<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Deutschlands chemische Industrie</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Bernhard</forname>
            <surname>Lepsius</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1028804180</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        ﻿
        <pb n="2" />
        ﻿Deutschlands
Chemische Industrie

1888—1913

von

Professor Dr. B. Lepsius

Dr.-lng. h. c.

Verlag von Georg Stilke, Berlin NW. 7

Hofbuchhändler Sr. Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen

1914

Preis Mark 1,50
        <pb n="3" />
        ﻿Deutschlands
Chemische Industrie

1888—1913

von

Professor Dr. B.^Lepsius

Dr.-Ing. h. c.

-V

Verlag von Georg Stilke, Berlin HW. 7

Hofbuchhändler Sr. Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen

1914
        <pb n="4" />
        ﻿
        <pb n="5" />
        ﻿Vorwort.

Die vorliegende Darstellung der Entwicklung der
chemischen Industrie Deutschlands in den letzten
25 Jahren wurde ursprünglich geschrieben als Beitrag
zu dem von den Herren Dr. von Behr-Pinnow, Pro-
fessor Dr. Dietrich und Professor Dr. Kayserling im
Verlage von Georg Stilke herausgegebenen Jubiläums-
werke „Soziale Kultur und Volkswohlfahrt während der
ersten 25 Regierungs-Jahre Kaiser Wilhelm II“.

Vielfach geäusserte Wünsche haben mich veranlasst,
meinen Beitrag durch diese Sonderausgabe, mit der sich
Herausgeber und Verleger des Jubiläumswerkes1 bereit-
willigst einverstanden erklärt haben, weiteren Kreisen
zugänglich zu machen.

In der neuen Ausgabe sind einige Verbesserungen
vorgenommen und die in der Zwischenzeit veröffent-
lichten statistischen Daten berücksichtigt worden; ferner
ist sie durch Anmerkungen und Literaturnachweise er-
gänzt worden.

Berlin-Dahlem, im Dezember 1913.

B. Lepsius.

l*
        <pb n="6" />
        ﻿Kaiser Wilhelm-Institut für Chemie, Dahlem
        <pb n="7" />
        ﻿
        <pb n="8" />
        ﻿

Scientia potestas est.

F. Bacon.

Fürstliche Jahrestage sind von jeher Denksteine der
Geschichte gewesen, Ruhepunkte im rastlosen Ge-
schehen, an denen wir innehalten wie der Wanderer
im Gebirge, der von gewonnener Höhe zurückschaut
und im Blick1 auf die durchmessene Strecke den Lohn
empfindet für die aufgewendete Mühe.

So ergreifen wir in dem Jahre, da Deutschland
und Preussen das silberne Jubiläum der Regierung des
Kaisers und Königs Wilhelms II. begehen, die will-
kommene Gelegenheit, uns der Früchte unserer Arbeit,
der Mehrung unserer Güter, der Vertiefung unserer
Erkenntnis zu erfreuen, die wir dieser segensreichen
Friedenszeit verdanken, uns der Fortschritte zu er-
innern, die die Wohlfahrt unseres Volkes genommen.

Chemische Wissenschaft und Industrie sind an diesen
Fortschritten nicht unbeteiligt. Ja, sie dürfen sich
rühmen, an dem wirtschaftlichen Aufschwung unserer
gesamten Industrie und an der Steigerung unserer Volks-
wohlfahrt mit in erster Linie teilgenommen zu haben.
Hatte sich doch die chemische Industrie in Deutsch-
land in dem letzten Vierteljahrhundert einer Entwick-
lung zu erfreuen wie in keinem andern Lande. Der
Schilderung dieser Entwicklung und ihres Einflusses auf
Volkswirtschaft und Volkswohlfahrt sollen die folgenden
Blätter gewidmet sein.
        <pb n="9" />
        ﻿6

Für die Fortschritte der Naturwissenschaften und
insonderheit für die Chemie hat der Kaiser oft und noch
in jüngster Zeit eine tätige Anteilnahme bekundet; sind
doch die ersten Forschungsinstitute seiner grosszügigen
Schöpfung, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, dieser
Wissenschaft gewidmet. In dieser Fürsorge dürfen wir
wohl ein Vermächtnis erkennen, nicht nur der Kaiser-
lichen Mutter, die seit den Tagen von Windsor den
beredten Worten ihres begeisterten chemischen Lehrers
A. W. von Hofmann mit Vorliebe gelauscht hat,
sondern ebenso des erlauchten Geschlechts der Hohen-
zollern, die seit einem halben Jahrtausend mit der
Scheidekunst häufig in innige Berührung gekommen sind
und an chemischen Ereignissen, daran die Geschichte
der HohenzollernsChen Lande und im besonderen ihrer
Haupt- und Residenzstadt nicht arm ist, stets lebhaften
Anteil genommen haben.

Einleitung Als der Burggraf Friedrich von Nürnberg im
Jahre 1412 die ihm vom Kaiser Sigismund verpfän-
dete Mark in Besitz nahm, bediente er sich alsbald
der soeben in die Kriegskunst eingeführten chemischen
Energie, um das Volk vor den Unterdrückungen des
raubritterlichen Adels zu schützen, denen es fast ein
Jahrhundert preisgegeben war. Unter der vernichtenden
Wirkung des Schwarzpulvers und dem Donner der
„Faulen Grete“ fallen die Burgen der märkischen Barone*),
und unter den Hohen zoll ern kehren allmählich geord-
nete Zustände in die Mark zurück. In der Hand der
Bauleute formt sich der gebrannte Ziegel zu kunstvollen

*) Allein den Quitzows musste Friedrich 24 feste Schlösser
nehmen, bis er sie besiegt hatte. Werke Friedrich d. Grossen, 1913.1.13.
        <pb n="10" />
        ﻿7

j

Giebeln und Türmen, und bald fehlt es auch nicht an
Versuchen zur Erforschung- der Natur. Allerdings werden
sie beherrscht von der damals 9chon tausendjährigen
Alexandrinischen Wahnvorstellung des Steins der
Weisen, die vom 13. bis über das 16. Jahrhundert hinaus
auch unser Vaterland in alchemistische Träume bannt. Alchemie
Dieser Zeitströmung haben sich auch die Hohenzollern
nicht entzogen. Der älteste Sohn Friedrichs, Markgraf
Johann, führt den Beinamen des Alchemisten; er ex-
perimentiert jahrelang auf der Plassenburg in Franken,
aber mit demselben Misserfolg wie die späteren Fürsten,
die sich der Kunst der Metallverwandlung widmen. Auch
die grosse Zeit der Buchdruckerkunst, der Weltumsege-
lung und der Reformation ändert nichts an dem über-
kommenen Aberglauben. Kurfürst Joachim I., der
Nachfolger Johann Ciceros, ist trotz seiner im
Jahre 1506 erfolgten Gründung der märkischen Uni-
versität Frankfurt noch umgeben von Alchemisten und
Nekromanten. Als sein Hofastrolog aus der Gruppierung
der Sterne den Untergang der Städte Berlin und Kölln
auf den 25. Juli 1525 berechnet, zieht er mit dem
Hofstaat auf den Tempelhöf er Berg, um das seltene
Schauspiel zu beobachten.

Sein Enkel Johann Georg, ein eifriger Lutheraner,
beruft, in dem Bestreben, den Staatshaushalt der Mark
zu verbessern, den Schweizer Alchemisten Leonhard
Thurneisser zu seinem Leibarzt und errichtet ihm
in der ehemaligen Franziskanerabtei, dem jetzigen Sitz
des Berlinischen Gymnasiums zum Grauen Kloster, ein
wohlausgestattetes Laboratorium. Aber obwohl die me-
dizinische Privatpraxis, in der die berühmte Harnprobe
eine bedeutende Rolle spielt, dem Wunderdoktor mehr
Geld einbringt als seine Goldmacherkunst dem Staate,

t
        <pb n="11" />
        ﻿8

,!

Rubinglas

bleibt das alchemistische Laboratorium die traditionelle
Einrichtung des Brandenburgischen Hofes.

Auch der Grosse Kurfürst huldigt den Anschau-
ungen seiner Zeit Wie lebhaft jedoch alle Entdeckungen
seine Teilnahme erwecken, bezeugen die Magdeburger
Halbkugeln Otto von Guerickes, die noch jetzt auf
der Königlichen Bibliothek zu Berlin aufbewahrt werden.
Aber wenn er auch nicht in den Besitz der ersehnten
Tiriktur gelangt, so finden wir in seinem Laboratorium
doch einen der ausgezeichnetsten Experimentatoren seiner
Zeit, den berühmten Alchemisten Johann Kunkel,
schon ein Chemiker im Sinne unserer Tage, der sich um1
die Wissenschaft bleibende Verdienste erworben hat.*)

Auf der Pfaueninsel bei Potsdam, wo ihm der Kur-
fürst ein Laboratorium erbaut, errichtet er eine Krystall-
glashütte und erfindet 1678 das goldhaltige Rubinglas,
dessen Farbenpracht nicht übertroffen worden ist, wie
wir an der sehenswerten Sammlung seiner Kunstgläser
erkennen, die wir noch heute im Berliner Kunstgewerbe-
Museum bewundern. Der von ihm verwendete Glas-
bläsertisch ist noch jetzt ein unentbehrliches Hilfsmittel
im chemischen Laboratorium. Zum zweiten Male ent-
deckt Kunkel den Phosphor, dessen Bereitung der erste
Entdecker Brand in Hamburg geheimhielt, der ihn
1669 aus dem Urin erhalten hatte, als er daraus den
Stein der Weisen zu gewinnen gedachte. Die neue Ent-
deckung bringt Kunkels „Oeffentliche Zuschrift vom
Phosphoro mirabile“ zur allgemeinen Kenntnis. Dieser
merkwürdige Stoff blieb lange eine Kuriosität, deren

*) Die ältere Chemische Geschichte Berlins hat A. W. Hof mann
in einem (hier mehrfach benutzten) akademischen Vortrag: Ber-
liner Alchemisten und Chemiker, Berlin 1882, eingehend behandelt.
        <pb n="12" />
        ﻿9





Anblicks sich nur Wenige zu erfreuen hatten. Noch
50 Jahre nach seiner Entdeckung wurde eine Unze mit
16 Dukaten bezahlt, wofür man heute 40 kg erhalten
kann.

■*







Im-

Der Phosphor wurde bis vor 20 Jahren nur in Phosphor
England und Frankreich fabriziert. 1892 führte die
Chemische Fabrik Griesheim-Elektron in Frank-
furt a. M. die Phosphorfabrikation auf elektrothermi-
schem Wege in Deutschland ein, das die grösste Zünd-
holzproduktion besitzt und daher am meisten Phosphor
Verbraucht. Die heute verwendeten ungiftigen, soge-
nannten schwedischen Zündhölzer wurden von Chr.

Böttger in Frankfurt a. M. im Jahre 1848 erfunden,
der den kurz zuvor von A. Sehr öfter in Wien ent-
deckten roten Phosphor an Stelle des giftigen gelben in
der Reibfläche verwendete. Da der deutsche Prophet
aber in seinem Vaterlande nicht gehört wurde, wandte
er sich nach Schweden, von wo zehn Jahre später seine
Erfindung nach Deutschland zurückkehrte.

Die deutsche Produktion dieser Zündhölzer betrug
im Jahre 1912 84 Milliarden Stück oder 1400 Millionen
Schachteln, die ein Gewicht von 21 000 Tonnen reprä-
sentieren, zu deren Beförderung ein Zug von 2100 Eisen-
bahnwagen erforderlich sein würde. Die wirtschaftliche
Bedeutung dieser Industrie spricht sich in der Tatsache
aus, dass dem Deutschen Reiche aus der Zündwaren-
steuer jährlich fast 20 Millionen Mark zufliessen.

Als an der Schwelle des 18. Jahrhunderts der Sohn Porzellan
des Grossen Kurfürsten den Kurhut mit der Königs-
krone vertauschte, wurden die Geldbedürfnisse des
preussischen Staates begreiflich nicht geringer, und mit
        <pb n="13" />
        ﻿10

Befriedigung hört der neue König von einem Adepten,
der sich in der Spandauer Strasse mit Goldmachen be-
schäftigt. Der sechzehnjährige Gehilfe Johann Fried-
rich Böttcher, aus Schleiz gebürtig, hatte sich in
Magdeburg mit Mathematik und Feuerwerkerei be-
schäftigt; seine Vorliebe für die Chemie veranlasste ihn,
nach Berlin zu dem Apotheker Zorn in die Lehre zu
gehen. Durch Talent und Fleiss ausgezeichnet, arbeitet
er trotz des Verbots seines Lehrherrn ganze Nächte an
alchemistischen Problemen und erbietet sich endlich, die
Metallveredlung vor Zeugen auszuführen. Der aufsehen-
erregende Versuch gelingt, und das „tingierte Gold“
wird alsbald dem Könige Vorgelegt. Schon jedoch hat
Böttcher Berlin verlassen und bei Wittenberg die
sächsische Grenze überschritten. Aber die polnische
Königskrone August II. verursacht nicht weniger Geld-
bedürfnisse als die preussische, und so wird der ver-
meintliche Goldvogel, ungeachtet, dass sich der Handel
fast zu einem Casus belli zwischen Sachsen und Preussen
zuspitzt, auf Befehl des in Warschau befindlichen Kur-
fürsten in Dresden in Verwahrsam genommen, wo er
zwar kein Gold macht, sich aber in Gemeinschaft mit
dem Physiker von Tschirnhaus keramischen Experi-
menten hingibt und nach acht Jahren der Begründer
der weltberühmten Meissner Porzellanfabrik wird.

So bedeutete die Flucht Böittchers doch einen Ver-
lust für Preussen. Aber der Vorsprung wird bald ein-
geholt.

Zwar sind die ersten Versuche, Meissener Porzellan
in Berlin zu machen, nicht befriedigend. Man ruft die
Wissenschaft zu Hilfe, und im Aufträge Friedrichs
des Grossen unternimmt es der Akademiker und Hof-
apotheker Johann Heinrich Pott, die Frage auf syn-
        <pb n="14" />
        ﻿11

thetischem Wege zu lösen, indem er in 30000 einzelnen
Versuchen alle möglichen keramischen Mischungen den
verschiedensten Temperaturen aussetzt.

In seinem berühmten Werke: „Chymische Unter-
suchungen, welche fürnehmlich von der Lithogeognoseia
handeln“, werden diese Versuchs, die den Grund für
die wissenschaftliche Erkenntnis des Verhaltens der
Materie bei hohen Temperaturen gelegt haben, ein-
gehend beschrieben. Sie gehören dem Friedensjahrzehnt
vor dem siebenjährigen Kriege an.

Inzwischen hatte der Kaufmann Wilhelm Caspar
Wegely den erfolglosen Versuch gemacht, mit Hilfe
von Arbeitern, die das Meissener Geheimnis zuerst
nach Höchst a. M. gebracht hatten, in Berlin eine Por-
zellanfabrik zu errichten. Besseren Erfolg hatte der
Kaufmann Joh. Ernst Gotzkowski, der mit Hilfe
eines Wegelysehen Arbeiters in dem in der Leipziger
Strasse gelegenen Dorvilleschen Hause, wo noch heute
die Niederlage der Berliner Manufaktur ihren Sitz hat,
eine neue Fabrik errichtete. Aber die ungünstigen Zeiten
zwangen ihn, im August 1763 seine Zahlungen einzu-
stellen. Schon im nächsten Monat ging die Fabrik, die
Gotzkowski Friedrich dem Grossen zum Kauf an-
geboten hatte, für den Preis von 225 000 Talern in den
Besitz des Königs über, dessen Interesse für die Por-
zellanfabrikation noch gewachsen war, da er während
des Krieges mehrfach Gelegenheit hatte, die Konstruk-
tion der Porzellanöfen in Meissen selbst zu studieren.
Von dem ersten Besuch des Königs in der Berliner
Fabrik am 11. September 1763 berichtet der Chronist
Grieninger: „Niemals hat sich wohl ein Monarch
gnädiger herabgelassen. Sein huldreicher Blick er-
streckte sich über alles. Bei dem Brennofen sprach
        <pb n="15" />
        ﻿I

12

er lange mit mir und zeichnete den Umriss von einem
sächsischen Qarofen in meine Schreibtafel.“

Bald arbeitet die Fabrik mit 500 Arbeitern und
fertigt gute Ware, die die Anerkennung des Königs findet:
„Sieht Er, das ist schön“, sagt er zum' Direktor
Grieninger, „und schöner als ichs zu Meissen gesehen
habe; aber ich kanns nicht kaufen, ich habe kein Geld.“
Trotzdem ist Friedrich selbst der bedeutendste Ab-
nehmer, obwohl für den anderweitigen Absatz alles
mögliche getan wird. Die Kriegs- und Domänenkam-
mern in den Provinzen mussten Niederlagen errichten;
der Generallotterie wurde auferlegt, jährlich für 6000
Taler anzukaufen, und die Juden waren genötigt, eine
gewisse Menge Porzellan gegen bare Zahlung zu ent-
nehmen, eine Verpflichtung, die erst 1797 mit 40 000
Talern abgelöst wurde. Auch unter den Nachfolgern des
grossen Königs hat sich die Königliche Manufaktur
besonderer Fürsorge zu erfreuen. Aus einem Immediat-
bericht vom Jahre 1793 geht hervor, dass sie eine der
ersten industriellen Anstalten gewesen ist, die die Dampf-
maschine einführte. Auch führt sie berühmte Namen
unter ihren Mitarbeitern; im Jahre 1791 gehörte
Alexander v. Humboldt und der Berliner Chemiker
Klaproth der Farbenkommission an.

So ist die Königliche Porzellanmanufaktur, die
später auf ein zwischen dem Tiergarten und der
Spree gelegenes Gelände übersiedelte, durch ihre hervor-
ragenden Leistungen für die Entwicklung des Kunstge-
werbes in Preussen von vorbildlicher Bedeutung ge-
worden. In den letzten Jahrzehnten ist unter staat-
licher Beihilfe durch fortgesetzte Versuche die Technik
des Porzellans auf allen Gebieten vervollkommnet
worden. Ganz besonders aber haben die zu chemischen
        <pb n="16" />
        ﻿13

Zwecken in den Laboratorien und in der Industrie ver-
wendeten Porzellangegenstände, wie Tiegel, Schalen,
Kessel, Röhren usw., durch ihre Temperaturbeständig-
keit und ihre säurefeste Glasur eine Vollendung er-
fahren, die dem „Berliner Porzellan“ einen Weltruf
verschafft hat.

Das ganz persönliche hohe Interesse, das auch unser
Kaiser dem keramischen Gewerbe in reichem Masse
zuwendet, ist aus der Tatsache bekannt, dass er auf
seinem Landgut Cadinen durch den Direktor der Ber-
liner Porzellanmanufaktur A. Heinecke eine Majolika-
fabrik hat errichten lassen.

Die Zahl der Porzellan- und Steingutfabriken in
Deutschland hat sich in den letzten 25 Jahren von 228
auf 359, die Anzahl der darin beschäftigten Arbeiter von
37 000 auf 66 000 vermehrt.

Wenn Potts keramische Arbeiten auf rein wissen-Berliner Blau
schaftliCher Grundlage geschahen, so wurde um dieselbe
Zeit eine wichtige Berliner Entdeckung ganz zufällig ge-
macht. Als der Farbenkunstler Diesbach eine eisen-
haltige Cochenille-Abkochung mit einer Kalilauge fällen
wollte, die zufällig durch eine stickstoffhaltige anima-
lische Substanz, das sogenannte Dippelsche Knochenöl,
verunreinigt war, erhielt er statt des roten Florentiner
Lackes einen prachtvollen blauen Farbstoff, der später
zu einer ausgedehnten Industrie geführt hat, in der neben
den zyanhaltigen Rückständen der Leuchtgasfabrikation
vornehmlich die alten Schuhe und Stiefel verarbeitet
werden, die wir alljährlich ablegen. Dieser Farbstoff,
das Berliner Blau, ein Zyanid von Kalium und Eisen,
ist das Ausgangsmaterial für alle Zyanverbindungen ge-
        <pb n="17" />
        ﻿worden; so des schön krystallisierenden Blutlaugensalzes
wie der giftigen Blausäure, die noch jetzt in England
und Frankreich den Namen Preussisches Kali und
Preussische Säure führen. Welche Früchte hat diese
Berliner Erfindung gezeitigt! Deutschlands Produktion
Zyansalze von Zyansalzen, etwa die Hälfte der Weltproduktion,
wird gegenwärtig auf 10000 Tonnen im Jahre geschätzt,
im Werte von 13 Millionen Mark. Den grössten Teil
daran hat das Natriumzyanid, zu dessen Bereitung me-
tallisches Natrium verwendet wird, das man in Rhein-
felden auf elektrolytischem Wege mit Hilfe der Wasser-
kraft des Rheins gewinnt. Dieser Industrie hat sich die
Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt in Frank-
furt a. M. angenommen, mit der der Name Rössler
durch drei Generationen eng verknüpft ist. Anfangs
der siebziger Jahre ist sie durch die Scheidung der
alten preussischen Taler bekannt geworden, deren nicht
unbedeutender Goldgehalt in früheren Zeiten nicht
vollständig abgeschieden werden konnte. Von jenen
Zyansalzen bleibt nur ein sehr geringer Teil im In-
lande, der zu galvanischen Zwecken verwendet wird.
Bei weitem der grösste Teil des Zyannatriums wird da-
gegen in die goldgesegneten Gefilde von Mexiko, Süd-
afrika und Alaska gesandt, wo seit Anfang der neunziger
Jahre die letzten Anteile des fein verteilten Goldes aus
den verpochten Erzen durch eine verdünnte Zyanid-
lösung herausgewaschen werden. Von den 256 000 kg
Gold- Gold, die im Jahre 1911 in den Transvaalminen ge-
extraktion fördert wurden, sind 93 000 kg durch diese Zyanid-
extraktion gewonnen worden, wofür etwa 6000 Tonnen
Zyannatrium verbraucht wurden.

Unter den Chemikern des 18. Jahrhunderts steht
Andreas Sigismund Marggraf an erster Stelle. Er
        <pb n="18" />
        ﻿15



1

,1

ist 1709 in Berlin geboren; ein Schüler Stahls, kehrt er
nach sorgfältigen chemischen und pharmazeutischen
Studien in Frankfurt a. M., Strassburg und Halle im
Jahre 1737 nach Berlin zurück, wo er nach kurzer Zeit
in die 1700, unter dem Einfluss der jungen geistvollen
Königin Sophie Charlotte, von Leibniz gegründete
Königliche Gesellschaft der Wissenschaften aufgenommen
wird, die Friedrich der Grosse später in die Aka-
demie der Wissenschaften und sichönen Künste
umwandelt.

Das akademische Laboratorium liegt in der heu-
tigen Dorotheenstrasse, die damals den Namen „Letzte
Strasse" führte, auf einem nodh jetzt der Akademie
gehörigen Grundstück. Hier ist der neue Akademiker
in den Stand gesetzt, sich ausschliesslich der experimen-
tellen Forschung zu widmen. Die wissenschaftliche
Chemie verdankt Marggraf zahlreiche wichtige Ent-
deckungen, darunter eine bequemere Methode zur Ge-
winnung des Phosphors als die Brands und Kunkels,
aber seine berühmten Untersuchungen über die Zu-
sammensetzung der Pflanzen sind bestimmt, eine neue
Weltindustrie ins Leben zu rufen. Es war die glückliche
Friedenszeit nach dem zweiten Schlesischen Kriege. Der
Sieger von Hohenfriedberg hatte den Dresdener
Frieden geschlossen, und die ersehnte Friedenszeit lud
ein zu schöpferischer Arbeit. Die Untersuchungen
Marggrafs beschäftigen sich mit denjenigen Teilen ver-
schiedener Pflanzen, die einen süssen Geschmack be-
sitzen, und nach mannigfachen Studien findet er, „dass
einige dieser Pflanzen nicht nur einen dem Zucker ähn-
lichen Stoff, sondern in der Tat wirklichen Zucker ent-
halten, der dem aus Zuckerrohr gewonnenen genau
gleicht."

|H !

•-

jt

i'
        <pb n="19" />
        ﻿16

Rübenzucker

Dass auch der König dieser Entdeckung, die bald
im In- und Auslande Aufsehen erregt, lebhaftes Interesse
entgegenbringt, dass er alsbald die Möglichkeit erkennt,
durch den Anbau der Runkelrübe, in deren Saft Marg-
graf den höchsten Zuckergehalt vorfindet, der vater-
ländischen Landwirtschaft Vorteil zu verschaffen, be-
darf keiner Erwähnung. Diese Aufgabe zur Lösung
zu bringen, war jedoch dem Schüler und Nachfolger
Marggrafs Franz Karl Achard Vorbehalten. Einer
Huguenottenfamilie entstammend, 1753 in Berlin geboren,
mit 23 Jahren Mitglied der Akademie, übernimmt er
im Alter von 29 Jahren die Professur seines Lehrers
und ist mit leidenschaftlichem Eifer bestrebt, dessen
grosse Entdeckung in die Praxis überzuführen. Allein
erst gegen Ende des Jahrhunderts, 50 Jahre nach Marg-
grafs Entdeckung des Rübenzuckers, sind seine land-
wirtschaftlichen Versuche so weit gediehen, dass er auf
seinem Gute Caulsdorf bei Berlin die erste Zuckerernte
aus heimischem Gewächs einbringt, und dass nunmehr
einer industriellen Erzeugung von Zucker aus Runkel-
rüben kein Hindernis mehr im Wege zu stehen scheint,
zumal ihm der junge König Friedrich Wilhelm III.,
der Begründer der Berliner Universität, durch Ge-
währung bedeutender Staatsmittel in den Stand setzt,
auf dem Gute Cunem in Schlesien die erste Rüben-
zuckerfabrik zu errichten.

Wie bei jeder neuen Technik1, waren auch hier, im
Kampfe mit der Konkurrenz, die sich in England nicht
scheute, Achards Charakter durch hohe Bestechungs-
summen auf die Probe zu stellen, grosse Schwierigkeiten
zu überwinden. Sie wurden durch die napoleonischen
Kriegswirren nicht vermindert. Da erschien eine Hilfe
von unerwarteter Seite. Indem der in rücksichtsloser
        <pb n="20" />
        ﻿17

Verblendung vom Cäsarenwahn ergriffene Imperator am
21. November 1806 von Berlin aus die Schliessung der
Häfen des Festlandes gegen englische Waren dekretierte,
verlieh er der kontinentalen Zuckererzeugung einen Im-
puls, der im Laufe weniger Jahrzehnte daraus eine der
vornehmsten Einnahmequellen des Staates gemacht hat. *)

Im Jahre des Regierungsantritts Friedrich Wil-
helms IV. wurde die neue Steuer zum erstenmal er-
hoben. In der Zuckerkampagne von 1840 wurden in
145 Fabriken 5 000 000 Zentner Rüben verarbeitet und
über eine viertel Million Zentner Zucker gewonnen, die
dem deutschen Zollverein einen Steuerbetrag von
120 000 Mark einbrachten. Die heutige Welternte beträgt
rund 18 Millionen Tonnen, wovon nicht ganz die Hälfte
auf Rübenzucker kommen. Davon entfallen 8 310 000
Tonnen auf Europa, woran Deutschland mit etwa einem
Drittel beteiligt ist.**) Die staatswirtschaftliche Bedeu-
tung der deutschen Rübenzuckerindustrie ergibt sich aus
der Tatsache, dass die Zuckersteuer in dem Voranschlag
der Reichseinnahmen für das Jahr 1913 mit einem Be-
trage von 157 600 000 Mark eingesetzt wurde, wodurch
ein Zwölftel der gesamten Zoll- und Steuereinkünfte
des Deutschen Reiches gedeckt wird.

