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        <title>Kann das Geld abgeschafft werden?</title>
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            <forname>Arthur Wolfgang</forname>
            <surname>Cohn</surname>
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        Pa
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RT
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        ann das Geld
abgeschafft werden?

Yun

Arthur Wolfgang Cohn
Dr. jur. Dr. rer. pol.
Frankfurt a. M.

„+. unbefangene Erkenntnis volkswirtschaftlicher
Tatsachen und ihrer Zusammenhänge!“
(Adolf Weber)

Jena
Verlag von Gustav Fischer
1920
        <pb n="6" />
        Verlag von Gustav Fischer in Jena
Die Seele des Geldes. Grundlagen und Ziele einer allgemeinen Geldtheorie,
Von Karl Elster, Jena. (XVI, 837058. gr. 8°.) 1920. Mk 838.—

Schon die äußere Form des Werkes — der Obertitel (ein Zitat aus der „Staatlichen
Theorie des Geldes“ von G. F. Knapp) und die Zueignung (an Friedrich Bendixen) — kenn-
zeichnen das Ziel, das der Verfasser sich gesetzt hat. „Die Seele des Geldes“ erhebt den An-
spruch darauf, das erste System einer allgemeinen Geldtheorie darzustellen, das auf
den Forschungsergebnissen von Knapp und Ben dixen beruht, ohne diese nun deswegen in
allen Einzelheiten anzuerkennen und zu übernehmen. Das Buch ist kritisch; auch gegenüber
den beiden Denkern, deren Lebenswerk zusammenzufassen und vielleicht fortzuführen cs be-
stimmt ist.

Nach einer Einleitung, in der das Verhältnis zwischen staatlicher und wirtschaftlicher
Geldtheorie erörtert wird, werden in vier Kapiteln: „Das Geld und die Wirtschaft“ — „Das
Geld und die Güter‘ — „Das Geld im Staate; die Währung“ — „Das Geld im zwischen-
staatlichen Zahlungsverkehr; die Valuta‘** — behandelt, Die „Schlußbetrachtung‘“ sagt in gc-
drängter Kürze, worin der Verfasser die Grundlagen und worin er die Ziele sieht.

„Grundlegend“ ist die Auffassung, daß die moderne Geldwirtschaft nicht — wie ganz
allgemein gelehrt — eine fortgeschrittene Form der Tauschwirtschaft sei; daß sie nicht aus
dieser heraus, sondern nur in ihrer Gegensätzlichkeit zu diesen begriffen werden kann. „Grund-
legend“ ist die Einsicht, daß das „Geld als Werteinheit‘“ ein völlig wesensverschicdener Be-
griff von dem des Geldes als „Zahlungsmittel“ ist; daß das Geld als Mittel {nicht als Gegen-
stand des „gemeinwirtschaftlichen Güterverteilungsverkehrs‘‘) keinen „Wert“ hat. — Dei
„Ziele‘ sind im wesentlichen zwei: die Regelung der „Geldschöpfung‘“, die Regelung der
„Exodromiec‘“, Geldschöpfung im Zusammenhang mit der Produktion und cine
Exodromie, die den „festen Kurs“ erstrebt — und zwar in derjenigen Höhe, die Jje-
weilig den pantopolischen Verhältnissen entspricht — sind die programmatischen Forderungen
les Verfassers.

Das Geld als Zeichen. Zehn Vorlesungen über die Grundlagen der deutschen
Währung. Von Privatdozent Dr. Zurt Singer, Hamburg. (VIIL, 204 8.
gr. 8°) 1920. Mk 28. —

Inhalt: Einleitung: Zur Methode, -— 1. Teil: Zeitgeschichte. 1, Diedeutsche Geld-
verfassung vor dem Kriege, 2. Die Umbildung des Geldwesens bei Kriegsausbruch. 3. Die

Jjeutsche Geldverfassung während des Krieges. — II. Teil: T heorie. 1. Das Wesender Charta-

lität. 2. Der Standpunkt der herrschenden Richtung. 3. Das Problem der Lytrogenesc. —

IL Teil: Politik. ı. Kritik der herrschenden Meinung. 2. Die Aufgaben der Reichsbank. 3. Die

Epochen der Währungspolitik.

Der Verfasser der vorliegenden Studie ist im Kampfe der Meinungen für und wider

„die staatliche Theorie des Geldes‘ ein Bekenner zu Knapps grundlegendem Werk, das cr als

Ausgangspunkt seiner Ausführungen nimmt und durch welches nunmehr die Geldtheorie die

Ruhe der reinen Anschauung gewonnen hat. Damit aber eröffnet sich dieser Theorie die Mög-

lichkeit, auf eigenem Felde souveräne Erkenntnis für den Fortgang des tätigen Lebens fruchtbar

zu machen. In diesem Sinne erstrebt diese Untersuchung, zunächst theoretisch, dem Grund-
gedanken, der alle Erscheinungen auf dem Gebiete des Geldwesens umfaßt, nachzuspüren, um
dann in das Gebiet der Politik weiterzuschreiten, nicht indem sie Ziele setzt oder Mittel vor-
schreibt, sondern indem sie auf Grund der gewonnenen Erkenntnis feststellt, ob nicht der Gang
der Geldpolitik durch Reste unhaltbarer Theorien bestimmt wird, und indem sie angibt, weiche
Folgerungen sich aus der Konstellation der Dinge und Kräfte für die künftige Form des Geld
wesens ziehen lassen.
Für Gegenwart und Zukunft wird das Buch von größter Bedeutung sein,

/ntersuchung über die Grundsätze der Volkswirtschaftslehre.
Eine Abhandlung über die Wissenschaft der inneren Politik bei freien Völkern,
mit besonderer Rücksicht auf die Bevölkerung, Ackerbau, Handel, Gewerbe, Geld,
Münzwesen, Zins, Umlauf, Banken, Börse, öffentlichen Kredit und Steuern. Von
Sir James Steuart, Bart. Aus dem engl. Original ins Deutsche übertr. von
A. John. 8 Bände. (Bd. I: XI, 550 5. — Bd. II: 1], 530 8. — Bad. JE: VI,
585 S.k1.8°%) 1913—1914. Mk 22,50, geb. Mk 28,50 (+ 100% Teuerungszuschlag)

Steuarts klassisches Buch war seit sehr langer Zeit nicht mehr in deutscher Übersetzung
erschienen und daher so gut wie nicht mehr für den deutschen Leser vorhanden, Dabei handelt
es sich hier wohl um die für ihre Zeit beste und vollständigste Übersicht der Volkswirtschaft vom
zemäßigt merkantilistischen Standpunkt aus und daher auch heute noch um ein wertvolles Lese-
aAnch für den Tünger der Nationalökonomie.
        <pb n="7" />
        Kann das Geld
abgeschafft werden?

‘zl

Arthur Wolfgang Cohn
Dr. jur. Dr. rer. pol.
Frankfurt a. M.

„... unbefangene Erkenntnis volkswirtschaftlicher
Tatsachen und ihrer Zusammenhänge!“
(Adolf Weber)

Jena
Verlag von Gustav Fischer
1920
        <pb n="8" />
        Alle Rechte vorbehalten!

= A
/
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LS

Hofbuchdruckerei (F. Mitzlaff) Rudolstadt
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        Meiner Mutter
        <pb n="10" />
        <pb n="11" />
        Vorwort.

Zur Sache selbst soll hier nichts bemerkt werden; darüber
dürften die nachfolgenden Ausführungen alles Erforderliche ent-
halten. Nur eine Bitte und ein Dank mögen an dieser Stelle aus-
gesprochen werden.

Die Bitte richtet sich an den Leser des Buches. Man er-
warte nicht eine der landläufigen „populären Broschüren“, die man
in der Trambahn oder einer kurzen Arbeitspause rasch zu über-
lesen gelernt hat. Das Buch enthält auch durchaus kein neues
Rezept zur Überwindung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise.
Vielmehr war ich bemüht, die aufgerollte Frage in ihrem ganzen
Umfang und mit aller wissenschaftlichen Strenge zu untersuchen,
mit dem Ziel grundsätzlicher Klärung der vielfach bestehenden
Zweifel und Irrtümer. Andererseits wieder möchte ich wünschen,
daß das Buch trotz oder sogar gerade wegen dieser „Wissenschaft-
lichkeit“ auch außerhalb der engeren Fachkreise gelesen werde;
dann kann es vielleicht unmittelbar ein wenig zur Berichtigung
der im allgemeinen noch recht naiv-oberflächlichen Vorstellungen
vom Geldwesen und seiner Bedeutung beitragen, kann wenigstens
die gröbsten Irrtümer beseitigen helfen.

Den Dank, den ich hier zum Ausdruck bringen will, schulde
ich Herrn Professor Dr. Adolf Weber, meinem hochverehrten
Lehrer. Herr Professor Weber hat mich nicht nur zu der vorliegen-
den Arbeit veranlaßt, sondern auch ihre Ausführung mit ständiger
wärmster Anteilnahme verfolgt und durch immer erneute Rat-
schläge, Zurechtweisungen, Anregungen gefördert. Es ist mir eine
herzliche Freude, ihm auch an dieser Stelle für die vielen Beweise
seines gütigen Interesses danken zu können.

zz. Z.) Breslau, am ı. September 1920.

Arthur Wolfgang Cohn.
        <pb n="12" />
        Inhaltsverzeichnis.

Vorwort
Einleitung‘ ı. Kapitel: Erläuterung der Fragestellung

"e1te

Erster Teil:

Das Wesen des Geldes

Kapitel: Die Dienerrolle des Geldes als Mittler am Markt
Kapitel: Die Herrenrolle‘ des Geldes als Verkörperung von
Kaufkraft

Re
Te

Zweiter Teil: Die „Abschaffung“ des Geldes

Erster Abschnitt: Die völlige Aufhebung des Geldwesens,
Kapitel: Die Großnaturalwirtschaft . . .s
Kapitel: Der Kommunismus ., .

Zweiter Abschnitt: Die Versuche teilweiser Ausschaltung des Geldes,
Kapitel: Die Abschaffung der Geldrechnung
Kapitel: Die Abschaffung der Geldzahlung .
Kapitel: Die Abschaffung der Geldhortung .
Kapitel: Die Abschaffung des Gelddarlehens
Kapitel; Die Grenzen des Geldes ....

36
57

67

89

94

Ds 109

Schluß 10, 175

Quellenverzeichnis ........- ‚135
Zum Gedächtnis an Arthur Wolfgang Cohn. Von Prof. Adolf

Weber.’ 20.0.0...“ .„ "IaIl
        <pb n="13" />
        Einleitung.

ı. Kapitel.
Erläuterung der Fragestellung.

Kann das Geld abgeschafft werden? Seit Jahrhunderten
richten sieh Angriffe und Vorwürfe gegen diese Einrichtung.
Wiederholt hat man Pläne entworfen, um sie aus der Welt zu
schaffen oder wenigstens von Grund auf zu reformieren. Erst in
jüngster Zeit sind in dieser Richtung eine ganze Reihe von Ver-
suchen vorgeschlagen und auch praktisch unternommen worden, Zu-
erst haben in Sowjet-Rußland Lenin und Bucharin ihren Pro-
grammen gemäß bei der Entlohnung der Fabrikarbeit das be-
stehende Geld durch Arbeitszertifikate ersetzt, welche eine der
bescheinigten Arbeitsleistung entsprechende Kaufkraft haben. In
der Münchener Räterepublik (April 1919) verhinderte nur seine
kurze Amtsdauer den Finanzminister Silvio Gesell, seine „Frei-
geld“-Theorie in die Praxis umzusetzen. Vor allem begünstigen
heute Warenknappheit und Geldentwertung die Wiederbelebung
des Naturaltauschs: im „Rucksackverkehr zwischen Stadt und
Land“ (Gruntzel) so gut wie in den zwischenstaatlichen Wirtschafts-
abkommen, dem naturalen Güteraustausch im großen, der durch
die Störungen im internationalen Zahlungsverkehr bedingt ist. In
den Rationierungsmaßnahmen und Preisfestsetzungen der Kriegs-
wirtschaftsämter erblickt ferner Otto Neurath die Anfänge einer
„Großnaturalwirtschaft‘“. Schließlich glauben viele sogar, daß schon
die fortdauernde Minderung der Kaufkraft des Geldes zu seiner
gänzlichen Aufhebung führen müsse.

So einfach, wie die zuletzt Genannten sie sich vorstellen, ist nun
die Lösung unserer Frage nicht! Im Gegenteil war bisher nur
die Erfolglosigkeit aller Versuche der Beseitigung des Geldes fest-
zustellen. Es ist auch keineswegs die Aufgabe der folgenden
Untersuchung, etwa einen neuen Weg zu diesem Ziele aufzuweisen.

Cohn, Kann das Geld abgeschafft werden?
        <pb n="14" />
        Der tatsächliche Ausgangspunkt ist vielmehr gerade das Vergeb-
liche aller solcher Bemühungen, und die zu erörternde Frage geht
dahin, ob die Bestrebungen der Geldreformer nur zu-
fällig oder mit Notwendigkeit fehlgingen. Vielleicht waren
äußere Umstände, die mit dem Geld an sich gar nichts zu tun
hatten, daran schuld? Oder lag es in der Natur des Geldes? Er-
lauben die Zwecke, denen es dient, seine Aufhebung nicht? Ist
seine Beseitigung‘ schlechthin unausführbar oder, wenngleich mög-
lich, doch unzweckmäßig? Unumwunden bejahen kann man
keine der letzteren Fragen, schon weil man einer von Menschen
geschaffenen Einrichtung nicht Ewigkeitscharakter zuerkennen
kann. Andererseits sprechen die Tatsachen auch keineswegs für
die Möglichkeit oder gar Zweckmäßigkeit der Abschaffung des
Geldes. Mithin wird es wünschenswert, einmal grundsätzlich die
Grenzen des Geldes festzustellen: die Bedingungen, unter
denen es ganz oder teilweise entbehrt werden kann.

IL
Die Lösung dieser Aufgabe hängt ihrerseits von der Beant-
wortung einer Vorfrage ab: Was ist Geld? Was bedeutet es;
Welchen Sinn hat es? Wenn wir seine Grenzen erkennen, seine
Entbehrlichkeit prüfen wollen, so müssen wir uns zuvor über sein
Wesen klar werden. Es genügt nicht, den Sachgehalt und
Wertcharakter irgendeines tatsächlich (d. h. in einem unserer Kultur-
länder zu einer historischen Zeit) vorhandenen Geldes zu erforschen;
für die Würdigung der durchweg nur auf Phantasievorstellungen
gegründeten Reformvorschläge sind aus der Erfahrung keinerlei
Maßstäbe zu gewinnen. Wir bedürfen dazu allgemeinerer Grund-
lagen als nur der Ergebnisse der historisch-statistischen Tatsachen-
forschung: wir brauchen Wesenserkenntnis,

Jede wissenschaftliche Betrachtung des Geldes, sei es die
Untersuchung historischer Einzelerscheinungen, wie des Viehgeldes
im Altertum oder des Kriegsnotgeldes der jüngsten Vergangen-
heit, oder eine statistische Erfassung etwa der gegenwärtig bei
uns umlaufenden Papiergeldmassen — jede solche Betrachtung
hat, wenn auch immer in einer gewissen Beschränkung, „das
Geld“ zum Gegenstand. Viehgeld, Notgeld, Papiergeld sind offen-
bar ganz verschiedene Tatbestände, aber doch alle umfaßt von
einem allgemeinen Geldbegriff, alle bloß Arten des Geldes über-
haupt. In dieser Allgemeinheit des „Überhaupt“ nur steht das
Geld für uns in Frage. Nicht darum handelt es sich, ob das
        <pb n="15" />
        Papiergeld beseitigt werden kann, oder ob umgekehrt die Metall-
deckung entbehrlich ist, sondern das Problem erstreckt sich auf
alle aus der Erfahrung und sogar nur phantasievoller Einbildung
bekannten Einzelfälle von Geld überhaupt. Ja, wir müssen sogar
noch einen Schritt weiter gehen: nicht auf die Einzelfälle — seien
sie noch so zahlreich — ist der Blick zu richten, sondern auf
„das Geld schlechthin“, auf sein Wesen.

Zwei Gefahren drohen hier ständig: auf der einen Seite
die willkürliche Einengung, auf der anderen eine zu weite Fassung
des Begriffs. Die meisten Geldtheoretiker haben nur den Kreis
der Erfahrungstatsachen ihren Untersuchungen über das Wesen
des Geldes zugrunde gelegt und selbst diesen Kreis mitunter noch
zu eng gezogen; die Folge ist, daß ihre Lehren nur für die von
ihnen betrachteten Geldarten, nicht aber das Geld schlechthin
Gültigkeit haben. Sogar dort aber, wo die tatsächlichen Grund-
lagen der Theorien übereinstimmen, finden wir noch völlig aus-
sinandergehende Meinungen in dem Urteil darüber, was in dem
betrachteten Erfahrungs- und Vorstellungsbereich dem Gelde
„wesentlich“ ist, ihm „notwendig“ zugehört, und was andererseits
nur „zufällig“ mit ihm in Verbindung steht; fast jeder bedeutendere
Forscher hat die Grenzlinie zwischen Wesenhaftem (Eigentüm-
l'ichem. Spezifischem) und Zufälligem (Akzidentellem) anders gezogen.
Um nur wenige Beispiele zu geben: Gruntzel hält das Geld
seinem Wesen nach für eine „zum allgemeinen Tauschmittel erhobene Ware‘‘,
wobei er die Ware definiert als den „Träger eines Gebrauchswertes, der Tausch-
wert erlangt hat“ (S, 11). Schumpeter bemerkt hiergegen, daß ‚,aller-
dings der Gebrauchswert des Stoffgutes die geschichtliche Grundlage ab-
zibt, auf der das Geld ein bestimmtes Tauschverhältnis zu den anderen
Zütern gewinnt, daß aber sodann sein Wert für jedes Wirtschaftsobjekt
und sein Preis auf dem Markte sich von dieser Grundlage entfernen kann
und tatsächlich entfernt‘ (Theorie, S. 73). Noch schärfer ist die Gegen-
iberstellung von Ware und Geld bei Wieser: „Die Ware ist das Produkt
auf dem Wege zum letzten Abnehmer, der es nicht mehr weitergeben, sondern
ın seinem Gewerbe oder Haushalte brauchen und verbrauchen will. Anders
als das Geld, das immer neu ausgegeben wird und in jeder Hand seinen
Charakter behält, streift die Ware ihren Charakter ab, sobald sie in die letzte
Hand gelangt ist‘ (S. 250). Auch Spann wendet sich gegen die Waren-
theorie: „Nur die gemeinsame Handlungsweise, die hinter jedem
Geldstück steht, und deren Erscheinungsform jedes Geldstück bloß ist, nur
jene Einrichtung als gemeinsame Mithilfe bei jedem Kauf, jeder Zahlung ist
das Geld und damit eben mehr als Ware — ein Werkzeug höherer
Ordnung!‘ (S. 142). Ähnlich Stephinger: „Die Ware wird in der Ab-
sicht in Tausch genommen, sie in eine andere Erscheinungsform überzu-
jühren. Geld wird in Tausch genommen, um es in seiner Form zu lassen und
        <pb n="16" />
        — 1 —

weiter zu vertauschen‘ (Wert, S. 175). Am weitesten entfernt sich von der

Deutung des Geldes als Ware die sogenannte Anweisungstheorie, nach der

„alles Geld im Hinblick auf die Verwendungsart nur Anweisung auf andere

Sachgüter ist, ein bloßes Zeichen, eine Marke, nicht aber etwas, was uns

durch sich selbst befriedigt“ (Moll, Logik, S. 29). Oder, wie Schum-

peter meint, „vergleichen wir die Warenmasse mit dem Raum in einem

Stehparterre und die Geldeinheiten mit den Eintrittsbilletts dazu, so sehen

wir sofort, wovon die Kaufkraft des Geldes abhängen muß, der in diesem

Gleichnis der Raum entspricht, welcher dem einzelnen Besucher des Steh-

parterres zur Verfügung steht ... Weil das Geldeinkommen auf dem Produk-

tionsmittelmarkt nur erworben wird, um auf dem Genußgütermarkt aus-
gegeben zu werden, so ist das Wesen des Geldes mit der Analogie mit der An-
weisung auf Güter von Bendixen offenbar richtig wiedergegeben“

(Sozialprodukt, S. 647, 635). Schließlich sehen manche in dem Geld bloß

einen „reinen Zahlenbegriff‘‘ (Elster), eine „abstrakte Rechnungseinheit‘

(Liefmann, Dalberg). Alle Theorien, die das Wesen des Geldes in

seiner Verkehrsfunktion aufzeigen, faßt Mises in seiner ‚Klassifikation‘

als „‚katallaktische Geldtheorien‘‘ zusammen.

Wo ist Wahrheit? kann man auch hier fragen. Moll nennt
das Problem des Geldbegriffs geradezu einen „Stein der Weisen“,
Bendixen spricht ironisch vom „unlösbaren Geldproblem“, Neu-
rath von der „Mystik des Geldes“, Gibt es gar keine Mög-
lichkeit, das Wesen des Geldes „richtig“ zu erkennen? Es sollen
hier nicht die letzten Fragen der Erkenntnislehre erörtert werden:
aber als Grundlegung alles folgenden scheint mir doch die Fest-
stellung geboten:

ı. daß die Möglichkeit einer objektiv wahren Erkenntnis des
Wesens des Geldes die logische Voraussetzung jeder systematischen
Erforschung der unter den Begriff Geld fallenden Tatsachen ist;

2, daß die Wesenserkenntnis des Geldes mindestens eine
ideale Aufgabe der Wissenschaft ist, und

3. daß auch die Durchführung dieser Aufgabe unter einem
„idealen Recht“ steht, freilich in den Grenzen der jeweils erreichten
Erfahrungs- oder Vorstellungsstufe (Husser]).

Trotz der zum Teil einander unmittelbar zuwiderlaufenden
Meinungen, die bisher über den Geldbegriff geäußert worden
sind, scheint mir das Streben nach der Erkenntnis des wahren
Wesens des Geldes nicht aussichtslos. Ein Doppeltes nur ist dabei
zu beachten: Ausgangspunkt muß der gesamte der wissen-
schaftlichen Forschung zugängliche Erfahrungs- und Vorstellungs-
bereich sein, — und der einzuschlagende Weg ist die allmähliche
Verengung des Erfahrungsstoffs durch Weglassung alles Individuell-
Zufälligen, d. h. alles nur Zeitweiligen. Nebensächlichen. äußerlich
        <pb n="17" />
        .. DJ ——
Bedingten, das als solches nicht die spezifische Eigenart des Geldes
ausmacht.

Zur philosophischen Rechtfertigung dieser Grundsätze berufe ich
mich in der Hauptsache auf die Lehren der Phänomenologen, ins-
besondere Husserls „Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phäno-
menologischen Philosophie‘ (vgl. vor allem die ersten 8 Paragraphen). Daß
der Gedanke der Wesenserkenntnis, des Verfahrens der „eidetischen Reduk-
tion‘ in der Geldlehre nichts Neues ist, beweisen die vielen Buch- und
Kapitelüberschriften ‚Wesen des Geldes‘ (z. B. Bendixen, Richard Hilde-
brand, Liefmann, Marenzi, Mises), Trotzdem tritt die Selbständigkeit
und Eigenart dieser Forschungsweise bei den Geldtheoretikern bisher kaum
irgendwo zutage; am ehesten noch bei Marenzi, der auf die Möglich-
keit eines dritten Erkenntnisweges neben Induktion und Deduktion auf-
merksam macht.

Von Vertretern der allgemeinen Wirtschaftstheorie
sind Dietzel und Wieser in diesem Zusammenhange zu nennen,
Dietzel betont die Notwendigkeit der „Isoliermethode: .. durch
induktives oder deduktives Verfahren vollzogene Beschreibung der spe-
zifischen Wirkungsweise gewisser im natürlichen Geschehen wirksamen
Kausalmomente unter Bedingungen, wie sie in concreto vielleicht nie vor-
liegen. Denn es wird ja angenommen, daß die betreffenden Kausalmomente
isoliert walten, während sie doch in concreto vielleicht niemals allein, sondern
stets mit anderen — bald diesen, bald jenen — Kausalmomenten zusammen-
wirken. Die Isoliermethode ignoriert die variablen Begleiter, abstrahiert
von ihnen“ (S. 103, 16/17). Nur insofern kann diesen Ausführungen nicht
zugestimmt werden, als es sich bei der Wesenserkenntnis im phänomenolo-
gischen Sinne nicht um Induktion oder Deduktion, sondern um das handelt,
was oben als die eidetische Reduktion eines Tatsachenkomplexes auf
Wesenheiten und Wesenszusammenhänge bezeichnet wurde. Ferner ist die
„Wesensschau‘‘, welche die Grundlage jeder phänomenologischen Erkenntnis
bildet, eine durchaus eigenartige, originäre Sinngebung, keineswegs nur,
wie Dietzel meint, ein „indirekter Weg zur Erkenntnis des Konkreten‘‘.
— Wieser kommt der phänomenologischen Betrachtungsweise wohl noch
weiter entgegen: „Die Aufgabe der Wirtschaftstheorie besteht darin,
den Inhalt der gemeinen wirtschaftlichen Erfahrung wissenschaftlich auszu-
schöpfen und zu deuten ,.. Die Aufgabe des Theoretikers endigt immer
dort, wo die gemeine Erfahrung endigt, und wo die Wissenschaft ihre Beobach-
tungen im Wege der historischen oder statistischen Arbeit sammeln muß...
Die Methode der Wirtschaftstheorie ist empirisch, sie ruht auf Beob-
achtung und hat kein anderes Ziel als das, die Wirklichkeit zu beschreiben.
Während aber der Historiker einen individuellen geschichtlichen Verlauf
darstellt und der Statistiker alle gegebenen Fälle zählt, geht der Theo-
retiker darauf aus, die typischen Erscheinungen und den typischen Verlauf
zu beschreiben, mit Hinweglassung des Zufälligen. Er
bedient sich hierbei der Hilfsmittel der Isolierung und der Idealisierung, die
ja auch in den exakten Naturwissenschaften seit jeher und ohne Bedenken
gebraucht werden ... So wenig wie der Punkt oder die Linie (des Mathe-
mnatikers) sind seine idealisierenden Annahmen Hypothesen: Hypothesen
        <pb n="18" />
        — 6 —

sind Annahmen über Unbekanntes, diese idealisierenden Annahmen sind
dagegen bewußte Umformungen des Bekannten ... Eine echte Wirtschafts-
theorie spekuliert nicht ins Leere; sie ist von Grund aus darauf
angelegt, sich mit den Methoden der reinen Empirie zu verbinden, denen sie
vorarbeitet‘“ (S. 133/134). Fast alle Merkmale der phänomenologischen Be-
trachtungsweise sind hier, wenngleich noch verhüllt, vorhanden: die Zwischen-
stellung zwischen tatsächlicher Erfahrung und reiner Spekulation, zwischen
invididueller Zufälligkeit und leerem Formalismus, zwischen historisch-
statistischer Induktion und hypothetischer Deduktion. Bemerkenswert ist
insbesondere die Hervorhebung der Isolierung und Idealisierung. Der
‚etzteren entspricht etwa die eidetische ‚„Aufweisung‘‘, der Isolierung die
„Eingrenzung — indem gezeigt wird, was die Wesenheit alles noch
nicht ist —“ (Scheler). Aufweisung und Eingrenzung machen in diesem
Sinne das Wesen der phänomenologischen Forschung aus.

IL.

Wenn es gelungen ist, das Wesen des Geldes, seinen Sinn
und Wert rein zu bestimmen, so wird auch festzustellen sein, ob
die so oft geplante und versuchte Abschaffung des Geldes aus
‚äußeren“ oder „inneren“ Gründen immer erfolglos blieb. Und es
wird sich weiterhin ergeben, ob und unter welchen Bedingungen
dieses Ziel überhaupt erreichbar und erstrebenswert ist,

Nach den beiden erwähnten Problemen: dem allgemeinen
der reinen Wesenserkenntnis des Geldes und dem besonderen
seiner Entbehrlichkeit gliedern sich auch die nachstehenden Aus-
führungen. Der erste Teil dient der Behandlung der Vorfrage:
der Darlegung der theoretischen und praktischen Bedeutung des
Geldes, der zweite der Hauptfrage: der Untersuchung der Möglich-
keit und Zweckmäßigkeit seiner — völligen oder teilweisen —
Beseitigung; und zwar soll die Hauptfrage in Form einer Kritik
der tatsächlich vorgebrachten Anregungen erörtert werden.

Zum Schluß noch eine Bemerkung, welche die hier gestellten
Aufgaben erheblich einschränkt: nur im Hinblick auf Wirtschaft
und Wirtschaftsleben soll das Geld hier betrachtet werden.
Von dieser einen Seite aus wollen wir an die Probleme heran-
treten und nur erörtern, was sich bei dieser besonderen Einstellung
erschließt. So kommen z. B. gesellschafts- und rechtswissenschaft-
liche oder psychologische Fragen nur insoweit in Betracht, als
sie von der wirtschaftlichen Behandlung nicht zu trennen sind,
(Über diese „Einseitigkeit“ vgl. insbesondere Adolf Weber, Volks-
wirtschaftslehre, S. ofig.)
        <pb n="19" />
        Erster Teil.
Das Wesen des Geldes.
2. Kapitel.
Die Dienerrolle des Geldes als Mittler am Markt.
1.
Was ist der Sinn des Geldes? So lautet unsere erste Frage.
Nicht etwa nur: Was ist Geld? Denn da könnte man ausweichend
antworten: Geld ist alles, was in der historischen Wirklichkeit
diesen Namen trägt. Für den Geschichtsschreiber mag €s genügen,
daß eine Erscheinung als Geld bezeichnet wird; wir dagegen
dürfen den Namen eben nur als ein Zeichen nehmen und müssen
untersuchen, wofür er ein Zeichen ist, was er meint. Wenn ich
einem Gegenstand die Bezeichnung Geld zulege, so ist das der
Ausdruck einer Sinngebung; die Bestätigung, daß ich das indi-
viduelle Ding in ein ganz bestimmtes Bewußtseinsfach einordne.
Und diese Einfächerung wieder ist nicht etwa willkürlich; es wäre
„widersinnig‘“, einen Taler ein Rad zu nennen, nur weil er wie
dieses rund ist.

Unsere Aufgabe ist daher: die Bezeichnung Geld sinn-
gemäß zu deuten. Wir können sie nur lösen, wenn wir auf das
sinngebende Bewußtsein, die „originär gebenden Akte“
(Husserl) zurückgehen, in denen wir das Geld in seiner Eigenart
erschauen. Keineswegs kommen alle unsere Erlebnisweisen dafür
in Betracht. So z. B. nicht das schlichte Wahrnehmen: Ein
Fünfpfennigstück sieht einer Spielmarke weit ähnlicher als einem
Darlehnskassenschein; trotzdem bildet es nicht mit der Marke,
sondern mit dem Schein eine Sinneseinheit. Auch pflegen wir
das Geld überhaupt nicht bloß in einfacher Wahrnehmung zu er-
leben, sondern treten ihm in der Regel wertend gegenüber;
wenn wir Geld sehen oder von ihm hören, sind wir in bestimmter
Weise interessiert. Das Wesen des Geldes offenbart sich nicht im

Wahrnehmen, sondern im „Wertnehmen“ (Dietrich Hildebrand).
        <pb n="20" />
        3

Welche Art der Werthaltung ist nun aber wieder der Akt der
spezifischen Sinngebung? Und erlangt das Geld überhaupt durch
eine bestimmte Art der Wertschätzung seine Bedeutung, oder ist
nicht seine Beliebtheit umgekehrt die Folge davon, daß es Geld
ist? Wir schätzen am Goldstück den Glanz, am Papier die Sauber-
keit, und doch hängt es offenbar nicht von dem Glanz und der
Sauberkeit der Gegenstände ab, ob sie Geld sind; auch die ver-
blichene Münze, der schmutzstarrende Schein braucht den Geld-
charakter nicht verloren zu haben. Bei schärferer Überlegung
kommen wir zu dem Ergebnis, daß wir es den Münzen und
Scheinen überhaupt nicht ansehen können, ob sie Geld sind —
es sei denn, daß wir dessen Merkmale schon kennen —, und daß
auch die tatsächliche Wertschätzung des Geldes das Vorwissen
um seinen Geldcharakter bereits voraussetzt. Wir werten das
Geld entsprechend seiner Geltung; nicht gilt es durch die bloße
Wertschätzung (vgl. die treffende Kritik Bendixens — In-
Nationsproblem, S. 21 fig. — an dem Diehlschen Metallismus). Man
muß von dem Wert des Geldstoffes, auch von der staatlichen Sank-
tion zunächst absehen, wenn man zu dem Wesen des Geldes vor-
dringen will; denn auch die unschönen, ja selbst die unechten,
gefälschten Geldstücke und -scheine sind immer noch Geld, — so-
lange sie als solches gebraucht werden. Nicht vom Äußeren
oder von der urkundlichen Echtheit her erschließt sich der Sinn
des Geldes, sondern in seinem Gebrauch, Nach Knapp ist das
Geld „ein Geschöpf der Rechtsordnung“. Die Falschmünzerei in-
des bedeutet gerade einen Bruch dieser Ordnung; der Taler ist
ein productum sceleris, Trotzdem kann er Geld sein, wie die Er-
fahrung zeigt. In keiner Weise wird das echte vom unechten
Geld unterschieden, bevor sein Mangel von den Hütern der ver-
jetzten Rechtsordnung entdeckt und bekannt gegeben ist. Mit
dieser Bekanntmachung aber — und erst recht mit seiner Ein-
ziehung — hört der falsche Taler auf Geld zu sein, da er nun
als solches nicht mehr brauchbar ist. Der bewußte Gebrauch der
falschen Münze ist mit der Gefahr der Bestrafung verknüpft, und
Jamit hat sie ihre Rolle ausgespielt.

Der Sinn des Geldes also — seine Brauchbark eit; die
spezifische Rolle, die es als Werkzeug menschlichen Handelns
spielt, macht seine Eigenart aus. Und zwar sind es insbesondere
zwei Verhaltungsweisen, welche das Geld zum begrifflichen Korrelat
haben, sich ihm gegenüber als sinngebend erweisen: das Rechnen
ınd das Zahlen.
        <pb n="21" />
        z— 3 —

IL

„Die Qualität des Geldes besteht ausschließlich in seiner
Quantität“, schreibt Simmel; das „Geldinteresse“ zeichnet sich
durch die „Beschränkung auf die Frage des Wieviel“ aus. Auf
jedem Geldstück und Geldschein steht eine Zahl und bezeichnet
seine Geltung. Ein silbernes_5 Mark-Stück ist ein Ding, und
fünf Darlehnskassenscheine zu je ı Mark sind fünf Dinge, und in
Stoff, Größe, Form, Aufdruck von jenem verschieden; gleichwohl
gelten sie dasselbe: das Fünffache der Einheit Mark. Es kenn-
zeichnet mein Verhalten dem Gelde gegenüber, daß ich es kaum
auf etwas anderes hin prüfe als auf seine Zahlbedeutung. (Selbst
seine örtliche Beschränkung übersehe ich leichter; man denke an
die vielfache Verirrung des jetzt von größeren Städten ausge-
gebenen Notgeldes.) Hier erschließt sich eine Wesenheit des
Geldes: es ist allgemein und notwendig Rechengeld. Mag man
seine Einheit durch welche Menge welchen Stoffs auch immer
definieren, mögen das Vielfache und die Bruchteile dieser Einheit,
welche die Stücke darstellen, nach dem Dezimal- oder einem
sonstigen Zahlensystem ‘bestimmt sein, — auf alle Fälle muß ich
„mit Geld“ und „in Geld“ rechnen können.

Die Geldrechnung ist jedoch von jedem anderen Rechnen
wohl zu unterscheiden. Die Arithmetik des Geldes — die übrigens
sehr einfach ist: in der Hauptsache nur ein Addieren und Sub-
trahieren — ist nicht um ihrer selbst willen da; sie ist vielmehr
nur Mittel zur Erreichung eines außerhalb der Zahlenwelt
gelegenen Zweckes. Subjekt der Geldrechnung ist nicht der
Rechenkünstler, sondern das Kind, das sein Taschengeld ver-
waltet; die Hausfrau, die mit dem Wochengeld auskommen muß;
der Unternehmer, der überlegt, wieviel Geld er in seinen Betrieb
hineinstecken darf; kurz: der Ökonom, der wirtschaftende
Mensch. Die Einheit Mark, mit der ich rechne, ist durchaus
wesensverschieden von der Einheit Meter oder Tonne. Diese
dienen mir in der Regel zu schlichter Erkenntnis irgendwelcher
Raum- oder Gewichtsverhältnisse, zu einfachen Messungen, theo-
retischen Größenfeststellungen. Nicht so die Mark: sie bildet
für mich den Maßtab einer ganz bestimmten Werthaltung, und
nicht nur für mich, sondern sie ist der zahlenmäßige Ausdruck
übereinstimmender quantifizierter Schätzungen aller Glieder einer
„Bewertungsgesellschaft“ (Soda, Stephinger).

Der „isolierte Wirt“ (Robinson, Einsiedler) kann das Ver-
hältnis seiner Lebensbedürfnisse zu den naturgegebenen .Mög-
        <pb n="22" />
        — IO
lichkeiten ihrer Befriedigung unmittelbar nach Art und Größe
feststellen und danach die Entscheidung treffen, welche sein wirt-
schaftliches Verhalten: sein Arbeiten, sein Sparen, sein Wagen be-
stimmen. Diese Feststellungen und Abwägungen sind aber erheb-
lich erschwert, wenn die isolierte zur gesellschaftlichen
Wirtschaft wird. Die individuellen Wünsche und Strebungen
treten hier im Hinblick auf die Gegenstände des Begehrens mit-
einander in Beziehung: zur natürlichen fügt sich die soziale Güter-
knappheit, sofern der Bedarf mehrerer Individuen nur durch ein
und dieselbe Güterart und -menge gedeckt werden kann. Anderer-
seits ergibt sich auch eine gesellschaftliche Beziehung der wirt-
schaftlichen Leistungen, ein Verhältnis von Leistung und Gegen-
leistung: die gesellschaftliche Arbeit fordert ihren Lohn, das
Zur- Verfügung -Stellen „vorgetaner Arbeit“ (Rodbertus) seinen
Zins und die Übernahme der Gefahrtragung eine Risikoprämie.,
Die gesellschaftliche Wirtschaft braucht darum nicht bloß Wert-
erkenntnisse, die eine Ordnung der Güterbeschaffung und -verwen-
dung ermöglichen, sondern sie bedarf auch eines Maßstabes für den
Güterabsatz und die Güterverteilung. Und dies um so not-
wendiger, als die individuelle Bewertung der Wirtschaftsgüter ebenso
wie die persönliche Einschätzung der eigenen und fremden Leistungen
außerordentlich mannigfaltig ist. Solange der Kreis der Wirtschafts-
gesellschaft nur klein ist, können die Einzelnen sich noch mit
ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten wechselseitig vertraut machen
und sich von Fall zu Fall einander anpassen. Entweder wird dann
die Verteilung zur autoritären Zuteilung auf Grund persön-
licher Kenntnis des allseitigen Bedarfs und der verfügbaren Güter-
mengen, wie sie etwa der römische pater familias hinsichtlich
seines Gewaltbereichs gehabt haben mag. Oder aber die vom
Einzelnen über den Selbstbedarf hinaus beschafften Güter (Waren)
werden im Wege des freien Tausches ausgewechselt (so z. B. in
den Anfängen des Naturalverkehrs, aber selbst noch im Zeitalter
der Kundenwirtschaft), wo jeder seinen Überschuß an denjenigen
abgibt, von dem er das ihm Fehlende erlangen kann. Im Falle
der Hauswirtschaft liegt der Typ der Verwaltungs-, beim Tausch
eine Form der Verkehrswirtschaft vor; in der ersteren beherrscht
ein Wille die organisierte Wirtschaftsgesellschaft, während in der
letzteren sich die wirtschaftlichen Vorgänge aus .dem Zusammen-
wirken mindestens zweier — beim „mittelbaren Tausch“ (Mises)
mehrerer — in ihren Entschlüssen grundsätzlich freier Wirtschafts-
personen ergeben. Bei dieser typischen Verschiedenheit haben
        <pb n="23" />
        die kleinen Gesellschaftswirtschaften vom Schlage der Haus- oder
primitiven Tauschwirtschaft doch ein Gemeinsames: die für die Über-
leitung der Güter — ob durch Zuweisung oder Austausch — maß-
gebenden Wertungen beziehen sich auf die einzelnen nach Art
und Menge bestimmten Gegenstände, ebenso wie sie die indivi-
duellen Bedürfnisse und Leistungen der zu Versorgenden berück-
sichtigen, Der Hausvater wie der Tauschende ziehen, soweit an-
gängig, den Vorrat und Bedarf an Gütern und Diensten unmittel-
bar in Betracht; werten sie in natura; ihre Wirtschaftsführung
kann sich noch im Bereich der Naturalwirtschaft halten.
Das wird jedoch in dem Augenblick unmöglich, wo der wirt-
schaftliche Verkehr sich so verändert, daß die Tauschwirtschaft
zur Marktwirtschaft wird. Der Kreis der Wirtschaftspersonen,
die zu „tauschweisem Einwurf ihrer Waren in den volkswirtschaft-
lichen Prozeß“ (Wieser) am Markt zusammenkommen, ist grund-
sätzlich unbegrenzt. (Dieser grundsätzlichen Feststellung wider-
spricht es nicht, daß sich tatsächlich gewisse Beschränkungen —
Zulassungsnormen und dergleichen — finden; das wirkliche Leben
bewegt sich immer in Kompromissen und Übergängen.) Angebot
und Nachfrage am Markt sind ihrem Wesen nach frei, die festen
Kundenbeziehungen in den Hintergrund gedrängt und das Ver-
hältnis zwischen dem gesellschaftlichen Bedarf und dem Versor-
gungsstande nicht mehr unmittelbar zu übersehen. Die
Wertungen der Einzelwirte führen nicht mehr geradeswegs zum
Austausch der Waren, sondern die Gesamtheit aller individuellen
Schätzungen vereinigt sich hier zunächst zu einer gesellschaft-
lichen Wertbestimmung: dem Preis, Im Preis erhalten die Gegen-
stände des Marktverkehrs — Sachgüter und menschliche Dienste —
einen Verkehrswert, der nicht notwendig mit dem Tauschwert
übereinstimmt, den sie für den Einzelwirt haben. Der Preis der
Waren steht vielmehr zum Tauschwert, mit dem man ihn meist
verwechselt, in scharfem Wesensgegensatz. Der Tauschwert ist
persönlich, der Preis gesellschaftlich gesetzt; über den Tauschwert
entscheidet das subjektive Verhältnis des Tauschenden zum Tausch-
gut, während der Preis der Ware als solcher, als dem Objekt des
Marktverkehrs anhaftet, ohne Rücksicht auf das persönliche Wert-
fühlen des Anbietenden oder Nachfragenden („feste Preise“). Weiter
ist der Tauschwert immer einem speziell bestimmten Gegen-
stand beigelegt, während der Preis eine gattungsmäßige, generelle
Wertung „vertretbarer“ Güter darstellt. Schließlich wird die quali-
tative Einschätzung der Güter, welche einen wesentlichen Bestim-
        <pb n="24" />
        — I2 —
mungsgrund des Tauschwertes ausmacht, im Preis durch die quan-
titative Feststellung verdrängt; Unterschiede der Art werden zu
Verschiedenheiten des Maßes, die Mannigfaltigkeit des Was ver-
einfacht sich zum Wieviel. Der persönlich - subjektiv-
speziell-qualitativ bestimmte Tauschwert weicht also
im Preis einem gesellschaftlich - objektiv-generell-
quantitativ festgesetzten Verkehrswert, dessen Aus-
drucksmittel letzten Endes die Zahl ist.

Daß der Unterschied des Preises vom Tauschwert doch hier und da
schon anerkannt wird, zeigt Amonns Erklärung des Preises als der
‚Objektivation der individualistischen Verkehrsbeziehung ... Verschiedene
Verkehrsobjekte können einen ganz gleichen Preis im sozialen Verkehr und
labei doch eine ganz verschiedene Bedeutung für die konkreten Wirtschafts-
zwecke der einzelnen Individuen haben, für welche ein und derselbe Preis
ım sozialen Verkehr gilt‘ (S. 341). Ebenso ist nach Ste phinger der
Preis als „Verkehrswert nicht mit dem Tauschwert identisch; denn der
Verkehrswert beruht auf quantitativer Überlegung, der Tauschwert aber
‚St die Brauchbarkeit, Tauschmittel zu sein‘ (Theorie, S. 216). Endlich
stimmen auch Cassel und Schum peter dieser Auffassung des
Preises zu: Cassel betont die Notwendigkeit, die Waren für den Markt-
verkehr zu ‚„tarifieren‘“, und Schumpeter hebt hervor, daß „auf dem
Markte jedes Gut nur einen Preis haben wird: alle Wirtschaftssubjekte rech-
nen mit diesen Preisen und treffen miteinander in diesem Punkte auf ge-
meinsamem Boden zusammen“ (Theorie, S. 75).

Der Maßstab dieses Verkehrswertes nun, der Generalnenner
der gesellschaftlichen Werthaltungen, die „abstrakte Rechnungs-
sinheit“ (Liefmann), die den zahlenmäßigen Ausdruck der Preise
ermöglicht — das ist das Geld. So ist es, in seiner Wesenheit
als „Rechenpfennig“ (Schumpeter), ein unerläßliches Hilfsmittel für
den Marktverkehr, wo seine Anwendung allein die Schwierigkeit
der „qualitativen und quantitativen Nichtdeckung von Angebot und
Nachfrage“ (Adolph Wagner) überwinden läßt.

Hiermit übereinstimmend auch Cassel: „Ein Gut, das die Rolle
sines gemeinsamen Nenners tür die Schätzungen anderer Güter spielt, nennen
wir Geld“; es ist das „Substrat der allgemeinen Rechnungsskala‘“ (Sozial-
Skonomiie, S, 38/30). Nach Soda sind in der Marktwirtschaft „der wirt-
schaftliche Wert und der objektive Ausdruck des Wertes, d. h. das Geld, zwei
gleichzeitig. entstehende Korrelatbegriffe‘‘ (Geld, S. 166/167); denn das
Geld ist „‚die gleichzeitig mit der Verkehrswirtschaft entstehende Institution
ınd zwar ihre immanente begriffliche Voraussetzung‘, nicht etwa nur „eine
spezielle Institution zur Zeit der Verkehrswirtschaft, neben der verschiedene
andere Institutionen gleichberechtigt bestehen‘ (ebenda, S. 153). Soda
will sogar den ‚„‚Geldbegriff als die begriffliche Voraussetzung der verschie-
denen (wirtschaftlichen) Grundbegriffe in den Mittelpunkt der Wirtschafts-
‚chre gestellt‘ sehen (ebenda, S. 163; vgl. auch unten ıo. Kapitel, IB.
        <pb n="25" />
        - 13

Aus der Natur des Geldes als Rechengeld folgt mit Not-
wendigkeit seine Abstraktheit: sein völliges Losgelöstsein von
stofflichen Elementen. Es kann das so weit gehen, daß das Gut,
das den Maßstab der Geldeinheit abgibt, selbst an dieser gemessen
wird: „Der Ochse als Rechnungseinheit für Wertschätzungen be-
kommt notwendig eine besondere, rein abstrakte Bedeutung,
Der wirkliche Ochse wird in dieser Einheit wie andere Güter
geschätzt, und zwar zu sehr wechselnden Beträgen“ (Cassel, S. 323).
Die einzige Differenzierung des Rechengeldes ist die zahlenmäßige
Größe: der Betrag. Geldbeträge allein sind Gegenstand der Geld-
rechnung, Geldbeträge der Ausdruck der gesellschaftswirtschaft-
lichen Wertschätzung. Im Geldbetrag erlangt das Geld zuerst einen
spezifischen Sinn: als Werkzeug der zahlenmäßigen Ordnung
der gesellschaftlichen Wertungen in der Marktwirtschaft.

HL.

Die abstrakte Natur des Geldes als des Generalnenners der
verkehrswirtschaftlichen Rechnungen erschöpft sein Wesen nicht.
So wenig das bloße Rechnen, das ausschließlich psychische Ver-
gleichen der Zahlenbeträge für sich allein schon ein Wirtschaften
ist, so gewiß vielmehr ein Handeln, die Ausführung eines Ent-
schlusses dazu gefordert wird, — so muß auch im Hinblick auf
das Geld dem bloßen Denkvorgang die Tat folgen: die Zahlung.
Ist das Geld im Rechnen als abstrakter Zahlbegriff gegeben, so
zeigt es sich hier als konkretes Zahlungsmittel

Das Wort „Zahlung“ kennzeichnet die Eigenart der Über-
tragung von körperlichen Dingen (Metallstücken oder Papier-
blättchen), welche ein Vielfaches der Rechnungseinheit, einen be-
stimmten Geldbetrag verkörpern. Dieser Betrag allein: entscheidet
über die Menge der hinzugebenden Münzen oder Scheine, nicht deren
Stückzahl. Ob ich zwei Darlehnskassenscheine zu je zwei Mark und
einen zu einer Mark oder zehn 50o-Pfennig-Gutscheine oder einen
Reichskassenschein zur Zahlung eines Betrages von fünf Mark
verwende, ist völlig gleichgültig; nur „die Summe muß stimmen“.
Der Kassenbeamte, der hundert Mark in 20 Mark-Noten auszahlt,
zählt darum auch nicht: ı, 2, 3, 4, 5, sondern: 20, 40, 60, 80, 100.

Wie das Rechengeld, so ist auch das Zahlungsmittel hier nur
von einer Seite zu betrachten: in seiner Beziehung auf das Wirt-
schaftsleben. (Man könnte auch die Technik der Zahlung oder
ihre rechtliche Bedeutung untersuchen; aber hier steht das Wirt-
schaftliche nach der Stellung der Aufgabe im Vordergrunde.) Es
        <pb n="26" />
        — I4 —

ist nun ohne Zweifel eine wirtschaftlich nicht unerhebliche Wesen-
heit des Geldes, als Zahlungsmittel zu dienen. Ob mit der Zahlung
eine Verpflichtung eingelöst, eine Schuld getilgt wird, ist für den
Wirtschaftswissenschaftler an sich gleichgültig; die rechtlichen
Sachverhalte interessieren ihn nicht unmittelbar. Wohl aber die
Förderung des Wirtschaftsverkehrs, die sich aus der Einführung
der Geldzahlung in den Austausch der Güter ergibt: die Zerle-
gung der einen Tauschhandlung in mehrere nach Subjekt
und Objekt, Ort und Zeit gänzlich verschiedene Kauf-Verkauf-
akte. Erst das Dazwischentreten des Geldes als allgemeinen
Umtauschmittels, als Zirkulationsmittels schlechthin ermöglicht diese
Zerlegung, ohne welche die Erweiterung des ursprünglichen Natural-
tausches zum Marktverkehr niemals hätte durchgeführt werden
können. Ist das Geld als Preisausdruck „geistiges“ Werkzeug
der Marktwirtschaft, so als Zahlungsmittel der „körperliche“ Mittler
des Wirtschaftsverkehrs.

Praktisch durchaus möglich und auch tatsächlich vorgekommen ist
2s, daß die abstrakte Einheit des Rechengeldes und das Grundmaß für die
Zahlungen auseinanderfallen. So berichtet Amonn: In Österreich war der
Gulden ursprünglich die Einheit eines technischen Tauschmittels und zu-
gleich die Einheit eines ideellen — lediglich im Bewußtsein der Verkehrs-
subjekte existierenden — Preismaßes und Preisausdrucksmittels. Aus ver-
schiedenen Umständen trat nach und nach eine Entwertung des Guldens
ein, d. h. der Gulden als technisches Tauschmittel war jetzt weniger wert,
gemessen in der ursprünglichen Einheit des Guldens als allgemeinem Preis-
maß und Preisausdrucksmittel: für eine Ware, die 10 Gulden kostet,
muß man jetzt ı_ı oder ı2 Gulden zahlen in Geld“ (S. 347/348; vgl.
auch Cassel, S.329; Helfferich, S.272; Bücher, S.ız2; Adolph
Wagner, S. 119). Daraufhin hat sich unter den Geldtheoretikern ein
Streit entsponnen, ob das Geld „reales Tauschmittel‘“ oder ‚ideeller Wert-
ausdruck‘“ sei. Namentlich die „Nomimalisten‘“ Liefmann, Karl
Elster, Dalberg sehen das Geld ausschließlich als „Zahlbegriff‘‘,
als „abstrakte Rechnungseinheit‘ an. Für Elster sind die Geldstücke
and -scheine nur „„‚Geldzeichen‘, und nach Liefmann „beginnt die eigent-
tiche Epoche der Geldwirtschaft erst, wenn die Verkörperung der abstrakten
Rechnungseinheit in einem wertgeschätzten Sachgut nicht mehr erforderlich
ist‘“ (Geld, S. 191). Amonn bemerkt hierzu, daß ‚„‚,die empirische Erschei-
nung des Geldes überhaupt nicht durch einen Begriff restlos erfaßt wer-
len kann, und da ihr „in der nationalökonomischen Betrachtung zwei ver-
schiedene Begriffe — reales Tauschmittel und objektiver Ausdruck des
Wertes — korrespondieren, steht es von vornherein irei, die Bezeich-
nung Geld dem einen oder anderen der Begriffe beizulegen‘“ (S. 421 Anm.},
Mit Rücksicht auf das „populäre Bewußtsein‘ empfiehlt Amonn, ‚die
Bezeichnung Geld dem Begriff des realen Tauschmittels vorzubehalten‘“‘.
Gegen diesen letzteren Vorschlag ist einzuwenden, daß die Geldlehre nicht
        <pb n="27" />
        15 —

die Aufgabe hat, den Namen des Geldes endgültig sicherzustellen, sondern
Tatbestände, Wesenheiten zu erforschen. Als eine Zurechtweisung der
Amonnschen willkürlichen Namengebung erscheint Cassels Hinweis,
4aß in der Geldtheorie bisher „das Geld wesentlich als ein materielles Gut
aufgefaßt werde‘ und daher ‚das materielle Zahlungsmittel in unrichtiger
Weise in den Vordergrund gestellt werden mußte‘. Cassel betont im
Gegensatz hierzu, „daß der Begriff des Geldes nicht durch Eigenschaften
eines Dinges, sondern durch die wesentlichen Funktionen des Dinges
bestimmt werden muß‘ und „in Konsequenz dieser Auffassung die Analyse
direkt auf die wesentlichen Geldfunktionen gerichtet wird: die Zu-
sammenfassung der Einrichtungen, durch welche
diese Funktionen erfüllt werden, muß dann als das
Geldwesen bezeichnet werden. Die Frage, was als mate-
rielles Geld gelten soll, bekommt dann erst in zweiter Linie
Interesse. Sie kann dahin beantwortet werden, daß jedes allgemeine
Zahlungsmittel, das als solches anerkannt wird,
Geld ist“ (S. 329/330).
IV.

