17 gängig, Frankreich, Deutschland und Nordamerika als »junge« Länder zu betrachten, die ihr Protektionssystem zwecks Heran ziehung ausländischer Kapitalien behalten. Die oben angeführten Betrachtungen der Herren Witte und Fedorow widersprechen so wohl der Theorie wie der Geschichte der protektionistischen Politik. Sowohl die Aufgaben als auch die Resultate des Zollschutzes befinden sich in direktem Zusammenhänge mit dem Zustande der Volkswirtschaft des Landes *). Ist das Land reich an Kapital und ist der Protektionismus hauptsächlich bestrebt, das Verhältnis zwischen den heimischen Produktionszweigen zu ändern und den Abfluß des heimischen Kapitals nach dem Auslande zu verhindern, dann wird die Zollpolitik einen anderen Charakter haben, als wenn das Land kapitalarm ist und die Hauptaufgabe des Protektionismus in der Heranziehung ausländischer Kapitalien besteht. In reichen, sich rasch entwickelnden Ländern dehnt sich der Zollschutz, der eine Verschiebung im Verhältnis der Produktionszweige im Auge hat, nur auf einzelne Produktionszweige aus, für deren Entwick lung die notwendigen natürlichen und wirtschaftlichen Bedingungen vorhanden sind. In den armen Ländern, die bestrebt sind, die notwendigen Kapitalien heranzuziehen, trägt der Schutz einen generellen Charakter. Bei der Ausarbeitung des Tarifentwurfs im Jahre 1891 ging unser Finanzministerium deshalb gewöhnlich von dem Gedanken aus, daß man jedem Produktionszweig einen Schutz im Umfange von 30—40 °/o des Preises ausländischer Waren ge währen muß 2 ). Je rascher der Kapitalzuwachs in einem Lande ist, das nur den einzelnen Industriezweigen den Schutz gewährt, desto intensiver ist der Kapitalzufluß in diese Zweige und desto rascher kommt der Zeitpunkt, wo man die hohen Zollsätze aufheben kann. Bei einem blühenden Zustand der Volkswirtschaft kann die Ein führung eines partiellen Zollschutzes einen überraschenden Effekt herbeiführen. Diese Art Zollschutz trägt deshalb immer einen vorübergehenden Charakter. Die Jagd nach ausländischem Kapital hat dagegen seinem Wesen nach eine dauernde Bedeutung. Ein >) Professor Bastable behauptet, das Studium der Handelspolitik vom Standpunkt der geschichtlichen Entwicklung zeigt mit voller Evidenz, daß die Normen, die den Handel und die Industrie in den verschiedenen Staaten regulieren, eher von den sozialen Verhältnissen sowie von den Interessen der herrschenden Klassen, als von den bestimmten theoretischen Doktrinen ab hängig sind. Vgl. C. F. Bastable, The Commerce of Nations, 5 th ed., 1911, S. 117, 119—120. 2 ) Soboleff, I. c. S. 825.