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        <title>Einführung in das Studium der Konjunktur</title>
        <author>
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            <forname>Paul</forname>
            <surname>Mombert</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1027870953</idno>
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        Handels-Hochschul-Bibliothek
Herausgegeben  von  Professor  Dr.  MAX  APT  in  Berlin
—  Band  12

Einführung  in  das
Studium  der  Konjunktur
von
Dr.  PaulJVLombert
Professor  a.  d.  Universität  zu  Giessen

Zweite,  verbesserte  und  vermehrte  Auflage
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        Vorwort.
Das  folgende  Buch  soll  kein  Beitrag  zur  Konjunktur-  und  Krisentheorie, ­
  sondern  ein  Beitrag  zur  Konjunkturkunde,  eine  Einführung  in
das  Konjunkturstudium  sein.  Wenn  auch  einleitend  die  wichtigsten  Anschauungen ­
  über  das  Wesen  der  Krisen  und  der  Konjunktur  wiedergegeben ­
  sind,  so  liegt  das  Schwergewicht  auf  der  Darstellung  des  Einflusses ­
  des  Konjunkturwandels  auf  das  wirtschaftliche  und  soziale  Leben,
auf  den  Erörterungen  über  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.
Ich  habe  verschiedentlich  an  der  Universität  Freiburg  besondere
Vorlesungen  und  Übungen  über  Konjunktur-  und  Wirtschaftskrisen  abgehalten. ­
  Ich  habe  dabei  immer  den  Eindruck  bekommen,  daß  gerade
diesen  Zusammenhängen  des  Konjunkturwandels  mit  dem  praktischen
Wirtschaftsleben  ein  besonderes  Interesse  entgegengebracht  wurde,  daß
aber  gerade  auch  hier  mancherlei  Aufklärung  not  tat.
An  einigen  Stellen,  vor  allem  dort,  wo  von  den  Beziehungen  zwischen
Banken,  Geldmarkt  und  Konjunktur  die  Rede  ist,  erschien  es  mir  zweckmäßig, ­
  etwas  eingehender,  als  es  die  vorliegende  Aufgabe  eigentlich
erfordert  hätte,  auf  den  Tätigkeitskreis  und  die  Geschäfte  der  Banken
einzugehen,  um  die  Zusammenhänge  zwischen  Geldmarkt  und  Konjunktur ­
  auch  für  den  Anfänger  verständlich  zu  machen.  In  dem  ersten
und  in  dem  vierten  Abschnitt  bei  der  Darstellung  der  Krise  und  K  &amp;gt;  ijunkturtheorie
  und  bei  derjenigen  der  privaten  Unternehmung  im  Wandel
der  Konjunktur  finden  sich  Darlegungen,  die  ich  früher  schon  an  anderer
Stelle  veröffentlicht  habe 1 ).
Freiburg  i.  B.,  Juli  1921.  Der  Verfasser.
Vorwort  zur  zweiten  Auflage.
In  der  neuen  Auflage  finden  sich  eine  ganze  Reihe  von  Verbesserungen ­
  und  Ergänzungen.  Die  Zusätze  betreffen  einmal  die
Literaturangaben  zu  den  verschiedenen  Abschnitten,  dann  vor  allem
die  Kapitel  über  die  Entwicklung  der  Konjunktur  während  und  nach
dem  Kriege  und  die  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.  Das
Kapitel  über  die  Stabilisierungskrise  ist  ganz  neu  hinzugekommen,  der
Schlußabschnitt  ganz  neu  gestaltet  worden.  Spiethoffs  Artikel  „Krisen“
in  der  neuen  Auflage  des  Handwörterbuches  der  Staatswissenschaften
konnte  nicht  mehr  benützt  werden,  weil  bei  seinem  Erscheinen  die
ersten  Bogen  der  neuen  Auflage  bereits  gedruckt  waren.
Gießen,  1924.  Momfoert.
1 )  Ausgewählte  Lesestücke  zum  Studium  der  politischen  Ökonomie,
Herausgegeben  von  K.  Diehl  und  P.  Mombert.  7.  Band.  Wirtschaftskrisen.
2.  Aufl.  Karlsruhe  1920.  Einleitung.  Mombert:  Der  privatwirtschaflliche  Gesichtspunkt ­
  hei  der  Erforschung  der  Konjunkturentwicklung.  In  „Die  private
Unternehmung“.  1.  Heft.  Der  privatwirtschaftliche  Gesichtspunkt  in  der
Sozialökonomie  und  Jurisprudenz.  Mannheim  1914.
        <pb n="3" />
        Inhaltsverzeichnis.
Einleitung.  Seite
1.  Die  Idee  des  Gleichgewichts  und  des  Normalen  im  Wirtschaftsleben  1
2.  Konjunktur  und  Krisen  in  ihrem  Zusammenhang  mit  der  Organisation
der  Wirtschaft  5
Literatur  .  14
Erster  Abschnitt.  Die  Erklärungen  der  Wirtschaftskrisen
und  des  Konjunkturwandels.
1.  Die  älteren  Krisentheorien  15
2.  Die  neueren  Krisentheorien  und  die  Erforschung  des  Konjunkturwandels  27
3.  Erscheinungsformen  und  Arten  der  Krisen  35
Literatur  37

Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  in
Deutschland  seit  der  Begründung  des  Reiches.

1.  Bis  zum  Beginn  des  großen  Krieges  38
2.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege  52
3.  Die  Stabilisierungskrise  77
Literatur  90

Dritter  Abschnitt.  Der  Einfluß
und  der  Krisen  auf  die
1.  Vorbemerkung
2.  Die  Verhältnisse  auf  dem  Warenmärkte

des  Konjunkturwandels
Volkswirtschaft.

92

a)  Der  Güterumsatz
b)  Die  Güterproduktion  .
c)  Der  Verbrauch  .  .  .
3.  Die  Lage  der  Bevölkerung
a)  Der  Arbeitsmarkt

95
99
103

95
d)  Die  Entwicklung  der  Preise  .  105
e)  Der  Außenhandel  107

110

b)  Löhne  u.Industrieerträgnisse  111
c)  Die  Vermögensentwicklung  114
d)  Die  Konkurse  .  .  .  .  115
Literatur
4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt  .  .
a)  Allgemeines  123
b)  Kapitalmarkt  und  Kapitalbedarf ­
  125
c)  Geldmarkt  und  Diskontentwicklung ­
  129
Literatur

e)  Eheschließungen  und  Wanderungen ­

f)  Verbrechen  und  Selbstmorde
g)  Die  öffentlichen  Einnahmen  .

d)  Die  Lage  der  Reichsbank  .  .
e)  Die  Kreditbanken  .  .  .  .
f)  Börse  und  Börsengeschäfte  .
g)  Der  internationale  Zahlungsund ­
  Goldverkehr

109
116
119
120
123
123
132
136
146
157
161

Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.
1.  Vorbemerkung  163
2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur  165
a)  Die  Zeit  des  Aufstieges  165
i/n  ir  j:*  1  cu  ica

5.

Die  Kreditgewährung  .  .  168
Produktions-  und  Absatzpolitik ­
  in  der  Depression  172
Die  Tätigkeit  von  Staat  und  Gemeinden  im  Wandel  der  Konjunktur

d)  Die  Arbeiterpolitik  ....  183
e)  Bilanz-  und  Abschlußpolitik  185

195

3.
4  Die  Prognose  des  Konjunkturwandels  201

a)  Allgemeines
b)  Der  Konjunkturrückgang
1906—1908

201

206

c)  Der  Konjunkturrückgang
1912-1913  213
d)  Ergebnisse  220
e)  DerWiederaufstiegd.Konjunktur  225
Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel  ....  232
a)  Die  Kartelle  235  e)  Arbeitslosenversicherung  .  .  260
b)  Die  Kreditbanken  .  .  .  244  f)  Kreditversicherung  ....  261
c)  Die  Zentralnotenbank  .  .  249  g)  Staat  und  Gemeinden  .  .  263
d)  Bilanz-  u.  Dividendenpolitik  256
Literatur  267

Fünfter  Abschnitt.  Ausblick.
        <pb n="4" />
        B  i  k

2.46.

Einleitung.
1.  Die  Idee  des  Gleichgewichts  und  des  Normalen
im  Wirtschaftslehen.
Die  Idee  des  Gleichgewichtes  spielt  im  menschlichen  Denken,
vor  allem  auch  bei  der  Beurteilung  wirtschaftlicher  Erscheinungen
seit  langem  eine  sehr  große  Rolle.  In  der  äußeren  Politik  spricht  man
schon  seit  langer  Zeit  bereits  von  einem  Gleichgewicht  der  Mächte,
in  der  Nationalökonomie  davon,  daß  ein  Gleichgewichtszustand  zwischen ­
  der  Volkszahl  eines  Landes  und  dessen  Nahrungsspielraum
vorhanden  sein  müsse,  wenn  nicht  entweder  eine  Über-  oder  eine
Untervölkerung  eintreten  solle.  Auf  dem  gleichen  Grundgedanken
eines  Gleichgewichtszustandes  zwischen  der  gesamten  Gütermenge
eines  Landes  und  der  Menge  der  Umlaufsmittel  baut  sich  die
Quantitätstheorie  auf,  jene  Lehre,  daß  das  Mengenverhältnis  beider
einen  bestimmenden  Einfluß  auf  das  Warenpreisniveau  eines  Landes,
d.  h.  die  Kaufkraft  des  Geldes  in  demselben,  ausübe.  Genau  das
gleiche  Bild  gebraucht  man  von  dem  Verhältnis  der  Größe  von
Produktion  und  Konsumtion,  von  Angebot  und  Nachfrage  auf  dem
Warenmärkte.  Beide,  Produktion  und  Konsumtion,  müssen  sich  in
der  Entwicklung  des  Wirtschaftslebens  in  einem  gewissen  Gleichgewichtsverhältnis ­
  befinden,  wenn  in  diesem  Störungen  krisenhafter
Natur  vermieden  werden  sollen.
Dieser  Gedanke  eines  solchen  Gleichgewichtszustandes  im  Wirtschaftsleben ­
  baut  sich  vornehmlich  auf  der  Anschauung  der  Physiokraten,
  die  dann  von  Adam  Smith  und  seiner  Schule  weiter  ausgebaut ­
  worden  ist,  auf,  daß  bei  den  wirtschaftlichen  Erscheinungen
und  Verhältnissen  alles  auf  einen  gewissen  harmonischen  Zustand
hinaus  laufe,  also  auf  einen  natürlichen  Gleichgewichtszustand,  der
sich  bei  freiem,  ungehindertem  Walten  der  wirtschaftlichen  Kräfte
auf  die  Dauer  immer  wieder  herausstellen  müsse.  Man  braucht  nur
an  die  Lehren  von  dem  natürlichen  Preis  oder  dem  natürlichen  Arbeitslohn ­
  bei  den  Vertretern  der  klassischen  Nationalökonomie  zu
denken.  Das  sind  die  Preise  und  Löhne,  die  sich  bei  freier  Konkurrenz ­
  auf  die  Dauer  immer  wieder  durchsetzen  müssen.  Um
diese  schwanken  die  tatsächlichen  Marktpreise  und  Löhne  nach  unten
        <pb n="5" />
        2  Einleitung.

und  oben,  um  sich  dann  doch  immer  wieder  diesem  natürlichen  Zustande ­
  anzunähern.
So  soll  sich  dieser  Zustand  des  Gleichgewichtes  jener  Lehre
nach  als  Tendenz  auf  allen  Gebieten  des  Wirtschaftslebens  immer
wieder  zeigen.  Dieser  Zustand  ist  es  deshalb  auch,  der  dann  als  der
natürliche,  als  der  normale  und  gesunde  in  gewissem  Sinne  erscheint,
während  all  dasjenige,  das  von  diesem  natürlichen  Zustande  abweicht, ­
  demgemäß  einen  anormalen,  unter  Umständen  krankhaften
Charakter  trägt.
Diese  Gedankengänge  finden  wir  auch  heute  noch  ganz  besonders ­
  ausgeprägt  bei  der  Betrachtung  des  Verhältnisses  von  Produktion ­
  und  Konsumtion  vertreten.  Als  wirtschaftliches  Ideal  muß
uns  hier  ein  Zustand  erscheinen,  bei  welchem  sich  auf  dem  Warenmärkte ­
  Angebot  und  Nachfrage  die  Wagschale  halten,  wo  also  ein
vollkommenes  Gleichgewicht  zwischen  Produktion  und  Konsumtion
in  der  Weise  zum  Ausdruck  kommt,  daß  die  erzeugten  Gütermengen
einen  ungestörten  und  reibungslosen  Absatz  finden,  daß  die  Nachfrage ­
  nach  Gütern  ohne  weiteres  befriedigt  werden  kann,  ohne  daß
beides  erst  durch  außergewöhnlich  hohe  oder  niedere  Preise  ermöglicht ­
  würde.
Einen  solchen  Zustand  des  Wirtschaftslebens  hat  die  individualistische ­
  Schule  der  Nationalökonomie  als  den  natürlichen  betrachtet,
dem  trotz  aller  zeitweiligen  Abweichungen  im  einzelnen,  der  Gang
des  Wirtschaftslebens  immer  wieder  zustrebe,  und  dieser  Zustand  ist
es,  welcher  auch  noch  heute  als  der  ideale  erscheinen  muß.  Alles,
was  von  einem  solchen  Gleichgewichtszustand  ab  weicht,  wird  als
Störung  empfunden,  als  etwas  Krankhaftes,  als  etwas  Anormales.  Das
Gute,  das  Vollkommene,  erscheint  hier  als  der  normale,  das  Krankhafte, ­
  das  Unvollkommenere,  als  der  anormale  Zustand.
Es  handelt  sich  dabei  jedoch  um  einen  sehr  einseitigen  Begriff
des  Normalen,  indem  man  hier  unter  normal  dasjenige  versteht,
was  uns  Menschen  als  wünschenswert,  als  ideal  erscheint.  Wird  in
in  diesem  Sinne  der  Begriff  des  Normalen  unter  dem  Gesichtspunkte
des  sein  Sollenden  betrachtet,  so  kann  man  darunter  aber  auch  mit
guten  Gründen  etwas  wesentlich  anderes  verstehen,  nämlich  den
Zustand,  der  die  Regel  bildet,  der  am  häufigsten  vorkommt,  der  damit ­
  den  Zustand  und  den  Gang  des  Wirtschaftslebens  am  deutlichsten
charakterisiert.  Hat  es  sich  dort  um  die  Anwendung  eines  rein  subjektiven ­
  Maßstabes  gehandelt,  dessen  Anwendbarkeit  im  Einzelfali
keineswegs  immer  einwandfrei  feststeht,  so  daß  damit  dieser  erste
Begriff  des  Normalen  eine  sehr  schwanke  Unterlage  bekommt  und
seiner  Anwendung  in  diesem  Sinne  für  wissenschaftliche  Zwecke  sehr
        <pb n="6" />
        1.  Die  Idee  des  Gleichgewichts  und  des  Normalen  im  Wirtschaftsleben.  3
ernste  Bedenken  entgegenstehen,  so  hat  der  letztere  Begriff,  das  Normale ­
  im  Sinne  des  Regelmäßigen,  des  Häufigsten,  einen  viel  festeren
Boden.  Denn  was  das  Regelmäßige  im  Wirtschaftsleben  ist,  läßt  sich
aus  der  Welt  der  Tatsachen  durch  einfache  Beobachtung  entnehmen.
Wendet  man  den  Begriff  des  Normalen  und  Anormalen  in  diesem
Sinne  an,  wie  es  im  folgenden  geschehen  soll,  so  zeigt  die  Beobachtung, ­
  daß  das  Normale  im  Sinne  des  Regelmäßigen  im  Wirtschaftsleben ­
  keineswegs  ein  Gleichgewichtszustand  zwischen  Angebot  und
Nachfrage  auf  dem  Warenmärkte  ist,  daß  es  vielmehr  die  Regel  ist,
daß  beide,  wenn  auch  in  der  zeitlichen  Entwicklung  in  verschiedenem
Ausmaße,  mehr  oder  weniger  stark  auseinandergehen.
Zweifellos  besteht  an  sich  im  Wirtschaftsleben  eine  Tendenz,
Produktion  und  Konsumtion  im  Gleichgewicht  zu  halten  und  sie
wieder  in  ein  solches  zu  bringen,  wenn  es  gestört  worden  ist.  Denn
jede  Störung  im  Gleichgewichtszustand  führt,  wie  wir  später  noch
sehen  werden,  zu  einer  Änderung  in  den  Preisen  der  betreffenden
Güter.  Entweder  sinken  oder  steigen  diese  Preise,  und  je  nachdem
das  eine  oder  andere  der  Fall  ist,  wird  aus  den  privatwirtschaftlichen ­
  Erwägungen  von  Produzenten  und  Konsumenten  heraus  eine
Steigerung  oder  Minderung  von  Angebot  und  Nachfrage  eintreten,
Änderungen,  welchen  die  Tendenz  innewohnt,  auf  einen  solchen
Gleichgewichtszustand  hinzuwirken.  Eine  ganz  andere  Frage  ist  es
dann  freilich,  ob  und  in  welchem  Umfange  sich  dann  eine  solche
Tendenz  auch  wirklich  durchzusetzen  vermag.
Die  Erfahrung  zeigt  jedenfalls  diese  ebengenannte  Tendenz  und
neben  ihr,  natürlich  für  den  Mann  der  Praxis  weit  augenfälliger,  die
Tatsache,  daß  das  Verhältnis  von  Produktion  und  Konsumtion,  von
Angebot  und  Nachfrage,  sowohl  als  Ganzes  wie  auch  in  den  einzelnen
Erwerbszweigen,  immer  nur  um  diesen  idealen  Gleichgewichtszustand
hin-  und  herschwankt,  und  daß  diese  Schwankungen  nach  oben
und  unten  in  ihrem  zeitlichen  Verlaufe  sich  von  diesem  idealen
Zustande  mehr  oder  weniger  entfernen  können.
Diese  Schwankungen  von  Produktion  und  Konsumtion,  von  Angebot ­
  und  Nachfrage  um  diesen  Gleichgewichtszustand  bilden  bei
uns  eine  so  regelmäßige  Erscheinung,  daß  man  die  sich  darin  ausdrückende ­
  Wellenbewegung  des  Wirtschaftslebens  als  das  Regelmäßige ­
  in  ihm,  d.  h.  als  dessen  Normalzustand  bezeichnen  kann.
Diese  Wellenbewegung  in  ihrem  gesamten  Ablauf,  deren  Linien  bald
schroffer,  bald  weniger  schroff  sein  können,  diesen  fortdauernden
Wandel,  dem  damit  unser  ganzes  Wirtschaftsleben  unterliegt,  pflogt
man  als  Wandel  der  Konjunkturen  zu  bezeichnen,  und  je  nachdem
diese  Wellenbewegung  vom  Standpunkt  der  Produktion  aus  einen
        <pb n="7" />
        4

Einleitung.

günstigen  oder  einen  ungünstigen  Verlauf  nimmt,  pflegt  man  von
einer  günstigen  oder  ungünstigen  Konjunktur  zu  sprechen.
Eine  solche  Beurteilung  vom  Standpunkte  des  Produzenten  aus
hat  darin  ihre  Begründung,  daß  in  den  Zeiten,  in  welchen  die  Konjunktur ­
  in  diesem  Sinne  eine  günstige  ist  oder  nach  oben  geht,  sich
der  Aufschwung  über  alle  Teile  der  Volkswirtschaft  und  der  Bevölkerung ­
  erstreckt.  Denn  in  einer  solchen  Zeit  herrscht  bei  steigenden ­
  Preisen  eine  lebhafte  Nachfrage  nach  Gütern  aller  Art,  das  ganze
Wirtschaftsleben  pulsiert  stärker,  überall  werden  steigende  Gewinne
gemacht,  die  Verhältnisse  auf  dem  Arbeitsmarkte  sind  günstige  und
die  Löhne  zeigen  eine  steigende  Tendenz.  Das  Umgekehrte  ist  dann
der  Fall,  wenn  vom  Standpunkte  der  Produktion  aus  die  Verhältnisse
sich  ungünstig  entwickeln.
Unter  Konjunktur  wird  hier  also  die  Marktlage  verstanden,
welche  als  irrationaler  Faktor  des  Wirtschaftslebens  durch  ihren
Einfluß  auf  die  Markt-  und  Preisverhältnisse  die  Lage  der  in  den
Markt  verflochtenen  Einzelwirtschaft  günstig  oder  ungünstig  beeinflussen ­
  kann.  Solche  Wandlungen  in  der  Konjunktur  können
das  ganze  Wirtschaftsleben  eines  Landes,  und  damit  dessen  gesamte ­
  Produktion,  hemmend  oder  fördernd  beeinflussen,  es  ist  aber
auch  häufig  zu  beobachten,  daß  dieses  mitunter  nur  auf  Teilgebieten
der  Wirtschaftslebens  der  Fall  ist,  während  andere  davon  mehr  oder
weniger  unberührt  bleiben.  Einzelne  Industrien  und  einzelne  Märkte
können  also  von  den  Wandlungen  der  Konjunktur  in  recht  verschiedener ­
  Weise  getroffen  werden.
So  wechseln  in  dem  wirtschaftlichen  Leben  eines  Landes  im
Wandel  der  Konjunkturen  Zeiten  des  Aufschwunges  mit  solchen  des
Niederganges  ab,  der  Hausse  folgt  die  Baisse  und  umgekehrt.  Dieser
Ablauf  der  Konjunkturen  kann  sich  in  ruhigen  und  gleichmäßigen
Formen  vollziehen.  Es  kann  sein,  daß  die  dadurch  hervorgerufenen
Störungen  des  Wirtschaftslebens  und  der  dadurch  bewirkte  ungünstige
Einfluß  auf  die  Unternehmungen  eines  Landes  sehr  geringfügige  sind.
Es  kann  jedoch  aber  auch  das  Gegenteil  eintreten.  Ein  solcher
Umschwung  kann  plötzlich  und  unvorhergesehen  kommen  und  sehr
große  Störungen  für  das  ganze  Wirtschaftsleben  eines  Landes  mit  sich
bringen.  Der  Warenabsatz  kann  ins  Stocken  geraten,  viele  Produkte
werden  unverkäuflich,  di©  Preise  sinken  sehr  stark  und  plötzlich,
Unternehmungen  brechen  zusammen,  es  finden  Lohnherabsetzungen
und  Arbeiterentlassungen  in  großem  Umfange  statt.  Solche  Störungen ­
  im  Wirtschaftsleben  eines  Landes  mit  solch  weittragenden
Folgen  für  die  ganze  Bevölkerung  pflegt  man  dann  als  Krisen  zu
bezeichnen.  Derartige  Krisen  können  von  sehr  kurzer  Dauer  sein,
        <pb n="8" />
        2.  Konjunktur  u.  Krisen  im  Zusammenhang  mit  d.  Organisation  d.  Wirtschaft.  5

sie  können  aber  auch  längere  Zeit  hindurch  auf  dem  Wirtschaftsleben
eines  Landes  lasten  und  schließlich,  wie  jeder  Rückgang  der  Konjunktur, ­
  in  einen  länger  oder  kürzer  dauernden  Zustand  der  Depression ­
  einlaufen.
2.  Konjunktur  und  Krisen  in  ihrem  Zusammenhang  mit  der
Organisation  der  Wirtschaft.
Krisen,  überhaupt  Wandlungen  der  Konjunktur  in  dem  eben
dargelegten  Sinne  einer  regelmäßigen,  also  einer  normalen  Erscheinung ­
  des  Wirtschaftslebens,  sind  nur  in  der  neueren  Zeit  anzutreffen. ­
  Sie  hängen  auf  das  allerengste  zusammen  mit  der  Entwicklung ­
  und  der  ökonomischen  Eigenart  der  herrschenden  Wirtschaftsordnung. ­
  Das  Mittelalter  hat  Störungen  dieser  Art  nicht
gekannt,  sie  konnten  auch  bei  einer  Wirtschaftsverfassung,  wie  sie
im  Mittelalter  bestand,  in  diesem  regelmäßigen  Sinne  nicht  auf-'
  kommen.
Das  für  unsere  Frage  Wesentliche  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse ­
  des  Mittelalters  läßt  sich  in  die  beiden  Schlagworte  der  Kundenproduktion ­
  und  Nahrungsidee  zusammenfassen.  Die  Güterproduktion ­
  vollzog  sich  trotz  mancher  Ausnahmen  im  einzelnen  in  Form
der  sogenannten  Kundenproduktion,  d.  h.  in  der  Hauptsache  im
direkten  Verkehr  des  Produzenten  mit  dem  Konsumenten.  Das
Schwergewicht  der  gewerblichen  Gütererzeugung  lag  bei  dem  städtischen ­
  Handwerk  und,  von  Ausnahmen  abgesehen,  die  jedoch  nicht
sehr  stark  ins  Gewicht  fielen,  und  diesem  Grundzug  der  Wirtschaftsverfassung ­
  keinen  Abbruch  taten,  standen  sich  Erzeuger  und  Verbraucher ­
  des  Gutes  in  der  Weise  einander  gegenüber,  daß  im  wesentlichen ­
  nur  auf  Bestellung  —  daher  der  Name  Kundenproduktion  —
Güter  hergeslellt  wurden.  Es  war  jedenfalls  gegenüber  heute  nur
in  einem  verschwindend  geringen  Ausmaße  eine  Produktion  auf
Vorrat,  eine  Warenproduktion  vorhanden.  Damit  hing  es  zusammen, ­
  daß  das  Verhältnis  von  Produktion  und  Konsumtion,  von
Angebot  und  Nachfrage,  immer  sehr  viel  näher  dem  Gleichgewichtszustände ­
  lag,  und  daß  solche  Schwankungen  nach  unten  und  oben
als  so  allgemeine  Erscheinungen  nicht  Vorkommen  konnten,  wie  es
in  der  Neuzeit  der  Fall  ist.
M  enn  auch  der  Gewerbetreibende  von  damals  mit  der  Absicht
auf  Gewinn  produzierte,  so  war  doch  im  Mittelalter  der  Erwerbsgedanke ­
  keineswegs  so  ausgeprägt,  wie  es  heute  der  Fall  ist,  und
durch  zahlreiche  Schranken  der  wirtschaftlichen  Anschauungen  und
der  wirtschaftlichen  Politik  jener  Zeit  in  weit  engere  Grenzen  gebannt.
Ausnahmen  kamen  natürlich  vor,  vor  allem  auf  dem  Gebiete  des
        <pb n="9" />
        ti

Einleitung.

Fernhandels,  sie  waren  aber  doch  zu  geringfügig,  um  an  dieser  eben
dargelegten  Eigentümlichkeit  der  mittelalterlichen  Wirtschaftsordnung ­
  Wesentliches  zu  ändern.
Für  den  Umfang  und  die  Art  der  Produktion  spielte  damit  die
Größe  und  die  Richtung  des  Bedarfes  eine  weit  stärkere  Rolle,  als
es  heute  der  Fall  ist.  Diese  nahen  Beziehungen  von  Produzenten
und  Konsumenten  brachten  die  Wirtschaftsordnung  jener  Zeit  dem
Ideal  einer  sogenannten  Bedarfsdeckungswirtschaft,  wie  sie  heute,
wenn  auch  auf  ganz  anderen  Grundlagen,  dem  Sozialismus  als  Ideal
vorschwebt,  sehr  nahe.
Mit  dem  Beginn  der  Neuzeit  vollziehen  sich  in  diesen  Verhältnissen ­
  sehr  bedeutsame  Wandlungen.  Das  Handwerk,  das  vor
allem  der  Träger  dieser  eben  kurz  dargelegten  Verhältnisse  und  Anschauungen ­
  gewesen  war,  geht  an  Bedeutung  stark  zurück.  Hatte
noch  das  Handwerk  auf  der  Höhe  des  Mittelalters  einen  bestimmenden ­
  Einfluß  auf  den  Charakter  und  das  Wesen  des  ganzen  Wirtschaftslebens ­
  jener  Zeit  ausgeübt,  so  wird  das  nun  mit  dem  Beginn
der  Neuzeit  wesentlich  anders.  In  der  gewerblichen  Produktion
kommt  in  steigendem  Maße  ein  Großbetrieb  mit  ganz  anderen  kaufmännischen ­
  Grundsätzen  und,  im  engen  Zusammenhänge  damit
stehend,  ein  an  Bedeutung  stets  zunehmender  Zwischenhandel  auf.
Immer  mehr  Stufen  beginnen  sich  so  zwischen  den  Produzenten  und
den  Konsumenten  zu  schieben.  Damit  tritt  der  bisherige  Charakter
der  Gütererzeugung  als  Kundenproduktion  immer  mehr  zurück,  an
Stelle  des  alten  Handwerksmeisters  tritt  immer  mehr  der  große
Unternehmer,  an  Stelle  der  Kundenproduktion  tritt  die  Produktion
für  den  Markt,  an  Stelle  einer  überwiegenden  Bedarfsdeckungswirtschaft
  tritt  die  Verkehrs  Wirtschaft.
Der  Absatz  vollzieht  sich  also  immer  weniger  unmittelbar  an
den  letzten  Konsumenten,  sondern  in  steigendem  Maße  durch  Vermittlung ­
  Dritter.  Die  engen  Beziehungen,  welche  bisher  zwischen
Nachfrage  und  Angebot,  Bedarf  und  Erzeugung,  bestanden  hatten,
beginnen  sich  zu  lockern.  Der  unmittelbare  Bedarf  erhält  einen
immer  geringeren  Einfluß  auf  den  Umfang  und  die  Richtung  der
Gütererzeugung.  Die  Absatzverhältnisse  lassen  sich  damit  für  den
Produzenten  immer  schwerer  übersehen,  die  Wirtschaft  nimmt  in
immer  stärkerem  Umfange  den  Charakter  einer  reinen  Erwerbswirtschaft ­
  an.  Diese  Entwicklung  nimmt  an  Umfang  ganz  wesentlich
zu,  als  mit  dem  Ausgange  des  achtzehnten  und  zu  Beginn  des  neunzehnten ­
  Jahrhunderts,  mit  dem  Aufkommen  des  freien  Wettbewerbes
und  unter  dem  Einfluß  der  großen  technischen  Fortschritte  und  Erfindungen ­
  der  Besitz  von  Kapital,  überhaupt  das  kaufmännische
        <pb n="10" />
        2.  Konjunktur  u.  Krisen  im  Zusammenhang  mit  d.  Organisation  d,  Wirtschaft.  7
Moment  bei  der  Produktion  eine  immer  größere  Bedeutung  erlangt
und  mit  zunehmendem  Verkehr  die  Erweiterung  des  Marktkreises
immer  mehr  neue  und  entferntere  Absatzgebiete  eröffnet.  Damit
wird  der  Umfang  und  die  Art  der  Gütererzeugung  immer  inehr  losgelöst ­
  von  der  Größe  und  der  Richtung  des  Güterbedarfes  und  immer
mehr  von  dem  Wettbewerb  und  dem  Erwerbsstreben  des  Unternehmers ­
  bestimmt.  Die  Gütererzeugung  nimmt  immer  mehr  den
Charakter  der  Warenproduktion  an,  d.  h.  die  hergestellten  Güter
werden  in  zunehmendem  Maße  nicht  mehr  für  den  unmittelbaren
Bedarf,  sondern  für  den  Verkehr  erzeugt.
Die  so  hergestellten  Waren  werden  demnach  immer  weniger
auf  unmittelbare  Bestellung  produziert,  sie  gelangen  vielmehr  jetzt
erst  auf  dem  Wege  des  Verkehrs,  d.  h.  durch  vielerlei  Hände  in  den
Besitz  des  letzten  Verbrauchers.  So  entsteht  das,  was  man  als
Verkehrswirtschaft,  oder  unter  Betonung  anderer,  dabei  wesentlicher
Momente,  als  kapitalistische  Wirtschaftsordnung  bezeichnet.
Es  leuchtet  ein,  daß  mit  dieser  immer  stärkeren  Entfremdung
und  Trennung  des  Produzenten  vom  Konsumenten,  mit  dem  so
sinkenden  Einfluß  des  Verbrauches  auf  den  Umfang  und  die  Richtung ­
  des  Angebotes,  sich  Produktion  und  Konsumtion  häufiger  und
stärker  aus  jener  idealen  Gleichgewichtslage  entfernen  mußten.  An
die  Stelle  des  unmittelbaren  Bedarfes  treten  damit  andere  Faktoren,
welche  für  die  Größe  und  die  Art  der  Produktion  bestimmend  werden.
Die  Größe  und  die  Art  der  Nachfrage  lassen  sich  nun  nicht  mehr  auf
Grund  der  unmittelbaren  Beziehungen  von  Produzenten  und  Konsumenten ­
  ohne  weiteres  erkennen.  Der  wichtigste  und  vielfach  einzige ­
  Maßstab,  welchen  der  Produzent  jetzt  dafür  hat,  ist  die  Preisbildung. ­
  Je  nachdem  die  Preise  sich  für  die  einzelnen  Waren  nach
oben  oder  unten  bewegen,  ergibt  sich  damit  für  den  Produzenten  ein
anderes  Bild  der  Marktverhältnisse,  d.  h.  der  Beziehungen  von  Angebot ­
  und  Nachfrage.  Je  nach  dem  Bilde,  welches  er  auf  diese
Weise  von  der  Marktlage  bekommt,  ändert  er  die  Größe  und  die
Richtung  seiner  Produktion.  So  gewinnt  der  Markt  für  den  Produzenten ­
  eine  immer  steigende  Bedeutung.
Dabei  sind  jedoch  die  Preisbildung  und  damit  der  Umfang  der
Produktion  keineswegs  allein  von  der  Nachfrage  unmittelbar  abhängig. ­
  Zahlreiche  andere  Faktoren,  wie  vor  allem  die  Konkurrenz,
Fortschritte  in  wirtschaftlicher  und  technischer  Hinsicht,  die  Aussicht ­
  auf  neue  Absatzmärkte,  üben  darauf  ebenfalls  einen  starken
Einfluß  aus  und  wirken  damit  auf  die  ganze  Gütererzeugung  so  erheblich ­
  ein,  daß  der  Unternehmer  immer  weniger  in  der  Lage  ist,  seine
Produktion  den  Marktverhältnissen  anzupassen.  Gerade  unter  dem
        <pb n="11" />
        8

Einleitung.

Einfluß  von  Wettbewerb,  technischen  und  wirtschaftlichen  Fortschritten, ­
  kann  er  hier  immer  gar  nicht  so  handeln,  wie  er  will,
vielfach  wird  er  immer  weniger  der  Leiter  als  vielmehr  der  Sklave
seiner  Produktionseinrichtungen  und  Kapitalanlagen.  Es  sind  dies
Tatsachen,  welche  wir  später  in  anderem  Zusammenhänge  noch  eingehender ­
  zu  betrachten  haben.
Es  waren  besonders  gewisse  Umgestaltungen  der  Technik  und
damit  im  Zusammenhang  solche  in  der  Gütererzeugung  und  der
Wirtschaftsweise,  welche  diesen  Prozeß,  vor  allem  seit  dem  Beginn
der  Neuzeit,  noch  verstärkt  haben.  Im  Gegensatz  zu  früheren  Zuständen ­
  hat  die  moderne  Produktionsweise  eine  Eigentümlichkeit  in
weit  stärkerem  Umfange  ausgebildet,  welche  für  unsere  Zusammenhänge ­
  hier  von  ganz  besonderer  Bedeutung  ist.
Ursprünglich  war  die  Gütergewinnung  bzw.  die  Gütererzeugung
durch  den  Menschen  eine  direkte  gewesen.  Der  Mensch  hat  unmittelbar ­
  ohne  die  Benutzung  von  Werkzeugen  oder  sonstiger  technischer ­
  Hilfsmittel,  seinen  Lebensbedarf  gewonnen.  Er  hat  ihn,  wie
wir  es  noch  heute  auf  primitiven  Stufen  vorfinden,  unmittelbar  durch
einfaches  Sammeln  in  der  Natur  erworben.  Die  Entwicklung  hat
dazu  geführt,  daß  in  steigendem  Umfange  zur  Gewinnung  des  Bedarfes ­
  Umwege  eingeschlagen  Avurden,  die  geeignet  waren,  die  sachliche ­
  Ergiebigkeit  der  menschlichen  Arbeit  und  damit  den  Umfang
der  Gütererzeugung  zu  vergrößern.  Die  Schaffung  und  Benutzung
von  Werkzeugen  und  Maschinen  dient  ja  nicht  unmittelbar  der  Befriedigung ­
  des  menschlichen  Bedarfes,  sie  dient  nur  mittelbar  dazu,
indem  mit  ihrer  Hilfe  erst  die  eigentlichen  Genußgüter,  welche  der
Mensch  zum  Leben  braucht,  erzeugt  werden,  und  zwar  dank  der
Benutzung  dieser  sogenannten  Produktionsmittel  (Kapital  im  technischen ­
  oder  volkswirtschaftlichen  Sinne)  in  wirtschaftlich  vollkommenerer ­
  Weise,  als  es  sonst  der  Fall  wäre.  Diese  Anwendung
von  Produktionsmitteln  zur  Herstellung  und  Gewinnung  des  menschlichen ­
  Bedarfes  ist  das,  was  man  als  Produktionsumweg  bezeichnet,
ein  Verfahren,  das  in  gewaltigem  Umfange  die  Ergiebigkeit  der
menschlichen  Arbeit  gesteigert  hat.
„Brennholz  z.  B.  kann  man  ganz  direkt  gewinnen,  indem  mail
sich  auf  das  Auflesen  dürrer  Äste  oder  auf  das  Abbrechen  dürrer
Zweige  beschränkt.  Ein  kurzer  Produktionsumweg  führt  zur  Erzeugung ­
  und  Anwendung  einer  steineren  Axt,  ein  längerer  Umweg
führt  dazu,  aus  der  Erde  Eisenerze  zu  graben,  die  zur  Schmelzung
derselben  erforderlichen  Brennstoffe  und  Geräte  zu  gewinnen,
dann  durch  Schmelzung  aus  dem  Erze  Eisen,  durch  weitere  Bearbeitung ­
  aus  diesem  Stahl  und  aus  dem  Stahl  endlich  eine  wohl ­
        <pb n="12" />
        2.  Konjunktur  u.  Krisen  im  Zusammenhang  mit  d.  Organisation  d.  Wirtschaft.  9

geschärfte  Stahlaxt  zu  bereiten.  Noch  weiter  ausholend  mag  man
für  die  Förderung  der  Erze  künstliche  Triebwerke  und  Rollbahnen,
für  die  Schmelzung  des  Erzes  wohleingerichtete  Hochöfen,  für  die
Formung  und  Schärfung  der  Axt  besondere  Maschinen  bauen;  abermals ­
  weiter  ausholend  Fabriken  und  Maschinen  schaffen,  in  denen
man  die  Maschinen  der  ersten  Art  erzeugt  usw.  Man  wird  kaum
bezweifeln,  daß  jeder  der  geschilderten  kapitalistischen  Umwege  die
Ergiebigkeit  des  gesamten  Produktionsprozesses  erhöht,  d.  h.  zur
Folge  hat,  daß  man  die  Einheit,  etwa  den  Raummeter  Brennholz
mit  einem  kleineren  Gesamtaufwand  an  (mittelbarer  und  unmittelbarer) ­
  Arbeit  gewinnen  kann 1 ).“
Diejenigen  Güter,  welche,  wie  z.  B.  Nahrungsmittel  oder  Kleider,
der  Befriedigung  des  unmittelbaren  Bedarfes  dienen,  pflegt  man  als
Genußgüter,  auch  als  Verbrauchsgüter,  auch  als  Güter  erster  Ordnung
zu  bezeichnen,  während  diejenigen  Güter,  welche  nur  als  Produktionsmittel ­
  in  dem  eben  dargelegten  Sinne  Verwendung  finden,  als  Kapitaloder ­
  Produktivgüter,  auch  als  Güter  höherer  Ordnung  bezeichnet
werden.
Die  Entwicklung,  vor  allem  im  Laufe  der  letzten  Jahrhunderte,
hat  in  zunehmendem  Maße  dahingeführt,  daß  im  Rahmen  der  Gütererzeugung ­
  ein  steigender  Teil  derselben  auf  die  Herstellung  dieser
Kapitalgüter  entfällt.  Millionen  von  Menschen  sind  bei  uns  nicht
damit  beschäftigt,  Gegenstände  des  täglichen  Bedarfes  zu  erzeugen,
sondern  sie  verwenden  ihre  Arbeit  auf  die  Herstellung  von  Fabrikanlagen, ­
  Maschinen,  Werkzeugen  usf.
Es  liegt  auf  der  Hand,  um  damit  wieder  zu  dem  Ausgangspunkt
dieser  ganzen  Betrachtung  zurückzukehren,  daß  mit  einer  solchen
Zunahme  der  Produktionsumwege,  mit  der  Tatsache,  daß  also  im
Rahmen  der  Gütererzeugung  die  Herstellung  solcher  Kapitalgüter
eine  so  wesentlich  größere  Rolle  spielt  als  früher,  die  Übersicht  und
die  Kenntnis  von  Bedarf  und  Nachfrage  in  der  Volkswirtschaft
sehr  erschwert  werden  mußte.  Diese  Übersicht  war  um  so  leichter,
ein  je  größerer  Teil  der  Gütererzeugung  der  Herstellung  des  unmittelbaren ­
  Bedarfes,  also  demjenigen  von  Genußgütern,  diente  und  wurde
um  so  schwerer;  in  je  geringerem  Maße  das  der  Fall  war.  So  mußte
diese  Entwicklung,  die  wir  später  noch  genauer  kennen  lernen  werden, ­
  ebenfalls  dazu  beitragen,  daß  dieser  ideale  Gleichgewichtszustand ­
  zwischen  Produktion  und  Konsumtion,  von  dem  oben  die
Rede  war,  immer  weniger  erhalten  bleiben  konnte,  daß  die  Schwankungen ­
  im  Wirtschaftsleben,  das  Auf  und  Ab  sich  zu  einem  regel-  *

ü  Böhm-Bawerk,  Positive  Theorie  des  Kapitals.  2.  Halbband.
3.  Aufl.  1912.  S.  151.
        <pb n="13" />
        10

Einleitung.

mäßigen  Zustand  zu  entwickeln  begann  und  solche  wirtschaftliche
Störungen  häufiger  und  in  bestimmten  Abständen  auftraten.
Zwar  kamen  auch  schon  in  den  Zeiten,  in  welchen  die  eben  dargelegte ­
  Entwicklung  noch  in  den  Kinderschuhen  steckte,  solche
Störungen  im  Wirtschaftsleben  vor,  auch  schon  solche,  welche
durchaus  den  Charakter  von  Krisen  in  dem  Sinne  hatten,  daß  das
Gleichgewicht  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  auf  dem  Gütermarkte ­
  für  längere  Zeit  gestört  war,  und  daß  ein  großer  Teil  der
Bevölkerung  ganz  erheblich  in  Mitleidenschaft  gezogen  wurde.  Diese
älteren  krisenartigen  Störungen  tragen  jedoch  einen  ganz  anderen
Charakter,  den  wir  zunächst  kennen  lernen  müssen,  um  dann  aus
dem  Gegensätze  heraus  die  wesentlichen  Eigentümlichkeiten  der  neuzeitlichen ­
  Konjunkturschwankungen  um  so  besser  verstehen  zu
können.
Diese  älteren  Wirtschaftsstörungen  treten  als  Folge  von  außen
auf  die  Wirtschaft  einwirkender  Faktoren,  z.  B.  von  Kriegen,  finanzieller ­
  Mißwirtschaft,  fehlgeschlagenen  Spekulationen  und  dergleichen
auf.  Wenn  im  16.  Jahrhundert  Spanien  und  Frankreich  Staatsbankerott ­
  machten,  wenn  dadurch  den  deutschen  Gläubigem  dieser
Staaten,  vor  allem  den  großen  Handelshäusern  der  Fugger  und
Welser,  Riesenbeträge  verloren  gingen,  so  mußte  das  natürlich  zu
weittragenden  Störungen  im  deutschen  Wirtschaftsleben  führen.
Ähnliche  Wirkungen  mußten  eintreten,  als  zu  Beginn  der  Neuzeit  mit
der  Umgestaltung  der  Verkehrsverhältnisse,  vor  allem  durch  die  Entdeckung ­
  des  Seeweges  nach  Ostindien,  der  deutschen  Industrie  und
dem  deutschen  Handel  wichtige  Absatzmärkte  verlorengingen,  oder
als  mit  der  beginnenden  Edelmetalleinfuhr  aus  Amerika  eine  große
Preisrevolution  eintrat.
Wenn  wir  dann  ferner  sehen,  wie  im  17.  Jahrhundert  die  gewaltige ­
  Überspekulation  im  holländischen  Tulpenhandel  zusammenbrach,
oder  im  17.  und  18.  Jahrhundert  in  England  im  Zusammenhang  mit
den  Geldverschlechterungen  und  ausgedehnten  Spekulationen,  z.  B.
dem  Südseeschwindel,  ernsthafte  Störungen  im  Wirtschaftsleben  eintraten, ­
  die  in  ihren  Wirkungen  für  weite  Kreise  der  Bevölkerung
verhängnisvoll  wurden,  so  haben  wir  es  hier  ganz  zweifellos  mit
Erscheinungen  zu  tun,  die  als  Krisen  bezeichnet  werden  müssen.  Ähnliche ­
  Störungen  waren  in  Deutschland  die  Handelskrise  in  Lübeck
zu  Beginn  des  17.  Jahrhunderts  und  die  im  Gefolge  des  Lawschen
Gründungsschwindels  im  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  in  Frankreich
auftretenden  wirtschaftlichen  Wirren.  Auch  von  lokalen  Absatzkrisen
wird  uns  zu  Beginn  der  Neuzeit  aus  manchen  Städten  im  Handwerk
berichtet.  Sie  rühren  aber  auch  von  äußeren  Faktoren  her,  indem
        <pb n="14" />
        2.  Konjunktur  u.  Krisen  im  Zusammenhang  mit  d.  Organisation  d.  Wirtschaft.  11

sie  vornehmlich  mit  dem  allgemeinen  Rückgang  des  Wirtschaftslebens ­
  in  jener  Zeit  oder  fremder  Konkurrenz  zusammenhingen.
Mit  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  beginnen  jedoch  diese  krisenartigen ­
  Störungen  häufiger  zu  werden,  vor  allem  in  den  wirtschaftlich
fortgeschritteneren  Gebieten,  und  sich  zu  einer  ziemlich  regelmäßigen
Erscheinung  im  Gange  des  Wirtschaftslebens  auszubilden.  In  England, ­
  in  welchem  die  oben  geschilderte  Umwälzung  der  Wirtschaftsordnung ­
  nach  der  Richtung  des  Kapitalismus  am  frühesten  und  am
stärksten  eingesetzt  hatte,  traten  z.  B.  solche  Krisen  auf  in  den
Jahren  1745,  1763,  1772,  1778,  1783,  1793,  1796,  1810,  1815,  1819,
1825,  1836,  1839,  1847,  1857,  1864,  1866,  1873  usf.  Ein  ähnliches
Bild,  wenn  auch  erst  von  einem  späteren  Zeitpunkte  ab,  je  nach  der
Stufe  ihrer  wirtschaftlichen  Entwicklung,  zeigten  dann,  vor  allem  seit
dem  Beginn  des  19.  Jahrhunderts,  auch  die  übrigen  Kulturstaaten.
Man  sieht  aus  den  eben  für  England  gegebenen  Daten,  daß,  vor
allem  mit  dem  Ende  des  18.  Jahrhunderts,  diese  krisenartigen  Störungen ­
  eine  Regelmäßigkeit  zu  werden  beginnen,  daß  in  gewissen
Zeitabständen  Aufschwung  und  Niedergang  im  Wirtschaftsleben  sich
ablösen,  daß,  wie  oben  dargelegt,  eben  die  Wellenbewegung  im
Wirtschaftsleben,  die  Schwankungen  der  Konjunktur,  das  charakteristische ­
  Merkmal,  das  Normale  der  wirtschaftlichen  Entwicklung
dieser  neuen  Zeit  werden.  Darin  lag  das  eine,  was  diese  Störungen
von  jenen  der  älteren  Zeiten  unterschied,  daß  sie  so  häufig  und  mit
einer  solchen  Regelmäßigkeit  auftraten,  daß  man  in  den  Kreisen
derer,  welche  sich  wissenschaftlich  mit  diesen  Erscheinungen  beschäftigen, ­
  von  einer  Periodizität  der  Krisen  zu  reden  begann.
Diese  Häufigkeit  und  Regelmäßigkeit  in  den  wirtschaftlichen  Störungen ­
  war  aber  nicht  das  einzig  Neue,  was  die  neuere  Entwicklung
in  dieser  Hinsicht  gebracht  hatte.  Die  älteren  Krisen,  von  denen
oben  kurz  die  Rede  gewesen  war,  boten  der  wissenschaftlichen  Betrachtung ­
  keine  tieferen  Probleme.  Die  ältere  Nationalökonomie  hat
sich  deshalb  auch  kaum  mit  diesen  Fragen  beschäftigt.  Es  gab  hier
für  die  Wissenschaft  nicht  viel  zu  erklären.  Es  waren  von  außen
kommende  Faktoren,  Staatshankerotte,  Geldverschlechterungen,  offen
zutage  liegende  Spekulationen,  aus  welchen  sich  diese  krisenartigen
Störungen  ohne  weiteres  erklären  ließen.  Auch  heute  kommen  immer
wieder  solche  Störungen  vor,  bei  denen  offensichtlich  äußere  Momente
Jie  Ursache  bilden.  In  dieser  Hinsicht  können  auch  noch  heute  fehlgegangene ­
  große  Spekulationen  oder  Mißernten  eine  große  Rolle  spielen; ­
  oder  man  denke  daran,  welch  störender  Einfluß  der  Weltkrieg
mit  seinen  Folgen,  vor  allem  die  Schwankungen  in  der  Valuta,  auch
auf  die  dabei  nicht  unmittelbar  beteiligten  Staaten  ausgeübt  haben.
        <pb n="15" />
        12

Einleitung.

Alle  wissenschaftliche  Betrachtung  will  erklären,  aber  auf  eine
wissenschaftliche  Erklärung  drängen  nur  solche  Erscheinungen  hin,
welche  in  ihrer  Entstehung  und  in  ihrer  kausalen  Verknüpfung  mit
anderen  Erscheinungen  dunkel  sind.  Da  dies  hierbei  jedoch  nicht
der  Fall  war,  so  hatte  die  wissenschaftliche  Betrachtung  keine  Veranlassung, ­
  sich  mit  diesen  älteren  Wirtschaftsstörungen  zu  befassen.
Ganz  anders  wurde  nun  die  Sachlage,  als  vor  allem  mit  dem  Beginn
des  19.  Jahrhunderts  diese  Krisen  allenthalben  so  häufig  und  regelmäßig ­
  aufzutreten  begannen,  als  sie  vor  allem  in  England  in  dem
ersten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts  das  Wirtschaftsleben  bis  in  seine
Grundfesten  erschütterten  und  die  unheilvollsten  Wirkungen  auf  die
Lage  der  großen  Masse  der  Bevölkerung  ausübten.
Der  allgemeine  Preisfall  bei  der  ersten  großen  Wirtschaftskrise
des  19.  Jahrhunderts  in  England  zwischen  Frühling  und  Herbst  des
Jahres  1810  betrug  im  Durchschnitt  etwa  30o/ o .  In  den  vier  Monaten
von  Ende  Oktober  1810  bis  Ende  Februar  1811  machten  in  England
939  Häuser  Bankerott,  die  zeitweiligen  Zahlungseinstellungen  und
Vergleichsabkommen  erstreckten  sich  auf  über  die  Hälfte  aller  Geschäftsleute ­
  im  vereinigten  Königreich.  Bei  der  großen  englischen
Krise  des  Jahres  1815  stellten  innerhalb  sechs  Wochen  70  Provinz,-banken
  ihre  Zahlungen  ein.  Die  Preise  der  meisten  Waren,  vor
allem  auch  von  kolonialen  Rohstoffen,  sanken  um  etwa  50o/o  und
mehr,  die  Getreidepreise  fielen  von  1814  bis  1816  um  mehr  als  die
Hälfte,  die  Bank  von  England  sah  sich  gezwungen,  vom  31.  August
1814  bis  28.  Februar  1816  ihren  Notenumlauf  von  rund  13,4  auf
24  Millionen  Pfund  Sterling  zu  erhöhen.  In  den  beiden  Jahren  1815
und  1816  wurden  in  England  5116  Konkurse,  darunter  63  über
Banken,  verhängt.  Die  Krise  des  Jahres  1819  war  nicht  ganz  so
heftig  und  verhängnisvoll  in  ihren  Wirkungen,  während  diejenige  des
Jahres  1825  wiederum  weit  schlimmer  war.  Am  Ende  dieses  Jahres
brach  eine  gewaltige  Panik  aus.  Zahlreiche  Handelshäuser  und
Banken  mußten  ihre  Zahlungen  einstellen.  Die  Anspannung  auf
dem  Geldmarkt  überstieg  alles  bisher  Dagewesene.  Der  Zinsfuß
für  kurzfristiges  Geld  stieg  auf  30  und  50  o/o,  ja  sogar  bisweilen
auf  100  o/o.  In  einer  Zeit  von  4—5  Wochen  waren  73  Londoner  und
Provinzbanken  zusammengebrochen.
Solche  schweren  Erschütterungen,  welche  das  Land  in  diesen
Jahren  durchzumachen  hatte,  waren  natürlich  genügend  Anlaß,  sich
mit  den  damit  zusammenhängenden  Fragen,  vor  allem  mit  den
Ursachen  dieser  Krisen,  genauer  zu  befassen.  Die  ersten  wissenschaftlichen ­
  Erklärungsversuche,  welche  für  solche  Krisen  gemacht
worden  sind,  knüpfen  auch  zeitlich  und  sachlich  an  diese  schweren
        <pb n="16" />
        2.  Konjunktur  u.  Krisen  im  Zusammenhang  mit  d.  Organisation  d.  Wirtschaft.  13

Zeiten  des  englischen  Wirtschaftslebens  an.  Es  war  aber  nicht  nur
das  Häufige  ihres  Auftretens,  es  waren  nicht  nur  die  schweren
Erschütterungen,  welche  sie  im  Gefolge  hatten,  was  damals  und  in
der  Folgezeit  diese  Krisen,  in  den  Mittelpunkt  des  Interesses  gerückt
hat,  es  war  vielmehr  auch  das  Geheimnisvolle,  das  darin  lag 1 ,
das  für  viele  so  Unerklärliche,  daß  diese  Krisen  in  so  kurzen  Abständen ­
  und  so  regelmäßig  wiederkehrten,  ohne  daß,  wie  bei  den
früheren  Störungen  dieser  Art,  immer  deutlich  erkennbar  von  außen
kommende  Ursachen  vorhanden  gewesen  wären.
Der  Gedanke  lag  nahe,  daß  man  es  bei  den  Ursachen  dieser  Erscheinung ­
  mit  einer  Eigentümlichkeit,  vielleicht  mit  unvermeidbaren
Folgeerscheinungen  der  vorhandenen  Wirtschaftsordnung  zu  tun
habe,  und  auf  die  Erforschung  dieser  Zusammenhänge,  also  auf  eine
Analyse  der  Beziehungen  von  Produktion  und  Konsumtion  in  der
herrschenden  Verkehrswirtschaft,  begann  sich  nun  die  nationalökonomische ­
  Forschung  einzustellen.
Es  ergibt  sich  aus  dem  Gesagten,  daß  damit  aber  auch  eine
einfache  Scheidung  aller  Krisen  in  zwei  scharf  voneinander  zu
trennende  Groppen  gegeben  war,  wenngleich  jene  ältere  Zeit  diesen
Unterschied  noch  nicht  so  scharf  heraus  gearbeitet  hat,  wie  es  heute
der  Fall  ist.  Man  kann  die  Krisen  danach  scheiden,  ob  sie  auf  von
außen  das  Wirtschaftsleben  beeinflussende  Ursachen,  auf  sogenannte
exogene,  zurückzuführen  sind,  oder  auf  sogenannte  endogene,
d.  h.  auf  solche,  die  mit  dem  inneren  Gefüge  und  der  vorhandenen
Verfassung  der  Volkswirtschaft  im  inneren  Zusammenhänge  stehen.
Auf  die  Erforschung  dieser  letzten  Gruppe  von  Krisen,  welche  jetzt
so  oft  und  ohne  äußerlich  erkennbare  Ursachen  auftraten,  lenkte
sich  nun  im  19.  Jahrhundert  die  Aufmerksamkeit  der  Wissenschaft.
Es  war  vor  allem  das  Regelmäßige,  die  Periodizität,  welche  bei
diesen  Krisen  ganz  besonders  frappierend  wirkte.  Manche  haben  versucht, ­
  auch  diese  neueren  Krisen  aus  exogenen  Ursachen  zu  erklären.
Es  sei  hier  nur  auf  den  bekannten  englischen  Nationalökonomen
Jevons  hingewiesen,  welcher  das  periodische  Auftreten  der  Krisen
mit  den  Perioden  der  Sonnenflecken,  von  deren  Umfang  die  größere
oder  geringere  Wirkung  der  Sonnenstrahlen  auf  die  Erde  abhängig  sei,
in  Verbindung  brachte.  In  der  Ausdehnung  und  der  Häufigkeit  dieser
Sonnenflecken  bestehe  ein  periodischer  Wechsel,  welcher  in  hohem
Maße  für  die  Temperatur,  den  Regenfall  und  andere  atmosphärische
Erscheinungen  auf  der  Erde  bestimmend  sei.  Dadurch  werde  ein  ganz
bestimmter  Einfluß  auf  die  Ernteerträge  und  damit  auch  auf  die
Kaufkraft  der  Mehrzahl  der  Erdbewohner  ausgeübt.  Es  müsse  sich
also  eine  gewisse  Übereinstimmung,  welche  Jevons  auch  nach-Mombert,
  Stadium  der  Konjunktur.  2
        <pb n="17" />
        14

Einleitung.

zuweisen  suchte,  zwischen  diesen  Perioden  der  Sonnenflecken,  den
periodischen  Schwankungen  in  den  Ernteerträgen  und  dem  Wandel
in  der  Konjunktur  nachweisen  lassen.  Mit  dieser  Auffassung  einer
Zurückführung  dieser  Störungen  auf  derartige,  von  außen  kommende
Faktoren  stand  Jevons  jedoch  so  ziemlich  allein,  ohne  mit  seiner
Anschauung  durchzudringen.  Die  anderen  Krisenerklärüngen,  deren
Betrachtung  wir  uns  nun  zuwenden  wollen,  suchen  diese  Störungen,
wenn  auch  in  verschiedener  Weise,  aus  den  inneren  Kräften  des  Wirtschaftslebens, ­
  aus  der  Art  der  modernen  verkehrswirtschaftlichen
Organisation  der  Volkswirtschaft  heraus  zu  erklären.

Literatur.
Pinkus,  Das  Problem  des  Normalen  in  der  Nationalökonomie.  Ein
Beitrag  zur  Erforschung  der  Störungen  im  Wirtschaftsleben.  Leipzig  1906.  —
Herkner,  Art.  Krisen  im  Handwörterbuch  d.  Staatswissenschaften.  —
Vogel,  Die  Theorie  des  volkswirtschaftlichen  Entwicklungsprozesses  und
das  Krisenproblem.  Wien  1917.  —  Bouniatan,  Studien  zur  Theorie  und
Geschichte  der  Wirtschaftskrisen.  Band  2,  Geschichte  der  Handelskrisen  in
England.  München  1908.  —  Tugan-Baranowsky,  Studien  zur  Geschichte ­
  und  Theorie  der  Handelskrisen  in  England.  Jena  1901.  —  Wirth,
Geschichte  der  Handelskrisen.  3.  Aufl.  Frankfurt  a.  M.  1883,  —  Büsch.
Geschichtliche  Beurteilung  der  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  entstandenen
großen  Handelsverwirrung.  Hamburg  1799.  —  Ehrenberg,  Das  Zeitalter ­
  der  Fugger.  Geld,  Kapital-  und  Kreditverkehr  im  16.  Jahrhundert.  Anastatischer ­
  Neudruck.  Jena  1912.  —  Ders.,  Die  Fondsspekulation  und  die
Gesetzgebung.  Berlin  1883.  —  Ders.,  Große  Vermögen.  Jena  1902.  —  Strieder,
Studien  zur  Geschichte  der  kapitalistischen  Organisationstormen.  München
1914.  —  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus.  2.  Aufl.  1917.  2.  Band,  1.  Halbband, ­
  Kap.  16  u.  17.  —  Tooke  und  Newmarch:  Die  Geschichte  und  Bestimmungen ­
  der  Preise  während  der  Jahre  1793/1857.  Aus  dem  Englischen.
Dresden  1862.
        <pb n="18" />
        ß  i  K

r  /.  -i  W.v,'!rtsc;iaP
3  1  1  Kiel

14.  2:45.-Erster

  Abschnitt.
Die  Erklärungen  der  Wirtschaftskrisen  und  des
Konjunkturwandels.
1.  Die  älteren  Krisentheorien.
Will  man  die  Gegensätze  in  der  Stellung  der  älteren  Nationalökonomie ­
  diesen  Krisen  gegenüber  und  damit  auch  die  Verschiedenheiten ­
  in  den  älteren  Krisentheorien  verstehen,  so  muß  man  sich
vor  Augen  halten,  daß  sich  unter  den  Beobachtern  und  Beurteilem
der  wirtschaftlichen  und  sozialen  Verhältnisse  im  Verlaufe  des  19.  Jahrhunderts ­
  zwei  Richtungen  unterscheiden  lassen.
Für  die  eine,  zunächst  fast  widerstandslos  herrschende  Auffassung, ­
  für  die  individualistische  Nationalökonomie,  war  der  Grundgedanke ­
  maßgebend,  daß  bei  völliger  Freiheit  im  Wirtschaftsleben,
bei  vollkommen  unbehinderter  wirtschaftlicher  Tätigkeit  des  Einzelnen, ­
  sich  das  Wirtschaftsleben  vollkommen  harmonisch  gestalten
müsse.  Es  “war  dies  die  Lehre,  wie  sie  zuerst  von  den  Physiok
  raten  in  Frankreich  aufgestellt  und  bald  darauf  durch  Adam
Smith  in  England  mit  großem  Erfolg  ausgebaut  worden  war.  Der
Mensch  sei  in  seinem  wirtschaftlichen  Handeln  von  Eigennutz  gegleitet, ­
  und  diese  Triebfeder  sei  mächtig  genug,  um  einem  jeden  zu
zeigen,  was  seinem  Wohle  am  förderlichsten  sei.  Aus  dem  Wirken
einer  solchen  Freiheit  in  wirtschaftlichen  Dingen,  das  wurde  zum
Teil  von  seinen  Nachfolgern  noch  wesentlich  stärker  betont  als  von
Adam  Smith  selbst,  müßte  sich  eine  vollständige  Harmonie  im
Wirtschaftsleben  ergeben.  Diese  Lehre  mußte  auch  folgerichtig
für  das  Verhältnis  von  Produktion  und  Konsumtion,  für  Angebot
und  Nachfrage  auf  dem  Warenmärkte  gelten,  und  die  Anhänger
dieser  Auffassung  standen  vor  der  keineswegs  einfachen  Aufgabe,
die  großen  wirtschaftlichen  Störungen  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts ­
  mit  ihren  unheilvollen  sozialen  Wirkungen,  mit  dieser  Lehre
in  Einklang  zu  bringen.
Diese  durch  die  Krisen  hervorgerufenen  Störungen  waren
jedoch  nicht  die  einzige  Tatsache,  welche  in  dieser  Zeit,  also  vor
allem  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts,  diese  Lehre  von  den
segensreichen  Wirkungen  der  wirtschaftlichen  Freiheit,  welche  damals
auch  in  der  Gesetzgebung  ihren  Siegeszug  durch  viele  Staaten  begann,
Lügen  zu  strafen  schien.  Man  hatte  auch  diese  individualistischen
        <pb n="19" />
        16

Erster  Abschnitt.  Die  Erklärungen  der  Wirtschaftskrisen.

Grundsätze  auf  das  Verhältnis  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer ­
  angewandt,  die  alten  Ordnungen,  welche  dieses  Verhältnis  bis
ins  einzelne  geregelt  hatten,  waren  in  Fortfall  gekommen,  und  an  ihre
Stelle  war  der  freie  Arbeitsvertrag  getreten.  Keine  öffentlichen  Gen
walten,  keine  Verabredungen  unter  Arbeitern  oder  Unternehmern
sollten  in  Zukunft  als  störend  im  Sinne  dieser  individualistischen
Auffassung  in  das  Arbeitsverhältnis  eingreifen.  Man  hielt  diese
Freiheit  der  Arbeit  und  des  Arbeitsvertrages  auch  durchaus  für  im
Interesse  der  Arbeiter  liegend.  Es  hat  aber  kaum  eine  Zeit  gegeben,
in  welcher  die  Lage  der  Arbeiter  eine  so  gedrückte,  ihre  Arbeitszeit
eine  so  ausgedehnte,  ihre  Lebenshaltung  und  Lage  eine  so  schlechte
gewesen  war,  als  in  den  ersten  Jahren  und  Jahrzehnten  nach  Einführung ­
  dieser  wirtschaftlichen  Freiheit.  Es  war  also  hier  eine  ähnliche ­
  Sachlage  vorhanden  wie  bei  diesen  wirtschaftlichen  Störungen.
Auch  in  dem  Verhältnis  von  Produktion  und  Konsumtion  war  der  erwartete ­
  Gleichgewichtszustand  ausgeblieben;  statt  der  erwarteten
Harmonie  war,  vor  allem  in  England  damals,  eine  gewaltige  Überproduktion ­
  mit  großen  Absatzstockungen,  die  man  in  einem  solchen
Maße  bis  dahin  nicht  gekannt  hatte,  eingetreten.
Solche  Erschütterungen  des  Wirtschaftslebens  mit  ihren  verhängnisvollen ­
  sozialen  Wirkungen  konnten  aber  unmöglich  an  der
nationalökonomischen  Wissenschaft  spurlos  vorübergehen.  Allenthalben ­
  war  das  Gegenteil  dessen  eingetroffen,  was  diese  individualistische ­
  Richtung  in  der  Nationalökonomie  angenommen  hatte,  und
die  nationalökonomische  Wissenschaft  stand  nun  vor  der  Aufgabe,
diesen  Widerspruch  zu  erklären.
Es  entstanden  jetzt  zwei  Richtungen,  welche  in  ganz
entgegengesetzter  Weise  diesen  wirtschaftlichen  Störungen  gegenüber
Stellung  nahmen.  Die  eine  baute  vollkommen  auf  den  oben  dargelegten ­
  Lehren  der  individualistischen  Nationalökonomie  auf.  Sie
hielt  an  dem  Postulat  der  wirtschaftlichen  Freiheit  als  dem  Ideal
aller  Wirtschaftspolitik  fest  und  suchte  den  Widerspruch  zwischen
der  Welt  der  Tatsachen  und  dem,  was  man  in  optimistischem  Glauben
erhofft  hatte,  zum  Teil  damit  zu  lösen,  daß  sie  diese  Notstände  auf
das  Walten  außerwirtschaftlicher,  mit  der  Kraft  eines  Naturgesetzes
wirkender  Faktoren  zurückführte.  Es  sei  beispielsweise  nur  an  das
Malthusschc  Bevölkerungsgesetz  und  die  sich  darauf  aufbau'ende
pessimistische  Lehre  Ricardos  von  der  Entwicklung  in  der  Verteilung
des  Volkseinkommens  erinnert 1 )-ü
  Auf  diese  Zusammenhänge  bin  ich  eingehender  zu  sprechen  gekommen ­
  in  meiner  kleinen  Schrift:  Soziale  und  wirtschaftspolitische  Anschauungen ­
  in  Deutschland  vom  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  bis  zur  Gegenwart. ­
  Leipzig  1919.  Sammlung  „Wissenschaft  und  Bildung“.  Bd.  60.
        <pb n="20" />
        ■HHH

1.  Die  älteren  Krisentheorien.  17

Eine  andere  Richtung  hielt  sich  jedoch  nicht  an  diesen  Glauben
von  der  Zweckmäßigkeit  einer  Wirtschaftsordnung  gebunden,  welche
sich  vollkommen  auf  der  wirtschaftlichen  Freiheit,  vor  allem  auf
dem  Bestehen  des  Privateigentums  aufbaute,  sie  sah  vielmehr  gerade
in  diesen  Tatsachen  die  Hauptursache  der  vorhandenen  Mißstände
in  sozialer  und  wirtschaftlicher  Hinsicht.  Für  diese  neue  Auffassung
lagen  die  Ursachen  gerade  in  einer  fehlerhaften  Organisation  der
vorhandenen  Gesellschafts-  und  Wirtschaftsordnung  mit  ihrer  individualistischen ­
  Grundlage.  So  entstanden  den  Anhängern  dieser
neuen  Auffassung  in  den  Sozialisten  die  schärfsten  Gegner  der
herrschenden  Wirtschaftsordnung.
Aus  diesen  prinzipiellen  Gegensätzen  heraus,  aus  der  verschiedenen ­
  Beurteilung  der  vorhandenen  Organisation  der  Volkswirtschaft, ­
  sind  nun  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts  zwei  große
Gruppen  von  Krisentheorien  zur  Erklärung  dieser  merkwürdigen,
regelmäßigen  Störungen  des  Wirtschaftslebens  entstanden.  Die  eine
Richtung  suchte  dabei  die  Grundlagen  der  herrschenden  Wirtschaftsordnung ­
  zu  verteidigen  und  zu  retten,  während  die  andere  Richtung
diese  Grundlagen  erbarmungslos  angriff.
Der  erste,  der  eine  tiefere  Erklärung  dieser  Vorgänge  zu  geben
versuchte,  war  der  bekannte  englische  Nationalökonom  Robert
Malthus.  Er  hat  zuerst  eine  Anschauung  vertreten,  welche  man
als  allgemeine  Überproduktionstheorie  zu  bezeichnen  pflegt.  Für
Malthus  sind  die  drei  großen  Faktoren,  welche  die  Entwicklung  der
Produktion  in  günstigem  Sinne  beeinflussen,  die  Fruchtbarkeit  des
Bodens,  die  Ansammlung  von  Kapital  und  die  arbeitsersparenden
Erfindungen.  Die  Zunahme  des  Reichtums  in  einem  Lande  hängt
jedoch  seiner  Meinung  nach  nicht  allein  von  der  Wirksamkeit  dieser
drei  Faktoren  ab,  sondern  ist  auch  in  hohem  Grade  bestimmt
von  der  Güterverteilung.  Denn  ein  erheblicher  Teil  der  Bevölkerung,
vor  allem  ein  Teil  der  Unternehmerschaft,  verbraucht  nur  einen
Teil  seines  Einkommens.  Ein  anderer  Teil  ihres  Einkommens  dagegen ­
  wird  kapitalisiert,  d.  h.  zur  Schaffung  neuer  Produktionsanlagen ­
  verwandt.  Bei  einer  starken  und  schnellen  Kapitalneubildung ­
  und  einer  entsprechenden  Erweiterung  der  Produktion,  welche
doch  auf  diese  Weise  vor  sich  geht,  muß  es  jedoch  dahin  kommen,
daß  die  Nachfrage  nach  Gütern  hinter  dem  Angebot  an  solchen
zurückbleibt,  noch  ehe  die  weiteren  neuen  Produktionsmöglichkeiten
zum  Stillstand  gekommen  sind.  Es  ist  also  unter  dieser  Voraus»-Setzung
  immer  mit  einer  Überproduktion  zu  rechnen,  immer  muß
das  Gleichgewicht  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  auf  dem  Markte
eine  Störung  erfahren.  In  diesem  gewöhnlichen  Zustande  der  Gesell ­
        <pb n="21" />
        18

Erster  Abschnitt,  Die  Erklärungen  der  Wirtschaftskrisen.

schalt  haben  also  wohl  die  Unternehmer  die  Macht,  aber  nicht
den  Willen,  die  Arbeiter  dagegen  umgekehrt  nicht  die  Macht,  aber
wohl  den  Willen,  ihren  Verbrauch  in  einem  der  Größe  der  Produktion
entsprechenden  Verhältnis  auszudehnen.  Es  muß  also  hier  irgendwie
ein  Ausgleich  geschaffen  werden.  Es  ist  deshalb  für  ein  Land,  und
mit  dieser  Forderung  kommt  Malthus  zu  einer  uns  heute  sehr  merk,,
würdig  berührenden  Auffassung,  in  diesem  Zustande,  also  mit  reichen
Produktionskräften,  notwendig,  daß  immer  eine  Klasse  von  Verbrauchern ­
  da  ist,  welche  keine  Güter  erzeugt,  das  Angebot  also
nicht  vermehrt,  sondern  nur  als  Konsument  auftritt.  Malthus  ging
sogar  so  weit,  es  unter  diesen  Umständen  für  wirtschaftlich  vorteilhaft ­
  zu  erklären,  daß  eine  Regierung  für  unproduktive  Zwecke  Geld
verausgabt.
Mit  diesem  Gedanken,  daß  in  dieser  auf  wirtschaftlicher  Freiheit ­
  beruhenden  Wirtschaftsordnung  eine  allgemeine  Überproduktion ­
  möglich  sei,  hatte  Malthus,  das  war  kein  Zweifel,  entsprach
aber  auch  manchen  anderen  Anschauungen  von  ihm,  an  jener  oben
dargelegten  optimistischen  Auffassung  der  individualistischen  Nationalökonomie ­
  stark  gerüttelt.  Gegen  Malthus  wandte  sich  deshalb
vor  allem  der  Franzose  J.  B.  Say,  welcher  diese  optimistische  Auffassung, ­
  wie  sie  an  den  Namen  von  Adam  Smith  anknüpfte,  noch
mit  aller  Entschiedenheit  vertrat.  Er  leugnete  die  Möglichkeit  einer
allgemeinen  Überproduktion.
Es  handelt  sich  hierbei  um  Says  berühmte  Lehre  von  der
Theorie  der  Absatzwege,  die  sich  lange  Zeit  eines  sehr  großen  Ansehens ­
  erfreut  hat  und  auch  neuerdings  noch  Anhänger  zählt.  Say
vertrat  den  Gedanken,  daß  Produkte  nur  mit  Produkten  gekauft
werden  können,  und  daß  das  zum  Einkäufe  dienende  Geld  doch  erst
aus  dem  Eintausche  mit  irgendeinem  anderen  Produkte  herrühren
muß.  Die  bloße  Tatsache  der  Neuschaffung  eines  Produktes  muß
deshalb  sofort,  wie  sie  erfolgt  ist,  für  andere  Produkte  einen  Absatz
herbeiführen.  In  der  Gesamtheit  muß  also  dieser  Lehre  nach,  das
Angebot  auf  dem  Warenmärkte  mit  der  Nachfrage  immer  übereinstimmen. ­
  Daraus  folgerte  Say,  daß  eine  allgemeine  Überproduktion
in  einem  Lande  etwas  ganz  Unmögliches,  ja  ganz  Undenkbares  sei.
Absatzstockungen,  welche  Say  natürlich  angesichts  der  offenkundigen ­
  Tatsachen  nicht  in  Abrede  stellen  konnte,  können  also  nieimals
  von  einem  Zuviel  an  Produkten  herrühren,  sondern  sind  „das
bloße  Resultat  einer  Anpropfung  von  Gütern  in  einem  oder  mehreren
der  Industriekanäle;  daß  alsdann  in  diesen  Kanälen  eine  größere
Menge  jener  Produkte  steckt,  als  der  allgemeine  Bedarf  erheischt,
und  daß  dies  immer  daher  rührt,  daß  andere  Kanäle,  weit  entfernt
        <pb n="22" />
        1.  Die  älteren  Krisentheorien.

19

von  einer  Anpropfung,  im  Gegenteil  von  mehreren  Produkten  fast
entleert  sind,  die  um  ihrer  Seltenheit  willen,  in  demselben  Grade
stärker  wie  die  ersten  schwächer,  gesucht  werden 1 ).
Es  kann  also  keine  Rede  von  einer  allgemeinen  Überproduktion
sein,  sondern  höchstens  von  einer  partiellen  Überproduktion  in  einzelnen ­
  Erwerbszweigen,  der  dann  aber  immer  eine  entsprechende
Unterproduktion  in  anderen  entsprechen  muß.  Der  Gesamtumfang
der  Produktion  muß  also  immer  mit  dem  Gesamtumfang  der  Nachfrage ­
  übereinstimmen.  Damit  war  für  Say  der  ihm  unentbehrliche
Gedanke  der  Harmonie  im  Wirtschaftsleben,  der  Gedanke  des  vorhandenen ­
  Gleichgewichtes  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  gerettet.
Die  Hauptvertreter  der  klassischen  Nationalökonomie,  wie  z.  B.  der
ältere  Mill,  Ricardo,  John  Stuart  Mill,  haben  sieh  alle  auf  den
Boden  dieser  Lehre  gestellt.  Sie  hat  auch  neuerdings  wieder  angesehene ­
  Vertreter  gefunden *  2 ).  Unter  denjenigen,  welche  sich  dieser
Lehre  angeschlossen  haben,  sei  nur  ganz  kurz  auf  Ricardo,  als  auf
den  bekanntesten  und  einflußreichsten  der  damals  lebenden  Nationalökonomen ­
  etwas  näher  eingegangen.  An  verschiedenen  Stellen  seiner
Grundgesetze  der  Volkswirtschaft  und  Besteuerung  hat  er  sich  über
diese  Zusammenhänge  ausgesprochen.  Die  wichtigste  davon  ist  wohl
die  folgende:
„Erzeugnisse  werden  stets  durch  Erzeugnisse  oder  Dienste  erkauft; ­
  das  Geld  ist  bloß  das  Mittel,  wodurch  man  den  Tausch  bewirkt
Es  kann  zuviel  von  einem  bestimmten  Gute  hervorgebracht  werden,
woran  ein  solcher  Überfluß  auf  dem  Markte  sein  kann,  daß  das  auf
dasselbe  verwendete  Kapital  nicht  erstattet  wird;  allein  dies  kann
nicht  mit  Bezug  auf  alle  Güter  der  Fall  sein;  die  Nachfrage  nach
Getreide  ist  durch  die  Mäuler  begrenzt,  welche  es  zu  verzehren
vorhanden  sind;  die  Nachfrage  nach  Schuhen  und  Röcken  durch  die
Personen,  welche  sie  tragen  wollen;  allein,  wenn  auch  ein  Gemeinwesen ­
  oder  ein  Teil  eines  solchen  so  viel  Getreide,  so  viele  Röcke
und  Schuhe  hätte,  als  es  zu  verbrauchen  vermöchte  oder  wünschte,
so  kann  dies  nicht  von  jedem  Gute  gesagt  werden,  das  durch  die
Natur  oder  Kunst  hervorgebracht  wird.  Die  einen  würden  mehr  Wein
verzehren,  wenn  sie  imstande  wären,  sich  ihn  zu  verschaffen.  Andere,
die  genug  Wein  haben,  würden  gerne  die  Menge  ihres  Hausrates
vermehren  oder  dessen  Art  und  Beschaffenheit  verbessern.  Wieder
andere  möchten  gerne  ihre  Landgüter  verschönern  oder  ihre  HäuseT
Ü  Say,  Ausführliche  Darstellung  der  Nationalökonomie  oder  der
Staatswirtschaft.  Übersetzt  von  Mörstadt.  Heidelberg  1830.  Kap.  15,  S.  195
bis  196.
2 )  Z.  B.  Tugan-Baranowsky  und  Aftalion.  Vgl.  die  Literatur
am  Ende  dieses  Abschnittes.
        <pb n="23" />
        20

Erster  Abschnitt.  Die  Erklärungen  der  Wirtschaftskrisen.

erweitern.  Der  Wunsch,  all  dieses  oder  etwas  davon  zu  tun,  ist  in
eines  jeden  Brust  gepflanzt;  nichts  ist  dazu  erforderlich,  als  die
Mittel,  und  nichts  kann  diese  Mittel  geben,  als  eine  Erweiterung  der
Hervorbringung.  Hätte  ich  Nahrungs-  und  andere  Bedürfnismittel  zur
Verfügung,  so  würde  es  mir  nicht  lange  an  Arbeitern  fehlen,  die  mich
in  den  Besitz  mancher  von  denjenigen  Gegenständen  setzten,  welche
mir  am  brauchbarsten  oder  am  wünschenswertesten  sind 1 ).“
Auch  in  Deutschland  war  diese  Anschauung  weit  verbreitet.  In
seinen  vielgelesenen  „Grundsätzen  der  Volkswirtschaftslehre“  sagt
K.  H.  Rau:  „Es  ist  unmöglich,  daß  von  allen  Gütern  zugleich  eine
größere  Menge  hervorgebracht  würde,  als  man  zu  kaufen  imstande ­
  wäre.“
Diese  Anschauungen  mußten  also  ihre  Hauptgegner  im:  Lager
derjenigen  finden,  welche  der  herrschenden  Wirtschaftsordnung  mit
ihrer  schrankenlosen  Freiheit  in  wirtschaftlicher  Beziehung,  dem
Privateigentum,  und  dem  ungehemmten  Erwerbstrieb  als  Triebkraft
der  Produktion,  kritisch  gegenüberstanden.  Bereits  Robert  Owen,
einer  der  frühesten  Vertreter  des  Sozialismus,  hatte  in  mehreren,  in
den  Jahren  1815—1823  erschienenen  Schriften  mit  Nachdruck  darauf
hingewiesen,  daß  die  herrschende  Wirtschaftsordnung  die  Schuld
an  der  allgemeinen  Notlage  trage.  Die  großen  Fortschritte  der  Technik, ­
  die  Einführung  der  Maschinen  hätten  die  menschliche  Arbeit
entwertet,  so  daß  die  Kaufkraft  der  Arbeiterklasse  herabgemindert
sei,  während  doch  die  Produktionsleistungen  gewaltig  gestiegen
wären.  Als  nach  dem  Aufhören  der  Napoleonischen  Kriege  die  Aufnahmefähigkeit ­
  der  Absatzmärkte  zurückging,  behielt  man  die  mechanische ­
  Kraft  als  die  billigere  bei  und  entließ  die  damit  überflüssig
gewordenen  Arbeiter.  In  diesem  iSinne  hing  damals  vor  allem  auch
die  Notlage  der  Arbeiterklasse  auf  das  engste  mit  dem  Mißverhältnis
von  Produktion  und  Konsumtion  zusammen a ).
Mit  weit  größerem  Nachdruck  als  Robert  Owen  hat  die  berühmte
Krisentheorie  von  Sismondi,  der  zwar  nicht  Sozialist  war,  aber
trotzdem  zu  den  entschiedensten  Gegnern  der  herrschenden  Wirtschaftsordnung ­
  gehörte,  sich  in  einen  ausgesprochenen  Gegensatz
zu  den  Lehren  von  Say  und  Ricardo  gestellt.  Für  ihn  ist  das  Krisenproblem ­
  in  erster  Linie  eine  Frage  der  Einkommensverteilung.  Das
Gleichgewicht  zwischen  Produktion  und  Konsumtion  ist,  der  Ansicht ­
  Sismondis  nach,  in  erster  Linie  durch  die  Kaufkraft  der  Arbeiterklasse ­
  bestimmt.  An  verschiedenen  Stellen  seiner  heute  noch
! )  Nach  der  Übersetzung  von  Baumstark,  2.  Aufl.  1877.  S.  259—260.
s )  Vgl.  dazu  auch  Helene  Simon,  Robert  Owen.  Jena  1905.  Besonders ­
  Kap.  10.
        <pb n="24" />
        1.  Die  älteren  Krisentheorien.

21

so  lesenswerten  Schriften  hat  er  seine  Ansichten  über  die  Beziehungen ­
  von  Produktion  und  Konsumtion  und  über  die  Ursachen
der  Krisen  ausgesprochen.  In  diesen  Darlegungen  Sismondis  über
das  Krisenproblem  lernen  wir  gerade  auch  das  Neue  und  Eigenartige ­
  seiner  nationalökonomischen  Anschauungen  kennen.
Sismondi  ist  einer  der  Hauptvertreter  der  sogenannten  Unterkonsumtionstheorie, ­
  einer  Lehre,  deren  Grundzüge  sich  zuiü  Teil
schon  bei  Malthus  vorfinden  und  die  dann  später  von  anderen,
vor  allem  von  Rodbertus,  weiter  entwickelt  worden  ist.  Es  handelt
sich  hierbei  um  die  Wechselbeziehungen  zwischen  der  Art  der
Produktion  und  der  Einkommensverteilung,  im  speziellen  darum,
daß  bei  einer  gewissen  Art  der  letzteren,  wenn  die  Arbeiter  einen
zu  geringen  Teil  am  Nationaleinkommen  erhalten,  die  heimische  Produktion ­
  Schaden  erleidet.
Den  Arbeitern  fehlt  die  Kaufkraft,  um  die  Erzeugnisse  der
Produktion  aufzunehmen,  während  die  Unternehmer  und  Kapitalisten ­
  nicht  ihr  ganzes  Einkommen  verbrauchen,  sondern  einen  Teil
davon  zurücklegen  und  damit  die  vorhandene  Produktion  nur  noch
vergrößern.  Damit  hängt  es  dann  weiter  zusammen,  daß  die  Unternehmer, ­
  welche  im  Inlande  nicht  genügenden  Absatz  finden,  den
Versuch  machen,  auswärtige  Märkte  aufzusuchen,  um  dort  ihre  Waren
zu  verkaufen,  eine  Entwicklung,  welche  aber  für  die  heimische  Industrie ­
  weit  größere  Gefahren  birgt,  als  der  Absatz  im  Inland.  Der
Gegensatz  zur  klassischen  Nationalökonomie  lag  vor  allem  in  der
stark  sozialpolitischen  Färbung  seiner  Ansichten  und  in  ihrem
romantischen  Grundzug,  welcher  in  der  guten,  alten  Zeit,  gerade
auch  in  den  Beziehungen  von  Produktion  und  Konsumtion,  so  viele
Vorzüge  der  Gegenwart  gegenüber  erblickte.  Es  war  dies  eine  Auffassung, ­
  welche  verständlich  war  in  einer  Periode  des  Überganges,
in  der  das  Alte  zusammengebrochen  war  und  man  von  dem  Neuen,
das  an  seine  Stelle  trat,  nur  erst  die  Nachteile  und  Schattenseiten
sehen  konnte  und  noch  nicht  in  der  Lage  war,  zu  erkennen,  welch
große  Fortschritte  auch  in  kultureller  und  sozialer  Beziehung  diese
neue  Entwicklung  für  alle  Schichten  der  Gesellschaft  mit  sich
bringen  würde.
Für  Sismondi  ist  das  Gleichgewicht  zwischen  Produktion  und
Konsumtion  die  grundlegende  Frage  der  Nationalökonomie.  Ist  es
diese  Wissenschaft  doch,  wie  er  es  einmal  ausgesprochen  hat,
welche  als  die  einzige  das  allgemeine  Wohlergehen  und  das  Glück
der  Menschen  zum  unmittelbaren  Zweck  hat,  und  hängt  dies  doch
in  entscheidender  Weise  von  dem  Vorhandensein  dieses  Gleichgewichtes ­
  ab.  Im  Gegensätze  zu  Say  und  Ricardo  hält  Sismondi
        <pb n="25" />
        22  Erster  Abschnitt.  Die  Erklärungen  der  Wirtschaftskrisen.

eine  absolute  Überproduktion  für  durchaus  möglich,  aber  erst  seit
dem  Bestehen  des  Systems  der  freien  Konkurrenz.  Unter  der  Herrschaft ­
  dieses  Systems  hat  die  Menschheit  die  Herrschaft  über  die
Größe  der  Gütererzeugung  verloren.  So  steht  die  Lehre  Sismondis
im  schärfsten  Gegensätze  zu  derjenigen  der  Hauptvertreter  der
klassischen  Nationalökonomie,  welche  ja  der  Meinung  gewesen
waren,  daß  gerade  dieses  System  der  freien  Konkurrenz  bewirke,
daß  allgemeine  Störungen  im  Prozeß  der  Güterproduktion  und  -Zirkulation ­
  ausgeschlossen  seien,  daß  beide  sich  vielmehr  in  voller
Harmonie  abwickeln  müßten.
Sehr  enge  Berührungspunkte  mit  diesen  Lehren  Sismondis
finden  sich  dann  in  den  Anschauungen  eines  der  großen  deutschen
Sozialisten  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts.  Es  war  Rodbertus
gewesen,  der  ebenfalls  eine  Unterkonsumtionstheorie,  wenn  auch  mit
anderer  Begründung,  vertreten  hat.
Der  Grundgedanke  seiner  Lehre  ist  der,  daß  bei  wachsender
Produktivität  der  Arbeit  der  Anteil  der  Arbeiterklasse  am  Gesamtertrag ­
  der  Nation  ein  immer  geringerer  werde.  Schon  im  Vorwort
seines  berühmten  ersten  sozialen  Briefes  an  v.  Kirchmann  spricht
er  dies  in  voller  Deutlichkeit  aus,  „daß  nämlich  die  Ursachen  des
Pauperismus  und  der  Handelskrisen  in  nichts  anderem  liegen,  als
daß  in  der  heutigen  staatswirtschaftlichen  Organisation  bei  der
steigenden  Produktivität  der  Arbeit  der  Lohn  der  arbeitenden
Klasse  eine  immer  kleinere  Quote  des  Nationalproduktes  wird...“
In  dem  zweiten  sozialen  Brief  an  v.  Kirchmann  sagt  er:  „Die
Armut  der  arbeitenden  Klasse  läßt  niemals  zu,  daß  ihr  Einkommen
ein  Bett  für  die  anschwellende  Produktion  abgebe.  Das  Übermaß
von  Produkten,  das  in  den  Händen  der  Arbeiter  nicht  bloß  deren
Lage  verbessern,  sondern  zugleich  ein  Gewicht  abgeben  würde,  um
den  Wert  des  bei  den  Unternehmern  verbleibenden  Restes  zu
steigern  und  diesen  damit  die  Bedingung  der  Fortsetzung  ihrer
Betriebe  in  dem  bisherigen  Umfange  zu  gewähren,  drückt  auf  seiten
der  Unternehmer  den  Wert  des  ganzen  Produktes  so  tief,  daß  jene
Bedingung  verschwindet  und  überläßt  im  besten  Falle  die  Arbeiter ­
  ihrem  gewohnten  Mangel.“
In  diesen  Handels-  oder  Absatzkrisen  erblickt  Rodbertus:  das
Grundübel  der  herrschenden  Wirtschaftsordnung.  Die  Auffassung
von  diesem  grundlegenden  Fehler  unserer  Wirtschaftsverfassung,
diesem  engen,  wechselseitigen  Verhältnis  von  fallender  Lohnquote,
Pauperismus  und  Handelskrisen  hat  für  Rodbertus  den  Ausgangspunkt ­
  gebildet,  um  damit  dieser  sozialen  Not  ein  Ende  zu  machen,
eine  andere  wirtschaftliche  Organisation  vorzuschlagen,  welche  auf
        <pb n="26" />
        1.  Die  älteren  Krisentlieorien.

dem  sozialistischen  Gedanken  eines  Gemeinbesitzes  an  Boden  und
Kapital  beruhen  sollte.
Eine  ganz  andere  Stellung  als  Rodbertus  hat  der  andere  grobe
Vertreter  des  wissenschaftlichen  Sozialismus,  Karl  Marx,  dem
Krisenproblem  gegenüber  eingenommen.  Wir  finden  bei  ihm  eigentlich ­
  keine  einheitliche,  in  sich  geschlossene  Krisentheorie.
Zunächst  finden  sich  Äußerungen  über  diese  Krisen  in  dem
kommunistischen  Manifest.  Was  er  hier  darüber  sagt,  knüpft
unmittelbar  an  die  großen  Erschütterungen  an,  welche  das  englische ­
  Wirtschaftsleben  in  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts
durch  solche  Krisen  erlitten  hatte.  Ungemein  anschaulich  und
plastisch  werden  hier  in  dem  kommunistischen  Manifest  die  verheerenden ­
  Wirkungen  dieser  Krisen  geschildert:  „Die  bürgerlichen
Produktions-  und  Verkehrsverhältnisse,  die  bürgerlichen  Eigentumsverhältnisse, ­
  die  moderne  bürgerliche  Gesellschaft,  die  so  gewaltige ­
  Produktions-  und  Verkehrsmittel  hervorgezaubert  hat,  gleicht
dem  Hexenmeister,  der  die  unterirdischen  Gewalten  nicht  mehr  zu
beherrschen  vermag,  die  er  heraufbeschwor.  Seit  Dezennien  ist  die
Geschichte  der  Industrie  und  des  Handels  nur  die  Geschichte  der
Empörung  der  modernen  Produktivkräfte  gegen  die  modernen  Produktionsverhältnisse, ­
  gegen  die  Eigentumsverhältnisse,  welche  die
Lebensbedingungen  der  Bourgeoisie  und  ihrer  Herrschaft  sind.  Es
genügt,  die  Handelskrisen  zu  nennen,  welche  in  ihrer  periodischen
Wiederkehr  immer  drohender  die  Existenz  der  ganzen  bürgerlichen
Gesellschaft  in  Frage  stellen.  In  den  Handelskrisen  wird  ein  großer
Teil  nicht  nur  der  erzeugten  Produkte,  sondern  der  bereits  geschaffenen ­
  Produktivkräfte  regelmäßig  vernichtet.  In  den  Krisen
bricht  eine  gesellschaftliche  Epidemie  aus,  welche  allen  früheren
Epochen  als  ein  Widersinn  erschienen  wäre  —  die  Epidemie  der
Überproduktion.  Die  Gesellschaft  findet  sich  plötzlich  in  einen
Zustand  moderner  Barbarei  zurückversetzt,  eine  Hungersnot,  ein
allgemeiner  Vernichtungskrieg  scheinen  ihr  alle  Lebensmittel  abgeschnitten ­
  zu  haben;  die  Industrie,  der  Handel  scheinen  vernichtet, ­
  und  warum?  Weil  sie  zu  viel  Zivilisation,  zu  viel  Lebensmittel, ­
  zu  viel  Industrie,  zu  viel  Handel,  besitzt.  Die  Produktivkräfte, ­
  die  ihr  zur  Verfügung  stehen,  dienen  nicht  mehr  zur  Beförderung ­
  der  bürgerlichen  Eigentumsverhältnisse;  im  Gegenteil,  sie
sind  zu  gewaltig  für  diese  Verhältnisse  geworden,  sie  werden  von
diesen  gehemmt;  und  sobald  sie  dies  Hemmnis  überwinden,  bringen
sie  die  ganze  bürgerliche  Gesellschaft  in  Unordnung,  gefährden  sie
die  Existenz  des  bürgerlichen  Eigentums.  Die  bürgerlichen  Verhältnisse ­
  sind  zu  eng  geworden,  um  den  von  ihnen  erzeugten
        <pb n="27" />
        24

Erster  Abschnitt.  Die  Erklärungen  der  Wirtschaftskrisen.

Reichtum  zu  fassen.  —  Wodurch  überwindet  die  Bourgeoisie  diese
Krisen?  Einerseits  durch  die  erzwungene  Vernichtung  einer  Masse
von  Produktivkräften;  andererseits  durch  die  Eroberung  neuer
Märkte  und  die  gründliche  Ausbeutung  alter  Märkte.  Wodurch
also?  Dadurch  also,  daß  sie  allseitigere  und  gewaltigere  Krisen
vorbereitet  und  die  Mittel,  den  Krisen  vorzubeugen,  vermindert.“
Am  eingehendsten  hat  sich  Karl  Marx  dort  über  das  Krisenproblem ­
  geäußert,  wo  er  in  seinem  Hauptwerke,  dem  „Kapital“,  über
den  tendenziellen  Fall  der  Profitrate  spricht.  Der  Grundgedanke
seiner  Darlegungen  ist  in  kurzen  Worten  der  folgende:
Ausgehend  von  seinem  Wertgesetz,  daß  sich  der  Wert  der  Güter
durch  das  Quantum  der  zu  ihrer  Herstellung  erforderlichen,  gesellschaftlich ­
  notwendigen  Arbeitszeit  bemißt,  ergibt  sich,  daß  der
Wert  einer  bestimmten  Menge  von  Produkten  von  der  Menge  des  von
den  Arbeitern  neu  erzeugten  Arbeitswertes  und  dem  Arbeitswerte  der
bei  dem  Produktionsprozeß  verbrauchten  und  angewandten  Produktionsmittel ­
  bestimmt  wird.  Der  Profit  des  Unternehmers  entsteht  dadurch, ­
  daß  derselbe  im  Lohne  den  Arbeitern  nicht  den  vollen  Wert
ihrer  Arbeit  vergütet  (Theorie  vom  Mehrwert).  Die  Entwicklung  der
kapitalistischen  Wirtschaft  geht  nun  dahin,  daß  infolge  des  technischen ­
  und  wirtschaftlichen  Fortschrittes  die  Bedeutung  der  Produktionsmittel ­
  gegenüber  der  einfachen  Arbeitskraft  stetig  wächst,
oder,  in  der  Terminologie  von  Marx  ausgedrückt,  daß  die  organische
Zusammensetzung  des  Kapitals  sich  fortdauernd  in  der  Weise  ändert,
daß  dessen  konstanter  Teil  rascher  als  sein  variabler  ansteigt.  Unter
dem  variablen  Kapital  ist  dabei  dasjenige  verstanden,  welches  für
Lohnzahlung  Verwendung  findet,  unter  dem  konstanten  alles  übrige
im  Produktionsprozeß  verwandte  Kapital.  Diese  Entwicklung  führt  dahin, ­
  daß  mit  zunehmender  Zahl  der  Arbeitskräfte  die  absolute  Masse
des  Mehrwertes,  d.  h.  des  Profits,  dauernd  zunimmt  und  das  Verhältnis
dieses  Mehrwertes  zu  dem  gesamten,  in  der  Produktion  tätigen  Kapital,
infolge  des  stärkeren  Wachstums  des  konstanten  dauernd  zum  Sinken
tendieren  wird.  Das  versteht  Marx  unter  dem  Gesetz  vom  tendenziellen ­
  Fall  der  Profitrate.  Die  Höhe  dieser  Profitrate  übt  nun  einen
entscheidenden  Einfluß  auf  die  kapitalistische  Produktion  aus.  Denn
der  Zweck  derselben  ist  ja  die  Schaffung  von  Mehrwert,  die  Erzeugung ­
  von  Profit.  Wenn  nun  die  Profitrate  sinkt,  so  ist  die  Folge
davon,  daß  sich  das  neu  entstehende  Kapital  nicht  mehr  genügend
verwerten  kann.  Es  entsteht  so  ein  Konflikt  zwischen  dem  Streben
des  Kapitals  nach  ständiger  Ausdehnung  der  Produktion  und  der  Unmöglichkeit, ­
  das  vorhandene  Kapital  in  entsprechender  und  gleichmäßiger ­
  Weise  verwerten  zu  können.  Die  Folge  muß  sein,  daß  ein
        <pb n="28" />
        1.  Die  älteren  Krisentheorien.

25

Teil  des  vorhandenen  Kapitals  brachgelegt,  vielleicht  sogar  vernichtet
wird.  Ein  Teil  der  vorhandenen  Produktionsmittel  würde  seine
Kapitaleigenschaft  verlieren,  d.  h.  vorhandene  Produktionsbetriebe
müßten  stillgelegt  werden.  Gleichzeitig  treten  jedoch  Momente  ein,
welche  wieder  nach  der  entgegengesetzten  Seite  hin  wirksam  sind.
Die  eben  dargelegte  Stockung  der  Produktion  hat  einen  Teil  der  Arbeitskräfte ­
  brach  gelegt.  Damit  tritt  eine  Verminderung  des  Arbeitslohnes ­
  ein  und  mit  dessen  Senkung  muß  der  relative  und  absolute
Mehrwert  wieder  steigen.  Der  durch  die  Krise  entstehende  Preissturz
und  der  dadurch  verschärfte  Konkurrenzkampf  stacheln  den  Kapitalisten ­
  an,  durch  Verwendung  neuer  Maschinen,  neuer  und  verbesserter ­
  Arbeitsmethoden,  den  Wert  seines  Gesamtproduktes,  d.  h.
die  Produktionskraft  eines  gegebenen  Quantums  Arbeit,  zu  steigern
und  damit  wieder  auf  eine  Hebung  der  Profitrate  hinzuarbeiten.  So
wird  wieder  eine  neue  Erweiterung  der  Produktion  vorbereitet;
denn  das  durch  die  frühere  Verminderung  der  Profitrate  und  die
hiermit  einsetzende  Krise  in  seinem  Wert  verminderte  Kapital  muß
seinen  alten  Wert  nun  wieder  gewinnen.  So  würde  unter  „erweiterten
Produktionsbedingungen,  mit  einem  erweiterten  Markt  und  mit  erhöhter ­
  Produktionskraft,  derselbe  fehlerhafte  Kreislauf  wieder  durchgemacht ­
  werden“.  „Und  so  würde  der  Zirkel  von  neuem  durchlaufen.“ ­
  Mit  dem  allergrößten  Nachdruck  hat  Karl  Marx  immer
wieder  diese  Periodizität  der  Krisen  betont.
Auch  Friedrich  Engels  hat  auf  dem  gleichen  Standpunkt  einer
notwendigen  Widerholung  der  Krisen  in  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung ­
  gestanden  und  ihre  dauernde  Wiederkehr  vor  allem
auf  die  übermächtig  werdenden  Produktivkräfte  zurückgeführt.  Er
bat  es  auch  vor  allem  in  sehr  anschaulicher  Weise  verstanden,
die  verhängnisvollen  Wirkungen  dieser  großen  Krisen  darzulegen.  In
seiner  Streitschrift  gegen  Dühring 1 )  sagt  er  darüber:
„In  der  Tat,  seit  1825,  wo  die  erste  allgemeine  Krisis  ausbrach,
geht  die  ganze  industrielle  und  kommerzielle  Welt,  die  Produktion
und  der  Austausch  sämtlicher  zivilisierter  Völker  und  ihrer  mehr  oder
weniger  barbarischen  Anhängsel  so  ziemlich  alle  zehn  Jahre  einmal
aus  den  Fugen.  Der  Verkehr  stockt,  die  Märkte  sind  überfüllt,  die  Produkte ­
  liegen  da,  ebenso  massenhaft  wie  unabsetzbar,  das  bare  Geld
wird  unsichtbar,  der  Kredit  verschwindet,  die  Fabriken  stehen  still,
die  arbeitenden  Massen  ermangeln  der  Lebensmittel,  weil  sie  zu  viel
Lebensmittel  produziert  haben,  Bankerott  folgt  auf  Bankerott,  Zwangsverkauf ­
  auf  Zwangsverkauf.  Jahrelang  dauert  die  Stockung,  Pro-Q
  Herrn  Eugen  Dührings  Umwälzung  der  Wissenschaft.  3.  Aufl.  1894.
        <pb n="29" />
        26

Erster  Abschnitt.  Die  Erklärungen  der  Wirtschaftskrisen.

duktivkräfte  wie  Produkte  werden  massenhaft  vergeudet  und  zerstört,
bis  die  aufgehäuften  Warenmassen  unter  größerer  oder  geringerer  Entwertung ­
  endlich  abfließen,  bis  Produktion  und  Austausch  allmählich
wieder  in  Gang  kommen.  Nach  und  nach  beschleunigt  sich  die
Gangart,  fällt  in  Trab,  der  industrielle  Trab  geht  über  in  Galopp,  und
dieser  steigert  sich  wieder  bis  zur  zügellosen  Karriere  einer  vollständigen ­
  industriellen,  kommerziellen,  kreditlichen  und  spekulativen
Steeple-chase,  um  endlich  nach  den  halsbrechendsten  Sprüngen
wieder  anzulangen  —  im  Graben  des  Krachs.  Und  so  immer  von
neuem.  Das  haben  wir  nun  seit  1825  volle  fünf  Mal  erlebt  und  erleben ­
  es  in  diesem  Augenblick  (1877)  zum  sechstenmal.  Und  der
Charakter  dieser  Krisenist  so  scharf  ausgeprägt,  daß  Fourier  sie  alle
traf,  als  er  die  erste  bezeichnete  als:  crise  plethorique,  Krisis  aus
Überfluß.“
„In  den  Krisen  kommt  der  Widerspruch  zwischen  gesellschaftlicher ­
  Produktion  und  kapitalistischer  Aneignung  zum  gewaltsamen
Ausbruch.  Der  Warenumlauf  ist  momentan  vernichtet;  das  Zirkulationsmittel, ­
  das  Geld,  wird  Zirkulationshindernis,  alle  Gesetze  der
Warenproduktion  und  Warenzirkulation  werden  auf  den  Kopf  gestellt. ­
  Die  ökonomische  Kollision  hat  ihren  Höhepunkt  erreicht;
die  Produktionsweise  rebelliert  gegen  die  Austauschweise, ­
  die  Produktionskräfte  rebellieren  gegen  die
Produktionsweise,  der  sie  entwachsen  sind.“
Auch  diese  Krisentheorien  von  Marx  und  Engels  betonen  also
mit  Nachdruck  die  periodische  Wiederkehr  dieser  wirtschaftlichen
Störungen.  Es  war  dies  eine  Auffassung,  wie  sie  damals  weithin
herrschend  war  und  wie  wir  ihr  auch  .heute  noch  häufig,  wenn  auch
zum  Teil  in  anderer  Gestalt,  begegnen.
Bezeichnet  man  die  Zeit,  in  welcher  sich  dieser  Auf-  und  Niedergang ­
  im  Wirtschaftsleben  abspielt,  mit  John  Mills 1 )  ausManchester
als  Kreditperioden,  und  nimmt  ,man  ihre  Dauer  erfahrungsgemäß  mit
rund  zehn  Jahren  an,  so  kann  man  innerhalb  derselben  immer  wiederkehrend ­
  eine  ziemlich  gleichartige  Entwicklung  beobachten.  „In
den  ersten  Jahren  wird  ein  flauer  Handel  und  geringe  Arbeitsgelegenheit ­
  zu  beobachten  sein,  die  Preise  werden  sinken,  der  Zinsfuß  tief
stehen,  und  es  wird  viel  Armut  geben.  Alsdann  werden  drei  Jahre
voll  tatkräftigen,  gesunden  Lebens  kommen,  verbunden  mit  mäßig
steigenden  Preisen,  einem  gemäßigten  Zinsfuß,  guter  Arbeitsgelegen-.

1 )  Transactions  of  the  Manchester  Statistical  Society  1867/68.  On  Credit ­
  Cycles  and  the  Origin  of  commercial  Panics.  Cit.  nach  J  e  v  o  n  s,  The
Periodicity  of  Commercial  Crisis  and  its  Physical  Explanation.  Investigations
  in  Currency  and  Finance.  London  1884.
        <pb n="30" />
        27

2.  Die  neueren  Krisentheorien.

heit  und  besseren  Kreditverhältnissen.  Hierauf  folgen  mehrere  Jahre
mit  übermäßig  gesteigertem  Handelsgetriebe,  die  in  eine  Gründerperiode ­
  oder  Spekulationswut  auslaufen  und  mit  einem  Zusammenbruch ­
  endigen.  Dieser  Zusammenbruch  wird  den  letzten  Teil  der
zehn  Jahre  ausfüllen,  so  daß  die  ganze  Kreditperiode  sich  in  folgender ­
  Weise  durchschnittlich  darstellen  wird“:

1.,  2.  und  3.

4.,  5.  und  6.

7.  und  8.

9.

10.

Jahr

Jahr

Jahr

Jahr

Jahr

Flauer

Gesunder

Erregter

Gründer-Zusammen-





Handel

Handel

politik

bruch

„Es  ist  nicht  anzunehmen,  daß  die  Dinge  gerade  einen  so  regelmäßigen ­
  Verlauf  wie  den  obengeschilderten  nehmen,  zuweilen  dauert
die  Periode  nur  neun,  oder  gar  nur  lacht  Jahre,  anstatt  zehn,  zuweilen
treten  kleinere  Gründerperioden  und  Krisen  im  Verlauf  einer  Kreditperiode ­
  auf  und  stören  ihre  Regelmäßigkeit.  Trotzdem  ist  es  auffallend, ­
  wie  häufig  der  große  Zusammenbruch  am  Ende  der  Periode
auftritt,  trotz  Krieg,  Frieden  und  anderer  Einflüsse.“
Wir  sehen  hier  bereits  gewisse  Ansätze  dazu,  die  Entwicklung
der  Konjunkturen  in  ihrem  ganzen  Zusammenhänge  zu  betrachten,
eine  Art  der  Auffassung,  wie  sie  dann  in  neuerer  Zeit  ganz  allgemein ­
  durchgedrungen  ist.
2.  Die  neueren  Krisentheorien  und  die  Erforschung
des  Konjunkturwandels.
Seit  der  Zeit,  in  welcher  diese  eben  dargestellten  Theorien  aufkamen, ­
  hat,  so  etwa  bis  zum  Beginne  unseres  Jahrhunderts,  die  Krisentheorie ­
  und  die  Erforschung  der  Konjunktur  keine  nennenswerten
weiteren  Fortschritte  gemacht.  ,  Je  nach  den  wirtschafts-  und  sozialpolitischen ­
  Anschauungen  wurde  in  der  Diskussion  über  diese
Fragen  manchmal  die  eine,  dann  wieder  die  andere  der  oben  dargestellten ­
  Erklärungen  in  den  Vordergrund  gestellt.  Erst  mit  dem
Beginn  des  20.  Jahrhunderts  ist  in  dieser  Hinsicht  ein  großer  Fortschritt ­
  eingetreten.  Das  Wesen  dieses  Fortschritts  lag  vor  allem  in
einer  ganz  neuen  Betrachtungsweise.  Den  äußeren  Anlaß  dazu  boten
die  wirtschaftlichen  Störungen,  welche  gleich  zu  Beginn  dieses  Jahrhunderts, ­
  vor  allem  lauch  in  Deutschland,  eingetreten  sind.  In  den
vorangegangenen  Jahren  hatte  sich  die  deutsche  Wissenschaft  weniger
mit  der  Erklärung  solcher  Krisen  aus  allgemeineren  Ursachen
heraus,  sich  weniger  auch  mit  einem  gründlichen  Studium  des
ganzen  Konjunkturwandels  beschäftigt,  als  in  induktiv  beschreiben ­
        <pb n="31" />
        28

Erster  Abschnitt.  Die  Erklärungen  der  Wirtschaftskrisen.

der  Weise  lediglich  eine  Darstellung  und  Entwicklung  der  damals
auftretenden  Krisen  gegeben.  ,
Schon  der  Historiker  der  Krisen,  M.  Wirth,  hatte  in  seinem
Buche  über  die  Geschichte  der  Handelskrisen  die  Theorie  so  gut  wie
nicht  berührt,  nur  den  Ausbruch  und  Verlauf  dieser  Krisen  dargestellt ­
  und  fast  alle  anderen  Arbeiten,  welche  in  dem  Menschenalter
1870—1900  bei  uns  über  die  Krisen  erschienen  sind,  hatten  sich  in
den  gleichen  Bahnen  bewegt 1 ).  Von  den  älteren  Theorien  war  es
vor  allem  die  Unterkonsumtionstheorie,  welche  in  dieser  Zeit  einen
größeren  Einfluß  ausgeübt  hat.  Man  hat  auch  damals  vielfach
geglaubt,  daß  mit  dem  Aufkommen  der  Kartelle  und  einer  dadurch
ermöglichten  besseren  Organisation  der  industriellen  Produktion  ein
starker  Schutz  vor  dem  Eintreten  neuer  Krisen  liege.  t
Ein  wesentlicher  Fortschritt  all  dem  gegenüber  trat  also  erst  mit
der  Jahrhundertwende  in  Anknüpfung  an  die  damals  eingetretene
schwere  Wirtschaftskrise  ein.  Der  Fortschritt  in  der  Betrachtung  lag
dabei  vornehmlich  in  einem  Doppelten:  einmal  darin,  daß  durch  die
umfassenden  Untersuchungen  des  Vereins  für  Sozialpolitik  die  Entwicklung ­
  des  deutschen  Wirtschaftslebens  in  den  letzten  Jahren  vor  Eintritt ­
  der  Krise  und  dann  deren  Formen  und  Wirkungen  für  die
einzelnen  Erwerbszweige  eine  eingehende  Darstellung  gefunden  haben.
Was  das  Wichtigste  aber  war,  war  dies,  daß  nicht  nur  das  Eintreten
der  Krise  und  ihre  Wirkungen,  sondern  auch  die  ganze  Entwicklung
geschildert  wurde,  welche  zu  ihrer  Entstehung  geführt  hatte.  Es
handelte  sich  also  in  diesen  auch  noch  heute  überaus  lehrreichen
Untersuchungen  im  wesentlichen  um.  eine  Darstellung  der  Konjunkturentwicklung ­
  in  Deutschland  in  dem  Jahrzehnt  1890—1900 *  2 ).
Im  engen  Anschluß  an  diese  Untersuchungen  ist  dann  aber  auch
die  ganze  theoretische  Forschung  auf  eine  neue  und  breitere  Grundlage ­
  gestellt  worden.  Man  suchte  nun  nicht  mehr  die  Krise  als  solche,
den  Zusammenbruch  des  Wirtschaftslebens  allein  für  sich  zu  erklären, ­
  sondern  man  begann  den  ganzen  Ablauf  der  Konjunktur,
Aufschwung  und  Niedergang,  in  ihrer  Entstehung  und  gegenseitigen ­
  Verknüpfung:  zu  untersuchen.  Schon  in  dem  eben  gegebenen
Schema  von  John  Mills  zeigten  sich  ja  schwache  Ansätze  zu  einer
solchen  Betrachtungsweise.  Seit  dieser  großen  Wirtschaftskrise  zu
Beginn  des  Jahrhunderts  ist  eine  reiche  und  wertvolle  Literatur  über
x )  Die  wichtigste  hierher  gehörige  Literatur  ist  am  Schlüsse  des  folgenden ­
  Abschnittes,  der  die  Entwicklung  der  Konjunktur  in  Deutschland
schildert,  genannt.
2 )  Der  in  dem  Bande  105  der  Vereinsschriften  abgedruckte  Fragebogen
der  diesen  Untersuchungen  zugrunde  gelegen  hat,  ist  für  diese  Betrachtungsweise ­
  besonders  kennzeichnend.
        <pb n="32" />
        2.  Die  neueren  Krisentheorien.

29

diese  Frage  entstanden,  durch  welche  unsere  Kenntnis  dieser  wichtigen ­
  Zusammenhänge  sehr  bereichert  worden  ist.  Eine  kurze  Übersicht ­
  über  einige  der  wichtigsten  dieser  neueren  Erklärungsversuche
soll  zeigen,  worin  das  Wesentliche  dieses  Fortschrittes  bestanden  hat.
Eine  gewisse  Beziehung  zu  der  älteren  Auffassungs-  und  Betrachtungsweise, ­
  welche  vor  allem  die  Zeit  und  die  Ursachen  des
Niederganges,  also  die  eigentliche  Krise,  erklären  wollte,  hat  die
Krisentheorie  von  Tugan-Baranowsky,  auf  welche  zuerst  kurz
eingegangen  werden  soll.  Sie  steht  auch  in  keinem  Zusammenhänge
mit.  den  damaligen  Störungen  im  deutschen  Wirtschaftsleben,  sondern
baut  vor  allem  auf  den  Erfahrungen  des  englischen  Wirtschaftslebens
auf.  Die  Auffassung  Tugan-Baranowskvs  berührt  sich  auf  der  einen
Seite  sehr  enge  mit  den  Lehren  der  klassischen  Nationalökonomie,
denn  er  hält  an  dem  Grundgedanken  der  Lehre  von  James  Mill,
Ricardo  und  Say  fest,  daß  sich  in  der  Gesamtsumme  Angebot  und
Nachfrage  auf  dem  Warenmärkte  decken  müssen.  Auf  der  anderen
Seite  hat  er  als  Sozialist  sehr  enge  Berührungspunkte  mit  den  Lehren
des  Sozialismus,  vor  allen  mit  denjenigen  von  ,Karl  Marx.  Er  hält
auch  an  der  Lehre  von  der  Periodizität  der  Krisen  fest.  Das
Wesentliche  für  die  Entstehung  der  Krisen  liegt  für  Tugan-Baranowski
  in  der  Tatsache,  daß,  die  verschiedenen  Zweige  der  Produktion
sich  nicht  gleichmäßig  entwickeln  und  daß  sich  hieraus  dann  Störungen ­
  ergeben.
„In  Phasen  des  Aufschwunges  wird  das  neue  stehende  Kapital
der  Gesellschaft  geschaffen.  Die  ganze  gesellschaftliche  Industrie
nimmt  eine  eigenartige  Schichtung  an.  Die  Erzeugung  der  Produktionsmittel ­
  wird  in  den  Vordergrund  gerückt.  Eisen,  Maschinen,
Instrumente,  Schiffe,  Baumaterialien  werden  in  viel  größerer  Menge
als  früher  gefordert  und  hergestellt.  Am  Ende  ist  das  neue  stehende
Kapital  fertig;  neue  Fabriken,  neue  Schiffe,  neue  Häuser  sind  gebaut,
neue  Eisenbahnlinien  sind  ausgeführt.  Da  vermindern  sich  aber  die
Neugründungen.  Die  Nachfrage  nach  allen  Materialien,  welche  die
Elemente  des  stehenden  Kapitals  bilden,  erfährt  eine  Einschränkung.
Die  Einteilung  der  Produktion  hört  auf,  proportioneil  zu  sein,  Maschinen, ­
  Instrumente,  Eisen,  Ziegelsteine,  Bauholz  werden  weniger
als  früher  verlangt,  weil  die  Neugründungen  abgenommen  haben.  Da
aber  die  Produzenten  der  Produktionsmittel  ihr  Kapital  aus  ihren
Unternehmen  nicht  herausziehen  können,  und  zudem  erfordert,
die  Größe  des  angelegten  Kapitals  in  Form  der  Bauten,  Maschinen
usw.  eine  Fortführung  der  Produktion  (sonst  wirft  das;  müßig  dastehende ­
  Kapital  keine  Zinsen  ab),  so  entsteht  eine  Überproduktion
der  Produktionsmittel.  Infolge  der  Abhängigkeit  aller  Produktions-Mombert,
  Stadium  der  Konjunktur.  3
        <pb n="33" />
        30

Erster  Abschnitt.  Die  Erklärungen  der  Wirtschaftskrisen.

zweige  voneinander  wird  die  partielle  Überproduktion  zu  einer  allgemeinen. ­
  Die  Preise  aller  Waren  sinken,  und  es  tritt  eine  allgemeine
Geschäftsstockung  ein.“  (S.249—50.)
Bei  einer  proportionellen  Einteilung  der  gesellschaftlichen  Produktion ­
  müßte,  wie  Tugan-Baranowsky  nachzuweisen  sucht,  auch  die  Nachfrage ­
  eine  entsprechende  Erweiterung  erfahren,  da  jede  neuproduzierte ­
  Ware  eine  neuerschienene  Kaufkraft  für  die  Erwerbung  anderer
Waren  bedeutet.  Aus  dieser,  heute  unvermeidlichen  Disproportionalität ­
  in  der  Entwicklung  der  einzelnen  Produktionszweige  ergibt  sich
für  ihn  dann  der  unvermeidliche  Widerspruch  in  der  kapitalistischen
Produktion,  daß  die  Konsumtion  als  bestimmender  Faktor  für  das
Wirtschaftsleben  so  gut  wie  ganz  zurücktritt  und  daß  die  Produktion
das  beherrschende  Moment  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  wird.
Aus  den  Widersprüchen  der  kapitalistischen  Produktionsweise,  aus
der  Tatsache,  daß  die  Produktionsmittel  Personen  gehören,  welche  an
der  Produktion  nicht  teilnehmen,  und  aus  der  Planlosigkeit  der
gesellschaftlichen  Produktion  müssen  also  heute  diese  Krisen  entstehen. ­

„Aus  dem  Vorhandensein  dieses  Widerspruches  geht  aber  die  beschränkte ­
  historische  Rolle  des  Kapitalismus  klar  hervor;  die
kapitalistische  Gesellschaft  ist  eine  Klassengesellschaft,  die  kapitalistische ­
  Organisation  ist  eine  Wirtschaftsorganisation  im  Interesse
nicht  der  gesamten  Bevölkerung,  sondern  nur  ihrer  unbedeutenden
Minorität  —  der  Besitzer  der  Produktionsmittel.  Daher  muß  die  weitere
Entwicklung  der  kapitalistischen  Wirtschaft  zu  ihrer  Umwandlung  in
eine  höhere  Form  führen,  die  dieses  Widerspruches  entkleidet  sein
wird.  Die  Organisation  der  Volkswirtschaft  muß  ebenso  planmäßig
von  einem  einheitlichen  Gedanken  durchdrungen  und  im  Interesse
ihres  Subjekts,  der  Gesellschaft,  aufgebaut  werden,  wie  planmäßig,
zielbewußt  und  im  Interesse  ihres  Subjektes  die  Privatwirtschaft
heute  aufgebaut  ist.  Solche  Wirtschaftsorganisation  heißt  aber  Sozialismus.“ ­

Diese  Disproportionalität  der  einzelnen  Produktionszweige,  die
sich  im  Verlauf  der  Hausse  herausgebildet,  eine  Lehre,  die  sich  in
ihren  wichtigsten  Bestandteilen  bereits  bei  der  klassischen  Nationalökonomie ­
  vorfindet,  bildet  auch  einen  wesentlichen  Bestandteil
anderer  neuer  Krisentheorieen,  so  vor  allem  von  derjenigen  von
Spiethoff.  Dieser  hat  sich  jedoch  zum  Teil  andere  Ziele  gesetzt
als  Tugan-Baranowsky.  Ihm  kommt  es  nicht  so  sehr  darauf  an,
die  Krise  als  solche  zu  erklären,  als  vielmehr  eine  neue  Analyse  der
Hausse  in  ihren  ganzen  Gestaltungen  und  Wirkungen  zu  geben.  Dieses
Streben  geht  vor  allem  von  der  neuerdings  von  manchen  vertretenen
        <pb n="34" />
        2.  Die  neueren  Krisentheorien.

31

Anschauung  aus,  daß  gerade  die  Hausse  das  Anormale,  die  Depression ­
  dagegen  das  Normale  in  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  sei.
Die  Zeit  der  Stagnation  in  der  Volkswirtschaft  sei  von  wirtschaftlichen ­
  Gesichtspunkten  aus  gar  nicht  so  ungünstig  zu  beurteilen,  sie  sei
eigentlich  der  natürliche  Zustand  des  modernen  Wirtschaftslebens.
Die  Hausse  selbst  zerfällt  nach  Spiethoff  in  vier  Stadien:
„Der  erste  Einfluß  der  Hausse  auf  die  Warenerzeugung  besteht
darin,  daß  die  vorhandenen  Produktionsanlagen  voll  ausgenutzt
werden.  Es  folgt  ein  zweites  Stadium,  in  dem  neue  Produktionsanlagen ­
  geschaffen  werden.  Dies  ist  diejenige  Periode,  in  der  es  sich
um  ein  wirkliches  Knappsein  von  Kapitalien  handelt.  Die  Neuanlagen ­
  verschlingen  erhebliche  Investierungen  und  bedingen  einen
großen  reproduktiven  Konsum,  ohne  daß  zunächst  die  Erzeugnisse  des
erweiterten  Reproduktionsprozeßes  als  Gegengewicht  auftreten.  Dies
geschieht  in  einem  dritten  Stadium,  wo  Neugründungen  nicht  nur  als
Nachfrager,  sondern  auch  als  Anbieter  erscheinen;  es  beginnt  die
Zeit,  in  der  die  hohen  Preise  bereits  gefährdet  werden.  Die  letzte
Periode  ist  eine  Umkehrung  der  zweiten,  eine  fieberhaft  vermehrte
Produktion  wirft  ihre  Erzeugnisse  auf  den  Markt,  ohne  daß  ihr  ein
gleicher  Verbrauch  entspricht.  Die  Herleitung  dieses  Zustandes  ist
das  Entscheidende.“
Die  Hausse  und  spätere  Überproduktion  kulminiert  nicht  in  den
Produkten  des  elementaren,  immittelbaren  Verbrauchs,  sondern  in
denen  der  großen  Industrien,  die  dem  reproduktiven  Konsum
dienen.“
Eine  Grenze  für  diesen,  während  der  Hausse  gewaltig  angestiegenen ­
  reproduktiven  Konsum  ist  jedoch  nicht  nur  durch  die  Bedürfnisse ­
  gesetzt,  sondern  auch  durch  das  zur  Verfügung  stehende
Kapital.  Zunächst  steht  solches  durch  die  in  der  Depression  angesammelten ­
  Vorräte  in  erheblicherem  Umfange  zur  Verfügung,  aber
in  dem  Maße,  wie  dieses  Kapital  langsam  in  die  Produktion  eingeht, ­
  muß  dann  immer  wieder  auf  neugebildetes  Kapital  zurückgegriffen ­
  werden.  Der  reproduktive  Konsum  wird  zunächst  ins
Stocken  geraten  „durch  Erledigung  besonderer  neuer  oder  aufgelaufener ­
  alter  Aufgaben,  durch  Aufbrauch  des  müßigen  Kapitalvorrates, ­
  durch  Nichtanpassung  der  Preise  und  dadurch  Nichtgewinnung
neuer  Absatzkreise  sowohl  für  den  reproduktiven  wie  für  den
unmittelbaren  Konsum“.  Es  treten  noch  andere  Faktoren  hinzu, ­
  welche  diese  Entwicklung  verstärken  helfen.
„Mit  der  extensiven  Ausdehnung  des  Kreises  von  Einzel-  und
Volkswirtschaften,  die  in  steigenden  intensiven  Kontakt  und  arbeitsteilige ­
  Abhängigkeit  voneinander  treten,  .werden  immer  zahlreichere
        <pb n="35" />
        32

Erster  Abschnitt.  Die  Erklärungen  der  Wirtschaftskrisen.

Glieder  in  die  Krisen  verpachten,  so  daß  ihr  Geltungsbereich
extensiv  erheblich  zunimmt,  und  auch  weiteste  Kreise  mit  zunehmender ­
  Extensität  in  ihren  wirtschaftlichen  Verhältnissen  abhängig
werden  von  der  allgemeinen  Marktlage,  von  den  Konjunkturen.“
Die  dritte  Theorie,  auf  welche  hier  noch  etwas  eingehender
eingegangen  werden  soll,  ist  diejenige  Bouniatans.  Seine  Analyse
des  Wirtschaftszyklus  hat  ihm  gezeigt,  „daß  die  Überkapitalisation
die  Grundlage  des  Wirtschaftslebens  bildet  und  daß  diese  Überkapitalisation ­
  aus  der  Akkumulationstendenz  der  Privatwirtschaften  entspringt“. ­
  Die  privatwirtschaftlichen  Motive  dieser  Akkumulation
bieten  einmal  keine  Garantie  für  eine  ihr  entsprechende  Steigerung
der  Konsumtion,  sie  schließen  sie  sogar  vielfach  aus.  Bei  denjenigen,
weiche  im  Kapitalbesitz  nur  das  Mittel  zur  Erlangung  von  Macht  und
höherer  Stellung  sehen,  drängt  dieser  Zweck  die  konsumtiven  Rücksichten ­
  vollständig,  zurück.  Diese  Tendenz  berührt  zunächst  die
Aufschwungsperioden  mit  den  hohen  Preisen  und  schließlicher  Überproduktion ­
  von  Gütern.  Dieser  privatwirtschaftliche  Ausgangspunkt
setzt  sich  auch  weiter  in  der  Produktion  fort.  Der  Unternehmer
produziert  nicht,  um  damit  den  Bedarf  der  Gesellschaft  zu  befriedigen, ­
  sondern  um  mit  Men  hergestellten  Produkten  einen  Gewinn
zu  erhalten.  Es  ist  ihm  immer  nur  um  die  Herstellung  der  Waren
zu  tun.
Für  die  Entstehung  der  Krisen  kommt  in  erster  Linie  die  sogenannte ­
  Überkapitalisation  in  Betracht,  d.  h,  die  Volkswirtschaft  wird
stärker  mit  Kapitalanlagen  und  Produktivkräften  ausgerüstet,  als
den  vorhandenen  Konsumtionsmöglichkeiten  entspricht.  Aus  dieser
Tatsache  ergibt  sich  eine  Tendenz  zu  einer  Überproduktion  auf  dem
Warenmärkte.  Wenn  die  Konsumtion  die  steigenden  Produktionsmengen ­
  nicht  mehr  aufnehmen  kann,  muß  unbedingt  am  Ende  einer
Aufschwungsperiode,  welche  mit  einer  solchen  Überproduktion  eingeleitet ­
  wird,  eine  Stockung  in  den  Absatzverhältnissen  eintreten.
Es  entsteht  eine  Spannung  zwischen  Produktion  und  Konsumtion,
welche  ihren  Ausdruck  in  einem  Preisrückgang  findet.  Dieser  Preisrückgang ­
  „erscheint  als  ein  Mittel,  die  Widersprüche  zwischen  Kapitalisation,
  Produktion  und  Konsumtion  aufzuheben  oder  wenigstens  zu
mildern“.  Mit  Eintritt  der  Krise  werden  große  Mengen  von  Kapital
brachgelegt.  „Die  periodischen  Wirtschaftskrisen  sind  eigentlich
nichts  anderes  als  Perioden  gewaltsamer,  plötzlich  eintretender  Dekapitalisation
  von  ungewöhnlichem  Umfang,  die  sich  nach  Perioden
von  forcierter,  auf  reproduktivem  Konsum  beruhender  Kapitalisation
als  notwendig  erweisen.“  In  der  Depression  beginnt  nun  die  Konsumtion ­
  als  Folge  einer  Verbilligung  der  Preise  zuzunehmen.  In  der
        <pb n="36" />
        2.  Die  neueren  Krisentlieorien.

