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        <title>Einführung in das Studium der Konjunktur</title>
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            <forname>Paul</forname>
            <surname>Mombert</surname>
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        </author>
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            <idno>1027870953</idno>
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        ﻿Handels-Hochschul-Bibliothek
Herausgegeben von Professor Dr. MAX APT in Berlin
—---------------- Band 12------------------

Einführung in das
Studium der Konjunktur

von

Dr. PaulJVLombert

Professor a. d. Universität zu Giessen

Zweite, verbesserte und vermehrte Auflage
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        ﻿
        <pb n="5" />
        ﻿Vorwort.

Das folgende Buch soll kein Beitrag zur Konjunktur- und Krisen-
theorie, sondern ein Beitrag zur Konjunkturkunde, eine Einführung in
das Konjunkturstudium sein. Wenn auch einleitend die wichtigsten An-
schauungen über das Wesen der Krisen und der Konjunktur wieder-
gegeben sind, so liegt das Schwergewicht auf der Darstellung des Ein-
flusses des Konjunkturwandels auf das wirtschaftliche und soziale Leben,
auf den Erörterungen über Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Ich habe verschiedentlich an der Universität Freiburg besondere
Vorlesungen und Übungen über Konjunktur- und Wirtschaftskrisen ab-
gehalten. Ich habe dabei immer den Eindruck bekommen, daß gerade
diesen Zusammenhängen des Konjunkturwandels mit dem praktischen
Wirtschaftsleben ein besonderes Interesse entgegengebracht wurde, daß
aber gerade auch hier mancherlei Aufklärung not tat.

An einigen Stellen, vor allem dort, wo von den Beziehungen zwischen
Banken, Geldmarkt und Konjunktur die Rede ist, erschien es mir zweck-
mäßig, etwas eingehender, als es die vorliegende Aufgabe eigentlich
erfordert hätte, auf den Tätigkeitskreis und die Geschäfte der Banken
einzugehen, um die Zusammenhänge zwischen Geldmarkt und Kon-
junktur auch für den Anfänger verständlich zu machen. In dem ersten
und in dem vierten Abschnitt bei der Darstellung der Krise und K &gt; i-
junkturtheorie und bei derjenigen der privaten Unternehmung im Wandel
der Konjunktur finden sich Darlegungen, die ich früher schon an anderer
Stelle veröffentlicht habe1).

Freiburg i. B., Juli 1921.	Der Verfasser.

Vorwort zur zweiten Auflage.

In der neuen Auflage finden sich eine ganze Reihe von Ver-
besserungen und Ergänzungen. Die Zusätze betreffen einmal die
Literaturangaben zu den verschiedenen Abschnitten, dann vor allem
die Kapitel über die Entwicklung der Konjunktur während und nach
dem Kriege und die Unternehmung im Wandel der Konjunktur. Das
Kapitel über die Stabilisierungskrise ist ganz neu hinzugekommen, der
Schlußabschnitt ganz neu gestaltet worden. Spiethoffs Artikel „Krisen“
in der neuen Auflage des Handwörterbuches der Staatswissenschaften
konnte nicht mehr benützt werden, weil bei seinem Erscheinen die
ersten Bogen der neuen Auflage bereits gedruckt waren.

Gießen, 1924.	Momfoert.

1) Ausgewählte Lesestücke zum Studium der politischen Ökonomie,
Herausgegeben von K. Diehl und P. Mombert. 7. Band. Wirtschaftskrisen.
2. Aufl. Karlsruhe 1920. Einleitung. Mombert: Der privatwirtschaflliche Ge-
sichtspunkt hei der Erforschung der Konjunkturentwicklung. In „Die private
Unternehmung“. 1. Heft. Der privatwirtschaftliche Gesichtspunkt in der
Sozialökonomie und Jurisprudenz. Mannheim 1914.
        <pb n="6" />
        ﻿Inhaltsverzeichnis.

Einleitung.	Seite

1.	Die	Idee des Gleichgewichts und des Normalen	im	Wirtschaftsleben	1

2.	Konjunktur und Krisen in ihrem Zusammenhang mit der Organisation

der	Wirtschaft........................................5

Literatur............................................. . 14

Erster Abschnitt. Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen
und des Konjunkturwandels.

1.	Die	älteren Krisentheorien.........................  15

2.	Die	neueren Krisentheorien und die Erforschung des Konjunkturwandels	27

3.	Erscheinungsformen und Arten der Krisen.............35

Literatur.......................................37

Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur in
Deutschland seit der Begründung des Reiches.

1.	Bis	zum Beginn des großen	Krieges........................................38

2.	Die	Konjunktur während	und	nach dem Kriege.............................52

3.	Die	Stabilisierungskrise...............................................  77

Literatur...........................................................  90

Dritter Abschnitt. Der Einfluß
und der Krisen auf die

1.	Vorbemerkung......................

2.	Die Verhältnisse auf dem Warenmärkte

des Konjunkturwandels
Volkswirtschaft.

92

a)	Der Güterumsatz

b)	Die Güterproduktion .

c)	Der Verbrauch .	. .

3. Die Lage der Bevölkerung

a) Der Arbeitsmarkt

95

99

103

.......................95

d)	Die Entwicklung der Preise . 105

e)	Der Außenhandel............107

110

b)	Löhne u.Industrieerträgnisse 111

c)	Die Vermögensentwicklung 114

d)	Die Konkurse . . . .	115

Literatur..................

4. Der Kapital- und Geldmarkt .	.

a)	Allgemeines................123

b)	Kapitalmarkt und Kapital-
bedarf .......................125

c)	Geldmarkt und Diskontent-
wicklung .....................129

Literatur .................

e)	Eheschließungen und Wande-
rungen ........................

f)	Verbrechen und Selbstmorde

g)	Die öffentlichen Einnahmen .

d)	Die Lage der Reichsbank . .

e)	Die Kreditbanken .	.	. .

f)	Börse und Börsengeschäfte .

g)	Der internationale Zahlungs-
und Goldverkehr.................

109

116

119

120
123
123
132
136
146

157

161

Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

1.	Vorbemerkung...............................................163

2.	Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur..........165

a) Die Zeit des Aufstieges..................................165

i/n ir j:*___________ 1 cu	ica

5.

Die Kreditgewährung .	. 168

Produktions- und Absatz-
politik in der Depression 172
Die Tätigkeit von Staat und Gemeinden im Wandel der Konjunktur

d)	Die Arbeiterpolitik ....	183

e)	Bilanz- und Abschlußpolitik 185

195

3.

4 Die Prognose des Konjunkturwandels...............................201

a)	Allgemeines

b)	Der Konjunkturrückgang

1906—1908 ............

201

206

c)	Der Konjunkturrückgang

1912-1913.....................213

d)	Ergebnisse...................220

e)	DerWiederaufstiegd.Konjunktur 225

Die Beeinflussung von	Konjunktur	und	Konjunkturwandel ....	232

a)	Die	Kartelle......... 235	e)	Arbeitslosenversicherung .	.	260

b)	Die	Kreditbanken	.	.	.	244	f)	Kreditversicherung ....	261

c)	Die	Zentralnotenbank	.	.	249	g)	Staat und Gemeinden .	.	263

d)	Bilanz- u. Dividendenpolitik 256

Literatur.......................................................267

Fünfter Abschnitt. Ausblick.
        <pb n="7" />
        ﻿B i k

2.46.

Einleitung.

1.	Die Idee des Gleichgewichts und des Normalen
im Wirtschaftslehen.

Die Idee des Gleichgewichtes spielt im menschlichen Denken,
vor allem auch bei der Beurteilung wirtschaftlicher Erscheinungen
seit langem eine sehr große Rolle. In der äußeren Politik spricht man
schon seit langer Zeit bereits von einem Gleichgewicht der Mächte,
in der Nationalökonomie davon, daß ein Gleichgewichtszustand zwi-
schen der Volkszahl eines Landes und dessen Nahrungsspielraum
vorhanden sein müsse, wenn nicht entweder eine Über- oder eine
Untervölkerung eintreten solle. Auf dem gleichen Grundgedanken
eines Gleichgewichtszustandes zwischen der gesamten Gütermenge
eines Landes und der Menge der Umlaufsmittel baut sich die
Quantitätstheorie auf, jene Lehre, daß das Mengenverhältnis beider
einen bestimmenden Einfluß auf das Warenpreisniveau eines Landes,
d. h. die Kaufkraft des Geldes in demselben, ausübe. Genau das
gleiche Bild gebraucht man von dem Verhältnis der Größe von
Produktion und Konsumtion, von Angebot und Nachfrage auf dem
Warenmärkte. Beide, Produktion und Konsumtion, müssen sich in
der Entwicklung des Wirtschaftslebens in einem gewissen Gleich-
gewichtsverhältnis befinden, wenn in diesem Störungen krisenhafter
Natur vermieden werden sollen.

Dieser Gedanke eines solchen Gleichgewichtszustandes im Wirt-
schaftsleben baut sich vornehmlich auf der Anschauung der Phy-
siokraten, die dann von Adam Smith und seiner Schule weiter aus-
gebaut worden ist, auf, daß bei den wirtschaftlichen Erscheinungen
und Verhältnissen alles auf einen gewissen harmonischen Zustand
hinaus laufe, also auf einen natürlichen Gleichgewichtszustand, der
sich bei freiem, ungehindertem Walten der wirtschaftlichen Kräfte
auf die Dauer immer wieder herausstellen müsse. Man braucht nur
an die Lehren von dem natürlichen Preis oder dem natürlichen Ar-
beitslohn bei den Vertretern der klassischen Nationalökonomie zu
denken. Das sind die Preise und Löhne, die sich bei freier Kon-
kurrenz auf die Dauer immer wieder durchsetzen müssen. Um
diese schwanken die tatsächlichen Marktpreise und Löhne nach unten
        <pb n="8" />
        ﻿2	Einleitung.

und oben, um sich dann doch immer wieder diesem natürlichen Zu-
stande anzunähern.

So soll sich dieser Zustand des Gleichgewichtes jener Lehre
nach als Tendenz auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens immer
wieder zeigen. Dieser Zustand ist es deshalb auch, der dann als der
natürliche, als der normale und gesunde in gewissem Sinne erscheint,
während all dasjenige, das von diesem natürlichen Zustande ab-
weicht, demgemäß einen anormalen, unter Umständen krankhaften
Charakter trägt.

Diese Gedankengänge finden wir auch heute noch ganz be-
sonders ausgeprägt bei der Betrachtung des Verhältnisses von Pro-
duktion und Konsumtion vertreten. Als wirtschaftliches Ideal muß
uns hier ein Zustand erscheinen, bei welchem sich auf dem Waren-
märkte Angebot und Nachfrage die Wagschale halten, wo also ein
vollkommenes Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion
in der Weise zum Ausdruck kommt, daß die erzeugten Gütermengen
einen ungestörten und reibungslosen Absatz finden, daß die Nach-
frage nach Gütern ohne weiteres befriedigt werden kann, ohne daß
beides erst durch außergewöhnlich hohe oder niedere Preise er-
möglicht würde.

Einen solchen Zustand des Wirtschaftslebens hat die individua-
listische Schule der Nationalökonomie als den natürlichen betrachtet,
dem trotz aller zeitweiligen Abweichungen im einzelnen, der Gang
des Wirtschaftslebens immer wieder zustrebe, und dieser Zustand ist
es, welcher auch noch heute als der ideale erscheinen muß. Alles,
was von einem solchen Gleichgewichtszustand ab weicht, wird als
Störung empfunden, als etwas Krankhaftes, als etwas Anormales. Das
Gute, das Vollkommene, erscheint hier als der normale, das Krank-
hafte, das Unvollkommenere, als der anormale Zustand.

Es handelt sich dabei jedoch um einen sehr einseitigen Begriff
des Normalen, indem man hier unter normal dasjenige versteht,
was uns Menschen als wünschenswert, als ideal erscheint. Wird in
in diesem Sinne der Begriff des Normalen unter dem Gesichtspunkte
des sein Sollenden betrachtet, so kann man darunter aber auch mit
guten Gründen etwas wesentlich anderes verstehen, nämlich den
Zustand, der die Regel bildet, der am häufigsten vorkommt, der da-
mit den Zustand und den Gang des Wirtschaftslebens am deutlichsten
charakterisiert. Hat es sich dort um die Anwendung eines rein sub-
jektiven Maßstabes gehandelt, dessen Anwendbarkeit im Einzelfali
keineswegs immer einwandfrei feststeht, so daß damit dieser erste
Begriff des Normalen eine sehr schwanke Unterlage bekommt und
seiner Anwendung in diesem Sinne für wissenschaftliche Zwecke sehr
        <pb n="9" />
        ﻿1.	Die Idee des Gleichgewichts und des Normalen im Wirtschaftsleben. 3

ernste Bedenken entgegenstehen, so hat der letztere Begriff, das Nor-
male im Sinne des Regelmäßigen, des Häufigsten, einen viel festeren
Boden. Denn was das Regelmäßige im Wirtschaftsleben ist, läßt sich
aus der Welt der Tatsachen durch einfache Beobachtung entnehmen.

Wendet man den Begriff des Normalen und Anormalen in diesem
Sinne an, wie es im folgenden geschehen soll, so zeigt die Beob-
achtung, daß das Normale im Sinne des Regelmäßigen im Wirtschafts-
leben keineswegs ein Gleichgewichtszustand zwischen Angebot und
Nachfrage auf dem Warenmärkte ist, daß es vielmehr die Regel ist,
daß beide, wenn auch in der zeitlichen Entwicklung in verschiedenem
Ausmaße, mehr oder weniger stark auseinandergehen.

Zweifellos besteht an sich im Wirtschaftsleben eine Tendenz,
Produktion und Konsumtion im Gleichgewicht zu halten und sie
wieder in ein solches zu bringen, wenn es gestört worden ist. Denn
jede Störung im Gleichgewichtszustand führt, wie wir später noch
sehen werden, zu einer Änderung in den Preisen der betreffenden
Güter. Entweder sinken oder steigen diese Preise, und je nachdem
das eine oder andere der Fall ist, wird aus den privatwirtschaft-
lichen Erwägungen von Produzenten und Konsumenten heraus eine
Steigerung oder Minderung von Angebot und Nachfrage eintreten,
Änderungen, welchen die Tendenz innewohnt, auf einen solchen
Gleichgewichtszustand hinzuwirken. Eine ganz andere Frage ist es
dann freilich, ob und in welchem Umfange sich dann eine solche
Tendenz auch wirklich durchzusetzen vermag.

Die Erfahrung zeigt jedenfalls diese ebengenannte Tendenz und
neben ihr, natürlich für den Mann der Praxis weit augenfälliger, die
Tatsache, daß das Verhältnis von Produktion und Konsumtion, von
Angebot und Nachfrage, sowohl als Ganzes wie auch in den einzelnen
Erwerbszweigen, immer nur um diesen idealen Gleichgewichtszustand
hin- und herschwankt, und daß diese Schwankungen nach oben
und unten in ihrem zeitlichen Verlaufe sich von diesem idealen
Zustande mehr oder weniger entfernen können.

Diese Schwankungen von Produktion und Konsumtion, von An-
gebot und Nachfrage um diesen Gleichgewichtszustand bilden bei
uns eine so regelmäßige Erscheinung, daß man die sich darin aus-
drückende Wellenbewegung des Wirtschaftslebens als das Regel-
mäßige in ihm, d. h. als dessen Normalzustand bezeichnen kann.
Diese Wellenbewegung in ihrem gesamten Ablauf, deren Linien bald
schroffer, bald weniger schroff sein können, diesen fortdauernden
Wandel, dem damit unser ganzes Wirtschaftsleben unterliegt, pflogt
man als Wandel der Konjunkturen zu bezeichnen, und je nachdem
diese Wellenbewegung vom Standpunkt der Produktion aus einen
        <pb n="10" />
        ﻿4

Einleitung.

günstigen oder einen ungünstigen Verlauf nimmt, pflegt man von
einer günstigen oder ungünstigen Konjunktur zu sprechen.

Eine solche Beurteilung vom Standpunkte des Produzenten aus
hat darin ihre Begründung, daß in den Zeiten, in welchen die Kon-
junktur in diesem Sinne eine günstige ist oder nach oben geht, sich
der Aufschwung über alle Teile der Volkswirtschaft und der Be-
völkerung erstreckt. Denn in einer solchen Zeit herrscht bei steigen-
den Preisen eine lebhafte Nachfrage nach Gütern aller Art, das ganze
Wirtschaftsleben pulsiert stärker, überall werden steigende Gewinne
gemacht, die Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkte sind günstige und
die Löhne zeigen eine steigende Tendenz. Das Umgekehrte ist dann
der Fall, wenn vom Standpunkte der Produktion aus die Verhältnisse
sich ungünstig entwickeln.

Unter Konjunktur wird hier also die Marktlage verstanden,
welche als irrationaler Faktor des Wirtschaftslebens durch ihren
Einfluß auf die Markt- und Preisverhältnisse die Lage der in den
Markt verflochtenen Einzelwirtschaft günstig oder ungünstig be-
einflussen kann. Solche Wandlungen in der Konjunktur können
das ganze Wirtschaftsleben eines Landes, und damit dessen ge-
samte Produktion, hemmend oder fördernd beeinflussen, es ist aber
auch häufig zu beobachten, daß dieses mitunter nur auf Teilgebieten
der Wirtschaftslebens der Fall ist, während andere davon mehr oder
weniger unberührt bleiben. Einzelne Industrien und einzelne Märkte
können also von den Wandlungen der Konjunktur in recht verschie-
dener Weise getroffen werden.

So wechseln in dem wirtschaftlichen Leben eines Landes im
Wandel der Konjunkturen Zeiten des Aufschwunges mit solchen des
Niederganges ab, der Hausse folgt die Baisse und umgekehrt. Dieser
Ablauf der Konjunkturen kann sich in ruhigen und gleichmäßigen
Formen vollziehen. Es kann sein, daß die dadurch hervorgerufenen
Störungen des Wirtschaftslebens und der dadurch bewirkte ungünstige
Einfluß auf die Unternehmungen eines Landes sehr geringfügige sind.
Es kann jedoch aber auch das Gegenteil eintreten. Ein solcher
Umschwung kann plötzlich und unvorhergesehen kommen und sehr
große Störungen für das ganze Wirtschaftsleben eines Landes mit sich
bringen. Der Warenabsatz kann ins Stocken geraten, viele Produkte
werden unverkäuflich, di© Preise sinken sehr stark und plötzlich,
Unternehmungen brechen zusammen, es finden Lohnherabsetzungen
und Arbeiterentlassungen in großem Umfange statt. Solche Stö-
rungen im Wirtschaftsleben eines Landes mit solch weittragenden
Folgen für die ganze Bevölkerung pflegt man dann als Krisen zu
bezeichnen. Derartige Krisen können von sehr kurzer Dauer sein,
        <pb n="11" />
        ﻿2. Konjunktur u. Krisen im Zusammenhang mit d. Organisation d. Wirtschaft. 5

sie können aber auch längere Zeit hindurch auf dem Wirtschaftsleben
eines Landes lasten und schließlich, wie jeder Rückgang der Kon-
junktur, in einen länger oder kürzer dauernden Zustand der De-
pression einlaufen.

2.	Konjunktur und Krisen in ihrem Zusammenhang mit der
Organisation der Wirtschaft.

Krisen, überhaupt Wandlungen der Konjunktur in dem eben
dargelegten Sinne einer regelmäßigen, also einer normalen Er-
scheinung des Wirtschaftslebens, sind nur in der neueren Zeit an-
zutreffen. Sie hängen auf das allerengste zusammen mit der Ent-
wicklung und der ökonomischen Eigenart der herrschenden Wirt-
schaftsordnung. Das Mittelalter hat Störungen dieser Art nicht
gekannt, sie konnten auch bei einer Wirtschaftsverfassung, wie sie
im Mittelalter bestand, in diesem regelmäßigen Sinne nicht auf-
' kommen.

Das für unsere Frage Wesentliche der wirtschaftlichen Verhält-
nisse des Mittelalters läßt sich in die beiden Schlagworte der Kunden-
produktion und Nahrungsidee zusammenfassen. Die Güterproduk-
tion vollzog sich trotz mancher Ausnahmen im einzelnen in Form
der sogenannten Kundenproduktion, d. h. in der Hauptsache im
direkten Verkehr des Produzenten mit dem Konsumenten. Das
Schwergewicht der gewerblichen Gütererzeugung lag bei dem städti-
schen Handwerk und, von Ausnahmen abgesehen, die jedoch nicht
sehr stark ins Gewicht fielen, und diesem Grundzug der Wirtschafts-
verfassung keinen Abbruch taten, standen sich Erzeuger und Ver-
braucher des Gutes in der Weise einander gegenüber, daß im wesent-
lichen nur auf Bestellung — daher der Name Kundenproduktion —
Güter hergeslellt wurden. Es war jedenfalls gegenüber heute nur
in einem verschwindend geringen Ausmaße eine Produktion auf
Vorrat, eine Warenproduktion vorhanden. Damit hing es zu-
sammen, daß das Verhältnis von Produktion und Konsumtion, von
Angebot und Nachfrage, immer sehr viel näher dem Gleichgewichts-
zustände lag, und daß solche Schwankungen nach unten und oben
als so allgemeine Erscheinungen nicht Vorkommen konnten, wie es
in der Neuzeit der Fall ist.

M enn auch der Gewerbetreibende von damals mit der Absicht
auf Gewinn produzierte, so war doch im Mittelalter der Erwerbs-
gedanke keineswegs so ausgeprägt, wie es heute der Fall ist, und
durch zahlreiche Schranken der wirtschaftlichen Anschauungen und
der wirtschaftlichen Politik jener Zeit in weit engere Grenzen gebannt.
Ausnahmen kamen natürlich vor, vor allem auf dem Gebiete des
        <pb n="12" />
        ﻿ti

Einleitung.

Fernhandels, sie waren aber doch zu geringfügig, um an dieser eben
dargelegten Eigentümlichkeit der mittelalterlichen Wirtschaftsord-
nung Wesentliches zu ändern.

Für den Umfang und die Art der Produktion spielte damit die
Größe und die Richtung des Bedarfes eine weit stärkere Rolle, als
es heute der Fall ist. Diese nahen Beziehungen von Produzenten
und Konsumenten brachten die Wirtschaftsordnung jener Zeit dem
Ideal einer sogenannten Bedarfsdeckungswirtschaft, wie sie heute,
wenn auch auf ganz anderen Grundlagen, dem Sozialismus als Ideal
vorschwebt, sehr nahe.

Mit dem Beginn der Neuzeit vollziehen sich in diesen Verhält-
nissen sehr bedeutsame Wandlungen. Das Handwerk, das vor
allem der Träger dieser eben kurz dargelegten Verhältnisse und An-
schauungen gewesen war, geht an Bedeutung stark zurück. Hatte
noch das Handwerk auf der Höhe des Mittelalters einen bestimmen-
den Einfluß auf den Charakter und das Wesen des ganzen Wirt-
schaftslebens jener Zeit ausgeübt, so wird das nun mit dem Beginn
der Neuzeit wesentlich anders. In der gewerblichen Produktion
kommt in steigendem Maße ein Großbetrieb mit ganz anderen kauf-
männischen Grundsätzen und, im engen Zusammenhänge damit
stehend, ein an Bedeutung stets zunehmender Zwischenhandel auf.
Immer mehr Stufen beginnen sich so zwischen den Produzenten und
den Konsumenten zu schieben. Damit tritt der bisherige Charakter
der Gütererzeugung als Kundenproduktion immer mehr zurück, an
Stelle des alten Handwerksmeisters tritt immer mehr der große
Unternehmer, an Stelle der Kundenproduktion tritt die Produktion
für den Markt, an Stelle einer überwiegenden Bedarfsdeckungs-
wirtschaft tritt die Verkehrs Wirtschaft.

Der Absatz vollzieht sich also immer weniger unmittelbar an
den letzten Konsumenten, sondern in steigendem Maße durch Ver-
mittlung Dritter. Die engen Beziehungen, welche bisher zwischen
Nachfrage und Angebot, Bedarf und Erzeugung, bestanden hatten,
beginnen sich zu lockern. Der unmittelbare Bedarf erhält einen
immer geringeren Einfluß auf den Umfang und die Richtung der
Gütererzeugung. Die Absatzverhältnisse lassen sich damit für den
Produzenten immer schwerer übersehen, die Wirtschaft nimmt in
immer stärkerem Umfange den Charakter einer reinen Erwerbswirt-
schaft an. Diese Entwicklung nimmt an Umfang ganz wesentlich
zu, als mit dem Ausgange des achtzehnten und zu Beginn des neun-
zehnten Jahrhunderts, mit dem Aufkommen des freien Wettbewerbes
und unter dem Einfluß der großen technischen Fortschritte und Er-
findungen der Besitz von Kapital, überhaupt das kaufmännische
        <pb n="13" />
        ﻿2.	Konjunktur u. Krisen im Zusammenhang mit d. Organisation d, Wirtschaft. 7

Moment bei der Produktion eine immer größere Bedeutung erlangt
und mit zunehmendem Verkehr die Erweiterung des Marktkreises
immer mehr neue und entferntere Absatzgebiete eröffnet. Damit
wird der Umfang und die Art der Gütererzeugung immer inehr los-
gelöst von der Größe und der Richtung des Güterbedarfes und immer
mehr von dem Wettbewerb und dem Erwerbsstreben des Unter-
nehmers bestimmt. Die Gütererzeugung nimmt immer mehr den
Charakter der Warenproduktion an, d. h. die hergestellten Güter
werden in zunehmendem Maße nicht mehr für den unmittelbaren
Bedarf, sondern für den Verkehr erzeugt.

Die so hergestellten Waren werden demnach immer weniger
auf unmittelbare Bestellung produziert, sie gelangen vielmehr jetzt
erst auf dem Wege des Verkehrs, d. h. durch vielerlei Hände in den
Besitz des letzten Verbrauchers. So entsteht das, was man als
Verkehrswirtschaft, oder unter Betonung anderer, dabei wesentlicher
Momente, als kapitalistische Wirtschaftsordnung bezeichnet.

Es leuchtet ein, daß mit dieser immer stärkeren Entfremdung
und Trennung des Produzenten vom Konsumenten, mit dem so
sinkenden Einfluß des Verbrauches auf den Umfang und die Rich-
tung des Angebotes, sich Produktion und Konsumtion häufiger und
stärker aus jener idealen Gleichgewichtslage entfernen mußten. An
die Stelle des unmittelbaren Bedarfes treten damit andere Faktoren,
welche für die Größe und die Art der Produktion bestimmend werden.
Die Größe und die Art der Nachfrage lassen sich nun nicht mehr auf
Grund der unmittelbaren Beziehungen von Produzenten und Kon-
sumenten ohne weiteres erkennen. Der wichtigste und vielfach ein-
zige Maßstab, welchen der Produzent jetzt dafür hat, ist die Preis-
bildung. Je nachdem die Preise sich für die einzelnen Waren nach
oben oder unten bewegen, ergibt sich damit für den Produzenten ein
anderes Bild der Marktverhältnisse, d. h. der Beziehungen von An-
gebot und Nachfrage. Je nach dem Bilde, welches er auf diese
Weise von der Marktlage bekommt, ändert er die Größe und die
Richtung seiner Produktion. So gewinnt der Markt für den Produ-
zenten eine immer steigende Bedeutung.

Dabei sind jedoch die Preisbildung und damit der Umfang der
Produktion keineswegs allein von der Nachfrage unmittelbar ab-
hängig. Zahlreiche andere Faktoren, wie vor allem die Konkurrenz,
Fortschritte in wirtschaftlicher und technischer Hinsicht, die Aus-
sicht auf neue Absatzmärkte, üben darauf ebenfalls einen starken
Einfluß aus und wirken damit auf die ganze Gütererzeugung so erheb-
lich ein, daß der Unternehmer immer weniger in der Lage ist, seine
Produktion den Marktverhältnissen anzupassen. Gerade unter dem
        <pb n="14" />
        ﻿8

Einleitung.

Einfluß von Wettbewerb, technischen und wirtschaftlichen Fort-
schritten, kann er hier immer gar nicht so handeln, wie er will,
vielfach wird er immer weniger der Leiter als vielmehr der Sklave
seiner Produktionseinrichtungen und Kapitalanlagen. Es sind dies
Tatsachen, welche wir später in anderem Zusammenhänge noch ein-
gehender zu betrachten haben.

Es waren besonders gewisse Umgestaltungen der Technik und
damit im Zusammenhang solche in der Gütererzeugung und der
Wirtschaftsweise, welche diesen Prozeß, vor allem seit dem Beginn
der Neuzeit, noch verstärkt haben. Im Gegensatz zu früheren Zu-
ständen hat die moderne Produktionsweise eine Eigentümlichkeit in
weit stärkerem Umfange ausgebildet, welche für unsere Zusammen-
hänge hier von ganz besonderer Bedeutung ist.

Ursprünglich war die Gütergewinnung bzw. die Gütererzeugung
durch den Menschen eine direkte gewesen. Der Mensch hat un-
mittelbar ohne die Benutzung von Werkzeugen oder sonstiger tech-
nischer Hilfsmittel, seinen Lebensbedarf gewonnen. Er hat ihn, wie
wir es noch heute auf primitiven Stufen vorfinden, unmittelbar durch
einfaches Sammeln in der Natur erworben. Die Entwicklung hat
dazu geführt, daß in steigendem Umfange zur Gewinnung des Be-
darfes Umwege eingeschlagen Avurden, die geeignet waren, die sach-
liche Ergiebigkeit der menschlichen Arbeit und damit den Umfang
der Gütererzeugung zu vergrößern. Die Schaffung und Benutzung
von Werkzeugen und Maschinen dient ja nicht unmittelbar der Be-
friedigung des menschlichen Bedarfes, sie dient nur mittelbar dazu,
indem mit ihrer Hilfe erst die eigentlichen Genußgüter, welche der
Mensch zum Leben braucht, erzeugt werden, und zwar dank der
Benutzung dieser sogenannten Produktionsmittel (Kapital im tech-
nischen oder volkswirtschaftlichen Sinne) in wirtschaftlich voll-
kommenerer Weise, als es sonst der Fall wäre. Diese Anwendung
von Produktionsmitteln zur Herstellung und Gewinnung des mensch-
lichen Bedarfes ist das, was man als Produktionsumweg bezeichnet,
ein Verfahren, das in gewaltigem Umfange die Ergiebigkeit der
menschlichen Arbeit gesteigert hat.

„Brennholz z. B. kann man ganz direkt gewinnen, indem mail
sich auf das Auflesen dürrer Äste oder auf das Abbrechen dürrer
Zweige beschränkt. Ein kurzer Produktionsumweg führt zur Er-
zeugung und Anwendung einer steineren Axt, ein längerer Umweg
führt dazu, aus der Erde Eisenerze zu graben, die zur Schmelzung
derselben erforderlichen Brennstoffe und Geräte zu gewinnen,
dann durch Schmelzung aus dem Erze Eisen, durch weitere Be-
arbeitung aus diesem Stahl und aus dem Stahl endlich eine wohl-
        <pb n="15" />
        ﻿2. Konjunktur u. Krisen im Zusammenhang mit d. Organisation d. Wirtschaft. 9

geschärfte Stahlaxt zu bereiten. Noch weiter ausholend mag man
für die Förderung der Erze künstliche Triebwerke und Rollbahnen,
für die Schmelzung des Erzes wohleingerichtete Hochöfen, für die
Formung und Schärfung der Axt besondere Maschinen bauen; aber-
mals weiter ausholend Fabriken und Maschinen schaffen, in denen
man die Maschinen der ersten Art erzeugt usw. Man wird kaum
bezweifeln, daß jeder der geschilderten kapitalistischen Umwege die
Ergiebigkeit des gesamten Produktionsprozesses erhöht, d. h. zur
Folge hat, daß man die Einheit, etwa den Raummeter Brennholz
mit einem kleineren Gesamtaufwand an (mittelbarer und unmittel-
barer) Arbeit gewinnen kann1).“

Diejenigen Güter, welche, wie z. B. Nahrungsmittel oder Kleider,
der Befriedigung des unmittelbaren Bedarfes dienen, pflegt man als
Genußgüter, auch als Verbrauchsgüter, auch als Güter erster Ordnung
zu bezeichnen, während diejenigen Güter, welche nur als Produktions-
mittel in dem eben dargelegten Sinne Verwendung finden, als Kapital-
oder Produktivgüter, auch als Güter höherer Ordnung bezeichnet
werden.

Die Entwicklung, vor allem im Laufe der letzten Jahrhunderte,
hat in zunehmendem Maße dahingeführt, daß im Rahmen der Güter-
erzeugung ein steigender Teil derselben auf die Herstellung dieser
Kapitalgüter entfällt. Millionen von Menschen sind bei uns nicht
damit beschäftigt, Gegenstände des täglichen Bedarfes zu erzeugen,
sondern sie verwenden ihre Arbeit auf die Herstellung von Fabrik-
anlagen, Maschinen, Werkzeugen usf.

Es liegt auf der Hand, um damit wieder zu dem Ausgangspunkt
dieser ganzen Betrachtung zurückzukehren, daß mit einer solchen
Zunahme der Produktionsumwege, mit der Tatsache, daß also im
Rahmen der Gütererzeugung die Herstellung solcher Kapitalgüter
eine so wesentlich größere Rolle spielt als früher, die Übersicht und
die Kenntnis von Bedarf und Nachfrage in der Volkswirtschaft
sehr erschwert werden mußte. Diese Übersicht war um so leichter,
ein je größerer Teil der Gütererzeugung der Herstellung des unmittel-
baren Bedarfes, also demjenigen von Genußgütern, diente und wurde
um so schwerer; in je geringerem Maße das der Fall war. So mußte
diese Entwicklung, die wir später noch genauer kennen lernen wer-
den, ebenfalls dazu beitragen, daß dieser ideale Gleichgewichts-
zustand zwischen Produktion und Konsumtion, von dem oben die
Rede war, immer weniger erhalten bleiben konnte, daß die Schwan-
kungen im Wirtschaftsleben, das Auf und Ab sich zu einem regel- *

ü Böhm-Bawerk, Positive Theorie des Kapitals. 2. Halbband.

3.	Aufl. 1912. S. 151.
        <pb n="16" />
        ﻿10

Einleitung.

mäßigen Zustand zu entwickeln begann und solche wirtschaftliche
Störungen häufiger und in bestimmten Abständen auftraten.

Zwar kamen auch schon in den Zeiten, in welchen die eben dar-
gelegte Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckte, solche
Störungen im Wirtschaftsleben vor, auch schon solche, welche
durchaus den Charakter von Krisen in dem Sinne hatten, daß das
Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Güter-
markte für längere Zeit gestört war, und daß ein großer Teil der
Bevölkerung ganz erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurde. Diese
älteren krisenartigen Störungen tragen jedoch einen ganz anderen
Charakter, den wir zunächst kennen lernen müssen, um dann aus
dem Gegensätze heraus die wesentlichen Eigentümlichkeiten der neu-
zeitlichen Konjunkturschwankungen um so besser verstehen zu
können.

Diese älteren Wirtschaftsstörungen treten als Folge von außen
auf die Wirtschaft einwirkender Faktoren, z. B. von Kriegen, finan-
zieller Mißwirtschaft, fehlgeschlagenen Spekulationen und dergleichen
auf. Wenn im 16. Jahrhundert Spanien und Frankreich Staats-
bankerott machten, wenn dadurch den deutschen Gläubigem dieser
Staaten, vor allem den großen Handelshäusern der Fugger und
Welser, Riesenbeträge verloren gingen, so mußte das natürlich zu
weittragenden Störungen im deutschen Wirtschaftsleben führen.
Ähnliche Wirkungen mußten eintreten, als zu Beginn der Neuzeit mit
der Umgestaltung der Verkehrsverhältnisse, vor allem durch die Ent-
deckung des Seeweges nach Ostindien, der deutschen Industrie und
dem deutschen Handel wichtige Absatzmärkte verlorengingen, oder
als mit der beginnenden Edelmetalleinfuhr aus Amerika eine große
Preisrevolution eintrat.

Wenn wir dann ferner sehen, wie im 17. Jahrhundert die gewal-
tige Überspekulation im holländischen Tulpenhandel zusammenbrach,
oder im 17. und 18. Jahrhundert in England im Zusammenhang mit
den Geldverschlechterungen und ausgedehnten Spekulationen, z. B.
dem Südseeschwindel, ernsthafte Störungen im Wirtschaftsleben ein-
traten, die in ihren Wirkungen für weite Kreise der Bevölkerung
verhängnisvoll wurden, so haben wir es hier ganz zweifellos mit
Erscheinungen zu tun, die als Krisen bezeichnet werden müssen. Ähn-
liche Störungen waren in Deutschland die Handelskrise in Lübeck
zu Beginn des 17. Jahrhunderts und die im Gefolge des Lawschen
Gründungsschwindels im Anfang des 18. Jahrhunderts in Frankreich
auftretenden wirtschaftlichen Wirren. Auch von lokalen Absatzkrisen
wird uns zu Beginn der Neuzeit aus manchen Städten im Handwerk
berichtet. Sie rühren aber auch von äußeren Faktoren her, indem
        <pb n="17" />
        ﻿2. Konjunktur u. Krisen im Zusammenhang mit d. Organisation d. Wirtschaft. 11

sie vornehmlich mit dem allgemeinen Rückgang des Wirtschafts-
lebens in jener Zeit oder fremder Konkurrenz zusammenhingen.

Mit der Mitte des 18. Jahrhunderts beginnen jedoch diese krisen-
artigen Störungen häufiger zu werden, vor allem in den wirtschaftlich
fortgeschritteneren Gebieten, und sich zu einer ziemlich regelmäßigen
Erscheinung im Gange des Wirtschaftslebens auszubilden. In Eng-
land, in welchem die oben geschilderte Umwälzung der Wirtschafts-
ordnung nach der Richtung des Kapitalismus am frühesten und am
stärksten eingesetzt hatte, traten z. B. solche Krisen auf in den
Jahren 1745, 1763, 1772, 1778, 1783, 1793, 1796, 1810, 1815, 1819,
1825, 1836, 1839, 1847, 1857, 1864, 1866, 1873 usf. Ein ähnliches
Bild, wenn auch erst von einem späteren Zeitpunkte ab, je nach der
Stufe ihrer wirtschaftlichen Entwicklung, zeigten dann, vor allem seit
dem Beginn des 19. Jahrhunderts, auch die übrigen Kulturstaaten.

Man sieht aus den eben für England gegebenen Daten, daß, vor
allem mit dem Ende des 18. Jahrhunderts, diese krisenartigen Stö-
rungen eine Regelmäßigkeit zu werden beginnen, daß in gewissen
Zeitabständen Aufschwung und Niedergang im Wirtschaftsleben sich
ablösen, daß, wie oben dargelegt, eben die Wellenbewegung im
Wirtschaftsleben, die Schwankungen der Konjunktur, das charak-
teristische Merkmal, das Normale der wirtschaftlichen Entwicklung
dieser neuen Zeit werden. Darin lag das eine, was diese Störungen
von jenen der älteren Zeiten unterschied, daß sie so häufig und mit
einer solchen Regelmäßigkeit auftraten, daß man in den Kreisen
derer, welche sich wissenschaftlich mit diesen Erscheinungen be-
schäftigen, von einer Periodizität der Krisen zu reden begann.

Diese Häufigkeit und Regelmäßigkeit in den wirtschaftlichen Stö-
rungen war aber nicht das einzig Neue, was die neuere Entwicklung
in dieser Hinsicht gebracht hatte. Die älteren Krisen, von denen
oben kurz die Rede gewesen war, boten der wissenschaftlichen Be-
trachtung keine tieferen Probleme. Die ältere Nationalökonomie hat
sich deshalb auch kaum mit diesen Fragen beschäftigt. Es gab hier
für die Wissenschaft nicht viel zu erklären. Es waren von außen
kommende Faktoren, Staatshankerotte, Geldverschlechterungen, offen
zutage liegende Spekulationen, aus welchen sich diese krisenartigen
Störungen ohne weiteres erklären ließen. Auch heute kommen immer
wieder solche Störungen vor, bei denen offensichtlich äußere Momente
Jie Ursache bilden. In dieser Hinsicht können auch noch heute fehl-
gegangene große Spekulationen oder Mißernten eine große Rolle spie-
len; oder man denke daran, welch störender Einfluß der Weltkrieg
mit seinen Folgen, vor allem die Schwankungen in der Valuta, auch
auf die dabei nicht unmittelbar beteiligten Staaten ausgeübt haben.
        <pb n="18" />
        ﻿12

Einleitung.

Alle wissenschaftliche Betrachtung will erklären, aber auf eine
wissenschaftliche Erklärung drängen nur solche Erscheinungen hin,
welche in ihrer Entstehung und in ihrer kausalen Verknüpfung mit
anderen Erscheinungen dunkel sind. Da dies hierbei jedoch nicht
der Fall war, so hatte die wissenschaftliche Betrachtung keine Ver-
anlassung, sich mit diesen älteren Wirtschaftsstörungen zu befassen.
Ganz anders wurde nun die Sachlage, als vor allem mit dem Beginn
des 19. Jahrhunderts diese Krisen allenthalben so häufig und regel-
mäßig aufzutreten begannen, als sie vor allem in England in dem
ersten Viertel des 19. Jahrhunderts das Wirtschaftsleben bis in seine
Grundfesten erschütterten und die unheilvollsten Wirkungen auf die
Lage der großen Masse der Bevölkerung ausübten.

Der allgemeine Preisfall bei der ersten großen Wirtschaftskrise
des 19. Jahrhunderts in England zwischen Frühling und Herbst des
Jahres 1810 betrug im Durchschnitt etwa 30o/o. In den vier Monaten
von Ende Oktober 1810 bis Ende Februar 1811 machten in England
939 Häuser Bankerott, die zeitweiligen Zahlungseinstellungen und
Vergleichsabkommen erstreckten sich auf über die Hälfte aller Ge-
schäftsleute im vereinigten Königreich. Bei der großen englischen
Krise des Jahres 1815 stellten innerhalb sechs Wochen 70 Provinz,-
banken ihre Zahlungen ein. Die Preise der meisten Waren, vor
allem auch von kolonialen Rohstoffen, sanken um etwa 50o/o und
mehr, die Getreidepreise fielen von 1814 bis 1816 um mehr als die
Hälfte, die Bank von England sah sich gezwungen, vom 31. August
1814 bis 28. Februar 1816 ihren Notenumlauf von rund 13,4 auf
24 Millionen Pfund Sterling zu erhöhen. In den beiden Jahren 1815
und 1816 wurden in England 5116 Konkurse, darunter 63 über
Banken, verhängt. Die Krise des Jahres 1819 war nicht ganz so
heftig und verhängnisvoll in ihren Wirkungen, während diejenige des
Jahres 1825 wiederum weit schlimmer war. Am Ende dieses Jahres
brach eine gewaltige Panik aus. Zahlreiche Handelshäuser und
Banken mußten ihre Zahlungen einstellen. Die Anspannung auf
dem Geldmarkt überstieg alles bisher Dagewesene. Der Zinsfuß
für kurzfristiges Geld stieg auf 30 und 50 o/o, ja sogar bisweilen
auf 100 o/o. In einer Zeit von 4—5 Wochen waren 73 Londoner und
Provinzbanken zusammengebrochen.

Solche schweren Erschütterungen, welche das Land in diesen
Jahren durchzumachen hatte, waren natürlich genügend Anlaß, sich
mit den damit zusammenhängenden Fragen, vor allem mit den
Ursachen dieser Krisen, genauer zu befassen. Die ersten wissen-
schaftlichen Erklärungsversuche, welche für solche Krisen gemacht
worden sind, knüpfen auch zeitlich und sachlich an diese schweren
        <pb n="19" />
        ﻿2. Konjunktur u. Krisen im Zusammenhang mit d. Organisation d. Wirtschaft. 13

Zeiten des englischen Wirtschaftslebens an. Es war aber nicht nur
das Häufige ihres Auftretens, es waren nicht nur die schweren
Erschütterungen, welche sie im Gefolge hatten, was damals und in
der Folgezeit diese Krisen, in den Mittelpunkt des Interesses gerückt
hat, es war vielmehr auch das Geheimnisvolle, das darin lag1,
das für viele so Unerklärliche, daß diese Krisen in so kurzen Ab-
ständen und so regelmäßig wiederkehrten, ohne daß, wie bei den
früheren Störungen dieser Art, immer deutlich erkennbar von außen
kommende Ursachen vorhanden gewesen wären.

Der Gedanke lag nahe, daß man es bei den Ursachen dieser Er-
scheinung mit einer Eigentümlichkeit, vielleicht mit unvermeidbaren
Folgeerscheinungen der vorhandenen Wirtschaftsordnung zu tun
habe, und auf die Erforschung dieser Zusammenhänge, also auf eine
Analyse der Beziehungen von Produktion und Konsumtion in der
herrschenden Verkehrswirtschaft, begann sich nun die national-
ökonomische Forschung einzustellen.

Es ergibt sich aus dem Gesagten, daß damit aber auch eine
einfache Scheidung aller Krisen in zwei scharf voneinander zu
trennende Groppen gegeben war, wenngleich jene ältere Zeit diesen
Unterschied noch nicht so scharf heraus gearbeitet hat, wie es heute
der Fall ist. Man kann die Krisen danach scheiden, ob sie auf von
außen das Wirtschaftsleben beeinflussende Ursachen, auf sogenannte
exogene, zurückzuführen sind, oder auf sogenannte endogene,
d. h. auf solche, die mit dem inneren Gefüge und der vorhandenen
Verfassung der Volkswirtschaft im inneren Zusammenhänge stehen.
Auf die Erforschung dieser letzten Gruppe von Krisen, welche jetzt
so oft und ohne äußerlich erkennbare Ursachen auftraten, lenkte
sich nun im 19. Jahrhundert die Aufmerksamkeit der Wissenschaft.

Es war vor allem das Regelmäßige, die Periodizität, welche bei
diesen Krisen ganz besonders frappierend wirkte. Manche haben ver-
sucht, auch diese neueren Krisen aus exogenen Ursachen zu erklären.
Es sei hier nur auf den bekannten englischen Nationalökonomen
Jevons hingewiesen, welcher das periodische Auftreten der Krisen
mit den Perioden der Sonnenflecken, von deren Umfang die größere
oder geringere Wirkung der Sonnenstrahlen auf die Erde abhängig sei,
in Verbindung brachte. In der Ausdehnung und der Häufigkeit dieser
Sonnenflecken bestehe ein periodischer Wechsel, welcher in hohem
Maße für die Temperatur, den Regenfall und andere atmosphärische
Erscheinungen auf der Erde bestimmend sei. Dadurch werde ein ganz
bestimmter Einfluß auf die Ernteerträge und damit auch auf die
Kaufkraft der Mehrzahl der Erdbewohner ausgeübt. Es müsse sich
also eine gewisse Übereinstimmung, welche Jevons auch nach-

Mombert, Stadium der Konjunktur.	2
        <pb n="20" />
        ﻿14

Einleitung.

zuweisen suchte, zwischen diesen Perioden der Sonnenflecken, den
periodischen Schwankungen in den Ernteerträgen und dem Wandel
in der Konjunktur nachweisen lassen. Mit dieser Auffassung einer
Zurückführung dieser Störungen auf derartige, von außen kommende
Faktoren stand Jevons jedoch so ziemlich allein, ohne mit seiner
Anschauung durchzudringen. Die anderen Krisenerklärüngen, deren
Betrachtung wir uns nun zuwenden wollen, suchen diese Störungen,
wenn auch in verschiedener Weise, aus den inneren Kräften des Wirt-
schaftslebens, aus der Art der modernen verkehrswirtschaftlichen
Organisation der Volkswirtschaft heraus zu erklären.

Literatur.

Pinkus, Das Problem des Normalen in der Nationalökonomie. Ein
Beitrag zur Erforschung der Störungen im Wirtschaftsleben. Leipzig 1906. —
Herkner, Art. Krisen im Handwörterbuch d. Staatswissenschaften. —
Vogel, Die Theorie des volkswirtschaftlichen Entwicklungsprozesses und
das Krisenproblem. Wien 1917. — Bouniatan, Studien zur Theorie und
Geschichte der Wirtschaftskrisen. Band 2, Geschichte der Handelskrisen in
England. München 1908. — Tugan-Baranowsky, Studien zur Ge-
schichte und Theorie der Handelskrisen in England. Jena 1901. — Wirth,
Geschichte der Handelskrisen. 3. Aufl. Frankfurt a. M. 1883, — Büsch.
Geschichtliche Beurteilung der am Ende des 18. Jahrhunderts entstandenen
großen Handelsverwirrung. Hamburg 1799. — Ehrenberg, Das Zeit-
alter der Fugger. Geld, Kapital- und Kreditverkehr im 16. Jahrhundert. Ana-
statischer Neudruck. Jena 1912. — Ders., Die Fondsspekulation und die
Gesetzgebung. Berlin 1883. — Ders., Große Vermögen. Jena 1902. — Strieder,
Studien zur Geschichte der kapitalistischen Organisationstormen. München
1914. — Sombart, Der moderne Kapitalismus. 2. Aufl. 1917. 2. Band, 1. Halb-
band, Kap. 16 u. 17. — Tooke und Newmarch: Die Geschichte und Be-
stimmungen der Preise während der Jahre 1793/1857. Aus dem Englischen.
Dresden 1862.
        <pb n="21" />
        ﻿ß i K

r /. -i W.v,'!rtsc;iaP
3 1 1 Kiel

14. 2:45.-

Erster Abschnitt.

Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen und des
Konjunkturwandels.

1.	Die älteren Krisentheorien.

Will man die Gegensätze in der Stellung der älteren National-
ökonomie diesen Krisen gegenüber und damit auch die Verschieden-
heiten in den älteren Krisentheorien verstehen, so muß man sich
vor Augen halten, daß sich unter den Beobachtern und Beurteilem
der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Verlaufe des 19. Jahr-
hunderts zwei Richtungen unterscheiden lassen.

Für die eine, zunächst fast widerstandslos herrschende Auf-
fassung, für die individualistische Nationalökonomie, war der Grund-
gedanke maßgebend, daß bei völliger Freiheit im Wirtschaftsleben,
bei vollkommen unbehinderter wirtschaftlicher Tätigkeit des Ein-
zelnen, sich das Wirtschaftsleben vollkommen harmonisch gestalten
müsse. Es “war dies die Lehre, wie sie zuerst von den Physio-
k raten in Frankreich aufgestellt und bald darauf durch Adam
Smith in England mit großem Erfolg ausgebaut worden war. Der
Mensch sei in seinem wirtschaftlichen Handeln von Eigennutz geg-
leitet, und diese Triebfeder sei mächtig genug, um einem jeden zu
zeigen, was seinem Wohle am förderlichsten sei. Aus dem Wirken
einer solchen Freiheit in wirtschaftlichen Dingen, das wurde zum
Teil von seinen Nachfolgern noch wesentlich stärker betont als von
Adam Smith selbst, müßte sich eine vollständige Harmonie im
Wirtschaftsleben ergeben. Diese Lehre mußte auch folgerichtig
für das Verhältnis von Produktion und Konsumtion, für Angebot
und Nachfrage auf dem Warenmärkte gelten, und die Anhänger
dieser Auffassung standen vor der keineswegs einfachen Aufgabe,
die großen wirtschaftlichen Störungen zu Beginn des 19. Jahrhun-
derts mit ihren unheilvollen sozialen Wirkungen, mit dieser Lehre
in Einklang zu bringen.

Diese durch die Krisen hervorgerufenen Störungen waren
jedoch nicht die einzige Tatsache, welche in dieser Zeit, also vor
allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts, diese Lehre von den
segensreichen Wirkungen der wirtschaftlichen Freiheit, welche damals
auch in der Gesetzgebung ihren Siegeszug durch viele Staaten begann,
Lügen zu strafen schien. Man hatte auch diese individualistischen
        <pb n="22" />
        ﻿16

Erster Abschnitt. Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen.

Grundsätze auf das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeit-
nehmer angewandt, die alten Ordnungen, welche dieses Verhältnis bis
ins einzelne geregelt hatten, waren in Fortfall gekommen, und an ihre
Stelle war der freie Arbeitsvertrag getreten. Keine öffentlichen Gen
walten, keine Verabredungen unter Arbeitern oder Unternehmern
sollten in Zukunft als störend im Sinne dieser individualistischen
Auffassung in das Arbeitsverhältnis eingreifen. Man hielt diese
Freiheit der Arbeit und des Arbeitsvertrages auch durchaus für im
Interesse der Arbeiter liegend. Es hat aber kaum eine Zeit gegeben,
in welcher die Lage der Arbeiter eine so gedrückte, ihre Arbeitszeit
eine so ausgedehnte, ihre Lebenshaltung und Lage eine so schlechte
gewesen war, als in den ersten Jahren und Jahrzehnten nach Ein-
führung dieser wirtschaftlichen Freiheit. Es war also hier eine ähn-
liche Sachlage vorhanden wie bei diesen wirtschaftlichen Störungen.
Auch in dem Verhältnis von Produktion und Konsumtion war der er-
wartete Gleichgewichtszustand ausgeblieben; statt der erwarteten
Harmonie war, vor allem in England damals, eine gewaltige Über-
produktion mit großen Absatzstockungen, die man in einem solchen
Maße bis dahin nicht gekannt hatte, eingetreten.

Solche Erschütterungen des Wirtschaftslebens mit ihren ver-
hängnisvollen sozialen Wirkungen konnten aber unmöglich an der
nationalökonomischen Wissenschaft spurlos vorübergehen. Allent-
halben war das Gegenteil dessen eingetroffen, was diese individua-
listische Richtung in der Nationalökonomie angenommen hatte, und
die nationalökonomische Wissenschaft stand nun vor der Aufgabe,
diesen Widerspruch zu erklären.

Es entstanden jetzt zwei Richtungen, welche in ganz
entgegengesetzter Weise diesen wirtschaftlichen Störungen gegenüber
Stellung nahmen. Die eine baute vollkommen auf den oben dar-
gelegten Lehren der individualistischen Nationalökonomie auf. Sie
hielt an dem Postulat der wirtschaftlichen Freiheit als dem Ideal
aller Wirtschaftspolitik fest und suchte den Widerspruch zwischen
der Welt der Tatsachen und dem, was man in optimistischem Glauben
erhofft hatte, zum Teil damit zu lösen, daß sie diese Notstände auf
das Walten außerwirtschaftlicher, mit der Kraft eines Naturgesetzes
wirkender Faktoren zurückführte. Es sei beispielsweise nur an das
Malthusschc Bevölkerungsgesetz und die sich darauf aufbau'ende
pessimistische Lehre Ricardos von der Entwicklung in der Verteilung
des Volkseinkommens erinnert1)-

ü Auf diese Zusammenhänge bin ich eingehender zu sprechen ge-
kommen in meiner kleinen Schrift: Soziale und wirtschaftspolitische An-
schauungen in Deutschland vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegen-
wart. Leipzig 1919. Sammlung „Wissenschaft und Bildung“. Bd. 60.
        <pb n="23" />
        ﻿■HHH

1. Die älteren Krisentheorien.	17

Eine andere Richtung hielt sich jedoch nicht an diesen Glauben
von der Zweckmäßigkeit einer Wirtschaftsordnung gebunden, welche
sich vollkommen auf der wirtschaftlichen Freiheit, vor allem auf
dem Bestehen des Privateigentums aufbaute, sie sah vielmehr gerade
in diesen Tatsachen die Hauptursache der vorhandenen Mißstände
in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht. Für diese neue Auffassung
lagen die Ursachen gerade in einer fehlerhaften Organisation der
vorhandenen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung mit ihrer in-
dividualistischen Grundlage. So entstanden den Anhängern dieser
neuen Auffassung in den Sozialisten die schärfsten Gegner der
herrschenden Wirtschaftsordnung.

Aus diesen prinzipiellen Gegensätzen heraus, aus der ver-
schiedenen Beurteilung der vorhandenen Organisation der Volks-
wirtschaft, sind nun zu Beginn des 19. Jahrhunderts zwei große
Gruppen von Krisentheorien zur Erklärung dieser merkwürdigen,
regelmäßigen Störungen des Wirtschaftslebens entstanden. Die eine
Richtung suchte dabei die Grundlagen der herrschenden Wirtschafts-
ordnung zu verteidigen und zu retten, während die andere Richtung
diese Grundlagen erbarmungslos angriff.

Der erste, der eine tiefere Erklärung dieser Vorgänge zu geben
versuchte, war der bekannte englische Nationalökonom Robert
Malthus. Er hat zuerst eine Anschauung vertreten, welche man
als allgemeine Überproduktionstheorie zu bezeichnen pflegt. Für
Malthus sind die drei großen Faktoren, welche die Entwicklung der
Produktion in günstigem Sinne beeinflussen, die Fruchtbarkeit des
Bodens, die Ansammlung von Kapital und die arbeitsersparenden
Erfindungen. Die Zunahme des Reichtums in einem Lande hängt
jedoch seiner Meinung nach nicht allein von der Wirksamkeit dieser
drei Faktoren ab, sondern ist auch in hohem Grade bestimmt
von der Güterverteilung. Denn ein erheblicher Teil der Bevölkerung,
vor allem ein Teil der Unternehmerschaft, verbraucht nur einen
Teil seines Einkommens. Ein anderer Teil ihres Einkommens da-
gegen wird kapitalisiert, d. h. zur Schaffung neuer Produktions-
anlagen verwandt. Bei einer starken und schnellen Kapitalneubil-
dung und einer entsprechenden Erweiterung der Produktion, welche
doch auf diese Weise vor sich geht, muß es jedoch dahin kommen,
daß die Nachfrage nach Gütern hinter dem Angebot an solchen
zurückbleibt, noch ehe die weiteren neuen Produktionsmöglichkeiten
zum Stillstand gekommen sind. Es ist also unter dieser Voraus»-
Setzung immer mit einer Überproduktion zu rechnen, immer muß
das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Markte
eine Störung erfahren. In diesem gewöhnlichen Zustande der Gesell-
        <pb n="24" />
        ﻿18

Erster Abschnitt, Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen.

schalt haben also wohl die Unternehmer die Macht, aber nicht
den Willen, die Arbeiter dagegen umgekehrt nicht die Macht, aber
wohl den Willen, ihren Verbrauch in einem der Größe der Produktion
entsprechenden Verhältnis auszudehnen. Es muß also hier irgendwie
ein Ausgleich geschaffen werden. Es ist deshalb für ein Land, und
mit dieser Forderung kommt Malthus zu einer uns heute sehr merk,,
würdig berührenden Auffassung, in diesem Zustande, also mit reichen
Produktionskräften, notwendig, daß immer eine Klasse von Ver-
brauchern da ist, welche keine Güter erzeugt, das Angebot also
nicht vermehrt, sondern nur als Konsument auftritt. Malthus ging
sogar so weit, es unter diesen Umständen für wirtschaftlich vorteil-
haft zu erklären, daß eine Regierung für unproduktive Zwecke Geld
verausgabt.

Mit diesem Gedanken, daß in dieser auf wirtschaftlicher Frei-
heit beruhenden Wirtschaftsordnung eine allgemeine Überproduk-
tion möglich sei, hatte Malthus, das war kein Zweifel, entsprach
aber auch manchen anderen Anschauungen von ihm, an jener oben
dargelegten optimistischen Auffassung der individualistischen Na-
tionalökonomie stark gerüttelt. Gegen Malthus wandte sich deshalb
vor allem der Franzose J. B. Say, welcher diese optimistische Auf-
fassung, wie sie an den Namen von Adam Smith anknüpfte, noch
mit aller Entschiedenheit vertrat. Er leugnete die Möglichkeit einer
allgemeinen Überproduktion.

Es handelt sich hierbei um Says berühmte Lehre von der
Theorie der Absatzwege, die sich lange Zeit eines sehr großen An-
sehens erfreut hat und auch neuerdings noch Anhänger zählt. Say
vertrat den Gedanken, daß Produkte nur mit Produkten gekauft
werden können, und daß das zum Einkäufe dienende Geld doch erst
aus dem Eintausche mit irgendeinem anderen Produkte herrühren
muß. Die bloße Tatsache der Neuschaffung eines Produktes muß
deshalb sofort, wie sie erfolgt ist, für andere Produkte einen Absatz
herbeiführen. In der Gesamtheit muß also dieser Lehre nach, das
Angebot auf dem Warenmärkte mit der Nachfrage immer überein-
stimmen. Daraus folgerte Say, daß eine allgemeine Überproduktion
in einem Lande etwas ganz Unmögliches, ja ganz Undenkbares sei.
Absatzstockungen, welche Say natürlich angesichts der offenkun-
digen Tatsachen nicht in Abrede stellen konnte, können also niei-
mals von einem Zuviel an Produkten herrühren, sondern sind „das
bloße Resultat einer Anpropfung von Gütern in einem oder mehreren
der Industriekanäle; daß alsdann in diesen Kanälen eine größere
Menge jener Produkte steckt, als der allgemeine Bedarf erheischt,
und daß dies immer daher rührt, daß andere Kanäle, weit entfernt
        <pb n="25" />
        ﻿1. Die älteren Krisentheorien.

19

von einer Anpropfung, im Gegenteil von mehreren Produkten fast
entleert sind, die um ihrer Seltenheit willen, in demselben Grade
stärker wie die ersten schwächer, gesucht werden1).

Es kann also keine Rede von einer allgemeinen Überproduktion
sein, sondern höchstens von einer partiellen Überproduktion in ein-
zelnen Erwerbszweigen, der dann aber immer eine entsprechende
Unterproduktion in anderen entsprechen muß. Der Gesamtumfang
der Produktion muß also immer mit dem Gesamtumfang der Nach-
frage übereinstimmen. Damit war für Say der ihm unentbehrliche
Gedanke der Harmonie im Wirtschaftsleben, der Gedanke des vor-
handenen Gleichgewichtes zwischen Angebot und Nachfrage gerettet.
Die Hauptvertreter der klassischen Nationalökonomie, wie z. B. der
ältere Mill, Ricardo, John Stuart Mill, haben sieh alle auf den
Boden dieser Lehre gestellt. Sie hat auch neuerdings wieder an-
gesehene Vertreter gefunden* 2). Unter denjenigen, welche sich dieser
Lehre angeschlossen haben, sei nur ganz kurz auf Ricardo, als auf
den bekanntesten und einflußreichsten der damals lebenden National-
ökonomen etwas näher eingegangen. An verschiedenen Stellen seiner
Grundgesetze der Volkswirtschaft und Besteuerung hat er sich über
diese Zusammenhänge ausgesprochen. Die wichtigste davon ist wohl
die folgende:

„Erzeugnisse werden stets durch Erzeugnisse oder Dienste er-
kauft; das Geld ist bloß das Mittel, wodurch man den Tausch bewirkt
Es kann zuviel von einem bestimmten Gute hervorgebracht werden,
woran ein solcher Überfluß auf dem Markte sein kann, daß das auf
dasselbe verwendete Kapital nicht erstattet wird; allein dies kann
nicht mit Bezug auf alle Güter der Fall sein; die Nachfrage nach
Getreide ist durch die Mäuler begrenzt, welche es zu verzehren
vorhanden sind; die Nachfrage nach Schuhen und Röcken durch die
Personen, welche sie tragen wollen; allein, wenn auch ein Gemein-
wesen oder ein Teil eines solchen so viel Getreide, so viele Röcke
und Schuhe hätte, als es zu verbrauchen vermöchte oder wünschte,
so kann dies nicht von jedem Gute gesagt werden, das durch die
Natur oder Kunst hervorgebracht wird. Die einen würden mehr Wein
verzehren, wenn sie imstande wären, sich ihn zu verschaffen. Andere,
die genug Wein haben, würden gerne die Menge ihres Hausrates
vermehren oder dessen Art und Beschaffenheit verbessern. Wieder
andere möchten gerne ihre Landgüter verschönern oder ihre HäuseT

Ü Say, Ausführliche Darstellung der Nationalökonomie oder der
Staatswirtschaft. Übersetzt von Mörstadt. Heidelberg 1830. Kap. 15, S. 195
bis 196.

2) Z. B. Tugan-Baranowsky und Aftalion. Vgl. die Literatur
am Ende dieses Abschnittes.
        <pb n="26" />
        ﻿20

Erster Abschnitt. Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen.

erweitern. Der Wunsch, all dieses oder etwas davon zu tun, ist in
eines jeden Brust gepflanzt; nichts ist dazu erforderlich, als die
Mittel, und nichts kann diese Mittel geben, als eine Erweiterung der
Hervorbringung. Hätte ich Nahrungs- und andere Bedürfnismittel zur
Verfügung, so würde es mir nicht lange an Arbeitern fehlen, die mich
in den Besitz mancher von denjenigen Gegenständen setzten, welche
mir am brauchbarsten oder am wünschenswertesten sind1).“

Auch in Deutschland war diese Anschauung weit verbreitet. In
seinen vielgelesenen „Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre“ sagt
K. H. Rau: „Es ist unmöglich, daß von allen Gütern zugleich eine
größere Menge hervorgebracht würde, als man zu kaufen im-
stande wäre.“

Diese Anschauungen mußten also ihre Hauptgegner im: Lager
derjenigen finden, welche der herrschenden Wirtschaftsordnung mit
ihrer schrankenlosen Freiheit in wirtschaftlicher Beziehung, dem
Privateigentum, und dem ungehemmten Erwerbstrieb als Triebkraft
der Produktion, kritisch gegenüberstanden. Bereits Robert Owen,
einer der frühesten Vertreter des Sozialismus, hatte in mehreren, in
den Jahren 1815—1823 erschienenen Schriften mit Nachdruck darauf
hingewiesen, daß die herrschende Wirtschaftsordnung die Schuld
an der allgemeinen Notlage trage. Die großen Fortschritte der Tech-
nik, die Einführung der Maschinen hätten die menschliche Arbeit
entwertet, so daß die Kaufkraft der Arbeiterklasse herabgemindert
sei, während doch die Produktionsleistungen gewaltig gestiegen
wären. Als nach dem Aufhören der Napoleonischen Kriege die Auf-
nahmefähigkeit der Absatzmärkte zurückging, behielt man die mecha-
nische Kraft als die billigere bei und entließ die damit überflüssig
gewordenen Arbeiter. In diesem iSinne hing damals vor allem auch
die Notlage der Arbeiterklasse auf das engste mit dem Mißverhältnis
von Produktion und Konsumtion zusammena).

Mit weit größerem Nachdruck als Robert Owen hat die berühmte
Krisentheorie von Sismondi, der zwar nicht Sozialist war, aber
trotzdem zu den entschiedensten Gegnern der herrschenden Wirt-
schaftsordnung gehörte, sich in einen ausgesprochenen Gegensatz
zu den Lehren von Say und Ricardo gestellt. Für ihn ist das Krisen-
problem in erster Linie eine Frage der Einkommensverteilung. Das
Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion ist, der An-
sicht Sismondis nach, in erster Linie durch die Kaufkraft der Ar-
beiterklasse bestimmt. An verschiedenen Stellen seiner heute noch

!) Nach der Übersetzung von Baumstark, 2. Aufl. 1877. S. 259—260.

s) Vgl. dazu auch Helene Simon, Robert Owen. Jena 1905. Be-
sonders Kap. 10.
        <pb n="27" />
        ﻿1. Die älteren Krisentheorien.

21

so lesenswerten Schriften hat er seine Ansichten über die Be-
ziehungen von Produktion und Konsumtion und über die Ursachen
der Krisen ausgesprochen. In diesen Darlegungen Sismondis über
das Krisenproblem lernen wir gerade auch das Neue und Eigen-
artige seiner nationalökonomischen Anschauungen kennen.

Sismondi ist einer der Hauptvertreter der sogenannten Unter-
konsumtionstheorie, einer Lehre, deren Grundzüge sich zuiü Teil
schon bei Malthus vorfinden und die dann später von anderen,
vor allem von Rodbertus, weiter entwickelt worden ist. Es handelt
sich hierbei um die Wechselbeziehungen zwischen der Art der
Produktion und der Einkommensverteilung, im speziellen darum,
daß bei einer gewissen Art der letzteren, wenn die Arbeiter einen
zu geringen Teil am Nationaleinkommen erhalten, die heimische Pro-
duktion Schaden erleidet.

Den Arbeitern fehlt die Kaufkraft, um die Erzeugnisse der
Produktion aufzunehmen, während die Unternehmer und Kapita-
listen nicht ihr ganzes Einkommen verbrauchen, sondern einen Teil
davon zurücklegen und damit die vorhandene Produktion nur noch
vergrößern. Damit hängt es dann weiter zusammen, daß die Unter-
nehmer, welche im Inlande nicht genügenden Absatz finden, den
Versuch machen, auswärtige Märkte aufzusuchen, um dort ihre Waren
zu verkaufen, eine Entwicklung, welche aber für die heimische In-
dustrie weit größere Gefahren birgt, als der Absatz im Inland. Der
Gegensatz zur klassischen Nationalökonomie lag vor allem in der
stark sozialpolitischen Färbung seiner Ansichten und in ihrem
romantischen Grundzug, welcher in der guten, alten Zeit, gerade
auch in den Beziehungen von Produktion und Konsumtion, so viele
Vorzüge der Gegenwart gegenüber erblickte. Es war dies eine Auf-
fassung, welche verständlich war in einer Periode des Überganges,
in der das Alte zusammengebrochen war und man von dem Neuen,
das an seine Stelle trat, nur erst die Nachteile und Schattenseiten
sehen konnte und noch nicht in der Lage war, zu erkennen, welch
große Fortschritte auch in kultureller und sozialer Beziehung diese
neue Entwicklung für alle Schichten der Gesellschaft mit sich
bringen würde.

Für Sismondi ist das Gleichgewicht zwischen Produktion und
Konsumtion die grundlegende Frage der Nationalökonomie. Ist es
diese Wissenschaft doch, wie er es einmal ausgesprochen hat,
welche als die einzige das allgemeine Wohlergehen und das Glück
der Menschen zum unmittelbaren Zweck hat, und hängt dies doch
in entscheidender Weise von dem Vorhandensein dieses Gleich-
gewichtes ab. Im Gegensätze zu Say und Ricardo hält Sismondi
        <pb n="28" />
        ﻿22	Erster Abschnitt. Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen.

eine absolute Überproduktion für durchaus möglich, aber erst seit
dem Bestehen des Systems der freien Konkurrenz. Unter der Herr-
schaft dieses Systems hat die Menschheit die Herrschaft über die
Größe der Gütererzeugung verloren. So steht die Lehre Sismondis
im schärfsten Gegensätze zu derjenigen der Hauptvertreter der
klassischen Nationalökonomie, welche ja der Meinung gewesen
waren, daß gerade dieses System der freien Konkurrenz bewirke,
daß allgemeine Störungen im Prozeß der Güterproduktion und -Zirku-
lation ausgeschlossen seien, daß beide sich vielmehr in voller
Harmonie abwickeln müßten.

Sehr enge Berührungspunkte mit diesen Lehren Sismondis
finden sich dann in den Anschauungen eines der großen deutschen
Sozialisten um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Es war Rodbertus
gewesen, der ebenfalls eine Unterkonsumtionstheorie, wenn auch mit
anderer Begründung, vertreten hat.

Der Grundgedanke seiner Lehre ist der, daß bei wachsender
Produktivität der Arbeit der Anteil der Arbeiterklasse am Gesamt-
ertrag der Nation ein immer geringerer werde. Schon im Vorwort
seines berühmten ersten sozialen Briefes an v. Kirchmann spricht
er dies in voller Deutlichkeit aus, „daß nämlich die Ursachen des
Pauperismus und der Handelskrisen in nichts anderem liegen, als
daß in der heutigen staatswirtschaftlichen Organisation bei der
steigenden Produktivität der Arbeit der Lohn der arbeitenden
Klasse eine immer kleinere Quote des Nationalproduktes wird...“
In dem zweiten sozialen Brief an v. Kirchmann sagt er: „Die
Armut der arbeitenden Klasse läßt niemals zu, daß ihr Einkommen
ein Bett für die anschwellende Produktion abgebe. Das Übermaß
von Produkten, das in den Händen der Arbeiter nicht bloß deren
Lage verbessern, sondern zugleich ein Gewicht abgeben würde, um
den Wert des bei den Unternehmern verbleibenden Restes zu
steigern und diesen damit die Bedingung der Fortsetzung ihrer
Betriebe in dem bisherigen Umfange zu gewähren, drückt auf seiten
der Unternehmer den Wert des ganzen Produktes so tief, daß jene
Bedingung verschwindet und überläßt im besten Falle die Ar-
beiter ihrem gewohnten Mangel.“

In diesen Handels- oder Absatzkrisen erblickt Rodbertus: das
Grundübel der herrschenden Wirtschaftsordnung. Die Auffassung
von diesem grundlegenden Fehler unserer Wirtschaftsverfassung,
diesem engen, wechselseitigen Verhältnis von fallender Lohnquote,
Pauperismus und Handelskrisen hat für Rodbertus den Ausgangs-
punkt gebildet, um damit dieser sozialen Not ein Ende zu machen,
eine andere wirtschaftliche Organisation vorzuschlagen, welche auf
        <pb n="29" />
        ﻿1. Die älteren Krisentlieorien.

dem sozialistischen Gedanken eines Gemeinbesitzes an Boden und
Kapital beruhen sollte.

Eine ganz andere Stellung als Rodbertus hat der andere grobe
Vertreter des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Marx, dem
Krisenproblem gegenüber eingenommen. Wir finden bei ihm eigent-
lich keine einheitliche, in sich geschlossene Krisentheorie.

Zunächst finden sich Äußerungen über diese Krisen in dem
kommunistischen Manifest. Was er hier darüber sagt, knüpft
unmittelbar an die großen Erschütterungen an, welche das eng-
lische Wirtschaftsleben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
durch solche Krisen erlitten hatte. Ungemein anschaulich und
plastisch werden hier in dem kommunistischen Manifest die ver-
heerenden Wirkungen dieser Krisen geschildert: „Die bürgerlichen
Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentums-
verhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so ge-
waltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht
dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu
beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. Seit Dezennien ist die
Geschichte der Industrie und des Handels nur die Geschichte der
Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die modernen Pro-
duktionsverhältnisse, gegen die Eigentumsverhältnisse, welche die
Lebensbedingungen der Bourgeoisie und ihrer Herrschaft sind. Es
genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen
Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen
Gesellschaft in Frage stellen. In den Handelskrisen wird ein großer
Teil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern der bereits ge-
schaffenen Produktivkräfte regelmäßig vernichtet. In den Krisen
bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren
Epochen als ein Widersinn erschienen wäre — die Epidemie der
Überproduktion. Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen
Zustand moderner Barbarei zurückversetzt, eine Hungersnot, ein
allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel ab-
geschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen ver-
nichtet, und warum? Weil sie zu viel Zivilisation, zu viel Lebens-
mittel, zu viel Industrie, zu viel Handel, besitzt. Die Produktiv-
kräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Be-
förderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse; im Gegenteil, sie
sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von
diesen gehemmt; und sobald sie dies Hemmnis überwinden, bringen
sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie
die Existenz des bürgerlichen Eigentums. Die bürgerlichen Ver-
hältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten
        <pb n="30" />
        ﻿24

Erster Abschnitt. Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen.

Reichtum zu fassen. — Wodurch überwindet die Bourgeoisie diese
Krisen? Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse
von Produktivkräften; andererseits durch die Eroberung neuer
Märkte und die gründliche Ausbeutung alter Märkte. Wodurch
also? Dadurch also, daß sie allseitigere und gewaltigere Krisen
vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.“

Am eingehendsten hat sich Karl Marx dort über das Krisen-
problem geäußert, wo er in seinem Hauptwerke, dem „Kapital“, über
den tendenziellen Fall der Profitrate spricht. Der Grundgedanke
seiner Darlegungen ist in kurzen Worten der folgende:

Ausgehend von seinem Wertgesetz, daß sich der Wert der Güter
durch das Quantum der zu ihrer Herstellung erforderlichen, gesell-
schaftlich notwendigen Arbeitszeit bemißt, ergibt sich, daß der
Wert einer bestimmten Menge von Produkten von der Menge des von
den Arbeitern neu erzeugten Arbeitswertes und dem Arbeitswerte der
bei dem Produktionsprozeß verbrauchten und angewandten Produk-
tionsmittel bestimmt wird. Der Profit des Unternehmers entsteht da-
durch, daß derselbe im Lohne den Arbeitern nicht den vollen Wert
ihrer Arbeit vergütet (Theorie vom Mehrwert). Die Entwicklung der
kapitalistischen Wirtschaft geht nun dahin, daß infolge des tech-
nischen und wirtschaftlichen Fortschrittes die Bedeutung der Pro-
duktionsmittel gegenüber der einfachen Arbeitskraft stetig wächst,
oder, in der Terminologie von Marx ausgedrückt, daß die organische
Zusammensetzung des Kapitals sich fortdauernd in der Weise ändert,
daß dessen konstanter Teil rascher als sein variabler ansteigt. Unter
dem variablen Kapital ist dabei dasjenige verstanden, welches für
Lohnzahlung Verwendung findet, unter dem konstanten alles übrige
im Produktionsprozeß verwandte Kapital. Diese Entwicklung führt da-
hin, daß mit zunehmender Zahl der Arbeitskräfte die absolute Masse
des Mehrwertes, d. h. des Profits, dauernd zunimmt und das Verhältnis
dieses Mehrwertes zu dem gesamten, in der Produktion tätigen Kapital,
infolge des stärkeren Wachstums des konstanten dauernd zum Sinken
tendieren wird. Das versteht Marx unter dem Gesetz vom tenden-
ziellen Fall der Profitrate. Die Höhe dieser Profitrate übt nun einen
entscheidenden Einfluß auf die kapitalistische Produktion aus. Denn
der Zweck derselben ist ja die Schaffung von Mehrwert, die Er-
zeugung von Profit. Wenn nun die Profitrate sinkt, so ist die Folge
davon, daß sich das neu entstehende Kapital nicht mehr genügend
verwerten kann. Es entsteht so ein Konflikt zwischen dem Streben
des Kapitals nach ständiger Ausdehnung der Produktion und der Un-
möglichkeit, das vorhandene Kapital in entsprechender und gleich-
mäßiger Weise verwerten zu können. Die Folge muß sein, daß ein
        <pb n="31" />
        ﻿1. Die älteren Krisentheorien.

25

Teil des vorhandenen Kapitals brachgelegt, vielleicht sogar vernichtet
wird. Ein Teil der vorhandenen Produktionsmittel würde seine
Kapitaleigenschaft verlieren, d. h. vorhandene Produktionsbetriebe
müßten stillgelegt werden. Gleichzeitig treten jedoch Momente ein,
welche wieder nach der entgegengesetzten Seite hin wirksam sind.
Die eben dargelegte Stockung der Produktion hat einen Teil der Ar-
beitskräfte brach gelegt. Damit tritt eine Verminderung des Arbeits-
lohnes ein und mit dessen Senkung muß der relative und absolute
Mehrwert wieder steigen. Der durch die Krise entstehende Preissturz
und der dadurch verschärfte Konkurrenzkampf stacheln den Kapi-
talisten an, durch Verwendung neuer Maschinen, neuer und ver-
besserter Arbeitsmethoden, den Wert seines Gesamtproduktes, d. h.
die Produktionskraft eines gegebenen Quantums Arbeit, zu steigern
und damit wieder auf eine Hebung der Profitrate hinzuarbeiten. So
wird wieder eine neue Erweiterung der Produktion vorbereitet;
denn das durch die frühere Verminderung der Profitrate und die
hiermit einsetzende Krise in seinem Wert verminderte Kapital muß
seinen alten Wert nun wieder gewinnen. So würde unter „erweiterten
Produktionsbedingungen, mit einem erweiterten Markt und mit er-
höhter Produktionskraft, derselbe fehlerhafte Kreislauf wieder durch-
gemacht werden“. „Und so würde der Zirkel von neuem durch-
laufen.“ Mit dem allergrößten Nachdruck hat Karl Marx immer
wieder diese Periodizität der Krisen betont.

Auch Friedrich Engels hat auf dem gleichen Standpunkt einer
notwendigen Widerholung der Krisen in der kapitalistischen Wirt-
schaftsordnung gestanden und ihre dauernde Wiederkehr vor allem
auf die übermächtig werdenden Produktivkräfte zurückgeführt. Er
bat es auch vor allem in sehr anschaulicher Weise verstanden,
die verhängnisvollen Wirkungen dieser großen Krisen darzulegen. In
seiner Streitschrift gegen Dühring1) sagt er darüber:

„In der Tat, seit 1825, wo die erste allgemeine Krisis ausbrach,
geht die ganze industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion
und der Austausch sämtlicher zivilisierter Völker und ihrer mehr oder
weniger barbarischen Anhängsel so ziemlich alle zehn Jahre einmal
aus den Fugen. Der Verkehr stockt, die Märkte sind überfüllt, die Pro-
dukte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar, das bare Geld
wird unsichtbar, der Kredit verschwindet, die Fabriken stehen still,
die arbeitenden Massen ermangeln der Lebensmittel, weil sie zu viel
Lebensmittel produziert haben, Bankerott folgt auf Bankerott, Zwangs-
verkauf auf Zwangsverkauf. Jahrelang dauert die Stockung, Pro-

Q Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft. 3. Aufl. 1894.
        <pb n="32" />
        ﻿26

Erster Abschnitt. Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen.

duktivkräfte wie Produkte werden massenhaft vergeudet und zerstört,
bis die aufgehäuften Warenmassen unter größerer oder geringerer Ent-
wertung endlich abfließen, bis Produktion und Austausch allmählich
wieder in Gang kommen. Nach und nach beschleunigt sich die
Gangart, fällt in Trab, der industrielle Trab geht über in Galopp, und
dieser steigert sich wieder bis zur zügellosen Karriere einer voll-
ständigen industriellen, kommerziellen, kreditlichen und spekulativen
Steeple-chase, um endlich nach den halsbrechendsten Sprüngen
wieder anzulangen — im Graben des Krachs. Und so immer von
neuem. Das haben wir nun seit 1825 volle fünf Mal erlebt und er-
leben es in diesem Augenblick (1877) zum sechstenmal. Und der
Charakter dieser Krisenist so scharf ausgeprägt, daß Fourier sie alle
traf, als er die erste bezeichnete als: crise plethorique, Krisis aus
Überfluß.“

„In den Krisen kommt der Widerspruch zwischen gesellschaft-
licher Produktion und kapitalistischer Aneignung zum gewaltsamen
Ausbruch. Der Warenumlauf ist momentan vernichtet; das Zirku-
lationsmittel, das Geld, wird Zirkulationshindernis, alle Gesetze der
Warenproduktion und Warenzirkulation werden auf den Kopf ge-
stellt. Die ökonomische Kollision hat ihren Höhepunkt erreicht;
die Produktionsweise rebelliert gegen die Austausch-
weise, die Produktionskräfte rebellieren gegen die
Produktionsweise, der sie entwachsen sind.“

Auch diese Krisentheorien von Marx und Engels betonen also
mit Nachdruck die periodische Wiederkehr dieser wirtschaftlichen
Störungen. Es war dies eine Auffassung, wie sie damals weithin
herrschend war und wie wir ihr auch .heute noch häufig, wenn auch
zum Teil in anderer Gestalt, begegnen.

Bezeichnet man die Zeit, in welcher sich dieser Auf- und Nieder-
gang im Wirtschaftsleben abspielt, mit John Mills1) ausManchester
als Kreditperioden, und nimmt ,man ihre Dauer erfahrungsgemäß mit
rund zehn Jahren an, so kann man innerhalb derselben immer wieder-
kehrend eine ziemlich gleichartige Entwicklung beobachten. „In
den ersten Jahren wird ein flauer Handel und geringe Arbeitsgelegen-
heit zu beobachten sein, die Preise werden sinken, der Zinsfuß tief
stehen, und es wird viel Armut geben. Alsdann werden drei Jahre
voll tatkräftigen, gesunden Lebens kommen, verbunden mit mäßig
steigenden Preisen, einem gemäßigten Zinsfuß, guter Arbeitsgelegen-.

1) Transactions of the Manchester Statistical Society 1867/68. On Cre-
dit Cycles and the Origin of commercial Panics. Cit. nach J e v o n s, The
Periodicity of Commercial Crisis and its Physical Explanation. Investi-
gations in Currency and Finance. London 1884.
        <pb n="33" />
        ﻿27

2. Die neueren Krisentheorien.

heit und besseren Kreditverhältnissen. Hierauf folgen mehrere Jahre
mit übermäßig gesteigertem Handelsgetriebe, die in eine Gründer-
periode oder Spekulationswut auslaufen und mit einem Zusammen-
bruch endigen. Dieser Zusammenbruch wird den letzten Teil der
zehn Jahre ausfüllen, so daß die ganze Kreditperiode sich in folgen-
der Weise durchschnittlich darstellen wird“:

1., 2. und 3.	4., 5. und 6.	7. und 8.	9.	10.
Jahr	Jahr	Jahr	Jahr	Jahr
Flauer	Gesunder	Erregter	Gründer-	Zusammen-
Handel	Handel	Handel	politik	bruch

„Es ist nicht anzunehmen, daß die Dinge gerade einen so regel-
mäßigen Verlauf wie den obengeschilderten nehmen, zuweilen dauert
die Periode nur neun, oder gar nur lacht Jahre, anstatt zehn, zuweilen
treten kleinere Gründerperioden und Krisen im Verlauf einer Kredit-
periode auf und stören ihre Regelmäßigkeit. Trotzdem ist es auf-
fallend, wie häufig der große Zusammenbruch am Ende der Periode
auftritt, trotz Krieg, Frieden und anderer Einflüsse.“

Wir sehen hier bereits gewisse Ansätze dazu, die Entwicklung
der Konjunkturen in ihrem ganzen Zusammenhänge zu betrachten,
eine Art der Auffassung, wie sie dann in neuerer Zeit ganz all-
gemein durchgedrungen ist.

2.	Die neueren Krisentheorien und die Erforschung
des Konjunkturwandels.

Seit der Zeit, in welcher diese eben dargestellten Theorien auf-
kamen, hat, so etwa bis zum Beginne unseres Jahrhunderts, die Krisen-
theorie und die Erforschung der Konjunktur keine nennenswerten
weiteren Fortschritte gemacht. , Je nach den wirtschafts- und sozial-
politischen Anschauungen wurde in der Diskussion über diese
Fragen manchmal die eine, dann wieder die andere der oben dar-
gestellten Erklärungen in den Vordergrund gestellt. Erst mit dem
Beginn des 20. Jahrhunderts ist in dieser Hinsicht ein großer Fort-
schritt eingetreten. Das Wesen dieses Fortschritts lag vor allem in
einer ganz neuen Betrachtungsweise. Den äußeren Anlaß dazu boten
die wirtschaftlichen Störungen, welche gleich zu Beginn dieses Jahr-
hunderts, vor allem lauch in Deutschland, eingetreten sind. In den
vorangegangenen Jahren hatte sich die deutsche Wissenschaft weniger
mit der Erklärung solcher Krisen aus allgemeineren Ursachen
heraus, sich weniger auch mit einem gründlichen Studium des
ganzen Konjunkturwandels beschäftigt, als in induktiv beschreiben-
        <pb n="34" />
        ﻿28

Erster Abschnitt. Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen.

der Weise lediglich eine Darstellung und Entwicklung der damals
auftretenden Krisen gegeben. ,

Schon der Historiker der Krisen, M. Wirth, hatte in seinem
Buche über die Geschichte der Handelskrisen die Theorie so gut wie
nicht berührt, nur den Ausbruch und Verlauf dieser Krisen darge-
stellt und fast alle anderen Arbeiten, welche in dem Menschenalter
1870—1900 bei uns über die Krisen erschienen sind, hatten sich in
den gleichen Bahnen bewegt1). Von den älteren Theorien war es
vor allem die Unterkonsumtionstheorie, welche in dieser Zeit einen
größeren Einfluß ausgeübt hat. Man hat auch damals vielfach
geglaubt, daß mit dem Aufkommen der Kartelle und einer dadurch
ermöglichten besseren Organisation der industriellen Produktion ein
starker Schutz vor dem Eintreten neuer Krisen liege. t

Ein wesentlicher Fortschritt all dem gegenüber trat also erst mit
der Jahrhundertwende in Anknüpfung an die damals eingetretene
schwere Wirtschaftskrise ein. Der Fortschritt in der Betrachtung lag
dabei vornehmlich in einem Doppelten: einmal darin, daß durch die
umfassenden Untersuchungen des Vereins für Sozialpolitik die Entwick-
lung des deutschen Wirtschaftslebens in den letzten Jahren vor Ein-
tritt der Krise und dann deren Formen und Wirkungen für die
einzelnen Erwerbszweige eine eingehende Darstellung gefunden haben.
Was das Wichtigste aber war, war dies, daß nicht nur das Eintreten
der Krise und ihre Wirkungen, sondern auch die ganze Entwicklung
geschildert wurde, welche zu ihrer Entstehung geführt hatte. Es
handelte sich also in diesen auch noch heute überaus lehrreichen
Untersuchungen im wesentlichen um. eine Darstellung der Konjunk-
turentwicklung in Deutschland in dem Jahrzehnt 1890—1900* 2).

Im engen Anschluß an diese Untersuchungen ist dann aber auch
die ganze theoretische Forschung auf eine neue und breitere Grund-
lage gestellt worden. Man suchte nun nicht mehr die Krise als solche,
den Zusammenbruch des Wirtschaftslebens allein für sich zu er-
klären, sondern man begann den ganzen Ablauf der Konjunktur,
Aufschwung und Niedergang, in ihrer Entstehung und gegenseiti-
gen Verknüpfung: zu untersuchen. Schon in dem eben gegebenen
Schema von John Mills zeigten sich ja schwache Ansätze zu einer
solchen Betrachtungsweise. Seit dieser großen Wirtschaftskrise zu
Beginn des Jahrhunderts ist eine reiche und wertvolle Literatur über

x) Die wichtigste hierher gehörige Literatur ist am Schlüsse des fol-
genden Abschnittes, der die Entwicklung der Konjunktur in Deutschland
schildert, genannt.

2) Der in dem Bande 105 der Vereinsschriften abgedruckte Fragebogen
der diesen Untersuchungen zugrunde gelegen hat, ist für diese Betrachtungs-
weise besonders kennzeichnend.
        <pb n="35" />
        ﻿2. Die neueren Krisentheorien.

29

diese Frage entstanden, durch welche unsere Kenntnis dieser wich-
tigen Zusammenhänge sehr bereichert worden ist. Eine kurze Über-
sicht über einige der wichtigsten dieser neueren Erklärungsversuche
soll zeigen, worin das Wesentliche dieses Fortschrittes bestanden hat.

Eine gewisse Beziehung zu der älteren Auffassungs- und Be-
trachtungsweise, welche vor allem die Zeit und die Ursachen des
Niederganges, also die eigentliche Krise, erklären wollte, hat die
Krisentheorie von Tugan-Baranowsky, auf welche zuerst kurz
eingegangen werden soll. Sie steht auch in keinem Zusammenhänge
mit. den damaligen Störungen im deutschen Wirtschaftsleben, sondern
baut vor allem auf den Erfahrungen des englischen Wirtschaftslebens
auf. Die Auffassung Tugan-Baranowskvs berührt sich auf der einen
Seite sehr enge mit den Lehren der klassischen Nationalökonomie,
denn er hält an dem Grundgedanken der Lehre von James Mill,
Ricardo und Say fest, daß sich in der Gesamtsumme Angebot und
Nachfrage auf dem Warenmärkte decken müssen. Auf der anderen
Seite hat er als Sozialist sehr enge Berührungspunkte mit den Lehren
des Sozialismus, vor allen mit denjenigen von ,Karl Marx. Er hält
auch an der Lehre von der Periodizität der Krisen fest. Das
Wesentliche für die Entstehung der Krisen liegt für Tugan-Bara-
nowski in der Tatsache, daß, die verschiedenen Zweige der Produktion
sich nicht gleichmäßig entwickeln und daß sich hieraus dann Stö-
rungen ergeben.

„In Phasen des Aufschwunges wird das neue stehende Kapital
der Gesellschaft geschaffen. Die ganze gesellschaftliche Industrie
nimmt eine eigenartige Schichtung an. Die Erzeugung der Produk-
tionsmittel wird in den Vordergrund gerückt. Eisen, Maschinen,
Instrumente, Schiffe, Baumaterialien werden in viel größerer Menge
als früher gefordert und hergestellt. Am Ende ist das neue stehende
Kapital fertig; neue Fabriken, neue Schiffe, neue Häuser sind gebaut,
neue Eisenbahnlinien sind ausgeführt. Da vermindern sich aber die
Neugründungen. Die Nachfrage nach allen Materialien, welche die
Elemente des stehenden Kapitals bilden, erfährt eine Einschränkung.
Die Einteilung der Produktion hört auf, proportioneil zu sein, Ma-
schinen, Instrumente, Eisen, Ziegelsteine, Bauholz werden weniger
als früher verlangt, weil die Neugründungen abgenommen haben. Da
aber die Produzenten der Produktionsmittel ihr Kapital aus ihren
Unternehmen nicht herausziehen können, und zudem erfordert,
die Größe des angelegten Kapitals in Form der Bauten, Maschinen
usw. eine Fortführung der Produktion (sonst wirft das; müßig da-
stehende Kapital keine Zinsen ab), so entsteht eine Überproduktion
der Produktionsmittel. Infolge der Abhängigkeit aller Produktions-

Mombert, Stadium der Konjunktur.	3
        <pb n="36" />
        ﻿30

Erster Abschnitt. Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen.

zweige voneinander wird die partielle Überproduktion zu einer all-
gemeinen. Die Preise aller Waren sinken, und es tritt eine allgemeine
Geschäftsstockung ein.“ (S.249—50.)

Bei einer proportionellen Einteilung der gesellschaftlichen Produk-
tion müßte, wie Tugan-Baranowsky nachzuweisen sucht, auch die Nach-
frage eine entsprechende Erweiterung erfahren, da jede neuprodu-
zierte Ware eine neuerschienene Kaufkraft für die Erwerbung anderer
Waren bedeutet. Aus dieser, heute unvermeidlichen Disproportionali-
tät in der Entwicklung der einzelnen Produktionszweige ergibt sich
für ihn dann der unvermeidliche Widerspruch in der kapitalistischen
Produktion, daß die Konsumtion als bestimmender Faktor für das
Wirtschaftsleben so gut wie ganz zurücktritt und daß die Produktion
das beherrschende Moment der wirtschaftlichen Entwicklung wird.
Aus den Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise, aus
der Tatsache, daß die Produktionsmittel Personen gehören, welche an
der Produktion nicht teilnehmen, und aus der Planlosigkeit der
gesellschaftlichen Produktion müssen also heute diese Krisen ent-
stehen.

„Aus dem Vorhandensein dieses Widerspruches geht aber die be-
schränkte historische Rolle des Kapitalismus klar hervor; die
kapitalistische Gesellschaft ist eine Klassengesellschaft, die kapi-
talistische Organisation ist eine Wirtschaftsorganisation im Interesse
nicht der gesamten Bevölkerung, sondern nur ihrer unbedeutenden
Minorität — der Besitzer der Produktionsmittel. Daher muß die weitere
Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft zu ihrer Umwandlung in
eine höhere Form führen, die dieses Widerspruches entkleidet sein
wird. Die Organisation der Volkswirtschaft muß ebenso planmäßig
von einem einheitlichen Gedanken durchdrungen und im Interesse
ihres Subjekts, der Gesellschaft, aufgebaut werden, wie planmäßig,
zielbewußt und im Interesse ihres Subjektes die Privatwirtschaft
heute aufgebaut ist. Solche Wirtschaftsorganisation heißt aber So-
zialismus.“

Diese Disproportionalität der einzelnen Produktionszweige, die
sich im Verlauf der Hausse herausgebildet, eine Lehre, die sich in
ihren wichtigsten Bestandteilen bereits bei der klassischen National-
ökonomie vorfindet, bildet auch einen wesentlichen Bestandteil
anderer neuer Krisentheorieen, so vor allem von derjenigen von
Spiethoff. Dieser hat sich jedoch zum Teil andere Ziele gesetzt
als Tugan-Baranowsky. Ihm kommt es nicht so sehr darauf an,
die Krise als solche zu erklären, als vielmehr eine neue Analyse der
Hausse in ihren ganzen Gestaltungen und Wirkungen zu geben. Dieses
Streben geht vor allem von der neuerdings von manchen vertretenen
        <pb n="37" />
        ﻿2. Die neueren Krisentheorien.

31

Anschauung aus, daß gerade die Hausse das Anormale, die Depres-
sion dagegen das Normale in der wirtschaftlichen Entwicklung sei.
Die Zeit der Stagnation in der Volkswirtschaft sei von wirtschaft-
lichen Gesichtspunkten aus gar nicht so ungünstig zu beurteilen, sie sei
eigentlich der natürliche Zustand des modernen Wirtschaftslebens.
Die Hausse selbst zerfällt nach Spiethoff in vier Stadien:

„Der erste Einfluß der Hausse auf die Warenerzeugung besteht
darin, daß die vorhandenen Produktionsanlagen voll ausgenutzt
werden. Es folgt ein zweites Stadium, in dem neue Produktions-
anlagen geschaffen werden. Dies ist diejenige Periode, in der es sich
um ein wirkliches Knappsein von Kapitalien handelt. Die Neuan-
lagen verschlingen erhebliche Investierungen und bedingen einen
großen reproduktiven Konsum, ohne daß zunächst die Erzeugnisse des
erweiterten Reproduktionsprozeßes als Gegengewicht auftreten. Dies
geschieht in einem dritten Stadium, wo Neugründungen nicht nur als
Nachfrager, sondern auch als Anbieter erscheinen; es beginnt die
Zeit, in der die hohen Preise bereits gefährdet werden. Die letzte
Periode ist eine Umkehrung der zweiten, eine fieberhaft vermehrte
Produktion wirft ihre Erzeugnisse auf den Markt, ohne daß ihr ein
gleicher Verbrauch entspricht. Die Herleitung dieses Zustandes ist
das Entscheidende.“

Die Hausse und spätere Überproduktion kulminiert nicht in den
Produkten des elementaren, immittelbaren Verbrauchs, sondern in
denen der großen Industrien, die dem reproduktiven Konsum
dienen.“

Eine Grenze für diesen, während der Hausse gewaltig ange-
stiegenen reproduktiven Konsum ist jedoch nicht nur durch die Be-
dürfnisse gesetzt, sondern auch durch das zur Verfügung stehende
Kapital. Zunächst steht solches durch die in der Depression ange-
sammelten Vorräte in erheblicherem Umfange zur Verfügung, aber
in dem Maße, wie dieses Kapital langsam in die Produktion ein-
geht, muß dann immer wieder auf neugebildetes Kapital zurück-
gegriffen werden. Der reproduktive Konsum wird zunächst ins
Stocken geraten „durch Erledigung besonderer neuer oder aufge-
laufener alter Aufgaben, durch Aufbrauch des müßigen Kapitalvor-
rates, durch Nichtanpassung der Preise und dadurch Nichtgewinnung
neuer Absatzkreise sowohl für den reproduktiven wie für den
unmittelbaren Konsum“. Es treten noch andere Faktoren hin-
zu, welche diese Entwicklung verstärken helfen.

„Mit der extensiven Ausdehnung des Kreises von Einzel- und
Volkswirtschaften, die in steigenden intensiven Kontakt und arbeits-
teilige Abhängigkeit voneinander treten, .werden immer zahlreichere
        <pb n="38" />
        ﻿32

Erster Abschnitt. Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen.

Glieder in die Krisen verpachten, so daß ihr Geltungsbereich
extensiv erheblich zunimmt, und auch weiteste Kreise mit zunehmen-
der Extensität in ihren wirtschaftlichen Verhältnissen abhängig
werden von der allgemeinen Marktlage, von den Konjunkturen.“

Die dritte Theorie, auf welche hier noch etwas eingehender
eingegangen werden soll, ist diejenige Bouniatans. Seine Analyse
des Wirtschaftszyklus hat ihm gezeigt, „daß die Überkapitalisation
die Grundlage des Wirtschaftslebens bildet und daß diese Überkapi-
talisation aus der Akkumulationstendenz der Privatwirtschaften ent-
springt“. Die privatwirtschaftlichen Motive dieser Akkumulation
bieten einmal keine Garantie für eine ihr entsprechende Steigerung
der Konsumtion, sie schließen sie sogar vielfach aus. Bei denjenigen,
weiche im Kapitalbesitz nur das Mittel zur Erlangung von Macht und
höherer Stellung sehen, drängt dieser Zweck die konsumtiven Rück-
sichten vollständig, zurück. Diese Tendenz berührt zunächst die
Aufschwungsperioden mit den hohen Preisen und schließlicher Über-
produktion von Gütern. Dieser privatwirtschaftliche Ausgangspunkt
setzt sich auch weiter in der Produktion fort. Der Unternehmer
produziert nicht, um damit den Bedarf der Gesellschaft zu be-
friedigen, sondern um mit Men hergestellten Produkten einen Gewinn
zu erhalten. Es ist ihm immer nur um die Herstellung der Waren
zu tun.

Für die Entstehung der Krisen kommt in erster Linie die soge-
nannte Überkapitalisation in Betracht, d. h, die Volkswirtschaft wird
stärker mit Kapitalanlagen und Produktivkräften ausgerüstet, als
den vorhandenen Konsumtionsmöglichkeiten entspricht. Aus dieser
Tatsache ergibt sich eine Tendenz zu einer Überproduktion auf dem
Warenmärkte. Wenn die Konsumtion die steigenden Produktions-
mengen nicht mehr aufnehmen kann, muß unbedingt am Ende einer
Aufschwungsperiode, welche mit einer solchen Überproduktion ein-
geleitet wird, eine Stockung in den Absatzverhältnissen eintreten.
Es entsteht eine Spannung zwischen Produktion und Konsumtion,
welche ihren Ausdruck in einem Preisrückgang findet. Dieser Preis-
rückgang „erscheint als ein Mittel, die Widersprüche zwischen Kapi-
talisation, Produktion und Konsumtion aufzuheben oder wenigstens zu
mildern“. Mit Eintritt der Krise werden große Mengen von Kapital
brachgelegt. „Die periodischen Wirtschaftskrisen sind eigentlich
nichts anderes als Perioden gewaltsamer, plötzlich eintretender De-
kapitalisation von ungewöhnlichem Umfang, die sich nach Perioden
von forcierter, auf reproduktivem Konsum beruhender Kapitalisation
als notwendig erweisen.“ In der Depression beginnt nun die Kon-
sumtion als Folge einer Verbilligung der Preise zuzunehmen. In der
        <pb n="39" />
        ﻿2. Die neueren Krisentlieorien.

33

Depression wächst nach der Ansicht Bouniatans die Konsumtion im
Verhältnis zu der Größe/der Produktion. Gleichzeitig mit dieser Ent-
wicklung gehen Kapitalbeträge der Volkswirtschaft in den Konsum über.
Damit geht die vorhandene Überkapitalisation zurück, und so entsteht
die Tendenz, einen Gleichgewichtszustand zwischen der Größe der
Produktion und dem Bedarf der Gesellschaft herbeizuführen. Diese
Tendenz zur Überproduktion ist aus den genannten Gründen in der
gegenwärtigen Wirtschaftsordnung immer vorhanden. „Daher die Un-
stetigkeit des Wirtschaftslebens und der wirtschaftlichen Tätigkeit,
die bald aufwärts zum Aufschwung und zur Überproduktion, bald
abwärts zur Depression und zur Brachlegung von Produktivkräften
strebt. Das inhärente Streben der im Dienste der unumschränkten
Kapitalisation stehenden Produktivkräfte nach Entfaltung und die
Notwendigkeit, die Produktivität in Übereinstimmung mit der wenig
expansiven Konsumtion einzuschränken, erschweren die Erhaltung
des Gleichgewichts im Wirtschaftsleben und erzeugen seinen perio-
dischen Auf- und Niedergang.“

Neben diesen, bisher etwas eingehender dargestellten Theorien
und Erklärungen stehen noch manche andere, die in interessanter
und beachtenswerter Weise auf wichtige Zusammenhänge bei dem
Wandel der Konjunkturen hingewiesen haben. Auf sie soll deshalb
an dieser Stelle noch kurz eingegangen werden.

