
Erwerbsmaske  619.
Erwerbswirtschaft  614  fr.,  645,  660,  664,
684;
—  als  „Fall“  von  Wirtschaft  614,  617;
—  als  „Wirtschaft  überhaupt“  620;
—/Theorie,  nationalökonomische614fr.,  645,
660,  664.
Ethik  122,  278  f.,  576,  615.
Eucken,  R.  84.
evident  20.
Ewige  Wirtschaft  s.  1.
Exaktheit  nationalökonomischer  Theorie
700,  s.  Nationalökonomie,  Mathematische. ­

Exemplar  454,  502.

Exemplifizierung  472.
Existenz,  gattungsmäßige  382,  396.
Exner,  Adolf  700.
Experiment  264.
Explikation  480  fr.,  499;
—  und  Individuation  485  fr.
explikative  Absichten  486  ff.
explikatorisch,  differential-integral  491  f.
explizieren  485  ff.
explizierend  493.
expliziert  493.
Exponent  568.
Fabeldichtung  385.
Fachausdrücke,  Eingeborene  97  fr.;
—,  Abkehr  von  147  f.;
—  als  Gruppe  99,  100,  103;
—  als  Leitworte  loof.,  125,  128,  145,
s.  Schlüsselwort;
—  als  Verhältnis  bloßer  Worte  105  fr.,
Ii6ff„  131,  134,  143;
—,  Artgemeinschaft  der  98  ff.,  101  ff.;
—,  Auflehnung  gegen  die  124;
—,  Aufzählung  der  87  fr.,  92  fr.,  103,  log,
114fr.,  123  f.,  130fr.;
—/Begriffe  110,  141;
—,  Definition  der  103;
—,  Eingebürgerte  141;
—,  Erörterung,  nationalökonomische,  und
99  ff-;
—/Grundbegriffe,  Grunderscheinungen,
Grundtatsachen  85,  92  ff.,  IOI  f.,  105;
—,  Tatbestand  und  Erklärung  der  100  ff.,
106  ff.;
—,  Vielverwendung  und  Verwendungszwang
der  99  fr.,  108  ff.,  123,  129  ff.;
s.  Fachausdrücke,  Grundbegriffe.
Faktum  264,  523,  580  f.,  654,  659,  699,
700.
Fallgesetz  699.
Familie  230,  570.
Felsenmeer  351  ff,  359.
Fernzweck  171,  364,  625,  s.  Zweck.
Fichte  518,  636.
Fiktion  645  ;
—,  legitime  645;
—/Abstraktion,  isolierende  645  ;
        <pb n="742" />
        Sachregister.

733

Fiktion  im  Dienste  der  Erkenntnis  und
Technik  —  statt  Erkenntnis  647.
Filiation  der  Probleme  66off.,  713.
Finalerklärung  365  fr.
Finanzwirtschaft  332.
Fiskus  209.
Fluß  als  Einheit  des  Naturgeschehens,  weder
Inbegriff  noch  „Begriff  des  Flusses“
182  fr.
Formation  408  f.
Formbare,  Stoff  als  das  543  f.
Formel  151fr.,  252,  254,  667  fr,  712  f.;
—  als  Schlüssel  164,  220;
—  als  Wegweiser  164,  167,  220;
—/Definition  667  t.;
—  für  Denken,  nationalökonomisches  7 I 3&amp;gt;
—  für  Grundproblem  669,  712;
—  für  Wirtschaft  713;
—,  technische  200F,  232f.;
—  zur  Erkenntnis  des  Alltäglichen  149,152,
163  f.,  167  fr.,  182,  190,  205  f.,  216,  220,
225  fr.,  s.  Werten-Werben;  Helfen-Herrschen;
  Haushalten-Unternehmen.
Formenlehre  der  Wirtschaft  643,  716.
Formung,  kategoriale
—  der  Stoffe  563  fr;
—,  Erfahrung  als  564,  700,  s.  e.;
—,  Handeln  und  Leiden  als  563,  s.  Geschichte, ­
  Menschheitsleben,  Ungeschichte,
Welt  des  Handelns;
—,  Natur,  Naturgeschehen  als  5^3.  s -  c -
Forschung
•—/Material  261  ff.,  320ff.;
—  in  Tatsachen  238  f.,  322,  333,  606  ff.,
643,  661  f.,  696,  710,  715  f.;  s.  a.  Nationalökonomie, ­
  Empirie/Theorie;  Allwirtschaftslehre, ­
  Empirie;  Güterlehre,
Empirie.
Forschungsmethoden  583  ff.
Fortbestände  270,  299.
Fortbestehen
—/Begriff,  schöpferischer  206  ff.;
—  der  Gebilde  188,  205  ff.,  225,  228,  254i
291,  s.  Andauer,  Dauer;
—/Fortdenken  208.
Fortschritt  203.
Freihandel  als  erläuterndes  Beispiel  für
freies  Denken  623  ff.

Freiheit  vom  Worte  120,  238,  601  ff.,  676,
696.
Freund/Elefant  296,  298.
Freundschaft  179  ff.
Friedländer  28,  53,  65.
Frühreife,  klassische,  nationalökonomischer
Theorie  663,  666.
Fühlen,  Denken,  Wollen  557.
Funktion  475,  479.
Funktionalbegriff  475,  479.
Funktionell-Allgemeine  475.
Galiani  53,  56.
v.  Gans-Ludassy  29,  85.
Ganzes  und  Teil  469  ff.,  473  fr.,  483  fr.;
—,  inbegriffliches-zentrales  Verhältnis  47of.,
496,  s.  a.  System;
—,  umfassendstes  275,  483;
—,  umschließendes  483.
Ganzheit,  Fetischismus  der  707.
Garnier,  I.  53.
Gas,  Gastheorie,  kinetische  173.
Gastbegriff  552,  568.
Gattung  483.
gattungsmäßig
—e  Entwicklung  s.  1.;
—e  Existenz  s.  1.;
—es  Denken  s.  Denken  der  Gattung.
Gebiet  520  fr.,  584  f.;
—e  des  Menschheitslebens  310,  317,  321,
324,  s.  Wirtschaft  und  Gesellschaft;
—e  der  Nationalökonomie  155,  283  fr.,  307
—/Gesichtspunkt  272,  278,  280  f.;
—,  hinausversetzt  in  die  Wirklichkeit  280  f.,
585&amp;gt;  709;
—/Natur  und  Welt  des  Handelns  195  f.,
294;
—/Welt  des  Handelns  585,  709,  s.  Geschichte, ­
  Menschheitsleben;  Gesellschaft,
Geschichte,  Wirtschaft.
—,  Wirtschaftliche  als  310,  317  f.
Gebilde  154,  igoff.,  587,  593.595.  7°3ff-;
—,  allumspannendes  275  !
—,  eingeschlossenes,  umschließendes  291;
—,  In-,  Umgebilde  684,  709;
—,  Muttergebilde,  Tochtergebilde  232,
234  fr.;
—,  soziale
—,  Zuständliche  s.  G.,  Zuständliches;
        <pb n="743" />
        734

Sachregister.

Gebilde  als  Anordnung,  kreisschlüssige,  von
Einrichtungen  706;
—  als  Apparat,  Einrichtung  194,  200,  221;
—  als  Einheit,  höchste  205  f.,  244  —  strömende ­
  190,  248  f.,  253  f.  —  wirkende  von
gestalthaft  verbürgter  Dauer  703  ff.,  707  f.;
—  als  Gesellung  225,  s.  Politisch-Soziale;
—  als  Leben  (Lebenswirklichkeit)  703  ff.,
s.  a.  198,  204,  242,  252;
—  als  Oberperson  246  fr.,  272,  332;
—  als  Organismus  197,  203,  205,  250,  254;
—  als  Umformung,  denkende,  nicht  erlebt
197  ff.,  242,  244,  246  fr.,  252,  270,  s.
Umformungen,  denkende;
—  als  Wirklichkeit,  höhere  242,  252,  s.  a.
703  ff-;
—,  allzu-organische  Auffassung  der  203,
205;
—,  Bauelemente  des  706,  s.  a.  Umformungen, ­
  denkende;
—,  Bedarfs-  und  Leistungsbereich  des  685;
—/Begriff,  schöpferischer  s.  d.;
—,  Durchschaubarkeit  des  192  fr.,  196  ff.,
224,  707,  s.  D.  erlebten  Geschehens;
—,  Eingebundenheit  der  709;
—,  Einpassung  des  706  f.,  709;
—,  Fortbestehen  der  205  fr.,  254,  s.  e.;
—,  Gestaltung  des  704  fr.;
—,  Gliederbau  der  197,  248  f.,  706;
—,  Gliederteile  197;
—,  Gliederung  im  190  fr.,  197  fr.;
—  in  determinativer  Rolle  709,  s.  a.  Determination ­
  durch  Geschehen,  fließendes
und  zuständliches;
—,  individualistisch/universalistisch  707;
—,  körperlich  198,  204;
—/Leben,  persönliches  (Person)  192,  246  fr.,
706  ff.;  s.  Handeln,  persönliches,  oberpersönliches, ­
  unpersönliches,  unterpersönliches; ­
  Person;  Oberperson;  Weiser;
—/Lebewesen,  Mechanismus,  Organismus
197.  250,  254,  708;
—,  Neben-,  Mit-  und  Ineinander  der  708;
—,  Sonderarten  der  197,  199;
—,  Struktur  der  I97ff.,  220,  249;
—,  Umtrieb,  lebenerhaltender,  im  706,  709;
—,  Verhältnis,  verkehrsmäßiges,  zwischen
684;
—/Wissenschaft,  schildernde  275,  291;

Gebilde/Zweck,  Zweckbegriff  200  f.,  s.  d.;
vgl.  Erwerbsgebilde,  In-  und  Umgebilde,
Teilgebilde,  Tochtergebilde,  Wirtschaftsgebilde, ­
  Zweckgebilde.
Gebilde,  Zuständliches  190fr.,  s.  a.  182ff.,
242,  244,  246ff.,  270,  272,  275,  291;
s.  im  einzelnen  Gebilde.
Gebrauch  685.
Gebrauchswert  57,  65,  622,  685.
Gedeihen  706.
Gefüge  455,  464  fr.,  486,  s.  a.  Struktur.
gegeben/vorgegeben  164,  195,  224,  296  fr.,
565-Gegebene

—,  Annahmen  über  die  Natur  des  537  ff.;
—,  brutal  478  ;
—,  empirisch  515,  523,  s.  Wirklichkeit  im
empirischen  Sinn;
—,  erkenntnistheoretisch  523,  s.  Wirklichkeit ­
  im  erkenntnistheoretischen  Sinn;
—,  schlechthin  195,  435fr.,  442;
—,  unzerfällt  154,  s.  a.  Zerfällung.
Gegenstand  296  fr.,  520  fr.,  570,  584  f.;
—e,  höhere  570;
—e  mathematischer  Erkenntnis  296,  298;
—e  unzerfällender  -  zerfallender  Erkenntnis ­
  193fr.,  296fr.,  s.  Erlebungen;  Erscheinungen; ­
  gegeben/vorgegeben;  Naturgegenstand;
  Umformungen,  denkende;
vgl.  a.  Erkenntnisobjekt.
Gegenstück,  naturwissenschaftliches
—  zum  Geschehen,  vernünftigen  391  f.,
394,  397;
—  zur  Geschichte  394,  399;
—  zu  den  Grenzen  der  Geschichte  394  fr.,
400;
—  zum  Menschen,  historischen  392,  394,
397-Gegenwart
  178,  437;
—  als  Punkt,  zeitloser  178;
—  als  Zeit  178;
—,  Vergangenheit  und  437.
Gehirnatome  195.
Geist,  gestaltender  209.
Geister  531.
Geisterchen  195.
Geld  614,  683,  686  f.;
—  als  Fachausdruck  92;
—  als  Stichwort  232  f.;
        <pb n="744" />
        Geld,  Dimensionalität  des  686;
—,  Eigenschaften  des  s.  Bargeld-,  Rechengeld-, ­
  Starrgeld-Eigenschaft;
—,  Erwerb  und  168  ;
—,  Ursprung,  unreflektierter,  des  683;
—,  Ursprungshypothesen  des  683;
s.  Hortgeld,  Traggeld,  Tilggeld,  Zahlgeld, ­
  Zählgeld.
Geldeinheit/Wirtschaftliche  Dimension  687.
Geldschleier  619.
Geldwert  687  s.  Dimensionalität.
gelten/sein  565.
Gemeinschaft  625,  635,  642,  669,  712.
Gemeintum  685.
Generalisation  160,  174,  194  f.,  263  f.,  298,
320,  544,  S47,  659;
—  von  Erlebungen  562;
—  von  Sinnesdaten  563  f.;
—,  Wollen  als  5  5  6  f.;
—  en  in  den  Aktionswissenschafteu  320,
s.  Begriffsbildung,  idealtypische.
Generelle  s.  Allgemeine,  Art,  Artbegriff;
—  Verkettung  s.  1.
Generell-Allgemeine  469,  473  f*
Geographie  264,  421  f.,  45off.,  506  ff.,  511;
—  als  Lehre  bestimmter  Determinanten
des  Handelns  264;
—  als  Naturwissenschaft  264;
—  als  Wissenschaft  des  Individuellen  421;
—  als  Wissenschaft,  technische  421;
—/Historie  421.

Geschehen
—,  Drittes  542  ff.,  563,  582,  585,  595,  s .  a.
154;
—,  erlebtes  s.  d.;
—,  erstarrtes  3516,  353;
—,  fremdes-verständliches  I5öf.,  164,  196;
s.  Durchschaubarkeit;  gegeben  /  vorgegeben; ­
  Geschehen,  erlebtes;  Naturgeschehen ­
  ;
—I  geologisches  349f.,  354 f -&amp;gt;  s.  G„  metahistorisches ­
  ;
Gesamtgeschehen  348  fr.;
gewolltes  699;
historisches  344  fr.,  s.  d.;
höheres  179  t-,  184,  189,  s.  Entwicklung; ­

kausales  s.  G.,  metahistorisches;
multipolares  5696,  582;
objektiviertes,  subjektloses  438,  440;
,  physisches,  psychisches,  psycho-physisches
  526,  s.  a.  seelisch-sinnlich;
primäres,  sekundäres  44  if.;
seelisches-sinnliches  526,  549f-,  560,
563.  59Si
—,  vernünftiges  362  fr.,  370  ff.,  384  fr.,  401  f.,
s.  G.,  historisches;
—  als  Einheit,  reale  394f.,  s.  Realität;
—  als  Erfahrungsstoff  345  fr.,  357,  3691
s.  Geschichte,  Historie;
—  als  Handeln  363  f.,  s.  1.;
—  als  Inbegriff394ff,  s.Lebensäußerungen;
1  tr  «v»i.tmnc'Knhf&amp;gt;ir  e  Konstruktion:

Geologie  264,  340;
—,  dynamische  355;
—,  historische  340,350  ff.,  374,414,421,517  i
■—,  Erfahrungsstoff  der  356  f.;
—/Geographie  264;
s.  a.  Metahistorie.
geologische  Erkenntnis  s.  E.,  metahistorische; ­
  Geologie,  historische;
—  Disziplinen  374,  381  f.
Gerade-da-sein,  Gerade-so-sein  478.
Gerlach,  Otto,  6,  14,  28,  50,  57,  61.
Germanisten  570.
Gesamtheit  und  Bestandteil  470.
Geschäft  157,  709.
Geschehen
'—  der  geologischen  Jahrmillionen/historischen ­
  Jahrtausende  349  f.,  383,  426,  636;

—  als  Mittel  zum  Zweck  355  f.,  417  —
als  Selbstzweck  354,  362,  402;
—  denkend  erfassen  s.  Erfassung;  Umformungen, ­
  denkende;
—,  Deutung  des  351fr.;
—  erschließen  s.  1.;  vgl.  Interpretation-Interpolation
  ;
—,  Kontinuum  des  349  f.;
—,  Logik  und  371,  s.  Denkgesetz  als
Grundlage  des  Handelns;  Geschehen,
vernünftiges;
—,  Lokalisierung  des  352;
—,  Übergang  im  346,  383,  395  fr.,  4316,
s.  Postulat-Problem;
—,  Zweierlei  des  346;
s.  G.,  erlebtes,  historisches,  metahistorisches; ­
  Geschichte;  Kulturgeschehen;
        <pb n="745" />
        736

Sachregister.