33

Depression  wächst  nach  der  Ansicht  Bouniatans  die  Konsumtion  im
Verhältnis  zu  der  Größe/der  Produktion.  Gleichzeitig  mit  dieser  Entwicklung ­
  gehen  Kapitalbeträge  der  Volkswirtschaft  in  den  Konsum  über.
Damit  geht  die  vorhandene  Überkapitalisation  zurück,  und  so  entsteht
die  Tendenz,  einen  Gleichgewichtszustand  zwischen  der  Größe  der
Produktion  und  dem  Bedarf  der  Gesellschaft  herbeizuführen.  Diese
Tendenz  zur  Überproduktion  ist  aus  den  genannten  Gründen  in  der
gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung  immer  vorhanden.  „Daher  die  Unstetigkeit ­
  des  Wirtschaftslebens  und  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit,
die  bald  aufwärts  zum  Aufschwung  und  zur  Überproduktion,  bald
abwärts  zur  Depression  und  zur  Brachlegung  von  Produktivkräften
strebt.  Das  inhärente  Streben  der  im  Dienste  der  unumschränkten
Kapitalisation  stehenden  Produktivkräfte  nach  Entfaltung  und  die
Notwendigkeit,  die  Produktivität  in  Übereinstimmung  mit  der  wenig
expansiven  Konsumtion  einzuschränken,  erschweren  die  Erhaltung
des  Gleichgewichts  im  Wirtschaftsleben  und  erzeugen  seinen  periodischen ­
  Auf-  und  Niedergang.“
Neben  diesen,  bisher  etwas  eingehender  dargestellten  Theorien
und  Erklärungen  stehen  noch  manche  andere,  die  in  interessanter
und  beachtenswerter  Weise  auf  wichtige  Zusammenhänge  bei  dem
Wandel  der  Konjunkturen  hingewiesen  haben.  Auf  sie  soll  deshalb
an  dieser  Stelle  noch  kurz  eingegangen  werden.
Der  Franzose  Aftalion  macht  den  Versuch,  durch  Heranziehung
der  subjektiven  Wertlehre,  mit  Hilfe  der  Grenznutzentheorie  die  Möglichkeit ­
  einer  allgemeinen  Überproduktion  darzutun,  ohne  doch  damit
in  Widerspruch  zu  der  oben  dargelegten  Theorie  der  Absatzwege  von
Say  zu  geraten.  Hatte  Say  eine  solche  allgemeine  Überproduktion
doch  für  unmöglich  erklärt!  Aftalion  meint,  daß  im  Verlauf  der
Hausse  mit  zunehmender  Menge  der  den  Verbrauchern  zur  Verfügung
gestellten  Waren  eine  gewisse  Sättigung  des  Bedarfes  eintreten  muß,
die  zur  Folge  hat,  daß  ihr  Gebrauchswert,  d.  h.  ihr  Grenznutzen  eine
Verminderung  erfährt.  Ohne  daß  hierbei  das  Wertverhältnis  dieser
Waren  sich  gegenseitig  ändert,  kann  damit  ein  Sinken  der  Preise  eintreten. ­
  In  dem  Maße,  in  dem  bei  den  einen  Waren  so  der  Grenznutzen ­
  zurückgeht,  wird  er  bei  anderen  steigen  müssen.  Aber  infolge
der  langen  Dauer  des  Produktionsprozesses  kann  dieser  so  steigende
Bedarf  nicht  befriedigt  ; werden.  In  dem  Maße  nun,  in  welchem  auf
dieser  Grundlage  die  Preise  auf  dem  Warenmärkte  einen  bestimmten
Betrag  unterschritten  haben,  muß  eine  Überproduktion  und  damit,
eine  Krise  entstehen.
Hilf  erdin  g  hält  in  ähnlicher  Weise  wie  Marx  und  Tugan-Baranowsky
  die  Krise  für  ein  Produkt  der  kapitalistischen  Gesell ­
        <pb n="37" />
        34

Erster  Abschnitt.  Die  Erklärungen  der  Wirtschaftskrisen.

schaft,  in  welcher  sich  unvermeidlich  ein  Kreislauf  von  Prosperität
und  Depression  vollziehen  müsse.  Erst  die  Verwandlung  der  Produkte ­
  in  Waren  bewirkt  die  Abhängigkeit  des  Produzenten  vom
Markte,  die  Trennung  der  Produktion  von  der  Konsumtion  und  schafft
damit  jenen  anarchischen  Zustand,  der  ein  so  wesentliches  Merkmal ­
  der  kapitalistischen  Wirtschaftsordnung  ist.  In  ihr  ist  die  Produktion ­
  nicht  mehr  wie  auf  früheren  Stufen  des  Wirtschaftslebens
abhängig  von  der  Konsumtion,  von  der  Größe  des  Bedarfes,  sondern
von  den  Verwertungsbedürfnissen  des  Kapitals.  Die  Produktion
dient  nicht  mehr  der  Bedarfsdeckung,  sondern  steht  im  Dienste  dieses
Verwertungsbedürfnisses.  In  sehr  lesenswerten  Darlegungen  sucht
Hilferding  diese  Zusammenhänge  im  einzelnen  nachzuweisen.
Auch  die  scharfsinnige  Konjunkturtheorie  des  schwedischen
Nationalökonomen  Gustav  Cassel  sei  hier  noch  kurz  berührt.
Cassels  Darlegungen  zeichnen  sich  besonders  dadurch  aus,  daß  er
eingehend  die  Merkmale  und  Symptome  des  Konjunkturwandels
untersucht  und  seine  Wirkungen  auf  die  verschiedensten  Seiten  des
wirtschaftlichen  und  sozialen  Lebens  festsetzt.  Es  sind  dies  Zusammenhänge, ­
  welche  in  den  folgenden  Abschnitten  ebenfalls  eine
eingehende  Behandlung  finden  werden.
Eine  der  wichtigsten  Ursachen  des  Konjunkturwandels  ist  für
Cassel  die  Änderung  in  der  Höhe  des  Kapitalzinses.  Die  Krise  entsteht ­
  für  ihn  aus  einem  akuten  Mangel  an  Kapital,  und  von  dieser
Auffassung  ausgehend,  wendet  er  sich  folgerichtig  gegen  die  von  den
Sozialisten  vertretene  Auffassung,  daß  mit  einer  Beseitigung  des
kapitalistischen  Unternehmertums  diese  Konjunkturschwankungen
fortfallen  müssen.  ,  Denn,  da  nach  der  Meinung  Cassels  diese
Schwankungen,  und  Störungen  damit  Zusammenhängen,  daß  das  vorhandene ­
  Kapital  nicht  ausreicht,  die  materiellen  Fortschritte  zur
Durchführung  zu  bringen,  so  liegt  kein  Grund  vor,  anzunehmen,
warum  dieser  Widerstreit  nicht  auch  in  einer  Wirtschaftsordnung
eintreten  kann,  in  welcher  die  Produktionsmittel  im  Besitze  der  Gesamtheit ­
  sind.  Denn  auch  in  einer  solchen  Wirtschaftsordnung
ist  mit  der  Möglichkeit  zu  rechnen,  daß  die  Seite  des  reproduktiven
Konsums  einen  zu  starken  Ausbau  erfährt,  und  wo  dies  der  Fall
ist,  muß  sich  immer  von  einem  bestimmten  Punkte  ab  als  Folge  eines
eintretenden  Kapitalmangels  eine  Umbiegung  der  Konjunktur  nach
unten  ergeben.
Es  besteht  für  Cassel  eine  enge  Wechselwirkung  zwischen  Zinsfuß ­
  und  Konjunkturbewegung.  Ein  hoher  Zinsfuß  muß  den  Wert
des  festen  Kapitals  vermindern  und  Verluste  bringen.  Damit  wird
die  Möglichkeit,  weiterhin  festes  Kapital  zu  produzieren,  erheblich
        <pb n="38" />
        3.  Erscheinungsformen  und  Arten  der  Krisen.

35

herabgesetzt.  Das  ist  dann  nur  noch  bei  Unternehmungen  möglich,
welche  einen  besonders  hohen  Gewinn  versprechen.  Somit  muß
durch  diesen  Einfluß  eines  hohen  Zinsfußes  und  durch  die  dadurch
hervorgerufene  Abnahme  der  Produktion  von  festem  Kapital  eine
vorhandene  Hochkonjunktur  zu  Ende  gehen  und  sich  in  eine  Depression ­
  umwandeln.
Umgekehrt  liegt  es  dann  bei  der  Entstehung  einer  aufsteigenden ­
  Konjunktur  aus  der  Depression.  Während  der  letzteren  ist  der
Zinsfuß  ein  niedriger,  und  damit  wird  die  Inangriffnahme  von  Unternehmungen ­
  rentabel,  welche  dieses  bei  hohem  Zinsfüße  nicht  wären.
„Wenn  z.  B.  eine  Eisenbahn,  von  der  man  einen  jährlichen  Nettoertrag ­
  von  400000  Mark  berechnet,  10  Millionen  Mark  Anlagekosten
erfordert,  kann  sie,  solange  der  Zinsfuß  5  °/o  beträgt,  nicht  gebaut
werden.  Wenn  aber  der  Zinsfuß  bis  3  o/ 0 '  heruntergeht,  wird  das
Unternehmen  lohnen  und  wird  auch  aller  Wahrscheinlichkeit  nach
verwirklicht  werden.“
Wenn  wir  in  den  folgenden  Abschnitten  den  Ablauf  der  Konjunkturen, ­
  ihre  Merkmale  und  Symptome  kennen  gelernt  haben,  wird
sich  dann  noch  Gelegenheit  bieten,  auf  diese  verschiedenen  Theorien
und  Erklärungsversuche  zurückzukommen.
3.  Erscheinungsformen  und  Arten  der  Krisen.
Solche  wirtschaftlichen  Störungen  können  in  sehr  verschiedenen
Formen  und  in  sehr  verschiedenem  Umfange  auftreten.  Auch  ihr  Ausgangspunkt ­
  kann  ein  verschiedener  sein.  Sie  können  nur  einzelne
Teilgebiete  des  Wirtschaftslebens  umfassen,  sie  können  sich  auf  das
ganze  Wirtschaftsleben  eines  Landes  oder  auch  gleichzeitig  auf
das  mehrerer  Länder  erstrecken.  Der  Rückgang  der  Konjunktur,  beziehungsweise ­
  das  Eintreten  der  Krise,  kann  auf  von  außen  kommenden ­
  Ursachen  beruhen.  Beides  kann  aber  auch  auf  Ursachen
zurückzuführen  sein,  die  mit  dem  inneren  Gefüge  des  Wirtschaftslebens ­
  im  Zusammenhänge  stehen.  Der  Ausgangspunkt  einer  solchen
Störung  kann  im  Gebiete  der  Güterproduktion,  aber  auch  auf
demjenigen  des  Geldmarktes,  oder  dem  Markte  der  Wertpapiere
(Börse),  liegen.  Auch  die  Wirkungen  solcher  Störungen  können  sich
entweder  auf  ihr  Ausgangsgebiet  beschränken,  was  jedoch  sehr  selten
vorzukommen  pflegt,  oder  mehr  oder  weniger  auf  das  ganze  Wirtschaftsleben ­
  übergreifen.  Man  wird  sagen  können,  daß  unter  all
diesen  Gesichtspunkten  kaum  eine  Krise  einer  anderen  gleicht,  daß
jede  einen  besonderen  Typ'  für  sich  darstellt.
So  ist  man  dazu  gekommen,  um  ein  einigermaßen  ordnendes
Prinzip  in  diese  Mannigfaltigkeit  hineinzutragen,  diese  verschiedenen
        <pb n="39" />
        36  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches'

Typen  in  ein  System  einzuordnen,  eine  Systematik  der  Krisen  aufzustellen. ­
  Es  liegt  nach  dem  Gesagten  auf  der  Hand,  daß  die  Aufstellung ­
  einer  solchen  Systematik  unter  den  verschiedensten  Gesichtspunkten ­
  möglich  ist.  Die  beiden  folgenden  Aufstellungen  geben
solche  Übersichten,  wie  sie  von  Bouniatan  und  Sombart  aufgestellt ­
  worden  sind.
Bouniatan  teilt  ein  in:
I.  Allgemeine  Wirtschaftskrisen.
II.  Spezielle  Wirtschaftskrisen.
1.  Krisen  der  Verkehrsmittel.
a)  Geldkrise;
b)  Kreditkrise.
2.  Krisen  des  Wertverkehrs  oder  Handelskrisen:
a)  Krise  des  Güterverkehrs  oder  Handelswarenkrise;
b)  Krise  des  Kapitalverkehrs  oder  Börsenkrise.
3.  Krisen  der  Güterproduktion:
a)  Industriekrise;
b)  Agrarkrise.
Sombart  dagegen  unterscheidet  folgende  Typen:
A.  Krisen  als  persönliche  Schuldtatsache.
B.  Krisen  als  Naturtatsache.
C.  Krisen  als  Gesellschaftstatsache.
I.  Privatwirtschaftliche  Krisen.
II.  Finanzkrisen.
III.  Volkswirtschaftliche  Krisen.
1.  Einfache  Absatzkrisen.
2.  Kapitalkrisen.
a)  Primäre  Kapitalkrisen.
b)  Sekundäre  Kapitalkrisen.
a)  Handelskrisen.
b)  Produktionskrisen.
Eine  andere  Einteilung  hat  neuerdings  Spiethoff  versucht.  Er
teilt  ein  in  Spekulationskrisen,  Wertpapierbörsenkrisen,  Warenhandelskrisen, ­
  Erzeugungs-Gründung-Kapital-  und  Kreditkrisen.  Eine  von
ganz  anderen  Gesichtspunkten  ausgehende  Einteilung  hat  Röpke
gegeben.  Seine  Systematik  der  Konjunkturen  erfolgt  nach  drei  Richtungen: ­
  1.  nach  ihrer  räumlich-branchemäßigen  Ausdehnung:  totale
und  partielle  Konjunkturen;  2.  nach  ihrer  zeitlichen  Schwinguugsdauer:
  kurz-  und  langwellige  Konjunkturen;  3.  nach  ihren  Ursachen: ­
  exogene  und  endogene  Konjunkturen.
Jede  dieser  Einteilungen  hat  für  sich  wieder  einen  besonderen  Erkenntndswert;
  denn  jede  geht  von  anderen  Gesichtspunkten  dabei  aus.
        <pb n="40" />
        3.  Erscheinungsformen  und  Arten  der  Krisen.

37

Literatur.
1.  Bergmann,  Wirtschaftskrisen.  Geschichte  der  nationalökonomischen ­
  Krisentheorien.  Stuttgart  1895.  —  Herkner  und  Tugan-Baranowsky,
  a.  a.  0.  —  Ausgewählte  Lesestücke  zum  Studium  der  politischen
Ökonomie.  Herausgegeben  von  Diehl  und  Mombert.  Bd.  7,  Wirtschaftskrisen. ­
  2.  Aufl.  Karlsruhe  1920.  —  In  diesem  Bande  sind  die  wichtigsten
der  älteren  Krisentheorien,  welche  oben  besprochen  worden  sind,  abgedruckt.
2.  Fischer,  Das  Problem  der  Wirtschaftskrisen  im  Lichte  der  neuesten
nationalökonomischen  Forschung.  Karlsruhe  1911.  —  Spiethoff,  Beiträge ­
  zur  Theorie  und  Analyse  der  allgemeinen  Wirtschaftskrisen.  Leipzig ­
  1905.  —  Ders.,  Vorbemerkungen  zu  einer  Theorie  der  Überproduktion.
Jahrbuch  für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft.  Jahrg.  26.  —
Tugan-Baranowsky,  a.  a.  0.  —  Bouniatan,  a.  a.  0.  .1.  Band,  Wirtschaftskrisen ­
  und  Überkapitalisätion.  München  1908.  —  Aftalion,  Les
crises  pöriodiques  de  surproduktion.  Paris  1913.  —  Hilferding
Das  Finanzkapital.  Marx-Studien.  Bd.  3.  Wien  1910.  4.  Abschnitt:
Das  Finanzkapital  und  die  Krisen.  —  Pohle,  Bevölkerungsbewegung,  Kapitalbildung ­
  und  periodische  Wirtschaftskrisen.  Göttingen  1902.  —  Lescure, ­
  Des  crises  generales  et  periodiques  de  surproduction.  —  Vogel,
a.  a.  0.  —  Cassel,  Theoretische  Sozialökonomie.  Leipzig  1918.  4.  Buch:
Theorie  der  Konjunkturbewegungen.  —  Schumpeter,  Theorie  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung.  Leipzig  1912.  6.  Kapitel:  Das  Wesen  der  Wirtschaftskrisen. ­
  —  Lexis,  Allgemeine  Volkswirtschaftslehre.  Leipzig  1910.
Kap.  15:  Die  Krisen.  —  Für  weitere  Literatur  sind  heranzuziehen:  SoUrbar ­
  t,  in  Bd.  105  der  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik.  —  Herkner ­
  und  D  ieh  1  -  M  ombert,  a.  a.  0.  —  Bouniatan,  Les  Crises  öconomiques.
  Aus  d.  Russischen.  Paris  1922.  —  Schumpeter,  Die  Wellenbewegung ­
  des  Wirtschaftslebens.  Archiv  für  Sozialwissenschaft,  Band  39.  —
Röpke,  Die  Konjunktur.  Jena  1922.
3.  Bouniatan,  a.  a.  0.  —  Sombart,  Versuch  einer  Systematik
der  Wirtschaftskrisen.  .  Archiv  für  Sozialwissenschaft.  Bd.  19.  1904.  —
Spiethoff,  Die  Krisenarten.  Jahrbuch  für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und
Volkswirtschaft.  Bd.  42.  1918.  —  Röpke  a.  a.  0.
        <pb n="41" />
        Zweiter  Abschnitt.

Der  Ablauf  der  Konjunktur  in  Deutschland  seit  der
Begründung  des  Reiches.
1.  Bis  zum  Beginn  des  großen  Krieges.
In  diesem  Abschnitt  soll  nur  eine  kurze  Übersicht  über  den  Ablauf ­
  der  Konjunktur  in  Deutschland  bis  zum  Beginn  des  Krieges  gegeben ­
  werden.  Das  statistische  Material  wird  erst  in  dem  folgenden
Abschnitte  zur  Darstellung  kommen.  Denn  es  empfiehlt  sich,  die
Merkmale  und  Symptome  der  Konjunktur  auf  den  einzelnen  Gebieten
des  wirtschaftlichen  und  sozialen  Lebens  voneinander  getrennt  zu
behandeln,  also  systematisch  darzustellen  und  nicht  in  die  geschichtliche ­
  Betrachtung  einzugliedern.
Nach  der  Gründung  des  Reiches  begann  ein  gewaltiger  wirtschaftlicher ­
  Aufschwung  einzusetzen,  dessen  wirtschaftliche  und
psychologische  Ursachen  aus  den  damaligen  Verhältnissen  heraus
leicht  zu  verstehen  sind.
„So  brachte  nach  dem  deutsch-französischen  Kriege  allein  der
phantastische  Gedanke,  daß  nach  einer  so  ungeheuren  Betätigung
seiner  militärischen  Kraft  Deutschland  auch  einen  entsprechenden
Aufschwung  auf  wirtschaftlichem  Gebiete  nehmen  müsse,  die  unbestimmte ­
  Ahnung  einer  großen  nationalen  Zukunft,  kurz,  das  erhöhte ­
  Selbstgefühl  des  deutschen  Volkes,  eine  Spannung  der  wirtschaftlichen ­
  Kräfte  hervor,  die  eine  Steigerung  aller  Werte  zur
unmittelbaren  Folge  hatte.  Der  Wert  des  Grundeigentums  in  Stadt
und  Land  schnellte  in  die  Höhe;  die  Staatspapiere  und  sonstigen
Anlageeffekten  stiegen  im  Preis;  —  dies  waren  Erscheinungen,  die
auch  ohne  den  Milliardenzufluß  erklärlich  gewesen  wären  und  auch
ohne  denselben  stattgefunden  hätten.  Mit  der  Wertsteigerung  des
Grund  und  Bodens  sowohl  wie  des  mobilen  Eigentums,  mußte  notwendig ­
  ein  Steigen  der  Lebensmittelpreise  und  der  Mietpreise  Hand
in  Hand  gehen,  und  nichts  war  natürlicher  und  gerechtfertigter,  als
daß  nun  auch  die  Arbeiter  mit  erhöhten  Lohnforderungen  auftraten
und  solche,  bei  dem  überall  herrschenden  vollkräftigen  Vertrauen  in
die  Zukunft  leicht  durchsetzten 1 ).

D  Stöpel,  Die  Handelskrisis  in  Deutschland.  Frankfurt  a.  M.  1875.
Seite  20.
        <pb n="42" />
        1.  Bis  zum  Beginn  des  großen  Krieges.

39

An  zahlreichen  Maßstäben  kann  man  noch  heute  das  Tempo  und
den  Umfang  dieses  wirtschaftlichen  Aufschwunges  feststellen.  Allein
innerhalb  der  drei  Jahre  von  1871—73  nahm  die  Einwohnerschaft
Berlins  um  114000  Köpfe,  d.  h.  [um  fast  den  sechsten  Teil  der  Bevölkerung ­
  zu.  Es  entstand  eine  große  Wohnungsnot,  welche  eine
riesige  Steigerung  der  Mietpreise  im  Gefolge  hatte.  Eine  wesentliche
Ursache  dieser  gewaltigen,  allenthalben  einsetzenden  Preissteigerung
hing  auch  mit  der  großen  französischen  Kriegsentschädigung  und
der  so  wenig  zweckmäßigen  Art  ihrer  Verwendung  zusammen.  Frankreich ­
  hatte  4,2  Milliarden  Mark  an  Deutschland  zu  zahlen  gehabt.
Ein  sehr  großer  Teil  dieses  Betrages  wurde  dazu  verwandt,  damit
Staatsanleihen  zu  tilgen.  Es  hatte  dies  die  Wirkung,  daß  damit  große,
bisher  in  solchen  Wertpapieren  angelegte  Kapitalbeträge  frei  wurden
und  nun  vor  allem  Anlage  in  Dividendenpapieren,  deren  Kurssteigerung ­
  dadurch  sehr  begünstigt  wurde,  suchten.  Damit  war  aber
auch  den  nun  in  so  großem  Maße  einsetzenden  Neugründungen  Tür
und  Tor  geöffnet.  Gleichzeitig  kam  noch  hinzu,  daß  die  Menge  der
Umlaufsmittel  infolge  einer  unzweckmäßigen  Geldpolitik  der  dafür
maßgebenden  Instanzen  sehr  stark  stieg,  was  aus  bekannten  Gründen
über  den  Umweg  einer  Geldentwertung  zu  einer  weiteren  Steigerung
der  Preise  und  der  Kurse  der  Dividendenpapiere  beitrug.
Neben  zahlreichen  anderen  Gründen,  die  das  Aufkommen  einer
Hochkonjunktur  begünstigten,  spielte  damals  noch  das  im  Jahre  1870
in  Kraft  getretene  Aktiengesetz  dabei  eine  wichtige  Rolle.  Es  ließ
nämlich  den  Gründern  neuer  Gesellschaften  fast  völlig  freie  Hand
und  hat  ganz  wesentlich  dazu  beigetragen,  daß  in  diesen  Jahren  zahlreiche ­
  schwindelhaft©  Unternehmungen  ins  Leben  gerufen  werden
konnten.  Von  Mitte  des  Jahres  1870  bis  Mitte  des  Jahres  1873  wurden
in  Deutschland  958  Aktiengesellschaften  mit  einem  Kapital  von  3600
Millionen  Mark  gegründet.  Allein  im  Jahre  1872  wurden  an  der
Berliner  Börse  die  Aktien  von  63  Banken  eingeführt  und  in  dem
gleichen  Jahre  in  das  Berliner  Handelsregister  144  neue  Gesellschaften
mit  einem  Kapital  von  363  Millionen  Mark  eingetragen.  Jm  folgenden ­
  Jahre  kamen  noch  72  weitere  Gesellschaften  hinzu.  Von  vielen
Seiten  erfolgten  nachdrückliche  Warnungen  vor  dieser  Gründungswut. ­
  Schon  Ende  Oktober  1871  schrieb  die  Frankfurter  Zeitung:
„Wir  stehen  inmitten,  wenn  nicht  gar  erst  im  Anfänge  einer  Periode,
in  der  die  Leichtgläubigkeit  sich  wieder  einmal  Luftschlösser  aufbaut, ­
  die  bei  mangelndem  Fundament  bei  dem  ersten  Windstoß  zusammenbrechen ­
  müssen.“  t
Diese  Voraussage  sollte  sich  nur  allzubald  bewahrheiten.  Nachdem ­
  sich  schon  vorher  in  Form  einer  Anspannung  auf  dem  Geld-  und
        <pb n="43" />
        40  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Kapitalmarkt«  deutliche  Zeichen  einer  bevorstehenden  Wendung
gezeigt  hatten,  kam  es  im  Jahre  1873  von  Wien  ausgehend,  wo  ebenfalls ­
  die  Gründungswut  alles  erträgliche  Maß  überschritten  hatte,
zur  Katastrophe.  Am  8.  Mai  1873  wurden  allein  an  der  Wiener
Börse  78  Insolvenzen  erklärt.  Nach  einer  kurzen,  vorübergehenden
Erholung  übertrug  sich  der  Krach  auch  auf  Deutschland,  vor  allem
auf  die  Berliner  Börse,  wo  Gründungen  und  Spekulation  ungehemmt
ihre  Orgien  hatten  feiern  können.  Die  Börsenkurse  gingen  stark
zurück,  es  erfolgten  zahlreiche  Zusammenbrüche,  die  sehr  rasch  die
ganze  Volkswirtschaft  in  Mitleidenschaft  zogen.  Der  stolze  Bau,
welchen  die  Spekulation  aufgerichtet  hatte,  brach  zusammen.
In  Berlin  bewegte  sich  der  Kurs  der  wichtigsten  Bankaktien
in  der  folgenden  Weise:  am

30.  6.  72

30.  6.  73

30.  6.  75

Diskontogesellschaft

314

225

106

Deutsche  Bank

210

164

102

Berliner  Handelsgesellschaft  .  .

182

140

00

Leipziger  Kreditanstalt  ....

195

163

105

Schaaffhausenscher  Bankverein  .

174

149

67

Die  Berliner  Handelsgesellschaft  mußte  im  Jahre  1876  den
ganzen  Reingewinn  von  über  2  Millionen  und  die  ganzen  Reserven ­
  mit  über  3  Millionen  Mark  zu  Abschreibungen  verwenden,  der
Schaaffhausensche  Bankverein  mußte  im  Jahre  1878  sein  Aktienkapital ­
  von  48  auf  36  Millionen  Mark  Zusammenlegen,  nachdem
schon  vorher  seine  Reserven  in  der  Höhe  von  9  Millionen  Mark
verbraucht  worden  waren.
Seit  dem  Jahre  1884  hat  dann  ein  strengeres  Aktienrecht  den
Gründungsprozeß  in  solidere  Bahnen  gelenkt  und  die  Ansammlung
größerer  Reserven  vor  allem  durch  die  Bestimmung  erzwungen,  daß
das  Agio  neuer  Aktien  von  da  ab  den  Reserven  zugeführt  werden
mußte.
Die  Zahl  der  Hochöfen,  welche  in  Preußen  in  Betrieb  waren,
ging  in  den  Jahren  1874—76  von  465  auf  230  zurück,  in  der  Periode
von  1873—76  sank  die  Menge  des  erzeugten  Roheisens  von  181,5
auf  87,3  Millionen  Tonnen,  die  Zwangsverkäufe  auf  dem  Berliner
Grundstücksmarkt  nahmen  um  über  das  zwölffache  zu.  Nach
Oechelhäuser  betrugen  die  durchschnittlichen  Kurse,  bzw.  Dividenden, ­
  der  an  der  Berliner  Börse  notierten  Bergwerks-  und  Hüttengesellschaften: ­
        <pb n="44" />
        1.  Bis  zum  Beginn  des  großen  Krieges.

41

Bei  den  alten,  vor  1870  ge-  |  Bei  den  neuen,  nach  1870  gegründeten ­
  Gesellschaften  ||  gründeten  Gesellschaften

Jahre

Dividende

Kurs

Dividende

Kurs

1870

7,08  »/„

103

-°lo

—

1871

9,58  „

8,83  „

—

1872

15,69  „

206

10,80  „

111

1873

19,23  „

i  7,02  „

—

1874

9,96  „

125

2,91  „

54

1875

71

85

i  ”

35

In

etwa  der  gleichen  Zeit,  zum

Teil  aber  auch  etwas  später,

zeigte  sich  auch  in  anderen  Staaten  ein  erheblicher  Rückgang  der
bis  dahin  guten  Konjunktur.  In  den  Vereinigten  Staaten  kam  es
im  Zusammenhang  mit  einer  Eisenbahnkrise  zu  schweren  Erschütterungen ­
  des  Wirtschaftslebens  und  in  England  brach  im  Jahre  1878
eine  Krise  in  der  Baumwollindustrie  und  bald  darauf  eine  solche
im  Eisenhüttengewerbe  aus.  Es  war  vor  allem  die  amerikanische
Eisenbahnkrisis,  welche  sich  bei  dem  starken  deutschen  Besitz  an
amerikanischen  Eisenbahnwerten  auch  in  Deutschland  erheblich
fühlbar  machte.
Die  wirtschaftliche  Depression,  welche  sich  an  diesen  jähen  Umschwung ­
  anschloß,  dauerte  etwa  bis  zum  Jahre  1878.  Erst  von  da
ab  lassen  sich  schwache  Anzeichen  eines  wirtschaftlichen  Aufschwungs ­
  erkennen.  Immerhin  kann  man  auch  in  den  ganzen  folgenden ­
  Jahren  nicht  von  einem  ausgesprochenen  Aufschwünge  reden,
man  wird  vielmehr  besser  daran  tun,  davon  zu  sprechen,  daß  sich
das  deutsche  Wirtschaftsleben  langsam  in  diesen  Jahren  von  den
Nachwirkungen  dieser  großen  Krise  erholen  konnte,  eine  Erholungsperiode, ­
  welche  aber  dann  in  den  achtziger  Jahren  durch  mancherlei
Krisen  in  anderen  Staaten,  so  durch  eine  solche  in  Frankreich  im
Jahre  1882,  dann  durch  eine  solche,  welche  von  Süd-  und  Mittelamerika
  ausging,  mancherlei  Störungen  erlitten  hat.
In  diesen  ganzen  Jahren,  vor  allem  zu  Beginn  der  achtziger
Jahre,  hat  Deutschland  eine  erhebliche  Auswanderung  gehabt.
Ist  doch  eine  große  Auswanderung  immer  auch  als  Symptom  ungünstiger ­
  wirtschaftlicher  Zustände  im  Mutterlande  zu  (betrachten
Der  Menschenverlust,  den  Deutschland  durch  diese  Auswanderung
erlitten  hat,  betrug  in  den  Jahrfünften
1871—75  319  750  Köpfe  1880—85  980  215  Köpfe
1875—80  381  181  „  1885—90  329  110  „
Die  Gründe  liegen  ja  auf  der  iHand,  weshalb  man  gerade  in  der
Wanderbewegung  ein  wichtiges  Symptom  der  wirtschaftlichen  Lage
        <pb n="45" />
        42  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

eines  Landes  erblicken  kann.  Auch  die  Häufigkeit  der  Eheschließungen, ­
  die  ebenfalls  mit  der  wirtschaftlichen  Lage  eines  Landes  in
sehr  engem  Zusammenhänge  steht,  war  in  diesem  Zeitraum  eine  sehr
geringe.  Auch  noch  an  zahlreichen  anderen  wichtigen  Merkmalen
kann  man  in  dieser  Zeit  deutlich  erkennen,  daß  man  in  Deutschland
bis  in  die  Mitte  der  neunziger  Jahre  hinein  wohl  von  einer  Erholung,
auch  von  einer  Besserung  in  der  Lage  des  Wirtschaftslebens,  aber
keineswegs  von  einem  ausgesprochenen  Aufschwung  reden  konnte.
Das  geht  aus  der  folgenden  Übersicht  deutlich  hervor.  Es  betrug
im  Durchschnitt  der  Jahre:

1881
bis  85

1886
bis  90

1891
bis  95

1896
bis  00

1901
bis  05

1906
bis  10]

Der  Umsatz  im  deutschen  Außenhandel ­
  in  Millionen  Mark  .  .

6200

6638

7141

8011

11124

15111

Die  Güterbeförderung  auf  den
deutschen  Eisenbahnen  Mül.  t

157

218

260

358

422

532

Der  Umsatz  der  Reichsbank  in
Milharden  Mark  .  .  .  .  .

73

109

121

189

251

354

D.Verbrauchp.Kopf  f  Steinkohlen

1121

1320

1416

1802

1861

2157

in  kg  an  .  .  .  J  Roheisen  .

79

100

104

162

174

219

Die  Ausfuhr  von  Fabrikaten  in
Millionen  Mark

1730

2063

2013

2539

3306

4425

Die  Einfuhr  von  Rohstoffen  für  Industriezwecke ­
  in  Millionen  Mark

1247

1502

1721

2329

2899

4647

Man  erkennt  aus  diesen  wenigen  Ziffern,  in  denen  sich  der
Gang  des  deutschen  Wirtschaftslebens  jener  Zeit  wiederspiegelt,
wie  langsam  der  Aufschwung  des  deutschen  Wirtschaftslebens  bis  in
die  Mitte  der  neunziger  Jahre  hinein  gewesen  ist,  und  daß  erst
von  diesem  Zeitpunkte  ab  der  Aufschwung  in  einem  wesentlich
schnelleren  Tempo  erfolgte.
Zwar  gab  es  auch  in  den  ^achtziger  Jahren  Zeiten,  in  denen
die  wirtschaftliche  Entwicklung  für  kurze  Zeit  wenigstens  sehr  stark
nach  oben  ging,  in  denen  sich  z.  B.  eine  lebhafte  Spekulation  und
eine  starke  Hausse  in  Industrieaktien  zeigt.  Das  war  z.  B.  am  Ende
der  achtziger  Jahre'  der  Fall.  Von  einem  ausgesprochenen  Aufschwung ­
  der  Konjunktur,  welcher  sich  über  einen  längeren  Zeitraum ­
  erstreckte,  konnte  jedoch  hierbei  keine  fiede  sein.
Wie  die  eben  gegebenen  Zahlen  bereits  gezeigt  haben,  setzte
ein  solcher  Aufschwung  erst  von  der  Mitte  der  neunziger  Jahre  ab
ein.  Das  gilt  von  fast  allen  europäischen  Staaten,  ganz  besonders
aber  für  Deutschland.  Man  hat  deshalb  schon  mit  Recht  das  Jahrfünft ­
  1895—1900  als  eine  der  glänzendsten  Konjunkturperioden  des
Jahrhunderts  bezeichnet.  Zu  Beginn  der  neunziger  Jahre  war  es
vor  allem  die  Unsicherheit  in  den  handelspolitischen  Verhältnissen,
        <pb n="46" />
        1.  Bis  zum  Beginn  des  großen  Krieges.

43

die  eine  wirkliche  Aufwärtsbewegung  nicht  in  Gang  kommen  ließ.
Erst  als  mit  dem  Abschluß  der  großen  Handelsverträge  eine  gewisse
Sicherheit  und  Ruhe  in  das  Wirtschaftsleben  hineinkam,  konnte
dieses  anders  werden.  Wenige  Zahlen  sollen  die  Tatsachen  dieses
Aufschwunges  in  dem  genannten  Zeiträume  zeigen:

Es  betrug  in  den  Jahren

1895

1900

Die  Zahl  der  Eheschließungen  auf  1000  Einwohner  ....
Der  Wandergewinn  1895—1900
Die  Förderung  von  Steinkohlen  Millionen  Tonnen  ....
Die  Förderung  von  Braunkohlen  „  „  ....
Die  Produktion  von  Roheisen  „  „  .  .  .  .
Der  Umsatz  der  Reichsbank  Milliarden  Mark
Der  Umsatz  im  deutschen  Außenhandel  Millionen  Mark  .  .
Die  Einfuhr  an  Rohstoffen  für  Industriezwecke  Millionen  Mark
Die  Ausfuhr  an  Fabrikaten  Millionen  Mark  .......

8,0

8,5

+  26  969

79,17
24,79
5,43
121
7670
1805
2280

109,29
40,5
8,47
189
10  796
2  803
3  087

Es  waren  jedenfalls  auch  zahlreiche  äußere  Faktoren  gewesen,
welche  an  der  Entstehung  dieses  großen  Aufschwunges  beteiligt
gewesen  sind.  Herkner  weist  dafür  auf  die  staunenswerte  Entfaltung ­
  der  Elektrotechnik,  auf  die  Steigerung  der  Goldproduktion
in  Südafrika,  in  Australien  und  im  Klondykegebiet,  auf  die  Erweiterung ­
  der  ostasiatischen  Märkte,  auf  die  Beendigung  des  chinesisch-japanischen ­
  Krieges,  auf  die  Verbesserung  der  wirtschaftlichen
Beziehungen  zu  Rußland,  auf  den  Ausbau  der  sibirischen  Bahn,  auf
die  zahlreichen  Kleinbahnunternehmungen  in  Deutschland,  und  auf
die  großen,  in  jener  Zeit  erfolgenden  Bestellungen  von  Seiten  der
Staatsbahnen,  der  Heeres-  und  Marineverwaltung,  sowie  der  kom :
munalen  Körperschaften  hin.
Man  darf  in  diesem  Zusammenhang  als  Haussemoment  auch
nicht  an  dem  gewaltigen  Bevölkerungszuwachs  Vorbeigehen,  den
gerade  in  dieser  Zeit  Europa  und  besonders  auch  Deutschland,  erfahren ­
  hat.  Die  beiden  folgenden  kleinen  Aufstellungen  sollen  davon
ein  Bild  geben:

Es  betrug  in  den  nachstehend.  Jahren  Es  betrug  d.Volkszunahme  in  Deutschdie
  Bevölkerung  Europas  in  Millionen  land  im  Durchschnitt  folgender  Jahre

1870

305,4

1890

362,9

1881  bis  1885

324  400

1875

316,8

1895

378,9

1886  „  1890

519  600

1880

331,7

1900

400,6

1891  „  1895

570  400

1885

346,9

1896  „  1900

817  400

Nicht  nur,  daß,  wie  wir  später  noch  genauer  kennen  lernen
werden,  das  Auf  und  Ab  im  Wirtschaftsleben  einen  sehr  starken  Einfluß ­
  auf  die  Entwicklung  und  die  Bewegung  der  Bevölkerung  ausübt, ­
  auch  das  Umgekehrte  ist  der  Fall.  Die  Volkszahl  und  das  Volks-
        <pb n="47" />
        44  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Wachstum  eines  Landes  üben  einen  tiefgehenden  Einfluß  auf  den
Güterverbrauch  und  damit  auch  auf  die  Güterproduktion  aus.  Unter
gewissen  wirtschaftlichen  Voraussetzungen,  welche  in  dieser  Zeit
zweifellos  gegeben  waren,  bedeutet  eben  jeder  Mensch  mehr  auch
eine  entsprechende  Vermehrung  von  Arbeitskraft,  hier  geht  im  allgemeinen ­
  das  Maß  der  wirtschaftlichen  Leistungsfähigkeit  eines
Volkes  mindestens  parallel  seinem  Wachstum.
„Wo  aber  bereits  gewisse  Fortschritte  der  Technik  und  Wirtschaft ­
  stattgefunden  haben,  wo  es  nicht  mehr  wie  auf  früheren
Stufen  sich  um  ein  Nebeneinander-,  sondern  um  ein  Ineinanderarbeiten ­
  der  Menschen  handelt,  wo  jede  Zunahme  der  Bevölkerung
ein  relativ  stärkeres  Fortschreiten  auf  diesen  Wegen  ermöglicht,
eine  relativ  immer  stärkere  Ausnutzung  der  natürlichen  Kräfte  eines
Landes  gestattet,  da  ist  es  möglich,  und  auch  oft  genug  der  Fall
gewesen,  daß  die  Produktivkraft  des  Einzelnen  wächst  mit  der  Zunahme ­
  der  Bevölkerung.  Das  ist  vor  allem  dort  der  Fall,  wo  das
Wachstum  der  letzteren  ein  Volk  dazu  zwingt,  um  der  Wirkung  des
Gesetzes  vom  sinkenden  Ertrag  zu  entgehen,  sich  den  Produktionszweigen ­
  zuzuwenden,  wo,  wenigstens  bis  heute,  die  Mehrverwendung
von  Kapital  und  Arbeit  zu  steigenden  Erträgen  führt.  Hier  kann  es
dann  wirklich  zeitweilig  der  Fall  sein,  daß  jeder  Volkszuwachs  eine
relativ  stärkere  Steigerung  der  Produktionsleistungen  bewirkt.  Dieser
Umstand  hat  in  hohem  Maße  dazu  beigetragen,  daß  gerade  in  den
letzten  Jahrzehnten  in  den  führenden  Industriestaaten  jene  gewaltige ­
  Zunahme  des  Wohlstandes  und  Reichtums  möglich  war,  ;wie  sie
frühere  Zeiten  nie  gekannt  haben.“ 1 )
In  einer  Zeit,  wie  vor  allem  in  der  zweiten  Hälfte  der  neunziger
Jahre,  wo  das  Wirtschaftsleben  allenthalben  so  gewaltige  Fortschritte ­
  in  technischer  und  organisatorischer  Hinsicht  machte,  da
mußte  eine  solche  Vermehrung  der  Kaufkraft  und  Arbeitsfähigkeit,
wie  sie  in  einer  solch  großen  Volkszunahme  steckte,  zweifellos  einen
Faktor  darstellen,  welcher  belebend  auf  die  Konjunktur  einwirken
konnte.  Hat  doch,  wie  die  starke  Einwanderung  fremder  Arbeitskräfte ­
  nach  Deutschland  in  dieser  Zeit  zeigt,  die  eigene  Arbeitsfähigkeit ­
  der  Bevölkerung  nicht  einmal  ausgereicht,  die  vorhandenen
technischen  und  wirtschaftlichen  Voraussetzungen  auszunutzen.  Es
sei  nur  darauf  hingewiesen,  daß  in  diesem  Jahrfünft  von  1895—1900
Deutschland  zum  ersten  Male  in  diesem  Jahrhundert  einen  Überschuß ­
  der  Ein-  über  die  Auswanderung  aufwies  und  daß  sich  in  *  II.

U  Mombert,  Bevölkerungslehre.  Im  Grundriß  der  Sozialökonomik.
II.  Abteilung.  2.  Aufl.  Tübingen  1923.
        <pb n="48" />
        1.  Bis  zum  Beginn  des  großen  Krieges.

45

diesem  Zeitraum  die  Zahl  der  in  Deutschland  ansässigen  Reichsausländer ­
  von  486190  auf  778698  vermehrt  hat.
Die  glänzende  Konjunktur  dieser  Periode  äußerte  sich  vor  allem
auch  in  einer  starken  Erhöhung  der  Preise  und  Löhne,  in  einer  erheblichen ­
  Zunahme  der  Gewinne,  vor  allem  in  Handel  und  Industrie.
Der  Bruttogewinn  der  deutschen  Kreditbanken  stieg  vom  Jahre  1895
(97  Banken)  auf  1900  (118  Banken),  von  158,9  auf  262,0  Millionen
Mark.  Die  Inanspruchnahme  des  Kapitalmarktes  war  eine  ganz  gewaltige. ­
  Bewegte  sich  auch  alles  jetzt  in  wesentlich  solideren  Bahnen
als  in  der  ersten  Hälfte  der  siebziger  Jahre,  so  wurden  auch  jetzt
wieder  zahlreiche  neue  Unternehmungen  gegründet,  alte  erweitert
Die  folgende  Zusammenstellung  gibt  nach  den  Angaben  des  deutschen
Ökonomist  ein  Bild  dieser  Neugründungen.

Neugegründete  Aktiengesellschaften

(n  den  Jahren

Zahl

Nominalkapital
Millionen  Mark

1895

161

250

1896

182

298

1897

214

380

1898

254

463

1899

329

544

1900

261

344

Mit  diesem  zunehmenden  Kapitalbedarf  begann  eine  erhebliche
Steigerung  des  Zinsfußes  einzusetzen,  das  Interesse  des  Publikums
wandte  sich  immer  mehr  den  industriellen  Werten  zu  und  vernachlässigte ­
  in  zunehmendem  Maße  den  Markt  der  Staats-  und  Kommunalanleihen. ­
  In  dem  Maße,  in  dem  die  Aktienkurse  stiegen,  fielen  die.
Kurse  dieser  letztgenannten  Papiere.  Es  sind  das  Zusammenhänge,
die  wir  im  folgenden  Abschnitte  noch  genauer  kennen  lernen  werden.
Die  ersten  Anzeichen  zu  einem  Umschwung  der  Konjunktur ­
  zeigten  sich  bereits  am  Ende  des  Jahres  1899,  als  die
Reichsbank  ihren  Diskontsatz  auf  7  o/o  erhöhte  und  damit  ein  ernstes
Warnungssignal  aufrichtete.  Schon  vorher  war  bei  vielen  Industrieaktien ­
  ein  Kursrückgang  erfolgt.  In  den  Geschäftsberichten  einzelner ­
  Unternehmungen  für  das  Jahr  1899  fanden  sich  bereits  deutliche ­
  Hinweise  darauf,  daß  der  Höhepunkt  der  Konjunktur  wohl  schon
überschritten  sei  und  in  Artikeln  vom  10.  und  11.  April  1900  warnte
die  Frankfurter  Zeitung,  wenn  auch  nicht  zum  ersten  Male,  und  ermahnte ­
  das  Publikum,  seine  Engagements  an  der  Börse  auf  ein
vernünftiges  Maß  zurückzuführen:  „Wenn  erst  die  Konjunktur  greifbar ­
  und  empfindlich  nachzulassen  beginnt,  ist  es  für  solche  Abwick-Mombert,
  Studium  der  Konjunktur.  4
        <pb n="49" />
        46  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

lungen  in  der  Regel  zu  spät,  weil  nachher  nicht  eine  neue  Käuferschicht ­
  zu  finden  ist,  und  viele  der  jetzt  begehrten  Papiere  dann  oft
sogar  zu  stark  reduzierten  Preisen  schwer  anzubringen  sein  dürften“.
Das  Jahr  1900  sah  dann  auch  diesen  Umschwung  der  Konjunktur ­
  in  einer  solchen  Schärfe  und  einem  solchen  Ausmaße  eintreten,
daß  man  in  dem  oben  dargelegten  Sinne  durchaus  von  einer  Wirtschaftskrise ­
  sprechen  kann.  Einige  knappe  Zahlen  sollen  diesen
Umschwung  charakterisieren.

Es  betrug  in  den  Jahren

1899

1900

1901

1902

Die  Zahl  d.  Eheschließungen  auf  1000  Einwohner

8.5

8,5

8,2

7  9
107474

Die  Steinkohlenproduktion  in  1000  Tonnen  .  .

101640

109220

108539

Die  Roheisenproduktion  in  1000  Tonnen  .  .  .

8094

8470

7833

8485

Der  Preis  einer  Tonne  Roheisen  in  Mark  .  .  .
Die  Produktion  in  den  Schweißeisenbetrieben

55,62

64,32

62,15

53,16

Wert  in  Millionen  Mark
Von  den  Ausgaben  d.  freien  Gewerkschaften  ent-177,7



170,5

119,5

114,7

fielen  in  Prozenten  auf  Arbeitslosenunterstützg.

5

6

14

16

Die  Zahl  der  neuangemeldeten  Konkurse  .  .
Der  Güterverkehr  auf  den  vollspur.  Eisenbahnen

7742

8558

10569

9826

in  Millionen  tkm

32098

33660

31921

33200

An  den  allerverschiedensten  Merkmalen  also,  die  sich  noch
leicht  vermehren  ließen,  sieht  man,  wie  mit  der  Jahrhundertwende
die  gute  Konjunktur  abbricht  und  einer  Depression  Platz  macht.
Fast  überall  gingen  die  Erträge  der  industriellen  Unternehmungen
zurück,  es  fanden  große  Arbeiterentlassungen  statt,  Teile  von  industriellen ­
  Anlagen  mußten  mehr  oder  weniger  außer  Betrieb  gesetzt
werden,  zahlreiche  Unternehmungen  brachen  zusammen.
Mit  dem  Jahre  1902  begann  sich  dann  di©  Lage  bereits  wieder
leicht  zu  bessern  und  in  den  beiden  folgenden  Jahren  machte  diese
Besserung  weitere  und  stärkere  Fortschritte.  Wenn  diese  Krise  relativ ­
  leicht  und  schnell  überwunden  werden  konnte,  so  hing  dies  vor
allem  auch  damit  zusammen,  daß  in  den  Vereinigten  Staaten  von
Amerika  die  wirtschaftliche  Lage  eine  günstige  blieb.  Damit  war  für
die  deutsche  Industrie  die  Möglichkeit  gegeben,  in  diesen  Jahren
den  Absatz  ihrer  Erzeugnisse  auf  dem  amerikanischen  Markte  auszudehnen, ­
  auch  in  den  Zeiten,  als  selbst  bei  sinkenden  Preisen  ihre
Erzeugnisse  in  Deutschland  schwer  Abnehmer  finden  konnten.  Wie
wir  später  noch  sehen  werden,  lassen  sich  diese  Zusammenhänge
an  den  Daten  der  deutschen  Handelsstatistik  deutlich  erkennen.
In  diesen  Krisenjahren  nahm  die  Ausfuhr  an  Fabrikaten  aus  Deutschland ­
  erheblich  zu,  während  die  Einfuhr  an  Rohstoffen  für  Industriezwecke ­
  sehr  stark  zurückging.  Während  noch  im  Jahre  1899  der
Überschuß  der  Fabrikatausfuhr  über  die  Einfuhr  an  Industrie ­
        <pb n="50" />
        1.  Bis  zum  Beginn  des  großen  Krieges.

-17

rohstoffen  dem  Werte  nach  nur  105  Millionen  betragen  hatte,  stieg
dieser  Überschuß  im  Jahre  1902  auf  529  Millionen  Mark.  Für  den
neuen  Aufschwung,  der  nun  einsetzte,  waren  es  aber  vor  allem  auch
äußere  Faktoren,  welche  dabei  in  Frage  kamen.  Der  Anstoß  zu  dieser
.Besserung  der  Konjunktur  ging  in  erster  Linie  von  der  Landwirtschaft ­
  aus.  Die  Erträgnisse  der  Ernte  waren  in  den  Jahren  1902
bis  1904  sehr  gute  gewesen.  Calwer 1 )  hat  nach  den  durchschnittlichen ­
  Preisen  den  Wert  der  gesamten  deutschen  Ernte  für  Roggen,
Weizen,  Spelz,  Gerste,  Hafer  und  Kartoffeln  berechnet.  Dieser
Wert  betrug  in  Millionen  Mark  in  den  Jahren:
1900  =  4211,04  1903  —  4590,09  1906  =  5406,61
1901  =  4063,37  1904  =  5206,73  1907  =  6781,70
1902  =  4220,56  1905  =  4703,95
Damit  mußte  von  dem  Jahre  1903  ab  die  Landwirtschaft  für
Industrieprodukte  wesentlich  kaufkräftiger  werden  und  damit  mußten
der  Industrie  erhöhte  Aufträge  zufließen.  So  beginnt  also  von  dem
Jahre  1903  ab  sich  die  Konjunktur  wieder  aufwärts  zu  entwickeln
und  dieser  Aufschwung  hielt  bis  zum  Jahre  1907  an.  Aus  Gründen
des  Raumes  sollen  nicht  wie  bisher  die  Symptome  dieses  Aufschwunges ­
  im  einzelnen  dargelegt  werden.  Es  sei  hier  auf  die  Zusammenstellungen ­
  des  folgenden  Abschnittes  verwiesen.  Hat  die
Betrachtung  an  dieser  Stelle  doch  nur  den  Zweck,  eine  kurze  Übersicht ­
  über  die  Entwicklung  der  Konjunktur  in  Deutschland  in  den
letzten  Jahrzehnten  zu  geben.
Diese  gute  Konjunktur  währte  bis  zum  Anfang  des  Jahres  1907,
nachdem  schon  am  Ende  des  Vorjahres  sich  manche  Symptome  eines
beginnenden  Umschwunges  gezeigt  hatten.  Dieser  Umschwung  in  der
Konjunktur  und  die  Verschlechterung  der  wirtschaftlichen  Lage  in
Deutschland  \vurde  noch  dadurch  verschärft,  daß  die  Vereinigten
Staaten  im  Jahre  1907  ebenfalls  von  einer  ausgesprochenen  Wirtschaftskrise ­
  heimgesucht  wurden.  In  diesem  Jahre  trat  in  Amerika
aus  Gründen,  welche  hier  im  einzelnen  nicht  darzulegen  sind,  eine
seit  langem  nicht  mehr  dagewesene  Versteifung  auf  dem  Geldmarkt
ein,  an  der  Newyorker  Börse  stieg  der  Satz  für  tägliches  Geld  bis
auf  22  o/o,  eine  gewaltige  Panik  an  der  Börse  und  starke  Kursstürze
auf  dem  Markt  der  Industriepapiere  waren  die  Folge.  Bei  den  engen
Beziehungen,  welche  in  wirtschaftlicher  Hinsicht  zwischen  den  Vereinigten ­
  Staaten  und  Europa  bestanden,  vor  allem  auch  mit  Deutschland, ­
  mußten  sich  die  Wirkungen  dieser  Krise  auch  hierher  übertragen. ­
  Es  geschah  dies  vor  allem  in  der  Weise,  daß  Amerika  auf
den  europäischen  Geldmärkten  Hilfe  suchte,  Europa  Gold  zu  ent-J

 )  Calwer,  Das  Wirtschaftsjahr  1905.  Bd.  1.
        <pb n="51" />
        48  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches

ziehen  begann  und  dadurch  die  europäischen  Notenbanken  zwang,
zum  Schutze  ihres  Goldbestandes  ihren  Diskontsatz  zu  erhöhen.  Die
deutsche  Reichsbank  mußte  am  7.  November  1907  mit  ihrem  Satze
bis  auf  71/2  °/o  heraufgehen.  Die  Depression  hielt  das  ganze  Jahr
1908  hindurch  noch  an  und  erst  im  Jahre  1909  zeigten  sich  Ansätze
zu  einer  Besserung.
Dieser  Rückgang  der  Konjunktur  hatte  einen  ganz  anderen
Charakter,  als  derjenige  in  den  siebziger  Jahren  und  um  die  Jahr
hunderlwende.  Von  einer  Krise  konnte  man  jetzt  in  Deutschland
nicht  sprechen,  nur  von  einem  Rückgang  oder  einem  Abflauen  der
Konjunktur.  Weder  war  die  Kurve  der  Hochkonjunktur  so  steil
angesliegen,  wie  es  in  den  früheren  Perioden  der  Fall  gewesen  war,
noch  war  auch  dann  bei  dem  Rückgang  der  Abfall  der  Kurve  ein
so  plötzlicher  und  jäher  gewesen.  Die  Wellenlinien  des  Konjunkturablaufes ­
  hatten  zweifellos  ein  flacheres  Gepräge  angenommen.
Die  Ansätze,  welche  sich  bereits  im  Jahre  1909  zu  einer  Besserung ­
  zeigten,  bauten  sich  dann  im  Jahre  1910  weiter  und  stärker
aus,  so  daß  man  von  diesem  Jahre  ab  wieder  von  einem  deutlichen
Aufstieg,  welcher  dann  bis  zum  Jahre  1912  anhielt,  reden  konnte.
Eine  ausgesprochene  Hochkonjunktur  ist  jedoch  erst  in  diesem  Jahre
1912  eingetreten.  Erst  in  diesem  Jahre  war  die  Industrie  wieder  bis
an  die  Grenze  ihrer  Leistungsfähigkeit  beschäftigt,  erst  in  diesem
Jahre  trat  wieder  eine  besonders  starke  Preissteigerung  und  eine
besonders  starke  Erhöhung  der  Jndustriegewinne  ein.
Wie  so  häufig  im  Ablauf  der  Konjunkturen,  waren  es  auch  hier
mit  in  erster  Linie  die  überaus  hohen  Preise,  vor  allem  bei  Industrierohstoffen ­
  und  Halbfabrikaten,  an  denen  der  Fortgang  dieser  günstigen ­
  Konjunktur  scheitern  mußte.  Es  fehlte,  vor  allem  auch  im
engen  Zusammenhang  mit  der  in  dieser  ganzen  Periode  eingetretenen
Steigerung  der  unmittelbaren  Lebenskosten,  der  Masse  des  Volkes  die
Kaufkraft,  um  auf  die  Dauer  als  &amp;gt;  Abnehmerin  von  Industrieerzeugnissen ­
  bei  solch  hohen  Preisen  auftreten  zu  können.  So  sehr  auch
in  diesen  Jahren  die  deutsche  Ausfuhr  an  Fabrikaten  gestiegen  war,
so  wenig  konnte  sie  das  ersetzen,  was  aus  dem  genannten  Grunde  der
innere  Markt  an  Absatzmöglichkeiten  nicht  bieten  konnte.
Eine  Hauptursache  der  regen  Beschäftigung  der  Industrie,  welche
im  Verlaufe  einer  jeden  aufsteigenden  Konjunktur  auftritt,  war  die
Herstellung  neuer  Produktionsmittel  und  neuer  technischer  Anlagen
für  Neugründungen  und  Betriebserweiterungen  gewesen..  Es  handelte ­
  sich  also  hier  um  eine  Beschäftigung  für  den  reproduktiven
Konsum.  Wir  haben  jedoch  schon  oben  gesehen,  daß  es  in  der
Natur  der  Sache  liegt,  daß  die  Beschäftigung  der  Industrie  für  solche
        <pb n="52" />
        1.  Bis  zum  Beginn  des  großen  Krieges.  49

Neuanlagen  einmal  an  einen  toten  Punkt  kommen  muß.  Das  muß
dann  der  Fall  sein,  wenn  der  'Absatz  an  Fertigfabrikaten,  der
Verbrauch  an  Genußgütern,  ein  verlangsamtes  Tempo  annimmt,  also
im  Hinblick  auf  die  Leistungsfähigkeit  der  Industrie  ins  Stocken
gerät,  wie  es  damals  der  Fall  gewesen  ist,  als  infolge  der  steigenden
Preise  und  der  Verteuerung  der  unmittelbaren  Lebenshaltung  die
Kaufkraft  der  Bevölkerung  zu  erlahmen  begann.  Von  einer  weiteren
Ursache,  welche  nach  der  gleichen  Richtung  hin  wirksam  ist  und
die  auch  damals  ohne  Zrveifel  hemmend  auf  den  Weitergang  dieser
günstigen  Konjunktur  eingewirkt  hat,  dem  damals  vor  allem  auch
in  Deutschland  stark  einsetzenden  Kapitalmangel,  wird  weiter  unten
noch  die  Rede  sein.
Als  rein  äußeres  Moment,  das  den  Abbruch  dieser  günstigen
Konjunktur  noch  beschleunigte,  kam  damals  noch  der  Balkankxieg
hinzu,  der  zu  erheblichen  Störungen  an  der  Börse,  zu  starken
Kursstürzen  und  erheblichen  Diskonterhöhungen  führte.  Das  Jahr
1913  sah  in  Deutschland  eine  vollständige  Depression  fast  in  allen
Erwerbszweigen.  Absatz  und  Preise  gingen  zum  Teil  erheblich  zurück, ­
  die  Gewinne  der  Industrie  und  damit  auch  die  Kurse  der  Dividendenpapiere ­
  erlitten  einen  starken  Rückgang.  Nur  ganz  wenige
Industrien,  wie  vor  allem  die  chemische  und  die  elektrische  Industrie, ­
  machten  davon  eine  Ausnahme.
Auch  bei  diesem  letzten  Wandel  in  der  Konjunktur  läßt  sich  die
gleiche  Beobachtung  machen,  wie  bei  dem  Konjunkturrückgang  im
Jahre  1907.  Auch  im  Jahre  1913  hat  es  sich  nur  um  ein  Abflauen
der  Konjunktur  gehandelt,  ohne  daß  man  von  einer  Krise  im  ausgesprochenen ­
  Sinne  reden  kann.  Man  hat  schon  mit  Recht  als  Ergebnis ­
  dieser  Entwicklung  davon  gesprochen,  daß  die  Tendenz  auf
eine  Nivellierung  der  Konjunkturkurve  hinziele.  „Der  Abstand
zwischen  Tiefst-  und  Höchstpunkt  wird  geringer,  die  Senkungen
bringen  nicht  mehr  einen  so  jähen  Absturz,  weil  auch  die  Hebungen
nicht  mehr  ein  so  wildes  Emporschnellen  bringen 1 )“.
Wenn  man  bisher  bei  der  Betrachtung  und  Beobachtung  der
Konjunktur  von  Hausse  und  Baisse,  von  einer  günstigen  und  ungünstigen ­
  Entwicklung  gesprochen  hat,  so  hat  man  immer  die  Sachlage ­
  vom  Standpunkte  des  Produzenten  aus  betrachtet,  dabei  aber
doch  auch  immer  angenommen,  daß  in  dieser  Hinsicht  das  Interesse
des  Produzenten  mit  dem  Interesse  der  ganzen  Volkswirtschaft  Hand
in  Hand  gehe.  Zwar  gibt  es  im  eigentlichen  Sinne  keine  Volkswirtschaft ­
  als  solche.  Wir  haben  es  in  der  heutigen  Organisation  von
U  Feiler,  Die  Konjunkturperiode  1907—1913  in  Deutschland.  Jena
1914.  Seite  167.
        <pb n="53" />
        50  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Gesellschaft  und  Wirtschaft  nur  mit  Privatwirtschaften  zu  tun,  mit
einzelnen  Erwerbswirtschaften,  welche  jedoch  durch  die  mannigfachsten ­
  äußeren  und  inneren  Bande  zusammengehalten  und  verbunden, ­
  sich  unserem  geistigen  Auge  als  ein  Ganzes,  eben  als  das
darstellen,  was  wir  als  Volkswirtschaft  bezeichnen.
Die  günstige  oder  ungünstige  Seite  bei  den  Wandlungen  der  Konjunktur ­
  zeigt  sich  demgemäß  in  erster  Linie  an  dem  wirtschaftlichen ­
  Erfolge  der  einzelnen  Erwerbswirtschaften.  Der  Absatz  ist
ein  guter,  die  Preise  sind  lohnend,  Unternehmergewinn  und  Dividenden ­
  gehen  in  die  Höhe,  die  Lage  auf  dem  Arbeitsmarkt  ist  eine
günstige,  die  Löhne  weisen  eine  steigende  Tendenz  auf,  die  Verkehrsunternehmungen ­
  des  Staates  ergeben  steigende  Erträge  und  das
gleiche  gilt  auch  von  den  Einnahmen  der  öffentlichen  Körperschaften ­
  an  Verbrauchs-  und  Verkehrsabgaben  und  an  Steuern  aus
Vermögen  und  Einkommen,  wenn  die  Konjunktur  nach  oben  geht.
In  der  Hausse  ist  die  Arbeitsfähigkeit  eines  Volkes  in  allen  seinen
Schichten  weit  angespannter  und  regsamer  als  in  den  Zeiten  der
Depression,  oft  angespannt  bis  zum  höchsten  Grade  der  Leistungsfähigkeit, ­
  Fabrikanlagen,  Maschinen  und  sonstige  Produktionsmittel
werden  in  der  Hausse  voll  und  bis  zum  äußersten  ausgenutzt,
ohne  daß  es  an  Mitteln  fehlte,  für  entsprechende  Abschreibungen
und  für  Ersatz  der  abgenutzten  Anlagen  Sorge  zu  tragen.  Die  vermehrte ­
  Güterproduktion  schafft  nicht  nur  dem  Einzelnen  steigende  Einnahmen ­
  und  Gewinne,  auch  das  Volk  als  Ganzes,  die  ganze  Volkswirtschaft ­
  wird  damit  reicher  und  stärker.  Dieser  Erfolg  ist  für  die
Gesamtheit  um  so  bedeutsamer  und  nachhaltiger,  je  weniger  der  sich
dann  einstellende  Rückgang  in  der  Prosperität  sich  in  Form  eines  jähen
und  plötzlichen  Absturzes  mit  großen  Verlusten  auf  allen  Seiten,  d.  h.
in  der  Form  einer  ausgesprochenen  Krise,  vollzieht.
Soweit  dieses  in  dem  eben  dargelegten  Maße  der  Fall  ist,  und
im  allgemeinen  war  es  in  der  betrachteten  Zeit  die  Regel  gewesen,
gingen  privatwirtschaftliche  und  volkswirtschaftliche  Interessen  Hand
in  Hand.  Das  Aufsteigen  der  Konjunktur,  die  Prosperität  des  Wirtschaftslebens, ­
  hatte  hier  für  den  privaten  Unternehmer  die  gleiche
Bedeutung,  wie  für  die  ganze  Volkswirtschaft.  Soweit  in  diesem
Sinne  privatwirtschaftliche  und  volkswirtschaftliche  Interessen  Hand
in  Hand  gingen,  mußte  dies  vom  Standpunkt  beider  aus  betrachtet,
ein  idealer  Zustand  sein.  Dabei  sei  an  dieser  Stelle  ganz  davon
abgesehen,  daß  diese  Regel  an  manchen  Punkten  von  Ausnahmen
durchbrochen  wurde,  daß  diese  Harmonie  zwischen  Privatwirtschaft
und  Volkswirtschaft  keineswegs  eine  lückenlose  gewesen  ist.  Es
würde  an  dieser  Stelle  zu  weit  führen,  im  einzelnen  darzulegen,  nach
        <pb n="54" />
        1.  Bis  zum  Beginn  des  großen  Krieges.

öl

welchen  Richtungen  hin  solche  Gegensätze  bestanden  haben  und
möglich  sind.  Es  sei  nur  kurz  hervorgehoben,  daß  der  tiefste
Kern  dieses  Gegensatzes  darin  liegt,  daß  der  einzelne  Unternehmer  als
solcher  kein  unmittelbares  Interesse  an  der  Menge  und  an  dei
Beschaffenheit  der  von  ihm  erzeugten  Brauchbarkeiten  hat,  daß  ihm
die  Güterproduktion  vielmehr  nur  ein  Mittel  ist,  einen  möglichst  großen
Ertrag  zu  erzielen.  Das  Handeln  des  Unternehmers  ist  auf  das
Erzielen  einer  größtmöglichen  Rentabilität  eingestellt.  Die  Frage  ist,
ob  dieses  Ertrags-und  Rentabilitätsbestreben  auch  immer  dazu  führt,  in
der  Volkswirtschaft  unter  gegebenen  Verhältnissen  die  größtmögliche
Menge  an  Brauchbarkeiten  in  möglichst  vollkommener  und  nachhaltiger ­
  Form  zu  erzeugen.  Denn  die  Aufgabe  der  volkswirtschaftlichen ­
  Arbeit  ist  es  ja,  die  Bedarfsdeckung  des  Volkes  in  möglichst
vollkommener  Weise  durchzuführen,  und  es  ist  die  vielumstrittene
Frage,  auf  welche  hier  nicht  weiter  eingegangen  werden  kann,  ob
der  Rentabilitätsgedanke  der  privaten  Erwerbswirtschaft  dieses  Ziel
in  der  denkbar  vollkommensten  Weise  erreicht,  oder  ob  es  eine
andere  Organisation  der  Volkswirtschaft  gibt,  welche  diesem  Ziele
besser  gerecht  wird.  Für  die  betrachtete  Zeit  wird  man  aber  jedenfalls ­
  trotz  mancher  Ausnahmen  im  ganzen  sagen  können,  daß  in
ihr  eine  solche  Harmonie  bestanden  hat 1 ).
Diese  frühere  Harmonie  wird  uns  ganz  besonders  deutlich  zu
Bewußtsein  kommen,  wenn  wir  die  Konjunkturentwicklung  betrachten,
wie  sie  sich  während  des  Krieges  und  nach  dem  Kriege  bei  uns  gestaltet ­
  hat.  Wenn  für  diese  Zeit  eines  feststeht,  so  ist  es  dies,  wie
wir  gleich  noch  genauer  sehen  werden,  daß  hier  von  einer  solchen
Übereinstimmung  privatwirtschaftlicher  und  volkswirtschaftlicher  Interessen ­
  keine  Rede  sein  konnte.
Wenn  wir  nun  zusammenfassend  die  Konjunkturentwicklung  in
Deutschland  seit  der  Mitte  der  neunziger  Jahre  bis  zum  Beginn  des
Krieges  betrachten,  so  kann  man  etwa  die  folgende  Reihe  aufstellen;
1897—1900  Günstige  Konjunktur,  1908—1909  Depression,
1900—1903  Depression,  1910—1912  Günstige  Konjunktur
1904—1907  Günstige  Konjunktur,  1913—1914  Depression.
1 )  Über  diesen  Gegensatz  habe  ich  eingehender  gesprochen  in  meiner
Schrift:  Die  Gefahr  einer  Übervölkerung  für  Deutschland.  Tübingen  1919.
Seite  Ö4ff.  Vgl.  dazu  auch  Liefmann,  Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre. ­
  2.  Band.  1919.  S.  455  ff.  Die  Kapitalbildung  und  das  Krisenproblem. ­
  Liefmann  weist  hier  darauf  hin,  daß  in  der  Hausse  durch  Anwendung ­
  billigerer  uind  neuerer  Produktionsverfahren  eine  zu  starke  Verv
nichtung  vorhandenen  Kapitals  durch  dieses  neu  investierte  stattfinden  kann
und  daß  damit  die  Möglichkeit  gegeben  ist,  daß  hierbei  das  Streben  der
Einzelwirtschaft  nach  größtem  Gewinn  und  das  volkswirtschaftliche  Interesse
nach  größter  Wohlstandsförderung  auseinandergehen  können.
        <pb n="55" />
        52  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Es  wurde  oben  ausdrücklich  etwa  gesagt,  weil  es  sich  bei
einer  solchen  Reihe  doch  nur  um  eine  ziemlich  rohe  Aufeinanderfolge
handeln  kann.  Weder  waren  die  Perioden  der  günstigen  Konjunktur
und  Depression  in  sich  irgendwie  gleichartig  und  vergleichbar,  noch
lassen  sie  sich  auch  ohne  weiteres  in  solch  glatten  Jahresperioden
zeitlich  gegeneinander  ahgrenzen.  Die  Einteilung  nach  Jahren  bildet
ein  höchst  rohes  Verfahren,  um  den  Ablauf  der  Konjunkturen  zeitlich
zu  charakterisieren.  Handelt  es  sich  doch  hier  um  Zustände  des  Wirtschaftslebens, ­
  die  häufig  ineinander  übergehen,  ohne  daß  es  dabei
möglich  wäre,  einen  scharfen  und  glatten  Schnitt  an  dem  Punkte  zu
ziehen,  an  dem  die  eine  Periode  anfängt  und  die  andere  aufhört.
Bei  der  Betrachtung  der  Symptome  und  Merkmale  der  verschiedenen
Konjunkturen  werden  wir  später  von  dieser  Einteilung,  so  mangelhaft ­
  sie  auch  unter  den  eben  dargelegten  Gesichtspunkten  ist,  Gebrauch ­
  zu  machen  haben,.
3.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.
Es  ist  schon  mit  Recht  hervorgehoben  worden,  daß  die  Konjunkturverhältnisse ­
  während  und  nach  dem  Kriege  einen  ganz  einzigartigen ­
  Charakter  aufweisen  und  daß  sich  wirtschaftlicher  Aufschwung ­
  und  wirtschaftlicher  Niedergang  in  dieser  Zeit  nach  keiner
Richtung  hin  mit  den  entsprechenden  Verhältnissen  der  Vorkriegszeit
vergleichen  lassen.  Es  wird  eine  der  Hauptaufgaben  der  folgenden
Zeilen  sein,  auf  diese  Unterschiede  einzugehen  und  auf  das  einzigartige ­
  dieser  neuesten  Entwicklung  der  Konjunktur  hinzuweisen.  Es
ist  dabei  wesentlich  einfacher,  dies  für  die  Zeit  während  des  Krieges,
welche  abgeschlossen  hinter  uns  liegt,  als  für  die  Nachkriegszeit  zu
tun.  Denn  für  diese  Zeit  nach  dem  Kriege  ist  noch  alles  im  Flusse
und  die  sehr  verwickelten  Zusammenhänge  lassen  sich  hier  noch  keineswegs ­
  an  allen  Punkten  mit  der  genügenden  Klarheit  überschauen.
Befrachten  wir  zunächst  kurz  die  Konjunktur  während
des  Krieges.  Es  ist  bekannt  und  braucht  deshalb  an  dieser  Stelle
nicht  mit  Zahlen  belegt  zu  werden,  daß  während  des  Krieges,  ganz
besonders  aber  auch  in  Deutschland,  nach  gewisser  Richtung  hin
eine  ausgesprochene  Hochkonjunktur  geherrscht  hat.  Von  einzelnen
Industriezweigen  abgesehen,  haben  in  dieser  Zeit  im  allgemeinen
die  Unternehmergewinne,  Dividenden,  Aktienkurse  und  Löhne  eine
ganz  erhebliche  Steigerung  erfahren.  Ist  man  doch  sogar  so  weit  gegangen, ­
  den  recht  merkwürdig  klingenden  Satz  auszusprechen:  „Der
Krieg  ist  vom  volkswirtschaftlichen  Standpunkt  aus  eine  Hochkonjunktur“!). ­
  Trifft  dieses  zu?

D  Manns  tae  dt,  Hochkonjunktur  und  Krieg.  Jena  1917.
        <pb n="56" />
        2.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.

53

Wir  haben  oben  gesehen,  daß  eine  der  volkwirtschaftlich  wichtigsten ­
  Seiten  der  Hochkonjunktur  darin  liegt,  daß  während  dieser
Zeit  die  wirtschaftliche  Leistungsfähigkeit  eines  Landes  auf  ihrem
Höhepunkt  steht,  daß  keine  Arbeitslosigkeit  herrscht,  niemand  müßig
geht,  daß  alle  Maschinen  und  sonstigen  Produktionsmittel  in  voller
Tätigkeit  sind  und  daß  damit  in  einer  solchen  Zeit  auch  der  Wohlstand ­
  des  ganzen  Volkes  zunimmt.  Wir  werden  das  alles  später  noch
im  einzelnen  kennen  lernen.  Man  wird  also  auch  sagen  können,  daß
in  solchen  Zeiten  einer  günstigen  Konjunktur,  wenn  auch  mit  Einschränkungen, ­
  von  denen  oben  bereits  die  Rede  gewesen  ist,  die
Interessen  der  einzelnen  Erwerbswirtschaften  mit  denen  der  Gesamtheit ­
  Hand  in  Hand  gehen,  daß  man  also  in  einer  solchen  Zeit  nicht
nur  von  einer  Hochkonjunktur  für  die  einzelnen  Erwerbswirtschafteh,
  sondern  auch  für  die  ganze  Volkswirtschaft  reden  kann.
Eine  einfache  Überlegung  zeigt  jedoch,  daß  trotz  zahlreicher
äußerer  Symptome  einer  solchen  Hochkonjunktur,  während  des  Krieges ­
  von  einer  solchen  Übereinstimmung  privatwirtschaftlicher  und
volkswirtschaftlicher  Interessen  keineswegs  so  allgemein  die  Rede
sein  konnte.  Es  wurden  zwar  auch  während  des  Krieges,  von  einzelnen ­
  Industriezweigen  abgesehen,  die  vorhandenen  Produktionsanlagen ­
  und  Maschinen  voll  ausgenutzt,  die  Löhne  stiegen,  von  einer
allgemeinen  Arbeitslosigkeit  war  keine  Rede,  aber  niemand  wird
behaupten  wollen,  daß  mit  diesen  äußeren  Erfolgen  der  privaten  Erwerbswirtschaften ­
  eine  wirtschaftliche  Kräftigung  und  eine  Zunahme ­
  des  Wohlstandes  der  ganzen  Volkswirtschaft  Hand  in  Hand
gegangen  ist.  Das  deutsche  Volk  lebte  eben  in  dieser  Zeit  in  hohem
Maße  von  dem  Verbrauch  vorhandener  Gütervorräte,  vor  allem  an
Rohstoffen.  Maschinen  und  sonstige  Produktionsmittel  wurden  nicht
nur  bis  zur  Grenze  ihrer  Leistungsfähigkeit  ausgenutzt,  sie  wurden
vielfach  abgenutzt,  ohne  daß  im  allgemeinen  von  einer  entsprechenden ­
  Erneuerung  hätte  die  Rede  sein  können.  Das  war  nicht  nur  in
der  Industrie  der  Fall,  das  gleiche  gilt  vielmehr  auch  für  die  Landwirtschaft. ­
  Man  denke  nur  daran,  was  in  der  deutschen  Landwirtschaft, ­
  vor  allem  an  Vieh  und  sonstigen  Produktionsmitteln,  ohne  Ersatz ­
  verbraucht  worden  ist,  oder  man  denke  daran,  in  welchem  Umfange ­
  durch  Mangel  an  Düngemitteln  und  zureichenden  Arbeitskräften ­
  zur  Felderbestellung,  ein  Raubbau  am  Boden  stattgefunden
hat,  unter  dessen  Nachwirkungen  wir  ja  jetzt  alle  noch  zu  leiden
haben.
Von  einer  Zunahme  in  der  Leistungsfähigkeit  der  Volkswirtschaft ­
  ,  von  einer  Blüte  derselben,  von  einem  Aufschwung  des  ganzen
Wirtschaftslebens,  wie  wir  ihn  sonst  bei  guten  Konjunkturen  zu  finden
        <pb n="57" />
        54  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

pflegen,  konnte  in  dieser  ganzen  Zeit  keine  Rede  sein.  Von  einer
volkswirtschaftlichen  Hochkonjunktur  wird  man  angesichts  dieser
Tatsachen  nicht  reden  dürfen.  Dem  gegenüber  sehen  wir  aber
dann  auf  der  anderen  Seite  die  zweifellos  äußerst  günstigen  Verhältnisse ­
  zahlreicher  Erwerbswirtschaften  während  dieser  ganzen
Periode.
Wenn  man  diesen  Gegensatz  ins  Auge  faßt,  dann  wird  man
ohne  weiteres  dazu  kommen  müssen,  in  dieser  sogenannten  Hochkonjunktur ­
  während  der  Kriegszeit  einen  ganz  besonderen  Konjunkturtyp ­
  zu  erblicken,  wie  es  ja  auch  bei  den  ganz  einzigartigen  Verhältnissen ­
  dieser  Periode  gar  nicht  anders  möglich  sein  konnte.  Man
wird  sagen  können,  daß  wir  während  dieser  Zeit  wohl  vielfach  eine
privatwirtschaftliche,  aber  keine  volkswirtschaftliche  Hochkonjunktur ­
  gehabt  haben.  Diese  Unterscheidung  bedarf  einiger  Erläuterungen:
Der  Ausdruck,  privatwirtschaftliche  Hochkonjunktur,  soll  nur
die  auf  der  Hand  liegende  Tatsache  ausdrücken,  daß  während  der
Kriegszeit,  von  einzelnen  Ausnahmen  abgesehen,  welche  aus  den
unmittelbaren  Kriegsverhältnissen  heraus  zu  erklären  sind,  die
privaten  Erwerbswirtschaften  durchaus  die  äußeren  Symptome  einer
Hochkonjunktur  nach  vielen  Richtungen  hin  aufwiesen,  ohne  daß
dabei  jedoch,  wie  bei  sonstigen  Hochkonjunkturen,  die  gesamte  Volkswirtschaft ­
  an  Wohlstand  und  innerer  Stärke  zugenommen  hätte.  Es
war  vielmehr  das  Gegenteil  der  Fall.
Es  ist  auch  nicht  schwer  zu  ersehen,  woher  und  warum  dieser
Widerspruch  gekommen  ist.  Es  konnte  dies  nur  deshalb  der  Fall  sein,
weil  ein  so  großer  Teil  der  Nachfrage  auf  dem  Gütermarkt  während
dieser  Zeit  sich  nicht  auf  Grund  einer  realen  Kaufkraft  vollzog,
d.  h.  nicht  dadurch,  daß  dieser  ganzen  Kaufkraft  jedes  Mal  eine  ententsprechende
  Verfügung  über  einen  bestimmten  Gütervorrat  zugrunde
gelegen  hätte.  Diese  Kaufkraft,  aus  welcher  sich  während  dieser
ganzen  Zeit  die  Nachfrage  auf  dem  Gütermarkt  zusammensetzte,
war  vielmehr  in  hohem  Maße  eine  künstlich  geschaffene,  eine  fiktive. ­
  Ohne  eine  entsprechende  Vermehrung  der  Güterproduktion
und  des  Gütervorrates  wurde  die  Kaufkraft  aus  Gründen,  die  wir
gleich  kennenlemen  werden,  künstlich  gesteigert.  Eine  Schaffung
solch  fiktiver  Kaufkraft  kann  in  verschiedenem  Umfange  eintreten.
In  geringem  Maße  zeigt  sich  eine  solche  als  Folge  einer  vermehrten
Kreditgewährung  durch  die  Banken  bei  jeder  Hochkonjunktur.
Während  des  Krieges  jedoch  hat  diese  fiktive  Kaufkraft  eine
ganz  besondere  Vermehrung  durch  die  Milliardenanleihen  des  Reiches
und  durch  die  starke  Vermehrung  des  Papiergeldumlaufes  erfahren.
Auf  diesem  Wege  hat  nicht  nur  das  Reich  selbst  künstlich  seine
        <pb n="58" />
        2.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.

55

eigene  Kaufkrait  erhöht,  seine  auf  diese  Weise  erhöhte  Kaufkraft
übertrug  sich  dann  auch  durch  die  damit  bewirkten  Zahlungen
für  Lieferungen,  für  Gehälter  und  Löhne,  auf  die  weitesten  Kreise  der
Bevölkerung.  So  konnte  nicht  nur  das  Reich  für  seinen  Bedarf  jeden
Preis  zahlen,  auch  für  weite  Teile  des  Volkes  war  auf  diese  Weise
die  Möglichkeit  geschaffen,  aus  dieser  Quelle  mittelbar  ihre  alte  Kaufkraft ­
  entweder  aufrecht  zu  erhalten  oder  noch  über  das  frühere
Maß  hinaus  zu  steigern.
In  dem  Maße,  in  welchem  sich  diese  hier  nur  kurz  geschilderte
Entwicklung  vollzog,  konnte  sich  ein  großer  Teil  der  Einzelwirtschaften ­
  bereichern,  aber  nur  auf  Kosten  des  Reiches.  Denn  dieses
mußte  in  dem  Maße,  als  Einzelwirtschaft  betrachtet,  ärmer  werden,
als  seine  Schuldenlast  auf  diese  Weise  anstieg.  Das  Volksvermögen
setzt  sich  eben  aus  dem  Vermögensbesitz  der  privaten  Wirtschaften
und  demjenigen  der  öffentlichen  Körperschaften  zusammen.  So
ist  es  auf  einfache  Weise  zu  erklären,  daß  gleichzeitig  die  privaten
Vermögen  steigen  können,  ohne  daß  das  Volksvermögen  dabei  eine
Zunahme  erfährt,  ja,  daß  dieses  dabei  noch  sinken  kann.
Hätte  das  Reich  seine  Kriegsausgaben  mittels  Steuern  auf  den
Verbrauch  oder  auf  Einkommen  und  Vermögen  gedeckt,  so  hätte
diese  Wirkung  einer  solch  künstlich  aufgeblähten  Kaufkraft  nie  eintreten
  können.  Dann  hätte  sich  eben  das  Reich  nicht,  wie  es  tatsächlich ­
  der  Fall  gewesen  ist,  eine  solch  künstliche  zusätzliche
Kaufkraft  geschaffen,  seine  Kaufkraft  wäre  vielmehr  auf  Kosten  derjenigen ­
  der  Einzelwirtschaften  gestiegen.  Dann  wäre  es  aber  auch  undenkbar ­
  gewesen,  daß  gleichzeitig  mit  einer  Verarmung  der  ganzen
Volkswirtschaft  eine  so  große  Zahl  einzelner  Erwerbswirtschaften
eine  solche  Hochkonjunktur  hätten  erleben  können,  wie  es  tatsächlich ­
  der  Fall  gewesen  ist.
Mit  diesen  Verhältnissen  während  des  Krieges  weisen  die  Zustände ­
  in  der  Nachkriegszeit  manche  Ähnlichkeiten  auf.  Auch
in  dieser  Nachkriegszeit  treffen  wir  di©  beiden  schon  während  des
Krieges  beobachteten  Erscheinungen  an:  auf  der  einen  Seite  äußerst
günstige  Verhältnisse  zahlreicher  privater  Erwerbswirtschaften,  hier
vielfach  zeitweilig  eine  ausgesprochene  Hochkonjunktur,  ohne  daß
auf  der  anderen  Seite,  genau  wie  während  des  Krieges,  von  einer
Zunahme  des  allgemeinen  Volkswohlstandes  die  Rede  sein  könnte.
Wissen  wir  doch  vielmehr  alle,  daß  diese  großen  Gewinne  zahlreicher ­
  Erwerbsgesellschaften,  die  großen  Spekulationsgewinne  an
der  Börse  und  ähnliches,  alles  in  einer  Zeit  stattgefunden  hat,  in
welcher  von  einer  Blüte,  einem  Wohlergehen  des  deutschen  Wirtschaftslebens ­
  keine  Rede  sein  konnte.  Hat  man  doch  auch  deshalb
        <pb n="59" />
        56  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

schon  diese  eigenartige  Hochkonjunktur  der  Nachkriegszeit  treffend ­
  als  Katastrophenhausse  bezeichnet.
Zur  Erklärung  dieser  Erscheinung  dient  einmal  unschwer  die  Tatsache, ­
  daß  in  der  ersten  Zeit  nach  dem  Kriege  in  noch  weit  stärkerem ­
  Maße  als  während  des  Krieges,  durch  die  gewaltige  Ausgabe
von  Papiergeld,  neue  künstliche  Kaufkraft  geschaffen  worden  ist.
Dabei  vollzog  sich  dieses  während  einer  Zeit,  in  der  noch  unter
den  Nachwirkungen  des  Krieges,  unter  dem  Einfluß  des  großen
Kohlenmangels  und  des  Fehlens  der  wichtigsten  Rohstoffe  die
Güterproduktion  allenthalben  weit  geringer  war,  als  in  der  Zeit
vor  dem  Kriege.  Nur  aus  dieser  Tatsache  einer  zu  geringen  Produkduktionsmöglichkeit
  aus  Mangel  an  Kohle  und  Rohstoffen,  ist  es  auch
zu  erklären,  weshalb  gleichzeitig  mit  dieser  günstigen  Lage  für  die
privaten  Erwerbswirtschaften  dauernd  eine  nicht  unerhebliche  Arbeitslosigkeit ­
  in  vielen  Erwerbszweigen  bestanden  hat.
Dazu  kam  noch,  daß  im  Zusammenhang  mit  dem  ungünstigen
Stande  der  deutschen  Valuta  ein  sehr  großer  Teil  der  deutschen
Gütererzeugung  ins  Ausland  ging.  Muß  doch  jede  Valutaverschlechterung ­
  solange  als  Exportprämie  wirken,  bis  sich  die  Inlandspreise
dem  Weltmarktpreis  angepaßt  haben.  Gemessen  an  der  so  künstlich
neu  geschaffenen  Kaufkraft  bestand  also  aus  diesen  Gründen  an
vielen  Gütern  ein  zu  geringes  Angebot.  Das  Gleichgewicht  zwischen
Produktion  und  Konsumtion,  zwischen  Angebot  und  Nachfrage,  war
in  ganz  anderer  Weise  gestört,  als  es  sonst  bei  Konjunkturstörungen ­
  zu  beobachten  ist.  Jetzt  blieb  das  Angebot  an  Gütern
vielfach  hinter  der  Nachfrage  zurück.  Daraus  mussten  sich  erhebliche ­
  Preissteigerungen  und  erheblich  steigende  Gewinne  in  fast
allen  Erwerbszweigen  ergeben.  Gleichzeitig  nahmen  aber  die  schwebenden ­
  Schulden  des  Reiches  dauernd  zu,  so  daß,  wie  oben  dargelegt,
den  steigenden  Gewinnen  der  Erwerbswirtschaften  keine  Zunahme
des  Volkwohlstandes  entsprechen  konnte.
Diese  so  eigenartige  Störung  des  Gleichgewichtes  zwischen
Produktion  und  Konsumtion,  welche  ein  starkes  Zurückbleiben
des  Angebots  gegenüber  der  Nachfrage  bedeutete,  hat  dann  die  Stellung ­
  des  Produzenten  seinen  Abnehmern  gegenüber  in  einem  früher
nie  gekannten  Umfange  gestärkt.  Das  kam  nicht  nur  in  der  Gestaltung ­
  der  Preise  zum  Ausdruck,  sondern  auch  bei  der  Festsetzung ­
  der  Lieferungs-  und  Zahlungsbedingungen,  wie  wir  es  ja
alle  miterlebt  haben 1 ).  i)

i)  Die  Frankfurter  Zeitung  gab  in  ihrem  ersten  Morgenblatt  vom'  26.  Au,
gust  1920  folgendes  Beispiel  dieser  „zeitgemäßen“  Verkaufsbedingungen.  Der
Verlag  deutscher  Glasgroßhändler  (Spiegelglasgruppe),  Krefeld,  bestimmte  in
        <pb n="60" />
        2  .  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege

57

Mancherlei  andere  Faktoren  kamen  noch  hinzu,  welche  diese
günstige  Stellung  des  Produzenten  noch  stärken  und  damit  weiterhin ­
  steigernd  auf  Preise  und  Gewinne  wirken  mußten.  Es  sei  hier
an  dieser  Stelle  nur  auf  die  großen  Valutagewinne  hingewiesen,
welche  bei  der  Ausfuhr  gemacht  wurden,  Gewinne,  die  zum  Teil
eine  solche  Höhe  erreichten,  daß  ja  zum  Ausgleich  dafür  für  viele
Waren  eine  Valutaabgabe  eingeführt  worden  ist.  Nach  der  gleichen
Richtung  hin  mußte  auch  die  sogenannte  Flucht  vor  der  Mark  und
das  Streben  wirksam  sein,  mehr  oder  weniger  große  Vermögensund ­
  Einkommensteile  in  Sachwerten  anzulegen.  Alle  diese  Faktoren ­
  mußten  das  an  sich  schon  mangelnde  Gleichgewicht  zwischen
Produktion  und  Konsumtion  noch  verstärken  helfen.
Einer  der  Hauptgründe,  welcher  die  Riesenausgabe  an  Papiergeld ­
  und  damit  die  stetige  Steigerung  der  künstlichen  Kaufkraft  notwendig ­
  machte,  war  die  Tatsache,  daß  es  nicht  möglich  gewesen
war,  dem  Reiche  die  erforderlichen  Einnahmen  aus  Steuermitteln
zu  beschaffen.  Wäre  dieses  sogleich  durchführbar  gewesen,  so  hätte
hierdurch  das  Reich  die  Möglichkeit  besessen,  sich  ohne  eine  solche
Ausgabe  von  Papiergeld  die  Mittel  zu  beschaffen  seine  Ausgaben
zu  bestreiten.  Dann  hätte  aber  den  so  erheblich  gestiegenen  Ausgaben ­
  des  Reiches  infolge  der  damit  eingetretenen  Steuerbelastung ­
  eine  entsprechende  Verminderung  der  Kaufkraft  der  Revölkerung
  gegenübergestanden.  Dann  hätte  auch  eine  solche  Störung ­
  des  Gleichgewichtes  zwischen  Produktion  und  Konsumtion  und
eine  solche  privatwirtschaftliche  Hochkonjunktur  niemals  eintreten
können.  Es  sei  nur  auf  die  Milliardenausgaben  des  Reiches  zur
Senkung  der  Lebensmittelpreise  hingewiesen,  Ausgaben,  die  ja  alle
mit  Papiergeld  bestritten  worden  sind.
Freilich  hingen  auch  diese  großen  Gewinne  der  einzelnen  Erwerbs
  wirtschaften,  das  sei  hier  nur  kurz  hervorgehoben,  auch  damit
zusammen,  daß  der  Boden,  Industrieanlagen  und  Produktionsmittel,
noch  fortdauernd  Goldmark  repräsentierten,  während  sich  die  hohen
Gewinne  und  Dividendenausschüttungen  in  Papiermark,  also  in
entwertetem  Gelde,  berechneten.  Wenn  man  sich  diese  Tatsache
seinen  neuen  Verkaufsbedingungen  unter  anderem:  „Alle  Angebote  vom:  Lager ­
  müssen  freibleibend  und  ohne  Verbindlichkeiten  abgegeben  werden.  Für
alle  Angebote,  denen  die  Ausführung  der  Hütte  zugrunde  liegt,  gelten  die
Hüttenbedingungen:  ohne  Verbindlichkeit  auf  umgehende  Zusage,  vorbehaltlich ­
  der  Annahme  seitens  der  Hütten,  der  Lieferungs-  und  Transportmöglichkeiten. ­
  Treten  bis  zur  Ausführung  Änderungen  in  Preisen  oder  Bedingungen
ein,  so  gelten  die  Preise  und  Bedingungen  des  Lieferungstages.  Sind  indessen ­
  die  am  Tagoder  Bestellung  bei  den  Hütten  gültigen  Preise
höher  gewesen  als  diejenigen  des  Lieferungstages,  so  gelten  die  am
Bestellungstage  in  Kraft  gewesenen  Preise.“
        <pb n="61" />
        58  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablaut  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

vor  Augen  hält,  dann  wird  man  aber  auch  sagen  können,  daß  diese
großen  Gewinne,  welche  gemacht  wurden,  nur  scheinbar  so  hoch
gewesen  sind.  Dann  wird  man  aber  auch  nur  in  eingeschränktem
Sinne  von  einer  privatwirtschaftlichen  Hochkonjunktur,  von  übermäßig ­
  gestiegenen  Aktienkursen  oder  von  einer  Börsenhausse
reden  dürfen.  Denn  in  all  diesen  Fällen  wird  man  Gewinne  und
Kurse  der  Dividendenpapiere  in  ihrer  Höhe  an  der  Verschlechterung
der  Mark  messen  müssen.
Es  ist  hier  eben  ein  doppelter  Vergleichsmaßstab  möglich  und
je  nachdem  man  den  einen  oder  anderen  anlegt,  wird  man  auch  zu
einem  anderen  Ergebnis  kommen  müssen.
Stellt  man  das  einemal  diese,  in  Papiermark  ausgedrückten  Gewinne ­
  und  Börsenkurse  der  Tatsache  gegenüber,  daß  diese  Werten
gegenüberstanden,  die  Goldmark  repräsentierten,  daß  man  also  Gewinne ­
  und  Kurse  während  der  Nachkriegszeit  in  ihrer  Höhe  nicht
einfach  und  schematisch  mit  denjenigen  während  der  Vorkriegszeit
vergleichen  darf,  daß  bei  der  Reduktion  dieser  Nachkriegsgewinne
und  Nachkriegskurse  auf  Goldmark  sich  diese  sehr  bescheiden  und
niedrig  ausnehmen  würden,  so  muß  man  es  ablehnen,  hier  von  einer
besonders  günstigen  Konjunktur  der  Erwerbswirtschaften  zu  sprechen.
Ganz  anders  gestaltet  sich  jedoch  das  Bild,  wenn  man  die  Höhe
dieser  Gewinne  und  Kurse  nicht  an  dem  realen  Wert  der  ihnen  zugrunde ­
  liegenden  Produktionsanlage  mißt,  sondern  vor  allem  die  Höhe
dieser  Gewinne  in  Vergleich  setzt  zu  der  ganzen  gleichzeitigen  Lage
der  Volkswirtschaft  und  zu  der  Tatsache,  daß  das  reale  Einkommen
weiter  Schichten  der  Bevölkerung  eine  gewaltige  Einbuße  erlitten
hat.  An  einem  solchen  Maßstab  gemessen,  wird  man  dann  freilich
diese  Gewinne  vielfach  als  sehr  hoch  empfinden  müssen  und  unter
diesem  Gesichtspunkte  auch  berechtigt  sein,  in  dieser  Zeit  von  einer
Hochkonjunktur  in  bestimmten  Erwerbszweigen  zu  reden.
Freilich  gilt  das  eben  Gesagte  nur  von  den  allerersten  Jahren
nach  dem  Kriege.  Diese  Sachlage  begann  eine  wesentlich  andere
zu  werden  ,als  etwa  von  der  Mitte  des  Jahres  1922  ab  der  Wert  der
Mark  in  einem  Ausmaße  zu  sinken  begann,  wie  niemals  zuvor.  Jetzt
begann  den  stetig  steigenden  Preisen  gegenüber  die  Zunahme  der
schwebenden  Schuld  ihren  inflatorischen  Charakter  zu  verlieren,
und  die  in  Papiermark  ausgedrückt  stetig  steigenden  Dividenden  der
Aktiengesellschaften  blieben  immer  mehr  hinter  den  Erträgnissen
der  Vorkriegszeit  zurück,  so  daß  an  diesem  Maßstab  gemessen  mit
dem  rapiden  Sturz  der  Markvaluta  diese  privatwirtschaftliche  Hochkonjunktur ­
  immer  mehr  zurücktreten  und  die  Erwerbswirtschaften
        <pb n="62" />
        2.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.

69

überhaupt  froh  sein  mußten,  wenn  es  ihnen  gelang,  vor  Substanzverlusten ­
  bewahrt  zu  bleiben.
Unter  den  vielen  Beispielen,  die  sich  dafür  beibringen  ließen,
sei  nur  darauf  hingewiesen,  daß  in  der  Generalversammlung  der
Zellstoffabrik  Waldhof  im  Juni  1923  mitgeteilt  wurde,  daß  vor
dem  Kriege  bei  einem  Aktienkapital  von  32  Millionen  Goldmark
und  einer  Höchstdividende  von  25  o/o  die  dafür  zur  Verwendung
gelangende  Summe  dem  Jahresarbeitsverdienst  von  4000  Arbeitern
entsprochen  habe,  während  die  für  das  Geschäftsjahr  1922  beschlossene ­
  Dividende  in  der  Höhe  von  300  o/ 0  nur  dem  derzeitigen
Jahresarbeitslohn  von  30  Arbeitern  gleichkomme.
Dieser  immer  stärkere  Verfall  der  deutschen  Währung,  mit  dem
die  ausgesprochene  Periode  der  Scheingewinne  einzusetzen  begann,
ein  Zustand,  dessen  Wesen  Industrie  und  Handel,  Gesetzgebung  und
Rechtsprechung  (Verordnung  gegen  Preistreiberei,  Verkauf  zu  den
Wiederbeschaffungskosten)  viel  zu  spät  erkannt  und  berücksichtigt
haben,  bewirkte,  daß  in  weit  stärkerem  Maße  und  in  weit  kürzeren
Abständen  als  in  den  allerersten  Jahren  nach  dem  Kriege  sich  die
Kaufkraft  der  Mark  änderte,  und  daß  damit  vielfach  der  Verkaufserlös ­
  der  Ware  nicht  mehr  ausreichte,  um  sie  von  neuem  zu  erzeugen. ­
  Damit  setzte  auch  vielfach  sogar  eine  Periode  der  Substanzverluste ­
  und  ein  Rückgang  der  Produktionsfähigkeit  im  deutschen ­
  Wirtschaftsleben  ein,  unter  deren  Wirkungen  auch  diese
privatwirtschaftliche  Hochkonjunktur  der  ersten  Nachkriegszeit,  von
der  oben  die  Rede  gewesen  war,  immer  mehr  dahinschwand.
Zwar  gingen  Industrie  und  Handel  immer  mehr  dazu  über,  den
Verkaufspreis  nach  den  Wiederbeschaffungskosten  zu  bemessen,
aber  diese  Versuche  setzten  zu  spät  ein,  wurden  auch  mangels  genügender ­
  ökonomischer  Einsicht  in  die  Zusammenhänge  der  Preisbildung, ­
  von  Gesetzgebung  und  Rechtsprechung  bekämpft,  so  daß
dieser  Rückgang  in  der  Produktionsfähigkeit  nicht  aufgehalten
werden  konnte.
Erst  später  haben  Industrie  und  Handel  Wege  eingeschlagen,
auch  das  wollte  gelernt  sein,  um  sich  bei  schwankender  Währung
vor  solchen  Substanzverlusten  und  damit  vor  dem  weiteren  Rückgang ­
  ihrer  Leistungsfähigkeit  zu  schützen.  Diese  Entwicklung  begann ­
  mit  den  Abmachungen  über  freibleibenden  Preis  und  der  Festsetzung ­
  einer  Preisvorbehaltungsklausel  in  den  Lieferungsverträgen,
es  wurden  dann,  wie  z.  B.  von  dem  Nähgarnsyndikat  und  anderen
Zweigen  der  Textilindustrie,  gleitende  Preislisten  je  nach  dem
Devisenstande  eingeführt.  Vielfach  ist  man  dazu  übergegangen,  die
Preisberechnung  unmittelbar  zu  sogenannten  Festpreisen  "vorzu ­
        <pb n="63" />
        60  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

nehmen,  d.  h.  in:  irgendeiner  fremden  Währung  oder  in  einer  sogenannten ­
  kursgesicherten  Mark,  indem  je  nach  den  Schwankungen ­
  des  Dollarkurses  auf  die  vereinbarten  Preise  ein  Zuschlag  erhoben ­
  wurde.  Das  Wirtschaftsleben  hat  also  die  verschiedensten
Wege  eingeschlagen,  um  wieder  zu  einigermaßen  gesicherten  Kalkulationsgrandlagen ­
  zu  gelangen 1 ).
Aber  mit  diesen  immer  stärkeren  Schwankungen  der  Markvaluta
und  ihrem  immer  weiteren  Hinabgleiten  trat  noch  ein  weiterer  Faktor ­
  ein,  der  den  jetzt  einsetzenden  Wandlungen  in  der  Konjunktur
ein  besonderes  Gepräge  verlieh.  Es  zeigte  sich  nämlich  immer  deutlicher, ­
  daß  ein  in  dem  Maße  in  die  Weltwirtschaft  verflochtenes
Land  wie  Deutschland  sich  in  der  Gestaltung  und  Entwicklung  seines
Preisniveaus  in  unlösbarer  Abhängigkeit  von  dem  Weltmärkte  befindet ­
  und  daß  demgemäß  auch  innerhalb  Deutschlands  die  Gestaltung ­
  der  Preise,  in  vollkommener  Abhängigkeit  von  den  Schwankungen ­
  der  Währung,  immer  wieder  den  Weltmarktpreisen  zustrebte, ­

Damit  begann  die  Art  der  Konjunkturschwankungen  einzusetzen,
welche  man  als  Valutakonjunkturen  bezeichnet  hat  und  deren
Wesen  darin  liegt,  daß  sie  ihre  Ursachen  durchaus  auf  der  Geldseite
haben;  Der  einfache  Zusammenhang  ist  dabei  der  folgende:
Eine  Verschlechterung  im  Stande  der  Mark  wirkt  bei  der
Warenausfuhr  als  Prämie  und  befördert  damit  die  Absatzverhältnisse ­
  der  deutschen  Industrie.  Gleichzeitig  beginnen  im  Inlande  die
Preise,  welche  infolge  Verflechtung  Deutschlands  in  den  Weltmarkt ­
  immer  die  Tendenz  haben,  sich  den  Weltmarktpreisen  anzupassen, ­
  zu  steigen,  eine  Tendenz,  die  noch  dadurch  unterstützt
und  beschleunigt  wird,  daß  nun  das  Publikum  sich  mit  allen  möglichen ­
  Vorräten  einzudecken  sucht,  ehe  sich  diese  Preissteigerung
voll  ausgewirkt  hat.
Steigt  der  Wert  der  Markvaluta  dann  zeitweilig  wieder,  so  tritt
die  umgekehrte  Bewegung  ein.  Die  Preise  vieler  deutscher  Waren
hatten  in  diesem  Augenblick  bereits  mehr  oder  weniger  die  Weltmarktspreise ­
  erreicht;  mit  der  Hebung  der  Markvaluta  stehen  damit,
diese  deutschen  Preise  über  denjenigen  des  Weltmarktes,  die  Konkurrenzfähigkeit ­
  der  deutschen  Industrie  auf  fremden  Märkten  hört

*)  Für  die  Fragen  dieser  Preiskalkulation  vergleiche  weiter:  Kalveram,
Die  kaufmännische  Rechnungsführung  unter  dem  Einfluß  der  Geldentwertung.
Berlin  1923.  —  F.  Schmidt,  Der  Wiederbeschaffungspreis  des  Umsatztages
in  Kalkulation  und  Volkswirtschaft.  Bertin  1923.  —  Walb,  Das  Problem  der
Scheingewinne.  Freiburg  1921.  —  Mahlberg,  Bilanztechnik  und  Bewertung
bei  schwankender  Währung.  2.  Aufl.  Leipzig  1922  —  Muhs,  Preispolitik  und
Preiskalkulation  unter  den  Einwirkungen  der  Geldentwertung.  Jena  1923.
        <pb n="64" />
        2.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.

61

auf,  und  vielfach  wurde  in  diesen  Zeiten  das  Ausland  auf  den  deutschen ­
  Märkten  sogar  konkurrenzfähig.  Das  Publikum  wartete  dann
im  Inland  bei  seinen  Einkäufen  auf  das  Sinken  der  Preise,  es  setzte
der  bekannte  Käuferstreik  ein,  so  daß  damit  von  zwei  Seiten  her
der  Absatz  der  Industrie  in  Frage  gestellt  wurde.  Diese  schwierige
Lage  für  Handel  und  Industrie  dauerte  so  lange,  bis  die  Inlandspreise ­
  entsprechend  den  Weltmarktspreisen  gesunken  waren  oder
bis  ein  erneutes  Sinken  der  Markvaluta  eintrat.
Diese  Einwirkung  einer  steigenden  Valuta  auf  die  Konjunkturlage ­
  konnte  man  zuerst  deutlich  im  Jahre  1920  beobachten,  wo  im
Frühjahr  der  Wert  der  Mark  erheblich  zu  steigen  begann,  wie  die
folgende  kleine  Zahlenreihe  zeigt:
Es  betrug  der  Monatsdurchschnittskurs  für  einen  Dollar  in  Mark
im  Jahre  1920:

Januar  64,80  Mai
Februar  99,11  Juni
März  83,89  Juli
April  59,64  August

46,48

September  57,98

39,13

Oktober

68,17

39,48

November

77,24

47,74

Dezember

73,00

Ähnliche  Wirkungen  auf  den  Auslandsabsatz  der  deutschen
Industrie  waren  dann  vor  allem  auch  in  den  ersten  Monaten  des
Jahres  1923  zu  verzeichnen,  als  im  Zusammenhang  mit  der  Abwehraktion ­
  gegen  den  Ruhreinfall  die  Reichsbank  den  Dollarkurs
halbierte  und  den  Wert  der  Mark  längere  Zeit  stabil  hielt.
Die  gleichen  Wirkungen  für  den  Auslandsabsatz  der  heimischen
Industrie  mußten  aber  auch  dann  eintreten,  wenn  sich  bei  uns  eine
Anpassung  der  Inlands-  an  die  Weltmarktpreise  vollzogen  hatte  und
wenn  nicht  in  der  gleichen  Zeit  diese  Entwicklung  durch  eine  Verschlechterung ­
  der  Markvaluta  in  einem  dem  Export  günstigen  Sinne
kompensiert  wurde.  Einen  solchen  Zustand  hatten  wir  z.  B.  um  die
Mitte  des  Jahres  1922.  In  dem  Wochenberichte  der  von  der  Heydt-Kerstens-Bank
  vom  27.  Juni  1922  wurde  damals  ausdrücklich  darauf
hingewiesen,  daß  die  deutsche  Konkurrenz  für  die  holländische
Industrie  geringer  geworden  sei,  „da  die  allmähliche  Anpassung  des
deutschen  Preisniveaus  an  die  Entwertung  der  Mark  im  Auslande  die
Marge  für  den  deutschen  Exporthandel  wesentlich  verringert  habe“.
Auch  manche  Maßnahmen,  welche  das  Ausland,  um  der  deutschen ­
  Konkurrenz  zu  begegnen,  ergriff,  konnten  nach  der  gleichen
Richtung  hin  wirksam  sein.  Hierher  gehörten  z.  B.  die  besonderen
„Dumping-Zölle“  für  die  deutsche  Einfuhr,  Exportkredite  für  die
eigene  Industrie,  Lohnherabsetzungen  und  Verlängerung  der  Arbeitszeit ­
  im  eigenen  Lande,  um  der  deutschen  Konkurrenz  begegnen  zu
können.  Das  sind  dann  die  Zeiten,  in  welchen  wir  auch  in  anderen
Mombert,  Studium  der  Konjunktur.  ^
        <pb n="65" />
        62  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Ländern  von  einer  Besserung  der  Konjunkturlage  und  einer  Abnahme ­
  der  Arbeitslosigkeit  hörten.
Welchen  Schwankungen,  im  Zusammenhänge  vor  allem  mit
diesen  Änderungen  in  der  Bewertung  der  Markvaluta  dabei  die  deutschen ­
  Preise  im  Verhältnis  zu  denjenigen  auf  dem  Weltmärkte  unterlagen, ­
  zeigen  die  beiden  folgenden  Tabellen.  Die  erste 1 )  gibt  ein
Bild  von  dem  Verhältnis  des  deutschen  Inlandspreisniveaus  zu
demjenigen  des  Weltmarktes  und  zeigt,  welch  starken  Schwankungen ­
  und  Zuckungen  der  Abstand  beider  ausgesetzt  war,  die
zweite *  2 )  Tabelle  zeigt  denselben  Zusammenhang,  jedoch  nur  auf
einzelne,  ausgewählte  Waren  bezogen  und  nur  verglichen  mit  der
Preisentwicklung  in  den  Vereinigten  Staaten.
Die  Schwankungen  in  der  deutschen  Konjunkturlage  hatten  also
ihre  Ursachen  durchaus  auf  der  Geldseite.  Dabei  wurden  die  Änderungen ­
  bei  der  letzteren  nicht  irgendwie  aus  der  Entwicklung  der
Wirtschaft  heraus  bewirkt,  es  waren  vielmehr  in  erster  Linie  außenpolitische ­
  Momente,  welche  auf  diese  Schwankungen  im  Werte  der
Markvaluta  und  damit  auf  die  Konjunkturlage  den  entscheidenden
Einfluß  ausübten.  Diese  Konjunkturwandlungen  hingen  also  keineswegs ­
  mit  dem  inneren  Gefüge  und  der  Entwicklung  unserer  Volkswirtschaft ­
  zusammen.  Man  kann  also  diese  Ursachen  in  dem  oben
dargelegten  Sinne  nicht  als  endogene,  vielmehr  nur  als  exogene
bezeichnen.  Eine  gewisse  Ausnahme  kann  davon  vielleicht  nur  insoweit ­
  gelten,  als  diese  Schwankungen  im  Wert  der  Mark  in  hohem
Maße  auch  davon  abhingen,  in  welchem  Umfange  die  deutsche
Handelsbilanz  in  einer  bestimmten  Periode  aktiv  oder  passiv  war.
Es  wird  hiervon  nachher  noch  eingehender  die  Rede  sein.  Jedenfalls ­
  trugen  diese  Konjunkturschwankungen  einen  ganz  anderen
Charakter  als  diejenigen  der  Vorkriegszeit.  (Tabellen  s.  S.  63.)
Es  ist  oben  bereits  hervorgehoben  worden,  wie  anregend  der
Rückgang  der  Markwährung  auf  das  Geschäftsleben  in  Deutschland
gewirkt  hat,  wie  dadurch  dasjenige  in  die  Erscheinung  trat,  was  oben
als  privatwirtschaftliche  Hochkonjunktur  bezeichnet  worden  ist.  Es
war  dies  eine  Entwicklung,  wie  sie  rein  äußerlich  in  der  großen  Zahl
der  Neugründungen  in  dieser  Zeit  zum  Ausdruck  kam.  Es  betrugen
in  Deutschland  nach  Abzug  der  Löschungen  die  Neueintragungen
vori  Unternehmungen  im  Monatsdurchschnitt  der  folgenden  Jahre
1913  1921  1922  1923
Aktiengesellschaften  ...  6  82  244  573
G.  m.  b.  H  182  730  944  1034
Offene  Handelsgesellschaften  953  ?  2595  2416

')  Wirtschaft  und  Statistik.  III.  Jahrg.  1923.  S.  189.
2 )  Ebenda  S.  219.
        <pb n="66" />
        1920  Januar
„  Februar  .
„  Mai.  .  .
»  November
1921  Januar
„  Mai.  .  .
„  November
1922  Januar
„  Februar  .
„  März
»  April
„  Mai.
„  Juni
„  Juli.
„  August  .
„  September
,  Oktober  .
„  November
„  Dezember
1923  Januar
„  Februar  .
6.  März  .

Verhältnis  zwischen  deutschen  Inlands-  und  Weltmarktspreisen

wichtiger  Handelsartikel.
Vereinigte  Staaten  =  100.

1922  Januar
n  Juli  .  .  .
»  August  .
„  September
»  Oktober  .
„  November
„  Dezember
1923  Januar
»  Februarl.Woche
n  „  2.

Weizen

70.6
63.6
75.3
97.5
101,6
72.6
63.4
71.7
70.7

Schmalz

126,2
119,3
112,5
132.8
115.2
133.9
135.1
118.9
126.3
128.2
126.4
135.9
130.1
122.9
121.4
119.1

Baumwolle ­


114,2
114.2
109,8
110.2
109,2
109,0
112,1
111.0
110,0

Eisen

50,0
41,8
69.7
111,5
111,1
93.8
99.6
98.8
98.6

Kupfer

102.7
102.4
106.7
104.4
102,6
105,1
101,9

106.4
104.4
102.4
100,1
101.3
102.3
103.3
101,8
104,1

Kohle

Ähnliche  Verhältnisse  hat  man  auch  in  der  Aufschwungsperiode
nach  der  Reichsgründung  beobachten  können.  Wie  damals,  so  ka-
        <pb n="67" />
        64  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

men  auch  jetzt  sehr  viele  Gründungen  wenig  einwandfreier  Natur
vor,  Neulinge  begannen  unter  Ausnutzung  der  so  anormalen  Verhältnisse ­
  in  das  Geschäftsleben  einzudringen  und  manche  Unternehmungen ­
  sind  in  dieser  Zeit  entstanden,  deren  finanzielle  Unterlagen ­
  so  schwache  und  unlautere  sind,  daß  sie  überhaupt  nur  in
solchen  Zuständen,  wie  sie  die  Inflationsperiode  mit  sich  brachte,
ihr  Dasein  fristen  konnten 1 ).
Die  Konjunkturentwicklung  im  Auslande  bot  in  der
Nachkriegszeit  ein  ganz  anderes  Bild  als  in  Deutschland,  wenngleich
bei  der  Solidarität  der  internationalen  Märkte  zwischen  den  wirtschaftlichen ­
  Verhältnissen  auf  dem  Weltmärkte  und  denjenigen  in
Deutschland  der  engste  Zusammenhang  bestand.
Nach  Beendigung  des  Krieges  hatten  die  europäischen  Staaten
ein  sehr  starkes  und  dringendes  Bedürfnis  vor  allem  nach  Rohstoffen
und  Lebensmitteln.  Trotz  ihrer  durch  den  Krieg  und  seine  Nachwirkungen ­
  erheblich  eingeschränkten  Kaufkraft  und  trotz  der  Verschlechterung ­
  ihrer  Valuta,  welche  ja  wie  ein  Einfuhrzoll  wirken
mußte,  traten  die  meisten  dieser  Staaten  in  großem  Umfange  als
Käufer  auf  dem  Weltmärkte  auf.  Damit  begann  sich  zunächst  eine
günstige  Konjunktur  für  die  Rohstoffstaaten,  vor  allem  für  Amerika,
zu  entwickeln.  In  dem  ersten  Jahre  nach  Beendigung  des  Krieges
konnte  man  in  diesen  Staaten  von  einer  ausgesprochenen  Hochkonjunktur ­
  sprechen.  Ihre  Produkte  fanden  bei  hohen  Preisen  in
Europa  glatten  Absatz.
In  der  ersten  Hälfte  des  Jahres  1920  begann  hierin  eine  Änderung
einzutreten.  Die  weiter  sinkende  Valuta  einer  Reihe  bisher  als

!)  Fleck,  Finanzierung  und  Konzentrationsbewegung  in  der  deutschen
Baumwollindustrie,  besonders  seit  1918,  Diss.  Gießen  1924  (ungedruckt),  berichtet ­
  von  der  Gründung  einer  Leipziger  Gesellschaft  mit  dem  damals
lächerlich  geringen  Kapital  von  600000  Mark.  Der  Gegenstand  des  Unternehmens ­
  war  der  Großhandel  mit  Manufakturwaren,  Trikotagen  und  die
Fabrikation  dieser  Artikel.  Die  Hälfte  dieses  Kapitals  von  600  000  Mark  wurde
in  Waren,  und  zwar  in  Form  von  25  Stück  Einsatzhemden  eingebracht.  Vgl.
dazu  auch  die  Berichte  der  „Frankfurter  Zeitung“  vom  14.  Mai  1924:  „Eine
eigenartige  Generalversammlung"  und  vom  4.  Oktober  1924:  „Das  Vergehen
einer  Inflationsblüte“.  In  dem  letzteren  Falle  handelt  es  sich  um  eine  am
23.  April  1923  gegründete  Gesellschaft,  die  bis  zum  4.  Oktober  1924  einmal
den  Namen,  einmal  den  Vorstand  und  dreimal  den  Aufsichtsrat  gewechselt
hat.  Die  Umstellung  auf  Goldmark,  die  mit  der  Liquidation  am  18.  April  1924
vorgesehen  war,  ließ  sich  nicht  durchführen,  da  in  der  Nacht  zuvor  die  Geschäftsbücher ­
  und  sonstigen  Unterlagen  gestohlen  worden  waren.  In  dem  ersten
Falle  wurde  der  G.-V.  unter  anderem  mitgeteilt,  daß  der  neue  Vorstand  bei
seinem  Amtsantritt  weder  ordnungsgemäß  geführte  Bücher  noch  Korrespondenzen ­
  (Vorgefunden  habe  und  daß  man  deshalb  nicht  feststellen  könne,  wie  viele
Aktien  von  der  beteiligten  Bankfirma  weiter  gegeben  worden  seien.  Man  habe
daher  eine  Anzeige  erlassen,  daß  alle  Aktien,  die  nicht  bis  Ende  Dezember  angemeldet ­
  werden,  nichtig  seien,  Anmeldungen  seien  aber  kaum  eingelaufen.
        <pb n="68" />
        2.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.

Käufer  aufgetretener  Staaten  begann  in  immer  stärkerem  Maße
als  Einfuhrzoll  wirksam  zu  werden,  verteuerte  für  diese  Länder  den
Warenbezug  und  damit  begannen  sich  vor  allem  in  Amerika  unverkäufliche ­
  Warenbestände  zu  stauen.  Mit  dem  Jahre  1921  begann
dann  in  einer  Reihe  von  Staaten  die  Inflation  relativ  abzunehmen,
in  anderen  Staaten,  wie  vor  allem  in  England  und  in  den  Vereinigten ­
  Staaten,  trat  eine  erhebliche  Verminderung  der  Umlaufsmittel ­
  ein,  so  daß  man  für  diese  Zeit  schon  von  einer  Weltdeflation ­
  gesprochen  hat.  Damit  mußte  eine  wesentliche  Einschrumpfung ­
  der  vorher  so  stark  aufgeblähten  Kaufkraft  auf  allen
Märkten  eintreten.
Als  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahres  1920  in  den  Rohstoffstaaten
diese  ersten  Absatzstockungen  eintraten,  gelang  es  auf  den  verschiedensten ­
  Wegen  durch  Einschränkung  der  Produktion,  durch
Zurückhaltung  der  Waren  von  den  Märkten  mit  Hilfe  umfassender
Bankkredite,  einen  erheblichen  Preisrückgang  und  damit  ein  breiteres
Umsichgreifen  dieser  Verschlechterung  der  Konjunktur  zeitweilig
hintanzuhalten.  Es  waren  das  jedoch  Hilfsmittel,  die  nur  vorübergehend ­
  Anwendung  finden  konnten  und  es  war  vorauszusehen,
daß  sie  auf  die  Dauer  nicht  imstande  waren,  die  drohende
Krisis  hintanzuhalten,  wenn  es  nicht  gelang,  vor  allem  die  mitteleuropäischen ­
  Staaten  kaufkräftiger  zu  machen.  Das  zeigte  sich,  als
zu  Ende  des  Jahres  1920  und  in  noch  stärkerem  Maße  zu  Beginn  des
Jahres  1921  die  Preise  weiter  zu  sinken  begannen  und  auf  einem
Stande  anlangten,  welcher  zum  Teil  unter  demjenigen  der  Vorkriegszeit ­
  sich  befand.
Dieser  Preissturz  setzte  ein,  trotzdem,  wie  die  folgende  Tabelle
zeigt,  die  Weltproduktion  damals  noch  wesentlich  geringer  war,  als
vor  dem  Kriege.  Die  Kaufkraft  war  eben  noch  wesentlich  stärker  gesunken, ­
  so  daß  sich  solche  Gleichgewichtsstörungen  zwischen  Angebot ­
  und  Nachfrage  zeigten,  welche  dann  in  dem  erheblichen  Rückgang ­
  der  Preise  ihren  Ausdruck  fanden.  Hatte  doch  auch  der  internationale ­
  Warenverkehr  gegenüber  der  Vorkriegszeit  einen  ganz
erheblichen  Rückgang  erfahren,  worunter  vor  allem  die  Schiffahrt,
die  ja  während  des  Krieges  ihre  Tonnage  wesentlich  erhöht  hatte,  bis
heute  noch  schwer  zu  leiden  hat.  (S.  Tabelle  S.  66  oben.)
Die  zweite  Zusammenstellung 1 )  gibt  ein  Bild  von  der  Entwicklung ­
  des  Gesamtwarenpreisniveaus  und  der  Lage  auf  dem  Arbeitsmarkte ­
  in  einigen  wichtigen  Staaten.
')  Zusammengestellt  nach  den  Angaben  in  „Wirtschaft  und  Statistik
und  in  dem  „Reichsarbeitsblatt“.
        <pb n="69" />
        66  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Es  betrug  die  Weltproduktion  in  den  Jahren 1 ):

1913

1919

1920

1921

1922

1923

an:
Steinkohle  und  Braunkohle.

,
1248

1080

1214

1013

1101

1226

Roheisen

77,8

53,2

62,0

35,3

52,8

65,6

Rohstahl

s

75,8

59,0

71,5

43,2

64,1

73,7

Kupfer

982

1049

978

552

888

1015

Aluminium

68

156

158

91

112

162

Wolle

■4-»

1433

1200

1239

1211

1241

1182

Baumwolle

8

4205

—

4004

4061

2986

3580

Rohseide

27,1

27,3

20,8

29,3

31,8

33,0

Weizen

63194

—

59154

76490

66459

74662

Roggen

20383

12833

16271

15638

16431

Setzt  man  die  Preise  des  Jahres
1913  =  100,  so  beträgt  das
Gesamtwarenpreisniveau

Auf  1000  Gewerkschaftsmitglieder ­

entfielen  Arbeitslose

Vereinigte ­

Staaten

England ­


Holland ­


Schweden ­


England ­


Holland ­


Schweden ­


Deutsches ­

Reich

1913  ....

100

100

100

100

21

51

100

29

1919  ....

203

235

304

330

24

89

330

37

Mai  1920.

216

305

298

361

11

73

361

27

Oktober  „  .

170

266

284

346

53

42

346

42

Dezember  „  .

138

220

234

299

60

134

299

41

Mai  1921.

115

182

178

229

222

94

229

37

Oktober  „  .

123

170

169

175

156

70

175

12

Dezember  „  •

124

162

165

172

165

166

172

16

Mai  1922.

129

162

165

164

164

105

164

7

Oktober  „

145

158

156

155

144

96

155

14

Dezember  „  .

119

158

158

156

140

151

213

28

Mai  1923.

145

164

149

158

113

96

107

62

Oktober  „  .

143

160

148

153

109

110

82

191

Dezember  „  .

144

170

154

150

97

159

141

282

Mai  1924.

134

168

153

151

70

82

76

86

September  „  .

141

175

158

153

86

—

70

105

Man  sieht,  daß  bis  zum  Herbst  1920  die  Preise  allenthalben
ganz  wesentlich  über  dem  Friedensniveau  standen,  daß  dann  von
da  ab  ein  erheblicher  Preissturz  eintrat,  der  erst  um  die  Mitte  des
Jahres  1922  zum  Stillstand  kam,  um  dann  wieder  einer  kleinen
Preiserhöhung  Platz  zu  machen,  mit  der  aber  keineswegs  das  Preisniveau ­
  der  ersten  Jahre  nach  dem  Kriege  erreicht  wurde.  Dieser
starke  Preisrückgang,  der  in  erster  Linie  mit  der  verminderten  Kaufkraft ­
  der  valutaschwachen  Staaten,  dann  aber  auch  mit  der  billigen

x )  Nach  „Wirtschaft  und  Statistik“.  Jahrg.  1924.  S.  73.  Vgl.  auch  die
dortigen  Anmerkungen.
        <pb n="70" />
        2.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.

67

deutschen  Konkurrenz  auf  dem  Weltmarkt  zusammenhing,  hat  neben
den  eben  angeführten  anderen  Faktoren  auf  dem  Weltmarkt  die
Wirtschaftslage  herbeigeführt,  die  man  allgemein  als  Weltkrise  zu
bezeichnen  pflegt.
In  welchem  Maße  sich  dabei  vor  allem  auch  die  Lage  auf  dem
Arbeitsmarkt  in  der  Welt  verschlechtert  hat,  zeigt  die  eben  gegebene
Tabelle.  Dabei  bleiben  diese  Zahlen  jedenfalls  noch  ganz  erheblich
hinter  der  Wirklichkeit  zurück,  da  sie  nur  die  Zahl  der  arbeitslosen
Gewerkschaftsmitglieder  enthalten.  Auch  die  Zahl  derjenigen,  welche
mit  verkürzter  Arbeitszeit  arbeiteten,  ist  in  diesen  Angaben  unberücksichtigt ­
  geblieben.
Auch  an  zahlreichen  anderen  Maßstäben  kann  man  die  gleiche
Entwicklung  verfolgen,  z.  B.  an  der  Zunahme  der  Konkurse.  Im
Jahre  1920  fanden  in  Dänemark  und  Schweden  zusammen  2660,  im
darauffolgenden  Jahre  aber  -bereits  6492  Konkurse  statt.  In  den
Vereinigten  Staaten  betrug  die  Zahl  der  Konkurse
1.  Halbjahr  1919  3463  1.  Halbjahr  1921  9035
2.  „  „  2998  2.  „  „  10617
1.  „  1920  3352  1.  „  1922  13384
2.  „  „  5529
Der  oben  bereits  erwähnte  Bericht  der  von  der  Heydt-Kerstens-Bank
  teilte  am  9.  Februar  1923  mit,  daß  in  57  der  bedeutendsten
holländischen  Schuhfabriken  die  Zahl  der  Arbeiter  um  42  o/o
zurückgegangen  sei,  und  daß  im  Jahre  1922  die  Einfuhr  von
Schuhwaren  nach  Holland  zwölfmal  so  groß  gewesen  war  als  im
Jahre  1913.  „Die  Einfuhr  von  Schuhwaren  ist  jetzt  beinahe  so
groß  wie  die  ganze  inländische  Produktionskapazität.  Die  importierten ­
  Schuhe  kosten  durchschnittlich  etwa  fl.  3,20,  die  inländischen ­
  fl.  7,50.“
Ein  Bild  von  der  Lage  der  holländischen  Tabakindustrie  gibt  die

folgende

kleine  Aufstellung 1 ).  Es  betrug

in  Holland  in  kg  an

Zigarren

Im  Jahre

die  Einfuhr

die  Ausfuhr

1913

20597

2137356

1921

606753

718964

Mit  diesen  Daten  für  Holland  ist  auch  bereits  die  wirtschaftliche ­
  Lage  vieler  anderer  Länder  in  dieser  Zeit  charakterisiert.
In  den  skandinavischen  Staaten,  in  der  Schweiz,  in  Spanien,  zum
Teil  auch  in  England,  lagen  die  Verhältnisse  keineswegs  anders.
Ein  Bericht  des  dänischen  Industrierates  an  die  Regierung
über  die  Lage  der  Industrie  aus  dem  Hochsommer  1922  gibt  davon

*)  Nach  der  Frankfurter  Zeitung,  2.  Morgenblatt  vom  22.  Oktober  1922.
        <pb n="71" />
        68  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

die  folgende  Schilderung:  „Eine  allmähliche  Herabsetzung  der  Löhne
und  die  Verlängerung  der  Arbeitszeit  können  notwendige  Bedingungen ­
  dafür  werden,  daß  die  Industrie  wieder  wettbewerbsfähig
wird.  Die  Löhne  in  den  konkurrierenden  währungsschwächeren  Ländern ­
  betragen  ein  Viertel  bis  ein  Fünftel  der  dänischen,  Die
Papiererzeugung  ist  bis  auf  ein  Drittel  eingeschränkt,  während  die
Einfuhr  gegen  1913  um  16  o/o  gestiegen  ist.  Die  Textilindustrie  beschäftigt ­
  nur  30  bis  50  o/ 0  ihrer  Arbeiter.  Es  werden  große  Mengen
Konfektionswaren  aus  Deutschland  eingeführt.  Die  Glasindustrie
ist  nur  mit  25  o/ 0  beschäftigt.  Die  Schuhindustrie,  welche  1913
3500  Arbeiter  beschäftigte,  hat  jetzt  nur  Arbeit  für  1500  mit  stark
eingeschränkter  Arbeitszeit;  die  Einfuhr  stieg  um  100  o/o.  Der
Markt  für  Holzwolle  und  Emballage  für  die  Eierausfuhr,  den  die
dänische  Industrie  bisher  allein  versorgte,  wird  von  deutschen
Fabriken  völlig  beherrscht 1 ).
Es  sind  vornehmlich  zwei  Ursachenreihen,  aus  denen  diese
Krise  in  der  Weltwirtschaft  zu  erklären  ist.  Auf  der  einen  Seite
hat  die  Kaufkraft  in  allen  am  Kriege  beteiligten  Staaten  unter  dessen
Wirkungen  und  Nachwirkungen  eine  ganz  beträchtliche  Einbuße  erfahren. ­
  Das  gilt  nicht  allein  von  den  im  Kriege  unterlegenen
Staaten  und  von  Rußland,  Ländern,  in  denen  ja  schon  allein  der
starke  Rückgang  ihrer  Valuta  als  Einfuhrhemmnis  wirken  und  die
Aufnahmefähigkeit  für  fremde  Erzeugnisse  mindern  mußte,  das  gilt
auch  von  den  Siegerstaaten,  bei  denen  ebenfalls,  wenn  auch  in
wesentlich  geringerem  Ausmaße,  eine  Valutaverschlechterung  eingetreten ­
  ist.  Dabei  sei  von  dem  Einflüsse,  den  die  hohen  Steuern
der  Nachkriegszeit  ganz  allgemein  im  Sinne  einer  Verminderung
der  Kaufkraft  der  Bevölkerung  ausgeübt  haben,  ganz  abgesehen,
ebenso  wie  von  der  oben  bereits  berührten  Deflation  in  manchen
Ländern.
Unter  dieser  Verringerung  der  Aufnahmefähigkeit  der  europäischen ­
  Märkte  hatten  zuerst  in  stärkstem  Maße  die  Rohstoffstaaten ­
  zu  leiden,  unter  ihnen  vor  allem  die  Vereinigten  Staaten.
Für  die  große  Menge  der  hier  aufgestapelten  Rohstoffe,  für  Kupfer,
Baumwolle,  Wolle  usw.,  war  kein  genügender  Absatz  zu  finden,
und  der  hierdurch  bewirkte  Rückgang  in  den  Verschiffungen  war
dann  wieder  die  Hauptursache,  welche  zu  der  schweren  Krise  vor
allem  auch  in  der  amerikanischen  Schiffahrt  geführt  hat.  Den  Umfang ­
  dieser  verringerten  Aufnahmefähigkeit  der  europäischen  Märkte
kann  man  vor  allem  auf  dem  Gebiete  der  montanen  Produktion  feststellen. ­


*)  Zit.  nach  der  Frankfurter  Zeitung,  Abendblatt  vom  2.  September  1922.
        <pb n="72" />
        2.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.

