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        <title>Deutschlands chemische Industrie</title>
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            <forname>Bernhard</forname>
            <surname>Lepsius</surname>
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        </author>
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            <idno>1028804180</idno>
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        Deutschlands
Chemische  Industrie
1888—1913
von

Professor  Dr.  B.  Lepsius
Dr.-lng.  h.  c.

Verlag  von  Georg  Stilke,  Berlin  NW.  7
Hofbuchhändler  Sr.  Kaiserlichen  und  Königlichen  Hoheit  des  Kronprinzen

1914

Preis  Mark  1,50
        <pb n="2" />
        -V

Deutschlands
Chemische  Industrie
1888—1913

von

Professor  Dr.  B.^Lepsius
Dr.-Ing.  h.  c.

Verlag  von  Georg  Stilke,  Berlin  HW.  7
Hofbuchhändler  Sr.  Kaiserlichen  und  Königlichen  Hoheit  des  Kronprinzen

1914
        <pb n="3" />
        Vorwort.

Die  vorliegende  Darstellung  der  Entwicklung  der
chemischen  Industrie  Deutschlands  in  den  letzten
25  Jahren  wurde  ursprünglich  geschrieben  als  Beitrag
zu  dem  von  den  Herren  Dr.  von  Behr-Pinnow,  Professor ­
  Dr.  Dietrich  und  Professor  Dr.  Kayserling  im
Verlage  von  Georg  Stilke  herausgegebenen  Jubiläumswerke ­
  „Soziale  Kultur  und  Volkswohlfahrt  während  der
ersten  25  Regierungs-Jahre  Kaiser  Wilhelm  II“.
Vielfach  geäusserte  Wünsche  haben  mich  veranlasst,
meinen  Beitrag  durch  diese  Sonderausgabe,  mit  der  sich
Herausgeber  und  Verleger  des  Jubiläumswerkes 1  bereitwilligst ­
  einverstanden  erklärt  haben,  weiteren  Kreisen
zugänglich  zu  machen.
In  der  neuen  Ausgabe  sind  einige  Verbesserungen
vorgenommen  und  die  in  der  Zwischenzeit  veröffentlichten ­
  statistischen  Daten  berücksichtigt  worden;  ferner
ist  sie  durch  Anmerkungen  und  Literaturnachweise  ergänzt ­
  worden.
Berlin-Dahlem,  im  Dezember  1913.
B.  Lepsius.

l*
        <pb n="4" />
        Kaiser  Wilhelm-Institut  für  Chemie,  Dahlem
        <pb n="5" />
        Scientia  potestas  est.
F.  Bacon.
Fürstliche  Jahrestage  sind  von  jeher  Denksteine  der
Geschichte  gewesen,  Ruhepunkte  im  rastlosen  Geschehen, ­
  an  denen  wir  innehalten  wie  der  Wanderer
im  Gebirge,  der  von  gewonnener  Höhe  zurückschaut
und  im  Blick 1  auf  die  durchmessene  Strecke  den  Lohn
empfindet  für  die  aufgewendete  Mühe.
So  ergreifen  wir  in  dem  Jahre,  da  Deutschland
und  Preussen  das  silberne  Jubiläum  der  Regierung  des
Kaisers  und  Königs  Wilhelms  II.  begehen,  die  willkommene ­
  Gelegenheit,  uns  der  Früchte  unserer  Arbeit,
der  Mehrung  unserer  Güter,  der  Vertiefung  unserer
Erkenntnis  zu  erfreuen,  die  wir  dieser  segensreichen
Friedenszeit  verdanken,  uns  der  Fortschritte  zu  erinnern, ­
  die  die  Wohlfahrt  unseres  Volkes  genommen.
Chemische  Wissenschaft  und  Industrie  sind  an  diesen
Fortschritten  nicht  unbeteiligt.  Ja,  sie  dürfen  sich
rühmen,  an  dem  wirtschaftlichen  Aufschwung  unserer
gesamten  Industrie  und  an  der  Steigerung  unserer  Volkswohlfahrt ­
  mit  in  erster  Linie  teilgenommen  zu  haben.
Hatte  sich  doch  die  chemische  Industrie  in  Deutschland ­
  in  dem  letzten  Vierteljahrhundert  einer  Entwicklung ­
  zu  erfreuen  wie  in  keinem  andern  Lande.  Der
Schilderung  dieser  Entwicklung  und  ihres  Einflusses  auf
Volkswirtschaft  und  Volkswohlfahrt  sollen  die  folgenden
Blätter  gewidmet  sein.
        <pb n="6" />
        6

Für  die  Fortschritte  der  Naturwissenschaften  und
insonderheit  für  die  Chemie  hat  der  Kaiser  oft  und  noch
in  jüngster  Zeit  eine  tätige  Anteilnahme  bekundet;  sind
doch  die  ersten  Forschungsinstitute  seiner  grosszügigen
Schöpfung,  der  Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft,  dieser
Wissenschaft  gewidmet.  In  dieser  Fürsorge  dürfen  wir
wohl  ein  Vermächtnis  erkennen,  nicht  nur  der  Kaiserlichen ­
  Mutter,  die  seit  den  Tagen  von  Windsor  den
beredten  Worten  ihres  begeisterten  chemischen  Lehrers
A.  W.  von  Hofmann  mit  Vorliebe  gelauscht  hat,
sondern  ebenso  des  erlauchten  Geschlechts  der  Hohenzollern,
  die  seit  einem  halben  Jahrtausend  mit  der
Scheidekunst  häufig  in  innige  Berührung  gekommen  sind
und  an  chemischen  Ereignissen,  daran  die  Geschichte
der  HohenzollernsChen  Lande  und  im  besonderen  ihrer
Haupt-  und  Residenzstadt  nicht  arm  ist,  stets  lebhaften
Anteil  genommen  haben.
Einleitung  Als  der  Burggraf  Friedrich  von  Nürnberg  im
Jahre  1412  die  ihm  vom  Kaiser  Sigismund  verpfändete ­
  Mark  in  Besitz  nahm,  bediente  er  sich  alsbald
der  soeben  in  die  Kriegskunst  eingeführten  chemischen
Energie,  um  das  Volk  vor  den  Unterdrückungen  des
raubritterlichen  Adels  zu  schützen,  denen  es  fast  ein
Jahrhundert  preisgegeben  war.  Unter  der  vernichtenden
Wirkung  des  Schwarzpulvers  und  dem  Donner  der
„Faulen  Grete“  fallen  die  Burgen  der  märkischen  Barone*),
und  unter  den  Hohen  zoll  ern  kehren  allmählich  geordnete ­
  Zustände  in  die  Mark  zurück.  In  der  Hand  der
Bauleute  formt  sich  der  gebrannte  Ziegel  zu  kunstvollen

*)  Allein  den  Quitzows  musste  Friedrich  24  feste  Schlösser
nehmen,  bis  er  sie  besiegt  hatte.  Werke  Friedrich  d.  Grossen,  1913.1.13.
        <pb n="7" />
        7

j

Giebeln  und  Türmen,  und  bald  fehlt  es  auch  nicht  an
Versuchen  zur  Erforschung-  der  Natur.  Allerdings  werden
sie  beherrscht  von  der  damals  9chon  tausendjährigen
Alexandrinischen  Wahnvorstellung  des  Steins  der
Weisen,  die  vom  13.  bis  über  das  16.  Jahrhundert  hinaus
auch  unser  Vaterland  in  alchemistische  Träume  bannt.  Alchemie
Dieser  Zeitströmung  haben  sich  auch  die  Hohenzollern
nicht  entzogen.  Der  älteste  Sohn  Friedrichs,  Markgraf
Johann,  führt  den  Beinamen  des  Alchemisten;  er  experimentiert ­
  jahrelang  auf  der  Plassenburg  in  Franken,
aber  mit  demselben  Misserfolg  wie  die  späteren  Fürsten,
die  sich  der  Kunst  der  Metallverwandlung  widmen.  Auch
die  grosse  Zeit  der  Buchdruckerkunst,  der  Weltumsegelung ­
  und  der  Reformation  ändert  nichts  an  dem  überkommenen ­
  Aberglauben.  Kurfürst  Joachim  I.,  der
Nachfolger  Johann  Ciceros,  ist  trotz  seiner  im
Jahre  1506  erfolgten  Gründung  der  märkischen  Universität ­
  Frankfurt  noch  umgeben  von  Alchemisten  und
Nekromanten.  Als  sein  Hofastrolog  aus  der  Gruppierung
der  Sterne  den  Untergang  der  Städte  Berlin  und  Kölln
auf  den  25.  Juli  1525  berechnet,  zieht  er  mit  dem
Hofstaat  auf  den  Tempelhöf  er  Berg,  um  das  seltene
Schauspiel  zu  beobachten.
Sein  Enkel  Johann  Georg,  ein  eifriger  Lutheraner,
beruft,  in  dem  Bestreben,  den  Staatshaushalt  der  Mark
zu  verbessern,  den  Schweizer  Alchemisten  Leonhard
Thurneisser  zu  seinem  Leibarzt  und  errichtet  ihm
in  der  ehemaligen  Franziskanerabtei,  dem  jetzigen  Sitz
des  Berlinischen  Gymnasiums  zum  Grauen  Kloster,  ein
wohlausgestattetes  Laboratorium.  Aber  obwohl  die  medizinische ­
  Privatpraxis,  in  der  die  berühmte  Harnprobe
eine  bedeutende  Rolle  spielt,  dem  Wunderdoktor  mehr
Geld  einbringt  als  seine  Goldmacherkunst  dem  Staate,

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        8

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Rubinglas

bleibt  das  alchemistische  Laboratorium  die  traditionelle
Einrichtung  des  Brandenburgischen  Hofes.
Auch  der  Grosse  Kurfürst  huldigt  den  Anschauungen ­
  seiner  Zeit  Wie  lebhaft  jedoch  alle  Entdeckungen
seine  Teilnahme  erwecken,  bezeugen  die  Magdeburger
Halbkugeln  Otto  von  Guerickes,  die  noch  jetzt  auf
der  Königlichen  Bibliothek  zu  Berlin  aufbewahrt  werden.
Aber  wenn  er  auch  nicht  in  den  Besitz  der  ersehnten
Tiriktur  gelangt,  so  finden  wir  in  seinem  Laboratorium
doch  einen  der  ausgezeichnetsten  Experimentatoren  seiner
Zeit,  den  berühmten  Alchemisten  Johann  Kunkel,
schon  ein  Chemiker  im  Sinne  unserer  Tage,  der  sich  um 1
die  Wissenschaft  bleibende  Verdienste  erworben  hat.*)
Auf  der  Pfaueninsel  bei  Potsdam,  wo  ihm  der  Kurfürst ­
  ein  Laboratorium  erbaut,  errichtet  er  eine  Krystallglashütte
  und  erfindet  1678  das  goldhaltige  Rubinglas,
dessen  Farbenpracht  nicht  übertroffen  worden  ist,  wie
wir  an  der  sehenswerten  Sammlung  seiner  Kunstgläser
erkennen,  die  wir  noch  heute  im  Berliner  Kunstgewerbe-Museum
  bewundern.  Der  von  ihm  verwendete  Glasbläsertisch ­
  ist  noch  jetzt  ein  unentbehrliches  Hilfsmittel
im  chemischen  Laboratorium.  Zum  zweiten  Male  entdeckt ­
  Kunkel  den  Phosphor,  dessen  Bereitung  der  erste
Entdecker  Brand  in  Hamburg  geheimhielt,  der  ihn
1669  aus  dem  Urin  erhalten  hatte,  als  er  daraus  den
Stein  der  Weisen  zu  gewinnen  gedachte.  Die  neue  Entdeckung ­
  bringt  Kunkels  „Oeffentliche  Zuschrift  vom
Phosphoro  mirabile“  zur  allgemeinen  Kenntnis.  Dieser
merkwürdige  Stoff  blieb  lange  eine  Kuriosität,  deren

*)  Die  ältere  Chemische  Geschichte  Berlins  hat  A.  W.  Hof  mann
in  einem  (hier  mehrfach  benutzten)  akademischen  Vortrag:  Berliner ­
  Alchemisten  und  Chemiker,  Berlin  1882,  eingehend  behandelt.
        <pb n="9" />
        9

Anblicks  sich  nur  Wenige  zu  erfreuen  hatten.  Noch
50  Jahre  nach  seiner  Entdeckung  wurde  eine  Unze  mit
16  Dukaten  bezahlt,  wofür  man  heute  40  kg  erhalten
kann.

■*

Im-Der

  Phosphor  wurde  bis  vor  20  Jahren  nur  in  Phosphor
England  und  Frankreich  fabriziert.  1892  führte  die
Chemische  Fabrik  Griesheim-Elektron  in  Frankfurt ­
  a.  M.  die  Phosphorfabrikation  auf  elektrothermischem
  Wege  in  Deutschland  ein,  das  die  grösste  Zündholzproduktion ­
  besitzt  und  daher  am  meisten  Phosphor
Verbraucht.  Die  heute  verwendeten  ungiftigen,  sogenannten ­
  schwedischen  Zündhölzer  wurden  von  Chr.
Böttger  in  Frankfurt  a.  M.  im  Jahre  1848  erfunden,
der  den  kurz  zuvor  von  A.  Sehr  öfter  in  Wien  entdeckten ­
  roten  Phosphor  an  Stelle  des  giftigen  gelben  in
der  Reibfläche  verwendete.  Da  der  deutsche  Prophet
aber  in  seinem  Vaterlande  nicht  gehört  wurde,  wandte
er  sich  nach  Schweden,  von  wo  zehn  Jahre  später  seine
Erfindung  nach  Deutschland  zurückkehrte.
Die  deutsche  Produktion  dieser  Zündhölzer  betrug
im  Jahre  1912  84  Milliarden  Stück  oder  1400  Millionen
Schachteln,  die  ein  Gewicht  von  21  000  Tonnen  repräsentieren, ­
  zu  deren  Beförderung  ein  Zug  von  2100  Eisenbahnwagen ­
  erforderlich  sein  würde.  Die  wirtschaftliche
Bedeutung  dieser  Industrie  spricht  sich  in  der  Tatsache
aus,  dass  dem  Deutschen  Reiche  aus  der  Zündwarensteuer ­
  jährlich  fast  20  Millionen  Mark  zufliessen.
Als  an  der  Schwelle  des  18.  Jahrhunderts  der  Sohn  Porzellan
des  Grossen  Kurfürsten  den  Kurhut  mit  der  Königskrone ­
  vertauschte,  wurden  die  Geldbedürfnisse  des
preussischen  Staates  begreiflich  nicht  geringer,  und  mit
        <pb n="10" />
        10

Befriedigung  hört  der  neue  König  von  einem  Adepten,
der  sich  in  der  Spandauer  Strasse  mit  Goldmachen  beschäftigt. ­
  Der  sechzehnjährige  Gehilfe  Johann  Friedrich ­
  Böttcher,  aus  Schleiz  gebürtig,  hatte  sich  in
Magdeburg  mit  Mathematik  und  Feuerwerkerei  beschäftigt; ­
  seine  Vorliebe  für  die  Chemie  veranlasste  ihn,
nach  Berlin  zu  dem  Apotheker  Zorn  in  die  Lehre  zu
gehen.  Durch  Talent  und  Fleiss  ausgezeichnet,  arbeitet
er  trotz  des  Verbots  seines  Lehrherrn  ganze  Nächte  an
alchemistischen  Problemen  und  erbietet  sich  endlich,  die
Metallveredlung  vor  Zeugen  auszuführen.  Der  aufsehenerregende ­
  Versuch  gelingt,  und  das  „tingierte  Gold“
wird  alsbald  dem  Könige  Vorgelegt.  Schon  jedoch  hat
Böttcher  Berlin  verlassen  und  bei  Wittenberg  die
sächsische  Grenze  überschritten.  Aber  die  polnische
Königskrone  August  II.  verursacht  nicht  weniger  Geldbedürfnisse ­
  als  die  preussische,  und  so  wird  der  vermeintliche ­
  Goldvogel,  ungeachtet,  dass  sich  der  Handel
fast  zu  einem  Casus  belli  zwischen  Sachsen  und  Preussen
zuspitzt,  auf  Befehl  des  in  Warschau  befindlichen  Kurfürsten ­
  in  Dresden  in  Verwahrsam  genommen,  wo  er
zwar  kein  Gold  macht,  sich  aber  in  Gemeinschaft  mit
dem  Physiker  von  Tschirnhaus  keramischen  Experimenten ­
  hingibt  und  nach  acht  Jahren  der  Begründer
der  weltberühmten  Meissner  Porzellanfabrik  wird.
So  bedeutete  die  Flucht  Böittchers  doch  einen  Verlust ­
  für  Preussen.  Aber  der  Vorsprung  wird  bald  eingeholt. ­

Zwar  sind  die  ersten  Versuche,  Meissener  Porzellan
in  Berlin  zu  machen,  nicht  befriedigend.  Man  ruft  die
Wissenschaft  zu  Hilfe,  und  im  Aufträge  Friedrichs
des  Grossen  unternimmt  es  der  Akademiker  und  Hofapotheker ­
  Johann  Heinrich  Pott,  die  Frage  auf  syn ­
        <pb n="11" />
        11

thetischem  Wege  zu  lösen,  indem  er  in  30000  einzelnen
Versuchen  alle  möglichen  keramischen  Mischungen  den
verschiedensten  Temperaturen  aussetzt.
In  seinem  berühmten  Werke:  „Chymische  Untersuchungen, ­
  welche  fürnehmlich  von  der  Lithogeognoseia
handeln“,  werden  diese  Versuchs,  die  den  Grund  für
die  wissenschaftliche  Erkenntnis  des  Verhaltens  der
Materie  bei  hohen  Temperaturen  gelegt  haben,  eingehend ­
  beschrieben.  Sie  gehören  dem  Friedensjahrzehnt
vor  dem  siebenjährigen  Kriege  an.
Inzwischen  hatte  der  Kaufmann  Wilhelm  Caspar
Wegely  den  erfolglosen  Versuch  gemacht,  mit  Hilfe
von  Arbeitern,  die  das  Meissener  Geheimnis  zuerst
nach  Höchst  a.  M.  gebracht  hatten,  in  Berlin  eine  Porzellanfabrik
  zu  errichten.  Besseren  Erfolg  hatte  der
Kaufmann  Joh.  Ernst  Gotzkowski,  der  mit  Hilfe
eines  Wegelysehen  Arbeiters  in  dem  in  der  Leipziger
Strasse  gelegenen  Dorvilleschen  Hause,  wo  noch  heute
die  Niederlage  der  Berliner  Manufaktur  ihren  Sitz  hat,
eine  neue  Fabrik  errichtete.  Aber  die  ungünstigen  Zeiten
zwangen  ihn,  im  August  1763  seine  Zahlungen  einzustellen. ­
  Schon  im  nächsten  Monat  ging  die  Fabrik,  die
Gotzkowski  Friedrich  dem  Grossen  zum  Kauf  angeboten
  hatte,  für  den  Preis  von  225  000  Talern  in  den
Besitz  des  Königs  über,  dessen  Interesse  für  die  Porzellanfabrikation ­
  noch  gewachsen  war,  da  er  während
des  Krieges  mehrfach  Gelegenheit  hatte,  die  Konstruktion ­
  der  Porzellanöfen  in  Meissen  selbst  zu  studieren.
Von  dem  ersten  Besuch  des  Königs  in  der  Berliner
Fabrik  am  11.  September  1763  berichtet  der  Chronist
Grieninger:  „Niemals  hat  sich  wohl  ein  Monarch
gnädiger  herabgelassen.  Sein  huldreicher  Blick  erstreckte ­
  sich  über  alles.  Bei  dem  Brennofen  sprach
        <pb n="12" />
        I

12
er  lange  mit  mir  und  zeichnete  den  Umriss  von  einem
sächsischen  Qarofen  in  meine  Schreibtafel.“
Bald  arbeitet  die  Fabrik  mit  500  Arbeitern  und
fertigt  gute  Ware,  die  die  Anerkennung  des  Königs  findet:
„Sieht  Er,  das  ist  schön“,  sagt  er  zum'  Direktor
Grieninger,  „und  schöner  als  ichs  zu  Meissen  gesehen
habe;  aber  ich  kanns  nicht  kaufen,  ich  habe  kein  Geld.“
Trotzdem  ist  Friedrich  selbst  der  bedeutendste  Abnehmer, ­
  obwohl  für  den  anderweitigen  Absatz  alles
mögliche  getan  wird.  Die  Kriegs-  und  Domänenkammern ­
  in  den  Provinzen  mussten  Niederlagen  errichten;
der  Generallotterie  wurde  auferlegt,  jährlich  für  6000
Taler  anzukaufen,  und  die  Juden  waren  genötigt,  eine
gewisse  Menge  Porzellan  gegen  bare  Zahlung  zu  entnehmen, ­
  eine  Verpflichtung,  die  erst  1797  mit  40  000
Talern  abgelöst  wurde.  Auch  unter  den  Nachfolgern  des
grossen  Königs  hat  sich  die  Königliche  Manufaktur
besonderer  Fürsorge  zu  erfreuen.  Aus  einem  Immediatbericht
  vom  Jahre  1793  geht  hervor,  dass  sie  eine  der
ersten  industriellen  Anstalten  gewesen  ist,  die  die  Dampfmaschine ­
  einführte.  Auch  führt  sie  berühmte  Namen
unter  ihren  Mitarbeitern;  im  Jahre  1791  gehörte
Alexander  v.  Humboldt  und  der  Berliner  Chemiker
Klaproth  der  Farbenkommission  an.
So  ist  die  Königliche  Porzellanmanufaktur,  die
später  auf  ein  zwischen  dem  Tiergarten  und  der
Spree  gelegenes  Gelände  übersiedelte,  durch  ihre  hervorragenden ­
  Leistungen  für  die  Entwicklung  des  Kunstgewerbes ­
  in  Preussen  von  vorbildlicher  Bedeutung  geworden. ­
  In  den  letzten  Jahrzehnten  ist  unter  staatlicher ­
  Beihilfe  durch  fortgesetzte  Versuche  die  Technik
des  Porzellans  auf  allen  Gebieten  vervollkommnet
worden.  Ganz  besonders  aber  haben  die  zu  chemischen
        <pb n="13" />
        13

Zwecken  in  den  Laboratorien  und  in  der  Industrie  verwendeten ­
  Porzellangegenstände,  wie  Tiegel,  Schalen,
Kessel,  Röhren  usw.,  durch  ihre  Temperaturbeständigkeit ­
  und  ihre  säurefeste  Glasur  eine  Vollendung  erfahren, ­
  die  dem  „Berliner  Porzellan“  einen  Weltruf
verschafft  hat.
Das  ganz  persönliche  hohe  Interesse,  das  auch  unser
Kaiser  dem  keramischen  Gewerbe  in  reichem  Masse
zuwendet,  ist  aus  der  Tatsache  bekannt,  dass  er  auf
seinem  Landgut  Cadinen  durch  den  Direktor  der  Berliner ­
  Porzellanmanufaktur  A.  Heinecke  eine  Majolikafabrik ­
  hat  errichten  lassen.
Die  Zahl  der  Porzellan-  und  Steingutfabriken  in
Deutschland  hat  sich  in  den  letzten  25  Jahren  von  228
auf  359,  die  Anzahl  der  darin  beschäftigten  Arbeiter  von
37  000  auf  66  000  vermehrt.

Wenn  Potts  keramische  Arbeiten  auf  rein  wissen-Berliner  Blau
schaftliCher  Grundlage  geschahen,  so  wurde  um  dieselbe
Zeit  eine  wichtige  Berliner  Entdeckung  ganz  zufällig  gemacht. ­
  Als  der  Farbenkunstler  Diesbach  eine  eisenhaltige ­
  Cochenille-Abkochung  mit  einer  Kalilauge  fällen
wollte,  die  zufällig  durch  eine  stickstoffhaltige  animalische ­
  Substanz,  das  sogenannte  Dippelsche  Knochenöl,
verunreinigt  war,  erhielt  er  statt  des  roten  Florentiner
Lackes  einen  prachtvollen  blauen  Farbstoff,  der  später
zu  einer  ausgedehnten  Industrie  geführt  hat,  in  der  neben
den  zyanhaltigen  Rückständen  der  Leuchtgasfabrikation
vornehmlich  die  alten  Schuhe  und  Stiefel  verarbeitet
werden,  die  wir  alljährlich  ablegen.  Dieser  Farbstoff,
das  Berliner  Blau,  ein  Zyanid  von  Kalium  und  Eisen,
ist  das  Ausgangsmaterial  für  alle  Zyanverbindungen  ge-
        <pb n="14" />
        worden;  so  des  schön  krystallisierenden  Blutlaugensalzes
wie  der  giftigen  Blausäure,  die  noch  jetzt  in  England
und  Frankreich  den  Namen  Preussisches  Kali  und
Preussische  Säure  führen.  Welche  Früchte  hat  diese
Berliner  Erfindung  gezeitigt!  Deutschlands  Produktion
Zyansalze  von  Zyansalzen,  etwa  die  Hälfte  der  Weltproduktion,
wird  gegenwärtig  auf  10000  Tonnen  im  Jahre  geschätzt,
im  Werte  von  13  Millionen  Mark.  Den  grössten  Teil
daran  hat  das  Natriumzyanid,  zu  dessen  Bereitung  metallisches ­
  Natrium  verwendet  wird,  das  man  in  Rheinfelden
  auf  elektrolytischem  Wege  mit  Hilfe  der  Wasserkraft ­
  des  Rheins  gewinnt.  Dieser  Industrie  hat  sich  die
Deutsche  Gold-  und  Silberscheideanstalt  in  Frankfurt ­
  a.  M.  angenommen,  mit  der  der  Name  Rössler
durch  drei  Generationen  eng  verknüpft  ist.  Anfangs
der  siebziger  Jahre  ist  sie  durch  die  Scheidung  der
alten  preussischen  Taler  bekannt  geworden,  deren  nicht
unbedeutender  Goldgehalt  in  früheren  Zeiten  nicht
vollständig  abgeschieden  werden  konnte.  Von  jenen
Zyansalzen  bleibt  nur  ein  sehr  geringer  Teil  im  Inlande, ­
  der  zu  galvanischen  Zwecken  verwendet  wird.
Bei  weitem  der  grösste  Teil  des  Zyannatriums  wird  dagegen ­
  in  die  goldgesegneten  Gefilde  von  Mexiko,  Südafrika ­
  und  Alaska  gesandt,  wo  seit  Anfang  der  neunziger
Jahre  die  letzten  Anteile  des  fein  verteilten  Goldes  aus
den  verpochten  Erzen  durch  eine  verdünnte  Zyanidlösung ­
  herausgewaschen  werden.  Von  den  256  000  kg
Gold-  Gold,  die  im  Jahre  1911  in  den  Transvaalminen  geextraktion
  fördert  wurden,  sind  93  000  kg  durch  diese  Zyanidextraktion ­
  gewonnen  worden,  wofür  etwa  6000  Tonnen
Zyannatrium  verbraucht  wurden.
Unter  den  Chemikern  des  18.  Jahrhunderts  steht
Andreas  Sigismund  Marggraf  an  erster  Stelle.  Er
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        15

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ist  1709  in  Berlin  geboren;  ein  Schüler  Stahls,  kehrt  er
nach  sorgfältigen  chemischen  und  pharmazeutischen
Studien  in  Frankfurt  a.  M.,  Strassburg  und  Halle  im
Jahre  1737  nach  Berlin  zurück,  wo  er  nach  kurzer  Zeit
in  die  1700,  unter  dem  Einfluss  der  jungen  geistvollen
Königin  Sophie  Charlotte,  von  Leibniz  gegründete
Königliche  Gesellschaft  der  Wissenschaften  aufgenommen
wird,  die  Friedrich  der  Grosse  später  in  die  Akademie ­
  der  Wissenschaften  und  sichönen  Künste
umwandelt.

Das  akademische  Laboratorium  liegt  in  der  heutigen ­
  Dorotheenstrasse,  die  damals  den  Namen  „Letzte
Strasse"  führte,  auf  einem  nodh  jetzt  der  Akademie
gehörigen  Grundstück.  Hier  ist  der  neue  Akademiker
in  den  Stand  gesetzt,  sich  ausschliesslich  der  experimentellen ­
  Forschung  zu  widmen.  Die  wissenschaftliche
Chemie  verdankt  Marggraf  zahlreiche  wichtige  Entdeckungen, ­
  darunter  eine  bequemere  Methode  zur  Gewinnung ­
  des  Phosphors  als  die  Brands  und  Kunkels,
aber  seine  berühmten  Untersuchungen  über  die  Zusammensetzung ­
  der  Pflanzen  sind  bestimmt,  eine  neue
Weltindustrie  ins  Leben  zu  rufen.  Es  war  die  glückliche
Friedenszeit  nach  dem  zweiten  Schlesischen  Kriege.  Der
Sieger  von  Hohenfriedberg  hatte  den  Dresdener
Frieden  geschlossen,  und  die  ersehnte  Friedenszeit  lud
ein  zu  schöpferischer  Arbeit.  Die  Untersuchungen
Marggrafs  beschäftigen  sich  mit  denjenigen  Teilen  verschiedener ­
  Pflanzen,  die  einen  süssen  Geschmack  besitzen, ­
  und  nach  mannigfachen  Studien  findet  er,  „dass
einige  dieser  Pflanzen  nicht  nur  einen  dem  Zucker  ähnlichen ­
  Stoff,  sondern  in  der  Tat  wirklichen  Zucker  enthalten, ­
  der  dem  aus  Zuckerrohr  gewonnenen  genau
gleicht."