Jede wirtschaftliche Verkehrshandlung knüpft sich heute an
das Geld: Kein Preis ohne Geldrechnung, kein Güterumlauf ohne
Zahlung (mag diese nun unmittelbar vollzogen oder gestundet
werden). Undenkbar ist der Marktverkehr ohne das Geld als
„Umtauschmittel und Rechenpfennig“ (Adolf Weber), undenkbar
das Ineinandergreifen der miteinander verketteten Einzelwirt-
schaften ohne dieses gemeinsame Verkehrsmittel. Liegt es da
nun nicht nahe, im Gelde selbst ein hohes, wo nicht gar das
höchste Wirtschaftsgut zu sehen? Es den Waren gleichzustellen,
deren Preis es ausdrückt, und gegen die es umgetauscht wird?
Ihm sogar die Vorzugsstellung der „Ware aller Waren“ einzu-
räumen? Zumal das Geld doch bis heute durch allgemeine An-
schauungen und gesetzliche Regelung mit dem kostbaren Edel-
metall Gold stofflich verbunden ist. Sicher ist es unter diesen
Umständen verständlich, wenn noch immer vielen Geldtheoretikern
und erst recht den Männern der Praxis das Geld als Ware und
als „gutes“ Geld nur das Gold erscheint,

Es sei hier nur auf die im Quellenverzeichnis aufgeführten Schriften
von Budge, Diehl, Gruntzel und Moll verwiesen, sowie
andererseits auf die namentlich von Bendixen, Dalberg, Elster,
Hahn, Heyn, Knapp, Liefmann gegen den „Goldwahn‘“
gerichteten Angriffe. Einige Stichproben des Gegensatzes zwischen der
Waren- und der Anweisungstheorie des Geldes wurden bereits oben im
Einleitungskapitel gegeben (IT).
Die Auffassung der Metallisten und Warentheoretiker muß
insoweit bekämpft werden, wie sie das geschichtliche Werden
        <pb n="28" />
        a

16
des Geldes mit seinem wesenhaften (nicht nur tatsächlichen)
Sein verwechselt. Die Entstehung des Geldes schildert Mises
ganz richtig in zwei Sätzen: „So sind aus einem Bedürfnis des
Verkehrs heraus eine Reihe von Waren allmählich allgemein
gebräuchliche Tauschmittel geworden. Der Kreis dieser Waren
verengte sich immer mehr, bis zuletzt nur mehr ein einziges Gut
übrig blieb, welches allgemein als Tauschmittel gebraucht wurde:
das Geld“ (Theorie, S. 7). Gerade dadurch, daß es Geld wurde,
hat aber das fragliche Tauschgut seinen Warencharakter abge-
streift. Mag selbst heute noch die Goldwährung bestehen, so ist
das Geld deshalb doch niemals den anderen Wirtschaftsgütern
gleichzustellen: es ist nicht wie die Waren, die ihren „letzten Ab-
nehmer“ suchen (Wieser). „Die Operation Kauf — Verkauf ist
nur der Austausch eines Gegenstandes gegen eine Möglichkeit“
Solvay); das Geld ist weder unmittelbares Genußgut noch Pro-
Juktionsmittel. Man kann es nicht essen, sich nicht damit kleiden;
höchstens einen Schmuck- oder Sammelwert kann die Metallmünze
haben, und auch das nur unter Aufgabe ihres Geldcharakters;
denn die Busennadel und das Museumsstück sind dem Gelddienst
und dem Zahlungsverkehr entzogen, Geld aber ist nur, „was
Greldesdienst verrichtet“ (Laughlin-Hoffmann). Auch als Verkehrs-
Nittel hat das Geld für den Wirtschaftszweck nicht dieselbe
Bedeutung wie etwa Schiff und Wagen. Die letzteren werden,
aicht anders als die Genußgegenstände, als stoffliche Güter her-
zestellt, in Gebrauch genommen und abgenutzt; sie sind ebenfalls
Wirtschaftsgüter und wie die zu unmittelbarer Bedürfnisbefrie-
digung dienenden Nutzdinge den Gesetzen der Preisbildung unter-
worfen. Anders das Geld. Es hat nur dort noch seinen Waren-
charakter — der sich in einem Marktpreis des Geldes (Kurs)
zeigt — beibehalten, wo seine Verkehrsfähigkeit beschränkt ist:
auf dem Weltmarkt. Gerade weil das Geld historisch noch
aicht Weltgeld ist, kommt es im internationalen Verkehr noch
als Ware vor, hat es selbst einen Preis, der sich durch Angebot
und Nachfrage bildet wie bei anderen Marktgütern. (Näheres
hierüber im folgenden Kapitel, III) Ein Widersinn aber ist es,
lem Geld als solchem eine Warennatur zuzuschreiben und wo-
möglich den Maßstab seiner eigenartigen Wertschätzung im Stoff
des Zahlungsmittels zu suchen; im Gegenteil „tritt der Geld-
 harakter eines materiellen Geldes um so stärker hervor, je aus-
schließlicher es als Geld verwendet wird, je mehr sich das Geld
von der Ware loslöst“ (Cassel, S. 330), Negativ nur kann man
        <pb n="29" />
        den Warenbegriff auf das Wesen des Geldes beziehen: Es ist das
einzige Gut in der Verkehrswirtschaft, das niemals den letzten
Abnehmer findet, das — begrifflich — ewig umläuft! Es ist
nicht selbst ein „Tauschgut“, ein Gegenstand mit eigenem ver-
kehrswirtschaftlichem Wert, sondern es ist nur ein Werkzeug,
ein gesellschaftliches Hilfsmittel zur Bewältigung der Preis-
bildung und des Warenabsatzes in der Marktwirtschaft: die „reine
Form der Tauschbarkeit der Dinge“ (Simmel).

Cohn, Kann das Geld abgeschafft werden?
        <pb n="30" />
        Die Herrenrolle des

3. Kapitel.
Geldes als Verkörperung von
Kaufkraft.

Es ist schon angedeutet worden, daß die Ablehnung der
Warentheorie des Geldes und des Metallismus einer gewissen Ein-
schränkung bedarf. Das Geld ist keine Ware und sein Stoffgehalt
unerheblich, soweit man es rein wirtschaftlich betrachtet.
(Grundsätzliches zur Frage der reinen Wirtschaft — als des In-
begriffs des „Wirtschaftlichen überhaupt“ — vgl. in meinem im
Quellenverzeichnis angeführten Aufsatz.)

Eine jede Ware stellt einen rein wirtschaftlichen Wertverhalt
dar und bildet nur als solche einen Gegenstand des gesellschaft-
lichen Verkehrs. Mag sie als Genußgut unmittelbar zur Befriedi-
gung der menschlichen Lebensbedürfnisse verfügbar sein oder als
Produktions- oder Transportmittel der Überwindung sachlicher
oder örtlicher Güterknappheit dienen, — in beiden Fällen handelt
es sich um Objekte, die in jeder Wirtschaft den Zweck des Wirt-
schaftens: die Deckung des menschlichen Lebensbedarfs, erreichen
helfen. Jeder Wirt, ob er isoliert oder in Gemeinschaft mit anderen
wirtschaftet, muß über den augenblicklichen Bedarf hinaus Güter
beschaffen, muß vorsorgen, die später zu leistende Arbeit durch
„vorgetane Arbeit“ erleichtern (Waffen, Werkzeuge, Maschinen).
Die Ware ist nur die verkehrswirtschaftliche Form des Überschuß-
gutes und damit auf einen rein wirtschaftlichen Tatbestand zurück-
führbar.
Wie nun aber das Geld? Hat es ebenfalls einen rein wirt-
schaftlichen Wertgehalt? Oder ist es nicht vielmehr, nur auf den
Wirtschaftszweck hin betrachtet, ganz bedeutungslos? In der iso-
lierten Wirtschaft hat es gar keine Stelle: Was sollte ein Robinson
mit Geld anfangen? Aber auch in der gesellschaftlichen Wirtschaft
gewährt es keine „reale Befriedigung“ (Knapp). Bei keiner der
rein wirtschaftlichen Leistungen ist es von Nutzen: Es ist kein
        <pb n="31" />
        - IQ
Werkzeug der.Arbeit, und durch sein Sparen kann der Bestand
der Wirtschaftsgüter auch nicht verändert werden; Geld zu „ris-
kieren“, ist rein wirtschaftlich überhaupt sinnlos, da ja gar nichts
dabei aufs Spiel zu setzen ist, wenn nicht gerade der Geldstoff.
Das Geld kann nicht wie die Wirtschaftsgüter durch seinen Ge-
brauch oder Verbrauch genutzt werden, sondern nur durch seine
Entäußerung, seinen Umtausch gegen Waren. Nicht „real“,
sondern „zirkulatorisch“ befriedigt es, nicht auf die — rein wirt-
schaftliche — Beschaffung und Verwendung der Güter übt es
unmittelbar einen Einfluß, sondern es erleichtert nur die Ver-
teilung in der Form des Austausches, Nicht die Gesamtheit der
Tauschenden, sondern den Einzelnen fördert es, kraft der gesell-
schaftlichen Geltung als Umtauschmittel und Preismaß. Wenn
man es als Ware ansieht, so ist das nicht der Ausfluß gesell-
schaftswirtschaftlicher, sondern „privatwirtschaftlicher“ Interessen.
In der Gesamtwirtschaft (sog. Volkswirtschaft) spielt das Geld
nur eine Dienerrolle, als Vermittler des Güteraustausches am
Markt; in der Einzelwirtschaft aber ist es Herr, weil‘ sein
Besitz die ideale Möglichkeit uneingeschränkten Umtausches gegen
real nutzbare Wirtschaftsgüter gewährt, Für den Einzelwirt
bedeutet Geld „Kaufkraft“; denn Geldbesitz gibt ihm —
Rechtsordnung und Gewohnheit stützen diesen Glauben — im
Marktverkehr überall und stets die Möglichkeit seines Umtausches
gegen Sachgüter (Waren) oder menschliche Dienste unter einem
generell und zahlenmäßig bestimmten Verhältnis der auszu-
tauschenden Mengen (dem durch ein Vielfaches der Geldeinheit
ausgedrückten Preis). Auf Grund dieser seiner vorwiegend jJuri-
stisch-sozialpsychologischen Bedeutung ist das Geld der „nervus
rerum“ der Einzelwirtschaft. Einem rein wirtschaftlich wertlosen
Ding wird durch staatlichen Rechtssatz oder auch nur Sstill-
schweigende gesellschaftliche Übereinkunft ein Verkehrswert bei-
gelegt, der für die am Wirtschaftsverkehr beteiligten Einzelwirte
die größte Wichtigkeit erlangt. Rein wirtschaftlich ist der
„Geldwert“ eine (gesellschaftstechnisch begründete) Fiktion;
das wird aber zumeist vergessen, weil die Einzelwirtschaft durch
ihn wie durch eine unbezweifelbare Realität beherrscht wird.
Wenn ich mit Geld — oder, wie wir sagen, „in“ Geld — rechne, so
wäge ich nur den Umfang meiner subjektiven Kaufkraft ab. Wenn
ich Schulden mit Geld abzahle, so wird meine Leistung wiederum
als eine „Anweisung auf Güter“ (Bendixen) angenommen. Und
wenn ich selber die Kaufkraft am Markte spielen lasse. wenn ich
        <pb n="32" />
        mm 20

die in Geld ausgedrückten Preise bezahle, so „gibt der Produzent
die eingeschränkte Naturalform eines besonders gearteten Produkts
hin“ und bekommt seinerseits „das allgemeine (Um-) Tauschmittel
Geld in seine Hand, welchem die Massengewohnheit (!) der An-
nahme zu eigen ist, und wird dadurch in größerem oder kleinerem
Umfange Herr über den Markt, auf dem er mit seiner Nachfrage
auftreten kann“ (Wieser, S. 302). Nichts anderes besagt auch
Helfferichs pathetische Bezeichnung des Geldes als eines „Wert-
aufbewahrungsmittels“ und „Wertträgers durch Zeit und Raum“;
nur wenn ich seiner beständigen Wertgeltung sicher zu sein glaube,
werde ich Geld „horten“ oder ausleihen, Alle privatwirtschaftlichen
Geldfunktionen weisen auf die Kaufkraft zurück: Geldrechnung —
ihre Messung; Geldzahlung — ihre Übertragung; Geldhortung —
ihre Aufspeicherung; Gelddarlehen — ihre „Kapitalisierung“ (vgl.
unten IV).

Um alle Mißverständnisse auszuschließen, die sich aus der
Anwendung des mehrdeutigen Wortes Kaufkraft ergeben
könnten, sei bemerkt, daß nur subjektive, abstrakte, nomi-
nale, aktuelle Kaufkraft hier als im Geld verkörpert be-
zeichnet werden soll:

ı. Subjektive Kaufkraft des Geldbesitzers, dem eben durch
diesen Besitz die Möglichkeit gegeben wird, „auf dem Markt mit
seiner Nachfrage aufzutreten“ (Wieser); im Gegensatz zur sogen.
objektiven Kaufkraft „des Geldes“, d. h. der Spiegelung des
durchschnittlichen Preisniveaus in der Geldeinheit.

2. Abstrakte Kaufkraft, im Sinne Schumpeters als „ab-
strakte — d.h. nicht in konkreten Gütern festgelegte — Macht
über Güter im allgemeinen; als das, was in der englischen Literatur
mitunter general purchasing power genannt wird“ (Theorie, S. 84;
ähnlich Adolph Wagner, Philippovich, Amonn).

3. Nominale Kaufkraft, ohne Rücksicht darauf, welche
Arten und Mengen realer, wirklicher Güter und Dienstleistungen
„hinter“ dem Geld stehen; ob es nicht teilweise bloß formal durch
Versprechungen für die Zukunft „gedeckt“ ist, welche die Kauf-
kraft der Einzelwirte künstlich steigern, sie höher erscheinen lassen
als sie in Wirklichkeit ist.

4. Aktuelle Kaufkraft, wie Beckerath sie definiert: als
‚sofortige, gegenwärtige Verfügungsgewalt über gegenwärtige
Güter und Dienstleistungen, . . aktuelles Güter- und Leistungs-
vermögen als Grundlage ; . augenblicklich verfügbarer erwerbs-
wirtschaftlicher oder konsumptiver Nutzung ... Dagegen handelt
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es sich hier nicht um Vermögen“ potentielle (Kaufkraft) „in dem
allgemeinen juristischen Sinne des Inbegriffes der einer Person zu-
stehenden Güter und Berechtigungen von wirtschaftlichem Wert,
worunter auch befristete Forderungsrechte, insbesondere zins-
tragende Forderungsrechte fallen“ (S. 4).

Ist die doppelte — gesamt- und einzelwirtschaftliche — Natur des
Geldes einmal eingesehen, so ist eine ganze Reihe von Lösungen des Geld-
problems als Vermischung der wirklichen und der eingebildeten Wesenheiten
des Geldes abzulehnen. Vor allem offenbart sich Molls „Problem des
Endes“ als eine solche Vermengung: die in seiner „Logik des Geldes‘
behauptete „Kantische Antinomie‘ der Sätze „Das Geld gewährt niemals
Befriedigung‘ und „Das Geld muß den letzten Besitzer befriedigen‘ be-
steht nur, wenn man die rein wirtschaftliche reale Befriedigung mit der
privatwirtschaftlich- juristischen zirkulatorischen Befriedigung gleichsetzt.
Gerade der zweite Satz Molls zeigt deutlich den wirtschaftlichen Wider-
zinn der gesellschaftlichen Fiktion vom Eigenwert des Geldes. Geld gewährt
nur durch seinen Umtausch die Möglichkeit einer Befriedigung; der „letzte
Besitzer‘ kann also gar nicht befriedigt werden. Ja, noch mehr: der letzte
Besitzer von Geld ist als solcher schon ein logischer Widersinn, nicht anders
als es etwa der Anfang oder Endpunkt eines Kreises wäre, Das Geld zirku-
liert ja doch, läuft im Kreise; wie soll es also einen letzten Besitzer haben ?
In dessen Hand verlöre es eben seinen Geldcharakter. Molls Deduktionen
sind in diesem Sinne eine ‚„‚Unlogik des Geldes".

Vor allem aber lassen sich, wie schon erwähnt, alle ‚Warentheo-
rien‘ des Geldes nur halten, soweit sie bewußt auf der Hypothese der ge-
sellschaftlichen Fiktion fußen und bloß privatwirtschaftliche Geltung be-
anspruchen. Eine solche privatwirtschaftliche Warentheorie hat neuestens
Budge aufgestellt. Budge geht vom Tausch aus (also schon vom Ver-
kehrsakt!): „‚Der Begritf des Tausches schließt den Begriff des Opfers in sich.
Ohne Opfer kein Tausch, und zwar muß das Opfer ein beiderscitiges sein.
Opfer aber bringt man nur für wirtschaftliche Güter, d. h. für Dinge, die Wert
naben. Wird mithin das Geld gegen andere Wertdinge getauscht, so ergibt sich
der unabweisbare Schluß, daß das Geld selbst ein wertvolles Gut sein muß...
Das Geld ist mithin ein wertvolles Tauschgut, d. h. eine Ware, wenn auch
eine Ware eigener Art. Jede ökonomische Geldtheorie kann nur eine Waren-
theorie des Geldes sein‘ (S. 737). Dies ;n Darlegungen ist völlig beizustimmen
— bis auf die Wertfrage: das Geld hat seinen ökonomischen Wert nicht kraft
seines Seins, sondern seines gesellschaftlichen Geltens wegen. Es
hat jeweils den Wert, der ihm beigemessen wird, zum Unterschied
von den „Eigenwerten‘“ der Wirtschaftsgüter, die vom Menschen nur fest-
gestellt werden (z. B. der Nährwert des Fleisches, die Heizkraft der
Kohle, die Leuchtkraft des Phosphors). Daher rührt es ja auch, daß die
— privatwirtschaftliche — Auffassung des Geldes als Ware, wie Budge
unter Berufung auf J. St. Mill hervorhebt (S. 737/738), mit der „„Anweisungs-
theorie‘ durchaus vereinbar ist. Leugnet doch diese letztere Lehre mit ihrer
Bezeichnung des Geldes als „ticket“, d. h. als Eintrittskarte zum gesell-
schaftlichen Gütervorrat (Mill), oder als „Spielmarke‘“ (Bendixen) oder

‚Anweisung auf das Sozialprodukt‘ {(Schumpeter) lediglich seinen
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        natürlich-stofflichen, rein wirtschaftlichen Wert, keines-

wegs aber seine gesellschaftlich-konventionelle, pri-

va t wirtschaftliche Schätzung!

Hart an die Grenze des Wirtschaftlichen gegen das Juristische streifen
lie Versuche, die „Tauschmittel-‘““ und „Zahlungsmittelfunktion‘* des Geldes
voneinander zu trennen. Nach Knies ist „der Vorgang, welcher in Frage
steht, wenn es sich einfach um die Befriedigung eines Anspruchs auf unser
Vermögen handelt, als solcher durchaus kein Tausch- oder Kauf- Verkauf-
Akt. Wenn also das Geld zur Bewerkstelligung gebraucht wird, so kann es
sich hier nicht um die Funktion des Tauschmittels handeln. Die Funktion
des Zahlungsmittels oder Zahlmittels muß eine eigenartige sein‘ (S. 211;
ähnlich S. 216 und 223). Ebenso weist Bücher darauf hin, daß sich „Zah-
lungen massenhaft auch abseiten des Tausches ergeben (Geldbuße, Tribute,
3porteln, Steuern, Entschädigungen, Ehren- und Gastgeschenke)‘“ (S. 112).
Und auch Helfferich ordnet die beiden Funktionen einander gleich:
„Ihre Bedingtheit ist sowohl historisch wie theoretisch eine wechselseitige‘”
'S. 262). Mises dagegen meint, sogar bei der Schenkung liege, „vom
Standpunkt des Schenkenden genommen, ein Tauschakt vor, indem sich
dieser durch die Gabe die Erfüllung eines Wunsches verschafft, mag dieser
Wunsch nach dem Erwerb der Dankbarkeit oder Zuneigung des Beschenkten,
nach der Befriedigung der eigenen Eitelkeit oder nach dem bloßen Bewußt-
sein, anderen Freude gespendet zu haben, gehen‘ (Theorie, S. 14). Der
yanze Streit ist selbst privatwirtschaftlich müßig und unfruchtbar, da so-
wohl die „einseitige‘‘ Zahlung wie der Umtausch — die „Preiszahlung‘
Wieser) — nur Formen der Übertragung von Kaufkraft sind. Eine sinn-
volle Unterscheidung macht in dieser Richtung nur Marx. Er weist darauf
hin, daß z. B. im Falle einer Kaufpreisstundung das Geld schon beim Ab-
schluß des Kaufs „als Kaufmittel funktioniert, obgleich es nur den

Schatten seines künftigen Daseins vor sich (her) wirft. Es zieht nämlich

die Ware aus . .. der Hand des Verkäufers in die des Käufers‘, Wenn da-

zegen der gestundete Betrag bezahlt wird, so „tritt das Geld nicht in Zirku-
lation als Kaufmittel — als solches iunktionierte es, ehe es da war —, es tritt
vielmehr in Zirkulation als das letzte Wort des Austauschprozesses, . . als

Geld in der bestimmten Funktion als allgemeines Zahlungsmittel...

Der Unterschied von Kaufmittel und Zahlungsmittel macht sich sehr un-

angenehm bemerkbar in den Epochen der Handelskrisen“ (Kritik, S. 141).

Namentlich für die hier vorliegende Frage wird diese Scheidung erheblich,

da man glaubt, das Geld als Zahlungsmittel im engeren Sinne — vom Kauf-

mittel geschieden — abschaffen zu können (vgl. unten 7. Kapitel).

Die Wesenheit des Geldes als gedankliche (Geldbetrag) und
stoffliche (Geldmünze, Geldschein) Verkörperung von Kaufkraft,
als welche es sich einer allgemeinen privatwirtschaftlichen Wert-
schätzung erfreut, darf nicht mit seiner gesellschaftlichen Werkzeug-
natur als Vermittler des Güteraustausches in der Marktwirtschaft
verwechselt werden. In der Einzelwirtschaft ist es freilich der
nervus rerum, nimmt es tatsächlich — auf Grund seiner sozial-
psychologischen Einschätzung — die Stellung eines „Wertmaßes“
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ain, und man setzt schießlich sogar den Geldbesitz dem Reichtum
gleich. Rein wirtschaftlich gesehen, ist es aber nur einfaches
verkehrstechnisches Hilfsmittel: ein Maßstab wie die Elle oder die
Tonne — die auch aus der körperlichen Wirklichkeit abstrahiert
sind — sowie ein Ausweis über eine durch Hingabe eines Tausch-
gutes bewirkte gesellschaftliche Leistung, der zur Empfangnahme
der Gegenleistung in Gestalt einer beliebigen anderen Ware mit
gleichem Verkehrswert (Preis) von einer beliebigen anderen Wirt-
schaftsperson zu beliebiger Zeit an beliebigem Ort ermächtigt.
Man muß diese Unterscheidung in der wesenhaften Bedeutung des
Geldes nicht nur deshalb beachten, weil sonst die Gefahr der eben
gekennzeichneten Überschätzung kaum vermeidbar ist, sondern
auch zur Sicherung vor der Verwechslung wirtschaftlicher Wesen-
heiten — seien sie selbst nur privatwirtschaftlicher Natur — mit
juristischen Geltungen.

Unter der Einwirkung der „staatlichen Theorie“ Knapps,
nach der das Geld „ein Geschöpf der Rechtsordnung“ ist, neigt
man nämlich vielfach dazu, die Kaufkraft mit der Währung zu
verwechseln (siehe besonders unten im 6. und 8. Kapitel). Die
gegenwärtigen Verhältnisse zeigen anschaulich genug, daß die
Kaufkraft von der Währung ebensowenig wie vom Geldstoff
abhängt. Überall ist Währung und Geldstoff gleichgeblieben
‘wie in Mitteleuropa das Papier, so in Amerika und den neutralen
Ländern das Gold), und überall ist gleichwohl die an der Währungs-
einheit gemessene Kaufkraft gesunken; selbst der Golddollar ist
aur noch halb soviel „wert“ wie vor dem Weltkrieg. Die Währung
bedeutet niemals eine wirtschaftliche Wertung — weder rein noch
privatwirtschaftlich —, sondern regelt lediglich das Verhältnis der
gesellschaftlichen (heute staatlichen) Rechnungseinheit zum Geld-
stoff. Es wird gesetzlich bestimmt, welche Menge des Geldstoffes
jür die Herstellung des Zeichens der Währungseinheit aufzuwenden
ist; niemals aber sagt die Währung etwas über die durch die
Geldeinheit gemessene Gütermenge aus (vgl. Münzgesetz 88 ı, 2, 3;
Terhalle, S. 11). Die Kaufkraft ergibt sich vielmehr aus den
Preisen, und deren Höhe regelt kein Gesetz — jeder Tag beweist
es von neuem —, sondern das „freie Spiel der Kräfte“ im Wirt-
schaftsverkehr, Angebot und Nachfrage am Markt.

Mit Rücksicht auf die Tatsachenwelt muß die letzte Be-
hauptung erheblich eingeschränkt werden. So wie sie eben gefaßt

I.
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        24 —
wurde, leugnet sie jeden Einfluß des Geldes auf die Preisbildung.
Rein wirtschaftlich trifft das auch zu: rein wirtschaftlich entscheidet
über den Marktwert der Güter nur das naturale Verhältnis des
gesellschaftlichen Gütervorrats (einschließlich der wirtschaftlichen
„Kräfte“) und Bedarfs; das Geld ist insoweit nur Preisausdruck,
nicht Preisfaktor, ist Diener am Markte, nicht Herr. Aber das
tatsächliche Wirtschaftsleben, der wirkliche Marktverkehr der
kapitalistischen Wirtschaft ist von der Idealgestalt der reinen
Wirtschaft unendlich weit entfernt, und zwar gerade dadurch, daß
man die Herrenrolle des Geldes von der Einzelwirtschaft auf die
Gesamtwirtschaft (Volkswirtschaft) übertragen hat. „Die historische
Wirklichkeit tritt immer nur als Herabsetzung des reinen Geld-
begriffs (des bloßen Ausdrucks des gegenseitig gemessenen Wertes
der Dinge) vermittels des Eigenwertbegriffes des Geldes auf“
(Simmel, S, 135). Das Geld ist kein Wirtschaftsgut, ist keine
Ware — aber man hat es im Laufe der geschichtlichen Entwicklung
immer für eine solche gehalten, hat es dazu gemacht. Kann es
zwar niemals positiv auf die Preisbildung, die gesellschaftliche
Bewertung der Tauschgüter einwirken, so kann es doch die Markt-
verhältnisse durch sein Nicht-Funktionieren stören und damit einen
negativen Einfluß auf die Gestaltung der Preise gewinnen: Alle
„Geldwerttheorien“ sind im Grunde Geld-Unwert-Theo-
rien; denn sie sollen die Mängel des Geldumlaufs klären und
Mittel zu ihrer Überwindung finden helfen. Über diese Mängel,
um derentwillen man ja hauptsächlich die Abschaffung des Geldes
fordert, hier noch einige grundsätzliche Bemerkungen; insbesondere
über die Störungen, welche auf die privatwirtschaftliche Über-
schätzung der Kaufkraftbedeutung des Geldes und deren Mißbrauch
im Marktverkehr zurückzuführen sind.

ı. Das Geld ist eins der bedeutungsvollsten Verkehrsmittel
in der Marktwirtschaft. Während aber die anderen von der All-
gemeinheit benutzten Werkzeuge den Verkehr nach einem streng
eingehaltenen Fahrplan vermitteln, wird der Geldumlauf grund-
sätzlich nur durch das „Selbstinteresse“ der Wirtschaftspersonen
geregelt, das keineswegs immer rein wirtschaftlich bestimmt ist.
(Die Zentralisierung der Notenausgabe und die Diskontpolitik sind
schon bedeutsame Schritte von der Verkehrs- zur Verwaltungs-
wirtschaft; vgl. unten 4. Kapitel.) So veranlassen vielfach ihre
privatwirtschaftlichen Interessen die Wirtschaftspersonen, das Geld
dem Verkehr zu entziehen, um die in ihm verkörperte Kaufkraft
aufzuspeichern: einen Geldschatz aufzuhäufen.
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        25 —
Die Schatzbildung (Hortung, Thesaurierung, Fondsbildung) er-
scheint bei oberflächlicher Würdigung als ein durchaus „wirtschaft-
liches“ Verhalten. Heißt doch wirtschaften: das Mißverhältnis
zwischen den menschlichen Bedürfnissen und den zu ihrer Be-
friedigung verfügbaren Mitteln ausgleichen, indem man mit diesen
„haushält“ und „sparsam umgeht“. Sparen im engeren Sinne wieder
ist das Noch-nicht-verbrauchen, das Warten auf die Nutzung. Vor
allem reden wir gerade vom „Zurücklegen des Sparpfennigs“, des
„Notgroschens‘“; im täglichen Sprachgebrauch schon sehen wir das
Geld als besonders geeignetes „Sparmittel“ gewürdigt. Die dem
Gelde scheinbar eigene Unbegrenztheit der Kaufkraft ist es, die
zu dieser Auffassung führt: die räumlich und zeitlich unbegrenzte
Möglichkeit ihrer Geltendmachung. Nichts zwingt ja am Gelde
selbst zur Ausgabe; also mindere auch keine Aufspeicherung, so
folgert man, die Kaufkraft, beeinträchtige den Wert des Geldes,
Wenn nur das Äußerliche, der Geldstoff erhalten werde (und selbst
Papier kann lange lagern), — die Kaufkraft brauche sich dann in
Jahrzehnten nicht zu ändern. So mißt Stephinger dem Gelde
„völlige subjektive und objektive Gleichheit und Unzerstörbarkeit“
bei. Trifft diese Auffassung nun aber das Wesen der Sache?
Wird sie nicht gerade heute durch die tatsächlichen Ereignisse
schlagend widerlegt? Freilich hat das Talerstück aus dem Jahre
1875, das, der Bauer noch immer nicht aus dem Kasten hervor-
geholt hat, sondern als seinen Schatz behütet, durch das Aufheben
nicht gelitten: sein Stoffgewicht und sein Nennwert sind gleich
geblieben; aber die Kaufkraft, — ja, ist die nicht, weit entfernt
von aller Minderung, sogar um ein Vielfaches gestiegen? Es ist
derselbe Taler und doch wieder etwas anderes. Andere Güter ver-
derben bei langer Aufbewahrung, und der Taler hat im Gegenteil
„geheckt“. Ist diese Vermehrung jedoch wiederum wesensnotwendig
oder nur zufällig? Liegt sie in der Natur des Geldes, oder ist sie nur
eine Folge äußerer Umstände? Konnte der Taler nicht ebenso-
gut an Wert verlieren? Oder wirkt die Aufspeicherung von Geld
als solche wertsteigernd? Hier ist der Punkt, an dem unsere Unter-
suchung noch weitere Klarheit schaffen muß. .

Die Stellung der Geldtheoretiker zur Frage der Geldhortung: Wird
von den einen die „eigentümliche Doppelrolle des Geldes als Tauschmittel
bzw. Zahlungsmittel und Sparmittel‘“ (Gr un tz el) anerkannt, so bestreiten
andere die Selbständigkeit dieser Funktion, der Verwendung als ‚Wert-
aufbewahrungsmittel‘“. Mises will sie wie die Zahlungsmittelfunktion auf
den Gebrauch des Geldes zu Umtauschzwecken zurückführen: „Sobald die
Ühung. ein bestimmtes wirtschaftliches Gut als Tauschmittel zu verwenden,
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        -. 26 —

allgemein geworden war, erscheint es dann am zweckmäßigsten, dieses Gut

und kein anderes zu thesaurieren‘‘ (Theorie, S. 11). Karl Menger, an

den sich Mises auch hier anschließt, hat aber gerade umgekehrt behauptet,
daß die besondere Eignung und Verwendung des Geldes zur Schatzbildung

„eine der wichtigsten Ursachen seiner Marktgängigkeit und somit seiner

Eignung zum Tauschmittel gewesen sei‘ (S. 581). Dieser ganze Streit be-

rührt nur die sozialpsychologische Frage des Geldverkehrs und der

Geldhortung und hat somit höchstens „vor-wirtschaftliche‘‘ Bedeutung.

Wirtschaftlich begründet ist hingegen der beißende Spott, mit dem

Marx den mit der ‚„Schatzbildung‘‘ erstrebten „abstrakten Reichtum‘‘

geißelt: „Unser Schatzbildner erscheint als Märtyrer des Tauschwerts, heiliger

Asket auf dem Gipfel der Metallsäule. Es ist ihm nur um den Reichtum in

seiner gesellschaftlichen Form zu tun, und darum vergräbt er ihn vor der Ge-

sellschaft ... Er schwärmt für den Tauschwert, und darum tauscht er nicht
aus... In seiner eingebildeten, schrankenlosen Genußsucht entsagt er allem

Genusse: Weil er alle gesellschaftlichen Bedürfnisse befriedigen will, befrie-

digt er kaum die natürliche Notdurft. Indem er den Reichtum in seiner

metallischen Leiblichkeit festhält, verdunstet er ihm zum bloßen Hirngespinst‘'

(Kritik, S. 132).

2. Die ohnehin rätselhafte „Werterhöhung“ des aufgespeicherten
Talers wird noch auffallender im Hinblick auf die allgemeine „Geld-
entwertung“, die uns nun seit geraumer Zeit schon mit unver-
kennbarer Deutlichkeit vor Augen steht. Infolge der durchschnitt-
lich etwa 7—800 % igen Steigerung sämtlicher Warenpreise — teil-
weise auch der Löhne und Gehälter — ist, so sagt man, das Geld
um ebensoviel entwertet worden, ist seine (objektive) Kaufkraft
entsprechend gesunken. Es entsteht damit die weitere Frage, auf
welche Gründe diese Wertminderung zurückzuführen ist; ob
insbesondere auch hier wieder nur die Verhältnisse auf der Waren-
seite schuld sind: die mehrjährige Gütervernichtung größten Maß-
stabes samt dem Brachliegen der Arbeitskräfte, — oder ob etwa eine
Überspannung des Geldumlaufes, eine mißbräuchliche Ausnutzung
des Umstandes, daß im Gelde nominale Kaufkraft verkörpert ist,
die Preissteigerung mindestens gefördert hat.
IIL

Wir stehen vor der doppelten Tatsache, daß die Kaufkraft
eines aufgespeicherten Talers sich bedeutend geändert (und zwar
erhöht) hat, obgleich der Geldstoff ebenso wie die Währung gleich
gebliebep sind, — andererseits in der ganzen Kulturwelt, ebenfalls
ohne Währungsänderung, eine mehr oder minder große Geldent-
wertung eingetreten ist; Tatsachen, die alle Theorien vom „Stoff-
wert“ des Geldes und „absoluter Währung“ über den Haufen
werfen, Wie erklärt sich der Fall nach der hier vertretenen Auf-
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        27 —&gt;
fassung von dem Wesen des Geldes? In welcher Weise wird die
Kaufkraft der Geldeinheit, weiterhin gar die Gestaltung des „Preis-
niveaus“ am Markte, durch den mangelnden oder übermäßigen
Gebrauch des Geldes beeinflußt? Schumpeter erläutert die Be-
stimmungsgründe der objektiven Kaufkraft des Geldes an folgendem
Bilde: „Vergleichen wir die Warenmasse mit dem Raum in einem
Stehparterre und die Geldeinheiten mit den Eintrittsbilletts dazu,
so sehen wir sofort, wovon die Kaufkraft des Geldes abhängen
muß, der in diesem Gleichnis der Raum entspricht, welcher dem
einzelnen Besucher des Stehparterres zur Verfügung steht“ (Sozial-
produkt, S. 647), Es ergibt sich hieraus unmittelbar, daß eine
Änderung der Kaufkraft — des dem einzelnen zur Verfügung
stehenden Raumes im Theater bezw. Anteils am Sozialprodukt —
nicht bloß durch eine Verengung oder Erweiterung des Raumes
(Veränderung des Warenvorrats), sondern auch durch eine Ver-
mehrung oder Verminderung der Besucherzahl eintreten kann.
Diese letztere Möglichkeit wollen wir hier verfolgen, um dadurch
die unmittelbaren und weiteren Folgen des Geldmißbrauchs an-
schaulicher darzulegen.

ı. Der Vergleichspunkt sei zunächst in der Annahme ge-
geben, daß mehrere Inhaber von Eintrittskarten von dem Recht,
einen Platz in dem Stehparterre einzunehmen, keinen Gebrauch
machen. Die erste Folge dieses Verzichts ist, daß die übrigen Be-
sucher sich „breiter machen“ können oder sogar ein Teil des Raums
gänzlich unausgenutzt bleibt. Auf den Marktverkehr angewandt,
bedeutet das: Die Nachfrage nach Waren sinkt im Vergleich zum
Angebot, die Preise fallen, auf die Währungseinheit des Geldes
entfällt beim Umtausch ein größerer Teil des Sozialprodukts; mög-
licherweise geht — infolge der privatwirtschaftlich ungleichen Ab-
nahme des Geldangebots — die Nachfrage nach einzelnen Waren so
stark zurück, daß ein Teil des Gütervorrats überhaupt nicht abgesetzt
werden kann, daß die Folge der Hortung eine „Geldkrise“ ist. — Die
weitere Folge sind dann die Versuche, die geschilderten Störungen
des Wirtschaftsverkehrs zu beseitigen, indem man das Mißverhältnis
von „Geldstrom und Güterstrom“ (Fisher) wieder ausgleicht. Da
bestehen nun zwei Möglichkeiten. Entweder die Horte entleeren
sich wieder, wozu der erwähnte Preissturz den Anreiz bildet: „Die
Schätze erscheinen so als Zufuhr- und Abzugskanäle des’ zirku-
lierenden Geldes, so daß immer nur das durch die unmittelbaren
Bedürfnisse der Zirkulation selbst bedingte Quantum Geld als
Münze zirkuliert“ (Marx, Kritik, S. 136). Oder aber das im Um-
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        28 —
lauf fehlende Geld wird durch Ausgabe neuen Geldes seitens des
Trägers des Münzrechts ersetzt: die Aufspeicherung von Kauf-
kraft führt vielfach zur Schaffung „zusätzlicher“ Kaufkraft.
Die beiden Möglichkeiten am Theaterbeispiel veranschaulicht: die
mangelnde Ausnutzung der Karten kann dadurch behoben werden,
daß die Karten wieder stärker benutzt werden; aber auch durch
Ausgabe neuer Karten in ungefähr gleicher Menge wie die nicht
benutzten, welche indes neben den neuen bestehen bleiben. Die
m letzteren Falle bestehende Möglichkeit besagt dasselbe, stellt
auch dieselbe Gefahr dar wie die, welche man in der Geldwirtschaft
als Inflation, (d. h. „Aufblähung“ des Geldstroms ohne ent-
sprechend wachsenden Gütervorrat), als Schaffung „künstlicher“
Kaufkraft bekämpft. Die Inflation zieht naturgemäß eine immer
wachsende Teuerung, eine Hebung des gesamten „Preisniveaus“
(Schumpeter) nach sich, die (objektive) Kaufkraft der Geldeinheit
wird gemindert. Ganz ebenso wie im. Theater bei einer Mehr-
ausgabe von Eintrittskarten, wofern sie einmal voll ausgenutzt
werden, der Platz für den einzelnen Besucher schmäler wird. Oder
„als wenn sich an einen für eine bestimmte Zahl von Personen ge-
deckten Tisch einige Eindringlinge setzen; auf den Einzelnen ent-
fällt dann so viel weniger“ (Bendixen, Wesen, S. 46).

2. Die Geldhortung, die Aufspeicherung subjektiver Kaufkraft,
wird also durch die Inflation, die Schaffung zusätzlicher Kaufkraft,
nicht nur ausgeglichen, sondern meist überkompensiert, Damit ist
nun aber keineswegs gesagt, daß eine Inflation nur als Ausgleich
einer künstlichen Einschränkung der Nachfrage zu denken. sei,
Auch ohne daß der Kreislauf der Wirtschaft und insbesondere
des Geldes irgendwie gehemmt ist, kann jederzeit ein „Über-
bedarf“ (Ad. Weber), d. h. ein über den Stand der gesellschaft-
lichen Versorgung hinausgehender Bedarf an Sachgütern oder
menschlichen Diensten eintreten. In der entwickelten Marktwirt-
schaft kann dieser vermöge des stark ausgebauten Kreditver-
kehrs nicht nur mittels zeitweiser Verschiebung realer Kaufkraft
befriedigt werden, sondern auch durch Gewährung von nur „for-
maler“ Kaufkraft im Wege übermäßiger privater oder öffentlicher
„Geldschöpfung“ (Bendixen). Ein gewisses Maß solcher zusätz-
licher Kaufkraft genügt, um durch die Vermehrung der Nach-
frage am Markt auch bei unverändertem Warenangebot eine merk-
liche Preissteigerung zu erzielen.

Je nachdem die künstliche Kaufkraft durch die Ausgabe des Geldes
unmittelbar geschaffen wird oder erst aus einer Veränderung des
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        20 —

Verhältnisses der Waren zum umlaufenden Geld sich ergibt, unterscheiden
manche Kredit- und Geldinflation, Beide Fälle gehören zum Bereich unserer
jüngsten Erfahrungen. So gab es in Deutschland 1914 eine Geldinflation,
die sich aber im Verlaufe der nächsten Jahre immer mehr zur Kreditinflation
auswuchs, Bei der sog. Geldinflation ist zur Zeit der Geldschöpfung
noch kein starkes Übergewicht gegenüber der Warenmasse vorhanden; es
kommt das erst durch eine erhebliche Abnahme der dem unveränderten
Geldvorrat gegenüberstehenden Gütermenge zustande. So erklärt sich bei
uns die erste inflatorische Geldschöpfung als die Erscheinungsform der „durch
die Erteilung der Kriegskredite begründeten zusätzlichen Kaufkraft des
Staates‘‘ (He yn, Wiederherstellung, S. 403). Sie ergab zunächst ungeheuer
vermehrte Umsätze auf dem Markt der Kriegsindustrie. Das hieraus folgende
starke Anwachsen der Produzenteneinkommen führte zu einer Vermehrung
der Nachfrage nach Genußgütern. Auf der anderen Seite kamen aber die
Waren, an denen die Verkäufer so stark verdienten, ihrerseits nicht dazu,
der Befriedigung der Volksbedürfnisse zu dienen, sondern wurden in der
Kriegführung ‚„verpulvert‘‘, Die Endwirkung: „Die Summe der Ansprüche
an das Nationalvermögen ist gewachsen, während dieses Vermögen selbst
sich nicht vermehrt hat; die neuen Ansprüche rühren her aus Lieferungen,
Leistungen und Diensten; rechnet man sie, wie jeder Einzelne es tut, gesondert
aus und fügt sie dem Gesamtbestande des Vermögens hinzu, so hat sich dieses
scheinbar stark erhöht, während in Wirklichkeit nur 100% vorhanden sind,
30 daß also die Ausgabe auf Kosten der Werteinheit erfolgt ist‘‘ (Rathe-
nau, S.9; ähnlich Cassel, Sozialökonomie, 5. 565/566). Der andere Fall,
die ‚Kreditinilation“, zeigt sich heute ganz besonders bei der „un-
produktiven Erwerbslosenfürsorge‘ ; hier haben wir ein Zerrbild von Sch u m-
peters „Synchronisierung‘“, die „im normalen Gang des Wirtschafts-
prozesses ermöglicht, daß die Volkswirtschaft gleichsam das Resultat ihrer
Produktion erhält, ehe es produziert worden ist. Deshalb kann es auch
schon vorher verteilt werden; jeder lebt von seinem produktiven Beitrag,
aber er erhält ihn gleichsam anticipando'‘‘ (Sozialprodukt. S. 6233).

Die — reale oder formale — Kaufkraft, die der Kreditnehmer
überwiesen erhält, ist vielfach derart verkörpert, daß ihre Geltend-
machung räumlich (Wechsel, zahlbar an einem bestimmten Orte,
Stadt-Notgeld), zeitlich (Kriegsanleihezinsscheine) oder durch das
Erfordernis besonderer Förmlichkeiten der Übertragung (Indossa-
ment, Verrechnungsscheck) beschränkt ist. In diesem Falle haben
wir es nicht mit vollgültigem Geld. sondern mit Geldsurrogaten
zu tun.

Entscheidend für die wirtschaftliche Grenzzichung zwischen
Geld und Geldsurrogat ist lediglich die Anerkennung im wirtschaftlichen
Verkehr, nicht etwa nur die rechtlichen Bestimmungen. Schon Marx hat
das gegenüber dem Proudhonschen ‚„Authentizismus‘“ scharf hervor-
gehoben: ‚Gold und Silber sind nur deswegen von Rechts wegen jederzeit
ımtauschbar. weil sie es tatsächlich sind: und sie sind es tatsächlich. weil die
        <pb n="42" />
        gegenwärtige Organisation der Produktion eines allgemeinen Tauschmittels
bedarf. Das Recht ist nur die offizielle Anerkennung der Tatsache‘ (Elend,
S, 66). Neuerdings wird von Bendixen ähnliches gegen Knapp
vorgebracht: „Für den Juristen ist das Geld staatlich approbiertes
Zahlungsmittel, ein Werkzeug zur Lösung juristischer Verbindlichkeiten.
Dem Ökonomisten.. kommt es an auf die Stellung des Geldes im
Getriebe des ökonomischen Lebens. Und er fragt auch nicht nach Staats-
befehl und staatlicher Approbation. Was wirtschaftlich wie Geld funktio-
niert, was der Verkehr als Geld anerkennt, muß ihm Geld sein‘‘ (Wesen,
S. 23). Ferner weist Irving Fisher darauf hin, daß es der ameri-
kanischen Regierung während des Bürgerkrieges trotz gesetzlicher Aner-
kennung und großer Erleichterung des Austausches nicht möglich war, den
Umlauf der von ihr ausgegebenen 50-Dollar-Noten zu sichern (S. 8). Endlich
haben wir gerade heute für die nichtjuristische Abgrenzung von Geld und
Geldsurrogat die besten Beispiele: Darlehnskassenscheine sind, obwohl
nicht mit Zwangskurs ausgestattet, in ihrem Umlauf durch nichts gehemmt,
also ohne weiteres als Geld anzusprechen; umgekehrt war es auch durch An-
erkennung als gesetzliche Zahlungsmittel nicht möglich, die Zinsscheine der
Kriegsanleihen von der Stufe des bloßen Surrogates auf die des für voll ge-
nommenen Geldes zu erheben. Zweifelhaft ist die Stellung des „‚Notgeldes‘‘;
man wird es wegen der starken räumlichen Einengung seiner Geltung wohl
zu den Geldsurrogaten zählen müssen.
Qualitätsunterschiede sind es, die zwischen Geld und
Geldsurrogat bestehen, und es gibt — eine bedeutsame Abweichung
der Wirklichkeit vom „reinen Wesen“ des Geldes — solche Art-
gegensätze sogar zwischen Geld und Geld. Die Mannigfaltig-
keit der Wirtschaftslage in den verschiedenen Ländern brachte
bisher die Undurchführbarkeit des Gedankens des „Weltgeldes‘“
mit sich; auf dem Weltmarkt war die objektive Kaufkraft der
Rechnungseinheiten der einzelnen Währungsgebiete immer ungleich.
Auch vor dem Weltkrieg stellte die deutsche Mark nicht die
gleiche Kaufkraft wie der holländische Gulden dar; es bestand
zwar eine gewisse „Kaufkraftparität“ (Cassel), aber diese war ihrer
Art nach vom „Münzpari“ verschieden. Indessen bricht auch hier
schließlich das Wesen des Geldes durch; wieder finden wir, trotz
allem, die eigenartige „restlose Reduktion der Qualität auf die
Quantität“ (Simmel): der Unterschied der Geldarten löst sich
wenigstens in eine Stufenleiter von Geldpreisen auf, indem bei
Umrechnung oder Umwechselung der Währungen auf die Einheit
minderer Kaufkraft ein Aufgeld (Agio) gelegt wird. Wollte
man — vor 1914 — eine Markschuld in Franken bezahlen, so
hatte man ı5—20 Centimes zum Franken zuzulegen, um die Kauf-
kraftparität herzustellen. Und zwar bemaß sich die Kaufkraft-
parität bezw. der jeweils erforderliche Betrag des Aufgeldes nicht
        <pb n="43" />
        nach staatlichen Währungsbestimmungen, sondern nach den auf
lem Welt-Geldmarkt (Valutamarkt) geltenden Tagespreisen: den
Geldkursen. Hier auf dem Geldmarkt, wo „besseres“ und
„Schlechteres“ Geld sich gegenüberstehen, wird das Geld voll
und ganz zur Ware: es hat selbst einen Preis. Im zwischen-
staatlichen Verkehr ist also die privatwirtschaftliche Auffassung
des Geldes, die Warentheorie, noch vollkommen herrschend. —
Übrigens spielen solche quantifizierten Qualitätsunterschiede der
Geldarten auch im Verkehr innerhalb der nationalen Wirtschaft
der Länder eine Rolle, Ein Beispiel dafür ist schon die Bestimmung
unseres Bankgesetzes ($ 9), nach welcher für die einen gewissen
Betrag übersteigende Ausgabe „ungedeckter‘‘ Noten eine 5%ige
Steuer zu entrichten ist. Ein weiterer Beleg ist das gegenwärtige
„Goldagio“, d. h. das Erfordernis eines Mehrbetrags an Papier-
mark zur Erreichung der Kaufkraft der Goldmark. Endlich stellen
sich als Agio sämtliche Preise dar, die auf dem Markt der Geld-
surrogate für die Umwandlung in Vollgeld gezahlt werden müssen.
Sind die Valutamärkte das Musterbeispiel für den Handel mit
ausländischen Geldsorten (gemessen an der internationalen Kauf-
kraft der eigenen Währung), so ist es für die Surrogate das
Diskontgeschäft, wo die im Wechsel ruhende Kaufkraft
aktualisiert wird. — Auch außerhalb der großen Märkte kann ein
Geldpreis zustande kommen wie etwa das Aufgeld auf den Nenn-
betrag von Scheidemünzen, welches eine Straßenbahngesellschaft
zahlen muß, um ihre Schaffner ausreichend mit Wechselgeld ver-
sehen zu können.
Nach diesem Überblick über die Zusammenhänge von Kauf-
kraft und Preisbildung können wir auch die Gründe der Kauf-
kraftänderung des aufgespeicherten Talers einsehen. Infolge der
gegenwärtigen Störung unseres Geldumlaufes ist die Kaufkraft-
parität des Papiergeldes verschieden von der des Hartgeldes und
daher auch die Kaufkraft des gehorteten (Silber-) Talers bedeutend
größer als die des entsprechenden Betrages in Papiergeld. Die
vermeintliche Geldwerterhöhung ist also in Wahrheit nur eine
zufälligerweise privatwirtschaftlich günstige Wirkung der allge-
meinen Preissteigerung. Diese wiederum ist, soweit ihre Ursache
das unverhältnismäßige Anwachsen des umlaufenden Geldes ist,
eine Folge von Störungen im Geldverkehr, wie oben dargelegt:
das Ergebnis einer negativen Beeinflussung der Preise durch
das Geld.
        <pb n="44" />
        32
IV.

Nicht zu verwechseln ist der Geldmarkt mit dem Kapital-
markt und das Agio mit dem Zins. Aus der Auffassung des
Geldes als Verkörperung subjektiver, abstrakter, nominaler, aktueller
Kaufkraft folgt mit Notwendigkeit seine — wiederum privatwirt-
schaftliche — Wertung als Kapitalkraft. Kann jedes dauer-
hafte Gut als „vorgetane Arbeit, der noch Arbeit nachzutun ist“
"Rodbertus), „Realkapital“ (Cassel), „Produktiv- oder Sozialkapital“
'Böhm-Bawerk) der Fortführung des Wirtschaftsprozesses dienen,
so kann das, privatwirtschaftlich gesehen, kraft seiner steten
Umtauschmöglichkeit auch das Geld: ein „Kapital im abstrakten,
geldwirtschaftlichen Sinne“, wie Cassel es nennt, „eine Geld-
summe, die für den Augenblick in einem gewissen konkreten
Realkapital verkörpert ist, die aber zu jeder beliebigen Zeit durch
Verkauf desselben und Ankauf eines anderen eine neue und be-
liebige konkrete Form annehmen kann“ (Sozialökonomie, S. 43).

Die Kapitalnatur des Geldes ist außerordentlich umstritten. Im
einzel wirtschaftlichen Sinne läßt man es meist als solches gelten: „An
sich ist das Geld allerdings unfruchtbar, daher streng genommen nicht Kapital-
zut, von dem immer ein Ertrag erwartet wird; für das einzelne Wirtschaf{ts-
subjekt hat es aber die volle Wirkung eines Kapitalsgutes, weil man sich mit
hm unter normalen Verhältnissen jederzeit ein Kapitalgut beschaffen kann,
las selbst einen Ertrag liefert‘ (Gruntzel, S. 21; ähnlich Mises,

Theorie, S. 84). Dagegen zählen viele — außer den eben Genannten auch

Oppenheimer und Unruh — das Geld nicht zum rein wirtschaft-

.ichen Kapital; denn „pecunia pecuniam parere non potest: das Geld kann

ıicht hecken‘“, Andere wieder nehmen hieran keinen Anstoß; so Böhm-

Bawerk (II, S. 70/7.) und vor allem Schumpeter, der das Produk-

‘ivkapital geradezu „definiert als jene Summe von Geld und anderen Zah-

lungsmitteln, welche zur Überlassung an Unternehmer in jedem. Zeitpunkte

verfügbar ist‘ (Theorie, S. 236, ähnlich auch S. 250; vgl. auch Helffe-
rich, S. 236). Wieder andere — Philippovich, Amonn — ver-
mitteln hier; sie sprechen rein wirtschaftliche Güter ebenso wie Geld als Kapi-
tal an, sofern beide eine durch eigene Verwendung oder kreditweise Über-
lassung nutzbare ‚„‚Vermögensmacht an sich‘, eine „abstrakte wirtschaft-
liche Verfügungsgewalt‘“ darstellen. Adolph Wagner läßt gleichfalls

„Geldkapital und Naturkapital‘ gelten (S. 171) und nennt das Geld in seiner

Kapitalfunktion ‚„Produzentengeld, Unternehmergeld, Geschäftsgeld‘“, —

im Gegensatz zum ‚„„Konsumenten- oder Konsumenteneinkaufsgeld‘“ (S. 159).

Ganz ablehnend verhält sich Bendixen: „Der Geldbegriff hat in

seiner Reinheit mit Kapital nichts zu tun‘“ (Wesen, S. 42).

Die heutigen Geldtheoretiker vertreten also in ihrer Über-
zahl eine ganz und gar privatwirtschaftliche, im ‚engsten Sinne
„kapitalistische“ Auffassung von der Kapitalnatur des Geldes. Um
so mehr muß wenigstens der Unterschied des abstrakten, nomi-
        <pb n="45" />
        33
nalen „Geldkapitals“ vom konkreten Realkapital betont worden.
Das Geld ist auch hier durchaus nicht nur die „Form“ einer be-
stimmten Gütermenge und das Gelddarlehen etwa bloß ein ver-
schleierter Warenkredit. Kredit heißt: Verzicht auf die gegen-
wärtige Nutzung von Gütern im „Vertrauen“ auf zukünftige er-
höhte Nutzungsmöglichkeiten. Was wird nun beim Gelddarlehen
kreditiert? Waren in Geldform? Oder nicht vielmehr abstrakte,
nominale Kaufkraft, die es „dem Inhaber ermöglicht, jederzeit in
den Besitz von Realkapital in jeder beliebigen Form zu ge-
langen“ (Cassel, Sozialökonomie, S. 379)? Das gerade ist ja auch der
Unterschied des Geldes von den Geldsurrogaten: Der Wechsel ist
mit dem Geschäft verknüpft, aus dem heraus er entstanden ist;
eben wegen dieser kausalen Bedingtheit besitzt er nur beschränkte
Verkehrsfähigkeit, ist er bloß Geldsurrogat, das erst in richtiges
Geld umgesetzt: diskontiert werden muß. Dem Gelde sieht man
es niemals an, ob es „Kreditmittel“ ist; denn alles Geld ist heut
Kreditgeld, der Geldwert ist kein natürlicher Sachgehalt, sondern
eine gesellschaftliche Fiktion, und aller Geldverkehr beruht auf
dem Vertrauen der Wirtschaftspersonen zu der'im Geld verkörperten
1ominalen Kaufkraft, Die Kaufkraft der Geldbesitzer steigt oder
fällt je nach dem Verhältnis von Geldstrom und (Güterstrom, —
das ist die einzige Art der Verknüpfung des Geldes mit den Sach-
gzütern, also auch dem Realkapital.
Wicksell löst mit Bezug hierauf sogar den Warenkredit,
d. h. die Stundung des Kaufpreises beim Umsatz von Waren, in einen „mit
einem Gelddarlehen verbundenen Barkauf und -verkaut“ auf, da anderen-
'alils ja ‚,dasselbe,oder ein identisches Warenquantum zurückerstattet werden
müßte mit Zinsen darauf‘ (S. 94). Auch Amonn will den Kreditbegriff
ausschließlich mit dem des Geldes verknüpfen und ‚die reine Sachleihe jeden-
falls aus dem nationalökonomischen Kreditbegriff ausschließen‘ (S. 422).
Treibt Amonn hier den kapitalistischen Glauben an das allein seligma-
;hende Geld auf die Spitze, so ist doch die nach der entgegengesetzten Rich-
ung gewandte Stephingersche Scheidung zwischen Geld und „Kredit-
mittel‘‘ ebenso unhaltbar. Als „Geld im vollsten Sinne“ bezeichnet Ste-
phinger nur ‚das Metallgeld; das Papiergeld ist schlechtes Geld, weil
‚mmer die Gefahr besteht, daß es zum bloßen Kreditmittel wird“ (Theorie,
5. 128). „Es ist immer ein großer Spielraum von Gütern vorhanden, der
in Bedarfszeiten vom Staat mittels Ausgabe uneinlöslicher und mit Zwangs-
kurs versehener Noten zur Geldschöpfung herangezogen wird ... Wird
der Spielraum überschritten, so vermindert sich die stoffliche Grundlage
und das Geld wird zum versteckten Kreditmittel‘“ (ebenda, S. 119). Dem-
gegenüber ist nur die Frage aufzuwerfen, ob Stephinger die neuer-
lings ausgegebenen Reichsbanknoten und Kassenscheine nicht für Geld
ansieht, und wo er in diesem Falle die Grenze ziehen will. Mit Recht weist

Cohn, Kann das Geld abgeschafft werden?
        <pb n="46" />
        schon Adolph Wagner darauf hin, daß „alles Geld Kredit-

geld ist; dies gilt von solchen Objekten stofflichen Eigenwerts ebenso,

1ur im Maße verschieden, wie von Objekten fehlenden solchen Stoff- und

Formwerts, dem dann wohl sogenannten reinen Kreditgeld. Bei diesem

zommt nur in besonderem Grade ...die rechtliche Funktion des Gel-

des: die Eigenschaft des gesetzlichen Zahlungsmittels mit zur Geltung‘

!S. 120).

Schließlich soll in diesem Zusammenhange schon (näheres
ınten im 9. Kapitel) bemerkt werden, daß der sog. „Geldzins“
gar nichts spezifisch Geldmäßiges mehr ist. Der Hinweis darauf,
laß das Geld doch nicht hecken könne, ist ein Einrennen offener
Türen. Der Zins wird heut in Geld bezahlt, weil alle Preise in der
Marktwirtschaft so beglichen werden; und für Geld nur insofern, als
as eben subjektive, abstrakte, nominale, aktuelle Kapitalkraft ist.

Amonns Definition des Zinses als „Preis für die zeitweilige Über-
lassung konzentrierter und abstrakter individueller Verfügungsmacht in
sozialen Verkehr“ (S. 421) trägt wiederum einen ausgeprägt privatkapita-

‚istischen Charakter. Schon Wicksell hat im Gegensatz hierzu hervor-

zehoben, daß auch im Falle von ‚„Naturaldarlehen‘“ ein Mehr zurückzuer-

statten wäre; nicht nur das Geborgte, sondern auch ein — naturaler —

Zinsbetrag (S. 94/95).