*) Vergl. Du Bois-Reymond, E., Die Berliner französische
Kolonie in der Akademie der Wissenschaften. Reden, Leipig 1912, 2, 313.

**) Die Zuckeremte der Welt für 1912/13 beläuft sich auf:
Rohrzucker	9 211 755 t

Rübenzucker in Europa	8 310 000 t

Rübenzucker in d. Ver. Staaten 624 064 t

Weltemte 18145 819 t
(Ztschr. ang. Chem. 1913, 26, 769.)

Lepsius: Deutschlands Chemische Industrie.	2
        <pb n="21" />
        ﻿18

Künstliche

Soda

Betreten wir das 19. Jahrhundert, so zieht die Fabri-
kation der künstlichen Soda alsbald unsere Aufmerk-
samkeit auf sich. Sie beginnt mit einer Tragödie. An
Stelle der Algen, die der Sturm an die Küste treibt,
hatte der französische Gelehrte Leblanc, der Leibarzt
des Herzogs von Orleans, 1790 das von dem Ozean
und den Steinsalzlagern in unbegrenzter Menge darge-
botene Kochsalz benutzt, um die für die Seifenfabrikation
vielbegehrte Soda zu gewinnen. Dieser Leblanc-Soda-
Prozess bildet die Grundlage der chemischen Gross-
industrie des vergangenen Jahrhunderts. Mit ihm ent-
wickelt sich die Fabrikation der Schwefelsäure und
Salpetersäure, die bei der Herstellung der Soda Ver-
wendung finden; als Nebenprodukt entsteht die Salz-
säure, die zu einer neuen Industrie des Chlors führt,
das in Form von Chlorkalk als Bleichmittel die Welt
erobert.

Die Französische Republik hat diesem Wohltäter
der Menschheit schlecht gedankt. Nachdem das Haupt
des Herzogs unter der Guillotine gefallen, wurde das
Patent Leblancs durch Dekret des Wohlfahrtsaus-
schusses vernichtet, das Verfahren veröffentlicht, die mit
Unterstützung des Herzogs erbaute Fabrik geschlossen,
das Inventar versteigert und der Erlös von 120 000 Francs
zum Besten der Nation konfisziert. Verarmt und ge-
brochen endet Leblanc am 16. Januar 1806 sein Leben
mit eigener Hand auf den Trümmern des zerstörten
Werkes.

In Frankreich wurden bald mehrere Fabriken er-
richtet. 1814 findet die künstliche Soda Eingang bei
den englischen Seifenfabriken. Der Tonnenpreis beträgt
1818 noch 840 Mark. Er ist heute auf weniger als
        <pb n="22" />
        ﻿19

den zehnten Teil gesunken. Während sich aber die neue
Industrie in England, namentlich wegen des enormen
Aufschwungs der Baumwollindustrie,*) rasch entwickelt,
wird sie in Deutschland erst 20 Jahre später aufge-
nommen.

Als der Scharfsinn Justus Liebigs im Jahre 1840
in dem Werk über „die Anwendung der Chemie auf
Agrikultur und Physiologie“ der Landwirtschaft die Not-
wendigkeit offenbarte, dem Acker diejenigen Mineral-
stoffe wieder zuzuführen, die ihm die Ernte dauernd
entzieht, war es die in den Knochen am leichtesten
zugängliche Phosphorsäure, auf die der Landwirt sein
Augenmerk zuerst richtete. Die Herstellung des künst-
lichen Phosphatdüngers**) aber erforderte die Fabrika-
tion der Schwefelsäure, zu der sich bald die der Leblanc-
Soda gesellte. Die erste deutsche Sodafabrik wird 1843
von Herrmann in Schönebeck bei Magdeburg gebaut.
In Berlin errichtete Kunheim 1844 am Tempelhofer
Feld die erste Schwefelsäurekammer, der alsbald die

*) Die ersten Baumwollkulturen wurden auf Veranlassung von
Tench Coxe im südlichen Nordamerika im Jahre 1786 angelegt.
1791 wurden 2 Millionen engl. Pfund von dort exportiert, 1800
35 Millionen, 1830 350 Millionen, 1896 3190 Millionen. Die Baum-
wolle konnte nicht, wie das Leinengewebe auf dem Rasen gebleicht
werden, sondern bedurfte der Behandlung mit Schwefelsäure, Soda
und Chlor. Vgl. A. Binz, Ursprung und Entwicklung der chemi-
schen Industrie. Berlin, 1910.

**) Der Weltverbrauch an Phosphatdünger belief sich im
Jahre 1906 auf 8 026 430 t Superphosphat, 2120980 t Thomas-
mehl, 327 610 t Phosphoritmehl. Zusammen 10 474 980 t entspre-
chend 1624 950 t Phosphorsäure. Vgl. W. v. Schneider, Mine-
ralische Düngemittel und Ernteerträge. Riga, 1909.
        <pb n="23" />
        ﻿20

Leblanc-Soda-Fabrikation und der Deacon-Chlor-
prozess folgt.

Kaliindustrie Aber Liebigs wissenschaftliche Mahnung ruft noch
eine andere Industrie hervor, die für die deutsche Volks-
wohlfahrt eine ausserordentliche Bedeutung gewonnen
hat. Deutschland ist das einzige Land der Erde, das
über einen unermesslichen Reichtum an Kalisalzen ver-
fügt, die für den Pflanzenwuchs ebenso wichtig sind
wie die Phosphorsäure. Die bei der Salzgewinnung
zuerst lästigen, heute überaus wertvollen sogenannten
Abraumsalze, die an manchen Stellen die obere Schicht
der ungeheuren Salzlager Mitteldeutschlands bilden,
wurden 1857 bei Gelegenheit von Bohrungen auf Stein-
salz in Stassfurt entdeckt. Die Berliner Professoren
Rose und Rammeisberg stellen den hohen Kaligehalt
dieser Salze fest, und 1861 begründeten Herrmann Grüne-
berg und Adolf Frank die Stassfurter Kaliindu-
strie, die sich von der Magdeburger Gegend bald nach
Thüringen, Braunschweig und Meckeinburg ausdehnt,
heute die ganze Welt mit Kalidünger versorgt und auf
die Entwicklung der deutschen Landwirtschaft einen
enormen Einfluss ausgeübt hat.*) Die Kalisalzförderung**)
begann im Jahre 1861 mit 2000 Tonnen und beträgt
heute an reinem Kali über 1 Million Tonnen im
Werte von 177 Millionen Mark.***) Hiervon werden
90 Prozent zu Düngezwecken verwendet, wovon mehr
als die Hälfte in Deutschland verbleibt; zehn Prozent

*) A. Frank, Anfang und Entwicklung des Kalibergbaues und
der Kaliindustrie. Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des
Gewerbefleisses. 1902, 81, 233.

**) Chem. Ind. 1913, 36, Protokoll der Hauptvers. 65.

***) Die Förderung an Kalirohsalzen betrug 1912 11 Millionen
Tonnen. Ebenda 1913, 705.
        <pb n="24" />
        ﻿er

gehen in die Industrie, wovon etwa zwei Drittel im
Inlande verarbeitet werden, insbesondere zu Pottasche
und Aetzkali, Kalisalpeter, Alaun, chromsaurem und
chlorsaurem Kalium und einer Reihe anderer Kalisalze.

In dieselbe Zeit fällt die Begründung einer Industrie,
die ihre mächtigste Entwicklung ebenfalls in Deutsch-
land gefunden hat, und deren Produkte heute zur Ver- Teerfarben-
schönerung des Daseins aller Völker der Erde bei- Industrie
tragen. War aber jene anorganische Grossindustrie der
Mineralsäuren, der Soda und des Kalis auf empirischem
Boden gewachsen, so setzte die neue Industrie der
Teerfarben eine rein wissenschaftliche Basis voraus,
da sie der ungleich verwickelteren organischen Chemie
angehört. Der Ausgangspunkt dieser merkwürdigen, für
die deutsche Volkswirtschaft so bedeutungsvoll gewor-
denen Industrie ist das Anilin.

In dem kleinen, jetzt als Gärtnerhaus benutzten,
Laboratorium der ehemals Sellschen Teerdistallation
und späteren Oehlerschen Farbenfabrik in Offenbach
hatte im Jahre 1842 A. W. Hofmann, damals Liebigs
Assistent in Giessen, aus 1200 Pfund destillierten Stein-
kohlenteers, des früher lästigen Abfallproduktes der
Leuchtgasfabrikation, 2 Pfund eines basischen Oeles
extrahiert, das er bald mit dem 1826 von dem Chemiker
Unverdorben*) aus dem Indigo, dem arabischen
„Anil“, erhaltenen Kyanol identifiziert und „Anilin“
genannt hatte.**)

Anilin

*) O. Unverdorben, geb. 1806, lebte auf einem Landgut in
Dahme bei Berlin.

**) Vergl. B. Lepsius. Aug. Wilh. von Hofmann. Allgem.
deutsche Biographie. Leipzig 1905.
        <pb n="25" />
        ﻿22

Zwei Jahre danach weist er im Steirik'ohlenteer das
reichliche Vorkommen des früher nur aus der Benzoe-
säure erhaltenen Benzols durch dessen Ueberführung
in Nitrobenzol und Anilin nach, und nun beginnen die
epochemachenden Untersuchungen über die Derivate
dieses verwandlungsfähigen Körpers.

Durch die Vermittlung der Königin von England
wird Hof mann 1845 an das Royal College of Chemistry
nach London berufen, wo er in der Mitte der fünfziger
Jahre die wissenschaftliche Grundlage der Farbenchemie
legt, die die Welt mit einer nie geahnten märchenhaften
Farbenpracht beschenken sollte. Nach zwanzigjährigem
Aufenthalt in England verlässt er seine glänzende Lon-
doner Stellung, um dem „Lockruf nach dem Hochlande
einer deutschen Universität“ nach Bonn und kurz darauf
nach Berlin zu folgen.

Laboratorien Inzwischen hatten sich die deutschen Verhältnisse
wesentlich geändert. Nach dem Vorbilde Liebigs in
Giessen und Wühlers in Göttingen waren die Hoch-
schulen mit Laboratorien ausgestattet worden, die der
Industrie bald ein Heer mit dem Rüstzeug wissenschaft-
licher Forschung ausgestatteter Chemiker zur Verfü-
gung stellen konnten, die darauf brannten, ihre Kennt-
nisse und Erfahrungen in die Praxis zu übertragen. Die
deutsche Maschinentechnik hatte sich durch die auf-
strebende Entwicklung des Eisenbahn- und Lokomotiv-
baus gehoben, und schon hatte Werner Siemens den
Grund gelegt für die technische und chemische Aus-
nutzung der elektrischen Kraft.

Einfluss der
Gründung
des

Deutschen

Reichs

Aber erst die Begründung des Deutschen Reiches
unter des grossen Kaisers glorreicher Regierung schuf
für den Aufbau einer deutschen Weltindustrie die
        <pb n="26" />
        ﻿23

äusseren Bedingungen in der Einheit der deutschen
Lande, in einer gesicherten, auf fortschreitendem Wohl-
stände begründeten Finanzwirtschaft und in der weisen
Gesetzgebung seines Kanzlers, dessen erste Sorge
es war, die nationale Arbeit zu schützen und durch
Stetigkeit der Handelsbeziehungen zum Auslande der
deutschen Industrie einen festen Boden zu schaffen. Die
allmähliche Verstaatlichung der Eisenbahnen schafft nach
Aufhebung 26 verschiedener Tarife eine erspriessliche
Verkehrspolitik und einen einheitlichen Reichseisenbahn-
tarif, der die sichere Kalkulation für den Ein- und Ver-
kauf der Waren ermöglicht. An die Stelle des bis dahin
sorgfältig gewahrten Fabrikgeheimnisses, das durch die
Wiederholung vieler kostspieliger Erfahrungen und Ent-
deckungen zu einer unnützen Vergeudung der Kräfte
führt, tritt mit der Einführung des deutschen Pa- Patentgesetz
tentgesetzes der Schutz des gewerblichen Eigentums
und die Veröffentlichung der wichtigsten Erfindungen,
die die Industrie mit neuen Ideen befruchtet. Ein gründ-
liches Vorprüfungs- und Einspruchsverfahren verleiht
den deutschen Patenten ein grösseres Ansehen vor denen
des Auslandes und führt vermöge der durch dieses Ver-
fahren bewirkten sorgfältigen Ausarbeitung der Schrift-
stücke zu einer chemischen Patentliteratur, wie sie an
Umfang und wissenschaftlicher Bedeutung kein anderes
Land aufzuweisen hat. Das grosse Handbuch von
Adolf Winther,*) in dem die seit dem Erlass dieses
Gesetzes bis 1905 erteilten organisch chemischen
Patente systematisch kodifiziert sind, enthält die Be-
schreibung von mehr als 6000 in Deutschland geschützter

*) Ad. Winther, Zusammenstellung der Patente a. d. Gebiete
der organischen Chemie. 1877 bis 1905. 3 Bde. Giessen 1908—1910.
        <pb n="27" />
        ﻿24

Chemische

Gesell-

schaften





Verfahren zur Herstellung technisch wichtiger organi-
scher Verbindungen. In derselben Zeit wurden in Eng-
land und Frankreich je etwa 4000 und in Amerika etwa
2500 organisch chemische Patente erteilt, von denen
jedoch die meisten wiederum von deutschen Erfindern
genommen wurden. Die Deutschland betreffende Zahl
hat sich seitdem weiter um 3300 erhöht.

Die Vertreter von Wissenschaft und Industrie ver-
einigten sich zu Verbänden, um gemeinsame Interessen
zu verfolgen und zu schützen. Die wissenschaftliche
Chemie hatte in der von A. W. Hof mann im Jahre
1867 in Berlin ins Leben gerufenen Deutschen Chemi-
schen Gesellschaft ihren Sammelpunkt gefunden. Die
industrielle Chemie organisierte sich 1877 in dem Verein
zur Wahrung der Interessen der Chemischen In-
dustrie Deutschlands, während es sich zehn Jahre
später der Verein Deutscher Chemiker zur Auf-
gabe machte, die Interessen der angeStellten Fach-
genossen zu vertreten. In den 25 Jahren seines Be-
stehens hat er die Zahl von 5000 Mitgliedern erreicht.

Endlich wurde 1894 die Deutsche Bunsengesellschaft
für angewandte physikalische Chemie ins Leben ge-
rufen, die die Interessen dieser auch wirtschaftlich zu grosser
Bedeutung gelangten Grenzwissenschaft vertritt.

Aus den kleinen Verhältnissen der sechziger Jahre,	, ?

in denen die meisten der chemischen Unternehmungen
gegründet wurden, deren Grösse wir heute bewundern,
konnte sich unter diesen günstigen Auspizien die chemi-
sche Industrie in den beiden ersten Jahrzehnten des
neuen Deutschen Reiches allmählich, aber stetig ent-
wickeln. Charakteristisch für diese Zeit ist das Empor-
blühen der Teerfarbenindustrie, wodurch gleichzeitig die
        <pb n="28" />
        ﻿t

25

Säure- und Sodafabrikation, die man mit Einschluss
ihrer zahlreichen anorganischen Nebenprodukte als „che-
mische Grossindustrie“ zu bezeichnen pflegt, einen mäch-
tigen Impuls erhielt. Aber trotz dieser inneren Erstar-
kung war eine Abhängigkeit vom Auslande, namentlichAbhängigkeit
von England, nicht zu verkennen, die besonders in v°™ndeS"
einigen Hauptbedarfsartikeln, wie Soda, Aetzkali, Chlor-
kalk, ferner in den Ausgangsmaterialien für die Farb-
stoffindustrie, den Teerprodukten, wie Benzol, Toluol,

Phenol, Naphthalin und Anthrazen, für die weitere Ent-
wicklung in hohem Masse hemmend und störend wirkte.

Die fortschreitende zielbewusste Befreiung vom Aus-
lande, die rastlose Entwicklung auf selbständiger wissen-
schaftlicher und finanzieller Basis und die Aufnahme
grosser Kulturprobleme sind gegenüber jener Epoche
die Kennzeichen der deutschen chemischen Industrie in
dem zuletzt verflossenen Vierteljahrhundert. Es wird
unsere Aufgabe sein, in die mächtige Entwicklung, die
die chemische Industrie unter dem Schirme der Frie-
densregierung unseres Kaisers und Königs zum
Wohle des deutschen Volkes genommen, einen Einblick
zu geben; freilich nur in einzelnen Bildern, denn die
Fülle der Erscheinungen gebietet weitgehende Be-
schränkung.

* *

*

In der Soda-Industrie war vor 25 Jahren bereits Soda-
eine wesentliche Veränderung vor sich gegangen. Im '"dustrie
Laufe von fast einem Jahrhundert war der Leblanc-
Soda-Prozess gründlich durchgearbeitet worden, alle
Nebenprodukte wurden in sinnreicher Weise verwertet,
namentlich in England waren grosse Kapitalien in dieser
in sich geschlossenen Industrie angelegt worden, so dass





I



i

I

li

! i *

,■ I
        <pb n="29" />
        ﻿Solvay-

Prozess



man glauben konnte, niemand könne ihm seinen Welt-
besitz streitig machen.

Da gründete der Belgier Ernest Solvay*) auf die
Unlöslichkeit des Natriumbicarbonats in Salmiaklösung
das nach ihm benannte Ammoniaksodaverfahren, das
in der zweiten Hälfte der siebziger und anfangs der
achtziger Jahre in raschem Siegeslauf gegen den Leblanc-
Prozess zu Felde zog, um ihm bedeutende Gebiete des
Weltmarktes zu entreissen.

Der unter grossen technischen Schwierigkeiten
durchgeführte Solvay-Prozess konnte billiger ar-
beiten, da das an Stelle von Schwefelsäure zur Um-
setzung des Kochsalzes verwendete Ammoniak durch
einen Kreisprozess immer wiedergewonnen wurde; er
verlief ferner bei niedrigen Temperaturen und ver-
brauchte deshalb nur die Hälfte der Kohlen; auch ging
er nicht von festem Steinsalz aus, sondern von einer
Kochsalzlösung, die an vielen Orten direkt aus der Erde
gepumpt werden kann und daher viel wohlfeiler ist, als
das im Bergbau oder in der Saline gewonnene Salz.

Allerdings hatte das neue Verfahren einen unver-
besserlichen Fehler: es konnte aus dem Chlornatrium
nur das Natrium verwerten, nicht aber das Chlor, das
in Form von Chlorkalziumlösung ein unverwendbares
Nebenprodukt bildete. Diesem Umstande verdankte der

*) Die erste Ammoniaksoda-Fabrik baute Solvay vor 50 Jahren
(1863) in Gouillet bei Brüssel mit einem Kapital von 136 000 Fr.
Gegenwärtig werden von der Gesellschaft Solvay &amp; Cie. und ihren
zahlreichen Schwester- und Tochtergesellschaften in Belgien,
Deutschland, England, Frankreich, Italien, Spanien, Oesterreich-
Ungarn, Russland und Nordamerika 35 000 Arbeiter und Beamte
beschäftigt. Während der letzten 50 Jahre fiel der Sodapreis
von 320 M. auf 80 M.

?
        <pb n="30" />
        ﻿r&gt;

&amp;

Leblanc-Prozess die Möglichkeit, immerhin noch inso-
weit am Leben zu bleiben, wie die Chlorprodukte auf
dem Weltmarkt gebraucht wurden.

Ein zweiter Vorteil für den Leblanc-Prozess be-
stand darin, dass der Solvay-Prozess wohl Soda, aber
keine Pottasche herstellen konnte, weil zwar das Na-
trium-, aber nicht das Kaliumbicarbonat in Salmiak-
lösung unlöslich ist. So kam es, dass England nicht nur
den Markt in Chlorkalk, sondern auch in Pottasche nach
wie vor beherrschte, ebenso wie in dem daraus gewinn-
baren Aetzkali, das für die Seifenfabrikation unentbehr-
lich ist.

Aber auch diese letzten Positionen sollten ihm ver- Elektrolyse
loren gehen, als vor 25 Jahren die Chemische Fabrik ^kalierT"
Griesheim in Frankfurt am Main das Problem auf-
nahm, Chlorkälium auf elektrolytischem Wege zu schei-
den in Aetikali und Chlor.*)

Seit dem Anfänge des vorigen Jahrhunderts hatte
dieses Problem die Chemiker beschäftigt. Dass sich
in einer Kochsalzlösung am positiven Pol eines gal-
vanischen Stromes Chlor entwickelt, hatte 1801 der Pro-
fessor der Berliner Bauakademie P. L. Simon zuerst
beobachtet. Aber von dieser Entdeckung bis zur tech-
nischen Elektrolyse war ein weiter Weg zurückzulegen,.

Ein Vierteljahrhundert verging, bis das Faradaysche
Gesetz die qualitativen Beobachtungen quantitativ zu
beherrschen, und ein zweites Vierteljahrhundert, bis
Robert Meyer und Hermann Helmholtz in dem
Gesetz der Konstanz und Aequivalenz der Kräfte die
Umwandlungen zwischen thermischer, elektrischer und

*) Vgl. B. Lepsius, Die Elektrolyse in der Chemischen Gross-
industrie, Ber. d. d. ehern. Ges. 1909, 42. 2892.









11 Ml

i«I
        <pb n="31" />
        ﻿28

chemischer Energie messend verfolgen und technisch
verwenden lehrten.

Mit der Entdeckung des elektrodynamischen Prin-
zips durch Werner Siemens im Jahre 1866 und dem
Bau der ersten Dynamomaschine für die galvanoplasti-
sche Anstalt von Grohe in Berlin beginnt eine elektro-
chemische Industrie. Aber im Jahre 1888 gab es noch
Autoritäten, wie den Chefchemiker der United Alkali Cie.
in Manchester Dr. Hurt er, die die Verwendung der
Elektrolyse in der Sodaindustrie wegen ungünstiger
Energieausnutzung für ein „chimärisches Unternehmen“
hielten. Dem Direktor der Chemischen Fabrik Gries-
heim, J. Stroof, gelang nach mehrjährigen Versuchen
die praktische Lösung dieses wichtigen Problems durch
die Anwendung eines sowohl gegen Alkali wie gegen
Chlor beständigen Zement-Diaphragmas. Die 1891 auf
der Frankfurter Elektrizitäts-Ausstellung vorgeführten
Erstlingsprodukte dieses Verfahrens kündigten eine neue
Epoche der Alkali- und Chlorindustrie an.

Die unausbleibliche Folge war, dass der Leblanc-
Prozess den Chlormarkt verlor und in England wie
auf dem Kontinent im Laufe weniger Jahre fast von
der Bildfläche verschwand. Die Leblanc-Soda-Fabrikä-
tion, die im Jahre 1894 noch fast 600 000 Tonnen betrug,
sank bis 1908 auf 50 000 Tonnen oder den zwölften
Teil herab. Am meisten wurde davon natürlich die eng-
lische Alkaliindustrie betroffen, während das salz- und
kalireiche Deutschland, wo sich inzwischen auch dasi
Ammoniäkverfahren ausgebreitet hatte, von der eng-
lischen Vorherrschaft in Soda, Aetzkäli und Chlor end-
gültig befreit wurde. Deutschland, das 1890 noch 7000
Tonnen Chlorkalk vom Auslande erhielt, hat zehn
        <pb n="32" />
        ﻿29

Jahre später eine Ausfuhr von 30000 Tonnen, und die
Bilanz in Aetzkäli, die noch im Jahre 1895 negativ ist,
weist 1904 eine Ausfuhr Von 25 000 Tonnen auf.

?

Die Weltproduktion an Chlorkalk wird gegenwärtig
auf 300 000 Tonnen geschätzt; die Hälfte davon wird
auf elektrolytischem Wege gewonnen, den inzwischen
ausser dem Griesheimer Diaphragmenverfahren auch
noch andere, wie das Aussig er „Glockenverfahren"
und das „Quecksilberverfahren" von Kastner-Kellner-
Solvay, eingeschlagen haben.

Da die Sodafabrikation mit fast allen anderen chemi-
schen Industrien in engem Zusammenhänge steht, so
lässt sich vielleicht an keinem Beispiel der Aufschwung
der gesamten chemischen Industrie während der letzten
25 Jahre so augenfällig dartun wie an der Sodaproduk-
tion, die sich im Laufe dieser Zeit mehr als verdreifacht
und gegenwärtig die Höhe von 3 Millionen Tonnen
erreicht hat.

Der niedrige Preis des elektrolytischen Chlors, der
seit Einführung des neuen Verfahrens fast auf die Hälfte
gesunken ist, hat zu vielen neuen Verwendungen ge-
führt, die um die Wende des Jahrhunderts von der
Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron alsbald aufge-
nommen wurden. In der Industrie der chemischen Prä-
parate findet es Verwendung bei der Herstellung von
Chloroform und Chloral. Eine wichtige Anwendung
findet der unverbrennlicfhe Chlorkohlenstoff als Lö-
sungsmittel in den chemischen Wäschereien und Fett-
exträktionen an Stelle des gefährlichen Benzins, wodurch
die Benzinexplosionen aus der Welt geschafft werden,
die in diesen Anstalten an der Tagesordnung waren.

j

Organische

Chlorver-

bindungen
        <pb n="33" />
        ﻿Eine grosse Bedeutung hat das bis dahin in der Industrie
unbekannte Chlorbenzol gefunden, das zum Ausgangs-
punkt einer grossen Zahl von Zwischenprodukten für
die Farbenindustrie geworden ist,*) wie auch die Chlor-
essigsäure, die bei der Bereitung des künstlichen In-
digos eine wichtige Rolle spielt.

Flüssiges Aber auch die anorganische Industrie hat sich die
Chlor Vorteile des elektrolytischen Chlors nicht entgehen
lassen, zumal ihr dieser reaktionsfähige Stoff jetzt in
sehr bequemer Weise, nämlich in flüssigem Zustande in
Kesselwagen von 5000 kg Nettogewicht, zur Verfügung
gestellt wird. Den grössten Verbrauch an flüssigem
Chlor hat gegenwärtig die Aufarbeitung eines Abfall-
produktes, das noch vor 25 Jahren kaum beachtet wurde.
Die bekanntlich aus verzinntem Eisen bestehenden
Weissblechabfälle werden nach einem Verfahren der
Firma Th. Goldschmidt in Essen durch Chlor ent-
zinnt. Diese Abfälle, die hauptsächlich aus alten Kon-
servenbüchsen bestehen, werden in der ganzen Welt
gesammelt, unter starker Pressung auf einen kleinen
Raum zusammengedrückt und in geschlossenen Ge-
Zinnwieder-fassen mit Chlor behandelt, das zum Zinn eine grössere
gewinnung Verwandtschaft besitzt als zum Eisen. Dabei entsteht

*) Beim Nitrieren von Chlorbenzol erhält man Ortho- und Para-
nitrochlorbenzol, durch weiteres Nitriren des letzteren ein Dinitro-
chlorbenzol, das für die Herstellung von schwefelhaltigen Farb-
stoffen von Bedeutung ist. Das in diesen Verbindungen sehr
bewegliche Chlor lässt sich durch Hydroxyl- oder Aminogruppen
ersetzen, wodurch Nitrophenole und Nitramine erhalten werden,
ln ähnlicher Weise lassen sich Nitranisole und Nitrophenetole
erhalten. Durch Reduktion aller dieser Produkte entstehen end-
lich mannigfaltige und wertvolle Anilinderivate usf. Vgl. B. Lep-
sius. 1. c.

i
        <pb n="34" />
        ﻿



31

das wertvolle Zinnchlorid, das in grossen Mengen
in der Textilindustrie zum Beschweren der Seide be-
nutzt wird, während das zurückbleibende Eisen in die
Hochöfen zurückkehrt. Bei der starken Entwicklung der
Nahrungsmittelkonservierung hat diese Abfallindustrie
grosse Dimensionen angenommen. Es werden jährlich
etwa 20 000 Tonnen Weissblechabfälle verarbeitet, und
die gewonnenen Produkte repräsentieren einen Wert von
24 Millionen Mark. Ein schönes Beispiel, dass die
moderne chemische Industrie nichts umkommen lässt.

