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        <title>Über die Bedingungen der industriellen Entwicklung Russlands</title>
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            <forname>Sergej Nikolaevič</forname>
            <surname>Prokopovič</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1028803877</idno>
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        ARCHIV

FÜR
SOZIALWISSENSCHAFT  UND  SOZIALPOLITIK
IN  VERBINDUNG  MIT  WERNER  SOMBART  UND  MAX  WEBER
HERAUSGEGEBEN  VON  EDGAR  J  A  F  F  L
JErf/ä  11  zuiu/shejf  t  X

UEBER  DIE
BEDINGUNGEN  DER  INDUSTRIELLEN
ENTWICKLUNG  RUSSLANDS

VON
SERGEJ  PROKOPO  WITSCH
/

TÜBINGEN
VERLAG  VON  J.  C.  B.  MOHR  (PAUL  SIEBECK)
1913
Preis  im  Einzelverkauf  M.  3.—.
Preis  für  die  Abonnenten  des  „Archivs  für  Sozialwissenschaft  und
Sozialpolitik“  oder  der  „Ergänzungshefte“  M.  2.40.
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        Seit  i.  Januar  1911  erscheinen
Ergänzungshefte
zum
„Archiv  für  Sozialwissenschaft  und  Sozialpolitik“.
Der  Anlaß  zur  Herausgabe  der  Ergänzungshefte  war  ein  doppelter  :
1.  wurden  dem  »Archiv«  von  Zeit  zu  Zeit  wertvolle  Arbeiten  angeboten,  deren
Veröffentlichung  infolge  ihres  Umfangs  innerhalb  des  Rahmens  des  »Archivs«  ausgeschlossen ­
  war.  Für  diese  soll  in  den  »Ergänzungsheften«  die  Möglichkeit  der
Veröffentlichung  geboten  werden  ;
2.  haben  mehrfach  einige  der  wertvollsten  Beiträge,  die  im  »Archiv«  zum  Abdruck ­
  gelangt  sind,  den  Umfang  eines  Zeitschriftenartikels  so  stark  überschritten,
daß  auch  nach  dieser  Hinsicht  eine  Entlastung  des  »Archivs«  notwendig  erschien.
Die  »Ergänzungshefte«  erscheinen  in  zwangloser  Reihenfolge  und  sind  einzeln
käuflich.  An  die  Abonnenten  des  »Archivs  für  Sozialwissenschaft  und  Sozialpolitik«
oder  bei  Subskription  auf  alle  erscheinenden  »Ergänzungshefte«  werden  sie  jedoch
zu  einem  ermäßigten  Abonnementspreis  geliefert.
Bis  jetzt  liegen  vor:
1.  Dr.  Eugen  Kaufmann  in  Heidelberg,  Das  französische ­
  Bankwesen  mit  besonderer  Berücksichtigung  der  drei
Depositengroßbanken.  Einzelpreis  M.  8.—.  Subskr.-Preis  M.  7.—.
2.  Dr.  Paul  Arthur  Söhner  in  Karlshorst  b.  Berlin,  Die
private  Volksversicherung.  Ihr  Wesen  und  ihr  Wert  und
die  wichtigsten  Reformbestrebungen.
Einzelpreis  M.  4.—.  Subskr.-Preis  M.  3.—.
3.  Dr.  Ida  Kisker  in  Halle  i.  Westf.,  Die  Frauenarbeit  in
den  Kontoren  einer  Großstadt.  Eine  Studie  über  die  Leipziger
Kontoristinnen.  Mit  einem  Anhang  über  die  Berufsvereine  der
Handlungsgehilfinnen.  Einzelpreis  M.  4.—.  Subskr.-Preis  M.  3.—.
4.  Louis  Roth  in  New-York,  Die  Wohnungsfrage  der
minderbemittelten  Klassen  in  New-York.  Einzelpreis  M.  3.—.
Subskr.-Preis  M.  2.—.
5.  Dr.  Arthur  Löwenstein  in  Berlin,  Geschichte  des
württembergischen  Kreditbankwesens  und  seiner  Beziehungen
zu  Handel  und  Industrie.  Einzelpreis  M.  6.—.  Subskr.-Preis  M.  5-—•
6.  Dr.  Leonore  Seutter  in  Leipzig,  Die  Gefängnisarbeit
in  Deutschland  mit  besonderer  Berücksichtigung
der  Frauengefängnisse.  Einzelpreis  M.  6.—.
Subskr.-Preis  M.  5.  —.
7.  Dr.  Edgar  Landauer  in  Braunschweig,  Handel  und
Produktion  in  der  Baumwollindustrie.  Einzelpreis  M.  5-6°-Subskr.-Preis
  M.  4.60.
8.  Dr.  Lisa  Ross,  Weibliche  Dienstboten  und  Dienstbotenhaltung ­
  in  England.  Mit  einer  Kurve.  Einzelpreis  M.  3.—.
Subskr.-Preis  M.  2.40.
1).  Dr.  Werner  Picht,  Toynbee  Hall  und  die  englische
Settlementsbewegung.  Einzelpreis  M.  6.—.  Subskr.-Preis  M.  5-—•
IO.  Sergej  Prokopowitsch,  Ueber  die  Bedingungen  der
industriellen  Entwicklung  Rußlands.  Einzelpreis  M.  3.—.
Subskr.-Preis  M.  2.40.
        <pb n="3" />
        ARCHIV  FÜR  SOZIALWISSENSCHÄFT
UND  SOZIALPOLITIK

IN  VERBINDUNG  MIT
WERNER  SOMBART  UND  MAX  WEBER
HERAUSGEGEBEN  VON
EDGAR  JAFFE

ERGÄNZUNGSHEFT  X
ÜBER  DIE  BEDINGUNGEN
DER  INDUSTRIELLEN
ENTWICKLUNG  RUSSLANDS

Von
SERGEJ  PROKOPOWITSCH

TÜBINGEN
VERLAG  VON  J.  C.  B.  MOHR  (PAUL  SIEBECK)
1913
        <pb n="4" />
        i

ÜBER  DIE  BEDINGUNGEN
DER  INDUSTRIELLEN
ENTWICKLUNG  RUSSLANDS

SERGEJ  jPROKOPOWITSCH

TÜBINGEN
VERLAG  VON  J.  C.  B.  MOHR  (PAUL  SIEBECK)
1913
        <pb n="5" />
        I

Einleitung.
Die  russische  nationalökonomische  Literatur  verfolgt  zwar  sehlaufmerksam
  die  industrielle  Entwicklung  Rußlands,  doch  meistens
faßt  sie  das  Problem  sehr  einseitig  auf.  Für  die  Entwicklung  der
Industrie  braucht  man  nicht  nur  einen  Schutz  vor  der  ausländischen
Konkurrenz  oder  irgendwelche  andere  Förderungsmittel,  —  man
braucht  vor  allem  die  innere  Kraft  der  ökonomischen  Expansion,
deren  Maßstab  man  in  der  kapitalbildenden  Fähigkeit  der  Nation
erblicken  kann.  Die  Größe  der  nationalen  Ersparnisse  aber,  die
man  für  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte  verwendet,  befindet
sich  im  engsten  Zusammenhang  mit  der  Intensivität  der  Steuerbelastung. ­
  Für  den  ökonomischen  Fortschritt  eines  Landes  hat
somit  eine  entscheidende  Bedeutung  nicht  die  Zoll-,  sondern  die
Finanzpolitik  der  Regierung.  Die  Frage  darüber,  wie  die  Finanzpolitik ­
  auf  das  Wachstum  der  Kapitalien  und  auf  die  Entwicklung
der  Produktivkräfte  in  Rußland  gewirkt  hat,  blieb  bis  heute  so
gut  wie  unerörtert.  Die  vorliegende  Arbeit  möchte  den  Versuch
machen,  diese  Lücke  auszufüllen.
Dank  der  außerordentlich  hohen  Norm  der  Steuerbelastung,
die  die  wirtschaftlichen  Kräfte  des  Landes  im  höchsten  Maße
schwächt,  übt  die  russische  Regierung  einen  unvergleichlich  größeren
Einfluß  auf  das  wirtschaftliche  Leben  des  russischen  Volkes  aus,
als  es  die  westeuropäischen  Regierungen  in  ihren  Ländern  vermögen. ­
  Ein  glänzendes  Beispiel  dieses  Einflusses  ist  das  Aufblühen
der  russischen  Industrie  in  den  Jahren  1895—1901,  das  durch  die
Maßnahmen  des  f'inanzministeriums  geschaffen  wurde.  Bei  dieser
Sachlage  finden  wir  es  methodologisch  unrichtig,  wenn  man  irgendeine ­
  Frage  des  ökonomischen  Lebens  Rußlands  ohne  Rücksicht
auf  die  Finanzpolitik  und  ihre  ökonomischen  Folgen  betrachtet.
Die  Finanzpolitik  der  Regierung  wirkt  aber  anderseits  sehr  stark
auf  die  Richtung  ihrer  Wirtschaftspolitik.  Daher  halten  wir  es  für
unrichtig,  wenn  man  irgendeine  P'rage  der  Wirtschaftspolitik,  z.  B.
Arch.  f.  Sozialwissensch.  u.  Sozialpol.  Ergänzungsheft:  Prokopowitsch.  I
        <pb n="6" />
        2

den  Schutzzoll,  getrennt  von  der  Finanzpolitik  behandelt.  Zwischen
allen  Zweigen  der  russischen  Finanz-  und  Wirtschaftspolitik  sowie
zwischen  dieser  Politik  im  ganzen  und  der  Entwicklung  der  russischen ­
  Volkswirtschaft  existiert  überhaupt  ein  inniger  organischer
Zusammenhang,  außerhalb  welchem  kein  ökonomisches  Problem  des
russischen  Lebens  betrachtet  werden  kann.  Sogar  das  Problem
der  industriellen  Krisen  erhält  in  Rußland  einen  ganz  anderen
Charakter.  Die  Volkswirtschaft  in  Rußland  besitzt  leider  noch  in
entferntestem  Maße  nicht  diejenige  Selbständigkeit  und  Unabhängigkeit ­
  von  den  Einflüssen  der  Regierung,  die  so  charakteristisch  sind
für  die  kapitalistische  Welt  Europas  und  Amerikas.  Erst  im  letzten
Jahrzehnt  zeigten  sich  Symptome,  die  darauf  hindeuten,  daß  auch
die  russische  Industrie  sich  allmählich  vor  der  Vormundschaft  der
Regierung  zu  emanzipieren  beginnt.
Angesichts  des  gegenwärtigen,  sehr  niedrigen  Niveau  der
Wirtschaftsstatistik  in  Rußland  stoßen  solche  Untersuchungen,  wie
die  vorliegende,  auf  sehr  große  Schwierigkeiten.  Für  eine  Reihe
von  wirtschaftlichen  Fragen  besitzen  wir  überhaupt  kein  Material,
für  die  anderen  sind  die  statistischen  Angaben  mangelhaft,  für  die
dritten  wenig  zuverlässig.  Es  ist  dabei  vollkommen  gleichgültig,
welche  Faktoren  diese  Lage  der  russischen  offiziellen  Statistik  verursacht ­
  haben.  Ob  wir  hier  mit  dem  Bestreben,  die  Wirklichkeit
zu  fälschen  oder  mit  einer  einfachen  Nachlässigkeit  zu  tun  fiaben  —
jedenfalls  ist  es  ein  schwer  zu  überwindendes  Hindernis  zur  Erforschung ­
  fast  jeder  wirtschaftlichen  Frage  der  Gegenwart.  Die
Mehrzahl  der  uns  hier  interessierenden  Fragen  läßt  sich  auf  Grund
genauer  statistischer  Daten  überhaupt  nicht  lösen.  Doch  weder
die  Erfordernisse  der  Theorie  noch  die  Forderungen  des  praktischen ­
  Lebens  gestatten  uns,  von  ihrem  Studium  abzusehen.  Mag
das  Material,  das  uns  zur  Verfügung  steht,  noch  so  unvollständig
sein,  wir  müssen  es  ausnutzen,  um  wenigstens  eine  annähernd  richtige ­
  Lösung  zu  finden.  Die  index-numbers  sind  auch  keineswegs ­
  genaue  Durchschnittspreise,  aber  bei  dem  heutigen  Stand  der
Wirtschaftsstatistik  sind  wir  genötigt,  mit  diesen  annähernden  Durchschnittszahlen ­
  zu  operieren,  und  zwar  mit  großem  Nutzen  für  die
Wirtschaftswissenschaft.
        <pb n="7" />
        3

I.

*

\

'K

Erstes  Kapitel.
Das  Volkseinkommen.
Eine  exakte  Berechnung  des  Volkseinkommens  wäre  nur  dann
möglich,  wenn  uns  zweierlei  statistische  Zahlenreihen  zur  Verfügung
ständen:  i.  über  den  Gesamtertrag  aller  Zweige  der  Güterproduktion ­
  (Handel  und  Transport  mit  eingeschlossen)  und  2.  ebensolche
Daten  über  die  während  der  Produktion  verbrauchten  materiellen
Güter  (Rohstoffe,  Reparatur,  Beleuchtung,  Heizung  sowie  die  Ausgaben ­
  für  Gebäude-,  Maschinen-  und  Warenversicherung).  Abstrahieren ­
  wir  aus  dem  Gesamtertrag  eines  bestimmten  Produktionszweiges ­
  den  Preis  all  dieser  in  der  Produktion  verbrauchten  materiellen ­
  Güter,  so  erhalten  wir  den  Reinertrag,  der  sich  in  der
Summe  von  neu  produzierten  Werten  ausdrückt.  Addieren  wir  den
Reinertrag  aller  Produktionszweige,  so  erhalten  wir  das  Jahreseinkommen ­
  eines  Volkes.  Das  letztere  umfaßt  alle  seine  Bestandteile,
die  Einkommen  aller  Personen,  die  an  der  materiellen  Produktion
beteiligt  sind  (Arbeiter,  Angestellte,  Kapitalisten,  Grundbesitzer)
und  die  Einkommen  aller  derjenigen  Personen,  die  an  der  materiellen ­
  Produktion  nicht  beteiligt  sind  (Geistliche,  Aerzte,  Dienstboten ­
  usw.),  sowie  die  kommunalen  und  staatlichen  Einnahmen.
Die  Berechnung  des  Volkseinkommens  ist  somit  eine  einfache
Aufgabe,  sobald  wir  die  nötigen  statistischen  Daten  zur  Verfügung
haben.  Aber  bei  dem  gegenwärtigen  Stand  der  Wirtschaftsstatistik
fehlen  diese  Angaben  nicht  nur v in  Rußland,  sondern  auch  in  den
westeuropäischen  Staaten.  Eine  statistische  Berechnung  des  Einkommens ­
  des  russischen  Volkes  ist  zurzeit  völlig  unmöglich.  Da
uns  genaue  Ziffern  fehlten,  so  mußten  wir  für  eine  Reihe  von  Produktionszweigen ­
  uns  mit  mehr  oder  weniger  annähernden  Berechnungen ­
  begnügen.  Diese  annähernde  Berechnung  gibt  uns  eine
allgemeine  Vorstellung  von  der  ökonomischen  Lage  des  Volkes.
Um  den  Vorwürfen  einer  tendenziösen  Färbung  zu  entgehen,  waren
wir  überall  geneigt,  den  Umfang  des  Reinertrages  eher  zu  vergrößern ­
  als  zu  vermindern.
        <pb n="8" />
        4

Das  Volkseinkommen  setzt  sich  aus  dem  Reinertrag  folgender
Produktionszweige  zusammen:
1.  Landwirtschaft.
2.  Forstwirtschaft  und  Fischerei.
3.  Extraktive  und  bearbeitende  Industrie.
4.  Transportwesen.
5.  Bauwesen.
6.  Handel.
Unsere  Berechnungen  betreffen  nur  die  50  Gouvernements  des
europäischen  Rußlands.  In  bezug  auf  Sibirien,  Mittelasien  und
Kaukasus  fehlt  es  überhaupt  an  statistischen  Daten  für  eine  ganze
Reihe  von  Produktionszweigen.  Eine  Berechnung  des  Volkseinkommens ­
  für  diese  Gebiete  ist  deshalb  völlig  unmöglich.  Was  aber
Polen  anbetrifft,  über  welches  wir  mehr  Material  besitzen,  so
muß  man  darauf  hinweisen,  daß  dieses  Gebiet  einen  selbständigen
Organismus  darstellt,  dessen  Leben  sich  bedeutend  von  demjenigen
der  50  russischen  Gouvernements  unterscheidet.
Beginnen  wir  nun  mit  dem  Brotgetreide.  Nach  den  Angaben
des  statistischen  Zentralkomitees  betrugen  die  Aussaatfläche,  die
Getreideernte  und  der  Gesamtertrag:

Aussaatfläche
im  Jahr  1900

Durchschnittsernte ­

1896—

Durchschnittssaat ­

1900

Deßjätinen  ’)

Pud 2 )

Pud 2 )

Winterkorn  .

.  .  24138988

46,7

8,9

Sommerkorn

.  .  211  283

33,6

8,2

Winterweizen

.  .  2860219

48,1

8,4

Sommerweizen

•  ■  H  94399I

37,4

6,9

Hafer  .  .  .

■  ■  13853117

44,4

I  1,2

Gerste  .  .  .

.  .  6513844

42,7

8,6

Spelz  .  .  .

.  .  388217

37,6

10,3

Buschweizen  .

.  .  2I2I90I

24,9

6,9

Hirse  .  .  .

■  •  2385034

43,3

2,5

Mais  ....

.  .  1  003  604

53,i

i,9

Erbsen  .  .  .

.  .  869488

39,i

8,3

Linsen  .  .  .

.  .  361071

34,i  3 )

8,0  4 )

Bohnen  .  .

.  .  60804

58,6  •)

9,8 4 )

Total  66711  561

43,3

8,6

*)  1  Deßjätine  —  1,0925  ha.
2 )  1  Pud  =  40  russische  Pfund
3 )  Pro  1897  —  1900.
4 )  Pro  1899/1900.

16  kg.
        <pb n="9" />
        s

Reinernte

Durchschnittspreis ­
  in  den

Bruttovon



1  Deßjät.

Total

Jahren  1896

einnahmen

Pud

Pud

bis  1900
Kopeken  ■)

Rubel')

Winterkorn  .  .

37,8

912433746

53,8

490  900  I  15

Sommerkorn  .

25,4

5366588

53,8  •)

2  887  224

Winterweizen  .

39,7

113550694

75,i

85276571

Sommerweizen

30,5

364291726

74,8

272  49021  I

Hafer  ....

33,2

459923  484

49,6

228  122048

Gerste  .  .  .

34,1

222  160  560

53,2

118189418

Spelz  ....

27,3

10598324

53,2  2 )

5638308

Buschweizen  .

18,0

38194218

65,8

25131795

Hirse  ....

40,8

97309387

49,9

48557384

Mais  ....

5L2

51384525

44,9

23071652

Erbsen  .  .  .

30,8

26780230

70,3

18826502

Linsen  .  .  .

26,1

9423953

40,0 2 )

3769581

Bohnen  .  .  .

48,8

2967235

I00,0 2 )

2967235

Total

34,7

2314404670

57,3

1325828044

Nach  L.  N.  Mareß  müssen  die  Angaben  des  statistischen
Zentralkomitees  erhöht  werden,  und  zwar  nach  den  Angaben  der
Semstwo-Statistik  für  die  Bauernernten  um  io  °/o  und  für  diejenigen
der  Gutsbesitzer  um  20  °/o  3 ).  Die  Differenz  rührt  wahrscheinlich
daher,  daß  die  Semstwo-Statistik  unter  »Privatbesitz«  etwas  anderes
im  Auge  hat,  als  die  Schriften  des  statistischen  Zentralkomitees.
Wir  können  daher  annehmen,  daß  der  Irrtum  in  bezug  auf  die
Ernten  der  privatbesitzlichen  Ländereien  nicht  höher  als  io°/o  ist.
In  diesem  Falle  gleicht  die  Bruttoeinnahme  vom  Getreidebau
1  458411  000  Rubel.
Nach  den  gleichen  Angaben  des  statistischen  Zentralkomitees
war  der  Umfang  der  Aussaatfläche,  der  Ernte  der  handelsindustriellen ­
  Pflanzen  sowie  die  Bruttoeinnahme  von  denselben,  wie
folgt  (Tabellen  siehe  S.  6):
Wenn  wir,  dem  Beispiele  von  L.  N.  Mareß  folgend,  die  Ernte
der  handelsindustriellen  Pflanzen  um  io°/o  erhöhen,  erhalten  wir
eine  Bruttoeinnahme  von  384096000  Rubel.  Wie  man  aus  den
vielen  Bemerkungen  zu  der  soeben  angeführten  Tabelle  ersehen
kann,  haben  unsere  Angaben  betreffend  Saat,  Ernte  und  Preise
der  handelsindustriellen  Pflanzen,  durchaus  nicht  die  erwünschte
’)  1  Rubel  =  100  Kopeken  =  2,65  Frank.
2 )  Annähernde  Zahlen.
3 )  »Der  Einfluß  der  Ernten  und  der  Getreidepreise«,  Bd.  I,  S.  7  (russisch).
        <pb n="10" />
        6

.  ,  Durchschnitts-  Durchschnitts-Aussaatflache

T  ,  ernte  saat
im  fahr  1900  „  ,
1896—1900

Deßjätinen

Pud

Pud

Kartoffel  .  .  .

2508519

43I,t

88,8

Flachs  (Samen)

1372914

18,6 5 )

6,2')

Flachs  (Faser)  .

—

i6,o. 5 )

—

Hanf  (Samen)  .

683877

29,3  5 )

8,1  5 )

Hanf  (Faser)  .

—

20,6 3 )

—

Rüben  .  .  .

397  875

958,4

—

Tabak  .  .  .  .

32504

93,3

—

Sonnenblume  .

265606

')

50,8 c )

0,85  7 )

Raps  .  .  .  .

I272I7 2 )

47,5°)

I,I0 8 )

Senf  .  .  .  .

5  000 3 )

6i,5  *)

i,5 9 )

Hopfen  .  .  .

4  75° 4 )

45,5  4 )

—

Zusammen  5398262

Durchschnitts-Reinernte



preise  für  die

Bruttovon

  1  Deßjät.

im  ganzen

Jahre  1896

einnahmen

bis  1900

Deßjätine

Pud

Kopeken

Rubel

Kartoffel  .  .  .  .

342,3

858666054

i7,9

153701223

Flachs  (Samen)  .  .

12,4

17024  i34

103,6

17637003

Flachs  (Faser)  .  .

16,0

21  966624

303,6

66690670

Hanf  (Samen)  .  .

21,2

14498  192

90,5

13  120864

Hanf  (Faser)  .  .  .

20,6

14087866

177,7

25034138

Rüben

958,4

381323400

I0,0 9 )

38132340

Tabak

93,3

3032623

402,7  ll )

12212373

Sonnenblume  .  .

50,0

13  280300

107  12 )

14  209921

Raps

46,4

5903169

104  12 )

6139296

Senf

60,0 9 )

300000

118  13 )

354ooo

Hopfen

45,5 10 )

216250

900  l0 )

1946250

349178078

’)  Aus  »Rußland  am  Ende  des  19.  Jahrhunderts«,  1900  (russisch).
2 )  Aus  »Land-  und  Forstwirtschaft  in  Rußland«,  1893  (russisch).
3 )  Annähernde  Zahlen.
4 )  Pro  1894.  5 )  Pro  1899/1900.
6 )  Pro  1881—1890.
7 )  Nach  den  Angaben  von  1895  (Die  Dichtigkeit  der  Feldpflanzensaaten
in  Rußland,  1898).
8 )  Nach  den  Angaben  pro  1882  (Landwirtschaftliche  und  statistische  Nachrichten ­
  nach  dem  von  den  Landwirten  mitgeteilten  Materiale,  1884,  Heft  1).
9 )  Annähernde  Zahlen.
I0 )  Pro  1894.  n )  Pro  1900.
12 )  Arithmetische  Durchschnittszahlen  der  Gouvernementspreise.
’ 3 )  Dasselbe  pro  1897—1900.
        <pb n="11" />
        Bei  Gutsbesitzern ­


Bei  Bauern

Zusammen

3009543

16672  226

19681  769  *)

6031  456

26881  772

32913  228

9473  184

40170226

49643410

1880848

9489663

ii37°5n

15

102553

102  568

21111

41316

62427

737

450

I  187

Genauigkeit.  Noch  unzuverlässiger  sind  unsere  Angaben  betreffend
Rentabilität  der  Viehzucht.  Gemäß  den  Angaben  des  statistischen
Zentralkomitees  zählte  man  im  Jahre  1900  in  den  50  Gouvernements ­
  des  europäischen  Rußlands:

Pferde
Rindvieh
Schafe,  Hammel,  Ziegen
Schweine
Hirsche
Kamele
Andere

Gewerbliche  Bedeutung  haben  nur  die  ersten  vier  Vieharten.
Am  meisten  bestritten  ist  die  Frage  betreffend  die  Rentabilität
der  Pferdezucht.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  die  Arbeit  der
Pferde  beim  Ackerbau  in  diese  Tabelle  nicht  aufgenommen  werden
darf,  da  wir  sie  bei  der  Berechnung  des  Getreidewertes  sowie
derjenigen  der  handelsindustriellen  Pflanzen  in  Betracht  gezogen
haben.  Und  was  die  Arbeit  der  Pferde  als  Zug-  und  Lasttiere
anbelangt,  so  gehört  diese  zu  den  Einnahmen  aus  dem  I'uhrmannsgewerbe.
  Zu  den  Einnahmen  aus  der  Pferdezucht  gehört
ausschließlich  der  Verkauf  von  Pferden  in  die  Städte,  in  die
Armee,  nach  dem  Ausland  sowie  der  Verkauf  von  Häuten.  Versuchen ­
  wir  nun  die  Einnahmen  der  Landwirtschaft  aus  dem  Verkaufe ­
  von  Pferden  festzustellen.
Nach  den  Angaben  der  Militärpferdezählungen  machen  die
städtischen  Pferde  2,75  °/o  der  Gesamtzahl  aller  Pferde  aus.  Ihre
Zahl  gleicht  folglich  541249.  Wir  können  ruhig  annehmen,  daß
die  Stadtbewohner  alle  diese  Pferde  von  den  Landwirten  beziehen. ­
  Es  wird  zwar  ein  Teil  der  Pferde  in  den  Städten  selbst
gezüchtet;  aber  anderseits  sind  nicht  alle  Pferde  auf  dem  Lande
in  der  Landwirtschaft  tätig.  Nach  den  Angaben  der  Alleruntertänigsten ­
  Aufstellung  des  Kriegsministeriums  pro  1900  zählte  die
Armee  in  jenem  Jahre  148988  Pferde.  Um  festzustellen,  welche
Zahl  von  Pferden  sich  in  den  sechs  Militärkreisen  des  europäischen
Rußlands  befindet,  wollen  wir  die  in  der  erwähnten  Aufstellung
‘)  Nach  den  Militärpferdezählungen  von  1896,  1899/1900,  1904  waren  die
Pferde  um  9  °/o  stärker  vertreten  als  nach  den  Berichten  des  statistischen
Zentralkomitees.
        <pb n="12" />
        mitgeteilten  Angaben  betreffend  den  Vorrat  an  Fourage  benutzen.
Verteilen  wir  die  Pferde  proportionell  der  den  Militärkreisen  zugewiesenen ­
  Fourage,  so  erhalten  wir,  daß  in  allen  sechs  Kreisen
sich  84349  Pferde  befinden,  was  zusammen  mit  den  städtischen
625  598  ausmacht.  Ein  Pferd  dient  im  Durchschnitt  ca.  6  Jahre,
folglich  muß  jährlich  nur  a /o  derselben,  also  104266  Pferde,  ersetzt ­
  werden.  Nach  dem  Auslande  und  in  das  Königreich  Polen
wurden  im  Jahre  1900  20600  Pferde  (per  Eisenbahn)  transportiert;
somit  haben  die  Landwirte  im  allgemeinen  ca.  125000  Pferde  verkauft. ­
  Der  Durchschnittspreis  der  nach  dem  Auslande  exportierten
Pferde  betrug  89,6  Rubel  und  der  von  der  Artillerieverwaltung
im  Jahre  1900  erworbenen  91,2  Rubel.  Wenn  wir  den  Durchschnittspreis ­
  mit  90  Rubel  ansetzen,  gleichen  die  Einnahmen  der
Pferdezucht  11  250000  Rubel.  Diese  Zahl  ist  bedeutend  niedriger,
als  diejenige,  die  Herr  Pokrowsky  x )  angeführt  hat,  nämlich  647  Millionen ­
  Rubel.  Es  ist  deshalb  anzunehmen,  daß  Pokrowsky  die
Arbeit  der  Pferde  in  der  Landwirtschaft  und  diejenigen  im  Fuhrmannsgewerbe ­
  mitgerechnet  hat.
Der  Ertrag  vom  Rindvieh  zerfällt  in  zwei  Rubriken:  Einkommen ­
  aus  Milch  und  dasjenige  aus  Fleisch.  Nach  den  Berechnungen ­
  von  A.  A.  Radtzig 2 )  macht  die  Zahl  der  Kühe  in  den
Gouvernements  außerhalb  der  Humuszone  50°/o  des  sämtlichen
Viehes  aus;  in  den  südwestlichen  Gouvernements  sowie  in  den
Gouvernements  Poltawa,  Charkow,  Woronesch  und  Saratow  3  3  °/o,
in  den  übrigen  humusbodenhaltigen  Gouvernements  25  °/o,  in
Astrachan  und  Orenburg  io°/o.  Für  das  europäische  Rußland
macht  es  somit  36,7  °/o  aus.  Der  Milchertrag  im  Gouvernement
Archangelsk  macht  150,  in  den  10  nördlichen  Gouvernements  und
3  Ostseeprovinzen  100  und  in  den  übrigen  Gouvernements  60  Eimer
aus;  somit  im  Durchschnitt  72  Eimer.  Der  Preis  eines  Eimers
Milch  ist  in  den  Gouvernements  Petersburg  und  Moskau  sowie  in
den  Ostseeprovinzen  50,  in  den  übrigen  Gouvernements  40  Kopeken, ­
  im  Durchschnitt  41  Kopeken.  Diese  Zahlen  zugrunde  gelegt,
erhalten  wir  eine  Bruttoeinnahme  für  Milch  von  357  370000  Rubel.
Den  F'leischertrag  (Hornvieh)  können  wir  auf  zwei  Arten  berechnen, ­
  entweder  nach  der  Produktion  desselben  oder  nach  seiner
Konsumtion.  Nach  den  Budgetberechnungen  von  F.  A.  Schtjer-!
 )  Zur  Stabilitätsfrage  der  Aktivbilanz  des  russischen  Auswärtshandels
S.  36.
2 )  Viehzucht  und  Milchwirtschaft  in  verschiedenen  Staaten,  1899.
        <pb n="13" />
        9

bina J )  verbrauchen  die  Bauern  des  Gouvernements  Woronesch
jährlich  pro  Kopf  9  Pfund  Fleisch.  In  Petersburg  betrug  im  Jahre
1900  die  Konsumtion  des  Fleisches  156,7  Pfund  pro  Kopf.  Der
Fleischkonsum  der  Bevölkerung  des  europäischen  Rußlands  (die
Zahl  der  Bevölkerung  nach  der  Volkszählung  vom  Jahre  1897)
beträgt  also:
In  den  Städten  .  .  ,  47203000  Pud
Auf  dem  Lande  .  .  .  18314000  »
Im  ganzen  65517000  Pud
Der  Fleischkonsum  in  Petersburg  übersteigt  zweifellos  die
Durchschnittsnorm.  Nicht  nur  die  Bezirks-,  sondern  auch  die
Gouvernementsstädte  konsumieren  pro  Kopf  bedeutend  weniger
Fleisch  als  Petersburg.  Aus  diesem  Grunde  muß  der  tatsächliche
Fleischkonsum  viel  geringer  sein  als  nach  den  ermittelten  Durchschnittszahlen. ­
  Wenn  wir  nun  die  zweite  Berechnungsart  aufstellen,
können  wir  konstatieren,  daß  das  europäische  Rußland  insgesamt
32913228  Stück  Rindvieh  aufweist,  und  zwar  ca.  18  Millionen  Stück
des  gewöhnlichen  kleinen  und  ca.  15  Millionen  vom  großen
(»Tscherkasser«)  Rindvieh.  Im  St.  Petersburger  Schlachthause
wiegt  ein  geschlachteter  »Tscherkasser«  im  Durchschnitt  15,  ein
Nichttscherkasser  7  Pud.  Gewöhnlich  wird  jährlich  1 fe  —  x /s  der
Herde  zum  Schlachten  bestimmt.  Nach  diesen  Angaben  können
wir  berechnen,  daß  die  jährliche  Fleischproduktion  etwa  50  Millionen ­
  Pud  beträgt.  Diese  Zahl  ist  kleiner  der  vorher  gefundenen
und  anscheinend  der  Wahrheit  eher  entsprechend.  In  den  Jahren
1891  —1900  war  der  Durchschnittspreis  eines  Puds  Fleisch  2,60  Rubel. ­
  Die  gesamte  Fleischproduktion  repräsentiert  somit  einen
Wert  von  130  Millionen  Rubel.
Die  Gesamtzahl  der  jährlich  produzierten  Häute  (von  Pferden
und  Rindvieh)  sind  wir  imstande  nur  auf  indirektem  Wege  festzustellen. ­
  Nach  den  Angaben  von  W.  E.  Warsar 2 )  waren  mit
der  Bearbeitung  von  bläuten  in  den  größeren  Gerbereien  21457  Arbeiter
  beschäftigt,  die  insgesamt  für  24913  500  Rubel  bläute  bearbeiten. ­
  Jeder  Arbeiter  bearbeitete  folglich  für  1161  Rubel.  Nach
der  Volkszählung  von  1897  waren  in  der  Gerbereiindustrie  insgesamt ­
  38978  Personen  beschäftigt.  Nehmen  wir  an,  daß  sowohl
in  den  großen,  wie  auch  in  den  kleinen  Gerbereien  die  Arbeitsproduktivität ­
  die  gleiche  ist,  so  bekommen  wir,  daß  in  allen  Gerbe-1)
  Bauernbudgets.  Ausgabe  der  Freien  ökonomischen  Gesellschaft,  1900.
2 )  Statistische  Berichte  betreffend  Fabriken  und  Werkstätten  im  Jahre  1900.
        <pb n="14" />
        —  IO  —
reien  im  ganzen  für  45253458  Rubel  Häute  bearbeitet  wurde.
Hinzu  kommt  noch  dasjenige  Quantum  der  Häute,  das  von  den
Sattlermeistern  bearbeitet  worden  ist.  Nach  den  Warsarschen
Angaben  beträgt  der  Wert  dieser  Häute  389  100  Rubel.  Im  ganzen
erhalten  wir  die  Summe  45643000  Rubel.  Nach  der  Transportstatistik ­
  der  russischen  Eisenbahnen  und  gemäß  der  »Uebersicht
des  auswärtigen  Handels  Rußlands  im  Jahre  1900«  betrug  der  Imund
  Export  von  Häuten  in  den  50  Gouvernements  des  europäischen
Rußlands:

Einfuhr

Ausfuhr

Pud

Pud

Kaukasus

168000

Sibirien  und  Steppengebiet  .  .

799000

184000

Königreich  Polen

364000

629000

Westeuropa  (per  Eisenbahn)  .