69

In  ihren  „statistischen  Zusammenstellungen“  teilte  die  Metallgesellschaft ­
  und  Metallbank 1 )  u.  a.  mit:  „Während  die  Kapazität
der  Erde  zur  Zeit  Produktionsmittel  für  einen  Jahresumsatz  von
mehr  als  4  Milliarden  kg  Nichteisenmetalle  aufweist,  ist  der  Konsum ­
  und  damit  die  tatsächliche  Produktion  auf  einen  Jahresumsatz
von  2  Milliarden  kg  eingeschränkt  worden.  Die  Krise  erstreckt  sich
auf  mehr  als  50  o/o  der  vorhandenen  Produktivität,  bei  Einbeziehung
der  Altmetalle  und  Metallabfälle  auf  nur  25  o/o.  Dagegen  pflegten
Krisen  vor  dem  Kriege  kaum  10  o/o  zu  lähmen.“  Während  im  Jahre
1901  auf  Europa  von  dem  industriellen  Verbrauch  dieser  Metalle
knapp  zwei  Drittel  entfielen,  betrug  im  Jahre  1921  dieser  Anteil
noch  knapp  die  Hälfte.  Die  folgende  Zahlenreihe  soll  von  dieser  Entwicklung ­
  des  Verbrauches  ein  Bild  geben.

Es  betrug  der  industrielle  Verbrauch  in  Millionen  kg:

1912—13

1914—18

1918-21

überhaupt ­


in  Europa
davon  °/ 0

überhaupt ­


in  Europa
davon  °/ 0

überhaupt ­


in  Europa
davon  °/ 0

Blei

1207

60

1164

49

894

43

Kupfer  .  .  .  !

1067

59

1295

45

789

37

Zink  .  .  .  .

1009

68

901

55

605

51

Zinn  ....

129

53

122

39

106

40

Aluminium.

65

51

129

51

133

41

Zusammen.

3477

62

3611

-  49

2527

43

Bei  diesen  krisenhaften  Erscheinungen  innerhalb  der  ganzen
Weltwirtschaft  handelt  es  sich  jedoch  nicht  allein  um  einen  geringeren ­
  Verbrauch  an  solchen  Rohstoffen.  Ganz  allgemein  ist  vielmehr ­
  die  Kaufkraft,  vor  allem  in  den  valutaschwachen  Ländern,
zurückgegangen,  eine  Tatsache,  unter  welcher  auch  die  Fertigwarenindustrie ­
  zu  leiden  hat.  Aus  der  Außenhandelsstatistik  läßt  sich  ein
deutliches  Bild  dieser  Wandlungen  gewinnen.
Die  Welt  ist  eben  auf  Grund  ihrer  vorhandenen  Produktionsmittel ­
  auf  größere  Produktionsleistungen  eingestellt,  als  es  der  derzeitigen ­
  Aufnahmefähigkeit  des  Weltmarktes  entspricht.
Soweit  diese  krisenhaften  Zustände  auf  diesen  eben  geschilderten ­
  Tatsachen  beruhten,  konnten  sie  nicht  einmal  dadurch  behoben ­
  werden,  daß.  in  den  betreffenden  Ländern  die  Erzeugung  auf
ein  den  Absatzverhältnissen  entsprechendes  Maß  eingeschränkt  wurde.
Denn  das  hätte  ja  ein  Brachliegen  vorhandener  Produktionsmittel, ­
  also  eine  dauernde  Krise  bedeutet.  Eine  Besserung  der

*)  23.  Jahrgang  (1912/1921).
        <pb n="73" />
        70  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Konjunktur  auf  dem  Weltmärkte  kann  nur  in  dem  Maße  eintreten,
in  dem  die  Kaufkraft  in  den  valutaschwachen  Ländern  selbst  wieder
zunimmt  und  auch  das  Gleiche  von  den  übrigen  Teilen  der  Welt  gilt.
Aßt  diesen  Tatsachen  hängt  dann  auch  die  Erscheinung  zusammen, ­
  daß  in  denjenigen  Ländern,  die  so  aus  eigenen  wirtschaftlichen
Interessen  an  der  Aufnahmefähigkeit  des  deutschen  Marktes  interessiert ­
  sind,  immer  wieder  Stimmen  und  Vorschläge  laut  wurden,  um
durch  die  Schaffung  einer  großzügigen  Kreditorganisation  den  deutschen ­
  Markt  wieder  aufnahmefähiger  für  ihre  Erzeugnisse  zu  gestalten ­
  und  auf  dem  gleichen  Wege  dann  auch  die  deutschen  Produktionsleistungen ­
  und  damit  die  reale  Kaufkraft  Deutschlands  zu
steigern.
Auf  der  gleichen  Linie  lagen  auch  alle  jene  Versuche,  unmittelbar ­
  der  deutschen  Industrie  Rohstoffe  zur  Verarbeitung  zu  geben
und  die  Bezahlung  dafür  in  einem  Teil  der  daraus  hergestellten  Fabrikate ­
  zu  empfangen.  Freilich  hatte  auch  die  deutsche  Industrie,
soweit  sie  auf  die  Verarbeitung  ausländischer  Rohstoffe  angewiesen
ist,  selbst  das  größte  Interesse  an  dieser  Lohnarbeit,  weil  sie  ohne
diese  oft  gar  nicht  in  der  Lage  gewesen  wäre,  ihre  Betriebsanlagen
auch  nur  einigermaßen  auszunutzen.  In  einer  Zuschrift  an  die  Frankfurter ­
  Zeitung*)  heißt  es  über  diese  Lohnarbeit  in  der  Textilindustrie: ­
  „Ganze  Konzerne  weben  und  spinnen  heute  in  Lohn  für
holländische  und  andere  ausländische  Firmen,  die  ihnen  das  Rohmaterial ­
  liefern.  Vielfach  erfolgt  der  Absatz  in  der  Weise,  daß  der
deutsche  Abnehmer,  z.  B.  die  Rohbaumwolle  direkt  von  der  holländischen ­
  Firma  kauft  und  sie  bei  den,  mit  dieser  in  Geschäftsverbindung ­
  stehenden  inländischen  Spinnereien  und  Webereien  verarbeiten ­
  läßt.“
Es  ist  im  Vorangegangenen  bereits  darauf  hingewiesen  worden,
daß  diese  krisenhaften  Zustände  in  so  vielen  Ländern  ihre  Ursache
nicht  nur  in  der  geringen  Aufnahmefähigkeit  der  valutaschwachen
Staaten  hatten,  sondern,  daß  dies  auch  darauf  beruhte,  daß  die  Industrie ­
  dieser  valutaschwachen  Staaten,  vor  allem  auch  die  deutsche
Industrie,  diesen  Ländern  auf  ihrem  eigenen  und  auch  auf  fremden
Märkten,  eine  so  verhängnisvollle  Konkurrenz  bereitete.  Das  war  der
Fall,  obgleich  die  deutsche  Warenausfuhr  seit  Kriegsende  wesentlich
geringer  war,  als  in  den  letzten  Jahren  vor  dem  Kriege.“
Auf  der  Newyorker  Tagung  der  American  Bankers  Association
vom  2.  bis  6.  Oktober  1922  hat  Mac  Kenna,  einer  der  angesehensten
englischen  Bankleute,  diese  Tatsache  in  die  folgenden  Worte  gekleidet:

U  Erstes  Morgenblatt  Nr.  266  (1922).
        <pb n="74" />
        2.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.

71

„Wenn  Deutschland  zahlen  könnte,  was  von  ihm  verlangt  wird,
so  wäre  die  einzige  Möglichkeit,  sich  die  Zahlungsmittel  zu  verschaffen, ­
  die  Vermehrung  des  Exports.  Was  könnte  Deutschland
exportieren?  Deutschland  ist  vor  allem  Industriestaat.  Was  Deutschland ­
  an  Rohstoffen  auf  den  Weltmarkt  bringt,  ist  verhältnismäßig
gering.  Dagegen  ist  Deutschland  genötigt,  Nahrungsmittel  einzuführen. ­
  Als  eine  Folge  des  Verlustes  eines  großen  Teiles  seiner  Erzund
  Kohlenlager  muß  Deutschland  sowohl  Eisenerz  als  auch  Kohlen
für  seine  Hütten  und  Fabriken  vom  Auslande  kaufen.“
„Was  Deutschland  an  vermehrtem  Export  herausbringen  würde,
könnte  nur  aus  Fertigfabrikaten  bestehen.  Um  diese  Mehrausfuhr
von  Fabrikaten  trotz  des  Wettbewerbes  anderer  Industriestaaten  zu
ermöglichen,  müßte  die  deutsche  Bevölkerung  mehr  Stunden  am
Tage  und  für  geringere  Entlohnung  arbeiten,  der  Fabrikant  müßte
auf  Teile  seines  Profits  verzichten;  ferner  müßte  der  Import  auf
das  geringstmögliche  Maß  eingeschränkt  werden.  Aber  die  Konkurrenzstaaten ­
  werden  nicht  müßig  Zusehen,  wie  ihnen  ihr  Absatz  verloren ­
  geht  und  sie  in  die  Gefahr  wachsender  Arbeitslosigkeit  und
schwerer  Einbußen  geraten.  Soweit  deutsche  Güter  in  ihren  eigenen
nationalen  Markt  eindringen,  werden  sie  sie  durch  Schutzzolltarife
auszuschließen  suchen.  Soweit  aber  die  Konkurrenzstaaten  ihren
Stand  auf  den  neutralen  Märkten  behaupten  wollen,  sind  sie  gezwungen, ­
  ebenfalls  ihren  Arbeitslohn  und  Profit  herabzusetzen.  Wir
sehen,  daß  alle  anderen  Industriestaaten  der  Welt  ein  vitales  Interesse ­
  daran  haben,  den  auf  Vermehrung  des  deutschen  Exportes
gerichteten  Anstrengungen  entgegenzuwirken  und  dies  kann  nur  geschehen, ­
  durch  ein  allgemeines  Herabdrücken  des  Niveaus  der
Lebenshaltung  !).“
Klarer  und  deutlicher  hätte  man  den  unlösbaren  Zusammenhang,
in  welchem  die  Höhe  der  deutschen  Reparationslasten  mit  der  wirtschaftlichen ­
  Lage  der  übrigen  Industriestaaten  steht,  nicht  ausdrücken
können,  als  es  in  diesen  Worten  geschehen  ist.
Es  handelt  sich  hier  eben  um  das  Problem  der  weltwirtschaftlichen ­
  Solidarität,  darum,  daß  alle  Länder  in  Aus-  und  Einfuhr  aufeinander ­
  angewiesen  sind  und  sich  dann  wieder  auf  dritten  Märkten  als
Konkurrenten  einander  gegenüberstehen.
Deutschland  ist  kein  Land,  das  Rohstoffe  und  Lebensmittel
ausführen  kann.  Das  überwiegende  Schwergewicht  seiner  Ausfuhr
liegt  auf  dem  Gebiete  der  fertigen  Waren  und  hierbei  wieder  vor
allem  solcher,  die  viel  Arbeit  enthalten.  Diese  Fabrikate  unterliegen ­
  jedoch  als  beliebig  vermehrbare  Produkte  dem  bekannten

D  Zitiert  nach  dem  Berichte  des  Bankarchivs,  22.  Jahrgang  1923,  S.  100.
        <pb n="75" />
        72  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablaut  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Preisgesetz,  daß  der  Preis  durch  die  geringsten  Kosten  bestimmt
wird,  zu  denen  das  Angebot  erfolgt.  Dieser  Zusammenhang  hat  auch
für  die  Preisbildung  der  Fabrikate  auf  dem  Weltmärkte  volle  Geltung.
Unter  dem  Zwange  der  Reparationslasten  muß  Deutschland
Waren  ausführen,  muß  danach  trachten,  seine  Handelsbilanz  möglichst ­
  aktiv  zu  gestalten,  und  um  dieses  Ziel  zu  erreichen,  muß  es
auf  fremden  Märkten  billiger  anbieten  können,  als  seine  Konkurenten.
  Diese  Tatsache  ist  es  dann,  welche  in  diesen,  von  der  deutschen ­
  Konkurrenz  bedrängten  Staaten,  zu  Lohnherabsetzungen  und
zu  immer  wieder  von  neuem  erhöhten  Schutzzöllen  der  deutschen
Einfuhr  gegenüber  führte.  In  dem  Maße,  wie  jedoch  hierdurch  die
Ausfuhrmöglichkeit  für  die  deutsche  Industrie  zurückging,  wie  damit,
die  deutsche  Handelsbilanz  passiver  wurde,  mußte  dadurch  erneut
ein  ungünstiger  Einfluß  auf  die  Entwicklung  der  Markvaluta  ausgelöst
werden.  Damit  wurden  die  Lebensbedingungen  der  deutschen  Bevölkerung ­
  von  neuem  herabgesetzt  und  dadurch  wurde  das  wieder,
wenn  auch  nur  vorübergehend,  ausgeglichen,  was  das  Ausland,  ebenfalls ­
  nur  vorübergehend,  durch  Zölle  und  Lohnherabsetzungen,  zugunsten ­
  seiner  Wettbewerbsfähigkeit  erreicht  hatte.  Dann  konnte  das
Spiel  auf  einer  neuen  Basis  von  neuem  beginnen.  Wie  Mac  Kenna
es  in  den  oben  zitierten  Worten  ausgedrückt  hat:  „Soweit  aber  die
Konkurrenzstaaten  ihren  Stand  auf  den  neutralen  Märkten  behaupten
wollen,  sind  sie  gezwungen,  ebenfalls  ihren  Arbeitslohn  und  Profit
herabzusetzen.“
Auch  die  Gestaltung  und  Entwicklung  der  weltwirtschaftlichen
Beziehungen  ist  eben  nicht  allein  eine  Sache  des  Willens,  ist  keine
Sache  einer  richtigen  Politik,  sondern  in  erster  Linie  eine  Sache
des  wirtschaftlichen  Könnens.  „Es  gab  eine  Zeit,  vor  allem  auch
in  Deutschland,  in  der  man,  besonders  unter  dem  Einfluß  der
klassischen  Nationalökonomie,  die  Auffassung  vertreten  hat,  daß
die  Zusammenhänge  des  wirtschaftlichen  und  sozialen  Lebens  gewissermaßen ­
  naturgesetzlich  bestimmt  seien.  Wir  wissen  heute,
daß  eine  solche  Auffassung  nicht  zutreffend  ist.  Die  heutige  Generation ­
  ist  aber  in  den  entgegengesetzten  Fehler  verfallen.  Für  sie
ist  im  allgemeinen  die  Gestaltung  der  gesellschaftlichen  und  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse  eine  Sache  des  Willens,  eine  Sache  der
richtigen  Politik,  keine  Sache  des  Könnens.  Es  ist  kein  Zweifel,
daß  auch  in  dieser  Hinsicht  der  zielbewußte  Wille  sehr  viel  erreichen
kann,  auch  der  Wille  der  Gesamtheit,  wie  er  im  Staate  organisiert
ist.  Es  ist  aber  auch  sicher,  daß  diesem  Willen  Grenzen  gezogen
sind,  vielleicht  engere  Grenzen,  als  man  vielfach  annimmt,  daß  an
        <pb n="76" />
        2.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.

73

vielen  Punkten  die  Macht  der  Tatsachen  und  Verhältnisse  weit
stärker  ist 1 ).“
Auch  bei  diesen  weltwirtschaftlichen  Beziehungen  handelt  es
sich  um  wirtschaftliche  Zusammenhänge,  welche  z.  T.  so  strenge
sind,  daß  dabei  mit  künstlichen  Maßnahmen,  wie  z.  B.  mit  Einfuhrzöllen, ­
  auf  die  Dauer  die  gewünschte  Wirkung  nicht  erzielt  werden
kann.  Auch  von  diesen  Zusammenhängen  gilt  das  Wort  des  Äschylos:
„Klugheit,  wie  viel  ist’s  schwächer,  als  Notwendigkeit.“
Die  großen  Entschädigungssummen,  welche  Deutschland  an
seine  Gegner  zu  leisten  hat,  zwingen  es,  seinen  Export  zu  forcieren
und  zwingen  es,  auf  fremden  Märkten  die  heimische  Industrie  zu
unterbieten.  Es  ist  dies  ein  viel  erörterter  Zusammenhang,  den  man
auch  in  den  Ländern  der  Entente  genau  kennt  und  dem  eine  finanzielle ­
  Persönlichkeit  der  Londoner  City  an  einen  englischen  Kaufmann ­
  in  Hamburg  schon  vor  mehr  als  3  Jahren  folgenden  drastischen
Ausdruck  verliehen  hat:
„Deutschland  kann  nur  in  Waren  zahlen;  wenn  es  die  Waren  in
großen  Mengen  auf  Frankreich  und  England  ausgießt,  dann  wird  der
Rest  des  Handelsgeschäftes,  der  Frankreich  geblieben  ist,  fast  ganz
vernichtet  und  die  Industrie  Englands  in  alarmierender  Weise
stranguliert  werden,  so  daß  unser  Volk  unter  ausgedehnter  Arbeitslosigkeit ­
  zu  leiden  haben  wird  2 ).
r)Mombert,  Besteuerung  und  Volkswirtschaft.  Karlsruhe  1922,  S.  104.
e )  Zitiert  nach  der  Frankfurter  Zeitung,  Abendblatt,  8.  Febr.  1921.
Genau  den  gleichen  Gedanken  hat  der  auch  in  Deutschland  sehr  gut
bekannte  französische  Nationalökonom  Charles  Rist  (Les  Finances  de  Guerre,
de  l’Allemagne,  Paris  1921)  ausgesprochen:  Er  sagt  hier  unter  anderem:
„Das  ganze  Problem  der  Kriegsentschädigung  wird  durch  die  elementare  Tatsache ­
  beherrscht,  daß  das  einzige  Gut,  von  dem  (abgesehen  von  den  fremden
Werten,  die  sie  im  Besitze  hat)  eine  Nation  sich  trennen  kann,  aus  Material,
Gütern  und  Dienstleistungen  besteht.  Geld  (mit  Ausnahme  von  Gold)  kann  in
dieser  Frage  nur  als  ein  Mittel  zur  Berechnung  und  zur  Flüssigmachung  des
Betrages  herangezogen  werden.  Das  ist  die  Tatsache,  welche  J.-B.  Say  vor
langem  in  seine  berühmte  Formel  brachte:  Waren  werden  mit  Waren  gekauft.
Die  praktische  Wirkung  einer  Entschädigung  ist  die,  unentgeltliche  Lieferung
an  Stelle  des  Kaufs  zu  setzen;  aber  die  Frage  bleibt  nichtsdestoweniger  eine
Güterfrage.  Zwei  Schlußfolgerungen  ergeben  sich  daraus.  Erstens  bedart
Deutschland,  um  seine  Schuld  zu  bezahlen,  des  Außenhandels,  und  ohne
diesen  kann  begreiflicherweise  keine  Entschädigung  erzielt  werden.  Ein  Boykott ­
  deutscher  Waren  ist  keine  Maßregel,  die  mit  der  Zahlung  einer  Entschädigung ­
  vereinbart  werden  kann.  Der  Begriff  des  .Wirtschaftskrieges'  mag  in
diplomatischer  Hinsicht  während  der  Feindseligkeiten  nützlich  gewesen  sein,
aber  nun,  wo  der  Feind  niedergerungen  ist,  kann  er  nur  zur  Förderung  von
Sonderinteressen  dienen.  Zweitens  wird  der  Betrag  der  jährlichen  Zahlung,
die  Deutschland  machen  kann,  und  infolgedessen  der  Zeitraum,  innerhalb
dessen  die  ganze  Schuld  (was  auch  immer  die  schließlich  festgestellte  Gesamtsumme ­
  sein  mag)  beglichen  werden  kann,  in  großem  Umfange  von  dem  Gesamtumfang ­
  des  deutschen  Handels  abhängen.“  Zitiert  nach  dem  Berliner
Börsen-Courier  Nr.  207,  5.  Mai  1921.  Zweite  Beilage.
        <pb n="77" />
        74  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Auch  Einfuhrzölle,  welche  diese  Staaten  zum  Schutze  gegen  die
Einfuhr  deutscher  Industrieerzeugnisse  beschließen  würden,  können
also  an  dieser  Tatsache  nichts  ändern.  Denn  Deutschland  ist  zur  Tilgung ­
  seiner  Verpflichtungen  an  das  Ausland  gezwungen,  unter  allen
Umständen  eine  aktive  Handelsbilanz  zu  bekommen.  Diese  Handelsbilanz ­
  muß  in  dem  Maße  aktiv  sein,  daß  diese  Verpflichtungen  erfüllt ­
  werden  können.  Nehmen  wir  nun  an,  daß  wirklich  solche  Einfuhrzölle ­
  eingeführt  sind,  so  können  diese  Einfuhrzölle  entweder
von  uns  oder  vom  Auslande  getragen  werden.  In  dem  ersteren  Falle,
wenn  Deutschland  die  Einfuhrzölle  in  irgendeiner  Form  trägt,  werden
diese  Zölle  zweifellos  die  Tendenz  haben,  einschnürend  auf  die
deutsche  Ausfuhr  zu  wirken.  Entweder  muß  deshalb  Deutschland,
um  diesen  Aktivposten  in  seiner  Zahlungsbilanz  nicht  herabmindem
zu  lassen,  seine  Einfuhr  noch  weiter  einschränken,  was  natürlich,
wie  wir  oben  gesehen  haben,  zu  Absatzstockungen  auf  dem  Weltmärkte ­
  führen  muß.  Soweit  dies  nicht  möglich  ist,  bleibt  nur  der
andere  Weg  übrig,  daß  Deutschland  den  Versuch  macht,  trotz  dieser
Zölle  das  Maß  der  bisherigen  Ausfuhr  aufrecht  zu  erhalten,  was
natürlich  unter  dieser  Voraussetzung  nur  dann  geschehen  kann,  wenn
es  seine  Erzeugnisse  noch  billiger  als  bisher  auf  dem  Weltmarkt
anbietet.  Solange  die  Notwendigkeit  einer  solchen  Ausfuhr  auf  dem
deutschen  Volke  lastet,  muß  einer  dieser  beiden  Wege  eingeschlagen
werden.  In  diesem  Falle  trägt  immer  Deutschland  den  Zoll,  d.  h.,  die
Lebenshaltung  des  deutschen  Volkes  muß  entsprechend  sinken.  In
dem  Maße,  in  welchem  dies  aber  geschieht,  müssen  die  Produktionskosten ­
  der  Industrie  herabgehen  und  damit  muß  ein  Ausgleich  gegenüber ­
  diesen  Industriezöllen  eintreten.  Denn  die  deutsche  Industrie
muß  sich,  wie  die  Dinge  liegen,  unter  allen  Umständen  ihre  Konkurrenzfähigkeit ­
  auf  dem  Weltmärkte  erhalten.  Daran  wird  keinerlei
Zollpolitik  der  anderen  Staaten  etwas  ändern  können.  Wie  dieses
aber  dann  auf  die  Lebenshaltung  in  den  anderen  Staaten  wirken
muß,  haben  wir  eben  in  den  Worten  Mac  Kennas  kennengelernt.
Gerade  diese  Schwierigkeiten  stehen  ja  auch  im  Mittelpunkte  der
Sachverständigengutachten,  in  denen  ja  für  den  Agenten  für  die  Reparationszahlungen ­
  ein  besonderes  Konto  bei  der  Reichsbank  vorgesehen ­
  ist,  an  welches  die  deutsche  Regierung  alle  Reparationszahlungen ­
  zu  leisten  hat.  Es  hat  seine  guten  Gründe,  wenn  es
zu  Punkt  XII  in  dem  Gutachten  heißt:  „Diese  Zahlung  bildet  den  endgültigen ­
  Akt  der  deutschen  Regierung  zur  Erfüllung  ihrer,  auf  Cmind
des  vorliegenden  Planes  obliegenden  finanziellen  Verpflichtungen.
Es  ist  leichter,  die  für  die  deutsche  Wirtschaft  und  die  deutschen
Steuerquellen  tragbaren  Lasten  zu  schätzen,  als  denjenigen  Betrag
        <pb n="78" />
        2.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.

75

des  deutschen  Vermögens,  der  ohne  Schaden  an  das  Ausland  übertragen ­
  werden  kann,  und'  die  erste,  nicht  die  zweite  Frage,  bildete
das  Hauptziel  der  Untersuchungen  des  Komitees.“
Es  gehört  nicht  in  den  Rahmen  dieser  Ausführungen,  zu  prüfen,
in  welchem  Umfange  die  Überführungsstelle  auch  imstande  sein
wird,  ohne  Gefährdung  der  deutschen  Währung  den  nötigen  Devisenbetrag ­
  an  das  Ausland  abzuführen.  Die  Erfahrung  muß  zeigen,  ob
das  ohne  wirtschaftliche  Störungen  auch  für  andere  Länder  möglich ­
  ist,  oder  ob  sich  an  die  Weltkrise,  die  ihre  Hauptursache  in
dem  Verfall  der  deutschen  Währung  hatte,  im  Zusammenhang  mit  den
Reparationsleistungen  andere  schwere  krisenhafte  Störungen  in  der
Weltwirtschaft  anschließen  werden.  Es  sind  das  Fragen,  auf  welche
im  Schlußabschnitt  noch  kurz  eingegangen  werden  wird,  wo  von  den
Einflüssen  die  Rede  ist,  welche  die  Durchführung  der  Gutachten
und  des  Londoner  Protokolls  auf  die  weitere  Entwicklung  der  Konjunktur ­
  ausüben  werden.
Es  ist  oben  gesagt  worden,  und  die  ganzen,  eben  dargelegten
Zusammenhänge  beruhten  ja  auf  dieser  Tatsache,  daß  die  Verschlechterung ­
  einer  Währung  belebend  auf  das  Wirtschaftsleben  eines
Landes  wirkt,  nicht  nur  die  Ausfuhr  erleichtert  und  die  Einfuhr
einschränkt,  sondern  auf  dem  Binnenmärkte  absatzfördernd  wirkt.
Dazu  ist  aber  jetzt  eine  wichtige  Einschränkung  zu  machen.
Ob  und  in  welchem  Maße  nämlich  das  eben  Gesagte  zutrifft,
hängt  in  hohem  Grade  davon  ab,  in  welchem  Tempo  sich  die  Geldentwertung ­
  vollzieht.  Das  kann  auch  in  einem  solchen  Ausmaße
und  in  einer  solchen  Schnelligkeit  sich  vollziehen,  daß  die  sich
daraus  ergebenden  Schwierigkeiten  für  den  Zalilungs-  und  Kreditverkehr, ­
  daß  die  daraus  entspringende  Unmöglichkeit  jeder  geschäftlichen ­
  Kalkulation  einen  solchen  Druck  auf  das  ganze  Geschäftsleben ­
  ausübt,  daß  dadurch  die  oben  erwähnten  günstigen
Momente  einer  Geldentwertung  für  die  Geschäftslage  mehr  als  ausgeglichen ­
  werden  können.  Diese  Beobachtung  konnte  man  in  Deutschland ­
  in  den  letzten  Monaten  vor  Einführung  der  Rentenmark
machen.
Hahn 1 )  hat  für  Deutschland  drei  Stadien  der  Geldentwertung
unterschieden.  Die  erste  Phase  reichte  etwa  bis  zum  Frühjahr  1922,
die  zweite  bis  zum  Zusammenbruch  der  Stabilisierung  im  Frühjahr ­
  1923,  die  dritte  bis  zum  15.  November  1923,  dem  Tage  der
Ausführung  des  Rentenbankprojektes.  „In  der  ersten  stieg  der
1 )  Unsere  Währungslage  im  Lichte  der  Geldtheorie.  Frankfurt  a.  M.  1924.
        <pb n="79" />
        76  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Dollar  von  4,20  Mark  auf  280  Mark,  also  eine  Entwertung  von
1  zu  70  in  etwa  8  Jahren,  in  der  zweiten  stieg  der  Dollar  von,
280  Mark  auf  etwa  20000  Mark,  also  eine  Entwertung  von  1  zu  70
in  knapp  s/t  Jahren.  In  der  dritten  Periode  stieg  der  Dollar  von  etwa
20000  Mark  auf  4,2  Billionen  Mark,  was  eine  Entwertung  von  1  zu
200  Millionen  in  nur  7  Monaten  bedeutet.  Will  man  jede  dieser  drei
Phasen  schlagwortartig  charakterisieren,  so  kann  man  sagen:  die  erste
Phase  umfaßte  die  Zeit,  in  der  man  noch  an  die  Mark  glaubte,  die
zweite  diejenige,  in  der  man  an  der  Mark  zweifelte  und  die  dritte
diejenige,  in  der  man  an  der  Mark  verzweifelte 1 ).
In  dieser  letzten  Periode  zeigten  sich  nun  deutliche  Anzeichen
von  Wirtschaftsstockungen  in  Deutschland,  die  auch  freilich  noch
mit  manchen  anderen  Faktoren  wie  mit  der  Ruhrbesetzung  und
der  Einführung  der  Goldlöhne  teilweise  im  Zusammenhang  standen.
Auch  der  Umstand,  daß  immer  mehr  Teile  der  deutschen  Wirtschaft
zur  Goldmarkrechnung  übergingen,  mußte  die  sonst  das  Geschäftsleben ­
  stimulierende  Wirkung  der  Geldentwertung  vermindern.  Vor
allem  vom  August  ab  ergab  sich  im  Zusammenhang  damit  eine  Steigerung ­
  des  Warenpreisniveaus  im  Inland,  welche  dahin  wirksam  war,
die  Spannung  zwischen  dem  inneren  und  dem  äußeren  Wert  der
Mark  immer  mehr  zu  beseitigen.  Das  mußte  an  sich  schon  ungünstig
auf  die  Konjunktur  wirken.
Schon  von  den  Monaten  Juli  und  August  konnte  Lansburgh
schreiben,  daß  der  Verfall  der  Mark  derartige  Fortschritte  gemacht
habe,  daß  jede  ordnungsgemäße  Wirtschaftsführung  unmöglich  wurde.
„Sogar  der  Selbstschutz  des  Rechnens  in  wertbeständigem  Gelde
versagte.  Denn  selbst,  wenn  die  in  Goldmark  oder  Festmark  kalkulierten ­
  und  fakturierten  Preise  bereits  am  nächsten  Tage  zur
Zahlung  gelangten,  hatte  die  Mark,  die  ja  offiziell  noch  immer  das
alleinige  Zahlungsmittel  bildete,  bereits  eine  neue  starke  Entwertung ­
  erfahren.  Eben  erst  vereinbarte  Löhne  hatten,  wenn  sie  in  die
Hand  des  Arbeiters  gelangten,  schon  einen  Teil  und  bei  ihrer  Nutzbarmachung ­
  auf  dem  Markt  sogar  den  größeren  Teil  ihrer  Kaufkraft
eingebüßt.  Die  Folge  war  im  Groß-  und  Kleinverkehr  ein  Stillstand
der  Geschäftstätigkeit,  in  der  Landwirtschaft  ein  systematisches  Zurückhalten ­
  der  Lebensmittel,  die  dadurch  eine  weitere  Teuerung
(von  der  Warenseite  her)  erfuhren,  und  in  der  Industrie  eine  wachsende ­
  Erbitterung  der  Arbeiterschaft,  die  folgenschwere  politische  Ereignisse ­
  auszulösen  drohte 2 ).“
*)  Über  das  Tempo  der  Markentwertung  vgl.  auch  den  Artikel  „Der  Sturz
der  Mark“  in  „Wirtschaft  und  Statistik“.  Jahrg.  1923.  S.  639.
8 )  Lansburgh,  „Die  schwere  Not“  in  der  Bank.  Jahrg.  1924.  S.  524.
        <pb n="80" />
        3.  Die  Stabilisierungskrise.

77

War  doch  auch  einer  der  Gründe  für  die  Ausgabe  der  kleingestückelten ­
  Goldanleihe  des  Reiches  darin  gelegen,  die  landwirtschaftliche ­
  Ernte  mobilisieren  zu  helfen.  Es  war  vorauszusehen,
daß  es  bei  dem  Weitertreiben  der  Geldentwertung  in  einem  solchen
Tempo  zu  schlimmen  Störungen  in  der  Güterzirkulation  kommen
mußte 1 ),  die  von  den  schwersten  Folgen  begleitet  sein  konnte.  So  hat
also  dieser  rasende  Absturz  der  deutschen  Währung  lähmend  auf  das
Geschäftsleben  gewirkt  und  nicht,  wie  vorher,  wo  sich  die  Entwertung ­
  nur  langsam  vollzog,  dasselbe  angeregt.  Darin  lag  auch
einer  der  Gründe,  daß  die  Stabilisierung  zunächst  im  geschäftlichen
Leben  als  Erlösung  aus  diesen  unhaltbar  gewordenen  Zuständen
empfunden  worden  ist,  und  daß  diese  Stabilisierung  deshalb  auch
wenigstens  zunächst,  wenn  auch  dabei  noch  andere  Gründe  mitspielten, ­
  im  Gegensatz  zu  den  Erfahrungen  in  anderen  Ländern,  keineswegs ­
  ungünstig  auf  die  deutsche  Konjunktur  gewirkt  hat.
3.  Die  Stiibilisierungskrise.
Die  Stabilisierung  einer  Währung  kann  auf  verschiedene  Weise
vor  sich  gehen.  Entweder  in  der  Form,  daß  eine  bewußt  deflationistische ­
  Politik  in  der  Weise  betrieben  wird,  daß  man  durch  eine
scharfe  Erhöhung  des  Zinsfußes,  durch  starke  Krediteinschränkungen ­
  oder  besonders  hohe  Steuern  einen  Druck  auf  das  Wirtschaftsleben ­
  ausübt  und  so  '  durch  einen  Druck  auf  die  Preise  eine
Erhöhung  des  Geldwertes  zu  erzwingen  sucht.
Derartige  Maßnahmen  haben  auch  nach  dem  Kriege  sowohl  die
Vereinigten  Staaten,  wie  auch  England,  angewandt.  In  England  war
im  Jahre  1920  das  Pfund  Sterling  gegenüber  dem  Dollar  auf  3,20
(Parität  4,862/3)  zurückgegangen  und  auch  in  den  Vereinigten  Staaten
war  eine  Minderung  des  Geldwertes  eingetreten.  In  England  hatte
man  eine  Kontraktion  des  Notenumlaufes  vorgenommen  mit  der
Wirkung,  daß  eine  Verknappung  auf  dem  Geldmärkte  eintrat  und  der
Diskontsatz  vom  November  1919  bis  zum  April  1920  von  5  auf  7  0/0
in  die  Höhe  ging.  Nicht  nur  hörte  die  Vermehrung  der  Currency  Notes
auf,  ihr  Betrag  war  auch  vom  4.  August  1920  bis  zum  Mai  1921  um
28,1  Mill.  £  vermindert  worden.  In  den  Vereinigten  Staaten  nahmen
die  Notenbanken  erhebliche  Krediteinschränkungen  vor,  man  ging
hier  sogar  in  beträchtlichem  Umfange  zu  Kreditkündigungen  über.
Das  waren  in  beiden  Ländern  Maßnahmen,  die  stark  auf  die
Kaufkraft  und  den  Unternehmungsgeist  drücken  mußten.  Als  dann
1 )  Über  ähnliche  Vorgänge  in  anderen  Staaten  vgl.  Mises,  Die  geldtheoretische ­
  Seite  des  Stabilisierungsproblems.  Schriften  des  Vereins  für
Sozialpolitik.  München  1923.  Bd.  164.  S.  11.
Mombert,  Studium  der  Konjunktur-.  6
        <pb n="81" />
        78  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

noch  aus  anderen,  davon  unabhängigen  Gründen  auf  dem  Weltmärkte
die  Nachfrage  allgemein  zurückzugehen  begann,  als  der  dringendste
Bedarf,  der  nach  dem  Kriege  auftrat,  gesättigt  war,  als  vor  allem
die  Kaufkraft  der  Mittelmächte  mit  der  zunehmenden  Entwertung
ihrer  Valuta  zurückgang,  da  kam  es  in  Amerika  und  in  England  zu
großen  Absatzstockungen  und  Betriebseinschränkungen.  Die  Auswirkungen ­
  dieser  Krise  waren  deutlich  an  dem  gewaltigen  Preisrückgänge ­
  auf  allen  Gebieten  zu  erkennen,  einer  Erscheinung,  zu  welcher ­
  auch  die  oben  erwähnte  Deflation  beigetragen  hat.  Nach  Berechnungen ­
  des  Bureau  of  Labour  in  den  Vereinigten  Staaten  betrug
die  Indexziffer  der  Warenpreise  im  Großhandel  im  Juli  1920
269  (1913=100),  in  England  nach  den  Berechnungen  des  Economist
ebenfalls  im  Vergleich  mit  dem  Jahre  1913  291.  Im  Juni  1921,  ein
Jahr  später,  war  das  Preisniveau  in  den  Vereinigten  Staaten  auf  142
und  in  England  auf  179  zurückgegangen.  Auch  ohne  diese  Deflation
wäre  aus  ganz  anderen  Gründen  ein  Sinken  der  Preise  und  eine
Absatzkrise  eingetreten,  aber  ohne  diese  Deflation  hätte  sich  dieser
Rückgang  jedenfalls  in  milderen  Formen  vollzogen.
Ebenfalls  diesen  Weg  der  Deflation,  gleichzeitig  mit  der  Einführung ­
  einer  neuen  Währung  hat  man  in  der  Tschechoslowakei  eingeschlagen. ­
  Als  eifriger  Anhänger  der  Quantitätstheorie  hat  hier
Rasin  den  Versuch  gemacht,  den  Wert  der  Krone  auf  dem  Weg  der
Deflation  herauszusetzen.  Auch  hier  war  die  Folge  eine  schwere
Wirtschaftskrise,  die  noch  dadurch  wesentlich  verstärkt  wurde,  daß
der  Kurs  der  tschechischen  Krone  zwar  im  Ausland  erheblich  stieg,
daß  es  dagegen  nicht  gelang,  gleichzeitig  ihren  Binnenwert  entsprechend ­
  heraufzusetzen.  Die  Formen,  in  denen  diese  Krise  auftrat,
werden  im  einzelnen  aus  der  folgenden  Tabelle  ersichtlich:

Deflation  und  Geschäftslage  in  der  Tschechoslowakei:

Zeit

Wert  des
Dollar
in  Prag
Parität
=  4,935

Großhandelspreise ­

1914  =  100

Zahl
der
Konkurse ­


Zahl  der
Arbeitslosen

Oktober  1921

96,78

52

62170

November  „

95,10

—

57

67  796

Dezember  „

81,22

1675

67

78312

Januar  1922

58,07

1520

86

112323

März  „

57,56

1491

149

127599

Mai  ,

51,85

1471

178

113877

Juli  „

44,54

1386

162

104273

September  „

30,92

1059

249

232394

November  „

31,39

999

532

376773
        <pb n="82" />
        3.  Die  Stabilisierungskrise.

79

Zeit

Wert  des
Dollar
in  Prag
Parität
=  4,935

Großhandelspreise ­

1914  =  100

Zahl
der
Konkurse ­


Zahl  der
Arbeitslosen

Januar  1923

35,03

1020

616

441075

März  „

33,68

1030

409

369420

Mai  „

33,55

l000

273

273234

Juli  „

32,91

960

237

216720

September  „

34,04

970

166

176333

November  „

34,76

—

—

177367

In  einem  solchen  Falle,  in  welchem  der  Geldwert  steigt,  wird
dabei  die  Entwicklung  den  Gang  gehen,  daß  zuerst  unter  dem  Einfluß ­
  des  steigenden  Wertes  der  Währung  die  Industrie  mit  ihren
Preisen  zurückgeht,  daß  dem  dann  möglichst  schnell  die  Großhandelsund ­
  dann  die  Kleinhandelspreise  folgen.  Erst  dann  wird  man  im
allgemeinen  an  einen  Abbau  der  Löhne  und  Gehälter  gehen  können.
Auch  in  der  Tschechoslowakei  ist  die  Entwicklung,  wie  die  folgende ­
  Aufstellung  zeigt,  diesen  Weg  gegangen:

Preissenkungen  in  Prozent  gegenüber  Januar  1922  *)

Schweizer
Franken  an
der  Prager
Börse

Großhandels ­
 ­


Kleinhandels ­
 ­


Februar.  .  .

7,2

9,3

0,3

März....

0,8

7,3

3,5

April....

12,0

11,0

3,5

Mai  ....

11,9

12,2

1,4

Juni  ....

12,8

12,2

0,7

Juli  ....

16,2

12,6

2,4

August  .  .  .

28,6

13,3

12,0

September.  .

49,3

31,2

24,6

Oktober.  .  .

49,2

36,8

30,7

November  .  .

49,8

39,2

35,8

Dezember  .  .

46,6

40,4

Man  sieht  deutlich,  daß  der  Großhandelsindex  wesentlich  langsamer ­
  gesunken  ist,  als  der  Kurs  der  Krone  stieg  und  daß  der
Kleinhandelsindex  dem  Sinken  desjenigen  des  Großhandels  nur
langsam  und  unvollkommen  folgte.  Ist  es  ja  auch  leicht  begreiflich,
daß  Industrie  und  Handel  die  Preisfestsetzung  nach  den  Wiederbeschaffungskosten ­
  viel  gewissenhafter  und  gründlicher  in  den  Zeiten
steigender,  als  in  den  Zeiten  fallender  Preise  durchführen  werden.

l )  Nach  Herrnheiser,  Der  Kampf  gegen  die  Wirtschaftskrise  in  der
Tschechoslowakei.  „Der  Arbeitgeber“  1923,  Nr.  3.
        <pb n="83" />
        80  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

Auch  dorten,  wo  die  Neuordnung  der  Währung  nicht  in  Form
einer  solchen  Deflation  durch  Hebung  des  Geldwertes  vonstatten  geht,
sondern  wo  man  die  Stabilisierung  etwa  auf  dem  Niveau  vornimmt,
auf  dem  im  Augenblick  derselben  die  zu  stabilisierende  Valuta  steht,
wie  es  in  Deutschland  und  Österreich  der  Fall  war,  muß  auch  die
Stabilisierung  unvermeidlich  zu  einer  Krise  führen,  für  welche  man
schon  häufig  die  Ausdrücke  „Gesundungs-,  Reinigungs-  oder  Stabilisierungskrise“ ­
  gebraucht  hat.  Denn  jede  solche  Stabilisierung  muß
mit  einem  Abstoppen  der  Inflation,  d.  h.  einem  Aufhören  der  Schaffung ­
  immer  neuer  Kaufkraft,  der  keine  entsprechende  Gütererzeugung ­
  gegenübersteht,  beginnen  und  wird  auch  immer,  weil  auch
das  Gleichgewicht  des  staatlichen  Haushalts  die  Voraussetzung  eines
Erfolges  der  Stabilisierung  ist,  mit  ganz  erheblichen  Steuererhöhungen ­
  verbunden  sein,  die  jetzt  nicht  mehr,  wie  zuvor,  in  entwertetem ­
  Geld  entrichtet  werden  können.  Neue  Kaufkraft  wird  also  auf
dem  bisherigen  Wege  nicht  mehr  geschaffen,  die  vorhandene  reale,
auf  Gütererzeugung  beruhende,  erfährt  durch  die  wachsende  Steuerlast ­
  eine  erhebliche  Einschränkung.  Darin  liegt  allein  schon  ein
Faktor,  der  einen  Preisdruck  ausüben  und  zu  Absatzstockungen
krisenhaften  Charakters  führen  muß.
Andere  Faktoren,  die  ebenfalls  mit  einer  solchen  Stabilisierung
unvermeidlich  verbunden  sind,  wirken  dann  auch  nach  der  gleichen
Richtung  hin  und  müssen  diese  ungünstige  Entwicklung  noch  verstärken ­
  helfen.  Während  der  Inflationsperiode,  in  welcher  der  Wert
der  Währung  dauernd  zurückgeht,  ist  die  Flucht  in  die  Sachwerte
ganz  allgemein,  wie  ja  auch  in  Deutschland  das  „Los  von  der  Mark“
die  allgemeine  Parole  gewesen  ist.  Jedermann  sucht  der  Entwertungsgefahr ­
  für  seinen  Barbestand  oder  seine  Bankguthaben  zu  entgehen. ­
  Die  Umlaufsgeschwindigkeit  des  Geldes  nimmt  damit  gewaltig
zu.  Aber  nicht  nur  aus  diesen  Gründen  findet  die  Erzeugung  der
Industrie  allgemein  guten  Absatz,  sondern  auch  deshalb,  weil,  wie
wir  ja  oben  gesehen  haben,  eine  solche  Entwertung  der  Valuta  als
Prämie  für  den  Export  und  als  Erschwerung  für  den  Import  wirkt.
Nicht  nur  auf  dem  Binnenmarkt,  sondern  auch  auf  dem  Auslandsmarkt, ­
  wirkt  eine  sinkende  Valuta  absatzfördernd.
Damit  müssen  aber  in  der  ersten  Zeit  der  Stabilisierung  Folgen
eintreten,  welche  neben  den  oben  genannten  Faktoren  weiterhin
den  Absatz  ungünstig  beeinflussen.  Zunächst  beginnt  dieser  dann
schon  deshalb  zurückzugehen,  weil  die  Bevölkerung  durch  die
seit  Jahren  betriebene  Flucht  in  die  Sachwerte  mit  den  verschiedensten ­
  Bedarfsartikeln  reichlich  versehen  ist  und  nun  dem
zu  erwartenden  Preisrückgang  gegenüber  mit  dem  Einkauf  zurück ­
        <pb n="84" />
        3.  Die  Stabilisierungskrise.

81

zuhalten  beginnt.  Dies  gilt  nicht  nur  von  dem  Verhältnis  des  Verbrauchers ­
  zum  Kleinhandel,  sondern  auch  von  diesem  letzteren  zum
Großhandel  und  von  diesem  zur  Industrie.  Nun  werden  die  Läden
leer,  neue  Aufträge  bleiben  aus,  die  Beschäftigung  geht  allenthalben
zurück.  Auch  in  den  Handelsbeziehungen  zum  Ausland  vollziehen
sich  jetzt  Wandlungen.  Die  Begünstigung  durch  die  Wirkung  sinkender ­
  Valuta  als  Ausfuhrprämie  und  als  Einfuhrzoll  hört  auf,  die  Ausfuhr ­
  beginnt  abzunehmen,  die  Einfuhr  zu  steigen.  Welchen  Umfang ­
  diese  Absatzstockungen  annehmen  und  wie  lange  sie  andauern,
hängt  in  erster  Linie  von  der  Preisgestaltung  im  Inlande  ab.  Je  rascher ­
  und  entschiedener  hier  Industrie  und  Handel  mit  den  Preisen
heruntergehen,  um  so  schneller  kann  diese  krisenhafte  Übergangszeit ­
  überwunden  werden.
Mit  dem  Gesagten  sind  jedoch  die  Ursachen  einer  solchen  Stabilisierungskrise ­
  keineswegs  erschöpft.  Mit  dem  dauernden  Sinken
der  alten  Währung  verliert  diese,  wie  es  ja  auch  in  Deutschland  mit
der  Papiermark  geschehen  ist,  immer  mehr  ihre  Funktion  als  Wertaufbewahrungsmittel. ­
  Mit  der  Stabilisierung  kommt  nun,  wenn  man
dem  neuen  Geld  Vertrauen  schenkt,  ein  Zahlungsmittel  auf,  das  diese
Eigenschaft  wieder  besitzt.  Jetzt  hat  es  wieder  einen  Sinn,  zu
sparen,  und  wir  wissen  ja  auch  alle,  wie  langsam  die  Rentenmark
in  den  Verkehr  floß  und  wie  stark  sie  anfangs  gehamstert  worden  ist.
Damit  ging  die  Umlaufsgeschwindigkeit  des  Geldes  zurück,  eine  Tatsache, ­
  die  ebenfalls  die  Absatzstockung  verstärken  mußte.
Noch  ein  weiteres  Moment  kam  hinzu,  das  nach  der  gleichen
Richtung  hin  wirksam  war.  Wenn  oben  dargelegt  wurde,  daß  in  der
Zeit  des  Marksturzes  keine  größeren  Kassen  Vorräte  und  Bankguthaben ­
  vorhanden  gewesen  waren,  so  mußte  dies  nun  nach  der  Stabilisierung, ­
  nachdem  die  Tätigkeit  der  Notenpresse  eingestellt  war,
zu  erheblichen  Schwierigkeiten  im  geschäftlichen  Leben  führen.  Der
Kaufmann  hatte  seine  Tageseinnahmen  möglichst  schnell  in  neuen
Waren  angelegt,  der  Unternehmer  hatte  mit  seinen  entbehrlichen
Betriebsmitteln  Erweiterungen  vorgenommen  und  Maschinen  und
Rohstoffe  gekauft.  Der  Landwirt  war  nicht  immer  in  der  gleichen
Lage  wie  Kaufmann  und  Unternehmer,  um  der  Gefahr  der  Geldentwertung ­
  zu  entgehen,  den  Erlös  seiner  Ernte  sofort  in  Sachwerte
umzuwandeln.  Das  verbot  sich  vielfach  durch  die  Natur  des  landwirtschaftlichen ­
  Betriebes.  Es  blieb  ihm  in  der  Regel  kein  anderer
Weg  übrig,  als  während  der  Geldentwertung  mit  dem  Verkauf  seiner
Vorräte  möglichst  zurückzuhalten  und  diese  nur  dann  abzugeben,
wenn  es  für  ihn  notwendig  war  oder  wenn  sich  für  ihn  eine  Gelegenheit ­
  bot,  den  Erlös  sofort  wieder  in  anderen  Gütern  anzulegen.
        <pb n="85" />
        82  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches

Als  nun  die  Stabilisierung  in  Deutschland  einsetzte,  da  fehlte  es
aus  diesen  Gründen  allenthalben  an  Betriebskapital,  das  Wirtschaftsleben ­
  war  in  vielen 1  seiner  Teile  illiquide,  weil  während  der  Inflationsperiode ­
  jeder  bestrebt  war,  sein  Geldkapital  in  Sachkapital  umzuwandeln. ­
  Dieser  Kapitalhunger  auf  der  einen,  die  vorhandene
Kapitalarmut  auf  der  anderen  Seite  haben  dann  in  dieser  Zeit  zu
den  exorbitant  hohen  Zinssätzen  geführt,  welche  bei  der  Aufnahme
von  Kredit  gezahlt  werden  mußten.
Dieser  Mangel  an  Betriebskapital  war  auch  einer  der  Gründe,
die  dann  zu  so  vielen  Entlassungen  von  Arbeitern  und  Angestellten
geführt  haben,  weil  bei  dieser  Illiquidität  zahlreiche  Unternehmungen ­
  gar  nicht  imstande  waren,  Löhne  und  Gehälter  im  alten  Umfange ­
  weiter  zu  zahlen  und  vielfach  zunächst  den  Versuch  machen
mußten,  durch  Verkauf  ihrer  Lagerbestände  in  den  Besitz  der  erforderlichen ­
  Betriebsmittel  zu  kommen,  ehe  sie  mit  Erfolg  wieder
weiter  arbeiten  konnten.  Diese  Notwendigkeit  einer  größeren  Liquidität ­
  wurde  für  Landwirtschaft  und  Industrie  noch  dadurch  wesentlich ­
  vergrößert,  daß  gerade  in  dieser  ersten  Zeit  nach  der  Stabilisierung ­
  erhebliche  Steuerbeträge,  welche  für  die  Sanierung  der
öffentlichen  Finanzen  unentbehrlich  waren,  aufgebracht  werden
mußten.  Daß  diese  große,  dann  bei  uns  einsetzende  Arbeitslosigkeit
und  die  zahlreichen  Entlassungen  staatlicher  Angestellter  und  Beamter ­
  ebenso  wie  dieser  notwendige  Liquidationsprozeß  der  Wirtschaft ­
  den  Inlandsabsatz  ebenfalls  ungünstig  beeinflussen  mußten,
liegt  auf  der  Hand.
Speziell  in  Deutschland  wurde  dann  dieser  Kapitalmangel  noch
wesentlich  verschärft  durch  die  Beteiligung  weiter  deutscher  Kreise
an  der  internationalen  Spekulation  in  französischen  Franken,  welche
für  die  Beteiligten  mit  großen  Verlusten  abgelaufen  ist,  Verluste,  die
deshalb  besonders  schwer  gewesen  sind,  weil  sie  in  dieser  Zeit  der
allgemeinen  Illiquidität  an  den  liquidesten  Vermögensbestandteilen
zehrten.  Hat  man  doch  die  Beträge,  welche  in  dieser  Zeit  schwerster
Kapitalnot  aus  Deutschland  nach  dem  Auslande  gingen,  auf  etwa
400  Millionen  Goldmark  geschätzt.
Diese  Absatzkrise,  wie  sie  aus  diesen  Gründen  nun  einsetzte,
erlitt  noch  eine  wesentliche  Verschärfung  durch  die  Wandlungen,
welche  sich  in  der  gleichen  Zeit  im  deutschen  Außenhandel  vollzogen. ­
  Mit  dem  Aufhören  der  Inflation  war  die  Exportprämie,  welche
darin  für  die  deutsche  Ausfuhr,  und  der  Einfuhrzoll,  welcher  darin
für  die  deutsche  Einfuhr  lag,  in  Fortfall  gekommen.  Wenn  auch  bei
uns  zunächst  infolge  der  eben  dargestellten  Tatsachen  die  Preise,  vor
allem  diejenigen  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse,  einen  starken
        <pb n="86" />
        3.  Die  Stabilisierungskrise.

83

Rückgang  erfuhren,  so  war  dieser  Rückgang  doch  vielfach  nicht  stark
genug,  um  die  deutsche  Ausfuhr  vor  einem  Rückgang  und  die  deutsche ­
  Industrie  vor  der  Konkurrenz  fremder  Industrien  auf  dem  eigenen ­
  deutschen  Markte  zu  bewahren.  Die  folgende  Tabelle,  welche
die  deutsche  Preisentwicklung  mit  derjenigen  auf  dem  Weltmärkte  in
dieser  ersten  Zeit  nach  der  Stabilisierung  vergleicht,  soll  das  Gesagte
veranschaulichen:

Börsen-  und  Werkspreise  in  Deutschland  am
(Weltmarkspreise  =  100)*)

15.  Nov.
1923

15.  Dez.
1923

15.  Jan.
1924

Roggen

174,4

128.8

122,1

Weizen

133,5

98,0

97,3

Weizenmehl  .  .  .

135,2

108,9

107.4

Baumwolle....

105,3

106,9

104,7

Zinn

99,8

97,8

102,3

Blei

85,6

79,3

74,9

Zink

100,7

103,3

107,7

Eisen

117,9

118,2

103,2

Träger

110,8

106,9

73,8

Kohle

130,2

128,3

108,2

Für  diese  Tatsache,  daß  in  dieser  Zeit  die  deutschen  Preise  noch
vielfach  über  denjenigen  des  Weltmarktes  standen,  kamen  als  Ursache ­
  mannigfache  Momente  in  Frage.  Hohe  Steuern,  hohe  Frachten,
noch  im  März  lag  die  durchschnittliche  Steigerung  der  Frachten
schätzungsweise  noch  über  50°/o  über  derjenigen  der  Warenpreise *  2 ),
auch  die  Tatsache,  daß  die  geringe  Ausnutzungsmöglichkeit  der  industriellen ­
  Anlagen,  wie  wir  oben  gesehen  haben,  kostensteigernd
wirken  mußte,  spielte  dabei  eine  Rolle.  Es  war  aber  auch  die  zu
weitherzige  Kreditpolitik  der  Reichsbank,  welche  bis  in  das  Frühjahr ­
  hinein  währte,  welche  mit  ihrer  inflationsistischen  Wirkung
nicht  nur  ein  Hindernis  für  den  notwendigen  weiteren  Preisabbau
war,  sondern  sogar  noch  zu  einer  Steigerung  des  Preisniveaus  beitrug, ­
  damit  unsere  Ausfuhr  erschwerte,  die  Konkurrenzfähigkeit
fremder  Industrien  auf  dem  deutschen  Markt  erleichterte  und  damit
ungünstig  auf  die  notwendige  Umstellung  der  deutschen  Wirtschaft
wirkte.  Die  folgenden  drei  Tabellen  sollen  diese  Zusammenhänge  veranschaulichen. ­

Die  erste  Tabelle  soll  zeigen,  wie  sich  bei  uns  ganz  allgemein
U  Wirtschaft  und  Statistik.  1924.  S.  52.
2 )  Wirtschaft  und  Statistik.  „Eisenbahnfrachtsätze  und  Warenpreise.“
1924.  S.  161.
        <pb n="87" />
        84  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablaut  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

die  Lage  auf  dem  Arbeitsmarkte  und  die  Zahl  der  Konkurse  entwickelt ­
  haben.  Man  sieht,  wie  die  Zahl  der  letzteren,  vor  allem  wohl
unter  dem  Schutze  der  weitherzigen  Kreditgewährung  der  Reichsbank ­
  bis  zum  April  noch  recht  gering  war,  um  dann  erst  erheblich
anzusteigen.  Die  Frankfurter  Zeitung 1 )  schrieb  damals:  „Es  kann
nicht  klar  genug  betont  werden,  daß  unter  den  gegenwärtigen  Verhältnissen ­
  unsere  Wirtschaft  diese  Frühjahrskonjunktur  von  1924
tatsächlich  eine  Bewegung  darstellt,  deren  Entwicklung  volkswirtschaftlich ­
  nicht  ohne  Sorge  betrachtet  werden  kann.  Die  Kreditpolitik ­
  der  letzten  Monate  darf  nicht  weiter  getrieben  werden,  wenn
nicht  die  Währung  gefährdet  werden  soll.“  So  kam  es,  daß  in  diesen ­
  ersten  Monaten  die  Zahl  der  Konkurse  relativ  gering  war,  weil
es  zahlreichen  Unternehmungen  gelang,  sich  noch  durch  Kreditinanspruchnahme ­
  über  Wasser  zu  halten,  so  daß  die  eigentliche
Krise  erst  dann  einsetzte,  als  die  Reichsbank  dieser  zu  weitherzigen
Kreditgewährung  ein  Ende  machte.
Die  zweite  Tabelle  zeigt  noch  einmal,  wie  in  diesen  ersten
Monaten  das  Preisniveau  in  Deutschland  gestiegen  ist  und  wie  damit
die  deutsche  Ausfuhr,  vor  allem  an  fertigen  Waren,  zurückging  und
die  Einfuhr  an  solchen  zunahm,  während  die  dritte  Tabelle  diesen
Zusammenhang  noch  deutlicher  erkennen  läßt,  indem  aus  ihr  hervorgeht, ­
  wie  vor  allem  bei  den  Industrierohstoffen  die  deutschen
Preise  noch  über  denjenigen  des  Weltmarktes  standen  und  erst
langsam  und  zögernd  zurückgingen.  Freilich  wollen  solche  internationalen ­
  Preisvergleichungen  mit  großer  Vorsicht  benutzt  werden,
weil  dabei  nur  die  Bewegung  der  Preise,  nicht  das  Niveau  derselben, ­
  verglichen  werden  kann.
In  den  deutschen  Fachverbänden  kamen  auf  1000  Mitglieder:

Arbeitslose ­


Kurzarbeiter ­


Er  betrug  die
Anzahl  der
Konkurse

September  1923.

99

397

9

Oktober  „  .

191

473

15

November  „  .

234

473

8

Dezember  „  •

282

420

17

Januar  1924.

265

234

29

Februar  „  •

251

171

46

März  „  .

166

99

58

April  „  ■

104

58

139

Mai  n  ■

86

82

326

Juni  „  ■

105

194

586

Juli  „  •

125

282

1125

August  „  •

124

275

895

September  „  •

105

175

850

U  Abendblatt  vom  5.  April  1924.
        <pb n="88" />
        3.  Die  Stabilisierungskrise.

85

Es  betrug  iu  GM.  in  Deutschland  im  Jahre  1924:

An  fe
Wa
d.  Einfuhr ­


rtigen
ren
d.  Ausfuhr ­


Dtsch.  Großhandelsindex ­
 ­

(1913  =  100)

Januar  ...

1  92,5

367,1

117,3

Februar.  •  .  .

132,8

383,9

116,2

März

145,1

375,9

120,7

April

158,6

389,8

124,1

Mai

202,5

415,1

124,6

Juni

216,4

373,0

115,9

Juli

89,7

341,5

115,0

August  ....

56,2

343,6

120,4

September  .  .  .

76,3

329,3

126,9

Vergleich  deutscher  und  ausländischer  Preise:

1924

Deutsche  Preise
in  v.  H.  der
englischen  Preise

Deutsche  Preise  in
v.H.  dernordamerikanischen
  Preise

Lebensmittel ­


Industrierohstoffe ­


Lebensmittel ­


Industrierohstoffe ­


Januar.  .  .

93,2

109,2

84,4

100,5

Februar  .  .

87.2

108,5

81,1

104,0

März  .  .  .

92,0

108,9

85,9

104,4

April  .  .  .

94,4

108,2

88,5

105,4

Mai  ....

88,6

108,2

83,7

155,5

Juni....

82,8

105,6

74,5

105,5

Juli  ....

86,0

103,5

79,6

104,9

August  .  .  .

90,3

101,6

85,9

105.5

September

96,0

102,6

93,4

104,5

Wir  haben  oben  gesehen,  daß  während  der  Inflationsperiode
Neugründungen  in  erheblichem  Umfange  erfolgt  sind.  Zum  Teil
hat  es  sich  dabei  um  Umwandlungen  von  Einzelunternehmungen
zur  leichteren  Erlangung  von  Kredit  gehandelt,  zum  Teil  haben
auch  Gründe  der  Steuerersparnis  dabei  mitgesprochen.  Es  läßt  sich
heute  noch  nicht  sagen,  in  welchem  Umfange  es  sich  dabei  um  die
Schaffung  ganz  neuer  Unternehmungen  gehandelt  hat.  Mit  der  Stabilisierung, ­
  vor  allem  seitdem  vom  Frühjahre  ab  die  Kreditrestriktion
der  Reichsbank  einsetzte,  begann  sich  das  Bild  zu  ändern.  Die
Entwicklung  der  Konkurse  ist  ja  aus  den  eben  gegebenen  Tabellen
bereits  ersichtlich  geworden.  Während  im  Jahre  1920  in  Deutschland ­
  231,  im  Jahre  1921  516  Geschäftsaufsichten  ausgesprochen
worden  sind,  betrug  diese  Zahl  im  dritten  Quartal  1924  1858.  Hatten
        <pb n="89" />
        86  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

bis  dahin  die  Neueintragungen  von  Unternehmungen,  wie  wir  oben
gesehen  haben,  die  Zahl  der  Löschungen  erheblich  überwogen,  so
änderte  sich  nun  das  Bild,  wie  die  folgende  Tabelle  zeigt:

Mehr  (-J-)  bzw.  weniger  (—)  Neueintragungen  von  Unternehmungen
als  Löschungen  im  Monatsdurchschnitt  1924:

1.
Vierteljahr

2.
Vierteljahr

3.
Vierteljahr

Aktiengesellschaften  ....

-  398

+  56

—  236

-  169

-  110

—  605

Offene  Handelsgesellschaften  .

-  359

-  250

—  541

Kommanditgesellschaften  .  .

-  86

-  52

+  1t

Einzelfirmen.......

-  346

-  405

—  147

Es  ist  dies  eine  Entwicklung,  die  jedenfalls  noch  erheblich  weiter
gehen  wird,  vor  allem  auch  im  Klein-  und  Großhandel.  Während
der  Inflationsperiode  hat  der  Zwischenhandel  eine  starke  Zunahme
erfahren,  und  zwar  waren  vielfach  Geschäfte  mit  so  geringen
Mitteln  gegründet  worden,  daß  diese  wohl  in  einer  Zeit  steigender,
aber  nicht  in  einer  Zeit  fallender  Preise  durchzuhalten  vermögen.
Wie  es  in  einer  Zuschrift  an  die  Frankfurter  Zeitung  hieß:  „Galt
es  früher,  zur  Zeit  der  Flucht  vom  Geld  in  die  Ware,  als  wichtiges
Erfordernis,  die  eingehenden  Gelder  in  Lagerbeständen  anzulegen,
so  zeigte  es  sich  während  der  Krise,  als  das  Lager  fest  wie  Blei
lag,  und  es  bald  an  genügenden  Betriebsmitteln  zur  Aufrechterhaltung ­
  des  Geschäftes  fehlte,  daß  die  Warenbestände  nur  unter  mehr
oder  minder  schweren  Verlusten  flüssig  gemacht  werden  konnten;
denn  die  Zahlungen  der  Abnehmer  wurden  immer  stockender  und
reichten  nicht  aus,  um  die  andauernd  erfolgenden  Lieferungen  der
Fabrikanten  auf  Grund  der  seinerzeit  während  der  Rentenmarkkonjunktur ­
  erteilten,  umfangreichen  Bestellungen  zu  regulieren 1 ).“
Genaue  Zahlenangaben  über  dieses  Wachstum  im  Zwischenhandel ­
  fehlen.  Die  folgende  Zahlenreihe  mag  aber  doch  ein  Bild
davon  geben,  wie  diese  Entwicklung  in  einem  bestimmten  Zweige  des
Handels  gewesen  ist.  Nach  den  Mitteilungen  des  Reichsfinanzministers ­
  an  den  Zentralverband  des  Bank-  und  Bankiergewerbes  hat
sich  die  Zahl  der  Personen,  welche  sich  gewerbsmäßig  mit  dem  Effektenhandel ­
  beschäftigen,  bei  der  Berliner  Börse  folgendermaßen  entwickelt. ­
  Er  gab  hier  am:

U  Erstes  Morgenblatt.  14.  September  1924.
        <pb n="90" />
        3.  Die  Stabilisierungskrise.

87

1.  Juli  1914

1.  Okt.  1914

Kursmakler

83

173

Fondsmakler

254

633

Bankgeschäfte  ....

590

1765

zusammen

927

2571

Diese  Zunahme  erscheint  noch  krasser,  wenn  man  hört,  daß
nach  der  gleichen  Quelle  in  dieser  Periode  der  Gesamtwert  der  an  der
Berliner  Börse  gehandelten  Papiere  auf  den  fünften  Teil  zurückgegangen ­
  ist.
Man  hat  die  Stabilisierungskrise  auch  nicht  umsonst  als  Reinigungskrise ­
  bezeichnet,  und  es  ist  im  Interesse  der  Leistungsfähigkeit ­
  der  deutschen  Wirtschaft  eine  zwingende  Notwendigkeit,
daß  sie  von  diesen  Inflationsexistenzen  gereinigt  wird.  Muß  doch
eine  solche  Übersetzung  im  Zwischenhandel  zur  Preisverteuerung
beitragen,  die  dann  ihrerseits  wieder  die  Konkurrenzfähigkeit  der
deutschen  Industrie  fremden  Industrien  gegenüber  beeinträchtigen
‘muß.
Das  Gesagte  gilt  auch  sinngemäß  von  der  Industrie,  deren  Betriebe ­
  und  Anlagen  im  Verhältnis  zu  ihren  flüssigen  Mitteln  und
Absatzmöglichkeiten  sehr  stark  vergrößert  worden  sind.  Hier  werden
zahlreiche  Unternehmungen  unter  dem  Druck  der  Verhältnisse  eingehen
  müssen  und  von  solchen,  die  bestehen  bleiben,  wird  eine  große
Zahl  Teile  ihre  Anlagekapitals  als  Verlust  abschreiben  müssen.  Es
betrug,  um  dafür  noch  ein  Beispiel  zu  geben,  in  der  chemischen
Industrie  die  Zahl  der 1 )

A.-G.

G.  m.  b.  H.

Ende  1913  .  .

172

932

„  1919.  .

164

1282

„  1922.  .

327

2042

„  1923.  .

615

2041

Freilich  gibt  diese  Zahlenreihe  keinen  Aufschluß  darüber,  in
welchem  Umfange  es  sich  hier  um  die  Schaffung  ganz  neuer  Unternehmungen ­
  gehandelt  hat.  Daß  dies  nicht  durchweg  der  Fall  gewesen ­
  ist,  zeigt  die  Tatsache,  daß  die  Zahl  der  Betriebe  in  der  Berufsgenossenschaft ­
  der  chemischen  Industrie  von  1913—1923  um
594  zurückgegangen  ist.  Immerhin  steht  dem  wieder  entgegen,  daß

1 )  Nach:  „Chemisch-industrielle  Wirtschaftspolitik  1923/24'“  von  C.  Ungewitter. ­
  Herausgegeb.  vom  Verein  z.  Wahrung  d.  Interessen  d.  chemischen
Industrie  Deutschlands.
        <pb n="91" />
        88  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

vom  Jahre  1913—1923  die  Zahl  der  Vollarbeiter  in  der  chemischen
Industrie  um  51,77  Prozent  gestiegen  ist.
Diese  Störungen  griffen  dann  auch  auf  die  Börse,  auf  den  Markt
der  Wertpapiere  über.  Der  große  Kapitalmangel,  die  Notwendigkeit, ­
  zur  Fortführung  der  Betriebe  liquide  Mittel  zu  haben,  der
abnorm  hohe  Zinsfuß,  der  dafür  geboten  wurde,  haben  neben  anderen
Faktoren  eine  Abwanderung  des  Kapitals  aus  der  Effektenanlage
bewirkt,  wozu  auch  die  Tatsache  beitrug,  daß  ja  in  dieser  kritischen
Zeit  die  meisten  Aktien  keinerlei  Erträge  abwarfen.  Das  Angebot
an  Effekten  stieg  gewaltig,  die  Nachfrage  danach  nahm  dauernd
ab,  was  sich  letzten  Endes  in  einem  starken  Kursrückgang  äußern
mußte,  der  auch  zu  zahlreichen  Zwangsexekutionen  führte.  Die
folgende  Tabelle  gibt  ein  Bild  dieser  Entwicklung.

Aktienindex  nach  Gruppen  (1913=100):

Monatsdurchschnitt ­


Bergbau  und
Schwerindustrie ­


Verarbeitende
Industrie

Handel
und  Verkehr

Gesamt

Januar  1924  .  .  .

45,77

44,21

15,77

35,76

April  „  ...

29,50

28,87

10,46

23,33

Juni  „  ...

23,06

19,93

8,86

17,50

Juli  „  ...

23,59

20,71

10,13

18,49

August  „  ...

29,81

27,98

13,02

24,14

Septbr.  „  ...

31,15

28,59

14,39

25,31

Oktober  „  ...

30,61

27,20

14,67

24,75

So  haben  wir  also  in  Deutschland  das  typische  Bild  einer  Stabilisierungskrise ­
  erlebt.  Daß  dabei  mit  Einsetzen  der  wärmeren
Jahreszeit  die  Arbeitslosigkeit  zurückging,  bedarf  keiner  weiteren
Erklärung.  Vom  Sommer  ab  hat  auch  dann  die  scharfe  Krediteinschränkung ­
  der  Reichsbank  einen  weiteren  Preisabbau  erzwungen 1 ),
an  dem  auch  die  inzwischen  erfolgte  Herabsetzung  von  Frachten
und  Kohlenpreisen  beteiligt  war.
Es  begannen  sich  damit  die  Verhältnisse  etwas  zu  bessern,  der
Außenhandel  gestaltete  sich  günstiger  und  auch  auf  dem  Kapitalund
  Geldmärkte  begann  die  Spannung  etwas  nachzulassen.  Die  langsame ­
  Liquidierung  von  Warenbeständen,  die  Abstoßung  des  Devisenbesitzes, ­
  die  Rückkehr  der  früher  ins  Ausland  geflüchteten
Kapitalien,  das  langsame  Einsetzen  der  Kapitalneubildung,  die  Errichtung ­
  der  Golddiskontbank  und  ausländische  Kredithilfe  haben  i)
i)  Die  Preissteigerung  vom  Juli  ab  berührt  die  Konkurrenzfähigkeit  auf
dem  Weltmarkt  nur  wenig.  Sie  beruht  einmal  auf  der  Preissteigerung  der
agraren  Erzeugnisse,  und  soweit  es  sich  um  industrielle  Produkte  handelt,
vor  allem  auf  dem  Anziehen  der  fremden  Devisen.
        <pb n="92" />
        3.  Die  Stabilisierungskrise.

89

zu  dieser  Erleichterung  beigetragen,  wenn  auch  die  Verhältnisse
noch  schwierig  genug  liegen,,  und  auch  noch  auf  lange  hinaus  bleiben ­
  werden.  Liegt  es  doch  in  der  Natur  einer  solchen  Stabilisierungskrise, ­
  daß  sie  nur  langsam  und  sehr  nach  und  nach  abflauen
kann.  Solche  Störungen  müssen  auch  natürlich  um  so  länger  andauern, ­
  je  mehr  Fehler  bei  ihrer  Bekämpfung  gemacht  werden.  Auf
die  zu  weitherzige  Kreditpolitik  der  Reichsbank  ist  bereits  oben
hingewiesen  worden,  und  daß  daneben  auch  noch  andere  Fehler  gemacht ­
  worden  sind,  unter  welchen  die  Wirtschaft  schwer  zu  leiden
hat,  ist  in  der  Öffentlichkeit  häufig  genug  betont  worden 1 ).
Wie  lange  eine  solche  Krise  dauern  kann,  das  zeigen  die  Verhältnisse ­
  in  Österreich  und  der  Tscheeho-Slowakei,  wo  diese  Wirtschaftsstörungen ­
  noch  am  Ende  des  Jahres  1924  in  ganz  erheblichem
Umfange  vorhanden  sind,  trotzdem  die  Stabilisierung  lange  vor  derjenigen ­
  in  Deutschland  erfolgt  ist.  Dabei  haben  sich  die  Verhältnisse ­
  in  Deutschland  noch  relativ  günstig  entwickelt,  was  sich  vor
allem  darin  zeigte,  daß  in  den  ersten  Monaten  der  Stabilisierung
trotz  aller  Ungunst  der  Verhältnisse  die  Wirtschaft  von  schweren
Erschütterungen  verschont  geblieben  ist.  Es  hing  dies  zum  Teil
sicher  mit  der  oben  besprochenen  weitherzigen  Kreditpolitik  der
Reichsbank  zusammen,  es  trug  aber  dazu  auch  die  Tatsache  wesentlich ­
  bei,  daß,  wie  wir  oben  gesehen  haben,  in  den  letzten  Wochen
vor  der  Stabilisierung  infolge  des  dauernden  Währungssturzes  die
wirtschaftlichen  Zustände  bei  uns  so  heillose  waren,  daß  dadurch
die  absatzfördernden  Momente  eines  Währungsrückganges  vollständig
r )  So  schrieb  die  Diskontogesellschaft  in  ihrem  Geschäftsbericht  für  das
Jahr  1923:  „Der  Mangel  an  Kapital  und  die  gewaltige  Steigerung  der  Zinssätze, ­
  auch  für  kurzfristige  Gelder,  führten  zu  einer  vollständigen  Des&amp;gt;-Organisation
  des  Geldmarktes.  Diese  wurde  noch  dadurch  gefördert,  daß  die
Staatsaufsicht  über  die  staatlichen  und  kommunalen  Geldinstitute  völlig  versagte ­
  und  diesen  gestattete,  ihre  Mittel  nicht  ihrer  eigentlichen  Zweckbestimmung ­
  zuzuführen,  sondern  ohne  Rücksicht  auf  das  damit  verbundene  Risiko,
zu  möglichst  hohen  Zinssätzen  im  offenen  Markte  auszuleihen,  im  wilden
Wettlauf  den  Kettenhandel  mit  Geld  zu  fördern  und  die  Zinssätze  für  den  Verbraucher ­
  in  ungerechtfertigterWeise  zu  steigern.“  In  der  „Kölnischen  Zeitung“
vom  31.  Oktober  1924  hieß  es  u.  a.:  „Jedoch  kann  nicht  genug  beklagt  werden,
daß  die  geradezu  wucherische  Zinspolitik,  die  von  der  Reichsbahn  und  Zollverwaltung ­
  bei  Fracht-  und  Steuerstundungen  betrieben  wird,  viele  Gewerbetreibende ­
  dazu  veranlaßt,  ihre  Zuflucht  zu  solchen  Geldstellen  zu  nehmen,  die
zwar  hohe  Einlagezinsen  gewähren,  aber  geradezu  barbarische  Leihzinsforderungen
  stellen,  Noch  heute  werden  ja  bei  Frachtstundungen  Zinssätze  von
Vi  °/o  täglich  nebst  einer  Gebühr  von  6  pro  Mille  für  wöchentlich  gestundete
Frachtschulden  berechnet,  was  zusammen  18  Q/o  jährlich  ausmacht.  Die  Zollämter, ­
  die  bei  Zollstundungen  obendrein  eine  Sicherheitsleistung  durch  eine
Kreditversicherungsgesellschaft  verlangen,  berechnen  trotzdem  für  die  Stundung ­
  12  o/o  im  Jahr.  Einschließlich  der  Prämien  an  die  Gesellschaften  usw.
beläuft  sich  der  gesamte  Zinssatz  mindestens  auf  18o/o.“
        <pb n="93" />
        90  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches.

aufgehoben  wurden.  Wir  hatten  es  in  Deutschland  in  diesen  letzten
Wochen  vor  der  Stabilisierung  bereits  mit  so  schweren  wirtschaftlichen ­
  Störungen  zu  tun,  daß  diesen  gegenüber  die  Stabilisierung
trotz  der  neuen  großen  Schwierigkeiten,  die  sie  mit  sich  brachte,
sogar  wirtschaftlich  nach  vielen  Seiten  hin  günstige  Wirkungen
ausüben  mußte.

Literatur.
Oechelhäuser,  Die  wirtschaftliche  Krisis.  Berlin  1873.  —  Berliner, ­
  Die  wirtschaftliche  Krisis.  Berlin  1878.  —  Stöpel,  Die  Handelskrisis ­
  in  Deutschland.  Frankfurt  a.  M.  1875.  —  G  lag  au,  Der  Börsen-  und
Gründungsschwindel  in  Berlin.  Berlin  1876.  —  Ders.,  Der  Börsen-  und  Gründungsschwindel ­
  in  Deutschland.  Berlin  1877.  —  R.  Meyer,  Politische
Gründer  und  Korruption  in  Deutschland.  Berlin  1877.  —  Neuwirth,  Die
Spekulationskrise  von  1873.  Leipzig  1874.  —  Hübener,  Die  deutsche
Wirtschaftskrise  von  1873.  Berlin  1905.  —  Blume,  Gründungszeit  und
Gründungskrach.  Mit  Beziehung  auf  das  deutsche  Bankwesen.  Dissertation. ­
  Freiburg  1914.  —  Wasserrab,  Preise  und  Krisen.  Stuttgart
1889.  —  Wolf,  Die  gegenwärtige  Wirtschaftskrisis.  Tübingen  1888.  —
Wagon,  Die  finanzielle  Entwicklung  der  deutschen  Aktiengesellschaften
von  1870—1900.  Berlin  1901.  —  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,
a.  a.  0.  —  Lotz,  Die  Wirtschaftskrisis  des  Jahres  1901.  Frankfurt  a.  M.
1902.  —  Steinberg,  Die  Wirtschaftskrisis  1901.  Bonn  1902.  —  L.  v.
Wiese,  Die  rheinisch  -  westfälische  Eisenindustrie  in  der  gegenwärtigen
Krisis.  Schmollers  Jahrbuch  1902.  —  Biermer,  Die  letzte  deutsche  Wirtschaftskrisis ­
  und  ihre  Ursachen.  Gießen  1905.  —  Sayous,  La  crise  allemande
  de  1900—1902.  Paris  1903.  —  Schippel,  Hochkonjunktur  und
Wirtscbaftskrisis.  Berlin  1908.  —  Feiler,  Das  Ende  der  Hochkonjunktur
und  Rückblicke  auf  das  Wirtschaftsjahr  1907.  Frankfurt  a.  M.  1908.  —
Schumacher,  Die  Ursachen  der  Geldkrisis.  Dresden  1908.  —  Hasenkamp, ­
  Die  wirtschaftliche  Krisis  des  Jahres  1907  in  den  Vereinigten  Staaten
von  Amerika.  Jena  1908.  —  Esslen,  Konjunktur  und  Geldmarkt  1902  bis
1908.  Leipzig  1909.  —  Steinert,  Kapitalsbewegung  und  Rentabilität  der
Leipziger  Aktiengesellschaften.  Leipzig  1912.  —  Hammerbacher,  Die
Konjunkturen  in  der  deutschen  Eisen-  lind  Maschinengroßindustrie.  München ­
  1914.  —  Feiler,  Die  Konjunkturperiode  1907—1913  in  Deutschland.
Jena  1914.  —  M  ü  s  s  i  g,  Eisen-  und  Kohlenkonjunkturen  seit  1870.  2.  Aufl.
Augsburg  1919.  —  Wirth,  a.  a.  O.  —  Geschichte  der  Frankfurter  Zeitung.
Volksausgabe.  Frankfurt  a.  M.  1911.  —  Riesser,  Die  deutschen  Großbanken ­
  und  ihre  Konzentration.  4.  Aufl.  Jena  1912.  •—  Sartorius  v.
Waltershausen  ,  Deutsche  Wirtschaftsgeschichte  1815—1914.  Jena
2.  Aufl.  1923.
Lauinger,  Das  Wirtschaftsjahr  1920.  Frankfurta.M.  1921.  —  Broda,
Zur  Frage  der  Konjunktur  in  und  nach  dem  Kriege.  Archiv  für  SoziaJw.,
Bd.  45.  —  E.  Schultze,  Die  Zerrüttung  der  Weltwirtschaft.  2.  Aufl.
Stuttgart  1922.  —  Harms,  Die  Krisis  der  Weltwirtschaft  und  die
Konferenz  von  Genua.  Weltwirtschaftl.  Nachr.  1922,  Nr.  347,  Sonderbeilage.
—  Varga,  Die  Krise  der  kapitalistischen  Weltwirtschaft.  2.  Aufl.  Hamburg
1922.  —  C.  A.  Verrijn  Stuart,  Die  heutige  Arbeitslosigkeit  im  Lichte  der
Weltwirtschaftslage.  Jena  1922.  —  Behnsen  und  G  e  n  z  m  e  r,  Die  Folgen
der  Markentwertung  für  uns  und  die  Anderen.  Leipzig  1921.  Schumacher, ­
  Die  Währungsfrage  als  weltwirtschaftliches  Problem.  Schmollers
Jahrbuch  1921.  —  Dub,  Katastrophenhausse  und  Geldentwertung.  Stuttgart
1920.  —  Eulenburg,  Weltwirtschaftliche  Solidarität  der  Völker.  Berlin
        <pb n="94" />
        3.  Die  Stabilisierungskrise.

91

1922.  —  F.  Nitti,  Der  Niedergang  Europas.  Frankfurt  1921.  —  J.  Holtey,
Der  Zinsfuß  1907—1922.  1923.  —  Montgomery,  Die  Wirtschaftskrise  in
den  Vereinigten  Staaten  im  Jahre  1920.  Weltwirtsch.  Archev  B.  XX.  1924.  —
J.  Lorenz,  Die  Valutakonkurrenz  in  zahlenmäßiger  Beleuchtung.  Z.  f.
Schweiz.  Volksw.  u.  Stat.  1922.  —  W.  Mildschuh,  Kreditinflation  und
Geldtheorie.  Arch.  f.  Sozialwiss.  B.  51.  1924.  —  A.  Scheuring,  Der  Einfluß ­
  der  Wirtschaftskrise  auf  die  Schweiz.  Volkswirtschaft.  —  K.  Goertz,
Die  Entwicklung  der  Börsenkonjunkturen  in  Deutschland  seit  Kriegsende.  —
W.  Rüetschi,  Der  Arbeitsmarkt  in  der  Schweiz  nach  dem.  Kriege.  Die  drei
letzten:  ungedruckte  Gießener  Dissert.  1923
F.  Gaertner,  Vom  Gelde  und  der  Geldentwertung.  München  1922.  —
Janowsky,  Die  Wirtschaftskrise  in  der  Tschechoslowakei.  Reichenberg
1923.  —  W.  W  o  i  t  e,  Die  valutarische  Situation  der  Tschechoslowakei.  Diss.
Gießen  1924.  (Ungedruckt.)  —  F.  Gaertner,  Die  Stabilisierung  der  österreichischen ­
  Krone.  Sch.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  165.  2.  Teil.  München  1923.  —
A.  Amonn,  Die  tschechoslowakische  Währung  und  Währungspolitik.  Ebda.
Bd.  165.  4.  Teil.  —  A.  Rasin,  Die  Finanz-  und  Wirtschaftspolitik  der
Tschechoslowakei.  München  1923.  —  C.  A.  Schäfer,  Klassische  Valutastabilisierungen ­
  und  ihre  Lehren  für  Deutschland.  Hamburg  1922.  —  0.  Mohrus,
  Kreditpolitik  und  Wirtschaftskrisis,  Bankarchiv  1924.  —  W.  Mahlberg,
Zum  Neubau  des  Kredits.  Leipzig  1924.  —  Die  Krisis  in  der  Landwirtschaft
und  die  Mittel  zu  ihrer  Behebung.  Bericht  über  die  fünfte  Hauptversammlung
der  preußischen  Hauptlandwirtschaftskammer.  Berlin  1924.  —  Chemischindustrielle ­
  Wirtschaftspolitik.  A.  a.  0.
        <pb n="95" />
        Dritter  Abschnitt.

Der  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen
auf  die  Volkswirtschaft.
1.  Vorbemerkung.
Es  bedarf  keiner  besonderen  Begründung  dafür,  um  darzutun,
wie  Wichtig  für  die  gesamte  Volkswirtschaft,  aber  auch  für  jede  einzelne ­
  Erwerbswirtschaft,  die  Kenntnis  des  Konjunkturwandels,  die
Beobachtung  und  ein  möglichst  genaues  Studium  desselben  sind.
Das  wirtschaftliche  Handeln  des  einzelnen  Unternehmers,  aber  auch
die  wirtschaftlichen  und  finanziellen  Mahnahmen  von  Staat  und  Gemeinde ­
  sind  in  hohem  Maße  von  der  in  einer  bestimmten  Zeit  vorhandenen ­
  Konjunktur  abhängig  und  damit  gewinnt  dann  wieder
diese  Konjunktur  einen  bestimmten  Einfluß  auf  die  Richtung,  in
welcher  sich  diese  einzelnen  Handlungen  bewegen.
Das  gilt  einmal  schon  von  der  Anpassung  an  die  zu  einer  bestimmten ­
  Zeit  vorhandene  Konjunktur,  dann  aber  auch  davon,  daß  die
einzelnen  wirtschaftenden  Personen  auch  in  der  Lage  sind,  sich  mit
ihren  Maßnahmen  und  Handlungen  auf  einen,  vielleicht  bevorstehenden ­
  Wandel  in  der  Konjunktur  vorzubereiten.  Denn  die  Wirkungen ­
  eines  Konjunkturrückganges,  der  Eintritt  einer  Depression
oder  einer  Krise,  sind  für  die  Volkswirtschaft  eines  Landes  und
damit  auch  für  die  einzelnen  Erwerbswirtschaften  um  so  weniger
verhängnisvoll,  je  weniger  eine  solche  Änderung  unerwartet  eintritt
und  je  mehr  die  davon  Betroffenen  Zeit  und  Möglichkeit  gehabt
haben,  sich  mehr  oder  weniger  mit  ihren  Maßnahmen  auf  einen
solchen  Umschwung  einzurichten.  Neben  dem  genauen  Studium  einer
bestimmten  vorhandenen  Konjunktur  tritt  daneben  als  weitere  wichtige ­
  Aufgabe  der  Wirtschaftspolitik  die  Prognose  der  Konjunktur. ­

Die  Lösung  beider  Aufgaben,  die  wirtschaftlichen  und  sozialen
Eigentümlichkeiten  von  Hochkonjunktur  und  Depression  kennen  zu
lernen,  aber  auch  die  Möglichkeit,  den  Wandel  der  Konjunktur  innerhalb ­
  gewisser  Grenzen  vorauszusehen  und  sich  darauf  einrichten  zu
können,  erfordern  als  Voraussetzung  die  genaue  Kenntnis  der  Merkmale, ­
  wodurch  sich  die  verschiedenen  Arten  der  Konjunktur  hinsichtlich ­
  ihrer  wirtschaftlichen  und  sozialen  Auswirkungen  voneinander ­
  unterscheiden.  Der  folgende  Abschnitt  ist  der  Betrachtung
        <pb n="96" />
        1.  Vorbemerkung

93

dieser  Zusammenhänge  gewidmet.  In  einfachen  zahlenmäßigen  Aufstellungen ­
  soll  hier  gezeigt  werden,  in  welcher  Weise  das  Auf  und  Ab
im  Wirtschaftsleben  die  Zustände  eines  Landes  und  seiner  Bewohner
beeinflußt,  wie  sich  diese  Verhältnisse  ganz  anders  gestalten,  je  nachdem ­
  die  wirtschaftliche  Konjunktur  eine  günstige  oder  eine  un
günstige  ist.  Es  kann  natürlich  nicht  die  Aufgabe  der  folgenden  Seiten
sein,  dies  in  restlos  erschöpfender  Weise  zu  tun.  Nur  die  allerwichtigsten ­
  Gebiete  des  wirtschaftlichen  und  sozialen  Lebens  sollen
dabei  herausgegriffen  werden.
Es  handelt  sich  dabei  zunächst  einmal  um  diejenigen  Einflüsse
und  Änderungen,  welche  sich  im  Wandel  der  Konjunktur  auf  dem
Gebiete  des  Güterumsatzes,  von  Produktion  und  Konsumtion,  vollziehen, ­
  und  im  engen  Zusammenhang  damit  auch  um  diejenigen,
welche  bei  der  Preisbewegung  und  auf  dem  Gebiete  des  Außenhandels
vor  sich  gehen.  Daraus  ergeben  sich  dann  bestimmte  Einwirkungen
nach  der  sozialen  Seite  hin  für  die  Lebenslage  der  Bevölkerung.
Diese  Einwirkungen  auf  die  Lebenslage  der  Bevölkerung  kann  man  an
den  Verhältnissen  auf  dem  Arbeitsmarkte,  an  der  Entwicklung  der
Industrieerträgnisse  und  der  Löhne,  an  derjenigen  von  Einkommen
und  Vermögen  und  an  der  Entwicklung  der  Konkurse  beobachten.
Die  weiteren  Folgen  dieser  Änderung  der  ganzen  Lebenslage  der
Bevölkerung  lassen  sich  dann  an  den  Wandlungen  feststellen,  die  sich
bei  einer  Änderung  der  Konjunktur  auf  den  Gebieten  der  Bevölkerungsbewegung, ­
  also  bei  den  Wanderungen,  den  Eheschließungen,  der
Gehurten-  und  Sterbehäufigkeit,  beobachten  lassen.  Alle  diese  Einwirkungen ­
  des  Konjunkturwandels  auf  die  wirtschaftliche  und  soziale
Lage  eines  Volkes  haben  dann  auch  einen  nicht  unerheblichen  Einfluß
auf  die  Entwicklung  der  öffentlichen  Einnahmen.
Eine  ganz  besondere  Behandlung  erfordern  daneben  die  Vorgänge
auf  dem  Kapital-  und  Geldmarkt.  Es  handelt  sich  hier  vor  allem  darum, ­
  an  verschiedenen  Maßstäben  die  wechselnde  Inanspruchnahme
des  Kapital-  und  Geldmarktes  im  Wandel  der  Konjunktur  kennenzulernen ­
  und  zu  sehen,  wie  diese  Wandlungen  mit  dem  Markt  der  Wertpapiere, ­
  mit  den  Vorgängen  an  der  Börse,  in  einem  ganz  bestimmten
Zusammenhänge  stehen.  Diese  Veränderungen,  welche  im  Ablauf  der
Konjunktur  auf  dem  Kapital-  und  Geldmärkte  vor  sich  gehen,  übertragen ­
  sich  dann  auch  auf  den  Status  der  Noten-  und  Kreditbanken
und  lösen  hier  ganz  bestimmte  Maßnahmen  aus,  welche  ihrerseits
dann  wieder  geeignet  sind,  die  Konjunktur  in  ihrem  weiteren  Ablauf
zu  beeinflussen.  Schließlich  lassen  sich  dann  auch  ganz  bestimmte
Zusammenhänge  zwischen  dem  Wandel  der  Konjunktur  und  den  Beziehungen ­
  der  Geldmärkte  in  den  verschiedenen  Ländern  nachweisen.
Ho  mb  ert,  Studium  der  Konjunktur.  7
        <pb n="97" />
        94  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

Es  soll  dabei  der  Zeitraum  von  1896—1913  betrachtet  werden.
Wir  haben  oben  gesehen,  daß  in  diesen  Zeitraum  drei  Hausse-  und
drei  Depressionsperioden  fallen.  Die  Kriegszeit  und  die  Nachkriegszeit ­
  zeigen,  wie  oben  dargelegt,  so  anormale  Verhältnisse  auf  allen
Gebieten,  daß  sie  mit  dieser  Entwicklung  der  Vorkriegsjahre  nicht  in
Vergleich  gesetzt  werden  können.
Es  ist  dabei,  wie  schon  einmal  hervorgehoben,  zu  beachten,  daß
Hausse-  und  Depressionsperioden  keineswegs  in  sich  etwas  durchaus
gleichartiges  sind.  Sie  können  in  verschiedener  Stärke  und  verschiedener ­
  Ausdehnung  auch  auf  verschiedenen  Gebieten  des  Wirtschaftslebens ­
  auftreten.  Auch  eine  Einteilung  nach  Jahren,  wie  sie  im  folgenden ­
  nicht  zu  vermeiden  ist,  deckt  sich  fast  niemals  restlos  mit  dem
zeitlichen  Wandel,  welchen  die  Konjunktur  durchmacht.  Denn  solche
Änderungen  in  der  Konjunktur  können  auch  in  der  Mitte  des  Jahres
oder  zu  einem  anderen  Zeitpunkte  desselben  eintreten.  Mit  dieser
Einschränkung  will  die  folgende  Reihe,  in  welcher  sich  die  Jahre  der
Hochkonjunktur  und  die  Jahre  der  Depression  genannt  finden,  betrachtet ­
  werden.

der  Hochkonjunktur

Jahre  der

Depression

1897

1906

1900

1908

1898

1907

1901

1909

1899

1910

1902

1913

1904

1911

1903

1905

1912

Mit  dem  .eben  Gesagten  hängt  es  dann  auch  zusammen,  daß  man
im  einzelnen  Falle  verschiedener  Meinung  sein  kann,  ob  man  ein
solches  Kalenderjahr  als  ein  Jahr  der  Hochkonjunktur  oder  Depression ­
  bezeichnen  will.
Will  man  die  Hauptunterschiede  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse ­
  eines  Landes  in  den  Zeiten  der  Hochkonjunktur  und  Depression,
wie  sie  im  folgenden  an  den  verschiedensten  Symptomen  dargestellt
werden  sollen,  noch  einmal  kurz  charakterisieren,  so  kann  man  zusammenfassend ­
  sagen,  daß  in  der  Hochkonjunktur  das  Wirtschaftsleben ­
  auf  das  Stärkste  pulsiert.  In  allen  Teilen  der  Wirtschaft
herrscht  das  größte  Vertrauen  in  die  weitere  Entwicklung,  die  Geschäfte ­
  gehen  gut,  alle  Unternehmungen  sind  bis  an  die  Grenze  ihrer
Leistungsfähigkeit  angespannt  und  sind  vielfach  gar  nicht  in  der
Lage,  die  Masse  der  eingehenden  Bestellungen  zu  bewältigen.  Zahlreiche ­
  Neugründungen,  große  Produktionserweiterungen  gehen  vor
sich,  die  Preise  ziehen  an,  die  Kurse  der  Industriepapiere  gehen  in
die  Höhe,  Gewinne  und  Löhne  steigen.  Es  ist  vielfach  wie  ein  Taumel,
        <pb n="98" />
        1.  Die  Verhältnisse  auf  dem  Warenmärkte.

95

welcher  alle  ergriffen  hat.  Jeder  will  die  günstige  Konjunktur  ausnützen, ­
  keiner  will  hinter  dem  anderen  Zurückbleiben.  Nur  wenige
denken  an  einen  Umschwung  der  Dinge  und  wer  daran  denkt,  kann
sich  dieser  allgemeinen  Erregung,  welche  alle  ergriffen  hat,  nur  sehr
schwer  entziehen.
Im  umgekehrten  Sinne  verhält  sich  dann  alles,  wenn  die  Konjunktur ­
  umschlägt  und  die  Entwicklung  nach  unten  geht.  Dann  kann
man  genau  das  entgegengesetzte  Bild  beobachten.  Bestellungen,  Produktionsleistungen, ­
  Preise,  Gewinne  und  Löhne  gehen  zurück,  die
Arbeitslosigkeit  nimmt  zu,  an  der  Börse  vollziehen  sich  wichtige
Änderungen,  das  Vertrauen  in  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse,  der
Gedanke  an  einen  baldigen  Wiederaufschwung  scheint  wie  ausgelöscht!).

Diese  hier  kurz  skizzierten  Symptome  der  Hausse-  und  Depressionsperioden ­
  sollen  also  im  folgenden  für  die  Zeit  von  1896  bis
1913  etwas  eingehender  dargestellt  werden.
2.  Die  Verhältnisse  auf  dem  Warenmärkte.
Wenn,  wie  oben  betont,  der  wichtigste  und  wesentlichste  Unterschied ­
  zwischen  den  Zeiten  der  Hochkonjunktur  und  Depression  in
dem  Wirtschaftsleben  eines  Landes  darin  besteht,  daß  in  der  ersteren
dasselbe  stärker  pulsiert,  daß  mehr  und  intensiver  auf  allen  Gebieten ­
  gearbeitet  wird,  so  müssen  sich  die  Unterschiede  beider  Perioden ­
  vor  allem  darin  zeigen,  daß  in  ihnen  wesentliche  Verschiedenheiten ­
  in  der  Größe  des  Güterumsatzes,  in  Produktion  und  Konsumtion, ­
  stattfinden.
Der  Mangel  einer  brauchbaren,  für  einen  längeren  Zeitraum
zurückreichenden  Produktionsstatistik  macht  es  für  kein  Land  möglich, ­
  auf  einer  solch  genauen  zahlenmäßigen  Unterlage  diese  Wandlungen ­
  in  der  Produktion  im  Laufe  der  Konjunkturänderungen
zu  betrachten.  Eine  umfassendere  Produktionsstatistik  besitzen  nur
die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  und  Großbritannien,  die
ersteren  für  die  Jahre  1900  und  1910,  Großbritannien  für  das
Jahr  1907.  Die  Ergebnisse  einer  neuen  englischen  Erhebung  für
das  Jahr  1912  sind  noch  nicht  zugänglich.  Es  sind  also  nur  einzelne
wenige  Jahre,  für  welche  solche  Erhebungen  vorliegen,  so  daß  man
sie  für  die  Zwecke  des  vorliegenden  Problems  nicht  gebrauchen
kann.  Während  die  beiden  eben  genannten  Staaten  in  ihrer  Produktionsstatistik ­
  die  ganze  gewerbliche  Produktion  des  Landes  zu  erfassen ­
  suchten,  bewegt  sich  die  deutsche  Produktionsstatistik  in
U  Diese  psychologischen  Momente  bei  der  Konjunkturbildung  hat  Röpke
a.  a.  0.  besonders  eingehend  dargestellt.
        <pb n="99" />
        96  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunktiirwandels  und  der  Krisen.

wesentlich  engeren  Grenzen.  Sie  hat  sich  darauf  beschränkt,  die
Produktion  nur  in  einzelnen,  ausgewählten  Industriezweigen  darzustellen, ­
  vor  allem  mit  dem  Zweck,  damit  gewisse  Unterlagen  für
die  Vorbereitung  von  Handelsverträgen  zu  schaffen.  Ein  Gesamtbild
der  Produktionsentwicklung  kann  also  auf  dieser  Grundlage  auch
nicht  gewonnen  werden.  Trotzdem  kann  man  wenigstens  den  Versuch
machen,  die  Entwicklung  der  Produktion  in  einzelnen  Erwerbszweigen ­
  für  die  Zwecke  der  vorliegenden  Fragen  zu  verwerten.
Ehe  dies  jedoch  geschehen  soll,  wollen  wir  uns  nach  einem
Ersatz  umsehen,  der  geeignet  ist,  das  Auf  und  Ab  des  Güterumsatzes
eines  Landes  im  Wandel  der  Konjunktur  wiederzugeben.  Ein
solches  Mittel  bietet  die  Statistik  des  Güterumsatzes,  wie  er  sich
in  der  Statistik  des  Güterverkehrs  widerspiegelt.  Die  folgende ­
  Tabelle  gibt  ein  Bild  von  dem  Güterverkehr  auf  den  vollspurigen
  deutschen  Eisenbahnen  in  der  Periode  von  1896—1913.
Es  betrug  die  Zahl  der  geleisteten  Tonnenkilometer  im  Güterverkehr
auf  den  vollspurigen  deutschen  Eisenbahnen  (ohne  Militärgut).

Jahr

Zahl  der
tkm  in
Millionen

Jahr

Zahl  der
tkm  in
Millionen

Jahr

Zahl  der
tkm  in
Millionen

1896

28087

1902

36670

1908

49864

1897

30226

1903

39491

1909

52812

1898

32579

1904

41190

1910

56276

1899

34981

1905

44567

1911

61870

1900

36911

1906

48297

1912

66021

1901

35325

1907

51256

1913

67517

Die  Jahre  der  Depression  sind  in  der  Tabelle  im  Druck  hervorgehoben. ­
  Man  erkennt  deutlich  den  Rückgang  des  Güterverkehrs,  einen
Rückgang,  in  dem  sich  der  Wechsel  im  Güterumsatz  wiederspiegelt.
Eine  solche  Änderung  im  Güterverkehr  pflegt  jedoch  nicht  sofort  mit
dem  Wandel  der  Konjunktur  einzutreten,  da  ja  die  eingegangenen
Bestellungen  auch  bei  einem  Umschwung  der  Konjunktur  nach
unten,  noch  ausgeführt  werden.  Dieser  Rückgang  im  Güterumsatz
bei  rückläufiger  Konjunktur  zeigt  sich  dann  auch  sehr  rasch,  wie
nicht  anders  zu  erwarten,  in  den  Gewinnergebnissen  der  Transportversicherungen. ­
  So  ging  z.  B.  der  Nettogewinn  der  deutschen  Transportversicherungsanstalten ­
  in  Prozent  der  Nettoprämie  ausgedrückt,
von  dem  Jahre  1906  von  5,13  o/o  in  den  beiden,  darauf  folgenden
Jahren  auf  0,93  und  0,38  o/o  zurück  und  begann  dann  erst  wieder
langsam  anzusteigen,  ohne  die  frühere  Höhe  wieder  zu  erreichen.
An  dieser  Stelle  muß  jedoch  ein  Allgemeineres  hervorgehoben
werden,  das  auch  sinngemäß  für  die  folgenden  statistischen  Auf-
        <pb n="100" />
        2.  Die  Verhältnisse  auf  dem  Warenmärkte.

97

Stellungen  Geltung  hat.  Das  deutsche  Wirtschaftsleben  befand  sich
indem  betrachteten  Zeiträume,  wenn  man  die  Entwicklung  als  Ganzes
ins  Auge  faßt  und  von  den  einzelnen  Rückschlägen  in  der  Konjunktur ­
  absieht,  in  einer  dauernden  Ausweitung.  Man  kann  dies
ja  schon  deutlich  an  den  Zahlenreihen  der  eben  gegebenen  Tabelle
erkennen.  Hat  sich  doch  in  dem  hier  betrachteten  Zeiträume  der
Güterverkehr  auf  den  deutschen  Eisenbahnen  mehr  als  verdoppelt.
Schon  allein  das  Volkswachstum  und  die  mit  steigendem  Wohlstand ­
  zunehmende  Kaufkraft  der  Bevölkerung  mußten,  von  anderen
Faktoren  ganz  zu  schweigen,  eine  solche  Ausweitung  des  Wirtschaftslebens ­
  hervorrufen,  mußten  bewirken,  daß  der  Umfang  von  Produktion ­
  und  Konsumtion  und  damit  der  Güterumsatz  dauernd  zunahm.
Dieser  Tendenz  gegenüber  bedeutet  es  dann  aber  einen  Rückgang
in  der  Entwicklung,  wenn  sich  hier  einmal  ein  Stillstand  zeigt,  oder
das  Wachstum,  die  Zunahme,  in  einem  geringeren  Maße  als  zuvor
ror  sich  geht.  Man  kann  das  in  der  eben  gegebenen  Tabelle  für
die  Jahre  1910—1913  deutlich  erkennen.  In  den  Jahren  1910—1912,
in  der  Zeit  einer  aufstrebenden  Konjunktur,  stieg  der  Güterverkehr
eines  jeden  Jahres  im  Durchschnitt  um  rund  3,4  Millionen  Tonnenkilometer, ­
  vom  Jahre  1912  auf  das  Jahr  1913,  wo  die  Konjunktur
nach  unten  umbog,  dagegen  nur  um  rund  1,5  Millionen  Tonnenkilometer, ­
  also  um  weniger  als  die  Hälfte  wie  in  den  Vorjahren.
Auch  eine  solche  Verringerung  in  der  Zunahme  ist  durchaus  als
relativer  Rückgang  zu  werten  und  als  eine  Folge  des  Niederganges
der  Konjunktur  zu  betrachten.  In  einer  aufstrebenden  Volkswirtschaft ­
  zeigen  sich  also  die  Wirkungen  eines  Rückganges  in  der
Konjunktur  vielfach  nicht  immer  in  einem  absoluten  Rückgänge,
sondern  eben  in  einer  entsprechenden  Verlangsamung  des  Wachstums.
Mit  diesem  Wandel  in  der  Konjunktur  und  den  dadurch  bewirkten ­
  Schwankungen  im  Güterumsatz  in  der  Volkswirtschaft,
den  wir  ja  eben  an  dem  Güterverkehr  auf  den  deutschen  Eisenbahnen
kennen  gelernt  haben,  hängt  es  dann  auch  zusammen,  daß  in  den
Jahren  einer  rückläufigen  Konjunktur  der  Betriebsüberschuß  der
Eisenbahnen,  welcher  ja  in  der  Hauptsache  aus  dem  Güterverkehr
herrührt,  d.  h.  deren  Rentabilität,  zurückgeht.  Diese  Rentabilitälsziffer
  der  Eisenbahnen,  von  der  später  noch  häufiger  die  Rede  sein
wird,  ist  also  ein  sehr  brauchbares  Symptom,  um  die  Wandlungen
der  wirtschaftlichen  Konjunktur  eines  Landes  in  einen  Zahlenausdruck ­
  zu  fassen.
In  ähnlicher  Weise,  wie  hier  an  dem  Güterverkehr  auf  den
deutschen  Eisenbahnen,  lassen  sich  auch  diese  Wandlungen  im  Güterumsatz ­
  auf  Grund  der  Binnenschiffahrtsstatistik,  an  den  Änderungen
        <pb n="101" />
        98  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Könjunkturwandels  und  der  Krisen.

im  Güterverkehr  auf  den  Wasserstraßen,  betrachten.  Aus  Raumgründen
soll  jedoch  darauf  verzichtet  werden,  das  an  dieser  Stelle  mit  Zahlen
zu  belegen.
Einen  weiteren  Maßstab  für  die  Größe  und  die  Wandlungen  im
Güterumsatz  in  einer  Volkswirtschaft  kann  man  in  dem  Zahlungsverkehr ­
  eines  Landes  finden.  Die  Erhebung  einer  Wechselstempelsteuer ­
  in  Deutschland  macht  es  möglich,  auf  Grund  gewisser  Schätzungen ­
 1 )  die  Größe  und  die  Änderungen  im  Wechelumlauf  zu
betrachten.  Es  ergibt  sich  aus  der  Höhe  des  Ertrages  der  Wechselstempelsteuer ­
  für  den  Umfang  des  Wechselumlaufs  in  Deutschland
das  folgende  Bild:

Es  war  der  Ertrag  der  Wechselstempelsteuer:

Jahr

in  Millionen
Mark

Jahr

in  Millionen
Mark

Jahr

in  Millionen
Mark

1896

9,187

1902

12,072

1908

16,406

1897

9,947

1903

12,509

1909

18,545

1898

10,989

1904

13,090

1910

18,737

1899

12,035

1905

14,683

1911

19,562

1900

13,026

1906

15,766

1912

20,378

1901

12,420

1907

17,738

1913

20,540

Bis  zum  Jahre  1909  war  die  Höhe  der  Wechselstempelsteuer
seit  1879  unverändert  geblieben.  In  dem  erstgenannten  Jahre  ist
darin  insofern  eine  Änderung  eingetreten,  als  seitdem  bei  Wechseln,
die  länger  als  3  Monate  laufen,  eine  Zusatzsteuer  erhoben  wird.
Für  Wechsel,  die  länger  als  6  Monate  laufen,  wird  eine  weitere  zusätzliche ­
  Abgabe  erhoben.  Für  die  Beurteilung  der  obigen  Zahlenreihe ­
  fallen  diese  Änderungen  jedoch  kaum  ins  Gewicht.
Das  gleiche  Bild  ergibt  sich,  wenn  man  als  Maßstab  des
Güterumsatzes  den  Verkehr  bei  den  Abrechnungsstellen  der
Reichsbank  betrachtet.  Es  handelt  sich  hierbei  bis  zum  Jahre  1914
um  27  von  der  Reichsbank  gegründete  Abrechnungsstellen,  welche
den  Zweck  haben,  die  aus  den  gegenseitigen  Forderungen  und
Schulden  herrührenden  Zahlungsverpflichtungen  auf  dem  Wege  der
Verrechnung,  also  ohne  Barzahlung,  zu  ermöglichen.  Es  ist  dies  die
gleiche  Einrichtung,  welche  in  anderen  Staaten  als  Clearingverkehr
bezeichnet  wird.  Dieser  Abrechnungsverkehr  mit  seinen  gewaltigen
Umsätzen  gibt  ein  besonders  gutes  Bild  von  dem  Güterumschlag  in
der  Volkswirtschaft  überhaupt,  und  die  folgenden  Zahlen  lassen  deutlich, ­
  ebenso  wie  die  oben  über  den  Wechselumlauf  gegebenen,  den
Zusammenhang  mit  den  Konjunkturschwankungen  erkennen.  Frei-!)

  Vgl.  dazu  den  Artikel:  Wechsel  (Volkswirtschaft!.  Bedeutung)  im
Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften.  3.  Aufl.  S.  667  ff.
        <pb n="102" />
        99

B  i  k

r  i,  a  wfe'iv.'irfscbeft  4
0  v  i  Kiel

4.  2.4  6.

2.  Die  Verhältnisse  auf  dem  Warenmärkte.

lieh  muß  hierbei  die  oben  erwähnte  Tatsache  berücksichtigt  werden,
daß  ein  Niedergang  in  der  Konjunktur  sich  häufig  nur  in  einer
Verlangsamung  des  Wachstums  zeigt.

Es  betrug  die  Summe  der  bei  den  Abrechnungsstellen  der  Reichsbank
bewirkten  Gesamtablieferungen:

Jahr

in  tausend
Mark

Jahr

in  tausend
Mark

Jahr

in  tausend
Mark

1896

22  720  177

1902

29  969  050

1908

15  960  851

1897

21016  725

1903

31  136  532

1909

51127  162

1898

27  976  278

1901

32  635  273

1910

51311  811

1899

30  237  661

1905

37  602  991

1911

63  015  295

1900

29  172  741

1906

12  036  098

1912

72  513  573

1901

28  922  035

1907

45  313  106

1913

73  634  205

Das  gleiche  Bild  ergibt  sich,  wenn  man  nicht  den  Betrag
der  Wechselsteuer  zum  Maßstab  des  Wechselumlaufes  nimmt,  sondern ­
  unmittelbar  dafür  den  Ankauf  von  seiten  der  Reichsbank  und
ihrer  Filialen  an  Platz-  und  Versandwechseln  betrachtet,  wie  es  die
folgende  Tabelle  tut 1 ).

Es  betrug  bei  der  deutschen  Reichsbank  und  ihren  Filialen  der
Ankauf  von  Platz-  und  Versandwechseln:

Jahr

in  Millionen
Mark

Jahr

in  Millionen
Mark

Jahr

in  Millionen
Mark

1896

6234

1902

7  438

1908

9421

1897

6607

1903

8  564

1909

9  769

1898

7282

1904

8  377

1910

10  844

1899

8175

1905

8  917

1911

11308

1900

8552

1906

10  211

1912

12  675

1901

8580

1907

11  882

1913

11  741

Alle  diese  Zahlen  lassen  deutlich  den  Wandel  im  Güterumsatz,
je  nach  den  Schwankungen  der  Konjunktur  erkennen.  Dabei  liegt  es
in  der  Natur  dieses  Zahlungsverkehrs,  daß  sich  in  seiner  Höhe
der  Wandel  der  Konjunktur  nicht  sofort,  sondern  erst  nach  einigen
Monaten  zeigt.
Es  war  schon  oben  davon  gesprochen  worden,  daß  es  für
einzelne  Industrien  und  Erwerbszweige  möglich  ist,  auch  unmittelbar
die  Größe  und  die  Änderungen  in  der  Produktion  zu  betrachten. ­
  Das  gilt  in  erster  Linie  für  die  in  Deutschland  gut  aus1 ­

 )  Platzwechsel  sind  solche,  welche  im  Bezirk  der  ankaufenden  Bankanstalt ­
  selbst,  Versandwechsel  solche,  welche  an  irgendeinem  anderen  Versandplätze ­
  zahlbar  sind.
        <pb n="103" />
        100  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

gebaute  Statistik  der  bergbaulichen  Produktion  und  der
Montanindustrie.  Für  die  wichtigsten  Erzeugnisse  derselben  wollen
wir  uns  im  folgenden  die  Entwicklung  im  Wandel  der  Konjunktur
etwas  genauer  ansehen.

Es  betrug  die  Produktion  in  1000  Tonnen

im  Steinin

  der

im  Eisenim

  Steinin

  der

im  Eisen-Jahr



kohlen-Eisenerz-







kohlen-Eisenerz-







gewinng.

betrieb

bergbau

gewinng.

betrieb

1896
1897
1898
1899
1900
1901
1902
1903
1904

85  690
91055
96310
101  640
109  290
108  539
107  474
116  638
120  816

14162
15  466
15  901
17  990
18  964
16  570
17  964
21231
22  047

6  373
6  881
7  313
8143
8  521
7  880
8  530
10  018
10  058

1905
1906
1907
1908
1909
1910
1911
1912
1913

121  290
137  118
143  186
147  671
146  964
151  073
158  581
174  875
190  109

23  444
26  735
27  697
24  278
25505
28  710
29  879
32  692
35  941

10  875
12  293
12  875
11805
12  645
14  794
15  574
17  617
19  312

Auch  hier  erkennt  man  deutlich  den  Rückgang  der  Produktion
in  den  Jahren  einer  rückläufigen  Konjunktur.  Diese  Einwirkungen
des  Konjunkturwandels  waren,  wie  alle  bisher  gegebenen  Tabellen
übereinstimmend  zeigten,  am  stärksten  in  den  Jahren  nach  der  Jahrhundertwende, ­
  wo  wir  es  ja  auch,  wie  oben  dargelegt,  mit  einer
ausgesprochenen  Wirtschaftskrise,  zu  tun  hatten.  In  den  folgenden
Jahren  ist  dann  der  Konjunkturrückgang  nicht  mehr  in  der  Form
einer  solch  ausgesprochenen  Krise  aufgetreten.  Es  hat  sich  hier  vielmehr ­
  lediglich  um  ein  Nachlassen  der  Konjunktur  gehandelt,  und
die  bisher  gegebenen  Zahlenreihen  zeigen  ja  auch  deutlich,  daß-,  an
den  darin  gegebenen  Merkmalen  betrachtet,  der  ungünstige  Einfluß
des  Konjunkturrückganges  auf  die  Volkswirtschaft  ein  wesentlich
geringerer  war,  als  um  die  Jahrhundertwende.  Es  sind  dies  Wandlungen ­
  in  der  Art  und  der  Stärke  beim  Ablauf  der  Konjunktur,
welche  später  in  anderem  Zusammenhänge  noch  genauer  zu  betrachten ­
  sein  werden.
Noch  ein  anderes,  wichtiges  Produktionsgebiet  sei  in  seinen
Wandlungen  im  folgenden  etwas  genauer  betrachtet.  Es  handelt
sich  hierbei  um  den  Bau-  und  Wohnungsmarkt,  ein  Gebiet,
das  mit  dem  Ablauf  der  Konjunktur  in  einem  besonders  engen  Zusammenhänge ­
  steht.  Wenn  man  bedenkt,  wie  viele  Zweige  des
Wirtschaftslebens  am  Häuserbau  beteiligt  sind,  Eisen-  und  Holzindustrie, ­
  Ziegelbrennereien,  die  Stein-  und  Tapetenindustrie  usf.,
dann  sieht  man  leicht  ein,  worauf  dieser  enge  Zusammenhang  beruht.
Ein  reges  und  betriebsames  Leben  auf  dem  Baumarkte  bedeutet  eine
        <pb n="104" />
        2.  Die  Verhältnisse  auf  dem  Warenmärkte.

101

gewaltige  Nachfrage  für  viele  Industrien,  und  sobald  aus  irgendwelchen ­
  Gründen,  welche  wir  noch  genauer  kennen  lernen  werden,
der  Bau  von  Häusern  nachläßt,  so  muß  dieses  die  Absatzmöglichkeit
und  damit  die  Beschäftigung  in  zahlreichen  Industrien  höchst  ungünstig ­
  beeinflussen.  Es  läßt  sich  nun  leicht  zeigen,  wie  in  den
Zeiten  einer  rückläufigen  Konjunktur,  vor  allem  in  den  allerletzten
Zeiten  der  Hausse,  auch  die  Beschäftigung  auf  dem  Baumarkte  nachzulassen ­
  beginnt.  Ob  dies  die  Ursache,  die  Folge  oder  nur  eine
beiläufige  Erscheinung  des  Konjunkturwandels  ist,  wird  später  noch
zu  erörtern  sein.  An  dieser  Stelle  kommt  es  einstweilen  nur  darauf
an,  ein  Bild  von  den  Tatsachen  zu  geben.  Zwar  fehlt  bei  uns  he-*
dauerlicherweise  eine  einheitliche  Reichsstatistik,  der  man  ein  Bild
von  den  Bewegungen  auf  dem  Baumarkte  entnehmen  könnte.  Man
muß  auch  hier  zu  Aushilfsmitteln  greifen,  die  aber  ausreichend  sind,
das  Auf  und  Ab  im  Häuserbau  zahlenmäßig  darzustellen.  Die  folgende ­
  Tabelle  gibt  ein  Bild  von  der  Beleihung  des  Bodens  durch  die
Hypothekenbanken  und  von  der  Größe  des  Pfandbriefumlaufes  derselben ­
  :

Es  betrug  am  Ende  der  angeführten  Jahre  bei  den  deutschen
Hypothekenbanken  in  Millionen  Mark:

Jahr

der
Pfandbriefumlauf ­


die
Hypothekendarlehen ­


Jahr

der
Pfandbriefumlauf ­


die
Hypothekendarlehen ­


1896

5  164,8

5  454,6

1905

8  227,9

8  473,0

1897

5  579,0

5  909,3

1906

8  568,9

8  868,7

1898

5  865,0

6  207,9

1907

8  830,7

9  155,6

1899

6  241,4

6  574,4

1908

9  311,9

9  551,4

1900

6  362,1

6  586,8

1909

9  835,3

10101,7

1901

6  531,9

6  738,9

1910

10  316,8

10  623,3

1902

6  836,6

7  047,7

1911

10  792,9

11153,4

1903

7  288,1

7  495,5

1912

10  969,4

11  390,6

1904

7  723,0

7  943,1

1913

10  983,9

11398,4

Man  erkennt  deutlich,  daß  in  den  Perioden,  in  welchen  die  rückläufige ­
  Konjunktur  einzusetzen  beginnt,  die  Mittel,  welche  von  seiten
der  Hypothekenbanken  dem  Baumarkt  zur  Verfügung  gestellt  wurden,
knapper  zu  werden  begannen.  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  auch
die  Bewegung  auf  dem  privaten  Hypothekenmarkt  eine  ähnliche  Entwicklung ­
  durchmacht.  In  den  Zeiten  einer  aufstrebenden  Konjunktur
werden  also  dem  Baumarkt  zunächst  steigende  Mittel  zu  Gebote  gestellt. ­
  Wenn  die  Konjunktur  ihren  Höhepunkt  erreicht  hat  und  umzuwenden ­
  beginnt,  dann  ändert  sich  auch  hier  das  Bild.  Es  hängt
das  mit  Verschiebungen  zusammen,  welche  sich  am  Ende  der  Hochkonjunktur ­
  auf  dem  Kapital-  und  Geldmärkte  zu  vollziehen  pflegen.
        <pb n="105" />
        102  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

Es  sind  dies  Zusammenhänge,  welche  später  an  anderer  Stelle  noch
eingehender  zu  betrachten  sein  werden.  Einstweilen  möge  das  Gesagte
genügen.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  dieser  Rückgang  auf  dem  Baumarkt ­
  auch  ungünstig  auf  den  Absatz  zahlreicher  Industrien  einwirken ­
  muß.
Wir  haben  oben  bei  der  Darstellung  der  Krisentheorien  und  der
neueren  Erklärungen  des  Konjunkturwandels  gesehen,  daß  während
der  Hausse  die  Erzeugung  von  Produktionsmitteln,  von  sogenannten
Kapitalgütern,  im  Vordergründe  steht,  daß  hier  vor  allem  Eisen,
Maschinen,  Instrumente,  Schiffe,  Eisenbahnen,  Baumaterialien  usf.
geschaffen  werden.  Bei  dem  Abstieg  der  Konjunktur  gehen  dann
die  Neugründungen  und  Betriebserweiterungen  aus  Gründen,  von
denen  später  noch  die  Rede  sein  wird,  an  Umfang  zurück,  die  Nachfrage ­
  nach  diesen  Produktionsmitteln  und  Materialien  erfährt  eine
Einschränkung,  welche  dann  in  der  Regel  auch  den  Anstoß  zu  einem
Umschwung  in  der  Konjunktur  gibt  und  während  der  Zeit  der  Depression ­
  noch  andauert.
Es  ist  das  Verdienst  von  Cassel 1 ),  den  Versuch  gemacht  zu
haben,  für  diese  Zusammenhänge  den  statistischen  Nachweis  zu
liefern.  Cassel  zeigt  dieses  zuerst  für  verschiedene  Staaten  bei  dem
Bau  von  Häusern  und  Eisenbahnen  und  ferner  an  der  Weltproduktion
von  Kohlen  und  Roheisen.  Er  kommt  zu  dem  Ergebnis,  daß  jedem
Wendejahr  der  Konjunkturen  eine  besondere  Steigerung  dieser  Kapitalproduktion ­
  vorausgegangen  und  daß  nach  dem  Wendejahre
regelmäßig  ein  Sinken  derselben  eingetreten  ist.  Jede  Aufschwungsperiode ­
  ist  eine  Periode  besonderer  Steigerung  der  Produktion  von
festem  Kapital,  jede  Niedergangsperiode  oder  Depression  ist  dagegen
eine  Periode,  wo  diese  Produktion  unter  den  früher  erreichten  Standpunkt ­
  sinkt.  Dagegen  zeigt  die  Produktion  von  Gütern,  welche  direkt
in  die  Konsumentenwirtschaft  übergehen,  nach  der  Ansicht  von  Cassel,
keine  ausgeprägte  Abhängigkeit  von  der  Konjunktur.
Cassel  macht  auch  den  interessanten  Versuch,  diese  Zusammenhänge ­
  an  der  Hand  der  Statistik  des  Güterverkehrs  auf  den
Eisenbahnen  für  Deutschland  nachzuweisen.  Er  faßt  die  Warengattungen ­
  Zement,  Eisen,  Holz  und  Steine  als  Material  des  festen
Kapitals  zusammen,  zieht  diese  von  den  Gesamttonnenzahlen  der
übrigen  Güter  ab  und  kann  auf  diese  Weise  den  Umsatz  an  Kapitalgütem
  mit  demjenigen  an  anderen  Gütern  im  Ablauf  der  Konjunkturen ­
  vergleichen.  Auf  diese  Weise  gelingt  ihm  der  Nachweis,  daß  im

U  A.a.  0.  Seite  461  ff.
        <pb n="106" />
        2.  Die  Verhältnisse  auf  dem  Warenmärkte.

103

Gegensatz  zu  der  Produktion  an  Kapitalgütern  die  Produktion  der
übrigen  Güter  weit  weniger  von  den  Schwankungen  der  Konjunkturen
beeinflußt  wird.  Eine  Bestätigung  dieser  Ergebnisse  bietet  ihm  dann
noch  die  Tatsache,  daß  die  Statistik  des  englischen  Arbeitsmarktes
ergibt,  daß  bei  einem  Niedergang  der  Konjunktur  die  Arbeitslosigkeit
in  den  Produktionsmittelindustrien  eine  weit  stärkere  ist  als  in  denjenigen ­
  Industrien,  welche  für  den  unmittelbaren  Konsum  produzieren. ­
  Auf  solchen  Wegen  muß  inan  versuchen,  diese  Zusammenhänge ­
  darzustellen,  da  für  eine  unmittelbare  Erfassung  der  Wandlungen ­
  in  der  Produktion  von  Genußgütern  kein  statistisches  Material
zur  Verfügung  steht.
Entsprechend  diesem  Wandel  in  der  Produktion  zeigen  sich  auch
im  Ablaufe  der  Konjunktur  Änderungen  in  der  Größe  des  Verbrauchs. ­
  Freilich  gilt  auch  von  der  Konsumtionsstatistik'  das
gleiche,  was  oben  von  der  Produktionsstatistik  gesagt  worden  ist.
Auch  die  Konsumtionsstatistik  ist  allenthalben  etwas  sehr  Unvollkommenes, ­
  und  wenn  wir  von  der  landwirtschaftlichen  Produktion,
welche  nicht  hierher  gehört,  absehen,  so  gibt  sie  nur  einigermaßen
brauchbare  Angaben  für  den  Bergbau  und  die  Montanindustrie  und
für  einige  Genußmittel,  für  welche,  wie  für  Tabak 1 ,  Branntwein, ­
  Bier,  Salz,  sich  auf  Grund  der  Besteuerung  eine  einfache ­
  Feststellung  des  Verbrauches  ermöglichen  läßt.  Auch  die  in
der  folgenden  Tabelle  gegebenen  Zahlen  für  den  Verbrauch  einiger
im  Auslande  erzeugten  Waren  können  auf  unbedingte  Zuverlässigkeit
keinen  Anspruch  machen.  Denn  sie  sind  auf  Grund  der  Einfuhrstatistik ­
  berechnet  und  können  deshalb  kein  zureichendes  Bild  davon
geben,  welcher  Teil  der  Einfuhr  des  betreffenden  Jahres  auch  in  dem
gleichen  Jahre  in  den  Konsum  übergegangen  ist.  Denn  eine  einfache
Überlegung  zeigt,  daß  der  Verbrauch  an  solchen:  Waren  auch  aus  der
Einfuhr  des  Vorjahres  herrühren  kann,  oder  daß  umgekehrt  die  Einfuhrmengen ­
  eines  Jahres  erst  in  dem  darauffolgenden  Jahre  in  den
Konsum  übergehen.