Der Franzose Aftalion macht den Versuch, durch Heranziehung
der subjektiven Wertlehre, mit Hilfe der Grenznutzentheorie die Mög-
lichkeit einer allgemeinen Überproduktion darzutun, ohne doch damit
in Widerspruch zu der oben dargelegten Theorie der Absatzwege von
Say zu geraten. Hatte Say eine solche allgemeine Überproduktion
doch für unmöglich erklärt! Aftalion meint, daß im Verlauf der
Hausse mit zunehmender Menge der den Verbrauchern zur Verfügung
gestellten Waren eine gewisse Sättigung des Bedarfes eintreten muß,
die zur Folge hat, daß ihr Gebrauchswert, d. h. ihr Grenznutzen eine
Verminderung erfährt. Ohne daß hierbei das Wertverhältnis dieser
Waren sich gegenseitig ändert, kann damit ein Sinken der Preise ein-
treten. In dem Maße, in dem bei den einen Waren so der Grenz-
nutzen zurückgeht, wird er bei anderen steigen müssen. Aber infolge
der langen Dauer des Produktionsprozesses kann dieser so steigende
Bedarf nicht befriedigt ;werden. In dem Maße nun, in welchem auf
dieser Grundlage die Preise auf dem Warenmärkte einen bestimmten
Betrag unterschritten haben, muß eine Überproduktion und damit,
eine Krise entstehen.

Hilf erdin g hält in ähnlicher Weise wie Marx und Tugan-
Baranowsky die Krise für ein Produkt der kapitalistischen Gesell-
        <pb n="40" />
        ﻿34

Erster Abschnitt. Die Erklärungen der Wirtschaftskrisen.

schaft, in welcher sich unvermeidlich ein Kreislauf von Prosperität
und Depression vollziehen müsse. Erst die Verwandlung der Pro-
dukte in Waren bewirkt die Abhängigkeit des Produzenten vom
Markte, die Trennung der Produktion von der Konsumtion und schafft
damit jenen anarchischen Zustand, der ein so wesentliches Merk-
mal der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist. In ihr ist die Pro-
duktion nicht mehr wie auf früheren Stufen des Wirtschaftslebens
abhängig von der Konsumtion, von der Größe des Bedarfes, sondern
von den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals. Die Produktion
dient nicht mehr der Bedarfsdeckung, sondern steht im Dienste dieses
Verwertungsbedürfnisses. In sehr lesenswerten Darlegungen sucht
Hilferding diese Zusammenhänge im einzelnen nachzuweisen.

Auch die scharfsinnige Konjunkturtheorie des schwedischen
Nationalökonomen Gustav Cassel sei hier noch kurz berührt.
Cassels Darlegungen zeichnen sich besonders dadurch aus, daß er
eingehend die Merkmale und Symptome des Konjunkturwandels
untersucht und seine Wirkungen auf die verschiedensten Seiten des
wirtschaftlichen und sozialen Lebens festsetzt. Es sind dies Zu-
sammenhänge, welche in den folgenden Abschnitten ebenfalls eine
eingehende Behandlung finden werden.

Eine der wichtigsten Ursachen des Konjunkturwandels ist für
Cassel die Änderung in der Höhe des Kapitalzinses. Die Krise ent-
steht für ihn aus einem akuten Mangel an Kapital, und von dieser
Auffassung ausgehend, wendet er sich folgerichtig gegen die von den
Sozialisten vertretene Auffassung, daß mit einer Beseitigung des
kapitalistischen Unternehmertums diese Konjunkturschwankungen
fortfallen müssen. , Denn, da nach der Meinung Cassels diese
Schwankungen, und Störungen damit Zusammenhängen, daß das vor-
handene Kapital nicht ausreicht, die materiellen Fortschritte zur
Durchführung zu bringen, so liegt kein Grund vor, anzunehmen,
warum dieser Widerstreit nicht auch in einer Wirtschaftsordnung
eintreten kann, in welcher die Produktionsmittel im Besitze der Ge-
samtheit sind. Denn auch in einer solchen Wirtschaftsordnung
ist mit der Möglichkeit zu rechnen, daß die Seite des reproduktiven
Konsums einen zu starken Ausbau erfährt, und wo dies der Fall
ist, muß sich immer von einem bestimmten Punkte ab als Folge eines
eintretenden Kapitalmangels eine Umbiegung der Konjunktur nach
unten ergeben.

Es besteht für Cassel eine enge Wechselwirkung zwischen Zins-
fuß und Konjunkturbewegung. Ein hoher Zinsfuß muß den Wert
des festen Kapitals vermindern und Verluste bringen. Damit wird
die Möglichkeit, weiterhin festes Kapital zu produzieren, erheblich
        <pb n="41" />
        ﻿3. Erscheinungsformen und Arten der Krisen.

35

herabgesetzt. Das ist dann nur noch bei Unternehmungen möglich,
welche einen besonders hohen Gewinn versprechen. Somit muß
durch diesen Einfluß eines hohen Zinsfußes und durch die dadurch
hervorgerufene Abnahme der Produktion von festem Kapital eine
vorhandene Hochkonjunktur zu Ende gehen und sich in eine De-
pression umwandeln.

Umgekehrt liegt es dann bei der Entstehung einer aufsteigen-
den Konjunktur aus der Depression. Während der letzteren ist der
Zinsfuß ein niedriger, und damit wird die Inangriffnahme von Unter-
nehmungen rentabel, welche dieses bei hohem Zinsfüße nicht wären.
„Wenn z. B. eine Eisenbahn, von der man einen jährlichen Netto-
ertrag von 400000 Mark berechnet, 10 Millionen Mark Anlagekosten
erfordert, kann sie, solange der Zinsfuß 5 °/o beträgt, nicht gebaut
werden. Wenn aber der Zinsfuß bis 3 o/0' heruntergeht, wird das
Unternehmen lohnen und wird auch aller Wahrscheinlichkeit nach
verwirklicht werden.“

Wenn wir in den folgenden Abschnitten den Ablauf der Kon-
junkturen, ihre Merkmale und Symptome kennen gelernt haben, wird
sich dann noch Gelegenheit bieten, auf diese verschiedenen Theorien
und Erklärungsversuche zurückzukommen.

3.	Erscheinungsformen und Arten der Krisen.

Solche wirtschaftlichen Störungen können in sehr verschiedenen
Formen und in sehr verschiedenem Umfange auftreten. Auch ihr Aus-
gangspunkt kann ein verschiedener sein. Sie können nur einzelne
Teilgebiete des Wirtschaftslebens umfassen, sie können sich auf das
ganze Wirtschaftsleben eines Landes oder auch gleichzeitig auf
das mehrerer Länder erstrecken. Der Rückgang der Konjunktur, be-
ziehungsweise das Eintreten der Krise, kann auf von außen kommen-
den Ursachen beruhen. Beides kann aber auch auf Ursachen
zurückzuführen sein, die mit dem inneren Gefüge des Wirtschafts-
lebens im Zusammenhänge stehen. Der Ausgangspunkt einer solchen
Störung kann im Gebiete der Güterproduktion, aber auch auf
demjenigen des Geldmarktes, oder dem Markte der Wertpapiere
(Börse), liegen. Auch die Wirkungen solcher Störungen können sich
entweder auf ihr Ausgangsgebiet beschränken, was jedoch sehr selten
vorzukommen pflegt, oder mehr oder weniger auf das ganze Wirt-
schaftsleben übergreifen. Man wird sagen können, daß unter all
diesen Gesichtspunkten kaum eine Krise einer anderen gleicht, daß
jede einen besonderen Typ' für sich darstellt.

So ist man dazu gekommen, um ein einigermaßen ordnendes
Prinzip in diese Mannigfaltigkeit hineinzutragen, diese verschiedenen
        <pb n="42" />
        ﻿36 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches'

Typen in ein System einzuordnen, eine Systematik der Krisen auf-
zustellen. Es liegt nach dem Gesagten auf der Hand, daß die Auf-
stellung einer solchen Systematik unter den verschiedensten Ge-
sichtspunkten möglich ist. Die beiden folgenden Aufstellungen geben
solche Übersichten, wie sie von Bouniatan und Sombart auf-
gestellt worden sind.

Bouniatan teilt ein in:

I.	Allgemeine Wirtschaftskrisen.

II.	Spezielle Wirtschaftskrisen.

1.	Krisen der Verkehrsmittel.

a)	Geldkrise;

b)	Kreditkrise.

2.	Krisen des Wertverkehrs oder Handelskrisen:

a)	Krise des Güterverkehrs oder Handelswarenkrise;

b)	Krise des Kapitalverkehrs oder Börsenkrise.

3.	Krisen der Güterproduktion:

a)	Industriekrise;

b)	Agrarkrise.

Sombart dagegen unterscheidet folgende Typen:

A.	Krisen als persönliche Schuldtatsache.

B.	Krisen als Naturtatsache.

C.	Krisen als Gesellschaftstatsache.

I. Privatwirtschaftliche Krisen.

II.	Finanzkrisen.

III.	Volkswirtschaftliche Krisen.

1.	Einfache Absatzkrisen.

2.	Kapitalkrisen.

a)	Primäre Kapitalkrisen.

b)	Sekundäre Kapitalkrisen.

a)	Handelskrisen.

b)	Produktionskrisen.

Eine andere Einteilung hat neuerdings Spiethoff versucht. Er
teilt ein in Spekulationskrisen, Wertpapierbörsenkrisen, Warenhan-
delskrisen, Erzeugungs-Gründung-Kapital- und Kreditkrisen. Eine von
ganz anderen Gesichtspunkten ausgehende Einteilung hat Röpke
gegeben. Seine Systematik der Konjunkturen erfolgt nach drei Rich-
tungen: 1. nach ihrer räumlich-branchemäßigen Ausdehnung: totale
und partielle Konjunkturen; 2. nach ihrer zeitlichen Schwinguugs-
dauer: kurz- und langwellige Konjunkturen; 3. nach ihren Ur-
sachen: exogene und endogene Konjunkturen.

Jede dieser Einteilungen hat für sich wieder einen besonderen Er-
kenntndswert; denn jede geht von anderen Gesichtspunkten dabei aus.
        <pb n="43" />
        ﻿3. Erscheinungsformen und Arten der Krisen.

37

Literatur.

1.	Bergmann, Wirtschaftskrisen. Geschichte der nationalökonomi-
schen Krisentheorien. Stuttgart 1895. — Herkner und Tugan-Bara-
nowsky, a. a. 0. — Ausgewählte Lesestücke zum Studium der politischen
Ökonomie. Herausgegeben von Diehl und Mombert. Bd. 7, Wirtschafts-
krisen. 2. Aufl. Karlsruhe 1920. — In diesem Bande sind die wichtigsten
der älteren Krisentheorien, welche oben besprochen worden sind, abgedruckt.

2.	Fischer, Das Problem der Wirtschaftskrisen im Lichte der neuesten

nationalökonomischen Forschung. Karlsruhe 1911. — Spiethoff, Bei-
träge zur Theorie und Analyse der allgemeinen Wirtschaftskrisen. Leip-
zig 1905. — Ders., Vorbemerkungen zu einer Theorie der Überproduktion.
Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft. Jahrg. 26. —
Tugan-Baranowsky, a. a. 0. — Bouniatan, a. a. 0. .1. Band, Wirt-
schaftskrisen und Überkapitalisätion. München 1908. — Aftalion, Les
crises pöriodiques de surproduktion. Paris 1913.	— Hilferding

Das Finanzkapital. Marx-Studien. Bd. 3. Wien 1910.	4. Abschnitt:

Das Finanzkapital und die Krisen. — Pohle, Bevölkerungsbewegung, Ka-
pitalbildung und periodische Wirtschaftskrisen. Göttingen 1902. — Les-
cure, Des crises generales et periodiques de surproduction. — Vogel,
a. a. 0. — Cassel, Theoretische Sozialökonomie. Leipzig 1918. 4. Buch:
Theorie der Konjunkturbewegungen. — Schumpeter, Theorie der wirt-
schaftlichen Entwicklung. Leipzig 1912. 6. Kapitel: Das Wesen der Wirt-
schaftskrisen. — Lexis, Allgemeine Volkswirtschaftslehre. Leipzig 1910.
Kap. 15: Die Krisen. — Für weitere Literatur sind heranzuziehen: SoUr-
bar t, in Bd. 105 der Schriften des Vereins für Sozialpolitik. — Herk-
ner und D ieh 1 - M ombert, a. a. 0. — Bouniatan, Les Crises öcono-
miques. Aus d. Russischen. Paris 1922. — Schumpeter, Die Wellen-
bewegung des Wirtschaftslebens. Archiv für Sozialwissenschaft, Band 39. —
Röpke, Die Konjunktur. Jena 1922.

3.	Bouniatan, a. a. 0. — Sombart, Versuch einer Systematik
der Wirtschaftskrisen. . Archiv für Sozialwissenschaft. Bd. 19. 1904. —
Spiethoff, Die Krisenarten. Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und
Volkswirtschaft. Bd. 42. 1918. — Röpke a. a. 0.
        <pb n="44" />
        ﻿Zweiter Abschnitt.

Der Ablauf der Konjunktur in Deutschland seit der
Begründung des Reiches.

1.	Bis zum Beginn des großen Krieges.

In diesem Abschnitt soll nur eine kurze Übersicht über den Ab-
lauf der Konjunktur in Deutschland bis zum Beginn des Krieges ge-
geben werden. Das statistische Material wird erst in dem folgenden
Abschnitte zur Darstellung kommen. Denn es empfiehlt sich, die
Merkmale und Symptome der Konjunktur auf den einzelnen Gebieten
des wirtschaftlichen und sozialen Lebens voneinander getrennt zu
behandeln, also systematisch darzustellen und nicht in die geschicht-
liche Betrachtung einzugliedern.

Nach der Gründung des Reiches begann ein gewaltiger wirt-
schaftlicher Aufschwung einzusetzen, dessen wirtschaftliche und
psychologische Ursachen aus den damaligen Verhältnissen heraus
leicht zu verstehen sind.

„So brachte nach dem deutsch-französischen Kriege allein der
phantastische Gedanke, daß nach einer so ungeheuren Betätigung
seiner militärischen Kraft Deutschland auch einen entsprechenden
Aufschwung auf wirtschaftlichem Gebiete nehmen müsse, die un-
bestimmte Ahnung einer großen nationalen Zukunft, kurz, das er-
höhte Selbstgefühl des deutschen Volkes, eine Spannung der wirt-
schaftlichen Kräfte hervor, die eine Steigerung aller Werte zur
unmittelbaren Folge hatte. Der Wert des Grundeigentums in Stadt
und Land schnellte in die Höhe; die Staatspapiere und sonstigen
Anlageeffekten stiegen im Preis; — dies waren Erscheinungen, die
auch ohne den Milliardenzufluß erklärlich gewesen wären und auch
ohne denselben stattgefunden hätten. Mit der Wertsteigerung des
Grund und Bodens sowohl wie des mobilen Eigentums, mußte not-
wendig ein Steigen der Lebensmittelpreise und der Mietpreise Hand
in Hand gehen, und nichts war natürlicher und gerechtfertigter, als
daß nun auch die Arbeiter mit erhöhten Lohnforderungen auftraten
und solche, bei dem überall herrschenden vollkräftigen Vertrauen in
die Zukunft leicht durchsetzten1).

D Stöpel, Die Handelskrisis in Deutschland. Frankfurt a. M. 1875.
Seite 20.
        <pb n="45" />
        ﻿1. Bis zum Beginn des großen Krieges.

39

An zahlreichen Maßstäben kann man noch heute das Tempo und
den Umfang dieses wirtschaftlichen Aufschwunges feststellen. Allein
innerhalb der drei Jahre von 1871—73 nahm die Einwohnerschaft
Berlins um 114000 Köpfe, d. h. [um fast den sechsten Teil der Be-
völkerung zu. Es entstand eine große Wohnungsnot, welche eine
riesige Steigerung der Mietpreise im Gefolge hatte. Eine wesentliche
Ursache dieser gewaltigen, allenthalben einsetzenden Preissteigerung
hing auch mit der großen französischen Kriegsentschädigung und
der so wenig zweckmäßigen Art ihrer Verwendung zusammen. Frank-
reich hatte 4,2 Milliarden Mark an Deutschland zu zahlen gehabt.
Ein sehr großer Teil dieses Betrages wurde dazu verwandt, damit
Staatsanleihen zu tilgen. Es hatte dies die Wirkung, daß damit große,
bisher in solchen Wertpapieren angelegte Kapitalbeträge frei wurden
und nun vor allem Anlage in Dividendenpapieren, deren Kurs-
steigerung dadurch sehr begünstigt wurde, suchten. Damit war aber
auch den nun in so großem Maße einsetzenden Neugründungen Tür
und Tor geöffnet. Gleichzeitig kam noch hinzu, daß die Menge der
Umlaufsmittel infolge einer unzweckmäßigen Geldpolitik der dafür
maßgebenden Instanzen sehr stark stieg, was aus bekannten Gründen
über den Umweg einer Geldentwertung zu einer weiteren Steigerung
der Preise und der Kurse der Dividendenpapiere beitrug.

Neben zahlreichen anderen Gründen, die das Aufkommen einer
Hochkonjunktur begünstigten, spielte damals noch das im Jahre 1870
in Kraft getretene Aktiengesetz dabei eine wichtige Rolle. Es ließ
nämlich den Gründern neuer Gesellschaften fast völlig freie Hand
und hat ganz wesentlich dazu beigetragen, daß in diesen Jahren zahl-
reiche schwindelhaft© Unternehmungen ins Leben gerufen werden
konnten. Von Mitte des Jahres 1870 bis Mitte des Jahres 1873 wurden
in Deutschland 958 Aktiengesellschaften mit einem Kapital von 3600
Millionen Mark gegründet. Allein im Jahre 1872 wurden an der
Berliner Börse die Aktien von 63 Banken eingeführt und in dem
gleichen Jahre in das Berliner Handelsregister 144 neue Gesellschaften
mit einem Kapital von 363 Millionen Mark eingetragen. Jm folgen-
den Jahre kamen noch 72 weitere Gesellschaften hinzu. Von vielen
Seiten erfolgten nachdrückliche Warnungen vor dieser Gründungs-
wut. Schon Ende Oktober 1871 schrieb die Frankfurter Zeitung:
„Wir stehen inmitten, wenn nicht gar erst im Anfänge einer Periode,
in der die Leichtgläubigkeit sich wieder einmal Luftschlösser auf-
baut, die bei mangelndem Fundament bei dem ersten Windstoß zu-
sammenbrechen müssen.“	t

Diese Voraussage sollte sich nur allzubald bewahrheiten. Nach-
dem sich schon vorher in Form einer Anspannung auf dem Geld- und
        <pb n="46" />
        ﻿40 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

Kapitalmarkt« deutliche Zeichen einer bevorstehenden Wendung
gezeigt hatten, kam es im Jahre 1873 von Wien ausgehend, wo eben-
falls die Gründungswut alles erträgliche Maß überschritten hatte,
zur Katastrophe. Am 8. Mai 1873 wurden allein an der Wiener
Börse 78 Insolvenzen erklärt. Nach einer kurzen, vorübergehenden
Erholung übertrug sich der Krach auch auf Deutschland, vor allem
auf die Berliner Börse, wo Gründungen und Spekulation ungehemmt
ihre Orgien hatten feiern können. Die Börsenkurse gingen stark
zurück, es erfolgten zahlreiche Zusammenbrüche, die sehr rasch die
ganze Volkswirtschaft in Mitleidenschaft zogen. Der stolze Bau,
welchen die Spekulation aufgerichtet hatte, brach zusammen.

In Berlin bewegte sich der Kurs der wichtigsten Bankaktien
in der folgenden Weise: am

	30. 6. 72	30. 6. 73	30. 6. 75
Diskontogesellschaft		314	225	106
Deutsche Bank		210	164	102
Berliner Handelsgesellschaft .	.	182	140	00
Leipziger Kreditanstalt ....	195	163	105
Schaaffhausenscher Bankverein .	174	149	67

Die Berliner Handelsgesellschaft mußte im Jahre 1876 den
ganzen Reingewinn von über 2 Millionen und die ganzen Reser-
ven mit über 3 Millionen Mark zu Abschreibungen verwenden, der
Schaaffhausensche Bankverein mußte im Jahre 1878 sein Aktien-
kapital von 48 auf 36 Millionen Mark Zusammenlegen, nachdem
schon vorher seine Reserven in der Höhe von 9 Millionen Mark
verbraucht worden waren.

Seit dem Jahre 1884 hat dann ein strengeres Aktienrecht den
Gründungsprozeß in solidere Bahnen gelenkt und die Ansammlung
größerer Reserven vor allem durch die Bestimmung erzwungen, daß
das Agio neuer Aktien von da ab den Reserven zugeführt werden
mußte.

Die Zahl der Hochöfen, welche in Preußen in Betrieb waren,
ging in den Jahren 1874—76 von 465 auf 230 zurück, in der Periode
von 1873—76 sank die Menge des erzeugten Roheisens von 181,5
auf 87,3 Millionen Tonnen, die Zwangsverkäufe auf dem Berliner
Grundstücksmarkt nahmen um über das zwölffache zu. Nach
Oechelhäuser betrugen die durchschnittlichen Kurse, bzw. Dividen-
den, der an der Berliner Börse notierten Bergwerks- und Hütten-
gesellschaften:
        <pb n="47" />
        ﻿1. Bis zum Beginn des großen Krieges.

41

Bei den alten, vor 1870 ge- | Bei den neuen, nach 1870 ge-
gründeten Gesellschaften || gründeten Gesellschaften

Jahre	Dividende	Kurs	Dividende	Kurs
1870	7,08 »/„	103	-°lo	—
1871	9,58 „		8,83 „	—
1872	15,69 „	206	10,80 „	111
1873	19,23 „		i	7,02 „	—
1874	9,96 „	125	2,91 „	54
1875	71	85	i	”	35
In	etwa der gleichen Zeit, zum		Teil aber auch etwas später,	

zeigte sich auch in anderen Staaten ein erheblicher Rückgang der
bis dahin guten Konjunktur. In den Vereinigten Staaten kam es
im Zusammenhang mit einer Eisenbahnkrise zu schweren Erschütte-
rungen des Wirtschaftslebens und in England brach im Jahre 1878
eine Krise in der Baumwollindustrie und bald darauf eine solche
im Eisenhüttengewerbe aus. Es war vor allem die amerikanische
Eisenbahnkrisis, welche sich bei dem starken deutschen Besitz an
amerikanischen Eisenbahnwerten auch in Deutschland erheblich
fühlbar machte.

Die wirtschaftliche Depression, welche sich an diesen jähen Um-
schwung anschloß, dauerte etwa bis zum Jahre 1878. Erst von da
ab lassen sich schwache Anzeichen eines wirtschaftlichen Auf-
schwungs erkennen. Immerhin kann man auch in den ganzen fol-
genden Jahren nicht von einem ausgesprochenen Aufschwünge reden,
man wird vielmehr besser daran tun, davon zu sprechen, daß sich
das deutsche Wirtschaftsleben langsam in diesen Jahren von den
Nachwirkungen dieser großen Krise erholen konnte, eine Erholungs-
periode, welche aber dann in den achtziger Jahren durch mancherlei
Krisen in anderen Staaten, so durch eine solche in Frankreich im
Jahre 1882, dann durch eine solche, welche von Süd- und Mittel-
amerika ausging, mancherlei Störungen erlitten hat.

In diesen ganzen Jahren, vor allem zu Beginn der achtziger
Jahre, hat Deutschland eine erhebliche Auswanderung gehabt.
Ist doch eine große Auswanderung immer auch als Symptom un-
günstiger wirtschaftlicher Zustände im Mutterlande zu (betrachten
Der Menschenverlust, den Deutschland durch diese Auswanderung
erlitten hat, betrug in den Jahrfünften

1871—75 319 750 Köpfe	1880—85 980 215 Köpfe

1875—80 381 181	„	1885—90 329 110	„

Die Gründe liegen ja auf der iHand, weshalb man gerade in der
Wanderbewegung ein wichtiges Symptom der wirtschaftlichen Lage
        <pb n="48" />
        ﻿42 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

eines Landes erblicken kann. Auch die Häufigkeit der Eheschlie-
ßungen, die ebenfalls mit der wirtschaftlichen Lage eines Landes in
sehr engem Zusammenhänge steht, war in diesem Zeitraum eine sehr
geringe. Auch noch an zahlreichen anderen wichtigen Merkmalen
kann man in dieser Zeit deutlich erkennen, daß man in Deutschland
bis in die Mitte der neunziger Jahre hinein wohl von einer Erholung,
auch von einer Besserung in der Lage des Wirtschaftslebens, aber
keineswegs von einem ausgesprochenen Aufschwung reden konnte.
Das geht aus der folgenden Übersicht deutlich hervor. Es betrug
im Durchschnitt der Jahre:

	1881 bis 85	1886 bis 90	1891 bis 95	1896 bis 00	1901 bis 05	1906 bis 10]
Der Umsatz im deutschen Außen- handel in Millionen Mark .	.	6200	6638	7141	8011	11124	15111
Die Güterbeförderung auf den deutschen Eisenbahnen Mül. t	157	218	260	358	422	532
Der Umsatz der Reichsbank in Milharden Mark . . . . .	73	109	121	189	251	354
D.Verbrauchp.Kopf f Steinkohlen	1121	1320	1416	1802	1861	2157
in kg an . . . J Roheisen .	79	100	104	162	174	219
Die Ausfuhr von Fabrikaten in Millionen Mark		1730	2063	2013	2539	3306	4425
Die Einfuhr von Rohstoffen für In- dustriezwecke in Millionen Mark	1247	1502	1721	2329	2899	4647

Man erkennt aus diesen wenigen Ziffern, in denen sich der
Gang des deutschen Wirtschaftslebens jener Zeit wiederspiegelt,
wie langsam der Aufschwung des deutschen Wirtschaftslebens bis in
die Mitte der neunziger Jahre hinein gewesen ist, und daß erst
von diesem Zeitpunkte ab der Aufschwung in einem wesentlich
schnelleren Tempo erfolgte.

Zwar gab es auch in den ^achtziger Jahren Zeiten, in denen
die wirtschaftliche Entwicklung für kurze Zeit wenigstens sehr stark
nach oben ging, in denen sich z. B. eine lebhafte Spekulation und
eine starke Hausse in Industrieaktien zeigt. Das war z. B. am Ende
der achtziger Jahre' der Fall. Von einem ausgesprochenen Auf-
schwung der Konjunktur, welcher sich über einen längeren Zeit-
raum erstreckte, konnte jedoch hierbei keine fiede sein.

Wie die eben gegebenen Zahlen bereits gezeigt haben, setzte
ein solcher Aufschwung erst von der Mitte der neunziger Jahre ab
ein. Das gilt von fast allen europäischen Staaten, ganz besonders
aber für Deutschland. Man hat deshalb schon mit Recht das Jahr-
fünft 1895—1900 als eine der glänzendsten Konjunkturperioden des
Jahrhunderts bezeichnet. Zu Beginn der neunziger Jahre war es
vor allem die Unsicherheit in den handelspolitischen Verhältnissen,
        <pb n="49" />
        ﻿1. Bis zum Beginn des großen Krieges.

43

die eine wirkliche Aufwärtsbewegung nicht in Gang kommen ließ.
Erst als mit dem Abschluß der großen Handelsverträge eine gewisse
Sicherheit und Ruhe in das Wirtschaftsleben hineinkam, konnte
dieses anders werden. Wenige Zahlen sollen die Tatsachen dieses
Aufschwunges in dem genannten Zeiträume zeigen:

Es betrug in den Jahren

1895

1900

Die Zahl der Eheschließungen auf 1000 Einwohner ....

Der Wandergewinn 1895—1900 .............................

Die Förderung von Steinkohlen Millionen Tonnen ....
Die Förderung von Braunkohlen „	„	....

Die Produktion von Roheisen	„	„	.	. .	.

Der Umsatz der Reichsbank Milliarden Mark...............

Der Umsatz im deutschen Außenhandel Millionen Mark .	.

Die Einfuhr an Rohstoffen für Industriezwecke Millionen Mark
Die Ausfuhr an Fabrikaten Millionen Mark .......

8,0

8,5

+ 26 969

79,17

24,79

5,43

121

7670

1805

2280

109,29
40,5
8,47
189
10 796

2	803

3	087

Es waren jedenfalls auch zahlreiche äußere Faktoren gewesen,
welche an der Entstehung dieses großen Aufschwunges beteiligt
gewesen sind. Herkner weist dafür auf die staunenswerte Ent-
faltung der Elektrotechnik, auf die Steigerung der Goldproduktion
in Südafrika, in Australien und im Klondykegebiet, auf die Er-
weiterung der ostasiatischen Märkte, auf die Beendigung des chine-
sisch-japanischen Krieges, auf die Verbesserung der wirtschaftlichen
Beziehungen zu Rußland, auf den Ausbau der sibirischen Bahn, auf
die zahlreichen Kleinbahnunternehmungen in Deutschland, und auf
die großen, in jener Zeit erfolgenden Bestellungen von Seiten der
Staatsbahnen, der Heeres- und Marineverwaltung, sowie der kom:
munalen Körperschaften hin.

Man darf in diesem Zusammenhang als Haussemoment auch
nicht an dem gewaltigen Bevölkerungszuwachs Vorbeigehen, den
gerade in dieser Zeit Europa und besonders auch Deutschland, er-
fahren hat. Die beiden folgenden kleinen Aufstellungen sollen davon
ein Bild geben:

Es betrug in den nachstehend. Jahren Es betrug d.Volkszunahme in Deutsch-
die Bevölkerung Europas in Millionen land im Durchschnitt folgender Jahre

1870	305,4	1890	362,9	1881 bis 1885	324 400
1875	316,8	1895	378,9	1886 „ 1890	519 600
1880	331,7	1900	400,6	1891 „ 1895	570 400
1885	346,9			1896 „ 1900	817 400

Nicht nur, daß, wie wir später noch genauer kennen lernen
werden, das Auf und Ab im Wirtschaftsleben einen sehr starken Ein-
fluß auf die Entwicklung und die Bewegung der Bevölkerung aus-
übt, auch das Umgekehrte ist der Fall. Die Volkszahl und das Volks-
        <pb n="50" />
        ﻿44 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

Wachstum eines Landes üben einen tiefgehenden Einfluß auf den
Güterverbrauch und damit auch auf die Güterproduktion aus. Unter
gewissen wirtschaftlichen Voraussetzungen, welche in dieser Zeit
zweifellos gegeben waren, bedeutet eben jeder Mensch mehr auch
eine entsprechende Vermehrung von Arbeitskraft, hier geht im all-
gemeinen das Maß der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines
Volkes mindestens parallel seinem Wachstum.

„Wo aber bereits gewisse Fortschritte der Technik und Wirt-
schaft stattgefunden haben, wo es nicht mehr wie auf früheren
Stufen sich um ein Nebeneinander-, sondern um ein Ineinander-
arbeiten der Menschen handelt, wo jede Zunahme der Bevölkerung
ein relativ stärkeres Fortschreiten auf diesen Wegen ermöglicht,
eine relativ immer stärkere Ausnutzung der natürlichen Kräfte eines
Landes gestattet, da ist es möglich, und auch oft genug der Fall
gewesen, daß die Produktivkraft des Einzelnen wächst mit der Zu-
nahme der Bevölkerung. Das ist vor allem dort der Fall, wo das
Wachstum der letzteren ein Volk dazu zwingt, um der Wirkung des
Gesetzes vom sinkenden Ertrag zu entgehen, sich den Produktions-
zweigen zuzuwenden, wo, wenigstens bis heute, die Mehrverwendung
von Kapital und Arbeit zu steigenden Erträgen führt. Hier kann es
dann wirklich zeitweilig der Fall sein, daß jeder Volkszuwachs eine
relativ stärkere Steigerung der Produktionsleistungen bewirkt. Dieser
Umstand hat in hohem Maße dazu beigetragen, daß gerade in den
letzten Jahrzehnten in den führenden Industriestaaten jene gewal-
tige Zunahme des Wohlstandes und Reichtums möglich war, ;wie sie
frühere Zeiten nie gekannt haben.“1)

In einer Zeit, wie vor allem in der zweiten Hälfte der neunziger
Jahre, wo das Wirtschaftsleben allenthalben so gewaltige Fort-
schritte in technischer und organisatorischer Hinsicht machte, da
mußte eine solche Vermehrung der Kaufkraft und Arbeitsfähigkeit,
wie sie in einer solch großen Volkszunahme steckte, zweifellos einen
Faktor darstellen, welcher belebend auf die Konjunktur einwirken
konnte. Hat doch, wie die starke Einwanderung fremder Arbeits-
kräfte nach Deutschland in dieser Zeit zeigt, die eigene Arbeitsfähig-
keit der Bevölkerung nicht einmal ausgereicht, die vorhandenen
technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen auszunutzen. Es
sei nur darauf hingewiesen, daß in diesem Jahrfünft von 1895—1900
Deutschland zum ersten Male in diesem Jahrhundert einen Über-
schuß der Ein- über die Auswanderung aufwies und daß sich in * II.

U Mombert, Bevölkerungslehre. Im Grundriß der Sozialökonomik.

II. Abteilung. 2. Aufl. Tübingen 1923.
        <pb n="51" />
        ﻿1. Bis zum Beginn des großen Krieges.

45

diesem Zeitraum die Zahl der in Deutschland ansässigen Reichs-
ausländer von 486190 auf 778698 vermehrt hat.

Die glänzende Konjunktur dieser Periode äußerte sich vor allem
auch in einer starken Erhöhung der Preise und Löhne, in einer er-
heblichen Zunahme der Gewinne, vor allem in Handel und Industrie.
Der Bruttogewinn der deutschen Kreditbanken stieg vom Jahre 1895
(97 Banken) auf 1900 (118 Banken), von 158,9 auf 262,0 Millionen
Mark. Die Inanspruchnahme des Kapitalmarktes war eine ganz ge-
waltige. Bewegte sich auch alles jetzt in wesentlich solideren Bahnen
als in der ersten Hälfte der siebziger Jahre, so wurden auch jetzt
wieder zahlreiche neue Unternehmungen gegründet, alte erweitert
Die folgende Zusammenstellung gibt nach den Angaben des deutschen
Ökonomist ein Bild dieser Neugründungen.

	Neugegründete Aktiengesellschaften	
(n den Jahren	Zahl	Nominalkapital Millionen Mark
1895	161	250
1896	182	298
1897	214	380
1898	254	463
1899	329	544
1900	261	344

Mit diesem zunehmenden Kapitalbedarf begann eine erhebliche
Steigerung des Zinsfußes einzusetzen, das Interesse des Publikums
wandte sich immer mehr den industriellen Werten zu und vernach-
lässigte in zunehmendem Maße den Markt der Staats- und Kommunal-
anleihen. In dem Maße, in dem die Aktienkurse stiegen, fielen die.
Kurse dieser letztgenannten Papiere. Es sind das Zusammenhänge,
die wir im folgenden Abschnitte noch genauer kennen lernen werden.

Die ersten Anzeichen zu einem Umschwung der Kon-
junktur zeigten sich bereits am Ende des Jahres 1899, als die
Reichsbank ihren Diskontsatz auf 7 o/o erhöhte und damit ein ernstes
Warnungssignal aufrichtete. Schon vorher war bei vielen Industrie-
aktien ein Kursrückgang erfolgt. In den Geschäftsberichten ein-
zelner Unternehmungen für das Jahr 1899 fanden sich bereits deut-
liche Hinweise darauf, daß der Höhepunkt der Konjunktur wohl schon
überschritten sei und in Artikeln vom 10. und 11. April 1900 warnte
die Frankfurter Zeitung, wenn auch nicht zum ersten Male, und er-
mahnte das Publikum, seine Engagements an der Börse auf ein
vernünftiges Maß zurückzuführen: „Wenn erst die Konjunktur greif-
bar und empfindlich nachzulassen beginnt, ist es für solche Abwick-

Mombert, Studium der Konjunktur.	4
        <pb n="52" />
        ﻿46 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

lungen in der Regel zu spät, weil nachher nicht eine neue Käufer-
schicht zu finden ist, und viele der jetzt begehrten Papiere dann oft
sogar zu stark reduzierten Preisen schwer anzubringen sein dürften“.

Das Jahr 1900 sah dann auch diesen Umschwung der Konjunk-
tur in einer solchen Schärfe und einem solchen Ausmaße eintreten,
daß man in dem oben dargelegten Sinne durchaus von einer Wirt-
schaftskrise sprechen kann. Einige knappe Zahlen sollen diesen
Umschwung charakterisieren.

Es betrug in den Jahren	1899	1900	1901	1902
Die Zahl d. Eheschließungen auf 1000 Einwohner	8.5	8,5	8,2	7 9 107474
Die Steinkohlenproduktion in 1000 Tonnen . .	101640	109220	108539	
Die Roheisenproduktion in 1000 Tonnen . . .	8094	8470	7833	8485
Der Preis einer Tonne Roheisen in Mark .	. .  Die Produktion in den Schweißeisenbetrieben	55,62	64,32	62,15	53,16
Wert in Millionen Mark	  Von den Ausgaben d. freien Gewerkschaften ent-	177,7	170,5	119,5	114,7
fielen in Prozenten auf Arbeitslosenunterstützg.	5	6	14	16
Die Zahl der neuangemeldeten Konkurse . . Der Güterverkehr auf den vollspur. Eisenbahnen	7742	8558	10569	9826
in Millionen tkm		32098	33660	31921	33200

An den allerverschiedensten Merkmalen also, die sich noch
leicht vermehren ließen, sieht man, wie mit der Jahrhundertwende
die gute Konjunktur abbricht und einer Depression Platz macht.
Fast überall gingen die Erträge der industriellen Unternehmungen
zurück, es fanden große Arbeiterentlassungen statt, Teile von in-
dustriellen Anlagen mußten mehr oder weniger außer Betrieb gesetzt
werden, zahlreiche Unternehmungen brachen zusammen.

Mit dem Jahre 1902 begann sich dann di© Lage bereits wieder
leicht zu bessern und in den beiden folgenden Jahren machte diese
Besserung weitere und stärkere Fortschritte. Wenn diese Krise rela-
tiv leicht und schnell überwunden werden konnte, so hing dies vor
allem auch damit zusammen, daß in den Vereinigten Staaten von
Amerika die wirtschaftliche Lage eine günstige blieb. Damit war für
die deutsche Industrie die Möglichkeit gegeben, in diesen Jahren
den Absatz ihrer Erzeugnisse auf dem amerikanischen Markte aus-
zudehnen, auch in den Zeiten, als selbst bei sinkenden Preisen ihre
Erzeugnisse in Deutschland schwer Abnehmer finden konnten. Wie
wir später noch sehen werden, lassen sich diese Zusammenhänge
an den Daten der deutschen Handelsstatistik deutlich erkennen.
In diesen Krisenjahren nahm die Ausfuhr an Fabrikaten aus Deutsch-
land erheblich zu, während die Einfuhr an Rohstoffen für Industrie-
zwecke sehr stark zurückging. Während noch im Jahre 1899 der
Überschuß der Fabrikatausfuhr über die Einfuhr an Industrie-
        <pb n="53" />
        ﻿1. Bis zum Beginn des großen Krieges.

-17

rohstoffen dem Werte nach nur 105 Millionen betragen hatte, stieg
dieser Überschuß im Jahre 1902 auf 529 Millionen Mark. Für den
neuen Aufschwung, der nun einsetzte, waren es aber vor allem auch
äußere Faktoren, welche dabei in Frage kamen. Der Anstoß zu dieser
.Besserung der Konjunktur ging in erster Linie von der Landwirt-
schaft aus. Die Erträgnisse der Ernte waren in den Jahren 1902
bis 1904 sehr gute gewesen. Calwer1) hat nach den durchschnitt-
lichen Preisen den Wert der gesamten deutschen Ernte für Roggen,
Weizen, Spelz, Gerste, Hafer und Kartoffeln berechnet. Dieser
Wert betrug in Millionen Mark in den Jahren:

1900	= 4211,04	1903 — 4590,09	1906 = 5406,61

1901	= 4063,37	1904 = 5206,73	1907 = 6781,70

1902	= 4220,56	1905 = 4703,95

Damit mußte von dem Jahre 1903 ab die Landwirtschaft für
Industrieprodukte wesentlich kaufkräftiger werden und damit mußten
der Industrie erhöhte Aufträge zufließen. So beginnt also von dem
Jahre 1903 ab sich die Konjunktur wieder aufwärts zu entwickeln
und dieser Aufschwung hielt bis zum Jahre 1907 an. Aus Gründen
des Raumes sollen nicht wie bisher die Symptome dieses Auf-
schwunges im einzelnen dargelegt werden. Es sei hier auf die Zu-
sammenstellungen des folgenden Abschnittes verwiesen. Hat die
Betrachtung an dieser Stelle doch nur den Zweck, eine kurze Über-
sicht über die Entwicklung der Konjunktur in Deutschland in den
letzten Jahrzehnten zu geben.

Diese gute Konjunktur währte bis zum Anfang des Jahres 1907,
nachdem schon am Ende des Vorjahres sich manche Symptome eines
beginnenden Umschwunges gezeigt hatten. Dieser Umschwung in der
Konjunktur und die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in
Deutschland \vurde noch dadurch verschärft, daß die Vereinigten
Staaten im Jahre 1907 ebenfalls von einer ausgesprochenen Wirt-
schaftskrise heimgesucht wurden. In diesem Jahre trat in Amerika
aus Gründen, welche hier im einzelnen nicht darzulegen sind, eine
seit langem nicht mehr dagewesene Versteifung auf dem Geldmarkt
ein, an der Newyorker Börse stieg der Satz für tägliches Geld bis
auf 22 o/o, eine gewaltige Panik an der Börse und starke Kursstürze
auf dem Markt der Industriepapiere waren die Folge. Bei den engen
Beziehungen, welche in wirtschaftlicher Hinsicht zwischen den Ver-
einigten Staaten und Europa bestanden, vor allem auch mit Deutsch-
land, mußten sich die Wirkungen dieser Krise auch hierher über-
tragen. Es geschah dies vor allem in der Weise, daß Amerika auf
den europäischen Geldmärkten Hilfe suchte, Europa Gold zu ent-

J) Calwer, Das Wirtschaftsjahr 1905. Bd. 1.
        <pb n="54" />
        ﻿48 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches

ziehen begann und dadurch die europäischen Notenbanken zwang,
zum Schutze ihres Goldbestandes ihren Diskontsatz zu erhöhen. Die
deutsche Reichsbank mußte am 7. November 1907 mit ihrem Satze
bis auf 71/2 °/o heraufgehen. Die Depression hielt das ganze Jahr
1908 hindurch noch an und erst im Jahre 1909 zeigten sich Ansätze
zu einer Besserung.

Dieser Rückgang der Konjunktur hatte einen ganz anderen
Charakter, als derjenige in den siebziger Jahren und um die Jahr
hunderlwende. Von einer Krise konnte man jetzt in Deutschland
nicht sprechen, nur von einem Rückgang oder einem Abflauen der
Konjunktur. Weder war die Kurve der Hochkonjunktur so steil
angesliegen, wie es in den früheren Perioden der Fall gewesen war,
noch war auch dann bei dem Rückgang der Abfall der Kurve ein
so plötzlicher und jäher gewesen. Die Wellenlinien des Konjunktur-
ablaufes hatten zweifellos ein flacheres Gepräge angenommen.

Die Ansätze, welche sich bereits im Jahre 1909 zu einer Besse-
rung zeigten, bauten sich dann im Jahre 1910 weiter und stärker
aus, so daß man von diesem Jahre ab wieder von einem deutlichen
Aufstieg, welcher dann bis zum Jahre 1912 anhielt, reden konnte.
Eine ausgesprochene Hochkonjunktur ist jedoch erst in diesem Jahre
1912 eingetreten. Erst in diesem Jahre war die Industrie wieder bis
an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit beschäftigt, erst in diesem
Jahre trat wieder eine besonders starke Preissteigerung und eine
besonders starke Erhöhung der Jndustriegewinne ein.

Wie so häufig im Ablauf der Konjunkturen, waren es auch hier
mit in erster Linie die überaus hohen Preise, vor allem bei Industrie-
rohstoffen und Halbfabrikaten, an denen der Fortgang dieser gün-
stigen Konjunktur scheitern mußte. Es fehlte, vor allem auch im
engen Zusammenhang mit der in dieser ganzen Periode eingetretenen
Steigerung der unmittelbaren Lebenskosten, der Masse des Volkes die
Kaufkraft, um auf die Dauer als &gt; Abnehmerin von Industrieerzeug-
nissen bei solch hohen Preisen auftreten zu können. So sehr auch
in diesen Jahren die deutsche Ausfuhr an Fabrikaten gestiegen war,
so wenig konnte sie das ersetzen, was aus dem genannten Grunde der
innere Markt an Absatzmöglichkeiten nicht bieten konnte.

Eine Hauptursache der regen Beschäftigung der Industrie, welche
im Verlaufe einer jeden aufsteigenden Konjunktur auftritt, war die
Herstellung neuer Produktionsmittel und neuer technischer Anlagen
für Neugründungen und Betriebserweiterungen gewesen.. Es han-
delte sich also hier um eine Beschäftigung für den reproduktiven
Konsum. Wir haben jedoch schon oben gesehen, daß es in der
Natur der Sache liegt, daß die Beschäftigung der Industrie für solche
        <pb n="55" />
        ﻿1. Bis zum Beginn des großen Krieges.	____49

Neuanlagen einmal an einen toten Punkt kommen muß. Das muß
dann der Fall sein, wenn der 'Absatz an Fertigfabrikaten, der
Verbrauch an Genußgütern, ein verlangsamtes Tempo annimmt, also
im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit der Industrie ins Stocken
gerät, wie es damals der Fall gewesen ist, als infolge der steigenden
Preise und der Verteuerung der unmittelbaren Lebenshaltung die
Kaufkraft der Bevölkerung zu erlahmen begann. Von einer weiteren
Ursache, welche nach der gleichen Richtung hin wirksam ist und
die auch damals ohne Zrveifel hemmend auf den Weitergang dieser
günstigen Konjunktur eingewirkt hat, dem damals vor allem auch
in Deutschland stark einsetzenden Kapitalmangel, wird weiter unten
noch die Rede sein.

Als rein äußeres Moment, das den Abbruch dieser günstigen
Konjunktur noch beschleunigte, kam damals noch der Balkankxieg
hinzu, der zu erheblichen Störungen an der Börse, zu starken
Kursstürzen und erheblichen Diskonterhöhungen führte. Das Jahr
1913 sah in Deutschland eine vollständige Depression fast in allen
Erwerbszweigen. Absatz und Preise gingen zum Teil erheblich zu-
rück, die Gewinne der Industrie und damit auch die Kurse der Divi-
dendenpapiere erlitten einen starken Rückgang. Nur ganz wenige
Industrien, wie vor allem die chemische und die elektrische In-
dustrie, machten davon eine Ausnahme.

Auch bei diesem letzten Wandel in der Konjunktur läßt sich die
gleiche Beobachtung machen, wie bei dem Konjunkturrückgang im
Jahre 1907. Auch im Jahre 1913 hat es sich nur um ein Abflauen
der Konjunktur gehandelt, ohne daß man von einer Krise im aus-
gesprochenen Sinne reden kann. Man hat schon mit Recht als Er-
gebnis dieser Entwicklung davon gesprochen, daß die Tendenz auf
eine Nivellierung der Konjunkturkurve hinziele. „Der Abstand
zwischen Tiefst- und Höchstpunkt wird geringer, die Senkungen
bringen nicht mehr einen so jähen Absturz, weil auch die Hebungen
nicht mehr ein so wildes Emporschnellen bringen1)“.

Wenn man bisher bei der Betrachtung und Beobachtung der
Konjunktur von Hausse und Baisse, von einer günstigen und un-
günstigen Entwicklung gesprochen hat, so hat man immer die Sach-
lage vom Standpunkte des Produzenten aus betrachtet, dabei aber
doch auch immer angenommen, daß in dieser Hinsicht das Interesse
des Produzenten mit dem Interesse der ganzen Volkswirtschaft Hand
in Hand gehe. Zwar gibt es im eigentlichen Sinne keine Volkswirt-
schaft als solche. Wir haben es in der heutigen Organisation von

U Feiler, Die Konjunkturperiode 1907—1913 in Deutschland. Jena
1914. Seite 167.
        <pb n="56" />
        ﻿50 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

Gesellschaft und Wirtschaft nur mit Privatwirtschaften zu tun, mit
einzelnen Erwerbswirtschaften, welche jedoch durch die mannig-
fachsten äußeren und inneren Bande zusammengehalten und ver-
bunden, sich unserem geistigen Auge als ein Ganzes, eben als das
darstellen, was wir als Volkswirtschaft bezeichnen.

Die günstige oder ungünstige Seite bei den Wandlungen der Kon-
junktur zeigt sich demgemäß in erster Linie an dem wirtschaft-
lichen Erfolge der einzelnen Erwerbswirtschaften. Der Absatz ist
ein guter, die Preise sind lohnend, Unternehmergewinn und Divi-
denden gehen in die Höhe, die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist eine
günstige, die Löhne weisen eine steigende Tendenz auf, die Verkehrs-
unternehmungen des Staates ergeben steigende Erträge und das
gleiche gilt auch von den Einnahmen der öffentlichen Körper-
schaften an Verbrauchs- und Verkehrsabgaben und an Steuern aus
Vermögen und Einkommen, wenn die Konjunktur nach oben geht.
In der Hausse ist die Arbeitsfähigkeit eines Volkes in allen seinen
Schichten weit angespannter und regsamer als in den Zeiten der
Depression, oft angespannt bis zum höchsten Grade der Leistungs-
fähigkeit, Fabrikanlagen, Maschinen und sonstige Produktionsmittel
werden in der Hausse voll und bis zum äußersten ausgenutzt,
ohne daß es an Mitteln fehlte, für entsprechende Abschreibungen
und für Ersatz der abgenutzten Anlagen Sorge zu tragen. Die ver-
mehrte Güterproduktion schafft nicht nur dem Einzelnen steigende Ein-
nahmen und Gewinne, auch das Volk als Ganzes, die ganze Volks-
wirtschaft wird damit reicher und stärker. Dieser Erfolg ist für die
Gesamtheit um so bedeutsamer und nachhaltiger, je weniger der sich
dann einstellende Rückgang in der Prosperität sich in Form eines jähen
und plötzlichen Absturzes mit großen Verlusten auf allen Seiten, d. h.
in der Form einer ausgesprochenen Krise, vollzieht.

Soweit dieses in dem eben dargelegten Maße der Fall ist, und
im allgemeinen war es in der betrachteten Zeit die Regel gewesen,
gingen privatwirtschaftliche und volkswirtschaftliche Interessen Hand
in Hand. Das Aufsteigen der Konjunktur, die Prosperität des Wirt-
schaftslebens, hatte hier für den privaten Unternehmer die gleiche
Bedeutung, wie für die ganze Volkswirtschaft. Soweit in diesem
Sinne privatwirtschaftliche und volkswirtschaftliche Interessen Hand
in Hand gingen, mußte dies vom Standpunkt beider aus betrachtet,
ein idealer Zustand sein. Dabei sei an dieser Stelle ganz davon
abgesehen, daß diese Regel an manchen Punkten von Ausnahmen
durchbrochen wurde, daß diese Harmonie zwischen Privatwirtschaft
und Volkswirtschaft keineswegs eine lückenlose gewesen ist. Es
würde an dieser Stelle zu weit führen, im einzelnen darzulegen, nach
        <pb n="57" />
        ﻿1. Bis zum Beginn des großen Krieges.

öl

welchen Richtungen hin solche Gegensätze bestanden haben und
möglich sind. Es sei nur kurz hervorgehoben, daß der tiefste
Kern dieses Gegensatzes darin liegt, daß der einzelne Unternehmer als
solcher kein unmittelbares Interesse an der Menge und an dei
Beschaffenheit der von ihm erzeugten Brauchbarkeiten hat, daß ihm
die Güterproduktion vielmehr nur ein Mittel ist, einen möglichst großen
Ertrag zu erzielen. Das Handeln des Unternehmers ist auf das
Erzielen einer größtmöglichen Rentabilität eingestellt. Die Frage ist,
ob dieses Ertrags-und Rentabilitätsbestreben auch immer dazu führt, in
der Volkswirtschaft unter gegebenen Verhältnissen die größtmögliche
Menge an Brauchbarkeiten in möglichst vollkommener und nach-
haltiger Form zu erzeugen. Denn die Aufgabe der volkswirtschaft-
lichen Arbeit ist es ja, die Bedarfsdeckung des Volkes in möglichst
vollkommener Weise durchzuführen, und es ist die vielumstrittene
Frage, auf welche hier nicht weiter eingegangen werden kann, ob
der Rentabilitätsgedanke der privaten Erwerbswirtschaft dieses Ziel
in der denkbar vollkommensten Weise erreicht, oder ob es eine
andere Organisation der Volkswirtschaft gibt, welche diesem Ziele
besser gerecht wird. Für die betrachtete Zeit wird man aber jeden-
falls trotz mancher Ausnahmen im ganzen sagen können, daß in
ihr eine solche Harmonie bestanden hat1).

Diese frühere Harmonie wird uns ganz besonders deutlich zu
Bewußtsein kommen, wenn wir die Konjunkturentwicklung betrachten,
wie sie sich während des Krieges und nach dem Kriege bei uns ge-
staltet hat. Wenn für diese Zeit eines feststeht, so ist es dies, wie
wir gleich noch genauer sehen werden, daß hier von einer solchen
Übereinstimmung privatwirtschaftlicher und volkswirtschaftlicher In-
teressen keine Rede sein konnte.

Wenn wir nun zusammenfassend die Konjunkturentwicklung in
Deutschland seit der Mitte der neunziger Jahre bis zum Beginn des
Krieges betrachten, so kann man etwa die folgende Reihe aufstellen;

1897—1900 Günstige Konjunktur,	1908—1909 Depression,

1900—1903 Depression,	1910—1912 Günstige Konjunktur

1904—1907 Günstige Konjunktur,	1913—1914 Depression.

1) Über diesen Gegensatz habe ich eingehender gesprochen in meiner
Schrift: Die Gefahr einer Übervölkerung für Deutschland. Tübingen 1919.
Seite Ö4ff. Vgl. dazu auch Liefmann, Grundsätze der Volkswirt-
schaftslehre. 2. Band. 1919. S. 455 ff. Die Kapitalbildung und das Krisen-
problem. Liefmann weist hier darauf hin, daß in der Hausse durch An-
wendung billigerer uind neuerer Produktionsverfahren eine zu starke Verv
nichtung vorhandenen Kapitals durch dieses neu investierte stattfinden kann
und daß damit die Möglichkeit gegeben ist, daß hierbei das Streben der
Einzelwirtschaft nach größtem Gewinn und das volkswirtschaftliche Interesse
nach größter Wohlstandsförderung auseinandergehen können.
        <pb n="58" />
        ﻿52 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

Es wurde oben ausdrücklich etwa gesagt, weil es sich bei
einer solchen Reihe doch nur um eine ziemlich rohe Aufeinanderfolge
handeln kann. Weder waren die Perioden der günstigen Konjunktur
und Depression in sich irgendwie gleichartig und vergleichbar, noch
lassen sie sich auch ohne weiteres in solch glatten Jahresperioden
zeitlich gegeneinander ahgrenzen. Die Einteilung nach Jahren bildet
ein höchst rohes Verfahren, um den Ablauf der Konjunkturen zeitlich
zu charakterisieren. Handelt es sich doch hier um Zustände des Wirt-
schaftslebens, die häufig ineinander übergehen, ohne daß es dabei
möglich wäre, einen scharfen und glatten Schnitt an dem Punkte zu
ziehen, an dem die eine Periode anfängt und die andere aufhört.
Bei der Betrachtung der Symptome und Merkmale der verschiedenen
Konjunkturen werden wir später von dieser Einteilung, so mangel-
haft sie auch unter den eben dargelegten Gesichtspunkten ist, Ge-
brauch zu machen haben,.

3.	Die Konjunktur während und nach dem Kriege.

Es ist schon mit Recht hervorgehoben worden, daß die Kon-
junkturverhältnisse während und nach dem Kriege einen ganz einzig-
artigen Charakter aufweisen und daß sich wirtschaftlicher Auf-
schwung und wirtschaftlicher Niedergang in dieser Zeit nach keiner
Richtung hin mit den entsprechenden Verhältnissen der Vorkriegszeit
vergleichen lassen. Es wird eine der Hauptaufgaben der folgenden
Zeilen sein, auf diese Unterschiede einzugehen und auf das einzig-
artige dieser neuesten Entwicklung der Konjunktur hinzuweisen. Es
ist dabei wesentlich einfacher, dies für die Zeit während des Krieges,
welche abgeschlossen hinter uns liegt, als für die Nachkriegszeit zu
tun. Denn für diese Zeit nach dem Kriege ist noch alles im Flusse
und die sehr verwickelten Zusammenhänge lassen sich hier noch keines-
wegs an allen Punkten mit der genügenden Klarheit überschauen.

Befrachten wir zunächst kurz die Konjunktur während
des Krieges. Es ist bekannt und braucht deshalb an dieser Stelle
nicht mit Zahlen belegt zu werden, daß während des Krieges, ganz
besonders aber auch in Deutschland, nach gewisser Richtung hin
eine ausgesprochene Hochkonjunktur geherrscht hat. Von einzelnen
Industriezweigen abgesehen, haben in dieser Zeit im allgemeinen
die Unternehmergewinne, Dividenden, Aktienkurse und Löhne eine
ganz erhebliche Steigerung erfahren. Ist man doch sogar so weit ge-
gangen, den recht merkwürdig klingenden Satz auszusprechen: „Der
Krieg ist vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus eine Hochkon-
junktur“!). Trifft dieses zu?

D Manns tae dt, Hochkonjunktur und Krieg. Jena 1917.
        <pb n="59" />
        ﻿2. Die Konjunktur während und nach dem Kriege.

53

Wir haben oben gesehen, daß eine der volkwirtschaftlich wich-
tigsten Seiten der Hochkonjunktur darin liegt, daß während dieser
Zeit die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes auf ihrem
Höhepunkt steht, daß keine Arbeitslosigkeit herrscht, niemand müßig
geht, daß alle Maschinen und sonstigen Produktionsmittel in voller
Tätigkeit sind und daß damit in einer solchen Zeit auch der Wohl-
stand des ganzen Volkes zunimmt. Wir werden das alles später noch
im einzelnen kennen lernen. Man wird also auch sagen können, daß
in solchen Zeiten einer günstigen Konjunktur, wenn auch mit Ein-
schränkungen, von denen oben bereits die Rede gewesen ist, die
Interessen der einzelnen Erwerbswirtschaften mit denen der Gesamt-
heit Hand in Hand gehen, daß man also in einer solchen Zeit nicht
nur von einer Hochkonjunktur für die einzelnen Erwerbswirtschaf-
teh, sondern auch für die ganze Volkswirtschaft reden kann.

Eine einfache Überlegung zeigt jedoch, daß trotz zahlreicher
äußerer Symptome einer solchen Hochkonjunktur, während des Krie-
ges von einer solchen Übereinstimmung privatwirtschaftlicher und
volkswirtschaftlicher Interessen keineswegs so allgemein die Rede
sein konnte. Es wurden zwar auch während des Krieges, von ein-
zelnen Industriezweigen abgesehen, die vorhandenen Produktions-
anlagen und Maschinen voll ausgenutzt, die Löhne stiegen, von einer
allgemeinen Arbeitslosigkeit war keine Rede, aber niemand wird
behaupten wollen, daß mit diesen äußeren Erfolgen der privaten Er-
werbswirtschaften eine wirtschaftliche Kräftigung und eine Zu-
nahme des Wohlstandes der ganzen Volkswirtschaft Hand in Hand
gegangen ist. Das deutsche Volk lebte eben in dieser Zeit in hohem
Maße von dem Verbrauch vorhandener Gütervorräte, vor allem an
Rohstoffen. Maschinen und sonstige Produktionsmittel wurden nicht
nur bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit ausgenutzt, sie wurden
vielfach abgenutzt, ohne daß im allgemeinen von einer entsprechen-
den Erneuerung hätte die Rede sein können. Das war nicht nur in
der Industrie der Fall, das gleiche gilt vielmehr auch für die Land-
wirtschaft. Man denke nur daran, was in der deutschen Landwirt-
schaft, vor allem an Vieh und sonstigen Produktionsmitteln, ohne Er-
satz verbraucht worden ist, oder man denke daran, in welchem Um-
fange durch Mangel an Düngemitteln und zureichenden Arbeits-
kräften zur Felderbestellung, ein Raubbau am Boden stattgefunden
hat, unter dessen Nachwirkungen wir ja jetzt alle noch zu leiden
haben.

Von einer Zunahme in der Leistungsfähigkeit der Volkswirt-
schaft , von einer Blüte derselben, von einem Aufschwung des ganzen
Wirtschaftslebens, wie wir ihn sonst bei guten Konjunkturen zu finden
        <pb n="60" />
        ﻿54 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

pflegen, konnte in dieser ganzen Zeit keine Rede sein. Von einer
volkswirtschaftlichen Hochkonjunktur wird man angesichts dieser
Tatsachen nicht reden dürfen. Dem gegenüber sehen wir aber
dann auf der anderen Seite die zweifellos äußerst günstigen Ver-
hältnisse zahlreicher Erwerbswirtschaften während dieser ganzen
Periode.

Wenn man diesen Gegensatz ins Auge faßt, dann wird man
ohne weiteres dazu kommen müssen, in dieser sogenannten Hoch-
konjunktur während der Kriegszeit einen ganz besonderen Konjunk-
turtyp zu erblicken, wie es ja auch bei den ganz einzigartigen Ver-
hältnissen dieser Periode gar nicht anders möglich sein konnte. Man
wird sagen können, daß wir während dieser Zeit wohl vielfach eine
privatwirtschaftliche, aber keine volkswirtschaftliche Hochkonjunk-
tur gehabt haben. Diese Unterscheidung bedarf einiger Erläuterungen:

Der Ausdruck, privatwirtschaftliche Hochkonjunktur, soll nur
die auf der Hand liegende Tatsache ausdrücken, daß während der
Kriegszeit, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, welche aus den
unmittelbaren Kriegsverhältnissen heraus zu erklären sind, die
privaten Erwerbswirtschaften durchaus die äußeren Symptome einer
Hochkonjunktur nach vielen Richtungen hin aufwiesen, ohne daß
dabei jedoch, wie bei sonstigen Hochkonjunkturen, die gesamte Volks-
wirtschaft an Wohlstand und innerer Stärke zugenommen hätte. Es
war vielmehr das Gegenteil der Fall.

Es ist auch nicht schwer zu ersehen, woher und warum dieser
Widerspruch gekommen ist. Es konnte dies nur deshalb der Fall sein,
weil ein so großer Teil der Nachfrage auf dem Gütermarkt während
dieser Zeit sich nicht auf Grund einer realen Kaufkraft vollzog,
d. h. nicht dadurch, daß dieser ganzen Kaufkraft jedes Mal eine ent-
entsprechende Verfügung über einen bestimmten Gütervorrat zugrunde
gelegen hätte. Diese Kaufkraft, aus welcher sich während dieser
ganzen Zeit die Nachfrage auf dem Gütermarkt zusammensetzte,
war vielmehr in hohem Maße eine künstlich geschaffene, eine fik-
tive. Ohne eine entsprechende Vermehrung der Güterproduktion
und des Gütervorrates wurde die Kaufkraft aus Gründen, die wir
gleich kennenlemen werden, künstlich gesteigert. Eine Schaffung
solch fiktiver Kaufkraft kann in verschiedenem Umfange eintreten.
In geringem Maße zeigt sich eine solche als Folge einer vermehrten
Kreditgewährung durch die Banken bei jeder Hochkonjunktur.

Während des Krieges jedoch hat diese fiktive Kaufkraft eine
ganz besondere Vermehrung durch die Milliardenanleihen des Reiches
und durch die starke Vermehrung des Papiergeldumlaufes erfahren.
Auf diesem Wege hat nicht nur das Reich selbst künstlich seine
        <pb n="61" />
        ﻿2. Die Konjunktur während und nach dem Kriege.

55

eigene Kaufkrait erhöht, seine auf diese Weise erhöhte Kaufkraft
übertrug sich dann auch durch die damit bewirkten Zahlungen
für Lieferungen, für Gehälter und Löhne, auf die weitesten Kreise der
Bevölkerung. So konnte nicht nur das Reich für seinen Bedarf jeden
Preis zahlen, auch für weite Teile des Volkes war auf diese Weise
die Möglichkeit geschaffen, aus dieser Quelle mittelbar ihre alte Kauf-
kraft entweder aufrecht zu erhalten oder noch über das frühere
Maß hinaus zu steigern.

In dem Maße, in welchem sich diese hier nur kurz geschilderte
Entwicklung vollzog, konnte sich ein großer Teil der Einzelwirt-
schaften bereichern, aber nur auf Kosten des Reiches. Denn dieses
mußte in dem Maße, als Einzelwirtschaft betrachtet, ärmer werden,
als seine Schuldenlast auf diese Weise anstieg. Das Volksvermögen
setzt sich eben aus dem Vermögensbesitz der privaten Wirtschaften
und demjenigen der öffentlichen Körperschaften zusammen. So
ist es auf einfache Weise zu erklären, daß gleichzeitig die privaten
Vermögen steigen können, ohne daß das Volksvermögen dabei eine
Zunahme erfährt, ja, daß dieses dabei noch sinken kann.

Hätte das Reich seine Kriegsausgaben mittels Steuern auf den
Verbrauch oder auf Einkommen und Vermögen gedeckt, so hätte
diese Wirkung einer solch künstlich aufgeblähten Kaufkraft nie ein-
treten können. Dann hätte sich eben das Reich nicht, wie es tat-
sächlich der Fall gewesen ist, eine solch künstliche zusätzliche
Kaufkraft geschaffen, seine Kaufkraft wäre vielmehr auf Kosten der-
jenigen der Einzelwirtschaften gestiegen. Dann wäre es aber auch un-
denkbar gewesen, daß gleichzeitig mit einer Verarmung der ganzen
Volkswirtschaft eine so große Zahl einzelner Erwerbswirtschaften
eine solche Hochkonjunktur hätten erleben können, wie es tat-
sächlich der Fall gewesen ist.

Mit diesen Verhältnissen während des Krieges weisen die Zu-
stände in der Nachkriegszeit manche Ähnlichkeiten auf. Auch
in dieser Nachkriegszeit treffen wir di© beiden schon während des
Krieges beobachteten Erscheinungen an: auf der einen Seite äußerst
günstige Verhältnisse zahlreicher privater Erwerbswirtschaften, hier
vielfach zeitweilig eine ausgesprochene Hochkonjunktur, ohne daß
auf der anderen Seite, genau wie während des Krieges, von einer
Zunahme des allgemeinen Volkswohlstandes die Rede sein könnte.
Wissen wir doch vielmehr alle, daß diese großen Gewinne zahl-
reicher Erwerbsgesellschaften, die großen Spekulationsgewinne an
der Börse und ähnliches, alles in einer Zeit stattgefunden hat, in
welcher von einer Blüte, einem Wohlergehen des deutschen Wirt-
schaftslebens keine Rede sein konnte. Hat man doch auch deshalb
        <pb n="62" />
        ﻿56 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

schon diese eigenartige Hochkonjunktur der Nachkriegszeit tref-
fend als Katastrophenhausse bezeichnet.

Zur Erklärung dieser Erscheinung dient einmal unschwer die Tat-
sache, daß in der ersten Zeit nach dem Kriege in noch weit stärke-
rem Maße als während des Krieges, durch die gewaltige Ausgabe
von Papiergeld, neue künstliche Kaufkraft geschaffen worden ist.
Dabei vollzog sich dieses während einer Zeit, in der noch unter
den Nachwirkungen des Krieges, unter dem Einfluß des großen
Kohlenmangels und des Fehlens der wichtigsten Rohstoffe die
Güterproduktion allenthalben weit geringer war, als in der Zeit
vor dem Kriege. Nur aus dieser Tatsache einer zu geringen Produk-
duktionsmöglichkeit aus Mangel an Kohle und Rohstoffen, ist es auch
zu erklären, weshalb gleichzeitig mit dieser günstigen Lage für die
privaten Erwerbswirtschaften dauernd eine nicht unerhebliche Ar-
beitslosigkeit in vielen Erwerbszweigen bestanden hat.

Dazu kam noch, daß im Zusammenhang mit dem ungünstigen
Stande der deutschen Valuta ein sehr großer Teil der deutschen
Gütererzeugung ins Ausland ging. Muß doch jede Valutaverschlech-
terung solange als Exportprämie wirken, bis sich die Inlandspreise
dem Weltmarktpreis angepaßt haben. Gemessen an der so künstlich
neu geschaffenen Kaufkraft bestand also aus diesen Gründen an
vielen Gütern ein zu geringes Angebot. Das Gleichgewicht zwischen
Produktion und Konsumtion, zwischen Angebot und Nachfrage, war
in ganz anderer Weise gestört, als es sonst bei Konjunktur-
störungen zu beobachten ist. Jetzt blieb das Angebot an Gütern
vielfach hinter der Nachfrage zurück. Daraus mussten sich erheb-
liche Preissteigerungen und erheblich steigende Gewinne in fast
allen Erwerbszweigen ergeben. Gleichzeitig nahmen aber die schwe-
benden Schulden des Reiches dauernd zu, so daß, wie oben dargelegt,
den steigenden Gewinnen der Erwerbswirtschaften keine Zunahme
des Volkwohlstandes entsprechen konnte.

Diese so eigenartige Störung des Gleichgewichtes zwischen
Produktion und Konsumtion, welche ein starkes Zurückbleiben
des Angebots gegenüber der Nachfrage bedeutete, hat dann die Stel-
lung des Produzenten seinen Abnehmern gegenüber in einem früher
nie gekannten Umfange gestärkt. Das kam nicht nur in der Ge-
staltung der Preise zum Ausdruck, sondern auch bei der Fest-
setzung der Lieferungs- und Zahlungsbedingungen, wie wir es ja
alle miterlebt haben1). i)

i) Die Frankfurter Zeitung gab in ihrem ersten Morgenblatt vom' 26. Au,
gust 1920 folgendes Beispiel dieser „zeitgemäßen“ Verkaufsbedingungen. Der
Verlag deutscher Glasgroßhändler (Spiegelglasgruppe), Krefeld, bestimmte in
        <pb n="63" />
        ﻿2 . Die Konjunktur während und nach dem Kriege

57

Mancherlei andere Faktoren kamen noch hinzu, welche diese
günstige Stellung des Produzenten noch stärken und damit weiter-
hin steigernd auf Preise und Gewinne wirken mußten. Es sei hier
an dieser Stelle nur auf die großen Valutagewinne hingewiesen,
welche bei der Ausfuhr gemacht wurden, Gewinne, die zum Teil
eine solche Höhe erreichten, daß ja zum Ausgleich dafür für viele
Waren eine Valutaabgabe eingeführt worden ist. Nach der gleichen
Richtung hin mußte auch die sogenannte Flucht vor der Mark und
das Streben wirksam sein, mehr oder weniger große Vermögens-
und Einkommensteile in Sachwerten anzulegen. Alle diese Fak-
toren mußten das an sich schon mangelnde Gleichgewicht zwischen
Produktion und Konsumtion noch verstärken helfen.

Einer der Hauptgründe, welcher die Riesenausgabe an Papier-
geld und damit die stetige Steigerung der künstlichen Kaufkraft not-
wendig machte, war die Tatsache, daß es nicht möglich gewesen
war, dem Reiche die erforderlichen Einnahmen aus Steuermitteln
zu beschaffen. Wäre dieses sogleich durchführbar gewesen, so hätte
hierdurch das Reich die Möglichkeit besessen, sich ohne eine solche
Ausgabe von Papiergeld die Mittel zu beschaffen seine Ausgaben
zu bestreiten. Dann hätte aber den so erheblich gestiegenen Aus-
gaben des Reiches infolge der damit eingetretenen Steuer-
belastung eine entsprechende Verminderung der Kaufkraft der Re-
völkerung gegenübergestanden. Dann hätte auch eine solche Stö-
rung des Gleichgewichtes zwischen Produktion und Konsumtion und
eine solche privatwirtschaftliche Hochkonjunktur niemals eintreten
können. Es sei nur auf die Milliardenausgaben des Reiches zur
Senkung der Lebensmittelpreise hingewiesen, Ausgaben, die ja alle
mit Papiergeld bestritten worden sind.

Freilich hingen auch diese großen Gewinne der einzelnen Er-
werbs wirtschaften, das sei hier nur kurz hervorgehoben, auch damit
zusammen, daß der Boden, Industrieanlagen und Produktionsmittel,
noch fortdauernd Goldmark repräsentierten, während sich die hohen
Gewinne und Dividendenausschüttungen in Papiermark, also in
entwertetem Gelde, berechneten. Wenn man sich diese Tatsache

seinen neuen Verkaufsbedingungen unter anderem: „Alle Angebote vom: La-
ger müssen freibleibend und ohne Verbindlichkeiten abgegeben werden. Für
alle Angebote, denen die Ausführung der Hütte zugrunde liegt, gelten die
Hüttenbedingungen: ohne Verbindlichkeit auf umgehende Zusage, vorbehalt-
lich der Annahme seitens der Hütten, der Lieferungs- und Transportmöglich-
keiten. Treten bis zur Ausführung Änderungen in Preisen oder Bedingungen
ein, so gelten die Preise und Bedingungen des Lieferungstages. Sind in-
dessen die am Tagoder Bestellung bei den Hütten gültigen Preise
höher gewesen als diejenigen des Lieferungstages, so gelten die am
Bestellungstage in Kraft gewesenen Preise.“
        <pb n="64" />
        ﻿58 Zweiter Abschnitt. Der Ablaut der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

vor Augen hält, dann wird man aber auch sagen können, daß diese
großen Gewinne, welche gemacht wurden, nur scheinbar so hoch
gewesen sind. Dann wird man aber auch nur in eingeschränktem
Sinne von einer privatwirtschaftlichen Hochkonjunktur, von über-
mäßig gestiegenen Aktienkursen oder von einer Börsenhausse
reden dürfen. Denn in all diesen Fällen wird man Gewinne und
Kurse der Dividendenpapiere in ihrer Höhe an der Verschlechterung
der Mark messen müssen.

Es ist hier eben ein doppelter Vergleichsmaßstab möglich und
je nachdem man den einen oder anderen anlegt, wird man auch zu
einem anderen Ergebnis kommen müssen.

Stellt man das einemal diese, in Papiermark ausgedrückten Ge-
winne und Börsenkurse der Tatsache gegenüber, daß diese Werten
gegenüberstanden, die Goldmark repräsentierten, daß man also Ge-
winne und Kurse während der Nachkriegszeit in ihrer Höhe nicht
einfach und schematisch mit denjenigen während der Vorkriegszeit
vergleichen darf, daß bei der Reduktion dieser Nachkriegsgewinne
und Nachkriegskurse auf Goldmark sich diese sehr bescheiden und
niedrig ausnehmen würden, so muß man es ablehnen, hier von einer
besonders günstigen Konjunktur der Erwerbswirtschaften zu sprechen.

Ganz anders gestaltet sich jedoch das Bild, wenn man die Höhe
dieser Gewinne und Kurse nicht an dem realen Wert der ihnen zu-
grunde liegenden Produktionsanlage mißt, sondern vor allem die Höhe
dieser Gewinne in Vergleich setzt zu der ganzen gleichzeitigen Lage
der Volkswirtschaft und zu der Tatsache, daß das reale Einkommen
weiter Schichten der Bevölkerung eine gewaltige Einbuße erlitten
hat. An einem solchen Maßstab gemessen, wird man dann freilich
diese Gewinne vielfach als sehr hoch empfinden müssen und unter
diesem Gesichtspunkte auch berechtigt sein, in dieser Zeit von einer
Hochkonjunktur in bestimmten Erwerbszweigen zu reden.

Freilich gilt das eben Gesagte nur von den allerersten Jahren
nach dem Kriege. Diese Sachlage begann eine wesentlich andere
zu werden ,als etwa von der Mitte des Jahres 1922 ab der Wert der
Mark in einem Ausmaße zu sinken begann, wie niemals zuvor. Jetzt
begann den stetig steigenden Preisen gegenüber die Zunahme der
schwebenden Schuld ihren inflatorischen Charakter zu verlieren,
und die in Papiermark ausgedrückt stetig steigenden Dividenden der
Aktiengesellschaften blieben immer mehr hinter den Erträgnissen
der Vorkriegszeit zurück, so daß an diesem Maßstab gemessen mit
dem rapiden Sturz der Markvaluta diese privatwirtschaftliche Hoch-
konjunktur immer mehr zurücktreten und die Erwerbswirtschaften
        <pb n="65" />
        ﻿2. Die Konjunktur während und nach dem Kriege.

69

überhaupt froh sein mußten, wenn es ihnen gelang, vor Substanz-
verlusten bewahrt zu bleiben.

Unter den vielen Beispielen, die sich dafür beibringen ließen,
sei nur darauf hingewiesen, daß in der Generalversammlung der
Zellstoffabrik Waldhof im Juni 1923 mitgeteilt wurde, daß vor
dem Kriege bei einem Aktienkapital von 32 Millionen Goldmark
und einer Höchstdividende von 25 o/o die dafür zur Verwendung
gelangende Summe dem Jahresarbeitsverdienst von 4000 Arbeitern
entsprochen habe, während die für das Geschäftsjahr 1922 be-
schlossene Dividende in der Höhe von 300 o/0 nur dem derzeitigen
Jahresarbeitslohn von 30 Arbeitern gleichkomme.

Dieser immer stärkere Verfall der deutschen Währung, mit dem
die ausgesprochene Periode der Scheingewinne einzusetzen begann,
ein Zustand, dessen Wesen Industrie und Handel, Gesetzgebung und
Rechtsprechung (Verordnung gegen Preistreiberei, Verkauf zu den
Wiederbeschaffungskosten) viel zu spät erkannt und berücksichtigt
haben, bewirkte, daß in weit stärkerem Maße und in weit kürzeren
Abständen als in den allerersten Jahren nach dem Kriege sich die
Kaufkraft der Mark änderte, und daß damit vielfach der Verkaufs-
erlös der Ware nicht mehr ausreichte, um sie von neuem zu er-
zeugen. Damit setzte auch vielfach sogar eine Periode der Sub-
stanzverluste und ein Rückgang der Produktionsfähigkeit im deut-
schen Wirtschaftsleben ein, unter deren Wirkungen auch diese
privatwirtschaftliche Hochkonjunktur der ersten Nachkriegszeit, von
der oben die Rede gewesen war, immer mehr dahinschwand.

Zwar gingen Industrie und Handel immer mehr dazu über, den
Verkaufspreis nach den Wiederbeschaffungskosten zu bemessen,
aber diese Versuche setzten zu spät ein, wurden auch mangels ge-
nügender ökonomischer Einsicht in die Zusammenhänge der Preis-
bildung, von Gesetzgebung und Rechtsprechung bekämpft, so daß
dieser Rückgang in der Produktionsfähigkeit nicht aufgehalten
werden konnte.

Erst später haben Industrie und Handel Wege eingeschlagen,
auch das wollte gelernt sein, um sich bei schwankender Währung
vor solchen Substanzverlusten und damit vor dem weiteren Rück-
gang ihrer Leistungsfähigkeit zu schützen. Diese Entwicklung be-
gann mit den Abmachungen über freibleibenden Preis und der Fest-
setzung einer Preisvorbehaltungsklausel in den Lieferungsverträgen,
es wurden dann, wie z. B. von dem Nähgarnsyndikat und anderen
Zweigen der Textilindustrie, gleitende Preislisten je nach dem
Devisenstande eingeführt. Vielfach ist man dazu übergegangen, die
Preisberechnung unmittelbar zu sogenannten Festpreisen "vorzu-
        <pb n="66" />
        ﻿60 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

nehmen, d. h. in: irgendeiner fremden Währung oder in einer so-
genannten kursgesicherten Mark, indem je nach den Schwankun-
gen des Dollarkurses auf die vereinbarten Preise ein Zuschlag er-
hoben wurde. Das Wirtschaftsleben hat also die verschiedensten
Wege eingeschlagen, um wieder zu einigermaßen gesicherten Kal-
kulationsgrandlagen zu gelangen1).

Aber mit diesen immer stärkeren Schwankungen der Markvaluta
und ihrem immer weiteren Hinabgleiten trat noch ein weiterer Fak-
tor ein, der den jetzt einsetzenden Wandlungen in der Konjunktur
ein besonderes Gepräge verlieh. Es zeigte sich nämlich immer deut-
licher, daß ein in dem Maße in die Weltwirtschaft verflochtenes
Land wie Deutschland sich in der Gestaltung und Entwicklung seines
Preisniveaus in unlösbarer Abhängigkeit von dem Weltmärkte be-
findet und daß demgemäß auch innerhalb Deutschlands die Ge-
staltung der Preise, in vollkommener Abhängigkeit von den Schwan-
kungen der Währung, immer wieder den Weltmarktpreisen zu-
strebte,

Damit begann die Art der Konjunkturschwankungen einzusetzen,
welche man als Valutakonjunkturen bezeichnet hat und deren
Wesen darin liegt, daß sie ihre Ursachen durchaus auf der Geldseite
haben; Der einfache Zusammenhang ist dabei der folgende:

Eine Verschlechterung im Stande der Mark wirkt bei der
Warenausfuhr als Prämie und befördert damit die Absatzverhält-
nisse der deutschen Industrie. Gleichzeitig beginnen im Inlande die
Preise, welche infolge Verflechtung Deutschlands in den Welt-
markt immer die Tendenz haben, sich den Weltmarktpreisen an-
zupassen, zu steigen, eine Tendenz, die noch dadurch unterstützt
und beschleunigt wird, daß nun das Publikum sich mit allen mög-
lichen Vorräten einzudecken sucht, ehe sich diese Preissteigerung
voll ausgewirkt hat.

Steigt der Wert der Markvaluta dann zeitweilig wieder, so tritt
die umgekehrte Bewegung ein. Die Preise vieler deutscher Waren
hatten in diesem Augenblick bereits mehr oder weniger die Welt-
marktspreise erreicht; mit der Hebung der Markvaluta stehen damit,
diese deutschen Preise über denjenigen des Weltmarktes, die Kon-
kurrenzfähigkeit der deutschen Industrie auf fremden Märkten hört

*) Für die Fragen dieser Preiskalkulation vergleiche weiter: Kalveram,
Die kaufmännische Rechnungsführung unter dem Einfluß der Geldentwertung.
Berlin 1923. — F. Schmidt, Der Wiederbeschaffungspreis des Umsatztages
in Kalkulation und Volkswirtschaft. Bertin 1923. — Walb, Das Problem der
Scheingewinne. Freiburg 1921. — Mahlberg, Bilanztechnik und Bewertung
bei schwankender Währung. 2. Aufl. Leipzig 1922 — Muhs, Preispolitik und
Preiskalkulation unter den Einwirkungen der Geldentwertung. Jena 1923.
        <pb n="67" />
        ﻿2. Die Konjunktur während und nach dem Kriege.

61

auf, und vielfach wurde in diesen Zeiten das Ausland auf den deut-
schen Märkten sogar konkurrenzfähig. Das Publikum wartete dann
im Inland bei seinen Einkäufen auf das Sinken der Preise, es setzte
der bekannte Käuferstreik ein, so daß damit von zwei Seiten her
der Absatz der Industrie in Frage gestellt wurde. Diese schwierige
Lage für Handel und Industrie dauerte so lange, bis die Inlands-
preise entsprechend den Weltmarktspreisen gesunken waren oder
bis ein erneutes Sinken der Markvaluta eintrat.

Diese Einwirkung einer steigenden Valuta auf die Konjunktur-
lage konnte man zuerst deutlich im Jahre 1920 beobachten, wo im
Frühjahr der Wert der Mark erheblich zu steigen begann, wie die
folgende kleine Zahlenreihe zeigt:

Es betrug der Monatsdurchschnittskurs für einen Dollar in Mark
im Jahre 1920:

Januar	64,80	Mai

Februar	99,11	Juni

März	83,89	Juli

April	59,64	August

46,48	September 57,98	
39,13	Oktober	68,17
39,48	November	77,24
47,74	Dezember	73,00

Ähnliche Wirkungen auf den Auslandsabsatz der deutschen
Industrie waren dann vor allem auch in den ersten Monaten des
Jahres 1923 zu verzeichnen, als im Zusammenhang mit der Ab-
wehraktion gegen den Ruhreinfall die Reichsbank den Dollarkurs
halbierte und den Wert der Mark längere Zeit stabil hielt.

Die gleichen Wirkungen für den Auslandsabsatz der heimischen
Industrie mußten aber auch dann eintreten, wenn sich bei uns eine
Anpassung der Inlands- an die Weltmarktpreise vollzogen hatte und
wenn nicht in der gleichen Zeit diese Entwicklung durch eine Ver-
schlechterung der Markvaluta in einem dem Export günstigen Sinne
kompensiert wurde. Einen solchen Zustand hatten wir z. B. um die
Mitte des Jahres 1922. In dem Wochenberichte der von der Heydt-
Kerstens-Bank vom 27. Juni 1922 wurde damals ausdrücklich darauf
hingewiesen, daß die deutsche Konkurrenz für die holländische
Industrie geringer geworden sei, „da die allmähliche Anpassung des
deutschen Preisniveaus an die Entwertung der Mark im Auslande die
Marge für den deutschen Exporthandel wesentlich verringert habe“.

Auch manche Maßnahmen, welche das Ausland, um der deut-
schen Konkurrenz zu begegnen, ergriff, konnten nach der gleichen
Richtung hin wirksam sein. Hierher gehörten z. B. die besonderen
„Dumping-Zölle“ für die deutsche Einfuhr, Exportkredite für die
eigene Industrie, Lohnherabsetzungen und Verlängerung der Arbeits-
zeit im eigenen Lande, um der deutschen Konkurrenz begegnen zu
können. Das sind dann die Zeiten, in welchen wir auch in anderen

Mombert, Studium der Konjunktur.	^
        <pb n="68" />
        ﻿62 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

Ländern von einer Besserung der Konjunkturlage und einer Ab-
nahme der Arbeitslosigkeit hörten.

Welchen Schwankungen, im Zusammenhänge vor allem mit
diesen Änderungen in der Bewertung der Markvaluta dabei die deut-
schen Preise im Verhältnis zu denjenigen auf dem Weltmärkte unter-
lagen, zeigen die beiden folgenden Tabellen. Die erste1) gibt ein
Bild von dem Verhältnis des deutschen Inlandspreisniveaus zu
demjenigen des Weltmarktes und zeigt, welch starken Schwan-
kungen und Zuckungen der Abstand beider ausgesetzt war, die
zweite* 2) Tabelle zeigt denselben Zusammenhang, jedoch nur auf
einzelne, ausgewählte Waren bezogen und nur verglichen mit der
Preisentwicklung in den Vereinigten Staaten.

Die Schwankungen in der deutschen Konjunkturlage hatten also
ihre Ursachen durchaus auf der Geldseite. Dabei wurden die Ände-
rungen bei der letzteren nicht irgendwie aus der Entwicklung der
Wirtschaft heraus bewirkt, es waren vielmehr in erster Linie außen-
politische Momente, welche auf diese Schwankungen im Werte der
Markvaluta und damit auf die Konjunkturlage den entscheidenden
Einfluß ausübten. Diese Konjunkturwandlungen hingen also keines-
wegs mit dem inneren Gefüge und der Entwicklung unserer Volks-
wirtschaft zusammen. Man kann also diese Ursachen in dem oben
dargelegten Sinne nicht als endogene, vielmehr nur als exogene
bezeichnen. Eine gewisse Ausnahme kann davon vielleicht nur in-
soweit gelten, als diese Schwankungen im Wert der Mark in hohem
Maße auch davon abhingen, in welchem Umfange die deutsche
Handelsbilanz in einer bestimmten Periode aktiv oder passiv war.
Es wird hiervon nachher noch eingehender die Rede sein. Jeden-
falls trugen diese Konjunkturschwankungen einen ganz anderen
Charakter als diejenigen der Vorkriegszeit. (Tabellen s. S. 63.)

Es ist oben bereits hervorgehoben worden, wie anregend der
Rückgang der Markwährung auf das Geschäftsleben in Deutschland
gewirkt hat, wie dadurch dasjenige in die Erscheinung trat, was oben
als privatwirtschaftliche Hochkonjunktur bezeichnet worden ist. Es
war dies eine Entwicklung, wie sie rein äußerlich in der großen Zahl
der Neugründungen in dieser Zeit zum Ausdruck kam. Es betrugen
in Deutschland nach Abzug der Löschungen die Neueintragungen
vori Unternehmungen im Monatsdurchschnitt der folgenden Jahre

1913 1921	1922 1923

Aktiengesellschaften ...	6	82	244	573

G. m. b. H............... 182 730	944 1034

Offene Handelsgesellschaften 953	?	2595 2416

') Wirtschaft und Statistik. III. Jahrg. 1923. S. 189.

2) Ebenda S. 219.
        <pb n="69" />
        ﻿1920	Januar

„ Februar .
„ Mai. . .
» November

1921	Januar

„ Mai. . .
„ November

1922	Januar

„ Februar .
„ März
» April
„ Mai.

„ Juni
„ Juli.

„ August .
„ September
, Oktober .
„ November
„ Dezember

1923	Januar
„ Februar .

6. März .

Verhältnis zwischen deutschen Inlands- und Weltmarktspreisen

wichtiger Handelsartikel.
Vereinigte Staaten = 100.

1922	Januar

n Juli .	.	.

» August .

„ September
» Oktober .

„ November
„ Dezember

1923	Januar
» Februarl.Woche

n	„	2.

Weizen

70.6

63.6

75.3

97.5

101,6

72.6

63.4

71.7

70.7

Schmalz

126,2

119,3

112,5

132.8

115.2

133.9

135.1

118.9

126.3

128.2

126.4

135.9

130.1

122.9

121.4

119.1

Baum-

wolle

114,2

114.2
109,8

110.2
109,2
109,0
112,1
111.0
110,0

Eisen

50,0

41,8

69.7
111,5
111,1

93.8

99.6

98.8

98.6

Kupfer

102.7

102.4

106.7

104.4
102,6
105,1
101,9

106.4

104.4

102.4

100,1

101.3

102.3

103.3
101,8
104,1

Kohle

Ähnliche Verhältnisse hat man auch in der Aufschwungsperiode
nach der Reichsgründung beobachten können. Wie damals, so ka-
        <pb n="70" />
        ﻿64 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

men auch jetzt sehr viele Gründungen wenig einwandfreier Natur
vor, Neulinge begannen unter Ausnutzung der so anormalen Ver-
hältnisse in das Geschäftsleben einzudringen und manche Unter-
nehmungen sind in dieser Zeit entstanden, deren finanzielle Unter-
lagen so schwache und unlautere sind, daß sie überhaupt nur in
solchen Zuständen, wie sie die Inflationsperiode mit sich brachte,
ihr Dasein fristen konnten1).

Die Konjunkturentwicklung im Auslande bot in der
Nachkriegszeit ein ganz anderes Bild als in Deutschland, wenngleich
bei der Solidarität der internationalen Märkte zwischen den wirt-
schaftlichen Verhältnissen auf dem Weltmärkte und denjenigen in
Deutschland der engste Zusammenhang bestand.

Nach Beendigung des Krieges hatten die europäischen Staaten
ein sehr starkes und dringendes Bedürfnis vor allem nach Rohstoffen
und Lebensmitteln. Trotz ihrer durch den Krieg und seine Nach-
wirkungen erheblich eingeschränkten Kaufkraft und trotz der Ver-
schlechterung ihrer Valuta, welche ja wie ein Einfuhrzoll wirken
mußte, traten die meisten dieser Staaten in großem Umfange als
Käufer auf dem Weltmärkte auf. Damit begann sich zunächst eine
günstige Konjunktur für die Rohstoffstaaten, vor allem für Amerika,
zu entwickeln. In dem ersten Jahre nach Beendigung des Krieges
konnte man in diesen Staaten von einer ausgesprochenen Hoch-
konjunktur sprechen. Ihre Produkte fanden bei hohen Preisen in
Europa glatten Absatz.

In der ersten Hälfte des Jahres 1920 begann hierin eine Änderung
einzutreten. Die weiter sinkende Valuta einer Reihe bisher als

!) Fleck, Finanzierung und Konzentrationsbewegung in der deutschen
Baumwollindustrie, besonders seit 1918, Diss. Gießen 1924 (ungedruckt), be-
richtet von der Gründung einer Leipziger Gesellschaft mit dem damals
lächerlich geringen Kapital von 600000 Mark. Der Gegenstand des Unter-
nehmens war der Großhandel mit Manufakturwaren, Trikotagen und die
Fabrikation dieser Artikel. Die Hälfte dieses Kapitals von 600 000 Mark wurde
in Waren, und zwar in Form von 25 Stück Einsatzhemden eingebracht. Vgl.
dazu auch die Berichte der „Frankfurter Zeitung“ vom 14. Mai 1924: „Eine
eigenartige Generalversammlung" und vom 4. Oktober 1924: „Das Vergehen
einer Inflationsblüte“. In dem letzteren Falle handelt es sich um eine am
23. April 1923 gegründete Gesellschaft, die bis zum 4. Oktober 1924 einmal
den Namen, einmal den Vorstand und dreimal den Aufsichtsrat gewechselt
hat. Die Umstellung auf Goldmark, die mit der Liquidation am 18. April 1924
vorgesehen war, ließ sich nicht durchführen, da in der Nacht zuvor die Ge-
schäftsbücher und sonstigen Unterlagen gestohlen worden waren. In dem ersten
Falle wurde der G.-V. unter anderem mitgeteilt, daß der neue Vorstand bei
seinem Amtsantritt weder ordnungsgemäß geführte Bücher noch Korresponden-
zen (Vorgefunden habe und daß man deshalb nicht feststellen könne, wie viele
Aktien von der beteiligten Bankfirma weiter gegeben worden seien. Man habe
daher eine Anzeige erlassen, daß alle Aktien, die nicht bis Ende Dezember an-
gemeldet werden, nichtig seien, Anmeldungen seien aber kaum eingelaufen.
        <pb n="71" />
        ﻿2. Die Konjunktur während und nach dem Kriege.

Käufer aufgetretener Staaten begann in immer stärkerem Maße
als Einfuhrzoll wirksam zu werden, verteuerte für diese Länder den
Warenbezug und damit begannen sich vor allem in Amerika unver-
käufliche Warenbestände zu stauen. Mit dem Jahre 1921 begann
dann in einer Reihe von Staaten die Inflation relativ abzunehmen,
in anderen Staaten, wie vor allem in England und in den Ver-
einigten Staaten, trat eine erhebliche Verminderung der Umlaufs-
mittel ein, so daß man für diese Zeit schon von einer Welt-
deflation gesprochen hat. Damit mußte eine wesentliche Ein-
schrumpfung der vorher so stark aufgeblähten Kaufkraft auf allen
Märkten eintreten.

Als in der ersten Hälfte des Jahres 1920 in den Rohstoffstaaten
diese ersten Absatzstockungen eintraten, gelang es auf den ver-
schiedensten Wegen durch Einschränkung der Produktion, durch
Zurückhaltung der Waren von den Märkten mit Hilfe umfassender
Bankkredite, einen erheblichen Preisrückgang und damit ein breiteres
Umsichgreifen dieser Verschlechterung der Konjunktur zeitweilig
hintanzuhalten. Es waren das jedoch Hilfsmittel, die nur vorüber-
gehend Anwendung finden konnten und es war vorauszusehen,
daß sie auf die Dauer nicht imstande waren, die drohende
Krisis hintanzuhalten, wenn es nicht gelang, vor allem die mittel-
europäischen Staaten kaufkräftiger zu machen. Das zeigte sich, als
zu Ende des Jahres 1920 und in noch stärkerem Maße zu Beginn des
Jahres 1921 die Preise weiter zu sinken begannen und auf einem
Stande anlangten, welcher zum Teil unter demjenigen der Vorkriegs-
zeit sich befand.

Dieser Preissturz setzte ein, trotzdem, wie die folgende Tabelle
zeigt, die Weltproduktion damals noch wesentlich geringer war, als
vor dem Kriege. Die Kaufkraft war eben noch wesentlich stärker ge-
sunken, so daß sich solche Gleichgewichtsstörungen zwischen An-
gebot und Nachfrage zeigten, welche dann in dem erheblichen Rück-
gang der Preise ihren Ausdruck fanden. Hatte doch auch der inter-
nationale Warenverkehr gegenüber der Vorkriegszeit einen ganz
erheblichen Rückgang erfahren, worunter vor allem die Schiffahrt,
die ja während des Krieges ihre Tonnage wesentlich erhöht hatte, bis
heute noch schwer zu leiden hat. (S. Tabelle S. 66 oben.)

Die zweite Zusammenstellung1) gibt ein Bild von der Entwick-
lung des Gesamtwarenpreisniveaus und der Lage auf dem Arbeits-
markte in einigen wichtigen Staaten.

') Zusammengestellt nach den Angaben in „Wirtschaft und Statistik
und in dem „Reichsarbeitsblatt“.
        <pb n="72" />
        ﻿66 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

Es betrug die Weltproduktion in den Jahren1):

		1913	1919	1920	1921	1922	1923
an:  Steinkohle und Braunkohle.		,  1248	1080	1214	1013	1101	1226
Roheisen			77,8	53,2	62,0	35,3	52,8	65,6
Rohstahl		s	75,8	59,0	71,5	43,2	64,1	73,7
Kupfer			982	1049	978	552	888	1015
Aluminium			68	156	158	91	112	162
Wolle		■4-»	1433	1200	1239	1211	1241	1182
Baumwolle		8	4205	—	4004	4061	2986	3580
Rohseide			27,1	27,3	20,8	29,3	31,8	33,0
Weizen			63194	—	59154	76490	66459	74662
Roggen			20383		12833	16271	15638	16431

	Setzt man die Preise des Jahres 1913 = 100, so beträgt das Gesamtwarenpreisniveau				Auf 1000 Gewerkschafts- mitglieder  entfielen Arbeitslose			
	Ver-  einigte  Staaten	Eng-  land	Hol-  land	Schwe-  den	Eng-  land	Hol-  land	Schwe-  den	Deut-  sches  Reich
1913 ....	100	100	100	100	21	51	100	29
1919 ....	203	235	304	330	24	89	330	37
Mai	1920.	216	305	298	361	11	73	361	27
Oktober	„ .	170	266	284	346	53	42	346	42
Dezember „ .	138	220	234	299	60	134	299	41
Mai	1921.	115	182	178	229	222	94	229	37
Oktober	„	.	123	170	169	175	156	70	175	12
Dezember „	•	124	162	165	172	165	166	172	16
Mai	1922.	129	162	165	164	164	105	164	7
Oktober	„	145	158	156	155	144	96	155	14
Dezember „	.	119	158	158	156	140	151	213	28
Mai	1923.	145	164	149	158	113	96	107	62
Oktober	„	.	143	160	148	153	109	110	82	191
Dezember „ .	144	170	154	150	97	159	141	282
Mai	1924.	134	168	153	151	70	82	76	86
September „	.	141	175	158	153	86	—	70	105

Man sieht, daß bis zum Herbst 1920 die Preise allenthalben
ganz wesentlich über dem Friedensniveau standen, daß dann von
da ab ein erheblicher Preissturz eintrat, der erst um die Mitte des
Jahres 1922 zum Stillstand kam, um dann wieder einer kleinen
Preiserhöhung Platz zu machen, mit der aber keineswegs das Preis-
niveau der ersten Jahre nach dem Kriege erreicht wurde. Dieser
starke Preisrückgang, der in erster Linie mit der verminderten Kauf-
kraft der valutaschwachen Staaten, dann aber auch mit der billigen

x) Nach „Wirtschaft und Statistik“. Jahrg. 1924. S. 73. Vgl. auch die
dortigen Anmerkungen.
        <pb n="73" />
        ﻿2. Die Konjunktur während und nach dem Kriege.

67

deutschen Konkurrenz auf dem Weltmarkt zusammenhing, hat neben
den eben angeführten anderen Faktoren auf dem Weltmarkt die
Wirtschaftslage herbeigeführt, die man allgemein als Weltkrise zu
bezeichnen pflegt.

In welchem Maße sich dabei vor allem auch die Lage auf dem
Arbeitsmarkt in der Welt verschlechtert hat, zeigt die eben gegebene
Tabelle. Dabei bleiben diese Zahlen jedenfalls noch ganz erheblich
hinter der Wirklichkeit zurück, da sie nur die Zahl der arbeitslosen
Gewerkschaftsmitglieder enthalten. Auch die Zahl derjenigen, welche
mit verkürzter Arbeitszeit arbeiteten, ist in diesen Angaben un-
berücksichtigt geblieben.

Auch an zahlreichen anderen Maßstäben kann man die gleiche
Entwicklung verfolgen, z. B. an der Zunahme der Konkurse. Im
Jahre 1920 fanden in Dänemark und Schweden zusammen 2660, im
darauffolgenden Jahre aber -bereits 6492 Konkurse statt. In den
Vereinigten Staaten betrug die Zahl der Konkurse

1.	Halbjahr 1919	3463	1.	Halbjahr	1921	9035

2.	„	„	2998	2.	„	„	10617

1.	„	1920	3352	1.	„	1922	13384

2.	„	„	5529

Der oben bereits erwähnte Bericht der von der Heydt-Kerstens-
Bank teilte am 9. Februar 1923 mit, daß in 57 der bedeutendsten
holländischen Schuhfabriken die Zahl der Arbeiter um 42 o/o
zurückgegangen sei, und daß im Jahre 1922 die Einfuhr von
Schuhwaren nach Holland zwölfmal so groß gewesen war als im
Jahre 1913. „Die Einfuhr von Schuhwaren ist jetzt beinahe so
groß wie die ganze inländische Produktionskapazität. Die impor-
tierten Schuhe kosten durchschnittlich etwa fl. 3,20, die inländi-
schen fl. 7,50.“

Ein Bild von der Lage der holländischen Tabakindustrie gibt die

folgende	kleine Aufstellung1). Es betrug		in Holland in kg an
Zigarren	Im Jahre	die Einfuhr	die Ausfuhr
	1913	20597	2137356
	1921	606753	718964

Mit diesen Daten für Holland ist auch bereits die wirtschaft-
liche Lage vieler anderer Länder in dieser Zeit charakterisiert.
In den skandinavischen Staaten, in der Schweiz, in Spanien, zum
Teil auch in England, lagen die Verhältnisse keineswegs anders.

Ein Bericht des dänischen Industrierates an die Regierung
über die Lage der Industrie aus dem Hochsommer 1922 gibt davon

*) Nach der Frankfurter Zeitung, 2. Morgenblatt vom 22. Oktober 1922.
        <pb n="74" />
        ﻿68 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

die folgende Schilderung: „Eine allmähliche Herabsetzung der Löhne
und die Verlängerung der Arbeitszeit können notwendige Bedin-
gungen dafür werden, daß die Industrie wieder wettbewerbsfähig
wird. Die Löhne in den konkurrierenden währungsschwächeren Län-
dern betragen ein Viertel bis ein Fünftel der dänischen, Die
Papiererzeugung ist bis auf ein Drittel eingeschränkt, während die
Einfuhr gegen 1913 um 16 o/o gestiegen ist. Die Textilindustrie be-
schäftigt nur 30 bis 50 o/0 ihrer Arbeiter. Es werden große Mengen
Konfektionswaren aus Deutschland eingeführt. Die Glasindustrie
ist nur mit 25 o/0 beschäftigt. Die Schuhindustrie, welche 1913
3500 Arbeiter beschäftigte, hat jetzt nur Arbeit für 1500 mit stark
eingeschränkter Arbeitszeit; die Einfuhr stieg um 100 o/o. Der
Markt für Holzwolle und Emballage für die Eierausfuhr, den die
dänische Industrie bisher allein versorgte, wird von deutschen
Fabriken völlig beherrscht1).

Es sind vornehmlich zwei Ursachenreihen, aus denen diese
Krise in der Weltwirtschaft zu erklären ist. Auf der einen Seite
hat die Kaufkraft in allen am Kriege beteiligten Staaten unter dessen
Wirkungen und Nachwirkungen eine ganz beträchtliche Einbuße er-
fahren. Das gilt nicht allein von den im Kriege unterlegenen
Staaten und von Rußland, Ländern, in denen ja schon allein der
starke Rückgang ihrer Valuta als Einfuhrhemmnis wirken und die
Aufnahmefähigkeit für fremde Erzeugnisse mindern mußte, das gilt
auch von den Siegerstaaten, bei denen ebenfalls, wenn auch in
wesentlich geringerem Ausmaße, eine Valutaverschlechterung ein-
getreten ist. Dabei sei von dem Einflüsse, den die hohen Steuern
der Nachkriegszeit ganz allgemein im Sinne einer Verminderung
der Kaufkraft der Bevölkerung ausgeübt haben, ganz abgesehen,
ebenso wie von der oben bereits berührten Deflation in manchen
Ländern.