Neben dem Chlor entsteht bei der Alkalielektrolyse Wasserstoff
noch ein zweites gasförmiges Produkt, der Wasser-
stoff, ausgezeichnet durch seine Brennbarkeit und sein
geringes Volumgewicht. Aber ein Jahrzehnt hat man
ihn ungenutzt in die Atmosphäre entweichen lassen. Erst
als der kühne Reitergeneral Graf Zeppelin das Luft-
meer zum Tummelplatz seines Genius machte und im
Bunde mit den von der Automobilindustrie geschaffenen,
fast in jedem Kilo die Kraft eines Pferdes bergenden
Motoren aus dem Wasserstoffballon Blanchards den
steuerbaren Luftkreuzer schuf, fand dieses leichteste aller Luftschiff-
Gase seine prädestinierte Verwendung. Es war ein fahrt
glücklicher Zufall, dass die technische Elektrolyse den
neuen Lenkballons, die gegenwärtig einen Rauminhalt
von 27 000 cbm erreicht haben, sofort beliebige Mengen
dieses Gases zur Verfügung stellen konnte.

Die Produktion dieser neuen Industrie beträgt meh-
rere Millionen Kubikmeter im Jahre. Allerdings hat
es der Ueberwindung erheblicher Schwierigkeiten be-
durft, diesen leichten Stoff, von dem der Kubikmeter
nur Vio kg wiegt, auf grössere Entfernungen zu ver-
senden. Aber die nach dem bewundernswürdigen
M a n n e sm an n -Verfahren hergestellten nahtlosen

f !
        <pb n="35" />
        ﻿32

Stahlflaschen, in die man das Gas mit einem Druck
von 150 Atmosphären hineinpresst, kamen diesem Be-
dürfnis entgegen. Zu grösseren Transporten werden
500 Flaschen, die 2750 cbm Gas aufnehmen, auf Eisen-
bahnwagen montiert; zur Füllung von einem Zeppelin-
ballon sind jedoch nicht weniger als acht solcher Wagen
erforderlich. Man hat daher die Ballonplätze und Luft-
schiffhallen in der Nähe elektrolytischer Anlagen er-
richtet; andererseits aber sind inzwischen andere
Wasserstoffverfahren aufgekommen, die zwar teureren
Wasserstoff liefern, ;äber unabhängig von dem Orte
dieser Anlagen sind, was insbesondere für den Kriegs-
fall Von Bedeutung ist.

Fetthärtung Der Luftschiffahrt sind bald andere Anwendungs-
gebiete des Wasserstoffs gefolgt. Seine stark redu-
zierende Kraft, namentlich in Gegenwart fein verteilter
Metalle, wie Nickel und Palladium, benutzt die Technik,
um flüssige Fette, wie Fischtrane und Pflanzenöle, in
feste Fette zu verwandeln, die, zum Ersatz der Butter
und zur Kerzenfabrikation geeignet, einen höheren Wert
besitzen. Obwohl diese Fetthärtung eine ganz junge
Industrie ist, setzt sie bereits sehr beträchtliche Werte
um.

Schweissen In ausgedehntem Masse bedient sich neuerdings die

u. SchneidenEisenindustrie des komprimierten Wasserstoffs. Die Ent-

mit stoffSer" Wicklung einer hohen Verbrennungstemperatur bei
seiner Vereinigung mit Sauerstoff hat zu einem auto-
genen SchweissVerfahren geführt, das besonders
dünnwandige Eisenbleche ohne Zuhilfenahme anderer
Metalle zusammenzulöten gestattet, ein Verfahren, das
in der Fahrrad- und Automobilindustrie und überhaupt
in der Kleineisenindustrie ausgedehnte Verwendung
findet.
        <pb n="36" />
        ﻿Aber auch die Schwerindustrie benutzt den Wasser-
stoff unter Zuführung überschüssigen Sauerstoffs als
unentbehrliches Werkzeug, wenngleich nicht zum Ver-
binden, sondern zum Trennen von Eisenteilen. Hierbei
ist man nicht auf dünne Wandstärken beschränkt, viel-
mehr gelingt es, 40 cm dicke Panzerplatten exakt, wie
mit einer Säge, zu zerschneiden. Unter bedeutender Er-
sparung von Zeit und Geld findet dieses Schneidver-
fahren beim Zurichten von eisernen Trägern, von Eisen-
konstruktionen, beim Hochbau, Maschinen-, Brücken-
und Schiffbau die mannigfachste Anwendung.*)

Von anderen Verwendungen des komprimierten
Wasserstoffs mag noch die Reduktion seltener Metalle,
wie Osmium, Wolfram und Tantal, in der Industrie der
Metallfadenlampen erwähnt werden, von denen in
Deutschland jetzt täglich mehrere 100 000 Stück ange-
fertigt werden.**)

Von besonderem Interesse aber ist seine Anwendung
zur Erzeugung synthetischer Edelsteine. Das von Frank-
reich stammende Verfahren wurde in Deutschland von
H. Wild und A. Miethe aufgenommen und wird gegen-
wärtig von den Elektrochemischen Werken in Bitter-

*) Beide Verfahren wurden zu Anfang dieses Jahrhunderts von
der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron in die Technik ein-
geführt.

**) In Deutschland wurden hergestellt:

1911	1912

Metallfadenglühlampen	47 211	892	Stück	76 185 721	Stück

Kohlenfadenglühlampen	24 791	196	„	20 975 348	„

Glühkörper für Gaslampen	126 050 954	„	135 320173	„

Brennstifte für Bogenlampen	10 740 025 kg	11 093154	kg

Die hieraus schöpfende Leuchtmittelsteuer für das Deutsche
Reich ergab für das Jahr 1912 16150 348 M. (Chem. Ind. 1913.
36. 669.)

Metallfaden-

lampe

Künstliche

Edelsteine

Lepsius: Deutschlands Chemische Industrie.

3
        <pb n="37" />
        ﻿34

Elektro-

thermische

Prozesse

feld ausgeübt. Staubförmige, reinste Tonerde gestaltet
sich im Gebläse der Knallgasflamme zu denselben licht-
brechenden, krystallklaren Schmucksteinen, wie sie die
Natur nicht schöner liefern kann. Die taubenblut-
farbenen Rubine von Birma und Ceylon, die korn-
blumenblauen Saphire von Kaschmir, die farblosen Leu-
kosaphire, der orientalische Amethyst, der hyazinthrote
Alexandrit: alle diese Geheimnisse sind der Natur ent-
lockt worden. Schon werden ca. 6 Millionen Karat
dieser synthetischen Edelsteine mit allen Eigenschaften
der natürlichen fabriziert, die mit 2—8 Mark pro Karat
(= Vö g) verkauft werden. Und doch werden die Steine
natürlicher Herkunft von Liebhabern noch mit dem fünf-
hundertfachen Preise bezahlt.*)

In einer Zeit, die der Elektrizität soviel Wandlungen
des täglichen Lebens verdankt, ist es nicht wunderbar,
dass sich die chemische Industrie auch noch anderer
Seiten dieser proteusartigen Kraft bedient. Während bei
der Elektrolyse die Verwandlung der elektrischen in
chemische Energie zu Prozessen verwendet wird, die
nicht bei besonders hohen Temperaturen verlaufen, hat
man bei anderen die Fähigkeit des elektrischen Stromes
benutzt, bei der Ueberwindung von Widerständen grosse
thermische Energien zu erzeugen und Temperaturen her-
beizuführen, die ohne aussergewöhnliche Kosten sonst
nicht zu erreichen waren.

Zu diesen hohen Temperaturen hat man seine Zu-
flucht genommen, um Elemente zur Reaktion zu bringen,

*) Vgl. Synthetische Edelsteine, als Manuskript gedruckt von
der Deutschen Edelstein-Gesellschaft, Idar 1911.
        <pb n="38" />
        ﻿35

die bei niedrigen Wärmegraden nicht reagieren. Dazu
gehören der Kohlenstoff und der Stickstoff. Erhitzt man
ein Gemisch von Kalk und Kohle im elektrischen Wider-
standsofen, so verbindet sich das Kalzium mit dem
Kohlenstoff zu Kalziumkarbid, das bei diesem Prozess Kalzium-
eine grosse Energiemenge aufnimmt, die es, mit Wasser karb,tl
in Azetylen verwandelt, wieder abgibt, wenn wir dessen
helleuchtende Flamme zu Beleuchtungszwecken ver-
wenden. Die Karbid- und Azetylenindustrie hat in den
letzten 25 Jahren ausserordentliche Dimensionen ange-
nommen.

Von weit grösserer wirtschaftlicher Bedeutung ist stickstoff-
das Problem der elektrothermischen Bindung des bindung
Stickstoffs geworden, weil seine Verbindungen in
direkter Beziehung stehen zur Ernährung der Völker.

Um die Bedeutung dieser Frage zu würdigen, sei es
gestattet, ihr etwas näher zu treten.

Es ist bekannt, dass der zur Bildung der Eiweiss-
stoffe nötige gebundene Stickstoff zu den wichtigsten
Bestandteilen der Pflanzennahrung gehört und ebenso
wie Phosphorsäure und Kali dem Acker zugeführt wer-
den muss, wenn er auf die Dauer Früchte tragen soll.

Daraus erklärt sich der steigende Bedarf der Kultur-
länder an gebundenem, für die Pflanzen assimilierbarem
Stickstoff. Liebigs Rat folgend, begann man in den
fünfziger Jahren zu diesem Zwecke den Chilesalpeterchilesalpeter
zu verwenden, der neben dem Guano die Bedürfnisse
der Landwirtschaft an künstlichem Stickstoffdünger
lange Zeit fast ausschliesslich befriedigt hat. Im Jahre
1859 betrug die gesamte chilenische Ausfuhr nur 75 000
Tonnen. Sie stieg bis zum Jahre 1900 auf das Zehnfache
und beträgt gegenwärtig 2 Vs Millionen Tonnen, wo-

3*
        <pb n="39" />
        ﻿36

Ammoniak

von der vierte Teil auf Amerika und drei Viertel auf
Europa entfallen.*)

Im Hinblick auf diesen Auslandstribut hat man in
den letzten Jahrzehnten nach anderem assimilierbaren
Stickstoff gesucht und fand eine ergiebige Quelle in den
Steinkohlen, die einen Gehalt von 1—2 % gebundenem
Stickstoff aufweisen, der aus Eiweissstoffen früherer
Pflanzen stammt. Leider geht dieser kostbare Stoff bei
allen offenen Feuerungen verloren, und auch beim
Destillieren der Steinkohlen in den Gasanstalten und
neuerdings in den Kokereien vermag man kaum den
vierten Teil dieses Prozentgehaltes in Form von Am-
moniak zu gewinnen. Auch sind keineswegs alle
Kokereien auf die Ammoniakgewinnung eingerichtet.

Statt der bei einer gegenwärtigen Jahresförderung
von 150 Millionen Tonnen Steinkohlen berechneten Stick-
stoffmenge von 21/4 Millionen Tonnen gewann man daher

*) Die Untersuchung der Salpeterlager in Chile hat ergeben,
dass noch 220 Millionen Tonnen gewonnen werden können.

Die deutsche Landwirtschaft verbrauchte in 1000 t:

Düngemittel	1912	1888	Futtermittel	1912	1888	
Chilisalpeter	650 h	225	Kleie	6 000		2 250
Schwefels. Ammon.	500	50	Oelkuchen	1 500		450
Superphosphat	1 800	250	Abfälle von Mühlen	300		
Thomasmehl	2 200	250	Brauereien u.l	650		1 200
Kalisalze, rohe	3 000	160	Brennereien f			
Düngekalk	800	} 500	Zucker- u. Stärkef.	800		
andere Düngemittel	500		Futtergetreide	14 000		6 200
Zusammen	9 450	1435	Zusammen	23 250	9 100	
i. W. v. Millionen M.	600	—	i. W. v. Millionen M.	2 500		—
—	—	—	hiervon v. Ausland bezogen	ca.30%	ca.20%	

&gt;) Deutsche Gesamteinfuhr: 800 000 t; hiervon gingen 150 000 t an
die Industrie zur Fabrikation von Kalisalpeter und Salpetersäure. Vergl.
Waage, Chem. Ztg. 1913, 1570.
        <pb n="40" />
        ﻿37

in Deutschland im Jahre 1911 nur 75 000 Tonnen oder
den dreissigsten Teil des in den geförderten Kohlen
vorhandenen Stickstoffes.

Noch 1874 waren die Gasanstalten genötigt, das
ammoniakhaltige Gaswasser in Ermangelung guter Auf-
bereitungsverfahren fortlaufen zu lassen. Erst Ende der
siebziger Jahre beginnt die Verwendung des schwefel-
sauren Ammoniaks in der Landwirtschaft. Die Einfüh-
rung geschah nicht ohne Kampf, denn erst allmählich
erkannte man, dass der Salpeter zwar den Vorteil einer
schnellen Wirkung für sich in Anspruch nehmen konnte,
da die meisten Pflanzen den Stickstoff nur in Form von
Salpetersäure aufnehmen, dass aber gewisse Boden-
bakterien imstande sind, das Ammoniak allmählich zu
Salpetersäure zu oxydieren, dass es daher zwar lang-
samer, aber nachhaltiger wirkt.

Die Weltproduktion von schwefelsaurem Ammoniak
ist denn auch in den letzten Jahrzehnten ausserordent-
lich gestiegen. 1890 betrug sie 210 000 Tonnen, 1900
eine halbe Million und gegenwärtig beträgt sie 1,33 Mil-
lionen Tonnen. Hiervon wurden nach Angabe der Deut-
schen Ammoniak-Verkaufsvereinigung im Jahre 1912 in
Deutschland 492 000 Tonnen, mehr als der dritte Teil
der Weltproduktion, im Werte von 124 Millionen Mark
verbraucht. Nimmt man im Chilesalpeter einen Stick-
stoffgehalt von 15% und im schwefelsauren Ammoniak
einen solchen von 20,5% an, so überstieg im Jahre
1911 zum erstenmal der von der deutschen Landwirt-
schaft verwendete heimische Ammoniakstickstoff mit
75 000 Tonnen den ausländischen Salpeterstickstoff von
70 400 Tonnen, zu dem allerdings noch geringe Mengen
Ammoniakstickstoff vom Auslande bezogen wurden.
        <pb n="41" />
        ﻿Koksöfen 1° dem Masse, wie in den siebziger Jahren die
deutsche Farbenindustrie emporwuchs, steigerte sich der
Bedarf an Steinkohlenteer und seinen Destillationspro-
dukten, die, wie erwähnt, damals zum grössten Teil
von England bezogen wurden, wo die Leuchtgasfabrikä-
tion einen viel grösseren Umfang angenommen hatte als
bei uns. Erst mit der Einführung der Koksöfen, die
sich wiederum mit der mächtigen Entwicklung der
deutschen Eisenindustrie und ihren koksverschlingenden
Hochöfen beständig vermehrten, konnte den Bedürf-
nissen der Teerindustrie und damit zugleich einer fort-
schreitenden Gewinnung von Ammoniak in der Haupt-
sache genügt und sowohl die deutsche Farbenindustrie
wie die deutsche Landwirtschaft von englischer. Bevormun-
dung in Teerprodukten und Ammoniakdüngeribefreit werden.

Stickstoff- So günstig sich diese Verhältnisse aber auch ge-

Landwir?r	haben, so ist doch nicht zu verkennen, dass die

schaft Ammoniakproduktion durch die Bedürfnisse des Leucht-
gasbedarfs und der Eisenindustrie begrenzt ist. Wir
sind also fast für die Hälfte des landwirtschaftlichen
Stickstoffbedarfs noch mit einer Ausgabe für Chile-
salpeter von rund 100 Millionen Mark auf das Ausland
angewiesen. Wenn man aber weiter erwägt, dass wir
jährlich für 2 Milliarden Mark landwirtschaftliche Pro-
dukte in Gestalt von Getreide, Futtermitteln usw. vom
Auslande kaufen müssen, um unsere Bevölkerung zu
ernähren, eine Ausgabe, die sich erheblich vermindern
würde, wenn unsere Felder, deren Ertrag sich in den
letzten vierzig Jahren bereits verdoppelt hat, durch
weiter gesteigerte Stickstoffzufuhr intensiver bewirt-
schaftet werden könnten, so ist ein Bedürfnis nach wei-
teren Stickstoffquellen nicht von der Hand zu weisen.
Obwohl die deutsche Landwirtschaft mehr Stickstoff-
        <pb n="42" />
        ﻿39

dünger verbraucht, als irgendein anderes Land der Welt,
so lässt sich leicht zeigen, dass sie noch erheblich
grössere Mengen aufnehmen könnte.

Der Stickstoffgehalt der deutschen Ernte wird auf
2,5 Millionen Tonnen geschätzt. Etwa 1,5 Millionen
davon kehren durch natürliche Düngung in den Boden
zurück, während eine Million Tonnen durch die Flüsse
den Meeren zufliesst, um den Fischen als Nahrung zu
dienen, oder auf andere Weise der Landwirtschaft ver-
loren geht. Wenn nun auch durch die Gewitter eine
nicht unbeträchtliche Menge Stickstoff in Form von
salpetriger Säure gebunden und durch die Bakterien
der Leguminosen erhebliche Mengen dem Boden aus
der Luft zugeführt werden, so beträgt der in Form
Von Salpeter und Ammoniak zugeführte Stickstoff doch
nur 150 000 Tonnen, also etwa den siebenten Teil jener
Million. Wollte man aber auf den 180 Millionen Hektar
deutschen Getreide- und Kartoffellandes rationelle In-
tensivwirtschaft betreiben, um jenen Auslandstribut an
landwirtschaftlichen Produkten zu vermindern, so könnte
man gut die zehnfache Menge des jetzt künstlich zuge-
führten Stickstoffdüngers unterbringen, ohne eine schäd-
liche Konkurrenz auf dem Stickstoffmarkt befürchten zu müssen.

Unter diesen Umständen hat es nicht an Versuchen Luftsalpeter
gefehlt, den Stickstoff, der uns in der Luft in unge-
messenen Mengen zur Verfügung steht, auf syntheti-
schem Wege in assimilierbare Form zu bringen, was
noch dadurch eine erhöhte Bedeutung gewinnt, dass
die chilenischen Salpeterlager in der Zeit von wenigen
Menschenaltern erschöpft sein werden, und dass der
jungfräuliche Boden Amerikas und anderer getreide-
bauender Länder mehr und mehr an Stickstoff verarmt.

Ist die technische Elektrolyse auf dem salz- und
        <pb n="43" />
        ﻿40

kalireichen deutschen Boden erwachsen, so hatte die
elektrothermische Salpetergewinnung in Norwegen,
dem Lande der imposanten Wasserkräfte, ihre ersten
technischen Erfolge. Denn die schon vor 130 Jahren von
Cavendish beobachtete Verbrennung von Stickstoff und
Sauerstoff, die ihre Rohprodukte aus der Luft nimmt,
sie war lediglich eine Energiefrage. Es handelte sich
darum, ein bestimmtes Luftquantum möglichst hoch zu
erhitzen und rasch wieder abzukühlen. Die Norweger
Birkeland und Eyde verwirklichten 1903 die praktische
Durchführung dieses Problem^. Als sie den Flammen-
bogen des elektrischen Ofens zwischen starken Elektro-
magneten zu einer sonnenähnlichen Scheibe von zwei
Meter Durchmesser ausbreiteten, gelang es ihnen, die.
Energie von 1000 Pferdekräften in einem einzigen Apparat
auf hindurchgeleitete Luft zu übertragen und sie dabei
auf 2500 bis 3000 Grad zu erhitzen. Bald darauf fand
Schönherr in der Badischen Anilin- und Sodafabrik
zu Ludwigshafen eine andere Lösung dieses Problems,
indem er den Lidhtbogen nicht zu einer Scheibe aus-
blies, sondern im Innern eines mehrere Meter langen
Rohres auseinanderzog, wodurch ohne Zuhilfenahme
eines Magneten ebenfalls grosse Energiemengen auf ein
abgeschlossenes Luftquantum übertragen werden konn-
ten. Wird die so erhitzte Luft, um Rückzersetzungen zu
vermeiden, rasch auf 600 Grad abgekühlt, so gelingt
es, 1—2 Volumprozent zu Stickstoffoxyd zu verbrennen,
das sich bei weiterer Abkühlung in Gegenwart von
Wasser in eine 45—50prozentige Salpetersäure über-
führen lässt, die durch überschüssigen Kalk neutralisiert
wird. So erhält man einen basischen Kalksalpeter mit
einem Stickstoffgehalt von 15—20%, der direkt in der
Landwirtschaft verwendet wird. Die Verfahren sind von
        <pb n="44" />
        ﻿

BBBi

SH

marnmmammmm

41

einer internationalen Gesellschaft übernommen worden,
die mit 300 000 norwegischen Wasserpferdekräften 150 000
Tonnen Kalksalpeter, also etwa den zwölften Teil des Welt-
verbrauchs an Chilesalpeter, jährlich herzustellen beabsichtigt.

Für Deutschland hat das Verfahren geringere Be-
deutung, da das erforderliche Energiebedürfnis nur durch
grosse und billige Wasserkräfte befriedigt werden kann.

Inzwischen ist aber das Problem der Stickstoff-
bindung noch in einer anderen Weise gelöst worden,
die den Vorzug besitzt, nicht so grosse Energiekräfte
zu benötigen, wenn sie andererseits auch nicht von so
wohlfeilen Materialien ausgeht wie das erwähnte Ver-
fahren. Der schon genannte Chemiker A. Frank machte
in Gemeinschaft mit N. Caro die Beobachtung, dass
das, wie bereits erwähnt, aus Kalk und Kohle im elek-
trischen Ofen entstehende Kalziumkarbid bei hohen
Temperaturen aus sauerstofffreier Luft unter Kohlen-
stoffabscheidung Stickstoff aufnimmt und in Kalzium-
zyanamid übergeht, das bei einem Gehalt von 20 % assi-
milierbarem Stickstoff unter der Bezeichnung Kalkstick- Kalkstick-
stoff direkt als Düngemittel verwendet werden kann. stoff
In verschiedenen Ländern Europas und Amerikas sind
über 100 Millionen Mark in dieser neuen Industrie an-
gelegt worden. Die Weltproduktion beträgt gegenwärtig
120000 Tonnen jährlich, wovon auf Deutschland etwa
der Vierte Teil entfällt.

Auch aber hiermit sind die Mittel nicht erschöpft,Synthetisches
den Stickstoff der Luft für die Pflanzennahrung einzu- Ammoniak
fangen. Die jüngste Lösung des Stickstoffproblems ist
die Synthese des Ammoniaks aus seinen Elementen.

Mit praktischem Erfolge ist sie zuerst von Haber im
Karlsruher Laboratorium ausgeführt und dann von der
Badischen Anilin- und Sodafabrik, die sich ebenfalls mit



Hi
        <pb n="45" />
        ﻿42

diesem Problem beschäftigt hatte, zur technischen Aus-
führung gebracht worden. Obwohl es bekannt war, dass
sich Wasserstoff und Stickstoff unter gewissen Bedin-
gungen in sehr geringen Mengen miteinander vereinigen,
so hielt man die technische Darstellung des Ammoniaks
aus seinen Elementen bisher für undurchführbar, weil
die Trägheit des Stickstoffs bei niedrigen Temperaturen
und seine geringe Verwandtschaft zum Wasserstoff bei
hohen Temperaturen einen praktischen Erfolg auszu-
schliessen schienen. Haber gelang es jedoch, in Gegen-
wart gewisser reaktionsbeschleunigender Metalle, wie
Osmium, Uran u. a., und unter Drucken von 150 bis
200 Atmosphären bei Temperaturen von 500—550° in
der Tat einen Umsatz von 9 Volumprozent des Stick-
stoff-Wasserstoffgemisches zu erzielen. Stellt man einen
Kreislauf her, in welchem das Gasgemisch unter dem ge-
nannten Druck an einer Stelle bei der Reaktionstempe-
ratur der Einwirkung der Kontaktsubstanz und an einer
andern Stelle einer starken Temperaturniedrigung aus-
gesetzt wird, so gelingt es, an dieser das gebildete
Ammoniak in flüssigem Zustande dauernd abzuzapfen.
Die Badische Anilin- und Sodafabrik ist bereits
mit dem Bau einer grossen Betriebsanlage beschäftigt,
und in der Tat scheint dieses Verfahren berufen zu sein,
die Stickstofffrage ihrer Lösung um einen bedeutenden
Schritt näher zu bringen. Es besitzt vor den vorher ge-
nannten den Vorzug, dass es nicht an grosse elektrische
Energien gebunden ist, und dass die Bildung aus den
Elementen eine sehr einfache Reaktion ist. Allerdings
müssen diese in möglichster Reinheit zur Verfügung
stehen. Aber auch hierfür hat die Industrie schon vorge-
sorgt. Es ist bereits der Tatsache gedacht worden, dass
Chlor, Wasserstoff und Sauerstoff in grossem Massstabe
        <pb n="46" />
        ﻿43

Handelsprodukte geworden sind, die teils in flüssigem
Zustande, teils unter Drucken bis zu 150 Atmosphären
in den Verkehr gebracht werden. Namentlich das Sauer-
stoffbedürfnis war es, das im Laufe der letzten zehn
Jahre zu einer bewundernswürdigen neuen Industrie der
komprimierten Gase geführt hat, die auf den Kompri-
Schöpfer der modernen Kälteindustrie, Carl von Linde m,erteGase
in München, zurückzuführen ist.

Der Sauerstoff wird im grossen fast ausschliesslich
durch fraktionierte Destillation flüssiger Luft gewonnen,
die bei Temperaturen von 180 bis 200 Kältegraden in
ihre Hauptbestandteile Stickstoff und Sauerstoff zerlegt
wird. Da man für den vom Sauerstoff abdestillierten
Stickstoff bisher kaum Verwendung hatte, so kommt
er dem neuen AmmoniäkVerfahren besonders gelegen.

Auch der Wasserstoff wird für diesen Zweck auf ähn-
liche Weise gewonnen, indem man nach dem Vorgänge
von Frank und Caro das gewöhnlich als Wassergas
bezeichnete Gemisch von Wasserstoff und Kohlenoxyd,
das man in etwa gleichen Raumteilen erhält, wenn man
Wasserdampf über glühende Kohlen leitet, einer fraktio-
nierten Destillation unterwirft. Da die Siedepunkte dieser
Gase bei —253° und —192°, also um 61° auseinander-
liegen, so lassen sie sich in dem Lindeschen Apparat
ohne Schwierigkeit trennen. Der Wasserstoff wird vom
flüssigen Kohlenoxyd abdestilliert, dessen Heizkraft zum
Treiben der Kompressionsmaschinen ausgenutzt wird.

