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        <title>Methodische Einführung in die allgemeine Wirtschaftsgeographie</title>
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            <forname>Karl</forname>
            <surname>Dove</surname>
          </persName>
        </author>
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            <idno>1028805233</idno>
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        f  fclUENTUM'
DES
INSTITUTS
FÜR
WELTWIRTSCHAFT
Bibliothek
I  7fc0g
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        .

Methodische  Einführung
in  die  allgemeine
Wi  rtsch  afts  geograp  h  i  e

Prof.  Dr.  K.  Dove

Freiburg  i.  Br.

Jena
Verlag  von  Gustav  Fischer
1914
        <pb n="3" />
        UMTMT  -  «r  i  llil  l  !■—  I  1—1

Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.

Die  Hauptwege  des  Weltverkehrs.
Von
Dr.  Richard  Hennig
in  Berlin-Friedenau.
Mit  14  Abbildungen  im  Text.
1913.  (X,  301  S.  gr.  8°.)  Preis:  9  Mark,  geh.  10  Mark.
Inhalt:  A.  Die  Hauptwege  des  Seeverkehrs  und  die  Seekamäle.
Verkehrsgeographische  Gesetze  für  die  Anlage  der  Hauptseehäfen.  Die  verkehrsgeographische ­
  Bedeutung  der  Meerengen.  Die  Bedeutung  der  Landengen  im  Seeverkehr. ­
  Der  Seeweg  nach  Ostasien.  Der  Suezkanal  und  seine  Vorläufer.  Europäische ­
  Seekanäle  durch  Landengen.  Seekanalprojekte  in  Asien.  Seekana]bauten
in  Amerika.  Der  heutige  Anteil  der  Nationen  am  Seeverkehr  mit  besonderer  Berücksichtigung ­
  Deutschlands.  —  B.  Die  Hauptwege  der  Binnenschiffahrt.
Deutschland.  (Die  natürlichen  Wasserstraßen  und  ihre  Verbesserung.  Deutschlands
Gesamt-Wasserstraßennetz.  Die  vorhandenen  Kanäle.  Projektierte  Verbesserungen
im  deutschen  Binnenwasserstraßennetz.  Die  Rentabiiitätsirage  bei  Schaffung  von
Wasserstraßen.)  Oesterreich  Ungarn.  Italien.  Schweiz.  Frankreich.  Spanien  und
Portugal.  Die  britischen  Inseln.  Holland.  Skandinavien.  Europäisches  Rußland.
Die  Balkanhalbinsel.  Die  Wasserscheide  der  mitteleuropäischen  Binnenschiffahrt.
Asien.  Afrika.  Südamerika.  Mittelamerika.  Nordamerika.  Ausstralien.  —  C.  D  i  e
Hauptwege  des  Landverkehrs.  Europa.  Asien.  Afrika.  Nord-und  Mittelamerika.
  Südamerika.  Australien.  —  Namen-  und  Sachregister.
Vorliegendes  Buch  stellt  die  bedeutend  erweiterte  Ausarbeitung  einer  Vorlesung
dar,  die  der  Verf.  im  Winter  1912/13  im  Aufträge  der  „Vereinigung  für  staatswissenschaftliche ­
  Fortbildung“  zu  Berlin  hielt  und  die  sich,  als  erster  Versuch  dieser
Art,  eines  regen  Interesses  erfreute.  Das  Buch  beschränkt  sich  auf  eine  Erörterung
von  Seeschiftahrts-,  Binnenschiffahrts-  und  Eisenbalinproblemen.  Da  wirtschaftliche,
geographische,  technische  und  historische  Erörterungen  bei  der  übersichtlichen  Zusammenstellung ­
  der  Hauptwege  des  Weltverkehrs  in  gleicher  Weise  zu  ihrem  Rechte
gekommen  sind  und  da  sehr  reichhaltige  Literaturiunweise  für  jedes  Spezialthema
beigegeben  sind,  liegt  hier  ein  Werk  von  großer  Eigenart  vor,  das  dem  Manne  der
Wissenschaft  wie  dem  Manne  der  Praxis  gleichmäßig  viele  willkommene  Dienste
wird  leisten  können.

Geographie  des  Welthandels  und  Weltverkehrs.
Von
Dr.  Ernst  Friedrich,
Professor  an  der  Universität  und  Dozent  an  der  Handelshochschule  zu  Leipzig.
Mit  6  Karten.
1911.  (VIII,  430  S.  gr.8°.)  Preis:  11  Mark,  geh.  12  Mark.
Veröffentl.  d.  Internat.  Gesellsch.  z.  Förderung  d.  kaufmännischen
Unterrichtswesens  Bd.  21  (März)  1911:
.  .  .  Das  Werk  zerfällt  in  zwei  Teile.  Der  erste  ist  der  allgemeinen  Handelsund ­
  Verkehrsgeographie  gewidmet.  Er  enthält  eine  kurzgefaßte  und  doch  seinübersichtliche
  Darstellung  der  natürlichen  und  kulturellen  Grundlagen  von  Handel
und  Verkehr:  Klima,  Boden,  Gewässer,  Volksdichte,  Pflanzen-,  tierische  und
mineralische  Stoffe,  industrielle  Erzeugnisse.  Ferner  behandelt  er  die  Handelsund ­
  Verkehrsverhältnisse  der  Erde.  Dies  alles  bildet  in  123  Seiten  ein  ausgezeichnetes
Resümee  der  Wirtschaftsgeographie.  Im  zweiten  Teil  wird  die  spezielle  Handelsund ­
  Verkehrsgeographie  der  verschiedenen  Erdteile  und  Länder  sukzessiv  studiert:
horizontale  Gestalt  und  Verkehr,  Oberflächengestaltung  und  Verkehr,  Straßen  und
Eisenbahnen,  Binnenschiffahrt,  Häfen  usw.  Am  Ende  des  stattlichen  Werkes  sind
sechs  vorzügliche  Karten  des  Verkehrs  einiger  wichtigen  Produkte  beigefügt.
Der  inhaltlich  vortreffliche  Band  kann  den  Studenten  an  Handelshochschulen  und
besonders  allen  Lehrern  der  Wirtschaftsgeographie  bestens  empfohlen  werden.  Er
sollte  auch  in  keiner  Bibliothek  der  Handelslehranstalten,  Gewerbekammern  und
kaufmännischen  Vereine  fehlen,  denn  als  Nachschlagebuch  wird  das  Werk  überall
die  besten  Dienste  erweisen.
        <pb n="4" />
        Methodische  Einführung
in  die  allgemeine
Wirtschaftsgeographie

Von

Prof.  Dr.  K.  Dove
Freiburg  i.  Br.

Jena
Verlag  von  Gustav  Fischer
1914
        <pb n="5" />
        In  Dankbarkeit  zugeeignet
dem
Kolonialwirtschaftlichen  Komitee
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        Vorwort.
Das  Werkchen,  das  ich  hier  der  Oeffentlichkeit  übergebe,  will
keine  allgemeine  Wirtschaftsgeographie  sein,  wie  wir  deren  eine  ganze
Reihe  besitzen.  Es  beabsichtigt  vielmehr,  den  Hörer  an  der  Universität ­
  und  an  der  Handelshochschule  und  namentlich  auch  den  im
Leben  stehenden  Kaufmann  in  die  Benutzung  der  stets  und  überall
auf  ihn  eindringenden  statistischen  Zahlenreihen  einzuführen  und  ihn
zum  Nachdenken  über  die  Grundfragen  des  Verkehrs  und  des  Handels
zu  bewegen.  An  die  Stelle  von  Tabellen,  die  oft  nicht  einmal  in  genügender ­
  Verarbeitung  geboten  werden  können,  setzt  es  Beispiele  aus
dem  Gebiete  der  Wirtschaftsgeographie.  So  mag  es  die  großen  Werke
von  Eckert,  Friedrich,  Hassert  u.  a.  ergänzen  und  ihrer  folgerichtigen ­
  Benutzung  neue  Anhänger  werben.
Wenn  ich  scheinbar  in  den  Fehler  so  mancher  namentlich  über
fremde  Länder  Schreibenden  verfallen  bin  und  nicht  zitiere,  so  ist
das  eben  nur  scheinbar  der  Fall.  Denn  dies  aus  einem  Kolleg  hervorgegangene ­
  Büchlein  bringt  eben,  einzelne  allgemein  bekannte  Tatsachen ­
  und  Ideen  ausgenommen,  fast  nur  das  Ergebnis  eigener  Gedanken ­
  und  Arbeiten.  Ihre  Anwendung  auf  ein  größeres  Gebiet
unserer  Erde  soll  ein  demnächst  herauszugebendes  Werk  über  die
Wirtschaftsgeographie  von  Afrika  zeigen.  Jedenfalls  dürfte  das  Buch
sowohl  den  Fachgenossen  wie  den  im  praktischen  Leben  tätigen
Kreisen  manches  Neue  bringen.
Das  ist  auch  der  Grund,  warum  ich  das  kleine  Werk  einem  dieser
Kreise,  zu  dessen  Mitbegründern  ich  gehöre,  in  Dankbarkeit  zugeeignet
habe.  Das  Kolonialwirtschaftliche  Komitee  hat  von  dem  ersten  Jahre
seines  Bestehens  an  der  Wissenschaft  jederzeit  große  Dienste  geleistet,
wie  ja  auch  seine  eigenen  Arbeiten  und  Untersuchungen  sich  durch
echt  wissenschaftliche  Sorgfalt  und  Methode  auszeichnen.  So  scheint
es  mir  wohl  angebracht,  daß  ihm  dafür  auch  von  wissenschaftlicher
Seite  die  längst  verdiente  Anerkennung  mehr  als  bisher  zuteil  wird.
Gleichzeitig  aber  möchte  ich  auch  persönlich  durch  diese  Widmung
dem  Komitee,  dessen  Vorstande  ich  vom  ersten  Tage  ab  angehört
habe,  meinen  Dank  für  die  mannigfache  Anregung  abstatten,  die  es
mir  geboten,  indem  ich  gerade  dies,  wie  ich  hoffe,  auch  dem  Kaufmann ­
  und  Techniker  nützliche  Werkchen  ihm  und  dem  großen  Stabe
seiner  Mitarbeiter  zueigne.
Berlin,  im  Februar  1914.

Der  Verfasser.
        <pb n="7" />
        B  i  K  3

u  /

Weltwirtschaft
Kiel

-9.

5

46.