Unter dieser Verringerung der Aufnahmefähigkeit der euro-
päischen Märkte hatten zuerst in stärkstem Maße die Rohstoff-
staaten zu leiden, unter ihnen vor allem die Vereinigten Staaten.
Für die große Menge der hier aufgestapelten Rohstoffe, für Kupfer,
Baumwolle, Wolle usw., war kein genügender Absatz zu finden,
und der hierdurch bewirkte Rückgang in den Verschiffungen war
dann wieder die Hauptursache, welche zu der schweren Krise vor
allem auch in der amerikanischen Schiffahrt geführt hat. Den Um-
fang dieser verringerten Aufnahmefähigkeit der europäischen Märkte
kann man vor allem auf dem Gebiete der montanen Produktion fest-
stellen.

*) Zit. nach der Frankfurter Zeitung, Abendblatt vom 2. September 1922.
        <pb n="75" />
        ﻿2. Die Konjunktur während und nach dem Kriege.

69

In ihren „statistischen Zusammenstellungen“ teilte die Metall-
gesellschaft und Metallbank1) u. a. mit: „Während die Kapazität
der Erde zur Zeit Produktionsmittel für einen Jahresumsatz von
mehr als 4 Milliarden kg Nichteisenmetalle aufweist, ist der Kon-
sum und damit die tatsächliche Produktion auf einen Jahresumsatz
von 2 Milliarden kg eingeschränkt worden. Die Krise erstreckt sich
auf mehr als 50 o/o der vorhandenen Produktivität, bei Einbeziehung
der Altmetalle und Metallabfälle auf nur 25 o/o. Dagegen pflegten
Krisen vor dem Kriege kaum 10 o/o zu lähmen.“ Während im Jahre
1901 auf Europa von dem industriellen Verbrauch dieser Metalle
knapp zwei Drittel entfielen, betrug im Jahre 1921 dieser Anteil
noch knapp die Hälfte. Die folgende Zahlenreihe soll von dieser Ent-
wicklung des Verbrauches ein Bild geben.

Es betrug der industrielle Verbrauch in Millionen kg:

	1912—13		1914—18		1918-21	
	über-  haupt	in Europa davon °/0	über-  haupt	in Europa davon °/0	über-  haupt	in Europa davon °/0
Blei		1207	60	1164	49	894	43
Kupfer . . . !	1067	59	1295	45	789	37
Zink . . . .	1009	68	901	55	605	51
Zinn ....	129	53	122	39	106	40
Aluminium.	65	51	129	51	133	41
Zusammen.	3477	62	3611	- 49	2527	43

Bei diesen krisenhaften Erscheinungen innerhalb der ganzen
Weltwirtschaft handelt es sich jedoch nicht allein um einen ge-
ringeren Verbrauch an solchen Rohstoffen. Ganz allgemein ist viel-
mehr die Kaufkraft, vor allem in den valutaschwachen Ländern,
zurückgegangen, eine Tatsache, unter welcher auch die Fertigwaren-
industrie zu leiden hat. Aus der Außenhandelsstatistik läßt sich ein
deutliches Bild dieser Wandlungen gewinnen.

Die Welt ist eben auf Grund ihrer vorhandenen Produktions-
mittel auf größere Produktionsleistungen eingestellt, als es der der-
zeitigen Aufnahmefähigkeit des Weltmarktes entspricht.

Soweit diese krisenhaften Zustände auf diesen eben geschil-
derten Tatsachen beruhten, konnten sie nicht einmal dadurch be-
hoben werden, daß. in den betreffenden Ländern die Erzeugung auf
ein den Absatzverhältnissen entsprechendes Maß eingeschränkt wurde.

Denn das hätte ja ein Brachliegen vorhandener Produktions-
mittel, also eine dauernde Krise bedeutet. Eine Besserung der

*) 23. Jahrgang (1912/1921).
        <pb n="76" />
        ﻿70 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

Konjunktur auf dem Weltmärkte kann nur in dem Maße eintreten,
in dem die Kaufkraft in den valutaschwachen Ländern selbst wieder
zunimmt und auch das Gleiche von den übrigen Teilen der Welt gilt.

Aßt diesen Tatsachen hängt dann auch die Erscheinung zusam-
men, daß in denjenigen Ländern, die so aus eigenen wirtschaftlichen
Interessen an der Aufnahmefähigkeit des deutschen Marktes interes-
siert sind, immer wieder Stimmen und Vorschläge laut wurden, um
durch die Schaffung einer großzügigen Kreditorganisation den deut-
schen Markt wieder aufnahmefähiger für ihre Erzeugnisse zu ge-
stalten und auf dem gleichen Wege dann auch die deutschen Pro-
duktionsleistungen und damit die reale Kaufkraft Deutschlands zu
steigern.

Auf der gleichen Linie lagen auch alle jene Versuche, unmittel-
bar der deutschen Industrie Rohstoffe zur Verarbeitung zu geben
und die Bezahlung dafür in einem Teil der daraus hergestellten Fa-
brikate zu empfangen. Freilich hatte auch die deutsche Industrie,
soweit sie auf die Verarbeitung ausländischer Rohstoffe angewiesen
ist, selbst das größte Interesse an dieser Lohnarbeit, weil sie ohne
diese oft gar nicht in der Lage gewesen wäre, ihre Betriebsanlagen
auch nur einigermaßen auszunutzen. In einer Zuschrift an die Frank-
furter Zeitung*) heißt es über diese Lohnarbeit in der Textil-
industrie: „Ganze Konzerne weben und spinnen heute in Lohn für
holländische und andere ausländische Firmen, die ihnen das Roh-
material liefern. Vielfach erfolgt der Absatz in der Weise, daß der
deutsche Abnehmer, z. B. die Rohbaumwolle direkt von der hol-
ländischen Firma kauft und sie bei den, mit dieser in Geschäfts-
verbindung stehenden inländischen Spinnereien und Webereien ver-
arbeiten läßt.“

Es ist im Vorangegangenen bereits darauf hingewiesen worden,
daß diese krisenhaften Zustände in so vielen Ländern ihre Ursache
nicht nur in der geringen Aufnahmefähigkeit der valutaschwachen
Staaten hatten, sondern, daß dies auch darauf beruhte, daß die In-
dustrie dieser valutaschwachen Staaten, vor allem auch die deutsche
Industrie, diesen Ländern auf ihrem eigenen und auch auf fremden
Märkten, eine so verhängnisvollle Konkurrenz bereitete. Das war der
Fall, obgleich die deutsche Warenausfuhr seit Kriegsende wesentlich
geringer war, als in den letzten Jahren vor dem Kriege.“

Auf der Newyorker Tagung der American Bankers Association
vom 2. bis 6. Oktober 1922 hat Mac Kenna, einer der angesehensten
englischen Bankleute, diese Tatsache in die folgenden Worte gekleidet:

U Erstes Morgenblatt Nr. 266 (1922).
        <pb n="77" />
        ﻿2. Die Konjunktur während und nach dem Kriege.

71

„Wenn Deutschland zahlen könnte, was von ihm verlangt wird,
so wäre die einzige Möglichkeit, sich die Zahlungsmittel zu ver-
schaffen, die Vermehrung des Exports. Was könnte Deutschland
exportieren? Deutschland ist vor allem Industriestaat. Was Deutsch-
land an Rohstoffen auf den Weltmarkt bringt, ist verhältnismäßig
gering. Dagegen ist Deutschland genötigt, Nahrungsmittel einzu-
führen. Als eine Folge des Verlustes eines großen Teiles seiner Erz-
und Kohlenlager muß Deutschland sowohl Eisenerz als auch Kohlen
für seine Hütten und Fabriken vom Auslande kaufen.“

„Was Deutschland an vermehrtem Export herausbringen würde,
könnte nur aus Fertigfabrikaten bestehen. Um diese Mehrausfuhr
von Fabrikaten trotz des Wettbewerbes anderer Industriestaaten zu
ermöglichen, müßte die deutsche Bevölkerung mehr Stunden am
Tage und für geringere Entlohnung arbeiten, der Fabrikant müßte
auf Teile seines Profits verzichten; ferner müßte der Import auf
das geringstmögliche Maß eingeschränkt werden. Aber die Konkur-
renzstaaten werden nicht müßig Zusehen, wie ihnen ihr Absatz ver-
loren geht und sie in die Gefahr wachsender Arbeitslosigkeit und
schwerer Einbußen geraten. Soweit deutsche Güter in ihren eigenen
nationalen Markt eindringen, werden sie sie durch Schutzzolltarife
auszuschließen suchen. Soweit aber die Konkurrenzstaaten ihren
Stand auf den neutralen Märkten behaupten wollen, sind sie ge-
zwungen, ebenfalls ihren Arbeitslohn und Profit herabzusetzen. Wir
sehen, daß alle anderen Industriestaaten der Welt ein vitales In-
teresse daran haben, den auf Vermehrung des deutschen Exportes
gerichteten Anstrengungen entgegenzuwirken und dies kann nur ge-
schehen, durch ein allgemeines Herabdrücken des Niveaus der
Lebenshaltung !).“

Klarer und deutlicher hätte man den unlösbaren Zusammenhang,
in welchem die Höhe der deutschen Reparationslasten mit der wirt-
schaftlichen Lage der übrigen Industriestaaten steht, nicht ausdrücken
können, als es in diesen Worten geschehen ist.

Es handelt sich hier eben um das Problem der weltwirtschaft-
lichen Solidarität, darum, daß alle Länder in Aus- und Einfuhr aufein-
ander angewiesen sind und sich dann wieder auf dritten Märkten als
Konkurrenten einander gegenüberstehen.

Deutschland ist kein Land, das Rohstoffe und Lebensmittel
ausführen kann. Das überwiegende Schwergewicht seiner Ausfuhr
liegt auf dem Gebiete der fertigen Waren und hierbei wieder vor
allem solcher, die viel Arbeit enthalten. Diese Fabrikate unter-
liegen jedoch als beliebig vermehrbare Produkte dem bekannten

D Zitiert nach dem Berichte des Bankarchivs, 22. Jahrgang 1923, S. 100.
        <pb n="78" />
        ﻿72 Zweiter Abschnitt. Der Ablaut der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

Preisgesetz, daß der Preis durch die geringsten Kosten bestimmt
wird, zu denen das Angebot erfolgt. Dieser Zusammenhang hat auch
für die Preisbildung der Fabrikate auf dem Weltmärkte volle Geltung.

Unter dem Zwange der Reparationslasten muß Deutschland
Waren ausführen, muß danach trachten, seine Handelsbilanz mög-
lichst aktiv zu gestalten, und um dieses Ziel zu erreichen, muß es
auf fremden Märkten billiger anbieten können, als seine Konku-
renten. Diese Tatsache ist es dann, welche in diesen, von der deut-
schen Konkurrenz bedrängten Staaten, zu Lohnherabsetzungen und
zu immer wieder von neuem erhöhten Schutzzöllen der deutschen
Einfuhr gegenüber führte. In dem Maße, wie jedoch hierdurch die
Ausfuhrmöglichkeit für die deutsche Industrie zurückging, wie damit,
die deutsche Handelsbilanz passiver wurde, mußte dadurch erneut
ein ungünstiger Einfluß auf die Entwicklung der Markvaluta ausgelöst
werden. Damit wurden die Lebensbedingungen der deutschen Be-
völkerung von neuem herabgesetzt und dadurch wurde das wieder,
wenn auch nur vorübergehend, ausgeglichen, was das Ausland, eben-
falls nur vorübergehend, durch Zölle und Lohnherabsetzungen, zu-
gunsten seiner Wettbewerbsfähigkeit erreicht hatte. Dann konnte das
Spiel auf einer neuen Basis von neuem beginnen. Wie Mac Kenna
es in den oben zitierten Worten ausgedrückt hat: „Soweit aber die
Konkurrenzstaaten ihren Stand auf den neutralen Märkten behaupten
wollen, sind sie gezwungen, ebenfalls ihren Arbeitslohn und Profit
herabzusetzen.“

Auch die Gestaltung und Entwicklung der weltwirtschaftlichen
Beziehungen ist eben nicht allein eine Sache des Willens, ist keine
Sache einer richtigen Politik, sondern in erster Linie eine Sache
des wirtschaftlichen Könnens. „Es gab eine Zeit, vor allem auch
in Deutschland, in der man, besonders unter dem Einfluß der
klassischen Nationalökonomie, die Auffassung vertreten hat, daß
die Zusammenhänge des wirtschaftlichen und sozialen Lebens ge-
wissermaßen naturgesetzlich bestimmt seien. Wir wissen heute,
daß eine solche Auffassung nicht zutreffend ist. Die heutige Gene-
ration ist aber in den entgegengesetzten Fehler verfallen. Für sie
ist im allgemeinen die Gestaltung der gesellschaftlichen und wirt-
schaftlichen Verhältnisse eine Sache des Willens, eine Sache der
richtigen Politik, keine Sache des Könnens. Es ist kein Zweifel,
daß auch in dieser Hinsicht der zielbewußte Wille sehr viel erreichen
kann, auch der Wille der Gesamtheit, wie er im Staate organisiert
ist. Es ist aber auch sicher, daß diesem Willen Grenzen gezogen
sind, vielleicht engere Grenzen, als man vielfach annimmt, daß an
        <pb n="79" />
        ﻿2. Die Konjunktur während und nach dem Kriege.

73

vielen Punkten die Macht der Tatsachen und Verhältnisse weit
stärker ist1).“

Auch bei diesen weltwirtschaftlichen Beziehungen handelt es
sich um wirtschaftliche Zusammenhänge, welche z. T. so strenge
sind, daß dabei mit künstlichen Maßnahmen, wie z. B. mit Einfuhr-
zöllen, auf die Dauer die gewünschte Wirkung nicht erzielt werden
kann. Auch von diesen Zusammenhängen gilt das Wort des Äschylos:

„Klugheit, wie viel ist’s schwächer, als Notwendigkeit.“

Die großen Entschädigungssummen, welche Deutschland an
seine Gegner zu leisten hat, zwingen es, seinen Export zu forcieren
und zwingen es, auf fremden Märkten die heimische Industrie zu
unterbieten. Es ist dies ein viel erörterter Zusammenhang, den man
auch in den Ländern der Entente genau kennt und dem eine finan-
zielle Persönlichkeit der Londoner City an einen englischen Kauf-
mann in Hamburg schon vor mehr als 3 Jahren folgenden drastischen
Ausdruck verliehen hat:

„Deutschland kann nur in Waren zahlen; wenn es die Waren in
großen Mengen auf Frankreich und England ausgießt, dann wird der
Rest des Handelsgeschäftes, der Frankreich geblieben ist, fast ganz
vernichtet und die Industrie Englands in alarmierender Weise
stranguliert werden, so daß unser Volk unter ausgedehnter Arbeits-
losigkeit zu leiden haben wird 2).

r)Mombert, Besteuerung und Volkswirtschaft. Karlsruhe 1922, S. 104.

e) Zitiert nach der Frankfurter Zeitung, Abendblatt, 8. Febr. 1921.

Genau den gleichen Gedanken hat der auch in Deutschland sehr gut
bekannte französische Nationalökonom Charles Rist (Les Finances de Guerre,
de l’Allemagne, Paris 1921) ausgesprochen: Er sagt hier unter anderem:
„Das ganze Problem der Kriegsentschädigung wird durch die elementare Tat-
sache beherrscht, daß das einzige Gut, von dem (abgesehen von den fremden
Werten, die sie im Besitze hat) eine Nation sich trennen kann, aus Material,
Gütern und Dienstleistungen besteht. Geld (mit Ausnahme von Gold) kann in
dieser Frage nur als ein Mittel zur Berechnung und zur Flüssigmachung des
Betrages herangezogen werden. Das ist die Tatsache, welche J.-B. Say vor
langem in seine berühmte Formel brachte: Waren werden mit Waren gekauft.
Die praktische Wirkung einer Entschädigung ist die, unentgeltliche Lieferung
an Stelle des Kaufs zu setzen; aber die Frage bleibt nichtsdestoweniger eine
Güterfrage. Zwei Schlußfolgerungen ergeben sich daraus. Erstens bedart
Deutschland, um seine Schuld zu bezahlen, des Außenhandels, und ohne
diesen kann begreiflicherweise keine Entschädigung erzielt werden. Ein Boy-
kott deutscher Waren ist keine Maßregel, die mit der Zahlung einer Entschä-
digung vereinbart werden kann. Der Begriff des .Wirtschaftskrieges' mag in
diplomatischer Hinsicht während der Feindseligkeiten nützlich gewesen sein,
aber nun, wo der Feind niedergerungen ist, kann er nur zur Förderung von
Sonderinteressen dienen. Zweitens wird der Betrag der jährlichen Zahlung,
die Deutschland machen kann, und infolgedessen der Zeitraum, innerhalb
dessen die ganze Schuld (was auch immer die schließlich festgestellte Gesamt-
summe sein mag) beglichen werden kann, in großem Umfange von dem Ge-
samtumfang des deutschen Handels abhängen.“ Zitiert nach dem Berliner
Börsen-Courier Nr. 207, 5. Mai 1921. Zweite Beilage.
        <pb n="80" />
        ﻿74 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

Auch Einfuhrzölle, welche diese Staaten zum Schutze gegen die
Einfuhr deutscher Industrieerzeugnisse beschließen würden, können
also an dieser Tatsache nichts ändern. Denn Deutschland ist zur Til-
gung seiner Verpflichtungen an das Ausland gezwungen, unter allen
Umständen eine aktive Handelsbilanz zu bekommen. Diese Handels-
bilanz muß in dem Maße aktiv sein, daß diese Verpflichtungen er-
füllt werden können. Nehmen wir nun an, daß wirklich solche Ein-
fuhrzölle eingeführt sind, so können diese Einfuhrzölle entweder
von uns oder vom Auslande getragen werden. In dem ersteren Falle,
wenn Deutschland die Einfuhrzölle in irgendeiner Form trägt, werden
diese Zölle zweifellos die Tendenz haben, einschnürend auf die
deutsche Ausfuhr zu wirken. Entweder muß deshalb Deutschland,
um diesen Aktivposten in seiner Zahlungsbilanz nicht herabmindem
zu lassen, seine Einfuhr noch weiter einschränken, was natürlich,
wie wir oben gesehen haben, zu Absatzstockungen auf dem Welt-
märkte führen muß. Soweit dies nicht möglich ist, bleibt nur der
andere Weg übrig, daß Deutschland den Versuch macht, trotz dieser
Zölle das Maß der bisherigen Ausfuhr aufrecht zu erhalten, was
natürlich unter dieser Voraussetzung nur dann geschehen kann, wenn
es seine Erzeugnisse noch billiger als bisher auf dem Weltmarkt
anbietet. Solange die Notwendigkeit einer solchen Ausfuhr auf dem
deutschen Volke lastet, muß einer dieser beiden Wege eingeschlagen
werden. In diesem Falle trägt immer Deutschland den Zoll, d. h., die
Lebenshaltung des deutschen Volkes muß entsprechend sinken. In
dem Maße, in welchem dies aber geschieht, müssen die Produktions-
kosten der Industrie herabgehen und damit muß ein Ausgleich gegen-
über diesen Industriezöllen eintreten. Denn die deutsche Industrie
muß sich, wie die Dinge liegen, unter allen Umständen ihre Kon-
kurrenzfähigkeit auf dem Weltmärkte erhalten. Daran wird keinerlei
Zollpolitik der anderen Staaten etwas ändern können. Wie dieses
aber dann auf die Lebenshaltung in den anderen Staaten wirken
muß, haben wir eben in den Worten Mac Kennas kennengelernt.

Gerade diese Schwierigkeiten stehen ja auch im Mittelpunkte der
Sachverständigengutachten, in denen ja für den Agenten für die Re-
parationszahlungen ein besonderes Konto bei der Reichsbank vor-
gesehen ist, an welches die deutsche Regierung alle Reparations-
zahlungen zu leisten hat. Es hat seine guten Gründe, wenn es
zu Punkt XII in dem Gutachten heißt: „Diese Zahlung bildet den end-
gültigen Akt der deutschen Regierung zur Erfüllung ihrer, auf Cmind
des vorliegenden Planes obliegenden finanziellen Verpflichtungen.
Es ist leichter, die für die deutsche Wirtschaft und die deutschen
Steuerquellen tragbaren Lasten zu schätzen, als denjenigen Betrag
        <pb n="81" />
        ﻿2. Die Konjunktur während und nach dem Kriege.

75

des deutschen Vermögens, der ohne Schaden an das Ausland über-
tragen werden kann, und' die erste, nicht die zweite Frage, bildete
das Hauptziel der Untersuchungen des Komitees.“

Es gehört nicht in den Rahmen dieser Ausführungen, zu prüfen,
in welchem Umfange die Überführungsstelle auch imstande sein
wird, ohne Gefährdung der deutschen Währung den nötigen Devisen-
betrag an das Ausland abzuführen. Die Erfahrung muß zeigen, ob
das ohne wirtschaftliche Störungen auch für andere Länder mög-
lich ist, oder ob sich an die Weltkrise, die ihre Hauptursache in
dem Verfall der deutschen Währung hatte, im Zusammenhang mit den
Reparationsleistungen andere schwere krisenhafte Störungen in der
Weltwirtschaft anschließen werden. Es sind das Fragen, auf welche
im Schlußabschnitt noch kurz eingegangen werden wird, wo von den
Einflüssen die Rede ist, welche die Durchführung der Gutachten
und des Londoner Protokolls auf die weitere Entwicklung der Kon-
junktur ausüben werden.

Es ist oben gesagt worden, und die ganzen, eben dargelegten
Zusammenhänge beruhten ja auf dieser Tatsache, daß die Verschlech-
terung einer Währung belebend auf das Wirtschaftsleben eines
Landes wirkt, nicht nur die Ausfuhr erleichtert und die Einfuhr
einschränkt, sondern auf dem Binnenmärkte absatzfördernd wirkt.
Dazu ist aber jetzt eine wichtige Einschränkung zu machen.

Ob und in welchem Maße nämlich das eben Gesagte zutrifft,
hängt in hohem Grade davon ab, in welchem Tempo sich die Geld-
entwertung vollzieht. Das kann auch in einem solchen Ausmaße
und in einer solchen Schnelligkeit sich vollziehen, daß die sich
daraus ergebenden Schwierigkeiten für den Zalilungs- und Kredit-
verkehr, daß die daraus entspringende Unmöglichkeit jeder ge-
schäftlichen Kalkulation einen solchen Druck auf das ganze Ge-
schäftsleben ausübt, daß dadurch die oben erwähnten günstigen
Momente einer Geldentwertung für die Geschäftslage mehr als aus-
geglichen werden können. Diese Beobachtung konnte man in Deutsch-
land in den letzten Monaten vor Einführung der Rentenmark
machen.

Hahn1) hat für Deutschland drei Stadien der Geldentwertung
unterschieden. Die erste Phase reichte etwa bis zum Frühjahr 1922,
die zweite bis zum Zusammenbruch der Stabilisierung im Früh-
jahr 1923, die dritte bis zum 15. November 1923, dem Tage der
Ausführung des Rentenbankprojektes. „In der ersten stieg der

1) Unsere Währungslage im Lichte der Geldtheorie. Frankfurt a. M. 1924.
        <pb n="82" />
        ﻿76 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

Dollar von 4,20 Mark auf 280 Mark, also eine Entwertung von
1 zu 70 in etwa 8 Jahren, in der zweiten stieg der Dollar von,
280 Mark auf etwa 20000 Mark, also eine Entwertung von 1 zu 70
in knapp s/t Jahren. In der dritten Periode stieg der Dollar von etwa
20000 Mark auf 4,2 Billionen Mark, was eine Entwertung von 1 zu
200 Millionen in nur 7 Monaten bedeutet. Will man jede dieser drei
Phasen schlagwortartig charakterisieren, so kann man sagen: die erste
Phase umfaßte die Zeit, in der man noch an die Mark glaubte, die
zweite diejenige, in der man an der Mark zweifelte und die dritte
diejenige, in der man an der Mark verzweifelte1).

In dieser letzten Periode zeigten sich nun deutliche Anzeichen
von Wirtschaftsstockungen in Deutschland, die auch freilich noch
mit manchen anderen Faktoren wie mit der Ruhrbesetzung und
der Einführung der Goldlöhne teilweise im Zusammenhang standen.
Auch der Umstand, daß immer mehr Teile der deutschen Wirtschaft
zur Goldmarkrechnung übergingen, mußte die sonst das Geschäfts-
leben stimulierende Wirkung der Geldentwertung vermindern. Vor
allem vom August ab ergab sich im Zusammenhang damit eine Stei-
gerung des Warenpreisniveaus im Inland, welche dahin wirksam war,
die Spannung zwischen dem inneren und dem äußeren Wert der
Mark immer mehr zu beseitigen. Das mußte an sich schon ungünstig
auf die Konjunktur wirken.

Schon von den Monaten Juli und August konnte Lansburgh
schreiben, daß der Verfall der Mark derartige Fortschritte gemacht
habe, daß jede ordnungsgemäße Wirtschaftsführung unmöglich wurde.
„Sogar der Selbstschutz des Rechnens in wertbeständigem Gelde
versagte. Denn selbst, wenn die in Goldmark oder Festmark kal-
kulierten und fakturierten Preise bereits am nächsten Tage zur
Zahlung gelangten, hatte die Mark, die ja offiziell noch immer das
alleinige Zahlungsmittel bildete, bereits eine neue starke Entwer-
tung erfahren. Eben erst vereinbarte Löhne hatten, wenn sie in die
Hand des Arbeiters gelangten, schon einen Teil und bei ihrer Nutz-
barmachung auf dem Markt sogar den größeren Teil ihrer Kaufkraft
eingebüßt. Die Folge war im Groß- und Kleinverkehr ein Stillstand
der Geschäftstätigkeit, in der Landwirtschaft ein systematisches Zu-
rückhalten der Lebensmittel, die dadurch eine weitere Teuerung
(von der Warenseite her) erfuhren, und in der Industrie eine wach-
sende Erbitterung der Arbeiterschaft, die folgenschwere politische Er-
eignisse auszulösen drohte2).“

*) Über das Tempo der Markentwertung vgl. auch den Artikel „Der Sturz
der Mark“ in „Wirtschaft und Statistik“. Jahrg. 1923. S. 639.

8) Lansburgh, „Die schwere Not“ in der Bank. Jahrg. 1924. S. 524.
        <pb n="83" />
        ﻿3. Die Stabilisierungskrise.

77

War doch auch einer der Gründe für die Ausgabe der klein-
gestückelten Goldanleihe des Reiches darin gelegen, die landwirt-
schaftliche Ernte mobilisieren zu helfen. Es war vorauszusehen,
daß es bei dem Weitertreiben der Geldentwertung in einem solchen
Tempo zu schlimmen Störungen in der Güterzirkulation kommen
mußte1), die von den schwersten Folgen begleitet sein konnte. So hat
also dieser rasende Absturz der deutschen Währung lähmend auf das
Geschäftsleben gewirkt und nicht, wie vorher, wo sich die Ent-
wertung nur langsam vollzog, dasselbe angeregt. Darin lag auch
einer der Gründe, daß die Stabilisierung zunächst im geschäftlichen
Leben als Erlösung aus diesen unhaltbar gewordenen Zuständen
empfunden worden ist, und daß diese Stabilisierung deshalb auch
wenigstens zunächst, wenn auch dabei noch andere Gründe mitspiel-
ten, im Gegensatz zu den Erfahrungen in anderen Ländern, keines-
wegs ungünstig auf die deutsche Konjunktur gewirkt hat.

3. Die Stiibilisierungskrise.

Die Stabilisierung einer Währung kann auf verschiedene Weise
vor sich gehen. Entweder in der Form, daß eine bewußt deflationi-
stische Politik in der Weise betrieben wird, daß man durch eine
scharfe Erhöhung des Zinsfußes, durch starke Krediteinschrän-
kungen oder besonders hohe Steuern einen Druck auf das Wirt-
schaftsleben ausübt und so ' durch einen Druck auf die Preise eine
Erhöhung des Geldwertes zu erzwingen sucht.

Derartige Maßnahmen haben auch nach dem Kriege sowohl die
Vereinigten Staaten, wie auch England, angewandt. In England war
im Jahre 1920 das Pfund Sterling gegenüber dem Dollar auf 3,20
(Parität 4,862/3) zurückgegangen und auch in den Vereinigten Staaten
war eine Minderung des Geldwertes eingetreten. In England hatte
man eine Kontraktion des Notenumlaufes vorgenommen mit der
Wirkung, daß eine Verknappung auf dem Geldmärkte eintrat und der
Diskontsatz vom November 1919 bis zum April 1920 von 5 auf 7 0/0
in die Höhe ging. Nicht nur hörte die Vermehrung der Currency Notes
auf, ihr Betrag war auch vom 4. August 1920 bis zum Mai 1921 um
28,1 Mill. £ vermindert worden. In den Vereinigten Staaten nahmen
die Notenbanken erhebliche Krediteinschränkungen vor, man ging
hier sogar in beträchtlichem Umfange zu Kreditkündigungen über.

Das waren in beiden Ländern Maßnahmen, die stark auf die
Kaufkraft und den Unternehmungsgeist drücken mußten. Als dann

1) Über ähnliche Vorgänge in anderen Staaten vgl. Mises, Die geld-
theoretische Seite des Stabilisierungsproblems. Schriften des Vereins für
Sozialpolitik. München 1923. Bd. 164. S. 11.

Mombert, Studium der Konjunktur-.	6
        <pb n="84" />
        ﻿78 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

noch aus anderen, davon unabhängigen Gründen auf dem Weltmärkte
die Nachfrage allgemein zurückzugehen begann, als der dringendste
Bedarf, der nach dem Kriege auftrat, gesättigt war, als vor allem
die Kaufkraft der Mittelmächte mit der zunehmenden Entwertung
ihrer Valuta zurückgang, da kam es in Amerika und in England zu
großen Absatzstockungen und Betriebseinschränkungen. Die Aus-
wirkungen dieser Krise waren deutlich an dem gewaltigen Preisrück-
gänge auf allen Gebieten zu erkennen, einer Erscheinung, zu wel-
cher auch die oben erwähnte Deflation beigetragen hat. Nach Be-
rechnungen des Bureau of Labour in den Vereinigten Staaten betrug
die Indexziffer der Warenpreise im Großhandel im Juli 1920
269 (1913=100), in England nach den Berechnungen des Economist
ebenfalls im Vergleich mit dem Jahre 1913 291. Im Juni 1921, ein
Jahr später, war das Preisniveau in den Vereinigten Staaten auf 142
und in England auf 179 zurückgegangen. Auch ohne diese Deflation
wäre aus ganz anderen Gründen ein Sinken der Preise und eine
Absatzkrise eingetreten, aber ohne diese Deflation hätte sich dieser
Rückgang jedenfalls in milderen Formen vollzogen.

Ebenfalls diesen Weg der Deflation, gleichzeitig mit der Ein-
führung einer neuen Währung hat man in der Tschechoslowakei ein-
geschlagen. Als eifriger Anhänger der Quantitätstheorie hat hier
Rasin den Versuch gemacht, den Wert der Krone auf dem Weg der
Deflation herauszusetzen. Auch hier war die Folge eine schwere
Wirtschaftskrise, die noch dadurch wesentlich verstärkt wurde, daß
der Kurs der tschechischen Krone zwar im Ausland erheblich stieg,
daß es dagegen nicht gelang, gleichzeitig ihren Binnenwert ent-
sprechend heraufzusetzen. Die Formen, in denen diese Krise auftrat,
werden im einzelnen aus der folgenden Tabelle ersichtlich:

Deflation und Geschäftslage in der Tschechoslowakei:

Zeit	Wert des Dollar in Prag Parität = 4,935	Großhandels- preise 1914 = 100	Zahl  der  Kon-  kurse	Zahl der Arbeitslosen
Oktober 1921		96,78			52	62170
November „			95,10	—	57	67 796
Dezember „			81,22	1675	67	78312
Januar 1922 			58,07	1520	86	112323
März	„			57,56	1491	149	127599
Mai	,		51,85	1471	178	113877
Juli	„			44,54	1386	162	104273
September „			30,92	1059	249	232394
November „			31,39	999	532	376773
        <pb n="85" />
        ﻿3. Die Stabilisierungskrise.

79

Zeit	Wert des Dollar in Prag Parität = 4,935	Großhandels-  preise 1914 = 100	Zahl  der  Kon-  kurse	Zahl der Arbeitslosen
Januar 1923 		35,03	1020	616	441075
März	„			33,68	1030	409	369420
Mai	„				33,55	l000	273	273234
Juli	„			32,91	960	237	216720
September „	34,04	970	166	176333
November „			34,76	—	—	177367

In einem solchen Falle, in welchem der Geldwert steigt, wird
dabei die Entwicklung den Gang gehen, daß zuerst unter dem Ein-
fluß des steigenden Wertes der Währung die Industrie mit ihren
Preisen zurückgeht, daß dem dann möglichst schnell die Großhandels-
und dann die Kleinhandelspreise folgen. Erst dann wird man im
allgemeinen an einen Abbau der Löhne und Gehälter gehen können.
Auch in der Tschechoslowakei ist die Entwicklung, wie die fol-
gende Aufstellung zeigt, diesen Weg gegangen:

Preissenkungen in Prozent gegenüber Januar 1922 *)

	Schweizer Franken an der Prager Börse	Groß-  handels-  index	Klein-  handels-  index
Februar. .	.	7,2	9,3	0,3
März....	0,8	7,3	3,5
April....	12,0	11,0	3,5
Mai ....	11,9	12,2	1,4
Juni ....	12,8	12,2	0,7
Juli ....	16,2	12,6	2,4
August .	. .	28,6	13,3	12,0
September. .	49,3	31,2	24,6
Oktober. . .	49,2	36,8	30,7
November .	.	49,8	39,2	35,8
Dezember . .	46,6	40,4			

Man sieht deutlich, daß der Großhandelsindex wesentlich lang-
samer gesunken ist, als der Kurs der Krone stieg und daß der
Kleinhandelsindex dem Sinken desjenigen des Großhandels nur
langsam und unvollkommen folgte. Ist es ja auch leicht begreiflich,
daß Industrie und Handel die Preisfestsetzung nach den Wieder-
beschaffungskosten viel gewissenhafter und gründlicher in den Zeiten
steigender, als in den Zeiten fallender Preise durchführen werden.

l) Nach Herrnheiser, Der Kampf gegen die Wirtschaftskrise in der
Tschechoslowakei. „Der Arbeitgeber“ 1923, Nr. 3.
        <pb n="86" />
        ﻿80 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

Auch dorten, wo die Neuordnung der Währung nicht in Form
einer solchen Deflation durch Hebung des Geldwertes vonstatten geht,
sondern wo man die Stabilisierung etwa auf dem Niveau vornimmt,
auf dem im Augenblick derselben die zu stabilisierende Valuta steht,
wie es in Deutschland und Österreich der Fall war, muß auch die
Stabilisierung unvermeidlich zu einer Krise führen, für welche man
schon häufig die Ausdrücke „Gesundungs-, Reinigungs- oder Stabi-
lisierungskrise“ gebraucht hat. Denn jede solche Stabilisierung muß
mit einem Abstoppen der Inflation, d. h. einem Aufhören der Schaf-
fung immer neuer Kaufkraft, der keine entsprechende Gütererzeu-
gung gegenübersteht, beginnen und wird auch immer, weil auch
das Gleichgewicht des staatlichen Haushalts die Voraussetzung eines
Erfolges der Stabilisierung ist, mit ganz erheblichen Steuererhöhun-
gen verbunden sein, die jetzt nicht mehr, wie zuvor, in entwerte-
tem Geld entrichtet werden können. Neue Kaufkraft wird also auf
dem bisherigen Wege nicht mehr geschaffen, die vorhandene reale,
auf Gütererzeugung beruhende, erfährt durch die wachsende Steuer-
last eine erhebliche Einschränkung. Darin liegt allein schon ein
Faktor, der einen Preisdruck ausüben und zu Absatzstockungen
krisenhaften Charakters führen muß.

Andere Faktoren, die ebenfalls mit einer solchen Stabilisierung
unvermeidlich verbunden sind, wirken dann auch nach der gleichen
Richtung hin und müssen diese ungünstige Entwicklung noch ver-
stärken helfen. Während der Inflationsperiode, in welcher der Wert
der Währung dauernd zurückgeht, ist die Flucht in die Sachwerte
ganz allgemein, wie ja auch in Deutschland das „Los von der Mark“
die allgemeine Parole gewesen ist. Jedermann sucht der Entwer-
tungsgefahr für seinen Barbestand oder seine Bankguthaben zu ent-
gehen. Die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes nimmt damit gewaltig
zu. Aber nicht nur aus diesen Gründen findet die Erzeugung der
Industrie allgemein guten Absatz, sondern auch deshalb, weil, wie
wir ja oben gesehen haben, eine solche Entwertung der Valuta als
Prämie für den Export und als Erschwerung für den Import wirkt.
Nicht nur auf dem Binnenmarkt, sondern auch auf dem Auslands-
markt, wirkt eine sinkende Valuta absatzfördernd.

Damit müssen aber in der ersten Zeit der Stabilisierung Folgen
eintreten, welche neben den oben genannten Faktoren weiterhin
den Absatz ungünstig beeinflussen. Zunächst beginnt dieser dann
schon deshalb zurückzugehen, weil die Bevölkerung durch die
seit Jahren betriebene Flucht in die Sachwerte mit den ver-
schiedensten Bedarfsartikeln reichlich versehen ist und nun dem
zu erwartenden Preisrückgang gegenüber mit dem Einkauf zurück-
        <pb n="87" />
        ﻿3. Die Stabilisierungskrise.

81

zuhalten beginnt. Dies gilt nicht nur von dem Verhältnis des Ver-
brauchers zum Kleinhandel, sondern auch von diesem letzteren zum
Großhandel und von diesem zur Industrie. Nun werden die Läden
leer, neue Aufträge bleiben aus, die Beschäftigung geht allenthalben
zurück. Auch in den Handelsbeziehungen zum Ausland vollziehen
sich jetzt Wandlungen. Die Begünstigung durch die Wirkung sinken-
der Valuta als Ausfuhrprämie und als Einfuhrzoll hört auf, die Aus-
fuhr beginnt abzunehmen, die Einfuhr zu steigen. Welchen Um-
fang diese Absatzstockungen annehmen und wie lange sie andauern,
hängt in erster Linie von der Preisgestaltung im Inlande ab. Je ra-
scher und entschiedener hier Industrie und Handel mit den Preisen
heruntergehen, um so schneller kann diese krisenhafte Übergangs-
zeit überwunden werden.

Mit dem Gesagten sind jedoch die Ursachen einer solchen Stabi-
lisierungskrise keineswegs erschöpft. Mit dem dauernden Sinken
der alten Währung verliert diese, wie es ja auch in Deutschland mit
der Papiermark geschehen ist, immer mehr ihre Funktion als Wert-
aufbewahrungsmittel. Mit der Stabilisierung kommt nun, wenn man
dem neuen Geld Vertrauen schenkt, ein Zahlungsmittel auf, das diese
Eigenschaft wieder besitzt. Jetzt hat es wieder einen Sinn, zu
sparen, und wir wissen ja auch alle, wie langsam die Rentenmark
in den Verkehr floß und wie stark sie anfangs gehamstert worden ist.
Damit ging die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes zurück, eine Tat-
sache, die ebenfalls die Absatzstockung verstärken mußte.

Noch ein weiteres Moment kam hinzu, das nach der gleichen
Richtung hin wirksam war. Wenn oben dargelegt wurde, daß in der
Zeit des Marksturzes keine größeren Kassen Vorräte und Bankgut-
haben vorhanden gewesen waren, so mußte dies nun nach der Stabi-
lisierung, nachdem die Tätigkeit der Notenpresse eingestellt war,
zu erheblichen Schwierigkeiten im geschäftlichen Leben führen. Der
Kaufmann hatte seine Tageseinnahmen möglichst schnell in neuen
Waren angelegt, der Unternehmer hatte mit seinen entbehrlichen
Betriebsmitteln Erweiterungen vorgenommen und Maschinen und
Rohstoffe gekauft. Der Landwirt war nicht immer in der gleichen
Lage wie Kaufmann und Unternehmer, um der Gefahr der Geld-
entwertung zu entgehen, den Erlös seiner Ernte sofort in Sachwerte
umzuwandeln. Das verbot sich vielfach durch die Natur des land-
wirtschaftlichen Betriebes. Es blieb ihm in der Regel kein anderer
Weg übrig, als während der Geldentwertung mit dem Verkauf seiner
Vorräte möglichst zurückzuhalten und diese nur dann abzugeben,
wenn es für ihn notwendig war oder wenn sich für ihn eine Ge-
legenheit bot, den Erlös sofort wieder in anderen Gütern anzulegen.
        <pb n="88" />
        ﻿82 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches

Als nun die Stabilisierung in Deutschland einsetzte, da fehlte es
aus diesen Gründen allenthalben an Betriebskapital, das Wirtschafts-
leben war in vielen1 seiner Teile illiquide, weil während der Infla-
tionsperiode jeder bestrebt war, sein Geldkapital in Sachkapital um-
zuwandeln. Dieser Kapitalhunger auf der einen, die vorhandene
Kapitalarmut auf der anderen Seite haben dann in dieser Zeit zu
den exorbitant hohen Zinssätzen geführt, welche bei der Aufnahme
von Kredit gezahlt werden mußten.

Dieser Mangel an Betriebskapital war auch einer der Gründe,
die dann zu so vielen Entlassungen von Arbeitern und Angestellten
geführt haben, weil bei dieser Illiquidität zahlreiche Unterneh-
mungen gar nicht imstande waren, Löhne und Gehälter im alten Um-
fange weiter zu zahlen und vielfach zunächst den Versuch machen
mußten, durch Verkauf ihrer Lagerbestände in den Besitz der er-
forderlichen Betriebsmittel zu kommen, ehe sie mit Erfolg wieder
weiter arbeiten konnten. Diese Notwendigkeit einer größeren Liqui-
dität wurde für Landwirtschaft und Industrie noch dadurch we-
sentlich vergrößert, daß gerade in dieser ersten Zeit nach der Sta-
bilisierung erhebliche Steuerbeträge, welche für die Sanierung der
öffentlichen Finanzen unentbehrlich waren, aufgebracht werden
mußten. Daß diese große, dann bei uns einsetzende Arbeitslosigkeit
und die zahlreichen Entlassungen staatlicher Angestellter und Be-
amter ebenso wie dieser notwendige Liquidationsprozeß der Wirt-
schaft den Inlandsabsatz ebenfalls ungünstig beeinflussen mußten,
liegt auf der Hand.

Speziell in Deutschland wurde dann dieser Kapitalmangel noch
wesentlich verschärft durch die Beteiligung weiter deutscher Kreise
an der internationalen Spekulation in französischen Franken, welche
für die Beteiligten mit großen Verlusten abgelaufen ist, Verluste, die
deshalb besonders schwer gewesen sind, weil sie in dieser Zeit der
allgemeinen Illiquidität an den liquidesten Vermögensbestandteilen
zehrten. Hat man doch die Beträge, welche in dieser Zeit schwerster
Kapitalnot aus Deutschland nach dem Auslande gingen, auf etwa
400 Millionen Goldmark geschätzt.

Diese Absatzkrise, wie sie aus diesen Gründen nun einsetzte,
erlitt noch eine wesentliche Verschärfung durch die Wandlungen,
welche sich in der gleichen Zeit im deutschen Außenhandel voll-
zogen. Mit dem Aufhören der Inflation war die Exportprämie, welche
darin für die deutsche Ausfuhr, und der Einfuhrzoll, welcher darin
für die deutsche Einfuhr lag, in Fortfall gekommen. Wenn auch bei
uns zunächst infolge der eben dargestellten Tatsachen die Preise, vor
allem diejenigen der landwirtschaftlichen Erzeugnisse, einen starken
        <pb n="89" />
        ﻿3. Die Stabilisierungskrise.

83

Rückgang erfuhren, so war dieser Rückgang doch vielfach nicht stark
genug, um die deutsche Ausfuhr vor einem Rückgang und die deut-
sche Industrie vor der Konkurrenz fremder Industrien auf dem eige-
nen deutschen Markte zu bewahren. Die folgende Tabelle, welche
die deutsche Preisentwicklung mit derjenigen auf dem Weltmärkte in
dieser ersten Zeit nach der Stabilisierung vergleicht, soll das Gesagte
veranschaulichen:

Börsen- und Werkspreise in Deutschland am
(Weltmarkspreise = 100)*)

	15. Nov. 1923	15. Dez. 1923	15. Jan. 1924
Roggen		174,4	128.8	122,1
Weizen		133,5	98,0	97,3
Weizenmehl .	.	.	135,2	108,9	107.4
Baumwolle....	105,3	106,9	104,7
Zinn		99,8	97,8	102,3
Blei		85,6	79,3	74,9
Zink		100,7	103,3	107,7
Eisen		117,9	118,2	103,2
Träger 		110,8	106,9	73,8
Kohle		130,2	128,3	108,2

Für diese Tatsache, daß in dieser Zeit die deutschen Preise noch
vielfach über denjenigen des Weltmarktes standen, kamen als Ur-
sache mannigfache Momente in Frage. Hohe Steuern, hohe Frachten,
noch im März lag die durchschnittliche Steigerung der Frachten
schätzungsweise noch über 50°/o über derjenigen der Warenpreise* 2),
auch die Tatsache, daß die geringe Ausnutzungsmöglichkeit der in-
dustriellen Anlagen, wie wir oben gesehen haben, kostensteigernd
wirken mußte, spielte dabei eine Rolle. Es war aber auch die zu
weitherzige Kreditpolitik der Reichsbank, welche bis in das Früh-
jahr hinein währte, welche mit ihrer inflationsistischen Wirkung
nicht nur ein Hindernis für den notwendigen weiteren Preisabbau
war, sondern sogar noch zu einer Steigerung des Preisniveaus bei-
trug, damit unsere Ausfuhr erschwerte, die Konkurrenzfähigkeit
fremder Industrien auf dem deutschen Markt erleichterte und damit
ungünstig auf die notwendige Umstellung der deutschen Wirtschaft
wirkte. Die folgenden drei Tabellen sollen diese Zusammenhänge ver-
anschaulichen.

Die erste Tabelle soll zeigen, wie sich bei uns ganz allgemein

U Wirtschaft und Statistik. 1924. S. 52.

2) Wirtschaft und Statistik. „Eisenbahnfrachtsätze und Warenpreise.“
1924. S. 161.
        <pb n="90" />
        ﻿84 Zweiter Abschnitt. Der Ablaut der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

die Lage auf dem Arbeitsmarkte und die Zahl der Konkurse ent-
wickelt haben. Man sieht, wie die Zahl der letzteren, vor allem wohl
unter dem Schutze der weitherzigen Kreditgewährung der Reichs-
bank bis zum April noch recht gering war, um dann erst erheblich
anzusteigen. Die Frankfurter Zeitung1) schrieb damals: „Es kann
nicht klar genug betont werden, daß unter den gegenwärtigen Ver-
hältnissen unsere Wirtschaft diese Frühjahrskonjunktur von 1924
tatsächlich eine Bewegung darstellt, deren Entwicklung volkswirt-
schaftlich nicht ohne Sorge betrachtet werden kann. Die Kredit-
politik der letzten Monate darf nicht weiter getrieben werden, wenn
nicht die Währung gefährdet werden soll.“ So kam es, daß in die-
sen ersten Monaten die Zahl der Konkurse relativ gering war, weil
es zahlreichen Unternehmungen gelang, sich noch durch Kredit-
inanspruchnahme über Wasser zu halten, so daß die eigentliche
Krise erst dann einsetzte, als die Reichsbank dieser zu weitherzigen
Kreditgewährung ein Ende machte.

Die zweite Tabelle zeigt noch einmal, wie in diesen ersten
Monaten das Preisniveau in Deutschland gestiegen ist und wie damit
die deutsche Ausfuhr, vor allem an fertigen Waren, zurückging und
die Einfuhr an solchen zunahm, während die dritte Tabelle diesen
Zusammenhang noch deutlicher erkennen läßt, indem aus ihr her-
vorgeht, wie vor allem bei den Industrierohstoffen die deutschen
Preise noch über denjenigen des Weltmarktes standen und erst
langsam und zögernd zurückgingen. Freilich wollen solche inter-
nationalen Preisvergleichungen mit großer Vorsicht benutzt werden,
weil dabei nur die Bewegung der Preise, nicht das Niveau der-
selben, verglichen werden kann.

In den deutschen Fachverbänden kamen auf 1000 Mitglieder:

	Arbeits-  lose	Kurz-  arbeiter	Er betrug die Anzahl der Konkurse
September 1923.	99	397	9
Oktober	„	.	191	473	15
November „	.	234	473	8
Dezember „	•	282	420	17
Januar	1924.	265	234	29
Februar	„	•	251	171	46
März	„ .	166	99	58
April	„	■	104	58	139
Mai	n ■	86	82	326
Juni	„	■	105	194	586
Juli	„ •	125	282	1125
August	„	•	124	275	895
September „	•	105	175	850

U Abendblatt vom 5. April 1924.
        <pb n="91" />
        ﻿3. Die Stabilisierungskrise.

85

Es betrug iu GM. in Deutschland im Jahre 1924:

	An fe Wa  d. Ein- fuhr	rtigen  ren  d. Aus- fuhr	Dtsch. Groß-  handelsindex-  ziffer  (1913 = 100)
Januar ...	1 92,5	367,1	117,3
Februar. •	.	.	132,8	383,9	116,2
März		145,1	375,9	120,7
April		158,6	389,8	124,1
Mai		202,5	415,1	124,6
Juni		216,4	373,0	115,9
Juli		89,7	341,5	115,0
August ....	56,2	343,6	120,4
September .	.	.	76,3	329,3	126,9

Vergleich deutscher und ausländischer Preise:

1924	Deutsche Preise in v. H. der englischen Preise		Deutsche Preise in v.H. dernordameri- kanischen Preise	
	Lebens-  mittel	Industrie-  rohstoffe	Lebens-  mittel	Industrie-  rohstoffe
Januar.	.	.	93,2	109,2	84,4	100,5
Februar . .	87.2	108,5	81,1	104,0
März .	. .	92,0	108,9	85,9	104,4
April . . .	94,4	108,2	88,5	105,4
Mai ....	88,6	108,2	83,7	155,5
Juni....	82,8	105,6	74,5	105,5
Juli ....	86,0	103,5	79,6	104,9
August .	. .	90,3	101,6	85,9	105.5
September	96,0	102,6	93,4	104,5

Wir haben oben gesehen, daß während der Inflationsperiode
Neugründungen in erheblichem Umfange erfolgt sind. Zum Teil
hat es sich dabei um Umwandlungen von Einzelunternehmungen
zur leichteren Erlangung von Kredit gehandelt, zum Teil haben
auch Gründe der Steuerersparnis dabei mitgesprochen. Es läßt sich
heute noch nicht sagen, in welchem Umfange es sich dabei um die
Schaffung ganz neuer Unternehmungen gehandelt hat. Mit der Stabili-
sierung, vor allem seitdem vom Frühjahre ab die Kreditrestriktion
der Reichsbank einsetzte, begann sich das Bild zu ändern. Die
Entwicklung der Konkurse ist ja aus den eben gegebenen Tabellen
bereits ersichtlich geworden. Während im Jahre 1920 in Deutsch-
land 231, im Jahre 1921 516 Geschäftsaufsichten ausgesprochen
worden sind, betrug diese Zahl im dritten Quartal 1924 1858. Hatten
        <pb n="92" />
        ﻿86 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

bis dahin die Neueintragungen von Unternehmungen, wie wir oben
gesehen haben, die Zahl der Löschungen erheblich überwogen, so
änderte sich nun das Bild, wie die folgende Tabelle zeigt:

Mehr (-J-) bzw. weniger (—) Neueintragungen von Unternehmungen
als Löschungen im Monatsdurchschnitt 1924:

	1.  Vierteljahr		2.  Vierteljahr		3.  Vierteljahr
Aktiengesellschaften ....		- 398	+ 56		— 236
		- 169		- 110	— 605
Offene Handelsgesellschaften .		- 359		- 250	— 541
Kommanditgesellschaften .	.		- 86		- 52	+ 1t
Einzelfirmen.......		- 346		- 405	— 147

Es ist dies eine Entwicklung, die jedenfalls noch erheblich weiter
gehen wird, vor allem auch im Klein- und Großhandel. Während
der Inflationsperiode hat der Zwischenhandel eine starke Zunahme
erfahren, und zwar waren vielfach Geschäfte mit so geringen
Mitteln gegründet worden, daß diese wohl in einer Zeit steigender,
aber nicht in einer Zeit fallender Preise durchzuhalten vermögen.
Wie es in einer Zuschrift an die Frankfurter Zeitung hieß: „Galt
es früher, zur Zeit der Flucht vom Geld in die Ware, als wichtiges
Erfordernis, die eingehenden Gelder in Lagerbeständen anzulegen,
so zeigte es sich während der Krise, als das Lager fest wie Blei
lag, und es bald an genügenden Betriebsmitteln zur Aufrechterhal-
tung des Geschäftes fehlte, daß die Warenbestände nur unter mehr
oder minder schweren Verlusten flüssig gemacht werden konnten;
denn die Zahlungen der Abnehmer wurden immer stockender und
reichten nicht aus, um die andauernd erfolgenden Lieferungen der
Fabrikanten auf Grund der seinerzeit während der Rentenmark-
konjunktur erteilten, umfangreichen Bestellungen zu regulieren1).“

Genaue Zahlenangaben über dieses Wachstum im Zwischen-
handel fehlen. Die folgende Zahlenreihe mag aber doch ein Bild
davon geben, wie diese Entwicklung in einem bestimmten Zweige des
Handels gewesen ist. Nach den Mitteilungen des Reichsfinanzmini-
sters an den Zentralverband des Bank- und Bankiergewerbes hat
sich die Zahl der Personen, welche sich gewerbsmäßig mit dem Effek-
tenhandel beschäftigen, bei der Berliner Börse folgendermaßen ent-
wickelt. Er gab hier am:

U Erstes Morgenblatt. 14. September 1924.
        <pb n="93" />
        ﻿3. Die Stabilisierungskrise.

87

	1. Juli 1914	1. Okt. 1914
Kursmakler		83	173
Fondsmakler		254	633
Bankgeschäfte ....	590	1765
zusammen	927	2571

Diese Zunahme erscheint noch krasser, wenn man hört, daß
nach der gleichen Quelle in dieser Periode der Gesamtwert der an der
Berliner Börse gehandelten Papiere auf den fünften Teil zurück-
gegangen ist.

Man hat die Stabilisierungskrise auch nicht umsonst als Rei-
nigungskrise bezeichnet, und es ist im Interesse der Leistungs-
fähigkeit der deutschen Wirtschaft eine zwingende Notwendigkeit,
daß sie von diesen Inflationsexistenzen gereinigt wird. Muß doch
eine solche Übersetzung im Zwischenhandel zur Preisverteuerung
beitragen, die dann ihrerseits wieder die Konkurrenzfähigkeit der
deutschen Industrie fremden Industrien gegenüber beeinträchtigen
‘muß.

Das Gesagte gilt auch sinngemäß von der Industrie, deren Be-
triebe und Anlagen im Verhältnis zu ihren flüssigen Mitteln und
Absatzmöglichkeiten sehr stark vergrößert worden sind. Hier werden
zahlreiche Unternehmungen unter dem Druck der Verhältnisse ein-
gehen müssen und von solchen, die bestehen bleiben, wird eine große
Zahl Teile ihre Anlagekapitals als Verlust abschreiben müssen. Es
betrug, um dafür noch ein Beispiel zu geben, in der chemischen
Industrie die Zahl der1)

	A.-G.	G. m. b. H.
Ende 1913 . .	172	932
„	1919. .	164	1282
„	1922. .	327	2042
„	1923. .	615	2041

Freilich gibt diese Zahlenreihe keinen Aufschluß darüber, in
welchem Umfange es sich hier um die Schaffung ganz neuer Unter-
nehmungen gehandelt hat. Daß dies nicht durchweg der Fall ge-
wesen ist, zeigt die Tatsache, daß die Zahl der Betriebe in der Be-
rufsgenossenschaft der chemischen Industrie von 1913—1923 um
594 zurückgegangen ist. Immerhin steht dem wieder entgegen, daß

1) Nach: „Chemisch-industrielle Wirtschaftspolitik 1923/24'“ von C. Un-
gewitter. Herausgegeb. vom Verein z. Wahrung d. Interessen d. chemischen
Industrie Deutschlands.
        <pb n="94" />
        ﻿88 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

vom Jahre 1913—1923 die Zahl der Vollarbeiter in der chemischen
Industrie um 51,77 Prozent gestiegen ist.

Diese Störungen griffen dann auch auf die Börse, auf den Markt
der Wertpapiere über. Der große Kapitalmangel, die Notwendig-
keit, zur Fortführung der Betriebe liquide Mittel zu haben, der
abnorm hohe Zinsfuß, der dafür geboten wurde, haben neben anderen
Faktoren eine Abwanderung des Kapitals aus der Effektenanlage
bewirkt, wozu auch die Tatsache beitrug, daß ja in dieser kritischen
Zeit die meisten Aktien keinerlei Erträge abwarfen. Das Angebot
an Effekten stieg gewaltig, die Nachfrage danach nahm dauernd
ab, was sich letzten Endes in einem starken Kursrückgang äußern
mußte, der auch zu zahlreichen Zwangsexekutionen führte. Die
folgende Tabelle gibt ein Bild dieser Entwicklung.

Aktienindex nach Gruppen (1913=100):

Monats-  durchschnitt	Bergbau und Schwer- industrie	Verarbeitende  Industrie	Handel und Verkehr	Gesamt
Januar 1924 . . .	45,77	44,21	15,77	35,76
April	„	...	29,50	28,87	10,46	23,33
Juni	„	...	23,06	19,93	8,86	17,50
Juli	„	...	23,59	20,71	10,13	18,49
August „	...	29,81	27,98	13,02	24,14
Septbr. „	...	31,15	28,59	14,39	25,31
Oktober „	...	30,61	27,20	14,67	24,75

So haben wir also in Deutschland das typische Bild einer Sta-
bilisierungskrise erlebt. Daß dabei mit Einsetzen der wärmeren
Jahreszeit die Arbeitslosigkeit zurückging, bedarf keiner weiteren
Erklärung. Vom Sommer ab hat auch dann die scharfe Kreditein-
schränkung der Reichsbank einen weiteren Preisabbau erzwungen1),
an dem auch die inzwischen erfolgte Herabsetzung von Frachten
und Kohlenpreisen beteiligt war.

Es begannen sich damit die Verhältnisse etwas zu bessern, der
Außenhandel gestaltete sich günstiger und auch auf dem Kapital-
und Geldmärkte begann die Spannung etwas nachzulassen. Die lang-
same Liquidierung von Warenbeständen, die Abstoßung des De-
visenbesitzes, die Rückkehr der früher ins Ausland geflüchteten
Kapitalien, das langsame Einsetzen der Kapitalneubildung, die Er-
richtung der Golddiskontbank und ausländische Kredithilfe haben i)

i) Die Preissteigerung vom Juli ab berührt die Konkurrenzfähigkeit auf
dem Weltmarkt nur wenig. Sie beruht einmal auf der Preissteigerung der
agraren Erzeugnisse, und soweit es sich um industrielle Produkte handelt,
vor allem auf dem Anziehen der fremden Devisen.
        <pb n="95" />
        ﻿3. Die Stabilisierungskrise.

89

zu dieser Erleichterung beigetragen, wenn auch die Verhältnisse
noch schwierig genug liegen,, und auch noch auf lange hinaus blei-
ben werden. Liegt es doch in der Natur einer solchen Stabilisie-
rungskrise, daß sie nur langsam und sehr nach und nach abflauen
kann. Solche Störungen müssen auch natürlich um so länger an-
dauern, je mehr Fehler bei ihrer Bekämpfung gemacht werden. Auf
die zu weitherzige Kreditpolitik der Reichsbank ist bereits oben
hingewiesen worden, und daß daneben auch noch andere Fehler ge-
macht worden sind, unter welchen die Wirtschaft schwer zu leiden
hat, ist in der Öffentlichkeit häufig genug betont worden1).

Wie lange eine solche Krise dauern kann, das zeigen die Ver-
hältnisse in Österreich und der Tscheeho-Slowakei, wo diese Wirt-
schaftsstörungen noch am Ende des Jahres 1924 in ganz erheblichem
Umfange vorhanden sind, trotzdem die Stabilisierung lange vor der-
jenigen in Deutschland erfolgt ist. Dabei haben sich die Verhält-
nisse in Deutschland noch relativ günstig entwickelt, was sich vor
allem darin zeigte, daß in den ersten Monaten der Stabilisierung
trotz aller Ungunst der Verhältnisse die Wirtschaft von schweren
Erschütterungen verschont geblieben ist. Es hing dies zum Teil
sicher mit der oben besprochenen weitherzigen Kreditpolitik der
Reichsbank zusammen, es trug aber dazu auch die Tatsache we-
sentlich bei, daß, wie wir oben gesehen haben, in den letzten Wochen
vor der Stabilisierung infolge des dauernden Währungssturzes die
wirtschaftlichen Zustände bei uns so heillose waren, daß dadurch
die absatzfördernden Momente eines Währungsrückganges vollständig

r) So schrieb die Diskontogesellschaft in ihrem Geschäftsbericht für das
Jahr 1923: „Der Mangel an Kapital und die gewaltige Steigerung der Zins-
sätze, auch für kurzfristige Gelder, führten zu einer vollständigen Des&gt;-
Organisation des Geldmarktes. Diese wurde noch dadurch gefördert, daß die
Staatsaufsicht über die staatlichen und kommunalen Geldinstitute völlig ver-
sagte und diesen gestattete, ihre Mittel nicht ihrer eigentlichen Zweckbestim-
mung zuzuführen, sondern ohne Rücksicht auf das damit verbundene Risiko,
zu möglichst hohen Zinssätzen im offenen Markte auszuleihen, im wilden
Wettlauf den Kettenhandel mit Geld zu fördern und die Zinssätze für den Ver-
braucher in ungerechtfertigterWeise zu steigern.“ In der „Kölnischen Zeitung“
vom 31. Oktober 1924 hieß es u. a.: „Jedoch kann nicht genug beklagt werden,
daß die geradezu wucherische Zinspolitik, die von der Reichsbahn und Zoll-
verwaltung bei Fracht- und Steuerstundungen betrieben wird, viele Gewerbe-
treibende dazu veranlaßt, ihre Zuflucht zu solchen Geldstellen zu nehmen, die
zwar hohe Einlagezinsen gewähren, aber geradezu barbarische Leihzinsforde-
rungen stellen, Noch heute werden ja bei Frachtstundungen Zinssätze von
Vi °/o täglich nebst einer Gebühr von 6 pro Mille für wöchentlich gestundete
Frachtschulden berechnet, was zusammen 18 Q/o jährlich ausmacht. Die Zoll-
ämter, die bei Zollstundungen obendrein eine Sicherheitsleistung durch eine
Kreditversicherungsgesellschaft verlangen, berechnen trotzdem für die Stun-
dung 12 o/o im Jahr. Einschließlich der Prämien an die Gesellschaften usw.
beläuft sich der gesamte Zinssatz mindestens auf 18o/o.“
        <pb n="96" />
        ﻿90 Zweiter Abschnitt. Der Ablauf der Konjunktur seit Gründung des Reiches.

aufgehoben wurden. Wir hatten es in Deutschland in diesen letzten
Wochen vor der Stabilisierung bereits mit so schweren wirtschaft-
lichen Störungen zu tun, daß diesen gegenüber die Stabilisierung
trotz der neuen großen Schwierigkeiten, die sie mit sich brachte,
sogar wirtschaftlich nach vielen Seiten hin günstige Wirkungen
ausüben mußte.

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        <pb n="97" />
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91

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industrielle Wirtschaftspolitik. A. a. 0.
        <pb n="98" />
        ﻿Dritter Abschnitt.

Der Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen
auf die Volkswirtschaft.

1. Vorbemerkung.

Es bedarf keiner besonderen Begründung dafür, um darzutun,
wie Wichtig für die gesamte Volkswirtschaft, aber auch für jede ein-
zelne Erwerbswirtschaft, die Kenntnis des Konjunkturwandels, die
Beobachtung und ein möglichst genaues Studium desselben sind.
Das wirtschaftliche Handeln des einzelnen Unternehmers, aber auch
die wirtschaftlichen und finanziellen Mahnahmen von Staat und Ge-
meinde sind in hohem Maße von der in einer bestimmten Zeit vor-
handenen Konjunktur abhängig und damit gewinnt dann wieder
diese Konjunktur einen bestimmten Einfluß auf die Richtung, in
welcher sich diese einzelnen Handlungen bewegen.

Das gilt einmal schon von der Anpassung an die zu einer be-
stimmten Zeit vorhandene Konjunktur, dann aber auch davon, daß die
einzelnen wirtschaftenden Personen auch in der Lage sind, sich mit
ihren Maßnahmen	und Handlungen	auf	einen, vielleicht	bevor-

stehenden Wandel in der Konjunktur vorzubereiten. Denn die Wir-
kungen eines Konjunkturrückganges, der Eintritt einer Depression
oder einer Krise, sind für die Volkswirtschaft eines Landes und
damit auch für die einzelnen Erwerbswirtschaften um so weniger
verhängnisvoll, je weniger eine solche Änderung unerwartet eintritt
und je mehr die	davon Betroffenen	Zeit	und Möglichkeit	gehabt

haben, sich mehr	oder weniger mit	ihren Maßnahmen auf einen

solchen Umschwung einzurichten. Neben dem genauen Studium einer
bestimmten vorhandenen Konjunktur tritt daneben als weitere wich-
tige Aufgabe der	Wirtschaftspolitik	die	Prognose der	Kon-

junktur.

Die Lösung beider Aufgaben, die wirtschaftlichen und sozialen
Eigentümlichkeiten von Hochkonjunktur und Depression kennen zu
lernen, aber auch die Möglichkeit, den Wandel der Konjunktur inner-
halb gewisser Grenzen vorauszusehen und sich darauf einrichten zu
können, erfordern als Voraussetzung die genaue Kenntnis der Merk-
male, wodurch sich die verschiedenen Arten der Konjunktur hin-
sichtlich ihrer wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen vonein-
ander unterscheiden. Der folgende Abschnitt ist der Betrachtung
        <pb n="99" />
        ﻿1. Vorbemerkung

93

dieser Zusammenhänge gewidmet. In einfachen zahlenmäßigen Auf-
stellungen soll hier gezeigt werden, in welcher Weise das Auf und Ab
im Wirtschaftsleben die Zustände eines Landes und seiner Bewohner
beeinflußt, wie sich diese Verhältnisse ganz anders gestalten, je nach-
dem die wirtschaftliche Konjunktur eine günstige oder eine un
günstige ist. Es kann natürlich nicht die Aufgabe der folgenden Seiten
sein, dies in restlos erschöpfender Weise zu tun. Nur die allerwich-
tigsten Gebiete des wirtschaftlichen und sozialen Lebens sollen
dabei herausgegriffen werden.

Es handelt sich dabei zunächst einmal um diejenigen Einflüsse
und Änderungen, welche sich im Wandel der Konjunktur auf dem
Gebiete des Güterumsatzes, von Produktion und Konsumtion, voll-
ziehen, und im engen Zusammenhang damit auch um diejenigen,
welche bei der Preisbewegung und auf dem Gebiete des Außenhandels
vor sich gehen. Daraus ergeben sich dann bestimmte Einwirkungen
nach der sozialen Seite hin für die Lebenslage der Bevölkerung.
Diese Einwirkungen auf die Lebenslage der Bevölkerung kann man an
den Verhältnissen auf dem Arbeitsmarkte, an der Entwicklung der
Industrieerträgnisse und der Löhne, an derjenigen von Einkommen
und Vermögen und an der Entwicklung der Konkurse beobachten.
Die weiteren Folgen dieser Änderung der ganzen Lebenslage der
Bevölkerung lassen sich dann an den Wandlungen feststellen, die sich
bei einer Änderung der Konjunktur auf den Gebieten der Bevölke-
rungsbewegung, also bei den Wanderungen, den Eheschließungen, der
Gehurten- und Sterbehäufigkeit, beobachten lassen. Alle diese Ein-
wirkungen des Konjunkturwandels auf die wirtschaftliche und soziale
Lage eines Volkes haben dann auch einen nicht unerheblichen Einfluß
auf die Entwicklung der öffentlichen Einnahmen.

Eine ganz besondere Behandlung erfordern daneben die Vorgänge
auf dem Kapital- und Geldmarkt. Es handelt sich hier vor allem dar-
um, an verschiedenen Maßstäben die wechselnde Inanspruchnahme
des Kapital- und Geldmarktes im Wandel der Konjunktur kennenzu-
lernen und zu sehen, wie diese Wandlungen mit dem Markt der Wert-
papiere, mit den Vorgängen an der Börse, in einem ganz bestimmten
Zusammenhänge stehen. Diese Veränderungen, welche im Ablauf der
Konjunktur auf dem Kapital- und Geldmärkte vor sich gehen, über-
tragen sich dann auch auf den Status der Noten- und Kreditbanken
und lösen hier ganz bestimmte Maßnahmen aus, welche ihrerseits
dann wieder geeignet sind, die Konjunktur in ihrem weiteren Ablauf
zu beeinflussen. Schließlich lassen sich dann auch ganz bestimmte
Zusammenhänge zwischen dem Wandel der Konjunktur und den Be-
ziehungen der Geldmärkte in den verschiedenen Ländern nachweisen.

Ho mb ert, Studium der Konjunktur.	7
        <pb n="100" />
        ﻿94 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

Es soll dabei der Zeitraum von 1896—1913 betrachtet werden.
Wir haben oben gesehen, daß in diesen Zeitraum drei Hausse- und
drei Depressionsperioden fallen. Die Kriegszeit und die Nachkriegs-
zeit zeigen, wie oben dargelegt, so anormale Verhältnisse auf allen
Gebieten, daß sie mit dieser Entwicklung der Vorkriegsjahre nicht in
Vergleich gesetzt werden können.

Es ist dabei, wie schon einmal hervorgehoben, zu beachten, daß
Hausse- und Depressionsperioden keineswegs in sich etwas durchaus
gleichartiges sind. Sie können in verschiedener Stärke und verschie-
dener Ausdehnung auch auf verschiedenen Gebieten des Wirtschafts-
lebens auftreten. Auch eine Einteilung nach Jahren, wie sie im fol-
genden nicht zu vermeiden ist, deckt sich fast niemals restlos mit dem
zeitlichen Wandel, welchen die Konjunktur durchmacht. Denn solche
Änderungen in der Konjunktur können auch in der Mitte des Jahres
oder zu einem anderen Zeitpunkte desselben eintreten. Mit dieser
Einschränkung will die folgende Reihe, in welcher sich die Jahre der
Hochkonjunktur und die Jahre der Depression genannt finden, be-
trachtet werden.

der Hochkonjunktur		Jahre der	Depression
1897	1906	1900	1908
1898	1907	1901	1909
1899	1910	1902	1913
1904	1911	1903	
1905	1912		

Mit dem .eben Gesagten hängt es dann auch zusammen, daß man
im einzelnen Falle verschiedener Meinung sein kann, ob man ein
solches Kalenderjahr als ein Jahr der Hochkonjunktur oder De-
pression bezeichnen will.

Will man die Hauptunterschiede der wirtschaftlichen Verhält-
nisse eines Landes in den Zeiten der Hochkonjunktur und Depression,
wie sie im folgenden an den verschiedensten Symptomen dargestellt
werden sollen, noch einmal kurz charakterisieren, so kann man zu-
sammenfassend sagen, daß in der Hochkonjunktur das Wirtschafts-
leben auf das Stärkste pulsiert. In allen Teilen der Wirtschaft
herrscht das größte Vertrauen in die weitere Entwicklung, die Ge-
schäfte gehen gut, alle Unternehmungen sind bis an die Grenze ihrer
Leistungsfähigkeit angespannt und sind vielfach gar nicht in der
Lage, die Masse der eingehenden Bestellungen zu bewältigen. Zahl-
reiche Neugründungen, große Produktionserweiterungen gehen vor
sich, die Preise ziehen an, die Kurse der Industriepapiere gehen in
die Höhe, Gewinne und Löhne steigen. Es ist vielfach wie ein Taumel,
        <pb n="101" />
        ﻿1. Die Verhältnisse auf dem Warenmärkte.

95

welcher alle ergriffen hat. Jeder will die günstige Konjunktur aus-
nützen, keiner will hinter dem anderen Zurückbleiben. Nur wenige
denken an einen Umschwung der Dinge und wer daran denkt, kann
sich dieser allgemeinen Erregung, welche alle ergriffen hat, nur sehr
schwer entziehen.

Im umgekehrten Sinne verhält sich dann alles, wenn die Kon-
junktur umschlägt und die Entwicklung nach unten geht. Dann kann
man genau das entgegengesetzte Bild beobachten. Bestellungen, Pro-
duktionsleistungen, Preise, Gewinne und Löhne gehen zurück, die
Arbeitslosigkeit nimmt zu, an der Börse vollziehen sich wichtige
Änderungen, das Vertrauen in die wirtschaftlichen Verhältnisse, der
Gedanke an einen baldigen Wiederaufschwung scheint wie aus-
gelöscht!).

Diese hier kurz skizzierten Symptome der Hausse- und De-
pressionsperioden sollen also im folgenden für die Zeit von 1896 bis
1913 etwas eingehender dargestellt werden.

2.	Die Verhältnisse auf dem Warenmärkte.

Wenn, wie oben betont, der wichtigste und wesentlichste Unter-
schied zwischen den Zeiten der Hochkonjunktur und Depression in
dem Wirtschaftsleben eines Landes darin besteht, daß in der ersteren
dasselbe stärker pulsiert, daß mehr und intensiver auf allen Ge-
bieten gearbeitet wird, so müssen sich die Unterschiede beider Perio-
den vor allem darin zeigen, daß in ihnen wesentliche Verschieden-
heiten in der Größe des Güterumsatzes, in Produktion und Kon-
sumtion, stattfinden.

Der Mangel einer brauchbaren, für einen längeren Zeitraum
zurückreichenden Produktionsstatistik macht es für kein Land mög-
lich, auf einer solch genauen zahlenmäßigen Unterlage diese Wand-
lungen in der Produktion im Laufe der Konjunkturänderungen
zu betrachten. Eine umfassendere Produktionsstatistik besitzen nur
die Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien, die
ersteren für die Jahre 1900 und 1910, Großbritannien für das
Jahr 1907. Die Ergebnisse einer neuen englischen Erhebung für
das Jahr 1912 sind noch nicht zugänglich. Es sind also nur einzelne
wenige Jahre, für welche solche Erhebungen vorliegen, so daß man
sie für die Zwecke des vorliegenden Problems nicht gebrauchen
kann. Während die beiden eben genannten Staaten in ihrer Produk-
tionsstatistik die ganze gewerbliche Produktion des Landes zu er-
fassen suchten, bewegt sich die deutsche Produktionsstatistik in

U Diese psychologischen Momente bei der Konjunkturbildung hat Röpke
a. a. 0. besonders eingehend dargestellt.
        <pb n="102" />
        ﻿96 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunktiirwandels und der Krisen.

wesentlich engeren Grenzen. Sie hat sich darauf beschränkt, die
Produktion nur in einzelnen, ausgewählten Industriezweigen dar-
zustellen, vor allem mit dem Zweck, damit gewisse Unterlagen für
die Vorbereitung von Handelsverträgen zu schaffen. Ein Gesamtbild
der Produktionsentwicklung kann also auf dieser Grundlage auch
nicht gewonnen werden. Trotzdem kann man wenigstens den Versuch
machen, die Entwicklung der Produktion in einzelnen Erwerbs-
zweigen für die Zwecke der vorliegenden Fragen zu verwerten.

Ehe dies jedoch geschehen soll, wollen wir uns nach einem
Ersatz umsehen, der geeignet ist, das Auf und Ab des Güterumsatzes
eines Landes im Wandel der Konjunktur wiederzugeben. Ein
solches Mittel bietet die Statistik des Güterumsatzes, wie er sich
in der Statistik des Güterverkehrs widerspiegelt. Die fol-
gende Tabelle gibt ein Bild von dem Güterverkehr auf den voll-
spurigen deutschen Eisenbahnen in der Periode von 1896—1913.

Es betrug die Zahl der geleisteten Tonnenkilometer im Güterverkehr
auf den vollspurigen deutschen Eisenbahnen (ohne Militärgut).

Jahr	Zahl der tkm in Millionen	Jahr	Zahl der tkm in Millionen	Jahr	Zahl der tkm in Millionen
1896	28087	1902	36670	1908	49864
1897	30226	1903	39491	1909	52812
1898	32579	1904	41190	1910	56276
1899	34981	1905	44567	1911	61870
1900	36911	1906	48297	1912	66021
1901	35325	1907	51256	1913	67517

Die Jahre der Depression sind in der Tabelle im Druck hervor-
gehoben. Man erkennt deutlich den Rückgang des Güterverkehrs, einen
Rückgang, in dem sich der Wechsel im Güterumsatz wiederspiegelt.
Eine solche Änderung im Güterverkehr pflegt jedoch nicht sofort mit
dem Wandel der Konjunktur einzutreten, da ja die eingegangenen
Bestellungen auch bei einem Umschwung der Konjunktur nach
unten, noch ausgeführt werden. Dieser Rückgang im Güterumsatz
bei rückläufiger Konjunktur zeigt sich dann auch sehr rasch, wie
nicht anders zu erwarten, in den Gewinnergebnissen der Transport-
versicherungen. So ging z. B. der Nettogewinn der deutschen Trans-
portversicherungsanstalten in Prozent der Nettoprämie ausgedrückt,
von dem Jahre 1906 von 5,13 o/o in den beiden, darauf folgenden
Jahren auf 0,93 und 0,38 o/o zurück und begann dann erst wieder
langsam anzusteigen, ohne die frühere Höhe wieder zu erreichen.

An dieser Stelle muß jedoch ein Allgemeineres hervorgehoben
werden, das auch sinngemäß für die folgenden statistischen Auf-
        <pb n="103" />
        ﻿2. Die Verhältnisse auf dem Warenmärkte.

97

Stellungen Geltung hat. Das deutsche Wirtschaftsleben befand sich
indem betrachteten Zeiträume, wenn man die Entwicklung als Ganzes
ins Auge faßt und von den einzelnen Rückschlägen in der Kon-
junktur absieht, in einer dauernden Ausweitung. Man kann dies
ja schon deutlich an den Zahlenreihen der eben gegebenen Tabelle
erkennen. Hat sich doch in dem hier betrachteten Zeiträume der
Güterverkehr auf den deutschen Eisenbahnen mehr als verdoppelt.
Schon allein das Volkswachstum und die mit steigendem Wohl-
stand zunehmende Kaufkraft der Bevölkerung mußten, von anderen
Faktoren ganz zu schweigen, eine solche Ausweitung des Wirtschafts-
lebens hervorrufen, mußten bewirken, daß der Umfang von Produk-
tion und Konsumtion und damit der Güterumsatz dauernd zunahm.
Dieser Tendenz gegenüber bedeutet es dann aber einen Rückgang
in der Entwicklung, wenn sich hier einmal ein Stillstand zeigt, oder
das Wachstum, die Zunahme, in einem geringeren Maße als zuvor
ror sich geht. Man kann das in der eben gegebenen Tabelle für
die Jahre 1910—1913 deutlich erkennen. In den Jahren 1910—1912,
in der Zeit einer aufstrebenden Konjunktur, stieg der Güterverkehr
eines jeden Jahres im Durchschnitt um rund 3,4 Millionen Tonnen-
kilometer, vom Jahre 1912 auf das Jahr 1913, wo die Konjunktur
nach unten umbog, dagegen nur um rund 1,5 Millionen Tonnen-
kilometer, also um weniger als die Hälfte wie in den Vorjahren.
Auch eine solche Verringerung in der Zunahme ist durchaus als
relativer Rückgang zu werten und als eine Folge des Niederganges
der Konjunktur zu betrachten. In einer aufstrebenden Volkswirt-
schaft zeigen sich also die Wirkungen eines Rückganges in der
Konjunktur vielfach nicht immer in einem absoluten Rückgänge,
sondern eben in einer entsprechenden Verlangsamung des Wachstums.

Mit diesem Wandel in der Konjunktur und den dadurch be-
wirkten Schwankungen im Güterumsatz in der Volkswirtschaft,
den wir ja eben an dem Güterverkehr auf den deutschen Eisenbahnen
kennen gelernt haben, hängt es dann auch zusammen, daß in den
Jahren einer rückläufigen Konjunktur der Betriebsüberschuß der
Eisenbahnen, welcher ja in der Hauptsache aus dem Güterverkehr
herrührt, d. h. deren Rentabilität, zurückgeht. Diese Rentabilitäls-
ziffer der Eisenbahnen, von der später noch häufiger die Rede sein
wird, ist also ein sehr brauchbares Symptom, um die Wandlungen
der wirtschaftlichen Konjunktur eines Landes in einen Zahlen-
ausdruck zu fassen.

In ähnlicher Weise, wie hier an dem Güterverkehr auf den
deutschen Eisenbahnen, lassen sich auch diese Wandlungen im Güter-
umsatz auf Grund der Binnenschiffahrtsstatistik, an den Änderungen
        <pb n="104" />
        ﻿98 Dritter Abschnitt. Einfluß des Könjunkturwandels und der Krisen.

im Güterverkehr auf den Wasserstraßen, betrachten. Aus Raumgründen
soll jedoch darauf verzichtet werden, das an dieser Stelle mit Zahlen
zu belegen.

Einen weiteren Maßstab für die Größe und die Wandlungen im
Güterumsatz in einer Volkswirtschaft kann man in dem Zahlungs-
verkehr eines Landes finden. Die Erhebung einer Wechselstempel-
steuer in Deutschland macht es möglich, auf Grund gewisser Schät-
zungen1) die Größe und die Änderungen im Wechelumlauf zu
betrachten. Es ergibt sich aus der Höhe des Ertrages der Wechsel-
stempelsteuer für den Umfang des Wechselumlaufs in Deutschland
das folgende Bild:

Es war der Ertrag der Wechselstempelsteuer:

Jahr	in Millionen Mark	Jahr	in Millionen Mark	Jahr	in Millionen Mark
1896	9,187	1902	12,072	1908	16,406
1897	9,947	1903	12,509	1909	18,545
1898	10,989	1904	13,090	1910	18,737
1899	12,035	1905	14,683	1911	19,562
1900	13,026	1906	15,766	1912	20,378
1901	12,420	1907	17,738	1913	20,540

Bis zum Jahre 1909 war die Höhe der Wechselstempelsteuer
seit 1879 unverändert geblieben. In dem erstgenannten Jahre ist
darin insofern eine Änderung eingetreten, als seitdem bei Wechseln,
die länger als 3 Monate laufen, eine Zusatzsteuer erhoben wird.
Für Wechsel, die länger als 6 Monate laufen, wird eine weitere zu-
sätzliche Abgabe erhoben. Für die Beurteilung der obigen Zahlen-
reihe fallen diese Änderungen jedoch kaum ins Gewicht.

Das gleiche Bild ergibt sich, wenn man als Maßstab des
Güterumsatzes den Verkehr bei den Abrechnungsstellen der
Reichsbank betrachtet. Es handelt sich hierbei bis zum Jahre 1914
um 27 von der Reichsbank gegründete Abrechnungsstellen, welche
den Zweck haben, die aus den gegenseitigen Forderungen und
Schulden herrührenden Zahlungsverpflichtungen auf dem Wege der
Verrechnung, also ohne Barzahlung, zu ermöglichen. Es ist dies die
gleiche Einrichtung, welche in anderen Staaten als Clearingverkehr
bezeichnet wird. Dieser Abrechnungsverkehr mit seinen gewaltigen
Umsätzen gibt ein besonders gutes Bild von dem Güterumschlag in
der Volkswirtschaft überhaupt, und die folgenden Zahlen lassen deut-
lich, ebenso wie die oben über den Wechselumlauf gegebenen, den
Zusammenhang mit den Konjunkturschwankungen erkennen. Frei-

!) Vgl. dazu den Artikel: Wechsel (Volkswirtschaft!. Bedeutung) im
Handwörterbuch der Staatswissenschaften. 3. Aufl. S. 667 ff.
        <pb n="105" />
        ﻿99

B i k

r i, a wfe'iv.'irfscbeft 4
0 v i Kiel

4. 2.4 6.

2. Die Verhältnisse auf dem Warenmärkte.

lieh muß hierbei die oben erwähnte Tatsache berücksichtigt werden,
daß ein Niedergang in der Konjunktur sich häufig nur in einer
Verlangsamung des Wachstums zeigt.

Es betrug die Summe der bei den Abrechnungsstellen der Reichsbank
bewirkten Gesamtablieferungen:

Jahr	in tausend Mark	Jahr	in tausend Mark	Jahr	in tausend Mark
1896	22 720 177	1902	29 969 050	1908	15 960 851
1897	21016 725	1903	31 136 532	1909	51127 162
1898	27 976 278	1901	32 635 273	1910	51311 811
1899	30 237 661	1905	37 602 991	1911	63 015 295
1900	29 172 741	1906	12 036 098	1912	72 513 573
1901	28 922 035	1907	45 313 106	1913	73 634 205

Das gleiche Bild ergibt sich, wenn man nicht den Betrag
der Wechselsteuer zum Maßstab des Wechselumlaufes nimmt, son-
dern unmittelbar dafür den Ankauf von seiten der Reichsbank und
ihrer Filialen an Platz- und Versandwechseln betrachtet, wie es die
folgende Tabelle tut1).

Es betrug bei der deutschen Reichsbank und ihren Filialen der
Ankauf von Platz- und Versandwechseln:

Jahr	in Millionen Mark	Jahr	in Millionen Mark	Jahr	in Millionen Mark
1896	6234	1902	7 438	1908	9421
1897	6607	1903	8 564	1909	9 769
1898	7282	1904	8 377	1910	10 844
1899	8175	1905	8 917	1911	11308
1900	8552	1906	10 211	1912	12 675
1901	8580	1907	11 882	1913	11 741

Alle diese Zahlen lassen deutlich den Wandel im Güterumsatz,
je nach den Schwankungen der Konjunktur erkennen. Dabei liegt es
in der Natur dieses Zahlungsverkehrs, daß sich in seiner Höhe
der Wandel der Konjunktur nicht sofort, sondern erst nach einigen
Monaten zeigt.

Es war schon oben davon gesprochen worden, daß es für
einzelne Industrien und Erwerbszweige möglich ist, auch unmittelbar
die Größe und die Änderungen in der Produktion zu be-
trachten. Das gilt in erster Linie für die in Deutschland gut aus-

1) Platzwechsel sind solche, welche im Bezirk der ankaufenden Bank-
anstalt selbst, Versandwechsel solche, welche an irgendeinem anderen Ver-
sandplätze zahlbar sind.
        <pb n="106" />
        ﻿100 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

gebaute Statistik der bergbaulichen Produktion und der
Montanindustrie. Für die wichtigsten Erzeugnisse derselben wollen
wir uns im folgenden die Entwicklung im Wandel der Konjunktur
etwas genauer ansehen.

Es betrug die Produktion in 1000 Tonnen

	im Stein-	in der	im Eisen-		im Stein-	in der	im Eisen-
Jahr	kohlen-	Eisenerz-	hochofen-	Jahr	kohlen-	Eisenerz-	hochofen-
	bergbau	gewinng.	betrieb		bergbau	gewinng.	betrieb
1896  1897  1898  1899  1900  1901  1902  1903  1904	85 690 91055 96310 101 640 109 290 108 539 107 474 116 638 120 816	14162  15 466  15	901  17	990  18	964  16	570  17	964 21231  22 047	6	373  6 881  7	313 8143  8	521  7	880  8	530  10 018  10 058	1905  1906  1907  1908  1909  1910  1911  1912  1913	121 290 137 118 143 186 147 671 146 964 151 073 158 581 174 875 190 109	23	444  26	735  27	697  24	278 25505  28	710  29	879 32 692 35 941	10 875  12 293  12 875 11805 12 645  14	794  15	574  17 617  19 312

Auch hier erkennt man deutlich den Rückgang der Produktion
in den Jahren einer rückläufigen Konjunktur. Diese Einwirkungen
des Konjunkturwandels waren, wie alle bisher gegebenen Tabellen
übereinstimmend zeigten, am stärksten in den Jahren nach der Jahr-
hundertwende, wo wir es ja auch, wie oben dargelegt, mit einer
ausgesprochenen Wirtschaftskrise, zu tun hatten. In den folgenden
Jahren ist dann der Konjunkturrückgang nicht mehr in der Form
einer solch ausgesprochenen Krise aufgetreten. Es hat sich hier viel-
mehr lediglich um ein Nachlassen der Konjunktur gehandelt, und
die bisher gegebenen Zahlenreihen zeigen ja auch deutlich, daß-, an
den darin gegebenen Merkmalen betrachtet, der ungünstige Einfluß
des Konjunkturrückganges auf die Volkswirtschaft ein wesentlich
geringerer war, als um die Jahrhundertwende. Es sind dies Wand-
lungen in der Art und der Stärke beim Ablauf der Konjunktur,
welche später in anderem Zusammenhänge noch genauer zu be-
trachten sein werden.

Noch ein anderes, wichtiges Produktionsgebiet sei in seinen
Wandlungen im folgenden etwas genauer betrachtet. Es handelt
sich hierbei um den Bau- und Wohnungsmarkt, ein Gebiet,
das mit dem Ablauf der Konjunktur in einem besonders engen Zu-
sammenhänge steht. Wenn man bedenkt, wie viele Zweige des
Wirtschaftslebens am Häuserbau beteiligt sind, Eisen- und Holz-
industrie, Ziegelbrennereien, die Stein- und Tapetenindustrie usf.,
dann sieht man leicht ein, worauf dieser enge Zusammenhang beruht.
Ein reges und betriebsames Leben auf dem Baumarkte bedeutet eine
        <pb n="107" />
        ﻿2. Die Verhältnisse auf dem Warenmärkte.

101

gewaltige Nachfrage für viele Industrien, und sobald aus irgend-
welchen Gründen, welche wir noch genauer kennen lernen werden,
der Bau von Häusern nachläßt, so muß dieses die Absatzmöglichkeit
und damit die Beschäftigung in zahlreichen Industrien höchst un-
günstig beeinflussen. Es läßt sich nun leicht zeigen, wie in den
Zeiten einer rückläufigen Konjunktur, vor allem in den allerletzten
Zeiten der Hausse, auch die Beschäftigung auf dem Baumarkte nach-
zulassen beginnt. Ob dies die Ursache, die Folge oder nur eine
beiläufige Erscheinung des Konjunkturwandels ist, wird später noch
zu erörtern sein. An dieser Stelle kommt es einstweilen nur darauf
an, ein Bild von den Tatsachen zu geben. Zwar fehlt bei uns he-*
dauerlicherweise eine einheitliche Reichsstatistik, der man ein Bild
von den Bewegungen auf dem Baumarkte entnehmen könnte. Man
muß auch hier zu Aushilfsmitteln greifen, die aber ausreichend sind,
das Auf und Ab im Häuserbau zahlenmäßig darzustellen. Die fol-
gende Tabelle gibt ein Bild von der Beleihung des Bodens durch die
Hypothekenbanken und von der Größe des Pfandbriefumlaufes der-
selben :

Es betrug am Ende der angeführten Jahre bei den deutschen
Hypothekenbanken in Millionen Mark:

Jahr	der  Pfandbrief-  umlauf	die  Hypotheken-  darlehen	Jahr	der  Pfandbrief-  umlauf	die  Hypotheken-  darlehen
1896	5 164,8	5 454,6	1905	8 227,9	8 473,0
1897	5 579,0	5 909,3	1906	8 568,9	8 868,7
1898	5 865,0	6 207,9	1907	8 830,7	9 155,6
1899	6 241,4	6 574,4	1908	9 311,9	9 551,4
1900	6 362,1	6 586,8	1909	9 835,3	10101,7
1901	6 531,9	6 738,9	1910	10 316,8	10 623,3
1902	6 836,6	7 047,7	1911	10 792,9	11153,4
1903	7 288,1	7 495,5	1912	10 969,4	11 390,6
1904	7 723,0	7 943,1	1913	10 983,9	11398,4

Man erkennt deutlich, daß in den Perioden, in welchen die rück-
läufige Konjunktur einzusetzen beginnt, die Mittel, welche von seiten
der Hypothekenbanken dem Baumarkt zur Verfügung gestellt wurden,
knapper zu werden begannen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß auch
die Bewegung auf dem privaten Hypothekenmarkt eine ähnliche Ent-
wicklung durchmacht. In den Zeiten einer aufstrebenden Konjunktur
werden also dem Baumarkt zunächst steigende Mittel zu Gebote ge-
stellt. Wenn die Konjunktur ihren Höhepunkt erreicht hat und um-
zuwenden beginnt, dann ändert sich auch hier das Bild. Es hängt
das mit Verschiebungen zusammen, welche sich am Ende der Hoch-
konjunktur auf dem Kapital- und Geldmärkte zu vollziehen pflegen.
        <pb n="108" />
        ﻿102 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

Es sind dies Zusammenhänge, welche später an anderer Stelle noch
eingehender zu betrachten sein werden. Einstweilen möge das Gesagte
genügen. Es liegt auf der Hand, daß dieser Rückgang auf dem Bau-
markt auch ungünstig auf den Absatz zahlreicher Industrien ein-
wirken muß.

Wir haben oben bei der Darstellung der Krisentheorien und der
neueren Erklärungen des Konjunkturwandels gesehen, daß während
der Hausse die Erzeugung von Produktionsmitteln, von sogenannten
Kapitalgütern, im Vordergründe steht, daß hier vor allem Eisen,
Maschinen, Instrumente, Schiffe, Eisenbahnen, Baumaterialien usf.
geschaffen werden. Bei dem Abstieg der Konjunktur gehen dann
die Neugründungen und Betriebserweiterungen aus Gründen, von
denen später noch die Rede sein wird, an Umfang zurück, die Nach-
frage nach diesen Produktionsmitteln und Materialien erfährt eine
Einschränkung, welche dann in der Regel auch den Anstoß zu einem
Umschwung in der Konjunktur gibt und während der Zeit der De-
pression noch andauert.

Es ist das Verdienst von Cassel1), den Versuch gemacht zu
haben, für diese Zusammenhänge den statistischen Nachweis zu
liefern. Cassel zeigt dieses zuerst für verschiedene Staaten bei dem
Bau von Häusern und Eisenbahnen und ferner an der Weltproduktion
von Kohlen und Roheisen. Er kommt zu dem Ergebnis, daß jedem
Wendejahr der Konjunkturen eine besondere Steigerung dieser Ka-
pitalproduktion vorausgegangen und daß nach dem Wendejahre
regelmäßig ein Sinken derselben eingetreten ist. Jede Aufschwungs-
periode ist eine Periode besonderer Steigerung der Produktion von
festem Kapital, jede Niedergangsperiode oder Depression ist dagegen
eine Periode, wo diese Produktion unter den früher erreichten Stand-
punkt sinkt. Dagegen zeigt die Produktion von Gütern, welche direkt
in die Konsumentenwirtschaft übergehen, nach der Ansicht von Cassel,
keine ausgeprägte Abhängigkeit von der Konjunktur.

Cassel macht auch den interessanten Versuch, diese Zu-
sammenhänge an der Hand der Statistik des Güterverkehrs auf den
Eisenbahnen für Deutschland nachzuweisen. Er faßt die Waren-
gattungen Zement, Eisen, Holz und Steine als Material des festen
Kapitals zusammen, zieht diese von den Gesamttonnenzahlen der
übrigen Güter ab und kann auf diese Weise den Umsatz an Kapital-
gütem mit demjenigen an anderen Gütern im Ablauf der Konjunk-
turen vergleichen. Auf diese Weise gelingt ihm der Nachweis, daß im

U A.a. 0. Seite 461 ff.
        <pb n="109" />
        ﻿2. Die Verhältnisse auf dem Warenmärkte.

103

Gegensatz zu der Produktion an Kapitalgütern die Produktion der
übrigen Güter weit weniger von den Schwankungen der Konjunkturen
beeinflußt wird. Eine Bestätigung dieser Ergebnisse bietet ihm dann
noch die Tatsache, daß die Statistik des englischen Arbeitsmarktes
ergibt, daß bei einem Niedergang der Konjunktur die Arbeitslosigkeit
in den Produktionsmittelindustrien eine weit stärkere ist als in den-
jenigen Industrien, welche für den unmittelbaren Konsum produ-
zieren. Auf solchen Wegen muß inan versuchen, diese Zusammen-
hänge darzustellen, da für eine unmittelbare Erfassung der Wand-
lungen in der Produktion von Genußgütern kein statistisches Material
zur Verfügung steht.

Entsprechend diesem Wandel in der Produktion zeigen sich auch
im Ablaufe der Konjunktur Änderungen in der Größe des Ver-
brauchs. Freilich gilt auch von der Konsumtionsstatistik' das
gleiche, was oben von der Produktionsstatistik gesagt worden ist.
Auch die Konsumtionsstatistik ist allenthalben etwas sehr Unvoll-
kommenes, und wenn wir von der landwirtschaftlichen Produktion,
welche nicht hierher gehört, absehen, so gibt sie nur einigermaßen
brauchbare Angaben für den Bergbau und die Montanindustrie und
für einige Genußmittel, für welche, wie für Tabak1, Brannt-
wein, Bier, Salz, sich auf Grund der Besteuerung eine ein-
fache Feststellung des Verbrauches ermöglichen läßt. Auch die in
der folgenden Tabelle gegebenen Zahlen für den Verbrauch einiger
im Auslande erzeugten Waren können auf unbedingte Zuverlässigkeit
keinen Anspruch machen. Denn sie sind auf Grund der Einfuhr-
statistik berechnet und können deshalb kein zureichendes Bild davon
geben, welcher Teil der Einfuhr des betreffenden Jahres auch in dem
gleichen Jahre in den Konsum übergegangen ist. Denn eine einfache
Überlegung zeigt, daß der Verbrauch an solchen: Waren auch aus der
Einfuhr des Vorjahres herrühren kann, oder daß umgekehrt die Ein-
fuhrmengen eines Jahres erst in dem darauffolgenden Jahre in den
Konsum übergehen.

Es betrag in Deutschland der Verbrauch pro Kopf der Bevölkerung an:

Jahr	Stein-  kohlen  kg	Roheisen  kg	Zink, Blei und Kupfer kg	Baum-  wolle,  rohe  kg	Reis  kg	Roher Kaffee -  kg	Aus-  ländische  Gewürze  kg
1896	1502	123	5,86	4,85	2,41	2,46	0,17
1897	1576	133	6,31	5,36	2,35	2,53	0,17
1898	1614	136	6,94	6,30	2,51	2,80	0,15
1899	1693	154	6,96	5,71	2,58	2,81	0.17
1900	1802	162	7,24	5,48	2,00	2,85	0,14
1901	1744	137	6,50	5,73	2,13	3,01	0,16
        <pb n="110" />
        ﻿104 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

Jahr	Stein-  kohlen	Roheisen	Zink, Blei und Kupfer	Baum-  wolle,  rohe	Reis	Roher  Kaffee	Aus-  ländische  Gewürze
	kg	kg	kg	kg	kg	kg	kg
1902	1687	140	6,69	5,79	2,23	2,95	0,15
1903	1803	164	7,10	6,28	2,25	3,08	0,15
1904	1847	166	7,75	6,41	2,61	3,00	0,17
1905	1861	174	8,03	6,52	2,41	2,96	0,17
1906	2065	198	7,6	6,28	2,73	3,02	0,17
1907	2196	209	8,1	7,29	2,51	3,02	0,17
1908	2190	186	8,1	6,79	2,53	3,03	0,20
1909	2153	192	9,0	6,98	2,54	3,30	0,19
1910	2157	219	9,2	5,87	2,68	2,60	0,15
1911	2199	227	10,1	6,70	2,71	2,79	0,16
1912	2321	253	10,4	7,56	2,43	2,53	0,16
1913	2470	277	10,8	7,23	3,56	2,44	0,16

Ganz besonders in die Augen fallen die Wandlungen im Verbrauch
der Kapitalgüter, an Kohlen, Eisen und anderen Metallen, während
sich bei den in der obigen Tabelle betrachteten Genußgütern kein
regelmäßiger Zusammenhang in der Höhe des Verbrauches mit den
Wandlungen in der Konjunktur zeigt. Immerhin kann man doch die
Tendenz, wenn auch von mancherlei Ausnahmen durchbrochen, be-
obachten, daß der Verbrauch auch bei diesen Waren mit dem Rück-
gänge der Konjunktur abzunehmen scheint.

Für die Wirtschaftskrise in Deutschland nach der Jahrhundert-
wende ist damals ein solcher Rückgang im Verbrauch auch an Ge-
nußgütern für eine Reihe von Städten festgestellt worden1). In
München, Dresden, Mannheim und Stuttgart ging der Fleischkonsum,
auf den Kopf der Bevölkerung berechnet, von dem Jahre 1900—1902
von 71,4 auf 65,5 kg, der Verbrauch an Bier in München und Dres-
den in dem gleichen Zeiträume von 288 auf 244 Liter zurück.

Diese Wandlungen in der Güterproduktion und im Güterumsatz,
welche wir bisher kennen gelernt haben, haben ihre Hauptursache
in den Veränderungen, welche sich , in der Gütemachfrage im Ab-
lauf der Konjunktur vollziehen. Entwickelt sich das Wirtschaftsleben
günstig, ist alles voller Vertrauen und Zuversicht in den weiteren
Gang der wirtschaftlichen Entwicklung, so herrscht auch eine lebhafte
Nachfrage auf dem Warenmärkte, die Absatzverhältnisse lassen nichts
zu wünschen übrig, die Werke sind vielfach gar nicht in der Lage,
die Menge der eingegangenen Aufträge und Bestellungen zu dem ge-
wünschten Zeitpunkte auch auszuführen. Ganz anders gestaltet sich
das Bild, wenn aus irgendwelchen Gründen die Konjunkturkurve

1) Singer, Der Verbrauch und die Störungen im deutschen Wirt-
schaftsleben. Sehr. d. V. f. Sp. Bd.109. S.327.
        <pb n="111" />
        ﻿2. Die Verhältnisse auf dem Warenmärkte.

105

nach unten umzubiegen beginnt. Wenn die Preise eine gewisse Höhe
erreicht haben, wenn sich irgendwelche Symptome dafür zeigen, daß
die günstige Geschäftslage ihrem Ende entgegenzugehen droht, dann
beginnen auch die Bestellungen allenthalben nachzulassen, und da-
mit wird eine preisdrückende Tendenz ausgelöst. Die folgende Tabelle
hat die Aufgabe, diese Preisschwankungen im Wandel der
Konjunktur an einigen wichtigeren Waren aufzuzeigen.

Es betrug der Preis in Mark:

Jahr	Stein-  kohlen  Stück-  kohle  ab  Werk  Dort-  mund  1000kg	Bestes dtsch. Gieß.- roh- eisen ab Werk Düssel- dorf 1000 kg	Nord-  deutsch.  Schä-  ferei-  wolle  mittel  1000 kg	Leinen-  garn  (Flachs)  Biele-  feld  100 kg	Jahr	Stein-  kohlen  Stück-  kohle  ab  Werk Dort- mund 1000 kg	Bestes  dtsch. Gieß.- roh- eisen ab W erk Düssel- dorf 1000 kg	Nord-  deutsch.  Schä-  ferei-  wolle  mittel  1000 kg	Leinen-  garn  (Flachs)  Biele-  feld  100 kg
1896	9,0	65,3	2349	178	1905	11,8	68,2	3125	217
1897	9,4	67,0	2206	175	1906	11,8	78,9	3483	243
1898	9,7	67,3	2344	175	1907	12,5	84,3	3500	295
1899	10,0	81,6	3029	180	1908	12,8	74,7	3163	245
1900	13,6	101,4	2808	224	1909	12,8	68,5	3483	210
1901	14,0	76,9	2313	231	1910	12,8	64,5	3367	235
1902	13,3	65,2	2558	195	1911	12,8	66,8	3300	259
1903	12,1	66,7	2992	204	1912	13,5	74,2	3442	552
1901	11,8	67,5	2975	224	1913	14,1	77,5	3696	255

Man sieht, wie mit rückläufiger Konjunktur die Preise zurück-
gehen und bei Wiedererholung des Wirtschaftslebens zu steigen be-
ginnen. Es handelt sich dabei natürlich um keinen durchaus regel-
mäßigen, immer in der gleichen Weise zu beobachtenden Zusammen-
hang. Bei der einen Ware tritt die Preissenkung früher und stärker
ein als bei einer anderen, und ebensolche Unterschiede zeigen sich
dann auch, wenn die Preise wieder anzuziehen beginnen. Solche Ver-
schiedenheiten können daher rühren, daß beim Wandel der Kon-
junktur der Auf- und Niedergang keineswegs immer in dem gleichen
Gebiete des Wirtschaftslebens einzutreten braucht, sie können auch
damit Zusammenhängen, daß auch noch andere Faktoren als der
Wandel der Konjunktur einen Einfluß auf die Preisgestaltung aus-
üben. Hierher können zum Beispiel Änderungen in der Technik und
Mode, oder karteil- und handelspolitische Maßnahmen, gehören.