Naturgeschehen;  ferner  Determination;
Durchschaubarkeit;  Gliederung;  Interpolation; ­
  Interpretation;  Sozialisierung;
Wiederkehr  und  Wechsel.
Geschehen,  erlebtes  Iölff.;
—,  Einheiten  im  184fr.,  244fr.,  s.  Gebilde;
Umformungen,  denkende;
—,  Gehalt  des  175f.,  196,  s.  Singularität;
—,  Stückelung  des  270;
—,  Übereinander  des  221,  251;
s.  Erlebte;  Geschichte;  Handeln;  Welt
des  Handelns;  Schicksalswelt;  ferner
im  einzelnen:  Alleinheit,  Allzusammenhang, ­
  Zusammenhang,  Zusammenhänge;
Wiederkehr  und  Wechsel;  Begriff,
schöpferischer;  Determination;  Durchschaubarkeit; ­
  Erfassung;  Gliederung;
Singularität;  Weiser.
Geschehen,  historisches  344fr.,  354,  359f.,
362  fr.,  370fr.,  384fr.,  401,  403;
—  als  Anhängsel,  funktionelles,  des  Lebewesens ­
  390  fr.,  399,  s.  Gegenstück,
naturwissenschaftliches;
—  als  Ausschnitt  aus  dem  Gesamtgeschehen
348  ff.;
—  als  Geschehen,  spezifisches  345  f.,  348  f.,
362  fr.,  370  ff.,  384  fr.,  394.  4°i;
—  als  Geschehen,  vernünftiges  362  fr.,  370  ff.,
384  ff.,  401  f.,  s.  Denkgesetz  als  Grundlage ­
  des  Handelns;
—  als  Menschengeschichte  389  f.;
—,  Anfang  des  s.  Grenzen  der  Geschichte;
—,  Charakter,  primärer,  des  441  f.;
—,  Differenzierung,  Verjüngung  des  398;
—,  inkommensurabel,  naturwissenschaftlich
3991
—,  Realität  des  394f.,  401,  436;
—,  Träger  des  386  ff.;
—,  Übergang  des  346,  383,  395  ff-.  43 1  f-;
—  umdenken  ins  Naturwissenschaftliche
399  ff,  429,  436;
—,  Verflechtung  des  361fr.;
—,  Zusammenhang,  innerer,  des  37off.,  s.  a.
Geschehenszusammenhang,  V  erflechtung;
vgl.  Geschichte;  Geschehen,  metahistorisches ­
  ;  Naturgeschehen.
Geschehen,  metahistorisches  359  fr.;
—  als  Attribut  des  Lebewesens  396  f.,  s.
Lebensäußerungen;

Geschehen,  metahistorisches  als  Inbegriff
394  ff-;
—  als  Konstruktionsbehelf  357,3Ö9f.,  402  ff;
—  als  Mittel  zum  Zweck  355  f.,  417;
—,  Charakter,  sekundärer,  des  441;
—,  Kausalzusammenhang  des  406  ff.,  425,
s.  a.  Kausalzusammenhang;
—,  Realität  des  404,  414,416,  418f.,  437  ff.;
—  umdenken  ins  Historische  400  fr.
Geschehenszusammenhang  401  f.,  405  ff.,
425,  429  f.,  436  f.,  5860.,  s.  Zusammenhang. ­

Geschehnis  198,  254,  270,  272,  299.
Geschichte
—  als  Formung  (Erkenntnisgegenstand)  274,
278,  291,  294,  325,  709;
—  als  Geschehen,  historisches  344  ff.,  s.  1.;
—  als  Konkretum  401  f.;
—  als  Schlüsselwort  570,  577  ff.
—  als  Selbstzweck  354,  362,  402,  406;
—  als  Wissenschaft  344,  s.  Historie;
—/Gesellschaft  s.  d.;
—/Historie  271,  326fr.,  s.  Historie/Historien;
—/Mensch  347  ff-,  384fr.  —  Volk  347;
—/Welt  des  Handelns  196,  327  f.;  vgl.
Menschheitsleben;
—/Schichtung  356  f.,  402,  425,  427;
s.  Entwicklungs-,  Erd-,  Kausal-,  Ur-,
Vorgeschichte.
geschichtlich-gesellschaftliche  Wirklichkeit
327,  570,  582  f.,  585.
Geschichtsphilosophie  218,  287,  587,  589.
Geschichtsschreibung  320,  343  fr.,  598;
—,  Grenzen  der  343,  349,  427,  430;
—,  Material  der  345  ;
—,  Quellen  der  345.
Gesell  216.
Gesellen  225,  227,  230f.,  236  f.;
—/Politik  237.
Gesellschaft
—  als  Schlüsselwort  155,  281,  312,  32t,
331,  448,  522,  570,  577,  709;
—  bei  Spann  670  —  bei  Tönnies  635;
—/Geschichte  327,  577,  584fr.,  596,  s.  geschichtlich-gesellschaftliche ­
  Wirklichkeit; ­

—/Kunst,  Recht,  Sitte  331;
—/Wirtschaft  312  ff,  319  fr.,  324fr.,  s.  Wirtschaft ­
  und  Gesellschaft.
        <pb n="746" />
        Sachregister.

737

Gesellschaftsbegriff  670.
Gesellschaftsordnung  222.
Gesellung  225,  230,  232,  330,  712.
Gesetz  154,  i6of.,  174,  194,  222f.,  255fr.,
264  fr.,  318,  447,  483,  515,  522,  574,
586,  597  fr.,  620,  637,  648,  659,  698  fr.;
—,  alleinseligmachende  265;
—,  botanisches  256;
—,  ewige  265,  318,  620;
—,  empirische  257;
—,  historische  256  ff.;
—,  juristische  222  f.;
—,  letztes  483;
—,  sogenannte  (nationalökonomische)  256  ff.,
318,  620,  648,  698;
—,  soziale  599;
—  als  Denkbehelf,  Denkfaulenzer  699;
—  als  Erkenntnismittel  586,  659,  699;
—  als  Erkenntnisziel  659,  699;
—  als  Zusammenhangssurrogat  l6of.,  174,
659.  699  f.;
—  nach  der  Formel  warum-darum/aus  Zwang
der  Vernunft  194,  699;
—,  Lehrsatz  als  637;
—  in  der  Historie  154,  257  b,  266,  598;
—  in  der  Nationalökonomie  1541  3 1  -3,  5 22 &amp;gt;
620,  648,  659,  698;
—  in  der  Naturwissenschaft  I54i  *60,  1 74i
194,  2 55&amp;gt;  264f-,  447,  483,  515.  659,699;
■—  in  der  Sozial  Wissenschaft  154»  i6of.,  177*
255  fr.,  258,265  f.,  574,597,599,637;
—  und  Wissenschaft  überhaupt  255,  574,
599,  659;
s.  Denkgesetz;  Entwicklungsgesetz;  Naturgesetz; ­
  Analogie,  naturwissenschaftliche; ­
  Schema  F;  Vorurteil,  naturwissenschaftliches. ­

Gesetzesfatamorgana  285.
Gesetzmäßigkeiten  257.
Gesetzeswissenschaft  245,  482,  s.  Naturwissenschaften. ­

Gesichtspunkt
—i  agronomischer  507;
—,  fremder  278  ff.;
1  hydrographischer  488,  507;
,  orographischer  482,  484,  488,  5 02 ,
5°3,  5°7,  508;
‘  /Erfahrungswissenschaften  154,  2  5  4  f-,
2 78  ff,  669;
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Leb

Gesichtspunkt
—/Ethik  278  f.;
—/Gebiet  272,  278,  2806,  310  f.  ;
—/Jurisprudenz  253,  255,  278f.;
—,  Kippen  des  294;
—/Kunstgeschichte-Ästhetik  280  f.;
—/Menschheitsleben  311  ff.;
—,  Macht  als  313,  319  f.,  330,  324;
—,  Not  als  313,  317  f.,  320,  323  f.;
—/Sache  284,  319;
—/Stoff  254,  278;
—/Welt  des  Handelns  268,  278,  291,  294,
3IIgesinnungsfrei
  678  fr.,  682.
gesinnungsrichtig  625,  626,  677  fr.
Gestaltung  618,  639,  669,  704fr.;
—  als  Grundvorstellung  710  ff.;
—  in  Lebenseintracht  669,  712  —  infolge
Lebenszwietracht  669,  712  —  infolge
Lebensnot  669,  712;
—/Denken,  fachwissenschaftliches  712;
—  einer  Leistung  704,  707  f.;
—  Ins-Leben  704  ff.;
—  zu  Dauer  und  Bestand  705;
—,  Wirtschaft  als  618,  639;
s.  Teilgestaltung.
Gestaltungsfreiheit  685,  687.
Gestaltungsgewalt  685.
GestaltungsJehre  der  Wirtschaft  716.
Gestaltungsmacht  687.
Gewissenserforschung  672.
Gewißheit
—,  absolute  407,  415  fr.,  419;
—,  Annäherung,  asymptotische,  an  407,
4 X 5  ff -,  419,  4 2 5-Gewohnheit
  als  Grundverhältnis  213.
Gewohnheitsrecht  222.
gewollt  556,  699,  s.  Wollen.
Gewordene  Wirtschaft  s.  1.
Gleichgewicht  228.
Gleichheit  artverschiedener  Mengen  301.
Gleichung  568.
Gleichwertigkeit/Werte-Gleichheit  687,  s.
Valenz.
gleichzahlig  dimensional  687.
Glied  und  System  s.  1.;  vgl.  a.  Ganze,
Gesamtheit,  Massenglieder.
Gliederbau  197  ff-,  216,  248  f.
Gliederteile  197.

47
        <pb n="747" />
        738

Sachregister.

Gliederung  189fr.,  197ff.,  207,  215  f.,
223  fr.,  248;
—/Gliederbau  197;
—,  Handlung  als  Element  der  198;
—  im  Zuständlichen  Gebilde  190  ff.,  197  ff.;
—/Umgliederung  189;
—,  Wiederkehr  verbürgend  189,  192,  223,
225.
Greifbarkeit  685.
Grenzbegriff
—,  Anschauliche  als  525;
—,  Empfindung  als  436;
—,  Erlebung  als  436.
Grenzen  der  Geschichte  337  ff-,  448,  518,
636,  697;
—  als  Geburt  (Erlöschen)  der  Logik  im
Geschehen  386,  388,  397  ;
—  als  Grenzen  des  historischen  Arbeitsfeldes ­
  342  f.;
—  als  Grenzen  der  realen  Ausläufe  historischen ­
  Geschehens  344fr.,  374,  377  ff.,
380  fr.;
—  als  Grenzen  der  Erkenntnis  346,  381,
442;
—  als  Grenzen  der  Möglichkeit  einer  Geschichtsschreibung ­
  343  f.,  349,  s.  a.  277  ;
—  als  Grenzen  der  Menschengeschichte
389  f-,  432;
—  als  Grenzen  des  Menschentums  (landläufige ­
  Lösung)  347ff.,  380  fr.;
—  als  metaphysisches  Problem  433;
—,  naturwissenschaftlich  inkommensurabel
399;
—,  transtemporal  442;
s.  Gegenstück,  naturwissenschaftliches.
Grenznutzenlehre  683,  688.
Grenzworte  219.
Grenzzahlen  688;
—,  der  Noch  rentable  Kostensatz  688;
—,  die  Noch  auskömmliche  Preishöhe  688;
—/Dimension,  Wirtschaftliche  689;
—  im  Erwerbsgebilde  688;
—  im  Wirtschaftsgebilde  688.
Größenspiel  in  der  Wirtschaft  614,  618,
621,  648,  652,  681,  707;
—,  Erklärungswahn  des  621,  s.  Dimension,
Wirtschaftliche.
Größer-Ich  162;  vgl.  Ander-Ich.

Großmacht  89.
Grundbegreifen,  Revision  des  114.
Grundbegriffe  in  der  Historie  292.
Grundbegriffe,  nationalökonomische  8  t  ff.,
597,  606,  609,  614,  620,  630  f.,  643,
647  f-.  652,  654,  661,  675  f.,  701,  715;
—  als  Bezeichnung  84ff.,  103,  105  ff.;  i.  S.
eines  Sammelnamens  92,  95,  104ff.,
III  ff.,  142  ff.  —  eines  echten  Namens
109  ff.;
—  als  Denkleistung  115,  Il8,  124,  I39ff.,
597;
—  als  Fachausdrücke,  Eingeborene  97  ff-,
s.  Fachausdrücke;
—  als  Problem  110;
—  als  Tat  98  f.;
—  als  Worte  94  ff.,  614,  620,  630  f.,  s.
Fachausdrücke,  Eingeborene;  Worte,
problemvertretende;  Wortgebundenheit;
—  auf  Kündigung  146;
—,  Alltag  und  159;
—,  Artgemeinschaft  der  s.  Fachausdrücke,
Eingeborene;
—,  Aufzählung  der  87  fr.,  92  ff.,  103,  109;
—,  Bedarf  an  109;
—,  Erscheinungen,  Tatsachen  85,92ff.,  101  f.,
112,  134  fr.;
—,  Frage  nach  dem  130fr.;
—/Grundbegriff  91;
—/Grundworte  239  f.,  597;
—,  Lehrbücher  und  83,  715;
—,  Revision  der  83,  114,  130.
Grunderscheinungen,  nationalökonomische
96,  101,  s.  Grundbegriffe,  Erscheinungen,
Tatsachen.
Grundgehalt,  unwandelbarer  714.
Grundlehren  der  Wirtschaft  643,  716.
Grundproblem  660ff.,  663  f.,  666,  668  f„
701,  71  o  ff.;
—  der  Sozialwissenschaften  669,  711;
—,  nationalökonomisches  660  ff.,  663  f.,
668f.,  710fr.;
—,  Ein  660,  669,  711;
—,  Formel  für  668f.,  712;
—,  Grundvorstellungen  des  710  ff.;
—,  Spaltung,  dreifältige,  des  668  f.,  712;
—,  Tatbestand  und  668;
—/Theorie,  naive  664  —  reife  663;
—/Tochterprobleme  660.
        <pb n="748" />
        Sachregister.

7  39

Grundsatz  83.
Grundtatsachen,  nationalökonomische  93  f.,
IOI,  s.  Grundbegriffe,  Erscheinungen,
Tatsachen.
Grundverhältnisse  des  Handelns
—,  Gewohnheit  als  213;
—,  Macht  als  165  f.,  213,  233,  669,  s.  a.
712;
—,  Not  als  165  ff.,  213,  233,  669,  710,
712;
s.  a.  Teilgestaltungen.
Grundvorstellungen  90,  7iof.
Grundworte  597.
Gut
—  als  Fachausdruck  92  ff.,  99,  102,  105,
125,  146;
—  als  Schlüsselwort  151,  153,  213,  328fr.,
665.
Güterknappheit  712.
Güterleben  99,  6x9,  639fr.,  646f.,  665;
—  statt  Wirtschaftsleben  639  f.,  646  f.
Güterlehre  605,615  ff.,  620ff,  638ff.,  644  ff,
665,  671  f.,  698,  7°o.  715!
—  als  Nachdichtung,  unfreie  s.  1.;
—  als  „die“  Theorie  640  h;
—  aus  Denkzwang  644  fr.,  652;
—,  Empirie  und  605  fr.,  644,  647  f„  656  fr.,
715  f-i
—,  Erfahrung,  Gemeine,  in  der  304  fr.,
605,  608,  615,  643,  656,  7 r 5  *  s -  a -
Erfahrung,  Kommerzialismus;
—,  Größen-,  statt  Gestaltungsprobleme  in
der  652;
—,  Haltung,  unsoziologische,  der  611,  628,
638  fr.;
—,  Leistung  der  647  ff.;
—,  Problematik  der  651  f.,  660,  s.  Nationalökonomie ­
  ,  theoretische,  Eingebundenheit; ­

'—,  Problem  „auslese“  der  651  f.;  vgl.
Fachausdrücke,  Eingeborene;  Grundbegriffe ­
  ;
"—,  Verfeinerung  der  650;
—,  Widersprüche  in  der  638f.,  649i
—,  Zuschnitt,  technischer,  der  648  f-,  656;
s.  a.  Nationalökonomie,  Systematische.
Gütermechanik  330,  333,  639,  649;  vgl.
a.  Größenspiel.

Güterschicksal  615,  619,  640,  652,  s.  a.
Kreislauf,  „wirtschaftlicher“,
güterselig  611,  641,  648,  651,  685,  698.
Güterstrom  646.
Güterverteilung  615.
Güterwert  32.
Habe  301,  683  f.
Hampelmann  des  Erwerbs  681,  688,  708.
Handeln  I20ff.,  161  ff.,  243ff.,  363ff.;
—,  alltägliches  155,  163,  s.  Alltägliche;
—,  eigenes-fremdes  216;
—,  entpersönlichtes  246  f.;
—,  generisches  177;
—,  höheres  248,  s.  H.,  oberpersönliches;
—,  oberpersönliches  246  fr.,  271  f.,  277,
291,  292,  332;
—,  persönliches  244  fr.,  270,  273,  277;
—,  staatsmännisches  332;
—,  unpersönliches  246;
—,  unterpersönliches  246,  277;
—,  verständliches  517;
—,  wirtschaftliches  284  f.;
—  als  spezifisches  Geschehen  505,  s.  a.  197;
—/Begriff,  schöpferischer  s.  d.;
—,  Determinanten,  eigene,  im  212,  222;
—,  Einheit  im  H.,  Scheidung  im  Denken
3 ! 3i  32f;
—,  Einheiten  des  244,  252;
—,  Erfassung,  denkende,  des  173  fr.,  182  ff.,
s.  Umformungen,  denkende;
—,  Formeln  für  s.  e.;
—,  Gliederung  des  189,  197,  215  f.,  s.  a.
Gliederung;
,  Grundverhältnisse  des  s.  e.;
—,  Kunstlehre  vom  171;
,  Präsumtion  für  unser  Denken  193;
—,  Regelung  des  225,  229,  253,  278;
—,  Weisung  des  278;
—,  Wiederkehr  im  s.  e.;
—,  Zusammenhang  im  l6lff,  173;
—,  Zusammenhänge  des  lÖ2f.;
—,  Zweckgehalt  des  364.
Handeln  und  Leiden  516  f-,  563,  s,  Welt
des  Handelns,  Schicksalswelt.
Handlungen
—,  geschichtliche  120,  271;
—,  ungeschichtliche  120;
—,  wirtschaftliche  284  f„  3x1;
47*
        <pb n="749" />
        740

Sachregister.