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        16

Rübenzucker

Dass  auch  der  König  dieser  Entdeckung,  die  bald
im  In-  und  Auslande  Aufsehen  erregt,  lebhaftes  Interesse
entgegenbringt,  dass  er  alsbald  die  Möglichkeit  erkennt,
durch  den  Anbau  der  Runkelrübe,  in  deren  Saft  Marggraf ­
  den  höchsten  Zuckergehalt  vorfindet,  der  vaterländischen ­
  Landwirtschaft  Vorteil  zu  verschaffen,  bedarf ­
  keiner  Erwähnung.  Diese  Aufgabe  zur  Lösung
zu  bringen,  war  jedoch  dem  Schüler  und  Nachfolger
Marggrafs  Franz  Karl  Achard  Vorbehalten.  Einer
Huguenottenfamilie  entstammend,  1753  in  Berlin  geboren,
mit  23  Jahren  Mitglied  der  Akademie,  übernimmt  er
im  Alter  von  29  Jahren  die  Professur  seines  Lehrers
und  ist  mit  leidenschaftlichem  Eifer  bestrebt,  dessen
grosse  Entdeckung  in  die  Praxis  überzuführen.  Allein
erst  gegen  Ende  des  Jahrhunderts,  50  Jahre  nach  Marggrafs ­
  Entdeckung  des  Rübenzuckers,  sind  seine  landwirtschaftlichen ­
  Versuche  so  weit  gediehen,  dass  er  auf
seinem  Gute  Caulsdorf  bei  Berlin  die  erste  Zuckerernte
aus  heimischem  Gewächs  einbringt,  und  dass  nunmehr
einer  industriellen  Erzeugung  von  Zucker  aus  Runkelrüben ­
  kein  Hindernis  mehr  im  Wege  zu  stehen  scheint,
zumal  ihm  der  junge  König  Friedrich  Wilhelm  III.,
der  Begründer  der  Berliner  Universität,  durch  Gewährung ­
  bedeutender  Staatsmittel  in  den  Stand  setzt,
auf  dem  Gute  Cunem  in  Schlesien  die  erste  Rübenzuckerfabrik ­
  zu  errichten.
Wie  bei  jeder  neuen  Technik 1 ,  waren  auch  hier,  im
Kampfe  mit  der  Konkurrenz,  die  sich  in  England  nicht
scheute,  Achards  Charakter  durch  hohe  Bestechungssummen ­
  auf  die  Probe  zu  stellen,  grosse  Schwierigkeiten
zu  überwinden.  Sie  wurden  durch  die  napoleonischen
Kriegswirren  nicht  vermindert.  Da  erschien  eine  Hilfe
von  unerwarteter  Seite.  Indem  der  in  rücksichtsloser
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        17

Verblendung  vom  Cäsarenwahn  ergriffene  Imperator  am
21.  November  1806  von  Berlin  aus  die  Schliessung  der
Häfen  des  Festlandes  gegen  englische  Waren  dekretierte,
verlieh  er  der  kontinentalen  Zuckererzeugung  einen  Impuls, ­
  der  im  Laufe  weniger  Jahrzehnte  daraus  eine  der
vornehmsten  Einnahmequellen  des  Staates  gemacht  hat.  *)
Im  Jahre  des  Regierungsantritts  Friedrich  Wilhelms ­
  IV.  wurde  die  neue  Steuer  zum  erstenmal  erhoben. ­
  In  der  Zuckerkampagne  von  1840  wurden  in
145  Fabriken  5  000  000  Zentner  Rüben  verarbeitet  und
über  eine  viertel  Million  Zentner  Zucker  gewonnen,  die
dem  deutschen  Zollverein  einen  Steuerbetrag  von
120  000  Mark  einbrachten.  Die  heutige  Welternte  beträgt
rund  18  Millionen  Tonnen,  wovon  nicht  ganz  die  Hälfte
auf  Rübenzucker  kommen.  Davon  entfallen  8  310  000
Tonnen  auf  Europa,  woran  Deutschland  mit  etwa  einem
Drittel  beteiligt  ist.**)  Die  staatswirtschaftliche  Bedeutung ­
  der  deutschen  Rübenzuckerindustrie  ergibt  sich  aus
der  Tatsache,  dass  die  Zuckersteuer  in  dem  Voranschlag
der  Reichseinnahmen  für  das  Jahr  1913  mit  einem  Betrage ­
  von  157  600  000  Mark  eingesetzt  wurde,  wodurch
ein  Zwölftel  der  gesamten  Zoll-  und  Steuereinkünfte
des  Deutschen  Reiches  gedeckt  wird.

*)  Vergl.  Du  Bois-Reymond,  E.,  Die  Berliner  französische
Kolonie  in  der  Akademie  der  Wissenschaften.  Reden,  Leipig  1912,  2,  313.
**)  Die  Zuckeremte  der  Welt  für  1912/13  beläuft  sich  auf:
Rohrzucker  9  211  755  t
Rübenzucker  in  Europa  8  310  000  t
Rübenzucker  in  d.  Ver.  Staaten  624  064  t
Weltemte  18145  819  t
(Ztschr.  ang.  Chem.  1913,  26,  769.)
Lepsius:  Deutschlands  Chemische  Industrie.  2
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        18

Künstliche
Soda

Betreten  wir  das  19.  Jahrhundert,  so  zieht  die  Fabrikation ­
  der  künstlichen  Soda  alsbald  unsere  Aufmerksamkeit ­
  auf  sich.  Sie  beginnt  mit  einer  Tragödie.  An
Stelle  der  Algen,  die  der  Sturm  an  die  Küste  treibt,
hatte  der  französische  Gelehrte  Leblanc,  der  Leibarzt
des  Herzogs  von  Orleans,  1790  das  von  dem  Ozean
und  den  Steinsalzlagern  in  unbegrenzter  Menge  dargebotene ­
  Kochsalz  benutzt,  um  die  für  die  Seifenfabrikation
vielbegehrte  Soda  zu  gewinnen.  Dieser  Leblanc-Soda-Prozess
  bildet  die  Grundlage  der  chemischen  Grossindustrie ­
  des  vergangenen  Jahrhunderts.  Mit  ihm  entwickelt ­
  sich  die  Fabrikation  der  Schwefelsäure  und
Salpetersäure,  die  bei  der  Herstellung  der  Soda  Verwendung ­
  finden;  als  Nebenprodukt  entsteht  die  Salzsäure, ­
  die  zu  einer  neuen  Industrie  des  Chlors  führt,
das  in  Form  von  Chlorkalk  als  Bleichmittel  die  Welt
erobert.
Die  Französische  Republik  hat  diesem  Wohltäter
der  Menschheit  schlecht  gedankt.  Nachdem  das  Haupt
des  Herzogs  unter  der  Guillotine  gefallen,  wurde  das
Patent  Leblancs  durch  Dekret  des  Wohlfahrtsausschusses ­
  vernichtet,  das  Verfahren  veröffentlicht,  die  mit
Unterstützung  des  Herzogs  erbaute  Fabrik  geschlossen,
das  Inventar  versteigert  und  der  Erlös  von  120  000  Francs
zum  Besten  der  Nation  konfisziert.  Verarmt  und  gebrochen ­
  endet  Leblanc  am  16.  Januar  1806  sein  Leben
mit  eigener  Hand  auf  den  Trümmern  des  zerstörten
Werkes.
In  Frankreich  wurden  bald  mehrere  Fabriken  errichtet. ­
  1814  findet  die  künstliche  Soda  Eingang  bei
den  englischen  Seifenfabriken.  Der  Tonnenpreis  beträgt
1818  noch  840  Mark.  Er  ist  heute  auf  weniger  als
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den  zehnten  Teil  gesunken.  Während  sich  aber  die  neue
Industrie  in  England,  namentlich  wegen  des  enormen
Aufschwungs  der  Baumwollindustrie,*)  rasch  entwickelt,
wird  sie  in  Deutschland  erst  20  Jahre  später  aufgenommen. ­

Als  der  Scharfsinn  Justus  Liebigs  im  Jahre  1840
in  dem  Werk  über  „die  Anwendung  der  Chemie  auf
Agrikultur  und  Physiologie“  der  Landwirtschaft  die  Notwendigkeit ­
  offenbarte,  dem  Acker  diejenigen  Mineralstoffe ­
  wieder  zuzuführen,  die  ihm  die  Ernte  dauernd
entzieht,  war  es  die  in  den  Knochen  am  leichtesten
zugängliche  Phosphorsäure,  auf  die  der  Landwirt  sein
Augenmerk  zuerst  richtete.  Die  Herstellung  des  künstlichen ­
  Phosphatdüngers**)  aber  erforderte  die  Fabrikation ­
  der  Schwefelsäure,  zu  der  sich  bald  die  der  Leblanc-Soda
  gesellte.  Die  erste  deutsche  Sodafabrik  wird  1843
von  Herrmann  in  Schönebeck  bei  Magdeburg  gebaut.
In  Berlin  errichtete  Kunheim  1844  am  Tempelhofer
Feld  die  erste  Schwefelsäurekammer,  der  alsbald  die

*)  Die  ersten  Baumwollkulturen  wurden  auf  Veranlassung  von
Tench  Coxe  im  südlichen  Nordamerika  im  Jahre  1786  angelegt.
1791  wurden  2  Millionen  engl.  Pfund  von  dort  exportiert,  1800
35  Millionen,  1830  350  Millionen,  1896  3190  Millionen.  Die  Baumwolle ­
  konnte  nicht,  wie  das  Leinengewebe  auf  dem  Rasen  gebleicht
werden,  sondern  bedurfte  der  Behandlung  mit  Schwefelsäure,  Soda
und  Chlor.  Vgl.  A.  Binz,  Ursprung  und  Entwicklung  der  chemischen ­
  Industrie.  Berlin,  1910.
**)  Der  Weltverbrauch  an  Phosphatdünger  belief  sich  im
Jahre  1906  auf  8  026  430  t  Superphosphat,  2120980  t  Thomasmehl, ­
  327  610  t  Phosphoritmehl.  Zusammen  10  474  980  t  entsprechend ­
  1624  950  t  Phosphorsäure.  Vgl.  W.  v.  Schneider,  Mineralische ­
  Düngemittel  und  Ernteerträge.  Riga,  1909.
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        20

Leblanc-Soda-Fabrikation  und  der  Deacon-Chlorprozess
  folgt.
Kaliindustrie  Aber  Liebigs  wissenschaftliche  Mahnung  ruft  noch
eine  andere  Industrie  hervor,  die  für  die  deutsche  Volkswohlfahrt ­
  eine  ausserordentliche  Bedeutung  gewonnen
hat.  Deutschland  ist  das  einzige  Land  der  Erde,  das
über  einen  unermesslichen  Reichtum  an  Kalisalzen  verfügt, ­
  die  für  den  Pflanzenwuchs  ebenso  wichtig  sind
wie  die  Phosphorsäure.  Die  bei  der  Salzgewinnung
zuerst  lästigen,  heute  überaus  wertvollen  sogenannten
Abraumsalze,  die  an  manchen  Stellen  die  obere  Schicht
der  ungeheuren  Salzlager  Mitteldeutschlands  bilden,
wurden  1857  bei  Gelegenheit  von  Bohrungen  auf  Steinsalz ­
  in  Stassfurt  entdeckt.  Die  Berliner  Professoren
Rose  und  Rammeisberg  stellen  den  hohen  Kaligehalt
dieser  Salze  fest,  und  1861  begründeten  Herrmann  Grüneberg ­
  und  Adolf  Frank  die  Stassfurter  Kaliindustrie, ­
  die  sich  von  der  Magdeburger  Gegend  bald  nach
Thüringen,  Braunschweig  und  Meckeinburg  ausdehnt,
heute  die  ganze  Welt  mit  Kalidünger  versorgt  und  auf
die  Entwicklung  der  deutschen  Landwirtschaft  einen
enormen  Einfluss  ausgeübt  hat.*)  Die  Kalisalzförderung**)
begann  im  Jahre  1861  mit  2000  Tonnen  und  beträgt
heute  an  reinem  Kali  über  1  Million  Tonnen  im
Werte  von  177  Millionen  Mark.***)  Hiervon  werden
90  Prozent  zu  Düngezwecken  verwendet,  wovon  mehr
als  die  Hälfte  in  Deutschland  verbleibt;  zehn  Prozent
*)  A.  Frank,  Anfang  und  Entwicklung  des  Kalibergbaues  und
der  Kaliindustrie.  Verhandlungen  des  Vereins  zur  Beförderung  des
Gewerbefleisses.  1902,  81,  233.
**)  Chem.  Ind.  1913,  36,  Protokoll  der  Hauptvers.  65.
***)  Die  Förderung  an  Kalirohsalzen  betrug  1912  11  Millionen
Tonnen.  Ebenda  1913,  705.
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        er

gehen  in  die  Industrie,  wovon  etwa  zwei  Drittel  im
Inlande  verarbeitet  werden,  insbesondere  zu  Pottasche
und  Aetzkali,  Kalisalpeter,  Alaun,  chromsaurem  und
chlorsaurem  Kalium  und  einer  Reihe  anderer  Kalisalze.
In  dieselbe  Zeit  fällt  die  Begründung  einer  Industrie,
die  ihre  mächtigste  Entwicklung  ebenfalls  in  Deutschland ­
  gefunden  hat,  und  deren  Produkte  heute  zur  Ver-  Teerfarbenschönerung ­
  des  Daseins  aller  Völker  der  Erde  bei-  Industrie
tragen.  War  aber  jene  anorganische  Grossindustrie  der
Mineralsäuren,  der  Soda  und  des  Kalis  auf  empirischem
Boden  gewachsen,  so  setzte  die  neue  Industrie  der
Teerfarben  eine  rein  wissenschaftliche  Basis  voraus,
da  sie  der  ungleich  verwickelteren  organischen  Chemie
angehört.  Der  Ausgangspunkt  dieser  merkwürdigen,  für
die  deutsche  Volkswirtschaft  so  bedeutungsvoll  gewordenen ­
  Industrie  ist  das  Anilin.
In  dem  kleinen,  jetzt  als  Gärtnerhaus  benutzten,
Laboratorium  der  ehemals  Sellschen  Teerdistallation
und  späteren  Oehlerschen  Farbenfabrik  in  Offenbach
hatte  im  Jahre  1842  A.  W.  Hofmann,  damals  Liebigs
Assistent  in  Giessen,  aus  1200  Pfund  destillierten  Steinkohlenteers, ­
  des  früher  lästigen  Abfallproduktes  der
Leuchtgasfabrikation,  2  Pfund  eines  basischen  Oeles
extrahiert,  das  er  bald  mit  dem  1826  von  dem  Chemiker
Unverdorben*)  aus  dem  Indigo,  dem  arabischen
„Anil“,  erhaltenen  Kyanol  identifiziert  und  „Anilin“
genannt  hatte.**)

Anilin

*)  O.  Unverdorben,  geb.  1806,  lebte  auf  einem  Landgut  in
Dahme  bei  Berlin.
**)  Vergl.  B.  Lepsius.  Aug.  Wilh.  von  Hofmann.  Allgem.
deutsche  Biographie.  Leipzig  1905.
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        22

Zwei  Jahre  danach  weist  er  im  Steirik'ohlenteer  das
reichliche  Vorkommen  des  früher  nur  aus  der  Benzoesäure ­
  erhaltenen  Benzols  durch  dessen  Ueberführung
in  Nitrobenzol  und  Anilin  nach,  und  nun  beginnen  die
epochemachenden  Untersuchungen  über  die  Derivate
dieses  verwandlungsfähigen  Körpers.
Durch  die  Vermittlung  der  Königin  von  England
wird  Hof  mann  1845  an  das  Royal  College  of  Chemistry
nach  London  berufen,  wo  er  in  der  Mitte  der  fünfziger
Jahre  die  wissenschaftliche  Grundlage  der  Farbenchemie
legt,  die  die  Welt  mit  einer  nie  geahnten  märchenhaften
Farbenpracht  beschenken  sollte.  Nach  zwanzigjährigem
Aufenthalt  in  England  verlässt  er  seine  glänzende  Londoner ­
  Stellung,  um  dem  „Lockruf  nach  dem  Hochlande
einer  deutschen  Universität“  nach  Bonn  und  kurz  darauf
nach  Berlin  zu  folgen.

Laboratorien  Inzwischen  hatten  sich  die  deutschen  Verhältnisse
wesentlich  geändert.  Nach  dem  Vorbilde  Liebigs  in
Giessen  und  Wühlers  in  Göttingen  waren  die  Hochschulen ­
  mit  Laboratorien  ausgestattet  worden,  die  der
Industrie  bald  ein  Heer  mit  dem  Rüstzeug  wissenschaftlicher ­
  Forschung  ausgestatteter  Chemiker  zur  Verfügung ­
  stellen  konnten,  die  darauf  brannten,  ihre  Kenntnisse ­
  und  Erfahrungen  in  die  Praxis  zu  übertragen.  Die
deutsche  Maschinentechnik  hatte  sich  durch  die  aufstrebende ­
  Entwicklung  des  Eisenbahn-  und  Lokomotivbaus
  gehoben,  und  schon  hatte  Werner  Siemens  den
Grund  gelegt  für  die  technische  und  chemische  Ausnutzung ­
  der  elektrischen  Kraft.

Einfluss  der
Gründung
des
Deutschen
Reichs

Aber  erst  die  Begründung  des  Deutschen  Reiches
unter  des  grossen  Kaisers  glorreicher  Regierung  schuf
für  den  Aufbau  einer  deutschen  Weltindustrie  die
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        23

äusseren  Bedingungen  in  der  Einheit  der  deutschen
Lande,  in  einer  gesicherten,  auf  fortschreitendem  Wohlstände ­
  begründeten  Finanzwirtschaft  und  in  der  weisen
Gesetzgebung  seines  Kanzlers,  dessen  erste  Sorge
es  war,  die  nationale  Arbeit  zu  schützen  und  durch
Stetigkeit  der  Handelsbeziehungen  zum  Auslande  der
deutschen  Industrie  einen  festen  Boden  zu  schaffen.  Die
allmähliche  Verstaatlichung  der  Eisenbahnen  schafft  nach
Aufhebung  26  verschiedener  Tarife  eine  erspriessliche
Verkehrspolitik  und  einen  einheitlichen  Reichseisenbahntarif,
  der  die  sichere  Kalkulation  für  den  Ein-  und  Verkauf ­
  der  Waren  ermöglicht.  An  die  Stelle  des  bis  dahin
sorgfältig  gewahrten  Fabrikgeheimnisses,  das  durch  die
Wiederholung  vieler  kostspieliger  Erfahrungen  und  Entdeckungen ­
  zu  einer  unnützen  Vergeudung  der  Kräfte
führt,  tritt  mit  der  Einführung  des  deutschen  Pa-  Patentgesetz
tentgesetzes  der  Schutz  des  gewerblichen  Eigentums
und  die  Veröffentlichung  der  wichtigsten  Erfindungen,
die  die  Industrie  mit  neuen  Ideen  befruchtet.  Ein  gründliches ­
  Vorprüfungs-  und  Einspruchsverfahren  verleiht
den  deutschen  Patenten  ein  grösseres  Ansehen  vor  denen
des  Auslandes  und  führt  vermöge  der  durch  dieses  Verfahren ­
  bewirkten  sorgfältigen  Ausarbeitung  der  Schriftstücke ­
  zu  einer  chemischen  Patentliteratur,  wie  sie  an
Umfang  und  wissenschaftlicher  Bedeutung  kein  anderes
Land  aufzuweisen  hat.  Das  grosse  Handbuch  von
Adolf  Winther,*)  in  dem  die  seit  dem  Erlass  dieses
Gesetzes  bis  1905  erteilten  organisch  chemischen
Patente  systematisch  kodifiziert  sind,  enthält  die  Beschreibung ­
  von  mehr  als  6000  in  Deutschland  geschützter

*)  Ad.  Winther,  Zusammenstellung  der  Patente  a.  d.  Gebiete
der  organischen  Chemie.  1877  bis  1905.  3  Bde.  Giessen  1908—1910.
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        24

Chemische
Gesellschaften ­


Verfahren  zur  Herstellung  technisch  wichtiger  organischer ­
  Verbindungen.  In  derselben  Zeit  wurden  in  England ­
  und  Frankreich  je  etwa  4000  und  in  Amerika  etwa
2500  organisch  chemische  Patente  erteilt,  von  denen
jedoch  die  meisten  wiederum  von  deutschen  Erfindern
genommen  wurden.  Die  Deutschland  betreffende  Zahl
hat  sich  seitdem  weiter  um  3300  erhöht.
Die  Vertreter  von  Wissenschaft  und  Industrie  vereinigten ­
  sich  zu  Verbänden,  um  gemeinsame  Interessen
zu  verfolgen  und  zu  schützen.  Die  wissenschaftliche
Chemie  hatte  in  der  von  A.  W.  Hof  mann  im  Jahre
1867  in  Berlin  ins  Leben  gerufenen  Deutschen  Chemischen ­
  Gesellschaft  ihren  Sammelpunkt  gefunden.  Die
industrielle  Chemie  organisierte  sich  1877  in  dem  Verein
zur  Wahrung  der  Interessen  der  Chemischen  Industrie ­
  Deutschlands,  während  es  sich  zehn  Jahre
später  der  Verein  Deutscher  Chemiker  zur  Aufgabe ­
  machte,  die  Interessen  der  angeStellten  Fachgenossen ­
  zu  vertreten.  In  den  25  Jahren  seines  Bestehens ­
  hat  er  die  Zahl  von  5000  Mitgliedern  erreicht.
Endlich  wurde  1894  die  Deutsche  Bunsengesellschaft
für  angewandte  physikalische  Chemie  ins  Leben  gerufen, ­
  die  die  Interessen  dieser  auch  wirtschaftlich  zu  grosser
Bedeutung  gelangten  Grenzwissenschaft  vertritt.
Aus  den  kleinen  Verhältnissen  der  sechziger  Jahre,  ,  ?
in  denen  die  meisten  der  chemischen  Unternehmungen
gegründet  wurden,  deren  Grösse  wir  heute  bewundern,
konnte  sich  unter  diesen  günstigen  Auspizien  die  chemische ­
  Industrie  in  den  beiden  ersten  Jahrzehnten  des
neuen  Deutschen  Reiches  allmählich,  aber  stetig  entwickeln. ­
  Charakteristisch  für  diese  Zeit  ist  das  Emporblühen ­
  der  Teerfarbenindustrie,  wodurch  gleichzeitig  die
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        t

25

Säure-  und  Sodafabrikation,  die  man  mit  Einschluss
ihrer  zahlreichen  anorganischen  Nebenprodukte  als  „chemische ­
  Grossindustrie“  zu  bezeichnen  pflegt,  einen  mächtigen ­
  Impuls  erhielt.  Aber  trotz  dieser  inneren  Erstarkung ­
  war  eine  Abhängigkeit  vom  Auslande,  namentlichAbhängigkeit
von  England,  nicht  zu  verkennen,  die  besonders  in  v °™ n de S "
einigen  Hauptbedarfsartikeln,  wie  Soda,  Aetzkali,  Chlorkalk, ­
  ferner  in  den  Ausgangsmaterialien  für  die  Farbstoffindustrie, ­
  den  Teerprodukten,  wie  Benzol,  Toluol,
Phenol,  Naphthalin  und  Anthrazen,  für  die  weitere  Entwicklung ­
  in  hohem  Masse  hemmend  und  störend  wirkte.
Die  fortschreitende  zielbewusste  Befreiung  vom  Auslande, ­
  die  rastlose  Entwicklung  auf  selbständiger  wissenschaftlicher ­
  und  finanzieller  Basis  und  die  Aufnahme
grosser  Kulturprobleme  sind  gegenüber  jener  Epoche
die  Kennzeichen  der  deutschen  chemischen  Industrie  in
dem  zuletzt  verflossenen  Vierteljahrhundert.  Es  wird
unsere  Aufgabe  sein,  in  die  mächtige  Entwicklung,  die
die  chemische  Industrie  unter  dem  Schirme  der  Friedensregierung ­
  unseres  Kaisers  und  Königs  zum
Wohle  des  deutschen  Volkes  genommen,  einen  Einblick
zu  geben;  freilich  nur  in  einzelnen  Bildern,  denn  die
Fülle  der  Erscheinungen  gebietet  weitgehende  Beschränkung. ­

*  *
*
In  der  Soda-Industrie  war  vor  25  Jahren  bereits  Sodaeine
  wesentliche  Veränderung  vor  sich  gegangen.  Im  '"dustrie
Laufe  von  fast  einem  Jahrhundert  war  der  Leblanc-Soda-Prozess
  gründlich  durchgearbeitet  worden,  alle
Nebenprodukte  wurden  in  sinnreicher  Weise  verwertet,
namentlich  in  England  waren  grosse  Kapitalien  in  dieser
in  sich  geschlossenen  Industrie  angelegt  worden,  so  dass

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        <pb n="26" />
        Solvay-Prozess


man  glauben  konnte,  niemand  könne  ihm  seinen  Weltbesitz ­
  streitig  machen.
Da  gründete  der  Belgier  Ernest  Solvay*)  auf  die
Unlöslichkeit  des  Natriumbicarbonats  in  Salmiaklösung
das  nach  ihm  benannte  Ammoniaksodaverfahren,  das
in  der  zweiten  Hälfte  der  siebziger  und  anfangs  der
achtziger  Jahre  in  raschem  Siegeslauf  gegen  den  Leblanc-Prozess
  zu  Felde  zog,  um  ihm  bedeutende  Gebiete  des
Weltmarktes  zu  entreissen.
Der  unter  grossen  technischen  Schwierigkeiten
durchgeführte  Solvay-Prozess  konnte  billiger  arbeiten, ­
  da  das  an  Stelle  von  Schwefelsäure  zur  Umsetzung ­
  des  Kochsalzes  verwendete  Ammoniak  durch
einen  Kreisprozess  immer  wiedergewonnen  wurde;  er
verlief  ferner  bei  niedrigen  Temperaturen  und  verbrauchte ­
  deshalb  nur  die  Hälfte  der  Kohlen;  auch  ging
er  nicht  von  festem  Steinsalz  aus,  sondern  von  einer
Kochsalzlösung,  die  an  vielen  Orten  direkt  aus  der  Erde
gepumpt  werden  kann  und  daher  viel  wohlfeiler  ist,  als
das  im  Bergbau  oder  in  der  Saline  gewonnene  Salz.
Allerdings  hatte  das  neue  Verfahren  einen  unverbesserlichen ­
  Fehler:  es  konnte  aus  dem  Chlornatrium
nur  das  Natrium  verwerten,  nicht  aber  das  Chlor,  das
in  Form  von  Chlorkalziumlösung  ein  unverwendbares
Nebenprodukt  bildete.  Diesem  Umstande  verdankte  der

*)  Die  erste  Ammoniaksoda-Fabrik  baute  Solvay  vor  50  Jahren
(1863)  in  Gouillet  bei  Brüssel  mit  einem  Kapital  von  136  000  Fr.
Gegenwärtig  werden  von  der  Gesellschaft  Solvay  &amp;amp;  Cie.  und  ihren
zahlreichen  Schwester-  und  Tochtergesellschaften  in  Belgien,
Deutschland,  England,  Frankreich,  Italien,  Spanien,  Oesterreich-Ungarn,
  Russland  und  Nordamerika  35  000  Arbeiter  und  Beamte
beschäftigt.  Während  der  letzten  50  Jahre  fiel  der  Sodapreis
von  320  M.  auf  80  M.

?
        <pb n="27" />
        i«I

r&amp;gt;

&amp;amp;

Leblanc-Prozess  die  Möglichkeit,  immerhin  noch  insoweit ­
  am  Leben  zu  bleiben,  wie  die  Chlorprodukte  auf
dem  Weltmarkt  gebraucht  wurden.
Ein  zweiter  Vorteil  für  den  Leblanc-Prozess  bestand ­
  darin,  dass  der  Solvay-Prozess  wohl  Soda,  aber
keine  Pottasche  herstellen  konnte,  weil  zwar  das  Natrium-, ­
  aber  nicht  das  Kaliumbicarbonat  in  Salmiaklösung ­
  unlöslich  ist.  So  kam  es,  dass  England  nicht  nur
den  Markt  in  Chlorkalk,  sondern  auch  in  Pottasche  nach
wie  vor  beherrschte,  ebenso  wie  in  dem  daraus  gewinnbaren ­
  Aetzkali,  das  für  die  Seifenfabrikation  unentbehrlich ­
  ist.
Aber  auch  diese  letzten  Positionen  sollten  ihm  ver-  Elektrolyse
loren  gehen,  als  vor  25  Jahren  die  Chemische  Fabrik  ^kalierT"
Griesheim  in  Frankfurt  am  Main  das  Problem  aufnahm, ­
  Chlorkälium  auf  elektrolytischem  Wege  zu  scheiden ­
  in  Aetikali  und  Chlor.*)
Seit  dem  Anfänge  des  vorigen  Jahrhunderts  hatte
dieses  Problem  die  Chemiker  beschäftigt.  Dass  sich
in  einer  Kochsalzlösung  am  positiven  Pol  eines  galvanischen ­
  Stromes  Chlor  entwickelt,  hatte  1801  der  Professor ­
  der  Berliner  Bauakademie  P.  L.  Simon  zuerst
beobachtet.  Aber  von  dieser  Entdeckung  bis  zur  technischen ­
  Elektrolyse  war  ein  weiter  Weg  zurückzulegen,.
Ein  Vierteljahrhundert  verging,  bis  das  Faradaysche
Gesetz  die  qualitativen  Beobachtungen  quantitativ  zu
beherrschen,  und  ein  zweites  Vierteljahrhundert,  bis
Robert  Meyer  und  Hermann  Helmholtz  in  dem
Gesetz  der  Konstanz  und  Aequivalenz  der  Kräfte  die
Umwandlungen  zwischen  thermischer,  elektrischer  und
*)  Vgl.  B.  Lepsius,  Die  Elektrolyse  in  der  Chemischen  Grossindustrie, ­
  Ber.  d.  d.  ehern.  Ges.  1909,  42.  2892.

11  Ml
        <pb n="28" />
        28

chemischer  Energie  messend  verfolgen  und  technisch
verwenden  lehrten.
Mit  der  Entdeckung  des  elektrodynamischen  Prinzips ­
  durch  Werner  Siemens  im  Jahre  1866  und  dem
Bau  der  ersten  Dynamomaschine  für  die  galvanoplastische ­
  Anstalt  von  Grohe  in  Berlin  beginnt  eine  elektrochemische ­
  Industrie.  Aber  im  Jahre  1888  gab  es  noch
Autoritäten,  wie  den  Chefchemiker  der  United  Alkali  Cie.
in  Manchester  Dr.  Hurt  er,  die  die  Verwendung  der
Elektrolyse  in  der  Sodaindustrie  wegen  ungünstiger
Energieausnutzung  für  ein  „chimärisches  Unternehmen“
hielten.  Dem  Direktor  der  Chemischen  Fabrik  Griesheim, ­
  J.  Stroof,  gelang  nach  mehrjährigen  Versuchen
die  praktische  Lösung  dieses  wichtigen  Problems  durch
die  Anwendung  eines  sowohl  gegen  Alkali  wie  gegen
Chlor  beständigen  Zement-Diaphragmas.  Die  1891  auf
der  Frankfurter  Elektrizitäts-Ausstellung  vorgeführten
Erstlingsprodukte  dieses  Verfahrens  kündigten  eine  neue
Epoche  der  Alkali-  und  Chlorindustrie  an.
Die  unausbleibliche  Folge  war,  dass  der  Leblanc-Prozess
  den  Chlormarkt  verlor  und  in  England  wie
auf  dem  Kontinent  im  Laufe  weniger  Jahre  fast  von
der  Bildfläche  verschwand.  Die  Leblanc-Soda-Fabrikätion,
  die  im  Jahre  1894  noch  fast  600  000  Tonnen  betrug,
sank  bis  1908  auf  50  000  Tonnen  oder  den  zwölften
Teil  herab.  Am  meisten  wurde  davon  natürlich  die  englische ­
  Alkaliindustrie  betroffen,  während  das  salz-  und
kalireiche  Deutschland,  wo  sich  inzwischen  auch  dasi
Ammoniäkverfahren  ausgebreitet  hatte,  von  der  englischen ­
  Vorherrschaft  in  Soda,  Aetzkäli  und  Chlor  endgültig ­
  befreit  wurde.  Deutschland,  das  1890  noch  7000
Tonnen  Chlorkalk  vom  Auslande  erhielt,  hat  zehn
        <pb n="29" />
        j

29

Jahre  später  eine  Ausfuhr  von  30000  Tonnen,  und  die
Bilanz  in  Aetzkäli,  die  noch  im  Jahre  1895  negativ  ist,
weist  1904  eine  Ausfuhr  Von  25  000  Tonnen  auf.
?
Die  Weltproduktion  an  Chlorkalk  wird  gegenwärtig
auf  300  000  Tonnen  geschätzt;  die  Hälfte  davon  wird
auf  elektrolytischem  Wege  gewonnen,  den  inzwischen
ausser  dem  Griesheimer  Diaphragmenverfahren  auch
noch  andere,  wie  das  Aussig  er  „Glockenverfahren"
und  das  „Quecksilberverfahren"  von  Kastner-Kellner-Solvay,
  eingeschlagen  haben.
Da  die  Sodafabrikation  mit  fast  allen  anderen  chemischen ­
  Industrien  in  engem  Zusammenhänge  steht,  so
lässt  sich  vielleicht  an  keinem  Beispiel  der  Aufschwung
der  gesamten  chemischen  Industrie  während  der  letzten
25  Jahre  so  augenfällig  dartun  wie  an  der  Sodaproduktion, ­
  die  sich  im  Laufe  dieser  Zeit  mehr  als  verdreifacht
und  gegenwärtig  die  Höhe  von  3  Millionen  Tonnen
erreicht  hat.
Der  niedrige  Preis  des  elektrolytischen  Chlors,  der
seit  Einführung  des  neuen  Verfahrens  fast  auf  die  Hälfte
gesunken  ist,  hat  zu  vielen  neuen  Verwendungen  geführt, ­
  die  um  die  Wende  des  Jahrhunderts  von  der
Chemischen  Fabrik  Griesheim-Elektron  alsbald  aufgenommen ­
  wurden.  In  der  Industrie  der  chemischen  Präparate ­
  findet  es  Verwendung  bei  der  Herstellung  von
Chloroform  und  Chloral.  Eine  wichtige  Anwendung
findet  der  unverbrennlicfhe  Chlorkohlenstoff  als  Lösungsmittel ­
  in  den  chemischen  Wäschereien  und  Fettexträktionen
  an  Stelle  des  gefährlichen  Benzins,  wodurch
die  Benzinexplosionen  aus  der  Welt  geschafft  werden,
die  in  diesen  Anstalten  an  der  Tagesordnung  waren.