Das Ergebnis der damit abgeschlossenen Unternehmungen
iber das Wesen des Geldes kann folgendermaßen zusammengefaßt
werden:

Seinem reinen Wesen nach ist das Geld ein Verkehrsmittel
in der Marktwirtschaft, der Generalnenner der gesellschaftswirt-
schaftlichen Wertrechnungen (Preisausdrucksmittel) und das
körperliche Zeichen für die tauschweise Hingabe von Marktgütern,
das seinen Inhaber zum Empfang einer beliebigen im Verkehrs-
wert gleichen wirtschaftlichen Gegenleistung unter beliebigen Um-
ständen befugt (Umtauschmittel). Es ist nicht selbst ein Wirt-
schaftsgut, wird indessen von den im Marktverkehr zusammen-
geschlossenen Wirtschaftspersonen (Einzelwirten) dafür gehalten,
da es vermöge seiner begrifflich unbeschränkten Umtauschbarkeit
ihnen den Zugang zum gesellschaftlichen Gütervorrat eröffnet:
subjektive, abstrakte, nominale, aktuelle Kaufkraft ver-
körpert. So wird das Geld, das am Markt zunächst nur eine ge-
sellschaftliche Dienerrolle spielt, in der Einzelwirtschaft zum Herrn
und erlangt infolge seiner übereinstimmenden privat wirtschaftlichen
Überschätzung sogar einen gewissen Einfluß auf die Gesamt-
wirtschaft (Volkswirtschaft): es wirkt mitbestimmend auf die Ge-
        <pb n="47" />
        staltung der Warenpreise ein, weil es von den Wirtschaftspersonen
im einzelwirtschaftlichen Interesse selbst wie eine Ware behandelt
und dadurch die Regelmäßigkeit seines Umlaufs gehemmt wird,
Der privatwirtschaftlichen Willkür im Geldgebrauch (Nichtgebrauch
sowohl wie Übergebrauch) begegnet der Staat durch Geldpolitik,
d. h. durch verwaltungswirtschaftliche Eingriffe in den freien kon-
kurrenzwirtschaftlichen Marktverkehr. Indes wird auch dadurch
der Mißbrauch des Geldes nicht schlechthin beseitigt; er kann so-
gar durch geldpolitische Maßnahmen gesteigert werden, wenn der
Staat sich seinerseits bei der Geldschöpfung von privatwirtschaft-
lichen (fiskalischen) Interessen leiten läßt, da diese den gesamt-
wirtschaftlichen zeitweise zuwider laufen können. In letzterem
Falle kann selbst das vom Staat ausgegebene Geld Surrogat
bleiben, wird ebensowenig „für voll“ genommen wie die Geld-
schöpfung der nichtöffentlichen Wirtschaftspersonen mittels örtlich,
zeitlich oder sonstwie gebundener Schuldverschreibungen. Zwischen
dem Vollgeld und den Surrogaten bestehen ebenso wie zwischen
den Rechnungseinheiten der verschiedenen Nationalwirtschaften
ader zwischen Münz- und Papiergeld auch desselben Staates in
KrisenzeitenQualitätsunterschiede: ungleiche Kaufkraft gleicher
Beträge, die der Besitzer des „schlechteren“ Geldes durch ein A uf-
geld ausgleichen muß. Es bilden sich namentlich im Weltverkehr
regelrechte Marktpreise sowohl für das Geld (Valutakurse) wie
für seine Surrogate (Diskontsatz), ein Zeichen, daß das Geld noch
keineswegs überall und stets als Geld behandelt wird, sondern
vielfach auch im Marktverkehr noch den historischen Waren-
charakter beibehalten hat. Aus all diesen Mängeln des Geldes,
lie sich tatsächlich vorfinden — im Widerspruch mit seinem
reinen Wesen —, aus dem tatsächlichen Mißbrauch, den man
mit dem Gelde treibt, erklären sich vornehmlich die Bestrebungen,
welche auf seine Beseitigung abzielen.
        <pb n="48" />
        Zweiter Teil.
Die Abschaffung des Geldes.
L Abschnitt.
Die völlige Aufhebung des Geldwesens.
4. Kapitel,
Die GroBnaturalwirtschaft.,

a
Die vorstehende Untersuchung unserer Vorfrage erlaubt es,
die nunmehr zu beantwortende Hauptfrage noch schärfer zu
fassen, als es in der Einleitung möglich war.

ı. Dort bereits wurden die Fragen der Möglichkeit und der
Zweckmäßigkeit der Geldabschaffung auseinandergehalten. Die
Bedeutung dieser Unterscheidung wird erst jetzt völlig klar, nach-
dem das Wesen des Geldes in seiner gesellschaftswirtschaftlichen
Dienerrolle als Vermittler des Marktverkehrs gefunden worden
st. Es könnte sein, daß seine Dienste — Preismessung und Um-
:auschvermittlung — nicht geradezu unentbehrlich sind, seine Ab-
schaffung‘ also denkbar ist. Damit ist indes noch nicht gesagt,
daß es überflüssig ist; es kann seine Beibehaltung für das Wirt-
schaftsleben immerhin förderlicher sein als seine Beseitigung, trotz
der scheinbaren Entlastung des Verkehrs. Es genügt also nicht,
unsere Frage auf die bloße „theoretische“ Denkbarkeit einer geld-
losen Wirtschaft abzustellen, sondern deren praktische Gestaltung,
wie die Geldreformer sie vorschlagen, muß eingehend geprüft
werden.

2. Dazu kommt noch die Notwendigkeit einer Erweiterung
der Fragestelluhg. Es wurde oben darzulegen versucht, daß
nicht das Wesen des Geldes, sondern das Unwesen, das man mit
ihm treibt, ihm seinen problematischen Charakter verleiht. Das
läßt vermuten, daß die angeblich auf die gänzliche Abschaffung
des Geldes abzielenden Reformvorschläge sich vielleicht in Wahr-
        <pb n="49" />
        37

heit nur gegen seinen Mißbrauch richten. Und es taucht hier die
neue Frage auf: Kann man den privatwirtschaftlichen
Mißbrauch, die einzelwirtschaftliche Herrenrolle des
Geldes beseitigen, ohne seine Dienstleistungen als ge-
sellschaftswirtschaftliches Hilfsmittel aufzugeben? Oder
sind diese beiden Bedeutungen wesensnotwendig und daher auch
praktisch untrennbar miteinander verknüpft? Auch dieses Problem
darf im folgenden nicht außer Acht gelassen werden.

Sogleich erheblich wird die Erweiterung unserer Frage-
stellung für die Gliederung der folgenden Untersuchungen. Da
diese in der Form einer Prüfung der bedeutsamsten Pläne zur
geldlosen Wirtschaft durchgeführt werden sollen, so gilt es nach
dem eben Gesagten, alle die Vorschläge, die nur die Übelstände
im Geldverkehr beseitigen ‘sollen, von den auf seine gänzliche
Aufhebung abzielenden Bestrebungen zu trennen. Die letzteren,
welche grundsätzlich eine geldlose Wirtschaft fordern, werden hier
zuerst behandelt werden, sodann erst die Versuche, nur die einzelnen
Formen privatwirtschaftlichen Mißbrauchs zu beseitigen. Ist näm-
lich — erste Gruppe — die Absicht der völligen Aufhebung
der Geldwirtschaft, auch im gesellschaftstechnischen Sinne, nicht
zu bezweifeln, so liegt das Problem noch ziemlich einfach: Wird
bei einer Ausführung der betreffenden Pläne das Geld wirklich
beseitigt, nicht bloß die historische Erscheinungsform gewechselt?
Und gestaltet sich der dann folgende geldlose Austausch der
Güter und Dienste zweckmäßiger, „wirtschaftlicher“ als in der
Geldwirtschaft? Bei der zweiten Gruppe von Reformvorschlägen,
die nur dem Mißbrauch des Geldes entgegenwirken wollen, ver-
mehren und verschlingen sich die Fragen: Zieht die teilweise Ein-
schränkung der Geldwirtschaft — wenn auch nur des privatwirt-
schaftlichen Gebrauchs — nicht mit Notwendigkeit doch schließlich
den gänzlichen Ausschluß des Geldes nach sich? Erfüllt z. B. das
Geld noch seine gesellschaftstechnische Aufgabe als allgemeines
Umtauschmittel, wenn die Einzelwirte in seinem Gebrauch grund-
sätzlich beschränkt sind, und verliert es mit dem Aufhören der
Umtauschmittelfunktion nicht wiederum die Eignung zum General-
nenner der marktwirtschaftlichen Wertschätzungen? Sind nicht alle
Funktionen des Geldes, ob gesellschafts- oder einzelwirtschaftlich,
ob zu seiner Dienerrolle oder Herrenrolle gehörig, so eng mit-
einander verknüpft, daß nur eine davon gestrichen zu werden
braucht, um alle zu beseitigen? Die Beantwortung dieser schwieri-
geren Fragen, die erst bei der zweiten Gruppe der Vorschläge
        <pb n="50" />
        auftauchen, dürfte sich vereinfachen, wenn man die Prüfung der
anderen Pläne vorwegnimmt. Darum zunächst, in diesem und im
folgenden Kapitel, das Problem der völlig geldlosen Wirtschaft!
Geldlos ist die Wirtschaftsordnung, innerhalb derer überhaupt
kein Geld, weder als Rechengeld noch als Umtauschmittel, zu
finden ist. Ein erfahrungsmäßiges Beispiel solcher Wirtschaft
steht uns täglich vor Augen: der Haushalt der Familie.
Dieser Fall wird in der vorliegenden Arbeit nicht gesondert be-
handelt, weil hier nicht von einer Abschaffung des Geldes ge-
sprochen werden kann. Innerhalb einer geschlossenen Hauswirt-
schaft hat niemals das Geld eine Rolle gespielt, so wenig wie in
der „isolierten“ Wirtschaft eines Einsiedlers. Im Gegenteil kann
man sagen, daß die Wiedereinführung der geldlosen Wirtschaft,
wie auch immer sie geplant ist, stets auf eine im großen betriebene
Familienwirtschaft hinausläuft. Am deutlichsten zeigt sich dieses
Streben nach „Familiarisierung“ der Gesellschaftswirtschaft in dem
Vorschlag Otto Neuraths, die Geldrechnung durch den „Natural-
kalkül“ und die „Geldwirtschaft“ durch die „Natu ralwirtschaft‘“,
im Sinne unmittelbaren gesellschaftlichen Güteraustauschs, zu er-
setzen. (Als Antwort auf die Frage, warum die Geld- bezw. Natural-
rechnung hier von der Geld- bezw. Naturalwirtschaft unterschieden ist,
sei schon jetzt vordeutend bemerkt, daß die Naturalrechnung als
Methode rein wirtschaftlicher Erwägungen nicht auf den speziellen
gesellschaftswirtschaftlichen Organisationstyp der Neurathschen
Naturalwirtschaft beschränkt bleibt, sondern auch in der ganz
anders organisierten Geldwirtschaft neben der Geldrechnung ihre
Stelle hat.) Die Anregung zu seinen Plänen boten Neurath die
Betrachtungen zur Frage der Kriegswirtschaft, die er schon vor
Beginn des Weltkrieges als nahezu einziger Wirtschaftswissen-
schaftler anstellte und dann auf Grund der im Krieg und in der
nachfolgenden Revolution gemachten Erfahrungen ausbaute. Die
Andeutungen Kautskys über die Naturalleistungen im „Zukunfts-
staat“ des Erfurter Programms der deutschen Sozialdemokratie
{S. 38) stammen auch schon aus der Zeit vor dem Kriege. Unter
dem Eindruck der Kriegserlebnisse haben dann auch andere
Wirtschaftswissenschaftler, vor allem Gruntzel, auf die neuen An-
sätze einer Naturalwirtschaft hingewiesen. Freilich beschränken
sich diese: Hinweise zumeist auf. den Naturaltausch, sogar im
historisch-primitiven Sinn dieses Wortes, wogegen Neurath in
seiner „Großnaturalwirtschaft“ nicht eine Rückbildung, sondern
einen Fortschritt der gesellschaftlichen Wirtschaft anstrebt.
        <pb n="51" />
        Der größeren Deutlichkeit wegen sollen im folgenden die
Fragen des naturalen Güteraustausches und der naturalen Wirt-
schaftsrechnung zuerst getrennt besprochen werden,

IL.
Gruntzel schreibt:

„Gibt das Geld keine Sicherheit mehr, die zur Bedarfsdeckung not-
wendigsten Waren jederzeit zu erlangen, so verliert es gerade die Eigen-
schaft, durch die es sich unter den übrigen Waren auszeichnet, der Waren-
sausch schaltet es aus und wird wieder zum Naturaltausch. Ein
solcher entstand während des Weltkrieges im sogenannten Rucksack-
verkehr zwischen Stadt und Land, indem die Städter die Unzulänglich-
keit der staatlichen Lebensmittelversorgung dadurch auszugleichen versuch-
ten, daß sie selbst bei den Bauern gegen Kaffee, Zucker, Tabak, Wäsche,
Sold — Getreide oder Mehl, Butter, Fett, Eier, Kartoffeln usw. einhandelten.
Ein ähnliches Verfahren kam aber, auf im auswärtigen Handelsverkehr zwi-
schen Staat und Staat. Es wurden sogenannte Wirtschaftsab-
kommen abgeschlossen, bei welchen sich der eine Staat vom anderen die
Lieferung wichtiger Lebensmittel und Rohstoffe (Getreide, Fleisch, Zucker,
Kohle, Eisen usw.) ausbedang und dafür andere erhielt, welche die Gegen-
seite abgeben konnte. Das Geld diente nur dem Zweck der Wertausgleichung“‘
“S. 35).

Gruntzel schildert hier Kriegserfahrungen, die allgemein be-
kannt sind, Die Inflation auf der einen, die steigende Warennot
auf der anderen Seite wirkten mit vereintem Druck auf eine all-
yemeine Preissteigerung hin, welche für die Bevölkerungsschichten
mit festen Geldeinkünften — zumal öffentliche und private Beamte,
Pensionäre, Rentner — verhängnisvoll zu werden drohte. So kamen
als erste Beschränkung der Geldwirtschaft das Höchstpreisgesetz
und die Preissteigerungsverordnungen; die zweite Einengung betraf
die Waren: das Karten- und Bezugsscheinsystem. Allen staatlichen
Eingriffen zum Trotz aber behauptete sich der freie Handel, und
so kam es zu einem doppelten Wirtschaftsverkehr: dem staatlich
geregelten und dem verbotenen. Es entstand neben dem „Rechts“-
ein wirtschaftlich nicht minder bedeutsamer „Unrechts“- Markt
’,hintenherum“) mit völlig verschiedenen Preisen; Höchst- oder
Richtpreisen auf dem öffentlichen, Schleichhandels- und Ketten-
handelspreisen auf dem heimlichen Markt. Jede Warengattung
des „täglichen Bedarfs“ hatte einen auch für Minderbemittelte er-
schwinglichen Preis, war aber zu diesem meist gar nicht oder doch
nur in ungenügender Menge erhältlich; außerdem hatte sie einen
Schleichhandelspreis, zu dem sie jederzeit angeboten wurde, der
aber — der Schleichhandel war ja als gesetzwidrig mit großem
Risiko verknüpft — so hoch bemessen wurde, daß seine Bezahlung
        <pb n="52" />
        40 -
nur der wohlhabenden Bevölkerung, wo nicht bloß Kriegsgewinnlern,
möglich war. Das Geld war hiernach in seiner Funktion als all-
gemeines Umtauschmittel stark gehemmt: Zumeist hatte es der
Käufer nicht, vielfach aber — man denke an die Bauern! — wollte
es der Verkäufer auch gar nicht, So trat an seine Stelle öfters
wieder die Ware, bestimmte allgemein benötigte Verbrauchsgüter
vermittelten den Wirtschaftsverkehr leichter als das Geld — der
generelle Kauf wurde wieder zum individuellen Tausch, bei dem
das Geld gänzlich ausgeschaltet ist.
Der Umfang, den im Verlauf des Krieges der Tauschverkehr
zwischen Stadt- und Landbevölkerung annahm, war nicht unbe-
trächtlich; jedoch: fehlte ihm, trotz gelegentlicher „behördlicher
Regelung“ (Neurath) die Organisation der Großnaturalwirt-
schaft, ohne die er heute eine gesellschaftswirtschaftliche Be-
deutung nicht erlangen kann. Die individuelle Tauschwirtschaft
ist von dem ausgebauten naturalen Güteraustausch ganzer Völker
und Völkerverbände streng zu scheiden.

Es ist ein Verdienst Otto Neuraths, daß er diesen Unterschied
bei seinen naturalwirtschaftlichen Untersuchungen stets nachdrücklich
betont: ‚Ich erörtere die Frage der Großnaturalwirtschaft immer wieder
und mit einigem Nachdruck, weil ein weitverbreitetes Vorurteil die Natural-
wirtschaft für primitiver und unentwickelter als die Geldwirtschaft ansieht,
was aber keineswegs der Fall ist. Es gibt zwar Naturalwirtschaftszustände
sehr primitiver Art, aber es gibt naturalwirtschaftliche Organisationstypen,
die höher stehen als irgendwelche geldwirtschaftliche Organisationstypen‘‘
iKriegswirtschaft, S. 101). Und an anderer Stelle: „Wenn wir eine Zunahme
ler Naturalwirtschaft annehmen, so meinen wir damit, daß die Anweisungen
auf unbestimmte Arten von Dingen und Leistungen eine geringere Rolle
als früher spielen. Von Naturalwirtschaft im gegenwärtigen Zeitalter zu
sprechen, widerstrebt vielen, weil sie die Naturalwirtschaft als eine primitive
Organisationsform ansehen und wohl gar der Hauswirtschaft gleichsetzen.
Dazu besteht aber keine Veranlassung. Wir wollen Naturalwirt-
schaften aller Stufen unterscheiden und neben neutralen Staats-
wirtschaften auch eine Weltwirtschaft auf naturaler Grundlage in Erwägung
ziehen‘ (Kriegswirtschaft, S. 183; ähnlich auch S. 151/167 und Vollsoziali-
sierung. S. 40}.
Neurath erblickt die Hauptursachen der Umwandlung des
Greldverkehrs in einen Naturalverkehr weniger in der allmählich
sinkenden Kaufkraft des Geldes als in dem Kriegsbedarf des
Staates, sowohl für die Versorgung des Heeres als der Zivilbe-
völkerung. Beruht die Wiederkehr des primitiven Naturaltausches
vorwiegend auf der Gefährdung der privaten Einzelwirtschaften.
        <pb n="53" />
        — 41 —
so handelt es sich hier um finanz wirtschaftliche (fiskalische) und
volks (= national)wirtschaftliche Interessen.
„Wir müssen bei der Untersuchung der kriegswirtschaftlichen Probleme
den Bedarf an Gütern von dem Bedarf an Zahlungsmitteln unterscheiden...
Alle Schwierigkeiten, die daher rühren, daß kein Geld vorhanden ist, gehören
auf ein anderes Blatt‘“ (erg.: als die Schwierigkeiten, die sich aus dem Waren-
nangel ergeben). „Ihre Lösung ist eine Frage der Wirtschaftsorganisation ...
Viele Institutionen werden im Kriege abgeändert, die sich dann auch in
Friedenszeiten als vorteilhaft erweisen und vielfach weiterhin bestehen
bleiben... Die Umwandlung von geldwirtschaftlichen Institutionen in natu-
valwirtschaftliche, die Schaffung von Organisationen zur raschen Bedürfnis-
befriedigung können fast immer auf allgemeinen Beifall rechnen, wenn sie
ohne Umwälzung der sozialen Ordnung vorgenommen werden“ (Kriegs-
wirtschaft, S. 15).
tt. Schon der bei Kriegsausbruch drohende „run auf die
Banken“, die Gefahr, daß „die Gesamtheit des Publikums auf Um-
wegen sich selbst die Kredite kündigt (Neurath), macht Ver-
waltungsmaßnahmen des Staates erforderlich, wie Sperrung der
Bankguthaben und Förderung des bargeldlosen Zahlungs-
verkehrs.
Neurath fordert noch weitergehend den überhaupt „geldlosen

Verkehr‘, insbesondere die Schaffung von „uneinlöslichem Girogeld‘: Er-

laß eines Moratoriums (allgemeinen Zahlungsverbotes), das jedoch den Ver-

sehr mit Verrechnungsschecks zuläßt, und Bildung eines Konsortiums aller
zroßen Banken, mit der „Notenbank an der Spitze, das für alle Einlagen
zemeinsam haftet und Überweisungen von Konto zu Konto zuläßt mit der
ausdrücklichen Bestimmung, daß eine Barabhebung nicht erfolgen darf‘

(Kriegswirtschaft, S. 114).

Von der Entwicklung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs
wieder erwartet Neurath „nicht nur die Entthronung des Goldes“,
sondern auch, daß er „die Entthronung des Geldes anbahnen
hilft“.
„Das Geld, wohl ursprünglich meist ein Geschöpf des Außenhandels,
irang vor Jahrtausenden in die in verschiedenem Maßstabe organisierten
Naturalwirtschaften ein. Es wirkte bald befreiend, bald zerstörend. Hatte
23s früher die Fernsten zu Nächsten gemacht, so machte es dann die Nächsten
zu Fernsten, schuf Mitglieder derselben Gemeinschaft zu Konkurrenten und
Gegnern um.‘ (Vollbrachte dies das Geld als solches? oder nicht bloß sein
Gebrauch im Sinne der auf dem Konkurrenzprinzip aufgebauten Wirtschafts-
ordnung, deren technisches Hilfsmittel es war? Darf man so weit gehen zu
behaupten, daß das Geld seinerseits für die Entstehung der Konkurrenz-
wirtschaft die Ursache war?) „Erst die Entstehung minderwertigen
Geldes machte es wesentlich von gesellschaftlicher und staatlicher Geltung
abhängig und trug zu seiner Sozialisierung bei. Ihren Höhepunkt erreicht die-
selbe durch den bargeldlosen Zahlungsverkehr. welcher die ohnehin im Gange
        <pb n="54" />
        — 42 —
vefindliche Zentralisierung des Kredites begünstigt ... Die Entwicklung.

des bargeldlosen Zahlungsverkehrs erhöht zunächst etwas die Bankmacht,

armöglicht aber dem Staat Interventionen aller Art, erleichtert die Kon-
trolle der Einkommen, die Kontrolle der Zahlungen und gibt vor’allem ein

Mittel in die Hand, den Verkehr mit dem Auslande genau zu überwachen,

insbesondere dann, wenn uneinlösliches Girogeld ... als Kurantgeld eingeführt

wird... Die so erfolgte Zentralisation der Zahlungen, die Übersichtlichkeit
der Marktvorgänge in Verbindung mit dem Verbandssystem ... führt dann
wohl dazu, daß die oben angedeutete Befreiung vom Gelde noch weiter durch-
zeführt und nun Ware gegen Ware durch Vermittlung der Zentralen ge-
tauscht wird. Das Naturaleinkommen der Einzelnen
wird wohl der Angelpunkt werden, um den sich die Wirtschaft dreht‘ (Kriegs-

wirtschaft, S. 166; ähnlich Vollsozialisierung, 5. 38 / 39).

Neurath sieht hier eine spiralenförmige Entwicklungslinie
vor sich, die vom primitiven Naturaltausch über die Geldzahlungen
mit Hart- oder Papiergeld) und den bargeldlosen (Verrechnungs-)
Verkehr zur Großnaturalwirtschaft führt.

So behauptet er für die Verwirklichung der letzteren geradezu „die
Notwendigkeit, für jedes Wirtschaftsgebiet einen führenden Bankkon-
zern zu schaffen, innerhalb dessen die Sozialisierungs- und die Kompen-
sationsbank besondere Bedeutung erlangen dürften. Je mehr die dingliche
Wirtschaftsführung die geldliche ersetzt, um so mehr werden die Banken
die Verteilung von Produktionsmitteln statt der Verteilung von Krediten
pflegen, um so mehr werden sie der Sachbewegung unmittelbar dienen und
ler sich entwickelnden Großvorratswirtschaft eingegliedert werden‘‘ (Voll-
zozialisierung, S. 26). Insoweit stimmt auch Mises, der Neurath sonst be-
kämpft (vgl. unten 1o. Kapitel), mit ihm überein: ‚„‚Sind einmal alle Banken
in einer Bank aufgegangen, dann ist ihr Wesen ganz umgestaltet . .. Sie er-
teilt keine Kredite mehr, weil es im sozialistischen Gemeinwesen begrifflich
zeine Kredite geben kann‘ (Wirtschaftsrechnung, S. 115).

Über die Neurathschen Vorschläge zur Ausgestaltung des
Verrechnungswesens vgl. die Einzelheiten unten im 7. Kapitel.)

2. Zum zweiten ergeben sich naturalwirtschaftliche Entwick-
lungsmöglichkeiten aus der für den Staat bestehenden Notwendig-
keit, seinen Kriegsbedarf außer im Wege des Kaufs — und
Jer dazu erforderlichen Finanz- und Geldpolitik: Aufnahme von
Anleihen, Ausgabe von uneinlöslichen Noten und Schuldver-
schreibungen — auch durch unmittelbare Naturalienbeschaffung
zu decken.
„Sind heute schon im Kriegsfall von vornherein Naturalleistungen
in erheblichem Ausmaße vorgesehen‘‘ (Militärpflicht, Pferde- und Fuhr-
werksgestellung, Einquartierungs- und Verpflegungszwang), „so können
dieselben in gewissen Fällen eine noch weit größere Rolle spielen. Nament-
lich wenn die Bemühungen der Regierung, Geld zu beschafien, fehlschlagen
and die Papiergeldemission nicht unbedenklich ist. kann es sich als zweck-
        <pb n="55" />
        mäßig erweisen, statt erst Papiergeld auszugeben, um für dieses Naturalien
zu empfangen, die Bürger dann zu besteuern und mit dem so empfangenen
Papiergeld neuerlich Naturalien zu kaufen, — eine direkte Natura 1-
besteuerung vorzunehmen, und die so empfangenen Naturalien sofort
zur Heeresverpflegung oder sonst zu Kriegszwecken zu verwenden ... Es
sei auch daran erinnert, daß in belagerten Städten nicht selten die Bürger
von Staats wegen verpflegt werden; hierzu kommt, .daß die
Heeresverwaltung ja bereits in Friedenszeiten einen großen, wohl durch-
gebildeten naturalwirtschaftlichen Apparat besitzt, der gewissermaßen nur
ainer Ausdehnung auf die Zivilbevölkerung bedarf‘ (Kriegsw., S. 22 /23)-
Auch „wäre denkbar, daß man in den einer geordneten Verwaltung unter-
liegenden Landesteilen — seien sie nun feindliche oder solche des eigenen
Landes — eine Art Requisitionsordnung einführt, die der
Steuerordnung zu vergleichen wäre. Soweit gegen Schein requiriert wird,
wäre diese Requisition als Naturalzwangsanleihe zu charakteri-
sieren‘‘ (ebenda, S. 96).
Der Höhepunkt dieser unmittelbaren Beschaffung des Kriegs-
bedarfs ist erreicht, „wenn die Regierung die unmittelbare Ver-
sorgung der Bevölkerung und der Armee mit Nahrungsmitteln
verfügt“. Damit ist die Großnaturalwirtschaft grundsätzlich ge-
geben; denn im Sinne Neuraths läuft diese — mindestens als
Kriegswirtschaft — „in letzter Linie darauf hinaus, daß der Staat
Naturalien als Steuern, Anleihen usw. erhält und die Gehälter usw.
in Naturalien ausbezahlt“.

Neurath hebt dabei hervor, „daß an sich auch eine Naturalwirt-
schaft mit freier Konkurrenz denkbar ist, daß dieselbe aber im Kriegsfalle
kaum sehr viele Vorzüge vor der Geldwirtschaft mit freier Konkurrenz haben
Aürfte‘‘ (Kriegsw., S. 909).
Selbstverständlich würden sich die naturalwirtschaftlichen
Maßnahmen des Staates nicht nur auf die unmittelbare Bedarfs-
deckung zu erstrecken haben, sondern auch im weitesten Umfange
der vorbereitenden „Sicherung des Realienbedarfes für den
Kriegsfall“ zu dienen haben.

Neurath erwähnt in diesem Zusammenhange ‚die Notwendigkeit,
einen allgemeinen Mobilisierungsplan auszuarbeiten, der nicht nur die Armee
umfaßt, sondern auf die gesamte soziale Struktur und auch auf die verbün-
deten Staaten Rücksicht nimmt‘ (Kriegsw.. S. 104).
Von „praktischen Fragen dringendster Art steht an erster
Stelle die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und
Kohlen“, namentlich in den Großstädten, und insbesondere die
Getreideversorgung. Ein „Magazinsystem“, eine „Fuhrwerkspolitik“
und die „Zentralisierung der Brotbereitung“ werden notwendig, vor
allem die obriekeitliche Regelung des Außenhandels: das Ausfuhr-
        <pb n="56" />
        verbot und die „Kompensationsabmachung, die den Austausch be-
stimmter Warenarten sowie bestimmter Warenmengen vorsieht“,

Alle diese staatlichen Eingriffe in den geldwirtschaftlichen
Verkehr bewirken in Verbindung mit dem wieder auflebenden
Naturaltausch die allmähliche Ausschaltung des Geldes als
Umtauschmittel; einzelwirtschaftlich betrachtet, die Aufhebung
der Geldzahlungen und damit auch den Anschluß der Geld-
ersparnisse und des Gelddarlehens, denn wenn das Geld
seine Zahlungskraft verliert, hat es auch keinen Sinn mehr, es
aufzuspeichern oder ein Darlehen in Geld zu begehren. Die Auf-
richtung der Großnaturalwirtschaft ist somit gleichbedeutend mit
der Beseitigung des Geldes als Zahlungsmittel, Spar- und Dar-
lehensobijekt.
Neurath drückt das Ergebnis dieser Entwicklung mit den Worten
aus: ‚Schließlich würde das Geld als selbständige Wesenheit überhaupt
aus der Betrachtung verschwinden und nur noch als Recheneinheit,
gebunden an die Dinge, sein Leben weiter fristen . . .‘ (Kriegsw., S. 1809).

HILL

„+... bis es vielleicht auch diesen Schatten von Wesenheit
einmal verliert“, Mit diesen Worten endigt die am Schluß des
vorigen Absatzes abgebrochene Anführung. Das Geld, das nicht
mehr als Umtauschmittel dient, könnte immer noch Rechengeld
sein: „Zunächst bleibt das Geld als Rechnungseinheit erhalten, um
später einmal zu verschwinden und dem Wirtschaftsplan Platz zu
machen“ (Vollsozialisierung, S. 40). Erst dann ist es wahrhaft
„entthront“, wenn auch die Geldrechnung durch die Natural-
rechnung, den „Naturalkalkül“ ersetzt ist,

Den Ausgangspunkt für die Erklärung des Begriffs Natural-
rechnung bildet bei Neurath die „als Grundlage wirtschaftlicher
Untersuchungen geforderte Übersicht über die zur Verfügung
stehenden Mengen an produktiven Mitteln (Maschinen, Wasser-
kräften, Arbeitskräften, Erfindungen usw‘), über, die Rohstoffe usw.
sowie über den Bedarf“.

Wir sehen hier „die mengenmäßige Erfassung der technischen Möglich-
keit, deren organisatorische Verwirklichung in Frage steht, als Naturalrech-
aung der Geldrechnung gegenüber, welche vor allem mit Preisen und Rein-
gewinnen sich beschäftigt und vielfach von der Anschauung ausgeht, ein größe-
res Geldeinkommen eines Volkes bedeute auch ein günstigeres Dasein‘
{Kriegsw., S. 191).
Neurath weist mit Recht darauf hin, daß die Naturalrechnung
in merklichem Unterschied vom Naturaltausch schon heute „für
        <pb n="57" />
        leitende Kreise im wesentlichen ausschlaggebend ist“, und gibt
dafür die zutreffende Begründung, daß die Naturalrechnung „an
sich keine soziale oder wirtschaftliche Stellungnahme bedeutet,
sondern eine Betrachtungsweise ist“ und „mit der
Naturalwirtschaft nicht mehr zu tun hat als mit
der Geldwirtschaft“.
„Wir können die Geldwirtschaft dem Naturalkalkül unterwerfen, wir
können auch die Naturalwirtschaft dem Naturalkalkül unterwerfen ... Die
Naturalrechnung ist eine Rechnungsart, die Naturalwirtschaft eine gesell-
schaftliche Einrichtung‘ (ebenda, S. 177).

Aus der Möglichkeit, die Naturalrechnung auch auf eine
Wirtschaftsordnung anzuwenden, deren typische Eigenart durch
den Geldverkehr bestimmt ist, ergibt sich die Notwendigkeit,
innerhalb der Geldwirtschaft schon eine scharfe Grenze
zwischen dem Geltungsbereich der Rechnungsarten zu ziehen. Er-
leben wir es doch heute — noch mitten in der Organisation der
Geldwirtschaft stehend — täglich, daß „der Geldkalkül eine Zu-
nahme der Einkommen ergibt, während die Realeinkommen ge-
sunken sind“. Man hat den Unterschied der Betrachtungs-
weisen, aus dem die Gegensätzlichkeit dieser Ergebnisse folgt,
in der Verschiedenheit des Blickpunktes und, als Folge da-
von, der Größe des Gesichtskreises zu erkennen geglaubt: in
dem Gegensatz zwischen „Privatwirtschaft“ und „Volkswirtschaft“.
Diese Unterscheidung ist letzten Endes nicht haltbar. Die Leiter
der Staatswirtschaft, der fiskalischen Privatwirtschaft, mußten im
Kriege bereits die Erfahrung machen, daß er „mit Munition und
Verpflegung, aber nicht mit Geld geführt werde“ (Neurath, im
Gegensatz zu Montecuculis Ansicht, daß man zum Kriegführen
Geld, wieder Geld und zum dritten Mal Geld brauche). Die neueste
Entwicklung des Wirtschaftslebens bringt zumal in den ehemals
Krieg führenden Ländern auch den hartnäckigsten Geldmann zu
der Überlegung, daß es am Ende doch nicht genügt, seinen Be-
darf — sei es im Geschäftsbetrieb, sei es zum persönlichen Ver-
brauch — in Geldbeträgen zu berechnen, sondern daß er die er-
forderlichen Gütermengen, Arbeitskräfte usw. unmittelbar in Rech-
nung stellen muß, um eine sichere Unterlage für sein Wirtschaften
zu gewinnen. Nicht bloß für „volkswirtschaftliche“ Untersuchungen,
sondern auch für den Einzelwirt ist die Naturalrechnung unum-
gänglich, sobald das Preisniveau des für ihn in Frage kommenden
Marktes erhebliche Veränderungen durchmacht oder sogar nur
erwarten läßt. Ta schließlich muß man in Betracht ziehen, daß
        <pb n="58" />
        45

las Preisniveau eigentlich immer in Veränderung begriffen ist,
bestenfalls ein labiles Gleichgewicht der Marktpreise besteht
und die Kaufkraft der währungsmäßigen Geldeinheit somit ständig
schwankt. Und man kann daraus entnehmen, daß niemals die
Geldrechnung allein eine zureichende wirtschaftliche Betrachtungs-
weise darstellt, sondern grundsätzlich immer — faktische
Ausnahmen entkräften diese Wesenserkenntnis nicht — der Er-
gänzung durch eine Naturalrechnung bedarf, auch in
unserer Geldwirtschaft, geschweige denn gar in einer Natural-
wirtschaft. -

Die praktische Durchführung der Naturalrechnung setzt eine
ausgedehnte Wirtschaftsstatistik voraus. Hier liegen die
Hauptschwierigkeiten für ihre Verwirklichung. Schwierigkeiten,
die es allein erklärlich machen, daß alle Einzelwirte und sogar die
Leiter der staatlichen und kommunalen Finanzwirtschaften sich
bisher bei Feststellung ihres Bedarfs und der zu seiner Deckung
heranzuziehenden Hilfsmittel zumeist mit der Anwendung der Geld-
rechnung begnügten. Der Gebrauch der Naturalrechnung, dessen
Erweiterung grundsätzlich als wirtschaftlich wünschenswert zu er-
achten ist, krankt praktisch an dem mangelhaften Ausbau der
statistischen Erfassung der wirtschaftlich erheblichen Größen,

Zunächst ist man sich noch nicht einmal darüber klar, was
äberhaupt wirtschaftlich erhebliche Größen sind. Die „Lust- und
Unlustgefühle“, mit denen sich die psychologistischen Wirt-
schaftswissenschaftler — zuletzt Liefmann — so gern befassen,
and die auch bei Neurath noch ein wenig spuken, sind keines-
wegs geeignet, für unsere Untersuchungen zur Grundlage zu
dienen. Erstens ist Lust und Unlust kein selbständiger Sach-
verhalt, sondern nur eine „Gefühlsbetonung“, nur die Färbung
eines aktuellen Fühlens oder Gefühlszustandes. Es offenbart sich
das darin, daß dasselbe Erleben, derselbe psychische Zustand bei
verschiedenen Personen, ja selbst bei derselben Person zu ver-
schiedenen Zeiten stärker oder schwächer lust- oder unlustgefärbt,
sogar das eine Mal zweifellos lustvoll, ein andermal unlustig sein
kann. Schließlich kann man selbst nicht immer mit Sicherheit
entscheiden, ob im Einzelfall Lust oder Unlust oder nicht vielleicht
beides vorliegt, und welche Färbung in beiden Fällen überwiegt.
Man denke nur an die Mischzustände der „schmerzlichen Freude“,
der „süßen Pein“ und — für das Wirtschaftsleben besonders wichtig
— die gar nicht abzugrenzenden Übergänge von Lust in Unlust
bei der Arbeit: Arbeitsfreude in Arbeitsscheu. Zum zweiten
        <pb n="59" />
        sind die Intensitätsunterschiede der Lust- und Unlustfärbung, wenn
man selbst eine qualitative Vergleichbarkeit zugibt, niemals im
Wege von quantitativen Vergleichen, von Messungen festzustellen;
schon deshalb nicht, weil die unübersehliche Mannigfaltigkeit der
Arten keinen einheitlichen Maßstab gewährt, keinen Generalnenner,
ohne den jedoch eine nur zahlenmäßige Vergleichung undenkbar
ist. Aus beiden Gründen ist es widersinnig, die wirtschaftliche
Naturalrechnung auf „„Lust- und Unlustdaten“ zu gründen, Wirt-
schaftlich erhebliche Größen, welche den Gegenstand der Natural-
rechnung bilden können, sind nur gleichartige Tatsachen des
Wirtschaftslebens. Lust und Unlust sind gar keine wirtschaft-
lichen Sachverhalte. Sie sind allenfalls „vorwirtschaftlich“,
sofern etwa Unlust zur Arbeit den physischen Kräfteaufwand
bedeutender erscheinen läßt und so die Knappheit an Arbeits-
kraft steigert. Erst diese Knappheit selbst aber: das naturgegebene
oder sozial bedingte Mißverhältnis zwischen dem persönlich, sachlich
ınd räumlich-zeitlich ganz verschiedenen menschlichen Bedarf und
den zu seiner Befriedigung jeweils verfügbaren Mitteln macht diese
letzteren — Naturgüter und Menschenkraft — zu Gegenständen
des Wirtschaftens und damit auch wirtschaftlicher Untersuchungen,
Vergleiche und, soweit sie artgleich sind, auch Messungen.

Neurath erscheint hier in seiner Darlegung nicht ganz konse-
Juent. Er sieht völlig klar, daß wir „ja noch nicht einmal in engbegrenzten
Fällen für experimentelle Zwecke Behagen und Schmerz eindeutig zu be-
zeichnen und zu beschreiben vermögen‘‘, glaubt aber, „in erheblichem Aus-
naß die Bedingungen der Lust und Unlust erfassen oder mindestens
Anzeiger ihrer Änderungsrichtung beschreiben zu können‘. Wie kann er diese
Behauptung aufrecht erhalten, wenn er doch unmittelbar danach wieder zu-
zeben muß, daß „eine Arbeitsleistung, die in einer Gegend bereits erhebliche
Inlust erweckt‘ (ist denn selbst dies allgemein festzustellen ?), „in einer
anderen kaum empfunden werden mag‘; daß ferner „diese Umstände der
Beurteilung des Lebensstandards auf Grund von Haushaltungsrechnungen
große Schwierigkeiten bereiten“. Er gesteht auch zu, daß „wieder jede Be-
rechnungsgrundlage fehlt, wenn etwa der Brotkonsum bei einer Gruppe
größer ist, dafür aber der Fleischkonsum geringer‘, Der Neurathsche Ex-
kurs über die Lust- und Unlustgefühle erscheint um so überflüssiger, als er
selbst zugibt, daß wir „uns eben an die Nutzungsquellen halten
ınd erheben müssen, wieviel Bücher, Kleider, Wohnraum usw. dem einzelnen
zur Verfügung steht‘. Ja, er sieht sich noch zu der Einschränkung gezwungen,
laß auch bei der Erfassung dieser Nutzungsquellen noch ‚die staatliche
Macht, die Erfindungskraft, die Organisationskraft, die Dummheit, die Träg-
aeit und vieles andere iehlt‘“ (Kriegsw., S. 141/142). Alles, was sich in dieser
Richtung überhaupt ermitteln 1äßt, würden gewisse ‚‚Lebenslagentypen“
sein: ‚Die Lebenslagen werden den voraussichtlichen Lebenslauf, also Sterb-
        <pb n="60" />
        — 48 —

lichkeit, Erkrankungswahrscheinlichkeit usw. zu berücksichtigen haben.
Es wird wesentlich sein, welchen Schwankungen der Lebenshaltung die Ein-
zelnen erfahrungsgemäß unterworfen sind. Mit reinen Zahlenangaben wird
las Auslangen nicht zu finden sein, Beschreibungen werden ergänzend hinzu-
‘reten müssen‘‘ (Vollsoz., S. 21/22; vgl. hierzuauch Bücher, II, S. 276).
Dies ist die Schwierigkeit: alle Naturalrechnung im Wirt-
schaftsleben hat es mit dem Verhältnis eines zu befriedigenden
Bedarfs zu dem dafür verfügbaren Gütervorrat zu tun. Dieser
Bedarf ist aber nicht mit Sicherheit festzustellen; eine „unmittel-
bare Bedarfsstatistik“ ist der Natur der Sache nach unmöglich. In-
des ist damit noch nicht über jede naturale Wirtschaftsrechnung
das Verdammungsurteil gesprochen. Fehlt die Möglichkeit unmittel-
barer Bedarfsfeststellung, so können wir doch immer noch wichtige
Rückschlüsse auf die Gestaltung des Bedarfs aus den zahlenmäßig
sehr wohl erfaßbaren Verbrauchsverhältnissen ziehen. Dies
hat Neurath ebenfalls sehr wohl erkannt: „Die Konsumstatistik,
welche bisher vielfach ein sozialpolitisches Anhängsel war, dürfte
nun in den Mittelpunkt des wirtschaftlichen Interesses rücken“, —
wenn man nur erst einmal die Möglichkeit ernstlich ins Auge faßt,
daß „der wirkliche Bedarf unmittelbar auf die Produktion wirke“,
und nicht mehr nur das einzelwirtschaftliche „Streben nach einem
Maximum des Reingewinns“ maßgebend ist.

In dieser Richtung fordert Neurath eine umfassende Wohl-
habenheitsstatistik. Vor allem erscheint ihm der weitere Ausbau
der Verbrauchsstatistik notwendig, ergänzt durch eine Nut-
zungsstatistik, welche feststellen müßte, wieviele Kleider, Tische
Bücher usw. benutzt werden . . .; auch die Bibliotheksbesuche, Zeitungs-
lektüre, Besuch der Theater, läßt sich erfassen und verwerten“. Einen Teil
der Nutzungsstatistik bildet auch die Behausungsstatistik. Weiterhin würde
die Berechnung der „‚naturalen Passiva‘ der Wirtschaft durch
Statistik der Arbeitszeit, Unfälle, Krankheiten, Gebrechen und Sterblich-
keit zu vervollständigen sein. Es würden dann „alle Geldziffern oder auf
Grund von Geldziffern berechneten Indexziffern . . . durch naturale Deu-
tung einen Sinn für die Reichtumsbetrachtung erhalten‘ (Kriegsw., S. 143
(44; ähnlich Vollsoz., S. 22).

Die Konsumtionsstatistik in‘ dem geschilderten erweiterten
Sinne ist wieder mit den übrigen Zweigen der Wirtschaftstatistik
zu verknüpfen: „Produktion, Konsum, Export, Import, Vorrats-
bildung werden im Zusammenhang mengenmäßig erfaßt“ und zu
einer Universalstatistik vereinigt werden müssen, „welche in zu-
sammenhängenden Übersichten ganze Länder, ja die Welt um-
faßt ... Durch die Universalstatistik müßte jede Einzelstatistik erst
Sinn und Bedeutung erhalten“ (Kriegw., S, 212). Eine solche
        <pb n="61" />
        Universalstatistik erst ist eine geeignete Unterlage für eine Natu-
ralrechnung, welche die Produktionsmengen, die Ein- und Ausfuhr-
mengen, die Vorratsmengen, die Konsummengen und die Bewegung
der Rohstoffe und Energien erfaßt“ (ebenda, S. 194). Sie gewährt
auch erst die Möglichkeit, in unmittelbarer Naturalrechnung
„etwa eine bestimmte Menge Wohnraum einer bestimmten Menge
Brot, dieses wieder einer bestimmten Menge Fleisch in bezug
auf die Reichtumsbedeutung gleichzusetzen“ (ebenda, S. 144); denn
es kommt nicht bloß darauf an, daß wir uns zu dieser Gleich-
setzung „entschließen“, vielmehr muß eine Gesamtübersicht über
die naturalen Mengenverhältnisse von Vorrat und Bedarf uns erst
in die Lage versetzen, auf die in der Geldeinheit ausgedrückten
Preise als Maßstab zu verzichten. Die Geldrechnung ist
ein Notbehelf der Verkehrswirtschaft; bei praktischer
Durchführbarkeit der Naturalrechnung ist sie über-
flüssig. Die Frage ist nur, ob und unter welchen Bedingungen
Universalstatistik und Naturalrechnung für die Wirtschafts-
zwecke ausreichend zu verwirklichen sind.

IV.
Wir sind bei der getrennten Betrachtung von naturalem
Gütertausch und Naturalrechnung zuletzt auf dieselbe Frage
gestoßen: das Problem ihrer praktischen Durchführung. Die
weitere Behandlung dieses Problems. setzt die Verbindung
beider voraus. Es ändert sich damit nichts daran, daß die
Naturalrechnung von dem naturalen Güteraustausch begrifflich
unabhängig ist, daß auch die Geldwirtschaft letzten Endes ohne
Naturalrechnung undenkbar ist. Nur stellt einerseits die Natural-
wirtschaft eine sinnvollere und weitergehende Durchführung und
Anwendung der Naturalrechnung dar als die Geldwirtschaft mit
ihrer Zwischenschaltung der Geldrechnung und des Geldverkehrs,
und auf der anderen Seite ist für die Verwirklichung der
Naturalwirtschaft die Naturalrechnung die allerwichtigste Voraus-
setzung. Insofern darf und muß man von einer wechselseitigen
Beziehung, ja einer „natürlichen“ Einheit der Naturalwirtschaft
und Naturalrechnung sprechen. Zu einer deutlichen Vorstellung
dieser Verknüpfung gelangt man am leichtesten wiederum beim
Verfolgen der Neurathschen Pläne, insbesondere durch Unter-
suchung der Frage, wie Neurath sich die Einführung der
Großnaturalwirtschaft vorstellt.
Cohn, Kann das Geld abgeschafft werden
        <pb n="62" />
        50 —
Es wurde oben (II) schon erwähnt, daß die Beeinflussung
des Zahlungswesens mittels zwangsweisen Ersatzes der Barab-
hebungen von großen Kassen durch allgemeinen Verrechnungs-
verkehr der erste Schritt zur „Entthronung des Geldes“ sein solle.
Viel stärker noch dürfte eine andere Maßnahme wirken, welche
die privatwirtschaftliche Herrenrolle des Geldes, seine Kaufkraft,
entscheidend beschränkt; diese Maßnahme. ist die Minderung der
„Kaufbreite“, d. h. Aufhebung der grundsätzlichen Umtauschbar-
keit des Geldes in alle Arten von Waren und Diensten. Im
Verlaufe des ersten Teiles dieser Arbeit hat sich die ungeheure
Bedeutung des Umstandes’ erwiesen, daß das Geld „überall und
stets die ideale Möglichkeit seines Umtausches gegen Sachgüter
(Waren) oder menschliche Dienste gibt“. Diese Möglichkeit, die
dem Geld seine eigentümliche privatwirtschaftliche Wertschätzung
schafft, die den Begriff Geldwert entstehen ließ, ja dem Geld sogar
einen mittelbaren Einfluß auf die Preisbildung am Markte gewährt —
diese Möglichkeit gerade will Neurath beseitigen. Denn „Minderung
der Kaufbreite“ heißt Aufhebung der subjektiv-abstrakten Kauf-
kraft: Es „kann das Geld des reichen Mannes das Fleisch des
Armen nicht kaufen“, obwohl dies „weniger kostet“ als das Fleisch
des Reichen. Damit ist im Prinzip die Herrenrolle des Geldes,
die es in der Einzelwirtschaft und durch diese weiterhin auch am
Markt spielt, gebrochen; der freie Gebrauch des Geldes durch
den Privatwirt ist nun gebunden. Es entsteht nur die Frage, ob
nach diesem Eingriff das Geld überhaupt noch Geld zu nennen
ist. Hat es nicht mit dem Verlust der Herrschaft auch die Fähig-
keit zur gesellschaftswirtschaftlichen Dienstleistung als Vermittler
des Marktverkehrs eingebüßt? Ist das Geld, dessen Kaufbreite
eingeschränkt ist, noch „allgemeines Umtauschmittel“? Man wird
die letztere Frage wohl verneinen müssen. Im ersten Teil der
Arbeit wurden die „Geldsurrogate“ (Wechsel, Zinsscheine von An-
leihen) scharf vom „Vollgeld“ unterschieden; Geldsurrogate sind
nicht etwa nur „schlechtes Geld“ wie heute die Papiermark im
Vergleich zur Goldmark, sondern sie sind überhaupt kein Geld,
da sie keine grundsätzlich unbeschränkte Umtauschmöglichkeit
gewähren. Ganz ebenso bewirkt Neuraths Änderung der Kauf-
kraft des Geldes, die Aufhebung seiner vollen Kaufbreite, daß es
aufhört, allgemeines Umtauschmittel zu sein, und zum Surrogat
seiner selbst herabsinkt. Nur insofern liegt ein Unterschied von den
heute gebräuchlichen Surrogaten, z. B. dem Wechsel, vor, als bei
diesen die Einschränkung sich auf die persönlichen, örtlichen, zeit-
        <pb n="63" />
        — 51 -
lichen Modalitäten des Umtauschs bezieht: auf die rechtliche
Übertragbarkeit, die Verfallzeit, den Zahlungsort, — während die
Neurathsche Verringerung der Kaufbreite eine Bindung der
Gegenleistungen: der gegen das Geld einzutauschenden Waren
und Dienste bedeutet.

Neurath hat den „Begriff der Kaufbreite des Geldes neu
eingeführt und ihn der Kaufstärke gegenübergestellt: Wir sagen von
siner Geldsumme, ihre Kaufbreite sei unbeschränkt, wenn man für sie
Waren aller Art kaufen kann; wir sagen, ihre Kaufbreite sei beschränkt,
wenn man für sie bestimmte Waren nicht kaufen kann. Kann man für eine
bestimmte Geldsumme nur eine Warenart kaufen, so ist das Geld zu
einer Naturalanweisung geworden, welche aber nach Geldein-
heiten berechnet erscheint. — Wenn man für dieselbe Geldmenge mehr
Stück einer Ware kaufen kann als vorher, so wollen wir sagen, die Kauf-
stärke des Geldes gegenüber dieser Ware ist gestiegen. Der übliche Aus-
druck Kaufkraft bezieht sich im allgemeinen auf das Verhalten des Geldes
der Warengesamtheit gegenüber‘ (Kriegsw., S. 183). Neurath stellt eine
tatsächliche „allgemeine Verringerung der Kaufbreite des Geldes durch die
Kriegsverhältnisse sowohl im zwischenstaatlichen wie im innerstaatlichen
Verkehr“ fest: zwischenstaatliche, „weil es wenige Waren gibt, welche nicht
Ausfuhrverboten unterliegen, die im allgemeinen nur durch Kompensations-
abmachungen durchbrochen werden‘; innerstaatlich ‚durch alle Arten von
Rationierung‘‘ (ebenda, S. 184). Mit Recht bekämpft Neurath die An-
sicht, daß es sich hier nur „um Veränderungen innerhalb der Geld-
ordnung, nicht um solche der Geldordnung selbst handle. Daß ein
solcher Wandel eingetreten ist, beweist die Tatsache, daß Schweden Gold-
zahlungen in Verbindung mit währungspolitischen Vorgängen ablehnte,
oder daß Bauern Geldzahlungen ablehnten. Wäre die Geldordnung unver-
ändert geblieben, so könnte der äußerste Mangel keinen Anlaß bieten, Geld-
zahlungen irgendwelcher Art abzulehnen, sondern nur dazu führen, daß die
Preise bis zum äußersten ansteigen ... Die Forderung sofortiger Zahlung
eines naturalen Gegenwertes ist ein Ergebnis der Rationierung, der
Ausfuhrverbote, kurzum aller Erschwerungen, die Waren für Geld erhalten
zu können, die man benötigt... Wir müssen uns daran gewöhnen, daß
innerhalb desselben Geldeinkommens die Geldstücke verschiedene Kauf-
breite und, verschiedene Kaufstärke haben können. So kann es vorkommen,
daß Marmelade, auf Karten gekauft, billiger ist als ohne Karten gekaufte
Marmelade‘‘; oder es „zahlt etwa der Wohlhabende bei einer Preisstaffelung
nach dem Einkommen für dieselbe Ware mehr als der Arme. Manchmal kann
diese verschiedene Kaufstärke im Hinblick auf einen Gegenstand mit einer
verschiedenen Kaufbreite Hand in Hand gehen, wenn z. B. Schwerarbeiter
nicht nur billiger, sondern auch reichlicher Fleisch zubemessen erhalten,
Wir sehen . ., wie die Lehre von Anweisungen auf Dinge aller
Art, die Geldlehre‘ (mit Bezug auf das Geld dürfte das Wort Anweisung
besser vermieden werden; vgl. Mises, Theorie, S. 85), „mit der Lehre von
den Anweisungen auf bestimmte Dinge eng verbunden
werden muß‘ (Neurath, Kriegsw., S. 184/185).
        <pb n="64" />
        — 52 -
Der einmal eingetretene Wandel in der Geldordnung, den die
Verringerung der Kaufbreite des Geldes darstellt, führt folgerichtig
zur immer weiteren Ausbreitung der Naturalwirtschaft.
Soll wirklich ‚„‚das Geld des reichen Mannes das Fleisch des Armen
nicht kaufen können, welches weniger kostet,‘‘ so „setzt dies voraus, daß
lie freie Warenbewegung aufgehoben ist, daß die Ware
vom Armen nicht zum Reichen wandert ... Der Begriff des Volksvermögens
ebenso wie jener des Volkseinkommens gerät ins Schwanken, weil es keinen
einheitlichen Preis mehr gibt, weder für denselben Ort noch für denselben
Menschen ... Wenn eine Bank einer Industrie Kredit gewährte, so müßte
sie, damit dieser Kredit verwertbar ist, in vielen Fällen gleichzeitig die Zu-
weisung von Rohstoffen, Lebensmitteln und derlei mehr seitens der Zentralen
lurchsetzen. Die Geldbewilligung fiele daher mit der
Anweisung von bestimmten Warengattungen zu-
sammen‘ (Kriegsw., S. 186). Auf dem internationalen Markte wird in-
folge der „,Kompensationspolitik‘‘ und der damit zusammenhängenden Aus-
fuhr- und Einfuhrverbote ‚„‚die Abgabe einer Devise einem Importeur wenig
nützen, wenn er nicht gleichzeitig das Ergebnis der Kompensationsverhand-
lungen in Form der Ausfuhrerlaubnis auf den fremden Staat, der Einfuhr-
erlaubnis nach dem eigenen Staat, die auf gewisse Mengen lautet, zugewiesen
erhält‘ (ebenda, S. 187). Schließlich nennt Neurath „in diesem Rahmen
lie Einführung der Naturalsteuern eine sehr ernsthaft zu erwägende An-
zelegenheit‘“, zieht ein „internationales Warenclearing‘ und „„Naturalanleihen‘‘
n Frage und nimmt im Hinblick auf die ‚Umgestaltung des Notenbank-
wesens‘‘ Liefmanns Gedanken der „Umwandlung der Golddeckung
n eine Naturaldeckung‘‘ auf (Kriegsw., S. 187/188; vgl. auch die Bemer-
kungen zum ‚,‚,Generallohnsystem‘‘ und ‚,‚Generalpreissystem“‘, Vollsoz.,
5. 22; ferner Lederers Ausführungen über die Naturallöhne, Wiederauf-
bau, S. I15f1lg.},

Eine notwendige Bedingung der Durchführung der von
Neurath vorgeschlagenen naturalwirtschaftlichen Maßnahmen ist
aun die wachsende Anwendung der Naturalrechnung. Nur
kurze Frist kann das Geld „als Recheneinheit noch sein Leben
weiter fristen“, wenn es seine Rolle als Werkzeug des Warenver-
kehrs ausgespielt hat. Um nur die zwischenstaatlichen Kompen-
sationsabmachungen herauszugreifen (bei denen „Baumwolle, Kupfer,
Kalisalze, Farbstoffe, Getreide und manches andere einen beliebten
(zegenstand bilden wird“): das mit diesen Abmachungen unlöslich
verknüpfte „internationale Warenclearing“ kann auf die Dauer
nicht bloß Geldrechnung sein. Ist doch „das Geld, welches die
Vertragschließenden erhalten, für sie nicht Anweisung auf be-
liebige Warenarten, sondern nur auf jene, deren Ausfuhr der
andere Vertragschließende gestattet; daß bei den Kompensationsver-
trägen Menge und Art der Waren nicht Geldsummen im Vorder-
        <pb n="65" />
        grund stehen, zeigen uns alle Abmachungen und Verhandlungen
der letzten Zeit“ (Kriegsw., S. 215), Äußerlich zwar kann noch
„die Geldverrechnung beim Kompensationsverkehr fortbestehen“,
bestimmend für den Inhalt der Abmachungen ist indessen von
Anfang an die beiderseitige naturale Abschätzung der benötigten
bezw. überschüssigen Mengen von Güterarten. Für die innerstaat-
liche Wirtschaft aber gilt dasselbe wie für den zwischenstaatlichen
Verkehr; ist die Kaufbreite des Geldes beschränkt und damit seine
Umtauschbarkeit verringert, so verliert es über kurz oder lang
auch die Befähigung zum Generalnenner der wirtschaftlichen
Wertrechnungen,

Ist die Geldrechnung schon in der Geldwirtschaft nur ein
Notbehelf, so wird ihre Beibehaltung nach Aufhebung der ein-
heitlichen Preisbildung ein Nonsens. Geldrechnung hat nur einen
Sinn als Preisrechnung; wo „nicht Geldsummen, sondern Mengen
und Arten von Gütern im Vordergrund stehen“, ist eine Geld-
rechnung barer Unsinn. Naturalrechnung und Geldrechnung sind
nicht einfach gleichgeordnete Typen wirtschaftlicher Denkweisen,
sondern die Naturalrechnung‘ ist die wirtschaftliche Methode
schlechthin und wird durch die Geldrechnung nur ersetzt, soweit
sie mangels Übersicht über die Gesamtheit der in Frage kommenden
Wirtschaftsobjekte nicht restlos anwendbar ist. Versagt nun die
Ersatzrechnung ihrerseits, so ist der Rückgriff auf die Natural-
rechnung zum mindesten ein notwendiges. Übel. Vollends, wenn
die Störung der Geldrechnung auf einer Umwandlung der Geld-
wirtschaft in die Naturalwirtschaft beruht, erscheint die Natural-
rechnung als einzig mögliche Grundlage der Wirtschaftsführung.
(Hierzu vgl. auch die Ausführungen im Schlußkapitel, II—IV.)