Inhalt
Seite

I.  Abschnitt.
§  1.  Unterschied  zwischen  der  Wirtschaftsgeographie  und  der  Nationalökonomie ­
  1
§  2.  Die  Arbeitsweise  der  Wirtschaftsgeographie;  die  geographische  Statistik  .  4
II.  Abschnitt.
§  3.  Geographie  der  Gütererzeugung  12
§  4.  Beeinflussung  des  Handels  durch  geographische  Wirkungen  19

III.  Abschnitt.
Geographie  des  Verkehrs.

§  5.  Geographische  Grundlagen  des  Land  Verkehrs  23
§  6.  Geographische  Grundlagen  des  Verkehrs  auf  den  Gewässern  des  Binnenlandes ­
  •  •  30
§  7.  Leistungsfähigkeit  von  Wegen  40
§  8.  Der  Seeverkehr  41
§  9.  Der  Luftverkehr  46
§  10.  Der  Postverkehr  49
§  11.  Der  Lokalverkehr  50
        <pb n="8" />
        I.  Abschnitt.

§  1.  Unterschied  zwischen  der  Wirtschaftsgeographie
und  der  Nationalökonomie.
Wer  mit  Erfolg  wirtschaftsgeographische  Studien  treiben,  vor
allem  aber  wer  solche  als  Kaufmann,  Unternehmer  oder  Beamter
praktisch  verwerten  will,  sollte  sich  zunächst  darüber  klar  werden,
inwieweit  sich  seine  Arbeit  von  derjenigen  des  Nationalökonomen
unterscheidet.  Lassen  sich  auch  die  Ergebnisse  der  Staatswissenschaft
und  der  Erdkunde  nicht  streng  voneinander  sondern,  so  zeigt  jede
sorgfältige  Ueberlegung,  daß  es  gerade  für  den  Praktiker  von  Vorteil
ist,  wirtschaftliche  Fragen  von  beiden  Gesichtspunkten  aus,  dem  volkswirtschaftlichen ­
  wie  dem  geographischen,  gesondert  zu  erwägen.  Er
wird  dann  die  Abhängigkeit  der  ihn  interessierenden  Dinge  von  natürlichen ­
  wie  von  menschlichen  Einflüssen  leichter  auseinanderhalten.
Diese  Sonderung  der  letzten  Ursachen  alles  wirtschaftlichen  Geschehens
vermag  ihm  weiterhin  das  Urteil  über  dessen  künftige  Entwicklung
außerordentlich  zu  erleichtern.  Dies  Urteil  aber  ist  es,  daß  jeder
denkende  Geschäftsmann  zu  gewinnen  trachtet  und  in  dessen  Besitz
auch  der  Nationalökonom  und  der  Geograph,  ja  letzten  Endes  jeder
Gebildete  leichter  in  die  mannigfachen  Grundfragen  einzudringen  vermag, ­
  vor  die  uns  das  vielgestaltige  Wirtschaftsleben  der  Neuzeit  stellt.
Der  Arbeitsstoff  beider  Wissenschaften  ist  freilich  vielfach
der  gleiche.  Auch  die  Wirtschaftsgeographie  bedarf  zu  ihren  Untersuchungen ­
  klar  bestimmter  Größen,  die  ihr  durch  die  Statistik  übermittelt ­
  werden.  Nur  ihre  Art  der  Verarbeitung  dieser  Zahlen  ist
eine  andere.  Jedenfalls  müssen  wir  festhalten,  daß  die  bloße  Mitteilung ­
  und  Zusammenstellung  statistischer  Ergebnisse,  wie  sie  sich
in  zahlreichen  geographischen  Werken  findet,  noch  lange  keine  geographische ­
  Arbeitsleistung  bedeutet.  Gleichwohl  hat  sie  dazu  geführt,
daß  der  wirtschaftlichen  Betätigung  unserer  Wissenschaft  von  anderer
Seite  oft  mit  einem  gewissen  Zweifel  begegnet  wird.  Um  der  „ökonomischen ­
  Erdkunde“  die  Beachtung  zu  sichern,  die  ihr  ebenso  gebührt ­
  wie  der  „Nationalökonomie“,  muß  sie  folgerichtig  eine  Verarbeitung ­
  und  Umgestaltung  des  ziffermäßig  festgelegten  Rohstoffs
nach  der  nur  ihr  eigenen  Arbeitsweise  und  unter  Zugrundelegung
der  nur  von  ihr  vorwiegend  benutzten  Maßstäbe  vornehmen.  Erst
auf  diesem  Wege  vermag  sie  den  Vorwürfen  wirksam  zu  begegnen,
die  ihr,  nicht  immer  ohne  Grund,  von  anderer  Seite,  namentlich  von
Vertretern  der  Staatswissenschaften,  gemacht  worden  sind.  Sie  beziehen ­
  sich  keineswegs  nur  auf  die  Behandlung  des  Zahlenmaterials,
Dove,  Allgemeine  "Wirtschaftsgeographie.  1
        <pb n="9" />
        2

I.  Abschnitt.

sondern  auch  auf  die  Methode,  nach  der  Fragen  wirtschaftlichen  Inhalts ­
  auch  sonst  in  länderkundlichen  Büchern  erörtert  werden.  Die
ihr  eigene  Methode  aber  ergibt  sich  am  ehesten  aus  der  Begründung
der  wahrhaft  geographischen  Forschungsweise  überhaupt.
Die  Erdkunde  ist  eine  Wissenschaft  vom  Baume.
Sie  untersucht  die  Abhängigkeit  der  einzelnen  Erscheinungen ­
  auf  unserem  Planeten  und  ihrer  Gesamtheit ­
  vom  Baume  und  von  den  räumlich  bedingten  Gesetzen ­
  der  Natur.  Die  Fragen,  die  zu  beantworten  sie  übernimmt, ­
  können  deshalb  erst  dann  unzweideutig  gelöst  werden,  wenn
wir  diese  Gesetze  in  all  ihren  mannigfachen  Aeußerungen  hinreichend
kennen.  Mit  der  Feststellung  und  Erforschung  dieser  räumlich
bedingten  Naturgesetze  beschäftigt  sich  die  sogenannte  „Allgemeine ­
  Erdkunde“  und  wir  verstehen  nun,  warum  die  Beschäftigung
mit  dieser  heute  noch  die  meisten  wissenschaftlichen  Geographen  in
erster  Linie  beansprucht.  Erst  seit  zwei  Menschenaltern  hat  uns  ja
der  Fortschritt  der  Naturwissenschaften  in  die  Lage  versetzt,  wenigstens
die  großen  Linien  des  natürlichen  Geschehens  auf  unserer  Erde  festzulegen ­
  und  den  Schleier,  der  über  der  klimatischen,  der  hydrographischen, ­
  der  pflanzlichen,  tierischen  und  sonstigen  Erscheinungswelt ­
  ruhte,  mehr  und  mehr  zu  lüften.  Erst  jetzt  ist  unsere  Wissenschaft ­
  somit  in  der  Lage,  die  Wirkung  all  dieser  Dinge  und  ihres
inneren  Zusammenhanges  auf  das  Leben  des  höchsten  Erdbewohners
mit  einiger  Sicherheit  zu  erkennen;  erst  jetzt  kann  man  also  eigentlich ­
  an  wirtschaftsgeographische  Untersuchungen  mit  dem  Vertrauen
herantreten,  das  dieser  neue  und  wichtige  Zweig  der  Erdkunde  für
seine  Arbeit  beanspruchen  muß,  wenn  er  mit  ihren  Ergebnissen  der
Gesamtheit  dienen  will.
Beispiel:  Nationalökonomie  und  Geographie  unserer  Zeit  kennen  beide  ein
Bevölkerungsproblem.  Aber  die  Staatswissenschaft  behandelt  diese  höchst  bedeutsame
Frage  wesentlich  in  ihrer  Abhängigkeit  vom  Willen  und  von  bewußten  und  unbewußten ­
  Strebungen  der  einzelnen  Völker  (z.  B.  Geburteneinschränkung  in  Frankreich ­
  und  neuerdings  auch  in  deutschen  Kreisen).  Die  wirtschaftliche  Erkunde  dagegen ­
  geht  an  die  Frage  der  Volksmenge  von  ganz  anderen  Gesichtspunkten  heran.
Sie  untersucht  im  einen  Falle  die  Möglichkeit  der  Volksvermehrung  auf  Grund  der
Erzeugung  von  Nährstoffen  und  Gütern  aller  Art,  etwa  bei  der  Behandlung  der
Bewohnbarkeit  eines  bestimmten  Erdgebietes.  Im  anderen,  der  uns  namentlich  bei
der  Beschäftigung  mit  Afrika  interessiert,  sieht  sie  sich  abermals  vor  eine  solche
gestellt,  die  für  unsere  Weltstellung  nicht  unwichtig  ist.  In  diesem  Falle  handelt
es  sich  um  die  Erörterung  der  Frage,  ob  es  uns  gelingen  wird,  Dauersiedelungen
von  Nordeuropäern  in  den  Tropen  ms  Leben  zu  rufen.  Kein  Willensakt  des  Gesetzgebers, ­
  kein  noch  so  eifriges  Ebnen  der  Wege,  die  die  Niederlassung  im  äquatorialen
Afrika  durch  Erleichterungen  volkswirtschaftlicher  Art  ermöglichen  (billige  Frachtsätze, ­
  günstige  Bahntarife,  Bevorzugung  weißer  Ansiedler  in  rechtlicher  und  pekuniärer
Beziehung  usw.)  vermag  sie  in  uns  günstigem  Sinne  zu  lösen.  Für  den  geographischen
Beurteiler  entscheidet  hier  einzig  und  allein  die  Natur.  Vermag  der  Körper  des
Nordeuropäers  sich  ohne  tiefgreifende  physiologische  Aenderungen  dem  Klima  jener
Striche  anzupassen,  so  ist  sie  zugunsten  der  weißen  Kolonisten  zu  bejahen.  Der
Wirtschaftsgeographie  erwächst  also  in  diesem  Falle  die  Aufgabe,  festzustellen,  in
welchen  Landschaften  die  vom  Physiologen  und  Arzt  gestellten  Bedingungen  am
ausgiebigsten  erfüllt  sind.
Aus  dem  Vorstehenden  ergibt  sich  ohne  weiteres,  daß  das  Urteil
der  Wirtschaftsgeographie  über  Wert  oder  Unwert  bestimmter  Gebiete,
eben  weil  sie  mit  Wirkungen  der  Landesnatur  rechnet,  Anspruch  auf
eine  nach  menschlichem  Ermessen  sehr  lange  Dauer  besitzt.  Da
menschliche  Einrichtungen,  da  ferner  Sitten  und  Gewohnheiten  in
        <pb n="10" />
        §  1.  Unterschied  zwischen  der  Wirtschaftsgeographie  usw.  3
hohem  Grade  veränderlich  sind,  so  erfordert  die  Beobachtung  ihres
Einflusses  auf  das  wirtschaftliche  Leben  nicht  nur  die  stete  Aufmerksamkeit ­
  des  Nationalökonomen,  sondern  sie  lassen  aus  demselben
Grunde  für  den  Forscher  oft  auch  verschiedene  Deutungen  und
Schlüsse  zu.  Anders  die  Arbeit  der  Wirtschaftsgeographie.  Denn
diese  rechnet  in  den  meisten  Fällen  mit  einem  unveränderlichen  bzw.
nur  in  sehr  langen  Zeiträumen  veränderlichen  Beobachtungsmaterial.
Seine  Benutzung  verleiht  deshalb  ihrem  Urteil  über  den  Einfluß  der
Natur  auf  das  Wirtschaftsleben  des  Menschen  eine  beachtenswerte
Sicherheit.  Ein  Urteil  etwa  über  die  Besiedelungsfähigkeit  einer  bestimmten ­
  Kolonie  wird,  wenn  es  wirklich  unter  Berücksichtigung  rein
geographischer  Verhältnisse  abgegeben  wird,  selten  anders  als  vorübergehend ­
  für  unzutreffend  gelten.
Beispiel:  Die  Größe  der  Farmen  in  Südwestafrika  hängt  von  zwei  Faktoren
ab.  Der  erste,  der  Preis  für  die  Erzeugnisse  der  Viehzucht,  ist  veränderlich  je  nach
dem  Verhältnis  von  Angebot  und  Nachfrage,  nach  der  Höhe  der  Bahntarife,  der
Frachtsätze  nach  dem  Auslande  sowie  nach  den  von  den  Käufern  gestellten  Abnahmebedingungen. ­
  Diese,  sowie  einige  andere  den  Preis  beeinflussende  wirtschaftliche ­
  Zustände  wird  vorwiegend  der  Nationalökonom  zu  behandeln  unternehmen.
Das  absolut  mögliche  Maß  der  Viehhaltung  bestimmt  dagegen  die  Wirtschaftsgeographie, ­
  die  in  diesem  Falle  festzustellen  sucht,  wieviel  Tiere  Klima,  Weideverhältnisse ­
  und  andere  unveränderliche,  beziehentlich  von  der  Natur  des  Landes
abhängige  Lebensbedingungen  auf  bestimmten  Flächen  zu  halten  gestatten.  Beide
Wissenschaften  würden  ferner  die  Möglichkeit  der  Einführung  neuer,  im  Lande
noch  nicht  vorhandener  Kulturen  gemeinsam  zu  erwägen  haben.  Denn  die  Möglichkeit ­
  des  Gedeihens  einer  Pflanze  oder  eines  Tieres  in  irgendwelchem  Neulande  ergibt
noch  nicht  die  Kentabiiität  ihrer  Akklimatisation,  höchste  vorauszusetzende  Rentabilität ­
  aber  lohnt  infolge  natürlicher  Schwierigkeiten  durchaus  nicht  immer  den
Versuch  der  Einbürgerung.  So  ist  in  Ländern  mit  künstlicher  Bewässerung  die
Einführung  der  mitteleuropäischen  Getreidekultur  in  vielen  Fällen  selbst  dann  unrentabel, ­
  wenn  die  betreffenden  Arten  daselbst  vorzüglich  gedeihen,  wie  in  manchen
Gegenden  Südafrikas.  Andererseits  kann  die  Rentabilität  groß  sein,  wie  z.  B.  bei
dem  Anbau  des  Weizens  in  England,  aber  das  Klima  (Regenhäufigkeit)  erlaubt  sie
nur  in  räumlich  beschränkten  Landschaften.
In  manchen  Fällen  findet  gleichwohl  eine  Aenderung  des  Urteils
der  Wirtschaftsgeographie  über  den  Wert  eines  Landes  oder  seiner
geographischen  Erscheinungen,  z.  B.  seiner  Flüsse  usw.  statt.  Doch
beruht  diese  Aenderung  nicht  etwa  auf  einer  Veränderung  der  natürlichen ­
  Lebensbedingungen,  sondern  vielmehr  auf  einer  anderen  Einschätzung ­
  jener  geographischen  Einzelzüge  eines  Erdgebietes.  Daß
das  bei  der  Entdeckung  wertvoller  Mineralien  der  Fall  ist,  darf  uns
nicht  weiter  verwundern,  da  die  Auffindung  von  solchen  zu  allen
Zeiten  ungefähr  die  gleichen  Folgen  für  die  Bewertung  und  selbst
für  die  vorübergehende  oder  dauernde  Besiedelung  der  betreffenden
Gegenden  gehabt  hat,  sofern  nur  die  Gewinnung  der  Bodenschätze
in  der  gleichen  Art  erfolgte.  Ganz  anders  hat  dagegen  die  industrielle
Entwicklung  unserer  Tage  gewirkt.  Während  des  letzten  halben
Jahrhunderts  ist  kein  Jahrzehnt  dahingegangen,  ohne  daß  durch  Erfindungen ­
  der  Technik  und  durch  Fortschritte  der  Chemie  die  Bedeutung ­
  außereuropäischer  Gebiete  für  die  Kulturwelt  verwandelt
wurde.  Zum  Beweise  braucht  nur  an  die  Wirkung  der  Herstellung
des  künstlichen  Indigo  auf  die  Gewinnung  des  natürlichen  Farbstoffes
verwiesen  zu  werden.  Ist  doch  allein  in  Indien  die  Verschiffung
von  Farbstoffen  wesentlich  aus  diesem  Grunde  1910  auf  18  Proz.  derjenigen ­
  vom  Jahre  1896  gesunken,  während  allein  an  Indigo  zu
Lande,  also  in  Gebiete,  die  bis  jetzt  nur  wenig  von  der  europäischen
1*
        <pb n="11" />
        4