Es  betrag  in  Deutschland  der  Verbrauch  pro  Kopf  der  Bevölkerung  an:

Jahr

Steinkohlen ­

kg

Roheisen
kg

Zink,
Blei  und
Kupfer
kg

Baumwolle, ­

rohe
kg

Reis
kg

Roher
Kaffee  -
kg

Ausländische ­

Gewürze
kg

1896

1502

123

5,86

4,85

2,41

2,46

0,17

1897

1576

133

6,31

5,36

2,35

2,53

0,17

1898

1614

136

6,94

6,30

2,51

2,80

0,15

1899

1693

154

6,96

5,71

2,58

2,81

0.17

1900

1802

162

7,24

5,48

2,00

2,85

0,14

1901

1744

137

6,50

5,73

2,13

3,01

0,16
        <pb n="107" />
        104  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

Jahr

Steinkohlen ­


Roheisen

Zink,
Blei  und
Kupfer

Baumwolle, ­

rohe

Reis

Roher
Kaffee

Ausländische ­

Gewürze

kg

kg

kg

kg

kg

kg

kg

1902

1687

140

6,69

5,79

2,23

2,95

0,15

1903

1803

164

7,10

6,28

2,25

3,08

0,15

1904

1847

166

7,75

6,41

2,61

3,00

0,17

1905

1861

174

8,03

6,52

2,41

2,96

0,17

1906

2065

198

7,6

6,28

2,73

3,02

0,17

1907

2196

209

8,1

7,29

2,51

3,02

0,17

1908

2190

186

8,1

6,79

2,53

3,03

0,20

1909

2153

192

9,0

6,98

2,54

3,30

0,19

1910

2157

219

9,2

5,87

2,68

2,60

0,15

1911

2199

227

10,1

6,70

2,71

2,79

0,16

1912

2321

253

10,4

7,56

2,43

2,53

0,16

1913

2470

277

10,8

7,23

3,56

2,44

0,16

Ganz  besonders  in  die  Augen  fallen  die  Wandlungen  im  Verbrauch
der  Kapitalgüter,  an  Kohlen,  Eisen  und  anderen  Metallen,  während
sich  bei  den  in  der  obigen  Tabelle  betrachteten  Genußgütern  kein
regelmäßiger  Zusammenhang  in  der  Höhe  des  Verbrauches  mit  den
Wandlungen  in  der  Konjunktur  zeigt.  Immerhin  kann  man  doch  die
Tendenz,  wenn  auch  von  mancherlei  Ausnahmen  durchbrochen,  beobachten, ­
  daß  der  Verbrauch  auch  bei  diesen  Waren  mit  dem  Rückgänge ­
  der  Konjunktur  abzunehmen  scheint.
Für  die  Wirtschaftskrise  in  Deutschland  nach  der  Jahrhundertwende ­
  ist  damals  ein  solcher  Rückgang  im  Verbrauch  auch  an  Genußgütern ­
  für  eine  Reihe  von  Städten  festgestellt  worden 1 ).  In
München,  Dresden,  Mannheim  und  Stuttgart  ging  der  Fleischkonsum,
auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  berechnet,  von  dem  Jahre  1900—1902
von  71,4  auf  65,5  kg,  der  Verbrauch  an  Bier  in  München  und  Dresden ­
  in  dem  gleichen  Zeiträume  von  288  auf  244  Liter  zurück.
Diese  Wandlungen  in  der  Güterproduktion  und  im  Güterumsatz,
welche  wir  bisher  kennen  gelernt  haben,  haben  ihre  Hauptursache
in  den  Veränderungen,  welche  sich  ,  in  der  Gütemachfrage  im  Ablauf ­
  der  Konjunktur  vollziehen.  Entwickelt  sich  das  Wirtschaftsleben
günstig,  ist  alles  voller  Vertrauen  und  Zuversicht  in  den  weiteren
Gang  der  wirtschaftlichen  Entwicklung,  so  herrscht  auch  eine  lebhafte
Nachfrage  auf  dem  Warenmärkte,  die  Absatzverhältnisse  lassen  nichts
zu  wünschen  übrig,  die  Werke  sind  vielfach  gar  nicht  in  der  Lage,
die  Menge  der  eingegangenen  Aufträge  und  Bestellungen  zu  dem  gewünschten
  Zeitpunkte  auch  auszuführen.  Ganz  anders  gestaltet  sich
das  Bild,  wenn  aus  irgendwelchen  Gründen  die  Konjunkturkurve

1 )  Singer,  Der  Verbrauch  und  die  Störungen  im  deutschen  Wirtschaftsleben. ­
  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.109.  S.327.
        <pb n="108" />
        2.  Die  Verhältnisse  auf  dem  Warenmärkte.

105

nach  unten  umzubiegen  beginnt.  Wenn  die  Preise  eine  gewisse  Höhe
erreicht  haben,  wenn  sich  irgendwelche  Symptome  dafür  zeigen,  daß
die  günstige  Geschäftslage  ihrem  Ende  entgegenzugehen  droht,  dann
beginnen  auch  die  Bestellungen  allenthalben  nachzulassen,  und  damit ­
  wird  eine  preisdrückende  Tendenz  ausgelöst.  Die  folgende  Tabelle
hat  die  Aufgabe,  diese  Preisschwankungen  im  Wandel  der
Konjunktur  an  einigen  wichtigeren  Waren  aufzuzeigen.

Es  betrug  der  Preis  in  Mark:

Jahr

Steinkohlen ­

Stückkohle ­

ab
Werk
Dortmund ­

1000kg

Bestes
dtsch.
Gieß.-roh-

  ab
Werk
Düsseldorf ­

1000  kg

Norddeutsch. ­

Schäferei ­
 ­

mittel
1000  kg

Leinengarn ­

(Flachs)
Bielefeld ­

100  kg

Jahr

Steinkohlen ­

Stückkohle ­

ab
Werk
Dortmund ­

1000  kg

Bestes
dtsch.
Gieß.-roh-

  ab
W  erk
Düsseldorf ­

1000  kg

Norddeutsch. ­

Schäferei ­
 ­

mittel
1000  kg

Leinengarn ­

(Flachs)
Bielefeld ­

100  kg

1896

9,0

65,3

2349

178

1905

11,8

68,2

3125

217

1897

9,4

67,0

2206

175

1906

11,8

78,9

3483

243

1898

9,7

67,3

2344

175

1907

12,5

84,3

3500

295

1899

10,0

81,6

3029

180

1908

12,8

74,7

3163

245

1900

13,6

101,4

2808

224

1909

12,8

68,5

3483

210

1901

14,0

76,9

2313

231

1910

12,8

64,5

3367

235

1902

13,3

65,2

2558

195

1911

12,8

66,8

3300

259

1903

12,1

66,7

2992

204

1912

13,5

74,2

3442

552

1901

11,8

67,5

2975

224

1913

14,1

77,5

3696

255

Man  sieht,  wie  mit  rückläufiger  Konjunktur  die  Preise  zurückgehen ­
  und  bei  Wiedererholung  des  Wirtschaftslebens  zu  steigen  beginnen. ­
  Es  handelt  sich  dabei  natürlich  um  keinen  durchaus  regelmäßigen, ­
  immer  in  der  gleichen  Weise  zu  beobachtenden  Zusammenhang. ­
  Bei  der  einen  Ware  tritt  die  Preissenkung  früher  und  stärker
ein  als  bei  einer  anderen,  und  ebensolche  Unterschiede  zeigen  sich
dann  auch,  wenn  die  Preise  wieder  anzuziehen  beginnen.  Solche  Verschiedenheiten ­
  können  daher  rühren,  daß  beim  Wandel  der  Konjunktur ­
  der  Auf-  und  Niedergang  keineswegs  immer  in  dem  gleichen
Gebiete  des  Wirtschaftslebens  einzutreten  braucht,  sie  können  auch
damit  Zusammenhängen,  daß  auch  noch  andere  Faktoren  als  der
Wandel  der  Konjunktur  einen  Einfluß  auf  die  Preisgestaltung  ausüben. ­
  Hierher  können  zum  Beispiel  Änderungen  in  der  Technik  und
Mode,  oder  karteil-  und  handelspolitische  Maßnahmen,  gehören.
Man  kann  dabei  die  Beobachtung  machen,  daß,  wie  Keynes  es
einmal  ausgedrückt  hat,  eine  Erwartung  über  den  Verlauf  von  Preisen,
wenn  sie  allgemein  geteilt  wird,  die  Tendenz  hat,  bis  zu  einem  gewissen ­
  Punkte  kumulativ  zu  wirken.  „Wenn  eine  Preissteigerung  er ­
        <pb n="109" />
        106  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

wartet  wird  und  das  Geschäftsleben  sich  auf  diese  Erwartung  einstellt, ­
  so  genügt  schon  diese  Tatsache,  um  eine  Zeitlang  eine  Steigerung ­
  zu  verursachen,  und  indem  das  die  Erwartung  rechtfertigt,
verstärkt  es  sie;  und  in  ähnlicher  Weise,  wenn  es  ein  Sinken  der
Preise  erwartet.  So  kann  ein  verhältnismäßig  schwacher  Anfangsstoß ­
  imstande  sein,  eine  erhebliche  Schwankung  hervorzurufen 1 ).“
Man  darf  solche  psychologischen  Vorgänge,  solche  Stimmungen  und
Meinungen,  in  ihrer  Bedeutung  für  den  Ablauf  der  Konjunktur
keineswegs  unterschätzen.
Dieser  Wandel  der  Warenpreise  läßt  sich  auch  deutlich  erkennen,
wenn  man  mit  Hilfe  von  Indexziffern  ganze  Warengruppen  zusammenfaßt ­
  und  das  Gesamtwarenpreisniveau  in  einem  Lande  berechnet, ­
  wie  es  in  der  folgenden  Tabelle  geschieht.

Reichsstatistik.  Indexziffern.  1889—98  =  100  2 ).

Jahr

Getreide ­


Animali ­
 ­

Nähr
mi

Sonstige ­

ungsttel


Kolonial ­
 ­


Textilroh ­
 ­


Metalle ­


Brennund

Lichtstoffe ­


Nahrungs ­
 ­


Rohstoffe ­


Totalindex ­
 ­


1899

94

104

98

100

101

133

107

99

113

106

1900

92

110

97

107

114

145

124

101

127

114

1901

99

111

90

103

105

120

113

101

109

105

1902

102

120

88

99

106

113

107

102

109

106

1903

94

114

99

100

116

116

109

102

114

108

1904

96

110

115

100

120

116

105

106

114

109

1905

103

124

102

98

120

128

104

107

117

114

1906

109

135

94

100

135

149

110

109

132

121

1907

123

127

115

102

144

152

120

117

138

129

1908

123

122

114

93

124

123

130

113

122

118

1909

123

131

110

92

122

121

116

114

123

117

1910

111

142

112

101

133

112

114

116

120

122

1911

119

135

122

116

136

135

113

124

132

128

In  den  Jahren  einer  rückläufigen  Konjunktur  (1901—1902  und
1908—1909)  war  das  Gesamtwarenpreisniveau  ein  niedrigeres  als  in
den  Jahren  mit  günstigen  wirtschaftlichen  Verhältnissen.  Man  sieht
aber  auch  deutlich,  daß  in  dieser  Hinsicht  die  Verhältnisse  bei  den  einzelnen ­
  Warengruppen  recht  verschiedene  waren.  Schon  eine  einfache
Überlegung  zeigt,  woher  das  kommt.  So  hängt  natürlich  der  Preis  des
Getreides  und  der  animalischen  Nahrungsmittel  weniger  von  den
Schwankungen  in  der  Konjunktur,  als  von  den  Ergebnissen  der  Ernte

1)  „Ein  Traktat  über  die  Währungsreform.“  München  1924.  S.  37.
2 )  Nach  Eulenburg,  Die  Preissteigerung  des  letzten  Jahrzehnts.
Leipzig  1912.  S.  93.
        <pb n="110" />
        2.  Die  Verhältnisse  auf  dem  Warenmärkte.

107

ab,  so  daß  es  hier  nicht  wundernehmen  kann,  daß  bei  diesen  Gütern
keinerlei  Parallelität  zwischen  den  Preisänderungen  und  den  Konjunkturschwankungen ­
  besteht.  Man  wird  sagen  können,  daß  ein  solcher
Zusammenhang  zwischen  Konjunktur  und  Preisen  nur  dort  deutlich
beobachtet  werden  kann,  wo  es  sich  um  Güter  handelt,  welche  mit
der  Industrie  entweder  als  Rohstoffe  oder  als  Erzeugnisse  derselben
in  Beziehung  stehen.  Das  Gesagte  wird  besonders  deutlich,  wenn
man  die  Preisbewegung  von  Nahrungsmitteln  und  Rohstoffen  einander ­
  gegenüberstellt  und  würde  jedenfalls  noch  deutlicher  werden,
wenn  das  Zahlenmaterial  zur  Verfügung  stände,  um  damit  auch  die
Preisbewegung  der  fertigen  Waren  zu  verfolgen.
Eine  wichtige  Rolle  für  die  Entwicklung  der  Preise  bei  einem
Rückgang  der  Konjunktur  spielt  es  auch,  wenn  es  bei  einer  rückläufigen ­
  Nachfrage  im  Inland  der  heimischen  Industrie  möglich  ist,
einen  mehr  oder  weniger  großen  Teil  ihrer  Erzeugung  ins  Ausland  abzustoßen ­
  und  damit  einer  zu  starken  Preissenkung  im  Inland  entgegenzuwirken. ­
  Ob  dieses  möglich  ist,  hängt  mit  in  erster  Linie  von
den  wirtschaftlichen  Verhältnissen  in  den  Einfuhrstaaten  ab.  Ist  der
Konjunkturrückgang  und  die  Depression  eine  internationale  Erscheinung, ­
  so  wird  es  nicht  möglich  sein,  auf  diese  Weise  durch  ein©
Steigerung  der  Ausfuhr  den  heimischen  Markt  zu  entlasten,  während
sich  dieses  unschwer  durchführen  läßt,  wenn  mit  einer  Depression  im
eigenen  Lande  eine  günstige  Konjunktur  in  anderen  Staaten  Hand
in  Hand  geht.
Wir  haben  ja  oben  gesehen,  daß  der  Rückgang  der  Konjunktur
für  die  Industrie  eines  Landes  sinkenden  Absatz  und  sinkende  Verkaufspreise ­
  bedeutet.  In  dem  Maße,  in  welchem  dieses  eintritt,  entstehen ­
  wichtige  Einwirkungen  auf  die  Warenaus-  und  -einfuhr  des  betreffenden ­
  Landes.  In  dem  Maße,  in  dem  die  Inlandspreise  zurückgehen, ­
  wird  die  Industrie  des  betreffenden  Landes  bei  gleichbleibenden ­
  Weltmarktspreisen  auf  fremden  Märkten  konkurrenzfähiger
und  damit  wird  ein  fördernder  Einfluß  auf  die  Ausfuhr  dieses
Landes  ausgeübt.  Es  kommt  noch  hinzu,  daß  unter  solchen  Verhältnissen ­
  die  Absatzschwierigkeiten  im  eigenen  Lande,  die  geringen
Produktionsmöglichkeiten  in  der  Industrie  dieses  Landes,  den  Wunsch
aufkommen  lassen  müssen,  die  eigenen  Warenlager  zu  leeren,  um
überhaupt  weiter  arbeiten  zu  können  und  keine  Arbeiterentlassungen
vornehmen  zu  müssen,  ein  Ziel,  das  man  dann  ebenfalls  durch  eine
Forcierung  des  Exports,  wenn  es  sein  muß,  auch  zu  ungünstigen
Preisen,  zu  erreichen  sucht.
Umgekehrt  werden  dann  der  mangelnde  Absatz  und  die  Einschränkungen ­
  der  Produktion  im  Inland  hemmend  auf  die  Einfuhr,
        <pb n="111" />
        108  Dritter  Abschnitt.  Einiiuß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

vor  allem  auf  diejenige  von  Rohstoffen  für  Industriezwecke  und  von
halbfertigen  Waren,  einwirken  müssen.  Eine  andere  Gestaltung  dieser
Zusammenhänge  zeigt  sich  nur  dann,  wenn  gleichzeitig  mit  einer
ungünstigen  Konjunktur  im  eigenen  Lande,  sich  auch  auf  fremden
Märkten  die  Absatzverhältnisse  verschlechtern,  wenn  also  die  ungünstige ­
  Konjunktur  einen  internationalen  Charakter  annimmt,  wie
es  z.B.  im  Jahre  1908,  vor  allem  infolge  der  Wirtschaftskrise  in  den
Vereinigten  Staaten  von  Amerika,  der  Fall  gewesen  ist.  Unter  solchen
Umständen  geht  zwar  die  Einfuhr  an  Rohstoffen  und  halbfertigen  Fabrikaten ­
  zurück,  es  gelingt  aber  der  heimischen  Industrie  nicht,
ihren  Absatz  auf  fremden  Märkten  zu  vergrößern.  In  diesem  Falle
kann  sogar  die  Ausfuhr  ebenfalls  zurückgehen,  wie  es  auch  schon
häufig  der  Fall  gewesen  ist.  Hierdurch  wird  die  durch  den  Konjunkturrückgang ­
  im  Inlande  schon  schwierige  Lage  der  Industrie
noch  ungünstiger  gestaltet.  .Diese  Zusammenhänge  sind  aus  der
folgenden  Tabelle  zu  ersehen.

Es  betrug  für  Deutschland  im  Spezialhandel  in  Millionen  Mark:

Jahr

die  Einfuhr
an  Rohstoffen
und
halbfertigen
Waren

die  Ausfuhr
an  fertigen
Waren

Jahr

die  Einfuhr
an  Rohstoffen
und
halbfertigen
Waren

die  Ausfuhr
an  fertigen
Waren

1896

1886

2301

1905

3457

3824

1897

2100

2305

1906

4032

4399

1898

2247

2396

1907

4435

4683

1899

2607

2712

1908

4160

4182

1900

2803

2982

1909

4832

4172

1901

2458

2893

1910

5231

4737

1902

2560

3089

1911

5420

5220

1903

2842

3281

1912

5882

5763

1904

3178

3442

1913

6242

6396

Man  erkennt  deutlich,  wie  in  den  Jahren  einer  rückläufigen  Konjunktur, ­
  vor  allem  in  den  Jahren  1901,  1902,  1908,  die  Einfuhr  an
Rohstoffen  und  halbfertigen  Waren  stark  zurückgeht,'  während  sich
in  dem  Jahre  1913  eine  solche  Abnahme  nicht  beobachten  läßt.
Während  jedoch  in  den  Jahren  1908  und  1909  auch  die  Ausfuhr  stark
abgenommen  hat,  hat  sie  bei  dem  Konjunkturrückgang  im  Jahre  1913
eine  erhebliche  Zunahme  erfahren.  In  diesem  Jahre  gelang  es  eben
der  deutschen  Industrie,  ihren  Absatz  auf  fremden  Märkten  wesentlich ­
  zu  vergrößern.  Damit  hing  es  auch  zusammen,  daß  in  diesem
Jahre  trotz  des  Konjunkturrückganges  keine  Abnahme  bei  der  Rohstoffeinfuhr ­
  für  Industriezwecke  eingetreten  ist.  Hat  man  doch  auch
        <pb n="112" />
        3.  Die  Lage  der  Bevölkerung.  109
in  diesem  Jahre  im  Hinblick  auf  die  starke  Zunahme  der  deutschen
Induslrieausfuhr  von  einem  Inventurausverkauf  der  deutschen  Volkswirtschaft ­
  gesprochen.
Mit  diesen  Wandlungen  im  Außenhandel  im  Ablauf  der  Konjunktur ­
  hängt  es  dann  auch  zusammen,  daß  sich  in  dem  zahlenmäßigen
Verhältnis  von  Einfuhr  und  Ausfuhr  starke  Verschiebungen  zeigen,
ln  wirtschaftlich  günstigen  Jahren  pflegt  als  Folge  davon  die  Passivität ­
  der  Handelsbilanz  eine  wesentlich  größere  zu  sein,  als  in  wirtschaftlich ­
  ungünstigen  Zeiten.  Nimmt  doch  bei  einer  günstigen
Konjunktur  die  Einfuhr  an  Rohstoffen  und  halbfertigen  Waren
erheblich  zu,  während  die  Ausfuhr  an  fertigen  Waren  infolge
der  günstigen  Absatz  Verhältnisse  auf  dem  heimischen  Markte  zu
einem  Rückgänge  tendiert,  mindestens  keine  so  starke  Zunahme
zeigt,  wie  diese  Einfuhr  an  Rohstoffen  und  halbfertigen  Waren.
Diese  Änderungen  in  der  Handelsbilanz  werden  aus  der  folgenden
Zahlenreihe  ersichtlich:

Es  betrug  im  Deutschen  Reiche  im  Spezialhandel  in  Millionen  Mark:

Jahr

die
Einfuhr

die
Ausfuhr

Mehr  Einfuhr ­
  als
Ausfuhr

Jahr

die
Einfuhr

die
Ausfuhr

Mehr  Einfuhr ­
  als
Ausfuhr

1896

4558

3754

804

1905

7436

5842

1594

1897

4865

3786

1079

1906

8021

6359

1662

1898

5440

4011

1429

1907

8747

6846

1901

1899

5784-4368



1416

1908

7667

6399

1268

1900

6043

4753

1290

1909

8527

6594

1933

1901

5710

4512

1198

1910

8934

7475

1459

1902

5805

4812

993

1911

9706

8107

1599

1903

6321

5130

1191

1912

10691

893?

1734

1904

6855

5316

1539

1913

10770

10097

673

Diese  Wandlungen  in  dem  internationalen  Güteraustausch  beeinflussen ­
  dann  auch  die  Zahlungsbilanz  und  üben  damit,  wie  wir
später  noch  sehen  werden,  einen  deutlich  wahrnehmbaren  Einfluß
auf  die  internationalen  Zahlungsverhältnisse  und  die  internationale
Edelmetallbewegung  aus.

3.  Die  Lage  der  Bevölkerung.
Dieser  bisher  geschilderte  Rückgang  auf  dem  Warenmärkte  beim
Niedergang  der  Konjunktur  zieht  dann  aber  auch  noch  weitere
wichtige  Folgen  für  das  betreffende  Land  nach  sich,  vor  allem  in
sozialer  Beziehung,  im  Hinblick  auf  die  Lage  der  Bevölkerung  in
fast  allen  ihren  Schichten.
M  o  mb  e  rt,  Studium  der  Konjunktur.

8
        <pb n="113" />
        •  110  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

Die  erste  und  wichtigste  Einwirkung  nach  der  sozialen  Seit©'hin
zeigt  sich  im  Wandel  der  Konjunktur  auf  dem  Arbeitsmarkte.
Bei  aufsteigender  und  guter  Konjunktur  bietet  sich  allenthalben  reichlichere ­
  und  besser  entlohnte  Arbeitsgelegenheit,  als  bei  rückläufiger
und  ungünstiger  Konjunktur.  Von  dieser  Entwicklung  des  Beschäftigungsgrades, ­
  je  nach  den  Konjunkturverhältnissen,  sollen  die
beiden  folgenden  Zahlenreihen  ein  Bild  geben.

Bei  allen  berichtenden  deutschen
Arbeitsnachweisen  kamen  auf  100  Von  tausend  Gewerkvereinsoffene ­

  Stellen  Arbeitsgesuche:  mitgliedern  waren  arbeitslos:

Jahr

Jahr

Jahr

Jahr

1896

138,9

1905

120,0

1904

21

1909

28

1897

124,9

1906

110,8

1905

16

1910

19

1898

119

1907

114,7

1906

12

1911

19

1899

106

1908

159,7

1907

16

1912

20

1900

122,6

1909

154,3

1908

29

1913

29

1901

106

1910

131,5

1902

176,7

1911

128

1903

148,8

1912

121

1904

132,6

1913

135

Für  eine  Reihe  von  Industrien,  wie  z.  B.  für  den  Bergbau  und
die  Montanindustrie,  liegen  auch  Angaben  vor,  auf  Grund  deren
man  unmittelbar  die  Zahl  der  hier  beschäftigten  Arbeiter  feststellen
und  so  den  Umfang  der  Arbeiterentlassungen  bei  einem  Rückgang
der  Konjunktur  erkennen  kann.  Auch  die  Statistik  der  zahlenmäßigen
Bewegung  der  Mitglieder  bei  den  Krankenkassen  gibt  ein  brauchbares ­
  Bild  dieser  Veränderung  auf  dem  Arbeitsmarkte.  Die  gegebenen
Zahlenreihen  mögen  jedoch  genügen,  um  diesen  Zusammenhang
aufzuzeigen.  Dabei  zeigen  diese  Zahlen  nur  den  Umfang  der  vorhandenen ­
  Arbeitslosigkeit.  Sie  geben  kein  Bild  davon,  in  welchem
Maße  durch  Einführung  von  Feierschichten  oder  durch  einen  Rückgang ­
  der  täglichen  Arbeitszeit  eine  Abnahme  in  der  Beschäftigung,
damit  aber  auch  ein  Rückgang  in  den  Lohneinnahmen  der  davon
betroffenen  Arbeiter  eingetreten  ist.
Mit  dieser  veränderten  Lage  auf  dem  Arbeitsmarkt  in  dem
Wandel  der  Konjunktur  zeigt  sich  dann  auch  eine  veränderte  Taktik
bei  den  Arbeitskämpfen.  Aus  naheliegenden  Gründen  versuchen  die
Arbeiter  Aussperrungen,  womöglich  in  die  Zeit  einer  rückläufigen
Konjunktur  zu  verlegen  und  umgekehrt  spielen  sich  dann  die  Kämpfe
um  Lohnerhöhungen  von  Seiten  der  Arbeiter  vor  allem  in  den  Zeiten
ab,  in  denen  die  Konjunktur  nach  oben  geht  und  sich  bei  der  In ­
        <pb n="114" />
        3.  Die  Lage  der  Bevölkerung.

111

dustrie  die  Aufträge  anhäufen.  Die  Beobachtung  der  Konjunktur-Verhältnisse
  in  den  verschiedenen  Industrien  gehört  zu  den  wichtigsten ­
  Aufgaben  einer  gutgeleiteten  Gewerkschaft.
Es  ist  auch  eine  alte  Erfahrung,  daß  bei  längeren  Wirtschaftskrisen ­
  die  Gewerkschaften  erhebliche  Mitgliederverluste  erleiden,
eine  Tatsache,  die  ja  leicht  erklärlich  ist  und  die  man  sowohl  in
der  Zeit  vor  dem  Kriege,  wie  auch  nach  dem  Kriege,  in  den  verschiedensten ­
  Ländern  beobachten  konnte.
Diese  Wandlungen  auf  dem  Arbeitsmarkte  haben  dann  noch
weitertragende  soziale  Wirkungen.  Sie  zeigen  sich  in  erster  Linie
in  der  verschiedenen  Gestaltung  der  Einkommens-  und  Lohnverhältnisse,
  je  nach  der  Lage  der  Konjunktur.  Wir  wollen
zunächst  in  der  folgenden  Tabelle  die  Entwicklung  des  Arbeitslohnes ­
  für  eine  bestimmte  Arbeiterkategorie  betrachten:

Es  betrug  der  Jahresarbeitsverdienst  in  Mark  im  Oberbergamtsbezirk
  Dortmund:

bei  den

bei  den

bei  den

bei  den

bei  den

bei  den

unterird.

sonstigen

über  Tage

unterird.

sonstigen

über  Tage

u.  in  Tageunterird.



beschäfu.

  in  Tageunterird.



beschäf-Jahr



bauen  beu.

  in  Tagetigten



Jahr

bauen  beu.

  in  Tagetigten



schädigt.

bauen  bemänn-





bauen  bemänn-





schädigt.

liehen

eigentlich.

schäftigt.

liehen

Bergarb.

Arbeitern

Arbeitern

Bergarb.

Arbeitern

Arbeiten

1896

1203

862

934

1905

1370

987

1143

1897

1328

926

993

1906

1664

1156

1255

1898

1387

964

1022

1907

1871

1289

1356

1899

1491

1027

1076

1908

1766

1255

1334

1900

1592

1096

1125

1909

1566

1162

1272

1901

1447

1024

1080

1910

1589

1195

1299

1902

1316

955

1047

1911

1666

1247

1340

1903

1411

1017

1094

1912

1918

1386

1436

1904

1415

1006

1116

1913

2088

1480

1510

Die  Zusammenstellung  zeigt,  daß  mit  aufsteigender  Konjunktur
der  Jahresverdienst  zugenommen  und  mit  absteigender  Konjunktur
abgenommen  hat.  Es  bedarf  keiner  besonderen  Erörterungen,  daß
im  Wandel  der  Konjunktur  die  Entwicklung  der  Löhne  in  den
einzelnen  Industriezweigen  keineswegs  eine  überall  gleichmäßige  ist.
Das  kann  schon  deshalb  nicht  der  Fall  sein,  weil  die  einzelnen
Industrien  und  Erwerbszweige  von  den  Einwirkungen  des  Konjunkturwandels ­
  in  ganz  verschiedenem  Maße  getroffen  werden  können
und  weil  sich  auch,  wie  wir  später  noch  eingehender  sehen
werden,  aus  der  Eigenart  der  einzelnen  Industrien  hervorgehend,  in
den  Zeiten  einer  auf-  oder  absteigenden  Konjunktur  ganz  vor-
        <pb n="115" />
        112  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunktorwandels  und  der  Krisen.

schiedene  Grundsätze  der  Arbeiter-  und  Lohnpolitik  ergeben.  Im
allgemeinen  Durchschnitt  gilt  aber  trotz  mancher  Ausnahmen  im
einzelnen  diejenige  Tendenz  für  die  Entwicklung  der  Löhne,  wie
sie  sich  in  der  eben  dargelegten  Entwicklung  der  Bergarbeiterlöhno ­
  ausdrückt.  Bei  dem  Zusammenhänge  zwischen  Konjunktur  und
Lohnbewegung  dürfen  wir  auch  nicht  daran  vergessen,  daß  die  Entwicklung ­
  der  Nominallöhne  in  dieser  ganzen  Zeit  eine  aufsteigende
Tendenz  aufwies,  daß  also  auch  die  ungünstige  Einwirkung  eines
Rückganges  der  Konjunktur  auf  die  Löhne  schon  dadurch  zum  Ausdruck ­
  kommt,  daß  diese  Aufwärtsbewegung  eine  Unterbrechung  erfährt, ­
  oder  in  einem  weit  langsameren  Tempo  als  zuvor  vor
sich  geht.
Aber  nicht  nur  die  Arbeitslöhne  unterliegen  in  ihrer  Höhe  im
Wandel  der  Konjunktur  solchen  Änderungen,  das  gilt  vielmehr
auch  von  zahlreichen  anderen  Arten  des  Einkommens.  In  den
meisten  Erwerbszweigen  wird  in  der  Hausse  mehr  verdient  als  in
den  Zeiten  der  Depression,  und  damit  unterliegen  auch  zahlreiche
andere  Einnahmen  erheblichen  Schwankungen.  Es  gibt  verschiedene
Maßstäbe,  um  auch  für  solche  andere  Einkommensarten  diesen
Einfluß  des  Konjunkturwandels  aufzuzeigen.  Es  sei  hier  zunächst
nur  au  f  .den  zahlenmäßig  leicht  erfaßbaren  Rückgang  'in  den
Erträgnissen  der  Dividendenpapiere  bei  einer  rückläufigen
Konjunktur  hingewiesen.  Wir  wollen  hier  diese  Wandlungen  nur
für  die  letzte  große  Wirtschaftskrise  zu  Beginn  dieses  Jahrhunderts
betrachten.
Mit  ganz  wenigen  Ausnahmen  kann  man  in  diesen  Jahren,  mit
der  Verschlechterung  der  Konjunktur  und  dem  Eintritt  der  Krise,
eine  wesentliche  Verminderung  der  Industrieerträgnisse  beobachten.
Zum  Teil  sind  die  Dividenden  um  die  Hälfte  gegenüber  den  Vorjahren ­
  zurückgegangen,  und  man  hat  in  diesen  Zahlen  ein  brauchbares ­
  Bild  dafür,  wie  in  diesen  Jahren  ganz  allgemein  die  Einnahmen ­
  im  Handel  und  Gewerbe  eine  Verminderung  erfahren  haben.
Damit  mußten  auch  die  Einnahmen  derjenigen,  welche  mehr  oder
weniger  von  ihren  Renten  lebten,  ungünstig  beeinflußt  werden.
Bei  jedem  Rückgänge  der  Konjunktur  kann  man  Ähnliches,  wenn  auch
neuerdings  in  weit  schwächerem  Maße,  beobachten.  Wenn  dabei  der
Rückgang  bei  den  einzelnen  Industrien  ein  recht  verschiedener  ist,
so  kommt  dies  einmal  daher,  daß  nicht  jeder  Konjunkturrückgang
alle  Industrien  in  gleichmäßiger  Weise  trifft.  Manche  Industrien
können  davon  auch  mehr  oder  weniger  verschont  bleiben.  Es  hängt
dies  aber  auch  vielfach  mit  der  ökonomischen  Eigenart  dieser  Industrien, ­
  mit  der  Eigenart  ihrer  Absatzverhältnisse  zusammen,  aber
        <pb n="116" />
        3.  Die  Lage  der  Bevölkerung.

113

auch  damit,  daß  innerhalb  der  einzelnen  Industrien  und  Unternehmungen ­
  erhebliche  Verschiedenheiten  in  den  Grundsätzen  der
Bilanz-  und  Dividendenpolitik  Vorkommen.  Es  sind  das  Zusammenhänge, ­
  welche  später,  wenn  von  der  Konjunkturpolitik  die  Rede
ist,  noch  eingehender  darzustellen  sind.

Es  betrug  die  Dividende  des  Aktienkapitals

Industriezweige

Zahl  der
betrachteten ­
  Gesellschaften ­


1899
°/o

In  den
1900
o7
Io

Jahren
1901
°/o

1902
°/o

1.

Kohlenbergwerke

37

11,30

13,65

11,33

11,17

2.

Erzbergwerke  und  Hütten  .  .  .

57—58

11,93

11,87

6,80

4,42

3.

Salinen

6

9,20

9,80

9,52

8,90

4.

Baumaterialienindustrie  ....

32-33

13,59

11,71

5,68

5,47

5.

Porzellan-,  Steingut-,  Glasindustrie

13

11,80

12,96

12,76

12,46

6.

Metallindustrie

38-39

7,77

7,35

3,70

3,71

7.

Maschinenindustrie

76-79

11,84

10,89

6,57

5,54

8.

Elektrizitätsindustrie

24  -26

8,32

8,27

5,18

3,25

6.

Gas-  und  Wassergesellschaften  .

10

9,93

10,12

8,72

8,98

10.

Chemische  Industrie

20-21

12,45

11,38

11,08

10,99

11.

Wollindustrie

17

9,89

2,50

3,73

7,77

12.

Leinen-,  Beumwollspinn.  u.  -web.

29

6,52

6,39

2,86

2,98

13.

Papierindustrie

15

9,79

10,43

9,63

8,44

14.

Lederindustrie

12

7,82

8,28

6,28

6,05

15.

Gummiindustrie

10

8,52

11,51

11,53

11,78

16.

Getreidemühlen

25

5,23

4,74

3,13

3,83

17.

Zuckerindustrie

9

11,51

12,52

12.58

6,95

18

Brauereien

66-67

9,19

9,22

9,02

8,80

19.

Brennereien

9

8,29

10,55

7,53

7,61

20.

Nahrungsmittelindustrie  ....

8

8,71

8,62

8,22

11,60

21.

Bau-  und  Terraingesellschaften  .

30-32

5,06

4,56

5,24

4,01

22.

Holzindustrie

11

8,36

8.73

5,65

5,29

23.

Polygraphische  Gewerbe  .  .  .

13—14

7,02

7,06

5,64

4,32

Den  Gesamtrückgang  des  Volkseinkommens  in  solchen  Zeiten
einer  rückläufigen  Konjunktur  und  die  Steigerung  desselben  bei
einer  Besserung  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse  kann  man  an
den  Ergebnissen  der  staatlichen  Einkommensteuerstatistik  messen.
Wenn  sich  die  Konjunktur  günstig  entwickelt,  so  steigt  das  durchschnittliche ­
  Einkommen  der  Bevölkerung,  wendet  sich  dagegen  das
Blatt,  so  beginnt  das  durchschnittliche  Einkommen  zu  sinken,  wie
aus  der  folgenden  Aufstellung  hervorgeht.
Man  sieht  den  Rückgang  des  durchschnittlichen  Einkommens
vor  allem  deutlich  in  den  Jahren  nach  der  Jahrhundertwende
und  in  den  Jahren  1908  und  1909.  Freilich  wollen  diese  Zahlen  im

1 )  Zusammengestellt  nach  T  ä  g  e  r  a.  a.  0.
        <pb n="117" />
        114  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

Hinblick  auf  die  Art  der  steuerlichen  Erfassung  der  Einkommen  mit
einer  gewissen  Vorsicht  und  Zurückhaltung  benutzt  werden.

Es  betrug  in  Preußen  das  durchschnittliche  Einkommen  aller
Zensiten  mit  einem  solchen  von  über  900  Mark.

Jahr

Mark

Jahr

Mark

Jahr

Mark

1896

2294

1902

2277

1908

2177

1897

2306

1903

2236

1909

2167

1898

2330

1904

2208

1910

2197

1899

2347

1905

2202

1911

2211

1900

2322

1906

2211

1912

2207

1901

2297

1907

2182

1913

2222

Ebenso  kann  man  auch  in  der  Entwicklung  der  Vermögens-Verhältnisse
  der  Bevölkerung  nicht  unwesentliche  Änderungen
im  Wandel  der  Konjunktur  feststellen.  Es  ist  dies  ja  auch  leicht  zu
erklären  und  zu  verstehen.  Bei  aufsteigender  Konjunktur  und  während ­
  der  Hausse  ist  der  Verdienst  allenthalben  ein  viel  höherer,  die
Gewinne  weit  größere,  als  unter  den  umgekehrten  Verhältnissen.
Es  können  also  in  dieser  Zeit  Ersparnisse  und  Vermögensrücklagen
gemacht  werden,  während  dies  bei  einer  rückläufigen  Konjunktur
nicht  mehr  in  dem  gleichen  Maße  möglich  ist.  In  dieser  Zeit
werden  sogar  nicht  allzuselten  Vermögensverluste  eintreten.  Man
denke  nur  an  die  in  einer  solchen  Zeit  rückläufige  Bewegung  der
Börsenkurse  und  an  die  Verluste,  welche  an  der  Börse  stattfinden,
Fragen,  die  in  dem  folgenden  Abschnitt,  welcher  die  Verhältnisse
auf  dem  Geld-  und  Kapitalmärkte  zum  Gegenstände  hat,  noch  eingehender ­
  zu  behandeln  sind.  Bei  einem  Rückgänge  der  Löhne
werden  ja  auch  die  Neueinlagen  auf  den  Sparkassen  abnehmen,
und  bei  Zunahme  der  Arbeitslosigkeit  werden  hier  sogar  Abhebungen
in  großem  Umfange  Vorkommen  können.  Diese  ungünstige  Einwirkung ­
  des  Einnahmerückganges  bei  sinkender  Konjunktur  kann  eben
auch  dadurch  nicht  voll  ausgeglichen  werden,  daß  in  den  Zeiten
der  Depression  die  Preise  vieler  Waren  weit  geringer  sind  als  während ­
  der  Hochkonjunktur.
Es  möge  zum  Beleg  für  diese  Darlegungen  genügen,  wenn  an
dieser  Stelle  auf  den  relativen  Rückgang  hingewiesen  wird,  dem  bei
einer  Verschlechterung  der  Konjunktur  die  Neueinlagen  bei  den  Sparkassen ­
  gegenüber  den  Rückzahlungen  unterliegen.  Aus  der  folgenden ­
  Tabelle  ist  diese  Tatsache  deutlich  erkennbar:
        <pb n="118" />
        3.  Die  Lage  der  Bevölkerung.

115

Es  betrug  bei  den  preußischen  Sparkassen  in  Millionen  Mark  der
Mehrbetrag  der  Neueinlagen  gegenüber  den  Rückzahlungen

Jahr

Jahr

Jahr

1897

187

1903

400

1909

454

1898

182

1904

315

1910

443

1899

146

1905

301

1911

373

1900

96

1906

244

1912

216

1901

313

1907

68

1913

282

1902

313

1908

162

Noch  deutlicher  und  ausdrucksvoller  werden  die  für  die  Vermögensverhältnisse ­
  und  den  Wohlstand  eintretenden  ungünstigen
Folgen  eines  Konjunkturrückganges,  wenn  man,  wie  es  in  der  folgenden ­
  Zusammenstellung  geschieht,  die  Anzahl  der  Konkurse  und
ihre  Entwicklung  betrachtet.  In  diesen  Zahlen  hat  man  einen  leidlich
brauchbaren  Maßstab  dafür,  um  zu  erkennen,  wie  weit  stärker  der
Vermögensverfall  in  den  Zeiten  des  Konjunkturrückganges  als  in
denjenigen  einer  aufsteigenden  Konjunktur  ist.

Es  wurden  im  Deutschen  Reiche  neue  Konkurse  eröffnet:

Jahr

Jahr

Jahr

1896

6  760

1902

9826

1908

11571

1897

6  997

j  1903

9627

1909

11005

1898

7  364

|  1904

9511

1910

10  783

1899

7  742

!  1905

9357

1911

11031

1900

8  558

1906

9401

1912

12  094

1901

10  569

1  1907

9855

1913

12  756

Dabei  sind  in  diesen  Zahlen  die  große  Menge  der  Fälle  nicht
enthalten,  wo  es  gar  nicht  zu  Konkurserklärungen  gekommen  ist,
sondern  in  denen  sich  auf  Grund  einer  gütlichen  Vereinbarung  der
Gläubiger  zu  einem  Vergleich  bereit  erklärt  hatte.  Wäre  es  auch
möglich,  diese  Fälle  zahlenmäßig  zu  erfassen,  so  würde  sich  jedenfalls ­
  ergeben,  daß  der  Unterschied  in  der  Zahl  der  geschäftlichen
Zusammenbrüche  in  den  verschiedenen  Konjunkturperioden  noch  erheblich ­
  größer  ist,  als  es  aus  obigen  Zahlen  hervorzugehen  schien.
Die  für  die  Lebenslage  der  Bevölkerung  so  verschiedenartigen
Einflüsse  einer  aufsteigenden  oder  absteigenden  Konjunktur  lassen
sich  noch  viel  mehr  in  ihren  Einzelheiten  verfolgen,  als  es  bis  jetzt
geschehen  ist.  Als  Beispiel  möge  an  dieser  Stelle  auf  die  starken  Veränderungen ­
  hingewiesen  werden,  welche  sich,  mehr  oder  weniger
sichtbar,  auf  dem  Gebiet  der  Bevölkerungsbewegung  zeigen.
        <pb n="119" />
        116  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.
Am  deutlichsten  ergibt  sich  dieser  Zusammenhang  bei  der  Entwicklung ­
  der  Eheschließungen.  Die  Beziehungen,  welche  zwischen ­
  der  Heiratshäufigkeit  und  der  wirtschaftlichen  und  sozialen  Lage
einer  Bevölkerung  bestehen,  sind  seit  langem  bekannt,  schon  häufig
erörtert  worden  und  in  ihren  Ursachen  sehr  leicht  zu  begreifen.  In
wirtschaftlich  günstigen  Zeiten  pflegt  die  Zahl  der  Eheschließungen
relativ  zuzunehmen,  während  sie  in  wirtschaftlich  ungünstigen  Zeiten
einem  Rückgänge  unterliegt.  Man  hat  diesen  wichtigen  Zusammenhang ­
  schon  auf  Grund  der  verschiedensten  Maßstäbe  nachgewiesen.
Dort,  wo  eine  Volkswirtschaft  noch  in  hohem  Maße  auf  agrarer
Grundlage  ruht,  wie  es  z.B.  noch  in  Rußland  der  Fall  ist  und  wie  es
bei  uns  noch  vor  wenigen  Jahrzehnten  der  Fall  gewesen  ist,  dort  hat
der  Ausfall  der  Ernten  und  damit  zusammenhängend  die  Höhe  der
Getreidepreise,  einen  einschneidenden  Einfluß  auch  auf  die  ganze
Lage  und  Lebenshaltung  der  nichtlandwirtschaftlichen  Bevölkerung.
Für  solche  Verhältnisse  hat  man  schon  deutlich  zeigen  können,  daß
zwischen  der  Höhe  der  Getreidepreise  und  der  Heiratshäufigkeit  eine
bemerkenswerte  Parallelität  besteht.
Je  mehr  eine  Volkswirtschaft  diese  agrare  Basis  verliert,  je  mehr
sie  in  die  Weltwirtschaft  verflochten  wird,  je  weniger  Industrie  und
Handel  in  ihrem  Absatz  damit  auf  die  Landwirtschaft  angewiesen
sind,  um  so  mehr  mußte  die  Bedeutung  der  Ernte-  und  Getreidepreise
für  die  wirtschaftliche  und  soziale  Lage  des  ganzen  Volkes  zurücktreten. ­
  Andere  Faktoren  traten  an  deren  Stelle,  von  denen  die  wirtschaftliche ­
  Lage  eines  Volkes  in  steigendem  Maße  abhängig  wurde.
Dazu  gehörte  für  ein  Land  in  der  wirtschaftlichen  Lage  Deutschlands
in  erster  Linie  die  allgemeine  Konjunktur.  Denn  diese  ist  ja,  wie
wir  gesehen  haben,  in  gewissem  Sinne  bestimmend  für,die  Lage  des
Wirtschaftslebens  eines  Landes  überhaupt  und  damit  für  die  Einkommensgestaltung ­
  und  die  ganzen  Lebensverhältnisse  der  weitesten
Kreise  der  Bevölkerung.
Wir  haben  nun  oben  gesehen,  daß  man  die  Entwicklung  der
Konjunkturen  an  den  Wandlungen  des  Güterumsatzes  in  einem  Lande
und  damit  an  dem  Umfang  des  Güterverkehrs  messen  kann  und  daß
die  Größe  dieses  Güterverkehrs  in  der  Rentabilität  der  Eisenbahnen
ihren  zahlenmäßigen  Ausdruck  findet.  Vergleicht  man  nun  die  Konjunkturperioden, ­
  gemessen  an  der  Rentabilität  der  deutschen  Eisenbahnen, ­
  mit  der  Entwicklung  der  Heiratshäufigkeit,  so  kann  man
zwischen  beiden  eine  bemerkenswerte  Parallelität  wahmehmen,  wie
die  folgende  Gegenüberstellung  zeigt.
        <pb n="120" />
        3.  Die  Lage  der  Bevölkerung.

117

Jahre

Auf  1000  Einwohner.entfielen
Eheschließungen  in  Deutschland

Es  betrug  der  Betriebsüberschuß
der  deutschen  Eisenbahnen  in
Prozenten  des  Anlagekapitals

1871-75

9,42

5,50

1876—87

7,72

4,54

1888-95

7,94

5,22

1896—00

8,42

6,08

1901-03

8,00

5,52

1904  07

8,10

6,40

1908-09

7,90

4,80

1910-12

7,80

6,15

1913

7,70

5,70

Man  sieht,  daß  die  Parallelität  ununterbrochen  bis  zu  den  Jahren
1910—1912  zu  beobachten  ist 1 ).  Von  dem  Jahre  1912  ab  zeigten  sich
starke  Tendenzen,  die  auf  eine  Verminderung  der  Ehehäufigkeit  hindrängten ­
  und  die  enge  mit  der  sozialen  und  wirtschaftlichen  Entwicklung ­
  dieser  Zeit  im  Zusammenhänge  stehen *  2 ).  Aber  im  Jahre
1913,  in  welchem  dann  die  Konjunktur  wieder  erneut  zurückgeht,
beobachtet  man  dann  wieder  ein  erneutes  Fallen  den  Heiratshäufigkeit.
Mit  diesem  Wandel  in  der  Zahl  der  Eheschließungen,  je  nach
den  Änderungen  der  Konjunktur,  ist  auch  ein  starker  Einfluß  dieser
letzteren  auf  die  Geburtenhäufigkeit  verbunden.  Sind  doch
die  neugeschlossenen  Ehen  die  fruchtbarsten.  Mit  jedem  Rückgang
in  der  Ehehäufigkeit  müssen  Kräfte  ausgelöst  werden,  welche  auf
eine  Verminderung  der  Geburtenhäufigkeit  hindrängen,  wenn  auch
noch  so  viele  andere  Faktoren  außerdem  auf  die  Höhe  dieser  letzteren
wirksam  sind.  Auch  eine  Einwirkung  des  Konjunkturwandels  auf  die
Höhe  der  Sterblichkeit  ist  zweifellos  vorhanden,  wenn  er  sich
auch  in  einer  einfachen  tabellarischen  Form  nicht  auf  weisen  läßt,  da
die  Höhe  der  Sterblichkeit  bei  uns  in  dem  fraglichen  Zeitraum  in
fortdauernder  Abnahme  begriffen  war  und  keinen  solch  periodischen
Schwankungen  unterlag  wie  die  Ehehäufigkeit.  Der  statistische
Zusammenhang  wäre  auch  schon  deshalb  kaum  nachweisbar,  weil
auf  die  Höhe  der  Sterblichkeit  noch  zahlreiche  andere  Faktoren  außer
der  wirtschaftlichen  Lage  eines  Volkes  einen  bestimmenden  Einfluß
ausüben.  Es  sei  hier  nur  darauf  hingewiesen,  von  welch  starkem
Einfluß  die  Höhe  der  Säuglingssterblichkeit  auf  die  allgemeine  Sterblichkeit ­
  eines  Volkes  ist  und  in  welchem  Maße  diese  Säuglingsx

 )  Vgl.  dazu  Heinecke,  Die  Eheschließungen  und  die  Störungen  im
deutschen  Wirtschaftsleben  während  d.  Jahre  1900ff.  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  109.
S.  132.  /
2 )  Vgl.  dazu  Mombert,  Eheschließungen  und  Volkswachstum.  „Die
Hilfe“  1917.  Nr.  19.
        <pb n="121" />
        118  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

Sterblichkeit  von  der  Trockenheit  und  den  Temperaturverhältnissen,
vor  allem  in  den  Sommermonaten,  abhängig  ist.
Ganz  besonders  stark  ist  dann  der  Zusammenhang  zwischen  dem
Wandel  der  Konjunktur  und  der  Wanderbewegung  innerhalb
eines  Volkes.  Es  ist  dies  ein  Zusammenhang,  welcher  auch  in  seinen
Ursachen  sehr  leicht  zu  verstehen  ist.  Steht  doch  die  ganze  Wanderbewegung, ­
  die  Auswanderung  wie  die  Binnenwanderung,  in  einem
ganz  besonders  hohen  Maße  unter  dem  Einflüsse  wirtschaftlicher
und  sozialer  Tatsachen.  Wer  aus  seiner  Heimat  fortwandert,  tut  dies  ja
in  der  Regel,  um  damit  eine  Verbesserung  seiner  Lebenslage  zu
erzielen.  Damit  sind  für  die  Stärke  und  die  Richtung  der  Wanderbewegung ­
  sowohl  die  wirtschaftlichen  und  sozialen  Zustände  in  dem
Abwanderungs-  wie  in  dem  Zuwanderungsgebiete  maßgebend.  So
geht  z.  B.  die  deutsche  Auswanderung  nach  den  Vereinigten  Staaten
von  Nordamerika  zurück,  wenn  sich  mit  einer  Verschlechterung  der
dortigen  wirtschaftlichen  Lage  die  Möglichkeit  des  Fortkommens  für
den  Einwanderer  ungünstiger  gestaltet,  und  das  gleiche  ist  der  Fall,
wenn  eine  entsprechende  Verbesserung  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse ­
  in  Deutschland  eintritt  und  sich  deshalb  hier  gute  und  lohnende
Arbeitsgelegenheit  bietet.  Auch  dieser  Zusammenhang  läßt  sich  nicht
so  einfach  durch  eine  Gegenüberstellung  der  Auswanderungszahlen
mit  den  Merkmalen  der  heimischen  Konjunktur  verfolgen,  weil  für
die  Höhe  der  Auswanderung  eben  die  wirtschaftliche  Lage  zweier
Länder,  des  Heimat-  und  des  Einwanderungslandes,  maßgebend  ist.
Wenn  mit  einer  ungünstigen  Konjunktur  in  Deutschland  eine  günstige
Konjunktur  in  den  Vereinigten  Staaten  zusammenfällt,  so  wird  sich
die  deutsche  Auswanderung  ganz  anders  gestalten,  als  wenn  in  den
Vereinigten  Staaten  die  wirtschaftliche  Konjunktur  und  damit  die
Verhältnisse  auf  dem  Arbeitsmarkte  ebenfalls  ungünstige  sind 1 ).
Das  eben  Gesagte  gilt  nicht  nur  von  der  Höhe  der  Auswanderung,
sondern  auch  von  derjenigen  der  Binnenwanderung,  also  von
dem  Bevölkerungsaustausch  zwischen  Stadt  und  Land  und  Industrie
und  Landwirtschaft.  Mit  aufsteigender  wirtschaftlicher  Konjunktur
und  zunehmender  Nachfrage  nach  Arbeitskräften  schwillt  der  Zuzug
in  die  Städte  und  in  die  Industriebezirke  an,  um  bei  einem  Nachlassen ­
  der  Konjunktur  wieder  abzunehmen,  ja  sogar  mitunter  einer
nicht  unerheblichen  Rückwanderung  Platz  zu  machen.  So  hat  im
Jahre  1901  mit  dem  Ausbruch  der  Wirtschaftskrise  bei  uns  der  bis
dahin  sehr  erhebliche  Zuzug  in  die  Städte  stark  abgenommen.  In
einigen  Städten  ist  sogar  ein  nicht  unbeträchtlicher  Fortzug  ein1 ­
 )  Vgl.  dazu  auch  Hein  ecke,  Die  Auswanderung  u.  die  Störungen
im  deutschen  Wirtschaftsleben.  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  109.  S.  227.
        <pb n="122" />
        3.  Die  Lage  der  Bevölkerung

119

getreten.  So  stand  z.  B.  die  VolkszaM  Berlins  am  1.  September  1901
um  4069  Köpfe  hinter  der  Volkszahl  am  1.  Dezember  1900  zurück  *).
In  den  Zeiten  einer  ungünstigen  Konjunktur  pflegt  dann  auchder
  Fremdenverkehr  nach  den  Kurorten  wesentlich  zurückzugehen.
Auch  auf  den  Zugang  zu  den  Hochschulen  übt  der  Wandel  in  der
Konjunktur  einen  sehr  starken  Einfluß  aus 2 ).
Mit  diesen  ungünstigen  Einflüssen  einer  sinkenden  Konjunktur
hängt  es  dann  auch  weiter  zusammen,  wenn  sich  in  solchen  Zeiten
noch  zahlreiche  andere  Symptome  zunehmender  Beschäftigungslosigkeit ­
  zeigen.  Dazu  gehören  in  erster  Linie  das  Wachstum  der
Obdachlosigkeit  in  den  Städten  und  die  zunehmende  Zahl  der
Armen  in  denselben.  Nach  den  Angaben  von  L.  Cohn  trat  mit
Beginn  der  Krise  im  Jahre  1901  eine  starke  Mehrbelastung  der  Asyle
für  Obdachlose  ein 3 ),  und  Landsberg 4 )  teilt  mit,  daß  im  Durchschnitt
der  Städte,  für  welche  ihm  Angaben  für  die  Jahre  1895—1901  Vorgelegen ­
  haben,  sowohl  nach  der  Zahl  der  Unterstützten  wie  auch
nach  der  Höhe  der  Ausgaben  für  die  offene  Armenpflege  in  den
Zeiten  der  aufsteigenden  Konjunktur  von  1895  ab  ein  beständiges
Sinken,  bei  letzteren  bis  1899,  bei  ersteren  bis  1900,  erfolgt  sei,
dann  aber  im  Jahre  1901  sich  bei  beiden  eine  Steigerung  bemerkbar
machte.
Die  erheblichen  Einwirkungen,  welche  der  Konjunkturwandel  für
die  ganze  soziale  und  wirtschaftliche  Lage  eines  Volkes  zur  Folge
hat,  machen  sich  auch  deutlich  bei  dem  Tun  und  Handeln  des  einzelnen ­
  bemerkbar.  Die  Zahl  der  Verbrechen  bestimmter  Art,
vor  allem  solcher  gegen  das  Eigentum,  aber  auch  die  Selbstmord,-häufigkeit,
  pflegen  im  allgemeinen  mit  den  Schwankungen  der
Konjunktur  Hand  in  Hand  zu  gehen 5 ).  In  beiden  Fällen'  sind  es  eben
die  äußeren  wirtschaftlichen  Verhältnisse,  welche  das  Handeln  des
Menschen  im  besonders  hohen  Grade  beeinflussen.  So  wie  man
schon  darauf  hingewiesen  hat,  eine  Tatsache,  welche  neben  anderen
Ursachen  auch  einen  starken  wirtschaftlichen  Hintergrund  hat,  daß
im  Sommer  mehr  Verbrechen  gegen  die  Person,  im  Winter  mehr
Verbrechen  gegen  das  Eigentum  stattfinden,  so  nehmen  in  Zeiten
günstiger  Konjunktur  die  Eigentumsvergehen  ab,  in  den  Zeiten  unDers^, ­
  ebenda.  S.  197.  Ab-  und  Zuzüge.
“j  Vgl.  Rienhardt,  Das  Universitätsstudium  der  Württemberger  seit  der
Keichsgründung.  Tübingen  1918.  S.3.
3 )  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  109.  S.  249  ff.
U  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  109.  S.  259  ff.
...  5 )  Für  den  Zusammenhang  mit  der  Selbstmordhäufigkeit  liegen  bereits
altere  Untersuchungen  für  Belgien  vor.  Vgl.  G.  v.M  ay  r,  Statistik  u.  Gesellschaftslehre. ­
  B.3.  Moralstatistik.  1917.  S.404.
        <pb n="123" />
        120  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

günstiger  Konjunktur  zu,  und  das  gleiche  gilt  auch  für  die  Selbstmordhäufigkeit. ­

Die  folgende  kleine  Tabelle  stellt  in  der  gewohnten  Weise  den
Betriebsüberschuß  der  Eisenbahnen  als  Maßstab  für  die  Wandlungen
der  Konjunktur,  der  Selbstmordhäufigkeit  und  den  Verurteilungen
wegen  einfachen  Diebstahls  gegenüber.

Jahre

Es  betrug  der  Betriebsüberschuß ­
  aut  den
deutsch.  Eisenbahnen
in  Prozenten  des  Anlagekapitals ­


Es  kamen
Einwohner  Selbstmorde ­


ui!  1  Million
der  strahnündigen  Bevölkerung ­
  Verurteilte
wegen  einf.  Diebstahls

1898-00

6,08

201

215

1901-03

5,52

213

220

1904—07

6,40

208

208

1908—09

4,80

221

220

1910-12

6,15

217

207

1913

5,70

232

200

Diese  Zusammenhänge  sind  keineswegs  neue.  In  einem  englischen ­
  Report  aus  dem  Jahre  1848  findet  sich  erwähnt,  daß  der
Sheriff  einer  Lanarker  Grafschaft  damals  vor  einer  Kommission  des
Oberhauses  mitgeteilt  hat,  daß,  wenn  die  Bank  von  England  ihren
Diskontsatz  erhöhte,  er  sich  immer  in  der  folgenden  Art  an  die
lokalen  Behörden  zu  wenden  pflegte:  „Gentlemen,  die  englische
Bank  erhöht  ihren  Diskont,  ihr  müßt  sofort  Maßnahmen  treffen,
um  in  den  Gefängnissen,  Hospitälern  und  Arbeitshäusern  Platz  für
neue  Ankommende  zu  schaffen  1 ).“
Mit  diesem  Einfluß  der  Konjunkturschwankungen  auf  die  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse  eines  Landes  verbinden  sich  dann  auch
erhebliche  Einwirkungen  für  die  Gestaltung  der  öffentlichen
Einnahmen.  Von  den  Änderungen  in  den  Betriebsüberschüssen
der  Eisenbahnen  war  schon  oben  die  Rede  gewesen.  Auch  hei  den
meisten  anderen  öffentlichen  Einnahmen,  bei  denjenigen  aus  Einkommen ­
  und  Vermögen,  bei  denjenigen  aus  Verbrauchs-  und  Verkehrsabgaben ­
  zeigt  sich  das  gleiche.  Das  geht  ja  schon  daraus  hervor,  daß
mit  dem  Wandel  der  Konjunktur  die  Höhe  der  Einkommen,  die  Größe
von  Verkehr  und  Verbrauch  erheblichen  Veränderungen  unterworfen
sind.  Daß  die  Eingänge  aus  Zöllen  bei  einem  Rückgänge  der  Konjunktur ­
  zurückgehen,  daß  sie  in  der  Depression  geringer  sind  als
bei  einer  Hochkonjunktur,  ergibt  sich  aus  dem,  was  oben  über  die

l )  Nach  Tugan-Baranowsky,  Die  sozialen  Wirkungen,  a.a.  0.  S.  18.
        <pb n="124" />
        3.  Die  Lage  der  Bevölkerung.

121

Veränderungen  im  Außenhandel  gesägt  worden  ist.  Die  folgende
kleine  Aufstellung  soll  dies  mit  einigen  Zahlen  belegen.

Es  betrugen  die  Zolleinnahmen  im  Reiche  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung-Jahr



Mark

Jahr

Mark

Jahr

Mark

1897

8,75

1907

10,93

1911

11,82

1898

9,24

1908

9,30
10,95
11,01

1912

11,65

1899
1900

8,89
8,74

1909
1910

1913

10,73

In  sich  vergleichbar  sind  infolge  der  im  Jahre  1906  vollzogenen
Änderungen  in  der  Höhe  der  Zollsätze  nur  die  erste  Periode  1898
bis  1900  und  die  letzte  von  1907—1913.  Die  Zwischenjahre  sind  des&amp;gt;-halb
  hi  der  obigen  Tabelle  fortgeblieben.  Zur  richtigen  Würdigung
dieser  Zahlen  muß  man  auch  immer  im  Auge  behalten,  daß  in  diesem
ganzen  Zeiträume  das  Volkswachstum  und  die  Zunahme  der  Einfuhr
sehr  groß  gewesen  sind,  daß  also  die  Z  olleinnahmen  nach  der  steigenden ­
  Richtung  hin  tendierten.  Der  Rückgang  derselben  bei  einer
Verschlechterung  der  Konjunktur  fällt  dieser  Tatsache  gegenüber
doppelt  ins  Gewicht.  Man  erkennt  aber  deutlich,  wie  in  den  Jahren
1900,1908  und  1913,  den  Jahren,  in  denen  eine  Depression  in  Deutschland ­
  einsetzte,  die  Einnahmen  aus  dieser  Quelle  zurückgegangen  sind.
Da  wir  oben  gesehen  haben,  daß  mit  einem  Rückgänge  der  Konjunktur ­
  auch  der  Verbrauch  an  vielen  Gegenständen  zurückgeht,  so
ergibt  sich  daraus  auch  ohne  weiteres,  daß  die  entsprechenden  Verbrauchsabgaben ­
  in  solchen  Zeiten  auch  sinkende  Einnahmen  abwerfen
müssen,  oder  daß  wenigstens  vorhandene  Steigerungstendenzera  derselben ­
  eine  Unterbrechung  erfahren.  Es  sei  nur  darauf  hingewiesen,
daß  von  dem  Jahre  1907  auf  das  Jahr  1908  im  deutschen  Zollgebiet
die  Einnahmen  aus  der  Biersteuer  um  7,6  Millionen  Mark  zurückgegangen ­
  sind.  Auch  bei  anderen  Verbrauchsabgaben,  auch  auf  dem
Gebiete  der  Besteuerung  von  Vermögen  und  Einkommen,  zeigen  sich
ähnliche  Schwankungen.
Wenn  wir  das  bisher  Gesagte  zusammenfassen,  so  haben  die
vorausgegangenen  Darlegungen  einen  tief  einschneidenden  Einfluß  des
Konjunkturwandels  auf  die  wirtschaftlichen  und  sozialen  Verhältnisse
in  einem  Lande  und  auf  die  Lebenslage  der  Bevölkerung  gezeigt.  Es
handelt  sich  hier  in  gewissem  Sinne  um  typische  Einwirkungen  von
Hochkonjunktur  und  Depression,  um  Einwirkungen,  welche  sich  in
ähnlicher  Weise  in  allen  Ländern  und  in  allen  Zeiten  zeigen.  Schon
aus  dem  bisher  darüber  Gesagten  ergibt  sich,  welch  weittragende
Bedeutung  es  für  das  wirtschaftliche  und  soziale  Leben  eines  Volkes
        <pb n="125" />
        122  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

hat,  ob  dieser  Wandel  der  Konjunkturen  in  kurzen  Perioden,  in  jähem:
Auf  und  Ab,  unvermutet  und  unerwartet  aufeinanderfolgt,  oder  ob
diese  Konjunkturwellen  sich  abflachen  und  anstelle  dieser  plötzlichen
schroffen  Wandlungen  ein  ruhigerer  und  gleichmäßigerer  Gang  des
ganzen  Wirtschaftslebens  tritt.
Es  sind  vor  allem  zwei  Faktoren,  von  denen  diese  letztere  Möglichkeit ­
  abhängig  ist.  Einmal  davon,  ob  es  gelingt,  in  einer  Volkswirtschaft ­
  als  Ganzer  auf  irgendwelchen  Wegen  zu  Maßnahmen  zu
kommen,  welche  geeignet  und  stark  genug  sind,  auf  diese  Schwankungen ­
  beruhigend  und  ausgleichend  einzuwirken,  und  weiterhin
davon,  ob  es  für  die  einzelnen  Wirtschaften  eines  Landes  möglich  ist,
innerhalb  gewisser  Grenzen  einen  kommenden  Konjunkturumschwung
vorauszusehen  und  dementsprechend  ihre  Maßnahmen  zu  treffen.
In  je  umfassenderer  und  gründlicherer  Weise  dies  geschehen  kann,
um  so  weniger  wird  weder  der  Aufstieg,  noch  der  Abstieg  der  Konjunktur ­
  das  wirtschaftliche  Leben  ganz  unvorbereitet  treffen  und  ungünstig ­
  beeinflussen  können.
Bei  diesen  Fragen  der  sogenannten  Konjunkturpolitik,
welche  später,  ihrer  großen  Bedeutung  entsprechend,  noch  eine  besondere ­
  Behandlung  erfahren  wird,  handelt  es  sich  vor  allem  darum,
die  Anzeichen  und  Symptome  eines  herannahenden  Konjunkturumschwunges ­
  möglichst  frühzeitig  zu  erkennen.  Zum  Teil  zeigen  sich
diese  Vorboten  schon  an  den  Punkten,  welche  eben  besprochen
worden  sind.  So  z.  B.  auf  dem  Gebiete  der  Preisentwicklung.  Die
Erfahrung  zeigt,  daß  gegen  Ende  der  Hausse  die  Preise,  vor  allem
diejenigen  der  Rohstoffe,  sehr  stark  anzuziehen  pflegen,  daß  dann
diesen  hohen  Preisen  gegenüber  eine  gewiss©  Zurückhaltung  der
Käufer  einsetzt,  welche  dann  in  sich  Tendenzen  zu  einem  Umschwung
der  Konjunktur  in  sich  birgt.  Noch  während  der  Hausse,  während  die
Werke  noch  voll  beschäftigt  sind,  beginnen  dami  vielfach  Bestellungen
und  Aufträge  zurückzugehen.
Weit  stärker  und  auch  weit  deutlicher  wahrnehmbar  zeigen
sich  jedoch  diese  Symptome  eines  beginnenden  Konjunkturwandels
auf  dem  Geld-  und  Kapitalmärkte.  In  seiner  Entwicklung
findet  man  dafür  die  besten  und  deutlichsten  Anzeichen.  Der  Betrachtung ­
  dieser  Veränderungen  auf  dem  Geld-  und  Kapitalmarkt  im
Wandel  der  Konjunktur  wollen  wir  uns  nun  zuwenden.  Von  da  aus
ergibt  sich  dann  leicht  und  zwanglos  der  Übergang  von  der  Bcstrachtung
  der  Merkmale  der  Konjunktur  zu  den  Symptomen  und  Anzeichen ­
  des  Konjunkturwandels.
        <pb n="126" />
        3.  Die  Lage  der  Bevölkerung.

123

Literatur.
Tecklenburg,  Der  Betriebskoeffizient  der  Eisenbahnen  in  seiner
Abhängigkeit  von  der  Wirtschaftskonjunktur.  Berlin  1914.  —  Offenberg,
Konjunktur  und  Eisenbahnen.  Berlin  1914.  —  Vogel,  Konjunkturkunde,
Berlin  1913.  —  Eulenburg,  Die  gegenwärtige  Wirtschaftskrise.  Symptome ­
  und  Ursachen.  Jahrbücher  f.  Nationalök.  u.  Statistik.  3.  Folge.
Bd.  24.  1902.  —  Cal  wer,  Das  Wirtschaftsjahr.  Jahresberichte  über  den
Wirtschafts-  und  Arbeitsmarkt.  Jena,  G.  Fischers  Verlag.  —  Taeger,  Die
Einwirkung  der  letzten  Wirtschaftskrise  auf  die  industriellen  Aktiengesellschaften ­
  in  Deutschland.  Dissertation.  Breslau  1904.  —  Cassel,  Les.
eure,  Müssig,  Esslen,  Feiler,  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.,  a.  a.  0.  —  Cahen
et  Laurent,  Bapports  sur  les  Indices  des  Crises  economiques  et  sur  les
mösures  financiferes  propres  a  attenuer  les  Chömages  resultant  de  ces
Crises.  Commission  des  crises  economiques  (1908—1911).  Republique
Franpaise.  Ministere  du  travail.—  Tugan-Baranowski:  Die  sozialen  Wirkungen ­
  der  Handelskrisen  in  England.  Archiv  f.  Sozialw.  Bd.  13.  —  Huart:
Le  Mouvement  de  la  Population  depuis  1800  dans  ses  Rapports  avec  les
Crises  öconomiques.  Revue  öcon,  intern.  8.  Jahrgang,  Bd.  3.  1911.  —
Brentano:  —  Die  Arbeiter  und  die  Produktionskrisen.  Schmollers  Jahrbuch, ­
  Bd.  2.  1878.  —  Seidel:  Die  Gewerkschaften  in  der  Wirtschaftskrisis.
Neue  Zeit-  31.  Jahrgang.  Bd.  2.  —  Hüsgen:  Tarifverträge  und  Wirtschaftskrisen. ­
  Ebenda.  27.  Jahrgang,  2.  Bd.
4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.
Wir  haben  oben  gesehen,  daß  in  Zeiten  einer  aufsteigenden  Konjunktur ­
  das  Wirtschaftsleben  viel  reger  pulsiert,  als  wenn  die  Konjunktur ­
  nach  unten  geht,  daß  dann  die  Intensität  der  Arbeit  auf  allen
Gebieten  des  AVirtschaftslebens  eine  viel  größere  ist,  daß  die  Unternehmungen ­
  dann  vielfach  bis  zur  Grenze  ihrer  Leistungsfähigkeit  beschäftigt ­
  sind.  All  dieses  steigert  sich  nun,  je  weiter  die  Hochkonjunktur ­
  ihren  Fortgang  nimmt,  und  schlägt  dann  mehr  oder  weniger
plötzlich  ins  Gegenteil  um,  wenn  das  Konjunkturbarometer  nach
unten  weist  und  die  Hausse  einer  Depression  Platz  macht.  Mit  diesen
Wandlungen  in  der  Konjunktur  treten  dann  auch  wesentliche  Änderungen ­
  in  der  Psysche,  dem  geschäftlichen  Vertrauen  des  Unternehmers ­
  und  der  Geschäftswelt  ein.  Bei  Beginn  der  Hochkonjunktur,
während  ihrer  ganzen  Dauer,  ja  vielfach  noch  auf  ihrem  Höhepunkt,
wenn  sich  schon  die  ersten  Zeichen  eines  Umschwungs  bemerkbar
machen,  beobachten  wir  noch  vielfach  die  regste  Kauflust,  ein  Vertrauen ­
  auf  eine  weitere  günstige  Entwicklung  der  geschäftlichen
Verhältnisse,  den  Trieb,  die  Leistungsfähigkeit  des  eigenen  Unternehmens ­
  durch  die  Beschaffung  neuer  Anlagen  und  sonstiger  Produktionsmittel ­
  zu  vergrößern,  um  die  steigende  Nachfrage,  mit  der
man  voll  Vertrauen  immer  noch  rechnet,  befriedigen  zu  können.
Schlägt  dann  die  Konjunktur  um,  macht  die  Hausse  einer  Depression
Platz,  dann  sehen  wir  das  ausgesprochene  Gegenteil:  allenthalben
mangelndes  Vertrauen,  überall  Geschäftsunlust,  niemand  denkt  an
        <pb n="127" />
        124  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

Betriebserweiterungen,  hat  man  doch  in  dieser  Zeit  Sorge  genug,
die  einmal  vorhandene  Leistungsfähigkeit  des  Betriebes  voll  oder
auch  nur  annähernd  auszunützen.
Dieser  Wandel  läßt  sich  am  deutlichsten  an  den  Veränderungen
beobachten,  welche  sich  bei  einem  Umschwung  der  Konjunktur  auf
dem  Kapital-  und  Geldmärkte  vollziehen.
Ist  es  doch  der  Kapital-  und  Geldmarkt,  welcher  dem  Unternehmer ­
  und  Kaufmann  über  den  Umweg  der  Kreditgewährung  die
Mittel  zur  Verfügung  stellt,  als  Käufer  auf  dem  Gütermarkte  aufzutreten, ­
  entweder,  um  vielleicht  so  die  Mittel  zu  Betriebserweiterungen ­
  und  Schaffung  neuer  Anlagen  oder  zum  Ankauf  von  Rohstoffen, ­
  oder  auch  zu  Lohnzahlungszwecken,  zu  erhalten.
Der  Geldmarkt  ist  dabei  der  Markt  für  die  Gewährung  von
kurzfristigen  Krediten.  Auf  ihm  handelt  es  sich  in  erster  Linie  um
den  Wechsel-,  Lombard-  und  Kontokorrentkredit,  auch  um  die  Gewährung ­
  von  Börsenkrediten,  die  natürlich  in  verschiedenen  Formen,
die  eben  zum  Teil  bereits  genannt  worden  sind,  gegeben  werden
können.  Der  Kapitalmarkt  ist  dagegen  der  Markt  der  langfristigen ­
  Kredite.  Hier  handelt  es  sich  vornehmlich  um  die  Emission
von  Aktien,  Kuxen,  Industrieobligationen,  um  die  Befriedigung  des
Anleihebedürfnisses  der  öffentlichen  Körperschaften  und  um  die
Gewährung  von  Mitteln  für  die  Beleihung  des  Boden-  und  Grundr
besbzes.  Dabei  lassen  sich  beide  Märkte  ebensowenig  wie  die  Vorgänge, ­
  die  sich  auf  ihnen  abspielen,  immer  glatt  und  sauber  voneinander ­
  trennen 1 ).
Von  dieser  Unterscheidung  von  Geld-  und  Kapitalmarkt  wird  im
folgenden  noch  häufiger  die  Rede  sein,  da  den  Vorgängen  auf  ihnen
für  die  Beobachtung  des  Konjunkturwandels  eine  sehr  große  Bedeutung ­
  zukommt.  Das  gilt  vor  allem  im  Hinblick  auch  dafür,  welch
verschiedene  Verwendung  die  Mittel,  welche  beiden  Märkten  entnommen ­
  sind,  im  Wandel  der  Konjunktur  haben  können.  Wenn
die  Konjunktur  sich  in  aufsteigender  Linie  bewegt,  wenn  der  Güterumsatz ­
  in  der  Volkswirtschaft  ein  großer  ist,  wenn  viel  gekauft  und
verkauft  wird,  wenn  in  der  Industrie  sich  ein  Streben  nach  Neugründungen ­
  und  Neuanlagen  zeigt,  dann  ist  auch  allenthalben  in  der
Volkswirtschaft  das  Kreditbedürfnis  ein  sehr  großes,  dann  herrscht
auf  beiden  Märkten  eine  rege  Nachfrage  nach  den  auf  ihnen  zur

J)  Vgl.  dazu  Beckerath.  Kapital-  und  Geldmarkt.  Jena  1916,  und
Spiethoff,  Der  Begriff  des  Kapital-  und  Geldmarktes.  Jahrb.  für  Gesetzgebung, ­
  Verwaltung  u.  Volkswirtschaft.  44.  Jahrgang  1920.
        <pb n="128" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

125

Verfügung  stehenden  Mitteln.  Flaut  dagegen  die  Konjunktur  ab,  tritt
eine  Depression  ein,  dann  wird  das  Bild  bald  ein  vollständig  anderes.
Wir  wollen  diese  Zusammenhänge  zunächst  für  den  auch  bisher
schon  betrachteten  Zeitraum  von  1896—1913  kennen  lernen  und  uns
zunächst  den  Verhältnissen  auf  dem  Kapitalmärkte  zuwenden.
Am  deutlichsten  kommt  die  Nachfrage  auf  dem  Kapitalmarkt  in
der  Statistik  der  Emissionen:  zum  Ausdruck.  Unter  Emission  ist
dabei  die  Unterbringung  neuer  Effekten,  der  Vertrieb  derselben  an
das  Publikum,  verstanden.  Die  Erfassung  dieser  Beträge  ist  die
Aufgabe  der  Emissionsstatistik.  Für  Deutschland  haben  wir  dabei
verschiedene  Quellen  und  Bearbeitungen,  welche  diese  Aufgabe  mehr
oder  weniger  vollkommen  erfüllen.  Hierher  gehören  einmal  die  amtliche ­
  deutsche  Zulassungsstatistik  der  bei  den  deutschen  Börsen  zugelassenen ­
  Wertpapiere,  dann  die  Emissionsstatistik  des  deutschen
Ökonomist  und  diejenige  der  Frankfurter  Zeitung.  Auch  für  fremde
Staaten  gibt  es  analoge  Bearbeitungen.  Im  folgenden  soll  die
Emissionsstatistik  der  Frankfurter  Zeitung  als  die  ausgebauteste
und  genaueste  zugrunde  gelegt  werden.  Es  handelt  sich  nicht  nur  um
die  Emission  solcher  Papiere,  welche  zum  Börsenhandel  zugelassen
werden,  sondern  auch  um  die  solcher,  mit  denen  keine  Börsenzulassung
verbunden  ist.  Trotzdem  kann  eine  solche  Statistik  kein  vollständiges
Bild  von  der  Inanspruchnahme  des  Kapitalmarktes  geben,  weil  manche
Emissionen  unter  der  Hand,  durch  die  Banken  erfolgen  und  weil  sich
der  Umfang  dieser  Beträge  der  statistischen  Erfassung  entzieht.

Es  betrug  nach  der  Statistik  der  Frankfurter  Zeitung  der  Betrag  der
Emissionen  dem  Kurswerte  nach  in  Mill.  Mark  in  den  Jahren:

EEfektengattung

1900

1901

1902

1903

1904

1905

1906

Deutsche  Staatsanleihen ­
  ....

172,50

506,01

532,82

343,36

283,87

454,68

668,97

Ausländische  Staatsanleihen

  ....

30,94-42,06



313,47

136,25

87,24

676,39

163,61

Stadt-  u.  Provinzial-Obligationen

  .  .

318,16

352,05

416,44

340,48

216,77

418,45

429,79

Deutsch.Hypothekenbank ­
  -  Obligationen

270,00

292,00

373,00

461,59

467,38

513,02

359,74

Ausländ.Hypothekenbank-
  Obligationen

7.12

7,57

6,73

29,39

21,34

5,62

6,77

Sonstige  Obligationen

201,15

441,83

211,54

256,67

199,24

331.31

257,29

Bankaktien  ....

147,74

37,13

61,46

33^06

201,45

203,44

289,77

Eisenbahn-,  Straßenbahnaktien ­
  .  .  .

68,18

26,22

22.53

116,31

68,91

11,06

42,46

Industrieaktien

367,90

103,82

94,36

195,33

267,60

492,52

624,28

Insgesamt

1583,69

1808,70

2032,35

1912,44

1813,80

3106,49(2842,68

M  o  Ln  b  er  t,  Stadicun  der  Konjunktur.
        <pb n="129" />
        126  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

Effektengattung

1907

1908

1909

1910

1911

1912

1913

Deutsche  Staatsanleihen

  ....

541,06

1079,52

1066,66

621,26

235,89

630,77

810,79

Ausländische  Staatsanleihen

  ....

49,83

98,51

178,56

244,25

315,92

30,63

559,85

Stadt-  u.  Provinzial-Obligationen

  .  .

496,66

606,43

532,82

386,20

426,63

329,93

265,45

Deutsch.Hypothekenbank

  -  Obligationen

287,24

537,49

582,94

523,31

515,57

204,60

44,29

Auslän  d  .Hy  p  othekenbank-Obligationen



—

1,98

45,84

2,00

6,72

46,20

0,50

Sonstige  Obligationen

172,96
107,31

402,15

329,19

424,84

391,95

453,55

351,51

Bankaktien  ....

75,63

145,38

137,63

296,35

179,61

50,10

Eisenbahn-,  Straßenbahnaktien

  .  .  .

4,70

28,32

18,00

2,81

24,53

16,70

24,53

Industrieaktien  .  .

240,20

326,65

322,42

269,40

329,93

694,83

367,21

Insgesamt

1899,96|3156,68

3222,41

2612,70

2542,71

2620,71

2494,23

Die;  Zusammenstellung 1 )  zeigt  deutlich,  wie  mit  der  Besserung  der
Konjunktur  die  Inanspruchnahme  des  Kapitalmarktes  steigt,  um  dann,
wenn  die  wirtschaftliche  Entwicklung  den  umgekehrten  Gang  geht,
wieder  sehr  stark  nachzulassen.  Das  ergibt  sich  nicht  nur,  wenn
man  die  Gesamtsumme  der  Emissionen  ins  Auge  faßt,  sondern  wird
noch  deutlicher,  wenn  man  die  Entwicklung  der  Emission  von  Industrieaktien, ­
  in  denen  der  eigentliche  Kapitalbedarf  der  Industrie
zum  Ausdruck  kommt,  betrachtet.  Dabei  ist  es  nicht  immer  unmittelbar ­
  das  Jahr  des  Konjunkturumschwunges,  in  welchem  sich  der
Rückgang  zeigt,  sondern  vielfach  erst  das  folgende  Jahr,  die  an  den
Umschwung  sich  anschließende  Depressionsperiode,  in  welcher  der
Kapitalbedarf  besonders  stark  zurückgeht.  Solche  Jahre  waren  z.  B.
diejenigen  von  1901—1903,  1907—1910  und  1913.  Bei  der  Würdigung ­
  dieser  Zahlen  ist  aber  auch  immer  darauf  zu  achten,  daß  mit
der  Ausweitung  der  deutschen  Volkswirtschaft,  vor  allem  auch  mit
der  Zunahme  der  Aktiengesellschaften  gegenüber  den  privaten  Unternehmungen, ­
  das  in  dieser  Form  zahlenmäßig  erfaßbare  Bild  der
Emission  von  Industrieaktien  eine  zunehmende  Tendenz  aufweisen
muß.
Seit  einer  Reihe  von  Jahren  haben  wir  auch  in  Deutschland
eine  Statistik  der  Bestandsänderungen  der  deutschen
Aktiengesellschaften,  welcher  manche  bemerkenswerte  Angaben ­
  über  wichtige  Veränderungen,  welche  sich  hierbei  Vollziehen,  entnommen ­
  werden  können.  Diese  Angaben  reichen  jedoch  nur  bis  zum
Jahre  1907  zurück.  Aus  der  folgenden  Zahlenreihe  kann  man  jedoch
U  Zusammengestellt  nach  der  Bankenenquete  a.  a.  O.  und  Feiler,  Die
Konjunkturperiode  1907—1913  in  Deutschland.  Jena  1914.
        <pb n="130" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

127

die  gleiche  Tatsache,  wie  aus  der  Emissionsstatistik  entnehmen.  Es
sind  die  Jahre  einer  aufsteigenden  und  guten  Konjunktur,  in  denen
der  Zahl  der  Gesellschaften  und  dem  Betrage  der  Kapitalserhöhungen
nach,  das  Kapitalbedürfnis  der  Industrie  am  größten  ist.

Es  betrug  bei  den  deutschen  Aktiengesellschaften:

Die  Anzahl  der

Der  Betrag  der  Kapitalserhöhungen

Jahr

Gesellschaften  mit

in  Millionen  Mark

einer

Nominal

nach  dem  Ausgabe-Kapitals

  erhöhung

lcurs

1907

263

•488

564

1908

252

454

611

1909

268

508

592

1910

281

599

733

1911

326

584

734

1912

356

747

939

1913

285

418

505

Wenn,  wie  die  erste  Tabelle  zeigt,  die  Emission  von  Staatsund ­
  Stadtanleihen  eine  so  ganz  andere  Entwicklung  im  Wandel  der
Konjunktur  durchmacht,  als  die  Emission  von  Industriepapieren,
so  hat  dies  ebenfalls  in  erster  Linie  seine  Hauptursache  in  dem
verschiedenen  Kapitalbedarf  der  Industrie  im  Wandel  der  Konjunktur ­
  und  dem  Einflüsse,  den  diese  Konjunkturänderungen  auf
das  Anlage  suchende  Publikum  ausüben.  Zeigt  die  genannte  Zusammenstellung ­
  doch,  daß  in  den  Zeiten  einer  aufsteig  enden  und
guten  Konjunktur  die  Emission  an  solchen  Staats-,  Stadtanleihen
und  dergleichen  wesentlich  geringer  war,  als  unter  ungünstigen  wirtschaftlichen ­
  Verhältnissen.  In  den  Jahren  nach  1900,  in  denen  die
Emission  in  Industriepapieren  sehr  stark  zurückgeht,  nimmt  diejenige ­
  an  Staats-  und  Stadtanleihen  erheblich  zu  und  den  gleichen
Vorgang  kann  man  auch  in  der  Folgezeit  beobachten.  Eine  ähnliche
Entwicklung,  wie  diese  öffentlichen  Anleihen,  macht  auch  der  Markt
der  Hypothekenbankobligationen  und  Pfandbriefe  durch.
Die  Betrachtung  und  Klarlegung  dieses  Zusammenhanges  führt
uns  zu  wichtigen  Änderungen,  welche  im  Wandel  der  Konjunktur  auf
dem  Kapital-  und  Geldmärkte  vor  sich  gehen.  Die  große  Nachfrage,
welche  auf  dem  Kapitalmärkte  von  .seiten  der  Industrie  bei  günstiger
Entwicklung  der  Konjunktur  herrscht,  bedeutet  für  die  Emission
dieser  festverzinslichen  Anleihen  eine  erhebliche  Konkurrenz,  die
vor  allem  auch  dadurch  verstärkt  wird,  daß  die  reale  Verzinsung
von  Industriepapieren,  ganz  abgesehen  von  den  Gewinnchancen,  die
sio  in  sich  bergen,  wesentlich  höher  zu  sein  pflegt,  als  diejenige
        <pb n="131" />
        128  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

der  festverzinslichen  Anlagen.  In  der  Zeit  einer  aufsteigenden  Konjunktur ­
  sucht  deshalb  das  Publikum,  das  jetzt  Vertrauen  in  den
weiteren  Gang  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  hat,  das  an  den  zu
erwartenden  Gewinnen,  welche  die  aufsteigende  Konjunktur  verspricht, ­
  ebenfalls  teilnehmen  will,  seine  verfügbaren  Mittel  in  solchen
Industriepapieren  anzulegen.  In  solchen  Zeiten  ist  vielfach  der  Kapitalbedarf ­
  der  Industrie  ein  zu  großer,  als  daß  die  verfügbaren  Mittel
des  Kapitalmarktes  ausreichen,  allen  an  ihn  gestellten  Ansprüchen
gleichzeitig  gerecht  zu  werden.
„Mit  diesen  fortgesetzten  starken  Kapitalinvestitionen  kann  die
Kapitalneubildung,  so  erfreulich  sie  fortschreitet,  keinen  gleichen
Schritt  halten  und  es  ergibt  sich  ein  steter  Mangel  an  flüssigem,
Anlage  suchenden  Kapital,  das  nur  in  Zeiten  gewerblichen  Niederganges ­
  vorübergehend  einer  größeren  Geldflüssigkeit  weicht“ 1 ).
Deshalb  können  also  die  öffentlichen  Körperschaften  in  den
Zeiten  der  Depression,  in  denen  keine  so  starke  Nachfrage  vonseiten
der  Industrie  besteht,  und  wo  das  Publikum,  durch  den  Niedergang
der  Konjunktur  ängstlich  gemacht,  weniger  gerne  Anlagen  in
Industriepapieren,  als  in  solchen  Staats-  oder  Stadtanleihen,  oder
in  Pfandbriefen  sucht,  leichter  Käufer  für  ihre  neuen  Emissionen
finden,  als  in  den  Zeiten  einer  aufsteigenden  Konjunktur.  Eine
gewerbliche  Stagnation  ist  also  für  das  Anleihebedürfnis  von  Staat
und  Gemeinde  günstig,  ein  gewerblicher  Aufschwung  ist  dafür  ungünstig. ­

Mit  dem  Gesagten  hängt  es  dann  weiter  zusammen,  daß,  da  der
deutsche  Kapitalmarkt,  vor  allem  in  den  letzten  Jahren  vor  dem
Kriege,  nicht  genügend  Mittel  besaß',  um  alle  an  ihn  herantretenden
Bedürfnisse  befriedigen  zu  können,  diese  Anleihen  der  öffentlichen
Körperschaften,  aber  auch  diejenigen  der  Hypothekenbanken,
bei  uns  so  starke  Kurseinbußen  erlitten  haben.  Je  niedriger  nämlich
der  Kurs  dieser  Papiere  ist,  um  so  höher  ist  der  Realzinsfuß  und
um  so  leichter  und  mit  um  so  größerem  Erfolg,  können  sie  auf  dem
Kapitalmarkt  mit  den  Industriepapieren  in  Konkurrenz  treten.  Ganz
anders  lagen  die  Verhältnisse  in  Frankreich,  wo  infolge  der  dort
herrschenden  industriellen  Stagnation  das  Kapitalbedürfnis  der
dortigen  Industrie  im  Vergleich  zu  derjenigen  Deutschlands  ein  sehr
geringes  gewesen  ist.  Zu  dem  Gesagten  vergleiche  man  die  folgende
Tabelle.
D  Dombois,  Der  Kursstand  der  deutschen  Staatsanleihen.  Hannover ­
  1911.  S.  43.
        <pb n="132" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

129

Es  betrug  der  Durchschnittskurs  der  3  o/ 0  *)

Jahr

Französischen
Rente

Deutschen
Reichsanleihe

Jahr

Französischen
Rente

Deutschen
Reichsanleihe

1896

102,16

99,22

1905

99,27

90,08

1897

103,33

97,65

1906

97,65

87,73

1898

102,85

95,51

1907

94,85

84,15

1899

101,24

90,71

1908

96,24

83,24

1900

100,60

86,74

1909

97,77

85,84

1901

101,22

89,27

1910

97,98

84,41

1902

100,80

92,18

1911

95,61

83,65

1903

98,13

91,49

1912

92,46

8  ,11

1901

97,54

90,02

1913

87,08

75,90

Man  erkennt  aus  der  Tabelle  zunächst  den  wesentlich  niedrigeren
Kursstand  der  deutschen  Staatspapiere,  erkennt  aber  auch  weiter,  wie
sich  diese  Kurse  in  den  Jahren  der  Depression  in  aufsteigender  Linie
bewegen.  Hat  man  doch  auch  schon  im  Zusammenhang  mit  diesem
großen  Kapitalbedarf  der  Industrie  und  diesem  niederen  Kursstand
der  öffentlichen  Anleihen,  bei  uns  vielfach  die  Auffassung  vertreten,
daß  in  Deutschland  überhaupt  in  den  letzten  Jahren  vor  dem  Kriege
die  Kapitalbildung  gegenüber  dem  Kapitalbedarf  eine  unzureichende
gewesen  sei 2 ).  Es  ist  dies  eine  Frage,  welche  atn  Schlüsse  noch
eingehender,  vor  allem  auch  unter  dem  Gesichtspunkte  unserer  weiteren ­
  wirtschaftlichen  Entwicklung,  besprochen  werden  wird.
Dieser  große  Kapitalbedarf  der  Industrie  äußert  sich  aber  nicht
nur  in  der  eben  dargelegten  Weise  auf  dem  Kapitalmärkte,  er  tritt
auch  in  den  Zeiten  einer  aufsteigenden  Konjunktur  auf  dem  Geldmärkte ­
  auf.  Das  hat  verschiedenen  Gründe:  Einmal  steigen  in
der  Hochkonjunktur  dieümsätze  in  der  Volkswirtschaft;  es  tritt;  auch
eine  wesentliche  Beschleunigung  derselben  ein.  Dann  muß  man  auch
immer  im  Auge  halten,  daß  auch  die  Nachfrage  auf  dem  Kapitalmarkt
diejenige  auf  dem  Geldmarkt  beeinflussen  muß.  Denn  das  neugebildete ­
  Kapital  fließt  zunächst  dem  Geldmärkte  zu,  auf  dem  sich  also
auch  zuerst  die  Nachfrage  nach  Kapital  bemerkbar  macht  und  in
diesem  Sinne  ist  es  also  auch  der  Geldmarkt,  aus  welchem  so  der
Kapitalmarkt  in  seinen  Ansprüchen  gespeist  wird.
Aber  auch  der  Bedarf  nach  kurzfristigem  Leihkapital  nimmt  im
Verlaufe  der  Hochkonjunktur  zu.  Es  ist  ja  weiter  oben  schon  dangelegt ­
  worden,  daß  in  solchen  Zeiten  der  Wechselumlauf  eine  ganz
erhebliche  Vermehrung  erfährt.  Diese  gleiche  Tatsache  läßt  sich
*)  Zusammengestellt  nach  Schwarz,  Die  Kurse  a.  a.  0.  und  nach  dem
Statist.  Jahrbuch  des  Deutschen  Reiches.
2 )  Vgl.  dazu  Mombert,  Zur  Frage  von  Kapitalbildung  und  Kapitalbedarf ­
  in  Deutschland.  Festschrift  für  Lu  jo  Brentano.  München  1916.
        <pb n="133" />
        130  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

jedoch  noch  an  zahlreichen  anderen  Symptomen  aufzeigen.  Zunächst
muß  diese  verschiedene  Nachfrage  auf  dem  Kapital-  und  Geldmarkt,
gleiches  Angebot  vorausgesetzt,  je  nach  der  wirtschaftlichen  Lage
eines  Landes  sich  in  einer  Beeinflussung  des  für  dieses  Leihkapital
geforderten  Zinsfußes  zeigen.  Um  ein  Bild  von  der  Entwicklung
des  Zinsfußes  im  Wandel  der  Konjunktur  zu  erhalten,  nimmt  man
herkömmlicherweise  die  Entwicklung  des  Wechseldiskonts  zu
Hilfe.
Das  Wechseldiskontgeschäft  beruht  bekanntlich  darauf,
daß  Darlehen  gegen  Wechsel  in  der  Weise  gegeben  werden,  daß  von
der  Wechselsumme  ein,  dem  Zins  des  geliehenen  Kapitals  entsprechender ­
  Abzug  bei  Ausreichung  des  Betrages,  berechnet  bis  zum
Verfalltage  des  Wechsels,  gemacht  wird.  Diesen  Abzug  bezeichnet
man  als  Diskont  oder  als  Diskontsatz.  Für  die  Höhe  dieses  Diskontsatzes ­
  ist  einmal  die  Nachfrage  nach  solchem  Leihgeld,  d.  h.  die
Höbe  des  Wechselumlaufes,  dann  aber  auch  das  Angebot  an  solchem
Leihgeld  maßgebend.  Aus  Gründen,  die  ebenfalls  gleich  zu  besprechen ­
  sein  werden,  unterliegt  auch  dieses  Angebot,  je  nach  der
Lage  der  Konjunktur,  erheblichen  Schwankungen.  Man  unterscheidet
dabei,  um  noch  das  eine  vorauszuschicken,  ehe  wir  die  Tatsachen
betrachten,  sogenannte  Primadiskonten,  d.  h.  solche  Wechsel,  welche
sich  durch  die  Art  ihrer  Unterschrift,  also  durch  eine  besonders
gute  Qualität  und  Sicherheit  auszeichnen.  Für  diese  erstklassige
Gattung  von  Wechseln  wird  bei  ihrer  Diskontierung,  entsprechend
der  größeren  Sicherheit,  welche  sie  durch  die  Person  ihrer  Aussteller ­
  bieten,  ein  etwas  geringerer  Diskontsatz  berechnet,  welchen
man  als  Privatdiskont,  auch  als  Marktrate,  bezeichnet.  Diesem  Privatdiskont ­
  steht  dann  der  offizielle  Diskontsatz  der  Notenbank,  welcher
für  die  übrigen  Wechsel  gilt,  gegenüber.  Zwischen  beiden  Diskontsätzen ­
  besteht  immer  eine  kleine  Spannung,  welche  sich  nur  vorübergehend ­
  erheblich  zu  vergrößern  pflegt.  Da  aber  trotzdem  beide
Arten  des  Diskonts  sich  innerhalb  dieser  Spannung,  je  nach  den
Marktverhältnissen  ziemlich  gleichmäßig  nach  unten  oder  oben  bewegen, ­
  so  genügt  es,  wenn  man  die  Entwicklung  eines  dieser  Sätze
verfolgt,  um  damit  auch  ein  durchaus  zureichendes  Bild  von  der
Bewegung  des  anderen  zu  erhalten.  In  der  folgenden  Tabelle  her
trachten  wir  zunächst  einmal  die  Entwicklung  des  Diskontsatzes  bei
der  deutschen  Reichsbank.
Mit  der  ansteigenden  Konjunktur  am  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  zieht  der  Diskontsatz  erheblich  an,  mit  dem  Umschwung
in  der  wirtschaftlichen  Lage  um  die  Jahrhundertwende  geht  er  dann
zurück,  um  dann  in  den  nächsten  Jahren  während  der  wirtschaftlichen
        <pb n="134" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

131

Depression  auf  einem  ziemlich  tiefen  Stande  zu  verharren.  Mit  dem
Wiederaufschwung  vom  Jahre  1906  an  sehen  wir  dann  wieder  eine
Steigerung  des  Satzes,  welche  dann  vom  Jahre  1908  ab  mit  dem
Rückgang  der  Konjunktur  einer  neuen  Verminderung  Platz  macht.
Mit  der  Erholung  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse  im  Jahre  1910
beginnt  wieder  eine  Steigerung,  welche  dann  bis  zum  Jahre  1913
anhielt.

Jahr

1896
1897
1898
1899
1900
1901
1902
1903
1904

Es  betrug  der  Diskontsatz  der  Deutschen  Reichsbank:

Durchschnitt ­


3,66
3,81
4,27
5,04
5,33
4,10
3,32
3,84
4,22

höchster

5,0
5,0
6,0
7,0
7,0
5,0
4,0
4,0
5,0

niedrigster

3,0
3,0
3,0
4,0
5,0
3,5
3,0
3,5
4,0

Jahr

1905
1906
1907
1908
1909
1910
1911
1912
1913

Durchschnitt ­


3,82
5,15
6.02
4,76
3,93
4,35
4,40
4.95
5,88

höchster

6,0
7,0
7,5
7,5
5,0
5,0
5,0
6,0
6,0

niedrigster

3,0
4.5
5.5
4,0
3.5
4,0
4,0
4.5
5,0

Es  liegt  jedoch  auf  der  Hand,  das  sei  nur  nebenbei  erwähnt,
daß  es  nicht  allein  die  Konjunkturverhältnisse  sind,  welche  die  Höhe
des  Diskontsatzes  beeinflussen.  Daneben  spielen  auch  noch  außerwirtschaftliche ­
  Momente,  wie  z.  B.  politische  (Balkankrieg),  eine
wesentliche  Rolle.  Es  mag  auch  sein,  auch  dieser  Zusammenhang,
der  für  die  Entwicklung  der  Verhältnisse  in  Deutschland  sehr  wichtig
war,  wird  später  noch  eingehender  besprochen  werden,  daß  Veränderungen ­
  in  dem  Maß  der  Kapitalneubildung  solche  Wandlungen
zwischen  Angebot  und  Nachfrage  auf  dem  Geldmarkt  zur  Folge  haben,
daß  auch  in  den  Zeiten  rückläufiger  Konjunktur  die  Verhältnisse
Mer  so  angespannte  bleiben,  daß  ein  Herabgehen  des  Diskontes  nicht
stattfinden  kann.  Es  sei  nur  auf  den  hohen  Diskontsatz  im  Jahre
1913  verwiesen.  Es  sind  dies  Tatsachen  und  Zusammenhänge,  die
dann  von  weitgehendem  Einfluß  auf  ein  erneutes  Aufsteigen  der
Konjunktur  sein  können.
Diese  Veränderungen  in  Angebot  und  Nachfrage  zeigen  sich
zunächst  einmal  auf  dem  Geldmärkte,  wie  uns  diese  Betrachtung  der
Diskontsätze  gezeigt  hat.  Im  allgemeinen,  im  einzelnen  können  davon
Ausnahmen  Vorkommen,  bewegen  sich  in  dieser  Hinsicht  die  Verhältnisse ­
  auf  dem  Kapital-  und  Geldmarkt  in  gleicher  Richtung,  so
daß  diese  Betrachtung  der  Entwicklung  der  Diskontsätze  auch  ein
Bild  von  der  Entwicklung  der  Verhältnisse  auf  dem  Kapitalmärkte
.gibt,  Aus  diesen  Beziehungen  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  auf
        <pb n="135" />
        132  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

beiden  Märkten  können  sich  dann  ganz  verschiedene  Lagen  ergeben
und  man  spricht  häufig  von  einem  gespannten  und  einem  flüssigen
Zustande  auf  dem  Geldmarkt.  Das  erstere  ist  dann  der  Fall,  wenn
die  Nachfrage  das  Angebot  stark  übersteigt,  wenn  der  Zinsfuß  also
hoch  und  das  Geld  teuer  ist,  das  letztere  in  dem  umgekehrten  Falle.
Je  nachdem  das  eine  oder  das  andere  der  Fall  ist,  ergeben  sich
damit  ganz  verschiedene  Verhältnisse  für  die  Lage  der  Noten-  und
Kreditbanken,  deren  Betrachtung  wir  uns  nun  zuwenden  wollen.
Wir  betrachten  zuerst  die  Lage  und  die  Entwicklung  bei  den  Notenbanken. ­
  Dabei  erscheint  es  zweckmäßig,  wenige  allgemeine  Bemerkungen ­
  über  den  Aufgabenkreis  und  die  Rolle  der  Notenbanken
im  Wirtschaftsleben  vorauszuschicken.  Es  bedarf  keiner  besonderen
Begründung,  wenn  dabei  in  erster  Linie  auf  die  Verhältnisse  der
deutschen  Reichsbank  Bezug  genommen  wird.
Für  die  Verhältnisse  vor  dem  Kriege  war  für  die  deutsche
Reichsbank  in  erster  Linie  der  §  12  des  Reichsbankgesetzes  vom
Jahre  1875  maßgebend,  der  ihr  die  Aufgabe  zuwies,  den  Geldumlauf
im  gesamten  Reichsgebiet  zu  regeln,  die  Zahlungsausgleichungen  zu
erleichtern  und  für  die  Nutzbarmachung  verfügbaren  Kapitals  zu
sorgen.  Für  den  Zweck  unserer  Betrachtung  ist  die  erste  Aufgabe
die  wichtigste.  Es  ist  die  Aufgabe  der  Reichsbank,  den  Geldumlauf
im  gesamten  Reichsgebiete  zu  regeln.  Dazu  gehört  mit  in  erster
Linie,  daß  sie  in  Zeiten  mangelnder  Mittel  auf  dem  Geldmarkt  helfend
eintritt.  Wenn  mit  aufsteigender  Konjunktur  von  einem  gewissen
Punkte  ab  das  Geldbedürfnis  von  Handel  und  Industrie,  das  sich  ja
in  erster  Linie  in  einer  Zunahme  des  Wechselumlaufes  zeigt,  aus
den  Mitteln  der  Kreditbanken  und  der  Privaten  nicht  mehr  befriedigt
werden  kann,  dann  muß  die  Reichsbank  in  vermehrtem  Maße  als
Geldgeberin  auf  den  Markt  kommen,  d.  h.,  die  zu  diskontierenden
Wechsel  werden  bei  ihr  in  steigendem  Maße  eingereicht.  Diese
Wechsel  in  diesem  vermehrten  Umfange  können  ihr  entweder  unmittelbar ­
  zufließen,  es  kann  aber  auch,  was  in  solchen  Zeiten  angespannter
Verhältnisse  auf  dem  Geldmärkte  häufig  der  Fall  ist,  dies  in  der
Weise  geschehen,  daß  Kreditbanken  oder  daß  Private  die  in  ihrem
Besitz  befindlichen  AVechsel  bei  der  Reichsbank  rediskontieren,  um
sich  so  in  den  Besitz  flüssiger  Mittel  zu  setzen.  Damit  entsteht  im
Verlaufe  einer  Haussebewegung  eine  zunehmende  Inanspruchnahme
der  Reichshank.
Eine  solche  Vermehrung  der  Inanspruchnahme  der  Notenbank
braucht  nicht  nur  allein  ihre  Ursache  in  einer  Zunahme  der  eingereichten ­
  Wechselbeträge  zu  haben,  auch  die  vermehrte  Zunahme
des  Lombardkredits,  der  Beleihung  auf  Grund  von  hinterlegten  Waren
        <pb n="136" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

133

oder  Wertpapieren,  der  in  solchen  Zeiten  für  manche  ein  Weg  ist,  um
sich  flüssige  Mittel  zu  schaffen,  kann  nach  der  gleichen  Richtung  hin
wirksam  sein.
Die  Reichsbank  beschafft  sich  die  notwendigen  Mittel,  um  diesen
steigenden  Bedarf  des  Geldmarktes  zu  befriedigen,  durch  die  Ausgabe
von  Banknoten.  Mit  aufsteigender  Konjunktur  löst  sich  also  die
Tendenz  aus  den  Notenumlauf  und  damit  die  Inanspruchnahme  der
Reichsbank  durch  Wechseldiskontierungen  und  Gewährung  von  Lombarddarlehen ­
  zu  vergrößern.
Jedoch  waren  bisher  bei  dieser  Notenausgabe  der  Reichsbank
bestimmte  Grenzen  gezogen.  Zwar  bestimmte  der  §  16  des  Bankgesetzes,
  daß  die  Reiehsbank  das  Recht  hat,  nach  Bedürfnis  ihres
Verkehrs  Noten  auszugeben.  Aber  der  §  17  setzte  dabei  wieder  eine
bestimmte  Grenze  fest,  indem  er  vorschrieb:  „Die  Reichsbank  ist
verpflichtet,  für  den  Betrag  ihrer  im  Umlauf  befindlichen  Noten
jederzeit  mindestens  ein  Dritteil  in  kursfähigem  deutschen  Gelde,
Reichskassenscheinen  oder  in  Gold,  in  Barren  oder  ausländischen
Münzen,  das  Pfund  fein  zu  1392  Mark  gerechnet,  und  den  Rest  in
diskontierten  Wechseln,  welche  eine  Verfallszeit  von  höchstens
drei  Monaten  haben,  und  aus  welchen  in  der  Regel  drei,  mindestens
aber  zwei,  als  zahlungsfähig  bekannte,  verpflichtet  haften,  in  ihren
Kassen  als  Deckung  bereit  zu  halten.“  Man  spricht  hier  kurz  von
einer  sogenannten  Dritteldeckung  in  Gold,  deren  Wesen  darin  lag,
daß  die  Reichsbank  nach  diesem  Gesetz  verpflichtet  war,  ihre  Noten
bei  der  Hauptkasse  in  Berlin  sofort  auf  Präsentation  und  bei  ihren
Zweiganstalten,  soweit  deren  Barbestände  und  Geldbedürfnisse  es
gestatten,  dem  Inhaber  gegen  kursfähiges  deutsches  Geld  (d.  h.  gegen
Goldmünzen)  einzulösen.
Über  ein  gewisses  Maß  hinaus  kann  also  die  Reichsbank  keine
Noten  ausgeben,  womit  ihr  auch  bestimmte  Grenzen  für  die  Beleihungen ­
  im  Wege  des  Wechsel-  oder  Lombardgeschäftes  gezogen
sind.  Werden  deshalb  die  Ansprüche,  welche  in  dieser  Form  an  sie
herantreten,  zu  groß,  d.  h.,  gerät  die  Reichsbank  in  Gefahr,  durch
eine  Vermehrung  der  Notenausgabe  das  ihr  vorgeschriebene  Deckungsverhältnis ­
  zu  unterschreiten,  so  muß  sie  zunächst  aus  einem  wohlverstandenen ­
  eigenen  Interesse  heraus  dieses  starke  Geldbedürfnis
einzudämmen  versuchen.  Den  Weg  dazu  bietet  ihr  die  Erhöhung
des  Diskontsatzes  bis  zu  einem  Punkte,  welcher  genügt,  ein  gewisses
Gleichgewicht  zwischen  der  Nachfrage  auf  dem  Geldmarkt  und  den
ihr  zur  Verfügung  stehenden  Zahlungsmitteln  herzustellen.  Der
umgekehrte  Zustand,  die  entgegengesetzte  Entwicklung,  ist  dann  vorhanden, ­
  wenn  die  Hausse  ihren  Höhepunkt  überschritten  hat,  wenn
        <pb n="137" />
        134  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen,

cs  mit  der  Konjunktur  nach  abwärts  geht  und  das  Wirtschaftsleben
in  den  Zustand  der  Depression  eintritt.  Hier  wird  dann  der  Wechselumlauf
  ein  geringerer,  die  Nachfrage  auf  dem  Geldmarkt  geht  zurück,
es  tritt,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  eine  Erleichterung  im,  Status  der
Reichsbank  ein.  Wir  wollen  uns  zunächst  diese  Zusammenhänge  an
der  Entwicklung  des  Status  der  Reichsbank  in  der  Zeit  von  1896—1913
betrachten.
Es  betrug  bei  der  deutschen  Reichsbank:

Jahr

.
'S
w.
rj  5
§  g
Mill.  M.

|  g  Bestand  an
;  •“  Lombard-|
  3  dariehen

!  ^
g  Durchschnitt-!
  licher  Notenj
  S,  umlauf

o
£
'Ss

Mill.  M.

5
6  Darunter
g  Gold

Bardeckung  [
im  Sinne  des
§9  des  BG. 3 )

ei
g  §
w  O
0/
/  0

Offizieller
=  Diskontosatz

1896

646

106

1083

892

602

59,0

38,4

3,1

1897

645

108

1086

871

592

58,1

38,0

3,7

1898

714

96

1125

851

583

55,4

36,5

3,8

1899

817

81

1142

825

573

51,6

34,4

4,3

1900

800

80

1139

817

571

51,7

34,6

5,0

1901

845

72

1190

911

664

53,0

37,2

5,3

1902

776

74

1229

982

725

56,4

40,2

4.1

1903

846

75

1249

905

651

52,3

36.1

3,3

1904

823

74

1289

927

682

53,3

37,4

3,8

1905

909

72

1336

973

745

53,1

38.8

4,2

1906

989

84

13  7

891

675

48,3

34,4

3,8

1907

1105

98

1478

843

634

46,0

30,8

5,1

1908

968

91

1524

1019

785

51,0

36,1

6,0

1909

919

88

1577

1046

795

49,4

34,6

4,8

1910

994

98

1606

1055

778

50,7

34,5

4,3

1911

1078

79

1664

1129

828

52,2

35,7

4,4

1912

1238

82

1782

1204

880

50,8

35,2

4,9

1913

1136

85

1958

1351

1068

53,7

40,7

5,9

Bei  der  Betrachtung  dieser  Zusammenhänge  muß  vor  allem  ein
Doppeltes  beachtet  werden.  Einmal,  wie  bereits  betont,  daß  es  auch
außerhalb  der  Konjunkturentwicklung  stehende  Faktoren  sein  können,
wie  z.  B.  politische  Momente,  aber  auch  die  wirtschaftliche  Lage  in
anderen  Staaten,  welche  den  Stand  und  die  Politik  einer  Notenbank
beeinflussen  können.  Ferner  muß  man  im  Auge  halten,  wovon  schon
oben  ein  für  alle  Mal  gesprochen  worden  ist,  daß  sich  in  einem  solch
langen  Zeitraum  in  einer  Volkswirtschaft  Änderungen  der  verschieD ­

  Das  ist  gemäß  BG.  §§  9  u.  17  kursfähiges  deutsches  Geld  und  Gold
in  Barren  oder  ausländischen  Münzen,,  das  Pfund  fein  zu  1392  M.  gerechnet.
2 )  Unter  Deckung  ist  das  Verhältnis  von  Metall  bzw.  Gold  zu  den  täglich
fälligen  Verbindlichkeiten  (Noten  und  fremde  Gelder)  verstanden.
3 )  Dieser  §9  des  Bankgesetzes  versteht  unter  Barvorrat  den  in  den
Kassen  der  Bank  befindlichen  Betrag  an  kursfähigem  deutschen  Gelde,  an
Noten  anderer  deutscher  Banken,  an  Reichskassenscheinen  und  an  Gold  in
Barren  oder  ausländischen  Münzen,  das  Pfund  fein  zu  1392  M.  gerechnet.
        <pb n="138" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

135

densten  Art  vollziehen,  welche  auch  in  der  Entwicklung  der  Lage
und  der  Politik  der  Zentralnotenbank  zum  Ausdruck  kommen,  und
zwar  Änderungen,  welche  mit  dem  Wandel  der  Konjunktur  in  keinem
Zusammenhänge  zu  stehen  brauchen.  Hierher  gehören,  um  auf  solche
Wandlungen  innerhalb  des  deutschen  Wirtschaftslebens  in  dieser  Zeit
nur  ganz  kurz  einzugehen,  vor  allem  die  mit  der  Zunahme  der  Volks 1 -
zahl  und  der  Zunahme  des  Wohlstandes  zusammenhängende  Ausweitung ­
  der  Volkswirtschaft.  In  dem  betrachteten  Zeitraum  von
1896—1913  ist  die  Volkszahl  Deutschlands  um  14,2  Millionen  Köpfe
gestiegen.  Hierher  gehört  ferner,  daß  in  der  gleichen  Zeit  die  berufliche ­
  Struktur  der  Bevölkerung  und  die  ganzen  Grundlagen  des  deutschen ­
  Wirtschaftslebens  wesentlich  andere  geworden  sind.  Deutschland ­
  ist  in  zunehmendem  Maße  Industriestaat  geworden  und  seine
Verflechtung  in  die  Weltwirtschaft  hat  dauernd  zugenommen.  Das
alles  sind  natürliche  Faktoren,  die  auf  die  Entwicklung  des  Wechselumlaufes, ­
  auf  die  Größe  der  Bedürfnisse  am  Geldmarkt,  und  damit
auf  die  Größe  des  Notenumlaufes,  einen  starken  Einfluß  ausüben
müssen.  Dabei  sei,  da  davon  später  noch  zu  reden  sein  wird,  an
dieser  Stelle  ganz  davon  abgesehen,  daß  in  diesem  Zeiträume  sich
auch  weitreichende  Veränderungen  auf  dem  deutschen  Kapitalmärkte
vollzogen  haben,  welche  ebenfalls  mit  dem  Wandel  der  Konjunktur
in  keinem  ursächlichen  Zusammenhänge  stehen.
Sieht  man  aber  von  all  diesen,  vom  Standpunkt  der  Konjunktur
aus  nur  von  außen  her  wirkenden  Ursachen  ab,  so  kann  man  doch
auch  dabei  den  Einfluß  des  Konjunkturwandels  deutlich  wahn
nehmen.  Man  sieht,  wie  in  der  Zeit  einer  aufsteigenden  Konjunktur
Wechselanlage  und  Bestand  an  Lombarddarlehen  wesentlich  zunehmen ­
  und  höher  sind,  als  unter  anderen  wirtschaftlichen  Verhältnissen. ­
  Und  wir  sehen  dann  weiter,  wie  in  engem  Zusammenhänge
damit,  sich  der  Notenumlauf  der  Reichsbank  vergrößert  und  wie
gleichzeitig  der  Status  der  Reichsbank  ein  angespannterer  wird,  was
für  ihre  weitere  Politik,  wie  wir  noch  sehen  werden,  bestimmend
ist.  Das  Deckungsverhältnis  ihres  Metall-  und  Goldbestandes  zu  den
täglich  fülligen  Verbindlichkeiten,  zu  den  Noten  und  fremden  Geldern,
verschlechtert  sich.  Die  Reichsbank  ist  gezwungen,  von  einem
gewissen  Punkte  dieser  Entwicklung  ab  durch  eine  Erhöhung  ihres
Diskontsatzes  der  Fülle  des  Wechselangebotes  Einhalt  zu  tun.  Dieser
Zusammenhang  tritt  besonders  deutlich  in  der  Zeit  von  1900—1901,
1907—1908  und  1912—1913  hervor.  In  diesen  Jahren  beobachten
wir  im  Zusammenhang  mit  der  Heraufsetzung  des  Diskonts  und  der
einsetzenden  Depression  eine  wesentliche  Besserung  in  den  Deckungsverhältnissen ­
  der  Reichsbank.
        <pb n="139" />
        136  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

Diese  Zusammenhänge  werden  noch  deutlicher,  wenn  man  nicht,
wie  es  in  der  obigen  Tabelle  geschehen  ist,  lediglich  nur  Jahresdurchschnitte ­
  beobachtet,  sondern  kürzere  Zeitabschnitte,  wie  Wochen
und  Monate,  der  Betrachtung  zugrunde  legt,  und  zwar  für  solche  Zeiträume, ­
  in  denen  sich  wesentliche  Diskontänderungen  bei  der  Reichslbank
  vollzogen  haben.  Das  eben  Gesagte  gilt  nicht  nur  für  diese
Änderungen  auf  dem  Geldmarkt,  sondern  hat  auch  mehr  oder  weniger
Geltung  für  die  anderen,  oben  betrachteten  Tatsachen  des  wirtschaftlichen ­
  und  sozialen  Lebens,  bei  welchen  im  Wandel  der  Konjunktur
sich  Änderungen  vollziehen.
Für  die  Zwecke  der  vorliegenden  Betrachtung,  deren  Hauptaufgabe ­
  es  ja  allein  ist,  darzulegen,  welche  Änderungen  sich  mit  dem
Wandel  der  Konjunktur  in  dem  Wirtschaftsleben  eines  Landes  vollziehen, ­
  genügen  jedoch  solche  Jahresdurchschnitte.  Etwas  anderes
ist  es,  wenn  man  nicht  die  Merkmale  der  Konjunktur,  sondern  die
Symptome  eines  sich  anbahnenden  Konjunkturwandels  kennen  lernen
will,  wemi  es  sich  nicht  um  eine  Beschreibung  der  äußeren  Merkmale
der  einzelnen  Konjunkturen,  sondern  um  die  Aufgabe  einer  Konjunkturprognose ­
  handelt.  Wenn  wir  uns  in  einem  späteren  Abschnitt
dieser  Aufgabe  zuwenden,  dann  werden  wir  auch  diese  Zusammenhänge ­
  und  Wandlungen  im  Ablaufe  kürzerer  Perioden  betrachten
müssen.
In  diesen  bis  jetzt  dargestellten  Veränderungen  in  der  Lage  und
in  der  Politik  der  Reichsbank  haben  wir  es  also  mit  wichtigen  Wirkungen ­
  zu  tun,  welche  sich  im  Wandel  der  Konjunktur  auf  dem
Geldmärkte  vollziehen.  Die  Wirkungen  dieser  Wandlungen  zeigen
sich  jedoch  nicht  nur  in  der  Lage  und  in  der  Politik  der  Notenbank,
man  kann  sie  auch  nicht  weniger  deutlich  in  der  Lage  und  den  Maßnahmen ­
  der  Kreditbanken  wahrnehmen.  Denn  auch  bei  diesen
müssen  sich  diese  Veränderungen  auf  dem  Geldmarkt  im  Ablaufe
der  Konjunktur  in  ganz  bestimmten  Formen  zeigen.
Auch  bei  den  Kreditbanken  soll  zuerst  einiges  Allgemeine
vorausgeschickt  werden,  ehe  wir  die  Tatsachen  kennen  leimen.  Die
Kreditbanken  betreiben  verschiedene  Arten  von  Geschäften:  das
Depositengeschäft,  das  Diskont-  und  Lombardgeschäft,  das  Kontokorrentgeschäft, ­
  das  Kommissions-,  Gründungs-  und  'ErnissionsgeschiLft
und  den  Akzeptkredit.  Diese  verschiedenen  Seiten  spielen  in  dem  Betrieb ­
  der  verschiedenen  Kreditbanken  eine  verschiedene  Rolle,  sie
sind  für  ihre  Lage  in  verschiedenem  Ausmaß  von  Bedeutung,  sie
werden  auch  von  den  Wandlungen  der  Konjunktur  in  verschiedenem
Maße  berührt.  Freilich  ist  es  bei  den  Kreditbanken  nicht  so  einfach,
wie  bei  den  Notenbanken,  den  Einfluß  der  Konjunktur  und  des  Kon-
        <pb n="140" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

137

junktunvandels  darzustellen.  Das  hängt  vor  allem  damit  zusammen,
daß  innerhalb  der  Kreditbanken  selbst  hinsichtlich  ihrer  Geschäfte
und  geschäftlichen  Politik,  auch  hinsichtlich  ihres  Aufgabenkreises
dem  Wirtschaftsleben  gegenüber  keine  solche  Gleichmäßigkeit
herrscht,  wie  es  bei  den  Notenbanken  und  wie  es  vor  allem  bei  einer
bestimmten  Notenbank  der  Fall  ist.  Es  kommt  ferner  noch  hinzu,
daß  der  Geschäftskreis  der  Kreditbanken  ein  viel  mannigfaltigerer
ist,  als  derjenige  einer  Notenbank.  Da  nun,  wie  schon  öfters  bemerkt,
auch  gleichartige  Konjunkturen,  Hausse  und  Depression,  in  ganz  verschiedenen ­
  Formen  auftreten  können,  da  das  gleiche  auch  von  dem
Wandel  der  Konjunktur  gilt  —  es  sei  nur  an  das  oben  über  die  Systematik ­
  der  Krisen  Gesagte  erinnert  —  so  müssen  die  Beziehungen
zwischen  Konjunkturwandel  und  der  Lage  und  den  Aufgaben  der
Kreditbanken  viel  mannigfaltigere  sein,  als  es  zwischen  jenem  und
der  Lage  einer  bestimmten  Notenbank  der  Fall  ist.
Trotzdem  soll  der  Versuch  gemacht  werden,  auch  hier  in  aller
Kürze  wenigstens  das  wesentliche  aus  diesen  Zusammenhängen
zwischen  Konjunkturwandel  und  Lage  der  Kreditbanken  zur  Darstellung ­
  zu  bringen.
Neben  der  vorhin  gegebenen  sachlichen  Aufzählung  der  bei  den
Kreditbanken  vorkommenden  Geschäfte  kann  man  auch,  was  für  die
Zwecke  der  vorliegenden  Betrachtung  wichtig  ist,  diese  Geschäfte  in
Aktiv-  und  Passivgeschäfte  einteilen.  Von  den  ersteren  spricht  man
dort,  wo  die  Bank  als  Gläubigerin,  von  den  letzteren  dort,  wo  sie  als
Schuldnerin  auftritt.
Die  Hauptaufgabe  der  Kreditbanken  vom  Standpunkte  dev  Volkswirtschaft ­
  aus  betrachtet,  liegt,  wie  es  ja  schon  der  Name  ausdrückt,
in  der  Kreditvennittlung.  Auf  der  einen  Seite  nimmt  sie  im  Passivgeschäft ­
  von  ihren  Kunden  Gelder  gegen  Zinsvergütung  in  Verwahrung, ­
  und  auf  der  anderen  Seite,  im  Aktivgeschäft,  leiht  sie  dann
diese  Beträge  in  den  allerverschiedensten  Formen  gegen  Zinsvergütung
wieder  aus.
Es  sind  vor  allem  zwei  Quellen,  aus  welchen  den  Kreditbanken
diese  fremden  Gelder,  welche  sich  im  sogenannten  Kreditorenkonto ­
  vorfinden,  zufließen.  Einmal  sind  es  solche  Einlagen,  welche
den  Charakter  von  Spargeldern  haben  und  dann  sind  es  solche,  welche
sich  in  erster  Linie  aus  vorübergehenden  Guthaben  der  Geschäftswelt ­
  zusammensetzen.  Diese  letzteren  aus  der  Geschäftswelt  herrührenden
  Einlagen  sind  es  dann,  die,  wie  wir  noch  sehen  werden,
im  Laufe  der  Konjunktur  vor  allem  erheblichen  Schwankungen  ausgesetzt ­
  sind.  Denn  in  den  Zeiten  einer  aufsteigenden  Konjunktur
bedürfen  Handel  und  Industrie  aller  verfügbaren  Mittel,  so  daß  in
        <pb n="141" />
        138  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

diesen  Zeiten  dieser  Teil  des  Kreditorenkontos  bei  den  Banken  einen
starken  Rückgang  erfährt.  Die  umgekehrte  Entwicklung  vollzieht  sich
dann,  wenn  es  mit  der  Konjunktur  bergab  geht  und  das  wirtschaftliche
Leben  sich  im  Zustande  der  Depression  befindet.  Nur  in  seltenen
Fällen,  bei  starken  krisenhaften  Erschütterungen  des  Wirtschaftslebens, ­
  beim  Ausbruch  einer  Panik,  pflegen  auch  die  Spargelder
in  Form  eines  Runs  auf  die  Banken  eine  erhebliche  Einbuße  zu  erfahren. ­

Eine  weit  größere  Mannigfaltigkeit  herrscht  auf  der  anderen  Seite,
auf  dem  Debitorenkonto,  welches  die  Schuldner  der  Bank  enthält ­
  und  die  Beträge  verzeichnet,  welche  die  Bank  in  irgendeiner
Form  ausgeliehen  hat.  Wenn  wir  uns  daraufhin  die  Aktivseite  einer
Bankbilanz  ansehen,  so  sehen  wir  hier  vor  allem  die  folgenden
Posten  verzeichnet:
1.  Wechsel  und  unverzinsliche  Schatzanweisungen.
2.  Vorschüsse  auf  Waren  und  Warenverschiffungen.
3.  Eigene  Wertpapiere.
4.  Beteiligungen  verschiedener  Art.
5.  Debitoren  in  laufender  Rechnung,  wobei  gedeckte  und  ungedeckte ­
  unterschieden  werden.
Das  sind  die  Hauptformen  der  Kreditgewährung,  welche  sich
unter  den  Aktiven  einer  Bankbilanz  verzeichnet  finden.  Dazu  tritt
noch  eine  andere  Form,  die  jedoch,  da  sie  eine  Verpflichtung  der  Bank
enthält,  sich  auf  der  Passivseite  der  Bilanz  vorfindet,  der  sogenannte
Akzeptkredit.  Wir  wollen  diese  verschiedenen  Formen  kurz  betrachten ­
  und  sehen,  welche  Rolle  sie  im  Wirtschaftsleben  eines
Landes  spielen  und  welchen  Wandlungen  sie  im  Ablaufe  der  Konjunktur ­
  unterliegen.
Von  dem  Wechselgeschäft  war  oben  schon  mehrmals,  vor
allem  bei  der  Darstellung  der  Tätigkeit  der  Reichsbank,  die  Rede
gewesen.  Auch  die  Kreditbanken  übernehmen  Wechsel  zur  Diskontierung, ­
  und  nach  dem  oben  Gesagten  ist  es  klar,  warum  bei  einer
aufsteigenden  Konjunktur  ihr  Wechselumlauf  die  Tendenz  hat,  zuzunehmen. ­
  Wechsel  bedeuten  für  die  Bank  eine  sehr  gute  Kapitalanlage, ­
  da  sie  in  sehr  kurzer  Zeit  ohne  Kursverlust  von  den  Ausstellern ­
  eingelöst  werden  und  da  die  Bank  durch  Rediskontierung
dieser  Wechsel  bei  der  Reichsbank  in  der  Lage  ist,  sich  jederzeit
in  den  Besitz  von  flüssigen  Mitteln  zu  setzen.  Hierdurch  wird  eine
Tendenz  ausgelöst,  daß  in  kritischen  Zeiten,  zu  denen  ja  in  erster
Linie  krisenhafte  Störungen  zu  rechnen  sind,  umfangreiche  Rediskontierungen ­
  stattfinden,  wodurch  der  Wechselumlauf  der  Kredit-
        <pb n="142" />
        B  i  k  541

1  4.  9  h  9

4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

139

banken  stark  abnehmen  und  derjenige  der  Reiclisbank  plötzlich  stark
zunehmen  kann.
Dieses  Rediskontieren  von  Wechseln  vollzieht  sich  also  vornehmlich ­
  dann,  wenn  die  Kreditbanken  sich  in  den  Besitz  größerer
flüssiger  Mittel  setzen  wollen.  Das  ist  z.  B.  in  der  Regel  an  den
Quartalsenden  der  Fall,  bei  denen  starke  Ansprüche  an  die  Kassen
der  Banken  vonseiten  ihrer  Kundschaft  gestellt  werden.  An  diesem
Zeitpunkt  pflegt  ihr  Wechselbestand  ab-,  derjenige  der  Reichsbank
zuzunehmen.  Das  tritt  in  besonders  starkem  Maße  dann  ein,  wenn
äußere  Faktoren,  wie  z.  B,  politische  Verwicklungen,  die  Anforderungen, ­
  welche  an  die  Banken  gestellt  werden,  stark  erhöhen.  So
ging  z.  B.  vom  31.  Oktober  1912  bis  zum  31.  Dezember  1912
der  Bestand  der  acht  Berliner  Großbanken  an  Wechseln  und  unverzinslichen ­
  Schatzanweisungen  von  1725  auf  1531  Millionen  Mark
zurück,  während  der  Wechselbestand  der  Reichsbank  von  1476  auf
2031  Millionen  Mark  stieg.  Bei  diesen  unverzinslichen  Schatzanr
Weisungen  handelt  es  sich  um,  von  der  Finanzverwaltung  ausgegebene,
  auf  den  Inhaber  lautende  Papiere,  welche  auf  große  und
runde  Beträge  lauten  und  genau  wie  Wechsel,  sofort  beim  Verkauf
diskontiert  werden.  Diese  Schatzanweisungen  werden  von  den  Kreditbanken ­
  übernommen  und  dienen  zur  Anlage  ihrer  flüssigen  Mittel.
Da  jedoch  dieDöhe  dieser  flüssigen  Mittel  sich  mit  den  Wandlungen  auf
dem  Geldmärkte  im  Ablaufe  der  Konjunktur  ändert,  so  ergibt  sich
daraus,  daß  auch  die  Anlage  der  Kreditbanken  in  Schatzanweisungen
von  dem  Wandel  der  Konjunktur  in  starkem  Umfange  berührt  werden
muß.
Bei  den  an  zweiter  Stelle  genannten  Vorschüssen  auf  Waren
und  Warenverschiffungen,  die  in  der  allerverschiedensten
Form  vor  sich  gehen,  handelt  es  sich  vor  allem  um  die  Finanzierung
des  überseeischen  Aus-  und  Einfuhrgeschäftes.  Der  Exporteur  verkauft ­
  seine  Ware  meistens  gegen  längere  Zahlungsfrist  an  den  Abnehmer, ­
  während  er  in  der  Regel  zur  Weiterführung  seines  Geschäftes
in  kurzer  Frist  schon  über  den  Erlös  verfügen  will.  Es  geschieht  dies
z.  B.  in  der  Weise,  es  kommen  hier  sehr  verschiedene  Formen  vor,
daß  der  Exporteur  der  Bank  seine  sogenannten  Seedokumente,  die
Schiffspapiere,  Versicherungspolice,  auch  eine  Kopie  der  Faktura
als  Pfand  übergibt,  und  daß  ihm  dann  die  Bank  auf  dieser  Grundlage
in  einer  bestimmten  Höhe  des  Wertes  der  verschifften  Waren  einen
Kredit  eröffnet.
Eine  analoge  Form  der  Kreditgewährung  findet  sich  beim  Warenimport. ­
  Es  handelt  sich  hier  um  den  sogenannten  Rembours-  oder
Trassierungskredit.  Der  Vorgang  spielt  sich  in  der  Regel  in  der  Weise
        <pb n="143" />
        140  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

ab,  daß  der  inländische  Käufer  sich  von  seiner  Bank  einen  sogenannten
Akzeptkredit  (vgl.  weiter  unten)  einräumen  läßt.  Der  Verkäufer  der
Ware  erhält  dann  die  Weisung,  in  der  Höhe  seines  Fakturenbetrages
eine  Tratte  auf  die  Bank  des  Importeurs  zu  ziehen.  Dieser  Wechsel
geht  nach  der  Ladung  der  Ware  mit  den  entsprechenden  Schiffspapieren ­
  und  sonstigen  Unterlagen,  welche  über  den  Wert  der  verschifften ­
  Ware  Auskunft  geben,  an  die  Bank,  welche  dann  diesen
Wechsel  akzeptiert,  d.  h.  mit  ihrer  Unterschrift  versieht  und  an  den
Exporteur  zurücksendet.  Dieser  kann  sich  dann  durch  Diskontierung
dieses  Wechsels  in  den  Besitz  der  entsprechenden  Mittel  setzen,
die  ihm  als  Bezahlung  von  seiten  des  Importeurs  dienen.  Es  liegt
auf  der  Hand,  daß  diese  Art  der  Kreditgewährung  eine  wesentliche
Erleichterung  für  den  Export  und  den  Import  bedeutet.  Wir  haben
aber  oben  gesehen,  daß  im  Wandel  der  Konjunktur  der  Außenhandel,
Einfuhr  und  Ausfuhr,  erheblichen  Schwankungen  unterliegen.  Damit ­
  hängt  es  dann  zusammen,  daß  auch  diese  Art  der  Bankgeschäfte
gleichzeitig  von  dem  Ablaufe  der  Konjunktur  beeinflußt  werden  muß.
Eigene  Wertpapiere  und  Konsortialbeteiligungen
stehen  nicht  in  dem  gleichen  engen  Zusammenhänge  mit  dem  Wandel
der  Konjunktur  wie  die  bisher  genannten  Anlagen.  Nur  nach  einer
Richtung  hin  hat  vor  allem  der  Wertpapierbesitz  dieser  Banken  unter
diesem  Gesichtspunkt  für  sie  eine  erheblichere  Bedeutung.  Es  handelt
sich  nämlich  bei  diesem  Effektenbesitz  vielfach  um  recht  illiquide
Anlagen,  die  bei  sinkenden  Kursen,  also  hei  einer  niedergehenden  Konjunktur, ­
  häufig  nur  sehr  schwer  und  unter  Verlusten,  zu  veräußern  sind.
Unter  solchen  Umständen  kann  sich  für  eine  Bank  leicht  die  Notwendigkeit ­
  ergeben,  auf  ihren  Besitz  an  Wertpapieren,  und  das  gleiche
gilt  von  ihren  Beteiligungen,  erhebliche  Abschreibungen  vornehmen
zu  müssen.  Dadurch  kann  das  Gewinnerträgnis  eine  erhebliche
Schmälerung  erfahren.
Unter  den  Debitoren  in  laufender  Rechnung  verbergen
sich  die  verschiedensten  Arten  der  Kreditgewährung,  auch  solche,
welche  vom  Standpunkte  der  Bank  aus  ein  recht  verschiedenes  Maß
von  Sicherheit  gewähren.  Es  sei  nur  auf  den  Gegensatz  von  gedeckten ­
  und  ungedeckten  Krediten  verwiesen.  Es  handelt  sich  hierbei ­
  um  den  sogenannten  Kontokorrentkredit,  welcher,  wie  die  folgende ­
  Tabelle  zeigt,  unter  den  Formen  der  Kreditgewährung  den
größten  Umfang  einnimmt.  Auf  Grund  dieses  Kontos  nehmen  die
Kunden  bei  Bedarf  Kredite  in  Anspruch  und  zahlen,  sobald  ihnen
die  Mittel  dazu  wieder  zur  Verfügung  stehen,  die  Beträge  wieder
an  die  Bank  zurück.  So  gibt  es  für  einzelne  Industrien  bestimmte
Ein-  und  Verkaufsperioden,  innerhalb  deren  sich  mit  einer  gewissen
        <pb n="144" />
        4  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

141

Regelmäßigkeit  auf  ihren  Bankkonten  Abhebungen  und  Einzahlungen
ablösen.
Nach  dem  oben  bereits  darüber  Gesagten  ergibt  sich  nun,  daß
es  im  Wandel  der  Konjunktur  Perioden  gibt,  in  welchen  aus  den
Verhältnissen  von  Industrie  und  Handel  heraus  auf  dem  Geldmärkte
eine  große  Nachfrage  herrscht,  und  solche,  in  denen  das  Gegenteil
der  Fall  ist.  In  den  Zeiten  reger  Konjunktur  mit  großen  Warenumsätzen ­
  haben  Industrie  und  Handel  einen  sehr  viel  stärkeren  Geldbedarf, ­
  als  es  in  den  Zeiten  der  Depression  der  Fall  ist.  Dieser
Wechsel  kommt  dann  auch  deutlich,  vor  allem  auch  in  den  Debitorenkonten ­
  der  Kreditbanken  zum  Ausdruck.  Die  Inanspruchnahme  der
Banken  ist  in  den  Zeiten  der  Hochkonjunktur  eine  weit  größere  als
in  den  Zeiten  der  Depression.  In  den  Zeiten  der  Hochkonjunktur
werden  ihre  Mittel  weit  stärker  in  Anspruch  genommen,  sie  arbeiten
mit  weit  größerer  Intensität  und  die  Liquidität  der  Banken  hat  die
Tendenz,  sich  zu  verschlechtern.  Demgegenüber  hat  man  schon  mit
Recht  gesagt,  daß  in  den  Zeiten  der  Depression  ein  Teil  des  bei  den
Banken  liegenden  Bargeldes  brach  liegt  und  daß  damit  in  diesen
Zeiten  die  Tendenz  ausgelöst  wird,  Teile  dieser  verfügbaren  Mittel
im  Auslande  anzulegen.  Demgegenüber  kann  man  in  den  Zeiten  der
Hochkonjunktur,  in  den  Zeiten  der  Geldknappheit,  beobachten,  daß  im
Zusammenhänge  mit  der  verschiedenen  Verzinsung  in  den  einzelnen
Ländern  fremde  Kapitalien,  wenigstens  zur  vorübergehenden  Anlage, ­
  dorthin  strömen,  wo  diese  verfügbaren  Mittel  eine  höhere  Verzinsung ­
  gewährleisten,  als  es  im  eigenen  Lande  der  Fall  ist.  Es  sei
nur  auf  die  früheren  diesbezüglichen  Beziehungen  zwischen  Deutschland ­
  und  Frankreich  und  die  französischen  Pensionen  verwiesen.
Das  Debitorenkonto  der  Banken  ist  nun  eine  der  Hauptquellen
der  Zinseinnahmen  der  Bank.  Der  Ertrag  der  Banken  hängt  in  besonders ­
  hohem  Grade  auch  von  dem  Umfange  der  Debitoren  und
der  Höhe  des  Zinsfußes  ab.  Da  beides  in  den  Zeiten  einer  Hochkonjunktur ­
  höher  zu  sein  pflegt,  als  in  den  Zeiten  einer  Depression,  so
muß  sich  also  auch  eine  gewisse  Parallelität  zwischen  dem  Wandel
der  Konjunktur,  den  Zinseinnahmen  der  Banken  und  den  Gewinnen ­
  derselben  ergeben.  Dieser  Zusammenhang  wird  besonders
deutlich,  wenn  man  die  Entwicklung  dieser  Zinseinnahmen  mit  derjenigen ­
  des  Diskontsatzes  vergleicht.  Damit  soll  natürlich  nicht  gesagt ­
  sein,  daß  die  Zinseinnahmen  aus  diesem  Konto  die  alleinige
Quelle  sind,  aus  welcher  die  Banken  ihre  Erträgnisse  ziehen.  Da f
durch,  daß  hierfür  noch  andere  Quellen  in  Betracht  kommen,  sind
auch  gegenüber  dem  eben  Dargelegten  erhebliche  Gegentendenzen  möglich.
Der  letzte  Punkt,  der  in  diesem  Zusammenhänge  zu  besprechen
Mombert,  Studium  der  Konjunktur.  10
        <pb n="145" />
        142  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunklurwandels  und  der  Krisen.

ist,  betrifft  den  Akzeptkredit.  Es  handelt  sich  hier  nm  eine
Art  der  Kreditgewährung,  welche  in  den  letzten  Jahren  vor  dem
Kriege  bei  den  deutschen  Banken  eine  sehr  starke  Zunahme  erfahren
hat.  Man  hat  auch  schon  erhebliche  Bedenken  gegen  diese  Art  des
Kredits  geäußert.  Das  Wesen  dieses  Akzeptkredits  liegt  darin,  daß
die  Bank  einen  von  ihrem  Kunden  auf  sie  gezogenen  Wechsel  akzep r
tiert,  d.  h.  mit  ihrer  Unterschrift  versieht.  Damit  übernimmt  die
Bank  die  Verpflichtung,  diesen  Wechsel  bei  Fälligkeit  einzulösen  und
gibt  damit  ihrem  Kunden  die  Möglichkeit,  sich  durch  Weiterbegebung
eines  solchen  Wechsels  ohne  weiteres  bare  Mittel  zu  verschaffen.
In  diesem  Sinne  spielt  heute  das  Bankakzept  für  die  Kreditgewährung ­
  an  Handel  und  Industrie  eine  sehr  große  Rolle.  Aus  dem  Gesagten ­
  ergibt  sich,  daß  der  Akzeptumlauf  der  Banken  ebenfalls  dahin
tendiert,  sich  in  seiner  Höhe  mit  dem  Wandel  der  Konjunktur  zu
ändern.  Denn  seine  Höhe  hängt  von  dem  Kreditbedürfnis  von  Industrie ­
  und  Handel  und  von  dem  Willen  der  Banken  ab,  mehr  oder
weniger  freigiebig  Kredit  zu  gewähren,  und  beides  unterliegt  im
Laufe  der  Konjunktur  beträchtlichen  Wandlungen.
Nach  dem  Gesagten  bedarf  nun  die  folgende  Tabelle,  welche  die
Entwicklung  der  Kreditbanken  für  die  uns  hier  interessierenden  Geschäftszweige ­
  darstellt,  keiner  besonderen  Erklärung  mehr.