Entscheidend für die Durchführung des Neurathschen Vor-
schlags ist schließlich noch die Wandlung der gesellschaftswirt-
schaftlichen Organisation: die „Abkehr von der geldwirtschaft-
lich orientierten Verkehrswirtschaft zur naturalwirtschaftlich
aufgebauten Verwaltungswirtschaft, welche grundsätzlich die
Naturalrechnung eines Wirtschaftsplanes allen Maßnahmen zu
Grunde zu legen sucht“ (Kriegsw., S. 170).

Neurath bringt den neuen Ausdruck Verwaltungswirtschaft als
„allgemeinen Namen dafür in Vorschlag, daß nicht der einzelne durch seine
Tauscherwägungen den Ausschlag gibt, sondern eine Zentralstelle, welche
unter Umständen die Willensentschließung aller vereinigen mag‘, und
betont den „grundsätzlichen Unterschied der Lebensordnung der Verkehrs-
wirtschaft von der gegenwärtigen‘‘ (lies: kriegswirtschaftlichen) ‚‚Lebens-
        <pb n="66" />
        ordnung‘. Er bemerkt, daß „die Abbröcklung der Verkehrs-
wirtschaft schon lange vor dem Weltkrieg eingesetzt hatte. Gewisse
verwaltungswirtschaftliche Maßnahmen hatten ohnehin immer bestanden;
hierzu zählt ja das ganze Steuersystem. Dazu kommt noch, daß der Staat
immer häufiger in das Kartellgetriebe regelnd eingriff und sich an Kartellen
beteiligte. Man mußte bereits viele Jahre vor dem Kriege in solchen ‚‚Staats-
kartellen‘ und ‚,Staatstrusts‘‘ eine Wirtschaftseinrichtung erblicken, die

eine große Zukunftsbedeutung hatte‘ (Kriegsw., S. 148; ähnlich auch S. 169

und 197, vor allem $. 152flg.). Man wird Neurath auch darin zustimmen

können, daß „wir die Verwaltungswirtschaft ebenso dort antreffen, wo Kar-
telle eine zentrale Führung in der Hand haben, wie dort, wo dieselbe Regie-
rungsstellen anvertraut ist; wir finden sie aber ebenso auch innerhalb der

geschlossenen Hauswirtschaft, innerhalb jedes Unternehmens, welches im

allgemeinen zwischen seinen Teilen keine verkehrswirtschaftlichen Bezie-

hungen kennt‘ (ebenda, S, 150).

Zweifellos ist die Verwaltungswirtschaft — deren Kenn-
zeichen nach Neurath die Verwendung des in der Verkehrs-
wirtschaft grundsätzlich fehlenden Wirtschaftsplanes ist — „in ihrer
voll ausgebildeten Form grundsätzlich Naturalwirtschaft,
indem sie unmittelbar Naturalien beschafft und unmittelbar ver-
teilt“, wogegen „die Geldwirtschaft in ihrer entwickelten Form
immer Verkehrswirtschaft ist“.

Mit diesen Organisationstypen, die in ihrer Eigenart wirt-
schaftliche Wesenheiten darstellen, dürfen keinesfalls die von
Neurath in demselben Zusammenhange erwähnten „naturalwirt-
schaftlichen Einrichtungen auf dem Gebiete der Verkehrswirt-
schaft“ auf eine Stufe gestellt werden. Daß „die Verkehrswirt-
schaft ebensogut Naturalwirtschaft wie Geldwirtschaft sein“ könne,
trifft höchstens für den primitiven Naturaltausch zu; die Groß-
naturalwirtschaft, die Neurath vorstellt, bedeutet wesensnot-
wendig die Beseitigung der Verkehrswirtschaft durch die Ver-
waltungswirtschaft. Es ist nicht nur die vollentwickelte Ver-
waltungswirtschaft mit Notwendigkeit Naturalwirtschaft, sondern
auch umgekehrt die Naturalwirtschaft nur als Verwaltungswirtschaft
denkbar. Die Naturalwirtschaft unterscheidet sich ja gerade da-
durch von der Geldwirtschaft, daß nicht die Preise den „Regu-
lator“ des Wirtschaftslebens bilden, sondern der „Wirtschaftsplan
als Ersatz für einen Wirtschaftlichkeitsanzeiger eingeführt“ ist.
Zu dessen Aufstellung und Wahrung wieder bedarf es eines
„Zentralwirtschaftsamts‘“, namentlich einer „Naturalrechnungsstelle“
und einer „Kontrollzentrale“, — kurz: einer Organisation, deren
„die Geldwirtschaft nicht fähig ist“. Unter diesen Umständen ist
as — Neurath hat das in seinen ersten Aufsätzen nicht genug
        <pb n="67" />
        beachtet — keineswegs „grundsätzlich nebensächlich für die Na-
turalwirtschaft“, ob „die Beziehungen der Verbände zueinander
‚. den bisherigen immerhin soweit verwandt sind, daß Leistungen
mit Gegenleistungen in natura bezahlt werden“, oder ob wir „die
Großnaturalwirtschaft rein staatlich denken oder rein privatwirt-
schaftlich aufgebaut“, ob sie „kommunistisch sein oder sonstigen
Verteilungs- und Regierungsformen entsprechen kann“ (Kriegsw.,
S. 179). Eine „privatwirtschaftlich aufgebaute“, d.h. auf dem
Grundsatz der freien Konkurrenz, des wirtschaftlichen Selbstinter-
esses der Einzelwirte beruhende Großnaturalwirtschaft scheitert
von allem Anfang an der Unmöglichkeit der Aufstellung‘ eines
Wirtschaftsplans. Neurath weist selber darauf hin, daß der gegen-
wärtige Mangel einer Universalstatistik — die doch für die Auf-
machung des Wirtschaftsplans unentbehrlich ist — sich aus den
„wirtschaftsstatistischen Geheimnissen“ erklärt: „Selbstverständlich
müßten durch eine entsprechende Verfügung die mengenmäßigen
Kenntnisse“ (lies: Kenntnisse der Mengen) „Verwendung finden,
welche heute von Einzelunternehmungen, Banken usw. geheim
gehalten werden.“ Innerhalb einer privatwirtschaftlich aufgebauten,
also individualistischen Wirtschaftsordnung, wo „letzten Endes jeder
darauf aus ist, seine Konkurrenten, nicht selten auch die Behörden
über die eigene Lage zu täuschen“, — glaubt Neurath durch
„eine entsprechende Verfügung“ seine universalstatistischen Pläne
ihrer Verwirklichung näher bringen zu können. Es folgt aus
dem Wesen der durch das Konkurrenzprinzip bestimmten Ver-
kehrswirtschaft, daß „man in der Statistik ein Mittel der staat-
lichen Herrschaft erblickt, die man auf dem Gebiete der Produk-
tion und des Handels energisch bekämpft“, und „in den statistischen
Erhebungen oft eine unberechtigte Einschränkung der persönlichen
Freiheit sieht“ (Kriegsw., S. 212/213). Eine Universalstatistik —
und daher auch der Wirtschaftsplan und die gesamte Verwirk-
lichung der Großnaturalwirtschaft — ist verlorene Liebesmüh, so
lange diese Wirtschaft durch die Interessen mehrerer miteinander
konkurrierender Wirtschaftspersonen beeinflußt ist. Die Groß-
naturalwirtschaft ist nur durchführbar, wenn ein Interesse herrscht,
eine Wirtschaftsperson vorhanden ist. In diesem Sinne ist die
Großnaturalwirtschaft mit dem Organisationstyp der Verkehrs-
wirtschaft grundsätzlich unvereinbar; wenigstens, soweit darunter
die Wirtschaftsbeziehungen „organisch ineinandergreifender“, aber
ihre Wirtschaftsführung selbständig regelnder Einzelwirtschaften
verstanden sind, die als solche notwendig konkurrieren. Die Groß-
        <pb n="68" />
        — 56 —
naturalwirtschaft, als vollkommen „durchorganisierte“ Gesellschafts-
wirtschaft, als Familienwirtschaft größten Umfangs, steht und
fällt mit der Beseitigung der Konkurrenz- durch die Gemein-
wirtschaft, der Verkehrs- durch die Verwaltungswirtschaft.
Jede Verkehrswirtschaft wird sich mangels des einheitlichen
Wirtschaftsplans wohl oder übel immer wieder des Geldes be-
dienen müssen.

Die Frage der praktischen Durchführbarkeit der Großnatural-
wirtschaft wird erst im Schlußkapitel behandelt.
        <pb n="69" />
        5. Kapitel.
Der Kommunismus.

Die Naturalwirtschaft ist insoweit Familienhaushalt, als Vor-
rat und Bedarf der beteiligten Individuen einheitlich und zwar im
Naturalkalkül festgestellt werden und für die Güterbeschaffung,
-verteilung und -verwendung die „Festsetzung eines umfassenden
Wirtschaftsplanes und Schaffung einer alles regelnden wirtschaft-
lichen Zentralstelle Voraussetzung ist“ (Neurath). Scheinbar ist
Naturalwirtschaft nichts weiter als bloß eben geldlose Wirtschaft,
ohne Rücksicht auf die sonstige Gestaltung der Wirtschafts-
organisation. Die eingehende Würdigung ihrer Zwecke und
Möglichkeiten jedoch brachte schon die Einsicht, daß in Wahrheit
die Großnaturalwirtschaft notwendig auch Großfamilienwirtschaft
ist: durchorganisierte Gemeinwirtschaft, unvereinbar mit jeder
Konkurrenz der Sonderinteressen selbständiger Einzelwirte. Wir
sind auf diesem Wege an ein Ziel gelangt, das sich von vorn-
herein, ohne zunächst die Geldabschaffungsfrage zu berücksichtigen,
die Anhänger des Kommunismus gesteckt haben: jener Wirt-
schaftsordnung, die man auch oberflächlich-schlagwortartig immer
durch ihren Gegensatz zu jeder Art von Konkurrenzwirtschaft
charakterisiert.
Gustav Cassel hat den Grundsatz des Kommunismus :dahin
formuliert: „Es läßt sich eine Gesellschaft denken, in der die Gesamtheit die
ganze Bedürfnisbefriedigung für alle Mitglieder der Gesellschaft autoritativ
reguliert; wo nicht nur die kollektive, sondern auch die individuelle Bedürfnis-
befriedigung von einer Zwangsorganisation übernommen wird; und wo also
kein Platz für die Ordnung des individuellen Verbrauchs durch Einzelwirt-
schaften gelassen ist“ (Sozialökonomie, S. 60). Kropotkin sieht im Kom-
munismus „eine zusammengefaßte Betrachtung von Konsumption, Produk-
tion und Tausch und eine Organisation, die dem Resultate dieser Betrach-
tung entspricht‘ (Brot, S. 144).

Der Gedanke des Kommunismus findet sich — nach Voigts Zu-
sammenstellung — schon bei Plato (im „Staat“, etwa 370 v. Chr.), dann
ın der „Utopia‘“ von Thomas Morus (1516), der das Gold und Silber
        <pb n="70" />
        verhöhnt, indem er es „eine schimpfliche Rolle spielen‘, es zur Anfertigung

von Sklavenfesseln und MNachtgeschirren verwenden läßt‘ (Stillich);

weiter in Campanellas „Sonnenstaat‘ (1611) und Andreaes „Chri-
stianopolis‘ (17. Jahrhundert). Zu bewußter praktischer Durchführung
gelangt sind die kommunistischen Grundsätze zuerst im Tesuitenstaat von

Paraguay (1638—1773).

Das Wesen des Kommunismus als verkehrsloser und dem-
zufolge (vgl. das vorige Kapitel) auch geldloser Wirtschaft läßt
sich kurz in folgendem charakterisieren: Es besteht ein ge-
schlossener Wirtschaftskreis. Der Umfang ist theoretisch gleich-
gültig; es kann die ganze Welt in ihm einbegriffen sein oder auch
bloß ein kleines Landgebiet mit seinen Bewohnern. Wesentlich ist
nur, daß die Wirtschaft „autark“ vorgestellt ist, d. h. ein Wirt-
schaftsverkehr nach außen, der zur Marktproduktion nötigen
würde, nicht erforderlich wird; eine Bedingung, die auf die Dauer
allerdings nur in der Weltwirtschaft erfüllt werden dürfte. Das
zweite Wesensmerkmal ist das Fehlen jeglichen eigenen Wirt-
schaftens der Glieder der Gesellschaft; wirtschaftlich erhebliche
Güterübertragungen kommen hier nicht vor. Denn entweder
reichen die Vorräte des Gemeinwesens nicht zur Deckung des
gesamten Bedarfs aus, — dann muß jeder Person ihr Teil zuge-
wiesen werden, und niemand hat einen nennenswerten Überschuß
abzugeben; oder es sind alle Verbrauchsgüter ausgiebig vorhanden,
— dann kann sie jeder „nach seinen Bedürfnissen“ ohne Rück-
sicht auf die anderen entnehmen und hat so erst recht keine Ver-
anlassung, irgendwelche Güter im Tauschwege zu erwerben. Aller
Wirtschaftsverkehr im Sinne von Tausch, Kauf, Leihe
hört also hier auf. Damit entfällt für das Geld jede Möglich-
keit, eine Rolle zu spielen; in der kommunistischen Wirtschaft
hat es keine Stätte.

Daß in der russischen Sowjetwirtschaft das Geld noch beibehalten ist,
erklärt Bucharin für eine Übergangserscheinung: „Eben in diesem
Augenblick braucht die Arbeiterregierung Geld und braucht es sogar sehr,
weil die Organisation der Produktion und Verteilung erst beginnt,
in Ordnung gebracht zu werden, und das ‘Geld noch eine sehr große Rolle
spielt‘“ (S. 62); „man muß jedoch bemerken, daß die Bedeutung des Geldes
überhaupt immer mehr fällt, je besser das Werk der Organisation der Pro-
duktion nach neuen Arbeiterprinzipien von statten geht... Es vergeht viel
Zeit, bis man das alles organisieren, ordnen, einrichten kann. Das ist ein
neues, nirgends in der Welt dagewesenes und daher besonders schweres Werk,
Aber eins ist klar: je mehr die Arbeiter sich der Precduktion und der Vertei-
lung des Produkts bemächtigen, desto geringer wird die Notwendigkeit des
Geldes, und schließlich wird das Geld allmählich ganz aussterben“
'S 60/611.
        <pb n="71" />
        IL

Meinungsverschiedenheiten in bezug auf die Organisation
Jassen den Kommunismus recht mannigfaltig erscheinen. Kenn-
zeichnend ist für ihn nur der vollkommene Ersatz der Konkurrenz
wirtschaftlicher Sonderinteressen durch die „gegenseitige Hilfe“
(Kropotkin); gleichgültig dagegen, ob dieses Verhältnis seiner-
seits auf freier Vereinbarung beruht oder „von oben her“ ge-
sichert ist. Im letzteren Falle haben wir es mit zentralistischem
oder autoritärem Kommunismus zu tun. Dieser betont be-
sonders stark die Gleichheit der Glieder der Gesellschaft, die
nötigenfalls zwangsweise herbeigeführt werden soll.

Das typische Beispiel des ‚Zuchthaus-Zukunftsstaats‘‘ — auch zu
ıhrem „Glück'‘ kann man die Menschen zwingen — gibt Cabet in seiner
„Reise nach Ikarien‘‘: „Stelle Dir zuerst vor, . .. daß es in allem, was die
Ernährung betrifft, überhaupt nichts gibt, was nicht durch das Gesetz
geregelt wäre. Dieses allein gestattet oder hindert jegliche Ernährung. Ein
von der Volksvertretung eingesetzter Sachverständigenaus-
schuß hat unter Mitwirkung aller Bürger das Verzeichnis aller bekannten
Nahrungs- und Genußmittel aufgestellt, mit der Angabe, welche gut und
welche schlecht und welches die guten oder schlechten Sorten eines jeden sind.
Der Ausschuß hat noch mehr getan: unter den guten‘‘ (Lebensmitteln) „hat er
die notwendigen, nützlichen und nur angenehmen unterschieden und dann
das Verzeichnis in mehreren Bänden drucken lassen, von denen jede Familie
ein Exemplar hat. Man hat noch mehr getan: man hat die passendsten
Zubereitungsarten für jedes Nahrungsmittel angegeben, und jede Familie
besitzt daher ihr Kochbuch.‘ Der Staat läßt nur die verzeichneten Lebens-
mittel ‚,durch seine Bauern und Arbeiter herstellen, . . . zuerst die notwendigen,
dann die nützlichen und dann die angenehmen und alle in möglichster Fülle,
Er verteilt sie unter alle gleichmäßig, so daß jeder das-
selbe Maß eines jeden Lebensmittels erhält, wenn es für alle ausreicht; wenn
gs irgend einmal — in einem Jahr oder an einem Tag — nur für einen Teil
der Bevölkerung ausreicht, erhält jeder erst etwas, wenn die Reihe an ihn
kommt. Jeder hat also einen unterschiedsios gleichen Anteil an allen Lebens-
mitteln, vom gröbsten bis zum feinsten Leckerbissen, und das ganze ikarische
Volk ist ebenso gut, wo nicht besser ernährt als die reichsten der anderen
Länder'‘ (S. 52/53). — Wie mit der Ernährung, so steht es in Ikarien auch
mit der Kleidung, Wohnung (Häuser und Möbel), Erziehung, — ja mit allem,
was in den Kreis des menschlichen Kulturlehens fällt: überall zwangsläufige
gleichmäßige Verteilung.

Tugan-Baranowsky bemerkt abweichend davon, daß die
zwangsweise Verteilung und vor allem die „qualitative und quan-
titative Gleichheit der Konsumption“ jedenfalls nur ein Grundsatz
der Verteilung sei, und zwar der „für die nächste Zukunft. Aber
der Kommunismus stellt auch ein höheres Prinzip der Verteilung
— Freiheit der Konsumption“.
        <pb n="72" />
        .- 60 —

„Die Kräfte, die die persönliche Konsumption in vernünftige Grenzen
ziehen, müssen durchaus nicht notwendig einen äußeren Zwangscharakter
tragen. Der Mensch kann freiwillig, aus Rücksicht auf die Interessen anderer,
seine Konsumption einschränken. In der gleichen Richtung wirkt, ohne
jedwede Zwangsgesetze oder -regeln, auch die Furcht vor der öffentlichen
Meinung ... Endlich muß man im Auge behalten, daß es Gebiete gibt, wo
das persönliche Interesse mit dem gesellschaftlichen völlig übereinstimmt;
die Gesellschaft verliert nichts, sondern gewinnt nur, wenn Bibliotheken,
Museen, Bildungsanstalten eine große Zahl von Besuchern aufweisen ...
Untgeltliche medizinische und veterinäre Hilfe bilden schon jetzt‘ (1907)
„den herrschenden Typus in den russischen Dörfern derjenigen Gouverne-
ments, wo die Semstwos vorhanden sind. Zweifellos wird das Gebiet freier
kommunistischer Konsumption in der sozialistischen Gesellschaft äußerst
erweitert werden‘‘ (126flg.).

Der Gedanke der freien Konsumption in der kommunistischen Wirt-
schaftsordnung ist zuerst von Winstanley vertreten worden (‚Das
Gesetz der Freiheit als Programm entwickelt, oder die Wiederherstellung
der wahren Regierung‘‘, 1651). Winstanley ist der Ansicht — nach
Voigts Bericht —, „der Grundfehler der heutigen Ordnung bestehe darin,
daß mit allem Handel getrieben werde. Dem Kaufen und Verkaufen müsse
daher gründlich ein Ende gemacht werden, denn dessen Aufkommen sei der
eigentliche Sündenfall . . . Um dem Handel ein Ende zu machen, müßten
zwei Magazine errichtet werden, eins für Rohstoffe und eins für gebrauchs-
iertige Fabrikate, und aus diesen müßte jeder holen dürfen, wessen er für sich
und seine Familie bedürfe‘“ (Voigt, S. 86).

Nach Voigts Meinung übersehen die Vertreter der freien
kommunistischen Konsumption, daß „die Erde selbst ein be-
schränktes Gebiet ist und ihre Güter ebenfalls nur in beschränkter
Menge hervorgebracht werden können und daher unmöglich ..
jedem in beliebiger Menge zur freien Verfügung gestellt werden
können“ (S. 87). Diesem Einwand begegnet Lenin, indem er
die Gedanken der gleichmäßigen und zwangsläufigen Verteilung
der Güter und der Freiheit des Konsums nebeneinanderstellt und
den zweiten Grundsatz dem ersten überordnet:

„In der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft (gewöhnlich
Sozialismus genannt) bleibt das bürgerliche Recht als Regler, als Verteiler
der Arbeit und Konsumptionsmittel unter die Mitglieder der Gesellschaft
bestehen. Das ist aber noch nicht Kommunismus... Der enge Hori-
zont des bürgerlichen Rechts wird erst dann überschritten sein, wenn die
Gesellschaft den Grundsatz ‚, Jeder nach seinen Fähigkeiten, Jedem nach
seinen Bedürfnissen‘‘ wahr gemacht haben wird. Die Verteilung der Kon-
sumptionsmittel wird dann die Normierung der jedem einzelnen zukommenden
Mengen durch die Gesellschaft unnötig machen; jeder wird frei nehmen nach
seinen Bedürfnissen‘ (Staat, S. 88/90).
Bei Entscheidung der Frage ist davon auszugehen, daß der
letzte Grund des Verteilungsproblems wirtschaftlich gesehen
        <pb n="73" />
        — 61 —
überhaupt nicht eine soziale — geschweige denn gar bloß „im
engen Horizont des bürgerlichen Rechts“ liegende —, sondern
natürliche Knappheit an Gütern ist, Zwar soll und kann das
naturgegebene Mißverhältnis zwischen dem menschlichen Lebens-
bedarf und den zu seiner Befriedigung verfügbaren Mitteln eben
durch das Wirtschaften, durch eine Vermehrung der nutzbaren
Güter, eine Erweiterung des „Nahrungsspielraums“ gebessert
werden, — die Steigerung der Bedürfnisse folgt jedoch immer
schnell genug nach, um die endgültige Beseitigung der Spannung
zu vereiteln. Nicht also aus sozial-rechtlichen, sondern aus natürlich-
menschlichen Gründen darf man nicht mit der Möglichkeit rechnen,
daß einmal ein „Jeder frei nehmen wird nach seinen Bedürfnissen“,
— es sei denn, daß infolge langdauernder Gemeinschaftserziehung
die individuellen Bedürfnisse sich einmal ganz von selbst in die
Grenzen des gesellschaftswirtschaftlich „Vernünftigen‘“ einpassen.
Selbst in diesem letzten Fall aber liegt noch eine — wenngleich
nicht juristische, sondern sozialpädagogische — Beschränkung des
„Frei-Nehmens“ vor.

II.

Den scheinbaren Gegenpol des zentralistischen Obrigkeits-
Kommunismus bildet der Anarchismus. Indessen ist der Gegen-
satz in Wahrheit nicht so scharf, wie man zumeist annimmt. Nur
der Zwang der zentralistischen Ordnung wird von ihm bekämpft.
Das Bild der gesellschaftlichen Wirtschaft aber entspricht bei den
meisten Anarchisten der von Lenin gezeichneten „höheren Phase
der kommunistischen Gesellschaft“,
Kropotkin bezeichnet seine Richtung sogar ausdrücklich als
_‚anarchistischen Kommunismus‘‘: ‚, Jede Gesellschaft, welche mit demPrivat-
eigentum gebrochen hat, wird nach unserer Meinung gezwungen sein, sich in
anarchistisch-kommunistischer Form zu organisieren. Die Anarchie führt
zum Kommunismus und der Kommunismus zur Anarchie. Das eine wie das
andere ist nur der Ausdruck einer in den modernen Gesellschaften vorherr-
schenden Tendenz: des Strebens nach der Gleichheit“ (Brot, S. 10).

Der Unterschied ist der, daß die Zentralisten das Gesamt-
interesse rücksichtslos über die Einzelwünsche stellen und daher
die Zwangsorganisation einer streng durchgeführten Verwaltungs-
wirtschaft fordern und nur allenfalls auf einer höheren Stufe „ab-
sterben“ lassen, — während die Anarchisten die „freie Gesell-
schaft“ in den Vordergrund stellen, die Freiwilligkeit der
„gegenseitigen Hilfe“ betonen und bloß für den Notfall
        <pb n="74" />
        — 62 —
sine Organisation gelten lassen wollen, die selbst dann keine un-
mittelbare Zwangsmaßnahme darstellen darf.

Godwin, der älteste Vertreter dieser Anschauungen, bemerkt,
laß „die Arbeitsteilung in der zukünftigen Gesellschaft nicht verschwinden
wird. Die Menschen werden verschiedene Gegenstände erzeugen. Aber sie
werden diese nicht so austauschen wie jetzt. Jeder wird beim anderen frei
jas nehmen, was er braucht, falls derjenige, bei dem genommen wird, sein
Produkt nicht braucht. Die Grundlage des Austauschs wird nicht Egoismus,
sondern Nächstenliebe sein‘ (Tugan, S. 148; vgl. auch Anton Menger,
Recht, S. 42/43, und Sombart, S. 47).

In bedeutsamer Abweichung hiervon, allerdings unter den Anarchisten
wohl alleinstehend mit seiner Auffassung, ging Bakunin „von der An-
sicht aus, daß die Genußmittel jedem Mitgliede der anarchistischen Gesell-
schaft regelmäßig nach dem Maße der von ihm geleisteten Arbeit zugeteilt
werden sollen‘‘ (A. Menger, Staatslehre, S. 10.)

Am klarsten sind die — auch bei Reclus und Grave zu finden-
jen — Gedanken des anarchistischen Kommunismus von Kropotkin
(in der „Eroberung des Brotes‘) ausgesprochen: „Unser Kommunismus ist
nicht derjenige der Phalansterien, noch derjenige der autoritären deutschen
Theoretiker. Er ist der anarchistische Kommunismus, der Kommunis-
mus ohne Regierung, — derjenige freier Menschen. Er ist die Ver-
einigung der beiden von der Menschheit seit Alters her verfolgten Ziele:
der ökonomischen Freiheit und der politischen Freiheit ... Wir können
schon eine Welt sehen, in der das Individuum, nicht mehr durch Gesetze
zefesselt, nur noch gesellschaftliche Neigungen haben
wird: Neigungen, die in dem von einem jeden von uns gefühlten Bedürfnis
geboren sind, Hilfe und Mitgefühl bei seinen Nachbarn und ein Zusammen-
arbeiten mit ihnen zu suchen‘ (S. 23/24). Kropotkin hält es für „not-
wendig, daß das Volk von allen Lebensmitteln Besitz ergreife, über sie
Verzeichnisse aufstelle und derart vorgehe, daß alle aus den reichen ange-
jammelten Existenzquellen Nutzen schöpfen‘ (S. 43). Der Kommunismus
bedeutet die „Negation des Lohnsystems‘; an dessen Stelle tritt „unbe-
schränkter Genuß alles dessen, was man im Überfluß besitzt; rationsweise
Verteilung dessen, was bemessen verteilt werden muß“ (S, 48; auch „wenn
das Wasser wirklich einmal ausgehen sollte ..., würde man seine Zuflucht
zur rationsweisen Zuweisung nehmen‘; diese Zuflucht dürfte voraussicht-
lich im anarchistischen Kömmunismus eine recht erhebliche Rolle spielen).
Der Verteilungsmaßstab wiederum: ‚, Jeder nach seinen Bedürfnissen! ...
Solange es unmöglich ist, zwischen dem faulen Nichtstuer und dem unfrei-
willig Arbeitslosen zu unterscheiden, müssen alle ohne Ausnahme auf die
vorhandenen Existenzmittel Anspruch haben‘‘ (S. 50). Die als Schädlinge
Erkannten werden unter den Druck der öffentlichen Meinung genommen:
„Wenn ein Arbeiter seine Kameraden durch Lässigkeit oder andere Mängel
schädigt‘, wird er „durch die Kameraden selbst gezwungen, die Werkstatt
zu verlassen‘ (S. 119). Dieser Maßregel wieder liegt die Vorstellung einer
‚Assoziation‘ zugrunde, die „mit jedem ihrer Mitglieder folgenden Ver -
trag abschließt: Wir sind bereit, Euch unsere Häuser, Magazine, Straßen,
Verkehrsmittel. Schulen. Museen usw. zur Verfügung zu stellen. — unter
        <pb n="75" />
        ler Bedingung, daß Ihr Euch Eurerseits vom 20. bis zum 45. bezw. 50. Jahre
:aglich 4 oder 5 Stunden einer für die Lebenserhaltung als notwendig aner-
zannten Arbeit unterzieht. Wählt selbst die Gruppen, denen Ihr Euch
anschließen wollt oder konstituiert eine neue Gruppe, vorausgesetzt, daß sie
sich nur die Aufgabe stellt, das anerkannt Notwendige zu produzieren. Und
für den Rest Eurer Zeit vereinigt Euch zu Gruppen, mit wem Ihr wollt, —
zum Zwecke der Erholung in Vergnügungen, wissenschaftlicher oder künst-
lerischer Tätigkeit ganz nach Eurem Geschmack. ... Doch wenn keine der
Tausende von Gruppen unserer Föderation Euch aufnehmen will .., nun,
30 lebt als Isolierte oder wie die Kranken ... Man wird Euch betrachten
wie ein Gespenst aus der bürgerlichen Gesellschatt und Euch fliehen, wofern
nicht Freunde, die in Euch ein Genie entdeckt haben . ., Euch von jeder
moralischen Verpflichtung befreien, indem sie der Gesellschaft die Euch
zufallende, für die Lebenshaltung notwendige Arbeit für Euch mit leisten‘
/S, 120). Wie sich hieraus schon ergibt, will Kropotkin die „Gesell-
schaft‘ in lauter kleine „„Kommunen‘‘ auflösen, deren jede trotz des geringen
Umfangs und Landgebiets möglichst autark wirtschaften, Landwirtschaft
und. Industrie in gleicher Weise betreiben soll. Es gilt, die Arbeitsteilung
zwischen Stadt und Land wie zwischen den Völkern in weitestem Maße
aufzuheben: „Es ist notwendig, daß die großen Städte sich ebensogut wie
Jas flache Land der Landwirtschaft widmen‘‘ (S. 57), und wieder, „um das
Feld gut kultivieren zu können, müssen viele Eisenwerke und Manufakturen
in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ihre Rauchwolken ausstoßen‘. Dann
aber „wird der internationale Handel mit seiner Zufuhr fremdländischen
Getreides stillstehen, die Zirkulation der Waren und Lebens-
mittel gelähmt sein‘ (S. 154): Es ist ersichtlich, daß diese territo-
riale oder gar lokale Autarkie, die wirtschaftliche Unabhängigkeit so kleiner
Bevölkerungsmassen schon der mangelnden Rohstoffe wegen undurchführ-
bar ist, und Kropotkin rechnet daher selbst damit, daß ein Austausch
von Gütern sich doch nicht völlig vermeiden lassen wird. Allerdings soll er
sich auch dann nicht in den Formen des Marktverkehrs vollziehen oder
zwangsläufig geregelt werden, sondern ‚die Stadt wird die Bauern durch
Freunde, durch Brüder aufsuchen lassen, die zu ihnen sagen werden:
„Bringt uns Eure Produkte und nehmet dafür aus unseren Magazinen alle
Manufakturwaren, die Euch gefallen!‘ Dann werden die Lebensmittel
in Fülle herbeiströmen‘‘ (S. 55). Auch insoweit also wieder die Vorstellung
einer naturalen Verwaltungswirtschaft, wenn auch diesmal nicht „von oben
her‘, durch eine übergeordnete Instanz geregelt, sondern im Wege freier
Vereinbarung, in Form der Selbstverwaltung.

IV.

Nicht das Ziel trennt den obrigkeitlichen vom anarchistischen
Kommunismus, sondern sie stellen nur verschiedene Wege zu
einem gemeinsamen Ziele dar: der „befreiten“ gesellschaftlichen
Naturalwirtschaft. Bei den einen gilt nur der Zwang mit allen
notwendig werdenden Mitteln (Terror!) etwas, bei den andern da-
gegen „Hochherzigkeit“, „zegenseitige Hilfe“, „freie Vereinbarung“.
        <pb n="76" />
        5a
Zwischen diesen beiden Extremen gibt es nun eine große Menge
kommunistischer Projekte — zum Teil hat man sie auch durchzu-
führen versucht —, bei deren Verwirklichung man stets mehr oder
weniger ins Fahrwasser des Zentralismus oder des Anarchismus
hinübergleiten muß: Tugan faßt diese Vorschläge unter dem
Namen des Föderalismus zusammen.
„Der zentralistische Sozialismus erfordert eine einheitliche Organi-
sation der gesamten Volkswirtschaft im Rahmen des Staates (als Ideal der
ganzen Welt) in ein harmonisches Ganzes, dessen Teile untereinander in
strengster Übereinstimmung stehen müssen... Der föderalistische
Sozialismus leugnet im Gegenteil prinzipiell die Notwendigkeit der Vereini-
zung einzelner sozialistischer Gemeinden zu einem geschlossenen Ganzen ...
Die Einheit des föderalistischen Sozialismus ist die sozialistische Gemeinde
Kommune), die sich nach Möglichkeit auf alle Arbeitsarten erstreckt, und
deren Wirtschaft in bedeutendem Maße Naturalwirtschaft ist. Sie verarbeitet
mit eigenen Mitteln den größten Teil der mannigfaltigen Produkte, die von
ihren Mitgliedern konsumiert werden‘ (S. 132/133).
Auch hier ist das Kennzeichen der kommunistischen Wirt-
schaft gegeben: insofern, als nicht nur die Produktionsmittel im
Besitz der Gemeinde sind, sondern auch die Konsumptionsgüter
„nur zum Zweck der Konsumption den einzelnen Personen zur
Verfügung gestellt werden; was diejenigen Gegenstände betrifft,
die nicht auf einmal konsumiert werden, z. B. Wohnräume oder
Möbel, so können sie den einzelnen Personen nur während ihrer
Benutzung gehören“ (Tugan, S. 134). Es besteht auch hier, wie
Anton Menger es ausdrückt, „gemeinsames Eigentum verbunden
mit gemeinsamer Nutzung“ (Recht, S. 155).
Die Grundsätze des föderalistischen Kommunismus hat zuerst Ro-
jert Owen vertreten (in der „Neuen Moralischen Welt‘, 1838); streng
1ält er am wirtschaftlichen „absoluten Gleichheitssystem‘‘ fest, an der
‚Entlohnung gemäß den Bedürfnissen und nicht gemäß den Fähigkeiten‘
(Gide-Rist, S. 269), und fordert — wie später Kropotkin — autar-
kische Kleinsiedlungen (nach den Angaben Muckles, I, S. 47, höchstens
800—1500 Morgen mit 300—2000 Personen). Praktisch durchgeführt wurden
diese Grundregeln in den nordamerikanischen Kommunistenge-
meinden, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gegründet
wurden und zum Teil heute noch bestehen: „In den Eintrittsverträgen,
welche jedes in eine Kommunität neu eintretende Mitglied unterzeichnen
muß (Covenants), verspricht die Kommunität, daß sie den Eintretenden
und seine Familie mit den Lebensbedürfnissen versehen, die Kinder erziehen
und die Arbeitsunfähigen erhalten werde; dagegen verspricht das eintretende
Mitglied für sich und seine Familie, daß es die Wohlfahrt der Kommunität
durch seine Arbeit nach Kräften fördern werde ... Ausdrücklich wird ver-
ainbart. daß kein Mitglied, wenn es aus der Kommunität austritt, irgend eine
        <pb n="77" />
        65 —
besondere Belohnung für die geleistete Arbeit ansprechen kann‘ (A. Men-

ger, Recht, S. 157/158).

Ebenso wie ein Teil der zentralistischen Sozialisten eine nicht kommu-
nistische, sondern bloß „kollektivistische‘ Gemeinwirtschaft anstrebt (vgl.
unten 6. Kap.), so sind auch manche Anhänger des Gedankens der födera-
‘istischen Gemeinde der Ansicht, daß diese nicht notwendig kom-
munistisch wirtschaften müsse: die Fourierschen ‚„Phalanges“
z. B. sind lediglich eine Art erweiterter Boardinghouse-Aktiengesellschaften,
mit regelrechten Anteilscheinen und Dividenden, einem ‚„Gemeindekontor“‘
ınd dergleichen (vgl. Tugan, S. 138/139; Gide-Rist, S. 276flg.; Kro-
potkin, S. g2flg.; Muckle, I, S. 98flg.). Diese Art von Wirtschaft würde
ıatürlich ohne Geld nicht betrieben werden können.

Auch in der föderalistischen Kommune kommt ein Geld-
verkehr nicht in Frage, einfach wegen Mangels jeglichen Wirt-
schaftsverkehrs der Mitglieder. Der Bedarf jedes Einzelnen wird
von der Gemeinde unmittelbar festgestellt und gedeckt, zur Ent-
wicklung eines irgendwie bedeutenden Tauschverkehrs ist weder
Veranlassung noch Möglichkeit vorhanden. Innerhalb der Kom-
mune ist also auch hier das Geld völlig überflüssig. Freilich er-
schöpft sich damit die Frage nicht ganz, da die föderalistischen
Gemeinden nicht autark wirtschaften können — vgl, das oben über
die Kropotkinschen Gruppen Bemerkte —, sondern auf Zufuhr
von außen angewiesen sind,

„Die Gemeinden werden für Arbeiten, welche die Kräfte einer einzelnen
Gemeinde übersteigen, untereinander Bündnisse schließen‘‘ (Tugan, S.
[35, nach Owen). Auch Lenin erkennt dies an; er nähert sich den
Föderalisten, insoweit ihm nämlich „jede Fabrik, jedes Dorf als eine produk-
tiv-konsumierende Kommune erscheint, die das Recht und die Verpflichtung
hat, auf ihre Art das Problem der Berechnung, der Produktion und der
Verteilung der Erzeugnisse zu lösen“; nur muß zwischen diesen Kommunen
der „Wettbewerb organisiert werden: die Musterkommunen müssen und
werden den zurückgebliebenen Kommunen als Erzieher, Lehrer und Antreiber
lienen‘‘ (Autgaben, S. 32/33).

Bei einer systematischen Ausbildung des wirtschaftlichen
Wettbewerbs der Kommunen, wie sie Lenin vorschlägt — er will
sogar „die hervorragenden Kommunen unverzüglich belohnen“ —,
ist es wahrscheinlich, daß der Austausch von Gütern zwischen den
konkurrierenden Wirtschaftskörpern trotz anfänglich naturalwirt-
schaftlicher Gestaltung allmählich doch eine Preisbildung und damit
auch eine Geldorganisation notwendig macht. Die föderalistischen
kommunistischen Theoretiker wollen indessen grundsätzlich auch
im interkommunalen Verkehr die Naturalwirtschaft beibehalten
wissen; Thompson, der sich im wesentlichen an Owens Vor-
schläge anlehnt (II, S. 183 filg.), kommt aus diesem Grunde sogar

Cohn, Kann das Geld abeeschatlt werden?
        <pb n="78" />
        — 66 —
auf die Forderung einer den Gemeinden übergeordneten zentra-
listischen Organisation zurück:

„Wenn das Prinzip für die Kooperation von tausend Personen
in einer Genossenschaft brauchbar ist, dann wird es ebenso brauchbar sein
jür die Kooperation von tausend oder hunderttausend Genossenschaf-
ten da, wo es sich um die gemeinschaftlichen Interessen aller handelt. Bei-
steuern nationalen Reichtums werden auch fernerhin notwendig sei® um
nationale Unternehmungen zu betreiben, Sicherheit nach außen wie im
Innern zu gewährleisten‘ (II, S. 509; vgl. auch Tugan, 5, 136).

Auch die Organisation des Wettbewerbs der Kommunen, die
Lenin anstrebt, läßt sich nur mit Hilfe einer Zentralgewalt durch-
führen. Dadurch ist nun aber wieder die umfassende Anwendung
der Naturalrechnung und die weiteste Ausgestaltung der unmittel-
baren Versorgung der Konsumenten ermöglicht, und für die Ein-
führung einer Geldorganisation liegt, wenigstens theoretisch, kein
zwingendes Bedürfnis mehr vor. (Über die praktische Gestaltung
der kommunistischen Wirtschaft in Rußland vgl. die Anführung
im Schlußkapitel.)
        <pb n="79" />
        II. Abschnitt:
Die Versuche teilweiser Ausschaltung des Geldes.
6. Kapitel.
Die Abschaffung der Geldrechnung.

Die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit der Abschaffung des
Geldes soll an der Hand der einzelnen Vorschläge untersucht
werden. Betrachten wir daraufhin den Plan des völligen Ersatzes
der kapitalistischen Geldwirtschaft durch eine kommunistische
Großnaturalwirtschaft — vom primitiven Tauschverkehr wird ab-
gesehen —, so treten zunächst die Schwierigkeiten der prak-
tischen Durchführung hervor, welche für die Beurteilung vom
Zweckmäßigkeitsstandpunkt aus erheblich sind. Sie ergeben sich
in erster Linie aus der Irrationalität und Verschiedenartigkeit der
Menschen, aus den Grenzen, die ihrer Uniformierung und Mechani-
sierung gesetzt sind; sodann auch aus der Unberechenbarkeit
gewisser dem menschlichen Wollen entzogener Zufälligkeiten im
Naturgeschehen. Nun ist jedoch kein sicheres Urteil darüber zu
fällen, wie weit durch technische, pädagogische und politische
Fortschritte diese natürlichen Grenzen verschiebbar sind, und folg-
lich kann man hier eine Entscheidung über die wirtschaftsprak-
tischen Vorzüge oder Nachteile nur unter dem Vorbehalt treffen:
so, wie die Dinge jetzt liegen und mit soundsoviel Prozent Wahr-
scheinlichkeit auch in Zukunft liegen werden. Der Wirtschafts-
oraktiker hat auch an einer solchen mehr oder minder vagen
„Lösung“ der Fragen Interesse; er muß irgendeine Entscheidung
fällen. Bei wissenschaftlicher Erörterung derartiger Fälle wird
man dagegen besser tun, die Zweckmäßigkeitsfrage selbst offen
zu lassen und lediglich den Praktiker auf die bestehenden Schwierig-
keiten hinzuweisen.

Nicht so steht es mit der anderen Frage; diese muß und kann
wissenschaftlich beantwortet werden. Erstens: es muß festgestellt
        <pb n="80" />
        werden, ob die geldlose Wirtschaft, wie sie hier gedacht ist, theore-
tisch möglich ist, ob sie als Wirtschaftsform einen Sinn hat.
Ist sie nämlich schon von vornherein als wirtschaftlich „unsinnig“
erkannt, dann erübrigt sich von selbst jede Erörterung ihrer prak-
tischen Durchführung; ist sie (absolut) „unwirtschaftlich‘, so ist die
Frage, ob sie (relativ) „wirtschaftlicher“ ist als die bestehende Geld-
wirtschaft, keine Frage mehr. Zweitens: die theoretische Möglich-
keit oder Unmöglichkeit der geldlosen Wirtschaft kann in wissen-
schaftlich befriedigender Weise festgestellt werden. Denn für die
Behauptung der absoluten Unmöglichkeit, für die grundsätzliche
Ablehnung gibt es hier nur eine stichhaltige Begründung: daß die
vorgestellte Wirtschaftsform den letzten Grundsätzen widerspreche,
die für das Wirtschaftsleben überhaupt gelten, daß sie den Zweck
der Wirtschaft schlechthin verfehle oder ihre Voraussetzungen
verkenne oder der Grundnorm der Wirtschaftlichkeit, dem „öko-
nomischen Prinzip“, zuwiderlaufe.

Der Neurathsche Entwurf der Großnaturalwirtschaft und
auch die kommunistischen Pläne, soweit sie in dieser Richtung
laufen, weisen solche innere Widersprüche nicht auf; sie sind
also theoretisch annehmbar und daher auch für den Praktiker
diskutabel, trotz der nicht zu verkennenden Schwierigkeiten,
die sich ihrer Verwirklichung in den Weg stellen. Gerade
hierin zeigt sich der wichtigste Unterschied der Pläne der völlig
geldlosen Wirtschaft von den Vorschlägen einer teilweisen Auf-
hebung des Geldes. Die Unterscheidung zwischen theoretischem
Widersinn und bloßen praktischen Schwierigkeiten wird deshalb an
dieser Stelle so stark betont, weil wir es im folgenden ausschließlich
mit Behauptungen und Plänen zu tun haben, die schon theoretisch
unhaltbar und darum von jeder weiteren praktischen Erörterung
auszuschließen sind. Es wird sich nämlich zeigen, daß alle Ver-
suche, das Geld in einzelnen seiner wesenhaften Funktionen zu
beschränken, entweder nur deren historische Erscheinungs-
form ändern oder aber zuletzt wieder auf die völlig geldlose
Wirtschaft im Sinne Neuraths und des Kommunismus hinaus-
laufen; vorausgesetzt, daß die Vorschläge nicht überhaupt ganz
und gar wirtschaftlich widersinnig sind.

Im Einklang mit der Einteilung im ersten Teil der Arbeit
sollen zuerst die bloß gegen die Geldrechnung gerichteten An-
griffe besprochen werden. Diese gehen hauptsächlich von einer
bisher nicht erwähnten sozialistischen Gruppe aus: den Kollek-
tivisten.
        <pb n="81" />
        59

Die Bezeichnungen Sozialismus, Kommunismus, Kollektivismus usw.
ind hier nur so zu verstehen, wie es aus den Ausführungen selbst sich ergibt.

Im wesentlichen ist die Terminologie Tugan-Baranowsk yS zu-

grunde gelegt (S. 1ı3flg.), wogegen z. B. Dietzel {Rodbertus, II, S. 28flg.)

lie Namen in ganz anderem Sinne gebraucht.

Die Kollektivisten unterscheiden sich von den Kommunisten
dadurch, daß sie zwar auch alle nicht der unmittelbaren Bedürfnis-
befriedigung dienenden Güter — Rohstoffe sowohl wie „Schiff
ınd Geschirr“ (Unruh) .— vergesellschaftet wissen wollen, jedoch
„volle Freiheit in der Wahl von Konsumptionsgegenständen und
in der Verfügung über sie in den vom Einkommen jedes Einzelnen
gesetzten Grenzen gewähren“ (Tugan, S. ı22); schon die An-
ziehung des Einkommensbegriffs, der im Kommunismus jeder Art
sinnlos ist, zeigt den tiefgehenden Unterschied der Anschauungen.
Auf der anderen Seite ist durch die gänzliche Aufhebung der
privaten Verfügungsgewalt über die Produktivgüter doch ein
scharfer Trennungsstrich gegen die Konkurrenzwirtschaft des
Kapitalismus gezogen: jede einzelwirtschaftliche Kapitalbildung ist
ausgeschlossen. Leiter der volkswirtschaftlichen Produktion, des
Absatzes und der Verteilung ist allein die Gesellschaft; nur die
Wahl der Genußgüter innerhalb eines festgesetzten Rahmens ist
frei. In dieser Wirtschaftsordnung nimmt das Geld eine eigen-
tümliche Stellung ein. Einerseits ist es nicht mehr das frei ver-
wendbare Umtauschmittel der kapitalistischen Verkehrswirtschaft,
sondern nur noch „ideales Geld“, wie Tugan es nennt; anderer-
seits wieder definiert Tugan den Unterschied von Kollektivismus
ınd Kommunismus gerade dahin, daß jener als Geldwirtschaft,
lieser als Naturalwirtschaft zu denken sei,

In den kommunistischen Systemen, „die nicht das Ein-
&lt;ommen, sondern die unmittelbare Konsumption regeln oder auch der letz-

‚eren freien Lauf lassen, ist das Geld als Mittel der Verteilung gänzlich über-

‘lüssig‘. Dagegen wird in der kollektivistischen Wirtschaft

‚die Verteilung der Produkte unbedingt mit Hilfe des Geldes, wenn auch

nur eines idealen Geldes bewirkt: Jede einzelne Person gibt ihr Einkommen

aus, indem sie in den Grenzen des Wertes, über den sie verfügt, konsumiert;
wozu wiederum ein genauer Vergleich zwischen dem Wert des zu konsumie-
renden Gegenstandes mit dem Gesamtwert des Einkommens der konsumie-
venden Person und die Veräusgabung dieses letzteren Wertes zur Erwerbung
der Konsumptionsgegenstände notwendig ist. Daher müssen die Konsump-
tionsgegenstände in den Systemen dieses Typus einen festen Preis
haben, der Preis aber muß in bestimmten Werteinheiten ausgedrückt werden.

Mit anderen Worten ist in diesen Systemen das Geld als Wertmaß

und Kaufmittel ein notwendiges Werkzeug der Verteilung‘‘ (S.

15/16).
        <pb n="82" />
        Was Tugan hier vom „idealen Geld“ fordert, sind genau
dieselben Aufgaben, durch die oben (2. Kapitel) die gesellschafts-
wirtschaftliche Dienerrolle des Geldes genauer umschrieben wurde:
Preisausdrucks- und Umtauschmittel zu sein. Der Unterschied
gegenüber der dort berücksichtigten Konkurrenzwirtschaft liegt
nur in den „festen Preisen“. Seinem Wesen nach ist das Geld
auch im heutigen Wirtschaftsverkehr nur ein Mittel, die Preise zu
beziffern, in Zahlen auszudrücken, und nur auf dem Umweg
über die Einzelwirtschaften nimmt es tatsächlich auch auf die
Preisbildung Einfluß (vgl. oben 3. Kapitel), Im Kollektivismus
würde, die Tugansche Preisfestsetzung vorausgesetzt, diese Beein-
flussung ausgeschlossen sein, die tatsächlichen Geldfunktionen also
auf die gesellschaftliche Dienerrolle beschränkt bleiben. Das Geld
wäre nicht aufgehoben, sondern nur „wesentlich“ geworden; das
ist es, was Tugan durchaus zutreffend mit der Bezeichnung
„ideales Geld“ sagt. Es entsteht nun aber,die Frage, die man
paradox so stellen kann: Ist dieses wesentliche Geld nicht gänz-
lich — unwesentlich, d. h. besteht überhaupt ein Bedürfnis, die
„festen Preise in bestimmten Werteinheiten auszudrücken‘?
Und was für eine Werteinheit ist es, die der Preisfestsetzung
zugrunde liegt? Die kapitalistische Wirtschaft bedarf einer solchen
Werteinheit nur zum Ausdruck des Preises, nicht zu seiner Fest-
setzung, da der Preis sich hier am Markte durch das Spiel von
Angebot und Nachfrage regelt; der Kommunismus andererseits
verzichtet grundsätzlich auf die Preisbildung überhaupt, da sie sich
in einer durchorganisierten Naturalwirtschaft mit umfassendem
Wirtschaftsplan erübrige. Wie kommen nun aber im Kollektivis-
mus die „festen Preise“ zustande, und welche Rolle spielt dabei
das Geld? Das ist die Frage, die uns hier beschäftigt.

Es ist das dieselbe Frage, die Adolph Wagner mit der Bemer-
kung andeutet, daß „im Grunde eben auch im Problem des Geldes alle großen
sozialistischen Probleme der Produktion, Verteilung, Wertbestimmung
stecken, von denen keines auch nur ausreichend gedankenmäßig, geschweige
für praktische . . Ausführbarkeit gelöst ist‘ (S. 142).

IL
Die freie Verkehrswirtschaft ist ein Ineinandergreifen vieler
Einzelwirtschaften. Produzenten und Konsumenten stehen sich am
Markt als Anbietende und Nachfragende gegenüber. Der kapita-
listische Einzelwirt wird stets Waren oder Dienste anbieten und
nach beiden nachfragen; im Kollektivismus gibt es dagegen nur
Angebot von Waren und Nachfrage nach Arbeitskraft seitens der
        <pb n="83" />
        Wirtschaftsleitung, umgekehrt nur Angebote von Arbeitskraft und
Nachfrage nach Genußgütern von privater Seite. Das Konkurrenz-
verhältnis, das für die Preisbildung maßgebend war, ist durch die
„Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ aufgehoben: den ein-
zelnen Verkäufern ihrer Dienste und Käufern der Genußgüter
steht stets das Monopol der Gesellschaft gegenüber. Trotzdem
sind aber der Preisfestsetzung, wenn sie wirtschaftlich sinnvoll
sein soll, nach oben und unten bestimmte Grenzen gesetzt: die
Preise des Waren- und des Arbeitsmarktes müssen in
festem Verhältnis zu einander stehen. Bleiben die letzteren
‘die Löhne) erheblich unter den ersteren, so entsteht die Gefahr
der mangelnden Kaufkraft der Verbraucher und dadurch der all-
gemeinen „Unterkonsumption“; im umgekehrten Falle reichen die
vorhandenen Waren nicht hin, um die Ansprüche aller Käufer zu
befriedigen, und ein Teil der Gesellschaft bleibt darum gänzlich
unversorgt. Die Aufgabe der Verwalter des gesellschaftlichen
Monopols ist daher — aus sozialen ebenso wie aus wirtschaftlichen
Gründen — die Sicherung der ausreichenden Versorgung der Ge-
sellschaftsglieder durch Ausgleich dieser Unterschiede. Ihre Er-
füllung wird von den Kollektivisten auf zweierlei Wegen ange-
strebt: es scheiden sich hier eine subjektivistische und eine
objektivistische Richtung; die erstere stellt den Bedarf der
Verbraucher, das „Recht auf Existenz“ in den Vordergrund,
die letztere dagegen die Leistung der Erzeuger, das „Recht
auf den vollen Arbeitsertrag“.