Organische
Chlorverbindungen ­
        <pb n="30" />
        Eine  grosse  Bedeutung  hat  das  bis  dahin  in  der  Industrie
unbekannte  Chlorbenzol  gefunden,  das  zum  Ausgangspunkt ­
  einer  grossen  Zahl  von  Zwischenprodukten  für
die  Farbenindustrie  geworden  ist,*)  wie  auch  die  Chloressigsäure, ­
  die  bei  der  Bereitung  des  künstlichen  Indigos ­
  eine  wichtige  Rolle  spielt.

Flüssiges  Aber  auch  die  anorganische  Industrie  hat  sich  die
Chlor  Vorteile  des  elektrolytischen  Chlors  nicht  entgehen
lassen,  zumal  ihr  dieser  reaktionsfähige  Stoff  jetzt  in
sehr  bequemer  Weise,  nämlich  in  flüssigem  Zustande  in
Kesselwagen  von  5000  kg  Nettogewicht,  zur  Verfügung
gestellt  wird.  Den  grössten  Verbrauch  an  flüssigem
Chlor  hat  gegenwärtig  die  Aufarbeitung  eines  Abfallproduktes, ­
  das  noch  vor  25  Jahren  kaum  beachtet  wurde.
Die  bekanntlich  aus  verzinntem  Eisen  bestehenden
Weissblechabfälle  werden  nach  einem  Verfahren  der
Firma  Th.  Goldschmidt  in  Essen  durch  Chlor  entzinnt.
  Diese  Abfälle,  die  hauptsächlich  aus  alten  Konservenbüchsen ­
  bestehen,  werden  in  der  ganzen  Welt
gesammelt,  unter  starker  Pressung  auf  einen  kleinen
Raum  zusammengedrückt  und  in  geschlossenen  Ge-Zinnwieder-fassen
  mit  Chlor  behandelt,  das  zum  Zinn  eine  grössere
gewinnung  Verwandtschaft  besitzt  als  zum  Eisen.  Dabei  entsteht

*)  Beim  Nitrieren  von  Chlorbenzol  erhält  man  Ortho-  und  Paranitrochlorbenzol,
  durch  weiteres  Nitriren  des  letzteren  ein  Dinitrochlorbenzol,
  das  für  die  Herstellung  von  schwefelhaltigen  Farbstoffen ­
  von  Bedeutung  ist.  Das  in  diesen  Verbindungen  sehr
bewegliche  Chlor  lässt  sich  durch  Hydroxyl-  oder  Aminogruppen
ersetzen,  wodurch  Nitrophenole  und  Nitramine  erhalten  werden,
ln  ähnlicher  Weise  lassen  sich  Nitranisole  und  Nitrophenetole
erhalten.  Durch  Reduktion  aller  dieser  Produkte  entstehen  endlich ­
  mannigfaltige  und  wertvolle  Anilinderivate  usf.  Vgl.  B.  Lepsius.
  1.  c.

i
        <pb n="31" />
        31

das  wertvolle  Zinnchlorid,  das  in  grossen  Mengen
in  der  Textilindustrie  zum  Beschweren  der  Seide  benutzt ­
  wird,  während  das  zurückbleibende  Eisen  in  die
Hochöfen  zurückkehrt.  Bei  der  starken  Entwicklung  der
Nahrungsmittelkonservierung  hat  diese  Abfallindustrie
grosse  Dimensionen  angenommen.  Es  werden  jährlich
etwa  20  000  Tonnen  Weissblechabfälle  verarbeitet,  und
die  gewonnenen  Produkte  repräsentieren  einen  Wert  von
24  Millionen  Mark.  Ein  schönes  Beispiel,  dass  die
moderne  chemische  Industrie  nichts  umkommen  lässt.
Neben  dem  Chlor  entsteht  bei  der  Alkalielektrolyse  Wasserstoff
noch  ein  zweites  gasförmiges  Produkt,  der  Wasserstoff, ­
  ausgezeichnet  durch  seine  Brennbarkeit  und  sein
geringes  Volumgewicht.  Aber  ein  Jahrzehnt  hat  man
ihn  ungenutzt  in  die  Atmosphäre  entweichen  lassen.  Erst
als  der  kühne  Reitergeneral  Graf  Zeppelin  das  Luftmeer ­
  zum  Tummelplatz  seines  Genius  machte  und  im
Bunde  mit  den  von  der  Automobilindustrie  geschaffenen,
fast  in  jedem  Kilo  die  Kraft  eines  Pferdes  bergenden
Motoren  aus  dem  Wasserstoffballon  Blanchards  den
steuerbaren  Luftkreuzer  schuf,  fand  dieses  leichteste  aller  Luftschiff-Gase
  seine  prädestinierte  Verwendung.  Es  war  ein  fahrt
glücklicher  Zufall,  dass  die  technische  Elektrolyse  den
neuen  Lenkballons,  die  gegenwärtig  einen  Rauminhalt
von  27  000  cbm  erreicht  haben,  sofort  beliebige  Mengen
dieses  Gases  zur  Verfügung  stellen  konnte.
Die  Produktion  dieser  neuen  Industrie  beträgt  mehrere ­
  Millionen  Kubikmeter  im  Jahre.  Allerdings  hat
es  der  Ueberwindung  erheblicher  Schwierigkeiten  bedurft, ­
  diesen  leichten  Stoff,  von  dem  der  Kubikmeter
nur  Vio  kg  wiegt,  auf  grössere  Entfernungen  zu  versenden. ­
  Aber  die  nach  dem  bewundernswürdigen
M  a  n  n  e  sm  an  n  -Verfahren  hergestellten  nahtlosen

f  !
        <pb n="32" />
        32

Stahlflaschen,  in  die  man  das  Gas  mit  einem  Druck
von  150  Atmosphären  hineinpresst,  kamen  diesem  Bedürfnis ­
  entgegen.  Zu  grösseren  Transporten  werden
500  Flaschen,  die  2750  cbm  Gas  aufnehmen,  auf  Eisenbahnwagen ­
  montiert;  zur  Füllung  von  einem  Zeppelinballon ­
  sind  jedoch  nicht  weniger  als  acht  solcher  Wagen
erforderlich.  Man  hat  daher  die  Ballonplätze  und  Luftschiffhallen ­
  in  der  Nähe  elektrolytischer  Anlagen  errichtet; ­
  andererseits  aber  sind  inzwischen  andere
Wasserstoffverfahren  aufgekommen,  die  zwar  teureren
Wasserstoff  liefern,  ;äber  unabhängig  von  dem  Orte
dieser  Anlagen  sind,  was  insbesondere  für  den  Kriegsfall ­
  Von  Bedeutung  ist.
Fetthärtung  Der  Luftschiffahrt  sind  bald  andere  Anwendungsgebiete ­
  des  Wasserstoffs  gefolgt.  Seine  stark  reduzierende ­
  Kraft,  namentlich  in  Gegenwart  fein  verteilter
Metalle,  wie  Nickel  und  Palladium,  benutzt  die  Technik,
um  flüssige  Fette,  wie  Fischtrane  und  Pflanzenöle,  in
feste  Fette  zu  verwandeln,  die,  zum  Ersatz  der  Butter
und  zur  Kerzenfabrikation  geeignet,  einen  höheren  Wert
besitzen.  Obwohl  diese  Fetthärtung  eine  ganz  junge
Industrie  ist,  setzt  sie  bereits  sehr  beträchtliche  Werte
um.
Schweissen  In  ausgedehntem  Masse  bedient  sich  neuerdings  die
u.  SchneidenEi sen i n dustrie  des  komprimierten  Wasserstoffs.  Die  Entmit
  stoff Ser "  Wicklung  einer  hohen  Verbrennungstemperatur  bei
seiner  Vereinigung  mit  Sauerstoff  hat  zu  einem  autogenen ­
  SchweissVerfahren  geführt,  das  besonders
dünnwandige  Eisenbleche  ohne  Zuhilfenahme  anderer
Metalle  zusammenzulöten  gestattet,  ein  Verfahren,  das
in  der  Fahrrad-  und  Automobilindustrie  und  überhaupt
in  der  Kleineisenindustrie  ausgedehnte  Verwendung
findet.
        <pb n="33" />
        Aber  auch  die  Schwerindustrie  benutzt  den  Wasserstoff ­
  unter  Zuführung  überschüssigen  Sauerstoffs  als
unentbehrliches  Werkzeug,  wenngleich  nicht  zum  Verbinden, ­
  sondern  zum  Trennen  von  Eisenteilen.  Hierbei
ist  man  nicht  auf  dünne  Wandstärken  beschränkt,  vielmehr ­
  gelingt  es,  40  cm  dicke  Panzerplatten  exakt,  wie
mit  einer  Säge,  zu  zerschneiden.  Unter  bedeutender  Ersparung ­
  von  Zeit  und  Geld  findet  dieses  Schneidverfahren ­
  beim  Zurichten  von  eisernen  Trägern,  von  Eisenkonstruktionen, ­
  beim  Hochbau,  Maschinen-,  Brückenund
  Schiffbau  die  mannigfachste  Anwendung.*)
Von  anderen  Verwendungen  des  komprimierten
Wasserstoffs  mag  noch  die  Reduktion  seltener  Metalle,
wie  Osmium,  Wolfram  und  Tantal,  in  der  Industrie  der
Metallfadenlampen  erwähnt  werden,  von  denen  in
Deutschland  jetzt  täglich  mehrere  100  000  Stück  angefertigt ­
  werden.**)
Von  besonderem  Interesse  aber  ist  seine  Anwendung
zur  Erzeugung  synthetischer  Edelsteine.  Das  von  Frankreich ­
  stammende  Verfahren  wurde  in  Deutschland  von
H.  Wild  und  A.  Miethe  aufgenommen  und  wird  gegenwärtig ­
  von  den  Elektrochemischen  Werken  in  Bitter-*)
  Beide  Verfahren  wurden  zu  Anfang  dieses  Jahrhunderts  von
der  Chemischen  Fabrik  Griesheim-Elektron  in  die  Technik  eingeführt. ­

**)  In  Deutschland  wurden  hergestellt:
1911  1912
Metallfadenglühlampen  47  211  892  Stück  76  185  721  Stück
Kohlenfadenglühlampen  24  791  196  „  20  975  348  „
Glühkörper  für  Gaslampen  126  050  954  „  135  320173  „
Brennstifte  für  Bogenlampen  10  740  025  kg  11  093154  kg
Die  hieraus  schöpfende  Leuchtmittelsteuer  für  das  Deutsche
Reich  ergab  für  das  Jahr  1912  16150  348  M.  (Chem.  Ind.  1913.
36.  669.)

Metallfadenlampe ­


Künstliche
Edelsteine

Lepsius:  Deutschlands  Chemische  Industrie.

3
        <pb n="34" />
        34

Elektrothermische

Prozesse

feld  ausgeübt.  Staubförmige,  reinste  Tonerde  gestaltet
sich  im  Gebläse  der  Knallgasflamme  zu  denselben  lichtbrechenden, ­
  krystallklaren  Schmucksteinen,  wie  sie  die
Natur  nicht  schöner  liefern  kann.  Die  taubenblutfarbenen
  Rubine  von  Birma  und  Ceylon,  die  kornblumenblauen ­
  Saphire  von  Kaschmir,  die  farblosen  Leukosaphire,
  der  orientalische  Amethyst,  der  hyazinthrote
Alexandrit:  alle  diese  Geheimnisse  sind  der  Natur  entlockt ­
  worden.  Schon  werden  ca.  6  Millionen  Karat
dieser  synthetischen  Edelsteine  mit  allen  Eigenschaften
der  natürlichen  fabriziert,  die  mit  2—8  Mark  pro  Karat
(=  Vö  g)  verkauft  werden.  Und  doch  werden  die  Steine
natürlicher  Herkunft  von  Liebhabern  noch  mit  dem  fünfhundertfachen
  Preise  bezahlt.*)
In  einer  Zeit,  die  der  Elektrizität  soviel  Wandlungen
des  täglichen  Lebens  verdankt,  ist  es  nicht  wunderbar,
dass  sich  die  chemische  Industrie  auch  noch  anderer
Seiten  dieser  proteusartigen  Kraft  bedient.  Während  bei
der  Elektrolyse  die  Verwandlung  der  elektrischen  in
chemische  Energie  zu  Prozessen  verwendet  wird,  die
nicht  bei  besonders  hohen  Temperaturen  verlaufen,  hat
man  bei  anderen  die  Fähigkeit  des  elektrischen  Stromes
benutzt,  bei  der  Ueberwindung  von  Widerständen  grosse
thermische  Energien  zu  erzeugen  und  Temperaturen  herbeizuführen, ­
  die  ohne  aussergewöhnliche  Kosten  sonst
nicht  zu  erreichen  waren.
Zu  diesen  hohen  Temperaturen  hat  man  seine  Zuflucht ­
  genommen,  um  Elemente  zur  Reaktion  zu  bringen,

*)  Vgl.  Synthetische  Edelsteine,  als  Manuskript  gedruckt  von
der  Deutschen  Edelstein-Gesellschaft,  Idar  1911.
        <pb n="35" />
        35

die  bei  niedrigen  Wärmegraden  nicht  reagieren.  Dazu
gehören  der  Kohlenstoff  und  der  Stickstoff.  Erhitzt  man
ein  Gemisch  von  Kalk  und  Kohle  im  elektrischen  Widerstandsofen, ­
  so  verbindet  sich  das  Kalzium  mit  dem
Kohlenstoff  zu  Kalziumkarbid,  das  bei  diesem  Prozess  Kalziumeine ­
  grosse  Energiemenge  aufnimmt,  die  es,  mit  Wasser  karb,tl
in  Azetylen  verwandelt,  wieder  abgibt,  wenn  wir  dessen
helleuchtende  Flamme  zu  Beleuchtungszwecken  verwenden. ­
  Die  Karbid-  und  Azetylenindustrie  hat  in  den
letzten  25  Jahren  ausserordentliche  Dimensionen  angenommen. ­

Von  weit  grösserer  wirtschaftlicher  Bedeutung  ist  stickstoffdas
  Problem  der  elektrothermischen  Bindung  des  bindung
Stickstoffs  geworden,  weil  seine  Verbindungen  in
direkter  Beziehung  stehen  zur  Ernährung  der  Völker.
Um  die  Bedeutung  dieser  Frage  zu  würdigen,  sei  es
gestattet,  ihr  etwas  näher  zu  treten.
Es  ist  bekannt,  dass  der  zur  Bildung  der  Eiweissstoffe ­
  nötige  gebundene  Stickstoff  zu  den  wichtigsten
Bestandteilen  der  Pflanzennahrung  gehört  und  ebenso
wie  Phosphorsäure  und  Kali  dem  Acker  zugeführt  werden ­
  muss,  wenn  er  auf  die  Dauer  Früchte  tragen  soll.
Daraus  erklärt  sich  der  steigende  Bedarf  der  Kulturländer ­
  an  gebundenem,  für  die  Pflanzen  assimilierbarem
Stickstoff.  Liebigs  Rat  folgend,  begann  man  in  den
fünfziger  Jahren  zu  diesem  Zwecke  den  Chilesalpeterchilesalpeter
zu  verwenden,  der  neben  dem  Guano  die  Bedürfnisse
der  Landwirtschaft  an  künstlichem  Stickstoffdünger
lange  Zeit  fast  ausschliesslich  befriedigt  hat.  Im  Jahre
1859  betrug  die  gesamte  chilenische  Ausfuhr  nur  75  000
Tonnen.  Sie  stieg  bis  zum  Jahre  1900  auf  das  Zehnfache
und  beträgt  gegenwärtig  2  Vs  Millionen  Tonnen,  wo-3*
        <pb n="36" />
        36

Ammoniak

von  der  vierte  Teil  auf  Amerika  und  drei  Viertel  auf
Europa  entfallen.*)
Im  Hinblick  auf  diesen  Auslandstribut  hat  man  in
den  letzten  Jahrzehnten  nach  anderem  assimilierbaren
Stickstoff  gesucht  und  fand  eine  ergiebige  Quelle  in  den
Steinkohlen,  die  einen  Gehalt  von  1—2  %  gebundenem
Stickstoff  aufweisen,  der  aus  Eiweissstoffen  früherer
Pflanzen  stammt.  Leider  geht  dieser  kostbare  Stoff  bei
allen  offenen  Feuerungen  verloren,  und  auch  beim
Destillieren  der  Steinkohlen  in  den  Gasanstalten  und
neuerdings  in  den  Kokereien  vermag  man  kaum  den
vierten  Teil  dieses  Prozentgehaltes  in  Form  von  Ammoniak ­
  zu  gewinnen.  Auch  sind  keineswegs  alle
Kokereien  auf  die  Ammoniakgewinnung  eingerichtet.
Statt  der  bei  einer  gegenwärtigen  Jahresförderung
von  150  Millionen  Tonnen  Steinkohlen  berechneten  Stickstoffmenge ­
  von  21/4  Millionen  Tonnen  gewann  man  daher

*)  Die  Untersuchung  der  Salpeterlager  in  Chile  hat  ergeben,
dass  noch  220  Millionen  Tonnen  gewonnen  werden  können.
Die  deutsche  Landwirtschaft  verbrauchte  in  1000  t:

Düngemittel

1912

1888

Futtermittel

1912

1888

Chilisalpeter

650  h

225

Kleie

6  000

2  250

Schwefels.  Ammon.

500

50

Oelkuchen

1  500

450

Superphosphat

1  800

250

Abfälle  von  Mühlen

300

Thomasmehl

2  200

250

Brauereien  u.l

650

1  200

Kalisalze,  rohe

3  000

160

Brennereien  f

Düngekalk

800

}  500

Zucker-  u.  Stärkef.

800

andere  Düngemittel

500

Futtergetreide

14  000

6  200

Zusammen

9  450

1435

Zusammen

23  250

9  100

i.  W.  v.  Millionen  M.

600

—

i.  W.  v.  Millionen  M.

2  500

—

—

—

—

hiervon  v.  Ausland  bezogen

ca.30%

ca.20%

&amp;gt;)  Deutsche  Gesamteinfuhr:  800  000  t;  hiervon  gingen  150  000  t  an
die  Industrie  zur  Fabrikation  von  Kalisalpeter  und  Salpetersäure.  Vergl.
Waage,  Chem.  Ztg.  1913,  1570.
        <pb n="37" />
        37

in  Deutschland  im  Jahre  1911  nur  75  000  Tonnen  oder
den  dreissigsten  Teil  des  in  den  geförderten  Kohlen
vorhandenen  Stickstoffes.
Noch  1874  waren  die  Gasanstalten  genötigt,  das
ammoniakhaltige  Gaswasser  in  Ermangelung  guter  Aufbereitungsverfahren ­
  fortlaufen  zu  lassen.  Erst  Ende  der
siebziger  Jahre  beginnt  die  Verwendung  des  schwefelsauren
  Ammoniaks  in  der  Landwirtschaft.  Die  Einführung ­
  geschah  nicht  ohne  Kampf,  denn  erst  allmählich
erkannte  man,  dass  der  Salpeter  zwar  den  Vorteil  einer
schnellen  Wirkung  für  sich  in  Anspruch  nehmen  konnte,
da  die  meisten  Pflanzen  den  Stickstoff  nur  in  Form  von
Salpetersäure  aufnehmen,  dass  aber  gewisse  Bodenbakterien ­
  imstande  sind,  das  Ammoniak  allmählich  zu
Salpetersäure  zu  oxydieren,  dass  es  daher  zwar  langsamer, ­
  aber  nachhaltiger  wirkt.
Die  Weltproduktion  von  schwefelsaurem  Ammoniak
ist  denn  auch  in  den  letzten  Jahrzehnten  ausserordentlich ­
  gestiegen.  1890  betrug  sie  210  000  Tonnen,  1900
eine  halbe  Million  und  gegenwärtig  beträgt  sie  1,33  Millionen ­
  Tonnen.  Hiervon  wurden  nach  Angabe  der  Deutschen ­
  Ammoniak-Verkaufsvereinigung  im  Jahre  1912  in
Deutschland  492  000  Tonnen,  mehr  als  der  dritte  Teil
der  Weltproduktion,  im  Werte  von  124  Millionen  Mark
verbraucht.  Nimmt  man  im  Chilesalpeter  einen  Stickstoffgehalt ­
  von  15%  und  im  schwefelsauren  Ammoniak
einen  solchen  von  20,5%  an,  so  überstieg  im  Jahre
1911  zum  erstenmal  der  von  der  deutschen  Landwirtschaft ­
  verwendete  heimische  Ammoniakstickstoff  mit
75  000  Tonnen  den  ausländischen  Salpeterstickstoff  von
70  400  Tonnen,  zu  dem  allerdings  noch  geringe  Mengen
Ammoniakstickstoff  vom  Auslande  bezogen  wurden.
        <pb n="38" />
        Koksöfen  1°  dem  Masse,  wie  in  den  siebziger  Jahren  die
deutsche  Farbenindustrie  emporwuchs,  steigerte  sich  der
Bedarf  an  Steinkohlenteer  und  seinen  Destillationsprodukten, ­
  die,  wie  erwähnt,  damals  zum  grössten  Teil
von  England  bezogen  wurden,  wo  die  Leuchtgasfabrikätion
  einen  viel  grösseren  Umfang  angenommen  hatte  als
bei  uns.  Erst  mit  der  Einführung  der  Koksöfen,  die
sich  wiederum  mit  der  mächtigen  Entwicklung  der
deutschen  Eisenindustrie  und  ihren  koksverschlingenden
Hochöfen  beständig  vermehrten,  konnte  den  Bedürfnissen ­
  der  Teerindustrie  und  damit  zugleich  einer  fortschreitenden ­
  Gewinnung  von  Ammoniak  in  der  Hauptsache ­
  genügt  und  sowohl  die  deutsche  Farbenindustrie
wie  die  deutsche  Landwirtschaft  von  englischer.  Bevormundung ­
  in  Teerprodukten  und  Ammoniakdüngeribefreit  werden.
Stickstoff-  So  günstig  sich  diese  Verhältnisse  aber  auch  ge-Landwir?
 r  haben,  so  ist  doch  nicht  zu  verkennen,  dass  die
schaft  Ammoniakproduktion  durch  die  Bedürfnisse  des  Leuchtgasbedarfs ­
  und  der  Eisenindustrie  begrenzt  ist.  Wir
sind  also  fast  für  die  Hälfte  des  landwirtschaftlichen
Stickstoffbedarfs  noch  mit  einer  Ausgabe  für  Chilesalpeter ­
  von  rund  100  Millionen  Mark  auf  das  Ausland
angewiesen.  Wenn  man  aber  weiter  erwägt,  dass  wir
jährlich  für  2  Milliarden  Mark  landwirtschaftliche  Produkte ­
  in  Gestalt  von  Getreide,  Futtermitteln  usw.  vom
Auslande  kaufen  müssen,  um  unsere  Bevölkerung  zu
ernähren,  eine  Ausgabe,  die  sich  erheblich  vermindern
würde,  wenn  unsere  Felder,  deren  Ertrag  sich  in  den
letzten  vierzig  Jahren  bereits  verdoppelt  hat,  durch
weiter  gesteigerte  Stickstoffzufuhr  intensiver  bewirtschaftet ­
  werden  könnten,  so  ist  ein  Bedürfnis  nach  weiteren ­
  Stickstoffquellen  nicht  von  der  Hand  zu  weisen.
Obwohl  die  deutsche  Landwirtschaft  mehr  Stickstoff-
        <pb n="39" />
        39

dünger  verbraucht,  als  irgendein  anderes  Land  der  Welt,
so  lässt  sich  leicht  zeigen,  dass  sie  noch  erheblich
grössere  Mengen  aufnehmen  könnte.
Der  Stickstoffgehalt  der  deutschen  Ernte  wird  auf
2,5  Millionen  Tonnen  geschätzt.  Etwa  1,5  Millionen
davon  kehren  durch  natürliche  Düngung  in  den  Boden
zurück,  während  eine  Million  Tonnen  durch  die  Flüsse
den  Meeren  zufliesst,  um  den  Fischen  als  Nahrung  zu
dienen,  oder  auf  andere  Weise  der  Landwirtschaft  verloren ­
  geht.  Wenn  nun  auch  durch  die  Gewitter  eine
nicht  unbeträchtliche  Menge  Stickstoff  in  Form  von
salpetriger  Säure  gebunden  und  durch  die  Bakterien
der  Leguminosen  erhebliche  Mengen  dem  Boden  aus
der  Luft  zugeführt  werden,  so  beträgt  der  in  Form
Von  Salpeter  und  Ammoniak  zugeführte  Stickstoff  doch
nur  150  000  Tonnen,  also  etwa  den  siebenten  Teil  jener
Million.  Wollte  man  aber  auf  den  180  Millionen  Hektar
deutschen  Getreide-  und  Kartoffellandes  rationelle  Intensivwirtschaft ­
  betreiben,  um  jenen  Auslandstribut  an
landwirtschaftlichen  Produkten  zu  vermindern,  so  könnte
man  gut  die  zehnfache  Menge  des  jetzt  künstlich  zugeführten ­
  Stickstoffdüngers  unterbringen,  ohne  eine  schädliche ­
  Konkurrenz  auf  dem  Stickstoffmarkt  befürchten  zu  müssen.
Unter  diesen  Umständen  hat  es  nicht  an  Versuchen  Luftsalpeter
gefehlt,  den  Stickstoff,  der  uns  in  der  Luft  in  ungemessenen ­
  Mengen  zur  Verfügung  steht,  auf  synthetischem ­
  Wege  in  assimilierbare  Form  zu  bringen,  was
noch  dadurch  eine  erhöhte  Bedeutung  gewinnt,  dass
die  chilenischen  Salpeterlager  in  der  Zeit  von  wenigen
Menschenaltern  erschöpft  sein  werden,  und  dass  der
jungfräuliche  Boden  Amerikas  und  anderer  getreidebauender ­
  Länder  mehr  und  mehr  an  Stickstoff  verarmt.
Ist  die  technische  Elektrolyse  auf  dem  salz-  und
        <pb n="40" />
        40

kalireichen  deutschen  Boden  erwachsen,  so  hatte  die
elektrothermische  Salpetergewinnung  in  Norwegen,
dem  Lande  der  imposanten  Wasserkräfte,  ihre  ersten
technischen  Erfolge.  Denn  die  schon  vor  130  Jahren  von
Cavendish  beobachtete  Verbrennung  von  Stickstoff  und
Sauerstoff,  die  ihre  Rohprodukte  aus  der  Luft  nimmt,
sie  war  lediglich  eine  Energiefrage.  Es  handelte  sich
darum,  ein  bestimmtes  Luftquantum  möglichst  hoch  zu
erhitzen  und  rasch  wieder  abzukühlen.  Die  Norweger
Birkeland  und  Eyde  verwirklichten  1903  die  praktische
Durchführung  dieses  Problem^.  Als  sie  den  Flammenbogen ­
  des  elektrischen  Ofens  zwischen  starken  Elektromagneten ­
  zu  einer  sonnenähnlichen  Scheibe  von  zwei
Meter  Durchmesser  ausbreiteten,  gelang  es  ihnen,  die.
Energie  von  1000  Pferdekräften  in  einem  einzigen  Apparat
auf  hindurchgeleitete  Luft  zu  übertragen  und  sie  dabei
auf  2500  bis  3000  Grad  zu  erhitzen.  Bald  darauf  fand
Schönherr  in  der  Badischen  Anilin-  und  Sodafabrik
zu  Ludwigshafen  eine  andere  Lösung  dieses  Problems,
indem  er  den  Lidhtbogen  nicht  zu  einer  Scheibe  ausblies, ­
  sondern  im  Innern  eines  mehrere  Meter  langen
Rohres  auseinanderzog,  wodurch  ohne  Zuhilfenahme
eines  Magneten  ebenfalls  grosse  Energiemengen  auf  ein
abgeschlossenes  Luftquantum  übertragen  werden  konnten. ­
  Wird  die  so  erhitzte  Luft,  um  Rückzersetzungen  zu
vermeiden,  rasch  auf  600  Grad  abgekühlt,  so  gelingt
es,  1—2  Volumprozent  zu  Stickstoffoxyd  zu  verbrennen,
das  sich  bei  weiterer  Abkühlung  in  Gegenwart  von
Wasser  in  eine  45—50prozentige  Salpetersäure  überführen ­
  lässt,  die  durch  überschüssigen  Kalk  neutralisiert
wird.  So  erhält  man  einen  basischen  Kalksalpeter  mit
einem  Stickstoffgehalt  von  15—20%,  der  direkt  in  der
Landwirtschaft  verwendet  wird.  Die  Verfahren  sind  von
        <pb n="41" />
        BBBi

SH

marnmmammmm

41

einer  internationalen  Gesellschaft  übernommen  worden,
die  mit  300  000  norwegischen  Wasserpferdekräften  150  000
Tonnen  Kalksalpeter,  also  etwa  den  zwölften  Teil  des  Weltverbrauchs ­
  an  Chilesalpeter,  jährlich  herzustellen  beabsichtigt.
Für  Deutschland  hat  das  Verfahren  geringere  Bedeutung, ­
  da  das  erforderliche  Energiebedürfnis  nur  durch
grosse  und  billige  Wasserkräfte  befriedigt  werden  kann.
Inzwischen  ist  aber  das  Problem  der  Stickstoffbindung
  noch  in  einer  anderen  Weise  gelöst  worden,
die  den  Vorzug  besitzt,  nicht  so  grosse  Energiekräfte
zu  benötigen,  wenn  sie  andererseits  auch  nicht  von  so
wohlfeilen  Materialien  ausgeht  wie  das  erwähnte  Verfahren. ­
  Der  schon  genannte  Chemiker  A.  Frank  machte
in  Gemeinschaft  mit  N.  Caro  die  Beobachtung,  dass
das,  wie  bereits  erwähnt,  aus  Kalk  und  Kohle  im  elektrischen ­
  Ofen  entstehende  Kalziumkarbid  bei  hohen
Temperaturen  aus  sauerstofffreier  Luft  unter  Kohlenstoffabscheidung ­
  Stickstoff  aufnimmt  und  in  Kalziumzyanamid ­
  übergeht,  das  bei  einem  Gehalt  von  20  %  assimilierbarem ­
  Stickstoff  unter  der  Bezeichnung  Kalkstick-  Kalkstickstoff ­
  direkt  als  Düngemittel  verwendet  werden  kann.  stoff
In  verschiedenen  Ländern  Europas  und  Amerikas  sind
über  100  Millionen  Mark  in  dieser  neuen  Industrie  angelegt ­
  worden.  Die  Weltproduktion  beträgt  gegenwärtig
120000  Tonnen  jährlich,  wovon  auf  Deutschland  etwa
der  Vierte  Teil  entfällt.
Auch  aber  hiermit  sind  die  Mittel  nicht  erschöpft,Synthetisches
den  Stickstoff  der  Luft  für  die  Pflanzennahrung  einzu-  Ammoniak
fangen.  Die  jüngste  Lösung  des  Stickstoffproblems  ist
die  Synthese  des  Ammoniaks  aus  seinen  Elementen.
Mit  praktischem  Erfolge  ist  sie  zuerst  von  Haber  im
Karlsruher  Laboratorium  ausgeführt  und  dann  von  der
Badischen  Anilin-  und  Sodafabrik,  die  sich  ebenfalls  mit