Man sieht, dass man für die neueste Ammoniakerzeugung
nichts als Luft, Wasser und Kohle braucht, und dass
viel Aussicht vorhanden ist, das Verfahren in Deutsch-
land, dem kohlenreichsten Lande Europas, in grösstem
Massstabe durchzuführen und so den Energieinhalt der
fossilen Reste weit zurückliegender Pflanzengenerationen
        <pb n="47" />
        ﻿unserer Landwirtschaft und der Ernährung unseres Volkes
dienstbar zu machen.

Salpetersäure Da man schliesslich das Ammoniak nach einem Ver-
fahren von K. F. Kuhlmann*) mit Luft in Gegenwart;
von Platin zu Salpetersäure verbrennen kann, so ist auch
die Möglichkeit gegeben, aus heimischen Produkten die
Salpetersäure zu gewinnen, deren deutsche Jahrespro-
duktion im Werte von 35 Millionen Mark gegenwärtig
ausschliesslich aus Chilesalpeter stammt.

Sprengstoffe Diese bedeutenden Mengen Salpetersäure werden
zum grossen Teil in der Industrie der Teerfarbstoffe,
aber in noch grösserem Massstabe in der Sprengstoff-
industrie verbraucht, die in den letzten 25 Jahren in
Deutschland eine gewaltige Umwälzung erfahren hat.

Schwarz- Das alte Schwarzpulver besteht bekanntlich aus
pulver einem Gemisch von leicht zündbarem Schwefel, brenn-
barer Kohle und sauerstoffabgebendem Salpeter, das
auch bei feinster Mahlung doch immer nur ein rohes
Gemenge bildet und verhältnismässig langsam abbrennt.
Die heutige Sprengstofftechnik verwendet Stoffe, die
die zur Verbrennung geeigneten Elemente im Molekül
selbst vorrätig haben. Das Verbrennungsmaterial be-
steht aus Kohlenstoff und Wasserstoff, die von dem1 im
Molekül verfügbaren Sauerstoff gleichsam durch eine
Stickstoffwand getrennt sind. Die Rolle des zündenden
Schwefels übernimmt hier die sogenannte Initialzündung,
meistens aus einer sehr geringen Knallquecksilbermenge
bestehend, die bei der Detonation auf einen Teil des
Sprengstoffs einen so heftigen Schlag ausführt, dass
die Stickstoffwand zerschmettert wird und unter plötz-

*) Ann. d. Chem. u. Pharm. 1839. 29. 280.
        <pb n="48" />
        ﻿45

licher Auslösung grosser Wärmem engen eine innere Ver-
brennung vor sich geht, die sich durch die ganze Masse
fortpflanzt. Während 1 kg Schwarzpulver in Vioo Se-
kunde abbrennt, kann man dieselbe Menge Schiessbaum-
wolle in Veoooo Sekunde in gasförmige Verbrennungs-
prodükte von hoher Temperatur verwandeln, wobei
momentan eine ungeheure Spannkraft entsteht. Die von
dem Württemberger Schönbein in Basel und Chr.

Böttger in Frankfurt a. M. schon 1846 entdeckte, durch
die Einwirkung von Salpetersäure auf Baumwolle in
Gegenwart starker Schwefelsäure entstehende Schiess- Schiess-
baumwolle hat jedoch erst in den achtziger Jahren als baumwolle
wirkliches Schiessmittel Verwendung gefunden, nachdem
es gelungen war, die erwähnte, für Schiesswaffen un-
geeignete grosse Verbrennungsgeschwindigkeit zu massi-
gen und den ballistischen Anforderungen der Waffen-
technik genau anzupassen. Dies geschah, indem man der
Schiessbaumwolle ihre faserige Struktur nahm und sie
durch sogenannte Gelatinierung mit gewissen Lösungs-
mitteln, wie Azeton, Essigäther, Aetheralköhol u. a.,
in eine plastische, beliebig formbare Masse verwandelte.

Noch einen Schritt weiter ging der geniale, durch seine
grossartigen Preisstiftungen bekannte Schwede Alfred
Nobel, dem die Sprengstofftechnik bereits das Dynamit
verdankte, als er statt jener Gelatinierungsmittel selbst
einen starken Sprengstoff, das Nitroglyzerin, verwen-
dete, wodurch nun ausserordentlich brisante Schiess-
und Sprengmittel gewonnen wurden.*)

Da man es bei der Baumwolle mit einem nicht
immer ganz gleichartigen Naturprodukt zu tun hat, und

*) Vgl. B. Lepsius. Das alte und das neue Pulver. Verh. der
Vers, deutscher Naturforscher und Aerzte. Leipzig. 1891. I. 17.



W !



! 1
        <pb n="49" />
        ﻿46

die Schiessbaum wolle, namentlich in der Tropentem-
peratur, eine beständige Neigung zu langsamer innerer
Zersetzung besitzt, die je nach dem verwendeten Ma-
terial und der angewandten Herstellungsmethode ver-
schieden ist, so spielen die Mittel zur Bekämpfung und
Einschränkung dieser Tendenz, die sog. Stabilisatoren,
für die Haltbarkeit und Zuverlässigkeit des Pulvers eine
grosse Rolle. Es hat den Anschein, dass dieser Frage
nicht überall die unerlässliche Sorgfalt gewidmet worden
ist, denn die Unglücksfälle der französischen Panzer-
schiffe „Jena“ und „Liberte“ sind aller Wahrscheinlich-
keit nach auf die Vernachlässigung dieser Frage zurück-
zuführen, um deren Lösung sich der deutsche Spreng-
stoffchemiker W. Will in der Zentralstelle für wissen-
schaftlich-technische Untersuchungen zu Neubabelsberg,
einem von den vereinigten deutschen Sprengstofffabriken
geschaffenen Forschungsinstitut, grosse Verdienste er-
worben hat. Man wird dabei an einen Ausspruch des
Fürsten Bismarck erinnert, der im Jahre 1889 über
die staatserhaltende Rolle der Chemiker sagte, dass sie
es seien, die in letzter Richtung über Krieg und Frieden
entscheiden und z. B. bei schlechter Herstellung des
Pulvers und anderer Ausrüstungsgegenstände des
Gegners denselben unter Umständen zwängen, das
Schwert in der Scheide zu lassen.*)

Eine andere Klasse von brisanten Sprengstoffen sind
die hochnitrierten Benzolkohlenwasserstoffe. Die Pikrin-
säure, ein dreifach nitriertes Phenol, wurde im Jahre
1771 von dem Erfinder der zweihalsigen Flasche
P. Woulfe in London bei der Behandlung von Indigo
mit Salpetersäure beobachtet. 1881 wurde sie, nach-

*) Ztschr. ang. Chem. 1913, 26, wirtschaftl. Th. S. 166.
        <pb n="50" />
        ﻿47

dem sie lange als schöner gelber Farbstoff zum Gelb-
und Grünfärben von Seide, Wolle und Papier benutzt
worden war, zuerst in Frankreich als Melinit zur
Füllung von Granaten verwendet. Neuerdings ist sie
durch das Trinitrotoluol ersetzt worden, das im
Jahre 1891 von C. Haeussermann als Granatfüllung
vorgeschlagen und 1900 von der Chemischen Fabrik
Griesheim-Elektron in den Grossbetrieb eingeführt
wurde.

Diese brisanten Sprengstoffe haben sowohl in der
Kriegstechnik wie auch im Berg- und Tunnelbau grosse
Wandlungen hervorgerufen. Die wichtigsten Folgen
ihrer Einführung waren für die Schiesstechnik die Ver-
kleinerung der Geschosse, die Vergrösserung ihrer
Anfangsgeschwindigkeit und eine Streckung der Flug-
bahn; für den Bergbau eine eminente Vermehrung der
Sprengwirkung; für den Strassen- und Tunnelbau endlich
eine erhebliche Abkürzung der Bauzeit und eine Er-
mässigung der Baukosten. Die Bedeutung solcher Er-
sparnisse für den deutschen Bergbau ergibt sich aus
der Tatsache, dass allein die Westfälische Kohlen- und
Erzf-örderung in den letzten 25 Jahren von 34 auf 100
Millionen Tonnen gestiegen ist und gegenwärtig einen
Wert von 1035 Millionen Mark aufweist.

Diese brisanten Sprengstoffe sind allerdings im
Kohlenbergbau wegen ihrer hohen Verbrennungstem-
peraturen und der damit verbundenen Zündungsgefahr
schlagender Wetter nicht überall verwendbar. Man be-
nutzt hier sog. schlagwettersichere Sprengstoffe, die
meist aus einem Gemisch von Ammoniaksalpeter und
organischen Nitrokörpern mit gewissen weiteren Zu-
sätzen bestehen und durch niedrige Verbrennungstempe-
raturen ausgezeichnet sind. Sie haben ferner die Eigen-

Brisante

Sprengstoffe
        <pb n="51" />
        ﻿Sicherheits-

sprengstoffe

schaft, nur durch Initialzündung zum Explodieren
gebracht zu werden, ohne diese aber gegen Zündung,
Stoss und Schlag unempfindlich zu sein, und werden
daher im Stückgutverkehr, wie jede andere Ware, ver-
sandt, was zu ihrer Verbreitung in hohem Masse bei-
getragen hat. Wenn damit die Gefahren erheblich ver-
mindert werden konnten, so sind sie doch immer noch
nicht völlig besiegt.*) Es ist bekannt, dass der Kaiser
gerade der Bekämpfung der Schlagwettergefahr seine
besondere Aufmerksamkeit zugewandt hat; ein neuer
Ansporn für die Wissenschaft, auch auf diesem Gebiete
der Volkswohlfahrt das dringend erwünschte Ziel der weit-
gehenden Abwendung dieser Unglücksfälle zu erreichen.**)

*) Wenn sich diese Gefahren im Kampfe mit den Naturge-
walten auch niemals ganz werden beseitigen lassen, so ist doch
anzuerkennen, dass Deutschland bei ihrer Bekämpfung an erster
Stelle steht. Der deutsche Bergbau gibt etwa 33,5 Millionen Mark
für die Unfallverhütung aus, das sind etwa 14 Prozent des Lohnes,
während sonst für soziale Fürsorge etwa 8 Prozent ausgegeben
werden. Die Unfallstatistik der letzten 25 Jahre zeigt, dass auf
1000 Bergarbeiter in dem Zeitraum 1888—1900 2,6 (gegen 3,5 in
Amerika), in dem Zeitraum; 1901—1911 2,1 Unfälle kamen. Von
diesem Prozentsatz ist jedoch nur ein kleiner Teil auf chemische
Ursachen zurückzuführen, da von 100 Unfällen 43 durch Stein-
kohlensturz bedingt sind, 37 bei der Förderung und Fahrung ein-
treten und sich nur 3 durch Schiessarbeiten und 3 durch Explosio-
nen ereignen. Das macht auf 1000 Arbeiter 0,13 chemisch verur-
sachte Unfälle. (Tübben, Die Gefahren des Bergbaus und
ihre Bekämpfung. Ztschr. ang. Chem. 1913, 26, wirtschaftl. T., S. 167.)

**) Dem im Jahre 1912 bei der Eröffnung der Dahlemer For-
schungsinstitute vom Kaiser geäusserten Wunsche, die Sicherheit
des Bergmanns gegen diese Gefahr durch geeignete Instrumente
zu erhöhen, scheint die Ha bersche Schlagwetterpfeife bereits
entgegen gekommen zu sein, die auf der Interferenz der Töne
in reiner und grubengashaltiger Luft beruht und mit Hilfe der dem
Ohr vernehmlichen Tonstösse den Gehalt der Grubenluft an Methan
genau zu bestimmen gestattet.
        <pb n="52" />
        ﻿49

Man darf annehmen, dass die gesamte Sprengstoff-
produktion in Deutschland 40 Millionen kg beträgt.
Hiervon dürften etwa 10 Millionen auf Dynamitspreng-
stoffe, 16 Millionen auf Ammoniaksalpetersprengstoffe
und 14 Millionen auf Schwarzpulver und andere Explo-
sionsstoffe zu rechnen sein.*) Die Mehrausfuhr des
Deutschen Reiches an Sprengstoffen betrug im Jahre
1908 19 Millionen, im Jahre 1912 60 Millionen Mark.**)

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika wurde
die Sprengstofffabrikation für das Jahr 1905 zu 165 Mil-
lionen kg angegeben. Inzwischen haben die Staaten
in dem Panamakanal, unter Verwendung von über
60 Millionen kg Dynamitsprengstoffen, die an Ort und
Stelle fabriziert wurden und mit einem Kostenaufwand
von 1700 Millionen Mark, eines der grössten Kultur-
werke vollendet, dessen Durchführung in dem Culebra-
Einschnitt allein die Fortschaffung von 72 Millionen
Kubikmeter Felsmassen erforderte.

Die Weltproduktion darf heute auf 400 Millionen kg,
der zehnfachen Menge der deutschen Sprengstofferzeu-
gung, geschätzt werden.

*) In Deutschland wurden gefertigt:

Dynamitsprengstoffe Ammoniaksalpetersprengstoffe
kg	kg

1867 ca. 11 000
1880	„	1 900	000

1890	„	4 938	000

1909	„	8 000	000

1912	„	10 000 000

}

0

nicht
erheblich
10 000 000
16 000 000

(W. Will. Ueber Sprengmittel, Wien, 1910. S. 15.)

**) Chem. Ind., 1913, 36. Protokoll der Hauptversammlung S. 71.

Lepsius: Deutschlands Chemische Industrie.	4
        <pb n="53" />
        ﻿50

Künstliche

Seide

Von der formbaren gelatinierten Schiessbaumwolle
ist im Laufe der letzten 25 Jahre noch eine andere grosse
Industrie ausgegangen. Die auf der Pariser Ausstellung
von 1889 vom Grafen de Chardonnet ausgestellte, aus
Baumwolle gefertigte künstliche Seide machte durch den
die natürliche übertreffenden Glanz ihrer Faser Auf-
sehen. Eine Lösung von nitrierter Baumwolle oder Holz-
cellulose in einem Gemisch von Alkohol und Aether hatte
er durch capillare Glaslöffnungen in Wasser gepresst,
das dem erzeugten Strahl das Lösungsmittel entzog und
ihn zu einem Faden gerinnen Hess, der von Spulen aufge-
nommen wurde. Er gewann auf diese Weise Fäden,
deren Feinheit und Glanz von der Dichte der Lösung,
der Grösse der Oeffnungen, der Höhe des Pressdruckes
und der Umdrehungszahl der Spule abhing. Um dieser
gesponnenen Schiessbaumwolle die Feuergefährlichkeit
zu nehmen, denitrierte er sie durch Schwefelammonium,
wodurch der hohe Glanz der Fäden nicht beeinträchtigt
wurde.

In Deutschland wurde das Verfahren durch
F. Lehner verbessert, gleichzeitig aber fand man
andere Wege, die Baumwolle zu formen, indem man
andere Lösungsmittel der Cellulose heranzog. Durch
Auflösen in Kupferoxydammoniak gewann man die
sogenannte Kupferseide und durch die Einwirkung von
Schwefelkohlenstoff in Gegenwart von Alkali oder Kalk
die Viscoseseide. Endlich erhielt man durch Einwirkung
von Essigsäure auf Cellulose die Acetatseide. Die Kunst-
seide steht der aus einem Eiweissstoff bestehenden
Naturseide an Festigkeit, Elastizität und Feinheit nach,
übertrifft sie aber an hohem Glanz, der sie für Stoffe,
bei denen es mehr auf diesen als auf die Haltbarkeit
ankommt, geeignet macht. Wenn daher auch die Seiden-
        <pb n="54" />
        ﻿51

raupe ihr Feld behaupten wird, so hat die Kunstseide
doch grosse Gebiete der Textilindustrie erobert, zumal
die geformte Cellulose auch als künstliches Rosshaar,
als Isoliermittel für elektrische Leitungsdrähte, zur Imi-
tation von Hartgummi, Guttapercha und Leder und zur
Herstellung von photographischen Films mannigfache
andere Verwendungsgebiete gefunden hat. Zu kinemato-
graphischen Zwecken ist besonders die Azetatcellulose
zu empfehlen, die schwerer verbrennlich ist und daher
grössere Sicherheit bietet.*)

Der Kilopreis der Kunstseide, der 1898 noch 50 Mark
betrug, ist inzwischen erheblich zurückgegangen und
beträgt gegenwärtig 10—15 Mark, je nach den Eigen-
schaften der verschiedenen Produkte. Die Weltproduk-
tion wird mit 7 Millionen Kilogramm angegeben. Davon
entfiel bis vor kurzem etwa die Hälfte auf das Nitro-
cellulose-Alkoholverfahren, die andere Hälfte auf die
Kupfer-, Viscose- und Acetatverfahren; während in der
letzten Zeit eine wesentliche Verschiebung zugunsten
der letzteren eingetreten ist.

Die Produktion Deutschlands, das den grössten Ver- schädliche
brauch an Kunstseide hat, beträgt etwa 2 Millionen kg. w^“^,der
im Werte von 24 Millionen Mark, wovon etwa 600 000 kg Steuer
ausgeführt werden. Gleichwohl bezieht Deutschland aber
noch 1800 000 kg, und zwar hauptsächlich „Alkohol-
seide“, vom Auslande, während die ausgeführte Kunst-
seide vornehmlich den anderen Sorten angehört.

*) Der Verbrauch von Kinematographenfilms wird gegen-
wärtig in Europa auf 100 Millionen Meter geschätzt; der ameri-
kanische Bedarf dürfte diese Zahl noch übertreffen. In Deutsch-
land hat sich die unter der Leitung von F. Oppenheim stehende
Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation zu Berlin dieses neuen
Industriezweiges besonders angenommen.

4*
        <pb n="55" />
        ﻿52

Der Grund für diese erhebliche Einfuhr liegt in der
Tatsache, dass die deutschen Fabriken, die diese Alkohol-
seide herstellen, obwohl sie in der ersten Zeit glänzende
Einnahmen hatten, bei den heutigen Alkoholpreisen mit
dem Auslande nicht konkurrieren können. Während
nämlich auf dem Weltmarkt für den Hektoliter Alkohol
32 Mark' bezahlt werden, kostet er wegen der Spiritus-
steuer im Inlande 79 Mark. Wenn nun den; Kunstseide-
fabriken hierauf auch eine Rückvergütung von 10 Mark
bewilligt wurde, so ist doch inzwischen von den drei
Alkoholseidefabriken in Deutschland die eine vor kurzer
Zeit eingegangen; eine andere, die früher über 30 % Di-
vidende zahlte, hat in den letzten zwei Jahren Verluste
von über 2 Millionen Mark gehabt, und die dritte kann
nur durch eine besondere Qualitätsware höhere Preise
als das Ausland erzielen. Auch eine am 1. Oktober 1912
durch Reichstagsbeschluss erfolgte Verdoppelung der
Steuerrückvergütung auf 20 Mark hat diesen Prozess
nicht aufgehalten, da auch damit der Preisausgleich noch
nicht erreicht wurde. Dazu kommt, dass Deutschland
die Auslandsprodukte mit einem Zoll von 30 Pfennig
hereinlässt, während z. B. Frankreich seine Kunstseide
mit einem Eingangszoll von 9,60 Francs schützt.

Der Verfasser würde der Aufgabe dieser Denkschrift
nicht gerecht werden, wollte er nur der industriellen
Lichtseiten gedenken, er musste daher auf diese Schädi-
gung einer blühenden Industrie hinweisen, durch die
jährlich etwa 20 Millionen Mark in das Ausland gehen.

Demgegenüber finden wir in den Aufzeichnungen
J. van’t Hoffs über eine Abendgesellschaft im König-
lichen Schlosse zu Berlin im Jahre 1902, wo sich die
Unterhaltung über viele naturwissenschaftliche und tech-
nische Dinge bewegte, wie über die Entstehung des
        <pb n="56" />
        ﻿■H

53

Nordlichtes, über die Wasserreinigung durch Ozon, über
die, bekanntlich der Initiative des Kaisers zu ver-
dankende, moderne Entwicklung der Spiritusindustrie,
über die Seezeichenbeleuchtung, über neue Kartuschen-
hüllen aus Schiessbaumwolle und schliesslich über die
Bereitung der Kunstseide, den folgenden Satz:

„Der Kaiser war sehr begeistert für das Verfahren
und sagte, es wäre stets sein Bestreben, Deutschland
soviel als möglich von auswärtigen Rohmaterialien un-
abhängig zu machen. Er hoffte, dass es1 möglich sein
würde, durch diese Kunstseide die französische Seide
sowie die amerikanische Wolle zu entbehren.“ Unsere
zuungunsten der Industrie häufig einseitig beeinflusste
Steuergesetzgebung lässt diesen patriotischen Standpunkt
leider manchmal vermissen.

Während die Salpetersäure in der Regel nicht wegen Schwefel-
ihres sauren Charakters, sondern vielmehr wegen ihrer
oxydierenden und nitrierenden Eigenschaften verwendet
wird, ist die Schwefelsäure die Säure par excellence.

Sie wird daher in den Industrien und Gewerben in fast
der zehnfachen Menge verwendet. Von der Weltpro-
duktion, die gegenwärtig auf 5 Millionen Tonnen ge-
schätzt wird, kommt auf Deutschland der vierte Teil
mit 1250 000 Tonnen im Werte von 30—40 Millionen
Mark.*)

Bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts ist diese
Fabrikation eine der konservativsten gewesen; seit dem
Jahre 1746 hat man die Säure in den bekannten Blei-
kammern gewonnen. Die heutige Gewinnung wird von
dem sogenannten Kontaktverfahren beherrscht, dessen
Einführung durch die Badische Anilin- und Sodä-

*) C. Duisberg. Die Wissenschaft und Technik in der che-
mischen Industrie. München, 1911, S. 6.

saure
        <pb n="57" />
        ﻿54

fabrik mit der Herstellung Von künstlichem Indigo im
Zusammenhänge steht. Als man in Ludwigshafen im
Begriffe war, vom Naphthalin ausgehend, die Erzeugung
von künstlichem Indigo ins Leben zu rufen, fand H. E.
Sapper in der heissen konzentrierten Schwefelsäure das
billigste Mittel, um das Ausgangsprodukt zu Phtalsäure
zu oxydieren.*) Wollte man aber dieses Verfahren
durchführen, so musste man jährlich 40000 Tonnen der
bei der Oxydation entstehenden gasförmigen schwefligen
Säure in konzentrierte Schwefelsäure zurückverwandeln.
Diese Aufgabe löste R. Knietsch, der das schon 1875
von Clemens Winckler vorgeschlagene Verfahren, die
schweflige Säure in Gegenwart von fein verteiltem Platin
mit Sauerstoff zu vereinigen, so weit ausbildete, dass
heute die konzentrierte Schwefelsäure nur nach dem
Kontaktverfahren gewonnen wird. Seitdem hat man
nicht nur die Bleikammern, soweit sie nicht noch für
dünne Säuren verwendet werden, sondern vor allem1
auch die kostspieligen Gold- und Platinkessel abge-
schafft, in denen früher die Kammersäure konzentriert
wurde, und die das Apparaten-Konto mancher Schwefel-
säurefabrik 'mit mehr als einer Million Mark belasteten.**)
Die jährliche Produktion der Kontaktsäure beträgt
gegenwärtig etwa 400 000 Tonnen.

*) Vgl. H. Brunck. Ber. d. d. chem. Oes., 1900, 33, 3. Sonder-
heft.

**) Die durch das Kontaktverfahren herbeigeführte Abschaffung
der Platinkessel in den Schwefelsäurefabriken ist von erheblicher
finanzieller Bedeutung, da der Platinpreis seit dem Jahre 1880
fast um das Zehnfache gestiegen ist. Der Kilopreis des Platins
betrug:

1880	650 — M.	1907	3200.—	M.
1885	950.- „	1909	3600.-	11
1895	1400.— „	1910	5200.—	11
1905	2700.— „	1912	6200.—	11
        <pb n="58" />
        ﻿55

Ein beträchtlicher Teil der in Deutschland aus spani- Schwefel-
schen Schwefelkiesen erzeugten Schwefelsäure wird zur ®äVr.e
Herstellung des schon erwähnten schwefelsauren Am- gas
moniaks verwendet. Da sie aber dem Ammoniak nur
als Vehikel dient und für die Pflanzennahrung keine
Bedeutung hat, so geht dieser in Deutschland auf 300 bis
400 000 Tonnen Kammersäure zu schätzende Anteil volks-
wirtschaftlich völlig verloren.

Nun befindet sich in den Steinköhlengasen reich-
lich so viel Schwefel, dass man daraus diese ganze
Schwefelsäure bestreiten könnte, wenn man mit seiner
Hilfe das Ammoniak direkt in schwefelsaures Ammoniak
überführt. Fast seit Beginn der Fabrikation des Leucht-
gases hat man, da es ohnedies entschwefelt werden
muss, dieses Problem im Auge. Es scheint, dass es
neuerdings durch ein Verfahren von Walther Feld
über die Bildung von Polythionaten in einfacher Weise
gelöst worden ist. In Deutschland allein würde dadurch
die genannte Menge Schwefelsäure im Werte von 8 Mil-
lionen Mark jährlich erspart werden können.

Wenden wir uns nunmehr den wirtschaftlichen Er- Technik und
folgen der Chemie des Steinkohlenteers zu, so brauchtWissenschaft
kaum erwähnt zu werden, dass sie in der Industrie der
künstlichen Farbstoffe in Deutschland zu den höchsten
wissenschaftlichen und technischen Triumphen geführt
hat. Dies konnte jedoch nur dadurch geschehen, dass
seit den Untersuchungen A. W. Hofmanns über das
Anilin und seit seiner Entdeckung des Benzols im
Steinkohlenteer diese Industrie in inniger Verbindung
mit der wissenschaftlichen Forschung geblieben ist.

Diese untrennbare Verknüpfung der Technik mit
der Wissenschaft brachte es mit sich, dass die Industrie
in ihren Fabriken selbst wissenschaftliche Laboratorien
        <pb n="59" />
        ﻿56

errichtete, deren Ausstattung und Ausdehnung mit den
akademischen Arbeitsstätten wetteifern. In einzelnen
Werken sind Hunderte von Chemikern beschäftigt, neue
Synthesen zu erforschen, neue Verfahren zu erfinden,
neue Gebiete zu erschliessen oder die Wege schon be-
kannter Gebiete gangbar zu machen, durch stete Ver-
besserung und Vereinfachung der bestehenden Verfahren.

Dieser Stab akademisch gebildeter Mitarbeiter bildet
einen integrierenden Bestandteil der deutschen chemi-
schen und insbesondere der Farbenindustrie, und wir
können daher aus der Zunahme ihrer Anzahl einen
Schluss ziehen auf die mächtige Entwicklung dieser In-
dustrie, wenn wir beispielsweise aus dem Berichte über
die am 4. Januar 1913 begangene Halbjahrhundertfeier
der Farbwerke vorm. Meister Lucius und Brü-
ning zu Höchst a. M. erfahren, dass die Zahl der dort
angestellten Chemiker in den letzten 25 Jahren von
57 auf 307 angewachsen ist. In derselben Zeit ver-
mehrte sich die Arbeiterzahl von 1860 auf 7680, denen
im Jahre 1912 ein Lohn von 8 600 000 Mark gezahlt
wurde.*)

*) In den Höchster Farbwerken kamen im Jahre 1912 auf
7680 Arbeiter 1366 Beamte (374 Aufseher, 307 Chemiker, 74 Tech-
niker und 611 Kaufleute, ohne die Vertretungen); somit kommen
auf einen Beamten 5—6 Arbeiter. Nach W. von Oechelhäuser
(Technische Arbeit einst und jetzt, Berlin 1906) kommen auf einen
Beamten in

Stahl- und Hüttenwerken	etwa	30—26 Arbeiter	
Spinnereien	ff	18—15	ff
Webereien		12—10	ff
Schiffswerften	&gt;&gt;	16— 8	ff
M aschinenf abrik en	ff	12— 4	ft
Gasgesellschaften	ff	9- 4	ft
Chemischen Fabriken	ff	7- 6	tt
        <pb n="60" />
        ﻿Die Badische Anilin- und Sodafabrik zu Lud-
wigshafen, die grösste chemische Fabrik Deutschlands
und der Welt, beschäftigt gegenwärtig 11 000 Arbeiter,
Aufseher und Meister.