Handlungen
—  als  Elemente  der  Gliederung  198;
—  als  Elemente  des  Zusammenhangs  197;
—  als  Handeln  220;
—  als  Tun,  spezifisches  197;
—,  Allbedungenheit  der  188  f.;
—,  Auseinander,  Miteinander  und  Wegeneinander ­
  der  163;
—,  Determination  der  163;
—  im  seitlichen  Zusammenhang  162  ff.;
—  im  strebigen  Zusammenhang  162  f.,  166;
—/Unterlassung  167;
—,  Zweck  (Fernzweck,  Nebenzweck,  Unterzweck) ­
  der  364.
Hauptinhalt  618,  655.
Haupt-  und  Staatsaktion  177,  247,  271.
Haushalt  184,  200,  230,  232.
Haushalten  230ff.,  s.  a.  226  ff.
Haushalten  und  Unternehmen  149  ff.;
—  als  Formeln  zur  Erkenntnis  des  Alltäglichen ­
  149,  173,  190,  205f.,  216,  220,
225  ff;
—  als  Oberstufe  von  Werten  und  Werben
191,  232,  234.
Held  250,  494.
Helfen  und  Herrschen  172,  191,  216,  226  f.
heraushören/abhorchen  630.
Hermann  28,  53.
Herrschaft  des  Wortes  77  ff.,  124,  148,
448,  518,  597,  607,  625,  630  f.,  636,
652,  667,  675  ff.,  690  f.,  697,  s.  a.  Einflüsse, ­
  transverbale;  Wortgebundenheit.
Hettner  507.
Hildebrand,  Bruno  609.
Historie
—  als  Universaltheorie  485;
—  als  Wissenschaft,  berichtende  272,  282;
—  als  Wissenschaft  vom  Geschehen  357;
—,  Auswahlprinzip  der  266  f.,  268,  406,
420,  598,  s.  Beziehen  auf  Werte;
—,  Bestand,  empirischer,  der  584ff.,  596,
702;
—,  Begriffsbildung  der  s.  B.,  idiographische;
—,  Determinanten,  naturhafte,  in  der  176  f.;
—,  Empirie  und  Theorie  der  266  f.;
—,  Erkenntnisziel  der  268,  325,  354,  360,
406f.,  578,  586,  598,  s.  a.  Einheit;
—,  Gebaren  der  578  ff.;
—,  Gehalt  und  Name  der  271  f.,  326  f.;

Historie
—/Geologie,  Prähistorie,  Entwicklungsgeschichte ­
  348  fr.,  357  f.,  376  fr.;
—/Historien  271  f„  307,  327,  577,  598;
—,  Ideen  in  der  320;
—,  Material  der  345;
—,  Metahistorie,  Quasihistorie  357  fr.;
—/Nationalökonomie  s.  Beziehen  aut  Probleme, ­
  Werte;  Historie/Sozialwissenschaft; ­
  Wissenschaft,  berichtende  und
schildernde;
—/Naturwissenschaft  154,  377  ff.,  391  ff-,
434fr.,  447,  5igf.,  598,  s.  Erkenntnis,
historische  und  metahistorische;
—,  Novation  in  der  595  f.,  598;
—,  objektivierend  519,  543;
—,  Politische  in  der  271  f.,  292,  326  f.,  335  ;
—,  Problembezug-Wertbezug  in  der  633;
—,  Quellen  der  345,  350,  406,  420,  436;
—,  Quellenkritik  der  266;
—,  Reduktion,  didaktische,  der  287,  290,
292;
—,  Reformen  in  der  266,  282,  342,  592;
—/Sozialwissenschaft  569,  571  ff.,  635,  s.  1.;
—,  Stoff  der  345  fr.,  357,  369,  402,  435  f.,
5*6,  524,  569,  577;
s.  Artbegriff,  Grundbegriff,  Individualbegriff; ­
  Begriffsbildung,  idiographische;
Denken,  noetisches;  Erfahrung,  noetische;
Erkenntnis,  historische  und  unzerfällende;
Erklärung,  historische;  Gesetz;  Interpretation; ­
  Kausalität;  Kausation;  Kompositionsprinzipien; ­
  Obergrenze;  Tatsachen; ­
  Wechsel  und  Wiederkehr;
Wissenschaft,  berichtende,
historisch
—e  Disziplinen  350,  357;
—er  Mensch  392;
—e  Schule  610;
—er  Sinn  205,  214;
—  wertvoll-wertlos  266  ff.;
—e  Wissenschaft  im  weitesten  Sinn  350,
357  f-.  374-Historismus
  608,  616  f.
homo  oeconomicus  688,  708.
Hortgeld  687.
Hufeland  28,  53.
Husserl  519,  671.
        <pb n="750" />
        3
-1-f  L

Sachregister.

741

Hypothese  528  fr.;
—,  Geburt  einer  690;
—,  intuitive  531,  s.  a.  vorher,
hypothetisch  363,  415.
Ich  459;
—  als  Einheit,  anschaulichste  484  —  ursprünglichste ­
  244  fr.;
—  als  Individuum  494;
—  als  Person  244  ff.;
—  als  unverwechselbar  459  t.,  670;
—/Ander-Ich  435,  702,  s.  a.  162;
—  des  Erlebens  548;
—,  gedachtes  548,  s.  a.  195;
—,  Urgeschehen  am  195  ;
—,  Verlegung  des  195  t.,  246,  s.  a.  548.
Ideal  als  letzte  Zielsetzung  625.
Idealtypus  s.  Begriffsbildung,  idealtypische.
Idee
—  der  Wirtschaft  714,  715,  716;
—  in  der  Historie  320.
Identität  538.
idiographisch  447  fr.;
—er  Begriff  s.  Individualbegriff;
—/nomothetisch  447fr.,  515f-»  S I 9&amp;gt;  54 2 &amp;gt;
574-  579;
Ignorabimus,  Ignoranz  207.
Inbegriff  156,  183,  184  f.,  395-  47° f -
Individualbegriff  463fr.,  475ff.«  5 1 5»
—  als  Selbstzweck  47  7  f.;
—  als  Vollbegriff  463,  475  ff-;
—,  Allgemeinbegriff,  Kategorien,  Interessen
501  ff.;
—,  Anwendung  des  478,  496-—,
  Ausbau  des  463  ff.  —  extensiver-intensiver
  498;
—,  Definition  des  478;
—,  Dienst,  explikativer,  des  488  fr.,  495  &amp;gt;
—,  Einheit  des  478;
—,  Erkenntniswürde  des  489;
—,  Gesamtcharakter  des  479  f-.  49$  i
—,  Leistung  des  475  ff-  i
—e,  Stufungen  der  489  ff.;
—e,  Zusammenhang  der  481  ff.
Individualismus  640,  707.
individualisieren  477-  s -  a -  4^3  ff-Individualität
  245,  248  f.,  463,  476  f.,  494-496
  ff;
—/Oberperson-Unterperson  248  f.

Individualwert  490,  493  f„  497,  509.
Individuation  451  ff,  506  ff.;
—  des  Allzusammenhangs  483  f.;
—,  explikativ  bedingt  485  ff.;
—,  Grenzen,  formale,  der  484  ;
—,  Obergrenze  der  477,  496  f.,  499.
Individuelle
—,  Aktiv-,  Passiv-1.  492  fr.  —  Überindividuelle ­
  483;
—  als  Erkenntnisziel  447,  449,  452,  515,
574-  578,  597;
—/Allgemeine  im  Naturgeschehen  160  f.;
—,  Begriffsbildung  des  s.  B.,  idiographische;
—,  Interesse  am  500  fr.,  s.  a.  460;
—,  Theorie  des  447  ff.;
—,  Wirklichkeit  und  480  f.
Individuum  480,  485,  489  fr.,  515,  586;
—,  charakteristisches  492  f.;
—,  Einzel-,  Samt-I.  494  f.;
—-  geographisches  507  f.;
—en,  Gesamtheit  der  487;
—en,  Stufungen  der  489  fr.
Induktion  448,  490,  501,  658  fr.
Infinitesimalrechnung  236,  650.
Information  255.
Ingebilde,  Umgebilde  684,  708  t.
Inhärenz  564  f.
Inhalt  des  Bewußtseins  524  f.
inkommensurabel,  naturwissenschaftlich
399  —  juristisch  210.
in  mir-außer  mir  547,  549.
Innen-Außen  s.  drinnen-draußen.
Innere  der  Natur  195  f.
Ins-Leben-gestalten  704  ff.
Integral  568,  700.
integral-explikatorisch  49 1  f.
Interesse  158.
Interessen,  praktische  500  fr.,  s.  a.  158,  460.
Interessenbezug  503  fr.
Interjektionen  300,  557  f.
Interpolation  von  Geschehen  356  ff,  359  f.,
363,  369{.,  382  f.,  402,  404,  414L;
—,  historische  410;
—,  Wechsel  in  der  370.
Interpretation  von  Sein  356  fr.;
—,  historische  356,  360fr.,  367fr.,  s.  a.  Erklärung, ­
  wirkliche;
—,  kausale  472,  507;
—,  metahistorische  356,  359,  361,  367  fr.;
        <pb n="751" />
        742

Sachregister.

Interpretation,  naturwissenschaftliche  361,
s.  metahistorische  I.;
—,  Wandel  in  der  370,  s.  a.  Interpolation,
Erkenntnis.
Introjektion  548.
Intuition,  transverbale  677,  679,  690.
irreduktibel
—,  Erlebungen  557;
—,  Erscheinungen  546;
—,  Kategorien,  noetische  569.
Jacob  28.
Jahrmillionen,  geologische  349  f.,  383,  426,
636.
Jahrtausende,  historische  349  f.,  383.
Jedermanns-Weisheit  158,  199,  s.  Alltagskenntnis. ­

Jurisprudenz  202,  325,  330,  576,  628,  s.
Denken,  juristisches.
Kant  15,  475,  678.
Kapital  als  Fachausdruck  92,  151,  159,
676,  678,  686.
kapitalistisches  Denken  bei  Marx  616.
Kapitalsrechnung  686.
Kapitalstheorie  5,  6,  101.
Kategorie,  Soziale  650.
Kategorien  501  ff.;
—,  erwerbswirtschaftliche  614;
—,  formende  563  ff.;
—,  kausaltheoretische  581;
—  multipolaren  Geschehens  57°i  5® 2 &amp;gt;  5®5»
595;
—,  noetische  518,  551,  563  fr.,  569  f.,  575,
582;
—,  pragmatische  581  ;
—,  Stufungen  der  570.
kausale
—  Deutung  s.  1.;
—  Erklärung  s.  1.;
—  Verkettung  s.  Kausalzusammenhang;
—  Verknüpfung  s.  Kausalität,  noetische  und
phänomenologische.
Kausalgeschichte
—  der  Arten  408,  413,  425;
—  der  Individuen  408,  429.
Kausalgesetz  257.
Kausalität
—,  aktionswissenschaftliche,  noetische,

schicksalswissenschaftliche  154,  518,  569,
5808.,  586,  596  f.,  711,  s.  a.  Kausation;
—,  metaphysische  580;
—,  naturwissenschaftliche,  phänomenologische ­
  154,  582;
—  als  Analogie  zum  Handeln  243,  263,  562  ;
—  als  Prinzip  der  Umwandlung  435;
—  als  Zusammenhang  gemäß  dem  Satz  vom
Grunde  580.
Kausalitätskoller  und  Gesetzesdusel  203.
Kausalzusammenhang  i74f.,  264,  359  f.,
362,  364,  366,  368,  37°ff-,  395,  4°5 ff -&amp;gt;
586,  591;
—,  allumfassender  I74f.;
—  als  Ding  der  bloßen  Vorstellung  407,
437:
—  als  Gesetz  oder  Individuum  586;
—  als  Zusammenhang,  unpersönlicher  263;
—,  Aufrollung  des  406  fr.,  413,  417;
—  von  Tatsachen  586,  591.
Kausation  596  f.,  s.  Kausalität,  noetische.
Kenntnis  der  Alltäglichkeit  120,  152  f.,
156  fr.,  199,  s.  a.  Erkenntnis.
Kirchhoff  378,  421.
Klassifikation  409  fr.
Klassikaner  309.
Klassiker  128,  307  ff.,  328  f.,  608,  614,  620,
624.
klassische
—  Frühreife  663;
—  Nationalökonomie  121,  318,  334  f.,  609,
615,  62iff.;
—  Schule  329,  605,  6o8f.,  6i4f.,  618,
623  f.,  656,  663;
—  Urteile  624.
Knapp,  G.  Fr.  608.
Knies,  Karl  4,  28,  53,  57,  80,  522,  609,
665.
Koeffizienten,  persönliche  246.
Körper
—,  physikalische  182,  193,  195;
—,  politisch-gesellschaftliche  641.
Körperlich-Sehen  193.
Körperwelt
—  als  Weltbild,  gemeinsames  549;
—,  erlebte  198,  215,  231;
—  in  Objektfunktion  561.
Kohärenz  5656,  568.
Kollektiv-Allgemeine  469,  4736,  484.
        <pb n="752" />
        aras

Sachregister.

743

Kollektivbegriff  469  fr.,  492,  498;
—e,  soziale  570.
Kollektivum  470  ff.,  494;
—  und  Inbegriff  470  f.
Kommerzialismus  647  f.,  655  f„  664.
v.  Komorzynski  28,  29,  61,  64.
Kompositionsprinzipien  584  fr.,  591  ff.,  594,
598.
Kompositionstypen  noetischer  Kategorien
57°-Kompositum
  s.  compositum.
Konkretes  anschaulich  verflochten  -  generell
verkettet  562.
Konkretum  451  ff.;
—  als  Aufbauelement  476  f.;
—  als  Ausschnitt,  kategorial  umgrenzter  465  ;
—  als  anschaulich  Besonderes  451;
—  als  Exemplar  454;
—  als  Ganzes  seiner  Teile  469;
—  als  System  im  System  473  ff-.  497  &amp;gt;
—,  Bezug  auf  ein  452  t.;
—,  Geschichte  als  401  f.;
—  singularisieren  453  ff.  —  individualisieren
463  ff-;
s.  Eigenart,  Eigenlage,  Struktur,  Konstellation. ­

Konstellation  455,  464  fr.,  496  fr.
Konstruktion,  metahistorische  357,  369  f-&amp;gt;
373.  402  ff-Konsument-Produzent
  711.
Kontinuum
—  der  Erkenntnis  350,  352,  376;
—  des  Geschehens  349  f-,  3S 2 &amp;gt;  4 22 -
Kosmogonie  357,  422.
Kosmographie  422.
Kosten  688.
Kostenanschlag  688.
Kostensatz,  Noch  rentable  688.
Kraft  und  Wirkung  243.
Kreise,  Rollende  187,  191,  207,  212,  223,
232.
Kreislauf,  „wirtschaftlicher“  329,  646,  652,
698,  700  f.
Kreisschlüssigkeit  705  ff.,  709,  s.  a.  Kreise,
Rollende.
Krise  618.
Kriterium,  inneres-äußeres  418  —  objektives
16,  56  f.

Kultur  517,  633.
Kulturbiologie  507.
Kulturgeschehen  505,  563.
Kulturwerte  517,  633,  s.  Beziehen  auf
Werte.
Kunst  280,  321,  327  —  als  Schlüsselwort
281,  321,  331,  709.
Kunstgeschichte  280,  321.
Kunstlehre
—  vom  Handeln  171;
—,  Privatwirtschaftslehre  als  612;
—n  des  Handelns  237  ;
—n/Güterlehre  646,  648,  656;
s.  Technologie.
Lage  455,  459  ff.,  467  fr.,  497;
—  als  Teilfaktor  der  Determination  208;
s.  a.  Position,  Eigenlage.
Lagebestimmung,  subjektive-objektive  460.
Lamprecht  339.
Lask,  E.  518,  671.
Lassalle  29.
Laufrichtigkeit  705.
Leben
—,  erlebtes  702  f.,  707,  708,  712;
—,  ichbejahendes  702,  708;
—,  organisches  586,  702L,  707;
—,  persönliches  244  fr.,  702  f.,  707  f.;
—,  privates,  öffentliches,  politisches  221;
—  als  Andauer  669,  703;
—/Denken,  begriffliches  702  f.;
—,  Grundgedanke,  empirischer,  alles  669,
703;
—,  Willensricbtungen  des  669.
Lebensäußerungen,  menschliche  391  f.,
394  ff-;
—  als  Anhängsel,  funktionelles  390,  395  ff-,
402;
—  als  Gegenstück,  naturwissenschaftliches,
zum  vernünftigen  Geschehen  391  f.,  394,
397;
—  als  Inbegriff  395;
—  als  Konstruktionsbehelf  402;
—  umdenken  ins  Historische  400  fr.
Lebenserfahrung  187,  265.
Lebenshaltung  237,  685.
lebensnäher  701  f.
Lebensnot  s.  Not.
Lebenstheorie  695,  702  fr.
        <pb n="753" />
        744

Sachregister.

lebenstheoretisch  695,  702  ff.
Lebenswissenschaften  702.
Lebenszweck  194,  222.
Lehrbuchswissenschaft  288  f.,  304fr.,  6l8,
717.
Leihe  687.
Leistungsbereich  685.
Leistungsgestaltung  704,  707  f.
Leistungstheorie  695  ff.
leistungstheoretisch  695  ff.,  707.
Leitworte  der  Forschung  100  f.,  125,  128,
145,  22 9,  664.
lesen  als  Erlebnis  525  fr.,  539  ff.,  551  ff.,
652,  s.  Aussagetypus.
Lexis  120.
Liebe  203  f.,  669.
Liebmann,  O.  84.
Liquidität  687.
List,  Fr.  609.
Logik
—,  formale  117,  137,  550;
—,  herkömmliche  137  f.,  298fr.,  302,  631;
—,  wissenschaftliche  135,  137  ff.,  302;
—  im  Geschehen  371,  s.  Geschehen,  vernünftiges. ­

logisch
—/erkenntnispsychologisch  532  fr.;
—/ontologisch  558.
Lokalisierung
—  der  Erlebungen,  Erscheinungen  560;
—  in  der  Phrenologie  560.
Lorenz,  Ottokar  343,  378.
Loria,  A.  12,  13.
Lotz  28,  53,  83,  130.
Lust/Unlust  558.
Lyell  422.
Mach  372,  378,  438.
Macht
—  als  Gesichtspunkt  s.  1.;
—  als  Grundverhältnis  166,  172,213,215  fr.,
223  fr.,  303,  322  f.,  669,  s.  a.  712;
—  als  Rohbegriff  224;
—  als  Tatbestand  322;
—/Gesellung  225.
Machttechnik  279,  292.
Malthus  65.
„man“  246.
Mangoldt  53.

