— 65 — Drittes Kapitel. Die Zollpolitik. Als eines der mächtigsten Mittel der Industrieentwicklung gilt •die Schutzpolitik. Die Belastung der importierten Waren mit solchen Abgaben, die dem ausländischen Produzenten die Konkur renz mit dem einheimischen auf dem inländischen Markte er schweren und dem letzteren einen guten Gewinn garantieren, wirkt fördernd auf die einheimische Industrie. Die russische Zollpolitik hat schon längst einen protektionistischen Charakter angenommen, aber, wie wir oben gesehen haben, bleibt Rußland ein überwiegend landwirtschaftlicher Staat. Im Jahre 1900 erreichte die extrahierende und bearbeitende Industrie einen Wert von 1495 Millionen Rubel, während die Landwirtschaft fast das Doppelte, nämlich 2738 Mil lionen Rubel einbrachte. Die Schutzpolitik vermochte somit nicht Rußland in einen industriellen Staat zu verwandeln. Um die Ur sachen dieses Mißlingens zu begreifen, müssen wir zuerst die Ziele kennen lernen, die unsere Zollpolitik verfolgt. Wie man aus den Motiven zur Einführung dieser oder jener Zölle ersehen kann, verfolgten die russischen Zollabgaben drei Ziele: 1. ein fiskalisches — die Zölle sind eine der Hauptquellen der Reichseinnahmen, 2. ein protektionistisches — durch die Preis erhöhung der importierten Waren fördern die Zölle die Entwick lung der russischen Industrie, 3. ein handelspolitisches — durch die Einschränkung des Imports wird für Rußland eine günstige Handelsbilanz erreicht. Diese Verschiedenheit der von der Zoll politik verfolgten Ziele, die mitunter einander widersprechen, ver hindert ein konsequentes Streben zur Verwirklichung jedes der selben. Die finanziellen Erwägungen erfordern einen Zoll, der ein Maximum von Einnahmen gewähren könnte. In den einen Fällen steigt die Einnahme bei der Erhöhung des Zolls, in anderen hingegen bei seiner Reduzierung. Nach der zollamtlichen Arith- Arch. f. Sozialwissensch. u. Sozialpol. Ergänzungsheft: Prokopowitsch. 5