64 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches. men auch jetzt sehr viele Gründungen wenig einwandfreier Natur vor, Neulinge begannen unter Ausnutzung der so anormalen Ver hältnisse in das Geschäftsleben einzudringen und manche Unter nehmungen sind in dieser Zeit entstanden, deren finanzielle Unter lagen so schwache und unlautere sind, daß sie überhaupt nur in solchen Zuständen, wie sie die Inflationsperiode mit sich brachte, ihr Dasein fristen konnten 1 ). Die Konjunkturentwicklung im Auslande bot in der Nachkriegszeit ein ganz anderes Bild als in Deutschland, wenngleich bei der Solidarität der internationalen Märkte zwischen den wirt schaftlichen Verhältnissen auf dem Weltmärkte und denjenigen in Deutschland der engste Zusammenhang bestand. Nach Beendigung des Krieges hatten die europäischen Staaten ein sehr starkes und dringendes Bedürfnis vor allem nach Rohstoffen und Lebensmitteln. Trotz ihrer durch den Krieg und seine Nach wirkungen erheblich eingeschränkten Kaufkraft und trotz der Ver schlechterung ihrer Valuta, welche ja wie ein Einfuhrzoll wirken mußte, traten die meisten dieser Staaten in großem Umfange als Käufer auf dem Weltmärkte auf. Damit begann sich zunächst eine günstige Konjunktur für die Rohstoffstaaten, vor allem für Amerika, zu entwickeln. In dem ersten Jahre nach Beendigung des Krieges konnte man in diesen Staaten von einer ausgesprochenen Hoch konjunktur sprechen. Ihre Produkte fanden bei hohen Preisen in Europa glatten Absatz. In der ersten Hälfte des Jahres 1920 begann hierin eine Änderung einzutreten. Die weiter sinkende Valuta einer Reihe bisher als !) Fleck, Finanzierung und Konzentrationsbewegung in der deutschen Baumwollindustrie, besonders seit 1918, Diss. Gießen 1924 (ungedruckt), be richtet von der Gründung einer Leipziger Gesellschaft mit dem damals lächerlich geringen Kapital von 600000 Mark. Der Gegenstand des Unter nehmens war der Großhandel mit Manufakturwaren, Trikotagen und die Fabrikation dieser Artikel. Die Hälfte dieses Kapitals von 600 000 Mark wurde in Waren, und zwar in Form von 25 Stück Einsatzhemden eingebracht. Vgl. dazu auch die Berichte der „Frankfurter Zeitung“ vom 14. Mai 1924: „Eine eigenartige Generalversammlung" und vom 4. Oktober 1924: „Das Vergehen einer Inflationsblüte“. In dem letzteren Falle handelt es sich um eine am 23. April 1923 gegründete Gesellschaft, die bis zum 4. Oktober 1924 einmal den Namen, einmal den Vorstand und dreimal den Aufsichtsrat gewechselt hat. Die Umstellung auf Goldmark, die mit der Liquidation am 18. April 1924 vorgesehen war, ließ sich nicht durchführen, da in der Nacht zuvor die Ge schäftsbücher und sonstigen Unterlagen gestohlen worden waren. In dem ersten Falle wurde der G.-V. unter anderem mitgeteilt, daß der neue Vorstand bei seinem Amtsantritt weder ordnungsgemäß geführte Bücher noch Korresponden zen (Vorgefunden habe und daß man deshalb nicht feststellen könne, wie viele Aktien von der beteiligten Bankfirma weiter gegeben worden seien. Man habe daher eine Anzeige erlassen, daß alle Aktien, die nicht bis Ende Dezember an gemeldet werden, nichtig seien, Anmeldungen seien aber kaum eingelaufen.