301000

IOI  OOO

1  699000

1  082  000

Nach  den  Ausfuhrangaben  kostet  ein  Pud  Rohhäute  8,7  Rubel.
Folglich  wurden  per  Eisenbahn  Häute  für  5367900  Rubel  importiert. ­
  Die  Seeausfuhr  übersteigt  die  Einfuhr  um  2767936  Rubel.
Somit  wurde  importiert  für  2  600000  Rubel.  Der  Wert  der  bearbeiteten ­
  einheimischen  Produkten  beträgt  folglich  43  Millionen
Rubel.
Die  Einnahmen  aus  der  Schafzucht  können  wir  nach  den  Angaben ­
  von  P.  N.  Kuleschow  x )  feststellen.  Der  Ertrag  der  Wolle
bei  der  Schafzucht:
12500000  Merinoschafe  (Vlies  8  Pfund)  ....  2500000  Pud
37143000  einfache  Schafe  (Vlies  5  Pfund)  .  .  .  4643000  »
Wenn  wir  den  Preis  der  Merinoschafswolle  zu  8  und  den  der
einfachen  Schafe  zu  5  Rubel  pro  Pud  berechnen,  so  bekommen
wir  einen  Gesamtwert  von  43215000.  Jährlich  schlachtet  man  ein
Viertel  der  Herde,  also  12410850  Stück.  Von  jedem  Schafe  erhält
man  1,3  Pud  Schafsfleisch  und  0,12  Pud  Fett.  1  Pud  Schafsfleisch
kostete  (in  den  Jahren  1891  —1900)  2,31  Rubel,  1  Pud  Fett  4,16  Rubel ­
  und  1  Schaf-  bzw.  Lammfell  (in  den  Jahren  1894—99)  1,83  Rubel. ­

  Der  Ertrag  gleicht  daher:
Vom  Fleisch  37269783  Rubel
»  Fett  6195496  »
»  Lammfell  resp.  Schaf  .  .  22711764  »

Zusammen  66177043  Rubel

')  Der  gegenwärtige  Stand  der  Schafzucht  in  Rußland,  1896.
        <pb n="15" />
        Um  die  Einnahmen  aus  der  Schweinezucht  festzustellen,
wollen  wir  die  Angaben  betreffend  Produktion  und  Konsum  des
Schweinefleisches  benutzen.  Im  Gouvernement  VVoronesch  gleicht,
nach  den  Angaben  von  Schtjerbina,  der  Schweinefleischkonsum
12,6  Pfund  pro  Kopf.  In  Petersburg  im  Jahre  1900  30,6  Pfund
pro  Kopf.  Nehmen  wir  an,  daß  die  Einwohnerzahl  der  Städte
und  Bezirke  (abzüglich  der  Juden  und  Mohammedaner,  die  kein
Schweinefleisch  gebrauchen)  gleich  derjenigen  der  Volkszählung
von  1897  ist,  und  setzen  wir  den  Konsum  auf  dem  Lande  demjenigen ­
  der  Woronescher  Bauern  gleich  und  den  Konsum  der  Städte
demjenigen  von  Petersburg  gleich,  so  erhalten  wir  eine  Ziffer
des  Gesamtkonsums  des  Schweinefleisches  gleich  3165b653  Pud.
Die  Gesamtzahl  der  Schweine  in  den  50  Gouvernements  beträgt
11370511  Stück.  Jährlich  wird  zirka  die  Hälfte  aller  Schweine
geschlachtet.  Das  Gewicht  eines  ausgeweideten  Schweines  machte
im  Jahre  1900  im  Petersburger  Schlachthause  5,5  Pud  aus.  Multiplizieren ­
  wir  diese  Zahl,  dann  erhalten  wir,  daß  die  Gesamtproduktion ­
  des  Schweinefleisches  31268908  Pud  beträgt.  Somit  sind
die  Zahlen  der  Produktion  und  Konsumtion  des  Schweinefleisches
fast  gleich.  Nehmen  wir  als  Durchschnittszahl  31,5  Millionen  Pud
zum  Preise  von  3,31  Rubel  (in  den  Jahren  1897—1900)  an,  dann
erhalten  wir  eine  Bruttoeinnahme  aus  der  Schweinefleischproduktion ­
  von  104  Millionen  Rubel.  Von  einem  Schweine  erhält  man
1 J /4  Pfund  Schweinsborsten,  somit  von  allen  Schweinen  177664  Pud.
Der  Preis  der  im  Jahre  1900  nach  dem  Auslande  exportierten
Schweinsborste  betrug  41,6  Rubel  pro  Pud.  Folglich  gleicht  das
Einkommen  aus  der  Schweinsborste  7391000  Rubel.  Die  Schweinezucht ­
  wirft  somit  im  ganzen  111  391000  Rubel  ab.
Das  Einkommen  aus  der  Produktion  des  Schweinefetts  zogen
wir  nicht  in  Betracht,  weil  zu  dessen  Produktion  intensive  Fütterungsmittel, ­
  Mehl  und  Kartoffel,  gehören.  Sollten  wir  dies  tun
wollen,  so  müßten  wir  die  Ausgaben  für  Mehl  und  Kartoffel,  welche
als  Schweinefutter  verwendet  werden,  berücksichtigen.  Wir  glauben
keinen  großen  Fehler  zu  begehen,  wenn  wir  die  Kosten  der  intensiven ­
  Fütterungsmittel  dem  Werte  des  erzielten  Fettes  gleichsetzen.
Wir  sehen  auch  von  der  Vogelzucht  ab,  da  deren  Einnahmen
(Vogelfleisch,  Eier)  kaum  die  notwendigen  Ausgaben  für  das  Futter
der  Vögel  übersteigen.
Der  Ertrag  der  Viehzucht  ist  somit  folgender:
        <pb n="16" />
        12

Pferdezucht  11250000  Rubel
Milch  357370000  »
Rindfleisch  130000000  »
Häute  43000000  »
Schafzucht  109392000  «
Schweinezucht  ....  in  391000  »
762  403  000  Rubel
Die  übrigen  Zweige  der  Landwirtschaft  haben  eine  ziemlich
geringere  volkswirtschaftliche  Bedeutung.  Hierzu  gehören  vor
allem  Heu  und  Stroh,  das  von  den  Pferden  in  der  Armee  und  in
den  Städten  verbraucht  wird.  Laut  der  Fouragetabelle  für  Pferde
bekommt  ein  jedes  (außer  Hafer)  täglich  10  Pfund  Heu  und  4  Pfund
Stroh,  was  in  einem  Jahre  90  Pud  Heu  und  36  Pud  Stroh  ausmacht. ­
  Der  Totalverbrauch  von  Heu  und  Stroh  der  arbeitenden
Pferde  außerhalb  der  Landwirtschaft  beträgt  somit:

Heu  56304000  Pud
Stroh  22522000  »

Bei  den  Vorratsanschaffungen  (im  Jahre  1900)  der  Fourage
der  Intendantenverwaltung  im  europäischen  Rußland  kam  1  Pud
Heu  auf  40  und  1  Pud  Stroh  auf  22  Kopeken  zu  stehen.  Folglich ­
  gestaltet  sich  der  Gesamtverbrauch  wie  folgt:
Heu  22521600  Rubel
Stroh  4954840  »
27476440  Rubel
Die  Einnahmen  aus  dem  Weinbau  können  wir  nach  den  Angaben ­
  von  M.  Ballaß  x )  berechnen.  Danach  betrug  die  Fläche  der
Weingärten  und  deren  Einnahmen  in  den  neunziger  Jahren:

Krym  und  Gouvernement  Taurien

Deßjätinen
.  10120

Pud  und
Eimer
2000000

Wert
Rubel
2  500000

Dongebiet  .

3000

200000

160000

Gouvernement  Astrachan  .  .  .

416

166400

250000

»

Bessarabien.  .  .

■  67925

12  529OOO

7517000

»

Cherson  ....

7710

1528000

917000

»

Podolien  ....

941

130000

130000

Jekaterinoslaw  .  .

250

7000

7000

Zusammen  90362 2 )

16  560400

11481000

Nach

den  Angaben  der

Schrift:  »Die

Lage  des

Gartenbau

wesens  in  Rußland  1901«,  umfassen  die  Gärten  im  europäischen
‘)  Der  Weinbau  in  Rußland,  Teil  I  und  V,  1895  und  1899.
2 )  Nach  anderen  Angaben  soll  die  Fläche  der  Weinberge  in  den  Jahren
1898—1900  93070  Deßjätinen  ausgemacht  haben.
        <pb n="17" />
        13

Rußland,  unter  Abzug  der  Gouvernements  Pensa,  Ufa,  Astrachan,
Livland  und  Dongebiet,  eine  Fläche  von  517  215  Deßjätinen.  Auf
Grund  von  Angaben,  die  das  Jahr  1881  betreffen,  dürfen  wir  das
Gartenland  der  fehlenden  fünf  Gouvernements  mit  67112  Deßjätinen ­
  berechnen.  Zusammen  also  584327  Deßjätinen.  Nach  den
weiteren  Angaben  derselben  Schrift  betrug  in  den  Jahren  1895
bis  1896  die  Bruttoeinnahme  von  einer  Deßjätine  148  Rubel.  Wir
wollen  aber  vorsichtshalber  den  Ertrag  eines  Gartens  gleich  demjenigen ­
  eines  Weingartens  ansetzen,  d.  h.  mit  127  Rubel  pro  Deßjätine. ­
  In  diesem  Falle  wird  die  Gärtnerei  eine  Bruttoeinnahme  von
74210000  Rubel  abwerfen.
Die  Gemüsegärten  umfaßten  im  Jahre  1881  eine  Fläche  von
70815  Deßjätinen.  Gemäß  den  Angaben  der  Kommission  betreffend
den  wirtschaftlichen  Niedergang  Zentralrußlands  vermehrte  sich  die
Landbevölkerung  Rußlands  in  den  Jahren  1880—1900  um  37,3  °/o.
Wir  können  mit  Sicherheit  annehmen,  daß  der  Gemüsekonsum  der
Landbewohner  sich  während  der  verflossenen  20  Jahre  nicht  vermindert ­
  hat.  Dann  müßte  sich  die  Bodenfläche  für  den  Gemüsebau ­
  bis  zu  97229  Deßjätinen  ausgedehnt  haben.  Eine  Deßjätine
Kartoffel  wirft  im  ganzen  68,5  Rubel  und  eine  solche  von  Rüben
95,8  Rubel  ab.  Wenn  wir  das  Einkommen  von  einem  Gemüsegarten ­
  gleich  demjenigen  von  einer  Zuckerrübenkultur  ansetzen,
erhalten  wir  einen  Reinertrag  der  Gemüsegärtnerei  von  9315000
Rubel.
Nach  den  Berechnungen  von  Tschefranoff x )  zählt  das  europäische ­
  Rußland  ca.  3,6  Millionen  Bienenstöcke,  die  abwerfen:
Honig  .  .  1313243  Pud  ä  5  Rubel  10  Kopeken  =  6702264  Rubel
Wachs  .  .  235003  »  »  17  »  95  »  =  4216934  »
10919000  Rubel
Die  Seidenzucht  im  europäischen  Rußland  hat  einen  nur  geringen ­
  Umfang.  Die  Gesamtproduktion  der  rohen  Seidenkokone
macht  nur  ca.  1000  Pud  aus  und  wirft  einen  Betrag  von  10000
Rubel  ab  1  2 ).
Somit  geben  die  übrigen  Zweige  der  Landwirtschaft  einen
Ertrag:

1)  Russische  Bienenindustrie  am  Anfang  des  20.  Jahrhunderts,  1901.
2 )  W.  J.  Pokrofsky  schätzt  die  Einnahme  aus  der  Seidenzucht  mit  15  Millionen ­
  und  die  der  Baumwolle  mit  41,4  Millionen  Rubel  ein.  Hat  aber  wohl
das  ganze  Reich  im  Auge.  Ibid.  S.  XXXVI.
        <pb n="18" />
        14

Heu  und  Stroh  .  .

27476000

Rubel

Weinbau

11  481  000

»

Gartenbau  ....

742IOOOO

»

Gemüsebau  ....

9315000

2&amp;gt;

Bienenzucht  ....

I09I9000

»

Zusammen  133400000  Rubel

Der  Ertrag  der  Landwirtschaft  im  ganzen  ist  somit
folgender:

Getreide  1458411000  Rubel
Pflanzen  384096000  »
Viehzucht  762400000  »

Andere  Zweige  der  Landwirtschaft  .  .  133400000  »
Zusammen  2738300000  Rubel
Da  wir  weder  die  Ausgaben  für  Reparatur  der  landwirtschaftlichen ­
  Maschinen  und  Geräte,  noch  die  Kosten  für  den  während  der
Frühlingsarbeiten  zur  Ernährung  der  Pferde  verbrauchten  Hafer,
noch  die  Futterkosten  für  das  Vieh  in  der  Form  von  Wurzelfrüchten ­
  und  Mehl  in  Betracht  zogen,  sind  die  von  uns  erzielten
Resultate  höher  als  der  tatsächliche  Ertrag  der  Landwirtschaft.
Diese  Ausgabekosten  sind  wir  nicht  imstande  auch  nur  annähernd
anzugeben  und  müssen  daher  bei  der  von  uns  erhaltenen  Ziffer
bleiben.
Einen  weiteren  Zweig  der  materiellen  Produktion  bilden  der
Waldbau  und  die  F'ischerei.  Die  50  europäischen  Gouvernements
Rußlands  zählen  an  Wald:
Staatsforsten  ....  107256959  Deßjätinen
Davon  taugliche  .  .  .  85882654  »
Anderer  Besitzer  .  .  .  54971  582  »
Die  tauglichen  Staatsforsten  werfen  46x09107  Rubel  ab.  Es
ist  anzunehmen,  daß  alle  privatbesitzlichen  Forsten  zu  den  tauglichen, ­
  die  einen  Gewinn  abwerfen,  gehören.  Setzen  wir  den  Ertrag
einer  Deßjätine  derselben  demjenigen  aus  den  im  selben  Gouvernement ­
  befindlichen  Kronwäldern  gleich,  so  erhalten  wir  eine  Bruttoeinnahme ­
  von  132105383  Rubel.  Die  größere  Durchschnittsrentabilität ­
  der  Privatwälder  erklärt  sich  dadurch,  daß  dieselben
sich  meistens  in  den  Gouvernements  befinden,  wo  die  Forsten  den
größten  Gewinn  erzielen.  Der  Reinertrag  der  Forstwirtschaft  gleicht
somit  178214000  Rubel.
Was  die  Fischerei  anbelangt,  so  macht  der  Fischfang  in  den
        <pb n="19" />
        i5

50  Gouvernements  Rußlands  nach  den  von  O.  A.  Grimm x )  angestellten
  Berechnungen  50  Millionen  Pud  aus,  davon:
Stör  1450000  Pud
Lachs  200000  »
Heringe  7900000  »
Kabeljau  650000  »
Weiße  Fische  (Sterlett,  Zander  usw.)  ca.  40000000  »
Gemäß  der  Veröffentlichung  des  Ministeriums  für  Landwirtschaft: ­
  »Der  Fischfang  in  Rußland  im  Jahre  1900«  waren  die
Marktpreise  der  Fische  im  angegebenen  Jahre:
Stör  etwa  6  Rubel  pro  Pud
Lachs  »  9  »  *  »
Heringe  »2  »  »  »
Weiße  Fische  .  .  »3  »  »  »
Folglich  repräsentiert  der  ganze  Fischfang  einen  Wert  von
147600000  Rubel.
Wir  erhalten  somit  folgende  Resultate:
Forstwirtschaft  ....  178214000  Rubel
Fischerei  147600000  »
Zusammen  325800000  Rubel
Bei  der  Berechnung  der  Bergwerkindustrie  besteht  die  Hauptschwierigkeit ­
  in  der  genauen  Feststellung  der  Produktivität  der
Eisenwerke.  Wegen  Mangel  an  exakten  Zahlen  haben  wir  zur
folgenden  annähernden  Berechnung  Zuflucht  genommen.  Gemäß
der  »Sammlung  der  statistischen  Angaben,  betreffend  die  Bergwerkindustrie ­
  in  Rußland  im  Jahre  1900«,  wurden  in  diesem  Jahre
337 1 75  76/  Pud  Eisenerz  erhalten.  Der  Durchschnittspreis  des
Erzes  pro  Pud  machte  damals  5,1  Kopeken  aus;  der  Gesamtwert
der  Erze  beträgt  somit  17195964  Rubel.  Bei  der  Erzgewinnung
waren  5  1050  Arbeiter  beschäftigt.  Es  arbeiteten  :
Bergwerker  123120  Personen
Hilfsarbeiter  139425  »
Zusammen  262545  Personen
Nach  den  Angaben  von  W.  E.  Warsar 2 )  produziert  jeder
Metallarbeiter  im  Jahre  einen  Wert  von  519,2  Rubel.  Nehmen  wir
diese  Produktivität  auch  für  die  Eisenfabriken  und  Gießereien  an,
so  erhalten  wir  einen  Gesamtertrag  von  136313364  Rubel,  was
■)  Die  Land-  und  Waldwirtschaft  in  Rußland,  1893.
2 )  Statistische  Berichte  betreffend  die  Fabriken  und  Werke  im  Jahre  1900.
        <pb n="20" />
        m

16

zusammen  mit  dem  Gewinn  aus

den  Erzen  153  509000  Rubel  ausmacht.


Im  ganzen  hat

die  Bergwerkindustrie  im  Jahre

1900  abgeworfen:



Zahl  der

Produktion  in  Pud

Wert

Gold  .  .  .

Arbeiter
45277

539  Pud  23  Pf.  6  Solot.  41  Dolja

Rubel
9982  167

Platin  .  .  .

1763

310

»  27  »  59  »  16  »

4159625

Kupfer  .  .  .

6751

241148

»

3496646

Quecksilber  .

918

18586

830000

Gußeisen 1 )  .]
Stahl  u.  Eisen  J

313595

158614798
92326630

:  !

153509328

Manganerz  .

2324

8  591993

»

343680

Chromeisen  .

2052

1  H3I55

»

III300

Schwefelkies  .

237

1413  547

»

162400

Steinkohle

90332

712000580

»

59096000

Kochsalz  .  .

15  550

108524113

9

7054067

Asphaltmastik^

467

1  508528

»

422388

Asphaltgudr.  J

131  126

»

137682

Asbest  .  .  .

1330

234756

»

347  500

Porzellanton  .

191

2  003  727

374000

Phosphorit  .

462

1  566704

257721

Steingruben  .

32263

—

»

4238975

Feuerfeste
Materialien  .

6324

»

2707937’)

519836

247  231OOO

Die  gewonnene  Ziffer  übersteigt  die  wirkliche,  da  die  Ausgaben ­
  für  Reparaturen,  Heizung  und  Beleuchtung  vom  Gesamtertrag ­
  nicht  in  Abzug  gebracht  worden  sind.  In  der  »Sammlung
der  statistischen  Nachrichten  bezüglich  der  Bergwerkindustrie«  sind
einige  der  nebensächlichen  Zweige  der  extrahierenden  Industrie
nicht  angeführt.  Nach  der  Volkszählung  von  1897  waren  beschäftigt ­
  bei  der  Gewinnung  von
Torf  1442  Personen
Kalk  und  Alabaster  .  .  .  1905  »
Edelsteinen  888  »

4235  Personen

')  Im  Jahre  1903  sank  der  Preis  des  Gußeisens  bis  auf  47,8  Kopeken
(von  70  Kopeken  im  Jahre  1900).  Der  Zoll  erhöht  überhaupt  den  Preis  der
Ware  und  vergrößert  nominell  die  Produktivität  der  extrahierenden  und  bearbeitenden ­
  Industrie.
2 )  Nach  den  Angaben  von  W.  E.  Warsar  produziert  ein  Arbeiter  der
Ziegelfabriken  einen  Wert  von  428,2  Rubel  im  Jahr;  die  gleiche  Produktivität
nehmen  wir  für  die  Fabriken  von  feuerfesten  Materialien  an.
        <pb n="21" />
        17

Wenn  jeder  dieser  Arbeiter  einen  Wert  von  428,2  Rubel  produziert, ­
  so  erhalten  wir  eine  Gesamtsumme  von  1813427  Rubel.
Der  Reinertrag  der  Bergwerkindustrie  macht  folglich  249044000
Rubel  aus.

Ueber  die  Fabrikindustrie

haben

wir  sehr  genaue

Daten  in

der  Untersuchung  von  W.  E.  Warsar,  »

Statistische  Daten  betreffend

die  akzisefreien  Fabriken  und

Werke

im  Jahre  1900«.

Danach

findet  die  Produktivität  der  in

1  den  50  Gouvernements

Rußlands

tätigen  Fabriken  und  Werke

ihren  Ausdruck  in  der

folgenden

Tabelle:

Allgemeiner

Rein-Zahl

  der

Wert

ertrag')

Arbeiter

Tausend

Tausend

Rubel

Rubel

Bearbeitung  der  Baumwolle  .  .

323  477

451338,2

95  436,7

»  »  Wolle  ....

90259

102  299,9

26581,7

»  »  Seide  ....

20  132

26603,5

8067,2

»  des  Flachses,  Hanfes

und  der  Jute

59555

55514,4

15662,6

Bearbeitung  gemischten  Zeugs  und

Faserprodukte

10694

19777,9

6541,6

Herstellung  des  Papiers  ....

58410

69639,4

28252,1

Bearbeitung  des  Holzes  ....

64  614

87062,6

27  127,4

»  der  Metalle  .  .  .

199389

305359,3

103524,1

»  »  Mineralien  .  .

110533

70505,7

38893,5

»  »  Tierprodukte

40911

95  443,1

16677,3

»  »  Nahrungsmittel  .

65  260

338913,6

43399,5

Chemische  Produktion  ....

26255

78976,6

20  099,0

Zusammen  1  069  489'

1  701  434,2

430262,7

Die  Produktivität  eines  Arbeiters  hat  folglich  einen  Wert  von
402  Rubel  und  30  Kopeken.  Nach  der  Bilanzaufstellung  der
habrikinspektoren  für  das  Jahr  1900  arbeiteten  Mitte  jenes  Jahres
in  Fabriken  und  Werken,  die  der  Fabrikinspektion  unterworfen
sind,  1453488  Arbeiter.  Flievon  sind  abzuziehen  194623  Arbeiter,
die  in  Betrieben,  die  mit  Akzise  belegt  sind,  beschäftigt  wurden.
In  den  akzisefreien  Fabriken  und  Werkstätten  arbeiteten  folglich
1258865  Mann.  Die  Gesamtproduktion  der  Fabriken-und  Werke
repräsentiert  einen  Wert  von  506441000  Rubel.
Weniger  befriedigend  sind  unsere  Daten,  die  wir  über  die  mit
Akzise  belegten  Betriebe  besitzen.  Berechnen  wir  die  Produkte
’)  Unter  Abzug  der  Rohmaterialien,  Heizungs-,  Beleuchtungs-  und  Reparaturkosten. ­

Arch.  f.  Sozialwissensch.  u.  Sozialpol.  Ergänzungsheft:  Prokopowitsch.

2
        <pb n="22" />
        i8

dieser  Betriebe  mit  den  von  W.  E.  Warsar  angegebenen  Preisen,
so  erhalten  wir  folgende  Tabelle:

Zahl  der
Arbeiter

Allgemeiner
Wert
Rubel

Reinertrag
Rubel

Branntweinbrennerei  ....

27231

43  214000

27I17000

Hefeindustrie  ’)

53

6  599000

6573  000

Schnapserzeugung

3  110

3774000

3067000

Gewinnung  von  Fruchtschnaps  .

130

245000

245  000

Bierbrauerei  )

11  536

39075000

34070000

Metbrauerei  /

459000

224  000

Zuckerfabrikation

99  963

153  068000

113038000

Tabakindustrie

34112

35499000

9228000

Zündhölzerfabrikation  ....

16792

4273  000

4086000

Naphtaindustrie

1696

I  780000

271OOO

Zusammen

194623

287986000

I97  9 I 9° 00

Vom  allgemeinen  Wert  könnten  wir  nur  den  Wert  der  Rohmaterialien ­
  abziehen,  aber  auch  das  nicht  ganz  (so  z.  B.  nicht  den
Wert  der  Weintrauben  oder  den  der  Früchte  für  die  Schnapsproduktion ­
  oder  den  Wert  des  Holzstrohs  für  Zündhölzer).  Die
Ausgaben  für  Heizung,  Beleuchtung,  Gebäude-  und  Maschinenreparatur ­
  sind  im  Reinertrag  mitgerechnet.  Die  erhaltene  Ziffer
ist  daher  weit  größer  als  die  wirkliche.
Ueber  das  Handwerk  besitzen  wir  überhaupt  keine  statistk
sehen  Angaben.  Nach  der  Volkszählung  von  1897  beschäftigt  die
bearbeitende  Industrie  in  den  Städten,  mit  Ausnahme  der  Betriebe,
die  mit  Akzise  belegt  sind,  1501335  Arbeiter.  Nach  dem  »Verzeichnis ­
  der  Fabriken  und  Werke  des  europäischen  Rußlands  1903«
arbeiteten  in  den  städtischen  Betrieben  von  den  in  den  Jahren  1900
und  1901  in  das  Verzeichnis  aufgenommenen  1  144558  Arbeiter
bloß  539901,  also  etwa  47°/o.  Insgesamt  arbeiteten  in  den  Fabriken ­
  1258865  Personen,  somit  in  den  Städten  591667  Arbeiter.
Hierzu  gehören  noch  44615  Arbeiter,  die  sich  in  den  Städten  der
Eisengießerei  und  Eisenbearbeitung  widmen,  im  ganzen  also  636282
Arbeiter.  Außerdem  sind  ca.  2  5  ooo  Personen  als  Besitzer  und
Angestellte  ‘  in  den  städtischen  Betrieben  beschäftigt.  Folglich
macht  die  Zahl  der  Handwerker  ca.  840000  Personen  aus.  Wenn
wir  die  Leistung  eines  jeden  Handwerkers  derjenigen  eines  Fabrikarbeiters ­
  gleich  ansetzen  (402,30  Rubel  pro  Jahr),  finden  wir,  daß
! )  Hefe  wird  auch  als  Nebenprodukt  bei  der  Gewinnung  des  Branntweines ­
  in  den  Branntweinbrennereien  erzeugt.
        <pb n="23" />
        i9

die  Jahresproduktion  der  Handwerker  etwa  337932000  Rubel
beträgt.
Nach  den  Angaben  der  »Kommission  betreffend  den  Niedergang ­
  Zentralrußlands«  waren  im  Jahre  1900  auf  dem  Lande  in  der
Haus-  und  Handwerkindustrie  4618839  Personen  beschäftigt,  die
203  510000  Rubel  (im  Durchschnitt  43  Rubel  pro  Kopf)  verdienten.
Somit  gleicht  der  Ertrag  der  extrahierenden  und  bearbeitenden ­
  Industrie:

Bergwerke  249044000  Rubel
Fabrikindustrie  506441000  »
Die  mit  Akzise  belegten  Betriebe  .  197  919  000  t
Handwerk  337932000  »
Hausindustrie  203510000  »

Zusammen  1494800000  Rubel
Im  Transportgewerbe  sind  es  die  Eisenbahnen,  die  das  meiste
an  Einnahmen  leisten.  Um  die  Größe  des  Geleisenetzes  der
50  Gouvernements  festzustellen,  muß  man  von  den  Eisenbahnen
der  letzteren  abstrahieren:
Die  transkaukasischen  Eisenbahnen.
Die  Privislianskija  (an  der  Weichsel),  abzüglich  124  Werst.
Die  Warschau-Wiener  Eisenbahn.
Die  Wladikawkaser  Eisenbahn,  mit  Ausnahme  von  436  Werst.
Die  Lodz-Eisenbahn.
Außerdem  befinden  sich  einige  Teile  anderer  Bahnen  außerhalb ­
  der  50  Gouvernements:

Von  der  Permeisenbahn  95  Werst
»  »  Samara-Slatoust-Eisenbahn  .  .  .  .  121  *

»  »  St.  Petersburg-Warschau-Eisenbahn  .  348  »
»  »  Süd-West-Eisenbahn  .  24  »
Dieser  Berechnung  nach  zählte  das  Geleise  der  50  Gouvernements ­
  36760  Werst!).  Die  Gesamteinnahme  dieses  Netzes  beträgt
45  5  743 000  Rubel.  Davon  sind  nun  in  Abzug  zu  bringen  die
Ausgaben  für  Instandhaltung  und  Reparaturen  der  Bahnen,  der
Telegraphen,  der  Stationsgebäude,  der  Werkstätten  und  Züge.  Auf
Grund  der  »Nachrichten  über  die  Eisenbahnen  im  Jahre  1900«
können  wir  diese  Ausgaben  nur  annähernd  berechnen.  Vor  allem
haben  wir,  um  die  Berechnung  zu  vereinfachen,  die  Ausgaben  der

‘)  1  Werst  =  1,067  km.
        <pb n="24" />
        20

an  der  Weichsel  gelegenen  und  der  Wladikaukasuseisenbahnen
(560  Werst)  gleich  derjenigen  der  Perm-Samara-Slatoust-,  St.  Petersburg-Warschauer ­
  und  Süd-West-Eisenbahnen  (588  Werst)  angesetzt.
Des  weiteren  ist  zu  bemerken,  daß  für  die  erwähnten  Ausgaben
der  Lokalbahnen  wir  keine  besondere  Rubrik  gebildet  haben,  und
berechneten  sie  im  Verhältnis  der  Ausgaben  der  Normalbahnen.
Nach  solcher  Berechnung  stellten  sich  die  Ausgaben  für  Instandhaltung ­
  und  Reparatur  der  Eisenbahnen  auf  138688000  Rubel
heraus.  Der  Reinertrag  gleicht  also  317055000  Rubel.
Die  Handelsschiffahrt  zerfällt  in  Fluß-  und  Seeschiffahrt.  Nach
den  Angaben  des  »Jahrbuches  des  Finanzministeriums  für  1903«
kursierten  auf  den  Flüssen  der  50  Gouvernements  (mit  Ausnahme
der  Weichsel-  und  einer  Hälfte  der  Njemanschiffahrt):
Schiffe  25366
Tragfähigkeit  ....  685034000  Pud
Herstellungskosten  .  .  191285000  Rubel
Besatzung  40280  Personen.
Nach  den  »Berichten  betreffend  die  inneren  Wasser-  und
Chauseestraßen  im  Jahre  1900«  wurden  im  letzten  Jahre  auf
Schiffen  1206  133000  Pud  transportiert,  indem  jedes  Pud  im  Durchschnitt ­
  eine  Strecke  von  844  Werst  ablegte.
Ueber  den  Personenverkehr  fehlen  jedwede  Angaben.  Angesichts ­
  des  Mangels  an  Daten,  die  die  Bruttoeinnahmen  und  Ausgaben ­
  der  Flußschiffe  betreffen,  kann  man  den  Reinertrag  der
Flußschiffahrt  nur  indirekt  bestimmen.  Nehmen  wir  den  Durchschnittsverdienst ­
  eines  Reeders  gleich  20°/o  an,  was  eher  mehr  als
weniger  bedeuten  würde,  denjenigen  eines  Angestellten  gleich  demjenigen ­
  eines  Fabrikarbeiters  (entsprechend  den  Angaben  von
W.  E.  Warsar  für  das  Jahr  1900  —  215,59  Rubel)  und  die  Navigationsperiode ­
  im  Durchschnitte  etwa  8  Monate,  so  ist  auch  diese
Ziffer  als  allzu  groß  anzusehen.  Wir  erhalten  dann:
Einnahme  der  Reeder  ....  38257000  Rubel
Arbeitslohn  der  Besatzung  .  .  .  8684000  »
Zusammen  46941000  Rubel
Was  die  Seeschiffahrt  anbelangt,  so  war  laut  Angaben  des
»Jahrbuches  des  Finanzministeriums  für  das  Jahr  1903«  die  Zahl
der  Registertonnen  der  in  die  russischen  Häfen  (im  Jahre  1900)
eingelaufenen  Schiffe:
        <pb n="25" />
        21

Unter  russischer  Flagge

Seeverkehr
Tonnen

Weißes  Meer  50515
Ostsee  288663
Schwarz-  und  Asowmeer  ....  463626
Donau  51  412
Astrachan  56109

Zusammen  910325

Küstenverkehr
Tonnen
233480
1  215176
10383853
124720
4053324
16010553

Zusammen  also  16920878  Tonnen  oder  1049094000  Pud
=  87  °/(1  des  Gesamttransportes  der  Flußschiffe.  Wenn  wir  die
Frachten  der  Seeschiffahrt  gleich  derjenigen  der  Flüsse  ansetzen,
erhalten  wir  einen  Ertrag  der  Seeschiffahrt  im  Werte  von  40838000
Rubel.
Im  Fuhrmannsgewerbe,  auf  den  Straßenbahnen  und  Omnibussen
sind  nach  der  Volkszählung  von  1897  243696  Personen  beschäftigt. ­
  Wenn  man  den  Verdienst  eines  Fuhrmanns  gleich  demjenigen ­
  eines  Fabrikarbeiters  ansetzt  (402,3  Rubel  im  Jahr),  so  erhält
man  den  Reinertrag  dieses  Gewerbes  im  Werte  von  98039000
Rubel.  Ueber  das  Post-  und  Telegraphenwesen  besitzen  wir  befriedigende ­
  Daten.  Gemäß  der  »Post-  und  Telegraphenstatistik
für  das  Jahr  1900«  beträgt  die  Gesamteinnahme  des  Reiches  aus
diesem  Kapitel  50333064  Rubel.  Davon  sind  folgende  Ausgaben
abzuziehen:

Wirtschaftsausgaben  dieser  Institute  7380042  Rubel
Instandhaltung  5556967  »
Remise  für  auswärtige  Korrespondenzen  211999  t

Reparatur  des  Telegraphen-  und  Telephonnetzes  .  .  1968100  »
Zusammen  15  117108  Rubel
Der  Reinertrag  =  35215956  Rubel.
Um  nun  den  auf  die  50  Gouvernements  zukommenden  Teil
des  Reineinkommens  festzustellen,  wollen  wir  die  Angaben  des
»Jahrbuches  des  Finanzministeriums  für  das  Jahr  1902«  betreffend
den  örtlichen  und  intraurbanen  Verkehr  einfacher  Briefe  benutzen:
Die  Zahl  der  Briefe  im  ganzen  Reich  .  .  .  255926342
In  den  50  europäischen  Gouvernements  .  .  206045784  oder  80,5  °/o
Wenn  wir  diese  Norm  als  Grundlage  zur  Berechnung  des  Reinertrags ­
  des  Post-  und  Telegraphenwesens  in  den  50  Gouvernements
verwenden,  erhalten  wir  eine  Summe  von  28349000  Rubel.
Somit  wirft  das  Verkehrswesen  ab:
        <pb n="26" />
        22

Eisenbahnen

317055000  Rubel

Handelsschiffahrt:  Flüsse  .  .

46941000  »

„  See  .  .  .

40838000  „

Fuhrmannsgewerbe  .  .

98039000  »

Post-  und  Telegraph  .  .  .