Es würde die Aufgabe dieser Denkschrift weit über- steinkohlen-
schreiten, wollten wir den Versuch machen, den Werde-teenndustrie
gang der Farbenindustrie vor uns aufzurollen; ist doch
beispielsweise allein in den genannten Höchster Werken
die Anzahl der einzelnen Farbstoff typen im Laufe der
letzten 25 Jahre von 1700 auf 11000 angestiegen. Wir
müssen uns vielmehr darauf beschränken, einzelne
Seiten dieser glänzenden Entwicklungsgeschichte aufzu-
schlagen, auf denen die volkswirtschaftliche Bedeutung
dieser Industrie unsern Blick fesselt. Auf den ersten
Blättern finden wir Mitteilungen über das Fundament
der Farbenchemie, die Industrie des Steinkohlenteers.

Wir erfahren, dass nach neueren Schätzungen der steinkohlen-
gesamte Steinkohlenvorrat Europas etwa 700 Milliarden vorrat
Tonnen beträgt, und sind beruhigt, dass davon 400 Mil-
liarden auf Deutschland entfallen,*) und dass, die jetzige
Jahresförderung von 160 Millionen Tonnen (etwa fünf-
mal soviel wie vor 40 Jahren) zugrunde gelegt, unser

*) Nach im Aufträge der Preussischen Geologischen Landes-
anstalt vorgenommenen Untersuchungen über die Stein- und Braun-
kohlen-Vorräte des Deutschen Reiches von H. E. Böker (Glück
Auf, 1913, 49, 1045 u. 1085) betragen nach der gegenwärtigen
Kenntnis die Steinkohlenvorräte 410 Milliarden Tonnen, wovon
95 Millarden sicher, 227 Milliarden ausserdem wahrscheinlich und
88 Milliarden noch möglicherweise vorhanden sind. Von Braun-
kohlenvorräten sind sicher 9,3 Milliarden und noch wahrscheinlich
4,1 Milliarden vorhanden, zusammen 13,4 Milliarden Tonnen.
        <pb n="61" />
        ﻿58









Vorrat noch 2500 Jahre reichen würde,*) während die
entsprechende Zeit für England nur auf 700 Jahre, für
Nordamerika auf 1700 Jahre geschätzt wird.**)

Leuchtgas Die Destillation der Steinkohlen begeht gegenwärtig
in Deutschland ihre Zentenarfeier. Gerade 100 Jahre
ist es her, dass der Professor der Chemie in Freiberg
W. A. Lampadius sein Haus mit Steinkohlengas be-
leuchtete. Anfangs der sechziger Jahre wurden bereits
60 Millionen Kubikmeter Leuchtgas in Deutschland fabri-
ziert. In (den achtziger Jahren stieg diese Zahl auf
400 und 1900 auf 1200 Millionen, und gegenwärtig be-
trägt die Jahresproduktion der deutschen Gaswerke
2y2 Milliarden Kubikmeter. Zu ihrer Herstellung werden
7 800 000 Tonnen Steinkohlen im Werte von 90 Mil-
lionen Mark verbraucht, von denen etwas über 25 %
aus England stammen. Bei einem Verkaufspreis von
12 Pfennig hat diese Gasmenge einen Wert von 300 Mil-
lionen Mark, während gleichzeitig 4 Millionen Tonnen
Koks für 62 Millionen Mark, 390000 Tonnen Teer für
11 Millionen, Ammoniakprodukte für 17 Millionen und
andere Nebenprodukte für eine Million Mark gewonnen
werden.***)

*') C. Engler. Ueber Zerfallprodukte in der Natur. Verh. d.
Oes. d. Naturf. und Aerzte. Leipzig. 1911. I. S. 53.

**) Die Kohlenförderung im Ruhrgebiet betrug zu Anfang des
vorigen Jahrhunderts etwa 230 000 Tonnen, 1850 1,66 Millionen,
1860 4,36 Millionen, 1900 60,12 Millionen und 1909 82,80 Millionen
Tonnen. Insgesamt wurden 1912 in Deutschland 160,74 Millionen
Steinkohlen im Werte von 1,57 Milliarden Mark und 73,76 Millionen
Tonnen Braunkohlen im Werte von 183,36 Millionen Mark ge-
fördert.

***) A. Samtleben, Leuchtgas in chemischer, hygienischer und
wirtschaftlicher Beziehung. Ztschr. ang. Chemie 1912, 25, 2648.
        <pb n="62" />
        ﻿

Das in den deutschen Gasanstalten angelegte Kapital
beträgt 1,3 Milliarden Mark. In den grossen Städten
kommen auf den Kopf der Bevölkerung etwa 100 Kubik-
meter im Jahre. Der Etat der Berliner Gaswerke macht
mit 60—70 Millionen Mark mehr als ein Sechstel des
Etats der Reichshauptstadt aus. Von den 1700—1800
deutschen Gaswerken befinden sich etwa 25% der Zahl
nach und 10% der Produktion nach im Besitze privater
Gesellschaften mit einem Kapital von 190 Millionen
Mark; die übrigen Werke befinden sich im Besitz von
Kommunen, für die sie zur Bestreitung wichtiger Auf-
gaben eine willkommene Einnahmequelle bilden. Gleich-
wohl wäre es im Interesse der Industrie zu wünschen,
dass sich dieses Verhältnis nicht weiter vermindere, da
die Privatunternehmungen der Einführung grosszügiger
Verbesserungen erfahrungsgemiäss leichter zugänglich
sind als die von einem komplizierten Verwaltungs-
mechanismus abhängigen kommunalen Werke.

Schon bei der Entwicklung der Ammoniakindustrie
haben wir darauf hingewiesen, wie die Destillation der
Steinkohle nicht allein von den Gasanstalten, sondern
in steigendem Masse auch von den durch die wachsenden
Koksbedürfnisse der Eisenindustrie ins Leben gerufenen
Kokereien aufgenommen wurde. Dadurch stieg die Teer-
produktion Deutschlands in den Jahren 1883 bis 1909
von 85 000 auf eine Million Tonnen, wovon etwa 90 % auf
einzelne Teerprodukte weiter verarbeitet wurden, von
denen Benzol, Toluol, Phenol, Naphthalin und Anthrazen
als die für die Farbenindustrie wichtigsten zu nennen
sind.	!

Das Verdienst, die Grossindustrie der Teerdestilla-
tion in Deutschland begründet und dadurch die Farben-
industrie in der Anschaffung ihres Rohmaterials von

Teer-

destillation

• I 1
        <pb n="63" />
        ﻿60

England unabhängig gemacht zu haben, gebührt Julius
Rütgers. Seiner Energie ist es zu danken, wenn die
deutsche Teerindustrie, deren Produktion im Jahre 1900
nur die Hälfte der englischen betrug, im Laufe von
12 Jahren England eingeholt, wenn nicht überflügelt hat,
obgleich dort eine viel grössere Produktionsmöglichkeit
besteht als in Deutschland. Bei der Wichtigkeit des
Teers, dieses Gemisches zahlreicher, durch die Hitze
der Retorte umgewandelter, komplizierter Verbin-
dungen, hat es an seiner wissenschaftlichen Durch-
forschung nicht gefehlt. Viele Fortschritte in der wissen-
schaftlichen Erkenntnis wie auch in der Verarbeitung
des Steinkohlenteers und seiner Destillationsprodukte
sind mit dem Namen Gustav Krämer, einem Mit-
arbeiter Rütgers, so eng verknüpft, dass wir ihm fast
auf jeder Seite dieses interessanten Kapitals begegnen.
Bis jetzt sind mehr als 200 wohldefinierte chemische
Verbindungen aus dem Teer abgeschieden worden. Von
Benzol diesen Produkten bildet das Benzol etwa 10%, so dass
davon in Deutschland jährlich etwa 100 000 Tonnen im
Werte von 20 Millionen Mark gewonnen werden, wovon
etwa der fünfte Teil ausgeführt wird. Man darf an-
nehmen, dass von den im Inlande verbleibenden 80000
Tonnen die grössere Hälfte in Anilin übergeführt wird,
während der Rest zu anderen Zwischenprodukten für
die Farbenindustrie, ferner in den chemischen Wäsche-
reien, in der Automobilindustrie, zum Carburieren von
Leuchtgas und vielen anderen gewerblichen Zwecken
verwendet wird.

Naphthalin, Von andern Produkten erfahren wir, dass im Jahre

Anthrazen igjp die deutsche Naphthalinproduktion etwa 35 000
Tonnen im Werte von 5 250 000 Mark betrug, wovon
für ly* Millionen Mark exportiert wurde. Der deutsche
        <pb n="64" />
        ﻿Verbrauch an Reinanthrazen betrug 1880 1400 Tonnen,
wovon jedoch nur 200 in Deutschland gewonnen wurden
und der Rest aus England kam, während der heutige
Verbrauch von 5000 Tonnen im Werte von IV* Millionen
Mark ganz aus heimischen Produkten gewonnen wird.

Die Wiege der Teerfarbstoffe stand in Hof-Anilinfarben
manns Laboratorium in London, wo William H. Per-
kin 1856, mit Versuchen über eine Chininsynthese be-
schäftigt, bei der Behandlung von Anilin mit chrom-
saurem Kali einen violetten Farbstoff erhielt, den er
nach der Malvenblüte „Mauve“ nennt und im folgenden
Jahr in Greenford Green bei London fabriziert. 1859
behandelt Professor Emanuel Verguin in Lyon das
Anilin mit Zinnchlorid und gewinnt das Anilinrot par
excellence, das er nach der Fuchsiablüte „Fuchsin“
nennt und den Lyoner Seidenfärbern Renard freres
überlässt. Bald folgt der erste gelbe Anilinfarbstoff,
Hofmanns Chrysanilin, dann Girards Blau und Hof-
manns Violett, die durch Einführung von Phenyl- und
Methylgruppen in das Fuchsin entstehen. Lind noch vor
der Londoner Weltausstellung von 1862, auf der die
Chemie ihre ersten tinktorialen Triumphe feiert, er-
scheint Hofmanns erste wissenschaftliche Untersuchung
über die Zusammensetzung der von aller Welt bewun-
derten Anilinfarbstoffe.

Unter den 13 Preisträgern der Ausstellung befinden
sich fast nur englische und französische Firmen. Aber
nun zögert auch Deutschland nicht mehr, an dem neuen
Wettlauf teilzunehmen, und schon werden die Funda-
mente der deutschen Farbenfabriken gelegt.

Die Sei Ische Teerdestillation in Offenbach, wo Hof- ^irische
mann das erste Kilo Anilin aus dem Steinkohlenteer fabriken

'
        <pb n="65" />
        ﻿62

extrahiert hatte, war 1850 in die Hände von K. Oehler
übergegangen, der 1860 die Fabrikation von Mauve auf-
nimmt und bald das Fuchsin und ein schönes Anilinblau
in den Handel bringt. In demselben Jahre richtet die
Farbenhandlung von Friedrich Bayer in Elberfeld eine
Fuchsinfabrik ein. 1863 nehmen Meister Lucius und
Brüning in Höchst a. M. dieselbe Fabrikation auf „mit
Unterstützung eines Chemikers und einer dreipferdigen
Dampfmaschine“. Das Pfund Fuchsin kostet noch
20 Taler, aber nach Jahresfrist sinkt der Preis auf
8Taler.*) Gleichzeitig entsteht die Farbenfabrik von Wil-
helm Kalle in Biebrich a. Rh. und zwei Jahre darauf,
1865, die Badische Anilin- und Sodafabrik in Mann-
heim, die aber bald infolge eines gegen die Ausdehnung
des Welkes gerichteten Beschlusses der Stadtverwal-
tung ihren Sitz auf bayerisches Gebiet nach Ludwigs-
hafen verlegt. Ferner errichtete 1870 die seit Anfang
des vorigen Jahrhunderts bestehende Farbenhandlung
Cassella &amp; Cie. eine Anilinfarbenfabrik in Mainkur bei
Frankfurt a. M., und 1873 gründeten C. A. von Martius
und P. Mendelssohn-Bartholdy die Aktien-Ge-
sellschaft für Anilinfabrikation in Rummelsburg bei
Berlin.	!

Heute finden wir eine wesentlich veränderte Situ-
ation. Dem Zuge der Zeit folgend, haben sich, um
einer vornehmlidh dem Auslande zugute kommenden»
weitgehenden Konkurrenz vorzubeugen, Interessen-
gemeinschaften gebildet, durch die gleichzeitig eine
erhebliche Verminderung der General-, Patent- und Pro-
zesskosten erreicht wurde. 1904 schlossen sich die Werke

*) Farbwerke vorm. Meister Lucius u. Brüning, 1863—1913.
Jubiläumsschrift. Höchst a. M. 1913.
        <pb n="66" />
        ﻿63

von Höchst und Mainkur einerseits und kurz darauf
diejenigen von Ludwigshafen, Elberfeld und Berlin an-
dererseits zu engen Gemeinschaften zusammen. Der
ersteren schloss sich später das Biebricher Werk1 an.
Endlich wurde im folgenden Jahre das Oehlersche Werk
von der 1856 gegründeten Chemischen Fabrik Gries-
heim-Elektron aufgenommen.

Der damalige ausländische Vorsprung bereitete in-
dessen der jungen deutschen Industrie grosse Sorge.
In einer strengen Schule der Arbeit wuchs sie auf, ohne
einheitlichen deutschen Patentschutz, ohne einen Welt-
markt für deutschen Gewerbefleiss, in harter gegen-
seitiger Konkurrenz auf beschränktem deutschen Absatz-
gebiet.

Aber man lernte mit bescheidenen Gewinnen rech-
nen, rationell fabrizieren, rastlos verbessern und sparsam
Zusammenhalten, während weittragende Monopole und
grosse Gewinne das Ausland sorglos machten. Schon
hatte Kekule in Bonn (1867) in seiner Benzoltheorie
den Kompass gefunden, dem sich die deutschen Pioniere
in dem neuen Gebiet anvertrauen konnten, hatten Th.
Petersen in Frankfurt und W. Körner in Mailand das
Wirrsal der Benzolderivate ordnen helfen, und an die
Stelle einer unfruchtbaren Nachahmungsindustrie tritt
der kühne Flug eigener Forschung auf sicherer Trag-
fläche wissenschaftlicher Arbeit. Da9 Ziel ist die völlige
Verdrängung der natürlichen Farbstoffe durch gleiche,
bessere oder billigere Produkte der synthetischen
Chemie, die Schöpfung einer nationalen Industrie, die
sich unter deutscher Flagge den Weltmarkt erschliesst,
eingedenk der prophetischen, 25 Jahre früher ausge-
sprochenen Worte Liebigs: „Wir glauben, dass morgen
oder übermorgen jemand ein Verfahren entdeckt, aus

Benzol-

theorie
        <pb n="67" />
        ﻿64

Alizarin

Steirikohlenteer den herrlichen Farbstoff des Krapps oder,
das wohltätige Chinin zu machen."

Der erste epochemachende Schritt auf diesem Wege
war in der Tat die Synthese dieses „herrlichen Krapp-
farbstoffes", des Alizarins, aus dem Anthrazen des Stein-
kohlenteers durch C. Gräbe und C. Liebermann in
Berlin im Jahre 1869. Sie ging aus dem Laboratorium
und der Forschungsrichtung von Adolf von Baeyer
hervor, dem Schüler Kekules und späteren Nachfolger
Liebigs.

Die schwierige Aufgabe, diese Erfindung zur tech-
nischen Durchführung zu bringen, wurde von Heinrich
Caro in der Badischen Anilin- und Sodafabrik mit Hilfe
alkalischer Verschmelzung der Anthrachinonsulfosäure
gelöst, einer kürz vorher von H. Wichelhaus bei der
Bereitung von Naphthol in die Technik eingeführten.,
für die Farbenchemie äusserst fruchtbar gewordenen
Reaktion.*)

Auf das erste, wegen der Verwendung von Brom
technisch undurchführbare Verfahren hätten Gräbe und
Liebermann am 23. März 1869 in Preussen ein Patent
erhalten. Die Patentierung des neuen brauchbaren
Weges über die Sulfosäure aber wurde von der techni-
schen Deputation des preussischen Handelsministeriums
versagt,**) weil diese Methode gegenüber der ersten
„keinen Erfindungsgedanken enthalte". Durch diese Ent-
scheidung war das unbrauchbare Verfahren in Deutsch-
land geschützt, das brauchbare aber ungeschützt und

*) A. Wichelhaus. Organische Farbstoffe. Dresden, 1909. S. 34
und Derselbe: Sulfiren, Alkalischmelze der Sulfosäuren, Este-
rifizieren. Leipzig 1911. S. 97.

**) Erinnerungen an die technische Deputation für Gewerbe im.
Jahrbuch des Vereins deutscher Ingenieure. 1911, 3, 265.
        <pb n="68" />
        ﻿wurde alsbald auch in anderen deutschen Fabriken auf-
genommen.*)

Aber auch England war auf dem Plan. Unabhängig
von Caro hatte Perkin die Sulfosäure dargestellt und
mit Alkali verschmolzen, und nur einem glücklichen Zu-
fall war es zu danken, dass den deutschen Erfindern
die Früchte ihrer Arbeit nicht auch in England verloren
gingen: das englische Patent von Caro, Grabe und
Liebermann wurde in London (am 25. Juni 1869)
gerade einen Tag früher eingereicht als das von Perkin.
Die Deutschen waren loyal genug, sich zu einer Teilung
Ües englischen Marktes mit Perkin bereitfinden zu
lassen.

Zur Zeit der Aufnahme des künstlichen Alizarins
in Deutschland belief sich der jährliche Weltverbrauch
von Krappfarbstoff auf ca. 50 Millionen kg Wurzeln
mit 1—11/2 Prozent Farbstoffgehalt oder 1/2—3/4 Millionen
Kilogramm lOOprozentiger Ware mit einem Verkäufs-
wert von ca. 45 Millionen Mark. Die neue Fabrikation

*) Dies ist nicht der einzige Fall, dass diese Behörde ein
wichtiges Patent versagte: H. Caro hatte 1869 bei der Einwirkung
von Leuchtgas auf Salpetersäure die Bildung von Nitrobenzol be-
obachtet. Als er bei einem Versuche abberufen wurde, fand er
nach seiner Rückkehr, dass die vorgelegte Salpetersäure ver-
braucht war, das gebildete Nitrobenzol aber grosse Mengen Benzol
enthielt. Caro bemerkte alsbald, dass das Nitrobenzol für das
Benzol als Lösungsmittel gedient lund dessen Extraktion aus dem
Leuchtgas bewirkt hatte und hatte darauf mit Engelhorn und den
Brüdern Clemm das englische Patent 488/69 erhalten; die preussische

aus dem Steinkohlengas durch hochsiedende Oele die Grundlage
für die Gewinnung der Nebenprodukte bei den Kokereien. (Bernth-
sen, H. Caro, Ber. d. d. ehern. Ges. 1912, Sonderabruck Seite 21.)

Lepsius: Deutschlands Chemische Industrie.
        <pb n="69" />
        ﻿66

; t"





entwickelte sich rasch. Im Jahre 1873 wurden bereits
100000 kg künstliches Alizarin produziert. 1877
wurde die ehemalige Höchstmenge des Pflanzen-
produktes von 750000 kg überschritten. 1884 stieg
die Produktion auf 1350 000 kg und erreichte zu
Anfang des neuen Jahrhunderts die Höhe von
2 Millionen k'g, wovon vier Fünftel auf Deutschland
entfallen. Der Krappbau, der 1870 in Frankreich, dem
Hauptproduktionslande, dem Lande der roten Militär-
hosen, über 20 000 Hektar bedeckte, hatte bereits nach
wenigen Jahren aufgehört.

War das Prinzip der Darstellung dieses kostbaren
Farbstoffes einmal entdeckt, so Hess es sich die Industrie

I	nicht nehmen, aus dem Anthrazen zahlreiche ähnliche

Farbstoffe darzustellen, die ihm an Lichtechtheit und an
Schönheit nicht nachstehen, zum Teil aber übertreffen.
Die Zahl der heute auf dem Markt befindlichen bunten
Anthrazen- Anthrazenfarben, die in allen Tönen vom Orange
färben zum Qejb} Purpur, Blau und Braun bis zum tiefsten
Echtschwarz gehen, ist sehr bedeutend. Als besonders
unzerstörbar am Licht mögen die Indanthrenfarbstoffe
von R. Bohn, die in Echtheit und Schönheit den Indigo
übertreffen, und die in allen Nuancen auftretenden Algol-
und Helindonfarben genannt werden. Die deutsche Aus-
fuhr aller Anthrazenfarbstoffe beträgt gegenwärtig
12 Millionen kg (in Pasten verschiedener Konzentration)
im Werte von ca. 20 Millionen Mark.

Eosinfarben Wir schlagen ein anderes Blatt der Geschichte auf
und befinden uns in der Mitte der siebziger Jahre. Wir
erfahren von einer neuen Gruppe, den von Adolf
von Baeyer entdeckten Eosinfarben, die ohne die für
die Alizarinfarben nötige Beize direkt Wolle und Seide
anfärben und überraschend schöne Färbungen von den
        <pb n="70" />
        ﻿67

hellsten Tönen der Morgenröte bis zum leuchtenden
Rot der Cochenille und zum tiefsten Scharlach geben.

Trotz hoher Preise finden sie bald Eingang in der
Seidenfärberei und beherrschen die Mode der Damen.

Es gibt aber noch kein deutsches Patentgesetz; das
Verfahren wird geheimgehalten. Hof mann jedoch löst
das Geheimnis, enträtselt die Abstammung des Eosins
vom Resorcin, und alsbald werden die neuen Farbstoffe
Allgemeingut.

Aber schon glänzt ein neuer Regenbogen am Him-
mel der Farbenchemie. Der Sohn eines Schmiedes aus
einem Dörfchen bei Kassel am Fusse des Meissner,

Peter Griess, hat das Kolbesehe Laboratorium in
Marburg besucht, kurze Zeit in der Oehlerschen Teer-
destillation in Offenbach gearbeitet und kömmt 1858
als Assistent Hofmanns nach London. Durch Hof-
mann lernt er 1862 den Direktor der Brauerei Allsopp
&amp; Sons, Heinrich Böttinger, kennen, den Vater des
langjährigen Direktors der Elberfelder Farbenfabriken
und bekannten Parlamentariers H. T. von Bö'ttinger.

Als Betriebschemiker dieser grössten Brauerei Englands
hat Peter Griess über ein Vierteljahrhundert in
Burton on Trent gewirkt. Aber der Geist des Hof-
mann sehen Laboratoriums verlässt ihn nicht, und mit
dem Forschungseifer des Gelehrten widmet er jede
Mussestunde seiner stillen wissenschaftlichen Lebens-
arbeit.

Jedem Chemiker ist die Diazoreaktion von GriessAzofarbstoffe
bekannt; wie der rote Faden durch die Taue der eng-
lischen Marine zieht sie sich durch die Industrie der
organischen Farbstoffe. Als ihn Caro 1876 besucht,
zeigt ihm Griess eine ganze Sammlung der schönsten
Farbstoffpräparate. Die Griesssche Reaktion hat zu der

5*
        <pb n="71" />
        ﻿68

grössten, sich immer noch erweiternden und der ausge-
dehntesten Anwendung fähigen Farbstoffgruppe, den
Azofarbstoffen, geführt. Die erste technische Nutz-
barmachung der neuen Methode, das Chrysoidin von
Otto N. Witt, liegt noch vor dem deutschen Patent-
gesetz und teilt das Schicksal des Eosins, da Hofmann
auf Veranlassung von Martius seine Herkunft ergründet
und in den Berichten der Chemischen Gesellschaft ver-
öffentlicht. Dem Einwande Witts*) begegnet er mit
den Worten: „Die Zeit der Arkanisten ist vorbei.“**)
Das erste deutsche Azofarbstoffpatent vom 12. März 1878
„zur paarweisen Verbindung von Diazophenolen mit
Phenolen“ trägt den Namen Peter Griess. Nach dem
A. Wintherschen Handbuch sind bis 1905 in Deutsch-
land 1345 Verfahren dieser Gruppe patentiert worden.
Seitdem hat sich diese Zahl auf nahezu 2000 erhöht.

Nachdem einmal die Methode gegeben, war kein
Halten mehr; eine endlose Kombinationsarbeit beginnt,
bei der alle Benzolderivate durch Azogruppen einfach
und mehrfach „gepaart“ werden. In dem ersten Patent
der Höchster Farbwerke vom 24. April 1878 zeigt
H. Baum, dass auch die Naphthalinderivate neue Kombi-
nationen bilden, und alsbald folgt eine Flut von immer
schöneren Farbtönen aller Nuancen. Auch an schönen
Namen fehlt es nicht. Da ist das Salmrot von C. L.
Müller und das Echtrot von Caro, das Orseillerot von
Schunke, die Oxaminfarben von Bernthsen und
Julius in der Badischen Fabrik, das Biebricher Scharlach
von Nietzki, das Höchster Ponceau von Baum, die
Berliner Congofarben von Böttiger, Pfaff und

*) Ber. d. d. chem. Ges., 1877, 10 350.

**) Ber. d. d. chem. Ges., 1877, 10 388.
        <pb n="72" />
        ﻿69

Schultz, die Elberfelder Benzopurpurine von Duisberg
und die Croceine von Frank, das Elberfelder Diamant-
schwarz, das Echtrot „C“ von O. N. Witt, endlich die
Cassellaschen Diaminfarben von Gans, Weinberg und
Hoff mann, die vom Gelb über Scharlach, Rot, Braun,

Blau bis zum Schwarz gehen, und hundert andere, die
bei der Billigkeit des bis dahin fast wertlosen Naph-
thalins zu niedrigen Preisen auf den Markt kommen und
von den Färbern begierig aufgenommen werden. Mit
dem Erscheinen der Azofarbstoffe hat die Einfuhr von
Cochenille ganz und die Von Blauholz und Farbholz-
extrakten fast ganz aufgehört, statt dessen haben sich
die neuen durch die Mannigfaltigkeit der Töne wie durch
leichte Handhabung der Färbemethoden ausgezeichneten
Stoffe heute einen Weltmarkt erobert, der nach Millionen
zählt.

Inzwischen war den Entdeckungen die theoretische Konstitution
Erforschung der Natur der Farbstoffe Schritt für Schritt degt(|jjj£b'
gefolgt, die ihrerseits wiederum die Praxis von neuem
befruchtete. Die Aufklärung der Konstitution der Hof-
mann sehen Rosanilinfarbstoffe durch Emil und Otto
Fischer*), die Theorie der Farbstoffbildung von O. N.