Hi
        <pb n="42" />
        42

diesem  Problem  beschäftigt  hatte,  zur  technischen  Ausführung ­
  gebracht  worden.  Obwohl  es  bekannt  war,  dass
sich  Wasserstoff  und  Stickstoff  unter  gewissen  Bedingungen ­
  in  sehr  geringen  Mengen  miteinander  vereinigen,
so  hielt  man  die  technische  Darstellung  des  Ammoniaks
aus  seinen  Elementen  bisher  für  undurchführbar,  weil
die  Trägheit  des  Stickstoffs  bei  niedrigen  Temperaturen
und  seine  geringe  Verwandtschaft  zum  Wasserstoff  bei
hohen  Temperaturen  einen  praktischen  Erfolg  auszuschliessen
  schienen.  Haber  gelang  es  jedoch,  in  Gegenwart ­
  gewisser  reaktionsbeschleunigender  Metalle,  wie
Osmium,  Uran  u.  a.,  und  unter  Drucken  von  150  bis
200  Atmosphären  bei  Temperaturen  von  500—550°  in
der  Tat  einen  Umsatz  von  9  Volumprozent  des  Stickstoff-Wasserstoffgemisches ­
  zu  erzielen.  Stellt  man  einen
Kreislauf  her,  in  welchem  das  Gasgemisch  unter  dem  genannten ­
  Druck  an  einer  Stelle  bei  der  Reaktionstemperatur ­
  der  Einwirkung  der  Kontaktsubstanz  und  an  einer
andern  Stelle  einer  starken  Temperaturniedrigung  ausgesetzt ­
  wird,  so  gelingt  es,  an  dieser  das  gebildete
Ammoniak  in  flüssigem  Zustande  dauernd  abzuzapfen.
Die  Badische  Anilin-  und  Sodafabrik  ist  bereits
mit  dem  Bau  einer  grossen  Betriebsanlage  beschäftigt,
und  in  der  Tat  scheint  dieses  Verfahren  berufen  zu  sein,
die  Stickstofffrage  ihrer  Lösung  um  einen  bedeutenden
Schritt  näher  zu  bringen.  Es  besitzt  vor  den  vorher  genannten ­
  den  Vorzug,  dass  es  nicht  an  grosse  elektrische
Energien  gebunden  ist,  und  dass  die  Bildung  aus  den
Elementen  eine  sehr  einfache  Reaktion  ist.  Allerdings
müssen  diese  in  möglichster  Reinheit  zur  Verfügung
stehen.  Aber  auch  hierfür  hat  die  Industrie  schon  vorgesorgt. ­
  Es  ist  bereits  der  Tatsache  gedacht  worden,  dass
Chlor,  Wasserstoff  und  Sauerstoff  in  grossem  Massstabe
        <pb n="43" />
        43

Handelsprodukte  geworden  sind,  die  teils  in  flüssigem
Zustande,  teils  unter  Drucken  bis  zu  150  Atmosphären
in  den  Verkehr  gebracht  werden.  Namentlich  das  Sauerstoffbedürfnis ­
  war  es,  das  im  Laufe  der  letzten  zehn
Jahre  zu  einer  bewundernswürdigen  neuen  Industrie  der
komprimierten  Gase  geführt  hat,  die  auf  den  Kompri-Schöpfer
  der  modernen  Kälteindustrie,  Carl  von  Linde  m,erteGase
in  München,  zurückzuführen  ist.
Der  Sauerstoff  wird  im  grossen  fast  ausschliesslich
durch  fraktionierte  Destillation  flüssiger  Luft  gewonnen,
die  bei  Temperaturen  von  180  bis  200  Kältegraden  in
ihre  Hauptbestandteile  Stickstoff  und  Sauerstoff  zerlegt
wird.  Da  man  für  den  vom  Sauerstoff  abdestillierten
Stickstoff  bisher  kaum  Verwendung  hatte,  so  kommt
er  dem  neuen  AmmoniäkVerfahren  besonders  gelegen.
Auch  der  Wasserstoff  wird  für  diesen  Zweck  auf  ähnliche ­
  Weise  gewonnen,  indem  man  nach  dem  Vorgänge
von  Frank  und  Caro  das  gewöhnlich  als  Wassergas
bezeichnete  Gemisch  von  Wasserstoff  und  Kohlenoxyd,
das  man  in  etwa  gleichen  Raumteilen  erhält,  wenn  man
Wasserdampf  über  glühende  Kohlen  leitet,  einer  fraktionierten ­
  Destillation  unterwirft.  Da  die  Siedepunkte  dieser
Gase  bei  —253°  und  —192°,  also  um  61°  auseinanderliegen, ­
  so  lassen  sie  sich  in  dem  Lindeschen  Apparat
ohne  Schwierigkeit  trennen.  Der  Wasserstoff  wird  vom
flüssigen  Kohlenoxyd  abdestilliert,  dessen  Heizkraft  zum
Treiben  der  Kompressionsmaschinen  ausgenutzt  wird.
Man  sieht,  dass  man  für  die  neueste  Ammoniakerzeugung
nichts  als  Luft,  Wasser  und  Kohle  braucht,  und  dass
viel  Aussicht  vorhanden  ist,  das  Verfahren  in  Deutschland, ­
  dem  kohlenreichsten  Lande  Europas,  in  grösstem
Massstabe  durchzuführen  und  so  den  Energieinhalt  der
fossilen  Reste  weit  zurückliegender  Pflanzengenerationen
        <pb n="44" />
        unserer  Landwirtschaft  und  der  Ernährung  unseres  Volkes
dienstbar  zu  machen.
Salpetersäure  Da  man  schliesslich  das  Ammoniak  nach  einem  Verfahren ­
  von  K.  F.  Kuhlmann*)  mit  Luft  in  Gegenwart;
von  Platin  zu  Salpetersäure  verbrennen  kann,  so  ist  auch
die  Möglichkeit  gegeben,  aus  heimischen  Produkten  die
Salpetersäure  zu  gewinnen,  deren  deutsche  Jahresproduktion ­
  im  Werte  von  35  Millionen  Mark  gegenwärtig
ausschliesslich  aus  Chilesalpeter  stammt.
Sprengstoffe  Diese  bedeutenden  Mengen  Salpetersäure  werden
zum  grossen  Teil  in  der  Industrie  der  Teerfarbstoffe,
aber  in  noch  grösserem  Massstabe  in  der  Sprengstoffindustrie ­
  verbraucht,  die  in  den  letzten  25  Jahren  in
Deutschland  eine  gewaltige  Umwälzung  erfahren  hat.
Schwarz-  Das  alte  Schwarzpulver  besteht  bekanntlich  aus
pulver  einem  Gemisch  von  leicht  zündbarem  Schwefel,  brennbarer ­
  Kohle  und  sauerstoffabgebendem  Salpeter,  das
auch  bei  feinster  Mahlung  doch  immer  nur  ein  rohes
Gemenge  bildet  und  verhältnismässig  langsam  abbrennt.
Die  heutige  Sprengstofftechnik  verwendet  Stoffe,  die
die  zur  Verbrennung  geeigneten  Elemente  im  Molekül
selbst  vorrätig  haben.  Das  Verbrennungsmaterial  besteht ­
  aus  Kohlenstoff  und  Wasserstoff,  die  von  dem 1  im
Molekül  verfügbaren  Sauerstoff  gleichsam  durch  eine
Stickstoffwand  getrennt  sind.  Die  Rolle  des  zündenden
Schwefels  übernimmt  hier  die  sogenannte  Initialzündung,
meistens  aus  einer  sehr  geringen  Knallquecksilbermenge
bestehend,  die  bei  der  Detonation  auf  einen  Teil  des
Sprengstoffs  einen  so  heftigen  Schlag  ausführt,  dass
die  Stickstoffwand  zerschmettert  wird  und  unter  plötz-*)
  Ann.  d.  Chem.  u.  Pharm.  1839.  29.  280.
        <pb n="45" />
        45
licher  Auslösung  grosser  Wärmem  engen  eine  innere  Verbrennung ­
  vor  sich  geht,  die  sich  durch  die  ganze  Masse
fortpflanzt.  Während  1  kg  Schwarzpulver  in  Vioo  Sekunde ­
  abbrennt,  kann  man  dieselbe  Menge  Schiessbaumwolle ­
  in  Veoooo  Sekunde  in  gasförmige  Verbrennungsprodükte
  von  hoher  Temperatur  verwandeln,  wobei
momentan  eine  ungeheure  Spannkraft  entsteht.  Die  von
dem  Württemberger  Schönbein  in  Basel  und  Chr.
Böttger  in  Frankfurt  a.  M.  schon  1846  entdeckte,  durch
die  Einwirkung  von  Salpetersäure  auf  Baumwolle  in
Gegenwart  starker  Schwefelsäure  entstehende  Schiess-  Schiessbaumwolle
  hat  jedoch  erst  in  den  achtziger  Jahren  als  baumwolle
wirkliches  Schiessmittel  Verwendung  gefunden,  nachdem
es  gelungen  war,  die  erwähnte,  für  Schiesswaffen  ungeeignete ­
  grosse  Verbrennungsgeschwindigkeit  zu  massigen ­
  und  den  ballistischen  Anforderungen  der  Waffentechnik
  genau  anzupassen.  Dies  geschah,  indem  man  der
Schiessbaumwolle  ihre  faserige  Struktur  nahm  und  sie
durch  sogenannte  Gelatinierung  mit  gewissen  Lösungsmitteln, ­
  wie  Azeton,  Essigäther,  Aetheralköhol  u.  a.,
in  eine  plastische,  beliebig  formbare  Masse  verwandelte.
Noch  einen  Schritt  weiter  ging  der  geniale,  durch  seine
grossartigen  Preisstiftungen  bekannte  Schwede  Alfred
Nobel,  dem  die  Sprengstofftechnik  bereits  das  Dynamit
verdankte,  als  er  statt  jener  Gelatinierungsmittel  selbst
einen  starken  Sprengstoff,  das  Nitroglyzerin,  verwendete, ­
  wodurch  nun  ausserordentlich  brisante  Schiessund
  Sprengmittel  gewonnen  wurden.*)
Da  man  es  bei  der  Baumwolle  mit  einem  nicht
immer  ganz  gleichartigen  Naturprodukt  zu  tun  hat,  und

*)  Vgl.  B.  Lepsius.  Das  alte  und  das  neue  Pulver.  Verh.  der
Vers,  deutscher  Naturforscher  und  Aerzte.  Leipzig.  1891.  I.  17.

W  !

!  1
        <pb n="46" />
        46

die  Schiessbaum  wolle,  namentlich  in  der  Tropentemperatur, ­
  eine  beständige  Neigung  zu  langsamer  innerer
Zersetzung  besitzt,  die  je  nach  dem  verwendeten  Material ­
  und  der  angewandten  Herstellungsmethode  verschieden ­
  ist,  so  spielen  die  Mittel  zur  Bekämpfung  und
Einschränkung  dieser  Tendenz,  die  sog.  Stabilisatoren,
für  die  Haltbarkeit  und  Zuverlässigkeit  des  Pulvers  eine
grosse  Rolle.  Es  hat  den  Anschein,  dass  dieser  Frage
nicht  überall  die  unerlässliche  Sorgfalt  gewidmet  worden
ist,  denn  die  Unglücksfälle  der  französischen  Panzerschiffe ­
  „Jena“  und  „Liberte“  sind  aller  Wahrscheinlichkeit ­
  nach  auf  die  Vernachlässigung  dieser  Frage  zurückzuführen, ­
  um  deren  Lösung  sich  der  deutsche  Sprengstoffchemiker ­
  W.  Will  in  der  Zentralstelle  für  wissenschaftlich-technische ­
  Untersuchungen  zu  Neubabelsberg,
einem  von  den  vereinigten  deutschen  Sprengstofffabriken
geschaffenen  Forschungsinstitut,  grosse  Verdienste  erworben ­
  hat.  Man  wird  dabei  an  einen  Ausspruch  des
Fürsten  Bismarck  erinnert,  der  im  Jahre  1889  über
die  staatserhaltende  Rolle  der  Chemiker  sagte,  dass  sie
es  seien,  die  in  letzter  Richtung  über  Krieg  und  Frieden
entscheiden  und  z.  B.  bei  schlechter  Herstellung  des
Pulvers  und  anderer  Ausrüstungsgegenstände  des
Gegners  denselben  unter  Umständen  zwängen,  das
Schwert  in  der  Scheide  zu  lassen.*)
Eine  andere  Klasse  von  brisanten  Sprengstoffen  sind
die  hochnitrierten  Benzolkohlenwasserstoffe.  Die  Pikrinsäure, ­
  ein  dreifach  nitriertes  Phenol,  wurde  im  Jahre
1771  von  dem  Erfinder  der  zweihalsigen  Flasche
P.  Woulfe  in  London  bei  der  Behandlung  von  Indigo
mit  Salpetersäure  beobachtet.  1881  wurde  sie,  nach-*)

  Ztschr.  ang.  Chem.  1913,  26,  wirtschaftl.  Th.  S.  166.
        <pb n="47" />
        47

dem  sie  lange  als  schöner  gelber  Farbstoff  zum  Gelbund ­
  Grünfärben  von  Seide,  Wolle  und  Papier  benutzt
worden  war,  zuerst  in  Frankreich  als  Melinit  zur
Füllung  von  Granaten  verwendet.  Neuerdings  ist  sie
durch  das  Trinitrotoluol  ersetzt  worden,  das  im
Jahre  1891  von  C.  Haeussermann  als  Granatfüllung
vorgeschlagen  und  1900  von  der  Chemischen  Fabrik
Griesheim-Elektron  in  den  Grossbetrieb  eingeführt
wurde.
Diese  brisanten  Sprengstoffe  haben  sowohl  in  der
Kriegstechnik  wie  auch  im  Berg-  und  Tunnelbau  grosse
Wandlungen  hervorgerufen.  Die  wichtigsten  Folgen
ihrer  Einführung  waren  für  die  Schiesstechnik  die  Verkleinerung ­
  der  Geschosse,  die  Vergrösserung  ihrer
Anfangsgeschwindigkeit  und  eine  Streckung  der  Flugbahn; ­
  für  den  Bergbau  eine  eminente  Vermehrung  der
Sprengwirkung;  für  den  Strassen-  und  Tunnelbau  endlich
eine  erhebliche  Abkürzung  der  Bauzeit  und  eine  Ermässigung
  der  Baukosten.  Die  Bedeutung  solcher  Ersparnisse ­
  für  den  deutschen  Bergbau  ergibt  sich  aus
der  Tatsache,  dass  allein  die  Westfälische  Kohlen-  und
Erzf-örderung  in  den  letzten  25  Jahren  von  34  auf  100
Millionen  Tonnen  gestiegen  ist  und  gegenwärtig  einen
Wert  von  1035  Millionen  Mark  aufweist.
Diese  brisanten  Sprengstoffe  sind  allerdings  im
Kohlenbergbau  wegen  ihrer  hohen  Verbrennungstemperaturen ­
  und  der  damit  verbundenen  Zündungsgefahr
schlagender  Wetter  nicht  überall  verwendbar.  Man  benutzt ­
  hier  sog.  schlagwettersichere  Sprengstoffe,  die
meist  aus  einem  Gemisch  von  Ammoniaksalpeter  und
organischen  Nitrokörpern  mit  gewissen  weiteren  Zusätzen ­
  bestehen  und  durch  niedrige  Verbrennungstemperaturen ­
  ausgezeichnet  sind.  Sie  haben  ferner  die  EigenBrisante ­


Sprengstoffe
        <pb n="48" />
        Sicherheitssprengstoffe ­


schaft,  nur  durch  Initialzündung  zum  Explodieren
gebracht  zu  werden,  ohne  diese  aber  gegen  Zündung,
Stoss  und  Schlag  unempfindlich  zu  sein,  und  werden
daher  im  Stückgutverkehr,  wie  jede  andere  Ware,  versandt, ­
  was  zu  ihrer  Verbreitung  in  hohem  Masse  beigetragen ­
  hat.  Wenn  damit  die  Gefahren  erheblich  vermindert ­
  werden  konnten,  so  sind  sie  doch  immer  noch
nicht  völlig  besiegt.*)  Es  ist  bekannt,  dass  der  Kaiser
gerade  der  Bekämpfung  der  Schlagwettergefahr  seine
besondere  Aufmerksamkeit  zugewandt  hat;  ein  neuer
Ansporn  für  die  Wissenschaft,  auch  auf  diesem  Gebiete
der  Volkswohlfahrt  das  dringend  erwünschte  Ziel  der  weitgehenden ­
  Abwendung  dieser  Unglücksfälle  zu  erreichen.**)
*)  Wenn  sich  diese  Gefahren  im  Kampfe  mit  den  Naturgewalten ­
  auch  niemals  ganz  werden  beseitigen  lassen,  so  ist  doch
anzuerkennen,  dass  Deutschland  bei  ihrer  Bekämpfung  an  erster
Stelle  steht.  Der  deutsche  Bergbau  gibt  etwa  33,5  Millionen  Mark
für  die  Unfallverhütung  aus,  das  sind  etwa  14  Prozent  des  Lohnes,
während  sonst  für  soziale  Fürsorge  etwa  8  Prozent  ausgegeben
werden.  Die  Unfallstatistik  der  letzten  25  Jahre  zeigt,  dass  auf
1000  Bergarbeiter  in  dem  Zeitraum  1888—1900  2,6  (gegen  3,5  in
Amerika),  in  dem  Zeitraum;  1901—1911  2,1  Unfälle  kamen.  Von
diesem  Prozentsatz  ist  jedoch  nur  ein  kleiner  Teil  auf  chemische
Ursachen  zurückzuführen,  da  von  100  Unfällen  43  durch  Steinkohlensturz ­
  bedingt  sind,  37  bei  der  Förderung  und  Fahrung  eintreten
  und  sich  nur  3  durch  Schiessarbeiten  und  3  durch  Explosionen ­
  ereignen.  Das  macht  auf  1000  Arbeiter  0,13  chemisch  verursachte ­
  Unfälle.  (Tübben,  Die  Gefahren  des  Bergbaus  und
ihre  Bekämpfung.  Ztschr.  ang.  Chem.  1913,  26,  wirtschaftl.  T.,  S.  167.)
**)  Dem  im  Jahre  1912  bei  der  Eröffnung  der  Dahlemer  Forschungsinstitute ­
  vom  Kaiser  geäusserten  Wunsche,  die  Sicherheit
des  Bergmanns  gegen  diese  Gefahr  durch  geeignete  Instrumente
zu  erhöhen,  scheint  die  Ha  bersche  Schlagwetterpfeife  bereits
entgegen  gekommen  zu  sein,  die  auf  der  Interferenz  der  Töne
in  reiner  und  grubengashaltiger  Luft  beruht  und  mit  Hilfe  der  dem
Ohr  vernehmlichen  Tonstösse  den  Gehalt  der  Grubenluft  an  Methan
genau  zu  bestimmen  gestattet.
        <pb n="49" />
        49

Man  darf  annehmen,  dass  die  gesamte  Sprengstoffproduktion ­
  in  Deutschland  40  Millionen  kg  beträgt.
Hiervon  dürften  etwa  10  Millionen  auf  Dynamitsprengstoffe, ­
  16  Millionen  auf  Ammoniaksalpetersprengstoffe
und  14  Millionen  auf  Schwarzpulver  und  andere  Explosionsstoffe ­
  zu  rechnen  sein.*)  Die  Mehrausfuhr  des
Deutschen  Reiches  an  Sprengstoffen  betrug  im  Jahre
1908  19  Millionen,  im  Jahre  1912  60  Millionen  Mark.**)
In  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  wurde
die  Sprengstofffabrikation  für  das  Jahr  1905  zu  165  Millionen ­
  kg  angegeben.  Inzwischen  haben  die  Staaten
in  dem  Panamakanal,  unter  Verwendung  von  über
60  Millionen  kg  Dynamitsprengstoffen,  die  an  Ort  und
Stelle  fabriziert  wurden  und  mit  einem  Kostenaufwand
von  1700  Millionen  Mark,  eines  der  grössten  Kulturwerke ­
  vollendet,  dessen  Durchführung  in  dem  Culebra-Einschnitt
  allein  die  Fortschaffung  von  72  Millionen
Kubikmeter  Felsmassen  erforderte.
Die  Weltproduktion  darf  heute  auf  400  Millionen  kg,
der  zehnfachen  Menge  der  deutschen  Sprengstofferzeugung,
  geschätzt  werden.

*)  In  Deutschland  wurden  gefertigt:
Dynamitsprengstoffe  Ammoniaksalpetersprengstoffe
kg  kg

1867  ca.  11  000
1880  „  1  900  000
1890  „  4  938  000
1909  „  8  000  000
1912  „  10  000  000

}

0
nicht
erheblich
10  000  000
16  000  000

(W.  Will.  Ueber  Sprengmittel,  Wien,  1910.  S.  15.)

**)  Chem.  Ind.,  1913,  36.  Protokoll  der  Hauptversammlung  S.  71.
Lepsius:  Deutschlands  Chemische  Industrie.  4
        <pb n="50" />
        50

Künstliche
Seide

Von  der  formbaren  gelatinierten  Schiessbaumwolle
ist  im  Laufe  der  letzten  25  Jahre  noch  eine  andere  grosse
Industrie  ausgegangen.  Die  auf  der  Pariser  Ausstellung
von  1889  vom  Grafen  de  Chardonnet  ausgestellte,  aus
Baumwolle  gefertigte  künstliche  Seide  machte  durch  den
die  natürliche  übertreffenden  Glanz  ihrer  Faser  Aufsehen. ­
  Eine  Lösung  von  nitrierter  Baumwolle  oder  Holzcellulose ­
  in  einem  Gemisch  von  Alkohol  und  Aether  hatte
er  durch  capillare  Glaslöffnungen  in  Wasser  gepresst,
das  dem  erzeugten  Strahl  das  Lösungsmittel  entzog  und
ihn  zu  einem  Faden  gerinnen  Hess,  der  von  Spulen  aufgenommen ­
  wurde.  Er  gewann  auf  diese  Weise  Fäden,
deren  Feinheit  und  Glanz  von  der  Dichte  der  Lösung,
der  Grösse  der  Oeffnungen,  der  Höhe  des  Pressdruckes
und  der  Umdrehungszahl  der  Spule  abhing.  Um  dieser
gesponnenen  Schiessbaumwolle  die  Feuergefährlichkeit
zu  nehmen,  denitrierte  er  sie  durch  Schwefelammonium,
wodurch  der  hohe  Glanz  der  Fäden  nicht  beeinträchtigt
wurde.
In  Deutschland  wurde  das  Verfahren  durch
F.  Lehner  verbessert,  gleichzeitig  aber  fand  man
andere  Wege,  die  Baumwolle  zu  formen,  indem  man
andere  Lösungsmittel  der  Cellulose  heranzog.  Durch
Auflösen  in  Kupferoxydammoniak  gewann  man  die
sogenannte  Kupferseide  und  durch  die  Einwirkung  von
Schwefelkohlenstoff  in  Gegenwart  von  Alkali  oder  Kalk
die  Viscoseseide.  Endlich  erhielt  man  durch  Einwirkung
von  Essigsäure  auf  Cellulose  die  Acetatseide.  Die  Kunstseide ­
  steht  der  aus  einem  Eiweissstoff  bestehenden
Naturseide  an  Festigkeit,  Elastizität  und  Feinheit  nach,
übertrifft  sie  aber  an  hohem  Glanz,  der  sie  für  Stoffe,
bei  denen  es  mehr  auf  diesen  als  auf  die  Haltbarkeit
ankommt,  geeignet  macht.  Wenn  daher  auch  die  Seiden-
        <pb n="51" />
        51

raupe  ihr  Feld  behaupten  wird,  so  hat  die  Kunstseide
doch  grosse  Gebiete  der  Textilindustrie  erobert,  zumal
die  geformte  Cellulose  auch  als  künstliches  Rosshaar,
als  Isoliermittel  für  elektrische  Leitungsdrähte,  zur  Imitation ­
  von  Hartgummi,  Guttapercha  und  Leder  und  zur
Herstellung  von  photographischen  Films  mannigfache
andere  Verwendungsgebiete  gefunden  hat.  Zu  kinematographischen
  Zwecken  ist  besonders  die  Azetatcellulose
zu  empfehlen,  die  schwerer  verbrennlich  ist  und  daher
grössere  Sicherheit  bietet.*)
Der  Kilopreis  der  Kunstseide,  der  1898  noch  50  Mark
betrug,  ist  inzwischen  erheblich  zurückgegangen  und
beträgt  gegenwärtig  10—15  Mark,  je  nach  den  Eigenschaften ­
  der  verschiedenen  Produkte.  Die  Weltproduktion ­
  wird  mit  7  Millionen  Kilogramm  angegeben.  Davon
entfiel  bis  vor  kurzem  etwa  die  Hälfte  auf  das  Nitrocellulose-Alkoholverfahren, ­
  die  andere  Hälfte  auf  die
Kupfer-,  Viscose-  und  Acetatverfahren;  während  in  der
letzten  Zeit  eine  wesentliche  Verschiebung  zugunsten
der  letzteren  eingetreten  ist.
Die  Produktion  Deutschlands,  das  den  grössten  Ver-  schädliche
brauch  an  Kunstseide  hat,  beträgt  etwa  2  Millionen  kg.  w ^“^, der
im  Werte  von  24  Millionen  Mark,  wovon  etwa  600  000  kg  Steuer
ausgeführt  werden.  Gleichwohl  bezieht  Deutschland  aber
noch  1800  000  kg,  und  zwar  hauptsächlich  „Alkoholseide“, ­
  vom  Auslande,  während  die  ausgeführte  Kunstseide ­
  vornehmlich  den  anderen  Sorten  angehört.

*)  Der  Verbrauch  von  Kinematographenfilms  wird  gegenwärtig ­
  in  Europa  auf  100  Millionen  Meter  geschätzt;  der  amerikanische ­
  Bedarf  dürfte  diese  Zahl  noch  übertreffen.  In  Deutschland ­
  hat  sich  die  unter  der  Leitung  von  F.  Oppenheim  stehende
Aktiengesellschaft  für  Anilinfabrikation  zu  Berlin  dieses  neuen
Industriezweiges  besonders  angenommen.

4*
        <pb n="52" />
        52

Der  Grund  für  diese  erhebliche  Einfuhr  liegt  in  der
Tatsache,  dass  die  deutschen  Fabriken,  die  diese  Alkoholseide ­
  herstellen,  obwohl  sie  in  der  ersten  Zeit  glänzende
Einnahmen  hatten,  bei  den  heutigen  Alkoholpreisen  mit
dem  Auslande  nicht  konkurrieren  können.  Während
nämlich  auf  dem  Weltmarkt  für  den  Hektoliter  Alkohol
32  Mark'  bezahlt  werden,  kostet  er  wegen  der  Spiritussteuer ­
  im  Inlande  79  Mark.  Wenn  nun  den;  Kunstseidefabriken ­
  hierauf  auch  eine  Rückvergütung  von  10  Mark
bewilligt  wurde,  so  ist  doch  inzwischen  von  den  drei
Alkoholseidefabriken  in  Deutschland  die  eine  vor  kurzer
Zeit  eingegangen;  eine  andere,  die  früher  über  30  %  Dividende ­
  zahlte,  hat  in  den  letzten  zwei  Jahren  Verluste
von  über  2  Millionen  Mark  gehabt,  und  die  dritte  kann
nur  durch  eine  besondere  Qualitätsware  höhere  Preise
als  das  Ausland  erzielen.  Auch  eine  am  1.  Oktober  1912
durch  Reichstagsbeschluss  erfolgte  Verdoppelung  der
Steuerrückvergütung  auf  20  Mark  hat  diesen  Prozess
nicht  aufgehalten,  da  auch  damit  der  Preisausgleich  noch
nicht  erreicht  wurde.  Dazu  kommt,  dass  Deutschland
die  Auslandsprodukte  mit  einem  Zoll  von  30  Pfennig
hereinlässt,  während  z.  B.  Frankreich  seine  Kunstseide
mit  einem  Eingangszoll  von  9,60  Francs  schützt.
Der  Verfasser  würde  der  Aufgabe  dieser  Denkschrift
nicht  gerecht  werden,  wollte  er  nur  der  industriellen
Lichtseiten  gedenken,  er  musste  daher  auf  diese  Schädigung ­
  einer  blühenden  Industrie  hinweisen,  durch  die
jährlich  etwa  20  Millionen  Mark  in  das  Ausland  gehen.
Demgegenüber  finden  wir  in  den  Aufzeichnungen
J.  van’t  Hoffs  über  eine  Abendgesellschaft  im  Königlichen ­
  Schlosse  zu  Berlin  im  Jahre  1902,  wo  sich  die
Unterhaltung  über  viele  naturwissenschaftliche  und  technische ­
  Dinge  bewegte,  wie  über  die  Entstehung  des
        <pb n="53" />
        ■H

53

Nordlichtes,  über  die  Wasserreinigung  durch  Ozon,  über
die,  bekanntlich  der  Initiative  des  Kaisers  zu  verdankende, ­
  moderne  Entwicklung  der  Spiritusindustrie,
über  die  Seezeichenbeleuchtung,  über  neue  Kartuschenhüllen ­
  aus  Schiessbaumwolle  und  schliesslich  über  die
Bereitung  der  Kunstseide,  den  folgenden  Satz:
„Der  Kaiser  war  sehr  begeistert  für  das  Verfahren
und  sagte,  es  wäre  stets  sein  Bestreben,  Deutschland
soviel  als  möglich  von  auswärtigen  Rohmaterialien  unabhängig ­
  zu  machen.  Er  hoffte,  dass  es 1  möglich  sein
würde,  durch  diese  Kunstseide  die  französische  Seide
sowie  die  amerikanische  Wolle  zu  entbehren.“  Unsere
zuungunsten  der  Industrie  häufig  einseitig  beeinflusste
Steuergesetzgebung  lässt  diesen  patriotischen  Standpunkt
leider  manchmal  vermissen.
Während  die  Salpetersäure  in  der  Regel  nicht  wegen  Schwefelihres
  sauren  Charakters,  sondern  vielmehr  wegen  ihrer
oxydierenden  und  nitrierenden  Eigenschaften  verwendet
wird,  ist  die  Schwefelsäure  die  Säure  par  excellence.
Sie  wird  daher  in  den  Industrien  und  Gewerben  in  fast
der  zehnfachen  Menge  verwendet.  Von  der  Weltproduktion, ­
  die  gegenwärtig  auf  5  Millionen  Tonnen  geschätzt ­
  wird,  kommt  auf  Deutschland  der  vierte  Teil
mit  1250  000  Tonnen  im  Werte  von  30—40  Millionen
Mark.*)
Bis  zum  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  ist  diese
Fabrikation  eine  der  konservativsten  gewesen;  seit  dem
Jahre  1746  hat  man  die  Säure  in  den  bekannten  Bleikammern ­
  gewonnen.  Die  heutige  Gewinnung  wird  von
dem  sogenannten  Kontaktverfahren  beherrscht,  dessen
Einführung  durch  die  Badische  Anilin-  und  Sodä-*)
  C.  Duisberg.  Die  Wissenschaft  und  Technik  in  der  chemischen ­
  Industrie.  München,  1911,  S.  6.

saure
        <pb n="54" />
        54

fabrik  mit  der  Herstellung  Von  künstlichem  Indigo  im
Zusammenhänge  steht.  Als  man  in  Ludwigshafen  im
Begriffe  war,  vom  Naphthalin  ausgehend,  die  Erzeugung
von  künstlichem  Indigo  ins  Leben  zu  rufen,  fand  H.  E.
Sapper  in  der  heissen  konzentrierten  Schwefelsäure  das
billigste  Mittel,  um  das  Ausgangsprodukt  zu  Phtalsäure
zu  oxydieren.*)  Wollte  man  aber  dieses  Verfahren
durchführen,  so  musste  man  jährlich  40000  Tonnen  der
bei  der  Oxydation  entstehenden  gasförmigen  schwefligen
Säure  in  konzentrierte  Schwefelsäure  zurückverwandeln.
Diese  Aufgabe  löste  R.  Knietsch,  der  das  schon  1875
von  Clemens  Winckler  vorgeschlagene  Verfahren,  die
schweflige  Säure  in  Gegenwart  von  fein  verteiltem  Platin
mit  Sauerstoff  zu  vereinigen,  so  weit  ausbildete,  dass
heute  die  konzentrierte  Schwefelsäure  nur  nach  dem
Kontaktverfahren  gewonnen  wird.  Seitdem  hat  man
nicht  nur  die  Bleikammern,  soweit  sie  nicht  noch  für
dünne  Säuren  verwendet  werden,  sondern  vor  allem 1
auch  die  kostspieligen  Gold-  und  Platinkessel  abgeschafft,
  in  denen  früher  die  Kammersäure  konzentriert
wurde,  und  die  das  Apparaten-Konto  mancher  Schwefelsäurefabrik ­
  'mit  mehr  als  einer  Million  Mark  belasteten.**)
Die  jährliche  Produktion  der  Kontaktsäure  beträgt
gegenwärtig  etwa  400  000  Tonnen.
*)  Vgl.  H.  Brunck.  Ber.  d.  d.  chem.  Oes.,  1900,  33,  3.  Sonderheft. ­

**)  Die  durch  das  Kontaktverfahren  herbeigeführte  Abschaffung
der  Platinkessel  in  den  Schwefelsäurefabriken  ist  von  erheblicher
finanzieller  Bedeutung,  da  der  Platinpreis  seit  dem  Jahre  1880
fast  um  das  Zehnfache  gestiegen  ist.  Der  Kilopreis  des  Platins
betrug:

1880

650  —  M.

