86 Danach kehrten aus dem Auslande während der letzten zwei Jahre etwa 850 Millionen Rubel russischer Reichsfonds zurück 1 ). Die Regierung hat keine Mittel, um auf dieses Element der Zahlungsbilanz eine Wirkung auszuüben; es ist nutzlos, irgend welche Opfer für eine positive Handelsbilanz zu bringen, sobald der Exportüberschuß (im Verhältnis zum Import) jeden Tag nach dem Auslande zum Einkauf russischer Wertpapiere abfließen kann. Bei der heutigen Sachlage besitzt die Regierung nur ein Mittel zur Regulierung einer ungünstigen Zahlungsbilanz. Und dieses Mittel ist die Abschließung neuer Anleihen. Wir sind deshalb der Meinung, daß die Sorge um eine günstige Zahlungsbilanz schon in der nächsten Zeit keinen Einfluß auf die Handelspolitik Rußlands ausüben wird. Ganz anders steht es mit dem dritten Motiv unserer Zoll politik — mit dem fiskalischen. Solange die Besteuerung etwa 20° 0 des Volkseinkommens absorbiert, müssen die Zölle, als eine der bequemsten Besteuerungsformen, notwendigerweise ein Maximum der Einnahmen gewähren. Eine radikale Herabsetzung der fiska lischen Zölle können wir deshalb nur in Verbindung mit einer Herabsetzung der Steuerbelastung erwarten, was aber nur dann möglich wäre, wenn der Charakter unserer auswärtigen Politik wesentlich geändert wird und wenn die Ausgaben für Heer und Marine eingeschränkt werden. Solche radikalen Reformen sind aber nur unter einem demokratischen Regime denkbar. Solange wir ein solches nicht besitzen, sind nur relativ unbedeutende Herabsetzungen der Zollsätze und zwar zwecks Vergrößerung der Zolleinnahme zu erwarten. Die Zollarithmetik ist bekanntlich ein sehr launiges Ding und größere Zolleinnahmen lassen sich manchmal durch geringere Zollsätze erzielen. Die Vergrößerung der Zolleinnahmen durch eine Herabsetzung der Zollsätze wurde bis zuletzt durch die Sorge um die Handelsbilanz und durch den generellen Protektionismus verhindert. Verschwinden diese Motive unserer Zollpolitik von der Oberfläche, so gelangen wir zu der Herabsetzung der Zollsätze, wie es in den Jahren 1852—1875 der ’) Diese Erscheinung steht zweifellos im Zusammenhang mit dem noch nie dagewesenen Wachstum des russischen Exports der letzten Jahre: Jahre Export Handelsbilanz 1909 1427,7 Mill. Rubel + 521,4 Mill. Rubel 1910 1449,1 » + 364,7 » 1911 1591,4 » + 429,7 »