Es  betrug  bei  den  deutschen  Kreditbanken  in  Mill.  der  Betrag  an 1 )

1
&amp;gt;—5

Zahl  der
Banken

Kreditoren

Depositen

Akzepten  i
in  Schecks  j

Wechseln

Lombards  j

Effekten,
Hypotheken,
Konsortialbeteiligungen ­


Debitoren
und  Diverse

j  Einnahmen
j  aus  Zinsen

1896

98

1322

546

753

865

458

462

2128

73

1897

102

1465

604

825

958

564

506

2352

84

1898

108

1799

713

984

1055

669

640

2848

106

1899

116

2025

813

1153

1327

737

714

3296

132

1900

118

2131

997

1294

1583

598

741

3603

146

1901

125

1980

1035

1136

1463

594

747

3°  57

128

1902

122

2276

1104

1176

1483

691

873

3550

119

1903

124

2448

1261

1300

1518

708

897

3929

127

1904

129

2790

1566

1400

1774

774

956

4396

132

1905

137

3459

1840

1601

1996

971

995

5328

154

1906

143

4164

2141

1848

2447

1099

1088

6073

191

1907

158

4202

2424

2035

2622

1163

1126

6437

232

1908

169

4510

2746

1891

2742

1349

1198

6604

215

1909

168

5130

2983

1970

2804

1931

1201

6959

200

1910

165

5882

3241

2099

3061

2528

1621

6838

223

1911

158

5646

3767

2199

3062

2504

1715

7405

250

1912

156

4911

4449

2392

3049

2502

1706

7602

275

1913

160

5249

4393

2450

3436

1678

1775

8300

330

U  Nach  dem  deutschen  Ökonomist.  Jahrgang  32.  1914.  S.570.
        <pb n="146" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

143

Man  erkennt  deutlich  die  entscheidenden,  eben  besprochenen
Änderungen,  vor  allem  bei  dem  Konjunkturwandel  um  die  Jahrhundertwende ­
  und  in  den  Jahren  1907—1909.  In  diesen  Perioden
geht  die  Höhe  der  bis  dahin  gewährten  Kredite  beträchtlich  zurück,
z.  T.  erfährt  die  bis  dahin  starke  Zunahme  eine  Verminderung.  Vor
allem  in  den  Jahren  1901—1902  ist  deutlich  zu  beobachten,  welch
großen  Rückgang  der  Akzept-  und  Wechselumlauf,  der  Betrag  der
Debitoren  und  die  Einnahmen  aus  Zinsen  erfahren  haben.  Ein
ähnliches  Bild  kann  man  dann  auch  bei  den  Konjunkturrückgängen
der  folgenden  Jahre  beobachten.  Man  muß  jedoch  immer  im  Auge
behalten,  was  oben  schon  mehrfach  betont  worden  ist,  daß  es  sich
bei  dieser  Entwicklung  der  Bankgeschäfte  um  einen  stets  wachsenden
Umfang  derselben  handelt,  daß  also  unter  Berücksichtigung  dieser  Tatsache ­
  schon  ein  Stillstand,  oder  eine  Abnahme  dieses  Zuwachses
als  ein  relativer  Rückgang  unter  dem  Einfluß  der  Konjunktur  zu
betrachten  ist.
Mit  diesen  hier  betrachteten  Geschäftszweigen  der  Banken  sind
keineswegs  alle  erschöpft,  bei  welchen  sich  im  Wandel  der  Konjunktur ­
  Änderungen  vollziehen.  Das  Gesagte  genügt  jedoch,  um  zu
zeigen,  welch  großen  Einfluß  der  Wandel  der  Konjunktur  auf  die
Lage  der  Kreditbanken  ausübt.  Freilich  ist  im  Wandel  der  Konjunktur ­
  die  Tätigkeit  der  Kreditbanken  ebenso  wenig  eine  lediglich
passive,  wie  die  der  Notenbanken.  Denn  aus  dieser  Entwicklung
ergeben  sich  für  die  Kreditbanken  ganz  bestimmte  Aufgaben  und
in  der  Erfüllung  dieser  Aufgaben  können  sie  dann  auch  einen
starken  Einfluß  auf  den  Gang  der  Konjunktur  ausüben.
Bei  der  Darstellung  der  Aufgaben  und  Verhältnisse  der  deutschen ­
  Reichsbank  war  ja  schon  davon  die  Rede  gewesen,  daß  diese,
um  das  Deckungsverhältnis  nicht  zu  ungünstig  werden  zu  lassen,
eine  bestimmte  Diskontpolitik  zu  treiben  gezwungen  ist.  Da  damit
eine  Verteuerung  des  Kredits  eintritt,  so  muß,  was  ja  auch  vielfach ­
  der  Zweck  der  Diskonterhöhung  ist,  damit  auch  ein  eindämmender ­
  Einfluß  auf  die  Nachfrage  auf  dem  Geldmarkt  und
damit  auch  auf  den  weiteren  Gang  der  Konjunktur  ausgelöst  werden.
Einen  ähnlichen  Vorgang  können  wir,  wenn  auch  in  wesentlich
anderen  Formen,  bei  den  Kreditbanken  beobachten.  Auch  die  Kreditbanken ­
  müssen  darauf  achten,  daß  ihre  Liquidität  gewahrt  wird!
Darunter  versteht  man  die  Forderung,  daß  der  Grundsatz  der  bankmäßigen ­
  Deckung  eingehalten  wird,  d.  h.,  daß  vor  allem  die  kurzfristigen ­
  Verbindlichkeiten  durch  kurzfristige  Guthaben  gedeckt  sind.
Man  hat  schon  mannigfache  Versuche  gemacht,  das  Maß  der  zu
einem  bestimmten  Zeitpunkte  vorhandenen  Liquidität  zu  berechnen^
        <pb n="147" />
        144  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

Versuche,  auf  welche  einzugehen  über  den  Rahmen  dieser  Ausführungen ­
  hinausgehen  würde.  Wir  wollen  nur  noch  ganz  im  allgemeinen ­
  betrachten,  welchen  Änderungen  diese  Liquidität  der  Kreditbanken ­
  unter  dem  Einflüsse  der  Konjunktur  unterliegt  und  welche
Mittel  diese  Banken  anwenden,  um  eine  bedrohte  Liquidität  zu
schützen.
Zu  den  kurzfälligen  Verbindlichkeiten  rechnet  man  im  allgemeinen ­
  die  Kreditoren,  Akzepte  und  Depositen,  zu  den  liquiden
Mitteln  die  Kasse,  die  Lombards,  die  Effekten,  Wechsel  und  Reports. ­
  Von  den  letzteren  wird  später  noch  zu  reden  sein.  Man  kami
auch  noch  genauer  Vorgehen,  indem  man  auch  hier  wieder  abstuft,  je
nachdem  diese  verfügbaren  Mittel  leichter  oder  weniger  leicht  greifbar ­
  sind.  Die  Berechnungen,  welche  über  den  Liquiditätsgrad  bisher
von  den  verschiedensten  Seiten  angestellt  worden  sind,  sind  aus  in
der  Natur  der  Sache  liegenden  Gründen  reichlich  unvollkommen.  Dest
halb  soll  an  dieser  Stelle  darauf  verzichtet  werden,  für  die  Entwicklung ­
  der  Liquidität  im  Wandel  der  Konjunktur  zahlenmäßige  Angaben ­
  zu  machen 1 ).  Daß  diese  Liquidität  sich  jedoch  im  Wandel
der  Konjunktur  ändern  muß,  wenn  nicht  irgendwelche  starke  Gegentendenzen ­
  vorhanden  sind,  ergibt  sich  aus  dem  oben  Gesagten.  Mit
aufsteigender  Konjunktur,  vor  allem  in  den  Zeiten  einer  ausgesprochenen ­
  Hausse,  muß  eine  Tendenz  zur  Verschlechterung  dieser
Liquidität  schon  dadurch  eintreten,  daß  in  dieser  Zeit  infolge  der
angespannten  Lage  auf  dem  Geldmarkt,  wenn  dem  nicht  andere
Faktoren  entgegentreten,  die  Kreditgewährung  der  Banken  sehr  stark
zunimmt.  Das  zeigt  sich  vor  allem  auch  auf  dem  Debitorenkonto,  bei
dem  es  sich  vielfach  auch  um  recht  langfristige  Kredite  handelt.
Es  kommt  dann  ein  Zeitpunkt,  an  dem  die  Banken  darauf  sehen
müssen,  ihre  Verhältnisse  liquider  zu  gestalten.  Das  tritt  in  der
Regel  nicht  während  einer  aufsteigenden  Konjunktur  ein,  sondern
erst  auf  ihrem  Höhepunkte,  wenn  sich  schon  Symptome  eines  Umschwunges ­
  zeigen,  oder  wenn  von  außen  kommende  Faktoren,  wie
z.  B.  solche  politischer  Natur,  die  Banken  zur  Vorsicht  malmen.
Hier  werden  dann  die  Banken  zurückhaltender  in  der  Kreditgewährung, ­
  mitunter  können  sogar  umfassende  Kündigungen  langfristiger
Kredite,  vor  allem  auch  der  Vorschüsse  für  Börsengeschäfte,  von
denen  gleich  noch  eingehender  die  Rede  sein  wird,  eintreten.
Auf  der  einen  Seite  haben  wir  es  hier  also  in  diesen  Maßnahmen
mit  einer  gewissen  Reaktion  der  den  Banken  drohenden  Konjunktur-R
  Vgl.  dazu:  Schulze-Gävernitz,  a.  a.  0.  S.  12  ff.  —  Riesser,
a.  a.  0.  S.  449  ff.  —  und  die  alljährlichen  Berechnungen  des  Deutschen  Ökonomist. ­
        <pb n="148" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

145

änderungen  gegenüber  zu  tun,  auf  der  anderen  Seite  handelt  es  sich
aber  auch  vielfach  um  Maßregeln,  welche  bei  der  guten  Übersicht
und  Kenntnis  der  großen  Banken  über  den  Gang  des  Wirtschaftslebens ­
  durchaus  als  Symptome  eines  drohenden  Umschwunges  der
Konjunktur  aufzufassen  sind.  In  dem  folgenden  Abschnitt  wird  davon ­
  noch  eingehender  die  Rede  sein.  Solche  Maßnahmen  der  Kreditbanken ­
  sind  also  nicht  allein  eine  notwendige  Reaktion  auf  gewisse
Konjunkturerscheinungen  am  Geldmärkte,  sie  können  nicht  nur  der
Vorbote  sich  hier  vollziehender  Wandlungen  sein,  sie  können  auch
auf  das  Tempo,  in  welchem  dann  solche  Wandlungen  der  Konjunktur
eintreten,  einen  erheblichen  Einfluß  ausüben,  sie  fallen  damit  bereits ­
  in  den  Rahmen  der  Konjunkturpolitik 1 ,  ein  Gegenstand,  der  in
einem  besonderen  Abschnitte  noch  zu  behandeln  sein  wird.
In  den  Zeiten  einer  sich  entwickelnden  Hausse,  vor  allem  auf
ihrem  Höhepunkte,  disponieren  aber  nicht  nur  die  Kreditbanken  über
ihre  Mittel  in  der  allerknappsten  Weise,  versuchen  sie  nicht  nur
zum  Schaden  ihrer  Liquidität,  ihre  verfügbaren  Mittel  auf  das  intensivste ­
  auszunutzen,  indem  sie  z.  B.  ihre  Kassenvorräte,  ihre  Giroguthaben ­
  bei  der  Reichsbank,  möglichst  nieder  bemessen,  eine  in
solcher  Zeit  eintretende  Überspannung  des  Kredites  kann  sich  auch
auf  die  Kreditempfänger,  auf  die  Industrie,  übertragen.  Mit  einer
solchen  Verknappung  auf  dem  Geldmärkte  geht  in  diesen  Zeiten  auch
eine  Verknappung  auf  dem  Kapitalmärkte  Hand  in  Hand.
In  den  Zeiten  einer  Hausse  ist  in  einer  Volkswirtschaft  nicht  nur
der  Bedarf  an  Zahlungsmitteln  ein  sehr  großer,  was  zu  der  geschilderten ­
  Versteifung  des  Geldmarktes  führt,  die  Industrie  bedarf  in
solcher  Zeit  auch  großer  Mittel  zu  Anlagezwecken,  zu  Neugründungen, ­
  zu  Betriebserweiterungen,  zur  Schaffung  neuer  technischer
Anlagen  usf.  Diesen  Kapitalbedarf  haben  wir  ja  oben  auf  Grund
der  Emissionsstatistik  kennengelemt.  So  hat  die  deutsche  Elektrizitätsindustrie ­
  in  der  Zeit  der  aufsteigenden  Konjunktur  von
1895—1900  allein  etwa  725  Millionen  Mark  absorbiert.
Allmählich  gehen  aber  die  Kapitalvorräte  in  einer  Volkswirtschaft ­
  zu  Ende.  Das  anlagesuchende  Kapital  beginnt  knapper  zu
werden.  Die  Anzeichen  davon  haben  wir  ja  bereits  oben  könnengelernt,
  als  von  der  Kursminderung  der  Staats-  und  Kommunalanleihen ­
  die  Rede  war  und  von  den  geringfügigen  Kapitalbeträgen,
welche  auf  dem  Höhepunkt  der  Konjunktur  noch  dem  Baumarkte  zur
Verfügung  gestellt  werden  können.  Der  Kapitalmarkt  ist  immer
weniger  imstande,  der  Industrie  die  Mittel  für  ihre  Neuanlagen  und
Erweiterungen  zur  Verfügung  zu  stellen  und  damit  entsteht  die  Gefahr, ­
  daß  der  Geldmarkt  dafür  herhalten  muß,  hier  den  Ersatz  zu
        <pb n="149" />
        146  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

schaffen.  Die  Betriebsmittel  der  Volkswirtschaft  laufen  Gefahr,
zu  Anlagezwecken  verwandt  zu  werden.  Das  kann  in  den  allerverschiedensten ­
  Formen  geschehen.  Der  Fabrikant  kann  die  Mittel,  die
er  im  Kontokorrent  oder  Wechselkredit  (Wechselprolongation)  erhalten ­
  hat,  für  Anlagezwecke  verwenden.  Das  gleiche  kann  aber  auch
dadurch  entstehen,  daß  die  Börsenspekulation  auf  Grund  von  Bankvorschüssen, ­
  welche  ja  dem  Geldmärkte  entnommen  sind,  bei  der
Neuemission  von  Aktien  und  Industrieobligationen  als  Zeichner  auftritt.
  Auch  auf  diesem  Wege  also  können  Mittel  des  Geldmarktes
für  Anlagezwecke  verwandt  werden.
Es  handelt  sich  hier  um  einen,  für  die  Beteiligten  und  für  das
ganze  Wirtschaftsleben  äußerst  gefährlichen  Vorgang.  Denn  in  all
den  eben  genannten  Fällen  werden  kurzfristige  Verbindlichkeiten  in
feste  Anlagen,  also  in  eine  sehr  illiquide  Form,  umgewandelt.  Das
kann  dann,  wie  die  Erfahrung  zeigt,  die  verhängnisvollsten  Folgen
haben,  wenn  die  Kreditbanken  aus  irgendwelchen  Gründen  dazu
übergehen  müssen,  diese  Kredite  einzuschränken  oder  ihre  Verlängerung ­
  abzulehnen.
„Betriebssteigerungen,  welche  durch  allzu  leichte  Krediterteilung
in  bestimmten  Produktionszweigen  hervorgerufen  worden  sind,  veranlassen ­
  Betriebssteigerungen  in  jenen  anderen  Produktionszweigen,
welche  die  Produktionsmittel  für  die  ersteren  zu  liefern  haben.  So
entsteht  in  einer  ganzen  Reihenfolge  aufeinander  angewiesener  Produktionszweige ­
  eine  Überproduktion,  welche  des  wirklichen  Bedarfs
ermangelt  und  damit  letztlich  zu  Verlusten  führen  muß 1 ).“  Diese
letzten  Ausführungen  haben  bereits  Zusammenhänge  berührt,  welche
die  Börse  mit  dem  Gold-  und  Kapitalmarkt  verbinden.  Wir  wollen
jetzt  dazu  übergehen,  zu  sehen,  welche  Zusammenhänge  zwischen
den  Vorgängen  an  den  Börsen  und  dem  Wandel  der  Konjunktur  vorhanden ­
  sind.
Man  unterscheidet  bekanntlich  Effekten-  oder  Fondsbörsen  und
Waren-  oder  Produktenbörsen.  Daß  auf  den  letzteren  in  der  Höhe  der
Umsätze,  in  der  Preisentwicklung,  in  dem  Umfang  der  Warenspekulation, ­
  sich  die  Konjunkturvorgänge  deutlich  widerspiegeln,  liegt  so
auf  der  Hand,  daß  darüber  keine  weiteren  Worte  verloren  zu  werden
brauchen.  Die  Zusammenhänge  zwischen  diesen  Warenbörsen
und  den  Verhältnissen  am  Geldmarkt  ergeben  sich  auch  ohne  weiteres. ­
  Denn  die  von  dem  Geldmarkt  zur  Verfügung  gestellten  Mittel
üben  einen  starken  Einfluß  auf  den  Umsatz  und  den  Geschäftsgang
auf  den  Warenbörsen  aus,  und  von  da  aus  müssen  sich  dann  wieder
U  Komorzynski,  Die  nationalökonomische  Lehre  vom  Kredit.  Innsbruck ­
  1903.  S.  292.
        <pb n="150" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

147

bestimmte  Wirkungen  durch  die  von  dorther  kommende  Nachfrage
nach  Zahlungsmitteln  auf  dem  Geldmarkt  ergeben.
Weit  wichtiger  sind  dagegen  noch  die  Zusammenhänge,  welche
die  Effektenbörsen  und  ihre  Geschäfte  mit  dem  Geld-  und
Kapitalmarkt  und  damit  mit  den  Wandlungen  in  der  Konjunktur  verknüpfen. ­
  Auf  den  Effektenbörsen  werden  Wertpapiere  gehandelt,
Staats-  und  Stadtanleihen,  Aktien  und  Industrieobligationen,  Pfandbriefe, ­
  Wechsel,  Edelmetalle,  Münzen  und  Papiergeld.  An  dieser
Stelle  soll  zunächst  nur  der  Effektenhandel  in  seinem  Zusammenhänge
mit  den  Konjunkturvorgängen  betrachtet  werden.
Die  Mittel,  welche  an  der  Börse  zusammenströmen,  sind  entweder
zu  dauernder  Anlage  oder  für  die  Zwecke  der  Spekulation  bestimmt.
Es  würde  an  dieser  Stelle  zu  weit  führen,  den  Begriff  und  die  Arten
der  Spekulation  zu  erörtern.  Denn  auch  hier  gibt  es  an  der  Börse
die  allerverschiedensten  Arten  und  Abstufungen.  Von  Anlagezwecken
soll  dann  im  folgenden  die  Rede  sein,  wenn,  wie  z.  B.  bei  Staatsund ­
  Stadtanleihen  es  die  Regel  ist,  die  Papiere  um  ihres  Ertrages
willen  gekauft  werden,  von  Spekulation  dann,  wenn  die  Papiere  im
Hinblick  auf  eine  später  zu  erwartende  Kurssteigerung  erworben
werden.
Welche  Wandlungen  vollziehen  sich  hier  nun  im  Wandel  der  Konjunktur? ­
  Verschiedenes  davon  ist  bereits  oben  berührt  worden.  Die
Tabelle  S.  113  hat  ein  Bild  von  den  starken  Veränderungen  gegeben,
welchen  die  Industriegewinne  und  Dividenden  im  Wandel  der  Konjunktur ­
  unterliegen  und  die  Tabelle  S.  129  hat  gezeigt,  daß  mit  einer
Besserung  der  Konjunktur  die  Kurse  der  Staats-  und  Stadtanleihen,
wie  auch  der  Pfandbriefe,  zurückgehen,  um  dann  wieder  in  den  Zeiten
der  Depression  eine  Erhöhung  zu  erfahren.  Es  sind  in  allererster
Linie  die  Dividendenpapiere,  in  deren  Kursen  sich  nicht  nur  die
gegenwärtige  Konjunktur  wiederspiegelt,  sondern  in  deren  Kursen
auch  die  zu  erwartende  Konjunktur  bereits  einen  zahlenmäßigen
Ausdruck  findet.  Ob  dabei  diese  Erwartungen  auch  immer  eintreüfen
oder  enttäuscht  werden,  interessiert  uns  an  dieser  Stelle  nicht.  Jedenfalls ­
  aber  spielt  diese  Rücksicht  auf  die  zu  erwartende  Konjunktur
beim  Handel  in  diesen  Dividendenpapieren  eine  ganz  besonders  große
Rolle.  Liegt  ja  doch  überhaupt  das  Wesen  der  Spekulation  darin,
daß  sie  nicht  mit  den  gegenwärtigen,  feststehenden  und  bekannten
Verhältnissen,  sondern  mit  den  zukünftigen  rechnet.
Der  Börsenspekulant  rechnet  mit  einem  Steigen  oder  einem
Fallen  der  Kurse  und  will  diese  Änderung  für  sich  vorwegnehmen,  er
will  sie  eskomptieren,  wie  der  Börsenausdruck  lautet.  Auf  die  Änderungen ­
  in  diesen  Kursen  können  nun  die  mannigfaltigsten  Fairtoren
        <pb n="151" />
        148  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandcls  und  der  Krisen.

von  Einfluß  sein,  auch  solche,  die  außerwirtschaftlicher  Natur  sind
oder  mit  den  Konjunkturverhältnissen  nichts  zu  tun  haben.  Es  sei
hier  nur  auf  politische  Störungen,  oder  auf  Gegensätze  handelspolitischen ­
  Charakters,  wie  Zollkriege,  oder  Schwierigkeiten  beim
Abschluß  von  Handelsverträgen,  hingewiesen.  Die  Bedeutung  solch
politischer  Faktoren  beruht  in  ihrem  Einfluß  auf  die  wirtschaftliche
Entwicklung  eines  Landes,  welche  davon  günstig  oder  ungünstig  berührt ­
  werden  kann.  Letzten  Endes  ist  es  also  doch  auch  hier  wieder
die  Konjunktur,  die,  wenn  in  einem  solchen  Falle  auch  nur  mittelbar,
die  entscheidende  Rolle  spielt.
Wesentlich  stärker  aber  für  die  Entwicklung  der  Kurse,  vor  allem
derjenigen  der  Dividendenpapiere,  und  damit  auch  für  den  ganzen
Handel  in  diesen,  ist  der  unmittelbare  Einfluß  der  Konjunktur.  Hängt
doch  von  dieser,  wie  wir  gesehen  haben,  letzten  Endes  das  Erträgnis ­
  der  industriellen  Unternehmungen  und  damit  auch  dasjenige
der  Dividendenpapiere  ab.  Wenn  sich  die  Konjunktur  in  aufsteigender
Linie  bewegt,  so  muß  das  gleiche  bei  den  Kursen  dieser  Industriepapiere ­
  der  Fall  sein,  und  umgekehrt.  In  diesem  Sinne  ist  aber
nicht  allein  der  tatsächliche  Gang  der  Konjunktur  nach  unten  oder
oben  wirksam,  sondern  aus  spekulativen  Gründen  spielen  auch  die
Erwartungen  die  Meinungen,  welche  man  in  Börsenkreisen  über  den
voraussichtlichen  Gang  der  Konjunktur  hat,  für  die  Kursentwicklung
ebenfalls  ein©  überaus  wichtige  Rolle.
Es  gibt  Gruppen  an  der  Börse,  welche  mit  einem  Steigen  oder
Fallen  der  Kurse  rechnen,  und  diese  Erwartungen  kommen  hier  in
den  allerverschiedensten  Formen  zum  Ausdruck.  Der  Grundgedanke
dieses  spekulativen  Elementes  ist  der,  das  gekaufte  Wertpapier  später
mit  Gewinn  weiter  zu  veräußern.  Je  nach  der  Art  des  Geschäftes
kann  ein  solcher  Gewinn  bei  steigenden  oder  sinkenden  Kursen  eintreten.
  Es  gibt  eine  Spekulation  ä  la  Hausse  und  eine  solche  ä  la
Baisse.  Die  einfachste  Form  der  ersteren  ist  diejenige,  welche  sich
in  dem  sogenannten  Kassageschäft  vollzieht.  Durch  Vermittlung
eines  Maklers  erwirbt  der  Käufer  an  der  Börse  ein  solches  Wertpapier. ­
  Tritt  eine  Kurssteigerung  ein,  glückt  also  die  Spekulation,
dann  kann  er  es  später  mit  Gewinn  Weiterverkäufen,  oder,  wenn  er
es  behält,  so  hat  der  Käufer,  wenn  der  Ertrag  des  betreffenden
Unternehmens  steigt,  eine  entsprechend  höhere  Realverzinsung.
Nicht  weniger  wichtig  als  dieses  Kassageschäft  ist  in  diesem
Zusammenhänge  das  Termingeschäft.  Gegenstand  dieses  Geschäftes ­
  ist  die  Lieferung  einer  bestimmten  Menge  von  Waren  oder
Wertpapieren  einer  Gattung,  zu  einem  bestimmten  Preise  oder  Kurse.
„Käufer  und  Verkäufer  spekulieren  darauf,  daß  bis  zum  Erfüllungstage
        <pb n="152" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

149

sich  die  Marktlage  so  ändern  wird,  daß  sie  ihre  eingegangenen  Verpflichtungen ­
  mit  Nutzen  erfüllen  können.  Wer  z.  B.  annimmt,  daß
ein  Effekt,  dessen  heutiger  Kurs  180  ist,  im  Preise  steigen  wird,
wird  es  heute  zu  diesem  Kurs  auf  einen  späteren  Termin  kaufen.
Ergibt  sich  bis  dahin  tatsächlich  ein  höherer  Kurs,  z.  B.  185,  so  wird
er  zu  diesem  Kurse  auf  denselben  Termin  verkaufen,  mithin  am
Termin  einen  Gewinn  von  5  realisiert  haben.  Dem  Spekulanten
kommt  es  daher  nur  darauf  an,  ob  in  dem  Intervall  zwischen  dem
Tage,  an  dem  er  sich  den  künftigen  Besitz  des  Papiers  gesichert  hat,
bis  zu  dem  Tage,  zu  dem  er  das  Papier  übernehmen  muß&amp;gt;  auch  nur
an  einem  einzigen  Tage  ein  höherer  Kurs  erzielt  worden  ist.  Diese
Spekulation,  welche  auf  das  Steigen  des  Kurses  rechnet,  ist  die
Spekulation  ä  la  Hausse.“  „Wer  dagegen  das  Fallen  des  Kurses
eines  Effekts  erwartet,  wird  durch  den  Verkauf  auf  Termin  profitieren ­
  wollen.  Er  wird,  wenn  der  Kurs  z.  B.  auf  180  steht  und  ex
ein  Fallen  voraussieht,  zu  diesem  Preise  auf  einen  späteren  Zeitpunkt ­
  verkaufen.  Wenn  bis  dahin  tatsächlich  ein  Sinken  des  Kurses
eingetreten  ist,  z.  B.  auf  175,  so  wird  er  durch  Kauf  zu  diesem
Kurse  ,sich  decken“,  d.  h.  sich  die  Erfüllung  seiner  Verkaufsverpflichtung ­
  sichern,  und  am  Termin  die  zu  175  gekauften  Effekten
zu  180  übergeben,  also  einen  Gewinn  realisieren  können.  Diese
Spekulation  auf  das  Fallen  der  Kurse  ist  die  Spekulation  ä  la  Baisse“ 1 ).
Daraus  entwickelt  sich  dann  von  selbst  das  sogenannte  Differenzgeschäft, ­
  bei  dem  dann  nicht,  um  bei  dem  oben  gegebenen
Beispiel  zu  bleiben,  die  gehandelten  Effekten  wirklich  geliefert
werden,  sondern  nur  die  Differenz  gezahlt  wird,  in  dem  obigen
Beispiel  die  5,  um  welche  sich  der  vereinbarte  Preis  vom  wirklichen
Tagespreis  unterscheidet.  Diese  Preisdifferenzen  kommen  dann  im
Börsenhandel  an  bestimmten  Terminen  zum  Ausgleich.
Wenn  nun  der  Fall  eintritt,  daß  einem  der  beiden  Beteiligten  die
Lieferung  oder  die  Abnahme  an  dem  bestimmten  Termine  ungelegen
ist,  so  kann  der  Lieferungs-  bzw.  Abnahmetermin  hinausgeschoben,
prolongiert  werden.  Der  Weg,  der  hierbei  in  der  Regel  eingeschlagen
wird,  ist  der,  daß  man  die  einstweilige  Erfüllung  des  Zeitgeschäftes
einem  Dritten  überträgt.  Das  geschieht  in  der  Regel  dann,  wenn
für  den  einen  der  beiden  Partner  der  Kurs  eine  ungünstige  Richtung
eingeschlagen  hat  und  er  bis  zum  nächsten  Termin  eine  für  sich
günstigere  Entwicklung  erwartet,  oder  vielleicht  auch  nicht  die  Mittel
besitzt,  die  zum  Termin  zu  liefernden  Papiere  zu  beschaffen.  Denn
derjenige,  welcher  ä  la  Hausse  spekuliert,  muß  ja  am  Termin,  in  dei

*)  Philippovich,  Grundr.d.polit.Ökonomie.2.T.,  2.Bd.  4.  Aufl.1912.  S.207.
        <pb n="153" />
        150  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

Regel  per  ultimo,  die  betreffenden  Papiere  abnehmen,  der  Baissier
dagegen,  welcher  ja  Wertpapiere,  die  er  nicht  besitzt,  verkauft  hat,
muß  sie  kaufen,  da  er  sie  beim  Termin  seinem  Partner  zu  liefern  hat.
Man  spricht  hier  von  Report-  und  Deportgeschäft 1 ),
von  dem  ersteren  dann,  wenn  es  sich  um  die  Hinausschiebung  einer
Spekulation  ä  la  Hausse,  von  dem  letzteren  dann,  wenn  es  sich  um
eine  solche  bei  einer  Spekulation  ä  la  Baisse  handelt.  Im  einzelnen
kommen  dann  bei  diesen  Spekulationsgeschäften,  vor  allem  bei  diesen
Zeitgeschäften  und  Prolongationen,  noch  mancherlei  Abarten  vor.
Das  Gesagte  genügt  jedoch,  um  zu  verstehen,  welche  Beziehungen
zwischen  diesem  Treiben  an  der  Börse  und  dem  Wandel  der  Konjunktur ­
  bestehen,  Zusammenhänge,  deren  Betrachtung  wir  uns  jetzt
zuwenden  wollen.
Wir  wollen  dabei  von  der  bekannten  Tatsache  ausgehen,  welche
oben  schon  mehrmals  erwähnt  worden  ist,  daß  die  Kurse  der
Effekten,  vor  allem  diejenigen  der  Dividendenpapiere,  welche
ja  auch  den  Hauptgegenstand  der  Börsenspekulation  abgeben,  im
Laufe  der  Konjunktur  erheblichen  Schwankungen  unterliegen.  An
einigen  typischen  Beispielen  soll  dies  die  folgende  Tabelle  veranschaulichen. ­
  Die  Zusammenstellung  zeigt,  daß  in  den  Jahren  einer
rückläufigen  Konjunktur  die  Kurse  sinken,  um  dann  wieder  mit  einer
Besserung  der  wirtschaftlichen  Lage  anzusteigen.  Natürlich  spielt
sich  dieser  Vorgang  keineswegs  bei  allen  Industriepapieren  in  gleicher
Weise  ab.  Es  gibt  eben  Industrieen  und  Unternehmungen,  welche
in  ihren  Erträgnissen  wesentlich  stärker  von  dem  Wandel  der  Konjunktur ­
  beeinflußt  werden  als  andere.  Es  haben  sich  dann  auch
hier  im  Zusammenhang  mit  Änderungen  in  der  Bilanz-  und  Dividendenpolitik ­
  der  einzelnen  Unternehmungen  neuerdings  wichtige
Wandlungen  vollzogen,  welche  ebenfalls  auf  die  Kursentwicklung
von  Einfluß  sind.  Diese  Wandlungen  in  der  Bilanz-  und  Dividendenpolitik ­
  sind  später  bei  der  Betrachtung  der  Konjunkturpolitik  noch
zu  besprechen.
Mit  dieser  Entwicklung  der  Kurse,  d.  h.  mit  der  Lage  der  Konjunktur, ­
  hängt  auch  die  Höhe  der  Böreenumsätze,  das  Maß  der
Spekulation,  enge  zusammen.  Macht  man  doch  überhaupt  im  Wirtschaftsleben ­
  ganz  allgemein  die  Erfahrung,  daß  bei  guten  und  steigenden ­
  Preisen  wesentlich  größere  Umsätze  stattfinden,  als  bei
schlechten  und  sinkenden.  Dieses  gilt  auch  für  die  Geschäfte  an
U  Ein  anderer,  hierbei  auch  häufig  eingeschlagener  Weg  ist  der,  daß
sich  der  Spekulant  durch  Lombardierung  von  Wertpapieren  oder  Wechseln
das  notwendige  Ultimogeld  zu  verschaffen  sucht.  Auf  diese  Weise  kann  er
durch  Erfüllung  das  Geschäft  beendigen.  Am  eingehendsten  unterrichtet
über  diese  Börsengeschäfte  Saling,  a.  a.  0.
        <pb n="154" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

151

der  Börse.  In  wirtschaftlich  guten  Zeiten,  wenn  überall  Vertrauen
und  Zuversicht  in  den  weiteren  Gang  der  wirtschaftlichen  Entwicklung
vorhanden  sind,  ist  das  Börsengeschäft  viel  belebter.  In  wirtschaftlich
ungünstigen  Zeiten  ist  das  Gegenteil  der  Fall,  die  Börse  ist  dann
„lustlos“.  Daß  im  Zusammenhänge  mit  solchen  Kursschwankungen
auf  dem  Wege  der  Spekulation  Vermögen  verloren  gehen  und  wieder
andere  neu  gebildet  werden,  gehört  nur  insoweit  an  diese  Stelle,
als  solche  Vorgänge  in  ihren  Ursachen  und  Wirkungen  über  die  Verhältnisse ­
  des  einzelnen  hinausgreifen  und  mehr  oder  weniger  auch
die  ganze  Volkswirtschaft  berühren.

Es  betrugen  die  Durchschnittskurse 1 ):

Jahr

Gelsenkirchener
  Bergj
  werks-Aktien!

Harpener
Bergw.-Akt.

Berliner
Maschinenbau-Aktien ­


Allgem.Elektr.
Gesellsch.-Aktien


Hamburg-Amerika-




Bochum  er
Gußstahl-Aktien


Deutsche
1  Bank-Aktien

■  Diskonto-Kommandit-



1897

192,10

194,20

204,75

278,25

113,40

204,75

209,60

201,20

1898

191,00

178,60

229,50

284,25

124,75

229,50

207,00

199,40

1899

198,25

202,30

260,30

255,90

129,00

260,30

207,30

192,75

1900

199,05

201,11

223,30

232,78

125,50

223,30

197,72

182,78

1901

169,24

164,22

175,82

190,60

119,61

175,82

198,34

178,95

1902

170,37

167,85

186,16

179,59

107,20

186.16

209,61

188,05

1903

188,38

185,17

184,12

192,54

105,14

184,12

214,62

191,53

1904

219,18

205,44

200,90

219,64

111,85

200,90

222,72

188,71

1905

230,21

215,47

247,78

234,23

156,38

247,78

240,83

191,03

1906

224,84

214,34

244,79

217,80

161,64

244,79

239,52

185,62

1907

198,50

203,89

217,47

198,14

133,26

217,47

229,46

173,01

1908

189,33

198,07

212,75

212,79

183,79

212,75

235,02

175,11

1909

193,89

196,21

233,98

236,53

121,59

233,98

244,86

190,44

1910

212,83

196,14

235,47

269,67

141,73

235,47

254,67

190,79

1911

200,73

185,00

240,33

270,36

136,96

230,78

264,57

190,59

1912

196,61

192,32

233,07

261,38

146,88

228,11

255,88

186,39

1913

184,28

187,22

236,32

238,83

143,44

215,07

248,06

184,22

Dies  kann  von  den  verschiedensten  Gesichtspunkten  aus  der
Fall  sein.  Es  spielt  dabei  einmal  die  Tatsache  eine  besondere  große
Rolle,  ob  solche  Spekulationen  mit  eigenem  oder  mit  fremdem
Gelde  vor  sich  gehen.  Eine  Verwendung  fremder  Gelder  bei  der
Börsenspekulation  kann  im  Kassa-  und  im  Zeitgeschäft  Vorkommen.
Es  sind  hier  fast  allgemein  die  Banken,  welche  in  beiden  Fällen  als
Geldgeber  auftreten.  Bei  der  Spekulation  im  Kassageschäft  geschieht
dies  in  der  Regel  in  der  Form,  daß  die  Bank  im  Kontokorrentverkehr
Vorschüsse  gewährt.  Diese  können  Blankokredite,  d.  h.  ungedeckte,

l )  Zusammengestellt  nach  der  Volkswirtschaftlichen  Chronik,  passim
Jena.  Für  die  Jahre  1897—99  sind  die  letzten,  nicht  die  Durchnittskurse
angegeben.
        <pb n="155" />
        152  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

sein,  sie  können  auch,  was  ja  die  Regel  bildet,  gedeckte  sein,  d.  b.  es
wird  von  seiten  des  Schuldners  irgendein  Unterpfand  gewährt.
Der  Kauf  von  Wertpapieren  vollzieht  sich  dann  von  seiten  des
Spekulanten  in  der  Weise,  daß  er  durch  die  Bank  kauft,  derselben
aber  nur  einen  Teil  des  Anschaffungspreises  entrichtet,  während  die
Bank  den  Hauptteil  der  Kosten  vorschießt.  Als  Sicherheit  hat  sie
an  den  betreffenden  Papieren  ein  gesetzliches  Pfandrecht.  Der  Teil,
den  der  Käufer  als  Preis  der  Bank  erlegen  muß,  der  sogenannte  Einschuß, ­
  betrug  früher  in  der  Regel  10—15  o/ 0  der  Erwerbskosten  des
betreffenden  Papiers  und  soll  der  Bank  dafür  eine  gewisse  Sicherheit
geben,  daß  sie  bei  einem  Herabgehen  der  Kurse  keine  Verluste
erleidet.
Derselben  Quelle,  dem  Geldmärkte,  entstammen  auch  in  hohem
Maße  die  Mittel,  welche  für  die  Termingeschäfte  benötigt  werden.
Wir  haben  oben  gesehen,  daß  es  vor  allem  zwei  Wege  sind,  welche
dabei  beschritten  werden  können.  Der  eine  ist  die  Gewährung  sogenannten ­
  Ultimogeldes  von  seiten  der  Banken  gegen  Verpfändung
von  Effekten  oder  Wechseln.  Damit  gewinnt  die  Spekulation  die
Mittel,  entweder  das  Geschäft  zu  beenden  oder  es  zu  prolongieren.
Das  gleiche  kann  aber  auch  auf  dem  oben  beschriebenen  Wege  der
Reports  und  Deports  geschehen.  Auch  hier  sind  die  Banken  die
Hauptgeldgeber,  sie  pflegen  darin  vor  allem  ihre  vorübergehend
verfügbaren  Mittel  anzulegen.
In  allen  diesen  Fällen  haben  die  Banken  erhebliche  Zinseinnahrnen,
  so  daß  diese  Art  der  Kreditgewährung  von  ihnen  recht
gepflegt  wird.  An  der  Höhe  der  für  Reportgeschäfte  ausgeliehenen
Beträge  kann  man  den  Grad  der  Börsenspekulation  ablesen.  Je
schwächer  die  Tendenz  an  der  Börse  ist,  um  so  geringer  sind  die
Ansprüche,  welche  in  dieser  Hinsicht  an  die  Banken  gestellt  werden.
Die  Höhe  dieser  Beträge  hängt  also  sehr  enge  mit  der  wirtschaftlichen ­
  Konjunktur  zusammen.  Die  folgende  kleine  Aufstellung  zeigt,
in  welchem  Umfange  mit  dem  Rückgang  der  Konjunktur  vom  Jahre
1912  ab,  aber  auch  im  Zusammenhänge  mit  den  politischen  Einflüssen, ­
  welche  damals  die  Börse  sehr  stark  bewegten,  die  Beträge
zurückgegangen  sind,  die  von  den  Banken  für  diesen  Zweck  zur
Verfügung  gestellt  wurden.
Es  betrug  am  31.  Dezember  der  nebenstehenden  Jahre  bei
acht  Berliner  Großbanken  die  Anlage  in  Reports  und  Lomr
bards  gegen  Börsenwerte 1 ):
1908  =  578,5  Mül.  Mark,  1911  —1023,1  Milk  Mark
1 )  Zusammengestellt  nach  Lansburghs  Aufsätzen  über  die  Berliner
Großbanken  in  seiner  Zeitschrift  „Die  Bank“.
        <pb n="156" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

153

1909=  968,4  Mill.  Mark,  1912=  859,0  Mill.  Mark
1910  =  1074,0  „  „  1913=  760,1  „

Diese  engen  Beziehungen,  welche  die  Börse  auf  diese  Weise  zum
Geldmärkte  hat,  bewirken,  daß  alle  Änderungen,  welche  denselben
in  irgendeiner  Weise  treffen,  vor  allem  Erschütterungen  aus  wirtschaftlichen ­
  und  politischen  Gründen,  auch  die  Börse  und  die  Börsenspekulation ­
  auf  das  engste  berühren.  Man  kann  diese  Zusammenhänge ­
  in  ihrer  vollen  Tragweite  erkennen,  wenn  man  sich  die  Entwicklung ­
  dieser  Art  von  Kreditgewährung  in  besonders  kritischen
Zeiten  betrachtet.  Ein  gutes  Beispiel  dafür  bietet  die  Entwicklung
im  Jahre  1911,  als  durch  den  Zwischenfall  von  Agadir  der  deutsche
Geldmarkt  erheblichen  Erschütterungen  ausgesetzt  war.  Wir  wollen
uns  in  der  folgenden  Zusammenstellung  bei  den  bereits  eben  betrachteten ­
  acht  Berliner  Großbanken  die  Vorgänge  ansehen,  welche
sich  zwischen  dem  31.  August  und  dem  31.  Oktober  1911  abgespielt
haben.

Es  betrugen 1 )  in  Millionen  Mark  am
31.8.1911
Kreditoren  3393,9
Wechsel  und  Schatzscheine  1799,0
Report  und  Lombard  .  .  1286,6

31.11.1911
2982,1
1705,9
850.4

In  diesen  Wochen  wurden  gewaltige  Ansprüche  an  die  deutschen
Banken  gestellt,  was  vor  allem  in  dieser  starken  Abnahme  der  Kreditoren ­
  zum  Ausdruck  kam.  Es  waren  vor  allem  zwei  Mittel,  zu
denen  die  Banken  gegriffen  haben,  um  sich  hier  zu  helfen.  Eimnal
rediskontierten  sie  erhebliche  Wechselbeträge  bei  der  Reichsbank,
wie  sich  aus  ihrer  Abnahme  des  Wechselbestandes  ergibt.  Demgegenüber ­
  nahm  der  Wechselbestand  der  Reichsbank  vom  7—30.  September ­
  1911  von  991  auf  1785  Millionen  Mark  zu.  Gleichzeitig  stieg
ihr  Notenumlauf  von  1616  auf  2295  Millionen  Mark.  Der  zweite  Weg,
welchen  die  Banken  einschlugen  um  ihre  Liquidität  zu  erhöhen,  war
der,  daß  sie  in  großem  Umfange,  wie  der  Rückgang  der  Reports
und  Lombards  in  der  obigen  Tabelle  zeigt,  Börsenkredite  kündigten
oder  abgelaufene  Kredite  nicht  mehr  erneuerten.  Auf  diesem  Wege
gelang  es  diesen  Banken,  in  ganz  kurzer  Zeit  ihre  Kredite  um  fast
eine  Milliarde  Mark  einzuschränken.
Ein  starker  Kursdruck  auf  vielen  Marktgebieten  war  die  unvermeidliche ­
  Folge  dieses  Vorgehens.  Ein  ähnlicher  Vorgang  spielte

1 )  Nach  Lansburgh,  Die  Berliner  Großbanken  im  Jahre  1911.  „Die
Bank“.  Jahrgang  1912.
        <pb n="157" />
        154  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

sich  im  Herbste  1912  beim  Ausbruch  der  Balkanwirren  ab,  wo  der
Kassaindustrieaktienmarkt  und  der  Ultimomarkt  beide  sehr  stark  ins
Weichen  kamen.  Die  Zeitungen  berichteten  damals  von  sensationellen
Kursstürzen.
Die  Ursachen  derartiger  Kursrückgänge  sind  dabei  verschiedener
Natur.  Einmal  wird  das  Publikum,  mögen  nun  die  Ursachen  politische ­
  sein,  oder  mögen  sich  irgendwelche  andere  Symptome  für
einen  Rückgang  der  Konjunktur  zeigen,  ängstlich  und  bringt  umfangreiches ­
  Material  an  den  Markt.  Das  ist  dann  vor  allem  von  seiten
der  sogenannten  schwachen  Hände  der  Fall,  d.  h.  derjenigen  Personen, ­
  welche  am  Kassamarkt  mit  Bankkredit  gekauft  haben,  also
die  gekauften  Papiere  bei  weichenden  Kursen  nicht  durchhalten
können.  Denn  jetzt  verlangen  die  Banken  weitere  Einschüsse,  welche
vielfach  die  Mittel  der  Spekulanten  übersteigen.  Auf  der  anderen
Seite  ist  dann  in  solchen  Zeiten  die  Verfassung  des  Geldmarktes  eine
derartige,  daß  die  Banken  auf  möglichste  Liquidität  sehen  müssen,
also  eine  stärkere  Interventionstätigkeit  von  ihrer  Seite,  d.  h.  eine
Aufnahme  dieser  Papiere  zu  den  weichenden  Kursen,  wie  es  in
ruhigeren  Zeiten  häufig  der  Fall  ist,  ausgeschlossen  ist.  Kamen  doch
auch  in  dieser  Zeit  sogar  recht  erhebliche  Abhebungen  von  den
Sparkassen  vor.
Was  sich  in  diesen  Zeiten  solcher  politischer  Erschütterungen
in  ganz  besonders  krasser  Form  zeigt,  tritt  in  genau  derselben  Weise
ein,  wenn  auch  nicht  so  plötzlich  und  nicht  so  schroff,  wenn  die
Hausse  auf  ihrem  Höhepunkt  angelangt  ist  und  sich  Anzeichen  dafür
bemerkbar  machen,  daß  die  Konjunktur  nach  unten  umzubiegen
beginnt.  Schon  wenn  die  Hausse  auf  ihrem  Höhepunkt  angelangt  ist,
sind  starke  Faktoren  wirksam,  welche  einen  lähmenden  Einfluß  auf
die  Börsenspekulation  ausüben.  Die  Ursache  davon  liegt  in  der  angespannten ­
  Lage  des  Geldmarktes.  Der  jetzt  herrschende  hohe  Zinsfuß ­
  bedeutet  eine  sehr  starke  Verteuerung  der  Börsenkredite,  was
einen  stark  einschnürenden  Einfluß  auf  das  ganze  Börsengeschäft
und  die  Börsenspekulation  ausüben  muß.  Auf  dem  Höhepunkt  der
Hausse  beginnen  die  Banken  auch  in  der  Gewährung  von  Börsenkrediten ­
  sich  vielfach  eine  starke  Zurückhaltung  aufzuerlegen.  Damit
hängt  es  dann  weiter  zusammen,  wenn  sich  eine  weitgehende
Parallelität  zwischen  der  Höhe  des  Diskontsatzes  und  der  Höhe  des
Kursstandes  der  Dividendenwerte  feststellen  läßt.  Nach  den  Berechnungen ­
  Morals 1 )  ergab  sich  dabei  das  folgende  Bild  für  die  Jahre
1909—1912.  Es  betrug  der  Durchschnittswert

*)  Aktienkapital  u.  Aktienemissionskurs.  L.  1914.  S.  29.
        <pb n="158" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

155

des  Diskontsatzes  .  3°/ 0  4°/ 0  5 n /o  6°/ 0  7°/ 0
der  Kurse  aller  deutsch.1  161  158,80  159.64  155,93  147,68
Dividendenpapiere  J
Diese  Zusammenhänge  konnte  mau  deutlich  beobachten,  als  in
Deutschland  mit  dem  Jahre  1907  die  wirtschaftlich  günstige  Konjunktur ­
  zu  Ende  ging,  welche  seit  dem  Jahre  1905  gewährt  hatte.
Neben  den  Tendenzen,  die  an  sich  bereits  in  der  deutschen  Volkswirtschaft ­
  damals  auf  einen  Rückgang  der  Konjunktur  hin  wirksam
waren,  waren  es  dann  vor  allem  auch  die  Verschlechterung  der  wirtschaftlichen ­
  Lage  in  Amerika  und  die  dortigen  schweren  Erschüttelrungen
  des  Wirtschaftslebens  in  der  zweiten  Hälfte  des  Jahres  1907,
welche  sich  auch  auf  Deutschland  übertrugen.  Haben  doch  auch
allein  damals  in  den  Vereinigten  Staaten  35  Banken  ihre  Zahlungen
eingestellt.  Den  starken  Anforderungen  gegenüber,  welche  damals
von  seiten  Amerikas  an  die  europäischen  Notenbanken  herantraten,
erhöhten  diese  Ende  1907,  um  ihren  Goldvorrat  zu  schützen,  ganz
erheblich  ihren  Diskont.  Die  Reichsbank  hat  am  8.  November  1907
ihren  Diskontsatz  auf  71/2%  heraufgesetzt.  Die  Frankfurter  Zeitung
hat  damals  diese  Diskonterhöhung  als  das  Ende  der  Hochkonjunktur
bezeichnet 1 ).
Der  Privatdiskont  hielt  mit  dieser  Erhöhung  des  offiziellen
Diskontsatzes  Schritt.  Dabei  muß  man  bedenken,  daß  vor  allem  bei
angespannten  Verhältnissen  am  Geldmärkte  der  Reportzinsfuß  in  der
Regel  höher  als  der  Wechseldiskont  ist,  und  daß  dies  bei  der  Lombardierung ­
  von  Wertpapieren,  beim  sogenannten  Ultimogeld,  in  zum
Teil  noch  stärkerem  Umfange  gilt 1  2 ).  Die  bisherigen  Darlegungen
sollten  zeigen,  in  welch  starkem  Maße  die  Börse  und  die  Börsenspekulation ­
  unter  dem  Einfluß  der  Konjunktur  stehen  und  in  ihrer
Entwicklung  von  der  Lage  des  Geldmarktes  beeinflußt  werden.
Die  Effektenspekulation  kann  also  den  Geldmarkt  ganz  empfindlich ­
  belasten,  damit  zu  seiner  Versteifung  und  zu  einer  Erhöhung
des  Zinsfußes  beitragen  und  damit  selbst  nicht  ohne  Einfluß  auf  den
weiteren  Gang  der  Konjunktur  bleiben.  Umgekehrt  können  dann
wieder  die  Verhältnisse  des  Geldmarktes  einen  erheblichen  Einfluß
auf  die  Börsenspekulation  ausüben.  Das  sind,  das  sei  ausdrücklich
betont,  Zusammenhänge,  welche  möglich  sind,  welche  sich  auch  schon
häufig  beobachten  ließen,  welche  aber  keineswegs  immer  in  der  gleichen
Weise  ein  treten.  Man  würde  einen  großen  Fehler  begehen,  wollte
1 )  Erstes  Morgenblatt  1907,  9.  November.
2 )  Das  Ultiinogeld  steht  in  der  Regel  unter  dem  Reportsatz  und  unter
dem  Lombardzinsfuß  der  Reichsbank,  aber  über  dem  Privatdiskontsatz.  Dazu ­
  treten  dann  in  der  Regel  noch  weitere  Nebenspesen,  wie  z.  B.  Provisionen,
        <pb n="159" />
        156  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

man  den  Versuch  machen,  die  Mannigfaltigkeit  dieser  Beziehungen,
welche  zwischen  Konjunktur,  Geldmarkt  und  Börsenspekulation  möglich ­
  sind,  in  ein  enges  Schema  zu  pressen.  Es  besteht  also  jedenfalls
ein  enger  Zusammenhang  zwischen  dem  Geschäftsgang  an  der  Börse
und  den  Wandlungen  der  Konjunktur.  Beide  beeinflussen  sich  gegenseitig. ­
  Die  wirtschaftliche  Konjunktur  und  ihre  Entwicklung  hat  einen
starken  Einfluß  auf  die  Börse  und  die  Börsenspekulation,  und  die
letzteren  beiden  üben  dann  einen  starken  Einfluß  auch  auf  den  Gang
der  Konjunktur  aus.  Das  kann  sich  auf  den  verschiedensten  Wegen
vollziehen.  Einmal  in  der  eben  dargelegten  Weise  über  den  Umweg  einer
starken  Inanspruchnahme  von  Bankkrediten,  die  dann  unter  besonders
schwierigen  Verhältnissen  zu  einer  Rediskontierung  von  Wechseln
und  zu  einer  starken  Belastung  der  Reichsbank  führt.
Der  Zusammenhang  zwischen  Effektenspekulation  und  Konjunktur ­
  kann  aber  auch  ein  ganz  anderer  sein,  worauf  bereits  Sombart
in  seinem  Referat  zu  Hamburg  über  die  Störungen  im  deutschen
Wirtschaftsleben  bei  den  Verhandlungen  des  Vereins  für  Sozialpolitik
hingewiesen  hat.  Die  Effektenspekulation  schraubt  bei  Beginn  der
Hausse  die  Kurse  hinauf.  Damit  entsteht  für  das  Unternehmen,  wenn
es  demgegenüber  keine  Entwertung  seiner  Aktien  herbeiführen  will,
die  Notwendigkeit,  seine  Dividenden  zu  erhöhen,  um  sie  den  getstiegenen
  Kursen  anzupassen.  Um  dies  erreichen  zu  können,  wird
vielfach  die  Produktion  forciert,  weil  mit  steigender  Produktionsleistung ­
  die  Kosten  zu  fallen  pflegen.  Ein  Weg  aber,  dieses  zu  erreichen, ­
  ist  die  Vergrößerung  des  Betriebes.  In  diesem  Sinne  kann
die  Effektenspekulation  nicht  nur  steigernd  auf  die  Produktion,  sondern ­
  auch  belastend  auf  den  Kapitalmarkt  wirken.  Denn  Betriebserweiterungen ­
  sind  ohne  weitere  Inanspruchnahme  desselben  in
der  Regel  unmöglich.  In  beiden  Fällen  werden  aber  damit  durch  die
Effektenspekulation  Tendenzen  ausgelöst,  die  für  einen  Umschwung
der  Konjunktur  nach  unten  hin  wirksam  sein  können.
Der  letzte  Punkt,  welcher  in  diesem  Zusammenhänge  zwischen
Konjunkturbewegung,  Geld;-  und  Kapitalmarkt  zu  besprechen  ist,  betrifft ­
  die  Zusammenhänge  zwischen  Konjunkturwandel  und  Zahlungsbilanz, ­
  d.  h.  zu  dem  Umfange  der  internationalen  Zahlungsverbindlichkeiten ­
 1 ).  Es  sind  zahlreiche  Faktoren,  welche  für  die
Höhe  dieser  Verbindlichkeiten  in  Frage  kommen.  Der  wichtigste  dafür
ist  die  Handelsbilanz.  Es  sei  auf  die  oben  gemachten  Darlegungen
verwiesen,  daß  in  den  Zeiten  einer  aufsteigenden  Konjunktur  die  Einfuhr ­
  zum  Steigen,  die  Ausfuhr  zum  Sinken  tendiert  und  daß  die  Ver-U
  Für  die  Periode  1902—1908  sind  diese  Zusammenhänge  eingehend
von  E  s  s  1  e  n  a.  a.  0.  dargestellt  worden.
        <pb n="160" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

157

häitnisse  in  der  Depression  umgekehrt  liegen.  Mit  den  Änderungen,
die  sich  auf  diese  Weise  in  der  Handelsbilanz  eines  Landes  vollziehen, ­
  müssen  auch  Einwirkungen  auf  den  internationalen
Zahlungsverkehr  stattfinden.  Zwar  wirken  ja  neben  der  Handelsbilanz ­
  noch  zahlreiche  andere  Faktoren  auf  die  Zahlungsbilanz  ein
und  es  mag  schon  sein,  daß  diese  letzteren  Faktoren  sich  nach  einer
Richtung  hin  entwickeln,  daß  damit  die  ungünstige  Wirkung  der
Verschiebungen  in  der  Handelsbilanz  auf  die  Zahlungsbilanz  in  den
Zeiten  einer  guten  Konjunktur  aufgehoben  wird.  Aber  dies  ändert
nichts  daran,  daß  solche  Tendenzen  vorhanden  sind.
Veränderungen  in  der  Zahlungsbilanz  eines  Landes  müssen  auch
Veränderungen  auf  dem  Markte  der  Zahlungsmittel  hervorrufen,  mit
denen  im  internationalen  Verkehr  die  Zahlungsausgleichungen  erfolgen. ­
  Die  Zahlungsmittel,  welche  hierfür  in  erster  Linie  in  Frage
kommen,  sind  Wechsel  (Devisen),  die  auf  das  Ausland  zahlbar  sind.
Der  Kurs  dieser  Wechsel  kann  also  ein  leidlich  brauchbares  Bild
davon  geben,  wie  sich  zu  einer  gegebenen  Zeit  für  ein  Land  das
Saldo  seiner  Verbindlichkeiten  und  'Forderungen  im  Weltverkehr
gestaltet.  Wenn  wirklich,  wie  oben  dargelegt,  in  den  Zeiten  einer
aufsteigenden  Konjunktur  die  Passivität  der  Handelsbilanz  zunimmt,
und  wenn  den  Einwirkungen  der  Handelsbilanz  auf  die  Zahlungsbilanz ­
  nicht  gleichzeitig  andere  Faktoren  entgegenwirken,  dann
müssen  sich  in  solchen  Zeiten  die  Wechselkurse  für  das  betreffende
Land  ungünstiger  gestalten.  Wir  wollen  uns  zunächst  wieder  einmal
die  Tatsachen  an  der  Entwicklung  der  Wechselkurse  für  den  Zeitraum
von  1896—1913  betrachten.

Es  betrug  in  Berlin  der  Wechselkurs  auf:

Jahr

London

Newyork

1896

20,40

418,12

1897

20,37

418,56

1898

20,43

420,91

1899

20,44

419,63

1900

20,46

420,12

1901

20,41

418,53

1902

20,45

419,37

1903

20,42

419,64

1904

20,41

419,04

Jahr

London

Newyork

1905

20,4-4

419,76

1906

20,46

421,10

1907

20,47

420,70

1908

20,46

419,3S

1909

20,4-4

419,34

1910

20,47

420,15

1911

20,46

420,25

1912

20,48

420,08

1913

20,47

419,94

Man  sieht,  wie  in  den  Jahren  einer  günstigen  Konjunktur  der
Wechselkurs  sieh  für  Deutschland  ungünstiger  gestaltet,  als  in  den
Jahren  der  Depression.  Eine  ausgesprochene  Parallelität  ist  freilich
nicht  vorhanden.  Sie  ist  auch  nicht  zu  erwarten.  Denn  einmal
Mombert,  Studium  der  Konjunktur.  11
        <pb n="161" />
        158  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

spielen  noch  zahlreiche  andere  Faktoren  neben  der  Handelsbilanz
für  die  Entwicklung  der  Zahlungsbilanz  und  damit  für  die  Gestaltung
der  Wechselkurse  eine  Rolle.  Und  weiterhin  ist  auch  der  Wechselkurs ­
  kein  so  eindeutiger  Maßstab  für  die  Lage  der  Zahlungsbilanz,
wie  man  es  schon  vielfach  angenommen  hat.
In  einzelnen  Jahren  hat  sich  der  Wechselkurs  sehr  erheblich
dem  oberen  Gold  punkte  genähert,  d.  h.  dem  Punkte,  bei  dem
der  Zahlungsausgleich  durch  Edelmetallsendungen  billiger  ist  als
der  Ausgleich  durch  Wechsel.  Geht  der  Wechselkurs  über  den  oberen
Goldpunkt  hinaus,  so  lohnt  es  sich,  Gold  an  Zahlungsstatt  nach  dem
Auslande  zu  senden,  anstatt  Wechsel  auf  das  Ausland  zu  kaufen;
sinkt  er  dagegen  unter  den  unteren  Goldpunkt,  so  ist  es  billiger,
Gold  aus  dem  Auslande  zu  beziehen.
Daraus  ergibt  sich,  daß  die  sogenannte  Goldbilanz  eines  Landes,
d.  h.  das  Verhältnis  von  Goldeinfuhr  und  Goldausfuhr,  mit  in  erster
Linie  von  der  Höhe  des  Wechselkurses  bestimmt  wird,  daß  sich  also,
so  weit  diese  Wechselkurse  in  dem  genannten  Sinne  von  der  Konjunktur ­
  beeinflußt  werden,  sich  im  Konjunkturwandel  auch  Änderungen ­
  in  der  Goldbilanz  vollziehen  müssen.  j
In  manchen  Jahren  hat  sich  der  Wechselkurs  dem  oberen  Goldpunkte ­
  sehr  genähert  und  mitunter  hat  er  diesen  sogar,  was  aus  den
Jahresdurchschnitten  nicht  hervorgeht,  überschritten 1 ).  Nach  den
Angaben  der  Reichsbank  ist  gegenüber  London  der  Goldpunkt  in  'den
Jahren  1898,  1899  und  1900  22,  19  und  48mal,  in  den  Jahren  1903
und  1904  21mal  und  6mal,  in  den  Jahren  1906,  1907,  1908,  1909  Und
1910  42-,  77-,  5-,  40-  und  27mal  überschritten  worden.  Es  waren  vor
allem  die  Jahre  einer  guten  und  aufsteigenden  Konjunktur,  in  welchen
diese  Überschreitungen  in  größerer  Zahl  vorgekommen  sind.  Wenn
in  diesen  Zeiten,  entgegen  der  Theorie,  keine  stärkere  Goldausfuhr
aus  Deutschland  stattgefunden  hat,  so  hängt  dies  in  erster  Linie  mit
der  damaligen  Politik  der  Reichsbank  und  der  deutschen  Großbanken,
auf  die  hier  jedoch  nicht  näher  einzugehen  ist,  zusammen *  2 ).
Die  folgende  Tabelle  gibt  ein  Bild  der  deutschen  Goldbilanz  in
der  fraglichen  Zeit.  Es  sei  dabei  jedoch  bemerkt,  daß  diese  Zahlen
über  die  internationale  Goldbewegung  auf  große  Zuverlässigkeit
keinen  Anspruch  erheben  dürfen.
!)  Der  untere  theoretische  Goldpunkt  mit  London  beträgt  20,34,  der
obere  20,50,  mit  Amerika  416,80,  und  421,875.  Vgl.  dazu  die  Reichsbank
1876—1910.  Berlin  1912.  S.  82.
2 )  Vgl.  Esslen,  a.  a.  0.  S.204ff.
        <pb n="162" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

159

Es  betrug  in  Deutschland  in  Millionen  Mark  die  Mehreinfuhr ­
  (+)  bzw.  die  Mehrausfuhr  an  Gold 1 )

1896

-  35

1902

b  40

1908

b  317

1897

b  46

1903

-  196

1909

-  35

1898

b  119

1904

-  398

1910

-  187

1899

f-  147

1905

-  190

1911

-  130

1900

b  140

1906

-  269

1912

-  167

1901

b  214

1907

-  3

1913

b  317

Diese  internationale  Goldbewegung  hängt  aber  auch  noch  nach
anderen  Seiten  hin  mit  der  Entwicklung  der  Konjunktur  in  einem
Lande  zusammen.  Einmal  kann  eine  ungünstige  Entwicklung  in  der
Goldbilanz,  wie  sie  im  Jahre  1907,  vor  allem  unter  dem  Einfluß  der
amerikanischen  Wirtschaftskrise,  eingetreten  ist,  die  heimischen
Notenbanken  zum  Schutze  ihres  Goldschatzes  zur  Erhöhung  ihres
Diskontsatzes  zwingen.  Damit  steigt  der  Zinsfuß,  und  damit  kann  ein
lähmender  Einfluß  auf  eine  günstige  Konjunktur  ausgeübt  werden.
Aber  auch  umgekehrt  werden  Änderungen  in  der  Konjunktur  eines
Landes  einen  Einfluß  auf  dessen  Goldbilanz  ausüben  müssen.  Denn
mit  dem  Wandel  der  Konjunktur  ändert  sich  auch  der  Zinsfuß  in
einem  Lande,  was  in  dem  Diskontsatz  der  Notenbank  seinen  äußeren
Ausdruck  findet.  Auch  diese  Zinsbewegung  übt  dann  einen  Einfluß
auf  die  Goldbilanz  aus.
Die  Zusammenhänge  können  hier  verschiedenartige  sein.  Wir
haben  oben  gesehen,  daß,  wenn  unsere  Wechselkurse  tief  standen,
d.  h.  sich  dem  unteren  Goldpunkte  näherten,  damit  von  selbst  die
Einfuhrmöglichkeit  von  Gold  nach  Deutschland  gegeben  war.  Denn
damit  mußte  sich  für  unsere  Schuldner  die  Zahlung  in  Gold  billiger
gestalten  als  der  Ankauf  von  Wechseln  auf  Deutschland.  Je  aktiver
unsere  Zahlungsbilanz  war,  um  so  eher  mußte  dieser  Punkt  eintreten.
Dahin  tendierte  nun,  wie  wir  gesehen  haben,  das  wirtschaftliche
Leben  in  den  Zeiten  der  Depression.  Ob  diese  Wirkung  dann  auch
tatsächlich  eintrat,  war  dann  freilich  eine  andere  Frage,  da  ja,  wie
schon  mehrfach  betont,  für  die  Zahlungsbilanz  neben  der  Handelsbilanz ­
  noch  andere  Faktoren  in  Frage  kommen.  Eine  Gegentendenz
kann  z.  B.  durch  eine  starke  Kapitalanlage  im  Ausland,  wodurch
fällige  deutsche  Guthaben  dort  zurückgehalten  werden,  ausgeübt
werden.
Es  besteht  aber  auch  ein  enger  Zusammenhang  zwischen  Diskontpolitik ­
  und  Goldbilanz.  Dieser  Zusammenhang  kann  ein  beab*) ­

  Nach  den  Zusammenstellungen  in  der  Volkswirtschaftlichen  Chronik
Beil,  zu  den  Jahrbüchern  f.  Nationalökonomie  u.  Statistik.
        <pb n="163" />
        160  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

sichtigter  und  ein  unbeabsichtigter  sein.  Um  von  dem  letzteren  zuerst
zu  reden.
Wir  haben  oben  gesehen,  daß  die  Diskontpolitik  der  Notenbanken
in  erster  Linie  auch  dazu  bestimmt  ist,  für  deren  Liquidität  zu
sorgen,  und  daß  damit  in  erster  Linie  die  Änderungen!  des  Diskontsatzes ­
  im  Wandel  der  Konjunktur  Zusammenhängen.  Jede  Diskonterhöhung ­
  bedeutet  nun  ein  Mittel,  die  Goldeinfuhr  zu  fördern  und
den  Goldabfluß  zu  hindern.  Das  kann  einmal  mittelbar,  dann  aber
auch  unmittelbar  geschehen.  Mittelbar  dadurch,  daß  eine  Diskonterhöhung ­
  lähmend  auf  das  Wirtschaftsleben  und  die  Produktion  einwirkt, ­
  damit  den  Aufstieg  der  Konjunktur  verlangsamt  oder  die
Hausse  zum  Stoppen  bringt,  damit  in  der  oben  dargelegten  Weise
die  Passivität  der  Handelsbilanz  mindert,  die  Zahlungsbilanz  bessert
und  so  einen  günstigen  Einfluß  auf  die  Goldeinfuhr  ausübt.  Unmittelbar ­
  hat  aber  eine  Diskonterhöhung  diesen  Einfluß  dadurch,
daß  ein  hoher  Zinsfuß  im  Inlande  das  Ausland  veranlaßt,  Guthaben
dorthin  zu  geben.  Ein  solches  Vorgehen  muß  senkend  auf  unseren
Wechselkurs  einwirken  und  damit  ebenfalls  die  Goldeinfuhr  fördern.
Dabei  lassen  sich  natürlich  diese  unmittelbaren  und  mittelbaren
Beziehungen  keineswegs  immer  deutlich  voneinander  scheiden.
Diese  bis  jetzt  besprochenen  Maßnahmen  sind  solche,  hei
welchen  eine  Diskonterhöhung  sich  aus  der  Konjunkturlage  des  betreffenden ­
  Landes  ergeben  hat.  Aber  auch  ganz  unabhängig  davon
kann  die  Diskontpolitik  dazu  benutzt  werden,  die  Goldeinfuhr  in  ein
Land  zu  begünstigen  und  eine  aus  wirtschaftlichen  Gründen  notwendige ­
  Goldausfuhr  hintanzuhalten.  Es  ist  dies  jedoch  ein  Vorgehen, ­
  das  für  den  Kredit  eines  Landes  äußerst  verhängnisvoll  sein
kann.  Eine  Diskonterhöhung  kann  auch  nur  vorübergehend  eine
solche  Wirkung  ausüben,  auf  die  Dauer  ist  sie  ein  ungeeignetes
Mittel  dazu.
Noch  auf  ein  letztes  sei  in  diesem  Zusammenhänge  kurz  hingewiesen. ­
  Es  war  oben  gesagt  worden,  daß  eine  günstige  Entwicklung ­
  der  Handelsbilanz  auch  die  Zahlungsbilanz  im  Sinne  einer  Goldeinfuhr ­
  beeinflussen  muß,  wenn  nicht  durch  die  erstere  entstandene
deutsche  Guthaben  im  Auslande  aus  irgendwelchen  Gründen  dort
zurückgehalten  werden.  Zu  diesen  Gründen  kann,  wie  schon  hervorgehoben,
  eine  Anlage  dieser  Guthaben  im  Auslande  zählen.
Eine  solche  Kapitalanlage  im  Auslande  kann  ja  in  den  allerverschiedensten ­
  Formen  auftreten.  Um  nur  die  wichtigsten  zu  nennen,  so
gehören  hierher  Anlagen  in  fremdländischen  Unternehmungen  und  in
fremdländischen  Wertpapieren  der  verschiedensten  Art.  Der  Hauptgrund ­
  einer  solchen  Kapitalanlage  in  fremden  Werten  beruht  darauf,
        <pb n="164" />
        4.  Der  Kapital-  und  Geldmarkt.

161

daß  diese  in  der  Regel  eine  höhere  Verzinsung  als  die  im  Heimatlande
übliche  erbringen.  Auch  die  Formen  und  Wege,  auf  welche  dem
Auslande  diese  Kapitalbeträge  zugeführt  werden,  können  verschiedene
sein.  Es  kann  sich  dabei  einmal  um  eine  unmittelbare  Kapitalausfuhr
nach  dem  betreffenden  Lande  handeln,  der  Zusammenhang  kann  aber
auch  so  liegen,  daß  von  Inländern  im  Auslande  verdiente  Beträge,  wie
Zinsen,  Unternehmer-  und  Handelsgewinne  usw.,  nicht  dem  Heimatlande ­
  zufließen,  sondern  im  Auslande  stehen  bleiben.  In  dieser
letzteren  Form  sind  es  also  Gegenwerte  unserer  Warenausfuhr,
welche  im  Auslande  angelegt  werden.  Das  muß  steigernd  auf  die
Wechselkurse  wirken,  und  damit  einen  ungünstigen  Einfluß  auf  die
Goldeinfuhr  ausüben.  Auf  diesen  Zusammenhang  sei  an  dieser  Stelle
nur  ganz  kurz  hingewiesen.  Es  würde  den  Rahmen  dieser  Betrachtungen ­
  überschreiten,  eingehender  auf  diese  Fragen  einzugehen.
Denn  es  handelt  sich  hier  um  Zusammenhänge,  welche  nur  sehr
mittelbar  mit  der  Konjunktur  in  Verbindung  stehen.
Literatur.
Allgemeines:  J.  Mayer,  Kredit  und  Konjunktur.  Stuttgart  1913.  —
Kemöny,  Konjunktursymptome  am  Geldmarkt.  Dissertation.  Leipzig  1911.  —
Marx,  Die  Emissionsstatistik  in  Deutschland  und  einigen  ausländischen
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  in  Deutschland.  Stuttgart  1914.  —  Dombois,  Der  Kursstand  der
deutschen  Staatsanleihen.  Hannover  1911.  —  Schwarz,  Die  Kurse  der
deutschen  Reichs-  und  Staatsanleihen.  Berlin  1911.  —  Homburger,
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  a.  M.  1905.  —  Bich  mann,  Der  Zinsfuß  seit  1895.  Berlin  1912.—
Vogelstein,  Die  Industrie  und  der  Kapitalmarkt.  Bankarchiv,  8.  Jahrg.
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Reichsbank  1876—1910.  Berlin  1912.  —  Plenge,  Von  der  Diskontpolitik
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Die  Kreditbanken  und  die  Börsengeschäfte.  Somary,
Bankpolitik.  Tübingen  1915.  —  Weber,  Depositenbanken  und  Spekulationsbanken. ­
  3.  Aufl.  Leipzig  1922.  —  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.,  Bd.  110,  Geldmarkt  und
Kreditbanken.  —  Schulze-Gävernitz,  Die  deutschen  Kreditbanken.
Tübingen  1915.  —  Riesser,  Die  deutschen  Großbanken  und  ihre  Konzentration. ­
  4.  Aufl.  Jena  1912.  —  Pflüger,  Die  Prolongation  im  Wechselverkehr. ­
  Mannheim  1913.  —  Buff,  Das  Kontokorrentgeschäft  im  deutschen
Bankgewerbe.  Stuttgart  1904.  —  J  e  i  d  e  1  s,  Das  Verhältnis  der  deutschen
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Akzeptkredit  der  deutschen  Banken.  Leipzig  1914.  —  Schauwecker,
Das  Bankakzept  im  Dienste  des  Betriebskredits.  Leipzig  1911.  —  Schulze.
        <pb n="165" />
        162  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

Die  Bankkatastrophen  in  Sachsen  1901.  Tübingen  1903.  —  Stünzner,
Banken  und  Wertpapierbörse.  Dissertation.  Freiburg  1911.  —  Wiewiorowski,
  Einfluß  der  deutschen  Bankenkonzentration  auf  Krisenerscheinungen. ­
  Berlin  1911.  —  Prion,  Die  Preisbildung  an  der  Wertpapierbörse.
Leipzig  1910.  —  Sontag,  Die  Gründung  einer  Industrie-  und  Hypothekenbank. ­
  Kattowitz  1909.  —  Baumgarten,  Der  Bankkredit  der  leichten  Industrie. ­
  Dissertation.  Freiburg  1914.  —  Huth,  Die  Entwicklung  der  deutschen ­
  und  französischen  Großbanken.  Dissertation.  Freiburg  1918.  —
Hahn,  Volkswirtschaftliche  Theorie  des  Bankkredits.  Tübingen  1920.  —
Rozumak,  Das  Kreditgeschäft  im  Bankgetriebe.  2.  Aufl.  Berlin  1920.  —
Loehr,  Das  deutsche  Bankwesen.  München  1921.  —  Salings  Börsenpapiere. ­
  Erster  allgem.  Teil.  15.  Aufl.  1920.  —  Weihs,  Die  Beziehungen
der  Banken  zur  Industrie.  Wien  1921.  —  A.  Koch,  Der  Warenkredit  der
Banken  und  seine  Sicherstellung.  Jena  1922.  —  Vogt,  Zur  Industriopolitik ­
  der  schweizerischen  Großbanken.  Weinfelden  1922.
Der  internationale  Kapital-  und  Geldmarkt.  Waltershausen, ­
  Das  volkswirtschaftliche  System  der  Kapitalanlage  im'  Auslande.
Berlin  1907.  —  Koch,  der  Londoner  Goldverkehr.  Stuttgart  1905.  —
Weill,  Die  Solidarität  der  Geldmärkte.  Frankfurt  a.M.  1903.  —  Schilling, ­
  Über  die  Frage  der  Errichtung  eines  deutschen  Goldmarktes.  Karlsruhe ­
  1913.  —  Leist,  Der  internationale  Kredit-  und  Zahlungsverkehr.
Leipzig  1914.  —  Kundt,  Über  die  Beziehungen  zwischen  Valutaverschlechterungen ­
  und  auswärtigem  Handel.  Dissertation.  Berlin  1898.  —  Lubarsch
Untersuchungen  über  Wechselkurse  und  Edelmetallverkehr.  Dissertation.
Göttingen  1912.  —  Liefmann,  Über  den  Einfluß  des  internationalen
Kapitalienverkehrs  auf  die  Krisen.  Jahrbücher  f.  Nat.  und  Stat.  3.  Folge.
Bd.  27.  1904.  —  Hahn,  Handelsbilanz  —  Zahlungsbilanz,  Valuta  und
Güterpreise.  Archiv  f.  Sozialw.  Bd.  48.
        <pb n="166" />
        Vierter  Abschnitt.

Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.
1.  Vorbemerkung.
Unter  Konjunkturpolitik  kann  man  ein  Doppeltes  verstehen:
einmal  das  Verhalten  während  einer  bestimmten  Konjunktur,  um
deren  Nachteile  und  Schädigungen  zu  vermeiden,  oder  um  bei  einer
guten  Konjunktur  deren  Vorteile  nach  Möglichkeit  auszunutzen.  Das
andere  Mal  kann  man  unter  Konjunkturpolitik  die  Gesamtheit  der
Mittel  und  Möglichkeiten  verstehen,  welche  den  Zweck  haben,  einen
Einfluß  auf  den  Wandel  der  Konjunktur  in  einem  ganz  bestimmten
Sinne  auszuüben.  In  beiden  Fällen  können  dabei  die  Träger  einer
solchen  Konjunkturpolitik  entweder  private  .Wirtschaften,  Unternehmer, ­
  oder  öffentliche  Körperschaften,  wie  Staat  und  Gemeinde,
sein.
Beide  Male  ist  also  unter  Konjunkturpolitik  etwas  ganz  Verschiedenes ­
  verstanden.  Wir  wenden  uns  zunächst  der  Konjunkturpolitik
im  erstgenannten  Sinne  zu,  als  der  Summe  der  Handlungen,
welche  den  Zweck  haben,  einer  gegebenen  Konjunktur  /gegenüber
Stellung  zu  nehmen.  Wir  wollen  dabei  beobachten,  welches  Verhalten ­
  hier  die  einzelnen  Glieder  der  Volkswirtschaft,  vor  allem!  die
Unternehmer,  auf  deren  Verhalten  es  hierbei  vor  allem  ankommt,  an
den  Tag  legen.  Dabei  liegt  es  auf  der  Hand,  daß  dieses  Verhalten  ein
viel  ausgesprocheneres  und  zielbewußteres  sein  muß,  wenn  die  Konjunktur ­
  nach  unten  umbiegt,  als  wenn  ihre  Linie  in  aufsteigender
Richtung  begriffen  ist.  Wenn  die  Geschäfte  allenthalben  gut  gehen,
so  liegt  überall  viel  weniger  Veranlassung  vor,  hierbei  besondere
Maßnahmen  zu  ergreifen,  als  wenn  die  gegenteilige  Entwicklung  um
sich  greift.
Wir  müssen  in  allen  Fällen  dabei  von  der  Tatsache  ausgehen,
daß  der  private  Unternehmer  sich  in  seinem  Tun  von  dem  Grundmotiv ­
  allen  wirtschaftlichen  Handelns,  von  dem  Streben  nach  dem
größtmöglichen  Ertrage,  leiten  läßt.  Es  ist  für  die  Erkenntnis  der
wirtschaftlichen  und  gesellschaftlichen  Zusammenhänge  jedoch  von
sehr  großer  Bedeutung,  diejenigen  Mittel  kennenzulernen,  welche  die
einzelnen  Wirtschaftssubjekte  anwenden,  um  dieses  Ziel  eines  möglichst ­
  großen  Ertrages  in  nachhaltiger  und  dauerhafter  Weise  zu  er ­
        <pb n="167" />
        164  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

reichen.  Setzt  sich  doch  dasjenige,  was  wir  als  Volkswirtschait  zu
bezeichnen  pflegen,  in  erster  Linie  aus  den  Handlungen  und  den
Willensäußerungen  der  einzelnen  Wirtschaftssubjekte  zusammen,  die
nur  durch  zahlreiche  innere  und  äußere  Bande,  aus  eigenem  Entschluß ­
  oder  zwangsweise,  zusammen  gehalten,  unserem  geistigen
Auge  als  eine  wirtschaftliche  Einheit  erscheinen,  die  wir  dann  als
Volkswirtschaft  bezeichnen.
Es  handelt  sich  hier  um  die  Anwendung  des  sogenannten  privatwirtschaftlichen ­
  Gesichtspunktes  in  der  Sozialökonomie 1 )  darum,
daß  man  in  diesem  Falle  das  Streben  nach  dem  größten  Ertrage  als
Zweck  und  die  dazu  eingeschlagenen  Wege  als  Mittel  auffaßt,  dann
die  Art  dieser  angewandten  Mittel  untersucht,  um  auf  dieser  Grundlage ­
  dann  wichtige  volkswirtschaftliche  Zusammenhänge  festzustellen.
Der  Ausgangspunkt  ist  also  hei  der  folgenden  Betrachtung  in
erster  Linie  die  private  Unternehmung.  Diese  ist  ja  der  Ausgangspunkt ­
  zahlreicher  Handlungen,  aus  deren  Wirkungen  jene  mannigfaltigen ­
  Probleme  hervorgehen,  welche  den  Aufgabenkreis  der
nationalökonomischen  Wissenschaft  bilden  und  aus  denen  wichtige
Aufgaben  für  die  staatliche  Gesetzgebung  und  Verwaltung  erwachsen.
Aber  auch  der  umgekehrte  Zusammenhang  ist  vorhanden.  In
der  Tätigkeit,  in  der  Ausgestaltung,  in  der  Wahl  der  Mittel  der
einzelnen  Privatwirtschaften  spiegeln  sich  alle  jene  zahlreichen
Veränderungen  wieder,  die,  wie  z.  B.  jene  der  Technik  oder  der
Rechtsordnung,  auf  unsere  wirtschaftliche  Entwicklung  von  Einfluß
sind  und  mit  denen  sich  jede  einzelne  Wirtschaft  und  Unternehmung,
aber  jede  wieder  nach  ihrer  Eigenart,  in  ganz  verschiedener  Weise,
abzufinden  hat  und  damit  wieder  durch  die  Art  ihrer  Reaktion
darauf  einen  ganz  bestimmten  Einfluß  auf  das  Ganze  ausübt.
Die  Wahl  dieser  Mittel  zur  Erreichung  dieses  privatwirtschaftlichen ­
  Zieles,  des  größten  Ertrages,  ist  also  keineswegs  ein  für  allemal ­
  eine  gleichartige.  Sie  ist  vielmehr  durchaus  abhängig  von  den
konkreten  wirtschaftlichen  Voraussetzungen  einer  jeden  Unternehmung, ­
  wie  dem  Stande  ihrer  Technik,  der  höheren  oder  niedrigeren
Zusammensetzung  ihres  Kapitals  im  Sinne  von  Karl  Marx,  ihren
Absatzverhältnissen,  der  Zusammensetzung  ihrer  Arbeiterschaft  usw.
Wenn  wir  z.  B.  beobachten,  daß  einzelne  Industrien  oder  Unternehmungen ­
  bei  einer  bestimmten  Art  der  Konjunktur  eine  ganz  verschiedene ­
  Preis-  und  Absatzpolitik  verfolgen,  so  haben  wir  in  dieser
1 )  Ein  Teil  der  folgenden  Darlegungen  dieses  Abschnittes  ist  meinem
Aufsatze:  Der  privatwirtschaftliche  Gesichtspunkt  bei  der  Erforschung  der
Konjunkturentwicklung  entnommen.  In:  „Die  private  Unternehmung,  Ifeftl.
Der  privatwirtschaftliche  Gesichtspunkt  in  der  Sozialökonomie  und  Jurisprudenz.“ ­
  Mannheim  1914.
        <pb n="168" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

165-

bestimmten  Preis-  und  Absatzpolitik  ein  Mittel  dieser  Unternehmung
zu  erblicken,  welches  dem  Streben  nach  dem  größten  Ertrag  seinen
Ursprung  verdankt.
Je  nachdem  dabei  diese  oder  jene  Mittel  gewählt  werden,  ergeben
sich  für  die  Gesamtheit  ganz  verschiedene  Einwirkungen  in  wirtschaftlicher ­
  und  gesellschaftlicher  Hinsicht,  z.  B.  auf  die  Größe  der
Produktionsleistungen  in  einer  Volkswirtschaft,  auf  den  Wohlstand
der  Bevölkerung,  auf  den  Kapital-  und  Geldmarkt,  auf  das  Maß  von
Arbeitsgelegenheit  in  dem  betreffenden  Lande  usw.  Es  handelt  sich
also  bei  den  folgenden  Betrachtungen  nicht  nur  um  Zusammenhänge,
welche  vom  Standpunkte  der  einzelnen  Unternehmungen  aus  wichtig
und  beachtenswert  sind,  sondern  auch  um  solche,  bei  denen  das
gleiche  von  Standpunkt  der  ganzen  Volkswirtschaft  aus  gilt.  Wenn
eine  solche  Betrachtung  durchgeführt  werden  kann,  so  ist  das  in
erster  Linie  dem  reichen  Tatsachenmaterial  zu  verdanken,  welches
die  schon  mehrfach  genannten  Untersuchungen  des  Vereins  für  Sozialpolitik ­
  für  die  Wirtschaftskrise  um  die  Jahrhundertwende  beigebracht ­
  haben.  Diese  Untersuchungen  sind  es,  welche  den  folgenden
Erörterungen  in  der  Hauptsache  zugrunde  liegen.
Die  Unternehmer,  Staat  oder  Gemeinde,  welche  sich  einer  gegebenen ­
  Konjunktur  gegenüber  befinden  und  sich  mit  ihr  und  ihren
Einwirkungen  durch  bestimmte  Maßnahmen  und  Handlungen  abzufinden ­
  bestrebt  sind,  was  ja  vor  allem  bei  einem  Rückgang  der  Konjunktur ­
  der  Fall  ist,  bedürfen  keiner  besonderen  Hilfsmittel,  diese
vorhandene  Konjunktur  und  ihre  Wirkungen  genauer  kennenzulernen
und  zu  studieren.  Der  Unternehmer  lernt  die  Konjunktur  und  ihre
Wandlungen  dadurch  am  eigenen  Leibe  kennen,  daß  sich  die  Bestellungen ­
  und  Aufträge  und  die  Preise  ändern,  und  die  anderen,  im
vorigen  Abschnitt  beschriebenen  Symptome  der  einzelnen  Konjunkturen ­
  liegen  im  allgemeinen  so  offen  zutage,  daß  sie  die  Eigenart ­
  der  in  einer  bjestimmten  Zeit  vorhandenen  Konjunktur  ebenso
wie  die  Wirkungen  auf  das  wirtschaftliche  und  soziale  Leben  ohne
weiteres  deutlich  erkennen  lassen.

3.  Die  private  Unterneliimmg-  im  Wandel  der  Konjunktur»
Wir  wollen  hier  zunächst  die  Zeit  des  Aufstiegs,  die  Entwicklung ­
  zur  Hausse  ins  Auge  fassen  und  hier  wiederum  zunächst  die
Veränderungen  auf  dem  Geld-  und  Kapitalmarkt  betrachten,
dessen  Entwicklung  ja,  wie  wir  gesehen  haben,  eine  weitgehende
Parallelität  zu  derjenigen  der  Konjunktur  aufweist  und  mit  ihr  ursächlich ­
  in  einem  sehr  engen  Zusammenhänge  steht.
        <pb n="169" />
        166  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Man  kann  hier  zunächst  beobachten,  daß  die  einzelnen  Unternehmungsformen ­
  ein  sehr  verschiedenes  Verhältnis  zum  Kapitalund
  Geldmarkt,  vor  allem  zum  ersteren,  haben,  indem  sie  diesen  in
einer  ganz  verschiedenen  Weise  in  Anspruch  nehmen.  Es  gehört
hierher  einmal  die  Tatsache,  daß,der  Reinertrag  der  Einzelunternehmung, ­
  soweit  er  nicht  zum  Lebensunterhalt  des  Besitzers  und
seiner  Angehörigen  verwandt  wird,  in  dem  Geschäft  verbleiben  kann,
dem  dadurch  in  natürlicher  Weise  die  Mittel  zu  seiner  innerlichen
Kräftigung  und  Ausdehnung  zugeführt  werden.  Demgegenüber  wird
bei  der  Aktiengesellschaft  der  ganze  Gewinn,  soweit  er  nicht
zur  Bildung  offener  und  stiller  Reserven  verwandt  wird,  als  Dividende
verteilt,  und  es  ist  deshalb  bei  der  Aktiengesellschaft  die  Regel,  daß
hei  einer  Vergrößerung  des  Unternehmens  eine  Inanspruchnahme  des
Kapitalmarktes  erfolgen  muß.
Mit  diesem  Unterschied  hängt  es  dann  auch  zusammen,  daß  der
Einzeluntemehmer  bis  zu  einem  gewissen  Grade  in  weit  stärkerem
Maße,  als  es  bei  der  Aktiengesellschaft  der  Fall  ist,  in  der  Erweiterung
und  Ausgestaltung  seines  Geschäftes  unabhängig  ist.  Das  Kapital  der
Aktiengesellschaft  dagegen  hat  Effektenform,  und  wird  in  der  Regel
an  der  Börse  gehandelt,  wo  es  in  seiner  Bewertung  in  hohem  Maße
der  Börsenstimmung  und  Börsenspekulation,  aber  auch  unabhängig
davon,  den  Einflüssen  der  Großbanken  unterliegt.  Es  ist  oben  bereits
darauf  hingewiesen  worden,  daß  sich  daraus  für  die  Produktionspolitik ­
  der  Aktiengesellschaften,  ganz  besonders  in  der  Zeit  des  wirtschaftlichen ­
  Aufstieges,  bestimmte  Wirkungen  ergeben  können.  Die
Effektenspekulation  schraubt  in  dieser  Zeit  die  Kurse  hinauf  und  damit ­
  entsteht  für  das  Unternehmen,  wenn  es  keine  Entwertung  seiner
Aktien  herbeiführen  will,  die  Notwendigkeit,  seine  Dividende  diesen
gestiegenen  Kursen  anzupassen,  deshalb  eventuell  die  Produktion  zu
forcieren,  vielleicht  sogar  zu  diesem  Zwecke  Neuanlagen  und  Betriebsanlagen ­
  vorzunehmen.
Soweit  das  Gesagte  zutrifft,  wirkt  das  Bestehen  von  Aktiengesellschaften ­
  als  solchen  in  diesen  Zeiten  nicht  nur  steigernd  auf
die  Produktion,  sondern  auch  belastend  auf  den  Kapitalmarkt,  da
eben  Betriebserweiterungen  in  der  Regel  nur  durch  eine  neue  Inanspruchnahme ­
  desselben  möglich  sind.  Es  können  also  bei  der
Aktiengesellschaft  von  außen  kommende  Faktoren  sein,  gar  nicht
der  Wunsch  und  die  Initiative  der  Betriebsleitung,  welche  eine  solche
Entwicklung  hervorrufen.  Die  Aktiengesellschaft  ist  also  abhängiger
von  den  Einflüssen  des  Kapitalmarktes,  von  den  Einflüssen  von
Banken  und  Börse,  als  der  Einzelunternehmer.  Hat  man  doch  auch
schon  häufig  darauf  hingewiesen,  daß  in  der  Zeit  einer  aufsteigenden
        <pb n="170" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

167

Konjunktur  Betriebserweiterungen  vielfach  unter  dem  Einfluß  der
Banken  vor  sich  gehen,  daß  die  Mittel  hierzu  der  Betriebsleitung
förmlich  aufgedrängt  werden.
„Weit  wichtiger  erscheint  es  aber,  daß  der  auf  den  Finanzier
gestützte  Industrielle,  oder  Industriepolitiker,  von  dem  wir  vorhin
sprachen,  mit  ähnlichen  Gründen  stets  zur  Erweiterung  und  Ausgestaltung ­
  des  von  ihm  beherrschten  industriellen  Systems  geneigt
sein  wird.  Er  weiß,  daß  er  immer  über  den  Kapitalmarkt  verfügen
kann  und,  was  den  privaten  Unternehmer  davon  abhält,  sein  Werk
allzu  sehr  über  seine  eigene  Kraft  hinaus  zu  erweitern,  die  Furcht,
seine  Unabhängigkeit  zu  verlieren,  dieses  Moment  existiert  für
unseren  von  vornherein  mit  der  Finanz  liierten  Industriellen  natürlich
nicht.  Es  kommt  dazu,  daß  der  Finanzier  seinen  Wünschen  gerne
folgen  wird,  da  sie  ihm  selbst  Gelegenheit  geben,  zu  verdienen.  Die
Folge  davon  ist,  daß  Wirtschaftszweige,  in  denen  der  finanzielle
Industriepolitiker  herrscht,  im  ganzen  eine  größere  Neigung  zur  Erweiterung ­
  und  Ausgestaltung,  stärkerer  Inanspruchnahme  des  Kapitalmarktes ­
  und  Überproduktion  zeigen  müssen  als  andere  i).“
Wenn  wir  im  Auge  halten,  daß  bei  uns  die  Tendenz  dahin  geht,
die  Einzelunternehmung  immer  mehr  durch  die  Aktiengesellschaft  zu
verdrängen,  so  müssen  sich  damit  aus  der  Eigenart  dieser  Unternehmungsform ­
  heraus  in  dem  eben  dargelegten  Sinne  bestimmte
Einwirkungen  auf  die  Entwicklung  der  Produktion  und  auf  die  Lage
auf  dem  Kapitalmärkte  ergeben.  Das  in  Handel  und  Industrie  bei
uns  tätige  Kapital  nimmt  ja  in  steigendem  Maße  Effektenform  an.
Auch  die  Organisationsform  der  Industrie,  die  Frage,  ob  Einzelunternehmung ­
  oder  Aktiengesellschaft,  ist  nach  mancher  Richtung  hin
nur  ein  Mittel,  um  bestimmte,  privatwirtschaftliche  Ziele  zu  erreichen.
Es  sind  ja  auch  ganz  bestimmte  Industriezweige,  in  welchen,  aus
diesem  Grunde  vor  allem,  die  Aktiengesellschaft  als  Unternehmungsform
  in  starkem  Vordringen  begriffen  ist.  In  diesem  Sinne  wird  also
die  Zunahme  der  Aktiengesellschaften  gegenüber  den  Einzelunternehmungen ­
  einen  Einfluß  auf  den  Gang  der  Konjunktur  ausüben
können.
Auch  in  anderer  Hinsicht,  ohne,  wie  in  dem  eben  besprochenen
Falle  an  den  Typ  einer  bestimmten  Unternehmungsform  gebunden
zu  sein,  ergeben  sich  aus  der  Eigenart  der  einzelnen  Industrieen  und
Unternehmungen  heraus  in  Verfolgung  ihres  Ertragsstrebens  bemerkens-U
  Steinitzer,  a.  a.  0.  S.98.  Vgl.  dazu  auch  Petrazycki,  Aktienwesen
  und  Spekulation.  Berlin  1906.  Kap.  6.  Der  pathologische  Einfluß  der
optimistischen  Tendenz  auf  die  Produktion.
        <pb n="171" />
        168  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

werte  Einflüsse  auf  den  Kapital-  und  Geldmarkt  und  damit  auch
auf  den  Gang  der  wirtschaftlichen  Konjunktur.
Es  ist  hierbei  an  die  Kreditgewährung  der  einzelnen  Unternehmungen ­
  an  ihre  Kunden,  welche  ja  in  ganz  verschiedenem  Maße
stattfindet,  gedacht.  Diese  Art  der  Kreditgewährung  hängt  auch
wieder  mit  der  Eigenart  der  betreffenden  Industriezweige  zusammen
und  ist  damit  von  dem  Motiv,  ein  bestimmtes  wirtschaftliches  Ziel
zu  erreichen,  beherrscht.  Es  sei  an  dieser  Stelle  nur  auf  zwei  Industriezweige ­
  hingewiesen.  In  dem  einen  Falle  handelt  es  sich  um
die  Kundschaftsdarlehen  der  Brauereien,  in  dem  anderen  um  die
früher  so  berüchtigte  Kreditgewährung  der  deutschen  Maschinenfabriken. ­

Die  Kreditgewährung  der  Brauereien  an  ihre  Kunden  hängt
mit  der  sogenannten  „Hektoliterjagd“  zusammen,  dem  Streben  nach
Erhöhung  ihres  Absatzes,  ein  Streben,  das  hier  ganz  besonders  starkist,
weil  gerade  im  Brauereigewerbe  die  Höhe  der  Produktionskosten  in
besonders  engem  Zusammenhänge  mit  der  Größe  der  Produktion  steht.
So  hatten  im  Jahre  1911  335  Aktienbrauereien  in  Deutschland  an
Darlehen  und  Hypotheken  233,2  Millionen  Mark  oder  9,58  Mark  pro
Hektoliter  Ausstoß  ausstehen 1 ).
Über  die  Kreditverhältnisse  in  der  Maschinenindustrie  heißt
es  in  einer  Zuschrift  an  die  Frankfurter  Zeitung,  die  schon  mehrere
Jahre  zurückliegt:
„Für  die  deutschen  Maschinenfabriken  aber  ist  gerade  der
Zahlungsmodus  in  sehr  vielen  Fällen  der  wundeste  Punkt.  Die
Verkaufsbedingungen  lauten  erst  im  allgemeinen:  ein  Drittel  bei-Bestellung, ­
  ein  Drittel  bei  Lieferung,  ein  Drittel  drei  Monate  später.
Aber,  wer  kümmert  sich  darum?  Die  schleppende  Zahlungsweise  ist
mit  das  größte  Übel,  an  dem  die  deutsche  Maschinenindustrie  krankt.
Was  hohe  Rohmaterialienpreise,  gestiegene  Löhne  und  soziale  Lasten
noch  an  Gewinn  übrig  lassen,  das  wird  von  den  hohen  Zinsen  fü|r
Leibgeld  fast  sicher  aufgezehrt,  so  daß  im  allgemeinen  nur  diejenigen
Werke  mit  Nutzen  arbeiten  können,  die  finanziell  stark  sind.  Daneben
haben  sich  noch  spezielle  Schäden  eingenistet,  die  auch  ausgemerzt
werden  müssen,  wenn  nicht  die  Lage  der  Maschinenindustrie  immer
schlimmer  werden  sollte.  Wir  haben  da  u.  a.  die  Gegengeschäftsmanie ­
  im  Auge,  die  in  Deutschland  immer  größere  Dimensionen  aninimmt.
  Selbst  die  größten  und  mächtigsten  Werke  entblöden  sich
nicht  mehr,  Bestellungen  nur  unter  der  Bedingung  zu  erteilen,  daß
eine  gewisse  Quote,  ein  Viertel,  die  Hälfte,  —  ja  der  ganze  Betrag  i)
i)  Nach  einer  Notiz  in  der  Frankfurter  Zeitung,  deren  Datum  ich  jedocb
nicht  mehr  feststellen  konnte.
        <pb n="172" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

169

„in  Gegenrechnung  in  Waren  geliefert  wird“.  Solange  sich  solche
Werke  einrichten,  haben  sie  schönen  Absatz  infolge  des  Gegengeschäftsprinzips. ­
  Sowie  aber  die  Neueinrichtungen  fertig  sind,
stockt  aber  der  Absatz  naturgemäß.  Volkswirte,  welche  die  gegenwärtige ­
  Krisis  studieren,  sollten  an  der  Gegengeschäftsmisere  nicht
achtlos  vorübergehen 1 )“
Aus  der  Papierindustrie  haben  wir  für  die  Jahrhundertwende ­
  Berichte  von  Fabriken,  die  ihren  Betrieb  in  den  letzten  Jahren
in  der  Weise  ausgestaltet  hatten,  daß  sie  auf  den  Kredit  der  Maschinenfabriken ­
  wirtschafteten,  welche  ihnen  dann  in  der  Baisse  aus
eigenem  Interesse  heraus  weitere  Unterstützungen  gewähren  mußten,
um  nicht  den  Verlust  ihrer  ganzen  Anlagen  zu  riskieren *  2 ).
Daß  diese  Debitorenkonten  der  Industrie  in  den  allerengsten
Beziehungen  zu  den  Verhältnissen  auf  dem  Kapital-  und  Geldmärkte
und  damit  zur  Entwicklung  der  Konjunktur  stehen,  bedarf  nach  dem
oben  darüber  Gesagten  keiner  besonderen  Begründung.  Man  braucht
nur  die  Frage  aufzuwerfen,  woher  denn  diese  Industrien  die  Mittel
nehmen,  um  ihrerseits  so  gewaltige  Kredite  an  ihre  Kundschaft  gewähren ­
  zu  können.  Sie  können  dies  nur  durch  eigene  Inanspruchnahme ­
  des  Kapital-  und  Geldmarktes,  vor  allem  durch  weitgetriebene
Ausnutzung  des  Bankkredits  in  seinen  verschiedenen  Formen.  Wir
haben  es  hier  mit  einem  Zusammenhang  zu  tun,  an  welchem  die  notwendigen ­
  Betriebsmittel  der  Volkswirtschaft  in  Gefahr  geraten,  zu
Anlagezwecken  Verwendung  zu  finden,  wo  die  Bedürfnisse  zu  neuen
Kapitalinvestitionen  auf  dem  Geldmarkt  und  nicht  auf  dem  Kapitalmarkt ­
  befriedigt  werden.
Auch  diese  ganze  Frage  der  Verkaufsbedingungen  und  der  Kreditgewährung ­
  in  den  verschiedenen  Industriezweigen  ist  in  erster  Linie
privatwirtschaftlich  fundamentiert.  Sie  hängen  eben  in  erster  Linie
zusammen  mit  den  eigenartigen  Verhältnissen  bestimmter  Industrien,
vor  allem  ihren  besonderen  Absatz-  und  Konkurrenzverhältnissen.
Es  ist  wahrscheinlich,  daß  es  vornehmlich  neugegründete  Unternehmungen ­
  sind,  welche,  um  in  das  Geschäft  hineinzukommen,  seinweitherzige
  Zahlungsbedingungen  gewähren,  es  mag  auch  sein,  daß
ein  besonders  günstiger  Einfluß  eines  vergrößerten  Absatzes  auf  die
!)  „Zur  Lage  der  deutschen  Maschinenfabriken.“  Frankfurter  Zeitung.
Zweites  Morgenblatt.  20.  September  1908.
2 )  Schrift,  d.  Ve».  f.  Sozialpolitik.  Band  107,  S.  231  und  Band  106,  S.  47.
Weitere  Belege  für  diese  Art  der  Kreditgewährung  hat  in  der  Zeitschrift
„Technik  und  Wirtschaft“  R.  Blum,  der  Direktor  der  Berlin-Anhaltischen
Maschinenbau-Aktiengesellschaft,  gebracht.  Es  handelt  sich  hier  um  eine
sehr  weit  getriebene  Kreditgewährung  an  Stadtverwaltungen.  Es  ist  diesen
darum  zu  tun,  die  Zahlung  gestundet  zu  bekommen,  um  zur  Anfnahme  der
nötigen  Anleihen  eine  günstigere  Konjunktur  abzuwarten.
        <pb n="173" />
        170  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Produktionskosten  damit  im  Zusammenhang  steht.  Jedenfalls  handelt ­
  es  sich  hierbei  um  Vorgänge,  welche  sich  mit  dem  Wandel  der
Konjunktur  sehr  enge  berühren.
Die  Eigenart  bestimmter  Industrien  und  Unternehmungen  zeigt
sich  aber  auch  vielfach  unmittelbar  bei  der  Entwicklung  der  Produktion ­
  in  der  Hochkonjunktur.  Es  handelt  sich  hier  um  Zusammenhänge, ­
  welche  in  den  Krisentheorien  von  Spiethoff,  Tugan-Baranowsky
  und  Cassel  eine  große  Rolle  spielen  und  bei  Darstellung ­
  dieser  Lehren  auch  bereits  erwähnt  worden  sind.  Gemeint
sind  die  großen  Unterschiede  zwischen  Produktions  mittelund
  Genußmittelindustrien.  Zwischen  beiden  bestehen  ja
wesentliche  Unterschiede  in  dem  Wandel  der  Konjunktur.  Bei  den
ersteren  handelt  es  sich  vorwiegend  um  einen  einmaligen  Bedarf
innerhalb  einer  Konjunkturperiode,  und  ferner  können  diese  Produktionsmittelindustrien ­
  auch  einen  wesentlich  stärkeren  Einfluß  auf  den
Absatz  ihrer  Erzeugnisse  ausüben,  als  es  bei  den  Genußgüterindustrien ­
  der  Fall  ist.  Es  sei  hier  nur  an  das  sogenannte  System  der
Tochtergesellschaften  erinnert,  welches  ja  in  erster  Linie  den  Zweck
verfolgt,  der  Muttergesellschaft  neue  Absatzmöglichkeiten  zu  beschaffen, ­
  ein  Verfahren,  das  besonders  in  der  elektrischen  Industrie
eine  große  Rolle  spielte.  Auch  die  eben  erwähnte  Kreditgewährung
von  seiten  der  Maschinenfabriken  diente  ja  dem  gleichen  Zwecke.
Aus  der  Hausseperiode  am  Ausgang  des  neunzehnten  Jahrhunderts  berichtet ­
  Löwe l )  über  diese  Zustände  in  der  elektrischen  Industrie:
„So  baute  die  elektrische  Industrie  teilweise  auf  die  Neueinrichtung
der  Werkstätten  in  der  Maschinenindustrie,  diese  auf  die  ihr  infolge
eigener  Aufträge  an  die  Elektrizitätsbranche  von  dieser  zugehenden
Bestellungen,  erweiterte  ihre  Betriebe  usf.  So  entstand  eine  Art
industrieller  Wechselreiterei,  die  früher  oder  später  zu  Ende  gehen
mußte.“
Wenn  man  sich  die  Industrien  und  Unternehmungen  ansieht,  bei
denen  solche  starke  Mittel,  den  Absatz  zu  steigern,  angewandt  werden, ­
  dann  kann  man  die  Beobachtung  machen,  daß  es  vor  allem
solche  mit  einer  hohen  Kapitalzusammens  etzung  waren,
bei  denen  also  das  in  technischen  Anlagen,  Maschinen  usw.,  angelegte ­
  Kapital  relativ  besonders  groß  gewesen  war.  Unter  solchen
Verhältnissen  muß  das  Streben  herrschen,  dieses  Kapital  voll  ausnutzen ­
  zu  können;  bedeutet  doch  hier  eine  Verringerung  des  Absatzes
ein  verlustreiches  Brachliegen  großer  Kapitalbeträge.  Mit  dem  Gesagten ­
  hängt  es  auch  zusammen,  daß  von  der  Elektrizitätsindustrie
in  dieser  Zeit  manche  Geschäfte  mit  der  sicheren  Aussicht  auf  VerU ­

  Sehr.  d.  V.  f.  Sp‘.  B.  107.  S.  112,
        <pb n="174" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

171

lust  übernommen  worden  sind  und  daß  in  dieser  Industrie  vielfach
neue  Betriebszweige  eingeführt  wurden,  als  mit  dem  Beginne  des
Jahrhunderts  mit  dem  Rückgänge  :der  Konjunktur  die  Aufträge
weniger  wurden.
Auch  die  verschiedene  Einkaufspolitik  bei  den  einzelnen
Industrien  und  Unternehmungen  in  der  Zeit  einer  aufsteigenden  Konjunktur ­
  hängt  enge  mit  ihrer  ökonomischen  Eigenart  zusammen.  An
zahlreichen  Stellen  der  Untersuchungen  .des  Vereins  für  Sozialpolitik ­
  über  die  Störungen  im  deutschen  Wirtschaftsleben  wird  uns
berichtet,  daß  in  der  vorangegangenen  Hausseperiode  sehr  häufig  zu
unsinnig  hohen  Preisen  Rohstoffe  und  sonstige  Produktionsmittel
eingekauft  worden  seien,  daß  Industrie  und  Handel  von  Angst  erfüllt
gewesen  seien,  daß  sie  ihren  Bedarf  nicht  mehr  in  der  genügenden
Menge  oder  doch  nur  zu  immer  weiter  steigenden  Preisen  erhalten
könnten.  Vielfach  lag  diesen  'Käufen  auch  ein  rein  spekulatives
Moment  zugrunde.  Man  rechnete  mit  weiteren  Preissteigerungen
und  suchte  deshalb  Vorräte  ;  anzuhäufen,  um  sie  dann  später
in  irgendeiner  Weise  gewinnbringend  verwerten  zu  können.  Diese
Art  der  Einkaufspolitik  mußte  nicht  nur  weiter  preissteigernd  wirken,
sondern  hat  auch  dann  beim  Umschwung  der  Konjunktur  für  zahlreiche ­
  Unternehmungen  verhängnisvolle  Folgen  gehabt.  Als  mit
dem  Eintritt  der  Depression  die  Preise  gesunken  waren,  mußten
nämlich  gewaltige  Abschreibungen  auf  die  so  teuer  eingekauften
Materialien  vorgenommen  werden.  Die  Abschreibungen,  welche  aus
diesem  Grunde  damals  bei  der  Firma  Siemens  &amp;amp;  Halske  erfolgen
mußten,  haben  für  diese  einen  Verlust  von  über  einer  Million  bedeutet ­
 1 ).
Schon  Sombart  hatte  in  seinem  Referat  auf  der  Generalversammlung ­
  des  Ver.  f.  Sp.  in  Hamburg  auf  die  großen  Unterschiede ­
  hingewiesen,  welche  zwischen  denjenigen  Industrien  bestehen, ­
  die  organische  Stoffe  verarbeiten,  und  denjenigen,  welche
anorganische  Rohstoffe  für  ihre  Produktion  benutzen.  Bei  den
ersteren  unterliegen  die  Rohstoffe  in  der  Periode  der  wirtschaftlichen
Aufwärtsbewegung  einer  schnellen  und  beträchtlichen  Verteuerung,
bei  den  letzteren  ist  dies  in  weit  geringerem  Maße  der  Fall.  „Man
kann  sagen,  in  den  organischen  Industrien  wird  die  Konjunktur
durch  die  Ernte  bestimmt,  in  den  anorganischen  bestimmt  die  Konjunktur ­
  die  Rohstoffproduktion.“  Dieser  grundlegende  Unterschied
muß  natürlich  dem  privatwirtschaftlichen  Streben  zur  Erreichung
eines  bestimmten  Zweckes  ganz  verschiedene  Wege  weisen,  die  dann
ihrerseits  wieder  hauptsächlich  aus  der  ökonomischen  und  technischen

U  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  B.  107.  S.  109.
        <pb n="175" />
        172  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Eigenart  der  betreffenden  Industrien  zu  erklären  sind.  Alle  diese
Mittel,  die  so  angewandt  werden,  resultieren  einerseits  aus  einer  bestimmten ­
  gegebenen  Konjunkturlage,  üben  dann  aber  auch  wieder
auf  der  anderen  Seite  einen  bestimmten  Einfluß  auf  den  weiteren
Gang  der  Konjunktur  aus.
Noch  deutlicher  kann  man  diese  Zusammenhänge  bei  dem  Umschwung ­
  der  Konjunktur  und  während  der  Zeit  der  Depression
■wahrnehmen.  Hier  in  diesen  ungünstigen  Zeiten  ist  es  wiederum  die
ökonomische  und  technische  Eigenart  der  verschiedenen  Industrien
und  Industriezweige,  welche  diesen  jetzt  ganz  bestimmte  Wege  des
Handelns  vorschreibt.
Wie  wir  gesehen  haben,  zeigt  sich  für  den  Unternehmer  der
Rückgang  der  Konjunktur  rein  äußerlich,  vor  allem  in  einem  Rückgang ­
  des  Absatzes  und  einem  Sinken  der  Preise.  Beide  Erscheinungen ­
  stehen  ja  in  dem  engsten  Zusammenhänge.  Die  geringe  und
sinkende  Nachfrage  nach  Waren  aller  Art  wirkt  bei  der  weit  größeren
Leistungsfähigkeit  der  Industrie  und  dem  nun  entbrennenden  Kampf
um  den  Absatz  preisdrückend.  Mancher  Unternehmer  kann  in  solchen
Zeiten  vielleicht  einen  der  Leistungsfähigkeit  seines  Betriebes  entsprechenden ­
  Absatz  sich  erhalten,  wenn  er  nur  die  erforderlichen
Zugeständnisse  bei  der  Preisfestsetzung  ‘macht.  Mancher  Unternehmer ­
  steht  vielleicht  so  vor  dem  Dilemma,  sich  entweder  mit
unlohnenden  Preisen  zufrieden  zu  geben,  aber  so  vielleicht  seinen
bisherigen  Absatz  aufrecht  erhalten  zu  können,  oder  bei  einem  Rückgang ­
  des  Absatzes,  d.  h.  bei  einer  verminderten  Ausnutzung  seiner
Produktions-  und  Betriebsanlagen,  doch  noch  Preise  zu  erzielen,
welche  wesentlich  günstigere  sind.  Diesem  Dilemma  kann  sowohl
der  einzelne  Unternehmer  wie  auch  eine  ganze,  in  einem  Kartell  zusammengeschlossene ­
  Industrie  gegenüberstehen.
Wenn  wir  auf  Grund  der  eingehenden  Untersuchungen  des
Ver.  f.  Sp.  einen  Blick  auf  den  wirklichen  Verlauf  der  Dinge  werfen,
so  sehen  wir,  daß  bei  dem  Konjunkturumschwung  im  Jahre  1900
beide  Wege  eingeschlagen  worden  sind.  Auf  der  einen  Seite  hören
wir  von  Industrien  und  Unternehmungen,  welche  unter  allen  Umständen, ­
  selbst  bei  unlohnenden  Preisen,  den  Versuch  machten,
ihren  alten  Absatz  aufrecht  zu  erhalten.  Es  werden  dies,  wie  eine
einfache  Überlegung  zeigt,  vor  allem  solche  Industrien  und
Unternehmungen  gewesen  sein,  bei  welchen  sich  in  besonders  hohem
Maße  die  Ausdehnung  der  Produktion  nach  dem  Gesetze  vom  steigendem ­
  Ertrag  vollzog,  oder  wo,  von  der  anderen  Seite  aus  betrachtet,
eine  Einschränkung  der  Produktion  zu  einer  erheblichen  Verteuerung ­
  derselben  führen  mußte.  Wo  solches  der  Fall  ist,  bedeutet  dann
        <pb n="176" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

173

auch  bei  gleichbleibenden  Preisen  eine  Verringerung  des  Absatzes,
einen  erheblichen  Gewinnrückgang,  welcher  unter  Umständen  größer
sein  kann,  als  derjenige  ist,  welcher  bei  Preiszugeständnissen  einen
größeren  Absatz  ermöglicht.  Die  folgende  Zusammenstellung  hat  die
Aufgabe,  diesen  einfachen  Zusammenhang  an  einem  frei  gewählten,
schematischen  Beispiel  kar  zu  machen.

Größe  der  Produktion  in  Tonnen:
Größe  der  Produktion  in  Tonnen:
Kosten  pro  Tonne  in  Mark  .
j  f  Preis  pro  Tonne  in  Mark  .  .
1  Gewinn  (-J-)  Verlust  (—)  in  Mark
../Preis  pro  Tonne  in  Mark  .  .
\  Gewinn  (+)  Verlust  (—)  in  Mark  +  100000

100000

80000

60000

40000

8

10

12

14

12

12

12

12

+  400000  +160000

0

—  80000

9

10

11

12

+100000

0

—  60000

-80000

Die  Gruppe  I  soll  die  Sachlage  während  der  Hausse,  die
Groppe  11  während  der  Depression  darstellen.  Das  Schema  ist  so  aufgebaut, ­
  daß  mit  abnehmender  Produktion  von  100000  auf  40000
Tonnen  die  Produktionskosten  pro  Tonne  von  8  auf  14  Mark  ansteigen.
  Es  ist  ferner  angenommen,  daß  bei  einer  entsprechenden  Einschränkung ­
  der  Produktion  höhere  Preise  erzielt  werden  können,
während  dagegen  bei  einem  Preisrückgang  bis  auf  9  Mark  die  Tonne,
der  alte  Absatz  aufrecht  erhalten  werden  kann.
Man  sieht,  daß  es  unter  den  genannten  Voraussetzungen  für  das
betreffende  Unternehmen  in  der  Depression  rentabler  ist,  die  Tonne
zu  9  Mark,  anstatt  zu  12  Mark  zu  verkaufen,  da  in  dem  ersten  Falle
der  alte  Absatz  aufrecht  erhalten  bleibt,  während  er  in  dem  zweiten
Falle  so  stark  zurückgeht,  daß  die  Kosten  von  8  auf  14  Mark  steigen.
Unter  den  gemachten  Voraussetzungen  ergäbe  sich  bei  einem  Verkaufspreis ­
  von  9  Mark  immer  noch  ein  Gewinn  von  100000  Mark,
während  bei  einem  Verkaufspreis  von  12  Mark  infolge  der  gestiegenen ­
  Kosten  ein  Verlust  von  80000  Mark  für  das  Unternehmen
einträte.  Auch  dieses  Beispiel  soll  natürlich  nicht  mehr  als  illustrative ­
  Bedeutung  haben,  d.  h.  nur  einen  Idealtypus  darstellen,
welchem  die  Wirklichkeit  in  mehr  oder  weniger  angenäherter  Form
entsprechen  wird 1 .)

1 )  Beckerath  (Kräfte,  Ziele,  Gestaltungen  der  deutschen  Industriewirtschaft. ­
  Jena  1922.  S.  49)  teilt  darüber  mit,  daß  sich  in  einer  Industrie
bei  einer  Beschäftigung  von  30  o/ 0  i m  Sommer  1919  die  Kosten  pro  Wareneinheit ­
  auf  19,69  Mark,  bei  17  o/o  Beschäftigung  je  Einheit  auf  25,50  Mark
stellten.^  Bei  einer  anderen  Firma  waren  die  reinen  Fabrikationskosten  bei
einer  Erzeugung  von  92  o/o  27,85  Mark,  bei  einer  Erzeugung  von  83  o/o
der  vollen  Leistungsfähigkeit  29,45  Mark.  Bei  einer  anderen  Firma  der
gleichen  Branche  betrugen  die  Fabrikationskosten  bei  einer  Leistung  von
41  o/ 0  45,65  Mark,  bei  einer  Leistung  von  31  °/o  62,85  Mark.
Mombert,  Studium  der  Konjunktur.