1907

3200.—

M.

1885

950.-  „

1909

3600.-11



1895

1400.—  „

1910

5200.—

11

1905

2700.—  „

1912

6200.—

11
        <pb n="55" />
        55

Ein  beträchtlicher  Teil  der  in  Deutschland  aus  spani-  Schwefelschen
  Schwefelkiesen  erzeugten  Schwefelsäure  wird  zur  ® ä V r . e
Herstellung  des  schon  erwähnten  schwefelsauren  Am-  gas
moniaks  verwendet.  Da  sie  aber  dem  Ammoniak  nur
als  Vehikel  dient  und  für  die  Pflanzennahrung  keine
Bedeutung  hat,  so  geht  dieser  in  Deutschland  auf  300  bis
400  000  Tonnen  Kammersäure  zu  schätzende  Anteil  volkswirtschaftlich ­
  völlig  verloren.
Nun  befindet  sich  in  den  Steinköhlengasen  reichlich ­
  so  viel  Schwefel,  dass  man  daraus  diese  ganze
Schwefelsäure  bestreiten  könnte,  wenn  man  mit  seiner
Hilfe  das  Ammoniak  direkt  in  schwefelsaures  Ammoniak
überführt.  Fast  seit  Beginn  der  Fabrikation  des  Leuchtgases ­
  hat  man,  da  es  ohnedies  entschwefelt  werden
muss,  dieses  Problem  im  Auge.  Es  scheint,  dass  es
neuerdings  durch  ein  Verfahren  von  Walther  Feld
über  die  Bildung  von  Polythionaten  in  einfacher  Weise
gelöst  worden  ist.  In  Deutschland  allein  würde  dadurch
die  genannte  Menge  Schwefelsäure  im  Werte  von  8  Millionen ­
  Mark  jährlich  erspart  werden  können.

Wenden  wir  uns  nunmehr  den  wirtschaftlichen  Er-  Technik  und
folgen  der  Chemie  des  Steinkohlenteers  zu,  so  brauchtWissenschaft
kaum  erwähnt  zu  werden,  dass  sie  in  der  Industrie  der
künstlichen  Farbstoffe  in  Deutschland  zu  den  höchsten
wissenschaftlichen  und  technischen  Triumphen  geführt
hat.  Dies  konnte  jedoch  nur  dadurch  geschehen,  dass
seit  den  Untersuchungen  A.  W.  Hofmanns  über  das
Anilin  und  seit  seiner  Entdeckung  des  Benzols  im
Steinkohlenteer  diese  Industrie  in  inniger  Verbindung
mit  der  wissenschaftlichen  Forschung  geblieben  ist.
Diese  untrennbare  Verknüpfung  der  Technik  mit
der  Wissenschaft  brachte  es  mit  sich,  dass  die  Industrie
in  ihren  Fabriken  selbst  wissenschaftliche  Laboratorien
        <pb n="56" />
        56

errichtete,  deren  Ausstattung  und  Ausdehnung  mit  den
akademischen  Arbeitsstätten  wetteifern.  In  einzelnen
Werken  sind  Hunderte  von  Chemikern  beschäftigt,  neue
Synthesen  zu  erforschen,  neue  Verfahren  zu  erfinden,
neue  Gebiete  zu  erschliessen  oder  die  Wege  schon  bekannter ­
  Gebiete  gangbar  zu  machen,  durch  stete  Verbesserung ­
  und  Vereinfachung  der  bestehenden  Verfahren.
Dieser  Stab  akademisch  gebildeter  Mitarbeiter  bildet
einen  integrierenden  Bestandteil  der  deutschen  chemischen ­
  und  insbesondere  der  Farbenindustrie,  und  wir
können  daher  aus  der  Zunahme  ihrer  Anzahl  einen
Schluss  ziehen  auf  die  mächtige  Entwicklung  dieser  Industrie, ­
  wenn  wir  beispielsweise  aus  dem  Berichte  über
die  am  4.  Januar  1913  begangene  Halbjahrhundertfeier
der  Farbwerke  vorm.  Meister  Lucius  und  Brüning ­
  zu  Höchst  a.  M.  erfahren,  dass  die  Zahl  der  dort
angestellten  Chemiker  in  den  letzten  25  Jahren  von
57  auf  307  angewachsen  ist.  In  derselben  Zeit  vermehrte ­
  sich  die  Arbeiterzahl  von  1860  auf  7680,  denen
im  Jahre  1912  ein  Lohn  von  8  600  000  Mark  gezahlt
wurde.*)

*)  In  den  Höchster  Farbwerken  kamen  im  Jahre  1912  auf
7680  Arbeiter  1366  Beamte  (374  Aufseher,  307  Chemiker,  74  Techniker ­
  und  611  Kaufleute,  ohne  die  Vertretungen);  somit  kommen
auf  einen  Beamten  5—6  Arbeiter.  Nach  W.  von  Oechelhäuser
(Technische  Arbeit  einst  und  jetzt,  Berlin  1906)  kommen  auf  einen
Beamten  in

Stahl-  und  Hüttenwerken

etwa

30—26  Arbeiter

Spinnereien

ff

18—15

ff

Webereien

12—10

ff

Schiffswerften

&amp;gt;&amp;gt;

16—  8

ff

M  aschinenf  abrik  en

ff

12—  4

ft

Gasgesellschaften

ff

9-  4

ft

Chemischen  Fabriken

ff

7-  6

tt
        <pb n="57" />
        Die  Badische  Anilin-  und  Sodafabrik  zu  Ludwigshafen, ­
  die  grösste  chemische  Fabrik  Deutschlands
und  der  Welt,  beschäftigt  gegenwärtig  11  000  Arbeiter,
Aufseher  und  Meister.

Es  würde  die  Aufgabe  dieser  Denkschrift  weit  über-  steinkohlenschreiten,
  wollten  wir  den  Versuch  machen,  den  Werde- teenndustrie
gang  der  Farbenindustrie  vor  uns  aufzurollen;  ist  doch
beispielsweise  allein  in  den  genannten  Höchster  Werken
die  Anzahl  der  einzelnen  Farbstoff  typen  im  Laufe  der
letzten  25  Jahre  von  1700  auf  11000  angestiegen.  Wir
müssen  uns  vielmehr  darauf  beschränken,  einzelne
Seiten  dieser  glänzenden  Entwicklungsgeschichte  aufzuschlagen, ­
  auf  denen  die  volkswirtschaftliche  Bedeutung
dieser  Industrie  unsern  Blick  fesselt.  Auf  den  ersten
Blättern  finden  wir  Mitteilungen  über  das  Fundament
der  Farbenchemie,  die  Industrie  des  Steinkohlenteers.
Wir  erfahren,  dass  nach  neueren  Schätzungen  der  steinkohlengesamte ­
  Steinkohlenvorrat  Europas  etwa  700  Milliarden  vorrat
Tonnen  beträgt,  und  sind  beruhigt,  dass  davon  400  Milliarden ­
  auf  Deutschland  entfallen,*)  und  dass,  die  jetzige
Jahresförderung  von  160  Millionen  Tonnen  (etwa  fünfmal ­
  soviel  wie  vor  40  Jahren)  zugrunde  gelegt,  unser

*)  Nach  im  Aufträge  der  Preussischen  Geologischen  Landesanstalt ­
  vorgenommenen  Untersuchungen  über  die  Stein-  und  Braunkohlen-Vorräte
  des  Deutschen  Reiches  von  H.  E.  Böker  (Glück
Auf,  1913,  49,  1045  u.  1085)  betragen  nach  der  gegenwärtigen
Kenntnis  die  Steinkohlenvorräte  410  Milliarden  Tonnen,  wovon
95  Millarden  sicher,  227  Milliarden  ausserdem  wahrscheinlich  und
88  Milliarden  noch  möglicherweise  vorhanden  sind.  Von  Braunkohlenvorräten ­
  sind  sicher  9,3  Milliarden  und  noch  wahrscheinlich
4,1  Milliarden  vorhanden,  zusammen  13,4  Milliarden  Tonnen.
        <pb n="58" />
        58

Vorrat  noch  2500  Jahre  reichen  würde,*)  während  die
entsprechende  Zeit  für  England  nur  auf  700  Jahre,  für
Nordamerika  auf  1700  Jahre  geschätzt  wird.**)
Leuchtgas  Die  Destillation  der  Steinkohlen  begeht  gegenwärtig
in  Deutschland  ihre  Zentenarfeier.  Gerade  100  Jahre
ist  es  her,  dass  der  Professor  der  Chemie  in  Freiberg
W.  A.  Lampadius  sein  Haus  mit  Steinkohlengas  beleuchtete. ­
  Anfangs  der  sechziger  Jahre  wurden  bereits
60  Millionen  Kubikmeter  Leuchtgas  in  Deutschland  fabriziert. ­
  In  (den  achtziger  Jahren  stieg  diese  Zahl  auf
400  und  1900  auf  1200  Millionen,  und  gegenwärtig  beträgt ­
  die  Jahresproduktion  der  deutschen  Gaswerke
2y 2  Milliarden  Kubikmeter.  Zu  ihrer  Herstellung  werden
7  800  000  Tonnen  Steinkohlen  im  Werte  von  90  Millionen ­
  Mark  verbraucht,  von  denen  etwas  über  25  %
aus  England  stammen.  Bei  einem  Verkaufspreis  von
12  Pfennig  hat  diese  Gasmenge  einen  Wert  von  300  Millionen ­
  Mark,  während  gleichzeitig  4  Millionen  Tonnen
Koks  für  62  Millionen  Mark,  390000  Tonnen  Teer  für
11  Millionen,  Ammoniakprodukte  für  17  Millionen  und
andere  Nebenprodukte  für  eine  Million  Mark  gewonnen
werden.***)

*')  C.  Engler.  Ueber  Zerfallprodukte  in  der  Natur.  Verh.  d.
Oes.  d.  Naturf.  und  Aerzte.  Leipzig.  1911.  I.  S.  53.
**)  Die  Kohlenförderung  im  Ruhrgebiet  betrug  zu  Anfang  des
vorigen  Jahrhunderts  etwa  230  000  Tonnen,  1850  1,66  Millionen,
1860  4,36  Millionen,  1900  60,12  Millionen  und  1909  82,80  Millionen
Tonnen.  Insgesamt  wurden  1912  in  Deutschland  160,74  Millionen
Steinkohlen  im  Werte  von  1,57  Milliarden  Mark  und  73,76  Millionen
Tonnen  Braunkohlen  im  Werte  von  183,36  Millionen  Mark  gefördert. ­

***)  A.  Samtleben,  Leuchtgas  in  chemischer,  hygienischer  und
wirtschaftlicher  Beziehung.  Ztschr.  ang.  Chemie  1912,  25,  2648.
        <pb n="59" />
        Das  in  den  deutschen  Gasanstalten  angelegte  Kapital
beträgt  1,3  Milliarden  Mark.  In  den  grossen  Städten
kommen  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung  etwa  100  Kubikmeter ­
  im  Jahre.  Der  Etat  der  Berliner  Gaswerke  macht
mit  60—70  Millionen  Mark  mehr  als  ein  Sechstel  des
Etats  der  Reichshauptstadt  aus.  Von  den  1700—1800
deutschen  Gaswerken  befinden  sich  etwa  25%  der  Zahl
nach  und  10%  der  Produktion  nach  im  Besitze  privater
Gesellschaften  mit  einem  Kapital  von  190  Millionen
Mark;  die  übrigen  Werke  befinden  sich  im  Besitz  von
Kommunen,  für  die  sie  zur  Bestreitung  wichtiger  Aufgaben ­
  eine  willkommene  Einnahmequelle  bilden.  Gleichwohl ­
  wäre  es  im  Interesse  der  Industrie  zu  wünschen,
dass  sich  dieses  Verhältnis  nicht  weiter  vermindere,  da
die  Privatunternehmungen  der  Einführung  grosszügiger
Verbesserungen  erfahrungsgemiäss  leichter  zugänglich
sind  als  die  von  einem  komplizierten  Verwaltungsmechanismus ­
  abhängigen  kommunalen  Werke.
Schon  bei  der  Entwicklung  der  Ammoniakindustrie
haben  wir  darauf  hingewiesen,  wie  die  Destillation  der
Steinkohle  nicht  allein  von  den  Gasanstalten,  sondern
in  steigendem  Masse  auch  von  den  durch  die  wachsenden
Koksbedürfnisse  der  Eisenindustrie  ins  Leben  gerufenen
Kokereien  aufgenommen  wurde.  Dadurch  stieg  die  Teerproduktion ­
  Deutschlands  in  den  Jahren  1883  bis  1909
von  85  000  auf  eine  Million  Tonnen,  wovon  etwa  90  %  auf
einzelne  Teerprodukte  weiter  verarbeitet  wurden,  von
denen  Benzol,  Toluol,  Phenol,  Naphthalin  und  Anthrazen
als  die  für  die  Farbenindustrie  wichtigsten  zu  nennen
sind.  !
Das  Verdienst,  die  Grossindustrie  der  Teerdestillation ­
  in  Deutschland  begründet  und  dadurch  die  Farbenindustrie ­
  in  der  Anschaffung  ihres  Rohmaterials  von

Teerdestillation ­


•  I  1
        <pb n="60" />
        60

England  unabhängig  gemacht  zu  haben,  gebührt  Julius
Rütgers.  Seiner  Energie  ist  es  zu  danken,  wenn  die
deutsche  Teerindustrie,  deren  Produktion  im  Jahre  1900
nur  die  Hälfte  der  englischen  betrug,  im  Laufe  von
12  Jahren  England  eingeholt,  wenn  nicht  überflügelt  hat,
obgleich  dort  eine  viel  grössere  Produktionsmöglichkeit
besteht  als  in  Deutschland.  Bei  der  Wichtigkeit  des
Teers,  dieses  Gemisches  zahlreicher,  durch  die  Hitze
der  Retorte  umgewandelter,  komplizierter  Verbindungen, ­
  hat  es  an  seiner  wissenschaftlichen  Durchforschung ­
  nicht  gefehlt.  Viele  Fortschritte  in  der  wissenschaftlichen ­
  Erkenntnis  wie  auch  in  der  Verarbeitung
des  Steinkohlenteers  und  seiner  Destillationsprodukte
sind  mit  dem  Namen  Gustav  Krämer,  einem  Mitarbeiter ­
  Rütgers,  so  eng  verknüpft,  dass  wir  ihm  fast
auf  jeder  Seite  dieses  interessanten  Kapitals  begegnen.
Bis  jetzt  sind  mehr  als  200  wohldefinierte  chemische
Verbindungen  aus  dem  Teer  abgeschieden  worden.  Von
Benzol  diesen  Produkten  bildet  das  Benzol  etwa  10%,  so  dass
davon  in  Deutschland  jährlich  etwa  100  000  Tonnen  im
Werte  von  20  Millionen  Mark  gewonnen  werden,  wovon
etwa  der  fünfte  Teil  ausgeführt  wird.  Man  darf  annehmen, ­
  dass  von  den  im  Inlande  verbleibenden  80000
Tonnen  die  grössere  Hälfte  in  Anilin  übergeführt  wird,
während  der  Rest  zu  anderen  Zwischenprodukten  für
die  Farbenindustrie,  ferner  in  den  chemischen  Wäschereien, ­
  in  der  Automobilindustrie,  zum  Carburieren  von
Leuchtgas  und  vielen  anderen  gewerblichen  Zwecken
verwendet  wird.
Naphthalin,  Von  andern  Produkten  erfahren  wir,  dass  im  Jahre
Anthrazen  igjp  die  deutsche  Naphthalinproduktion  etwa  35  000
Tonnen  im  Werte  von  5  250  000  Mark  betrug,  wovon
für  ly*  Millionen  Mark  exportiert  wurde.  Der  deutsche
        <pb n="61" />
        Verbrauch  an  Reinanthrazen  betrug  1880  1400  Tonnen,
wovon  jedoch  nur  200  in  Deutschland  gewonnen  wurden
und  der  Rest  aus  England  kam,  während  der  heutige
Verbrauch  von  5000  Tonnen  im  Werte  von  IV*  Millionen
Mark  ganz  aus  heimischen  Produkten  gewonnen  wird.
Die  Wiege  der  Teerfarbstoffe  stand  in  Hof-Anilinfarben
manns  Laboratorium  in  London,  wo  William  H.  Perkin
  1856,  mit  Versuchen  über  eine  Chininsynthese  beschäftigt, ­
  bei  der  Behandlung  von  Anilin  mit  chromsaurem ­
  Kali  einen  violetten  Farbstoff  erhielt,  den  er
nach  der  Malvenblüte  „Mauve“  nennt  und  im  folgenden
Jahr  in  Greenford  Green  bei  London  fabriziert.  1859
behandelt  Professor  Emanuel  Verguin  in  Lyon  das
Anilin  mit  Zinnchlorid  und  gewinnt  das  Anilinrot  par
excellence,  das  er  nach  der  Fuchsiablüte  „Fuchsin“
nennt  und  den  Lyoner  Seidenfärbern  Renard  freres
überlässt.  Bald  folgt  der  erste  gelbe  Anilinfarbstoff,
Hofmanns  Chrysanilin,  dann  Girards  Blau  und  Hofmanns ­
  Violett,  die  durch  Einführung  von  Phenyl-  und
Methylgruppen  in  das  Fuchsin  entstehen.  Lind  noch  vor
der  Londoner  Weltausstellung  von  1862,  auf  der  die
Chemie  ihre  ersten  tinktorialen  Triumphe  feiert,  erscheint ­
  Hofmanns  erste  wissenschaftliche  Untersuchung
über  die  Zusammensetzung  der  von  aller  Welt  bewunderten ­
  Anilinfarbstoffe.
Unter  den  13  Preisträgern  der  Ausstellung  befinden
sich  fast  nur  englische  und  französische  Firmen.  Aber
nun  zögert  auch  Deutschland  nicht  mehr,  an  dem  neuen
Wettlauf  teilzunehmen,  und  schon  werden  die  Fundamente ­
  der  deutschen  Farbenfabriken  gelegt.
Die  Sei  Ische  Teerdestillation  in  Offenbach,  wo  Hof-  ^irische
mann  das  erste  Kilo  Anilin  aus  dem  Steinkohlenteer  fabriken

'
        <pb n="62" />
        62

extrahiert  hatte,  war  1850  in  die  Hände  von  K.  Oehler
übergegangen,  der  1860  die  Fabrikation  von  Mauve  aufnimmt
  und  bald  das  Fuchsin  und  ein  schönes  Anilinblau
in  den  Handel  bringt.  In  demselben  Jahre  richtet  die
Farbenhandlung  von  Friedrich  Bayer  in  Elberfeld  eine
Fuchsinfabrik  ein.  1863  nehmen  Meister  Lucius  und
Brüning  in  Höchst  a.  M.  dieselbe  Fabrikation  auf  „mit
Unterstützung  eines  Chemikers  und  einer  dreipferdigen
Dampfmaschine“.  Das  Pfund  Fuchsin  kostet  noch
20  Taler,  aber  nach  Jahresfrist  sinkt  der  Preis  auf
8Taler.*)  Gleichzeitig  entsteht  die  Farbenfabrik  von  Wilhelm ­
  Kalle  in  Biebrich  a.  Rh.  und  zwei  Jahre  darauf,
1865,  die  Badische  Anilin-  und  Sodafabrik  in  Mannheim, ­
  die  aber  bald  infolge  eines  gegen  die  Ausdehnung
des  Welkes  gerichteten  Beschlusses  der  Stadtverwaltung ­
  ihren  Sitz  auf  bayerisches  Gebiet  nach  Ludwigshafen ­
  verlegt.  Ferner  errichtete  1870  die  seit  Anfang
des  vorigen  Jahrhunderts  bestehende  Farbenhandlung
Cassella  &amp;amp;  Cie.  eine  Anilinfarbenfabrik  in  Mainkur  bei
Frankfurt  a.  M.,  und  1873  gründeten  C.  A.  von  Martius
und  P.  Mendelssohn-Bartholdy  die  Aktien-Gesellschaft
  für  Anilinfabrikation  in  Rummelsburg  bei
Berlin.  !
Heute  finden  wir  eine  wesentlich  veränderte  Situation. ­
  Dem  Zuge  der  Zeit  folgend,  haben  sich,  um
einer  vornehmlidh  dem  Auslande  zugute  kommenden»
weitgehenden  Konkurrenz  vorzubeugen,  Interessengemeinschaften ­
  gebildet,  durch  die  gleichzeitig  eine
erhebliche  Verminderung  der  General-,  Patent-  und  Prozesskosten ­
  erreicht  wurde.  1904  schlossen  sich  die  Werke

*)  Farbwerke  vorm.  Meister  Lucius  u.  Brüning,  1863—1913.
Jubiläumsschrift.  Höchst  a.  M.  1913.
        <pb n="63" />
        63

von  Höchst  und  Mainkur  einerseits  und  kurz  darauf
diejenigen  von  Ludwigshafen,  Elberfeld  und  Berlin  andererseits ­
  zu  engen  Gemeinschaften  zusammen.  Der
ersteren  schloss  sich  später  das  Biebricher  Werk 1  an.
Endlich  wurde  im  folgenden  Jahre  das  Oehlersche  Werk
von  der  1856  gegründeten  Chemischen  Fabrik  Griesheim-Elektron ­
  aufgenommen.
Der  damalige  ausländische  Vorsprung  bereitete  indessen ­
  der  jungen  deutschen  Industrie  grosse  Sorge.
In  einer  strengen  Schule  der  Arbeit  wuchs  sie  auf,  ohne
einheitlichen  deutschen  Patentschutz,  ohne  einen  Weltmarkt ­
  für  deutschen  Gewerbefleiss,  in  harter  gegenseitiger ­
  Konkurrenz  auf  beschränktem  deutschen  Absatzgebiet. ­

Aber  man  lernte  mit  bescheidenen  Gewinnen  rechnen, ­
  rationell  fabrizieren,  rastlos  verbessern  und  sparsam
Zusammenhalten,  während  weittragende  Monopole  und
grosse  Gewinne  das  Ausland  sorglos  machten.  Schon
hatte  Kekule  in  Bonn  (1867)  in  seiner  Benzoltheorie
den  Kompass  gefunden,  dem  sich  die  deutschen  Pioniere
in  dem  neuen  Gebiet  anvertrauen  konnten,  hatten  Th.
Petersen  in  Frankfurt  und  W.  Körner  in  Mailand  das
Wirrsal  der  Benzolderivate  ordnen  helfen,  und  an  die
Stelle  einer  unfruchtbaren  Nachahmungsindustrie  tritt
der  kühne  Flug  eigener  Forschung  auf  sicherer  Tragfläche ­
  wissenschaftlicher  Arbeit.  Da9  Ziel  ist  die  völlige
Verdrängung  der  natürlichen  Farbstoffe  durch  gleiche,
bessere  oder  billigere  Produkte  der  synthetischen
Chemie,  die  Schöpfung  einer  nationalen  Industrie,  die
sich  unter  deutscher  Flagge  den  Weltmarkt  erschliesst,
eingedenk  der  prophetischen,  25  Jahre  früher  ausgesprochenen ­
  Worte  Liebigs:  „Wir  glauben,  dass  morgen
oder  übermorgen  jemand  ein  Verfahren  entdeckt,  aus

Benzoltheorie ­
        <pb n="64" />
        64

Alizarin

Steirikohlenteer  den  herrlichen  Farbstoff  des  Krapps  oder,
das  wohltätige  Chinin  zu  machen."
Der  erste  epochemachende  Schritt  auf  diesem  Wege
war  in  der  Tat  die  Synthese  dieses  „herrlichen  Krappfarbstoffes", ­
  des  Alizarins,  aus  dem  Anthrazen  des  Steinkohlenteers ­
  durch  C.  Gräbe  und  C.  Liebermann  in
Berlin  im  Jahre  1869.  Sie  ging  aus  dem  Laboratorium
und  der  Forschungsrichtung  von  Adolf  von  Baeyer
hervor,  dem  Schüler  Kekules  und  späteren  Nachfolger
Liebigs.
Die  schwierige  Aufgabe,  diese  Erfindung  zur  technischen ­
  Durchführung  zu  bringen,  wurde  von  Heinrich
Caro  in  der  Badischen  Anilin-  und  Sodafabrik  mit  Hilfe
alkalischer  Verschmelzung  der  Anthrachinonsulfosäure
gelöst,  einer  kürz  vorher  von  H.  Wichelhaus  bei  der
Bereitung  von  Naphthol  in  die  Technik  eingeführten.,
für  die  Farbenchemie  äusserst  fruchtbar  gewordenen
Reaktion.*)
Auf  das  erste,  wegen  der  Verwendung  von  Brom
technisch  undurchführbare  Verfahren  hätten  Gräbe  und
Liebermann  am  23.  März  1869  in  Preussen  ein  Patent
erhalten.  Die  Patentierung  des  neuen  brauchbaren
Weges  über  die  Sulfosäure  aber  wurde  von  der  technischen ­
  Deputation  des  preussischen  Handelsministeriums
versagt,**)  weil  diese  Methode  gegenüber  der  ersten
„keinen  Erfindungsgedanken  enthalte".  Durch  diese  Entscheidung ­
  war  das  unbrauchbare  Verfahren  in  Deutschland ­
  geschützt,  das  brauchbare  aber  ungeschützt  und
*)  A.  Wichelhaus.  Organische  Farbstoffe.  Dresden,  1909.  S.  34
und  Derselbe:  Sulfiren,  Alkalischmelze  der  Sulfosäuren,  Esterifizieren.
  Leipzig  1911.  S.  97.
**)  Erinnerungen  an  die  technische  Deputation  für  Gewerbe  im.
Jahrbuch  des  Vereins  deutscher  Ingenieure.  1911,  3,  265.
        <pb n="65" />
        wurde  alsbald  auch  in  anderen  deutschen  Fabriken  aufgenommen.*) ­

Aber  auch  England  war  auf  dem  Plan.  Unabhängig
von  Caro  hatte  Perkin  die  Sulfosäure  dargestellt  und
mit  Alkali  verschmolzen,  und  nur  einem  glücklichen  Zufall ­
  war  es  zu  danken,  dass  den  deutschen  Erfindern
die  Früchte  ihrer  Arbeit  nicht  auch  in  England  verloren
gingen:  das  englische  Patent  von  Caro,  Grabe  und
Liebermann  wurde  in  London  (am  25.  Juni  1869)
gerade  einen  Tag  früher  eingereicht  als  das  von  Perkin.
Die  Deutschen  waren  loyal  genug,  sich  zu  einer  Teilung
Ües  englischen  Marktes  mit  Perkin  bereitfinden  zu
lassen.
Zur  Zeit  der  Aufnahme  des  künstlichen  Alizarins
in  Deutschland  belief  sich  der  jährliche  Weltverbrauch
von  Krappfarbstoff  auf  ca.  50  Millionen  kg  Wurzeln
mit  1—11/2  Prozent  Farbstoffgehalt  oder  1/2—3/4  Millionen
Kilogramm  lOOprozentiger  Ware  mit  einem  Verkäufswert
  von  ca.  45  Millionen  Mark.  Die  neue  Fabrikation

*)  Dies  ist  nicht  der  einzige  Fall,  dass  diese  Behörde  ein
wichtiges  Patent  versagte:  H.  Caro  hatte  1869  bei  der  Einwirkung
von  Leuchtgas  auf  Salpetersäure  die  Bildung  von  Nitrobenzol  beobachtet. ­
  Als  er  bei  einem  Versuche  abberufen  wurde,  fand  er
nach  seiner  Rückkehr,  dass  die  vorgelegte  Salpetersäure  verbraucht ­
  war,  das  gebildete  Nitrobenzol  aber  grosse  Mengen  Benzol
enthielt.  Caro  bemerkte  alsbald,  dass  das  Nitrobenzol  für  das
Benzol  als  Lösungsmittel  gedient  lund  dessen  Extraktion  aus  dem
Leuchtgas  bewirkt  hatte  und  hatte  darauf  mit  Engelhorn  und  den
Brüdern  Clemm  das  englische  Patent  488/69  erhalten;  die  preussische
aus  dem  Steinkohlengas  durch  hochsiedende  Oele  die  Grundlage
für  die  Gewinnung  der  Nebenprodukte  bei  den  Kokereien.  (Bernthsen,
  H.  Caro,  Ber.  d.  d.  ehern.  Ges.  1912,  Sonderabruck  Seite  21.)
Lepsius:  Deutschlands  Chemische  Industrie.
        <pb n="66" />
        66