I.  Abschnitt.

Fabrikation  beeinflußt  werden,  in  dem  gleichen  Zeitraum  die  allerdings
schwache  Ausfuhr  sogar  noch  um  etwas  gestiegen  ist.  Das  Umgekehrte ­
  gilt  von  den  Ländern,  deren  Ausfuhr  an  Fette  liefernden
Früchten  (hauptsächlich  Palmöl  und  Palmkerne  sowie  Kopra)  und  aa
Kautschuk  erst  mit  dem  steigenden  Bedarf  der  europäischen  Industrie
während  des  letzten  Vierteljahrhunderts  sich  stärkerer  Beachtung  erfreuen ­
  als  vordem.
Ja  noch  mehr.  Mit  der  Vervollkommnung  der  heutigen  Technik
ist  selbst  die  Wertschätzung  solcher  geographischen  Charakterzüge
eines  Landes  eine  andere  geworden,  in  denen  man  früher  geradezu
eine  wirtschaftliche  Benachteiligung  erblickte.  Die  vor  Jahrzehnten
auch  unter  den  Geographen  noch  allgemein  verbreitete  Minderschätzung ­
  der  häufig  von  Strom  sehn  eilen  und  Fällen  unterbrochenen
Wasserläufe  beginnt  einer  anderen  Auffassung  zu  weichen,  seit  die
Elektrotechnik  uns  gelehrt  hat,  in  diesen  unversiegbare  Kraftspender
zu  erblicken.
Beispiel:  Gerade  das  wirtschaftsgeographische  Bild  des  afrikanischen  Kontinents ­
  beweist  uns  die  Kichtigkeit  dieses  Satzes.  Wo  seinerzeit  die  Augen  eines
Li  vingstone  und  eines  Eduard  Mohr  im  Angesicht  eines  der  größten  Wunder
der  Schöpfung  die  Viktoriafälle  des  Sambesi  als  herrliches  Landschaftsbild  erblickten, ­
  da  hat  der  praktische  Sinn  ihrer  Nachfolger  Anstalten  getroffen,  die  fern
im  Süden  Afrikas  gelegenen  Goldfelder  mit  dem  unentbehrlichen  elektrischen  Strom
zu  versorgen.  Und  die  Trockenheit  der  Luft  über  den  Hochsteppen  Südafrikas,  in
der  man  sonst  vorwiegend  Nachteiliges  sah,  kommt  solchen  Anlagen  als  fördernde
Eigenschaft  der  Natur  zu  Hilfe.  Wieder  ein  Beweis  für  die  Aenderung  unseres
Werturteils  über  geographische  Dinge,  nicht  aber  für  eine  Umgestaltung  der  Erscheinungen ­
  selbst,  mit  der  in  menschlichen  Willensmaßnahmen  der  Nationalökonom
so  oft  zu  rechnen  hat.

§  2.  Die  Arbeitsweise  der  Wirtschaftsgeographie;
die  geographische  Statistik.
Im  Gegensatz  zu  den  Untersuchungsgebieten  der  physikalischen
Erdkunde  besteht  dasjenige  der  Wirtschaftsgeographie  zum  nicht  geringen ­
  Teil  aus  zahlenmäßig  festgelegten  Beobachtungen  und  Erhebungen. ­
  Indem  sie  aber  die  Abhängigkeit  der  auf  statistischem
Wege  gewonnenen  Tatsachen  und  Erscheinungen  von  räumlich  gebundenen ­
  Erscheinungen  feststellt,  bedient  sie  sich  in  weitgehendem
Maße  der  Ergebnisse  allgemein-geographischer  Untersuchungen.  So
bedient  sie  sich  bei  der  Behandlung  der  Produktion  in  erster  Linie
der  Hilfeleistung  der  Klimatologie,  bei  der  Erörterung  des  Verkehrs
dienen  als  fernere  Hilfsdisziplinen  die  Orographie  und  die  Hydrographie ­
  sowie  abermals  die  Klimatologie  usw.  Durch  die  Heranziehung ­
  dieser  und  anderer  geographischer  Sonderwissenschaften  gewinnt ­
  ihre  Tätigkeit  abermals  im  Gegensatz  zur  Nationalökonomie
einen  speziell  geographischen  Charakter.
Beispiel:  Die  Produktionsstatistik  führt  den  Nachweis,  daß  die  Weizenerzeugung ­
  Großbritanniens  seit  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  einen  erheblichen
Rückgang  erfahren  hat.  Man  würde  ohne  Berücksichtigung  der  räumlichen  Besonderheiten ­
  daraus  den  in  der  Tat  oft  auf  diese  Verringerung  begründeten  Schluß
ziehen,  daß  die  industrielle  Entwickelung  allein  die  Schuld  an  der  Verminderung
des  Getreidebaues  trage.  Nun  lehrt  aber  die  wirtschaftsgeographische  Untersuchung
zunächst,  daß  dieser  Rückgang  zwar  in  Schottland  und  auch  in  Nordengland  in
sehr  starkem  Maße  stattgefunden  hat,  daß  dagegen  der  Weizenbau  in  Südostengland
im  Beginn  der  90er  Jahre  noch  fast  ebenso  ausgedehnt  war  wie  zu  Anfang  der
70er  Jahre.  Wenn  das  in  jener  Zeit  bereits  sehr  lebhafte  Anwachsen  der  Industrie
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        o  rj  "7  Weitv^irtscha?!:  _  n  c  /,  r
o  u  /  Kiel  ■