12
        <pb n="177" />
        174  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Ans  der  Wollproduktion 1 )  berichten  die  Untersuchungen  des
Ver.  f.  Sp.,  daß  die  Betriebseinschränkungen  zu  höheren  Spesen  und
zu  einer  Verteuerung  der  Produktion  geführt  haben.  Aus  der  Papierfabrikation ­
 2 )  hören  wir,  daß  der  Betrieb  der  Zellulosefabrikation
eine  möglichste  Ausnutzung  der  Anlagen  erfordere,  da  sonst  die
Generalunkosten  ins  „Ungemessene“  stiegen.  Hier  haben  wir  cs
also  bereits  mit  Beispielen  zu  tun,  für  welche  das  oben  gegebene
Schema  grundsätzlich  zutrifft.
„Zwang  zur  Massenerzeugung,  mit  anderen  Worten:  Das
Streben,  mit  den  geringsten  Kosten  zu  produzieren,  heißt  gleichzeitig
Erschwerung  der  Produktionseinschränkung.  Je  stärker  und  umfassender ­
  der  Zwang,  desto  schneller  werden  die  Kosten  durch  die
Produktionseinschränkung  anwachsen.  Kann  eine  Maschine  nicht
voll  ausgenutzt  werden,  läßt  man  sie  langsamer  laufen,  oder  werden
häufiger  Pausen  eingelegt,  so  werden  die  Produktionskosten  pro
Mengeneinheit  umso  rascher  wachsen,  je  mehr  die  Maschine  durch
Anschaffungs-  und  Betriebskosten  belastet  ist,  die  durch  Massenproduktion ­
  ausgeglichen  werden  müssen.  Werden  aber  die  verschiedenen ­
  Produktionsstufen  eines  Betriebes  von  solchen  Maschinen  beherrscht, ­
  so  müssen  notwendig  bei  Betriebseinschränkung  die  Kosten
noch  schneller  wachsen.  Nehmen  wir  an,  ein  Stahlwerk  arbeite  mit
einer  modernen  Hochofenanlage,  leistungsfähigen  Konvertern  und
außerdem  —  was  allerdings  bei  uns  noch  seltener  der  Fall  ist  —
mit  amerikanischen  Walzstraßen,  die  bei  fast  automatischem  Betrieb
auf  eine  hohe  Produktionsziffer  eingestellt  sind.  Eine  Betriebseinschränkung ­
  trifft  hier  alle  drei  Stufen  der  Erzeugung  und  wird  infolge ­
  der  hohen  Anlagekapitalien  und  der  Kosten  der  Betriebsbereitschaft ­
  auf  jeder  eine  verhältnismäßig  rasche  Steigerung  der  Belastung
der  Produkteneinheit  verursachen,  was  eine  empfindliche  Verteuerung
des  Endproduktes  zur  Folge  hat.  In  einer  Textilindustrie  dagegen  belastet ­
  die  Verkürzung  der  Produktionszeit  aller  oder  einiger  Spinnmaschinen ­
  und  Webstühle  die  Produktion  in  verhältnismäßig  gegeringerem
  Maße  8 ).“  Mit  dem  Gesagten  hängt  es  dann  zusammen,  daß
der  Handel  viel  weniger  unter  einem  Konjunkturrückgang  leidet,  als
die  Industrie,  da  der  Handel  mit  viel  weniger  stehendem  Kapital  arbeitet
und  auch  nicht  gezwungen  ist,  eine  solch  große  Zahl  von  Arbeitern
während  einer  ungünstigen  Konjunktur  durchzuhalten,  wie  es  bei  der
Industrie  der  Fall  ist.

*)  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.105,  Die  Wollindustrie.  S.  257.
2 )  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  107,  Die  Papierindustrie.  S.  223.
3 )  Mannstaedt,  Ursachen  und  Ziele  des  Zusammenschlusses  in  den
Gewerben.  Jena  1916.  S.  31.
        <pb n="178" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

175

Die  große  Zunahme  der  Ausfuhr,  welche  sich,  wie  wir  oben  gesehen ­
  haben,  bei  jedem  starken  Rückgang  der  Konjunktur  einstellt
und  die  ja  bekanntlich  auch  häufig  zu  sehr  unlohnenden  Preisen  in
dieser  Zeit  erfolgt,  ist  ebenfalls  ein  deutlicher  Hinweis  dafür,  welch
große  Rolle  derartige  Kalkulationen  tatsächlich  oft  spielen.  Mit
solchen  Überlegungen  hängen  wenigstens  auch  zum  Teil  die  billigen
Auslandsverkäufe  der  Kartelle  zusammen,  das  sog.  Dumping,  ein  Vorgang, ­
  der  sich  ja  vor  allein  auch  in  den  Zeiten  von  Absatzschwierigkeiten ­
  auf  dem  heimischen  Markt  zu  vollziehen  pflegt.  In  solchen
Zeiten  versuchen  es  manche  Kartelle,  aber  auch  einzelne  Unternehmungen, ­
  ihre  Vorräte  nach  dem  Auslande,  wenn  auch  zum  Teil
zu  recht  unlohnenden  Preisen  abzustoßen,  um  damit  der  Gefahr  zu
entgehen,  Teile  ihrer  Betriebe  außer  Tätigkeit  setzen  zu  müssen,  weil
der  inländische  Markt  ihre  Produktion  nicht  mehr  aufnehmen  kann.
Damit  steht  es  dann  im  Zusammenhang,  wenn  es  vorzugsweise
ganz  bestimmte  Industrien  sind,  welche  in  Zeiten  eines  schlechten
Geschäftsganges  auf  Lager  arbeiten.  Es  sind  in  erster  Linie  die
kapitalintensiveren  Betriebe,  bei  denen  man  diese  Erscheinung  beobachten ­
  kann.
Unter  solchen  Gesichtspunkten  ist  es  also  auch  zu  verstehen,  daß
es  unter  Umständen  für  den  Unternehmer  vorteilhaft  sein  kann,  auch
einmal  unmittelbar  unlohnende  Aufträge  hereinzunehmen.  Denn  auch
ein  Auftrag,  der  rein  kalkulatorisch  als  einzelner  für  sich  betrachtet,
keinen  Gewinn  abwirft,  ja  sogar  verlustbringend  ist,  kann  im  allgemeinen ­
  Durchschnitt  der  Gesamtproduktion  durch  eine  dadurch
bewirkte  verbesserte  Ausnutzung  der  Betriebsanlagen  die  allgemeinen
Kosten  so  mindern,  daß  der  Gesamtgewinn  des  Unternehmens
dadurch  erhöht  werden  kann.  Das  folgende,  frei  gewählte  Beispiel
soll  zeigen,  wie  dieses  gemeint  ist.
Wir  wollen  annehmen,  daß  eine  Fabrik  von  einem  bestimmten
Artikel  in  einem  Jahre  1000  Stück  herstellt,  daß  der  Selbstkostenpreis ­
  pro  Stück  1000  Mark  und  der  Verkaufspreis  pro  Stück
1200  Mark  seien.  Beim  Absatz  der  ganzen  Produktion  würde
sich  also  ein  Gewinn  von  200000  Mark  ergeben.  Wir  wollen
ferner  annehmen,  daß  es  möglich  sei,  bei  einer  Produktion  von  1500
Stück  die  vorhandenen  Betriebsanlagen  so  gut  auszunutzen,  daß  sich
die  Herstellungskosten  für  ein  Stück  von  1000  auf  970  Mark  verringerten. ­
  Ein  solcher  Mehrabsatz  soll  aber  nur  dadurch  möglich
sein,  daß  die  in  Frage  stehenden  zusätzlichen  500  Stück  50  Mark
unter  dem  alten  Selbstkostenpreis,  also  zu  950  M.  das  Stück,  abgegeben ­
  würden.  Die  Gewinnverteilung  würde  sich  dann  folgendermaßen ­
  gestalten.  Die  Kosten  würden  1500  •  970  =  1455  000  Mark,  die
        <pb n="179" />
        176  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Bruttoeinnahmen  würden  (1000  •  1200)  -f-  (500  •  950)  —1675  000  Mark
betragen.  Der  Gewinn  wäre  also  in  diesem  Falle  mit  220000  Mark
um  10  o/o  höher  als  zuvor.
Die  Hereinnahme  dieses  Auftrags  unter  den  Selbstkosten  war
also  ein  geeignetes  Mittel,  entsprechend  der  ökonomisch-technischen
Eigenart  dieser  Unternehmung,  deren  privatwirtschaftlichen  Zielen
zu  dienen.  Dieser  Zusammenhang  läßt  sich  auch  in  folgenden  allgemeinen ­
  Satz  kleiden:  Sobald  die  gesamten  Kosten  infolge  der
Mehrproduktion  um  einen  größeren  Betrag  sinken,  als  derjenige  ist,
um  den  diese  Mehrproduktion  unter  den  Selbstkosten  abgegeben
wird,  dann  ist  es,  vom  Standpunkt  des  Unternehmers  aus  betrachtet,
zweckmäßig,  in  der  oben  geschilderten  Weise  zu  verfahren.
Ob  dieser  Weg  eingeschlagen  werden  kann,  hängt  dann  auch  in
besonders  hohem  Maße  davon  ab,  wie  sich  die  Betriebskosten  in
eiserne  oder  proportionale  aufteilen.  Je  größer  der  Anteil  der  Betriebskosten ­
  ist,  der  auf  die  sogenannten  proportionalen  Kosten  entfällt,
d.  h.  auf  diejenigen,  welche  mit  dem  Umsatz  proportional  ab-  oder
zunebmen,  um  so  weniger  wird  ein  Mehrabsatz  die  durchschnittlichen
Kosten  der  Gesamtproduktion  herabsetzen  können.  Dies  wird  aber  in
umso  stärkerem  Maße  der  Fall  sein,  einen  je  größeren  Anteil  an  den
Gesamtkosten  die  sogenannten  eisernen  Kosten  haben,  d.  h.  diejenigen, ­
  welche  unter  allen  Umständen  gleich  hoch  sind,  einerlei,  ob
die  Produktion  kleiner  oder  großer  ist 1 ).
Das  folgende  Beispiel 2 ),  das  den  Verhältnissen  eines  großen  englischen ­
  Eisen-  und  Stahlwerkes  entnommen  ist,  veranschaulicht  diesen ­
  Zusammenhang  auf  das  deutlichste:
Ersparnisse  bei  der  Herstellung  von  Stahl  aus  Roheisen  infolge
vermehrter  Stahlerzeugung:

Erzeugung
in  t

Löhne  per  t
S.  d.

Feuerung  per  t
T.  Cwt.

1.  Woche

2,364

16  IO 1 /!

2  ’/.

2.  „

2,222

17  6 s / 4

2  •/,

Durchschnitt.  .  .  .

17  2 l / a

2  7.

3.  Woche

3,093

14  8

110

4.  ,

3,105

14  2V a

1  9  »u

Durchschnitt.  .  .  .

14  5'/ 4

1  97  8

U  Vgl.  zu  dieser  Unterscheidung  Schär,  Handelsbetriebslehre.  2.  Aufl.
1913.  S.  151/52.
2 )  Report  of  the  Tarif-Commission.  Vol.  1.  The  Iron-  and  Steel-Trades.
London  1904.  Sec.  vl.  Table  15,  und  ebenda,  Sec.  vll.  (B)  Nr.  65.  Cit.  nach
C.  M.  v.  Wieser,  Der  finanzielle  Aufbau  der  englischen  Industrie.  Jena
1919.  S.  37/39.
        <pb n="180" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

177

„So  betrag  die  Ersparnis  im  zweiten  Zeitabschnitt,  als  die
Werke  in  vollem  Betrieb  waren,  gegen  den  ersten,  wo  sie  etwa  drei
Viertel  der  Zeit  liefen,  beinahe  6  s.  für  die  Tonne,  oder  im  Falle
dieser  speziellen  Gesellschaft  etwa  45000  £  im  Jahre  .  .
Von  einer  anderen  englischen  Gesellschaft  heißt  es  in  dem
gleichen  Berichte:  „Im  vorigen  Jahre  (1903)  erzeugte  sie  114  000
tons,  zu  den  den  damaligen  Verhältnissen  entsprechenden  Produktionskosten ­
  von  £  4,  15  s.  per  Tonne.  Bei  einem  durchschnittlichen
Verkaufspreis  von  5  £  per  Tonne  belief  sich  ihr  Gewinn  auf  28500  £.
Wäre  aber  ihr  Werk  bis  zur  vollen  Leistungsfähigkeit  von  152000
tons  herangezogen  worden,  so  hätten  sich  die  Kosten  auf  nur
4  £,  10  s.  per  Tonne  gestellt.  Die  Mehrerzeugung  von  38  000  Tonnen
hätte  man  zum  Gestehungspreise  abgeben  können  und  doch  hätte
sich  der  Verdienst  infolge  des  allgemeinen  Rückganges  der  Produktionskosten ­
  auf  57  000  £  erhöht.  Folglich  hätte  sie  aber  diese  38  000
tons  erheblich  unter  dem  Kostenpreis  abgeben  und  trotzdem  ihren
Gewinn  erhöhen  können,  hätte  es  irgendeinen  Markt  gegeben,  auf
dem  sie  ihn  hätte  loswerden  können.“
Dieser  Weg,  in  den  Preisen  während  der  Depression  herabzugehen, ­
  um  einen  Absatzrückgang  zu  verhüten,  ja  sogar,  im  Interesse
des  Absatzes  im  Einzelfall  noch  unter  den  Selbstkosten  Teile  der
Produktion  abzustoßen,  steht  nur  denjenigen  Unternehmungen  offen,
bei  denen  ein  besonders  enger  Zusammenhang  zwischen  der  Höhe  der
Produktion  und  der  Höhe  der  Produktionskosten  besteht  und  wo  eine
Preisherabsetzung  überhaupt  geeignet  ist,  fördernd  auf  den  Absatz
einzuwirken.  Wo  dies  jedoch  nicht  der  Fall  ist,  dort  können  von
der  betreffenden  Unternehmung  solche  Wege  nicht  mit  Erfolg  beschritten ­
  werden.
So  schwer  es  begreiflicherweise  dem  Unternehmer  und  Kaufmann ­
  fällt,  in  solchen  Zeiten  die  Preise  entschlossen  und  energisch
herabzusetzen,  so  liegt  darin  doch  immer  wieder  das  beste  und  am
schnellsten  wirkende  Mittel,  den  gesunkenen  Absatz  zu  vergrößern.
H.  Ford  hat  einmal  darüber  gesagt:  „Es  hat  keinen  Zweck,  zu  warten,
bis  die  Geschäfte  wieder  von  selbst  anziehen,  Will  ein  Produzent
seine  Aufgabe  wirklich  erfüllen,  so  muß  er  seine  Preise  herabsetzen, ­
  bis  das  Publikum  sie  zahlen  kann  und  will.  Irgendeinen
Preis  gibt  es  immer,  den  die  Käufer,  mag  die  Lage  noch  so  schlecht
sein,  für  einen  wirklichen  Gebrauchsartikel  zahlen  können  und
wollen;  ist  nur  der  Wille  vorhanden,  so  läßt  sich  dieser  Preis  auch
einhalten 1 ).“

1  Henry  Ford,  Mein  Leben  und  Werk.  Leipzig  1923.  S.  161.
        <pb n="181" />
        178  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Diese  Wirkung  ist  z.  B.  dort  nicht  möglich,  wo,  wie  im  Transportgewerbe, ­
  der  Absatz  unmittelbar  von  dem  Gang  des  Wirtschaftslebens ­
  bestimmt  wird,  jedenfalls  von  Faktoren  abhängt,  welche
mit  der  Höhe  der  Produktionskosten  sehr  wenig  zu  tun  haben.
Bezeichnend  hierfür  war  das  Verhalten  der  großen  Schiffahrtsgesellschaften ­
  während  der  wirtschaftlichen  Störungen  um  die  Jahrhundertwende. ­
  Bei  einem  so  allgemeinen  Rückgang  des  Güterverkehrs, ­
  wie  er  in  dieser  Zeit  stattgefunden  hat,  und  wie  wir  ihn  oben
bereits  kennengelemt  haben,  mußte  sich  auch  im  überseeischen
Verkehr  ein  Rückgang  geltend  machen,  gegen  welchen  eine  Herabsetzung ­
  der  Raten  nur  sehr  wenig  ausrichten  konnte.  Hier  kam  es
deshalb  zu  Betriebsstillegungen.  Im  Jahre  1902  hat  die  Hamburg-Amerika-Linie
  acht  große  Postdampfer  außer  Dienst  gestellt  und  auch
andere  Gesellschaften  mußten  ihre  Fahrten  reduzieren.  Damit  hängt
es  auch  zusammen,  mit  dieser  ökonomischen  Eigenart  des  Schifffahrtsbetriebes, ­
  daß  der  Versuch,  welcher  zur  Hebung  der  Notlage
in  diesem  Gewerbe  im  Jahre  1901  in  Form  einer  internationalen
Verständigung  im  Schiffahrtsverkehr  gemacht  wurde,  sich  darauf
bezog,  5  o/o  des  Tonnengehaltes  außer  Dienst  zu  stellen  i).
Die  ökonomische  Eigenart  des  Schiffahrtsbetriebes  ist  eben  eine
ganz  andere,  wie  diejenige  eines  geschlossenen  Fabrikbetriebes.  Bei
einem  solchen  handelt  es  sich  um  ein  intensives,  organisches  Zusammenarbeiten ­
  des  ganzen  Produktionsapparates.  Mögen  dabei
auch  erhebliche  Unterschiede  im  einzelnen  vorhanden  sein,  so  kann
man  bei  einem  Rückgänge  des  Absatzes  in  der  Regel  nicht  ohne
weiteres  ganze  Teile  eines  solchen  Unternehmens  außer  Betrieb
setzen.  Man  kann  sie  nur  unvollkommener  ausnützen,  z.  B.  Feierschichten ­
  einschieben.  Ganz  anders  liegen  die  Verhältnisse  im
Schiffahrtsbetriebe.  Selbst  wenn  das  stillgelegte  Schiff  mit  seiner
Verzinsung  und  den  notwendigen  Abschreibungen  die  Unkostenseite
des  Unternehmens  weiter  belastet,  was  ja  bei  jedem  außer  Betrieb  befindlichen ­
  Produktionsmittel  der  Fall  ist,  und  selbst,  wenn  die
sonstigen  Generalunkosten  sich  nicht  entsprechend  vermindern
lassen,  so  kann  ein  Schiff  doch  als  ganzes  aus  dem  Betrieb  zurückgezogen ­
  werden,  womit  doch  auch  die  darauf  entfallenden  Betriebskosten ­
  in  weit  stärkerem  Maße  eine  Verminderung  erfahren
müssen,  als  wenn  in  einer  Fabrik  mit  Feierschichten  eine  Produktionseinschränkung ­
  durchgeführt  wird.
Es  war  schon  oben  davon  die  Rede,  daß  sich  mitunter  die
Schwankungen  der  Konjunktur  nur  auf  einzelnen  Teilgebieten  des

l )  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  108.  Seeverkehr  u.  Reederei,  S.  158.
        <pb n="182" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

179

Wirtschaftslebens,  auch  nur  in  einzelnen  Industriezweigen  zeigen.
Das  ist  vor  allem  dort  der  Fall,  wo  die  Nachfrage  in  besonders
hohem  Maße  von  dem  Wechsel  der  Mode  beherrscht  wird.
„Ein  Moment,  das  sich  jeder  Vorausberechnung  entzieht,  bildet
die  Mode.  Indem;  mit  dem  Zurücktreten  der  ständischen  Konsumtionsgewohnheiten ­
  in  den  Städten  ihr  Herrschaftsbereich  sich  auf  immer
größere  Bevöfkerungsgruppen  erstreckt,  stellt  sie  einen  konjunkturbildenden ­
  Umstand  ersten  Ranges  dar.  Da  wird  in  der  Damentoilette
die  ausgiebige  Verwendung  schwarzer  Glasperlen  modern  und  die
Glaskurzwarenindustrie  nimmt  einen  glänzenden  Aufschwung.  Tausende ­
  von  Arbeitern  verlassen  ihre  alte  Beschäftigung,  um  sich  durch
den  steigenden  Lohn  angezogen,  der  Erzeugung  von  Glasperlen  zu
widmen.  Plötzlich  kommt  die  Nachfrage  ins  Stocken.  Tausende  von
Arbeitern  werden  brotlos.  Die  Mode  hat  sich  von  den  Glasperlen
den  Spitzen  zugewendet.  Nun  ist  es  die  Spitzenklöppelei,  die  sich
einer  vorübergehenden  Blüte  erfreut,  um  dieselbe  bald  genug  der
Gürtlerei  und  der  Metallkurzwarenindustrie  abtreten  zu  müssen,  da
Metallknöpfe  und  Schnallen  en  vogue  sind.  Noch  bedeutungsvoller
ist  der  Modewechsel  in  bezug  auf  die  Bekleidungsstoffe  selbst 1 ).“
Die  verhängnisvollen  wirtschaftlichen  und  sozialen  Wirkungen
des  Modewechsels  hat  für  die  siebziger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts ­
  für  die  Textilindustrie  Thun  dargestellt:  „Von  nicht  zu  unterschätzender ­
  Bedeutung  wurde  der  Wechsel  der  Mode,  wie  er  sich  im
Jahre  1873  vollzog.  Glatte  Stoffe,  die  Stärke  Aachens,  wurden  in
Deutschland  und  Nordamerika  nicht  mehr  getragen,  und  fassonierte
Tücher,  Kammgarn-  und  Phantasiestoffe  wurden  modern.  Dieser
Umschwung  hatte  auf  die  alten  großen  Firmen,  welche  feste  Abnehmer ­
  in  Südamerika  und  anderen  überseeischen  Ländern  haben,
einen  geringeren  Einfluß  als  auf  die  kleinen  Häuser.  Unter  ihnen
entspann  sich  um  das  eingeengte  Absatzgebiet  ein  Kampf  auf  Tod
und  Leben;  manche  Fabrikanten  mußten  ihre  Tätigkeit  einstellen;
andere  gingen  mit  großen  Kosten  zur  Fabrikation  von  Kammgarnstoffen ­
  über,  wobei  sie  ihre  gesamte  Spinnerei  und  Appretur  stillsetzen, ­
  ihre  Webstühle  verändern,  ihre  Generalkosten  durch  Ausgabe ­
  neuer  Muster  und  das  Bereisen  neuer  Absatzgebiete  vermehren
und  in  die  mächtige  Konkurrenz  mit  England  und  Frankreich  treten
mußten *  2 ).“
Solche  Industrien,  die  also  einem  raschen  und  plötzlichen
Modewechsel  unterworfen  sind,  leben  unter  ganz  besonderen  Kono ­
  H  e  r  k  n  c  r,  Art.  Krisen.  Handwörterbuch  d.  St.aatsw.  3.  Aufl.  1910.
b.  45.
2 )  Thun,  Die  Industrie  am  Nieder-Rhein  und  ihre  Arbeiter.  Leipzig  1879.
        <pb n="183" />
        180  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

junkturverhältnissen,  denen  sie  sich  nach  Möglichkeit  anzupassen
suchen  müssen.  Diese  Industrien  sind  einmal  gezwungen,  sich  auf
einen  kurzfristigen  Massenbedarf  einzustellen  und  diesem  Bedarf
so  vollkommen  wie  möglich  anzupassen,  aber  auch  die  Produktion
und  den  Absatz  möglichst  zu  forcieren,  d.  h.  diese  vorübergehende
Konjunktur  auszunützen,  da  nur  dann  der  nötige  Gewinn  erzielt  wird.
Wirtschaftliche  Schwierigkeiten  ergeben  sich  jedoch  dann,  wenn  die
Mode  wechselt,  und  die  Bedarfsrichtung  eine  andere  wird 1 ).
In  allen  solchen  Gewerben  und  Industrien,  die  so  unter  dem  Einfluß ­
  der  Mode  oder  aus  anderen  Gründen  mit  einer  schnell  wechselnden ­
  Konjunktur  zu  tun  haben,  beobachtet  man  nun  einmal,  daß  die
Betriebsanlagen  und  sonstigen  Produktionsmittel  der  großen  Unternehmungen ­
  gar  nicht  darauf  eingerichtet  sind,  aus  eigenen  Kräften
die  Nachfrage  bei  ihrem  höchsten  Stande  befriedigen  zu  können.
Wäre  -dies  nämlich  der  Fall,  dann  wäre-  das  Kapitalrisiko  zu  groß,
da  ja  bei  einem  Wechsel  der  Bedarfsrichtung  die  Gefahr  vorliegt,
daß,  entsprechend  dem  rückläufigen  Absätze,  ein  Teil  der  Anlagen
stillgelegt  werden  muß.
Wir  sehen  vielmehr,  daß  die  größeren  Unternehmungen,  die  in
den  Zeiten  der  Hochkonjunktur  über  ihre  derzeitige  Leistungsfähigkeit ­
  hinausgehenden  Aufträge  an  kleine  Betriebe  im  Lohn  weitergeben. ­
  Wie  Gothein  es  in  der  untengenannten  Schrift  ausgeführt  hat,
„wenn  sie  selbst  hieran  noch  wenig  verdienen,  so  können  sie  doch
auf  solche  Weise  ihren  Umsatz  erweitern,  ohne  ihr  Kapital  übermäßig
steigern  zu  müssen,  über  die  wahrscheinlich  dauerhafte  Absatzvermehrung ­
  hinaus.  In  den  Zeiten  der  Depression  vermögen  sie  dann
doch  wieder  jene  Aufträge,  die  ihnen  jetzt  wieder  wertvoll  geworden
sind,  an  sich  zu  ziehen;  sie  ziehen  die  Reservetruppe  der  Kunden  ein
und  entlassen  die  Reservetruppe  des  Kapitals“.
„Die  Lohnindustrie  dient  nämlich  dazu,  die  Zufälligkeiten  der
Modeindustrie,  bei  der  sowohl  die  Beschäftigung  im  ganzen  schwankt,
wie  insbesondere  die  Aufträge  für  die  einzelnen  Fabrikanten,  je  nach
der  Beliebtheit  der  Muster,  wechseln,  in  geeigneter  Weise  auszugleichen. ­
  Anderen  Falles,  wenn  der  Fabrikant  selber  das  Kapital
hätte,  würde  er  zu  oft  in  die  Lage  kommen,  einen  beträchtlichen  Teil
desselben  nicht  beschäftigen  zu  können;  ebenso  aber  könnte  er  auch

*)  Von  neuerer  Literatur  über  diese  Frage  seien  genannt:  H.  v.  Becke  -
rath,  Die  Kartelle  der  deutschen  Seidenweberei-Industrie.  Karlsruhe  1911.
—  A.  Rasch,  Die  Eibenstocker  Stickereigewerbe  unter  der  Einwirkung  der
Mode  .Tübingen  1910.  —  E.  Kirchner,  Die  Barmer  Textilindustrie.  Dissertation. ­
  Münster  1921.  —  Gothein,  Die  Reservearmee  des  Kapitals.
Heidelberg  1913.  —W.  Troeltsch,  Volkswirtschaftliche  Betrachtungen  über
die  Mode.  Marburg  1912.
        <pb n="184" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

181

bei  gutem  Geschäftsgang  nicht  so  rasch  liefern,  wie  es  bei  diesen
Artikeln  nötig  ist.“
Über  solche  Verhältnisse  berichtet  Gothein  aus  der  Mannheimer
Gießereiindustrie,  ans  dem  Pforzheimer  Bijouteriegewerbe  und  der
Rheinschiffahrt.  Die  kleinen  Betriebe  sind  es,  welche  er  hierbei  als
die  Reservearmee  des  Kapitals  bezeichnet.  Mit  dem  Gesagten  hängt
es  dann  auch  zusammen,  daß  sich  die  Herstellung  solcher  sehr  der
Mode  unterworfener  Artikel  vornehmlich  auch  in  der  Form  der
Hausindustrie  vollzieht,  wo  der  Unternehmer  ohne  größeres  stehendes.
Kapital  arbeitet,  also  auch  in  der  Lage  ist,  ohne  Verluste  den  Betrieb
auszudehnen  oder  einzuschränken.
Wenn  in  diesen  Modeindustrien  die  Bedarfsrichtung  so  raschen
und  plötzlichen  Änderungen  unterliegt,  so  muß  ein  solcher,  hier  jeder
Zeit  möglicher  Konjunkturumschwung,  bei  dem  Besitze  eines  großen
Lagers  solcher  Waren,  ein  erhebliches  Risiko  bedeuten.  Wir  sehen
deshalb  in  solchen  Industrien  einen  Kampf  zwischen  Fabrikanten
und  Händlern  darum,  wer  das  Risiko  in  diesem  Falle  zu  tragen  hat.
Beckerath  berichtet  darüber  aus  der  deutschen  Seidenweberei,  in
welcher  die  Abnehmer  mit  Erfolg  bemüht  waren,  diese  Risiken  tunlichst ­
  dem  Fabrikanten  aufzubürden.
„Zunächst  ging  man,  wie  gesagt,  äußerst  rücksichtslos  in  der
Retournierung  von  Waren  vor,  die  sich  als  nicht  marktgängig  erwiesen, ­
  und  bestellte  Lieferungen  von  solchen  Waren  ab,  auch  wenn
sie  schon  in  der  Fabrik  in  Arbeit  genommen  waren.  Man  fand  in  dem
Entgegenkommen  der  Fabrikanten  noch  wirksamere  Handhaben,  um
die  Gefahren  des  spekulativen  Charakters  des  Seidengeschäftes  auf
diese  abzuwälzen.  Dahin  gehören  zunächst  die  Errichtung  der  Konsignationslager ­
  der  Fabrik  bei  den  Kunden  und  die  Verkäufe  in
Option.  —  Konsignationslager:  Der  Fabrikant  deponiert  bei  dem
Kunden  ein  Warenlager,  das  bis  zum  Verkaufe  der  Waren  durch
den  Kunden  in  seinem,  des  Fabrikanten,  Eigentum  bleibt,  erst  in  dem
Maße,  wie  die  Waren  verkauft  werden,  wird  der  Kunde  ihr  Eigentümer ­
  und  deswegen  Schuldner  des  Fabrikanten.  Was  nicht  abgesetzt
wird,  erhält  letzterer  zurück 1 ).“
Audi  nach  einer  anderen  Richtung  hin  schaffen  diese  Gefahren
des  plötzlichen  Konjunkturwechsels  ganz  eigenartige  Verhältnisse
zwischen  Fabrikanten  und  Händler  in  manchen  Modeindustrien.  Im
allgemeinen  hat  der  Handel,  vor  allem  der  Großhandel,  für  den
h  abrikanten  für  den  Vertrieb  seiner  Erzeugnisse  eine  beträchtliche
Bedeutung.  Der  Handel  ermittelt  die  Absatzgelegenheiten,  er  schafft

U  Beckerath,  Die  Kartelle,  a.  a.  0.  S.  45.
        <pb n="185" />
        182  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

in  gewissem  Sinne  den  Absatz,  der  Großhändler  schiebt  sich  zwischen
den  Produzenten  und  den  Detaillisten,  indem  er  den  Absatz  mit  seinem
eigenen  Kapital  finanziert,  damit  einmal  dem  Produzenten  das  Risiko
längerer  Kreditgewährung  abnimmt  und  ihn  so  in  die  Lage  versetzt,
sein  Kapital  vollständiger,  als  es  sonst  der  Fall  wäre,  lediglich  in  der
Produktion  zu  verwenden.
Wir  hören  jedoch  von  ganz  bestimmten  Modeindustrien,  welche
sich  gerade  infolge  ihrer  eigenartigen  Konjunkturverhältnisse  dagegen
wehren,  daß  der  Handel  in  ihrer  Branche  einen  zu  starken  Umfang
annimmt  und  sie  von  ihm  in  zu  große  Abhängigkeit  geraten.
„Eine  solche  Mediatisierung  hat  für  eine  Modeindustrie  ihre  ganz
besonderen  Bedenken.  Ihr  Absatz  ist  zu  gefährdet,  als  daß  man  die
Sorge  für  ihn  einer  ganz  unverantwortlichen  Stelle  anvertrauen
kann,  die  kein  besonderes  Interesse  daran  hat,  daß  das  Produkt
gerade  dieser  Industrie  verkauft  wird.  Fehlkonjunkturen  müssen  ohne
alle  Abwehrversuche  hingenommen  werden  und  kommen  unvorhersehbarer, ­
  wenn  eine  Modeindustrie  ihren  eigentlichen  Abnehmerkreis
nicht  beeinflussen  kann.“
Schon  aus  dem  eben  Gesagten  ergibt  sich,  daß  und  warum  solche
Modeindustrien,  um  nicht  bei  diesen,  durch  den  Modewechsel  bewirkten ­
  Konjunkturumschlägen  zu  große  Teile  ihres  Absatzes  einzubüßen, ­
  mit  ihrem  Abnehmerkreis  in  ziemlich  enger  Berührung
bleiben  müssen.  Das  ist  um  so  mehr  nötig,  als  in  dem  Augenblick,
in  dem  mit  einem  Wechsel  der  Mode  sich  die  Konjunkturlage  verschlechtert, ­
  die  betreffende  Industrie  von  sich  heraus,  wie  es  Rasch
für  die  Eibenstocker  Industrie  sehr  anschaulich  dargestellt  hat,
konsequent  den  Weg  der  „Bedarfserregung“  beschreiten  muß.  „Im
Modebedarf  folgt  Bedarfswelle  auf  Bedarfswelle,  und  jede  läuft  wieder
ab:  Wer  weiß,  von  wannen  sie  kommt  und  wohin  sie  geht.“  In  der
Modeproduktion  hingegen  ist  es  mit  dem  Niedergang  einer  Produktionskurve ­
  nicht  getan,  sondern  es  folgen  Ausgleichs-  und  Anpassungsversuche ­
  der  verschiedensten  Art,  die  zum  guten  Teil  darauf  hinauslaufen, ­
  durch  Bedarfserregung  zur  Bildung  einer  neuen  Bedarfswelle
beizutragen.  Dabei  sind  die  Modeindustrien  technisch  und  wirtschaftlich ­
  keineswegs  immer  vor  leichte  Aufgaben  gestellt,  da  eine  solche
Bedarfserregung,  d.  h.  die  Schaffung  ganz  neuer  Artikel,  in  der  Regel
ohne  neues  Fabrikationsverfahren  oder  gar  eine  Umwandlung  des
Betriebes  nicht  möglich  ist.  „Je  einförmiger  das  Produktionsprogramm ­
  einer  Industrie  ist,  um  so  eher  kann  eine  Tiefkonjunktur  zu
dem  radikalen  Mittel  der  Betriebsumwandlung  zwingen.  In  unserer,
        <pb n="186" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

183

in  ihrer  Produktion  so  vielseitigen  Stickereiindustrie  war  die  ausgleichende ­
  Fabrikationserweiterung  häufiger 1 ).“
Die  Konjunkturpolitik  in  solchen  ausgesprochenen  Modeindustrien
stellt  also  den  Unternehmer  vor  ganz  besondere  eigenartige  Aufgaben. ­
  Hierher  gehört  vor  allem  auch,  daß  nicht  alles  auf  eine  Karte
gesetzt  wird,  daß  neben  den  Artikeln,  welche  der  Mode  unterworfen
sind,  auch  sog.  Stapelartikel  produziert  werden,  deren  dauernder,
nicht  solchen  Schwankungen  unterworfener  Absatz  die  Möglichkeit
bietet,  die  Fabrikationsanlagen  weiter  ausnutzen  und  den  vorhandenen ­
  guten  Arbeiterstamm  unterhalten  zu  können.  Die  Mode  ist
also  als  ganz  besonderer  Konjunkturfaktor  in  Rechnung  zu  setzen.
Damit  hängt  es  dann  auch  zusammen,  daß  in  einzelnen  solchen  Industriezweigen ­
  die  wirtschaftliche  Lage  sich  immer  wieder  anders
entwickeln  kann,  als  es  der  sonstigen  allgemeinen  Konjunkturlage
entspricht.
Mit  diesen  bisher  dargelegten  Unterschieden  in  der  Lage  und  der
Eigenart  der  einzelnen  Industrien  steht  dann  auch  die  Art  der
Arbeiterpolitik  in  enger  Beziehung,  welche  sie  bei  einem  Rückgänge ­
  der  Konjunktur  einschlagen.  Nur  wenn  man  die  verschiedenen
Wege,  die  hier  einigeschlagen  werden,  aus  der  ökonomisch-technischen
Eigenart  der  betreffenden  Unternehmungen  und  ihren  sonstigen  äußeren ­
  Bedingungen  heraus  zu  erklären  sucht,  wird  man  es  verstehen
können,  daß  diese  Arbeiterpolitik  eine  so  ganz  verschiedenartige  ist.
Bei  manchen  Industrien  und  Unternehmungen  hören  wir  bei  dem
Konjunkturrückgang  im  Jahre  1900,  daß  Arbeiterentlassungen  in  sehr
'großem;  Umfange  stattgefunden  haben,  von  anderen  hören  wir
wieder,  daß  solche  Arbeiterentlassungen  nur  in  geringem  Umfange
oder  gar  nicht  vorgekommen  sind,  trotzdem  auch  diese  Unternehmungen ­
  nicht  weniger  unter  dem  Rückgänge  der  Konjunktur  zu  leiden
hatten  als  andere.
Es  hängt  dies  einmal  mit  den  bereits  erwähnten  Verschiedenheiten ­
  in  der  Eigenart  der  einzelnen  Industrien  zusammen,  damit,
daß  in  den  Zeiten  der  Depression  die  eine  Unternehmung  ihrer  Ertragspolitik ­
  am  besten  zu  dienen  glaubt,  daß  sie  ihre  Produktion
einschränkt,  um  damit  einen  Einfluß  auf  den  Preis  auszuüben  (das
wird  in  der  Regel  von  seiten  eines  Kartells  geschehen),  die  andere
es  dagegen  aus  den  oben  dargelegten  Gründen  vorzieht,  ihre  Produktionsanlagen ­
  selbst  bei  weniger  guten  Preisen  möglichst  vollkommen ­
  auszunutzen.
Neben  diesen  allgemeinen  Faktoren  spielen  dann  aber  auch  die

1 )  Rasch,  a.  a.  0.  4.  Kap.  Der  Modewechsel  als  Konjunkturmoment.
        <pb n="187" />
        184  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

speziellen  Arbeiterverhältnisse  der  betreffenden  Unternehmung  eine
große  Rolle.  Von  rein  sozialpolitischen  Rücksichten,  wie  sie  bei
der  Frage  der  Arbeiterentlassungen  auch  häufig  eine  Rolle  spielen
können,  sei  an  dieser  Stelle  abgesehen.  Wir  hören  z.  B.  aus  der
Wollindustrie,  daß  dort,  wo,  wie  in  Mühlhausen  i.  E.,  im  Vogtlande, ­
  in  Zwickau  oder  in  Leipzig,  die  Kammgarnspinnereien  konzentriert ­
  sind,  wo  also  eine  sehr  große  Anzahl  von  Betrieben  zusammen ­
  liegen,  die  Arbeiterentlassungen  und  demgemäß  auch  die
Lohnverluste  während  der  Depression,  einen  wesentlich  größeren
Umfang  annahmen,  als  dorten,  wo  die  Betriebe  mehr  isoliert  lagen,
vor  allem  in  solchen  Gegenden,  wo  andere  Textilzweige  nicht  vertreten ­
  waren 1 ).  Unter  diesen  letzteren  Verhältnissen  nämlich,  mußte
man  bei  Arbeiterentlassungen  mit  einer  Abwanderung  der  entlassenen
Arbeiter  rechnen,  ohne  daß  die  Sicherheit  vorhanden  war,  bei
wieder  eintretendem  Bedarf  mit  einer  Besserung  der  wirtschaftlichen
Lage,  den  alten  Arbeiterstamm  wieder  zu  erhalten.  Hier  war  es
deshalb  notwendig,  selbst  bei  unlohnenden  Preisen  den  Versuch  zu
machen,  den  Umfang  der  Produktion  aufrecht  zu  erhalten,  oder,  wo
dies  vorteilhafter  schien,  den  entstehenden  Lohnausfall  selbst  zu
tragen.  Von  einer  Reihe  von  Fabriken  aus  der  Wollindustrie  wird
uns  nämlich  berichtet,  daß  sie  eine  Zeitlang  bei  einer  täglichen
Einschränkung  der  Arbeitszeit  auf  6  Stunden  den  vollen  Tagelohn
einer  lOstündigen  Arbeitszeit  weiter  gewährt  haben.
Man  hat  auch  schon  darauf  hingewiesen,  daß  diese  besondere
Lage  der  kapitalintensiveren  Betriebe  ganz  allgemein  den  Unternehmer ­
  veranlaßt,  den  Versuch  zu  machen,  dauernd  einen  Teil  seiner
Arbeiterschaft  an  sich  zu  fesseln  und  daß  es  damit  zusammenhängt,
daß  man  gerade  bei  solchen  Unternehmungen  vorzugsweise  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen, ­
  vor  allem  auch  Wohnhäuser  für  die  Arbeiter, ­
  antrifft.
Mit  solchen  Erwägungen,  einem  Steigen  der  Kosten  bei  zu
großer  Einschränkung  der  Produktion,  und  der  Notwendigkeit,
Arbeiterentlassungen  dann  vornehmen  zu  müssen,  steht  es  dann  auch
wieder  in  Beziehung,  ob  und  in  welchem  Maße  einzelne  Industriezweige ­
  oder  Unternehmungen  sich  genötigt  sehen,  während  der
Depression  auf  Lager  zu  arbeiten,  mit  der  Hoffnung,  ihre  Vorräte
dann  in  besseren  Zeiten  abstoßen  zu  können.  Wir  hören  dann  auch
aber  wieder  von  anderen  Mitteln  und  Wegen,  welche  eingeschlagen
worden  sind,  um  sich  während  der  Depression  vor  einem  zu  starken
Rückgang  des  Absatzes  zu  schützen.  Manche  Unternehmungen

U  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  105.  S.  232.
        <pb n="188" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.  185

gingen  dazu  über,  mannigfaltigere  Erzeugnisse  herzustellen.  Sie
nahmen  neue  Produktionszweige  auf,  um  darin  einen  gewissen  Ausgleich ­
  für  den  schlechten  Absatz  bei  anderen  Erzeugnissen  zu  finden.
„In  dem  Gedanken,  daß  die  Mannigfaltigkeit  der  Fabrikate  einen
gewissen  Ausgleich  bei  schlechtem  Geschäftsgänge  des  einen  biete,
liegt  noch  ein  besonderer  Anreiz  zur  weiteren  Ausbildung  dieser
horizontalen  Kombination“ 1 ).  Die  Firma  Siemens  &amp;amp;  Halske  hat  damals ­
  selbst  mitgeteilt,  daß  ihr  einigermaßen  befriedigender  Geschäftsgang ­
  lediglich  der  Vielseitigkeit  ihrer  Tätigkeit  zu  verdanken
sei.  Die  A.  E.  G.  hat  in  diesen  Jahren  der  Depression  ganz  neue
Geschäftszweige  aufgenommen.  Im  Jahre  1900  begann  sie  mit  der
Erzeugung  von  Kupfervitriol,  im  Jahre  1901  mit  dem  Bau  von  Dampfturbinen ­
 *  2  * ).  Neben  anderen  Ursachen  haben  jedenfalls  bei  den  zahlreichen, ­
  vor  allem  in  neuester  Zeit,  aufgetretenen  Zusammenfassungen ­
  mehrerer  Industriezweige  in  einen  Konzern,  auch  ähnliche  Erwägungen ­
  eine  Rolle  gespielt.  Wenn  nämlich  in  dieser  Weise  verschiedenartige ­
  Branchen  vereinigt  sind,  so  ist  in  dieser  Form  eher
ein  Ausgleich  der  Konjunkturlag©  und  damit  die  Möglichkeit  einer
gleichmäßigen  Rentabilität  des  Gesamtunternehmens  möglich 8 ).  Noch
auf  ein  Letztes  sei  hingewiesen,  um  zu  zeigen,  wie  ganz  verschieden
sich  die  einzelnen  Industriezweige  und  Unternehmungen,  je  nach
ihrer  ökonomisch-technischen  Eigenart,  und  je  nach  ihrer  Organisation, ­
  im  Wandel  der  Konjunktur  verhalten.  Es  handelt  sich  dabei
um  die  nicht  unwesentlichen  Unterschiede,  welche  sich  in  finanzpolitischer ­
  Beziehung  zwischen  Aktiengesellschaft  und  Einzelunternehmung ­
  beobachten  lassen.
So  hören  wir  in  den  Jahren  1900  und  1901,  in  den  Jahren  der
ausgesprochensten  Depression,  von  Kapitalserhöhungen  in  der  Textilindustrie ­
  und  erfahren  darüber  „daß  diese  nicht  bedingt  worden
seien  durch  das  Bedürfnis  einer  Erweiterung  der  Unternehmungen
infolge  günstigen  Geschäftsganges  und  ausreichender  Beschäftigung, ­
  wie  in  den  vorangegangenen  Perioden,  sondern  sie  waren  eine
Notwendigkeit  zur  Beschaffung  von  Mitteln,  um  die  infolge  der
1900er  Verluste  arg  bedrohten  Geschäfte,  wieder  ins  Gleichgewicht
zu  bringen,  nachdem  man  vorher  durch  Zusammenlegung  von  Aktien,
die  Verluste  und  die  Unterbilanz  zu  beseitigen  sich  bemüht  hatte.
Vielfach  ist  gleichzeitig  mit  den  Zusammenlegungen  von  Aktien
auch  eine  Erhöhung  des  Kapitals  vorgenommen  worden“ 4 ).

*)  V  o  g  e  1  s  t  e  i  n,  Die  rheinisch-westfälische  Montan-  und  Eisenindustrie.
Sehr.  d.  Ver.  f.  Sp.  Bd.  106.  S.  110.

2 )  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  104,  S.  134.

8 )  Beckerath,  Kräfte.  A.  a.  O.  S.  55.

4 )  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  106,  S.  47.
        <pb n="189" />
        186  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Es  handelt  sich  hier  um  ein  Mittel,  bestimmten  ungünstigen  Wirkungen ­
  der  Depression  zu  entgehen,  ein  Mittel,  welches  der  Einzeluntemehmung
  im  allgemeinen  wohl  verschlossen  ist.  Damit  hängt
es  dann  auch  wieder  zusammen,  daß  uns  berichtet  wird,  daß  bei  den
Aktiengesellschaften  dieser  Industrie  in  dieser  Periode  des  Niederganges ­
  relativ  wenig  Konkurse  vorgekommen  sind.  Auch  sonst
treten  ja  bei  Aktiengesellschaften  Konkurse  relativ  selten  auf,  weil
eben  hier  eine  Sanierung  der  Gesellschaft  unter  Heranziehung  der
Aktionäre  möglich  ist.
Von  dieser  Möglichkeit  hat  man  während  der  Depression  zu
Beginn  des  Jahrhunderts  gerade  auch  in  der  Textilindustrie,  welcher
es  ja  damals  besonders  schlecht  ging,  einen  sehr  ausgiebigen  Gebrauch
gemacht.  Während  von  46  Kammgarnspinnereien,  welche  die  Form
einer  Aktiengesellschaft  hatten,  im  Jahre  1900  nur  sieben  einen  Gewinn ­
  in  der  Höhe  von  2,125  Millionen  Mark  erzielten,  betrug  bei
den  übrigen  39  Gesellschaften  der  Verlust  in  diesem  Jahre  25,929
Millionen  Mark,  denen  nur  eine  Reserve  in  der  Gesamthöhe  von
13,299  Millionen  Mark  gegenüber  stand.  Trotz  dieser  so  überaus
ungünstigen  Verhältnisse  sind  aus  Anlaß  dieser  Krise  bei  diesen
Gesellschaften  nur  zwei  Zusammenbrüche  erfolgt.  Bei  diesen  39  Gesellschaften ­
  sind  eben  in  den  Jahren  1900  und  1901  bei  einem  Gesamtaktienkapitel
  von  66,18  Millionen  Mark,  Herabsetzungen,  Kapitalzusammenlegungen, ­
  oder  Nachzahlungen  in  der  Höhe  von  11,792
Millionen  Mark  durchgeführt  worden 1 ).
Dieses  Beispiel  zeigt  also,  in  welcher  Weise  sich  die
Aktiengesellschaft  ganz  bestimmter  Mittel  bedienen  kann,  um  in
den  Zeiten  einer  Depression  eintretende  Verluste  auf  breite
Kreise  abzuwälzen,  ein  Verfahren,  das  der  Einzelunternehmung  nicht
zu  Gebote  steht.
Das  Dargelegte  möge  genügen,  um  zu  zeigen,  wie  ganz  verschieden ­
  sich  die  Lage  und  das  geschäftliche  Vorgehen  der  einzelnen ­
  Industriezweige  und  Unternehmungen  im  Wandel  der  Konjunktur ­
  gestaltet,  welch  verschiedene  Politik  sie  verfolgen,  um  dabei
ihre  geschäftlichen  Ziele  möglichst  vollkommen  zu  erreichen.  Daß
es  wirtschaftlich  und  sozial  für  den  Gang  der  Volkswirtschaft,
für  die  Gesamtheit,  von  der  allergrößten  Bedeutung  ist,  welche  Wege
hierbei  eingeschlagen  werden,  bedarf  keiner  weiteren  Begründung.
Es  sei  hier  nur  nochmals  wiederholt,  was  schon  oben  gesagt  worden
ist,  daß  dasjenige,  was  wir  als  Volkswirtschaft  bezeichnen,  nichts
anderes  ist,  als  die  Gesamtheit  aller  dieser  Einzelhandlungen  wirt-D

  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  105.  S.  244  ff.
        <pb n="190" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

187

schäftender  Subjekte,  welcher  nur  diese  Einzelhandlungen  nicht
isoliert  voneinander  vornehmen,  sondern  in  dem  Zeitalter  der  Gesellschaftswirtschaft, ­
  freiwillig  oder  durch  Zwang,  durch  die  zahlreichsten ­
  Bande  imierer  und  äußerer  Natur  so  miteinander  verknüpft ­
  sind,  daß  wir  in  ihren  Endwirkungen  diese  Einzelhandlungen
als  etwas  Ganzes  und  in  sich  Zusammenhängendes  auf  fassen
müssen.
Die  Unterschiede  für  das  Vorgehen  und  das  Handeln  bei  den
einzelnen  Unternehmungen  beruhten  auch,  vor  allem  auf  der  Art
ihrer  Organisation,  darauf,  ob  wir  es  mit  Gesellschaftsuntermehmungen,
  oder  mit  Privatuntemehmungen  zu  tun  hatten.  Von
ganz  besonderer  Wichtigkeit  waren  dann  weiter  die  ökonomischen
Bedingungen  der  Produktion,  vor  allem  die  Zusammenhänge,  welche
'zwischen  der  Größe  des  Absatzes  und  der  Höhe  der  Produktionskosten ­
  bestanden,  oder,  anders  ausgedrückt,  wie  sich  die  eisernen
zu  den  proportionalen  Kosten  verhielten.  Man  kann  sagen,  daß  bei
einer  Fabrik  im  allgemeinen  die  eisernen  Kosten  um  so  höhere  sind,
über  eine  je  höhere  Kapitalzusammensetzung  sie  verfügt,  d.  h.  ein
je  größerer  Teil  vom  Gesamtkapital  das  stehende  in  Anspruch
nimmt,  dasjenige,  welches  in  Sachgütern,  wie  Gebäuden,  Maschinen,
Verkehrsmitteln  usw.,  angelegt  ist.  Demgegenüber  setzt  sich  das
umlaufende  Kapital  aus  den  Roh-  und  Hilfsstoffen  der  Produktion
und  den  Beträgen  zusammen,  welche  für  Gehälter  und  Löhne  aufgewandt ­
  werden.  Der  ökonomische  Unterschied  beider  Arten  von
Kapital,  vom  Standpunkte  der  Produktion  aus  gesehen,  beruht  bekanntlich ­
  darin,  daß  das  stehende  Kapital  (auch  als  Anlagekapital ­
  bezeichnet)  nur  allmählich  der  Abnützung  während  des
Produktionsprozesses  unterliegt,  während  dies  beim  umlaufenden
Kapital  (auch  als  Betriebskapital  bezeichnet)  in  der  Wirtschaftsperiode ­
  der  Fall  ist,  in  welcher  es  in  die  Produktion  eingeht.  Geht
der  Absatz  und  mit  ihm  die  Produktion  zurück,  so  kann  man  unschwer ­
  das  umlaufende  Kapital  verringern,  während  dies  beim
stellenden  Kapital  nicht  möglich  ist.  Die  Verzinsung,  die  Amortisation ­
  und  Instandhaltung  dieses  stehenden  Kapitals  muß  bei  einer
Verringerung  der  Produktion  von  einer  kleineren  Produktionsleistung
getragen  werden.  Auch  für  die  Teile  des  stehenden  Kapitals,  welche
bei  einer  Einschränkung  der  Produktion  stille  gelegt  sind,  gilt  das
gleiche,  wodurch  natürlich  die  Produktionskosten  erheblich  steigen
müssen.
Unter  diesem  Gesichtspunkte  kann  man.  es  auch  leicht  verstehen, ­
  warum  gerade  in  dieser  Hinsicht  die  Hausindustrie
einen  besonderen  Typus  der  gewerblichen  Betriebsformen  darstellt,
        <pb n="191" />
        188  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

von  der  Sombart  schreibt,  daß  es  die  größere  Beweglichkeit  derselben ­
  ist,  die  sie  dem  Unternehmer  sympathisch  macht.  „Da  fast
alles  Kapital  umlaufendes  Kapital  ist,  also  fast  gar  keine  Festlegung ­
  bedeutender  Kapitalteile  erfolgt,  so  gewährt  diese  Betriebsform ­
  dem  Unternehmer  die  Möglichkeit,  den  Umfang  seines
Unternehmens  in  kurzer  Zeit  nach  Belieben  auszudehnen  oder  einzuschränken. ­
  Der  hausindustrielle  Unternehmer  erleidet  keinerlei
positiven  Verlust,  wenn  er  plötzlich  seinen  Arbeitern  keine  Aufträge ­
  mehr  gibt.  Es  entsteht  ihm  kein  damnum  emergens,  wie  dem
Fabrikanten,  dessen  fixe  Kapitalteile,  wenn  nicht  produktiv  verwandt, ­
  ihm  doch  Verzinsungs-  und  Amortisationskosten  verursachen“ ­
 1 ).
Est  ist  also  leicht  zu  verstehen,  warum  bei  einem  Rückgänge
der  Konjunktur  der  hausindustrielle  Unternehmer  ganz  anders  vorgcdien,
  eine  ganz  andere  Arbeiterpolitik  betreiben  kann,  als  der  Besitzer ­
  einer  Fabrik,  und  weshalb  gerade  Saisongewerbe,  also  solche
mit  periodisch  wechselnder  Konjunktur,  sich  für  den  Verlagsbeitrieb
besonders  gut  eignen.
Wenn  man  nun  all  das  Gesagte  überschaut  und  bedenkt,  daß
von  solcherlei  Faktoren  das  Handeln  des  Unternehmers  im  Wandel
der  Konjunktur  in  hohem  Grade  bestimmt  wird,  daß  aber  die  industrielle ­
  Entwicklung  sich  in  einer  Richtung  vollzieht,  bei  der  das
Einzelunternehmen  in  steigendem  Maße  durch  die  Aktiengesellschaft
verdrängt  wird,  und  bei  welcher  das  stehende  Kapital  wesentlich
rascher  zunimmt  als  das  umlaufende,  so  ergibt  sich  daraus,  daß
im  Zusammenhänge  mit  diesen  Änderungen  auch  die  Maßnahmen,
welche  die  Unternehmer  im  Wandel  der  Konjunktur  einschlagen,
selbst  andere  werden  müssen.  Es  vollziehen  sich  hier  wichtige  Wandlungen, ­
  welche  wir  gleich  noch  genauer  kennen  lernen  werden.
All  dasjenige,  was  bis  jetzt  in  diesem  Zusammenhänge  besprochen ­
  wmrden  ist,  bezog  sich  auf  die  Politik  des  Unternehmers
während  einer  bestimmten  Konjunktur.  Es  war  das
nur  eine  bestimmte  Einstellung  einer  gegebenen  Marktlage  gegenüber. ­
  Es  ist  nun  aber  bereits  schon  eingangs  betont  worden,  als
von  dem  Normalen  im  Wirtschaftsleben  die  Rede  war,  daß  im
Sinne  des  Regelmäßigen  und  Durchschnittlichen  weder  die  Hochkonjunktur, ­
  noch  die  Depression  das  Normale  seien,  sondern  daß
ganz  allein  die  Tatsache  des  Konjunktuiwandels,  diese  Wellenbewegung ­
  im  Wirtschaftsleben,  auf  dieses  Prädikat  des  „Normalen“
Anspruch  erheben  könne.  Das  Wirtschaftsleben  eines  Landes  ist
nile  im  Ruhestande  befindlich,  es  ist  aus  zahlreichen,  inneren  und
„  l )  Sombart,  Art.  Verlagssystem.  Handwörterbuch  f.  Staatswiss.
3.  Aufl.  S.  234.
        <pb n="192" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur

189

äußeren  Gründen  in  fortdauernder  Bewegung  begriffen  und  eine  der
Formen  und  Wirkungen  dieser  Bewegung  ist  auch  das  Auf  und  Ab
in  der  wirtschaftlichen  Konjunktur.
Es  ist  dies  eine  Tatsache,  die  sich  nicht  nur  auf  Grund  einer
wissenschaftlichen  Beobachtung  ergibt,  sondern  die  allein  schon
auf  Grund  der  persönlichen  Erfahrung  dem  Unternehmer  in  Fleisch
und  Blut  übergehen  muß.  Mag  den  Unternehmer  in  der  Hausse  ein
noch  so  großer  Optimismus  beseelen,  mag  er,  wie  wir  noch  genauer ­
  sehen  werden,  noch  so  sehr  mit  der  Weiterdauer  einer  vorthandenen,
  günstigen  Konjunktur  rechnen,  —  was  der  Mensch
wünscht,  das  hofft  er  —  so  ist  er  sich  'doch  darüber  klar,  daß  auch
Wieder  einmal  ein  Umschwung  erfolgen  muß.  Wir  sehen  deshalb
auch  an  deutlich  erkennbaren  Merkmalen,  wie  in  steigendem  Maße
die  Unternehmungen  diesem  drohenden  Umschwung  und  seinen  ungünstigen ­
  Folgen  Rechnung  zu  tragen  suchen.  Sie  haben  Veranlassung, ­
  das  in  um  so  ausgedehnterer  und  gründlicherer  Weise  zu
tun,  je  verhängnisvoller  ein  Rückgang  des  Absatzes  die  ganze  Lage
und  den  Ertrag  des  Unternehmens  beeinflussen  wird  und  das  wird,
wie  wir  gesehen  haben,  in  um  so  stärkerem  Maße  der  Fall  sein,  eine
je  größere  Rolle  vor  allem  das  stehende  Kapital  dem  umlaufenden
gegenüber  spielt.  Eine  solch  hohe  Kapitaltechnik  stellt  eben  die
Unternehmungen  vor  ganz  besonders  schwierige  Aufgaben.  Sie  erschwert ­
  nicht  nur  die  Übersichtlichkeit  der  Marktverhältnisse  und
macht  es  dem  Produzenten  schwer  möglich  festzustellen,  inwieweit
die  Nachfrage  nach  seinen  Erzeugnissen  auf  einem  nachhaltigen  unmittelbaren ­
  Verbrauch  oder  nur  auf  einem  solchen  nach  neuen  Produktionsmitteln ­
  beruht,  also  einen  mehr  oder  weniger  sporadischen
Charakter  tragen  kann,  eine  solch  hohe  Kapitaltechnik  kann  vielmehr
auch  das  Konjunkturrisiko  ganz  erheblich  steigern  und  damit,  wie
wir  gesehen  haben,  bei  solchen  Unternehmungen  eine  ganz  eigenartige ­
  Konjunkturpolitik  herausbilden.
Wir  haben  oben  bereits  an  verschiedenen  Beispielen  kennengelernt, ­
  in  welch  unheilvoller  Weise  der  Konjunkturrückgang  um  die
Jahrhundertwende  die  Erträge  der  deutschen  Industrie  beeinflußt
hat.  Um  das  noch  einmal  deutlich  hervorzuheben,  sei  auf
die  Aktiengesellschaften  in  der  Wollindustrie,  wofür  damals  Kuntze
in  den  Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  wertvolle  Zusammenstellungen  gebracht
hat,  hingewiesen.  Vom  Jahre  1899  auf  das  Jahr  1900  ging  in  Prozenten ­
  des  Aktienkapitals  die  Dividende  zurück:  bei  sechs  Wäschereien ­
  und  Kämmereien  von  14,44  auf  1,79  °/o,  bei  35  Spinnereien
von  6,66  auf  1,91  o/ 0j  bei  17  Webereien  von  3  auf  2,5  o/o,  bei  8  Tuchfabriken ­
  von  4,62  auf  0,81  o/ 0 ,  bei  6  Filzfabriken  von  10,25  auf
Mombert,  Studium  der  Konjunktur.  13
        <pb n="193" />
        190  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

5,16  o/o.  Von  insgesamt  56  Betrieben  der  Spinnerei  und  Weberei
zahlten  im  Jahre  190Ö  36  keine  Dividende.  Von  den  Verlusten  dieser
Gesellschaften  war  ja  schon  oben  die  Rede  gewesen.
Daß  auch  für  andere  Branchen  die  Verhältnisse  auch  nicht
besser  lagen,  zeigen  für  die  damalige  Zeit  die  Zusammenstellungen
des  Handbuches  der  deutschen  Aktiengesellschaften.  Von  5000  Betrieben, ­
  welche  in  diesem  Handbuche  behandelt  wurden,  blieben
in  dem  Geschäftsjahre  von  1901  auf  1902  nicht  weniger  als  1869
dividendenlos,  während  1003  von  diesen  Betrieben  mit  einer  Unterbilanz ­
  abschlossen.  Auch  bei  den  übrigen  866  Betrieben,  welche
keine  Dividende  verteilten,  traten  zum  Teil  erhebliche  Verluste
ein,  welche  aber  meistens  durch  Heranziehung  der  Reserven,  durch
Zusammenlegung  des  Aktienkapitals  oder  durch  Zuzahlung  auf
dasselbe,  bereits  vor  Abschluß  gedeckt  worden  sind 1 ).
Das  frühere  .System  der  Dividenden-  und  Bilanzpolitik ­
  bestand  noch  in  dieser  Zeit  im  allgemeinen  darin,  daß,
von  wenigen  Ausnahmen  abgesehen,  in  guten  Jahren  ein  möglichst ­
  großer  ,Teil  des  Gewinnes  als  Dividende  ausgeschüttet  wurde,
daß  man  ,in  Form  von  Abschreibungen  und  sonstigen  Rückstellungen
nur  sehr  ,wenig  Vorsorge  für  die  kommenden  mageren  Jahre  traf
und  daß  sich  dann  in  diesen  mit  dem  Rückgänge  des  Absatzes,  dem
Sinken  der  Preise  und  der  dadurch  bewirkten  Gewinnahnahme  ein
erheblicher  Dividendenrückgang  ergab,  wie  wir  ihn  eben  in  so  extremer ­
  Form  bei  der  Textilindustrie  gesehen  haben.  In  den  letzten
Jahren  vor  dem  Kriege  ist  hier  ein  wesentlicher  Wandel  eingetreten.
Immer  mehr  Unternehmungen  aller  Branchen  erblicken  ihr  Ziel  darin,
durch  eine  vorsichtige  Bilanzpolitik  die  Unternehmungen  innerlich  zu
kräftigen,  ihre  finanzielle  Lage  immer  unabhängiger  von  den  Schwankungen ­
  der  Konjunktur  zu  machen  und  somit  auch  zu  einer  größeren
Stabilität  in  der  Dividendenausschüttung  zu  gelangen.
Der  Weg,  welcher  dieses  möglich  macht,  ist  der,  daß  man  in
den  Jahren  einer  guten  Konjunktur  die  offenen  Reserven  möglichst ­
  reich  dotiert  und  durch  reichliche  Abschreibungen
und  vorsichtige  Bewertung  der  Aktiven  große  stille  Reserven  schafft.
Damit  erleidet  zwar  der  in  den  Jahren  der  guten  Konjunktur  sich
ergebende  Reingewinn  eine  scheinbare  Verringerung,  es  wird  weniger
an  Dividende  ausgeschüttet  als  es  möglich  gewesen  wäre.  Solche
Rückstellungen  gewähren  demgegenüber  dann  aber  auch  die  Möglichkeit, ­
  bei  einer  Verschlechterung  der  Konjunktur  eine  höhere
Dividende  zahlen  zu  können,  als  es  sonst,  lediglich  nach  den  Betriebsergebnissen ­
  der  betreffenden  Jahre,  der  Fall  gewesen  wäre.  Man

U  Taeger,  a.  a.  O.
        <pb n="194" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

191

schüttet  also  in  der  Hochkonjunktur  nicht  so  viel  an  Gewinnen  aus,
als  es  möglich  wäre,  um  in  den  Zeiten  der  Depression  nicht  vor  die
Notwendigkeit  gestellt  zu  sein,  mit  der  Dividende  zu  sehr  herabgehen
zu  müssen.  Ein  Bild  einer  solch  energischen  Abschreibungs-  und
Rückstellungspolitik  gibt  die  folgende  Zahlenreihe 1 ):

Betriebsgewinn
Millionen  Mark

Abschreib.,  Rückstellg.
  u.  dergl.
Millionen  Mark

Dividende
°/o

1912/13

gegen
1911/12

1912/13

gegen
1911/12

1912/13

1911/12

Rheinische  Stahlwerke
Bochumer  Verein  .  .
Georg-Marien-Hütte
Van  der  Zypen  .  .  .
Maximilianshütte  .  .

12,21
8.90
5,24
4,52
7.90

[-3,50
-2,10
-1,36
r  1,38
-0,70

6,71
2,50
3,36
2,46
4,97

[-3,29
-0,62
-1,23
-1,27
h  0,69

10
14
5  bzw.  7
12
30V 5

10
14
5  bzw.  7
12
30  */.

Zusammen

38,77

-

h  9,04  ü  20,00

h  7,10

—

—

Betrachtet  man  die  Ergebnisse  der  amtlichen  Statistik,  wie  sie
sich  bis  zum  Jahre  1905  zurück  alljährlich  im  statistischen  Jahrbuch
für  den  preußischen  Staat  vorfindet,  so  sieht  man  deutlich,  wie  stark
die  Reservebildung  bei  den  deutschen  Aktiengesellschaften  in  diesen
letzten  Jahren  gestiegen  ist.  Dabei  lassen  diese  Zahlen  nur  den  Betrag ­
  der  offenen,  nicht  den  der  stillen  Reserven,  der  wohl  noch  größer
gewesen  ist,  erkennen.  Während  im  Geschäftsjahr  1903  auf  1904
auf  die  Aktiengesellschaften  in  Preußen  bei  einem  Aktienkapital  von
zusammen  6869  Millionen  Mark,  1117  Millionen  Mark  echte  Reserven
entfielen,  kamen  nach  den  im  Jahre  1913  aufgestellten  Bilanzen  auf
ein  Aktienkapital  von  11269  Millionen  Mark  2450  Millionen  Mark
echte  Reserven.  Der  Prozentsatz  dieser  letzteren  hatte  sich  also  in
diesem  Zeitraum  auf  das  Aktienkapital  berechnet,  von  16,3  auf  21,8o/ 0
gehoben.  Wir  werden  später  Gelegenheit  haben,  in  anderem  Zusammenhänge ­
  auf  diese  Fragen  der  Bilanz-  und  Dividendenpolitik
noch  einmal  einzugehen.
Je  nach  der  Eigenart  und  den  besonderen  Verhältnissen  der  einzelnen ­
  Industrien  und  Unternehmungen  gestalten  sich  also  die
Mittel,  welche  sie  im  Wandel  der  Konjunktur  zum  Selbstschutz  und
zui  Anpassung  an  die  neue  Lage  anwenden,  andersartig.  Daraus
ergibt  sich,  daß  in  der  Nachkriegszeit,  wo  Industrie  und  Handel
unter  dem  Einflüsse  der  Valutakrisen  vor  ganz  aridere  und  neue
Aufgaben  gestellt  waren,  auch  wieder  andere  und  neue  Mittel  der
Konjunkturpolitik  gewählt  worden  sind.

B  Nach  der  Frankfurter  Zeitung,  Abendblatt.  15.  August  1913.
        <pb n="195" />
        192  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Von  den  Preisfestsetzungen  nach  den  Wiederbeschaffungskosten,
von  dem  Versuche,  eine  wertbeständige  Rechnungseinheit  einzuführen, ­
  war  schon  oben  die  Rede  gewesen.  Die  dauernden  Schwankungen ­
  der  Valuta  und  die  damit  in  Verbindung  stehenden  sprunghaften ­
  Veränderungen  in  den  Preisen,  vor  allem  bei  der  Beschaffung
der  Rohstoffe,  bildeten  ein  nur  schwer  zu  bewältigendes  Hindernis
jeder  genaueren  Kalkulation,  bei  der  man  dann  Gefahr  laufen  mußte,
daß  aus  der  Kalkulation  eine  in  ihren  Wirkungen  unübersehbare
Spekulation  wurde.
So  berichtete  z.  B.  der  Verein  deutscher  Eisengießereien  in
Düsseldorf  für  das  letzte  Vierteljahr  1922:  „Vom  Ende  August  ah
mußten  die  Preise  alle  10  Tage  und  zuletzt  alle  7  bis  8  Tage  neu
festgesetzt  werden,  weil  der  Roheisenverband  sich  seinerseits  auch
nicht  für  längere  Fristen  binden  konnte.  Das  Unkostenkonto  jeder
Gießerei  wurde  nicht  unerheblich  dadurch  belastet,  daß  der  schleppende ­
  Eingang  der  Außenstände,  Inanspruchnahme  von  Bankkredit,
Begebung  von  Wechseln,  ferner  schriftliche  und  persönliche  Mahnungen ­
  erforderte 1 ).
Solche  Zustände,  die  für  jede  Unternehmung,  die  dabei  nicht  genügend ­
  vorsichtig  vorging,  die  Gefahr  großer  Substanzverluste  mit
sich  brachte,  haben  nun  einmal  mächtig  zu  dem  Zusammenschluß
in  große  Konzerne  oder  zu  Fusionen  geführt.  Es  waren  besonders
die  Unternehmungen,  die  auf  den  Bezug  ausländischer  Rohstoffe  angewiesen ­
  waren,  die  von  diesen  Gefahren,  besonders  stark  betroffen
wurden.  Das  gilt  besonders  von  der  Textilindustrie,  welche  in  dieser
Hinsicht  vor  einer  sehr  schwierigen  Aufgabe  stand.  In  einer  Zuschrift ­
  einer  Strumpffabrik  an  die  Frankfurter  Zeitung  hieß  es  z.  B.:
„Der  Großhandelspreis  für  Strümpfe  ist  in  holl.  Gulden  ausgedrückt
gegenüber  dem  Vormonat  unverändert  geblieben.  Dieser  Preis  steht
allerdings  nur  auf  dem  Papier.  Wegen  des  ungünstigen  Valutastandes
ist  der  Preis,  in  Mark  umgerechnet,  nicht  zu  erzielen  und  wenn  man
verkaufen  will,  bleibt  nichts  anderes  übrig,  als  von  der  Substanz
zu  zehren,  weil  wir  die  Rohstoffe  nur  in  fremder  Valuta  beziehen
können  *  2 ).“
Aus  der  Begründung  für  den  großen,  im  September  1922"  entstandenen ­
  Textiltrust  führte  seinerzeit  die  Frankfurter  Zeitung  an,
daß  es  sich  hier  um  eine  Erscheinung  handle,  welche  in  den  wirt*) ­
  Frankfurter  Zeitung.  2.  Morgenblatt,  12.  Januar  1923.
2 )  Frankfurter  Zeitung.  1.  Morgenblatt,  6.  Februar  1923.  —  Zu  dieser  Gefahr ­
  der  Substanzverluste  vgl.  ferner  1.  Frank,  Betriebskapital,  Warenwechsel ­
  Und  Preisbildung.  „Die  Gießerei“,  Heft  39,  1922,  und  ferner  die  im
Dezember  1922  von  der  Außenhandelsnebenstelle  für  Wolle  herausgegebene
Schrift  „Valutagewinne  und  Substanzverluste“.
        <pb n="196" />
        2.  Die  private  Unternehmung  im  Wandel  der  Konjunktur.

193

schaftlichen  Zuständen  der  Nachkriegszeit  ihre  Erklärung  finde.
Ein  solcher  Zusammenschluß  ermögliche  eine  Zentralisation  des
Einkaufes,  und  eine  Erleichterung  der  Devisenbeschaffung,  die  für
inländische  Unternehmungen  oft  eine  Quelle  dauernder,  oft  verlustreicher ­
  Schwierigkeiten  sei.  „Zu  diesen  Vorteilen  treten,  ganz  abgesehen ­
  von  der  Verbilligung  der  Regiespesen  der  für  den  Kundenkreis ­
  der  Gesellschaft  überaus  wichtige,  weitere  Vorteil  hinzu,  daß
jede  einzelne  der  angeschlossenen  binnenländischen  Fabriken  sich
nur  noch  einem  örtlich  begrenzten  Aktionsradius  zu  widmen  brauche,
denn  es  werde  die  Zuweisung  der  Aufträge  an  jede  der  zukünftigen
Fabriken  durch  die  Zentralstelle  unter  dem  Gesichtspunkt  der  Frachtersparnis ­
  erfolgen.  Die  Hamburger  Fabriken  sollen  auf  diesem  Wege
vom  Inlandsgeschäft  entlastet  werden  und  so  in  die  Lage  kommen,
sich  überwiegend  dem  Exportgeschäft  zu  widmen.“
Noch  weit  deutlicher  und  ausgesprochener  finden  sich  solche
gemeinsamen  Abmachungen  als  Sicherungsmittel  gegen  die  durch
die  Valutaschwankungen  bedingte  Unsicherheit  in  der  Konjunkturlage ­
  in  der  deutschen  Leinenindustrie,  die  sich  zu  diesem  Zweck  in
dem  Röster-Stützvertrag,  dem  Rohstoffs-Ausgleichsvertrag  und  dem
Spinner-Webervertrag  ein  höchst  interessantes  System  von  Garantieverträgen ­
  zum  Schutze  gegen  die  Gefahren  des  Valutarisikos  geschaffen ­
  hat,  ein  System,  das  sich  als  eine  Art  von  Interessengemeinschaft, ­
  wenn  auch  in  sehr  loser  Form,  darstellt.  An  dieser
Stelle  kann  aus  diesen  komplizierten  Abmachungen,  die  sich  als
ausgesprochene  Maßnahme  einer  wohlüberlegten  Konjunkturpolitik
darstellen,  nur  das  allerwichtigste  hervorgehoben  werden *  1 ).
Bei  dem  Röster-Stützvertrag  handelt  es  sich  um  eine  Garantie
für  die  Landwirte  für  den  lohnenden  Absatz  ihrer  Flachsernte.  Durch
Garantien  der  weiterverarbeitenden  Industrie  sollte  den  Rost-  und
Aufbewahrungsanstalten  'die  Abnahme  des  von  ihnen  aufgekauften
Flachses  in  einem  ganz  bestimmten  Ausmaße  sicher  gestellt  werden.
Der  noch  interessantere  Rohstoff-Ausgleichsvertrag  hatte  die  Aufgabe, ­
  die  jeweilige  Konjunktur  in  gewissem  Sinne  aufzufangen.  Es
handelt  sich  hierbei  um  ein  recht  kompliziertes  Vertragsgebilde  mit
dem  Ziele  einer  Regulierung  und  Stabilisierung  der  Preise.  Die
deutschen  Flachsspinnereien  erhellten  von  der  deutschen  Flachsbaugesellschaft ­
  den  Flachs  aus  der  deutschen  Ernte  zu  ganz  bestimmten
Einheitspreisen  geliefert,  gleichgültig,  wie  hoch  sich  die  den  SchwanU ­
  Genauer  darüber  W.  M  e  y,  Die  Rohstoffversorgung  der  deutschen  Leinenuidustrie
  vor,  in  und  nach  dem  Weltkriege.  Dissertation.  Freiburg  1922.  —
I.  Castendyck,  Die  Organisation  der  deutschen  Flachs-  und  Leinenwirtschaft ­
  nach  dem  Kriege.  Dissertation.  Gießen  1923.  Beide  als  Manuskript.
        <pb n="197" />
        194  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

kungen  der  Valuta  unterworfenen  Marktpreise  stellen.  Die  Preisdifferenz ­
  trägt  dabei  di©  Leinengarnabrechnungsstelle,  lau  welche
dafür  die  Spinner,  ebenfalls  zu  einem  festen  Einheitspreise,  in
welchem  die  immer  wieder  neu  zu  errechnenden,  also  variablen
Spinnkosten  als  Zuschläge  enthalten  sind,  ihr  fertiges  Produkt  abzuliefern ­
  haben.
In  dieser  Weise  ist  den  Spinnern  eine  von  den  Schwankungen
der  Valuta  unabhängige,  risikolose  Beschäftigung  gewährleistet.  Die
Leinengarnabrechnungsstelle  kommt  auf  diese  Weise  immer  wieder
in  den  Besitz  der  an  die  Spinner  verbilligt  abgegebenen  Rohstoffe.
Der  für  diese  Abrechnungsstelle  so  eventuell  entstehende  Verlust  in
der  Differenz  zwischen  den  Einkaufs-  und  Verkaufspreisen  des
Flachses  wird  dann  durch  den  Verkauf  der  Game  an  die  Webereien
gedeckt,  die  dafür  ebenfalls  einen  einheitlichen  Preis  zu  zahlen
haben.
Die  großen  Vorteile  dieser,  in  ihren  Einzelheiten  überaus  verwickelten ­
  Abmachungen,  liegen  also  darin,  daß  damit  der  Rohstoffbezug ­
  zu  stabilen  Preisen  und  damit  eine  genaue  Kalkulation  möglich ­
  wird  und  daß  so,  um  mit  Mey  zu  reden  „die  derzeitigen  Valutaschwankungen, ­
  die  z.  B.  in  der  Baumwollindustrie  von  Tag  zu  Tag
alle  Berechnungen  umwerfen  an  der  Leinenspinnerei  relativ
unbemerkt  und  spurlos“  vorübergegangen  sind.
Wenn  trotzdem  plötzliche  Steigerungen  der  Inlandsflachspreise
eintreten,  dann  fängt  dieser  Rohstoffausgleich  wenigstens  den  ersten,
kräftigsten  Stoß  einer  derartigen  Preiserhöhung  auf  und  schützt  die
Spinner  in  wirksamer  Weis©  vor  den  unmittelbaren  Folgen  akuter
Preisschwankungen.  Durch  Ansammlung  großer  Reserven  aus  den
Garnverkäufen  schafft  dann  darüber  hinaus  dieser  Rohstoffausgleich
noch  die  Mittel,  um  die  durch  Konjunkturumschläge  gelegentlich
entstehenden  Verluste  decken  zu  können.
Das  dritte  und  letzte  Glied  in  diesem  System  von  Garantieverträgen ­
  ist  dann  der  Spinner-Webervertrag.  Das  ökonomisch
Wesentlichste  dieser,  in  sich  wieder  sehr  komplizierten  Abmachungen, ­
  ist  der  sog.  Garn-Abnahmevertrag,  in  welchem  sich  die  reinen
Spinnereien  zum  Verkauf  und  die  Leinengarnabrechnungsstelle  dementsprechend ­
  zur  Abnahme  eines  bestimmten  Teiles  der  erzielten
Gesamterzeugung  dieser  Betriebe  verpflichten.
In  diesem  System  von  Abnahme-  und  Garantieverträgen  haben
wir  es  mit  einem  sehr  fein  durchdachten  Mittel  zu  tun,  um  damit
den  für  die  Einzelwirtschaften  so  verhängnisvollen  Wirkungen  des
Auf  und  Ab  in  der  Valuta  auszuweichen.
        <pb n="198" />
        Bik  541  ! V&amp;gt;.  2.46.
3.  Die  Tätigkeit  von  Staat  und  Gemeinden  im  Wandel  der  Konjunktur.  195
3.  Die  Tätigkeit  ron  Staat  und  Cremeinden  im  Wandel
der  Konjunktur.
So  sehr  das  ganze  Verhalten  des  einzelnen  Unternehmers  von
einer  bestimmten  Konjunktur,  von  einer  gegebenen  Marktlage  auch
diktiert  ist,  soviel  sich  über  dieses  Verhalten  auch  sagen  läßt,  so
mannigfaltig  dieses  auch  ist,  so  einfach  sind  demgegenüber  dann  die
Maßnahmen,  welche  von  seiten  der  öffentlichen  Körperschaften  und
ihrer  Organe  erfolgen  können,  um  den  Schäden  und  Nachteilen  einer
bestimmten  Wirtschaftslage  entgegenzutreten.  Auch  hier  handelt
es  sich  natürlich  im  wesentlichen  nur  um  eine  Bekämpfung  und
Milderung  derjenigen  Not-  und  Mißstände,  wie  sie  in  Zeiten  einer
rückläufigen  Konjunktur  oder  einer  Wirtschaftskrise  aufzutret§n
pflegen.
Dabei  sollen  an  dieser  Stelle  nur  diejenigen  Maßnahmen  besprochen ­
  werden,  welche  den  Zweck  haben,  die  Nachteile  einer  ungünstigen ­
  Wirtschaftslage  zu  mildern  und  zu  bekämpfen.  Von  denjenigen ­
  Maßregeln,  welche  den  Zweck  verfolgen,  mittelbar  oder  .unmittelbar ­
  auf  den  Konjunkturwandel  als  solchen  einzuwirken,  wird
in  dem  folgenden  Abschnitte  die  Rede  sein.  Es  sei  noch  einmal  daran
erinnert,  daß  bei  der  Konjunkturpolitik  zwei  Aufgaben  kreise
scharf  voneinander  zu  trennen  sind:  einmal  das  Verhalten  einer
bestimmten  vorhandenen  Konjunkturlage  gegenüber,  und  dann  die
Maßnahmen,  welche  den  Zweck  verfolgen,  auf  den  Ablauf  der  Konjunktur ­
  als  solcher  einzuwirken.  Diese  Teilung  gilt  in  gleicher  Weise
von  dem  einzelnen  Unternehmer,  wie  auch  von  Staat  und  Gemeinde.
Unter  denjenigen  Maßnahmen,  welche  also  den  Zweck  verfolgen,
einer  gegebenen  Konjunkturlage  gegenüber  helfend  und  ausgleichend
einzugreifen,  kommen  zunächst  die  Mittel  und  Wege  in  Frage,  welche
den  öffentlichen  Körperschaften  zu  Gebote  stehen,  um  den  ersten
großen  Erschütterungen,  welche  jede  Krise  auf  dem  Geldmärkte  hervorruft, ­
  der  Zerrüttung  des  Kredits  und  dem  Schwinden  des  allgemeinen ­
  Vertrauens,  entgegenzuwirken.  Je  nach  der  Geldverfassung
eines  Landes  kann  es  sich  dabei  um  Maßnahmen  der  staatlichen
Gesetzgebung  und  Verwaltung,  oder  auch  um  Maßnahmen  der  Notenbank ­
  handeln,  und  je  nach  der  Verfassung  dieser  Notenbank  können
derartige  Maßnahmen  einen  mehr  oder  weniger  ausgesprochen
staatlichen  Charakter  tragen.  In  allen  Fällen  handelt  es  sich  aber
darum,  das  Vertrauen,  den  Kredit,  der  in  einer  solchen  Zeit  schwere
Erschütterungen  erlitten  hat,  zu  stützen  und  neu  zu  festigen.
Hierbei  kommen  einmal  besondere  Hilfsaktionen  der  Notenbanken ­
  in  Frage.  Diesen  Aktionen  pflegen  sich  dann  auch  in  der
Regel  die  Kreditbanken  anzuschließen,  und  zwar  in  der  Form,  daß
        <pb n="199" />
        196  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

sie,  um  bei  größeren  Zusammenbrüchen  einem  weiteren  Umsichgreifen ­
  derselben  und  einer  allgemeinen  Panik  vorzubeugen,  zu  umfassenderen ­
  Interventionen  schreiten.  Aus  Zweckmäßigkeitsgründen
soll  also  an  dieser  Stelle  auch  die  entsprechende  Tätigkeit  der  Kreditbanken ­
  mitbehandelt  werden,  wenn  es  sich  auch  dabei  nur  um  ein
Eingreifen  privater  und  nicht  öffentlicher  Körperschaften  handelt.
Als  im  Jahre  1901  die  Leipziger  Bank  zusammenbracb,  war  die
Folge  eine  schwere  Erschütterung  des  Wirtschaftslebens.  Eine  große
Anzahl  von  Geschäftshäusern,  welche  mit  der  Batik  in  geschäftlichen
Beziehungen  gestanden  hatten,  gerieten  in  ernstliche  finanzielle
Schwierigkeiten.  Bei  einzelnen  sächsischen  Banken  wurden  innerhalb
weniger  Tage  von  den  Einlegern  Millionen  an  Beträgen  zurückgefordert. ­
  Wenn  die  Panik  nicht  weiter  um  sich  griff,  wenn  bald
wieder  eine  Beruhigung  eintrat,  so  war  dies'  vor  allem  dem  tatkräftigen ­
  Eingreifen  der  Reichsbank  zu  danken.  Die  Handelskammer  in
Kassel  schrieb  in  ihrem  Berichte  für  das  Jahr  1901  darüber:
„Ohne  einen  Rückhalt  an  der  Reichsbank  hätten  alle  Bemühungen ­
  (der  Großbanken)  der  Krisis  nicht  Einhalt  tun  können.  Die
Reichsbank  hat  in  dieser  Zeit  gezeigt,  daß  sie  im  wahrsten  Sinne
des  Wortes  das  Rückgrat  unseres  Geldwesens  bildet,  und  daß  unser
Wirtschaftskörper  auch  bei  den  schwersten  Krisen  an  ihr  einen  unbedingt ­
  festen  Halt  findet.  Das  Verhalten  der  Reichsbank  kann
nicht  genug  als  mustergültig  hervorgehoben  werden:  weit  entfernt,
ihre  Diskontierungen  einzuschränken,  hat  sie  ihren  Kredit  einem
jeden,  der  ihn  bedurfte,  zur  Verfügung  gestellt,  und  hat  selbst  trotz
der  enormen  Inanspruchnahme  ihrer  Mittel  am  1.  Juli  an  dem  bestehenden ­
  Diskontsatz  festgehalten,  um  nicht  durch  Heraufsetzen
des  Satzes  die  Krisis  gewissermaßen  zu  dokumentieren  und  dadurch
die  Verwirrung  zu  vermehren 1 ).“
In  anderen  Formen  geschah  das  gleiche  in  den  Vereinigten
Staaten  von  Amerika,  als  dort  im  Jahre  1907  mit  dem  Ausbruch
erheblicher  wirtschaftlicher  Störungen  in  großem  Umfange  eine
Thesaurierung  der  Barmittel  eintrat.  Es  herrschte  sogleich  ein  großer
Mangel  an  solchen  Barmitteln,  und  bei  der  mit  der  Krise  zusammenhängenden ­
  Erschütterung  des  Kredits  gerieten  die  Banken  in  Schwierigkeiten, ­
  dem  Geldmärkte  die  verlangten  Umlaufsmittel  für  die  Zwecke
des  Wirtschaftslebens  im  nötigen  Umfange  zur  Verfügung  zu  stellen.
In  dieser  schwierigen  Lage  hat  damals  neben  der  Selbsthilfe,  welche
z.  B.  in  Form  der  Clearinghouse-Zertifikate  dem  Zahlungsverkehr
Ersatzmittel  zur  Verfügung  stellte,  die  Bundesregierung  in  entschie-J

 )  Schulze,  a.a.O.  S.90.
        <pb n="200" />
        3.  Die  Tätigkeit  von  Staat  und  Gemeinden  im  Wandel  der  Konjunktur.  197

dener  Weise  eingegriffen.  Um  die  Bedürfnisse  an  Umlaufsmitteln
befriedigen  zu  helfen,  hat  das  amerikanische  Schatzamt  damals  die
Barmittel  der  Banken  durch  Hinterlegung  großer  Beträge  an  Regierungsgeldern ­
  gestärkt.  Die  Mittel  dazu  hatte  die  Regierung  aus
ihren  Einnahmen  an  Steuern  und  Zöllen  zur  Verfügung.  Als  aber
diese  Mittel  auch  nicht  genügten,  da  gab  die  Regierung  Anleihen
aus,  um  so  einmal  die  aus  Angst  versteckten  Gelder  herauszulocken,
die  aber  dann  auch  dazu  bestimmt  waren,  durch  Hinterlegung  bei
den  Banken  diesen  eine  Erweiterung  der  Notenausgabe  zu  ermöglichen ­
  und  so  den  Bedarf  an  Umlaufsmitteln  zu  verstärken 1 ).
Diese  beiden  Beispiele  zeigen  also,  nach  welchen  Richtungen
hin  bei  solchen  krisenhaften  Erschütterungen  des  Wirtschaftslebens
Maßnahmen  des  Staates  oder  der  Notenbank,  die  ja  keineswegs
überall  ein  staatliches  Institut  zu  sein  braucht,  nützlich  sein  können.
Es  handelt  sich  in  allererster  Linie  darum,  das  erschütterte  Vertrauen ­
  zu  stützen,  um  so  einem  Umsichgreifen  der  Panik  vorzubeugen. ­
  Nach  der  gleichen  Richtung  hin  bewegen  sich  natürlich
auch  die  Aufgaben  der  Kreditbanken.  Unsere  großen  Kreditbanken ­
  sind  einzeln  und  erst  recht  in  ihrer  Gesamtheit  heute  solche
Mächte  im  Wirtschaftsleben,  können  einen  solchen  Einfluß  auf  den
Geldmarkt  und  auf  die  Börse  ausüben,  dah  sie  sehr  wohl  dazu  imstande ­
  sind,  bei  solchen  krisenartigen  Erschütterungen  durch  Interventionen ­
  der  verschiedensten  Art  beruhigend  und  stützend  einzugreifen. ­
  Daß  dieses  bisher  schon  häufig  geschehen  ist,  dafür  ließen
sich  aus  der  deutschen  Bankgeschichte  mancherlei  Beispiele  bringen.
Handeln  doch  auch  die  Kreditbanken  im  wohlverstandenen  eigenen
Interesse,  wenn  sie,  selbst  unter  beträchtlichen  Opfern,  einem  Umsichgreifen ­
  einer  solchen  Panik  vorzubeugen  suchen.
Man  muß  nämlich  immer  davon  ausgehen,  daß  solche  Rückgänge
in  der  Konjunktur,  vor  allem,  wenn  sie  in  der  scharfen  Form  einer
ausgesprochenen  Krise  auftreten,  vielfach  in  der  Nichterfüllung
kontraktlicher  Verbindlichkeiten  der  Zahlung  gegen  den  Gläubiger
auf  der  Basis  vorhandener  Kreditverhältnisse  zum  Ausdruck  kommen,
wie  es  Adolf  Wagner  einmal  bezeichnet  hat 2 ).  Die  meisten
Krisen  münden  in  diesem  Sinne  in  eine  Kreditkrise  aus.  Wenn  einmal ­
  eine  Krise  mit  solchen  Wirkungen  ausgebrochen  ist,  wenn,  wie
es  früher  fast  immer  der  Fall  war,  wie  es  sich  dann  wieder  in  den
Vereinigten  Staaten  im  Jahre  1907  wiederholte,  ein  Zustand  allgemeiner ­
  Kreditlosigkeit  eintritt,  dann  kann  allein  dadurch  geholfen

U  Vgl.  dazu  Hasenkamp,  u.  Schuhmacher,  a.  a.  0.
.  )  Art.  Krisen  in  Rentschs  Handwörterbuch  d.  Volkswirtschaftslehre.
Leipzig  1866.
        <pb n="201" />
        198  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

werden,  daß  alle  dazu  fähigen  Instanzen,  vor  allem  Notenbanken
und  Kreditbanken,  welche  irgendwie  in  der  Lage  dazu  sind,  Kredite
zu  gewähren,  dies  der  solventen  Geschäftswelt  gegenüber  im  ausgiebigsten ­
  Maße  tun  und  damit  mit  ihrem  Kredit  die  Lücke  ausfüllen, ­
  welche  im  Zusammenhang  mit  der  Krise  und  der  Panik  in
der  Kreditgewährung  dadurch  entstanden  ist,  daß  die  Gewährung
privaten  Kredites  solche  Einschränkungen  erfahren  hat.
In  dieser  Hinsicht  haben  gerade  auch  die  Kreditbanken  in  solchen
Zeiten  wichtige  und  große  Aufgaben  zu  erfüllen.  Es  gäbe  für  sie
keine  falschere  Politik,  vom  Standpunkt  ihrer  eigenen  Interessen,
aber  auch  vom  Standpunkt  derjenigen  der  Volkswirtschaft  aus  betrachtet, ­
  als  wenn  sie  beim  Ausbruch  einer  solchen  Krise,  wie  jeder
private  Geschäftsmann,  ängstlich  und  engherzig  den  Daumen  auf  den
Geldbeutel  halten  wollten.  Damit  würde  eine  eingetretene  Panik  nur
noch  an  Ausdehnung  und  Stärke  gewinnen,  während  die  Erfahrung
zeigt,  daß  eine  weitherzige  Kreditgewährung  der  Banken  imstande
ist,  in  relativ  kurzer  Frist  das  erschütterte  Vertrauen  wieder  herzustellen. ­

Freilich  sind  die  einzelnen  Banken  in  solchen  Zeiten  keineswegs
immer  stark  genug,  dies  aus  eigener  Kraft  zu  tun.  Vor  allem  waren
sie  dazu  in  früheren  Zeiten  viel  weniger  imstande  als  heute.  In
solchen.  Fällen  ist  es  dann  eben  vor  allem  die  Aufgabe  des  Staates
und  der  Notenbanken,  in  irgendeiner  Weise  helfend  einzugreifen,
auch  die  übrigen  Banken  sogar  zu  stützen.
Klassische  Beispiele  dafür  bietet  die  Geschichte  der  englischen ­
  Wirtschaftskrisen  in  den  ersten  zwei  Dritteln  des
vorigen  Jahrhunderts.  Es  sei  an  dieser  Stelle  auf  diese  Zusammenhänge ­
  bei  der  englischen  Wirtschaftskrise  im  Jahre  1857  etwas
genauer  eingegangen.  Als  in  diesem  Jahre  in  England  im  Zusammenhänge ­
  auch  mit  wirtschaftlichen  und  politischen  Störungen  im  Auslande, ­
  eine  schwere  Wirtschaftskrisis  ausbrach,  als  damals  zahlreiche
Geschäftshäuser  ihren  Bankerott  erklären  mußten  und  die  Kreditverhältnisse ­
  des  Landes  sich  einem  äußerst  kritischen  Zeitpunkte
näherten,  als  auch  die  Banken  nicht  mehr  stark  genug  waren,  mit
ihren  Mitteln  Hilfe  zu  gewähren,  da  war  es  die  Bank  von  England,
welche  für  alle  zur  Erlangung  von  Wechselkredit  die  letzte  Zufluchtsstätte ­
  wurde.  Ihre  Barbestände  und  ihre  Reserven  nahmen  damals
ebenso  sehr  und  schnell  ab,  wie  ihr  Bestand  an  Wechseln  eine  Zunahme ­
  erfuhr.  Die  folgende  Tabelle  hat  die  Aufgabe,  diese  Entwicklung ­
  in  dem  Status  der  Bank  von  England  in  den  krisenhaften
Monaten  dieses  Jahres  kurz  darzustellen.
        <pb n="202" />
        3.  Die  Tätigkeit  von  Staat  und  Gemeinden  im  Wandel  der  Konjunktur.  199

Es  betrug  bei  der  Bank  von  England  im  Jahre  1857:

Am

Der  Barbestand ­


Die  Reserven

DerWechselbestand


Der
Diskont

£

£

£

5.  September  .  .  .
24.  ...
18.  Oktober  ....

10  836  410
8  777  105
6  079  595

6  719  473
4078  429
1  552  686

18  351990
20  404  597
30  299  270

öVIo
8°  Io
10°/o

Die  Gefahr  lag  für  die  Bank  nahe,  daß  in  ganz  kurzer  Zeit  ihre
Barmittel  zu  Ende  gingen  und  daß  sie  nicht  mehr  in  der  Lage  war,
auch  weiterhin  ihre  Aufgabe  dem  Zahlungsverkehr  gegenüber  zu
erfüllen,  was  für  das  englische  Wirtschaftsleben  die  verhängnisvollsten ­
  Folgen  hätte  haben  müssen.
Hier  griff  nun,  wie  schon  einmal  bei  einer  früheren  Krisis  in
den  vierziger  Jahren,  die  Regierung  ein.  Die  Peelsche  Bankakte,
Svelche  der  Bank  von  England  verbot,  ohne  eine  bestimmte  Golddeckung ­
  ihre  Notenausgabe  zu  vergrößern,  wurde  von  der  Regierung
suspendiert.  Die  Bank  war  damit  in  die  Lage  versetzt,  ohne  fernerhin ­
  an  diese,  bisher  sehr  starre  Grenze,  der  Notendeckung  gebunden
zu  sein,  weitere  Noten  auszugeben  und  so  das  ihr  zuströmende
Wechselmaterial  in  vollem  Umfange  aufzunehmen.  Mit  der  Suspension ­
  dieser  Bankakte,  d.  h.  mit  der  Tatsache,  daß  nun  alle  Welt
wußte,  daß  die  Bank  von  England  weiterhin  in  der  Lage  war,  den
Bedürfnissen  des  Landes  entsprechend,  Kredit  zu  gewähren,  kehrte
sehr  rasch  das  allgemeine  Vertrauen  zurück.  Nach  wenigen  Wochen
war  die  Krisis  beendet,  und  schon  zu  Anfang  des  Jahres  1858  konnte
die  Bank  von  England  ihren  Diskont  wieder  auf  3  o/o  herabsetzen.
Es  hatte  sich  hier  um  Maßnahmen  gehandelt,  die  grundsätzlich  dem
gleichen  Zwecke  dienten,  wenn  sie  sich  auch  in  ganz  anderen  Formen
abspielten,  als  das  oben  geschilderte  Vorgehen  der  deutschen  Reichsbank ­
  im  Jahre  1901  und  dasjenige  der  amerikanischen  Regierung
im  Jahre  1907.
Auf  ähnlichen  Beweggründen  beruhen  auch  vielfach  die  Moratorien ­
  (auch  als  Indult  bezeichnet).  Es  sind  dies  Akte  der  Staatsgewalt, ­
  welche  den  Zweck  haben,  während  einer  kurzen  Übergangszeit
den  Schuldnern  eine  Frist  zur  Bezahlung  ihrer  Ausstände  zu  geben
und  damit  einem  allgemeinen  Zusammenbruch  vorzubeugen.  Solche
Moratorien  in  sehr  erheblichem  Umfange  kommen  häufig  nach
Kriegen  vor  (1870/71  in  Frankreich),  sie  können  aber  auch  in  Zuständen ­
  wirtschaftlicher  Not  eintreten.  Das  war  z.  B.  in  Portugal
        <pb n="203" />
        200  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

der  Fall,  als  dort  im  Jahre  1891  ein  solches  Moratorium  in  der  Dauer
von  60  Tagen  eingeführt  wurde.
Mit  solchen  Maßnahmen,  die  dazu  bestimmt  sind,  in  Zeiten  einer
Krise  einer  Ausdehnung  der  Panik  vorzubeugen,  und  beruhigend
auf  den  Geldmarkt  einzuwirken,  sind  wohl  die  wichtigsten  Aufgaben
dargelegt,  welche  Staat  und  Notenbank  in  solchen  Zeiten  haben.
Weitere  Maßnahmen,  welche  bei  solchen  krisenhaften  Erschütterungen ­
  des  Wirtschaftslebens  überhaupt  in  den  Zeiten  der  Depression
von  den  öffentlichen  Körperschaften  getroffen  werden  können»,  beziehen ­
  sich  darauf,  daß  in  solchen  Zeiten  von  diesen  Stellen  aus
nach  Möglichkeit  an  die  Industrie  Aufträge  hinausgegeben  werden,
um  damit  die  Arbeits-  und  Beschäftigungsmöglichkeit  zu  steigern.
Das  gilt  einmal  von  dem  Ablauf  der  Konjunktur  selbst  in  dem  eben
bisher  dargelegten  Sinne.  Das  gilt  aber  auch  von  den  periodischen
Schwankungen,  welche  sich  in  dieser  Hinsicht  in  den  einzelnen
Monaten  des  Jahres  zeigen.
Schon  im  Jahre  1894  hat  der  preußische  Minister  des  Innern
eine  Verfügung,  an  alle  Kreise  und  Gemeinden  erlassen,  in  der  es
heißt:  „Wie  der  Staat,  so  hätten  auch  die  kommunalen  Vertretungen ­
  in  ihrer  Eigenschaft  als  Arbeitgeber  die  Pflicht,  der
Arbeitslosigkeit  dadurch  nach  Kräften  entgegen  zu  wirken,  daß
sie  allgemein  und  planmäßig  auf  eine  zweckmäßige
Verteilung  und  Regelung  der  für  ihre  Rechnung  auszuführenden ­
  Arbeiten  Bedacht  nähmen.  Insbesondere  sei
darauf  zu  sehen,  daß  die  Arbeiten,  die  nicht  unbedingt  an
die  Jahreszeit  oder  an  bestimmte  Termine  gebunden
seien,  möglichst  in  solche  Monate  verlegt  würden,  in  denen
ein  Mangel  an  Arbeitsgelegenheit  herrsche 1 ).“
Im  Zusammenhang  mit  diesen  Tendenzen  stehen  dann  die  Notstandsarbeiten, ­
  welche  in  vielen  Städten  in  solchen  Zeiten  vorgenommen ­
  werden.  Bei  einer  Umfrage  im  Jahre  1903  ergab  sich,
daß  von  57  größeren  Städten,  welche  befragt  worden  waren,  46  in
größerem  Umfange  solche  Notstandsarbeiten  eingerichtet  hatten.
Neuerdings  haben  dann  bei  uns  diese  Notstandsarbeiten  durch  Einrichtung ­
  der  sogenannten  produktiven  Erwerbslosenfürsorge ­
  eine,  vom  Standpunkt  der  Volkswirtschaft  aus,  zweckmäßigere
Ausgestaltung  erfahren.  Es  handelt  sich  dabei  darum,  die  Mittel,
welche  bis  dahin  in  Form  solcher  Notstandsarbeiten  den  Arbeitslosen ­
  bisher  ohne  jede  Rücksicht  auf  die  dadurch  bewirkte  produktive ­
  Leistung  zur  Verfügung  gestellt  wurden,  in  einer  Weise  zu  verl ­
 )  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften.  3.  Aufl.  Art.:  Arbeitslosigkeit ­
  u.  Arbeitslosenversicherung.  S.  1114.
        <pb n="204" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunktnrwandels.

201

wenden,  daß  diese  Mittel  planmäßig  und  durchdacht  der  Hebung
der  Produktion  nutzbar  gemacht  werden.  Das  Reichsarbeitsblatt
berichtete  regelmäßig  in  eingehenden  Übersichten,  in  welcher  Weise
bei  uns  diese  produktive  Erwerbslosenfürsorge  zur  Anwendung  gelangte. ­

4.  Die  Prognose  des  Kon.jimkturwamlels.
Was  bis  jetzt  als  Teil  der  Konjunkturpolitik  besprochen  wurde,
ging  lediglich  vom  Standpunkt  der  zu  einer  bestimmten  Zeit  vorhandenen ­
  Konjunkturlage  aus  und  hatte  nur  das  Verhalten  des  Unternehmers, ­
  der  Banken  und  der  öffentlichen  Körperschaften  dieser
bestimmten  Marktlage  gegenüber  zum  'Gegenstand.  Nur  einige
Ausführungen,  wie  vor  allem  diejenigen  über  die  Bilanz-  und  Dividendenpolitik ­
  bezogen  sich  darauf,  wie  sich  die  einzelnen  Unternehmungen ­
  bereits  während  einer  günstigen  Konjunktur  einem
kommenden  Konjunkturumschlag  gegenüber  vorsehen.  Dabei  werden
aber  diese  Vorsichtsmaßnahmen,  welche  sich  in  der  geschilderten  Art
der  Bilanzpolitik  ausdrücken,  schlechthin  getroffen,  um  für  alle  Fälle
gerüstet  zu  sein,  nicht,  weil  man  aus  irgendwelchen.  Symptomen
auf  einen  baldigen  Umschwung  [der  Konjunktur  nach  der  ungünstigen
Seite  hin  schließen  zu  müssen  glaubt.
Konjunkturpolitik  in  einem  ganz  anderen  Sinne
ist  es  aber,  wenn  man  darunter  einmal  die  Möglichkeit  versteht,
einen  kommenden  Umschwung  in  der  Konjunktur  möglichst  frühzeitig ­
  zu  erkennen  und  sich  darauf  einzurichten  und  darunter  weiter
alle  die  Maßnahmen  begreift,  welche  geeignet  sind,  einen  Einfluß  auf
diesen  Konjunkturumschwung  auszuüben,  und  ihm  nach  Möglichkeit
seine,  für  das  Wirtschaftsleben  so  verhängnisvollen  Folgen  zu
nehmen,  ja  soweit  durchführbar,  durch  geeignete  Maßnahmen  die
Schärfe  eines  solchen  Umschwunges  zu  mildern  und  damit  das  Auf
und  Al)  im  Wirtschaftsleben  gleichmäßiger  zu  gestalten.
Es  sind  also  verschiedene  Probleme,  welche  es  im  folgenden  zu
behandeln  gilt.  Alle  Konjunkturpolitik  in  diesem  vorbeugenden
Sinne  muß  zuvörderst  Konjunkturprognose  sein,  indem  sie
bestrebt  sein  muß,  möglichst  frühzeitig  die  Anzeichen  eines  kommenden ­
  Konjunkturumschwunges  zu  erkennen.  Je  frühzeitiger  und  je
vollkommener  dies  möglich  ist,  um  so  leichter  und  um  so  erfolgreicher ­
  werden  alle  Maßnahmen  sein,  den  Wirkungen  oder  dem
Eintreten  eines  solchen  Umschwunges  entgegen  zu  arbeiten.  Die
Möglichkeiten  und  die  Mittel  einer  solchen  Prognose  werden  wir
zuerst  zu  besprechen  haben.
Die  zweite  Frage,  die  es  dann  zu  behandeln  gilt,  ist  die,  welche
        <pb n="205" />
        202  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Mittel  und  Wege  es  gibt,  einem  solchen  Konjunkturumschwung  entgegenzuwirken, ­
  welche  Möglichkeiten  hier  der  einzelne  und  welche
•die  Gesamtheit  zur  Lösung  dieser  Aufgabe  hat.  Die  dritte  und  letzte
Frage,  welche  sich  dann  noch  ergibt,  in  welcher  Weise  beim  Eintritt
eines  solchen  Umschwunges  dessen  ungünstige  Wirkungen  gemildert
werden  können,  ist  oben  schon  behandelt  worden.
Daß  es  sich  bei  all  diesen  Fragen  vor  allem  um  den  Übergang
von  der  Hochkonjunktur  zur  Depression  handelt,  nur  um  den  Niedergang, ­
  nicht  um  den  Wiederaufstieg  des  Wirtschaftslebens,  liegt  auf
der  Hand.  Es  wäre  sinnlos,  von  einer  Konjunkturpolitik  in  dem
Sinne  sprechen  zu  wollen,  daß  man  dabei  die  Absicht  hat,  einem
Wiederaufschwung  vorzubeugen.  Nur  in  einem  Sinne  gehört  auch
die  Betrachtung  der  Hochkonjunktur  in  den  Bereich  dieser  Probleme.
Auch  von  der  Hausse  gilt  nämlich  der  Ausspruch  des  Dichters:
,,Je  hüh’r  ein  Haupt,  je  meinen  Blitzen  näher!“
Je  hochgetriebener  die  Hausse  ist,  je  umfangreichere  Neuanlagei}
und  Neugründungen  stattgefunden  haben,  je  höher  die  Preise  und
die  Gewinne  gewesen  sind,  in  je  stärkerem  Maße  die  Spekulation
diese  günstigen  Chancen  auszunützen  versucht  hat,  um  so  unheilvoller ­
  kann  der  Niedergang  werden,  um  so  mehr  kann  die  Depression
den  Charakter  einer  ausgesprochenen  Wirtschaftskrise  annehmen.
Die  vornehmste  und  wichtigste  Aufgabe  aller  Konjunkturpolitik  in
dem  Sinne,  in  welchem  sie  an  dieser  Stelle  gefaßt  wird,  kann  es
immer  nur  sein,  die  Wellenbewegungen  im  Wirtschaftsleben  abzuflachen ­
  und  damit  dessen  Gang  auf  die  Dauer  in  gleichmäßigere
und  ruhigere  Bahnen  zu  lenken.  Diesem  Ziele  dienen  nicht  nur  die
Mittel,  dem  Niedergang  des  Wirtschaftslebens,  dem  Eintreten  einer
Depression  vorzubeugen,  sondern  auch  alle  die  Maßnahmen,  welche
geeignet  sind,  alle  Übertreibungen  vor  allem  auch  solche  spekulativer
Natur,  während  der  Hausse  zu  bekämpfen.  Vom  volkswirtschaftlichen
und  sozialen  Standpunkt  aus  kann  das  Ideal  immer  nur  in  einem
möglichst  ruhigen  und  gleichmäßigen  Ablauf  des  Wirtschaftslebens
liegen  und  in  diesem  Sinne  gehört  auch  die  Beeinflussung  der
Haussebewegung  in  den  Rahmen  dieser  Konjunkturpolitik.
Wir  haben  oben  eingehend  die  Merkmale  des  Auf  und  Ab  im
Wirtschaftsleben  auf  den  allerverschiedensten  Gebieten  kennengelernt. ­
  Damals  hatte  es  sich  darum  gehandelt,  die  vollzogenen  Wandlungen ­
  und  ihre  Wirkungen  festzustellen.  Bei  der  Prognose  der
Konjunktur  handelt  es  sich  dagegen  darum,  die  Symptome,  die  Anzeichen ­
  eines  bevorstehenden  Umschwunges  der  Konjunktur,  kennenzulernen. ­
  Genügte  es  für  die  erstgenannte  Aufgabe,  wie  schon  oben
        <pb n="206" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunkturwandels.

203

hervorgehoben,  mit  groben  Jahresdurchschnitten  'zu  arbeiten,  so  bedarf ­
  es  bei  der  'Konjunkturprognose  feinerer  Methoden.  Es  ist  hier
notwendig,  die  Anzeichen  dieser  Wandlungen  im  Wirtschaftsleben
für  kürzere  Zeiträume,  für  Wochen  und  Monate,  zu  betrachten,  wenn
man  nicht  Gefahr  laufen  will,  daß  der  Gang  der  Ereignisse  die  Feststellung ­
  ihres  Herannahens  überholt.
Es  handelt  sich  hier  um  das  so  wichtige  und  doch  so  wenig
systematisch  ausgebaute  Gebiet  der  Konjunkturberichterstattung ­
  und  systematischen  Konjunkturerforschung.  Was  wir  in
dieser  Hinsicht  bis  vor  dem  Kriege  hatten,  waren,  abgesehen  von  den
Berichten  unserer  großen  Tageszeitungen  und  mancher  Zeitschriften,
vor  allem  nur  die  periodischen  Veröffentlichungen  des  wirtschaftsstatistischen ­
  Bureaus  von  Richard  Calwer 1 ).  In  diesen  Veröffentlichungen ­
  sollte  systematisch  Konjunkturstatistik  und  Konjunkturberichterstattung ­
  gegeben  werden,  um  damit  die  Voraussetzungen
einer  Konjunkturprognose  schaffen  zu  helfen.  Daneben  liefern  dann
noch  eine  Reihe  von  Zeitschriften  und  Tageszeitungen  wertvolles
Material  zur  Konjunkturbeobachtung,  wenn  auch  natürlich  keineswegs ­
  in  solch  umfassender  und  systematischer  Weise.  Von  Zeitschriften ­
  gehörten  hierher  vor  allem  der  deutsche  Ökonomist,  der
Plutus,  „Der  Wirtschaftsdienst“,  die  vom  Statistischen  Reichsamt  herausgegebene ­
  Zeitschrift  „Wirtschaft  und  Statistik“,  die  Bank  und  die
wirtschaftliche  Chronik  (Beilage  zu  den  Jahrbüchern  für  Nationalökonomie ­
  und  Statistik),  von  Zeitungen  vor  allem  die  Frankfurter
Zeitung,  das  Berliner  Tageblatt,  die  Vossische  Zeitung,  der  Berliner ­
  Börsenkurier,  die  Kölnische  Zeitung  und  die  Kölnische  Volkszeitung. ­
  Nach  dem  Kriege  ist  dazu  auch  noch  die  Industrie-  und
Handelszeitung  getreten.  Auch  auf  die  Konjunkturtafeln  des  Vereins ­
  deutscher  Ingenieure,  welche  in  der  von  diesem  herausgegebenen ­
  Zeitschrift  erscheinen,  sei  an  dieser  Stelle  hingewiesen.
Diese  Aufzählung  soll  natürlich  keineswegs  erschöpfend  sein,  sondern
nur  das  allerwichtigste  herausheben.  Wertvolle  und  brauchbare  Mitteilungen ­
  enthalten  dann  auch  noch  nach  der  genannten  Seite  hin  die
Jahresberichte  der  Banken  und  Industriegesellschaften,  und  die
Belichte  der  Handelskammern.

)  Es  wurde  von  ihm  herausgegeben:  Eine  werktäglich  erscheinende
Arbeitsmarkt-Korrespondenz,  eine  ebenso  erscheinende  Wirtschaftskorrespondenz,
  wirtschaftliche  Tagesberichte,  wirtschaftsstatistische  Monatsberichte,
Monatsberichte  über  die  Lage  im  Holz-,  Bau-,  Transport-  und  Verkehrsgewerbe, ­
  monatliche  Übersichten  über  die  Preise  der  Lebensmittel.  Ferner
die  Wochenschrift:  Die  Konjunktur,  sodann  das  „Wirtschaftsjahr“  mit
Jahresberichten  über  den  Wirtschafts-  und  Arbeitsmarkt  und  das  Jahrbuch
der  Weltwirtschaft.
        <pb n="207" />
        201  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Auch  in  anderen  Ländern  ist  man  dazu  gekommen,  solch  systematische ­
  Konjunkturuntersuchungen  mit  dem  ausgesprochenen  Zweck
einer  Konjunkturprognose  vorzunehmen.  Das  ist  vor  allem  in  den
Vereinigten  Staaten  und  in  England  in  sehr  tief  eindringender  Weise
geschehen.  In  den  Vereinigte^  Staaten  ist  an  der  Harvard-Universität
das  „Committee  of  Economic  Research“  geschaffen  worden,  das
seit  dem  Jahre  1917  solche  Untersuchungen  vornimmt  und  sie  in
wöchentlichen  Berichten  unter  dem  Titel  „Harvard  Economic  Service“ ­
  veröffentlicht.  Für  England  werden  entsprechende  Untersuchungen ­
  von  dem  „London  and  Cambridge  Economic  Service“  vorgenommen. ­
  Beide  Forschungsstellen  arbeiten  dabei  enge  zusammen.
Beide  Male  handelt  es  sich  darum,  möglichst  einwandfreie  Anhaltspunkte ­
  für  die  kommende  Konjunkturentwicklung  zu  gewinnen,
und  zwar  mit  dem  ausgesprochenen  Zwecke,  den  Praktikern  des
Wirtschaftslebens  die  Möglichkeit  zu  geben,  sich  auf  die  kommender ­
  Veränderungen  in  ihren  Dispositionen  einzurichten.  Die  amerikanische ­
  Forschungsstelle  vergleicht  dabei  drei  Entwicklungsreihen
miteinander:  1.  diejenigen  Tatsachen,  aus  denen  sich,  wie  aus  den
Bankguthaben,  dem  Umfang  der  lombardfähigen  Lagerbestände  bei
bestimmten  Unternehmungen,  den  Kursen  von  Wertpapieren  ein
Bild  von  den  Ansichten  und  Absichten  der  Geschäftswelt  geben
läßt,  2.  Tatsachen,  welche  den  Umfang  der  eigentlichen  Geschäftstätigkeit ­
  widerspiegeln,  wie  Warenpreise,  Roheisenerzeugung  und
Abrechnungsverkehr  der  Banken  und  3.  diejenigen  Erscheinungen,
welche  ein  Bild  der  Gestaltung  des  Geldmarktes  geben,  wie  die  Höhe
des  Wechseldiskonts,  der  Umfang  der  Bankkredite  und  Bankdepositen ­
  1 ).
Die  neuere  Konjunkturforschung  hat  als  Maßstab  der  Entwicklung
besonders  konjunkturempfindliche  Waren  ausgewählt.  Als  solche
betrachtet  das  Harvard-Institut  z.  B.  Baumwollsaatöl,  Koks,  Stabeisen,
Roheisen,  Rohseide,  Schlachtschweine,  Häute,  Kattun,  Leinen  und
Wollgarn.  Auch  das  Statistische  Reichsamt  untersucht  die  Preisbewegung ­
  solcher  besonders  konjunkturempfindlicher  Waren).  Freilich ­
  müssen  hierbei  diejenigen  Untersuchungen,  denen  es  nur  darauf
ankommt,  eine  bestimmte  Konjunkturentwicklung  zu  konstatieren,
scharf  von  denjenigen  geschieden  werden,  welche  auf  diese  Weise
eine  Konjunkturvoraussage  ermöglichen,  also  dem  Praktiker  des
Wirtschaftslebens  bestimmte  Anhaltspunkte  dafür  geben  wollen,  wie

!)  Vgl.  eingehender  darüber  den  instruktiven  Aufsatz  von  H.  D.  Brasch:
„Wirtschaftsberichte  und  Konjunkturvoraussage“  in  „Technik  und  Wirtschaft", ­
  17.  Jahrg.  1924.  S.  104.
2 )  Vgl.  dazu  „Wirtschaft  und  Statistik“.  4.  Jahrg.  1924.  S.  610.
        <pb n="208" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunkturwandels.

205

sich  die  Zukunftsaussichten  gestalten  werden.  Auch  bei  den  amerikanischen ­
  Untersuchungen  spielen  gerade  bei  dieser  Frage  die
Veränderungen  am  Kapital-  und  Geldmarkt  eine  besondere  Rolle.
Das  tiefere  Eindringen  in  die  Probleme  der  Konjunkturentwicklung ­
  hat  dann,  ebenfalls  von  Amerika  ausgehend,  zu  einer  weiteren ­
  Unterscheidung  geführt,  welche  für  die  Konjunkturbeobachtung ­
  mit  dem  Zweck  einer  Konjunkturprognose  von  beträchtlicher
Bedeutung  ist.  Man  beobachtet  nicht  mehr,  wie  früher,  die  Entwicklung ­
  des  Preisniveaus  ganz  allgemein,  sondern  betrachtet  getrennt ­
  die  Preisbewegung  der  Kapital-  und  Konsumgüter.  Dabei
werden  unter  den  ersteren  diejenigen  Waren  verstanden,  welche
zum  Zwecke  weiterer  Verarbeitung  oder  als  Produktionsmittel  von
Unternehmungen  gekauft  werden,  unter  Konsumgütern  diejenigen,
welche  für  den  Bedarf  des  letzten  Verbrauchers  bestimmt  sind.  Den
ersteren  steht  auf  dem  Markte  die  Kaufkraft  der  Produzenten,  den
letzteren  diejenige  der  Haushaltswirtschaften  gegenüber.
Die  Erfahrung  hat  dabei  gezeigt,  daß  die  Preisentwicklung
beider  Güterarten  eine  verschiedene  und,  was  dabei  von  besonderer
Bedeutung  für  die  Konjunkturbeobachtung  ist,  daß  sich  in  den  Vereinigten ­
  Staaten  die  Preiskurven  beider  Güterarten  zweimal  in  einer
Hochkonjunktur  geschnitten  haben 1 ).  Die'Beobachtung  zeigt  weiter,
daß  mit  dem  Zeitpunkt,  an  welchem  sich  beide  Kurven  schneiden,
die  Wirtschaft  in  die  Gefahrenzone  eintritt,  welche  nach  kurzer
Zeit  den  Umschlag  der  Konjunktur  bringt.  An  der  eben  genannten
Stelle  heißt  es  darüber:  „Bestätigen  sich  diese  Beobachtungen
für  die  kommenden  Jahre  oder  kann  man  ähnliches  für  die  Vorkriegszeit ­
  nachweisen,  so  dürfte  damit  eine  Möglichkeit  gewonnen  sein,
rechtzeitig  vor  den  Ergebnissen,  die  man  bisher  aus  den  Beobachtungen ­
  an  Preisen,  Geldmarkt,  Börsenkonjunktur,  Produktionskurven
usw.  zog,  die  Gefahr  des  Umschlags  der  Konjunktur  zu  erkennen,
Offen  bleibt  dabei  die  Frage  der  Stärke  des  Konjunkturrückschlages,
diese  wird  unter  anderem  besonders  von  der  Größe  der  in  der  Hochkonjunktur ­
  vorausgegangenen  Kreditexpansion  abhängen  Oberhaupt ­
  spielt  der  Kredit  bei  der  Frage  der  Bewegung  der  Kapital-  und
Konsumgüterpreise  eine  entscheidende  Rolle.  In  der  Form  des  Kredits ­
  wird  die  Kaufkraft  der  Unternehmungen  zugunsten  der  Produktion ­
  von  Produktionsmitteln  erweitert  und  damit  die  Nachfrage
und  die  Preise  der  Kapitalgüter  erhöht;  dagegen  kommt  der  Kredit
der  Kaufkraft  der  Konsumenten  nur  ganz  mittelbar  (durch  grö-.
  0  Vgl.  dazu  „Die  Wirtschaftskurve“.  Mit  Indexzahlen  der  „Frankfurter
Leitung“.  Jahrg.  1924.  S.  21,  S.  116  und  S-  336  ff.
Mombert,  Stadium  der  Konjunktur.

14
        <pb n="209" />
        206  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

ßere  Beschäftigung  usw.)  zugute.  Der  Kredit  bedeutet  also  eine  Verschiebung ­
  der  Kaufkraftverteilung  zugunsten  der  Unternehmungen
und  als  Wirkung  auf  dem  Markt  die  Erhöhung  der  Kapitalgiiterpreise
auch  über  die  Konsumgüterpreise  hinaus 1 ).“
Auch  in  diesen  Worten  wird  also  betont,  daß  die  treibenden
Kräfte  für  den  Konjunkturumschwung  vom  Kapital-  und  Geldmarkt
ihren  Ausgang  nehmen.  An,  den  unten  genannten  Stellen  der  Wirtschaftskurve ­
  sind  dann  auch  entsprechende  Zahlenreihen  für  Deutschland ­
  berechnet  worden.  Freilich  sind  alle  derartigen  Maßstäbe  und
Mittel,  das  liegt  ja  in  der  Natur  der  Sache,  nur  für  solche  Konjunkturrückgänge ­
  brauchbar,  welche  aus  endogenen  Ursachen  hervorgehen,
nur  dann  also,  wenn  keine  von  außen  kommenden  Faktoren  wie
Krieg,  große  umwälzende  Erfindungen  oder  schwere  Mißernten  usw.,
den  normalen  Gang  des  Wirtschaftslebens  störend  beeinflussen.
Im  folgenden  wollen  wir  die  zwei  Konjunkturperioden  von
1906—08  und  1911—13  genauer  betrachten,  und  sehen,  an  welchen
Punkten  des  Wirtschaftslebens  zuerst  und  am  deutlichsten  bemerkbar ­
  sich  die  Anzeichen  des  kommenden  Umschwunges  beobachten
ließen.  Wir  wollen  dabei  zunächst  uns  einige  Stimmungsberichte
ansehen,  wie  wir  sie  damals  vor  allem  in  einer  Reihe  von  Tageszeitungen ­
  vorfinden  konnten.  Wir  wenden  uns  dabei  zunächst  dem
Konjunkturumschwung  der  Jahre  1906—08  zu.
Das  Jahr  1906  war,  wie  wir  gesehen  haben,  eine  Zeit  der  Hochkonjunktur ­
  gewesen.  Jedoch  zeigte  sich  bereits  vom  Herbst  dieses
Jahres  ab  eine  erhebliche  Anspannung  am  Geldmärkte,  während  der
Geschäftsgang  der  Industrie  noch  ein  sehr  günstiger  war.  Die  im
Herbste  dieses  Jahres  herauskommenden  Geschäftsabschlüsse  wiesen
fast  alle  noch  steigende  Erträge  und  Dividenden  auf,  wenn  auch,  was
als  wichtiges  Konjunktursymptom  immerhin  zu  verzeichnen  war,  die
Steigerung  dieser  Gewinne  wesentlich  geringer  war  als  im  Vorjahre.
Die  Frankfurter  Zeitung  hatte  schon  im  November  1906  darauf
hingewiesen *  2  ),  daß  bereits  an  .der  Börse  und  in  den  Finanzkreisen,
wie  auch  im  außenstehenden  Publikum  eine  gewisse  Scheu  zutage
trete,  und  die  Frage  aufgeworfen,  ob  nicht  das  eines  Tages  unvermeidliche ­
  Absteigen  der  Kurve  bereits  nahe  gerückt  sei.  Am  Aktienmarkt ­
  überwogen  bereits  die  Kursrückgänge  trotz  der  erhöhten
Dividenden.  „Die  hierin  sich  ausdrückende  Unlust  und  das  Ausbleiben ­
  von  neuen  Käuferschichten  trotz  lohnender  Gewinne  mahnen,
so  folgerten  wir  schon  im  Oktober,  eindringlich  zur  Vorsicht  in  der

U  A.  a.  O.  S.  23.
2 )  Am  25.  November  1906.
        <pb n="210" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunkturwandels.

207

Beurteilung  der  Konjunktur,  denn  aus  diesen  Erscheinungen  und
nicht  minder  aus»  der  anhaltenden  Geldspannung 1 )  können,  wie  zuversichtlich ­
  noch  immer  die  Industriellen  selbst  ihre  Lage  ansehen,
nur  allzu  leicht  sicn  Hemmungen  entwickeln.“  Der  Berliner  „Tag“
hatte  sich  damals  an  eine  Reihe  führender  Männer  des  deutschen
Wirtschaftslebens  gewandt  und  sie  um  ihre  Meinung  über  die  Konjunkturaussichten ­
  ersucht.  Einer  der  ersten  Großindustriellen,  August
Thyssen,  äußerte  sich  dann  darüber  folgendermaßen:
„Die  Konjunktur  ist  gut,  denn  die  Werke  sind  für  längere  Zeit
reichlich  beschäftigt.  Der  teure  Geldstand  hat  auf  die  Entwicklung
der  Industrie  hemmend  eingewirkt,  was  ich  nicht  beklage,  weil  dadurch ­
  eine  Einschränkung  der  Unternehmungslust  erfolgt  ist,  die
notwendig  war,  um  nicht  über  das  zulässige  Ziel  hinauszugehen.
Eine  zu  große,  plötzliche  Entwicklung  der  Industrie  muß  nachteilig
wirken,  weil  die  großen  Produktionen,  die  dadurch  geschaffen  werden!,
dauernd  nicht  aufrecht  zu  erhalten  sind,  und  ungesunde  Verhältnisse
für  Arbeitgeber  und  -nehmer  schaffen  müssen...  Weil  niemand  in
der  Lage  ist,  den  Weltmarkt  über  eine  gewisse,  kurzbemessene  Frist
hinaus  richtig  zu  beurteilen,  bin  ich  im  allgemeinen  für  kürzere
Verträge,  besonders  in  Fertigfabrikaten,  damit  das  Risiko,  welches
Käufer  und  Verkäufer  dabei  übernehmen,  möglichst  eingeschränkt
wird *  2 ).
Eine  Stimme  aus  der  oberschlesischen  Montanindustrie,  diejenige ­
  des  Oberbergrats  a.  D.  P.  Wachler,  spricht  sich  dagegen  noch
überaus  zuversichtlich  aus  und  bestreitet,  daß  der  Höhepunkt  der
Konjunktur  bereits  erreicht  und  ein  Rückschlag  zu  befürchten  sei.
„Überrasche  Vermehrung  der  Produktionsstätten  liege  nicht  vor
(abgesehen  vielleicht  vom  Kalibergbau).  Die  Gefahr  der  Überproduktion ­
  bedrohe  also  die  Konjunktur  nicht,  nicht  einmal  in  absehbarer ­
  Zeit;  auch  sehe  er  keinerlei  Anzeichen,  daß  ein  Rückgang  des
ungewöhnlich  hohen  Konsums  bevorstehe,  im  Gegenteil,  verspreche
die  gesteigerte  Güterbewegung  mehr  Bestellungen  der  Eisenbahnen;
die  gute  Ernte  aller  Länder  alimentiere  Handel  und  Gewerbe;  Kanalbauten, ­
  Schiffsbau  usw.  bieten  günstige  Aussichten,  die  Montanindustrie ­
  selbst  wende,  wie  der  Staat,  fortgesetzt  nicht  unerhebliche
Mittel  für  Arbeiterhäuser  auf,  die  Verwendung  elektrischer  Kraft  sei
immer  noch  erst  im  Anfangsstadium.  Das  Preisniveau  der  Fabrikate
sei  bei  den  gegen  1889  und  1901  erhöhten  Produktionskosten  noch
mäßig  und  fange  jetzt  erst  an  ohne  Übertreibungen  zu  steigen;  in
Ü  Am  9.  Oktober  1906  hatte  die  Reichsbank  ihren  Diskontsatz  von
*  /a  o/o  auf  5,  und  am  17.  Dezember  auf  6  o/o  erhöht.
2 )  Frankf.  Zeitung,  a.  a.  0.
        <pb n="211" />
        208  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

keiner  Branche  mache  der  Verbraucher,  wie  ehemals,  übergroße  Bestellungen ­
  aus  Angst,  daher  der  Produzent  jetzt  den  Bedarf  nicht
überschätze.  Nach  alledem  scheine  ihm  außer  Zweifel,  „daß  diese
Verhältnisse  noch  weiterhin  und  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  auch
hoch  über  1907  hinaus,  Vorhalten  werden 1 )“.
Ähnliche  Auffassungen  wurden  in  dieser  Zeit  auch  noch  von
anderen  Seiten  vertreten.  Der  Bericht  der  Essener  Handelskammer
für  das  Jahr  1906,  welche  als  Zentrum  unserer  wichtigsten  Industrien ­
  mit  ihren  Äußerungen  doppelte  Beachtung  verdiente,  trug
noch  ein  sehr  zuversichtliches  Gepräge.  Es  hieß  hier  u.  a.  „Der
Ausblick  auf  die  Zukunft  kann  nach  Ansicht  der  Kammer  nur  als
ein  erfreulicher  bezeichnet  werden...“  „Die  allgemeine  wirtschaftliche ­
  Lage  am  Schlüsse  des  Jahres  erscheint  somit  als  eine  befriedigende ­
  und  es  liegt  vorab  keinerlei  Veranlassung  vor,  bedenklich
in  die  Zukunft  zu  blicken.“
Dagegen  hören  wir  an  anderen  Stellen  Äußerungen,  die  eine
wesentlich  weniger  optimistische  Färbung  tragen.  Der  Bericht  der
Ältesten  der  Berliner  Kaufmannschaft  schließt  mit  dem  Satze:  „Im
ganzen  bietet  die  Wirtschaftslage  auch  am  Ende  des  Jahres  1906  zu
Besorgnissen  keinen  Anlaß.  Nur  darf  nicht  vergessen  werden,  daß
ein  wirtschaftlicher  Aufschwung  an  sich  nicht  von  unbegrenzter
Dauer  ist,  und  daß  nach  allen  Erfahrungen  auf  eine  Anspannung
der  wirtschaftlichen  Kräfte,  wie  sie  das  Berichtsjahr  gezeigt  hat,
nach  einer  gewissen  Zeit  auch  eine  Abspannung  zu  folgen  pflegt.“
Der  Bericht  des  Vereins  Berliner  Kaufleute  und  Industrieller  vertrat
sogar  schon  die  Ansicht,  daß  sich  die  von  1901—1906  aufsteigende
Konjunktur  bereits  auf  dem  absteigenden  Aste  befinde.  Recht  ernst
war  dann  auch  der  Geschäftsbericht  der  Deutschen  Bank  gestimmt,
der  bei  seinem  Erscheinen  erhebliches  Aufsehen  und  beträchtliche
Unruhe  hervorgerufen  hat.  Hieß  es  doch  in  diesem:  „Da  die  Ursachen
der  gespannten  Verhältnisse  auf  dem  Geldmärkte  keine  vorübergehenden ­
  sind,  sich  vielmehr  nur  allmählich  durch  Sparsamkeit  und
Einschränkung  beseitigen  lassen,  so  vermögen  wir  für  das  laufende
Geschäftsjahr  kaum  ein  Standhalten  der  glänzenden  Konjunktur  zu
erhoffen,  obgleich  die  Spekulation  sich  von  Übertreibungen  frei  gehalten ­
  hat.“
Man  sieht,  wie  ganz  verschiedenartig  die  Stimmen  sind,
welche  in  dieser  Zeit  laut  wurden.  Als  wesentliche  Merkmale  für
den  drohenden  Umschwung  wird  in  erster  Linie  auf  die  gespannten
Verhältnisse  auf  dem  Geldmärkte  hingewiesen.  Daß  sich  auch  auf

L )  Frankf.  Zeitung,  a.  a.  O.
        <pb n="212" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunkturwandels.