Man kann dabei die Beobachtung machen, daß, wie Keynes es
einmal ausgedrückt hat, eine Erwartung über den Verlauf von Preisen,
wenn sie allgemein geteilt wird, die Tendenz hat, bis zu einem ge-
wissen Punkte kumulativ zu wirken. „Wenn eine Preissteigerung er-
        <pb n="112" />
        ﻿106 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

wartet wird und das Geschäftsleben sich auf diese Erwartung ein-
stellt, so genügt schon diese Tatsache, um eine Zeitlang eine Stei-
gerung zu verursachen, und indem das die Erwartung rechtfertigt,
verstärkt es sie; und in ähnlicher Weise, wenn es ein Sinken der
Preise erwartet. So kann ein verhältnismäßig schwacher Anfangs-
stoß imstande sein, eine erhebliche Schwankung hervorzurufen1).“
Man darf solche psychologischen Vorgänge, solche Stimmungen und
Meinungen, in ihrer Bedeutung für den Ablauf der Konjunktur
keineswegs unterschätzen.

Dieser Wandel der Warenpreise läßt sich auch deutlich erkennen,
wenn man mit Hilfe von Indexziffern ganze Warengruppen zu-
sammenfaßt und das Gesamtwarenpreisniveau in einem Lande be-
rechnet, wie es in der folgenden Tabelle geschieht.

Reichsstatistik. Indexziffern. 1889—98 = 100 2).

Jahr	Ge-  treide	Ani-  mali-  sche  Nähr  mi	Son-  stige  ungs-  ttel	Kolo-  nial-  waren	Textil-  roh-  stoffe	Me-  talle	Brenn-  und  Licht-  stoffe	Nah-  rungs-  mittel	Roh-  stoffe	Total-  index-  ziffer
1899	94	104	98	100	101	133	107	99	113	106
1900	92	110	97	107	114	145	124	101	127	114
1901	99	111	90	103	105	120	113	101	109	105
1902	102	120	88	99	106	113	107	102	109	106
1903	94	114	99	100	116	116	109	102	114	108
1904	96	110	115	100	120	116	105	106	114	109
1905	103	124	102	98	120	128	104	107	117	114
1906	109	135	94	100	135	149	110	109	132	121
1907	123	127	115	102	144	152	120	117	138	129
1908	123	122	114	93	124	123	130	113	122	118
1909	123	131	110	92	122	121	116	114	123	117
1910	111	142	112	101	133	112	114	116	120	122
1911	119	135	122	116	136	135	113	124	132	128

In den Jahren einer rückläufigen Konjunktur (1901—1902 und
1908—1909) war das Gesamtwarenpreisniveau ein niedrigeres als in
den Jahren mit günstigen wirtschaftlichen Verhältnissen. Man sieht
aber auch deutlich, daß in dieser Hinsicht die Verhältnisse bei den ein-
zelnen Warengruppen recht verschiedene waren. Schon eine einfache
Überlegung zeigt, woher das kommt. So hängt natürlich der Preis des
Getreides und der animalischen Nahrungsmittel weniger von den
Schwankungen in der Konjunktur, als von den Ergebnissen der Ernte

1)	„Ein Traktat über die Währungsreform.“ München 1924. S. 37.

2)	Nach Eulenburg, Die Preissteigerung des letzten Jahrzehnts.
Leipzig 1912. S. 93.
        <pb n="113" />
        ﻿2. Die Verhältnisse auf dem Warenmärkte.

107

ab, so daß es hier nicht wundernehmen kann, daß bei diesen Gütern
keinerlei Parallelität zwischen den Preisänderungen und den Konjunk-
turschwankungen besteht. Man wird sagen können, daß ein solcher
Zusammenhang zwischen Konjunktur und Preisen nur dort deutlich
beobachtet werden kann, wo es sich um Güter handelt, welche mit
der Industrie entweder als Rohstoffe oder als Erzeugnisse derselben
in Beziehung stehen. Das Gesagte wird besonders deutlich, wenn
man die Preisbewegung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen ein-
ander gegenüberstellt und würde jedenfalls noch deutlicher werden,
wenn das Zahlenmaterial zur Verfügung stände, um damit auch die
Preisbewegung der fertigen Waren zu verfolgen.

Eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Preise bei einem
Rückgang der Konjunktur spielt es auch, wenn es bei einer rück-
läufigen Nachfrage im Inland der heimischen Industrie möglich ist,
einen mehr oder weniger großen Teil ihrer Erzeugung ins Ausland ab-
zustoßen und damit einer zu starken Preissenkung im Inland ent-
gegenzuwirken. Ob dieses möglich ist, hängt mit in erster Linie von
den wirtschaftlichen Verhältnissen in den Einfuhrstaaten ab. Ist der
Konjunkturrückgang und die Depression eine internationale Erschei-
nung, so wird es nicht möglich sein, auf diese Weise durch ein©
Steigerung der Ausfuhr den heimischen Markt zu entlasten, während
sich dieses unschwer durchführen läßt, wenn mit einer Depression im
eigenen Lande eine günstige Konjunktur in anderen Staaten Hand
in Hand geht.

Wir haben ja oben gesehen, daß der Rückgang der Konjunktur
für die Industrie eines Landes sinkenden Absatz und sinkende Ver-
kaufspreise bedeutet. In dem Maße, in welchem dieses eintritt, ent-
stehen wichtige Einwirkungen auf die Warenaus- und -einfuhr des be-
treffenden Landes. In dem Maße, in dem die Inlandspreise zu-
rückgehen, wird die Industrie des betreffenden Landes bei gleich-
bleibenden Weltmarktspreisen auf fremden Märkten konkurrenzfähiger
und damit wird ein fördernder Einfluß auf die Ausfuhr dieses
Landes ausgeübt. Es kommt noch hinzu, daß unter solchen Ver-
hältnissen die Absatzschwierigkeiten im eigenen Lande, die geringen
Produktionsmöglichkeiten in der Industrie dieses Landes, den Wunsch
aufkommen lassen müssen, die eigenen Warenlager zu leeren, um
überhaupt weiter arbeiten zu können und keine Arbeiterentlassungen
vornehmen zu müssen, ein Ziel, das man dann ebenfalls durch eine
Forcierung des Exports, wenn es sein muß, auch zu ungünstigen
Preisen, zu erreichen sucht.

Umgekehrt werden dann der mangelnde Absatz und die Ein-
schränkungen der Produktion im Inland hemmend auf die Einfuhr,
        <pb n="114" />
        ﻿108 Dritter Abschnitt. Einiiuß des Konjunkturwandels und der Krisen.

vor allem auf diejenige von Rohstoffen für Industriezwecke und von
halbfertigen Waren, einwirken müssen. Eine andere Gestaltung dieser
Zusammenhänge zeigt sich nur dann, wenn gleichzeitig mit einer
ungünstigen Konjunktur im eigenen Lande, sich auch auf fremden
Märkten die Absatzverhältnisse verschlechtern, wenn also die un-
günstige Konjunktur einen internationalen Charakter annimmt, wie
es z.B. im Jahre 1908, vor allem infolge der Wirtschaftskrise in den
Vereinigten Staaten von Amerika, der Fall gewesen ist. Unter solchen
Umständen geht zwar die Einfuhr an Rohstoffen und halbfertigen Fa-
brikaten zurück, es gelingt aber der heimischen Industrie nicht,
ihren Absatz auf fremden Märkten zu vergrößern. In diesem Falle
kann sogar die Ausfuhr ebenfalls zurückgehen, wie es auch schon
häufig der Fall gewesen ist. Hierdurch wird die durch den Kon-
junkturrückgang im Inlande schon schwierige Lage der Industrie
noch ungünstiger gestaltet. .Diese Zusammenhänge sind aus der
folgenden Tabelle zu ersehen.

Es betrug für Deutschland im Spezialhandel in Millionen Mark:

Jahr	die Einfuhr an Rohstoffen und  halbfertigen  Waren	die Ausfuhr an fertigen Waren	Jahr	die Einfuhr an Rohstoffen und  halbfertigen  Waren	die Ausfuhr an fertigen Waren
1896	1886	2301	1905	3457	3824
1897	2100	2305	1906	4032	4399
1898	2247	2396	1907	4435	4683
1899	2607	2712	1908	4160	4182
1900	2803	2982	1909	4832	4172
1901	2458	2893	1910	5231	4737
1902	2560	3089	1911	5420	5220
1903	2842	3281	1912	5882	5763
1904	3178	3442	1913	6242	6396

Man erkennt deutlich, wie in den Jahren einer rückläufigen Kon-
junktur, vor allem in den Jahren 1901, 1902, 1908, die Einfuhr an
Rohstoffen und halbfertigen Waren stark zurückgeht,' während sich
in dem Jahre 1913 eine solche Abnahme nicht beobachten läßt.
Während jedoch in den Jahren 1908 und 1909 auch die Ausfuhr stark
abgenommen hat, hat sie bei dem Konjunkturrückgang im Jahre 1913
eine erhebliche Zunahme erfahren. In diesem Jahre gelang es eben
der deutschen Industrie, ihren Absatz auf fremden Märkten wesent-
lich zu vergrößern. Damit hing es auch zusammen, daß in diesem
Jahre trotz des Konjunkturrückganges keine Abnahme bei der Roh-
stoffeinfuhr für Industriezwecke eingetreten ist. Hat man doch auch
        <pb n="115" />
        ﻿3. Die Lage der Bevölkerung. ________________109

in diesem Jahre im Hinblick auf die starke Zunahme der deutschen
Induslrieausfuhr von einem Inventurausverkauf der deutschen Volks-
wirtschaft gesprochen.

Mit diesen Wandlungen im Außenhandel im Ablauf der Konjunk-
tur hängt es dann auch zusammen, daß sich in dem zahlenmäßigen
Verhältnis von Einfuhr und Ausfuhr starke Verschiebungen zeigen,
ln wirtschaftlich günstigen Jahren pflegt als Folge davon die Passi-
vität der Handelsbilanz eine wesentlich größere zu sein, als in wirt-
schaftlich ungünstigen Zeiten. Nimmt doch bei einer günstigen
Konjunktur die Einfuhr an Rohstoffen und halbfertigen Waren
erheblich zu, während die Ausfuhr an fertigen Waren infolge
der günstigen Absatz Verhältnisse auf dem heimischen Markte zu
einem Rückgänge tendiert, mindestens keine so starke Zunahme
zeigt, wie diese Einfuhr an Rohstoffen und halbfertigen Waren.
Diese Änderungen in der Handelsbilanz werden aus der folgenden
Zahlenreihe ersichtlich:

Es betrug im Deutschen Reiche im Spezialhandel in Millionen Mark:

Jahr	die  Einfuhr	die  Ausfuhr	Mehr Ein- fuhr als Ausfuhr	Jahr	die  Einfuhr	die  Ausfuhr	Mehr Ein- fuhr als Ausfuhr
1896	4558	3754	804	1905	7436	5842	1594
1897	4865	3786	1079	1906	8021	6359	1662
1898	5440	4011	1429	1907	8747	6846	1901
1899	5784-	4368	1416	1908	7667	6399	1268
1900	6043	4753	1290	1909	8527	6594	1933
1901	5710	4512	1198	1910	8934	7475	1459
1902	5805	4812	993	1911	9706	8107	1599
1903	6321	5130	1191	1912	10691	893?	1734
1904	6855	5316	1539	1913	10770	10097	673

Diese Wandlungen in dem internationalen Güteraustausch beein-
flussen dann auch die Zahlungsbilanz und üben damit, wie wir
später noch sehen werden, einen deutlich wahrnehmbaren Einfluß
auf die internationalen Zahlungsverhältnisse und die internationale
Edelmetallbewegung aus.

3.	Die Lage der Bevölkerung.

Dieser bisher geschilderte Rückgang auf dem Warenmärkte beim
Niedergang der Konjunktur zieht dann aber auch noch weitere
wichtige Folgen für das betreffende Land nach sich, vor allem in
sozialer Beziehung, im Hinblick auf die Lage der Bevölkerung in
fast allen ihren Schichten.

M o mb e rt, Studium der Konjunktur.

8
        <pb n="116" />
        ﻿• 110 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

Die erste und wichtigste Einwirkung nach der sozialen Seit©'hin
zeigt sich im Wandel der Konjunktur auf dem Arbeitsmarkte.
Bei aufsteigender und guter Konjunktur bietet sich allenthalben reich-
lichere und besser entlohnte Arbeitsgelegenheit, als bei rückläufiger
und ungünstiger Konjunktur. Von dieser Entwicklung des Be-
schäftigungsgrades, je nach den Konjunkturverhältnissen, sollen die
beiden folgenden Zahlenreihen ein Bild geben.

Bei allen berichtenden deutschen

Arbeitsnachweisen kamen auf 100 Von tausend Gewerkvereins-

offene Stellen Arbeitsgesuche:	mitgliedern waren arbeitslos:

Jahr		Jahr	Jahr			Jahr	
1896	138,9	1905	120,0	1904	21	1909	28
1897	124,9	1906	110,8	1905	16	1910	19
1898	119	1907	114,7	1906	12	1911	19
1899	106	1908	159,7	1907	16	1912	20
1900	122,6	1909	154,3	1908	29	1913	29
1901	106	1910	131,5				
1902	176,7	1911	128				
1903	148,8	1912	121				
1904	132,6	1913	135				

Für eine Reihe von Industrien, wie z. B. für den Bergbau und
die Montanindustrie, liegen auch Angaben vor, auf Grund deren
man unmittelbar die Zahl der hier beschäftigten Arbeiter feststellen
und so den Umfang der Arbeiterentlassungen bei einem Rückgang
der Konjunktur erkennen kann. Auch die Statistik der zahlenmäßigen
Bewegung der Mitglieder bei den Krankenkassen gibt ein brauch-
bares Bild dieser Veränderung auf dem Arbeitsmarkte. Die gegebenen
Zahlenreihen mögen jedoch genügen, um diesen Zusammenhang
aufzuzeigen. Dabei zeigen diese Zahlen nur den Umfang der vor-
handenen Arbeitslosigkeit. Sie geben kein Bild davon, in welchem
Maße durch Einführung von Feierschichten oder durch einen Rück-
gang der täglichen Arbeitszeit eine Abnahme in der Beschäftigung,
damit aber auch ein Rückgang in den Lohneinnahmen der davon
betroffenen Arbeiter eingetreten ist.

Mit dieser veränderten Lage auf dem Arbeitsmarkt in dem
Wandel der Konjunktur zeigt sich dann auch eine veränderte Taktik
bei den Arbeitskämpfen. Aus naheliegenden Gründen versuchen die
Arbeiter Aussperrungen, womöglich in die Zeit einer rückläufigen
Konjunktur zu verlegen und umgekehrt spielen sich dann die Kämpfe
um Lohnerhöhungen von Seiten der Arbeiter vor allem in den Zeiten
ab, in denen die Konjunktur nach oben geht und sich bei der In-
        <pb n="117" />
        ﻿3. Die Lage der Bevölkerung.

111

dustrie die Aufträge anhäufen. Die Beobachtung der Konjunktur-
Verhältnisse in den verschiedenen Industrien gehört zu den wich-
tigsten Aufgaben einer gutgeleiteten Gewerkschaft.

Es ist auch eine alte Erfahrung, daß bei längeren Wirtschafts-
krisen die Gewerkschaften erhebliche Mitgliederverluste erleiden,
eine Tatsache, die ja leicht erklärlich ist und die man sowohl in
der Zeit vor dem Kriege, wie auch nach dem Kriege, in den ver-
schiedensten Ländern beobachten konnte.

Diese Wandlungen auf dem Arbeitsmarkte haben dann noch
weitertragende soziale Wirkungen. Sie zeigen sich in erster Linie
in der verschiedenen Gestaltung der Einkommens- und Lohn-
verhältnisse, je nach der Lage der Konjunktur. Wir wollen
zunächst in der folgenden Tabelle die Entwicklung des Arbeits-
lohnes für eine bestimmte Arbeiterkategorie betrachten:

Es betrug der Jahresarbeitsverdienst in Mark im Oberbergamts-
bezirk Dortmund:

	bei den	bei den	bei den		bei den	bei den	bei den
	unterird.	sonstigen	über Tage		unterird.	sonstigen	über Tage
	u. in Tage-	unterird.	beschäf-		u. in Tage-	unterird.	beschäf-
Jahr	bauen be-	u. in Tage-	tigten	Jahr	bauen be-	u. in Tage-	tigten
	schädigt.	bauen be-	männ-		schättigt.	bauen be-	männ-
	eigentlich.	schädigt.	liehen		eigentlich.	schäftigt.	liehen
	Bergarb.	Arbeitern	Arbeitern		Bergarb.	Arbeitern	Arbeiten
1896	1203	862	934	1905	1370	987	1143
1897	1328	926	993	1906	1664	1156	1255
1898	1387	964	1022	1907	1871	1289	1356
1899	1491	1027	1076	1908	1766	1255	1334
1900	1592	1096	1125	1909	1566	1162	1272
1901	1447	1024	1080	1910	1589	1195	1299
1902	1316	955	1047	1911	1666	1247	1340
1903	1411	1017	1094	1912	1918	1386	1436
1904	1415	1006	1116	1913	2088	1480	1510

Die Zusammenstellung zeigt, daß mit aufsteigender Konjunktur
der Jahresverdienst zugenommen und mit absteigender Konjunktur
abgenommen hat. Es bedarf keiner besonderen Erörterungen, daß
im Wandel der Konjunktur die Entwicklung der Löhne in den
einzelnen Industriezweigen keineswegs eine überall gleichmäßige ist.
Das kann schon deshalb nicht der Fall sein, weil die einzelnen
Industrien und Erwerbszweige von den Einwirkungen des Konjunk-
turwandels in ganz verschiedenem Maße getroffen werden können
und weil sich auch, wie wir später noch eingehender sehen
werden, aus der Eigenart der einzelnen Industrien hervorgehend, in
den Zeiten einer auf- oder absteigenden Konjunktur ganz vor-
        <pb n="118" />
        ﻿112 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunktorwandels und der Krisen.

schiedene Grundsätze der Arbeiter- und Lohnpolitik ergeben. Im
allgemeinen Durchschnitt gilt aber trotz mancher Ausnahmen im
einzelnen diejenige Tendenz für die Entwicklung der Löhne, wie
sie sich in der eben dargelegten Entwicklung der Bergarbeiter-
löhno ausdrückt. Bei dem Zusammenhänge zwischen Konjunktur und
Lohnbewegung dürfen wir auch nicht daran vergessen, daß die Ent-
wicklung der Nominallöhne in dieser ganzen Zeit eine aufsteigende
Tendenz aufwies, daß also auch die ungünstige Einwirkung eines
Rückganges der Konjunktur auf die Löhne schon dadurch zum Aus-
druck kommt, daß diese Aufwärtsbewegung eine Unterbrechung er-
fährt, oder in einem weit langsameren Tempo als zuvor vor
sich geht.

Aber nicht nur die Arbeitslöhne unterliegen in ihrer Höhe im
Wandel der Konjunktur solchen Änderungen, das gilt vielmehr
auch von zahlreichen anderen Arten des Einkommens. In den
meisten Erwerbszweigen wird in der Hausse mehr verdient als in
den Zeiten der Depression, und damit unterliegen auch zahlreiche
andere Einnahmen erheblichen Schwankungen. Es gibt verschiedene
Maßstäbe, um auch für solche andere Einkommensarten diesen
Einfluß des Konjunkturwandels aufzuzeigen. Es sei hier zunächst
nur au f .den zahlenmäßig leicht erfaßbaren Rückgang 'in den
Erträgnissen der Dividendenpapiere bei einer rückläufigen
Konjunktur hingewiesen. Wir wollen hier diese Wandlungen nur
für die letzte große Wirtschaftskrise zu Beginn dieses Jahrhunderts
betrachten.

Mit ganz wenigen Ausnahmen kann man in diesen Jahren, mit
der Verschlechterung der Konjunktur und dem Eintritt der Krise,
eine wesentliche Verminderung der Industrieerträgnisse beobachten.
Zum Teil sind die Dividenden um die Hälfte gegenüber den Vor-
jahren zurückgegangen, und man hat in diesen Zahlen ein brauch-
bares Bild dafür, wie in diesen Jahren ganz allgemein die Ein-
nahmen im Handel und Gewerbe eine Verminderung erfahren haben.
Damit mußten auch die Einnahmen derjenigen, welche mehr oder
weniger von ihren Renten lebten, ungünstig beeinflußt werden.
Bei jedem Rückgänge der Konjunktur kann man Ähnliches, wenn auch
neuerdings in weit schwächerem Maße, beobachten. Wenn dabei der
Rückgang bei den einzelnen Industrien ein recht verschiedener ist,
so kommt dies einmal daher, daß nicht jeder Konjunkturrückgang
alle Industrien in gleichmäßiger Weise trifft. Manche Industrien
können davon auch mehr oder weniger verschont bleiben. Es hängt
dies aber auch vielfach mit der ökonomischen Eigenart dieser In-
dustrien, mit der Eigenart ihrer Absatzverhältnisse zusammen, aber
        <pb n="119" />
        ﻿3. Die Lage der Bevölkerung.

113

auch damit, daß innerhalb der einzelnen Industrien und Unter-
nehmungen erhebliche Verschiedenheiten in den Grundsätzen der
Bilanz- und Dividendenpolitik Vorkommen. Es sind das Zusammen-
hänge, welche später, wenn von der Konjunkturpolitik die Rede
ist, noch eingehender darzustellen sind.

Es betrug die Dividende des Aktienkapitals

Industriezweige		Zahl der betrachte- ten Gesell- schaften	1899  °/o	In den 1900  o7  Io	Jahren  1901  °/o	1902  °/o
1.	Kohlenbergwerke		37	11,30	13,65	11,33	11,17
2.	Erzbergwerke und Hütten .	.	.	57—58	11,93	11,87	6,80	4,42
3.	Salinen		6	9,20	9,80	9,52	8,90
4.	Baumaterialienindustrie ....	32-33	13,59	11,71	5,68	5,47
5.	Porzellan-, Steingut-, Glasindustrie	13	11,80	12,96	12,76	12,46
6.	Metallindustrie		38-39	7,77	7,35	3,70	3,71
7.	Maschinenindustrie		76-79	11,84	10,89	6,57	5,54
8.	Elektrizitätsindustrie		24 -26	8,32	8,27	5,18	3,25
6.	Gas- und Wassergesellschaften .	10	9,93	10,12	8,72	8,98
10.	Chemische Industrie		20-21	12,45	11,38	11,08	10,99
11.	Wollindustrie		17	9,89	2,50	3,73	7,77
12.	Leinen-, Beumwollspinn. u. -web.	29	6,52	6,39	2,86	2,98
13.	Papierindustrie		15	9,79	10,43	9,63	8,44
14.	Lederindustrie		12	7,82	8,28	6,28	6,05
15.	Gummiindustrie		10	8,52	11,51	11,53	11,78
16.	Getreidemühlen		25	5,23	4,74	3,13	3,83
17.	Zuckerindustrie		9	11,51	12,52	12.58	6,95
18	Brauereien		66-67	9,19	9,22	9,02	8,80
19.	Brennereien		9	8,29	10,55	7,53	7,61
20.	Nahrungsmittelindustrie ....	8	8,71	8,62	8,22	11,60
21.	Bau- und Terraingesellschaften .	30-32	5,06	4,56	5,24	4,01
22.	Holzindustrie		11	8,36	8.73	5,65	5,29
23.	Polygraphische Gewerbe .	.	.	13—14	7,02	7,06	5,64	4,32

Den Gesamtrückgang des Volkseinkommens in solchen Zeiten
einer rückläufigen Konjunktur und die Steigerung desselben bei
einer Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse kann man an
den Ergebnissen der staatlichen Einkommensteuerstatistik messen.
Wenn sich die Konjunktur günstig entwickelt, so steigt das durch-
schnittliche Einkommen der Bevölkerung, wendet sich dagegen das
Blatt, so beginnt das durchschnittliche Einkommen zu sinken, wie
aus der folgenden Aufstellung hervorgeht.

Man sieht den Rückgang des durchschnittlichen Einkommens
vor allem deutlich in den Jahren nach der Jahrhundertwende
und in den Jahren 1908 und 1909. Freilich wollen diese Zahlen im

1) Zusammengestellt nach T ä g e r a. a. 0.
        <pb n="120" />
        ﻿114 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

Hinblick auf die Art der steuerlichen Erfassung der Einkommen mit
einer gewissen Vorsicht und Zurückhaltung benutzt werden.

Es betrug in Preußen das durchschnittliche Einkommen aller
Zensiten mit einem solchen von über 900 Mark.

Jahr	Mark	Jahr	Mark	Jahr	Mark
1896	2294	1902	2277	1908	2177
1897	2306	1903	2236	1909	2167
1898	2330	1904	2208	1910	2197
1899	2347	1905	2202	1911	2211
1900	2322	1906	2211	1912	2207
1901	2297	1907	2182	1913	2222

Ebenso kann man auch in der Entwicklung der Vermögens-
Verhältnisse der Bevölkerung nicht unwesentliche Änderungen
im Wandel der Konjunktur feststellen. Es ist dies ja auch leicht zu
erklären und zu verstehen. Bei aufsteigender Konjunktur und wäh-
rend der Hausse ist der Verdienst allenthalben ein viel höherer, die
Gewinne weit größere, als unter den umgekehrten Verhältnissen.
Es können also in dieser Zeit Ersparnisse und Vermögensrücklagen
gemacht werden, während dies bei einer rückläufigen Konjunktur
nicht mehr in dem gleichen Maße möglich ist. In dieser Zeit
werden sogar nicht allzuselten Vermögensverluste eintreten. Man
denke nur an die in einer solchen Zeit rückläufige Bewegung der
Börsenkurse und an die Verluste, welche an der Börse stattfinden,
Fragen, die in dem folgenden Abschnitt, welcher die Verhältnisse
auf dem Geld- und Kapitalmärkte zum Gegenstände hat, noch ein-
gehender zu behandeln sind. Bei einem Rückgänge der Löhne
werden ja auch die Neueinlagen auf den Sparkassen abnehmen,
und bei Zunahme der Arbeitslosigkeit werden hier sogar Abhebungen
in großem Umfange Vorkommen können. Diese ungünstige Einwir-
kung des Einnahmerückganges bei sinkender Konjunktur kann eben
auch dadurch nicht voll ausgeglichen werden, daß in den Zeiten
der Depression die Preise vieler Waren weit geringer sind als wäh-
rend der Hochkonjunktur.

Es möge zum Beleg für diese Darlegungen genügen, wenn an
dieser Stelle auf den relativen Rückgang hingewiesen wird, dem bei
einer Verschlechterung der Konjunktur die Neueinlagen bei den Spar-
kassen gegenüber den Rückzahlungen unterliegen. Aus der folgen-
den Tabelle ist diese Tatsache deutlich erkennbar:
        <pb n="121" />
        ﻿3. Die Lage der Bevölkerung.

115

Es betrug bei den preußischen Sparkassen in Millionen Mark der
Mehrbetrag der Neueinlagen gegenüber den Rückzahlungen

Jahr		Jahr		Jahr	
1897	187	1903	400	1909	454
1898	182	1904	315	1910	443
1899	146	1905	301	1911	373
1900	96	1906	244	1912	216
1901	313	1907	68	1913	282
1902	313	1908	162		

Noch deutlicher und ausdrucksvoller werden die für die Ver-
mögensverhältnisse und den Wohlstand eintretenden ungünstigen
Folgen eines Konjunkturrückganges, wenn man, wie es in der folgen-
den Zusammenstellung geschieht, die Anzahl der Konkurse und
ihre Entwicklung betrachtet. In diesen Zahlen hat man einen leidlich
brauchbaren Maßstab dafür, um zu erkennen, wie weit stärker der
Vermögensverfall in den Zeiten des Konjunkturrückganges als in
denjenigen einer aufsteigenden Konjunktur ist.

Es wurden im Deutschen Reiche neue Konkurse eröffnet:

Jahr		Jahr		Jahr	
1896	6 760	1902	9826	1908	11571
1897	6 997	j 1903	9627	1909	11005
1898	7 364	| 1904	9511	1910	10 783
1899	7 742	! 1905	9357	1911	11031
1900	8 558	1906	9401	1912	12 094
1901	10 569	1 1907	9855	1913	12 756

Dabei sind in diesen Zahlen die große Menge der Fälle nicht
enthalten, wo es gar nicht zu Konkurserklärungen gekommen ist,
sondern in denen sich auf Grund einer gütlichen Vereinbarung der
Gläubiger zu einem Vergleich bereit erklärt hatte. Wäre es auch
möglich, diese Fälle zahlenmäßig zu erfassen, so würde sich jeden-
falls ergeben, daß der Unterschied in der Zahl der geschäftlichen
Zusammenbrüche in den verschiedenen Konjunkturperioden noch er-
heblich größer ist, als es aus obigen Zahlen hervorzugehen schien.

Die für die Lebenslage der Bevölkerung so verschiedenartigen
Einflüsse einer aufsteigenden oder absteigenden Konjunktur lassen
sich noch viel mehr in ihren Einzelheiten verfolgen, als es bis jetzt
geschehen ist. Als Beispiel möge an dieser Stelle auf die starken Ver-
änderungen hingewiesen werden, welche sich, mehr oder weniger
sichtbar, auf dem Gebiet der Bevölkerungsbewegung zeigen.
        <pb n="122" />
        ﻿







116 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

Am deutlichsten ergibt sich dieser Zusammenhang bei der Ent-
wicklung der Eheschließungen. Die Beziehungen, welche zwi-
schen der Heiratshäufigkeit und der wirtschaftlichen und sozialen Lage
einer Bevölkerung bestehen, sind seit langem bekannt, schon häufig
erörtert worden und in ihren Ursachen sehr leicht zu begreifen. In
wirtschaftlich günstigen Zeiten pflegt die Zahl der Eheschließungen
relativ zuzunehmen, während sie in wirtschaftlich ungünstigen Zeiten
einem Rückgänge unterliegt. Man hat diesen wichtigen Zusammen-
hang schon auf Grund der verschiedensten Maßstäbe nachgewiesen.

Dort, wo eine Volkswirtschaft noch in hohem Maße auf agrarer
Grundlage ruht, wie es z.B. noch in Rußland der Fall ist und wie es
bei uns noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall gewesen ist, dort hat
der Ausfall der Ernten und damit zusammenhängend die Höhe der
Getreidepreise, einen einschneidenden Einfluß auch auf die ganze
Lage und Lebenshaltung der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung.
Für solche Verhältnisse hat man schon deutlich zeigen können, daß
zwischen der Höhe der Getreidepreise und der Heiratshäufigkeit eine
bemerkenswerte Parallelität besteht.

Je mehr eine Volkswirtschaft diese agrare Basis verliert, je mehr
sie in die Weltwirtschaft verflochten wird, je weniger Industrie und
Handel in ihrem Absatz damit auf die Landwirtschaft angewiesen
sind, um so mehr mußte die Bedeutung der Ernte- und Getreidepreise
für die wirtschaftliche und soziale Lage des ganzen Volkes zurück-
treten. Andere Faktoren traten an deren Stelle, von denen die wirt-
schaftliche Lage eines Volkes in steigendem Maße abhängig wurde.
Dazu gehörte für ein Land in der wirtschaftlichen Lage Deutschlands
in erster Linie die allgemeine Konjunktur. Denn diese ist ja, wie
wir gesehen haben, in gewissem Sinne bestimmend für,die Lage des
Wirtschaftslebens eines Landes überhaupt und damit für die Ein-
kommensgestaltung und die ganzen Lebensverhältnisse der weitesten
Kreise der Bevölkerung.

Wir haben nun oben gesehen, daß man die Entwicklung der
Konjunkturen an den Wandlungen des Güterumsatzes in einem Lande
und damit an dem Umfang des Güterverkehrs messen kann und daß
die Größe dieses Güterverkehrs in der Rentabilität der Eisenbahnen
ihren zahlenmäßigen Ausdruck findet. Vergleicht man nun die Kon-
junkturperioden, gemessen an der Rentabilität der deutschen Eisen-
bahnen, mit der Entwicklung der Heiratshäufigkeit, so kann man
zwischen beiden eine bemerkenswerte Parallelität wahmehmen, wie
die folgende Gegenüberstellung zeigt.
        <pb n="123" />
        ﻿3. Die Lage der Bevölkerung.

117

Jahre	Auf 1000 Einwohner.entfielen Eheschließungen in Deutschland	Es betrug der Betriebsüberschuß der deutschen Eisenbahnen in Prozenten des Anlagekapitals
1871-75	9,42	5,50
1876—87	7,72	4,54
1888-95	7,94	5,22
1896—00	8,42	6,08
1901-03	8,00	5,52
1904 07	8,10	6,40
1908-09	7,90	4,80
1910-12	7,80	6,15
1913	7,70	5,70

Man sieht, daß die Parallelität ununterbrochen bis zu den Jahren
1910—1912 zu beobachten ist1). Von dem Jahre 1912 ab zeigten sich
starke Tendenzen, die auf eine Verminderung der Ehehäufigkeit hin-
drängten und die enge mit der sozialen und wirtschaftlichen Ent-
wicklung dieser Zeit im Zusammenhänge stehen* 2). Aber im Jahre
1913, in welchem dann die Konjunktur wieder erneut zurückgeht,
beobachtet man dann wieder ein erneutes Fallen den Heiratshäufigkeit.

Mit diesem Wandel in der Zahl der Eheschließungen, je nach
den Änderungen der Konjunktur, ist auch ein starker Einfluß dieser
letzteren auf die Geburtenhäufigkeit verbunden. Sind doch
die neugeschlossenen Ehen die fruchtbarsten. Mit jedem Rückgang
in der Ehehäufigkeit müssen Kräfte ausgelöst werden, welche auf
eine Verminderung der Geburtenhäufigkeit hindrängen, wenn auch
noch so viele andere Faktoren außerdem auf die Höhe dieser letzteren
wirksam sind. Auch eine Einwirkung des Konjunkturwandels auf die
Höhe der Sterblichkeit ist zweifellos vorhanden, wenn er sich
auch in einer einfachen tabellarischen Form nicht auf weisen läßt, da
die Höhe der Sterblichkeit bei uns in dem fraglichen Zeitraum in
fortdauernder Abnahme begriffen war und keinen solch periodischen
Schwankungen unterlag wie die Ehehäufigkeit. Der statistische
Zusammenhang wäre auch schon deshalb kaum nachweisbar, weil
auf die Höhe der Sterblichkeit noch zahlreiche andere Faktoren außer
der wirtschaftlichen Lage eines Volkes einen bestimmenden Einfluß
ausüben. Es sei hier nur darauf hingewiesen, von welch starkem
Einfluß die Höhe der Säuglingssterblichkeit auf die allgemeine Sterb-
lichkeit eines Volkes ist und in welchem Maße diese Säuglings-

x) Vgl. dazu Heinecke, Die Eheschließungen und die Störungen im
deutschen Wirtschaftsleben während d. Jahre 1900ff. Sehr. d. V. f. Sp. Bd. 109.
S. 132.	/

2) Vgl. dazu Mombert, Eheschließungen und Volkswachstum. „Die
Hilfe“ 1917. Nr. 19.
        <pb n="124" />
        ﻿118 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

Sterblichkeit von der Trockenheit und den Temperaturverhältnissen,
vor allem in den Sommermonaten, abhängig ist.

Ganz besonders stark ist dann der Zusammenhang zwischen dem
Wandel der Konjunktur und der Wanderbewegung innerhalb
eines Volkes. Es ist dies ein Zusammenhang, welcher auch in seinen
Ursachen sehr leicht zu verstehen ist. Steht doch die ganze Wander-
bewegung, die Auswanderung wie die Binnenwanderung, in einem
ganz besonders hohen Maße unter dem Einflüsse wirtschaftlicher
und sozialer Tatsachen. Wer aus seiner Heimat fortwandert, tut dies ja
in der Regel, um damit eine Verbesserung seiner Lebenslage zu
erzielen. Damit sind für die Stärke und die Richtung der Wander-
bewegung sowohl die wirtschaftlichen und sozialen Zustände in dem
Abwanderungs- wie in dem Zuwanderungsgebiete maßgebend. So
geht z. B. die deutsche Auswanderung nach den Vereinigten Staaten
von Nordamerika zurück, wenn sich mit einer Verschlechterung der
dortigen wirtschaftlichen Lage die Möglichkeit des Fortkommens für
den Einwanderer ungünstiger gestaltet, und das gleiche ist der Fall,
wenn eine entsprechende Verbesserung der wirtschaftlichen Verhält-
nisse in Deutschland eintritt und sich deshalb hier gute und lohnende
Arbeitsgelegenheit bietet. Auch dieser Zusammenhang läßt sich nicht
so einfach durch eine Gegenüberstellung der Auswanderungszahlen
mit den Merkmalen der heimischen Konjunktur verfolgen, weil für
die Höhe der Auswanderung eben die wirtschaftliche Lage zweier
Länder, des Heimat- und des Einwanderungslandes, maßgebend ist.
Wenn mit einer ungünstigen Konjunktur in Deutschland eine günstige
Konjunktur in den Vereinigten Staaten zusammenfällt, so wird sich
die deutsche Auswanderung ganz anders gestalten, als wenn in den
Vereinigten Staaten die wirtschaftliche Konjunktur und damit die
Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkte ebenfalls ungünstige sind1).

Das eben Gesagte gilt nicht nur von der Höhe der Auswanderung,
sondern auch von derjenigen der Binnenwanderung, also von
dem Bevölkerungsaustausch zwischen Stadt und Land und Industrie
und Landwirtschaft. Mit aufsteigender wirtschaftlicher Konjunktur
und zunehmender Nachfrage nach Arbeitskräften schwillt der Zuzug
in die Städte und in die Industriebezirke an, um bei einem Nach-
lassen der Konjunktur wieder abzunehmen, ja sogar mitunter einer
nicht unerheblichen Rückwanderung Platz zu machen. So hat im
Jahre 1901 mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise bei uns der bis
dahin sehr erhebliche Zuzug in die Städte stark abgenommen. In
einigen Städten ist sogar ein nicht unbeträchtlicher Fortzug ein-

1) Vgl. dazu auch Hein ecke, Die Auswanderung u. die Störungen
im deutschen Wirtschaftsleben. Sehr. d. V. f. Sp. Bd. 109. S. 227.
        <pb n="125" />
        ﻿3. Die Lage der Bevölkerung

119

getreten. So stand z. B. die VolkszaM Berlins am 1. September 1901
um 4069 Köpfe hinter der Volkszahl am 1. Dezember 1900 zurück *).

In den Zeiten einer ungünstigen Konjunktur pflegt dann auch-
der Fremdenverkehr nach den Kurorten wesentlich zurückzugehen.
Auch auf den Zugang zu den Hochschulen übt der Wandel in der
Konjunktur einen sehr starken Einfluß aus2).

Mit diesen ungünstigen Einflüssen einer sinkenden Konjunktur
hängt es dann auch weiter zusammen, wenn sich in solchen Zeiten
noch zahlreiche andere Symptome zunehmender Beschäftigungs-
losigkeit zeigen. Dazu gehören in erster Linie das Wachstum der
Obdachlosigkeit in den Städten und die zunehmende Zahl der
Armen in denselben. Nach den Angaben von L. Cohn trat mit
Beginn der Krise im Jahre 1901 eine starke Mehrbelastung der Asyle
für Obdachlose ein3), und Landsberg4) teilt mit, daß im Durchschnitt
der Städte, für welche ihm Angaben für die Jahre 1895—1901 Vor-
gelegen haben, sowohl nach der Zahl der Unterstützten wie auch
nach der Höhe der Ausgaben für die offene Armenpflege in den
Zeiten der aufsteigenden Konjunktur von 1895 ab ein beständiges
Sinken, bei letzteren bis 1899, bei ersteren bis 1900, erfolgt sei,
dann aber im Jahre 1901 sich bei beiden eine Steigerung bemerkbar
machte.

Die erheblichen Einwirkungen, welche der Konjunkturwandel für
die ganze soziale und wirtschaftliche Lage eines Volkes zur Folge
hat, machen sich auch deutlich bei dem Tun und Handeln des ein-
zelnen bemerkbar. Die Zahl der Verbrechen bestimmter Art,
vor allem solcher gegen das Eigentum, aber auch die Selbstmord,-
häufigkeit, pflegen im allgemeinen mit den Schwankungen der
Konjunktur Hand in Hand zu gehen5). In beiden Fällen' sind es eben
die äußeren wirtschaftlichen Verhältnisse, welche das Handeln des
Menschen im besonders hohen Grade beeinflussen. So wie man
schon darauf hingewiesen hat, eine Tatsache, welche neben anderen
Ursachen auch einen starken wirtschaftlichen Hintergrund hat, daß
im Sommer mehr Verbrechen gegen die Person, im Winter mehr
Verbrechen gegen das Eigentum stattfinden, so nehmen in Zeiten
günstiger Konjunktur die Eigentumsvergehen ab, in den Zeiten un-

Ders^, ebenda. S. 197. Ab- und Zuzüge.

“j Vgl. Rienhardt, Das Universitätsstudium der Württemberger seit der
Keichsgründung. Tübingen 1918. S.3.

3) Sehr. d. V. f. Sp. Bd. 109. S. 249 ff.

U Sehr. d. V. f. Sp. Bd. 109. S. 259 ff.

... 5) Für den Zusammenhang mit der Selbstmordhäufigkeit liegen bereits
altere Untersuchungen für Belgien vor. Vgl. G. v.M ay r, Statistik u. Ge-
sellschaftslehre. B.3. Moralstatistik. 1917. S.404.
        <pb n="126" />
        ﻿120 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

günstiger Konjunktur zu, und das gleiche gilt auch für die Selbst-
mordhäufigkeit.

Die folgende kleine Tabelle stellt in der gewohnten Weise den
Betriebsüberschuß der Eisenbahnen als Maßstab für die Wandlungen
der Konjunktur, der Selbstmordhäufigkeit und den Verurteilungen
wegen einfachen Diebstahls gegenüber.

Jahre	Es betrug der Betriebs- überschuß aut den deutsch. Eisenbahnen in Prozenten des An- lagekapitals	Es kamen  Einwohner Selbst- morde	ui! 1 Million  der strahnündigen Be- völkerung Verurteilte wegen einf. Diebstahls
1898-00	6,08	201	215
1901-03	5,52	213	220
1904—07	6,40	208	208
1908—09	4,80	221	220
1910-12	6,15	217	207
1913	5,70	232	200

Diese Zusammenhänge sind keineswegs neue. In einem eng-
lischen Report aus dem Jahre 1848 findet sich erwähnt, daß der
Sheriff einer Lanarker Grafschaft damals vor einer Kommission des
Oberhauses mitgeteilt hat, daß, wenn die Bank von England ihren
Diskontsatz erhöhte, er sich immer in der folgenden Art an die
lokalen Behörden zu wenden pflegte: „Gentlemen, die englische
Bank erhöht ihren Diskont, ihr müßt sofort Maßnahmen treffen,
um in den Gefängnissen, Hospitälern und Arbeitshäusern Platz für
neue Ankommende zu schaffen 1).“

Mit diesem Einfluß der Konjunkturschwankungen auf die wirt-
schaftlichen Verhältnisse eines Landes verbinden sich dann auch
erhebliche Einwirkungen für die Gestaltung der öffentlichen
Einnahmen. Von den Änderungen in den Betriebsüberschüssen
der Eisenbahnen war schon oben die Rede gewesen. Auch hei den
meisten anderen öffentlichen Einnahmen, bei denjenigen aus Ein-
kommen und Vermögen, bei denjenigen aus Verbrauchs- und Verkehrs-
abgaben zeigt sich das gleiche. Das geht ja schon daraus hervor, daß
mit dem Wandel der Konjunktur die Höhe der Einkommen, die Größe
von Verkehr und Verbrauch erheblichen Veränderungen unterworfen
sind. Daß die Eingänge aus Zöllen bei einem Rückgänge der Kon-
junktur zurückgehen, daß sie in der Depression geringer sind als
bei einer Hochkonjunktur, ergibt sich aus dem, was oben über die

l) Nach Tugan-Baranowsky, Die sozialen Wirkungen, a.a. 0. S. 18.
        <pb n="127" />
        ﻿3. Die Lage der Bevölkerung.

121

Veränderungen im Außenhandel gesägt worden ist. Die folgende
kleine Aufstellung soll dies mit einigen Zahlen belegen.

Es betrugen die Zolleinnahmen im Reiche auf den Kopf der Bevölkerung-

Jahr	Mark	Jahr	Mark	Jahr	Mark
1897	8,75	1907	10,93	1911	11,82
1898	9,24	1908	9,30  10,95  11,01	1912	11,65
1899  1900	8,89  8,74	1909  1910		1913	10,73

In sich vergleichbar sind infolge der im Jahre 1906 vollzogenen
Änderungen in der Höhe der Zollsätze nur die erste Periode 1898
bis 1900 und die letzte von 1907—1913. Die Zwischenjahre sind des&gt;-
halb hi der obigen Tabelle fortgeblieben. Zur richtigen Würdigung
dieser Zahlen muß man auch immer im Auge behalten, daß in diesem
ganzen Zeiträume das Volkswachstum und die Zunahme der Einfuhr
sehr groß gewesen sind, daß also die Z olleinnahmen nach der stei-
genden Richtung hin tendierten. Der Rückgang derselben bei einer
Verschlechterung der Konjunktur fällt dieser Tatsache gegenüber
doppelt ins Gewicht. Man erkennt aber deutlich, wie in den Jahren
1900,1908 und 1913, den Jahren, in denen eine Depression in Deutsch-
land einsetzte, die Einnahmen aus dieser Quelle zurückgegangen sind.

Da wir oben gesehen haben, daß mit einem Rückgänge der Kon-
junktur auch der Verbrauch an vielen Gegenständen zurückgeht, so
ergibt sich daraus auch ohne weiteres, daß die entsprechenden Ver-
brauchsabgaben in solchen Zeiten auch sinkende Einnahmen abwerfen
müssen, oder daß wenigstens vorhandene Steigerungstendenzera der-
selben eine Unterbrechung erfahren. Es sei nur darauf hingewiesen,
daß von dem Jahre 1907 auf das Jahr 1908 im deutschen Zollgebiet
die Einnahmen aus der Biersteuer um 7,6 Millionen Mark zurück-
gegangen sind. Auch bei anderen Verbrauchsabgaben, auch auf dem
Gebiete der Besteuerung von Vermögen und Einkommen, zeigen sich
ähnliche Schwankungen.

Wenn wir das bisher Gesagte zusammenfassen, so haben die
vorausgegangenen Darlegungen einen tief einschneidenden Einfluß des
Konjunkturwandels auf die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse
in einem Lande und auf die Lebenslage der Bevölkerung gezeigt. Es
handelt sich hier in gewissem Sinne um typische Einwirkungen von
Hochkonjunktur und Depression, um Einwirkungen, welche sich in
ähnlicher Weise in allen Ländern und in allen Zeiten zeigen. Schon
aus dem bisher darüber Gesagten ergibt sich, welch weittragende
Bedeutung es für das wirtschaftliche und soziale Leben eines Volkes
        <pb n="128" />
        ﻿122 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

hat, ob dieser Wandel der Konjunkturen in kurzen Perioden, in jähem:
Auf und Ab, unvermutet und unerwartet aufeinanderfolgt, oder ob
diese Konjunkturwellen sich abflachen und anstelle dieser plötzlichen
schroffen Wandlungen ein ruhigerer und gleichmäßigerer Gang des
ganzen Wirtschaftslebens tritt.

Es sind vor allem zwei Faktoren, von denen diese letztere Mög-
lichkeit abhängig ist. Einmal davon, ob es gelingt, in einer Volks-
wirtschaft als Ganzer auf irgendwelchen Wegen zu Maßnahmen zu
kommen, welche geeignet und stark genug sind, auf diese Schwan-
kungen beruhigend und ausgleichend einzuwirken, und weiterhin
davon, ob es für die einzelnen Wirtschaften eines Landes möglich ist,
innerhalb gewisser Grenzen einen kommenden Konjunkturumschwung
vorauszusehen und dementsprechend ihre Maßnahmen zu treffen.
In je umfassenderer und gründlicherer Weise dies geschehen kann,
um so weniger wird weder der Aufstieg, noch der Abstieg der Kon-
junktur das wirtschaftliche Leben ganz unvorbereitet treffen und un-
günstig beeinflussen können.

Bei diesen Fragen der sogenannten Konjunkturpolitik,
welche später, ihrer großen Bedeutung entsprechend, noch eine be-
sondere Behandlung erfahren wird, handelt es sich vor allem darum,
die Anzeichen und Symptome eines herannahenden Konjunkturum-
schwunges möglichst frühzeitig zu erkennen. Zum Teil zeigen sich
diese Vorboten schon an den Punkten, welche eben besprochen
worden sind. So z. B. auf dem Gebiete der Preisentwicklung. Die
Erfahrung zeigt, daß gegen Ende der Hausse die Preise, vor allem
diejenigen der Rohstoffe, sehr stark anzuziehen pflegen, daß dann
diesen hohen Preisen gegenüber eine gewiss© Zurückhaltung der
Käufer einsetzt, welche dann in sich Tendenzen zu einem Umschwung
der Konjunktur in sich birgt. Noch während der Hausse, während die
Werke noch voll beschäftigt sind, beginnen dami vielfach Bestellungen
und Aufträge zurückzugehen.

Weit stärker und auch weit deutlicher wahrnehmbar zeigen
sich jedoch diese Symptome eines beginnenden Konjunkturwandels
auf dem Geld- und Kapitalmärkte. In seiner Entwicklung
findet man dafür die besten und deutlichsten Anzeichen. Der Be-
trachtung dieser Veränderungen auf dem Geld- und Kapitalmarkt im
Wandel der Konjunktur wollen wir uns nun zuwenden. Von da aus
ergibt sich dann leicht und zwanglos der Übergang von der Bcs-
trachtung der Merkmale der Konjunktur zu den Symptomen und An-
zeichen des Konjunkturwandels.
        <pb n="129" />
        ﻿3. Die Lage der Bevölkerung.

123

Literatur.

Tecklenburg, Der Betriebskoeffizient der Eisenbahnen in seiner
Abhängigkeit von der Wirtschaftskonjunktur. Berlin 1914. — Offenberg,
Konjunktur und Eisenbahnen. Berlin 1914. — Vogel, Konjunkturkunde,
Berlin 1913. — Eulenburg, Die gegenwärtige Wirtschaftskrise. Sym-
ptome und Ursachen. Jahrbücher f. Nationalök. u. Statistik. 3. Folge.
Bd. 24. 1902. — Cal wer, Das Wirtschaftsjahr. Jahresberichte über den
Wirtschafts- und Arbeitsmarkt. Jena, G. Fischers Verlag. — Taeger, Die
Einwirkung der letzten Wirtschaftskrise auf die industriellen Aktiengesell-
schaften in Deutschland. Dissertation. Breslau 1904. — Cassel, Les.
eure, Müssig, Esslen, Feiler, Sehr. d. V. f. Sp., a. a. 0. — Cahen
et Laurent, Bapports sur les Indices des Crises economiques et sur les
mösures financiferes propres a attenuer les Chömages resultant de ces
Crises. Commission des crises economiques (1908—1911). Republique
Franpaise. Ministere du travail.— Tugan-Baranowski: Die sozialen Wir-
kungen der Handelskrisen in England. Archiv f. Sozialw. Bd. 13. — Huart:
Le Mouvement de la Population depuis 1800 dans ses Rapports avec les
Crises öconomiques. Revue öcon, intern. 8. Jahrgang, Bd. 3.	1911. —

Brentano: — Die Arbeiter und die Produktionskrisen. Schmollers Jahr-
buch, Bd. 2. 1878. — Seidel: Die Gewerkschaften in der Wirtschaftskrisis.
Neue Zeit- 31. Jahrgang. Bd. 2. — Hüsgen: Tarifverträge und Wirtschafts-
krisen. Ebenda. 27. Jahrgang, 2. Bd.

4.	Der Kapital- und Geldmarkt.

Wir haben oben gesehen, daß in Zeiten einer aufsteigenden Kon-
junktur das Wirtschaftsleben viel reger pulsiert, als wenn die Kon-
junktur nach unten geht, daß dann die Intensität der Arbeit auf allen
Gebieten des AVirtschaftslebens eine viel größere ist, daß die Unter-
nehmungen dann vielfach bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit be-
schäftigt sind. All dieses steigert sich nun, je weiter die Hochkon-
junktur ihren Fortgang nimmt, und schlägt dann mehr oder weniger
plötzlich ins Gegenteil um, wenn das Konjunkturbarometer nach
unten weist und die Hausse einer Depression Platz macht. Mit diesen
Wandlungen in der Konjunktur treten dann auch wesentliche Ände-
rungen in der Psysche, dem geschäftlichen Vertrauen des Unter-
nehmers und der Geschäftswelt ein. Bei Beginn der Hochkonjunktur,
während ihrer ganzen Dauer, ja vielfach noch auf ihrem Höhepunkt,
wenn sich schon die ersten Zeichen eines Umschwungs bemerkbar
machen, beobachten wir noch vielfach die regste Kauflust, ein Ver-
trauen auf eine weitere günstige Entwicklung der geschäftlichen
Verhältnisse, den Trieb, die Leistungsfähigkeit des eigenen Unter-
nehmens durch die Beschaffung neuer Anlagen und sonstiger Pro-
duktionsmittel zu vergrößern, um die steigende Nachfrage, mit der
man voll Vertrauen immer noch rechnet, befriedigen zu können.
Schlägt dann die Konjunktur um, macht die Hausse einer Depression
Platz, dann sehen wir das ausgesprochene Gegenteil: allenthalben
mangelndes Vertrauen, überall Geschäftsunlust, niemand denkt an
        <pb n="130" />
        ﻿124 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

Betriebserweiterungen, hat man doch in dieser Zeit Sorge genug,
die einmal vorhandene Leistungsfähigkeit des Betriebes voll oder
auch nur annähernd auszunützen.

Dieser Wandel läßt sich am deutlichsten an den Veränderungen
beobachten, welche sich bei einem Umschwung der Konjunktur auf
dem Kapital- und Geldmärkte vollziehen.

Ist es doch der Kapital- und Geldmarkt, welcher dem Unter-
nehmer und Kaufmann über den Umweg der Kreditgewährung die
Mittel zur Verfügung stellt, als Käufer auf dem Gütermarkte auf-
zutreten, entweder, um vielleicht so die Mittel zu Betriebserweite-
rungen und Schaffung neuer Anlagen oder zum Ankauf von Roh-
stoffen, oder auch zu Lohnzahlungszwecken, zu erhalten.

Der Geldmarkt ist dabei der Markt für die Gewährung von
kurzfristigen Krediten. Auf ihm handelt es sich in erster Linie um
den Wechsel-, Lombard- und Kontokorrentkredit, auch um die Ge-
währung von Börsenkrediten, die natürlich in verschiedenen Formen,
die eben zum Teil bereits genannt worden sind, gegeben werden
können. Der Kapitalmarkt ist dagegen der Markt der lang-
fristigen Kredite. Hier handelt es sich vornehmlich um die Emission
von Aktien, Kuxen, Industrieobligationen, um die Befriedigung des
Anleihebedürfnisses der öffentlichen Körperschaften und um die
Gewährung von Mitteln für die Beleihung des Boden- und Grundr
besbzes. Dabei lassen sich beide Märkte ebensowenig wie die Vor-
gänge, die sich auf ihnen abspielen, immer glatt und sauber vonein-
ander trennen1).

Von dieser Unterscheidung von Geld- und Kapitalmarkt wird im
folgenden noch häufiger die Rede sein, da den Vorgängen auf ihnen
für die Beobachtung des Konjunkturwandels eine sehr große Be-
deutung zukommt. Das gilt vor allem im Hinblick auch dafür, welch
verschiedene Verwendung die Mittel, welche beiden Märkten ent-
nommen sind, im Wandel der Konjunktur haben können. Wenn
die Konjunktur sich in aufsteigender Linie bewegt, wenn der Güter-
umsatz in der Volkswirtschaft ein großer ist, wenn viel gekauft und
verkauft wird, wenn in der Industrie sich ein Streben nach Neu-
gründungen und Neuanlagen zeigt, dann ist auch allenthalben in der
Volkswirtschaft das Kreditbedürfnis ein sehr großes, dann herrscht
auf beiden Märkten eine rege Nachfrage nach den auf ihnen zur

J) Vgl. dazu Beckerath. Kapital- und Geldmarkt. Jena 1916, und
Spiethoff, Der Begriff des Kapital- und Geldmarktes. Jahrb. für Gesetz-
gebung, Verwaltung u. Volkswirtschaft. 44. Jahrgang 1920.
        <pb n="131" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

125

Verfügung stehenden Mitteln. Flaut dagegen die Konjunktur ab, tritt
eine Depression ein, dann wird das Bild bald ein vollständig anderes.
Wir wollen diese Zusammenhänge zunächst für den auch bisher
schon betrachteten Zeitraum von 1896—1913 kennen lernen und uns
zunächst den Verhältnissen auf dem Kapitalmärkte zuwenden.

Am deutlichsten kommt die Nachfrage auf dem Kapitalmarkt in
der Statistik der Emissionen: zum Ausdruck. Unter Emission ist
dabei die Unterbringung neuer Effekten, der Vertrieb derselben an
das Publikum, verstanden. Die Erfassung dieser Beträge ist die
Aufgabe der Emissionsstatistik. Für Deutschland haben wir dabei
verschiedene Quellen und Bearbeitungen, welche diese Aufgabe mehr
oder weniger vollkommen erfüllen. Hierher gehören einmal die amt-
liche deutsche Zulassungsstatistik der bei den deutschen Börsen zu-
gelassenen Wertpapiere, dann die Emissionsstatistik des deutschen
Ökonomist und diejenige der Frankfurter Zeitung. Auch für fremde
Staaten gibt es analoge Bearbeitungen. Im folgenden soll die
Emissionsstatistik der Frankfurter Zeitung als die ausgebauteste
und genaueste zugrunde gelegt werden. Es handelt sich nicht nur um
die Emission solcher Papiere, welche zum Börsenhandel zugelassen
werden, sondern auch um die solcher, mit denen keine Börsenzulassung
verbunden ist. Trotzdem kann eine solche Statistik kein vollständiges
Bild von der Inanspruchnahme des Kapitalmarktes geben, weil manche
Emissionen unter der Hand, durch die Banken erfolgen und weil sich
der Umfang dieser Beträge der statistischen Erfassung entzieht.

Es betrug nach der Statistik der Frankfurter Zeitung der Betrag der
Emissionen dem Kurswerte nach in Mill. Mark in den Jahren:

EEfektengattung	1900	1901	1902	1903	1904	1905	1906
Deutsche Staats- anleihen ....	172,50	506,01	532,82	343,36	283,87	454,68	668,97
Ausländische Staats-							
anleihen ....	30,94-	42,06	313,47	136,25	87,24	676,39	163,61
Stadt- u. Provinzial-							
Obligationen . .	318,16	352,05	416,44	340,48	216,77	418,45	429,79
Deutsch.Hypotheken- bank - Obligationen	270,00	292,00	373,00	461,59	467,38	513,02	359,74
Ausländ.Hypotheken- bank- Obligationen	7.12	7,57	6,73	29,39	21,34	5,62	6,77
Sonstige Obligationen	201,15	441,83	211,54	256,67	199,24	331.31	257,29
Bankaktien ....	147,74	37,13	61,46	33^06	201,45	203,44	289,77
Eisenbahn-, Straßen- bahnaktien . . .	68,18	26,22	22.53	116,31	68,91	11,06	42,46
Industrieaktien	367,90	103,82	94,36	195,33	267,60	492,52	624,28
Insgesamt	1583,69	1808,70	2032,35	1912,44	1813,80	3106,49(2842,68	

M o Ln b er t, Stadicun der Konjunktur.
        <pb n="132" />
        ﻿126 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

Effektengattung	1907	1908	1909	1910	1911	1912	1913
Deutsche Staats-							
anleihen ....	541,06	1079,52	1066,66	621,26	235,89	630,77	810,79
Ausländische Staats-							
anleihen ....	49,83	98,51	178,56	244,25	315,92	30,63	559,85
Stadt- u. Provinzial-							
Obligationen .	.	496,66	606,43	532,82	386,20	426,63	329,93	265,45
Deutsch.Hypotheken-							
bank - Obligationen	287,24	537,49	582,94	523,31	515,57	204,60	44,29
Auslän d .Hy p otheken-							
bank-Obligationen	—	1,98	45,84	2,00	6,72	46,20	0,50
Sonstige Obligationen	172,96  107,31	402,15	329,19	424,84	391,95	453,55	351,51
Bankaktien ....		75,63	145,38	137,63	296,35	179,61	50,10
Eisenbahn-, Straßen-							
bahnaktien .	.	.	4,70	28,32	18,00	2,81	24,53	16,70	24,53
Industrieaktien .	.	240,20	326,65	322,42	269,40	329,93	694,83	367,21
Insgesamt	1899,96|3156,68		3222,41	2612,70	2542,71	2620,71	2494,23

Die; Zusammenstellung1) zeigt deutlich, wie mit der Besserung der
Konjunktur die Inanspruchnahme des Kapitalmarktes steigt, um dann,
wenn die wirtschaftliche Entwicklung den umgekehrten Gang geht,
wieder sehr stark nachzulassen. Das ergibt sich nicht nur, wenn
man die Gesamtsumme der Emissionen ins Auge faßt, sondern wird
noch deutlicher, wenn man die Entwicklung der Emission von In-
dustrieaktien, in denen der eigentliche Kapitalbedarf der Industrie
zum Ausdruck kommt, betrachtet. Dabei ist es nicht immer un-
mittelbar das Jahr des Konjunkturumschwunges, in welchem sich der
Rückgang zeigt, sondern vielfach erst das folgende Jahr, die an den
Umschwung sich anschließende Depressionsperiode, in welcher der
Kapitalbedarf besonders stark zurückgeht. Solche Jahre waren z. B.
diejenigen von 1901—1903, 1907—1910 und 1913. Bei der Würdi-
gung dieser Zahlen ist aber auch immer darauf zu achten, daß mit
der Ausweitung der deutschen Volkswirtschaft, vor allem auch mit
der Zunahme der Aktiengesellschaften gegenüber den privaten Unter-
nehmungen, das in dieser Form zahlenmäßig erfaßbare Bild der
Emission von Industrieaktien eine zunehmende Tendenz aufweisen
muß.

Seit einer Reihe von Jahren haben wir auch in Deutschland
eine Statistik der Bestandsänderungen der deutschen
Aktiengesellschaften, welcher manche bemerkenswerte An-
gaben über wichtige Veränderungen, welche sich hierbei Vollziehen, ent-
nommen werden können. Diese Angaben reichen jedoch nur bis zum
Jahre 1907 zurück. Aus der folgenden Zahlenreihe kann man jedoch

U Zusammengestellt nach der Bankenenquete a. a. O. und Feiler, Die
Konjunkturperiode 1907—1913 in Deutschland. Jena 1914.
        <pb n="133" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

127

die gleiche Tatsache, wie aus der Emissionsstatistik entnehmen. Es
sind die Jahre einer aufsteigenden und guten Konjunktur, in denen
der Zahl der Gesellschaften und dem Betrage der Kapitalserhöhungen
nach, das Kapitalbedürfnis der Industrie am größten ist.

Es betrug bei den deutschen Aktiengesellschaften:

	Die Anzahl der	Der Betrag der Kapitalserhöhungen	
Jahr	Gesellschaften mit	in Millionen Mark	
	einer	Nominal	nach dem Ausgabe-
	Kapitals erhöhung		lcurs
1907	263	•488	564
1908	252	454	611
1909	268	508	592
1910	281	599	733
1911	326	584	734
1912	356	747	939
1913	285	418	505

Wenn, wie die erste Tabelle zeigt, die Emission von Staats-
und Stadtanleihen eine so ganz andere Entwicklung im Wandel der
Konjunktur durchmacht, als die Emission von Industriepapieren,
so hat dies ebenfalls in erster Linie seine Hauptursache in dem
verschiedenen Kapitalbedarf der Industrie im Wandel der Kon-
junktur und dem Einflüsse, den diese Konjunkturänderungen auf
das Anlage suchende Publikum ausüben. Zeigt die genannte Zu-
sammenstellung doch, daß in den Zeiten einer aufsteig enden und
guten Konjunktur die Emission an solchen Staats-, Stadtanleihen
und dergleichen wesentlich geringer war, als unter ungünstigen wirt-
schaftlichen Verhältnissen. In den Jahren nach 1900, in denen die
Emission in Industriepapieren sehr stark zurückgeht, nimmt die-
jenige an Staats- und Stadtanleihen erheblich zu und den gleichen
Vorgang kann man auch in der Folgezeit beobachten. Eine ähnliche
Entwicklung, wie diese öffentlichen Anleihen, macht auch der Markt
der Hypothekenbankobligationen und Pfandbriefe durch.

Die Betrachtung und Klarlegung dieses Zusammenhanges führt
uns zu wichtigen Änderungen, welche im Wandel der Konjunktur auf
dem Kapital- und Geldmärkte vor sich gehen. Die große Nachfrage,
welche auf dem Kapitalmärkte von .seiten der Industrie bei günstiger
Entwicklung der Konjunktur herrscht, bedeutet für die Emission
dieser festverzinslichen Anleihen eine erhebliche Konkurrenz, die
vor allem auch dadurch verstärkt wird, daß die reale Verzinsung
von Industriepapieren, ganz abgesehen von den Gewinnchancen, die
sio in sich bergen, wesentlich höher zu sein pflegt, als diejenige
        <pb n="134" />
        ﻿128 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

der festverzinslichen Anlagen. In der Zeit einer aufsteigenden Kon-
junktur sucht deshalb das Publikum, das jetzt Vertrauen in den
weiteren Gang der wirtschaftlichen Entwicklung hat, das an den zu
erwartenden Gewinnen, welche die aufsteigende Konjunktur ver-
spricht, ebenfalls teilnehmen will, seine verfügbaren Mittel in solchen
Industriepapieren anzulegen. In solchen Zeiten ist vielfach der Ka-
pitalbedarf der Industrie ein zu großer, als daß die verfügbaren Mittel
des Kapitalmarktes ausreichen, allen an ihn gestellten Ansprüchen
gleichzeitig gerecht zu werden.

„Mit diesen fortgesetzten starken Kapitalinvestitionen kann die
Kapitalneubildung, so erfreulich sie fortschreitet, keinen gleichen
Schritt halten und es ergibt sich ein steter Mangel an flüssigem,
Anlage suchenden Kapital, das nur in Zeiten gewerblichen Nieder-
ganges vorübergehend einer größeren Geldflüssigkeit weicht“1).

Deshalb können also die öffentlichen Körperschaften in den
Zeiten der Depression, in denen keine so starke Nachfrage vonseiten
der Industrie besteht, und wo das Publikum, durch den Niedergang
der Konjunktur ängstlich gemacht, weniger gerne Anlagen in
Industriepapieren, als in solchen Staats- oder Stadtanleihen, oder
in Pfandbriefen sucht, leichter Käufer für ihre neuen Emissionen
finden, als in den Zeiten einer aufsteigenden Konjunktur. Eine
gewerbliche Stagnation ist also für das Anleihebedürfnis von Staat
und Gemeinde günstig, ein gewerblicher Aufschwung ist dafür un-
günstig.

Mit dem Gesagten hängt es dann weiter zusammen, daß, da der
deutsche Kapitalmarkt, vor allem in den letzten Jahren vor dem
Kriege, nicht genügend Mittel besaß', um alle an ihn herantretenden
Bedürfnisse befriedigen zu können, diese Anleihen der öffentlichen
Körperschaften, aber auch diejenigen der Hypothekenbanken,
bei uns so starke Kurseinbußen erlitten haben. Je niedriger nämlich
der Kurs dieser Papiere ist, um so höher ist der Realzinsfuß und
um so leichter und mit um so größerem Erfolg, können sie auf dem
Kapitalmarkt mit den Industriepapieren in Konkurrenz treten. Ganz
anders lagen die Verhältnisse in Frankreich, wo infolge der dort
herrschenden industriellen Stagnation das Kapitalbedürfnis der
dortigen Industrie im Vergleich zu derjenigen Deutschlands ein sehr
geringes gewesen ist. Zu dem Gesagten vergleiche man die folgende
Tabelle.

D Dombois, Der Kursstand der deutschen Staatsanleihen. Hanno-
ver 1911. S. 43.
        <pb n="135" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

129

Es betrug der Durchschnittskurs der 3 o/0 *)

Jahr	Französischen  Rente	Deutschen  Reichsanleihe	Jahr	Französischen  Rente	Deutschen  Reichsanleihe
1896	102,16	99,22	1905	99,27	90,08
1897	103,33	97,65	1906	97,65	87,73
1898	102,85	95,51	1907	94,85	84,15
1899	101,24	90,71	1908	96,24	83,24
1900	100,60	86,74	1909	97,77	85,84
1901	101,22	89,27	1910	97,98	84,41
1902	100,80	92,18	1911	95,61	83,65
1903	98,13	91,49	1912	92,46	8 ,11
1901	97,54	90,02	1913	87,08	75,90

Man erkennt aus der Tabelle zunächst den wesentlich niedrigeren
Kursstand der deutschen Staatspapiere, erkennt aber auch weiter, wie
sich diese Kurse in den Jahren der Depression in aufsteigender Linie
bewegen. Hat man doch auch schon im Zusammenhang mit diesem
großen Kapitalbedarf der Industrie und diesem niederen Kursstand
der öffentlichen Anleihen, bei uns vielfach die Auffassung vertreten,
daß in Deutschland überhaupt in den letzten Jahren vor dem Kriege
die Kapitalbildung gegenüber dem Kapitalbedarf eine unzureichende
gewesen sei2). Es ist dies eine Frage, welche atn Schlüsse noch
eingehender, vor allem auch unter dem Gesichtspunkte unserer wei-
teren wirtschaftlichen Entwicklung, besprochen werden wird.

Dieser große Kapitalbedarf der Industrie äußert sich aber nicht
nur in der eben dargelegten Weise auf dem Kapitalmärkte, er tritt
auch in den Zeiten einer aufsteigenden Konjunktur auf dem Geld-
märkte auf. Das hat verschiedenen Gründe: Einmal steigen in
der Hochkonjunktur dieümsätze in der Volkswirtschaft; es tritt; auch
eine wesentliche Beschleunigung derselben ein. Dann muß man auch
immer im Auge halten, daß auch die Nachfrage auf dem Kapitalmarkt
diejenige auf dem Geldmarkt beeinflussen muß. Denn das neugebil-
dete Kapital fließt zunächst dem Geldmärkte zu, auf dem sich also
auch zuerst die Nachfrage nach Kapital bemerkbar macht und in
diesem Sinne ist es also auch der Geldmarkt, aus welchem so der
Kapitalmarkt in seinen Ansprüchen gespeist wird.

Aber auch der Bedarf nach kurzfristigem Leihkapital nimmt im
Verlaufe der Hochkonjunktur zu. Es ist ja weiter oben schon dan-
gelegt worden, daß in solchen Zeiten der Wechselumlauf eine ganz
erhebliche Vermehrung erfährt. Diese gleiche Tatsache läßt sich

*) Zusammengestellt nach Schwarz, Die Kurse a. a. 0. und nach dem
Statist. Jahrbuch des Deutschen Reiches.

2) Vgl. dazu Mombert, Zur Frage von Kapitalbildung und Kapital-
bedarf in Deutschland. Festschrift für Lu jo Brentano. München 1916.
        <pb n="136" />
        ﻿130 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

jedoch noch an zahlreichen anderen Symptomen aufzeigen. Zunächst
muß diese verschiedene Nachfrage auf dem Kapital- und Geldmarkt,
gleiches Angebot vorausgesetzt, je nach der wirtschaftlichen Lage
eines Landes sich in einer Beeinflussung des für dieses Leihkapital
geforderten Zinsfußes zeigen. Um ein Bild von der Entwicklung
des Zinsfußes im Wandel der Konjunktur zu erhalten, nimmt man
herkömmlicherweise die Entwicklung des Wechseldiskonts zu
Hilfe.

Das Wechseldiskontgeschäft beruht bekanntlich darauf,
daß Darlehen gegen Wechsel in der Weise gegeben werden, daß von
der Wechselsumme ein, dem Zins des geliehenen Kapitals ent-
sprechender Abzug bei Ausreichung des Betrages, berechnet bis zum
Verfalltage des Wechsels, gemacht wird. Diesen Abzug bezeichnet
man als Diskont oder als Diskontsatz. Für die Höhe dieses Diskont-
satzes ist einmal die Nachfrage nach solchem Leihgeld, d. h. die
Höbe des Wechselumlaufes, dann aber auch das Angebot an solchem
Leihgeld maßgebend. Aus Gründen, die ebenfalls gleich zu be-
sprechen sein werden, unterliegt auch dieses Angebot, je nach der
Lage der Konjunktur, erheblichen Schwankungen. Man unterscheidet
dabei, um noch das eine vorauszuschicken, ehe wir die Tatsachen
betrachten, sogenannte Primadiskonten, d. h. solche Wechsel, welche
sich durch die Art ihrer Unterschrift, also durch eine besonders
gute Qualität und Sicherheit auszeichnen. Für diese erstklassige
Gattung von Wechseln wird bei ihrer Diskontierung, entsprechend
der größeren Sicherheit, welche sie durch die Person ihrer Aus-
steller bieten, ein etwas geringerer Diskontsatz berechnet, welchen
man als Privatdiskont, auch als Marktrate, bezeichnet. Diesem Privat-
diskont steht dann der offizielle Diskontsatz der Notenbank, welcher
für die übrigen Wechsel gilt, gegenüber. Zwischen beiden Diskont-
sätzen besteht immer eine kleine Spannung, welche sich nur vorüber-
gehend erheblich zu vergrößern pflegt. Da aber trotzdem beide
Arten des Diskonts sich innerhalb dieser Spannung, je nach den
Marktverhältnissen ziemlich gleichmäßig nach unten oder oben be-
wegen, so genügt es, wenn man die Entwicklung eines dieser Sätze
verfolgt, um damit auch ein durchaus zureichendes Bild von der
Bewegung des anderen zu erhalten. In der folgenden Tabelle her
trachten wir zunächst einmal die Entwicklung des Diskontsatzes bei
der deutschen Reichsbank.

Mit der ansteigenden Konjunktur am Ende des vorigen Jahr-
hunderts zieht der Diskontsatz erheblich an, mit dem Umschwung
in der wirtschaftlichen Lage um die Jahrhundertwende geht er dann
zurück, um dann in den nächsten Jahren während der wirtschaftlichen
        <pb n="137" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

131

Depression auf einem ziemlich tiefen Stande zu verharren. Mit dem
Wiederaufschwung vom Jahre 1906 an sehen wir dann wieder eine
Steigerung des Satzes, welche dann vom Jahre 1908 ab mit dem
Rückgang der Konjunktur einer neuen Verminderung Platz macht.
Mit der Erholung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Jahre 1910
beginnt wieder eine Steigerung, welche dann bis zum Jahre 1913
anhielt.

Jahr

1896

1897

1898

1899

1900

1901

1902

1903

1904

Es betrug der Diskontsatz der Deutschen Reichsbank:

Durch-

schnitt

3,66

3,81

4,27

5,04

5,33

4,10

3,32

3,84

4,22

höchster

5,0

5,0

6,0

7,0

7,0

5,0

4,0

4,0

5,0

niedrigster

3,0

3,0

3,0

4,0

5,0

3,5

3,0

3,5

4,0

Jahr

1905

1906

1907

1908

1909

1910

1911

1912

1913

Durch-

schnitt

3,82

5,15

6.02

4,76

3,93

4,35

4,40

4.95

5,88

höchster

6,0

7,0

7,5

7,5

5,0

5,0

5,0

6,0

6,0

niedrigster

3,0

4.5

5.5
4,0

3.5
4,0
4,0

4.5
5,0

Es liegt jedoch auf der Hand, das sei nur nebenbei erwähnt,
daß es nicht allein die Konjunkturverhältnisse sind, welche die Höhe
des Diskontsatzes beeinflussen. Daneben spielen auch noch außer-
wirtschaftliche Momente, wie z. B. politische (Balkankrieg), eine
wesentliche Rolle. Es mag auch sein, auch dieser Zusammenhang,
der für die Entwicklung der Verhältnisse in Deutschland sehr wichtig
war, wird später noch eingehender besprochen werden, daß Ver-
änderungen in dem Maß der Kapitalneubildung solche Wandlungen
zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Geldmarkt zur Folge haben,
daß auch in den Zeiten rückläufiger Konjunktur die Verhältnisse
Mer so angespannte bleiben, daß ein Herabgehen des Diskontes nicht
stattfinden kann. Es sei nur auf den hohen Diskontsatz im Jahre
1913 verwiesen. Es sind dies Tatsachen und Zusammenhänge, die
dann von weitgehendem Einfluß auf ein erneutes Aufsteigen der
Konjunktur sein können.

Diese Veränderungen in Angebot und Nachfrage zeigen sich
zunächst einmal auf dem Geldmärkte, wie uns diese Betrachtung der
Diskontsätze gezeigt hat. Im allgemeinen, im einzelnen können davon
Ausnahmen Vorkommen, bewegen sich in dieser Hinsicht die Ver-
hältnisse auf dem Kapital- und Geldmarkt in gleicher Richtung, so
daß diese Betrachtung der Entwicklung der Diskontsätze auch ein
Bild von der Entwicklung der Verhältnisse auf dem Kapitalmärkte
.gibt, Aus diesen Beziehungen zwischen Angebot und Nachfrage auf
        <pb n="138" />
        ﻿132 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

beiden Märkten können sich dann ganz verschiedene Lagen ergeben
und man spricht häufig von einem gespannten und einem flüssigen
Zustande auf dem Geldmarkt. Das erstere ist dann der Fall, wenn
die Nachfrage das Angebot stark übersteigt, wenn der Zinsfuß also
hoch und das Geld teuer ist, das letztere in dem umgekehrten Falle.

Je nachdem das eine oder das andere der Fall ist, ergeben sich
damit ganz verschiedene Verhältnisse für die Lage der Noten- und
Kreditbanken, deren Betrachtung wir uns nun zuwenden wollen.
Wir betrachten zuerst die Lage und die Entwicklung bei den Noten-
banken. Dabei erscheint es zweckmäßig, wenige allgemeine Be-
merkungen über den Aufgabenkreis und die Rolle der Notenbanken
im Wirtschaftsleben vorauszuschicken. Es bedarf keiner besonderen
Begründung, wenn dabei in erster Linie auf die Verhältnisse der
deutschen Reichsbank Bezug genommen wird.

Für die Verhältnisse vor dem Kriege war für die deutsche
Reichsbank in erster Linie der § 12 des Reichsbankgesetzes vom
Jahre 1875 maßgebend, der ihr die Aufgabe zuwies, den Geldumlauf
im gesamten Reichsgebiet zu regeln, die Zahlungsausgleichungen zu
erleichtern und für die Nutzbarmachung verfügbaren Kapitals zu
sorgen. Für den Zweck unserer Betrachtung ist die erste Aufgabe
die wichtigste. Es ist die Aufgabe der Reichsbank, den Geldumlauf
im gesamten Reichsgebiete zu regeln. Dazu gehört mit in erster
Linie, daß sie in Zeiten mangelnder Mittel auf dem Geldmarkt helfend
eintritt. Wenn mit aufsteigender Konjunktur von einem gewissen
Punkte ab das Geldbedürfnis von Handel und Industrie, das sich ja
in erster Linie in einer Zunahme des Wechselumlaufes zeigt, aus
den Mitteln der Kreditbanken und der Privaten nicht mehr befriedigt
werden kann, dann muß die Reichsbank in vermehrtem Maße als
Geldgeberin auf den Markt kommen, d. h., die zu diskontierenden
Wechsel werden bei ihr in steigendem Maße eingereicht. Diese
Wechsel in diesem vermehrten Umfange können ihr entweder unmittel-
bar zufließen, es kann aber auch, was in solchen Zeiten angespannter
Verhältnisse auf dem Geldmärkte häufig der Fall ist, dies in der
Weise geschehen, daß Kreditbanken oder daß Private die in ihrem
Besitz befindlichen AVechsel bei der Reichsbank rediskontieren, um
sich so in den Besitz flüssiger Mittel zu setzen. Damit entsteht im
Verlaufe einer Haussebewegung eine zunehmende Inanspruchnahme
der Reichshank.

Eine solche Vermehrung der Inanspruchnahme der Notenbank
braucht nicht nur allein ihre Ursache in einer Zunahme der ein-
gereichten Wechselbeträge zu haben, auch die vermehrte Zunahme
des Lombardkredits, der Beleihung auf Grund von hinterlegten Waren
        <pb n="139" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

133

oder Wertpapieren, der in solchen Zeiten für manche ein Weg ist, um
sich flüssige Mittel zu schaffen, kann nach der gleichen Richtung hin
wirksam sein.

Die Reichsbank beschafft sich die notwendigen Mittel, um diesen
steigenden Bedarf des Geldmarktes zu befriedigen, durch die Ausgabe
von Banknoten. Mit aufsteigender Konjunktur löst sich also die
Tendenz aus den Notenumlauf und damit die Inanspruchnahme der
Reichsbank durch Wechseldiskontierungen und Gewährung von Lom-
barddarlehen zu vergrößern.

Jedoch waren bisher bei dieser Notenausgabe der Reichsbank
bestimmte Grenzen gezogen. Zwar bestimmte der § 16 des Bank-
gesetzes, daß die Reiehsbank das Recht hat, nach Bedürfnis ihres
Verkehrs Noten auszugeben. Aber der § 17 setzte dabei wieder eine
bestimmte Grenze fest, indem er vorschrieb: „Die Reichsbank ist
verpflichtet, für den Betrag ihrer im Umlauf befindlichen Noten
jederzeit mindestens ein Dritteil in kursfähigem deutschen Gelde,
Reichskassenscheinen oder in Gold, in Barren oder ausländischen
Münzen, das Pfund fein zu 1392 Mark gerechnet, und den Rest in
diskontierten Wechseln, welche eine Verfallszeit von höchstens
drei Monaten haben, und aus welchen in der Regel drei, mindestens
aber zwei, als zahlungsfähig bekannte, verpflichtet haften, in ihren
Kassen als Deckung bereit zu halten.“ Man spricht hier kurz von
einer sogenannten Dritteldeckung in Gold, deren Wesen darin lag,
daß die Reichsbank nach diesem Gesetz verpflichtet war, ihre Noten
bei der Hauptkasse in Berlin sofort auf Präsentation und bei ihren
Zweiganstalten, soweit deren Barbestände und Geldbedürfnisse es
gestatten, dem Inhaber gegen kursfähiges deutsches Geld (d. h. gegen
Goldmünzen) einzulösen.

Über ein gewisses Maß hinaus kann also die Reichsbank keine
Noten ausgeben, womit ihr auch bestimmte Grenzen für die Be-
leihungen im Wege des Wechsel- oder Lombardgeschäftes gezogen
sind. Werden deshalb die Ansprüche, welche in dieser Form an sie
herantreten, zu groß, d. h., gerät die Reichsbank in Gefahr, durch
eine Vermehrung der Notenausgabe das ihr vorgeschriebene Deckungs-
verhältnis zu unterschreiten, so muß sie zunächst aus einem wohl-
verstandenen eigenen Interesse heraus dieses starke Geldbedürfnis
einzudämmen versuchen. Den Weg dazu bietet ihr die Erhöhung
des Diskontsatzes bis zu einem Punkte, welcher genügt, ein gewisses
Gleichgewicht zwischen der Nachfrage auf dem Geldmarkt und den
ihr zur Verfügung stehenden Zahlungsmitteln herzustellen. Der
umgekehrte Zustand, die entgegengesetzte Entwicklung, ist dann vor-
handen, wenn die Hausse ihren Höhepunkt überschritten hat, wenn
        <pb n="140" />
        ﻿134 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen,

cs mit der Konjunktur nach abwärts geht und das Wirtschaftsleben
in den Zustand der Depression eintritt. Hier wird dann der Wechsel-
umlauf ein geringerer, die Nachfrage auf dem Geldmarkt geht zurück,
es tritt, wie man zu sagen pflegt, eine Erleichterung im, Status der
Reichsbank ein. Wir wollen uns zunächst diese Zusammenhänge an
der Entwicklung des Status der Reichsbank in der Zeit von 1896—1913
betrachten.

Es betrug bei der deutschen Reichsbank:

Jahr	.  'S  w.  rj 5  § g  Mill. M.	| g Bestand an  ; •“ Lombard-  | 3 dariehen	! ^  g Durchschnitt- ! licher Noten- j S, umlauf	o  £  'S-  s  Mill. M.	5  6	Darunter  g	Gold	Bardeckung [  im Sinne des  §9 des BG.3)	ei  g §  w O  0/  / 0	Offizieller = Diskontosatz
1896	646	106	1083	892	602	59,0	38,4	3,1
1897	645	108	1086	871	592	58,1	38,0	3,7
1898	714	96	1125	851	583	55,4	36,5	3,8
1899	817	81	1142	825	573	51,6	34,4	4,3
1900	800	80	1139	817	571	51,7	34,6	5,0
1901	845	72	1190	911	664	53,0	37,2	5,3
1902	776	74	1229	982	725	56,4	40,2	4.1
1903	846	75	1249	905	651	52,3	36.1	3,3
1904	823	74	1289	927	682	53,3	37,4	3,8
1905	909	72	1336	973	745	53,1	38.8	4,2
1906	989	84	13 7	891	675	48,3	34,4	3,8
1907	1105	98	1478	843	634	46,0	30,8	5,1
1908	968	91	1524	1019	785	51,0	36,1	6,0
1909	919	88	1577	1046	795	49,4	34,6	4,8
1910	994	98	1606	1055	778	50,7	34,5	4,3
1911	1078	79	1664	1129	828	52,2	35,7	4,4
1912	1238	82	1782	1204	880	50,8	35,2	4,9
1913	1136	85	1958	1351	1068	53,7	40,7	5,9

Bei der Betrachtung dieser Zusammenhänge muß vor allem ein
Doppeltes beachtet werden. Einmal, wie bereits betont, daß es auch
außerhalb der Konjunkturentwicklung stehende Faktoren sein können,
wie z. B. politische Momente, aber auch die wirtschaftliche Lage in
anderen Staaten, welche den Stand und die Politik einer Notenbank
beeinflussen können. Ferner muß man im Auge halten, wovon schon
oben ein für alle Mal gesprochen worden ist, daß sich in einem solch
langen Zeitraum in einer Volkswirtschaft Änderungen der verschie-

D Das ist gemäß BG. §§ 9 u. 17 kursfähiges deutsches Geld und Gold
in Barren oder ausländischen Münzen,, das Pfund fein zu 1392 M. gerechnet.

2)	Unter Deckung ist das Verhältnis von Metall bzw. Gold zu den täglich
fälligen Verbindlichkeiten (Noten und fremde Gelder) verstanden.

3)	Dieser §9 des Bankgesetzes versteht unter Barvorrat den in den
Kassen der Bank befindlichen Betrag an kursfähigem deutschen Gelde, an
Noten anderer deutscher Banken, an Reichskassenscheinen und an Gold in
Barren oder ausländischen Münzen, das Pfund fein zu 1392 M. gerechnet.
        <pb n="141" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

135

densten Art vollziehen, welche auch in der Entwicklung der Lage
und der Politik der Zentralnotenbank zum Ausdruck kommen, und
zwar Änderungen, welche mit dem Wandel der Konjunktur in keinem
Zusammenhänge zu stehen brauchen. Hierher gehören, um auf solche
Wandlungen innerhalb des deutschen Wirtschaftslebens in dieser Zeit
nur ganz kurz einzugehen, vor allem die mit der Zunahme der Volks1-
zahl und der Zunahme des Wohlstandes zusammenhängende Aus-
weitung der Volkswirtschaft. In dem betrachteten Zeitraum von
1896—1913 ist die Volkszahl Deutschlands um 14,2 Millionen Köpfe
gestiegen. Hierher gehört ferner, daß in der gleichen Zeit die beruf-
liche Struktur der Bevölkerung und die ganzen Grundlagen des deut-
schen Wirtschaftslebens wesentlich andere geworden sind. Deutsch-
land ist in zunehmendem Maße Industriestaat geworden und seine
Verflechtung in die Weltwirtschaft hat dauernd zugenommen. Das
alles sind natürliche Faktoren, die auf die Entwicklung des Wechsel-
umlaufes, auf die Größe der Bedürfnisse am Geldmarkt, und damit
auf die Größe des Notenumlaufes, einen starken Einfluß ausüben
müssen. Dabei sei, da davon später noch zu reden sein wird, an
dieser Stelle ganz davon abgesehen, daß in diesem Zeiträume sich
auch weitreichende Veränderungen auf dem deutschen Kapitalmärkte
vollzogen haben, welche ebenfalls mit dem Wandel der Konjunktur
in keinem ursächlichen Zusammenhänge stehen.

Sieht man aber von all diesen, vom Standpunkt der Konjunktur
aus nur von außen her wirkenden Ursachen ab, so kann man doch
auch dabei den Einfluß des Konjunkturwandels deutlich wahn
nehmen. Man sieht, wie in der Zeit einer aufsteigenden Konjunktur
Wechselanlage und Bestand an Lombarddarlehen wesentlich zu-
nehmen und höher sind, als unter anderen wirtschaftlichen Ver-
hältnissen. Und wir sehen dann weiter, wie in engem Zusammenhänge
damit, sich der Notenumlauf der Reichsbank vergrößert und wie
gleichzeitig der Status der Reichsbank ein angespannterer wird, was
für ihre weitere Politik, wie wir noch sehen werden, bestimmend
ist. Das Deckungsverhältnis ihres Metall- und Goldbestandes zu den
täglich fülligen Verbindlichkeiten, zu den Noten und fremden Geldern,
verschlechtert sich. Die Reichsbank ist gezwungen, von einem
gewissen Punkte dieser Entwicklung ab durch eine Erhöhung ihres
Diskontsatzes der Fülle des Wechselangebotes Einhalt zu tun. Dieser
Zusammenhang tritt besonders deutlich in der Zeit von 1900—1901,
1907—1908 und 1912—1913 hervor. In diesen Jahren beobachten
wir im Zusammenhang mit der Heraufsetzung des Diskonts und der
einsetzenden Depression eine wesentliche Besserung in den Deckungs-
verhältnissen der Reichsbank.
        <pb n="142" />
        ﻿136 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

Diese Zusammenhänge werden noch deutlicher, wenn man nicht,
wie es in der obigen Tabelle geschehen ist, lediglich nur Jahres-
durchschnitte beobachtet, sondern kürzere Zeitabschnitte, wie Wochen
und Monate, der Betrachtung zugrunde legt, und zwar für solche Zeit-
räume, in denen sich wesentliche Diskontänderungen bei der Reichsl-
bank vollzogen haben. Das eben Gesagte gilt nicht nur für diese
Änderungen auf dem Geldmarkt, sondern hat auch mehr oder weniger
Geltung für die anderen, oben betrachteten Tatsachen des wirtschaft-
lichen und sozialen Lebens, bei welchen im Wandel der Konjunktur
sich Änderungen vollziehen.

Für die Zwecke der vorliegenden Betrachtung, deren Hauptauf-
gabe es ja allein ist, darzulegen, welche Änderungen sich mit dem
Wandel der Konjunktur in dem Wirtschaftsleben eines Landes voll-
ziehen, genügen jedoch solche Jahresdurchschnitte. Etwas anderes
ist es, wenn man nicht die Merkmale der Konjunktur, sondern die
Symptome eines sich anbahnenden Konjunkturwandels kennen lernen
will, wemi es sich nicht um eine Beschreibung der äußeren Merkmale
der einzelnen Konjunkturen, sondern um die Aufgabe einer Kon-
junkturprognose handelt. Wenn wir uns in einem späteren Abschnitt
dieser Aufgabe zuwenden, dann werden wir auch diese Zusammen-
hänge und Wandlungen im Ablaufe kürzerer Perioden betrachten
müssen.

In diesen bis jetzt dargestellten Veränderungen in der Lage und
in der Politik der Reichsbank haben wir es also mit wichtigen Wir-
kungen zu tun, welche sich im Wandel der Konjunktur auf dem
Geldmärkte vollziehen. Die Wirkungen dieser Wandlungen zeigen
sich jedoch nicht nur in der Lage und in der Politik der Notenbank,
man kann sie auch nicht weniger deutlich in der Lage und den Maß-
nahmen der Kreditbanken wahrnehmen. Denn auch bei diesen
müssen sich diese Veränderungen auf dem Geldmarkt im Ablaufe
der Konjunktur in ganz bestimmten Formen zeigen.

Auch bei den Kreditbanken soll zuerst einiges Allgemeine
vorausgeschickt werden, ehe wir die Tatsachen kennen leimen. Die
Kreditbanken betreiben verschiedene Arten von Geschäften: das
Depositengeschäft, das Diskont- und Lombardgeschäft, das Konto-
korrentgeschäft, das Kommissions-, Gründungs- und 'ErnissionsgeschiLft
und den Akzeptkredit. Diese verschiedenen Seiten spielen in dem Be-
trieb der verschiedenen Kreditbanken eine verschiedene Rolle, sie
sind für ihre Lage in verschiedenem Ausmaß von Bedeutung, sie
werden auch von den Wandlungen der Konjunktur in verschiedenem
Maße berührt. Freilich ist es bei den Kreditbanken nicht so einfach,
wie bei den Notenbanken, den Einfluß der Konjunktur und des Kon-
        <pb n="143" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

137

junktunvandels darzustellen. Das hängt vor allem damit zusammen,
daß innerhalb der Kreditbanken selbst hinsichtlich ihrer Geschäfte
und geschäftlichen Politik, auch hinsichtlich ihres Aufgabenkreises
dem Wirtschaftsleben gegenüber keine solche Gleichmäßigkeit
herrscht, wie es bei den Notenbanken und wie es vor allem bei einer
bestimmten Notenbank der Fall ist. Es kommt ferner noch hinzu,
daß der Geschäftskreis der Kreditbanken ein viel mannigfaltigerer
ist, als derjenige einer Notenbank. Da nun, wie schon öfters bemerkt,
auch gleichartige Konjunkturen, Hausse und Depression, in ganz ver-
schiedenen Formen auftreten können, da das gleiche auch von dem
Wandel der Konjunktur gilt — es sei nur an das oben über die Syste-
matik der Krisen Gesagte erinnert — so müssen die Beziehungen
zwischen Konjunkturwandel und der Lage und den Aufgaben der
Kreditbanken viel mannigfaltigere sein, als es zwischen jenem und
der Lage einer bestimmten Notenbank der Fall ist.

Trotzdem soll der Versuch gemacht werden, auch hier in aller
Kürze wenigstens das wesentliche aus diesen Zusammenhängen
zwischen Konjunkturwandel und Lage der Kreditbanken zur Dar-
stellung zu bringen.

Neben der vorhin gegebenen sachlichen Aufzählung der bei den
Kreditbanken vorkommenden Geschäfte kann man auch, was für die
Zwecke der vorliegenden Betrachtung wichtig ist, diese Geschäfte in
Aktiv- und Passivgeschäfte einteilen. Von den ersteren spricht man
dort, wo die Bank als Gläubigerin, von den letzteren dort, wo sie als
Schuldnerin auftritt.

Die Hauptaufgabe der Kreditbanken vom Standpunkte dev Volks-
wirtschaft aus betrachtet, liegt, wie es ja schon der Name ausdrückt,
in der Kreditvennittlung. Auf der einen Seite nimmt sie im Passiv-
geschäft von ihren Kunden Gelder gegen Zinsvergütung in Ver-
wahrung, und auf der anderen Seite, im Aktivgeschäft, leiht sie dann
diese Beträge in den allerverschiedensten Formen gegen Zinsvergütung
wieder aus.

Es sind vor allem zwei Quellen, aus welchen den Kreditbanken
diese fremden Gelder, welche sich im sogenannten Kreditoren-
konto vorfinden, zufließen. Einmal sind es solche Einlagen, welche
den Charakter von Spargeldern haben und dann sind es solche, welche
sich in erster Linie aus vorübergehenden Guthaben der Geschäfts-
welt zusammensetzen. Diese letzteren aus der Geschäftswelt her-
rührenden Einlagen sind es dann, die, wie wir noch sehen werden,
im Laufe der Konjunktur vor allem erheblichen Schwankungen aus-
gesetzt sind. Denn in den Zeiten einer aufsteigenden Konjunktur
bedürfen Handel und Industrie aller verfügbaren Mittel, so daß in
        <pb n="144" />
        ﻿138 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

diesen Zeiten dieser Teil des Kreditorenkontos bei den Banken einen
starken Rückgang erfährt. Die umgekehrte Entwicklung vollzieht sich
dann, wenn es mit der Konjunktur bergab geht und das wirtschaftliche
Leben sich im Zustande der Depression befindet. Nur in seltenen
Fällen, bei starken krisenhaften Erschütterungen des Wirtschafts-
lebens, beim Ausbruch einer Panik, pflegen auch die Spargelder
in Form eines Runs auf die Banken eine erhebliche Einbuße zu er-
fahren.

Eine weit größere Mannigfaltigkeit herrscht auf der anderen Seite,
auf dem Debitorenkonto, welches die Schuldner der Bank ent-
hält und die Beträge verzeichnet, welche die Bank in irgendeiner
Form ausgeliehen hat. Wenn wir uns daraufhin die Aktivseite einer
Bankbilanz ansehen, so sehen wir hier vor allem die folgenden
Posten verzeichnet:

1.	Wechsel und unverzinsliche Schatzanweisungen.

2.	Vorschüsse auf Waren und Warenverschiffungen.

3.	Eigene Wertpapiere.

4.	Beteiligungen verschiedener Art.

5.	Debitoren in laufender Rechnung, wobei gedeckte und un-
gedeckte unterschieden werden.

Das sind die Hauptformen der Kreditgewährung, welche sich
unter den Aktiven einer Bankbilanz verzeichnet finden. Dazu tritt
noch eine andere Form, die jedoch, da sie eine Verpflichtung der Bank
enthält, sich auf der Passivseite der Bilanz vorfindet, der sogenannte
Akzeptkredit. Wir wollen diese verschiedenen Formen kurz be-
trachten und sehen, welche Rolle sie im Wirtschaftsleben eines
Landes spielen und welchen Wandlungen sie im Ablaufe der Kon-
junktur unterliegen.

Von dem Wechselgeschäft war oben schon mehrmals, vor
allem bei der Darstellung der Tätigkeit der Reichsbank, die Rede
gewesen. Auch die Kreditbanken übernehmen Wechsel zur Diskon-
tierung, und nach dem oben Gesagten ist es klar, warum bei einer
aufsteigenden Konjunktur ihr Wechselumlauf die Tendenz hat, zu-
zunehmen. Wechsel bedeuten für die Bank eine sehr gute Kapital-
anlage, da sie in sehr kurzer Zeit ohne Kursverlust von den Aus-
stellern eingelöst werden und da die Bank durch Rediskontierung
dieser Wechsel bei der Reichsbank in der Lage ist, sich jederzeit
in den Besitz von flüssigen Mitteln zu setzen. Hierdurch wird eine
Tendenz ausgelöst, daß in kritischen Zeiten, zu denen ja in erster
Linie krisenhafte Störungen zu rechnen sind, umfangreiche Redis-
kontierungen stattfinden, wodurch der Wechselumlauf der Kredit-
        <pb n="145" />
        ﻿B i k 541



1 4. 9 h 9

4.	Der Kapital- und Geldmarkt.

139

banken stark abnehmen und derjenige der Reiclisbank plötzlich stark
zunehmen kann.

Dieses Rediskontieren von Wechseln vollzieht sich also vor-
nehmlich dann, wenn die Kreditbanken sich in den Besitz größerer
flüssiger Mittel setzen wollen. Das ist z. B. in der Regel an den
Quartalsenden der Fall, bei denen starke Ansprüche an die Kassen
der Banken vonseiten ihrer Kundschaft gestellt werden. An diesem
Zeitpunkt pflegt ihr Wechselbestand ab-, derjenige der Reichsbank
zuzunehmen. Das tritt in besonders starkem Maße dann ein, wenn
äußere Faktoren, wie z. B, politische Verwicklungen, die Anfor-
derungen, welche an die Banken gestellt werden, stark erhöhen. So
ging z. B. vom 31. Oktober 1912 bis zum 31. Dezember 1912
der Bestand der acht Berliner Großbanken an Wechseln und unver-
zinslichen Schatzanweisungen von 1725 auf 1531 Millionen Mark
zurück, während der Wechselbestand der Reichsbank von 1476 auf
2031 Millionen Mark stieg. Bei diesen unverzinslichen Schatzanr
Weisungen handelt es sich um, von der Finanzverwaltung aus-
gegebene, auf den Inhaber lautende Papiere, welche auf große und
runde Beträge lauten und genau wie Wechsel, sofort beim Verkauf
diskontiert werden. Diese Schatzanweisungen werden von den Kredit-
banken übernommen und dienen zur Anlage ihrer flüssigen Mittel.
Da jedoch dieDöhe dieser flüssigen Mittel sich mit den Wandlungen auf
dem Geldmärkte im Ablaufe der Konjunktur ändert, so ergibt sich
daraus, daß auch die Anlage der Kreditbanken in Schatzanweisungen
von dem Wandel der Konjunktur in starkem Umfange berührt werden
muß.

Bei den an zweiter Stelle genannten Vorschüssen auf Waren
und Warenverschiffungen, die in der allerverschiedensten
Form vor sich gehen, handelt es sich vor allem um die Finanzierung
des überseeischen Aus- und Einfuhrgeschäftes. Der Exporteur ver-
kauft seine Ware meistens gegen längere Zahlungsfrist an den Ab-
nehmer, während er in der Regel zur Weiterführung seines Geschäftes
in kurzer Frist schon über den Erlös verfügen will. Es geschieht dies
z. B. in der Weise, es kommen hier sehr verschiedene Formen vor,
daß der Exporteur der Bank seine sogenannten Seedokumente, die
Schiffspapiere, Versicherungspolice, auch eine Kopie der Faktura
als Pfand übergibt, und daß ihm dann die Bank auf dieser Grundlage
in einer bestimmten Höhe des Wertes der verschifften Waren einen
Kredit eröffnet.

Eine analoge Form der Kreditgewährung findet sich beim Waren-
import. Es handelt sich hier um den sogenannten Rembours- oder
Trassierungskredit. Der Vorgang spielt sich in der Regel in der Weise
        <pb n="146" />
        ﻿140 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

ab, daß der inländische Käufer sich von seiner Bank einen sogenannten
Akzeptkredit (vgl. weiter unten) einräumen läßt. Der Verkäufer der
Ware erhält dann die Weisung, in der Höhe seines Fakturenbetrages
eine Tratte auf die Bank des Importeurs zu ziehen. Dieser Wechsel
geht nach der Ladung der Ware mit den entsprechenden Schiffs-
papieren und sonstigen Unterlagen, welche über den Wert der ver-
schifften Ware Auskunft geben, an die Bank, welche dann diesen
Wechsel akzeptiert, d. h. mit ihrer Unterschrift versieht und an den
Exporteur zurücksendet. Dieser kann sich dann durch Diskontierung
dieses Wechsels in den Besitz der entsprechenden Mittel setzen,
die ihm als Bezahlung von seiten des Importeurs dienen. Es liegt
auf der Hand, daß diese Art der Kreditgewährung eine wesentliche
Erleichterung für den Export und den Import bedeutet. Wir haben
aber oben gesehen, daß im Wandel der Konjunktur der Außenhandel,
Einfuhr und Ausfuhr, erheblichen Schwankungen unterliegen. Da-
mit hängt es dann zusammen, daß auch diese Art der Bankgeschäfte
gleichzeitig von dem Ablaufe der Konjunktur beeinflußt werden muß.