B  i  K

§  2.  Die  Arbeitsweise  der  Wirtschaftsgeographie  nsw.  5
in  diesem  Gebiet  keine  irgendwie  erhebliche  Veränderung  hervorgerufen  hat,  so
können  nicht  volkswirtschaftliche,  sondern  müssen  geographische  Gründe  dafür  maßgebend ­
  sein.  In  der  Tat  findet  der  Wirtschaftsgeograph  solche  in  vollkommen  ausreichendem ­
  Maße,  sobald  er  die  physikalische  Geographie  Großbritanniens  zur  Erklärung ­
  der  auffallenden  Tatsache  heranzieht.  Das  Klima  Süd  osten  glands  ist  für
den  Getreidebau  gegenüber  demjenigen  anderer  großbritannischen  Landschaften  so
viel  günstiger,  daß  es  uns  den  Beweis  dafür  liefert,  daß  der  Rückgang  des  Ackerbaues ­
  auch  im  übrigen,  feuchteren  und  wolkigeren  England  und  Schottland  ebenfalls ­
  nicht  allein  der  Ausbreitung  der  industriellen  Tätigkeit  zugeschrieben  werden
kann,  wie  dies  von  verschiedenen  Kreisen  immer  noch  geschieht.
In  gleicher  Weise  wie  bei  dem  hier  gegebenen  Beispiel  wird
nun  die  Wirtschaftsgeographie  bei  der  Behandlung  jeder  Art  von
Gütererzeugung  Vorgehen.  D.  h.  sie  wird  zunächst  das  räumliche ­
  Vorkommen  an  und  für  sich  feststellen,  eine  Arbeit,
bei  der  sie  lediglich  topographische  Gesichtspunkte  obwalten  läßt.
Die  meisten  älteren  Arbeiten,  die  sich  wirtschaftsgeographisch  nannten,
sind  über  diese  Art  der  Behandlung  nicht  hinausgegangen.  Sie  sind
deshalb  dem  Veralten  außerordentlich  schnell  unterworfen  und  sind
zudem  in  erster  Linie  nichts  anderes  als  Nachschlagebücher,  deren
Nutzen  darum  im  einzelnen  Falle  keineswegs  unterschätzt  werden
soll.  Die  eigentlich  wissenschaftliche  Arbeit  beginnt
indessen  erst  mit  der  Untersruchung  der  Ursachen  der
in  der  Gütererzeugung  zutage  tretenden  Verschiedenheiten, ­
  wobei  die  Wirtschaftsgeographie,  wie  bereits
angedeutet  wurde,  in  erster  Linie  die  in  der  Natur  beruhenden ­
  Ursachen  dieser  Unterschiede  zu  ergründen
hat.  Auch  hier  möge  ein  Beispiel  die  Arbeitsweise  unserer  Wissenschaft ­
  erläutern.
Beispiel:  Jedem,  der  von  dem  Rückgänge  der  Landwirtschaft  in  Großbritannien ­
  vernimmt,  wird  bei  der  Berücksichtigung  der  Viehstatistik  auffallen,  daß
den  selbst  im  Vergleich  zu  Deutschland  günstigen  Verhältniszahlen  für  Rinder  und
den  recht  hohen  für  Schafe,  außerordentlich  niedrige  für  Schweine  gegenüberstehen,
während  die  Bevölkerung  des  Vereinigten  Königreichs  gerade  das  Fleisch  dieses
Tieres  in  außerordentlicher  Menge  verbraucht.  Vergleichen  wir  diese  Zahlen  miteinander, ­
  so  ergibt  sich,  daß  auf  je  1000  Einwohner  kommen:  in  Deutschland  rund
320  Rinder  und  340  Schweine,  aber  nur  etwa  170  Stück  Kleinvieh,  in  Großbritannien
und  Irland  260  Stück  Hornvieh,  dagegen  630  Stück  Kleinvieh,  aber  nur  86  Schweine.
Daß  hier  nicht  volkswirtschaftliche  Ursachen  maßgebend  sein  können,  ergibt  sich
aus  der  Größe  dieser  Unterschiede  von  selbst.  Die  ausgezeichneten  Grasweiden  der
englischen  Inseln  gestatten  die  Haltung  einer  trotz  aller  Industrie  sehr  bedeutenden
Zahl  hochwertiger  Rinder.  In  der  Tat  ist  infolgedessen  die  Dichte  des  Rinderbestandes ­
  daselbst  die  gleiche  wie  bei  uns,  d.  h.  auf  dem  Quadratkilometer  werden
dort  ebenso  wie  im  Deutschen  Reiche  durchschnittlich  38  Rinder  gehalten.  Während
aber  das  Klima  die  Zucht  von  Hornvieh  auf  den  britischen  Inseln  wegen  seiner
Feuchtigkeit  in  ebenso  hohem  Grade  begünstigt,  wie  es  den  Ackerbau  benachteiligt,
so  ist  es  auch  der  Aufzucht  des  für  die  Briten  so  wichtigen  Schweines  nicht  förderlich. ­
  Denn  zu  dieser  bedarf  der  Landwirt  eines  Massenfutters,  das  ihm  in  unseren
Breiten  die  Kartoffel,  in  den  Mittelstaaten  der  Union  der  Mais  gewährt,  während  in
dem  an  Niederschlägen  überreichen  Inselgebiet  ein  solches  in  ausreichendem  Maße
nicht  gewonnen  werden  kann.  So  erklären  sich  uns  die  sonderbaren  Gegensätze  in
der  tierischen  Produktion  eines  und  desselben  Gebiets  ohne  Schwierigkeiten,  für
deren  Deutung  rein  volkswirtschaftliche  Gründe  nicht  ausreichen  würden.
Nur  zu  oft  hat  man  ferner  eine  bestimmte  Produktionsart  ohne
Rücksicht  auf  die  Verschiedenheit  der  natürlichen  Bedingungen  der
Gewinnung  betrachtet.  Und  doch  ergeben  auch  diese  ganz  gewaltige
Unterschiede  des  allgemein-wirtschaftlichen  Wertes  eines  Gegenstandes.
Es  sei  hier  nur  an  das  Goldvorkommen  erinnert.  Je  nachdem  dies
Edelmetall  in  der  Form  von  leicht  dem  Boden  zu  entreißendem
        <pb n="13" />
        6