28349000  »

Zusammen  531200000  Rubel

Das  Baugewerbe  zerfällt  in  zwei  Zweige:  Einnahmen  von  Wohnhäusern ­
  und  Bauarbeiten.  Nach  dem  »Versuch  einer  annähernden
Berechnung  des  Umfanges  der  Volkseinkommen  nach  ihren  verschiedenen ­
  Quellen«  betrugen  die  Einnahmen  von  allen  städtischen
Vermögen  im  Jahre  1904  nach  der  Einschätzung  des  Finanzministeriums ­
  253450000  Rubel.
An  Bauarbeiten  beschäftigten  sich  (nach  der  Volkszählung  von
1897)  545  977  Personen.  Nehmen  wir  an,  daß  die  Produktivität
jedes  Bauarbeiters  einer  solchen  eines  Fabrikarbeiters  gleicht,  so
erhalten  wir  den  Reinertrag  dieses  Gewerbes  in  der  Summe  von
219647000  Rubel.
Somit:
Ertrag  der  Wohnhäuser  .  .  .  253450000  Rubel
»  »  Bauarbeiten  .  .  .  219647000  »
Zusammen  473100000  Rubel
Sehr  ungenügend  sind  unsere  Daten  über  den  Handel.  Nach
den  Angaben  des  Steuerdepartements*)  betrug  der  Warenverkehr
und  der  Gewinn:

Warenverkehr

Gewinn

Prozent

Rubel

Rubel

1898

3701895300

224393000

6,06

1903

4669718820

277559234

5.94

Im  Durchschnitt

O
vO
O
O
00
«-O
00

250976117

6,00

Den  Gewinn  aus  dem  Handelsverkehr  können  wir  mit  12  °/o
berechnen;  dann  erhalten  wir  einen  Gesamtertrag  im  W'ert  von
502298000  Rubel.  Diese  Ziffer  ist  größer  als  der  Reinertrag,  da
in  den  12  °/o  auch  Ausgaben  für  Miete  der  Geschäftsräume  inbegriffen ­
  sind,  die  wir  in  der  Gesamteinnahme  von  den  städtischen
Häusern  bereits  berücksichsigt  haben.
Wirts-  und  Gasthäuser  hatten  im  Jahre  1898:
Umsatz  ....  227738200  Rubel
Gewinn  ....  27955330  »
')  Die  statistischen  Resultate  der  Prozent-  und  Umlageabgaben  im  Jahre
1898.  St.  Petersburg  1900.  Materialien  zur  Revision  des  Reglementes  betreffend ­
  die  Gewerbesteuer.  Petersburg  1905  (russisch).
        <pb n="27" />
        oder  i2,3°/o  im  Verhältnis  zum  Umsatz.  Wenn  wir  die  Rentabilität
aus  diesen  Betrieben  mit  20  °/o  ansetzen,  erhalten  wir  eine  Bruttoeinnahme ­
  von  45548000  Rubel.  Diese  Ziffer  ist  ebenso  größer
als  die  wirkliche  und  zwar  aus  denselben  Ursachen.
Das  Branntweinmonopol  beschäftigte  im  Jahre  1900:

Angestellte  in  den  Akziseverwaltungen  ...  328  Personen
»  »  »  Depots  2646  »
Verkäufer  15  711  »
Arbeiter  16214  »

Zusammen  34899  Personen
Wenn  wir  die  von  jedem  Angestellten  erzielte  Einnahme  auf
402,3  Rubel  ansetzen,  erhalten  wir  ein  Gesamteinkommen  von
14040000  Rubel.
Somit  werfen  ab:
Warenhandel  502298000  Rubel
Wirts-  und  Gasthäuser.  .  .  .  45548000  »
Branntweinmonopol  14040000  »
Zusammen  561900000  Rubel
Das  Volkseinkommen  der  50  Gouvernements  des  europäischen
Rußlands  setzte  sich  somit  im  Jahre  1900  aus  folgenden  Bestandteilen ­
  zusammen:
Landwirtschaft  2738300000  Rubel
Forstwirtschaft  und  Fischerei  325800000  »
Extrahierende  und  bearbeitende  Industrie  .  .  1494800000  »
Transportwesen  531200000  »
Bauwesen  473100000  »
Handel  561900000  »
Zusammen  6125000000  Rubel 1 )
‘)  In  seinem  »alleruntertänigsten  Memorandum«  über  den  Etat  auf  das
Jahr  1897  schrieb  S.  Witte:  »Die  sämtlichen  Einnahmen  aus  den  landwirtschaftlichen ­
  Produkten  Rußlands  übersteigen  nicht  den  Wert  von  1  */»  Milliarden
Rubel,  während  die  jährlichen  Einnahmen  aus  unserer  Berg-  und  Fabrikindustrie
2  Milliarden  Rubel  übersteigen.«  Unseren  Berechnungen  nach  beträgt  der
Wert  der  Produktion  in  den  50  europäischen  Gouvernements:
der  Landwirtschaft  2738300000  Rubel
der  Berg-  und  Fabrikindustrie  .  .  .  953400000  »
Wie  kam  also  Witte  zu  den  unrichtigen  Zahlen  ?  Wahrscheinlich  hat  er  das  Landwirtschaftseinkommen ­
  mit  demjenigen  aus  dem  Getreidebau  (1458411  000  Rubel)
identifiziert;  als  Ertrag  der  kapitalistischen  extrahierenden  und  bearbeitenden
Industrie  nahm  er  den  Gesamtertrag  ohne  vorher  den  Wert  der  Rohmaterialien,
der  Heizung  usw.  abzuziehen.  Man  darf  auch  nicht  außer  acht  lassen,  daß
unsere  Zollpolitik  die  Preise  der  industriellen  Produkte  künstlich  erhöht  und
den  Preis  der  landwirtschaftlichen  Produkte  herabdrückt.  Wären  die  Preise
        <pb n="28" />
        Diese  Ziffer  entbehrt  vor  allem  der  statistischen  Zuverlässigkeit. ­
  Bei  der  Bestimmung  der  Höhe  einzelner  Posten  des  Volkseinkommens ­
  mußten  wir,  um  zu  einem  annähernd  richtigen  Resultat ­
  zu  kommen,  öfters  mit  verschiedenen  mutmaßlichen  Daten
operieren.  Der  Mangel  an  exakten  statistischen  Daten  machte  die
Verwendung  dieser  mutmaßlichen  Zahlen  unumgänglich.  Das  von
uns  erzielte  Ergebnis  ist  zweitens  zweifellos  übertrieben.  Bei
einigen  Posten  muß.ten  wir  unbedingt  größere  Zahlen  verwenden
oder  bei  den  Gesamteinnahmen  bleiben.  Die  weitere  Entwicklung
der  Wirtschaftsstatistik  wird  zeigen,  daß  das  erzielte  Ergebnis  die
Wirklichkeit  übertrifft.
Und  dennoch  ist  der  von  uns  berechnete  Betrag  des  Volkseinkommens ­
  sehr  gering,  sobald  wir  ihn  pro  Kopf  der  Bevölkerung
verteilen.  Nach  der  Volkszählung  vom  Jahre  1897  gab  es  in  den
50  europäischen  Gouvernements  93442864  Einwohner  beiderlei
Geschlechts.  Im  Jahre  1900  (wenn  wir  den  Zuwachs  mit  1,3  °/o  ansetzen) ­
  erhöhte  sich  diese  Zahl  auf  97  134  792  Personen.  Folglich
gleicht  das  Jahreseinkommen  pro  Bevölkerungskopf  63  Rubel.  Nach
Mulhall  betrug  diese  Summe  indessen  (im  Jahre  1894)  74  Rubel.  Nach
Pokrowski  im  gleichen  Jahre  73  Rubel 1 ).  Die  unfreiwilligen  Abweichungen ­
  der  benannten  Statistiken  von  den  Tatsachen  scheinen
noch  bedeutender  zu  sein,  als  es  bei  uns  der  Fall  ist.
der  Industrieartikel  im  Jahre  1900  um  20  °o  niedriger  und  diejenigen  der
Landwirtschaftsprodukte  um  gerade  so  viel  höher  gewesen,  so  hätte  das  Volkseinkommen ­
  des  europäischen  Rußlands  250  Millionen  Rubel  mehr  betragen,
als  es  nach  unseren  Berechnungen  der  Fall  ist.  Das  Einkommen  aus  der  Industrie ­
  hätte  dann  nicht  mehr  54,6  °/o  der  landwirtschaftlichen  Einnahme  ausgemacht, ­
  sondern,  wie  folgende  Tabelle  zeigt,  nur  36,4  °/o.

Landwirtsch.

Industrie

Milk  Rubel

Mill.  Rubel

Proz.

Einnahme  im  Jahre  1900  .  .  .  .

■  •  •  ■  2738,3

1494,8

54,6

20  °/o  dieser  Einnahmen  .  .  .  .

■  •  •  •  547,7

299,0

—

Der  angenommene  Umfang  des  Einkommens  3286,0

1195,8

36,4

Die  Schutzzollpolitik  schraubt  somit  die  Bedeutung  der  protektionierten
Produktionszweige  künstlich  auf.  Dieses  Resultat  hat  keineswegs  nur  eine
rechnerische  Bedeutung.  Es  beweist,  wie  hoch  die  Einnahmen  der  Industrie
(besonders  der  Großfabrikanten)  auf  Kosten  der  Landwirte  (hauptsächlich  der
Bauern)  aufgeschraubt  sind.
')  Mulhall,  Industries  and  Wealth  of  nations,  1896,  S.  391.  Pokrowski,
»Zur  Frage  der  Stabilität  der  Aktivenbilanz  des  russischen  auswärtigen  Handels,« ­
  S.  38.  In  beiden  Fällen  haben  wir  vom  Nationaleinkommen  das  Einkommen ­
  der  freien  Berufe  abgezogen  (russisch).
        <pb n="29" />
        25

Um  die  volkswirtschaftliche  Bedeutung  eines  solchen  geringfügigen ­
  Einkommens  pro  Kopf  der  Bevölkerung  würdig  schätzen
zu  können,  wollen  wir  einen  Vergleich  zwischen  dem  Einkommen
eines  Russen  und  demjenigen  eines  Ausländers  anstellen.
Nach  Mulhall  gleicht  das  letztere  *)

In  Australien  374  Rubel
»  den  Vereinigten  Staaten  346  »
»  England 2 )  273  »
»  Frankreich  233  »
»  Deutschland  .  184  »
»  Oesterreich  127  »
»  Italien  104  »
»  Balkanstaaten  101  »
»  Rußland  63  &amp;gt;&amp;gt;

Wir  sind  die  Aermsten  unter  den  Kulturvölkern.  Der  Bulgare
bzw.  der  Serbe  hat  I  ^2mal  so  viel  Einkommen  wie  der  Russe,
der  Deutsche  fast  3mal  so  viel,  der  Engländer  4 1 /ämal,  der  Australier ­
  6mal.
Wenn  schon  die  Berechnung  des  Volks  einkommens  des
europäischen  Rußlands  kaum  überwindbare  Schwierigkeiten  bietet,
so  ist  es  bei  dem  gegenwärtigen  Stand  der  Wirtschaftsstatistik  völlig
unmöglich,  festzustellen,  wie  dieses  Einkommen  sich  unter  den
verschiedenen  Klassen  der  Bevölkerung  verteilt.  Wir  besitzen  nicht
einmal  annähernde  Angaben  in  bezug  auf  die  Größe  dieser  Klassen
und  ihre  Einnahmen.  Eine  Ausnahme  bildet  nur  der  Bauernstand.
Nach  der  Volkszählung  von  1897  widmeten  sich  der  Landwirtschaft ­
  auf  dem  Lande  (abzüglich  der  Privatgutbesitzer)  32787000  Personen ­
  männlichen  Geschlechts.  Da  innerhalb  der  Landbevölkerung
auf  je  100  Personen  männlichen  Geschlechts  108  solcher  des  weiblichen ­
  entfallen,  so  lebten  von  der  Landwirtschaft  insgesamt
68  196960  Personen.  Hierzu  gehören  noch  diejenigen  960665  Personen ­
  beiderlei  Geschlechts,  die  sich  in  den  Städten  dem  Landbau
widmen.  Zusammen  also  69  157625  Personen  beiderlei  Geschlechts.
Wie  hoch  ist  nun  das  Einkommen  dieser  landwirtschaftlichen  Bevölkerung? ­

Nach  den  oben  angeführten  Berechnungen  beträgt  das  Einkommen ­
  der  Landwirtschaft  in  den  50  europäischen  Gouvernements: ­


’)  Ibid.  S.  393  (unter  Abzug  der  Einkommen  der  freien  Berufe).
2 )  Inklusive  Schottland  und  Irland.
        <pb n="30" />
        26

Getreidebau  1458411000  Rubel
Pflanzenbau  384096000  »
Viehzucht  762400000  »
Andere  Zweige  der  Landwirtschaft  .  .  .  133400000  a

2738300000  Rubel
Versuchen  wir  nun  den  Anteil  der  Gutsbesitzer  und  den  der
Bauern  festzustellen.  Im  Jahre  1900  betrug  die  Bodenfläche  für
die  16  wichtigsten  Getreide-  und  Pflanzenarten  71  276871  Deßjätinen.
Dabei  entfiel  auf
Bäuerliches  Anteil-  (Nadjel-)  Land  .  .  .  49720641  Deßjätinen
Privat-  und  Fiskusbesitz  21556230  »
Ein  Teil  der  privatbesitzlichen  Ländereien  ist  von  den  Bauern
gekauft,  ein  anderer  gepachtet.  Im  Jahre  1900  pachteten  die  Bauern
bei  den  Gutsbesitzern  und  beim  Fiskus  insgesamt  19507000  Deßjätinen; ­
  nach  den  Angaben  von  1881  wurden  52,2  °/o  des  gepachteten ­
  Landes  als  Aussaatfläche  benutzt.  Nach  den  statistischen
Daten  von  1905  glich  die  Gesamtzahl  des  von  den  Kleinbauern
gekauften  Landes  (bis  20  Deßjätinen  pro  Familie)  13714937  Deßjätinen. ­
  Nehmen  wir  an,  daß  auf  den  gekauften  Ländereien  der
Prozentsatz  der  Aussaat  die  Hälfte  desjenigen  auf  dem  »Nadjelboden«
  ausmacht,  so  verteilt  sich  die  Aussaatfläche  folgendermaßen:
Bäuerliche  Wirtschaft  49721000  Deßjätinen  Aussaat
Auf  den  gekauften  Ländereien  .  .  2743000  »  »
»  »  gepachteten  Ländereien  .  .  10183000  »  »
Zusammen  62647000  Deßjätinen  Aussaat
In  den  gutsbesitzlichen  Wirtschaften  .  8630000  »  »
Den  privatbesitzlichen  Wirtschaften  gehört  folglich  nur  12,1  °/o
der  ganzen  Aussaat.  Da  die  Ernte  bei  den  Gutsbesitzern  um  20°/o
reicher  ist  als  diejenige  der  Bauern,  so  beträgt  der  Anteil  der
Gutsbesitzer  14,2  °/o  des  landwirtschaftlichen  Ertrages.  Berücksichtigen ­
  wir  aber  noch  dazu  den  höheren  Marktpreis  des  gutsbesitzlichen ­
  Getreides,  so  können  wir  den  Anteil  der  Gutsbesitzer
bis  zu  15  °/o  einschätzen.  Die  Tatsache,  daß  der  Rübenbau  fast
ausschließlich  von  den  Gutsbesitzern  gepflegt  wird,  spielt  dagegen
keine  Rolle  in  bezug  auf  den  Prozentsatz  der  Gutsbesitzer,  da
andere  Pflanzen,  besonders  Flachs  und  Planf,  meistens  in  den
bäuerlichen  Betrieben  gebaut  werden.  Der  Ackerbau  bringt  somit
den  Gutsbesitzern  eine  Einnahme  von  276  Millionen  Rubel  ein.
Hierzu  muß  noch  der  Pachtzins  zugerechnet  werden  (19507000  Deßjätinen ­
  ä  5,1  Rubel  —  nach  den  Angaben  der  Kommission  be-
        <pb n="31" />
        27

treffend  den  wirtschaftlichen  Niedergang  Zentralrußlands,  —  insgesamt ­
  also  ioo  Millionen  Rubel).  Im  ganzen  erhalten  die  Gutsbesitzer ­
  vom  Boden  376  Millionen  Rubel.
Für  den  Viehbestand  haben  wir  folgende  Ziffern  des  statistischen ­
  Zentralkomitees,  die  sich  auf  das  Jahr  1900  beziehen:

Gutbesitzer

Pferde  3009543
Rindvieh  6031456
Schafe,  Hammel  und  Ziegen  .  9473184
Schweine  1  880  848

Bauern
16672  226
26881  772
40170226
9489663

Zusammen
19681769
32913228
49643410
11370511

Das  übermäßige  Aufpflügen  des  Nadjel-  (Anteil-)  Landes  erschwert ­
  den  Bauern  die  Viehzucht;  es  mangelt  bei  ihnen  an  Weideplätzen ­

  im  Sommer  und  an  Heu  im  Winter.  Das  bäuerliche  Vieh
leidet  deshalb  immer  an  Hunger.  Bei  den  Gutsbesitzern  dagegen,
wo  der  Prozentsatz  des  aufgepflügten  Grund  und  Bodens  verhältnismäßig ­
  gering  ist,  gedeiht  die  Viehzucht  besser.  Wir  können
ruhig  annehmen,  daß  die  Rentabilität  der  Viehzucht  bei  den  Gutsbesitzern ­
  um  50  °/o  höher  ist  als  bei  den  Bauern.  Dann  erhalten
wir,  daß  das  Einkommen  der  Gutsbesitzer  von  der  Viehzucht
190  Millionen  Rubel  ausmachen  muß.  Nehmen  wir  an,  daß  das
Heu  und  Stroh,  das  von  der  Armee  und  den  Städten  aufgekauft
wird,  von  den  Gutsbesitzern  herstammt,  und  15  °/o  des  Gesamtertrages ­
  vom  Garten-,  Wein-  und  Gemüsebau  ebenfalls  auf  den
Gutsbesitz  entfällt,  so  müssen  wir  den  Gutsbesitzern  noch  weitere
43  Millionen  Einnahmen  hinzurechnen.  Von  der  Totaleinnahme
der  Gutsbesitzer  muß  man  200  Millionen  Arbeitslohn  abziehen,  das
die  Bauern  und  Knechte  für  den  Ackerbau,  für  die  Heuernte,  Viehpflege, ­
  Garten-  und  Weinbergarbeiten  erhalten.  Somit  verteilt  sich
das  Einkommen  aus  der  Landwirtschaft  zwischen  den  Bauern  und
Gutsbesitzern  folgendermaßen:

Bauern
Ackerbau  1567000000
Pacht  —100000000
Viehzucht  572000000
Andere  Zweige  der  Landwirtschaft  .  .  90000000
Arbeitslohn  200000000

Zusammen  2329000000

Gutsbesitzer
276000000
100000000
190000000
43  000000
—  200000000
409000000

Da  die  bäuerliche  Bevölkerung  69157625  Personen  zählt,  so
entfällt  auf  jeden  Bauer  ein  Jahreseinkommen  von  33,68  Rubel.
Diese  Berechnung  hat  nur  einen  hypothetischen  Wert.  Sie
basiert  auf  Annahmen,  die  zwar  durch  das  uns  zur  Verfügung
        <pb n="32" />
        28

stehende  Material  bestätigt  werden,  aber  immerhin  auf  Annahmen
und  nicht  auf  exakt  statistischen  Angaben.  Uebrigens  sind  wir  imstande, ­
  die  erzielten  Resultate  mit  der  Wirklichkeit  zu  vergleichen.
Wir  haben  dabei  die  Arbeit  von  F.  A.  Schtjerbina  x )  über  Bauernbudgets ­
  im  Gouvernement  Woronesch  im  Auge.  Da  ein  Bauernhof ­
  im  Durchschnitte  11,3  Deßjätinen  Nadjelland  hat,  so  halten  wir
uns  bei  den  Angaben  von  Schtjerbina  an,  insofern  sie  Betriebe  mit
5  —15  Deßjätinen  Nadjelland  pro  Familie  betreffen.  Aus  den  Einnahmen ­
  ziehen  wir  diejenigen  aus  Heu-,  Stroh-  und  Spreu  verkauf
ab,  da  diese  Produkte  meistens  in  der  bäuerlichen  Wirtschaft  selbst
verbraucht  werden  und  nur  als  Betriebsmittel  dienen.  Ferner  sind
auszuschalten  die  Einnahmen  aus  Pachtzins  für  Nadjelland,  da
andere  Bauernfamilien  den  gleichen  Posten  als  Ausgabe  buchen
müssen;  desgleichen  die  Einnahmen  von  Gewerbe  und  Handel.
Aus  den  Einnahmen,  die  der  Viehverkauf  mit  sich  bringt,  haben
wir  die  Kaufkosten  abgezogen;  desgleichen  aus  den  Einnahmen
für  Getreideverkauf  den  Kaufpreis  vom  Samen.
Nach  diesen  unerläßlichen  Korrekturen  erhalten  wir  ein  Einkommen ­
  pro  Person  beiderlei  Geschlechts:
Vom  Ackerbau  18,80  Rubel
Von  der  Vieh-  und  Vogelzucht  .  .  10,75  »
Vom  Garten-  und  Gemüsebau  .  .  .  1,18  »
Zusammen  30,73  Rubel
Diese  Zahl  ist  kleiner  als  die  von  uns  gewonnene.  Man  soll
aber  dabei  nicht  vergessen,  daß  in  der  oben  angeführten  Einkommentabelle ­
  des  Woronescher  Bauern  der  Lohn  fehlt,  den  er
für  Dienstleistungen  beim  Gutsbesitzer  erhält.  Schtjerbina  behandelt
diese  Einnahme  in  der  gewerblichen  Rubrik  und  betrachtet  sie  somit ­
  als  eine  nicht  landwirtschaftliche  Quelle.  Der  Gewerbebetrieb
wirft  nach  den  Angaben  von  Schtjerbina  6,73  Rubel  pro  Person
beiderlei  Geschlechts  ab  Nach  unseren  Berechnungen  liefert  die
landwirtschaftliche  Lohnarbeit  2,89  Rubel  pro  Kopf.  Das  Durchschnittseinkommen ­
  eines  Woronescher  Bauern  aus  der  Landwirtschaft ­
  beträgt  folglich  33,62  Rubel.  Dies  ist  aber  fast  das  gleiche
Resultat,  zu  welchem  auch  wir  gelangt  sind.  Diese  Bestätigung
unserer  hypothetischen  Berechnungen  durch  die  Schtjerbinaschen
Angaben  verleiht  ihnen  einen  hohen  Grad  von  Wahrscheinlichkeit.
Genügt  dieses  Einkommen  für  die  bescheidene  Lebensführung
des  russischen  Bauern?

’)  F.  A.  Schtjerbina,  Bauernbudgets.  Woronesch  1900  (russisch).
        <pb n="33" />
        29

Die  Schtjerbinasche  Untersuchung  gibt  aut  diese  Frage  eine
negative  Antwort.  Nach  seiner  Berechnung  übersteigen  die  Ausgaben ­
  einer  Bauernfamilie  bedeutend  ihre  Einnahmen  aus  dem
Landwirtschaftsbetrieb.  Ziehen  wir  ab  die  Ausgaben  für  Samen,
Heu,  Stroh,  Spreu,  Viehanschafiung,  Arbeitslohn,  Pachtzins,  Steuern
und  Kredit,  so  betragen  die  Ausgaben  pro  Kopf  einer  bäuerlichen
Durchschnittsfamilie  des  Gouvernements  Wpronesch:

Für  Nahrung  19,46  Rubel
»  Wohnung  3,83  »
»  Kleidung  5,50  »
»  andere  materielle  Bedürfnisse  1,43  »
»  religiöse  Bedürfnisse  2,51  »
»  Vieh  und  Vögel  10,64  »
»  Geräte  und  Pferdegeschirr  1,24  »
Zusammen  44,61  Rubel
Hierzu  muß  man  noch  folgende  Ausgaben  hinzufügen:
Für  Landpacht  1,47  Rubel
»  Fiskus-,  Bezirks-  und  öffentliche  Abgaben  *)  .  2,76  »

Zusammen  48,84  Rubel
Nach  den  Schtjerbinaschen  Berechnungen  muß  der  Bauer  somit ­
  14,39  Rubel  oder  29,5  °/o  seines  Ausgabebudgets  aus  anderen
Quellen  (also  nicht  aus  dem  Ackerbau)  herschaffen.  Unsere  bäuerliche ­
  Bevölkerung  hat  nach  den  angeführten  Berechnungen  jährlich
ein  Defizit  von  mehr  als  einer  Milliarde  Rubel  zu  verzeichnen.  Ein
Teil  dieses  Defizits  wird  durch  die  Einnahmen  aus  der  Hausindustrie, ­
  die  insgesamt  200  Millionen  Rubel  abwirft,  gedeckt.  Hierzu
gehört  noch  der  Verdienst  der  Bauern  aus  dem  Fischfang  (etwa
mehr  als  100  Millionen  Rubel),  sowie  der  Arbeitslohn  für  Fabrikund
  andere  Arbeiten.  Aber  alle  diese  industriellen  Einnahmen
decken  nur  einen  Teil  des  Defizits.  Um  satt  zu  werden,  fehlt  dem
Bauernstand  eine  halbe  Milliarde  Rubel  im  Jahr.  Daher  sind  die
ärmeren  Schichten  der  Bevölkerung  auf  chronisches  Hungern  angewiesen. ­
  In  den  Jahren,  in  welchen  die  Ernte  gut  ausfällt,  sind
die  Landeinwohner  satt,  in  den  schlechten  Jahren  dagegen  verwandelt ­
  sich  das  chronische  Unterernähren  in  eine  akute  Hungersnot.
Dies  ist,  vorausgesetzt  die  bestehende  Verteilung  zwischen  den
sozialen  Klassen,  die  konkrete  Bedeutung,  die  für  das  Bauerntum
ein  Volkseinkommen  im  Werte  von  63  Rubel  pro  Kopf  haben  muß.
*)  Nach  dem  »Versuch  einer  annähernden  Berechnung  des  Umfanges
verschiedener  Quellen  der  Volkseinnahmen«,  1903.
        <pb n="34" />
        Zweites  Kapitel.
Die  Steuerlast  und  das  Kapitalwachstum.
Der  Hauptbestandteil  des  Volkseinkommens  wird  immer  für
die  Befriedigung  der  unmittelbaren  Bedürfnisse  der  Bevölkerung
an  materiellen  Gütern  (Nahrung,  Kleidung  usw.)  verwendet.  Ein
weiterer,  verhältnismäßig  kleinerer  Teil  dient  zur  Deckung  der
Ausgaben  für  die  innere  Verwaltung,  sowie  den  äußeren  Schutz
des  Staates;  der  dritte  Teil  endlich  bildet  die  jährlichen  Ersparnisse
der  Nation  und  dient  zur  Vergrößerung  des  Produktionsfonds.  Je
größer  das  Volkseinkommen  und  je  geringer  der  Teil  desselben
ist,  der  zur  Befriedigung  der  Staatsbedürfnisse  verwendet  wird,
desto  bedeutender  ist  die  kapitalbildende  Fähigkeit  und  somit  die
Kraft  der  ökonomischen  Entwicklung  der  betreffenden  Volkswirtschaft. ­
  Im  vorangegangenen  Kapitel  berechneten  wir  das  Volkseinkommen ­
  des  europäischen  Rußlands;  versuchen  wir  nun  die
Größe  der  Steuerlast  zu  bestimmen.
Die  Staatsausgaben  für  die  Verwaltung  werden  aus  zwei
Quellen  geschöpft:  i.  aus  materiellen  Werten,  die,  von  Privatpersonen ­
  geschaffen,  vom  Staate  in  der  Form  von  Abgaben  angeeignet ­
  werden  und  2.  aus  materiellen  Werten,  die  der  Staat
selbst  produziert.  In  beiden  Fällen  nimmt  der  Staat  einen  bestimmten ­
  Teil  des  Volkseinkommens  weg  und  verwendet  ihn  für  die
Organisation  der  inneren  Verwaltung  sowie  für  den  Schutz  des
Staates  nach  außen  hin.  Der  Staat  hat  keineswegs  die  Aufgabe,
neue  materielle  Werte  zu  schaffen;  er  verbraucht  sie  nur,  um  bestimmte, ­
  nicht  materielle  Güter  zu  erreichen.  Daher  haben  die
wirtschaftlichen  Betriebe  des  Staates  keinen  selbständigen  Wert,
sie  dienen  ihm  vielmehr  nur  als  Einnahmequellen  J ).
')  In  den  fortgeschritteneren  westeuropäischen  Staaten  entsteht  eine
neue  Aufgabe  —  die  Organisation  einer  neuen  Wirtschaftsordnung.  Die  Munizipalisierung ­
  und  Sozialisierung  verschiedener  Betriebe,  die  Umwandlung  derselben ­
  in  öffentliche  ändern  vollständig  das  Wesen  des  Staates.  Aber  auch
        <pb n="35" />
        Unsere  Staatsbudgets  werden  nach  dem  Muster  der  Kassenbücher ­
  der  kaufmännischen  Betriebe  aufgestellt.  Sie  bestehen  aus
allen  Ein-  und  Ausgängen  verschiedener  Ressorts.  In  die  Rubrik
der  Staatseinnahmen  werden  daher  auch  die  Gesamteinnahmen
der  Staatseisenbahnen  eingetragen,  ohne  Abzug  der  Betriebskosten,
sowie  verschiedene  umlaufende  Posten  und  Ersparnisse.  Bei  einem
solchen  Budgettypus  ist  es  natürlich,  daß  die  Summe  der  angegebenen ­
  ordentlichen  Einnahmen  dem  tatsächlichen  Quantum  der
von  der  Regierung  aus  dem  Volkseinkommen  für  die  Verwaltungszwecke ­
  erhaltenen  Werte  nicht  entspricht.  Die  effektiven  Einnahmen ­
  sind  in  der  Wirklichkeit  geringer  als  die  im  Budget  angezeigten ­
  Kasseeinnahmen.
Um  den  wichtigen  Umfang  der  Steuerbelastung  festzustellen,
müssen  wir  aus  der  Gesamtzahl  der  im  Budget  angeführten  Einnahmen ­
  zuerst  alle  umlaufenden  Einnahmen  abschreiben,  —  Ueberweisungen
  aus  den  anderen  Ressorts,  Ersparnisse,  Restbestände,
Einnahmen  aus  dem  Verkauf  untauglicher  Gegenstände,  Rückzahlungen ­
  usw.
Verschiedene  Betriebe,  die  zur  Befriedigung  der  Staatsbedürfnisse ­
  dienen,  wie  z.  B.  die  Militärwaffenfabriken,  figurieren  im
Staatsbudget  nur  in  der  Ausgabeabteilung.  In  der  Einnahmerubrik
werden  nur  solche  Betriebe  erwähnt,  die  ganz  oder  teilweise  den
Bedürfnissen  von  Privaten  dienen,  so  z.  B.  die  Eisenbahnen,  Buchdruckereien ­
  usw.  Sobald  ein  Betrieb  ganz  oder  fast  ausschließlich
Privaten  dient,  kann  er  als  eine  Einnahmequelle  des  Staates  angesehen ­
  werden.  Der  Fiskus  eignet  sich  einen  Teil  des  Volkseinkommens ­
  in  der  P'orm  des  Reinertrages  dieser  Betriebe  an,
wie  es  z.  B.  bei  den  Eisenbahnen  oder  beim  Branntweinmonopol
der  Pall  ist.  Um  diesen  Reinertrag  zu  ermitteln,  müssen  wir  von
den  Bruttoeinnahmen  die  Betriebskosten  abziehen.  Dient  dagegen
der  Betrieb  hauptsächlich  den  Zwecken  der  Verwaltung  und  veräußert ­
  nach  außen  nur  einen  geringen  Teil  seiner  Erzeugnisse,  so
daß  der  Ertrag  derselben  die  Betriebskosten  kaum  oder  gar  nicht
zu  decken  vermag,  so  erhält  der  Staat  davon  keinen  Reingewinn
und  eignet  sich  folglich  dadurch  nichts  vom  Volkseinkommen  an.
Die  von  solchen  Betrieben  gewonnenen  Einnahmen  verringern
nur  die  Betriebskosten.
bei  solcher  Erweiterung  der  Staatsfunktionen  ist  es  geboten,  um  die  Steuerbelastung ­
  richtig  bestimmen  zu  können,  die  Verwaltungskosten  von  den  Produktionskosten ­
  getrennt  zu  behandeln.
        <pb n="36" />
        32

Um  die  effektive  Steuerbelastung  richtig  zu  bestimmen,  müssen
wir  somit  aus  dem  im  Staatsbudget  angegebenen  Gesamtbetrag
der  Staatseinnahmen  folgende  Posten  abziehen:
x.  alle  umlaufenden  Ueberweisungen  und  Ersparnisse,
2.  die  Betriebskosten  der  industriellen  Unternehmungen,  die
dem  Staate  einen  Gewinn  gewähren,  und
3.  die  Einnahmen  aus  fiskalischen  Industriebetrieben,  die  dem
Staate  keinen  Gewinn  einbringen.
Ferner  sind  zu  streichen  die  auswärtigen  Einnahmen,  so  z.  B.
die  Kriegsentschädigung  von  der  Türkei,  sowie  die  Beiträge  des
Großfürstentums  Finnland.  Nach  dem  Berichte  der  Reichskontrolle
gingen  im  Jahre  1900  gewöhnliche  Staatseinnahmen  im  Betrage
von  17C4128506  Rubel  und  36  Kopeken  ein.  Ziehen  wir  die
oben  angeführten  annähernden  Summen  ab,  so  erhalten  wir  die
wirkliche  Steuerbelastung  im  Werte  von  1225000000  Rubel.
Welcher  Teil  dieses  Betrages  fällt  nun  dem  europäischen
Rußland  zur  Last?  In  den  Beilagen  zu  den  Berichten  der  Reichskontrolle ­
  wird  alljährlich  eine  Liste  über  die  geographische  Verteilung ­
  der  Staatseinnahmen  und  -ausgaben  publiziert.  Diese  Liste
können  wir  aber  nicht  benutzen,  da  sie  nur  ein  Bild  der  geographischen ­
  Verteilung  der  Steuereinnahmen  liefert,  keineswegs
aber  ein  Bild  von  der  Verteilung  der  Steuerlast  gibt  (so  werden
z.  B.  die  indirekten  Steuern  meistens  an  der  Produktionsstelle  erhoben, ­
  die  Zolleingänge  am  Sitze  des  Zollamtes,  während  dieselben
doch  am  Ende  vom  Konsumenten  bezahlt  werden).  Die  wirkliche
Verteilung  der  Steuerlast  können  wir  nur  auf  indirektem  Wege
ermitteln,  und  zwar  an  der  Hand  der  Volkszählung  vom  Jahre  1897
und  den  Angaben  für  dasselbe  Jahr  über  den  Umsatz  des  Warenhandels ­
  (Betriebe,  die  Gildensteuer  zahlen).  Nach  der  Zählung
von  1897  macht  die  Bevölkerung  der  50  Gouvernements  des
europäischen  Rußlands  74,4  °/o  der  gesamten  Reichsbevölkerung
aus.  Die  statistischen  Angaben  betreffend  die  Repartitionsabgaben
beziehen  sich  nicht  auf  das  ganze  Reich.  Nehmen  wir  an,  daß
in  denjenigen  Gebieten,  wo  die  Steuern  nicht  repartiert  werden,
der  Handelswarenumsatz  pro  Kopf  der  Bevölkerung  demjenigen
in  den  4  Gouvernements  Sibiriens  (20,2  Rubel)  gleicht.  Dann
macht  der  ganze  Warenumsatz  der  50  Gouvernements  des  europäischen ­
  Rußlands  79&amp;gt;5  %  aus 1 ).  Wir  können  daher  annehmen,
')  Im  Jahre  1900  wurde  in  diesen  Gouvernements  80,5  °/o  aller  im  Reiche
beförderten  Briefe  aufgegeben.
        <pb n="37" />
        33

daß  das  Budget  des  europäischen  Rußlands  8o°/o  des  Reichsbudgets ­
  ausmacht,  d.  h.  980000000  Rubel.  Außerdem  kostet  der
Bevölkerung  die  Ortsverwaltung:

Die  städtische  Selbstverwaltung  72102000
Semstwoselbstverwaltung  76  564  000
Semstwoabgaben  in  den  Gouvernements,  die  keine  Semstwos
besitzen  9446000
Dorfgemeindeverwaltung  (1894)  57618000
Bedürfnisse  der  kosakischen  Siedlungen  2583000

Zusammen  218300000 1 )
Im  ganzen  kostet  also  der  Bevölkerung  die  Staats-  und  Ortsverwaltung ­
  1200  Millionen  Rubel  oder  fast  20°/o  des  Volkseinkommens. ­
  Da,  wie  wir  bereits  hervorgehoben  haben,  die  von
uns  berechnete  Summe  des  Volkseinkommens  (6,125  Millionen
Rubel)  höher  ist,  als  die  wirkliche,  der  Gesamtbetrag  der  Steuerauflage ­
  dagegen  (1200  Millionen  Rubel)  ziemlich  genau  die  tatsächlichen ­
  Verwendungen  der  Regierung  für  Staats-  und  Ortsverwaltung ­
  fixiert,  so  ist  die  von  uns  angenommene  Norm  der  Besteuerung ­
  des  Volkseinkommens  (19,6  °/o)  eher  zu  niedrig  als  zu
hoch  angesetzt.  Jeder  Einwohner  zahlt  somit  jährlich  12,35  Rubel
Steuer.

Um  die  Last  einer  solchen  Besteuerung

richtig

beurteilen  zu

können,  wollen  wir  diese  Zahlen  mit  denjenigen

der  anderen

Staaten  vergleichen 2 ):

Einkommen
pro  Ein-  Steuer

Prozent

Australien

wohnerkopf
•  374

23,6

6,3

Vereinigte  Staaten  .  .  ,

•  346

23,6

6,8

Kanada

15,1

5,2

England

•  273

29,3

10,7

Frankreich

•  233

3S.o

15,0

Belgien

19,8

8,8

Dänemark

•  215

20,8

9,7

Holland

31,2

15,7

Deutschland

.  184

23,6

12,8

Schweiz

17,0

9,3

Schweden  und  Norwegen  .