Eigene Wertpapiere und Konsortialbeteiligungen
stehen nicht in dem gleichen engen Zusammenhänge mit dem Wandel
der Konjunktur wie die bisher genannten Anlagen. Nur nach einer
Richtung hin hat vor allem der Wertpapierbesitz dieser Banken unter
diesem Gesichtspunkt für sie eine erheblichere Bedeutung. Es handelt
sich nämlich bei diesem Effektenbesitz vielfach um recht illiquide
Anlagen, die bei sinkenden Kursen, also hei einer niedergehenden Kon-
junktur, häufig nur sehr schwer und unter Verlusten, zu veräußern sind.
Unter solchen Umständen kann sich für eine Bank leicht die Not-
wendigkeit ergeben, auf ihren Besitz an Wertpapieren, und das gleiche
gilt von ihren Beteiligungen, erhebliche Abschreibungen vornehmen
zu müssen. Dadurch kann das Gewinnerträgnis eine erhebliche
Schmälerung erfahren.

Unter den Debitoren in laufender Rechnung verbergen
sich die verschiedensten Arten der Kreditgewährung, auch solche,
welche vom Standpunkte der Bank aus ein recht verschiedenes Maß
von Sicherheit gewähren. Es sei nur auf den Gegensatz von ge-
deckten und ungedeckten Krediten verwiesen. Es handelt sich hier-
bei um den sogenannten Kontokorrentkredit, welcher, wie die fol-
gende Tabelle zeigt, unter den Formen der Kreditgewährung den
größten Umfang einnimmt. Auf Grund dieses Kontos nehmen die
Kunden bei Bedarf Kredite in Anspruch und zahlen, sobald ihnen
die Mittel dazu wieder zur Verfügung stehen, die Beträge wieder
an die Bank zurück. So gibt es für einzelne Industrien bestimmte
Ein- und Verkaufsperioden, innerhalb deren sich mit einer gewissen
        <pb n="147" />
        ﻿4 Der Kapital- und Geldmarkt.

141

Regelmäßigkeit auf ihren Bankkonten Abhebungen und Einzahlungen
ablösen.

Nach dem oben bereits darüber Gesagten ergibt sich nun, daß
es im Wandel der Konjunktur Perioden gibt, in welchen aus den
Verhältnissen von Industrie und Handel heraus auf dem Geldmärkte
eine große Nachfrage herrscht, und solche, in denen das Gegenteil
der Fall ist. In den Zeiten reger Konjunktur mit großen Waren-
umsätzen haben Industrie und Handel einen sehr viel stärkeren Geld-
bedarf, als es in den Zeiten der Depression der Fall ist. Dieser
Wechsel kommt dann auch deutlich, vor allem auch in den Debitoren-
konten der Kreditbanken zum Ausdruck. Die Inanspruchnahme der
Banken ist in den Zeiten der Hochkonjunktur eine weit größere als
in den Zeiten der Depression. In den Zeiten der Hochkonjunktur
werden ihre Mittel weit stärker in Anspruch genommen, sie arbeiten
mit weit größerer Intensität und die Liquidität der Banken hat die
Tendenz, sich zu verschlechtern. Demgegenüber hat man schon mit
Recht gesagt, daß in den Zeiten der Depression ein Teil des bei den
Banken liegenden Bargeldes brach liegt und daß damit in diesen
Zeiten die Tendenz ausgelöst wird, Teile dieser verfügbaren Mittel
im Auslande anzulegen. Demgegenüber kann man in den Zeiten der
Hochkonjunktur, in den Zeiten der Geldknappheit, beobachten, daß im
Zusammenhänge mit der verschiedenen Verzinsung in den einzelnen
Ländern fremde Kapitalien, wenigstens zur vorübergehenden An-
lage, dorthin strömen, wo diese verfügbaren Mittel eine höhere Ver-
zinsung gewährleisten, als es im eigenen Lande der Fall ist. Es sei
nur auf die früheren diesbezüglichen Beziehungen zwischen Deutsch-
land und Frankreich und die französischen Pensionen verwiesen.

Das Debitorenkonto der Banken ist nun eine der Hauptquellen
der Zinseinnahmen der Bank. Der Ertrag der Banken hängt in be-
sonders hohem Grade auch von dem Umfange der Debitoren und
der Höhe des Zinsfußes ab. Da beides in den Zeiten einer Hochkon-
junktur höher zu sein pflegt, als in den Zeiten einer Depression, so
muß sich also auch eine gewisse Parallelität zwischen dem Wandel
der Konjunktur, den Zinseinnahmen der Banken und den Ge-
winnen derselben ergeben. Dieser Zusammenhang wird besonders
deutlich, wenn man die Entwicklung dieser Zinseinnahmen mit der-
jenigen des Diskontsatzes vergleicht. Damit soll natürlich nicht ge-
sagt sein, daß die Zinseinnahmen aus diesem Konto die alleinige
Quelle sind, aus welcher die Banken ihre Erträgnisse ziehen. Daf
durch, daß hierfür noch andere Quellen in Betracht kommen, sind
auch gegenüber dem eben Dargelegten erhebliche Gegentendenzen möglich.

Der letzte Punkt, der in diesem Zusammenhänge zu besprechen
Mombert, Studium der Konjunktur.	10
        <pb n="148" />
        ﻿142 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunklurwandels und der Krisen.

ist, betrifft den Akzeptkredit. Es handelt sich hier nm eine
Art der Kreditgewährung, welche in den letzten Jahren vor dem
Kriege bei den deutschen Banken eine sehr starke Zunahme erfahren
hat. Man hat auch schon erhebliche Bedenken gegen diese Art des
Kredits geäußert. Das Wesen dieses Akzeptkredits liegt darin, daß
die Bank einen von ihrem Kunden auf sie gezogenen Wechsel akzepr
tiert, d. h. mit ihrer Unterschrift versieht. Damit übernimmt die
Bank die Verpflichtung, diesen Wechsel bei Fälligkeit einzulösen und
gibt damit ihrem Kunden die Möglichkeit, sich durch Weiterbegebung
eines solchen Wechsels ohne weiteres bare Mittel zu verschaffen.
In diesem Sinne spielt heute das Bankakzept für die Kreditgewäh-
rung an Handel und Industrie eine sehr große Rolle. Aus dem Ge-
sagten ergibt sich, daß der Akzeptumlauf der Banken ebenfalls dahin
tendiert, sich in seiner Höhe mit dem Wandel der Konjunktur zu
ändern. Denn seine Höhe hängt von dem Kreditbedürfnis von In-
dustrie und Handel und von dem Willen der Banken ab, mehr oder
weniger freigiebig Kredit zu gewähren, und beides unterliegt im
Laufe der Konjunktur beträchtlichen Wandlungen.

Nach dem Gesagten bedarf nun die folgende Tabelle, welche die
Entwicklung der Kreditbanken für die uns hier interessierenden Ge-
schäftszweige darstellt, keiner besonderen Erklärung mehr.

Es betrug bei den deutschen Kreditbanken in Mill. der Betrag an1)

1 &gt;—5	Zahl der Banken	Kreditoren	Depositen	Akzepten i in Schecks j	Wechseln	Lombards j	Effekten,  Hypotheken,  Konsortial-  beteiligungen	Debitoren und Diverse	j Einnahmen j aus Zinsen
1896	98	1322	546	753	865	458	462	2128	73
1897	102	1465	604	825	958	564	506	2352	84
1898	108	1799	713	984	1055	669	640	2848	106
1899	116	2025	813	1153	1327	737	714	3296	132
1900	118	2131	997	1294	1583	598	741	3603	146
1901	125	1980	1035	1136	1463	594	747	3° 57	128
1902	122	2276	1104	1176	1483	691	873	3550	119
1903	124	2448	1261	1300	1518	708	897	3929	127
1904	129	2790	1566	1400	1774	774	956	4396	132
1905	137	3459	1840	1601	1996	971	995	5328	154
1906	143	4164	2141	1848	2447	1099	1088	6073	191
1907	158	4202	2424	2035	2622	1163	1126	6437	232
1908	169	4510	2746	1891	2742	1349	1198	6604	215
1909	168	5130	2983	1970	2804	1931	1201	6959	200
1910	165	5882	3241	2099	3061	2528	1621	6838	223
1911	158	5646	3767	2199	3062	2504	1715	7405	250
1912	156	4911	4449	2392	3049	2502	1706	7602	275
1913	160	5249	4393	2450	3436	1678	1775	8300	330

U Nach dem deutschen Ökonomist. Jahrgang 32. 1914. S.570.
        <pb n="149" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

143

Man erkennt deutlich die entscheidenden, eben besprochenen
Änderungen, vor allem bei dem Konjunkturwandel um die Jahr-
hundertwende und in den Jahren 1907—1909. In diesen Perioden
geht die Höhe der bis dahin gewährten Kredite beträchtlich zurück,
z. T. erfährt die bis dahin starke Zunahme eine Verminderung. Vor
allem in den Jahren 1901—1902 ist deutlich zu beobachten, welch
großen Rückgang der Akzept- und Wechselumlauf, der Betrag der
Debitoren und die Einnahmen aus Zinsen erfahren haben. Ein
ähnliches Bild kann man dann auch bei den Konjunkturrückgängen
der folgenden Jahre beobachten. Man muß jedoch immer im Auge
behalten, was oben schon mehrfach betont worden ist, daß es sich
bei dieser Entwicklung der Bankgeschäfte um einen stets wachsenden
Umfang derselben handelt, daß also unter Berücksichtigung dieser Tat-
sache schon ein Stillstand, oder eine Abnahme dieses Zuwachses
als ein relativer Rückgang unter dem Einfluß der Konjunktur zu
betrachten ist.

Mit diesen hier betrachteten Geschäftszweigen der Banken sind
keineswegs alle erschöpft, bei welchen sich im Wandel der Kon-
junktur Änderungen vollziehen. Das Gesagte genügt jedoch, um zu
zeigen, welch großen Einfluß der Wandel der Konjunktur auf die
Lage der Kreditbanken ausübt. Freilich ist im Wandel der Konjunk-
tur die Tätigkeit der Kreditbanken ebenso wenig eine lediglich
passive, wie die der Notenbanken. Denn aus dieser Entwicklung
ergeben sich für die Kreditbanken ganz bestimmte Aufgaben und
in der Erfüllung dieser Aufgaben können sie dann auch einen
starken Einfluß auf den Gang der Konjunktur ausüben.

Bei der Darstellung der Aufgaben und Verhältnisse der deut-
schen Reichsbank war ja schon davon die Rede gewesen, daß diese,
um das Deckungsverhältnis nicht zu ungünstig werden zu lassen,
eine bestimmte Diskontpolitik zu treiben gezwungen ist. Da damit
eine Verteuerung des Kredits eintritt, so muß, was ja auch viel-
fach der Zweck der Diskonterhöhung ist, damit auch ein ein-
dämmender Einfluß auf die Nachfrage auf dem Geldmarkt und
damit auch auf den weiteren Gang der Konjunktur ausgelöst werden.

Einen ähnlichen Vorgang können wir, wenn auch in wesentlich
anderen Formen, bei den Kreditbanken beobachten. Auch die Kredit-
banken müssen darauf achten, daß ihre Liquidität gewahrt wird!
Darunter versteht man die Forderung, daß der Grundsatz der bank-
mäßigen Deckung eingehalten wird, d. h., daß vor allem die kurz-
fristigen Verbindlichkeiten durch kurzfristige Guthaben gedeckt sind.
Man hat schon mannigfache Versuche gemacht, das Maß der zu
einem bestimmten Zeitpunkte vorhandenen Liquidität zu berechnen^
        <pb n="150" />
        ﻿144 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.



Versuche, auf welche einzugehen über den Rahmen dieser Ausfüh-
rungen hinausgehen würde. Wir wollen nur noch ganz im allge-
meinen betrachten, welchen Änderungen diese Liquidität der Kredit-
banken unter dem Einflüsse der Konjunktur unterliegt und welche
Mittel diese Banken anwenden, um eine bedrohte Liquidität zu
schützen.

Zu den kurzfälligen Verbindlichkeiten rechnet man im allge-
meinen die Kreditoren, Akzepte und Depositen, zu den liquiden
Mitteln die Kasse, die Lombards, die Effekten, Wechsel und Re-
ports. Von den letzteren wird später noch zu reden sein. Man kami
auch noch genauer Vorgehen, indem man auch hier wieder abstuft, je
nachdem diese verfügbaren Mittel leichter oder weniger leicht greif-
bar sind. Die Berechnungen, welche über den Liquiditätsgrad bisher
von den verschiedensten Seiten angestellt worden sind, sind aus in
der Natur der Sache liegenden Gründen reichlich unvollkommen. Dest
halb soll an dieser Stelle darauf verzichtet werden, für die Entwick-
lung der Liquidität im Wandel der Konjunktur zahlenmäßige An-
gaben zu machen1). Daß diese Liquidität sich jedoch im Wandel
der Konjunktur ändern muß, wenn nicht irgendwelche starke Gegen-
tendenzen vorhanden sind, ergibt sich aus dem oben Gesagten. Mit
aufsteigender Konjunktur, vor allem in den Zeiten einer aus-
gesprochenen Hausse, muß eine Tendenz zur Verschlechterung dieser
Liquidität schon dadurch eintreten, daß in dieser Zeit infolge der
angespannten Lage auf dem Geldmarkt, wenn dem nicht andere
Faktoren entgegentreten, die Kreditgewährung der Banken sehr stark
zunimmt. Das zeigt sich vor allem auch auf dem Debitorenkonto, bei
dem es sich vielfach auch um recht langfristige Kredite handelt.

Es kommt dann ein Zeitpunkt, an dem die Banken darauf sehen
müssen, ihre Verhältnisse liquider zu gestalten. Das tritt in der
Regel nicht während einer aufsteigenden Konjunktur ein, sondern
erst auf ihrem Höhepunkte, wenn sich schon Symptome eines Um-
schwunges zeigen, oder wenn von außen kommende Faktoren, wie
z. B. solche politischer Natur, die Banken zur Vorsicht malmen.
Hier werden dann die Banken zurückhaltender in der Kreditgewäh-
rung, mitunter können sogar umfassende Kündigungen langfristiger
Kredite, vor allem auch der Vorschüsse für Börsengeschäfte, von
denen gleich noch eingehender die Rede sein wird, eintreten.

Auf der einen Seite haben wir es hier also in diesen Maßnahmen
mit einer gewissen Reaktion der den Banken drohenden Konjunktur-

R Vgl. dazu: Schulze-Gävernitz, a. a. 0. S. 12 ff. — Riesser,
a. a. 0. S. 449 ff. — und die alljährlichen Berechnungen des Deutschen Öko-
nomist.
        <pb n="151" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

145

änderungen gegenüber zu tun, auf der anderen Seite handelt es sich
aber auch vielfach um Maßregeln, welche bei der guten Übersicht
und Kenntnis der großen Banken über den Gang des Wirtschafts-
lebens durchaus als Symptome eines drohenden Umschwunges der
Konjunktur aufzufassen sind. In dem folgenden Abschnitt wird da-
von noch eingehender die Rede sein. Solche Maßnahmen der Kredit-
banken sind also nicht allein eine notwendige Reaktion auf gewisse
Konjunkturerscheinungen am Geldmärkte, sie können nicht nur der
Vorbote sich hier vollziehender Wandlungen sein, sie können auch
auf das Tempo, in welchem dann solche Wandlungen der Konjunktur
eintreten, einen erheblichen Einfluß ausüben, sie fallen damit be-
reits in den Rahmen der Konjunkturpolitik1, ein Gegenstand, der in
einem besonderen Abschnitte noch zu behandeln sein wird.

In den Zeiten einer sich entwickelnden Hausse, vor allem auf
ihrem Höhepunkte, disponieren aber nicht nur die Kreditbanken über
ihre Mittel in der allerknappsten Weise, versuchen sie nicht nur
zum Schaden ihrer Liquidität, ihre verfügbaren Mittel auf das inten-
sivste auszunutzen, indem sie z. B. ihre Kassenvorräte, ihre Giro-
guthaben bei der Reichsbank, möglichst nieder bemessen, eine in
solcher Zeit eintretende Überspannung des Kredites kann sich auch
auf die Kreditempfänger, auf die Industrie, übertragen. Mit einer
solchen Verknappung auf dem Geldmärkte geht in diesen Zeiten auch
eine Verknappung auf dem Kapitalmärkte Hand in Hand.

In den Zeiten einer Hausse ist in einer Volkswirtschaft nicht nur
der Bedarf an Zahlungsmitteln ein sehr großer, was zu der geschil-
derten Versteifung des Geldmarktes führt, die Industrie bedarf in
solcher Zeit auch großer Mittel zu Anlagezwecken, zu Neugrün-
dungen, zu Betriebserweiterungen, zur Schaffung neuer technischer
Anlagen usf. Diesen Kapitalbedarf haben wir ja oben auf Grund
der Emissionsstatistik kennengelemt. So hat die deutsche Elek-
trizitätsindustrie in der Zeit der aufsteigenden Konjunktur von
1895—1900 allein etwa 725 Millionen Mark absorbiert.

Allmählich gehen aber die Kapitalvorräte in einer Volkswirt-
schaft zu Ende. Das anlagesuchende Kapital beginnt knapper zu
werden. Die Anzeichen davon haben wir ja bereits oben können-
gelernt, als von der Kursminderung der Staats- und Kommunal-
anleihen die Rede war und von den geringfügigen Kapitalbeträgen,
welche auf dem Höhepunkt der Konjunktur noch dem Baumarkte zur
Verfügung gestellt werden können. Der Kapitalmarkt ist immer
weniger imstande, der Industrie die Mittel für ihre Neuanlagen und
Erweiterungen zur Verfügung zu stellen und damit entsteht die Ge-
fahr, daß der Geldmarkt dafür herhalten muß, hier den Ersatz zu
        <pb n="152" />
        ﻿146 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

schaffen. Die Betriebsmittel der Volkswirtschaft laufen Gefahr,
zu Anlagezwecken verwandt zu werden. Das kann in den allerver-
schiedensten Formen geschehen. Der Fabrikant kann die Mittel, die
er im Kontokorrent oder Wechselkredit (Wechselprolongation) er-
halten hat, für Anlagezwecke verwenden. Das gleiche kann aber auch
dadurch entstehen, daß die Börsenspekulation auf Grund von Bank-
vorschüssen, welche ja dem Geldmärkte entnommen sind, bei der
Neuemission von Aktien und Industrieobligationen als Zeichner auf-
tritt. Auch auf diesem Wege also können Mittel des Geldmarktes
für Anlagezwecke verwandt werden.

Es handelt sich hier um einen, für die Beteiligten und für das
ganze Wirtschaftsleben äußerst gefährlichen Vorgang. Denn in all
den eben genannten Fällen werden kurzfristige Verbindlichkeiten in
feste Anlagen, also in eine sehr illiquide Form, umgewandelt. Das
kann dann, wie die Erfahrung zeigt, die verhängnisvollsten Folgen
haben, wenn die Kreditbanken aus irgendwelchen Gründen dazu
übergehen müssen, diese Kredite einzuschränken oder ihre Ver-
längerung abzulehnen.

„Betriebssteigerungen, welche durch allzu leichte Krediterteilung
in bestimmten Produktionszweigen hervorgerufen worden sind, ver-
anlassen Betriebssteigerungen in jenen anderen Produktionszweigen,
welche die Produktionsmittel für die ersteren zu liefern haben. So
entsteht in einer ganzen Reihenfolge aufeinander angewiesener Pro-
duktionszweige eine Überproduktion, welche des wirklichen Bedarfs
ermangelt und damit letztlich zu Verlusten führen muß1).“ Diese
letzten Ausführungen haben bereits Zusammenhänge berührt, welche
die Börse mit dem Gold- und Kapitalmarkt verbinden. Wir wollen
jetzt dazu übergehen, zu sehen, welche Zusammenhänge zwischen
den Vorgängen an den Börsen und dem Wandel der Konjunktur vor-
handen sind.

Man unterscheidet bekanntlich Effekten- oder Fondsbörsen und
Waren- oder Produktenbörsen. Daß auf den letzteren in der Höhe der
Umsätze, in der Preisentwicklung, in dem Umfang der Warenspeku-
lation, sich die Konjunkturvorgänge deutlich widerspiegeln, liegt so
auf der Hand, daß darüber keine weiteren Worte verloren zu werden
brauchen. Die Zusammenhänge zwischen diesen Warenbörsen
und den Verhältnissen am Geldmarkt ergeben sich auch ohne wei-
teres. Denn die von dem Geldmarkt zur Verfügung gestellten Mittel
üben einen starken Einfluß auf den Umsatz und den Geschäftsgang
auf den Warenbörsen aus, und von da aus müssen sich dann wieder

U Komorzynski, Die nationalökonomische Lehre vom Kredit. Inns-
bruck 1903. S. 292.
        <pb n="153" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

147

bestimmte Wirkungen durch die von dorther kommende Nachfrage
nach Zahlungsmitteln auf dem Geldmarkt ergeben.

Weit wichtiger sind dagegen noch die Zusammenhänge, welche
die Effektenbörsen und ihre Geschäfte mit dem Geld- und
Kapitalmarkt und damit mit den Wandlungen in der Konjunktur ver-
knüpfen. Auf den Effektenbörsen werden Wertpapiere gehandelt,
Staats- und Stadtanleihen, Aktien und Industrieobligationen, Pfand-
briefe, Wechsel, Edelmetalle, Münzen und Papiergeld. An dieser
Stelle soll zunächst nur der Effektenhandel in seinem Zusammenhänge
mit den Konjunkturvorgängen betrachtet werden.

Die Mittel, welche an der Börse zusammenströmen, sind entweder
zu dauernder Anlage oder für die Zwecke der Spekulation bestimmt.
Es würde an dieser Stelle zu weit führen, den Begriff und die Arten
der Spekulation zu erörtern. Denn auch hier gibt es an der Börse
die allerverschiedensten Arten und Abstufungen. Von Anlagezwecken
soll dann im folgenden die Rede sein, wenn, wie z. B. bei Staats-
und Stadtanleihen es die Regel ist, die Papiere um ihres Ertrages
willen gekauft werden, von Spekulation dann, wenn die Papiere im
Hinblick auf eine später zu erwartende Kurssteigerung erworben
werden.

Welche Wandlungen vollziehen sich hier nun im Wandel der Kon-
junktur? Verschiedenes davon ist bereits oben berührt worden. Die
Tabelle S. 113 hat ein Bild von den starken Veränderungen gegeben,
welchen die Industriegewinne und Dividenden im Wandel der Kon-
junktur unterliegen und die Tabelle S. 129 hat gezeigt, daß mit einer
Besserung der Konjunktur die Kurse der Staats- und Stadtanleihen,
wie auch der Pfandbriefe, zurückgehen, um dann wieder in den Zeiten
der Depression eine Erhöhung zu erfahren. Es sind in allererster
Linie die Dividendenpapiere, in deren Kursen sich nicht nur die
gegenwärtige Konjunktur wiederspiegelt, sondern in deren Kursen
auch die zu erwartende Konjunktur bereits einen zahlenmäßigen
Ausdruck findet. Ob dabei diese Erwartungen auch immer eintreüfen
oder enttäuscht werden, interessiert uns an dieser Stelle nicht. Jeden-
falls aber spielt diese Rücksicht auf die zu erwartende Konjunktur
beim Handel in diesen Dividendenpapieren eine ganz besonders große
Rolle. Liegt ja doch überhaupt das Wesen der Spekulation darin,
daß sie nicht mit den gegenwärtigen, feststehenden und bekannten
Verhältnissen, sondern mit den zukünftigen rechnet.

Der Börsenspekulant rechnet mit einem Steigen oder einem
Fallen der Kurse und will diese Änderung für sich vorwegnehmen, er
will sie eskomptieren, wie der Börsenausdruck lautet. Auf die Ände-
rungen in diesen Kursen können nun die mannigfaltigsten Fairtoren
        <pb n="154" />
        ﻿148 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandcls und der Krisen.

von Einfluß sein, auch solche, die außerwirtschaftlicher Natur sind
oder mit den Konjunkturverhältnissen nichts zu tun haben. Es sei
hier nur auf politische Störungen, oder auf Gegensätze handels-
politischen Charakters, wie Zollkriege, oder Schwierigkeiten beim
Abschluß von Handelsverträgen, hingewiesen. Die Bedeutung solch
politischer Faktoren beruht in ihrem Einfluß auf die wirtschaftliche
Entwicklung eines Landes, welche davon günstig oder ungünstig be-
rührt werden kann. Letzten Endes ist es also doch auch hier wieder
die Konjunktur, die, wenn in einem solchen Falle auch nur mittelbar,
die entscheidende Rolle spielt.

Wesentlich stärker aber für die Entwicklung der Kurse, vor allem
derjenigen der Dividendenpapiere, und damit auch für den ganzen
Handel in diesen, ist der unmittelbare Einfluß der Konjunktur. Hängt
doch von dieser, wie wir gesehen haben, letzten Endes das Er-
trägnis der industriellen Unternehmungen und damit auch dasjenige
der Dividendenpapiere ab. Wenn sich die Konjunktur in aufsteigender
Linie bewegt, so muß das gleiche bei den Kursen dieser Industrie-
papiere der Fall sein, und umgekehrt. In diesem Sinne ist aber
nicht allein der tatsächliche Gang der Konjunktur nach unten oder
oben wirksam, sondern aus spekulativen Gründen spielen auch die
Erwartungen die Meinungen, welche man in Börsenkreisen über den
voraussichtlichen Gang der Konjunktur hat, für die Kursentwicklung
ebenfalls ein© überaus wichtige Rolle.

Es gibt Gruppen an der Börse, welche mit einem Steigen oder
Fallen der Kurse rechnen, und diese Erwartungen kommen hier in
den allerverschiedensten Formen zum Ausdruck. Der Grundgedanke
dieses spekulativen Elementes ist der, das gekaufte Wertpapier später
mit Gewinn weiter zu veräußern. Je nach der Art des Geschäftes
kann ein solcher Gewinn bei steigenden oder sinkenden Kursen ein-
treten. Es gibt eine Spekulation ä la Hausse und eine solche ä la
Baisse. Die einfachste Form der ersteren ist diejenige, welche sich
in dem sogenannten Kassageschäft vollzieht. Durch Vermittlung
eines Maklers erwirbt der Käufer an der Börse ein solches Wert-
papier. Tritt eine Kurssteigerung ein, glückt also die Spekulation,
dann kann er es später mit Gewinn Weiterverkäufen, oder, wenn er
es behält, so hat der Käufer, wenn der Ertrag des betreffenden
Unternehmens steigt, eine entsprechend höhere Realverzinsung.

Nicht weniger wichtig als dieses Kassageschäft ist in diesem
Zusammenhänge das Termingeschäft. Gegenstand dieses Ge-
schäftes ist die Lieferung einer bestimmten Menge von Waren oder
Wertpapieren einer Gattung, zu einem bestimmten Preise oder Kurse.
„Käufer und Verkäufer spekulieren darauf, daß bis zum Erfüllungstage
        <pb n="155" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

149

sich die Marktlage so ändern wird, daß sie ihre eingegangenen Ver-
pflichtungen mit Nutzen erfüllen können. Wer z. B. annimmt, daß
ein Effekt, dessen heutiger Kurs 180 ist, im Preise steigen wird,
wird es heute zu diesem Kurs auf einen späteren Termin kaufen.
Ergibt sich bis dahin tatsächlich ein höherer Kurs, z. B. 185, so wird
er zu diesem Kurse auf denselben Termin verkaufen, mithin am
Termin einen Gewinn von 5 realisiert haben. Dem Spekulanten
kommt es daher nur darauf an, ob in dem Intervall zwischen dem
Tage, an dem er sich den künftigen Besitz des Papiers gesichert hat,
bis zu dem Tage, zu dem er das Papier übernehmen muß&gt; auch nur
an einem einzigen Tage ein höherer Kurs erzielt worden ist. Diese
Spekulation, welche auf das Steigen des Kurses rechnet, ist die
Spekulation ä la Hausse.“ „Wer dagegen das Fallen des Kurses
eines Effekts erwartet, wird durch den Verkauf auf Termin pro-
fitieren wollen. Er wird, wenn der Kurs z. B. auf 180 steht und ex
ein Fallen voraussieht, zu diesem Preise auf einen späteren Zeit-
punkt verkaufen. Wenn bis dahin tatsächlich ein Sinken des Kurses
eingetreten ist, z. B. auf 175, so wird er durch Kauf zu diesem
Kurse ,sich decken“, d. h. sich die Erfüllung seiner Verkaufsver-
pflichtung sichern, und am Termin die zu 175 gekauften Effekten
zu 180 übergeben, also einen Gewinn realisieren können. Diese
Spekulation auf das Fallen der Kurse ist die Spekulation ä la Baisse“1).

Daraus entwickelt sich dann von selbst das sogenannte Diffe-
renzgeschäft, bei dem dann nicht, um bei dem oben gegebenen
Beispiel zu bleiben, die gehandelten Effekten wirklich geliefert
werden, sondern nur die Differenz gezahlt wird, in dem obigen
Beispiel die 5, um welche sich der vereinbarte Preis vom wirklichen
Tagespreis unterscheidet. Diese Preisdifferenzen kommen dann im
Börsenhandel an bestimmten Terminen zum Ausgleich.

Wenn nun der Fall eintritt, daß einem der beiden Beteiligten die
Lieferung oder die Abnahme an dem bestimmten Termine ungelegen
ist, so kann der Lieferungs- bzw. Abnahmetermin hinausgeschoben,
prolongiert werden. Der Weg, der hierbei in der Regel eingeschlagen
wird, ist der, daß man die einstweilige Erfüllung des Zeitgeschäftes
einem Dritten überträgt. Das geschieht in der Regel dann, wenn
für den einen der beiden Partner der Kurs eine ungünstige Richtung
eingeschlagen hat und er bis zum nächsten Termin eine für sich
günstigere Entwicklung erwartet, oder vielleicht auch nicht die Mittel
besitzt, die zum Termin zu liefernden Papiere zu beschaffen. Denn
derjenige, welcher ä la Hausse spekuliert, muß ja am Termin, in dei

*) Philippovich, Grundr.d.polit.Ökonomie.2.T., 2.Bd. 4. Aufl.1912. S.207.
        <pb n="156" />
        ﻿150 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

Regel per ultimo, die betreffenden Papiere abnehmen, der Baissier
dagegen, welcher ja Wertpapiere, die er nicht besitzt, verkauft hat,
muß sie kaufen, da er sie beim Termin seinem Partner zu liefern hat.

Man spricht hier von Report- und Deportgeschäft1),
von dem ersteren dann, wenn es sich um die Hinausschiebung einer
Spekulation ä la Hausse, von dem letzteren dann, wenn es sich um
eine solche bei einer Spekulation ä la Baisse handelt. Im einzelnen
kommen dann bei diesen Spekulationsgeschäften, vor allem bei diesen
Zeitgeschäften und Prolongationen, noch mancherlei Abarten vor.
Das Gesagte genügt jedoch, um zu verstehen, welche Beziehungen
zwischen diesem Treiben an der Börse und dem Wandel der Kon-
junktur bestehen, Zusammenhänge, deren Betrachtung wir uns jetzt
zuwenden wollen.

Wir wollen dabei von der bekannten Tatsache ausgehen, welche
oben schon mehrmals erwähnt worden ist, daß die Kurse der
Effekten, vor allem diejenigen der Dividendenpapiere, welche
ja auch den Hauptgegenstand der Börsenspekulation abgeben, im
Laufe der Konjunktur erheblichen Schwankungen unterliegen. An
einigen typischen Beispielen soll dies die folgende Tabelle veran-
schaulichen. Die Zusammenstellung zeigt, daß in den Jahren einer
rückläufigen Konjunktur die Kurse sinken, um dann wieder mit einer
Besserung der wirtschaftlichen Lage anzusteigen. Natürlich spielt
sich dieser Vorgang keineswegs bei allen Industriepapieren in gleicher
Weise ab. Es gibt eben Industrieen und Unternehmungen, welche
in ihren Erträgnissen wesentlich stärker von dem Wandel der Kon-
junktur beeinflußt werden als andere. Es haben sich dann auch
hier im Zusammenhang mit Änderungen in der Bilanz- und Divi-
dendenpolitik der einzelnen Unternehmungen neuerdings wichtige
Wandlungen vollzogen, welche ebenfalls auf die Kursentwicklung
von Einfluß sind. Diese Wandlungen in der Bilanz- und Dividenden-
politik sind später bei der Betrachtung der Konjunkturpolitik noch
zu besprechen.

Mit dieser Entwicklung der Kurse, d. h. mit der Lage der Kon-
junktur, hängt auch die Höhe der Böreenumsätze, das Maß der
Spekulation, enge zusammen. Macht man doch überhaupt im Wirt-
schaftsleben ganz allgemein die Erfahrung, daß bei guten und stei-
genden Preisen wesentlich größere Umsätze stattfinden, als bei
schlechten und sinkenden. Dieses gilt auch für die Geschäfte an

U Ein anderer, hierbei auch häufig eingeschlagener Weg ist der, daß
sich der Spekulant durch Lombardierung von Wertpapieren oder Wechseln
das notwendige Ultimogeld zu verschaffen sucht. Auf diese Weise kann er
durch Erfüllung das Geschäft beendigen. Am eingehendsten unterrichtet
über diese Börsengeschäfte Saling, a. a. 0.
        <pb n="157" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

151

der Börse. In wirtschaftlich guten Zeiten, wenn überall Vertrauen
und Zuversicht in den weiteren Gang der wirtschaftlichen Entwicklung
vorhanden sind, ist das Börsengeschäft viel belebter. In wirtschaftlich
ungünstigen Zeiten ist das Gegenteil der Fall, die Börse ist dann
„lustlos“. Daß im Zusammenhänge mit solchen Kursschwankungen
auf dem Wege der Spekulation Vermögen verloren gehen und wieder
andere neu gebildet werden, gehört nur insoweit an diese Stelle,
als solche Vorgänge in ihren Ursachen und Wirkungen über die Ver-
hältnisse des einzelnen hinausgreifen und mehr oder weniger auch
die ganze Volkswirtschaft berühren.

Es betrugen die Durchschnittskurse1):

Jahr	Gelsenkirche-  ner Berg- j werks-Aktien!	Harpener  Bergw.-Akt.	Berliner  Maschinen-  bau-Aktien	Allgem.Elektr.  Gesellsch.-  Aktien	Hamburg-  Amerika-  Paketfahrt-  Aktien	Bochum er Gußstahl- Aktien	Deutsche  1 Bank-Aktien	■ Diskonto-  Kommandit-  Ant.
1897	192,10	194,20	204,75	278,25	113,40	204,75	209,60	201,20
1898	191,00	178,60	229,50	284,25	124,75	229,50	207,00	199,40
1899	198,25	202,30	260,30	255,90	129,00	260,30	207,30	192,75
1900	199,05	201,11	223,30	232,78	125,50	223,30	197,72	182,78
1901	169,24	164,22	175,82	190,60	119,61	175,82	198,34	178,95
1902	170,37	167,85	186,16	179,59	107,20	186.16	209,61	188,05
1903	188,38	185,17	184,12	192,54	105,14	184,12	214,62	191,53
1904	219,18	205,44	200,90	219,64	111,85	200,90	222,72	188,71
1905	230,21	215,47	247,78	234,23	156,38	247,78	240,83	191,03
1906	224,84	214,34	244,79	217,80	161,64	244,79	239,52	185,62
1907	198,50	203,89	217,47	198,14	133,26	217,47	229,46	173,01
1908	189,33	198,07	212,75	212,79	183,79	212,75	235,02	175,11
1909	193,89	196,21	233,98	236,53	121,59	233,98	244,86	190,44
1910	212,83	196,14	235,47	269,67	141,73	235,47	254,67	190,79
1911	200,73	185,00	240,33	270,36	136,96	230,78	264,57	190,59
1912	196,61	192,32	233,07	261,38	146,88	228,11	255,88	186,39
1913	184,28	187,22	236,32	238,83	143,44	215,07	248,06	184,22

Dies kann von den verschiedensten Gesichtspunkten aus der
Fall sein. Es spielt dabei einmal die Tatsache eine besondere große
Rolle, ob solche Spekulationen mit eigenem oder mit fremdem
Gelde vor sich gehen. Eine Verwendung fremder Gelder bei der
Börsenspekulation kann im Kassa- und im Zeitgeschäft Vorkommen.
Es sind hier fast allgemein die Banken, welche in beiden Fällen als
Geldgeber auftreten. Bei der Spekulation im Kassageschäft geschieht
dies in der Regel in der Form, daß die Bank im Kontokorrentverkehr
Vorschüsse gewährt. Diese können Blankokredite, d. h. ungedeckte,

l) Zusammengestellt nach der Volkswirtschaftlichen Chronik, passim
Jena. Für die Jahre 1897—99 sind die letzten, nicht die Durchnittskurse
angegeben.
        <pb n="158" />
        ﻿152 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

sein, sie können auch, was ja die Regel bildet, gedeckte sein, d. b. es
wird von seiten des Schuldners irgendein Unterpfand gewährt.

Der Kauf von Wertpapieren vollzieht sich dann von seiten des
Spekulanten in der Weise, daß er durch die Bank kauft, derselben
aber nur einen Teil des Anschaffungspreises entrichtet, während die
Bank den Hauptteil der Kosten vorschießt. Als Sicherheit hat sie
an den betreffenden Papieren ein gesetzliches Pfandrecht. Der Teil,
den der Käufer als Preis der Bank erlegen muß, der sogenannte Ein-
schuß, betrug früher in der Regel 10—15 o/0 der Erwerbskosten des
betreffenden Papiers und soll der Bank dafür eine gewisse Sicherheit
geben, daß sie bei einem Herabgehen der Kurse keine Verluste
erleidet.

Derselben Quelle, dem Geldmärkte, entstammen auch in hohem
Maße die Mittel, welche für die Termingeschäfte benötigt werden.
Wir haben oben gesehen, daß es vor allem zwei Wege sind, welche
dabei beschritten werden können. Der eine ist die Gewährung so-
genannten Ultimogeldes von seiten der Banken gegen Verpfändung
von Effekten oder Wechseln. Damit gewinnt die Spekulation die
Mittel, entweder das Geschäft zu beenden oder es zu prolongieren.
Das gleiche kann aber auch auf dem oben beschriebenen Wege der
Reports und Deports geschehen. Auch hier sind die Banken die
Hauptgeldgeber, sie pflegen darin vor allem ihre vorübergehend
verfügbaren Mittel anzulegen.

In allen diesen Fällen haben die Banken erhebliche Zinsein-
nahrnen, so daß diese Art der Kreditgewährung von ihnen recht
gepflegt wird. An der Höhe der für Reportgeschäfte ausgeliehenen
Beträge kann man den Grad der Börsenspekulation ablesen. Je
schwächer die Tendenz an der Börse ist, um so geringer sind die
Ansprüche, welche in dieser Hinsicht an die Banken gestellt werden.
Die Höhe dieser Beträge hängt also sehr enge mit der wirtschaft-
lichen Konjunktur zusammen. Die folgende kleine Aufstellung zeigt,
in welchem Umfange mit dem Rückgang der Konjunktur vom Jahre
1912 ab, aber auch im Zusammenhänge mit den politischen Ein-
flüssen, welche damals die Börse sehr stark bewegten, die Beträge
zurückgegangen sind, die von den Banken für diesen Zweck zur
Verfügung gestellt wurden.

Es betrug am 31. Dezember der nebenstehenden Jahre bei

acht Berliner Großbanken die Anlage in Reports und Lomr
bards gegen Börsenwerte1):

1908 = 578,5 Mül. Mark, 1911 —1023,1 Milk Mark

1) Zusammengestellt nach Lansburghs Aufsätzen über die Berliner
Großbanken in seiner Zeitschrift „Die Bank“.
        <pb n="159" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

153

1909= 968,4 Mill. Mark, 1912= 859,0 Mill. Mark
1910 = 1074,0 „	„	1913= 760,1 „

Diese engen Beziehungen, welche die Börse auf diese Weise zum
Geldmärkte hat, bewirken, daß alle Änderungen, welche denselben
in irgendeiner Weise treffen, vor allem Erschütterungen aus wirt-
schaftlichen und politischen Gründen, auch die Börse und die Börsen-
spekulation auf das engste berühren. Man kann diese Zusammen-
hänge in ihrer vollen Tragweite erkennen, wenn man sich die Ent-
wicklung dieser Art von Kreditgewährung in besonders kritischen
Zeiten betrachtet. Ein gutes Beispiel dafür bietet die Entwicklung
im Jahre 1911, als durch den Zwischenfall von Agadir der deutsche
Geldmarkt erheblichen Erschütterungen ausgesetzt war. Wir wollen
uns in der folgenden Zusammenstellung bei den bereits eben be-
trachteten acht Berliner Großbanken die Vorgänge ansehen, welche
sich zwischen dem 31. August und dem 31. Oktober 1911 abgespielt
haben.

Es betrugen1) in Millionen Mark am

31.8.1911

Kreditoren................ 3393,9

Wechsel und Schatzscheine 1799,0
Report und Lombard .	. 1286,6

31.11.1911
2982,1
1705,9
850.4

In diesen Wochen wurden gewaltige Ansprüche an die deutschen
Banken gestellt, was vor allem in dieser starken Abnahme der Kre-
ditoren zum Ausdruck kam. Es waren vor allem zwei Mittel, zu
denen die Banken gegriffen haben, um sich hier zu helfen. Eimnal
rediskontierten sie erhebliche Wechselbeträge bei der Reichsbank,
wie sich aus ihrer Abnahme des Wechselbestandes ergibt. Dem-
gegenüber nahm der Wechselbestand der Reichsbank vom 7—30. Sep-
tember 1911 von 991 auf 1785 Millionen Mark zu. Gleichzeitig stieg
ihr Notenumlauf von 1616 auf 2295 Millionen Mark. Der zweite Weg,
welchen die Banken einschlugen um ihre Liquidität zu erhöhen, war
der, daß sie in großem Umfange, wie der Rückgang der Reports
und Lombards in der obigen Tabelle zeigt, Börsenkredite kündigten
oder abgelaufene Kredite nicht mehr erneuerten. Auf diesem Wege
gelang es diesen Banken, in ganz kurzer Zeit ihre Kredite um fast
eine Milliarde Mark einzuschränken.

Ein starker Kursdruck auf vielen Marktgebieten war die un-
vermeidliche Folge dieses Vorgehens. Ein ähnlicher Vorgang spielte

1) Nach Lansburgh, Die Berliner Großbanken im Jahre 1911. „Die
Bank“. Jahrgang 1912.
        <pb n="160" />
        ﻿154 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

sich im Herbste 1912 beim Ausbruch der Balkanwirren ab, wo der
Kassaindustrieaktienmarkt und der Ultimomarkt beide sehr stark ins
Weichen kamen. Die Zeitungen berichteten damals von sensationellen
Kursstürzen.

Die Ursachen derartiger Kursrückgänge sind dabei verschiedener
Natur. Einmal wird das Publikum, mögen nun die Ursachen poli-
tische sein, oder mögen sich irgendwelche andere Symptome für
einen Rückgang der Konjunktur zeigen, ängstlich und bringt umfang-
reiches Material an den Markt. Das ist dann vor allem von seiten
der sogenannten schwachen Hände der Fall, d. h. derjenigen Per-
sonen, welche am Kassamarkt mit Bankkredit gekauft haben, also
die gekauften Papiere bei weichenden Kursen nicht durchhalten
können. Denn jetzt verlangen die Banken weitere Einschüsse, welche
vielfach die Mittel der Spekulanten übersteigen. Auf der anderen
Seite ist dann in solchen Zeiten die Verfassung des Geldmarktes eine
derartige, daß die Banken auf möglichste Liquidität sehen müssen,
also eine stärkere Interventionstätigkeit von ihrer Seite, d. h. eine
Aufnahme dieser Papiere zu den weichenden Kursen, wie es in
ruhigeren Zeiten häufig der Fall ist, ausgeschlossen ist. Kamen doch
auch in dieser Zeit sogar recht erhebliche Abhebungen von den
Sparkassen vor.

Was sich in diesen Zeiten solcher politischer Erschütterungen
in ganz besonders krasser Form zeigt, tritt in genau derselben Weise
ein, wenn auch nicht so plötzlich und nicht so schroff, wenn die
Hausse auf ihrem Höhepunkt angelangt ist und sich Anzeichen dafür
bemerkbar machen, daß die Konjunktur nach unten umzubiegen
beginnt. Schon wenn die Hausse auf ihrem Höhepunkt angelangt ist,
sind starke Faktoren wirksam, welche einen lähmenden Einfluß auf
die Börsenspekulation ausüben. Die Ursache davon liegt in der an-
gespannten Lage des Geldmarktes. Der jetzt herrschende hohe Zins-
fuß bedeutet eine sehr starke Verteuerung der Börsenkredite, was
einen stark einschnürenden Einfluß auf das ganze Börsengeschäft
und die Börsenspekulation ausüben muß. Auf dem Höhepunkt der
Hausse beginnen die Banken auch in der Gewährung von Börsen-
krediten sich vielfach eine starke Zurückhaltung aufzuerlegen. Damit
hängt es dann weiter zusammen, wenn sich eine weitgehende
Parallelität zwischen der Höhe des Diskontsatzes und der Höhe des
Kursstandes der Dividendenwerte feststellen läßt. Nach den Berech-
nungen Morals1) ergab sich dabei das folgende Bild für die Jahre
1909—1912. Es betrug der Durchschnittswert

*) Aktienkapital u. Aktienemissionskurs. L. 1914. S. 29.
        <pb n="161" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

155

des Diskontsatzes .	3°/0	4°/0	5n/o	6°/0	7°/0

der Kurse aller deutsch.1 161	158,80	159.64	155,93	147,68

Dividendenpapiere J

Diese Zusammenhänge konnte mau deutlich beobachten, als in
Deutschland mit dem Jahre 1907 die wirtschaftlich günstige Kon-
junktur zu Ende ging, welche seit dem Jahre 1905 gewährt hatte.
Neben den Tendenzen, die an sich bereits in der deutschen Volks-
wirtschaft damals auf einen Rückgang der Konjunktur hin wirksam
waren, waren es dann vor allem auch die Verschlechterung der wirt-
schaftlichen Lage in Amerika und die dortigen schweren Erschüttel-
rungen des Wirtschaftslebens in der zweiten Hälfte des Jahres 1907,
welche sich auch auf Deutschland übertrugen. Haben doch auch
allein damals in den Vereinigten Staaten 35 Banken ihre Zahlungen
eingestellt. Den starken Anforderungen gegenüber, welche damals
von seiten Amerikas an die europäischen Notenbanken herantraten,
erhöhten diese Ende 1907, um ihren Goldvorrat zu schützen, ganz
erheblich ihren Diskont. Die Reichsbank hat am 8. November 1907
ihren Diskontsatz auf 71/2% heraufgesetzt. Die Frankfurter Zeitung
hat damals diese Diskonterhöhung als das Ende der Hochkonjunktur
bezeichnet1).

Der Privatdiskont hielt mit dieser Erhöhung des offiziellen
Diskontsatzes Schritt. Dabei muß man bedenken, daß vor allem bei
angespannten Verhältnissen am Geldmärkte der Reportzinsfuß in der
Regel höher als der Wechseldiskont ist, und daß dies bei der Lom-
bardierung von Wertpapieren, beim sogenannten Ultimogeld, in zum
Teil noch stärkerem Umfange gilt1 2). Die bisherigen Darlegungen
sollten zeigen, in welch starkem Maße die Börse und die Börsen-
spekulation unter dem Einfluß der Konjunktur stehen und in ihrer
Entwicklung von der Lage des Geldmarktes beeinflußt werden.

Die Effektenspekulation kann also den Geldmarkt ganz empfind-
lich belasten, damit zu seiner Versteifung und zu einer Erhöhung
des Zinsfußes beitragen und damit selbst nicht ohne Einfluß auf den
weiteren Gang der Konjunktur bleiben. Umgekehrt können dann
wieder die Verhältnisse des Geldmarktes einen erheblichen Einfluß
auf die Börsenspekulation ausüben. Das sind, das sei ausdrücklich
betont, Zusammenhänge, welche möglich sind, welche sich auch schon
häufig beobachten ließen, welche aber keineswegs immer in der gleichen
Weise ein treten. Man würde einen großen Fehler begehen, wollte

1)	Erstes Morgenblatt 1907, 9. November.

2)	Das Ultiinogeld steht in der Regel unter dem Reportsatz und unter
dem Lombardzinsfuß der Reichsbank, aber über dem Privatdiskontsatz. Da-
zu treten dann in der Regel noch weitere Nebenspesen, wie z. B. Provisionen,
        <pb n="162" />
        ﻿156 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

man den Versuch machen, die Mannigfaltigkeit dieser Beziehungen,
welche zwischen Konjunktur, Geldmarkt und Börsenspekulation mög-
lich sind, in ein enges Schema zu pressen. Es besteht also jedenfalls
ein enger Zusammenhang zwischen dem Geschäftsgang an der Börse
und den Wandlungen der Konjunktur. Beide beeinflussen sich gegen-
seitig. Die wirtschaftliche Konjunktur und ihre Entwicklung hat einen
starken Einfluß auf die Börse und die Börsenspekulation, und die
letzteren beiden üben dann einen starken Einfluß auch auf den Gang
der Konjunktur aus. Das kann sich auf den verschiedensten Wegen
vollziehen. Einmal in der eben dargelegten Weise über den Umweg einer
starken Inanspruchnahme von Bankkrediten, die dann unter besonders
schwierigen Verhältnissen zu einer Rediskontierung von Wechseln
und zu einer starken Belastung der Reichsbank führt.

Der Zusammenhang zwischen Effektenspekulation und Kon-
junktur kann aber auch ein ganz anderer sein, worauf bereits Sombart
in seinem Referat zu Hamburg über die Störungen im deutschen
Wirtschaftsleben bei den Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik
hingewiesen hat. Die Effektenspekulation schraubt bei Beginn der
Hausse die Kurse hinauf. Damit entsteht für das Unternehmen, wenn
es demgegenüber keine Entwertung seiner Aktien herbeiführen will,
die Notwendigkeit, seine Dividenden zu erhöhen, um sie den get-
stiegenen Kursen anzupassen. Um dies erreichen zu können, wird
vielfach die Produktion forciert, weil mit steigender Produktions-
leistung die Kosten zu fallen pflegen. Ein Weg aber, dieses zu er-
reichen, ist die Vergrößerung des Betriebes. In diesem Sinne kann
die Effektenspekulation nicht nur steigernd auf die Produktion, son-
dern auch belastend auf den Kapitalmarkt wirken. Denn Betriebs-
erweiterungen sind ohne weitere Inanspruchnahme desselben in
der Regel unmöglich. In beiden Fällen werden aber damit durch die
Effektenspekulation Tendenzen ausgelöst, die für einen Umschwung
der Konjunktur nach unten hin wirksam sein können.

Der letzte Punkt, welcher in diesem Zusammenhänge zwischen
Konjunkturbewegung, Geld;- und Kapitalmarkt zu besprechen ist, be-
trifft die Zusammenhänge zwischen Konjunkturwandel und Zah-
lungsbilanz, d. h. zu dem Umfange der internationalen Zahlungs-
verbindlichkeiten1). Es sind zahlreiche Faktoren, welche für die
Höhe dieser Verbindlichkeiten in Frage kommen. Der wichtigste dafür
ist die Handelsbilanz. Es sei auf die oben gemachten Darlegungen
verwiesen, daß in den Zeiten einer aufsteigenden Konjunktur die Ein-
fuhr zum Steigen, die Ausfuhr zum Sinken tendiert und daß die Ver-

U Für die Periode 1902—1908 sind diese Zusammenhänge eingehend
von E s s 1 e n a. a. 0. dargestellt worden.
        <pb n="163" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

157

häitnisse in der Depression umgekehrt liegen. Mit den Änderungen,
die sich auf diese Weise in der Handelsbilanz eines Landes voll-
ziehen, müssen auch Einwirkungen auf den internationalen
Zahlungsverkehr stattfinden. Zwar wirken ja neben der Handels-
bilanz noch zahlreiche andere Faktoren auf die Zahlungsbilanz ein
und es mag schon sein, daß diese letzteren Faktoren sich nach einer
Richtung hin entwickeln, daß damit die ungünstige Wirkung der
Verschiebungen in der Handelsbilanz auf die Zahlungsbilanz in den
Zeiten einer guten Konjunktur aufgehoben wird. Aber dies ändert
nichts daran, daß solche Tendenzen vorhanden sind.

Veränderungen in der Zahlungsbilanz eines Landes müssen auch
Veränderungen auf dem Markte der Zahlungsmittel hervorrufen, mit
denen im internationalen Verkehr die Zahlungsausgleichungen er-
folgen. Die Zahlungsmittel, welche hierfür in erster Linie in Frage
kommen, sind Wechsel (Devisen), die auf das Ausland zahlbar sind.
Der Kurs dieser Wechsel kann also ein leidlich brauchbares Bild
davon geben, wie sich zu einer gegebenen Zeit für ein Land das
Saldo seiner Verbindlichkeiten und 'Forderungen im Weltverkehr
gestaltet. Wenn wirklich, wie oben dargelegt, in den Zeiten einer
aufsteigenden Konjunktur die Passivität der Handelsbilanz zunimmt,
und wenn den Einwirkungen der Handelsbilanz auf die Zahlungs-
bilanz nicht gleichzeitig andere Faktoren entgegenwirken, dann
müssen sich in solchen Zeiten die Wechselkurse für das betreffende
Land ungünstiger gestalten. Wir wollen uns zunächst wieder einmal
die Tatsachen an der Entwicklung der Wechselkurse für den Zeitraum
von 1896—1913 betrachten.

Es betrug in Berlin der Wechselkurs auf:

Jahr	London	Newyork
1896	20,40	418,12
1897	20,37	418,56
1898	20,43	420,91
1899	20,44	419,63
1900	20,46	420,12
1901	20,41	418,53
1902	20,45	419,37
1903	20,42	419,64
1904	20,41	419,04

Jahr	London	Newyork
1905	20,4-4	419,76
1906	20,46	421,10
1907	20,47	420,70
1908	20,46	419,3S
1909	20,4-4	419,34
1910	20,47	420,15
1911	20,46	420,25
1912	20,48	420,08
1913	20,47	419,94

Man sieht, wie in den Jahren einer günstigen Konjunktur der
Wechselkurs sieh für Deutschland ungünstiger gestaltet, als in den
Jahren der Depression. Eine ausgesprochene Parallelität ist freilich
nicht vorhanden. Sie ist auch nicht zu erwarten. Denn einmal

Mombert, Studium der Konjunktur.	11
        <pb n="164" />
        ﻿158 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

spielen noch zahlreiche andere Faktoren neben der Handelsbilanz
für die Entwicklung der Zahlungsbilanz und damit für die Gestaltung
der Wechselkurse eine Rolle. Und weiterhin ist auch der Wechsel-
kurs kein so eindeutiger Maßstab für die Lage der Zahlungsbilanz,
wie man es schon vielfach angenommen hat.

In einzelnen Jahren hat sich der Wechselkurs sehr erheblich
dem oberen Gold punkte genähert, d. h. dem Punkte, bei dem
der Zahlungsausgleich durch Edelmetallsendungen billiger ist als
der Ausgleich durch Wechsel. Geht der Wechselkurs über den oberen
Goldpunkt hinaus, so lohnt es sich, Gold an Zahlungsstatt nach dem
Auslande zu senden, anstatt Wechsel auf das Ausland zu kaufen;
sinkt er dagegen unter den unteren Goldpunkt, so ist es billiger,
Gold aus dem Auslande zu beziehen.

Daraus ergibt sich, daß die sogenannte Goldbilanz eines Landes,
d. h. das Verhältnis von Goldeinfuhr und Goldausfuhr, mit in erster
Linie von der Höhe des Wechselkurses bestimmt wird, daß sich also,
so weit diese Wechselkurse in dem genannten Sinne von der Kon-
junktur beeinflußt werden, sich im Konjunkturwandel auch Ände-
rungen in der Goldbilanz vollziehen müssen.	j

In manchen Jahren hat sich der Wechselkurs dem oberen Gold-
punkte sehr genähert und mitunter hat er diesen sogar, was aus den
Jahresdurchschnitten nicht hervorgeht, überschritten1). Nach den
Angaben der Reichsbank ist gegenüber London der Goldpunkt in 'den
Jahren 1898, 1899 und 1900 22, 19 und 48mal, in den Jahren 1903
und 1904 21mal und 6mal, in den Jahren 1906, 1907, 1908, 1909 Und
1910 42-, 77-, 5-, 40- und 27mal überschritten worden. Es waren vor
allem die Jahre einer guten und aufsteigenden Konjunktur, in welchen
diese Überschreitungen in größerer Zahl vorgekommen sind. Wenn
in diesen Zeiten, entgegen der Theorie, keine stärkere Goldausfuhr
aus Deutschland stattgefunden hat, so hängt dies in erster Linie mit
der damaligen Politik der Reichsbank und der deutschen Großbanken,
auf die hier jedoch nicht näher einzugehen ist, zusammen* 2).

Die folgende Tabelle gibt ein Bild der deutschen Goldbilanz in
der fraglichen Zeit. Es sei dabei jedoch bemerkt, daß diese Zahlen
über die internationale Goldbewegung auf große Zuverlässigkeit
keinen Anspruch erheben dürfen.

!) Der untere theoretische Goldpunkt mit London beträgt 20,34, der
obere 20,50, mit Amerika 416,80, und 421,875. Vgl. dazu die Reichsbank
1876—1910. Berlin 1912. S. 82.

2) Vgl. Esslen, a. a. 0. S.204ff.
        <pb n="165" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

159

Es betrug in Deutschland in Millionen Mark die Mehr-
einfuhr (+) bzw. die Mehrausfuhr an Gold1)

1896		- 35	1902		b 40	1908		b 317
1897		b 46	1903		- 196	1909		- 35
1898		b 119	1904		- 398	1910		- 187
1899		f- 147	1905		- 190	1911		- 130
1900		b 140	1906		- 269	1912		- 167
1901		b 214	1907		-	3	1913		b 317

Diese internationale Goldbewegung hängt aber auch noch nach
anderen Seiten hin mit der Entwicklung der Konjunktur in einem
Lande zusammen. Einmal kann eine ungünstige Entwicklung in der
Goldbilanz, wie sie im Jahre 1907, vor allem unter dem Einfluß der
amerikanischen Wirtschaftskrise, eingetreten ist, die heimischen
Notenbanken zum Schutze ihres Goldschatzes zur Erhöhung ihres
Diskontsatzes zwingen. Damit steigt der Zinsfuß, und damit kann ein
lähmender Einfluß auf eine günstige Konjunktur ausgeübt werden.
Aber auch umgekehrt werden Änderungen in der Konjunktur eines
Landes einen Einfluß auf dessen Goldbilanz ausüben müssen. Denn
mit dem Wandel der Konjunktur ändert sich auch der Zinsfuß in
einem Lande, was in dem Diskontsatz der Notenbank seinen äußeren
Ausdruck findet. Auch diese Zinsbewegung übt dann einen Einfluß
auf die Goldbilanz aus.

Die Zusammenhänge können hier verschiedenartige sein. Wir
haben oben gesehen, daß, wenn unsere Wechselkurse tief standen,
d. h. sich dem unteren Goldpunkte näherten, damit von selbst die
Einfuhrmöglichkeit von Gold nach Deutschland gegeben war. Denn
damit mußte sich für unsere Schuldner die Zahlung in Gold billiger
gestalten als der Ankauf von Wechseln auf Deutschland. Je aktiver
unsere Zahlungsbilanz war, um so eher mußte dieser Punkt eintreten.
Dahin tendierte nun, wie wir gesehen haben, das wirtschaftliche
Leben in den Zeiten der Depression. Ob diese Wirkung dann auch
tatsächlich eintrat, war dann freilich eine andere Frage, da ja, wie
schon mehrfach betont, für die Zahlungsbilanz neben der Handels-
bilanz noch andere Faktoren in Frage kommen. Eine Gegentendenz
kann z. B. durch eine starke Kapitalanlage im Ausland, wodurch
fällige deutsche Guthaben dort zurückgehalten werden, ausgeübt
werden.

Es besteht aber auch ein enger Zusammenhang zwischen Diskont-
politik und Goldbilanz. Dieser Zusammenhang kann ein beab-

*) Nach den Zusammenstellungen in der Volkswirtschaftlichen Chronik
Beil, zu den Jahrbüchern f. Nationalökonomie u. Statistik.
        <pb n="166" />
        ﻿160 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

sichtigter und ein unbeabsichtigter sein. Um von dem letzteren zuerst
zu reden.

Wir haben oben gesehen, daß die Diskontpolitik der Notenbanken
in erster Linie auch dazu bestimmt ist, für deren Liquidität zu
sorgen, und daß damit in erster Linie die Änderungen! des Diskont-
satzes im Wandel der Konjunktur Zusammenhängen. Jede Diskont-
erhöhung bedeutet nun ein Mittel, die Goldeinfuhr zu fördern und
den Goldabfluß zu hindern. Das kann einmal mittelbar, dann aber
auch unmittelbar geschehen. Mittelbar dadurch, daß eine Diskont-
erhöhung lähmend auf das Wirtschaftsleben und die Produktion ein-
wirkt, damit den Aufstieg der Konjunktur verlangsamt oder die
Hausse zum Stoppen bringt, damit in der oben dargelegten Weise
die Passivität der Handelsbilanz mindert, die Zahlungsbilanz bessert
und so einen günstigen Einfluß auf die Goldeinfuhr ausübt. Un-
mittelbar hat aber eine Diskonterhöhung diesen Einfluß dadurch,
daß ein hoher Zinsfuß im Inlande das Ausland veranlaßt, Guthaben
dorthin zu geben. Ein solches Vorgehen muß senkend auf unseren
Wechselkurs einwirken und damit ebenfalls die Goldeinfuhr fördern.
Dabei lassen sich natürlich diese unmittelbaren und mittelbaren
Beziehungen keineswegs immer deutlich voneinander scheiden.

Diese bis jetzt besprochenen Maßnahmen sind solche, hei
welchen eine Diskonterhöhung sich aus der Konjunkturlage des be-
treffenden Landes ergeben hat. Aber auch ganz unabhängig davon
kann die Diskontpolitik dazu benutzt werden, die Goldeinfuhr in ein
Land zu begünstigen und eine aus wirtschaftlichen Gründen not-
wendige Goldausfuhr hintanzuhalten. Es ist dies jedoch ein Vor-
gehen, das für den Kredit eines Landes äußerst verhängnisvoll sein
kann. Eine Diskonterhöhung kann auch nur vorübergehend eine
solche Wirkung ausüben, auf die Dauer ist sie ein ungeeignetes
Mittel dazu.

Noch auf ein letztes sei in diesem Zusammenhänge kurz hin-
gewiesen. Es war oben gesagt worden, daß eine günstige Entwick-
lung der Handelsbilanz auch die Zahlungsbilanz im Sinne einer Gold-
einfuhr beeinflussen muß, wenn nicht durch die erstere entstandene
deutsche Guthaben im Auslande aus irgendwelchen Gründen dort
zurückgehalten werden. Zu diesen Gründen kann, wie schon hervor-
gehoben, eine Anlage dieser Guthaben im Auslande zählen.

Eine solche Kapitalanlage im Auslande kann ja in den allerver-
schiedensten Formen auftreten. Um nur die wichtigsten zu nennen, so
gehören hierher Anlagen in fremdländischen Unternehmungen und in
fremdländischen Wertpapieren der verschiedensten Art. Der Haupt-
grund einer solchen Kapitalanlage in fremden Werten beruht darauf,
        <pb n="167" />
        ﻿4. Der Kapital- und Geldmarkt.

161

daß diese in der Regel eine höhere Verzinsung als die im Heimatlande
übliche erbringen. Auch die Formen und Wege, auf welche dem
Auslande diese Kapitalbeträge zugeführt werden, können verschiedene
sein. Es kann sich dabei einmal um eine unmittelbare Kapitalausfuhr
nach dem betreffenden Lande handeln, der Zusammenhang kann aber
auch so liegen, daß von Inländern im Auslande verdiente Beträge, wie
Zinsen, Unternehmer- und Handelsgewinne usw., nicht dem Heimat-
lande zufließen, sondern im Auslande stehen bleiben. In dieser
letzteren Form sind es also Gegenwerte unserer Warenausfuhr,
welche im Auslande angelegt werden. Das muß steigernd auf die
Wechselkurse wirken, und damit einen ungünstigen Einfluß auf die
Goldeinfuhr ausüben. Auf diesen Zusammenhang sei an dieser Stelle
nur ganz kurz hingewiesen. Es würde den Rahmen dieser Betrach-
tungen überschreiten, eingehender auf diese Fragen einzugehen.
Denn es handelt sich hier um Zusammenhänge, welche nur sehr
mittelbar mit der Konjunktur in Verbindung stehen.

Literatur.

Allgemeines: J. Mayer, Kredit und Konjunktur. Stuttgart 1913. —
Kemöny, Konjunktursymptome am Geldmarkt. Dissertation. Leipzig 1911. —
Marx, Die Emissionsstatistik in Deutschland und einigen ausländischen
Staaten. Schmollers Jahrbuch 1913. — Bankenenquete 1908. Stenographi-
sche Berichte und Materialien. Berlin 1909—1910. — Kleiner, Emissions-
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deutschen Staatsanleihen. Hannover 1911. — Schwarz, Die Kurse der
deutschen Reichs- und Staatsanleihen. Berlin 1911. — Homburger,
Die Entwicklung des Zinsfußes in Deutschland von 1870—1903. Frank-
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Vogelstein, Die Industrie und der Kapitalmarkt. Bankarchiv, 8. Jahrg.

Notenbanken. Die Reichsbank 1876—1900. Jena o. J. — Die
Reichsbank 1876—1910. Berlin 1912. — Plenge, Von der Diskontpolitik
zur Herrschaft über den Geldmarkt. Berlin 1913. — Schmidt, Der Einfluß
der Bank- und Geldverfassung auf die Diskontpolitik. Leipzig 1910. —
Prion, Das deutsche Wechseldiskontgeschäft. Leipzig 1907. — Bendixen,
Geld und Kapital. Leipzig 1912. — Scharling, Bankpolitik. Jena 1900.
— Lansburgh, Die Maßnahmen der Reichsbank zur Erhöhung der Liqui-
dität der deutschen Kreditwirtschaft. Stuttgart 1914. — Feiler, Die Pro-
bleme der Bankenenquete. Jena 1908. — 0. Schwarz, Diskontpolitik.
Leipzig 1911. — P. Aretz, Die Entwicklung der Diskontpolitik der Bank
von England von etwa 1780—1820. Berlin 1915.

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tration. 4. Aufl. Jena 1912. — Pflüger, Die Prolongation im Wechselver-
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Das Bankakzept im Dienste des Betriebskredits. Leipzig 1911. — Schulze.
        <pb n="168" />
        ﻿162 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen.

Die Bankkatastrophen in Sachsen 1901. Tübingen 1903. — Stünzner,
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dustrie. Dissertation. Freiburg 1914. — Huth, Die Entwicklung der deut-
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Hahn, Volkswirtschaftliche Theorie des Bankkredits. Tübingen 1920. —
Rozumak, Das Kreditgeschäft im Bankgetriebe. 2. Aufl. Berlin 1920. —
Loehr, Das deutsche Bankwesen. München 1921. — Salings Börsen-
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der Banken zur Industrie. Wien 1921. — A. Koch, Der Warenkredit der
Banken und seine Sicherstellung. Jena 1922. — Vogt, Zur Industrio-
politik der schweizerischen Großbanken. Weinfelden 1922.

Der internationale Kapital- und Geldmarkt. Walters-
hausen, Das volkswirtschaftliche System der Kapitalanlage im' Auslande.
Berlin 1907. — Koch, der Londoner Goldverkehr. Stuttgart 1905. —
Weill, Die Solidarität der Geldmärkte. Frankfurt a.M. 1903. — Schil-
ling, Über die Frage der Errichtung eines deutschen Goldmarktes. Karls-
ruhe 1913. — Leist, Der internationale Kredit- und Zahlungsverkehr.
Leipzig 1914. — Kundt, Über die Beziehungen zwischen Valutaverschlech-
terungen und auswärtigem Handel. Dissertation. Berlin 1898. — Lubarsch
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Göttingen 1912. — Liefmann, Über den Einfluß des internationalen
Kapitalienverkehrs auf die Krisen. Jahrbücher f. Nat. und Stat. 3. Folge.
Bd. 27. 1904. — Hahn, Handelsbilanz — Zahlungsbilanz, Valuta und
Güterpreise. Archiv f. Sozialw. Bd. 48.
        <pb n="169" />
        ﻿Vierter Abschnitt.

Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

1. Vorbemerkung.

Unter Konjunkturpolitik kann man ein Doppeltes verstehen:
einmal das Verhalten während einer bestimmten Konjunktur, um
deren Nachteile und Schädigungen zu vermeiden, oder um bei einer
guten Konjunktur deren Vorteile nach Möglichkeit auszunutzen. Das
andere Mal kann man unter Konjunkturpolitik die Gesamtheit der
Mittel und Möglichkeiten verstehen, welche den Zweck haben, einen
Einfluß auf den Wandel der Konjunktur in einem ganz bestimmten
Sinne auszuüben. In beiden Fällen können dabei die Träger einer
solchen Konjunkturpolitik entweder private .Wirtschaften, Unter-
nehmer, oder öffentliche Körperschaften, wie Staat und Gemeinde,
sein.

Beide Male ist also unter Konjunkturpolitik etwas ganz Verschie-
denes verstanden. Wir wenden uns zunächst der Konjunkturpolitik
im erstgenannten Sinne zu, als der Summe der Handlungen,
welche den Zweck haben, einer gegebenen Konjunktur /gegenüber
Stellung zu nehmen. Wir wollen dabei beobachten, welches Ver-
halten hier die einzelnen Glieder der Volkswirtschaft, vor allem! die
Unternehmer, auf deren Verhalten es hierbei vor allem ankommt, an
den Tag legen. Dabei liegt es auf der Hand, daß dieses Verhalten ein
viel ausgesprocheneres und zielbewußteres sein muß, wenn die Kon-
junktur nach unten umbiegt, als wenn ihre Linie in aufsteigender
Richtung begriffen ist. Wenn die Geschäfte allenthalben gut gehen,
so liegt überall viel weniger Veranlassung vor, hierbei besondere
Maßnahmen zu ergreifen, als wenn die gegenteilige Entwicklung um
sich greift.

Wir müssen in allen Fällen dabei von der Tatsache ausgehen,
daß der private Unternehmer sich in seinem Tun von dem Grund-
motiv allen wirtschaftlichen Handelns, von dem Streben nach dem
größtmöglichen Ertrage, leiten läßt. Es ist für die Erkenntnis der
wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge jedoch von
sehr großer Bedeutung, diejenigen Mittel kennenzulernen, welche die
einzelnen Wirtschaftssubjekte anwenden, um dieses Ziel eines mög-
lichst großen Ertrages in nachhaltiger und dauerhafter Weise zu er-
        <pb n="170" />
        ﻿164 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

reichen. Setzt sich doch dasjenige, was wir als Volkswirtschait zu
bezeichnen pflegen, in erster Linie aus den Handlungen und den
Willensäußerungen der einzelnen Wirtschaftssubjekte zusammen, die
nur durch zahlreiche innere und äußere Bande, aus eigenem Ent-
schluß oder zwangsweise, zusammen gehalten, unserem geistigen
Auge als eine wirtschaftliche Einheit erscheinen, die wir dann als
Volkswirtschaft bezeichnen.

Es handelt sich hier um die Anwendung des sogenannten privat-
wirtschaftlichen Gesichtspunktes in der Sozialökonomie1) darum,
daß man in diesem Falle das Streben nach dem größten Ertrage als
Zweck und die dazu eingeschlagenen Wege als Mittel auffaßt, dann
die Art dieser angewandten Mittel untersucht, um auf dieser Grund-
lage dann wichtige volkswirtschaftliche Zusammenhänge festzustellen.

Der Ausgangspunkt ist also hei der folgenden Betrachtung in
erster Linie die private Unternehmung. Diese ist ja der Ausgangs-
punkt zahlreicher Handlungen, aus deren Wirkungen jene mannig-
faltigen Probleme hervorgehen, welche den Aufgabenkreis der
nationalökonomischen Wissenschaft bilden und aus denen wichtige
Aufgaben für die staatliche Gesetzgebung und Verwaltung erwachsen.
Aber auch der umgekehrte Zusammenhang ist vorhanden. In
der Tätigkeit, in der Ausgestaltung, in der Wahl der Mittel der
einzelnen Privatwirtschaften spiegeln sich alle jene zahlreichen
Veränderungen wieder, die, wie z. B. jene der Technik oder der
Rechtsordnung, auf unsere wirtschaftliche Entwicklung von Einfluß
sind und mit denen sich jede einzelne Wirtschaft und Unternehmung,
aber jede wieder nach ihrer Eigenart, in ganz verschiedener Weise,
abzufinden hat und damit wieder durch die Art ihrer Reaktion
darauf einen ganz bestimmten Einfluß auf das Ganze ausübt.

Die Wahl dieser Mittel zur Erreichung dieses privatwirtschaft-
lichen Zieles, des größten Ertrages, ist also keineswegs ein für alle-
mal eine gleichartige. Sie ist vielmehr durchaus abhängig von den
konkreten wirtschaftlichen Voraussetzungen einer jeden Unterneh-
mung, wie dem Stande ihrer Technik, der höheren oder niedrigeren
Zusammensetzung ihres Kapitals im Sinne von Karl Marx, ihren
Absatzverhältnissen, der Zusammensetzung ihrer Arbeiterschaft usw.
Wenn wir z. B. beobachten, daß einzelne Industrien oder Unter-
nehmungen bei einer bestimmten Art der Konjunktur eine ganz ver-
schiedene Preis- und Absatzpolitik verfolgen, so haben wir in dieser

1) Ein Teil der folgenden Darlegungen dieses Abschnittes ist meinem
Aufsatze: Der privatwirtschaftliche Gesichtspunkt bei der Erforschung der
Konjunkturentwicklung entnommen. In: „Die private Unternehmung, Ifeftl.
Der privatwirtschaftliche Gesichtspunkt in der Sozialökonomie und Juris-
prudenz.“ Mannheim 1914.
        <pb n="171" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

165-

bestimmten Preis- und Absatzpolitik ein Mittel dieser Unternehmung
zu erblicken, welches dem Streben nach dem größten Ertrag seinen
Ursprung verdankt.

Je nachdem dabei diese oder jene Mittel gewählt werden, ergeben
sich für die Gesamtheit ganz verschiedene Einwirkungen in wirt-
schaftlicher und gesellschaftlicher Hinsicht, z. B. auf die Größe der
Produktionsleistungen in einer Volkswirtschaft, auf den Wohlstand
der Bevölkerung, auf den Kapital- und Geldmarkt, auf das Maß von
Arbeitsgelegenheit in dem betreffenden Lande usw. Es handelt sich
also bei den folgenden Betrachtungen nicht nur um Zusammenhänge,
welche vom Standpunkte der einzelnen Unternehmungen aus wichtig
und beachtenswert sind, sondern auch um solche, bei denen das
gleiche von Standpunkt der ganzen Volkswirtschaft aus gilt. Wenn
eine solche Betrachtung durchgeführt werden kann, so ist das in
erster Linie dem reichen Tatsachenmaterial zu verdanken, welches
die schon mehrfach genannten Untersuchungen des Vereins für Sozial-
politik für die Wirtschaftskrise um die Jahrhundertwende bei-
gebracht haben. Diese Untersuchungen sind es, welche den folgenden
Erörterungen in der Hauptsache zugrunde liegen.

Die Unternehmer, Staat oder Gemeinde, welche sich einer ge-
gebenen Konjunktur gegenüber befinden und sich mit ihr und ihren
Einwirkungen durch bestimmte Maßnahmen und Handlungen abzu-
finden bestrebt sind, was ja vor allem bei einem Rückgang der Kon-
junktur der Fall ist, bedürfen keiner besonderen Hilfsmittel, diese
vorhandene Konjunktur und ihre Wirkungen genauer kennenzulernen
und zu studieren. Der Unternehmer lernt die Konjunktur und ihre
Wandlungen dadurch am eigenen Leibe kennen, daß sich die Be-
stellungen und Aufträge und die Preise ändern, und die anderen, im
vorigen Abschnitt beschriebenen Symptome der einzelnen Kon-
junkturen liegen im allgemeinen so offen zutage, daß sie die Eigen-
art der in einer bjestimmten Zeit vorhandenen Konjunktur ebenso
wie die Wirkungen auf das wirtschaftliche und soziale Leben ohne
weiteres deutlich erkennen lassen.

3. Die private Unterneliimmg- im Wandel der Konjunktur»

Wir wollen hier zunächst die Zeit des Aufstiegs, die Ent-
wicklung zur Hausse ins Auge fassen und hier wiederum zunächst die
Veränderungen auf dem Geld- und Kapitalmarkt betrachten,
dessen Entwicklung ja, wie wir gesehen haben, eine weitgehende
Parallelität zu derjenigen der Konjunktur aufweist und mit ihr ur-
sächlich in einem sehr engen Zusammenhänge steht.
        <pb n="172" />
        ﻿166 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Man kann hier zunächst beobachten, daß die einzelnen Unter-
nehmungsformen ein sehr verschiedenes Verhältnis zum Kapital-
und Geldmarkt, vor allem zum ersteren, haben, indem sie diesen in
einer ganz verschiedenen Weise in Anspruch nehmen. Es gehört
hierher einmal die Tatsache, daß,der Reinertrag der Einzelunter-
nehmung, soweit er nicht zum Lebensunterhalt des Besitzers und
seiner Angehörigen verwandt wird, in dem Geschäft verbleiben kann,
dem dadurch in natürlicher Weise die Mittel zu seiner innerlichen
Kräftigung und Ausdehnung zugeführt werden. Demgegenüber wird
bei der Aktiengesellschaft der ganze Gewinn, soweit er nicht
zur Bildung offener und stiller Reserven verwandt wird, als Dividende
verteilt, und es ist deshalb bei der Aktiengesellschaft die Regel, daß
hei einer Vergrößerung des Unternehmens eine Inanspruchnahme des
Kapitalmarktes erfolgen muß.

Mit diesem Unterschied hängt es dann auch zusammen, daß der
Einzeluntemehmer bis zu einem gewissen Grade in weit stärkerem
Maße, als es bei der Aktiengesellschaft der Fall ist, in der Erweiterung
und Ausgestaltung seines Geschäftes unabhängig ist. Das Kapital der
Aktiengesellschaft dagegen hat Effektenform, und wird in der Regel
an der Börse gehandelt, wo es in seiner Bewertung in hohem Maße
der Börsenstimmung und Börsenspekulation, aber auch unabhängig
davon, den Einflüssen der Großbanken unterliegt. Es ist oben bereits
darauf hingewiesen worden, daß sich daraus für die Produktions-
politik der Aktiengesellschaften, ganz besonders in der Zeit des wirt-
schaftlichen Aufstieges, bestimmte Wirkungen ergeben können. Die
Effektenspekulation schraubt in dieser Zeit die Kurse hinauf und da-
mit entsteht für das Unternehmen, wenn es keine Entwertung seiner
Aktien herbeiführen will, die Notwendigkeit, seine Dividende diesen
gestiegenen Kursen anzupassen, deshalb eventuell die Produktion zu
forcieren, vielleicht sogar zu diesem Zwecke Neuanlagen und Be-
triebsanlagen vorzunehmen.

Soweit das Gesagte zutrifft, wirkt das Bestehen von Aktien-
gesellschaften als solchen in diesen Zeiten nicht nur steigernd auf
die Produktion, sondern auch belastend auf den Kapitalmarkt, da
eben Betriebserweiterungen in der Regel nur durch eine neue In-
anspruchnahme desselben möglich sind. Es können also bei der
Aktiengesellschaft von außen kommende Faktoren sein, gar nicht
der Wunsch und die Initiative der Betriebsleitung, welche eine solche
Entwicklung hervorrufen. Die Aktiengesellschaft ist also abhängiger
von den Einflüssen des Kapitalmarktes, von den Einflüssen von
Banken und Börse, als der Einzelunternehmer. Hat man doch auch
schon häufig darauf hingewiesen, daß in der Zeit einer aufsteigenden
        <pb n="173" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

167

Konjunktur Betriebserweiterungen vielfach unter dem Einfluß der
Banken vor sich gehen, daß die Mittel hierzu der Betriebsleitung
förmlich aufgedrängt werden.

„Weit wichtiger erscheint es aber, daß der auf den Finanzier
gestützte Industrielle, oder Industriepolitiker, von dem wir vorhin
sprachen, mit ähnlichen Gründen stets zur Erweiterung und Aus-
gestaltung des von ihm beherrschten industriellen Systems geneigt
sein wird. Er weiß, daß er immer über den Kapitalmarkt verfügen
kann und, was den privaten Unternehmer davon abhält, sein Werk
allzu sehr über seine eigene Kraft hinaus zu erweitern, die Furcht,
seine Unabhängigkeit zu verlieren, dieses Moment existiert für
unseren von vornherein mit der Finanz liierten Industriellen natürlich
nicht. Es kommt dazu, daß der Finanzier seinen Wünschen gerne
folgen wird, da sie ihm selbst Gelegenheit geben, zu verdienen. Die
Folge davon ist, daß Wirtschaftszweige, in denen der finanzielle
Industriepolitiker herrscht, im ganzen eine größere Neigung zur Er-
weiterung und Ausgestaltung, stärkerer Inanspruchnahme des Kapital-
marktes und Überproduktion zeigen müssen als andere i).“

Wenn wir im Auge halten, daß bei uns die Tendenz dahin geht,
die Einzelunternehmung immer mehr durch die Aktiengesellschaft zu
verdrängen, so müssen sich damit aus der Eigenart dieser Unter-
nehmungsform heraus in dem eben dargelegten Sinne bestimmte
Einwirkungen auf die Entwicklung der Produktion und auf die Lage
auf dem Kapitalmärkte ergeben. Das in Handel und Industrie bei
uns tätige Kapital nimmt ja in steigendem Maße Effektenform an.
Auch die Organisationsform der Industrie, die Frage, ob Einzelunter-
nehmung oder Aktiengesellschaft, ist nach mancher Richtung hin
nur ein Mittel, um bestimmte, privatwirtschaftliche Ziele zu erreichen.
Es sind ja auch ganz bestimmte Industriezweige, in welchen, aus
diesem Grunde vor allem, die Aktiengesellschaft als Unternehmungs-
form in starkem Vordringen begriffen ist. In diesem Sinne wird also
die Zunahme der Aktiengesellschaften gegenüber den Einzelunter-
nehmungen einen Einfluß auf den Gang der Konjunktur ausüben
können.

Auch in anderer Hinsicht, ohne, wie in dem eben besprochenen
Falle an den Typ einer bestimmten Unternehmungsform gebunden
zu sein, ergeben sich aus der Eigenart der einzelnen Industrieen und
Unternehmungen heraus in Verfolgung ihres Ertragsstrebens bemerkens-

U Steinitzer, a. a. 0. S.98. Vgl. dazu auch Petrazycki, Aktien-
wesen und Spekulation. Berlin 1906. Kap. 6. Der pathologische Einfluß der
optimistischen Tendenz auf die Produktion.
        <pb n="174" />
        ﻿168 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

werte Einflüsse auf den Kapital- und Geldmarkt und damit auch
auf den Gang der wirtschaftlichen Konjunktur.

Es ist hierbei an die Kreditgewährung der einzelnen Unter-
nehmungen an ihre Kunden, welche ja in ganz verschiedenem Maße
stattfindet, gedacht. Diese Art der Kreditgewährung hängt auch
wieder mit der Eigenart der betreffenden Industriezweige zusammen
und ist damit von dem Motiv, ein bestimmtes wirtschaftliches Ziel
zu erreichen, beherrscht. Es sei an dieser Stelle nur auf zwei In-
dustriezweige hingewiesen. In dem einen Falle handelt es sich um
die Kundschaftsdarlehen der Brauereien, in dem anderen um die
früher so berüchtigte Kreditgewährung der deutschen Maschinen-
fabriken.

Die Kreditgewährung der Brauereien an ihre Kunden hängt
mit der sogenannten „Hektoliterjagd“ zusammen, dem Streben nach
Erhöhung ihres Absatzes, ein Streben, das hier ganz besonders starkist,
weil gerade im Brauereigewerbe die Höhe der Produktionskosten in
besonders engem Zusammenhänge mit der Größe der Produktion steht.
So hatten im Jahre 1911 335 Aktienbrauereien in Deutschland an
Darlehen und Hypotheken 233,2 Millionen Mark oder 9,58 Mark pro
Hektoliter Ausstoß ausstehen1).

Über die Kreditverhältnisse in der Maschinenindustrie heißt
es in einer Zuschrift an die Frankfurter Zeitung, die schon mehrere
Jahre zurückliegt:

„Für die deutschen Maschinenfabriken aber ist gerade der
Zahlungsmodus in sehr vielen Fällen der wundeste Punkt. Die
Verkaufsbedingungen lauten erst im allgemeinen: ein Drittel bei-Be-
stellung, ein Drittel bei Lieferung, ein Drittel drei Monate später.
Aber, wer kümmert sich darum? Die schleppende Zahlungsweise ist
mit das größte Übel, an dem die deutsche Maschinenindustrie krankt.
Was hohe Rohmaterialienpreise, gestiegene Löhne und soziale Lasten
noch an Gewinn übrig lassen, das wird von den hohen Zinsen fü|r
Leibgeld fast sicher aufgezehrt, so daß im allgemeinen nur diejenigen
Werke mit Nutzen arbeiten können, die finanziell stark sind. Daneben
haben sich noch spezielle Schäden eingenistet, die auch ausgemerzt
werden müssen, wenn nicht die Lage der Maschinenindustrie immer
schlimmer werden sollte. Wir haben da u. a. die Gegengeschäfts-
manie im Auge, die in Deutschland immer größere Dimensionen an-
inimmt. Selbst die größten und mächtigsten Werke entblöden sich
nicht mehr, Bestellungen nur unter der Bedingung zu erteilen, daß
eine gewisse Quote, ein Viertel, die Hälfte, — ja der ganze Betrag i)

i) Nach einer Notiz in der Frankfurter Zeitung, deren Datum ich jedocb
nicht mehr feststellen konnte.
        <pb n="175" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

169

„in Gegenrechnung in Waren geliefert wird“. Solange sich solche
Werke einrichten, haben sie schönen Absatz infolge des Gegen-
geschäftsprinzips. Sowie aber die Neueinrichtungen fertig sind,
stockt aber der Absatz naturgemäß. Volkswirte, welche die gegen-
wärtige Krisis studieren, sollten an der Gegengeschäftsmisere nicht
achtlos vorübergehen1)“

Aus der Papierindustrie haben wir für die Jahrhundert-
wende Berichte von Fabriken, die ihren Betrieb in den letzten Jahren
in der Weise ausgestaltet hatten, daß sie auf den Kredit der Ma-
schinenfabriken wirtschafteten, welche ihnen dann in der Baisse aus
eigenem Interesse heraus weitere Unterstützungen gewähren mußten,
um nicht den Verlust ihrer ganzen Anlagen zu riskieren* 2).

Daß diese Debitorenkonten der Industrie in den allerengsten
Beziehungen zu den Verhältnissen auf dem Kapital- und Geldmärkte
und damit zur Entwicklung der Konjunktur stehen, bedarf nach dem
oben darüber Gesagten keiner besonderen Begründung. Man braucht
nur die Frage aufzuwerfen, woher denn diese Industrien die Mittel
nehmen, um ihrerseits so gewaltige Kredite an ihre Kundschaft ge-
währen zu können. Sie können dies nur durch eigene Inanspruch-
nahme des Kapital- und Geldmarktes, vor allem durch weitgetriebene
Ausnutzung des Bankkredits in seinen verschiedenen Formen. Wir
haben es hier mit einem Zusammenhang zu tun, an welchem die not-
wendigen Betriebsmittel der Volkswirtschaft in Gefahr geraten, zu
Anlagezwecken Verwendung zu finden, wo die Bedürfnisse zu neuen
Kapitalinvestitionen auf dem Geldmarkt und nicht auf dem Kapital-
markt befriedigt werden.

Auch diese ganze Frage der Verkaufsbedingungen und der Kredit-
gewährung in den verschiedenen Industriezweigen ist in erster Linie
privatwirtschaftlich fundamentiert. Sie hängen eben in erster Linie
zusammen mit den eigenartigen Verhältnissen bestimmter Industrien,
vor allem ihren besonderen Absatz- und Konkurrenzverhältnissen.
Es ist wahrscheinlich, daß es vornehmlich neugegründete Unterneh-
mungen sind, welche, um in das Geschäft hineinzukommen, sein-
weitherzige Zahlungsbedingungen gewähren, es mag auch sein, daß
ein besonders günstiger Einfluß eines vergrößerten Absatzes auf die

!) „Zur Lage der deutschen Maschinenfabriken.“ Frankfurter Zeitung.
Zweites Morgenblatt. 20. September 1908.

2) Schrift, d. Ve». f. Sozialpolitik. Band 107, S. 231 und Band 106, S. 47.
Weitere Belege für diese Art der Kreditgewährung hat in der Zeitschrift
„Technik und Wirtschaft“ R. Blum, der Direktor der Berlin-Anhaltischen
Maschinenbau-Aktiengesellschaft, gebracht. Es handelt sich hier um eine
sehr weit getriebene Kreditgewährung an Stadtverwaltungen. Es ist diesen
darum zu tun, die Zahlung gestundet zu bekommen, um zur Anfnahme der
nötigen Anleihen eine günstigere Konjunktur abzuwarten.
        <pb n="176" />
        ﻿170 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Produktionskosten damit im Zusammenhang steht. Jedenfalls han-
delt es sich hierbei um Vorgänge, welche sich mit dem Wandel der
Konjunktur sehr enge berühren.

Die Eigenart bestimmter Industrien und Unternehmungen zeigt
sich aber auch vielfach unmittelbar bei der Entwicklung der Pro-
duktion in der Hochkonjunktur. Es handelt sich hier um Zusammen-
hänge, welche in den Krisentheorien von Spiethoff, Tugan-
Baranowsky und Cassel eine große Rolle spielen und bei Dar-
stellung dieser Lehren auch bereits erwähnt worden sind. Gemeint
sind die großen Unterschiede zwischen Produktions mittel-
und Genußmittelindustrien. Zwischen beiden bestehen ja
wesentliche Unterschiede in dem Wandel der Konjunktur. Bei den
ersteren handelt es sich vorwiegend um einen einmaligen Bedarf
innerhalb einer Konjunkturperiode, und ferner können diese Produk-
tionsmittelindustrien auch einen wesentlich stärkeren Einfluß auf den
Absatz ihrer Erzeugnisse ausüben, als es bei den Genußgüter-
industrien der Fall ist. Es sei hier nur an das sogenannte System der
Tochtergesellschaften erinnert, welches ja in erster Linie den Zweck
verfolgt, der Muttergesellschaft neue Absatzmöglichkeiten zu be-
schaffen, ein Verfahren, das besonders in der elektrischen Industrie
eine große Rolle spielte. Auch die eben erwähnte Kreditgewährung
von seiten der Maschinenfabriken diente ja dem gleichen Zwecke.
Aus der Hausseperiode am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts be-
richtet Löwel) über diese Zustände in der elektrischen Industrie:
„So baute die elektrische Industrie teilweise auf die Neueinrichtung
der Werkstätten in der Maschinenindustrie, diese auf die ihr infolge
eigener Aufträge an die Elektrizitätsbranche von dieser zugehenden
Bestellungen, erweiterte ihre Betriebe usf. So entstand eine Art
industrieller Wechselreiterei, die früher oder später zu Ende gehen
mußte.“

Wenn man sich die Industrien und Unternehmungen ansieht, bei
denen solche starke Mittel, den Absatz zu steigern, angewandt wer-
den, dann kann man die Beobachtung machen, daß es vor allem
solche mit einer hohen Kapitalzusammens etzung waren,
bei denen also das in technischen Anlagen, Maschinen usw., an-
gelegte Kapital relativ besonders groß gewesen war. Unter solchen
Verhältnissen muß das Streben herrschen, dieses Kapital voll aus-
nutzen zu können; bedeutet doch hier eine Verringerung des Absatzes
ein verlustreiches Brachliegen großer Kapitalbeträge. Mit dem Ge-
sagten hängt es auch zusammen, daß von der Elektrizitätsindustrie
in dieser Zeit manche Geschäfte mit der sicheren Aussicht auf Ver-

U Sehr. d. V. f. Sp‘. B. 107. S. 112,
        <pb n="177" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

171

lust übernommen worden sind und daß in dieser Industrie vielfach
neue Betriebszweige eingeführt wurden, als mit dem Beginne des
Jahrhunderts mit dem Rückgänge :der Konjunktur die Aufträge
weniger wurden.

Auch die verschiedene Einkaufspolitik bei den einzelnen
Industrien und Unternehmungen in der Zeit einer aufsteigenden Kon-
junktur hängt enge mit ihrer ökonomischen Eigenart zusammen. An
zahlreichen Stellen der Untersuchungen .des Vereins für Sozial-
politik über die Störungen im deutschen Wirtschaftsleben wird uns
berichtet, daß in der vorangegangenen Hausseperiode sehr häufig zu
unsinnig hohen Preisen Rohstoffe und sonstige Produktionsmittel
eingekauft worden seien, daß Industrie und Handel von Angst erfüllt
gewesen seien, daß sie ihren Bedarf nicht mehr in der genügenden
Menge oder doch nur zu immer weiter steigenden Preisen erhalten
könnten. Vielfach lag diesen 'Käufen auch ein rein spekulatives
Moment zugrunde. Man rechnete mit weiteren Preissteigerungen
und suchte deshalb Vorräte ; anzuhäufen, um sie dann später
in irgendeiner Weise gewinnbringend verwerten zu können. Diese
Art der Einkaufspolitik mußte nicht nur weiter preissteigernd wirken,
sondern hat auch dann beim Umschwung der Konjunktur für zahl-
reiche Unternehmungen verhängnisvolle Folgen gehabt. Als mit
dem Eintritt der Depression die Preise gesunken waren, mußten
nämlich gewaltige Abschreibungen auf die so teuer eingekauften
Materialien vorgenommen werden. Die Abschreibungen, welche aus
diesem Grunde damals bei der Firma Siemens &amp; Halske erfolgen
mußten, haben für diese einen Verlust von über einer Million be-
deutet1).

Schon Sombart hatte in seinem Referat auf der Generalver-
sammlung des Ver. f. Sp. in Hamburg auf die großen Unter-
schiede hingewiesen, welche zwischen denjenigen Industrien be-
stehen, die organische Stoffe verarbeiten, und denjenigen, welche
anorganische Rohstoffe für ihre Produktion benutzen. Bei den
ersteren unterliegen die Rohstoffe in der Periode der wirtschaftlichen
Aufwärtsbewegung einer schnellen und beträchtlichen Verteuerung,
bei den letzteren ist dies in weit geringerem Maße der Fall. „Man
kann sagen, in den organischen Industrien wird die Konjunktur
durch die Ernte bestimmt, in den anorganischen bestimmt die Kon-
junktur die Rohstoffproduktion.“ Dieser grundlegende Unterschied
muß natürlich dem privatwirtschaftlichen Streben zur Erreichung
eines bestimmten Zweckes ganz verschiedene Wege weisen, die dann
ihrerseits wieder hauptsächlich aus der ökonomischen und technischen

U Sehr. d. V. f. Sp. B. 107. S. 109.
        <pb n="178" />
        ﻿172 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Eigenart der betreffenden Industrien zu erklären sind. Alle diese
Mittel, die so angewandt werden, resultieren einerseits aus einer be-
stimmten gegebenen Konjunkturlage, üben dann aber auch wieder
auf der anderen Seite einen bestimmten Einfluß auf den weiteren
Gang der Konjunktur aus.

Noch deutlicher kann man diese Zusammenhänge bei dem Um-
schwung der Konjunktur und während der Zeit der Depression
■wahrnehmen. Hier in diesen ungünstigen Zeiten ist es wiederum die
ökonomische und technische Eigenart der verschiedenen Industrien
und Industriezweige, welche diesen jetzt ganz bestimmte Wege des
Handelns vorschreibt.

Wie wir gesehen haben, zeigt sich für den Unternehmer der
Rückgang der Konjunktur rein äußerlich, vor allem in einem Rück-
gang des Absatzes und einem Sinken der Preise. Beide Erschei-
nungen stehen ja in dem engsten Zusammenhänge. Die geringe und
sinkende Nachfrage nach Waren aller Art wirkt bei der weit größeren
Leistungsfähigkeit der Industrie und dem nun entbrennenden Kampf
um den Absatz preisdrückend. Mancher Unternehmer kann in solchen
Zeiten vielleicht einen der Leistungsfähigkeit seines Betriebes ent-
sprechenden Absatz sich erhalten, wenn er nur die erforderlichen
Zugeständnisse bei der Preisfestsetzung ‘macht. Mancher Unter-
nehmer steht vielleicht so vor dem Dilemma, sich entweder mit
unlohnenden Preisen zufrieden zu geben, aber so vielleicht seinen
bisherigen Absatz aufrecht erhalten zu können, oder bei einem Rück-
gang des Absatzes, d. h. bei einer verminderten Ausnutzung seiner
Produktions- und Betriebsanlagen, doch noch Preise zu erzielen,
welche wesentlich günstigere sind. Diesem Dilemma kann sowohl
der einzelne Unternehmer wie auch eine ganze, in einem Kartell zu-
sammengeschlossene Industrie gegenüberstehen.

Wenn wir auf Grund der eingehenden Untersuchungen des
Ver. f. Sp. einen Blick auf den wirklichen Verlauf der Dinge werfen,
so sehen wir, daß bei dem Konjunkturumschwung im Jahre 1900
beide Wege eingeschlagen worden sind. Auf der einen Seite hören
wir von Industrien und Unternehmungen, welche unter allen Um-
ständen, selbst bei unlohnenden Preisen, den Versuch machten,
ihren alten Absatz aufrecht zu erhalten. Es werden dies, wie eine
einfache Überlegung zeigt, vor allem solche Industrien und
Unternehmungen gewesen sein, bei welchen sich in besonders hohem
Maße die Ausdehnung der Produktion nach dem Gesetze vom steigen-
dem Ertrag vollzog, oder wo, von der anderen Seite aus betrachtet,
eine Einschränkung der Produktion zu einer erheblichen Verteue-
rung derselben führen mußte. Wo solches der Fall ist, bedeutet dann
        <pb n="179" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

173

auch bei gleichbleibenden Preisen eine Verringerung des Absatzes,
einen erheblichen Gewinnrückgang, welcher unter Umständen größer
sein kann, als derjenige ist, welcher bei Preiszugeständnissen einen
größeren Absatz ermöglicht. Die folgende Zusammenstellung hat die
Aufgabe, diesen einfachen Zusammenhang an einem frei gewählten,
schematischen Beispiel kar zu machen.

Größe der Produktion in Tonnen:
Größe der Produktion in Tonnen:

Kosten pro Tonne in Mark .
j f Preis pro Tonne in Mark .	.

1 Gewinn (-J-) Verlust (—) in Mark
../Preis pro Tonne in Mark .	.

\ Gewinn (+) Verlust (—) in Mark + 100000

100000	80000	60000	40000
8	10	12	14
12	12	12	12
+ 400000 +160000		0	— 80000
9	10	11	12
+100000	0	— 60000	-80000

Die Gruppe I soll die Sachlage während der Hausse, die
Groppe 11 während der Depression darstellen. Das Schema ist so auf-
gebaut, daß mit abnehmender Produktion von 100000 auf 40000
Tonnen die Produktionskosten pro Tonne von 8 auf 14 Mark an-
steigen. Es ist ferner angenommen, daß bei einer entsprechenden Ein-
schränkung der Produktion höhere Preise erzielt werden können,
während dagegen bei einem Preisrückgang bis auf 9 Mark die Tonne,
der alte Absatz aufrecht erhalten werden kann.

Man sieht, daß es unter den genannten Voraussetzungen für das
betreffende Unternehmen in der Depression rentabler ist, die Tonne
zu 9 Mark, anstatt zu 12 Mark zu verkaufen, da in dem ersten Falle
der alte Absatz aufrecht erhalten bleibt, während er in dem zweiten
Falle so stark zurückgeht, daß die Kosten von 8 auf 14 Mark steigen.
Unter den gemachten Voraussetzungen ergäbe sich bei einem Ver-
kaufspreis von 9 Mark immer noch ein Gewinn von 100000 Mark,
während bei einem Verkaufspreis von 12 Mark infolge der ge-
stiegenen Kosten ein Verlust von 80000 Mark für das Unternehmen
einträte. Auch dieses Beispiel soll natürlich nicht mehr als illu-
strative Bedeutung haben, d. h. nur einen Idealtypus darstellen,
welchem die Wirklichkeit in mehr oder weniger angenäherter Form
entsprechen wird1.)

1)	Beckerath (Kräfte, Ziele, Gestaltungen der deutschen Industrie-
wirtschaft. Jena 1922. S. 49) teilt darüber mit, daß sich in einer Industrie
bei einer Beschäftigung von 30 o/0 im Sommer 1919 die Kosten pro Waren-
einheit auf 19,69 Mark, bei 17 o/o Beschäftigung je Einheit auf 25,50 Mark
stellten.^ Bei einer anderen Firma waren die reinen Fabrikationskosten bei
einer Erzeugung von 92 o/o 27,85 Mark, bei einer Erzeugung von 83 o/o
der vollen Leistungsfähigkeit 29,45 Mark. Bei einer anderen Firma der
gleichen Branche betrugen die Fabrikationskosten bei einer Leistung von
41 o/0 45,65 Mark, bei einer Leistung von 31 °/o 62,85 Mark.

Mombert, Studium der Konjunktur.

12
        <pb n="180" />
        ﻿174 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Ans der Wollproduktion1) berichten die Untersuchungen des
Ver. f. Sp., daß die Betriebseinschränkungen zu höheren Spesen und
zu einer Verteuerung der Produktion geführt haben. Aus der Papier-
fabrikation2) hören wir, daß der Betrieb der Zellulosefabrikation
eine möglichste Ausnutzung der Anlagen erfordere, da sonst die
Generalunkosten ins „Ungemessene“ stiegen. Hier haben wir cs
also bereits mit Beispielen zu tun, für welche das oben gegebene
Schema grundsätzlich zutrifft.

„Zwang zur Massenerzeugung, mit anderen Worten: Das
Streben, mit den geringsten Kosten zu produzieren, heißt gleichzeitig
Erschwerung der Produktionseinschränkung. Je stärker und um-
fassender der Zwang, desto schneller werden die Kosten durch die
Produktionseinschränkung anwachsen. Kann eine Maschine nicht
voll ausgenutzt werden, läßt man sie langsamer laufen, oder werden
häufiger Pausen eingelegt, so werden die Produktionskosten pro
Mengeneinheit umso rascher wachsen, je mehr die Maschine durch
Anschaffungs- und Betriebskosten belastet ist, die durch Massen-
produktion ausgeglichen werden müssen. Werden aber die verschie-
denen Produktionsstufen eines Betriebes von solchen Maschinen be-
herrscht, so müssen notwendig bei Betriebseinschränkung die Kosten
noch schneller wachsen. Nehmen wir an, ein Stahlwerk arbeite mit
einer modernen Hochofenanlage, leistungsfähigen Konvertern und
außerdem — was allerdings bei uns noch seltener der Fall ist —
mit amerikanischen Walzstraßen, die bei fast automatischem Betrieb
auf eine hohe Produktionsziffer eingestellt sind. Eine Betriebsein-
schränkung trifft hier alle drei Stufen der Erzeugung und wird in-
folge der hohen Anlagekapitalien und der Kosten der Betriebsbereit-
schaft auf jeder eine verhältnismäßig rasche Steigerung der Belastung
der Produkteneinheit verursachen, was eine empfindliche Verteuerung
des Endproduktes zur Folge hat. In einer Textilindustrie dagegen be-
lastet die Verkürzung der Produktionszeit aller oder einiger Spinn-
maschinen und Webstühle die Produktion in verhältnismäßig ge-
geringerem Maße 8).“ Mit dem Gesagten hängt es dann zusammen, daß
der Handel viel weniger unter einem Konjunkturrückgang leidet, als
die Industrie, da der Handel mit viel weniger stehendem Kapital arbeitet
und auch nicht gezwungen ist, eine solch große Zahl von Arbeitern
während einer ungünstigen Konjunktur durchzuhalten, wie es bei der
Industrie der Fall ist.

