79 haben, zeigen, daß von einem Niedergang der Industrie keine Rede sein kann; das Wachstum des Schutzzolls in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und ihr stationärer Zustand seit dieser Zeit zeugen nur davon, daß die Politik der Heranziehung aus ländischer Kapitalien durch einen generellen Schutz aller Industrie zweige ihr Ziel verfehlte, und daß es der Regierung nicht gelungen, ein Aufblühen der russischen Industrie auf Kosten französischer, deutscher und englischer Ersparnisse herbeizuführen. Herr Pro- . fessor Soboleff hätte den oben gezeigten Fehler nicht begangen, hätte er genau zugesehen, welche Bedeutung das Quantum und die Herkunft des zufließenden Kapitals für die Entwicklung der heimischen Industrie besitzt. Er ahnt überhaupt nicht, daß der generelle russische Protektionismus ein ganz anderes System der Zollpolitik ist, als das protektionistische System eines Lists und beurteilt die russische Zollpolitik, die die Heranziehung ausländi scher Kapitalien verfolgt, vom Standpunkt einer Zollpolitik, die eine andere Verteilung des nationalen Kapitals unter den ver schiedenen Industriezweigen zum Ziele hat*). Die eine Art des Protektionismus gleicht nicht der anderen. Der russische Pro tektionismus ist keineswegs ein stümperhafter Versuch, das List- sche System anzuwenden, sondern ein ganz besonderes zollpoliti sches System, das seine besonderen ganz bestimmten Ziele verfolgt. Wir halten es deshalb für völlig verfehlt, wenn Professor Soboleff das Schlußergebnis seiner Untersuchung so formuliert, als ob in der Zollpolitik Rußlands die »protektionistischen Aufgaben den Prinzipien des Protektionismus nicht entsprochen haben« * 2 ). Mit den Ergebnissen unserer Zollpolitik machten wir uns in dem vorhergehenden Kapitel vertraut. Die übermäßige Steuerlast, die eine Schwächung der wirtschaftlichen Kräfte der Bevölkerung zur Folge hatte, verhinderte das Aufkommen heimischer Erspar nisse. Der Mangel an eigenen Mitteln rief einen Hunger nach ausländischen Kapitalien hervor. Das Bedürfnis an Kapital über stieg die nationale Produktion in so großem Maße, daß in den Jahren 1893—1908 nur 40°/o dieses Bedürfnisses durch die heimi schen Ersparnisse gestillt werden konnten; die übrigen 60°/o wurden durch den Zufluß ausländischen Kapitals befriedigt. Diese Ziffer ist so groß, daß man auf den ersten Blick vermuten könnte, daß ’) Ibid. XVIII. Kapitel: Die Bilanz des Protektionismus in Rußland. 2 ) Ibid. S. 849.