I.  Abschnitt.

Waschgold  oder  in  den  noch  im  Muttergestein  verborgenen  Gängen
vorkommt,  hat  seine  Gewinnung  die  verschiedenartigsten  Folgen  für
die  in  der  Produktion  des  Goldes  führenden  Länder  gehabt.  So  begünstigste
  das  Waschgold  in  Kalifornien  und  Australien  das  Herbeiströmen ­
  zahlreicher  Elemente,  die  sich  nach  dem  Aufhören  dieser  bequemen ­
  Art  der  Gewinnung  zum  nicht  geringen  Teile  anderen  Berufen
zuwandten  und  so  den  Grundstock  einer  energischen  seßhaften  Bevölkerung ­
  bildeten.  Anders  die  Goldminen  in  Südafrika.  Hier,  wo
das  Gold  wesentlich  mit  Hilfe  größerer  maschineller  Anlagen  dem
Gestein  entnommen  werden  muß,  wurde  zwar  das  Anwachsen  einiger
Städte  durch  die  ins  ungeheure  gesteigerte  Produktion  erheblich  gefördert, ­
  dagegen  blieb  die  ursprüngliche  landsässige  Bevölkerung  der
südafrikanischen  Staaten  in  ihrer  Zusammensetzung  trotz  der  starken
Zunahme  der  europäischen  Einwanderung  ziemlich  unverändert.
Wir  entnehmen  aus  dieser  nicht  hinreichend  gewürdigten  Tatsache ­
  die  Notwendigkeit,  die  natürlichen  Grundlagen  der  Gütererzeugung ­
  bzw.  Gütergewinnung  auch  da  zu  berücksichtigen,  wo  es
sich  bei  ihrem  Vorkommen  wie  bei  den  Mineralien  oder  den  wildwachsenden ­
  Pflanzen  um  Dinge  handelt,  die  das  Land  dem  Menschen
ohne  sein  Zutun  bietet.  Durch  die  Kenntnis  der  natürlichen  Bedingungen ­
  des  Vorkommens  oder  des  Gedeihens  wichtiger  Urprodukte
gewinnen  wir  erst  die  Möglichkeit,  auch  die  in  Kulturen  gewonnenen
Handelsgüter  in  ihrer  vollen  Bedeutung  richtig  zu  würdigen  und  uns
über  die  Möglichkeit  ihrer  Verpflanzung  und  Ausbreitung  in  andere
Gebiete  klar  zu  werden.  Die  Wirtschaftsgeographie  wird  damit  zu
einer  sehr  wichtigen  Hilfswissenschaft  der  Akldimatisationsbestrebungen
unserer  kolonisierenden  Zeit.  So  gering  man  die  Bedeutung  dieser
Bestrebungen  in  alten  Kulturländern  —  wohl  mit  Unrecht  —  einschätzen ­
  mag,  die  gesamte  Kolonialwirtschaft  bedarf  ihrer  als  eines
ungemein  wichtigen  Zweiges  ihrer  Tätigkeit  und  sie  bedarf  dazu
wieder  einer  Vertiefung  der  Wirtschaftsgeographie  als  sehr  wesentlicher ­
  Mitarbeiterin.
Da  die  Behandlung  wirtschaftsgeographischer  Fragen  und  die
Bildung  eines  Urteils  über  solche,  ohne  eine  gewisse  Kenntnis  der
zweckmäßigen  Verwertung  des  Zahlenmaterials  nicht  gut  möglich  ist,
so  wenden  wir  uns  zu  den  Grundregeln  der  geographischen
Statistik,  ohne  deren  Kenntnis  eine  einwandfreie  Bearbeitung  des
Stoffes  mit  Schwierigkeiten  mancher  Art  zu  kämpfen  hat.
In  einigen  allgemeinen  Forderungen  vereinigen  sich  die  geographische ­
  und  die  nationalökonomische  Statistik.  So  wird  als  erste
und  wichtigste  Bedingung  von  beiden  gefordert,  daß  nur  gleichartiges
miteinander  verglichen  werden  darf.  Wenn  beispielsweise  der  Verbrauch ­
  bestimmter  Dinge  in  verschiedenen  Ländern  behandelt  wird,
so  müssen  die  Verbraucher  wenigstens  annähernd  die  gleichen  sein.
So  darf  man  unter  keinen  Umständen  den  Verbrauch  alkoholhaltiger
Getränke  in  Deutschland  und  in  seinen  Kolonien  in  der  Verrechnung
auf  den  Kopf  der  weißen  Bevölkerung  nebeinanderstellen,  wie  das
in  kolonialen  Kreisen  ganz  verkehrterweise  immer  noch  geschieht.
Denn  bei  uns  sind  in  der  auf  diese  Weise  erreichten  Durclischnittsmenge
  auch  die  Frauen  und  Kinder  mit  berücksichtigt,  während  in
unseren  jungen  Schutzgebieten  die  erwachsenen  Männer  weitaus  die
Mehrzahl  der  Weisen  bilden.  Auf  diese  Weise  schneiden  natürlich
die  Kolonialländer  erheblich  schlechter  ab  als  die  Heimat.  Vergleicht
        <pb n="14" />
        §  2.  Die  Arbeitsweise  der  Wirtschaftsgeographie  usw.  7
man  ordnungsgemäß  nur  Männer  mit  Männern,  so  würde  der  Durchschnittsverbrauch ­
  an  Spirituosen  Deutschland  eher  noch  in  einem  ungünstigeren ­
  Lichte  erscheinen  lassen,  als  jene  afrikanischen  Besitzungen.
Die  Vergleichbarkeit  bezieht  sich  indessen  keineswegs  nur  auf
die  Eigenart  und  die  besondere  Beschaffenheit  der  zu  vergleichenden
Personen  oder  Gegenstände  wie  im  eben  erwähnten  Falle,  sondern
auch  die  nebeneinandergestellten  Grundzahlen  dürfen  nicht  allzu  verschieden ­
  sein.
Beispiel:  In  den  wirtschaftsgeographischen  Notizen  einer  wissenschaftlichen
Zeitschrift  wird  angegeben,  daß  die  Kapkolonie  im  Jahre  1911  einen  Nutztierstand
von  über  50  Mill.  Stück  gegenüber  einer  Million  in  Deutsch-Südwestafrika  im  Jahre
1912  gehabt  habe.  Weiter  wird  mitgeteilt,  daß  das  gegen  die  Jahre  1904  und  1903
einem  Anwachsen  der  Viehhaltung  in  der  Kapkolonie  um  „nur“  60  Proz.,  in  dem
deutschen  Schutzgebiet  dagegen  um  mehr  als  100  Proz.  entspreche.
Hier  wird  also  zunächst  gegen  die  oben  aufgestellte  Grundregel  gefehlt,  daß
man  nur  Gleichartiges  mit  Gleichartigem  zusammenstellen  darf,  denn  hier  sind  die
Kopfzahlen  in  der  Prozentrechnung  gleichwertig  gesetzt,  während  doch  eine  Vermehrung ­
  um  eine  bestimmte  Anzahl  von  Kindern  oder  Pferden  etwas  ganz  anderes
bedeutet,  als  eine  solche  um  ebensoviel  Schafe  oder  Ziegen.  Ferner  sind  die  Grundzahlen, ­
  von  denen  die  Berechnung  ausgeht  (etwa  30  Millionen  und  eine  halbe  Milhon),
so  ungeheuer  verschieden,  daß  der  Vergleich  ihrer  prozentualen  Vermehrung  weder
volkswirtschaftlich  noch  geographisch  irgend  etwas  besagt.  Nur,  wenn  beide  Grundzahlen ­
  im  Anfangsjahr  annähernd  gleich  oder  wenigstens  nicht  allzu  weit  voneinander
entfernt  gewesen  wären,  würde  eine  solche  Nebeneinanderstellung  berechtigt  sein.
So  aber  muß  sie  ohne  weiteres  falsche  Vorstellungen  von  dem  Stande  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  in  den  miteinander  verglichenen  Ländern  erwecken.
Will  man  solche  Entwicklungsstufen  an  der  Hand  statistischer  Erhebungen
in  wirtschaftsgeographisch  richtiger  Weise  miteinander  vergleichen,  so  mußte  in  vorliegendem ­
  Falle  etwa  die  Vermehrung  der  Wollschafe  vom  Anfangsjahre  der  rationellen
Schafzucht  an  für  beide  Länder  nebeneinander  gestellt  werden.  Dann  würde  freilich ­
  das  Bild,  das  uns  in  der  erwähnten  Notiz  unsere  eigene  Kolonie  in  einem  recht
rosigen  Lichte  zeigt,  die  entgegengesetzten  Farben  tragen.
Neben  der  Beachtung  der  eben  angegebenen  Regeln,  die  für  jede
Benutzung  von  Zahlenangaben  gelten,  hat  sich  die  geographische
Statistik  wieder  in  erster  Linie  mit  der  Frage  des  räumlichen  Vorkommens ­
  der  von  ihr  behandelten  Gegenstände  zu  beschäftigen.  Wo
es  sich  nur  um  im  Raume  bewegliche,  von  Jahr  zu  Jahr  veränderliche
Größen  handelt,  die  namentlich  in  der  Handelsstatistik  eine  besondere
Rolle  spielen,  wird  sie  allerdings  auch  die  Beziehung  solcher  Dinge
auf  eine  andere  als  die  räumliche  Einheit  nicht  entbehren  können.
In  diesem  Falle  ist  der  Mensch  selbst  der  Maßstab  und  die  Einheitszahl, ­
  auf  die  etwa  Produktionsmengen  oder  Handelsgüter  bezogen
werden,  entweder  der  Einzelne  (Beziehung  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung) ­
  oder  eine  fest  bestimmte  Einheit  (je  hundert  oder  Tausend
Einwohner  eines  Gebiets).  So  entsteht  aber  immer  wieder  ein  geographischer ­
  Maßstab,  denn  indem  wir  die  auf  diese  Weise  erhaltenen
Verhältniszahlen  miteinander  vergleichen,  erkennen  wir  schärfer  als
sonst  gewisse  Unterschiede,  die  das  eine  Land  vom  anderen  trennen.
Erst  die  Anwendung  beider  Maßstäbe  gibt  ein  nach  allen  Richtungen
klares  Bild  der  wirtschaftsgeographischen  Landschaften  und  führt  uns
zugleich  die  geographischen  Ursachen  ihrer  Verschiedenheit  hinreichend
deutlich  vor  Augen.
Beispiel:  Es  soll  im  besonderen  ein  große  Fleischmengen  verbrauchendes
Gebiet  mit  einem  diese  liefernden  verglichen  werden.  Wählen  wir  zu  diesem  Zweck
die  britischen  Inseln  und  Argentinien.  In  Großbritannien  und  Irland  kommen,  wie
wir  sahen,  auf  jedes  Tausend'  Einwohner  260  Rinder,  in  Argentinien  dagegen  5700,
d.  h.  der  Ueberschuß  über  den  Eigenverbrauch  ist  in  Argentinien  so  bedeutend,  daß
        <pb n="15" />
        8

I.  Abschnitt.

eine  außerordentlich  starke  handelsgeographische  Spannung  zwischen  beiden  Ländern
besteht.  Vergleichen  wir  dagegen  die  Dichtezahlen  beider  Erdgebiete,  so  übertrifft ­
  das  britische  Inselreich  die  südamerikanische  Republik  fast
um  das  Vierfache,  d.  h.  das  europäische  Gebiet  zeigt  damit  sofort  seine  in  der
Natur  begründeten  Vorzüge  gegenüber  den  argentinischen  Weideflächen.
Daß  die  Berücksichtigung  des  Raumes  auch  bei  der  Darstellung  kleinerer  Landschaften ­
  eine  wesentliche  Pflicht  der  geographischen  Statistik  ist,  lehrt  uns  selbst
die  Nebeneinanderstellung  kleinerer  Landschaften.  Bleiben  wir  bei  der  Zahl  der
Rinder  stehen,  so  zeigt  ein  Vergleich  zweier  Land  Wirtschaftsgebiete  innerhalb  Preußens
die  Notwendigkeit  beider  zahlenmäßigen  Beziehungen.  In  den  ersten  Jahren  des
laufenden  Jahrhunderts  kamen  im  Regierungsbezirk  Köslin  auf  je  1000  Einwohner
460,  in  Sigmaringen  620  Rinder.  Dabei  betrug  die  Dichte  in  dem  pommerschen
Gebiet  nur  20,  in  dem  zweiten  Bezirk  aber  rund  das  Doppelte  dieser  Zahl.  Der
Hochlandcharakter  der  süddeutschen  Landschaft  tritt  demnach  in  der  Verrechnung
auf  die  Fläche  viel  deutlicher  hervor  als  in  dem  Verhältnis  der  Rinderzahl  zur  Bevölkerung. ­

Um  mit  möglichster  Zuverlässigkeit  urteilen  zu  können,  soll  sich
der  Geograph  hei  jeder  Zahlenverwertung  fragen,  ob  sich  nicht  an
Stelle  der  Beziehung  von  beweglichen  Größen  (Einwohnern)  auf  den
Raum  eine  solche  finden  läßt,  die  auch  jene  in  einer  festeren  Verbindung ­
  mit  dem  Boden  zeigt  als  sie  dem  Einzelwesen  eigen  ist.
Bei  einiger  Ueberlegung  ist  es  keineswegs  schwer,  solche  Verknüpfung
zwischen  Mensch  und  Raum  zu  finden.  Schon  in  der  grundlegenden
Raumverrechnung  der  Bevölkerung  auf  die  Einheitsfläche  lassen  sich
solche  an  Stelle  oder  als  Ergänzung  zur  bisher  fast  allein  üblichen
Angabe  der  Volksdichte  einführen,  die  ein  viel  klareres  Urteil  über
die  wirtschaftliche  Stellung  bestimmter  Gebiete  gestatten.  Der  einzelne
Mensch,  der  in  der  Volksdichtezahl  in  Beziehung  zum  Raume  gesetzt
wird,  steht  ihm  als  Glied  eines  Volkes  durchaus  als  bewegliche  Größe
gegenüber.  Das  ist  indessen  sofort  anders,  wenn  wir  ihn  in  seiner
wirtschaftlichen  Stellung  zum  Raume  erfassen.  Dann  erscheint  er  in
der  Regel  an  einen  festen  Wohnsitz  und  damit  doch  wieder  an  eine
bestimmte  Stelle  innerhalb  des  Erdraumes  gebunden  und  diese  Beziehung ­
  zur  Fläche  eines  Staates  gibt  den  Einwohnerzahlen  eine  viel
leichter  faßliche  Gestalt  als  die  allgemein  übliche  Nebeneinanderstellung ­
  bloßer  Volksdichtezahlen.  Wir  können  die  Bedeutung  einer
Landschaft  oder  eines  Landes  aus  dem  Verhältnis  von  Einwohnerzahlen ­
  zum  Raume  viel  besser  beurteilen,  wenn  wir  die  Dichte  der
verschiedenen  Größenklassen  von  Siedelungen  miteinander  vergleichen.
Beispiel:  Die  Volksdichte  in  Deutschland  und  in  Italien  war  um  1910  mit
120  und  121  fast  genau  die  gleiche.  Dagegen  betrug  die  Zahl  der  Großstädte  auf
je  100000  qkm  im  Deutschen  Reiche  9,  in  Italien  nur  4,5  und  ein  ähnliches  Bild
ergibt  die  Verrechnung  der  größeren  Mittelstädte  auf  die  Einheitsfläche.  So  tritt
der  ländlichere  Charakter  des  südeuropäischen  Königreichs  gegenüber  der  auch  in
Industrie  und  Handel  bedeutenden  mitteleuropäischen  Großmacht  viel  deutlicher  in
Erscheinung  als  auf  andere  Weise,  während  er  in  der  Volksdichtezahl  überhaupt
nicht  zum  Ausdrucke  kommt.
Ganz  ähnlich  liegen  die  Dinge  bei  der  Statistik  des  Verkehrs.
Wo  bewegliche  Dinge,  zu  denen  sämtliche  der  Beförderung  von
Menschen  und  Gütern  dienende  Fortbewegungsmittel  gehören,  in
Betracht  kommen,  wird  die  Beziehung  auf  die  Einheit  der  Bevölkerung
unter  Umständen  recht  deutliche  Bilder  der  Verkehrs  Verhältnisse  geben.
Doch  auch  hier  ist  eine  Beziehung  auf  den  Raum  höchst  wünschenswert, ­
  wenn  sie  sich  durchführen  läßt.  Das  ist  da  der  Fall,  wo  die
Beförderungsmittel  an  bestimmte,  im  Raume  festliegende  Linien  gebunden ­
  sind,  wie  die  Fahrzeuge  der  Binnenschiffahrt  an  Flüsse  und
        <pb n="16" />
        §  2.  Die  Arbeitsweise  der  Wirtschaftsgeographie  usw.  9
Kanäle,  das  rollende  Material  der  Eisenbahnen  an  die  Geleise.  Hier
ist  der  Charakter  eines  Verkehrsgebietes  recht  deutlich  aus  der  auf
eine  Einheitsstrecke  —  etwa  100  km  —  entfallenden  Zahl  der  Personen- ­
  und  Güterwagen  bzw.  der  Flußfahrzeuge  unter  der  selbstverständlichen ­
  Berücksichtigung  ihres  Fassungsvermögens  zu  entnehmen. ­
  Auch  die  tatsächlich  geleisteten  Tonnen-  bzw.  Personenkilometer ­
  ergeben  eine  einigermaßen  klare  Uebersicht  der  Verkehrsbedeutung. ­