Tugan-Baranowsky drückt dies folgendermaßen aus:
„Die einen Systeme des Sozialismus (Kollektivismus) stehen ebenso streng
auf dem Boden tatsächlicher Gleichheit wie der Kommunismus. Die
Regelung des Einkommens nimmt in diesem Falle die Gestalt einer vollstäp-
digen Gleichheit der Einkommen aller Mitglieder der Gesellschaft an. Jedem
wird das Recht auf eine gleiche Summe des Einkommens zuerkannt. Andere
Systeme des Kollektivismus verstehen unter ökonomischer Gleichberech-
tigung das gleiche Recht eines jeden Arbeiters auf seinen vollen Arbeits-
ertrag; da aber die Arbeitsprodukte verschiedener Arbeiter verschieden
sein können und sogar müssen, weil die Arbeiter in Wirklichkeit verschiedene
Grade von Kraft und Begabung besitzen, so fordert dieser Typus von Kollek-
tivismus durchaus keine Gleichheit der Einkommen‘ (S. 17). AlNerdings ist
hier hinzuzufügen, daß auch dann, wenn der Bedarf der Verbraucher als
Maßstab der Verteilung dient, grundsätzlich keineswegs eine absolute Gleich-
heit einzutreten braucht. Im Gegenteil sollen „die verbrauchbaren und der
Gebrauch der benutzbaren Sachen unter die einzelnen Mitglieder nach
ihren Bedürfnissen verteilt werden; hier ist also für die
Güterverteilung das Subiekt und seine nach Alter, Geschlecht und Erziehung
        <pb n="84" />
        wechselnde Bedürftigkeit maßgebend‘ (Menger, Staatslehre,

S. 95/96).

Wie steht es nun bei dem subjektiven Verteilungssystem
mit dem Geld? Jedem nach seinen Bedürfnissen — das ist auch
die Losung des Kommunismus. Aber die Durchführung ist ver-
schieden: Während im Kommunismus der Versorgungsberechtigte
die Bedarfsgüter frei nehmen oder, soweit sie knapp sind, in natura
zugewiesen erhalten soll, will diese kollektivistische Richtung ebenso
wie der Kapitalismus mit dem Geldsystem arbeiten, ja sogar „die
geschichtlich überlieferten Geldpreise für Sachen und Arbeits-
leistungen mit den durch die veränderten Machtverhältnisse ge-
botenen Änderungen festhalten“ (Menger, Staatslehre, S. 102).
Der einzige Unterschied wird dann darin liegen, daß das Geld
nicht mehr einen „Selbstwert“, sondern nur noch einen „Zeichen-
wert“ hat.
Eine Bestätigung dieser Ansicht finden wir bei Kautsky: „Wird
es denn in der neuen Gesellschaft noch Arbeitslöhne geben? Wollen wir nicht
die Lohnarbeit und das Geld abschaffen? Wie kann man also von Arbeits-
l(öhnen reden? Diese Einwände wären stichhaltig, wenn die soziale Revolution
sofort daran gehen wollte, das Geld abzuschaffen. Das halte ich jedoch für
ınmöglich. ‘Das Geld ist das einfachste bisher bekannte Mittel, welches es
ermöglicht, in einem so komplizierten Mechanismus, wie es die moderne
Produktionsweise mit ihrer ungeheuer weit getriebenen Arbeitsteilung ist,
die Zirkulation der Produkte und ihre Verteilung an die einzelnen Mit-
glieder der Gesellschaft zu vermitteln; es ist das Mittel, welches es
jedem ermöglicht, seine Bedürfnisse nach seinen individuellen Neigungen
(natürlich innerhalb der Grenzen seiner ökonomischen Macht) zu befriedigen,
Als Mittel der Zirkulation wird das Geld, solange nichis Besseres
gefunden, unentbehrlich bleiben‘; indessen ‚wird die Notwendig-
keit beseitigt, daß das Geld Wertmesser und Wert-
gegenstand sei: an die Stelle des Metallgeldes kann irgend ein Geld-
zeichen treten‘ (Revolution, S. 81/83). Und auch Tugan schließt sich im
wesentlichen dem an: „Heute ist das Geld eine Ware, die ihren selbständigen
Wert hat. Im Staate Pecqueurs aber ist das Geld nur ein einfaches
konventionelles Zeichen, ein symbolischer Ausdruck des Wertes. Es ist not-
wendig aus dem Grunde, weil Pecqueur allen Bürgern eine freie Aus-
wahl der zu konsumierenden Produkte gewähren will. Jeder wählt für seinen
Konsum das, was ihm gefällt, — beliebige Produkte in beliebiger Quantität:
Da aber dem Gesamtwert des Konsums jedes einzelnen gewisse Schranken
gesetzt sind, so entspringt daraus die Notwendigkeit, den Wert jedes konsu-
mierten Gegenstandes genau festzustellen; gleichzeitig muß auch der Gesamt-
wert der von jedem Einzelnen konsumierten Produkte festgestellt werden;
würden diese Feststellungen unterbleiben, so könnte die für die Einzelnen
festgesetzte Norm des Einkommens überschritten werden. Daher ist das
Geld in der oder jener Form für jedes kollektivistische System unbedingt
notwendig‘ (S. 108/109).
        <pb n="85" />
        Wie die Anführungen ergeben, sind Menger, Kautsky,
Tugan in einem zwiefachen Irrtum befangen:

ı. Sie erkennen den Doppelsinn des Wortes Preismaß nicht:
seine ganz verschiedene Bedeutung als Preisnorm und als Preis-
ausdruck. Sie begreifen nicht, daß auch am Markt das Geld
nicht durch seinen „Eigenwert“ die Preise bestimmt, sondern ledig-
lich das Rechenmittel ist; daß es nur den zahlenmäßigen Ausdruck
der Preise darstellt, die sich wesentlich aus dem Verhältnis von
Angebot und Nachfrage, d. h. von Vorrat und Bedarf an Sach-
gütern und menschlichen Diensten am Markte ergeben; daß das
Geld höchstens dann, wenn es zur Deckung eines rein wirtschaft-
lich nicht gerechtfertigten „Überbedarfs“ an Zahlungsmitteln aus-
gegeben wird, wenn es als Verkörperung „zusätzlicher“, nur „for-
maler“ Kaufkraft am Markte erscheint, dadurch die Preisbildung
vorübergehend beeinflussen kann (Adolf Weber).

Selbst die Lehre der ‚,Metallisten‘‘ braucht dieser Auffassung nicht
notwendig zu widersprechen: ‚‚Die Warenwerte werden doch nicht obrig-
keitlich fixiert, sie bilden sich im freien Wirtschaftsverkehr. Wie kann aber
dieser freie wirtschaftliche Tauschverkehr funktionieren, wenn nicht eine be-
stimmte Ware da ist, an der die Wertänderungen der anderen Waren ge-
messen werden?“ (Diehl, Fragen, S. 104). Wollte man hieraus folgern,
daß alle Warenwerte durch die ‚Ware Geld“ bestimmt werden, so wäre
dieser Schluß ebenso wenig zwingend, wie der, daß der in Paris aufbewahrte
Meterstab aus Platin alle Längen der Welt, die in Metern gemessen, d. h.
zahlenmäßig ausgedrückt werden, auch als solche Längen bestimme.

Kautsky, der die Natur des Metallgeldes als eines ‚„‚Wertgegen-
standes‘“‘ so stark betont, müßte schon als überzeugter Marxist sich von
diesem Irrtum längst freigemacht haben, Weist doch Marx bereits in
seiner Auseinandersetzung mit Proudhon (vgl. auch unten 9. Kap.) mit
Nachdruck auf den „kleinen Übelstand‘‘ hin, daß das Geld nicht nur nicht
die Ware aller Waren ist, sondern sogar „gerade Gold und Silber in
ihrer Eigenschaft als Münze (als Wertzeichen) von allen Waren die
einzigen sind, die nicht durch ihre Produktionskosten bestimmt wer-
den‘ (Elend, S. 66).

Daß also das Geld in der freien Marktwirtschaft durch seinen
„Eigenwert als Ware“ die Preise selbst wesentlich bestimme oder
auch nur mitbestimme, in der kollektivistischen Gemeinwirtschaft
dagegen als bloßes „Wertzeichen“ nur die anderweitig gebildeten
„festen Preise“ ziffernmäßig ausdrücke, — diese Unterscheidung
der kapitalistischen von der kollektivistischen Geldrechnung ist
vollkommen haltlos und beweist lediglich mangelndes Verständnis
für das Wesen der Geldrechnung in der Verkehrswirtschaft,

2. Der weitere Irrtum in den angeführten Lehrmeinungen
liegt darin. daß schon mit der bloßen Berücksichtigung der mannig-
        <pb n="86" />
        faltigen subjektiven Bedürfnisse eine wirtschaftlich einwand-
freie Preisgestaltung zu erzielen sei. Entscheidend muß viel-
mehr das Verhältnis des Bedarfs zu den vorhandenen Gütern und
Produktionsmöglichkeiten bleiben.
„Die Wirtschaftsleitung ... wird es nicht dem einzelnen Genossen
überlassen dürfen, seine Tabakkarte nach Belieben entweder in Zigarren
der in Zigaretten einzulösen. Würde sie dem Genossen das Recht geben zu
wählen, ob er Zigarren oder Zigaretten beziehen will, dann könnte es geschehen,
laß mehr Zigarren oder mehr Zigaretten verlangt werden als erzeugt wurden,
laß andererseits aber Zigarren oder Zigaretten in den Abgabestellen liegen
bleiben, weil sie niemand abverlangt hat‘ (Mises, Wirtschaftsrechnung,
S. 91).

Bei den Vertretern der subjektivistisch-kollektivistischen Anschauung
besteht hierüber anscheinand sehr wenig Klarheit. Am weitsichtigsten ist
in diesem Punkte wohl Pecqueur (insoweit vielleicht mit Schäffle
unter den Arbeitsgeldtheoretikern zu vergleichen; unten III). Es ist bezeich-
nend, daß er die Frage nicht anders lösen kann als durch erneute Einführung
von Angebot und Nachfrage, durch ein Zurückgreifen auf das verkehrs-
wirtschaftliche Spiel der freien Kräfte: ‚,Da die Nachfrage nach bestimmten
Produkten um vieles die Möglichkeit ihrer Produktion übertreffen kann,
and da das Prinzip der Gleichheit und Freiheit es nicht erlaubt, einige der
Konsumenten eines bestimmten nicht für alle ausreichenden Produktes vor
den übrigen in irgend welcher Weise zu bevorzugen, so wird die nationale
Behörde, welcher die Distribution dieser Produkte obliegt, der Regel folgen
müssen, daß ihr Preis durch das Verhältnis von Nach-
frage und Angebot, von Bedürfnis und Produktionsmöglichkeit
bestimmt wird‘ (Tugan, $S. 42).

Letzten Endes kommen wir hier auf ein Entweder-Oder.
Sofern überhaupt Güterknappheit besteht — und ohne diese
brauchte man keine Verteilungswirtschaft —, gibt es grundsätzlich
bloß zwei Möglichkeiten, die Verteilung des Sozialprodukts auf
die einzelnen Verbraucher zu regeln: entweder durch die Kon-
kurrenz, d. h. das freie Spiel der Kräfte, das sich in der Preis-
bildung am Markt mittels Gegenüberstellung von Angebot und
Nachfrage auswirkt, — oder durch die Verwaltung, d. h. die Zu-
weisung der Güter durch behördliche Anordnung oder vertrag-
liche Abmachung auf Grund des statistisch ermittelten Verhält-
nisses von Bedarf und Vorrat. Der erste Weg ist der heut übliche,
auf den zweiten weisen die kommunistischen Wirtschaftstypen. Im
Falle der Verteilung mittels freier Preisbildung ist das Geld als
Generalnenner der gesellschaftswirtschaftlichen Wertrechnung un-
entbehrlich; denn es besteht hier kein Überblick über den Ge-
samtbedarf und die Möglichkeiten, ihn zu decken. Anders aber
bei der Preisfestsetzung im Wege der wirtschaftlichen Verwaltung.
        <pb n="87" />
        Diese zieht — die Kriegserfahrungen haben es gerade erst wieder
gezeigt — die Notwendigkeit. der Rationierung der Vorräte nach
sich, erfordert also eine Beschränkung der „Kaufbreite“ der Geld-
besitzer; diese aber setzt, wenn sie ihren Zweck wirklich erreichen
soll, wiederum eine unmittelbare Feststellung des gesamten
gesellschaftlichen Bedarfes und aller Produkte und Produktions-
kräfte voraus: einen alles umfassenden, auf einer Universalstatistik
fußenden Wirtschaftsplan, wie Neurath ihn entwickelt hat (vgl.
oben 4. Kap., IV). Der Wirtschaftsplan ist nun jedoch seinerseits
ganz und ausschließlich das Ergebnis naturaler Rechnungen,
ist das unmittelbare Widerspiel zu jeder Art Geldrechnung. Auch
Tugans „ideales Geld“, Pecqueurs „konventionelles Zeichen“ hat
hier keine Stelle mehr. Die grundsätzlich „festen Preise“ sind
überhaupt keine Preise mehr; sie widersprechen dem Sinne des
Begriffes Preis. Und in einer Wirtschaft ohne Preisbildung hat
auch die Geldrechnung, — ja nicht bloß die Geldrechnung, sondern
das Geld schlechthin seinen Sinn verloren. Die Lehren der
Kollektivisten sind nur so zu erklären, daß sie ihre Gedanken-
gänge nicht bis zu Ende durchgeführt haben: man ist bei der
bloßen Preisfestsetzung stehen geblieben, ohne zu überlegen, daß
dieses Verfahren letzten Endes die Naturalrechnung fordert, und
daß deren Anwendung (in dem hier erforderlichen Umfange)
wiederum die ganze Preisfestsetzung und den Gebrauch eines all-
zemeinen Umtauschmittels erübrigt, da die Güter bei der un-
mittelbar mengenmäßigen Feststellung des Verteilungsplanes ja
auch unmittelbar den Verbrauchern überwiesen werden könnten.
Neben einem naturalen Gesamtwirtschaftsplan noch Geld und
Geldpreise, — das wäre so unökonomisch wie nur möglich, wäre
glatte Verschwendung von Sachgütern und Arbeitskräften. Die
Verwirklichung des Rechts auf Existenz, die Verteilung nach den
Bedürfnissen, wie die subjektivistische Richtung der Kollektivisten
sie anstrebt, führt mit zwingender Notwendigkeit, wenn die Preis-
bildung am Markte ausgeschaltet werden soll, zum Kommunismus,
zur Großnaturalwirtschaft,

Mit Recht macht Mises darauf aufmerksam, daß auch der immerhin
denkbare Tauschverkehr zwischen den Konsumenten im kollektivistischen
Gemeinwesen nicht ausgedehnt genug ist, um eine ‚„„‚Wertrechnung in Geld‘*
zu rechtfertigen. (Wirtschaftsrechnung, S. 89/90).
IT.
Der subjektivistischen Richtung der Kollektivisten stehen die
Objektivisten, den Vertretern des Rechts auf Existenz die
        <pb n="88" />
        des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag gegenüber. Und nicht
nur rechtlich, politisch, moralisch, sondern auch wirtschaftlich sind
deren Anschauungen von höchstem Interesse. Denn, wie Mises
es ausdrückt, „sozialistische Produktion im Großen könnte rationell
nur durchführbar sein, wenn es eine objektiv erkennbare
Wertgröße geben würde, die die Wirtschaftsrechnung auch in
der verkehrs- und geldlosen Wirtschaft ermöglichen würde. Als
solche könnte denkbarer. Weise nur die Arbeit in Betracht
kommen“ (ebenda, S. 109; ähnlich Adler, S. 67). Wie steht es
nun um die Verteilung nach dem Maßstab der Arbeitsleistung?
Nach Anton Menger wird „die Richtschnur für die Verteilung
hier durch gewisse äußere ökonomische Tatsachen, namentlich
durch die Menge und Beschaffenheit der von dem Einzelnen ge-
lieferten Arbeit gegeben... Der ganze Arbeitsertrag wird nach
Abzug der staatlichen Lasten unter den arbeitenden Genossen
verteilt“ (Staatslehre, S. 96/104). Es kommt also darauf an, jeden
Arbeiter durch die Anweisung auf einen dem Erfolg seiner
eigenen Arbeit entsprechenden Bruchteil des Sozialprodukts zu
entlohnen. Natürlich kann bei der mannigfaltigen Verschiedenheit
der persönlichen Leistungsfähigkeit nicht die jeweils aufgewandte,
sondern nur eine durchschnittliche „gesellschaftlich notwendige“
‘Marx, Kautsky) Arbeitszeit den Maßstab der Verteilung abgeben.
„Jedem Arbeiter werden nicht die Arbeitsstunden bezahlt, die er auf

die gelieferten Sachgüter und Dienstleistungen wirklich verwendet hat, son-

dern nur jene, die ein Arbeiter von mittlerem Fleiße und mittleren Anlagen
verwenden mußte, Auf dieser Grundlage hätte der Staat alle Sachgüter

zu tarifieren, und jeder Arbeiter könnte aus den staatlichen Magazinen alle

Befriedigungsmittel bis zu dem Maß der ihm bezahlten Arbeitsstunden be-

ziehen‘ (Menger ‚, Staatslehre, S. 105).

Das Geld, das bei diesem Verteilungssystem als Rechen-
und Umtauschmittel dienen soll, hat daher zur Rechnungseinheit
eine bestimmte „Normalarbeitszeit“ (Rodbertus), statt der Me-
tall- oder Papierwährung wird die Arbeitszeitwährung ein-
geführt: das Geld wird hier zum „Arbeitsgeld“.

. Am schärfsten hat dies Friedrich Engels ausgedrückt:

‚Die in einem Produkt steckende Menge gesellschaftlicher Arbeit braucht

nicht erst auf einem Umweg festgestellt zu werden; die tägliche Erfahrung

zeigt direkt an, wieviel davon im Durchschnitt nötig ist. Die Gesellschaft
kann einfach berechnen, wieviel Arbeitsstunden in einer Dampfmaschine,
einem Hektoliter Weizen der letzten Ernte, in 100 qm Tuch von be-
stimmter Qualität stecken. Es kann ihr also nicht einfallen,. die in: dem

Produkt niedergelegten Arbeitsquanta, die sie alsdann direkt und absolut

kennt, noch fernerhin in einem nur relativen, schwankenden, unzuläneglichen.
        <pb n="89" />
        irüher als Notbehelf unvermeidlichen Maß, in einem dritten Produkt auszu-
drücken und nicht in ihrem natürlich adäquaten, absoluten Maß, der Zeit“
(S. 335). Wie es in Wahrheit um die „Einfachheit‘‘ der Arbeitszeitberech-
aung steht, wird sich unten zeigen.

Den ersten Versuch, das Arbeitsgeld einzuführen, machte Robert
Owen 1832 in London mit seiner „Arbeitstauschbank“ {Equi-
table Labour Exchange). ‚, Jedes Mitglied der Bank konnte in diese nützliche,
von ihm hervorgebrachte Sachgüter einlegen, welche dann von den Bank-
oarganen in durchschnittlichen Arbeitsstunden geschätzt und dem Produ-
zenten in Arbeitsnoten (labour notes) bezahlt wurden; dieser konnte seiner-
seits zur Befriedigung seiner Bedürfnisse aus den Vorräten der Bank Sach-
güter bis zum bescheinigten Betrag von Arbeitsstunden erheben‘'‘ (Menger,
Staatslehre, S. 116; vgl. auch Gide-Rist, S. 27oflg.). Owen beschränkt
Jabei die Geltung des Arbeitsgeldes streng auf die Gemeinschaft der Einleger:
‚Ein Papier, das den Arbeitswert verkörpert, wird für jedes Geschäft ihres
‚der Gemeinschaft) inneren Handels oder Austauschs dienen und wird nur
(für Einlagen und in der Geschäftsstelle (store) ausgegeben werden“ (Schäffle,
Bau, II, S. 335 Anm.). Er glaubt, die Bereitschaft der Einzel-
wirte zum Austausch genüge zur Sicherung des Unternehmens: „Würden
alle Arbeiter bereit sein, Arbeit gegen gleiche Arbeitszeit herzugeben, so hätten
wir in einer Stunde Arbeit einen so definitiven Standard des Reichtums,
wie jetzt für Entfernungen, Maße, Gewichte, wenn wir von einer Meile, einem
Pfund, einer Gallone sprechen‘; es komme also nur darauf an, Einrich-
tungen zu treffen, „unter denen alle Arbeiter bereit seien, Arbeit gegen gleiche
Arbeitszeit zu leisten‘ (Simon, S, 222). Hier gerade liegt aber eben die
Schwierigkeit: Ganz abgesehen davon, daß mit der Vergrößerung der Gesell-
schaft die Bereitschaft der Einzelnen immer zweifelhafter wird, kann man
auch bei dieser psychischen Bedingung zur Einführung der Arbeitszeit als
Wertmaß der Wirtschaftsgüter nicht stehen bleiben. Man muß einsehen,
Jaß diese Bereitschaft nicht willkürlich ist, sondern ihrerseits durch alle die
Voraussetzungen und Umstände bedingt wird, die als schlechthin wirtschaft-
lich oder selbst nur gesellschaftswirtschaftlich auch den bisherigen Wirt-
schaftsverkehr bestimmen, So ist es z. B. eine Verkennung der letzten Grund-
lagen des gesellschaftlichen Wirtschaftens, wenn Owen durch seine Ar-
vbeitsbörse den „Kredit überflüssig machen‘ will (Simon. S. 223; vgl.
hierzu auch unten 9. Kap.).

Owens Vorschlag wurde in Deutschland von Rodbertus, der
zinen ähnlichen Gedanken schon unabhängig von dem Vorgänger vertreten
hatte („Zur Erkenntnis unserer staatswirtschaftlichen Zustände‘‘, S. 27flg.),
aufgegriffen und zu einem geschlossenen System ausgebaut. Rodbertus
‚kannte nur ein „Spezificum‘ gegen die Krankheit der Gesellschaft: staat -
liche Lohnregulierung‘“ (Dietzel, Rodbertus, I, S. 90). Um
diese durchführen zu können, erfand er den „Normalarbeitstag‘‘: „Die Arbeiter
begehren heute nur einen normalen Zeitarbeitstag ... Ein solcher bloßer
normaler Zeitarbeitstag vermag noch nichts zur Lösung der sozialen Frage
beizutragen ... Er darf nicht bloß nach Zeit, sondern muß außerdem auch
nach Werk normiert werden. Nachdem der normale Zeitarbeitstag in jedem
Gewerk festgestellt worden, muß auch noch in jedem Gewerk das normale
Arbeitswerk solchen Zeitarbeitstages festgesetzt werden: dieienige Quantität
        <pb n="90" />
        Werk oder Leistung, die ein mittlerer Arbeiter bei mittlerer Geschicklichkeit
and mittlerem Fleiß während eines solchen Zeitarbeitstages in seinem Gewerbe
zu liefern imstande ist. Diese Quantität Werk konstituierte in jedem Gewerk
den normalen Werkarbeitstag“‘“ (Briefe, II, S. 552flg.). „Die
Beibehaltung des Metallgeldes beim Normalarbeitstag ist aber von Schwierig-
keiten begleitet. Diese Schwierigkeiten lassen sich vermeiden, wenn man
auf der Spur des Normalarbeitstages weiter vordringt. Der normale Werk-
arbeitstag muß zu Werkzeit oder Normalarbeit erhoben
und nach solcher in sich ausgeglichenen Arbeit nicht bloß der Wert des Pro-
dukts jedes Gewerkes normiert, sondern auch der Lohn in jedem Gewerk
gezahlt werden‘ (ebenda, S. 557). Dazu gehört aber die ‚Intervention des
Staates; a) der Wert, wenigstens der Lohngüter, muß nach Normalarbeit
konstituiert werden, b) der Lohn muß als Quote eines solchen Produkt-
wertes fixiert werden. Dazu muß der Staat den augenblicklichen Metallgeld-
wert des Nationalprodukts sowie die Quote, die der augenblickliche Geld-
arbeitslohn davon ausmacht, ermitteln und muß diesen selben Quotensatz
auf das nach Normalarbeit geschätzte Nationalprodukt übertragen und für
alle Zukunft den Lohn auf diesem Satze festhalten ... c) Es müssen Anstalten
getroffen werden, welche die Realisierung des Lohnes nach solchem Maße in
Lohngütern sichern. Dazu muß der Staat ı. die Ausgabe dieses Lohn -
geldes — gleich dem Papiergelde — sich selbst vorbehalten; 2. muß den
Arbeitgebern in diesem Gelde Darlehen gewähren, die sie in nach Normal-
arbeit bemessenem Produktwert zurückzuzahlen haben; 3. muß Maga-
zine für diese in Produkten zurückgezahlten Darlehen anlegen; 4. muß
endlich die Lohnzettel der Arbeiter gegen diese Produkte nach dem konsti-
tuierten Wert annehmen‘ (ebenda, S. 569/570). Die Rodbertussche
Theorie ist, nachdem sie lange unbeachtet geblieben war, neuerdings mehr-
fach sorgfältig geprüft und ihre Unhaltbarkeit eingehend nachgewiesen
worden (vgl. hierzu Georg Adler, S. 66flg.; Dietzel, Rodbertus,
II, S. ırıfla.; Adolph Wagner, S. 142/143; Kropotkin, Brot,
S. ı27flg. Über die Einzelheiten weiter unten).

Einen erheblichen Fortschritt der Arbeitsgeldtheorie finden wir nach
Rodbertus nur noch bei Schäffle, der auch die Mar «x schen
Lehren bereits berücksichtigt („Bau und Leben des sozialen Körpers“,
„Quintessenz des Sozialismus‘‘), Schäffle schaltet jeden privaten
Tausch- und Leihverkehr in der sozialistischen Gesellschaft äus; er meint,
daß „zwischen dem Kollektivproduktionskörper und den Konsumenten
{Produktionsguthaben) nach Arbeitszeit und Arbeitsze itwert,
im Wege der Kompensation durch die öffentlichen Wirtschaftsämter und
Clearinghäuser, ohne Geld abgerechnet werden müsse und ebenso
zwischen diesen Ämtern selbst, sofern sie Produkte voneinander übernehmen,
endlich zwischen ihnen und den öffentlichen Lagern‘ (Quintessenz, S. 43;
ebenso Bau, III, S. 334/335). Schäffle geht vor allem darin grundsätz-
lich über Rodbertus hinaus, daß er die Notwendigkeit eines „sozialen
Taxwesens (Sozialtauschwertbestimmung) nach dem Maßstab auc h““
neben den Arbeitskosten) „‚des besonderen und wechselnden Gebrauchswertes
aller Einzelarbeiten und Einzelprodukte‘“ erkennt, ja diese Beobachtung
des Gebrauchswertes als „die erste und entscheidendste Vorfrage‘‘ ansicht
(Quintessenz, S. 51; Bau, III, S. 341flg.).
        <pb n="91" />
        = 79

Der Gedanke des Arbeitsgeldes erscheint damit bei Schäffle
schon fast aufgegeben; stärker betonen ihn neuestens Lenin und Bu-
zöharin, die wenigstens für die „erste Phase der kommunistischen Gesell-
schaft seiner bedürfen‘ (Staat, Ss. 86).

Eine Umbildung erfährt die Arbeitsgeldtheorie bei Dühring durch
Verquickung mit dem subjektiven Verteilungssystem, Berücksichtigung
des Rechts auf Existenz. Bei ihm muß die Gesellschaft „auch die Einzelnen
in den Stand setzen, die produzierten Artikel von ihr zu kaufen, indem sie
Jedem eine gewisse tägliche, wöchentliche oder monatliche Geldsumme, die
iür Jeden gleich zu sein hat, als Gegenleistung für seine Arbeit
auszahlt‘ (Engels, S. 324).

Ähnlich soll nach Weitlin gs Vorschlägen „die Gesellschaft
verpflichtet sein, jedem Mitglied die notwendigen und die nütz-
iIchen Produkte oder Dienstleistungen zu liefern, wogegen dieses zu einer
zewissen Zeitarbeit (6 Stunden täglich) verpflichtet ist .. . Sodann aber hat
jedes Mitglied überdies noch das Recht, weitere Arbeitstunden (Kommerz-
stunden) zu leisten, um sich dadurch auch die bloß angenehmen Pro-
dukte oder Dienstleistungen zu verschaffen. Der Preis dieser letzteren soll
.n Arbeitsstunden bestimmt und diese gegen die Kommerzstunden aus-
getauscht werden“ (Menger, Recht, S, 163; Diehl, Proudhon, II, S. 246/247;
vgl. auch unten 7. Kapitel).

Von Eifertz wird das Arbeitsgeld zum „Arbeitsboden-
yeld’ ausgestaltet: ‚Die Güter werden nicht zu einem Arbeitspreise ver-
zauft, sondern zu einem Arbeits- und einem Bodenpreise, und die Menschen
werden für ihre Arbeit nicht in Arbeitsgeld, sondern in Arbeits- und Boden-
geld entlohnt ... Es ist unbedingt nötig, daß auch der in den Gütern steckende
Boden proportional der geleisteten Arbeit verteilt werde, Es wird ein Normal-
arbeitstag von etwa acht Stunden festgesetzt. Wer acht Stunden gearbeitet,
erwirbt den Anspruch auf Güter, die acht Stunden Arbeit und ein bestimmtes
derechnetes Quantum Boden, und zwar den Volksboden dividiert durch die
Bevölkerung, die absolute Bodeneinheit B : A enthalten . .. Der Lohn wird
ıicht in Scheinen ausbezahlt, die auf Arbeit lauten, sondern in solchen,
die auf Arbeit, und solchen, dieauf Boden... Es gibt auch
2er Geld, und zwar Papiergeld, Es gibt aber hier nicht eine Arbeitswährung,
sondern eine Doppelwährung, eine Arbeits- und eine Bodenwährung.
50owohl Lohn- wie Güterpreise werden in Arbeits- und Bodengeld bezahlt.
Man wird aber nicht Arbeit in Boden umrechnen können wie Gold in Silber;
ieder Teil des Lohnes und des Preises wird in seiner eigenen Währung
dezahlt werden müssen‘‘ (III, S. 19).

Endlich unterscheidet Hacks, an Effertz anknüpfend, „N ah-
rungsmittelgeldund Kulturmittelgeld“: ‚, Jeder bekommt
für die von ihm geleistete Arbeit zunächst einen angemessenen Betrag von
Kulturmittelgeld. Das entsprechende Nahrungsmittelgeld bekommt er
gewissermaßen umsonst dazu. Aber er bekommt es nur dann, wenn er die vor-
geschriebene Anzahl von Stunden gearbeitet hat. Wer weniger arbeitet, be-
Kommt sowohl an Kulturmittel- als an Nahrungsmittelgeld weniger‘ (S. 21).

Für die zuletzt erwähnten Arbeitsgeld- bezw. Doppelgeldtheorien gelten
dieselben Einwände, die gegen die Arbeitsgeldtheorie überhaupt gemacht
werden, in verschärftem Maße. Denn hier entsteht ia das Bedürfnis nach einer
        <pb n="92" />
        — 80 —

Differenzierung nicht nur bei der einen, sondern auch noch einer zweiten

Rechnungseinheit. Im einzelnen vergleiche das folgende.

Das Problem wird zuerst von Adler klargestellt: „Ist es
möglich, das .. Verteilungsprinzip „Jedem nach seiner Arbeit“
durchzuführen? Ist es vor allem möglich, den Wert des
Produktes beständig genau auf der kostenden Arbeits-
quantität festzuhalten?“ Und er antwortet, auf schwerwiegende
Gründe gestützt: „Ich glaube nicht, daß dies angeht“ (S. 68). Es
ist mit dem Arbeitsgeld ähnlich wie mit der Theorie der Preis-
festsetzung nach den Bedürfnissen: sowohl die Eigenart des Geldes
wie der innere Widerspruch der kollektivistischen Wirtschafts-
organisation wird verkannt. Ursprünglich stellt das Arbeitsgeld
sich einfach als eine Art Banknoten dar, als ein Guthaben bei
der Arbeitstauschbank (Owen); nachher wird es (von Rod-
bertus) als Einrichtung des „Staatssozialismus“ übernommen und
kommt schließlich (bei Schaeffle) in die „sozialistische Wirt-
schaft“ hinein. In seiner ersten Gestalt — als Banknote in der
Verkehrswirtschaft — wird es schon von Marx nachdrück-
lich bekämpft, in seiner Kritik der Grayschen nationalen Zentral-
bank:
„Da die Arbeitszeit das immanente Maß der Werte ist, warum neben
ıhr ein anderes äußerliches Maß? Warum entwickelt sich der Tauschwert
zum Preis? Warum schätzen alle Waren ihren Wert in einer ausschließlichen
Ware, die so in das adäquate Dasein des Tauschwerts verwandelt wird, in
Geld? Dies war das Problem, das Gray zu lösen hatte. Statt es zu lösen,
bildet er sich ein, die Waren könnten sich unmittelbar aufeinander als Produkte
der gesellschattlichen Arbeit beziehen. Sie können sich aber nur aufeinander
beziehen als das, was sie sind. Die Waren sind unmittelbar Produkte verein-
zelter, unabhängiger Privatarbeiten, diesich erst durch
ihre Entäußerung im Prozeß des Privataustausches als allgemeine
zesellschaftliche Arbeit bestätigen... Unterstellt Gray
die in den Waren enthaltene Arbeitszeit als unmittelbar gesellschaftliche,
zo unterstellt er sie als gemeinschaftliche Arbeitszeit oder als Arbeitszeit
direkt assoziierter Individuen .. . Das ist aber keineswegs Grays Meinung.
Die Produkte sollen als Waren produziert, aber nicht als Waren ausgetauscht
werden.‘‘ Bei Gray „macht einerseits die Gesellschaft in der Form der
Bank die Individuen abhängig von den Bedingungen des Privataustauschs
und andererseits läßt sie dieselben fortproduzieren auf der Grundlage des
Privataustausches, Die innere Konsequenz treibt Gray, eine bürgerliche
Produktionsbedingung nach der anderen wegzuleugnen, obgleich er bloß das
aus dem Warenaustausch hervorgehende Geld „reformieren‘‘ will. So ver-
wandelt er Geld in Nationalkapital, das Grundeigentum in Nationaleigentum,
and wenn seiner Bank auf die Finger gesehen wird, findet sich, daß sie nicht
bloß mit der einen Hand Waren empfängt und mit der anderen Zertifikate
zelieferter Arbeit ausgibt, sondern die Produktion selbst reguliert . .. Die
        <pb n="93" />
        — 81 —

„organische‘‘ Konstruktion von „Arbeitsgeld‘“ und ‚Nationalbank‘ und
„,Warendocks‘ ist nur Traumgebild ... Das Arbeitsgeld ist eine ökonomisch
klingende Phrase für den frommen Wunsch, das Geld, mit dem Geld den
Tauschwert, mit dem Tauschwert die Ware und mit der Ware die bürgerliche
Form der Produktion loszuwerden‘ (Kritik, S. 711lg.).
Die Marxschen Ausführungen bringen über das Problem
des Arbeitsgeldes nach einer Seite hin volle Klarheit: sie er-
weisen die Unmöglichkeit, das Recht auf den vollen Arbeitsertrag
durch eine bloße Änderung der Verteilungsordnung innerhalb
der Konkurrenzwirtschaft zu lösen. Die Arbeitswährung
hat nur dann einen Sinn, wenn sie auf gesellschaftliche Arbeit
abgestellt ist. Die gesellschaftliche Leistung im Kapitalismus ist
aber gerade nicht die Arbeit — diese vollzieht sich im Bereich
der Einzelwirtschaft —, sondern erst das Anbieten der Ware auf dem
Markt. Also entscheidet auch nicht die Arbeitsleistung als solche,
sondern das Warenangebot über die gesellschaftliche Wertgröße.
Dieses aber wird keineswegs nur durch die Arbeitsleistung,
sondern auch durch Kapital- und Risikoverhältnisse wesentlich
bestimmt. Die erste Voraussetzung der Einführung eines Arbeits-
geldes ist somit die Aufhebung der Konkurrenz in der Güter-
beschaffung: die Vergesellschaftung der Produktion.

Wie aber nun, wenn diese Bedingung erfüllt ist? Kann dann
das Recht auf den vollen Arbeitsertrag durch das Arbeitsgeld
verwirklicht werden? Ist dann die durchschnittliche gesellschaft-
iche Arbeitszeit genau zu ermitteln und die Zurückführung jeder
einzelnen Arbeitsleistung und ihrer Entlohnung auf diese Zeit-
einheit möglich?
Bei Marx und Engels bleibt die Frage des Arbeitsgeldes in
der sozialistischen Wirtschaft — ebenso wie deren Gestaltung überhaupt
‚Kollektivismus? Kommunismus?) — ungeklärt. Nach Bourguin ist
der Arbeitsbon ‚‚dasjenige Geld, das nach dem marxistischen Wertprinzip
einer sozialisierten Produktionsordnung entspricht“ (S. 116); Marx hin-
gegen betont wieder, daß das „Owensche Arbeitsgeld ebenso wenig Geld
ist wie etwa eine Theatermarke ... Das Arbeitszertifikat konstatiert nur
den individuellen Anteil des Produzenten an der Gesamtarbeit und seinen
individuellen Anspruch auf den zur Konsumtion bestimmten Teil des Gemein-
produkts‘“ (Kapital, I, Anm. 50). Ganz und gar zweitelhaft ist vollends der
{olgende Ausspruch: „Nur zur Parallele mit der Warenpro-
duktion setzen wir voraus, der Anteil eines jeden Produzenten an den
Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit‘, — und auch dies wieder
ınter der weiteren Voraussetzung, daß ‚die gesellschaftlichen Beziehungen
der Menschen zu ihren Arbeiten und Arbeitsprodukten hier durchsichtig
einfach bleiben in der Produktion sowohl als in der Distribution‘ (ebenda.
5ohn, Kann das Geld abgeschafft werden?
        <pb n="94" />
        - 82 —

5, 56; vgl. auch den oben angeführten Ausspruch von Engels). Wäre diese
lurchsichtige Einfachheit da, so gäbe es gar kein Geldproblem.
Bei eingehender Prüfung der Frage ergibt sich, daß auch
in einer kollektivistischen Wirtschaft keine Form der Arbeits-
geldrechnung mit den Grundsätzen dieser Wirtschaftsordnung ver-
einbar ist.
Schon die mannigfachen Vorschläge, welche — noch über die erwähnten

hinaus — in dieser Richtung gemacht worden sind, deuten darauf hin. Kro-
potkin unterscheidet geradezu vier Typen von Arbeitsgeldtheorien:
1. „Die meisten Kollektivisten, getreu dem Unterschied, der von den bürger-
;ichen Ökonomisten und von Marx zwischen „qualifizierter“ und „ein-
facher‘‘ Arbeit gemacht wurde, lehren uns, daß die qual ifıizierte
oder professionelle Arbeit höher beza hlt werden müßte als die
einfache Arbeit. So müßte eine Arbeitsstunde des Arztes als gleichwertig
mit 2 oder 3 Stunden des Krankenwärters oder auch 3 Stunden des Erd-
arbeiters gelten. Die professionelle oder qualifizierte Arbeit wird ein Viel-
faches der einfachen Arbeit sein, sagt uns der Kollektivist Groenlund,
weil diese Arbeit eine mehr oder minder lange Lehrzeit erfordert.‘ 2. „An-
dere Kollektivisten, z. B. die französischen Marxisten, machen diese Unter-
scheidung nicht; sie proklamieren die Gleic hheit der Löhne.
Der Doktor, der Schullehrer, der Professor werden (in Arbeitsbons) nach der
gleichen Taxe wie der Erdarbeiter bezahlt werden. 8 Stunden Hospitaldienst
werden denselben Wert wie 8 Stunden Erd-, Fabrik- oder Bergwerksarbeit
repräsentieren.‘ 3. „Einige machen noch weitere Konzessionen; sie nehmen
an, daß die ungesunde oder unangenehme Arbeit, z. B.
die des Klaokeunreinigens, nach einer h6ö heren Taxe als die angenehme
Arbeit bezahlt werden könnte. Eine Stunde Kloakenreinigungsdienst wird,
sagen sie, für 2 Arbeitsstunden eines Sprachlehrers rechnen.‘ 4. „Manche
Kollektivisten nehmen auch die Entschädigung en bloc durch
die Korporation an. Eine Korporation sagt z. B.: „Hier sind 100
Tonnen Stahl, die Produktion derselben ist durch 100 Arbeiter geschehen,
und wir haben darauf 10 Tage verwandt; da unser Arbeitstag 8 Stunden
gewährt hat, so macht dies 8000 Arbeitsstunden für 100 Tonnen Stahl und
380 Stunden für eine Tonne.“ Für diese Arbeitsleistung soll ihnen dann der
Staat 8000 Arbeitsbons A ı Stunde geben, und diese 8000 Bons werden dann
anter die Mitglieder der Fabrik nach deren Gutdünken verteilt.‘ Wie, fragt
Kropotkin hier, „wenn die Bergleute nun protestierten und sagten:
die Tonne darf nur 6 Arbeitsstunden und nicht 8 kosten? Wenn der Lehrer
sich seine Tagesarbeit doppelt so hoch entschädigen lassen will wie der Kran-
kenwärter? Dann tritt der Staat in Funktion und regelt die Differenz“
"Brot, S. 127/128).

Man kommt hiernach zu dem Ergebnis entweder einer weitgehenden
Differenzierung der Einheiten: 45 30jährige-Metallarbeiter-Minuten berech-
tigen etwa zur Inanspruchnahme von 3 noch-nicht-approbierten-Nervenarzt-
Minuten, — oder, wie Kropotkin sagt, „Ihr werdet genau den Teil
abzuwägen suchen, der jedem in der neuen Gesellschaft zufällt. Ihr werdet
Eure Arbeitsminuten zählen und werdet darüber wachen, daß Euer Nachbar
        <pb n="95" />
        83 —

mit seiner Arbeitsminute nicht mehr kaufen kann als Ihr mit der Eurigen,
Und da die Stunde keinen Maßstab angibt, da in der einen Manufaktur ein
Arbeiter 6 Webstühle zugleich bedienen kann, während er in der anderen
Fabrik nur deren 2 überwachen kann, so werdet Ihr die Muskelkraft, die
Gehirn- und Nervenenergie, die Ihr verbraucht habt, zu bestimmen ver-
suchen. Ihr werdet genau die Lehrjahre usw. in Anschlag bringen, um den
Anteil eines Jeden an dem zukünftigen Produkt nur ja genau bestimmen
zu können. Und alles dieses, nachdem Ihr erklärt habt, daß Ihr nicht den
Anteil in Rechnung stellt, welchen in der Produktion die Vergangenheit
genommen hat‘ (ebenda, S. 128).

Schließlich bleiben selbst dann noch die „unberechenbaren Dienste‘‘
ganz außer Betracht: „Die Gesellschaften würden in 50 Jahren verschwun-
den sein, wenn nicht Jeder unendlich viel mehr gäbe, als wofür er mit Geld
entschädigt würde oder ihm in Arbeitsbons und irgendwelchen anderen bür-
zerlichen Belohnungen geboten werden könnte, Es hieße die Ausrottung
der Menschheit, wenn . . jeder Mensch nicht manches gäbe, ohne zu
rechnen, wenn der Mensch besonders nicht da gäbe. wo er auf keine
Entschädigung rechnet‘ (ebenda, S. 135).
Wie ungeheuer kompliziert gestaltet sich also die angeblich
so einfache Arbeitsgeldrechnung, wenn man die weitgehende art-
und mengenmäßige Differenzierung des natürlichen und ge-
sellschaftlichen Lebens so berücksichtigen will, wie dies die Auf-
rechterhaltung der Gesellschaftswirtschaft — von der Gerechtig-
keitsforderung sei hier sogar abgesehen! — unausweichlich fordert,
Man bedenke: Im Marktverkehr besagt die Währung nichts als
das staatlich festgesetzte und gesicherte Verhältnis der Rechnungs-
einheit zu einer unveränderlich bestimmten Gewichtsmenge eines
chemisch einheitlichen und gleichartigen Stoffes. Und dieses kaum
veränderliche Verhältnis ist seinerseits nur eine verkehrstechnische
Hilfe bei der ihrem Wesen nach durch ganz andere Gründe be-
stimmten Preisgestaltung. Das Arbeitsgeldmaß soll dagegen
nicht nur Währungseinheit, nicht nur Rechnungsgrundlage
sein, sondern das ganze Verhältnis der gesellschaftlichen Produk-
tion und Konsumption, die gesamte Güterverteilung soll mittels
fester Taxen auf diese Einheit als Wer tmaßstab gegründet werden.
Welcher Differenzierungen müßte diese Wertnorm fähig sein! So
viele Dinge „stoßen sich hart im Raum“, welche hier in Frage
kommen, daß es sich schon verlohnt, eine kleine systematische
Übersicht darüber zu geben: Wenn die „Normalwerkstunde“
das leisten soll, was nach dem eben Gesagten von ihr verlangt
wird. so muß sie
A. zunächst folgenden Differenzierungen des „A rbeits-
wertes“ als solchen Rechnung tragen. Da ist
        <pb n="96" />
        84 -
ı. die Verschiedenheit des Arbeitsopfers: gleiche Arbeits-
erfolge können auf ganz verschieden großem und verschieden
geartetem Aufwand von Arbeitskraft beruhen. Was entscheidet
überhaupt über das Arbeitsopfer?

„Wie will man die Arbeit eines Weichenstellers schätzen? Bei derlei
kein greifbares Prcdukt hinterlassenden und deshalb nach ihren Wirkungen
anermeßbaren Arbeiten wird man. .sagen: je nach der (Sonnen-) Zeit,
die Du arbeitest, wirst Du bezahlt. Höchstens wird man hier ein paar Arbeits-
intensitätsabstufungen in Erwägung ziehen können‘‘ (Adler, S. 68), den
Verbrauch „verschiedener Quantitäten Nerven- und Muskel-
stoff bei gleicher mittlerer Anstrengung in derselben Sonnenzeit“ (Diet-
zel).

Die Berechnung des physischen Aufwandes wäre durch
die Feststellung des Grades der Unlustfärbung zu ergänzen,
welchen das Einheitsmaß einer jeden Arbeit für den Seelen-
zustand des Arbeiters mit sich bringt.

Adler hält es für nicht ausgeschlossen, die „qualitativ verschie-
denen Arbeiten bloß in ihre Unlustmomente aufzulösen‘‘ und danach die Ar-
beiten „wirklich auf eine Einheit reduzieren zu können‘ (S. 68). Wie be-
rücksichtigt er dann aber die individuell mannigfaltigen Tempera-
mente und den Augenblickswechsel der Stimmungen? Die geringen
Erfolge der neueren Experimentalpsychologie zeigen deutlich, wie weit wir
von einer irgendwie zuverlässigen „Psychometrie‘“ entfernt sind.
2, die Verschiedenheit des Arbeitserfolges. Diese wieder
kann sich darstellen

a) als persönliche und sachliche Ungleichheit des
Arbeitsergebnisses bei gleichem Aufwand: dank der verschiedenen
Befähigung der Arbeiter ergibt das gleiche Arbeitsopfer die
mannigfaltigsten Erfolge. (Von der Frage der Ausbildung soll
abgesehen werden, da hier eine weitgehende Berichtigung durch
gesellschaftliche Maßnahmen nicht ausgeschlossen ist.) Anderer-
seits wieder läßt die Eigenart mancher Dienste gerade wieder eine
Betätigung besonderer Geschicklichkeit oder Begabung oder Aus-
dauer, ja selbst eine Steigerung des Arbeitsopfers nicht zu:

„Angenommen, Weichensteller und Weber konsumieren gleiche

Lebenskraft in einem zehnstündigen Normalarbeitstage, so bekommt der

Weichensteller doch jahraus jahrein den gleichen Lohn für gleiches Normal

werk, während der Weber imstande ist, sein Einkommen durch überdurch-

schnittliche Anstrengung oder überdurchschnittliche individuelle Begabung

zu erhöhen‘ (Dietzel, Rodbertus, II, S. 113).

Vielfach besteht überhaupt völlige Unmöglichkeit, die Arbeits-
erfolge zahlenmäßig miteinander in Verbindung zu bringen: „Es
ist unmöglich, eine Norm zu finden. welche z. B. das „Produkt“
        <pb n="97" />
        — 85 —
des Richters mit demjenigen des Geistlichen oder des Lehrers auf
einen Generalnenner brächte‘“ (Dietzel, ebenda, S. 101).

b) in räumlich oder zeitlich ungleicher Auswirkung: Der
Unterschied der Nah- und Fernwirkung ebenso wie des früheren
oder späteren Eintritts des Arbeitserfolges dürfte ebenfalls nicht
anbeachtet bleiben. ° Es sei hier an den bekannten Vergleich
Böhm-Bawerks zwischen der Arbeit des Bäckers und des
Forstarbeiters erinnert, der einen Eichenschößling pflanzt; oder an
die jahrelang vergeblichen mühevollen Arbeiten an der Aushebung
des Panamakanals,

c) in dem persönlich und sachlich, räumlich und zeitlich
mannigfach verschiedenen Zusammenwirken von Arbeitsleistungen,
wie es die gesellschaftliche Arbeitsteilung mit sich bringt:

„Ein Bergwerk braucht bei Produkten mit einer bestimmten darauf
naftenden materiellen Arbeit vielleicht mehr Aufsichts-, Buchhaltungs-
ısw. -arbeit als eine Zigarrenfabrik bei Produkten mit derselben kostenden
nateriellen Arbeitsquantität. Jene spezifische Arbeit muß
dann auf die einzelnen Produkte des betreffenden Bergwerks bezw. der Fabrik
ie nach Quote verteilt werden, die sie vom Gesamtprodukt dieser Unter-
nehmungen ausmachen.‘ Aber selbst diese Quotierung hat ihre unübersteig-
baren Grenzen: „Die Arbeit des Richters wird für die gesamte Pro-
duktion geleistet, wenn man einmal seine Tätigkeit von der wirtschaftlichen

Seite aus betrachten will. Man kann hier gar nicht fragen: wieviel von der

richterlichen Arbeit kommt nun auf jedes einzelne Produkt?“ (Adler, S. 67).
B. Nach diesen Erwägungen ist weiter in Betracht zu ziehen,
daß der sogenannte Arbeitsertrag in keiner Wirtschaftsform, ob
isolierte oder gesellschaftliche Wirtschaft, allein das Ergebnis der
Arbeitsleistung ist. Vielmehr sind überall die Unterschiede zu
berücksichtigen, die sich aus der notwendig differenzierten Be-
nutzung von Stoffen und Kräften der (außermenschlichen) Natur
argeben, — sei es, daß diese im ursprünglichen oder in bereits
verarbeitetem Zustande verwandt werden. Die naturgegebene
Güterknappheit kann nicht überall und stets durch Arbeit über-
wunden werden, sondern die passiven Leistungen des „Wartens
ınd Wagens“ (Adolf Weber) müssen hinzutreten; auch sie dürfen
'n der Arbeitsgeldrechnung nicht übersehen werden, wenn nicht die
Zesellschaftswirtschaft aufs schwerste erschüttert werden soll.

Adler zeigt das an einem Beispiel: „Wenn im Sozialstaat eine

Zroße Mißernte stattfindet .. , so wird eine Hungersnot nur durch Erhöhung

der Getreidepreise zu vermeiden sein; denn nur so wird die notwen dige

Sparsamkeit aller Bewohner des Sozialstaats durchzusetzen sein“

S, 70). Einen ähnlichen Gedanken enthält auch der Gegensatz von ‚‚Ar-
        <pb n="98" />
        beitsrechnung‘‘ und ‚‚Wertrechnung‘“ bei Mises (Wirtschaftsrechnung,

5. 106/107).

Erweitern wir so den Arbeitsertrag durch Einbeziehung der
beiden anderen wirtschaftlichen Grundleistungen zum „Wirt-
schaftsertrag“ und beziehen auch alle die genannten Diffe-
renzierungen der „Wirtschaftsbedingungen“ ein, — was
bleibt dann noch von der Arbeitszeitrechnung, dem Arbeitsgeld?
Indessen selbst diese Modifikationen reichen noch nicht aus, um
einen brauchbaren Verteilungsmaßstab zu gewinnen; als bloße
Kosten, d. h. entgangener Nutzen, müssen sie ihrerseits not-
wendig auf einen positiven, gewonnenen Nutzen bezogen werden,

„Man vergegenwärtige sich die Lage des sozialistischen Gemein-
wesens, Da gibt es Hunderte und Tausende von Werkstätten, in denen
zearbeitet wird, Die wenigsten von ihnen erzeugen gebrauchsfertige Waren;
in der Mehrzahl werden Produktionsmittel und Halbfabrikate erzeugt. Alle
diese Betriebe stehen untereinander in Verbindung. Sie durchwandert der
Reihe nach jedes wirtschaftliche Gut, bis es genußreif wird. In dem rast-
losen Getriebe dieses Prozesses fehlt aber der Wirtschaftsleitung jede Mög-
lichkeit sich zurechtzufinden, Sie kann nicht feststellen, ob das Werkstück
auf dem Wege, den es zu durchlaufen hat, nicht überflüssigerweise aufgehalten
wird, ob an seine Vollendung nicht Arbeit und Material verschwendet werden“
/Mises, ebenda, S. 101).

Ist so schon die Produktion unübersehlich, wie soll man erst
die Verteilung regeln? Nur der Vergleich von Kosten und Nutzen
kann helfen. Aber welches ist wieder der Maßstab des
Nutzens? Mises versucht den Weg zur Lösung frei zu
machen: „Es ist ohne weiteres klar und braucht keiner näheren
Begründung, daß die Wertrechnung nicht technisch sein,
nicht auf dem objektiven Gebrauchswert (Nutzwert) der Güter
und Dienstleistungen aufgebaut werden kann.“ Der „objektive
Gebrauchswert“ erhält ja eine wirtschaftliche Bedeutung erst
dadurch, daß er zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse
verhilft!

Hier liegt der Kern der ganzen Frage und der Hauptein-
wand gegen jedwede Arbeitsgeldtheorie, Wie die Kollektivisten
subjektivistischer Richtung nicht mit der Knappheit der Wirt-
schaftsgüter rechnen, so vergessen die Objektivisten, daß alle
Wirtschaft letzten Endes nur dem Zwecke dient, den Bedarf der
Wirtschaftspersonen zu decken.

Dietzel gegen Rodbertus: „Das ‚„Zentralorgan‘“ hat zu
vestimmen, was produziert werden soll, und demgemäß die Arbeiter auf die
verschiedenen Betriebszweige zu verteilen. Was produziert werden soll,
entscheidet sich natürlich danach, was die Konsumenten begehren
        <pb n="99" />
        werden. Diese können nur soviel begehren, wie sie als Produzenten geleistet
haben: das Quantum des Begehrs steht danach fest. Aber das Qua le?
‚., Daß unter gleichen Bedingungen — physiologischen, klimatischen, sozi-
alen — die Bedürfnisse „im allgemeinen bei jedermann eine gleiche Reihen-
{olge bilden‘, mag zutreffen; aber wieviel verschiedene Produktionspläne
— z. B. für die verschiedenen Altersklassen, für die Bewohner der Berge,
4er Ebenen, der Meeresküsten, für die Bevölkerung der verschiedenen Zonen
— müßte das vielgeschäftige „Zentralorgan‘‘ ausarbeiten!‘” (II, S. 100).
Um diesen grundlegenden Mangel auszugleichen, gibt es
zw ei Möglichkeiten, aber auch nur diese beiden: entweder man
gibt den Grundsatz des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag bei
der Lohn- und Preisfestsetzung auf und regelt die Verteilung nach
dem Spiel von Angebot und Nachfrage, — oder man sagt
sich von der Freiheit der Arbeit und des Konsums los und geht
zum Kommunismus über. Der Kollektivismus ist auch in der
objektivistischen Form wegen seiner Einseitigkeit als Wirtschafts-
ardnung undenkbar.

Engels schon konnte sich der Bedeutung der „Nutzeffekte der
verschiedenen Gebrauchsgegenstände . . gegenüber (!) den zu ihrer Her-
stellung nötigen Arbeitsmengen‘“ nicht ganz verschließen (S. 335), und
Schäffle hat in Verfolg dessen durch Hereinziehung des „besonderen
and wechselnden Gebrauchswertes aller Einzelarbeiten‘ die Arbeitsgeld-
theorie im entscheidenden Punkte aufgegeben. Er sicht klar, daß man auch
im „Sozialistenstaate‘“ das Recht auf den vollen Arbeitsertrag nicht ver-
wirklichen kann, weil „vom Kollektivprodukt abginge, was für das Gemein-
wesen gebraucht wird, also in öffentlichen Nutzen übergeht: z. B. für Ersatz
and Verbesserung aller kollektiven Produktionsmittel, für Schutz, Ordnungs-
wesen, Erziehung und öffentliche Anstalten anderer Art... Es wäre um -
gekehrt wie heute: Das Ganze würde nicht durch Steuern aus dem
Privateinkommen schöpfen, sondern den Einzelnen einen nicht zu veräußern-
den, sondern zu verzehrenden Teil der Produkte und Bedarfe seinerseits
zusteilen. Organe des Gemeinwesens wären ja an Stelle konkurrierender und
steuernder Privaten getreten, um die Masse des Zwischenstoffwechsels zu
vestimmen und zu leiten‘ (Bau, III, S. 334)-

Dietzel und Adler führen im einzelnen aus, wie nur der un-
nittelbare Zwang — namentlich der Arbeitszwang — oder fortdauernde
Lohn- und Preisverschiebungen das Mißverhältnis von Vorrat und Bedarf
ausgleichen können: „Soll das Gesamtprodukt nicht übergroßen Schaden
‚eiden, so muß dem Sozialwillen das Recht zustehen, die Individuen hin und
herzuschieben wie Marionetten‘‘ (Dietzel, II. S. ı12; ebenso Adler,
S. 71).

Auch Adolph Wagner darf hier nicht unerwähnt bleiben,
Er beginnt seinen „‚Exkurs‘“ über das Arbeitsgeld mit der Erinnerung, „daß
lie folgerichtige Entwicklung der sozialistischen Gedankengänge zu einer
‚naturalen‘ Verteilung in einem sozialistischen Wirtschafts-
system führen müßte, d. h. zu einer solchen, in welcher nicht nur die Wert-
anteile jedes Genossen...autoritativ festgestellt, son-
        <pb n="100" />
        — 38 —

dern auch .. in bestimmten konkreten Gütern der und der Art
und Menge zum Behufe der Bedürfnisbefriedigung überwiesen werden
müßten, Damit wäre jede Freiheit des Konsums, jede freie Wahl der Güter
hierfür geopfert. Um die abschreckende Ungeheuerlichkeit eines selchen
Systems zu vermeiden, hat man indessen auch im Sozialismus an eine Art
Geld, ein sogenanntes Arbeitsgeld gedacht, welches diese Freiheit des Kon-
sums mindestens in gewissen Grenzen bestehen ließe‘ (S. 142). Und derselbe
Exkurs schließt: „Also Schritt für Schritt weiter auf dem Zwangswege.
Wollte man davon absehen, so bliebe nichts anderes übrig als, die
Taxen der einen nicht oder weniger, als zum vollen Absatz nötig ist, nach-
gefragten Güter zu ermäßigen, um ihren Absatz zu erzielen, die Taxen der
stärker begehrten Güter entsprechend zu erhöhen, um die Nachfrage danach
einzuschränken. D. h. man wäre auch bei dem sozialistischen Arbeitsgelde
wieder zum „Marktgesetz‘“ des freien Verkehrs, Angebot
und Nachfrage und Regelung der Preise danach, zurückgekehrt! ... Es
wäre damit ,. der Grundgedanke des sozialistischen Arbeitsgeldes ad ab-
zurdum geführt‘ (S, 143). Genau dasselbe Entweder-Oder drückt Wag-
ner hier aus, was Kropotkin in dem einen Satze zusammendrängt,
daß „die Nation oder die Kommune, die sich eine derartige‘ (kollektivistische)

„Organisation gibt, gezwungen sein würde, entweder zum Privateigentum

zurückzukehren oder sich unmittelbar in eine kommunistische Gesellschaft

ımzugestalten‘‘ (Brot, S. 129).