163

14,2

8,7

Oesterreich

18,9

14,9

*)  Annähernde  Ziffern,  berechnet  nach  der  gleichen  Methode,  der  wir
uns  bei  der  Bestimmung  der  Staatseinnahmen  bedienten.
2 )  Nach  Mulhall,  Industries  and  Wealth  of  nations,  1896,  S.  393.
Arch.  f.  Sozialwissensch.  u.  Sozialpol.  Ergänzungsheft:  Prokopowitsch.  3
        <pb n="38" />
        34

Einkommen
pro  Ein-  Steuer  Prozent
wohnerkopf

Spanien  120  16,1  13,4
Italien  104  25,5  24,5
Portugal  101  17,0  16,8
Balkanstaaten  101  12,3  12,2
Griechenland  93  17,0  18,3
Rußland  63  12,4  19,6

Aus  dieser  Tabelle  ersehen  wir,  daß  kein  einziges  Land  ein
so  geringes  Einkommen  pro  Kopf  der  Bevölkerung  aufzuweisen
vermag,  wie  Rußland;  anderseits  wird  aber  von  keinem  Staate
(Italien  ausgenommen)  ein  so  beträchtlicher  Teil  des  Einkommens
für  Verwaltungszwecke  verwendet,  wie  dies  in  Rußland  der  Fall
ist.  Nur  in  Italien  drückt  also  die  Steuerlast  stärker  als  bei  uns.
Es  ist  aber  viel  leichter,  25  °/o  der  Einnahme  abzugeben,  wenn
diese  104  Rubel  (Italien),  als  nur  20°/o,  wenn  sie  bloß  63  Rubel
(Rußland)  ausmachen.  Im  ersten  Falle  bleiben  für  die  übrigen
Bedürfnisse  jedes  Einwohners  noch  ca.  80,  bei  uns  aber  nur
ca.  50  Rubel  übrig.  Alle  anderen  Länder  verbrauchen  für  Verwaltungszwecke ­
  einen  viel  kleineren  Teil  ihrer  Einnahmen.  Besonders ­
  interessant  ist  der  Vergleich  zwischen  Rußland  und  einigen
anderen  Staaten,  vor  allem  mit  denjenigen,  die  die  ganze  Last
des  bewaffneten  Friedens  tragen:

Staat

Einkommen
Rubel

Steuer
Rubel

Prozent

England

•  •  273

29,3

10,7

Frankreich

35&amp;gt;°

15.0

Deutschland  .  .  .  .

.  .  184

23,6

12,8

Oesterreich  .  .  .  .

.  .  127

18,9

i4,9

Italien

25.5

24,5

Rußland

.  •  63

12,4

19,6

Aus  diesen  Zahlen  folgt,  daß  die  ersten  vier  Staaten  verhältnismäßig ­
  leicht  die  Last  des  bewaffneten  Friedens  tragen.  Italien
und  Rußland  dagegen  (besonders  das  letztere)  tragen  im  Vergleich
zu  ihren  Kräften  eine  übermäßige  Last.  Sie  ersticken  unter  der
Schwere  ihrer  Rüstung.  Im  Kriegsfall  stehen  sie  erschöpft  und
ermüdet  von  ihrem  allzu  schweren  Rüstzeug  da.
Eine  weitere  Gruppe  bilden  diejenigen  Kolonialstaaten,  mit
denen  Rußland  auf  dem  Weltmarkt  konkurriert:
        <pb n="39" />
        35

Staat

Einkommen
Rubel

Steuer
Rubel

Prozent

Australien  ....

■  •  374

23,6

6,3

Vereinigte  Staaten  .

.  .  346

23,6

6,8

Kanada

GA

5-2

Argentinien  ....

22,5

12,4

Rußland

■  •  63

12,4

19,6

Es  ist  klar,  daß  unsere  Konkurrenz  mit  diesen  Ländern  völlig
aussichtslos  ist.  Ein  bedeutendes  Sinken  der  Getreidepreise  auf
dem  Weltmärkte  wird  uns  zum  Bankrott  treiben,  während  es  für
unsere  Gegner  nur  eine  kleine,  kaum  empfindliche  Verminderung
des  Jahreseinkommens  bedeuten  würde.  Die  jungen  Kolonialstaaten
haben  von  der  russischen  Konkurrenz  eben  so  viel  Angst,  wie
der  Millionär  vor  der  Konkurrenz  eines  Bettlers.
Die  dritte  Gruppe  bilden  die  in  den  neunziger  Jahren  insolvent ­
  gewordenen  Staaten,  welche  ihre  Zahlungen  teilweise  einstellten
oder  eine  20°/oige  Couponsteuer  einführten:

Staat

Einkommen

Steuer

Prozent

Rubel

Rubel

Portugal  (1892)  .  .

.  .  IOI

17,0

16,8

Griechenland  (1893)  .

■  •  93

17,0

18,3

Italien  (1894)  .  .  .

.  .  104

25-5

24,5

Spanien  (1898)  .  .

.  .  120

16,1

13,4

Rußland

.  .  63

12,4

19,6

Rußland  hat  seine  Schulden  immer  richtig  bezahlt.  Aber  das
Schicksal  von  Portugal,  Griechenland,  Italien  und  Spanien,  die
viel  reicher  sind  und  weniger  unter  dem  Drucke  der  Steuerlast
zu  leiden  haben,  hat  auch  in  bezug  auf  Rußland  Befürchtungen
hervorgerufen x ).  Mag  die  Reichskasse  sich  in  befriedigendem
Zustande  befinden,  mögen  die  Staatseinnahmen  die  Ausgaben  übersteigen, ­
  und  dennoch  kann  ein  Staat  dem  Bankrotte  entgegengehen. ­
  Ein  Staat  ist  kein  Handelsunternehmen,  und  eine  entscheidende ­
  Bedeutung  für  ihn  hat  nicht  die  Einnahme-  und  Ausgabebilanz, ­
  sondern  die  Wirkung  der  Finanzpolitik  auf  das  Wirtschaftsleben ­
  des  Volkes.  Gelingt  es  auch  der  Regierung  vermittels  ununterbrochener ­
  Einführung  von  neuen  Steuern  und  Erhöhung  der
alten  knapp  auszukommen,  so  besagt  doch  dieser  Finanzwohlstand
der  Regierung  nichts  über  den  Stand  der  Volkswirtschaft.  Für
        <pb n="40" />
        36

die  Beurteilung  der  Finanzlage  eines  Landes  —  des  Volkes  und
nicht  der  Regierung  —  hat  eine  vorwiegende  Bedeutung  nicht  die
Defizitlosigkeit  des  Budgets,  sondern  die  Größe  der  Steuerlast  und
die  der  Ersparnisse.
Ist  die  Möglichkeit  eines  Bankrotts  Rußlands  auch  problematisch ­
  und  einer  statistisch  begründeten  Lösung x )  unzugänglich,
so  ist  es  anderseits  außer  Zweifel,  daß  eine  solch  hohe  Besteuerung ­
  den  Kapitalzuwachs  des  Landes  und  seine  Industrieentwicklung ­
  hemmen  muß,  während  die  Konkurrenzstaaten  sowohl  auf
dem  Weltmärkte  (Australien,  Vereinigte  Staaten,  Kanada,  Argentinien) ­
  als  auch  in  der  internationalen  Politik  (England,  Frankreich,
Deutschland,  Oesterreich)  rasch  ihre  Produktivkräfte  entwickeln
und  immer  mehr  Rußland  in  den  Hintergrund  drängen.  Bei  dem
gegenwärtigen  Stand  unserer  offiziellen  Statistik  ist  eine  genaue
Berechnung  der  Kapitalakkumulation  absolut  unmöglich.  Um  aber
die  in  bezug  auf  diese  Frage  verbreiteten,  völlig  grundlosen  Meinungen ­
  zu  beseitigen,  halten  wir  es  danach  für  zweckmäßig,  unser
ungenügendes  Material  zu  verwerten,  um  wenigstens  eine  allgemeine, ­
  mehr  oder  weniger  der  Wirklichkeit  entsprechende,  Vorstellung ­
  von  diesem  wichtigen  ökonomischen  Prozeß  gewinnen  zu
können.  Um  dieses  Ziel  zu  erreichen,  sind  wir  genötigt,  uns  mit
unvollständigen  und  annähernden,  aber  zweifellos  symptomatischen
Angaben  zu  begnügen.  Wir  verfügen  über  folgende  Daten:
1.  Ueber  die  Reichsschulden.
2.  Ueber  die  Summen,  die  für  den  Eisenbahnbau  verwendet
wurden.
3.  Ueber  das  Stammkapital  der  Aktiengesellschaften.
4.  Ueber  die  Akkumulation  des  freien  Kapitals  in  den  Banken
(Kontokorrente).
Unberücksichtigt  bleibt  der  Kapitalzuwachs  in  den  privatkapitalistischen ­
  Unternehmungen  und  die  Akkumulation  der  Produktivkräfte ­
  in  den  kleineren  Bauern-  und  Handwerksbetrieben.
Was  die  letztere  anbetrifft,  so  können  die  Ersparnisse  dieser
kleinen  Produzenten,  wie  man  dies  aus  der  Verteilung  des  Volkseinkommens ­
  erblickt,  kaum  bedeutend  sein.  Bei  einem  Jahreseinkommen ­
  von  33,68  Rubel  ist  es  schwer  zu  sparen.  Es  läßt
*)  Weiter  werden  wir  noch  Gelegenheit  haben,  zu  zeigen,  daß  einige
Aenderungen  innerhalb  der  Volkswirtschaft  Rußlands  am  Beginn  des  20.  Jahrhunderts ­
  die  Gefahr  eines  Bankrotts  —  wenigstens  für  die  nächste  Zeit  —
völlig  ausschließen.
        <pb n="41" />
        37

sich  übrigens  auch  direkt  feststellen,  daß  solche  Ersparnisse  entweder ­
  gar  nicht  vorhanden  oder  nur  unbedeutend  sind.  Wir
wissen,  daß  das  Vieh  den  wertvollsten  Teil  einer  bäuerlichen  Wirtschaft ­
  bildet.  Die  Zahl  der  Viehstücke  im  europäischen  Rußland
vergrößert  sich  indessen  nicht,  nimmt  vielmehr  beständig  ab.
Nach  den  Angaben  der  offiziellen  Statistik  betrug  die  Zahl  des
Rindviehs,  der  Schafe  (inklusiv  Ziege)  und  der  Schweine:

Rindvieh

Schafe

Schweine

Stück

Stück

Stück

1900

32913228

43643410

11370511

1904

30858410

45497621

11  041819

1909

30734878

40149326

9743617

Ein  Teil  dieser  Abnahme  entfällt  unzweifelhaft  auf  den  Großgrundbesitz. ­
  Da  aber  nach  den  Angaben  für  das  Jahr  1900  den
Bauern  82,9  °/o  der  Gesamtzahl  des  Rindviehs,  80,9  °/o  der  Schafe
und  83,5  °/o  der  Schweine  gehörten,  so  ist  es  klar,  daß  wir  die
Abnahme  nicht  ganz  auf  die  Rechnung  des  Großgrundbesitzes
setzen  können.  Auf  jeden  Fall  kann  von  einem  bedeutenden
»Zuwachs«  beim  Bauer  keine  Rede  sein.  Auch  im  Handwerk  und
in  der  Hausindustrie  läßt  sich  kein  bedeutender  Fortschritt  wahrnehmen. ­
  Die  Entwicklung  der  Fabrikindustrie,  die  den  kleinen
Produzenten  vom  Markte  verdrängt,  verhindert  das  Aufblühen  der
Kleinindustrie  und  verursacht  den  Ruin  einzelner  Zweige  der  Hausindustrie. ­
  Der  Mangel  an  Angaben  über  die  Akkumulation  produktiver ­
  Fonds  in  der  Kleinindüstrie  hat  somit  für  uns  keine
wesentliche  Bedeutung.  Anders  verhält  es  sich  mit  dem  Kapitalzuwachs ­
  in  den  privaten,  nicht  aktionären  Betrieben.  Hier  ist  ein
Zuwachs  sicherlich  vorhanden.  Ueber  seinen  Umfang  aber  haben
wir  absolut  keine,  nicht  einmal  annähernde  Angaben.  Dieser  Umstand ­
  ist  als  eine  große  Lücke  in  unserer  Arbeit  zu  betrachten.
Ein  weiterer  Mangel  ist  die  Unmöglichkeit,  eine  scharfe
Grenze  zwischen  dem  in  Rußland  selbst  akkumulierten  Kapital
und  demjenigen  aus  dem  Auslande  zufließenden  zu  ziehen.  Wir
werden  noch  Gelegenheit  haben,  darüber  ausführlicher  zu  sprechen.
Der  Mangel  an  genauen  statistischen  Angaben  zwingt  uns  in
einigen  Fällen  mehr  oder  weniger  wahrscheinliche  Daten  anzuwenden. ­

Wir  wollen  nun  unsere  Berechnung  mit  den  Reichsschulden
anfangen.  Rußland  besitzt  keine  Obligationen  der  anderen  Staaten,
ein  bedeutender  Teil  seiner  Schulden  ist  dagegen  im  Auslande
        <pb n="42" />
        38

plaziert.  Genaue  Angaben  über  den  Umfang  der  Reichsschulden
finden  wir  in  dem  Bericht  der  Reichskontrolle  betreffend  Ausführung ­
  des  Reichsetats;  daselbst  finden  wir  die  Ziffer  der  Zinsen,
die  Rußland  für  seine  Schulden  dem  Auslande  zahlt.  Ein  Teil
der  Coupons  wird,  wie  es  scheint,  immer  im  nächsten  Jahre  beglichen; ­
  der  andere  wird  bei  günstiger  Konjunktur  nach  Rußland
zur  Bezahlung  geschickt.  Die  Zahlungen  nach  Ausland  entsprechen
deshalb  nicht  ganz  dem  Umfang  unserer  ausländischen  Verschuldung. ­
  Dieser  Fehler  hat  aber  eine  Bedeutung  nur  für  jedes  einzelne ­
  Jahr.  Im  allgemeinen  widerspiegeln  unsere  Zahlungen  nach
dem  Ausland  ganz  genau  den  Stand  unserer  Reichsschulden.  Um
den  Umfang  unserer  Verschuldung  festzustellen,  wollen  wir  annehmen, ­
  daß  wir  für  die  in-  und  ausländischen  Schulden  den  gleichen
Zinsfuß  zahlen.  Dann  erhalten  wir  die  folgende  Tabelle  unserer
Reichsschulden  (in  Millionen  Rubel):

Zum

Zinstragende ­


Bezahlt

Hiervon

Schulden

31.  DeReichs ­

 ­



im  Ausin ­

  Rußim ­

  Ausin ­

  Rußzember ­



schuld  ')

land

land

land

land

1892

4,852

246,45

30,56

215,89

601,7

4250,3

1893

5,026

253,58

29,73 2 )

223,85

589,2

4436,8

1894

5,775

272,45

25,39 2 )

247,06

538,3

5236,7

1895

5,897

275,57

58,41 2 )

217,16

1250,0

4647,0

1896

6,o6S

266,77

67,79

198,98

1542,2

4525,8

1897

6,123

255A9

68,91

186,28

1653,1

4469,9

1898

6,122

271,78

61,27

210,51

1380,4

4741,6

1899

6,184

271,63

98,01

173,62

2231,6

3952,4

1900

6,193

272,78

113,78

159,00

2582,8

3610,2

1901

6,392

276,55

115,85

160,70

2677,3

3714,7

1902

6,644

290,29

128,02

162,27

2930,3

3713,7

1903

6,652

288,71

130,34

158,37

3003,0

3649,0

1904

7,082

297,57

138,88

158,69

3305,3

3776,7

1905

7,841

306,56

146,97

159,59

3759,5

4081,5

1906

8,626

356,53

170,56

185,97

4125,9

4500,1

1907

8,726

374,27

190,59

183,68

4442,7

4283,3

1908

8,851

397,62

202,62

I95,oo

4510,3

4340,7

1909

9,055

394,91

180,52

214,39

4i39,3

4915,7

Betrachten

wir  diese

Tabelle,  so

finden

wir,  daß

im  Laufe

von  16  Jahren  (1893—1908)  die  Reichsschulden  Rußlands  sich  fast
')  In  den  Jahren  1892—1900.  Nach  den  Angaben  von  M.  Kaschkarow.  Die
finanzielle  Bilanz  des  letzten  Jahrzehntes,  1903,  Bd.  II,  S.  50,  56,  57  (russisch).
2 )  1  Metallrubel  =  1,50  Rubel  in  Kreditscheinen  (in  den  Angaben  der
Staatskontrolle  in  den  Jahren  1892,  1894,  1895,  —  1,60  Rubel,  1893,  —  1,70  Rubel).
        <pb n="43" />
        39

um  4  Milliarden  Rubel  erhöht  haben.  Besonders  stark  wird  der
Schuldenzuwachs  in  den  Jahren  1895—1896,  1899—1902  und
1904—1907.  Die  innere  Verschuldung  blieb  dagegen  fast  unverändert. ­
  Sie  hob  sich  bis  zum  Jahre  1895,  sank  dann  bis  zum
Jahre  1901  und  blieb  fast  stabil  bis  zu  den  Jahren  1901  —1903.
Vom  Jahre  1904  an  fängt  die  innere  Verschuldung  wieder  an  zu
wachsen,  aber  nicht  so  rapid  wie  die  auswärtige.  Der  Umstand,
daß  die  innere  Verschuldung  während  der  Jahre  1895—1900  im
allgemeinen  sich  um  1600  Millionen  Rubel  verminderte,  beweist,
daß  ein  Teil  des  russischen  Staatsfonds,  welcher  früher  in  Rußland ­
  angelegt  war,  nach  dem  Ausland  ausgewandert  ist 1 ).  Diese
Erscheinung  befindet  sich  in  engem  Kausalzusammenhänge  mit
der  Konvertion  der  inneren  Anleihen,  die  den  Zinsfuß  von  5  auf
4°/o  herabsetzte.  Wie  wir  weiter  sehen  werden,  haben  sich  diese,
während  der  verstrichenen  Jahrzehnte  angesammelten  Kapitalien
zum  Teil  der  Industrie  zugewandt  und  verursachten  den  Industrieaufschwung ­
  der  zweiten  Hälfte  der  neunziger  Jahre.  In  gleicher
Zeit  (1895—1900)  wuchs  unsere  auswärtige  Verschuldung  um
ca.  2000  Millionen  Rubel.  Der  größere  Teil  dieses  Betrages  wurde
zur  Tilgung  der  inneren  Anleihen  verwendet.  Etwa  250  Millionen
Rubel  wurden  vom  Fiskus  für  die  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen
ausgegeben.  Die  Anleihen  der  Jahre  1904—1907  sind  als  Folgen
des  Krieges  mit  Japan  zu  betrachten.
Nach  den  Angaben  der  statistischen  Sammelwerke  des  Verkehrsministeriums ­
  2 )  betrug  das  Grundkapital  der  im  Betrieb  befindlichen ­
  Eisenbahnen  (in  Millionen  Rubel)  (s.  Tabelle  S.  40):
Das  Grundkapital  der  Staatseisenbahnen  ist  in  unseren  Aufstellungen ­
  betreffend  die  Prozente  der  inneren  und  äußeren  Staatsanleihen ­
  bereits  inbegriffen.  Was  die  Privateisenbahnen  betrifft,
so  werden  ihre  Aktien  gewöhnlich  auf  dem  inneren  und  die  Obligationen ­
  auf  dem  auswärtigen  Markte  plaziert.  Während  bis  zum
Jahre  1893  das  Verhältnis  zwischen  dem  Aktien-  und  Obligationskapital ­
  zirka  drei  ausmachte,  gestaltete  es  sich  seit  diesem  Jahre,

’)  Die  Auswanderung  der  russischen  Fonds  stellte  schon  P.  Ch.  Schwanebach ­
  fest.  Vgl.  »Die  Geldreform  und  die  Volkswirtschaft«,  1901  (russisch),
S.  92,  189—190,  198—199.
a )  Diese  Sammelwerke  enthalten  Angaben  über  Eisenbahnen,  die  sich
schon  im  Betriebe  befinden,  folglich  wird  das  Grundkapital  der  Eisenbahnen
nicht  in  dem  Jahre  registriert,  in  welchem  sie  ausgegeben  werden,  sondern
ein,  zwei  und  oft  drei  Jahre  später.
        <pb n="44" />
        40  —

Zum
t.  Januar

Staatseisenbahn ­


Privatbahnen
,,  .  Obli-Aktien

gationen

Staatsporte ­
 ­
  “)

Realisation
auf  dem
Markte

1893

708,9

472,7

•499,5

673,0

826,5

1894

900,5

401,5

•538,8

532,8

1006,0

1895

1705,9

210,4

1255,2

449,8

805,4

1896

2102,9

1 56,3

994,7

449,7

545,o

1897

2203,9

•34,5

1046,7

449,2

597,5

1898

2222,9

122,2

1128,5

152,6

975,9

1899

2i73d

116,9

•  277,3

•5i,9

1125,4

1900

2173,1

116,9

1370,6

•5i,3

1219,3

1901

2485,2

ii3,7

1266,5

150,6

•H5,9

1902

2520,5

•  15,8

•365,3

•49,9

1215,4

1903

2645,6

115,8

1365,3

•34,5

1230,8

1904

2664,5

116,1

1507,6

445,5

1062,1

190S

2664,0

••5,8

•554,i

482,5

1071,6

1906

2695,9

•  •5,8

1522,1

481,0

1041,1

1907

2695,9

••5,8

1568,9

479,5

1089,4

1908

2695,9

124,0

1618,3

478,i

1040,2

1909

2695,9

124,0

1657,2

405,3

•251,9

infolge  der  Jagd  nachdem  ausländischen  Gelde,  wie  i  :  13.  Gewiß
ist  ein  Teil  der  Eisenbahnobligationen  in  Rußland  plaziert  und
ein  Teil  der  Aktien  im  Auslande;  wir  besitzen  aber  absolut  keine
Anhaltspunkte,  um  diese  Größe  zu  bestimmen.  Jedenfalls  sind  sie
nicht  bedeutend  und  nehmen  wir  an,  daß  alle  Eisenbahnaktien  in
Rußland  und  alle  Obligationen  im  Auslande  plaziert  sind,  so
machen  wir  einen  geringfügigen  Fehler,  der  für  die  Richtigkeit
unserer  Schlußfolgerungen  unbedeutend  ist.
Die  nötigen  Angaben  über  die  Zahl  der  vom  Staate  konzessionierten ­
  Aktiengesellschaften,  ihre  Grundkapitalien  und  die  Vergrößerung ­
  oder  Verminderung  der  letzteren  finden  wir  in  den
»Sammlungen  der  gesetzlichen  Bestimmungen  und  Regierungsverordnungen« ­
  für  die  entsprechenden  Jahre.  In  bezug  auf  ausländische ­
  Gesellschaften,  deren  Sitz  sich  außerhalb  Rußlands  befindet, ­
  sowie  ihre  Stammkapitalien  wurden  bis  zum  Jahre  1905
keine  Angaben  veröffentlicht.  Daher  mußten  wir  die  Angaben
über  die  vorhergehenden  Jahre  (1893—1904)  aus  anderen  Quellen 2 )

*)  Obligationen,  die  vom  Staate  übernommen  und  durch  konsolidierte
Anleihen  realisiert  wurden;  die  Zahlen  sind  den  Berichten  der  Staatskontrolle
betreffend  die  Budgeterfüllung  entnommen.
2 )  Bulletin  russe  de  statistique  finaneiere  et  de  legislation,  1898—1901.
W.  Dmitrieff-Mamonoff,  Verzeichnis  der  in  Rußland  existierenden  Aktien-
        <pb n="45" />
        41

schöpfen.  Ueber  das  Grundkapital  von  45  (aus  den  während
diesen  zwölf  Jahren  insgesamt  konzessionierten  263)  Aktiengesellschäften ­

  ist  es

uns  nicht  gelungen,  entsprechende

Angaben  aufzutreiben; ­

  wie

es  scheint,  hat

die  Mehrzahl  dieser

ausländischen

Gesellschaften

ihre  Tätigkeit

in  Rußland  nie  an

gefangen  und

brachte  auch

keinen  Rubel  fremden  Geldes  nach

Rußland  mit.

Folgende  Tabelle  soll  den  Zuwachs  des  Grundkapitals  der  Aktiengesellschaften



(mit  Ausnahme

der  Eisenbahngesellschaften)  illustrieren:



Stammkapital

Ausländische  A.-G.

Jahre

der  russi-  Kon-  Fehlen
sehen  A.-G.  zessioniert  .  ,
Angaben
Mill.  Rubel  s

Stammkapital
Mill.  Rubel

1893

61,1

11  3

&amp;gt;i,3

1894

59.5

3  1

1,0

1895

129.4

2  —

5,3

1896

232,6

25  —

40,0

1897

239.3

25

32,3

1898

256,2

26  2

69,8

1899

430,9

69  5

93,5

1900

336,8

40  7

48,1

1901

140,2

23  6

28,7

1902

69,1

13  4

13,8

1903

82,4

15  10

3,8

1904

94,o

11  7

2,1

gesellschaften  und  Handelshäuser,  1905;  P.  Witkowitsch,  Aktien-,  Anteil  und

andere  Unternehmen  am  1.  Januar  1908.  St.  Petersburg  1910  (russisch).
Nach  den  anderen  Quellen  ist  das  Grundkapital  der  ausländischen  Aktiengesellschaften ­
  etwas  größer:

Zahl  der

Stammkapital

Unternehmen

Mill.  Rubel

1894

3

2,8

1895

7

11  &amp;gt;3

1896

25

35,9

1897

19

23,5

1S9S

36

82,2

1899

71

109,5

1900

30

46,4

1901

24

78,4

Zusammen  215

390,0

Vgl.  «Historische  Uebersicht  der  Tätigkeit  des  Komitees  der  Minister«,  1902
(russisch),  S.  122.  Nach  den  im  Text  angegebenen  Berechnungen  waren  in
diesen  8  Jahren  213  Unternehmungen  mit  einem  Grundkapital  von  318,7  Millionen ­
  Rubel  gegründet.
        <pb n="46" />
        Jahre

Stammkapital
der  russischen ­
  A.-G.
Mill.  Rubel

42  —
Konzessioniert ­


Ausländische  A.-G.
Fehlen  Stammkapital
Angaben  Mill.  Rubel

1905

99,7

n

—

37,5

1906

127,3

6

—

4,2

1907

192,6

16

—

40,4

1908

i54,i

18

—

■5,4

1909

99,5

14

—

10,6

Die  Zahlen  der  ersten  Rubrik  ergeben  zweifellos  eine  übertriebene ­
  Vorstellung  von  dem  Zustrom  des  Kapitals  in  die  russische ­
  Industrie,  da  dieselbe  nicht  nur  die  Kapitalien,  welche  von
neuem  der  Industrie  zufließen,  sondern  auch  die  alten,  die  nunmehr ­
  die  Form  von  Aktien  angenommen  haben,  enthalten.  Wie
bekannt,  haben  im  Laufe  der  letzten  Dezennien  viele  alten  Einzelfirmen ­
  die  Form  von  Aktiengesellschaften  angenommen.  Unsere
Statistik  erlaubt  uns  nicht,  diese  alten  Kapitalien,  die  eine  neue  gesellschaftliche ­
  Form  angenommen  haben,  von  den  neu  geschaffenen
Kapitalien,  die  der  Industrie  zufließen,  auszusondern.  Dieser  Fehler
kompensiert  sich  übrigens  durch  eine  entsprechend  geringere  Berechnung ­
  des  Kapitalwachstums  in  den  individuellen  (die  einer
Person  gehören)  Betrieben.  Außerdem  sind  in  der  ersten  Rubrik
nur  diejenigen  ausländischen  Kapitalien  berechnet,  die  in  russischen
Aktiengesellschaften  angelegt  sind  (d.  h.  in  solchen,  deren  Verwaltung ­
  sich  in  Rußland  befindet).  Die  Ziffern  der  ersten  und  vierten
Rubrik  zeigen  endlich  die  Größe  der  zugelassenen  Kapitalien,  aber
keineswegs  die  de  facto  in  der  Industrie  angelegten.
Ueber  die  letzteren  finden  wir  die  Angaben  in  den  Bilanzen
der  Aktiengesellschaften,  die  im  Jahrbuch  des  Finanzministeriums
abgedruckt  werden  (ohne  Eisenbahngesellschaften):

Vom  Staate

Stammkapital
der  A.-G.

Tatsächlicher
Zuwachs

zugelassene
Vermehrung

Mill.  Rubel

Mill.  Rubel

Mill.  Rubel

1893

675,4

46,7

72,4

1894

722,1

24,2

60,s

1895

746,3

226,7

134,7

1896

973,o

163,9

272,6

1897

1136,9

140,3

271,6

1898

1277,2

322,9

326,0

1899

1600,1

i3i,5

524,4

1900

1731,6

i59,5

3?4,9
        <pb n="47" />
        43

Stammkapital

Tatsächlicher

Vom  Staate
zugelassene

der  A.-G.

Zuwachs

Vermehrung

Mill.  Rubel

Mill.  Rubel

Mill.  Rubel

1901

1891,1

1,0

168,9

1902

1892,1

27,3

82,9

1903

I9i9,4

90,4

86,2

1904

2009,8  ')

32,9

96,1

1905

2042,7

37,9

137,2

1906

2080,6

120,4

i3i,5

1907

2201,0

66,1

233,o

1908

2267,1

—

169,9

Innerhalb  15

Jahren  wurde

erlaubt,  das

Grundkapital

Aktiengesellschaften  um  2982,9  Millionen  Rubel  zu  vergrößern;
de  facto  aber  gleicht  der  Zuwachs  1591,7  Millionen  Rubel,  d.  h.  er
ist  um  1391,2  weniger.  Welcher  Teil  dieser  Differenz  auf  die
nichtrealisierten  Konzessionen  entfällt  und  welcher  auf  die  dem
Bankrott  verfallenen  Gesellschaften,  das  wissen  wir  nicht.  Ein
anderer  Mangel  dieser  Bilanzen  ist  das,  daß  die  Angaben,  die  die
russischen  Gesellschaften  betreffen,  von  denjenigen,  die  sich  auf
die  ausländischen  beziehen,  nicht  getrennt  sind.  Unsere  Berechnung ­
  übersteigt  somit  den  wirklichen  Umfang  des  Kapitalzuwachses
der  russischen  Industrie.
Das  rapide  Zunehmen  von  Aktiengesellschaften  während  der
Jahre  1895  —1901  steht  gewiß  im  Zusammenhang  mit  der  Einführung ­
  der  4  °/o  Rente  und  dem  Verkaufe  der  russischen  Fonds  nach
dem  Auslande;  wie  wir  bereits  bemerkt  haben,  machte  diese  Operation ­
  1600  Millionen  Rubel  russischen  Kapitals  frei.  Im  Laufe
von  4  Jahren  (1897—1900)  überstieg  die  Summe  des  in  der  Industrie ­
  angelegten  Kapitals  die  während  dieser  Zeit  gemachten  Ersparnisse ­
  um  900  Millionen  Rubel.  Diese  Summe  von  ca.  1  Milliarde
Rubel  konnte  nur  aus  dem  Erlös  der  ins  Ausland  verkauften
russischen  Staatspapiere  gedeckt  werden.
Wenden  wir  uns  nun  der  Statistik  der  freien  Kapitalien  zu,
die  sich  in  Form  von  Kontokorrenten  in  den  Reichs-  und  Privat
banken  befinden  (s.  Tabelle  S.  44  oben).
Berücksichtigen  wir  alle  angeführten  Tabellen,  so  können  wir
sowohl  den  Kapitalzuwachs  in  Rußland  selbst,  als  auch  den  Zufluß
von  ausländischen  Kapitalien  nach  Rußland  annähernd  berechnen.

')  Annähernde  Ziffer.
        <pb n="48" />
        44

Jahre

Reichsbank
Physische  Spar _
Personen  u.  kassen
Institute

Handelsaktien ­
 ­


Kreditgesellschaften ­
  auf
Gegenseitigkeit ­


Städtische ­

Banken

Zusammen ­


1893

49)4

52,4

?

j

&amp;gt;

319,6  ! )

1894

45.5

74,3

157,9

42,9

5,6

326,3

1895

37,9

50,7

168,1

47,2

5,o  &amp;gt;)

308,8

1896

39,o

46,7

153,7

46,2

5,o  ß

290,6

1897

5 1 , 2

27,9

182,2

48,2

5,o  ß

314,5

1898

62,8

73,o

257,2

61,3

4,2

458,4

1899

74,2

8,3

293,9

58,8

2,2

437,4

1900

52,9

25,7

283,6

61,2

8,2

431,6

1901

49,7

25,7

281,6

68,4

9,7

435,o

1902

60,7

56,4

291,5

69,6

10,2

488,4

1903

67,8

1.35,7

354,9

73,2

11,6

643,2

1904

78,2

73,5

426,7

84,6

14,3

677,3

•905

102,9

43,7

464,8

91,6

15,4

718,4

1906

130,3

82,4

414,6

84,2

18,5

565,3

1907

120,3

42,9

489,8

96,3

20,2

778,5

1908

116,0

56,5

540,6

103,2

21,2

837,5

1909

93,4

52,0

636,5

122,4

24,7

928,9

Den  Kapitalzuwachs  in  Rußland  selbst  veranschaulicht  folgende
Tabelle  (in  Millionen  Rubel).