Nicht  durchführbar  ist  natürlich  die  Beziehung  auf  den  Baum
bei  denjenigen  Verkehrsmitteln,  die  in  keiner  Weise  an  ein  fest  abgeschlossenes ­
  Gebiet  gebunden  sind.  Kann  man  etwa  noch  Wagen
und  Automobile  auf  die  Fläche  einer  Stadt  oder  einer  Landschaft
verrechnen  (besser  wäre  freilich  auch  hier  die  Beziehung  auf  Straßenlängen), ­
  so  ist  das  bei  dem  allerwichtigsten  Beförderungsmittel  ganz
ausgeschlossen,  nämlich  bei  den  Seeschiffen.  Hier  bleibt  uns  keine
andere  Möglichkeit,  zu  einem  treffenden  Urteil  über  die  Bedeutung
der  Handelsflotten  zu  gelangen,  als  deren  Verrechnung  auf  die  Bevölkerungseinheit. ­

Beispiel:  Die  absolute  Zahl  der  Registertonnen  einer  Handelsflotte,  wie  sie
in  der  Regel  in  geographischen  Werken  aufgeführt  wird,  besagt  gar  nichts,  ja,  solche
Zahlen  können  unter  Umständen  zu  ganz  falschen  Schlüssen  führen.  Ganz  anders
und  viel  packender  wirkt  dagegen  auch  hier  die  Nebeneinanderstellung  der  Verhältniszahlen. ­
  Verrechnen  wir  die  Registertonnen  der  Handelsflotten  auf  je  tausend
Einwohner,  so  erhalten  wir  um  das  Jahr  1909  in  Italien  auf  diese  Einheit  der  Bevölkerung ­
  31,  in  Frankreich  37,  im  Deutschen  Reiche  44,  dagegen  in  Großbritannien
253  und  in  Norwegen  sogar  647.  Der  innige  Zusammenhang  mit  der  See  und  die
Abhängigkeit  vom  großen  Verkehr  von  Ozean  zu  Ozean  bei  Großbritannien  und  vor
allem  bei  Norwegen  tritt  in  diesem  Beispiel  mit  einer  auf  keine  andere  Art  zu
erreichenden  Deutlichkeit  zutage.
Schließlich  sei  darauf  hingewiesen,  daß  man  die  fest  mit  dem
Raume  verbundenen  Verkehrseinrichtungen,  wie  Eisenbahnen,  Kanäle,
Landstraßen  usw.,  mit  gutem  Grunde  auf  eine  Einheitsfläche  beziehen
kann.  Weniger  empfiehlt  sich  die  immer  noch  übliche  Beziehung
dieser  festen  Linien  auf  die  Bevölkerung,  ja  sie  vermag  geradezu
irreführend  zu  wirken.  So  hat  sich  z.  B.  das  sächsische  Eisenbahnnetz ­
  von  1890—1911  um  700  km  vergrößert.  Die  Dichtezahl  der
sächsischen  Bahnen,  die  in  diesem  Zeitraum  von  16,6  auf  21,2  km
auf  je  100  qkm  wuchs,  vermittelt  dementsprechend  eine  richtige  Vorstellung ­
  von  den  während  jener  beiden  Jahrzehnte  gemachten  Fortschritten. ­
  Ganz  anders  aber  die  Verrechnung  der  Bahnen  auf  die
Einwohner,  die  eine  Abnahme  von  7,2  auf  6,6  km  für  je  10000  Bewohner ­
  des  Königreichs  ergibt.
Wollen  wir  die  Einwohnerzahl  mit  der  Bahn  in  Beziehung  setzen,
so  hat  dies  nur  dann  einen  Wert  für  die  Beurteilung  einer  Landschaft, ­
  wenn  wir  die  im  Raume  festliegenden  Verkehrslinien  in  Beziehung ­
  zu  den  ebenfalls  mit  dem  Raume  unverrückbar  verbundenen
Siedlungen  setzen.
Beispiel:  Verrechnen  wir  die  Einwohner  bestimmter  Siedlungen,  etwa  der
für  den  Lokalverkehr  besonders  wichtigen  Mittelstädte  von  mehr  als  20000  Einwohnern ­
  auf  die  Längeneinheit  einer  Bahnstrecke,  so  ergeben  sich  höchst  lehrreiche
Verhältniszahlen.  Als  Beispiel  sei  die  Strecke  Berlin—Halle  mit  der  sie  weiter  nach
Bebra  fortsetzenden  Strecke  in  Vergleich  gestellt,  wobei  die  Endpunkte  der  beiden
Teillinien  außer  acht  gelassen  werden.  Auf  jedes  Kilometer  der  bis  Halle  reichenden
Strecke  kommen  an  Bewohnern  solcher  Mittelstädte  im  Jahre  1910  283  bei  einer
        <pb n="17" />
        10