*) Sehr. d. V. f. Sp. Bd.105, Die Wollindustrie. S. 257.

2)	Sehr. d. V. f. Sp. Bd. 107, Die Papierindustrie. S. 223.

3)	Mannstaedt, Ursachen und Ziele des Zusammenschlusses in den
Gewerben. Jena 1916. S. 31.
        <pb n="181" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

175

Die große Zunahme der Ausfuhr, welche sich, wie wir oben ge-
sehen haben, bei jedem starken Rückgang der Konjunktur einstellt
und die ja bekanntlich auch häufig zu sehr unlohnenden Preisen in
dieser Zeit erfolgt, ist ebenfalls ein deutlicher Hinweis dafür, welch
große Rolle derartige Kalkulationen tatsächlich oft spielen. Mit
solchen Überlegungen hängen wenigstens auch zum Teil die billigen
Auslandsverkäufe der Kartelle zusammen, das sog. Dumping, ein Vor-
gang, der sich ja vor allein auch in den Zeiten von Absatzschwierig-
keiten auf dem heimischen Markt zu vollziehen pflegt. In solchen
Zeiten versuchen es manche Kartelle, aber auch einzelne Unter-
nehmungen, ihre Vorräte nach dem Auslande, wenn auch zum Teil
zu recht unlohnenden Preisen abzustoßen, um damit der Gefahr zu
entgehen, Teile ihrer Betriebe außer Tätigkeit setzen zu müssen, weil
der inländische Markt ihre Produktion nicht mehr aufnehmen kann.

Damit steht es dann im Zusammenhang, wenn es vorzugsweise
ganz bestimmte Industrien sind, welche in Zeiten eines schlechten
Geschäftsganges auf Lager arbeiten. Es sind in erster Linie die
kapitalintensiveren Betriebe, bei denen man diese Erscheinung beob-
achten kann.

Unter solchen Gesichtspunkten ist es also auch zu verstehen, daß
es unter Umständen für den Unternehmer vorteilhaft sein kann, auch
einmal unmittelbar unlohnende Aufträge hereinzunehmen. Denn auch
ein Auftrag, der rein kalkulatorisch als einzelner für sich betrachtet,
keinen Gewinn abwirft, ja sogar verlustbringend ist, kann im all-
gemeinen Durchschnitt der Gesamtproduktion durch eine dadurch
bewirkte verbesserte Ausnutzung der Betriebsanlagen die allgemeinen
Kosten so mindern, daß der Gesamtgewinn des Unternehmens
dadurch erhöht werden kann. Das folgende, frei gewählte Beispiel
soll zeigen, wie dieses gemeint ist.

Wir wollen annehmen, daß eine Fabrik von einem bestimmten
Artikel in einem Jahre 1000 Stück herstellt, daß der Selbstkosten-
preis pro Stück 1000 Mark und der Verkaufspreis pro Stück
1200 Mark seien. Beim Absatz der ganzen Produktion würde
sich also ein Gewinn von 200000 Mark ergeben. Wir wollen
ferner annehmen, daß es möglich sei, bei einer Produktion von 1500
Stück die vorhandenen Betriebsanlagen so gut auszunutzen, daß sich
die Herstellungskosten für ein Stück von 1000 auf 970 Mark ver-
ringerten. Ein solcher Mehrabsatz soll aber nur dadurch möglich
sein, daß die in Frage stehenden zusätzlichen 500 Stück 50 Mark
unter dem alten Selbstkostenpreis, also zu 950 M. das Stück, ab-
gegeben würden. Die Gewinnverteilung würde sich dann folgender-
maßen gestalten. Die Kosten würden 1500 • 970 = 1455 000 Mark, die
        <pb n="182" />
        ﻿176 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Bruttoeinnahmen würden (1000 • 1200) -f- (500 • 950) —1675 000 Mark
betragen. Der Gewinn wäre also in diesem Falle mit 220000 Mark
um 10 o/o höher als zuvor.

Die Hereinnahme dieses Auftrags unter den Selbstkosten war
also ein geeignetes Mittel, entsprechend der ökonomisch-technischen
Eigenart dieser Unternehmung, deren privatwirtschaftlichen Zielen
zu dienen. Dieser Zusammenhang läßt sich auch in folgenden all-
gemeinen Satz kleiden: Sobald die gesamten Kosten infolge der
Mehrproduktion um einen größeren Betrag sinken, als derjenige ist,
um den diese Mehrproduktion unter den Selbstkosten abgegeben
wird, dann ist es, vom Standpunkt des Unternehmers aus betrachtet,
zweckmäßig, in der oben geschilderten Weise zu verfahren.

Ob dieser Weg eingeschlagen werden kann, hängt dann auch in
besonders hohem Maße davon ab, wie sich die Betriebskosten in
eiserne oder proportionale aufteilen. Je größer der Anteil der Betriebs-
kosten ist, der auf die sogenannten proportionalen Kosten entfällt,
d. h. auf diejenigen, welche mit dem Umsatz proportional ab- oder
zunebmen, um so weniger wird ein Mehrabsatz die durchschnittlichen
Kosten der Gesamtproduktion herabsetzen können. Dies wird aber in
umso stärkerem Maße der Fall sein, einen je größeren Anteil an den
Gesamtkosten die sogenannten eisernen Kosten haben, d. h. die-
jenigen, welche unter allen Umständen gleich hoch sind, einerlei, ob
die Produktion kleiner oder großer ist1).

Das folgende Beispiel2), das den Verhältnissen eines großen eng-
lischen Eisen- und Stahlwerkes entnommen ist, veranschaulicht die-
sen Zusammenhang auf das deutlichste:

Ersparnisse bei der Herstellung von Stahl aus Roheisen infolge
vermehrter Stahlerzeugung:

	Erzeugung in t	Löhne per t S. d.	Feuerung per t T. Cwt.
1. Woche		2,364	16 IO1/!	2 ’/.
2. „ 		2,222	17 6s/4	2 •/,
Durchschnitt. . . .		17 2l/a	2 7.
3. Woche		3,093	14 8	110
4.	,			3,105	14 2Va	1 9 »u
Durchschnitt. . . .		14 5'/4	1 97 8

U Vgl. zu dieser Unterscheidung Schär, Handelsbetriebslehre. 2. Aufl.
1913. S. 151/52.

2) Report of the Tarif-Commission. Vol. 1. The Iron- and Steel-Trades.
London 1904. Sec. vl. Table 15, und ebenda, Sec. vll. (B) Nr. 65. Cit. nach
C. M. v. Wieser, Der finanzielle Aufbau der englischen Industrie. Jena
1919. S. 37/39.
        <pb n="183" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

177

„So betrag die Ersparnis im zweiten Zeitabschnitt, als die
Werke in vollem Betrieb waren, gegen den ersten, wo sie etwa drei
Viertel der Zeit liefen, beinahe 6 s. für die Tonne, oder im Falle
dieser speziellen Gesellschaft etwa 45000 £ im Jahre . .

Von einer anderen englischen Gesellschaft heißt es in dem
gleichen Berichte: „Im vorigen Jahre (1903) erzeugte sie 114 000
tons, zu den den damaligen Verhältnissen entsprechenden Produk-
tionskosten von £ 4, 15 s. per Tonne. Bei einem durchschnittlichen
Verkaufspreis von 5 £ per Tonne belief sich ihr Gewinn auf 28500 £.
Wäre aber ihr Werk bis zur vollen Leistungsfähigkeit von 152000
tons herangezogen worden, so hätten sich die Kosten auf nur
4 £, 10 s. per Tonne gestellt. Die Mehrerzeugung von 38 000 Tonnen
hätte man zum Gestehungspreise abgeben können und doch hätte
sich der Verdienst infolge des allgemeinen Rückganges der Produk-
tionskosten auf 57 000 £ erhöht. Folglich hätte sie aber diese 38 000
tons erheblich unter dem Kostenpreis abgeben und trotzdem ihren
Gewinn erhöhen können, hätte es irgendeinen Markt gegeben, auf
dem sie ihn hätte loswerden können.“

Dieser Weg, in den Preisen während der Depression herab-
zugehen, um einen Absatzrückgang zu verhüten, ja sogar, im Interesse
des Absatzes im Einzelfall noch unter den Selbstkosten Teile der
Produktion abzustoßen, steht nur denjenigen Unternehmungen offen,
bei denen ein besonders enger Zusammenhang zwischen der Höhe der
Produktion und der Höhe der Produktionskosten besteht und wo eine
Preisherabsetzung überhaupt geeignet ist, fördernd auf den Absatz
einzuwirken. Wo dies jedoch nicht der Fall ist, dort können von
der betreffenden Unternehmung solche Wege nicht mit Erfolg be-
schritten werden.

So schwer es begreiflicherweise dem Unternehmer und Kauf-
mann fällt, in solchen Zeiten die Preise entschlossen und energisch
herabzusetzen, so liegt darin doch immer wieder das beste und am
schnellsten wirkende Mittel, den gesunkenen Absatz zu vergrößern.
H. Ford hat einmal darüber gesagt: „Es hat keinen Zweck, zu warten,
bis die Geschäfte wieder von selbst anziehen, Will ein Produzent
seine Aufgabe wirklich erfüllen, so muß er seine Preise herab-
setzen, bis das Publikum sie zahlen kann und will. Irgendeinen
Preis gibt es immer, den die Käufer, mag die Lage noch so schlecht
sein, für einen wirklichen Gebrauchsartikel zahlen können und
wollen; ist nur der Wille vorhanden, so läßt sich dieser Preis auch
einhalten1).“

1 Henry Ford, Mein Leben und Werk. Leipzig 1923. S. 161.
        <pb n="184" />
        ﻿178 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Diese Wirkung ist z. B. dort nicht möglich, wo, wie im Trans-
portgewerbe, der Absatz unmittelbar von dem Gang des Wirt-
schaftslebens bestimmt wird, jedenfalls von Faktoren abhängt, welche
mit der Höhe der Produktionskosten sehr wenig zu tun haben.

Bezeichnend hierfür war das Verhalten der großen Schiffahrts-
gesellschaften während der wirtschaftlichen Störungen um die Jahr-
hundertwende. Bei einem so allgemeinen Rückgang des Güterver-
kehrs, wie er in dieser Zeit stattgefunden hat, und wie wir ihn oben
bereits kennengelemt haben, mußte sich auch im überseeischen
Verkehr ein Rückgang geltend machen, gegen welchen eine Herab-
setzung der Raten nur sehr wenig ausrichten konnte. Hier kam es
deshalb zu Betriebsstillegungen. Im Jahre 1902 hat die Hamburg-
Amerika-Linie acht große Postdampfer außer Dienst gestellt und auch
andere Gesellschaften mußten ihre Fahrten reduzieren. Damit hängt
es auch zusammen, mit dieser ökonomischen Eigenart des Schiff-
fahrtsbetriebes, daß der Versuch, welcher zur Hebung der Notlage
in diesem Gewerbe im Jahre 1901 in Form einer internationalen
Verständigung im Schiffahrtsverkehr gemacht wurde, sich darauf
bezog, 5 o/o des Tonnengehaltes außer Dienst zu stellen i).

Die ökonomische Eigenart des Schiffahrtsbetriebes ist eben eine
ganz andere, wie diejenige eines geschlossenen Fabrikbetriebes. Bei
einem solchen handelt es sich um ein intensives, organisches Zu-
sammenarbeiten des ganzen Produktionsapparates. Mögen dabei
auch erhebliche Unterschiede im einzelnen vorhanden sein, so kann
man bei einem Rückgänge des Absatzes in der Regel nicht ohne
weiteres ganze Teile eines solchen Unternehmens außer Betrieb
setzen. Man kann sie nur unvollkommener ausnützen, z. B. Feier-
schichten einschieben. Ganz anders liegen die Verhältnisse im
Schiffahrtsbetriebe. Selbst wenn das stillgelegte Schiff mit seiner
Verzinsung und den notwendigen Abschreibungen die Unkostenseite
des Unternehmens weiter belastet, was ja bei jedem außer Betrieb be-
findlichen Produktionsmittel der Fall ist, und selbst, wenn die
sonstigen Generalunkosten sich nicht entsprechend vermindern
lassen, so kann ein Schiff doch als ganzes aus dem Betrieb zurück-
gezogen werden, womit doch auch die darauf entfallenden Be-
triebskosten in weit stärkerem Maße eine Verminderung erfahren
müssen, als wenn in einer Fabrik mit Feierschichten eine Produktions-
einschränkung durchgeführt wird.

Es war schon oben davon die Rede, daß sich mitunter die
Schwankungen der Konjunktur nur auf einzelnen Teilgebieten des

l) Sehr. d. V. f. Sp. Bd. 108. Seeverkehr u. Reederei, S. 158.
        <pb n="185" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

179

Wirtschaftslebens, auch nur in einzelnen Industriezweigen zeigen.
Das ist vor allem dort der Fall, wo die Nachfrage in besonders
hohem Maße von dem Wechsel der Mode beherrscht wird.

„Ein Moment, das sich jeder Vorausberechnung entzieht, bildet
die Mode. Indem; mit dem Zurücktreten der ständischen Konsumtions-
gewohnheiten in den Städten ihr Herrschaftsbereich sich auf immer
größere Bevöfkerungsgruppen erstreckt, stellt sie einen konjunktur-
bildenden Umstand ersten Ranges dar. Da wird in der Damentoilette
die ausgiebige Verwendung schwarzer Glasperlen modern und die
Glaskurzwarenindustrie nimmt einen glänzenden Aufschwung. Tau-
sende von Arbeitern verlassen ihre alte Beschäftigung, um sich durch
den steigenden Lohn angezogen, der Erzeugung von Glasperlen zu
widmen. Plötzlich kommt die Nachfrage ins Stocken. Tausende von
Arbeitern werden brotlos. Die Mode hat sich von den Glasperlen
den Spitzen zugewendet. Nun ist es die Spitzenklöppelei, die sich
einer vorübergehenden Blüte erfreut, um dieselbe bald genug der
Gürtlerei und der Metallkurzwarenindustrie abtreten zu müssen, da
Metallknöpfe und Schnallen en vogue sind. Noch bedeutungsvoller
ist der Modewechsel in bezug auf die Bekleidungsstoffe selbst1).“

Die verhängnisvollen wirtschaftlichen und sozialen Wirkungen
des Modewechsels hat für die siebziger Jahre des vorigen Jahrhun-
derts für die Textilindustrie Thun dargestellt: „Von nicht zu unter-
schätzender Bedeutung wurde der Wechsel der Mode, wie er sich im
Jahre 1873 vollzog. Glatte Stoffe, die Stärke Aachens, wurden in
Deutschland und Nordamerika nicht mehr getragen, und fassonierte
Tücher, Kammgarn- und Phantasiestoffe wurden modern. Dieser
Umschwung hatte auf die alten großen Firmen, welche feste Ab-
nehmer in Südamerika und anderen überseeischen Ländern haben,
einen geringeren Einfluß als auf die kleinen Häuser. Unter ihnen
entspann sich um das eingeengte Absatzgebiet ein Kampf auf Tod
und Leben; manche Fabrikanten mußten ihre Tätigkeit einstellen;
andere gingen mit großen Kosten zur Fabrikation von Kammgarn-
stoffen über, wobei sie ihre gesamte Spinnerei und Appretur still-
setzen, ihre Webstühle verändern, ihre Generalkosten durch Aus-
gabe neuer Muster und das Bereisen neuer Absatzgebiete vermehren
und in die mächtige Konkurrenz mit England und Frankreich treten
mußten* 2).“

Solche Industrien, die also einem raschen und plötzlichen
Modewechsel unterworfen sind, leben unter ganz besonderen Kon-

o	H e r k n c r, Art. Krisen. Handwörterbuch d. St.aatsw. 3. Aufl. 1910.

b. 45.

2) Thun, Die Industrie am Nieder-Rhein und ihre Arbeiter. Leipzig 1879.
        <pb n="186" />
        ﻿180 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

junkturverhältnissen, denen sie sich nach Möglichkeit anzupassen
suchen müssen. Diese Industrien sind einmal gezwungen, sich auf
einen kurzfristigen Massenbedarf einzustellen und diesem Bedarf
so vollkommen wie möglich anzupassen, aber auch die Produktion
und den Absatz möglichst zu forcieren, d. h. diese vorübergehende
Konjunktur auszunützen, da nur dann der nötige Gewinn erzielt wird.
Wirtschaftliche Schwierigkeiten ergeben sich jedoch dann, wenn die
Mode wechselt, und die Bedarfsrichtung eine andere wird1).

In allen solchen Gewerben und Industrien, die so unter dem Ein-
fluß der Mode oder aus anderen Gründen mit einer schnell wechseln-
den Konjunktur zu tun haben, beobachtet man nun einmal, daß die
Betriebsanlagen und sonstigen Produktionsmittel der großen Unter-
nehmungen gar nicht darauf eingerichtet sind, aus eigenen Kräften
die Nachfrage bei ihrem höchsten Stande befriedigen zu können.
Wäre -dies nämlich der Fall, dann wäre- das Kapitalrisiko zu groß,
da ja bei einem Wechsel der Bedarfsrichtung die Gefahr vorliegt,
daß, entsprechend dem rückläufigen Absätze, ein Teil der Anlagen
stillgelegt werden muß.

Wir sehen vielmehr, daß die größeren Unternehmungen, die in
den Zeiten der Hochkonjunktur über ihre derzeitige Leistungsfähig-
keit hinausgehenden Aufträge an kleine Betriebe im Lohn weiter-
geben. Wie Gothein es in der untengenannten Schrift ausgeführt hat,
„wenn sie selbst hieran noch wenig verdienen, so können sie doch
auf solche Weise ihren Umsatz erweitern, ohne ihr Kapital übermäßig
steigern zu müssen, über die wahrscheinlich dauerhafte Absatz-
vermehrung hinaus. In den Zeiten der Depression vermögen sie dann
doch wieder jene Aufträge, die ihnen jetzt wieder wertvoll geworden
sind, an sich zu ziehen; sie ziehen die Reservetruppe der Kunden ein
und entlassen die Reservetruppe des Kapitals“.

„Die Lohnindustrie dient nämlich dazu, die Zufälligkeiten der
Modeindustrie, bei der sowohl die Beschäftigung im ganzen schwankt,
wie insbesondere die Aufträge für die einzelnen Fabrikanten, je nach
der Beliebtheit der Muster, wechseln, in geeigneter Weise auszu-
gleichen. Anderen Falles, wenn der Fabrikant selber das Kapital
hätte, würde er zu oft in die Lage kommen, einen beträchtlichen Teil
desselben nicht beschäftigen zu können; ebenso aber könnte er auch

*) Von neuerer Literatur über diese Frage seien genannt: H. v. Becke -
rath, Die Kartelle der deutschen Seidenweberei-Industrie. Karlsruhe 1911.
— A. Rasch, Die Eibenstocker Stickereigewerbe unter der Einwirkung der
Mode .Tübingen 1910. — E. Kirchner, Die Barmer Textilindustrie. Disser-
tation. Münster 1921. — Gothein, Die Reservearmee des Kapitals.
Heidelberg 1913. —W. Troeltsch, Volkswirtschaftliche Betrachtungen über
die Mode. Marburg 1912.
        <pb n="187" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

181

bei gutem Geschäftsgang nicht so rasch liefern, wie es bei diesen
Artikeln nötig ist.“

Über solche Verhältnisse berichtet Gothein aus der Mannheimer
Gießereiindustrie, ans dem Pforzheimer Bijouteriegewerbe und der
Rheinschiffahrt. Die kleinen Betriebe sind es, welche er hierbei als
die Reservearmee des Kapitals bezeichnet. Mit dem Gesagten hängt
es dann auch zusammen, daß sich die Herstellung solcher sehr der
Mode unterworfener Artikel vornehmlich auch in der Form der
Hausindustrie vollzieht, wo der Unternehmer ohne größeres stehendes.
Kapital arbeitet, also auch in der Lage ist, ohne Verluste den Betrieb
auszudehnen oder einzuschränken.

Wenn in diesen Modeindustrien die Bedarfsrichtung so raschen
und plötzlichen Änderungen unterliegt, so muß ein solcher, hier jeder
Zeit möglicher Konjunkturumschwung, bei dem Besitze eines großen
Lagers solcher Waren, ein erhebliches Risiko bedeuten. Wir sehen
deshalb in solchen Industrien einen Kampf zwischen Fabrikanten
und Händlern darum, wer das Risiko in diesem Falle zu tragen hat.
Beckerath berichtet darüber aus der deutschen Seidenweberei, in
welcher die Abnehmer mit Erfolg bemüht waren, diese Risiken tun-
lichst dem Fabrikanten aufzubürden.

„Zunächst ging man, wie gesagt, äußerst rücksichtslos in der
Retournierung von Waren vor, die sich als nicht marktgängig er-
wiesen, und bestellte Lieferungen von solchen Waren ab, auch wenn
sie schon in der Fabrik in Arbeit genommen waren. Man fand in dem
Entgegenkommen der Fabrikanten noch wirksamere Handhaben, um
die Gefahren des spekulativen Charakters des Seidengeschäftes auf
diese abzuwälzen. Dahin gehören zunächst die Errichtung der Kon-
signationslager der Fabrik bei den Kunden und die Verkäufe in
Option. — Konsignationslager: Der Fabrikant deponiert bei dem
Kunden ein Warenlager, das bis zum Verkaufe der Waren durch
den Kunden in seinem, des Fabrikanten, Eigentum bleibt, erst in dem
Maße, wie die Waren verkauft werden, wird der Kunde ihr Eigen-
tümer und deswegen Schuldner des Fabrikanten. Was nicht abgesetzt
wird, erhält letzterer zurück1).“

Audi nach einer anderen Richtung hin schaffen diese Gefahren
des plötzlichen Konjunkturwechsels ganz eigenartige Verhältnisse
zwischen Fabrikanten und Händler in manchen Modeindustrien. Im
allgemeinen hat der Handel, vor allem der Großhandel, für den
h abrikanten für den Vertrieb seiner Erzeugnisse eine beträchtliche
Bedeutung. Der Handel ermittelt die Absatzgelegenheiten, er schafft

U Beckerath, Die Kartelle, a. a. 0. S. 45.
        <pb n="188" />
        ﻿182 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

in gewissem Sinne den Absatz, der Großhändler schiebt sich zwischen
den Produzenten und den Detaillisten, indem er den Absatz mit seinem
eigenen Kapital finanziert, damit einmal dem Produzenten das Risiko
längerer Kreditgewährung abnimmt und ihn so in die Lage versetzt,
sein Kapital vollständiger, als es sonst der Fall wäre, lediglich in der
Produktion zu verwenden.

Wir hören jedoch von ganz bestimmten Modeindustrien, welche
sich gerade infolge ihrer eigenartigen Konjunkturverhältnisse dagegen
wehren, daß der Handel in ihrer Branche einen zu starken Umfang
annimmt und sie von ihm in zu große Abhängigkeit geraten.

„Eine solche Mediatisierung hat für eine Modeindustrie ihre ganz
besonderen Bedenken. Ihr Absatz ist zu gefährdet, als daß man die
Sorge für ihn einer ganz unverantwortlichen Stelle anvertrauen
kann, die kein besonderes Interesse daran hat, daß das Produkt
gerade dieser Industrie verkauft wird. Fehlkonjunkturen müssen ohne
alle Abwehrversuche hingenommen werden und kommen unvorher-
sehbarer, wenn eine Modeindustrie ihren eigentlichen Abnehmerkreis
nicht beeinflussen kann.“

Schon aus dem eben Gesagten ergibt sich, daß und warum solche
Modeindustrien, um nicht bei diesen, durch den Modewechsel be-
wirkten Konjunkturumschlägen zu große Teile ihres Absatzes ein-
zubüßen, mit ihrem Abnehmerkreis in ziemlich enger Berührung
bleiben müssen. Das ist um so mehr nötig, als in dem Augenblick,
in dem mit einem Wechsel der Mode sich die Konjunkturlage ver-
schlechtert, die betreffende Industrie von sich heraus, wie es Rasch
für die Eibenstocker Industrie sehr anschaulich dargestellt hat,
konsequent den Weg der „Bedarfserregung“ beschreiten muß. „Im
Modebedarf folgt Bedarfswelle auf Bedarfswelle, und jede läuft wieder
ab: Wer weiß, von wannen sie kommt und wohin sie geht.“ In der
Modeproduktion hingegen ist es mit dem Niedergang einer Produk-
tionskurve nicht getan, sondern es folgen Ausgleichs- und Anpassungs-
versuche der verschiedensten Art, die zum guten Teil darauf hinaus-
laufen, durch Bedarfserregung zur Bildung einer neuen Bedarfswelle
beizutragen. Dabei sind die Modeindustrien technisch und wirtschaft-
lich keineswegs immer vor leichte Aufgaben gestellt, da eine solche
Bedarfserregung, d. h. die Schaffung ganz neuer Artikel, in der Regel
ohne neues Fabrikationsverfahren oder gar eine Umwandlung des
Betriebes nicht möglich ist. „Je einförmiger das Produktionspro-
gramm einer Industrie ist, um so eher kann eine Tiefkonjunktur zu
dem radikalen Mittel der Betriebsumwandlung zwingen. In unserer,
        <pb n="189" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

183

in ihrer Produktion so vielseitigen Stickereiindustrie war die aus-
gleichende Fabrikationserweiterung häufiger1).“

Die Konjunkturpolitik in solchen ausgesprochenen Modeindustrien
stellt also den Unternehmer vor ganz besondere eigenartige Auf-
gaben. Hierher gehört vor allem auch, daß nicht alles auf eine Karte
gesetzt wird, daß neben den Artikeln, welche der Mode unterworfen
sind, auch sog. Stapelartikel produziert werden, deren dauernder,
nicht solchen Schwankungen unterworfener Absatz die Möglichkeit
bietet, die Fabrikationsanlagen weiter ausnutzen und den vorhan-
denen guten Arbeiterstamm unterhalten zu können. Die Mode ist
also als ganz besonderer Konjunkturfaktor in Rechnung zu setzen.
Damit hängt es dann auch zusammen, daß in einzelnen solchen In-
dustriezweigen die wirtschaftliche Lage sich immer wieder anders
entwickeln kann, als es der sonstigen allgemeinen Konjunkturlage
entspricht.

Mit diesen bisher dargelegten Unterschieden in der Lage und der
Eigenart der einzelnen Industrien steht dann auch die Art der
Arbeiterpolitik in enger Beziehung, welche sie bei einem Rück-
gänge der Konjunktur einschlagen. Nur wenn man die verschiedenen
Wege, die hier einigeschlagen werden, aus der ökonomisch-technischen
Eigenart der betreffenden Unternehmungen und ihren sonstigen äuße-
ren Bedingungen heraus zu erklären sucht, wird man es verstehen
können, daß diese Arbeiterpolitik eine so ganz verschiedenartige ist.
Bei manchen Industrien und Unternehmungen hören wir bei dem
Konjunkturrückgang im Jahre 1900, daß Arbeiterentlassungen in sehr
'großem; Umfange stattgefunden haben, von anderen hören wir
wieder, daß solche Arbeiterentlassungen nur in geringem Umfange
oder gar nicht vorgekommen sind, trotzdem auch diese Unterneh-
mungen nicht weniger unter dem Rückgänge der Konjunktur zu leiden
hatten als andere.

Es hängt dies einmal mit den bereits erwähnten Verschieden-
heiten in der Eigenart der einzelnen Industrien zusammen, damit,
daß in den Zeiten der Depression die eine Unternehmung ihrer Er-
tragspolitik am besten zu dienen glaubt, daß sie ihre Produktion
einschränkt, um damit einen Einfluß auf den Preis auszuüben (das
wird in der Regel von seiten eines Kartells geschehen), die andere
es dagegen aus den oben dargelegten Gründen vorzieht, ihre Pro-
duktionsanlagen selbst bei weniger guten Preisen möglichst voll-
kommen auszunutzen.

Neben diesen allgemeinen Faktoren spielen dann aber auch die

1) Rasch, a. a. 0. 4. Kap. Der Modewechsel als Konjunkturmoment.
        <pb n="190" />
        ﻿184 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

speziellen Arbeiterverhältnisse der betreffenden Unternehmung eine
große Rolle. Von rein sozialpolitischen Rücksichten, wie sie bei
der Frage der Arbeiterentlassungen auch häufig eine Rolle spielen
können, sei an dieser Stelle abgesehen. Wir hören z. B. aus der
Wollindustrie, daß dort, wo, wie in Mühlhausen i. E., im Vogt-
lande, in Zwickau oder in Leipzig, die Kammgarnspinnereien kon-
zentriert sind, wo also eine sehr große Anzahl von Betrieben zu-
sammen liegen, die Arbeiterentlassungen und demgemäß auch die
Lohnverluste während der Depression, einen wesentlich größeren
Umfang annahmen, als dorten, wo die Betriebe mehr isoliert lagen,
vor allem in solchen Gegenden, wo andere Textilzweige nicht ver-
treten waren1). Unter diesen letzteren Verhältnissen nämlich, mußte
man bei Arbeiterentlassungen mit einer Abwanderung der entlassenen
Arbeiter rechnen, ohne daß die Sicherheit vorhanden war, bei
wieder eintretendem Bedarf mit einer Besserung der wirtschaftlichen
Lage, den alten Arbeiterstamm wieder zu erhalten. Hier war es
deshalb notwendig, selbst bei unlohnenden Preisen den Versuch zu
machen, den Umfang der Produktion aufrecht zu erhalten, oder, wo
dies vorteilhafter schien, den entstehenden Lohnausfall selbst zu
tragen. Von einer Reihe von Fabriken aus der Wollindustrie wird
uns nämlich berichtet, daß sie eine Zeitlang bei einer täglichen
Einschränkung der Arbeitszeit auf 6 Stunden den vollen Tagelohn
einer lOstündigen Arbeitszeit weiter gewährt haben.

Man hat auch schon darauf hingewiesen, daß diese besondere
Lage der kapitalintensiveren Betriebe ganz allgemein den Unter-
nehmer veranlaßt, den Versuch zu machen, dauernd einen Teil seiner
Arbeiterschaft an sich zu fesseln und daß es damit zusammenhängt,
daß man gerade bei solchen Unternehmungen vorzugsweise Arbeiter-
wohlfahrtseinrichtungen, vor allem auch Wohnhäuser für die Ar-
beiter, antrifft.

Mit solchen Erwägungen, einem Steigen der Kosten bei zu
großer Einschränkung der Produktion, und der Notwendigkeit,
Arbeiterentlassungen dann vornehmen zu müssen, steht es dann auch
wieder in Beziehung, ob und in welchem Maße einzelne Industrie-
zweige oder Unternehmungen sich genötigt sehen, während der
Depression auf Lager zu arbeiten, mit der Hoffnung, ihre Vorräte
dann in besseren Zeiten abstoßen zu können. Wir hören dann auch
aber wieder von anderen Mitteln und Wegen, welche eingeschlagen
worden sind, um sich während der Depression vor einem zu starken
Rückgang des Absatzes zu schützen. Manche Unternehmungen

U Sehr. d. V. f. Sp. Bd. 105. S. 232.
        <pb n="191" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur. 185

gingen dazu über, mannigfaltigere Erzeugnisse herzustellen. Sie
nahmen neue Produktionszweige auf, um darin einen gewissen Aus-
gleich für den schlechten Absatz bei anderen Erzeugnissen zu finden.
„In dem Gedanken, daß die Mannigfaltigkeit der Fabrikate einen
gewissen Ausgleich bei schlechtem Geschäftsgänge des einen biete,
liegt noch ein besonderer Anreiz zur weiteren Ausbildung dieser
horizontalen Kombination“1). Die Firma Siemens &amp; Halske hat da-
mals selbst mitgeteilt, daß ihr einigermaßen befriedigender Ge-
schäftsgang lediglich der Vielseitigkeit ihrer Tätigkeit zu verdanken
sei. Die A. E. G. hat in diesen Jahren der Depression ganz neue
Geschäftszweige aufgenommen. Im Jahre 1900 begann sie mit der
Erzeugung von Kupfervitriol, im Jahre 1901 mit dem Bau von Dampf-
turbinen* 2 *). Neben anderen Ursachen haben jedenfalls bei den zahl-
reichen, vor allem in neuester Zeit, aufgetretenen Zusammenfassun-
gen mehrerer Industriezweige in einen Konzern, auch ähnliche Er-
wägungen eine Rolle gespielt. Wenn nämlich in dieser Weise ver-
schiedenartige Branchen vereinigt sind, so ist in dieser Form eher
ein Ausgleich der Konjunkturlag© und damit die Möglichkeit einer
gleichmäßigen Rentabilität des Gesamtunternehmens möglich8). Noch
auf ein Letztes sei hingewiesen, um zu zeigen, wie ganz verschieden
sich die einzelnen Industriezweige und Unternehmungen, je nach
ihrer ökonomisch-technischen Eigenart, und je nach ihrer Organi-
sation, im Wandel der Konjunktur verhalten. Es handelt sich dabei
um die nicht unwesentlichen Unterschiede, welche sich in finanz-
politischer Beziehung zwischen Aktiengesellschaft und Einzel-
unternehmung beobachten lassen.

So hören wir in den Jahren 1900 und 1901, in den Jahren der
ausgesprochensten Depression, von Kapitalserhöhungen in der Textil-
industrie und erfahren darüber „daß diese nicht bedingt worden
seien durch das Bedürfnis einer Erweiterung der Unternehmungen
infolge günstigen Geschäftsganges und ausreichender Beschäfti-
gung, wie in den vorangegangenen Perioden, sondern sie waren eine
Notwendigkeit zur Beschaffung von Mitteln, um die infolge der
1900er Verluste arg bedrohten Geschäfte, wieder ins Gleichgewicht
zu bringen, nachdem man vorher durch Zusammenlegung von Aktien,
die Verluste und die Unterbilanz zu beseitigen sich bemüht hatte.
Vielfach ist gleichzeitig mit den Zusammenlegungen von Aktien
auch eine Erhöhung des Kapitals vorgenommen worden“4).

*) V o g e 1 s t e i n, Die rheinisch-westfälische Montan- und Eisenindustrie.
Sehr. d. Ver. f. Sp. Bd. 106. S. 110.

2) Sehr. d. V. f. Sp. Bd. 104, S. 134.

8) Beckerath, Kräfte. A. a. O. S. 55.

4) Sehr. d. V. f. Sp. Bd. 106, S. 47.
        <pb n="192" />
        ﻿186 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Es handelt sich hier um ein Mittel, bestimmten ungünstigen Wir-
kungen der Depression zu entgehen, ein Mittel, welches der Einzel-
untemehmung im allgemeinen wohl verschlossen ist. Damit hängt
es dann auch wieder zusammen, daß uns berichtet wird, daß bei den
Aktiengesellschaften dieser Industrie in dieser Periode des Nieder-
ganges relativ wenig Konkurse vorgekommen sind. Auch sonst
treten ja bei Aktiengesellschaften Konkurse relativ selten auf, weil
eben hier eine Sanierung der Gesellschaft unter Heranziehung der
Aktionäre möglich ist.

Von dieser Möglichkeit hat man während der Depression zu
Beginn des Jahrhunderts gerade auch in der Textilindustrie, welcher
es ja damals besonders schlecht ging, einen sehr ausgiebigen Gebrauch
gemacht. Während von 46 Kammgarnspinnereien, welche die Form
einer Aktiengesellschaft hatten, im Jahre 1900 nur sieben einen Ge-
winn in der Höhe von 2,125 Millionen Mark erzielten, betrug bei
den übrigen 39 Gesellschaften der Verlust in diesem Jahre 25,929
Millionen Mark, denen nur eine Reserve in der Gesamthöhe von
13,299 Millionen Mark gegenüber stand. Trotz dieser so überaus
ungünstigen Verhältnisse sind aus Anlaß dieser Krise bei diesen
Gesellschaften nur zwei Zusammenbrüche erfolgt. Bei diesen 39 Ge-
sellschaften sind eben in den Jahren 1900 und 1901 bei einem Ge-
samtaktienkapitel von 66,18 Millionen Mark, Herabsetzungen, Kapital-
zusammenlegungen, oder Nachzahlungen in der Höhe von 11,792
Millionen Mark durchgeführt worden1).

Dieses Beispiel zeigt also, in welcher Weise sich die
Aktiengesellschaft ganz bestimmter Mittel bedienen kann, um in
den Zeiten einer Depression eintretende Verluste auf breite
Kreise abzuwälzen, ein Verfahren, das der Einzelunternehmung nicht
zu Gebote steht.

Das Dargelegte möge genügen, um zu zeigen, wie ganz ver-
schieden sich die Lage und das geschäftliche Vorgehen der ein-
zelnen Industriezweige und Unternehmungen im Wandel der Kon-
junktur gestaltet, welch verschiedene Politik sie verfolgen, um dabei
ihre geschäftlichen Ziele möglichst vollkommen zu erreichen. Daß
es wirtschaftlich und sozial für den Gang der Volkswirtschaft,
für die Gesamtheit, von der allergrößten Bedeutung ist, welche Wege
hierbei eingeschlagen werden, bedarf keiner weiteren Begründung.
Es sei hier nur nochmals wiederholt, was schon oben gesagt worden
ist, daß dasjenige, was wir als Volkswirtschaft bezeichnen, nichts
anderes ist, als die Gesamtheit aller dieser Einzelhandlungen wirt-

D Sehr. d. V. f. Sp. Bd. 105. S. 244 ff.
        <pb n="193" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

187

schäftender Subjekte, welcher nur diese Einzelhandlungen nicht
isoliert voneinander vornehmen, sondern in dem Zeitalter der Gesell-
schaftswirtschaft, freiwillig oder durch Zwang, durch die zahl-
reichsten Bande imierer und äußerer Natur so miteinander ver-
knüpft sind, daß wir in ihren Endwirkungen diese Einzelhandlungen
als etwas Ganzes und in sich Zusammenhängendes auf fassen
müssen.

Die Unterschiede für das Vorgehen und das Handeln bei den
einzelnen Unternehmungen beruhten auch, vor allem auf der Art
ihrer Organisation, darauf, ob wir es mit Gesellschaftsunter-
mehmungen, oder mit Privatuntemehmungen zu tun hatten. Von
ganz besonderer Wichtigkeit waren dann weiter die ökonomischen
Bedingungen der Produktion, vor allem die Zusammenhänge, welche
'zwischen der Größe des Absatzes und der Höhe der Produktions-
kosten bestanden, oder, anders ausgedrückt, wie sich die eisernen
zu den proportionalen Kosten verhielten. Man kann sagen, daß bei
einer Fabrik im allgemeinen die eisernen Kosten um so höhere sind,
über eine je höhere Kapitalzusammensetzung sie verfügt, d. h. ein
je größerer Teil vom Gesamtkapital das stehende in Anspruch
nimmt, dasjenige, welches in Sachgütern, wie Gebäuden, Maschinen,
Verkehrsmitteln usw., angelegt ist. Demgegenüber setzt sich das
umlaufende Kapital aus den Roh- und Hilfsstoffen der Produktion
und den Beträgen zusammen, welche für Gehälter und Löhne auf-
gewandt werden. Der ökonomische Unterschied beider Arten von
Kapital, vom Standpunkte der Produktion aus gesehen, beruht be-
kanntlich darin, daß das stehende Kapital (auch als Anlage-
kapital bezeichnet) nur allmählich der Abnützung während des
Produktionsprozesses unterliegt, während dies beim umlaufenden
Kapital (auch als Betriebskapital bezeichnet) in der Wirtschafts-
periode der Fall ist, in welcher es in die Produktion eingeht. Geht
der Absatz und mit ihm die Produktion zurück, so kann man un-
schwer das umlaufende Kapital verringern, während dies beim
stellenden Kapital nicht möglich ist. Die Verzinsung, die Amortisa-
tion und Instandhaltung dieses stehenden Kapitals muß bei einer
Verringerung der Produktion von einer kleineren Produktionsleistung
getragen werden. Auch für die Teile des stehenden Kapitals, welche
bei einer Einschränkung der Produktion stille gelegt sind, gilt das
gleiche, wodurch natürlich die Produktionskosten erheblich steigen
müssen.

Unter diesem Gesichtspunkte kann man. es auch leicht ver-
stehen, warum gerade in dieser Hinsicht die Hausindustrie
einen besonderen Typus der gewerblichen Betriebsformen darstellt,
        <pb n="194" />
        ﻿188 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

von der Sombart schreibt, daß es die größere Beweglichkeit der-
selben ist, die sie dem Unternehmer sympathisch macht. „Da fast
alles Kapital umlaufendes Kapital ist, also fast gar keine Fest-
legung bedeutender Kapitalteile erfolgt, so gewährt diese Betriebs-
form dem Unternehmer die Möglichkeit, den Umfang seines
Unternehmens in kurzer Zeit nach Belieben auszudehnen oder ein-
zuschränken. Der hausindustrielle Unternehmer erleidet keinerlei
positiven Verlust, wenn er plötzlich seinen Arbeitern keine Auf-
träge mehr gibt. Es entsteht ihm kein damnum emergens, wie dem
Fabrikanten, dessen fixe Kapitalteile, wenn nicht produktiv ver-
wandt, ihm doch Verzinsungs- und Amortisationskosten ver-
ursachen“1).

Est ist also leicht zu verstehen, warum bei einem Rückgänge
der Konjunktur der hausindustrielle Unternehmer ganz anders vor-
gcdien, eine ganz andere Arbeiterpolitik betreiben kann, als der Be-
sitzer einer Fabrik, und weshalb gerade Saisongewerbe, also solche
mit periodisch wechselnder Konjunktur, sich für den Verlagsbeitrieb
besonders gut eignen.

Wenn man nun all das Gesagte überschaut und bedenkt, daß
von solcherlei Faktoren das Handeln des Unternehmers im Wandel
der Konjunktur in hohem Grade bestimmt wird, daß aber die in-
dustrielle Entwicklung sich in einer Richtung vollzieht, bei der das
Einzelunternehmen in steigendem Maße durch die Aktiengesellschaft
verdrängt wird, und bei welcher das stehende Kapital wesentlich
rascher zunimmt als das umlaufende, so ergibt sich daraus, daß
im Zusammenhänge mit diesen Änderungen auch die Maßnahmen,
welche die Unternehmer im Wandel der Konjunktur einschlagen,
selbst andere werden müssen. Es vollziehen sich hier wichtige Wand-
lungen, welche wir gleich noch genauer kennen lernen werden.

All dasjenige, was bis jetzt in diesem Zusammenhänge be-
sprochen wmrden ist, bezog sich auf die Politik des Unternehmers
während einer bestimmten Konjunktur. Es war das
nur eine bestimmte Einstellung einer gegebenen Marktlage gegen-
über. Es ist nun aber bereits schon eingangs betont worden, als
von dem Normalen im Wirtschaftsleben die Rede war, daß im
Sinne des Regelmäßigen und Durchschnittlichen weder die Hoch-
konjunktur, noch die Depression das Normale seien, sondern daß
ganz allein die Tatsache des Konjunktuiwandels, diese Wellen-
bewegung im Wirtschaftsleben, auf dieses Prädikat des „Normalen“
Anspruch erheben könne. Das Wirtschaftsleben eines Landes ist
nile im Ruhestande befindlich, es ist aus zahlreichen, inneren und

„ l) Sombart, Art. Verlagssystem. Handwörterbuch f. Staatswiss.
3. Aufl. S. 234.
        <pb n="195" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur

189

äußeren Gründen in fortdauernder Bewegung begriffen und eine der
Formen und Wirkungen dieser Bewegung ist auch das Auf und Ab
in der wirtschaftlichen Konjunktur.

Es ist dies eine Tatsache, die sich nicht nur auf Grund einer
wissenschaftlichen Beobachtung ergibt, sondern die allein schon
auf Grund der persönlichen Erfahrung dem Unternehmer in Fleisch
und Blut übergehen muß. Mag den Unternehmer in der Hausse ein
noch so großer Optimismus beseelen, mag er, wie wir noch ge-
nauer sehen werden, noch so sehr mit der Weiterdauer einer vort-
handenen, günstigen Konjunktur rechnen, — was der Mensch
wünscht, das hofft er — so ist er sich 'doch darüber klar, daß auch
Wieder einmal ein Umschwung erfolgen muß. Wir sehen deshalb
auch an deutlich erkennbaren Merkmalen, wie in steigendem Maße
die Unternehmungen diesem drohenden Umschwung und seinen un-
günstigen Folgen Rechnung zu tragen suchen. Sie haben Ver-
anlassung, das in um so ausgedehnterer und gründlicherer Weise zu
tun, je verhängnisvoller ein Rückgang des Absatzes die ganze Lage
und den Ertrag des Unternehmens beeinflussen wird und das wird,
wie wir gesehen haben, in um so stärkerem Maße der Fall sein, eine
je größere Rolle vor allem das stehende Kapital dem umlaufenden
gegenüber spielt. Eine solch hohe Kapitaltechnik stellt eben die
Unternehmungen vor ganz besonders schwierige Aufgaben. Sie er-
schwert nicht nur die Übersichtlichkeit der Marktverhältnisse und
macht es dem Produzenten schwer möglich festzustellen, inwieweit
die Nachfrage nach seinen Erzeugnissen auf einem nachhaltigen un-
mittelbaren Verbrauch oder nur auf einem solchen nach neuen Pro-
duktionsmitteln beruht, also einen mehr oder weniger sporadischen
Charakter tragen kann, eine solch hohe Kapitaltechnik kann vielmehr
auch das Konjunkturrisiko ganz erheblich steigern und damit, wie
wir gesehen haben, bei solchen Unternehmungen eine ganz eigen-
artige Konjunkturpolitik herausbilden.

Wir haben oben bereits an verschiedenen Beispielen kennen-
gelernt, in welch unheilvoller Weise der Konjunkturrückgang um die
Jahrhundertwende die Erträge der deutschen Industrie beeinflußt
hat. Um das noch einmal deutlich hervorzuheben, sei auf
die Aktiengesellschaften in der Wollindustrie, wofür damals Kuntze
in den Sehr. d. V. f. Sp. wertvolle Zusammenstellungen gebracht
hat, hingewiesen. Vom Jahre 1899 auf das Jahr 1900 ging in Pro-
zenten des Aktienkapitals die Dividende zurück: bei sechs Wäsche-
reien und Kämmereien von 14,44 auf 1,79 °/o, bei 35 Spinnereien
von 6,66 auf 1,91 o/0j bei 17 Webereien von 3 auf 2,5 o/o, bei 8 Tuch-
fabriken von 4,62 auf 0,81 o/0, bei 6 Filzfabriken von 10,25 auf
Mombert, Studium der Konjunktur.	13
        <pb n="196" />
        ﻿190 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

5,16 o/o. Von insgesamt 56 Betrieben der Spinnerei und Weberei
zahlten im Jahre 190Ö 36 keine Dividende. Von den Verlusten dieser
Gesellschaften war ja schon oben die Rede gewesen.

Daß auch für andere Branchen die Verhältnisse auch nicht
besser lagen, zeigen für die damalige Zeit die Zusammenstellungen
des Handbuches der deutschen Aktiengesellschaften. Von 5000 Be-
trieben, welche in diesem Handbuche behandelt wurden, blieben
in dem Geschäftsjahre von 1901 auf 1902 nicht weniger als 1869
dividendenlos, während 1003 von diesen Betrieben mit einer Unter-
bilanz abschlossen. Auch bei den übrigen 866 Betrieben, welche
keine Dividende verteilten, traten zum Teil erhebliche Verluste
ein, welche aber meistens durch Heranziehung der Reserven, durch
Zusammenlegung des Aktienkapitals oder durch Zuzahlung auf
dasselbe, bereits vor Abschluß gedeckt worden sind1).

Das frühere .System der Dividenden- und Bilanz-
politik bestand noch in dieser Zeit im allgemeinen darin, daß,
von wenigen Ausnahmen abgesehen, in guten Jahren ein mög-
lichst großer ,Teil des Gewinnes als Dividende ausgeschüttet wurde,
daß man ,in Form von Abschreibungen und sonstigen Rückstellungen
nur sehr ,wenig Vorsorge für die kommenden mageren Jahre traf
und daß sich dann in diesen mit dem Rückgänge des Absatzes, dem
Sinken der Preise und der dadurch bewirkten Gewinnahnahme ein
erheblicher Dividendenrückgang ergab, wie wir ihn eben in so extre-
mer Form bei der Textilindustrie gesehen haben. In den letzten
Jahren vor dem Kriege ist hier ein wesentlicher Wandel eingetreten.
Immer mehr Unternehmungen aller Branchen erblicken ihr Ziel darin,
durch eine vorsichtige Bilanzpolitik die Unternehmungen innerlich zu
kräftigen, ihre finanzielle Lage immer unabhängiger von den Schwan-
kungen der Konjunktur zu machen und somit auch zu einer größeren
Stabilität in der Dividendenausschüttung zu gelangen.

Der Weg, welcher dieses möglich macht, ist der, daß man in
den Jahren einer guten Konjunktur die offenen Reserven mög-
lichst reich dotiert und durch reichliche Abschreibungen
und vorsichtige Bewertung der Aktiven große stille Reserven schafft.
Damit erleidet zwar der in den Jahren der guten Konjunktur sich
ergebende Reingewinn eine scheinbare Verringerung, es wird weniger
an Dividende ausgeschüttet als es möglich gewesen wäre. Solche
Rückstellungen gewähren demgegenüber dann aber auch die Mög-
lichkeit, bei einer Verschlechterung der Konjunktur eine höhere
Dividende zahlen zu können, als es sonst, lediglich nach den Betriebs-
ergebnissen der betreffenden Jahre, der Fall gewesen wäre. Man

U Taeger, a. a. O.
        <pb n="197" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

191

schüttet also in der Hochkonjunktur nicht so viel an Gewinnen aus,
als es möglich wäre, um in den Zeiten der Depression nicht vor die
Notwendigkeit gestellt zu sein, mit der Dividende zu sehr herabgehen
zu müssen. Ein Bild einer solch energischen Abschreibungs- und
Rückstellungspolitik gibt die folgende Zahlenreihe1):

	Betriebsgewinn Millionen Mark			Abschreib., Rück- stellg. u. dergl. Millionen Mark			Dividende  °/o	
	1912/13	gegen  1911/12		1912/13	gegen  1911/12		1912/13	1911/12
Rheinische Stahlwerke Bochumer Verein .	.  Georg-Marien-Hütte  Van der Zypen . . . Maximilianshütte . .	12,21  8.90 5,24 4,52  7.90		[-3,50 -2,10 -1,36 r 1,38 -0,70	6,71  2,50  3,36  2,46  4,97		[-3,29 -0,62 -1,23 -1,27 h 0,69	10  14  5 bzw. 7 12  30V5	10  14  5 bzw. 7 12  30 */.
Zusammen	38,77	-	h 9,04 ü 20,00			h 7,10	—	—

Betrachtet man die Ergebnisse der amtlichen Statistik, wie sie
sich bis zum Jahre 1905 zurück alljährlich im statistischen Jahrbuch
für den preußischen Staat vorfindet, so sieht man deutlich, wie stark
die Reservebildung bei den deutschen Aktiengesellschaften in diesen
letzten Jahren gestiegen ist. Dabei lassen diese Zahlen nur den Be-
trag der offenen, nicht den der stillen Reserven, der wohl noch größer
gewesen ist, erkennen. Während im Geschäftsjahr 1903 auf 1904
auf die Aktiengesellschaften in Preußen bei einem Aktienkapital von
zusammen 6869 Millionen Mark, 1117 Millionen Mark echte Reserven
entfielen, kamen nach den im Jahre 1913 aufgestellten Bilanzen auf
ein Aktienkapital von 11269 Millionen Mark 2450 Millionen Mark
echte Reserven. Der Prozentsatz dieser letzteren hatte sich also in
diesem Zeitraum auf das Aktienkapital berechnet, von 16,3 auf 21,8o/0
gehoben. Wir werden später Gelegenheit haben, in anderem Zu-
sammenhänge auf diese Fragen der Bilanz- und Dividendenpolitik
noch einmal einzugehen.

Je nach der Eigenart und den besonderen Verhältnissen der ein-
zelnen Industrien und Unternehmungen gestalten sich also die
Mittel, welche sie im Wandel der Konjunktur zum Selbstschutz und
zui Anpassung an die neue Lage anwenden, andersartig. Daraus
ergibt sich, daß in der Nachkriegszeit, wo Industrie und Handel
unter dem Einflüsse der Valutakrisen vor ganz aridere und neue
Aufgaben gestellt waren, auch wieder andere und neue Mittel der
Konjunkturpolitik gewählt worden sind.

B Nach der Frankfurter Zeitung, Abendblatt. 15. August 1913.
        <pb n="198" />
        ﻿192 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Von den Preisfestsetzungen nach den Wiederbeschaffungskosten,
von dem Versuche, eine wertbeständige Rechnungseinheit einzu-
führen, war schon oben die Rede gewesen. Die dauernden Schwan-
kungen der Valuta und die damit in Verbindung stehenden sprung-
haften Veränderungen in den Preisen, vor allem bei der Beschaffung
der Rohstoffe, bildeten ein nur schwer zu bewältigendes Hindernis
jeder genaueren Kalkulation, bei der man dann Gefahr laufen mußte,
daß aus der Kalkulation eine in ihren Wirkungen unübersehbare
Spekulation wurde.

So berichtete z. B. der Verein deutscher Eisengießereien in
Düsseldorf für das letzte Vierteljahr 1922: „Vom Ende August ah
mußten die Preise alle 10 Tage und zuletzt alle 7 bis 8 Tage neu
festgesetzt werden, weil der Roheisenverband sich seinerseits auch
nicht für längere Fristen binden konnte. Das Unkostenkonto jeder
Gießerei wurde nicht unerheblich dadurch belastet, daß der schlep-
pende Eingang der Außenstände, Inanspruchnahme von Bankkredit,
Begebung von Wechseln, ferner schriftliche und persönliche Mah-
nungen erforderte1).

Solche Zustände, die für jede Unternehmung, die dabei nicht ge-
nügend vorsichtig vorging, die Gefahr großer Substanzverluste mit
sich brachte, haben nun einmal mächtig zu dem Zusammenschluß
in große Konzerne oder zu Fusionen geführt. Es waren besonders
die Unternehmungen, die auf den Bezug ausländischer Rohstoffe an-
gewiesen waren, die von diesen Gefahren, besonders stark betroffen
wurden. Das gilt besonders von der Textilindustrie, welche in dieser
Hinsicht vor einer sehr schwierigen Aufgabe stand. In einer Zu-
schrift einer Strumpffabrik an die Frankfurter Zeitung hieß es z. B.:
„Der Großhandelspreis für Strümpfe ist in holl. Gulden ausgedrückt
gegenüber dem Vormonat unverändert geblieben. Dieser Preis steht
allerdings nur auf dem Papier. Wegen des ungünstigen Valutastandes
ist der Preis, in Mark umgerechnet, nicht zu erzielen und wenn man
verkaufen will, bleibt nichts anderes übrig, als von der Substanz
zu zehren, weil wir die Rohstoffe nur in fremder Valuta beziehen
können * 2).“

Aus der Begründung für den großen, im September 1922" ent-
standenen Textiltrust führte seinerzeit die Frankfurter Zeitung an,
daß es sich hier um eine Erscheinung handle, welche in den wirt-

*) Frankfurter Zeitung. 2. Morgenblatt, 12. Januar 1923.

2) Frankfurter Zeitung. 1. Morgenblatt, 6. Februar 1923. — Zu dieser Ge-
fahr der Substanzverluste vgl. ferner 1. Frank, Betriebskapital, Waren-
wechsel Und Preisbildung. „Die Gießerei“, Heft 39, 1922, und ferner die im
Dezember 1922 von der Außenhandelsnebenstelle für Wolle herausgegebene
Schrift „Valutagewinne und Substanzverluste“.
        <pb n="199" />
        ﻿2. Die private Unternehmung im Wandel der Konjunktur.

193

schaftlichen Zuständen der Nachkriegszeit ihre Erklärung finde.
Ein solcher Zusammenschluß ermögliche eine Zentralisation des
Einkaufes, und eine Erleichterung der Devisenbeschaffung, die für
inländische Unternehmungen oft eine Quelle dauernder, oft verlust-
reicher Schwierigkeiten sei. „Zu diesen Vorteilen treten, ganz ab-
gesehen von der Verbilligung der Regiespesen der für den Kunden-
kreis der Gesellschaft überaus wichtige, weitere Vorteil hinzu, daß
jede einzelne der angeschlossenen binnenländischen Fabriken sich
nur noch einem örtlich begrenzten Aktionsradius zu widmen brauche,
denn es werde die Zuweisung der Aufträge an jede der zukünftigen
Fabriken durch die Zentralstelle unter dem Gesichtspunkt der Fracht-
ersparnis erfolgen. Die Hamburger Fabriken sollen auf diesem Wege
vom Inlandsgeschäft entlastet werden und so in die Lage kommen,
sich überwiegend dem Exportgeschäft zu widmen.“

Noch weit deutlicher und ausgesprochener finden sich solche
gemeinsamen Abmachungen als Sicherungsmittel gegen die durch
die Valutaschwankungen bedingte Unsicherheit in der Konjunktur-
lage in der deutschen Leinenindustrie, die sich zu diesem Zweck in
dem Röster-Stützvertrag, dem Rohstoffs-Ausgleichsvertrag und dem
Spinner-Webervertrag ein höchst interessantes System von Garantie-
verträgen zum Schutze gegen die Gefahren des Valutarisikos ge-
schaffen hat, ein System, das sich als eine Art von Interessen-
gemeinschaft, wenn auch in sehr loser Form, darstellt. An dieser
Stelle kann aus diesen komplizierten Abmachungen, die sich als
ausgesprochene Maßnahme einer wohlüberlegten Konjunkturpolitik
darstellen, nur das allerwichtigste hervorgehoben werden* 1).

Bei dem Röster-Stützvertrag handelt es sich um eine Garantie
für die Landwirte für den lohnenden Absatz ihrer Flachsernte. Durch
Garantien der weiterverarbeitenden Industrie sollte den Rost- und
Aufbewahrungsanstalten 'die Abnahme des von ihnen aufgekauften
Flachses in einem ganz bestimmten Ausmaße sicher gestellt werden.
Der noch interessantere Rohstoff-Ausgleichsvertrag hatte die Auf-
gabe, die jeweilige Konjunktur in gewissem Sinne aufzufangen. Es
handelt sich hierbei um ein recht kompliziertes Vertragsgebilde mit
dem Ziele einer Regulierung und Stabilisierung der Preise. Die
deutschen Flachsspinnereien erhellten von der deutschen Flachsbau-
gesellschaft den Flachs aus der deutschen Ernte zu ganz bestimmten
Einheitspreisen geliefert, gleichgültig, wie hoch sich die den Schwan-

U Genauer darüber W. M e y, Die Rohstoffversorgung der deutschen Leinen-
uidustrie vor, in und nach dem Weltkriege. Dissertation. Freiburg 1922. —

I. Castendyck, Die Organisation der deutschen Flachs- und Leinenwirt-
schaft nach dem Kriege. Dissertation. Gießen 1923. Beide als Manuskript.
        <pb n="200" />
        ﻿194 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

kungen der Valuta unterworfenen Marktpreise stellen. Die Preis-
differenz trägt dabei di© Leinengarnabrechnungsstelle, lau welche
dafür die Spinner, ebenfalls zu einem festen Einheitspreise, in
welchem die immer wieder neu zu errechnenden, also variablen
Spinnkosten als Zuschläge enthalten sind, ihr fertiges Produkt ab-
zuliefern haben.

In dieser Weise ist den Spinnern eine von den Schwankungen
der Valuta unabhängige, risikolose Beschäftigung gewährleistet. Die
Leinengarnabrechnungsstelle kommt auf diese Weise immer wieder
in den Besitz der an die Spinner verbilligt abgegebenen Rohstoffe.
Der für diese Abrechnungsstelle so eventuell entstehende Verlust in
der Differenz zwischen den Einkaufs- und Verkaufspreisen des
Flachses wird dann durch den Verkauf der Game an die Webereien
gedeckt, die dafür ebenfalls einen einheitlichen Preis zu zahlen
haben.

Die großen Vorteile dieser, in ihren Einzelheiten überaus ver-
wickelten Abmachungen, liegen also darin, daß damit der Rohstoff-
bezug zu stabilen Preisen und damit eine genaue Kalkulation mög-
lich wird und daß so, um mit Mey zu reden „die derzeitigen Valuta-
schwankungen, die z. B. in der Baumwollindustrie von Tag zu Tag

alle Berechnungen umwerfen........... an der Leinenspinnerei relativ

unbemerkt und spurlos“ vorübergegangen sind.

Wenn trotzdem plötzliche Steigerungen der Inlandsflachspreise
eintreten, dann fängt dieser Rohstoffausgleich wenigstens den ersten,
kräftigsten Stoß einer derartigen Preiserhöhung auf und schützt die
Spinner in wirksamer Weis© vor den unmittelbaren Folgen akuter
Preisschwankungen. Durch Ansammlung großer Reserven aus den
Garnverkäufen schafft dann darüber hinaus dieser Rohstoffausgleich
noch die Mittel, um die durch Konjunkturumschläge gelegentlich
entstehenden Verluste decken zu können.

Das dritte und letzte Glied in diesem System von Garantie-
verträgen ist dann der Spinner-Webervertrag. Das ökonomisch
Wesentlichste dieser, in sich wieder sehr komplizierten Abmachun-
gen, ist der sog. Garn-Abnahmevertrag, in welchem sich die reinen
Spinnereien zum Verkauf und die Leinengarnabrechnungsstelle dem-
entsprechend zur Abnahme eines bestimmten Teiles der erzielten
Gesamterzeugung dieser Betriebe verpflichten.

In diesem System von Abnahme- und Garantieverträgen haben
wir es mit einem sehr fein durchdachten Mittel zu tun, um damit
den für die Einzelwirtschaften so verhängnisvollen Wirkungen des
Auf und Ab in der Valuta auszuweichen.
        <pb n="201" />
        ﻿Bik 541	!V&gt;. 2.46.

3. Die Tätigkeit von Staat und Gemeinden im Wandel der Konjunktur. 195

3. Die Tätigkeit ron Staat und Cremeinden im Wandel
der Konjunktur.

So sehr das ganze Verhalten des einzelnen Unternehmers von
einer bestimmten Konjunktur, von einer gegebenen Marktlage auch
diktiert ist, soviel sich über dieses Verhalten auch sagen läßt, so
mannigfaltig dieses auch ist, so einfach sind demgegenüber dann die
Maßnahmen, welche von seiten der öffentlichen Körperschaften und
ihrer Organe erfolgen können, um den Schäden und Nachteilen einer
bestimmten Wirtschaftslage entgegenzutreten. Auch hier handelt
es sich natürlich im wesentlichen nur um eine Bekämpfung und
Milderung derjenigen Not- und Mißstände, wie sie in Zeiten einer
rückläufigen Konjunktur oder einer Wirtschaftskrise aufzutret§n
pflegen.

Dabei sollen an dieser Stelle nur diejenigen Maßnahmen be-
sprochen werden, welche den Zweck haben, die Nachteile einer un-
günstigen Wirtschaftslage zu mildern und zu bekämpfen. Von den-
jenigen Maßregeln, welche den Zweck verfolgen, mittelbar oder .un-
mittelbar auf den Konjunkturwandel als solchen einzuwirken, wird
in dem folgenden Abschnitte die Rede sein. Es sei noch einmal daran
erinnert, daß bei der Konjunkturpolitik zwei Aufgaben kreise
scharf voneinander zu trennen sind: einmal das Verhalten einer
bestimmten vorhandenen Konjunkturlage gegenüber, und dann die
Maßnahmen, welche den Zweck verfolgen, auf den Ablauf der Kon-
junktur als solcher einzuwirken. Diese Teilung gilt in gleicher Weise
von dem einzelnen Unternehmer, wie auch von Staat und Gemeinde.

Unter denjenigen Maßnahmen, welche also den Zweck verfolgen,
einer gegebenen Konjunkturlage gegenüber helfend und ausgleichend
einzugreifen, kommen zunächst die Mittel und Wege in Frage, welche
den öffentlichen Körperschaften zu Gebote stehen, um den ersten
großen Erschütterungen, welche jede Krise auf dem Geldmärkte her-
vorruft, der Zerrüttung des Kredits und dem Schwinden des allge-
meinen Vertrauens, entgegenzuwirken. Je nach der Geldverfassung
eines Landes kann es sich dabei um Maßnahmen der staatlichen
Gesetzgebung und Verwaltung, oder auch um Maßnahmen der Noten-
bank handeln, und je nach der Verfassung dieser Notenbank können
derartige Maßnahmen einen mehr oder weniger ausgesprochen
staatlichen Charakter tragen. In allen Fällen handelt es sich aber
darum, das Vertrauen, den Kredit, der in einer solchen Zeit schwere
Erschütterungen erlitten hat, zu stützen und neu zu festigen.

Hierbei kommen einmal besondere Hilfsaktionen der Noten-
banken in Frage. Diesen Aktionen pflegen sich dann auch in der
Regel die Kreditbanken anzuschließen, und zwar in der Form, daß
        <pb n="202" />
        ﻿196 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

sie, um bei größeren Zusammenbrüchen einem weiteren Umsich-
greifen derselben und einer allgemeinen Panik vorzubeugen, zu um-
fassenderen Interventionen schreiten. Aus Zweckmäßigkeitsgründen
soll also an dieser Stelle auch die entsprechende Tätigkeit der Kredit-
banken mitbehandelt werden, wenn es sich auch dabei nur um ein
Eingreifen privater und nicht öffentlicher Körperschaften handelt.

Als im Jahre 1901 die Leipziger Bank zusammenbracb, war die
Folge eine schwere Erschütterung des Wirtschaftslebens. Eine große
Anzahl von Geschäftshäusern, welche mit der Batik in geschäftlichen
Beziehungen gestanden hatten, gerieten in ernstliche finanzielle
Schwierigkeiten. Bei einzelnen sächsischen Banken wurden innerhalb
weniger Tage von den Einlegern Millionen an Beträgen zurück-
gefordert. Wenn die Panik nicht weiter um sich griff, wenn bald
wieder eine Beruhigung eintrat, so war dies' vor allem dem tatkräf-
tigen Eingreifen der Reichsbank zu danken. Die Handelskammer in
Kassel schrieb in ihrem Berichte für das Jahr 1901 darüber:

„Ohne einen Rückhalt an der Reichsbank hätten alle Bemühun-
gen (der Großbanken) der Krisis nicht Einhalt tun können. Die
Reichsbank hat in dieser Zeit gezeigt, daß sie im wahrsten Sinne
des Wortes das Rückgrat unseres Geldwesens bildet, und daß unser
Wirtschaftskörper auch bei den schwersten Krisen an ihr einen un-
bedingt festen Halt findet. Das Verhalten der Reichsbank kann
nicht genug als mustergültig hervorgehoben werden: weit entfernt,
ihre Diskontierungen einzuschränken, hat sie ihren Kredit einem
jeden, der ihn bedurfte, zur Verfügung gestellt, und hat selbst trotz
der enormen Inanspruchnahme ihrer Mittel am 1. Juli an dem be-
stehenden Diskontsatz festgehalten, um nicht durch Heraufsetzen
des Satzes die Krisis gewissermaßen zu dokumentieren und dadurch
die Verwirrung zu vermehren1).“

In anderen Formen geschah das gleiche in den Vereinigten
Staaten von Amerika, als dort im Jahre 1907 mit dem Ausbruch
erheblicher wirtschaftlicher Störungen in großem Umfange eine
Thesaurierung der Barmittel eintrat. Es herrschte sogleich ein großer
Mangel an solchen Barmitteln, und bei der mit der Krise zusammen-
hängenden Erschütterung des Kredits gerieten die Banken in Schwierig-
keiten, dem Geldmärkte die verlangten Umlaufsmittel für die Zwecke
des Wirtschaftslebens im nötigen Umfange zur Verfügung zu stellen.
In dieser schwierigen Lage hat damals neben der Selbsthilfe, welche
z. B. in Form der Clearinghouse-Zertifikate dem Zahlungsverkehr
Ersatzmittel zur Verfügung stellte, die Bundesregierung in entschie-

J) Schulze, a.a.O. S.90.
        <pb n="203" />
        ﻿3. Die Tätigkeit von Staat und Gemeinden im Wandel der Konjunktur. 197

dener Weise eingegriffen. Um die Bedürfnisse an Umlaufsmitteln
befriedigen zu helfen, hat das amerikanische Schatzamt damals die
Barmittel der Banken durch Hinterlegung großer Beträge an Re-
gierungsgeldern gestärkt. Die Mittel dazu hatte die Regierung aus
ihren Einnahmen an Steuern und Zöllen zur Verfügung. Als aber
diese Mittel auch nicht genügten, da gab die Regierung Anleihen
aus, um so einmal die aus Angst versteckten Gelder herauszulocken,
die aber dann auch dazu bestimmt waren, durch Hinterlegung bei
den Banken diesen eine Erweiterung der Notenausgabe zu ermög-
lichen und so den Bedarf an Umlaufsmitteln zu verstärken1).

Diese beiden Beispiele zeigen also, nach welchen Richtungen
hin bei solchen krisenhaften Erschütterungen des Wirtschaftslebens
Maßnahmen des Staates oder der Notenbank, die ja keineswegs
überall ein staatliches Institut zu sein braucht, nützlich sein können.
Es handelt sich in allererster Linie darum, das erschütterte Ver-
trauen zu stützen, um so einem Umsichgreifen der Panik vorzu-
beugen. Nach der gleichen Richtung hin bewegen sich natürlich
auch die Aufgaben der Kreditbanken. Unsere großen Kredit-
banken sind einzeln und erst recht in ihrer Gesamtheit heute solche
Mächte im Wirtschaftsleben, können einen solchen Einfluß auf den
Geldmarkt und auf die Börse ausüben, dah sie sehr wohl dazu im-
stande sind, bei solchen krisenartigen Erschütterungen durch Inter-
ventionen der verschiedensten Art beruhigend und stützend einzu-
greifen. Daß dieses bisher schon häufig geschehen ist, dafür ließen
sich aus der deutschen Bankgeschichte mancherlei Beispiele bringen.
Handeln doch auch die Kreditbanken im wohlverstandenen eigenen
Interesse, wenn sie, selbst unter beträchtlichen Opfern, einem Um-
sichgreifen einer solchen Panik vorzubeugen suchen.

Man muß nämlich immer davon ausgehen, daß solche Rückgänge
in der Konjunktur, vor allem, wenn sie in der scharfen Form einer
ausgesprochenen Krise auftreten, vielfach in der Nichterfüllung
kontraktlicher Verbindlichkeiten der Zahlung gegen den Gläubiger
auf der Basis vorhandener Kreditverhältnisse zum Ausdruck kommen,
wie es Adolf Wagner einmal bezeichnet hat2). Die meisten
Krisen münden in diesem Sinne in eine Kreditkrise aus. Wenn ein-
mal eine Krise mit solchen Wirkungen ausgebrochen ist, wenn, wie
es früher fast immer der Fall war, wie es sich dann wieder in den
Vereinigten Staaten im Jahre 1907 wiederholte, ein Zustand all-
gemeiner Kreditlosigkeit eintritt, dann kann allein dadurch geholfen

U Vgl. dazu Hasenkamp, u. Schuhmacher, a. a. 0.

.	) Art. Krisen in Rentschs Handwörterbuch d. Volkswirtschaftslehre.

Leipzig 1866.
        <pb n="204" />
        ﻿198 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

werden, daß alle dazu fähigen Instanzen, vor allem Notenbanken
und Kreditbanken, welche irgendwie in der Lage dazu sind, Kredite
zu gewähren, dies der solventen Geschäftswelt gegenüber im aus-
giebigsten Maße tun und damit mit ihrem Kredit die Lücke aus-
füllen, welche im Zusammenhang mit der Krise und der Panik in
der Kreditgewährung dadurch entstanden ist, daß die Gewährung
privaten Kredites solche Einschränkungen erfahren hat.

In dieser Hinsicht haben gerade auch die Kreditbanken in solchen
Zeiten wichtige und große Aufgaben zu erfüllen. Es gäbe für sie
keine falschere Politik, vom Standpunkt ihrer eigenen Interessen,
aber auch vom Standpunkt derjenigen der Volkswirtschaft aus be-
trachtet, als wenn sie beim Ausbruch einer solchen Krise, wie jeder
private Geschäftsmann, ängstlich und engherzig den Daumen auf den
Geldbeutel halten wollten. Damit würde eine eingetretene Panik nur
noch an Ausdehnung und Stärke gewinnen, während die Erfahrung
zeigt, daß eine weitherzige Kreditgewährung der Banken imstande
ist, in relativ kurzer Frist das erschütterte Vertrauen wieder her-
zustellen.

Freilich sind die einzelnen Banken in solchen Zeiten keineswegs
immer stark genug, dies aus eigener Kraft zu tun. Vor allem waren
sie dazu in früheren Zeiten viel weniger imstande als heute. In
solchen. Fällen ist es dann eben vor allem die Aufgabe des Staates
und der Notenbanken, in irgendeiner Weise helfend einzugreifen,
auch die übrigen Banken sogar zu stützen.

Klassische Beispiele dafür bietet die Geschichte der engli-
schen Wirtschaftskrisen in den ersten zwei Dritteln des
vorigen Jahrhunderts. Es sei an dieser Stelle auf diese Zusammen-
hänge bei der englischen Wirtschaftskrise im Jahre 1857 etwas
genauer eingegangen. Als in diesem Jahre in England im Zusammen-
hänge auch mit wirtschaftlichen und politischen Störungen im Aus-
lande, eine schwere Wirtschaftskrisis ausbrach, als damals zahlreiche
Geschäftshäuser ihren Bankerott erklären mußten und die Kredit-
verhältnisse des Landes sich einem äußerst kritischen Zeitpunkte
näherten, als auch die Banken nicht mehr stark genug waren, mit
ihren Mitteln Hilfe zu gewähren, da war es die Bank von England,
welche für alle zur Erlangung von Wechselkredit die letzte Zufluchts-
stätte wurde. Ihre Barbestände und ihre Reserven nahmen damals
ebenso sehr und schnell ab, wie ihr Bestand an Wechseln eine Zu-
nahme erfuhr. Die folgende Tabelle hat die Aufgabe, diese Ent-
wicklung in dem Status der Bank von England in den krisenhaften
Monaten dieses Jahres kurz darzustellen.
        <pb n="205" />
        ﻿3. Die Tätigkeit von Staat und Gemeinden im Wandel der Konjunktur. 199

Es betrug bei der Bank von England im Jahre 1857:

Am	Der Bar- bestand	Die Reserven	DerWechsel-  bestand	Der  Diskont
	£	£	£	
5. September . . . 24.	...  18. Oktober ....	10 836 410  8 777 105  6 079 595	6 719 473 4078 429  1 552 686	18 351990  20 404 597  30 299 270	öVIo  8° Io  10°/o

Die Gefahr lag für die Bank nahe, daß in ganz kurzer Zeit ihre
Barmittel zu Ende gingen und daß sie nicht mehr in der Lage war,
auch weiterhin ihre Aufgabe dem Zahlungsverkehr gegenüber zu
erfüllen, was für das englische Wirtschaftsleben die verhängnis-
vollsten Folgen hätte haben müssen.

Hier griff nun, wie schon einmal bei einer früheren Krisis in
den vierziger Jahren, die Regierung ein. Die Peelsche Bankakte,
Svelche der Bank von England verbot, ohne eine bestimmte Gold-
deckung ihre Notenausgabe zu vergrößern, wurde von der Regierung
suspendiert. Die Bank war damit in die Lage versetzt, ohne ferner-
hin an diese, bisher sehr starre Grenze, der Notendeckung gebunden
zu sein, weitere Noten auszugeben und so das ihr zuströmende
Wechselmaterial in vollem Umfange aufzunehmen. Mit der Sus-
pension dieser Bankakte, d. h. mit der Tatsache, daß nun alle Welt
wußte, daß die Bank von England weiterhin in der Lage war, den
Bedürfnissen des Landes entsprechend, Kredit zu gewähren, kehrte
sehr rasch das allgemeine Vertrauen zurück. Nach wenigen Wochen
war die Krisis beendet, und schon zu Anfang des Jahres 1858 konnte
die Bank von England ihren Diskont wieder auf 3 o/o herabsetzen.
Es hatte sich hier um Maßnahmen gehandelt, die grundsätzlich dem
gleichen Zwecke dienten, wenn sie sich auch in ganz anderen Formen
abspielten, als das oben geschilderte Vorgehen der deutschen Reichs-
bank im Jahre 1901 und dasjenige der amerikanischen Regierung
im Jahre 1907.

Auf ähnlichen Beweggründen beruhen auch vielfach die Mora-
torien (auch als Indult bezeichnet). Es sind dies Akte der Staats-
gewalt, welche den Zweck haben, während einer kurzen Übergangszeit
den Schuldnern eine Frist zur Bezahlung ihrer Ausstände zu geben
und damit einem allgemeinen Zusammenbruch vorzubeugen. Solche
Moratorien in sehr erheblichem Umfange kommen häufig nach
Kriegen vor (1870/71 in Frankreich), sie können aber auch in Zu-
ständen wirtschaftlicher Not eintreten. Das war z. B. in Portugal
        <pb n="206" />
        ﻿200 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

der Fall, als dort im Jahre 1891 ein solches Moratorium in der Dauer
von 60 Tagen eingeführt wurde.

Mit solchen Maßnahmen, die dazu bestimmt sind, in Zeiten einer
Krise einer Ausdehnung der Panik vorzubeugen, und beruhigend
auf den Geldmarkt einzuwirken, sind wohl die wichtigsten Aufgaben
dargelegt, welche Staat und Notenbank in solchen Zeiten haben.
Weitere Maßnahmen, welche bei solchen krisenhaften Erschütterun-
gen des Wirtschaftslebens überhaupt in den Zeiten der Depression
von den öffentlichen Körperschaften getroffen werden können», be-
ziehen sich darauf, daß in solchen Zeiten von diesen Stellen aus
nach Möglichkeit an die Industrie Aufträge hinausgegeben werden,
um damit die Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeit zu steigern.
Das gilt einmal von dem Ablauf der Konjunktur selbst in dem eben
bisher dargelegten Sinne. Das gilt aber auch von den periodischen
Schwankungen, welche sich in dieser Hinsicht in den einzelnen
Monaten des Jahres zeigen.

Schon im Jahre 1894 hat der preußische Minister des Innern
eine Verfügung, an alle Kreise und Gemeinden erlassen, in der es
heißt: „Wie der Staat, so hätten auch die kommunalen Ver-
tretungen in ihrer Eigenschaft als Arbeitgeber die Pflicht, der
Arbeitslosigkeit dadurch nach Kräften entgegen zu wirken, daß
sie allgemein und planmäßig auf eine zweckmäßige
Verteilung und Regelung der für ihre Rechnung aus-
zuführenden Arbeiten Bedacht nähmen. Insbesondere sei
darauf zu sehen, daß die Arbeiten, die nicht unbedingt an
die Jahreszeit oder an bestimmte Termine gebunden
seien, möglichst in solche Monate verlegt würden, in denen
ein Mangel an Arbeitsgelegenheit herrsche1).“

Im Zusammenhang mit diesen Tendenzen stehen dann die Not-
standsarbeiten, welche in vielen Städten in solchen Zeiten vorge-
nommen werden. Bei einer Umfrage im Jahre 1903 ergab sich,
daß von 57 größeren Städten, welche befragt worden waren, 46 in
größerem Umfange solche Notstandsarbeiten eingerichtet hatten.
Neuerdings haben dann bei uns diese Notstandsarbeiten durch Ein-
richtung der sogenannten produktiven Erwerbslosenfür-
sorge eine, vom Standpunkt der Volkswirtschaft aus, zweckmäßigere
Ausgestaltung erfahren. Es handelt sich dabei darum, die Mittel,
welche bis dahin in Form solcher Notstandsarbeiten den Arbeits-
losen bisher ohne jede Rücksicht auf die dadurch bewirkte produk-
tive Leistung zur Verfügung gestellt wurden, in einer Weise zu ver-

l) Handwörterbuch der Staatswissenschaften. 3. Aufl. Art.: Arbeits-
losigkeit u. Arbeitslosenversicherung. S. 1114.
        <pb n="207" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunktnrwandels.

201

wenden, daß diese Mittel planmäßig und durchdacht der Hebung
der Produktion nutzbar gemacht werden. Das Reichsarbeitsblatt
berichtete regelmäßig in eingehenden Übersichten, in welcher Weise
bei uns diese produktive Erwerbslosenfürsorge zur Anwendung ge-
langte.

4.	Die Prognose des Kon.jimkturwamlels.

Was bis jetzt als Teil der Konjunkturpolitik besprochen wurde,
ging lediglich vom Standpunkt der zu einer bestimmten Zeit vor-
handenen Konjunkturlage aus und hatte nur das Verhalten des Unter-
nehmers, der Banken und der öffentlichen Körperschaften dieser
bestimmten Marktlage gegenüber zum 'Gegenstand. Nur einige
Ausführungen, wie vor allem diejenigen über die Bilanz- und Divi-
dendenpolitik bezogen sich darauf, wie sich die einzelnen Unter-
nehmungen bereits während einer günstigen Konjunktur einem
kommenden Konjunkturumschlag gegenüber vorsehen. Dabei werden
aber diese Vorsichtsmaßnahmen, welche sich in der geschilderten Art
der Bilanzpolitik ausdrücken, schlechthin getroffen, um für alle Fälle
gerüstet zu sein, nicht, weil man aus irgendwelchen. Symptomen
auf einen baldigen Umschwung [der Konjunktur nach der ungünstigen
Seite hin schließen zu müssen glaubt.

Konjunkturpolitik in einem ganz anderen Sinne
ist es aber, wenn man darunter einmal die Möglichkeit versteht,
einen kommenden Umschwung in der Konjunktur möglichst früh-
zeitig zu erkennen und sich darauf einzurichten und darunter weiter
alle die Maßnahmen begreift, welche geeignet sind, einen Einfluß auf
diesen Konjunkturumschwung auszuüben, und ihm nach Möglichkeit
seine, für das Wirtschaftsleben so verhängnisvollen Folgen zu
nehmen, ja soweit durchführbar, durch geeignete Maßnahmen die
Schärfe eines solchen Umschwunges zu mildern und damit das Auf
und Al) im Wirtschaftsleben gleichmäßiger zu gestalten.

Es sind also verschiedene Probleme, welche es im folgenden zu
behandeln gilt. Alle Konjunkturpolitik in diesem vorbeugenden
Sinne muß zuvörderst Konjunkturprognose sein, indem sie
bestrebt sein muß, möglichst frühzeitig die Anzeichen eines kommen-
den Konjunkturumschwunges zu erkennen. Je frühzeitiger und je
vollkommener dies möglich ist, um so leichter und um so erfolg-
reicher werden alle Maßnahmen sein, den Wirkungen oder dem
Eintreten eines solchen Umschwunges entgegen zu arbeiten. Die
Möglichkeiten und die Mittel einer solchen Prognose werden wir
zuerst zu besprechen haben.

Die zweite Frage, die es dann zu behandeln gilt, ist die, welche
        <pb n="208" />
        ﻿202 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Mittel und Wege es gibt, einem solchen Konjunkturumschwung ent-
gegenzuwirken, welche Möglichkeiten hier der einzelne und welche
•die Gesamtheit zur Lösung dieser Aufgabe hat. Die dritte und letzte
Frage, welche sich dann noch ergibt, in welcher Weise beim Eintritt
eines solchen Umschwunges dessen ungünstige Wirkungen gemildert
werden können, ist oben schon behandelt worden.

Daß es sich bei all diesen Fragen vor allem um den Übergang
von der Hochkonjunktur zur Depression handelt, nur um den Nieder-
gang, nicht um den Wiederaufstieg des Wirtschaftslebens, liegt auf
der Hand. Es wäre sinnlos, von einer Konjunkturpolitik in dem
Sinne sprechen zu wollen, daß man dabei die Absicht hat, einem
Wiederaufschwung vorzubeugen. Nur in einem Sinne gehört auch
die Betrachtung der Hochkonjunktur in den Bereich dieser Probleme.
Auch von der Hausse gilt nämlich der Ausspruch des Dichters:

,,Je hüh’r ein Haupt, je meinen Blitzen näher!“

Je hochgetriebener die Hausse ist, je umfangreichere Neuanlagei}
und Neugründungen stattgefunden haben, je höher die Preise und
die Gewinne gewesen sind, in je stärkerem Maße die Spekulation
diese günstigen Chancen auszunützen versucht hat, um so unheil-
voller kann der Niedergang werden, um so mehr kann die Depression
den Charakter einer ausgesprochenen Wirtschaftskrise annehmen.
Die vornehmste und wichtigste Aufgabe aller Konjunkturpolitik in
dem Sinne, in welchem sie an dieser Stelle gefaßt wird, kann es
immer nur sein, die Wellenbewegungen im Wirtschaftsleben abzu-
flachen und damit dessen Gang auf die Dauer in gleichmäßigere
und ruhigere Bahnen zu lenken. Diesem Ziele dienen nicht nur die
Mittel, dem Niedergang des Wirtschaftslebens, dem Eintreten einer
Depression vorzubeugen, sondern auch alle die Maßnahmen, welche
geeignet sind, alle Übertreibungen vor allem auch solche spekulativer
Natur, während der Hausse zu bekämpfen. Vom volkswirtschaftlichen
und sozialen Standpunkt aus kann das Ideal immer nur in einem
möglichst ruhigen und gleichmäßigen Ablauf des Wirtschaftslebens
liegen und in diesem Sinne gehört auch die Beeinflussung der
Haussebewegung in den Rahmen dieser Konjunkturpolitik.

Wir haben oben eingehend die Merkmale des Auf und Ab im
Wirtschaftsleben auf den allerverschiedensten Gebieten kennenge-
lernt. Damals hatte es sich darum gehandelt, die vollzogenen Wand-
lungen und ihre Wirkungen festzustellen. Bei der Prognose der
Konjunktur handelt es sich dagegen darum, die Symptome, die An-
zeichen eines bevorstehenden Umschwunges der Konjunktur, kennen-
zulernen. Genügte es für die erstgenannte Aufgabe, wie schon oben
        <pb n="209" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunkturwandels.

203

hervorgehoben, mit groben Jahresdurchschnitten 'zu arbeiten, so be-
darf es bei der 'Konjunkturprognose feinerer Methoden. Es ist hier
notwendig, die Anzeichen dieser Wandlungen im Wirtschaftsleben
für kürzere Zeiträume, für Wochen und Monate, zu betrachten, wenn
man nicht Gefahr laufen will, daß der Gang der Ereignisse die Fest-
stellung ihres Herannahens überholt.

Es handelt sich hier um das so wichtige und doch so wenig
systematisch ausgebaute Gebiet der Konjunkturberichter-
stattung und systematischen Konjunkturerforschung. Was wir in
dieser Hinsicht bis vor dem Kriege hatten, waren, abgesehen von den
Berichten unserer großen Tageszeitungen und mancher Zeitschriften,
vor allem nur die periodischen Veröffentlichungen des wirtschafts-
statistischen Bureaus von Richard Calwer1). In diesen Veröffent-
lichungen sollte systematisch Konjunkturstatistik und Konjunktur-
berichterstattung gegeben werden, um damit die Voraussetzungen
einer Konjunkturprognose schaffen zu helfen. Daneben liefern dann
noch eine Reihe von Zeitschriften und Tageszeitungen wertvolles
Material zur Konjunkturbeobachtung, wenn auch natürlich keines-
wegs in solch umfassender und systematischer Weise. Von Zeit-
schriften gehörten hierher vor allem der deutsche Ökonomist, der
Plutus, „Der Wirtschaftsdienst“, die vom Statistischen Reichsamt her-
ausgegebene Zeitschrift „Wirtschaft und Statistik“, die Bank und die
wirtschaftliche Chronik (Beilage zu den Jahrbüchern für National-
ökonomie und Statistik), von Zeitungen vor allem die Frankfurter
Zeitung, das Berliner Tageblatt, die Vossische Zeitung, der Ber-
liner Börsenkurier, die Kölnische Zeitung und die Kölnische Volks-
zeitung. Nach dem Kriege ist dazu auch noch die Industrie- und
Handelszeitung getreten. Auch auf die Konjunkturtafeln des Ver-
eins deutscher Ingenieure, welche in der von diesem heraus-
gegebenen Zeitschrift erscheinen, sei an dieser Stelle hingewiesen.
Diese Aufzählung soll natürlich keineswegs erschöpfend sein, sondern
nur das allerwichtigste herausheben. Wertvolle und brauchbare Mit-
teilungen enthalten dann auch noch nach der genannten Seite hin die
Jahresberichte der Banken und Industriegesellschaften, und die
Belichte der Handelskammern.

) Es wurde von ihm herausgegeben: Eine werktäglich erscheinende
Arbeitsmarkt-Korrespondenz, eine ebenso erscheinende Wirtschaftskorrespon-
denz, wirtschaftliche Tagesberichte, wirtschaftsstatistische Monatsberichte,
Monatsberichte über die Lage im Holz-, Bau-, Transport- und Verkehrs-
gewerbe, monatliche Übersichten über die Preise der Lebensmittel. Ferner
die Wochenschrift: Die Konjunktur, sodann das „Wirtschaftsjahr“ mit
Jahresberichten über den Wirtschafts- und Arbeitsmarkt und das Jahrbuch
der Weltwirtschaft.
        <pb n="210" />
        ﻿201 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Auch in anderen Ländern ist man dazu gekommen, solch systema-
tische Konjunkturuntersuchungen mit dem ausgesprochenen Zweck
einer Konjunkturprognose vorzunehmen. Das ist vor allem in den
Vereinigten Staaten und in England in sehr tief eindringender Weise
geschehen. In den Vereinigte^ Staaten ist an der Harvard-Universität
das „Committee of Economic Research“ geschaffen worden, das
seit dem Jahre 1917 solche Untersuchungen vornimmt und sie in
wöchentlichen Berichten unter dem Titel „Harvard Economic Ser-
vice“ veröffentlicht. Für England werden entsprechende Untersu-
chungen von dem „London and Cambridge Economic Service“ vor-
genommen. Beide Forschungsstellen arbeiten dabei enge zusammen.

Beide Male handelt es sich darum, möglichst einwandfreie An-
haltspunkte für die kommende Konjunkturentwicklung zu gewinnen,
und zwar mit dem ausgesprochenen Zwecke, den Praktikern des
Wirtschaftslebens die Möglichkeit zu geben, sich auf die kommen-
der Veränderungen in ihren Dispositionen einzurichten. Die ameri-
kanische Forschungsstelle vergleicht dabei drei Entwicklungsreihen
miteinander: 1. diejenigen Tatsachen, aus denen sich, wie aus den
Bankguthaben, dem Umfang der lombardfähigen Lagerbestände bei
bestimmten Unternehmungen, den Kursen von Wertpapieren ein
Bild von den Ansichten und Absichten der Geschäftswelt geben
läßt, 2. Tatsachen, welche den Umfang der eigentlichen Geschäfts-
tätigkeit widerspiegeln, wie Warenpreise, Roheisenerzeugung und
Abrechnungsverkehr der Banken und 3. diejenigen Erscheinungen,
welche ein Bild der Gestaltung des Geldmarktes geben, wie die Höhe
des Wechseldiskonts, der Umfang der Bankkredite und Bankdepo-
siten 1).

Die neuere Konjunkturforschung hat als Maßstab der Entwicklung
besonders konjunkturempfindliche Waren ausgewählt. Als solche
betrachtet das Harvard-Institut z. B. Baumwollsaatöl, Koks, Stabeisen,
Roheisen, Rohseide, Schlachtschweine, Häute, Kattun, Leinen und
Wollgarn. Auch das Statistische Reichsamt untersucht die Preis-
bewegung solcher besonders konjunkturempfindlicher Waren). Frei-
lich müssen hierbei diejenigen Untersuchungen, denen es nur darauf
ankommt, eine bestimmte Konjunkturentwicklung zu konstatieren,
scharf von denjenigen geschieden werden, welche auf diese Weise
eine Konjunkturvoraussage ermöglichen, also dem Praktiker des
Wirtschaftslebens bestimmte Anhaltspunkte dafür geben wollen, wie

!) Vgl. eingehender darüber den instruktiven Aufsatz von H. D. Brasch:
„Wirtschaftsberichte und Konjunkturvoraussage“ in „Technik und Wirt-
schaft", 17. Jahrg. 1924. S. 104.

2) Vgl. dazu „Wirtschaft und Statistik“. 4. Jahrg. 1924. S. 610.
        <pb n="211" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunkturwandels.

205

sich die Zukunftsaussichten gestalten werden. Auch bei den ame-
rikanischen Untersuchungen spielen gerade bei dieser Frage die
Veränderungen am Kapital- und Geldmarkt eine besondere Rolle.

Das tiefere Eindringen in die Probleme der Konjunkturent-
wicklung hat dann, ebenfalls von Amerika ausgehend, zu einer weite-
ren Unterscheidung geführt, welche für die Konjunkturbeobach-
tung mit dem Zweck einer Konjunkturprognose von beträchtlicher
Bedeutung ist. Man beobachtet nicht mehr, wie früher, die Ent-
wicklung des Preisniveaus ganz allgemein, sondern betrachtet ge-
trennt die Preisbewegung der Kapital- und Konsumgüter. Dabei
werden unter den ersteren diejenigen Waren verstanden, welche
zum Zwecke weiterer Verarbeitung oder als Produktionsmittel von
Unternehmungen gekauft werden, unter Konsumgütern diejenigen,
welche für den Bedarf des letzten Verbrauchers bestimmt sind. Den
ersteren steht auf dem Markte die Kaufkraft der Produzenten, den
letzteren diejenige der Haushaltswirtschaften gegenüber.

Die Erfahrung hat dabei gezeigt, daß die Preisentwicklung
beider Güterarten eine verschiedene und, was dabei von besonderer
Bedeutung für die Konjunkturbeobachtung ist, daß sich in den Ver-
einigten Staaten die Preiskurven beider Güterarten zweimal in einer
Hochkonjunktur geschnitten haben1). Die'Beobachtung zeigt weiter,
daß mit dem Zeitpunkt, an welchem sich beide Kurven schneiden,
die Wirtschaft in die Gefahrenzone eintritt, welche nach kurzer
Zeit den Umschlag der Konjunktur bringt. An der eben genannten
Stelle heißt es darüber: „Bestätigen sich diese Beobachtungen
für die kommenden Jahre oder kann man ähnliches für die Vorkriegs-
zeit nachweisen, so dürfte damit eine Möglichkeit gewonnen sein,
rechtzeitig vor den Ergebnissen, die man bisher aus den Beobach-
tungen an Preisen, Geldmarkt, Börsenkonjunktur, Produktionskurven
usw. zog, die Gefahr des Umschlags der Konjunktur zu erkennen,
Offen bleibt dabei die Frage der Stärke des Konjunkturrückschlages,
diese wird unter anderem besonders von der Größe der in der Hoch-
konjunktur vorausgegangenen Kreditexpansion abhängen............Ober-

haupt spielt der Kredit bei der Frage der Bewegung der Kapital- und
Konsumgüterpreise eine entscheidende Rolle. In der Form des Kre-
dits wird die Kaufkraft der Unternehmungen zugunsten der Pro-
duktion von Produktionsmitteln erweitert und damit die Nachfrage
und die Preise der Kapitalgüter erhöht; dagegen kommt der Kredit
der Kaufkraft der Konsumenten nur ganz mittelbar (durch grö-

. 0 Vgl. dazu „Die Wirtschaftskurve“. Mit Indexzahlen der „Frankfurter
Leitung“. Jahrg. 1924. S. 21, S. 116 und S- 336 ff.

Mombert, Stadium der Konjunktur.

14
        <pb n="212" />
        ﻿206 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

ßere Beschäftigung usw.) zugute. Der Kredit bedeutet also eine Ver-
schiebung der Kaufkraftverteilung zugunsten der Unternehmungen
und als Wirkung auf dem Markt die Erhöhung der Kapitalgiiterpreise
auch über die Konsumgüterpreise hinaus1).“

Auch in diesen Worten wird also betont, daß die treibenden
Kräfte für den Konjunkturumschwung vom Kapital- und Geldmarkt
ihren Ausgang nehmen. An, den unten genannten Stellen der Wirt-
schaftskurve sind dann auch entsprechende Zahlenreihen für Deutsch-
land berechnet worden. Freilich sind alle derartigen Maßstäbe und
Mittel, das liegt ja in der Natur der Sache, nur für solche Konjunktur-
rückgänge brauchbar, welche aus endogenen Ursachen hervorgehen,
nur dann also, wenn keine von außen kommenden Faktoren wie
Krieg, große umwälzende Erfindungen oder schwere Mißernten usw.,
den normalen Gang des Wirtschaftslebens störend beeinflussen.

Im folgenden wollen wir die zwei Konjunkturperioden von
1906—08 und 1911—13 genauer betrachten, und sehen, an welchen
Punkten des Wirtschaftslebens zuerst und am deutlichsten bemerk-
bar sich die Anzeichen des kommenden Umschwunges beobachten
ließen. Wir wollen dabei zunächst uns einige Stimmungsberichte
ansehen, wie wir sie damals vor allem in einer Reihe von Tages-
zeitungen vorfinden konnten. Wir wenden uns dabei zunächst dem
Konjunkturumschwung der Jahre 1906—08 zu.

Das Jahr 1906 war, wie wir gesehen haben, eine Zeit der Hoch-
konjunktur gewesen. Jedoch zeigte sich bereits vom Herbst dieses
Jahres ab eine erhebliche Anspannung am Geldmärkte, während der
Geschäftsgang der Industrie noch ein sehr günstiger war. Die im
Herbste dieses Jahres herauskommenden Geschäftsabschlüsse wiesen
fast alle noch steigende Erträge und Dividenden auf, wenn auch, was
als wichtiges Konjunktursymptom immerhin zu verzeichnen war, die
Steigerung dieser Gewinne wesentlich geringer war als im Vorjahre.

Die Frankfurter Zeitung hatte schon im November 1906 darauf
hingewiesen* 2 ), daß bereits an .der Börse und in den Finanzkreisen,
wie auch im außenstehenden Publikum eine gewisse Scheu zutage
trete, und die Frage aufgeworfen, ob nicht das eines Tages unver-
meidliche Absteigen der Kurve bereits nahe gerückt sei. Am Aktien-
markt überwogen bereits die Kursrückgänge trotz der erhöhten
Dividenden. „Die hierin sich ausdrückende Unlust und das Aus-
bleiben von neuen Käuferschichten trotz lohnender Gewinne mahnen,
so folgerten wir schon im Oktober, eindringlich zur Vorsicht in der

U A. a. O. S. 23.

2) Am 25. November 1906.
        <pb n="213" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunkturwandels.

207

Beurteilung der Konjunktur, denn aus diesen Erscheinungen und
nicht minder aus» der anhaltenden Geldspannung1) können, wie zu-
versichtlich noch immer die Industriellen selbst ihre Lage ansehen,
nur allzu leicht sicn Hemmungen entwickeln.“ Der Berliner „Tag“
hatte sich damals an eine Reihe führender Männer des deutschen
Wirtschaftslebens gewandt und sie um ihre Meinung über die Kon-
junkturaussichten ersucht. Einer der ersten Großindustriellen, August
Thyssen, äußerte sich dann darüber folgendermaßen:

„Die Konjunktur ist gut, denn die Werke sind für längere Zeit
reichlich beschäftigt. Der teure Geldstand hat auf die Entwicklung
der Industrie hemmend eingewirkt, was ich nicht beklage, weil da-
durch eine Einschränkung der Unternehmungslust erfolgt ist, die
notwendig war, um nicht über das zulässige Ziel hinauszugehen.
Eine zu große, plötzliche Entwicklung der Industrie muß nachteilig
wirken, weil die großen Produktionen, die dadurch geschaffen werden!,
dauernd nicht aufrecht zu erhalten sind, und ungesunde Verhältnisse
für Arbeitgeber und -nehmer schaffen müssen... Weil niemand in
der Lage ist, den Weltmarkt über eine gewisse, kurzbemessene Frist
hinaus richtig zu beurteilen, bin ich im allgemeinen für kürzere
Verträge, besonders in Fertigfabrikaten, damit das Risiko, welches
Käufer und Verkäufer dabei übernehmen, möglichst eingeschränkt
wird* 2).

Eine Stimme aus der oberschlesischen Montanindustrie, die-
jenige des Oberbergrats a. D. P. Wachler, spricht sich dagegen noch
überaus zuversichtlich aus und bestreitet, daß der Höhepunkt der
Konjunktur bereits erreicht und ein Rückschlag zu befürchten sei.

„Überrasche Vermehrung der Produktionsstätten liege nicht vor
(abgesehen vielleicht vom Kalibergbau). Die Gefahr der Überpro-
duktion bedrohe also die Konjunktur nicht, nicht einmal in abseh-
barer Zeit; auch sehe er keinerlei Anzeichen, daß ein Rückgang des
ungewöhnlich hohen Konsums bevorstehe, im Gegenteil, verspreche
die gesteigerte Güterbewegung mehr Bestellungen der Eisenbahnen;
die gute Ernte aller Länder alimentiere Handel und Gewerbe; Kanal-
bauten, Schiffsbau usw. bieten günstige Aussichten, die Montan-
industrie selbst wende, wie der Staat, fortgesetzt nicht unerhebliche
Mittel für Arbeiterhäuser auf, die Verwendung elektrischer Kraft sei
immer noch erst im Anfangsstadium. Das Preisniveau der Fabrikate
sei bei den gegen 1889 und 1901 erhöhten Produktionskosten noch
mäßig und fange jetzt erst an ohne Übertreibungen zu steigen; in

Ü Am 9. Oktober 1906 hatte die Reichsbank ihren Diskontsatz von
* /a o/o auf 5, und am 17. Dezember auf 6 o/o erhöht.

2) Frankf. Zeitung, a. a. 0.
        <pb n="214" />
        ﻿208 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

keiner Branche mache der Verbraucher, wie ehemals, übergroße Be-
stellungen aus Angst, daher der Produzent jetzt den Bedarf nicht
überschätze. Nach alledem scheine ihm außer Zweifel, „daß diese
Verhältnisse noch weiterhin und aller Wahrscheinlichkeit nach auch
hoch über 1907 hinaus, Vorhalten werden1)“.

Ähnliche Auffassungen wurden in dieser Zeit auch noch von
anderen Seiten vertreten. Der Bericht der Essener Handelskammer
für das Jahr 1906, welche als Zentrum unserer wichtigsten In-
dustrien mit ihren Äußerungen doppelte Beachtung verdiente, trug
noch ein sehr zuversichtliches Gepräge. Es hieß hier u. a. „Der
Ausblick auf die Zukunft kann nach Ansicht der Kammer nur als
ein erfreulicher bezeichnet werden...“ „Die allgemeine wirtschaft-
liche Lage am Schlüsse des Jahres erscheint somit als eine be-
friedigende und es liegt vorab keinerlei Veranlassung vor, bedenklich
in die Zukunft zu blicken.“

Dagegen hören wir an anderen Stellen Äußerungen, die eine
wesentlich weniger optimistische Färbung tragen. Der Bericht der
Ältesten der Berliner Kaufmannschaft schließt mit dem Satze: „Im
ganzen bietet die Wirtschaftslage auch am Ende des Jahres 1906 zu
Besorgnissen keinen Anlaß. Nur darf nicht vergessen werden, daß
ein wirtschaftlicher Aufschwung an sich nicht von unbegrenzter
Dauer ist, und daß nach allen Erfahrungen auf eine Anspannung
der wirtschaftlichen Kräfte, wie sie das Berichtsjahr gezeigt hat,
nach einer gewissen Zeit auch eine Abspannung zu folgen pflegt.“
Der Bericht des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller vertrat
sogar schon die Ansicht, daß sich die von 1901—1906 aufsteigende
Konjunktur bereits auf dem absteigenden Aste befinde. Recht ernst
war dann auch der Geschäftsbericht der Deutschen Bank gestimmt,
der bei seinem Erscheinen erhebliches Aufsehen und beträchtliche
Unruhe hervorgerufen hat. Hieß es doch in diesem: „Da die Ursachen
der gespannten Verhältnisse auf dem Geldmärkte keine vorüber-
gehenden sind, sich vielmehr nur allmählich durch Sparsamkeit und
Einschränkung beseitigen lassen, so vermögen wir für das laufende
Geschäftsjahr kaum ein Standhalten der glänzenden Konjunktur zu
erhoffen, obgleich die Spekulation sich von Übertreibungen frei ge-
halten hat.“

Man sieht, wie ganz verschiedenartig die Stimmen sind,
welche in dieser Zeit laut wurden. Als wesentliche Merkmale für
den drohenden Umschwung wird in erster Linie auf die gespannten
Verhältnisse auf dem Geldmärkte hingewiesen. Daß sich auch auf

L) Frankf. Zeitung, a. a. O.
        <pb n="215" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunkturwandels.