;  t"

entwickelte  sich  rasch.  Im  Jahre  1873  wurden  bereits
100000  kg  künstliches  Alizarin  produziert.  1877
wurde  die  ehemalige  Höchstmenge  des  Pflanzenproduktes ­
  von  750000  kg  überschritten.  1884  stieg
die  Produktion  auf  1350  000  kg  und  erreichte  zu
Anfang  des  neuen  Jahrhunderts  die  Höhe  von
2  Millionen  k'g,  wovon  vier  Fünftel  auf  Deutschland
entfallen.  Der  Krappbau,  der  1870  in  Frankreich,  dem
Hauptproduktionslande,  dem  Lande  der  roten  Militärhosen, ­
  über  20  000  Hektar  bedeckte,  hatte  bereits  nach
wenigen  Jahren  aufgehört.
War  das  Prinzip  der  Darstellung  dieses  kostbaren
Farbstoffes  einmal  entdeckt,  so  Hess  es  sich  die  Industrie
I  nicht  nehmen,  aus  dem  Anthrazen  zahlreiche  ähnliche
Farbstoffe  darzustellen,  die  ihm  an  Lichtechtheit  und  an
Schönheit  nicht  nachstehen,  zum  Teil  aber  übertreffen.
Die  Zahl  der  heute  auf  dem  Markt  befindlichen  bunten
Anthrazen-  Anthrazenfarben,  die  in  allen  Tönen  vom  Orange
färben  zum  Q e jb }  Purpur,  Blau  und  Braun  bis  zum  tiefsten
Echtschwarz  gehen,  ist  sehr  bedeutend.  Als  besonders
unzerstörbar  am  Licht  mögen  die  Indanthrenfarbstoffe
von  R.  Bohn,  die  in  Echtheit  und  Schönheit  den  Indigo
übertreffen,  und  die  in  allen  Nuancen  auftretenden  Algolund
  Helindonfarben  genannt  werden.  Die  deutsche  Ausfuhr ­
  aller  Anthrazenfarbstoffe  beträgt  gegenwärtig
12  Millionen  kg  (in  Pasten  verschiedener  Konzentration)
im  Werte  von  ca.  20  Millionen  Mark.
Eosinfarben  Wir  schlagen  ein  anderes  Blatt  der  Geschichte  auf
und  befinden  uns  in  der  Mitte  der  siebziger  Jahre.  Wir
erfahren  von  einer  neuen  Gruppe,  den  von  Adolf
von  Baeyer  entdeckten  Eosinfarben,  die  ohne  die  für
die  Alizarinfarben  nötige  Beize  direkt  Wolle  und  Seide
anfärben  und  überraschend  schöne  Färbungen  von  den
        <pb n="67" />
        67

5*

hellsten  Tönen  der  Morgenröte  bis  zum  leuchtenden
Rot  der  Cochenille  und  zum  tiefsten  Scharlach  geben.
Trotz  hoher  Preise  finden  sie  bald  Eingang  in  der
Seidenfärberei  und  beherrschen  die  Mode  der  Damen.
Es  gibt  aber  noch  kein  deutsches  Patentgesetz;  das
Verfahren  wird  geheimgehalten.  Hof  mann  jedoch  löst
das  Geheimnis,  enträtselt  die  Abstammung  des  Eosins
vom  Resorcin,  und  alsbald  werden  die  neuen  Farbstoffe
Allgemeingut.
Aber  schon  glänzt  ein  neuer  Regenbogen  am  Himmel ­
  der  Farbenchemie.  Der  Sohn  eines  Schmiedes  aus
einem  Dörfchen  bei  Kassel  am  Fusse  des  Meissner,
Peter  Griess,  hat  das  Kolbesehe  Laboratorium  in
Marburg  besucht,  kurze  Zeit  in  der  Oehlerschen  Teerdestillation ­
  in  Offenbach  gearbeitet  und  kömmt  1858
als  Assistent  Hofmanns  nach  London.  Durch  Hofmann ­
  lernt  er  1862  den  Direktor  der  Brauerei  Allsopp
&amp;amp;  Sons,  Heinrich  Böttinger,  kennen,  den  Vater  des
langjährigen  Direktors  der  Elberfelder  Farbenfabriken
und  bekannten  Parlamentariers  H.  T.  von  Bö'ttinger.
Als  Betriebschemiker  dieser  grössten  Brauerei  Englands
hat  Peter  Griess  über  ein  Vierteljahrhundert  in
Burton  on  Trent  gewirkt.  Aber  der  Geist  des  Hofmann ­
  sehen  Laboratoriums  verlässt  ihn  nicht,  und  mit
dem  Forschungseifer  des  Gelehrten  widmet  er  jede
Mussestunde  seiner  stillen  wissenschaftlichen  Lebensarbeit. ­

Jedem  Chemiker  ist  die  Diazoreaktion  von  GriessAzofarbstoffe
bekannt;  wie  der  rote  Faden  durch  die  Taue  der  englischen ­
  Marine  zieht  sie  sich  durch  die  Industrie  der
organischen  Farbstoffe.  Als  ihn  Caro  1876  besucht,
zeigt  ihm  Griess  eine  ganze  Sammlung  der  schönsten
Farbstoffpräparate.  Die  Griesssche  Reaktion  hat  zu  der
        <pb n="68" />
        68

grössten,  sich  immer  noch  erweiternden  und  der  ausgedehntesten ­
  Anwendung  fähigen  Farbstoffgruppe,  den
Azofarbstoffen,  geführt.  Die  erste  technische  Nutzbarmachung ­
  der  neuen  Methode,  das  Chrysoidin  von
Otto  N.  Witt,  liegt  noch  vor  dem  deutschen  Patentgesetz ­
  und  teilt  das  Schicksal  des  Eosins,  da  Hofmann
auf  Veranlassung  von  Martius  seine  Herkunft  ergründet
und  in  den  Berichten  der  Chemischen  Gesellschaft  veröffentlicht. ­
  Dem  Einwande  Witts*)  begegnet  er  mit
den  Worten:  „Die  Zeit  der  Arkanisten  ist  vorbei.“**)
Das  erste  deutsche  Azofarbstoffpatent  vom  12.  März  1878
„zur  paarweisen  Verbindung  von  Diazophenolen  mit
Phenolen“  trägt  den  Namen  Peter  Griess.  Nach  dem
A.  Wintherschen  Handbuch  sind  bis  1905  in  Deutschland ­
  1345  Verfahren  dieser  Gruppe  patentiert  worden.
Seitdem  hat  sich  diese  Zahl  auf  nahezu  2000  erhöht.
Nachdem  einmal  die  Methode  gegeben,  war  kein
Halten  mehr;  eine  endlose  Kombinationsarbeit  beginnt,
bei  der  alle  Benzolderivate  durch  Azogruppen  einfach
und  mehrfach  „gepaart“  werden.  In  dem  ersten  Patent
der  Höchster  Farbwerke  vom  24.  April  1878  zeigt
H.  Baum,  dass  auch  die  Naphthalinderivate  neue  Kombinationen ­
  bilden,  und  alsbald  folgt  eine  Flut  von  immer
schöneren  Farbtönen  aller  Nuancen.  Auch  an  schönen
Namen  fehlt  es  nicht.  Da  ist  das  Salmrot  von  C.  L.
Müller  und  das  Echtrot  von  Caro,  das  Orseillerot  von
Schunke,  die  Oxaminfarben  von  Bernthsen  und
Julius  in  der  Badischen  Fabrik,  das  Biebricher  Scharlach
von  Nietzki,  das  Höchster  Ponceau  von  Baum,  die
Berliner  Congofarben  von  Böttiger,  Pfaff  und

*)  Ber.  d.  d.  chem.  Ges.,  1877,  10  350.
**)  Ber.  d.  d.  chem.  Ges.,  1877,  10  388.
        <pb n="69" />
        69

Schultz,  die  Elberfelder  Benzopurpurine  von  Duisberg
und  die  Croceine  von  Frank,  das  Elberfelder  Diamantschwarz, ­
  das  Echtrot  „C“  von  O.  N.  Witt,  endlich  die
Cassellaschen  Diaminfarben  von  Gans,  Weinberg  und
Hoff  mann,  die  vom  Gelb  über  Scharlach,  Rot,  Braun,
Blau  bis  zum  Schwarz  gehen,  und  hundert  andere,  die
bei  der  Billigkeit  des  bis  dahin  fast  wertlosen  Naphthalins ­
  zu  niedrigen  Preisen  auf  den  Markt  kommen  und
von  den  Färbern  begierig  aufgenommen  werden.  Mit
dem  Erscheinen  der  Azofarbstoffe  hat  die  Einfuhr  von
Cochenille  ganz  und  die  Von  Blauholz  und  Farbholzextrakten
  fast  ganz  aufgehört,  statt  dessen  haben  sich
die  neuen  durch  die  Mannigfaltigkeit  der  Töne  wie  durch
leichte  Handhabung  der  Färbemethoden  ausgezeichneten
Stoffe  heute  einen  Weltmarkt  erobert,  der  nach  Millionen
zählt.
Inzwischen  war  den  Entdeckungen  die  theoretische  Konstitution
Erforschung  der  Natur  der  Farbstoffe  Schritt  für  Schritt  de g t( |jjj£ b '
gefolgt,  die  ihrerseits  wiederum  die  Praxis  von  neuem
befruchtete.  Die  Aufklärung  der  Konstitution  der  Hofmann
  sehen  Rosanilinfarbstoffe  durch  Emil  und  Otto
Fischer*),  die  Theorie  der  Farbstoffbildung  von  O.  N.
Witt  und  die  Einführung  der  Fittigschen  Diketonformel
in  die  Konstitution  der  Farbstoffe  durch  Nietzk'i  regen
zu  immer  neuen  und  fruchttragenden  Entdeckungen  und
Erfindungen  an.  In  dem  Masse,  wie  sich  mit  der  Ausdehnung ­
  der  Farbenindustrie  die  Hände  mehrten,  die
an  ihrer  Weiterentwicklung  arbeiten,  wurde  nicht  nur
der  erworbene  Besitz  intensiver  bebaut,  sondern  auch
neue  grosse  Provinzen  des  fruchtbaren  Landes  hinzugewonnen. ­

*)  Ber,  d.  d.  chem.  Oes.,  1876,  9,  891  und  1878,  11,  473,  612
und  1079.
        <pb n="70" />
        70

Indigo

An  der  Schwelle  des  neuen  Jahrhunderts  angelangt,
dürfen  wir  noch  ein  Blatt  dieser  farbenreichen  Geschichte
aufschlagen.  Die  Erfindung  der  synthetischen  Gewinnung
des  Indigos,  des  schönsten  und  haltbarsten  Farbstoffes
des  Altertums,  gehört  deshalb  zu  den  grössten  Triumphen
der  deutschen  Farbenchemie,  weil  sowohl  ihre  wissenschaftliche ­
  Entdeckung  wie  auch  ihre  technische  Durchführung ­
  ein  ungewöhnliches  Mass  von  Intelligenz,  Ausdauer ­
  und  Unternehmungsgeist  erforderten.
20  Jahre  planvoller,  scharfsinniger  Forschungsarbeit
hatte  es  bedurft,  bis  Adolf  von  Baeyer  im  Jahre  1880
den  künstlichen  Aufbau  des  Indigos  aus  dem  Steinköhlenteer ­
  vollendet  hatte;  aber  noch  17  Jahre  hat  es
gedauert,  bis  die  Lösung  des  grössten  wirtschaftlichen
Problems  der  Teerfarbenindustrie,  die  Konkurrenzfähigkeit ­
  des  synthetischen  Indigos  mit  dem  Farbstoff  der
Indigopflanze,  nach  rastlos  zielbewusster  Arbeit  unter
der  genialen  Leitung  Heinrich  von  Bruncks  durch
die  Tatkraft  von  R.  Knietsch  in  der  Badischen  Anilin- ­
  und  Sodafabrik  unter  Benutzung  der  Heumannschen
  Indigosynthese  aus  Phenylglyzin-Carbonsäure  erreicht ­
  wurde.  Nach  vielen  vergeblich  eingeschlagenen
Wegen  bediente  man  sich  wiederum  des  im  Steinkohlenteer ­
  so  reichlich  vorhandenen  billigen  Naphthalins  als
Ausgangsmaterials.  Aber  es  bedurfte  einer  langen  Reihe
komplizierter  Umwandlungen,  um  bis  zum  Endprodukt
zu  gelangen.  Um  das  Naphthalin  in  Anthranilsäure  zu
verwandeln,  musste,  wie  bereits  erwähnt,  das  billigste
Oxydationsmittel,  die  Schwefelsäure,  herangezogen  und
die  Einrichtung  getroffen  werden,  jährlich  120  Millionen
Kubikmeter  gasförmige  schweflige  Säure  mit  Hilfe  des
neuen  Kontaktverfahrens  wieder  in  Schwefelsäure
zurückzuverwandeln.  Zur  Beschaffung  eines  anderen
        <pb n="71" />
        71

Zwischenprodukts,  der  Chloressigsäure,  musste  die
Chlorfabrikation  aufgenommen  werden,  die  nach  dem
Griesheimer  elektrolytischen  Verfahren  eingerichtet
wurde.  Welche  Summen  diese  Anlagen  verschlangen,
ergibt  sich  daraus,  dass  bis  zum  Jahre  1900  in  Ludwigshafen ­
  18  Millionen  Mark  für  die  Indigofabrik  investiert
wurden.
Aber  auch  die  Höchster  Farbwerke  hatten  das
Problem  seit  20  Jahren  bearbeitet,  und  kürze  Zeit  nach
dem 1  Erfolge  der  Badischen  Fabrik  wurden  auch  diese
Bemühungen  von  Erfolg  gekrönt,  indem  man  sich  eine
wichtige  Beobachtung  von  J.  Pfleger  in  der  Deutschen
Gold-  und  Silberscheideanstalt  in  Frankfurt  a.  M.  zunutze ­
  machte,  wonach  eine  schon  lange  bekannte,  vom
Anilin  ausgehende  Indigobildung  nach  C.  Heumann
unter  Anwendung  von  Natriumamid  wesentlich  bessere
Ausbeuten  lieferte  als  mit  dem  bis  dahin  bei  der  Phenylglyzinschmelze ­
  verwendeten  Alkali,  dessen  Wassergehalt
schädlich  wirkte.  Man  erkannte  alsbald,  dass  man  das
wasserzersetzende  metallische  Natrium  mit  gleichem  Erfolge ­
  verwenden  konnte.  Da  sich  ausser  dem  Anilin  auch
die  meisten  übrigen  Zwischenprodukte  im  offenen
Markte  befanden,  bedurfte  es  hier  keines  grossen  Anlagekapitals, ­
  und  schon  im  Jahre  1901  konnte  man  in
Höchst  mit  der  Fabrikation  Von  Indigo  aus  dem  Anilin
beginnen,  das  75  Jahre  zuvor,  wie  bereits  erwähnt,
von  Otto  Unverdorben  durch  Destillation  von  Indigo
zum  erstenmal  dargestellt  worden  war.
Als  der  deutsche  Indigo  1897  auf  den  Markt  kam,
betrug  die  Weltproduktion  von  Pflanzenindigo  6  Millionen ­
  kg,  auf  lOOprozentige  Ware  gerechnet,  im  Werte
von  80  Millionen  Mark.  Schon  1900  war  diese!  Produktion ­
  stark 1  gesunken;  sie  ist  jetzt  auf  ein  Sechstel  zurück-
        <pb n="72" />
        72

gegangen.  In  Englisch-Indien,  das  vier  Fünftel  der  Weltproduktion ­
  lieferte,  bedeckte  die  Anbaufläche  im  Jahre
1896  noch  ly 2  Millionen,  1904  noch  y 2  Million  Acker;
sie  ist  heute  auf  300  000  Acker  gesunken.  Der  Indigo
in  San  Salvador,  Guatemala  und  auf  Java  ist  auf  ein
Achtel  herabgesunken.  Auch  mit  dem  Pflanzenindigo,
in  China  und  trotz  eines  hohen  Zolles  in  Japan  hat  das
synthetische  Produkt  den  Wettbewerb  mit  Erfolg  aufgenommen. ­

Die  Einfuhr  Deutschlands  betrug  vor  1897  bis  zu
20  Millionen  Mark  im  Jahre;  sie  ist  auf  eine  halbe
Million  gesunken.  Andererseits  hob  sich  die  deutsche
Ausfuhr  bis  1900  auf  annähernd  10  Millionen  Mark,
überstieg  1905  25  Millionen  und  beträgt  gegenwärtig
40—45  Millionen  Mark.  Der  Bilanzunterschied  Deutschlands ­
  beträgt  also  auf  der  Gewinnseite  mehr  als  60  Millionen ­
  Mark.  Gleichzeitig  aber  wurden  zugunsten  der
Konsumenten  die  Preise  vorteilhaft  beeinflusst,  da  der
Marktpreis  für  lOOprozentigen  Indigo,  der  1897  noch
über  16  Mark  betrug,  gegenwärtig  auf  weniger  als
7  Mark  herabgegangen  ist.*)

*)

Deuts

c  h  1  a  n  d

Britisch-Ostindien

Indigoeinfuhr  in

Indigoausfuhr 1 )  in

Indigoausfuhr  in

1000  kg

1000  M.

1000  kg

1000  M.

cwt.

Pfd.  St.2)

1896

1973

20  720

581

6  391

187  337

3  569  670

1899

1107

8  309

1364

7  845

135  187

1  980  319

1902

526

3  687

5  284

18  462

89  750

1  234  837

1905

197

1202

11  165

25  721

49  252

556  405

1908

108

882

15  456

38  655

32  490

424  849

1911

70

446

21  618

41  830

16  939

225  000

x )  In  Form  von  meist  20prozentiger  Paste.
2 )  ä  15  Rupien.
        <pb n="73" />
        73

Das  Färben  mit  Indigo  ist  von  alters  her  eine  besondere ­
  Kunst  gewesen.  Man  bringt  nämlich  den  Farbstoff ­
  nicht  direkt  auf  die  Faser,  sondern  stellt  in  der
sogenannten  Indigokupe  mit  Hilfe  von  Reduktionsmitteln ­
  einen  in  Wasser  löslichen  farblosen  Indigo  her,
tränkt  die  Gewebe  mit  der  Lösung,  die  in  jede  Faser
eindringt,  und  lässt  den  blauen,  ganz  unlöslichen  Farbstoff ­
  durch  Oxydation  an  der  Luft  entstehen.  Dieser 1
haftet  daher  nicht  auf,  sondern  in  der  Faser  und  besitzt
grosse  Widerstandsfähigkeit.  Man  hat  deshalb  versucht,
den  Indigo  in  andere  Küpenfarbstoffe  umzuwandeln  und
fand  ebenso  schöne  und  echte  Farben,  röterer  oder
grünerer  Schattierungen,  in  seinen  Chlor-  und  Bromderivaten.*) ­

Bei  diesen  Untersuchungen  ist  die  merkwürdige  Entdeckung ­
  gemacht  worden,  dass  man  in  einem  künstlich
hergestellten  Dibromindigo  den  Purpur  der  Alten  erkannte. ­
  Dieser  von  den  Phöniziern  aus  der  Purpurschnecke ­
  des  Mittelmeers  gewonnene  kostbare  Farbstoff ­
  war  im  Laufe  der  Zeit  vergessen  worden.  Man
kannte  nicht  einmal  seine  wirkliche  Farbe,  bis  Pa;ul
Friedländer  in  Darmstadt  im  Jahre  1909  den  antiken
Purpur  zum  Gegenstände  einer  interessanten  Untersuchung ­
  machte.  Aus  12  000  Schnecken  der  Art  Murex
brandaris,  die  am  besten  mit  der  von  Plinius  beschriebenen ­
  Purpurea  übereinstimmt,  wurden  die  Farbdrüsen
herauspräpariert,  durch  kurzes  Belichten  an  der  Sonne
der  Farbstoff  entwickelt,  durch  Lösungsmittel  extrahiert
und  aus  Chinolin  umkrystallisiert.  So  gewann  er  andert-*)
  Bis  zum  Jahre  1907  wurden  in  Deutschland  316  mit  dem
Indigo  im  Zusammenhang  stehende  Patente  genommen.  Die  ersten
Patente  Baeyers,  No.  11857  und  11858  zur  Darstellung  von  Indigo
aus  Orthonitrozimtsäure  wurden  im  März  1880  eingereicht.

Antiker
Purpur
        <pb n="74" />
        74

Indigorot

Schwefelfarbstoffe ­


halb  Gramm  des  natürlichen  Farbstoffs,  der  mit  dem
künstlichen  Dibromiridigo  identisch  ist.  Diese  geringe
Ausbeute  erklärt  die  Kostbarkeit  des  Farbstoffs,  mit
dem  im  Altertum  nur  die  königlichen  Gewänder  gefärbt
werden  durften,  und  dessen  damaligen  Preis  Friedländer ­
  auf  40—50  000  Mark  pro  kg  schätzt.  Die  Farbe
entspricht  nicht  unserem  heutigen  Begriff  des  Purpurs,
sondern  zeigt  ein  rötliches  Violett.
Schon  vor  dieser  schönen  Untersuchung  hatte  derselbe ­
  Forscher  versucht,  andere  Elemente  in  das  Indigomolekül ­
  einzuführen.  Als  er  den  Stickstoff  durch  Schwefel
ersetzte,  erhielt  er  einen  Thioindigo,  von  karmoisinroter
  Farbe,  der  zu  einer  neuen  Gruppe  zahlreicher
indigoider  Farbstoffe  verschiedener  Töne  geführt  hat,
die  an  Echtheit  und  Widerstandskraft  gegen  Witterungseinflüsse ­
  dem  Indigo  nicht  nachstehen  und  deshalb  ebenso
wie  der  künstliche  Indigo  selbst  zum  Färben  von  Militärund
  Marihetudh  verwendet  werden;  insbesondere  auch
für  die  neuen  feldgrauen  und  khakifarbenen  Stoffe.
Endlich  hat  die  Einführung  des  Schwefels  auch  bei
anderen  Farbenklassen  zu  sehr  echten  Farbstoffen  geführt. ­
  Diese  Schwefelfarbstoffe,  die  sich  zugleich
durch  ihre  Billigkeit  auszeichnen,  geben  gelbe,  orange,
grüne,  blaue,  braune  und  schwarze  Töne  und  werden
seit  etwa  zehn  Jahren  in  grossen  Mengen  zum  Färben
von  Wolle  und  Baumwolle  verwandt.  In  dieser  Zeit
ist  die  Zahl  der  patentierten  Verfahren  auf  630  angewachsen. ­

Aber  wir  müssen  es  uns  versagen,  noch  weiter  in
die  Geheimnisse  der  Farbchemie  einzudringen,  zumal
dieser,  wenn  auch  flüchtige  Einblick  in  ihre  Geschichte
die  Bedeutung  für  unsere  Volkswirtschaft  und  für  die
Befreiung  Von  ausländischen  Tributen  zur  Genüge  dartut.
        <pb n="75" />
        Während  Deutschland  in  den  sechziger  Jahren  des  Produktionsvorigen ­
  Jahrhunderts  etwa  50  Millionen  Mark  für  aus-  deutschen
ländische  Farbstoffe  zahlte,  hat  die  deutsche  Ausfuhr  Farbenan
  Teerfarbstoffen  gegenwärtig  die  Höhe  von  200  Mil-  Industrie
lionen  Mark  erreicht.*)  Da  dieser  Export  etwa  drei  Viertel
bis  Vier  Fünftel  der  Oesamtproduktion  beträgt,  so  darf
diese  zurzeit  auf  annähernd  250  Millionen  Mark  jährlich
geschätzt  werden.  Hierbei  ist  die  für  den  Konsumenten
wichtige  Tatsache  zu  berücksichtigen,  dass  der  Durchschnittskilopreis ­
  der  synthetischen  Farbstoffe  in  den
letzten  15  Jahren  von  4  Mark  auf  etwa  2  Mark  zurückgegangen ­
  ist.  Die  beiden  vorher  erwähnten  Konzerne
der  deutschen  Teerfarbenfabriken  verfügen  gegenwärtig
zusammen  über  ein  Aktienkapital  von  162,5  Millionen
Mark  und  gäben  im  Jahre  1911  eine  Dividende  von
42,93  Millionen  Mark  oder  durchschnittlich  25,8  Prozent.
So  sehr  wir  nun  diese  Erfolge  der  Teerfarbenindu-  Heilmittel
strie  und  insbesondere  ihre  wissenschaftlichen  Leistungen
bewundern,  so  ist  doch  nicht  zu  verkennen,  dass,  abgesehen ­
  von  ihrer  ästhetischen  Seite,  der  farbenfreudigen
Verschönerung  des  menschlichen  Daseins,  ihr  Nutzen
für  die  Volkswohlfahrt  vorwiegend  auf  wirtschaftlichem
Gebiete  liegt.  Aber  ihre  scharfsinnigen  Verfahren  und
ihre  technischen  Hilfsmittel  sind  bald  auf  andere  Gebiete

*)  Nach  Position  319,  320  und  321  des  Zolltarifs  wurden
1912  ausgeführt:
Alizarin  (in  Pastenform)  11  589  Tonnen  für  23,64  Millionen  Mark
Indigo  „  „  24  827  „  „  45,21  „  „
Andere  Teerfarben  59  696  „  „  133,76  „  „
zusammen  96111  Tonnen  für  202,61  Millionen  Mark
Chem.  Ind.  1913,  36,  69.
        <pb n="76" />
        76

übertragen  worden,  die  in  den  letzten  Dezennien  in  noch
höherem  Sinne  für  die  Volkswohlfahrt  von  eminent
kultureller  Bedeutung  geworden  sind.  Im  Besitze  der
synthetischen  Methoden  der  organischen  Chemie,  dehnten
die  Forscher  ihre  Studien  auf  andere  Klassen  von  Kohlenstoffverbindungen ­
  aus,  die  zu  dem  menschlichen  Leben
in  irgendeiner  Beziehung  stehen.
In  erster  Linie  steht  hier  die  Bedeutung  der  chemischen ­
  Synthese  für  die  Bekämpfung  der  Krankheiten  und
Seuchen.  Der  Beginn  einer  zielbewussten  Forschung  in
dieser  Richtung  liegt  25  Jahre  zurück.  Bis  dahin  hatte
man  sich  von  gelegentlichen  Beobachtungen  und  Vermutungen ­
  leiten  lassen,  bei  denen  der  Zufall  oft  eine
wesentliche  Rolle  spielte.  Schon  bei  der  Einführung
eines  der  wichtigsten  Arzneimittel  war  dies  der  Fall.
Als  die  Scheringsche  Fabrik  im  Jahre  1869  auf  Veranlassung ­
  von  O.  Liebreich  das  1832  von  Liebig  entdeckte ­
  Chloralhydrat  als  Schlafmittel  in  die  Medizin  einführte, ­
  glaubte  dieser,  es  würde  sich  im  Blut  allmählich  in
Chloroform  umsetzen,  dessen  narkotische  Wirkung  schon
1831  bei  seiner  ebenfalls  durch  Liebig  erfolgten  Entdeckung ­
  erkannt  worden  war.  Es  zeigte  sich,  dass  zwar
der  gewünschte  Erfolg,  nicht  aber  die  Voraussetzung
zutraf;  dass  diese  Umwandlung  zwar  im  Reagenzglase
mit  starkem  Alkali,  aber  nicht  im  schwach  alkalischen
Blute  vor  sich  geht.
Noch  seltsamer  war  die  Entdeckung  des  ersten  erfolgreichen ­
  synthetischen  Fiebermittels,  des  Azetanilids,
im  Jahre  1887,  die  auf  einer  ganz  zufälligen  Verwechslung ­
  mit  dem  ähnlich  aussehenden  Naphthalin  in  der
Ko  p  p  sehen  Apotheke  in  Strassburg  beruht.  Bei  therapeutischen ­
  Versuchen  zeigte  das  vermeintliche  Naphthalin
        <pb n="77" />
        77

eine  stark  antifebrile  Wirkung,  und  als  man  den  Irrtum
bemeri-cte,  war  noch  gerade  genug  von  dem  willkommenen ­
  Mittel  vorhanden,  dass  man  es  mit  dem  schon
lange  bekannten  Azetanilid  identifizieren  konnte,  das
nun  als  Antifebrin  eine  rasche  Verbreitung  fand.  Aehnlich
war  es  um  dieselbe  Zeit  mit  der  Entdeckung  des  Antipyrins
  durch  L.  Knorr  in  Jena,  das  auf  Grund  seiner
vermeintlichen  Beziehungen  zum  Chinin  als  Antipyreticum
  erkannt  wurde,  obwohl  Knorr  selbst  später  nachwies, ­
  dass  es  in  seiner  Konstitution  mit  dem  Chinin
nichts  zutun  habe,  sondern  zu  einer  ganz  andern  Gruppe,
den  Pyrazolonderivaten,  gehörte.
Die  neuen  Fiebermittel  konnten  jedoch  ihre  eminente
Bedeutung  bald  bei  der  Bekämpfung  einer  grossen
Influenzaepidemie  beweisen,  die  nach  30jähriger  Pause
die  Kulturwelt  mit  ungeheurer  Heftigkeit  überfallen
hatte;  sie  zeigten  aber  zugleich  den  Pharmakologen  die
merkwürdige  Tatsache  an,  dass  im  Gegensatz  zu  den
früheren  Anschauungen  Heilmittel  von  unter  sich  ähnlicher ­
  Wirkung  in  sehr  verschiedenen  Gruppen  der  organischen ­
  Chemie  angetroffen  wurden.
Die  Folge  davon  war  ein  Durchprobieren  aller  möglichen ­
  chemischen  Verbindungen  am  Tier-und  Menschenkörper, ­
  wobei  sich  aber  gewisse  Gesetzmässigkeiten  ergaben, ­
  die  doch  einen  Einfluss  bestimmter  Atomgruppierungen ­
  auf  bestimmte  Wirkungen  erkennen  Hessen,  wie
man  dies  bei  den  Farbstoffen  schon  lange  gewohnt  war.
Wie  die  hypnotische  Wirkung  bei  den  gechlorten
Methanen  mit  der  Anzahl  der  Chloratome  bis  zum
Chloroform  anstieg,  so  bemerkte  man  eine  ähnliche
Steigerung  gelegentlich  der  Einführung  des  Sulfonals
in  den  Arzneischatz.  Die  hypnotische  Wirkung  dieses
        <pb n="78" />
        78