Jeder Versuch also, das Geld allein seines Dienstes als
Rechenmittel zu entheben oder diese Funktion in ihrer Eigen-
art zu verändern, zeugt nur von der mangelnden Einsicht des
betreffenden Reformators in das Wesen des Geldes und der Geld-
wirtschaft und bleibt entweder gänzlich wirkungslos oder führt mit
unausweichlicher Notwendigkeit zur völligen Beseitigung des Geldes,
zur Großnaturalwirtschaft. Der Kollektivismus ist eines derjenigen
Wirtschaftssysteme, dessen praktische Durchführbarkeit man nicht
zu erörtern braucht, weil er als „sozialistische Geldwirtschaft“ einen
unlösbaren Widerspruch in sich enthält,

Mises äußert sich in diesem Sinne: „In der sozialistischen Wirt-
schaft, die zwar nicht notwendigerweise das Geld vollständig beseitigen muß,
wohl aber den Ausdruck der Preise der Produktionsmittel (einschließlich
der Arbeit) in Geld unmöglich macht, kann das Geld in der Wirtschaftsrech-
nung keine Rolle spielen‘ (S. 102; man darf hinzufügen, daß das Geld, das
nicht Preisausdrucksmittel ist, auch seine Existenzberechtigung als Um-
tauschmittel einbüßt: wo keine Geldpreise, da gibt es auch keine Geldzahlun-
gen). Während Mises nun aber eine sozialistische Wirtschaft, weil sie ohne
einheitliche Wertrechnung „bestenfalls auf vage Schätzungen‘ angewiesen
sei, überhaupt nicht für lebensfähig hält, glaubt Neurath fest an eine
„Wirtschaftsordnung, in welcher Produktion und Verteilung ohne Zugrunde-
legung eines einheitlichen Maßes, weder des bisherigen Geldes, noch eines
Arbeitsgeldes, noch sonst einer ähnlichen Einrichtung geregelt werden‘‘
‘Kriegsw.. S. 171: näheres hierüber vgl. unten im Schlußkapitel. IIN.
        <pb n="101" />
        7. Kapitel.
Die Abschaffung der Geldzahlung.

Wie die einen fälschlich glauben, die Geldrechnung aufheben,
das Geld als Zahlungsmittel aber beibehalten zu können, so meinen
andere umgekehrt, die Geldzahlungen allein beseitigen zu
können und zu sollen.

Liefmann, der das Geld ausschließlich als „‚abstrakte Rechnungs-
einheit‘“ auffaßt, sagt geradezu: „Wenn deren Verkörperung in einem wert-
geschätzten Sachgut nicht mehr erforderlich ist, dann erst beginnt die eigent-
liche Epoche der Geldwirtschaft‘“ (Geld, S. 191). ;

Wiederum muß man hier zweierlei scharf auseinanderhalten:
denjenigen Streit gegen das „wertgeschätzte Sachgut‘“, der sich
nur gegen den psychologistischen Auswuchs eines mißverstandenen
Metallismus richtet, — und die Bekämpfung des körperlichen Geld-
zeichens schlechthin. Im ersteren Falle handelt es sich, wie immer
wieder hervorzuheben ist, überhaupt nicht um eine Aufhebung des
Geldes, sondern nur um den Kampf gegen eine historisch ein-
seitige Auffassung von seinem Wesen, Hier soll nur die zweite
Bestrebung erörtert werden, die das Geldzeichen durch den Buch-
vermerk, den Zahlungsverkehr durch das Verrechnungswesen
ersetzen will. Vorschläge und auch praktische Versuche in dieser
Richtung begegnen uns vielfach auch im täglichen Leben. Wir
müssen die lediglich auf eine Geldreform innerhalb der heutigen
Wirtschaftsführung abzielenden Bestrebungen von denen unter-
scheiden, welche die Frage unter den Voraussetzungen eines
anderen gesellschaftswirtschaftlichen Organisationstyps lösen wollen.

ı. Innerhalb der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft will
man die Geldzahlungen durch weitgehende Ausgestaltung der
Giroüberweisungen und allgemeinen Abrechnung verdrängen,

So meint insbesondere Liefmann, „je mehr die Trennung von

Konsum- und Erwerbswirtschaft, die rein geldliche Nutzen- und Kosten-

vergleichung der letzteren, die Geldrechnung aller Kosten bei der ersteren,

iortschreitet, je mehr alle Güter und Leistungen Geldpreise haben und auch
das Geldleihkapital sich entwickelt, um so mehr treten die vom Staate ge-
schaffenen realen Zahlungsmittel an Bedeutung zurück hinter
        <pb n="102" />
        90 -

der abstrakten Rechnungseinheit, die, von den Einzelnen

als Grundlage ihrer Einkommen geschätzt, alle Umsätze (!) vermittelt‘ (Geld,

S. 191). Liefmann befindet sich hier in einem Irrtum, der für ihn charak-

teristisch ist, weil er aus seiner Auffassung des Wirtschaftens als eines Kom-

plexes ausschließlich „psychischer Erwägungen‘‘ folgt: er hält auch die

Überweisung für einen Akt der Gedrechnun g. Liefmann sieht nicht,

daß Geldrechnung und Verrechnungsverkehr zwei ganz verschiedene Tat-

bestände sind. Verrechnung bedeutet in unserer Wirtschaftsordnung wechsel-
seitige Übertragung von Kaufkraft; ob diese Übertragung durch Metall-
stücke oder Banknoten bewirkt wird oder durch allgemein gebräuchliche

Schecks oder Lochungen der Ausweiskarte über ein Giroguthaben oder sogar

nur Buchungen in den Konten von Gläubiger und Schuldner, ist dem Wesen

nach kein Unterschied. In allen diesen Fällen haben wir es außer mit der
abstrakten Rechnungseinheit auch mit Objekten konkreten Handelns zu
tun; selbst der Buchungsvermerk ist noch ein solches reales Mittel
der Kaufkraftübertragung, nicht bloß Rechnung mit idealen Zahlengrößen.

Bendixen bemerkt dazu treffend: „‚Giralgeld ist reales Zahlungsmittel,

nicht anders als Noten und Münzen, und lautet wie diese auf abstrakte

Werteinheiten. Mit vorgestelltem Geld kann man so wenig zahlen, wie man

sich mit vorgestelltem Brot satt essen kann‘ (Währungspolitik, S. 149)-

Obendrein muß aus verkehrstechnischen Gründen „eine ge-
ringe Menge Scheidegeld für den Detailverkauf in Umlauf
bleiben“ (Neurath); denn „gewisse Zahlungen — insbesondere .
die Zahlungen des Kleinverkehrs — werden immer durch tat-
sächliche Leistung der allgemein anerkannten körperlichen Zahlungs-
mittel geschehen müssen“ (Hahn, S. 44).

2. In der heutigen Wirtschaftsordnung bedeutet also die
Ausbreitung des Verrechnungswesens nicht eine Beseitigung des
Geldes als Zahlungsmittel, sondern nur eine technische Veränderung
der zufällig gebrauchten Geldzeichen. Wie steht es aber mit dieser
Einrichtung in einer anderen Wirtschaftsorganisation? Man hat
das Verrechnungswesen vielfach mit den kollektivistischen Systemen
in Verbindung gebracht, ja sogar in Plänen von Kommunisten
spielt es, namentlich für die Übergangswirtschaft, mitunter eine
Rolle.
Engels z. B. denkt sich den Verkehr innerhalb der Kommune
durch Arbeitsgeld, zwischen den Kommunen durch „bloße Buchführung‘‘
geregelt: „Im Verkehr zwischen der Kommune und ihren Mitgliedern ist das
Geld gar kein Geld, fungiert es gar nicht als Geld. Es dient als reines
Arbeitszertifikat, es konstatiert, um mit Marx zu reden, „nur den indivi-
duellen Anteil des Produzenten an der Gemeinarbeit und seinen individuellen
Anspruch auf den zur Konsumtion bestimmten Teil des Gemeinprodukts“
und ist in dieser Funktion ebenso wenig Geld wie etwa eine Theatermarke‘‘
«+. Ob die Marke, die das Maß der erfüllten „Produktionspflicht‘“ und des
damit erworbenen ‚‚Konsumtionsrechts‘‘ bezeichnet, ein Wisch Papier, ein
        <pb n="103" />
        91

Rechenpfennig oder ein Goldstück ist, bleibt sich für diesen Zweck vollständig
gleich... Wenn das Metallgeld schon im Verkehr der Wirtschaftskommune
mit ihren Mitgliedern nicht als Geld fungiert, sondern als verkleidete Arbeits-
marke, so kommt es noch weniger zu seiner Geldfunktion im Austausch
zwischen den verschiedenen Wirtschaftskommunen. Hier ist das Metallgeld
total überflüssig. In der Tat wird eine bloße Buchführung hinreichen, die
den Austausch von Produkten gleicher Arbeit gegen Produkte gleicher Arbeit
ziel einfacher vollzieht, wenn sie mit dem natürlichen Maßstab der Arbeit
— der Zeit, der Arbeitsstunde als Einheit — rechnet, als wenn sie die Arbeits-
stunden erst in Geld übersetzt. Der Austausch ist in Wirklichkeit reiner
Naturalaustausch; alle Mehrforderungen sind leicht und einfach
ausgleichbar durch Anweisungen auf andere Kommunen‘ (S. 327/328).
Die Unterscheidung, die Engels macht, ist dadurch bedeutsam, daß
er das Arbeitsgeld in seiner Eigenschaft als Zahlungsmittel dem Goldstück
völlig gleichstellt, wogegen er die Buchungen nur als Scheinzahlungen, als
verschleierte Naturalwirtschaft ansieht. Allerdings zeigt gerade diese Unter-
scheidung, daß Engels von dem Wahn der Arbeitszeitrechnung als einer
Geldrechnung noch keineswegs befreit ist.

Noch deutlicher tritt die naturalwirtschaftliche Grundlage des Ver-
rechnungswesens bei Bellamy hervor, obwohl das Geld als solches in
der ‚Kreditkarte‘ beibehalten wird: ‚Ein Kredit, der seinem Anteil an
der jährlichen Produktion des Landes entspricht, wird jedem Bürger am An-
fange eines jeden Jahres in der Staatsbuchführung eingeräumt, und eine
Kreditkarte wird ihm ausgestellt, auf Grund welcher er sich aus den öffent-
lichen Warenlagern, die es in jeder Gemeinde gibt, das besorgt, was er
wünscht, und wann er es wünscht ... Die Karte ist auf eine gewisse Anzahl
Dollars ausgestellt. Wir haben das alte Wort behalten, aber nicht die
Sache. Der Ausdruck dient nur als ein algebraisches Zeichen,
am die Werte der verschiedenen Produkte miteinander zu vergleichen . ..
Der Wert der von mir auf Grund dieser Karte entnommenen Gegenstände
wird von dem Beamten gebucht, welcher aus diesen Reihen von Vierecken
den Preis des von mir Bestellten ausschneidet‘‘ (S. 70).

Weiter ist in diesem Zusammenhange Solvays Plan ‚sozialer
Buchungen (Comptabilisme social)‘ zu nennen, Hiernach gibt die Na-
tionalbank den „Transaktionenten . . Rechnungshefte in blanco oder mit
einer bestimmten auf der Creditseite eingetragenen Summe aus‘“; außerdem
„einen Stempel mit Ziffern oder Zeichen, die alle Angaben hinsichtlich seiner
Person feststellen. . , und mit Hilfe dessen er die Ziffern seiner Transaktionen
in dem Heft seiner Korrespondenten einträgt oder löscht‘. Um auch Fern-
zahlungen zu dienen, kann „das Abrechnungssystem auch Credit- und Debet-
marken an Stelle der Stempel anwenden, die der Käufer (bezw. Verkäufer)
aus seinem Heft ablöst und auf das Credit (bezw. Debet) des Verkäufers (bezw,
Käufers) klebt‘ (S. 15). Während „die in den Blankoheften eingetragenen

Transaktionen auf Risiko und Gefahr der Transaktionenten gehen‘, werden
„die in den schon mit einem Creditbetrag versehenen Heften eingetragenen
Transaktionen‘ bis zur Höhe dieses Betrages von der Nationalbank garantiert.
Dafür werden auch die ‚„Kredit-Abrechnungshefte‘“ nur gegen hypothe-
karische Sicherheitsleistung abgegeben. Nach Rückkehr der nicht gebrauch-
ten oder erloschenen Hefte „eröffnet der Hauptrechnungsführer cin Konto
        <pb n="104" />
        O2 +—

für jeden Rücklieferer eines Heftes, der noch einen Saldo hat; dieser Saldo

wird auf dem Konto vorgetragen, und man kann für diesen Betrag, wiederum

zegen Hypothekenbestellung, neue Kreditrechnungshefte erhalten‘ (S, 17).

Solvay ist nicht Anhänger eines ausgesprochenen Kollektivismus oder

gar Kommunist; er huldigt vielmehr der Anschauung des „Produkti-

vismus, der darin besteht, die soziale Produktivität durch eine sehr
verschiedene Mittel umfassende Gesamtordnung auf ihr Maximum zu bringen‘‘

(Gide - Rist, S. 359). Auch Solvays Vorschlag bedeutet keineswegs

eine Aufhebung der Geldzahlungen; die Auffassung Schumpeters,

der „keinen Wesensunterschied zwischen dem bestehenden Währungsgeld
und Solvays Buchgeld‘“ sieht (Sozialprodukt, S. 636), ist durchaus
zutreffend.

Schließlich reiht sich den drei letztgenannten Plänen neuestens noch

Justus Rechts Vorschlag der Umwandlung des Geldes in ein staat-

liches „‚Kontogut‘“ an.

Auch die Bedeutung dieser Vorschläge liegt nicht darin, daß
sie das Geld in seiner Zahlungsmittelfunktion aufheben, sondern
daß das Zahlungswesen zentralisiert wird; daß diese die höchste
Blüte der Verkehrswirtschaft darstellende Einrichtung einen mehr
and mehr verwaltungswirtschaftlichen Charakter an-
nimmt.
Bei Engels verdeckt die Buchführung nur noch die Naturalwirt-
schaft, Bellamys Kreditkarte „entspricht dem Anteil der Inhaber an
der jährlichen Produktion des Landes‘, und Solvays Buchungen sollen
bewirken, ‚daß man stets mit einer genügenden Genauigkeit die Gesamtsumme
der Ausgaben und Einnahmen eines Jeden erkennt‘, Mit voller Schärfe tritt
lieser verwaltungswirtschaftliche Gesichtspunkt hervor, wenn Neurath
„uneinlösliches Girogeld im Kriegsfalle‘“ verlangt: „Es erscheint
erwägenswert, alle Guthaben bei Banken, Sparkassen und verwandten In-
stituten im Kriegsfalle für uneinlösliche Giroguthaben zu erklären, über die
nur mit Schecks ‚zur Verrechnung‘ verfügt werden könnte ... Zahlungen
könnten ungehindert geleistet werden, zumal dann, wenn das Girogeld
zum Kurantgeld erhoben würde, Man zahlt dann dem Hausherrn
den Zins, dem Fleischer das Fleisch, dem Angestellten das Gehalt in Girogeld.
Nur eine verhältnismäßig geringe Menge Scheidegeld müßte für den Detail-
verkauf im Umlauf bleiben. Muß jemand an einen anderen Zahlung leisten,
der kein Konto besitzt, so wird demselben zwan gsweise eines z. B,
bei der Postsparkasse eröffnet, welche ja ihr Filialnetz bis in die kleinsten
Irtschaften erstreckt“ (Kriegsw., S. 134). Hier wird also nicht die unmittel-
vare Aufhebung der Geldzahlungen, sondern nur ihre verwaltungswirt-
schaftliche Ausgestaltung erstrebt; aber diese scheinbare Förderung der Geld-
wirtschaft soll in Wahrheit nur den Übergang zur Naturalwirtschatt bilden:
„Soweit der bargeldlose Zahlungsverkehr organisierend. eingreift, wird durch
ihn mittelbar die Naturalwirtschaf{it begünstigt,
la nur sie, nicht aber die Geldwirtschaft einer auf einem Wirtschaftsplan
aufgebauten Organisation fähig ist. Der bargeldlose Zahlungsverkehr fördert
n diesem Sinne nicht nur die Entthranung des Goldes, sondern hilft auch
        <pb n="105" />
        die Entthronung des Geldes anbahnen‘‘ (ebenda, S. z66; näheres oben im

4. Kapitel, 11).

Auch das Programm der kommunistischen Partei Rußlands vom Mai

1919 fordert als eine die Geldabschaffung vorbereitende Maßnahme die Er-

weiterung des Verrechnungsverkehrs: „Die K. P. R. stützt sich auf die

Verstaatlichung der Banken und erstrebt die Durchführung einer Reihe von

Maßnahmen, die das Gebiet der geldlosen Verrechnung erweitern und die

Abschaffung des Geldes vorbereiten: obligatorische Autf-

bewahrung der Gelder in der Volksbank, Einführung von Budgetbüchern,

Ersatz des Geldes durch Schecks, kurzfristige Gutscheine für den Empfang

von Produkten usw.‘ (S. 20).

Das Ergebnis ist somit dasselbe wie im vorigen Kapitel;
ebensowenig wie die Geldrechnung kann die Geldzahlung allein
abgeschafft werden. Entweder beide oder keine von beiden! Die
meisten der angeblich zur Beseitigung des Geldes als Zahlungs-
mittel gemachten Vorschläge zielen von vornherein ins Leere,
da sie auf einer falschen Auffassung vom Wesen des Geldes be-
ruhen. In den übrigen Plänen aber ist es gar nicht auf die bloße
Aufhebung der Geldzahlung abgesehen, sondern nur auf die
allmähliche Umgestaltung des Geldverkehrs zur Geldverwaltung
und schließlich die völlige Beseitigung der Geldwirtschaft (und
Geldrechnung) durch die Großnaturalwirtschaft.
        <pb n="106" />
        8. Kapitel.
Die Abschaffung der Geldhortung.
L
Nicht genug damit, daß man wähnte, das Geld nur als
Rechnungseinheit oder nur als Zahlungsmittel beseitigen zu können,
noch an anderer Stelle hat man mit den Reformvorschlägen ein-
gesetzt: man will die Geldhortung, seine Aufspeicherung unter-
binden. Das Geld — so glaubt man —, insbesondere das schöne,
blanke Metall brauche nur aus dem Topf oder Strumpf heraus-
geholt und ins Rollen gebracht zu werden, um alle seine Schatten-
seiten verschwinden zu lassen. Am meisten hat durch solche
Gedanken und Pläne Silvio Gesell von sich reden gemacht, als
Verfasser mehrerer Bücher und Schriften (vgl. das Quellenver-
zeichnis), Führer der Freiland-Freigeld-Bewegung und gewesener
Finanzminister der Münchener Räterepublik vom April 1910.

Gesells Pläne sind „begründet auf der Erkenntnis, daß einer-
seits der Austausch nur solange ungestört von statten gehen kann, als das

Tauschverhältnis zwischen Waren und Geld (Preis des Geldes) unverändert

oleibt; daß andererseits irgend eine Ware — und demnach auch das Geld (!)

— nur solange einen über Ort und Zeit hinweg festen Preis haben kann, als
wie auf irgend eine Weise ein dauernder Ausgleich zwischen Nachfrage und

Angebot in der betreffenden Ware künstlich erzwungen wird ... Darum

'ordert die Geldreform: Anschmiegung des Geldangebots

‘nicht mit Geldproduktion zu verwechseln) an die durch das fortlaufende

Angebot von Waren vertretene Nachfrage nac hGeld, um auf diese

Weise .. den festen Preis zu erzwingen‘ (Verwirklichung, S. 86). Die

Schwankungen der Güterpreise erklären sich nach Gesell aus dem unregel-
mäßigen, „dem Zufall, den Spekulanten, Wucherern, Kapitalisten und Privat-
interessen überlassenen Angebot von Geld‘ (ebenda, S. 86/87). Das mangelnde

Angebot wieder hat seinen Grund darin, daß das Geld gehortet werden kann,

Die Eignung des Metallgeldes — Gesell nennt es „Übergeld‘, ‚„‚Sonntags-

geld“ — zum Sparmittel steht seiner Benutzung als Zahlungsmittel ent-

gegen: „Das Vieh war, als Ware betrachtet, ein schlechtes Tauschmittel
(Geld); als Tauschmittel betrachtet, war es besser als das Gold‘“ (ebenda,
3. 77\. Denn das Vieh unterliegt, wie jedes andere Genußgut, bei längerer
Aufbewahrung dem Verderb; nicht so die Edelmetalle, die doch gerade, SO-
weit sie Geld sind. in ständigem Umlauf befindlich sein sollen. Durch ihre
        <pb n="107" />
        Dauerhaftigkeit wird die Geschwindigkeit des Umlaufs nach Geseils

Meinung von dem Belieben des Geldbesitzers abhängig gemacht; es besteht

keinerlei aus der Natur des Geldes hervorgehender Zwang, es auszugeben,

und so gibt der Besitzer es nicht hin, ohne einen Profit davon zu haben: den

Zins. Gesell führt sogar den Zins des Realhkapitals teilweise auf das

Geld zurück: „Da der Kaufmann die Waren diskontiert, ähnlich wie die

Bank die Wechsel, aber selbstverständlich niemand Geld ohne Zins vorschießt

oder verleiht, so ist es klar, daß der Kaufmann den Austausch der Waren

von einer entsprechenden Zinsvergütung abhängig machen wird. In den

Handel wird also keine Ware aufgenommen, die nicht eine Zinsbelastung

trägt‘ (ebenda, S. 247).

1. Schon diese nach der ersten Auflage des Gesellschen
Hauptwerkes gegebene Andeutung des erkenntnismäßigen
Unterbaues der Freigeldbewegung offenbart grundlegende Irr-
tümer. In der jüngst erschienenen erheblich veränderten dritten
Ausgabe des Buches sind diese nicht etwa beseitigt, nein, sie
treten eher noch gröber hervor.

a) Zunächst ist die Gesellsche Geldtheorie als typisch
„privatwirtschaftlich“ zu bezeichnen. Aus dem engen Ge-
sichtskreis des Kleinkapitalisten, aus spezifisch kleinbürgerlichen
Vorstellungen von Markt- und Geldverkehr ist seine Lehre heraus-
geboren. Wirtschaft: Wechsel von Einnahmen und Ausgaben des
Einzelwirts in der Konkurrenzwirtschaft, Ziel des Wirtschaftens:
Vermehrung des Geldbesitzes. Weg des Wirtschaftens: Losschlagen
der Waren, Aufspeicherung von Geld. Grundnorm: Keine Geld-
ausgabe machen, die nicht mehr Geld, „d.h. Zins“, einbringt!
„Alle müssen das, was sie erzeugen, verkaufen.
Der Schuster, der Schreiner verkaufen ihre Erzeugnisse an die Kundschaft,
der General, der Lehrer verkauft seine Leistungen an den Staat, der Tage-
jöhner an. den Unternehmer . .. Und den Absatz, den gegenseitigen Austausch
der Arbeitsprodukte vermittelt das Geld, Ohne das Dazwischentreien des
Geldes gelangt keine Ware mehr bis zum Verbraucher; ... der Tausch-
handel ist derart umständlich, .. daß man lieber
die Arbeit einstellt (!)“ (Wirtschaftsordnung, S. 116). Mithin
„erfüllt das Geld seinen Zweck dadurch, daß immer
wieder jemand das Geld such t“ (S. 130). Nun ist aber die Geld-
wirtschaft Konkurrenzwirtschaft, d. h. ‚‚,wechselseitige Ausbeutung des
Nächsten‘, wo „die Grundsätze des Wuchers auch die des Handels im all-
zemeinen‘“ und ‚zwischen Handel und Wucher nur Maßunterschiede, keine
Artunterschiede festzustellen sind‘ (S. 128/129). Anders ausgedrückt: „Das
Streben, für eine möglichst geringe Leistung eine möglichst hohe Gegen-
leistung herauszuholen, — das ist die Kraft, die den Austausch der Produkte
leitet und beherrscht‘ (S. z30). Bei diesem Konkurrenzkampf zieht der
Warenverkäufer, der ‚‚das Geld sucht‘, mit Notwendigkeit den kürzeren.
Denn ‚die Ware muß gegen Geld verkauft werden d. h, es besteht für das
        <pb n="108" />
        Geld eine Zwangsnachfrage, die genau ebenso groß ist wie der
Vorrat an Waren‘ (S, 117); „die Gegenstände, die das Angebot (von Waren)
vertreten, verderben; sie werden leichter, schlechter, fallen gegenüber den
’rischen Erzeugnissen ständig im Preise ... Das Angebot m u ß also größer,
Aringender werden, in demselben Maße, wie etwa der Verkauf, der Absatz
stockt‘ (S. 176/177). In diesem Sinne geht das Angebot der Ware von der
Ware aus, nicht vom Eigentümer (!); einen Willen läßt die Ware ihrem Eigen-
‚ümer nur in seltenen Ausnahmen und dann noch in beschränktem Maße...
9b der Preis dem Erzeuger Gewinn oder Verlust bringt — einerlei, die Waren
werden angeboten, müssen angeboten werden, und zwar in der Regel sofort.
Darum können wir das Angebot von Waren, d. i. die Nachfrage nach
Geld, mit der Ware selbst als wesenseins ansehen, sie von mensch-
lichen Handlungen unabhängig erklären‘ (S. 178/179).
Umgekehrt ist das Geldangebot, die Warennachirage, von
solchem Zwange befreit. Aus Gold hergestellt, .. widersteht es
siegreich allen Zerstörungskräften der Natur . .. Das Geld, das wir aus
Gold machen, schützt seinen Besitzer vor jedem Stofiverlust (!) ... Der
Besitzer des Goldes kann also die Nachfrage nach
Waren hinausschieben; er kann seinen Willen geltend machen,
‚. den Zeitpunkt, wo er das Geld anbietet, auswählen ... Die Ware be-
fiehlt, duldet keinen Widerspruch, das Gold ist geduldiger Diener seines
Herrn. Dort Zwang, hier Freiheit — und beides vereinigt, Zwang auf
der einen Seite, Freiheit auf der andern, bestimmt
den Preis“ (S. 179/180). Das Ergebnis ist: ‚Unser heutiges Geld ver-
mnittelt der Regel nach den Austausch der Waren nur unter der Bedingung
eines Tributs. Der Profit, der Tribut, der Zins, oder wie man es nennen
mag, ist die allgemeine Voraussetzung des Warenaustausches. Ohne Tribut
kein Tausch... Kann aus irgend einem Grunde das Geld seinen gewohnten

Tribut nicht erheben, so bleiben die Waren liegen, sie verderben, verfaulen,

vergehen (Krise)‘“ (S. 181).

b) Hierzu kommt dann der Gefühlsmetallismus des
‚Schatzbildners‘“, der sich von seinen Goldstücken und Talern
nicht trennen kann, weil sie doch so schön glänzen und so „voll-
wichtig“ in der Hand liegen.

Bendixen macht sich — in einer humoristischen Randbemerkung
zu Knap ps „Staatlicher Theorie des Geldes‘ — über solches „‚psychisches
Wirtschaften‘ lustig: „Wenn Knapp sich einen Apfel kauft, so nimmt
ar 10 Pfg. aus seinem Portemonnaie und sagt: Dieses Stück gilt 10 Pfg., und
la die Obstfrau 10 Pfg. verlangt, so zahle ich damit meine Schuld. — Welch
seelenloses Handeln! Wir schätzen unser Zehnpfennigstück wert, wir haben
28 lieb, wir lassen nur mit Schmerzen von ihm, wir bringen es leise weinend
zum Opfer, nachdem wir das Lustgefühl, den Nickel zu besitzen, mit dem
Lustgefühl, den Apfel zu verspeisen, verglichen und das letztere Lustgefühl
als überwiegend festgestellt haben. Das ist psychisches Wirtschaften,
und das Zehnpfennigstück „gilt‘ nicht nur, sondern es ist ein Gut, ein Kosten-
gut, denn es ist „kostspielig‘‘ und „selten‘“ und sein Wiedererwerb mit Kosten
verbunden, so daß es auch ‚„Sparwert‘“ hat (Wesen, S. 71, Anm.).
        <pb n="109" />
        Bei Gesell ist alles das bitterer Ernst: „Ein blanker Taler,
sin entschieden echter Taler, wird in der Woche vielleicht nur zehnmal den
Besitzer wechseln, weil mancher sich an seinem Anblick vielleicht längere Zeit
weidet und noch einmal überlegt, ehe er ihn ausgibt. Beieinem „‚verschlis-
senen‘“ Taler sind diese Hemmungen geringer und bei einem Taler, dessen
Echtheit angezweifelt wird, gar nicht vorhanden. Um dieselbe
Bahn zu durchlaufen, braucht also ein blanker Taler drei Wochen, ein ver-
schlissener zwei Wochen und ein zweifelhaiter nur eine Woche. Um die
ZzleicheAnzahlvonGeschäftenabzuwickeln, braucht
mandreineue, zweialteund nur einen zweifelhaften.
Die Verschleißkraft, die kaufmännische oder handelstechnische Qualität des
Geldes steht also im umgekehrten Verhältnis zur banktechnischen Qualität
des Geldes. Kaufmännisch betrachtet, ist ein zweifelhaiter Taler dreimal
vesser als ein blanker Taler‘ (S. 171/172). Kein Wunder darum, wenn Ge-
sell glaubt, der „Vorschlag, das Geld mit Schwetielwasserstoff
zu durchtränken, damit sich jeder becile, es wieder weiterzugeben‘, werde
eine Erweiterung der ‚Grenze der möglichen Schnelligkeit des Geldumlauftes‘‘
»fenbaren (S. 173).

c) Das Ergebnis des soeben geschilderten wirtschaftlichen
Denkens und Fühlens ist schließlich Gesells auf die Spitze ge-
riebene „Warentheorie":

„Das Geld ist eine völlig selbständige Ware, deren Preis bei jedem
Handwechsel, Fall für Fall, neu durch den Handel bestimmt werden muß.
Beim Verkauf einer Ware weiß der Emplänger des Geldes nicht, was er
nun seinerseits für das Geld erhalten wiıd. Das muß sich erst durch einen
neuen Handel, meist an einem anderen Orte, zu einer anderen Zeit, mit
anderen Personen erweisen‘ (S, 116/117 Anm.). Wie alle Waren einen,
Preis haben, so soll es auch einen „Preis des Geldes“ geben; darunter
„versteht man die Menge Waren, die man „preisgeben“
muß, num eine bestimmte Menge Geld einzukaufen“
'S. 152 Anm.).

Der Grundfehler der Gesellschen Geldauffassung ist die
maßlose Überschätzung der privatwirtschaftlichen Bedeutung des
Geldes. Er verkehrt dessen Dienerrolle grundsätzlich in eine
Willkürherrschaft, macht aus dem verkehrstechnischen Hilfsmittel
die wichtigste „Ware“ und aus den ursprünglichen Waren Um-
tauschmittel zum Gelderwerb,

Heut noch darf man also hier an das anderthalb Jahrhunderte alte Wort
David Humes erinnern, daß das Geld nur „das Öl sei, welches die Be-
wegungen der volkswirtschaftlichen Maschinen geschmeidiger und leichter
macht‘ (Adolf Weber, Banknote, 5S. ıo); oder an Solvays Aus-
spruch, nach dem „das Geld ein Werkzeug ist, dem man die Kraft von

‚Gegenständen‘ beigelegt hat‘ (S. 4).
Heute, nach den Wirren und Nöten der letzten sechs Jahre
wird von Gesell noch ernstlich behauptet, der Warenbesitzer
Cohn, Kann das Geld abgeschafft werden?
        <pb n="110" />
        98 -
müsse seinen Besitz losschlagen, der Geldmann aber könne mit
dem Einkauf beliebig lange warten! Jahrelang schon zahlt, wer
es irgend kann, „Phantasiepreise“, um ein Pfund Mehl oder Zucker,
einen Anzugstoff, ein Paar Schuhe überhaupt zu erhalten, reißt
sich um die Dienste der Hausangestellten und Droschkenkutscher
und sucht ängstlich jede sich auf eine Ware des täglichen Be-
darfs erstreckende „Beziehung“ aufrecht zu erhalten. Umgekehrt
geben die Verkäufer ihre Waren, wenn sie sie überhaupt feil-
bieten, möglichst als „Friedens“- oder wenigstens „Auslandsware‘“
aus, jedenfalls also räumlich oder zeitlich als „von recht weit her“.
Und die Gewerkschaftsführer lehrten Jahrzehnte, daß Vorent-
haltung der Arbeitskraft die Lage der Arbeiter verbessere. An-
gesichts all dieser unmittelbaren Erfahrungen hat Silvio Gesell
die Kühnheit, zu behaupten, daß den „100000 Arbeiterbataillonen,
‚. wenn sie nicht arbeiten, mit jedem Pendelschlag der Uhr ein
Teil ihrer Habe, ihrer Arbeitskraft verloren geht“, und daß „der
Bäcker gar seine Ware zum regelrechten Preis nur absetzen kann,
solange die Brötchen noch warm sind“ (S. 178). Wogegen „das
einzige, was das Gold vielleicht zu fürchten hat, die Erfindung
eines brauchbaren Papiergeldes wäre; aber selbst gegen solche
Möglichkeit ist der Goldbesitzer dadurch geschützt, daß solches
Papiergeld nur durch den Willen des Volkes zustande kommen
kann, — ein schwerfälliger Feind, der ihm Zeit zur Flucht
läßt“ (S. ı79)1 Dieses Buch ist im Jahre 1919 neu aufgelegt!

Sicherlich wird „der Besitzer des Goldes nicht von seinem
Eigentum zum Verkauf gedrängt“; wohl aber von seinem Hunger!
Das Gold kann ihm allenfalls als Schmuck dienen, aber es kann
ihn nicht satt machen, nicht wärmen, nicht kleiden. Es kann ihn
nicht „real“, sondern nur „zirkulatorisch“ befriedigen (Knapp).
Nicht weil er das Geld loswerden, aber weil er Genußgüter er-
werben oder seine produktive Tätigkeit aufrecht erhalten muß,
ist der Geldbesitzer ebenso — wo nicht sogar stärker — zum
Kauf genötigt wie der Warenbesitzer zum Verkauf. Wie erklärte
sich sonst die von Gesell selber erwähnte Tatsache (die allein hin-
reicht, sein theoretisches Kartenhaus umzustoßen), daß man in
„Schweden 1916 für ı00 Kronen in Papiergeld ı05 Kronen in
Gold bezahlt“ hat? (S.ı20 Anm.; Gesell macht daraus vielleicht
einen Triumph des schlechten, schmutzigen, verrissenen Papiers
über das Gold, das unvergängliche). Nicht einmal der Satz: „Wer
kein Geld hat, kann auch keine Nachfrage nach Waren halten“
(S. 171), hat seine volle Geltung behalten: Kreditverkehr, Natural-
        <pb n="111" />
        — 99 —

sausch und zwischenstaatliche Wirtschaftsabkommen haben auch
liese Wahrheit erheblich eingeschränkt. Was bleibt also noch
von der „unzerstörbaren Ware Geld“? Was ist ihr „Preis“ in
Gesells Begriffswörterbuch anderes als das Spiegelbild der Waren-
preise? Der Geldpreis am Geldmarkt hat einen Sinn; aber der
Geldpreis am Warenmarkt, der durch die Menge der Waren
bezeichnet wird, die eben für die Menge von Geldeinheiten er-
hältlich sind, die wieder den fraglichen Geldpreis ausmachen, —
diese Gedankenverschlingung gemahnt doch stark an die berühmte
Katze, die immer im Kreise lief, weil sie hinter ihrem Schwanz
herjagte.

2. Gesells praktische Vorschläge entsprechen ganz den
Erwartungen, die man nach seinen theoretischen Darlegungen hegen
darf. Sein Ziel sieht er darin, daß „auch die Nachfrage eine vom
Willen der Geldbesitzer befreite Sache“ werde, „daß auch die
Besitzer der Tauschmittel es eilig haben sollen“ (S. 293) und so
„das Geld über Ort und Zeit hinweg ewig denselben
Preis erzielt, den es heute hat“ (S. 152). Zur Erreichung dieses
Zieles hat Gesell zwei Wege angegeben. Das eine Mal fordert
ar nur eine Reform der Notenausgabe: Ersatz der bisher be-
stehenden Zentralnotenbank durch ein „Reichsgeldamt“, das befugt
ist, Geld in jeder nur durch den Zweck begrenzten Menge durch
Wechseldiskont, Steuererlaß, Ankauf von Reichsschuldentiteln in
Jen Verkehr zu bringen, andererseits durch Inkasso der fällig
werdenden Wechsel sowie durch Steuerzuschläge und Verkauf
von Reichsschuldentiteln wieder einzuziehen und zu vernichten
(Währungspolitik, S. 65 flg., 72). Die Beurteilung dieses Plans kann
man mit der kritischen Betrachtung des anderen Vorschlags ver-
binden, da dieser nur der Ausbau des ersteren ist: Ersatz der bisher
umlaufenden Zahlungsmittel durch das „Freigeld“, das „wöchent-
lich ein Tausendstel an Zahlkraft verliert, und zwar auf
Kosten der Inhaber“.
„Am ı. Januar gilt das Freigeld auf den Märkten, in den Läden, an
ler Lohnkasse, an allen Staatskassen und vor Gericht 100 Mk. und am 31, De-
zember nur noch 95 Mk.‘“ (genau 94,80 Mk.); „d. h., will der Inhaber den
Zettel am Ende des Jahres dazu benutzen, um 100 Mk. in Wechseln, Rech-
ıungen, Steuerzetteln zu bezahlen, so muß er auf den Zettel noch 5 Mk.
zulegen ... Die Mark als Währung ist das Unveränderliche, das Währende,
lie Grundlage aller Berechnungen; die Mark als Geld“ (lies: Zahlungsmittel)
„hat nur den Ausgangspunkt mit jener gemein‘ (Wirtschaftsordnung, S, 248).
„Der Empfänger . . sucht nun das Geld immer so schnell wie möglich weiter-
zugeben: denn behält er es aus Bequemlichkeit bei sich, so muß er . . nach-
        <pb n="112" />
        — I00 —

zahlen... So steht der Geldumlauf unter Druck, der es bewirkt, daß jeder
immer gleich bar bezahlt, seine Schuld tilgt. .. Am Ende
des Jahres werden alle Geldscheine gegen neue umgetauscht ... Durch den
Kursverlust von 5,2% jährlich dürfte die umlaufende Geldmasse um jährlich
200 bis 300 Millionen abnehmen, damit aber daraus kein Geldmangel entsteht,
muß das Währungsamt diese Millionen immer durch neu herzustellendes
Geld jährlich ersetzen. (Dies bedeutet für das Amt also — als unbeabsichtigte
Nebenwirkung der Geldreform — eine regelmäßige Einnahme)‘ (ebenda,
S. 243/244). Die Aufgaben des „Reichswährungsamtes‘ gibt
Gesell dahin an, daß es „Geld ausgibt, wenn solches im Lande
fehlt, und Geld einzieht, wenn im Lande sich ein Überschuß zeigt,
das ist alles . .. Als Richtschnur dient dem Reichsgeldamt die . . Statistik
für die Ermittelung des Durchschnittspreises aller Waren ... Je nachdem
der Durchschnittspreis Neigung nach oben oder nach unten zeigt, wird der
Geldumlauf eingeschränkt oder erweitert. Um die Geldausgabe zu vergrößern,
übergibt das Reichswährungsamt dem Finanzminister neues Geld, der es
durch einen entsprechenden Abschlag von allen Steuern
verausgabt . .. Das ist eine einfache Sache, aber noch einfacher wird die
Verminderung des Geldumlaufs sein. Denn da die Gesamtmenge des Geldes
durch den Umlaufsverlust um 5% jährlich abnimmt, so braucht man, um
den Geldbestand zu vermindern, überhaupt nichts zu tun... Das Reichs-
währungsamt . . ist also Alleinherrscher sowohl über die Geldherstellung
wie über das Geldangebot‘ (S. 245/247). Dabei „hat es keine Schalter, nicht
einmal einen Geldschrank ... Es ist nur ein Mann nötig, der das Geld von
der Reichsdruckerei den Staatskassen übergibt, und der das für währungs-
technische Zwecke von den Steuerämtern eingezogene Geld verbrennt. Das
ist die ganze Einrichtung. Eine Presse und ein Olfen, Einfach, billig, wirksam.
Und mit diesem einfachen Apparat wollen wir die schwere Arbeit der Gold-
gräber, die kunstvollen Maschinen der Münzstätten, die Betriebsmittel der
Banken, die aufgeregte Tätigkeit der Reichsbank ersetzen, und zwar so er-
setzen, daß niemals ı Pfennig zuviel, niemals zu wenig
umlaufen wird. Und dasheute, morgen, ewig, in guten
wie in bösen Tagen‘‘ (S. 248). Denn „mit dem Freigeld ist die Nachfrage nicht
mehr vom Geld zu trennen, nicht mehr als eine Willensäußerung seiner
Besitzer zu betrachten ,.. Börsenstimmung, Wucherspiel, Krach, schwarzer
Freitag, das alles ist fortan für die Nachfrage ohne Einfluß‘ (S. 252). Ist es
doch jetzt so, daß „das Geld den Inhaber hetzt und jagt,
genau wie früher der Erzeuger von seinen Waren gehetzt und gejagt wurde,
bis er sie glücklich an den Mann gebracht hatte‘ (S. 258).
Alles ist danach im schönsten Fluß, die „Quelle an die Stelle
des starren Wasserbehälters, der Zisterne getreten“. Die Ver-
käufer mit ihren Waren, die Käufer mit den dickgefüllten Brief-
taschen drängen sich am Markt. Keinerlei Sorge, daß das Geld
nicht reichen könne; denn läßt die Nachfrage nach, so gibt der
Staat einfach einen 10% igen Steuererlaß. Verschwunden ist alles
Mißtrauen des Verbrauchers gegenüber dem Händler, Die Waren
gehen reißend ab. Es können gar nicht genug Güter bereitgestellt
        <pb n="113" />
        — 101 —
werden, so groß ist die Nachfrage. Und doch muß auch wieder
eifrig produziert werden; denn sonst gehen die Preise in die Höhe,
und dann gibt's eine gewaltige Steuererhöhung: „Wenn die Preise
anziehen, so verbrennt das Währungsamt Geld, und was es ver-
brennt, ist Nachfrage“ (S. 251). Wie nun aber, wenn Mißernte
der Viehseuche die Produktion hintanhält? Dann können nur
antweder die Preise trotzdem tiefgehalten werden, d. h. wer noch
im Besitze von Waren ist, muß sie opfern, — oder bloß die Reichsten,
die trotz hoher Steuern noch Zahlungsfähigen, dürfen mehr als
Käufer auftreten. Die misera plebs hungert, Aber — „die Wirt-
schaftskrisen, die Arbeitslosigkeit haben wir überwunden“ (S. 251).

Viererlei Fehler sind hier zu vermerken:

a) Bei der Enge seines privatwirtschaftlichen Gesichtskreises
übersieht Gesell anscheinend, daß eine Preissteigerung nicht nur
aus einer zu starken Vermehrung der Umlaufsmittel, sondern auch
aus einer — unverschuldeten oder künstlich herbeigeführten — Ver-
tingerung des am Markt verfügbaren Warenbestandes folgen
kann. Die Gesellsche Preisstatistik kann im besten Fall nur
Preise ermitteln, nicht aber zeigen, ob und in welchem Maße die
Preisverschiebungen im Einzelfalle auf Geld- oder Warenmengen-
veränderungen zurückgehen.

b) Ferner rechnet Gesell auch hier wieder ausschließlich
mit der Spießerideologie des kleinbürgerlichen Hamsters,
der noch diese Woche möglichst viel einkauft, weil ja Montag
alles wieder ein paar Pfennige teurer ist,

„Letzten Sonnabend unterhandelte ich eine Stunde lang‘— so läßt

Gesell seinen ‚Verkäufer‘ berichten — ‚mit dem Käufer einer Näh-

naschine, und der Mann konnte sich nicht entschließen , . . Schließlich

machte ich ihn auf den baldigen Wochenschluß für den Geldkurs aufmerk-
sam. Das half; . . er sah nach der Uhr, betrachtete seine Geldbriefe und
vrechnete aus, daß, wenn er noch länger zögerte, er 10 Pfennig
einbüßen würde. Da ließ er alle Bedenken fallen.

zahlte und ging‘ (S. 256).

Man stelle sich hiernach den Betrieb einer Großbank am Sams-
ag kurz vor Geschäftsschluß vor. Wie dort die Zahlungen sich
häufen mögen! Und wenn z. B. die A.-E.-G., welche noch ein
Millionenkreditgeschäft zum alten Wochenkurs telefonisch ab-
schließen will, die Fernleitung nicht mehr rechtzeitig frei bekommt. —
wer haftet dann für den entstandenen Schaden?

c) Gesell ist kein Feind der Sparsamkeit, sondern
aur der privaten Aufspeicherung von Geld. So haben denn
        <pb n="114" />
        — 102 —
in der Freigeldwirtschaft auch nur die „Privatgeldvorräte“
sich selbsttätig aufgelöst, ohne daß deshalb das Sparen weg-
gefallen ist:
„Wenn ich jetzt eine Summe Geld erübrigt habe, so mache ich es ge-
aau wie früher — ich bringe sie zur Sparkasse, und die Sparkasse schreibt
mir die Summe in mein Buch ein, In dieser Beziehung hat sich nichts ge-
ändert... Die Sparkasse schuldet mir soundsoviel
Mark deutscher Reichswährung, nicht aber die
Zettel, die ich ihr lieferte... Also in Bezug auf die zurück-
zuerstattende Summe ist alles beim alten geblieben. Aber ich sehe, daß ich
jetzt bedeutend mehr‘ sparen kann als früher... Mit
erstaunlicher Regelmäßigkeit bringe ich jetzt monatlich meinen Über-
schuß zur Kasse. Aber wie es mir ergeht, so scheint es allen zu
argehen; denn es herrscht immer ein ganz ungewöhnliches Gedränge
an der Kasse. Die Sparkasse hat schon wiederholt den Zins fuß herab-
gesetzt,.. und es heißt, daß bei Einführung unseres Freigeldes im Welt-
verkehr der Zins auf Null fallen wird‘ (S. 272).

Nicht nur keine Verminderung also, sondern sogar noch Er-
höhung der Spartätigkeit; Überfluß an Geld, der von Gesell in
echt privatwirtschaftlicher Wendung mit Kapitalreichtum verwechselt
wird (hierzu oben 2. Kap., IV) und ihm daher auch die Möglichkeit
gewährt, den Zins „abzuschaffen“! Ja, ist denn der Zins
hier wirklich abgeschafft? Gerade in Gesells wirtschaftlichem
Begriffssystem erscheint er doch einfach als „mehr Geld“; dann
ist das „Sparen“ in der Freigeldwirtschaft aber ebenso gut zins-
tragend wie in der heutigen Wirtschaft, und zwar allein schon
wegen seiner Gegenwirkung gegen den „Schwund“ des Geldes.
Die 100 Mk. in der Geldtasche werden innerhalb eines Jahres zu
94 Mk. 80 Pf, verlieren also 5,2%; auf der Sparkasse aber werden
immer wieder 100 Mk. voll ausgezahlt; ist das etwas anderes
als eine „Verzinsung“ von 5,2%?!

Oberdrein hat die Sparkasse ihrerseits den Schwund des bei ihr lagern-
den Geldes zu tragen; zwar darf sie es „zu den gleichen Bedingungen wie-
der ausgeben“, aber ‚während die Eingänge an der Sparkasse fortgesetzt
zunehmen, gehen die Gesuche um Darlehen zurück, weil die
Handwerker, Bauern und Unternehmer aus denselben Gründen, die mir das
Sparen erleichtern, jetzt mit den eigenen Überschüssen ihren Wirtschafts-
oetrieb erweitern können‘‘ (S. 273).

So offenbart sich die Sparkasse zuletzt nur noch als staatlich
anerkannte Hamsterkammer, — viel sicherer als der häusliche Geld-
schrank, denn auf sie allein vermag der Sparer den 5% igen Kurs-
verlust abzuwälzen. Die vermeintliche Abschaffung des Zinses
besteht also lediglich darin, daß die Sparkasse nicht neben der
        <pb n="115" />
        — 103 —

völlig umsonst gewährten Beihilfe zur Gesetzesumgehung dem
Hamster noch ein weiteres Aufgeld auf seine Einlage zahlt.
(Nebenbei, wer bezahlt den Sparkassen die ununterbrochenen Aus-
fälle, die sie durch keine Abwälzung mehr einbringen können?
Nur das Reichsgeldamt kann das übernehmen, das somit durch
unausgesetzte Inflation selber die ganze Freigeldwirtschaft er-
schüttert!)

d) Das Verblüffendste an der Freigeldwirtschaft sind schließ-
lich Gesells Rechenmethoden., Nachdem er die grund-
iegende Verpflichtung aller festgestellt hat, „sofort und unter allen
Umständen genau soviel zu kaufen, wie wir selbst verkauft haben“,
gibt er folgende Aufgabe zu lösen:

„Rechne nach, was geschehen muß, wenn jeder für 100 Mk. Arbeits-
produkte auf den Markt wirft, aber nur für 90 Mk. kauft, also 10 Mk. zu sparen
wünscht. Wie kann man diesen Widerspruch lösen und allen Menschen
lie Möglichkeit geben. zu sparen?‘ (S. 347).
Durch das Freigeld soll der Widerspruch behoben sein; denn
‚es sagt: willst Du Deine Sachen verkaufen, so kaufe Deinem Nächsten
‚eine Sachen ab. Hast Du für 100 verkauft, so kaufe auch
für 100! Wenn alle so handeln, wird jeder sein volles Erzeug-
1is verkaufen und sparen können“ (S. 275).
Silvio Gesell übertrifft sich hier selbst: er spart den Rest
der bleibt, wenn man ı00 von ıo0o abzieht! Das freilich ist eine
ganz neue „Geldrechnung“. Die Frage ist nur, ob überhaupt noch
eine Rechnung. Liegt auch das noch im Plane Gesells, daß
die Freigeldwirtschaft unsere einfachsten Vorstellungen von Zahlen-
verhältnissen umbildet?

Eine treffende Kritik hat Paul Werner an dem ehemaligen
Finanzminister geübt: „Durch die Fabrizierung eines gleitenden Geldwertes
will Gesell den Zins und damit die Ausbeutung aus der Welt bringen.
Wie gewisse kleinbürgerliche Ökonomen dokterte er an den Erschei-
aungsformen der kapitalistischen Krankheit herum, ohne ihr Wesen
zu treffen. Er wollte das Gleichgewicht in der Welt herbeiführen, indem er
die Zunge der Wage festhielt. Er hat nicht Zeit gehabt, diese geistvolle Me-
:hode anzuwenden, sonst hätte die Räterepublik einen wunderbaren finan-
ziellen Kladderadatsch erleben können (S.z2o). Auch Conrad Schmidt
jußert sich ähnlich: „Das arme Deutschland mit seinen sich ständig mehr
und mehr vermehrenden und entwertenden Papiergeldmassen hätte nach dem
Silvioschen Rezept allen Anlaß, sich zu seinem Unglück Glück zu wün-
schen ... Vielleicht verherrlicht der Verfasser diesen Zustand nächstens als
das ersehnte Paradies‘ (S. 547).
        <pb n="116" />
        104

IL

Ein typischer Irrtum verbindet Gesell mit den Arbeitsgeld-
theoretikern: sie verwechseln Währung (Nennwert) und Kauf-
kraft! Gesell und alle seine Anhänger, die sich einbilden, eine
„absolute Währung“ schaffen zu können (vergl. hierzu namentlich
die so betitelte Schrift von Theodor Christen), sind ihm unter-
legen. Grundsätzlich — es handelt sich ja hier immer nur um
das Grundsätzliche, Letztliche — gibt es jedoch bei dieser Frage
eben nur das Entweder-Oder der Gegenpole Verkehrs-(Geld-)
und Verwaltungs-(Natural-)wirtschaft. Wie alle Arbeitsgeldtheo-
retiker, so schlagen auch die Freigeldmänner das Kompromiß der
„Geld-Verwaltung“ vor; ein Gedanke, der in dem geplanten
Ausmaß nicht verwirklicht werden kann, weil die Durchführung
von zwei Voraussetzungen abhängt, die grundsätzlich einander
entgegenwirken: der marktmäßigen und der taxatorischen Fest-
stellung des gesellschaftlichen Wertes aller Austauschobjekte, der
freien und der gebundenen Preisbildung. Man glaubt dem Geld
seine verkehrswirtschaftliche Eigenart nehmen, seinen privatwirt-
schaftlichen Mißbrauch verhindern zu können, indem man die Preise
festlegt; man übersieht aber dabei, daß ein wirtschaftlich einwand-
freier Ansatz von Preistaxen erst in einem Stadium erreicht werden
kann, wo nicht nur der falsche, sondern jeder Gebrauch von Geld
sich erübrigt, insofern als dieses nämlich infolge der veränderten
Preisgestaltung zur Naturalanweisung geworden ist. Durch
währungspolitische Maßnahmen die Nutzung der Kaufkraft fest-
legen oder gar die Marktpreise bestimmen zu wollen, heißt recht
eigentlich das, Pferd am Schwanze aufzäumen.

Dies letztere Urteil bezieht sich ebenso wie auf die Freigeld-
bewegung auch auf die Gesell nahe stehenden Geldsteuertheo-
retiker Johannsen und Harburger.

ı. Johannsen ist Gesell sowohl nach der wissenschaftlichen
Leistung wie in seinen praktischen Vorschlägen bedeutend überlegen.

Die Kritik, die er selbst an Gesells Lehren übt, schlägt in allen

Punkten durch. Er wirft ihm insbesondere die Einseitigkeit in der Beurteilung

der Preisbildung vor: „Als ob die Preise einzig vom Geldvolumen abhingen !

Als ob nicht in ein und demselben Lande scharfe Schwankungen der Index-

ziffern vorkämen bei fast unverändertem Geldvolumen‘‘ (S. 212)! Und prak-

tisch hält Johannsen es für nicht ausgeschlossen, daß die Gesellsche

Freigeldwirtschaft durch ‚‚Geldsubstitute, z. B. Schecks für 5 oder 10 Mk.

von renommierten Häusern‘ durchbrochen wird.

Gemeinsam mit Gesell hat er den Gedanken, durch eine
fortdauernde Entwährung (Devalvierung) die gesellschaftswirt-
        <pb n="117" />
        105
schaftlich ungesunde — privaten Nutzen auf Kosten der Gesamt-
heit bringende — Geldhortung zu beseitigen, mindestens ihr da-
durch entgegenzuwirken,
„Der Spartätigkeit wohnt .. im mer die das Volkswohl schädigende

Tendenz inne, einen Mangel an Nachfrage und somit Geschäftsstille zu er-

zeugen. Werden die aus der Spartätigkeit resultierenden Sparfonds in der

Expansion veranlagt (also im Aufbau neuen Produktiv- oder Gebrauchs-

zapitals), dann wird diese schädigende Tendenz nicht bloß neutralisiert,

sondern. in. das Gegenteil umgewandelt, und alsdann wirkt der Sparprozeß
segensreich . .. Werden aber die für die Expansion verfügbaren Sparfonds
nicht in der Expansion, sondern in anderer Weise veranlagt‘ (Johann-
zen hat vor allem Konsumptivdarlehen im Auge), „dann wird jene schädigende

Tendenz nicht länger neutralisiert, und wenn nicht neutralisiert, tritt sie

in Kraft. Dann haben wir Depression‘ (S. 227).