Jahre

ReichsEisenbahn ­

 ­

 ­

 ­

 ­



aktien

kapitale
der  A.-G.

korrent

sammen

CO
08
00

186,5

—  71,2

61,1

6,7

183,1

1894

799,9

-  191,1

59,5

-  D,5

650,8

&amp;gt;895

-  589,7

-  54,i

129,4

—  18,2

-  532,6

1896

—  121,2

-  21,8

232,6

23,9

H3,5

1897

-  55,9

12,3

239,3

143,9

3i5,o

1898

27t,7

-  5,3

256,2

-  21,0

501,6

1899

-  789,2

0,0

430,0

5,8

-364,1

1900

-  342,2

3,2

336,8

3,4

-  5,2

1901

104,5

2,1

140,2

53,4

300,2

1902

—  1,0

0,0

69,1

154,8

222,9

1903

-  64,7

o,3

82,4

34,1

52,1

1904

127,7

o,3

94,0

4i,i

262,5

1905

304,8

0,0

99,7

-  I53A

251,4

1906

418,6

0,0

127,3

213,2

759,1

1907

—  216,8

8,2

192,6

59,6

43,o

I90S

57,4

0,0

I54,i

9G4

302,9

Diese  Tabelle  gibt,  wie  gesagt,  die  Entwicklung  des  Kapitalzuwachses ­
  in  Rußland  nicht  ganz  genau  wieder.  Ein  Teil  der

')  Annähernde  Ziffer.
        <pb n="49" />
        45

Eisenbahnaktien  ist  im  Auslande  plaziert;  anderseits  ist  ein  Teil
der  Eisenbahnobligationen,  höchst  wahrscheinlich  der  größere,  in
Rußland  angebracht.  Im  Wachstum  des  Grundkapitals  der  Aktiengesellschaften ­
  sind  alte  Kapitalien,  die  nur  die  Form  von
Aktien  angenommen  haben,  sowie  diejenigen  der  nur  projektierten
Aktiengesellschaften,  desgleichen  auswärtige  Kapitalien,  die  in
russischen  Unternehmungen  plaziert  sind  (d.  h.  solche  ausländische
Aktiengesellschaften,  deren  Sitz  sich  in  Rußland  befindet),  inbegriffen. ­
  Aber  trotz  alledem  zeigen  unsere  Ziffern  sehr  genau
den  Gang  der  Entwicklung,  wenn  auch  in  etwas  vergrößerter  Form.
Unsere  willkürlichen  Annahmen  vermindern  zwar  den  Wert  der
absoluten  Ziffern,  wirken  aber  nicht  auf  ihre  relative  Bedeutung,
da  die  Abweichungen  überall  dieselben  bleiben.  Addieren  wir  die
Zahlen  gruppenweise  (ä  4  Jahre),  gelangen  wir  zu  folgender  Tabelle
des  Kapital  zu  wachses  pro  Jahr  (durchschnittlich  und  in  Millionen
Rubel):

Zuwachs

KapitalAll ­

 ­

 ­



der

zuwachs

gemeiner

In  Proexport ­



Reichsin ­

  der  InKapital ­

 ­



nach  dem

schuld

dustrie

zuwachs

Auslande

1893—1896

68,9

34,8

103,7

100

661,4

1897—-1900

—  228,9

340,7

11  i,S

108

700,5

1901—1904

41,6

167,8

209,4

202

907,4

I 9°5—1908

141,0

198,1

339,i

327

1005,2

Durchschnittlich

5,7

i85,3

191,0

—

831,1

In  Prozent

3,o

97,o

100,0

—

—  ■

Es  bleibt  uns  nun  übrig,  den  Kapitalzuwachs  der  industriellen
Betriebe  festzustellen,  die  nicht  Aktiengesellschaften,  sondern  physischen ­
  Personen  gehören.  Wie  schon  oben  angedeutet  wurde,  haben
wir  über  die  Größe  der  Akkumulation  in  diesen  Betrieben  auch
keine  annähernden  Daten.  Wir  müssen  deshalb  einen  Umweg
machen.  Für  die  Fabrikindustrie  stehen  uns  für  die  Periode  1892
bis  1908  nur  solche  Daten,  die  sich  auf  die  Zahl  der  beschäftigten
Arbeiter  beziehen,  wobei  jedoch  hinzugefügt  werden  muß,  daß
auch  diese  Daten  nicht  ganz  befriedigend  sind.  Nach  der  »Zusammenfassung ­
  der  Angaben  für  die  Fabrikindustrie  in  Rußland
für  das  Jahr  1897«  (»Swod  dannych  o  fabritschnosawodskoj  promyschlennosti«)
  gab  es:
Im  Jahre  1890  ....  998095  Arbeiter
»  »  1893  ....  1121449  *
        <pb n="50" />
        46

Nehmen  wir  an,  daß  der  Zuwachs  der  Arbeiter  sich  gleichmäßig ­
  vollzogen  hatte,  so  finden  wir,  daß  im  Jahre  1892  die  Zahl
der  Arbeiter  ungefähr  1080331  betrug.  Für  die  Mitte  des  Jahres
1900  finden  wir  Angaben  in  der  »Zusammenfassung  der  Berichte
der  Fabrikinspektoren  für  die  zweite  Hälfte  des  Jahres  1900«
(Swod  ottschotow  fabritschnych  inspektorow«  etc.).  Von  den
kaukasischen  Gouvernements  war  in  dieser  Zeit  die  Fabrikinspektion ­
  nur  im  Gouvernement  Baku  eingeführt;  in  den  sibirischen  und
mittelasiatischen  Gouvernements  gibt  es  auch  heute  noch  keine
Fabrikinspektion.  In  bezug  auf  die  kaukasischen  Gouvernements
und  Provinzen  konnten  wir  die  Angaben  für  das  Jahr  1900  benutzen ­
  ,  die  sich  im  »Fabrikregister  des  europäischen  Rußlands«
(»Spissok  fabrik  i  sawodow«  etc.)  1903  befinden.  Für  die  sibirischen
und  mittelasiatischen  Gouvernements  müßten  wir  uns  mit  den
Daten  für  das  Jahr  1897  begnügen.  Nach  allen  diesen  Quellen
war  die  Zahl  der  Fabrikarbeiter  im  Jahre  1900:
In  den  50  Gouvernements  des  europäischen  Rußlands  .  1  453  488  Arbeiter

Im  Königreich  Polen  223047
»  Kaukasus  26956
In  Sibirien  und  Mittelasien  23497

Zusammen  1726988  Arbeiter
Ueber  die  Arbeiterzahl  des  Jahres  1908  haben  wir  Angaben
in  der  »Zusammenfassung  der  Berichte  der  Fabrikinspektoren  für
das  Jahr  1908«  (»Swod«  etc.).  Zu  dieser  Zeit  war  die  Fabrikinspektion ­
  (im  Jahre  1902)  noch  auf  drei  weitere  kaukasische  Gouvernements ­
  ausgedehnt  —  Kutais,  Tiflis  und  Tschernomorskaja.
Außerdem  wurden  der  Fabrikinspektion  im  Jahre  1907  auch  die
Naphtawerke  des  Gouvernements  Baku  mit  46531  Arbeiter  unterstellt; ­
  in  den  Jahren  1892  und  1900  standen  diese  Werke  unter
der  Aufsicht  der  Berginspektion.  Ziehen  wir  diese  Zahl  ab  und
vervollständigen  wir  die  Angaben  der  »Zusammenfassung«  mit  den
Angaben  des  »Fabrikregisters«,  die  sich  auf  das  Jahr  1908  beziehen,
so  erhalten  wir  nachfolgende  Zahlen:
Europäisches  Rußland  1577699  Arbeiter
Königreich  Polen  245890  »
Kaukasus  20184  »
Sibirien  und  Mittelasien  ....  17  451  »
Zusammen  1861224  Arbeiter
Diese  Ziffern  sind  nicht  ohne  weiteres  mit  denjenigen  für  das
Jahr  1900  vergleichbar.  Seit  1899,  nach  der  Einführung  der  neuen
        <pb n="51" />
        47

Reichsgewerbesteuer  (das  Gesetz  vom  8.  Juni  1898),  hauptsächlich
seit  der  zweiten  Hälfte  des  Jahres  1900,  wurden  mehrere  größere
Handwerksbetriebe  der  Aufsicht  der  Fabrikinspektion  entzogen.
Bis  zum  Jahre  1909  wurden  von  dieser  Aufsicht  57  775  Arbeiter
befreit.  Da  diese  Betriebe  im  Jahre  1900  als  Fabrikbetriebe  betrachtet ­
  wurden,  so  müssen  wir  sie  den  letzteren  hinzuzählen.
Dann  werden  wir  für  das  Jahr  1908  folgende  Angaben  enthalten,
die  sich  mit  denjenigen  für  das  Jahr  1900  sehr  gut  vergleichen
lassen:
Europäisches  Rußland  1629970  Arbeiter
Königreich  Polen  250082  »
Kaukasus  21492  »
Sibirien  und  Mittelasien  ....  17  451  »
Zusammen  1918995  Arbeiter
Im  allgemeinen  drückt  sich  der  Zuwachs  der  Arbeiterzahl  in
den  16  Jahren,  1892—1908,  in  folgenden  Ziffern  aus:
Im  Jahre  1892  ....  1080331  Arbeiter
»  »  1900  ....  1726988  »
»  »  1908  ....  1918995  »
Der  allgemeine  Zuwachs  für  diese  16  Jahre  beträgt  folglich
838664  Arbeiter  oder  77,6  °/o  der  Anfangszahl  (im  Jahre  1892).
Ein  Teil  dieser  Arbeiter  ist  in  den  Aktienbetrieben  beschäftigt,
der  andere  in  den  individuellen.  Das  Grundkapital  der  Aktienbetriebe ­
  betrug:
Im  Jahre  1892  ....  420  Millionen  Rubel
»  »  1908  ....  1400  »  »
Die  Zahl  der  Arbeiter,  die  im  Jahre  1908  in  den  Aktienbetrieben ­
  beschäftigt  wurde,  konnten  wir  ziemlich  genau  feststellen,
wozu  wir  die  Angaben  der  allgemeinen  Bilanz  (»Swodnyj  Balans«),
sowie  diejenigen  des  Herrn  Witkowitsch  x )  benutzen.  In  denjenigen
Fällen,  wo  wir  keine  Angaben  über  die  Arbeiterzahl  vorfanden,
benutzten  wir  eine  annähernde  Ziffer,  die  wir  auf  Grund  der  Angaben ­
  anderer  Unternehmen  desselben  Industriezweiges  berechneten. ­
  Aus  der  Gesamtzahl  von  942  Aktienbetrieben  fehlen  im
»Spissok«  125  Unternehmer  oder  13  °/o.  Es  fehlen  Angaben  in
bezug  auf  die  Arbeiterzahl  in  den  Aktienmühlen  (19  Betriebe  mit
einem  Grundkapital  von  18,2  Millionen  Rubel).  Nach  unserer
Berechnung  waren  nun  in  den  Aktienbetrieben  im  Jahre  1908  im

’)  Aktien-,  Anteil-  und  andere  Gesellschaften  zum  1.  Januar  1908.
        <pb n="52" />
        48

ganzen  902981  Arbeiter  beschäftigt,  d.  h.  645  Arbeiter  auf  je
1000000  Grundkapital.  Nehmen  wir  an,  daß  im  Jahre  1892  das
Verhältnis  zwischen  der  Arbeiterzahl  und  dem  Grundkapital  dasselbe ­
  war,  so  erhalten  wir,  daß  die  Zahl  der  Arbeiter  in  den
Aktien-  und  individuellen  Betrieben  sich  folgendermaßen  verteilte:

Aktienbetriebe
1892  270900  Arbeiter
1908  902981  »
Zuwachs  632081  »

Individuelle  Betriebe
809431  Arbeiter
1016014  »
206  583  »

Diese  Ziffern  zeigen,  daß  in  den  letzten  16  Jahren  in  Rußland
hauptsächlich  die  Aktienbetriebe  sich  entwickelt  haben.  Da  im
Jahre  1892  die  organische  Zusammensetzung  des  Kapitals  zweifellos
niedriger  war,  als  im  Jahre  1908,  so  muß  die  Arbeiterzahl  in  den
Aktienbetrieben  etwas  größer  und  die  Zahl  in  den  individuellen
Betrieben  etwas  geringer  sein.  Der  Fehler  beträgt  aber  kaum
mehr  als  100000  Arbeiter.  In  diesem  Falle  werden  wir  in  den
individuellen  Betrieben  einen  allgemeinen  Zuwachs  von  300OOO  Arbeitern ­
  haben.  Nehmen  wir  an,  daß  die  organische  Zusammensetzung ­
  des  Kapitals  in  den  individuellen  Betrieben  um  2  mal
niedriger  ist,  als  in  den  Aktienbetrieben,  dann  erhalten  wir,  daß
das  Grundkapital,  das  für  die  Beschäftigung  dieser  300000  Arbeiter
notwendig  ist,  nur  230  Millionen  Rubel  ausmacht,  oder  etwa
15  Millionen  Rubel  im  Jahre  Zuwachs  1 ).
Die  Arbeiterzahl  in  der  Bergindustrie 2 )  hat  sich  folgendermaßen ­
  vermehrt  (mit  Ausnahme  der  Arbeiter,  die  sich  unter  Aufsicht ­
  der  Fabrikinspektion  befinden  und  mit  Einschluß  der  Arbeiter
der  Naphtawerke  im  Gouvernement  Baku,  die  der  Fabrikinspektion
im  Jahre  1907  unterstellt  wurden):

50  Gouvernements  des  europäischen  1892
Rußland  349014  Arbeiter
Königreich  Polen  26879  »
Kaukasus  15  475  »
Sibirien  und  Mittelasien  48588  »

Zusammen  439956  Arbeiter

1908
473446  Arbeiter
44356  »
65825
84  797
668424  Arbeiter

Der  Zuwachs  für  16  Jahre  beträgt  228468  Arbeiter  oder  51,90/0
der  Anfangszahl  (im  Jahre  1892).  Angesichts  der  großen  Entwick-’)

  Die  Geringfügigkeit  dieser  Ziffer  erklärt  sich  dadurch,  daß  eine  bedeutende ­
  Zahl  großer  Privatfirmen  in  Aktienbetriebe  verwandelt  wurde.
s )  »Sbornik  statistitscheskich  swedenij  gornosawodskoj  promyschlennosti
Rossii«  für  die  entsprechenden  Jahre.
        <pb n="53" />
        49

lung  der  Aktienbetriebe  in  dieser  Periode  gerade  in  der  Bergindustrie ­
  ist  anzunehmen,  daß  der  Gesamtzuwachs  der  Arbeiterzahl ­
  auf  die  Aktienbetriebe  entfällt.  Das  Stammkapital  der  letzteren
in  der  Bergindustrie  betrug:
Im  Jahre  1892  ....  100  Millionen  Rubel
»  »  1908  ....  666  »  »
Im  Jahre  1908  funktionierten  197  bergindustrielle  Aktiengesellschaften, ­
  die  306989  Arbeiter  beschäftigten.  Aus  dieser  Zahl  fehlen
im  »Spissok«  auf  das  Jahr  1910  54  Betriebe  oder  27,40/0  der  Gesamtzahl. ­
  Die  Arbeiterzahl  in  diesen  Betrieben  berechne  ich  im
Verhältnis  zum  Stammkapital.  Auf  1  Million  des  Stammkapitals
in  der  Bergindustrie  kommen  durchschnittlich  461  Arbeiter.  Nehmen
wir  an,  daß  im  Jahre  1902  die  organische  Zusammensetzung  des
bergindustriellen  Kapitals  derjenigen  im  Jahre  1908  gleicht,  so  erhalten ­
  wir  ungefähr  folgende  Verteilung  der  Bergarbeiter  zwischen
den  Aktien-  und  Einzelbetrieben:

Jahre

Aktienbetriebe

1892

46100  Arbeiter

1908

306989  »

Zuwachs

260889  »

Einzelbetriebe
393856  Arbeiter
3ÖI43S
-32421  »

Nach  diesen  Angaben  fand  in  den  Einzelbetrieben  in  diesem
Zeitraum  keine  Kapitalakkumulation  statt.  Die  festgestellte  Durchschnittsziffer ­
  des  jährlichen  Kapitalzuwachses  in  der  Industrie  —
191  Millionen  Rubel  —  müssen  wir  deshalb  nur  um  den  Durchschnittszuwachs ­
  in  den  Einzelbetrieben  der  bearbeitenden  Industrie,
das  15  Millionen  Rubel  beträgt,  vermehren.  Durchschnittlich  betrug
also  der  Kapitalzuwachs  in  den  Jahren  1892-—1908  etwa  206  Millionen ­
  Rubel  im  Jahr.  Berechnen  wir  nun,  wie  groß  der  Zufluß  von
ausländischen  Kapitalien  nach  Rußland  ist  (in  Millionen  Rubel):

Jahre

ReichsEisenbahn ­

 ­

 ­



oblikapital ­



Zusammen

gationen

der  A.-G.

1893

!2.5

V9,5

n,3

178,3

1894

-  H3,3  ')

—  200,6

1,0

—  312,9

1895

584,7  2 )

-  260,4

5,3

329,6

1896

292,2

52,5

40,0

384,7

")  Unter  Abzug  von  62,4  Millionen  Rubel,  die  für  die  Liquidation  der
Zentralbank  des  russischen  Bodenkredits  verwendet  wurden.
2 )  Nach  Abzug  einer  Ausgabe  von  127  Millionen  Rubel  zur  Einlösung  der
litel  der  Bodenkreditgesellschaft  auf  Gegenseitigkeit.
Arch.  f.  Sozial  wissensch.  u.  Sozialpol.  Ergänzungsheft:  Prokopowitsch.  4
        <pb n="54" />
        50  —

Jahre

Reichsschuld ­

110,9

Eisenbahnobli ­
 ­

 ­


Zusammen

1897

gationen
378,4

der  A.-G.
32,3

521,6

1898

-  272,7

149,5

69,8

-  53,4

1899

CO
&amp;lt;~n
To

93,9

93,5

1038,6

1900

351.2

-  103,4

48,1

295,9

1901

94,5

99,5

28,7

222,7

1902

253.0

15,4

13,8

282,2

1903

72,7

—  168,7

3,8

-  92,2

1904

302,3

9,5

2,1

3i3,9

1905

-  454,2

-  30,5

37,5

461,2

1906

366,4

48,3

4,2

418,9

1907

316,8

50,8

40,4

408,0

1908

67,6

111,7

15,4

194,7

Wie  bereits  bemerkt  wurde,  gibt  diese  Tabelle  keine  genaue
Aufklärung  über  den  Zuwachs  der  ausländischen  Kapitalien  in  Rußland. ­
  Ein  Teil  der  Eisenbahnobligationen  ist  z.  B.  auf  dem  inneren
Markte  placiert;  ein  Teil  der  Eisenbahnaktien  dagegen  befindet
sich  im  Auslande.  Außer  den  Kapitalien,  die  bei  den  sogenannten
ausländischen  Aktiengesellschaften  (deren  Sitz  sich  im  Auslande
befindet)  angelegt  worden  sind,  placieren  die  Ausländer  ihre  Kapitalien ­
  auch  in  den  russischen  Aktiengesellschaften  (deren  Sitz  sich
im  Inneren  des  Landes  befindet).  Schließlich  wird  ein  Teil  des
konzessionierten  ausländischen  Kapitals  gar  nicht  realisiert  oder
er  wird  im  Auslande  verwendet.  Trotz  alledem  schildert  die  von
uns  aufgestellte  Tabelle  den  Zufluß  des  ausländischen  Kapitals
ziemlich  richtig.  Gruppieren  wir  die  Zahlen  für  jede  vier  Jahre,  so
erhalten  wir  die  nachfolgende  Tabelle  des  Kapitalzuflusses  pro  Jahr
(in  Millionen  Rubel):

Zuwachs

KapitalJahre ­



der

zuwachs

ZuIn ­



Reichsin ­

  der

sammen

Prozent

schuld

Industrie

1893  —  1896

187,8

—  42,0

144,9

100

1897  —  1900

260,1

190,6

450,7

311

1900—1904

180,6

1,0

181,6

125

1905—1908

301,2

69,5

370,7  fi
287,0

256

Im  Durchschnitt

232,4

54,6

—

In  Prozent

81,0

19,0

IOO

—

Der  Vergleich  dieser  Tabelle  mit  der  analogen,  die  den  Kapitalzuwachs ­
  im  Reiche  behandelt,  ergibt  einige  sehr  interessante
Folgerungen.  Erstens  ist  festzustellen,  daß  der  Gesamtbetrag  des
        <pb n="55" />
        aus  dem  Auslande  nach  Rußland  jährlich  zufließenden  Geldes  den
inländischen  Kapitalzuvvachs  bedeutend  übersteigt.  Die  eigene
Kapitalbildung  kann  nur  42  °/o  des  nationalen  Bedarfes  decken,
während  58  °/o  der  notwendigen  Kapitalien  aus  dem  Auslande  zubezogen ­
  werden  müssen.  Ferner  die  einheimischen  Kapitalien
werden  hauptsächlich  für  Industriezwecke  verwendet  (97  °/o),  während ­
  die  ausländischen  meistens  Staatsgarantien  suchen  und  nur
ein  geringer  Teil  derselben  (19  °/o)  sich  der  Industrie  zuwendet
und  auch  dies  nur  in  dem  Falle,  wenn  die  russischen  Kapitalien
den  Weg  angebahnt  haben  J ).  Schließlich  kommt  der  Zufluß
des  auswärtigen  Kapitals  in  die  russische  Industrie  nicht  gleichmäßig, ­
  sondern  sprungweise,  unter  der  direkten  Einwirkung  der
westeuropäischen  Industriekrisen.  Das  russische  Kapital  dagegen
bildet  sich  gleichmäßig,  und  ebenso  gleichmäßig  fließt  es  der  Industrie ­
  zu.
Die  übermäßige  Steuerlast  hat  somit  die  inneren  Kräfte  des
ökonomischen  Wachstums  Rußlands  und  seine  kapitalbildende
Fähigkeit  auf  das  äußerste  geschwächt.  Nach  den  maximalen,
sicherlich  übertriebenen  Berechnungen  spart  Rußland  jährlich  etwa
200  Millionen  Rubel.  In  England  aber  betragen  die  jährlichen
Ersparnisse  etwa  2  Milliarden  Rubel,  in  Deutschland  (in  der  Mitte
der  neunziger  Jahre)  1400  Millionen  Rubel  (3000  Millionen  Mark)
und  sogar  in  Italien  (um  das  Jahr  1900)  300—400  Millionen  Rubel
(800—1000  Millionen  Lire).  Statistisch  genau  sind  diese  Ziffern
gewiß  nicht,  sie  sind  aber  zweifellos  symptomatisch  und  drücken
ziemlich  genau  die  relative  Kraft  des  ökonomischen  Wachstums
verschiedener  Länder  aus.  Die  Kapitalakkumulation  in  einem
Lande  hängt  nicht  nur  von  der  Größe  des  Volkseinkommens,
sondern  auch  von  der  Größe  der  Steuerbelastung  ab.  In  bezug
auf  beides  befindet  sich  Rußland,  wie  wir  gesehen  haben,  in  besonders ­
  ungünstigen  Verhältnissen.  Nehmen  wir,  nach  der  oben
angeführten  Berechnung *  2 ),  an,  daß  auf  die  50  Gouvernements  des
europäischen  Rußlands  etwa  80  °/o  des  akkumulierten  Kapitals  ent-')

  Professor  Soboleff  sagt:  »Die  Ausländer  stehen  ihre  Kapitalien  für
staatliche  und  kommunale  Anleihen  gern  zur  Verfügung,  sind  dagegen  sehr
zurückhaltend,  sobald  es  sich  um  fremde  Industrieunternehmen  handelt.  .  ,  .
Bis  jetzt  wurde  nur  sehr  wenig  ausländisches  Kapital  in  die  russische  Industrie,
mit  Ausnahme  der  Bergwerke,  placiert.«  »Rußlands  Zollpolitik  in  der  zweiten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts«,  1911  (russisch),  S.  825—826.
2 )  S.  S.  32.
        <pb n="56" />
        fällt,  so  erhalten  wir  die  folgende  Verteilung  des  Volkseinkommens
im  europäischen  Rußland:

Für  die  materiellen  Bedürfnisse  der  Bevölkerung  .  .  4760  Millionen  Rubel
n  »  Bedürfnisse  der  Reichsverwaltung  1200  »  »
Kapitalakkumulation  165  »  »

Wir  ersehen  daraus,  daß  eine  übermäßige  Steuerbelastung  uns
zunächst  in  der  Gegenwart  ruiniert;  verhindert  aber  anderseits  auch
unser  materielles  Fortkommen  in  der  Zukunft.  Das  unaufhörliche
und  übermäßige  Wachstum  der  Steuern  hat  die  ökonomische
Schwäche  des  Landes  zur  Folge,  verlangsamt  sein  wirtschaftliches
Gedeihen  und  die  Macht  seiner  ökonomischen  Entwicklung.  Seit
dem  Jahre  1870  hatte  Rußland  folgende  Reichseinnahmen  zu
verzeichnen:

Im  Jahre  1870

461

Millionen  Rubel

0
o~
O
O

»

1875

567

»

»

123  »

»  »

1880

625

»

»

136  »

»  »

1885

699

»

152  »

»  »

1890

838

A

»

182  »

»

1895

1038

»

»

225  »

»

1900

1225

»

»

266  »

»  »

1905

1307

»

»

284  D

»

1909

1620

»

»

351  »

Innerhalb

39  Jahren

vergrößerte

sich  die

Steuerbelastun:

3^2mal.  Vergleichen  wir  das  Wachstum  der  Steuerbelastung  mit
der  Entwicklung  des  Handelsverkehrs  im  Reiche!
Der  Warenhandel  (mit  Ausnahme  der  Getränke)  betrug:

Jahre

Im  ganzen

In  Prozent

1885

2111,3  Millionen  Rubel

100

1890

2731,9  »

129

1895  ,

3301,6  &amp;gt;.  »

V6

1898

3701,9  »  »

i75

Der  Vergleich  dieser  Tabelle  mit  der  vorangegangenen  zeigt,
daß  die  Reichseinnahmen  sich  parallel  mit  der  Geld  Wirtschaft  entwickelt ­
  haben.  Während  der  letzten  Dezennien  machte  Rußland
große  Fortschritte  auf  dem  Gebiete  der  kapitalistischen  Produktion
sowie  des  Warenhandels.  Fast  ebenso  rasch  wuchs  die  Steuerlast
und  überholte  somit  die  Entwicklung  der  Produktionskräfte  des
Reiches.  Die  Uebermäßigkeit  der  Steuerbelastung  wurde  mehrere
Male  von  den  Leitern  unserer  Finanzen  offen  anerkannt.  So  hat
        <pb n="57" />
        53

schon  im  Herbst  des  Jahres  1876  der  Finanzminister  M.  Ch.  Reitern,
als  er  nach  Livadia  (kaiserliche  Sommerresidenz)  zu  einer  Besprechung ­
  über  die  finanziellen  Mittel  für  den  Krieg  mit  der  Türkei
zitiert  wurde,  erklärt,  die  Finanzlage  Rußlands  sei  mehr  als  ernst
und  die  Führung  eines  Krieges  wegen  Mangel  an  Mitteln  unmöglich. ­
  Als  der  Krieg  doch  beschlossen  wurde,  reichte  Reitern  seine
Demission  ein,  und  nur  auf  dringendes  Bitten  hin  blieb  er  an  der
Spitze  des  Finanzministeriums  bis  Ende  des  Krieges.  Sein  Nachfolger, ­
  S.  A.  Greig,  schrieb  in  seinem  am  Ende  des  Jahres  1878
eingereichten  Memorandum  wörtlich  folgendes:  »Man  muß  zugeben,
daß  unsere  Staatsverwaltung  und  unsere  Staatswirtschaft  die  teuersten ­
  der  Welt  sind.«  A.  A.  Abasa,  der  das  Portefeuille  von  Greig
übernahm,  schrieb  in  seinem  »alleruntertänigsten  Rapport  betreffend
das  Staatsbudget  für  das  Jahr  1881«  wie  folgt:  »Der  natürliche  Zuwachs ­
  der  Reichseinnahmen  hat  bestimmte  Grenzen.  Im  Laufe  der
letzten  20  Jahre  haben  sich  die  Einnahmen  der  Reichskasse  mehr
als  verdoppelt  und  dennoch  werden  sie  bis  auf  die  letzte  Kopeke
von  den  gewöhnlichen  Reichsausgaben  absorbiert.  Obwohl  die
friedliche  Richtung  unserer  auswärtigen  Politik  wiederhergestellt
ist,  so  ist  fast  ein  dritter  Teil  unseres  Ausgabebudgets  für  Bedürfnisse ­
  des  Kriegsministeriums  bestimmt.  Bei  solchem  Sachverhalt ­
  hält  es  der  Finanzminister  für  seine  Pflicht,  seiner  Meinung
Ausdruck  zu  geben,  daß  es  notwendig  sei,  auf  Befehl  Eurer
Majestät  solche  Maßnahmen  zu  treffen,  die  geeignet  wären,  die
gegenwärtigen  Ausgaben  des  Reiches  für  Militärmittel  einzuschränken.« ­
  Im  selben  Jahre  mußte  Abasa  seinen  Posten  verlassen.
In  der  alleruntertänigsten  Eingabe  bezüglich  des  Budgets  pro
1882  des  folgenden  Ministers,  N.  Ch.  Bunge,  wird  von  der  »Herstellung ­
  der  zwar  nicht  erschöpften,  wohl  aber  einstweilig  geschwächten ­
  Finanzkräfte  des  Landes«  gesprochen.  Das  Budget
pro  1886  wies  ein  Defizit  von  25  Millionen  Rubel  auf.  Seinen  Unwillen ­
  gegen  die  Steuererhöhung  motivierte  N.  Ch.  Bunge  in  seiner
alleruntertänigsten  Eingabe  folgendermaßen:  »Der  Finanzminister
hält  es  für  unmöglich,  im  Jahre  1886  ein  Gleichgewicht  zwischen
die  ordentlichen  Einnahmen  und  Ausgaben  durch  eine  unverzügliche ­
  Erhöhung  der  früheren  oder  Einführung  von  neuen  Steuerabgaben ­
  zu  schaffen.  Obwohl  die  Finanzquellen  Rußlands  nicht
erschöpft  sind,  so  wird  doch  eine  stärkere  Besteuerung  die  Lage
der  auch  ohnedies  schlecht  stehenden  Steuerzahler  verschlimmern.«
Das  Budget  pro  1887  schloß  mit  einem  Defizit  von  36 x / 2  Millionen
        <pb n="58" />
        54

Rubel  ab.  »Der  Finanzminister  hält  es  für  seine  Pflicht,  zu  betonen,« ­
  —  schrieb  Bunge  in  seinem  alleruntertänigsten  Bericht  —,
»daß  die  Regulierung  der  Verhältnisse  zwischen  den  Einnahmen
und  Ausgaben  vermittels  Erhöhung  der  früheren  oder  Einführung
von  neuen  Steuern  momentan  nicht  zeitgemäß  wäre.«
Am  i.  Januar  1887,  sofort  nach  Veröffentlichung  dieses  Finanzanschlages, ­
  wurde  N.  Ch.  Bunge  entlassen.  An  seine  Stelle  wurde
I.  A.  Wyschnegradsky  berufen,  der  eine  unermüdliche  Energie  in
bezug  auf  Einführung  von  neuen  Steuern  und  Erhöhung  der  alten
an  den  Tag  legte.  Die  Hungersnot  von  1891  machte  aber  auch
ihn  vernünftiger.  Der  Etatentwurf  auf  das  Jahr  1892  schloß  mit
einem  Defizit  von  25  Millionen  Rubel.  In  seinem  alleruntertänigsten ­
  Begleitschreiben  erlaubte  sich  Wyschnegradsky  folgendes  zu  bemerken: ­
  »Auf  den  ersten  Blick  könnte  es  als  natürlich  erscheinen,
neue  Einnahmequellen  zur  Deckung  des  sich  ergebenden  Defizits
ausfindig  zu  machen;  allein  diese  neuen  Quellen,  mögen  sie  nun
in  beliebiger  Form  erscheinen,  führen  eigentlich  am  Schlüsse  nur
zur  Einführung  von  neuen  und  Erhöhung  der  alten  Steuerabgaben.
Da  die  Mißernte  nicht  nur  die  Getreideproduzenten  ruiniert  habe,
sondern  alle  Seiten  des  ökonomischen  Lebens  arg  ergriff,  so  wäre
es  momentan  äußerst  gefährlich,  zu  diesen  Mitteln  zu  greifen.«  Im
gleichen  Jahre  wurde  Wyschnegradsky  entlassen  und  durch  S.  J.  Witte
ersetzt.
Der  neue  Minister  vergrößerte  ohne  Schwanken  die  Steuerlast. ­
  Aber  am  Ende  hat  auch  Witte  nicht  ausgehalten.  In  der
Sitzung  der  Generalversammlung  des  Reichsrates  vom  30.  Dezember ­
  1902  erklärte  er,  daß  die  gegenwärtige  direkte  und  indirekte ­
  Besteuerung  die  Grenze  ihrer  Spannfähigkeit  erreicht  hat;
eine  weitere  Politik  in  diesem  Sinne  wäre  unproduktiv,  ja  beim
gegebenen  ökonomischen  Zustand  des  Landes  überhaupt  unzulässig.
Die  Aufgabe  einer  vernünftigen  Finanzpolitik  wäre  die  Ausfindigmachung ­
  von  Mitteln  zur  allmählichen  Minderung  der  Steuerlast 1 ).
Der  Reichsrat  pflichtete  dieser  Meinung  Wittes  bei:  »Die  Zahlungsfähigkeit ­
  der  Bevölkerung  hat,«  meinte  der  Reichsrat,  »auch  seine
Grenzen,  die  man  nicht  überschreiten  darf,  wenn  man  den  ökonomischen ­
  Wohlstand  des  Landes  nicht  gefährden  will.  Dieser
Wohlstand  ist  die  Grundlage  des  finanziellen  Gleichgewichts  des
Staates,  seiner  inneren  Kraft  und  internationalen  politischen  Macht.
’)  Witte  und  der  Reichsrat  über  Rußlands  finanzielle  Lage.  Stuttgart
1903,  S.  6  (russisch;  es  existiert  auch  eine  deutsche  Ausgabe).
        <pb n="59" />
        55

Daher  schließt  sich  der  Reichsrat  der  Erklärung  des  Staatssekretärs ­
  Witte  an  betreffend  die  Unmöglichkeit  einer  weiteren  Steuererhöhung ­
  zwecks  einer  raschen  Befriedigung  der  immer  mehr
wachsenden  Bedürfnisse  der  einzelnen  Ressorts.  Der  Reichsrat
sieht  sogar  in  der  Erleichterung  der  Steuerlast  eine  sichere  Garantie
für  die  Entwicklung  des  ökonomischen,  finanziellen  und  politischen
Lebens  des  Reiches.  ...  Es  müssen  sofort  Maßnahmen  ergriffen
werden,  um  die  Reichsausgaben  auf  ein  gleiches  Niveau  mit  dem
normalen  Zuwachs  der  Reichseinnahmen  zu  bringen  x ).«  Im  nächsten
Jahre  mußte  Witte  demissionieren.
Es  ist  interessant,  die  pessimistischen  Gutachten  der  Minister
über  die  Finanzlage  des  Landes  mit  dem  Tempo  der  Steuerbelastung ­
  zusammenzustellen.  Die  letztere  wuchs  im  Durchschnitte

Jahr:
Im  Jahre

1871—1875  .  .

um  4,6  °/o

»

x&amp;gt;

1876—1880  .  .

»  2,1  »

»

»

LO
00
00
7
00
00

»  2,4  »

»

1886—1890  .  .

»  3,9  »

»

»

1891—1895  .  .

»  4,7  »

»

»

1896—1900  .  .

»  3,6  »

»

1901—1905  .*  .

*  1,4  »

»

*

1906—1909  .  .

»  5,9  »

M.  Ch.  Reitern  protestierte  im  Jahre  1876  gegen  die  weitere
Erhöhung  der  Steuerlast  unmittelbar  nach  einer  Periode  intensiver
Steuererhöhung.  Weniger  stark  war  der  Zuwachs  von  Steuern  zur
Zeit  der  Proteste  seitens  A.  A.  Abasas  im  Jahre  1881  und
N.  Ch.  Bunges  in  den  Jahren  1886—1887.  Dagegen  erfolgte  der
Protest  von  I.  A.  Wyschnegradsky  im  Jahre  1892  zu  einer  Zeit,
wo  die  Steuerbelastung  am  schwersten  war.  Der  Wittesche  Protest
am  Ende  des  Jahres  1902  endlich  ist  die  Folge  dieser  äußersten
Anspannung  der  Zahlungsfähigkeit  der  Bevölkerung.  Nachher  folgt
ein  kleines  Intervall  und  bald  darauf  eine  äußerst  intensive  Erhöhung ­
  der  Steuerlast  in  den  Jahren  1906—1909,  die  weit  diejenige ­
  der  siebziger  und  neunziger  Jahre  überstieg.  Und  dennoch
findet  es  der  jetzt  am  Ruder  stehende  Finanzminister  für  »unumgänglich«, ­
  den  Weg  einer  weiteren  Besteuerung  einzuschlagen *  2 ).
Die  Geister  der  Vorgänger  scheinen  Herrn  Kokowzew  seinen  Mut
zu  rauben.
Die  Wirkung  der  Steuerbelastung  auf  die  Volkswirtschaft

')  Ibid.  S.  11—11.
2 )  Etatentwurf  auf  das  Jahr  1910,  S.  127.
        <pb n="60" />
        56

äußert  sich  nicht  nur  in  der  Größe  der  Steuern,  sondern  auch  im
Charakter  der  Besteuerung  in  der  Vorherrschaft  der  einen  oder
anderen  Form  der  Steuererhebung.
Im  russischen  Budget  spielen  die  indirekten  Steuern  und  Zölle
eine  dominierende  Rolle.
So  betrugen  im  Jahre  1909:
Direkte  Steuern  .......  205,3  Milk  Rubel  12,7  °/o
Indirekte  Steuern  und  Zölle  .  .  1205,9  »  *  74,4  11
Domänen  und  Staatsbetriebe  .  .  208,8  »  »  12,9  »
Somit  werden  3 / 4  des  Budgets  in  Form  von  indirekten  Steuern
erhoben,  die  hauptsächlich  die  arbeitenden  Klassen  belasten  *).  In
den  Reichsetatentwürfen  und  in  den  Berichten  bezüglich  ihrer
Durchführung  wird  diese  Tatsache  immer  vertuscht,  und  zwar  durch
die  Aufnahme  in  das  Budget  der  Exploitationsausgaben  sowie  der
umlaufenden  Einnahmen,  die  im  Jahre  1909  eine  angesehene  Summe
von  900  Millionen  Rubel  erreicht  haben.
Da  seit  dem  Jahre  1909  der  Finanzminister  bei  der  Berechnung ­
  der  indirekten  Größe  der  einzelnen  Posten  des  Ausgabebudgets ­
  die  Betriebsausgaben  der  Reichsbetriebe  sowie  einiger
anderen  umlaufenden  Ausgaben  nicht  mehr  berücksichtigt,  so  ist
es  jetzt  um  so  weniger  angebracht,  die  umlaufenden  Eingänge  im
Einnahmebudget  beizubehalten.  Im  Etatentwurf  für  das  Jahr  1909
finden  wir  zwei  Berechnungen  des  Ausgabebudgets:

Schuldentilgung  und

Gesamtetat

Der  Reinetat

Zinsen  ....

396,7  Mill.  Rub.  odei

-16  °|o

396  Mill.  Rub.  oder

23,7%

Heer  und  Flotte

536,4  »

21,7  »

536

32,0  »

Reichsbetriebe  .  .

784,1  »  »  »

31,7»

»  »  »

»

Verwaltung  und  andere

  Ausgaben  .

755,o  »

30,6  »

742,2  »  »  »

44,3  »

Zusammen

2472,2  Mill.  Rub.

i 675,  3  Mill.  Rub.