I.  Abschnitt.

mittleren  Stationsentfernung  der  betreffenden  Orte  von  54  km;  auf  der  Strecke
Halle—Bebra  sinkt  der  mittlere  Abstand  der  Stationen  auf  30  km  und  wächst  die
Zahl  der  auf  jedes  Bahnkilometer  entfallenden  Mittelstädter  auf  844.  Diese  Zahlen
beweisen  deutlich,  daß  der  erste  Teil  dieser  von  Berlin  ausgehenden  Bahn  ganz  vorwiegend ­
  dem  Durchgangsverkehr  zwischen  der  Reichshauptstadt  und  weiter  von  ihr
entfernten  Landschaften  vermittelt,  während  dem  zweiten,  bis  Bebra  reichenden  Abschnitt ­
  daneben  noch  sehr  wesentliche  Aufgaben  aus  der  Vermittelung  eines  lebhaften ­
  innerlandschaftlichen  Verkehres  erwachsen.  Jedenfalls  vermag  diese  Methode
viel  deutlicher  und  schärfer  die  verkehrsgeographische  Bedeutung  einer  Bahn  auszudrücken
  als  die  bisher  üblichen  Arten  der  Verrechnung,  von  denen  lediglich  die
sogenannte  Maschenweite  des  (gleichmäßig  verteilt  gedachten)  Eisenbahnnetzes  eine
Erwähnung  verdient.
Aber  nicht  allein  die  Verkehrsmittel  sollen,  wo  dies  irgend  angängig ­
  ist,  in  enge  Beziehung  zu  den  Einheitsmassen  der  Erdräume
gesetzt  werden.  Dies  gilt  auch  von  den  beweglichsten  aller  beförderten ­
  Dinge,  den  Menschen,  und  ebenfalls  von  den  Gütern.  Die
Verkehrs-  und  handelsgeographische  Bedeutung  sowohl  der  Eisenbahnen ­
  wie  der  Schiffahrtsstrecken  läßt  sich  am  sichersten  erfassen,
wenn  man  die  Zahl  der  Tonnenkilometer  oder  der  Personenkilometer
durch  die  Länge  einer  Eisenbahn-,  bzw.  Schiffahrtslinie  dividiert.
Wenn  wir  etwa  erfahren,  daß  im  Jahre  1905  in  der  Provinz  Brandenburg ­
  rund  5650000  Tonnen  zu  je  1000  kg,  in  den  beiden  schlesischen
Regierungsbezirken  Breslau  und  Liegnitz  dagegen  5720000  Tonnen
mit  der  Bahn  befördert  wurden,  so  besagen  die  beiden  beinahe  gleich
großen  Zahlen  in  dieser  Gestalt  sehr  wenig  über  die  geographische
Eigenart  des  Verkehrs  in  beiden  einander  benachbarten  Gebieten.
Diese  geht  indessen  ziemlich  deutlich  aus  der  Tatsache  hervor,  daß
auf  jedes  Kilometer  Eisenbahn  in  den  beiden  schlesischen  Gebieten
2180,  in  der  Provinz  Brandenburg  aber  nur  1450  Gewichtstonnen  im
Laufe  jenes  Jahres  entfielen.  Daraus  ergibt  sich  ohne  weiteres  die
geringere  Bedeutung  des  Wasserverkehrs  im  Odergebiet  gegenüber
demjenigen  der  märkischen  Schiffahrtsstraßen.
Diese  Beispiele  mögen  genügen,  einige  der  wesentlichen  Punkte
klarzustellen,  die  bei  der  Verrechnung  der  verkehrsstatistischen  Zahlen
auf  geographischem  Gebiete  zu  beachten  sind.  Dagegen  bedarf  auch
die  eigentliche  Handelsstatistik  einiger  Ausführungen  über  ihre  Stellung
innerhalb  der  Wirtschafts-  und  Handelsgeographie.  Zunächst  sei  darauf
hingewiesen,  daß  die  bloße  Angabe  der  Handelswerte  eines  Landes
für  die  Erdkunde  nur  eine  höchst  bedingte  Bedeutung  hat.  Aus  der
Tatsache  etwa,  daß  das  Deutsche  Reich  im  Jahre  1911  für  mehr  als
550  Mill.  M.  Baumwolle  und  Großbritannien  für  1200  Milk  einführte,
ergibt  sich  keine  genügend  klare  Kennzeichnung  des  wichtigen  Stoffes
für  die  beiden  Länder.  Erfahren  wir,  daß  diese  Summen  in  Deutschland ­
  rund  5V 2 ,  in  Großbritannien  dagegen  beinahe  9  vom  Hundert
des  Wertes  der  Gesamteinfuhr  ausmachten,  so  ist  die  größere  Bedeutung ­
  der  Pflanzenfaser  für  das  Inselkönigreich  damit  schon  schärfer
bezeichnet.  Freilich  ist  diese  Nebeneinanderstellung  noch  nicht  eigentlich ­
  geographischer  Art.  Dazu  wird  die  Verarbeitung  der  ursprünglichen ­
  Zahlen  erst,  wenn  wir  sie  wieder  auf  die  Einwohner  der  beiden
Länder  beziehen.  Daß  in  Großbritannien  auf  jeden  einzelnen  Einwohner ­
  im  genannten  Jahre  für  26  M.,  in  Deutschland  aber  nur  für
noch  nicht  ganz  9  M.  eingeführt  wurde,  zeigt  mit  noch  größerer
Schärfe  als  die  vorigen  Wertziffern,  wie  viel  größer  das  Interesse  der
britischen  Bevölkerung  an  allen  die  kostbare  Pflanzenfaser  betreffenden ­
  Dingen  sein  muß  als  bei  uns.
        <pb n="18" />
        §  2.  Die  Arbeitsweise  der  Wirtschaftsgeographie  usw.  11
Vorsicht  ist  übrigens  bei  der  Benutzung  aller  Ziffern  der  Handelswerte ­
  am  Platze.  So  ist  es  gänzlich  verkehrt,  etwa  die  Ausfuhrzahlen
als  solche  als  erschöpfende  Angabe  der  das  Vermögen  eines  Volkes
erhöhenden  Zahlungen  des  Auslandes  anzusehen.  Der  vom  Ausführenden ­
  angegebene  Wert  einer  Ware  bezieht  sich  auf  den  Ort  der
Erzeugung  oder  auf  den  Hafen,  in  dem  sie  verladen  wird.  Was  Angehörige ­
  des  ausführenden  Staates  beim  Verladen,  beim  Transport,
zumal  demjenigen  über  See,  was  ferner  andere  Staatsangehörige  jenseits ­
  der  Grenze  beim  Vertrieb  des  ausgeführten  Gutes  verdienen,
fällt  in  unzähligen  Fällen  sehr  erheblich  zu  gunsten  des  dieses  erzeugenden ­
  Landes  ins  Gewicht  und  dient  unmittelbar  oder  mittelbar
ebenfalls  zu  seiner  Bereicherung.
Größte  Vorsicht  wird  aber  gerade  der  Geograph  gegenüber  denjenigen ­
  Angaben  walten  lassen,  die  die  Handelswerte  größerer  Erdgebiete ­
  oder  ganzer  Weltteile  wiederzugeben  bestimmt  sind.  Hier
ist  die  genaueste  Prüfung  der  Zahlengruppen  nötig,  will  man  zu
einem  halbwegs  befriedigenden  Ergebnis  gelangen.  Wenn  man  etwa
von  der  Ein-  und  Ausfuhr  eines  Weltteils  spricht,  so  hat  das  nur
einen  Sinn,  wenn  dieser  dabei  als  ein  einheitliches  Handelsgebiet  betrachtet ­
  wird  und  damit  der  ganze  Innenhandel  außer  acht  gelassen
wird.  Andernfalls  entsteht  eine  ganz  falsche  Vorstellung  von  den
Leistungen  und  dem  Bedarf  eines  größeren  Erdgebietes.
Beispiel:  In  einzelnen  für  den  Gebrauch  des  Publikums  bestimmten  Tabellenwerken ­
  wird  die  Handelsbewegung  der  Weltteile  durch  die  Summen  der  Ein-  und
Ausfuhrwerte  dargestellt.  Wie  verkehrt  das  ist,  zeigt  uns  die  Angabe  einer  bekannten ­
  und  vielbenutzten  Sammlung  statistischer  Tabellen,  in  der  unter  anderem
der  für  eines  der  letzten  Jahre  geltende  Wert  der  Einfuhr  von  Gesamtamerika  zu
13  610  Mill.  M.  berechnet  ist.  In  der  auf  Kanada  entfallenden  Summe  von  mehr
als  2200  Mill.  ist  aber  die  Einfuhr  aus  den  Vereinigten  Staaten  allein  mit  fast
anderthalb  Milliarden  Mark  enthalten.  Diese  Summe  müßte  ebenso  wie  alle  ähnlichen ­
  von  jenen  13 1 /,  Milliarden  abgezogen  werden;  die  ungeheuer  große  Gesamtsumme ­
  der  amerikanischen  Einfuhr  würde  sich  also  tatsächlich  außerordentlich
verringern,  wenn  jene  oberflächliche  und  irreführende  Art  der  Verrechnung  aufgegeben ­
  werden  würde.
        <pb n="19" />
        H.  Abschnitt.

§  3.  Geographie  der  Giitererzeugung.
Da  die  vorliegenden  Ausführungen  keine  Verkehrs-  oder  Wirtschaftsgeographie ­
  geben  sollen,  wie  die  vortrefflichen  Werke  von
Hassert,  Friedrich  und  Eckert,  sondern  da  sie  streng  methodisch
das  Urteil  des  Kaufmanns  oder  des  Studierenden  zu  bilden  unternehmen, ­
  so  können  sie  sich  auch  hier  auf  das  Allgemeine  und  Wichtigste
beschränken.
Zuerst  ist  die  Frage  zu  beantworten,  welche  räumlichen  Lebensbedingungen ­
  überhaupt  für  die  Gütererzeugung  in  Betracht  kommen.
Halten  wir  uns  an  drei  von  den  vier  Elementen  der  Natur,  so  wird
uns  die  Bedeutung  der  räumlichen  Erscheinungen  am  ehesten  klar.
Der  Boden  spielt  die  wichtigste  Rolle  in  der  Mineralproduktion,
während  seine  sonstigen  Beziehungen  zur  Gütererzeugung  gegen  den
Einfluß  der  anderen  Elemente,  besonders  des  Luftmeeres,  ganz  in
den  Hintergrund  treten.  Auch  der  orographische  Bau,  so  ungemein
wichtig  für  das  Verkehrsleben,  ist  in  diesem  Falle  weniger  zu  berücksichtigen, ­
  denn  das,  wodurch  er  auf  die  lebende  Natur  einwirkt,
sind  ja  eben  wieder  die  klimatischen  Einflüsse.
Um  so  wichtiger  ist,  daß  wir  uns  der  Bedeutung  der  Mineralproduktion ­
  bewußt  werden.  Was  hier  im  Wechsel  der  Zeiten  an
unterschiedlichen  Auffassungen  der  Wichtigkeit  dieses  oder  jenes
Zweiges  der  bergmännischen  Arbeit  zutage  tritt,  entfällt  eigentlich
aus  dem  Gebiet  der  geographischen  Untersuchung  und  gehört  dem
Arbeitsfelde  des  Nationalökonomen  an,  soweit  nicht  die  rein  räumliche ­
  Verteilung  der  Bodenschätze  behandelt  wird.  Wie  die  Schätzung
bestimmter  Metalle  und  sonstiger  Stoffe  mit  der  Entwicklung  der
Industrie  zusammenhängt,  wie  z.  B.  die  Bedeutung  des  Kupfers  mit
der  Entwicklung  der  Elektrotechnik  in  vordem  ungeahnter  Weise
gewachsen  ist,  lehrt  uns  die  Geschichte  der  Technik  und  die  Staatswissenschaft. ­
  Andererseits  gibt  es  aber  eine  Reihe  rein  geographischer
Einflüsse,  die  uns  die  scheinbar  so  gleichartige  Gewinnung  einzelner
Mineralien  doch  wieder  als  etwas  sehr  Verschiedenartiges  zeigen,  je
nach  dem  Lande,  in  welchem  sie  stattfindet.
Beispiele:  Das  wichtigste  Mineral  der  Neuzeit,  die  Kohle,  hat  einen  in  verschiedenen ­
  Produktionsgebieten,  selbst  in  solchen  gleich  hoher  Kultur,  ganz  verschiedenen ­
  Einfluß  auf  die  Ein-  bzw.  Ausfuhr  ausgeübt.  Hier  spielen  namentlich
klimatische  Einflüsse  eine  außerordentlich  bedeutsame  Bolle.  Wenn  z.  B.  ein  Gebiet ­
  wie  das  außertropische  Südafrika  von  seinen  immerhin  nicht  übermäßig  großen
Mengen  von  Kohle  noch  einen  erheblichen  Anteil  auszuführen,  beziehentlich  zur  Versorgung ­
  der  großen  Schiffslinien  abzugeben  vermag,  während  Kanada  mit  seiner
        <pb n="20" />
        §  3.  Geographie  der  Gütererzeugung.