Mannigfaltigkeit  537  ff.,  575;
—,  seelische,  sinnliche,  unendliche  537  ff.;
—,  Sein  und  545,  550,  575;
—,  Zerfall  der  545.
Markt  329,  684.
Marx  29,  54,  57,  61,  65,  615  f.,  683.
Massenerscheinungen  177.
Massenglieder  495  f.
Material  261  f.,  345,  520,  523.
Materie  438.
Mathematik  236,  296,  298,  678;
—,  Gegenstände  der  236,  296,  298;
—/Wissenschaft  678.
Mauthner,  Fritz  630.
Medicus  519  f.
Medizin  148.
Mehrwert  616.
Mengen
—,  gleichzahlig  dimensionale  687;
—,  sinnvolle  685  ;
—,  Tauschgepaarte  684,  688.
Menger,  Karl  28,  32,  54,  57,  73,  4471,
519,  578,  606,  658,  666,  683.
Mensch
—  als  Akzidens  384  fr.  —  als  Träger  historischen ­
  Geschehens  386  fr.;
—  als  Spezies,  biologische  381fr.,  43  x;
—  als  Werkzeugtier  392,  395  fr.;
s.  Lebensäußerungen;  Gegenstück,  naturwissenschaftliches. ­

Menschengeschichte  389,  432.
Menschenkenntnis  245.
Menschentum
—,  Grenzen  des  347  ff.;
—,  Ursprung  des  347,  349,  380  fr.
Menschheitsleben
—  als  Auffassungsweise  der  Welt  des
Handelns  277,  278,  291,  294,  325,
s.  a.  709;
—  als  Erkenntnisgegenstand  277  f.,  29  t,
294.  327;
—,  Auffassungsweisen  vom  311  ff.,  319  fr.,
s.  Soziale  als  Ökonomisch-,  Politisch-,
Spezifisch-Soziales;  Wirtschaft  und  Gesellschaft ­
  ;
s.  Ungeschichte,  Zusammenleben.
Merkmal  297,  299,  319,  709,  713.
Metahistorie  358fr.,  380  ff.;
—  als  Beschreibung,  kürzeste  421;
        <pb n="754" />
        Metahistorie  als  Systematik,  beste  421  f.;
—,  Atomistik  und  437  ff.;
s.  Erkenntnis,  metahistorische,
metahistorisch  s.  Erkenntnis,  metahistorische; ­
  Geschehen,  metahistorisches.
Metaphysik  218,  301,  358,  433,  442,  524,
55°.  S62,  580,  659;
—/Erfahrung  301,  433,  442;
—/Erscheinung  550;
—/Kausalität  580;
—/Naturwissenschaft  659;
—/Wirklichkeit  524.
Metasoziologie  XXXI.
Methode
—,  deduktive,  induktive  448,  s.  Deduktion/
Induktion  ;
—,  historische  583,  654;
—,  mathematische  678  ;
—,  soziologische  637  fr.,  641,  655;
—  der  Darstellung  449,  653;
—,  Fragen  der  255,  262;
—en  der  Forschung  583  fr.,  653;
—en,  Universalismus  der  579,  598,  634.
Methodenstreit  448,  606,  658fr.,  666.
Methodologie
—  der  Darstellung  449,  5741
—1  geographische  450;
—,  Ökonomistische  85;
—,  sozialwissenschaftliche  447  ff.,
594.  597,  644  ff-Meyer,
  Eduard  340,  343,  378.
Michaelis  54.
Milieu  251,  592.
Mill,  J.  S.  10,  53,  63,  68,  137-Mineralogie
  148.
Mit-  und  Nacheinander  seelischer  Erscheinungen ­
  549.
Modalitäten  des  Dinges  461,  465,  497-Moral
  122,  s.  Ethik.
Molekulartheorie  174,  194-rnultipolares
  Geschehen  s.  1.
Münsterberg  378,  44®.  S 1 ®^'  543,  559,
575,  633,  671-Museum,
  nationalökonomisches  218.
Mutterwitz  171  f.,  192,  218,  220,  224.
Mystik  248,  250,  3226,  330  f.,  636;
—  als  Gewerbe,  Mache,  Psychose,  Weltanschauungssache ­
  636;

574  ff-,

Nachbild  645.
Nachdichtung
—,  freie  305,  645;
—,  unfreie  645,  653,  655,  658.
Nacheinander  3546,  357,  438,  549,  562;
—/Auseinander  562;
—  in  ein  Nebeneinander  438;
—  und  Nebeneinander  sinnlicher  Erscheinungen ­
  549.
Nacherleben  162,  173,  430,  440  f.,  564;
—/Erfahrung  564.
Narr  x6i,  244f.,  3846.,  459.
Nationalökonomie
—,  Mathematische  311,  650,  678,  700;
—,  praktische-theoretische  633;
—,  Systematische  306ff.,  3Ilf.,  323,  328fr.,
s.  a.  124  t.;
—  als  Erfahrungswissenschaft  154  f.,  340  f.,
605,  612  f.,  620,  621,  623;
—  als  Erfahrungswissenschaft  vom  Alltagsleben ­
  aller  Zeiten  (und  Völker)  120  ff,
153,  34°  f-,  43°,  613;
—  als  Erfahrungswissenschaft  vom  Wirtschaftsleben ­
  aller  Zeiten  und  Völker  695;
—  als  Erkenntnis  des  Alltäglichen  152,
155,  199,  205;
—  als  Erkenntnis  des  Bekannten  605,  645,
656,  701,  714;
—  als  Lehrbuchswissenschaft  288  f.,  304  ff.,
717;
—  als  Name  335,  6126,  664L,  s.  a.  326fr.;
—  als  Sozialwissenschaft  s.  1.  —  als  S.,
engere  627,  650,  7 12 ;
—  als  Wissenschaft  von  den  menschlichen
Handlungen  120;
—  als  Wissenschaft,  praktische  282  —
schildernde  s.  1.  —  systematische  293  ff.;
—,  Deskription-Theorie  644;
—,  Determinanten,  naturhafte,  in  der  177;
—,  Empirie-Theorie  230,  238  fr.,  324,  326,
333  f-,  605  fr.,  644,  647  f.,  656  fr.,  665;
—,  Erfahrungsbereich,  Erkenntnisgegenstand, ­
  Erkenntnisziel,  Stoff  der  s.  Sozialwissenschaft ­
  ;  Wissenschaft,  schildernde;
Wissenschaft  vom  Ökonomisch-Sozialen;
Bestand,  empirischer;  Stoff;
        <pb n="755" />
        746

Sachregister.

Nationalökonomie
—,  Erfahrungswege  der  s.  Erfahrung;
—,  Fragen,  Erste,  in  der  107  f.,  252,  272,
s.  Erkenntnismöglichkeiten;
—,  Gehalt  und  Name  der  326  ff.;
—,  Grundbegriffe  der  s.  Fachausdrücke,
Eingeborene;  Grundbegriffe;
—,  Grundproblem  der  s.  e.;
—/Historie  154,  340  f.,  430,  633,  702,  s.
Sozialwissenschaft  und  Historie;  Wissenschaft, ­
  berichtende  und  schildernde;
•—,  Leben,  erlebtes,  in  der  702,  s.  Erleben
usw.;  Geschehen,  erlebtes;
—,  Lehrbücher  der  288ff.,  3toff.;
—,  Lehre-Lehren  123  ff.,  128,  606,  643,
647;
—,  Methode  der  s.  Methodenstreit;
—,  Methode,  soziologische,  in  der  638  fr.;
—,  Vergangenheit,  wunderkindische,  der
328  ff.,  s.  klassisch;  Reduktion,  didaktische. ­

—,  Werdegang  der  119  ff.,  s.  a.  N.,  theoretische ­
  ;
—,  wertfreie  46  f.,  622,  675;
—/Wirtschaftssoziologie  6276,  642  f.,  657-Nationalökonomie,
  theoretische  605  ff.;
—  als  Allwirtschaftslehre  s.  1.;
—  als  Güterlehre  s.  1.  und  Nationalökonomie, ­
  Systematische;
—  als  Lehre  von  den  Gesetzen  der  Volkswirtschaft ­
  665  ;
—  als  Lehre  von  der  Volkswirtschaft  665;
—  als  Theorie  des  Erwerbs  61466,  638  fr.;
—  als  Theorie,  herkömmliche  611,  616  ff.,
627  f.,  s.  Güterlehre;  Nationalökonomie,
Systematische;
—  als  Theorie  heutiger  Wirtschaft  611,
613  f.,  616  f.;
—,  Aufspaltung,gesinnungsmäßige,  der678f.,
681,  s.  Werturteil;
—,  Benennung  der  335,  613,6646.;
—,  Eingebundenheit  in  Erwerbsproblematik
614  ff.,  645,  660,  664;
—,  Erkenntnis-,  Realobjekt  der  669,  713,
s.  a.  Grundproblem,  Menschheitsleben;
—,  Exaktheit  der  s.  N.,  Mathematische;
—,  geläutert  s.  Allwirtschaftslehre,  Relativitätsprinzip, ­
  Werturteil;
—,  „Hauptinhalt“  der  618,  655;

Nationalökonomie,  theoretische
—,  Improvisation  von  605,  616,  648,
656;
—,  lebenstheoretisch  -  leistungstheoretisch
695  ff,  702  ff.;
—,  Naivität  der  623,  630,  649,  663;
—,  problemblind  652  ff,  690,  701  —  problemstarr ­
  626,  652,  70  t  —  wortgebunden ­
  s.  d.;
—,  Reife  der  623  —  Frühreife  663,  666  —
Notreife  666  —  Unreife  648;
—,  unsoziologisch  611,  628,  638  ff.,  649,
6SL  655;
—,  Werdegang  der  663  ff.,  s.  a.  Il9ff.;
—,  Zerfahrenheit,  Zerstrittenheit  der  606;
vgl.  Sozialwissenschaft;  Wissenschaft,
schildernde;  Wissenschaft  vom  Ökonomisch-Sozialen. ­

Natur  156,  161,  164L,  176,  193ff.,  263L,
435.  437,  44L  633;
—  als  Totalität,  ideale  586,  702;
—  des  Dichters  702;
—,  Innere  der  I95  f.;
—  und  Geist  435,  5x7;
—,  Worte  als  297,  315  f.;
s.  im  einzelnen  Naturgeschehen.
Naturalismus  636.
Naturereignis  176,  385;  vgl.  a.  Ereignis.
Naturgegenstand  x93ff,  296L;
—  ein  Vorgegebenes  296  f.,  s.  gegeben/vorgegeben; ­

—/Erlebung  193  —/Erscheinung  193  t.,  296;
s.  Gegenstand.
Naturgeschehen  156f.,  160,  164L,  i73ff.,
182  fr.,  193  fr.,  349,  35 2 ,  436;
—  als  Determinante  176L,  212,  300;
—  als  Ereignis  176,  s.  Naturereignis;
—  als  Formung  563,  586;
—  als  Geschehen,  anschauliches  193  —
fremdes  156  f.,  164,  174,  195,  296  f.,
565;
—  als  Vorgegebenes  195,  296  f.,  565,  s.
gegeben/vorgegeben;
—  begreifen  s.  1.  und  Analogie,  Analogieschluß ­
  ;
—,  Einheiten  im  182  ff.;
—/Geschichte  s.  Geschehen,  historisches
und  metahistorisches;
—,  Leere  des  174L  ;
        <pb n="756" />
        Sachregister.

747

Naturgeschehen
—/Welt  des  Handelns  (Schicksalswelt)  177,
*93,  195  f-,  2°3.  294h,  702;
—/Wiederkehr  im  Handeln  176;
—,  Wirklichkeit  als  s.  1.;
—,  Zeit-Räumlichkeit  des  174fr.,  194,  s.
Nacheinander  und  Nebeneinander;
s.  Abfolge  der  Erscheinungen;  Erscheinung; ­
  Erklärung,  kausale;  Geschehen,
metahistorisches;  Gesetz;  Kausalität;
Kausalzusammenhang.
Naturgesetz  174,  265,  360,  363,  365,  370,
375,  411,  435,  437,  45®,  472,  478,  562,
580,  583,  598f.,  698ff.;
—  als  Denkform,  nomothetische  452;
—  als  Formel  des  Allgemeinbegriffes  478;
—,  Beharren  der  437;
—,  Denkgesetz  und  37off.,  698fr.;
—,  Geschehen  und  360,  363,  365,  375,  4* 1  i
—,  Kausalität  und  435;
s.  Gesetz.
Naturrecht  222.
Naturwissenschaft
—,  systematische  482,  629;
—,  Biologie  und  629;
—,  Dritte,  greifbare,  in  der  259,  299;
—,  Gesetz  als  Erkenntnismittel  und  Erkenntnisziel ­
  in  der  586,  659,  699;
—/Geisteswissenschaften  516  f.;
—,  Geographie  als  264;
—/Kulturwissenschaften,  Soziologie  633;
—,  Mathematik  in  der  678;
—/Technisches  203  f.;
—/Wirklichkeit  435  f.,  s.  Erfahrung,  phänomenologische ­
  ;  Stoff;
s.Begriffsbildung,  nomothetische;  Denken,
künstliches  und  phänomenologisches;  Erfahrung, ­
  phänomenologische;  Erkenntnis,
naturwissenschaftliche;  ferner  u.  a.  Artbegriff, ­
  Begriffssystem,  Einerlei,  Gegenstand, ­
  Naturgegenstand,  Gesetz,  Naturgesetz, ­
  Reihenbildung,  Schema  F,  Tatsache, ­
  Vorurteil;  vgl.  a.  Aktionswissenschaften, ­
  Schicksalswissenschaften,  Historie, ­
  Sozialwissenschaft.
Naumann  61.
Nebeneinander  354h,  357,  43^,  5495
■—  in  ein  Nacheinander  438;

Nebeneinander
—  und  Nacheinander  sinnlicher  Erscheinungen ­
  549.
Nebenzweck  s.  Zweck.
Neumann,  F.  J.  13,  14,  57,  69,  72  ff,  86.
Nieerlebbar  441.
Noetik/Psychologie  576,  580.
noetisch  516,  541fr.,  563fr.,  575fr.,  595;
—/phänomenologisch  516,  541  ff.,  565,575  ff,
595!
—/psychisch,  psychophysisch  560;
—e  Qualitäten  556;
s.  im  einzelnen:  Aussagetypus,  Denken,
Erfahrung,  Erkenntnis,  Erklärung,  Kategorien, ­
  Kausalität,  Tatsache.
Nominaldefinition  298,  315.
Nominalismus/Realismus  185.
Nominalisten  570.
nomothetisch  447  ff,  515 f -&amp;gt;  5!9,  54 2 ;  s.
im  einzelnen:  Begriff,  Begriffsbildung,
Erkenntnis,  Reihenbildung,  Tendenz.
Not
als  Gesichtspunkt  313,  317f-,  323f.;
—  als  Grundverhältnis  166  ff.,  213,  215  fr.,
223  f.,  229,  283,  303,  322f.,  669,  7x0,
712;
—  als  Rohbegriff  224;
—  als  Tatbestand  322;
—  brechen-mit  der  N.  rechnen  167  fr.
notbedungene  Zusammenhänge  s.  1.
Notbegriff  208  f.
Notreife  nationalökonomischer  Theorie  666.
Novation  595  f.,  598.
November-Wissenschaft  637.
Nützlichkeit  57.
Nutzen-Kosten  614,  685,  688.
Nutzentscheid  685.
Nutzwillen  685.
Obergrenze
—  historischer  Erkenntnis  372  f.,  406  f.,  420
—  unzerfällender  259  t.,  286  —  zerfallender ­
  259  f.;
—  der  Individuation  477,  496f-,  499-Oberperson
  248  t.;
—/juristische-moralische  P.  249;
—/Individualität  248  fr.;
s.  a.  Handeln,  oberpersönliches.
        <pb n="757" />
        748

Sachregister.