Witt und die Einführung der Fittigschen Diketonformel
in die Konstitution der Farbstoffe durch Nietzk'i regen
zu immer neuen und fruchttragenden Entdeckungen und
Erfindungen an. In dem Masse, wie sich mit der Aus-
dehnung der Farbenindustrie die Hände mehrten, die
an ihrer Weiterentwicklung arbeiten, wurde nicht nur
der erworbene Besitz intensiver bebaut, sondern auch
neue grosse Provinzen des fruchtbaren Landes hinzuge-
wonnen.

*) Ber, d. d. chem. Oes., 1876, 9, 891 und 1878, 11, 473, 612
und 1079.
        <pb n="73" />
        ﻿70

Indigo

An der Schwelle des neuen Jahrhunderts angelangt,
dürfen wir noch ein Blatt dieser farbenreichen Geschichte
aufschlagen. Die Erfindung der synthetischen Gewinnung
des Indigos, des schönsten und haltbarsten Farbstoffes
des Altertums, gehört deshalb zu den grössten Triumphen
der deutschen Farbenchemie, weil sowohl ihre wissen-
schaftliche Entdeckung wie auch ihre technische Durch-
führung ein ungewöhnliches Mass von Intelligenz, Aus-
dauer und Unternehmungsgeist erforderten.

20 Jahre planvoller, scharfsinniger Forschungsarbeit
hatte es bedurft, bis Adolf von Baeyer im Jahre 1880
den künstlichen Aufbau des Indigos aus dem Stein-
köhlenteer vollendet hatte; aber noch 17 Jahre hat es
gedauert, bis die Lösung des grössten wirtschaftlichen
Problems der Teerfarbenindustrie, die Konkurrenzfähig-
keit des synthetischen Indigos mit dem Farbstoff der
Indigopflanze, nach rastlos zielbewusster Arbeit unter
der genialen Leitung Heinrich von Bruncks durch
die Tatkraft von R. Knietsch in der Badischen Ani-
lin- und Sodafabrik unter Benutzung der Heumann-
schen Indigosynthese aus Phenylglyzin-Carbonsäure er-
reicht wurde. Nach vielen vergeblich eingeschlagenen
Wegen bediente man sich wiederum des im Steinkohlen-
teer so reichlich vorhandenen billigen Naphthalins als
Ausgangsmaterials. Aber es bedurfte einer langen Reihe
komplizierter Umwandlungen, um bis zum Endprodukt
zu gelangen. Um das Naphthalin in Anthranilsäure zu
verwandeln, musste, wie bereits erwähnt, das billigste
Oxydationsmittel, die Schwefelsäure, herangezogen und
die Einrichtung getroffen werden, jährlich 120 Millionen
Kubikmeter gasförmige schweflige Säure mit Hilfe des
neuen Kontaktverfahrens wieder in Schwefelsäure
zurückzuverwandeln. Zur Beschaffung eines anderen
        <pb n="74" />
        ﻿71

Zwischenprodukts, der Chloressigsäure, musste die
Chlorfabrikation aufgenommen werden, die nach dem
Griesheimer elektrolytischen Verfahren eingerichtet
wurde. Welche Summen diese Anlagen verschlangen,
ergibt sich daraus, dass bis zum Jahre 1900 in Ludwigs-
hafen 18 Millionen Mark für die Indigofabrik investiert
wurden.

Aber auch die Höchster Farbwerke hatten das
Problem seit 20 Jahren bearbeitet, und kürze Zeit nach
dem1 Erfolge der Badischen Fabrik wurden auch diese
Bemühungen von Erfolg gekrönt, indem man sich eine
wichtige Beobachtung von J. Pfleger in der Deutschen
Gold- und Silberscheideanstalt in Frankfurt a. M. zu-
nutze machte, wonach eine schon lange bekannte, vom
Anilin ausgehende Indigobildung nach C. Heumann
unter Anwendung von Natriumamid wesentlich bessere
Ausbeuten lieferte als mit dem bis dahin bei der Phenyl-
glyzinschmelze verwendeten Alkali, dessen Wassergehalt
schädlich wirkte. Man erkannte alsbald, dass man das
wasserzersetzende metallische Natrium mit gleichem Er-
folge verwenden konnte. Da sich ausser dem Anilin auch
die meisten übrigen Zwischenprodukte im offenen
Markte befanden, bedurfte es hier keines grossen An-
lagekapitals, und schon im Jahre 1901 konnte man in
Höchst mit der Fabrikation Von Indigo aus dem Anilin
beginnen, das 75 Jahre zuvor, wie bereits erwähnt,
von Otto Unverdorben durch Destillation von Indigo
zum erstenmal dargestellt worden war.

Als der deutsche Indigo 1897 auf den Markt kam,
betrug die Weltproduktion von Pflanzenindigo 6 Mil-
lionen kg, auf lOOprozentige Ware gerechnet, im Werte
von 80 Millionen Mark. Schon 1900 war diese! Produk-
tion stark1 gesunken; sie ist jetzt auf ein Sechstel zurück-
        <pb n="75" />
        ﻿72

gegangen. In Englisch-Indien, das vier Fünftel der Welt-
produktion lieferte, bedeckte die Anbaufläche im Jahre
1896 noch ly2 Millionen, 1904 noch y2 Million Acker;
sie ist heute auf 300 000 Acker gesunken. Der Indigo
in San Salvador, Guatemala und auf Java ist auf ein
Achtel herabgesunken. Auch mit dem Pflanzenindigo,
in China und trotz eines hohen Zolles in Japan hat das
synthetische Produkt den Wettbewerb mit Erfolg auf-
genommen.

Die Einfuhr Deutschlands betrug vor 1897 bis zu
20 Millionen Mark im Jahre; sie ist auf eine halbe
Million gesunken. Andererseits hob sich die deutsche
Ausfuhr bis 1900 auf annähernd 10 Millionen Mark,
überstieg 1905 25 Millionen und beträgt gegenwärtig
40—45 Millionen Mark. Der Bilanzunterschied Deutsch-
lands beträgt also auf der Gewinnseite mehr als 60 Mil-
lionen Mark. Gleichzeitig aber wurden zugunsten der
Konsumenten die Preise vorteilhaft beeinflusst, da der
Marktpreis für lOOprozentigen Indigo, der 1897 noch
über 16 Mark betrug, gegenwärtig auf weniger als
7 Mark herabgegangen ist.*)

*)		Deuts	c h 1 a n d		Britisch-Ostindien	
	Indigoeinfuhr in		Indigoausfuhr1) in		Indigoausfuhr in	
	1000 kg	1000 M.	1000 kg	1000 M.	cwt.	Pfd. St.2)
1896	1973	20 720	581	6 391	187 337	3 569 670
1899	1107	8 309	1364	7 845	135 187	1 980 319
1902	526	3 687	5 284	18 462	89 750	1 234 837
1905	197	1202	11 165	25 721	49 252	556 405
1908	108	882	15 456	38 655	32 490	424 849
1911	70	446	21 618	41 830	16 939	225 000

x) In Form von meist 20prozentiger Paste.
2) ä 15 Rupien.
        <pb n="76" />
        ﻿73

Das Färben mit Indigo ist von alters her eine be-
sondere Kunst gewesen. Man bringt nämlich den Farb-
stoff nicht direkt auf die Faser, sondern stellt in der
sogenannten Indigokupe mit Hilfe von Reduktions-
mitteln einen in Wasser löslichen farblosen Indigo her,
tränkt die Gewebe mit der Lösung, die in jede Faser
eindringt, und lässt den blauen, ganz unlöslichen Farb-
stoff durch Oxydation an der Luft entstehen. Dieser1
haftet daher nicht auf, sondern in der Faser und besitzt
grosse Widerstandsfähigkeit. Man hat deshalb versucht,
den Indigo in andere Küpenfarbstoffe umzuwandeln und
fand ebenso schöne und echte Farben, röterer oder
grünerer Schattierungen, in seinen Chlor- und Brom-
derivaten.*)

Bei diesen Untersuchungen ist die merkwürdige Ent-
deckung gemacht worden, dass man in einem künstlich
hergestellten Dibromindigo den Purpur der Alten er-
kannte. Dieser von den Phöniziern aus der Purpur-
schnecke des Mittelmeers gewonnene kostbare Farb-
stoff war im Laufe der Zeit vergessen worden. Man
kannte nicht einmal seine wirkliche Farbe, bis Pa;ul
Friedländer in Darmstadt im Jahre 1909 den antiken
Purpur zum Gegenstände einer interessanten Unter-
suchung machte. Aus 12 000 Schnecken der Art Murex
brandaris, die am besten mit der von Plinius beschrie-
benen Purpurea übereinstimmt, wurden die Farbdrüsen
herauspräpariert, durch kurzes Belichten an der Sonne
der Farbstoff entwickelt, durch Lösungsmittel extrahiert
und aus Chinolin umkrystallisiert. So gewann er andert-

*) Bis zum Jahre 1907 wurden in Deutschland 316 mit dem
Indigo im Zusammenhang stehende Patente genommen. Die ersten
Patente Baeyers, No. 11857 und 11858 zur Darstellung von Indigo
aus Orthonitrozimtsäure wurden im März 1880 eingereicht.

Antiker

Purpur
        <pb n="77" />
        ﻿74

Indigorot

Schwefel-

farbstoffe

halb Gramm des natürlichen Farbstoffs, der mit dem
künstlichen Dibromiridigo identisch ist. Diese geringe
Ausbeute erklärt die Kostbarkeit des Farbstoffs, mit
dem im Altertum nur die königlichen Gewänder gefärbt
werden durften, und dessen damaligen Preis Fried-
länder auf 40—50 000 Mark pro kg schätzt. Die Farbe
entspricht nicht unserem heutigen Begriff des Purpurs,
sondern zeigt ein rötliches Violett.

Schon vor dieser schönen Untersuchung hatte der-
selbe Forscher versucht, andere Elemente in das Indigo-
molekül einzuführen. Als er den Stickstoff durch Schwefel
ersetzte, erhielt er einen Thioindigo, von karmoisin-
roter Farbe, der zu einer neuen Gruppe zahlreicher
indigoider Farbstoffe verschiedener Töne geführt hat,
die an Echtheit und Widerstandskraft gegen Witterungs-
einflüsse dem Indigo nicht nachstehen und deshalb ebenso
wie der künstliche Indigo selbst zum Färben von Militär-
und Marihetudh verwendet werden; insbesondere auch
für die neuen feldgrauen und khakifarbenen Stoffe.

Endlich hat die Einführung des Schwefels auch bei
anderen Farbenklassen zu sehr echten Farbstoffen ge-
führt. Diese Schwefelfarbstoffe, die sich zugleich
durch ihre Billigkeit auszeichnen, geben gelbe, orange,
grüne, blaue, braune und schwarze Töne und werden
seit etwa zehn Jahren in grossen Mengen zum Färben
von Wolle und Baumwolle verwandt. In dieser Zeit
ist die Zahl der patentierten Verfahren auf 630 ange-
wachsen.

Aber wir müssen es uns versagen, noch weiter in
die Geheimnisse der Farbchemie einzudringen, zumal
dieser, wenn auch flüchtige Einblick in ihre Geschichte
die Bedeutung für unsere Volkswirtschaft und für die
Befreiung Von ausländischen Tributen zur Genüge dartut.
        <pb n="78" />
        ﻿Während Deutschland in den sechziger Jahren des Produktions-
vorigen Jahrhunderts etwa 50 Millionen Mark für aus- deutschen
ländische Farbstoffe zahlte, hat die deutsche Ausfuhr Farben-
an Teerfarbstoffen gegenwärtig die Höhe von 200 Mil- Industrie
lionen Mark erreicht.*) Da dieser Export etwa drei Viertel
bis Vier Fünftel der Oesamtproduktion beträgt, so darf
diese zurzeit auf annähernd 250 Millionen Mark jährlich
geschätzt werden. Hierbei ist die für den Konsumenten
wichtige Tatsache zu berücksichtigen, dass der Durch-
schnittskilopreis der synthetischen Farbstoffe in den
letzten 15 Jahren von 4 Mark auf etwa 2 Mark zurück-
gegangen ist. Die beiden vorher erwähnten Konzerne
der deutschen Teerfarbenfabriken verfügen gegenwärtig
zusammen über ein Aktienkapital von 162,5 Millionen
Mark und gäben im Jahre 1911 eine Dividende von
42,93 Millionen Mark oder durchschnittlich 25,8 Prozent.

So sehr wir nun diese Erfolge der Teerfarbenindu- Heilmittel
strie und insbesondere ihre wissenschaftlichen Leistungen
bewundern, so ist doch nicht zu verkennen, dass, abge-
sehen von ihrer ästhetischen Seite, der farbenfreudigen
Verschönerung des menschlichen Daseins, ihr Nutzen
für die Volkswohlfahrt vorwiegend auf wirtschaftlichem
Gebiete liegt. Aber ihre scharfsinnigen Verfahren und
ihre technischen Hilfsmittel sind bald auf andere Gebiete

*) Nach Position 319, 320 und 321 des Zolltarifs wurden
1912 ausgeführt:

Alizarin	(in	Pastenform)	11 589	Tonnen	für 23,64	Millionen	Mark

Indigo	„	„	24 827	„	„	45,21	„	„

Andere	Teerfarben	59 696	„	„	133,76	„	„

zusammen	96111	Tonnen	für	202,61	Millionen	Mark

Chem. Ind. 1913, 36, 69.
        <pb n="79" />
        ﻿76

übertragen worden, die in den letzten Dezennien in noch
höherem Sinne für die Volkswohlfahrt von eminent
kultureller Bedeutung geworden sind. Im Besitze der
synthetischen Methoden der organischen Chemie, dehnten
die Forscher ihre Studien auf andere Klassen von Kohlen-
stoffverbindungen aus, die zu dem menschlichen Leben
in irgendeiner Beziehung stehen.

In erster Linie steht hier die Bedeutung der chemi-
schen Synthese für die Bekämpfung der Krankheiten und
Seuchen. Der Beginn einer zielbewussten Forschung in
dieser Richtung liegt 25 Jahre zurück. Bis dahin hatte
man sich von gelegentlichen Beobachtungen und Ver-
mutungen leiten lassen, bei denen der Zufall oft eine
wesentliche Rolle spielte. Schon bei der Einführung
eines der wichtigsten Arzneimittel war dies der Fall.
Als die Scheringsche Fabrik im Jahre 1869 auf Ver-
anlassung von O. Liebreich das 1832 von Liebig ent-
deckte Chloralhydrat als Schlafmittel in die Medizin ein-
führte, glaubte dieser, es würde sich im Blut allmählich in
Chloroform umsetzen, dessen narkotische Wirkung schon
1831 bei seiner ebenfalls durch Liebig erfolgten Ent-
deckung erkannt worden war. Es zeigte sich, dass zwar
der gewünschte Erfolg, nicht aber die Voraussetzung
zutraf; dass diese Umwandlung zwar im Reagenzglase
mit starkem Alkali, aber nicht im schwach alkalischen
Blute vor sich geht.

Noch seltsamer war die Entdeckung des ersten er-
folgreichen synthetischen Fiebermittels, des Azetanilids,
im Jahre 1887, die auf einer ganz zufälligen Verwechs-
lung mit dem ähnlich aussehenden Naphthalin in der
Ko p p sehen Apotheke in Strassburg beruht. Bei thera-
peutischen Versuchen zeigte das vermeintliche Naphthalin
        <pb n="80" />
        ﻿77

eine stark antifebrile Wirkung, und als man den Irrtum
bemeri-cte, war noch gerade genug von dem willkom-
menen Mittel vorhanden, dass man es mit dem schon
lange bekannten Azetanilid identifizieren konnte, das
nun als Antifebrin eine rasche Verbreitung fand. Aehnlich
war es um dieselbe Zeit mit der Entdeckung des Anti-
pyrins durch L. Knorr in Jena, das auf Grund seiner
vermeintlichen Beziehungen zum Chinin als Antipyreti-
cum erkannt wurde, obwohl Knorr selbst später nach-
wies, dass es in seiner Konstitution mit dem Chinin
nichts zutun habe, sondern zu einer ganz andern Gruppe,
den Pyrazolonderivaten, gehörte.

Die neuen Fiebermittel konnten jedoch ihre eminente
Bedeutung bald bei der Bekämpfung einer grossen
Influenzaepidemie beweisen, die nach 30jähriger Pause
die Kulturwelt mit ungeheurer Heftigkeit überfallen
hatte; sie zeigten aber zugleich den Pharmakologen die
merkwürdige Tatsache an, dass im Gegensatz zu den
früheren Anschauungen Heilmittel von unter sich ähn-
licher Wirkung in sehr verschiedenen Gruppen der orga-
nischen Chemie angetroffen wurden.

Die Folge davon war ein Durchprobieren aller mög-
lichen chemischen Verbindungen am Tier-und Menschen-
körper, wobei sich aber gewisse Gesetzmässigkeiten er-
gaben, die doch einen Einfluss bestimmter Atomgruppie-
rungen auf bestimmte Wirkungen erkennen Hessen, wie
man dies bei den Farbstoffen schon lange gewohnt war.
Wie die hypnotische Wirkung bei den gechlorten
Methanen mit der Anzahl der Chloratome bis zum
Chloroform anstieg, so bemerkte man eine ähnliche
Steigerung gelegentlich der Einführung des Sulfonals
in den Arzneischatz. Die hypnotische Wirkung dieses
        <pb n="81" />
        ﻿78

Mittels war auch ganz zufällig beobachtet worden.
Bei physiologischen Stoffwechselversuchen mit schwefel-
haltigen Stoffen bediente man sich im Baumannschen
Laboratorium zu Freiburg i. B. dieser dort gerade
dargestellten Verbindung, war aber erstaunt, dass das
Versuchstier, ein Hund, nach Verabreichung des Sulfo-
nals in einen dauerhaften Schlummer versetzt wurde.
Es lag nahe, diese überraschende Wirkung durch die
Anwesenheit zweier Aethylgruppen zu deuten, wie eine
solche auch im gewöhnlichen Alkohol vorhanden ist.
Die Ansicht bestätigte sich, als man durch die Einführung
einer dritten und vierten Aethylgruppe aus dem Sulfonal
einTrional und einTetronal herstellte, deren hypnotische
Wirkung mit der Zahl dieser Gruppen in der Tat
anstieg.

Es begannen nun vergleichende klinische Versuche,
in denen man die Wirkung der verschiedensten Atom-
gruppierungen studierte, die in manchen Fällen wichtige
Beziehungen zwischen chemischer Konstitution und phy-
siologischer Wirkung zu erkennen gaben. Wenn wir
uns auch heute noch mit der Auffindung solcher Be-
ziehungen am Anfänge eines langen und schwierigen
Weges befinden, so wird sie doch dadurch erleichtert,
dass sich inzwischen ein umfangreiches Versuchsmaterial
angesammelt hat. Finden sich doch in den Zusammen-
stellungen Von J. D. Riedel bis zum Jahre 1912 über
5000 chemische Präparate verzeichnet, die alle eine Heil-
wirkung haben sollen und der leidenden Menschheit
angeboten wurden. Es versteht sich von selbst, dass
ein erheblicher Teil derselben ein Eintagsleben führte
und mit dem Empfange eines mehr oder weniger
schönen Namens seine ephemere Rolle ausgespielt hatte.
Aber bei manchen dieser Mittel zeigte sich, dass man
        <pb n="82" />
        ﻿79

auf richtigem Wege war, dass sich die Voraussetzungen
bestätigten, aus denen sie hervorgegangen waren, und aus
der Menge !der Präparate hoben sich manche heraus,
die sich in jahrelanger Prüfung bewährt und als heilsame
Präparate in den Arzneischatz aufgenommen werden
konnten. Aus dem Gewirr der Tatsachen ergaben sich
Richtlinien, die zu neuen Versuchen anregten und neue
heilbringende Wege eröffneten.

So fanden neben dem Knorrschen Antipyrin, das Antipyretica
von den Höchster Farbwerken eingeführt wurde und
unter den synthetischen Heilmitteln wohl den grössten
materiellen Erfolg gehabt hat, das Tolupyrin und das
Salipyrin Aufnahme, ferner das mandelsaure Antipyrin
oder Tussol als Mittel gegen Keuchhusten, das Valeryla-
minoderivat als Neopyrin, und endlich das allmählich,
aber länger andauernd wirkende und dreimal so kräftige
Pyramidon, das Amin des Antipyrins. Neben dem Aze-
tanilid erschien sein Aethoxyderivat, das Phenazetin, das
als billigstes Antipyreticum eine grosse Bedeutung ge-
wann, ferner das stärker beruhigende und leicht hypno-
tisch wirkende Laktophenin und das zugleich antiseptisch
wirkende Aminophenazetin oder Phenokoll. Aber alle
diese synthetischen Antipyretica haben doch das alte
Malariamittel, das Chinin, nicht erreicht, das trotz des
bitteren Geschmacks und des hohen Preises seine sou-
veräne Stellung nicht verloren hat.

Das Studium der Pflanzenalkaloide, Strychnin, Atro- Anästhetica
pin, Brucin, Cocain, Codein, Coniin usw., von denen
die meisten synthetisch aufgebaut worden sind, hat
manche wichtigen Aufschlüsse über den Zusammenhang
zwischen Konstitution und physiologischer Wirkung ge-
geben, die zur Auffindung neuer Heilmittel angeregt
haben. Als Beispiel mag das Cocain gelten, das von
        <pb n="83" />
        ﻿80

Hypnotica

Diuretica

j s

den Indianern, die beim Lastentragen in den Bergen
Südamerikas beständig Cocablätter kauen, benutzt wird,
um grosse Strapazen und Arbeitsleistungen zu be-
wältigen, ohne ein Ermüdungsgefühl zu empfinden.
Durch die bahnbrechende Entdeckung Kollers im Jahre
1884 wurde die Anwendung des Cocains in der Medizin
zum Zwecke der Lokalanästhesie eröffnet. Das Studium
dieses für die Chirurgie unentbehrlichen Stoffes führte
zu der Vermutung, dass die anästhesierende Wirkung
auf einzelne Atomgruppierungen des komplizierten Mole-
küls zurückzuführen sei, die dadurch bestätigt wurde,
dass man auf Grund solcher Ueberlegungen in dem
Eucain, dem Stovain, dem Alypin und dem Neocain
Ersatzmittel von weit einfacherer Zusammensetzung,
aber besserer Wirkung und geringerer Giftigkeit auf-
fand.

Dem Chloralhydrat folgten eine grosse Anzahl syn-
thetischer Halogenderivate, wie die halogenisierte Fett-
säure, das Sabromin, Von E. Fischer und von Meh-
ring, die den Aerzten neue Schlaf- und Nervenheil-
mittel in die Hand gaben; die schon genannten Sulfonal-
präparate wurden übertroffen durch das Veronal,*) mit
dem dieselben Forscher die Barbitursäureabkömmlinge
in den Arzneischatz einführten. Von Emil Fischer wur-
den endlich die Alkaloide der Puringruppe aufgebaut,
das Theobromin des Kakaos, das Coffein des Kaffees
und das Theophyllin des Thees, und viele ihrer Deri-
vate, die sich als wertvolle Diuretica namentlich im
Kampfe gegen die Leiden der Wassersucht bewährt
haben.

*) Statt des unlöslichen Veronals ist neuerdings das lösliche
Veronalnatrium oder Medina! vorgeschlagen worden.
        <pb n="84" />
        ﻿Der durch ihre antineuralgischen Wirkungen ausge-
zeichneten, schon 1860 von Kolbe als eines der ersten
synthetischen Heilmittel gewonnenen Salizylsäure folgten
zahlreiche Derivate, unter denen zurzeit ihre Azetyl-
Verbindung, das Aspirin der Elberfelder Farben-
fabriken, eine bedeutende Rolle spielt.

Unter den neuen Gichtmitteln sind es vornehmlich
die stickstoffhaltigen Ringkörper, das schon 1890 von
A. W. Hofmann entdeckte Diäthylendiamin oder
Piperazin, das vom Chinin abstammende Chinolin und1
seine Derivate, die wegen ihrer harnsäurelösenden Kraft
zahlreiche wirksame Heilmittel gebracht haben, von
denen das Lysidin, das Urotropin genannt werden mögen
und vor allem das von der Scheringschen Fabrik ein-
geführte Atophan, ein Derivat der Cinchoninsäure, das
durch seine starke, Harnsäure ausscheidende Wirkung
bei Gicht und Gelenkrheumatismus mit grossem Erfolge
Verwendet wird.

Auch auf die Gewinnung wirksamer Stoffe ani-
malischen Ursprungs hat sich die synthetische Forschung,
in der sog. Organotherapie ausgedehnt. Dem wirksamen
Ferment der Schilddrüse, dem jodhaltigen Thyreoidin,
folgte die den Blutdruck steigernde, die Gefässe ver-
engende wirksame Substanz der Nebenniere, das Adre-
nalin,*) das von F. Stolz synthetisch aufgebaut und
von den Höchster Farbwerken als Suprarenin in den
Arzneischatz als das beste blutstillende und adstringie-

*) Zur Herstellung von einem Kilogramm Adrenalin sind die
Nebennieren von 40 000 Ochsen erforderlich; dieses und andere
Drüsenpräparate werden gegenwärtig in den grossen amerika-
nischen Schlachthäusern hergestellt. (C. Duisberg. Fortschritte
und Probleme der chemischen Industrie. Ztschr. ang. Chemie 1913,
26, 1.)

Lepsius: ! Deutschlands Chemische Industrie.	6

Antineur-

algika

Organo-

therapie
        <pb n="85" />
        ﻿reride Mittel eingeführt wurde. Das phosphorhaltige
Lezithin und das Myelin, als wichtige Stoffe der Gehirn-
substanz, der die Blutgerinnung aufhebende Bestandteil
des Blutegels, zahlreiche Verdauungsfermente und Pan-
kreaspräparate wurden der Heilkunde zur Verfügung
gestellt. Endlich gewann man durch künstliche Ver-
dauung von Fleisch zahlreiche hauptsächlich aus Amino-
säuren bestehende Präparate, wie das Erepton von
Abderhalden, die als Nährmittel dienen in Fällen, wo
die Verdauungstätigkeit versagt.

Bakteriologie Neue Bahnen aber mussten eingeschlagen werden,
als es galt, die furchtbarsten Feinde der Menschheit, zu
treffen, die unsichtbaren pathogenen Mikroorganismen,
die Erreger von Tuberkulose, Cholera und anderen an-
steckenden Seuchen. Hier war es wieder die Farben-
chemie, die dem Forscher als Scheinwerfer diente bei
dem Eindringen in völlig dunkle Gebiete.*) Die schon
lange als Ursache der Epidemien vermuteten kleinsten
Lebewesen konnten so lange nicht erkannt und ihre
Lebensbedingungen nicht erforscht werden, als sie sich
in ihrer Farblosigkeit von dem Gemisch physiologischer
Stoffe unter dem1 Mikroskop nicht abhoben. Da zeigte
Karl Weigert in Leipzig 1871, dass viele Mikro-
organismen sichtbar werden, wenn man die Präparate
mit bestimmten Farbstofflösungen anfärbt und mit Al-
kohol auswäscht. Es fand sich, dass die Bakterien, wie
die Seidenfäden, den Farbstoff festhaLten und intensiv ge-
färbt auf hellem Grunde hervortreten. In der Hand von
Robert Koch führte diese Methode bekanntlich zur
Entdeckung, Züchtung und Erforschung des Erregers
der Tuberkulose. Bald folgten die Erreger von Milz-

*) A. Binz. Die Mission der Teerfarben-Industrie. Berlin 1912.
        <pb n="86" />
        ﻿83

brand, Cholera, Ruhr, Pest, Genickstarre, Tetanus, In-
fluenza, Malaria, Diphtherie und endlich die, wie der
Name sagt, schwer erkennbare Spirochaeta pallida, die
blasse Spirochaete, der Erreger der Syphilis, der erst
1905 von Schaudinn durch ein besonderes Färbever-
fahren entdeckt werden konnte. Die chemische Industrie
hat aber nicht nur in dem Kampfe gegen die Seuchen
diesen unmittelbaren und wesentlichen Anteil genommen,
sie hat sich auch entschlossen, selbst die Waffen zu
schmieden, um diesen Kampf durchzuführen. Eine neue
Industrie wurde geschaffen, um der im eminentesten
Sinne der Volkswohlfahrt dienenden Serumtherapie und
Chemotherapie einen sicheren fabrikatorischen Boden
zu schaffen.