Wahrheit und Irrtum sind hier eng miteinander verquickt.
Unter dem Gesichtspunkt der Dauerwirtschaft ist das Sparen
durchaus zu begrüßen, da es die natürliche Güterknappheit aus-
gleichen, ihren Kreislauf durch die Stadien der Beschaffung, Ver-
wendung, Wiederbeschaffung usw. aufrecht erhalten hilft und
somit ein im eigentlichsten Sinne wirtschaftliches Verhalten des
Menschen darstellt. Vorübergehend dagegen, insbesondere
in der Verkehrswirtschaft, kann das Sparen, wie Johannsen
zutreffend bemerkt, auch hemmend wirken, den Wirtschaftsverkehr
verlangsamen. Mit Notwendigkeit braucht aber auch das vorüber-
gehende Noch-nicht-Verwenden von verwendungsbereiten Gütern
noch keinen Rückschritt in der Wirtschaft, keine Beeinträchtigung
der Versorgung. zu bedeuten; am allerwenigsten die Rücklage
von Geld, da dieses ja unmittelbar überhaupt nicht nutzbar wird,
sondern erst im Wege des Umtausches. Entscheidend für die
wirtschaftliche Bewertung ist daher nicht die Aufspeicherung von
Gütern oder Geld als solche, sondern erst die Verwendung der
Rücklage: ob sie als „vorgetane Arbeit“ der Steigerung der
gesamtwirtschaftlichen Produktivität dienen oder nur dem Sparer
eine privatwirtschaftliche Vorzugsstellung gewähren soll, die ihm
„unverdiente Gewinne“ auf Kosten anderer Einzelwirte, vielleicht
gar zum Schaden der ganzen Wirtschaftsgesellschaft, einträgt. (Die
Worte „Kapitalbildung“ und „Kapitalisierung“ deuten den Unter-
schied dieser Verwendungsarten an; der Maßstab der ersteren ist
die Produktivität, der zweiten nur die privatwirtschaftliche Renta-
bilität.)) Sicherlich ist es nun wirtschaftlich — nicht etwa nur
moralisch oder politisch — zweckmäßig, die Bereicherung des
einzelnen auf Kosten der Gesamtheit zu unterbinden. Insoweit
        <pb n="118" />
        — 106 —

kann man Johannsen und allen anderen, die das fordern, voll-
kommen beipflichten. Die Frage ist nur, ob er nicht ähnlich wie
Gesell die Geldhortung als Quelle dieser „Ausbeutung“ ganz
erheblich überschätzt. Und wenn das selbst verneint wird, bleibt
noch zu untersuchen, ob sein Heilmittel nicht den Teufel mit
Beelzebub austreibt, nicht ein größeres Übel das andere ablöst.
Bei Johannsen dürfte namentlich dieses letztere der Fall sein.
Nicht daß seine „Geldsteuer“ wie Gesells Freigeld widersinnig
wäre, sich selbst aufhöbe, — die Einwände betreffen nur die zu
befürchtenden nachteiligen Folgen seiner praktischen
Durchführung für den gesamten Wirtschaftsverkehr; diese
Nachteile erscheinen unverhältnismäßig groß neben dem Vorteil,

daß der Geldhamsterei ein Riegel vorgeschoben wird.
Johannsen bezeichnet als die ‚unter der Geldsteuer statthaiten
Zahlmittel..: Erstens: Papiergeld, aus Marktalerscheinen bestehend“
(der Marktaler ist lediglich eine Rechnungseinheit). „Zweitens: Schecks,
auf eine Freibank gezogen und auf Neumark lautend‘“ (etwa unseren Geld-
surrogaten entsprechend; die Neumark ist gleichbleibende Rechnungseinheit
im Gegensatz zu dem dauernd im Nennwert sinkenden Marktaler). ‚Drittens:
Scheidemünze, bis zum Betrage eines Marktalers. Viertens: Alt-
geld, aus Gold, Silber oder Banknoten bestehend“; dies aber in der Haupt-
sache „nur gestattet zu Zwecken der Umwechslung bei der Reichsbank und
bei den Goldbanken‘“ (S. 88). Die Steuer lastet hauptsächtich auf
der ersten Geldart: „Ein Ein-Marktaler-Schein ist in der ersten Januar-
woche eine Reichsmark (oder Neumark) oder 100 Pfennige wert, ver-
liert aber jede Woche einen Pfennig am Werte‘ — bei
Gesell nur !/,9 Pfennig —, „bis gegen Ende des Jahres sein Wert auf
50 Pfennige gefallen ist; dann können zwei alte Scheine zu 50 Pfennigen gegen
einen neuen zu 100 Pfennigen umgetauscht werden, und dieser ist gleichfalls
dem wöchentlichen Wertwechsel unterworfen. Letzterer findet statt in der
Freitagnacht... Eine Summe von 100 Neumark meint also 100 Reichsmark,
aber nicht in Gold zahlbar, sondern in Marktalerscheinen, wobei letztere je
nach dem Datumwert verrechnet werden ... Der wöchentliche Wertverlust
bedeutet (eben)soviel Steuereinnahme für die Regierung. Beträgt
in der ersten Januarwoche der Wertverlust 40 Milionen Mk. auf alles im
Lande kursierende Neugeld, so druckt die Regierung 40 Millionen zuzüg-
liches Neugeld, welches Geld sie zur Bestreitung der laufenden Regierungs-
ausgaben verwenden kann. Für diese zuzüglichen Emissionen von Papier.
geld, die sich jede Woche wiederholen, existiert volle Deckung des Metall-
geldes‘‘ (S. 89/90). Die Metalldecke des Geldes rührt daher, daß es
nur in den Mengen ausgegeben wird, in denen Gold in die Reichsbank ein-
geliefert wird: „Zum Zwecke des Umwechselns eröffnet die Regierung Go1d -
banken (eventl. in Verbindung mit den Postämtern), welche am Samstag-
morgen‘‘ — nur zu dieser Zeit, unmittelbar nach dem Kurswechsel — ‚,Gold
auszahlen gegen Hinterlegung von Marktalerscheinen, zu andern Zeiten
aber Marktalerscheine auszahlen gegen Hinterlegung von Altgeld; wobei der
        <pb n="119" />
        " Wniversitit %
Ss Kiel £
%, £
Marktaler stets nach dem Datumkurse verrechnet wird‘ (S. 89). Also d Ce ® av
wieder ein Hamsterschutz ? werden manche fragen; denn Altgeld und Scheide-
münzen machen die Entwährung nicht mit, auch das Bankgeld nur zu einem
Drittel der Papiergeldsteuer: „Drittelsteuer‘“. Johannsen sieht selber,
wieder im Gegensatz zu Gesell, sehr wohl den „Ausweg, daß der Eigen-
tümer, nachdem er die Marktalerscheine gezogen hat, diese am nächsten
Samstag bei der Goldbank in Gold umwechselt. Dann aber müßte er immer-
hin eine volle Wochensteuer verlieren ... Der Hauptsache nach verbleibt
das Faktum, daß das Gros des Bankgeldes der Steuer nicht entrinnen kann‘
'S. 97).
Das Steuersystem Johannsens ist zweifellos gut organisiert.
Das Hauptbedenken liegt in der hier ganz besonders brennenden
Abwälzungsfrage. Wir haben hier eine Steuer von jährlich
50%/, auf tägliches Geld, von 16%/,°/ auf Bankgeld! Da das
Bestehen der Konkurrenzwirtschaft, eines freien Wirtschafts-
verkehrs von Johannsen angenommen wird, so muß er damit
rechnen, daß jeder Einzelwirt sie, soweit möglich, abzuwälzen ver-
suchen wird. Das Problem der Kalkulation, des privatwirtschaft-
lichen Preisansatzes, wird nicht mehr nur die allgemeine Kosten-
einbringung, sondern auch noch die Steuerüberwälzung sein. Und
die Lösung der Frage würde einen unerträglichen Druck auf alle
Festbesoldeten, Pensionäre, Rentner bedeuten; denn auf ihnen als
Nur-Konsumenten bleibt die Last ruhen, solange nicht Ge-
hälter und Pensionen von der Entwährung ausgenommen sind.
Tohannsens Plan bedeutet übrigens weder unm ittelbar
noch mittelbar die Abschaffung des Geldes oder auch
nur einer seiner Funktionen.

2. Im Gegensatz zu der stark metallistisch beeinflußten Auf-
fassung Johannsens — die volle Metalldeckung seiner Noten
ist ihm unerläßliche Voraussetzung — sind Harburgers Aus-
führungen die Ausgeburt eines radikalen Nominalismus.

Er geht davon aus, daß ‚jedes Geldsystem nichts ist als ein System
von Maßstäben, ein System von Zahlen, die Gütern, Leistungen nach bestimm-

;en Gesetzen zugeordnet sind‘ (S. 8). „Wie bei allen Maßsystemen kann man

aun die Einheiten willkürlich wählen bzw. kann man auch die Ein-

heiten wechseln, d. h. in ein anderes Bezugssystem übergehen . ..

Dazu brauchte, wenigstens rein theoretisch, niemand geschädigt zu werden,

Wenn man annehmen würde, daß alle Leistungen der Individuen untereinan-

ler sofort nach Festsetzung der neuen Kaufkraft in neuen Kaufeinheiten ent-

richtet würden, so würde gleichwohl die Gemeinschaft (Staat) den Vorteil
lavon haben, da sie diejenige ist, die den Modul festgesetzt und das logische
arius hat, gleichsam in diesem sich unaufhörlich drehenden Rad auf der ersten

Speiche sitzt“ (!). Den Vorteil, daß sie die erste ist, die in neuer Einheit

bezahlt. kann ihr nichts nehmen.; sie selbst definiert ja diese neue Kaufeinheit‘‘
        <pb n="120" />
        - 108

(S. 18/19). Um zu beweisen, daß es „keinen Letzten gibt, an dem der Verlust
hängen bliebe‘ — vgl. das Abwälzungsproblem bei Johannsen —, bildet
Harburger eine mathematische Reihe aus dem Zahlenverhältnis der
„dazukommenden Ausgaben des Staates“ und des „umlaufenden Geldes‘,
indem er die Potenzen dıeses Bruches summiert: „Wegen der Unendlichkeit
der Reihe wird der Verlust am Schluß unendlich klein und eliminiert sich
dadurch, daß die Reihe konvergiert und einen endlichen, noch dazu rationalen
Endwert hat‘ (S. 31).

Daß mit Harburgers mathematischen Spekulationen für
die wissenschaftliche Erklärung der Tatsachen und die praktische
Wirtschaftsführung nichts gewonnen ist, liegt klar zutage. Er
selbst muß zugeben, daß die Voraussetzung seiner Deduktionen,
„dieser Schemen „durchschnittliches Individuum“ mit dem hier
angenommenen Geschäftsgeist, in der Wirklichkeit nie existiert“
und „auch das Vakuum, der freie Handel, in der Wirklichkeit
nicht rein vorkommt“ (S. 82). Was sich aus dieser allgemeinen
Einsicht für die praktische Bedeutung seiner Reformvorschläge
ergibt, wird indes von Harburger verschwiegen.
        <pb n="121" />
        9. Kapitel.
Die Abschaffung des Gelddarlehens.

Wie Gesell so sahen wir auch Johannsen gegen die Auf-
speicherung des Geldes, die Hortung kämpfen. Indes zeigte sich
ein bemerkenswerter Unterschied der Anschauungen: Gesell läßt
sich die oberflächliche Feststellung, daß die Geldhortung die Nach-
[rage am Markt verhindere, als wissenschaftliche Grundlage seiner
Reformpläne genügen; Johannsen dagegen geht dem Problem
ernsthaft nach und gelangt zu dem Ergebnis, daß nicht schon das
bloße Nicht-Ausgeben des Geldes, sondern erst die weitere Ver-
wendung ein abschließendes Urteil in dieser Frage erlaubt. Und
zwar müssen da drei Fälle unterschieden werden: die bloße Hor-
tung, das Vergraben des Geldes; die „Veranlagung in der Ex-
pansion“, d, h. die Nutzbarmachung zur Förderung der gesell-
schaftlichen Güterbeschaffung; endlich eine nur auf den privaten
Vorteil der Einzelwirte abgestellte „Kapitalisierung“, zumal in der
Form des verzinslichen Darlehens. Diese letzte Verwendung
2ält Johannsen vom Standpunkt der Gesellschaft aus, deren wirt-
schaftliche Interessen hier mit denen des Geldbesitzers in Wider-
spruch geraten, für besonders schädlich. Über ihn hinaus gehen
in derselben Richtung Proudhon und seine Anhänger, indem sie
die Frage der Geldabschaffung mit dem Problem der Auf-
hebung des Zinses gleichsetzen. Nicht die Geldzahlungen
sollen aufhören, wohl aber seine darlehnsweise Hingabe; „der Zins
muß sterben!“

ı. Die erkenntnismäßige Grundlage dieser Richtung der
Geldreform bildet jene äußerste Überspannung der privatwirtschaft-
lichen Warentheorie des Geldes, welche Proudhon „in der Mün-
zung des Goldes und des Silbers . . den ersten Akt der Konsti-
tuierung der Werte“ sehen läßt.

„Die Menschheit geht überall mit unendlicher Stufenfolge zu Werke.

Nachdem sie begriffen hat, daß die Produkte der Arbeit dem Maß und Verhält-

ais unterworfen werden müssen, um sie alle gleich tauschfähig zu machen,

seginnt sie damit, diesen Charakter absoluter Tauschfähigkeit einem beson-
        <pb n="122" />
        — IIO0 —

deren Produkte zu erteilen, das für sie der Typus und das Muster aller anderen

werden wird ... Auri sacra fames! verfluchtes Gold! ruft lustigerweise ein

Kommunist aus. Man könnte ebensogut sagen: verfluchter Weizen, verfluchte

Weinstöcke, verfluchter Hammel, denn ebenso wie Gold und Silber muß

jeder Warenwert zu einer genauen, scharfen Bestimmung gelangen‘‘ (I, S. 67).

Marx hat hierauf zur Antwort gegeben, „daß das Beispiel vom Golde als

Darstellung des zu seiner Konstituierung gelangten Wertes von Herrn Proud-

hon nur gewählt wurde, um .. nachzuweisen, daß jede nach ihren Pro-

Auktionskosten abgeschätzte Ware Geld werden müsse. Alles das wäre

schön und gut, bestände nicht der kleine Übelstand, daß gerade Gold und

Silber in ihrer Eigenschaft als Münze (als Wertzeichen) von allen Waren

die einzigen sind, die nich t durch ihre Produktionskosten bestimmt werden;

and das ist so sehr richtig, daß sie in der Zirkulation durch Papier ersetzt

werden können‘ (Elend, S. 66).

Die Marxsche Kritik zeigt den letzten Grund auf, warum
Proudhons Refoörmpläne keinen Erfolg haben konnten. Denn
aus der hier gerügten Verkennung der Natur des Geldes über-
haupt erklärt sich weiter seine Auffassung von Sparen und
Kredit. Die Verwendbarkeit des Geldes im Dienste der Kapital-
bildung: als gesellschaftstechnisches Hilfsmittel beim Anhäufen
vorgetaner Arbeit, ist Proudhon ganz unbekannt:

„Was die Gesellschaft betrifft, so ist die Spar kasse, die auf der

Fiktion von der Produktivität des Kapitals beruht,

der deutlichste Beweis für die verderblichen Wirkungen dieser Funktion.

Wenn die Einzahlungen aller Sparkassen auf ı Milliarde steigen, so macht

das zu 3%% 35 Milıionen Steuern (!), die zum Budget hinzukommen und auf

die Steuerpflichtigen zu verteilen sind ... Nehmen wir an, der Staat
ahme die Depositenbank nach und verwahre (!) die seinem Schutze anver-
trauten Gelder, ohne sie anzurühren. Nach 20 Jahren wird er mit Zins und

Zinseszins zwei Milliarden statt einer schuldig sein. Also am Ende Bankrott,

anvermeidlicher Verlust der Hälfte der geschuldeten Summen, ohne irgend-

einen Vorteil für den Staat... Es leuchtet ein, daß der Staat eine so ungün-
stige Stellung nicht einnehmen kann. Er muß also, um sich keine zu große

Last aufzulegen, die Ersparnisse des Volkes auf den öffentlichen Haushalt

verwenden (!); was darauf hinauskommt, die Sparkasse in eine beständige

offene Anleihe zu verwandeln, mit unaufhörlichen Ein- und Ausgängen,
die aber nie gänzlich zurückbezahlt wird... Auf Seiten der Einzahlen-
den ist die Sparkasse ein nicht weniger kräftiges, nicht weniger sicheres

Mittel des Elends... Man sagt zu dem Armen: Dulde noch mehr, ent-

halte dich, faste, sei noch ärmer, noch blanker und bloßer; verheirate dich

nicht, liebe nicht: damit der Herr ruhig auf Deiner Resignation schlummern
und das Hospital dich am letzten Tage ohne Verlust aufnehmen kann...

Der philanthropische und eingestandene Zweck der

Sparkasse ist, dem Arbeiter eine Hilfsquelle in Sicherheit zu bringen

wider die Zufälligkeiten, die ihn bedrohen: Teuerung, Krankheit, Feiern,

Lohnherabsetzung ... Der ökonomische und geheime Zweck

der Sparkasse ist, vermittelst einer zurückgelegten Summe (!) die
        <pb n="123" />
        — 111 —

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Lebensmittelkrawalie. ‚,Koalitionen und Arbeitseinstellungen zu verhindern,

indem man auf das ganze Leben des Arbeiters das Unglück verteilt, das ihn

von einem Tage zum andern treffen und in Verzweiflung bringen kann“

II, S. 174flg.)

Proudhon sieht als verblendeter Warentheoriker für das
n den Sparkassen angesammelte (jeld nur die beiden Möglich«-
keiten des sofortigen oder künftigen Umtauschs in Konsum güter.
Unter diesen Umständen ist freilich „Kapital mit anderen Worten
Darlehen auf Zins“ und die Einsicht in das rein wirtschaftliche
(Gegensatz: das nur privatkapitalistische, einzelwirtschaftliche)
Wesen des Zinses durchaus verschlossen. Für Proudhon bedeuten
„‚immerwährende Fallite, fortdauernder Bankrott das letzte Wort
über die Gesellschaft und über den Staat. Sucht keinen anderen
Ausweg; die Finanzwissenschaft (!) hat die Tilgungskasse ersonnen
und Euch ihren Widerspruch enthüllt“ (II, S. 183).

2. Die praktischen Vorschläge Proudhons sind der un-
mittelbare Ausfluß seiner Geld- und Zinstheorie und nur aus dieser
heraus zu verstehen. Nur wer Geld und Kredit, Kapital und Zins
ausschließlich mit dem Auge des kapitalistischen Einzelwirts sieht,
kann in der Verkehrswirtschaft wie Proudhon „unentgeltlichen
Kredit“ verlangen. So wie Proudhon die Kreditgewährung auf-
faßt: als einfaches Gelddarlehen, als bloße zeitweilige Überlassung
des Geldbesitzes, so ergibt sich freilich die Möglichkeit, den wechsel-
seitigen Kredit als Tausch zu erklären und nun rückwärtsschließend
den Darlehenszins als überflüssig zu bezeichnen. Es ist ja gar
kein Zweifel, daß das einzelne Darlehen auch unverzinslich gegeben
werden kann, zumal wenn persönliches Vertrauen in die wirtschaft-
lichen Kräfte des Darlehensnehmers die Risikofurcht überwindet;
das gilt indessen für das Gelddarlehen im tatsächlichen Einzel-
falle nicht mehr und nicht weniger als für den angeblichen Waren-
kredit, der ja in Wahrheit nur eine andere Form des (zelddarlehens
‘st (vgl. oben 3. Kap., HIN.

a) Widersinnig ist daher schon die Zielsetzung Proudhons,
wenn er die „Unentgeltlichkeit des Kredits“ fordert, um das Geld,
den „Despoten der Zirkulation, den Tyrann des Handels, das Haupt
der kaufmännischen Feudalität, das Symbol des Eigentums, zu
vernichten“.
„Unter der Herrschaft des Geldes ist der Kredit einseitig,
A. h. der Inhaber von Geld kann allein Kredit geben, er selbst erhält ihn
aicht (!). Nach dem Gesetz der Gegenseitigkeit ist der Kredit im Gegenteil
zweiseitig, indem sich jedermann gegenseitig Kredit gibt von einem
Leile seiner Arbeit. Kreditieren unter der monarchischen Herrschaft des
        <pb n="124" />
        — 112 —

Geldes ist leihen, kreditieren unter der repuklikanischen Herrschaft des

wohlfeilen Handels ist tauschen‘ (Diehl, Proudhon, II, S. 46/47).

Hier konstruiert Proudhon einen völlig haltlosen Gegensatz
zwischen Leihe und Tausch. Der Unterschied liegt keineswegs
in der Rolle, die das Geld dabei spielt; sondern in jedem Falle,
ob mit oder ohne Geld, ist der Tausch ein Besitzwechsel gegen-
wärtiger Güter, die Leihe dagegen geschieht im Vertrauen auf
die künftige Gegenleistung. Die Eigentümlichkeit der Leihe ist
es, daß der (auch stets nur zeitweise) Verzicht auf die hingegebene
Gütermenge erst in der Zukunft, nicht wie beim Tausch sofort
entgolten wird. Der Darlehensgeber „wartet“ in allen Fällen auf
die Gegenleistung und „riskiert“ sogar vielfach ihr Ausbleiben.
Die Leihe auf einen Tausch zurückführen, wie Proudhon will —
das heißt: die Zeit als Bedingung des Wirtschaftens, also des
tatsächlichen menschlichen Handelns verleugnen.

b) Schon aus diesem Grunde sind auch weiter die Mittel
verfehlt, mit denen Proudhon sein Ziel verfolgt: nach seinem
Vorschlag soll der „Tauschbon“ als „eine Urkunde, namenlos, immer
austauschbar und bei Sicht zahlbar, aber nur gegen Waren und
Dienstleistungen,“ in Umlauf gesetzt werden. Dieser Plan würde,
soweit er — wegen der dabei vorausgesetzten allgemeinen Hilfs-
bereitschaft — überhaupt zu verwirklichen ist, zu einem um-
gekehrten Kapitalismus führen: zur „Ausbeutung der Starken
durch die Schwachen“ (Kropotkin) — anstatt zu dem von Proudhon
grstrebten „Mutualismus“, der „Gegenseitigkeitswirtschaft“.

c) Ferner bedeutet dieser Tauschbon nichts weniger als eine
Abschaffung des Geldes: Proudhon bekundet die naive Auffassung,
daß der „bon de circulation weder Papiergeld noch Geldpapier
noch ein Staatsbon noch ein Bankbillet“ sei, sondern „der verall-
gemeinerte Wechsel“.

Anton Menger wendet dagegen mit Recht ein, daß der Tausch-
bons .‚sich nicht wesentlich von uneinlöslichen Bank- oder Staatsnoten mit
Zwangskurs unterscheidet; nur sollte eben der gesetzliche Zwangskurs durch
eine vertragsmäßige Verpflichtung der Genossen zur Annahme der Bons
ersetzt werden‘‘ (Recht, S. 74).

Der Wechsel ist ein Geldsurrogat (vgl. oben 3. Kap., II) nur
deshalb und so lange, als er zeitlich in bezug auf die Beteiligten
und durch gesetzliche Förmlichkeiten der Übertragung und Vor-
legung verkehrsmäßig beschränkt ist; fallen diese Einschränkungen
fort, wird der Wechsel „verallgemeinert“, so ist er eben Geld wie
jede Banknote und jedes Goldstück.
        <pb n="125" />
        - 113

Äi

d) Endlich geht noch nicht einmal Proudhons Wunsch, den
leidigen Zins abzuschaffen, durch seine Tauschbank in Erfüllung;
er fällt nur hier nicht dem Darlehensgeber, sondern ausnahmsweise
dem Darlehensnehmer zu:

„Der Schneider, der die 20 000 fr. von der Bank zinslos erhalten hat,
gann in derselben Zeit mehr und bessere Produkte erzielen als ein Konkurrent,
der ohne Kapital oder nur mit geringem Kapital arbeiten muß; in der höheren
Einnahme, die dieser Bevorzugte aus dem Verkauf seiner Erzeugnisse erzielt,
kommt die Wirkung des Kapitals zum Vorschein; in der Volksbank genießen
also nicht die Kreditgeber, sondern die Kreditnehmer die Zinsen... Der
unentgeltliche Kredit ist nichts weiter als ein Geschenk‘ (Diehl, Proud-
aon, II, S. 227; ebenso Gide-Rist, S. 352).

Keines der Proudhonschen Ziele ist also durch Ausführung
seiner Vorschläge errreichbar: weder die Abschaffung des Kredits
noch des Geldes noch des Zinses. Der Tauschbank-Plan ist auch
niemals volle Wirklichkeit geworden: die 1849 von Proudhon ins
Leben gerufene „Volksbank“ ist nicht über das Gründungsstadium
ainausgekommen. Im übrigen war diese Bank keineswegs in Über-
einstimmung mit Proudhons theoretischen Ansichten; sie war
ein echtes kapitalistisches Bankunternehmen mit 5 Millionen fr.
Grundkapital und einer Forderung von 2% Zinsen für die Dar-
lehensgewährung (vgl. im einzelnen Diehl, ebenda, I, S. 64/67) —,
ähnlich den 1829 von Mazel und 1831 von Bonnard in Marseille
unternommenen, ebenso bedeutungslos gebliebenen Bankreform-
versuchen.

Im Zusammenhang mit Proudhons Gedanken ist auch Tuckers
Lehre vom ‚„‚Geldmonopol“ und seine Forderung der „‚Geldfreiheit‘
zu erwähnen: ‚,Das In-Verkehr-Setzen von Geld muß so frei sein, wie die
AJerstellurg von Schuhen.“ Es muß nur gestattet sein, „Banken zur Aus-
gabe von Papiergeld gegen Verpfändung beliebigen Ei entums zu bilden,
wobei... die Kunden der Bank sich gegenseitig verpllichten, deren Noten
an Stelle von Gold und Silber zum Nennwerte anzunehmen und die Einlösung
arst zur bestimmten Verfallzeit gegen Zurückgabe der Noten und Freigabe
der Pfänder verlangt werden könnte; alsdann würde unter dem Einfluß der
Konkurrenz der Kapitalzins auf die bloßen Betriebskosten des Bank-
gzeschäfts, d. h. auf viel weniger als 1% herabsinken, da es niemandem einfallen
würde, einem Kapitalisten Zins zu zahlen, wenn er von der Bank das Geld
zum Ankauf von Betriehbsmitteln zinslos erhalten könnte‘ (Eltzbacher,
3. 184/185).

Die Geldmonopol-Theorie klingt auch bei Tolstoi an: „Geld ist
eine neue Form der Sklaverei, die sich von der alten lediglich durch ihre Un-
persönlichkeit, durch das Fehlen jeder menschlichen Beziehung zwischen
dem Herrn und dem Sklaven unterscheidet“ (Eltzbacher, S. 228).

In jüngster Zeit endlich hat Gustav Landauer den Proud-
hoanschen Lehren, namentlich als Gegengewicht gegen den übermächtigen

Sohn. Kann das Geld abreschafft werden? -
        <pb n="126" />
        — 114 —

Marxismus, neue Geltung zu verschaffen gesucht; seine Darlegungen sind
indes, was das Wirtschaftliche angeht, von ebensowenig Sachkenntnis getrübt
wie die seines Meisters: „Das Geld hat dadurch seine verhängnisvolle Aus-
nahmestellung, daß es nur in den Tausch, aber gar nicht in Wahrheit
in den Verbrauch eingeht... Wird darum in der rechten Tauschwirt-
schaft, wo sich Produkt nur gegen gleichwertiges Produkt tauschen soll,
allerdings ein Zirkulationsmittel nötig sein, das unserem Geld entspricht und
wohl auch Geld heißen wird, so wird es doch eine entscheidende Eigenschaft
unseres Geldes nicht haben können: die Eigenschaft, absoluten Wert
zu haben und auch dem zum Schaden anderer zu dienen, der es nicht durch

Arbeit erworben hat... Die Schädlichkeit des heutigen Geldes liegt nicht

bloß in seiner Verzinslichkeit, also seinem Wachstum (!), sondern schon in

seiner Unverbrauchbarkeit (!), also in seinem Bleiben, seinem Nichtgeringer-
werden und seinem Nicht-im-Konsum-Verschwinden ... In der freien Tausch-
wirtschaft muß .. das Geld, wie jede Ware, den Doppelcharakter des Ver-

brauches und Tausches tragen‘ (S. 121/122).

Angesichts solcher Ausführungen kann man nur mit Marx _fest-
stellen, daß es ‚Herrn Proudhon und seiner Schule vorbehalten blieb,
die Degradation des Geldes und die Himmelfahrt der Ware ernsthaft als Kern
des Sozialısmus zu predigen und damit den Sozialismus in ein elementares
Mißverständnis über den notwendigen Zusammenhang zwischen Ware und
Geld aufzulösen‘ (Kritik, S. 73).

Grundsätzlich ist zur Frage der Abschaffung des Gelddar-
lchens und -ziuses also nur wieder darzuf zu verweisen, was bereits
im ersten Teii dieser Schrift (3. Kapitel, IV) bemerkt wurde: daß
weder das Darlehen noch der Zins, weder die Kreditgewährung
noch die dafür entrichtete Gegenleistung Sachverhalte sind, mit
denen das Geld in notwendigem Zusammenhang steht” Natural-
darlehen und Naturalzinsen sind theoretisch und praktisch ebenso-
wohl möglich wie die entsprechenden Geldleistungen. Es ist also
von vornherein verfehlt, zu glauben, man könne das Geld abschaffen,
indem man den Kredit unentgeltlich macht — oder auch umgekehrt
den Zins aufheben, indem man das Gelddarlehen aus der Welt
schafft. Alle Eingriffe, die bei dieser Verwendung des Geldes
ansetzen, sind in bezug auf seine Aufhebung — juristisch ge-
sprochen — Versuche mit untauglichen Mitteln, wo nicht sogar am
untauglichen Obiekt.
        <pb n="127" />
        Schluß.

Z”apitel
Die Grenzen des Geldes.

1.
Überblicken wir die vorstehenden Ausführungen, um ihr
Ergebnis in möglichster Kürze zusammenzufassen, so dürfte das
Folgende festzustellen sein:

ı. Das Wesen des Geldes wird heute noch vielfach verkannt,
und die Irrtümer haben manche verleitet, seine Bedeutung zu über-,
aber auch zu unterschätzen. So scheitern gewisse Versuche der
Abschaffung des Geldes schon deshalb, weil es ihren Vertretern
an Klarheit darüber mangelt, was dem Gelde wesentlich und was
nur irgendwie zufällig mit ihm verknüpft ist. Alle diese Lehren
und Vorschläge (vgl. oben das 6. bis 9. Kapitel) können bei der
zusammenfassenden Würdigung des Hauptproblems unbeachtet
bleiben.

2. Die hiernach verbleibenden Theorien der geldlosen Wirt-
schaft (4. und 5. Kapitel) lassen die Grenzen erkennen, die dem
Geld seinem Wesen nach gesetzt sind. Sie stehen insoweit durch-
aus im Einklang mit der im ersten Teil der Arbeit versuchten
Klarstellung der Wesenheiten des Geldes,

3. Andererseits aber haben sich auch im Hinblick auf die
geldlose Wirtschaft gewisse Zweifel nicht unterdrücken lassen:
ob die theoretisch denkbaren, d. h. keine inneren Wider-
sprüche aufweisenden /Naturalwirtschaftstypen auch praktisch
iurchführbar sind. Die Untersuchung der letzteren Frage
war hinter der Prüfung der ersteren bisher ausdrücklich zurück-
gestellt worden, da diese bereits die Ablehnung mehrerer Reform-
pläne begründete. Nunmehr tritt das Problem der Zweckmäßig-
keit, der praktischen Vorzüge und Nachteile der geldlosen Wirt-
schaft gegenüber der (zeldwirtschaft um so schärfer hervor,
        <pb n="128" />
        — 116 —
Zwei Fragen sind also zu beantworten: nach den Grenzen
des Geldes und nach den Grenzen der geldlosen Wirtschaft; in
der Fragestellung des DBuchtitels sind sie, der Abkürzung
wegen, in einem Satz zusammengezogen, nun aber scharf aus-
einanderzuhalten.

IL.

Den tiefsten Wesenskern des Geldes fanden wir in seiner
Dienerrolle als Vermittler des Marktverkehrs: als Rechen- und
Umtauschmittel in der entwickelten Konkurrenzwirtschaft, Da
es hiernach grundsätzlich Mittel zum Zweck ist — „Geld ist, was
Geldesdienst verrichtet“ —, so ist seine Begrenzung einmal
durch eben diesen Zweck gegeben, zum anderen durch seine
Zweckmäßigkeit, d. h. seine Eignung, diesen Zweck zu erfüllen.
Das Geld würde nicht bloß dann überflüssig werden, wenn der
Zweck wegfiele, dem es dient, sondern auch dann, wenn der
Zweck in der geldlosen Wirtschaft ebenfalls und mit nicht mehr
Aufwendungen erreicht würde.

ı. Die nächste Frage also: Was ist der Zweck des Geldes?
Die Antwort ergibt sich aus der oben im ersten Teil gegebenen
Umschreibung des Begriffs: es dient als Generalnenner der gesell-
schaftswirtschaftlichen Wertschätzungen (Geldrechnung) und als
Mittler bei dem allgemeinen Güteraustausch (Geldzahlung) in der
Marktwirtschaft. Damit sind ohne weiteres gewisse Grenzen
gesetzt, allerdings nur nach unten; es sind gewisse Wirtschafts-
typen zu ‘benennen, in denen das Geld noch keine Rolle spielt.
Es ist seinem Wesen nach bezogen und beschränkt

a) auf eine Gesellschaftswirtschaft, d. h. eine Wirtschafts-
ordnung, in der das Ziel des Wirtschaftens — die Deckung des
menschlichen Lebensbedarfs unter Ausgleich der natürlichen Güter-
knappheit — in einer gesellschaftlichen Organisation erreicht
wird: daher ist das Geld in der isolierten Wirtschaft eines
Einsiedlers sinnlos;

b) auf eine Verkehrswirtschaft, d.h. auf eine Wirtschafts-
ordnung, in der die Menschen einzeln oder in Teilverbänden
(Familie, juristische Körperschaften) als selbständige „Wirtschafts-
personen“ in Wechselbeziehung treten: daher hat das Geld auch
keine Stätte in der Hauswirtschaft, weil hier die „Hauskinder“
keine Wirtschaftspersonen sind, sondern im Haushalt versorgt
werden (Familie oder Anstalt: die Tatsache, daß einzelne Haus-
        <pb n="129" />
        angehörige auch untereinander in Tauschbeziehungen treten fällt
aicht mehr unter den Begriff der Hauswirtschaft);

c) auf eine Marktwirtschaft, d. h. eine Wirtschaftsordnung,
in der die Güter bei ihrem Kreislauf in den verschiedenen Stadien
verschiedenen nicht unmittelbar verbundenen Wirtschaftspersonen
zufallen, weil infolge der ausgedehnten Arbeitsteilung jede Wirt-
schaftsperson als Produzent in einer bestimmten Richtung den
Bedarf vieler unbekannter Konsumenten befriedigen kann; wo
deshalb im Güterkreislauf zwischen die Beschaffung und die Ver-
wendung noch ein Austausch treten muß, und zwar ein zu-
sammengefaßter Austausch aller Güter gegen alle nach einem
sinheitlich-gesellschaftlichen Maßstabe der Bewertung: daher kann
das Geld selbst in der Kundenwirtschaft noch entbehrt werden,
solange die hier bestehenden persönlichen Beziehungen einen un-
mittelbaren Gütertausch, einen ursprünglichen Naturalverkehr auf
Grund der individuell-subjektiven Wertvergleichung der Tausch-
zegenstände durch die Tauschenden gestatten.

Sehr eindrucksvoll zeichnet Mises den Unterschied der primitiven

Wirtschaft, welche das Geld noch nicht benötigt, von der entwickelten

Verkehrswirtschaft, die ohne es nicht mehr auskommt: „Die Geldrechnung

zibt uns einen Wegweiser durch die erdrückende Fülle der wirtschaftlichen

Möglichkeiten. Sie gestattet uns, das Werturteil, das sich in unmittelbarer

Evidenz nur an die genußreifen Güter und bestenfalls noch an die Produktiv-

gzüter der niedrigsten Güterordnungen knüpft, auf alle Güter höherer Ordnung

auszudehnen, Sie macht den Wert rechenbar, sie gibt uns damit erst die

Grundlage für alles Wirtschaften mit Gütern höherer Ordnung. Hätten wir

zie nicht, dann wäre alles Produzieren mit weitausholenden Prozessen, dann

vären alle längeren kapitalistischen Produktionsumwege ein Tappen im

Dunkeln... Nur unter einfachen Verhältnissen vermag die Wirtschaft ohne

Seldrechnung auszukommen. InderEngedergeschlossenen Haus-

wirtschaft, wo der Familienvater das ganze wirtschaftliche Getriebe

zu überblicken vermag, kann man die Bedeutung von Veränderungen des

Erzeugungsverfahrens auch ohne die Stütze, die sie dem Geist gewährt,

nehr oder weniger genau abschätzen. Der Produktionsprozeß wickelt sich

ıer unter verhältnismäßig geringer Anwendung von Kapital ab. Er schlägt
wenig kapitalistische Produktionsumwege ein; was erzeugt wird, sind in der

Regel Genußgüter höherer Ordnung. Die Arbeitsteilung ist noch in den aller-

ersten Anfängen; ein und derselbe Arbeiter bewältigt die Arbeit eines ganzen

Produktionsverlahrens von seinem Anfang bis zur Vollendung des genuß-

reifen Gutes, Das alles ist in der entwickelten gesellschaft-

lichen Produktion anders. Es geht nicht an, in den Erfahrungen
siner längst überwundenen Zeit einfacher Produktion ein Argument für die

Möglichkeit, im Wirtschaften ohne Geldrechnung auszukommen, zu suchen,

Denn in den einfachen Verhältnissen der geschlossenen Hauswirtschaft

kann man den ganzen Wer vom Beginn des Produktionsprozesses bis zu seiner
        <pb n="130" />
        118

Vollendung übersehen und immer beurteilen, ob das eine oder das andere
Verfahren mehr genußreife Güter gibt. Das ist in den unvergleichlich ver-
wickelteren Verhältnissen unserer Wirtschaft nicht mehr möglich‘ (Wirt:
schaftsrechnung, S. 97/98).
Ein weiteres noch ergibt sich aus diesen Darlegungen: daß
der Zweck des Geldes — die Feststellung der gesellschaftlichen
Wertschätzungen und die Erleichterung‘ des Austauschs der Sach-
güter und menschlichen Dienste — in einer entwickelten gesell-
schaftlichen Wirtschaft immer besteht, gleichgültig wie die be-
treffende Gesellschaft wirtschaftlich organisiert ist. Solange die
Gesellschaftswirtschaft noch nicht Marktwirtschaft war (in dem oben
angedeuteten Sinne, etwa nur Kundenwirtschaft), war der Zweck
des Geldes auch noch nicht gegeben; er erlischt indessen nicht
dadurch, daß die Gesellschaftswirtschaft, welche erst einmal diese
Ausdehnung und Ausgliederung erfahren hat, die Form ihrer
Organisation verändert, indem sie von der Verkehrs- zur Verwaltungs-
wirtschaft übergeht. Folglich kann eine Begrenzung des Geld-
dienstes in der entwickelten Gesellschaftswirtschaft, da sie nicht
durch Fortfall des Zweckes zu begründen ist, nur dadurch eintreten,
daß infolge der organisatorischen Veränderungen das Geld nicht
mehr das geeignetste Mittel zu diesem Zwecke ist.

2. Die weitere Frage lautet somit: Was begründet die Eig-
nung des Geldes, seinen Zweck zu erfüllen, und welche Umstände
behindern es daran? Hier darf man sagen, daß die beiden
Funktionen des Geldes sich wechselseitig bedingen: weil die Preise
ziffernmäßig in Geld ausgedrückt werden, ist es auch der geeig-
netste Vermittler der Bezahlung dieser Preise; umgekehrt ist da-
durch, daß ein allgemeines Umtauschmittel vorhanden ist, die beste
Möglichkeit gegeben, die Preise auf die Einheit dieses Gegen-
standes zu beziehen.

Das letztere betont Mises besonders: „Zwei Bedingungen sind
as, die die Wertrechnung in Geld ermöglichen. Zunächst müssen nicht nur
die Güter erster Ordnung, sondern auch die Güter höherer Ordnung, soweit
sie von ihr erfaßt werden sollen, im Tauschverkehr stehen. Stünden sie nicht
im Tauschverkehr, so würde es nicht zur Bildung von Austauschverhält-
nissen kommen . .. Die zweite Bedingung ist die, daß ein allgemein gebräuch-
liches Tauschmittel, ein Geld in Verwendung steht, das auch im Aus-
tausch der Produktionsgüter seine Vermittlerrolle spielt. Wäre dies nicht der
Fali, dann wäre es nicht möglich, alle Austauschverhältnisse auf einen ein-
heitlichen Nenner zurückzuführen‘‘ (ebenda, S. 97/98).
Damit ist die entscheidende Begrenzung gegeben, die schon
in den voraufgegangenen Kapiteln eine so bedeutsame Rolle spielte‘
        <pb n="131" />
        — 119 —
es geht nicht an, in eine der wesentlichen Funktionen des Geldes
einschneidend einzugreifen, ohne es damit zu seinem gesamten
Dienst unfähig zu machen.

a) Auf der einen Seite darf man nicht eine Funktion des
Geldes willkürlich erweitern, darf z. B. der Geldrechnung
nicht ein Gebiet unterwerfen, das für einen Geldverkehr, über-
haupt für Austauschverhältnisse nicht in Frage kommt:

„Die wirtschaftlichen Güter treten . . in die Geldrechnung nur in
enen Mengen ein, die gegen Geld ausgetauscht werden. Jede Erweiterung
des Anwendungsgebietes der Geldrechnung führt zu Mißgriffen. Die Geld-
rechnung versagt, wenn man sie in geschichtlichen Untersuchungen über die
Zntwicklung der wirtschaftlichen Verhältnisse als Maßstab der Güterwelt
zu verwenden sucht, sie versagt, wenn man an ihrer Hand Volksvermögen
und Volkseinkommen zu schätzen sucht wenn man mit ihr den Wert von
Gütern berechnen will, die außerhalb des Tauschverkehrs stehen, wie etwa,
wenn man die Menschenverluste durch Auswanderung oder durch Kriege in
Geld zu berechnen strebt‘ (ebenda, S. 96/97).
od) Auf der anderen Seite wird der gesamte Geldesdienst ge-

hemmt, wenn eine seiner wesentlichen Funktionen grundsätzlich
eingeschränkt wird. Hier liegt z. B. der Grund, weshalb gegen
den privatwirtschaftlichen „Mißbrauch“ des Geldes
in der Konkurrenzwirtschaft —— sei es durch private, sei
es durch öffentliche Wirtschaftspersonen — nichts Durch-
greifendes unternommen werden kann, weshalb auch
hier letzten Endes nur die Preisbildung am Markte die Regu-
lierung der Störung veranlassen kann. Und aus demselben Grunde
ist auch die Beschränkung der „Kaufbreite“, die Neu-
rath fordert, und die der Umlaufsfähigkeit des Geldes eine prinzi-
pielle Grenze setzt, als Dauerzustand undenkbar. Entweder
muß neues Geld das alte ablösen wie seinerzeit Metallgeld das
Vichgeld, Papier das Metall, — oder aber (falls dies durch Ge-
lingen der Rationierung, durch Unterbindung eines jeden Hinten-
herum verhindert wird) die Rückkehr zum primitiven Natural-
tausch oder die Fortentwicklung zur Großnaturalwirtschaft ist die
notwendige Folge. Soll die Rationierung, mit der die Umwand-
lung begann, nämlich sinngemäß durchgeführt werden, so bedingt
sie eine Bindung der Preisbildung, die Einführung von Natural-
löhnen, Naturaldarlehnen, Naturalsteuern usw., wie dies Neurath
ganz richtig in Betracht zieht. Unter diesen Umständen ist aber
auch die Geldrechnung nicht mehr das geeignete Mittel, die
gesellschaftlichen Wertschätzungen zueinander in Beziehung zu
setzen.
        <pb n="132" />
        — 120 —

Es gilt dies alles auch von jeder „sozialistischen“ Wirtschaft, d. h.
jeder Wirtschaft mit vergesellschafteter Produktion, gleichgültig ob der Kon-
sum grundsätzlich frei ist oder einer die Mitglieder bindenden Regelung
anterliegt. In diesem Sinne Mises: „Der Tauschverkehr kann sich auch im
engen Rahmen, den ihm die sozialistische Gesellschattsordnung zuweist,
vermittelt abspielen. Es ist nicht notwendig, daß er sich immer in den Formen
des direkten Tausches abwickelt. Die gleichen Gründe, die auch sonst zur
Herausbildung des indirekten Tausches geführt haben, werden ihn auch in
der sozialistischen Gesellschaft im Interesse der Tauschenden als vorteilhaft
erscheinen lassen. Daraus folgt, daß die sozialistische Gesellschaft auch Raum
vietet für die Verwendung eines allgemein gebräuchlichen Tauschmittels,
des Geldes. Seine Rolle wird in der sozialistischen Wirtschaft grundsätzlich
dieselbe sein wie in der freien Wirtschaft; in beiden ist es der allgemein ge-
oräuchliche Tauschvermittier. Doch die Bedeutung dieser Rolle ist in
der auf dem Gemeineigentum an den Produktionsmitteln beruhenden Gesell-
schaftsordnung eine andere als in der auf dem Sondereigentum an den
Produktionsmitteln beruhenden, Sie ist hier‘ (gemeint ist die sozialistische
Gesellschaft) „‚unvergleichlich geringer, weil der Tausch in dieser Gesellschaft
eine viel geringere Bedeutung hat, weil er hier überhaupt nur Konsumgüter
erfaßt. Da kein Produktivgut im Tauschverkehr umgesetzt wird, wird es
anmöglich, Geldpreise der Produktivgüter zu erkennen. Die Rolle, die das
Geld in der freien Wirtschaft auf dem Gebiete der Produktionsrechnung spielt,
zann es in der sozialistischen Gemeinschaft nicht behalten. Die Wert-
rechnung in Geld wird hier unmöglich“ (ebenda, S. 89/90),

Ähnlich äußert sich Soda: „Der Geldbegriff steht mit den Voraus-
zetzungen des heutigen Wirtschäftssystems — nämlich der Vertragsi{reiheit,
der Arbeitsteilung und dem Güteraustausch und Verkehr — in einem so engen
Zusammenhang, daß man den einen ohne die anderen und auch umgekehrt
logisch gar nicht denken kann‘‘ (Wirtschaftsgesetze, S. 81). ‚,Gerade .,
der Geldbegriff stellt das Moment dar, welches die Verkehrs-
wirtschaft von der geschlossenen Wirtschaft grund-
sätzlich unterscheidet‘ (ebenda. S, 95).

IIL -

Um ‚es noch einmal zu wiederholen: Grenzen des Geldes
haben sich durch die Organisationsänderung der gesellschaftlichen
Wirtschaft nicht insofern ergeben, als etwa sein Zweck nicht un-
verändert fortbesteht; solange es eine umfassende und stark ge-
gliederte Gesellschaftswirtschaft gibt, bleibt es gleichgültig, ob die
Glieder der Wirtschaftsgesellschaft in freien Verkehr miteinänder
treten, oder ob die Gestaltung der Wirtschaftsführung in der Hand
von Verwaltungsorganen liegt, deren Anordnungen die einzelnen
Wirtschaftspersonen binden. Anders aber die Eignung des Geldes,
seinen Zweck zu erfüllen: diese schwindet mit der Aufhebung
des Wirtschaftsverkehrs, ja schon mit der Vergesellschaftung der
Produktionsmittel.
        <pb n="133" />
        — I21 —
Daraus ergibt sich nun die weitere Frage: wie wird der
aach wie vor bestehende Zweck des Geldes in der geldlosen
Wirtschaft erreicht? Wie vollzieht sich nun die gesellschaftswirt-
schaftliche Wertrechnung und Überleitung des Sozialprodukts an
die Konsumenten? Hat die geldlose Wirtschaft gleichwertige
Mittel an der Hand, um den gesellschaftlichen Güterprozeß im
Lauf und in fortlaufender steigender Verbesserung zu erhalten?
Hier kommen wir an eine Frage, wo die Meinungen besonders
scharf einander widerstreiten.
Einerseits denkt Neurath an eine „‚Wirtschaftsordnung, in welcher
Produktion und Verteilung ohne Zugrundelegung eines ein-
ıaeitlichen Maßes, weder des bisherigen Geldes noch des Arbeits-
geldes noch sonst einer ähnlichen Einrichtung, geregelt werden... Die Na-
turaleinkommen könntenin Typen gruppiert werden, welche
durch bestimmte Mengen und Qualitäten von Nahrung, Wohnung, Kleidung
ısw. charakterisiert erscheinen“ (Kriegsw., S. 171).

In schäristem Gegensatz dazu meint Lederer, ‚für theoretisch
arientierte Leser bedarf es keines besonderen Hinweises darauf, daß die von
Neurath mit soviel Energie betonte Naturalwirtschaft rationell ohne
irgendeine Quantifizierung, also ohne Geld (ob nun Gold oder Arbeits-
zeld, ist gleichgültig) unmöglich ist‘ (Besprechung, S. 812/813).

Mit der bloßen Behauptung der praktischen Möglichkeit oder
Unmöglichkeit einer geldlosen Wirtschaft ist für die Lösung der
Frage nicht viel gewonnen. Zwar wird eine voll befriedigende
Antwort schon aus Mangel an Erfahrungsstoff nicht zu finden
sein, immerhin läßt sich aber wenigstens ein gewisser Einblick in
lie notwendigen Voraussetzungen gewinnen, unter denen
aine geldlose Gesellschaftswirtschaft praktisch überhaupt Bestand
haben kann. Es muß erörtert werden, wie die beiden gesellschafts-
technischen Aufgaben des Geldes — der ziffernmäßig einheitliche
Ausdruck sämtlicher individueller Nutzen- und Kostenschätzungen
und die Vermittlung des Austausches der Güter- und Dienst-
leistungen — in einer grundsätzlich auf die Beseitigung des Geldes
aingestellten Wirtschaft gelöst werden können, und welche Grenzen
diesen Bestrebungen gesetzt sind,

ı. Wenn nicht die Zeiten des primitiven Tauschverkehrs
wiederkehren sollen, so bedürfen die wirtschaftlichen Wer-
tungen der Menschen auch in der Naturalwirtschaft der
gesellschaftlichen Vereinheitlichung. Selbst mit der An-
nahme, daß alle individuellen Interessengegensätze innerhalb der
Gesellschaft verdrängt werden könnten, entfällt nicht die allge-
meine naturgegebene Güterknappheit, die gerade erst durch das
        <pb n="134" />
        „ZZ

gesellschaftliche Wirtschaften ausgeglichen werden soll. Nicht
nur in der kapitalistischen, sondern in jeder entwickelten Gesell-
schaftswirtschaft bestehen — als gesellschaftliche Wesenheit —
die Probleme der Arbeitsteilung und -vereinigung, der gesell.
schaftlichen Vorratsbildung und Gefahrübernahme und der Ver-
teilung der (leiblichen und geistigen) Genußmittel auf die einzelner
Glieder der Gesellschaft. Was sich ändern kann, ist nur die Art
wie diese gesellschaftstechnischen Aufgaben gelöst werden: ob
grundsätzlich der einzelne Mensch sein wirtschaftliches Verhalten
selbständig bestimmt und als Wirtschaftsperson, als Einzelwirt
(„Privatwirt“) mit den anderen ebenso gestellten Genossen in einer
Wirtschaftsverkehr tritt, — oder ob im Prinzip „die Gesell-
schaft“ die alleinige wirtschaftende Persönlichkeit ist und nur ein
einziger Wille, der „Kollektivwille“ der Gemeinschaft, im Wege
der Wirtschaftsverwaltung über die Verhaltungsweisen ihrer Glieder
entscheidet. In beiden Fällen bilden den letzten Antrieb. der Wirt-
schaft die Bedürfnisse der einzelnen Menschen, die hinsichtlich
der Notwendigkeit ihrer Befriedigung unter dem Gesichtspunkt
der Lebenserhaltung abgestuft werden, und deren Sättigung durch
die natürliche Güterknappheit gehemmt ist. Aus diesem Tatbe-
stand, welcher die letzte, wirtschaftswissenschaftlich nicht mehr
beweisbare Voraussetzung jedes Wirtschaftens überhaupt bildet.
folgt mit logischer Notwendigkeit für alle gesellschaftliche
Wirtschaft eine natürliche „Interessen-Rivalität“ (Schäffle) der
Genossen. Und der Unterschied der Verkehrs- und Verwaltungs-
wirtschaft ist nicht etwa darin zu suchen, daß dieser naturgegebene
Zustand durch die letztere beseitigt würde, sondern daß der Gegen-
satz vor-Wwirtschaftlich bleibt, nicht sich zum Konkurrenzkampf
in der Wirtschaft auswächst. Während in der „freien“ Verkehrs-
wirtschaft der Streit in dem „Recht des (wirtschaftlich) Stärksten‘
sein Ende findet, soll in der Verwaltungswirtschaft ein jeder gleich-
mäßig dem Gemeinwillen unterworfen werden. Wirkt sich die
Interessen-Rivalität kapitalistisch im „freien Spiel der Kräfte“.
d. h. im Gegeneinander des Wirtschaftens aus (man beachte die
sprachliche Verwandtschaft von „Tauschen“ und „Täuschen
„Handel“ und „Händel“!), so will der Sozialismus das durch die
„Vergesellschaftung“ aller wirtschaftlichen Machtmittel verhindern
Die „soziale Frage“ wird dadurch nicht aus der Welt geschafft.
sondern nur ihre Lösung aus einer wirtschaftlichen zu einer
politischen Aufgabe umgewandelt. Die Gestaltung der Gesell.
schaftswirtschaft wird auch hier durch die Mannigfaltigkeit der
        <pb n="135" />
        - 123 —
Strebungen und Fähigkeiten der Genossen bestimmt, nur
nicht mehr unmittelbar, sondern auf dem Umwege über den
Sozialwillen.
Hieraus ergibt sich — wiederum zwingend, wie mir scheint —
die Unhaltbarkeit einer jeden Lehrmeinung, welche die einheitliche
Wertung aller Wirtschaftsobjekte (Sachgüter, Natur- und Menschen-
kräfte) in ihrem Verhältnis zum gesellschaftlichen Gesamtbedarf
für irgendeinen Typ der entwickelten Gesellschaftswirtschaft als
entbehrlich erachtet. Die Vereinheitlichung der individuellen
Wertschätzungen ist schon deshalb eine Notwendigkeit, um über
die Interessen-Rivalität der Einzelnen hinweg den Gesamtbedarf
der Gesellschaft feststellen zu können. Geldlose Gesellschafts-
wirtschaft kann nicht Aufhebung der einheitlichen Wertbestimmung
bedeuten!
Schäffle gibt eine ausnehmend klare Gegenüberstellung der
xapitalistischen und der sozialistischen Bestimmung des geselischaftlichen
Wertes: „Das volkswirtschaftliche Gleichgewicht wird jetzt mit Hilfe regu-
jerender Marktpreisbildung nur sehr unvollkommen und in einer für zahl-
iose Existenzen verderblichen Weise hergestellt ... Alle müssen einander
kostspielig rekognoszieren oder ins Blinde hinein auf den Markt fahren ...
Alle betasten einander mit der Absicht, möglichst viel zu erlangen, völlig
gleichgültig dagegen, ob die anderen existieren können oder zugrunde gehen, ..
Durch den Marktpreis findet . . wohl schließlich eine gesellschaftliche Gleich-
gewichtsherstellung zwischen Angebot und Nachfrage statt, aber nicht so,
wie es in einem Spiel der Wechselwirkungen zwischen vernunftbegabten und
zu gemeinsamer Gesamterhaltung befähigten Wesen stattlinden könnte,
Nicht durch gesellschaftliche Vernunft, nicht unter Oberleitung von Organen
des Interesses der Gesamtversorgung, sondern durch anarchischen und blinden
Druck und Gegendruck der Sonderinteressen wird in der Marktpreisbildung
las volkswirtschaftliche Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage
höchst labil und für den Moment erreicht . .. — Der Sozialismus könnte,
wenn er der ganzen Volkswirtschaft einen festen Kern einheitlich anstalt-
licher Organisation wirklich schaffen würde, wohl viel Besseres erreichen .,.
Alle wären unmittelbar interessiert, daß möglichst reiner Nutzen
erreicht würde, die Jagd auf andere als persönlich verdiente Prioritätsrenten
wäre unmöglich, die gerechte Regelung aller Tauschäquivalente wäre das
allgemeinste Interesse . ., die Tauschwertbildung wäre nicht mehr der Spiel-
all einer millionen{ältigen, fit allen Mitteln der List und der Täuschung
betriebenen Jagd nach Sondergewinnen ...— Bei beiden Systemen der Or-
yanisation des sozialen Stoffwechsels beherrscht Gcistesarbeit die soziale
Wertbildung, nur im einen Fall einheitslos aus dem Druck konkurrierender
ndividualwertbestimmungen heraus, im anderen Fall durch Interessen-
Rivalität vor der Instanz sozialer Wertungsorgane‘‘ (Bau, III, S. 35111g.).
2. Die Naturalwirtschaft kann einen einheitlich-
rechenmäßigen Ausdruck der gesellschaftlichen
        <pb n="136" />
        124

Wertvergleichung nicht entbehren. Die Verständi-
gung der Glieder der Wirtschaftsgesellschaft über die Gesamt-
wertung der Wirtschaftsgegenstände erfordert notwendig einen
gemeinsamen Ausdruck. Alle wirtschaftlich erheblichen Dinge
müssen wechselseitig aufeinander bezogen, ihr Wert an einem
gemeinsamen Maßstab festgestellt, Artverschiedenheiten auf Mengen-
unterschiede zurückgeführt werden. Es mag phantasiemäßig vor-
stellbar sein, daß die vorhandenen und verbrauchten Mengen der
Wirtschaftsgüter (Stoffe und Kräfte) durch eine Universalstatistik
im Sinne Neuraths nach Gattung und Art gesondert erfaßt
und „ohne Zugrundelegung eines einheitlichen Maßes“ durch
spezielle Vergleiche bewertet werden. Selbst unter Voraus-
setzung völlig wahrheitsgetreuer Angaben und außerordentlich
rascher Durchführung der Ermittlungen dürfte jedoch diese gesell-
schaftliche Werttestsetzung im höchsten Maße unpraktisch sein.
Ermöglicht sie doch kaum eine auch nur leidliche Differenzierung
der Wertobjekte nach dem wechselnden Verhältnis‘ von Vorrat
und Bedarf, vor allem .mit Rücksicht auf den Gesamtgütervorrat
und den Gesamtbedarf der Gesellschaft. Geldlose Gesellschafts-
wirtschaft kann also auch nicht Aufhebung der. einheitlicher
Wertrechnung bedeuten!