209

dem Gütermarkte in dieser Zeit bereits gewisse Wandlungen zeigten,
daß sich in Industrie und Handel bereits gewisse Änderungen an-
bahnten, wurde auch mitunter hervorgehoben. Man hat darauf hin-
gewiesen, daß zwar die Gewinne der Industrie in dem Jahre 1906
gegenüber dem Vorjahre noch zugenommen hatten, wies aber doch als
beachtenswertes Symptom auch darauf hin, daß diese Zunahme eine
geringere gewesen sei als im Vorjahre. Wahrend die Aktien von 43
an der Berliner Börse notierten Industriegesellschaften von dem
Jahre 1904 auf 1905 ihre Dividende um 4,48 o/o steigern konnten,
betrug die Zunahme vom Jahre 1905 auf 1906 nur noch 1,04 o/0. In
dem Berichte der Berliner Kaufleute und Industriellen war als be-
achtenswertes Symptom für das Jahr 1906 bereits darauf hin-
gewiesen worden, daß während im Vorjahre der Güterverkehr in
Berlin noch um 9,75 o/o zugenommen hatte, er vom Jahre 1905 auf
1906 nur um 5,33 °/o gestiegen war. Auch die deutsche Warenausfuhr
hatte im Jahre 1906 nicht mehr die gleiche Zunahme erfahren, wie
im Vorjahre. Ihre Zunahme war damals mit 508 Millionen um
114 Millionen Mark größer gewesen als im Jahre 1906. Es gab also
schon außerhalb des Geldmarktes mancherlei Symptome, die jeden-
falls Andeutungen dafür gaben, daß die Hochkonjunktur sich ihrem
Kulminationspunkte näherte.

Demgegenüber sehen wir aus den Bemerkungen Wachlers, aber
auch aus denjenigen, die damals aus anderen Kreisen der Industrie
laut wurden, daß der Industrielle vielfach deswegen diese heran-
nahenden Symptome eines Umschwungs weniger beachtet, weil er vor
allem auf die Tatsache sieht, daß die Werke für längere Zeit hinaus
mit Aufträgen versehen sind. Es ist sicher kein Zufall, daß man
beobachten kann, daß die Ansichten über die weitere Entwicklung
der Konjunktur um so optimistischer sind, von einzelnen Ausnahmen
natürlich abgesehen, je mehr es sich um Äußerungen handelt, die
aus den Kreisen in der Nähe der Industrie stammen, dagegen um so
ernster und weitschauender, je mehr sich die Betreffenden aus dieser
Nähe entfernen und je weniger die augenblicklich noch rege Be-
schäftigung der Industrie, als vielmehr die allgemeine Lage und vor
allem die Entwicklung des Geldmarktes für sie in den Vordergrund
tritt.

Bei dem Ausbruch der Krise um die Jahrhundertwende hat man
durchaus die gleiche Beobachtung machen können. Derjenige, welcher
eben mitten im industriellen Leben steht, gerät zu leicht in Gefahr,
die wirtschaftlichen Verhältnisse und ihre Aussichten, vornehmlich
unter dem naturgemäß engen Gesichtskreis der augenblicklichen Lage
der eigenen engeren Umgebung heraus zu beurteilen und darüber
        <pb n="216" />
        ﻿210 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

die außerhalb davon liegenden, allgemeineren Tendenzen des Wirt-
schaftslebens zu übersehen und zu unterschätzen. Es liegt aber auf
der Hand, daß die augenblickliche Lage und der augenblickliche
Auftragsbestand einer Industrie keinen Maßstab für die Prognose der
Konjunktur abgeben kann. Denn wenn erst die Aufträge bereits
zurückzugehen beginnen, wenn weniger an Bestellungen eingeht,
dann ist eben auch bereits der Umschwung schon da. Ein Nachlassen
der Aufträge ist also kein Mittel zur Prognose, sondern bereits ein
Merkmal dafür, daß die Hochkonjunktur zu Ende ist.

In dieser Zeit wurde auch mehrfach als Zeichen des beginnenden
Umschwunges neben der starken Anspannung auf dem Geldmärkte
auf die zunehmende Verteuerung der Rohstoffe und Halbfabrikate
hingewiesen und darauf, daß die Verbraucher dieses hohe Preisniveau
vielfach schon als drückende Belastung empfänden. Wir werden
später noch sehen, ob und inwieweit eine solche Steigerung der
Preise als Symptom eines kommenden Umschwunges verwertet
werden kann. Zunächst wollen wir uns einmal die Tatsachen in dieser
Zeit ansehen.

Es handelt sich also in erster Linie um die Spannung am
Geldmärkte, um den Rückgang der Aktienkurse und um
die Preisentwicklung in der zweiten Hälfte des Jahres 1906.
Was die Entwicklung am Geldmärkte anlangt, so betrug bei der
Reichsbank

Am	Das  Deckungs-  verhältnis	Der Diskont- satz wurde an diesem Tage verändert von	Am	Das  Deckungs-  verhältnis	Der Diskont- satz wurde an diesem Tage verändert von
18. 1. 1906	47,9	6 auf 5 °/0	8.11. 1907	34,8	61/2 auf 7\°/o
23. 5. 1906	65,7	5	,. 4V/o	13. 1. 1908	39,7	71/. „ 6V/o
18. 9. 1906	42,0	4'/. „ 5 %	25. 1. 1908	45,2	6*/. „ 6 »/„
10.10. 1906	31,8	6 * 6 ®/„	7. 3. 1908	48,1	6	„ ö1/.0/«
18 12. 1906	37,6	6	„ 7	«/„	27. 4. 1908	47,0	5’/, „ 5 °/„
22. 1. 1907	44,9	7	„ 6 ®/0	4. 6. 1908	49,5	5	» 4l/2°/o
23. 4. 1907	46,5	6	„ 6V.#/o	18. 6. 1908	51,5	4Va „ 4 %
29.10. 1907	34,6	ß1/. , ev/o	16. 2. 1909	53,4	4	, 3V/*

Man erkennt deutlich, wie sich infolge der verstärkten Inan-
spruchnahme der Reichsbank bereits vom Herbste 1906 ab eine
deutliche Verschlechterung des Deckungsverhältnisses zeigt, die dann
in den folgenden Wochen noch erheblich zunahm und zu starken
Diskonterhöhungen führte. Diese Spannungsverhältnisse auf dem
Geldmärkte im Jahre 1907 mußten sich aus den oben dargelegten
Gründen auch auf die Kreditbedingungen der Kreditbanken über-
        <pb n="217" />
        ﻿211

4. Die Prognose des IConjunkturwandels.

tragen und damit eindämmend auf die Börsenspekulation (Börsen-
kredite, Reports) einwirken. Für die Kursentwicklung der führen-
den Aktienwerte in dieser Zeit gibt die folgende Aufstellung ein
Bild.

Es betrugen die Durchschnittskurse folgender Aktien an der
Berliner Börse itn Jahre 1906:

	September	November
Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft .	.	214,59	211,44
Gelsenkirchen Bergwerks-A.-G		225,09	222,12
Phönix Bergwerks-A.-G		216,41	206,79
Westphälische Drahtindustrie ....	216,69	205,97
Berlin-Anhalter Maschinenfabriken	. .	214,67	211,24
Bochumer Gußstahl		244,45	235,69
Deutsch-Luxemburgische Bergwerks - Ges.	217,13	197,78
Ludwig Loewe &amp; Co		279,23	276,35
Orenstein &amp; Koppel		230,16	226,18
Rheinische Stahlwerke		200.24	194.47
Wanderer Fahrräder		281,49	267,75
Goncordia Spinnerei		211,61	207,61

Die Kurse der betrachteten Wertpapiere beginnen also im Herbst
deutlich abzubröckeln. Noch im September 1906 hatte der Durch-
schnittskurs aller an der Berliner Börse notierten Dividendenpapiere
162,66 betragen und ging dann in den folgenden drei Monaten auf
154,63, 155,19 und 154,89 zurück. Dieser Kursrückgang wird noch
deutlicher, wenn man ihn mit der Entwicklung des Vorjahres ver-
gleicht. Also trotz der industriellen Hochkonjunktur und der zum
Teil erhöhten Dividenden ein Rückgang der Kurse. Darauf war
einmal die Spannung am Geldmärkte von Einfluß. Denn sie mußte
ernüchternd auf den Optimismus der Börsenspekulation einwirken,
auch auf diejenigen Kreise, welche ohne Inanspruchnahme von Bank-
kredit hier ihre Geschäfte betrieben.

Es war nicht nur die Reichsbank, welche damals mit ihrem
Diskontsatz in die Höhe gehen mußte, nicht nur auf dem deutschen
Geldmarkt zeigten sich diese gespannten Verhältnisse, auch die Bank
von England war im Oktober des gleichen Jahres ebenfalls mit ihrem
Satz auf 6 o/o heraufgegangen, was an den deutschen Börsen auch
eine lebhafte Beunruhigung hervorrief. Auch in Amerika begannen
sich die Verhältnisse am Geldmärkte zuzuspitzen. Mit dieser Er-
höhung des Diskontsatzes der Reichsbank stieg auch der Privat-
diskont. Hatte er in Berlin im Durchschnitt des Jahres 1904 noch
3,22 o/o betragen, im Jahre 1905 3,47 o/0, so ging er im Durchschnitt
des zweiten Halbjahres 1906 auf 4,20 o/0 herauf.
        <pb n="218" />
        ﻿212 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Im Jahro 1907 zeigte sich zu Beginn eine leichte Besserung auf
dem Geldmärkte, die dann auch zu einer Herabsetzung des Diskont-
satzes führte, während dann im Herbste 1907 die umgekehrte Ent-
wicklung wieder ein starkes Anziehen der Diskontschraube notwendig
machte. Mit der Jahreswende war dann der Konjunkturumschwung
in voller Stärke eingetreten und aller Welt sichtbar geworden. Dieser
Zustand der Depression dauerte das ganze Jahr 1908 hindurch und
erstreckte sich noch tief bis in das folgende Jahr hinein. Die In-
anspruchnahme der Reichsbank ging dabei dauernd zurück, ihr
Deckungsverhältnis besserte sich und sie konnte ihren Diskontsatz
bis auf 31/2 0/0 herabsetzen.

Für die Steigerung der Preise der wichtigsten Rohstoffe und
Halbfabrikate in dieser ganzen Zeit sei auf die Tabellen S. 105 und 106
verwiesen. Sie zeigen eine Steigerung von den Jahren 1902—1906,
eine Steigerung, welche noch zum Teil im Jahre 1907 andauerte, um
dann erst im folgenden Jahre in der Zeit der ausgesprochenen De-
pression einem Rückgang Platz zu machen. Im Jahre 1907 vor allem,
begannen dann in der Eisenindustrie, besonders in Trägern, die Auf-
träge nachzulassen, während in der Kohlenindustrie zunächst davon
noch keine Rede war. In dieser Zeit also war die Tatsache des
herankommenden Umschwunges schon so deutlich geworden, die Lage
der Reichsbank hatte sich auch zu Anfang 1907 nicht gebessert, die
Börsenkurse waren weiter zurückgegangen, in der Industrie zeigten
sich deutliche Symptome, daß der Höhepunkt der Konjunktur über-
schritten war, daß jetzt in der ersten Hälfte des Jahres 1907 die
Konjunkturprognose bereits durch die Tatsachen überholt war.
Immerhin war die Beschäftigung der Industrie noch eine gute, an
Aufträgen war noch in der Mitte des Jahres 1907 keinerlei Mangel.
Nur die Bautätigkeit lag sehr danieder, weil dieser Zweig des
Wirtschaftslebens mehr als jeder andere von der Lage am Geldmarkt
abhängt und weil bei den damaligen teuren Geldverhältnissen hier
die Tätigkeit eine sehr eingeschränkte war.

Das ganze Jahr 1907 hindurch hören wir noch Klagen über die
schwierige Lage am Geldmärkte, welche sich auch international aus-
zubreiten begann. Man beginnt jetzt den engen Zusammenhang
zwischen den Verhältnissen am Geldmärkte und der Konjunktur all-
gemeiner zu erkennen. Die Meinung wird immer häufiger aus-
gesprochen, daß eine wesentliche Erleichterung am Geldmärkte nur
bei einem Rückgang der industriellen Konjunktur erwartet werden
könne. Die Entwertung der Industriepapiere machte weitere Fort-
schritte, bis mit dem Ende des Jahres 1907, als die Bank von England
ihren Diskont auf 7 0/0, die Reichsbank den ihren auf 7 Va°/o erhöhte,
        <pb n="219" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunkturwandels.

213

vor allem verschärft durch die Bankkrisis in Amerika, über den
Konjunkturumschwung nirgends mehr ein Zweifel sein konnte.

Faßt man zusammen, so ist es deutlich erkennbar, daß die ersten
Symptome des kommenden Umschwunges sich auf dem Geldmärkte
gezeigt haben und von dort auf den Baumarkt und die Börse Über-
griffen. Festzuhalten ist auch die Tatsache, daß die weitere Ent-
wicklung der Hochkonjunktur im Jahre 1906 sich gegenüber dem
Vorjahre verlangsamt hat. Eine gewisse Höhe des Zinsfußes muß
die Unternehmungslust beeinträchtigen. Die Spannung auf dem Geld-
märkte gibt Zeugnis von dem Mißverhältnis zwischen Kapitalbildung
und Kapitalbedarf. Zieht man in Betracht, daß in diesen Endzeiten
der Hausse die Preise von Rohmaterialien, Halbfabrikaten und Löhne
sehr hohe sind, daß damit ein immer weiter steigender Geldbedarf
bei Fortdauer derselben entstehen muß, so ergibt sich, daß eine
gute industrielle Konjunktur und eine solche Spannung auf dem
Geldmärkte auf die Dauer nicht nebeneinander hergehen können.
Man hat deshalb schon im Herbste 1906 mit Recht in diesen schwie-
rigen Geldverhältnissen die Sturmzeichen eines kommenden Kon-
junkturwandels erblickt, ohne Rücksicht darauf, daß in dieser Zeit
und noch Monate weiterhin die Beschäftigung der Industrie eine
gute war und die Bestellungen noch reichlich einliefen. Der erste
Abbruch der industriellen Konjunktur erfolgte dann dorten, wo die
teuren Zinssätze erfahrungsgemäß am härtesten empfunden werden,
auf dem Baumarkte. Hier ging die Beschäftigung schon in einer
Zeit zurück, wo von einem allgemeinen Rückgang in der Industrie
noch nichts zu spüren war, und die ersten Ansätze zu einem Rück-
gang in den Aufträgen in der Eisenindustrie setzten bei den Trägern
ein, bei den Gütern, deren Bedarfshöhe in erster Linie von den Ver-
hältnissen auf dem Baumarkte abhängig ist.

In der gleichen Weise wollen wir nun betrachten, welches die
ersten Symptome bei dem K o nj unk tu r ums ch w un g des
Jahres 1913 gewesen sind. Die Jahre 1910—1912 hatten für
Deutschland, wie wir oben gesehen haben, eine günstige wirtschaft-
liche Entwicklung gebracht. Von Ende 1912 ab begannen sich die
allerersten Anzeichen des Umschwunges zu zeigen, welcher dann im
Jahre 1913 auch tatsächlich eintrat. Das oben genannte Buch von
Feiler hat uns diese ganze Periode eingehend geschildert und im
folgenden wird Gelegenheit sein, mancherlei Gebrauch von seinen
Darlegungen zu machen. Von dem Jahre 1912 schreibt er, daß es
zugleich ein Jahr der Hochkonjunktur, aber auch ein Jahr der be-
ginnenden Reinigung war. „Die Konjunktur hatte ihren Gipfel er-
        <pb n="220" />
        ﻿214 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

klommen und mitten in der letzten Periode des Aufstiegs
kündigte sich der beginnende Rückgang unausbleiblich an.“

Im Gegensatz zu der eben betrachteten Depression der Jahre
1907 und 1908, bei welcher nur die Verhältnisse des Geldmarktes
und der Wirtschaft für den Gang der Konjunktur maßgebend waren,
spielten in der wirtschaftlichen Entwicklung der Konjunkturperiode
1910—1913 politische Faktoren eine sehr große Rolle, welche zeit-
weilig sehr störend in das Wirtschaftsleben eingriffen. Hierher
gehörte in erster Linie im Jahre 1911 die Marokkokrisis und die
damit im Zusammenhang stehende Zuspitzung der politischen Ver-
hältnisse, welche einen recht verheerenden Einfluß auf den Geldmarkt
und die Börse ausübten. Zwar war das nur vorübergehend der Fall,
da Ende 1911 diese Krisis überwunden schien und ein weitgehender
Optimismus wieder im Wirtschaftsleben und an der Börse um sich
griff, welcher im wesentlichen bis zum Sommer 1912 andauerte. Es
ist kein Zweifel, daß der von dieser Zeit an langsam einsetzende Um-
schwung in der wirtschaftlichen Konjunktur dann wieder durch die
politischen Unruhen im Zusammenhang zu dem Balkankrieg mit ver-
anlaßt worden ist.

In der ersten Hälfte Oktober 1912, in welche der Beginn des
Balkankrieges fiel, wo Montenegro als erster Balkanstaat agressiv
gegen die Türkei vorging, da brach allenthalben, vor allem auch an
der Berliner und Pariser Börse, eine ausgesprochene Panik aus. Am
Kassaindustrieaktienmarkt erlitten die führenden Papiere erhebliche
Einbußen, weniger schlimm, aber immer noch schlimm genug, sah
es am Ultimomarkte aus. Der Kursrückgang der führenden Aktien-
werte bewegte sich im Durchschnitt um etwa 25 °/o herum. Dabei
waren vorher schon beträchtliche Kursrückgänge eingetreten, als das
Gerücht umging, daß Serbien ein Ultimatum an die Türkei gerichtet
habe. Aus dieser politischen Verwicklung heraus wurde auch der
Geldmarkt ungünstig beeinflußt. Es hing dies vor allem damit zu-
sammen, daß bei dieser politisch so zugespitzten Lage die verschie-
denen Notenbanken ihre Diskontsätze erhöhten, weil sie darauf be-
dacht sein mußten, ihre Goldbestände zu schützen.

Bei der deutschen Reichsbank betrug der Diskontsatz im Jahre
1912 vom 1. Januar bis 10. Juni 5o/0, vom 11. Juni bis 23. Oktober
4V2%, vom 24. Oktober bis 13. November 5 o/o, und wurde am
14. November auf 6 o/o erhöht. In dieser Höhe blieb er bis zum
26. Oktober 1913 bestehen und wurde dann am 27. Oktober auf 5i/2
und am 12. Dezember auf 5o/o herabgesetzt. Im Jahre 1914 sank er
dann in zweimaligen Herabsetzungen bis auf 4 o/o, um dann am
31. Juli auf 5 und bereits am nächsten Tage auf 6 o/0 heraufgesetzt
        <pb n="221" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunkturwandels.

215

zu werden. Mit dem Jahre 1913 trat also keine wesentliche Er-
leichterung auf dem Geldmärkte ein. Die angespannte Lage der
Reichshank blieb in dieser Zeit immer noch eine ganz beträchtliche.
Über diese Seite der Entwicklung gibt die folgende Tabelle Aufschluß.

Es betrug bei der Reichsbank in Millionen Mark:

Datum	Die Ar  Wech-  seln	läge in  Lom-  bards	Beide (1-2) Zusammen	Sonstige täg- lich fälligeVer- bindlichkeit.	Die Inan-  spruchnahme  (3-4)	Der Metall- |  bestand	Der Noten-  umlauf	DasVerhältnis  derNoten und  sonst, täglich  fällig.Verbind-  lichkeit. zum  Metallbestand
	1	2	3	4	5	6	7	8
15. -3.11	906	76	982	766	216	1172	1398	54,2
15. 3.12	1053	91	1144	852	292	1237	1528	52,0
15. 5.12	1021	79	1100	709	391	1264	1618	54,3
15. 7.12	1088	73	1155	703	452	1282	1740	52,5
15. 9.12	1207	57	1264	829	435	1248	1669	49.9
15 11.12	1401	82	1483	720	763	1127	1865	43,6
14.12.12	1506	83	1589	678	911	1038	1939	39,7
15. 3.13	1206	90	1296	714	582	1217	1775	48,9
15. 5.13	1143	106	1249	665	584	1303	1850	51,8
15. 7.13	1083	77	1160	690	470	1421	1934	54,2
15. 9.13	934	77	1011	724	287	1445	1837	56,4
15.11.13	897	57	964	677	287	1507	1928	57,8
15.12.13	871	77	948	697	251	1485	1929	56,5

Man sieht, wie sich unter dem Einfluß der politisch unruhigen
Lage am Ende des Jahres 1912 das Deckungsverhältnis der Reichs-
bank wesentlich verschlechterte und erst vom Mai 1913 ab wieder
eine günstigere Entwicklung nimmt. Diese Besserung der Lage hing
damals vor allem damit zusammen, daß es in dieser Zeit der Reichs-
bank gelungen war, ihren Goldbestand ganz erheblich zu erhöhen.
Demgegenüber muß aber doch darauf geachtet werden, daß trotz der
Besserung des Deckungsverhältnisses auch in dieser Zeit der Noten-
umlauf im ganzen Jahre 1913 keine Abnahme erfahren hat. Besonders
bedeutsam ist die Entwicklung des Betrages, um welchen die Summe
der Wechsel- und Lombardkredite über den Betrag der Depositen
(vgl. Kolonne 5) hinausging, und aus deren Differenz sich die reine
Inanspruchnahme der Reichsbank durch Private ergibt. Die Tabelle
zeigt, welch gewaltige Zunahme diese Inanspruchnahme in dem
letzten Viertel des Jahres 1912 erfahren hat. Man hat in dieser Zeit
mit Recht von einer Geldklemme gesprochen. Hat doch diese Ent-
wicklung auch dazu geführt, daß von seiten mancher Banken der
Industrie und dem Handel nicht unerhebliche Kredite gekündigt
worden sind. Wenn dabei die Reichsbank nicht, wie im Jahre 1907
        <pb n="222" />
        ﻿216 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

mit ihrem Diskontsatz auf 71/2 0/0 hinauf mußte, sondern beiß 0/0 stehen
Meißen konnte, wodurch die Lage für das wirtschaftliche Leben
eine erträglichere blieb, so hing dies in erster Linie damit zusammen,
daß aus Gründen, auf welche an dieser Stelle einzugehen zu weit
führen würde, in diesen Monaten der Goldbestand der Reichsbank
nicht so von seiten des Auslandes gefährdet war, wie es im Jahre 1907
der Fall gewesen ist.

Es wäre aber ein Irrtum, anzunehmen, daß diese ungünstigen
Verhältnisse auf dem Geldmärkte nur mit den oben erwähnten poli-
tischen Störungen zusammenhingen. Auch aus Gründen, welche ihre
Ursache im Gange des deutschen Wirtschaftslebens hatten, zeigten
sich damals starke Tendenzen, welche auf eine Verknappung der
am Kapital- und Geldmärkte verfügbaren Mittel hindrängten. Das
ließ sich deutlich erkennen, als mit dem Frühjahr und Sommer 1913
zwar die Lage der Reichsbank eine günstigere wurde, ohne daß die
Lago am Geldmärkte eine bessere geworden wäre. Blieb doch der
Diskontsatz bis Ende 1913 auch auf 6 0/0 stehen. War doch auch in
dieser ganzen Zeit die Beschäftigung der Industrie eine gute, und
wurden doch in diesem ganzen Jahre im Zusammenhang damit er-
hebliche Ansprüche von Industrie und Handel an den Kapital- und
Geldmarkt gestellt.

Die starke Beanspruchung des Kapital- und Geldmarktes von
seiten der Industrie zeigte sich im Jahre 1913 vor allem deutlich in
einem weiteren Kursrückgang der Staats- und Stadtanleihen. Gegen-
über dem Jahre 1912 gingen im Jahre 1913 di© Kurse der 4-, 31/2-und
3prozentigen Reichsanleihen im Durchschnitt von 100,92, 89,80 und
80,11 auf 98,54, 85,82 und 75,90 zurück. Die Erhöhung des Diskont-
satzes, der zum Teil immer noch andauernde gute Geschäftsgang in
der Industrie, mußte dahin tendieren, durch einen Kursdruck auf diese
Papiere, deren Realzinsfuß zu steigern. Nach einer Berechnung der
Frankfurter Zeitung betrug die Rentabilität der 3l/2prozentigen Reichs-
anleihe Mitte Dezember 1911 3,61 o/0, Mitte Dezember 1912 3,90o/o
und Mitte Juni 1913 4 &lt;&gt;/o. Trotz der Ungunst dieser Verhältnisse
wurden im ersten Halbjahr 1913 noch gewaltige Beträge an staat-
lichen. und kommunalen Wertpapieren auf den Markt gebracht.

Während dieser ganzen Zeit war aber die Beschäftigung noch
eine gute. Der Balkankrieg hatte darauf nur einen recht geringen
Einfluß ausgeübt. Die folgende kleine Aufstellung zeigt dies für den
Kohlenbergbau und die Montanindustrie1).

U Frankf. Zeitungg. Erstes Morgenblatt vom 29. November 1913: Die
Montanindustrie. 1912—13.
        <pb n="223" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunkturwandels.

217

Es betrag im ersten Halbjahr die Produktion in Millionen
Tonnen in den folgenden Jahren:

An	1909	1910	1911	1912	1913
Kohle		71,91	73,33	78,67	84,71	93,58
Koks		10,37	11,41	12,56	13,76	15,94
Roheisen		6.25	7,20	7,68	8,42	9,57

Nach der gleichen Quelle waren auch die Abschlüsse der großen
Montangesellschaften noch überaus günstige. Bei 41 Gesellschaften
mit über 10 Millionen Mark Aktienkapital stieg im Jahre 1912/13
der Reingewinn gegenüber dem Vorjahre um 37,5 Millionen Mark
oder um 20 o/o, gegenüber dem Jahre 1909/10 sogar um 87 Millionen
Mark oder um 65 o/0. Dabei konnten um 38 Millionen Mark mehr
Abschreibungen als im Vorjahre, oder um 60 Millionen Mark mehr
als drei Jahre zuvor, vorgenommen werden.

Bis zum Sommer 1913 waren auch im allgemeinen die Preise
noch steigende und erst vom Herbst dieses Jahres ab begannen die
Eisenpreise zurückzugehen. Eine Ermäßigung der Kohlenpreise trat
erst im Frühjahr 1914 ein. Die Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkte
begann sich jedoch bereits vom Anfänge des Jahres 1913 ab schon
ungünstiger zu gestalten, und vor allem war dies vom Sommer dieses
Jahres ab der Fall, wie die folgende Tabelle zeigt.

Von 1000 organisierten Arbeitern waren arbeitslos:

	1912	1913		1912	1913		1912	1913
Januar . .	29	32	Mai . . .	19	25 |	September ,.	15	27
Februar . .	26	29	Juni .	.	.	17	27 1	Oktober .	.	17	28
März .	.	.	16	23	Juli . . .	18	29	November .	18	31
April . . .	17	23	August . .	17	28	Dezember .	28	48

Eine gewisse Ähnlichkeit mit diesen Verhältnissen auf dem
Arbeitsmarkte zeigt eich dann mit der Gestaltung des Industrie-
absatzes in den einzelnen Monaten des Jahres 1913. Als Maßstab
dafür betrachten wir in der folgenden Tabelle die Versandziffern
des Stahlwerk-Verbandes, indem wir den Versand im Jahre 1913 mit
dem des Vorjahres vergleichen.

Gegenüber den entsprechenden Monaten des Jahres 1912 wurden
im Jahre 1913 mehr (-)-) bzw. weniger (—) versandt:

Januar . .	+ 57 038 t	Juli .	.	■	— 35 967 t
Februar . .	855 „	August .	.	— 28 895 „
        <pb n="224" />
        ﻿218 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

März .	— 107 647 t	September .	— 10 308 t
	+ 97 996 „	Oktober .	.	— 15 695 „
	+ 31 605 „	November .	— 30 452 „
Juni . . .	—	9 859 „	Dezember .	— 74 978 „

Man sieht, daß diese Versandziffern zum Teil schon in einer Zeit
zurückzugehen beginnen, wo von einem Rückgang in der Produktion,
wie eben dargelegt, noch keine Rede war. Während im ersten
Halbjahre 1913 der Versand denjenigen des Vorjahres noch um
69139 Tonnen übertraf, blieb er im zweiten Halbjahre hinter der
entsprechenden Periode des Vorjahres um 196 245 Tonnen zurück.
Während noch in den Geschäftsberichten der verschiedensten Ge-
sellschaften für das Jahr 1912 die Marktlage allenthalben als eine
gute bezeichnet wurde, änderte sich die in den Geschäftsberichten
für das Jahr 1913 niedergelegte Auffassung. Hier ist allenthalben
von einem Rückgang in der Konjunktur die Rede, wir hören allent-
halben von einem Rückgang des Absatzes und von der Wahrscheinlich-
keit, daß die Marktverhältnisse auch noch weiterhin ungünstigere
werden könnten. Vielfach wird auch dabei als Ursache auf die Lage
des Geldmarktes hingewiesen, der, wie es z.B. im Berichte des Phönix
heißt: „Zur Zeit durch den hohen Bankdiskont für den Industrie1-
und Baubedarf nahezu gesperrt ist und bei einem Sinken des Dis-
konts von allen Seiten, besonders auch von den Gemeinden, sehr
stark in Anspruch genommen werden wird.“

Das eben Gesagte gilt nicht nur von der Montanindustrie, sondern
kommt auch in den Berichten zahlreicher anderer Industrien damals
zum Ausdruck, wie z.B. bei der Textilindustrie und der elektrischen
Industrie. Die private Bautätigkeit lag in dieser Zeit vollkommen
danieder. In den Berichten der Boden- und Baugesellschaften wird
für dieses Jahr immer wieder als Hauptursache der geringen Bau-
tätigkeit auf die außerordentliche Geldknappheit hingewiesen. Damit
stand es dann in engem Zusammenhang, daß sich in diesem Jahre
vor allem die Beschäftigung der Bauhandwerker, der Maler, Zimmer-
leute, Glaser und Dachdecker, besonders ungünstig gestaltet hat.

Für das Jahr 1914 kann man dann als mit dem Vorjahre ver-
gleichbar, nur die ersten sieben Monate betrachten. In dieser Zeit
war die Konjunktur weiter zurückgegangen, wie man es an zahl-
reichen Symptomen feststellen kann. Es sei nur auf die Entwicklung
der Roheisenproduktion, welche ja, wie wir oben gesehen haben,
einen sehr guten Gradmesser für die Entwicklung der Konjunktur
abgibt, hingewiesen. Sie war in den ersten sieben Monaten des
Jahres 1914 um 374881 Tonnen geringer als in der gleichen Zeit
des Vorjahres. Auch aus den Versandziffem des Stahlwerksver-
        <pb n="225" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunkturwandels.

219

bandes geht, wie die folgende Tabelle zeigt, dieser weitere Rückgang
der Konjunktur deutlich hervor.

JEs betrug der Versand des Stahlwerksverbandes in den ersten
sieben Monaten der untenstehenden Jahre in Tonnen:

Jahr	an  Halbzeug	an  Eisenbahnmaterial	an  Formeisen	an  Gesamtversand
1912  1913  1914	1 115 335  975 427 954934	1354 896  1 687 965  1 500 779	1 346 515  1 185 914  1 143 822	3 816 746  3 849 306  3 599 535

Zwar war im letzten Quartal des Jahres 1918 eine größere Geld-
ülüssigkeit eingetreten, welche ja auch in der oben erwähnten Diskont-
herabsetzung der Reiehsbank zum Ausdruck gekommen ist. Aber
man hat allen Grund zu der Annahme, daß diese Tatsache mit der
gleichzeitig erfolgten Abnahme in dem Wechselbestand der Reichs-
bank ursächlich zusammenhing, also mit dem geringeren Geld-
bedarf von Handel und Industrie und damit bereits mit dem jetzt schon
stärker einsetzenden Rückgang in der Konjunktur. Zu dieser jetzt
einsetzenden Entlastung der Reichsbank hat neben der Stärkung
ihres Goldbestandes jedoch auch die damals vielbesprochene Aus-
gabe kleiner Noten beigetragen.

Der nun einsetzende Konjunkturrückgang vollzog sich auch
dieses Mal nicht in Form einer ausgesprochenen Krise, sondern die
Konjunkturkurve hatte wiederum eine flachere Form angenommen,
so daß man auch in dieser Periode eigentlich nur von einer Ab-
schwächung in der Konjunktur reden kann.

Wenn man das Gesagte zusammenfaßt, so sieht man, daß die
Versteifung am Geldmärkte schon um die Mitte des Jahres 1912 be-
gann, als die Industrie noch gut beschäftigt war und als in ihr noch
so erhebliche Gewinne gemacht wurden, daß man in diesen Kreisen
noch nicht an einen Konjunkturrückgang denken konnte. Erst ein
Jahr später etwa zeigten sich auch in der Industrie deutlich die An-
zeichen des Konjunkturrückganges. Wenn man im Herbst und
Winter 1912 die Versteifung am Geldmärkte, die Heraufsetzung des
Diskontsatzes, nicht so sehr, wie es vielleicht sonst der Fall ge-
wesen wäre, unter dem Gesichtspunkte eines bevorstehenden Kon-
junkturrückganges betrachtet hat, so hing dies wohl in erster Linie
damit zusammen, daß äußere politische Momente, der Ausbruch
des Balkankrieges, diese Diskontheraufsetzung genügend zu er-
klären schienen. Wir haben aber gesehen (vgl. Tab. S. 215), daß sich
auch schon vorher deutliche Anzeichen für eine Verschlechterung
        <pb n="226" />
        ﻿220 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

der Lage am Geldmärkte gezeigt haben. Man kann mit Bestimmt-
heit annehmen, daß auch ohne diese politischen Zwischenfälle
diese Versteifung am Geldmärkte weiter zugenommen hätte und
eine weitere Diskontherabsetzung hätte auslösen müssen.

„Aber eine heilsame Wirkung hat die politische Verängstigung
doch gehabt: sie hat'eine Übertreibung der Hochkonjunktur hintan-
gehalten, sowohl an der Börse, wie in der Industrie. Den Optimis-
mus, der sich gerne über alle sachlichen Erwägungen hinweggesetzt
hätte, hat sie eingedämmt, Berichte aus der Maschinenindustrie, daß
im Frühjahr selbst abschlußreife Geschäfte wegen der politischen
Sorgen zurückgestellt wurden, waren der Beweis dafür. Mancher,
der sonst trotz aller Geldmarktswarnungen an den ewigen Bestand
der Hochkonjunktur geglaubt hätte, hat sich dann doch durch die
Kriegsfurcht abschrecken lassen. Und das war gut. Denn sonst
hätten wir zwar vielleicht noch einen kurzen Konjunkturaufstieg,
aber dafür auch einen um so schärferen Abstieg bekommen.“

„Denn für die Aufrechterhaitung, geschweige für die Weiter-
führung der Hochkonjunktur, besaß unsere Wirtschaft
nicht mehr die innere Kraft. Die dauernd fortgeschrittene Ver-
knappung am Geldmärkte, das 'Zurückbleiben der Kapitalbildung
hinter dem Kapitalbedarf, hatte diesen Zeitpunkt der Erschöpfung
der Kapitalvorräte schon seit 1911 immer deutlicher angekündigt,
der Verlauf des Jahres 1912 hatte (schon vor dem Balkankrieg),
ihn immer näher geführt, jetzt war er unabwendbar da“1)-

Man kann also sagen, daß bei den beiden letzten Konjunktur-
rückgängen, welche wir betrachtet haben, sich die ersten Sym-
ptome des kommenden Umschwunges auf dem Geld-
märkte gezeigt haben. Beide Male traten hier die Anzeichen be-
reits in einer Zeit auf, als in der Industrie und auf dem Arbeitsmarkte
von einem Rückgänge noch nichts zu spüren gewesen ist.

Freilich gibt es, wie schon oben dargelegt, auch noch andere
Symptome, welche auf einen Umschwung in der Geschäftslage hin-,
weisen, also vielleicht als Mittel zu einer Konjunkturprognose ver-
wandt werden können. Hierbei ist in erster Linie an die Entwick-
lung der Preise gedacht. Schon weiter oben ist davon die Rede
gewesen, daß in der Hochkonjunktur die Preise, besonders diejenigen
der Rohstoffe und Halbfabrikate zu steigen beginnen, daß aber dann von
einem gewissen Punkte ab, damit die Kaufkraft der Bevölkerung nicht
mehr Schritt halten kann, daß viele Käufer diesen hohen Preisen

x) Feiler, a. a. 0. S. 139.
        <pb n="227" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunkturwandels.

221

gegenüber zurückhaltend werden und daß sich daraus gewisse Ten-
denzen ergeben müssen, welche auf einen Rückgang im Absätze hin-
wirken. Wenn wir z. B. sehen, daß Düsseldorfer Gießerei-Roheisen
pro Tausend Kilogramm in den Jahren:

1905	= 59,8 Mark

1906	= 69,6	„

1907	= 77,6	„

1908	= 71,1	„

1909	= 64,2	„

1910	= 66,2 Mark

1911	= 64,8 „

1912	= 75,9	„

1913	= 85,1	„

1914	= 76,2	„

kostete, so kann man wohl sagen, daß dieser Erhöhung der Preise
gegenüber die Kaufkraft der Bevölkerung und damit die Aufträge an
die Industrie, eines Tages nachlassen müssen. Insoweit können
erhebliche Preiserhöhungen, vor allem ßei den Rohstoffen und
Halbfabrikaten, zweifellos ein gewisses Symptom dafür sein, daß über
kurz oder lang die Kurve der Konjunktur nach unten gehen muß.
Es handelt sich also auch hierbei um einen Faktor, welcher bei
dem Studium der Konjunktur mit aller Sorgfalt zu beachten ist. Es
vermag jedoch niemand zu sagen, an welchem Punkte die Preisent-
wicklung ihre mögliche Höchstgrenze erreicht hat und ob die Kauf-
kraft der Bevölkerung und die Psyche des Unternehmers und Kauf-
manns noch weitere Steigerungen mit in Kauf nehmen können und
wollen. Aus diesem einfachen Grunde kann man wohl die Preis-
kurve dazu benutzen, festzustellen, daß sich das Wirtschaftsleben
in dem Zustande der Hausse befindet, daß sich diese auch wahr-
scheinlich ihrem Höhepunkte schon genähert hat und daß es nicht
mehr lange so weitergehen kann. Man kann aber in der Entwick-
lung der Preise keinen absolut sicheren Maßstab dafür erblicken, daß
es nun auch wirklich mit der Hochkonjunktur zu Ende geht und ein
wirtschaftlicher Rückschlag bevorsteht. Zur Prognose der Konjunktur
ist die Betrachtung der Preiskurve also nur in sehr eingeschränktem
Maße geeignet.

Wesentlich brauchbarere und sicherere Anhaltspunkte dafür ge-
währen jedoch die Verhältnisse auf dem Kapital- und Geldmarkt,
welche wir deshalb auch im Vorangegangenen mit so großer Aus-
führlichkeit betrachtet haben. Der innere Zusammenhang, welcher
zwischen dem Wandel in der Konjunktur und den Verhältnissen auf
dem Kapital- und Geldmärkte besteht, liegt dabei ziemlich einfach
zutage. Zur Erklärung dieser Beziehungen ist es notwendig, noch
etwas eingehender auf den Mechanismus des Konjunktur-
wandels einzugehen, als es bisher geschehen ist. Es handelt
sich hierbei vor allem um die Beziehungen, welche zwischen der
Mombert, Stadium der Konjunktur.	15
        <pb n="228" />
        ﻿222 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Entwicklung der Preise und der Entwicklung des Zinsfußes, wie er
sich in der Höhe des Diskontsatzes widerspiegelt, vorhanden sind.

Der Zusammenhang ist einmal der, daß steigende Preise in der
Zeit einer Hochkonjunktur für den Unternehmer die Veranlassung
bilden, neue Produktionsanlagen zu schaffen und vorhandene zu
erweitern. Damit wird eine steigende Nachfrage auf dem Kapital-
markt, welche in einem zunehmenden Bedarf nach Geld zum Aus-
druck kommt, ausgelöst. Mit dieser Erscheinung, dem steigenden
Güterumsatz und den steigenden Preisen in der Hochkonjunktur,
werden dann aber auch ganz unabhängig von diesen Neugründungen
und Erweiterungen, steigende Ansprüche an den Geldmarkt gestellt,
wodurch an sich bereits Tendenzen zu einer Steigerung des Zins-
fußes wirksam werden. Diese Verknappung, wie sie auf dem Kapital-
und Geldmärkte in einem gewissen Stadium der Hausse, die
doch eine erhebliche Ausweitung des ganzen Wirtschaftslebens
bedeutet, unbedingt eintreten muß, wird dann unter allen Umständen
auch die Tendenz haben, die Nachfrage auf dem Warenmärkte ein-
zuschränken. Diese Einschränkung vollzieht sich auch dabei von
verschiedenen Richtungen her.

Schon oben haben wir gesehen, daß schon während der Hausse
der steigende Zinsfuß einen lähmenden Einfluß auf die Bautätigkeit
ausübt. In dem Rückgang dieser Bautätigkeit haben wir es
mit einem besonders wichtigen Symptom dafür zu tun, um fest-
zustellen, wann der steigende Zinsfuß eine einschränkende Wirkung
auf die Nachfrage auszuüben beginnt. Man braucht ja nur an die
zahlreichen Industrien und Gewerbe zu denken, deren Beschäftigung
mit in erster Linie von den Verhältnissen auf dem Baumarkte ab-
hängig ist. Es ist deshalb gerade unter dem Gesichtspunkte der Kon-
junkturprognose von besonderer Bedeutung, daß die Statistik des
Baumarktes gut ausgebaut ist. Sie hat bisher in Deutschland bei uns
sehr im Argen gelegen und brauchbare Angaben dafür gab es nur
für die größeren Städte. Es ist dringend erforderlich, daß auch die
Reichs- und Landesstatistik regelmäßig in kurzen Perioden Über-
sichten über die Entwicklung auf dem Baumarkte veröffentlichen und
zwar Übersichten, aus denen nicht nur die in einem bestimmten Zeit-
räume fertig gestellten Bauten hervorgehen, sondern auch Übersichten,
in denen die genehmigten und eingereichten Baugesuche verzeichnet
sind, so daß man auf dieser Grundlage die Möglichkeit besitzt, sich
wenigstens für eine gewisse Zeit ein Bild von der Entwicklung auf
dem Baumarkte zu machen. Neuerdings finden sich in dem Reichs-
Arbeitsblatt Übersichten über die Bautätigkeit in den deutschen
        <pb n="229" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunktur wandeis.

223

Städten, in denen jedoch ganz allein von den neuerrichteten Ge-
bäuden und Wohnungen die Rede ist.

Aber nicht allein auf dem Baumarkte muß ein steigender Zins-
fuß mindernd auf die Nachfrage einwirken. Auch an zahlreichen an-
deren Punkten des Wirtschaftslebens muß das gleiche der Fall sein,
Wir haben ja oben schon gesehen (Tabelle S. 129), daß in den Zeiten
einer ausgesprochenen Hochkonjunktur unter der Konkurrenz des
Kapitalbedarfs der Industrie die öffentlichen Körperschaften, Staat
und Gemeinde, nur zu erschwerten Bedingungen neue Anleihen auf-
legen können. Es sind hier genau die gleichen Faktoren wirksam,
welche es auch in dieser Zeit fast unmöglich machen, daß
der Baumarkt die erforderlichen Mittel erhält. Man konnte diesen
Wandel ganz besonders deutlich bei dem letzten Konjunktur-
umschwung beobachten. Vom Jahre 1910—1913 ging der Emissions-
betrag an staatlichen, städtischen und Provinzialanleihen, sowie an
Hypothekenbankobligationen in der Gesamtsumme um 410 Millionen
Mark zurück. Es liegt auf der Hand, daß damit ebenfalls ein erheb-
licher Rückgang in der Nachfrage auf dem Gütermarkt verbunden sein
mußte, wenn den öffentlichen Körperschaften in geringerem Umfange
als zuvor die Mittel zur Verfügung standen, größere Arbeiten vor-
nehmen zu lassen. Diese ganze Entwicklung vollzieht sich nun in der
gleichen Zeit, in welcher die neugeschaffenen Anlagen an der Pro-
duktion teilzunehmen beginnen, wo aber dann auch hier in der In-
dustrie infolge des gestiegenen Zinsfußes die Neuschaffung von
Produktionsmitteln abzunehmen, oder mindestens ein langsameres
Tempo einzuschlagen beginnt.

Bei steigender Produktionsmöglichkeit beginnt also die Nachfrage
zurückzugehen. Die Entwicklung der Industrie, welche ihren Pro-
duktionsapparat stark erweitert hat, ist damit auf eine steigende Nach-
frage eingestellt, während jetzt hier die entgegengesetzte Tendenz Platz
zu greifen beginnt. Es kommt noch hinzu, daß bisher die Industrie
sich durch diese Neuanlagen und Neugründungen selbst einen be-
trächtlichen Teil der Nachfrage und Beschäftigung geschaffen hat
Diese so entstandene Nachfrage auf dem Gütermarkt muß nun
ebenfalls mehr oder weniger zurückgehen, wenn mit dem Steigen des
Zinsfußes die Schaffung solcher Neuanlagen nachläßt. Dazu kommt
noch, daß dann diese neugeschaffenen Anlagen allmählich selbst zu
produzieren und damit das Güterangebot zu vergrößern beginnen.

Wenn wir uns auf Grund dieser Überlegungen fragen, an welchen
Punkten des Wirtschaftslebens zuerst der Abbau der Nachfrage ein-
setzen muß, welche Industrien zuerst darunter zu leiden haben, so
]st nach dem Dargelegten die Antwort nicht schwer zu finden. Wii
        <pb n="230" />
        ﻿224 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik,

müssen nur daran denken, daß an diesem Zeitpunkte die Beschäfti-
gung auf dem Baumarkte nachläßt, daß die Bestellungen der öffent-
lichen Körperschaften zurückzugehen beginnen, daß Neuanlagen' und
Betriebserweiterungen sich nun in erheblich langsamerem Tempo
vollziehen, um zu sehen, daß es vor allem der Markt der Rohstoffe
ist, und hier wieder vor allem die Eisenindustrie, bei der sich, wie
auch die statistische Betrachtung zeigt, zuerst ein Rückgang in den
Bestellungen und Aufträgen und demgemäß auch ein Rückgang der
Preise zeigen muß.

Das sind die Gründe, weshalb sich in unserer Organisation der
Volkswirtschaft, vor allem bei den eigentümlichen Verhältnissen des
deutschen Wirtschaftslebens, das wir später unter diesen Gesichts-
punkten deshalb noch eingehender zu betrachten haben, die Sym-
ptome eines beginnenden Rückganges der Konjunktur zuerst auf dem
Geldmärkte zeigen.

Gegentendenzen können dadurch entstehen, daß in solchen Zeiten
eines steigenden Zinsfußes vom Auslande her Kapital eingeführt
wird. Denn das Kapital pflegt dorthin zu strömen, wo ihm der
größte Ertrag winkt, also, gleiches Risiko vorausgesetzt, aus den
Gebieten mit niedrigerem, in die Gebiete mit höherem Zinsfüße.
Die Erfahrung zeigt jedoch, daß dies im allgemeinen nur in sehr
geringem Umfange der Fall ist; in größerem Maße wäre dies nur
dann möglich, wenn in den einzelnen Ländern gleichzeitig eine ver-
schiedene Konjunktur herrschte. Dann kann es Vorkommen, daß aus
dem Lande, in dem eine wirtschaftliche Depression herrscht, in
größerem Umfange Mittel nach einem Lande fließen, in welchem eine
wirtschaftliche Hochkonjunktur vorhanden, wo also die Rentabilität
der Kapitalanlage eine größere ist. Wenn sich aber der Konjunktur-
wandel international in gleicher Weise vollzieht, und es sind sehr
starke Tendenzen nach dieser Richtung hin vorhanden, dann können
solche Kapitalübertragungen in größerem Umfange nicht Vorkommen.

Zusammenfassend kann man also sagen, daß auf der einen
Seite es die Art der wirtschaftlichen Konjunktur ist, welche in hohem
Maße die Entwicklung auf dem Kapital- und Geldmärkte bestimmt,
daß aber dann auf der anderen Seite von einem .gewissen Punkte ab
der weitere Gang der wirtschaftlichen Konjunktur von den Verhält-
nissen auf dem Kapital- und Geldmärkte abhängig ist. Die geschicht-
liche Betrachtung der neueren Konjunkturentwicklung, vor allem auch
in Deutschland, zeigt, daß jeder Konjunkturrückgang in der neuerem
Zeit seinen Ausgangspunkt von den Verhältnissen' am Geldmärkte ge-
nommen hat und daß deshalb bei der Konjunkturprognose den Er-
        <pb n="231" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunkturwandels.

225

scheinungen und Wandlungen am Geldmärkte die allerentschiedenste
Bedeutung zukommt.

Der Rückgang der wirtschaftlichen Konjunktur ist also auf orga-
nischem Wege zu erklären, d. h. er entspringt Ursachen, die im
Wesen der heutigen Wirtschaftsordnung liegen. Dabei sei es an dieser
Stelle dahingestellt, eine Frage, welche später noch zu besprechen
sein wird, ob in einer ganz anders gearteten Wirtschaftsordnung, z. B.
einer solchen, wie sie dem Sozialismus vorschwebt, ein gleich-
mäßigerer Ablauf des Wirtschaftslebens möglich wäre.

Wenn es also in diesem Sinne immerhin recht brauchbare Mittel
und Wege gibt, um schon in einem Zeitpunkte das Herannahen eines
wirtschaftlichen Rückganges vorauszusagen, wo in der Industrie noch
gar nichts davon zu spüren ist, so hängt dies in erster Linie damit
zusammen, daß dieser Konjunkturrückgang aus den Eigentümlich-
keiten der heutigen Wirtschaftsordnung heraus zu erklären ist.

Ganz anders liegen dagegen die Verhältnisse in dem umgekehrten
Falle, wenn es sich um den Wiederaufstieg des Wirtschafts-
lebens aus dem Zustande der Depression handelt. Bei der Betrach-
tung dieser Entwicklung können wir uns wesentlich kürzer fassen.
Einmal besteht hier weder vom Standpunkte des einzelnen, noch von
demjenigen der Gesamtheit aus betrachtet, das gleiche Bedürfnis
nach einer Prognose wie dort, wo es mit der Konjunktur bergab geht.
Von anderen Gründen, die in der Natur der Sache liegen, abgesehen,
ist dies schon deshalb nicht der Fall, weil sich ein Wiederaufstieg
der Konjunktur, in der Regel wenigstens, viel langsamer zu vollziehen
pflegt, als ein Konjunkturrückgang.

Ganz besonders wichtig aber ist auch die Tatsache, daß sich bei
dem Wiederaufstieg der Konjunktur aus dem Zustand der Depression
niemals mit dem gleichen Grade von Wahrscheinlichkeit eine Pro-
gnose geben läßt, wie in dem umgekehrten Falle.

Bei einem gewissen Zustande des Geldmarktes ist eben, wie wir
gesehen haben, eine Weiterdauer der Hochkonjunktur unmöglich, hier
muß sie zum Stillstand kommen. Es ist dagegen umgekehrt keines-
wegs gesagt, daß, wenn im Zustand der wirtschaftlichen Depression
sich die Verhältnisse auf dem Geldmärkte günstiger gestalten, wenn
die Noten- und Kreditbanken liquider werden und der Zinsfuß eben-
falls ein niedrigerer ist, daß es dann zu einem neuen Aufschwung
kommen muß. Das kann, muß aber nicht der Fall sein. Man kann
nnter solchen Verhältnissen höchstens sagen, daß die Lage auf dem
Geldmärkte eine solche ist, daß von hier aus einem neuen Auf-
schwung keine Hindernisse entgegenstehen. Ob dann ein solcher
Aufschwung auch wirklich einsetzt, hängt aber dann auch noch von
        <pb n="232" />
        ﻿226 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik._

zahlreichen anderen Faktoren ab, vor allem auch von solchen, die
von außen her an das Wirtschaftsleben herantreten, welche erst den
Anstoß zu einem Wiederaufstieg geben können. Man wird deshalb
niemals daran denken können, in! dem gleichen Sinne, wie für eine
niedergehende Konjunktur, auch für deren Wiederaufstieg nach be-
stimmten Symptomen und Merkmalen zu suchen. Wohl gibt es
mancherlei Anzeichen, die unter bestimmten Voraussetzungen dafür
sprechen, daß der Zustand der Depression zu Ende geht. Aber zu
einer Prognose in solch zwingendem Sinne, wie wir solche Symptome
bei dem Rückgänge der Konjunktur kennengelernt haben, lassen sich
diese Anzeichen nicht verwenden.

Trotzdem soll an dieser Stelle noch kurz auf die Faktoren hin-
gewiesen werden, welche geeignet sind, einen neuen wirtschaft-
lichen Aufschwung einleiten zu helfen.

Wenn man sich die oben dargelegten Zusammenhänge noch
einmal vor Augen hält, dann erkennt man, warum erfahrungsgemäß
nach Ablauf einer Reihe von Jahren unter gewissen Voraussetzungen
eine Depression ihrem Ende entgegengeht und die wirtschaftliche
Konjunktur sich wieder in aufsteigender Linie zu bewegen beginnt.

Dieser neue Aufstieg hängt in erster Linie damit zusammen,
daß während der Depression sich der Produktionsapparat der In-
dustrie nicht weiter ausdehnt, daß hier die Steigerung ihrer
Leistungsfähigkeit zum Stillstand kommt, daß dagegen aus Gründen, die
wir gleich kennenlernen werden, die Nachfrage die Tendenz hat,
wieder langsam zuzunehmen, um sich so immer mehr der Leistungs-
fähigkeit der Industrie, welche ja während der Depression keines-
wegs voll ausgenutzt werden konnte, anzupassen.

Der eine, vielleicht der wichtigste Faktor, welcher nach dieser
Richtung hin wirksam ist, ist die Volkszunahme, welche ja
auch in den Zeiten der Depression andauert und dahin tendiert, eine
steigende Nachfrage auf dem Warenmärkte auszuüben. Betrachten
wir die Depressionsperioden der Jahre 1900—1903 und 1907—1909,
so stieg von der Mitte des Jahres 1900 bis zur Mitte des Jahres 1903
die deutsche Volkszahl um 2,58 Millionen, von der Mitte des Jahres
1907 bis zur Mitte des Jahres 1909 um 1,7 Millionen. Es bedarf
keiner weiteren Begründung, warum darin, gleiche Lebenshaltung
und gleichbleibende Kaufkraft der Bevölkerung vorausgesetzt, ein
Faktor liegt, welcher stimulierend auf die Nachfrage einwirken muß.

Auch die Entwicklung desAußenhandels kann im den Zeiten
der Depression den gleichen Einfluß auf die Nachfrage ausüben.
Denn auch während der Depression nimmt vielfach der Umsatz im
Welthandel, Ausfuhr und Einfuhr zusammen, zu. Das kann nicht
        <pb n="233" />
        ﻿4, Die Prognose des Konjunkturwandels.

227

nur aus den oben bereits dargelegten Gründen geschehen, daß im
Zusammenhang mit der Entwicklung der Preise während der De-
pression in einem Lande starke Kräfte am Werke sind, die Ausfuhr
zu fördern, auch ganz unabhängig davon kann das gleiche eintreten.
Denn es ist im allgemeinen mit einer Tendenz im Welthandel zur
Gewinnung neuer und zur Erweiterung alter Absatzmärkte zu rech-
nen. Von anderen Gründen abgesehen, auf welche hier einzugehen zu
weit führen würde, wird schon deshalb eine solche Tendenz vor-
handen sein, weil ja auch in dieser Zeit überall mit einer Volks-
zunahme zu rechnen ist. Die folgende Tabelle gibt ein Bild von
dieser Entwicklung des Gesamtaußenhandels.

Es betrug der Gesamtaußenhandel der wichtigeren Länder der Erde
(Werte: Summen der Ein- und Ausfuhr in Millionen Mark).

Jahr		Jahr		Jahr	
1899	86 991	1904	105 833	1909	132 515
1900	91 808	1905	113 982	1910	146 853
1901	92 957	1906	125.354	1911	154 335
1902	96 645	1907	133 944	1912	169 127
1903	102 761	1908	124345		

Bei der Wirtschaftskrise um das Jahr 1900 kann man die eben
geschilderte Tendenz deutlich beobachten, während sie bei dem Kon-
junkturrückgang des Jahres 1907 nicht in die Erscheinung getreten
ist. Es liegt auf der Hand, daß es für diesen Zusammenhang ent-
scheidend ist, ob diese rückläufige Konjunktur einen internationalen
Charakter trägt oder nicht. Man sieht, daß in den ersten Jahren
nach 1900 mit dem Ausbruch der Krise und dem Einsetzen der De-
pression, der Gesamtbetrag des Außenhandels zunächst stagniert, daß
aber dann noch während der Dauer der Depression eine ganz er-
hebliche Steigerung eintrat. Als Depressionsjahre sind dabei die-
jenigen für Deutschland gewählt, wobei jedoch ausdrücklich zu
bemerken ist, daß diese Konjunkturbewegung damals international
keine gleichmäßige gewesen war.

Auch bei der Warenausfuhr aus einzelnen Ländern kann man
in manchen Jahren die gleiche Beobachtung machen. So betrug die
deutsche Ausfuhr an Fabrikaten in dem Jahre 1899, dem letzten Jahre
der Hochkonjunktur, dem Werte nach 2605 Millionen Mark, dagegen
in den beiden darauffolgenden Jahren ini der Zeit der ausgespro-
chensten Depression im Durchschnitt 2945 Millionen Mark, um dann
in dem Jahre 1903 auf 3423 Millionen Mark zu steigen. Anders lagen
die Verhältnisse bei dem Konjunkturrückgänge im Jahre 1907. Hier
        <pb n="234" />
        ﻿228 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

war die Ausfuhr in den Jahren 1908—1909 wesentlich geringer als
im Jahre 1907, was in erster Linie mit dem internationalen Charakter
dieser Depressionsperiode zusammenhing. Anders lagen die Ver-
hältnisse wieder in dem Jahre 1913, das eine erhebliche Zunahme in
der Ausfuhr von Fabrikaten gegenüber dem Vorjahre zeigt. Diese Stei-
gerung in der Höhe der Ausfuhr ist also keine Erscheinung, welche
in der Depression mit irgendwelcher Regelmäßigkeit eintritt. Dafür
sind die Verhältnisse, welche darauf einwirken, viel zu verschieden-
artige.

Wir haben oben gesehen, daß auf diese Weise die Ausfuhr in
den Zeiten der Depression durch den in dieser Zeit erfolgenden Preis-
rückgang eine Steigerung erfährt, daß dieser Einfluß aber dann aus-
bleiben muß, wenn der Niedergang der Konjunktur und damit der
Preisabbau international ist. Aber davon ganz abgesehen, liegt es
auf der Hand, daß jeder Preisrückgang als solcher, wie er ja in jeder
Depressionsperiode auftritt, die Tendenz in sich birgt, allenthalben,
im Inland und Ausland, belebend auf die Nachfrage zu wirken.
Inwieweit, und innerhalb welcher Zeit, sich dann eine solche Tendenz
auch wirklich durchzusetzen vermag, das hängt dann von den aller-
verschiedensten Faktoren ab. In sehr vielen Fällen wird auch dieser
Preisrückgang nur stark genug sein können, den weiteren Rückgang
in der Nachfrage, welcher in den Zeiten der Depression mit der
Abnahme der Gewinne, dem Rückgang der Löhne, der Zunahme der
Arbeitslosigkeit, eintritt, mehr oder weniger zu kompensieren. Immer-
hin wird man diesem Preisrückgänge also nicht nur für den Außen-
handel, sondern auch für die Entwicklung auf dem inneren Markte
eine gewisse Bedeutung dafür zuerkennen müssen, in welchem Um-
fange während der Depression die Nachfrage auf dein. Gütermarkte
hinter der Leistungsfähigkeit der Industrie zurückbleibt, und in
welchem Umfange damit doch ein Faktor ausgelöst wird, welcher
wenigstens innerhalb gewisser Grenzen neu belebend auf die Nach-
frage einwirken kann.

Es sind dann ferner auch vor allem von außen kommende
Faktoren, die unter Umständen imstande sind, einen neuen Auf-
schwung im Wirtschaftsleben vorbereiten zu helfen und einzuleiten.
Hierher gehören erfahrungsgemäß, wie wir schon oben gesehen haben
(Tabelle S. 47), vor allem günstige Ernten, weil mit diesen die Kauf-
kraft der ländlichen Bevölkerung steigt, und mit dem Steigen dieser
Kaufkraft auch ein belebender Einfluß auf Handel und Industrie aus-
gelöst wird. In welchem Maße das der Fall ist, hängt in hohem Um-
fange davon ab, welche Rolle die Landwirtschaft noch in dem be-
treffenden Lande spielt. Je mehr dieses Land zum Industrie- und
        <pb n="235" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjiuikturwandels.

229

Handelsstaat fortgeschritten ist, um so geringer wird dieser Einfluß
sein können. Für die Vereinigten Staaten von Amerika hat Glier
diesen Zusammenhang sehr anschaulich mit den folgenden Worten
dargelegt:

„Schlägt aber die Ernte ein, fällt eine bumper crop au, hat der
Farmer Geld, so kauft er Stacheldraht, landwirtschaftliche Gerät-
schaften, ein neues buggy usw. Die Drahtindustrie und die Walz-
werke für Stabeisen können auf Beschäftigung rechnen. Die Bahnen
kaufen gleichfalls; sie bestellen Schienen, Kleineisenzeug, Bnickei&gt;
material, Waggons usw. Die Schienenwalzwerke bekommen große Auf-
träge, desgleichen die Pressed Steel Car Company und ihre Konkurrenz,
und damit auch die Hersteller von Stahlplatten usw. Ist die Baum-
wollernte gut, so geht Bandeisen; die Steel Hoop Company hat die
Hände voll zu tun. Ist die Obst- und Gemüseernte reichlich, so hat
die American Can Company ein gutes Jahr und damit auch die
American Tin Plate Company1).“

Dieser Zusammenhang zwischen Ernteergebnissen und Konjunk-
turentwicklung wird besonders deutlich, wenn man sich den Ein-
fluß der ersteren auf den Ertrag der Eisenbahnen vor Augen hält.
Das geschieht in der folgenden Tabelle, die nach den Angaben Gliers
zusammengestellt ist.

Es betrug in den Vereinigten Staaten:

die Ernte	die Bruttoeinnahmen d. Eisenbahnen

Jahre	an Weizen, Mais und Hafer in 1000 Busheis	Jahre	pro Meile berechnet
1891	3 410 328	1891—92	2464 Dollar
1892	2 805 448	1892—93	2314	..
1893	2 654483	1893—94	1964	.,
1894	2 335 074	1894- 95	1967	..
1895	3 442 684	1.895-96	2072	..
1896	3 414 905	1896-97	2016 .,
1897	3 131 885	1897-98	2325	..
1898	3 330 239	1898-99	2435

Auch eine starke Vermehrung der Goldproduktion kann
unter Umständen nach der gleichen Richtung hin wirksam sein.
Jedenfalls handelt es sich aber in all diesen Fällen um Zusammen-
hänge, welche von außen an die Wirtschaft herantreten. Daraus
ergibt sich, daß auf solchen Grundlagen irgendeine Prognose für die
weitere Entwicklung der Konjunktur aus der Depression heraus aus-
geschlossen ist.

U „Zur neuesten Entwicklung der amerikanischen Eisenindustrie.“
Schmollers Jahrbuch, 28. Jahrgang. 1904.
        <pb n="236" />
        ﻿230 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Etwas anders liegt es mit den Verhältnissen auf dem Geld-
märkte. Die eine Tatsache haben wir oben ja bereits kennen-
gelernt, daß der Geldmarkt in den Zeiten der Depression sehr flüssig
und daß dann auch der Zinsfuß ein sehr niedriger ist. Man hat nun
von manchen Seiten schon angenommen, daß sich in der Periode der
Depression an den verschiedensten Stellen des Wirtschaftslebens
große Beträge Anlage suchenden Kapitals, vor allem in der Form von
Geld, ansammeln und daß dann, wenn von außenhalb, wie vor allem
durch gute Ernten, starke Gewinnung von Edelmetallen!, technische
Fortschritte usw., eine entsprechend starke Anregung auf das Wirt-
schaftsleben erfolgt, dieses müßige Kapital der Industrie, wo ihm
jetzt wieder eine gute Anlage winkt, zuströmt, und daß auf diese
Weise ein neuer Konjunkturaufstieg eingeleitet werden kann.

Ich stimme den Ausführungen Eßlens1) darin vollkommen hei,
daß sich keinerlei Anhaltspunkte dafür finden lassen, aus welchen
man auf solch größere Kapitalansammlungen in den Zeiten der De-
pression bei den Banken oder bei Privaten schließen könnte, daß
heute nur wenig Kapital in Geldform aufbewahrt wird und daß heute
im allgemeinen. Kapitalakkumulation auch Kapitalinvestierung be-
deutet. Man wird also nicht sagen können, daß in der Depression
Anlage suchendes Kapital in größeren Mengen vorhanden ist oder daß
neues Kapital in erheblicherem Umfange gebildet wird, und daß in
dieser Weise in der Depression Reserven da sind, welche die Vor-
aussetzung für einen neuen Konjunkturaufschwung abgeben. Aber
trotzdem liegen in den Verhältnissen des Geldmarktes während der
Depression zweifellos Faktoren, welche geeignet sind, auf eine Stei-
gerung der Nachfrage hinzuwirken und so an dem Wiederaufbau des
Wirtschaftslebens mitzuarbeiten.

In der Depression befindet sich das Wirtschaftsleben, vor allem
die Banken, wie wir gesehen haben, in dem Zustande einer sehr weit-
gehenden Liquidität. In solchen Zeiten kann man viel leichter in
der Regel von den Banken Kredit erhalten als während der Hausse,
wenn die Lage auf dem Geldmärkte eine angespannte ist. Eine solche
Kreditgewährung kann aber die Gewährung und Schaffung von
neuer und zusätzlicher Kaufkraft bedeuten. In dem Maße, in welchem
solches der Fall ist, hat die Kreditgewährung die Tendenz, die Nach-
frage auf dem Gütermarkte zu steigern und damit auch die Güter-
produktion anzuregen2).

U A. a. 0. S. 243 ff.

e) Vgl. dazu Hahn, Volkswirtschaftliche Theorie des Bankkredits
Tübingen 1921, der auf diese Seite des Kredits mit Recht sehr stark ab-
hebt, wenn ihm dabei auch mancherlei Übertreibungen mit unterlaufen.
        <pb n="237" />
        ﻿4. Die Prognose des Konjunkturwandeis.

231

Wenn aus irgendwelchen Gründen in' der Volkswirtschaft neue
Kredite, welchen keine Warenproduktion zugrunde liegt, gewährt
worden, so wird damit die kaufkräftige Nachfrage auf dem Güter-
markte steigen. Der Kredit ist zwar nicht selbst Kapital, wie man
mitunter (Macleod) schon gemeint hat. Er kann aber doch auch
mehr bedeuten, als daß lediglich Übertragungen von Kapital statt-
finden und daß auf diesem Wege totes Kapital in werbendes um-
gewandelt wird. Mittels der Gewährung solchen Kredits wird eben
neue, wenn auch nur künstliche Kaufkraft geschaffen. Damit müssen
die Nachfrage auf dem Gütermarkt und über kurz oder lang auch die
Preise zu steigen beginnen. In beiden Fällen handelt es sich jedoch
um Wandlungen, welche ihrerseits leicht imstande sind, anregend auf
die Gütererzeugung und damit auf das ganze Wirtschaftsleben ein-
zuwirken.

Während der Depression sind nun unleugbare Tendenzen vor-
handen, die dahin wirksam sind, entweder unmittelbar oder über
dem Umweg des Kredits in dem eben dargelegten Sinne belebend auf
die Gütererzeugung einzuwirlcen. Wovon es dann abhängt, ob sich
diese Tendenzen auch wirklich durchzusetzen vermögen, werden wir
später sehen. Zunächst wollen wir diese Kräfte einmal genauer
kennenlernen.

Hahn hat in der eben genannten' Schrift mit Nachdruck bereits
darauf abgehoben, daß die in der Depression eintretende Zins-
ermäßigung schon an sich geeignet ist, einen belebenden Einfluß
auf die Produktion auszuüben. Bedeutet eine solch© Zinsermäßigung
doch eine nicht unerhebliche Minderung der Produktionskosten, wo-
durch die Rente der betreffenden Betriebe erhöht und für den Unter-
nehmer ein Anreiz zur Ausdehnung der Produktion gegeben wird.
Es sei auch nochmals an die oben wiedergegebenen Ansichten Cassels
erinnert. Wenn wir nun daneben die Tatsache halten, daß in den
Zeiten der Depression der Geldmarkt sehr flüssig, der Status der
Banken ein sehr liquider ist, daß die Banken ein starkes Anlage-
bedürfnis für ihre Mittel haben, so ergibt sich daraus, daß hierin
gewisse Voraussetzungen zu einer erneuten und stärkeren Kredit-
gewährung liegen. Wie eine solche dann auf die Nachfrage und damit
auf die Produktion einwirkt, ist eben dargelegt worden. In diesem
Sinne wird man sagen können, daß in den Zeiten der Depression in
dem Zustand des Geldmarktes gewisse Kräfte vorhanden sind, einen
erneuten Aufstieg der Konjunktur einzuleiten.

Es ist eben bereits gesagt worden, daß es dann eine andere Frage
ist, ob diese Tendenzen auch stark genug sind, um dann' tatsächlich
auch nach der genannten Richtung bin1 wirksam zu sein. Ob dies
        <pb n="238" />
        ﻿232 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

der Fall ist, hängt von den mannigfachsten Faktoren ab, von denen
zum Teil schon die Rede gewesen ist. Ina allgemeinen wird man
sagen können, daß sich solche Tendenzen nur dann durchzusetzen
vermögen, wenn die allgemeine wirtschaftliche Lage des betreffenden
Landes eine solche ist, daß aus ihr heraus ebensolche Kräfte am
Werke sind, die dann mit diesen Tendenzen am Geldmärkte Hand in
Hand gehen. Hierher gehören einmal die oben dargelegten äußeren
Momente, wie technische Fortschritte, gute Ernten, steigende Volks-
zahl usw. Es gehört ferner auch hierher, daß keine Tendenzen vor-
handen sind, welche ungünstig auf die Lebenshaltung und damit
auf die Kaufkraft der Bevölkerung einwirken. Wo dagegen solche
äußeren Faktoren fehlen, wo vor allem das Volkswachstum stockt,
wo die Lebenshaltung zurückgeht, werden auch solche Tendenzen
am Geldmärkte sich nicht durchzusetzen vermögen. Es handelt sich
hier um Zusammenhänge, die gerade unter dem Gesichtspunkte
unserer weiteren wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland zu
beachten sein werden.

5.	Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel.

Wir haben eingangs gesehen, wo von dem Gleichgewicht zwischen
Produktion und Konsumtion als idealem Zustande der Volkswirtschaft
die Rede war, daß, wenn man von den Tatsachen ausgeht, der
normale Zustand des Wirtschaftslebens im Sinne des Durchschnitt-
lichen und Regelmäßigen weder der Zustand der Hochkonjunktur,
noch derjenige der Depression ist, sondern der dauernde Wechsel
zwischen beiden, dieses Auf und Ab im Wirtschaftsleben, das sich
dem Auge als Wellenbewegung darstellt. Es ist das derjenige Zustand,
den man, vom Standpunkt der früher immer wiederkehrenden großen
wirtschaftlichen Erschütterungen ausgehend, als die Periodizität der
Wirtschaftskrisen bezeichnet hat.

Es kann jedoch ein großer Unterschied bestehen zwischen einer
solchen Periodizität der Wirtschaftskrisen und einer solchen Wellen-
bewegung im Wirtschaftsleben. Dieser Unterschied ist zunächst ein
rein quantitativer, wenngleich auch hierbei, um mit Hegel zu reden,
die Quantität in die Qualität Umschlägen kann. Wohl ist beide Male,
ob man nun von einer Periodizität der Wirtschaftskrisen oder von
einer einfachen Wellenbewegung der Konjunktur spricht, ein dau-
erndes Auf und Ab im Wirtschaftsleben gemeint. Diese Kurve der
Wellenbewegung kann -jedoch eine sehr verschiedene Form zeigen.
Das eine Mal kann das Wesentliche derselben in einem jähen und
steilen Auf- und Abstieg liegen, das andere Mal kann die Wellen-
bewegung so flache Formen annehmen, daß man wohl von einem
        <pb n="239" />
        ﻿5. Die Beeinflussuüg von Konjunktur und Konjunkturwandel. 233

Rückgang oder einem Abflauen der Konjunktur sprechen kann, aber
nicht mehr von Wirtschaftskrisen in dem früher üblichen Sinne mit
all ihren großen wirtschaftlichen und sozialen Schäden. Schon in
dieser Wandlung der Konjunkturschwankungen, welche wir in diesem
Sinne in dem letzten Jahrzehnt vor dem Kriege beobachten konnten,
liegt ein großer Fortschritt. Denn damit kam eine größere Gleich-
mäßigkeit in das Wirtschaftsleben, die Höhe- und die Tiefpunkte
desselben wurden einander angenähert. Je größer die Stetigkeit in
diesem Sinne ist, je näher die höchsten und die tiefsten Punkte der
Konjunkturkurve aneinander liegen, um so günstiger ist dieser Zu-
stand für alle Teile der Volkswirtschaft. Damit soll natürlich nur
die Stetigkeit und Gleichmäßigkeit im Hinblick auf dieses Auf und
Ab im Wirtschaftsleben gemeint sein. Ich möchte nicht der Auf-
fassung derer beitreten, welche, wie es schon geschehen ist, die
Depression als den eigentlich wünschenswerten, d. h. dann in diesem
Sinne normalen Zustand des Wirtschaftslebens bezeichnet haben.
Freilich würde dann auch hier ein ruhiger, gleichmäßiger Zustand
herrschen, wenn die Depression nicht durch ein Aufsteigen der Kon-
junktur unterbrochen würde, aber es wäre doch die Ruhe des Fried-
hofes, bei der nie die reichen wirtschaftlichen und technischen
Kräfte eines Volkes zur vollen Entfaltung kommen könnten.

Der wünschenswerte, ideale Zustand scheint mir derjenige eines
möglichst gleichmäßigen, ruhigen Ablaufs der Konjunktur zu sein,
ein Zustand, welcher jedoch dabei keineswegs die Züge einer Depres-
sion zu tragen braucht. Damit soll nicht gesagt sein, daß nicht auch
eine ausgesprochene Depressionsperiode ihre für die wirtschaftliche
Entwicklung günstigen Seiten haben kann. Man hat schon häufig
genug darauf hingewiesen, daß Verbesserungen in der Produktion vor-
nehmlich in den Zeiten sinkender Unternehmergewinne gemacht
werden. In solchen Zeiten hat der Unternehmer eben ein ganz beson-
deres Interesse daran, sich um die Vervollkommnung der Produktions-
methoden zu kümmern. Schon im Jahre 1854 hat ein englischer
Fabrikinspektor A. Redgrave in seinem Berichte darüber das folgende
gesagt: „Wenn der Handel gut geht und alle Waren Käufer finden,
dann kümmert sich niemand um Vervollkommnungen und die Erfin-
dung neuer Produktionsmethoden; aber wenn der Handel aus irgend-
welchen Gründen, welche durch Anstrengungen des Geistes und irgend-
welche Energie beseitigt werden können, in Stockung gerät, dann
finden Vervollkommungen der Produktion statt.“

Wenn wir nun zur Betrachtung der Konjunkturpolitik in dem
zweiten, ober dargelegten Sinne übergehen, indem wir darunter
die Maßnahmen verstehen, die geeignet sind, bewußt und plan-
        <pb n="240" />
        ﻿234 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik. _

mäßig den Gang der Konjunktur zu beeinflussen, so kann es sich also
dabei nur um die Aufgabe handeln, diese Wellenbewegung möglichst
abzuflachen, dieses Auf und Ab im Wirtschaftsleben zu mildern und
als unerreichbares Ideal muß vorschweben, diese Schwankungen ganz
zu beseitigen, d. h. auf einer mittleren Linie das ersehnte Gleich-
gewicht zwischen Produktion und Konsumtion als dauernden Zustand
herbeizuführen. Eine solche Abflachung der Konjunkturkurve würde
wohl eine Annäherung der Zustände der Hochkonjunktur und De-
pression aneinander zur Folge haben, brauchte aber natürlich keines-
wegs dahin zu führen, daß der Zustand der Depression ein dauernder
wäre. In diesem Sinne können Einwirkungen sowohl auf die Hoch-
konjunktur wie auf die Depression erfolgen. Auf jene in dem Sinne,
daß die Kurve der Hochkonjunktur nicht zu hoch und steil ansteigt,
auf diese in dem Sinne, daß der Absturz kein zu tiefer ist. Dabei
hängt beides natürlich auf das allerengste zusammen, da erfahrungs-
gemäß die Stärke und der Umfang des Konjunkturrückganges in
hohem Maße davon bestimmt werden, welchen Verlauf das Wirt-
schaftsleben während der Hochkonjunktur, vor allem während der
ausgesprochenen Hausse, genommen hat.

Wie wir oben gesehen haben, sind diese Krisen und Konjunktur-
schwankungen erst eine Erscheinung der Neuzeit, und hängen auf
das engste mit den Grundlagen der herrschenden Produktionsweise
zusammen. Es ist dies der Punkt, an welchem auch von seiten des
Sozialismus die schärfste Kritik der herrschenden Wirtschafts-
ordnung eingesetzt hat. In dem Erfurter Programm der sozial-
demokratischen Partei Deutschlands heißt es: „Der Abgrund zwischen
Besitzenden und Besitzlosen wird noch erweitert durch die im Wesen-
der kapitalistischen Produktionsweise begründeten Krisen, die immer
umfangreicher und verheerender werden, die allgemeine Unsicherheit
zum Normalzustand der Gesellschaft erheben und den Beweis liefern,
daß die. Produktivkräfte der heutigen Gesellschaft über den Kopf ge-
wachsen sind, daß das Privateigentum an Produktionsmitteln unver-
einbar geworden ist mit deren zweckentsprechenden Anwendung und
voller Entwicklung.“

Sehen wir davon ab, daß dieser Satz insoweit den Tatsachen
nicht entspricht, als die Krisen nicht immer umfangreicher und ver-
heerender geworden sind, daß vielmehr das Gegenteil der Fall ist,
so ist es doch zutreffend, daß diese Störungen auf das engste mit
der herrschenden Produktionsweise, dem Charakter der modernen
Volkswirtschaft als Verkehrswirtschaft, Zusammenhängen. Mit der
Entwicklung der Produktion für den Verkauf, mit der Tatsache, daß
immer mehr für den Markt produziert wurde, mit dem Rückgang der
        <pb n="241" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 235

Produktion für den Eigenbedarf und auf feste Bestellung (Kunden-
produktion), mit der steten Ausweitung der Märkte, mit der Ent-
wicklung vom lokalen Absatzmärkte zum Weltmärkte, mit der Tat-
sache, daß immer mehr das Gewinnstreben und die Konkurrenz und
das Verwertungsbedürfnis des Kapitales für den Umfang und die Art
der Produktion maßgebend geworden sind, mußten die Größe und
die Art der Nachfrage und damit die ganzen Markt- und Absatz-
verbältnisse immer unübersichtlicher werden, und damit mußten
solche Störungen in dem Gleichgewichtszustand zwischen Produktion
and Konsumtion eintreten. Auch die bereits erwähnte Tatsache, daß
heute der sog. reproduktive Verbrauch, der in seinem Ausmaße sehr
großen Schwankungen unterliegt, eine so große Rolle spielt, muß für
den Unternehmer die Abschätzung der Marktverhältnisse stark er-
schweren und damit in der Richtung einer Störung des Gleichgewichts
von Produktion und Konsumtion hin wirksam sein.

Als nun in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Kar-
telle in größerem Umfange aufkamen, d. h. Verbände selbständiger
Unternehmer mit dem Zwecke, monopolistisch den Markt zu be-
herrschen, da hat man vielfach geglaubt, daß damit für die Produ-
zenten ein Weg gefunden sei, eine bessere Übersicht als zuvor über
den Markt zu gewinnen, die Produktion in vollkommenerer Weise als
bis dahin dem Bedarf anpassenzu können und somit dazu beizutragen,
diese wirtschaftlichen Störungen zu beseitigen oder doch wenigstens
zu mildem. So hat Brentano damals gesagt: „Die Kartelle sind
Vereinigungen von Produzenten, um durch planmäßige Anpassung
der Produktion an den Bedarf einer Überproduktion und den sie be-
gleitenden verhängnisvollen Folgen: Preissturz, Bankerotte, Kapital-
entwertung, Arbeiterentlassung und Brotlosigkeit vorzubeugen1).“
■Ähnliche Anschauungen hat dann am Ende der neunziger Jahre
Eduard Bernstein vertreten: „Soweit es aber Mittel treibhaus-
mäßiger Förderung der Überproduktion ist, tritt dieser Aufblähung
der Produktion heute in den verschiedenen Ländern und hier und
da sogar' international, immer häufiger der Unternehmer-
verband entgegen, der als Kartell, Syndikat oder Trust die Pro-
duktion zu regulieren sucht. Ohne mich in Prophezeihungen über
seine schließliche Lebens- und Leistungskraft einzulassen1, habe ich
seine Fähigkeit anerkannt, auf das Verhältnis der Produktions-
tätigkeit zur Marktlage soweit einzuwirken, daß die Krisengefahr ver-
mindert wird2).“ Auch bei den Untersuchungen und Verhandlungen

1) Über die Ursachen der heutigen sozialen Not. Leipzig 1889. S. 23.

*) D‘e Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozial-
demokratie. Stuttgart 1904. S. 76.
        <pb n="242" />
        ﻿236 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik._____

des Vereins für Sozialpolitik über die Kartelle sind zum Teil ähnliche
Äußerungen laut geworden1).

In den darauffolgenden Jahren sind dann demgegenüber vor
allem unter dem Einfluß der Krise des Jahres 1900 zahlreiche
Stimmen laut geworden, welche eine weniger günstige Ansicht von
dem Einfluß der Kartelle auf die Konjunkturentwicklung vertraten.
Sie seien nicht imstande gewesen, in genügendem Maße die Pro-
duktion dem Bedarfe anzupassen und den erforderlichem mäßigenden
Einfluß auf die Preise auszuüben.

Es waren damals einige Kartelle gewesen, unter ihnen in erster
Linie das llohcisensyndikat, welche in der Hochkonjunktur mit ihren
Abnehmern langfristige Lieferungsverträge zu sehr hohen Preisen ab-
geschlossen hatten. Als dann mit dem Eintritt der Krise Nachfrage
und Preise sehr stark zurückgingen, zwangen die Kartelle ihre Ab-
nehmer, diese Verträge zu erfüllen, d. h. diese großen Rohstoff -
inengen zu den hohen Preisen noch weiter abzunehmen, ein Ver-
fahren, das damals für diese Abnehmer mit sehr großen Opfern ver-
bunden war und damit für das ganze Wirtschaftsleben recht ernste
Folgen gehabt hat* 2 3 * *).

Von anderen Seiten, vor allem aus den Kreisern der Kartelle, hat
man zwar gewisse, damals gemachte Fehler zugegeben, aber doch
daran feslgehalten, daß die Kartelle in der Hochkonjunktur einen
mäßigenden Einfluß ausgeübt hätten. Wenn dieser Einfluß nicht
stark genug gewesen sei, um gewisse Ausschreitungen in der Hoch-
konjunktur und dann deren Zusammenbruch zu verhüten, so seien
daran in der Hauptsache Faktoren schuld, die außerhalb des Macht-
bereiches der Kartelle gelegen hätten8).

Sei dem, wie ihm wolle, so steht doch jedenfalls fest, daß aus
dieser großen Wirtschaftskrise Industrie und Kartelle vielerlei gelernt
haben und daß in der Folgezeit manche Fehler vermieden worden!
sind, welche man damals gemacht hat. Vor allem wurden die
Lieferungsverträge nicht mehr auf so lange Termine abgeschlossen,
wie es früher der Fall gewesen war. „Zu einem bestimmten Zeit-
punkt beschließt das Syndikat den Verkauf, gleichviel, ob er durch

H Band CO, Über Wirtschaft]. Kartelle in Deutschland lind im Auslände.
Leipzig 1894. Bd. 61, Verhandlungen in Wien über die Kartelle und das länd-
liche Erbrecht. Leipzig 1895.

-) Im übrigen gehen die Anschauungen über die Berechtigung dieses
Vorgehens der Kartelle auseinander. Vgl. dazu Bonikowski, Der Einfluß
der industriellen Kartelle auf den Handel in Deutschland. S. 94 ff. Jena 1907.

3) Vgl. dazu vor allem den Bericht über das Kartollwesen in der in-

ländischen Eisenindustrie in: Kontradiktorische Verhandlungen über deutsche

Kartelle. Berlin 1904. 3. Bd. Eisen und Stahl. 1. Teil. S. 1 ff.
        <pb n="243" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 237

einzelne Mitglieder oder durch das Syndikat selbst vorgenommen
wird, für das nächste Quartal oder Semester freizugeben, und zwar
pflegt es diese Freigabe nicht eher vorzunehmen, als bis es die
Marktlage der nächsten Zeit einigermaßen übersehen zu können
glaubt. Die Abnehmer sind also nicht mehr genötigt, sich auf zu
lange Zeit bei zu hohen Preisen und mit zu großen Quanten zu
binden, die Syndikate können Preise und Produktion einer auf-
steigenden oder absteigenden Konjunktur besser anpassen1).

Seitdem hat auch nach manchen anderen Richtungen hin die
Organisation der Kartelle mancherlei Fortschritte gemacht und eine
erhebliche Ausdehnung auf vielen Gebieten des Wirtschaftslebens
erfahren. Es sei nur an die Errichtung des Stahlwerksverbandes er-
innert. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß im Zusammenhang
mit diesen Wandlungen viele Verbände, besonders diejenigen der
Kohlen- und Eisenindustrie, damit eine viel bessere Übersicht über
den Markt erhielten und ihn viel besser beherrschen konnten, als es
um die Jahrhundertwende der Fall gewesen ist. Schon im Jahre 1906
schrieb Dr. V o e lk er, der frühere Direktor des Stahlwerksverbandes,
von diesem: „Das Hauptbestreben des Verbandes ist offensichtlich
darauf gerichtet, sich ein genaues Bild von den tatsächlichen Markt-
verhältnissen zu verschaffen. Man kann ohne Übertreibung be-
haupten, daß keine Tonne Stahl das Weichbild der Werke verläßt,
ohne daß die Verkaufsstelle des Stahlwerksverbandes weiß, was mit
dieser Tonne angefangen wird. Die Beziehungen zwischen den
Werken und ihrer Kundschaft sind eben wesentlich enger geworden,
auch haben wiederholt gemeinsame Erörterungen zwischen Produ-
zenten und Konsumenten über die Marktlage stattgefunden* 2).

Dazu ist noch hervorzuheben, wovon oben schon die Rede ge-
wesen ist, daß bei der Hochkonjunktur am Ausgange des 19. Jahr-
hunderts bei der Steigerung der Rohstoffpreise, Spekulationskäufe
großer Handelsfirmen eine wesentliche Rolle gespielt haben, und
daß es damals vielfach der Handel und nicht die Kartelle gewesen
sind, welche die Hochkonjunktur skrupellos ausnutzten und von
den Verbrauchern übertrieben hohe Preise verlangt haben. Das hat
damals von seiten des Handels zum Teil einen solchen Umfang an-
genommen, daß sich in dieser Zeit die Verbraucher unmittelbar an
das Kohlensyndikat gewandt haben mit dem Ersuchen, an einen
weiteren Kreis von Verbrauchern als es bis dahin der Fall war, direkt

') Nach Pinner, „Krisentheorie“. DieBank. Jahrg. 1913. l.Bd. S. 325.

2) „Die gegenwärtige Wirtschaft!. Lage u. ihre voraussichtliche Dauer.“
Deutsche Wirtschaftszeitung. 2. Jahrg. 1906. S. 1070/71.

Mombert, Studium der Konjunktur.

16
        <pb n="244" />
        ﻿238 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

zu liefern, um auf diese Weise zur Ausschaltung des Handels beizu-
tragen, einem Ersuchen, dem auch damals stattgegeben worden ist1).

Welche Rolle Handel und Spekulation bei dieser Unübersicht-
lichkeit des Marktes spielen können, hören wir auch aus anderen
Erwerbszweigen. So wird uns aus der Seidenweberei berichtet:
„Dadurch entwickeln sich hier die Verhältnisse so, daß das Streben
der Fabrik, in der stillen Saison die Händler zu Vorratskäufen zu
bestimmen, Vorausbestellungen des Handels veranlaßt, die deshalb
hier so gefährlich sind, weil der Händler überhaupt nicht sicher
weiß, ob er die betreffenden Waren zu irgend einem Preise absetzen
können wird. Auf der anderen Seite wird die Fabrik, wenn bei
geringem faktischen Bedarf eine lebhafte spekulative Kaufbewegung
eintritt, sehr leicht ein falsches Bild über die wirklichen Nach-
frageverhältnisse gewinnen, da sie die Spekulationskäufe nicht
immer vom Bedarfskauf unterscheiden kann und wird zur Über-
produktion verleitet. — Also mit anderen Worten: die Händler
bestellen leicht zu viel auf Spekulation, die Fabrikanten andererseits
gewinnen durch die relativ lebhafte Nachfrage in der stillen Saison
die Hoffnung auf einen glänzenden Verlauf der Hauptgeschäftszeit.
Sie dehnen daraufhin ihre Produktion aus und arbeiten womöglich
noch auf Lager, um in gleicher Weise, wie die Händler, in der Saison
Spekulationsgewinne zu machen. Der Effekt ist: Überproduktion
und Produktion, ohne Kontakt mit dem Konsum. So tritt man fast
stets mit zu großen Vorräten in die Saison und erfüllt dann die
Nachfrage -die Erwartungen nicht, so sind große Vorräte entwertet.
An die Stelle der erhofften Gewinne treten allseitige Verluste und
Stockung von Absatz und Produktion3).“

Wo deshalb Kartelle, wie dies auch in der Seidenwebereiindustrie
der Fall war, solche „spekulativen“ Händlerkäufe einschränken, wer-
den die wirklichen Marktverhältnisse für den Produzenten übersicht-
licher. Wo die Händlerspekulation einen zu großen Umfang annimmt,
da hat sie, um mit Beckerath zu reden, lediglich die Tendenz, an
die Stelle des natürlichen Wechsels von stiller Saison und Geschäfts-
saison die verlustbringenden Wechsel von Überproduktion und Absatz-
krisis zu setzen, weshalb ihre Einschränkung durch die Kartelle von
besonderem Wert ist.

Wenn man diesen Einfluß des Handels und der Spekulation,
welche beide, richtig angewandt, volkswirtschaftlich sehr wichtige
und nützliche Funktionen erfüllen können, damals auf die Preisbildung 1 2

1)	Vgl. dazu Bonikowsky, a. a. 0.

2)	Beckerath, Die Kartelle. A. a. 0. S. 171.
        <pb n="245" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 239

und damit auf den Aufschwung in der Hochkonjunktur ins Auge faßt,
so wird man immerhin dazu kommen, der seitdem eingetretenen
umfassenderen Organisation und Ausgestaltung der Kartelle, vor
allem den Verbrauchern gegenüber, einen beruhigenden Einfluß auf
die Wellenbewegung der Konjunktur zuzuerkennen. Man wird
auch leicht einsehen, daß ein festgefügtes Syndikat weit besser in
der Lage ist, einen Überblick über die Marktlage und über ihre
weiteren Aussichten zu gewinnen, als eine große Zahl von Unter-
nehmern, zwischen denen keinerlei fest organisierte Beziehungen
bestehen.

Das Wachstum und die Ausdehnung der Kartelle hat den Handel
und damit auch die Spekulation erheblich eingeengt. Ist es doch
bekannt, daß auch gerade von den großen Syndikaten der Weiter-
vertrieb ihrer Erzeugnisse durch den Handel auf das straffste orga-
nisiert ist, daß der Weiter vertrieb bei manchen Kartellen durch
Händlerorganisationen erfolgt, welche mit den Kartellen dauernd in
engster Beziehung stehen und daß diese Händlerorganisationen viel-
fach nur ganz bestimmte Rabatte auf ihre Bezüge genießen, ein
Verfahren, das jedenfalls die Übersicht über die Marktlage gegenüber
den früheren Verhältnissen wesentlich erleichtert und den Kartellen
einen wesentlich stärkeren Einfluß auf die Preisbildung einräumt.
Es kommt nur darauf an, daß die Kartelle selbst im Hinblick auf die
Preisstellung einen mäßigenden Einfluß ausüben, und sich selbst
keine Ausschreitungen zuschulden kommen lassen.

Im einzelnen sind diese Verhältnisse bei den verschiedenen
Kartellen sehr wenig gleichartig gestaltet1). Am straffsten ist die
Regelung dorten, wo auch für den Händler die Verkaufspreise fest-
gesetzt sind und wo nur eine beschränkte Anzahl von Händlern zum
Vertrieb der Kartellprodukte zugelassen ist. Das ist z. B. beim
Kohlensyndikat und beim Stahlwerksverband der Fall.

Freilich ist der Einfluß der Kartelle auf die Schwankungen der
Konjunktur und auf das Ausmaß dieser Schwankungen nicht nur
eine Sache des Wollens, sondern auch eine Sache des Könnens.
Wie ein guter Kenner des Kartellwesens diese Tatsache ausgedrückt
hat: „Wie schon gesagt, gelingt es nur selten, das Bedürfnis der
Industrie nach stabilen Wirtschaftsgrundlagen, nach Abmilderung
der Konjunkturrisiken und die Forderung maßvoller Preis- und

U Vgl. dazu Bonikowsky, a. a. 0. und ferner Lief mann, Kartelle
und Trusts. 4. Aufl. Stuttgart 1920. S. 124 ff. Vgl. zu dieser Frage des
Zusammenhanges von Kartellen und Krisen ferner: Tschiersky, Kon-
junktur und Kartelle. Kartellrundschau 1920. — Neurath, Die Wirtschafte
krise und das Kartellwesen. Gemeinverst. Vorträge 1902. — J. Überproduk-
tion und Kartelle. Neue Zeit. 26. Jahrg., 1. Bd.
        <pb n="246" />
        ﻿240 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Gewinnbildung dadurch zu erfüllen, daß der Verband eine Preis-
politik treibt, welche bei steigenden und hoch gestiegenen Rohstoff-
preisen nicht mit dem Tagespreis für Rohstoffe rechnet und darauf
verzichtet, die momentanen Gewinnchancen einer vorübergehenden
Hochkonjunktur auf das Äußerste auszunutzen, dafür aber auf der
anderen Seite auch bei fallendem Preise der Rohstoffe und abgehen-
der Konjunktur auf einen allmählichen Abbau der Preise hält. Eine
solche Preispolitik setzt voraus, daß man vom Auslandsmärkte
und vom ausländischen Wettbewerbe bis zu einem gewissen Grade
unabhängig ist, ferner, daß der Verband außerordentlich festgefügt
und gut in der Hand seiner Leitung ist. Diese Voraussetzung ist fast
nur bei alten, fest eingelebten Verbänden gegeben, die eine nicht zu
große Zahl von Mitgliedern von nicht allzu verschiedener Betriebs-
und Wirtschaftslage umfassen. Vor allem macht sich geltend, daß
sich auf diese Weise wohl die Wirkungen der Konjunkturschwan-
kungen auf die Industrie, auf ihren Verband und auf die Abnehmer
mildern lassen, daß jedoch die Unterschiede der Selbstkosten von
Werk zu Werk, die sich aus den Betriebsverhältnissen und der Roh-
stoffdisposition ergeben, bestehen bleiben, die heute oft von so ent-
scheidender Bedeutung sind1).“

Es liegen also zweifellos in diesen Industrieorganisationen ge-
wisse Tendenzen und Kräfte vor, welche planmäßig imstande sind,
durch ihre Kenntnis der Marktlage einen Einfluß auf die Preise, auf
die Entwicklung der Ausfuhr und damit auch einen Einfluß auf die
Gestaltung der Hochkonjunktur auszuüben, hier Übertreibungen und
Ausschreitungen hintanzuhalten und damit auch dahin zu wirken, daß
ein eventueller Konjunkturrückgang sich weniger jäh und plötzlich
vollzieht, als es sonst der Fall gewesen wäre. Ob sich dann freilich
diese Kräfte überall in die Tat umsetzen und den ihnen' möglichen
Einfluß auch wirklich ausüben, ist dann eine andere Frage. Es
sind hier die allermannigfaltigsten Einflüsse möglich, unter welchen
man die Ziele und Wünsche der leitenden Männer nicht an letzter
Stelle nennen darf. Auch die Kartelle setzen sich aus Betrieben'
mit einer durchaus kapitalistischen Grundlage zusammen. Auch
in ihnen ist ein dauerndes Verwertungsbedürfnis des angelegten
Kapitals mit. großer Kraft wirksam und das Kartell wird sich nicht
immer diesem hier vorhandenen Gewinnstreben' entziehen können,
wenn dieses einmal in Widerstreit mit solchen Maßnahmen gerät,
welche, vielleicht auch in den Augen der Kartellleiter, im Interesse
einer ruhigen Weiterdauer der Konjunktur als wünschenswert er-

1) Beckerath, Kräfte. A. a. 0. S. 35.
        <pb n="247" />
        ﻿Bik 541 •*-*«'14. 2.46.

5.	Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 241

scheinen. Es handelt sich hier um Gegensätze zwischen privat-
wirtschaftlichen und gemeinwirtschaftlichen Erwägungen und je mehr
sich die Kartelle auch von diesen letzteren Gesichtspunkten leiten)
lassen, um so stärker kann der beruhigende Einfluß sein, welchen
sie auf die Hochkonjunktur und damit auf den Ablauf der Konjunktur
überhaupt auszuüben vermögen.

Wenn wir nun sehen, daß vor allem bei uns in Deutschland die
beiden letzten Perioden des wirtschaftlichen Niederganges (1908 und
1913) im Gegensatz zu früher nicht den Charakter ausgesprochener
Wirtschaftskrisen getragen haben, daß hierbei die großen Er-
schütterungen im Wirtschaftsleben fehlten, wie sie der Konjunktur-
rückgang des Jahres 1900 aufzuweisen hatte, wenn man also hier-
bei nicht mehr von Wirtschaftskrisen, sondern nur noch von einem
Rückgang oder Abflauen der Konjunktur in dem Sinne reden konnte,
daß das Wirtschaftsleben in ruhigere Bahnen lenkte, so mag es sein,
daß an dieser günstigen Entwicklung auch die Kartelle einen gewissen
Anteil gehabt haben. Wenn sich beide Male der Niedergang in so
wesentlich ruhigeren Formen vollzog, als in früherer Zeit, so hing
dies eben zweifellos in erster Linie auch damit zusammen, daß in
beiden Perioden die Hochkonjunktur keinen so steilen Aufstieg
nahm, wie am Ausgange des 19. Jahrhunderts, und daß beide Male
das Wirtschaftsleben vor solchen spekulativen Ausschreitungen be-
wahrt geblieben ist, wie sie damals vorgekommen sind.

In welchem Sinne eine einsichtige Kartellpolitik das Wirt-
schaftsleben vor solchen Übertreibungen in der Preisbildung und
bei der Spekulation bewahren kann, ergibt sich aus dem eben Dar-
gelegten. Ebenso liegt es auf der Hand, daß und warum die Art
und der Umfang des wirtschaftlichen Niederganges in besonders
hohem Maße davon abhängig sind, in welcher Weise und bis zu
welchem Grade sich die Hochkonjunktur entwickelt hat. In diesem
Sinne gehört es zu den wichtigsten und vornehmsten Mitteln der
Konjunkturpolitik, das Wirtschaftsleben während der Hochkonjunktur
vor allen solchen Übertreibungen zu bewahren. Dazu können die
Kartelle mancherlei beitragen.

Auch neuerdings werden wieder zahlreiche Klagen laut, daß
manche Kartelle, vor allem die Rohstoffverbände, unter Ausnutzung
einer momentanen Marktlage die Preise übertrieben hoch ansetzen,
hn März 1923 hieß es in einer Zuschrift an die Frankfurter Zeitung
aus den Kreisen der Maschinenfabrikation: „Auch die Preise für
Temperguß haben eine, unserer Ansicht nach, nicht gerechtfertigte
Höhe erreicht. Der Verein deutscher Tempergießereien berechnet
Temperguß für kleine Stücke ab Werk mit 12000 Mark für das Kilo,
        <pb n="248" />
        ﻿242 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

das früher 60 Pfennige, ja sogar 55 Pfennige kostete. Das ist eine
20 000 fache Erhöhung, die weder durch die Rohmaterialien, noch
durch die Löhne bedingt ist. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß
ein Preis von etwa 8000 Mark vollständig genügen würde, tun den
Herstellern einen angemessenen Gewinn zu sichern !).“

Ein solches Vorgehen war doppelt bedenklich, wo damals unsere
Industrie hart um den Absatz nach dem Auslande zu kämpfen hatte.
Denn mit solchen Rohstoffpreisen müssen auch die Preise der deut-
schen Fabrikate bedenklich nahe an den Weltmarktspreis heran-
rücken, womit ein ungünstiger Einfluß auf unsere Ausfuhr und damit
auf die deutsche Handelsbilanz entsteht. Damit mußte sich nicht
nur unsere Konjunkturlage verschlechtern, sondern damit wurde auch,
wie wir oben gesehen haben, ein ungünstiger Einfluß auf unsere
Valuta ausgeübt.

Freilich darf man auch nicht daran vergessen, daß unsere festge-
fügten und stark organisierten Kartelle immer nur einen Teil der deut-
schen Industrie umfassen, vor allem die Unternehmungen der Schwei*-
induslrie, während die Kartellorganisationen der sogenannten leichten
Industrie, d. h. derjenigen Industrien, welche keine Stapelartikel,
sondern mehr Fertigfabrikate fabrizieren und vor allem solche, welche
der Mode unterworfen sind, nur auf recht unsicherem und schwachem
Boden stehen. Damit hängt es dann wieder zusammen, daß der Ein-
fluß der Kartelle auf die Konjunkturentwicklung, vor allem auf den
Gang der Hochkonjunktur, nur ein beschränkter sein kann. Immer-
hin ist demgegenüber aber wieder zu betonen, daß die Ausschrei-
tungen in der Hochkonjunktur, wie sich solche bei Neugründungen,
Betriebserweiterungen und in der Preisentwicklung auf den unteren
Stufen der Produktion zu zeigen pflegen, vornehmlich in der Kohlen-
und Eisenindustrie auftreten. Hier zeigen sich auch die ersten
Symptome eines beginnenden Wandels der Konjunktur und hier
sind auch die Kartelle und Syndikate am stärksten und mächtigsten.