Objekt  (logisch)
—  als  das  Einbezogene  566;
—  als  Substanz  566;
—  in  Objektfunktion  567;
—/Subjekt  543,  551,  556,  560,  563  fr.,  575,
582;
—en,  Scheidung  der  Wissenschaften  nach
515.  517-Objekt
  (sächlich)
—e,  Feilheit,  Tauschflüssigkeit,  Veranschlagungsmöglichkeiten ­
  der  686  f.;
—e,  Greifbarkeit,  Verfügbarkeit,  Verwendbarkeit, ­
  Verwendung,  Zweckumworbenheit
  der  685.
Objektfunktion  561,  567;
—,  Körperwelt  in  561;
—,  Objekt,  Subjekt  in  567.
Objektiv-Mögliche  5x8.
Objektivation  196,  515  f.,  519,  543  f-.  SS 1 -
553,  s.  a.  Formung,  kategoriale.
Objektivierbare,  Wirklichkeit  als  das  s.  e.
objektiviertes  Geschehen  s.  1.
Ökonomie  des  Denkens  454,  482.
—,  reine  650,  715.
ökonomisch  650;
—,  Verschiebung  des  Wortsinns  650;
s.  Ökonomisch-Soziale,  reinökonomisch,
Sozialökonomik,  sparsam,
ökonomisch-pragmatisch  710  f.
Ökonomisch-Soziale  s.  1.
oikos  650.
Ontogenie  302.
ontologisch
—/logisch  558;
—er  Riß  519  ;
—e  Voraussetzungen  537  ff-Ordnung
  296f-,  354ff-,  4Q9ff.,  705;
—,  klassifikatorische  409  ff.,  438;
—,  raumhafte  438,  441;
—,  zeithafte  354ff.,  381  f-,  402fr.,  409fr.,
438.  441;
—  der  Dinge  354  fr.,  381,  402  fr.,  409  fr.;
—  der  Lebewesen  381fr.,  402  fr.;
—  von  Dauer-zu  Dauer  705  ;
s.  a.  Ein-,  Unterordnung.
Ordnungsprinzip  419,  422.
Organisation
—  als  Koalition,  Kooperation,  Koordination, ­
  Zentralisation  705.

organisiert  156.
organisches  Leben  als  Totalität,  ideale
586,  s.  im  einzelnen:  Biologie,  Organismus. ­

Organismus,  biologischer  x56  f-,  188,  194,
703,  707  f.;
—  als  Gleichnis  197,  250;
—  aktiv-passiv  250;
—^Gebilde  254;
—/Organe  197;
—/Soziologie  330;
—/Zelle  194;
s.  Biologie.
Organismus,  sozialer  636.
Pacht  685.
Paläontologie  357,  414.
paläontologische  Funde  381,  402  f.,  414,
429  f.
Parallelismus
—  der  Erlebungen  224;
—  der  Erscheinungen  X  61,  174,  195,  224,
245,  560.
Passiv-Individuelle  s.  1.
Periode,  geologische  264,  356,  369  f.,  382,
s.  a.  System,  metahistorisches.
Person  192,  244  ff;
—  als  ursprünglichste,  am  Ich  aufruhende
Einheit  244,  246;
—/Gebilde  s.  d.;
s.  Oberperson,  Unterperson.
Personalunion  zweierlei  Denkens  127,  129.
Persönlichkeit  245.
Pflicht  212.
phänomenologisch  516,  541  ff.,  563  ff.,
575ff.,  595,  s.  im  einzelnen:  Denken,
Erfahrung,  Erkenntnis,  Tatsache.
Philosophie,  synthetische  330.
Phrenologie  560.
Physik  148.
Physiologie  536.
physiologischer  Aussagetypus  s.  1.
physisch  526.
Poesie  546.
Politik
—  als  Kunstlehre  237,  292,  646;
—,  äußere-innere  249;
—/Wirtschaftliches  247  f.
        <pb n="758" />
        Politische
—  Geschichte  271,  327;
—  in  der  Historie  271h,  326  h,  335.
politisch-gesellschaftliche  Körper  641.
Politisch-Soziale  s.  1.
Position  455,  459  fr.,  467,  s.  a.  Eigenlage,
Lage.
Positivismus  330,  517,  633,  637.
Postulat-Problem  383,  431  f.
Potenz
—,  historische  520,  570;
—,  mathematische  568.
Prädikat  s.  Subjekt.
Prähistorie,  Geologie,  Entwicklungsgeschichte, ­
  Historie  350.
prähistorische  Zeit  349.
pragmatisch
—  e  Kategorien  s.  1.;
—,  ökonomisch-,  technisch-p.  7lof.
Preis  68,  311,  682,  688;
—  als  Fachausdruck  92fr.,  102,  105;
—  als  Verhältnis,  fallweises  682;
—,  fixe,  schwebende,  Taxpreise  688  —  Urpreis
  683;
—/Verrechenbarkeit,  mathematische  700;
s.  Allpreisfolge,  Allpreisgrund.
Preisabstände,  Einkömmliche  688.
Preishöhe,  fällige  682  —  Noch  auskömmliche ­
  688.
Preishoffnung  682.
Preiskampf  688.
Preislehre  606,  691.
Preisreihe  682.
Preisstand  682.
Preisstetigkeit  682.
Prinzip  s.  Auswahl-,  Ordnungs-,  Relativitäts-
  und  Wirtschaftliches  Prinzip.
Privatwirtschaftslehre  6ilf.,  s.  a.  Kunstlehre. ­

Probleme
—,  einwörtliche  655,  7 OI &amp;gt;  s -  a -  1 6°&amp;gt;
—,  Erste  153;
—,  grundlegende  651t.,  654  t.,  660  ff.,  676,
714.  716;
—,  wortgebundene  160,  676,  s.  Wortgebundenheit ­
  ;
•—1  wortverschüttete  652;

678.

Probleme
—,  Ausgang  von  P.,  statt  von  Worten
151fr.,  238,  643,  652,  654,  661,  676  f.;
—  der  Andauer,  Dauer  s.  1.;
—,  Filiation  der  660  ff.,  713.
Problembewußtheit  657,  682,  707.
Problembezogenheit  633,  644,  651,  711  ff.
Problemblindheit  652fr.,  690,  701.
Problementwicklung  657,  66off.,  676,
7loff.
Problemstarrheit  626,  652,  701.
Produktion,  Zirkulation,  Distribution,
Konsumtion  der  Güter  s.  Güterleben,
Güterschicksale.
Produktionsfaktoren  323.
produktiv-unproduktiv  323.
Produktivität  141,  606,  676,
Proudhon  29,  53.
Prunkende  Habe  683.
pseudo-psychologisch  534  fr.;
—  er  Aussagetypus  s.  1.
Psyche  586.
psychisch  526,  550,  560,  569;
—/noetisch  560;
—  e  Wechselwirkung  569.
psychophysisch  526,  547,
560  f.;
—  e  Automatik  561;
—/noetisch  552  t.,  560.
Psychologie  536;
—,  beschreibende-erklärende  519;
—  der  Elemente-der  komplexen  Lebensvorgänge ­
  519,  554;
—  als  Naturwissenschaft  576,  633,  637;
—  als  Verquickung  zweierlei  Erkenntnis
263,  s.  Psychologismus;
—  als  Wissenschaft  geläuterter  Menschenkenntnis ­
  245  f.;
—,  Aftersoziologie  und  637,  s.  a.  634;
—/Individualität,  Schicksal  245  ;
—/Noetik  576,  580;
—/Sozialwissenschaft  576.
psychologisch/physiologisch  546  ff.;
—  er  Aussagetypus  s.  1.
Psychologismus  5x8  f.,  544,  558,  569,
580,  654.
Purzelbaumerkenntnis  622.
Putlitz  54.

55°.  552  *0
        <pb n="759" />
        '  77^1

J,:ij

750

Sachregister.

Quasi-Dogmen  624,  626.
Quasi-Historie  357f.
quasi-kategorial  570.
Quasi-Synonymie  34.
Quellen  der  Geschichtsschreibung  s.  Historie.
Ramschwissenschaften  554.
Rangordnung  der  Bedarfe  688.
Ranke  485.
Rationale  bei  der  Begriffsbildung  645.
Ratzel  422,  425.
Rau  28,  53.
Raub  301,  683.
Raum
—,  gedachter  1741
—,  Zeit  549,  560;
—,  Zeit,  Subjekt  560  f.,  585  ;
s.  a.  Bestimmtheit,  Beziehungsmöglichkeit. ­

Raumwerte  438.
Reaktion,  chemische  174,  194,  203.
Realdefinition  298,  315.
Realismus/Nominalismus  185.
Realisten  570.
Realität
—  des  Geschehens  s.  1.;
—  des  historischen  Geschehens  s.  1.;
—  des  metahistorischen  Geschehens  s.  1.;
s.  a.  Wirklichkeitsgehalt.
Realobjekt  669.
Rechengeldeigenschaft  684.
Recht  122,  2x7,  222;
—,  eingeborenes  222  f.;
—,  positives  222;
—,  privates-öffentliches  222;
—,  veraltetes  222  f.;
—,  verfrühtes  223  ;
—  als  Schlüsselwort  281,  321,  331;
—  als  Sicherung  der  Wiederkehr  217,
222;
—  als  Vernunft,  gestaltete  685  ;
—  aus  dem  Geschehen  geboren  222;
—/Oberperson  247,  249,  271;
s.  Gewohnheitsrecht,  Naturrecht.
Rechtsgeschichte  278  ff.,  327.
Rechtshoheit  209.
Rechtskraft  207,  222.
Rechtsordnung  235.
Rechtsverhältnisse  247,  271,  329.

Rechtswissenschaft  s.  Jurisprudenz.
Reduktion,  didaktische  286  f.;
—  in  abstracto-concreto  304;
—,  lebenswahre  288  ff.,  292,  310;
—,  mindere  289  f.,  293,  305;
—  des  Allzusammenhangs  s.  1.;
—  in  der  Historie  287,  290,  292;
—  in  der  Nationalökonomie  287  ff.,  293,
295.  299.  3°4  ff.
Reformen  in  der  Historie  s.  1.
Registrieren  von  Sinnesdaten  529  ff.,  547,
556.
Reihen,  inhaltlich  geordnete  716.
Reihenbildung
—  gleicher  Fälle  421;
—,  idiographische  480  ff.;
—,  naturwissenschaftliche  482  f.;
—,  nomothetische  482  f.;
—,  terminale  507  ff.;
s.  Empfindungsreihen,  Entwicklungsreihe.
Reihengröße  265.
rein-ökonomisch  650,  715.
Relation  538,  564  f.,  570.
Relationsbegriff  568.
Relativitätsprinzip  623  f.
reproduzieren  564.
res  gestae  365,  582.
Revision
—  des  Grundbegreifens  114,  606;
—  der  Grundbegriffe  83,  114,  130,  606.
Ricardo  53,  63,  608.
Rickert,  Heinrich  84,  378,  410,  447,  448,
449,  462,  504,  508,  517,  519,  525,  574,
598,  633,  653,  671.
Rist,  C.  148.
Ritschl  519.
Robinson  2i7f.,  639,  715;  als  Ungebilde
217  —  Abstraktum-Konkretum  715  —
nicht  grundsätzliche  Einheit,  sondern
letzte  Eins  639,  7x5.
Rodbertus  54.
Rohbegriff  224.
Romanisten  570.
Romantiker  609,  623.
Roscher,  Wilhelm  609.
Rossi  53.
rot,  Röte  545,  553,  556,  563  f.
        <pb n="760" />
        .'  *  i  -  %  .  ;  i  i

Sachregister.

75i

Sachgüterversorgung  665.
Satz
—  vom  Grunde  und  Kausalität  580;
—  von  den  gleichen  Werten  682,  687,  690;
—  von  den  ungleichen  Werten  682,  688.
Satzung  122,  212,  261  f.
Sax,  E.  27,  54,  64,  68,  86,  90.
Say,  J.  B.  53,  63,  65,  67.
Say,  Louis  28.
Schablone,  naturwissenschaftliche  203  f.,  s.
Schema  F.
Schäffle  5,  27,  29,  32,  33,  54,  57,  64,  71,
86,  90,  91,  601,  627,  666.
Scheidung,  willkürliche,  im  Denken  313,
321  ff.;  s.  a.  Auffassungsweise,  Entweder-Oder
  der  Auffassung,  Gesichtspunkt,
Einheit  im  Handeln,  Wirklichkeit.
Scheler  671.
Schema  F  203,  298,  302,  659,  665,  700,  s.
Vorurteil.
Schicht  355  f.
Schichtung  356  f.,  381  f.,  402  ff.,  409,  411  f.,
415.  4 2 3-Schicksal
  162,  194,  245,  260,  265,  274,
277,  279,  281,  342;
—,  generisches  277;
—/Aktionswissenschaften  162,  274,  277,
279,  281,  342;
—,  Individualität/Psychologie  245.
Schicksalswelt  192,  203  f.,  7026,  711  ff".;
—  als  Geschichte,  als  Zusammenleben  709,
s.  a.  Geschichte,  Menschheitsleben;
—  als  Welt  der  Werte  711;
—,  Allzusammenhang,  Fortschritt,  Rückschlag ­
  203;
—,  Gebilde  und  Personen  703  fr.,  7oSf.;
—/Natur  702,  s.  Naturgeschehen/Welt  des
Handelns;
—/SozialWissenschaften  7Itf.,  s.  S.,  engere;
s.  Welt  des  Handelns.
Schicksalswissenschaften  702,  7 11 !
—,  Kausalität  der  711,  s.  Kausalität,  noetische;
  Kausation;
s.  a.  Aktionswissenschaften.
Schilderung  2ö9f.,  275f.,  287.
Schlaraffia  283,  327.
Schlüssel,  sachlicher  120.
Schlüsselwort  120,  131,  153)  2Z 9&amp;gt;
310,  321,  521,  665  t.,  709,  s.  im  einzelnen ­

  :  Arbeit,  Gesellschaft,  Gut,  Kunst,
Recht,  Staat,  Wirtschaft.
Schluß/Empfindung  224.
v.Schmoller69,125,606,610,  641,  658,  666.
Schöpfungsgeschichten  410.
Schuppe  378,  449,  671.
Seele,  psychologische  548  f.
seelisch
—e  Mannigfaltigkeit  537  ;
—/sinnlich  161,  193  f-.  435.  5 2 ö,  537  f-,
548  f.,  558,  560,  563,  595;
s.  Erscheinungen,  Geschehen,  Zerfällung.
Seelenleben  549.
Seelenvorgänge  582.
Seelenwelt  154.
Sein  355  fr.,  540fr.;
—,  Formen  des  355;
—,  Geschehen  und  356  f.;
—,  Interpretation  von  s.  Interpretation;
—  ordnen  s.  Ordnung;
—/Sinn  540fr.,  550,  554,  567,  575;
—,  Wandel  im  355.
sein/gelten  565.
Selbstbeobachtung  195,  263.
Selbstbesinnung  15  f.,  18,  20,  663,  710
u.  a.  O.;
—  in  der  Nationalökonomie  710;
—/Selbstverständlichkeiten  18,  20.
Selbstgewißheit  des  Seelenlebens  549.
Selbstvergessenheit  546,  555,  564.
Selbstverständliche,  vernunftmäßig  645,
657,  714-Selbstverständlichkeiten
  18,  20;
—  als  Bodensatz  des  Hingenommenen,  als
Niederschlag  des  Evidenten  20.
Seltenheitswert  75.
Sich-in  -  innerem-Einverständnis-finden
712.
Sigwart  423,  449.
Simmel,  Georg  448,  518,  627,  671.
Singuläre  452  fr.,  47^  f-.  480;
—  an  sich  459  f-  i
—  individualisieren  477,  s.  463  fr.
singularisieren  453  fr.
Singularisiertes  individualisieren  463  fr.
Singularität
—,  allgemeingültige  458  fr.,  476;
empirische  457  f.;
—  erlebten  Geschehens  174t.,  179-*
        <pb n="761" />
        752

Sachregister.

Sinn  der  Wirklichkeit  541  f.,  550,  554,
567  f-.  575.  580;
—,  innerer  530.
Sinnenwelt  154.
Sinnesdaten  529  ff.,  547,  556,  563  f.
sinnlich
—  Beobachtung  533;
—  Mannigfaltigkeit  537  ff.;
—/seelisch  s.  1.;
s.  Erscheinungen,  Geschehen,
sinnvoll  699.
Sitte
—  als  Sicherung  der  Wiederkehr  237;
—  als  Vernunft,  gewordene  685;
—  aus  dem  Geschehen  geboren  222;
—/Haushaltung  237.
Smith,  A.  65,  328,  608,  622.
Soden  28.
Sombart  616.
Sonderbau  497  f.
Sonderbegriff  451,  453fr.,  515;
—  als  Kombination  von  Allgemeinbegriffen
461;
—  als  Notbegriff  463;
—  in  den  Aktionswissenschaften  290  f.,  294;
—/Artbegriff  290;
—,  Aufbau  des  453  fr.;
—,  Ausgestaltung  des  463  ff.;
—,  Bestimmtheit,  zeit  -  örtlich  -  persönliche,
des  290;
—,  Essentiale  des  462;
—,  Leistung  des  453,  475;
—,  Unterlage,  kategoriale,  des  454.
Sonderstellung  497  f.
Soziale
—  als  Artbestimmung  521  ;
—  Ökonomisch-Soziale  627,  650,  7 12  —
Politisch-Soziale  627,  712  —  Spezifisch-Soziale
  627,  712;
-—/Sozialwissenschaft  594  f.,  s.  d.
Sozialgeschichte  450.
Sozial-Ökonomik  613,  650.
Sozialisierung  des  Geschehens  510,  593  f.
Sozialismologie  631.
Sozialwissenschaft  443fr.,  569,  571fr.,
635.  7°2,  7*  1;
—  als  Schlüsselwort  521;
—,  Auswahlprinzip  der  597  f.;
—,  Bestand,  empirischer,  der  584fr.,  596;

Sozialwissenschaft
—,  Denkweise  der  541,  576  ff.;
—,  Dreiteilung  der  635  f.,  669,  7 11  f-!
—,  Equilibration  und  593,  595  ;
—,  Erkenntnisziel  der  578,  586,  597  ff-  &amp;gt;
—,  Gebaren  der  578fr.;
—,  Gesetze  in  der  s.  e.;
—,  Grundbegriffe,  Grundworte  in  der  597;
—,  Grundproblem  der  668f.,  7toff.;
—,  Kausalerklärung,  Kausalität  der  591  ff.,
s.  Kausalität,  aktionswissenschaftliche;
Erklärung;
—,  Leben  in  der  702  ff.,  708  f.;
—,  Methodologie  der  s.  e.;
—,  Möglichkeit  der  574fr.,  594;
—/Naturwissenschaft,  Psychologie  576;
—,  Stoff  der  513  fr.,  541,  569,  576  ff.;
—,  Totalität,  ideale,  der  s.  e.;
—,  Verfahren,  idiographisches  und  nomothetisches, ­
  in  der  574,  597  ff.;
—,  Wechsel  u.  Wiederkehr  in  der  587  ff.,  596;
—,  Zustand  und  Entwicklung  in  der  590;
vgl.  Wissenschaft,  schildernde.
Sozialwissenschaften,  engere  627,  669,
711  ff.;
—  vom  Ökonomisch-Sozialen  627,  712  —
Politisch-Sozialen  627,  635,  712  —  Spezifisch-Sozialen ­
  627,  635,  7x2;
—,  Einheit,  innere,  der  637,  669,  702,  711  f.
Soziologie  330,  366,  522,  554,  627  fr.;
—  als  Aufgabe  634,  637  —  als  Forderung
609;
—  als  Einbruchstelle  der  Naturwissenschaft
634;
—  als  Inbegriff  632  fr.,  671;
—  als  Name  632  —  als  Wort  628,  631;
—  als  Problem  631  f.,  s.  a.  S.  als  Erkenntnislehre ­
  ;
—  als  Analytische  S.  635,  642,  712;
—  als  Beziehungslehre  627;
—  als  Erkenntnislehre  634,  670;
—  als  Fachwissenschaft  627,  629,  632,
634f-,  637,  671;
—  als  Formenlehre  627;
—  als  gestempelte  S.  610;
—  als  Methode  637fr.,  641,  655;
—  als  „Sozio“-logie  630,  635;
—  als  Systematische  S.  627,  629,  634,  642,
657,  666;
        <pb n="762" />
        Sachregister.