Hier liegt das schwerste Bedenken gegen die Neurath sche „GroßB-
naturalwirtschaft‘, Logisch folgerichtig entwickelt, versagt der Plan gegen
über der praktischen Erwägung, ob eine so umfassende und komplizierte.
dazu in manchen Punkten (‚„‚Lebenslagetypen‘‘!) von vornherein unzuläng-
liche Statistik eine ausreichende Grundlage für den gesellschaftlichen Wirt:
schaftsplan bilden kann. Gewährt sie — immer unter Annahme schnellster
Durchführung und zutreffender Angaben — einen einigermaßen sicheren
Überblick über die gesellschaftswirtschaftliche Erheblichkeit der individuellen
Bedürfnisse? Ermöglicht sie die Einsicht in die zu ihrer Befriedigung not-
wendigen Aufwendungen? Läßt sie den jeweils erforderlichen Umfang deı
Vorratsbildung, die Größe des zu übernehmenden gesellschaftlichen Risi-
kos auch nur annähernd erkennen? Das sind Fragen, die nicht sicher mit
Ja oder Nein zu beantworten sind, da die geschichtliche Wirklichkeit uns
dazu keine Handhabe bietet, aber die Durchführbarkeit des Neurath:
schen Planes wird dadurch, daß er auf den Generalnenner der gesellschafts-
wirtschaftlichen Wertungen verzichtet, sehr zweifelhaft. Es scheint, als ob
in diesem Punkte die Vorschläge Neuraths unbedingt einer Ergänzung
bedürften (vgl. weiter unten).

Auch Mises betont ganz besonders die Schwierigkeit, ja Unmög-
lichkeit der Wirtschaftsführung ohne einheitliche Wertrechnung: ‚Man
denke an den Bau einer neuen Eisenbahnstrecke. Soll man sie überhaupt
bauen, und wenn ja, welche von mehreren denkbaren Strecken soll gebaut
werden? In der freien Verkehrs- und Geldwirtschaft vermag man die Rech:
nung in Geld aufzustellen. Die neue Strecke wird bestimmte Gütersendunger
        <pb n="137" />
        — 125 —

verbilligen, und man vermag nun zu berechnen, ob diese Verbilligung so groß
ist, daß sie die Ausgaben, die der Bau und der Betrieb der neuen Linie er-
fordert, übersteigt. Das kann nur in Geld berechnet werden. Durch die
Gegenüberstellung von verschiedenartigen Naturalausgaben und Natural-
srsparungen vermag man hier nicht zum Ziele zu kommen. Wenn man
xeine Möglichkeit hat, Arbeitsstunden verschiedener qualifizierter Arbeit,
Eisen, Kohle, Baumaterial jeder Art, Maschinen und andere Dinge, die der
Bau und der Betrieb von Eisenbahnen erfordern, auf einen gemeinsamen
Ausdruck zu bringen, dann kann man die Rechnung nicht durchführen.
Die wirtschaftliche Trassierung ist nur möglich, wenn man alle in Betracht
kommenden Güter auf Geld zurückzuführen vermag. Gewiß, dis Geld-
rechnung hat ihre Unvollkommenheıiten und ihre schweren Män-
gel, aber wir haben eben nichts Besseres an ihre Stelle
zu setzen; für die praktischen Zwecke des Lebens reicht die Geldrechnung
eines gesunden Geldwesens immerhin aus. Verzichten wir auf sie, dann wird
jeder Wirtschaftskalkül schlechthin unmöglich. Die sozialistische Gemein-
schaft wird sich freilich zu helfen wissen. Sie wird ein Machtwort sprechen
ınd sich für oder gegen den geplanten Bau entscheiden. Doch diese Ent-
;cheidung wird bestentalls auf Grund vager Schätzungen erfolgen;
aicmals wird sie auf der Grundlage eines genauen Wertkalküls
aufgebaut sein‘ (Wirtschaftsrchg., S. 102/103). Die Ausführungen zeigen
reffend den Mangel der Neurath schen Vorschläge. Andererseits über-
‚reibt Mises die Sicherheit des privatkapitalistischen Wertkalküls. Die
Indexzitfern und privatwirtschaftlichen Statistiken, auf denen heut zumeist
lie Wirtschaftsrechnung der Einzelwirte beruht (und zwar des Privatmannes
5;o gut wie des Staates), geben vicllach auch nur „vage Schätzungen“
wieder, wofern sie nicht sogar die tatsächlichen Verhältnisse verschleiern
sollen. Trotzdem kann man daraus nicht etwa wieder rückschließend
lie Überlegenheit des Neurathschen Planes entnehmen, weil die
Mängel der kapitalistischen Wertrechnung nicht wie bei Neurath
technischer Natur sind, sondern als „ein organischer Fehler des jetzigen
Produktions- und Verteilungs-Rechtes‘““ (Schäffle) erklärt werden
können, Nicht aus der Eigenart des Geldes als Wertausdrucksmittel
tolgen sie, sondern aus dem privatkapitalistischen Mißbrauch seiner Um-
tauschmittelfunktion.

3. Die Hauptbedeutung der Naturalwirtschaft
liegt in der Beseitigung der Geldrechnung der
Einzelwirte und des Einflusses nur formaler
Kaufkraft auf die gesellschaftliche Wertfest-
setzung. Geld- und Verkehrswirtschaft auf der einen, geldlose
und Verwaltungswirtschaft auf der anderen Seite erwiesen sich
als grundsätzliche Gegensätze; ganze Gruppen von Reformvor-
schlägen mußten wegen prinzipieller Vermengung der beiden
Typen als widersinnig verworfen werden (Arbeitsgeld und Freigeld,
oben 6. und 8, Kap.). Lehnt man nun auch die Neurathsche
Großnaturalwirtschaft mangels einer einheitlichen gesellschaftlichen
        <pb n="138" />
        - 126 -
Wertrechnung als praktisch undurchführbar ab, so scheint nichts
anderes mehr übrig zu bleiben als eine glatte Verneinung unserer
Hauptfrage: der Schluß, daß eine entwickelte Gesellschaftswirtschaft
ohne die heutige Geldpreisbildung auf die Dauer unhaltbar sei
So die Meinung von Mises: „In der auf dem Sondereigentum ar
den Produktionsmitteln beruhenden Wirtschaftsordnung wird die Wert-
rechnung von allen selbständigen Gliedern der Gesellschaft geführt, Jeder-
mann ist an ihrem Zustandekommen in zweifacher Weise beteiligt, einmal
als Verbraucher, das andere Mal als Erzeuger ... Durch das Zusammenspiel
der beiden Wertungsprozesse wird dafür Sorge getragen, daß das wirtschaft-
liche Prinzip überall, im Verbrauch sowohl als in der Erzeugung, zur Herr-
schaft gelangt. Es bildet sich jenes genau abgestufte System der Preise
heraus, das jedermann in jedem Augenblick gestattet, seinen eigenen Bedari
mit dem Kalkül der Wirtschaftlichkeit in Einklang zu bringen. — Das aller
fehlt notwendigerweise im sozialistischen Gemeinwesen, Die Wirtschafts
leitung mag genau wissen, was für Güter sie am dringendsten benötigt. Aber
‚. die Bewertung der Produktionsmittel muß sie entbehren. Den Wert
der der Gesamtheit der Produktionsmittel zukommt, vermag sie festzustellen
... Sie vermag auch zu berechnen, wie groß der Wert eines einzelnen Produk
tionsmittels ist, wenn sie die Bedeutung des Ausfalles an Bedürfnisbefrie
digung berechnet, der durch: ‘cn Wegfall entsteht. Doch sie kann ihn nicht
auf einen einheitlichen Preisau druck zurückführen, wie dies die freie Wirt
schaft, in der alle Preise zuf «en gemeins.u..n Ausdruck iu Geld zurück
geführt werden können, vermag. In der sozi-l;stischen Wirtschaft, die .
den Ausdruck der Preise der Produktionsmittel (einschließlich der Arbeit)
in Geld unmöglich macht, kann das Geld in der Wirtschaftsrechnung keine
Rolle spielen... Es scheint nahe zu liegen, . . es auch im sozialistischer
Gemeinwesen mit selbständiger Verrechnung der einzelnen Produktions-
gruppen zu versuchen. Doch das ist ganz und gar unmöglich. Denn jede
selbständige Verrechnung der einzelnen Zweige eines und desselben Unter:
aebmens beruht ausschließlich darauf, daß eben im Marktverkehr für alle
Arten von verwendeten Gütern. und Arbeiten Marktpreise gebildet werden
die zur Grundlage der Rechnung genommen werden können. Wo der iIreie
Marktverkehr fehlt, gibt es keine Preisbildung; ohne Preisbildung gibt es
keine Wirtschaftsrechnung. Man könnte etwa daran denken, zwischen den
einzelnen Betriebsgruppen den Austausch zuzulassen, um auf diesem Wege
zur Bildung von Austauschverhältnissen (Preisen) zu gelangen und so cine
Grundlage für die Wirtschaftsrechnung auch im sozialistischen Gemeinwesen
zu schaffen ... Aber wieder kommt man dabei um den entscheidenden Punkt
nicht herum. Austauschverhältnisse der Produktiv
güter können sich nur auf dem Boden des Sonder
eigentums an den Produktionsmitteln bilden. Wenn
die‘ Kohlengemeinschaft an die Eisengemeinschaft Kohle liefert, kann sict
kein Preis bilden, es wäre denn, die beiden Gemeinschaften scien Eigentümer
der Produktionsmittel ihrer Betriebe‘ (Wirtschaftsrchg., S. ıoıflg.).
Zunächst ist nach den Ausführungen von Mises das eine

festzustellen: Die Frage, ob eine ausgedehnte, hochgegliederte
        <pb n="139" />
        A

eG

Wirtschaftsgesellschaft ohne einen einheitlichen Zahlenausdruck
der gesellschaftlichen Wertungen auskommen kann, tritt weit hinter
dem Problem zurück, wie diese Wertungen festzusetzen seien.
Die praktische Bedeutung der Geldabschaffung liegt nicht in der
Aufhebung der Geldrechnung schlechthin, sondern der Geldrech-
nung der Einzelwirte! Wie oben schon (4. Kap,, III) ausdrücklich
bemerkt, hat die Naturalrechnung such in der heutigen Wirt-
schaftsrechnung ihre Stelle; nur greift sie hier nicht über den
Bereich der Einzelwirtschaft hinaus. Die gesellschaftliche Wer-
tung erscheint in der Marktwirtschaft ausschließlich in Angebot
und Nachfrage der Einzelwirte, wobei stets das Angebot von
realen Wirtschaftsgütern als Nachfrage nach Geld, die Nachfrage
nach Waren und Diensten als Geldangebot auftritt. Durch den
‚Geldschleier“ wird die sofortige Feststellung verhindert, ob die
geforderten und gezahlten Preise, Löhne, Zinsen auch dem Stande
der Gesamtwirtschaft nach gerechtfertigt sind; insofern ist die
Marktpreisbildung „anarchisch“. Und aus dieser Erkenntnis ent-
springt nun der Gedanke der naturalen Verwaltungswirtschaft: die
gesellschaftliche Wertbestimmung, die heute grundsätzlich in
der Hand der Einzelwirte liegt und in der freien Preisbildung
vollzogen wird, soll der privaten, im „Geldvermögen“ versinnbild-
lichten Macht entzogen werden. Nich“ die nominale Kaufkraft
der Einzelwiric „11 fernerhin die geselischaftlichen Wertungen
bestimmen, sondern das wirkliche Verhältnis aller Produkte und
Produktionsmöglichkeiten zu der Gesamtheit der zu befriedigenden
Bedürfnisse. Nicht nur- die Leistungen, sondern auch der Bedarf
aller Genossen muß dazu der Gesellschaft unmittelbar — „in natura“
— bekannt werden; der Gemeinwille, nicht die einzelwirtschaftliche
{vielleicht nur vorgebliche) Kaufkraft, entscheidet dann nach dem
Stande der Gesamtwirtschaft über die Berücksichtigung der indi-
viduellen Bedürfnisse. Ob die gesamten Aufwendungen der Ge-
nossen: ihr Arbeiten, Warten, Wagen, mit dem Ergebnis ihres
Wirtschaftens — d.h. also der ihnen entgangene Nutzen mit den
erreichten Nutzungsmöglichkeiten — auf einen Generalnenner ge-
bracht und in ziffernmäßigen Messungen verglichen wird, ist dem-
gegenüber eine Frage von lediglich verkehrstechnischer Bedeutung;
maßgebend ist, daß gesellschaftliche, nicht nur einzelwirtschaft-
liche Naturalrechnung betrieben und dadurch der störende Ein-
uß der teilweise immer nur formalen Kaufkraft der Geldbesitzer
bei der Festsetzung des gesellschaftswirtschaftlichen Wertes der
Güter und Dienstleistungen ausgeschaltet wird. Ist dieses Ziel er-
        <pb n="140" />
        — 128 —
reicht, so ist es gleichgültig, was für eine Rechnungseinheit man
der Wertvergleichung zugrunde legt; vor allem kommt es darauf
an, den Marktpreis grundsätzlich in eine „Sozialtaxe“ (Schäffle)
umzuwandeln.

Diese Umwandlung ist theoretisch durchaus denkbar, und
über ihre praktische Brauchbarkeit kann noch kein einwand-
freies Urteil gefällt werden; es läßt sich indes in der heutigen
Wirtschaft die ausgesprochene Tendenz feststellen, die Marktpreis-
bildung durch taxmäßige Feststellungen zu verdrängen (Höchst-
und Richtpreise, Lohntarife, Diskontsatz der Zentralnotenbank und
ähnliches).

Den Gedanken der Sozialtaxe hat Mises in seinem Aufsatz gar
nicht ins Auge gefaßt; wie die zuletzt angezogene Stelle zeigt, begnügt er sich
mit der Behauptung, daß zu einer Preisbildung — ohne welche wicderum
eine Wirtschaftsrechnung und überhaupt eine rationelle Wirtschaft unmöglich
sei — das „Sondereigentum an den Produktionsinitteln‘“ die notwendige
Voraussetzung bilde. Es ist indessen nicht einzusehen, weshalb der gesell-
schaftswirtschaftliche Wert der Kohle, welche die Kohlengemeinschaft an
die Eisengemeinschaft liefert, nur dann feststellbar sein soll, wenn ‚die
beiden Gemeinschaften Eigentümer der Produktionsmittel ihrer Betriebe‘
sind. Nach Mises kommt außer der kapitalistischen nur noch die Lösung
äer Arbeitswerttheorie in Frage, die freilich nicht ausreicht (vgl. oben 6. Kap.,
III). Die Sozialtaxe, den verhältnismäßig am besten durchdachten Vorschlag
in dieser Richtung, erwähnt Mises mit keinem Wort, obwohl Schäffle
bereits eine recht klare Vorstellung davon gegeben hat: „Öffentliche Organe
der Produktionsgewerkschaften und Vertreter der Konsumenten (etwa die
Lagerbehörden, bei welchen die Bedarfe zum Übergang in den Konsum liegen),
müßten zusammentreten, täglich, wöchentlich, monatlich, je nach den be-
sonderen Umständen. Ihnen wäre durch die Zentralstelle der Prcduktions-
buchhaltungen bekannt, den wievielten Teil der sozialen Arbeitszeit eine
bestimmte Menge einer bestimmten Güterart (zu bestimmter Zeit an bestimmte
Orte geliefert) kostet. Bei einem den Vorrat übersteigenden Stand und
hoher Dringlichkeit der Nachfrage müßte die Taxe höher als der durchschnitt-
liche Arbeitskostensatz angesetzt werden, im umgekehrten Falle niedriger...
Die Taxen müßten nicht für das ganze Land gleich sein, sondern könnten
für Orte, welche höhere Kosten verursachen, höher angesetzt und auch aus
sonstigen Rücksichten der Gesamterhaltung und Gesamtentwicklung viel-
fach modifiziert werden. Die Taxorgane würden mit den Prcduktionszentral-
stellen behufs Ausdehnung oder Einschränkung der Produktion und mit den
Ablieferungsmagazinen behufs der Bekanntmachung der Taxsteigerungen

und Taxminderungen zum Zwecke der Anregung von Veränderungen in den
Bedarfen in Verkehr treten... Die Veränderung läge darin, daß, während
jetzt jeder Käufer private Wahlinstanz über rivalisierenden Privatangeboten
und jeder Verkäufer private Wahlinstanz über konkurrierenden Privatnach-
fragen ist, eventuell auch öffentliche Organe der Wertbestinumung auf Grund
der einheitlich gesammelten Tatsachender Bedarf{s-
and der Arbeitsrivalitäten auftreten und auf die Ausgleichung
        <pb n="141" />
        — 129 a——

zwischen Bedarf und Arbeit in jeder Produktgattung hinwirken würden.
Von den heutigen Polizeitaxen unterscheide sich die sozialistische Taxe da-
durch, daß sie allgemein auf Grund von Bedarfs- und Arbeitskonkurrenzen
normiert würde, nicht bloß ausnahmsweise in Fällen der mangelnden Kon-
kurrenz und der Unmöglichkeit beiderseitig freien Austrages. Nur im Auf-
treten von Öffentlichen Taxinstanzen an Stelle privater Wahlinstanzen
käme sie dem Polizeitaxwesen nahe‘ (Bau, III, S. 154/155).

In seiner neuesten Schrift hat auch Neurath den Gedanken der
Sozialtaxe aufgegriffen: ‚‚Die Lohnkämpfe der überlieferten Wirtschafts-
ordnung gehen ihrem Ende entgegen ... Bald werden die Arbeiterverbände
untereinander über die Lohnsätze und Arbeitsbedingungen sich einigen, da
ja letzten Endes die be,ser bezahlten Arbeiter von den schlechter bezahlten
erhalten werden. Das Ergebnis wird ein Generallohnsystem sein,
in welchem nach Gefahr, Risiko, Annehmlichkeit und Anstrengung der Arbeit,
nach Örtlichkeiten und Arbeitsweise, Alter des Arbeitenden usw. alle Löhne
und Gehälter, einschließlich jener für Direktoren und Unternehmer, festgelegt
werden. Ebenso wie ein Generallohnsystem wird ein Generalpreis*
system entstehen, da die Werktätigen von vornherein wissen wollen, was
ihr Geldlohn, in Naturalien ausgedrückt, bedeutet. Die Verknüpfung des
Generallohnsystems mit dem Generalpreissystem bedeutet einen großen
Schritt zur Organisation der Naturalversorgung‘ (Vollsoz., S. 22). Die
Sozialtaxe, auf die Neurath hier letzten Endes auch hinauskommen
würde, ist in der Tat die notwendige Ergänzung zu seinen früheren Gedanken
der Universalstatistik und des einheitlichen Wirtschaftsplans; erst in Ver-
bindung mit der Taxfestsetzung durch die gesellschaftlichen Wirt-
schaftsorgane erhalten Neuraths Vorschläge praktische Bedeutung Über-
haupt bedeutet der Gedanke der durchgängigen taxmäßigen Wertbestimmung
aller Güter und Dienste den Ausbau alles dessen, was aus den kommunisti-
schen und kollektivistischen Theorien an praktisch bedeutsamen Anregungen
entnommen werden kann; hier finden wir unmittelbare und weitgehendste
Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse, verbunden mit der Beach-
tung der natürlichen Knappheit an Menschenkraft und Sachgütern. Nicht
aur die „Arbeitskosten‘‘, sondern auch die „notwendige Sparsamkeit‘ und
lie Risikoverhältnisse sind bei Schäffle in Rechnung gezogen, und
vor allem wird neben dem „Kostenwert‘‘ auch der „Nutzwert‘“ für den jeweils
zu befriedigenden Bedarf nicht vernachlässigt: „Periodisch . ., wie heutzu-
tage die Rate einer großen Bank, müßten soziale Taxwerte in Einheiten des
sinfachen sozialen Arbeitstages für jede Güterart und Qualitätsstufe jeder
Güterart festgestellt werden unter Berücksichtigung beider Seiten
des wirtschaftlichen Wert:s‘“‘ (Bau, III, S, 347). Daß bei Schäffle der
Arbeitstag als Rechnungseinheit erscheint, ist keineswegs der Ausf{luß einer
einseitigen Arbeitsgeldtheorie; das zeigt schon scine Behauptung, man müsse
„den veränderlichen Nutz wert der individuellen Arbeitstage innerhalb
eines gleitenden Tarifs von Gesellschafts wegen wechselnd taxieren‘ (ebenda,
5. 346; vgl. auch oben 6. Kap., III). Die Sozialtaxe in dem hier be-
schriebenen Sinne dürfte auch Tugan bei der Vorstellung von „festen
Preisen‘ und „idealem Geld‘ vorgeschwebt haben; nur ist bei ihm die Bezie-
aung auf die entsprechenden Einrichtungen der kapitalistischen Verkehrs-
wirtschaft noch zu stark (vgl. oben 6. Kap., 1/11).

Cohn, Kann das Geld abgeschafft werden?
        <pb n="142" />
        130 —

4. Die Überleitung der Güter an die Verbraucher
zeschieht in der Naturalwirtschaft durch unmittelbare
Zuweisung an die zu Versorgenden und- durch Verrechnung
der leitenden Stellen, hilfsweise unter Anwendung eines
allgemeinen Umtauschmittels. Wie oben angedeutet, ist es
gleichgültig, welche Art- und Mengeneinheit die rechnerische
Grundlage der gesellschaftlichen Taxfestsetzung bildet, da sie hier
lediglich eine Ausdrucksfunktion ausübt. Von ebenso unterge-
ordneter Bedeutung ist es für eine mit Sozialtaxen arbeitende
Wirtschaftsordnung, ob der durch die Taxfestsetzung geregelte
„Zwischenstoffwechsel“ (Schäffle) des Wirtschaftskörpers mit
oder ohne Heranziehung eines allgemeinen Umtauschmittels,
mit oder ohne Veranstaltung von Zahlungen bewältigt
werden kann.

a) In weitgehendem Maße werden die dem einzelnen Genossen
nach dem gesellschaftlichen Versorgungsplane zustehenden Güter
‘hm. unmittelbar zugewiesen werden können, wobei Buchun-
gen über die gesellschaftlichen Leistungen und die Gegenleistungen
der Wirtschaftsleitung zur Kontrolle dienen, Dieses Verfahren
wird zurzeit in Rußland angewandt, und auch in Österreich und
Deutschland sind neuestens Anregungen zu einer solchen Natural-
antlohnung gegeben worden,

Aus Rußland berichtet Eisenber ger im März 1920: „Auf
dem Gebiete der Industrie hat sich gleichtalls die sozialistische Umwertung
aller Werte vollzogen. Nach Industrieverbänden geschieden, hat die Auf-
saugung großer und kleiner Unternehmen eines Berufszweiges durch Zentral-
verwaltungen stattgefunden. Unter unmittelbarer Anlehnung an die Gewerk-
schaften und in Befolgung der Weisungen des Wirtschaftsrats regeln „‚Zentro-
metall‘, „Zentroleder‘, „‚Zentrotextil‘, „Zentrogummi‘‘ usw. die Erfassung
und Anfuhr des Rohmaterials an die Verarbeitungsstellen, überwachen dessen
jachgemäße Ausgabe an die einschlägigen Betriebe, kontrollieren und regi-
strieren die Produktion und leiten die Fertigfabrikate weiter an die Konsum-
zenossenschaften, deren Aufgabe in der Verteilung besteht. Die Mitglicd-
schaft der Werktätigen in den Konsumgenossenschatten ist obligatorisch.
Zur Erleichterung des Absatzes sind den Fabriken eigene Konsumfilialen ange-
zliedert. Die Buchhaltung sämtlicher Genossenschaften erstreckt sich auf die
Führung von Personenkonti, deren Abschluß regelrecht zum Löhnungsappell
srfolgt, wobei die Sollposten zur Eintragung in das Arbeitsbuch des Kon-
zumenten gelangen, der es seiner Fabriksleitung zwecks Erhebung des nach
Abzug seiner Warenschuld verbleibenden Lohnes vorweist. Befindet sich
also der Arbeiter im Besitz irgendeiner Anweisung für den Ankauf von Lebens-
mitteln, Schuhen, Wäsche, Kleidern, Möbeln und dergleichen, so tritt an
Zahlungsstatt ein entsprechender Eintrag unter Preisvermerk in sein Arbeits-
buch, während seine Arbeitsstelle die Kosten bei der Lohnauskehrung in An-
        <pb n="143" />
        — 131 —

schlag bringt. Auf diese Weise verschwindet das Papiergeld immer mehr
zus dem Umlauf, Selbstverständlich ist ohne Anweisungen niemand be-
zugsberechtigt, da ja sonst die Rationierung nicht eingehalten werden könnte.
Das erwähnte Arbeitsbuch bietet jederzeit einwandfreien Aufschluß über die
Art der Buchungen, die Höhe der Löhne, sowie die progressiv sich steigernden
Verpflegungs- und Ausstattungsanteile. Letztere bewegen sich ganz im
Rahmen gleichheitlicher, durch dıe Endsumme der jeweils zur Verfügung
stehenden Produktionsergebnisse begrenzter Zuweisungen pro Person. Jede
Vergrößerung der Gesamtausbeute in Industrie und Landwirtschaft spiegelt
sich demnach automatisch wieder in der aufwärtsstrebenden Kurve der
Lebenshaltung‘‘ (S. 5/6).

Für Österreich macht Lederer ähnliche Vorschläge; er
denkt sich den Naturallohn namentlich unter Heranziehung „sozialisierter
bzw. organisierter Produktionen‘ (mit Hilfe der „‚Zentralstellen der einzelnen
Wirtschaftszweige‘“) verwirklicht, und zwar vermittelst eines Gutschein-
und Verrechnungssystems (Wiederaufbau, S.ı15f1lg). In Ungarn konnte
die Räteregierung ihr Geldsystem neben dem bislang herrschenden nicht
behaupten (Vargo, 5. 120{flg.).

Endlich wird in Deutschland die naturale Entlohnung mit
Rücksicht auf die im letzten Winter so stark gestiegenen Preise als ein Gegen-
gewicht gegen die Teuerung in Betracht gezogen. Bemerkenswert ist in dieser
Richtung ein Aufsatz Heinz Po tthoffs in der Mannheimer „Neuen
Badischen Landeszeitung‘“ (Morgenausgbabe vom 12, April 1920): „Die Mil-
‚ionen der Lohnempfänger und die Millionen der Hausfrauen müssen sich also
klar werden, daß wir vor einem Wendepunkte stehen, der dıe Wirtschafts-
lage sehr verschlechtern muß, wenn sie ihn nicht zur Verbesserung ausnutzen
„.. Ablehnung unberechtigt hoher Preise, 01 ganisierter Boykott alles wuche-
risch Verteuerten ... Konsumentenstreik! ... Geschieht das nicht, dann
oleibt nur noch ein letzter Ausweg: Rückkehr zur Naturalwirtschaft. Die
Millionen der Lohn- und Gehaltsempfänger müssen unabhängig werden

vom Schwanken des Geldes in seiner Kaufkraft . . . Beamte, Angestellte
und Arbeiter erhalten die wichtigsten Lebensmittel, Kleidungsstücke, viel-
leicht auch die Wohnung von den Arbeitgebern in Natur geliefert und zu einem
festen Satze auf den Lohn angerechnet . .. Die Fachverbände der einzelnen
Industriegruppen können einen Austauschverkehr vereinbaren... Die Arbeit-
achmer können selbst an der Durchführung des Planes teilnehmen, Betriebs-
räte, Arbeitsgemeinschafte., Konsumvereine müssen herangezogen werden;
1ur im Zusammenwirken der Arbeitnehmer mit den Arbeitgebern läßt der
Gedanke sich verwirklichen.‘
b) Für den Fall, daß die naturale Zuweisung der Anteile zu
umständlich werden sollte (freie Berufe!), könnten auch körperliche
Zahlungsmittel angegeben werden; diese würden indes nur hilfs-
weise und vorübergehend gelten und vor allem stets in der „Kauf-
breite“ beschränkt sein: das „allgemeine Umtauschmittel“ wäre
selbst hier noch auf eine kurzfristige Naturalanweisung zurück-
geführt. Der etwaige Güteraustausch mit dem Auslande könnte
'm naturalen Kompensationsverkehr bewältigt werden; Gold
        <pb n="144" />
        oder ähnlich dauerhafte Güter könnten daneben als „Spitzenaus-
gleich“ verwandt werden.

Die Einzelheiten hierüber vergleiche oben 4. Kap., II/IV. Ferner fin-
den wir auch in dieser Frage bei Schäffle sehr klare Vorstellungen:
„Nach Gewerkschaften und Bezirken gegliedert, könnte jede gesellschaftliche
Produktionsanstalt ihre Gesamtarbeit unter Kontrolle besonderer Organe der
Gesellschaft buchen, Alle Arbeitsguthaben könnten in Gewerkschafts- und
Provinziai-, endlich in Zentral-Buchhaltung zusammengezogen werden, Die
Summe aller Arbeitstage könnte also annähernd präliminiert, daraufhin Arbeits-
leistungs-Zeitgeld ausgegeben und durch Liquidation bei den gesellschaftlichen
Gütermagazinen wieder eingezogen werden ... Der Verkehr mit dem Aus-
land könnte natural bzw. durch öffentliche Edelmetallreserven vollzogen
werden. Die Privatleistungen, welche nicht öffentlich organisiert wären.
könnten von jedem Teilhaber der Kollektivproduktion durch Abtretung
eines Teils seiner Arbeitszertifikate, die ja zugleich Bezugsanweisungen wären,
vergolten werden, wie heute öffentliche (der Gesellschaft geleistete) Arbeit
umgekehrt durch hartes Geld bezahıt wird‘ (Bau, III, S. 340).
Das Entscheidende ist auch hier wieder nicht die technische
Gestaltung des Umtauschmittels — sein Stoff, seine Stückelung —,
sondern die Eigenschaften. welche es von dem bisherigen Geld
unterscheiden: vor allem, daß es niemals nur formale, vorgebliche
Kaufkraft verkörpert, sondern stets der gesamte Gütervorrat der
Gesellschaftswirtschaft dahinter steht.

Schäffle drückt dies so aus: „‚Die Zu- und Abnahme der Er-

werbsmächtigkeit („Kaufkraft“) würde genau und allgemein im

Maße der zunehmenden und abnehmenden Produktivität der Nationalarbeit

stattfinden. Es wäre in ihm ein ideaies Mittel für Ausgleichung der Störungen

und für gerechtere Regelung vieler Veränderungen im standard of life gegeben.

Die Gutschreibungen für die Zukunft und Guthaben aus der Vergangenheit,

welche für individuelle Bedarfe in sozialen Versicherungs-, Versorgungs- und

Gegenseitigkeits-Anstalten nun ohne das Mittel spekulativen Bankbetricbs

stattfinden könnten, hätten hieran oftenbar keine üble Basis . .. Die Ab-

nahme der Kaufkraf{t des Arbeitstages fiele auf alle gleich
mäßig und würde allgemein zu Erfindungen, zur Vorsicht im Eheschluß
zur Kolonisation und anderen abweichenden und ausweichenden Anpas

sungen anregen‘‘ (ebenda, S. 339).

IV.
In den angegebenen vier Leitsätzen (oben III) ist die ge-
drängte Darlegung der praktischen Bedeutung und Begrenzung
der geldlosen Wirtschaft versucht worden. Wie auch in der
heutigen Geldwirtschaft (oben 2. Kapitel) „die historische Wirk-
lichkeit immer nur als Herabsetzung‘ des reinen Geldbegriffes auf-
        <pb n="145" />
        s— 133 —
tritt‘“ (Simmel), so zeigt sich das Zukunftsbild gleichfalls mit
starken „Erdenresten“ behaftet. Die Praxis des täglichen Lebens
verwirklicht niemals die reinen Wesenheiten der Typen; diese sind
hier stets umkleidet von „Akzidentellem“, von einer Unzahl „Mit-
gegebenheiten“ (Husserl). Galt es, im Verlauf der Arbeit zu-
nächst die typischen Gegensätze von Geldwirtschaft und geldloser
Wirtschaft festzustellen, so kann und muß nunmehr auf die fließen-
den Übergänge hingewiesen werden. Beides ist für die ab-
schließende Beantwortung unserer Hauptfrage gleich wichtig;
denn je nach dem Gesichtspunkt der Betrachtung wird die Ant-
wort verschieden ausfallen.

Kann das Geld abgeschafft werden? Nur in mehrere Sätze
zerlegt, läßt sich auf diese Frage eine einigermaßen zufrieden-
stellende Antwort erteilen:

ı. Bei nur theoretischer Untersuchung ihrer grundsätzlichen
Eigenart erkennen wir die Geldwirtschaft und die geldlose Wirt-
schaft (Naturalwirtschaft) als zwei selbständige, gegensätzliche
Typen von Wirtschaftsordnungen: jene als Verkehrs-, diese als
Verwaltungswirtschaft.

Auf ihre praktische Verwirklichung hin betrachtet, erweisen
sie sich jedoch durch gewisse Übergänge verknüpft: Geldverwaltung
in der Verkehrswirtschaft (Notenmonopol, Diskontpolitik), Natural-
verkehr in der Verwaltungswirtschaft (teilweiser Austausch der
zugewiesenen Güter unter den Genossen).

2. Keinesfalls kann das Geld schlechthin abgeschafft, d. h.
mit einem Schlage durch Vereinbarung oder obrigkeitliche An-
ordnung beseitigt werden. Höchstens kann es „durch die Auf-
hebung des Warencharakters der Arbeitsprodukte, weil überflüssig,
in Wegfall kommen“ (Bebel), Eine lange Entwicklungszeit
würde dazu erforderlich sein, und gewisse Reste des alten Zu-
standes dürften auch nach deren Ablauf noch verbleiben.

„„Selbstverständlich denken wir nicht daran, daß diese Ordnung
über Nacht an Stelle der Marktpreisbildung treten und jemals zu
ausschließender Geltung gelangen könne. Nur eine langsame

Arbeit der Geschichte kann im Weg der vervollkommnenden Auslese einst

dahin führen. Und auch dann würde die privatwirtschaftliche Tausch-

wertbildung für einen Teil der Bedürfnisbefriedigungen übrig bleiben, für per-
sönliche Dienste, Flickarbeit, naturgemäß kleinwirtschaftliche Betriebe.

Auch wenn die Geldwirtschaft in der Hauptsache durch den Sozialismus

verdrängt wäre, würde nichts hindern, ihre guten und brauchbaren Reste

diesem letzteren anzufügen“ (Schäffle. Bau. III. S. 23561.
        <pb n="146" />
        — 134 —

3. Nicht mit Sicherheit festzustellen ist, ob die gegenwärtig
in Ost- und Mitteleuropa bemerkbare Neigung zur Ausbreitung
der Naturalwirtschaft sich weiter verstärken oder wieder abflauen
wird. Es ist auch nicht Sache der wissenschaftlichen Erörterung,
die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung vorauszusagen; ihre
Aufgabe ist lediglich die Erforschung und begründende Erklärung
geschichtlicher oder phantasiemäßig vorgestellter Tatbestände und
ihrer Veränderungen.
        <pb n="147" />
        Erläuterung der bei den Anführungen im Text ge-
brauchten Abkürzungen,

L.

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Meyer, II Bd. Berlin 1880.

-, Erkenntnis: Zur Erkenntnis unserer staatswissenschattlichen Zustände. Neu-

brandenburg und Friedland 1842.

Schäffle, Sozialismus: Quintessenz des Sozialismus. 4. Aufl. (5. Abdruck.)
Gotha 1878.

5immel, Philosophie des Geldes. Leipzig 1900.

3imon, Helene, Robert Owen, Sein Leben und seine Bedeutung für die
Gegenwart. Jena 1905.

Soda, Geld: Geld und Wert. Tübingen 1910.

50lvay, Gesellschaftlicher Komptabilismus. Deutsche Ausgabe. Brüssel 1897.

5ombart, Sozialismus und soziale Bewegung. 7. Aufl. Jena 1919.

5tephinger, Wert und Geld. Grundzüge einer Wirtschaftslehre. Tübingen
1918,

Stillich, Geld- und Bankwesen. 4. Aufl. Berlin 1914.

Terhalle, Währung und Valuta. Jena 1919.

Thompson, Verteilung des Reichtums, II, Bd. Deutsche Ausgabe. Berlin 1904.

Tugan-Baranowsky, Der moderne Sozialismus in seiner geschichtlichen
Entwicklung. Dresden 1908.

Varga, Die wirtschaftspolitischen Probleme der proletarischen Diktatur.
Wiep 1920.

Voigt, Soziale Utopien. Leipzig 1906.

Wagner, Adolph, Theoretische Sozialökonomik oder Allgemeine und theo-
retische Volkswirtschaftslehre. Zweite Abteilung, II. Bd.: Sozialökonomische
Theorie des Geldes und des Geldwesens. Leipzig 1909.

Weber, Adolf, Banknote: Die Geldqualität der Banknote. München 1900,

Werner, Die Bayrische Räterepublik. Tatsache und Kritik. Leipzig 1020.

Wicksell, Geldzins und Güterpreise. Jena 1898.

b) Aufsätze und Vorträge.
3udge, Waren- oder Anweisungstheorie des Geldes? Archiv für Sozialwissen-
schaft und Sozialpolitik, XLVI. Bd., S. 732flg.

Eisenberger, Die Wirtschaftspolitik der russischen Kommunisten. Arbeiter-
rat, II, Jahrgang, ı1. Heft,

Elster, Karl, Zur Analyse des Geldproblems. Jahrbücher für Nationalökono-
mie und Stastistik, Dritte Folge, LIV. Bd., S. 257flg.

Heyn, Probleme: Probleme des Geldwesens, Eine Erwiderung auf Liefmanns
Geld und Gold. Weltwirtschaftliches Archiv, X. Bd., S. 1611lg.

—, Inflationsproblem: Zum Inflationsproblem, Eine Erwiderung an Bendixen,
Weltwirtschaftliches Archiv, XI. Bad., S. 243ilg.

—, Wiederherstellung: Zur Frage der Wiederherstellung entwerteter Währungen,
Weltwirtschaftliches Archiv, XIV. Bd., S. 390flg.

Lederer, Besprechung: Besprechung von Neurath, Wesen und Wege der
Sozialisierung. Archiv für Sozialwissenschäft und Sozialpolitik. XLVI. Bd.,
S. 812/813.

Lenin, Aufgaben: Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht. Deutsche Ausgabe.
Berlin 1910.
        <pb n="151" />
        —- 139 —

Liefmann, Abhängigkeit: Über die gegenseitige Abhängigkeit der Goldwäh-
rungen. Weltwirtschaftliches Archiv, IX. Bd., S. ıflg.

—, Aufgaben: Aufgaben der Geldpolitik nach dem Kriege. Drei Vorträge zum Geld-
und Währungsproblem. Veröffentlichungen des Deutschen Wirtschafts-
verbandes für Süd- und Mittelamerika, Heft ı, S. 45fig. Berlin 1917.

Menger, Karl, Geld. Handwörterbuch der Staatswissenschaften, IV. Bd,,
S. 555ilg., 3. Aufl. Jena 1909/11.

Mises, Klassitikation: Zur Klassifikation der Geldtheorie. Archiv für Sozial-
wissenschaft und Sozialpolitik, XLIV. Bd., S. 198flg.

—, Wirtschaftsrechnung: Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen,
Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, XLVII. Bd., S. 86flg.
Neurath, Kriegswirtschaft: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft.

(Sammlung von Autisätzen und Vorträgen.) München 1919.

Potthotf, Wende der Preisentwicklung ? Mannheimer „Neue Badische Landes-
zeitung‘, Morgenausgabe vom ı2. April 1920. ;

Schmidt, Conrad, Eingängzr. Besprechung von Gesells Natürliche Wirt-
schaftsordnung. Sozialistische Monatshefte, LIV. Bd., S. 546/547.

Schumpeter, Sozialprodukt: Das Sozialprodukt und die ’Rechenpfennige.
Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, XLIV. Bd., S. 627{flg.

Stepbinger, Theorie: Volkswirtschaftliche Theorie des Geldes. Zeitschrift
für die gesamte Staatswissenschaft, LXVII. Bd., 114 lg.
        <pb n="152" />
        <pb n="153" />
        Zum Gedächtnis an Arthur Wolfgang Cohn.

Nachdem Dr. Cohn die Korrektur dieser Schrift erledigt
hatte, suchte er für einige Tage in den Bergen seiner schlesischen
Heimat Erholung. Es zog ihn hinauf zu den Schneegruben im
Riesengebirge, deren Geröll nach tagelangem Regen noch un-
zuverlässiger war als sonst. Er, der geübte, sonst so umsichtige
Hochtourist stürzte ab. Mit Mühe konnte man ihn angeseilt her-
aufbringen, noch lebte er, aber die Verletzungen waren so schwer,
daß er schon nach einer halben Stunde verschied.

Das war am 9. September. Damit schloß ein Leben ab, das
zu außergewöhnlich großen Hoffnungen berechtigte.. Arthur Wolf-
gang Cohn wurde am 7. Januar 1894 in Breslau als Sohn des in-
zwischen verstorbenen Oberbibliothekars und Universitätsprofessors
Dr. phil. Leopold Cohn geboren, Nach Absolvierung des Johannes-
gymnasiums, das er — kaum ı7 Jahre alt — mit dem Zeugnis
der Reife verließ, studierte er in Breslau und München Rechts-,
Wirtschafts- und Musikwissenschaften.

Im Juli 1914 bestand er in Breslau die erste juristische Staats-
prüfung und bald darauf auch die Doktorprüfung auf Grund einer
Dissertation über „Das Tonwerk im Rechtssinne“. Gleich bei
Kriegsausbruch trat er als Kriegsfreiwilliger ins Heer ein, bis
Ende Juni 1916 war er an der polnischen und französischen Front.
Infolge eines schweren Leidens, das er sich im Felde zugezogen
hatte, mußte er aus dem Heeresdienste entlassen werden.

Schon während der sechsmonatigen Lazarettbehandlung hatte
Dr. Cohn sich lebhaft für volkswirtschaftliche Probleme interessiert,
Nach seiner Entlassung aus dem Lazarett trat er in Breslau in
mein Seminar ein, gleichzeitig widmete er sich dem juristischen
Vorbereitungsdienst. Schon im S.-S. ı919 konnte er mir bei
meinen Anfängerübungen hilfreich zur Seite stehen. Als ich bald
darauf nach Frankfurt übersiedelte, folgte mir Dr. Cohn dorthin
als mein Assistent, in der Absicht, die akademische Laufbahn ein-
zuschlagen. Mit großem Eifer wandte er sich nun ganz dem
Studium der Wirtschaftswissenschaften zu, deren erkenntnistheore-
        <pb n="154" />
        -42
tischen Grundlagen er besondere Aufmerksamkeit schenkte. Als
erste Frucht dieser Bemühungen hatte er eine Studie über „Wirt-
schaftslehre oder Sozialwissenschaft?“ fertiggestellt, die binnen
kurzem im „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ er-
scheinen wird, .

Die hier vorliegende Schrift ist die ergänzte und vertiefte
volkswirtschaftliche Doktordissertation. Es ist begreiflich, daß ich
die kritische Beurteilung der in meinem Seminar entstandenen
Arbeit in der Öffentlichkeit andern überlasse. Aber ich zweifle
nicht, daß sie dem so früh dahingeschiedenen Freunde Ehre machen
wird, Hier möchte ich noch den Satz wiederholen, der den Nach-
ruf schließt, den ich der Zeitung unter dem frischen Eindruck der
erschütternden Trauernachricht meinem lieben Schüler und treuen
Helfer widmete: „Sein grundehrlicher Charakter, seine stete Hilfs-
bereitschaft, seine mannhafte und doch unaufdringliche Über-
zeugungstreue machten Arthur Wolfgang Cohn zu einem wahr-
haft edlen Menschen, dem alle, die ihn kennen lernten, ein treues
Andenken bewahren werden.“

Die dieser Schrift vorangestellte Widmung ist zu einem Ab-
schiedsgruß an die geliebte Mutter geworden; möchte es dem hart-
geprüften Mutterherzen ein Trost sein, daß das so früh vollendete
Leben ihres einzigen Sohnes nicht ohne reiche Früchte war.
Frankfurt a. M., September 1020.
Adolf” Weber.
        <pb n="155" />
        - 5 *
Verlag von Gustav Fischer in Jena
Die angegebenen Preise erhöhen sich z. Zt. durch folgende Teuerungszuschläge :
für die bis Ende 1916 erschienenen Werke 100°%o
für die 1917 und 1918 erschienenen Werke 50%
für die 1919 erschienenen Werke. ...:. 25%
Die seit 1920 erschienenen Werke sind zuschlagfrei. Für das Ausland wird ferner der vom Börsen-
verein der deutschen Buchhändler vorgeschriebene Valuta-Ausgleich berechnet. — Die Preise für
gebundene Bücher sind weaen der Versenerung der Buchbinderarbeiten bis auf weiteres
unverbindlich.
Voikswirtschafiliche Theorien
Merkantilismus, Individualismus,
Sozialismus. Bolschewismus, Imnerialismus

Von
Prof. Dr. Carl von Tyszka, Hamburg
(VI, 136 S. gr. 8°) 1920. Mk 11.—, geb. Mk 16,-

Inhalt: ı. Sozialwirtschaftliche Strömungen im ausgehenden Mittelalter bis zum
Bauernkrieg. 2. Die Entstehung der Volkswirtschaft und das Merkantilsystem. 3. Malthus
und das Bevölkerungsproblem. 4. Das Naturrecht und die physiokratische Lehre. 5. Die
klassische Nationalökonomie. 6. Der extreme Individualismus und die „Manchestertheorie‘‘,
7. Das Aufkommen des „utopischen‘‘ Sozialismus und Kommunismus im Staatsroman. 8, Der
„utopische‘* Sozialismus und Kommunismus in der französischen Revolutionsperiode. 9. Der
„„wissenschaftliche“ Sozialismus, 10. Entartungserscheinungen des Sozialismus : Syndikalismus
und Bolschewismus, Anarchismus und Nihilismus. 11 Der Agrarsozialismus und die Boden-
reform. 12. Das nationale System und seine Überspannung im Imperialismus. 13. Die Frei-
handelslehre. 14. Abschließende Betrachtungen und Ausblick in die Zukunft.

Die Schrift ist entstanden aus einigen Vorträgen, die der Verf, in einem Ausbildungs-
kursus für Finanzbeamte gehalten hat, Sie bietet in chronologischer Reihenfolge eine kurze
Übersicht über die verschiedenen volkswirtschaftlichen Theorien und Probleme, deren Erör-
terung gegenwärtig an der Tagesordnung ist, Dabei zeigt sich, daß auf diesem Gebiet zum Teil
recht schiefe Vorstellungen herrschen, die mit dazu beigetragen haben, die politische Ver-
wirrung noch zu vergrößern.

Die Schrift will daher in erster Linic aufklärend wirken, indem sie die verschiedenen
volkswirtschaftlichen Theorien, kritisch gewürdigt, vorführt. Dem Leser wird gezeigt, wie
zu verschiedenen Zeiten über die Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse gedacht wurde,
welche grundverschiedenen, ja entgegengesetzten Theorien über das, was die Menschen für
einen glückseligen Zustand hielten, aufgestellt wurden, wie die einen alles Heil von ciner
straffen Organisation, die anderen von der größtmöglichen Freiheit erwarteten, wie die einen
das Glück der Menschheit in der vollständigen Gütergemeinschaft, die anderen in der Aufrecht-
erhaltung des Sondereigentums sahen, Auffällig erscheint dabei die so häufige Wiederkehr
gleicher oder doch ähnlicher Gedanken zu recht verschiedenen Zeiten. Das alte berühmte Wort
Ben Akibas: „Es ist alles schon einmal dagewesen‘ bewahrheitet sich auch auf diesem Gebiete.

Eine leicht verständliche, dabei aber doch fesselnde und inhaltreiche Darstellung macht
das Buch geeignet. in weitesten Kreisen verbreitet zu werden.
Frühere Schriften von C. v. Tyszka:

Die Lebenshaltung der arbeitenden Klassen in den bedeuten-
deren Industriestaaten (England, Deutschland, Frankreich, Belgien und
Vereinigte Staaten von Nordamerika). (1, 695. gr. 8%) 1912, Mk 2.30

Das weltwirtschaftliche Problem der modernen Industriestaaten.
(VIL 2108. gr. 8°.) 1916. Mk 5.60

Vom Geist in der Wirtschaftspolitik. Gedanken über die Möglichkeiten
internationaler Verständigung in Wirtschaftsfragen. (615. gr.8°%.) 1919. Mk 3.60

Die Sozialisierung des Wirtschaftslebens. Grundsätzliches über Mög-
lichkeiten und Notwendigkeiten. (V, 7958. gr. 8%.) 1919. Mk 3,50

Grundzüge der Finanzwissenschaft. Mit besonderer Berücksichtigung der
Reichsfinanzreform von 1919/20. (VIL 348 8. er. 89.) 1920. Mk 24,—, geb. Mk 32 -
        <pb n="156" />
        Verlag von Gustav Fischer in Jena
* .
Deutsche Wirtschaftsgeschichte 1815—1914
Von
Prof. Dr. A, Frh. Sartorius von Waltershausen
(X, 598 3, gr. 8°) 1920. Mk 50,—, geb. Mk 58. —

Inhalt: Erster Abschnitt. Einleitung: ı. Politische Zustände. 2. Die Landwirt-
;chaft. 3. Handwerk, Hausindustrie, Fabrik, 4. Transportverkehr und Handel. — Zweiter
Abschnitt: Die Zeit von 1515—1833: 1. Allgemeines, 2. Übervölkerung und Auswanderung,
3. Die Agrarkrise. 4. Deutschland und das Ausland. 5. Staatsschulden und Bankiergewerhe,
5. Die Gründung des deutschen Zollvereins, — Dritter Abschnitt: Die Zeit von 1833 —1848:
{. Einführung. 2. Die Fortbildung des Zollvereins. Die Industrie. 3. Landstraßen, Eisen-
ahnen, Schiffahrt. 4. Die Fortschritte der Landwirtschaft. — Vierter Abschnitt: Die deutsche
Wirtschaftsgeschichte von 1848 - 1871: ı. Vorbemerkung. 2. Die Revolution von 1848/49,
Handwerker und Lohnarbeiter. 3. Die Krise des deutschen Zollvereins und der deutsch-
Ssterreichische Handelsvertrag von 1851. 4. Die Fortschritte der Jandwirtschaftlichen und in-
dustriellen Gütererzeugung. 5. Das Geld- und Bankwesen. 6, Die Wirtschaftskrise von 1857.
7. Arbeiterfrage und Sozialdemokratie, 8. Die Freihandelsära des Zollvereins. 9. Der Nord-
leutsche Bund, — Fünfter Abschnitt: Die Volkswirtschaft des Deutschen Reichs
1871—1890: ı. Vorbemerkung. 2. Der Frankfurter Friede. 3. Die Reichsgesetze über das
Geld-und Bankwesen. 4. Hochkonjunktur, Gründungsschwindel und Wirtschaftskrise 1871—73.
5. Die Verstaatlichung der Eisenbahnen. 6, Die Handels- und Finanzpolitik des Fürsten von Bis-
marck. 7. Die Reichssozialpolitik. 8. Die deutsche Kolonialpolitik. — Sechster Abschnitt:
Die Zeit von 1890—-1914: ı. Einleitung. 2. Der neue Kurs. 3. Die Handelspolitik und
Deutschlands Stellung in der Weltwirtschaft. 4. Die Landwirtschaft. 5. Die Industrie. 6. Handel].
Bankwesen, Transport. 7. Schlußbetrachtung zu 1890— 1914.

Die hundertjährige Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens seit 1815 auf dem Gebiete
des 1871 gegründeten deutschen Reiches zu einer in sich arbeitsteilig gegliederten, verkehrs-
mäßig verbundenen, staatlich geschlossenen und politisch geführten Einheit zu schildern, ist
die Aufgabe des vorliegenden Buches. Die Vorgänge werden im Fluß der Geschichte ver-
deutlicht. Sie erschöpfen sich daher nicht in einer Aneinanderreihung von abstrakten Zustands-
bildern, sie geben vielmehr eine Mitteilung von Neu- und Umbildungen, von erfolgreicher und
erfolgloser Wirtschaftspolitik, von sozialen und nationalen Taten und endlich von Persönlich-
keiten, die auf irgendeinem Gebiet Fruchtbares gebracht haben. Der Inhalt gliedert sich in
ö Abschnitte und 40 Kapitel. Am Schluß jedes Abschnittes ist eine Literaturangabe vor-
handen. Eingefügt sind kurze Einzeldarstellungen, z. B. die Wirtschaftsgeschichte der Stadt
Berlin, des Hauses Krupp und des Hamburger Handels, Ein besonderes Kapitel handelt von
der Eingliederung Elsaß-Lothringens in die deutsche Volkswirtschaft. Somit dürfte dieses
Buch nicht nur für Volkswirtschaftler, sondern auch für Historiker und historisch interessierte
Kreise von größter Bedeutung sein.
Vorträge über wirtschaftliche Grundbegriffe
Von
‚ Oswalt
Frankfurt a. M.
Dritte Auflage
(YIIT, 163 S. gr. 8°%. 1920. Mk 19.—

Jahrbücher für Nationalökonomie, III. Folge, Bd. 32, Heft I: Im ganzen be-
deuten die ‚Vorträge‘ eine seht erfreuliche wissenschaftliche Leistung und legen Zeugnis ab
von einer theoretischen Begabung, wie sie nicht häufig zu finden ist,

Kritische Blätter für die gesamten Sozialwissenschaften, Bd. II, Heft 4 :
Hier liegt ein Buch vor, das die Wissenschaft bereichert und das seinen Gegenstand gleichzeitig
mit einer geradezu künstlerischen Beherrschung des großen Stoffes und mit bedeutendem pä-
dagogischen Geschick behandelt. (S. Kraus, Wien)

Soziale Kultur, August 1906: . , . Wem es um ernstes Eindringen in die tieferen
Wurzeln der ökonomischen Vorgänge zu tun ist, wird das Buch sicher nicht unbefriedigt aus
der Hand legen.

v. Böhm-Bawerk, Kapitalzinstheorie, 3. Auflage, Seite 656: ...eine Lehre ,..,
lie außerhalb der strittigen Punkt» eine Fülle glänzender Proben tiefer theoretischer Einsicht.
verbunden mit hoher Kunst wissenschaftlicher Darstellung aufweist.

Hofbuchdruckerei Rudaletadt
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        <pb n="158" />
        <pb n="159" />
        a
        <pb n="160" />
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Da

äigkeit wird die Geschwindigkeit des Umlaufs nach Gesells
von dem Belieben des Geldbesitzers abhängig gemacht; es besteht
aus der Natur des Geldes hervorgehender Zwang, es auszugeben,
»t der Besitzer es nicht hin, ohne einen Profit davon zu haben: den
Gesell führt sogar den Zins des Readlhkapitals teilweise auf das
ück: „Da der Kaufmann die Waren diskontiert, ähnlich wie die
Wechsel, aber selbstverständlich niemand Geld ohne Zins vorschießt
äht, so ist es klar, daß der Kaufmann den Austausch der Waren
entsprechenden Zinsvergütung abhängig machen wird. In den
ird also keine Ware aufgenommen, die nicht eine Zinsbelastung
‚enda, S. 247).
a diese nach der ersten Auflage des Gesellschen
gegebene Andeutung des erkenntnismäßigen
s der Freigeldbewegung offenbart grundlegende Irr-
er jüngst erschienenen erheblich veränderten dritten
Buches sind diese nicht etwa beseitigt, nein, sie
och gröber hervor.
chst ist die Gesellsche Geldtheorie als typisch
tschaftlich“ zu bezeichnen. Aus dem engen Ge-
3 Kleinkapitalisten, aus spezifisch kleinbürgerlichen
ı von Markt- und Geldverkehr ist seine Lehre heraus-
rtschaft: Wechsel von Einnahmen und Ausgaben des
ı der Konkurrenzwirtschaft, Ziel des Wirtschaftens:
les Geldbesitzes. Weg des Wirtschaftens: Losschlagen
\ufspeicherung von Geld. Grundnorm: Keine Geld-
ıen, die nicht mehr Geld, „d. h. Zins“, einbringt!
lle müssen das, was sie erzeugen, verkaufen.
‚ter, der Schreiner verkaufen ihre Erzeugnisse an die Kundschaft,
al, der Lehrer verkauft seine Leistungen an den Staat, der Tage-
den Unternehmer ... Und den Absatz, den gegenseitigen Austausch
sprodukte vermittelt das Geld. Ohne das Dazwischentreien des
angt keine Ware mehr bis zum Verbraucher; ...der Tausch-
ist derart umständlich, .. daß man lieber
Deit einstellt (!)‘“ (Wirtschaftsordnung, S. 116). Mithin
tdas Geld seinen Zweck dadurch, daß immer
jemand das Geld sucht“ (S. 130). Nun ist aber die Geld-
Konkurrenzwirtschaft, d. h. ‚‚,wechselseitige Ausbeutung des
‚wo „die Grundsätze des Wuchers auch die des Handels im all-
und „zwischen Handel und Wucher nur Maßunterschiede, keine
;hiede festzustellen sind‘ (S. 128/129). Anders ausgedrückt: ‚Das
ür eine möglichst geringe Leistung eine möglichst hohe Gegen-
arauszuholen, — das ist die Kraft, die den Austausch der Produkte
beherrscht‘‘ (S. 130). Bei diesem Konkurrenzkampf zieht der
xäufer, der „das Geld sucht‘, mit Notwendigkeit den kürzeren.
» Ware muß gegen Geld verkauft werden d. h. es besteht für das
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