So entstand in den Höchster Farbwerken unter
der Leitung von Kochs Mitarbeiter Libbertz ein neu-
artiger Betrieb, dem als Rohmaterial Diphtheriebazillen
und dem bakteriologische Verfahren zur Fabrikation
eines Antitoxins dienen, das nicht in chemischen Re-
torten, sondern im Körper des Pferdes erzeugt wird.
Die Betriebe bestehen daher aus Pferdeställen und
bakteriologischen und chemischen Laboratorien. Das
1892 von v. Behring entdeckte Heilserum, dessen
sichere Wirkung allgemein anerkannt ist, hat auf diesem
Gebiete den grössten Erfolg gehabt. Dem Diphtherie-
serum folgte das Tetanusantitoxin und eine ganze Reihe
anderer Stoffwechselpräparate zur Bekämpfung von
Menschen- und Tierkrankheiten. In Höchst werden
gegenwärtig 36 verschiedene Produkte bakteriologischer
Art hergestellt.’)

*) Farbwerke vorm. Meister Lucius &amp; Brüning, Jubiläums-
schrift, Höchst a. M. 1913.

Serum-

therapie

6*
        <pb n="87" />
        ﻿Chemo- Aber auch hiermit waren die Mittel zur Bekämpfung
therapie dieser unsichtbaren Feinde noch nicht erschöpft. Wäh-
rend bei dem Behringschen Heilserum das von tieri-
schen Organismen gebildete Antitoxin als Gegengift
gegen das durch die Infektion erzeugte Toxin die
wesentliche Rolle spielt, ist es die Aufgabe der von
Paul Ehrlich in Frankfurt a. M. inaugurierten Chemo-
therapie, durch spezifisch wirkende chemische Mittel
die Krankheitserreger direkt zu treffen.

In mühevoller Arbeit, in der Ehrlich Hunderte von
Präparaten einer systematischen physiologischen Prü-
fung unterwarf, fand er in dem Diaminodioxyarsenoben-
zol oder Salvarsan das zur erfolgreichen Bekämpfung
der Syphilis geeignete Mittel. Auch bei anderen Infek-
tionskrankheiten, bei Spirillose, Framboesie, Typhus re-
currens, Malaria, Scharlach, und bei einigen Tierkrank-
heiten scheint sich das neue Mittel zu bewähren. Aber
wir befinden uns hier erst am Anfänge einer neuen Zeit,
und noch viele heimtückische Krankheiten, unter denen
die Tuberkulose an erster Stelle steht, harren der Ver-
nichtung ihrer unsichtbaren Erreger.

Künstliche Es gibt indessen noch andere Gebiete, auf denen

Riechstoffe dje synthetische Chemie dem Menschen Wohltaten er-
wiesen hat. Für die Synthese der Riechstoffe sind die
Untersuchungen von F. Tiemann im Hofmannschen
Laboratorium grundlegend gewesen. 1874 war es ihm
gelungen, das wirksame Prinzip der Vanille aus dem
Cambialsafte der Coniferen zu isolieren und bald darauf
das Vanillin aus einem Bestandteil des Steinkohlenteers
darzustellen. Im Heliotropin fand er den kostbaren Duft
des Heliotrops, im Cumarin den Duft des Maikrautes,
und im Ionon und Iron die herrlichen Düfte der Veilchen-
gruppe. Man fand im Zimmtaldehyd das künstliche
        <pb n="88" />
        ﻿85

Kassiaöl, im Napholäther das Neroliöl und im Anthranil-
säureester den Duft der Orangenblüten. 1890 wurde
durch Bauer ein Ersatz für den Moschus: aufgefunden,
der zwar denselben durchdringenden Geruch besitzt,
aber mit dem echten Moschus des: Bisamtiers nicht
identisch ist. Allein mit der Auffindung einzelner Syn-
thesen war das Problem noch nicht erschöpft. Viele
Pflanzendüfte verdanken ihre Schönheit einer be-
stimmten Mischung einzelner Riechstoffe. So hat man:
beispielsweise im Zitronenöl 15 Stoffe, wie Limonen,
Pinen, Phellandren, Camphen, Citral, Citronellal, Ok-
tylaldehyd, Nonylaldehyd, Geraniol, Linalool, Terpinol
u. a., bestimmt erkannt und auch die schwierige Auf-
gabe gelöst; aus dem Rosenöl 18 verschiedene Individuen
zu isolieren und aus diesen auf andere Weise gewon-
nenen Stoffen wiederum künstliches Rosenöl auf syn-
thetischem Wege herzustellen.*) Es gelang, in Riech-
fläschchen von 100 g Inhalt den Duft von 500 kg Rosen
oder von 1000 kg Veilchenblüten oder von 3 Millionen
Stück Maiblumen einzufangen. 1 kg Vanillin kostete
früher 1000 Mark, das Cumarin 500 Mark und das Helio-
tropin 3000 Mark. Sie werden jetzt für 30, 25 und
10 Mark das kg verkauft. Gleichwohl schätzt A. Hesse**)
den heutigen Produktionswert der deutschen Industrie
der ätherischen Oele und künstlichen Riechstoffe auf
40—50 Millionen Mark.***)

*) In ähnlicher Weise hat man durch künstliche Gemische
das Jasminöl, das Flieder-, Akazien-, Maiglöckchen-, Resedaöl usw.
in sehr vollkommener Weise nachgeahmt.

**) A. Hesse. Bilder aus der Riechstoff-Industrie, Ztschr. ang.
Chemie 1912. 25, 337.

***) Die Ausfuhr von künstlichen Riechstoffen betrug 1908
280 000 kg, 1912 574 800 kg. Chem. Ind. 1913. Protokoll der
Hauptversammlung, S. 67.
        <pb n="89" />
        ﻿86

Die künstliche Darstellung vieler Riechstoffe ist
namentlich durch die klassischen wissenschaftlichen Ar-
beiten von O. Wallach in Göttingen über die Bestand-
teile des Terpentinöls gefördert worden. In diese
Künstlicher Gruppe der Terpene gehört auch der Kampfer, der
Kampfer ejn Hauptexportartikel der Japaner geworden ist, die
auf Formosa grosse Pflanzungen von Kampferbäumen
angelegt haben und damit ein Weltmonopol zu erreichen
gedachten. Er wird in erheblichen Mengen in der
Zelluloidindustrie namentlich zur Filmfabrikation ver-
wendet.*) Im Jahre 1902 gelang es der Scheringschen
Fabrik in Berlin, den Kampfer aus Terpentinöl darzu-
stellen und damit das japanische Monopol zu durch-
brechen, wenn auch an der 15—20 Millionen Mark be-
tragenden Weltproduktion der natürliche Kampfer im-
mer noch in erheblichem Masse beteiligt ist.

Präparaten- Die synthetischen Heilmittel und Riechstoffe führen
Industrie uns zu der umfangreichen Industrie der chemi-
schen Präparate. Diese wichtige Industrie hat in den
letzten 25 Jahren eine enorme Ausdehnung erfahren
und zu einem sehr bedeutenden Umsatz und einem über
alle Länder der Erde ausgebreiteten Exporthandel ge-
führt. Es ist jedoch nicht möglich, im Rahmen dieser
Schrift auf die vielen Hunderte chemischer Präparate
näher einzugehen, die für die Medizin, die Phar-
mazie, die Hygiene, für die Lebensmittel- und Gärungs-
gewerbe, für die Textil- und Lederindustrie, die Par-

*) Das Zelluloid ist eine Lösung von Nitrozellulose in Kampfer,
die bei gewöhnlicher Temperatur hornartig fest, bei erhöhter
Temperatur plastisch formbar ist. Im Jahre 1906 betrug der
Umsatz der Zelluloidindustrie in Deutschland 80 Millionen Mark.
(Q. Bonvitt, Chem. Ztg., 1913, 1172.)
        <pb n="90" />
        ﻿87

fümerie und Seifenfabrikation, für die Photographie, die
Feuerwerkerei, die Beleuchtungsindustrie, die Keramik
und viele andere Künste und Gewerbe täglich in grossen
und kleinen Mengen gebraucht werden.

Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden
diese Präparate beinahe ausschliesslich in den Apotheken
hergestellt, deren Laboratorien damals fast die alleinige
Pflanzstätte der Chemie bildeten. Heute werden sie teils
von der Grossindustrie, teils von grösseren oder
kleineren Spezialfabriken erzeugt, von denen einige der
bedeutendsten noCh aus jenen Apotheken durch allmäh-
liche Vergrösserung und Erweiterung ihrer Laboratorien
hervorgegangen sind.

So ist aus der Engelapotheke am Schlossgraben
zu Darmstadt, die Friedrich Jakob Merck im Jahre
1654 erwarb, die heutige Chemische Fabrik E. Merck
hervorgegangen, ein Weltunternehmen, das über 1800
Arbeiter und 400 Beamte beschäftigt, unter denen 75
Chemiker und Apotheker, Ingenieure, Aerzte und Tier-
ärzte sind. Durch 2y2 Jahrhunderte befindet sich dieses
Unternehmen ununterbrochen im Besitze der Familie
Merck1, die sich nicht nur auf chemischem und pharma-
zeutischem, sondern durch den Schriftsteller und Kritiker
Kriegsrat Johann Heinrich Merck auch auf literari-
schem Gebiete ausgezeichnet hat, den Freund Goethes',
auf dessen Lebensentwicklung er, wie Goethe selbst
bekennt, einen bedeutenden Einfluss ausgeübt hat.

In ähnlicher Weise, wenn auch in jüngerer Zeit,
hat sich die Chemische Fabrik1 auf Aktien vorm.
E. Schering zu Berlin aus der in der Chaussee-
strasse gelegenen „Grünen Apotheke“ entwickelt. An-
fangs der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts1 be-
        <pb n="91" />
        ﻿schäftigt sich ihr Gründer Ernst Schering mit pharma-
zeutischen und photographischen Präparaten, die auf der
Pariser Weltausstellung 1855 prämiiert werden. 1858
errichtet er eine Präparatenfabrik1 in Berlin und 1874
eine zweite in Charlottenburg.

Um diese Zeit übernimmt I. F. Holtz aus Prenz-
lau die Leitung des Unternehmens, ein Mann, der
sich um die chemische Industrie grosse Verdienste
erworben hat. So sehr ihn seine erfolgreiche Berufs-
tätigkeit in Anspruch nimmt, so findet er doch Zeit,
sein Interesse und seine Arbeitskraft grossen, der All-
gemeinheit dienenden Aufgaben zuzuwenden. Ein volles
Vierteljahrhundert, 1881 bis 1906, führte er den Vorsitz
Verein zur des Vereins zur Wahrung der Interessen der
Wahrungder^jlelm;scjien Industrie Deutschlands, dessen Tätig-
der keit die beispiellose Entwicklung dieser Industrie m
Industrie” dieser Zeitperiode widerspiegelt. Waren es bis dahin
Deutschlandswesentlich technische und kaufmännische Fragen, mit
denen sich ider Industrielle zu beschäftigen hatte, so
traten bald zahlreiche neue Probleme auf, die auf den
Verschiedensten Gebieten ihrer Lölsung harrten. Fragen
der allgemeinen Wirtschafts- und Sozialpolitik, Fragen
der Steuer- und Zollgesetzgebung, des Patent- und
Handelsrechts, des Versicherungswesens, der Gift- und
Sprengstoffbehandlung, der Tarifierung und Detarifie-
rung, Konzessions- und Verwältungsfragen, die Schaf-
fung der Berufsgenossenschäft der Chemischen Industrie
und ihre Organisation, Fragen der Ausbildung der Che-
miker, die Herausgabe der Vereinszeitschrift „Die Che-
mische Industrie“ und viele andere Gegenstände bil-
deten die Tagesordnung der Versammlungen des Ver-
eins, die in Vorstands- und Kommissionssitzungen sorg-
fältig vorbereitet wurden.
        <pb n="92" />
        ﻿89

Als durch das Reichsgesetz vom 7. Juli 1884 die Berufs-
Alters- und Invalidenversicherung eingeführt wurde, trat |ceh"a°®Sj"'
Holtz an die Spitze der Berufsgenossenschaft derchemischen
chemischen Industrie, dieses segensreichen Unter- Industrie
nehmens, das er mustergültig organisiert und 20 Jahre
lang als Vorsitzender verwaltet hat. Endlich ist ihm
die Deutsche Chemische Gesellschaft, deren Schatz- Deutsche
meisteramt er 30 Jahre bekleidet hat, zu besonderem chemische
Dank verpflichtet dafür, dass er den Wunsch des dahin-
geschiedenen Meisters zur Ausführung brachte, im
„Hofmann-Hause“ der Gesellschaft in Berlin ein
eigenes Heim zu errichten. So opferfreudig auch die
Schüler und Freunde Hofmanns diesem Unternehmen
gegenüberstanden, so war damals doch noch nicht die
Zeit gekommen, dass die chemische Industrie solche
Summen ohne weiteres zur Verfügung, stellen konnte;
es bedurfte Vielmehr des zähen Festhaltens an dem
einmal gefassten Beschluss, das dem Andenken des
grossen Lehrers und Forschers gewidmete Werk in
schöner und würdiger Weise durchzuführen.

Das Hofmann-Haus, in dem die Sitzungen derBibliographie
Gesellschaft abgehalten werden, bildet zugleich den
Sitz der grossen chemisch-bibliographischen Organisa-
tion, um die uns nicht nur das Ausland, sondern
auch andere Wissenschaften beneiden. Die „Berichte“
der Deutschen Chemischen Gesellschaft, in denen
die Originalabhandlungen der Mitglieder veröffent-
licht werden, wurden nacheinander von H. Wichel-
haus, F. Tiemann, P. Jacobson und R. Pschorr
redigiert. Die Seitenzahl der Berichte, die im ersten
Jahrgang (1867) 300 betrug, ist gegenwärtig auf über
5000 angewachsen. Der immer zunehmende Umfang der

’ ui
        <pb n="93" />
        ﻿90

chemischen Literatur des In- und Auslandes, die früher
den Mitgliedern in einem besonderen „Referatenteil“
zugänglich gemacht wurde, Veranlasste die Gesellschaft
im Jahre 1897, das schon bestehende „Chemische Zen-
tralblatt“ zu erwerben und in erweiterter Form her-
auszugeben. Diese gegenwärtig ebenfalls auf ca. 5000
Seiten angewachsene Zeitschrift, die zuerst von R.
Ahrend, dann von A. Hesse redigiert wurde, gibt eine
vollständige Uebersicht sämtlicher Veröffentlichungen
aus den Gebieten der reinen und angewandten Chemie,
einschliesslich der deutschen Patentliteratur. Von den
Abonnenten gehören etwa drei Fünftel dem Inlande und
zwei Fünftel dem Auslande an. Die Benutzung der „Be-
richte“ und des „Zentralblattes“ wird durch sieben
Generalregister erleichtert. Um aber den besonderen
Bedürfnissen der organischen Chemie gerecht zu wer-
den, ist neuerdings eine Von R. Stelzner redigierte
Herausgabe der „Zweijährlichen Literatur - Re-
gister der organischen Chemie“ aufgenommen wor-
den, die nach einem besonderen, zuerst von M. M.
Richter angewandten Formelsystem geordnet sind.
Ein ähnliches „Literaturregister der anorganischen
Chemie“ ist von M. K. Hof mann vor kurzem in Angriff
genommen worden.

Neben diesen periodischen Veröffentlichungen hat aber
die Gesellschaft seit 1897 in der Fortsetzung des „Hand-
buches der organischen Chemie von F. Beilstein“
die Von P. Jacobson redigierte, systematisch geordnete
Sammlung der gegenwärtig etwa 150000 Verbindungen
umfassenden organisch-chemischen Forschungsergebnisse
übernommen, deren vierte in Vorbereitung befindliche,
auf 12 Bände berechnete Auflage auf mehr als 1000
Druckbogen geschätzt wird.

* *

*
        <pb n="94" />
        ﻿

mBmm

91

Auch für die Zukunft fehlt es der chemischen For- Flüssige
schung glücklicherweise nicht an neuen Zielen. Der Brennstoffe
fortschreitende Verkehr erfordert beständig grössere
Mengen chemischer Energie in der bequemen Form
flüssiger Brennstoffe, als Benzin, Benzol, Petroleum,
Braunkohlen- und Steinkohlenteerölen, zum Treiben mo-
derner Motore*) zu Wasser, zu Lande und in der
Luft, die von der chemischen Industrie beschafft werden
müssen. Mit der zunehmenden Zahl der Automobile,
die durch die Abschaffung des Pferdebetriebes grosse
Getreideflächen für die menschliche Ernährung frei-
machen, wächst aber auch der Bedarf an Gummi von
Jahr zu Jahr, denn die Unebenheiten der Strasse lassen
sich mit den wachsenden Fahrgeschwindigkeiten nur
durch ein elastisches Medium in Einklang bringen. Noch
muss Deutschland den Kautschukbedarf für seine 80 000 Künstlicher
Automobile und für viele andere Zwecke vom Auslande Kautschuk
beschaffen,**) aber die wissenschaftlichen Arbeiten von

1

*) Die im In- und Auslande gebauten Dieselmotore haben
gegenwärtig eine Gesamtstärke von 1 720 000 PS., wovon auf
Deutschland 774 000 PS. kommen. (G. Krämer, Chem. Ztg.,
1913, S. 25.) Die Weltproduktion an Erdöl ist in den Jahren 1906
bis 1911 von 28,6 auf 44,5 Millionen Tonnen gestiegen. Hiervon
kamen im Jahre 1911 auf die Ver. Staaten Amerikas 28,4, auf
Russland 9,1 Millionen und 7 Millionen Tonnen auf alle übrigen
Länder.

**) An rohem und gereinigtem Kautschuk wurden 1908 nach
Deutschland eingeführt 14 740 Tonnen im Werte von 89 Millionen
Mark, 1912 10 586 Tonnen im Werte von 162,7 Millionen Mark. An
Kautschukwaren wurden ausgeführt 1908 7 775 Tonnen im Werte
von 45.67 Millionen, 1912 11 549 Tonnen im Werte von 62,3 Millio-
nen Mark. (Chem. Ind. 1913. 36. Protokoll der Hauptversamm-
lung S. 72).
        <pb n="95" />
        ﻿92

Gerbstoffe

Zucker

Eiweiss-

stoffe

C. Harries*) in Kiel und die unter C. Duisbergs
tatkräftiger Leitung von Fritz Hofmann und seinen
Mitarbeitern in den Elberfelder Farbenfabriken
ausgeführten Untersuchungen zeigen schon den Weg zur
technischen Gewinnung des künstlichen Kautschuks,
um den deutschen Bedarf und vielleicht den Weltbedarf,
der heute einen Wert von 900 Millionen Mark aufweist,
im Inlande zu fabrizieren.**)

Die Synthese der Gerbstoffe ist von Emil Fischer
aufgenommen worden. Ihm verdankt die wissenschaft-
liche Chemie die Erforschung der natürlichen Zucker,
eines Gebietes, das vorher zu den geheimnisvollsten
dieser Wissenschaft gehörte. Zu seiner Eroberung
haben indessen die bisherigen Waffen der chemischen
Synthese nicht ausgereicht. Wie im modernen Kriege
musste der geniale Forscher die dritte Dimension zu
Hilfe nehmen, um mit dem Flugzeug der Stereochemie
van’t Hof'fsi dieses verwickelte Gebiet restlos aufzu-
klären. Auch vor dem höchsten Problem, der wissen-
schaftlichen Synthese der Eiweissstoffe, ist Emil
Fischer nicht zurückgeschreckt. Ob es aber der tech-
nischen Chemie jemals gelingen wird, in der Gewin-
nung der Nahrungsmittel mit der Natur in erfolg-
reichen Wettbewerb zu treten? Wer vermöchte es zu
sagen!

* *

*

*) C. Harries. Ueber künstlichen Kautschuk vom wissen-
schaftlichen Standpunkt. „Kunststoffe.“ München 1912. 2.

**) Der erste Weg, der zum künstlichen Kautschuk geführt hat,
ging über das Isopren, einen leichtflüchtigen Kohlenwasserstoff,
der zuerst 1860 von Greville Williams durch trockene Destillation
aus dem Kautschuk gewonnen wurde. Es hat sich ergeben, dass
der Kautschuk als ein Polymerisationsprodukt des Isoprens auf-
zufassen ist.
        <pb n="96" />
        ﻿93

Kaiser Wilhelm-Institut für Kohlenforschung in Mülheim a. d. Ruhr.

Wir sind am Ende unserer Betrachtungen. Der Schluss
Wanderer im Gebirge hat eine ansehnliche Höhe er-
stiegen und erblickt vor seinem geistigen Auge den ver-
schlungenen mühsamen Pfad, der ihn aus der Dürre
der mittelalterlichen Erkenntnis in die fruchtbaren Ge-
filde der Gegenwart geführt hat. Mit Benutzung aller
geistigen und technischen Hilfsmittel hat er den Weg
gebahnt. Die Leuchte der Wissenschaft in der Hand,
durchdringt er die Geheimnisse der Natur, die Magnet-
nadel der chemischen Theorien führt ihn von Entdeckung
zu Entdeckung in den eroberten Gebieten, deren Grenzen
er mit den Waffen des gewerblichen Rechtsschutzes
gegen das Ausland verteidigt. Mit einer Kapitalrüstung
der Unternehmungen von über 700 Millionen und einer
Reserve von über 250 Millionen Mark,*) einem Heer von
250000 Arbeitern, dessen Jahressold über 300 Millionen

*) Im Jahre 1912 wurden die Bilanzen von 195 Aktien-Gesell-
schaften mit einem eingezahlten Kapital von 710,1 Millionen Mark
veröffentlicht. Diese verteilten an die Aktionäre 109,05 Millionen
Mark oder durchschnittlich 15,63 Prozent. Ausser dem Aktien-
kapital arbeiteten in diesen Gesellschaften noch 266 Millionen Mark
sichtbare Reserven und 169 Millionen Mark Obligationen und Hypo-
theken; das sind insgesamt 1145 Millionen Mark, auf die an Divi-
denden und Zinsen 115,8 Millionen Mark ausgezahlt wurden. Da-
raus ergibt sich eine Durchschnittsverzinsung von 10,12 Prozent
des investierten Kapitals.

t:

f!

üj1

I
        <pb n="97" />
        ﻿



&gt;4 5

f:







94

beträgt,*) und einem Stabe von Tausenden wissenschaft-
licher, technischer und kaufmännischer Beamten wird das
neue Land im friedlichen Wettkampf nationaler Arbeit
bestellt, um tausendfältige goldene Frucht zu tragen.
Eine reiche Ernte, deren Wert in der deutschen chemi-
schen Gesamtproduktion gegenwärtig auf 13A Milliarden
Mark geschätzt wird, ergiesst sich unter der Führung
des deutschen Kaufmanns über alle Länder der Erde,
um auf dem Weltmarkt Zeugnis abzulegen von deut-
schem Fleiss und deutschem Unternehmungsgeist. Das
Geheimnis dieses Erfolges aber erblicken wir in dem
planvollen Zusammenwirken von Wissenschaft und In-
dustrie. Scientia potestas est. Deshalb gedenken wir
in Dankbarkeit des hohen Interesses, das der Kaiser

*) Dis Arbeiterzahl betrug im Jahre 1912 249 819; der durch-
schnittliche Jahres verdienst 1234 Mark. Die Vermehrung der bei
der Berufsgenossenschaft der chemischen Industrie versicherten
Betriebe in den letzten 25 Jahren ergibt die folgende Tabelle, die
ferner die Anzahl der bei diesen beschäftigten „Vollarbeiter“, deren
Lohnsumme und den Durchschnittslohn angibt. Die Zahl der „Voll-
arbeiter“ wird in der Weise festgestellt, dass die von den ver-
sicherungspflichtigen Personen in den einzelnen Jahren geleistete
Gesamtzahl der Arbeitstage durch 300 dividiert wird.

	Betriebe	Vollarbeiter	Lohnsumme  M.	Durch-  schnittslohn  M.
1888	4464	83 667	67 055 328	801
1891	5273	100 285	83 855 954	835
1894	5758	110 348	94 289 192	855
1897	6316	129 827	115 662 600	889
1900	7169	153 011	148 412 681	961
1903	7747	168 950	166 293 445	984
1906	8505	195 356	207 311 913	1063
1909	8702	211 830	240 464 951	1132
1912	9147	249 819	308 220 516	1234
        <pb n="98" />
        ﻿und König an den Fortschritten der chemischen Wissen-
schaft genommen und das sich aufs neue bei der feier-
lichen Eröffnung der ersten Kaiser-Wilhelm-Insti-
tute kundgegeben hat. Die neuen Forschungsinsti-
tute in Dahlem sind der Chemie und der physikali-
schen Chemie gewidmet, und schon erhebt sich
ein neues Kaiser-Wilhel'm-Institut für Kohlen-
forschung in Mülheim a. d. Ruhr.*) Möge unter
dem Schutze der Hohenzollern das Banner der
deutschen Wissenschaft auch fernerhin über der
chemischen Industrie wehen, um neue Erfolge
zu zeitigen zur Ehre unseres Vaterlandes, zur
Wohlfahrt unseres Volkes.

*) An dem Institut für Chemie wirken E. Beckmann für
anorganische, R. Willstätter für organische und O. Hahn für
nadiologische Chemie; das Institut für physikalische Chemie wird
geleitet von F. Haber, das Institut für Kohlenforschung von
F. Fischer.

Grundriss des Mülheimer Instituts.
        <pb n="99" />
        ﻿Literatur.

Ahrens, Die Elektrochemie am Anfang und Ende des 19. Jahr-
hunderts. Ztschr. ang. Chemie, 1900, S. 1090.

Badische Anilin- und Sodafabrik, Gesamtbild ihrer Tätig-
keit. Ludwigshafen a. Rh., 1913.

Bernthsen, Ueber Luftsalpetersäure. Vortrag, gehalten auf dem
VII. internationalen Kongress für angewandte Chemie zu Lon-
don, 1909.

Bernthsen, Nachruf auf Heinrich Caro. Ber. d. d. ehern. Ges.,.
1912, 45.

Binz, A., Chemische Industrie und Volksernährung. Berlin, 1913.
Binz, A., Die Mission der Teerfarben-Industrie. Berlin, 1912.
Binz, A., Ursprung und Entwicklung der chemischen Industrie.
Berlin, 1910.

Brunck, H., Die Entwicklungsgeschichte der Indigo-Fabrikation.
Festvortrag, gehalten bei der Einweihung des Hofmannhauses.
Ber. d. d. ehern. Ges. 1900, 33, 3. Sonderheft, S. LXXI.

Caro, H., Ueber die Entwicklung der Teerfarben-Industrie. Ber.

d. d. ehern. Ges. 1892, 25, 3, S. 955.