753

Soziologie
—  als  Universalwissenschaft  632,  s.  a.  629;
—  Max  Webers  627ff.,  642  f.,  657;
s.  Aftersoziologie,  Metasoziologie,  Wirtschaftssoziologie, ­
  Soziale.
Soziologische  Theorie  der  Wirtschaft
627  t'.,  642h,  657.
Spann,  O.  594,  670.
sparsam  650.
Spencer  378.
Spezifisch-Soziale  s.  1.
Sprachform  96,  102,  110,  116,  503.
Sprachkritik  630,  667.
Sprachwissenschaft  628.
Spranger  519,  671.
Staat
—  als  Gebilde  184,  206,  209,  271;
—  als  Kollektivbegriff  570;
—  als  Schlüsselwort  155,  281,  709;
—  als  Teilgestaltung  712;
—  als  Wirklichkeit  242;
—,  Formel,  technische,  für  den  200,  s.  Verfassung ­
  ;
—  in  der  Historie  271h,  326  f.;
—,  juristisch  inkommensurabel  210;
—/Volkswirtschaft  322  ff.
staatenloser  Zustand  221  f.
Staatliche  Theorie  des  Geldes  608.
Staatshoheit  209.
Staatswirtschaft  332.
Staatszweck  200.
Stammbaum  382,  404f.,  4191  439 f .;
—  der  Begriffe  300,  303.
Stammbegriff  454ff.,  502;
—,  Determination,  extreme,  des  456  ff.,  461»
—,  Umbildung,  spezifische,  des  454  f-,  461.
Stammler,  R.  86,  90,  378.
Standortslehre  608.
Standpunkt
,  Absolutismus  des  623  t.;
,  wirtschaftspolitischer  677  ff.
Starrgeldeigenschaft  687.
Statik  und  Dynamik  650.
Statistik  628.
Steinzeit  178,  181,  242.
Stellung  des  Gebildes  455,  464  ff-  4*6,
s -  Konstellation;
im  Gebilde  706,  708.
v.  Gottl-Ottlilienfeld,  Wirtschaft  als  Lei

Stellungnahme
—,  anschauende  525,  546,  564;
—,  innere  625  f.;
—,  wirtschaftspolitische  677;
—  begrifflichen  Denkens  gegenüber  der
Wirklichkeit  523  ff.,  536  ff.,  564  f.,  703;
—  des  Handelnden  zur  Wirklichkeit  506  ff.;
—  in  den  Theoremen  677.
Stichworte  166,  232.
Störungen
—/Gleichgewicht  228;
—/Umgliederung  189;
—  der  Wiederkehr  I79i  189,  228;
—,  wiederkehrende  179-Stoff
  als  Modus  der  Erfahrung  196,  5lS ff -&amp;gt;
520  fr.,  542  fr.,  575,  654;
—  als  das  Gegebene,  erkenntnistheoretisch
5 2 3;
—  der  Aussagen,  psychologischen  und  physiologischen ­
  546  ff.,  s.  a.  527;
—,  Begriffsbildung  und  515  fr.,  573,  583;
—,  Denken,  Wirklichkeit  523;
—,  Formung,  kategoriale,  des  563  fr.;
—  en,  Mehrheit  (zweierlei)  von  543,  634,  703,
s.  Erfahrung,  Zweierlei  von.
Stoff  als  Kategorie,  naturwissenschaftliche
194,  43 8 -
Storch  28,  53.
Strafe  162.
Straßburger  Weber-  und  Tucherzunft  291.
Streben  162  f.,  166  ff.;
—,  abgeleitete  199,  221;
—  gegen  Streben  166  ff.;
—  im  Einklang-Mißklang  mit  anderen  172;
—  um  anderer  Streben  willen  169;
—,  Zweckgehalt  des  197,  220,  231fr.;
s.  a.  Dauerstreben.
Streben  und  Erfolg  162fr.,  173,  181,  197,
204,  243,  263,  300.
Struktur  197  ff-.  455.  4^4ff.  496  ff,  s.  a.
Gefüge;
—bestimmung  465  ff.,  484;
—wert  493  f.,  509.
Subjekt  532,  543.  549«-  5^3  ff.  575  f-582,
  685  ff.;
—  des  historischen  Geschehens  386,  398;
—,  repräsentatives  681,  685;
—,  stellungnehmendes  435  ;
—  als  das„einzigartigAntithetische“  559,568;
4 8
        <pb n="763" />
        7  $4

Sachregister.

Subjekt
—,  Akt  und  566;
—,  Einbezogenheit  des  566;
—  in  Objektfunktion  567  ff.;
—/Objekt  543,  551,  556,  560,  575,  5S2;
—,  Prädikat,  Objekt  532,  550;
—,  Verfügungsbereich,  Verfügungsmacht,
Verfügungswucht  der  685  ff.
Subjektbegriff
—  als  Bedingnis,  transzendente  559;
—  als  Dingbegriff,  nöetiscber  565.
Subjektbejahung  553,  555ff.;
—,  aktive  553,  557,  565;
—,  passive  557  f.,  565.
Subjektbekundung  529  f.,  533,  534,  541,
565.
Subjektbeziehung  565  ff.;
—,  Charakter,  polarer,  der  565  fr.
Subjektivität  im  Urteil  626.
Subjektverhalten  529,  531,  533;
—,  Regeln  des  533.
Substanz
—,  noetische  565,  567  f.;
—,  phänomenologische  567.
Substantialität  520.
Substitution  400,  545.
System
—,  biogenetisches  411,  431  f.;
—,  metahistorisches  405,408t.,  413  ff.,  437  ff.;
Denknotwendigkeit  419  —  Revision  427
—  Wahrheit  4136!.,  419,  423  fr.,  440
—  Wirklichkeitsgehalt  4x4,  437  ff.  —
Zeitbestimmung  426;
—,  übergeordnetes  487ff.;
—  verwickelter  Reizauslösung  633  f.;
—  kausaler  Verkettungen  360  f.,  368;
—  der  Epochen  und  Stammbäume  405,
s.  S.,  metahistorisches;
—  der  Perioden  und  Schichten  356;
—  der  Systeme  483,  487;
—  im  System  473fr.,  483,  485,  497;
—  und  Glied  473  f.,  483,  485,  s.  a.  Massenglieder ­
  ;
—  und  Teilsystem  484  f.;
—,  Selbstbewegung  eines  265.
systematisch  begrifflich  702.
System  wert  493  f.,  509.

Tat  398.
Tatbestand
—  der  Wirtschaftlichen  Dimension  682  f.;
—  und  Erklärung  der  Eingeborenen  Fachausdrücke ­
  100,  106  ff.;
—  und  Grundproblem  654,  662,  668,  7 1 3-Tatsachen
  243,  247,  259,  261  ff.,  3oof.,
360f.,  435  f-,  52°&amp;gt;  523.  547.  578  ff.,  654,
659,  699  f-;
—,  gleiche  264;
—,  historische,  soziale  596;
—,  noetische  580,  586;
—,  phänomenologische  580;
—  vor  der  Wirklichkeit  267;
—  als  Bild  aus  dem  Handeln  243;
—  in  den  Aktionswissenschaften  und  Naturwissenschaften ­
  259,  261  ff.,  36of.,  435,
578ff.,  s.  Datum-Faktum;
—/Deduktion,  Induktion  300  f.,  658;
—,  Denkweise  und  579  f.;
—/Erfahrung,  Gemeine  305;
—,  Feststellung  und  Verarbeitung  der  578  ff.,
586,  59i;
—,  methodologisch  523,  580f.,  700;
—,  Wertung  der  266  f.,  s.  a.  Beziehen  auf
Werte,  Probleme.
Tatsächliche  583,  585.
Tausch  301,  6i4ff.,  682ff.;
—,  indirekter  683;
—,  innerer  6x5;
—,  prävalorer  683;
—,  „richtiger“  689;
—,  Äquivalenz  beim  682,  687,  690;
—/Raub  301,  683;
—,  Wertgewinn  beim  6l4ff.,  682,  690;
s.  Urtausch.
tauschgepaarte  Mengen  684,  688.
Tauschgewinn  614  ff.,  682,  690.
Tauschgleichungen  687  ff.;
Persönliche  Gleichung  des  Vertauschbaren ­
  688  f.;
Persönliche  Gleichung  des  Vertauschten
688;
Unpersönliche  Gleichung  des  Vertauschbaren ­
  687;
Unpersönliche  Gleichung  des  Vertauschten ­
  689.
Tauschmittel  684.
Tauschverfügungsmacht  686  f.
        <pb n="764" />
        Sachregister.

755

Tauschwert57,64ff.,  71,141,  621,  627,687.
Taxpreis  688.
Technischer  Fortschritt  und  Wirtschaftsleben ­
  696.
technisch-pragmatisch  711.
Technologie  163,  237,  279,  325.
Teilgebilde  706.
Teilgestaltung  669,  712.
Teleologie/Kausalität  711,  s.  a.  Erklärung,
teleologische,  finale,  kausale,
teleologische  Erklärung  359,  s.  Erklärung,  j
Tendenz,  idiographische  und  nomothetische
466  fr.,  484,  s.  a.  464.
termes  fondamentaux  83.
Theorie
—,  Aufgabe  jeglicher  700;
—,  naive  und  reife  663  f.,  7 00 !
—,  wortgebundene  s.  Wortgebundenheit;
—  der  Ewigen  Wirtschaft  643,  7*6;
—  der  Gewordenen  Wirtschaft  643,  7*6;
—  des  Individuellen  447  fr.;
—  des  Mutterwitzes  17 1  f■»
—  der  Probleme  statt  Theorie  bloßer  Lösungen ­
  655;
—  statt  der  Tatsachen  257,  3°4  —  trotz
der  Tatsachen  305  —  vor  den  Tatsachen
158,  239,  257,  292  f.,  304,  322,  518,
657.  715  f -
Thomas  53.
Tier  als  Unterstufe  des  Ichs  244  f.
Tilggeld  687.
Tochtergebilde  232,  234  fr.
Tönnies,  Ferdinand  635.
Totalität
—  des  Erlebten  435  f.;
—,  ideale  584fr.
Totum  der  Erlebungen  554,  558-Traggeld
  687.
transtemporal  442.
transverbal
—er  Einfluß  329,  631,  666  f.;
—  e  Intuition  677,  679,  690.
Trendelenburg  84.
Trieb  263.
Tücke  des  Objekts  204.
Turgot  54.
Typen
der  Aussage  s.  Aussagetypen;
der  Komposition  s.  Kompositionstypen.

Übereinander  des  Geschehens  221,  251.
Überlassung,  befristete,  von  Verfügungsgewalt ­
  685  —  von  Verfügungsmacht  687.
Überlieferung  255,  261  f.,  345,  350,  353,
523.  583-Übermensch
  250.
Umdenkung  ins  Historische  /  ins  Naturwissenschaftliche ­
  s.  Gegenstück,  naturwissenschaftliches ­
  ;  Geschehen,  historisches ­
  und  metahistorisches.
Umfang  des  Begriffenen/Begriffes  483.
Umformungen,  denkende,  des  Erlebten
197  f.,  242  ff.,  254,  270,  272  f.,  296  f.,  299  ;
—,  schlichtere:  Bestand  254,  270,  299  —
Fortbestand  270,  299  —  Geschehnis  254,
270,  299  —  Vorgang  254,  270,  299;
—,  verwickeltere:  Einheit,  in  sich  ruhende
188  —  Ereignis  273  —  Gebilde  190  ff.  —
Kreis,  Rollender  187  —  Oberperson
248  f.  —  Vorgang,  Zuständlicher  211
—  Zustand  und  Entwicklung  174  ff.;
s.  a.  Erfassung  und  ausführlicher  unter
den  genannten  Stichworten.
Umfrage  255,  523.
Umgebilde,  Ingebilde  684,  7086
Umgliederung  189,  198.
Umtrieb,  lebenerhaltender  706,  709.
Umwelt  s.  Milieu.
Unbegriff  202,  209.
unersetzlich,  allgemeingültig  476  f.,  489;
—,  empirisch  476,  s.  a.  457,  463.
Ungeschichte  277,  327,  353.
Ungeteiltheit  476.
Unifikation  der  Erkenntnis  255,  257.
Universalismus
—  der  Methoden  579,  598,  634;
—  /Individualismus  640,  707.
Universalwissenschaft  s.  Soziologie.
Unperson  245  t.
Unteilbarkeit/Ungetei.Itheit  476.
Unterart  456,  464  f.,  469.
Unterlassung  167.
Unternehmen  234  fr.,  s.  a.  2326
i  Unternehmerstellung  708.
Unternehmung  157,  168,  184,  185,234  fr.,
570,  703  fr;
j  —  als  Einheit,  wirkende  703  ff.;
—  als  Ertrags-,  Erwerbs-  und  Versorgungsquelle ­
  704;
48*
        <pb n="765" />
        756

Sachregister.

Unternehmung
—  als  Kollektivbegriff  570;
—  als  Zweckgebilde  707;
—,  Dominante/Zielsetzung  der  703  f.;
—,  Einpassung  der  706;
—,  Gedeihen  als  Lebenswucht  der  706;
—,  Geld  und  168.
Unterordnung/Einordnung  464,  472,  483.
Unterperson  246,  249.
Unterzweck  s.  Zweck.
unverwechselbar  452,  457;
—,  absolut  459  ff.,  S°°.
Unverwechselbarkeit  der  Allheit  459  f.  —
des  Alltäglichen  156  —  des  Allzusammenhangs ­
  460,  500  —  des  Ichs  459  h,  670  —
des  Zusammenlebens  670.
unwiederholbar,  absolut  461,  463,  468,
476,  500.
unwiederholt,  empirisch  461.
Urgeschehen  am  Ich  195;  als  Handeln
oder  Naturgeschehen  195.
Urgeschichte  349.
Urkunde  353,  356,  360!.
Urpreis  683.
Ursache  181,  182,  243,  263,  558,  562,
580  f.;
—,  auslösende,  bedingende  581  —  fortwirkende ­
  181.
Ursache  und  Wirkung
—  als  Abstraktion  vom  Handeln  263,  562;
—  als  Denkform,  phänomenologische  580  f.;
—  als  Zusammenhang,  unpersönlicher  263.
ursächliche  Erklärung,  Verkettung  s.  1.
Ursprung  des  Menschentums  347,  349,
38off.
Urtausch  683.
Urteil
—,  ichstarre,  gemeinschaftsstarre,  klassenstarre, ­
  volksstarre  626;
—,  „klassische“  624;
—  des  Vorzuges  279,  s.  Werturteil;
—  über  Gesinnungsrichtigkeit  625  f,,  677  f.,
s.  Werturteil;
—  über  Zweckrichtigkeit  624  f.;
—  über  Artung  455  ff.,  462  —  über  Gefüge
455.  464  —  über  Lage  455,  459ff.  —
über  Stellung  455,  464;
—,  Absolutismus  im  623;

Urteil
—,  Subjektivität  im  626.
Urzeit  301,  340  f.,  349  f.,  428.
Vaihinger  671.
Valenz,  Gleichwertigkeit,  Wechselwertigkeit, ­
  Wertigkeit  690.
Verallgemeinerung  s.  Generalisation.
Veranschlagung  621,  682,  685,  686,  688.
|  Veräußerungswert  621.
Verbrauch  685.
Verein  für  Sozialpolitik  286,  609.
Verfahren
—,  deduktives-induktives  s.  Deduktion;
—,  idiographisches  499  ff.
Verfassung  und  Verwaltung  200,  271.
Verflechtung/Verkettung  36t  ff.,  562.
Verfügbare,  Verfügbarkeit  685,  686,  688,
711.
Verfügung,  V.-bereich,  V.-gewalt  685  —
V.-macht  621,  685  ff.  —  V.-frciheit,  V.-wucht
  687.
Vergangenheit  178,  214,  3406,  350,  351  f.,
354,  357,  399ff-,  437;
—  der  Jahrmillionen,  geologischen  349f.,
383;
—  der  Jahrtausende,  historischen  349  f.,  383;
—,  lebendige  214;
—  erschließen/disponieren  über  V.  357,  s -  a -
erschließen;
—,  Erkenntniswege,  historischer  und  metahistorischer,
  in  die  340f.,  350ff.,  354,
357,  399ff-,  413f-,  437;
—/Gegenwart  178,  437;
—,  Zwitterstellung  der  Metahistorie  gegenüber ­
  der  413  ff.
Vergüterung  646.
Verifikation  528,  532  ff.,  547  fr.,  5586;
—,  direkte,  generelle,  spezielle  547  ff.;
—,  erkenntnispsychologische/logische  532  ff.
Verkettung,  kausale  s.  Kausalzusammenhang. ­

Verrechenbarkeit  von  Allem  mit  Allem  686.
verstehen  157,  161,  177,  192L,  195,  270,
3°9,  373,  5*7,  699;
—/begreifen  161,  193,  195,  373.
Versteinerung  423  f.,  439.
Verteilung  323.
        <pb n="766" />
        Sachregister.

