69 male lassen den deutlich ausgeprägten fiskalischen Charakter unserer Zollpolitik erkennen. Die Regierung sieht vor allem in den Zöllen eine Einnahmequelle und hat daher, um ein Maximum der Einnahmen zu erzielen, die Zölle so hoch angesetzt, daß sie 36,5 °/o des Wertes der importierten Waren ausmachen, und der von den Zöllen resultierende Ertrag erreicht 16—17 °/o der gesamten Staatseinnahmen. Ein anderes Verfahren wäre für die russische Regierung auch undenkbar: sobald die Steuerbelastung 20 °/o des Volkseinkommens wegnimmt, mußten die Zölle ihr Maximum er reichen. Die Zölle sind eine allzu bequeme Einnahmequelle und es ist daher nur begreiflich, wenn die russische Regierung, die die letzte Kopeke von den Steuerzahlern auspressen möchte, diese Quelle soweit als möglich ausnützt. Bis zur Mitte der siebziger Jahre führte das Bestreben nach möglichst großen Zolleinnahmen zu möglichst niedrigen Zollsätzen 1 ), vom Jahre 1876 dagegen zu hohen Zollsätzen. Mit Recht folgert daher Prof. Soboleff, daß die russische Zollpolitik hauptsächlich fiskalische Interessen vep folgt 2 ). Die Wendung zu hohen Zollsätzen (in der Mitte der siebziger Jahre) verfolgte nicht nur die Interessen des Fiskus; sie steht viel mehr im Zusammenhänge mit dem Wunsch, eine günstige Handels bilanz für Rußland zu schaffen und zwar auf einer möglichst breiteren Basis. Bis zur Mitte der siebziger Jahre deckte der Zufluß ausländischen Kapitals das Defizit der russischen Zahlungs bilanz so gut wie vollständig. Unter dem Einfluß der Industrie krise des Jahres 1873 sowie der politischen Komplikationen auf dem Balkan (seit 1876) hatte sich dieser Zufluß ziemlich ver mindert. Die Regierung war gezwungen, der Handelsbilanz ihre ernsteste Aufmerksamkeit zu widmen. Die getroffenen Maßregeln wurden, wie die folgende Tabelle Prozent der zeigt, mit Erfolg gekrönt Wert des Handels- Jahre Zollabgaben Mill. Rubel Imports Mill. Rubel bilanz Mill. Rubel 1866—1870 14,93 317,8 - 0,4 00 T 00 c_n 13,05 565,8 -95,2 1876—1880 16,32 517,8 9,5 1881—1885 19,60 494,3 55,6 1886—1890 28,66 392,4 238,6 J ) Cf. E. Soboleff, »Die Zollpolitik Rußlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts«, S. 78—79, 173—174, 220. 2 ) Ibid. Vorwort, S. VI.