Mittels  war  auch  ganz  zufällig  beobachtet  worden.
Bei  physiologischen  Stoffwechselversuchen  mit  schwefelhaltigen ­
  Stoffen  bediente  man  sich  im  Baumannschen
Laboratorium  zu  Freiburg  i.  B.  dieser  dort  gerade
dargestellten  Verbindung,  war  aber  erstaunt,  dass  das
Versuchstier,  ein  Hund,  nach  Verabreichung  des  Sulfonals
  in  einen  dauerhaften  Schlummer  versetzt  wurde.
Es  lag  nahe,  diese  überraschende  Wirkung  durch  die
Anwesenheit  zweier  Aethylgruppen  zu  deuten,  wie  eine
solche  auch  im  gewöhnlichen  Alkohol  vorhanden  ist.
Die  Ansicht  bestätigte  sich,  als  man  durch  die  Einführung
einer  dritten  und  vierten  Aethylgruppe  aus  dem  Sulfonal
einTrional  und  einTetronal  herstellte,  deren  hypnotische
Wirkung  mit  der  Zahl  dieser  Gruppen  in  der  Tat
anstieg.
Es  begannen  nun  vergleichende  klinische  Versuche,
in  denen  man  die  Wirkung  der  verschiedensten  Atomgruppierungen ­
  studierte,  die  in  manchen  Fällen  wichtige
Beziehungen  zwischen  chemischer  Konstitution  und  physiologischer ­
  Wirkung  zu  erkennen  gaben.  Wenn  wir
uns  auch  heute  noch  mit  der  Auffindung  solcher  Beziehungen ­
  am  Anfänge  eines  langen  und  schwierigen
Weges  befinden,  so  wird  sie  doch  dadurch  erleichtert,
dass  sich  inzwischen  ein  umfangreiches  Versuchsmaterial
angesammelt  hat.  Finden  sich  doch  in  den  Zusammenstellungen ­
  Von  J.  D.  Riedel  bis  zum  Jahre  1912  über
5000  chemische  Präparate  verzeichnet,  die  alle  eine  Heilwirkung ­
  haben  sollen  und  der  leidenden  Menschheit
angeboten  wurden.  Es  versteht  sich  von  selbst,  dass
ein  erheblicher  Teil  derselben  ein  Eintagsleben  führte
und  mit  dem  Empfange  eines  mehr  oder  weniger
schönen  Namens  seine  ephemere  Rolle  ausgespielt  hatte.
Aber  bei  manchen  dieser  Mittel  zeigte  sich,  dass  man
        <pb n="79" />
        79

auf  richtigem  Wege  war,  dass  sich  die  Voraussetzungen
bestätigten,  aus  denen  sie  hervorgegangen  waren,  und  aus
der  Menge  !der  Präparate  hoben  sich  manche  heraus,
die  sich  in  jahrelanger  Prüfung  bewährt  und  als  heilsame
Präparate  in  den  Arzneischatz  aufgenommen  werden
konnten.  Aus  dem  Gewirr  der  Tatsachen  ergaben  sich
Richtlinien,  die  zu  neuen  Versuchen  anregten  und  neue
heilbringende  Wege  eröffneten.
So  fanden  neben  dem  Knorrschen  Antipyrin,  das  Antipyretica
von  den  Höchster  Farbwerken  eingeführt  wurde  und
unter  den  synthetischen  Heilmitteln  wohl  den  grössten
materiellen  Erfolg  gehabt  hat,  das  Tolupyrin  und  das
Salipyrin  Aufnahme,  ferner  das  mandelsaure  Antipyrin
oder  Tussol  als  Mittel  gegen  Keuchhusten,  das  Valerylaminoderivat
  als  Neopyrin,  und  endlich  das  allmählich,
aber  länger  andauernd  wirkende  und  dreimal  so  kräftige
Pyramidon,  das  Amin  des  Antipyrins.  Neben  dem  Azetanilid
  erschien  sein  Aethoxyderivat,  das  Phenazetin,  das
als  billigstes  Antipyreticum  eine  grosse  Bedeutung  gewann, ­
  ferner  das  stärker  beruhigende  und  leicht  hypnotisch ­
  wirkende  Laktophenin  und  das  zugleich  antiseptisch
wirkende  Aminophenazetin  oder  Phenokoll.  Aber  alle
diese  synthetischen  Antipyretica  haben  doch  das  alte
Malariamittel,  das  Chinin,  nicht  erreicht,  das  trotz  des
bitteren  Geschmacks  und  des  hohen  Preises  seine  souveräne ­
  Stellung  nicht  verloren  hat.
Das  Studium  der  Pflanzenalkaloide,  Strychnin,  Atro-  Anästhetica
pin,  Brucin,  Cocain,  Codein,  Coniin  usw.,  von  denen
die  meisten  synthetisch  aufgebaut  worden  sind,  hat
manche  wichtigen  Aufschlüsse  über  den  Zusammenhang
zwischen  Konstitution  und  physiologischer  Wirkung  gegeben, ­
  die  zur  Auffindung  neuer  Heilmittel  angeregt
haben.  Als  Beispiel  mag  das  Cocain  gelten,  das  von
        <pb n="80" />
        80

Hypnotica

Diuretica

j  s

den  Indianern,  die  beim  Lastentragen  in  den  Bergen
Südamerikas  beständig  Cocablätter  kauen,  benutzt  wird,
um  grosse  Strapazen  und  Arbeitsleistungen  zu  bewältigen, ­
  ohne  ein  Ermüdungsgefühl  zu  empfinden.
Durch  die  bahnbrechende  Entdeckung  Kollers  im  Jahre
1884  wurde  die  Anwendung  des  Cocains  in  der  Medizin
zum  Zwecke  der  Lokalanästhesie  eröffnet.  Das  Studium
dieses  für  die  Chirurgie  unentbehrlichen  Stoffes  führte
zu  der  Vermutung,  dass  die  anästhesierende  Wirkung
auf  einzelne  Atomgruppierungen  des  komplizierten  Moleküls ­
  zurückzuführen  sei,  die  dadurch  bestätigt  wurde,
dass  man  auf  Grund  solcher  Ueberlegungen  in  dem
Eucain,  dem  Stovain,  dem  Alypin  und  dem  Neocain
Ersatzmittel  von  weit  einfacherer  Zusammensetzung,
aber  besserer  Wirkung  und  geringerer  Giftigkeit  auffand. ­

Dem  Chloralhydrat  folgten  eine  grosse  Anzahl  synthetischer ­
  Halogenderivate,  wie  die  halogenisierte  Fettsäure, ­
  das  Sabromin,  Von  E.  Fischer  und  von  Mehring, ­
  die  den  Aerzten  neue  Schlaf-  und  Nervenheilmittel
  in  die  Hand  gaben;  die  schon  genannten  Sulfonalpräparate
  wurden  übertroffen  durch  das  Veronal,*)  mit
dem  dieselben  Forscher  die  Barbitursäureabkömmlinge
in  den  Arzneischatz  einführten.  Von  Emil  Fischer  wurden ­
  endlich  die  Alkaloide  der  Puringruppe  aufgebaut,
das  Theobromin  des  Kakaos,  das  Coffein  des  Kaffees
und  das  Theophyllin  des  Thees,  und  viele  ihrer  Derivate, ­
  die  sich  als  wertvolle  Diuretica  namentlich  im
Kampfe  gegen  die  Leiden  der  Wassersucht  bewährt
haben.

*)  Statt  des  unlöslichen  Veronals  ist  neuerdings  das  lösliche
Veronalnatrium  oder  Medina!  vorgeschlagen  worden.
        <pb n="81" />
        Der  durch  ihre  antineuralgischen  Wirkungen  ausgezeichneten, ­
  schon  1860  von  Kolbe  als  eines  der  ersten
synthetischen  Heilmittel  gewonnenen  Salizylsäure  folgten
zahlreiche  Derivate,  unter  denen  zurzeit  ihre  Azetyl-Verbindung,
  das  Aspirin  der  Elberfelder  Farbenfabriken, ­
  eine  bedeutende  Rolle  spielt.
Unter  den  neuen  Gichtmitteln  sind  es  vornehmlich
die  stickstoffhaltigen  Ringkörper,  das  schon  1890  von
A.  W.  Hofmann  entdeckte  Diäthylendiamin  oder
Piperazin,  das  vom  Chinin  abstammende  Chinolin  und 1
seine  Derivate,  die  wegen  ihrer  harnsäurelösenden  Kraft
zahlreiche  wirksame  Heilmittel  gebracht  haben,  von
denen  das  Lysidin,  das  Urotropin  genannt  werden  mögen
und  vor  allem  das  von  der  Scheringschen  Fabrik  eingeführte ­
  Atophan,  ein  Derivat  der  Cinchoninsäure,  das
durch  seine  starke,  Harnsäure  ausscheidende  Wirkung
bei  Gicht  und  Gelenkrheumatismus  mit  grossem  Erfolge
Verwendet  wird.
Auch  auf  die  Gewinnung  wirksamer  Stoffe  animalischen ­
  Ursprungs  hat  sich  die  synthetische  Forschung,
in  der  sog.  Organotherapie  ausgedehnt.  Dem  wirksamen
Ferment  der  Schilddrüse,  dem  jodhaltigen  Thyreoidin,
folgte  die  den  Blutdruck  steigernde,  die  Gefässe  verengende ­
  wirksame  Substanz  der  Nebenniere,  das  Adrenalin,*) ­
  das  von  F.  Stolz  synthetisch  aufgebaut  und
von  den  Höchster  Farbwerken  als  Suprarenin  in  den
Arzneischatz  als  das  beste  blutstillende  und  adstringie-*)

  Zur  Herstellung  von  einem  Kilogramm  Adrenalin  sind  die
Nebennieren  von  40  000  Ochsen  erforderlich;  dieses  und  andere
Drüsenpräparate  werden  gegenwärtig  in  den  grossen  amerikanischen ­
  Schlachthäusern  hergestellt.  (C.  Duisberg.  Fortschritte
und  Probleme  der  chemischen  Industrie.  Ztschr.  ang.  Chemie  1913,
26,  1.)
Lepsius:  !  Deutschlands  Chemische  Industrie.  6

Antineuralgika


Organotherapie ­
        <pb n="82" />
        reride  Mittel  eingeführt  wurde.  Das  phosphorhaltige
Lezithin  und  das  Myelin,  als  wichtige  Stoffe  der  Gehirnsubstanz, ­
  der  die  Blutgerinnung  aufhebende  Bestandteil
des  Blutegels,  zahlreiche  Verdauungsfermente  und  Pankreaspräparate ­
  wurden  der  Heilkunde  zur  Verfügung
gestellt.  Endlich  gewann  man  durch  künstliche  Verdauung ­
  von  Fleisch  zahlreiche  hauptsächlich  aus  Aminosäuren ­
  bestehende  Präparate,  wie  das  Erepton  von
Abderhalden,  die  als  Nährmittel  dienen  in  Fällen,  wo
die  Verdauungstätigkeit  versagt.
Bakteriologie  Neue  Bahnen  aber  mussten  eingeschlagen  werden,
als  es  galt,  die  furchtbarsten  Feinde  der  Menschheit,  zu
treffen,  die  unsichtbaren  pathogenen  Mikroorganismen,
die  Erreger  von  Tuberkulose,  Cholera  und  anderen  ansteckenden ­
  Seuchen.  Hier  war  es  wieder  die  Farbenchemie, ­
  die  dem  Forscher  als  Scheinwerfer  diente  bei
dem  Eindringen  in  völlig  dunkle  Gebiete.*)  Die  schon
lange  als  Ursache  der  Epidemien  vermuteten  kleinsten
Lebewesen  konnten  so  lange  nicht  erkannt  und  ihre
Lebensbedingungen  nicht  erforscht  werden,  als  sie  sich
in  ihrer  Farblosigkeit  von  dem  Gemisch  physiologischer
Stoffe  unter  dem 1  Mikroskop  nicht  abhoben.  Da  zeigte
Karl  Weigert  in  Leipzig  1871,  dass  viele  Mikroorganismen ­
  sichtbar  werden,  wenn  man  die  Präparate
mit  bestimmten  Farbstofflösungen  anfärbt  und  mit  Alkohol ­
  auswäscht.  Es  fand  sich,  dass  die  Bakterien,  wie
die  Seidenfäden,  den  Farbstoff  festhaLten  und  intensiv  gefärbt ­
  auf  hellem  Grunde  hervortreten.  In  der  Hand  von
Robert  Koch  führte  diese  Methode  bekanntlich  zur
Entdeckung,  Züchtung  und  Erforschung  des  Erregers
der  Tuberkulose.  Bald  folgten  die  Erreger  von  Milz-*)

  A.  Binz.  Die  Mission  der  Teerfarben-Industrie.  Berlin  1912.
        <pb n="83" />
        83

brand,  Cholera,  Ruhr,  Pest,  Genickstarre,  Tetanus,  Influenza, ­
  Malaria,  Diphtherie  und  endlich  die,  wie  der
Name  sagt,  schwer  erkennbare  Spirochaeta  pallida,  die
blasse  Spirochaete,  der  Erreger  der  Syphilis,  der  erst
1905  von  Schaudinn  durch  ein  besonderes  Färbeverfahren ­
  entdeckt  werden  konnte.  Die  chemische  Industrie
hat  aber  nicht  nur  in  dem  Kampfe  gegen  die  Seuchen
diesen  unmittelbaren  und  wesentlichen  Anteil  genommen,
sie  hat  sich  auch  entschlossen,  selbst  die  Waffen  zu
schmieden,  um  diesen  Kampf  durchzuführen.  Eine  neue
Industrie  wurde  geschaffen,  um  der  im  eminentesten
Sinne  der  Volkswohlfahrt  dienenden  Serumtherapie  und
Chemotherapie  einen  sicheren  fabrikatorischen  Boden
zu  schaffen.
So  entstand  in  den  Höchster  Farbwerken  unter
der  Leitung  von  Kochs  Mitarbeiter  Libbertz  ein  neuartiger ­
  Betrieb,  dem  als  Rohmaterial  Diphtheriebazillen
und  dem  bakteriologische  Verfahren  zur  Fabrikation
eines  Antitoxins  dienen,  das  nicht  in  chemischen  Retorten, ­
  sondern  im  Körper  des  Pferdes  erzeugt  wird.
Die  Betriebe  bestehen  daher  aus  Pferdeställen  und
bakteriologischen  und  chemischen  Laboratorien.  Das
1892  von  v.  Behring  entdeckte  Heilserum,  dessen
sichere  Wirkung  allgemein  anerkannt  ist,  hat  auf  diesem
Gebiete  den  grössten  Erfolg  gehabt.  Dem  Diphtherieserum ­
  folgte  das  Tetanusantitoxin  und  eine  ganze  Reihe
anderer  Stoffwechselpräparate  zur  Bekämpfung  von
Menschen-  und  Tierkrankheiten.  In  Höchst  werden
gegenwärtig  36  verschiedene  Produkte  bakteriologischer
Art  hergestellt.’)

*)  Farbwerke  vorm.  Meister  Lucius  &amp;amp;  Brüning,  Jubiläumsschrift, ­
  Höchst  a.  M.  1913.

Serumtherapie ­


6*
        <pb n="84" />
        Chemo-  Aber  auch  hiermit  waren  die  Mittel  zur  Bekämpfung
therapie  dieser  unsichtbaren  Feinde  noch  nicht  erschöpft.  Während ­
  bei  dem  Behringschen  Heilserum  das  von  tierischen ­
  Organismen  gebildete  Antitoxin  als  Gegengift
gegen  das  durch  die  Infektion  erzeugte  Toxin  die
wesentliche  Rolle  spielt,  ist  es  die  Aufgabe  der  von
Paul  Ehrlich  in  Frankfurt  a.  M.  inaugurierten  Chemotherapie, ­
  durch  spezifisch  wirkende  chemische  Mittel
die  Krankheitserreger  direkt  zu  treffen.
In  mühevoller  Arbeit,  in  der  Ehrlich  Hunderte  von
Präparaten  einer  systematischen  physiologischen  Prüfung ­
  unterwarf,  fand  er  in  dem  Diaminodioxyarsenobenzol
  oder  Salvarsan  das  zur  erfolgreichen  Bekämpfung
der  Syphilis  geeignete  Mittel.  Auch  bei  anderen  Infektionskrankheiten, ­
  bei  Spirillose,  Framboesie,  Typhus  recurrens, ­
  Malaria,  Scharlach,  und  bei  einigen  Tierkrankheiten ­
  scheint  sich  das  neue  Mittel  zu  bewähren.  Aber
wir  befinden  uns  hier  erst  am  Anfänge  einer  neuen  Zeit,
und  noch  viele  heimtückische  Krankheiten,  unter  denen
die  Tuberkulose  an  erster  Stelle  steht,  harren  der  Vernichtung ­
  ihrer  unsichtbaren  Erreger.
Künstliche  Es  gibt  indessen  noch  andere  Gebiete,  auf  denen
Riechstoffe  dj e  synthetische  Chemie  dem  Menschen  Wohltaten  erwiesen ­
  hat.  Für  die  Synthese  der  Riechstoffe  sind  die
Untersuchungen  von  F.  Tiemann  im  Hofmannschen
Laboratorium  grundlegend  gewesen.  1874  war  es  ihm
gelungen,  das  wirksame  Prinzip  der  Vanille  aus  dem
Cambialsafte  der  Coniferen  zu  isolieren  und  bald  darauf
das  Vanillin  aus  einem  Bestandteil  des  Steinkohlenteers
darzustellen.  Im  Heliotropin  fand  er  den  kostbaren  Duft
des  Heliotrops,  im  Cumarin  den  Duft  des  Maikrautes,
und  im  Ionon  und  Iron  die  herrlichen  Düfte  der  Veilchengruppe. ­
  Man  fand  im  Zimmtaldehyd  das  künstliche
        <pb n="85" />
        85

Kassiaöl,  im  Napholäther  das  Neroliöl  und  im  Anthranilsäureester ­
  den  Duft  der  Orangenblüten.  1890  wurde
durch  Bauer  ein  Ersatz  für  den  Moschus:  aufgefunden,
der  zwar  denselben  durchdringenden  Geruch  besitzt,
aber  mit  dem  echten  Moschus  des:  Bisamtiers  nicht
identisch  ist.  Allein  mit  der  Auffindung  einzelner  Synthesen ­
  war  das  Problem  noch  nicht  erschöpft.  Viele
Pflanzendüfte  verdanken  ihre  Schönheit  einer  bestimmten ­
  Mischung  einzelner  Riechstoffe.  So  hat  man:
beispielsweise  im  Zitronenöl  15  Stoffe,  wie  Limonen,
Pinen,  Phellandren,  Camphen,  Citral,  Citronellal,  Oktylaldehyd,
  Nonylaldehyd,  Geraniol,  Linalool,  Terpinol
u.  a.,  bestimmt  erkannt  und  auch  die  schwierige  Aufgabe ­
  gelöst;  aus  dem  Rosenöl  18  verschiedene  Individuen
zu  isolieren  und  aus  diesen  auf  andere  Weise  gewonnenen ­
  Stoffen  wiederum  künstliches  Rosenöl  auf  synthetischem ­
  Wege  herzustellen.*)  Es  gelang,  in  Riechfläschchen ­
  von  100  g  Inhalt  den  Duft  von  500  kg  Rosen
oder  von  1000  kg  Veilchenblüten  oder  von  3  Millionen
Stück  Maiblumen  einzufangen.  1  kg  Vanillin  kostete
früher  1000  Mark,  das  Cumarin  500  Mark  und  das  Heliotropin ­
  3000  Mark.  Sie  werden  jetzt  für  30,  25  und
10  Mark  das  kg  verkauft.  Gleichwohl  schätzt  A.  Hesse**)
den  heutigen  Produktionswert  der  deutschen  Industrie
der  ätherischen  Oele  und  künstlichen  Riechstoffe  auf
40—50  Millionen  Mark.***)
*)  In  ähnlicher  Weise  hat  man  durch  künstliche  Gemische
das  Jasminöl,  das  Flieder-,  Akazien-,  Maiglöckchen-,  Resedaöl  usw.
in  sehr  vollkommener  Weise  nachgeahmt.
**)  A.  Hesse.  Bilder  aus  der  Riechstoff-Industrie,  Ztschr.  ang.
Chemie  1912.  25,  337.
***)  Die  Ausfuhr  von  künstlichen  Riechstoffen  betrug  1908
280  000  kg,  1912  574  800  kg.  Chem.  Ind.  1913.  Protokoll  der
Hauptversammlung,  S.  67.
        <pb n="86" />
        86

Die  künstliche  Darstellung  vieler  Riechstoffe  ist
namentlich  durch  die  klassischen  wissenschaftlichen  Arbeiten ­
  von  O.  Wallach  in  Göttingen  über  die  Bestandteile ­
  des  Terpentinöls  gefördert  worden.  In  diese
Künstlicher  Gruppe  der  Terpene  gehört  auch  der  Kampfer,  der
Kampfer  e j n  Hauptexportartikel  der  Japaner  geworden  ist,  die
auf  Formosa  grosse  Pflanzungen  von  Kampferbäumen
angelegt  haben  und  damit  ein  Weltmonopol  zu  erreichen
gedachten.  Er  wird  in  erheblichen  Mengen  in  der
Zelluloidindustrie  namentlich  zur  Filmfabrikation  verwendet.*) ­
  Im  Jahre  1902  gelang  es  der  Scheringschen
Fabrik  in  Berlin,  den  Kampfer  aus  Terpentinöl  darzustellen ­
  und  damit  das  japanische  Monopol  zu  durchbrechen, ­
  wenn  auch  an  der  15—20  Millionen  Mark  betragenden ­
  Weltproduktion  der  natürliche  Kampfer  immer ­
  noch  in  erheblichem  Masse  beteiligt  ist.
Präparaten-  Die  synthetischen  Heilmittel  und  Riechstoffe  führen
Industrie  uns  zu  d er  umfangreichen  Industrie  der  chemischen ­
  Präparate.  Diese  wichtige  Industrie  hat  in  den
letzten  25  Jahren  eine  enorme  Ausdehnung  erfahren
und  zu  einem  sehr  bedeutenden  Umsatz  und  einem  über
alle  Länder  der  Erde  ausgebreiteten  Exporthandel  geführt. ­
  Es  ist  jedoch  nicht  möglich,  im  Rahmen  dieser
Schrift  auf  die  vielen  Hunderte  chemischer  Präparate
näher  einzugehen,  die  für  die  Medizin,  die  Pharmazie, ­
  die  Hygiene,  für  die  Lebensmittel-  und  Gärungsgewerbe, ­
  für  die  Textil-  und  Lederindustrie,  die  Par-*)
  Das  Zelluloid  ist  eine  Lösung  von  Nitrozellulose  in  Kampfer,
die  bei  gewöhnlicher  Temperatur  hornartig  fest,  bei  erhöhter
Temperatur  plastisch  formbar  ist.  Im  Jahre  1906  betrug  der
Umsatz  der  Zelluloidindustrie  in  Deutschland  80  Millionen  Mark.
(Q.  Bonvitt,  Chem.  Ztg.,  1913,  1172.)
        <pb n="87" />
        87

fümerie  und  Seifenfabrikation,  für  die  Photographie,  die
Feuerwerkerei,  die  Beleuchtungsindustrie,  die  Keramik
und  viele  andere  Künste  und  Gewerbe  täglich  in  grossen
und  kleinen  Mengen  gebraucht  werden.
Bis  zur  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  wurden
diese  Präparate  beinahe  ausschliesslich  in  den  Apotheken
hergestellt,  deren  Laboratorien  damals  fast  die  alleinige
Pflanzstätte  der  Chemie  bildeten.  Heute  werden  sie  teils
von  der  Grossindustrie,  teils  von  grösseren  oder
kleineren  Spezialfabriken  erzeugt,  von  denen  einige  der
bedeutendsten  noCh  aus  jenen  Apotheken  durch  allmähliche ­
  Vergrösserung  und  Erweiterung  ihrer  Laboratorien
hervorgegangen  sind.
So  ist  aus  der  Engelapotheke  am  Schlossgraben
zu  Darmstadt,  die  Friedrich  Jakob  Merck  im  Jahre
1654  erwarb,  die  heutige  Chemische  Fabrik  E.  Merck
hervorgegangen,  ein  Weltunternehmen,  das  über  1800
Arbeiter  und  400  Beamte  beschäftigt,  unter  denen  75
Chemiker  und  Apotheker,  Ingenieure,  Aerzte  und  Tierärzte ­
  sind.  Durch  2y 2  Jahrhunderte  befindet  sich  dieses
Unternehmen  ununterbrochen  im  Besitze  der  Familie
Merck 1 ,  die  sich  nicht  nur  auf  chemischem  und  pharmazeutischem, ­
  sondern  durch  den  Schriftsteller  und  Kritiker
Kriegsrat  Johann  Heinrich  Merck  auch  auf  literarischem ­
  Gebiete  ausgezeichnet  hat,  den  Freund  Goethes',
auf  dessen  Lebensentwicklung  er,  wie  Goethe  selbst
bekennt,  einen  bedeutenden  Einfluss  ausgeübt  hat.
In  ähnlicher  Weise,  wenn  auch  in  jüngerer  Zeit,
hat  sich  die  Chemische  Fabrik 1  auf  Aktien  vorm.
E.  Schering  zu  Berlin  aus  der  in  der  Chausseestrasse ­
  gelegenen  „Grünen  Apotheke“  entwickelt.  Anfangs ­
  der  fünfziger  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts 1  be-
        <pb n="88" />
        schäftigt  sich  ihr  Gründer  Ernst  Schering  mit  pharmazeutischen ­
  und  photographischen  Präparaten,  die  auf  der
Pariser  Weltausstellung  1855  prämiiert  werden.  1858
errichtet  er  eine  Präparatenfabrik 1  in  Berlin  und  1874
eine  zweite  in  Charlottenburg.

Um  diese  Zeit  übernimmt  I.  F.  Holtz  aus  Prenzlau
  die  Leitung  des  Unternehmens,  ein  Mann,  der
sich  um  die  chemische  Industrie  grosse  Verdienste
erworben  hat.  So  sehr  ihn  seine  erfolgreiche  Berufstätigkeit ­
  in  Anspruch  nimmt,  so  findet  er  doch  Zeit,
sein  Interesse  und  seine  Arbeitskraft  grossen,  der  Allgemeinheit ­
  dienenden  Aufgaben  zuzuwenden.  Ein  volles
Vierteljahrhundert,  1881  bis  1906,  führte  er  den  Vorsitz
Verein  zur  des  Vereins  zur  Wahrung  der  Interessen  der
Wahrungder^j lelm ; sc j ien  Industrie  Deutschlands,  dessen  Tätigder
  keit  die  beispiellose  Entwicklung  dieser  Industrie  m
Industrie”  dieser  Zeitperiode  widerspiegelt.  Waren  es  bis  dahin
Deutschlandswesentlich  technische  und  kaufmännische  Fragen,  mit
denen  sich  ider  Industrielle  zu  beschäftigen  hatte,  so
traten  bald  zahlreiche  neue  Probleme  auf,  die  auf  den
Verschiedensten  Gebieten  ihrer  Lölsung  harrten.  Fragen
der  allgemeinen  Wirtschafts-  und  Sozialpolitik,  Fragen
der  Steuer-  und  Zollgesetzgebung,  des  Patent-  und
Handelsrechts,  des  Versicherungswesens,  der  Gift-  und
Sprengstoffbehandlung,  der  Tarifierung  und  Detarifierung,
  Konzessions-  und  Verwältungsfragen,  die  Schaffung ­
  der  Berufsgenossenschäft  der  Chemischen  Industrie
und  ihre  Organisation,  Fragen  der  Ausbildung  der  Chemiker, ­
  die  Herausgabe  der  Vereinszeitschrift  „Die  Chemische ­
  Industrie“  und  viele  andere  Gegenstände  bildeten ­
  die  Tagesordnung  der  Versammlungen  des  Vereins, ­
  die  in  Vorstands-  und  Kommissionssitzungen  sorgfältig ­
  vorbereitet  wurden.
        <pb n="89" />
        89

Als  durch  das  Reichsgesetz  vom  7.  Juli  1884  die  Berufs-Alters-
  und  Invalidenversicherung  eingeführt  wurde,  trat  | c e h " a °® S j"'
Holtz  an  die  Spitze  der  Berufsgenossenschaft  derchemischen
chemischen  Industrie,  dieses  segensreichen  Unter-  Industrie
nehmens,  das  er  mustergültig  organisiert  und  20  Jahre
lang  als  Vorsitzender  verwaltet  hat.  Endlich  ist  ihm
die  Deutsche  Chemische  Gesellschaft,  deren  Schatz-  Deutsche
meisteramt  er  30  Jahre  bekleidet  hat,  zu  besonderem  chemische
Dank  verpflichtet  dafür,  dass  er  den  Wunsch  des  dahingeschiedenen ­
  Meisters  zur  Ausführung  brachte,  im
„Hofmann-Hause“  der  Gesellschaft  in  Berlin  ein
eigenes  Heim  zu  errichten.  So  opferfreudig  auch  die
Schüler  und  Freunde  Hofmanns  diesem  Unternehmen
gegenüberstanden,  so  war  damals  doch  noch  nicht  die
Zeit  gekommen,  dass  die  chemische  Industrie  solche
Summen  ohne  weiteres  zur  Verfügung,  stellen  konnte;
es  bedurfte  Vielmehr  des  zähen  Festhaltens  an  dem
einmal  gefassten  Beschluss,  das  dem  Andenken  des
grossen  Lehrers  und  Forschers  gewidmete  Werk  in
schöner  und  würdiger  Weise  durchzuführen.
Das  Hofmann-Haus,  in  dem  die  Sitzungen  derBibliographie
Gesellschaft  abgehalten  werden,  bildet  zugleich  den
Sitz  der  grossen  chemisch-bibliographischen  Organisation, ­
  um  die  uns  nicht  nur  das  Ausland,  sondern
auch  andere  Wissenschaften  beneiden.  Die  „Berichte“
der  Deutschen  Chemischen  Gesellschaft,  in  denen
die  Originalabhandlungen  der  Mitglieder  veröffentlicht ­
  werden,  wurden  nacheinander  von  H.  Wichelhaus, ­
  F.  Tiemann,  P.  Jacobson  und  R.  Pschorr
redigiert.  Die  Seitenzahl  der  Berichte,  die  im  ersten
Jahrgang  (1867)  300  betrug,  ist  gegenwärtig  auf  über
5000  angewachsen.  Der  immer  zunehmende  Umfang  der

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        <pb n="90" />
        90

chemischen  Literatur  des  In-  und  Auslandes,  die  früher
den  Mitgliedern  in  einem  besonderen  „Referatenteil“
zugänglich  gemacht  wurde,  Veranlasste  die  Gesellschaft
im  Jahre  1897,  das  schon  bestehende  „Chemische  Zentralblatt“ ­
  zu  erwerben  und  in  erweiterter  Form  herauszugeben. ­
  Diese  gegenwärtig  ebenfalls  auf  ca.  5000
Seiten  angewachsene  Zeitschrift,  die  zuerst  von  R.
Ahrend,  dann  von  A.  Hesse  redigiert  wurde,  gibt  eine
vollständige  Uebersicht  sämtlicher  Veröffentlichungen
aus  den  Gebieten  der  reinen  und  angewandten  Chemie,
einschliesslich  der  deutschen  Patentliteratur.  Von  den
Abonnenten  gehören  etwa  drei  Fünftel  dem  Inlande  und
zwei  Fünftel  dem  Auslande  an.  Die  Benutzung  der  „Berichte“ ­
  und  des  „Zentralblattes“  wird  durch  sieben
Generalregister  erleichtert.  Um  aber  den  besonderen
Bedürfnissen  der  organischen  Chemie  gerecht  zu  werden, ­
  ist  neuerdings  eine  Von  R.  Stelzner  redigierte
Herausgabe  der  „Zweijährlichen  Literatur  -  Register ­
  der  organischen  Chemie“  aufgenommen  worden, ­
  die  nach  einem  besonderen,  zuerst  von  M.  M.
Richter  angewandten  Formelsystem  geordnet  sind.
Ein  ähnliches  „Literaturregister  der  anorganischen
Chemie“  ist  von  M.  K.  Hof  mann  vor  kurzem  in  Angriff
genommen  worden.
Neben  diesen  periodischen  Veröffentlichungen  hat  aber
die  Gesellschaft  seit  1897  in  der  Fortsetzung  des  „Handbuches ­
  der  organischen  Chemie  von  F.  Beilstein“
die  Von  P.  Jacobson  redigierte,  systematisch  geordnete
Sammlung  der  gegenwärtig  etwa  150000  Verbindungen
umfassenden  organisch-chemischen  Forschungsergebnisse
übernommen,  deren  vierte  in  Vorbereitung  befindliche,
auf  12  Bände  berechnete  Auflage  auf  mehr  als  1000
Druckbogen  geschätzt  wird.
*  *
*
        <pb n="91" />
        1

mBmm

91

Auch  für  die  Zukunft  fehlt  es  der  chemischen  For-  Flüssige
schung  glücklicherweise  nicht  an  neuen  Zielen.  Der  Brennstoffe
fortschreitende  Verkehr  erfordert  beständig  grössere
Mengen  chemischer  Energie  in  der  bequemen  Form
flüssiger  Brennstoffe,  als  Benzin,  Benzol,  Petroleum,
Braunkohlen-  und  Steinkohlenteerölen,  zum  Treiben  moderner ­
  Motore*)  zu  Wasser,  zu  Lande  und  in  der
Luft,  die  von  der  chemischen  Industrie  beschafft  werden
müssen.  Mit  der  zunehmenden  Zahl  der  Automobile,
die  durch  die  Abschaffung  des  Pferdebetriebes  grosse
Getreideflächen  für  die  menschliche  Ernährung  freimachen, ­
  wächst  aber  auch  der  Bedarf  an  Gummi  von
Jahr  zu  Jahr,  denn  die  Unebenheiten  der  Strasse  lassen
sich  mit  den  wachsenden  Fahrgeschwindigkeiten  nur
durch  ein  elastisches  Medium  in  Einklang  bringen.  Noch
muss  Deutschland  den  Kautschukbedarf  für  seine  80  000  Künstlicher
Automobile  und  für  viele  andere  Zwecke  vom  Auslande  Kautschuk
beschaffen,**)  aber  die  wissenschaftlichen  Arbeiten  von