209

dem  Gütermarkte  in  dieser  Zeit  bereits  gewisse  Wandlungen  zeigten,
daß  sich  in  Industrie  und  Handel  bereits  gewisse  Änderungen  anbahnten, ­
  wurde  auch  mitunter  hervorgehoben.  Man  hat  darauf  hingewiesen, ­
  daß  zwar  die  Gewinne  der  Industrie  in  dem  Jahre  1906
gegenüber  dem  Vorjahre  noch  zugenommen  hatten,  wies  aber  doch  als
beachtenswertes  Symptom  auch  darauf  hin,  daß  diese  Zunahme  eine
geringere  gewesen  sei  als  im  Vorjahre.  Wahrend  die  Aktien  von  43
an  der  Berliner  Börse  notierten  Industriegesellschaften  von  dem
Jahre  1904  auf  1905  ihre  Dividende  um  4,48  o/o  steigern  konnten,
betrug  die  Zunahme  vom  Jahre  1905  auf  1906  nur  noch  1,04  o/ 0 .  In
dem  Berichte  der  Berliner  Kaufleute  und  Industriellen  war  als  beachtenswertes ­
  Symptom  für  das  Jahr  1906  bereits  darauf  hingewiesen ­
  worden,  daß  während  im  Vorjahre  der  Güterverkehr  in
Berlin  noch  um  9,75  o/o  zugenommen  hatte,  er  vom  Jahre  1905  auf
1906  nur  um  5,33  °/o  gestiegen  war.  Auch  die  deutsche  Warenausfuhr
hatte  im  Jahre  1906  nicht  mehr  die  gleiche  Zunahme  erfahren,  wie
im  Vorjahre.  Ihre  Zunahme  war  damals  mit  508  Millionen  um
114  Millionen  Mark  größer  gewesen  als  im  Jahre  1906.  Es  gab  also
schon  außerhalb  des  Geldmarktes  mancherlei  Symptome,  die  jedenfalls ­
  Andeutungen  dafür  gaben,  daß  die  Hochkonjunktur  sich  ihrem
Kulminationspunkte  näherte.
Demgegenüber  sehen  wir  aus  den  Bemerkungen  Wachlers,  aber
auch  aus  denjenigen,  die  damals  aus  anderen  Kreisen  der  Industrie
laut  wurden,  daß  der  Industrielle  vielfach  deswegen  diese  herannahenden ­
  Symptome  eines  Umschwungs  weniger  beachtet,  weil  er  vor
allem  auf  die  Tatsache  sieht,  daß  die  Werke  für  längere  Zeit  hinaus
mit  Aufträgen  versehen  sind.  Es  ist  sicher  kein  Zufall,  daß  man
beobachten  kann,  daß  die  Ansichten  über  die  weitere  Entwicklung
der  Konjunktur  um  so  optimistischer  sind,  von  einzelnen  Ausnahmen
natürlich  abgesehen,  je  mehr  es  sich  um  Äußerungen  handelt,  die
aus  den  Kreisen  in  der  Nähe  der  Industrie  stammen,  dagegen  um  so
ernster  und  weitschauender,  je  mehr  sich  die  Betreffenden  aus  dieser
Nähe  entfernen  und  je  weniger  die  augenblicklich  noch  rege  Beschäftigung ­
  der  Industrie,  als  vielmehr  die  allgemeine  Lage  und  vor
allem  die  Entwicklung  des  Geldmarktes  für  sie  in  den  Vordergrund
tritt.
Bei  dem  Ausbruch  der  Krise  um  die  Jahrhundertwende  hat  man
durchaus  die  gleiche  Beobachtung  machen  können.  Derjenige,  welcher
eben  mitten  im  industriellen  Leben  steht,  gerät  zu  leicht  in  Gefahr,
die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  und  ihre  Aussichten,  vornehmlich
unter  dem  naturgemäß  engen  Gesichtskreis  der  augenblicklichen  Lage
der  eigenen  engeren  Umgebung  heraus  zu  beurteilen  und  darüber
        <pb n="213" />
        210  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

die  außerhalb  davon  liegenden,  allgemeineren  Tendenzen  des  Wirtschaftslebens ­
  zu  übersehen  und  zu  unterschätzen.  Es  liegt  aber  auf
der  Hand,  daß  die  augenblickliche  Lage  und  der  augenblickliche
Auftragsbestand  einer  Industrie  keinen  Maßstab  für  die  Prognose  der
Konjunktur  abgeben  kann.  Denn  wenn  erst  die  Aufträge  bereits
zurückzugehen  beginnen,  wenn  weniger  an  Bestellungen  eingeht,
dann  ist  eben  auch  bereits  der  Umschwung  schon  da.  Ein  Nachlassen
der  Aufträge  ist  also  kein  Mittel  zur  Prognose,  sondern  bereits  ein
Merkmal  dafür,  daß  die  Hochkonjunktur  zu  Ende  ist.
In  dieser  Zeit  wurde  auch  mehrfach  als  Zeichen  des  beginnenden
Umschwunges  neben  der  starken  Anspannung  auf  dem  Geldmärkte
auf  die  zunehmende  Verteuerung  der  Rohstoffe  und  Halbfabrikate
hingewiesen  und  darauf,  daß  die  Verbraucher  dieses  hohe  Preisniveau
vielfach  schon  als  drückende  Belastung  empfänden.  Wir  werden
später  noch  sehen,  ob  und  inwieweit  eine  solche  Steigerung  der
Preise  als  Symptom  eines  kommenden  Umschwunges  verwertet
werden  kann.  Zunächst  wollen  wir  uns  einmal  die  Tatsachen  in  dieser
Zeit  ansehen.
Es  handelt  sich  also  in  erster  Linie  um  die  Spannung  am
Geldmärkte,  um  den  Rückgang  der  Aktienkurse  und  um
die  Preisentwicklung  in  der  zweiten  Hälfte  des  Jahres  1906.
Was  die  Entwicklung  am  Geldmärkte  anlangt,  so  betrug  bei  der
Reichsbank

Am

Das
Deckungsverhältnis ­


Der  Diskontsatz ­
  wurde  an
diesem  Tage
verändert  von

Am

Das
Deckungsverhältnis ­


Der  Diskontsatz ­
  wurde  an
diesem  Tage
verändert  von

18.  1.  1906

47,9

6  auf  5  °/ 0

8.11.  1907

34,8

6 1 / 2  auf  7\°/o

23.  5.  1906

65,7

5  ,.  4V/o

13.  1.  1908

39,7

7 1 /.  „  6V/o

18.  9.  1906

42,0

4'/.  „  5  %

25.  1.  1908

45,2

6*/.  „  6  »/„

10.10.  1906

31,8

6  *  6  ®/„

7.  3.  1908

48,1

6  „  ö 1 /. 0 /«

18  12.  1906

37,6

6  „  7  «/„

27.  4.  1908

47,0

5’/,  „  5  °/„

22.  1.  1907

44,9

7  „  6  ®/ 0

4.  6.  1908

49,5

5  »  4 l / 2 °/o

23.  4.  1907

46,5

6  „  6V. # /o

18.  6.  1908

51,5

4V a  „  4  %

29.10.  1907

34,6

ß 1 /.  ,  ev/o

16.  2.  1909

53,4

4  ,  3V/*

Man  erkennt  deutlich,  wie  sich  infolge  der  verstärkten  Inanspruchnahme ­
  der  Reichsbank  bereits  vom  Herbste  1906  ab  eine
deutliche  Verschlechterung  des  Deckungsverhältnisses  zeigt,  die  dann
in  den  folgenden  Wochen  noch  erheblich  zunahm  und  zu  starken
Diskonterhöhungen  führte.  Diese  Spannungsverhältnisse  auf  dem
Geldmärkte  im  Jahre  1907  mußten  sich  aus  den  oben  dargelegten
Gründen  auch  auf  die  Kreditbedingungen  der  Kreditbanken  über ­
        <pb n="214" />
        211

4.  Die  Prognose  des  IConjunkturwandels.

tragen  und  damit  eindämmend  auf  die  Börsenspekulation  (Börsenkredite, ­
  Reports)  einwirken.  Für  die  Kursentwicklung  der  führenden ­
  Aktienwerte  in  dieser  Zeit  gibt  die  folgende  Aufstellung  ein
Bild.

Es  betrugen  die  Durchschnittskurse  folgender  Aktien  an  der
Berliner  Börse  itn  Jahre  1906:

September

November

Allgemeine  Elektrizitäts-Gesellschaft  .  .

214,59

211,44

Gelsenkirchen  Bergwerks-A.-G

225,09

222,12

Phönix  Bergwerks-A.-G

216,41

206,79

Westphälische  Drahtindustrie  ....

216,69

205,97

Berlin-Anhalter  Maschinenfabriken  .  .

214,67

211,24

Bochumer  Gußstahl

244,45

235,69

Deutsch-Luxemburgische  Bergwerks  -  Ges.

217,13

197,78

Ludwig  Loewe  &amp;amp;  Co

279,23

276,35

Orenstein  &amp;amp;  Koppel

230,16

226,18

Rheinische  Stahlwerke

200.24

194.47

Wanderer  Fahrräder

281,49

267,75

Goncordia  Spinnerei

211,61

207,61

Die  Kurse  der  betrachteten  Wertpapiere  beginnen  also  im  Herbst
deutlich  abzubröckeln.  Noch  im  September  1906  hatte  der  Durchschnittskurs
  aller  an  der  Berliner  Börse  notierten  Dividendenpapiere
162,66  betragen  und  ging  dann  in  den  folgenden  drei  Monaten  auf
154,63,  155,19  und  154,89  zurück.  Dieser  Kursrückgang  wird  noch
deutlicher,  wenn  man  ihn  mit  der  Entwicklung  des  Vorjahres  vergleicht. ­
  Also  trotz  der  industriellen  Hochkonjunktur  und  der  zum
Teil  erhöhten  Dividenden  ein  Rückgang  der  Kurse.  Darauf  war
einmal  die  Spannung  am  Geldmärkte  von  Einfluß.  Denn  sie  mußte
ernüchternd  auf  den  Optimismus  der  Börsenspekulation  einwirken,
auch  auf  diejenigen  Kreise,  welche  ohne  Inanspruchnahme  von  Bankkredit ­
  hier  ihre  Geschäfte  betrieben.
Es  war  nicht  nur  die  Reichsbank,  welche  damals  mit  ihrem
Diskontsatz  in  die  Höhe  gehen  mußte,  nicht  nur  auf  dem  deutschen
Geldmarkt  zeigten  sich  diese  gespannten  Verhältnisse,  auch  die  Bank
von  England  war  im  Oktober  des  gleichen  Jahres  ebenfalls  mit  ihrem
Satz  auf  6  o/o  heraufgegangen,  was  an  den  deutschen  Börsen  auch
eine  lebhafte  Beunruhigung  hervorrief.  Auch  in  Amerika  begannen
sich  die  Verhältnisse  am  Geldmärkte  zuzuspitzen.  Mit  dieser  Erhöhung ­
  des  Diskontsatzes  der  Reichsbank  stieg  auch  der  Privatdiskont. ­
  Hatte  er  in  Berlin  im  Durchschnitt  des  Jahres  1904  noch
3,22  o/o  betragen,  im  Jahre  1905  3,47  o/ 0 ,  so  ging  er  im  Durchschnitt
des  zweiten  Halbjahres  1906  auf  4,20  o/ 0  herauf.
        <pb n="215" />
        212  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Im  Jahro  1907  zeigte  sich  zu  Beginn  eine  leichte  Besserung  auf
dem  Geldmärkte,  die  dann  auch  zu  einer  Herabsetzung  des  Diskontsatzes ­
  führte,  während  dann  im  Herbste  1907  die  umgekehrte  Entwicklung ­
  wieder  ein  starkes  Anziehen  der  Diskontschraube  notwendig
machte.  Mit  der  Jahreswende  war  dann  der  Konjunkturumschwung
in  voller  Stärke  eingetreten  und  aller  Welt  sichtbar  geworden.  Dieser
Zustand  der  Depression  dauerte  das  ganze  Jahr  1908  hindurch  und
erstreckte  sich  noch  tief  bis  in  das  folgende  Jahr  hinein.  Die  Inanspruchnahme ­
  der  Reichsbank  ging  dabei  dauernd  zurück,  ihr
Deckungsverhältnis  besserte  sich  und  sie  konnte  ihren  Diskontsatz
bis  auf  31/2  0/0  herabsetzen.
Für  die  Steigerung  der  Preise  der  wichtigsten  Rohstoffe  und
Halbfabrikate  in  dieser  ganzen  Zeit  sei  auf  die  Tabellen  S.  105  und  106
verwiesen.  Sie  zeigen  eine  Steigerung  von  den  Jahren  1902—1906,
eine  Steigerung,  welche  noch  zum  Teil  im  Jahre  1907  andauerte,  um
dann  erst  im  folgenden  Jahre  in  der  Zeit  der  ausgesprochenen  Depression ­
  einem  Rückgang  Platz  zu  machen.  Im  Jahre  1907  vor  allem,
begannen  dann  in  der  Eisenindustrie,  besonders  in  Trägern,  die  Aufträge ­
  nachzulassen,  während  in  der  Kohlenindustrie  zunächst  davon
noch  keine  Rede  war.  In  dieser  Zeit  also  war  die  Tatsache  des
herankommenden  Umschwunges  schon  so  deutlich  geworden,  die  Lage
der  Reichsbank  hatte  sich  auch  zu  Anfang  1907  nicht  gebessert,  die
Börsenkurse  waren  weiter  zurückgegangen,  in  der  Industrie  zeigten
sich  deutliche  Symptome,  daß  der  Höhepunkt  der  Konjunktur  überschritten ­
  war,  daß  jetzt  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahres  1907  die
Konjunkturprognose  bereits  durch  die  Tatsachen  überholt  war.
Immerhin  war  die  Beschäftigung  der  Industrie  noch  eine  gute,  an
Aufträgen  war  noch  in  der  Mitte  des  Jahres  1907  keinerlei  Mangel.
Nur  die  Bautätigkeit  lag  sehr  danieder,  weil  dieser  Zweig  des
Wirtschaftslebens  mehr  als  jeder  andere  von  der  Lage  am  Geldmarkt
abhängt  und  weil  bei  den  damaligen  teuren  Geldverhältnissen  hier
die  Tätigkeit  eine  sehr  eingeschränkte  war.
Das  ganze  Jahr  1907  hindurch  hören  wir  noch  Klagen  über  die
schwierige  Lage  am  Geldmärkte,  welche  sich  auch  international  auszubreiten ­
  begann.  Man  beginnt  jetzt  den  engen  Zusammenhang
zwischen  den  Verhältnissen  am  Geldmärkte  und  der  Konjunktur  allgemeiner ­
  zu  erkennen.  Die  Meinung  wird  immer  häufiger  ausgesprochen, ­
  daß  eine  wesentliche  Erleichterung  am  Geldmärkte  nur
bei  einem  Rückgang  der  industriellen  Konjunktur  erwartet  werden
könne.  Die  Entwertung  der  Industriepapiere  machte  weitere  Fortschritte, ­
  bis  mit  dem  Ende  des  Jahres  1907,  als  die  Bank  von  England
ihren  Diskont  auf  7  0/0,  die  Reichsbank  den  ihren  auf  7  Va°/o  erhöhte,
        <pb n="216" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunkturwandels.

213

vor  allem  verschärft  durch  die  Bankkrisis  in  Amerika,  über  den
Konjunkturumschwung  nirgends  mehr  ein  Zweifel  sein  konnte.
Faßt  man  zusammen,  so  ist  es  deutlich  erkennbar,  daß  die  ersten
Symptome  des  kommenden  Umschwunges  sich  auf  dem  Geldmärkte
gezeigt  haben  und  von  dort  auf  den  Baumarkt  und  die  Börse  Übergriffen. ­
  Festzuhalten  ist  auch  die  Tatsache,  daß  die  weitere  Entwicklung ­
  der  Hochkonjunktur  im  Jahre  1906  sich  gegenüber  dem
Vorjahre  verlangsamt  hat.  Eine  gewisse  Höhe  des  Zinsfußes  muß
die  Unternehmungslust  beeinträchtigen.  Die  Spannung  auf  dem  Geldmärkte ­
  gibt  Zeugnis  von  dem  Mißverhältnis  zwischen  Kapitalbildung
und  Kapitalbedarf.  Zieht  man  in  Betracht,  daß  in  diesen  Endzeiten
der  Hausse  die  Preise  von  Rohmaterialien,  Halbfabrikaten  und  Löhne
sehr  hohe  sind,  daß  damit  ein  immer  weiter  steigender  Geldbedarf
bei  Fortdauer  derselben  entstehen  muß,  so  ergibt  sich,  daß  eine
gute  industrielle  Konjunktur  und  eine  solche  Spannung  auf  dem
Geldmärkte  auf  die  Dauer  nicht  nebeneinander  hergehen  können.
Man  hat  deshalb  schon  im  Herbste  1906  mit  Recht  in  diesen  schwierigen ­
  Geldverhältnissen  die  Sturmzeichen  eines  kommenden  Konjunkturwandels ­
  erblickt,  ohne  Rücksicht  darauf,  daß  in  dieser  Zeit
und  noch  Monate  weiterhin  die  Beschäftigung  der  Industrie  eine
gute  war  und  die  Bestellungen  noch  reichlich  einliefen.  Der  erste
Abbruch  der  industriellen  Konjunktur  erfolgte  dann  dorten,  wo  die
teuren  Zinssätze  erfahrungsgemäß  am  härtesten  empfunden  werden,
auf  dem  Baumarkte.  Hier  ging  die  Beschäftigung  schon  in  einer
Zeit  zurück,  wo  von  einem  allgemeinen  Rückgang  in  der  Industrie
noch  nichts  zu  spüren  war,  und  die  ersten  Ansätze  zu  einem  Rückgang ­
  in  den  Aufträgen  in  der  Eisenindustrie  setzten  bei  den  Trägern
ein,  bei  den  Gütern,  deren  Bedarfshöhe  in  erster  Linie  von  den  Verhältnissen ­
  auf  dem  Baumarkte  abhängig  ist.
In  der  gleichen  Weise  wollen  wir  nun  betrachten,  welches  die
ersten  Symptome  bei  dem  K  o  nj  unk  tu  r  ums  ch  w  un  g  des
Jahres  1913  gewesen  sind.  Die  Jahre  1910—1912  hatten  für
Deutschland,  wie  wir  oben  gesehen  haben,  eine  günstige  wirtschaftliche ­
  Entwicklung  gebracht.  Von  Ende  1912  ab  begannen  sich  die
allerersten  Anzeichen  des  Umschwunges  zu  zeigen,  welcher  dann  im
Jahre  1913  auch  tatsächlich  eintrat.  Das  oben  genannte  Buch  von
Feiler  hat  uns  diese  ganze  Periode  eingehend  geschildert  und  im
folgenden  wird  Gelegenheit  sein,  mancherlei  Gebrauch  von  seinen
Darlegungen  zu  machen.  Von  dem  Jahre  1912  schreibt  er,  daß  es
zugleich  ein  Jahr  der  Hochkonjunktur,  aber  auch  ein  Jahr  der  beginnenden ­
  Reinigung  war.  „Die  Konjunktur  hatte  ihren  Gipfel  er ­
        <pb n="217" />
        214  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

klommen  und  mitten  in  der  letzten  Periode  des  Aufstiegs
kündigte  sich  der  beginnende  Rückgang  unausbleiblich  an.“
Im  Gegensatz  zu  der  eben  betrachteten  Depression  der  Jahre
1907  und  1908,  bei  welcher  nur  die  Verhältnisse  des  Geldmarktes
und  der  Wirtschaft  für  den  Gang  der  Konjunktur  maßgebend  waren,
spielten  in  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  der  Konjunkturperiode
1910—1913  politische  Faktoren  eine  sehr  große  Rolle,  welche  zeitweilig ­
  sehr  störend  in  das  Wirtschaftsleben  eingriffen.  Hierher
gehörte  in  erster  Linie  im  Jahre  1911  die  Marokkokrisis  und  die
damit  im  Zusammenhang  stehende  Zuspitzung  der  politischen  Verhältnisse, ­
  welche  einen  recht  verheerenden  Einfluß  auf  den  Geldmarkt
und  die  Börse  ausübten.  Zwar  war  das  nur  vorübergehend  der  Fall,
da  Ende  1911  diese  Krisis  überwunden  schien  und  ein  weitgehender
Optimismus  wieder  im  Wirtschaftsleben  und  an  der  Börse  um  sich
griff,  welcher  im  wesentlichen  bis  zum  Sommer  1912  andauerte.  Es
ist  kein  Zweifel,  daß  der  von  dieser  Zeit  an  langsam  einsetzende  Umschwung ­
  in  der  wirtschaftlichen  Konjunktur  dann  wieder  durch  die
politischen  Unruhen  im  Zusammenhang  zu  dem  Balkankrieg  mit  veranlaßt ­
  worden  ist.
In  der  ersten  Hälfte  Oktober  1912,  in  welche  der  Beginn  des
Balkankrieges  fiel,  wo  Montenegro  als  erster  Balkanstaat  agressiv
gegen  die  Türkei  vorging,  da  brach  allenthalben,  vor  allem  auch  an
der  Berliner  und  Pariser  Börse,  eine  ausgesprochene  Panik  aus.  Am
Kassaindustrieaktienmarkt  erlitten  die  führenden  Papiere  erhebliche
Einbußen,  weniger  schlimm,  aber  immer  noch  schlimm  genug,  sah
es  am  Ultimomarkte  aus.  Der  Kursrückgang  der  führenden  Aktienwerte ­
  bewegte  sich  im  Durchschnitt  um  etwa  25  °/o  herum.  Dabei
waren  vorher  schon  beträchtliche  Kursrückgänge  eingetreten,  als  das
Gerücht  umging,  daß  Serbien  ein  Ultimatum  an  die  Türkei  gerichtet
habe.  Aus  dieser  politischen  Verwicklung  heraus  wurde  auch  der
Geldmarkt  ungünstig  beeinflußt.  Es  hing  dies  vor  allem  damit  zusammen, ­
  daß  bei  dieser  politisch  so  zugespitzten  Lage  die  verschiedenen ­
  Notenbanken  ihre  Diskontsätze  erhöhten,  weil  sie  darauf  bedacht ­
  sein  mußten,  ihre  Goldbestände  zu  schützen.
Bei  der  deutschen  Reichsbank  betrug  der  Diskontsatz  im  Jahre
1912  vom  1.  Januar  bis  10.  Juni  5o/ 0 ,  vom  11.  Juni  bis  23.  Oktober
4V2%,  vom  24.  Oktober  bis  13.  November  5  o/o,  und  wurde  am
14.  November  auf  6  o/o  erhöht.  In  dieser  Höhe  blieb  er  bis  zum
26.  Oktober  1913  bestehen  und  wurde  dann  am  27.  Oktober  auf  5i/ 2
und  am  12.  Dezember  auf  5o/o  herabgesetzt.  Im  Jahre  1914  sank  er
dann  in  zweimaligen  Herabsetzungen  bis  auf  4  o/o,  um  dann  am
31.  Juli  auf  5  und  bereits  am  nächsten  Tage  auf  6  o/ 0  heraufgesetzt
        <pb n="218" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunkturwandels.

215

zu  werden.  Mit  dem  Jahre  1913  trat  also  keine  wesentliche  Erleichterung ­
  auf  dem  Geldmärkte  ein.  Die  angespannte  Lage  der
Reichshank  blieb  in  dieser  Zeit  immer  noch  eine  ganz  beträchtliche.
Über  diese  Seite  der  Entwicklung  gibt  die  folgende  Tabelle  Aufschluß.

Es  betrug  bei  der  Reichsbank  in  Millionen  Mark:

Datum

Die  Ar
Wechseln ­


läge  in
Lombards ­


Beide  (1-2)
Zusammen

Sonstige  täglich ­
  fälligeVerbindlichkeit.


Die  Inanspruchnahme ­

(3-4)

Der  Metall-  |
bestand

Der  Notenumlauf ­


DasVerhältnis
derNoten  und
sonst,  täglich
fällig.Verbindlichkeit.
  zum
Metallbestand

1

2

3

4

5

6

7

8

15.  -3.11

906

76

982

766

216

1172

1398

54,2

15.  3.12

1053

91

1144

852

292

1237

1528

52,0

15.  5.12

1021

79

1100

709

391

1264

1618

54,3

15.  7.12

1088

73

1155

703

452

1282

1740

52,5

15.  9.12

1207

57

1264

829

435

1248

1669

49.9

15  11.12

1401

82

1483

720

763

1127

1865

43,6

14.12.12

1506

83

1589

678

911

1038

1939

39,7

15.  3.13

1206

90

1296

714

582

1217

1775

48,9

15.  5.13

1143

106

1249

665

584

1303

1850

51,8

15.  7.13

1083

77

1160

690

470

1421

1934

54,2

15.  9.13

934

77

1011

724

287

1445

1837

56,4

15.11.13

897

57

964

677

287

1507

1928

57,8

15.12.13

871

77

948

697

251

1485

1929

56,5

Man  sieht,  wie  sich  unter  dem  Einfluß  der  politisch  unruhigen
Lage  am  Ende  des  Jahres  1912  das  Deckungsverhältnis  der  Reichsbank ­
  wesentlich  verschlechterte  und  erst  vom  Mai  1913  ab  wieder
eine  günstigere  Entwicklung  nimmt.  Diese  Besserung  der  Lage  hing
damals  vor  allem  damit  zusammen,  daß  es  in  dieser  Zeit  der  Reichsbank ­
  gelungen  war,  ihren  Goldbestand  ganz  erheblich  zu  erhöhen.
Demgegenüber  muß  aber  doch  darauf  geachtet  werden,  daß  trotz  der
Besserung  des  Deckungsverhältnisses  auch  in  dieser  Zeit  der  Notenumlauf ­
  im  ganzen  Jahre  1913  keine  Abnahme  erfahren  hat.  Besonders
bedeutsam  ist  die  Entwicklung  des  Betrages,  um  welchen  die  Summe
der  Wechsel-  und  Lombardkredite  über  den  Betrag  der  Depositen
(vgl.  Kolonne  5)  hinausging,  und  aus  deren  Differenz  sich  die  reine
Inanspruchnahme  der  Reichsbank  durch  Private  ergibt.  Die  Tabelle
zeigt,  welch  gewaltige  Zunahme  diese  Inanspruchnahme  in  dem
letzten  Viertel  des  Jahres  1912  erfahren  hat.  Man  hat  in  dieser  Zeit
mit  Recht  von  einer  Geldklemme  gesprochen.  Hat  doch  diese  Entwicklung ­
  auch  dazu  geführt,  daß  von  seiten  mancher  Banken  der
Industrie  und  dem  Handel  nicht  unerhebliche  Kredite  gekündigt
worden  sind.  Wenn  dabei  die  Reichsbank  nicht,  wie  im  Jahre  1907
        <pb n="219" />
        216  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

mit  ihrem  Diskontsatz  auf  71/2  0/0  hinauf  mußte,  sondern  beiß  0/0  stehen
Meißen  konnte,  wodurch  die  Lage  für  das  wirtschaftliche  Leben
eine  erträglichere  blieb,  so  hing  dies  in  erster  Linie  damit  zusammen,
daß  aus  Gründen,  auf  welche  an  dieser  Stelle  einzugehen  zu  weit
führen  würde,  in  diesen  Monaten  der  Goldbestand  der  Reichsbank
nicht  so  von  seiten  des  Auslandes  gefährdet  war,  wie  es  im  Jahre  1907
der  Fall  gewesen  ist.
Es  wäre  aber  ein  Irrtum,  anzunehmen,  daß  diese  ungünstigen
Verhältnisse  auf  dem  Geldmärkte  nur  mit  den  oben  erwähnten  politischen ­
  Störungen  zusammenhingen.  Auch  aus  Gründen,  welche  ihre
Ursache  im  Gange  des  deutschen  Wirtschaftslebens  hatten,  zeigten
sich  damals  starke  Tendenzen,  welche  auf  eine  Verknappung  der
am  Kapital-  und  Geldmärkte  verfügbaren  Mittel  hindrängten.  Das
ließ  sich  deutlich  erkennen,  als  mit  dem  Frühjahr  und  Sommer  1913
zwar  die  Lage  der  Reichsbank  eine  günstigere  wurde,  ohne  daß  die
Lago  am  Geldmärkte  eine  bessere  geworden  wäre.  Blieb  doch  der
Diskontsatz  bis  Ende  1913  auch  auf  6  0/0  stehen.  War  doch  auch  in
dieser  ganzen  Zeit  die  Beschäftigung  der  Industrie  eine  gute,  und
wurden  doch  in  diesem  ganzen  Jahre  im  Zusammenhang  damit  erhebliche ­
  Ansprüche  von  Industrie  und  Handel  an  den  Kapital-  und
Geldmarkt  gestellt.
Die  starke  Beanspruchung  des  Kapital-  und  Geldmarktes  von
seiten  der  Industrie  zeigte  sich  im  Jahre  1913  vor  allem  deutlich  in
einem  weiteren  Kursrückgang  der  Staats-  und  Stadtanleihen.  Gegenüber ­
  dem  Jahre  1912  gingen  im  Jahre  1913  di©  Kurse  der  4-,  31/2-und
3prozentigen  Reichsanleihen  im  Durchschnitt  von  100,92,  89,80  und
80,11  auf  98,54,  85,82  und  75,90  zurück.  Die  Erhöhung  des  Diskontsatzes, ­
  der  zum  Teil  immer  noch  andauernde  gute  Geschäftsgang  in
der  Industrie,  mußte  dahin  tendieren,  durch  einen  Kursdruck  auf  diese
Papiere,  deren  Realzinsfuß  zu  steigern.  Nach  einer  Berechnung  der
Frankfurter  Zeitung  betrug  die  Rentabilität  der  3l/2prozentigen  Reichsanleihe ­
  Mitte  Dezember  1911  3,61  o/ 0 ,  Mitte  Dezember  1912  3,90o/o
und  Mitte  Juni  1913  4  &amp;lt;&amp;gt;/o.  Trotz  der  Ungunst  dieser  Verhältnisse
wurden  im  ersten  Halbjahr  1913  noch  gewaltige  Beträge  an  staatlichen. ­
  und  kommunalen  Wertpapieren  auf  den  Markt  gebracht.
Während  dieser  ganzen  Zeit  war  aber  die  Beschäftigung  noch
eine  gute.  Der  Balkankrieg  hatte  darauf  nur  einen  recht  geringen
Einfluß  ausgeübt.  Die  folgende  kleine  Aufstellung  zeigt  dies  für  den
Kohlenbergbau  und  die  Montanindustrie 1 ).

U  Frankf.  Zeitungg.  Erstes  Morgenblatt  vom  29.  November  1913:  Die
Montanindustrie.  1912—13.
        <pb n="220" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunkturwandels.

217

Es  betrag  im  ersten  Halbjahr  die  Produktion  in  Millionen
Tonnen  in  den  folgenden  Jahren:

An

1909

1910

1911

1912

1913

Kohle

71,91

73,33

78,67

84,71

93,58

Koks

10,37

11,41

12,56

13,76

15,94

Roheisen

6.25

7,20

7,68

8,42

9,57

Nach  der  gleichen  Quelle  waren  auch  die  Abschlüsse  der  großen
Montangesellschaften  noch  überaus  günstige.  Bei  41  Gesellschaften
mit  über  10  Millionen  Mark  Aktienkapital  stieg  im  Jahre  1912/13
der  Reingewinn  gegenüber  dem  Vorjahre  um  37,5  Millionen  Mark
oder  um  20  o/o,  gegenüber  dem  Jahre  1909/10  sogar  um  87  Millionen
Mark  oder  um  65  o/ 0 .  Dabei  konnten  um  38  Millionen  Mark  mehr
Abschreibungen  als  im  Vorjahre,  oder  um  60  Millionen  Mark  mehr
als  drei  Jahre  zuvor,  vorgenommen  werden.
Bis  zum  Sommer  1913  waren  auch  im  allgemeinen  die  Preise
noch  steigende  und  erst  vom  Herbst  dieses  Jahres  ab  begannen  die
Eisenpreise  zurückzugehen.  Eine  Ermäßigung  der  Kohlenpreise  trat
erst  im  Frühjahr  1914  ein.  Die  Beschäftigung  auf  dem  Arbeitsmarkte
begann  sich  jedoch  bereits  vom  Anfänge  des  Jahres  1913  ab  schon
ungünstiger  zu  gestalten,  und  vor  allem  war  dies  vom  Sommer  dieses
Jahres  ab  der  Fall,  wie  die  folgende  Tabelle  zeigt.

Von  1000  organisierten  Arbeitern  waren  arbeitslos:

1912

1913

1912

1913

1912

1913

Januar  .  .

29

32

Mai  .  .  .

19

25  |

September  ,.

15

27

Februar  .  .

26

29

Juni  .  .  .

17

27  1

Oktober  .  .

17

28

März  .  .  .

16

23

Juli  .  .  .

18

29

November  .

18

31

April  .  .  .

17

23

August  .  .

17

28

Dezember  .

28

48

Eine  gewisse  Ähnlichkeit  mit  diesen  Verhältnissen  auf  dem
Arbeitsmarkte  zeigt  eich  dann  mit  der  Gestaltung  des  Industrieabsatzes ­
  in  den  einzelnen  Monaten  des  Jahres  1913.  Als  Maßstab
dafür  betrachten  wir  in  der  folgenden  Tabelle  die  Versandziffern
des  Stahlwerk-Verbandes,  indem  wir  den  Versand  im  Jahre  1913  mit
dem  des  Vorjahres  vergleichen.
Gegenüber  den  entsprechenden  Monaten  des  Jahres  1912  wurden
im  Jahre  1913  mehr  (-)-)  bzw.  weniger  (—)  versandt:

Januar  .  .

+  57  038  t

Juli  .  .  ■

—  35  967  t

Februar  .  .

855  „

August  .  .

—  28  895  „
        <pb n="221" />
        218  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

März  .

—  107  647  t

September  .

—  10  308  t

+  97  996  „

Oktober  .  .

—  15  695  „

+  31  605  „

November  .

—  30  452  „

Juni  .  .  .

—  9  859  „

Dezember  .

—  74  978  „

Man  sieht,  daß  diese  Versandziffern  zum  Teil  schon  in  einer  Zeit
zurückzugehen  beginnen,  wo  von  einem  Rückgang  in  der  Produktion,
wie  eben  dargelegt,  noch  keine  Rede  war.  Während  im  ersten
Halbjahre  1913  der  Versand  denjenigen  des  Vorjahres  noch  um
69139  Tonnen  übertraf,  blieb  er  im  zweiten  Halbjahre  hinter  der
entsprechenden  Periode  des  Vorjahres  um  196  245  Tonnen  zurück.
Während  noch  in  den  Geschäftsberichten  der  verschiedensten  Gesellschaften ­
  für  das  Jahr  1912  die  Marktlage  allenthalben  als  eine
gute  bezeichnet  wurde,  änderte  sich  die  in  den  Geschäftsberichten
für  das  Jahr  1913  niedergelegte  Auffassung.  Hier  ist  allenthalben
von  einem  Rückgang  in  der  Konjunktur  die  Rede,  wir  hören  allenthalben ­
  von  einem  Rückgang  des  Absatzes  und  von  der  Wahrscheinlichkeit, ­
  daß  die  Marktverhältnisse  auch  noch  weiterhin  ungünstigere
werden  könnten.  Vielfach  wird  auch  dabei  als  Ursache  auf  die  Lage
des  Geldmarktes  hingewiesen,  der,  wie  es  z.B.  im  Berichte  des  Phönix
heißt:  „Zur  Zeit  durch  den  hohen  Bankdiskont  für  den  Industrie 1 -
und  Baubedarf  nahezu  gesperrt  ist  und  bei  einem  Sinken  des  Diskonts ­
  von  allen  Seiten,  besonders  auch  von  den  Gemeinden,  sehr
stark  in  Anspruch  genommen  werden  wird.“
Das  eben  Gesagte  gilt  nicht  nur  von  der  Montanindustrie,  sondern
kommt  auch  in  den  Berichten  zahlreicher  anderer  Industrien  damals
zum  Ausdruck,  wie  z.B.  bei  der  Textilindustrie  und  der  elektrischen
Industrie.  Die  private  Bautätigkeit  lag  in  dieser  Zeit  vollkommen
danieder.  In  den  Berichten  der  Boden-  und  Baugesellschaften  wird
für  dieses  Jahr  immer  wieder  als  Hauptursache  der  geringen  Bautätigkeit ­
  auf  die  außerordentliche  Geldknappheit  hingewiesen.  Damit
stand  es  dann  in  engem  Zusammenhang,  daß  sich  in  diesem  Jahre
vor  allem  die  Beschäftigung  der  Bauhandwerker,  der  Maler,  Zimmerleute, ­
  Glaser  und  Dachdecker,  besonders  ungünstig  gestaltet  hat.
Für  das  Jahr  1914  kann  man  dann  als  mit  dem  Vorjahre  vergleichbar, ­
  nur  die  ersten  sieben  Monate  betrachten.  In  dieser  Zeit
war  die  Konjunktur  weiter  zurückgegangen,  wie  man  es  an  zahlreichen ­
  Symptomen  feststellen  kann.  Es  sei  nur  auf  die  Entwicklung
der  Roheisenproduktion,  welche  ja,  wie  wir  oben  gesehen  haben,
einen  sehr  guten  Gradmesser  für  die  Entwicklung  der  Konjunktur
abgibt,  hingewiesen.  Sie  war  in  den  ersten  sieben  Monaten  des
Jahres  1914  um  374881  Tonnen  geringer  als  in  der  gleichen  Zeit
des  Vorjahres.  Auch  aus  den  Versandziffem  des  Stahlwerksver ­
        <pb n="222" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunkturwandels.

219

bandes  geht,  wie  die  folgende  Tabelle  zeigt,  dieser  weitere  Rückgang
der  Konjunktur  deutlich  hervor.

JEs  betrug  der  Versand  des  Stahlwerksverbandes  in  den  ersten
sieben  Monaten  der  untenstehenden  Jahre  in  Tonnen:

Jahr

an
Halbzeug

an
Eisenbahnmaterial

an
Formeisen

an
Gesamtversand

1912
1913
1914

1  115  335
975  427
954934

1354  896
1  687  965
1  500  779

1  346  515
1  185  914
1  143  822

3  816  746
3  849  306
3  599  535

Zwar  war  im  letzten  Quartal  des  Jahres  1918  eine  größere  Geldülüssigkeit
  eingetreten,  welche  ja  auch  in  der  oben  erwähnten  Diskontherabsetzung ­
  der  Reiehsbank  zum  Ausdruck  gekommen  ist.  Aber
man  hat  allen  Grund  zu  der  Annahme,  daß  diese  Tatsache  mit  der
gleichzeitig  erfolgten  Abnahme  in  dem  Wechselbestand  der  Reichsbank ­
  ursächlich  zusammenhing,  also  mit  dem  geringeren  Geldbedarf ­
  von  Handel  und  Industrie  und  damit  bereits  mit  dem  jetzt  schon
stärker  einsetzenden  Rückgang  in  der  Konjunktur.  Zu  dieser  jetzt
einsetzenden  Entlastung  der  Reichsbank  hat  neben  der  Stärkung
ihres  Goldbestandes  jedoch  auch  die  damals  vielbesprochene  Ausgabe ­
  kleiner  Noten  beigetragen.
Der  nun  einsetzende  Konjunkturrückgang  vollzog  sich  auch
dieses  Mal  nicht  in  Form  einer  ausgesprochenen  Krise,  sondern  die
Konjunkturkurve  hatte  wiederum  eine  flachere  Form  angenommen,
so  daß  man  auch  in  dieser  Periode  eigentlich  nur  von  einer  Abschwächung ­
  in  der  Konjunktur  reden  kann.
Wenn  man  das  Gesagte  zusammenfaßt,  so  sieht  man,  daß  die
Versteifung  am  Geldmärkte  schon  um  die  Mitte  des  Jahres  1912  begann, ­
  als  die  Industrie  noch  gut  beschäftigt  war  und  als  in  ihr  noch
so  erhebliche  Gewinne  gemacht  wurden,  daß  man  in  diesen  Kreisen
noch  nicht  an  einen  Konjunkturrückgang  denken  konnte.  Erst  ein
Jahr  später  etwa  zeigten  sich  auch  in  der  Industrie  deutlich  die  Anzeichen ­
  des  Konjunkturrückganges.  Wenn  man  im  Herbst  und
Winter  1912  die  Versteifung  am  Geldmärkte,  die  Heraufsetzung  des
Diskontsatzes,  nicht  so  sehr,  wie  es  vielleicht  sonst  der  Fall  gewesen ­
  wäre,  unter  dem  Gesichtspunkte  eines  bevorstehenden  Konjunkturrückganges ­
  betrachtet  hat,  so  hing  dies  wohl  in  erster  Linie
damit  zusammen,  daß  äußere  politische  Momente,  der  Ausbruch
des  Balkankrieges,  diese  Diskontheraufsetzung  genügend  zu  erklären ­
  schienen.  Wir  haben  aber  gesehen  (vgl.  Tab.  S.  215),  daß  sich
auch  schon  vorher  deutliche  Anzeichen  für  eine  Verschlechterung
        <pb n="223" />
        220  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

der  Lage  am  Geldmärkte  gezeigt  haben.  Man  kann  mit  Bestimmtheit ­
  annehmen,  daß  auch  ohne  diese  politischen  Zwischenfälle
diese  Versteifung  am  Geldmärkte  weiter  zugenommen  hätte  und
eine  weitere  Diskontherabsetzung  hätte  auslösen  müssen.
„Aber  eine  heilsame  Wirkung  hat  die  politische  Verängstigung
doch  gehabt:  sie  hat'eine  Übertreibung  der  Hochkonjunktur  hintangehalten, ­
  sowohl  an  der  Börse,  wie  in  der  Industrie.  Den  Optimismus, ­
  der  sich  gerne  über  alle  sachlichen  Erwägungen  hinweggesetzt
hätte,  hat  sie  eingedämmt,  Berichte  aus  der  Maschinenindustrie,  daß
im  Frühjahr  selbst  abschlußreife  Geschäfte  wegen  der  politischen
Sorgen  zurückgestellt  wurden,  waren  der  Beweis  dafür.  Mancher,
der  sonst  trotz  aller  Geldmarktswarnungen  an  den  ewigen  Bestand
der  Hochkonjunktur  geglaubt  hätte,  hat  sich  dann  doch  durch  die
Kriegsfurcht  abschrecken  lassen.  Und  das  war  gut.  Denn  sonst
hätten  wir  zwar  vielleicht  noch  einen  kurzen  Konjunkturaufstieg,
aber  dafür  auch  einen  um  so  schärferen  Abstieg  bekommen.“
„Denn  für  die  Aufrechterhaitung,  geschweige  für  die  Weiterführung ­
  der  Hochkonjunktur,  besaß  unsere  Wirtschaft
nicht  mehr  die  innere  Kraft.  Die  dauernd  fortgeschrittene  Verknappung ­
  am  Geldmärkte,  das  'Zurückbleiben  der  Kapitalbildung
hinter  dem  Kapitalbedarf,  hatte  diesen  Zeitpunkt  der  Erschöpfung
der  Kapitalvorräte  schon  seit  1911  immer  deutlicher  angekündigt,
der  Verlauf  des  Jahres  1912  hatte  (schon  vor  dem  Balkankrieg),
ihn  immer  näher  geführt,  jetzt  war  er  unabwendbar  da“ 1 )-Man
  kann  also  sagen,  daß  bei  den  beiden  letzten  Konjunkturrückgängen, ­
  welche  wir  betrachtet  haben,  sich  die  ersten  Symptome ­
  des  kommenden  Umschwunges  auf  dem  Geldmärkte ­
  gezeigt  haben.  Beide  Male  traten  hier  die  Anzeichen  bereits ­
  in  einer  Zeit  auf,  als  in  der  Industrie  und  auf  dem  Arbeitsmarkte
von  einem  Rückgänge  noch  nichts  zu  spüren  gewesen  ist.
Freilich  gibt  es,  wie  schon  oben  dargelegt,  auch  noch  andere
Symptome,  welche  auf  einen  Umschwung  in  der  Geschäftslage  hin-,
weisen,  also  vielleicht  als  Mittel  zu  einer  Konjunkturprognose  verwandt ­
  werden  können.  Hierbei  ist  in  erster  Linie  an  die  Entwicklung ­
  der  Preise  gedacht.  Schon  weiter  oben  ist  davon  die  Rede
gewesen,  daß  in  der  Hochkonjunktur  die  Preise,  besonders  diejenigen
der  Rohstoffe  und  Halbfabrikate  zu  steigen  beginnen,  daß  aber  dann  von
einem  gewissen  Punkte  ab,  damit  die  Kaufkraft  der  Bevölkerung  nicht
mehr  Schritt  halten  kann,  daß  viele  Käufer  diesen  hohen  Preisen

x )  Feiler,  a.  a.  0.  S.  139.
        <pb n="224" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunkturwandels.

221

gegenüber  zurückhaltend  werden  und  daß  sich  daraus  gewisse  Tendenzen ­
  ergeben  müssen,  welche  auf  einen  Rückgang  im  Absätze  hinwirken. ­
  Wenn  wir  z.  B.  sehen,  daß  Düsseldorfer  Gießerei-Roheisen
pro  Tausend  Kilogramm  in  den  Jahren:

1905  =  59,8  Mark
1906  =  69,6  „
1907  =  77,6  „
1908  =  71,1  „
1909  =  64,2  „

1910  =  66,2  Mark
1911  =  64,8  „
1912  =  75,9  „
1913  =  85,1  „
1914  =  76,2  „

kostete,  so  kann  man  wohl  sagen,  daß  dieser  Erhöhung  der  Preise
gegenüber  die  Kaufkraft  der  Bevölkerung  und  damit  die  Aufträge  an
die  Industrie,  eines  Tages  nachlassen  müssen.  Insoweit  können
erhebliche  Preiserhöhungen,  vor  allem  ßei  den  Rohstoffen  und
Halbfabrikaten,  zweifellos  ein  gewisses  Symptom  dafür  sein,  daß  über
kurz  oder  lang  die  Kurve  der  Konjunktur  nach  unten  gehen  muß.
Es  handelt  sich  also  auch  hierbei  um  einen  Faktor,  welcher  bei
dem  Studium  der  Konjunktur  mit  aller  Sorgfalt  zu  beachten  ist.  Es
vermag  jedoch  niemand  zu  sagen,  an  welchem  Punkte  die  Preisentwicklung ­
  ihre  mögliche  Höchstgrenze  erreicht  hat  und  ob  die  Kaufkraft ­
  der  Bevölkerung  und  die  Psyche  des  Unternehmers  und  Kaufmanns ­
  noch  weitere  Steigerungen  mit  in  Kauf  nehmen  können  und
wollen.  Aus  diesem  einfachen  Grunde  kann  man  wohl  die  Preiskurve ­
  dazu  benutzen,  festzustellen,  daß  sich  das  Wirtschaftsleben
in  dem  Zustande  der  Hausse  befindet,  daß  sich  diese  auch  wahrscheinlich ­
  ihrem  Höhepunkte  schon  genähert  hat  und  daß  es  nicht
mehr  lange  so  weitergehen  kann.  Man  kann  aber  in  der  Entwicklung ­
  der  Preise  keinen  absolut  sicheren  Maßstab  dafür  erblicken,  daß
es  nun  auch  wirklich  mit  der  Hochkonjunktur  zu  Ende  geht  und  ein
wirtschaftlicher  Rückschlag  bevorsteht.  Zur  Prognose  der  Konjunktur
ist  die  Betrachtung  der  Preiskurve  also  nur  in  sehr  eingeschränktem
Maße  geeignet.
Wesentlich  brauchbarere  und  sicherere  Anhaltspunkte  dafür  gewähren ­
  jedoch  die  Verhältnisse  auf  dem  Kapital-  und  Geldmarkt,
welche  wir  deshalb  auch  im  Vorangegangenen  mit  so  großer  Ausführlichkeit ­
  betrachtet  haben.  Der  innere  Zusammenhang,  welcher
zwischen  dem  Wandel  in  der  Konjunktur  und  den  Verhältnissen  auf
dem  Kapital-  und  Geldmärkte  besteht,  liegt  dabei  ziemlich  einfach
zutage.  Zur  Erklärung  dieser  Beziehungen  ist  es  notwendig,  noch
etwas  eingehender  auf  den  Mechanismus  des  Konjunkturwandels ­
  einzugehen,  als  es  bisher  geschehen  ist.  Es  handelt
sich  hierbei  vor  allem  um  die  Beziehungen,  welche  zwischen  der
Mombert,  Stadium  der  Konjunktur.  15
        <pb n="225" />
        222  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Entwicklung  der  Preise  und  der  Entwicklung  des  Zinsfußes,  wie  er
sich  in  der  Höhe  des  Diskontsatzes  widerspiegelt,  vorhanden  sind.
Der  Zusammenhang  ist  einmal  der,  daß  steigende  Preise  in  der
Zeit  einer  Hochkonjunktur  für  den  Unternehmer  die  Veranlassung
bilden,  neue  Produktionsanlagen  zu  schaffen  und  vorhandene  zu
erweitern.  Damit  wird  eine  steigende  Nachfrage  auf  dem  Kapitalmarkt, ­
  welche  in  einem  zunehmenden  Bedarf  nach  Geld  zum  Ausdruck ­
  kommt,  ausgelöst.  Mit  dieser  Erscheinung,  dem  steigenden
Güterumsatz  und  den  steigenden  Preisen  in  der  Hochkonjunktur,
werden  dann  aber  auch  ganz  unabhängig  von  diesen  Neugründungen
und  Erweiterungen,  steigende  Ansprüche  an  den  Geldmarkt  gestellt,
wodurch  an  sich  bereits  Tendenzen  zu  einer  Steigerung  des  Zinsfußes ­
  wirksam  werden.  Diese  Verknappung,  wie  sie  auf  dem  Kapitalund
  Geldmärkte  in  einem  gewissen  Stadium  der  Hausse,  die
doch  eine  erhebliche  Ausweitung  des  ganzen  Wirtschaftslebens
bedeutet,  unbedingt  eintreten  muß,  wird  dann  unter  allen  Umständen
auch  die  Tendenz  haben,  die  Nachfrage  auf  dem  Warenmärkte  einzuschränken. ­
  Diese  Einschränkung  vollzieht  sich  auch  dabei  von
verschiedenen  Richtungen  her.
Schon  oben  haben  wir  gesehen,  daß  schon  während  der  Hausse
der  steigende  Zinsfuß  einen  lähmenden  Einfluß  auf  die  Bautätigkeit
ausübt.  In  dem  Rückgang  dieser  Bautätigkeit  haben  wir  es
mit  einem  besonders  wichtigen  Symptom  dafür  zu  tun,  um  festzustellen, ­
  wann  der  steigende  Zinsfuß  eine  einschränkende  Wirkung
auf  die  Nachfrage  auszuüben  beginnt.  Man  braucht  ja  nur  an  die
zahlreichen  Industrien  und  Gewerbe  zu  denken,  deren  Beschäftigung
mit  in  erster  Linie  von  den  Verhältnissen  auf  dem  Baumarkte  abhängig ­
  ist.  Es  ist  deshalb  gerade  unter  dem  Gesichtspunkte  der  Konjunkturprognose ­
  von  besonderer  Bedeutung,  daß  die  Statistik  des
Baumarktes  gut  ausgebaut  ist.  Sie  hat  bisher  in  Deutschland  bei  uns
sehr  im  Argen  gelegen  und  brauchbare  Angaben  dafür  gab  es  nur
für  die  größeren  Städte.  Es  ist  dringend  erforderlich,  daß  auch  die
Reichs-  und  Landesstatistik  regelmäßig  in  kurzen  Perioden  Übersichten ­
  über  die  Entwicklung  auf  dem  Baumarkte  veröffentlichen  und
zwar  Übersichten,  aus  denen  nicht  nur  die  in  einem  bestimmten  Zeiträume ­
  fertig  gestellten  Bauten  hervorgehen,  sondern  auch  Übersichten,
in  denen  die  genehmigten  und  eingereichten  Baugesuche  verzeichnet
sind,  so  daß  man  auf  dieser  Grundlage  die  Möglichkeit  besitzt,  sich
wenigstens  für  eine  gewisse  Zeit  ein  Bild  von  der  Entwicklung  auf
dem  Baumarkte  zu  machen.  Neuerdings  finden  sich  in  dem  Reichs-Arbeitsblatt
  Übersichten  über  die  Bautätigkeit  in  den  deutschen
        <pb n="226" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunktur  wandeis.

223

Städten,  in  denen  jedoch  ganz  allein  von  den  neuerrichteten  Gebäuden ­
  und  Wohnungen  die  Rede  ist.
Aber  nicht  allein  auf  dem  Baumarkte  muß  ein  steigender  Zinsfuß ­
  mindernd  auf  die  Nachfrage  einwirken.  Auch  an  zahlreichen  anderen ­
  Punkten  des  Wirtschaftslebens  muß  das  gleiche  der  Fall  sein,
Wir  haben  ja  oben  schon  gesehen  (Tabelle  S.  129),  daß  in  den  Zeiten
einer  ausgesprochenen  Hochkonjunktur  unter  der  Konkurrenz  des
Kapitalbedarfs  der  Industrie  die  öffentlichen  Körperschaften,  Staat
und  Gemeinde,  nur  zu  erschwerten  Bedingungen  neue  Anleihen  auflegen
  können.  Es  sind  hier  genau  die  gleichen  Faktoren  wirksam,
welche  es  auch  in  dieser  Zeit  fast  unmöglich  machen,  daß
der  Baumarkt  die  erforderlichen  Mittel  erhält.  Man  konnte  diesen
Wandel  ganz  besonders  deutlich  bei  dem  letzten  Konjunkturumschwung
  beobachten.  Vom  Jahre  1910—1913  ging  der  Emissionsbetrag ­
  an  staatlichen,  städtischen  und  Provinzialanleihen,  sowie  an
Hypothekenbankobligationen  in  der  Gesamtsumme  um  410  Millionen
Mark  zurück.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  damit  ebenfalls  ein  erheblicher ­
  Rückgang  in  der  Nachfrage  auf  dem  Gütermarkt  verbunden  sein
mußte,  wenn  den  öffentlichen  Körperschaften  in  geringerem  Umfange
als  zuvor  die  Mittel  zur  Verfügung  standen,  größere  Arbeiten  vornehmen ­
  zu  lassen.  Diese  ganze  Entwicklung  vollzieht  sich  nun  in  der
gleichen  Zeit,  in  welcher  die  neugeschaffenen  Anlagen  an  der  Produktion ­
  teilzunehmen  beginnen,  wo  aber  dann  auch  hier  in  der  Industrie ­
  infolge  des  gestiegenen  Zinsfußes  die  Neuschaffung  von
Produktionsmitteln  abzunehmen,  oder  mindestens  ein  langsameres
Tempo  einzuschlagen  beginnt.
Bei  steigender  Produktionsmöglichkeit  beginnt  also  die  Nachfrage
zurückzugehen.  Die  Entwicklung  der  Industrie,  welche  ihren  Produktionsapparat ­
  stark  erweitert  hat,  ist  damit  auf  eine  steigende  Nachfrage ­
  eingestellt,  während  jetzt  hier  die  entgegengesetzte  Tendenz  Platz
zu  greifen  beginnt.  Es  kommt  noch  hinzu,  daß  bisher  die  Industrie
sich  durch  diese  Neuanlagen  und  Neugründungen  selbst  einen  beträchtlichen ­
  Teil  der  Nachfrage  und  Beschäftigung  geschaffen  hat
Diese  so  entstandene  Nachfrage  auf  dem  Gütermarkt  muß  nun
ebenfalls  mehr  oder  weniger  zurückgehen,  wenn  mit  dem  Steigen  des
Zinsfußes  die  Schaffung  solcher  Neuanlagen  nachläßt.  Dazu  kommt
noch,  daß  dann  diese  neugeschaffenen  Anlagen  allmählich  selbst  zu
produzieren  und  damit  das  Güterangebot  zu  vergrößern  beginnen.
Wenn  wir  uns  auf  Grund  dieser  Überlegungen  fragen,  an  welchen
Punkten  des  Wirtschaftslebens  zuerst  der  Abbau  der  Nachfrage  einsetzen
  muß,  welche  Industrien  zuerst  darunter  zu  leiden  haben,  so
] st  nach  dem  Dargelegten  die  Antwort  nicht  schwer  zu  finden.  Wii
        <pb n="227" />
        224  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik,

müssen  nur  daran  denken,  daß  an  diesem  Zeitpunkte  die  Beschäftigung ­
  auf  dem  Baumarkte  nachläßt,  daß  die  Bestellungen  der  öffentlichen ­
  Körperschaften  zurückzugehen  beginnen,  daß  Neuanlagen'  und
Betriebserweiterungen  sich  nun  in  erheblich  langsamerem  Tempo
vollziehen,  um  zu  sehen,  daß  es  vor  allem  der  Markt  der  Rohstoffe
ist,  und  hier  wieder  vor  allem  die  Eisenindustrie,  bei  der  sich,  wie
auch  die  statistische  Betrachtung  zeigt,  zuerst  ein  Rückgang  in  den
Bestellungen  und  Aufträgen  und  demgemäß  auch  ein  Rückgang  der
Preise  zeigen  muß.
Das  sind  die  Gründe,  weshalb  sich  in  unserer  Organisation  der
Volkswirtschaft,  vor  allem  bei  den  eigentümlichen  Verhältnissen  des
deutschen  Wirtschaftslebens,  das  wir  später  unter  diesen  Gesichtspunkten ­
  deshalb  noch  eingehender  zu  betrachten  haben,  die  Symptome ­
  eines  beginnenden  Rückganges  der  Konjunktur  zuerst  auf  dem
Geldmärkte  zeigen.
Gegentendenzen  können  dadurch  entstehen,  daß  in  solchen  Zeiten
eines  steigenden  Zinsfußes  vom  Auslande  her  Kapital  eingeführt
wird.  Denn  das  Kapital  pflegt  dorthin  zu  strömen,  wo  ihm  der
größte  Ertrag  winkt,  also,  gleiches  Risiko  vorausgesetzt,  aus  den
Gebieten  mit  niedrigerem,  in  die  Gebiete  mit  höherem  Zinsfüße.
Die  Erfahrung  zeigt  jedoch,  daß  dies  im  allgemeinen  nur  in  sehr
geringem  Umfange  der  Fall  ist;  in  größerem  Maße  wäre  dies  nur
dann  möglich,  wenn  in  den  einzelnen  Ländern  gleichzeitig  eine  verschiedene ­
  Konjunktur  herrschte.  Dann  kann  es  Vorkommen,  daß  aus
dem  Lande,  in  dem  eine  wirtschaftliche  Depression  herrscht,  in
größerem  Umfange  Mittel  nach  einem  Lande  fließen,  in  welchem  eine
wirtschaftliche  Hochkonjunktur  vorhanden,  wo  also  die  Rentabilität
der  Kapitalanlage  eine  größere  ist.  Wenn  sich  aber  der  Konjunkturwandel ­
  international  in  gleicher  Weise  vollzieht,  und  es  sind  sehr
starke  Tendenzen  nach  dieser  Richtung  hin  vorhanden,  dann  können
solche  Kapitalübertragungen  in  größerem  Umfange  nicht  Vorkommen.
Zusammenfassend  kann  man  also  sagen,  daß  auf  der  einen
Seite  es  die  Art  der  wirtschaftlichen  Konjunktur  ist,  welche  in  hohem
Maße  die  Entwicklung  auf  dem  Kapital-  und  Geldmärkte  bestimmt,
daß  aber  dann  auf  der  anderen  Seite  von  einem  .gewissen  Punkte  ab
der  weitere  Gang  der  wirtschaftlichen  Konjunktur  von  den  Verhältnissen ­
  auf  dem  Kapital-  und  Geldmärkte  abhängig  ist.  Die  geschichtliche ­
  Betrachtung  der  neueren  Konjunkturentwicklung,  vor  allem  auch
in  Deutschland,  zeigt,  daß  jeder  Konjunkturrückgang  in  der  neuerem
Zeit  seinen  Ausgangspunkt  von  den  Verhältnissen'  am  Geldmärkte  genommen ­
  hat  und  daß  deshalb  bei  der  Konjunkturprognose  den  Er ­
        <pb n="228" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunkturwandels.

225

scheinungen  und  Wandlungen  am  Geldmärkte  die  allerentschiedenste
Bedeutung  zukommt.
Der  Rückgang  der  wirtschaftlichen  Konjunktur  ist  also  auf  organischem ­
  Wege  zu  erklären,  d.  h.  er  entspringt  Ursachen,  die  im
Wesen  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  liegen.  Dabei  sei  es  an  dieser
Stelle  dahingestellt,  eine  Frage,  welche  später  noch  zu  besprechen
sein  wird,  ob  in  einer  ganz  anders  gearteten  Wirtschaftsordnung,  z.  B.
einer  solchen,  wie  sie  dem  Sozialismus  vorschwebt,  ein  gleichmäßigerer ­
  Ablauf  des  Wirtschaftslebens  möglich  wäre.
Wenn  es  also  in  diesem  Sinne  immerhin  recht  brauchbare  Mittel
und  Wege  gibt,  um  schon  in  einem  Zeitpunkte  das  Herannahen  eines
wirtschaftlichen  Rückganges  vorauszusagen,  wo  in  der  Industrie  noch
gar  nichts  davon  zu  spüren  ist,  so  hängt  dies  in  erster  Linie  damit
zusammen,  daß  dieser  Konjunkturrückgang  aus  den  Eigentümlichkeiten ­
  der  heutigen  Wirtschaftsordnung  heraus  zu  erklären  ist.
Ganz  anders  liegen  dagegen  die  Verhältnisse  in  dem  umgekehrten
Falle,  wenn  es  sich  um  den  Wiederaufstieg  des  Wirtschaftslebens ­
  aus  dem  Zustande  der  Depression  handelt.  Bei  der  Betrachtung ­
  dieser  Entwicklung  können  wir  uns  wesentlich  kürzer  fassen.
Einmal  besteht  hier  weder  vom  Standpunkte  des  einzelnen,  noch  von
demjenigen  der  Gesamtheit  aus  betrachtet,  das  gleiche  Bedürfnis
nach  einer  Prognose  wie  dort,  wo  es  mit  der  Konjunktur  bergab  geht.
Von  anderen  Gründen,  die  in  der  Natur  der  Sache  liegen,  abgesehen,
ist  dies  schon  deshalb  nicht  der  Fall,  weil  sich  ein  Wiederaufstieg
der  Konjunktur,  in  der  Regel  wenigstens,  viel  langsamer  zu  vollziehen
pflegt,  als  ein  Konjunkturrückgang.
Ganz  besonders  wichtig  aber  ist  auch  die  Tatsache,  daß  sich  bei
dem  Wiederaufstieg  der  Konjunktur  aus  dem  Zustand  der  Depression
niemals  mit  dem  gleichen  Grade  von  Wahrscheinlichkeit  eine  Prognose ­
  geben  läßt,  wie  in  dem  umgekehrten  Falle.
Bei  einem  gewissen  Zustande  des  Geldmarktes  ist  eben,  wie  wir
gesehen  haben,  eine  Weiterdauer  der  Hochkonjunktur  unmöglich,  hier
muß  sie  zum  Stillstand  kommen.  Es  ist  dagegen  umgekehrt  keineswegs ­
  gesagt,  daß,  wenn  im  Zustand  der  wirtschaftlichen  Depression
sich  die  Verhältnisse  auf  dem  Geldmärkte  günstiger  gestalten,  wenn
die  Noten-  und  Kreditbanken  liquider  werden  und  der  Zinsfuß  ebenfalls ­
  ein  niedrigerer  ist,  daß  es  dann  zu  einem  neuen  Aufschwung
kommen  muß.  Das  kann,  muß  aber  nicht  der  Fall  sein.  Man  kann
nnter  solchen  Verhältnissen  höchstens  sagen,  daß  die  Lage  auf  dem
Geldmärkte  eine  solche  ist,  daß  von  hier  aus  einem  neuen  Aufschwung ­
  keine  Hindernisse  entgegenstehen.  Ob  dann  ein  solcher
Aufschwung  auch  wirklich  einsetzt,  hängt  aber  dann  auch  noch  von
        <pb n="229" />
        226  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.
zahlreichen  anderen  Faktoren  ab,  vor  allem  auch  von  solchen,  die
von  außen  her  an  das  Wirtschaftsleben  herantreten,  welche  erst  den
Anstoß  zu  einem  Wiederaufstieg  geben  können.  Man  wird  deshalb
niemals  daran  denken  können,  in!  dem  gleichen  Sinne,  wie  für  eine
niedergehende  Konjunktur,  auch  für  deren  Wiederaufstieg  nach  bestimmten ­
  Symptomen  und  Merkmalen  zu  suchen.  Wohl  gibt  es
mancherlei  Anzeichen,  die  unter  bestimmten  Voraussetzungen  dafür
sprechen,  daß  der  Zustand  der  Depression  zu  Ende  geht.  Aber  zu
einer  Prognose  in  solch  zwingendem  Sinne,  wie  wir  solche  Symptome
bei  dem  Rückgänge  der  Konjunktur  kennengelernt  haben,  lassen  sich
diese  Anzeichen  nicht  verwenden.
Trotzdem  soll  an  dieser  Stelle  noch  kurz  auf  die  Faktoren  hingewiesen
  werden,  welche  geeignet  sind,  einen  neuen  wirtschaftlichen ­
  Aufschwung  einleiten  zu  helfen.
Wenn  man  sich  die  oben  dargelegten  Zusammenhänge  noch
einmal  vor  Augen  hält,  dann  erkennt  man,  warum  erfahrungsgemäß
nach  Ablauf  einer  Reihe  von  Jahren  unter  gewissen  Voraussetzungen
eine  Depression  ihrem  Ende  entgegengeht  und  die  wirtschaftliche
Konjunktur  sich  wieder  in  aufsteigender  Linie  zu  bewegen  beginnt.
Dieser  neue  Aufstieg  hängt  in  erster  Linie  damit  zusammen,
daß  während  der  Depression  sich  der  Produktionsapparat  der  Industrie ­
  nicht  weiter  ausdehnt,  daß  hier  die  Steigerung  ihrer
Leistungsfähigkeit  zum  Stillstand  kommt,  daß  dagegen  aus  Gründen,  die
wir  gleich  kennenlernen  werden,  die  Nachfrage  die  Tendenz  hat,
wieder  langsam  zuzunehmen,  um  sich  so  immer  mehr  der  Leistungsfähigkeit ­
  der  Industrie,  welche  ja  während  der  Depression  keineswegs ­
  voll  ausgenutzt  werden  konnte,  anzupassen.
Der  eine,  vielleicht  der  wichtigste  Faktor,  welcher  nach  dieser
Richtung  hin  wirksam  ist,  ist  die  Volkszunahme,  welche  ja
auch  in  den  Zeiten  der  Depression  andauert  und  dahin  tendiert,  eine
steigende  Nachfrage  auf  dem  Warenmärkte  auszuüben.  Betrachten
wir  die  Depressionsperioden  der  Jahre  1900—1903  und  1907—1909,
so  stieg  von  der  Mitte  des  Jahres  1900  bis  zur  Mitte  des  Jahres  1903
die  deutsche  Volkszahl  um  2,58  Millionen,  von  der  Mitte  des  Jahres
1907  bis  zur  Mitte  des  Jahres  1909  um  1,7  Millionen.  Es  bedarf
keiner  weiteren  Begründung,  warum  darin,  gleiche  Lebenshaltung
und  gleichbleibende  Kaufkraft  der  Bevölkerung  vorausgesetzt,  ein
Faktor  liegt,  welcher  stimulierend  auf  die  Nachfrage  einwirken  muß.
Auch  die  Entwicklung  desAußenhandels  kann  im  den  Zeiten
der  Depression  den  gleichen  Einfluß  auf  die  Nachfrage  ausüben.
Denn  auch  während  der  Depression  nimmt  vielfach  der  Umsatz  im
Welthandel,  Ausfuhr  und  Einfuhr  zusammen,  zu.  Das  kann  nicht
        <pb n="230" />
        4,  Die  Prognose  des  Konjunkturwandels.

227

nur  aus  den  oben  bereits  dargelegten  Gründen  geschehen,  daß  im
Zusammenhang  mit  der  Entwicklung  der  Preise  während  der  Depression ­
  in  einem  Lande  starke  Kräfte  am  Werke  sind,  die  Ausfuhr
zu  fördern,  auch  ganz  unabhängig  davon  kann  das  gleiche  eintreten.
Denn  es  ist  im  allgemeinen  mit  einer  Tendenz  im  Welthandel  zur
Gewinnung  neuer  und  zur  Erweiterung  alter  Absatzmärkte  zu  rechnen. ­
  Von  anderen  Gründen  abgesehen,  auf  welche  hier  einzugehen  zu
weit  führen  würde,  wird  schon  deshalb  eine  solche  Tendenz  vorhanden ­
  sein,  weil  ja  auch  in  dieser  Zeit  überall  mit  einer  Volkszunahme
  zu  rechnen  ist.  Die  folgende  Tabelle  gibt  ein  Bild  von
dieser  Entwicklung  des  Gesamtaußenhandels.

Es  betrug  der  Gesamtaußenhandel  der  wichtigeren  Länder  der  Erde
(Werte:  Summen  der  Ein-  und  Ausfuhr  in  Millionen  Mark).

Jahr

Jahr

Jahr

1899

86  991

1904

105  833

1909

132  515

1900

91  808

1905

113  982

1910

146  853

1901

92  957

1906

125.354

1911

154  335

1902

96  645

1907

133  944

1912

169  127

1903

102  761

1908

124345

Bei  der  Wirtschaftskrise  um  das  Jahr  1900  kann  man  die  eben
geschilderte  Tendenz  deutlich  beobachten,  während  sie  bei  dem  Konjunkturrückgang ­
  des  Jahres  1907  nicht  in  die  Erscheinung  getreten
ist.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  es  für  diesen  Zusammenhang  entscheidend ­
  ist,  ob  diese  rückläufige  Konjunktur  einen  internationalen
Charakter  trägt  oder  nicht.  Man  sieht,  daß  in  den  ersten  Jahren
nach  1900  mit  dem  Ausbruch  der  Krise  und  dem  Einsetzen  der  Depression, ­
  der  Gesamtbetrag  des  Außenhandels  zunächst  stagniert,  daß
aber  dann  noch  während  der  Dauer  der  Depression  eine  ganz  erhebliche ­
  Steigerung  eintrat.  Als  Depressionsjahre  sind  dabei  diejenigen ­
  für  Deutschland  gewählt,  wobei  jedoch  ausdrücklich  zu
bemerken  ist,  daß  diese  Konjunkturbewegung  damals  international
keine  gleichmäßige  gewesen  war.
Auch  bei  der  Warenausfuhr  aus  einzelnen  Ländern  kann  man
in  manchen  Jahren  die  gleiche  Beobachtung  machen.  So  betrug  die
deutsche  Ausfuhr  an  Fabrikaten  in  dem  Jahre  1899,  dem  letzten  Jahre
der  Hochkonjunktur,  dem  Werte  nach  2605  Millionen  Mark,  dagegen
in  den  beiden  darauffolgenden  Jahren  ini  der  Zeit  der  ausgesprochensten ­
  Depression  im  Durchschnitt  2945  Millionen  Mark,  um  dann
in  dem  Jahre  1903  auf  3423  Millionen  Mark  zu  steigen.  Anders  lagen
die  Verhältnisse  bei  dem  Konjunkturrückgänge  im  Jahre  1907.  Hier
        <pb n="231" />
        228  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

war  die  Ausfuhr  in  den  Jahren  1908—1909  wesentlich  geringer  als
im  Jahre  1907,  was  in  erster  Linie  mit  dem  internationalen  Charakter
dieser  Depressionsperiode  zusammenhing.  Anders  lagen  die  Verhältnisse ­
  wieder  in  dem  Jahre  1913,  das  eine  erhebliche  Zunahme  in
der  Ausfuhr  von  Fabrikaten  gegenüber  dem  Vorjahre  zeigt.  Diese  Steigerung ­
  in  der  Höhe  der  Ausfuhr  ist  also  keine  Erscheinung,  welche
in  der  Depression  mit  irgendwelcher  Regelmäßigkeit  eintritt.  Dafür
sind  die  Verhältnisse,  welche  darauf  einwirken,  viel  zu  verschiedenartige. ­

Wir  haben  oben  gesehen,  daß  auf  diese  Weise  die  Ausfuhr  in
den  Zeiten  der  Depression  durch  den  in  dieser  Zeit  erfolgenden  Preisrückgang ­
  eine  Steigerung  erfährt,  daß  dieser  Einfluß  aber  dann  ausbleiben
  muß,  wenn  der  Niedergang  der  Konjunktur  und  damit  der
Preisabbau  international  ist.  Aber  davon  ganz  abgesehen,  liegt  es
auf  der  Hand,  daß  jeder  Preisrückgang  als  solcher,  wie  er  ja  in  jeder
Depressionsperiode  auftritt,  die  Tendenz  in  sich  birgt,  allenthalben,
im  Inland  und  Ausland,  belebend  auf  die  Nachfrage  zu  wirken.
Inwieweit,  und  innerhalb  welcher  Zeit,  sich  dann  eine  solche  Tendenz
auch  wirklich  durchzusetzen  vermag,  das  hängt  dann  von  den  allerverschiedensten ­
  Faktoren  ab.  In  sehr  vielen  Fällen  wird  auch  dieser
Preisrückgang  nur  stark  genug  sein  können,  den  weiteren  Rückgang
in  der  Nachfrage,  welcher  in  den  Zeiten  der  Depression  mit  der
Abnahme  der  Gewinne,  dem  Rückgang  der  Löhne,  der  Zunahme  der
Arbeitslosigkeit,  eintritt,  mehr  oder  weniger  zu  kompensieren.  Immerhin ­
  wird  man  diesem  Preisrückgänge  also  nicht  nur  für  den  Außenhandel, ­
  sondern  auch  für  die  Entwicklung  auf  dem  inneren  Markte
eine  gewisse  Bedeutung  dafür  zuerkennen  müssen,  in  welchem  Umfange ­
  während  der  Depression  die  Nachfrage  auf  dein.  Gütermarkte
hinter  der  Leistungsfähigkeit  der  Industrie  zurückbleibt,  und  in
welchem  Umfange  damit  doch  ein  Faktor  ausgelöst  wird,  welcher
wenigstens  innerhalb  gewisser  Grenzen  neu  belebend  auf  die  Nachfrage ­
  einwirken  kann.
Es  sind  dann  ferner  auch  vor  allem  von  außen  kommende
Faktoren,  die  unter  Umständen  imstande  sind,  einen  neuen  Aufschwung ­
  im  Wirtschaftsleben  vorbereiten  zu  helfen  und  einzuleiten.
Hierher  gehören  erfahrungsgemäß,  wie  wir  schon  oben  gesehen  haben
(Tabelle  S.  47),  vor  allem  günstige  Ernten,  weil  mit  diesen  die  Kaufkraft ­
  der  ländlichen  Bevölkerung  steigt,  und  mit  dem  Steigen  dieser
Kaufkraft  auch  ein  belebender  Einfluß  auf  Handel  und  Industrie  ausgelöst ­
  wird.  In  welchem  Maße  das  der  Fall  ist,  hängt  in  hohem  Umfange ­
  davon  ab,  welche  Rolle  die  Landwirtschaft  noch  in  dem  betreffenden ­
  Lande  spielt.  Je  mehr  dieses  Land  zum  Industrie-  und
        <pb n="232" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjiuikturwandels.

229

Handelsstaat  fortgeschritten  ist,  um  so  geringer  wird  dieser  Einfluß
sein  können.  Für  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  hat  Glier
diesen  Zusammenhang  sehr  anschaulich  mit  den  folgenden  Worten
dargelegt:
„Schlägt  aber  die  Ernte  ein,  fällt  eine  bumper  crop  au,  hat  der
Farmer  Geld,  so  kauft  er  Stacheldraht,  landwirtschaftliche  Gerätschaften, ­
  ein  neues  buggy  usw.  Die  Drahtindustrie  und  die  Walzwerke ­
  für  Stabeisen  können  auf  Beschäftigung  rechnen.  Die  Bahnen
kaufen  gleichfalls;  sie  bestellen  Schienen,  Kleineisenzeug,  Bnickei&amp;gt;
material,  Waggons  usw.  Die  Schienenwalzwerke  bekommen  große  Aufträge, ­
  desgleichen  die  Pressed  Steel  Car  Company  und  ihre  Konkurrenz,
und  damit  auch  die  Hersteller  von  Stahlplatten  usw.  Ist  die  Baumwollernte ­
  gut,  so  geht  Bandeisen;  die  Steel  Hoop  Company  hat  die
Hände  voll  zu  tun.  Ist  die  Obst-  und  Gemüseernte  reichlich,  so  hat
die  American  Can  Company  ein  gutes  Jahr  und  damit  auch  die
American  Tin  Plate  Company 1 ).“
Dieser  Zusammenhang  zwischen  Ernteergebnissen  und  Konjunkturentwicklung ­
  wird  besonders  deutlich,  wenn  man  sich  den  Einfluß ­
  der  ersteren  auf  den  Ertrag  der  Eisenbahnen  vor  Augen  hält.
Das  geschieht  in  der  folgenden  Tabelle,  die  nach  den  Angaben  Gliers
zusammengestellt  ist.
Es  betrug  in  den  Vereinigten  Staaten:

die  Ernte  die  Bruttoeinnahmen  d.  Eisenbahnen

Jahre

an  Weizen,  Mais  und
Hafer  in  1000  Busheis

Jahre

pro  Meile  berechnet

1891

3  410  328

1891—92

2464  Dollar

1892

2  805  448

1892—93

2314  ..

1893

2  654483

1893—94

1964  .,

1894

2  335  074

1894-  95

1967  ..

1895

3  442  684

1.895-96

2072  ..

1896

3  414  905

1896-97

2016  .,

1897

3  131  885

1897-98

2325  ..

1898

3  330  239

1898-99

2435

Auch  eine  starke  Vermehrung  der  Goldproduktion  kann
unter  Umständen  nach  der  gleichen  Richtung  hin  wirksam  sein.
Jedenfalls  handelt  es  sich  aber  in  all  diesen  Fällen  um  Zusammenhänge, ­
  welche  von  außen  an  die  Wirtschaft  herantreten.  Daraus
ergibt  sich,  daß  auf  solchen  Grundlagen  irgendeine  Prognose  für  die
weitere  Entwicklung  der  Konjunktur  aus  der  Depression  heraus  ausgeschlossen ­
  ist.
U  „Zur  neuesten  Entwicklung  der  amerikanischen  Eisenindustrie.“
Schmollers  Jahrbuch,  28.  Jahrgang.  1904.
        <pb n="233" />
        230  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.
Etwas  anders  liegt  es  mit  den  Verhältnissen  auf  dem  Geldmärkte. ­
  Die  eine  Tatsache  haben  wir  oben  ja  bereits  kennengelernt, ­
  daß  der  Geldmarkt  in  den  Zeiten  der  Depression  sehr  flüssig
und  daß  dann  auch  der  Zinsfuß  ein  sehr  niedriger  ist.  Man  hat  nun
von  manchen  Seiten  schon  angenommen,  daß  sich  in  der  Periode  der
Depression  an  den  verschiedensten  Stellen  des  Wirtschaftslebens
große  Beträge  Anlage  suchenden  Kapitals,  vor  allem  in  der  Form  von
Geld,  ansammeln  und  daß  dann,  wenn  von  außenhalb,  wie  vor  allem
durch  gute  Ernten,  starke  Gewinnung  von  Edelmetallen!,  technische
Fortschritte  usw.,  eine  entsprechend  starke  Anregung  auf  das  Wirtschaftsleben ­
  erfolgt,  dieses  müßige  Kapital  der  Industrie,  wo  ihm
jetzt  wieder  eine  gute  Anlage  winkt,  zuströmt,  und  daß  auf  diese
Weise  ein  neuer  Konjunkturaufstieg  eingeleitet  werden  kann.
Ich  stimme  den  Ausführungen  Eßlens 1 )  darin  vollkommen  hei,
daß  sich  keinerlei  Anhaltspunkte  dafür  finden  lassen,  aus  welchen
man  auf  solch  größere  Kapitalansammlungen  in  den  Zeiten  der  Depression ­
  bei  den  Banken  oder  bei  Privaten  schließen  könnte,  daß
heute  nur  wenig  Kapital  in  Geldform  aufbewahrt  wird  und  daß  heute
im  allgemeinen.  Kapitalakkumulation  auch  Kapitalinvestierung  bedeutet. ­
  Man  wird  also  nicht  sagen  können,  daß  in  der  Depression
Anlage  suchendes  Kapital  in  größeren  Mengen  vorhanden  ist  oder  daß
neues  Kapital  in  erheblicherem  Umfange  gebildet  wird,  und  daß  in
dieser  Weise  in  der  Depression  Reserven  da  sind,  welche  die  Voraussetzung ­
  für  einen  neuen  Konjunkturaufschwung  abgeben.  Aber
trotzdem  liegen  in  den  Verhältnissen  des  Geldmarktes  während  der
Depression  zweifellos  Faktoren,  welche  geeignet  sind,  auf  eine  Steigerung ­
  der  Nachfrage  hinzuwirken  und  so  an  dem  Wiederaufbau  des
Wirtschaftslebens  mitzuarbeiten.
In  der  Depression  befindet  sich  das  Wirtschaftsleben,  vor  allem
die  Banken,  wie  wir  gesehen  haben,  in  dem  Zustande  einer  sehr  weitgehenden ­
  Liquidität.  In  solchen  Zeiten  kann  man  viel  leichter  in
der  Regel  von  den  Banken  Kredit  erhalten  als  während  der  Hausse,
wenn  die  Lage  auf  dem  Geldmärkte  eine  angespannte  ist.  Eine  solche
Kreditgewährung  kann  aber  die  Gewährung  und  Schaffung  von
neuer  und  zusätzlicher  Kaufkraft  bedeuten.  In  dem  Maße,  in  welchem
solches  der  Fall  ist,  hat  die  Kreditgewährung  die  Tendenz,  die  Nachfrage ­
  auf  dem  Gütermarkte  zu  steigern  und  damit  auch  die  Güterproduktion ­
  anzuregen 2 ).

U  A.  a.  0.  S.  243  ff.
e )  Vgl.  dazu  Hahn,  Volkswirtschaftliche  Theorie  des  Bankkredits
Tübingen  1921,  der  auf  diese  Seite  des  Kredits  mit  Recht  sehr  stark  abhebt, ­
  wenn  ihm  dabei  auch  mancherlei  Übertreibungen  mit  unterlaufen.
        <pb n="234" />
        4.  Die  Prognose  des  Konjunkturwandeis.

231

Wenn  aus  irgendwelchen  Gründen  in'  der  Volkswirtschaft  neue
Kredite,  welchen  keine  Warenproduktion  zugrunde  liegt,  gewährt
worden,  so  wird  damit  die  kaufkräftige  Nachfrage  auf  dem  Gütermarkte ­
  steigen.  Der  Kredit  ist  zwar  nicht  selbst  Kapital,  wie  man
mitunter  (Macleod)  schon  gemeint  hat.  Er  kann  aber  doch  auch
mehr  bedeuten,  als  daß  lediglich  Übertragungen  von  Kapital  stattfinden ­
  und  daß  auf  diesem  Wege  totes  Kapital  in  werbendes  umgewandelt ­
  wird.  Mittels  der  Gewährung  solchen  Kredits  wird  eben
neue,  wenn  auch  nur  künstliche  Kaufkraft  geschaffen.  Damit  müssen
die  Nachfrage  auf  dem  Gütermarkt  und  über  kurz  oder  lang  auch  die
Preise  zu  steigen  beginnen.  In  beiden  Fällen  handelt  es  sich  jedoch
um  Wandlungen,  welche  ihrerseits  leicht  imstande  sind,  anregend  auf
die  Gütererzeugung  und  damit  auf  das  ganze  Wirtschaftsleben  einzuwirken. ­

Während  der  Depression  sind  nun  unleugbare  Tendenzen  vorhanden, ­
  die  dahin  wirksam  sind,  entweder  unmittelbar  oder  über
dem  Umweg  des  Kredits  in  dem  eben  dargelegten  Sinne  belebend  auf
die  Gütererzeugung  einzuwirlcen.  Wovon  es  dann  abhängt,  ob  sich
diese  Tendenzen  auch  wirklich  durchzusetzen  vermögen,  werden  wir
später  sehen.  Zunächst  wollen  wir  diese  Kräfte  einmal  genauer
kennenlernen.
Hahn  hat  in  der  eben  genannten'  Schrift  mit  Nachdruck  bereits
darauf  abgehoben,  daß  die  in  der  Depression  eintretende  Zinsermäßigung ­
  schon  an  sich  geeignet  ist,  einen  belebenden  Einfluß
auf  die  Produktion  auszuüben.  Bedeutet  eine  solch©  Zinsermäßigung
doch  eine  nicht  unerhebliche  Minderung  der  Produktionskosten,  wodurch ­
  die  Rente  der  betreffenden  Betriebe  erhöht  und  für  den  Unternehmer ­
  ein  Anreiz  zur  Ausdehnung  der  Produktion  gegeben  wird.
Es  sei  auch  nochmals  an  die  oben  wiedergegebenen  Ansichten  Cassels
erinnert.  Wenn  wir  nun  daneben  die  Tatsache  halten,  daß  in  den
Zeiten  der  Depression  der  Geldmarkt  sehr  flüssig,  der  Status  der
Banken  ein  sehr  liquider  ist,  daß  die  Banken  ein  starkes  Anlagebedürfnis ­
  für  ihre  Mittel  haben,  so  ergibt  sich  daraus,  daß  hierin
gewisse  Voraussetzungen  zu  einer  erneuten  und  stärkeren  Kreditgewährung ­
  liegen.  Wie  eine  solche  dann  auf  die  Nachfrage  und  damit
auf  die  Produktion  einwirkt,  ist  eben  dargelegt  worden.  In  diesem
Sinne  wird  man  sagen  können,  daß  in  den  Zeiten  der  Depression  in
dem  Zustand  des  Geldmarktes  gewisse  Kräfte  vorhanden  sind,  einen
erneuten  Aufstieg  der  Konjunktur  einzuleiten.
Es  ist  eben  bereits  gesagt  worden,  daß  es  dann  eine  andere  Frage
ist,  ob  diese  Tendenzen  auch  stark  genug  sind,  um  dann'  tatsächlich
auch  nach  der  genannten  Richtung  bin 1  wirksam  zu  sein.  Ob  dies
        <pb n="235" />
        232  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

der  Fall  ist,  hängt  von  den  mannigfachsten  Faktoren  ab,  von  denen
zum  Teil  schon  die  Rede  gewesen  ist.  Ina  allgemeinen  wird  man
sagen  können,  daß  sich  solche  Tendenzen  nur  dann  durchzusetzen
vermögen,  wenn  die  allgemeine  wirtschaftliche  Lage  des  betreffenden
Landes  eine  solche  ist,  daß  aus  ihr  heraus  ebensolche  Kräfte  am
Werke  sind,  die  dann  mit  diesen  Tendenzen  am  Geldmärkte  Hand  in
Hand  gehen.  Hierher  gehören  einmal  die  oben  dargelegten  äußeren
Momente,  wie  technische  Fortschritte,  gute  Ernten,  steigende  Volkszahl ­
  usw.  Es  gehört  ferner  auch  hierher,  daß  keine  Tendenzen  vorhanden ­
  sind,  welche  ungünstig  auf  die  Lebenshaltung  und  damit
auf  die  Kaufkraft  der  Bevölkerung  einwirken.  Wo  dagegen  solche
äußeren  Faktoren  fehlen,  wo  vor  allem  das  Volkswachstum  stockt,
wo  die  Lebenshaltung  zurückgeht,  werden  auch  solche  Tendenzen
am  Geldmärkte  sich  nicht  durchzusetzen  vermögen.  Es  handelt  sich
hier  um  Zusammenhänge,  die  gerade  unter  dem  Gesichtspunkte
unserer  weiteren  wirtschaftlichen  Entwicklung  in  Deutschland  zu
beachten  sein  werden.
5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.
Wir  haben  eingangs  gesehen,  wo  von  dem  Gleichgewicht  zwischen
Produktion  und  Konsumtion  als  idealem  Zustande  der  Volkswirtschaft
die  Rede  war,  daß,  wenn  man  von  den  Tatsachen  ausgeht,  der
normale  Zustand  des  Wirtschaftslebens  im  Sinne  des  Durchschnittlichen ­
  und  Regelmäßigen  weder  der  Zustand  der  Hochkonjunktur,
noch  derjenige  der  Depression  ist,  sondern  der  dauernde  Wechsel
zwischen  beiden,  dieses  Auf  und  Ab  im  Wirtschaftsleben,  das  sich
dem  Auge  als  Wellenbewegung  darstellt.  Es  ist  das  derjenige  Zustand,
den  man,  vom  Standpunkt  der  früher  immer  wiederkehrenden  großen
wirtschaftlichen  Erschütterungen  ausgehend,  als  die  Periodizität  der
Wirtschaftskrisen  bezeichnet  hat.
Es  kann  jedoch  ein  großer  Unterschied  bestehen  zwischen  einer
solchen  Periodizität  der  Wirtschaftskrisen  und  einer  solchen  Wellenbewegung ­
  im  Wirtschaftsleben.  Dieser  Unterschied  ist  zunächst  ein
rein  quantitativer,  wenngleich  auch  hierbei,  um  mit  Hegel  zu  reden,
die  Quantität  in  die  Qualität  Umschlägen  kann.  Wohl  ist  beide  Male,
ob  man  nun  von  einer  Periodizität  der  Wirtschaftskrisen  oder  von
einer  einfachen  Wellenbewegung  der  Konjunktur  spricht,  ein  dauerndes ­
  Auf  und  Ab  im  Wirtschaftsleben  gemeint.  Diese  Kurve  der
Wellenbewegung  kann  -jedoch  eine  sehr  verschiedene  Form  zeigen.
Das  eine  Mal  kann  das  Wesentliche  derselben  in  einem  jähen  und
steilen  Auf-  und  Abstieg  liegen,  das  andere  Mal  kann  die  Wellenbewegung ­
  so  flache  Formen  annehmen,  daß  man  wohl  von  einem
        <pb n="236" />
        5.  Die  Beeinflussuüg  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  233

Rückgang  oder  einem  Abflauen  der  Konjunktur  sprechen  kann,  aber
nicht  mehr  von  Wirtschaftskrisen  in  dem  früher  üblichen  Sinne  mit
all  ihren  großen  wirtschaftlichen  und  sozialen  Schäden.  Schon  in
dieser  Wandlung  der  Konjunkturschwankungen,  welche  wir  in  diesem
Sinne  in  dem  letzten  Jahrzehnt  vor  dem  Kriege  beobachten  konnten,
liegt  ein  großer  Fortschritt.  Denn  damit  kam  eine  größere  Gleichmäßigkeit ­
  in  das  Wirtschaftsleben,  die  Höhe-  und  die  Tiefpunkte
desselben  wurden  einander  angenähert.  Je  größer  die  Stetigkeit  in
diesem  Sinne  ist,  je  näher  die  höchsten  und  die  tiefsten  Punkte  der
Konjunkturkurve  aneinander  liegen,  um  so  günstiger  ist  dieser  Zustand ­
  für  alle  Teile  der  Volkswirtschaft.  Damit  soll  natürlich  nur
die  Stetigkeit  und  Gleichmäßigkeit  im  Hinblick  auf  dieses  Auf  und
Ab  im  Wirtschaftsleben  gemeint  sein.  Ich  möchte  nicht  der  Auffassung ­
  derer  beitreten,  welche,  wie  es  schon  geschehen  ist,  die
Depression  als  den  eigentlich  wünschenswerten,  d.  h.  dann  in  diesem
Sinne  normalen  Zustand  des  Wirtschaftslebens  bezeichnet  haben.
Freilich  würde  dann  auch  hier  ein  ruhiger,  gleichmäßiger  Zustand
herrschen,  wenn  die  Depression  nicht  durch  ein  Aufsteigen  der  Konjunktur ­
  unterbrochen  würde,  aber  es  wäre  doch  die  Ruhe  des  Friedhofes, ­
  bei  der  nie  die  reichen  wirtschaftlichen  und  technischen
Kräfte  eines  Volkes  zur  vollen  Entfaltung  kommen  könnten.
Der  wünschenswerte,  ideale  Zustand  scheint  mir  derjenige  eines
möglichst  gleichmäßigen,  ruhigen  Ablaufs  der  Konjunktur  zu  sein,
ein  Zustand,  welcher  jedoch  dabei  keineswegs  die  Züge  einer  Depression ­
  zu  tragen  braucht.  Damit  soll  nicht  gesagt  sein,  daß  nicht  auch
eine  ausgesprochene  Depressionsperiode  ihre  für  die  wirtschaftliche
Entwicklung  günstigen  Seiten  haben  kann.  Man  hat  schon  häufig
genug  darauf  hingewiesen,  daß  Verbesserungen  in  der  Produktion  vornehmlich ­
  in  den  Zeiten  sinkender  Unternehmergewinne  gemacht
werden.  In  solchen  Zeiten  hat  der  Unternehmer  eben  ein  ganz  besonderes ­
  Interesse  daran,  sich  um  die  Vervollkommnung  der  Produktionsmethoden ­
  zu  kümmern.  Schon  im  Jahre  1854  hat  ein  englischer
Fabrikinspektor  A.  Redgrave  in  seinem  Berichte  darüber  das  folgende
gesagt:  „Wenn  der  Handel  gut  geht  und  alle  Waren  Käufer  finden,
dann  kümmert  sich  niemand  um  Vervollkommnungen  und  die  Erfindung ­
  neuer  Produktionsmethoden;  aber  wenn  der  Handel  aus  irgendwelchen ­
  Gründen,  welche  durch  Anstrengungen  des  Geistes  und  irgendwelche ­
  Energie  beseitigt  werden  können,  in  Stockung  gerät,  dann
finden  Vervollkommungen  der  Produktion  statt.“
Wenn  wir  nun  zur  Betrachtung  der  Konjunkturpolitik  in  dem
zweiten,  ober  dargelegten  Sinne  übergehen,  indem  wir  darunter
die  Maßnahmen  verstehen,  die  geeignet  sind,  bewußt  und  plan ­
        <pb n="237" />
        234  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

mäßig  den  Gang  der  Konjunktur  zu  beeinflussen,  so  kann  es  sich  also
dabei  nur  um  die  Aufgabe  handeln,  diese  Wellenbewegung  möglichst
abzuflachen,  dieses  Auf  und  Ab  im  Wirtschaftsleben  zu  mildern  und
als  unerreichbares  Ideal  muß  vorschweben,  diese  Schwankungen  ganz
zu  beseitigen,  d.  h.  auf  einer  mittleren  Linie  das  ersehnte  Gleichgewicht ­
  zwischen  Produktion  und  Konsumtion  als  dauernden  Zustand
herbeizuführen.  Eine  solche  Abflachung  der  Konjunkturkurve  würde
wohl  eine  Annäherung  der  Zustände  der  Hochkonjunktur  und  Depression ­
  aneinander  zur  Folge  haben,  brauchte  aber  natürlich  keineswegs ­
  dahin  zu  führen,  daß  der  Zustand  der  Depression  ein  dauernder
wäre.  In  diesem  Sinne  können  Einwirkungen  sowohl  auf  die  Hochkonjunktur ­
  wie  auf  die  Depression  erfolgen.  Auf  jene  in  dem  Sinne,
daß  die  Kurve  der  Hochkonjunktur  nicht  zu  hoch  und  steil  ansteigt,
auf  diese  in  dem  Sinne,  daß  der  Absturz  kein  zu  tiefer  ist.  Dabei
hängt  beides  natürlich  auf  das  allerengste  zusammen,  da  erfahrungsgemäß ­
  die  Stärke  und  der  Umfang  des  Konjunkturrückganges  in
hohem  Maße  davon  bestimmt  werden,  welchen  Verlauf  das  Wirtschaftsleben ­
  während  der  Hochkonjunktur,  vor  allem  während  der
ausgesprochenen  Hausse,  genommen  hat.
Wie  wir  oben  gesehen  haben,  sind  diese  Krisen  und  Konjunkturschwankungen ­
  erst  eine  Erscheinung  der  Neuzeit,  und  hängen  auf
das  engste  mit  den  Grundlagen  der  herrschenden  Produktionsweise
zusammen.  Es  ist  dies  der  Punkt,  an  welchem  auch  von  seiten  des
Sozialismus  die  schärfste  Kritik  der  herrschenden  Wirtschaftsordnung ­
  eingesetzt  hat.  In  dem  Erfurter  Programm  der  sozialdemokratischen ­
  Partei  Deutschlands  heißt  es:  „Der  Abgrund  zwischen
Besitzenden  und  Besitzlosen  wird  noch  erweitert  durch  die  im  Wesender ­
  kapitalistischen  Produktionsweise  begründeten  Krisen,  die  immer
umfangreicher  und  verheerender  werden,  die  allgemeine  Unsicherheit
zum  Normalzustand  der  Gesellschaft  erheben  und  den  Beweis  liefern,
daß  die.  Produktivkräfte  der  heutigen  Gesellschaft  über  den  Kopf  gewachsen ­
  sind,  daß  das  Privateigentum  an  Produktionsmitteln  unvereinbar ­
  geworden  ist  mit  deren  zweckentsprechenden  Anwendung  und
voller  Entwicklung.“
Sehen  wir  davon  ab,  daß  dieser  Satz  insoweit  den  Tatsachen
nicht  entspricht,  als  die  Krisen  nicht  immer  umfangreicher  und  verheerender ­
  geworden  sind,  daß  vielmehr  das  Gegenteil  der  Fall  ist,
so  ist  es  doch  zutreffend,  daß  diese  Störungen  auf  das  engste  mit
der  herrschenden  Produktionsweise,  dem  Charakter  der  modernen
Volkswirtschaft  als  Verkehrswirtschaft,  Zusammenhängen.  Mit  der
Entwicklung  der  Produktion  für  den  Verkauf,  mit  der  Tatsache,  daß
immer  mehr  für  den  Markt  produziert  wurde,  mit  dem  Rückgang  der
        <pb n="238" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  235

Produktion  für  den  Eigenbedarf  und  auf  feste  Bestellung  (Kundenproduktion), ­
  mit  der  steten  Ausweitung  der  Märkte,  mit  der  Entwicklung ­
  vom  lokalen  Absatzmärkte  zum  Weltmärkte,  mit  der  Tatsache, ­
  daß  immer  mehr  das  Gewinnstreben  und  die  Konkurrenz  und
das  Verwertungsbedürfnis  des  Kapitales  für  den  Umfang  und  die  Art
der  Produktion  maßgebend  geworden  sind,  mußten  die  Größe  und
die  Art  der  Nachfrage  und  damit  die  ganzen  Markt-  und  Absatzverbältnisse
  immer  unübersichtlicher  werden,  und  damit  mußten
solche  Störungen  in  dem  Gleichgewichtszustand  zwischen  Produktion
and  Konsumtion  eintreten.  Auch  die  bereits  erwähnte  Tatsache,  daß
heute  der  sog.  reproduktive  Verbrauch,  der  in  seinem  Ausmaße  sehr
großen  Schwankungen  unterliegt,  eine  so  große  Rolle  spielt,  muß  für
den  Unternehmer  die  Abschätzung  der  Marktverhältnisse  stark  erschweren ­
  und  damit  in  der  Richtung  einer  Störung  des  Gleichgewichts
von  Produktion  und  Konsumtion  hin  wirksam  sein.
Als  nun  in  den  achtziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  Kartelle ­
  in  größerem  Umfange  aufkamen,  d.  h.  Verbände  selbständiger
Unternehmer  mit  dem  Zwecke,  monopolistisch  den  Markt  zu  beherrschen, ­
  da  hat  man  vielfach  geglaubt,  daß  damit  für  die  Produzenten ­
  ein  Weg  gefunden  sei,  eine  bessere  Übersicht  als  zuvor  über
den  Markt  zu  gewinnen,  die  Produktion  in  vollkommenerer  Weise  als
bis  dahin  dem  Bedarf  anpassenzu  können  und  somit  dazu  beizutragen,
diese  wirtschaftlichen  Störungen  zu  beseitigen  oder  doch  wenigstens
zu  mildem.  So  hat  Brentano  damals  gesagt:  „Die  Kartelle  sind
Vereinigungen  von  Produzenten,  um  durch  planmäßige  Anpassung
der  Produktion  an  den  Bedarf  einer  Überproduktion  und  den  sie  begleitenden ­
  verhängnisvollen  Folgen:  Preissturz,  Bankerotte,  Kapitalentwertung, ­
  Arbeiterentlassung  und  Brotlosigkeit  vorzubeugen 1 ).“
■Ähnliche  Anschauungen  hat  dann  am  Ende  der  neunziger  Jahre
Eduard  Bernstein  vertreten:  „Soweit  es  aber  Mittel  treibhausmäßiger ­
  Förderung  der  Überproduktion  ist,  tritt  dieser  Aufblähung
der  Produktion  heute  in  den  verschiedenen  Ländern  und  hier  und
da  sogar'  international,  immer  häufiger  der  Unternehmerverband ­
  entgegen,  der  als  Kartell,  Syndikat  oder  Trust  die  Produktion ­
  zu  regulieren  sucht.  Ohne  mich  in  Prophezeihungen  über
seine  schließliche  Lebens-  und  Leistungskraft  einzulassen 1 ,  habe  ich
seine  Fähigkeit  anerkannt,  auf  das  Verhältnis  der  Produktionstätigkeit ­
  zur  Marktlage  soweit  einzuwirken,  daß  die  Krisengefahr  vermindert ­
  wird 2 ).“  Auch  bei  den  Untersuchungen  und  Verhandlungen
1 )  Über  die  Ursachen  der  heutigen  sozialen  Not.  Leipzig  1889.  S.  23.
*)  D‘ e  Voraussetzungen  des  Sozialismus  und  die  Aufgaben  der  Sozialdemokratie. ­
  Stuttgart  1904.  S.  76.
        <pb n="239" />
        236  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

des  Vereins  für  Sozialpolitik  über  die  Kartelle  sind  zum  Teil  ähnliche
Äußerungen  laut  geworden 1 ).
In  den  darauffolgenden  Jahren  sind  dann  demgegenüber  vor
allem  unter  dem  Einfluß  der  Krise  des  Jahres  1900  zahlreiche
Stimmen  laut  geworden,  welche  eine  weniger  günstige  Ansicht  von
dem  Einfluß  der  Kartelle  auf  die  Konjunkturentwicklung  vertraten.
Sie  seien  nicht  imstande  gewesen,  in  genügendem  Maße  die  Produktion ­
  dem  Bedarfe  anzupassen  und  den  erforderlichem  mäßigenden
Einfluß  auf  die  Preise  auszuüben.
Es  waren  damals  einige  Kartelle  gewesen,  unter  ihnen  in  erster
Linie  das  llohcisensyndikat,  welche  in  der  Hochkonjunktur  mit  ihren
Abnehmern  langfristige  Lieferungsverträge  zu  sehr  hohen  Preisen  abgeschlossen ­
  hatten.  Als  dann  mit  dem  Eintritt  der  Krise  Nachfrage
und  Preise  sehr  stark  zurückgingen,  zwangen  die  Kartelle  ihre  Abnehmer, ­
  diese  Verträge  zu  erfüllen,  d.  h.  diese  großen  Rohstoff  -
inengen  zu  den  hohen  Preisen  noch  weiter  abzunehmen,  ein  Verfahren, ­
  das  damals  für  diese  Abnehmer  mit  sehr  großen  Opfern  verbunden ­
  war  und  damit  für  das  ganze  Wirtschaftsleben  recht  ernste
Folgen  gehabt  hat *  2  3  *  * ).
Von  anderen  Seiten,  vor  allem  aus  den  Kreisern  der  Kartelle,  hat
man  zwar  gewisse,  damals  gemachte  Fehler  zugegeben,  aber  doch
daran  feslgehalten,  daß  die  Kartelle  in  der  Hochkonjunktur  einen
mäßigenden  Einfluß  ausgeübt  hätten.  Wenn  dieser  Einfluß  nicht
stark  genug  gewesen  sei,  um  gewisse  Ausschreitungen  in  der  Hochkonjunktur ­
  und  dann  deren  Zusammenbruch  zu  verhüten,  so  seien
daran  in  der  Hauptsache  Faktoren  schuld,  die  außerhalb  des  Machtbereiches ­
  der  Kartelle  gelegen  hätten 8 ).
Sei  dem,  wie  ihm  wolle,  so  steht  doch  jedenfalls  fest,  daß  aus
dieser  großen  Wirtschaftskrise  Industrie  und  Kartelle  vielerlei  gelernt
haben  und  daß  in  der  Folgezeit  manche  Fehler  vermieden  worden!
sind,  welche  man  damals  gemacht  hat.  Vor  allem  wurden  die
Lieferungsverträge  nicht  mehr  auf  so  lange  Termine  abgeschlossen,
wie  es  früher  der  Fall  gewesen  war.  „Zu  einem  bestimmten  Zeitpunkt ­
  beschließt  das  Syndikat  den  Verkauf,  gleichviel,  ob  er  durch

H  Band  CO,  Über  Wirtschaft].  Kartelle  in  Deutschland  lind  im  Auslände.
Leipzig  1894.  Bd.  61,  Verhandlungen  in  Wien  über  die  Kartelle  und  das  ländliche ­
  Erbrecht.  Leipzig  1895.
-)  Im  übrigen  gehen  die  Anschauungen  über  die  Berechtigung  dieses
Vorgehens  der  Kartelle  auseinander.  Vgl.  dazu  Bonikowski,  Der  Einfluß
der  industriellen  Kartelle  auf  den  Handel  in  Deutschland.  S.  94  ff.  Jena  1907.
3 )  Vgl.  dazu  vor  allem  den  Bericht  über  das  Kartollwesen  in  der  inländischen ­
  Eisenindustrie  in:  Kontradiktorische  Verhandlungen  über  deutsche
Kartelle.  Berlin  1904.  3.  Bd.  Eisen  und  Stahl.  1.  Teil.  S.  1  ff.
        <pb n="240" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  237

einzelne  Mitglieder  oder  durch  das  Syndikat  selbst  vorgenommen
wird,  für  das  nächste  Quartal  oder  Semester  freizugeben,  und  zwar
pflegt  es  diese  Freigabe  nicht  eher  vorzunehmen,  als  bis  es  die
Marktlage  der  nächsten  Zeit  einigermaßen  übersehen  zu  können
glaubt.  Die  Abnehmer  sind  also  nicht  mehr  genötigt,  sich  auf  zu
lange  Zeit  bei  zu  hohen  Preisen  und  mit  zu  großen  Quanten  zu
binden,  die  Syndikate  können  Preise  und  Produktion  einer  aufsteigenden
  oder  absteigenden  Konjunktur  besser  anpassen 1 ).
Seitdem  hat  auch  nach  manchen  anderen  Richtungen  hin  die
Organisation  der  Kartelle  mancherlei  Fortschritte  gemacht  und  eine
erhebliche  Ausdehnung  auf  vielen  Gebieten  des  Wirtschaftslebens
erfahren.  Es  sei  nur  an  die  Errichtung  des  Stahlwerksverbandes  erinnert. ­
  Es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  im  Zusammenhang
mit  diesen  Wandlungen  viele  Verbände,  besonders  diejenigen  der
Kohlen-  und  Eisenindustrie,  damit  eine  viel  bessere  Übersicht  über
den  Markt  erhielten  und  ihn  viel  besser  beherrschen  konnten,  als  es
um  die  Jahrhundertwende  der  Fall  gewesen  ist.  Schon  im  Jahre  1906
schrieb  Dr.  V  o  e  lk  er,  der  frühere  Direktor  des  Stahlwerksverbandes,
von  diesem:  „Das  Hauptbestreben  des  Verbandes  ist  offensichtlich
darauf  gerichtet,  sich  ein  genaues  Bild  von  den  tatsächlichen  Marktverhältnissen ­
  zu  verschaffen.  Man  kann  ohne  Übertreibung  behaupten, ­
  daß  keine  Tonne  Stahl  das  Weichbild  der  Werke  verläßt,
ohne  daß  die  Verkaufsstelle  des  Stahlwerksverbandes  weiß,  was  mit
dieser  Tonne  angefangen  wird.  Die  Beziehungen  zwischen  den
Werken  und  ihrer  Kundschaft  sind  eben  wesentlich  enger  geworden,
auch  haben  wiederholt  gemeinsame  Erörterungen  zwischen  Produzenten ­
  und  Konsumenten  über  die  Marktlage  stattgefunden *  2 ).
Dazu  ist  noch  hervorzuheben,  wovon  oben  schon  die  Rede  gewesen ­
  ist,  daß  bei  der  Hochkonjunktur  am  Ausgange  des  19.  Jahrhunderts ­
  bei  der  Steigerung  der  Rohstoffpreise,  Spekulationskäufe
großer  Handelsfirmen  eine  wesentliche  Rolle  gespielt  haben,  und
daß  es  damals  vielfach  der  Handel  und  nicht  die  Kartelle  gewesen
sind,  welche  die  Hochkonjunktur  skrupellos  ausnutzten  und  von
den  Verbrauchern  übertrieben  hohe  Preise  verlangt  haben.  Das  hat
damals  von  seiten  des  Handels  zum  Teil  einen  solchen  Umfang  angenommen, ­
  daß  sich  in  dieser  Zeit  die  Verbraucher  unmittelbar  an
das  Kohlensyndikat  gewandt  haben  mit  dem  Ersuchen,  an  einen
weiteren  Kreis  von  Verbrauchern  als  es  bis  dahin  der  Fall  war,  direkt
')  Nach  Pinner,  „Krisentheorie“.  DieBank.  Jahrg.  1913.  l.Bd.  S.  325.
2 )  „Die  gegenwärtige  Wirtschaft!.  Lage  u.  ihre  voraussichtliche  Dauer.“
Deutsche  Wirtschaftszeitung.  2.  Jahrg.  1906.  S.  1070/71.
Mombert,  Studium  der  Konjunktur.