')  Gerade  dieses  Vorherrschen  der  indirekten  Steuern  in  unserem  Budget
ermöglichte  die  Tatsache,  wonach  die  Reichssteuern  nicht  entsprechend  der
Entwicklung  der  Produktivkräfte  des  Reiches  wuchsen,  sondern  entsprechend
der  Zunahme  der  Tauschwirtschaft,  die  sich  auf  Kosten  der  Naturalwirtschaft
vollzog.  Alle  Produkte  des  Massenkonsums  sind  bei  uns  mit  Steuern  belegt.
Wollte  der  Bauer  Kaufprodukte  konsumieren  (statt  Kienspan  Petroleum,  statt
Leinwand  Baumwolle  gebrauchen),  geriet  er  sofort  in  die  Steuermaschine.
Der  Zuwachs  von  Staatssteuern  kann  daher  auch  bei  einer  Stagnation  der
Produktivkräfte  stattfinden,  und  zwar  infolge  der  ununterbrochenen  Verdrängung ­
  der  Natural-  durch  die  Tauschwirtschaft.
        <pb n="61" />
        Somit  hat  der  Finanzminister  den  umlaufenden  Charakter  von
\  A
800  Millionen  Rubel  anerkannt;  er  mußte  daher  neben  demNG'fey
samt-  auch  das  Reinausgabebudget  anführen.  Dann  ist  es  aMtk
unbegreiflich,  warum  er  uns  auch  nicht  eine  Berechnung  des  Nettoeinnahmebudgets ­
  geben  will.
Nach  unseren  Berechnungen,  deren  Grundlage  wir  oben  angegeben ­
  haben,  haben  900  Millionen  Rubel  unseres  Budgets  einen
umlaufenden  Charakter.  Abstrahieren  wir  dieselben,  so  nimmt  das
Ausgabebudget  pro  1909  folgende  Gestalt  an:
Das  System  des  Reichskredits  .  .  395  Milk  Rubel  oder  25,7  °/o
Armee  und  Flotte  534,7  »  »  »  34,7  *
Zivilverwaltung  610  »  »  »  39,6  »
Noch  im  Jahre  1881  sah  der  damalige  Finanzminister  A.
A.  Abasa  die  Hauptursache  der  Zerrüttung  der  russischen  Finanzen
in  den  übermäßigen  Ausgaben  für  die  Erhaltung  und  Entwicklung
der  Militärkräfte  des  Landes,  die  für  sich  fast  einen  dritten  Teil
des  gesamten  Ausgabebudgets  in  Anspruch  nahmen.  Während
der  verflossenen  30  Jahre  hat  sich  diese  Norm  nicht  vermindert.
In  Wirklichkeit  wurde  für  die  Bewaffnung  des  Reiches  noch  viel
mehr  ausgegeben.  Ein  beträchtlicher  Teil  unserer  Reichsanleihen
wurde  zwecks  Kriegsführung  gemacht;  die  Mehrzahl  der  Eisenbahnen, ­
  die  mit  einem  Verlust  arbeiten,  wurde  aus  strategischen
Gesichtspunkten  gebaut,  aut  Grund  der  direkten  Forderung  des
Kriegsministers.  Diese  imperialistische  Richtung  unserer  auswärtigen ­
  Politik  ist  die  Ursache  der  gegenwärtigen  russischen  ökonomischen ­
  und  finanziellen  Depression.  Jahrzehnte  hindurch  hat  die
Regierung  alle  Mittel,  die  sie  aus  dem  Volke  auszupressen  vermochte, ­
  für  Krieg  und  Kriegsrüstungen  ausgegeben.  Diese  Hypertrophie ­
  der  Offensions-  und  Defensionsorgane  hatte  eine  vollständige ­
  Schwächung  unseres  Volksorganismus  zur  Folge.  Rußland
erstickt  unter  der  Last  seiner  Bewaffnung*).
')  Das  Wachstum  der  Produktivkräfte  ist  indessen  auch  vom  rein  militärischen ­
  Standpunkt  notwendig.  Es  ist  vorauszusehen,  daß  in  2—3  Jahrzehnten ­
  die  Ausgaben  der  Großmächte  für  Kriegszwecke  sich  verdoppeln  bzw.
verdreifachen  werden.  Für  die  Länder,  die  ihre  Produktivkräfte  rasch  entwickeln, ­
  wird  ein  solches  Wachstum  der  Ausgaben  für  die  Armee  und  Flotte
sehr  schwer  sein,  aber  nichtsdestoweniger  möglich.  Für  Rußland  dagegen,  das
schon  jetzt  unter  der  Last  seiner  Rüstung  seufzt,  kann  eine  weitere  Vermehrung ­
  der  Militärausgaben  gerade  zur  Katastrophe  führen.  Diese  Seite  des
Problems  wird  von  unseren  kampfeslustigen  Nationalisten  vollkommen  ignoriert,
ihre  Politik  dient  nur  den  Interessen  des  Augenblicks  und  ist  jeder  Einsicht  bar.
        <pb n="62" />
        58

I

Vielleicht  aber  wird  uns  der  Zufluß  des  ausländischen  Kapitals
die  Rettung  bringen  ?  Vielleicht  können  die  durch  die  übermäßige
Besteuerung  erschöpften  inneren  Kräfte  des  russischen  Volkes  durch
Ersparnisse  der  Franzosen,  Deutschen  oder  Engländer  restituiert
werden  ?
Unsere  Erfahrungen  zwingen  uns  hier  zur  Skepsis.  Unsere
Berechnungen  zeigten,  daß  das  ausländische  Kapital  in  Rußland
Garantien  der  Regierung  sucht,  und  nur  ein  unbedeutender  Teil
dieses  Kapitals  (20°/o)  widmet  sich  der  Industrie.  Die  Ausländer
geben  ihr  Geld  gern  der  russischen  Regierung,  sind  aber  sehr
vorsichtig,  sobald  es  sich  um  Privatunternehmen  handelt.  Im
Laufe  von  16  Jahren  (1893—1908)  wurden  nach  unseren  Berechnungen ­
  2965  Millionen  Rubel  russischen  und  874  Millionen  Rubel
ausländischen  Geldes  in  Industrieunternehmen  investiert.  Gewiß,
diese  Zahlen  sind  statistisch  keineswegs  exakt  (s.  den  von  uns
oben  gemachten  Vorbehalt);  sie  haben  trotz  alledem  aber  einen
symptomatischen  Charakter.  Abstrahieren  wir  von  der  Summe
des  russischen  Kapitals  900  Millionen  Rubel,  die  aus  dem  Verkaufe ­
  der  russischen  Fonds  nach  Ausland  erzielt  wurden,  so  gleicht
das  Kapital  russischer  Herkunft  immer  noch  einer  Summe  von
2065  Millionen  Rubel  gegen  879  ausländischer  Herkunft.  Es  soll
auch  nicht  vergessen  werden,  daß  wir  es  nur  mit  denjenigen  Industrieunternehmungen ­
  zu  tun  haben,  die  der  Registratur  unterliegen.
Gruppieren  wir  die  Summen  für  jede  4  Jahre,  so  erhalten  wir
die  nachfolgende  Tabelle  (in  Millionen  Rubel):
Kapital
In  den  Jahren  russisches  ausländisches
Mill.  Rubel  Mill.  Rubel
1893—1896  34,8  -42,9
1897—1900  n  1,8  190,6
1901  —1904  167,8  1,0
1905—1900  198,1  69,5
Während  das  Kapital  russischen  Ursprungs  sich  langsam,  aber
gleichmäßig  konzentriert,  fließt  das  ausländische  Geld,  den  Schwankungen ­
  der  europäischen  Geldmärkte  entsprechend.  sprungweise
nach  Rußland.  Somit  spielte  das  ausländische  Kapital  in  der  russischen ­
  Industrie  nur  eine  Nebenrolle,  die  zwar  unserer  Armut  halber
wichtig  war,  aber  immerhin  nur  einen  Aushilfscharakter  besaß.
Und  es  ist  kaum  anzunehmen,  daß  ihre  Bedeutung  in  Zukunft
größer  wird,  denn  zu  ihrer  Heranziehung  wurde  bereits  alles  Mög-
        <pb n="63" />
        59

liehe  und  Unmögliche  versucht;  keinem  der  Anhänger  der  Befruchtung ­
  Rußlands  durch  einen  starken  Zufluß  auswärtigen  Geldes
gelang  es,  auf  solche  Maßnahmen  hinzuweisen,  die  dieses  vorsichtige ­
  Benehmen  der  ausländischen  Kapitalisten  der  russischen
Industrie  gegenüber  zu  überwinden  vermöchten  J ).
Unserer  Ansicht  in  bezug  auf  die  Rolle  des  ausländischen
Kapitals  in  der  russischen  Industrie  widerspricht  scheinbar  der
Umstand,  daß  der  Industrieaufschwung  der  zweiten  Hälfte  der
neunziger  Jahre  durch  den  Zufluß  des  ausländischen  Geldes
geschaffen  wurde.  Gewiß,  das  ausländische  Kapital  spielte  bei
diesem  Aufschwung  eine  entscheidende  Rolle,  aber  keineswegs  in
jener  Form,  die  ihre  Apologeten  im  Auge  haben.
Verteilen  wir  das  in  den  Jahren  1897—1900  für  die  Industrie
verwendete  Kapital  entsprechend  seiner  Herkunft,  so  erhalten  wir
folgende  Tabelle:
Kapital  russischen  Ursprungs  447,2  Millionen  Rubel  oder  21,1  °/ 0
»  ausländischen  Ursprungs  .  .  .  762,4  »  »  »  35,9  »
Erlös  aus  dem  Verkauf  russischer  Fonds
nach  dem  Ausland  915,6  »  «  »  43,i  »
Die  Hauptrolle  bei  diesem  Aufschwünge  spielten  somit  die  im
Lande  selbst  ersparten,  jedenfalls  erst  durch  den  Verkauf  der
russischen  Fonds  nach  Ausland  frei  gewordenen  Kapitalien.  Mit
anderen  Worten:  Unser  Industrieaufschwung  der  Jahre  1895  —1901
wurde  durch  die  Konvertion  der  inneren  Reichsanleihen  und  Herabsetzung ­
  der  Prozente  der  Reichsschuld  herbeigeführt.  Diese  Operation
machte  1600  Millionen  Rubel  russischen  Kapitals  frei  und  belebte
die  Industrie.  Das  ausländische  Kapital  beteiligte  sich  dabei  nur
in  einem  Umfang  von  3  5  °/o.  Die  entscheidende  Bedeutung  hatte
also  der  Zufluß  des  auswärtigen  Kapitals  in  den  Reichsfonds,  nicht
aber  in  die  Industrie.  Die  Anhäufung  eines  großen  Quantums  von
Geldmitteln  an  den  westeuropäischen  Märkten  wurde  vom  damaligen ­
  Finanzminister,  Grafen  Witte,  mit  Erfolg  zur  Erreichung
von  drei  Zielen  ausgenutzt:  1.  zur  Herabsetzung  des  Zinses  für
die  Staatsanleihen,  2.  zur  Ansammlung  eines  Goldvorrates  im
Lande  und  3.  zur  Entwicklung  der  Industrie.  Die  Konvertion
unserer  inneren  Anleihen  führte  dazu,  daß  ein  großes  Quantum
')  Vgl.  z.  B.  das  in  dieser  Hinsicht  charakteristische  Buch  vonW.  P.  Litwinow-Falinskij,
  »Unsere  ökonomische  Lage  und  die  Aufgaben  der  Zukunft«,
1908  (russisch).
        <pb n="64" />
        —  60  —
Wertpapiere,  die  früher  auf  dem  russischen  Markte  placiert  war,
nunmehr  nach  dem  Auslande  übersiedelte.  Daher  floß  zu  uns
eine  Menge  Gold,  die  die  Einführung  einer  Goldwährung  ermöglichte. ­
  Zur  gleichen  Zeit  kamen  die  früheren  Inhaber  der  Reichsfonds ­
  zu  barem  Gelde,  das  sie  sehr  gut  für  die  Industrie  verwenden ­
  konnten.  Die  russische  Industrieentwicklung  rief  auch  einen
Zuzug  ausländischen  Kapitals  herbei.  Der  Hauptbestandteil  des
Kapitals  aber  kam  aus  dem  Auslande  in  die  russische  Industrie
nicht  auf  direktem,  sondern  auf  indirektem  Wege,  durch  die  zinstragenden ­
  Wertpapiere.
Daraus  können  wir  ersehen,  daß  das  freie  Kapital  an  den
westeuropäischen  Märkten  allein  noch  nicht  imstande  wäre,  einen
Aufschwung  der  Industrie  in  Rußland  hervorzurufen.  Die  auswärtigen ­
  Kapitalisten  haben  kein  Vertrauen  zu  der  russischen
Industrie  und  placieren  ihr  Kapital  hier  nur  ungern.  Um  dieses
Hindernis  aus  der  Welt  zu  schaffen,  ist  die  Garantie  des  Reiches,
die  Vermittlung  der  Reichskrone  notwendig.  Die  Vereinigung
dieser  zwei  Bedingungen  —  Ueberfluß  an  freiem  Gelde  in  Westeuropa ­
  und  die  Vermittlung  des  Staates  —  bietet  uns  eine  Garantie
für  den  Progreß  der  Industrie;  fehlt  eine  dieser  Bedingungen,  so
verliert  unsere  Industrie  den  unentbehrlichen  Lebenssaft.  Der
industrielle  Aufschwung  auf  dem  Weltmärkte  (in  den  Jahren  1905
bis  1907)  hat  keine  entsprechende  Wirkung  auf  den  Stand  der
russischen  Industrie  ausgeübt,  weil  die  Regierung,  geschwächt  durch
den  russisch-japanischen  Krieg  und  die  revolutionäre  Bewegung
der  Jahre  1905/1906,  nicht  die  Rolle  eines  Vermittlers  zwischen
den  Finanzkreisen  des  Auslandes  und  den  russischen  Industriellen
übernehmen  konnte.  Die  Ursache  liegt  also  nicht  darin,  daß  das
ausländische  Kapital  wegen  der  Labilität  unserer  politischen  Verhältnisse ­
  Rußland  zu  vermeiden  sucht  oder,  wie  es  Tugan-Baranowsky
  *)  meint,  daß  sogar  diejenigen  spärlichen  Summen,  die
sich  in  Rußland  befanden,  unter  dem  Einfluß  der  Revolution  nach
dem  Ausland  ausgewandert  haben.  Wie  die  oben  angeführten
Daten  zeigen,  scheute  das  ausländische  Kapital  gar  nicht  so  stark
vor  der  russischen  Industrie.  Der  Zufluß  des  auswärtigen  Kapitals ­
  glich  nämlich;

Der  Zustand  unserer  Industrie  im  letzten  Jahrzehnt  und  die  Ansichten
auf  die  Zukunft,  •  Sowremennyj  Mir«,  1910,  XII,  S.  40,  47;  Grundzüge  der
Nationalökonomie,  1909,  S.  242—243  (russisch).
        <pb n="65" />
        6i

In  den  Jahren

Zusammen
im  Durchschnitt

Stammkapital  der  A.-G.
im  Durchschnitt

1901  —1904

i,o  Millionen  Rubel

12,1

Millionen  Rubel

1905

7,0  »  »

37,5

»  »

1906

52,5

4,2

»  ».

1907

91,2

40,4

»  »

1908

127,1

G,4

»

1909

?  »

io,6

»  »

Was  aber  den  Abfluß  des  russischen  Kapitals  ins  Ausland
anbetrifft,  so  war  es,  wie  dies  die  Progression  des  Zuwachses  des
Industriekapitals  im  Reiche  zeigt,  nur  vorübergehender  Natur  und
unbedeutend.  Der  Kapitalzuwachs  ging  in  folgendem  Tempo
vor  sich:

In  den  Jahren

Zusammen
im  Durchschnitt

Stammkapital  der  A.-G.
im  Durchschnitt

1901  —1904

167,8  Millionen  Rubel

99,4

Millionen  Rubel

1905

-  53,4

99,7

»  »

1906

340,5

127,3

„

1907

259,8

192,6

»  »  '

1908

245,5

i54,i

»

1909

}  »  »

99,5

»

Ein  Rückgang  konnte  nur  im  Jahre  1905  konstatiert  werden.
Er  erklärt  sich  ausschließlich  durch  das  Abnehmen  der  Kontokorrente ­
  um  einen  Betrag  von  153,1  Millionen  Rubel,  davon
126,1  Million  Rubel  laufender  Rechnungen  der  Sparkassen  der
Reichsbank.  Der  Rückgang  erklärt  sich  somit  hauptsächlich  durch
den  Abfluß  des  Geldes  ins  Innere  des  Landes,  da  man  schwerlich
annehmen  kann,  daß  die  kleinen  Sparer  ihr  Geld  nach  dem  Auslande ­
  überwiesen  haben.  Was  aber  die  Gründung  von  neuen
Aktiengesellschaften  und  die  Erweiterung  der  bereits  vorhandenen
anbetrifft,  so  kann  man  hier  keine  Stockung  verzeichnen,  sondern
im  Gegenteil,  einen  gewissen  Aufschwung  bis  zum  Jahre  1907  —
wie  immer  nach  einem  Kriege  *)  —,  worauf  ein  Niedergang  folgte.
Dagegen  war  der  Zufluß  des  ausländischen  Kapitals  gerade  in
diesen  Jahren  sehr  minimal.  Somit  erzielte  die  russische  Industrie

*)  Einen  ähnlichen  Aufschwung  erlebte  die  russische  Industrie  in  den
Jahren  1855—1856  nach  dem  Krimkrieg  und  im  Jahre  1879  nach  dem  türkischen ­
  Krieg.  Vgl.  W.  Besobrasow,  »Ueber  einige  Erscheinungen  des  Geldverkehrs ­
  in  Rußland«,  1864,  S.  24;  Derselbe:  »Rußlands  Volkswirtschaft«,  1882,
Bd.  I,  S.  277  (russisch).
        <pb n="66" />
        62

in  den  Jahren  1906—1908,  und  zwar  auf  Rechnung  des  einheimischen ­
  Kapitals,  einen  bedeutenden  Aufschwung.  Die  Ursachen, ­
  warum  die  russische  Industrie  die  auf  den  auswärtigen
Märkten  in  den  Jahren  1905—1907  en  masse  vorhandenen  freien
Kapitalien  nicht  ausnützte,  liegen  also  nicht  dort,  wo  sie  Tugan-Baranowsky
 x )  sucht,  sondern  im  traurigen  Zustande  des  Reichskredits, ­
  der  durch  den  russisch-japanischen  Krieg,  durch  die  Revolution ­
  und  die  Auflösung  der  ersten  zwei  Reichsdumas  herbeigeführt ­
  wurde.
Analog  des  Industrieaufschwunges  am  Ende  der  neunziger
Jahre  können  wir  ein  neues  Aufblühen  der  russischen  Industrie
erst  bei  einer  neuen  Konvertiou  der  russischen  inneren  Anleihen
und  Ausgabe  einer  3b'2  °/oigen  Rente  erwarten.  Dann  werden  die
russischen  Fonds  sich  wiederum  nach  dem  Auslande  begeben,  auf
dem  inneren  Markte  aber  werden  sich  Geldmittel  befreien,  die  so
unentbehrlich  für  unsere  Industrieentwicklung  sind.  Selbstverständlich ­
  ist  eine  solche  Konvertion  nur  dann  möglich,  wenn  die
westeuropäischen  Märkte  von  flüssigem  Gelde  überhäuft  sind,  das
heißt,  bei  einem  Aufschwung  der  Industrie.
Der  materielle  Wohlstand  Rußlands  kann  nicht  somit  durch  die
Heranziehung  des  ausländischen  Kapitals  geschaffen  werden.  Unsere
Industrie  kann  nicht  auf  die  Beine  gebracht  werden  durch  die  Ersparnisse ­
  der  Franzosen,  Engländer  oder  die  der  Deutschen.  Bei
dieser  Sachlage  wären  wir  zur  ökonomischen  Rückständigkeit  und
Armut  verurteilt,  hätten  nicht  in  den  letzten  Jahren  in  der  russischen ­
  Volkswirtschaft  selbst  einige  Veränderungen  stattgefunden,
die  unsere  wirtschaftliche  Zukunft  in  einem  etwas  anderen  Lichte

')  Prof.  Tugan-Baranowsky  ist  überhaupt  geneigt,  die  Schwankungen  der
russischen  Industrie  den  industriellen  Krisen  gleichzustellen,  die  die  westeuropäischen ­
  und  amerikanischen  Länder  erlebt  haben.  Indessen  ist  zwischen
beiden  Erscheinungen  ein  wesentlicher  Unterschied  zu  verzeichnen.  Die  industriellen ­
  Krisen  in  England  und  Deutschland  sind  durch  die  Veränderungen
in  der  Akkumulation  des  heimischen  Kapitals  hervorgerufen;  in  Rußland  aber
hängen  die  Schwankungen  der  Industrie  vom  Zufluß  des  ausländischen  Kapitals
ab.  Die  Tugan-Baranowskysche  Krisentheorie  ignoriert  vollkommen  die  Frage
nach  der  Herkunft  des  Kapitals,  das  die  Industrie  befruchtet  und  belebt.
Einen  weiteren  Mangel  dieser  Theorie  bildet  die  Behauptung,  wonach  in  den
Zeiten  der  Depression  das  Kapital  sich  in  Geldform  und  nicht  in  Form  von
Waren  akkumuliert.  Diese  Behauptung  entspricht  nicht  der  Wirklichkeit,
worauf  ich  schon  10  Jahre  zurück  in  meinem  Buche:  »Zur  Kritik  der  Marxschen
  Theorien«,  1901  (russisch)  hingewiesen  habe.  (Vgl.  S.  139—146.)
        <pb n="67" />
        63

erscheinen  lassen.  Wir  haben  die  rasche
lation  des  Kapitals  im  Auge 1 ):
Kapitalzuwachs
Millionen  Rubel

einheimische  Akkumu-Warenausfuhr


nach  dem  Ausland
Millionen  Rubel

1893  —  1896

103,7

1897—1900

111,8

1901  —1904

209,4

1905—1908

339,i

661.4
700.5
907,4
1055,2

Diese  Tabelle  zeigt,  daß  mit  der  Entwicklung  der  Tauschwirtschaft ­
  und  der  kapitalistischen  Verhältnisse  —  darauf  weist
der  Warenexport  hin  —  ein  ziemlich  gleichmäßiges  Wachstum
der  Kapitalakkumulation  zu  beobachten  ist 2 ).  Trotz  der  deprimierenden ­
  Wirkung,  die  die  übermäßige  Steuerbelastung  ausübt,  ist
in  den  letzten  acht  Jahren  eine  bedeutende  Verstärkung  der  kapitalbildenden ­
  Fähigkeit  der  russischen  Volkswirtschaft  zu  verzeichnen.
Der  Kapitalzuwachs  in  den  Jahren  1901  —1908  ist  um  2^2  mal
größer  als  die  nationalen  Ersparnisse  in  den  Jahren  1893  —  1900.
Diese  Belebung  der  wirtschaftlichen  Kräfte,  die  zwar  unfähig  ist,
die  internationale  wirtschaftliche  Lage  Rußlands  zu  ändern  —  in
diesen  Jahren  haben  die  anderen  Länder,  mit  Deutschland  an  der
Spitze,  einen  kolossalen  Aufschwung  erlebt  —,  muß  einen  sehr
wesentlichen  Einfluß  auf  die  ökonomischen  Verhältnisse  innerhalb
des  Reiches  ausüben.  Die  russische  Industrie  hatte  bis  jetzt,  im
Unterschied  zu  der  Industrie  anderer  Länder,  die  in  bezug  auf  den
Kapitalismus  voraus  sind,  einige  spezifische  Besonderheiten,  die
eine  tiefe  Wirkung  auf  den  Entwicklungsgang  ausgeübt  haben.
Die  hohe  Zollmauer,  die  sie  von  der  westeuropäischen  Industrie
trennt,  milderte  die  Wirkung  der  Krisen,  die  die  westeuropäischen
und  amerikanischen  Länder  periodisch  erschütterten;  gleichzeitig
übten  auf  sie  eine  große  Wirkung  auch  die  heimischen  Verhältnisse ­
  aus,  hauptsächlich  die  Getreideernte.  Die  spezifische  Besonderheit ­
  der  russischen  Industrie  lag  aber  in  der  Rolle,  die  in
ihrem  Leben  die  russische  Regierung  spielte.  Die  großen  Ausgaben ­
  des  Staates  für  Heer  und  Flotte,  die  kolossalen  Unternehmungen ­
  der  Krone  —  Eisenbahnen,  Branntweinmonopol,  F'abrik-‘)

  Ohne  diejenigen  Kapitalien,  die  in  den  individuellen  (also  nicht  auf
Aktien  gegründeten)  Betrieben  investiert  sind.
2 )  Eine  gewisse  Bedeutung  hat  auch  das  Wachstum  der  Preise  für  russische
Exportwaren  auf  dem  Weltmärkte.
        <pb n="68" />
        64

»

betriebe  und  schließlich  die  Vermittlungsrolle  der  Regierung  bei
der  Heranziehung  der  ausländischen  Kapitalien  —  alles  dies  mußte
angesichts  der  allgemeinen  Schwäche  der  ökonomischen  Kräfte
Rußlands  der  Regierung  einen  überwiegenden  und  bestimmenden
Einfluß  sowohl  auf  das  industrielle  Leben  wie  auf  die  Tätigkeit
des  Volkes  überhaupt  verleihen.  Jetzt,  wo  die  kapitalbildende
Fähigkeit  des  Landes  sich  vergrößerte,  muß  die  Bedeutung  des
ausländischen  Kapitals  ziemlich  stark  herabsinken.  Der  allgemeine
Aufschwung  der  industriellen  Tätigkeit  muß  eine  Herabminderung
der  Bedeutung,  die  die  Regierung  als  Produzent  und  Konsument
der  Industriewaren  austibte,  zur  Folge  haben.  Das  rasche  Wachstum ­
  des  Kapitals,  das  wir  im  letzten  Jahrzehnt  beobachten,  zeigt
uns  somit  in  der  Zukunft  eine  Befreiung  der  russischen  Industrie
von  der  Vormundschaft  der  Regierung.  Diese  Befreiung  wird
notwendigerweise  tiefgehende  Veränderungen  in  unserem  wirtschaftlichen ­
  Leben  und  speziell  in  der  Zollpolitik  herbeiführen
müssen.
        <pb n="69" />
        —  65  —

Drittes  Kapitel.
Die  Zollpolitik.
Als  eines  der  mächtigsten  Mittel  der  Industrieentwicklung  gilt
•die  Schutzpolitik.  Die  Belastung  der  importierten  Waren  mit
solchen  Abgaben,  die  dem  ausländischen  Produzenten  die  Konkurrenz ­
  mit  dem  einheimischen  auf  dem  inländischen  Markte  erschweren ­
  und  dem  letzteren  einen  guten  Gewinn  garantieren,  wirkt
fördernd  auf  die  einheimische  Industrie.  Die  russische  Zollpolitik
hat  schon  längst  einen  protektionistischen  Charakter  angenommen,
aber,  wie  wir  oben  gesehen  haben,  bleibt  Rußland  ein  überwiegend
landwirtschaftlicher  Staat.  Im  Jahre  1900  erreichte  die  extrahierende
und  bearbeitende  Industrie  einen  Wert  von  1495  Millionen  Rubel,
während  die  Landwirtschaft  fast  das  Doppelte,  nämlich  2738  Millionen ­
  Rubel  einbrachte.  Die  Schutzpolitik  vermochte  somit  nicht
Rußland  in  einen  industriellen  Staat  zu  verwandeln.  Um  die  Ursachen ­
  dieses  Mißlingens  zu  begreifen,  müssen  wir  zuerst  die  Ziele
kennen  lernen,  die  unsere  Zollpolitik  verfolgt.
Wie  man  aus  den  Motiven  zur  Einführung  dieser  oder  jener
Zölle  ersehen  kann,  verfolgten  die  russischen  Zollabgaben  drei
Ziele:  1.  ein  fiskalisches  —  die  Zölle  sind  eine  der  Hauptquellen
der  Reichseinnahmen,  2.  ein  protektionistisches  —  durch  die  Preiserhöhung ­
  der  importierten  Waren  fördern  die  Zölle  die  Entwicklung ­
  der  russischen  Industrie,  3.  ein  handelspolitisches  —  durch
die  Einschränkung  des  Imports  wird  für  Rußland  eine  günstige
Handelsbilanz  erreicht.  Diese  Verschiedenheit  der  von  der  Zollpolitik ­
  verfolgten  Ziele,  die  mitunter  einander  widersprechen,  ver
hindert  ein  konsequentes  Streben  zur  Verwirklichung  jedes  derselben. ­
  Die  finanziellen  Erwägungen  erfordern  einen  Zoll,  der
ein  Maximum  von  Einnahmen  gewähren  könnte.  In  den  einen
Fällen  steigt  die  Einnahme  bei  der  Erhöhung  des  Zolls,  in  anderen
hingegen  bei  seiner  Reduzierung.  Nach  der  zollamtlichen  Arith-Arch.
  f.  Sozialwissensch.  u.  Sozialpol.  Ergänzungsheft:  Prokopowitsch.  5
        <pb n="70" />
        66

metik  hat  eine  Verdoppelung  der  Zollsätze  manchmal  eine  Verdoppelung, ­
  manchmal  aber  eine  absolute  Verminderung  der  Zolleinnahmen ­
  zur  Folge.  Der  Schutz  der  einheimischen  Industrie
setzt  eine  freie  Einfuhr  aller  Rohstoffe  voraus  und  eine  Einschränkung ­
  des  Imports  von  Fabrikaten,  die  der  Reichskasse  nur  eine
unbedeutende  Einnahme  gewähren  könnte.  Für  die  eine  Gruppe
von  Waren  ist  somit  ein  hoher  Zoll  notwendig,  für  die  andere
gar  keiner.  Schließlich  führt  der  Wunsch,  eine  vorteilhafte  Handelsbilanz ­
  zu  erzielen,  zu  einem  fast  gänzlichen  Verbot  des  Imports,
nicht  nur  der  Fabrikate,  sondern  auch  der  Rohstoffe.  Unsere  Zollpolitik ­
  stellt  einen  Kompromiß  dieser  drei  Tendenzen  dar,  wobei
die  fiskalischen  Aufgaben  sichtlich  vorherrschen.
Als  eine  der  bequemsten  Arten  der  indirekten  Besteuerung
müssen  die  Zölle  parallel  mit  dem  Wachstum  der  Steuerbelastung
wachsen.  Je  größer  die  Steuerlast  in  einem  Lande  ist,  desto
höher  sind  die  Zölle.  Die  Regelmäßigkeit  dieser  Wechselbeziehung
wird  durch  den  Charakter  der  Handelspolitik  verschiedener  Staaten
durchbrochen,  indem  die  einen  Länder  im  Interesse  ihrer  Industrie
dem  Protektionismus,  die  anderen  der  Handelsfreiheit  huldigen.
Während  der  letzten  40  Jahre  hat  sich  in  Rußland  die  Zolleinnahme ­
  zuerst  schneller  als  die  anderen  Formen  der  Besteuerung
entwickelt,  später  aber  glich  sich  das  Verhältnis  aus:

Reicheinnahmen  Zoll-In


Prozent

Jahre

insgesamt
Mill.  Rubel

einnahmen
Mill.  Rubel

1870

461

40,6

8,8

1875

567

62,0

10,9

1880

625

94,7

D,2

LO
00
00

699

94,8

13,6

:89c)

838

141,2

16,8

189s

1038

178,6

17,2

1900

1225

204,0

16,7

1905

1307

212,8

16,3

1909

1620

274,3

16,9

Man  sieht:

bis  zum  Jahre

1895  wuchsen

die  Zolleinnahmen

rascher  als  die  anderen  Reichseinnahmen;  von  diesem  Jahre  an
nimmt  ihr  Steigen  allmählich  ab  und  geht  parallel  dem  allgemeinen ­
  Zuwachs  der  Besteuerung.  Dieser  Umschwung  in  der  Entwicklung ­
  der  Zollbesteuerung  erklärt  sich  durch  den  erzwungenen
Uebergang  Rußlands  (in  den  Jahren  1893—1894)  vom  autonomen
Tarif  zum  Konventionalsystem,  bei  welchem  der  Zoll  mit  dem
        <pb n="71" />
        67

Importstaate  vereinbart  wird.  W.  Witschewsky x )  bezeichnet  die
Autonomie  des  Zolltarifs  als  ein  »Lieblingsprinzip«  der  russischen
Zollpolitik  und  erklärt  diese  Vorliebe  durch  folgende  Erwägungen:
»Die  Neigung,  speziell  Rußlands,  im  Vergleich  zu  anderen  Staaten,
für  die  zollpolitische  Ungebundenheit  läßt  sich  durch  mancherlei
Erwägungen  ergründen.  Dem  dortigen  Fiskus  ist  der  Einfuhrhandel ­
  von  jeher  ähnlich  einem  Fels  erschienen,  aus  welchem  der
Stab  Arons,  Zolldepartement  genannt,  unschwer  neue  Goldquellen
hervorzuzaubern  vermag.  Bei  einem  solchen  Auffrischungsmittel
läßt  man  nicht  gern  den  Mitverschluß  eines  anderen  Staates  zu,
und  je  näher  die  Möglichkeit  liegt,  daß  der  Fiskus  gerade  bei
den  Zöllen  sich  Erholung  sucht,  desto  unlieber  muß  die  Sperrung
des  Zuganges  zu  diesem  Goldborn  empfunden  werden.  Daher  ist
die  durch  keine  internationalen  Verpflichtungen  eingeschränkte
Tariffreiheit  für  Staaten  mit  vielen  fiskalischen  Zöllen  wichtiger
als  für  solche  Staaten,  die  eine  Steigerung  der  Zollsätze  in  der
Regel  nur  auf  Grund  reiflich  erwogener  protektionistischer  Interessen ­
  eintreten  zu  lassen  pflegen.«  Die  Handelsverträge,  besonders ­
  mit  Deutschland  in  den  Jahren  1894  und  1904  haben  der
Regierung  die  Hände  gebunden  und  hemmten  das  Wachstum  des
Zolls.  Dessenungeachtet  erscheint  Rußland  zurzeit  als  ein  Staat
mit  den  höchsten  Zollsätzen.  Im  Verhältnis  zum  Wert  der  importierten ­
  Waren  beträgt  der  Zoll *  2 ):

In  Holland  0,4  °/o
j&amp;gt;  Belgien  1,0  »
»  der  Schweiz  4,4  »
»  England  4,9  »
»  Frankreich  8,4  »
»  Italien  10,5  »
*  Deutschland  14,3  •
»  den  Vereinigten  Staaten  N.  A.  .  25,2  »
»  Rußland  33,o  »

Die  gegenwärtigen  äußerst  hohen  Zollsätze  in  Rußland  bilden
das  Resultat  der  Zollpolitik  der  letzten  25  Jahre.  In  den  siebziger ­
  und  sogar  in  der  ersten  Hälfte  der  achtziger  Jahre  war  die
Norm  der  Zollbesteuerung  doppelt,  sogar  dreimal  niedriger  als
die  gegenwärtige:

')  W.  Witschewsky,  Rußlands  Handels-,  Zoll-  und  Industriepolitik  von
Peter  dem  Großen  bis  auf  die  Gegenwart,  1905,  S.  368.
2 )  Nach  J.  Scott  Keltie,  The  Statesman’s  Year-book  for  1910.
        <pb n="72" />
        68

Wert  des  ImZoll ­

 ­

  der

Jahre

portes
Mill.  Rubel

einnahme
Mill.  Rubel

Steuerung

1866—

O
I-CO


317.8

47,4

i4,93

1871  —

•1875

565,8

73,8

13,05

1876  —

1880

517,8

84,5

16,32

1881  —

■1885

494,3

96,9

19,60

1886—

1890

392,4

112,4

28,66

1891  —

1895

463,5

150,0

32,37

1896—

1900

607,3

212,4

34,97

1901  —

•1905

632,2

231,1

36,56

1906—

•1908

853,6

269,6  *)

3i,58b

Diese  Zahlen  zeigen,  daß  das  fiskalische  Ziel  unserer  Zollpolitik ­
  in  vollem  Maße  erreicht  wurde.  Indem  das  Finanzministerium ­
  die  Zollsätze  bis  zu  einer  in  anderen  Ländern  unerhörten
Höhe  aufschraubte,  hat  es  aus  den  Zöllen  eine  sehr  wichtige  Stütze
unseres  Reichsbudgets  gemacht.  Um  nun  den  Charakter  unserer
Zollpolitik  noch  klarer  zu  zeigen,  wollen  wir  sehen,  wie  sich  die
Besteuerung  verschiedener  Gruppen  von  Importwaren  entwickelte  *  2 ):