757

Verwendung,  Verwendbarkeit  685.
Verzicht  685.
Voigt,  A.  54.
Volk  als  Teilgestaltung  712.
Volkswirtschaft
—  als  Gebilde  333,  s.  a.  712;
—  als  Gebiet  310,  312;
—  als  Sozialform  heutigen  Wirtschaftslebens ­
  612;
—  als  Teilgestaltung  712,  s.  a.  333  f.;
—,  Definitionen  der  665;
—,  Nationalökonomie  und  326  fr.;
s.  Wirtschaft.
volkswirtschaftliche  Bedeutung,  Standpunkt ­
  331.
Volkswirtschaftslehre  611  f.;  vgl.  Allwirtschaftslehre ­
  ,  Güterlehre,  Nationalökonomie. ­

Voraussetzungslosigkeit  der  Wissenschaft
626.
vorfinden/anerkennen  565.
Vorgang  198,  254,  270,  272,  299,  705  f.;
—,  Zuständlicher  2x1;
—  e,  Dauerformen  der  706  ;
—  e,  kreisschlüssig,  laufrichtig  705.
Vorgeschichte  349.
Vorkehrungen  706.
Vorräte  706.
Vorstellungen  198,  535  f-,  54 8 &amp;gt;  5 6 4-Vorurteil,
  naturwissenschaftliches  528,  530,
541/42,  s.  Schema  F.
Vorverfügungsmacht  686,  689.
Wagner,  Adolf  54.
Wahrheit
—  metahistorischer  Erkenntnis  413  ff.;
—  des  Entwicldungsgedankens  419.
Wahrnehmung  i6lf.,  263,  560;
—,  zerfallende  263.
Wandel  im  Zustand  s.  Entwicklung.
Wandelbare  in  aller  Wirtschaft  716.
Wandlung  s.  Ereignis  und  Wandlung.
Weber,  Alfred  608.
Weber,  Max  448,  517  f.,  594,  599,  603,
625,  626,  627  ff.,  634,  635,  642  f.,  644  t.,
672.
Wechsel  s.  Begriff,  schöpferischer;  Determinanten; ­
  Wiederkehr  und  Wechsel.
Wechselwertigkeit  s.  Valenz.

Wechselwirkung,  psychische  569.
v.  Weichs-Glon  6i.
Weiser  des  Geschehens  175t-,  246t.;
—,  örtlicher  I75f.,  246,  272,  276  —  persönlicher ­
  246,  266,  273,  276,  291  —
zeitlicher  175  f.,  246,  272,  276.
Welt
—,  empiriscbe/subjektlose  438;
—■  der  Erlebungen  154  f.,  224,  345,  560  ff.,
5 8 5,  595;
—  der  Erscheinungen  154t.,  561;
—  der  Pflichten  279;
—  der  Subjekte  561,  s.  Welt  des  Handelns ­
  ;
—  der  Werte  711.
Welt  des  Handelns  x54ff.,  161  ff.,  244ff.,
585ff.;  vgl.  Schicksalswelt;
—  als  Ander-Ich  435,  702  —  Größer-Ich
162;
—  als  Ding  der  Vorstellung  260  f.;
—  als  Gebilde,  allumspannendes  275;
—  als  das  Gegebene,  schlechthin  195,
224,  297;
—  als  Geschehen,  erlebtes  s.  d.  und  Geschichte; ­

—  als  Geschichte  196,  274,  294,  709  —-identifiziert
  mit  Geschichte  196,  327  f.;
—  als  Körperwelt,  erlebte  198,  215,  231;
—  als  Menschheitsleben,  Ungeschichte  196,
277,  291,  294,  s.  a.  Zusammenleben;
—  als  Stoff  255,  278;
—  als  Welt  der  Erlebungen  s.  d.;
—  als  Welt  des  Handels  329;
—/Denken,  biologisches,  juristisches  und
unzerfällendes  252  ff.;
—,  Einengung  der  161;
—  erfaßbar  aus  dem  Spiegelbild  unseres
Ichs  154,  161  ff.,  177,  255,  300  f.  usw.,
s.  Durchschaubarlceit;
—  -,  Erkenntnismöglichkeiten  gegenüber  der
s.  e.;
—/Gesetze  154,  177,  2556,  258,  265;
—/Natur  s.  Naturgeschehen,  Zerfallung;
—,  Seelenwelt,  Sinnenwelt  X54,  s.  a.  Geschehen, ­
  Drittes;
—/Ursache  181;
s.  Begriff,  schöpferischer;  Geschehen,
erlebtes;  Umformungen,  denkende.
Weltanschauung  340,  347,  349,  4 22 &amp;gt;  677.
        <pb n="767" />
        758

Sachregister.

Weltbild  548  f.
Weltformel  407.
Weltwirtschaft  332.
Weltwirtschaftslehre  611.
Werben  und  Werten  169  f.,  191,  226  f.,
231,  234.
Werkzeug  392,  402,  429  f.
Werkzeugtier  392,  395  fr.,  s.  Gegenstück,
naturwissenschaftliches;  Lebensäußerungen. ­

Wert  3  ff.;
—,  allgemein  anerkannter  507;
—,  ästhetischer,  moralischer,  pädagogischer
35i
—,  gleiche-ungleiche  682,  688,  s.  Tauschgleichungen ­
  ;
—,  letzter  624  f.;
—,  objektiver-subjektiver  72;
—,  überindividueller  483;
—,  wahrer  685,  688,  690,  s.  Allpreisgrund;
—,  wirtschaftlicher  31  ff.,  59;
s.  ferner  Bilanzwert,  Einstandswert,  Gebrauchswert, ­
  Güterwert,  Mehrwert,  Seltenheitswert, ­
  Tauschwert,  Veräußerungswert;
Charakterwert,  Individualwert,  Strukturwert,
  Systemwert;  Raumwert,  Zeitwert;
Wirklichkeitswert;  s
—  als  Allpreisfolge,  Allpreisgrund  s.  d.  ;
—  als  Bedeutungs-Urteil  über  die  Bedeutung ­
  57;
—  als  Ding,  Erscheinung,  Phänomen,  Tatsache ­
  63,  67  ff.;
—  als  zu  Erledigendes  (Objektform),  als
Erledigtes  (Aussageform)  25  ff.,  55,
62  ff.;
—  als  „der“  Grundbegriff  91  —  Grundbegriff
92  ff.,  s.  Fachausdrücke,  Eingeborene;
—  als  Problem,  spezifisch  nationalökonomisches ­
  621  ;
—  als  Singularobjekt  22,  25  ff.,  34  ff.,  40,
42,  44,  50f.,  55  ff.,  62  ff.;
—  als  Sprachzeicben  19,  22,  24  ff.,  38,586,
62,  65  fr.,  70  ff.,  1706,  263,  267,  323,
5°9,  558,  647,  688;
—  als  Unbekannte  46,  323;
—  als  Verquickung  zweierlei  Erkenntnis
170;
—,  Definition  des  25;
—,  Determinationen  des  35  f.;

Wert
—,  Dogmengeschichte  des  46;
—,  etymologisch  690;
—  im  Sinn  der  Dominante  510;
—  in  der  Mathematik  und  Technologie
170;
—/Nützlichkeit  57,  64;
—  und  Warenkabbalistik  616.
Wertanalyse,  Wertsynthese  64.
Wertbedeutungen  676,  70  ff.,  s.  a.  Wert
als  Sprachzeicben.
Wertbegriff  59,  63  fr.,  68  f.,  139.
Wertbehauptung  689.
Wertbezug  s.  Beziehen  auf  Werte.
Wertdoktrin  196,  39,  41,  44,  46.
Werteerzeugung,  Werteschaffung  323.
Werteinheit  687.
Wertelei  711.
Werten  und  Werben  168  ff.,  191,  226  f.,
232.
Wertforschung  37  ff.
Wertfrage
—,  kritische  44ff.,  58  ff.;
—,  naive  44  ff,  6lff.  —  als  Berührungspunkt ­
  der  Werttheorien  52  ff,  62  —  als
Einteilüngskriterium  der  Werttheorien
63  ff,  67  ff;
—,  Zusatzfrage  zur  W.  70  ff.;
s.  Wertforschung,  Wertgedanke,  Wcrtlchrc.

wertfreie  Theorie  466,  622,  675.
Wertgedanke  22  ff.,  34fr.,  148,  621,  675,
697,  701;
—  als  Dogma  60,  75,  621  —  als  Postulat
49;
—  als  Grundlage  und  Voraussetzung  der
Wertlehre  23fr.,  34ff.,  37ff.,  55ff.,  61  ff.,
s.  Wertfrage;
—,  Benennung  des  37;
—,  Formulierung  des  22;
—,  Geltung,  faktische,  des  50,  55,  56,  64f.;
—,  Gültigkeit,  objektive,  des  23  ff,  37  f.,
42,  43.  4ff  49,  5°,  5L  57,  58,  59,  61  f.;
—,  Kritik  am  37,  42,  43  —  Kritik  vermittels ­
  des  W.  40;
—,  Sondergedanken  des  18  ff.
Wertgefühl  170.
Wertgesetz  689.
Wertgewinn  682,  690.
        <pb n="768" />
        Sachregister.

759

Wertgleichheit/Gleichwertigkeit  687,  s.
Valenz.
Wertigkeit  s.  Valenz.
Werthypothese  6l6,  618,  621  f.,  682,  685,
689.
Wertkunde  72  ff.
Wertlehre  3  ff.;
—,  neue  691;
—,  sogenannte  3ff.,  15,  20;
—,  sterbende  673,  675  f.;
—  als  Ganzes  6  ff.,  58;
—  als  Gebiet  3,  5fr.,  15,  19ff.;
—,  Aussagenwelt  der  27  ff.,  38,  50  ff.,  61  ff.;
—,  Bedingtheit,  zeitlich-örtliche,  der  12;
—,  Beitrag  zur  6,  14,  16  u.  a.  a.  O.,  s.
Werttheorie;
—,  Besserungshoffnung  in  der  9  ff.;
—,  Chaos  in  der  9  ff.,  30,  55  —  behebbar  ?
12  ff.,  14,  15  —  erklärbar?  12  —  notwendig? ­
  12  ff;
—,  Einigung  in  der  11;
—,  Entwicklung,  historische,  der  12;
—-,  Erkenntnis  aus  der  W.  —  Erkenntnis
über  die  W.  15,  s.  Selbstbesinnung;
—,  formal  und  inhaltlich  7  f.,  15,  s.  Aussagenwelt ­
  der  W.;
—,  Gegenstand  der  19,  21  f.,  25  fr.,  34ff,
Soff,  58f.,  62,  65;
—,  Grundlage  und  Voraussetzungen  der
18ff.,  22ff.,  s.  Wertgedanke;
—,  Gültiges,  objektiv,  in  der  8  ff.,  26,  3°!
—,  Information  über  die  4  ff.;
—,  „Königliche  Weg“  in  der  15;
—,  Vollständigkeit  der  10;
—,  Zustand  der  3,  4,  8  ff.,  s.  Chaos  in  der
W.;
s.  Wertforschung,  Wertfrage,  Wertgedanke, ­
  Wertkunde,  Werttheorie.
Wertpolemik  33  f.
Wertproblem  46,  59,  61  ff,  517.
Wertquoten  57.
Wertschätzung  170,  301,  683,  685.
Wertsubstanz  689.
Werttaufe  690.
Werttheorie  6  ff.
—1  eigene  i6f.;
1  sogenannte  20;
—,  wahre  7f.,  26,  30;
—  als  Teil  6,  7.

Werttheorien
—,  Auffassungsfehler,  Definitionsfehler,
Mangel  der  inneren  Wahrheit  der  56  f.;
—,  Berührungspunkte  der  52;
—  untereinander  51,  52.  SS.  5*5,  57.  5«  ff.
62ff,  s.  Wertlehre,  Chaosdn  der;
—,  nationalökonomische  621;
—  der  Privatwirtschaftslehre  621;
—  der  Wert-Analytik,  Wert-Ethik,  Wert-Kalkulation
  ,  Wert-Metaphysik,  Wert-Pragmatik
  683,  685,  689;
s.  Wertfrage.
Wertung  517,  563.
Werturteil  170,  623  fr.,  677  fr.,  s.  a.  Urteil
über  Gesinnungsrichtigkeit,  U.  des  Vorzugs. ­

wertvoll-wertlos  266  f.
Wertwahn  301,  s.  Allpreisgrund.
Wesenserklärung  123.
wesentlich  644t.,  651.
Widersprechen-Müssen  —  Nicht-Widerlegen-Können
  16.
Wiederkehr  174ff,  2l2ff.;
—  im  erlebten  Geschehen-Naturgeschehen
174  ff,  189;
—,  Not,  Macht  215  fr.,  223  fr.;
—,  Störungen  der  179,  189;
—,  verbürgte,  durch  Gliederung  189,  192,
223,225,  s.  a.  Andauer,  Dauer,  Gestaltung.
Wiederkehr  und  Wechsel  587  ff.;
—/Andauer  593,  s.  Andauer;
—/Wiederholung  592.
v.  Wiese  627.
v.  Wieser,  Fr.  6,  27,  32,  44  f.,  54,  59,  61,
64,  68,  69,  92,  605.
Wille  557.
Willensfreiheit  219.
Willensregung  556.
Willensrichtungen  des  Lebens  669.
Willkür  des  Denkens  s.  Scheidung.
Windelband  121,  340,  378,  407,  447  fr.,
5!9,  67t.
wirklich  242,  243,  362,  524,  560,  585.
Wirklichkeit,  Eine  523  ff.,  634,  659,  702  f.;
—,  empirische  435  ff,  524  ff,  582  ff.,  702,713;
—  im  empirischen  und  erkenntnistheoretischen ­
  Sinn  582fr.,  s.  a.  Gegebene;
—,  erlebte/vorgestellte  524  ;
—,  ganze  526,  542,  555,  561  f.,  7131
        <pb n="769" />
        760

Sachregister.