16
        <pb n="241" />
        238  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

zu  liefern,  um  auf  diese  Weise  zur  Ausschaltung  des  Handels  beizutragen, ­
  einem  Ersuchen,  dem  auch  damals  stattgegeben  worden  ist 1 ).
Welche  Rolle  Handel  und  Spekulation  bei  dieser  Unübersichtlichkeit ­
  des  Marktes  spielen  können,  hören  wir  auch  aus  anderen
Erwerbszweigen.  So  wird  uns  aus  der  Seidenweberei  berichtet:
„Dadurch  entwickeln  sich  hier  die  Verhältnisse  so,  daß  das  Streben
der  Fabrik,  in  der  stillen  Saison  die  Händler  zu  Vorratskäufen  zu
bestimmen,  Vorausbestellungen  des  Handels  veranlaßt,  die  deshalb
hier  so  gefährlich  sind,  weil  der  Händler  überhaupt  nicht  sicher
weiß,  ob  er  die  betreffenden  Waren  zu  irgend  einem  Preise  absetzen
können  wird.  Auf  der  anderen  Seite  wird  die  Fabrik,  wenn  bei
geringem  faktischen  Bedarf  eine  lebhafte  spekulative  Kaufbewegung
eintritt,  sehr  leicht  ein  falsches  Bild  über  die  wirklichen  Nachfrageverhältnisse ­
  gewinnen,  da  sie  die  Spekulationskäufe  nicht
immer  vom  Bedarfskauf  unterscheiden  kann  und  wird  zur  Überproduktion ­
  verleitet.  —  Also  mit  anderen  Worten:  die  Händler
bestellen  leicht  zu  viel  auf  Spekulation,  die  Fabrikanten  andererseits
gewinnen  durch  die  relativ  lebhafte  Nachfrage  in  der  stillen  Saison
die  Hoffnung  auf  einen  glänzenden  Verlauf  der  Hauptgeschäftszeit.
Sie  dehnen  daraufhin  ihre  Produktion  aus  und  arbeiten  womöglich
noch  auf  Lager,  um  in  gleicher  Weise,  wie  die  Händler,  in  der  Saison
Spekulationsgewinne  zu  machen.  Der  Effekt  ist:  Überproduktion
und  Produktion,  ohne  Kontakt  mit  dem  Konsum.  So  tritt  man  fast
stets  mit  zu  großen  Vorräten  in  die  Saison  und  erfüllt  dann  die
Nachfrage  -die  Erwartungen  nicht,  so  sind  große  Vorräte  entwertet.
An  die  Stelle  der  erhofften  Gewinne  treten  allseitige  Verluste  und
Stockung  von  Absatz  und  Produktion 3 ).“
Wo  deshalb  Kartelle,  wie  dies  auch  in  der  Seidenwebereiindustrie
der  Fall  war,  solche  „spekulativen“  Händlerkäufe  einschränken,  werden ­
  die  wirklichen  Marktverhältnisse  für  den  Produzenten  übersichtlicher. ­
  Wo  die  Händlerspekulation  einen  zu  großen  Umfang  annimmt,
da  hat  sie,  um  mit  Beckerath  zu  reden,  lediglich  die  Tendenz,  an
die  Stelle  des  natürlichen  Wechsels  von  stiller  Saison  und  Geschäftssaison ­
  die  verlustbringenden  Wechsel  von  Überproduktion  und  Absatzkrisis ­
  zu  setzen,  weshalb  ihre  Einschränkung  durch  die  Kartelle  von
besonderem  Wert  ist.
Wenn  man  diesen  Einfluß  des  Handels  und  der  Spekulation,
welche  beide,  richtig  angewandt,  volkswirtschaftlich  sehr  wichtige
und  nützliche  Funktionen  erfüllen  können,  damals  auf  die  Preisbildung  1  2

1 )  Vgl.  dazu  Bonikowsky,  a.  a.  0.
2 )  Beckerath,  Die  Kartelle.  A.  a.  0.  S.  171.
        <pb n="242" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  239

und  damit  auf  den  Aufschwung  in  der  Hochkonjunktur  ins  Auge  faßt,
so  wird  man  immerhin  dazu  kommen,  der  seitdem  eingetretenen
umfassenderen  Organisation  und  Ausgestaltung  der  Kartelle,  vor
allem  den  Verbrauchern  gegenüber,  einen  beruhigenden  Einfluß  auf
die  Wellenbewegung  der  Konjunktur  zuzuerkennen.  Man  wird
auch  leicht  einsehen,  daß  ein  festgefügtes  Syndikat  weit  besser  in
der  Lage  ist,  einen  Überblick  über  die  Marktlage  und  über  ihre
weiteren  Aussichten  zu  gewinnen,  als  eine  große  Zahl  von  Unternehmern, ­
  zwischen  denen  keinerlei  fest  organisierte  Beziehungen
bestehen.
Das  Wachstum  und  die  Ausdehnung  der  Kartelle  hat  den  Handel
und  damit  auch  die  Spekulation  erheblich  eingeengt.  Ist  es  doch
bekannt,  daß  auch  gerade  von  den  großen  Syndikaten  der  Weitervertrieb ­
  ihrer  Erzeugnisse  durch  den  Handel  auf  das  straffste  organisiert ­
  ist,  daß  der  Weiter  vertrieb  bei  manchen  Kartellen  durch
Händlerorganisationen  erfolgt,  welche  mit  den  Kartellen  dauernd  in
engster  Beziehung  stehen  und  daß  diese  Händlerorganisationen  vielfach ­
  nur  ganz  bestimmte  Rabatte  auf  ihre  Bezüge  genießen,  ein
Verfahren,  das  jedenfalls  die  Übersicht  über  die  Marktlage  gegenüber
den  früheren  Verhältnissen  wesentlich  erleichtert  und  den  Kartellen
einen  wesentlich  stärkeren  Einfluß  auf  die  Preisbildung  einräumt.
Es  kommt  nur  darauf  an,  daß  die  Kartelle  selbst  im  Hinblick  auf  die
Preisstellung  einen  mäßigenden  Einfluß  ausüben,  und  sich  selbst
keine  Ausschreitungen  zuschulden  kommen  lassen.
Im  einzelnen  sind  diese  Verhältnisse  bei  den  verschiedenen
Kartellen  sehr  wenig  gleichartig  gestaltet 1 ).  Am  straffsten  ist  die
Regelung  dorten,  wo  auch  für  den  Händler  die  Verkaufspreise  festgesetzt ­
  sind  und  wo  nur  eine  beschränkte  Anzahl  von  Händlern  zum
Vertrieb  der  Kartellprodukte  zugelassen  ist.  Das  ist  z.  B.  beim
Kohlensyndikat  und  beim  Stahlwerksverband  der  Fall.
Freilich  ist  der  Einfluß  der  Kartelle  auf  die  Schwankungen  der
Konjunktur  und  auf  das  Ausmaß  dieser  Schwankungen  nicht  nur
eine  Sache  des  Wollens,  sondern  auch  eine  Sache  des  Könnens.
Wie  ein  guter  Kenner  des  Kartellwesens  diese  Tatsache  ausgedrückt
hat:  „Wie  schon  gesagt,  gelingt  es  nur  selten,  das  Bedürfnis  der
Industrie  nach  stabilen  Wirtschaftsgrundlagen,  nach  Abmilderung
der  Konjunkturrisiken  und  die  Forderung  maßvoller  Preis-  und

U  Vgl.  dazu  Bonikowsky,  a.  a.  0.  und  ferner  Lief  mann,  Kartelle
und  Trusts.  4.  Aufl.  Stuttgart  1920.  S.  124  ff.  Vgl.  zu  dieser  Frage  des
Zusammenhanges  von  Kartellen  und  Krisen  ferner:  Tschiersky,  Konjunktur ­
  und  Kartelle.  Kartellrundschau  1920.  —  Neurath,  Die  Wirtschafte
krise  und  das  Kartellwesen.  Gemeinverst.  Vorträge  1902.  —  J.  Überproduktion ­
  und  Kartelle.  Neue  Zeit.  26.  Jahrg.,  1.  Bd.
        <pb n="243" />
        240  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Gewinnbildung  dadurch  zu  erfüllen,  daß  der  Verband  eine  Preispolitik ­
  treibt,  welche  bei  steigenden  und  hoch  gestiegenen  Rohstoffpreisen
  nicht  mit  dem  Tagespreis  für  Rohstoffe  rechnet  und  darauf
verzichtet,  die  momentanen  Gewinnchancen  einer  vorübergehenden
Hochkonjunktur  auf  das  Äußerste  auszunutzen,  dafür  aber  auf  der
anderen  Seite  auch  bei  fallendem  Preise  der  Rohstoffe  und  abgehender ­
  Konjunktur  auf  einen  allmählichen  Abbau  der  Preise  hält.  Eine
solche  Preispolitik  setzt  voraus,  daß  man  vom  Auslandsmärkte
und  vom  ausländischen  Wettbewerbe  bis  zu  einem  gewissen  Grade
unabhängig  ist,  ferner,  daß  der  Verband  außerordentlich  festgefügt
und  gut  in  der  Hand  seiner  Leitung  ist.  Diese  Voraussetzung  ist  fast
nur  bei  alten,  fest  eingelebten  Verbänden  gegeben,  die  eine  nicht  zu
große  Zahl  von  Mitgliedern  von  nicht  allzu  verschiedener  Betriebsund ­
  Wirtschaftslage  umfassen.  Vor  allem  macht  sich  geltend,  daß
sich  auf  diese  Weise  wohl  die  Wirkungen  der  Konjunkturschwankungen ­
  auf  die  Industrie,  auf  ihren  Verband  und  auf  die  Abnehmer
mildern  lassen,  daß  jedoch  die  Unterschiede  der  Selbstkosten  von
Werk  zu  Werk,  die  sich  aus  den  Betriebsverhältnissen  und  der  Rohstoffdisposition ­
  ergeben,  bestehen  bleiben,  die  heute  oft  von  so  entscheidender ­
  Bedeutung  sind 1 ).“
Es  liegen  also  zweifellos  in  diesen  Industrieorganisationen  gewisse ­
  Tendenzen  und  Kräfte  vor,  welche  planmäßig  imstande  sind,
durch  ihre  Kenntnis  der  Marktlage  einen  Einfluß  auf  die  Preise,  auf
die  Entwicklung  der  Ausfuhr  und  damit  auch  einen  Einfluß  auf  die
Gestaltung  der  Hochkonjunktur  auszuüben,  hier  Übertreibungen  und
Ausschreitungen  hintanzuhalten  und  damit  auch  dahin  zu  wirken,  daß
ein  eventueller  Konjunkturrückgang  sich  weniger  jäh  und  plötzlich
vollzieht,  als  es  sonst  der  Fall  gewesen  wäre.  Ob  sich  dann  freilich
diese  Kräfte  überall  in  die  Tat  umsetzen  und  den  ihnen'  möglichen
Einfluß  auch  wirklich  ausüben,  ist  dann  eine  andere  Frage.  Es
sind  hier  die  allermannigfaltigsten  Einflüsse  möglich,  unter  welchen
man  die  Ziele  und  Wünsche  der  leitenden  Männer  nicht  an  letzter
Stelle  nennen  darf.  Auch  die  Kartelle  setzen  sich  aus  Betrieben'
mit  einer  durchaus  kapitalistischen  Grundlage  zusammen.  Auch
in  ihnen  ist  ein  dauerndes  Verwertungsbedürfnis  des  angelegten
Kapitals  mit.  großer  Kraft  wirksam  und  das  Kartell  wird  sich  nicht
immer  diesem  hier  vorhandenen  Gewinnstreben'  entziehen  können,
wenn  dieses  einmal  in  Widerstreit  mit  solchen  Maßnahmen  gerät,
welche,  vielleicht  auch  in  den  Augen  der  Kartellleiter,  im  Interesse
einer  ruhigen  Weiterdauer  der  Konjunktur  als  wünschenswert  er-1

 )  Beckerath,  Kräfte.  A.  a.  0.  S.  35.
        <pb n="244" />
        Bik  541  •*-*«'14.  2.46.
5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  241

scheinen.  Es  handelt  sich  hier  um  Gegensätze  zwischen  privatwirtschaftlichen ­
  und  gemeinwirtschaftlichen  Erwägungen  und  je  mehr
sich  die  Kartelle  auch  von  diesen  letzteren  Gesichtspunkten  leiten)
lassen,  um  so  stärker  kann  der  beruhigende  Einfluß  sein,  welchen
sie  auf  die  Hochkonjunktur  und  damit  auf  den  Ablauf  der  Konjunktur
überhaupt  auszuüben  vermögen.
Wenn  wir  nun  sehen,  daß  vor  allem  bei  uns  in  Deutschland  die
beiden  letzten  Perioden  des  wirtschaftlichen  Niederganges  (1908  und
1913)  im  Gegensatz  zu  früher  nicht  den  Charakter  ausgesprochener
Wirtschaftskrisen  getragen  haben,  daß  hierbei  die  großen  Erschütterungen ­
  im  Wirtschaftsleben  fehlten,  wie  sie  der  Konjunkturrückgang ­
  des  Jahres  1900  aufzuweisen  hatte,  wenn  man  also  hierbei ­
  nicht  mehr  von  Wirtschaftskrisen,  sondern  nur  noch  von  einem
Rückgang  oder  Abflauen  der  Konjunktur  in  dem  Sinne  reden  konnte,
daß  das  Wirtschaftsleben  in  ruhigere  Bahnen  lenkte,  so  mag  es  sein,
daß  an  dieser  günstigen  Entwicklung  auch  die  Kartelle  einen  gewissen
Anteil  gehabt  haben.  Wenn  sich  beide  Male  der  Niedergang  in  so
wesentlich  ruhigeren  Formen  vollzog,  als  in  früherer  Zeit,  so  hing
dies  eben  zweifellos  in  erster  Linie  auch  damit  zusammen,  daß  in
beiden  Perioden  die  Hochkonjunktur  keinen  so  steilen  Aufstieg
nahm,  wie  am  Ausgange  des  19.  Jahrhunderts,  und  daß  beide  Male
das  Wirtschaftsleben  vor  solchen  spekulativen  Ausschreitungen  bewahrt ­
  geblieben  ist,  wie  sie  damals  vorgekommen  sind.
In  welchem  Sinne  eine  einsichtige  Kartellpolitik  das  Wirtschaftsleben ­
  vor  solchen  Übertreibungen  in  der  Preisbildung  und
bei  der  Spekulation  bewahren  kann,  ergibt  sich  aus  dem  eben  Dargelegten. ­
  Ebenso  liegt  es  auf  der  Hand,  daß  und  warum  die  Art
und  der  Umfang  des  wirtschaftlichen  Niederganges  in  besonders
hohem  Maße  davon  abhängig  sind,  in  welcher  Weise  und  bis  zu
welchem  Grade  sich  die  Hochkonjunktur  entwickelt  hat.  In  diesem
Sinne  gehört  es  zu  den  wichtigsten  und  vornehmsten  Mitteln  der
Konjunkturpolitik,  das  Wirtschaftsleben  während  der  Hochkonjunktur
vor  allen  solchen  Übertreibungen  zu  bewahren.  Dazu  können  die
Kartelle  mancherlei  beitragen.
Auch  neuerdings  werden  wieder  zahlreiche  Klagen  laut,  daß
manche  Kartelle,  vor  allem  die  Rohstoffverbände,  unter  Ausnutzung
einer  momentanen  Marktlage  die  Preise  übertrieben  hoch  ansetzen,
hn  März  1923  hieß  es  in  einer  Zuschrift  an  die  Frankfurter  Zeitung
aus  den  Kreisen  der  Maschinenfabrikation:  „Auch  die  Preise  für
Temperguß  haben  eine,  unserer  Ansicht  nach,  nicht  gerechtfertigte
Höhe  erreicht.  Der  Verein  deutscher  Tempergießereien  berechnet
Temperguß  für  kleine  Stücke  ab  Werk  mit  12000  Mark  für  das  Kilo,
        <pb n="245" />
        242  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

das  früher  60  Pfennige,  ja  sogar  55  Pfennige  kostete.  Das  ist  eine
20  000  fache  Erhöhung,  die  weder  durch  die  Rohmaterialien,  noch
durch  die  Löhne  bedingt  ist.  Wir  stehen  auf  dem  Standpunkt,  daß
ein  Preis  von  etwa  8000  Mark  vollständig  genügen  würde,  tun  den
Herstellern  einen  angemessenen  Gewinn  zu  sichern  !).“
Ein  solches  Vorgehen  war  doppelt  bedenklich,  wo  damals  unsere
Industrie  hart  um  den  Absatz  nach  dem  Auslande  zu  kämpfen  hatte.
Denn  mit  solchen  Rohstoffpreisen  müssen  auch  die  Preise  der  deutschen ­
  Fabrikate  bedenklich  nahe  an  den  Weltmarktspreis  heranrücken, ­
  womit  ein  ungünstiger  Einfluß  auf  unsere  Ausfuhr  und  damit
auf  die  deutsche  Handelsbilanz  entsteht.  Damit  mußte  sich  nicht
nur  unsere  Konjunkturlage  verschlechtern,  sondern  damit  wurde  auch,
wie  wir  oben  gesehen  haben,  ein  ungünstiger  Einfluß  auf  unsere
Valuta  ausgeübt.
Freilich  darf  man  auch  nicht  daran  vergessen,  daß  unsere  festgefügten ­
  und  stark  organisierten  Kartelle  immer  nur  einen  Teil  der  deutschen ­
  Industrie  umfassen,  vor  allem  die  Unternehmungen  der  Schwei*-induslrie,
  während  die  Kartellorganisationen  der  sogenannten  leichten
Industrie,  d.  h.  derjenigen  Industrien,  welche  keine  Stapelartikel,
sondern  mehr  Fertigfabrikate  fabrizieren  und  vor  allem  solche,  welche
der  Mode  unterworfen  sind,  nur  auf  recht  unsicherem  und  schwachem
Boden  stehen.  Damit  hängt  es  dann  wieder  zusammen,  daß  der  Einfluß ­
  der  Kartelle  auf  die  Konjunkturentwicklung,  vor  allem  auf  den
Gang  der  Hochkonjunktur,  nur  ein  beschränkter  sein  kann.  Immerhin ­
  ist  demgegenüber  aber  wieder  zu  betonen,  daß  die  Ausschreitungen ­
  in  der  Hochkonjunktur,  wie  sich  solche  bei  Neugründungen,
Betriebserweiterungen  und  in  der  Preisentwicklung  auf  den  unteren
Stufen  der  Produktion  zu  zeigen  pflegen,  vornehmlich  in  der  Kohlenund
  Eisenindustrie  auftreten.  Hier  zeigen  sich  auch  die  ersten
Symptome  eines  beginnenden  Wandels  der  Konjunktur  und  hier
sind  auch  die  Kartelle  und  Syndikate  am  stärksten  und  mächtigsten.
Man  darf  demgegenüber  aber  dann  auch  nicht  aus  dem  Auge
verlieren,  worauf  besonders  Pinner  aufmerksam  gemacht  hat,  daß
wir  mit  der  Tendenz  rechnen  müssen,  daß  zwar  aus  den  genannten
Gründen  die  kartellierten  Industrien  mehr  oder  weniger  vor  stärkeren
Schwankungen  der  Konjunktur  geschützt  sind,  daß  hier  also  vielleicht ­
  die  Krisengefahr  im  Zurückgehen  begriffen  ist,  daß  sie  aber
in  den  weiterverarbeitenden  Industrien,  die  nicht  durch  Kartelle  geschützt ­
  sind,  und  auf  welchen  der  Druck  hoher  Rohstoffpreise  lastet,
dafür  um  so  größer  werden  kann.  Pinner  glaubt  sogar  für  diese

*)  Frankfurter  Zeitung:  18.  März  1923.
        <pb n="246" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  243

Tatsache  bereits  in  der  Entwicklung  der  letzten  Jahre  vor  dem  Kriege
gewisse  Anzeichen  feststellen  zu  können.
Andere  ziehen  den  Wirkungsbereich  der  Kartelle  auf  den  Gang
der  Konjunktur  wesentlich  enger.  Es  sei  hier  auf  die  Ausführungen
Hilferdings 1 )  verwiesen.  Seine  Stellungnahme  in  dieser  Frage
wird  dadurch  bestimmt,  daß  für  ihn  die  Krisen  keine  einfache  Überproduktion ­
  von  Waren,  sondern  eine  Überproduktion  von  Kapital
sind  und  daß  sie  letzten  Endes  dem  Verwertungsbedürfnis  des
Kapitals  entspringen.  Es  ist  Hilferding  darin  durchaus  beizupflichten,
daß  das  Wesen  der  Krise  nicht  in  einer  einfachen  Warenüberproduktion
besteht,  daß  es,  wie  ja  auch  oben  dargelegt,  ursächlich  auf  das
engste  mit  der  gegenwärtigen  Produktionsweise  zusammenhängt.
Trotz  alledem  wird  man  aber  doch,  was  ja  auch  Hilferding  selbst
tut,  den  Kartellen  unter  Umständen  einen  krisenmildernden  Einfluß
zuschreiben  können.
Die  Nachkriegszeit  hat  dann  vor  allem  auch  in  Deutschland  die
Bedeutung  der  Kartelle  für  das  Wirtschaftsleben  hinter  den  großen
Konzernbildungen,  hinter  Fusionen  und  Interessengemeinschaften,  erheblich ­
  zurücktreten  lassen.  Es  sind  dies  Neubildungen,  die  unter
dem  Einfluß  der  wirtschaftlichen  Lage  der  Nachkriegszeit  vor  allem
entstanden  und  in  ihrer  Entwicklung  noch  keineswegs  abgeschlossen
sind.  Ob  es  sich  dabei  um  Tendenzen  zu  einer  privatwirtschaftlichen
Planwirtschaft  handelt,  wie  man  schon  gemeint  hat,  und  so  sieb
damit  neue  Kräfte  herausbilden,  die,  wenn  bei  uns  wieder  einmal
normale  Zustände  herrschen,  einen  zielbewußten  und  erfolgreichen
Einfluß  auf  den  Wandel  in  der  Konjunktur  auszuüben  vermögen,  muß
man  abwarten.
Eine  nicht  minder  starke  Einwirkung  als  die  Kartelle,  können  vor
allem  auf  den  Gang  der  Hochkonjunktur  dann  die  Banken,  Notenund
  Kreditbanken,  ausüben.  Liegt  der  Einfluß  der  Kartelle
vor  allem  nach  der  Seite  hin,  daß  sie  in  der  Lage  sind,  einen
gewissen  Einfluß  auf  den  Markt  auszuüben,  daß  es  in  ihrer  Hand
liegt,  in  mehr  oder  weniger  vollkommener  Weise  planmäßig  die
Produktion  dem  Bedarf  anzupassen,  daß  sie  zur  Erreichung  dieses
Zieles  entweder  die  Produktion  ausdehnen  oder  einschränken,  daß
sie  mit  den  Preisen  herauf-  oder  heruntergehen,  oder  auf  den  verschiedensten ­
  Wegen  durch  eine  Vermehrung  der  Ausfuhr  den  heimischen ­
  Markt,  wenn  eine  Überproduktion  droht,  zu  entlasten
suchen,  so  liegt  der  Einfluß  der  Banken  nach  einer  ganz  anderen
Richtung  hin.  Die  Einwirkung  von  seiten  der  Banken  auf  die  KonÜ ­

  A.  a.  0.  S.  37.
        <pb n="247" />
        244  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

junktur  vollzieht  sich  in  erster  Linie  mit  all  den  Mitteln,  welche
diesen  zu  Gebote  stehen,  einen  bestimmten  Einfluß  auf  den  Geldmarkt ­
  auszuüben  und  damit  die  Marktverhältnisse  und  vor  allem  die
Produktion  mittelbar  zu  beeinflussen.  Wir  haben  ja  oben  eingehend
kennengelernt,  in  welcher  Weise  dies  aus  einer  Art  von  Selbsthilfe
heraus  während  einer  ganz  bestimmten  Konjunkturlage  geschieht,
vor  allem  auf  dem  Höhepunkt  der  Konjunktur  und  bei  dem  Niedergange ­
  derselben  und  wie  sich  daraus  ganz  bestimmte  Einwirkungen
auf  das  ganze  Wirtschaftsleben  ergeben.
Bei  all  den  Maßnahmen,  welche  wir  in  diesem  Zusammenhänge
oben  kennengelernt  haben,  hat  es  sich  nur  um  bestimmte  Handlungen
und  Vorgänge  gehandelt,  die  aus  einer  Art  von  Selbsthilfe  heraus,
vielfach  unter  dem  Zwang  der  Verhältnisse  bei  einer  bestimmten
Konjunkturlage  zur  Anwendung  kamen,  keineswegs  um  eine  Konjunkturpolitik ­
  in  dem  Sinne  einer  bestimmten  planmäßigen  Beeinflussung ­
  der  Wirtschaftslage.  Von  diesen  letzteren  Maßnahmen  soll
jetzt  die  Rede  sein.  In  der  Hauptsache  handelt  es  sich  dabei  um
solche,  welche  geeignet  sind  und  den  Zweck  haben,  irgendwelchen
Ausschreitungen,  vor  allem  auch  solchen  spekulativer  Natur,  während
der  Hochkonjunktur  vorzubeugen.  Wenden  wir  uns  zunächst  den
Kreditbanken  zu.
Nach  der  einen  Seite  hin  üben  hier  die  Großbanken  bereits  einen
gewissen  Einfluß  durch  die  Auffassung  aus,  welche  sie  in  ihren
Geschäftsberichten  'und  sonstigen  Mitteilungen  über  den
weiteren  Verlauf  der  Konjunktur  bekunden.  Dank  der  engen  Verknüpfung ­
  unserer  großen  Banken  mit  allen  Zweigen  unseres  Wirtschaftslebens, ­
  infolge  der  großen  und  maßgebenden  Stellung,  welche
sie  allenthalben  darin  spielen,  werden  diese  Berichte  nicht  nur
mit  sehr  großer  Aufmerksamkeit  verfolgt,  die  Bankleitungen
sind  vielmehr  aus  diesen  Gründen  auch  schon  sehr  frühe
imstande,  sich  ein  Urteil  über  die  Marktlage  und  über  den  weiteren
Verlauf  der  Konjunktur  bilden  zu  können.  Das  ist  um  so  eher  der
Fall,  als  ja,  wie  wir  oben  gesehen  haben,  die  hauptsächlichsten
Symptome  einer  bevorstehenden  Wandlung  der  Konjunktur  sich  auf
dem  Geldmärkte,  der  ureigensten  Domäne  der  Banken,  zu  zeigen
pflegen.
Schon  weiter  oben  sind  ja  die  Worte  wiedergegeben  worden,
mit  denen  die  deutsche  Bank  in  ihrem  Geschäftsbericht  für  das  Jahr
1906  auf  Grund  der  Verhältnisse  am  Geldmärkte  auf  den  kommenden
Konjunkturumschwung  hingewiesen  hat,  aber  auch  schon  in  ihrem
Bericht  für  das  Vorjahr  fanden  sich  Bemerkungen,  welche  nach
der  gleichen  Richtung  hin  tendierten.  Wir  haben  ja  auch  bereits
        <pb n="248" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjnnkturwandel.  245

*)  Nach  Wiewiorowski,  a.  a.  0.  S.  93.

gesehen,  daß  diese  Anschauungen  dann  auch  für  die  tatsächliche
Politik  der  Kreditbanken  maßgebend  sind,  daß  diese  dann  bestrebt
sind,  im  Hinblick  auf  den  kommenden  Umschwung  der  Konjunktur
durch  Verminderung  ihrer  Engagements  usw.,  ihre  Liquidität  zu
stärken.
Diese  Tatsache  kommt  dann  auch  in  den  Geschäftsberichten  zum
deutlichen  Ausdruck.  In  ihrem  Geschäftsbericht  für  das  Jahr  1906
schrieb  z.  B.  die  Bank  für  Handel  und  Industrie:  „Unter  diesen
Umständen  (hoher  Diskontsatz  und  Lähmung  der  Unternehmungslust ­
  au  der  Börse),  haben  wir  es  im  Interesse  der  Liquidität  des  Bankstatus ­
  für  unsere  Aufgabe  gehalten,  unbeschadet  der  Anknüpfung
wertvoller  Beziehungen  in  der  Eingehung  neuer,  nicht  kurzfristiger
Gemeinschaftsgeschäfte  und  Effekten-Transaktionen,  die  tunlichste
Zurückhaltung  zu  üben.  Unter  den  Aktiven  gibt  der  Rückgang  der
Effektenbestände  von  unseren  Bemühungen,  die  Engagements  der
Bank,  soweit  angängig,  zu  verringern,  Zeugnis“*).
Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  nicht  nur  ein  solches  Vorgehen  der
Banken,  sondern  auch  derartige  Äußerungen  in  ihren  Berichten,  auf
die  Industrie  und  auf  das  Publikum  nicht  ohne  Einfluß  bleiben,  und
damit  auch  einen  solchen  auf  den  weiteren  Gang  der  Hochkonjunktur
ausüben.  Auch  durch  Rundschreiben,  welche  die  Großbanken  häufig
regelmäßig  in  kurzen  Abständen  an  ihre  Kunden  zu  Versendern  pflegen,
und  in  denen  sie  auf  die  vorhandene  Lage  am  Geldmarkt  und  dgl.
hinweisen,  und  gegebenenfalls  ihre  Kunden  auffordern,  ihre  Engagements ­
  zu  verringern,  werden  ähnliche  Einwirkungen  erzielt.
Auch  in  den  Einwirkungen  auf  die  Effektenspekulation  ist  das
eben  geschilderte  Vorgehen  der  Kreditbanken  keineswegs  zu  unterschätzen. ­
  Nur  daß  den  Kreditbanken  für  diesen  Zweck  durch  die
Art  ihrer  Kreditgewährung,  von  welcher  ja  oben  die  Rede  gewesen
ist,  noch  weit  kräftigere  Mittel  zu  Gebote  stehen,  als  lediglich  solche
platonischen  Äußerungen.  Mit  Recht  hat  Hilferding  hervorgehoben,
daß  immer  mehr  die  Spekulationsbewegungen  mit  der  wachsenden
Macht  der  Banken  von  diesen,  und  nicht  mehr  umgekehrt,  die  Banken
von  den  Spekulationsbewegungen,  beherrscht  werden.
Es  ist  eine  sehr  umstrittene  Frage,  welches  die  Rolle  ist,  welche
die  Kreditbanken  im  Verlaufe  der  Hochkonjunktur  spielen,  vor
allem,  welche  Beziehungen  zwischen  Kreditbanken  und  Industrie  bestehen, ­
  ob  die  Banken  in  dieser  Wirtschaftsperiode  die  treibende
Kraft  der  industriellen  Entwicklung  sind  oder  ob  sie  selbst  von  der
Industrie  vorwärts  getrieben  werden.  Die  Verhältnisse  sind  hier  zu
vielgestaltige,  der  Einblick  in  die  Kreditpolitik  der  Großbanken  ein
        <pb n="249" />
        246  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

viel  zu  geringer,  um  hier  ein  eindeutiges  Urteil  abgeben  zu  können 1 ).
Löb  meint,  für  den  von  ihm  betrachteten  Zeitraum,  das  letzte
Jahrfünft  des  19.  Jahrhunderts,  daß  weder  das  eine  noch  das  andere
richtig  sei,  sondern  daß  beide  Momente  Ursache  und  Wirkung  zugleich
gewesen  waren.  Es  handelt  sich  hier  letzten  Endes  um  die  Frage,  ob
und  in  welchem  Maße  die  Großbanken  in  der  Hochkonjunktur  der
Ausdehnung  der  Industrie  gegenüber  zu  bremsen  versuchen  oder  gar
noch  im  Gegenteil  die  treibende  Kraft  für  Neugründungen  und  Betriebserweiterungen, ­
  also  für  neue  Kapitalinvestitionen,  sind.
Wiewiorowski  meint  für  die  Geschäftspolitik  der  Großbanken ­
  vor  der  Depression  am  Anfänge  dieses  Jahrhunderts  und  des
Jahres  1908,  daß  sie  im  allgemeinen  maßvoll  gewesen  sei,  daß
die  Großbanken  jedoch  beide  Male  ohne  Zweifel  Kredite  gewährt
haben,  welche  eine  Überproduktion,  bezw.  Überspekulation,  förderten. ­
  Er  hebt  aber  hervor,  daß  gegenüber  früheren  Zeiten  eine
Besserung  wahrzunehmen  sei.
Auch  von  anderen  Seiten  werden  ähnliche  Ansichten  vertreten:
Adolf  Weher  weist  zwar  darauf  hin,  daß  die  „Depositen-  und
Spekulationsbanken“  ihre  Geschäftspolitik  zu  sehr  vom  privatwirtschaftlichen ­
  und  zu  wenig  vom  volkswirtschaftlichen  Standpunkt  aus
orientieren,  daß  sie  zu  sehr  nur  unter  dem  Gesichtspunkt  disponieren,
möglichst  wenig  Zinsverlust  zu  erleiden,  betont  aber  demgegenüber
doch:  „Als  einen  besonders  wichtigen  Aktivposten  wird  man  zugunsten ­
  unserer  Banken  die  Tatsache  buchen  dürfen,  daß  unter  ihrer
Mitwirkung  in  den  letzten  Jahrzehnten  größere  Ruhe  in  den  Rhythmus ­
  unserer  Volkswirtschaft  gebracht  worden  ist.  Wir  haben  ja  gesehen, ­
  daß  die  Banken  vermittels  besseren  Überblicks,  zweckmäßigeren ­
  Ausgleich  des  Risikos,  der  größeren  Kraft  zu  intervenieren,
wie  der  Möglichkeit,  den  Konkurrenzkampf  durch  Einwirkung  auf
die  Konkurrenten,  die  Spekulationsbewegung  durch  Einwirkung  auf
die  Spekulation  in  volkswirtschaftlich  gesunde  Bahnen  zu  lenken,
auch  durch  rechtzeitigere  und  tiefere  Sanierungen  den  von  Zeit  zu
Zeit  unvermeidlich  notwendigen  volkswirtschaftlichen  Gesundungsprozeß ­
  zu  verkürzen  in  der  Lage  sind.  Allerdings  mußte  gleichzeitig ­
  auch  auf  die  Gefahr  hingewiesen  werden,  daß  die  Depositenund
  Spekulalionsbanken  in  einer  Zeit  aufsteigender  Konjunktur  durch
freigebige  Kreditgewährung  zu  sehr  als  Spekulationsbanken  und  in
Zeiten  niedergehender  Konjunktur  durch  ängstliche  Einschränkung
l )  Vgl.  dazu  Jeidels,  Das  Verhältnis  der  deutschen  Großbanken  zur
Industrie  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  Eisenindustrie.  Leipzig  1905.  —
Ferner  Loeb,  Die  Berliner  Großbanken  in  den  Jahren  1895—1902  und  die
Krisis  der  Jahre  1900  und  1901.  Schriften  d.  V.  f.  Sp.  Bd.  90.
        <pb n="250" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  247

U  Adolf  Weber,  a.  a.  0.  S.  341—342.

der  Kreditpolitik  sich  zu  sehr  als  Depositenbanken  betätigen,  wodurch
dann  freilich  die  Stagnation  in  der  Volkswirtschaft  nicht  unwesentlich ­
  verschärft  werden  könnte“  *).
Wenn  man  auch  zweifellos  gegenüber  den  älteren  Zeiten  in  der
Art  des  Vorgehens  der  Banken  bei  der  Gewährung  von  Krediten,  bei
der  Emission  neuer  Aktien  usw.,  einen  großen  Fortschritt  konstatieren ­
  kann,  wenn  auch  zweifellos  in  dieser  Hinsicht  die  Banken  aus
der  Vergangenheit  vieles  gelernt  und  deshalb  auch  ihren  Anteil  an
dem  ruhigeren,  gleichmäßigeren  Gang  unseres  Wirtschaftslebens  in
dem  letzten  Jahrzehnt  vor  dem  Kriege  haben,  so  wird  man  doch
auch  sagen  müssen,  daß  in  dieser  Hinsicht  noch  vieles  zu  bessern
ist,  daß,  um  an  den  Gedanken  Adolf  Webers  anzuknüpfen,  die  Großbanken ­
  noch  einen  weiten  Spielraum  haben,  innerhalb  dessen  sie  in
der  Lage  sind,  volkswirtschaftliche  Notwendigkeiten  vor  privatwirtschaftliche ­
  Interessen  zu  stellen.
Zwar  sind  die  Kreditbanken  durchaus  privatwirtschaftliche  Organisationen, ­
  eingestellt  auf  Gewinnerzielung,  wie  jede  andere  private
Unternehmung  auch.  Mit  dem  Wachstum  der  Banken  jedoch,  mit  der
immer  stärkeren  und  einflußreicheren  Stellung,  welche  sie  durch
ihren  Zusammenschluß  und  ihr  gegenseitiges  Zusammenarbeiten  in
der  Volkswirtschaft  einnehmen,  erwachsen  ihnen  neben  ihren  rein
privatwirtschaftlichen  Interessen  auch  in  gewissem  Sinne  öffentliche,
volkswirtschaftliche  Aufgaben.  Es  entsteht  für  sie  damit  ein  gewisses
Maß  volkswirtschaftlicher  und  gesellschaftlicher  Verantwortung,  dem
sie  sich  nicht  entziehen  können  und  dürfen.  In  vieler  Hinsicht  haben
unsere  Großbanken  schon  diese  Wege  beschritten  und  je  weiter  sie
auf  ihnen  vorangehen,  um  so  mehr  werden  sie  auch  imstande  sein,
eine  positive  Konjunkturpolitik,  vor  allem  in  den  Zeiten  der  Hochkonjunktur, ­
  in  dem  oben  dargelegten  Sinne  zu  treiben.  Hier  liegen
in  dieser  Hinsicht  im  Hinblick  auf  die  Konjunktur  die  Hauptaufgaben ­
  der  Banken,  in  den  Zeiten  der  Hausse  mäßigend  zu  wirken.
Diese  Tätigkeit  ist  eine  viel  wichtigere  als  diejenige,  dann  helfend
einzugreifen,  wenn  einmal  der  Rückgang  da  ist.  Um  was  es  sich
dabei  im  einzelnen  für  die  Banken  handelt,  hat  Schulze-Gävernitz ­
  mit  folgenden  Worten  ausgedrückt:
„Sie  (die  Kreditbank),  halte  hemmend  zurück  in  Zeiten  ungesunden ­
  Hochganges,  den  der  erfahrene  Banker  an  folgenden  Anzeichen ­
  erkennt:  sprunghafte  Vergrößerung  des  Kreditbedürfnisses,
zahlreiche  Wechselprolongationen,  Verwendung  des  Bankkredits  für
dauernde  Anlagen  oder  gar  Dividendenzahlung,  Herauf  schnellen  der
        <pb n="251" />
        248  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Warenpreise.  Wenn  die  Bank  in  glänzenden  Zeiten  den  Schuldnern
nachlief,  dann  darf  sie  den  Fehler  nicht  dadurch  gut  machen,  daß
sie  in  schlechten  Zeiten  von  ihren  Geschäftsfreunden  überhaupt
nichts  mehr  wissen  will,  und  selbst  an  guten  Diskonten  „mäkelt“...
Viel  eher  halte  die  Bank  auf  Verminderung  der  Kredite  in  Zeiten
des  Hochgewinnes  und  erziehe  die  Kunden  zur  Schuldentilgung,  wie
dies  viele  Kreditbanken  in  vorbildlicher  Weise  tun.  Die  Banken
haben  kein  Interesse  an  der  bedingungslosen  Geschäftsausdehnung,
wohl  aber  an  der  Festigung  ihrer  Debitoren 1 ).“
Soweit  in  dieser  Hinsicht  die  Kreditbanken  einen  Einfluß  auszuüben ­
  vermögen,  wird  er  in  dem  Maße  stärker  und  erfolgreicher  sein,
als  in  Gewerbe  und  Handel  die  Aktiengesellschaft  gegenüber  der
Einzelunternehmung  als  Organisationsform  zunimmt.  Bei  der  Aktiengesellschaft ­
  liegen  die  ganzen  Verhältnisse  weit  offener  zutage  als
bei  der  Einzelunternehmung,  dort  läßt  sich  also  auch  eine  eventuelle
Kontrolle  von  seiten  der  Banken  wesentlich  leichter  durchführen.
Man  muß  ja  nur  im  Auge  haben,  welch  enge  persönliche  Beziehungen
bereits  durch  das  System  des  Aufsichtsrates  zwischen  den  Banken
und  vielen  Aktiengesellschaften  bestehen,  und  daß  schon  auf  diesem
Wege  eine  Einwirkung  leicht  möglich  ist  und  sicher  auch  tatsächlich
oft  genug  vorkommt,  wenn  es  sich  dabei  auch  um  Vorgänge  handelt,
deren  Kenntnis  sich  der  Öffentlichkeit  zu  entziehen  pflegt.
Das  Verhältnis  der  Kreditbanken  zur  Konjunkturentwicklung  und
die  Möglichkeit  einer  positiven  Politik,  vor  allem  in  den  Zeiten  der
Hochkonjunktur,  ist  also  ein  ähnliches  wie  wir  es  oben  bei  den  Kartellen ­
  kennengelernt  haben.  Beide  Male  ist  ganz  unstreitig  ein  solcher
Einfluß  in  der  Hochkonjunktur  möglich,  man  wird  auch  annehmen
dürfen,  daß  dieser  Einfluß  in  den  letzten  Jahren  stärker  und  erfolgreicher ­
  gewesen  ist  wie  in  früheren  Zeiten,  daß  Kreditbanken  sowohl
wie  Kartelle,  also  aus  früher  begangenen  Fehlern  gelernt  haben  und
daß  damit  auch  die  Tatsache  zusammenhängt,  daß  in  neuerer  Zeit
die  Wellenlinie  der  Konjunkturbewegung  flacher  verlaufen  ist  als
früher.  Beide  Male  wird  man  aber  auch  sagen  müssen,  daß  der
mäßigende  Einfluß  während  der  Hochkonjunktur,  auf  welchen  es  ja  in
allererster  Linie  ankommt,  auch  bei  den  neuesten  Hausseperioden  ein
noch  stärkerer  hätte  sein  können  als  es  der  Fall  gewesen  ist.  In
dem  Maße,  in  welchem  in  Zukunft  Kreditbanken  und  Kartelle  noch
mehr  als  bisher  in  diesen  wirtschaftlichen  Perioden  einen  mäßigenden
Einfluß  ausüben  werden,  in  dem  Maße,  in  dem  sie  dazu  kommen,
noch  ausgeprägter  und  entschiedener  privatwirtschaftliche  Interessen

D  Schulze-Gävernitz,  a.  a.  0.  S.54.
        <pb n="252" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  249

hinter  volkswirtschaftlichen  Gesichtspunkten  zurücktreten  zu  lassen,
wird  man  auch  mit  Bestimmtheit  damit  rechnen  können,  daß,  wenn
nicht  Störungen  von  außen  eintreten,  in  Zukunft  eine  noch  weitere
Abflachung  dieser  Konjunkturkurve  und  damit  eine  noch  größere
Stetigkeit  im  Wirtschaftsleben  als  bisher  eintreten  kann.
In  interessanter  Weise  hat  bereits  der  Geschäftsbericht  der  Dresdener ­
  Bank  für  das  Jahr  1908  über  diese  Zusammenhänge  von  Banken
und  Industrie  und  deren  verschiedenen  Einfluß  auf  die  Konjunkturentwicklung ­
  sich  geäußert:  „Die  Rückwirkung  der  industriellen  Konjunkturen ­
  auf  das  Bankgeschäft  wird  in  Zukunft  voraussichtlich
geringer  sein,  als  in  der  Vergangenheit.  Die  Konzentrationsbewegung
in  der  Industrie,  insbesondere  der  sog.  schweren  Industrie,  hat  dieselbe ­
  unleugbar  von  den  Banken  unabhängiger  gemacht  und  andererseits ­
  fällt  den  Banken  mit  der  Steigerung  des  nationalen  Wohlstandes
nicht  mehr  in  demselben  Maße,  wie  früher,  die  wirtschaftliche  Aufgabe ­
  zu,  zu  industriellen  Unternehmungen  durch  eigene  Beteiligungen
die  Initiative  zu  ergreifen.  Wenn  damit,  wie  sich  schon  während  der
letzten  Hochkonjunktur  gezeigt  hat,  die  Chance  einmaliger,  größerer
Gewinne  aus  Industriegeschäften  für  die  Banken  vermindert  wird,
wird  dieser  Nachteil  dadurch  einigermaßen  aufgewogen,  daß  sie  bei
Rückschlägen  in  der  Konjunktur  an  dem  Unternehmerrisiko  weniger
beteiligt  sind.“
Nicht  minder  stark  wie  der  Einfluß  der  Kreditbanken  auf  die
Entwicklung  der  Konjunktur  kann  derjenige  der  Zentralnotenbank ­
  sein.  Auch  hier  gilt  das  gleiche,  was  oben  bereits  von  den
Maßnahmen  der  Kreditbanken  gesagt  worden  ist.  Man  muß  auch
hier  scharf  die  Konjunkturpolitik  in  dem  doppelten,  oben  dargelegten
Sinne  voneinander  trennen.  Einmal  die  Maßnahmen  einer  bestimmten, ­
  gegebenen  Marktlage  gegenüber,  Maßnahmen,  die  wir  ja
oben  bereits  kennengelernt  haben,  wie  z.  B.  Diskonterhöhungen,  um
das  vorgeschriebene  Deckungsverhältnis  zu  sichern,  und  dann  demgegenüber ­
  eine  Konjunkturpolitik  in  dem  ganz  anderen  Sinne,  daß
man  darunter  die  Maßnahmen  versteht,  welche  den  ausgesprochenen
Zweck  verfolgen,  bewußt  einen  Einfluß  auf  den  Gang  der  Konjunktur
auszuüben  Beide  Arten  von  Maßnahmen  greifen  vielfach  ineinander
über,  ähnlich  wie  es  auch  bei  dem  analogen  Vorgehen  bei  den  Kreditbanken ­
  der  Fall  ist.  Beide  Male  ist  die  reinliche  Scheidung  vor
allem  für  den  Außenstehenden  keineswegs  leicht  durchzuführen,
zumal  ja  auch  beide  Arten  der  Konjunkturpolitik  nach  der  gleichen
Richtung  hin  wirksam  sind.
Bei  den  Maßnahmen,  welche  von  seiten  der  Notenbanken  einen
unmittelbaren  Einfluß  auf  den  Gang  der  Konjunktur  auszu ­
        <pb n="253" />
        250  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

üben  bestimmt  sind,  handelt  es  sich,  genau  wie  bei  den  Kreditbanken,
in  erster  Linie  um  solche,  welche  geeignet  sind,  während  der  Hochkonjunktur ­
  das  Wirtschaftsleben  vor  Ausschreitungen  spekulativer
Natur  und  vor  zu  weitgehenden  Neuanlagen  und  Neugründungen  zu
bewahren.  Auch  alle  die  Maßnahmen,  welche  in  dieser  Zeit  Noten-und
Kreditbanken  ergreifen,  um  sich  lediglich  gegen  eine  zu  starke  Inanspruchnahme ­
  zu  schützen  und  damit  ihre  Liquidität  zu  wahren,
wirken  natürlich  eindämmend  auf  den  Fortgang  der  Hochkonjunktur.
Es  muß  aber  nochmals  betont  werden,  daß  sich  davon  für  den  Außenstehenden ­
  diejenigen  Maßnahmen  nur  sehr  schwer  scheiden  lassen,
welche  weniger  einem  solchen  Selbstschutz  als  dem  Ziele  dienen,
unmittelbar  und  bewußt  einem  weiteren  Fortgang  und  einem  weiteren
Aufsteigen  der  Hochkonjunktur  entgegenzuwirken.  Denn  nur  selten
ist  dieses  Ziel  ein  ausgesprochenes,  und  der  Außenstehende  erfährt
in  der  Regel  nur  von  bestimmten  Maßnahmen  bei  Noten-  und  Kreditbanken, ­
  ohne  sich  ein  genaueres  Bild  von  den  Motiven  machen  zu
können,  welche  dazu  geführt  haben.
Nach  welchen  Pachtungen  hier  die  Notenbanken  einen  bestimmten
Einfluß  ausüben  können,  kann  man  vielleicht  am  besten  erkennen,
wenn  man  sich  zunächst  einmal  vor  Augen  hält,  nach  welchen  Richtungen ­
  hier  bei  uns  schon  Fehler  gemacht  worden  sind  und  Fehler
gemacht  werden  können.  Man  hat  der  deutschen  Reichsbank  in
früheren  Jahren  schon  den  Vorwurf  gemacht,  daß  sie  Wechsel  angekauft ­
  habe,  sogenannte  Kredit-  und  Prolongationswechsel,  deren
Ursprung  nicht  im  Warengeschäft  lag.  Man  ist  dann  von  seiten  der
Reichsbankleitung  aus  entschieden  gegen  diese  Praxis  vorgegangen,
und  hat  sich  bemüht,  diesen  Mißstand  abzustellen.  Ganz  abgesehen
davon,  daß  der  Ankauf  solcher  Wechsel  für  die  Reichsbank  überhaupt ­
  nicht  statthaft  war,  mußte  ein  solches  Verfahren  auch  durch
die  dadurch  neu  entstehende  künstliche  Kaufkraft  in  der  Hochkonjunktur ­
  noch  weiter  stimulierend  wirken 1 ).  Auf  diese  Weise
mußte  die  Reichsbank  in  Gefahr  geraten,  mit  ihren  Noten  neues
Betriebs-,  wenn  nicht  gar  Anlagekapital  für  irgendwelchen  kaufmännischen ­
  Zweck  zu  schaffen.
Daß  aber  eine  solch  stimulierende  Einwirkung  der  Reichsbank
in  den  Zeiten  der  Hochkonjunktur  auch  noch  auf  anderen  Wegen
möglich  ist,  zeigt  die  Zuschrift  einer  rheinischen  Bank  aus  dem
Jahre  1912  an  die  Frankfurter  Zeitung,  in  der  es  unter  anderem
heißt:  „Vom  Standpunkte  des  soliden  Bankiers  ist  es  nur  zu  begrüßen, ­
  wenn  die  Reichsbank  daran  erinnert,  daß  in  der  Kreditgewährung ­
  der  Banken  zu  weitherzig  vorgegangen  worden  ist.  Die

U  Vgl.  dazu  die  Bankenenquete,  a.  a.  0.  Verhandl.  zu  den  Punkten  1—5.
        <pb n="254" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konj  unkturwandel.  251

Reichsbank  aber  dürfte  hieran  nicht  ganz  schuldlos  sein,  denn  sie
fordert  von  den  Banken  und  Bankiers  dauernd  Zuweisung  von  Diskontwechseln. ­
  Was  aber  sollen  die  Banken  mit  dem  Erlös  dieser
Diskontgeschäfte  anfangen?  Das  Geld  flüssig  liegen  zu  lassen,  wäre
ein  schlechtes  Geschäft,  also  suchen  sie  dafür  Verwendung  durch
Gewährung  von  Krediten.  Die  Sucht  der  Reichsbank,  Geschäfte  zu
machen,  wird  von  einer  Reihe  ihrer  Direktoren  in  der  Provinz  dahin
aufgefaßt,  daß  diese  sich  nicht  damit  begnügen,  wenn  die  Bankiers
nur  den  normalen  Bedarf  durch  Wechseleinreichungen  befriedigen.
Diese  Reichsbankdirektoren  fordern  stets  mehr  Geschäfte,  damit  die
Reichsbank  Diskontgewinne  macht  und  ihre  Direktoren  Tantieme-Einnahmen ­
  haben.  Kommen  die  Banken  diesen  Aufforderungen  nicht
in  einem,  die  betreffenden  Direktoren  befriedigenden  Maße  nach,  so
wird  ihnen  bedeutet,  daß  ihr  Mindestguthaben  auf  Girokonto  erhöht
werden  muß  1 ).“
Aus  diesen  Bemerkungen,  die  in  dieser  Weise  an  dem  Vorgehen
der  Reichsbank  Kritik  üben,  ergeben  sich  zugleich  auch  gewisse
Richtlinien  für  das  Verhalten  der  Notenbank,  vor  allem  auch  in  den
Zeiten  der  Hochkonjunktur.  Haben  wir  doch  oben  gesehen,  daß  eines
der  Mittel,  eine  größere  Gleichmäßigkeit  und  Ruhe  im  Ablauf  der
Konjunktur  herbeizuführen,  gerade  darin  besteht,  daß  in  Zeiten
der  Hochkonjunktur  dafür  gesorgt  wird,  daß  der  Aufstieg  ein
gewisses  Maß  nicht  übersteigt  unld  daß  hier  spekulative  Ausschreitungen ­
  vermieden  werden,  und  daß  nicht  durch  eine  aufgeblähte,
alles  gesunde  Maß  übersteigende  Kreditgewährung,  die  ihren  äußeren
Ausdruck  in  starken  Wechselprolongationen  und  einem  hohen
Akzeptumlauf  der  Banken  findet,  das  spekulative  Element  während
der  Hausse  und  damit  diese  selbst  noch  mehr  gefördert  wird.  Denn
unter  sonst  gleichen  Umständen  wird  der  wirtschaftliche  Rückschlag
beim  Niedergang  der  Konjunktur  um  so  stärker  sein,  je  angespannter
die  Kreditwirtschaft  gewesen  ist,  je  mehr  die  Industrie  und  der
Handel  über  die  eigenen  Mittel  hinaus  mit  Kredit  operiert  haben.
Ein  solches  Aufdrängen  von  Kredit,  um  der  Konkurrenz  den  Rang
abzulaufen,  oder  in  der  Hoffnung,  bei  kommenden  Emissionen  entsprechend ­
  hohe  Gewinne  zu  machen,  kann  ja  unmittelbar  von  seiten
der  Kreditbanken  geschehen,  aber  auch  ein  unzweckmäßiges  Verhalten ­
  der  Notenbank  kann,  wie  diese  Zuschrift  gezeigt  hat,  die
gleiche  Wirkung  hervorrufen.
In  dieser  Hinsicht  hat  die  Notenbank  eines  Landes  Mittel  an  der
Hand,  einen  mäßigenden  Einfluß  auszuüben.  Einmal  unmittelbar  auf

*)  Reicbsbank  u.  Kreditbanken.  Zweites  Morgenbl.  27.  Februar  1912,
        <pb n="255" />
        252  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

die  Industrie  selbst,  dann  aber  auch  mittelbar  durch  ihren  Einfluß
auf  die  Kreditgewährung  von  seiten  der  Kreditbanken,  da  ja  diese
ihrerseits  vielfach  nur  unter  Inanspruchnahme  der  Reichsbank  selbst
Kredite  gewähren  können.  Auf  diese  Aufgabe  hat  man  auch  schon
wiederholt  aus  den  leitenden  Kreisen  der  Reichsbank  selbst  hingewiesen ­
  und  die  Gefahren  einer  zu  starken  Kreditgewährung  mit
Nachdruck  betont 1 ).
Lumm  macht  sich  dabei  ein  Bild  Adolf  Wagners  zu  eigen,
indem  er  die  Kreditentwicklung  und  Kreditwirtschaft  mit  einer  abgestumpften, ­
  umgekehrten  Pyramide  vergleicht,  die  auf  ihrer  kleineren
Grundfläche  steht  und  nach  oben  immer  mehr  vergrößert  wird,  da
ja  der  ganze  Geld-  und  Kreditverkehr  der  modernen  Volkswirtschaft
in  letzter  Linie  auf  dem  Metallgelde,  vor  allem  dem  Golde,  ruht.
„Das  erfordert  einen  gewissenhaften  Baumeister,  der  darüber  wacht,
daß  der  ganze  Bau  nicht  eines  Tages  ins  Wanken  gerät.  Für  die
Volkswirtschaft  soll  dies  die  Zentralnotenbank  sein,  die  über  allen
wirtschaftlichen  Unternehmungen  steht,  und  das  Gesamtinteresse  des
Landes  zu  vertreten  hat *  2 ).“  Die  Kreditorganisation  soll  eine  liquide
sein,  da  sonst  schwere  Schäden  und  Mißstände  auftreten,  die  sich  zu
sehr  bedenklichem  Umfange  auswachsen  können,  wenn  wieder  einmal
wirtschaftliche  und  Geldkrisen  über  unser  Land  hereinbrechen  sollten.
Deutschland  hatte  vor  dem  Kriege  ein  wesentlich  größeres  Maß
von  Kreditgewährung  wie  jedes  andere  Land,  was  vor  allem  damit
zusammenhing,  daß  die  Kapitalneubildung  in  Deutschland  nicht  mit
dem  Umfange  seiner  industriellen  Entwicklung  Schritt  gehalten  hatte.
Übersteigt  jedoch  die  Ausdehnung  der  Kreditgewährung  ein  gewisses
Maß,  geht  diese  Ausdehnung  vor  allem  in  der  Weise  auch  vor  sich,
daß  die  Reichsbank  gezwungen  ist,  in  steigendem  Umfange  ungedeckte
Noten  auszugeben,  um  den  an  sie  herantretenden  Bedürfnissen  gerecht
werden  zu  können,  so  muß  dies  alles  stimulierend  auf  das  Wirtschaftsleben, ­
  auf  die  Spekulation  und  auf  die  Preise,  einwirken,
damit  aber  auch  die  Liquidität  der  ganzen  Volkswirtschaft  herabsetzen. ­
  Diese  Tatsache  zeigt  sich  vor  allem  im  Verlaufe  der  Hochkonjunktur, ­
  wo  die  Kreditgewährung  den  größten  Umfang  anzunehmen
pflegt  und  einen  weiteren  Antrieb  für  die  Haussebewegung  auf  den
verschiedensten  Gebieten  des  Wirtschaftslebens  bildet.  Ganz  anders
und  wesentlich  günstiger  ist  eine  Ausdehnung  des  Kredits  in  den
Zeiten  einer  Depression  zu  beurteilen.
An  diesem  Punkte  hat  unter  dem  Gesichtspunkte  der  Konjunkturpolitik ­
  die  Tätigkeit  der  Zentralnotenbank  in  erster  Linie  einzux ­

 )  Lumm,  Diskontpolitik.  Bankarchiv  1912.  11.  Jahrgang.
2 )  A.  a.  0.  S.  179.
        <pb n="256" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  253

setzen,  indem  sie  positiv,  unmittelbar  oder  mittelbar  durch  die
Kreditbanken,  eindämmernd  auf  die  Gewährung  von  Krediten,  vor
allem  auf  solche,  denen  keine  Warengeschäfte  zugrunde  liegen,  einwirkt. ­
  Schon  vor  Jahren  hatte  in  einer  Sitzung  des  Zentralausschusses ­
  der  Reichsbank  der  Reichsbankpräsident  von  den  anwesenden
Vertretern  der  Banken  gefordert,  daß  einmal  die  übermäßige  Kreditgewährung ­
  an  die  Börsen-  und  Privatspekulation  erheblich  eingeschränkt ­
  werden  müsse,  daß  die  Banken  ihren  außerordentlich
hohen  Akzeptumlauf  verringern  sollten,  mit  der  Gewohnheit  brechen
müßten,  vor  allem  im  Auslande,  kurzfristige  Kredite  aufzunehmen
und  daß  sie  darauf  sehen  müßten,  ihren  Barvorrat  so  zu  verstärken,
daß  er  in  ein  vernünftiges  Verhältnis  zu  den  Einlagen  gebracht
würde 1 ).  Eine  solch  übermäßige  Anspannung  der  Kredite  in  der
Hochkonjunktur  ist  um  so  gefährliche]»  je  mehr  diese  so  kurzfristig
gewonnenen  Mittel  bei  einer  später  eintretenden  Verknappung  des
Kapitalmarktes  dazu  dienen  können,  zu  Anlagezwecken  verwandt  zu
werden.  An  diesem  Punkte  hat  vor  allem  die  Diskontpolitik  der
Notenbank  einzusetzen,  die  mit  einer  Verteuerung  der  kurzfristigen
Mittel  einengend  auf  die  Kreditgewährung  überhaupt  und  vor  allem
auf  die  Verwendung  kurzfristiger  Kredite  für  Anlagezwecke  einzuwirken ­
  imstande  ist.  Solche  Diskonterhöhungen  greifen,  wie  wir
oben  gesehen  haben,  aus  einer  gewissen  Selbsthilfe  heraus,  in  Zeiten
von  Krisen  oder  auch  dann  Platz,  wenn  z.  B.  die  Notenbank  dem
Auslände  gegenüber  ihren  Metallbestand  schützen  will.
Die  Diskontpolitik,  von  welcher  jedoch  hier  die  Rede  ist,  ist
eine  ganz  andere.  Sie  ist  als  Maßnahme  einer  positiven  Konjunkturpolitik ­
  gedacht,  um  auf  diese  Weise  eine  Kreditüberspannung  während
der  Hochkonjunktur  zu  bekämpfen.  In  diesem  Sinne  ist  die  Diskonterhöhung ­
  als  eine  präventive  Maßnahme  aufzufassen.  Auf
diesem  Wege  ist  nämlich  die  Notenbank  in  der  Lage,  einer  zu  weitgehenden ­
  Inanspruchnahme  des  Kredits  für  Spekulations-  und  Gründungszwecke ­
  vorzubeugen  und  damit  einen  bestimmten  Einfluß  auf
den  Gang  der  Hochkonjunktur  auszuüben.
Mag  eine  solche  Maßnahme  auch  in  diesen  Zeiten  des  wirtschaftlichen ­
  Aufstieges  von  Handel  und  Industrie  als  unliebsam  und  unbequem ­
  empfunden  und  bekämpft  werden,  mögen  solche  Maßnahmen
auch  dahin  wirken,  daß  dieser  wirtschaftliche  Aufstieg  während  der
Hochkonjunktur  vielleicht  früher  zu  Ende  geht  als  es  sonst  der  Fall
gewesen  wäre,  so  wird  doch  ein  solches  Eingreifen  der  Notenbanken
einen  beruhigenden  Einfluß  auf  das  Wirtschaftsleben  ausüben  und
D  Nach  Lansburgh,  Die  Maßnahmen  der  Reichsbank  zur  Erhöhung
der  Liquidität  der  deutschen  Kreditwirtschaft.  Stuttgart  1914.  S.  16.
Mombert,  Stadium  der  Konjunktur.  17
        <pb n="257" />
        1 )  Schulze-Gävernitz,  a.  a.  0.  S.  !85.

254  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

dahin  wirksam  sein  können,  daß  der  kommende  Konjunkturrückgang
sich  in  ruhigeren  Formen  vollzieht,  keine  solchen  Schäden  und  Nachteile ­
  für  das  ganze  Wirtschaftsleben  im  Gefolge  hat,  wie  es  vielleicht
der  Fall  gewesen  wäre,  wenn  die  Haussebewegung  mit  all  ihren  Ausschreitungen ­
  noch  weiter  nach  oben  gegangen  wäre.
Der  Notenbank  stehen  dann  freilich  auch  noch  andere  Mittel  für
diesen  Zweck  als  lediglich  Diskonterhöhungen  zu  Gebote.  Sie  kann,
wie  man  es  schon  einmal  ausgedrückt  hat,  auch  von  der  Politik  der
Krediterschwerung  zur  Politik  der  Kreditverweigerung  übergehen.  Noch
entschiedener  könnte  die  Notenbank  in  dieser  Hinsicht  wirksam  sein,
wenn  sie  einmal  dazu  überginge,  unmittelbar  in  Konkurrenz  zu  den
großen  Kreditbanken  zu  treten  und  verzinsliche  Depositen  anzunehmen. ­
  „Es  wäre  denkbar,  daß  die  Reichsbank  als  Depositenbank
dem  zentralen  Geldmarkt  billige  Gelder  entnähme,  um  sie  bewußtermassen
  abgelegeneren  Teilen  unseres  Wirtschaftslebens  zuzuführen,
welche  gefördert  werden  sollen:  der  feinen  Industrie  und  der  Provinz.
Durch  Zinserhöhung  ihrer  Depositen  könnte  die  Reichsbank  jede
Emission  ohne  weiteres  durchkreuzen.  Endlich  könnte  man  sich  die
Depositenpolitik  zu  einer  bewußten  Konjunkturpolitik  ausgebildet
denken  —  Verknappung  des  Zinses  gegenüber  ungesunder  Hausse,
Verbilligung  behufs  Überwindung  der  Depression 1 ).“
Unter  solchen  Gesichtspunkten  würden  dann  der  Notenbank  neue
und  größere  Aufgaben  erwachsen  als  man  ihr  bisher  zugewiesen  hat,
Aufgaben,  die  „von  der  Diskontpolitik  zur  Herrschaft  über  den  Geldmarkt“ ­
  führen  würden,  Forderungen,  wie  sie  vor  allem  von  Plenge
vertreten  worden  sind.  „Die  große  Zentralbank  hat  die  Macht,  die
Naturgesetzlichkeiten  des  Verkehrs  durch  ihre  Zinsveränderungen  zu
modifizieren  und  den  automatischen  Gang  der  inneren  Konjunktur
und  die  automatische  Bewegung  der  Zahlungsbilanz  umzustellen.
Auch  die  moderne  Marktbeherrschung  ist  selbstverständlich  Preispolitik ­
  und  wirkt  wesentlich  durch  das  Mittel  der  Preisänderung.  Aber
sie  ist  eine  Politik  der  persönlichen  Einwirkung  auf  die  einzelnen
Marktfaktoren,  auf  Abnehmer  und  Konkurrenten,  durch  Drohung  und
Versprechen,  Förderung  und  Unterdrückung,  um  sie  nach  einem  einheitlichen ­
  Willen  zusammen  arbeiten  zu  lassen.  Sie  arbeitet  also  mit
anderen  Methoden  als  die  reine  Diskontpolitik,  sie  hat  weiter  einen
ganz  anderen  Wirkungskreis  wie  die  reine  Diskontpolitik,  weil  sie
nicht  nur  einen  regulativen  Zinssatz  festsetzen  will,  sondern  notwendig ­
  dazu  fortgehen  muß,  das  Angebot  der  Wäre  Kapital  nach
        <pb n="258" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  255

Menge  und  Sorten  so  zu  regulieren,  wie  die  Ware  Kohle  vom  Kohlensyndikat ­
  reguliert  wird.  Und  endlich  hat  das  System  der  Marktbeherrschung ­
  eine  andere,  grundsätzliche  Auffassung  von  der  Entstehung ­
  der  Marktvorgänge  als  das  System  der  Diskontpolitik 1 ).“
W T ährend  wir  oben  gesehen  haben,  daß  die  Aufgabe  von  Notenund
  Kreditbanken  bei  dem  Rückgang  der  Konjunktur,  bei  dem  Eintritt
einer  Krise  eine,  wie  man  sich  ausdrücken  kann,  repressive  ist,  daß
sie  in  dieser  Zeit  vor  allem  nur  die  Aufgabe  haben,  helfend  und
stützend  einzugreifen,  um  ein  Umsichgreifen  der  Krise  zu  verhüten,
daß  sie  in  dieser  Zeit  also  mit  allen  Mitteln  dafür  sorgen  müssen,
daß  der  Absturz  des  Wirtschaftslebens  kein  zu  jäher  und  tiefer  ist,
ist  ihre  Aufgabe  bei  der  Hochkonjunktur  dagegen  eine  präventive.
Sie  haben  hier  dafür  zu  sorgen,  daß  in  dieser  Periode  des  Wirtschaftslebens ­
  nach  Möglichkeit  spekulative  Ausschreitungen  aller  Art  vermieden ­
  werden,  daß  die  Entwicklung  der  Hochkonjunktur  in  ihrem
Höhepunkte  keine  zu  ungesunde  wird  und  daß  damit  das  Wirtschaftsleben ­
  dem  kommenden  Rückgang  der  Konjunktur  gegenüber  eine
solide  und  widerstandsfähige  Grundlage  aufweist.
Neben  den  Kartellen  und  neben  den  Banken  gibt  es  aber  noch
andere  Instanzen,  welche  imstande  sind,  einen  beruhigenden  Einfluß
auf  die  Wellenbewegung  der  Konjunktur  auszuüben.  Hierher  gehören
einmal  in  erster  Linie  die  Tätigkeit  und  die  Maßnahmen  des
Unternehmers  selbst,  dieses  Wort  im  weitesten  Sinne  gefaßt.
Je  mehr  die  Unternehmer  schon  während  der  Hochkonjunktur  bei
ihren  ganzen  Kalkulationen  und  sonstigen  Überlegungen!  den  einmal
kommenden  Umschwung  im  Auge  haben,  sich  ihm  gegenüber  zu
stärken  und  zu  festigen  suchen,  um  so  weniger  verhängnisvoll  werden
die  Wirkungen  sein,  welche  dann  eintreten.  In  diesem  Sinne  ist  also
auch  eine  ganz  bestimmte  Konjunkturpolitik  auch  für  die  einzelne
Unternehmung  als  solche  möglich,  sowohl  für  die  Banken  wie  für
jeden  industriellen  Betrieb.  Worauf  es  für  die  Banken  dabei  in  erster
Linie  ankommt,  hat  Somary  in  folgende  Worte  gekleidet:
„Weit  schwerer  ist  es,  die  Mittel  der  Bank  so  elastisch  zu  halten,
daß  sie  an  der  Wende  der  Konjunktur  weitere  Anspannung  vertragen.
Bei  Gewährung  von  Anlagekredit  sind  die  Banken  nie  vollständig
Herren  ihrer  Entschlüsse,  da  das  Maß  der  Inanspruchnahme  der  gewährten ­
  Kredite  mit  fortschreitender  Konjunktur  steigt  und  auch
Erhöhungen  der  Kredite  in  solchem  Zeitpunkt  oft  unabweisbar  sind.

U  PI  enge,  Von  der  Diskontpolitik  zur  Herrschaft  über  den  Geldmarkt.
Berlin  1913.  S.  32—33.
        <pb n="259" />
        256  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Eine  Bank,  die  sich  auch  im  Höhepunkt  der  Konjunktur  Bewegungsraum ­
  sichern  will,  tut  darum  gut,  bei  Gewährung  von  Anlagekredit
in  geldflüssigen  Zeiten,  soweit  dies  irgend  möglich  ist,  das  Höchstmaß
der  Inanspruchnahme  nach  dem  Maximalbedarf  des  Unternehmers
in  der  vorhergehenden  Konjunktur  abzuschätzen.  Es  läßt  sich  kein
bestimmtes  Verhältnis  zwischen  den  Mitteln  einer  Bank  und  ihren
Anlagen  auf  dem  Kapitalmärkte  konstruieren,  aber  es  ist  für  eine
Bank  bedenklich,  wenn  die  Gesamtsumme  der  Festlegungen  ihre
Bewegungsfreiheit  am  Höhepunkt  der  Konjunktur  hindert;  sie  kommt
dann  leicht  in  die  Notwendigkeit,  sich  durch  Kündigung  der  Kredite
an  Kunden  Luft  zu  machen;  das  vielfach  übliche  Sieben  der  Kreditlisten ­
  in  der  Zeit  der  stärksten  Kapitalanspannung  ist  eine  schwere
Rücksichtslosigkeit,  da  der  durch  die  Kündigung  eines  Anlagekredits
Betroffene  gerade  in  solchen  Tagen  sich  schwer  anderswo  Geld  beschaffen ­
  kann 1 ).“
Auch  für  den  industriellen  Betrieb  gibt  es  hier  je  nach  seiner
Eigenart  ganz  bestimmte  Regeln  des  Handelns,  von  deren  Einhaltung
es  abhängt,  in  welcher  Weise  das  betreffende  Unternehmen  den
kommenden  Konjunkturumschwung  übersteht.  Es  handelt  sich  hier
in  erster  Linie  um  die  An-  und  Verkaufspolitik,  um  den  Umfang  der
Kreditgewährung,  dann  aber  auch  darum,  in  welchem  Maße  das
Unternehmen  selbst  mit  Bankkredit  gearbeitet  und  in  welcher  Weise
es  die  so  gewonnenen  Mittel  im  Betriebe  verwandt  hat.
Ganz  besonders  wichtig  in  diesem  Zusammenhänge  ist  die
Bilanz-  und  D  i  videndenpolitik  der  einzelnen  Unternehmungen. ­
  Es  war  ja  schon  von  ihr  oben  einmal  in  -anderem  Zusammenhänge ­
  die  Rede  gewesen,  als  von  dem  Verhalten  des  Unternehmers ­
  einer  bestimmten  Konjunkturlage  gegenüber  gesprochen
wurde.  An  diese  Darlegungen  kann  das  Folgende  anknüpfen.
In  früheren  Zeiten  hatten  die  meisten  Unternehmungen  in'  Gesellschaftsform ­
  die  Praxis,  möglichst  hohe  Dividenden  zu  verteilen  und
dazu  einen  möglichst  großen  Teil  der  Erträgnisse  des  entsprechenden
Geschäftsjahres  zu  verwenden.  Erst  in  neuerer  Zeit  hat  hier  eine
andere  Praxis  Platz  ergriffen,  indem  immer  mehr  Unternehmungen
dazu  übergingen,  steigende  Teile  ihrer  Erträgnisse  zur  Kräftigung
ihrer  inneren  Lage  und  zur  Bildung  von  Reserven  zu  verwenden.
In  den  einzelnen  Industriezweigen  sind  diese  neuen  Grundsätze  zu
verschiedener  Zeit  zur  Geltung  gekommen.  Eine  Reihe  großer

*)  Somary,  a.  a.  0.  S.  259.
        <pb n="260" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  257

Banken  sind  darin  vorausgegangen.  Die  folgende  Tabelle 1 )  soll  für
eine  große  Aktiengesellschaft  diesen  Wandel  dartun  und  zeigen,
welchen  Schwankungen  in  früheren  Zeiten  die  Dividenden  in  ihrer
Höhe  ausgesetzt  waren,  und  wie  sich  erst  neuerdings  hierin  ein
stärkerer  Zug  zu  einer  gewissen  Stabilität  zeigt.

Es  betrug  die  Dividende  beim  Bochumer  Verein  für  Bergbau
und  Gußstahl  in  o/ 0  des  A.  K.

Jahre

01
Io

;  Jahre

°lo

Jahre

0/
Io

1854—55

0

1874—75

2

1894-95

5

1855—56

6

1875  -  76

0

1895-96

7

1856-57

0

1876-77

0

1896-97

12  »/.

1857-58

0

1877—78

0

1897-98

15

1858-59

0

1878—79

2

1898-99

16  »/,

1859—60

0

1879-80

2

1899-00

16  «/ s

1860  -  61

8

1880-81

2  Va

1900-01

13  V,

186  L—62

16

1881-82

5

1901-02

7

1862  -  63

16

1882-83

6  J /ä

1902-03

7

1863-64

13

1883-84

10

1903-04

10

1864—65

13

1884—85

10

1904-05

12

1865—66

12

1885—86

6  *  2  3  *  * /o

1905-06

15

1866-67

8

1886—87

7

1906-07

16  a / 3

1867—68

8

1887-88

9

1907-08

15

1868-69

8

1888—89

12  »/,

1908-09

12

1869-70

10

1889-90

10

1909-10

12

1870-71

10

1890-91

6  ‘/ a

1910-11

12  V.

1871-72

13

1891-92

6 1 /.

1911-12

14

1872-73

17

1892-93

3  */.

1912-13

14

1873-74

8

1893-94

4 1 /.

Es  gibt  manche  Gesellschaften,  bei  denen  noch  tief  hinein  bis
in  die  Jahre  vor  dem  Kriege  derartige  krasse  Schwankungen  in  der
Höhe  der  Dividenden,  wie  sie  der  Bochumer  Verein  in  seinen  ersten
Jahren  zeigte,  an  der  Tagesordnung  2 )  waren.  Auch  bei  den  Banken
kann  man  eine  ähnliche  Entwicklung  zur  Stabilisierung  beobachten  8 ).
Ein  Bild  von  den  neuen  Bilanzgrundsätzen  und  dem  neueren  Streben,
eine  stabile  Dividendenpolitik  bei  großen  Unternehmungen  durchzuführen, ­
  gibt  die  folgende  Tabelle.

*)  Die  Zahlen  bis  zu  den  Jahren  1898/99  sind  dem  Buche  von  Wagon,
Die  finanzielle  Entwicklung  deutscher  Aktiengesellschaften  1870—1900,  Jena
1903,  S.  31,  entnommen,  die  Zahlen  für  die  folgenden  Jahre  nach  Salings
Börsenjahrbuch  zusammengestellt.
2 )  Vgl.  die  Daten,  welche  Prion,  Die  Preisbildung  an  der  Wertpapierbörse, ­
  1910,  S.  127,  für  die  Aktiengesellschaft  für  Rheinisch-Westfälische
Industrie  gibt.
3 )  Die  Dividenden  der  größeren  Banken  sind  zusammengestellt  für  die
Jahre  1870—1912  bei  A.  Weber,  a.  a.  O.2.  Aufl.  S.  290—291.  Vgl.  dazu
auchRiesser,  a  a.  0.  S.  59ff.
        <pb n="261" />
        258  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Es  betrug  bei  den  folgenden  Gesellschaften  der  Betrag  in
Millionen  Mark 1 )  an:

1910-11

1911—12

1912-13

bei  17

gemischten  Werken

Abschreibungen  .  .  .

75,94

94,93

110,55

Reingewinn  ....

97,85

111,87

121,25

Dividende

76,71

88,78

98,39

bei  11  Kohlenwerken

Abschreibungen  .  .  .

26,06

25,97

31,09

Reingewinn  ....

31,57

34,61

43,20

Dividende

28,42

30,61

38,67

bei  10  Eisen-  und  Stahlwerken

Abschreibungen  .  .  .

12,22

15,92

20,33

Reingewinn  ....

16,83

21,66

30,13

Dividende

12,65

17,29

21,40

bei  3  Zinkhütten

Abschreibungen  .  .  .

7,57

8,61

9,85

Reingewinn

16,04

16,28

14,78

Dividende

14,08

13,49

14,30

bei  allen  41

Gesellschaften  zusammen

Abschreibungen  .  .  .

121,79

144,93

171,82

Reingewinn  ....

162,29

184,32

209,36

Dividende

131,86

150,17

172,76

Wenn  man  diese  Aufstellung  genauer  ansieht,  so  bemerkt  man,
daß  der  Betrag  der  Abschreibungen  allein  bei  allen  Gesellschaften
zusammen  fast  die  Höhe  der  Summe  erreicht,  welche  für  Dividendenzwecke ­
  zur  Verfügung  gestellt  wurde.  Bei  den  17  gemischten  Werken
war  die  Summe  der  Abschreibungen  sogar  noch  wesentlich  höher.
Die  Bedeutung  einer  derartigen  Bilanz-  und  Dividendenpolitik
ist  für  das  vorliegende  Problem  einer  Konjunkturbeeinflussung
eine  doppelte.  Es  liegt  einmal  auf  der  Hand,  daß  damit  eine  innere
Stärkung  der  betreffenden  Unternehmung  den  Zeiten  und  Anforderungen ­
  eines  Konjunkturrückganges  gegenüber  verbunden  ist.  Ein
Unternehmen  wird  bei  dem  Eintritt  eines  Konjunkturrückganges
oder  einer  Krise  um  so  weniger  gefährdet  sein,  über  je  größere
stille  und  offene  Reserven  es  verfügt.  Es  wird  dann  um  so  eher
imstande  sein,  Verluste,  welche  es  in  solchen  Zeiten  durch  Entwertung ­
  der  Lagerbestände  oder  durch  Zahlungseinstellungen  von
Schuldnern  treffen,  zu  überwinden.  Es  ist  von  manchen  Großbanken, ­
  vor  allem  von  der  Deutschen  Bank,  bekannt,  daß  sie  auf
l )  Berechnet  nach  der  Frankf.  Zeitung:  „Die  Montanindustrie  1912/13 1 '
Erstes  Morgenblatt  vom  29.  November  1913.  Bei  einer  Reihe  von  Gesellschaften ­
  liegen  die  Geschäftsjahre  1910,  1911  und  1912  zugrunde.
        <pb n="262" />
        ß.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  259

diese  Weise  imstande  gewesen  sind,  ohne  Schwierigkeiten  und
für  den  Außenstehenden  unbemerkbar,  Millionenverluste  bilanzmäßig ­
  zum  Ausgleich  zu  bringen.  In  diesem  Sinne  kann  also  eine
vorsichtige  Bilanz-  und  Dividendenpolitik  dazu  beitragen,  daß  bei
Eintritt  einer  rückläufigen  Konjunktur  das  Wirtschaftsleben  vor  zu
umfassenden  und  schweren  Erschütterungen  verschont  bleibt.
Nicht  minder  wichtig  kann  jedoch  der  Einfluß  einer  solchen
Dividendenpolitik  auf  den  Gang  der  Konjunktur  als  solcher  sein.
Wir  haben  ja  oben  gesehen,  daß  es  sich  bei  einem  Konjunkturrückgang, ­
  bezw.  einer  Krise,  im  allgemeinen  darum  handelt,  daß
das  erforderliche  Gleichgewicht  zwischen  Konsumtion  und  Produktion ­
  fehlt,  wir  haben  ferner  gesehen,  daß  eines  der  erfolgreichsten
Mittel,  um  das  jähe  Auf  und  Ab  im  Wandel  der  Konjunktur  zu
mildem,  darin  liegt,  in  der  Zeit  der  Hochkonjunktur  das  Wirtschaftsleben ­
  vor  spekulativen  Ausschreitungen  zu  bewahren,  daß
eine  gewisse  Mäßigung  in  der  Hausse  eine  Gewähr  dafür  bietet,
daß  der  Abstieg  der  Konjunktur  sich  weniger  plötzlich  und  schroff
vollzieht,  als  es  sonst  der  Fall  gewesen  wäre.  Wenn  es  also  das
Ziel  der  Konjunkturpolitik  ist,  abflauend  auf  die  Wellenbewegung
der  Konjunktur  einzuwirken,  die  Höhe-  und  die  Tiefpunkte  derselben ­
  einander  anzunähern,  durch  einen  mäßigendem  Einfluß
während  der  Hochkonjunktur  dafür  zu  sorgen,  daß  der  kommende
Abstieg  kein  zu  tiefer  ist,  so  zeigt  eine  einfache  Überlegung,  daß
die  oben  geschilderte  Bilanz-  und  Dividendenpolitik  diesem  Ziele
in  hohem  Maße  dient.
Das  ist  einmal  schon  deshalb  der  Fall,  weil  ja  jeder  Konjunkturrückgang ­
  bei  der  Industrie  mit  einer  starken  Entwertung  der  Warenlager ­
  und  bei  den  Banken  mit  einer  Entwertung  der  Effekten  Hand
in  Hand  geht  und  weil  reichliche  Abschreibungen  darauf  während
der  Hochkonjunktur,  d.  h.  Minderbewertungen  dieser  Bestände,
gegenüber  dem  Marktwerte  in  der  Hochkonjunktur,  diese  Entwertung
bei  einem  Konjunkturrückgang  bereits  eskomptiert  haben.
Auf  der  anderen  Seite  jedoch  bedeutet  diese  Tatsache,  daß
während  der  Hochkonjunktur  gemachte  Gewinne  während  derselben
nicht  zur  Ausschüttung  gelangen,  daß  während  dieser  Periode  des
Wirtschaftslebens  die  Kaufkraft  der  Bevölkerung  nicht  so  sehr  ansteigt, ­
  wie  es  der  Fall  gewesen  wäre,  wenn  ein  größerer  Teil  der
Während  der  Hochkonjunktur  gemachten  Gewinne  während  der
Dauer  derselben  auch  zur  Verteilung  gelangt  wäre.  In  dem  Maße,
in  dem  dann  eine  solche  Dividendenpolitik  zu  einer  Stabilisierung
der  Dividenden  beiträgt,  d.  h.  es  möglich  macht,  auf  Grund  der
während  der  Hochkonjunktur  gemachten  Gewinne,  in  der  Depression
        <pb n="263" />
        260  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

mehr  an  Dividenden  zu  zahlen,  als  den  während  dieser  Zeit  gemachten ­
  Gewinnen  entspricht,  wird  die  Kaufkraft  der  Bevölkerung
während  der  Depression  nicht  in  dem  Maße  sinken,  wie  es  sonst
der  Fall  gewesen  wäre.
Auf  diese  Weise  werden  Kaufkraft  und  Nachfrage  in  der  Hochkonjunktur ­
  geringer  und  während  der  Depression  größer  sein,  als
es  sonst  der  Fall  wäre.  Insoweit  dieses  zutrifft,  werden  damit  die
Gegensätze  dieser  verschiedenen  Konjunkturperioden  verringert,  wodurch ­
  die  Wellenbewegung  der  Konjunktur  eine  flachere  werden
muß.  Man  wird  unter  diesen  Gesichtspunkten  sagen  können,  daß
es  sich  bei  dieser  Art  der  Bilanz-  und  Dividendenpolitik  nicht  nur
um  die  Schaffung  von  Reserven  vom  privatwirtschaftlichen  Gesichtspunkt ­
  aus  handelt,  sondern  daß  das  gleiche  auch  vom  Standpunkte ­
  der  ganzen  Volkswirtschaft  aus  gilt.
Auch  auf  anderen  Wegen  könnte  eine  ähnliche  Wirkung  erzielt
werden.  Es  ist  hier  vor  allem  an  die  Arbeitslosenversicherung ­
  gedacht,  welche  wir  hoffentlich  in  nicht  allzu  langer  Zeit
erhalten  werden.  Es  handelt  sich  hier  um  eine  Frage,  welche  an
dieser  Stelle  nur  unter  rein  wirtschaftlichen  Gesichtspunkten  in
ihrem  Zusammenhänge  mit  dem  Ablauf  der  Konjunktur  zu  betrachten ­
  ist.  Gleichviel,  welche  Form  eine  solche  Arbeitslosenversicherung ­
  bei  uns  einmal  haben  wird,  wer  ihre  Träger  sein
werden,  welche  Bestimmungen  sie  im  einzelnen  enthält,  so  steht
doch  das  eine  fest,  daß  zur  Bestreitung  der  zu  zahlenden  Unterstützung ­
  an  Arbeitslose  feste  Beträge  erhoben  werden,  an  deren
Aufbringung  in  einem  bestimmten  Verhältnis  das  Reich,  vielleicht
auch  die  Gemeinden,  Arbeitgeber  und  Arbeiter  mitzuwirken  haben.
Diese  Beträge  werden  in  gleicher  Weise  von  den  Beteiligten  aus
ihren  Einnahmen  unmittelbar  oder  auf  dem  Wege  der  Besteuerung,
d.  h.  aus  dem  Volkseinkommen,  in  jeder  Phase  der  Konjunktur
geleistet.
Während  der  Hochkonjunktur  ist  nun,  wie  wir  gesehen  haben,
die  Zahl  der  Arbeitslosen  eine  sehr  geringe,  während  sie  bei
dem  Rückgang  der  Konjunktur  und  während  der  Dauer  der  Depression ­
  stark  ansteigt.  Die  Dinge  liegen  also  so,  daß  während  der
Hochkonjunktur  aus  den  Beiträgen  gewisse  Fonds  angesamrnelt
werden,  die  in  der  Hauptsache  bei  dem  Rückgang  der  Konjunktur
und  während  der  Depression  zur  Auszahlung  von  Unterstützungen
dienen,  In  dem  Maße,  in  dem  dies  der  Fall  ist,  wird  auch  hier
entsprechend  der  Höhe  dieser  Beiträge,  soweit  sie  während  der
Hochkonjunktur  nicht  für  diese  Zwecke  verausgabt  werden,  die
Kaufkraft  der  Bevölkerung  in  dieser  Zeit  vermindert  und  in  der
        <pb n="264" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunktur  wandet.  261

Depression,  soweit  hier  mehr  an  Unterstützungen  ausgezahlt  wird,
als  in  diesen  Zeiten  an  Beiträgen  eingeht,  die  Kaufkraft  der  Bevölkerung ­
  verstärkt  werden.  Die  Wirkung  muß  also  die  gleiche  sein,
wie  sie  eben  bei  dem  Streben  nach  einer  Stabilisierung  der
Dividende  dargestellt  worden  ist.
Wenn  sich  natürlich  auch  keinerlei  zahlenmäßige  Anhaltspunkte
heute  dafür  geben  lassen,  in  welchem  Umfange  auf  solchen  Wegen
eine  Minderung  der  Kaufkraft  in  der  Hochkonjunktur  und  eine  entsprechende ­
  Verstärkung  derselben  während  der  Depression  eintritt,
so  würde  man  doch  einen  Fehler  begeben,  wollte  man  die  Wirkung
nach  dieser  Richtung  hin  zu  gering  einschätzen.  Denn  man  muß
immer  dabei  im  Auge  behalten,  daß  diese  Beträge,  welche  eine
Minderung  der  Kaufkraft  während  der  Hochkonjunktur  bedeuten,
eine  doppelte  Wirkung  ausüben,  einmal  als  Minderung  der  Kaufkraft ­
  während  der  Hochkonjunktur,  und  dann  als  eine  Stärkung
derselben  in  den  Zeiten  der  Depression.  Es  würde  also  eine  Annäherung ­
  der  Kaufkraft  in  beiden  Perioden  des  Wirtschaftslebens  in
dem  doppelten  Umfange  der  Verminderung  derselben  während  der
Hochkonjunktur  Platz  greifen.  Nimmt  man  an,  um  das  an  einem
ganz  einfachen  Schema  klar  zu  legen,  daß  die  Kaufkraft  der  Bevölkerung ­
  in  der  Hochkonjunktur  1000,  während  der  Depression
900  betrage,  während  die  Minderung  der  Kaufkraft  auf  den  verschiedenen, ­
  eben  dargelegten  Wegen  während  der  Hochkonjunktur
vielleicht  20  sei,  so  würde  damit  der  Unterschied  in  der  Kaufkraft
beider  Perioden  von  100  auf  60  herabsinken.
In  der  gleichen  Linie  kann  auch  eine  Kredit-  oder  Verlustvcrsiclierung
  wirksam  sein.  Ihr  Zweck  besteht  bekanntlich
darin,  daß  sich  der  Gläubiger  gegen  die  Verluste  versichert,  welche
er  dadurch  erleiden  kann,  daß  ein  Schuldner  nicht  imstande  ist,  seine
eingegangenen  Verbindlichkeiten  zu  erfüllen.  Es  handelt  sich  hierum ­
  einen  Versicherungszweig,  der  infolge  der  gewaltigen  Schwierigkeiten ­
  seiner  technischen  Durchführung  bisher  im  wesentlichen  in
mißglückten  Versuchen  stecken  geblieben  ist.  Es  handelt  sich  jedoch
auch  um  einen  Versicherungszweig,  dem  ein  Gedanke  zugrunde
Hegt,  voii  dem  einer  der  Anhänger  dieser  Versicherung  gesagt  hat,
daß  er  nie  sterben  wird.  Wir  werden  also  auch  immer  wieder  mit
neuen  Versuchen,  eine  solche  Versicherung  einzuführen,  zu  rechnen
haben  und  es  mag  sein,  daß  wir  auch  hier  über  kurz  oder  lang
zu  Formen  gelangen,  welche  mehr  Erfolg  haben,  als  es  bisher  der
Fall  gewesen  ist.
Vas  uns  an  dieser  Stelle  interessiert,  ist  nicht  so  sehr  die  Art
c  er  Durchführung,  sind  nicht  die  technischen  Schwierigkeiten,
        <pb n="265" />
        262  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

welche  hierbei  überwunden  werden  müssen,  als  vielmehr  die  prinzipielle ­
  Frage,  wie  eine  gut  und  solid  ausgebaute  Kreditversicherung
auf  den  Ablauf  der  Konjunktur  einzuwirken  imstande  ist.  Es  soll
auch  an  dieser  Stelle  darüber  nicht  eingehender  gesprochen  werden,
ob  denn  eine  solche  Versicherung  überhaupt  durchführbar  ist
und  ob  sie  nicht  unter  Umständen  für  unser  ganzes  Wirtschaftsleben ­
  deshalb  große  Gefahren  mit  sich  bringen  kann,  weil  doch
durch  eine  solche  Versicherung  dem  Gläubiger  ein  mehr  oder
weniger  großer  Teil  des  Risikos  seinen  Schuldnern  gegenüber  abgenommen ­
  wird  und  damit  die  Gefahr  einer  zu  weitgehenden  Kreditgewährung ­
  entstehen  kann.
Sei  dem,  wie  ihm  wolle,  so  wird  doch  jede  Kreditversicherung,
die  man  ja  auch  schon  als  Krisenversicherung  bezeichnet
hat,  die  Tendenz  haben  müssen,  abflauend  auf  die  Wellenbewegung
der  Konjunktur  einzuwirken.  Es  handelt  sich  hier  fast  um  die  gleichen
Zusammenhänge,  wie  sie  oben  bei  der  neuen  Art  der  Dividendenpolitik ­
  und  der  Arbeitslosenversicherng  dargelegt  worden  sind.
Einmal  wird  eine  Kreditversicherung  für  den  Versicherten  als
eine  Art  von  Reserve,  die  er  während  der  wirtschaftlich  guten  Zeit
angesammelt  hat,  wirken,  indem  sie  dem  Versicherten  dazu  hilft,
daß  er  Verluste,  welche  er  bei  einem  Rückgänge  der  Konjunktur
durch  Zahlungsunfähigkeit  seiner  Schuldner  erleidet,  leichter  tragen
kann.  Vom  Standpunkte  der  Bilanz  aus  betrachtet,  wirken  die  von
ihm  gezahlten  Versicherungsprämien  genau  ebenso,  wie  Abschreibungen, ­
  welche  er  in  der  entsprechenden  Höhe  auf  seinem
Debitorenkonto  vorgenommen  hätte.  In  diesem  Sinne  bedeutet  also
die  Kreditversicherung  ein  Mittel,  einem  stärkeren  Umsichgreifen
von  Verlusten  und  Zusammenbrüchen,  wie  sie  ja  beim  Niedergang
der  Konjunktur  häufig  einzutreten  pflegen,  zu  begegnen.  Wie  einer
der  Vorkämpfer  dieses  Versicherungszweiges,  Herz  fei  der,  diesen
Gedanken  ausgedrückt  hat:  „Die  Kreditversicherung  sollte  von  der
Geschäftswelt  als  eine  Art  geschäftlicher  Lebensversicherung  aufgefaßt ­
  werden,  wobei  hier  Lebensversicherung  tatsächlich  Versicherung ­
  gegen  den  wirtschaftlichen  Tod  durch  Handelsverlust
bedeutet.  Die  Konsequenz  wäre,  daß  der  Kaufmann  freiwillig  jahrelang ­
  Prämien  zahlen  würde,  obwohl  er  weiß,  daß  er  in  absehbarer
Zeit  eine  Rückzahlung  nicht  zu  erwarten  hat“ 1 ).
Durch  die  Prämienzahlungen  während  der  Hochkonjunktur
werden  also  die  Mittel  gewonnen,  um  die  vor  allem  bei  einem  Konjunkturrückgang ­
  eintretenden  Verluste  mehr  oder  weniger  zu  decken,

1 )  Das  Problem  der  Kreditversicherung.  Leipzig  1904.
        <pb n="266" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkfcurwandel.  263

Da  ja  die  Prämienzahlung  grundsätzlich  in  gleicher  Weise  in  allen
Perioden  der  Konjunktur  zu  leisten  ist,  die  Verluste  jedoch  in  weit
größerem  Maße  in  den  Zeiten  der  absteigenden  Konjunktur  als
während  ihres  Aufstieges  eintreten,  so  wirkt  eine  solche  Kreditversicherung ­
  also  ebenfalls  nach  der  Richtung  hin,  daß  in  den
Zeiten  der  wirtschaftlichen  Prosperität  (Reserven  aufgespeichert
werden,  daß  damit  die  hier  vorhandene  Kaufkraft  gemindert  wird,
während  diese  so  angesammelten  Reserven  dann  in  der  Hauptsache
dazu  dienen  müssen,  die  beim  Konjunkturumschwung  eintretenden
Schadenfälle  zu  decken,  also  in  dieser  Zeit  steigernd  auf  die  Kaufkraft ­
  zu  wirken.
Der  letzte  Punkt,  welcher  in  diesem  Zusammenhänge  noch  zu
besprechen  ist,  betrifft  die  Tätigkeit  von  Staat  und  Gemeinden ­
  als  Auftraggeber,  Handel  und  Industrie  gegenüber.  Auch
davon  war  schon  oben  einmal  die  Rede  gewesen,  als  im  Zusammenhang ­
  mit  dem  Erlaß  des  preußischen  Ministers  des  Innern  von  den
Aufgaben  gesprochen  wurde,  welche  Staat  und  Gemeinden  in  den
Zeiten}  einer  rückläufigen  Konjunktur  haben.  Sie  sollen  hier  durch
Aufträge  Arbeitsgelegenheit  schaffen,  um  damit  einem  Umsichgreifen
der  Arbeitslosigkeit  vorzubeugen.
Man  kann  sich  jedoch  ein  solches  Vorgehen  der  öffentlichen
Körperschaften  noch  weit  umfassender  denken,  als  es  in  diesem
Erlaß  zum  Ausdruck  kommt,  der  sich  ja  ganz  allein  auf  die  Bekämpfung ­
  der  Arbeitslosigkeit  bei  dem  Rückgang  der  Konjunktur
bezog.  Man  kann  daran  denken,  daß  alle  diese  öffentlichen  Körperschaften, ­
  deren  Aufträge  an  Handel  und  Gewerbe  jährlich  in  die
Milliarden  gehen,  bewußt,  so  weit  es  überhaupt  mit  der  Natur  des
betreffenden  Bedarfes  vereinbar  ist,  mit  ihren  Aufträgen  und  Bestellungen ­
  während  der  Hochkonjunktur  zurückhalten,  um  sie  dann
erst  mit  dem  Rückgänge  der  Konjunktur  und  während  der  Depression
an  den  Markt  zu  bringen.  Auch  in  diesem  Sinne  liegen  keineswegs
unbeträchtliche  Möglichkeiten  vor,  die  Höhe-  und  die  Tiefpunkte  der
Konjunkturkurve  einander  anzunähern,  die  Hochkonjunktur  infolge
der  dann  geringeren  öffentlichen  Aufträge  nicht  so  stark  ansteigen
zu  lassen,  wie  es  sonst  der  Fall  gewesen  wäre,  und  dann  mit  diesen
Aufträgen  bei  dem  Rückgänge  der  Konjunktur  und  während  der
Depression  die  Nachfrage  auf  dem  Gütermarkte  verstärken  zu  helfen.
An  sich  gibt  es  manche  Überlegungen,  die  dafür  sprechen,  daß
es  für  die  öffentlichen  Körperschaften  auch  vorteilhaft  ist,  ihre
Aufträge  während  der  Depression  hinauszugeben.  Zunächst  werden
sic  in  dieser  Periode  des  Wirtschaftslebens  im  allgemeinen  wesentlich ­
  billiger  einkaufen  können,  wie  während  der  Hochkonjunktur.
        <pb n="267" />
        264  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

Während  der  Depression  ist  auch  der  Geldmarkt  flüssiger  und  die
Geldbeschaffung  durch  Staat  und  Gemeinden  leichter  und  billiger.
Eine  gewisse  Erschwerung  wird  freilich  darin  liegen,  daß,  wie
wir  ja  oben  gesehen  haben,  in  den  Zeiten  der  Depression  viele
laufende  Einnahmen  geringere  Beträge  abwerfen,  als  während  der
Hochkonjunktur.
Freilich  ist  diese  Rücksichtnahme  der  öffentlichen  Betriebe  auf
die  Konjunkturlage  nicht  von  diesen  allein  abhängig.  Sonst  wäre  es
ja  auch  schwer  verständlich,  warum  diese  ihre  Hauptkäufe  nicht  in
der  Depressionsperiode  betätigen,  der  Zeit,  in  der  sie  ja  wesentlich
schneller  und  billiger,  als  während  der  Hochkonjunktur  geliefert
bekommen.  Man  muß  bei  dieser  Frage  immer  im  Auge  behalten,  daß
diese  öffentlichen  Betriebe  durch  ihre  engen  Beziehungen  zu  den
Finanzen  von  Staat  und  Gemeinde  in  dieser  Hinsicht  nicht  immer
freie  Herren  ihrer  Entschlüsse  sind.  In  dieser  Hinsicht  wäre  es
äußerst  wichtig,  vor  allem  im  Hinblick  auch  auf  die  stärkere  Durchdringung ­
  dieser  öffentlichen  Betriebe  mit  mehr  kaufmännischem
Geiste,  wenn  alle  diese  Unternehmungen  von  der  allgemeinen  Finanzverwaltung ­
  losgelöst  und  zu  sog.  ausgeschiedenen  Verwaltungszweigen
umgestaltet  würden,  wie  es  ja  jetzt  z.  T.  auch  geschehen  ist.
Wo  Bestellungen  während  der  Hochkonjunktur  gemacht  werden,
da  kann  die  Lage  des  Geldmarktes  und  die  dadurch  erschwerte
Geldbeschaffung  für  die  öffentlichen  Körperschaften  dazu  führen,
daß  diese  gezwungen  sind,  in  zu  weitgehendem  Maße  den  Kredit
ihrer  Lieferanten  in  Anspruch  zu  nehmen,  eine  Tatsache,  die
vielleicht  ihrerseits  wieder  ungünstig  auf  den  weiteren  Verlauf  der
Konjunktur  wirken  kann.  R.  Blum,  der  Direktor  der  Berlin-Anhaltischen
  Maschinenbaugesellschaft,  hat  kurz  vor  dem  Kriege
in  der  Zeitschrift  „Technik  und  Wirtschaft“  über  zwei  Bestellungen
seitens  zweier  Stadtverwaltungen  das  Folgende  berichtet:  Die  eine
verlangte,  daß  die  Bausumme  vom  Tage  der  Fertigstellung  an  zu
o  o/o  verzinslich  auf  ein  Jahr  gestundet  werde,  „damit  wir  in  der
Lage  sind,  zur  Aufnahme  der  nötigen  Anleihe  eine  günstigere  Konjunktur ­
  abzuwarten“.  Die  andere  Stadtverwaltung  verlangte,  daß  die
Bezahlung  auf  zwei  Jahre  verteilt  werden  sollte,  indem  das  erste
Drittel  am  1.  Juli  1914,  also  bei  Fertigstellung,  das  zweite  Drittel
am  1.  Juni  1915,  das  dritte  Drittel  am  1.  Juni  1916  fällig  werden
solle.  Dabei  betont  Blum,  daß  es  sich  hierbei  um  keine  Ausnahmen
handle,  sondern  daß  er  hunderte  von  Briefen  zeigen  könne,  wo  dem
verschiedensten  Industrien  Deutschlands  von  den  Behörden  oft  noch
viel  schärfere  Zumutungen  gemacht  worden  seien 1 ).“

■*)  Jahrgang  1913.  S.  191.  Es  sind  nicht  nur  Stadtgerneinden,  über
        <pb n="268" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  265

Man  braucht  sich  nur  die  Frage  vorzulegen,  woher  die  betreffenden ­
  Unternehmungen  die  Mittel  erhalten,  um  solche  langfristigen ­
  Kredite  an  ihre  Kunden  geben  zu  können,  so  sieht  man
ohne  weiteres,  wie  ungünstig  ein  solches  Verfahren  auf  den  Ablauf ­
  der  Konjunktur  einwirken  kann.  Denn  diese  Unternehmungen
können  diese  Kredite  nur  gewähren,  wenigstens  in  der  Regel,  wenn
sie  ihrerseits  selbst  dafür  den  Kapital-  und  Geldmarkt  in  Anspruch
nehmen,  vor  allem  auch  dadurch,  daß  sie  ihren  Bankkredit  in  den
verschiedensten  Formen  ausnützen.  Bestellungen  öffentlicher
Körperschaften,  welche  sich  während  der  Hochkonjunktur  auf  solche
Weise  häufen,  bedeuten  also  einmal  eine  nicht  ungefährliche  Belastung ­
  des  Geldmarktes  und  eine  nicht  ungefährliche  Ausdehnung
der  Kreditgewährung,  sie  haben  auch  vielmehr  die  Tendenz,  als
zusätzliche  Nachfrage  steigernd  auf  die  Kaufkraft  und  damit  stimulierend ­
  auf  die  Produktion  während  der  Hochkonjunktur  einzuwirken. ­

Alle  diese  Wege,  welche  wir  bis  jetzt  als  gangbar  für  eine
Konjunkturpolitik  im  Sinne  einer  planmäßigen  bewußten  Beeinflussung ­
  des  Koniunkturwandels,  vor  allem  während  der  Hausse,
betrachtet  haben,  bieten  nur  eine  Politik  der  kleinen  Mittel.
Es  befindet  sich  darunter  keines,  das  irgendwie  imstande  wäre,
die  Schwankungen  in  der  Konjunktur  überhaupt  zu  beseitigen.  Aber
man  darf  auch  die  Politik  der  kleinen  Mittel  nicht  verachten  und
ihre  günstige  Wirkung  auf  die  Gesamtentwicklung  des  Wirtschaftslebens ­
  nicht,  zu  gering  einschätzen.  Ist  doch  schon  sehr  viel  in  dieser
Hinsicht  gewonnen,  wenn  überhaupt  die  Wellenlinie  des  Konjunkturablauf ­
  es  eine  flachere  wird  und  wenn  damit  diese  schroffen,  für
das  Wirtschaftsleben  so  unheilvollen  Gegensätze  von  Hausse  und
Krise  zum  Verschwinden  kommen  und  einem  gleichmäßigeren
ruhigeren  Ablauf  der  Konjunktur  Platz  machen.  Wir  haben  ferner
gesehen,  daß  die  Entwicklung  in  dem  letzten  Jahrzehnt  vor  dem
Kriege  auch  tatsächlich  nach  dieser  Richtung  hin  gegangen  ist
und  es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  an  dieser  günstigeren
Entwicklung  die  eben  dargelegten  Maßnahmen  und  Fairtoren,  Kartelle, ­
  Bankenpolitik,  Dividendenpolitik  usw.,  bereits  zu  einem  gewissen ­
  Teile  mitgewirkt  haben.  Es  kann  aber  auch  ebensowenig
einem  Zweifel  unterliegen,  daß  nach  dieser  Richtung  hin  noch  weit
größere  Erfolge  erzielt  werden  können,  wenn  sich  in  Zukunft  ein
welche  solche  Klagen  bekannt  werden,  das  gleiche  gilt  auch  vom  Staat  und  privaten ­
  Kunden.  Vgl.  dazu  die  Zuschriften  an  die  Frankfurter  Zeitung,  „Die
Debitoren-Konfen  der  Industrie-Unternehmungen  vom  7.  und  10.  Juli  und
1.  Oktober  1908.
        <pb n="269" />
        266  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

solches  Eingreifen  und  solche  Maßnahmen  noch  entschiedener  und
zielbewußter  ausbilden.
Wir  haben  nun  oben  gesehen,  daß  derartige  krisenhafte
Störungen  im  Wirtschaftsleben  erst  mit  Entstehung  der  modernen
Produktionsweise  aufgekommen  sind,  erst,  als  mit  der  Trennung  des
Produzenten  vom  Verbraucher  die  Güterproduktion  immer  mehr
den  Charakter  der  Erwerbs-  und  Verkehrswirtschaft  annahm,  und
sie  immer  mehr  Warenproduktion  wurde.  Wir  haben  auch  schon
oben  gesehen,  daß  gerade  an  diesem  Punkte  eine  besonders  scharfe
Kritik  des  Sozialismus  der  herrschenden  Wirtschaftsordnung  gegenüber ­
  eingesetzt  hat.  Es  erhebt  sich  dieser  Kritik  gegenüber  die
Frage,  ob  sich  in  einer  Wirtschaftsordnung,  welche  nicht  mehr  wie
die  heutige  auf  wirtschaftlicher  Freiheit  und  Privateigentum  an
den  Produktionsmitteln  beruht,  wo  nicht  mehr  der  Erwerbsgedanke
für  die  Art  und  den  Umfang  der  Produktion  das  Bestimmende  ist,
sich  solche  Gleichgewichtsstörungen  zwischen  Produktion  und  Konsumtion ­
  vermeiden  lassen.
Der  Sozialismus  will  ja  diese  heutige  Verkehrs  wirtschaftliche
Organisation  der  Volkswirtschaft  ersetzen  durch  eine  solche  auf
gemeinwirtschaftlicher  Grundlage.  In  dieser  neuen  Ordnung  soll  die
Warenproduktion  aufgehoben  sein,  an  Stelle  der  Produktion  für  den
Markt,  für  den  Verkauf,  soll  eine  solche  für  den  Selbstbedarf  der  Mitglieder ­
  der  Gesellschaft  treten.  Zunächst  soll  die  Gesellschaft  im
Rahmen  des  einzelnen  Staates  eine  einzige  große  Genossenschaft
bilden,  die  sich  aber  dann  später  zu  einer  solchen  auf  internationaler
Grundlage  auswachsen  soll 1 ).  So  soll  an  die  Stelle  der  bisherigen
Erwerbswirtschaft  eine  sogenannte  Bedarfsdeckungswirtschaft  treten.
Die  ganzen  Produktivkräfte  sollen  immer  mehr  zentralisiert,  die  ganze
Produktion  immer  mehr  einem  einheitlichen  Plane  unterworfen  werden. ­
  Von  einer  Zentralstelle  aus  sollen  Produktion  und  Konsumtion
geleitet  und  so  beide  im  Gleichgewicht  gehalten  werden.  In  diesem
Zusammenhang  liegt  natürlich  die  Frage  nahe,  ob  denn  wirklich  in
einer  so  organisierten  Wirtschaft  dieses  Gleichgewicht  erhalten  werden ­
  kann,  oder  ob  doch  nicht  auch  hier  unvermeidbar  Unstimmigkeiten ­
  Vorkommen  müssen.  Es  würde  zu  weit  führen,  an  dieser
Stelle  diesem  Problem  genauer  nachzugehen.  Denn  seine  Erörterung
kann  nicht  mit  wenigen  Sätzen  abgetan  werden.  Nur  auf  diese  Frage
selbst  sollte  zum  Schlüsse  dieser  Betrachtung  mit  ganz  wenigen
Bemerkungen  noch  hingewiesen  werden.

D  Vgl.  dazu  Kautsky,  Das  Erfurter  Programm.  6.  Aufl.  1905.  4.  Abschnitt ­
  :  Der  Zukunftsstaat.
        <pb n="270" />
        5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunklurwandel.  267

Es  gibt  auf  der  einen  Seite  sehr  viele,  welche  an  eine  solche
Möglichkeit  glauben.  Bei  anderen  jedoch  begegnet  man  ernsten
Bedenken  einer  solchen  Möglichkeit  gegenüber.  Theoretisch  denkbar ­
  wäre  ein  solcher  Gleichgewichtszustand  überhaupt  nur  dann,
wenn  die  betreffende,  auf  solchen  gemeinwirtschaftlichen  Grundlagen
aufgebaute  Wirtschaftsordnung  eine  internationale  wäre,  d.  h.  wenn
von  einer  -obersten  Zentralbehörde  aus  gleichzeitig  und  gleichartig
Produktion  und  Konsumtion  in  allen  in  Betracht  kommenden
Ländern  geregelt  werden  könnte.  Vollkommen  ausgeschlossen  wäre
die  Aufrechterhaltung  eines  solchen  Gleichgewichtszustandes,  wenn
eine  solche  auf  sozialistischer  Grundlage  aufgebaute  Wirtschaft  nur
innerhalb  der  Grenzen  eines  einzelnen  Staates  bestände,  welcher
dann  mit  Ein-  und  Ausfuhr  in  die  Weltwirtschaft  verflochten  wäre.
Ob  sich  aber  auch  auf  einer  genügend  breiten  internationalen  Grundlage ­
  ein  solcher  Gleichgewichtszustand  dauernd  durchführen  ließe,
erscheint  aber  dann  tatsächlich  mehr  als  zweifelhaft,  wenn  man
daran  denkt,  daß  mit  den  schwankenden  Ernteverhältnissen  ein*
ganz  unberechenbarer  Faktor  in  die  ganze  Produktion  hineinkommt,
wenn  man  daran  denkt,  vor  welch  nahezu  übermenschliche  Aufgaben
die  Behörden  gestellt  werden,  welche,  wenn  auch  auf  Grund  der
besten  statistischen  Unterlagen  und  des  denkbar  besten  Nachrichtendienstes ­
  über  die  Größe  und  die  Richtung  der  Produktion  zu  bestimmen ­
  hätten.  Vor  allem  dürfte  eine  Hauptschwierigkeit  darin
liegen,  die  Nachfrage  den  angebotenen  Mengen  anzupassen  und  ohne
Willkür  und  Zwang  den  Absatz  der  überschüssigen  Güter  zu
sichern 1 ).
Literatur.
Sehr.  d.  V.  f.  Sp.  Hammacher,  Cahen  und  Laurent,  Vogel,
Feiler  und  Lescure,  a.  a.  0.  —-  Mo  mb  er  t,  Der  privatwirtschaftliche
Gesichtspunkt  bei  der  Erforschung  der  Konjunkturentwicklung.  In:  Der
privatwirtschaftliche  Gesichtspunkt  in  der  Sozialökonomie  und  Jurisprudenz.
Mannheim  1914.  —  Steinitzer,  Ökonomische  Theorie  der  Aktiengesellschaft. ­
  Leipzig  1908.  —  P  a  s  s  o  w,  Die  wirtschaftliche  Bedeutung  der  Organisation ­
  der  Aktiengesellschaft.  Jena  1907.  —  Petrazycki,  Aktienwesen
und  Spekulation.  Berlin  1906.  —  Moral,  Aktienkapital  und  Aktienemissionskurs ­
  bei  industriellen  Unternehmungen.  Leipzig  1914.  —  Grabow ­
  er,  Die  finanzielle  Entwicklung  der  Aktiengesellschaften  der  deutschen
cnermschen  Industrie  und  ihre  Beziehungen  zur  Bankwelt.  Leipzig  1912.  —-Lewinstein,
  Aktiengesellschaften,  Volkswohlstand  und  Handelskrisen.
Berlin  1901.  —  Kemeny,  Konjunktursymptome  am  Geldmarkt.  Dissertation. ­
  Leipzig  1911.  —  Wiewiorowski,  Einfluß  der  deutschen  Banken*) ­

  Vgl.  dazu  Esslen,  a.  a.  O.  S.  246ff.  Cassel,  a.  a.  O.  554.
Eingehender  hat  diese  Zusammenhänge  Bourguin  in  seinem  Buche:  „Die
sozialistischen  Systeme  und  die  wirtschaftliche  Entwicklung“  (aus  dem  Französischen, ­
  Tübingen  1906),  Kap.  4,  „Das  wirtschaftliche  Gleichgewicht“,  besprochen. ­
  Vgl.  dazu  auch  E.  Heilmann,  Mehrwert  und  Gemeinwirtschaft,
Berlin  1922,  vor  allem  S.  184  ff.
        <pb n="271" />
        268  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

konzentration  auf  Krisenerscheinungen.  Berlin  1911.  —  Brezigar,  Vorboten ­
  einer  Wirtschaftskrise  Deutschlands.  Berlin  1913.  —  Plenge,  Von
der  Diskontpolitik  zur  Herrschaft  über  den  Geldmarkt.  Berlin  1913.  —
Mannstaedt,  Ursachen  und  Ziele  des  Zusammenschlusses  in  den  Gewerben. ­
  Jena  1916.  —  Rathenau,  Der  Einfluß  der  Kapitals-  und  Pro.
duktionsvermehrung  auf  die  Produktionskosten  in  der  deutschen  Maschinenindustrie. ­
  Jena  1906.  —  Lansburgh,  Maßnahmen  der  Reichsbank  zur
Erhöhung  der  Liquidität  der  deutschen  Kreditwirtschaft.  Stuttgart  1914.  —
Lumm,  Die  Stellung  der  Notenbanken  in  der  heutigen  Volkswirtschaft.
Berlin  1909.  Bankenenquete  1808.  Berlin  1909—1910.  —  Jeidels  a.  a.  O.  —
Bücher,  Das  Gesetz  der  Massenproduktion.  In:  Die  Entstehung  der  Volkswirlsch.
  2.  Sammlg.  Tübingen  1920.  3.  u.  4  Aufl.  —  S  c  hin  altz,  Das  Valutarisiko ­
  im  deutschen  Wirtschaftsleben.  Stuttgart  1921.  —  Nasse,  Die  Verhütung ­
  der  Produktionskrisen  durch  staatliche  Fürsorge.  Holzendorff-Brentano ­
  Jahrbuch.  3.  Bd.  1879.  —  Feig,  Wirtschaftliche  Wettervoraussagen.  Deutsches ­
  Stat.  Zentralblatt.  1912.  S.199.  —  Juglar,  Symptome  der  Wirtschaftslage. ­
  Bulletin  international  de  Statistique.  13.  Bd.  H.  4.  —  Wyler,  Schweizerische ­
  Konjunkturstatistik.  Z.  f.  schw.  Stat.  u.  Volksvvirtsch.  1922.  —Wiernik,
  Eine  französische  Enquete  über  die  Konjunktursymptome.  Zeitschrift
für  die  gesamte  Staatswissenschaft.  1912.  —  Vogel,  Der  Handelsteil  der
Tagespresse.  Berlin  1914.  —  Muhs,  Preispolitik  und  Preiskalkulation.
A.  a.  O.
        <pb n="272" />
        Fünfter  Ab  schnitt.
Ausblick.
Es  liegt  nahe,  ein  Buch  über  die  Konjunktur,  in  welchem  der
Konjunkturprognose  und  der  Konjunkturpolitik  besonders  eingehende
Erörterungen  gewidmet  worden  sind,  mit  einer  Betrachtung  über
die  voraussichtliche  weitere  wirtschaftliche  Entwicklung  zu  schließen. ­
  Das  ist  heute  jedoch  nur  in  sehr  eingeschränktem  Umfange
möglich.  Wenn  man  auch  nach  den  Abmachungen,  wie  sie  auf
Grund  des  Londoner  Protokolls  erfolgt  sind,  annehmen  kann,  daß
solche  rein  außenpolitischen  Faktoren,  wie  in  den  ersten  Jahren  nach
dem  Kriege,  nicht  mehr  störend  in  den  Gang  des  deutschen  Wirtschaftslebens ­
  eingreifen  werden,  wenn  auch  der  Zahlungsplan  der
Sachverständigen  dafür  brauchbare  Mittel  vorsieht,  um  die  deutsche
Währung  vor  einer  nochmaligen  Entwertung  zu  schützen,  so  werden
es  trotzdem  wohl  noch  auf  viele  Jahre  hinaus  exogene  Faktoren
in  dem  oben  dargelegten  Sinne  sein,  welche  auf  die  Konjunkturentwicklung ­
  in  Deutschland,  damit  aber  auch  auf  diejenige  in  anderen
Staaten,  einen  maßgebenden  Einfluß  ausüben  können.
Damit  ist  nicht  gesagt,  daß  diese  exogenen  Faktoren,  die  sogleich ­
  näher  besprochen  werden,  dafür  allein  maßgebend  sind.  Es  ist
daneben  durchaus  möglich,  ja,  man  wird  das  sogar  als  bestimmt;
Voraussagen  dürfen,  daß  dabei  auch  die  vor  dem  Kriege  vorhandenen
endogenen  Momente  eine  wirksame  Rolle  spielen  werden.  War  es,
wie  wir  gesehen  haben,  vor  dem  Kriege  der  Gegensatz  zwischen
dem  wirtschaftlichen  Auftrieb  und  den  Verhältnissen  auf  dem  Kapital- ­
  und  Geldmarkt,  welcher  immer  wieder  eine  aufwärts  strebende
Konjunktur  zum  Stoppen  brachte  und  einen  Zustand  der  Depression
herbeiführte,  so  werden  die  gleichen  Kräfte  auch  in  Zukunft  in  der
gleichen  Richtung  wirksam  sein,  und  soweit  dies  der  Fall  ist,  werden
wir  unser  wirtschaftliches  Verhalten  den  Konjunkturschwankungen
gegenüber  nach  denjenigen  Gesichtspunkten  einrichten  können,  welche ­
  wir  oben  als  für  die  Zeit  vor  dem  Kriege  als  dafür  maßgebend
kennen  gelernt  haben.  Es  wird  auf  Grund  solcher  Beobachtungen
durchaus  möglich  sein,  Konjunkturbeobachtung,  Konjunkturprognose
und  Konjunkturpolitik  zu  treiben.  Haben  wir  ja  auch  bei  der  Stabilisierungskrise ­
  gesehen,  daß  es  vor  allem  der  Kapitalmangel  war,
auf  den  sich  diese  Krise  vor  allem  zurückführen  ließ.
Mombert,  Studium  der  Konjunktur.

18
        <pb n="273" />
        270

fünfter  Abschnitt.  Ausblick.

Dali  daneben  trotzdem  noch  exogene  Faktoren  auf  lange  Jahre
hinaus  auf  die  deutsche  Konjunkturentwicklung  einen  maßgebenden
Einfluß  ausüben  können,  beruht  vor  allem  darauf,  daß  im  Gegensatz
zu  der  Zeit  vor  dem  Kriege,  die  Verhältnisse  auf  dem  Kapital-  und
Geldmärkte  in  Deutschland  nicht  allein  von  den  inneren  Kräften
und  der  Entwicklung  unserer  Wirtschaft  selbst  abhängen,  sondern
daß  darauf  der  „Agent“,  dem  die  Übertragung  der  Reparationsleistungen ­
  obliegt,  einen  maßgebenden  Einfluß  ausüben  kann.
Die  Reparationsleistungen  werden  vor  der  Reichsregierung  bekanntlich ­
  auf  das  Konto  des  Agenten  bei  der  Reichsbank  eingezahlt
und  können  hier  bis  zur  Hohe  von  2  Milliarden  stehenbleiben,  unter
bestimmten  Voraussetzungen  sogar  noch  in  größerem  Umfange.
Diese  Beträge  können  jederzeit  abgehoben  werden,  soweit  dem
nicht  besondere  Abmachungen  mit  der  Reichsbank  entgegenstehen.
Die  anderen  Anlagemöglichkeiten  dieser  angesammelten  Beträge,
wie  solche  in  deutschen  Anleihen,  oder  ihre  Verwertung  zur  Bezahlung ­
  von  Sachlieferungen  und  zur  Kreditierung  an  ausländische
Privatpersonen  bei  Ankäufen  deutscher  Sachgüter 1 ),  sind  für  diesen
Zusammenhang  weniger  wichtig.
Auf  Grund  dieser  großen,  ihm  so  zur  Verfügung  stehenden  Beträge ­
  wird  dieser  Agent  nun  einen  sehr  maßgebenden  Einfluß  auf
den  deutschen  Kapital-  und  Geldmarkt  auszuüben  in  der  Lage  sein.
Es  ist  anzunehmen,  wenn  sich  naturgemäß  auch  heute  darüber  noch
nichts  Bestimmtes  aussagen  läßt,  daß  der  Agent  bestrebt  sein
wird,  diese  Mittel  so  anzuwenden,  daß  damit  der  Zinsfuß  in  Deutschland ­
  hoch  und  der  deutsche  Kapitalmarkt  knapp  gehalten  wird.  „Denn
je  weniger  freies  Geld  in  der  deutschen  Wirtschaft  umläuft,  um  so
schneller  müssen  die  deutschen  Unternehmer  ihre  Devisen  abstoßen, ­
  um  so  stärker  werden  sie  gezwungen  sein,  sich  durch  verbilligtes ­
  Warenangebot  und  insbesondere  forcierten  Export  flüssige
Mittel  zu  schaffen;  daraus  wird  dann  für  den  Agenten  die  Möglichkeit ­
  erwachsen,  aus  dem  vergrößerten  Angebot  an  Exportdevisen
Transferierungen  vorzunehmen i)  2 ).“  Hat  man  doch  auch  schon  die
Meinung  vertreten,  daß  der  Agent  gerade  in  dem  Interesse  der  Transferierung ­
  auf  jede  Kreditgewährung  verzichten  könnte,  um  dadurch
den  Zinsfuß  in  Deutschland  möglichst  hoch  zu  treiben.  „Eine  derartige ­
  Höhe  des  Zinsfußes  würde  so  abschreckend  auf  die  Unternehmertätigkeit ­
  wirken,  daß  von  dem  jährlichen  Sozialprodukt  sehr
wenig  für  Neuinvestierungen  und  Erweiterungen  in  xVnspruch  gei) ­
  Vgl.  dazu  Dalberg,  Die  neue  deutsche  Währung  und  der  Dawes-Plan
Berlin  1924.  S.  41  ff.
*)  Dalberg,  a.  a.  0.  S.  48.
        <pb n="274" />
        Fünfter  Abschnitt.  Ausblick.

271

nommen  würde.  Diese  Verminderung  der  Nachfrage  für  produktive
Konsumtion  würde  mehr  Waren  zur  Ausfuhr  freisteilen  und  also  in
den  folgenden  Jahren  die  Transferierungsfähigkeit  erleichtern.  Aber
weiter  bedeutet  jede  Kreditgebung  in  Deutschland  selbst,  daß  die
Waren,  die  man  nicht  exportieren  konnte,  nun  im  Inlande  Abnehmer ­
  finden  werden,  die  ihre  Kaufkraft  von  der  Transferierungsstelle
im  Kreditwege  erhalten  haben.  Indem  die  Transferierungsstelle
Kredit  gibt,  untergräbt  sie  also  die  Möglichkeit,  daß  die  im  Lager
gehaltenen  Waren  schließlich  doch  ausgeführt  werden  müssen,  —
womit  das  Geld  transferiert  werden  könnte 1 ).“
Es  sei  dahingestellt,  *  ob  bei  den  engen  Beziehungen  der  internationalen ­
  Geldmärkte  und  bei  der  Möglichkeit  der  Kapitalwanderangen
  von  Land  zu  Land,  die  ja  in  der  Richtung  einer  gewissen
Ausgleichung  der  nationalen  Zinsunterschiede  hin  wirksam  sind,
diese  Transferierungsstelle  das  Zinsniveau  in  Deutschland  für  längere
Zeit  über  ein  gewisses  Maß  hinaus  halten  kann.  Jedenfalls  erkennt
man  leicht,  daß  es  sich  hierbei  um  Möglichkeiten  handelt,  welche  den
deutschen  Kapital-  und  Geldmarkt  so  tiefgehend  beeinflussen  können,
daß  damit  die  oben  hervorgehobenen  exogenen,  also  nicht  aus  den
inneren,  eigenen  Kräften  der  Volkswirtschaft  herrührenden  Faktoren
für  die  Konjunkturentwicklung  in  einem  Umfange  maßgebend  werden,
daß  ihnen  gegenüber  jede  Prognose  versagen  muß.
Läßt  sich  doch  mit  Sicherheit  annehmen,  daß  diese  Übertragungsstelle
  bei  der  Verwendung  der  ihr  zur  Verfügung  stehenden
Kapitalbeträge  sich  nicht  nur  von  der  Lage  der  deutschen  Wirtschaft ­
  —  es  ist  ihr  ja  die  Sorge  für  die  Stabilhaltung  der  deutschen ­
  Währung  zur  Pflicht  gemacht  —,  sondern  auch  von  der  wirtschaftlichen ­
  und  finanziellen  Lage  der  Empfangsländer  leiten  lassen
wird.  Auch  damit  wird  ein  von  außen  herkommendes  Moment
.len  Gang  unserer  wirtschaftlichen  Entwicklung  beeinflussen  können.
Aber  nicht  nur  über  den  eben  dargestellten  Umweg  des  Kapitalund
  Geldmarktes  wird  ein  solcher  Einfluß  auf  den  Gang  der  deutschen ­
  Konjunktur  stattfinden  können,  das  gleiche  wird  auch  unter
dem  Einflüsse  der  Reparationsleistungen  noch  unmittelbarer  der
Fall  sein.
Die  Reparationsleistungen  zwingen  dazu,  die  deutsche  Handelsbilanz ­
  in  entsprechendem  Maße  aktiv  zu  gestalten,  d.  h.  die  Ausfuhr
zu  vergrößern  und  die  Einfuhr  zu  verringern.  Da  das  letztere  aber
über  ein  gewisses  Maß  hinaus  nicht  möglich  ist,  man  denke  nur  an
l )  S.  Hel  an  der,  Zur  Theorie  der  Transferierung.  Weltwirtschaftliches
Archiv.  Bd.  20.  S.  606.
        <pb n="275" />
        272

Fünfter  Abschnitt.  Ausblick.

die  unentbehrliche  Einfuhr  von  Rohstoffen  und  Nahrungsmitteln,  so
muß  von  unserer  Seite  die  Ausfuhr  in  einem  bis  dahin  nicht  gekannten ­
  Umfange  forciert  werden.  Da  nun  die  Reparationszahlungen
nichts  anderes  bedeuten,  als  eine  entsprechende  Verringerung  der
inneren  deutschen  Kaufkraft  zugunsten  der  Empfangsländer,  so  muß
der  Absatz  der  für  den  heimischen  Markt  arbeitenden  Industrien  zurückgehen. ­
  Es  sind  hier  nun  zwei  Fälle  denkbar.  Entweder  sind  sie
der  Natur  ihrer  Produktion  nach  imstande,  sich  auf  die  Ausfuhr
umzu  stellen,  oder  nicht.  Wenn  das  für  sie  nicht  möglich  ist,  bedeutet
das  für  solche  Unternehmungen  eine  Verengerung  ihrer  Wirtschaftsgrundlage. ­
  Bei  solchen  Unternehmungen  kann  es  darin  so  weit  kommen, ­
  daß  sie  dann  als  unrentabel  ganz  oder  teilweise  stillgelegt  werden ­
  fnüssen.  Die  in  ihnen  bis  dahin  tätige  Arbeitskraft  und  das  vorhandene ­
  Betriebskapital  werden  solchen  Industriezweigen  Zuströmen,
welche  in  der  Lage  sind,  ihre  Ausfuhr  zu  vergrößern.  Damit  werden
sich  Umstellungen  und  Störungen  in  manchen  Industriezweigen  ergeben, ­
  welche,  je  naph  dem  Umfang,  den  sie  annehmen,  zu  einer  allgemeinen ­
  Krise  in  Deutschland  führen  können.  Helander  hat  mit
Recht  darauf  hingewiesen,  daß  damit  ganz  neue  Gesichtspunkte  für
die  Konjunkturbeurteilung  und  Konjunkturpolitik  entstehen  können,
wobei  jegliche  frühere  Erfahrung  fehlt 1 ).
Läßt  sich  ja  doch  heute  kaum  etwas  Genaueres  darüber  aussagen,
  nach  welchen  Richtungen  hin  sich  diese  Umgestaltungen  vollziehen ­
  werden.  Das  hängt  einmal  von  der  Entwicklung  der  internationalen ­
  Handelspolitik  ab,  dann  aber  auch  davon,  welche  neuen
Absatzmärkte  sich  die  deutsche  Industrie  erobern  kann.  Nur  eines
wird  sich  mit  Bestimmtheit  Voraussagen  lassen,  daß  nämlich  die
Entwicklung  der  deutschen  Ausfuhr  nach  der  arbeitsintensiven  Seite
hin  gehen  wird.  Diese  Entwicklung  konnte  man  schon  in  den
letzten  Jahren  beobachten.  Nach  dem  Kriege  hat  bekanntlich  die
deutsche  Ausfuhr  einen  erheblichen  Rückgang  erfahren,  aber  dieser
Rückgang  war  um  so  geringer,  je  mehr  Arbeitslohn  die  betreffenden
Produkte  enthalten  haben.  „Ein  Rückgang  ist  im  allgemeinen  nur  bei
solchen  Waren  zu  verzeichnen,  die  weniger  als  Fertig-,  denn  als
Halbfabrikate  anzusehen  sind.  So  ist  z.  B.  die  Ausfuhr  von  Baumwollgarn ­
  auf  22,8  v.  H.,  die  von  Baumwollgeweben  auf  45,6  v.  H.
und  die  von  Kleidung  und  Wäsche  nur  auf  88,5  v.  II.  der  Ausfuhr
von  1913  zurückgegangen.  Die  Lederausfuhr  beträgt  nur  39,4  v.  H..
dagegen  die  Ausfuhr  von  Schuhwerk,  Sattler-  und  Lederwaren
86,1  v.  H.  der  Friedensausfuhr.  Die  Ausfuhr  von  Stahl-  und  FormU ­

  A.  a.  0.  S.  600.
        <pb n="276" />
        Fünfter  Abschnitt.  Ausblick.

273

eisen  ist  auf  32,7  v.  Hi,  die  von  Blech  und  Draht  auf  41,2  v.  H.  zurückgegangen; ­
  dagegen  ist  die  Ausfuhr  von  Messerschmiedwaren,
von  Erzeugnissen  der  Feinmechanik,  von  Kraftfahrzeugen,  von  Fahrrädern ­
  und  Fahrradteilen,  nicht  unbeträchtlich  gegen  1913  gestiegen ­
 1 ).“
Aus  solchen  Ursachen  müssen  sich  also  in  den  nächsten  Jahren
Umstellungen  und  Verschiebungen  in  der  deutschen  Industrie  ergeben, ­
  welche  für  die  davon  günstig  oder  ungünstig  betroffenen
von  denen  man  sich  heute  natürlich  im  einzelnen  kein  Bild  machen
Berufszweige  Wandlungen  in  der  Konjunktur  hervorrufen  werden,
kann.  Daß  davon  auch  das  gesamte  deutsche  Wirtschaftsleben  berührt ­
  werden  muß,  liegt  auf  der  Hand.
Man  könnte  nun  daran  denken,  daß  sich  nach  Ablauf  dieses
Umstellungsprozesses  dann  auf  der  neugeschaffenen  Grundlage  eine
gewisse  Stabilisierung  der  deutschen  Wirtschaft  vollziehen  und  dann
damit  diese  Konjunkturstörungen  zum  Stillstand  kommen  werden.
Dazu  ist  auch  dann  ganz  sicher  eine  starke  Tendenz  vorhanden,  zumal ­
  wenn  durch  die  kommende  Neuordnung  der  internationalen  Handelspolitik ­
  die  deutsche  Wirtschaft  für  eine  Reihe  von  Jahren
mit  gleichmäßigen,  zollpolitischen  Verhältnissen  bei  der  Ausfuhr
rechnen  darf.
Aber  trotzdem  werden  hier  noch,  soweit  es  sich  übersehen  läßt,
von  zwei  Seiten  her  Störungen  möglich  sein.  Die  eine  Störung
kann  immer  wieder  von  den  oben  erwähnten  Einflüssen  der  Transferierungsstelle ­
  auf  den  deutschen  Geld-  und  Kapitalmarkt  ausgehen, ­
  die  andere  jedoch  von  der  Gestaltung  der  wirtschaftlichen
Verhältnisse  in  anderen  Staaten.  Damit  kommt  unsere  Betrachtung
zu  demjenigen  Punkte,  der  die  Zusammenhänge  zwischen  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  in  Deutschland  und  derjenigen  auf  dem
Weltmärkte  zum  Gegenstände  hat.  Schon  die  obigen  Ausführungen
über  die  Konjunkturlage  in  Deutschland  während  der  Inflationsperiode, ­
  es  sei  nur  auf  die  damals  zitierten  Worte  von  MacKenna.
verwiesen,  haben  gezeigt,  daß  in  dieser  Hinsicht  zwischen  den  in
die  Weltwirtschaft  verflochtenen  Ländern  die  allerengsten  Beziehungen ­
  bestellen,  und  daß  Konjunkturwandlungen  z.  B.  in  Deutschland ­
  nicht  ohne  Einfluß  auf  die  Konjunkturverhältnisse  in  anderen
Staaten  sein  werden,  und  daß  in  der  gleichen  Weise  auch  das  Umgekehrte ­
  gilt.
hs  bedarf  nun  keiner  besonderen  Darlegungen  darüber,  daß
1 )  Statistik  des  Deutschen  Reiches.  Bd.  31.0.  1.  Teil:  „Der  auswärtige
Handel  in  den  Jahren  1920,  1921  und  1922,  verglichen  mit  dem  Jahre  1913.“
Berlin  1:924.  S.  9.
        <pb n="277" />
        274

Fünfter  Abschnitt.  Ausblick.

Veränderungen  in  der  Zusammensetzung  des  deutschen  Außenhandels
—  gesteigerte  Ausfuhr  vornehmlich  an  fertigen  Waren  —■,  verringerte
Kaufkraft  mit  einem  relativen  Rückgang  die  Einfuhr  —  auch  auf  die
Konjunkturverhältnisse  in  anderen  Staaten  erheblich  einwirken  und
auch  dort  unter  Umständen  Wirkungen  auslösen  können,  die  in
ähnlicher  We^se,  wie  es  in  Deutschland  der  Fall  sein  wird,  zu  Umstellungen ­
  in  der  Industrie,  auch  zu  schweren  Erschütterungen  in
bestimmten  Berufszweigen  Veranlassung  geben  können.  Denn  dieser
Zwang  für  Deutschland,  seine  Ausfuhr  zu  steigern,  wird,  worauf  ja
bereits  die  oben  zitierten  Worte  MacKennas  hinweisen,  und  worauf
auch  diese  Übertragungsstelle  durch  ihren  Einfluß  auf  den  deutschen
Kapital-  und  Geldmarkt  einen  bestimmten  und  starken  Einfluß  ausüben ­
  kann,  zu  erheblichen  Preiskämpfen  und  Preisunterbietungen
auf  dem  Weltmarkt  führen,  und  es  hat  schon  seine  guten  Gründe,
wenn  in  anderen  Staaten,  vor  allem  in  England,  von  der  Durchführung ­
  des  Dawes-Gutachtens  unheilvolle  Wirkungen  für  die  eigene
Konjunktur  und  den  eigenen  Arbeitsmarkt  befürchtet  werden.  Die  in
dem  Londoner  Protokoll  und  nach  dem  Dawes-Plan  vorgesehenen
Leistungen  Deutschlands  sind  eben  aus  zwangsläufigen  wirtschaftlichen ­
  Ursachen  heraus  nur  dann  durchführbar,  wenn  Deutschland
auf  dem  Weltmärkte  billiger  als  seine  Konkurrenten  verkaufen
kann,  wenn,  um  ein  Bild  aus  der  Geldlehre  zu  gebrauchen,  die  Kosten
der  deutschen  Gütererzeugung  unter  der  Produktionskostenparität
der  anderen  Industriestaaten  stehen.  Bei  der  Zahlung  von  Reparationen ­
  handelt  es  sich  also  um  eine  Angelegenheit,  welche  die
ganze  Weltwirtschaft  in  Mitleidenschaft  ziehen  muß.  Es  sind  das
Fragen,  welche  an  dieser  Stelle  nicht  eingehender  erörtert  werden
können 1 ).  Es  war  nur  notwendig,  kurz  darauf  hinzuweisen,  denn  es
ist  klar,  daß  solche  wirtschaftlichen  Störungen  und  Umstellungen
in  anderen  Ländern  auch  wieder  auf  die  deutsche  Wirtschaft  in
irgendeiner  Weise  günstig  oder  ungünstig  einwirken  müssen  und
daß  damit  der  Konjunkturverlauf  in  Deutschland  selbst  beeinflußt
wird.
Es  mag  sein,  daß  der  ungünstige  Einfluß  dieses  deutschen
Zwangsexportes  auf  andere  Länder  so  stark  sein  wird,  daß  diese
selbst  ein  Interesse  daran  haben,  auf  Änderungen  in  der  Art  und
der  Höhe  der  deutschen  Reparationsleistungen  hinzuwirken.  So

*)  Vgl.  dazu  Mombert,  Bevölkerungstheorie  und  Bevölkerunpspolitik  im
Liebte  des  Weltkrieges  in  der  Festgabe  zu  Brentanos  80.  Geburtsta«e.  Leipzig ­
  1924.  Ferner:  Helander,  a.  a.  0.  und  die  hier  zitierte  weitere  Literatur.
Außerdem  E.  Schuster,  Wohlstandsindex  und,Finanzreform.  Tübingen  1924
H,  Levi,  Die  Grundlagen  der  Weltwirtschaft.  Leipzig  1924.  S.  160  ff.
        <pb n="278" />
        Fünfter  Abschnitt.  Ausblick.

275

groß  der  Fortschritt  war,  den  dieser  Plan  der  Sachverständigen
gegenüber  der  bis  dahin  Deutschland  gegenüber  geübten  Reparationspolitik ­
  bedeutete,  so  braucht  dieser  Plan  noch  keineswegs
das  Ende  zu  sein,  da  auch  in  ihm  die  ökonomischen  Wirkungen  solcher ­
  Zahlungen  nicht  genügend  durchdacht  sind.  Der  schwedische
Nationalökonom  Cassel  hat  durchaus  recht,  wenn  er  sagt,  „der  Dawes-Plan
  ist  ein  Stadium,  das  offenbar  durchgemacht  werden  muß,  ehe
der  gesunde  Menschenverstand  ganz  zu  seinem  Rechte  gelangen
kann 1 )“.
Die  gleiche  skeptische  Auffassung  hat  Keynes  mit  den  Worten
vertreten:  „Der  Bericht  ist  der  bisher  beste  Beitrag  zu  diesem
unmöglichen  Problem.  Er  atmet  eine  neue  Gesinnung  und  er  istin
  einem  neuen  Geiste  verfaßt.  Er  schafft  eine  Atmosphäre  der
Unparteilichkeit  und  verrät  wissenschaftliche  Durcharbeitung  und
tiefe  Kenntnisse.  Obgleich  die  Sprache  manchmal  der  Sprache
eines  gesunden  Menschen  vergleichbar  erscheint,  der  im  Irrenhaus
sich  selbst  den  Insassen  anpassen  muß,  verliert  sie  doch  niemals
ihren  vernünftigen  Sinn.  Obwohl  der  Bericht  mit  dem  Unmöglichen
einen  Kompromiß  schließt  und  sogar  Unmögliches  in  Erwägung  zieht,
schreibt  er  doch  niemals  das  Unmögliche  vor.  Diese  Fassade  und
diese  Pläne  werden  vielleicht  nie  Gestalt  gewinnen  in  einem  wirklich
errichteten  Gebäude  und  doch  ist  der  Bericht  ein  ehrendes  Dokument ­
  und  er  eröffnet  ein  neues  Kapitel *  2 ).
Wenn  nun,  um  mit  Cassel  zu  reden,  dieser  gesunde  Menschenverstand ­
  sich  einmal  ganz  durchgesetzt  und  diese  erste  Etappe
überwunden  hat,  welche  dafür  die  Gutachten  der  Sachverständigen
darstellen,  so  können  sich  damit  wieder  Umstellungen  und  Wandlungen ­
  in  Deutschland  und  in  anderen  Staaten  ergeben,  welche  den
Gang  der  Konjunktur  beeinflussen.  Mit  dieser  Entwicklung,  die  hier
in  ihren  Hauptzügen  nur  kurz  gestreift  werden  konnte,  hängt  es  zusammen, ­
  daß  die  Entwicklung  der  deutschen  Konjunktur  in  den
nächsten  Jahren  neben  den  Faktoren,  die  aus  den  inneren  Kräften
der  Wirtschaft  selbst  herkommen,  auch  von  solchen  exogener  Natur,
wie  wir  sie  eben  kennen  gelernt  haben,  beeinflußt  werden  wird.
U  Zitiert  nach  Helander,  a.  a.  0.  S.  615.  Vgl.  auch  den  Artikel  Cassels:
„Das  Problem  der  Kriegsentschädigung.“  In  der  Ostseerundschau  in  der  Septembernummer ­
  1924.
2 )  Wirtschaftsdienst  1924,  Nr.  16.  S.  434.
        <pb n="279" />
        Dr.  tDalter  ttlatjlbcrg
Profeffor  an  ber  £janbels  =  Ejod)jd)uk  ©öteborg

3um  tteubau  be$  Krebits.  56  seiten....  g.m.  240
„Ute  Krebitfrage  ift  tnoi)I  heute  bie  brennenbfte....  Biefe  oor3Üglid)c
Sdjrift  foUte  oon  jebem  Wirtfdjaftler  unb  Kaufmann  gelefen  roerben."
Börfe  unb  Ejanbel.
Büa«3tcdjnifi  uttb  Bewertung  bei  |d)tDönbenber
tDäfyrung  (ffioIbmarftbiIan3).  3  ,  t&amp;gt;ermef)rte  unb  Der«
befferte  Auflage.  (Betriebs*  unb  5inan3t»irtfd)aftlid)e  $or  djungen,
tfeft  10.)  X,  264  Seiten  Kartoniert  G.M.5—
Bie  auf  246  Seiten  uermet)rte  3.  Auflage  ift  bas  einige  umfaffenbe
Werk,  bas  jämtlid)e  Sragen  ber  ©olbmarkbuchführung,  ber  ©olbmark*
bilan3  unb  ffiolbmark=Kat»ulotion  erfd)öpfenb  unter  Berüdtfidjtigung
aller  bisherigen  Dorfdjläge  betjanbelt.  (Es  unterjud)t  barüber  hinaus
bie  Beroertung  ber  eijernen  Dorräte  unb  ber  Anlagen.
Die  ttotwenbigbeit  ber  ©oIbmarbt)erre&amp;lt;J)mutg  im
Derfeefyr.  39  Seiten  Kartoniert  G.M.  f.50
„Bie  Anleitung  ift  3U  einem  ooDftänbigen  Cehrgang  ber  ftaufm.  Buch*
haltung  geroorben  unb  3eid)net  fid)  burd)  knappe,  aber  iiberfid)tlid)e
unb  klare  Barftellung  aus,  alles  Überfliijfige  unb  nebenfäd)tid)e  ift
roeggelaffen."  Ber  Betrieb.
Die  ©ruttblagett  ber  üelegropI|en=(Eobes.  (Betriebs*
unb  5inan3tmrtjd)aftliche  5orfd)ungen,  Ejeft  15.)  IV,  68  Seiten.
©eheftet  G.M.  3.—
„Ber  anerkannte  Ruf  bes  Derfaffers  beftätigt  fid)  aufs  uollfte  in  biefer
äufserft  tnohlgelungenen  unb  oollenbeten  Abljanblung.  Bern  Sacf)*
mann  unb  bem  Stubierenben  ift  bas  Büdflein  ein  treuer  Begleiter  burcf)
bie  Wirrnis  ber  (Eobiftik,  mit  ber  fid)  heut*  aud)  feber  moberne  Kauf*
mann  unbebingt  befaffen  foHte."  tjanbel  unb  3nbuftrie.
Über  afiatifdje  tDecfyfeümrje.  2.  Auflage,  ixu.138  seiten
mit  Biagrammen  ©ebunben  G.M.  KO—
3we(b  ber  Bud)baltung.  28  Seiten  ©eheftet  G.M.-.60
Kommentar  3U  Sdjmalenbad):
JRaterialienfaminluitg  für  bas  Buchhaltungslefen.
„©in  Büd)!ein,  bas  in  10  3eilen  mehr  roirtfd)aftlid)es  Benkoermögen
offenbart,  als  mandjes  bicftbänbige  Werk,  bestjalb  fei  es  hie*  aus*
brücklüh  empfohlen."  Reue  £eip3iger  3eitung.

©.  fl.  ©Ioedttter,  t)erlagsbucf)i)anölung  in  £eip3ig
        <pb n="280" />
        süng  von  Konjunktor  und  Konjunkturwandel.  255

Menge  1
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zu  regulieren,  wie  die  Ware  Kohle  vom  Kohlen-.rd.
  Und  endlich  hat  das  System  der  Markt-'
»idere,  grundsätzliche  Auffassung  von  der  Entgänge
  als  das  System  der  Diskontpolitik 1 ).“
m  gesehen  haben,  daß  die  Aufgabe  von  Notendem
  Rückgang  der  Konjunktur,  bei  dem  Eintritt
man  sich  ausdrücken  kann,  repressive  ist,  daß
tr  allem  nur  die  Aufgabe  haben,  helfend  und
,  um  ein  Umsichgreifen  der  Krise  zu  verhüten,
t  also  mit  allen  Mitteln  dafür  sorgen  müssen,
Wirtschaftslebens  kein  zu  jäher  und  tiefer  ist,
der  Hochkonjunktur  dagegen  eine  präventive,
tu  sorgen,  daß  in  dieser  Periode  des  Wirtschafts-:eit
  spekulative  Ausschreitungen  aller  Art  verdie
  Entwicklung  der  Hochkonjunktur  in  ihrem
ungesunde  wird  und  daß  damit  das  Wirtschaftsen
  Rückgang  der  Konjunktur  gegenüber  eine
sfähige  Grundlage  aufweist.
llen  und  neben  den  Banken  gibt  es  aber  noch
che  imstande  sind,  einen  beruhigenden  Einfluß
mg  der  Konjunktur  auszuüben.  Hierher  gehören
ie  die  Tätigkeit  und  die  Maßnahmen  des
lbst,  dieses  Wort  im  weitesten  Sinne  gefaßt,
hmer  schon  während  der  Hochkonjunktur  bei
Ionen  und  sonstigen  Überlegungen  den  einmal
mg  im  Auge  haben,  sich  ihm  gegenüber  zu
»a  suchen,  um  so  weniger  verhängnisvoll  werden
-eiche  dann  eintreten.  In  diesem  Sinne  ist  also
nmte  Konjunkturpolitik  auch  für  die  einzelne
[ehe  möglich,  sowohl  für  die  Banken  wie  für
rieb.  Worauf  es  für  die  Banken  dabei  in  erster
lomary  in  folgende  Worte  gekleidet:
"  t  es,  die  Mittel  der  Bank  so  elastisch  zu  halten,
der  Konjunktur  weitere  Anspannung  vertragen.
Anlagekredit  sind  die  Banken  nie  vollständig
sse,  da  das  Maß  der  Inanspruchnahme  der  gefortschreitender
  Konjunktur  steigt  und  auch
te  in  solchem  Zeitpunkt  oft  unabweisbar  sind.
r  Diskontpolitik  zur  Herrschaft  über  den  Geldmarkt.
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