Jahre

Lebensmittel ­


Rohstoffe  und
Halbfabrikate

Fabrikate

Prozent

Prozent

Prozent

1870

31,8

7,7

11,8

1875

25,6

7,9

12,6

1880

33,i

n,7

16,6

1885

4i,i

13,8

24,9

1890

59,6

18,3

26,0

1895

63,9

24,5

24,1

1900

7L7

23,7

24,6

1905

73,4

25,6

22,3

1908

50,9

25,2

24,8

Betrachten  wir

diese  Tabelle,  so  merken

wir  zunächst

die  nicht  in  Rußland  produzierten  Lebensmittel  mit  einem  Zoll
belegt  sind,  der  um  zwei-  oder  dreimal  größer  ist,  als  die  auch  in
Rußland  teilweise  produzierten  Fabrikate.  Eine  weitere  hervorragende ­
  Besonderheit  unserer  Zollpolitik  ist  die  gleiche  Belastung
für  Fabrikate,  Halbfabrikate  und  Rohstoffe.  Diese  beiden  Merkb ­
  Vom  Jahre  1906  treten  wir  augenscheinlich  wieder  in  ein  Stadium  des
Wachstums  der  Zolleinnahmen  bei  einer  Verminderung  der  Zollsätze  (ähnlich
wie  in  den  Jahren  1852  —1875)  ein.
2 )  Für  die  Jahre  1870—1900  nach  den  Angaben  von  E.  Soboleff:  »Die
russische  Zollpolitik  in  der  zweiten  Hälfte  des  XIX.  Jahrhunderts«,  1911,  S.  821
bis  822.
        <pb n="73" />
        69

male  lassen  den  deutlich  ausgeprägten  fiskalischen  Charakter
unserer  Zollpolitik  erkennen.  Die  Regierung  sieht  vor  allem  in
den  Zöllen  eine  Einnahmequelle  und  hat  daher,  um  ein  Maximum
der  Einnahmen  zu  erzielen,  die  Zölle  so  hoch  angesetzt,  daß  sie
36,5  °/o  des  Wertes  der  importierten  Waren  ausmachen,  und  der  von
den  Zöllen  resultierende  Ertrag  erreicht  16—17  °/o  der  gesamten
Staatseinnahmen.  Ein  anderes  Verfahren  wäre  für  die  russische
Regierung  auch  undenkbar:  sobald  die  Steuerbelastung  20  °/o  des
Volkseinkommens  wegnimmt,  mußten  die  Zölle  ihr  Maximum  erreichen. ­
  Die  Zölle  sind  eine  allzu  bequeme  Einnahmequelle  und
es  ist  daher  nur  begreiflich,  wenn  die  russische  Regierung,  die  die
letzte  Kopeke  von  den  Steuerzahlern  auspressen  möchte,  diese
Quelle  soweit  als  möglich  ausnützt.  Bis  zur  Mitte  der  siebziger
Jahre  führte  das  Bestreben  nach  möglichst  großen  Zolleinnahmen
zu  möglichst  niedrigen  Zollsätzen 1 ),  vom  Jahre  1876  dagegen
zu  hohen  Zollsätzen.  Mit  Recht  folgert  daher  Prof.  Soboleff,  daß
die  russische  Zollpolitik  hauptsächlich  fiskalische  Interessen  vep
folgt 2 ).
Die  Wendung  zu  hohen  Zollsätzen  (in  der  Mitte  der  siebziger
Jahre)  verfolgte  nicht  nur  die  Interessen  des  Fiskus;  sie  steht  vielmehr ­
  im  Zusammenhänge  mit  dem  Wunsch,  eine  günstige  Handelsbilanz ­
  für  Rußland  zu  schaffen  und  zwar  auf  einer  möglichst
breiteren  Basis.  Bis  zur  Mitte  der  siebziger  Jahre  deckte  der
Zufluß  ausländischen  Kapitals  das  Defizit  der  russischen  Zahlungsbilanz ­
  so  gut  wie  vollständig.  Unter  dem  Einfluß  der  Industriekrise ­
  des  Jahres  1873  sowie  der  politischen  Komplikationen  auf
dem  Balkan  (seit  1876)  hatte  sich  dieser  Zufluß  ziemlich  vermindert. ­
  Die  Regierung  war  gezwungen,  der  Handelsbilanz  ihre
ernsteste  Aufmerksamkeit  zu  widmen.  Die  getroffenen  Maßregeln

wurden,  wie  die  folgende  Tabelle
Prozent  der

zeigt,  mit  Erfolg  gekrönt
Wert  des  Handels-Jahre



Zollabgaben
Mill.  Rubel

Imports
Mill.  Rubel

bilanz
Mill.  Rubel

1866—1870

14,93

317,8

-  0,4

00
T
00
c_n

13,05

565,8

-95,2

1876—1880

16,32

517,8

9,5

1881—1885

19,60

494,3

55,6

1886—1890

28,66

392,4

238,6

J )  Cf.  E.  Soboleff,  »Die  Zollpolitik  Rußlands  in  der  zweiten  Hälfte  des
19.  Jahrhunderts«,  S.  78—79,  173—174,  220.
2 )  Ibid.  Vorwort,  S.  VI.
        <pb n="74" />
        —  7  o  —

Prozent  der

Wert  des

HandelsJahre ­



Zollabgaben

Imports

bilanz

Milk  Rubel

Milk  Rubel

Milk  Rubel

1891  —  1895

32,37

463,5

158,0

1896—1900

34,97

607,3

90,9

1901—1905

36,56

632,2

309,2

1906  —  1908

31,58

853,6

i95d

Unter  dem  Einfluß  der  raschen  Erhöhung  der  Zollsätze  in
den  Jahren  1875—1890  nahm  der  Import  bedeutend  ab;  aus  einer
negativen  wandelte  sich  die  Handelsbilanz  in  eine  positive  um,
jedes  Jahrfünf  warf  immer  größere  Summen  ab,  die  am  Ende  der
achtziger  Jahre  ihren  Kulminationspunkt  erreicht  haben.  Seit  dem
Anfang  der  neunziger  Jahre  tritt  in  unserem  Außenhandel  wieder
eine  Wendung  ein;  die  Zollbelastung  wächst  viel  langsamer  als  in
den  vorangegangenen  Jahren,  der  Import  vergrößert  sich,  während
die  Handelsbilanz  Schwankungen  aufweist.  Durchschnittlich  ergibt
sie  im  Laufe  der  nächsten  18  Jahre  um  50  Millionen  Rubel
weniger  als  in  den  Jahren  1886—1890.  Dies  ist  diejenige  Periode,
wo  wir  die  Defizite  unserer  Zahlungsbilanz  wiederum  mit  auswärtigen ­
  Anleihen  gedeckt  haben.  Bei  einem  geringen  Zufluß  von
auswärtigen  Kapitalien  in  den  Jahren  1876—1890  war  die  Erhaltung ­
  einer  günstigen  Handelsbilanz  ein  ebenso  wichtiges  Ziel  als
die  Erreichung  eines  Maximums  der  Zolleinnahmen.  Zur  Erlangung
dieses  Zieles  mußte  man  zu  solchen  außerordentlichen  Mitteln
greifen,  wie  die  Erhöhung  der  gesamten  Zollsätze:
Im  Jahre  um
1876  48°/«
1880  10  „
1885  20  »  (für  die  meisten  Artikel)
Durch  diese  Maßnahmen  wollte  man  den  Import  einschränken,
um  auf  diese  Weise  eine  günstige  Handelsbilanz  herzustellen,  die
imstande  wäre,  die  Zinsen  für  unsere  auswärtigen  Anleihen  zu
sichern  J ).  Wie  rasch  Rußlands  auswärtige  Verpflichtungen  wuchsen,
zeigt  am  besten  folgende  Aufstellung  unserer  Zahlungen  nach  Ausland ­
  (in  gegenwärtiger  Währung):
Im  Jahre  1866  37  Millionen  Rubel *  2 )
»  »1875  100  '  »  »  3 )
*)  Soboleff,  1.  c.  S.  420,  422,  478—479,  486—488,  692—694.
2 )  Nach  den  Angaben  des  Finanzministers  Reitern,  zitiert  bei  Soboleff,
1.  c.  S.  420.
3 )  I.  Wyschnegradsky,  Internationale  Abrechnungsbilanz  Rußlands,  1895.
        <pb n="75" />
        71

Im  Jahre  1895  143  Millionen  Rubel 1 )
»  »  1910  300  »  »  2 )
Die  letzte  Zahl  können  wir  an  der  Hand  der  von  uns  angeführten ­
  Angaben  über  den  Zufluß  des  ausländischen  Kapitals
überprüfen.  Diesen  Angaben  gemäß  gleichen  unsere  auswärtigen

Verpflichtungen  im  Jahre  1908:
Reichsanleihen  4510,3  Millionen  Rubel
Realisierte  Obligationen  der  Eisenbahnen  ..  1251,9  »  »
Aktienkapital  der  Industrieunternehmungen 3 )  .  972,1  »  »

Zusammen  6734,3  Millionen  Rubel
Im  Jahre  1908  zahlten  wir  dem  Auslande,  wie  es  scheint,
tatsächlich  300  Millionen  Rubel.  Im  allgemeinen  stimmen  die
oben  angeführten  Zahlen  über  die  Steigerung  unserer  Zahlungen
nach  Ausland  vollständig  mit  dem  von  uns  ermittelten  Umfange
der  Zunahme  unserer  auswärtigen  Verschuldung  überein.  In  den
Jahren  1866—1875  wuchs  diese  Verschuldung  ziemlich  rapid;  in
den  Jahren  1875—1890  meidete  Rußland  neue  Verpflichtungen  im
Auslande  einzugehen  und  begnügte  sich  mit  dem  Golde,  das  es
durch  den  auswärtigen  Handel  in  seine  Hände  bekam;  in  den
Jahren  1890—1908  wächst  unsere  Verschuldung  wiederum  ziemlich ­
  rasch.  Ziehen  wir  noch  in  Betracht  die  Ausgaben  der  russischen ­
  Touristen  im  Auslande  und  die  Gewinne  der  Ausländer  in
Rußland  —  am  Anfänge  der  neunziger  Jahre  ca.  100  Millionen
Rubel,  am  Anfänge  des  Jahres  1900  nicht  weniger  als  150  Millionen ­
  Rubel  —,  dann  begreifen  wir,  welche  Bedeutung  die  Zahlungsbilanz ­
  für  unsere  Volkswirtschaft  besitzt.  Um  unseren  auswärtigen ­
  Verpflichtungen  nachkommen  zu  können,  müssen  wir
unseren  Export  bis  zum  Aeußersten  anspannen  und  überhaupt
alles  aufbieten,  um  das  ausländische  Kapital  heranzuziehen.  Der
Charakter  der  Handelsbilanz  und  die  Größe  des  Zuflusses  des  ausländischen ­
  Kapitals  sind  für  das  Reich  keineswegs  belanglose
! )  Ibid.  S.  70,  Note  3.
2 )  Nach  den  Angaben  des  Finanzministers  Kokowzeff  in  der  Sitzung  der
Budgetkommission  der  Reichsduma  am  18.  Januar  1910.
3 )  Nach  den  Angaben  von  Werstraat  glich  im  Jahre  1900  die  Gesamtzahl
des  in  ausländischen  und  russischen  Aktiengesellschaften  angelegten  auswärtigen ­
  Kapitals,  einschließlich  des  diesen  Gesellschaften  im  Auslande  eingeräumten ­
  Kredits  178,1  Millionen  Rubel  (2075  Millionen  Franken).  Das
Grundkapital  der  ausländischen  Aktiengesellschaften  betrug  in  den  Jahren  1900
bis  1908  194  Millionen  Rubel,  zusammen  972,1  Millionen  Rubel.  Die  Werstraatschen
  Angaben  haben  wir  bei  P.  Schwanebach,  I.  c.  S.  210,  entnommen.
        <pb n="76" />
        7  2

Dinge,  sobald  die  Zahlungsbilanz  jährlich  ein  Defizit 1 )  von
125  Millionen  Rubel  ergibt  und  die  Zahlungen  nach  Ausland  40°/o
des  Exportwerts  ausmachen.  In  einer  ausführlichen  Arbeit,  die
sich  mit  der  Geschichte  der  Zollpolitik  Rußlands  in  der  zweiten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  befaßt,  kommt  Professor  Soboleff
zum  Schluß,  daß  »im  Mechanismus  des  internationalen  Tauschverkehrs ­
  Kräfte  existieren,  die  die  Fähigkeit  besitzen,  das  gestörte
Gleichgewicht  des  Im-  und  Exportes  wieder  herzustellen.  Es  ist
nicht  notwendig,  um  eine  künstliche  Verminderung  des  Importes
durch  Auferlegung  eines  Zolles  zu  sorgen,  da  der  Staat  immer
einen  solchen  Import  hat,  der  seiner  Zahlungsfähigkeit  entspricht.
Die  ganze  Zollpolitik  nach  dieser  Richtung  hin  ist  nichts  anderes
als  ein  Mißverständnis« ä ).  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  in
der  modernen  Organisation  der  Industrie  und  des  Handels  Kräfte
vorhanden  sind,  die  die  Fähigkeit  besitzen,  automatisch  das  einmal ­
  verlorene  Gleichgewicht  zwischen  dem  Im-  und  Export  herzustellen. ­
  Jede  Verbesserung  der  Handelsbilanz  setzt  eine  Vergrößerung ­
  der  Produktion  oder  eine  Verminderung  des  Konsums
im  Lande  voraus.  In  beiden  Fällen  bleibt  bei  der  Bevölkerung
ein  gewisser  Zuwachs  der  Kaufkraft,  der  sich  in  Form  eines
Ueberschusses  des  aus  dem  Auslande  zugeflossenen  Goldes  materialisiert. ­
  Eine  Verschlimmerung  der  Handelsbilanz  dagegen  bedeutet ­
  eine  Verminderung  des  freien  Geldvorrates  der  Bevölkerung,
das  entweder  durch  eine  Abnahme  der  Produktion  oder  durch  eine
Zunahme  des  Konsums  hervorgerufen  wurde.  Das  Erscheinen
freier  Geldvorräte  steigert  den  Konsum,  ihr  Verschwinden  dagegen ­
  schränkt  denselben  ein;  in  beiden  Fällen  verändert  sich  die
Handelsbilanz  automatisch  in  entgegengesetzter  Richtung.  Solcher
Art  ist  die  Tendenz  der  Kräfte,  die  im  modernen  internationalen
Verkehr  wirken  *  2  3 ).
v )  Nach  den  Wytschewskyschen  Berechnungen  beträgt  dieses  Defizit
200  Millionen  Rubel  pro  Jahr.  Ibid.  S.  175.
2 )  Die  Zollpolitik  Rußlands,  S.  849,
3 )  Bei  dem  Papiergeldverkehr  übt  der  eine  oder  andere  Charakter  der
Zahlungsbilanz  auf  das  Quantum  des  im  Lande  zirkulierenden  Geldes  gar  keine
Wirkung  aus  und  setzt  folglich  die  erwähnten  Kräfte,  welche  fähig  wären,  das
gestörte  Gleichgewicht  zwischen  dem  Im-  und  Export  wieder  herzustellen,
nicht  in  Bewegung.  Der  Kurs  des  Papiergeldes  hängt  ausschließlich  von  der
Größe  der  Emission  ab.  Diese  theoretische  Behauptung  findet  in  der  Geschichte ­
  des  Papiergeldes  in  Rußland  ihre  Bestätigung;  die  von  Professor
Soboleff  angeführten  Daten  ergeben,  daß  in  den  Jahren  1870—1895  »zwischen
        <pb n="77" />
        73

Diese  Tendenz  realisiert  sich  zwar  in  einem  gewissen  Zeitraum ­
  oder,  wie  man  gewöhnlich  sagt,  »in  letzter  Linie«,  für  die
Industrie  aber  ist  es  vollkommen  genug.  Der  Geldabfluß  nach
Ausland  ist  gewöhnlich  eine  Begleiterscheinung  der  Industriekrisen
und  in  der  nachfolgenden  Zeit  der  Depression  kehrt  das  Gold  aus
dem  Auslande  wieder  zurück.  Die  Länder,  die  ihre  Staatsfonds
bei  sich  zu  Hause  placiert  haben,  können  deshalb  ganz  ruhig  eine
automatische  Wiederherstellung  der  Handelsbilanz  abwarten  und
die  Sorge  um  ihren  positiven  Charakter  als  etwas  Ueberflüssiges
betrachten.  In  einer  ganz  anderen  Lage  befinden  sich  die  Länder
mit  einer  großen  auswärtigen  Verschuldung,  die  ihre  Verpflichtungen ­
  im  Auslande  plaziert  haben.  Rußland  z.  B.  ist  verpflichtet,
für  seine  Anleihen  dem  Auslande  jährlich  etwa  200  Millionen
Rubel  zu  zahlen.  Ist  die  Zahlung  nicht  pünktlich  erfolgt,  so  bedeutet ­
  das  einen  Staatsbankrott.  Dabei  ist  zu  bemerken,  daß  der
russische  Export  nach  Willkür  nicht  zu  forcieren  ist,  da  sein  Umfang ­
  hauptsächlich  von  der  Ernte  und  sein  Wert  von  den  Weltmarktspreisen ­
  auf  landwirtschaftliche  Produkte  abhängig  ist.  Und
zuletzt  darf  man  nicht  außer  acht  lassen,  daß  auch  der  Import
nach  Rußland  nicht  jene  Beweglichkeit  besitzt,  die  dem  auswärtigen ­
  Handel  der  fortgeschrittenen  Länder  eigentümlich  ist.
Die  Preise  werden  bei  uns  noch  immer  in  bedeutendem  Maße  von
der  Sitte  reguliert  und  die  Verminderung  des  Goldverkehrs  im
Lande  hat  deshalb  eine  unmittelbare  Einschränkung  des  Imports
nicht  zur  Folge.  Unter  diesen  Umständen  ist  ein  zielbewußtes
Einwirken  auf  die  Plandelsbilanz  keineswegs  ein  »Mißverständnis«,
sondern  eine  der  Hauptaufgaben  der  Finanzpolitik.  Gewiß,  je
größer  der  Goldvorrat  im  Lande,  desto  geringer  die  Gefahr  unangenehmer ­
  Ueberraschungen.  Die  Anhäufung  großer  Goldvorräte
in  den  neunziger  Jahren  vermochte  deshalb  wenn  nicht  ganz,  so
doch  in  bedeutendem  Umfange  den  Einfluß  schwächen,  den  dieser
Umstand  in  der  Zollpolitik  Rußlands  ausiibt.
Wenden  wir  uns  nun  der  dritten  Aufgabe  unserer  Zollpolitik
zu:  der  Förderung  der  Industrie.  Professor  Soboleff  kommt  in
seiner  Untersuchung  zum  Schluß,  wonach  der  Zollschutz  in  Rußdem
  Stand  der  Handelsbilanz  und  dem  Wechselkurs  kein  Parallelismus  zu
verzeichnen  ist.  ...  Im  Gegenteil,  man  kann  eher  eine  umgekehrte  Proportionalität ­
  zwischen  dem  Quantum  des  Papiergeldes  und  dem  Wechselkurs  konstatieren. ­
  Je  größer  die  Zahl  des  vorhandenen  Papiergeldes,  desto  niedriger
ist  der  Wechselkurs  und  umgekehrt.«  Soboleff,  1.  c.  S.  411—414.
        <pb n="78" />
        74

land  »kein  selbständiges  Ziel  der  Wirtschaftspolitik  sei,  sondern  eher
ein  Nebenprodukt  der  fiskalischen  Bestrebungen  der  Regierung« 1 ).
Dies  ist  nicht  ganz  richtig.  Die  russische  Zollpolitik  ist  gewiß
von  den  fiskalischen  Interessen  der  Regierung  beherrscht.  Trotzdem ­
  ist  es  nicht  zu  leugnen,  daß  diese  Politik  auch  ganz  bestimmte ­
  protektionistische  Ziele  verfolgte  und  daß  der  Protektionismus ­
  eine  selbständige  Rolle  in  der  russischen  Zollpolitik  spielte.
Folgende  Tabelle  veranschaulicht  den  Entwicklungsgang  des  Zollprotektionismus ­
  in  Rußland  und  die  Veränderung,  die  die  Norm
der  Zollbelastung  in  den  Jahren  1870—1908  erfahren  hat:

Rohstoffe

Jahre

und  Halbfabrikate ­


Fabrikate

Differenz

Prozent

Prozent

Prozent

1870

7,7

11,8

4,1

1875

7,9

12,6

4,7

1880

”,7

16,6

4,9

1885

13,8

24,9

11,1

1890

18,3

26,0

7,7

189S

24,5

24,1

-  0,4

1900

23,7

24,6

0,9

1905

25,6

22,3

-3,3

1908

25,2

24,8

-0,4

Analysieren  wir  die  Aenderung  der  Zollsätze  auf  Fabrikate,
so  finden  wir,  daß  in  den  siebziger  und  besonders  in  den  achtziger
Jahren  diese  Sätze  sehr  rasch  in  die  Höhe  gingen,  von  da  an
bleiben  sie  fast  auf  demselben  Niveau  stehen.  Der  Zoll  auf  Rohstoffe ­
  und  Halbfabrikate  dagegen,  der  in  den  siebziger  und  achtziger ­
  Jahren  eine  rasche  Steigerung  erfuhr,  wuchs  auch  weiter  und
erreichte  im  Jahre  1895  das  Niveau,  auf  welchem  sich  die  Verzollung ­
  der  Fabrikate  befindet;  seit  da  bleibt  er  stationär.  Die
Differenz  zwischen  der  Belastung  der  Fabrikate  und  derjenigen  der
Rohstoffe,  die  vom  Jahre  1870  an  unaufhörlich  stieg  und  im
Jahre  1887  eine  Maximalgrenze  (15,40/0)  erreichte,  sank  dann  im
Jahre  1894  bis  auf  1,4°/o  und  ergab  schließlich  im  Jahre  1898  ein
umgekehrtes  Maximum  von  —,6°/o.  Der  Handelsvertrag  mit  Deutschland ­
  vom  Jahre  1894  spielte  somit  die  Rolle  eines  Wendepunktes
in  unserer  Schutzpolitik.  Bis  zu  diesem  Jahre  wurde  hauptsächlich
die  Produktion  der  Fabrikate,  nach  diesem  Jahre  die  Gewinnung

''  Ibid.  S.  694.
        <pb n="79" />
        75

der  Rohstoffe  und  die  Produktion  der  Halbfabrikate  gefördert.  Dies
alles  beweist,  daß  der  Protektionismus  eines  der  selbständigen  Ziele
der  russischen  Zollpolitik  war.
Die  dominierende  Bedeutung  der  fiskalischen  Momente  könnte
den  Charakter  des  Protektionismus  beeinflussen,  ihn  aber  gänzlich
zu  beseitigen  waren  sie  nicht  imstande.  Die  Schutzpolitik  kann
verschiedene  Ziele  verfolgen.  Wird  ein  Zoll  von  einem  Produkt
erhoben,  das  im  Lande  nicht  produziert  wird,  so  bezahlt  der  Konsument ­
  den  wirklichen  Preis  der  Ware  plus  Zoll.  Wird  dagegen
der  Zoll  von  einem  solchen  Produkt  erhoben,  das  im  Lande  produziert ­
  wird,  so  bezahlt  der  Konsument  außerdem  eine  entsprechende
Summe  auch  den  heimischen  Produzenten  dieses  Produktes.  Der
Zoll  belastet  somit  den  Konsumenten  zum  Vorteil  der  Produzenten
jener  Produkte,  deren  Produktion  die  Regierung  fördern  will.  Die
Vergrößerung  der  Rentabilität  der  unter  Schutz  stehenden  Unternehmen ­
  hat  einen  Zufluß  sowohl  von  einheimischen  als  auch  von
ausländischen  Kapitalien  zur  Folge.  Die  Schutzpolitik  kann  somit
zwei  Ziele  verfolgen:  i.  die  Neuverteilung  des  einheimischen  Kapitals, ­
  seine  Heranziehung  an  diejenigen  Unternehmen,  deren  Entwicklung ­
  der  Regierung  aus  dem  einen  oder  anderen  Grunde  erwünscht ­
  ist;  2.  die  Heranziehung  auswärtiger  Kapitalien  ins  Land.
Unter  dem  direkten  Einfluß  der  P'inanzpolitik  der  Regierung  verfolgte ­
  der  russische  Protektionismus  hauptsächlich  das  zweite  Ziel.
Diese  Aufgabe  nahm  die  Aufmerksamkeit  der  offiziellen  Leiter
unserer  Zollpolitik  so  in  Anspruch,  daß  sie  geneigt  waren,  diese
Aufgabe  als  Hauptziel  aller  protektionistischen  Politik  zu  betrachten.
Sehr  charakteristisch  in  dieser  Hinsicht  sind  die  Betrachtungen,
die  Graf  Witte  in  seinem  Kursus  der  Nationalökonomie  und  Finanzpolitik ­
  zum  besten  gibt.  Bei  der  Besprechung  der  Produktivkräfte
Rußlands  stellt  er  die  Behauptung  auf,  wonach  deren  Wachstum
wurde  erreicht  »nicht  durch  die  schaffende  Arbeit,  ausschließlich
unserer  verhältnismäßig  geringen  Kapitalien  (wozu  Jahrhunderte
notwendig  gewesen  wären),  sondern  auf  dem  Wege,  den  alle  Völker
gegangen  und  den  zu  beschreiten  Rußland  immer  bestrebt  gewesen
war.  Dieser  Weg  ist  die  Entwicklung  einer  eigenen  bearbeitenden
Industrie  vermittels  des  Schutzzolls  und  die  mögliche  Beschleunigung ­
  dieses  Prozesses  mit  Hilfe  der  Kapitalien  der  ökonomisch
fortgeschrittenen  Länder.  Das  Ziel  der  Schutzzollpolitik  besteht
darin,  daß  man  den  Zustrom  der  ausländischen  Waren  verhindert
und  die  Kapitalien  heranzieht,  indem  man  ihnen  besondere  Vor-
        <pb n="80" />
        ;6

teile  gewährt.  Auf  diesem  Wege,  d.  h.  durch  die  Heranziehung
ausländischer  Kapitalien,  haben  ihre  industrielle  Macht  alle  nunmehr ­
  ökonomisch  fortgeschrittene  Länder  —  England,  Deutschland,
Nordamerika  -—  geschaffen«  1 ).  Eine  ähnliche  Betrachtung  finden
wir  auch  bei  Herrn  M.  M.  Fedorow,  den  früheren  Minister  für
Handel  und  Industrie:  »Daß  die  Heranziehung  ausländischer  Kapitalien,« ­
  sagt  Herr  Fedorow,  »immer  und  überall,  nicht  nur  bei  uns,
ein  Ziel  der  Zollschutzpolitik  ist,  ergibt  sich  schon  daraus,  daß
eine  solche  Politik  nur  in  den  jungen  Ländern,  die  ihre  eigenen
Kapitalien  nicht  besitzen,  erforderlich  ist  und  dort  einen  Sinn  hat.
Zu  diesem  Zwecke  schafft  das  Land  selbst  eine  Prämie  in  der
Gestalt  eines  hohen  Tarifsatzes;  es  entschließt  sich  folglich,  Opfer
zu  tragen,  denn  das  Land  wird  genötigt,  die  heimischen,  zunächst
vielleicht  schlechteren,  Produkte  teurer  zu  bezahlen.  Aber  das
alles  wird  getan  natürlich  nur  in  der  Ueberzeugung,  daß  diese
Prämie  das  ausländische  Kapital  heranziehen  und  die  Gründung  von
technisch  gut  bedienten  Betrieben  ermöglichen  wird.  Hätte  man
das  nicht  im  Auge,  so  wäre  die  ganze  Zollschutzpolitik  eine  Absurdität ­
  und  sie  hätte  nie  und  nirgends  das  Ziel  erreicht  (was  aber
durchaus  nicht  der  Fall  ist).  In  der  Tat,  in  diesem  Falle  hätte
der  intensive  Schutz  nur  den  Erfolg  gehabt,  daß  das  heimische
Kapital  von  einem  Produktionszweig  zum  anderen  überginge  ohne
jeglichen  Nutzen  für  das  Reich.  Man  muß  somit  unbestreitbar  anerkennen, ­
  daß  eines  der  Hauptziele  der  Zollpolitik  die  Heranziehung
des  ausländischen  Kapitals  sei,  da  nur  unter  dieser  Bedingung  das
Endziel  der  Schutzpolitik  —  die  Entwicklung  aller  Produktivkräfte
—  erreicht  werden  kann 2 ).«  Bekanntlich  war  List  ein  Anhänger
gerade  jenes  protektionistischen  Systems,  das  Herr  Fedorow  als
absurd  bezeichnet.  Der  Apostel  des  Protektionismus  hielt  es  für
unzweckmäßig,  diejenigen  Industriezweige  zu  schützen,  die  für  ihre
Entstehung  einen  Zoll  von  mehr  als  40—60  °/o  bedurften  und  deren
weitere  Existenz  durch  einen  20—30°/oigen  Zoll  nicht  gesichert
wäre 3 ).  In  seinem  »nationalen  System«  deutet  List  nirgends  an,
daß  es  möglich  wäre,  eine  nationale  Industrie  auf  Kosten  des
ausländischen  Kapitals  zu  schaffen.  Anderseits  ist  es  kaum  an-')
  S.  139.
2 )  Betrachtungen  des  Redakteurs  der  Zeitschrift  »Westnik  Promyschlenwosti,
  Finansow  i  Torgowli«.  M.  M.  Fedorow,  Ueber  die  Frage  von  der  Bedeutung ­
  ausländischer  Kapitalien,  1899,  S.  23—24.
3 )  Das  nationale  System  der  politischen  Oekonomie,  S.  352.
        <pb n="81" />
        17

gängig,  Frankreich,  Deutschland  und  Nordamerika  als  »junge«
Länder  zu  betrachten,  die  ihr  Protektionssystem  zwecks  Heranziehung ­
  ausländischer  Kapitalien  behalten.  Die  oben  angeführten
Betrachtungen  der  Herren  Witte  und  Fedorow  widersprechen  sowohl ­
  der  Theorie  wie  der  Geschichte  der  protektionistischen  Politik.
Sowohl  die  Aufgaben  als  auch  die  Resultate  des  Zollschutzes
befinden  sich  in  direktem  Zusammenhänge  mit  dem  Zustande  der
Volkswirtschaft  des  Landes  *).  Ist  das  Land  reich  an  Kapital  und
ist  der  Protektionismus  hauptsächlich  bestrebt,  das  Verhältnis
zwischen  den  heimischen  Produktionszweigen  zu  ändern  und  den
Abfluß  des  heimischen  Kapitals  nach  dem  Auslande  zu  verhindern,
dann  wird  die  Zollpolitik  einen  anderen  Charakter  haben,  als  wenn
das  Land  kapitalarm  ist  und  die  Hauptaufgabe  des  Protektionismus
in  der  Heranziehung  ausländischer  Kapitalien  besteht.  In  reichen,
sich  rasch  entwickelnden  Ländern  dehnt  sich  der  Zollschutz,  der
eine  Verschiebung  im  Verhältnis  der  Produktionszweige  im  Auge
hat,  nur  auf  einzelne  Produktionszweige  aus,  für  deren  Entwicklung ­
  die  notwendigen  natürlichen  und  wirtschaftlichen  Bedingungen
vorhanden  sind.  In  den  armen  Ländern,  die  bestrebt  sind,  die
notwendigen  Kapitalien  heranzuziehen,  trägt  der  Schutz  einen
generellen  Charakter.  Bei  der  Ausarbeitung  des  Tarifentwurfs  im
Jahre  1891  ging  unser  Finanzministerium  deshalb  gewöhnlich  von
dem  Gedanken  aus,  daß  man  jedem  Produktionszweig  einen  Schutz
im  Umfange  von  30—40  °/o  des  Preises  ausländischer  Waren  gewähren ­
  muß 2 ).  Je  rascher  der  Kapitalzuwachs  in  einem  Lande  ist,
das  nur  den  einzelnen  Industriezweigen  den  Schutz  gewährt,  desto
intensiver  ist  der  Kapitalzufluß  in  diese  Zweige  und  desto  rascher
kommt  der  Zeitpunkt,  wo  man  die  hohen  Zollsätze  aufheben  kann.
Bei  einem  blühenden  Zustand  der  Volkswirtschaft  kann  die  Einführung ­
  eines  partiellen  Zollschutzes  einen  überraschenden  Effekt
herbeiführen.  Diese  Art  Zollschutz  trägt  deshalb  immer  einen
vorübergehenden  Charakter.  Die  Jagd  nach  ausländischem  Kapital
hat  dagegen  seinem  Wesen  nach  eine  dauernde  Bedeutung.  Ein
&amp;gt;)  Professor  Bastable  behauptet,  das  Studium  der  Handelspolitik  vom
Standpunkt  der  geschichtlichen  Entwicklung  zeigt  mit  voller  Evidenz,  daß
die  Normen,  die  den  Handel  und  die  Industrie  in  den  verschiedenen  Staaten
regulieren,  eher  von  den  sozialen  Verhältnissen  sowie  von  den  Interessen  der
herrschenden  Klassen,  als  von  den  bestimmten  theoretischen  Doktrinen  abhängig ­
  sind.  Vgl.  C.  F.  Bastable,  The  Commerce  of  Nations,  5  th  ed.,  1911,
S.  117,  119—120.
2 )  Soboleff,  I.  c.  S.  825.
        <pb n="82" />
        78

*)  Ibid.  S.  823.