Man darf demgegenüber aber dann auch nicht aus dem Auge
verlieren, worauf besonders Pinner aufmerksam gemacht hat, daß
wir mit der Tendenz rechnen müssen, daß zwar aus den genannten
Gründen die kartellierten Industrien mehr oder weniger vor stärkeren
Schwankungen der Konjunktur geschützt sind, daß hier also viel-
leicht die Krisengefahr im Zurückgehen begriffen ist, daß sie aber
in den weiterverarbeitenden Industrien, die nicht durch Kartelle ge-
schützt sind, und auf welchen der Druck hoher Rohstoffpreise lastet,
dafür um so größer werden kann. Pinner glaubt sogar für diese

*) Frankfurter Zeitung: 18. März 1923.
        <pb n="249" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 243

Tatsache bereits in der Entwicklung der letzten Jahre vor dem Kriege
gewisse Anzeichen feststellen zu können.

Andere ziehen den Wirkungsbereich der Kartelle auf den Gang
der Konjunktur wesentlich enger. Es sei hier auf die Ausführungen
Hilferdings1) verwiesen. Seine Stellungnahme in dieser Frage
wird dadurch bestimmt, daß für ihn die Krisen keine einfache Über-
produktion von Waren, sondern eine Überproduktion von Kapital
sind und daß sie letzten Endes dem Verwertungsbedürfnis des
Kapitals entspringen. Es ist Hilferding darin durchaus beizupflichten,
daß das Wesen der Krise nicht in einer einfachen Warenüberproduktion
besteht, daß es, wie ja auch oben dargelegt, ursächlich auf das
engste mit der gegenwärtigen Produktionsweise zusammenhängt.
Trotz alledem wird man aber doch, was ja auch Hilferding selbst
tut, den Kartellen unter Umständen einen krisenmildernden Einfluß
zuschreiben können.

Die Nachkriegszeit hat dann vor allem auch in Deutschland die
Bedeutung der Kartelle für das Wirtschaftsleben hinter den großen
Konzernbildungen, hinter Fusionen und Interessengemeinschaften, er-
heblich zurücktreten lassen. Es sind dies Neubildungen, die unter
dem Einfluß der wirtschaftlichen Lage der Nachkriegszeit vor allem
entstanden und in ihrer Entwicklung noch keineswegs abgeschlossen
sind. Ob es sich dabei um Tendenzen zu einer privatwirtschaftlichen
Planwirtschaft handelt, wie man schon gemeint hat, und so sieb
damit neue Kräfte herausbilden, die, wenn bei uns wieder einmal
normale Zustände herrschen, einen zielbewußten und erfolgreichen
Einfluß auf den Wandel in der Konjunktur auszuüben vermögen, muß
man abwarten.

Eine nicht minder starke Einwirkung als die Kartelle, können vor
allem auf den Gang der Hochkonjunktur dann die Banken, Noten-
und Kreditbanken, ausüben. Liegt der Einfluß der Kartelle
vor allem nach der Seite hin, daß sie in der Lage sind, einen
gewissen Einfluß auf den Markt auszuüben, daß es in ihrer Hand
liegt, in mehr oder weniger vollkommener Weise planmäßig die
Produktion dem Bedarf anzupassen, daß sie zur Erreichung dieses
Zieles entweder die Produktion ausdehnen oder einschränken, daß
sie mit den Preisen herauf- oder heruntergehen, oder auf den ver-
schiedensten Wegen durch eine Vermehrung der Ausfuhr den hei-
mischen Markt, wenn eine Überproduktion droht, zu entlasten
suchen, so liegt der Einfluß der Banken nach einer ganz anderen
Richtung hin. Die Einwirkung von seiten der Banken auf die Kon-

Ü A. a. 0. S. 37.
        <pb n="250" />
        ﻿244 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

junktur vollzieht sich in erster Linie mit all den Mitteln, welche
diesen zu Gebote stehen, einen bestimmten Einfluß auf den Geld-
markt auszuüben und damit die Marktverhältnisse und vor allem die
Produktion mittelbar zu beeinflussen. Wir haben ja oben eingehend
kennengelernt, in welcher Weise dies aus einer Art von Selbsthilfe
heraus während einer ganz bestimmten Konjunkturlage geschieht,
vor allem auf dem Höhepunkt der Konjunktur und bei dem Nieder-
gange derselben und wie sich daraus ganz bestimmte Einwirkungen
auf das ganze Wirtschaftsleben ergeben.

Bei all den Maßnahmen, welche wir in diesem Zusammenhänge
oben kennengelernt haben, hat es sich nur um bestimmte Handlungen
und Vorgänge gehandelt, die aus einer Art von Selbsthilfe heraus,
vielfach unter dem Zwang der Verhältnisse bei einer bestimmten
Konjunkturlage zur Anwendung kamen, keineswegs um eine Kon-
junkturpolitik in dem Sinne einer bestimmten planmäßigen Beein-
flussung der Wirtschaftslage. Von diesen letzteren Maßnahmen soll
jetzt die Rede sein. In der Hauptsache handelt es sich dabei um
solche, welche geeignet sind und den Zweck haben, irgendwelchen
Ausschreitungen, vor allem auch solchen spekulativer Natur, während
der Hochkonjunktur vorzubeugen. Wenden wir uns zunächst den
Kreditbanken zu.

Nach der einen Seite hin üben hier die Großbanken bereits einen
gewissen Einfluß durch die Auffassung aus, welche sie in ihren
Geschäftsberichten 'und sonstigen Mitteilungen über den
weiteren Verlauf der Konjunktur bekunden. Dank der engen Ver-
knüpfung unserer großen Banken mit allen Zweigen unseres Wirt-
schaftslebens, infolge der großen und maßgebenden Stellung, welche
sie allenthalben darin spielen, werden diese Berichte nicht nur
mit sehr großer Aufmerksamkeit verfolgt, die Bankleitungen
sind vielmehr aus diesen Gründen auch schon sehr frühe
imstande, sich ein Urteil über die Marktlage und über den weiteren
Verlauf der Konjunktur bilden zu können. Das ist um so eher der
Fall, als ja, wie wir oben gesehen haben, die hauptsächlichsten
Symptome einer bevorstehenden Wandlung der Konjunktur sich auf
dem Geldmärkte, der ureigensten Domäne der Banken, zu zeigen
pflegen.

Schon weiter oben sind ja die Worte wiedergegeben worden,
mit denen die deutsche Bank in ihrem Geschäftsbericht für das Jahr
1906 auf Grund der Verhältnisse am Geldmärkte auf den kommenden
Konjunkturumschwung hingewiesen hat, aber auch schon in ihrem
Bericht für das Vorjahr fanden sich Bemerkungen, welche nach
der gleichen Richtung hin tendierten. Wir haben ja auch bereits
        <pb n="251" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjnnkturwandel. 245

gesehen, daß diese Anschauungen dann auch für die tatsächliche
Politik der Kreditbanken maßgebend sind, daß diese dann bestrebt
sind, im Hinblick auf den kommenden Umschwung der Konjunktur
durch Verminderung ihrer Engagements usw., ihre Liquidität zu
stärken.

Diese Tatsache kommt dann auch in den Geschäftsberichten zum
deutlichen Ausdruck. In ihrem Geschäftsbericht für das Jahr 1906
schrieb z. B. die Bank für Handel und Industrie: „Unter diesen
Umständen (hoher Diskontsatz und Lähmung der Unternehmungs-
lust au der Börse), haben wir es im Interesse der Liquidität des Bank-
status für unsere Aufgabe gehalten, unbeschadet der Anknüpfung
wertvoller Beziehungen in der Eingehung neuer, nicht kurzfristiger
Gemeinschaftsgeschäfte und Effekten-Transaktionen, die tunlichste
Zurückhaltung zu üben. Unter den Aktiven gibt der Rückgang der
Effektenbestände von unseren Bemühungen, die Engagements der
Bank, soweit angängig, zu verringern, Zeugnis“*).

Es liegt auf der Hand, daß nicht nur ein solches Vorgehen der
Banken, sondern auch derartige Äußerungen in ihren Berichten, auf
die Industrie und auf das Publikum nicht ohne Einfluß bleiben, und
damit auch einen solchen auf den weiteren Gang der Hochkonjunktur
ausüben. Auch durch Rundschreiben, welche die Großbanken häufig
regelmäßig in kurzen Abständen an ihre Kunden zu Versendern pflegen,
und in denen sie auf die vorhandene Lage am Geldmarkt und dgl.
hinweisen, und gegebenenfalls ihre Kunden auffordern, ihre Engage-
ments zu verringern, werden ähnliche Einwirkungen erzielt.

Auch in den Einwirkungen auf die Effektenspekulation ist das
eben geschilderte Vorgehen der Kreditbanken keineswegs zu unter-
schätzen. Nur daß den Kreditbanken für diesen Zweck durch die
Art ihrer Kreditgewährung, von welcher ja oben die Rede gewesen
ist, noch weit kräftigere Mittel zu Gebote stehen, als lediglich solche
platonischen Äußerungen. Mit Recht hat Hilferding hervorgehoben,
daß immer mehr die Spekulationsbewegungen mit der wachsenden
Macht der Banken von diesen, und nicht mehr umgekehrt, die Banken
von den Spekulationsbewegungen, beherrscht werden.

Es ist eine sehr umstrittene Frage, welches die Rolle ist, welche
die Kreditbanken im Verlaufe der Hochkonjunktur spielen, vor
allem, welche Beziehungen zwischen Kreditbanken und Industrie be-
stehen, ob die Banken in dieser Wirtschaftsperiode die treibende
Kraft der industriellen Entwicklung sind oder ob sie selbst von der
Industrie vorwärts getrieben werden. Die Verhältnisse sind hier zu
vielgestaltige, der Einblick in die Kreditpolitik der Großbanken ein

*) Nach Wiewiorowski, a. a. 0. S. 93.
        <pb n="252" />
        ﻿246 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

viel zu geringer, um hier ein eindeutiges Urteil abgeben zu können1).
Löb meint, für den von ihm betrachteten Zeitraum, das letzte
Jahrfünft des 19. Jahrhunderts, daß weder das eine noch das andere
richtig sei, sondern daß beide Momente Ursache und Wirkung zugleich
gewesen waren. Es handelt sich hier letzten Endes um die Frage, ob
und in welchem Maße die Großbanken in der Hochkonjunktur der
Ausdehnung der Industrie gegenüber zu bremsen versuchen oder gar
noch im Gegenteil die treibende Kraft für Neugründungen und Be-
triebserweiterungen, also für neue Kapitalinvestitionen, sind.

Wiewiorowski meint für die Geschäftspolitik der Groß-
banken vor der Depression am Anfänge dieses Jahrhunderts und des
Jahres 1908, daß sie im allgemeinen maßvoll gewesen sei, daß
die Großbanken jedoch beide Male ohne Zweifel Kredite gewährt
haben, welche eine Überproduktion, bezw. Überspekulation, för-
derten. Er hebt aber hervor, daß gegenüber früheren Zeiten eine
Besserung wahrzunehmen sei.

Auch von anderen Seiten werden ähnliche Ansichten vertreten:
Adolf Weher weist zwar darauf hin, daß die „Depositen- und
Spekulationsbanken“ ihre Geschäftspolitik zu sehr vom privatwirt-
schaftlichen und zu wenig vom volkswirtschaftlichen Standpunkt aus
orientieren, daß sie zu sehr nur unter dem Gesichtspunkt disponieren,
möglichst wenig Zinsverlust zu erleiden, betont aber demgegenüber
doch: „Als einen besonders wichtigen Aktivposten wird man zu-
gunsten unserer Banken die Tatsache buchen dürfen, daß unter ihrer
Mitwirkung in den letzten Jahrzehnten größere Ruhe in den Rhyth-
mus unserer Volkswirtschaft gebracht worden ist. Wir haben ja ge-
sehen, daß die Banken vermittels besseren Überblicks, zweck-
mäßigeren Ausgleich des Risikos, der größeren Kraft zu intervenieren,
wie der Möglichkeit, den Konkurrenzkampf durch Einwirkung auf
die Konkurrenten, die Spekulationsbewegung durch Einwirkung auf
die Spekulation in volkswirtschaftlich gesunde Bahnen zu lenken,
auch durch rechtzeitigere und tiefere Sanierungen den von Zeit zu
Zeit unvermeidlich notwendigen volkswirtschaftlichen Gesundungs-
prozeß zu verkürzen in der Lage sind. Allerdings mußte gleich-
zeitig auch auf die Gefahr hingewiesen werden, daß die Depositen-
und Spekulalionsbanken in einer Zeit aufsteigender Konjunktur durch
freigebige Kreditgewährung zu sehr als Spekulationsbanken und in
Zeiten niedergehender Konjunktur durch ängstliche Einschränkung

l) Vgl. dazu Jeidels, Das Verhältnis der deutschen Großbanken zur
Industrie mit besonderer Berücksichtigung der Eisenindustrie. Leipzig 1905. —
Ferner Loeb, Die Berliner Großbanken in den Jahren 1895—1902 und die
Krisis der Jahre 1900 und 1901. Schriften d. V. f. Sp. Bd. 90.
        <pb n="253" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 247

der Kreditpolitik sich zu sehr als Depositenbanken betätigen, wodurch
dann freilich die Stagnation in der Volkswirtschaft nicht unwesent-
lich verschärft werden könnte“ *).

Wenn man auch zweifellos gegenüber den älteren Zeiten in der
Art des Vorgehens der Banken bei der Gewährung von Krediten, bei
der Emission neuer Aktien usw., einen großen Fortschritt konsta-
tieren kann, wenn auch zweifellos in dieser Hinsicht die Banken aus
der Vergangenheit vieles gelernt und deshalb auch ihren Anteil an
dem ruhigeren, gleichmäßigeren Gang unseres Wirtschaftslebens in
dem letzten Jahrzehnt vor dem Kriege haben, so wird man doch
auch sagen müssen, daß in dieser Hinsicht noch vieles zu bessern
ist, daß, um an den Gedanken Adolf Webers anzuknüpfen, die Groß-
banken noch einen weiten Spielraum haben, innerhalb dessen sie in
der Lage sind, volkswirtschaftliche Notwendigkeiten vor privatwirt-
schaftliche Interessen zu stellen.

Zwar sind die Kreditbanken durchaus privatwirtschaftliche Orga-
nisationen, eingestellt auf Gewinnerzielung, wie jede andere private
Unternehmung auch. Mit dem Wachstum der Banken jedoch, mit der
immer stärkeren und einflußreicheren Stellung, welche sie durch
ihren Zusammenschluß und ihr gegenseitiges Zusammenarbeiten in
der Volkswirtschaft einnehmen, erwachsen ihnen neben ihren rein
privatwirtschaftlichen Interessen auch in gewissem Sinne öffentliche,
volkswirtschaftliche Aufgaben. Es entsteht für sie damit ein gewisses
Maß volkswirtschaftlicher und gesellschaftlicher Verantwortung, dem
sie sich nicht entziehen können und dürfen. In vieler Hinsicht haben
unsere Großbanken schon diese Wege beschritten und je weiter sie
auf ihnen vorangehen, um so mehr werden sie auch imstande sein,
eine positive Konjunkturpolitik, vor allem in den Zeiten der Hoch-
konjunktur, in dem oben dargelegten Sinne zu treiben. Hier liegen
in dieser Hinsicht im Hinblick auf die Konjunktur die Hauptauf-
gaben der Banken, in den Zeiten der Hausse mäßigend zu wirken.
Diese Tätigkeit ist eine viel wichtigere als diejenige, dann helfend
einzugreifen, wenn einmal der Rückgang da ist. Um was es sich
dabei im einzelnen für die Banken handelt, hat Schulze-Gäver-
nitz mit folgenden Worten ausgedrückt:

„Sie (die Kreditbank), halte hemmend zurück in Zeiten un-
gesunden Hochganges, den der erfahrene Banker an folgenden An-
zeichen erkennt: sprunghafte Vergrößerung des Kreditbedürfnisses,
zahlreiche Wechselprolongationen, Verwendung des Bankkredits für
dauernde Anlagen oder gar Dividendenzahlung, Herauf schnellen der

U Adolf Weber, a. a. 0. S. 341—342.
        <pb n="254" />
        ﻿248 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Warenpreise. Wenn die Bank in glänzenden Zeiten den Schuldnern
nachlief, dann darf sie den Fehler nicht dadurch gut machen, daß
sie in schlechten Zeiten von ihren Geschäftsfreunden überhaupt
nichts mehr wissen will, und selbst an guten Diskonten „mäkelt“...
Viel eher halte die Bank auf Verminderung der Kredite in Zeiten
des Hochgewinnes und erziehe die Kunden zur Schuldentilgung, wie
dies viele Kreditbanken in vorbildlicher Weise tun. Die Banken
haben kein Interesse an der bedingungslosen Geschäftsausdehnung,
wohl aber an der Festigung ihrer Debitoren1).“

Soweit in dieser Hinsicht die Kreditbanken einen Einfluß aus-
zuüben vermögen, wird er in dem Maße stärker und erfolgreicher sein,
als in Gewerbe und Handel die Aktiengesellschaft gegenüber der
Einzelunternehmung als Organisationsform zunimmt. Bei der Aktien-
gesellschaft liegen die ganzen Verhältnisse weit offener zutage als
bei der Einzelunternehmung, dort läßt sich also auch eine eventuelle
Kontrolle von seiten der Banken wesentlich leichter durchführen.
Man muß ja nur im Auge haben, welch enge persönliche Beziehungen
bereits durch das System des Aufsichtsrates zwischen den Banken
und vielen Aktiengesellschaften bestehen, und daß schon auf diesem
Wege eine Einwirkung leicht möglich ist und sicher auch tatsächlich
oft genug vorkommt, wenn es sich dabei auch um Vorgänge handelt,
deren Kenntnis sich der Öffentlichkeit zu entziehen pflegt.

Das Verhältnis der Kreditbanken zur Konjunkturentwicklung und
die Möglichkeit einer positiven Politik, vor allem in den Zeiten der
Hochkonjunktur, ist also ein ähnliches wie wir es oben bei den Kar-
tellen kennengelernt haben. Beide Male ist ganz unstreitig ein solcher
Einfluß in der Hochkonjunktur möglich, man wird auch annehmen
dürfen, daß dieser Einfluß in den letzten Jahren stärker und erfolg-
reicher gewesen ist wie in früheren Zeiten, daß Kreditbanken sowohl
wie Kartelle, also aus früher begangenen Fehlern gelernt haben und
daß damit auch die Tatsache zusammenhängt, daß in neuerer Zeit
die Wellenlinie der Konjunkturbewegung flacher verlaufen ist als
früher. Beide Male wird man aber auch sagen müssen, daß der
mäßigende Einfluß während der Hochkonjunktur, auf welchen es ja in
allererster Linie ankommt, auch bei den neuesten Hausseperioden ein
noch stärkerer hätte sein können als es der Fall gewesen ist. In
dem Maße, in welchem in Zukunft Kreditbanken und Kartelle noch
mehr als bisher in diesen wirtschaftlichen Perioden einen mäßigenden
Einfluß ausüben werden, in dem Maße, in dem sie dazu kommen,
noch ausgeprägter und entschiedener privatwirtschaftliche Interessen

D Schulze-Gävernitz, a. a. 0. S.54.
        <pb n="255" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel.	249

hinter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten zurücktreten zu lassen,
wird man auch mit Bestimmtheit damit rechnen können, daß, wenn
nicht Störungen von außen eintreten, in Zukunft eine noch weitere
Abflachung dieser Konjunkturkurve und damit eine noch größere
Stetigkeit im Wirtschaftsleben als bisher eintreten kann.

In interessanter Weise hat bereits der Geschäftsbericht der Dres-
dener Bank für das Jahr 1908 über diese Zusammenhänge von Banken
und Industrie und deren verschiedenen Einfluß auf die Konjunktur-
entwicklung sich geäußert: „Die Rückwirkung der industriellen Kon-
junkturen auf das Bankgeschäft wird in Zukunft voraussichtlich
geringer sein, als in der Vergangenheit. Die Konzentrationsbewegung
in der Industrie, insbesondere der sog. schweren Industrie, hat die-
selbe unleugbar von den Banken unabhängiger gemacht und anderer-
seits fällt den Banken mit der Steigerung des nationalen Wohlstandes
nicht mehr in demselben Maße, wie früher, die wirtschaftliche Auf-
gabe zu, zu industriellen Unternehmungen durch eigene Beteiligungen
die Initiative zu ergreifen. Wenn damit, wie sich schon während der
letzten Hochkonjunktur gezeigt hat, die Chance einmaliger, größerer
Gewinne aus Industriegeschäften für die Banken vermindert wird,
wird dieser Nachteil dadurch einigermaßen aufgewogen, daß sie bei
Rückschlägen in der Konjunktur an dem Unternehmerrisiko weniger
beteiligt sind.“

Nicht minder stark wie der Einfluß der Kreditbanken auf die
Entwicklung der Konjunktur kann derjenige der Zentralnoten-
bank sein. Auch hier gilt das gleiche, was oben bereits von den
Maßnahmen der Kreditbanken gesagt worden ist. Man muß auch
hier scharf die Konjunkturpolitik in dem doppelten, oben dargelegten
Sinne voneinander trennen. Einmal die Maßnahmen einer be-
stimmten, gegebenen Marktlage gegenüber, Maßnahmen, die wir ja
oben bereits kennengelernt haben, wie z. B. Diskonterhöhungen, um
das vorgeschriebene Deckungsverhältnis zu sichern, und dann dem-
gegenüber eine Konjunkturpolitik in dem ganz anderen Sinne, daß
man darunter die Maßnahmen versteht, welche den ausgesprochenen
Zweck verfolgen, bewußt einen Einfluß auf den Gang der Konjunktur
auszuüben Beide Arten von Maßnahmen greifen vielfach ineinander
über, ähnlich wie es auch bei dem analogen Vorgehen bei den Kredit-
banken der Fall ist. Beide Male ist die reinliche Scheidung vor
allem für den Außenstehenden keineswegs leicht durchzuführen,
zumal ja auch beide Arten der Konjunkturpolitik nach der gleichen
Richtung hin wirksam sind.

Bei den Maßnahmen, welche von seiten der Notenbanken einen
unmittelbaren Einfluß auf den Gang der Konjunktur auszu-
        <pb n="256" />
        ﻿250 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

üben bestimmt sind, handelt es sich, genau wie bei den Kreditbanken,
in erster Linie um solche, welche geeignet sind, während der Hoch-
konjunktur das Wirtschaftsleben vor Ausschreitungen spekulativer
Natur und vor zu weitgehenden Neuanlagen und Neugründungen zu
bewahren. Auch alle die Maßnahmen, welche in dieser Zeit Noten-und
Kreditbanken ergreifen, um sich lediglich gegen eine zu starke In-
anspruchnahme zu schützen und damit ihre Liquidität zu wahren,
wirken natürlich eindämmend auf den Fortgang der Hochkonjunktur.
Es muß aber nochmals betont werden, daß sich davon für den Außen-
stehenden diejenigen Maßnahmen nur sehr schwer scheiden lassen,
welche weniger einem solchen Selbstschutz als dem Ziele dienen,
unmittelbar und bewußt einem weiteren Fortgang und einem weiteren
Aufsteigen der Hochkonjunktur entgegenzuwirken. Denn nur selten
ist dieses Ziel ein ausgesprochenes, und der Außenstehende erfährt
in der Regel nur von bestimmten Maßnahmen bei Noten- und Kredit-
banken, ohne sich ein genaueres Bild von den Motiven machen zu
können, welche dazu geführt haben.

Nach welchen Pachtungen hier die Notenbanken einen bestimmten
Einfluß ausüben können, kann man vielleicht am besten erkennen,
wenn man sich zunächst einmal vor Augen hält, nach welchen Rich-
tungen hier bei uns schon Fehler gemacht worden sind und Fehler
gemacht werden können. Man hat der deutschen Reichsbank in
früheren Jahren schon den Vorwurf gemacht, daß sie Wechsel an-
gekauft habe, sogenannte Kredit- und Prolongationswechsel, deren
Ursprung nicht im Warengeschäft lag. Man ist dann von seiten der
Reichsbankleitung aus entschieden gegen diese Praxis vorgegangen,
und hat sich bemüht, diesen Mißstand abzustellen. Ganz abgesehen
davon, daß der Ankauf solcher Wechsel für die Reichsbank über-
haupt nicht statthaft war, mußte ein solches Verfahren auch durch
die dadurch neu entstehende künstliche Kaufkraft in der Hoch-
konjunktur noch weiter stimulierend wirken1). Auf diese Weise
mußte die Reichsbank in Gefahr geraten, mit ihren Noten neues
Betriebs-, wenn nicht gar Anlagekapital für irgendwelchen kauf-
männischen Zweck zu schaffen.

Daß aber eine solch stimulierende Einwirkung der Reichsbank
in den Zeiten der Hochkonjunktur auch noch auf anderen Wegen
möglich ist, zeigt die Zuschrift einer rheinischen Bank aus dem
Jahre 1912 an die Frankfurter Zeitung, in der es unter anderem
heißt: „Vom Standpunkte des soliden Bankiers ist es nur zu be-
grüßen, wenn die Reichsbank daran erinnert, daß in der Kredit-
gewährung der Banken zu weitherzig vorgegangen worden ist. Die

U Vgl. dazu die Bankenenquete, a. a. 0. Verhandl. zu den Punkten 1—5.
        <pb n="257" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konj unkturwandel.	251

Reichsbank aber dürfte hieran nicht ganz schuldlos sein, denn sie
fordert von den Banken und Bankiers dauernd Zuweisung von Dis-
kontwechseln. Was aber sollen die Banken mit dem Erlös dieser
Diskontgeschäfte anfangen? Das Geld flüssig liegen zu lassen, wäre
ein schlechtes Geschäft, also suchen sie dafür Verwendung durch
Gewährung von Krediten. Die Sucht der Reichsbank, Geschäfte zu
machen, wird von einer Reihe ihrer Direktoren in der Provinz dahin
aufgefaßt, daß diese sich nicht damit begnügen, wenn die Bankiers
nur den normalen Bedarf durch Wechseleinreichungen befriedigen.
Diese Reichsbankdirektoren fordern stets mehr Geschäfte, damit die
Reichsbank Diskontgewinne macht und ihre Direktoren Tantieme-Ein-
nahmen haben. Kommen die Banken diesen Aufforderungen nicht
in einem, die betreffenden Direktoren befriedigenden Maße nach, so
wird ihnen bedeutet, daß ihr Mindestguthaben auf Girokonto erhöht
werden muß 1).“

Aus diesen Bemerkungen, die in dieser Weise an dem Vorgehen
der Reichsbank Kritik üben, ergeben sich zugleich auch gewisse
Richtlinien für das Verhalten der Notenbank, vor allem auch in den
Zeiten der Hochkonjunktur. Haben wir doch oben gesehen, daß eines
der Mittel, eine größere Gleichmäßigkeit und Ruhe im Ablauf der
Konjunktur herbeizuführen, gerade darin besteht, daß in Zeiten
der Hochkonjunktur dafür gesorgt wird, daß der Aufstieg ein
gewisses Maß nicht übersteigt unld daß hier spekulative Aus-
schreitungen vermieden werden, und daß nicht durch eine aufgeblähte,
alles gesunde Maß übersteigende Kreditgewährung, die ihren äußeren
Ausdruck in starken Wechselprolongationen und einem hohen
Akzeptumlauf der Banken findet, das spekulative Element während
der Hausse und damit diese selbst noch mehr gefördert wird. Denn
unter sonst gleichen Umständen wird der wirtschaftliche Rückschlag
beim Niedergang der Konjunktur um so stärker sein, je angespannter
die Kreditwirtschaft gewesen ist, je mehr die Industrie und der
Handel über die eigenen Mittel hinaus mit Kredit operiert haben.
Ein solches Aufdrängen von Kredit, um der Konkurrenz den Rang
abzulaufen, oder in der Hoffnung, bei kommenden Emissionen ent-
sprechend hohe Gewinne zu machen, kann ja unmittelbar von seiten
der Kreditbanken geschehen, aber auch ein unzweckmäßiges Ver-
halten der Notenbank kann, wie diese Zuschrift gezeigt hat, die
gleiche Wirkung hervorrufen.

In dieser Hinsicht hat die Notenbank eines Landes Mittel an der
Hand, einen mäßigenden Einfluß auszuüben. Einmal unmittelbar auf

*) Reicbsbank u. Kreditbanken. Zweites Morgenbl. 27. Februar 1912,
        <pb n="258" />
        ﻿252 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

die Industrie selbst, dann aber auch mittelbar durch ihren Einfluß
auf die Kreditgewährung von seiten der Kreditbanken, da ja diese
ihrerseits vielfach nur unter Inanspruchnahme der Reichsbank selbst
Kredite gewähren können. Auf diese Aufgabe hat man auch schon
wiederholt aus den leitenden Kreisen der Reichsbank selbst hin-
gewiesen und die Gefahren einer zu starken Kreditgewährung mit
Nachdruck betont1).

Lumm macht sich dabei ein Bild Adolf Wagners zu eigen,
indem er die Kreditentwicklung und Kreditwirtschaft mit einer ab-
gestumpften, umgekehrten Pyramide vergleicht, die auf ihrer kleineren
Grundfläche steht und nach oben immer mehr vergrößert wird, da
ja der ganze Geld- und Kreditverkehr der modernen Volkswirtschaft
in letzter Linie auf dem Metallgelde, vor allem dem Golde, ruht.
„Das erfordert einen gewissenhaften Baumeister, der darüber wacht,
daß der ganze Bau nicht eines Tages ins Wanken gerät. Für die
Volkswirtschaft soll dies die Zentralnotenbank sein, die über allen
wirtschaftlichen Unternehmungen steht, und das Gesamtinteresse des
Landes zu vertreten hat* 2).“ Die Kreditorganisation soll eine liquide
sein, da sonst schwere Schäden und Mißstände auftreten, die sich zu
sehr bedenklichem Umfange auswachsen können, wenn wieder einmal
wirtschaftliche und Geldkrisen über unser Land hereinbrechen sollten.

Deutschland hatte vor dem Kriege ein wesentlich größeres Maß
von Kreditgewährung wie jedes andere Land, was vor allem damit
zusammenhing, daß die Kapitalneubildung in Deutschland nicht mit
dem Umfange seiner industriellen Entwicklung Schritt gehalten hatte.
Übersteigt jedoch die Ausdehnung der Kreditgewährung ein gewisses
Maß, geht diese Ausdehnung vor allem in der Weise auch vor sich,
daß die Reichsbank gezwungen ist, in steigendem Umfange ungedeckte
Noten auszugeben, um den an sie herantretenden Bedürfnissen gerecht
werden zu können, so muß dies alles stimulierend auf das Wirt-
schaftsleben, auf die Spekulation und auf die Preise, einwirken,
damit aber auch die Liquidität der ganzen Volkswirtschaft herab-
setzen. Diese Tatsache zeigt sich vor allem im Verlaufe der Hoch-
konjunktur, wo die Kreditgewährung den größten Umfang anzunehmen
pflegt und einen weiteren Antrieb für die Haussebewegung auf den
verschiedensten Gebieten des Wirtschaftslebens bildet. Ganz anders
und wesentlich günstiger ist eine Ausdehnung des Kredits in den
Zeiten einer Depression zu beurteilen.

An diesem Punkte hat unter dem Gesichtspunkte der Konjunktur-
politik die Tätigkeit der Zentralnotenbank in erster Linie einzu-

x) Lumm, Diskontpolitik. Bankarchiv 1912. 11. Jahrgang.

2) A. a. 0. S. 179.
        <pb n="259" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 253

setzen, indem sie positiv, unmittelbar oder mittelbar durch die
Kreditbanken, eindämmernd auf die Gewährung von Krediten, vor
allem auf solche, denen keine Warengeschäfte zugrunde liegen, ein-
wirkt. Schon vor Jahren hatte in einer Sitzung des Zentralaus-
schusses der Reichsbank der Reichsbankpräsident von den anwesenden
Vertretern der Banken gefordert, daß einmal die übermäßige Kredit-
gewährung an die Börsen- und Privatspekulation erheblich ein-
geschränkt werden müsse, daß die Banken ihren außerordentlich
hohen Akzeptumlauf verringern sollten, mit der Gewohnheit brechen
müßten, vor allem im Auslande, kurzfristige Kredite aufzunehmen
und daß sie darauf sehen müßten, ihren Barvorrat so zu verstärken,
daß er in ein vernünftiges Verhältnis zu den Einlagen gebracht
würde1). Eine solch übermäßige Anspannung der Kredite in der
Hochkonjunktur ist um so gefährliche]» je mehr diese so kurzfristig
gewonnenen Mittel bei einer später eintretenden Verknappung des
Kapitalmarktes dazu dienen können, zu Anlagezwecken verwandt zu
werden. An diesem Punkte hat vor allem die Diskontpolitik der
Notenbank einzusetzen, die mit einer Verteuerung der kurzfristigen
Mittel einengend auf die Kreditgewährung überhaupt und vor allem
auf die Verwendung kurzfristiger Kredite für Anlagezwecke ein-
zuwirken imstande ist. Solche Diskonterhöhungen greifen, wie wir
oben gesehen haben, aus einer gewissen Selbsthilfe heraus, in Zeiten
von Krisen oder auch dann Platz, wenn z. B. die Notenbank dem
Auslände gegenüber ihren Metallbestand schützen will.

Die Diskontpolitik, von welcher jedoch hier die Rede ist, ist
eine ganz andere. Sie ist als Maßnahme einer positiven Konjunktur-
politik gedacht, um auf diese Weise eine Kreditüberspannung während
der Hochkonjunktur zu bekämpfen. In diesem Sinne ist die Diskont-
erhöhung als eine präventive Maßnahme aufzufassen. Auf
diesem Wege ist nämlich die Notenbank in der Lage, einer zu weit-
gehenden Inanspruchnahme des Kredits für Spekulations- und Grün-
dungszwecke vorzubeugen und damit einen bestimmten Einfluß auf
den Gang der Hochkonjunktur auszuüben.

Mag eine solche Maßnahme auch in diesen Zeiten des wirtschaft-
lichen Aufstieges von Handel und Industrie als unliebsam und un-
bequem empfunden und bekämpft werden, mögen solche Maßnahmen
auch dahin wirken, daß dieser wirtschaftliche Aufstieg während der
Hochkonjunktur vielleicht früher zu Ende geht als es sonst der Fall
gewesen wäre, so wird doch ein solches Eingreifen der Notenbanken
einen beruhigenden Einfluß auf das Wirtschaftsleben ausüben und

D Nach Lansburgh, Die Maßnahmen der Reichsbank zur Erhöhung
der Liquidität der deutschen Kreditwirtschaft. Stuttgart 1914. S. 16.

Mombert, Stadium der Konjunktur.	17
        <pb n="260" />
        ﻿254 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

dahin wirksam sein können, daß der kommende Konjunkturrückgang
sich in ruhigeren Formen vollzieht, keine solchen Schäden und Nach-
teile für das ganze Wirtschaftsleben im Gefolge hat, wie es vielleicht
der Fall gewesen wäre, wenn die Haussebewegung mit all ihren Aus-
schreitungen noch weiter nach oben gegangen wäre.

Der Notenbank stehen dann freilich auch noch andere Mittel für
diesen Zweck als lediglich Diskonterhöhungen zu Gebote. Sie kann,
wie man es schon einmal ausgedrückt hat, auch von der Politik der
Krediterschwerung zur Politik der Kreditverweigerung übergehen. Noch
entschiedener könnte die Notenbank in dieser Hinsicht wirksam sein,
wenn sie einmal dazu überginge, unmittelbar in Konkurrenz zu den
großen Kreditbanken zu treten und verzinsliche Depositen anzu-
nehmen. „Es wäre denkbar, daß die Reichsbank als Depositenbank
dem zentralen Geldmarkt billige Gelder entnähme, um sie bewußter-
massen abgelegeneren Teilen unseres Wirtschaftslebens zuzuführen,
welche gefördert werden sollen: der feinen Industrie und der Provinz.
Durch Zinserhöhung ihrer Depositen könnte die Reichsbank jede
Emission ohne weiteres durchkreuzen. Endlich könnte man sich die
Depositenpolitik zu einer bewußten Konjunkturpolitik ausgebildet
denken — Verknappung des Zinses gegenüber ungesunder Hausse,
Verbilligung behufs Überwindung der Depression1).“

Unter solchen Gesichtspunkten würden dann der Notenbank neue
und größere Aufgaben erwachsen als man ihr bisher zugewiesen hat,
Aufgaben, die „von der Diskontpolitik zur Herrschaft über den Geld-
markt“ führen würden, Forderungen, wie sie vor allem von Plenge
vertreten worden sind. „Die große Zentralbank hat die Macht, die
Naturgesetzlichkeiten des Verkehrs durch ihre Zinsveränderungen zu
modifizieren und den automatischen Gang der inneren Konjunktur
und die automatische Bewegung der Zahlungsbilanz umzustellen.
Auch die moderne Marktbeherrschung ist selbstverständlich Preis-
politik und wirkt wesentlich durch das Mittel der Preisänderung. Aber
sie ist eine Politik der persönlichen Einwirkung auf die einzelnen
Marktfaktoren, auf Abnehmer und Konkurrenten, durch Drohung und
Versprechen, Förderung und Unterdrückung, um sie nach einem ein-
heitlichen Willen zusammen arbeiten zu lassen. Sie arbeitet also mit
anderen Methoden als die reine Diskontpolitik, sie hat weiter einen
ganz anderen Wirkungskreis wie die reine Diskontpolitik, weil sie
nicht nur einen regulativen Zinssatz festsetzen will, sondern not-
wendig dazu fortgehen muß, das Angebot der Wäre Kapital nach

1) Schulze-Gävernitz, a. a. 0. S. !85.
        <pb n="261" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 255

Menge und Sorten so zu regulieren, wie die Ware Kohle vom Kohlen-
syndikat reguliert wird. Und endlich hat das System der Markt-
beherrschung eine andere, grundsätzliche Auffassung von der Ent-
stehung der Marktvorgänge als das System der Diskontpolitik1).“

WTährend wir oben gesehen haben, daß die Aufgabe von Noten-
und Kreditbanken bei dem Rückgang der Konjunktur, bei dem Eintritt
einer Krise eine, wie man sich ausdrücken kann, repressive ist, daß
sie in dieser Zeit vor allem nur die Aufgabe haben, helfend und
stützend einzugreifen, um ein Umsichgreifen der Krise zu verhüten,
daß sie in dieser Zeit also mit allen Mitteln dafür sorgen müssen,
daß der Absturz des Wirtschaftslebens kein zu jäher und tiefer ist,
ist ihre Aufgabe bei der Hochkonjunktur dagegen eine präventive.
Sie haben hier dafür zu sorgen, daß in dieser Periode des Wirtschafts-
lebens nach Möglichkeit spekulative Ausschreitungen aller Art ver-
mieden werden, daß die Entwicklung der Hochkonjunktur in ihrem
Höhepunkte keine zu ungesunde wird und daß damit das Wirtschafts-
leben dem kommenden Rückgang der Konjunktur gegenüber eine
solide und widerstandsfähige Grundlage aufweist.

Neben den Kartellen und neben den Banken gibt es aber noch
andere Instanzen, welche imstande sind, einen beruhigenden Einfluß
auf die Wellenbewegung der Konjunktur auszuüben. Hierher gehören
einmal in erster Linie die Tätigkeit und die Maßnahmen des
Unternehmers selbst, dieses Wort im weitesten Sinne gefaßt.
Je mehr die Unternehmer schon während der Hochkonjunktur bei
ihren ganzen Kalkulationen und sonstigen Überlegungen! den einmal
kommenden Umschwung im Auge haben, sich ihm gegenüber zu
stärken und zu festigen suchen, um so weniger verhängnisvoll werden
die Wirkungen sein, welche dann eintreten. In diesem Sinne ist also
auch eine ganz bestimmte Konjunkturpolitik auch für die einzelne
Unternehmung als solche möglich, sowohl für die Banken wie für
jeden industriellen Betrieb. Worauf es für die Banken dabei in erster
Linie ankommt, hat Somary in folgende Worte gekleidet:

„Weit schwerer ist es, die Mittel der Bank so elastisch zu halten,
daß sie an der Wende der Konjunktur weitere Anspannung vertragen.
Bei Gewährung von Anlagekredit sind die Banken nie vollständig
Herren ihrer Entschlüsse, da das Maß der Inanspruchnahme der ge-
währten Kredite mit fortschreitender Konjunktur steigt und auch
Erhöhungen der Kredite in solchem Zeitpunkt oft unabweisbar sind.

U PI enge, Von der Diskontpolitik zur Herrschaft über den Geldmarkt.
Berlin 1913. S. 32—33.
        <pb n="262" />
        ﻿256 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik._

Eine Bank, die sich auch im Höhepunkt der Konjunktur Bewegungs-
raum sichern will, tut darum gut, bei Gewährung von Anlagekredit
in geldflüssigen Zeiten, soweit dies irgend möglich ist, das Höchstmaß
der Inanspruchnahme nach dem Maximalbedarf des Unternehmers
in der vorhergehenden Konjunktur abzuschätzen. Es läßt sich kein
bestimmtes Verhältnis zwischen den Mitteln einer Bank und ihren
Anlagen auf dem Kapitalmärkte konstruieren, aber es ist für eine
Bank bedenklich, wenn die Gesamtsumme der Festlegungen ihre
Bewegungsfreiheit am Höhepunkt der Konjunktur hindert; sie kommt
dann leicht in die Notwendigkeit, sich durch Kündigung der Kredite
an Kunden Luft zu machen; das vielfach übliche Sieben der Kredit-
listen in der Zeit der stärksten Kapitalanspannung ist eine schwere
Rücksichtslosigkeit, da der durch die Kündigung eines Anlagekredits
Betroffene gerade in solchen Tagen sich schwer anderswo Geld be-
schaffen kann1).“

Auch für den industriellen Betrieb gibt es hier je nach seiner
Eigenart ganz bestimmte Regeln des Handelns, von deren Einhaltung
es abhängt, in welcher Weise das betreffende Unternehmen den
kommenden Konjunkturumschwung übersteht. Es handelt sich hier
in erster Linie um die An- und Verkaufspolitik, um den Umfang der
Kreditgewährung, dann aber auch darum, in welchem Maße das
Unternehmen selbst mit Bankkredit gearbeitet und in welcher Weise
es die so gewonnenen Mittel im Betriebe verwandt hat.

Ganz besonders wichtig in diesem Zusammenhänge ist die
Bilanz- und D i videndenpolitik der einzelnen Unter-
nehmungen. Es war ja schon von ihr oben einmal in -anderem Zu-
sammenhänge die Rede gewesen, als von dem Verhalten des Unter-
nehmers einer bestimmten Konjunkturlage gegenüber gesprochen
wurde. An diese Darlegungen kann das Folgende anknüpfen.

In früheren Zeiten hatten die meisten Unternehmungen in' Gesell-
schaftsform die Praxis, möglichst hohe Dividenden zu verteilen und
dazu einen möglichst großen Teil der Erträgnisse des entsprechenden
Geschäftsjahres zu verwenden. Erst in neuerer Zeit hat hier eine
andere Praxis Platz ergriffen, indem immer mehr Unternehmungen
dazu übergingen, steigende Teile ihrer Erträgnisse zur Kräftigung
ihrer inneren Lage und zur Bildung von Reserven zu verwenden.
In den einzelnen Industriezweigen sind diese neuen Grundsätze zu
verschiedener Zeit zur Geltung gekommen. Eine Reihe großer

*) Somary, a. a. 0. S. 259.
        <pb n="263" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 257

Banken sind darin vorausgegangen. Die folgende Tabelle1) soll für
eine große Aktiengesellschaft diesen Wandel dartun und zeigen,
welchen Schwankungen in früheren Zeiten die Dividenden in ihrer
Höhe ausgesetzt waren, und wie sich erst neuerdings hierin ein
stärkerer Zug zu einer gewissen Stabilität zeigt.

Es betrug die Dividende beim Bochumer Verein für Bergbau
und Gußstahl in o/0 des A. K.

Jahre	01  Io	; Jahre	°lo	Jahre	0/  Io
1854—55	0	1874—75	2	1894-95	5
1855—56	6	1875 - 76	0	1895-96	7
1856-57	0	1876-77	0	1896-97	12 »/.
1857-58	0	1877—78	0	1897-98	15
1858-59	0	1878—79	2	1898-99	16 »/,
1859—60	0	1879-80	2	1899-00	16 «/s
1860 - 61	8	1880-81	2 Va	1900-01	13 V,
186 L—62	16	1881-82	5	1901-02	7
1862 - 63	16	1882-83	6 J/ä	1902-03	7
1863-64	13	1883-84	10	1903-04	10
1864—65	13	1884—85	10	1904-05	12
1865—66	12	1885—86	6 * 2 3 * */o	1905-06	15
1866-67	8	1886—87	7	1906-07	16 a/3
1867—68	8	1887-88	9	1907-08	15
1868-69	8	1888—89	12 »/,	1908-09	12
1869-70	10	1889-90	10	1909-10	12
1870-71	10	1890-91	6 ‘/a	1910-11	12 V.
1871-72	13	1891-92	61/.	1911-12	14
1872-73	17	1892-93	3 */.	1912-13	14
1873-74	8	1893-94	41/.		

Es gibt manche Gesellschaften, bei denen noch tief hinein bis
in die Jahre vor dem Kriege derartige krasse Schwankungen in der
Höhe der Dividenden, wie sie der Bochumer Verein in seinen ersten
Jahren zeigte, an der Tagesordnung 2) waren. Auch bei den Banken
kann man eine ähnliche Entwicklung zur Stabilisierung beobachten 8).
Ein Bild von den neuen Bilanzgrundsätzen und dem neueren Streben,
eine stabile Dividendenpolitik bei großen Unternehmungen durch-
zuführen, gibt die folgende Tabelle.

*) Die Zahlen bis zu den Jahren 1898/99 sind dem Buche von Wagon,
Die finanzielle Entwicklung deutscher Aktiengesellschaften 1870—1900, Jena
1903, S. 31, entnommen, die Zahlen für die folgenden Jahre nach Salings
Börsenjahrbuch zusammengestellt.

2)	Vgl. die Daten, welche Prion, Die Preisbildung an der Wertpapier-
börse, 1910, S. 127, für die Aktiengesellschaft für Rheinisch-Westfälische
Industrie gibt.

3)	Die Dividenden der größeren Banken sind zusammengestellt für die

Jahre 1870—1912 bei A. Weber, a. a. O.2. Aufl. S. 290—291. Vgl. dazu

auchRiesser, a a. 0. S. 59ff.
        <pb n="264" />
        ﻿258 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Es betrug bei den folgenden Gesellschaften der Betrag in
Millionen Mark1) an:

	1910-11	1911—12	1912-13
	bei 17	gemischten Werken	
Abschreibungen .	.	.	75,94	94,93	110,55
Reingewinn ....	97,85	111,87	121,25
Dividende		76,71	88,78	98,39
	bei 11 Kohlenwerken		
Abschreibungen .	.	.	26,06	25,97	31,09
Reingewinn ....	31,57	34,61	43,20
Dividende		28,42	30,61	38,67
	bei 10 Eisen- und Stahlwerken		
Abschreibungen .	.	.	12,22	15,92	20,33
Reingewinn ....	16,83	21,66	30,13
Dividende		12,65	17,29	21,40
	bei 3 Zinkhütten		
Abschreibungen .	.	.	7,57	8,61	9,85
Reingewinn		16,04	16,28	14,78
Dividende		14,08	13,49	14,30
	bei allen 41	Gesellschaften zusammen	
Abschreibungen .	.	.	121,79	144,93	171,82
Reingewinn ....	162,29	184,32	209,36
Dividende		131,86	150,17	172,76

Wenn man diese Aufstellung genauer ansieht, so bemerkt man,
daß der Betrag der Abschreibungen allein bei allen Gesellschaften
zusammen fast die Höhe der Summe erreicht, welche für Dividenden-
zwecke zur Verfügung gestellt wurde. Bei den 17 gemischten Werken
war die Summe der Abschreibungen sogar noch wesentlich höher.

Die Bedeutung einer derartigen Bilanz- und Dividendenpolitik
ist für das vorliegende Problem einer Konjunkturbeeinflussung
eine doppelte. Es liegt einmal auf der Hand, daß damit eine innere
Stärkung der betreffenden Unternehmung den Zeiten und Anforde-
rungen eines Konjunkturrückganges gegenüber verbunden ist. Ein
Unternehmen wird bei dem Eintritt eines Konjunkturrückganges
oder einer Krise um so weniger gefährdet sein, über je größere
stille und offene Reserven es verfügt. Es wird dann um so eher
imstande sein, Verluste, welche es in solchen Zeiten durch Ent-
wertung der Lagerbestände oder durch Zahlungseinstellungen von
Schuldnern treffen, zu überwinden. Es ist von manchen Groß-
banken, vor allem von der Deutschen Bank, bekannt, daß sie auf

l) Berechnet nach der Frankf. Zeitung: „Die Montanindustrie 1912/131'
Erstes Morgenblatt vom 29. November 1913. Bei einer Reihe von Gesell-
schaften liegen die Geschäftsjahre 1910, 1911 und 1912 zugrunde.
        <pb n="265" />
        ﻿ß. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 259

diese Weise imstande gewesen sind, ohne Schwierigkeiten und
für den Außenstehenden unbemerkbar, Millionenverluste bilanz-
mäßig zum Ausgleich zu bringen. In diesem Sinne kann also eine
vorsichtige Bilanz- und Dividendenpolitik dazu beitragen, daß bei
Eintritt einer rückläufigen Konjunktur das Wirtschaftsleben vor zu
umfassenden und schweren Erschütterungen verschont bleibt.

Nicht minder wichtig kann jedoch der Einfluß einer solchen
Dividendenpolitik auf den Gang der Konjunktur als solcher sein.
Wir haben ja oben gesehen, daß es sich bei einem Konjunktur-
rückgang, bezw. einer Krise, im allgemeinen darum handelt, daß
das erforderliche Gleichgewicht zwischen Konsumtion und Produk-
tion fehlt, wir haben ferner gesehen, daß eines der erfolgreichsten
Mittel, um das jähe Auf und Ab im Wandel der Konjunktur zu
mildem, darin liegt, in der Zeit der Hochkonjunktur das Wirt-
schaftsleben vor spekulativen Ausschreitungen zu bewahren, daß
eine gewisse Mäßigung in der Hausse eine Gewähr dafür bietet,
daß der Abstieg der Konjunktur sich weniger plötzlich und schroff
vollzieht, als es sonst der Fall gewesen wäre. Wenn es also das
Ziel der Konjunkturpolitik ist, abflauend auf die Wellenbewegung
der Konjunktur einzuwirken, die Höhe- und die Tiefpunkte der-
selben einander anzunähern, durch einen mäßigendem Einfluß
während der Hochkonjunktur dafür zu sorgen, daß der kommende
Abstieg kein zu tiefer ist, so zeigt eine einfache Überlegung, daß
die oben geschilderte Bilanz- und Dividendenpolitik diesem Ziele
in hohem Maße dient.

Das ist einmal schon deshalb der Fall, weil ja jeder Konjunktur-
rückgang bei der Industrie mit einer starken Entwertung der Waren-
lager und bei den Banken mit einer Entwertung der Effekten Hand
in Hand geht und weil reichliche Abschreibungen darauf während
der Hochkonjunktur, d. h. Minderbewertungen dieser Bestände,
gegenüber dem Marktwerte in der Hochkonjunktur, diese Entwertung
bei einem Konjunkturrückgang bereits eskomptiert haben.

Auf der anderen Seite jedoch bedeutet diese Tatsache, daß
während der Hochkonjunktur gemachte Gewinne während derselben
nicht zur Ausschüttung gelangen, daß während dieser Periode des
Wirtschaftslebens die Kaufkraft der Bevölkerung nicht so sehr an-
steigt, wie es der Fall gewesen wäre, wenn ein größerer Teil der
Während der Hochkonjunktur gemachten Gewinne während der
Dauer derselben auch zur Verteilung gelangt wäre. In dem Maße,
in dem dann eine solche Dividendenpolitik zu einer Stabilisierung
der Dividenden beiträgt, d. h. es möglich macht, auf Grund der
während der Hochkonjunktur gemachten Gewinne, in der Depression
        <pb n="266" />
        ﻿260 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

mehr an Dividenden zu zahlen, als den während dieser Zeit ge-
machten Gewinnen entspricht, wird die Kaufkraft der Bevölkerung
während der Depression nicht in dem Maße sinken, wie es sonst
der Fall gewesen wäre.

Auf diese Weise werden Kaufkraft und Nachfrage in der Hoch-
konjunktur geringer und während der Depression größer sein, als
es sonst der Fall wäre. Insoweit dieses zutrifft, werden damit die
Gegensätze dieser verschiedenen Konjunkturperioden verringert, wo-
durch die Wellenbewegung der Konjunktur eine flachere werden
muß. Man wird unter diesen Gesichtspunkten sagen können, daß
es sich bei dieser Art der Bilanz- und Dividendenpolitik nicht nur
um die Schaffung von Reserven vom privatwirtschaftlichen Ge-
sichtspunkt aus handelt, sondern daß das gleiche auch vom Stand-
punkte der ganzen Volkswirtschaft aus gilt.

Auch auf anderen Wegen könnte eine ähnliche Wirkung erzielt
werden. Es ist hier vor allem an die Arbeitslosenversiche-
rung gedacht, welche wir hoffentlich in nicht allzu langer Zeit
erhalten werden. Es handelt sich hier um eine Frage, welche an
dieser Stelle nur unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten in
ihrem Zusammenhänge mit dem Ablauf der Konjunktur zu be-
trachten ist. Gleichviel, welche Form eine solche Arbeitslosen-
versicherung bei uns einmal haben wird, wer ihre Träger sein
werden, welche Bestimmungen sie im einzelnen enthält, so steht
doch das eine fest, daß zur Bestreitung der zu zahlenden Unter-
stützung an Arbeitslose feste Beträge erhoben werden, an deren
Aufbringung in einem bestimmten Verhältnis das Reich, vielleicht
auch die Gemeinden, Arbeitgeber und Arbeiter mitzuwirken haben.
Diese Beträge werden in gleicher Weise von den Beteiligten aus
ihren Einnahmen unmittelbar oder auf dem Wege der Besteuerung,
d. h. aus dem Volkseinkommen, in jeder Phase der Konjunktur
geleistet.

Während der Hochkonjunktur ist nun, wie wir gesehen haben,
die Zahl der Arbeitslosen eine sehr geringe, während sie bei
dem Rückgang der Konjunktur und während der Dauer der De-
pression stark ansteigt. Die Dinge liegen also so, daß während der
Hochkonjunktur aus den Beiträgen gewisse Fonds angesamrnelt
werden, die in der Hauptsache bei dem Rückgang der Konjunktur
und während der Depression zur Auszahlung von Unterstützungen
dienen, In dem Maße, in dem dies der Fall ist, wird auch hier
entsprechend der Höhe dieser Beiträge, soweit sie während der
Hochkonjunktur nicht für diese Zwecke verausgabt werden, die
Kaufkraft der Bevölkerung in dieser Zeit vermindert und in der
        <pb n="267" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunktur wandet. 261

Depression, soweit hier mehr an Unterstützungen ausgezahlt wird,
als in diesen Zeiten an Beiträgen eingeht, die Kaufkraft der Be-
völkerung verstärkt werden. Die Wirkung muß also die gleiche sein,
wie sie eben bei dem Streben nach einer Stabilisierung der
Dividende dargestellt worden ist.

Wenn sich natürlich auch keinerlei zahlenmäßige Anhaltspunkte
heute dafür geben lassen, in welchem Umfange auf solchen Wegen
eine Minderung der Kaufkraft in der Hochkonjunktur und eine ent-
sprechende Verstärkung derselben während der Depression eintritt,
so würde man doch einen Fehler begeben, wollte man die Wirkung
nach dieser Richtung hin zu gering einschätzen. Denn man muß
immer dabei im Auge behalten, daß diese Beträge, welche eine
Minderung der Kaufkraft während der Hochkonjunktur bedeuten,
eine doppelte Wirkung ausüben, einmal als Minderung der Kauf-
kraft während der Hochkonjunktur, und dann als eine Stärkung
derselben in den Zeiten der Depression. Es würde also eine An-
näherung der Kaufkraft in beiden Perioden des Wirtschaftslebens in
dem doppelten Umfange der Verminderung derselben während der
Hochkonjunktur Platz greifen. Nimmt man an, um das an einem
ganz einfachen Schema klar zu legen, daß die Kaufkraft der Be-
völkerung in der Hochkonjunktur 1000, während der Depression
900 betrage, während die Minderung der Kaufkraft auf den ver-
schiedenen, eben dargelegten Wegen während der Hochkonjunktur
vielleicht 20 sei, so würde damit der Unterschied in der Kaufkraft
beider Perioden von 100 auf 60 herabsinken.

In der gleichen Linie kann auch eine Kredit- oder Verlust-
vcrsiclierung wirksam sein. Ihr Zweck besteht bekanntlich
darin, daß sich der Gläubiger gegen die Verluste versichert, welche
er dadurch erleiden kann, daß ein Schuldner nicht imstande ist, seine
eingegangenen Verbindlichkeiten zu erfüllen. Es handelt sich hier-
um einen Versicherungszweig, der infolge der gewaltigen Schwierig-
keiten seiner technischen Durchführung bisher im wesentlichen in
mißglückten Versuchen stecken geblieben ist. Es handelt sich jedoch
auch um einen Versicherungszweig, dem ein Gedanke zugrunde
Hegt, voii dem einer der Anhänger dieser Versicherung gesagt hat,
daß er nie sterben wird. Wir werden also auch immer wieder mit
neuen Versuchen, eine solche Versicherung einzuführen, zu rechnen
haben und es mag sein, daß wir auch hier über kurz oder lang
zu Formen gelangen, welche mehr Erfolg haben, als es bisher der
Fall gewesen ist.

Vas uns an dieser Stelle interessiert, ist nicht so sehr die Art
c er Durchführung, sind nicht die technischen Schwierigkeiten,
        <pb n="268" />
        ﻿262 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

welche hierbei überwunden werden müssen, als vielmehr die prin-
zipielle Frage, wie eine gut und solid ausgebaute Kreditversicherung
auf den Ablauf der Konjunktur einzuwirken imstande ist. Es soll
auch an dieser Stelle darüber nicht eingehender gesprochen werden,
ob denn eine solche Versicherung überhaupt durchführbar ist
und ob sie nicht unter Umständen für unser ganzes Wirtschafts-
leben deshalb große Gefahren mit sich bringen kann, weil doch
durch eine solche Versicherung dem Gläubiger ein mehr oder
weniger großer Teil des Risikos seinen Schuldnern gegenüber ab-
genommen wird und damit die Gefahr einer zu weitgehenden Kredit-
gewährung entstehen kann.

Sei dem, wie ihm wolle, so wird doch jede Kreditversicherung,
die man ja auch schon als Krisenversicherung bezeichnet
hat, die Tendenz haben müssen, abflauend auf die Wellenbewegung
der Konjunktur einzuwirken. Es handelt sich hier fast um die gleichen
Zusammenhänge, wie sie oben bei der neuen Art der Dividenden-
politik und der Arbeitslosenversicherng dargelegt worden sind.

Einmal wird eine Kreditversicherung für den Versicherten als
eine Art von Reserve, die er während der wirtschaftlich guten Zeit
angesammelt hat, wirken, indem sie dem Versicherten dazu hilft,
daß er Verluste, welche er bei einem Rückgänge der Konjunktur
durch Zahlungsunfähigkeit seiner Schuldner erleidet, leichter tragen
kann. Vom Standpunkte der Bilanz aus betrachtet, wirken die von
ihm gezahlten Versicherungsprämien genau ebenso, wie Ab-
schreibungen, welche er in der entsprechenden Höhe auf seinem
Debitorenkonto vorgenommen hätte. In diesem Sinne bedeutet also
die Kreditversicherung ein Mittel, einem stärkeren Umsichgreifen
von Verlusten und Zusammenbrüchen, wie sie ja beim Niedergang
der Konjunktur häufig einzutreten pflegen, zu begegnen. Wie einer
der Vorkämpfer dieses Versicherungszweiges, Herz fei der, diesen
Gedanken ausgedrückt hat: „Die Kreditversicherung sollte von der
Geschäftswelt als eine Art geschäftlicher Lebensversicherung auf-
gefaßt werden, wobei hier Lebensversicherung tatsächlich Ver-
sicherung gegen den wirtschaftlichen Tod durch Handelsverlust
bedeutet. Die Konsequenz wäre, daß der Kaufmann freiwillig jahre-
lang Prämien zahlen würde, obwohl er weiß, daß er in absehbarer
Zeit eine Rückzahlung nicht zu erwarten hat“1).

Durch die Prämienzahlungen während der Hochkonjunktur
werden also die Mittel gewonnen, um die vor allem bei einem Kon-
junkturrückgang eintretenden Verluste mehr oder weniger zu decken,

1) Das Problem der Kreditversicherung. Leipzig 1904.
        <pb n="269" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkfcurwandel. 263

Da ja die Prämienzahlung grundsätzlich in gleicher Weise in allen
Perioden der Konjunktur zu leisten ist, die Verluste jedoch in weit
größerem Maße in den Zeiten der absteigenden Konjunktur als
während ihres Aufstieges eintreten, so wirkt eine solche Kredit-
versicherung also ebenfalls nach der Richtung hin, daß in den
Zeiten der wirtschaftlichen Prosperität (Reserven aufgespeichert
werden, daß damit die hier vorhandene Kaufkraft gemindert wird,
während diese so angesammelten Reserven dann in der Hauptsache
dazu dienen müssen, die beim Konjunkturumschwung eintretenden
Schadenfälle zu decken, also in dieser Zeit steigernd auf die Kauf-
kraft zu wirken.

Der letzte Punkt, welcher in diesem Zusammenhänge noch zu
besprechen ist, betrifft die Tätigkeit von Staat und Ge-
meinden als Auftraggeber, Handel und Industrie gegenüber. Auch
davon war schon oben einmal die Rede gewesen, als im Zusammen-
hang mit dem Erlaß des preußischen Ministers des Innern von den
Aufgaben gesprochen wurde, welche Staat und Gemeinden in den
Zeiten} einer rückläufigen Konjunktur haben. Sie sollen hier durch
Aufträge Arbeitsgelegenheit schaffen, um damit einem Umsichgreifen
der Arbeitslosigkeit vorzubeugen.

Man kann sich jedoch ein solches Vorgehen der öffentlichen
Körperschaften noch weit umfassender denken, als es in diesem
Erlaß zum Ausdruck kommt, der sich ja ganz allein auf die Be-
kämpfung der Arbeitslosigkeit bei dem Rückgang der Konjunktur
bezog. Man kann daran denken, daß alle diese öffentlichen Körper-
schaften, deren Aufträge an Handel und Gewerbe jährlich in die
Milliarden gehen, bewußt, so weit es überhaupt mit der Natur des
betreffenden Bedarfes vereinbar ist, mit ihren Aufträgen und Be-
stellungen während der Hochkonjunktur zurückhalten, um sie dann
erst mit dem Rückgänge der Konjunktur und während der Depression
an den Markt zu bringen. Auch in diesem Sinne liegen keineswegs
unbeträchtliche Möglichkeiten vor, die Höhe- und die Tiefpunkte der
Konjunkturkurve einander anzunähern, die Hochkonjunktur infolge
der dann geringeren öffentlichen Aufträge nicht so stark ansteigen
zu lassen, wie es sonst der Fall gewesen wäre, und dann mit diesen
Aufträgen bei dem Rückgänge der Konjunktur und während der
Depression die Nachfrage auf dem Gütermarkte verstärken zu helfen.

An sich gibt es manche Überlegungen, die dafür sprechen, daß
es für die öffentlichen Körperschaften auch vorteilhaft ist, ihre
Aufträge während der Depression hinauszugeben. Zunächst werden
sic in dieser Periode des Wirtschaftslebens im allgemeinen wesent-
lich billiger einkaufen können, wie während der Hochkonjunktur.
        <pb n="270" />
        ﻿264 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

Während der Depression ist auch der Geldmarkt flüssiger und die
Geldbeschaffung durch Staat und Gemeinden leichter und billiger.
Eine gewisse Erschwerung wird freilich darin liegen, daß, wie
wir ja oben gesehen haben, in den Zeiten der Depression viele
laufende Einnahmen geringere Beträge abwerfen, als während der
Hochkonjunktur.

Freilich ist diese Rücksichtnahme der öffentlichen Betriebe auf
die Konjunkturlage nicht von diesen allein abhängig. Sonst wäre es
ja auch schwer verständlich, warum diese ihre Hauptkäufe nicht in
der Depressionsperiode betätigen, der Zeit, in der sie ja wesentlich
schneller und billiger, als während der Hochkonjunktur geliefert
bekommen. Man muß bei dieser Frage immer im Auge behalten, daß
diese öffentlichen Betriebe durch ihre engen Beziehungen zu den
Finanzen von Staat und Gemeinde in dieser Hinsicht nicht immer
freie Herren ihrer Entschlüsse sind. In dieser Hinsicht wäre es
äußerst wichtig, vor allem im Hinblick auch auf die stärkere Durch-
dringung dieser öffentlichen Betriebe mit mehr kaufmännischem
Geiste, wenn alle diese Unternehmungen von der allgemeinen Finanz-
verwaltung losgelöst und zu sog. ausgeschiedenen Verwaltungszweigen
umgestaltet würden, wie es ja jetzt z. T. auch geschehen ist.

Wo Bestellungen während der Hochkonjunktur gemacht werden,
da kann die Lage des Geldmarktes und die dadurch erschwerte
Geldbeschaffung für die öffentlichen Körperschaften dazu führen,
daß diese gezwungen sind, in zu weitgehendem Maße den Kredit
ihrer Lieferanten in Anspruch zu nehmen, eine Tatsache, die
vielleicht ihrerseits wieder ungünstig auf den weiteren Verlauf der
Konjunktur wirken kann. R. Blum, der Direktor der Berlin-
Anhaltischen Maschinenbaugesellschaft, hat kurz vor dem Kriege
in der Zeitschrift „Technik und Wirtschaft“ über zwei Bestellungen
seitens zweier Stadtverwaltungen das Folgende berichtet: Die eine
verlangte, daß die Bausumme vom Tage der Fertigstellung an zu
o o/o verzinslich auf ein Jahr gestundet werde, „damit wir in der
Lage sind, zur Aufnahme der nötigen Anleihe eine günstigere Kon-
junktur abzuwarten“. Die andere Stadtverwaltung verlangte, daß die
Bezahlung auf zwei Jahre verteilt werden sollte, indem das erste
Drittel am 1. Juli 1914, also bei Fertigstellung, das zweite Drittel
am 1. Juni 1915, das dritte Drittel am 1. Juni 1916 fällig werden
solle. Dabei betont Blum, daß es sich hierbei um keine Ausnahmen
handle, sondern daß er hunderte von Briefen zeigen könne, wo dem
verschiedensten Industrien Deutschlands von den Behörden oft noch
viel schärfere Zumutungen gemacht worden seien1).“

■*) Jahrgang 1913. S. 191. Es sind nicht nur Stadtgerneinden, über
        <pb n="271" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 265

Man braucht sich nur die Frage vorzulegen, woher die be-
treffenden Unternehmungen die Mittel erhalten, um solche lang-
fristigen Kredite an ihre Kunden geben zu können, so sieht man
ohne weiteres, wie ungünstig ein solches Verfahren auf den Ab-
lauf der Konjunktur einwirken kann. Denn diese Unternehmungen
können diese Kredite nur gewähren, wenigstens in der Regel, wenn
sie ihrerseits selbst dafür den Kapital- und Geldmarkt in Anspruch
nehmen, vor allem auch dadurch, daß sie ihren Bankkredit in den
verschiedensten Formen ausnützen. Bestellungen öffentlicher
Körperschaften, welche sich während der Hochkonjunktur auf solche
Weise häufen, bedeuten also einmal eine nicht ungefährliche Be-
lastung des Geldmarktes und eine nicht ungefährliche Ausdehnung
der Kreditgewährung, sie haben auch vielmehr die Tendenz, als
zusätzliche Nachfrage steigernd auf die Kaufkraft und damit stimu-
lierend auf die Produktion während der Hochkonjunktur ein-
zuwirken.

Alle diese Wege, welche wir bis jetzt als gangbar für eine
Konjunkturpolitik im Sinne einer planmäßigen bewußten Beein-
flussung des Koniunkturwandels, vor allem während der Hausse,
betrachtet haben, bieten nur eine Politik der kleinen Mittel.
Es befindet sich darunter keines, das irgendwie imstande wäre,
die Schwankungen in der Konjunktur überhaupt zu beseitigen. Aber
man darf auch die Politik der kleinen Mittel nicht verachten und
ihre günstige Wirkung auf die Gesamtentwicklung des Wirtschafts-
lebens nicht, zu gering einschätzen. Ist doch schon sehr viel in dieser
Hinsicht gewonnen, wenn überhaupt die Wellenlinie des Konjunktur-
ablauf es eine flachere wird und wenn damit diese schroffen, für
das Wirtschaftsleben so unheilvollen Gegensätze von Hausse und
Krise zum Verschwinden kommen und einem gleichmäßigeren
ruhigeren Ablauf der Konjunktur Platz machen. Wir haben ferner
gesehen, daß die Entwicklung in dem letzten Jahrzehnt vor dem
Kriege auch tatsächlich nach dieser Richtung hin gegangen ist
und es kann keinem Zweifel unterliegen, daß an dieser günstigeren
Entwicklung die eben dargelegten Maßnahmen und Fairtoren, Kar-
telle, Bankenpolitik, Dividendenpolitik usw., bereits zu einem ge-
wissen Teile mitgewirkt haben. Es kann aber auch ebensowenig
einem Zweifel unterliegen, daß nach dieser Richtung hin noch weit
größere Erfolge erzielt werden können, wenn sich in Zukunft ein

welche solche Klagen bekannt werden, das gleiche gilt auch vom Staat und pri-
vaten Kunden. Vgl. dazu die Zuschriften an die Frankfurter Zeitung, „Die
Debitoren-Konfen der Industrie-Unternehmungen vom 7. und 10. Juli und
1. Oktober 1908.
        <pb n="272" />
        ﻿266 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

solches Eingreifen und solche Maßnahmen noch entschiedener und
zielbewußter ausbilden.

Wir haben nun oben gesehen, daß derartige krisenhafte
Störungen im Wirtschaftsleben erst mit Entstehung der modernen
Produktionsweise aufgekommen sind, erst, als mit der Trennung des
Produzenten vom Verbraucher die Güterproduktion immer mehr
den Charakter der Erwerbs- und Verkehrswirtschaft annahm, und
sie immer mehr Warenproduktion wurde. Wir haben auch schon
oben gesehen, daß gerade an diesem Punkte eine besonders scharfe
Kritik des Sozialismus der herrschenden Wirtschaftsordnung gegen-
über eingesetzt hat. Es erhebt sich dieser Kritik gegenüber die
Frage, ob sich in einer Wirtschaftsordnung, welche nicht mehr wie
die heutige auf wirtschaftlicher Freiheit und Privateigentum an
den Produktionsmitteln beruht, wo nicht mehr der Erwerbsgedanke
für die Art und den Umfang der Produktion das Bestimmende ist,
sich solche Gleichgewichtsstörungen zwischen Produktion und Kon-
sumtion vermeiden lassen.

Der Sozialismus will ja diese heutige Verkehrs wirtschaftliche
Organisation der Volkswirtschaft ersetzen durch eine solche auf
gemeinwirtschaftlicher Grundlage. In dieser neuen Ordnung soll die
Warenproduktion aufgehoben sein, an Stelle der Produktion für den
Markt, für den Verkauf, soll eine solche für den Selbstbedarf der Mit-
glieder der Gesellschaft treten. Zunächst soll die Gesellschaft im
Rahmen des einzelnen Staates eine einzige große Genossenschaft
bilden, die sich aber dann später zu einer solchen auf internationaler
Grundlage auswachsen soll1). So soll an die Stelle der bisherigen
Erwerbswirtschaft eine sogenannte Bedarfsdeckungswirtschaft treten.
Die ganzen Produktivkräfte sollen immer mehr zentralisiert, die ganze
Produktion immer mehr einem einheitlichen Plane unterworfen wer-
den. Von einer Zentralstelle aus sollen Produktion und Konsumtion
geleitet und so beide im Gleichgewicht gehalten werden. In diesem
Zusammenhang liegt natürlich die Frage nahe, ob denn wirklich in
einer so organisierten Wirtschaft dieses Gleichgewicht erhalten wer-
den kann, oder ob doch nicht auch hier unvermeidbar Unstimmig-
keiten Vorkommen müssen. Es würde zu weit führen, an dieser
Stelle diesem Problem genauer nachzugehen. Denn seine Erörterung
kann nicht mit wenigen Sätzen abgetan werden. Nur auf diese Frage
selbst sollte zum Schlüsse dieser Betrachtung mit ganz wenigen
Bemerkungen noch hingewiesen werden.

D Vgl. dazu Kautsky, Das Erfurter Programm. 6. Aufl. 1905. 4. Ab-
schnitt : Der Zukunftsstaat.
        <pb n="273" />
        ﻿5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunklurwandel. 267

Es gibt auf der einen Seite sehr viele, welche an eine solche
Möglichkeit glauben. Bei anderen jedoch begegnet man ernsten
Bedenken einer solchen Möglichkeit gegenüber. Theoretisch denk-
bar wäre ein solcher Gleichgewichtszustand überhaupt nur dann,
wenn die betreffende, auf solchen gemeinwirtschaftlichen Grundlagen
aufgebaute Wirtschaftsordnung eine internationale wäre, d. h. wenn
von einer -obersten Zentralbehörde aus gleichzeitig und gleichartig
Produktion und Konsumtion in allen in Betracht kommenden
Ländern geregelt werden könnte. Vollkommen ausgeschlossen wäre
die Aufrechterhaltung eines solchen Gleichgewichtszustandes, wenn
eine solche auf sozialistischer Grundlage aufgebaute Wirtschaft nur
innerhalb der Grenzen eines einzelnen Staates bestände, welcher
dann mit Ein- und Ausfuhr in die Weltwirtschaft verflochten wäre.
Ob sich aber auch auf einer genügend breiten internationalen Grund-
lage ein solcher Gleichgewichtszustand dauernd durchführen ließe,
erscheint aber dann tatsächlich mehr als zweifelhaft, wenn man
daran denkt, daß mit den schwankenden Ernteverhältnissen ein*
ganz unberechenbarer Faktor in die ganze Produktion hineinkommt,
wenn man daran denkt, vor welch nahezu übermenschliche Aufgaben
die Behörden gestellt werden, welche, wenn auch auf Grund der
besten statistischen Unterlagen und des denkbar besten Nachrichten-
dienstes über die Größe und die Richtung der Produktion zu be-
stimmen hätten. Vor allem dürfte eine Hauptschwierigkeit darin
liegen, die Nachfrage den angebotenen Mengen anzupassen und ohne
Willkür und Zwang den Absatz der überschüssigen Güter zu
sichern1).

Literatur.

Sehr. d. V. f. Sp. Hammacher, Cahen und Laurent, Vogel,
Feiler und Lescure, a. a. 0. —- Mo mb er t, Der privatwirtschaftliche
Gesichtspunkt bei der Erforschung der Konjunkturentwicklung. In: Der
privatwirtschaftliche Gesichtspunkt in der Sozialökonomie und Jurisprudenz.
Mannheim 1914. — Steinitzer, Ökonomische Theorie der Aktiengesell-
schaft. Leipzig 1908. — P a s s o w, Die wirtschaftliche Bedeutung der Organi-
sation der Aktiengesellschaft. Jena 1907. — Petrazycki, Aktienwesen
und Spekulation. Berlin 1906. — Moral, Aktienkapital und Aktien-
emissionskurs bei industriellen Unternehmungen. Leipzig 1914. — Gra-
bow er, Die finanzielle Entwicklung der Aktiengesellschaften der deutschen
cnermschen Industrie und ihre Beziehungen zur Bankwelt. Leipzig 1912. —-
Lewinstein, Aktiengesellschaften, Volkswohlstand und Handelskrisen.
Berlin 1901. — Kemeny, Konjunktursymptome am Geldmarkt. Disser-
tation. Leipzig 1911. — Wiewiorowski, Einfluß der deutschen Banken-

*) Vgl. dazu Esslen, a. a. O. S. 246ff. Cassel, a. a. O. 554.
Eingehender hat diese Zusammenhänge Bourguin in seinem Buche: „Die
sozialistischen Systeme und die wirtschaftliche Entwicklung“ (aus dem Fran-
zösischen, Tübingen 1906), Kap. 4, „Das wirtschaftliche Gleichgewicht“, be-
sprochen. Vgl. dazu auch E. Heilmann, Mehrwert und Gemeinwirtschaft,
Berlin 1922, vor allem S. 184 ff.
        <pb n="274" />
        ﻿268 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.

konzentration auf Krisenerscheinungen. Berlin 1911. — Brezigar, Vor-
boten einer Wirtschaftskrise Deutschlands. Berlin 1913. — Plenge, Von
der Diskontpolitik zur Herrschaft über den Geldmarkt. Berlin 1913. —
Mannstaedt, Ursachen und Ziele des Zusammenschlusses in den Ge-
werben. Jena 1916. — Rathenau, Der Einfluß der Kapitals- und Pro.
duktionsvermehrung auf die Produktionskosten in der deutschen Maschinen-
industrie. Jena 1906. — Lansburgh, Maßnahmen der Reichsbank zur
Erhöhung der Liquidität der deutschen Kreditwirtschaft. Stuttgart 1914. —
Lumm, Die Stellung der Notenbanken in der heutigen Volkswirtschaft.
Berlin 1909. Bankenenquete 1808. Berlin 1909—1910. — Jeidels a. a. O. —
Bücher, Das Gesetz der Massenproduktion. In: Die Entstehung der Volks-
wirlsch. 2. Sammlg. Tübingen 1920. 3. u. 4 Aufl. — S c hin altz, Das Valuta-
risiko im deutschen Wirtschaftsleben. Stuttgart 1921. — Nasse, Die Ver-
hütung der Produktionskrisen durch staatliche Fürsorge. Holzendorff-Bren-
tano Jahrbuch. 3. Bd. 1879. — Feig, Wirtschaftliche Wettervoraussagen. Deut-
sches Stat. Zentralblatt. 1912. S.199. — Juglar, Symptome der Wirtschafts-
lage. Bulletin international de Statistique. 13. Bd. H. 4. — Wyler, Schwei-
zerische Konjunkturstatistik. Z. f. schw. Stat. u. Volksvvirtsch. 1922. —Wier-
nik, Eine französische Enquete über die Konjunktursymptome. Zeitschrift
für die gesamte Staatswissenschaft. 1912. — Vogel, Der Handelsteil der
Tagespresse. Berlin 1914. — Muhs, Preispolitik und Preiskalkulation.
A. a. O.
        <pb n="275" />
        ﻿Fünfter Ab schnitt.

Ausblick.

Es liegt nahe, ein Buch über die Konjunktur, in welchem der
Konjunkturprognose und der Konjunkturpolitik besonders eingehende
Erörterungen gewidmet worden sind, mit einer Betrachtung über
die voraussichtliche weitere wirtschaftliche Entwicklung zu schlie-
ßen. Das ist heute jedoch nur in sehr eingeschränktem Umfange
möglich. Wenn man auch nach den Abmachungen, wie sie auf
Grund des Londoner Protokolls erfolgt sind, annehmen kann, daß
solche rein außenpolitischen Faktoren, wie in den ersten Jahren nach
dem Kriege, nicht mehr störend in den Gang des deutschen Wirt-
schaftslebens eingreifen werden, wenn auch der Zahlungsplan der
Sachverständigen dafür brauchbare Mittel vorsieht, um die deutsche
Währung vor einer nochmaligen Entwertung zu schützen, so werden
es trotzdem wohl noch auf viele Jahre hinaus exogene Faktoren
in dem oben dargelegten Sinne sein, welche auf die Konjunkturent-
wicklung in Deutschland, damit aber auch auf diejenige in anderen
Staaten, einen maßgebenden Einfluß ausüben können.

Damit ist nicht gesagt, daß diese exogenen Faktoren, die so-
gleich näher besprochen werden, dafür allein maßgebend sind. Es ist
daneben durchaus möglich, ja, man wird das sogar als bestimmt;
Voraussagen dürfen, daß dabei auch die vor dem Kriege vorhandenen
endogenen Momente eine wirksame Rolle spielen werden. War es,
wie wir gesehen haben, vor dem Kriege der Gegensatz zwischen
dem wirtschaftlichen Auftrieb und den Verhältnissen auf dem Ka-
pital- und Geldmarkt, welcher immer wieder eine aufwärts strebende
Konjunktur zum Stoppen brachte und einen Zustand der Depression
herbeiführte, so werden die gleichen Kräfte auch in Zukunft in der
gleichen Richtung wirksam sein, und soweit dies der Fall ist, werden
wir unser wirtschaftliches Verhalten den Konjunkturschwankungen
gegenüber nach denjenigen Gesichtspunkten einrichten können, wel-
che wir oben als für die Zeit vor dem Kriege als dafür maßgebend
kennen gelernt haben. Es wird auf Grund solcher Beobachtungen
durchaus möglich sein, Konjunkturbeobachtung, Konjunkturprognose
und Konjunkturpolitik zu treiben. Haben wir ja auch bei der Stabi-
lisierungskrise gesehen, daß es vor allem der Kapitalmangel war,
auf den sich diese Krise vor allem zurückführen ließ.

Mombert, Studium der Konjunktur.

18
        <pb n="276" />
        ﻿270

fünfter Abschnitt. Ausblick.

Dali daneben trotzdem noch exogene Faktoren auf lange Jahre
hinaus auf die deutsche Konjunkturentwicklung einen maßgebenden
Einfluß ausüben können, beruht vor allem darauf, daß im Gegensatz
zu der Zeit vor dem Kriege, die Verhältnisse auf dem Kapital- und
Geldmärkte in Deutschland nicht allein von den inneren Kräften
und der Entwicklung unserer Wirtschaft selbst abhängen, sondern
daß darauf der „Agent“, dem die Übertragung der Reparationsleistun-
gen obliegt, einen maßgebenden Einfluß ausüben kann.

Die Reparationsleistungen werden vor der Reichsregierung be-
kanntlich auf das Konto des Agenten bei der Reichsbank eingezahlt
und können hier bis zur Hohe von 2 Milliarden stehenbleiben, unter
bestimmten Voraussetzungen sogar noch in größerem Umfange.
Diese Beträge können jederzeit abgehoben werden, soweit dem
nicht besondere Abmachungen mit der Reichsbank entgegenstehen.
Die anderen Anlagemöglichkeiten dieser angesammelten Beträge,
wie solche in deutschen Anleihen, oder ihre Verwertung zur Bezah-
lung von Sachlieferungen und zur Kreditierung an ausländische
Privatpersonen bei Ankäufen deutscher Sachgüter1), sind für diesen
Zusammenhang weniger wichtig.

Auf Grund dieser großen, ihm so zur Verfügung stehenden Be-
träge wird dieser Agent nun einen sehr maßgebenden Einfluß auf
den deutschen Kapital- und Geldmarkt auszuüben in der Lage sein.
Es ist anzunehmen, wenn sich naturgemäß auch heute darüber noch
nichts Bestimmtes aussagen läßt, daß der Agent bestrebt sein
wird, diese Mittel so anzuwenden, daß damit der Zinsfuß in Deutsch-
land hoch und der deutsche Kapitalmarkt knapp gehalten wird. „Denn
je weniger freies Geld in der deutschen Wirtschaft umläuft, um so
schneller müssen die deutschen Unternehmer ihre Devisen ab-
stoßen, um so stärker werden sie gezwungen sein, sich durch ver-
billigtes Warenangebot und insbesondere forcierten Export flüssige
Mittel zu schaffen; daraus wird dann für den Agenten die Möglich-
keit erwachsen, aus dem vergrößerten Angebot an Exportdevisen
Transferierungen vorzunehmeni) 2).“ Hat man doch auch schon die
Meinung vertreten, daß der Agent gerade in dem Interesse der Trans-
ferierung auf jede Kreditgewährung verzichten könnte, um dadurch
den Zinsfuß in Deutschland möglichst hoch zu treiben. „Eine der-
artige Höhe des Zinsfußes würde so abschreckend auf die Unter-
nehmertätigkeit wirken, daß von dem jährlichen Sozialprodukt sehr
wenig für Neuinvestierungen und Erweiterungen in xVnspruch ge-

i) Vgl. dazu Dalberg, Die neue deutsche Währung und der Dawes-Plan
Berlin 1924. S. 41 ff.

*) Dalberg, a. a. 0. S. 48.
        <pb n="277" />
        ﻿Fünfter Abschnitt. Ausblick.

271

nommen würde. Diese Verminderung der Nachfrage für produktive
Konsumtion würde mehr Waren zur Ausfuhr freisteilen und also in
den folgenden Jahren die Transferierungsfähigkeit erleichtern. Aber
weiter bedeutet jede Kreditgebung in Deutschland selbst, daß die
Waren, die man nicht exportieren konnte, nun im Inlande Abneh-
mer finden werden, die ihre Kaufkraft von der Transferierungsstelle
im Kreditwege erhalten haben. Indem die Transferierungsstelle
Kredit gibt, untergräbt sie also die Möglichkeit, daß die im Lager
gehaltenen Waren schließlich doch ausgeführt werden müssen, —
womit das Geld transferiert werden könnte1).“

Es sei dahingestellt, * ob bei den engen Beziehungen der inter-
nationalen Geldmärkte und bei der Möglichkeit der Kapitalwande-
rangen von Land zu Land, die ja in der Richtung einer gewissen
Ausgleichung der nationalen Zinsunterschiede hin wirksam sind,
diese Transferierungsstelle das Zinsniveau in Deutschland für längere
Zeit über ein gewisses Maß hinaus halten kann. Jedenfalls erkennt
man leicht, daß es sich hierbei um Möglichkeiten handelt, welche den
deutschen Kapital- und Geldmarkt so tiefgehend beeinflussen können,
daß damit die oben hervorgehobenen exogenen, also nicht aus den
inneren, eigenen Kräften der Volkswirtschaft herrührenden Faktoren
für die Konjunkturentwicklung in einem Umfange maßgebend werden,
daß ihnen gegenüber jede Prognose versagen muß.

Läßt sich doch mit Sicherheit annehmen, daß diese Über-
tragungsstelle bei der Verwendung der ihr zur Verfügung stehenden
Kapitalbeträge sich nicht nur von der Lage der deutschen Wirt-
schaft — es ist ihr ja die Sorge für die Stabilhaltung der deut-
schen Währung zur Pflicht gemacht —, sondern auch von der wirt-
schaftlichen und finanziellen Lage der Empfangsländer leiten lassen
wird. Auch damit wird ein von außen herkommendes Moment
.len Gang unserer wirtschaftlichen Entwicklung beeinflussen können.
Aber nicht nur über den eben dargestellten Umweg des Kapital-
und Geldmarktes wird ein solcher Einfluß auf den Gang der deut-
schen Konjunktur stattfinden können, das gleiche wird auch unter
dem Einflüsse der Reparationsleistungen noch unmittelbarer der
Fall sein.

Die Reparationsleistungen zwingen dazu, die deutsche Handels-
bilanz in entsprechendem Maße aktiv zu gestalten, d. h. die Ausfuhr
zu vergrößern und die Einfuhr zu verringern. Da das letztere aber
über ein gewisses Maß hinaus nicht möglich ist, man denke nur an

l) S. Hel an der, Zur Theorie der Transferierung. Weltwirtschaftliches
Archiv. Bd. 20. S. 606.
        <pb n="278" />
        ﻿272

Fünfter Abschnitt. Ausblick.

die unentbehrliche Einfuhr von Rohstoffen und Nahrungsmitteln, so
muß von unserer Seite die Ausfuhr in einem bis dahin nicht gekann-
ten Umfange forciert werden. Da nun die Reparationszahlungen
nichts anderes bedeuten, als eine entsprechende Verringerung der
inneren deutschen Kaufkraft zugunsten der Empfangsländer, so muß
der Absatz der für den heimischen Markt arbeitenden Industrien zu-
rückgehen. Es sind hier nun zwei Fälle denkbar. Entweder sind sie
der Natur ihrer Produktion nach imstande, sich auf die Ausfuhr
umzu stellen, oder nicht. Wenn das für sie nicht möglich ist, bedeutet
das für solche Unternehmungen eine Verengerung ihrer Wirtschafts-
grundlage. Bei solchen Unternehmungen kann es darin so weit kom-
men, daß sie dann als unrentabel ganz oder teilweise stillgelegt wer-
den fnüssen. Die in ihnen bis dahin tätige Arbeitskraft und das vor-
handene Betriebskapital werden solchen Industriezweigen Zuströmen,
welche in der Lage sind, ihre Ausfuhr zu vergrößern. Damit werden
sich Umstellungen und Störungen in manchen Industriezweigen er-
geben, welche, je naph dem Umfang, den sie annehmen, zu einer all-
gemeinen Krise in Deutschland führen können. Helander hat mit
Recht darauf hingewiesen, daß damit ganz neue Gesichtspunkte für
die Konjunkturbeurteilung und Konjunkturpolitik entstehen können,
wobei jegliche frühere Erfahrung fehlt1).

Läßt sich ja doch heute kaum etwas Genaueres darüber aus-
sagen, nach welchen Richtungen hin sich diese Umgestaltungen voll-
ziehen werden. Das hängt einmal von der Entwicklung der inter-
nationalen Handelspolitik ab, dann aber auch davon, welche neuen
Absatzmärkte sich die deutsche Industrie erobern kann. Nur eines
wird sich mit Bestimmtheit Voraussagen lassen, daß nämlich die
Entwicklung der deutschen Ausfuhr nach der arbeitsintensiven Seite
hin gehen wird. Diese Entwicklung konnte man schon in den
letzten Jahren beobachten. Nach dem Kriege hat bekanntlich die
deutsche Ausfuhr einen erheblichen Rückgang erfahren, aber dieser
Rückgang war um so geringer, je mehr Arbeitslohn die betreffenden
Produkte enthalten haben. „Ein Rückgang ist im allgemeinen nur bei
solchen Waren zu verzeichnen, die weniger als Fertig-, denn als
Halbfabrikate anzusehen sind. So ist z. B. die Ausfuhr von Baum-
wollgarn auf 22,8 v. H., die von Baumwollgeweben auf 45,6 v. H.
und die von Kleidung und Wäsche nur auf 88,5 v. II. der Ausfuhr
von 1913 zurückgegangen. Die Lederausfuhr beträgt nur 39,4 v. H..
dagegen die Ausfuhr von Schuhwerk, Sattler- und Lederwaren
86,1 v. H. der Friedensausfuhr. Die Ausfuhr von Stahl- und Form-

U A. a. 0. S. 600.
        <pb n="279" />
        ﻿Fünfter Abschnitt. Ausblick.

273

eisen ist auf 32,7 v. Hi, die von Blech und Draht auf 41,2 v. H. zu-
rückgegangen; dagegen ist die Ausfuhr von Messerschmiedwaren,
von Erzeugnissen der Feinmechanik, von Kraftfahrzeugen, von Fahr-
rädern und Fahrradteilen, nicht unbeträchtlich gegen 1913 ge-
stiegen1).“

Aus solchen Ursachen müssen sich also in den nächsten Jahren
Umstellungen und Verschiebungen in der deutschen Industrie er-
geben, welche für die davon günstig oder ungünstig betroffenen
von denen man sich heute natürlich im einzelnen kein Bild machen
Berufszweige Wandlungen in der Konjunktur hervorrufen werden,
kann. Daß davon auch das gesamte deutsche Wirtschaftsleben be-
rührt werden muß, liegt auf der Hand.

Man könnte nun daran denken, daß sich nach Ablauf dieses
Umstellungsprozesses dann auf der neugeschaffenen Grundlage eine
gewisse Stabilisierung der deutschen Wirtschaft vollziehen und dann
damit diese Konjunkturstörungen zum Stillstand kommen werden.
Dazu ist auch dann ganz sicher eine starke Tendenz vorhanden, zu-
mal wenn durch die kommende Neuordnung der internationalen Han-
delspolitik die deutsche Wirtschaft für eine Reihe von Jahren
mit gleichmäßigen, zollpolitischen Verhältnissen bei der Ausfuhr
rechnen darf.

Aber trotzdem werden hier noch, soweit es sich übersehen läßt,
von zwei Seiten her Störungen möglich sein. Die eine Störung
kann immer wieder von den oben erwähnten Einflüssen der Trans-
ferierungsstelle auf den deutschen Geld- und Kapitalmarkt aus-
gehen, die andere jedoch von der Gestaltung der wirtschaftlichen
Verhältnisse in anderen Staaten. Damit kommt unsere Betrachtung
zu demjenigen Punkte, der die Zusammenhänge zwischen der wirt-
schaftlichen Entwicklung in Deutschland und derjenigen auf dem
Weltmärkte zum Gegenstände hat. Schon die obigen Ausführungen
über die Konjunkturlage in Deutschland während der Inflations-
periode, es sei nur auf die damals zitierten Worte von MacKenna.
verwiesen, haben gezeigt, daß in dieser Hinsicht zwischen den in
die Weltwirtschaft verflochtenen Ländern die allerengsten Bezie-
hungen bestellen, und daß Konjunkturwandlungen z. B. in Deutsch-
land nicht ohne Einfluß auf die Konjunkturverhältnisse in anderen
Staaten sein werden, und daß in der gleichen Weise auch das Um-
gekehrte gilt.

hs bedarf nun keiner besonderen Darlegungen darüber, daß

1) Statistik des Deutschen Reiches. Bd. 31.0. 1. Teil: „Der auswärtige
Handel in den Jahren 1920, 1921 und 1922, verglichen mit dem Jahre 1913.“

Berlin 1:924. S. 9.
        <pb n="280" />
        ﻿274

Fünfter Abschnitt. Ausblick.

Veränderungen in der Zusammensetzung des deutschen Außenhandels
— gesteigerte Ausfuhr vornehmlich an fertigen Waren —■, verringerte
Kaufkraft mit einem relativen Rückgang die Einfuhr — auch auf die
Konjunkturverhältnisse in anderen Staaten erheblich einwirken und
auch dort unter Umständen Wirkungen auslösen können, die in
ähnlicher We^se, wie es in Deutschland der Fall sein wird, zu Um-
stellungen in der Industrie, auch zu schweren Erschütterungen in
bestimmten Berufszweigen Veranlassung geben können. Denn dieser
Zwang für Deutschland, seine Ausfuhr zu steigern, wird, worauf ja
bereits die oben zitierten Worte MacKennas hinweisen, und worauf
auch diese Übertragungsstelle durch ihren Einfluß auf den deutschen
Kapital- und Geldmarkt einen bestimmten und starken Einfluß aus-
üben kann, zu erheblichen Preiskämpfen und Preisunterbietungen
auf dem Weltmarkt führen, und es hat schon seine guten Gründe,
wenn in anderen Staaten, vor allem in England, von der Durchfüh-
rung des Dawes-Gutachtens unheilvolle Wirkungen für die eigene
Konjunktur und den eigenen Arbeitsmarkt befürchtet werden. Die in
dem Londoner Protokoll und nach dem Dawes-Plan vorgesehenen
Leistungen Deutschlands sind eben aus zwangsläufigen wirtschaft-
lichen Ursachen heraus nur dann durchführbar, wenn Deutschland
auf dem Weltmärkte billiger als seine Konkurrenten verkaufen
kann, wenn, um ein Bild aus der Geldlehre zu gebrauchen, die Kosten
der deutschen Gütererzeugung unter der Produktionskostenparität
der anderen Industriestaaten stehen. Bei der Zahlung von Repara-
tionen handelt es sich also um eine Angelegenheit, welche die
ganze Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen muß. Es sind das
Fragen, welche an dieser Stelle nicht eingehender erörtert werden
können1). Es war nur notwendig, kurz darauf hinzuweisen, denn es
ist klar, daß solche wirtschaftlichen Störungen und Umstellungen
in anderen Ländern auch wieder auf die deutsche Wirtschaft in
irgendeiner Weise günstig oder ungünstig einwirken müssen und
daß damit der Konjunkturverlauf in Deutschland selbst beeinflußt
wird.

Es mag sein, daß der ungünstige Einfluß dieses deutschen
Zwangsexportes auf andere Länder so stark sein wird, daß diese
selbst ein Interesse daran haben, auf Änderungen in der Art und
der Höhe der deutschen Reparationsleistungen hinzuwirken. So

*) Vgl. dazu Mombert, Bevölkerungstheorie und Bevölkerunpspolitik im
Liebte des Weltkrieges in der Festgabe zu Brentanos 80. Geburtsta«e. Leip-
zig 1924. Ferner: Helander, a. a. 0. und die hier zitierte weitere Literatur.
Außerdem E. Schuster, Wohlstandsindex und,Finanzreform. Tübingen 1924
H, Levi, Die Grundlagen der Weltwirtschaft. Leipzig 1924. S. 160 ff.
        <pb n="281" />
        ﻿Fünfter Abschnitt. Ausblick.

275

groß der Fortschritt war, den dieser Plan der Sachverständigen
gegenüber der bis dahin Deutschland gegenüber geübten Repara-
tionspolitik bedeutete, so braucht dieser Plan noch keineswegs
das Ende zu sein, da auch in ihm die ökonomischen Wirkungen sol-
cher Zahlungen nicht genügend durchdacht sind. Der schwedische
Nationalökonom Cassel hat durchaus recht, wenn er sagt, „der Dawes-
Plan ist ein Stadium, das offenbar durchgemacht werden muß, ehe
der gesunde Menschenverstand ganz zu seinem Rechte gelangen
kann1)“.

Die gleiche skeptische Auffassung hat Keynes mit den Worten
vertreten: „Der Bericht ist der bisher beste Beitrag zu diesem
unmöglichen Problem. Er atmet eine neue Gesinnung und er ist-
in einem neuen Geiste verfaßt. Er schafft eine Atmosphäre der
Unparteilichkeit und verrät wissenschaftliche Durcharbeitung und
tiefe Kenntnisse. Obgleich die Sprache manchmal der Sprache
eines gesunden Menschen vergleichbar erscheint, der im Irrenhaus
sich selbst den Insassen anpassen muß, verliert sie doch niemals
ihren vernünftigen Sinn. Obwohl der Bericht mit dem Unmöglichen
einen Kompromiß schließt und sogar Unmögliches in Erwägung zieht,
schreibt er doch niemals das Unmögliche vor. Diese Fassade und
diese Pläne werden vielleicht nie Gestalt gewinnen in einem wirklich
errichteten Gebäude und doch ist der Bericht ein ehrendes Do-
kument und er eröffnet ein neues Kapitel* 2).

Wenn nun, um mit Cassel zu reden, dieser gesunde Menschen-
verstand sich einmal ganz durchgesetzt und diese erste Etappe
überwunden hat, welche dafür die Gutachten der Sachverständigen
darstellen, so können sich damit wieder Umstellungen und Wand-
lungen in Deutschland und in anderen Staaten ergeben, welche den
Gang der Konjunktur beeinflussen. Mit dieser Entwicklung, die hier
in ihren Hauptzügen nur kurz gestreift werden konnte, hängt es zu-
sammen, daß die Entwicklung der deutschen Konjunktur in den
nächsten Jahren neben den Faktoren, die aus den inneren Kräften
der Wirtschaft selbst herkommen, auch von solchen exogener Natur,
wie wir sie eben kennen gelernt haben, beeinflußt werden wird.

U Zitiert nach Helander, a. a. 0. S. 615. Vgl. auch den Artikel Cassels:
„Das Problem der Kriegsentschädigung.“ In der Ostseerundschau in der Sep-
tembernummer 1924.

2) Wirtschaftsdienst 1924, Nr. 16. S. 434.
        <pb n="282" />
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Sdjrift foUte oon jebem Wirtfdjaftler unb Kaufmann gelefen roerben."

Börfe unb Ejanbel.

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tDäfyrung (ffioIbmarftbiIan3). 3 , t&gt;ermef)rte unb Der«
befferte Auflage. (Betriebs* unb 5inan3t»irtfd)aftlid)e $or djungen,
tfeft 10.) X, 264 Seiten..................Kartoniert G.M.5—

Bie auf 246 Seiten uermet)rte 3. Auflage ift bas einige umfaffenbe
Werk, bas jämtlid)e Sragen ber ©olbmarkbuchführung, ber ©olbmark*
bilan3 unb ffiolbmark=Kat»ulotion erfd)öpfenb unter Berüdtfidjtigung
aller bisherigen Dorfdjläge betjanbelt. (Es unterjud)t barüber hinaus
bie Beroertung ber eijernen Dorräte unb ber Anlagen.

Die ttotwenbigbeit ber ©oIbmarbt)erre&lt;J)mutg im

Derfeefyr. 39 Seiten...................Kartoniert	G.M. f.50

„Bie Anleitung ift 3U einem ooDftänbigen Cehrgang ber ftaufm. Buch*
haltung geroorben unb 3eid)net fid) burd) knappe, aber iiberfid)tlid)e
unb klare Barftellung aus, alles Überfliijfige unb nebenfäd)tid)e ift
roeggelaffen."	Ber	Betrieb.

Die ©ruttblagett ber üelegropI|en=(Eobes. (Betriebs*

unb 5inan3tmrtjd)aftliche 5orfd)ungen, Ejeft 15.) IV, 68 Seiten.

©eheftet G.M. 3.—

„Ber anerkannte Ruf bes Derfaffers beftätigt fid) aufs uollfte in biefer
äufserft tnohlgelungenen unb oollenbeten Abljanblung. Bern Sacf)*
mann unb bem Stubierenben ift bas Büdflein ein treuer Begleiter burcf)
bie Wirrnis ber (Eobiftik, mit ber fid) heut* aud) feber moberne Kauf*
mann unbebingt befaffen foHte."	tjanbel unb 3nbuftrie.

Über afiatifdje tDecfyfeümrje. 2. Auflage, ixu.138 seiten

mit Biagrammen........................©ebunben G.M. KO—

3we(b ber Bud)baltung. 28 Seiten ©eheftet G.M.-.60
Kommentar 3U Sdjmalenbad):

JRaterialienfaminluitg für bas Buchhaltungslefen.

„©in Büd)!ein, bas in 10 3eilen mehr roirtfd)aftlid)es Benkoermögen
offenbart, als mandjes bicftbänbige Werk, bestjalb fei es hie* aus*
brücklüh empfohlen."	Reue £eip3iger 3eitung.

©. fl. ©Ioedttter, t)erlagsbucf)i)anölung in £eip3ig
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        ﻿süng von Konjunktor und Konjunkturwandel. 255

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zu regulieren, wie die Ware Kohle vom Kohlen-
.rd. Und endlich hat das System der Markt-'
»idere, grundsätzliche Auffassung von der Ent-
gänge als das System der Diskontpolitik1).“

m gesehen haben, daß die Aufgabe von Noten-
dem Rückgang der Konjunktur, bei dem Eintritt
man sich ausdrücken kann, repressive ist, daß
tr allem nur die Aufgabe haben, helfend und
, um ein Umsichgreifen der Krise zu verhüten,
t also mit allen Mitteln dafür sorgen müssen,
Wirtschaftslebens kein zu jäher und tiefer ist,
der Hochkonjunktur dagegen eine präventive,
tu sorgen, daß in dieser Periode des Wirtschafts-
:eit spekulative Ausschreitungen aller Art ver-
die Entwicklung der Hochkonjunktur in ihrem
ungesunde wird und daß damit das Wirtschafts-
en Rückgang der Konjunktur gegenüber eine
sfähige Grundlage aufweist.

llen und neben den Banken gibt es aber noch
che imstande sind, einen beruhigenden Einfluß
mg der Konjunktur auszuüben. Hierher gehören
ie die Tätigkeit und die Maßnahmen des
lbst, dieses Wort im weitesten Sinne gefaßt,
hmer schon während der Hochkonjunktur bei
Ionen und sonstigen Überlegungen den einmal
mg im Auge haben, sich ihm gegenüber zu
»a suchen, um so weniger verhängnisvoll werden
-eiche dann eintreten. In diesem Sinne ist also
nmte Konjunkturpolitik auch für die einzelne
[ehe möglich, sowohl für die Banken wie für
rieb. Worauf es für die Banken dabei in erster
lomary in folgende Worte gekleidet:

" t es, die Mittel der Bank so elastisch zu halten,
der Konjunktur weitere Anspannung vertragen.
Anlagekredit sind die Banken nie vollständig
sse, da das Maß der Inanspruchnahme der ge-
fortschreitender Konjunktur steigt und auch
te in solchem Zeitpunkt oft unabweisbar sind.

r Diskontpolitik zur Herrschaft über den Geldmarkt.
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