Wirklichkeit,  Eine
—,  geschichtlich-gesellschaftliche  327,  570,
582  h,  585;
—,  metaphysische  524;
—,  stellvertretende  261;
—  als  Inhalt  unseres  Bewußtseins  524  t.,
537,  542,  659,  s.  a.  Erleben,  Erlebnis,
Erlebte;
—  als  das  Objektivierbare  s.  Entweder-Oder
  der  Auffassung,  Stellungnahme,
Stoff;
—/Historie,  Naturwissenschaft  435  ff.,  s.  Erkenntnis ­
  ,  historische  -  metahistorische  ;
Denken,  noetisches-phänomenologisches;
—/Simpelei  einer  Wissenschaft  634.
Wirklichkeitsgehalt
—,  Erkenntniswürde  und  358;
—  der  Historie  —  Metahistorie  435,  437  ff.;
vgl.  Realität.
Wirklichkeitswert  s.  Wirklichkeitsgehalt.
Wirtschaft
—Ewige  643,  715;
—,  Gewordene  643,  7 i 4j  716;
—  als  Bedarfsdeckung,  vorsorgliche  698;
—  als  Erwerb  614  ff.,  622,  638  ff.;
—  als  Fachausdruck  (Grundbegriff)  s.  Fachausdrücke, ­
  Eingeborene;
—.  als  Gebilde  618,  665;
—  als  Größenspiel  s.  d.  und  Nationalökonomie, ­
  Mathematische;
—  als  Leben  609,  619,  639  f.,  669,  695  f.,
701  ff.,  710;
—  als  Leistung  695  ff.;
—  als  Name  229,  3xS  ff.,  667L,  7x3;
—  als  Problem  608,  668  f.,  711  ff.;
—  als  Rechnung  686;
—  als  Reich  der  Mittel  698;
—  als  Sachgüterversorgung  665,  698;
—  als  Schlüsselwort  151,  153,  I55&amp;gt;  2 ^ I &amp;gt;
312,  316,  321,  328,  448,  570,  665L,
709;
—  als  Sprachkürzung  667,  713;
—  als  Tatbestand  608,  619,  639,  666  f.;
—  al?  Tausch  s.  1.;
—  als  Gestaltung  des  Zusammenlebens
618,  639L,  651,  669,  712L;
—  als  Unsoziales  638  ff.;
—  als  Vergleich  zwischen  Nutzen  und  Kosten
698;

Wirtschaft
—  als  Welt  des  autonomen  Objekts  681;
—,  atomistisch  622,  s.  Größenspiel;  Handlung, ­
  wirtschaftliche;  Tausch;  Wirtschaftliches ­
  Prinzip;
—,  Begriff  der  139,  s.  Fachausdrücke,  Eingeborene ­
  ;  Grundbegriffe;  Wirtschaft  und
Gesellschaft;  Wirtschaft  als  Problem,
als  Schlüsselwort;
—,  Definition  der  665,  667,  s.  Definition;
—,  Formel  für  651,  659,  667,  7x3;
—,  Gesetze  in  der  620,  s.  Gesetze;
—,  Grundbegriff,  Grundtatsachen,  Grundvorstellungen ­
  der  s.  d.;
—,  Idee  aller  714,  715;
—,  Krisen  in  der  W./Krisen  statt  der  W.
6x8;
—,  „Naturgemäße“  der  620;
—,  Theorie  der  s.  Allwirtschaftslehre,  Güterlehre, ­
  Nationalökonomie;
—,  Unwandelbare  und  Wandelbare  in  aller
714L
Wirtschaft  und  Erwerb  s.  Erwerb,  Erwerbswirtschaft. ­

Wirtschaft  und  Gesellschaft  3X2ff.,  319ff-,
324  fr.;
—  Scheidung  vom  Lehrzweck  gefordert
3x2,  318,  326  —  unbrauchbar  für  die
Empirie  318  ff.,  521  —  unzulässig  für
die  Theorie  319,  323  f.,  326.
Wirtschaft  und  Recht  229.
Wirtschaft  und  Technik  696.
Wirtschaften  226  ff.
Wirtschaftliche  247  f.,  2846,  303,  310,
315  ff-;
—  Charakter  der  technischen  Arbeit  696;
—  Dimension  673  fr.;
—  Dimensionalität  686;
—  Gebiet  (Seite)  3x0,  317,  319;
—  Handlung  284  f.,  3116,  3 J 9i  665  f.;
—  Kreislauf  s.  1.;
—  Prinzip  282  ff.,  312,  638  f.,  650,  652,
665  f.;
—  Wert  s.  1.
Wirtschaftsführung  688.
Wirtschaftsgebilde  685,  688,  706;
—,  Einklang  als  Ziel  des  688;
—/Kosten  im  688;
        <pb n="770" />
        Sachregister.

761

Wirtschaftsgebilde
—,  die  Noch  auskömmliche  Preishöhe  als
Grenzzahl  des  688;
s.  Erwerbsgebilde.
Wirtschaftsgeschichte  293,  306  f.,  450,
607  f.,  612;
—  als  Anhängsel  293,  306  f.,  612;
—  als  vollwertige  Forschung  6076,  612.
Wirtschaftsleben  609,  6i2f.,  695fr.;
—  als  durch  und  durch  Gewordenes,  das
auch  nie  aufhört,  ein  Werdendes  zu
bleiben  613,  7 r 4i
—  als  Börse  618/619;
—  als  Gebiet  310,  317  f.;
—  als  Güterleben  s.  1.;
—  als  Name  713;
—  als  Tatbestand  666  f.,  698;
•—  als  Teilgestaltung  des  Zusammenlebens
639  f.,  669,  712  f.;
—/Alltagsdenken  s.  d.;
—/Theorie,  nationalökonomische  698  f.
Wirtschaftsordnung  716.
Wirtschaftsschicksal  615,  618.
Wirtschaftssoziologie  und  Wirtschaftstheorie ­
  627  f.,  642  f.,  657.
Wirtschaftsstufen  715.
Wirtschaftsverfassung  716.
Wissenschaft,  berichtende  268  fr.,  277,
282;
—  als  Historie  272,  282;
—,  Auswahl  der  268,  271,  273;
—,  Erkenntnisgegenstand  der  274,  s.  Geschichte ­
  ;
—,  Erkenntnisziel  der  268,  325;
—,  Grundbegriffe  der  292;
—,  Möglichkeit  der  268,  272,  282;
—,  Reduktion,  didaktische,  der  287,  29°,
292;
—/V  ollgeschichte-Politische  Geschichte-Geschichten ­
  271  f.,  327;
—,  Voraussetzung  der  269;
s.  Geschichte,  Historie;  Ereignis,  Schilderung; ­
  Artbegriff,  Sonderbegriff.
Wissenschaft,  schildernde  203,  268  fr.,
274  &amp;lt;r.;
'—  a ls  systematische  293,  294  f.,  306;
als  W.  vom  Alltäglichen  306  fr.;
—,  Begriffssystem  der  295  fr.;

—,  Erkenntnisgegenstand  der  275,  277  fr.,
s.  Menschheitsleben;
—,  Erkenntnisziel  der  268,  292,  325;
—,  Grundbegriffe  der  292;
—,  Möglichkeit  der  268,  282,  310,  s.  a.
IS5;
—,  Reduktion,  didaktische,  der  287  fr.,  292  f.,
295.  299,  304ff-;
—,  Unterteilung  der  311fr.,  319  fr.,  s.
Sozialwissenschaften,  Wirtschaft-Gesellschaft ­
  ;
—,  Voraussetzungen  ‘der  269,  s.  a.  Zustand
und  Entwicklung;
—/berichtende  276  t.;
—/Biologie  302;
—/Nationalökonomie  282,  286,  288  fr.,
3loff.;
s.  Artbegriff,  Sonderbegriff;  Bericht,
Schilderung;  Menschheitsleben;  Sozialwissenschaft, ­
  Sozialwissenschaften.
Wissenschaften
—,  gewordene-mögliche-zentrale  268,  272,
282,  285;
—,  objektivierende-subjektivierende  519;
—,  Scheidung  nach  Begriffsbildung  449  fr.,
s.  Begriffsbildung,  idiographische-nomothetische;

—,  Scheidung  nach  Erkenntniszielen  447  fr.,
515  —  s.  Erkenntnis,  historische-metahistorische
  ,  idiographische  -  nomothetische ­
  ;
—,  Scheidung  nach  Objekten  515,  517;
—,  Scheidung  nach  Problemen  s.  Grundproblem, ­
  Spaltung  des;
—,  Scheidung  nach  Stoffen  515fr.,  583,  s.
Erfahrung,  noetische-phänomenologische;
s.  a.  unter  Begriffsbildung,  Denken,  Erfahrungswissenschaften, ­
  Erkenntnis  und
den  einschlägigen  Stichworten.
Wissenschaftslehre  18,  631,  633  f.
Wittelshöfer  53.
Wolf,  Julius  14,  27,  33,  53.  9i.
wollen  505,  556f„  559,  699.
Wollung  556,  560.
Wort
—  als  Jurist  253  f.  —  und  Jurist  202;
—  als  Lückenbüßer  243;
—  als  Natur  297,  315  f.;
—  als  Verknöcherer  254,  298;
        <pb n="771" />
        Sachregister.

762

Wort
—,  herrschende  s.  Herrschaft  des  Wortes;
—  im  Namensdienst  109  ff.,  136,  140  h,
169  f.,  229,  667  f.;
*—,  problemvertretende  614,  620,  630  t.,
676t.,  701,  s.  a.  Probleme,  einwörtliche;
—,  zuschanden  gedachte  229,  667;
—,  Ausgang  vom  Wort  statt  Problem  s.  1.;
—,  Begriff,  Definition  107fr.,  134#-,  200,298;
—,  Erfahrung,  Begriff  122;
—/Zweckbegriff/Zweck  200;
s.  Freiheit  vom  Worte,  Herrschaft  des
Wortes,  Grenzwort,  Leitwort,  Schlüsselwort, ­
  Sprachkritik.
Wortbedeutung,  unvorgestellte  183.
Wortgebundenheit  238,  296  fr.,  3°7ff.
312  ff.,  611,  614,  620,  630L,  652f.,
654t.,  664,  666f.,  676fr.,  690,  701,  717;
:—  notwendig  für  den  ersten  Einsatz  664,701;
s.  Fachausdrücke,  Eingeborene;  Grundbegriff. ­

Wort-,  Sach-,  Problemstreit  239,  285,
314  fr.,  323,  690,  717.
Würdigung,  determinative  506  fr.
Wundt  99.  137.  5*7f-.  672.
Wunsch  und  Erfüllung  243.
Wurzel  98.
Zahl  428.
Zahlgeld,  Zählgeld  684.
zahnig  198.
Zeit
—,  erlebte  301,  304,  636  —  unerlebte  und
lebendige  214;
—,  gedachte  174,  264,  301  f.,  304,  636;
'—,  prähistorische  349;
■—,  Begrenztheit  der  231;
—,  ehrlich  und  klug  203;
—/Raum  549,  560,  699;
—,  Raum,  Person  246,  290,  560  f.,  585.
Zeiten  178,  s.  a.  Gegenwart,  Vergangenheit.
Zeitdinge  570.
Zeitbestimmung  424  ff.;
—,  absolute  424  ff.;
—,  relative  424  ff.;
—,  historische-metabistorische  424  fr.
Zeitenlauf/Zeitverlauf  304,  352.
Zeitmessung  425.
Zeitschätzung  425.

Zeitwerte  in  Raumwerte  438.
Zerfällung  161,  174L,  193,  s.  Denken
und  Erkenntnis,  zerfallende.
Zelle  194.
Zielsetzung  624  fr.
Zoll  208.
Zoologie  299,
Zuckerkandl  4,  28,  56.
Zu-Ende-Denken  700.
Zukunft  178,  2x4,  2x6.
Zunft  291.
Zurechnung  518.
Zusammenhang
—,  anschaulicher  538  ff-;
—,  empfundener  181,  193,  300;
—,  erlebter  154,  161  f-,  187,  263,  372,
538  ff.,  659,  699  f-;
—,  gestifteter  539  f.;
—,  idealer  586  f.;
—,  innerer  370  ff.;
—,  persönücher-unpersönlicher  263  ;
—,  stetiger  538  fr.;
—,  urtümlichster  263;
—  als  Prädiziertes  540;
—  erschließen  s.  erschließen;
—  im  Denken  181,  s.  Kausalität,  Kausation,
  Zusammenhangssurrogat;
—/Sinn  s.  Allzusammenhang,  Blutzusammenhang, ­
  Geschehenszusammenhang,  Kausalzusammenhang. ­

Zusammenhänge
—,  gesellschaftliche  216  f.,  221,  226,  230,
313  —  wirtschaftliche  221,  226,  313;
—,  machtbedingende  166,  292,  313,  321,
324,  s.  gesellschaftliche;
—,  notbedungene  166,  313,  317,  321,  324,
s.  wirtschaftliche;
—,  seitliche  162  ff.,  203,  303;
—,  strebige  iö2f.,  166,  181,  I97f.,  201  ff.,
253.  313.  321;
—,  technische  163,  172,  197;
Zusammenhangssurrogat  659,  699  f.;
s.  a.  264.
Zusammenleben
-—-  als  Formung  709;  vgl.  Menschheitsleben;
—  als  Realobjekt  669;
—  als  Tatbestand  670;
—  als  Wechselspiel  von  Leben  zu  Leben
—  Gebilde  und  Personen  709;
        <pb n="772" />
        Sachregister.

76  3

Zusammenleben
—  als  unverwechselbar  670;
—,  Formel  für  670,  709;
—/Gesellschaft,  Gesellschaftsbegriff  670;
—  in  der  Schau  668  —  vor  dem  begrifflichen ­
  Denken  668  f.,  712;
—,  Teilgestaltungen  des  639,  669,  712.
Zusammenspiel,  lebensförderlichstes  685,
688.
Zusatzfrage  70  ff.
Zustand  und  Entwicklung  1741!.,  182  ff.,
246,  268ff.,  274h,  290fr.,  430;
—  in  der  Wissenschaft,  berichtenden  271,
273  —  schildernden  268  f.,  274,  290  fr.;
—/Sonderbegriff  29of.
Zuyder  See  375.
Zwang  und  Freiheit  669,  712.
Zweck  160,  200f.,  232f.,  364,  558;

Zweck,  Fernzweck,  Nebenzweck,  Unterzweck ­
  364;
—  als  Kategorie,  noetische  558;
—  und  Mittel  581,  711,  s.  Erklärung;
—  und  Werk  243.
Zweckbegriff  200,  211.
Zweckförderung,  -hinderung  323.
Zweckgebilde  707.
Zweckgehalt  197,  200,  220f.,  231  ff.,  364,
366.
Zweckhandeln  283.
Zweckmäßige  233.
Zweckreihen  331.
Zweckrichtigkeit  624  f.
Zweckumworbenheit  685.
Zweckvorstellung  558.
Zwitternatur  metahistorischer  Erkenntnis
413fr.,  419,  434-
        <pb n="773" />
        G  .  PMtz’sche  Buchdr.  Lippert  &amp;amp;  Co.  G.  m.  b.  H.,  Naumburg  a.  d.  S.
        <pb n="774" />
        Sachregister.

7  51

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hgüterversorgung  665.
z
vom  Grunde  und  Kausalität  580;
^von  den  gleichen  Werten  682,  687,  690;
von  den  ungleichen  Werten  682,  688.
zung  122,  212,  261  f.
E.  27,  54,  64,  68,  86,  90.
•'»  J-  B -  53»  63,  65,  67.
Louis  28.
ablone,  naturwissenschaftliche  203  f.,  s.
Schema  F.
«f  äffle  s,  27,  29,  32,  33,  54,  57,  64,  71,
f  86,  90,  91,  601,  627,  666.
leidung,  willkürliche,  im  Denken  313,
;  s.  a.  Auffassungsweise,  Enlweder-3
  Oder  der  Auffassung,  Gesichtspunkt,
Einheit  im  Handeln,  Wirklichkeit,
leier  671.
*iema  F  203,  298,  302,  659,  665,  7°°-  s -
Vorurteil.
‘icht  35  5  f.
Lichtung  356  f.,  381  f.,  402  fr.,  409,  411  f.,
415.  423-licksal
  162,  194,  245,  260,  265,  274,
2 77.  279,  281,  342;
generisches  277;
Aktionswissenschaften  162,  274,  277,
279.  281,  342;
Individualität/Psychologie  245*
ticksalswelt  192,  203f.,  7026,  711  ff-;
als  Geschichte,  als  Zusammenleben  709,
s.  a.  Geschichte,  Menschheitsleben;
"  als  Welt  der  Werte  711;
Allzusammenhang,  Fortschritt,  Rück-^
  schlag  203;
Gebilde  und  Personen  703  fr.,  7°8f-&amp;gt;
'Natur  702,  s.  Naturgeschehen/Welt  des
Handelns;
'SozialWissenschaften  ’JH  f.,  s.  S.,  engere,
s.  Welt  des  Handelns,
ricksaiswissen  schäften  702,  7 11 ’
Kausalität  der  7II,  s.  Kausalität,  noetische;
  Kausation;
s.  a.  Aktionswissenschaften.
Milderung  2696,  275  h,  287.
alaraffia  283,  327.
llüssel,  sachlicher  120.
hlüsselwort  120,  131,  1 53,  22 9,  281,
310,  321,  521,  6656,  709.  s.  im  einzelnen ­

  :  Arbeit,  Gesellschaft,  Gut,  Kunst,
Recht,  Staat,  Wirtschaft.
Schluß/Empfindung  224.
v.Schmoller69,125,606,610,  641,  658,  666.
Schöpfungsgeschichten  410.
Schuppe  378,  449,  671.
Seele,  psychologische  5486
seelisch
—e  Mannigfaltigkeit  537  ;
—/sinnlich  161,  1936,  435,  526,  537  f.,
548f-,  558,  56°,  563.  595:
s.  Erscheinungen,  Geschehen,  Zerfallung.
Seelenleben  549-Seelenvorgänge
  582.
Seelenwelt  154.
Sein  355  fr.,  540  fr.;
—,  Formen  des  355;
—,  Geschehen  und  356  f.;
—,  Interpretation  von  s.  Interpretation;
—  ordnen  s.  Ordnung;
-/Sinn  540fr.,  550,  554,  567,  575;
—,  Wandel  im  355.
sein/gelten  565.
Selbstbeobachtung  195,  263.
Selbstbesinnung  15  f.,  18,  20,  663,  710
u.  a.  O.;
—  in  der  Nationalökonomie  710;
—/Selbstverständlichkeiten  18,  20.
Selbstgewißheit  des  Seelenlebens  549.
Selbstvergessenheit  546,  555,  564.
Selbstverständliche,  vernunftmäßig  645,
657,  714-Selbstverständlichkeiten
  18,  20;
—  als  Bodensatz  des  Hingenommenen,  als
Niederschlag  des  Evidenten  20.
Seltenheitswert  75.
Sich-in-  innerem-Einverständnis-finden
712.
Sigwart  423,  449-Simmel,
  Georg  448,  518,  627,  671.
Singuläre  452fr.,  476  h,  480;
—  an  sich  459h;
—  individualisieren  477,  s.  463  fr.
singularisieren  453  fr.
Singularisiertes  individualisieren  463  fr.
Singularität
—,  allgemeingültige  458  fr.,  476;
-f-,  empirische  457  f.;
|  —  erlebten  Geschehens  174  t.,  179.
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        ﻿
        <pb n="776" />
        ﻿
        <pb n="777" />
        ﻿
        <pb n="778" />
        ﻿
        <pb n="779" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