Laad  mit  einer  schwachen  kapitalbildenden  Fähigkeit  braucht
immer  den  Kapitalzufluß.,  Um  dieses  Ziel  zu  erreichen,  muß  die
Rentabilität  des  Kapitals,  das  in  der  bearbeitenden  und  extrahierenden ­
  Industrie  investiert  ist,  ununterbrochen  auf  einem  künstlich
hohen  Niveau  erhalten  bleiben.  Daraus  das  ununterbrochene  Wachstum ­
  der  Schutzmauer  für  die  heimische  Industrie.  Die  Zollabgaben
in  kapitalarmen  Ländern  fördern  die  Entwicklung  neuer  und  schützen
die  schon  existierenden  gutentwickelten  Industrien,  —  häufig  mit
Hilfe  höherer  Zollsätze  als  diejenigen,  die  bei  der  Entstehung
dieser  Industriezweige  bestanden  haben.  In  den  reichen  Ländern
hat  der  Kapitalzufluß  in  die  protektionierten  Industriezweige  die
Entwicklung  der  inneren  Konkurrenz  und  die  Herabsetzung  der
Preise  zur  Folge,  was  die  hohen  Zollsätze  überflüssig  macht.  In
den  kapitalarmen  Ländern  dagegen  entwickelt  sich  die  innere
Konkurrenz  nur  sehr  langsam,  die  Preise  bleiben  gewöhnlich  auf
dem  maximalen  Niveau,  das  durch  die  Zollsätze  bestimmt  ist,  und
der  rasche  Fortschritt  der  ausländischen  Industrie  —  bei  dem
schwachen  Wachstum  der  vaterländischen  —  macht  einen  weiteren
Schutzzoll  notwendig.
Vom  Standpunkt  der  ausländischen  Konkurrenz  ist  nicht  nur
der  Fortschritt  der  Industrie,  sondern  auch  sein  Tempo  von  großer
Wichtigkeit.  Ein  Land  mit  einer  geringfügigen  kapitalbildenden
Fähigkeit  und  ungenügendem  Zufluß  ausländischen  Kapitals  kann
seine  Industrie,  trotz  des  intensiven  Zollschutzes,  viel  langsamer
entwickeln,  als  es  die  reichen  Nachbarn  tun,  und  wird  folglich
immer  mehr  Zurückbleiben.  Gerade  diesen  Charakter  aber  trägt
die  Entwicklung  der  Industrie  in  Rußland.  Diese  Erscheinung,  die
ganz  natürlich  ist  für  ein  Land,  das  durch  die  Steuerschraube  erschöpft ­
  ist,  erscheint  für  Professor  Soboleff  ganz  unbegreiflich.
Nachdem  er  das  Wachstum  der  Zollsätze  in  Rußland  gekennzeichnet
hat,  stellt  Professor  Soboleff  die  Frage  auf:  »Was  aber  ruft  die
Hebung  der  Zollsätze  hervor.  Es  ist  doch  unmöglich  anzunehmen,
daß  eine  Industrie,  geschützt  durch  hohe  Tarife  und  allerlei  Privilegien, ­
  Subventionen,  staatlichen  Aufträgen  usw.,  statt  sich  zu
vervollkommnen  immer  mehr  zurückgeht  im  Vergleich  mit  der
westeuropäischen  Konkurrenz.  Wäre  es  denn  so,  so  wäre  der
Protektionismus  eine  Ursache,  die  den  Niedergang  der  Industrie
herbeiführt 1 ).  Die  Daten,  die  wir  im  zweiten  Kapitel  angeführt
        <pb n="83" />
        79

haben,  zeigen,  daß  von  einem  Niedergang  der  Industrie  keine  Rede
sein  kann;  das  Wachstum  des  Schutzzolls  in  der  ersten  Hälfte  des
neunzehnten  Jahrhunderts  und  ihr  stationärer  Zustand  seit  dieser
Zeit  zeugen  nur  davon,  daß  die  Politik  der  Heranziehung  ausländischer ­
  Kapitalien  durch  einen  generellen  Schutz  aller  Industriezweige ­
  ihr  Ziel  verfehlte,  und  daß  es  der  Regierung  nicht  gelungen,
ein  Aufblühen  der  russischen  Industrie  auf  Kosten  französischer,
deutscher  und  englischer  Ersparnisse  herbeizuführen.  Herr  Pro-  .
fessor  Soboleff  hätte  den  oben  gezeigten  Fehler  nicht  begangen,
hätte  er  genau  zugesehen,  welche  Bedeutung  das  Quantum  und
die  Herkunft  des  zufließenden  Kapitals  für  die  Entwicklung  der
heimischen  Industrie  besitzt.  Er  ahnt  überhaupt  nicht,  daß  der
generelle  russische  Protektionismus  ein  ganz  anderes  System  der
Zollpolitik  ist,  als  das  protektionistische  System  eines  Lists  und
beurteilt  die  russische  Zollpolitik,  die  die  Heranziehung  ausländischer ­
  Kapitalien  verfolgt,  vom  Standpunkt  einer  Zollpolitik,  die
eine  andere  Verteilung  des  nationalen  Kapitals  unter  den  verschiedenen ­
  Industriezweigen  zum  Ziele  hat*).  Die  eine  Art  des
Protektionismus  gleicht  nicht  der  anderen.  Der  russische  Protektionismus ­
  ist  keineswegs  ein  stümperhafter  Versuch,  das  Listsche
  System  anzuwenden,  sondern  ein  ganz  besonderes  zollpolitisches ­
  System,  das  seine  besonderen  ganz  bestimmten  Ziele  verfolgt.
Wir  halten  es  deshalb  für  völlig  verfehlt,  wenn  Professor  Soboleff
das  Schlußergebnis  seiner  Untersuchung  so  formuliert,  als  ob  in
der  Zollpolitik  Rußlands  die  »protektionistischen  Aufgaben  den
Prinzipien  des  Protektionismus  nicht  entsprochen  haben«  *  2 ).
Mit  den  Ergebnissen  unserer  Zollpolitik  machten  wir  uns  in
dem  vorhergehenden  Kapitel  vertraut.  Die  übermäßige  Steuerlast,
die  eine  Schwächung  der  wirtschaftlichen  Kräfte  der  Bevölkerung
zur  Folge  hatte,  verhinderte  das  Aufkommen  heimischer  Ersparnisse. ­
  Der  Mangel  an  eigenen  Mitteln  rief  einen  Hunger  nach
ausländischen  Kapitalien  hervor.  Das  Bedürfnis  an  Kapital  überstieg ­
  die  nationale  Produktion  in  so  großem  Maße,  daß  in  den
Jahren  1893—1908  nur  40°/o  dieses  Bedürfnisses  durch  die  heimischen ­
  Ersparnisse  gestillt  werden  konnten;  die  übrigen  60°/o  wurden
durch  den  Zufluß  ausländischen  Kapitals  befriedigt.  Diese  Ziffer
ist  so  groß,  daß  man  auf  den  ersten  Blick  vermuten  könnte,  daß

’)  Ibid.  XVIII.  Kapitel:  Die  Bilanz  des  Protektionismus  in  Rußland.
2 )  Ibid.  S.  849.
        <pb n="84" />
        8o

unser  Protektionismus  sui  generis,  dessen  Hauptaufgabe  die  Heranziehung ­
  ausländischen  Kapitals  ist,  von  einem  vollen  Erfolg  gekrönt ­
  ist.  Bei  näherem  Zusehen  aber  stellt  sich  heraus,  daß  unsere
Zollpolitik  in  dieser  Hinsicht  ein  völliges  Fiasko  erlitten  hat.  Die
ausländischen  Kapitalisten  haben  wenig  Vertrauen  zu  fremden
Leuten,  deren  Gewissenhaftigkeit  und  Tüchtigkeit  ihnen  unbekannt
sind.  Die  Uebersiedlung  nach  Rußland  aber  ist  für  sie  wenig  verlockend. ­
  Sie  ziehen  es  deshalb  vor,  ihre  Ersparnisse  in  jene
kolonialen  Länder  zu  schicken,  wo  sie  die  gewohnten,  rechtlichen,
politischen  und  kulturellen  Bedingungen  vorfinden;  in  Rußland
aber  fordern  sie  eine  Garantie  des  Staates.  Aus  der  Gesamtsumme
der  auswärtigen  Kapitalien,  die  in  den  Jahren  1893—1908  nach
Rußland  hinübergesiedelt  haben,  sind  es  nur  20°/o,  die  in  der
Privatindustrie  investiert  worden;  8o°/o  sind  in  die  Reichsfonds

eingelegt.  Durchschnittlich  betrug  der  Kapitalzufluß  im  Jahre

Heimisches

Ausländisches

Kapital

Kapital

Mill.  Rubel

Mill.  Rubel

1893—1896

34,8

—  42,9.

1897—1900

340,7

190,6

1901  —  1904

167,8

1,0

1905—1908

198,1

69,5

Durchschnittlich

185,3

54,6

Diese  Tabelle  zeigt,  daß  alle  Anstrengungen,  die  das  Land
für  die  Heranziehung  ausländischen  Kapitals  gemacht  hat,  ergebnislos ­
  blieben.  Um  jährlich  55  Millionen  Rubel  zu  erhalten,
brauchte  man  nicht  die  Zollsätze  generell  heraufzuschrauben  und
einen  entsprechenden  Zoll  für  unseren  Export  zu  provozieren.
Durch  eine  Anspannung  des  Reichskredits  könnte  man  diese
55  Millionen  Rubel  billiger  erhalten.  Der  Mißerfolg  unserer  Zollpolitik ­
  wird  noch  deutlicher,  wenn  man  den  Zufluß  des  ausländischen
Kapitals  nach  Rußland  in  den  Jahren  1893  —1908  (als  zur  Zeit
•des  höchsten  Triumphes  des  Zollschutzes)  mit  dem  Kapitalzufluß
vergleicht,  der  in  den  Jahren  1860—1870  (während  der  freihändlerischen ­
  Aera)  zu  verzeichnen  war.  Die  heimische  Kapitalakkumulation ­
  war  damals  ganz  minimal  und  die  Aktiengesellschaften ­
  gründeten  sich  hauptsächlich  vermittels  des  ausländischen
Kapitals.  Vergleichen  wir  die  Größe  des  Grundkapitals  der  gegründeten ­
  Aktiengesellschaften  mit  der  Höhe  der  Zollbelastung,
so  erhalten  wir  folgende  Tabelle:
        <pb n="85" />
        —  81.  —

Prozent  der
Steuerbelastung ­


Das  Grundkapital
der  A.-G.  (Jahresdurchschnitt) ­

Millionen  Rubel

1861  —1865

20,7

19,9

1866  —  1870

14,9

133,8

10
00
T
t'-00


13,0

89,9

1876—1880

16,3

28,9

00
co
T
00
co

19,6

45,4

Diese  Tabelle  zeigt,  daß  der  liberale  Tarif  des  Jahres  1868
einen  ungeheueren  Zufluß  des  ausländischen  Kapitals  nach  Rußland ­
  hervorrief.  Im  Jahre  1867  betrug  das  Kapital  der  gegründeten
Aktiengesellschaften  nur  70,5  Millionen  Rubel.  Im  Jahre  1868
waren  es  schon  184,2  Millionen  Rubel,  im  Jahre  1869  154,9.  Die
Krise  des  Jahres  1873  hat  diesen  Zufluß  eingeschränkt.  Nachher
folgte  der  türkische  Krieg  und  der  Uebergang  zum  Protektionismus,
der  eine  ökonomische  Entfremdung  Rußlands  hervorgerufen  hat.
Ein  gewisses  Wachstum  der  Kapitalien  der  gegründeten  Aktiengesellschaften ­
  in  den  Jahren  1881  —1885  erklärt  sich  wahrscheinlich  durch
das  Aufkommen  heimischer  Kapitalien.  Diese  Wirkung  der  hohen
Zollsätze  ist  durchaus  nicht  rätselhaft.  Je  größer  der  Handelsverkehr ­
  zwischen  Rußland  und  dem  Ausland,  je  mehr  Verbindungen
die  auswärtigen  Fabrikanten  und  Händler  in  Rußland  besitzen,  je
besser  die  ausländischen  Kapitalisten  und  Unternehmer  von  den
russischen  Verhältnissen  informiert  sind,  um  desto  leichter  vollzieht
sich  der  Zufluß  des  ausländischen  Kapitals  und  der  ausländischen
Unternehmungslust.  Eine  nationale  Isolierung  stoßt  sie  dagegen
ab  und  nur  in  den  seltenen  Momenten,  wie  z.  B.  in  den  Jahren
1896—1901,  gelingt  es,  diesen  Widerstand  zu  überwinden,  wobei
die  Reklame  und  die  speziellen  Privilegien  eine  große  Rolle  spielen.
Engherzige  nationalistische  Tendenzen  kommen  der  Volkswirtschaft
immer  sehr  teuer  zu  stehen.
Der  Bankrott,  den  die  dreißigjährige  Politik  des  generellen
Protektionismus  in  Rußland  erfahren  hat,  spricht  weder  für  noch
gegen  einen  vernünftigen  Schutz  einzelner  Industriezweige.  Die  Erfahrung ­
  zeigte,  daß  die  Erziehungszölle  zweifellos  eine  positive
Bedeutung  haben.  Im  Vergleich  zu  der  entstehenden  Industrie
junger  Länder  hat  die  entwickelte  Industrie  der  alten  kapitalistischen
Staaten  einige  wichtige  ökonomische  Vorteile.  Erstens  verfügt
die  alte  Industrie  über  einen  genügenden  Stamm  erfahrener  und
arbeitsfähiger  Arbeiter;  die  junge  Industrie  ist  dagegen  genötigt,
Arch.  f.  Sozialwissensch.  u  Sozialpol.  Ergänzungsheft:  Prokopowitsch.  6
        <pb n="86" />
        82

ihre  Arbeiter  erst  zu  erziehen,  was  sehr  teuer  zu  stehen  kommt.
Zweitens,  die  Konzentration  der  Produktion  an  einem  Orte  gewährt
die  Möglichkeit,  die  Produktionskosten  zu  vermindern.  Drittens
verfügt  die  alte  Industrie  über  eine  große  Anzahl  unternehmungslustiger ­
  und  erfahrener  Administratoren,  kennt  genau  den  Markt
und  besitzt  eine  gut  funktionierende  Organisation  des  Absatzes.
Einer  jungen  Industrie  aber  mangelt  es  an  alledem  im  hohen
Maße.  Alle  diese  Vorzüge  einer  alten  Industrie  sind  so  groß,
daß  in  mehreren  Fällen  dieser  oder  jener  Produktionszweig  ohne
Zollschutz  gar  nicht  entstehen  könnte.  Ein  Zollschutz  in  gewissen
Fällen  könnte  deshalb  von  großem  Nutzen  sein.  Aber  neben  den
Industriezweigen,  die  einen  Schutz  bedürfen,  existieren  andere
Zweige,  die  sich  auch  ohne  Schutz  entwickeln  können,  und  noch
andere,  die  auch  unter  dem  Schutz  einer  Zollmauer  nur  zu  vegetieren
vermögen.  Die  Einführung  eines  Zollschutzes  erfordert  deshalb
eine  besondere  Vorsicht;  das  Eingreifen  des  Staates  in  das  wirtschaftliche ­
  Leben  muß  zweckmäßig  und  vernünftig  sein.  Jeder
übermäßig  große  Zollschutz  ist  für  die  Volkswirtschaft  von  großem
Schaden,  da  er  direkter  Verlust  für  die  Konsumenten  der
verzollten  Produkte  ist;  indirekt  aber  trifft  er  alle  Produzenten  der
Exportartikel,  da  er  einen  entsprechenden  Zoll  der  benachbarten
Staaten  provoziert.
Die  Zollschutzpolitik  Rußlands  wird  hauptsächlich  von  dem
Bauerntum  bezahlt,  da  es  der  Hauptkonsument  der  verzollten  Industrieartikel ­
  und  der  Produzent  unseres  wichtigsten  Exportartikels,
des  Getreides,  ist,  der  im  Auslande  einem  Retortionszoll  begegnet.
Ist  der  Schutzzoll  mit  Geschick  und  Vernunft  eingeführt,  so  kann
der  Schaden,  den  er  der  Landwirtschaft  und  seinem  Hauptvertreter,
dem  Bauern,  beibringt,  durch  die  Erfolge  der  Fabrikindustrie  kompensiert ­
  werden;  andernfalls  ist  der  Schaden  ein  direkter  Verlust
für  die  Volkswirtschaft.  Anderseits  muß  man  auch  damit  rechnen,
daß  jedes  Uebermaß  an  Schutz  für  eine  Industrie  einen  technischen
Rückstand  zur  Folge  hat.  Ein  vernünftiges  Schutzsystem  auszuarbeiten ­
  ist  sehr  schwer.  Nicht  der  Mangel  an  Wissen  bei  den
maßgebenden  administrativen  und  gesetzgeberischen  Instituten  ist
hier  ein  Hindernis,  sondern  auch  die  Eigenschaften  jener  Persönlichkeiten, ­
  die  als  Sachverständige  hinzugezogen  werden.  Als
solche  erscheinen  immer  die  Industriellen  und  Unternehmer,  die
die  Privatinteressen  der  Produzenten  bestimmter  Industriezweige
einseitig  beleuchten,  wobei  hinzugefügt  werden  muß,  daß  eine
        <pb n="87" />
        Summe  all  dieser  Privatinteressen  keineswegs  mit  dem  Interesse
der  Volkswirtschaft  identisch  ist.  Was  der  Produzent  gewinnt,
verliert  der  Konsument,  und  ein  einseitiger  Schutz  der  Produzenteninteressen ­
  führt  zu  einer  solchen  Verteilung  des  Nationaleinkommens, ­
  die  nicht  nur  deshalb  zu  verwerfen  ist,  weil  sie  die
Interessen  der  arbeitenden  Massen  beeinträchtigt,  sondern  auch,
weil  sie  einen  schädlichen  Einfluß  auf  die  Entwicklung  der  Produktivkräfte ­
  des  Reiches  ausübt.  Eine  Unterstellung,  wonach  die
Interessen  der  Volkswirtschaft  mit  denjenigen  der  Unternehmerklasse ­
  zusammenfallen,  wird  momentan  in  sehr  großem  Umfange
getrieben.  Die  Einführung  eines  Schutzzolles  erfordert  deshalb
eine  besondere  Vorsicht.  Eine  Vorsicht  ist  hier  um  so  mehr  am
Platze  als  neben  diesen  gefährlichen  Maßnahmen  noch  andere  existieren, ­
  die  ohne  jegliche  Gefahr  das  Ziel  erreichen.  Als  solche
dienen  alle  Maßnahmen,  die  die  Einrichtung  eines  Industriebetriebes
erleichtern,  die  den  industriellen  und  kommerziellen  Kredit  organisieren, ­
  die  den  technischen  und  kommerziellen  Unterricht  fördern,
die  den  persönlichen  Verkehr  der  Gewerbetreibenden  erleichtern
(Eisenbahn,  Post),  die  die  nationalen  Einschränkungen  aufheben
usw.  Der  bekannte  Fachmann  auf  dem  Gebiete  der  Tarifpolitik,
I.  Kolessow,  hat  schon  längst  vollkommen  richtig  bemerkt,  daß  in
Rußland  »eine  Gewohnheit  sich  eingebürgert  hat,  vom  Tarif  allerlei
Wohltaten  für  die  Industrie  zu  erwarten  und  dabei  nichts  zu  tun,  um
die  Mindernisse  wegzuräumen,  auf  die  das  heimische  Gewerbe  auf
Schritt  und  Tritt  stößt.  .  .  .  Hätte  man  zu  den  kaukasischen  Bergwerken ­
  Kleinbahnen  durchgeführt,  so  wäre  es  vielleicht  möglich,  daß
Rußland  seinen  Kupferbedarf  selbständig  zu  decken  vermöchte  1 ).
Wieviel  es  noch  nach  dieser  Richtung  hin  bei  uns  zu  tun  übrig
bleibt,  kann  man  z.  B.  danach  beurteilen,  wie  es  mit  der  Bildung
der  Angestellten  in  den  Industriebetrieben  steht,  die  der  Aufsicht
der  Fabrikinspektoren  unterstellt  sind.  Nach  einer  Enquete,  die
Ende  1903  unternommen  wurde,  war  die  Zahl  der  höheren  und
unteren  Beamten  2 ):
Russische  Staatsbürger  Ausländer
Prozent  Gesamt-  Prozent
summe

Gesamtsumme ­


Höhere  Beamte  .
Untere  Beamte  .

■5oi3  9U3
14330  83,4

1421  8,7
2855  16,6

’)  I.  Kolessow,  Rußlands  Zollpolitik  der  letzten  Zeit,  1890,  S.  5  (russisch).
2 )  Sostaw  slusastschych  w  promyschlennych  sawedeniach  w  otnoschenii
poddanstwa,  jasyka  i  obrasowatelnawo  censa,  1904,  S.  2—3,  13,  24—26.
        <pb n="88" />
        84

Aus  dieser  Gesamtzahl  haben  eine  technische  Bildung  genossen
in  den  Hochschulen,  in  den  Mittel-  und  Elementarschulen:

Ausländer

Russische  Staatsbürger
Aus  dieser

Aus  dieser
Zahl  im
Auslande

im

ganzen

38,8»/«
26,9  &amp;gt;&amp;gt;

4,2  0/0
2,8  »

40,0  °/o
29,1  »

Höhere  Beamte  .  .  13,7  °/°
Untere  Beamte  .  .  13,7  *

Aus  der  Gesamtzahl  der  russischen  Staatsbürger  sind  somit
86,3  °/o  sowohl  der  unteren  wie  der  höheren  Beamten  ohne  jegliche
technische  Bildung.  Unter  diesen  gibt  es  sogar  Analphabeten  und
zwar  nicht  vereinzelt,  sondern  hundertweise.  Es  wurden  Analphabeten ­
  gezählt  unter  den

Höheren  Beamten  ....  97  Personen
Unteren  Beamten  ....  265  »

Diese  Ziffern  sprechen  Bände  und  enthüllen  eine  der  Hauptwunden ­
  der  russischen  Industrie.  Sie  erklären  einerseits,  warum
die  russischen  Fabrikanten  den  Schutz  des  Staates  von  der  ausländischen ­
  Konkurrenz  begehren;  anderseits  aber  zeigen  sie  uns,
warum  dieser  Schutz,  der  die  Konsumenten  so  schwer  belastet,  so
wenig  die  Entwicklung  der  russischen  Industrie  fördert.  Und
zuletzt  zeigen  sie  noch,  daß  die  Einfuhr  technischer  Kenntnisse
aus  dem  Auslande  für  die  russische  Industrie  vielleicht  eine  größere
Bedeutung  hat  als  die  Heranziehung  ausländischer  Kapitalien.
Das  System  des  generellen  Schutzes,  das  in  den  letzten
drei  Dezennien  geherrscht  hat,  hat  somit  ein  volles  Fiasko  erlitten.
Die  Erfahrung  hat  gezeigt,  daß  trotz  aller  Verlockungen  das  ausländische ­
  Kapital  uns  nur  in  geringem  Umfange  (etwa  55  Millionen ­
  Rubel  im  Jahr)  zuströmt,  der  die  schweren  Opfer  der
Bevölkerung  gar  nicht  kompensieren  kann.  Je  größer  das  Wachstum ­
  der  heimischen  Kapitalien  ist  —  in  den  Jahren  1901—1904
waren  es  209  Millionen  Rubel  im  Jahre,  in  den  Jahren  1905—1908
waren  es  schon  339  Millionen  Rubel  im  Jahre,  in  den  letzten
drei  Jahren  überstieg  es  750  Millionen  Rubel  —,  desto  geringer
wird  die  Bedeutung  des  ausländischen  Kapitals  für  die  russische
Volkswirtschaft.  Diese  zwei  Momente  —  das  Herabsinken  der
relativen  Bedeutung  des  ausländischen  Kapitals  und  der  Mißerfolg
des  generellen  Protektionismus  —  lassen  in  der  nächsten  Zukunft
eine  wesentliche  Aenderung  in  unserer  Zollpolitik  erwarten.
        <pb n="89" />
        35

Der  generelle  Schutz  muß  dem  Schutze  einzelner  Industriezweige
Platz  machen  J).  Es  ist  möglich,  daß  diese  Reform  des  Zolltarifes
eine  bedeutende  Verstärkung  des  Zuflusses  ausländischer  Kapitalien
zur  Folge  haben  wird  (ähnlich  dem  Zufluß,  den  wir  in  den  Jahren
1868—-1873  erlebt  haben).  Durch  diese  Reform  wird  sich  der
Handelsverkehr  mit  dem  Auslande  vergrößern;  es  ist  aber  bekannt,
daß  das  ausländische  Kapital  überall  dem  ausländischen  Unternehmer ­
  folgt.  Was  aber  das  zweite  bestimmende  Motiv  unserer
Zollpolitik  anbetrifft  —  die  Sorge  um  eine  günstige  Handelsbilanz ­
  —,  so  ist  dabei  zu  bemerken,  daß  die  bedeutenden  Geldvorräte, ­
  die  im  Lande  angehäuft  sind,  die  Bedeutung  der  Frage
herabmindern.  Es  läßt  sich  nunmehr  in  viel  bedeutenderem  Maße
als  am  Ende  der  siebziger  und  in  den  achtziger  Jahren  erwarten,
daß  das  freie  Spiel  der  wirtschaftlichen  Kräfte  die  Resultate  des
Handelsverkehrs  automatisch  korrigieren  wird.  Dabei  muß  noch
in  Betracht  gezogen  werden,  daß  der  Charakter  unserer  Zahlungsbilanz ­
  jetzt  nicht  nur  von  unserem  Außenhandel,  sondern  auch
von  der  Bewegung  der  russischen  Reichsfonds  abhängig  ist.  Für
die  Reichsanleihen  wurden  gezahlt  (Zinsen  und  Amortisation):

Insgesamt

In  Rußland

Im  Auslande ­


Mill.  Rubel

Mill.  Rubel

Mill.  Rubel

1908

397,6

i95,°

202,6

1909

394,5

214,4

180,5

1910

409,0

233,6

i75,4

1911

399,5

255,s

143,7

')  Für  die  Herabsetzung  der  Zollabgaben  spielt  auch  die  folgende  Erwägung ­
  eine  Rolle.  Eine  Fabrikindustrie,  die  sich  entwickelt,  braucht  für  ihre
Produkte  ein  immer  größeres  Absatzgebiet.  Der  Hauptabnehmer  unserer
Industrieartikel  ist  der  Bauer;  die  Erweiterung  des  Absatzmarktes  kann  somit
nur  durch  eine  Vergrößerung  der  Kaufkraft  der  bäuerlichen  Wirtschaft  geschehen. ­
  Diese  Vergrößerung  wurde  bis  jetzt  hauptsächlich  durch  den  Uebergang
  von  Natural-  zur  Tauschwirtschaft  erreicht.  Im  allgemeinen  ist  dieser
Prozeß  nunmehr  im  europäischen  Rußland  (mit  Ausnahme  der  östlichen  Gouvernements) ­
  als  vollzogen  zu  betrachten.  Es  ist  daher  notwendig,  zu  einem
anderen  Mittel  zu  greifen,  —  zur  Hebung  der  Rentabilität  der  bäuerlichen
Wirtschaft.  Die  Verarmung  der  Bauern,  der  Niedergang  der  bäuerlichen
Wirtschaft  bedroht  die  russische  Industrie  durch  eine  Einschränkung  des
inneren  Marktes.  Unsere  Industriellen  haben  somit  ein  Interesse  an  der
Herabsetzung  des  Zolles  für  landwirtschaftliche  Produkte,  die  Rußland  nach
dem  Ausland  exportiert.  Diese  Herabsetzung  kann,  nur  dadurch  erreicht
werden,  daß  man  seinerseits  die  Zollsätze  für  die  nach  Rußland  importierten
Waren  herabsetzt.
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        86

Danach  kehrten  aus  dem  Auslande  während  der  letzten  zwei
Jahre  etwa  850  Millionen  Rubel  russischer  Reichsfonds  zurück 1 ).
Die  Regierung  hat  keine  Mittel,  um  auf  dieses  Element  der
Zahlungsbilanz  eine  Wirkung  auszuüben;  es  ist  nutzlos,  irgendwelche ­
  Opfer  für  eine  positive  Handelsbilanz  zu  bringen,  sobald
der  Exportüberschuß  (im  Verhältnis  zum  Import)  jeden  Tag  nach
dem  Auslande  zum  Einkauf  russischer  Wertpapiere  abfließen  kann.
Bei  der  heutigen  Sachlage  besitzt  die  Regierung  nur  ein  Mittel
zur  Regulierung  einer  ungünstigen  Zahlungsbilanz.  Und  dieses
Mittel  ist  die  Abschließung  neuer  Anleihen.  Wir  sind  deshalb
der  Meinung,  daß  die  Sorge  um  eine  günstige  Zahlungsbilanz
schon  in  der  nächsten  Zeit  keinen  Einfluß  auf  die  Handelspolitik
Rußlands  ausüben  wird.
Ganz  anders  steht  es  mit  dem  dritten  Motiv  unserer  Zollpolitik ­
  —  mit  dem  fiskalischen.  Solange  die  Besteuerung  etwa
20°  0  des  Volkseinkommens  absorbiert,  müssen  die  Zölle,  als  eine
der  bequemsten  Besteuerungsformen,  notwendigerweise  ein  Maximum
der  Einnahmen  gewähren.  Eine  radikale  Herabsetzung  der  fiskalischen ­
  Zölle  können  wir  deshalb  nur  in  Verbindung  mit  einer
Herabsetzung  der  Steuerbelastung  erwarten,  was  aber  nur  dann
möglich  wäre,  wenn  der  Charakter  unserer  auswärtigen  Politik
wesentlich  geändert  wird  und  wenn  die  Ausgaben  für  Heer  und
Marine  eingeschränkt  werden.  Solche  radikalen  Reformen  sind
aber  nur  unter  einem  demokratischen  Regime  denkbar.  Solange
wir  ein  solches  nicht  besitzen,  sind  nur  relativ  unbedeutende
Herabsetzungen  der  Zollsätze  und  zwar  zwecks  Vergrößerung  der
Zolleinnahme  zu  erwarten.  Die  Zollarithmetik  ist  bekanntlich  ein
sehr  launiges  Ding  und  größere  Zolleinnahmen  lassen  sich
manchmal  durch  geringere  Zollsätze  erzielen.  Die  Vergrößerung
der  Zolleinnahmen  durch  eine  Herabsetzung  der  Zollsätze  wurde
bis  zuletzt  durch  die  Sorge  um  die  Handelsbilanz  und  durch  den
generellen  Protektionismus  verhindert.  Verschwinden  diese  Motive
unserer  Zollpolitik  von  der  Oberfläche,  so  gelangen  wir  zu  der
Herabsetzung  der  Zollsätze,  wie  es  in  den  Jahren  1852—1875  der
’)  Diese  Erscheinung  steht  zweifellos  im  Zusammenhang  mit  dem  noch
nie  dagewesenen  Wachstum  des  russischen  Exports  der  letzten  Jahre:

Jahre

Export

Handelsbilanz

1909

1427,7  Mill.  Rubel

+  521,4  Mill.  Rubel

1910

1449,1  »

+  364,7  »

1911

1591,4  »

+  429,7  »
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        87

Fall  war.  Daß  eine  gewisse  Tendenz  in  dieser  Richtung  existiert,
zeigt  das  Sinken  der  Steuerbelastung  auf  Lebensmittel.  Seit
1875  —1905  wuchs  diese  Besteuerung  beständig  und  erreichte
zuletzt  73,4°/o  des  Importproduktes.  Zum  Jahre  1908  sank  diese
Norm  bis  zu  SO,9°/o  herab.  Es  ist  deshalb  zu  erwarten,  daß  auch
die  fiskalischen  Zölle  nunmehr  herabgesetzt  werden.
Ob  unsere  Erwartungen  sich  in  der  Tat  verwirklichen  werden,
das  hängt  natürlich  nicht  nur  von  den  Bedürfnissen  der  Volkswirtschaft, ­
  sondern  auch  von  dem  Verhältnis  der  politischen  Kräfte
im  Lande  ab.  Dieses  Moment  aber  liegt  außerhalb  des  Rahmens
unserer  Untersuchung.
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        „Archiv  für  Sozialwissenschaft  und  Sozialpolitik“.
In  Verbindung  mit  Werner  Sombart  und  Max  Weber
herausgegeben  von  Edgar  Jaffe.

Redaktions-Sekretär  :  ’Emil  Lederer,  Heidelberg.

Jährlich  2  Bände  ä  3  Hefte.  —  Jedes  Heft  wird  für  sich  berechnet.

Aus  dem  Inhalt  des  2.  Heftes  des  sechsunddreißigsten  Bandes.
(März  1913.)

,  ABHANDLUNGEN.
Die  naturphilosophischen  Grundlagen  der  Wirtschaftstheorie.  Von
Professor  SERGEI  BULGAKOFF,  Moskau.
Zur  historischen  Analyse  des  Patriotismus.  Von  Professor  ROBERT
MICHELS,  Turin,  II.  (Schluß).
Zur  Systematik  der  Lohnmethoden.  Von  Dr.  KARL  KUMPMANN,  Bonn.
Petroleum-Monopol.  Von  ***.
Ueber  die  Fortschritte  der  gesetzlichen  Regelung  der  Arbeitszeit  in
Frankreich.  Von  PAUL  LOUIS,  Paris.
Die  neue  wohnungspolitische  Gesetzgebung  Oesterreichs.  Von  Dr.
Karl  Forchheimer,  Wien.
LITERATUR.
Die  Kaufkraft  des  Geldes.  Von  W.  EGGENSCHWYLER,  Turin,  II.
(Schluß).
Literatur  zum  Petroleummonopol.  Von  Dr.  Th.  M.  VOGELSTEIN,
München.
Zur  Soziologie  des  Parteiwesens  der  modernen  Demokratie.  Von
Professor  HERMANN  ONCKEN,  Heidelberg.
Der  Geburtenrückgang.  Von  Dr.  SIEGFRIED  BUDGE,  Frankfurt  a.  M.
LITERATUR-ANZEIGER.
SOZIALPOLITISCHE  CHRONIK.
—p  Die  Gewerkschaftsbewegung  in  Deutschland  und  Oesterreich,  die
Arbeitersozialpolitik  und  die  Kämpfe  zwischen  Unternehmern  und
Arbeitern  im  Jahre  1912.
        <pb n="93" />
        Umschlag-Druck  von  H.  Laupp  jr  in  Tübingen.

Perlag  uoa  3.  E.  B.  fllohr  (Paul  Siebeck)  rn  Tübingen.
Die  Industrie  und  der  Staat.
Von
Hugo  Böttger.
8.  1910.  M.  3.20.  Gebunden  M.  4.—.

Das  Staatsrecht  des  Russischen  Reiches.
Von
Dr.  Wiatscheslaw  Gribowski,
Professor  der  Kechte  an  der  Universität  Odessa.
Lex.  8.  1912.  M.  7.—,  gebunden  M.  9.—.
(Das  öffentliche  Recht  der  Gegenwart.  Systematischer  Teil.  Eand  XVII.)
Preis  bei  Subskription  auf  das  ganze  Sammelwerk  (Systematischer  Teil  und
Jahrbuch)  M.  6.30,  gebunden  M.  7.-.

Jahrbuch  der  sozialen  Bewegung
in  Deutschland  und  Oesterreich
1912.

Von
Dr.  Emil  Lederer,
Heidelberg.
Separatabdruck
aus  dem
„Archiv  für  Sozial  Wissenschaft  und  Sozialpolitik“.
Groß  8.  1912.  M.  4.—.

Kriegssteuer  oder  Kriegsanleihe?
Von
Dr.  Heinrich  Dietzel,
Professor  in  Bonn.
Groß  8.  1912.  M.  1.60.
....  Die  Schrift  trägt  ein  reichhaltiges  Material  zur  Beantwortung
des  Problems  zusammen  und  ist  dabei  so  klar  und  leichtverständlich  abgefaßt, ­
  wie  wir  es  leider  nur  den  wenigsten  Schriften  unserer  Gelehrten  nachrühmen ­
  können.  Jeder,  der  Interesse  an  den  berührten  Fragen  nimmt,  wird,
gleichgültig  ob  Freund  oder  Feind  der  Kriegsanleihe,  aus  der  Schrift  reiche
Belehrung  schöpfen.
Die  Post.  12.  7.  19/2.
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        the  scale  towards  document

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1866—1870

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1876—1880

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00
00
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CO
00
G/u

&amp;gt;9,6

8  I

Das  Grundkapital
der  A.-G.  (Jahresdurchschnitt) ­

Millionen  Rubel
&amp;gt;9,9
&amp;gt;33,8
89.9
28.9
45,4
'abelle  zeigt,  daß  der  liberale  Tarif  des  Jahres  1868
eueren  Zufluß  des  ausländischen  Kapitals  nach  Rußpf-
  Im  Jahre  1867  betrug  das  Kapital  der  gegründeten
chaften  nur  70,5  Millionen  Rubel.  Im  Jahre  1868
.on  184,2  Millionen  Rubel,  im  Jahre  1869  154,9.  Die
ires  1873  hat  diesen  Zufluß  eingeschränkt.  Nachher
rkische  Krieg  und  der  Uebergang  zum  Protektionismus,
anomische  Entfremdung  Rußlands  hervorgerufen  hat.
Wachstum  der  Kapitalien  der  gegründeten  Aktiengesell-:n
  Jahren  1881  —1885  erklärt  sich  wahrscheinlich  durch
len  heimischer  Kapitalien.  Diese  Wirkung  der  hohen
i  durchaus  nicht  rätselhaft.  Je  größer  der  Handels-:hen
  Rußland  und  dem  Ausland,  je  mehr  Verbindungen
en  Fabrikanten  und  Händler  in  Rußland  besitzen,  je
usländischen  Kapitalisten  und  Unternehmer  von  den
rhältnissen  informiert  sind,  um  desto  leichter  vollzieht
uß  des  ausländischen  Kapitals  und  der  ausländischen
gslust.  Eine  nationale  Isolierung  stoßt  sie  dagegen
n  den  seltenen  Momenten,  wie  z.  B.  in  den  Jahren
gelingt  es,  diesen  Widerstand  zu  überwinden,  wobei
und  die  speziellen  Privilegien  eine  große  Rolle  spielen,
itionalistische  Tendenzen  kommen  der  Volkswirtschaft
.Euer  zu  stehen.
krott,  den  die  dreißigjährige  Politik  des  generellen
us  in  Rußland  erfahren  hat,  spricht  weder  für  noch
vernünftigen  Schutz  einzelner  Industriezweige.  Die  Er-:e,
  daß  die  Erziehungszölle  zweifellos  eine  positive
lben.  Im  Vergleich  zu  der  entstehenden  Industrie
»  hat  die  entwickelte  Industrie  der  alten  kapitalistischen
e  wichtige  ökonomische  Vorteile.  Erstens  verfügt
itrie  über  einen  genügenden  Stamm  erfahrener  und
Arbeiter;  die  junge  Industrie  ist  dagegen  genötigt,
issensch.  u  Sozialpol.  Ergänzuugsheft:  Prokopowitsch.  6
        <pb n="95" />
        ﻿
        <pb n="96" />
        ﻿
        <pb n="97" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