Caro, H., Ueber die Entwicklung der chemischen Industrie von
Mannheim-Ludwigshafen a. Rh. Ztschr. ang. Chem. 1904, 17,
S. 1343.

Darmstädter, L., und Du Bois-Reymond, R., 4000 Jahre
Pionier-Arbeit in den exakten Wissenschaften. Berlin, 1904.
Deutsche Edelstein-Gesellschaft, Synthetische Edelsteine, ihr
Wesen und ihre Erzeugung. Als Manuskript gedruckt. Idar, 1911.
Die Hauptindustrien Deutschlands. Leipzig, 1904.

Du Bois-Reymond, E., Die Berliner französische Kolonie in der
Akademie der Wissenschaften. Reden, II., S. 313.

Lepsius: Deutschlands Chemische Industrie.

7
        <pb n="100" />
        ﻿98

Duisberg, C., Die Wissenschaft und Technik in der chemischen
Industrie mit bes. Berücksichtigung der Teerfarbenindustrie.
Festvortrag, gehalten in der Hauptversammlung des Deutschen
Museums. München, 1911.

Duisberg, C., Fortschritte und Probleme der chemischen In-
dustrie. Vortrag, gehalten a. d. VIII. intern. Kongress f. ang.
Chemie in New-York. Ztschr. ang. Chemie, 26, S. 1.

Engler, C., Ueber Zerfallprozesse in der Natur. Verh. d. Oes.
Deutscher Naturforscher und Aerzte. 1911, 1, S. 42.

Eichengrün, A., 25 Jahre Arzneimittel-Synthese, Ztschr. f. ang.
Chemie, 1913, 26, S. 49.

Farbwerke vorm. Meister Lucius Brüning, 1863—1913.
Jubiläumsschrift. Höchst a. M., 1913.

Fischer, P., Entwicklungsgeschichte der Zündholzindustrie. Ztschr.
ang. Chemie, 1912, 25, 2640.

Frank, A., Anfang und Entwicklung des Kalibergbaues und der
Kali-Industrie, Verh. d. Ver. z. Bef. d. Gewerbefleisses, 1902,
81, S. 233.

Glaser, C. Heinrich von Brunck. Ber. d. d. chem. Ges. 1913. 46.

Grossmann, H., Die Stickstoff-Frage und ihre Bedeutung für die
deutsche Volkswirtschaft. Berlin, 1911.

Grossmann, H., Die Bedeutung der chemischen Technik für das
deutsche Wirtschaftsleben. Halle a. S., 1907.

Harries, C., Ueber den gegenwärtigen Stand der Chemie des Kaut-
schuks. Vortr., geh. i. Oesterr. Ing.- und Architekten-Verein,
Wien, 1910.

Harries, C., Ueber den künstlichen Kautschuk vom wissenschaftl.
Standpunkte. Vortr., geh. i. Ver. deutscher Chemiker, Frei-
burg i. B. „Kunststoffe“, 1912, 2.

Herzog, R. O., Chemische Technologie der organischen Verbin-
dungen. Heidelberg, 1912.

Hesse, A., Bilder aus der Riechstoffindustrie. Ztschr. ang. Chem.,
1912, 25, S. 337.

Hofmann, A. W., Fischer, E., Caro, H., Zur Erinnerung an
Peter Gries, Ber. d. d. chem. Ges., 1891, 25, 3, S. 1007.

Hüttensmüller, R., Die chemische Industrie Deutschlands, ins-
besondere die deutsche Teerfarben- und Indigo-Industrie. Vortr.,
geh. im Auswärtigen Amt zu Berlin, 1912. Als Man. gedr.
        <pb n="101" />
        ﻿99

Knietsch, R., Ueber die Schwefelsäure und ihre Fabrikation nach
dem Kontaktverfahren. Ber. d. d. chem. Ges., 1901, 34, 3,
S. 4069.

Kolbe, G., Geschichte der Königlichen Porzellanmanufaktur zu
Berlin. Berlin, 1863.

Krämer, G., Die Bedeutung des Petroleum-Monopols für die
chem. Industrie. Chem.-Ztg., 1913, 25.

Lepsius, B., Das alte und das neue Pulver. Verh. d. Vers,
deutscher Naturf. u. Aerzte. Leipzig, 1891. 1.

Lepsius, B., Aug. Wilh. von Hofmann. Allg. deutsche Bio-
graphie. Leipzig 1905.

Lepsius, B., Die Chemische Fabrik Griesheim - Elektron und ihre
Wohlfahrtsbauten. Jubiläumsschrift. Berlin 1908.

Lepsius, B., Die Elektrolyse in der chemischen Gross-Industrie.
Ber. d. d. chem. Ges., 1909, 42, S. 2892.

Lepsius, B., Julius Friedrich Holtz, Chem.-Ztg., 1911, S. 693.

Lepsius, B., Die technische Gewinnung und Verwendung von
Wasserstoff. Verh. d. Ver. z. Beförderung d. Gewerbfleisses,
1912, Heft 2.

,/Möhlau, R., Die Entwicklung und nationalökonomische Bedeu-
tung der deutschen chemischen Industrie im 20. Jahrhundert.
Rektoratsrede, Dresden, 1908.

Oechelhäuser, W. von, Technische Arbeit einst und jetzt. Berlin
1906.

Precht, H., Die norddeutsche Kali-Industrie. Herausgegeben von
R. Ehrhardt, Stassfurt, 1907.

Rassow, B., Geschichte des Vereins Deutscher Chemiker in den
ersten 25 Jahren seines Bestehens. Leipzig, 1912.

Samtleben, A., Leuchtgas in chemischer, hygienischer und wirt-
schaftlicher Beziehung. Ztschr. f. ang. Chem. 1912, 25, 2648.

Sander, A., Technische und wirtschaftliche Entwicklung der deut-
schen Industrie. Vortr., geh. im Ver. zur Bef. des Gewerbe-
fleisses. Berlin, 1912.

Schilder, S., und Springer, L., Rohstoffe, Fabrikate, Abfälle.
Eine wirtschaftliche Studie. Wien, 1909.

Schneider, W. von, Mineralische Düngemittel und Ernteerträge.
Riga, 1909.

Stange, A., Die Zeitalter der Chemie in Wort und Bild.
Leipzig, 1908.

7*
        <pb n="102" />
        ﻿100

Süvern, C., Die künstliche Seide. Berlin, 1900.

Volhard, J. u. Fischer, E., Aug. Wilh. von Hoffmann. Berlin 1902.

Wallach, O., Organische Chemie, Kultur der Gegenwart, III, 2.
Leipzig, 1913.

Wenzel* O., Die Arbeiter der chemischen Industrie und ihre
Löhne. V. Intern. Kongress für ang. Chemie, Berlin, 1903,
Band IV, S. 851.

Wichelhaus, H., Wirtschaftliche Bedeutung chemischer Arbeit.
Braunschweig, 1900.

Wichelhaus, H., Organische Farbstoffe. Dresden, 1909.

Wichelhaüs, H., Sulfuriren, Alkalischmelze der Sulfosäuren,
Esterifizieren. Leipzig 1911.

Winkler, CI., Die Entwicklung der Schwefelsäure-Industrie im
Laufe des scheidenden Jahrhunderts. Ztschr. ang. Chem., 1900,
S. 731.

Winther, Ad., Zusammenstellung der Patente a. d. Gebiete der
organischen Chemie 1877 bis 1905. 3 Bde., Giessen, 1908—1910.

Will, W., lieber Sprengmittel. Vortr., geh. im Oesterr. Ing.- und
Architekten-Verein. Wien, 1910.

Witt, O. N., Weltausstellung zu Paris 1900. Sammelausstellung
der deutschen chemischen Industrie. Berlin, 1900.

Witt, O. N., Ferdinand Tiemann. Ein Lebensbild. Ber. d. d. chem.
Ges., 1901, 34, 3, S. 4403.

Witt, O. N., Die chemische Industrie des Deutschen Reiches im
Beginn des 20. Jahrhunderts. Festschrift zum 25. Jubiläum
der Begründung d. Ver. z. Wahrung der Int. d. chem. Industrie
Deutschlands. Berlin, 1902.

Witt, O. N., Die Entwicklung der technischen Chemie. Ber. d. d.
chem. Ges., 1907, 40, 4, S. 4644.

Witt, O. N., Wechselwirkungen zwischen der chemischen For-
schung und der chemischen Technik. Kultur der Gegenwart,
III., 2., Leipzig, 1913.

Zen neck, F., Die Verwertung des Luftstickstoffs mit Hilfe des
elektrischen Flammenbogens. Verh. d. Ges. deutscher Natur-
forscher und Aerzte. 1910, 1, S. 87.
        <pb n="103" />
        ﻿Namenregister,

Abderhalden, 82.

Abel, Fr., 45.

Achard, Franz Karl, 16.
Aktiengesellschaft für Anilinfa-
brikation, 51, 62.

August II., König von Polen,
Kurfürst von Sachsen, 10.
Badische Anilin- und Sodafabrik,
Ludwigshafen, 41, 42, 53, 57,
62, 64, 70, 71.

Bauer, 85.

Baum, H., 68.

Baumann, 77.

Baeyer, A. von, 64, 66, 70, 73.
Beckmann, E., 95.

Behring, von, 83.

Beilstein, F., 90.

Bernthsen, A., 65, 68.

Binz, A., 19, 82.

Birkeland, 40.

Bismarck, Fürst von, 23, 46.
Bohn, R., 66.

Böker, H. E., 57.

Bonwitt, G., 86.

Böttcher, Joh. Friedr., 10.
Böttger, Chr., 9, 45.

Böttiger, 68.

Böttinger, Heinr., 67.

Böttinger, Henry T. von, 67.

Brand, 8, 9, 15.

Brunck, Heinr. von, 54, 70.

Caro, Heinr., 64, 65, 68.

Caro, N., 41, 43.

Cassella &amp; Cie., Frankfurt a. M., 62.

Cavendish, 39.

Chardonnet, Graf de, 50.

Chemische Fabrik auf Aktien,
vorm. E. Schering, Berlin, 75,
81, 86, 87.

Chemische Fabrik Griesheim-
Elektron, Frankfurt a. M., 9,
28, 29, 33, 47, 63, 71.

Deutsche Gold- u. Silberscheide-
anstalt, Frankfurt a. M., 14,71.

Diesbach, 13.

Dippel, 13.

Duisberg, C., 53, 81, 92.

Ehrlich, Paul, 84.

Elektrochemische Werke, Bitter-
feld, 33.

Engler, C., 58.

Eyde, 40.

Faraday, 27.

Farbenfabriken vorm. Friedrich
Bayer, Elberfeld, 62, 81.

Farbwerke vorm. Meister Lucius
und Brüning, Höchst a. M.
56, 57, 62, 68, 71, 79, 81, 83.
        <pb n="104" />
        ﻿102

Feld, Walther, 55.

Fischer, Emil, 69, 80, 92.

Fischer, Franz, 95.

Fischer, Otto, 69.

Fittig, 69.

Frank, 69.

Frank, Ad., 20, 41, 43.
Friedländer, P., 73, 74.

Friedrich der Grosse, König von
Preussen, 10, 11, 15.

Friedrich von Nürnberg, Mark-
graf von Brandenburg, 6.
Friedrich Wilhelm, der Grosse
Kurfürst, 8, 9.

Friedrich Wilhelm III., König
von Preussen, 16.

Friedrich Wilhelm IV., König
von Preussen, 17.

Gans, Leo, 69.

Girard, 61.

Goldschmidt, Th., 30.
Gotzkowski, Joh. Ernst, 11.
Gräbe, C., 64, 65.

Grieninger, 11, 12.

Gries, Peter, 67.

Guericke, Otto von, 8.

Haber, F., 41, 42, 48, 95.

Hahn, O., 95.

Harries, C., 92.

Häussermann, C., 47.

Heinecke, A., 13.

Helmholtz, H. von, 27.

Hesse, A., 85, 90.

Heumann, C., 70, 71.

Hoff, J. van’ t, 52, 92.
Hoffmann, F., 69.

Hofmann, A. W. von, 6, 8, 21,
24, 55, 61, 67, 68, 69, 81, 84, 89.
Hofmann, F., 92.

Hofmann, M. K., 90.

Holtz, I. F., 88, 89.

Humboldt, Alex, von, 12.
Hurter, 28.

Jacobson, P., 89, 90.

Joachim I., Kurfürst von Bran-
denburg, 7.

Johann Georg, Kurfürst von Bran-
denburg, 7.

Johann, Markgraf von Branden-
burg, 7.

Julius, 68.

Kalle &amp; Cie., Biebrich a. Rh„
62.

Kekule, A., 63.

Klaproth, 12.

Knietsch, R., 54, 70.

Knorr, L., 77.

Kolbe, H., 67, 81.

Koller, 79.

Koch, R., 82.

Körner, W., 63.

Krämer, G., 60, 91.

Kuhlmann, K. F., 44.

Kunheim, 20.

Kunkel, Joh., 8, 15.

Lampadius, W. A., 58.

Leblanc, 18.

Lehner, F., 50.

Leibnitz, 15.

Liebermann, C., 64, 65.
Libbertz, 83.

Liebig, J. von, 19, 20, 21, 22.

35, 63, 64, 76.

Liebreich, O., 76.

Linde, C. von, 43.

Marggraf, Andr. Sigism., 15.
Martius, A. von, 62, 68.
Mehring, von, 80.
Mendelssohn-Bartholdy, P., 62.
Merck, E., 87.
        <pb n="105" />
        ﻿103

Merck, Fr. Jac., 87.

Merck, Joh. Heinr., 87.

Meyer, Rob., 27.

Miethe, A., 33.

Müller, C. L., 68.

Napoleon I., 17.

Nietzki, 68, 69.

Nobel, Alfred, 45.

Oechelhäuser, W. von, 56.
Ohler, K., 21, 62, 67.
Oppenheim, Franz, 51.

Orlean, Herzog von, 18.

Perkin, W. H., 61, 65.

Petersen, Th., 63.

Pfaff, 68.

Pfleger, I., 71.

Plinius, 73.

Pott, J. H., 10, 13.

Pschorr, R., 89.

Rammeisberg, 20.

Renard freres, 61.

Richter, M. M., 90.

Riedel, 1. D., 78.

Rose, H., 20.

Rössler, 14.

Rütgers, Jul., 60.

Samtleben, A., 58.

Sapper, H. E., 54.

Schaudinn, 83.

Schering, Ernst, 87.

Schönherr, 40.

Schroffer, A., 9.

Schultz, Gust., 69.

Schunke, 68.

Sell’sche Teerdestillation, 21,61.
Siemens, Werner von, 22, 28.
Sigismund, Deutscher Kaiser, 6.

Simon, P. L., 27.

Solvay, Ernest, 26.

Stahl, Friedr., 15.

Stelzner, R., 90.

Stolz, F., 61.

Stroof, I., 28.

Sophie Charlotte, Königin von
Preussen, 15.

Tench Coxe, 19.

Thurneisser, Leonhard, 7.
Tiemann, Ferd., 84, 89.
Tschirnhaus, von, 10.

Tübben, 48.

Unverdorben, O., 21, 71.
Verguin, Em., 61.

Victoria, Königin von England, 22.
Wallach, O., 86.

Waage, 36.

Wegely, Wilh. Kasp., 11.
Weigert, Karl, 82.

Weinberg, A. von, 69.
Wichelhaus, H., 64, 89.
Wilhelm 1., Deutscher Kaiser,
22.

Wilhelm II., Deutscher Kaiser,
5, 13, 25, 48, 53, 94, 95.
Winckler, CI., 54.

Wild, H., 33.

Will, W., 46.

Williams, Greville, 92.
Willstätter, R., 95.

Winther, Ad., 23, 68.

Witt, Otto N., 68, 69.

Wöhler, Friedr., 22.

Woulfe, P., 46.

Zeppelin, Graf von, 31.

Zorn, 10.
        <pb n="106" />
        ﻿Sachregister.

Adrenalin, 81.	Benzol, 22, 25, 59, 60.
Alchemie, 7.	Benzoltheorie, 63.
Algolfarben, 66.	Benzopurpurine, 69.
Alizarin, 64. Statistik, 65, 66.	Benzin, 29.
Ammoniak, 36, 38, 43, 59.	Berliner Blau, 13.
Ammoniak, schwefelsaures, 37,	Berufsgenossenschaft der chemi-
38.	schen Industrie, 89.
Ammoniaksalpeter, 36.	Bibliographie, 89.
Ammoniaksoda, 28.	Bilanzen der Aktiengesellschaf-
Anilin, 21, 22, 55, 61.	ten, 93.
Anthrazen, 25, 59, 66, 64.	Blausäure, 14.
Anthrazenfarben, 66.	Blutlaugensalz, 14.
Antineuralgika, 81.	Bunsengesellschaft, Deutsche,
Antifebrin, 77.	für angewandte physikalische
Antipyretika, 79.	Chemie, 24.
Antitoxin, 83.	Cadinen, Majolikafabrik, 13.
Arbeiterlöhne, 94.	Chemisches Zentralblatt, 90.
Atophan, 61.	Chemotherapie, 84.
Ätzkali, 24, 27, 28, 29.	Chilesalpeter, 35, 36, 40.
Azetanilid, 76, 77.	Chinin, 77, 79.
Azetatzellulose, 51.	Chlor, 18, 27, 28, 30.
Azetylen, 35.	Chlor, flüssiges, 30.
Azofarbstoffe, 67.	Chloralhydrat, 29, 76, 80.
Bakteriologie, 82.	Chlorbenzol, 30.
Baumwollindustrie, 19.	Chloressigsäure, 30, 71.
Benzoesäure, 22.	Chlorkalk, 18, 24, 27 28, 29.
        <pb n="107" />
        ﻿105

Chlorkohlenstoff, 29.
Chloroform, 29, 76, 77.
Chlorverbindungen, organische,
29.

Cocain, 79.

Croceine, 69.

Cumarin, 84.
Deaconchlorprozess, 20.
Deutsche Chemische Gesell-
schaft, 24.

Diamantschwarz, 69.
Dieselmotore, 91.
Dinitrochlorbenzol, 30.

Diuretika, 80.

Dünger, künstlicher, 19.
Dynamit, 45.

Edelsteine, künstliche, 34.
Eiweissstoffe, 92.

Elektrolyse d. Chloralkalien, 27.
Elektrothermische Prozesse, 34.
Eosinfarben, 66.
Erdölproduktion, 91.

Erepton, 82.

Fetthärtung, 32.

Gasanstalten, 36, 59.

Gase, komprimierte, 43.
Goldextraktion, 14.

Handbuch der organischen
Chemie, 90.

Heilmittel, 75.

Helindonfarben, 66.

Heliotropin, 84.

Hofmannhaus, 89.

Hypnotika, 80.

Indigo, 30, 46, 53, 70, 74.
Indigo, Statistik, 71, 72.
Indigorot, 74.
lonon, 84.

Isopren, 92.

Kaiser Wilhelm-Gesellschaft, 6.

Kaiser Wilhelm-Institute, 93,95.
Kaliindustrie, 20.

Kalisalpeter, 36.

Kalkstickstoff, 41.
Kalziumkarbid, 35.
Kalziumzyanamid, 41.

Kampfer, künstlicher, 86.
Kautschuk, künstlicher, 91.
Kinematographenfilms, 51.
Kohlenoxyd, 43.

Kokereien, 36, 59.
Kontaktschwefelsäure, 54, 70.
Leblancsoda, 18, 25, 27, 28.
Leuchtgasfabrikation, 37, 58.
Leuchtgasstatistik, 58.
Literaturregister der Chemie, 90.
Luftsalpeter, 39.

Luftschiffahrt, 31.

Lysidin, 81.

Magdeburger Halbkugeln, 8.
Mannesmannrohre, 31.

Medinal, 80.

Melinit, 47.

Metallfadenlampen, 33.

Moschus, 84.

Natrium, 14, 71.

Natriumzyanid, 14.

Naphtalin, 25, 52, 76.

Naphtol, 64.

Neocain, 79.

Nitranisol, 30.

Nitrobenzol, 22.
Nitrochlorbenzol, 30.
Nitroglyzerin, 45.

Nitrophenetol, 30.

Nitrophenol, 30.

Nitrozellulose, 50.
Organotherapie, 61.
Panamakanal, 49.

Patentgesetz, 23.
        <pb n="108" />
        ﻿106

Phenazetin, 79.

Phenol, 25, 59, 60.

Phosphor, 8.

Phosphorsäure, 19.

Pikrinsäure, 46.

Platin, Statistik, 54.

Pottasche, 27.

Porzellan, Meissner, 10.
Porzellan, Berliner, 12, 13.
Präparatenindustrie, 86.

Purpur, antiker, 73.

Pyramidon, 79.

Riechstoffe, künstliche, 84.
Rosenöl, 85.

Rubine, künstliche, 34.
Rubinglas, 8, 10.

Salpeter, 35, 36, 40.
Salpetersäure, 18, 43, 46, 53.
Salvarsan, 84.

Sauerstoff, 33, 42.
Schiessbaumwolle, 45, 50.
Schwarzpulver, 6, 44.
Schwefelfarbstoffe, 74.
Schwereisäure, 18, 53, 55, 70.
Schwefelsäure aus Steinkohlen-
gas, 55.

Schweflige Säure, 70.
Schweissverfahren, autogenes, 32.
Seide, künstliche, 50.
Serumtherapie, 83.
Sicherheitssprengstoffe, 48.

Soda, künstliche, 18.
Sodafabrikation, 18, 24, 25, 28,
29.

Solvayprozess, 26.

Sprengstoffe, 44, 47. Statistik, 49.
Statistik.

Aktiengesellschaften, 93.
Alizarin, 66.

Ammoniak, 37, 58.

Anthrazen, 60, 61.
Anthrazenfarben, 66.
Arbeiter, 56, 57, 94.

Ätzkali, 29.

Baumwolle, 19.

Beamte, 56.

Benzol, 60.

Bergbau, westphälischer, 47.
Betriebe, 94.

Braunkohlen, 57, 58.
Chilesalpeter, 35, 36, 37, 38.
Chlorkalk, 28, 29.
Dieselmotore, 91.
Düngemittel, 36.

Edelsteine, künstliche, 34.
Erdöl, 91.

Futtermittel, 36.

Gaswerke, 59.
Goldextraktion, 14.

Indigo, 72.

Kaliindustrie, 20, 21.
Kalksalpeter, 40.
Kalkstiekstoff, 41.
Kautschuk, 91, 92.
Kinematographenfilms, 51.
Leuchtgas, 58.

Leuchtmittel, 33.

Löhne, 94.

Naphtalin, 60.

Patente, 23, 24.
Phosphatdünger, 19, 36.
Platin, 54.

Porzellanfabriken, 10.
Riechstoffe, 85.

Salpeter, 35, 36, 37, 38.
Salpetersäure, 44.
Schwefelsäure, 53, 54, 55.
Seide, künstliche, 51, 52.
Soda, 26, 28, 29.
Sprengstoffe, 49.
        <pb n="109" />
        ﻿107

Steinkohlen, 36, 38, 39, 57, 58.
Steinkohlenteer, 59.

Stickstoff, 36, 37, 38.
Teerfarbstoffe, 75.

Unfälle im Bergbau, 48.
Wasserstoff, 31.

Zelluloid, 86.

Zinnwiedergewinnung, 31.
Zucker, 17, 18.

Zündhölzer, 9.

Zyansalze, 14.

Stein der Weisen, 7, 8.
Steinkohlen, 36.
Steinkohlenindustrie, 57.
Steinkohlenvorrat, 57.
Stereochemie, 92.

Stickstoff, 35, 40.
Stickstoffbedarf der Landwirt-
schaft, 38.

Steuer.

Alkohol, 51.

Leuchtmittel, 33.

Zucker, 18.

Zündwaren, 9.

Sulfonal, 77, 78.

Teerdestillation, 59.

Teerfarbenindustrie, 21, 24, 59.

Statistik, 75.

Teerfarbstoffe, 61.

Tetronal, 78.

Thyreoidin, 81.

Thioindigo, 74.

Toluol, 25, 59.

Trinitrotoluol, 47.

Trional, 78.

Urotropin, 81.

Vanillin, 84.

Verein deutscher Chemiker, 24.
Verein zur Wahrung der Inter-
essen der chemischen Indu-
strie Deutschlands, 24, 88.
Veronal, 80.

Viscoseseide, 50, 51.
Wasserstoff, 31, 32, 41.
Zinnchlorid, 31.
Zinnwiedergewinnung, 30.
Zitronenöl, 85.

Zucker, 16, 92. Statistik, 17.
Steuer, 17.

Zündholzindustrie, 9. Statistik,
9. Steuer, 9.

Zyansalze, 14.
        <pb n="110" />
        ﻿J. S. PREUSS, Konigl. Hofbuchdruckerei
Berlin S. 14, Dresdener Strasse 43
        <pb n="111" />
        ﻿the scale towards document

1 ~

f&gt;|

PP Isis

99

Knietsch, R., Ueber die Schwefelsäure und ihre Fabrikation nach
dem Kontaktverfahren. Ber. d. d. chem. Ges., 1901, 34, 3,
S. 4069.

Kolbe, G., Geschichte der Königlichen Porzellanmanufaktur zu
Berlin. Berlin, 1863.

Krämer, G., Die Bedeutung des Petroleum-Monopols für die
chem. Industrie. Chem.-Ztg., 1913, 25.

Lepsius, B., Das alte und das neue Pulver. Verh. d. Vers,
deutscher Naturf. u. Aerzte. Leipzig, 1891. 1.

Lepsius, B., Aug. Wilh. von Hofmann. Allg. deutsche Bio-
graphie. Leipzig 1905.

Lepsius, B., Die Chemische Fabrik Griesheim -■ Elektron und ihre
Wohlfahrtsbauten. Jubiläumsschrift. Berlin 1908.

Lepsius, B., Die Elektrolyse in der chemischen Gross-Industrie.
Ber. d. d. chem. Ges., 1909, 42, S. 2892.

Lepsius, B., Julius Friedrich Holtz, Chem.-Ztg., 1911, S. 693.

Lepsius, B., Die technische Gewinnung und Verwendung von
Wasserstoff. Verh. d. Ver. z. Beförderung d. Gewerbfleisses,
1912, Heft 2.

'Möhlau, R., Die Entwicklung und nationalökonomische Bedeu-
tung der deutschen chemischen Industrie im 20. Jahrhundert.
Rektoratsrede, Dresden, 1908.

Oechelhäuser, W. von, Technische Arbeit einst und jetzt. Berlin
1906.

Precht, H., Die norddeutsche Kali-Industrie. Herausgegeben von
R. Ehrhardt, Stassfurt, 1907.

Rassow, B., Geschichte des Vereins Deutscher Chemiker in den
ersten 25 Jahren seines Bestehens. Leipzig, 1912.

Samtleben, A., Leuchtgas in chemischer, hygienischer und wirt-
schaftlicher Beziehung. Ztschr. f. ang. Chem. 1912, 25, 2648.

Sander, A., Technische und wirtschaftliche Entwicklung der deut-
schen Industrie. Vortr., geh. im Ver. zur Bef. des Gewerbe-
fleisses. Berlin, 1912.

Schilder, S., und Springer, L., Rohstoffe, Fabrikate, Abfälle.
Eine wirtschaftliche Studie. Wien, 1909.

Schneider, W. von, Mineralische Düngemittel und Ernteerträge.
Riga, 1909.

Stange, A., Die Zeitalter der Chemie in Wort und Bild.
Leipzig, 1908.

7*
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