*)  Die  im  In-  und  Auslande  gebauten  Dieselmotore  haben
gegenwärtig  eine  Gesamtstärke  von  1  720  000  PS.,  wovon  auf
Deutschland  774  000  PS.  kommen.  (G.  Krämer,  Chem.  Ztg.,
1913,  S.  25.)  Die  Weltproduktion  an  Erdöl  ist  in  den  Jahren  1906
bis  1911  von  28,6  auf  44,5  Millionen  Tonnen  gestiegen.  Hiervon
kamen  im  Jahre  1911  auf  die  Ver.  Staaten  Amerikas  28,4,  auf
Russland  9,1  Millionen  und  7  Millionen  Tonnen  auf  alle  übrigen
Länder.
**)  An  rohem  und  gereinigtem  Kautschuk  wurden  1908  nach
Deutschland  eingeführt  14  740  Tonnen  im  Werte  von  89  Millionen
Mark,  1912  10  586  Tonnen  im  Werte  von  162,7  Millionen  Mark.  An
Kautschukwaren  wurden  ausgeführt  1908  7  775  Tonnen  im  Werte
von  45.67  Millionen,  1912  11  549  Tonnen  im  Werte  von  62,3  Millionen ­
  Mark.  (Chem.  Ind.  1913.  36.  Protokoll  der  Hauptversammlung ­
  S.  72).
        <pb n="92" />
        92

Gerbstoffe
Zucker

Eiweissstoffe ­


C.  Harries*)  in  Kiel  und  die  unter  C.  Duisbergs
tatkräftiger  Leitung  von  Fritz  Hofmann  und  seinen
Mitarbeitern  in  den  Elberfelder  Farbenfabriken
ausgeführten  Untersuchungen  zeigen  schon  den  Weg  zur
technischen  Gewinnung  des  künstlichen  Kautschuks,
um  den  deutschen  Bedarf  und  vielleicht  den  Weltbedarf,
der  heute  einen  Wert  von  900  Millionen  Mark  aufweist,
im  Inlande  zu  fabrizieren.**)
Die  Synthese  der  Gerbstoffe  ist  von  Emil  Fischer
aufgenommen  worden.  Ihm  verdankt  die  wissenschaftliche ­
  Chemie  die  Erforschung  der  natürlichen  Zucker,
eines  Gebietes,  das  vorher  zu  den  geheimnisvollsten
dieser  Wissenschaft  gehörte.  Zu  seiner  Eroberung
haben  indessen  die  bisherigen  Waffen  der  chemischen
Synthese  nicht  ausgereicht.  Wie  im  modernen  Kriege
musste  der  geniale  Forscher  die  dritte  Dimension  zu
Hilfe  nehmen,  um  mit  dem  Flugzeug  der  Stereochemie
van’t  Hof'fsi  dieses  verwickelte  Gebiet  restlos  aufzuklären. ­
  Auch  vor  dem  höchsten  Problem,  der  wissenschaftlichen ­
  Synthese  der  Eiweissstoffe,  ist  Emil
Fischer  nicht  zurückgeschreckt.  Ob  es  aber  der  technischen ­
  Chemie  jemals  gelingen  wird,  in  der  Gewinnung ­
  der  Nahrungsmittel  mit  der  Natur  in  erfolgreichen ­
  Wettbewerb  zu  treten?  Wer  vermöchte  es  zu
sagen!
*  *
*
*)  C.  Harries.  Ueber  künstlichen  Kautschuk  vom  wissenschaftlichen ­
  Standpunkt.  „Kunststoffe.“  München  1912.  2.
**)  Der  erste  Weg,  der  zum  künstlichen  Kautschuk  geführt  hat,
ging  über  das  Isopren,  einen  leichtflüchtigen  Kohlenwasserstoff,
der  zuerst  1860  von  Greville  Williams  durch  trockene  Destillation
aus  dem  Kautschuk  gewonnen  wurde.  Es  hat  sich  ergeben,  dass
der  Kautschuk  als  ein  Polymerisationsprodukt  des  Isoprens  aufzufassen ­
  ist.
        <pb n="93" />
        93

Kaiser  Wilhelm-Institut  für  Kohlenforschung  in  Mülheim  a.  d.  Ruhr.

Wir  sind  am  Ende  unserer  Betrachtungen.  Der  Schluss
Wanderer  im  Gebirge  hat  eine  ansehnliche  Höhe  erstiegen ­
  und  erblickt  vor  seinem  geistigen  Auge  den  verschlungenen ­
  mühsamen  Pfad,  der  ihn  aus  der  Dürre
der  mittelalterlichen  Erkenntnis  in  die  fruchtbaren  Gefilde ­
  der  Gegenwart  geführt  hat.  Mit  Benutzung  aller
geistigen  und  technischen  Hilfsmittel  hat  er  den  Weg
gebahnt.  Die  Leuchte  der  Wissenschaft  in  der  Hand,
durchdringt  er  die  Geheimnisse  der  Natur,  die  Magnetnadel ­
  der  chemischen  Theorien  führt  ihn  von  Entdeckung
zu  Entdeckung  in  den  eroberten  Gebieten,  deren  Grenzen
er  mit  den  Waffen  des  gewerblichen  Rechtsschutzes
gegen  das  Ausland  verteidigt.  Mit  einer  Kapitalrüstung
der  Unternehmungen  von  über  700  Millionen  und  einer
Reserve  von  über  250  Millionen  Mark,*)  einem  Heer  von
250000  Arbeitern,  dessen  Jahressold  über  300  Millionen
*)  Im  Jahre  1912  wurden  die  Bilanzen  von  195  Aktien-Gesellschaften
  mit  einem  eingezahlten  Kapital  von  710,1  Millionen  Mark
veröffentlicht.  Diese  verteilten  an  die  Aktionäre  109,05  Millionen
Mark  oder  durchschnittlich  15,63  Prozent.  Ausser  dem  Aktienkapital ­
  arbeiteten  in  diesen  Gesellschaften  noch  266  Millionen  Mark
sichtbare  Reserven  und  169  Millionen  Mark  Obligationen  und  Hypotheken; ­
  das  sind  insgesamt  1145  Millionen  Mark,  auf  die  an  Dividenden ­
  und  Zinsen  115,8  Millionen  Mark  ausgezahlt  wurden.  Daraus ­
  ergibt  sich  eine  Durchschnittsverzinsung  von  10,12  Prozent
des  investierten  Kapitals.

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        94

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beträgt,*)  und  einem  Stabe  von  Tausenden  wissenschaftlicher, ­
  technischer  und  kaufmännischer  Beamten  wird  das
neue  Land  im  friedlichen  Wettkampf  nationaler  Arbeit
bestellt,  um  tausendfältige  goldene  Frucht  zu  tragen.
Eine  reiche  Ernte,  deren  Wert  in  der  deutschen  chemischen ­
  Gesamtproduktion  gegenwärtig  auf  1 3 A  Milliarden
Mark  geschätzt  wird,  ergiesst  sich  unter  der  Führung
des  deutschen  Kaufmanns  über  alle  Länder  der  Erde,
um  auf  dem  Weltmarkt  Zeugnis  abzulegen  von  deutschem ­
  Fleiss  und  deutschem  Unternehmungsgeist.  Das
Geheimnis  dieses  Erfolges  aber  erblicken  wir  in  dem
planvollen  Zusammenwirken  von  Wissenschaft  und  Industrie. ­
  Scientia  potestas  est.  Deshalb  gedenken  wir
in  Dankbarkeit  des  hohen  Interesses,  das  der  Kaiser

*)  Dis  Arbeiterzahl  betrug  im  Jahre  1912  249  819;  der  durchschnittliche ­
  Jahres  verdienst  1234  Mark.  Die  Vermehrung  der  bei
der  Berufsgenossenschaft  der  chemischen  Industrie  versicherten
Betriebe  in  den  letzten  25  Jahren  ergibt  die  folgende  Tabelle,  die
ferner  die  Anzahl  der  bei  diesen  beschäftigten  „Vollarbeiter“,  deren
Lohnsumme  und  den  Durchschnittslohn  angibt.  Die  Zahl  der  „Vollarbeiter“ ­
  wird  in  der  Weise  festgestellt,  dass  die  von  den  versicherungspflichtigen ­
  Personen  in  den  einzelnen  Jahren  geleistete
Gesamtzahl  der  Arbeitstage  durch  300  dividiert  wird.

Betriebe

Vollarbeiter

Lohnsumme
M.

Durchschnittslohn ­

M.

1888

4464

83  667

67  055  328

801

1891

5273

100  285

83  855  954

835

1894

5758

110  348

94  289  192

855

1897

6316

129  827

115  662  600

889

1900

7169

153  011

148  412  681

961

1903

7747

168  950

166  293  445

984

1906

8505

195  356

207  311  913

1063

1909

8702

211  830

240  464  951

1132

1912

9147

249  819

308  220  516

1234
        <pb n="95" />
        und  König  an  den  Fortschritten  der  chemischen  Wissenschaft ­
  genommen  und  das  sich  aufs  neue  bei  der  feierlichen ­
  Eröffnung  der  ersten  Kaiser-Wilhelm-Institute
  kundgegeben  hat.  Die  neuen  Forschungsinstitute ­
  in  Dahlem  sind  der  Chemie  und  der  physikalischen ­
  Chemie  gewidmet,  und  schon  erhebt  sich
ein  neues  Kaiser-Wilhel'm-Institut  für  Kohlenforschung ­
  in  Mülheim  a.  d.  Ruhr.*)  Möge  unter
dem  Schutze  der  Hohenzollern  das  Banner  der
deutschen  Wissenschaft  auch  fernerhin  über  der
chemischen  Industrie  wehen,  um  neue  Erfolge
zu  zeitigen  zur  Ehre  unseres  Vaterlandes,  zur
Wohlfahrt  unseres  Volkes.

*)  An  dem  Institut  für  Chemie  wirken  E.  Beckmann  für
anorganische,  R.  Willstätter  für  organische  und  O.  Hahn  für
nadiologische  Chemie;  das  Institut  für  physikalische  Chemie  wird
geleitet  von  F.  Haber,  das  Institut  für  Kohlenforschung  von
F.  Fischer.

Grundriss  des  Mülheimer  Instituts.
        <pb n="96" />
        Literatur.

Ahrens,  Die  Elektrochemie  am  Anfang  und  Ende  des  19.  Jahrhunderts. ­
  Ztschr.  ang.  Chemie,  1900,  S.  1090.
Badische  Anilin-  und  Sodafabrik,  Gesamtbild  ihrer  Tätigkeit. ­
  Ludwigshafen  a.  Rh.,  1913.
Bernthsen,  Ueber  Luftsalpetersäure.  Vortrag,  gehalten  auf  dem
VII.  internationalen  Kongress  für  angewandte  Chemie  zu  London, ­
  1909.
Bernthsen,  Nachruf  auf  Heinrich  Caro.  Ber.  d.  d.  ehern.  Ges.,.
1912,  45.
Binz,  A.,  Chemische  Industrie  und  Volksernährung.  Berlin,  1913.
Binz,  A.,  Die  Mission  der  Teerfarben-Industrie.  Berlin,  1912.
Binz,  A.,  Ursprung  und  Entwicklung  der  chemischen  Industrie.
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Brunck,  H.,  Die  Entwicklungsgeschichte  der  Indigo-Fabrikation.
Festvortrag,  gehalten  bei  der  Einweihung  des  Hofmannhauses.
Ber.  d.  d.  ehern.  Ges.  1900,  33,  3.  Sonderheft,  S.  LXXI.
Caro,  H.,  Ueber  die  Entwicklung  der  Teerfarben-Industrie.  Ber.
d.  d.  ehern.  Ges.  1892,  25,  3,  S.  955.
Caro,  H.,  Ueber  die  Entwicklung  der  chemischen  Industrie  von
Mannheim-Ludwigshafen  a.  Rh.  Ztschr.  ang.  Chem.  1904,  17,
S.  1343.
Darmstädter,  L.,  und  Du  Bois-Reymond,  R.,  4000  Jahre
Pionier-Arbeit  in  den  exakten  Wissenschaften.  Berlin,  1904.
Deutsche  Edelstein-Gesellschaft,  Synthetische  Edelsteine,  ihr
Wesen  und  ihre  Erzeugung.  Als  Manuskript  gedruckt.  Idar,  1911.
Die  Hauptindustrien  Deutschlands.  Leipzig,  1904.
Du  Bois-Reymond,  E.,  Die  Berliner  französische  Kolonie  in  der
Akademie  der  Wissenschaften.  Reden,  II.,  S.  313.

Lepsius:  Deutschlands  Chemische  Industrie.

7
        <pb n="97" />
        98

Duisberg,  C.,  Die  Wissenschaft  und  Technik  in  der  chemischen
Industrie  mit  bes.  Berücksichtigung  der  Teerfarbenindustrie.
Festvortrag,  gehalten  in  der  Hauptversammlung  des  Deutschen
Museums.  München,  1911.
Duisberg,  C.,  Fortschritte  und  Probleme  der  chemischen  Industrie. ­
  Vortrag,  gehalten  a.  d.  VIII.  intern.  Kongress  f.  ang.
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        <pb n="98" />
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Witt,  O.  N.,  Die  Entwicklung  der  technischen  Chemie.  Ber.  d.  d.
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Witt,  O.  N.,  Wechselwirkungen  zwischen  der  chemischen  Forschung ­
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Zen  neck,  F.,  Die  Verwertung  des  Luftstickstoffs  mit  Hilfe  des
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        <pb n="100" />
        Namenregister,

Abderhalden,  82.
Abel,  Fr.,  45.
Achard,  Franz  Karl,  16.
Aktiengesellschaft  für  Anilinfabrikation, ­
  51,  62.
August  II.,  König  von  Polen,
Kurfürst  von  Sachsen,  10.
Badische  Anilin-  und  Sodafabrik,
Ludwigshafen,  41,  42,  53,  57,
62,  64,  70,  71.
Bauer,  85.
Baum,  H.,  68.
Baumann,  77.
Baeyer,  A.  von,  64,  66,  70,  73.
Beckmann,  E.,  95.
Behring,  von,  83.
Beilstein,  F.,  90.
Bernthsen,  A.,  65,  68.
Binz,  A.,  19,  82.
Birkeland,  40.
Bismarck,  Fürst  von,  23,  46.
Bohn,  R.,  66.
Böker,  H.  E.,  57.
Bonwitt,  G.,  86.
Böttcher,  Joh.  Friedr.,  10.
Böttger,  Chr.,  9,  45.
Böttiger,  68.
Böttinger,  Heinr.,  67.
Böttinger,  Henry  T.  von,  67.

Brand,  8,  9,  15.
Brunck,  Heinr.  von,  54,  70.
Caro,  Heinr.,  64,  65,  68.
Caro,  N.,  41,  43.
Cassella  &amp;amp;  Cie.,  Frankfurt  a.  M.,  62.
Cavendish,  39.
Chardonnet,  Graf  de,  50.
Chemische  Fabrik  auf  Aktien,
vorm.  E.  Schering,  Berlin,  75,
81,  86,  87.
Chemische  Fabrik  Griesheim-Elektron,
  Frankfurt  a.  M.,  9,
28,  29,  33,  47,  63,  71.
Deutsche  Gold-  u.  Silberscheideanstalt, ­
  Frankfurt  a.  M.,  14,71.
Diesbach,  13.
Dippel,  13.
Duisberg,  C.,  53,  81,  92.
Ehrlich,  Paul,  84.
Elektrochemische  Werke,  Bitterfeld, ­
  33.
Engler,  C.,  58.
Eyde,  40.
Faraday,  27.
Farbenfabriken  vorm.  Friedrich
Bayer,  Elberfeld,  62,  81.
Farbwerke  vorm.  Meister  Lucius
und  Brüning,  Höchst  a.  M.
56,  57,  62,  68,  71,  79,  81,  83.
        <pb n="101" />
        102

Feld,  Walther,  55.
Fischer,  Emil,  69,  80,  92.
Fischer,  Franz,  95.
Fischer,  Otto,  69.
Fittig,  69.
Frank,  69.
Frank,  Ad.,  20,  41,  43.
Friedländer,  P.,  73,  74.
Friedrich  der  Grosse,  König  von
Preussen,  10,  11,  15.
Friedrich  von  Nürnberg,  Markgraf ­
  von  Brandenburg,  6.
Friedrich  Wilhelm,  der  Grosse
Kurfürst,  8,  9.
Friedrich  Wilhelm  III.,  König
von  Preussen,  16.
Friedrich  Wilhelm  IV.,  König
von  Preussen,  17.
Gans,  Leo,  69.
Girard,  61.
Goldschmidt,  Th.,  30.
Gotzkowski,  Joh.  Ernst,  11.
Gräbe,  C.,  64,  65.
Grieninger,  11,  12.
Gries,  Peter,  67.
Guericke,  Otto  von,  8.
Haber,  F.,  41,  42,  48,  95.
Hahn,  O.,  95.
Harries,  C.,  92.
Häussermann,  C.,  47.
Heinecke,  A.,  13.
Helmholtz,  H.  von,  27.
Hesse,  A.,  85,  90.
Heumann,  C.,  70,  71.
Hoff,  J.  van’  t,  52,  92.
Hoffmann,  F.,  69.
Hofmann,  A.  W.  von,  6,  8,  21,
24,  55,  61,  67,  68,  69,  81,  84,  89.
Hofmann,  F.,  92.
Hofmann,  M.  K.,  90.

Holtz,  I.  F.,  88,  89.
Humboldt,  Alex,  von,  12.
Hurter,  28.
Jacobson,  P.,  89,  90.
Joachim  I.,  Kurfürst  von  Brandenburg, ­
  7.
Johann  Georg,  Kurfürst  von  Brandenburg, ­
  7.
Johann,  Markgraf  von  Brandenburg, ­
  7.
Julius,  68.
Kalle  &amp;amp;  Cie.,  Biebrich  a.  Rh„
62.
Kekule,  A.,  63.
Klaproth,  12.
Knietsch,  R.,  54,  70.
Knorr,  L.,  77.
Kolbe,  H.,  67,  81.
Koller,  79.
Koch,  R.,  82.
Körner,  W.,  63.
Krämer,  G.,  60,  91.
Kuhlmann,  K.  F.,  44.
Kunheim,  20.
Kunkel,  Joh.,  8,  15.
Lampadius,  W.  A.,  58.
Leblanc,  18.
Lehner,  F.,  50.
Leibnitz,  15.
Liebermann,  C.,  64,  65.
Libbertz,  83.
Liebig,  J.  von,  19,  20,  21,  22.
35,  63,  64,  76.
Liebreich,  O.,  76.
Linde,  C.  von,  43.
Marggraf,  Andr.  Sigism.,  15.
Martius,  A.  von,  62,  68.
Mehring,  von,  80.
Mendelssohn-Bartholdy,  P.,  62.
Merck,  E.,  87.
        <pb n="102" />
        103

Merck,  Fr.  Jac.,  87.
Merck,  Joh.  Heinr.,  87.
Meyer,  Rob.,  27.
Miethe,  A.,  33.
Müller,  C.  L.,  68.
Napoleon  I.,  17.
Nietzki,  68,  69.
Nobel,  Alfred,  45.
Oechelhäuser,  W.  von,  56.
Ohler,  K.,  21,  62,  67.
Oppenheim,  Franz,  51.
Orlean,  Herzog  von,  18.
Perkin,  W.  H.,  61,  65.
Petersen,  Th.,  63.
Pfaff,  68.
Pfleger,  I.,  71.
Plinius,  73.
Pott,  J.  H.,  10,  13.
Pschorr,  R.,  89.
Rammeisberg,  20.
Renard  freres,  61.
Richter,  M.  M.,  90.
Riedel,  1.  D.,  78.
Rose,  H.,  20.
Rössler,  14.
Rütgers,  Jul.,  60.
Samtleben,  A.,  58.
Sapper,  H.  E.,  54.
Schaudinn,  83.
Schering,  Ernst,  87.
Schönherr,  40.
Schroffer,  A.,  9.
Schultz,  Gust.,  69.
Schunke,  68.
Sell’sche  Teerdestillation,  21,61.
Siemens,  Werner  von,  22,  28.
Sigismund,  Deutscher  Kaiser,  6.

Simon,  P.  L.,  27.
Solvay,  Ernest,  26.
Stahl,  Friedr.,  15.
Stelzner,  R.,  90.
Stolz,  F.,  61.
Stroof,  I.,  28.
Sophie  Charlotte,  Königin  von
Preussen,  15.
Tench  Coxe,  19.
Thurneisser,  Leonhard,  7.
Tiemann,  Ferd.,  84,  89.
Tschirnhaus,  von,  10.
Tübben,  48.
Unverdorben,  O.,  21,  71.
Verguin,  Em.,  61.
Victoria,  Königin  von  England,  22.
Wallach,  O.,  86.
Waage,  36.
Wegely,  Wilh.  Kasp.,  11.
Weigert,  Karl,  82.
Weinberg,  A.  von,  69.
Wichelhaus,  H.,  64,  89.
Wilhelm  1.,  Deutscher  Kaiser,
22.
Wilhelm  II.,  Deutscher  Kaiser,
5,  13,  25,  48,  53,  94,  95.
Winckler,  CI.,  54.
Wild,  H.,  33.
Will,  W.,  46.
Williams,  Greville,  92.
Willstätter,  R.,  95.
Winther,  Ad.,  23,  68.
Witt,  Otto  N.,  68,  69.
Wöhler,  Friedr.,  22.
Woulfe,  P.,  46.
Zeppelin,  Graf  von,  31.
Zorn,  10.
        <pb n="103" />
        Sachregister.

Adrenalin,  81.

Benzol,  22,  25,  59,  60.

Alchemie,  7.

Benzoltheorie,  63.

Algolfarben,  66.

Benzopurpurine,  69.

Alizarin,  64.  Statistik,  65,  66.

Benzin,  29.

Ammoniak,  36,  38,  43,  59.

Berliner  Blau,  13.

Ammoniak,  schwefelsaures,  37,

Berufsgenossenschaft  der  chemi38. ­



schen  Industrie,  89.

Ammoniaksalpeter,  36.

Bibliographie,  89.

Ammoniaksoda,  28.

Bilanzen  der  AktiengesellschafAnilin, ­

  21,  22,  55,  61.

ten,  93.

Anthrazen,  25,  59,  66,  64.

Blausäure,  14.

Anthrazenfarben,  66.

Blutlaugensalz,  14.

Antineuralgika,  81.

Bunsengesellschaft,  Deutsche,

Antifebrin,  77.

für  angewandte  physikalische

Antipyretika,  79.

Chemie,  24.

Antitoxin,  83.

Cadinen,  Majolikafabrik,  13.

Arbeiterlöhne,  94.

Chemisches  Zentralblatt,  90.

Atophan,  61.

Chemotherapie,  84.

Ätzkali,  24,  27,  28,  29.

Chilesalpeter,  35,  36,  40.

Azetanilid,  76,  77.

Chinin,  77,  79.

Azetatzellulose,  51.

Chlor,  18,  27,  28,  30.

Azetylen,  35.

Chlor,  flüssiges,  30.

Azofarbstoffe,  67.

Chloralhydrat,  29,  76,  80.

Bakteriologie,  82.

Chlorbenzol,  30.

Baumwollindustrie,  19.

Chloressigsäure,  30,  71.

Benzoesäure,  22.

Chlorkalk,  18,  24,  27  28,  29.
        <pb n="104" />
        105

Chlorkohlenstoff,  29.
Chloroform,  29,  76,  77.
Chlorverbindungen,  organische,
29.
Cocain,  79.
Croceine,  69.
Cumarin,  84.
Deaconchlorprozess,  20.
Deutsche  Chemische  Gesellschaft, ­
  24.
Diamantschwarz,  69.
Dieselmotore,  91.
Dinitrochlorbenzol,  30.
Diuretika,  80.
Dünger,  künstlicher,  19.
Dynamit,  45.
Edelsteine,  künstliche,  34.
Eiweissstoffe,  92.
Elektrolyse  d.  Chloralkalien,  27.
Elektrothermische  Prozesse,  34.
Eosinfarben,  66.
Erdölproduktion,  91.
Erepton,  82.
Fetthärtung,  32.
Gasanstalten,  36,  59.
Gase,  komprimierte,  43.
Goldextraktion,  14.
Handbuch  der  organischen
Chemie,  90.
Heilmittel,  75.
Helindonfarben,  66.
Heliotropin,  84.
Hofmannhaus,  89.
Hypnotika,  80.
Indigo,  30,  46,  53,  70,  74.
Indigo,  Statistik,  71,  72.
Indigorot,  74.
lonon,  84.
Isopren,  92.
Kaiser  Wilhelm-Gesellschaft,  6.

Kaiser  Wilhelm-Institute,  93,95.
Kaliindustrie,  20.
Kalisalpeter,  36.
Kalkstickstoff,  41.
Kalziumkarbid,  35.
Kalziumzyanamid,  41.
Kampfer,  künstlicher,  86.
Kautschuk,  künstlicher,  91.
Kinematographenfilms,  51.
Kohlenoxyd,  43.
Kokereien,  36,  59.
Kontaktschwefelsäure,  54,  70.
Leblancsoda,  18,  25,  27,  28.
Leuchtgasfabrikation,  37,  58.
Leuchtgasstatistik,  58.
Literaturregister  der  Chemie,  90.
Luftsalpeter,  39.
Luftschiffahrt,  31.
Lysidin,  81.
Magdeburger  Halbkugeln,  8.
Mannesmannrohre,  31.
Medinal,  80.
Melinit,  47.
Metallfadenlampen,  33.
Moschus,  84.
Natrium,  14,  71.
Natriumzyanid,  14.
Naphtalin,  25,  52,  76.
Naphtol,  64.
Neocain,  79.
Nitranisol,  30.
Nitrobenzol,  22.
Nitrochlorbenzol,  30.
Nitroglyzerin,  45.
Nitrophenetol,  30.
Nitrophenol,  30.
Nitrozellulose,  50.
Organotherapie,  61.
Panamakanal,  49.
Patentgesetz,  23.
        <pb n="105" />
        106

Phenazetin,  79.
Phenol,  25,  59,  60.
Phosphor,  8.
Phosphorsäure,  19.
Pikrinsäure,  46.
Platin,  Statistik,  54.
Pottasche,  27.
Porzellan,  Meissner,  10.
Porzellan,  Berliner,  12,  13.
Präparatenindustrie,  86.
Purpur,  antiker,  73.
Pyramidon,  79.
Riechstoffe,  künstliche,  84.
Rosenöl,  85.
Rubine,  künstliche,  34.
Rubinglas,  8,  10.
Salpeter,  35,  36,  40.
Salpetersäure,  18,  43,  46,  53.
Salvarsan,  84.
Sauerstoff,  33,  42.
Schiessbaumwolle,  45,  50.
Schwarzpulver,  6,  44.
Schwefelfarbstoffe,  74.
Schwereisäure,  18,  53,  55,  70.
Schwefelsäure  aus  Steinkohlengas, ­
  55.
Schweflige  Säure,  70.
Schweissverfahren,  autogenes,  32.
Seide,  künstliche,  50.
Serumtherapie,  83.
Sicherheitssprengstoffe,  48.
Soda,  künstliche,  18.
Sodafabrikation,  18,  24,  25,  28,
29.
Solvayprozess,  26.
Sprengstoffe,  44,  47.  Statistik,  49.
Statistik.
Aktiengesellschaften,  93.
Alizarin,  66.
Ammoniak,  37,  58.

Anthrazen,  60,  61.
Anthrazenfarben,  66.
Arbeiter,  56,  57,  94.
Ätzkali,  29.
Baumwolle,  19.
Beamte,  56.
Benzol,  60.
Bergbau,  westphälischer,  47.
Betriebe,  94.
Braunkohlen,  57,  58.
Chilesalpeter,  35,  36,  37,  38.
Chlorkalk,  28,  29.
Dieselmotore,  91.
Düngemittel,  36.
Edelsteine,  künstliche,  34.
Erdöl,  91.
Futtermittel,  36.
Gaswerke,  59.
Goldextraktion,  14.
Indigo,  72.
Kaliindustrie,  20,  21.
Kalksalpeter,  40.
Kalkstiekstoff,  41.
Kautschuk,  91,  92.
Kinematographenfilms,  51.
Leuchtgas,  58.
Leuchtmittel,  33.
Löhne,  94.
Naphtalin,  60.
Patente,  23,  24.
Phosphatdünger,  19,  36.
Platin,  54.
Porzellanfabriken,  10.
Riechstoffe,  85.
Salpeter,  35,  36,  37,  38.
Salpetersäure,  44.
Schwefelsäure,  53,  54,  55.
Seide,  künstliche,  51,  52.
Soda,  26,  28,  29.
Sprengstoffe,  49.
        <pb n="106" />
        107

Steinkohlen,  36,  38,  39,  57,  58.
Steinkohlenteer,  59.
Stickstoff,  36,  37,  38.
Teerfarbstoffe,  75.
Unfälle  im  Bergbau,  48.
Wasserstoff,  31.
Zelluloid,  86.
Zinnwiedergewinnung,  31.
Zucker,  17,  18.
Zündhölzer,  9.
Zyansalze,  14.
Stein  der  Weisen,  7,  8.
Steinkohlen,  36.
Steinkohlenindustrie,  57.
Steinkohlenvorrat,  57.
Stereochemie,  92.
Stickstoff,  35,  40.
Stickstoffbedarf  der  Landwirtschaft, ­
  38.
Steuer.
Alkohol,  51.
Leuchtmittel,  33.
Zucker,  18.
Zündwaren,  9.
Sulfonal,  77,  78.
Teerdestillation,  59.

Teerfarbenindustrie,  21,  24,  59.
Statistik,  75.
Teerfarbstoffe,  61.
Tetronal,  78.
Thyreoidin,  81.
Thioindigo,  74.
Toluol,  25,  59.
Trinitrotoluol,  47.
Trional,  78.
Urotropin,  81.
Vanillin,  84.
Verein  deutscher  Chemiker,  24.
Verein  zur  Wahrung  der  Interessen ­
  der  chemischen  Industrie ­
  Deutschlands,  24,  88.
Veronal,  80.
Viscoseseide,  50,  51.
Wasserstoff,  31,  32,  41.
Zinnchlorid,  31.
Zinnwiedergewinnung,  30.
Zitronenöl,  85.
Zucker,  16,  92.  Statistik,  17.
Steuer,  17.
Zündholzindustrie,  9.  Statistik,
9.  Steuer,  9.
Zyansalze,  14.
        <pb n="107" />
        J.  S.  PREUSS,  Konigl.  Hofbuchdruckerei
Berlin  S.  14,  Dresdener  Strasse  43
        <pb n="108" />
        the  scale  towards  document

1  ~
f&amp;gt;|

PP  Isis

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