13

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V

viel  bedeutenderen  Produktion  1912  für  mehr  als  170  Mill.  M.  einzuführen  genötigt
war,  so  liegt  das  daran,  daß  in  dem  milden  Klima  der  Kulturländer  auf  der
Büdhalbkugel  Kohle  für  Heizungszwecke  nur  in  ganz  geringfügigem  Grade  benötigt ­
  wird.
Aber  auch  scheinbar  ganz  gleichartige  Produktionszweige  des  Bergbaues,  wie
z.  B.  die  Goldgewinnung,  haben  je  nach  der  Art  des  lokalen  Vorkommens  des  edlen
Metalls  ganz  verschiedenartige  Folgen  gezeitigt,  an  denen  wieder  gerade  der  Geograph ­
  nicht  gleichgültig  vorübergehen  kann.  Um  dies  zu  erweisen,  sei  nur  an  die
ersten  Wirkungen  des  Goldvorkommens  in  Amerika  und  in  Australien  einerseits,  in
Südafrika  andererseits  erinnert.  Dort  weitverbreitete  Felder  von  sogenanntem
Waschgold,  das  besonders  leicht  auch  vom  einzelnen  dem  Boden  entrissen  werden
kann.  Infolgedessen  sehen  wir  in  den  ersten  Jahren  zahllose  Goldsucher  in  jene
Länder  strömen,  die  sich  nachher  anderen  Tätigkeiten  zuwandten  und  so  den  Grundstock ­
  der  späteren  landsässigen  Bevölkerung  bildeten.  Hier,  auf  afrikanischem  Boden,
verlief  die  Entwicklung  der  Goldfelder  ganz  anders  und  war  dementsprechend  auch
von  ganz  anderen  Folgen  begleitet.  Hier,  wo  das  Gold  vorwiegend  im  Muttergestein
eingesprengt  vorkommt  und  wo  es  deshalb  nur  in  großen,  fabrikmäßigen  Betrieben
gewonnen  werden  kann,  fehlen  die  Massen  der  Goldsucher,  denen  wir  anderwärts
auch  als  Bürgern  und  Farmern  wiederbegegnen.  Hier,  in  der  jetzt  britischen
Union,  sind  es  einige  wenige  Städte,  die  unter  dem  Einflüsse  der  Minenindustrie
am  Band  von  Transvaal  zu  außerordentlichem  Wachstum  gelangt  sind;  die  Landbevölkerung ­
  und  die  der  kleinen  Orte  dagegen  ist  nur  wenig  von  den  Vorgängen
am  Witwatersrande  berührt  und  die  Entwicklung  des  ganzen  Landes  dadurch  in
eine  Bichtung  gedrängt  worden,  die  zu  einer  wenig  segensreichen  Einseitigkeit  der
Besiedelung  geführt  hat.  Ein  schwerwiegender  Beweis  für  die  Bedeutung  geographischer ­
  Verschiedenheiten  der  Produktionsländer  selbst  der  kostbarsten  Mineralien.
In  seinen  mineralischen  Beimengungen,  zu  denen  auch  die  in
Quellen  gelösten  zu  rechnen  sind,  spielt  der  Boden  in  der  Gütererzeugung ­
  nur  eine  untergeordnete  Rolle.  So  wesentlich  die  chemische ­
  Zusammensetzung  für  die  Kultur  einzelner  Pflanzen  sein  kann,
so  sehr  tritt  sie  gleichwohl  hinter  den  Einflüssen  der  Temperatur
und  der  Niederschläge  in  den  Hintergrund.  Auch  die  Auflockerung
der  Erdoberfläche  ist,  zumal  in  den  Tropen  und  in  Gegenden  mit
wechselndem  Niederschlag,  sehr  beachtenswert.  Schließlich  sei  auch
der  mehr  oder  weniger  starken  Sättigung  mit  Wasser  gedacht,  die
in  Mooren  und  Sümpfen  einzelne  Landschaften  in  wirtschaftlich  eigenartige ­
  Gebiete  verwandelt.
Die  Neigungswinkel  des  Geländes  sind  fast  die  einzige  Seite  des
orographischen  Baues,  die  unter  besonderen  Umständen  in  der  Produktion ­
  sich  bemerkbar  machen.  Freilich  sind  sie  in  den  Mittelgebirgen ­
  selten  so  groß,  daß  sie  einen  irgendwie  erheblichen  Teil
der  Gesamtfläche  unproduktiv  machen,  doch  sind  sie  auch  hier  bedeutend ­
  genug,  um  zu  einer  Aenderung  der  Bodennutzung  gegen
das  flache  Land  zu  führen.  In  Ländern  mit  vorwiegender  Maschinennutzung ­
  beim  Ackerbau  (Pflugkultur)  vermag  schon  ein  nicht  einmal
besonders  großer  Neigungswinkel  des  Geländes  den  Feldbau  unrentabel ­
  zu  machen,  so  daß  Wald-  oder  Weidekulturen  an  seine
Stelle  treten.  Anders  der  von  Menschenhand  geübte  Landbau,  der
sich  der  kleineren,  auch  im  Gartenbau  benutzten  Werkzeuge  bedient.
Wo  dieser,  wie  in  Wein-  und  Obstgebieten  und  namentlich  in  wärmeren
Gegenden,  in  größerem  Umfange  möglich  ist,  sehen  wir  auch  die
steileren  Gehänge  in  höherem  Grade  zur  Erzielung  landwirtschaftlicher
Erzeugnisse  herangezogen;  hier  ergibt  sogar  der  stärkere  Neigungswinkel ­
  des  Bodens  unter  Umständen  bei  geeigneter  Exposition  der
Flächen  gegen  die  Wärmestrahlung  eine  Erhöhung  ihres  wirtschaftlichen ­
  Wertes  gegenüber  dem  flacheren  und  leichter  zu  bearbeitenden
Ackerlande.  Ein  Beispiel  bieten  uns  nicht  nur  die  hochentwickelten
        <pb n="21" />
        14

II.  Abschnitt.

Terrassenkulturen  an  den  steilen  Gehängen  vieler  Mittelmeergebirge,
sondern  auch  die  besonderen  Lagen  einzelner  Rebgelände  in  unseren
deutschen  Weingegenden.  Bei  der  Abschätzung  des  Kulturwertes
von  irgendwelchem  Neulande,  z.  B.  in  den  Kolonien  europäischer
Völker,  ist  dieser  Punkt,  die  Geländewirkung  auf  die  Produktionsmöglichkeit, ­
  immerhin  in  weiterem  Umfange  zu  beachten,  als  dies
bisher  meist  geschehen  ist.
Das  Wasser  spielt  in  seinen  hydrographischen,  von  unserer
Wissenschaft  behandelten  Eigenschaften  ebenfalls  in  der  Gütererzeugung ­
  eine  viel  geringere  Rolle  als  im  Verkehr.  Die  Gewinnung
reiner  Handelsgüter,  die  innerhalb  der  ungeheuren  Wasserflächen
unserer  Erde,  zudem  nur  in  den  Binnengewässern  und  in  der  Nähe
der  Küsten  besondere  Bedeutung  besitzt,  tritt,  so  bedeutend  sie  im
einzelnen  Falle  auch  sein  mag,  gegenüber  der  Gütererzeugung  auf
dem  festen  Lande  ganz  zurück.  Wenn  man  bedenkt,  daß  selbst  die
deutsche  Seefischerei  im  Jahre  1912  nur  (in  angenäherten  Zahlen)
5  Proz.  des  Gewichtes  des  in  Deutschland  verbrauchten  Fleisches
lieferte,  so  wird  man  sich  über  die  geringere  Bedeutung  des  Wassers  in
der  unmittelbaren  Hervorbringung  von  Handelsgütern  in  den  meisten
Erdgegenden  klar.  Einen  erheblichen  Anteil  an  der  Gütergewinnung
hat  das  Wasser  nur  da,  wo  aus  klimatischen  Gründen  die  landwirtschaftliche ­
  Gütergewinnung  zurücktritt,  also  in  erster  Linie  in  den
Ländern  des  hohen  Nordens  und  in  den  Seen  besonders  gebirgiger
Gebiete.
Dagegen  ist  das  Wasser  in  neuerer  Zeit  infolge  der  Entwicklung
der  Technik  in  anderer  Weise  zu  einem  wichtigste  Werte  erzeugenden
Element  geworden.  Als  Kraftspender  ist  es  da,  wo  wir  mit  einem
stärkeren  Gefälle  dauernd  fließender  Bäche  und  Flüsse  zu  rechnen
haben,  in  der  Tat  ein  „Gütererzeuger“  allerersten  Ranges  geworden.
Hier  ist  ein  Umschwung  erfolgt,  den  die  frühere  Zeit  nicht  einmal
ahnen  konnte,  und  eine  wirtschaftsgeographische  Untersuchung,  die
die  in  einer  Landwirtschaft  aufgespeicherten  Wasserkräfte  nicht  berücksichtigt, ­
  bleibt  unvollständig.
Beispiel:  Eine  amtliche  Berechnung  gibt  an,  daß  allein  in  den  zur  Donau
gehörenden  Gewässern  innerhalb  Bayerns  während  9  Monaten  des  Jahres  eine  rohe
Wasserkraft  von  1900000  Pferdekräften  vorhanden  ist,  von  denen  700000  ausgenützt ­
  werden  können.  Was  Wasserkräfte  für  das  Wirtschaftsleben  bedeuten,  ergibt ­
  sich  wohl  am  besten  daraus,  daß  diese  gewaltige  Kraft  mittels  Kohlen
bei  12-ständiger  Arbeitszeit  der  Maschinen  auf  9  Monate  zu  erzeugen,  ein  Verbrauch ­
  von  mindestens  anderthalb  Millionen  Tonnen  des  Brennmaterials  gehören
würde,  also  etwa  ein  Zehntel  dessen,  was  Oesterreich-Ungarn  gegenwärtig  an  Steinkohlen ­
  hervorbringt.  Wie  wichtig  für  die  Beurteilung  der  verschiedenen  Erdgebiete
diese  aus  dem  flüssigen  Element  stammende,  so  eng  mit  Bau  und  Natur  eines  Landes
verbundene  Kraft  ist,  ergibt  sich  daraus,  daß  man  die  allein  den  Viktoriafällen  des
Sambesi  zu  entnehmende  Kraftmenge  auf  eine  halbe  Million  P.-Stärken  eingeschätzt
hat.  Jedenfalls  ist  hier  eine  Gütererzeugung  allerersten  Ranges  möglich,  die  die  in
der  Fischerei  ruhenden,  an  sich  höchst  schätzbaren  Werte  noch  ganz  beträchtlich
übertrifft  (vgl.  auch  Beispiel  auf  S.  4).
Die  Behandlung  der  vom  Wasser  aus  erfolgenden  Gütererzeugung
sollte  im  übrigen  nach  geographischen  Gesichtspunkten  erfolgen.  Daß
das  auch  bei  der  Fangstatistik  der  Meere  von  höchster  Bedeutung
ist,  ja,  daß  wir  die  wirtschaftliche  Bedeutung  namentlich  der  Randun ­
  d  Binnenmeere  erst  auf  diesem  Wege  richtig  beurteilen  lernen,  ergibt ­
  sich  aus  den  gewaltigen  Unterschieden,  die  zwischen  ihrer  Ergiebigkeit ­
  bestehen.  Diese  Verschiedenheit  ist  ebenfalls  geographisch
        <pb n="22" />
        §  3.  Geographie  der  Gütererzeugung.

15

begründet  und  es  sind  bekanntlich  oft  die  kälteren  Gewässer,  die
sich  durch  besonders  großen  Fischreichtum  auszeichnen.  In  dieser
Beziehung  besitzen  wir  bereits  gutes  Beobachtungsmaterial,  aber  es
fehlt  noch  die  einheitlichere  Gestaltung  der  Bearbeitung  nach  der
Art,  wie  die  Produktion  des  festen  Landes  verzeichnet  zu  werden
pflegt.
Die  Luft  ist  dasjenige  Element,  von  dem  das  gesamte  Wirtschaftsleben ­
  der  Erde  in  viel  höherem  Grade  abhängt  als  von  den
beiden  anderen.  Denn  die  Pflanzenwelt  verdankt  ihre  wichtigsten
Verschiedenheiten  der  Einzelformen  wie  des  gemeinsamen  Auftretens
von  solchen  ganz  vorwiegend  dem  Klima,  und  wenngleich  die  Tierwelt ­
  von  diesem  in  geringerem  Grade  abhängt  als  die  Gewächse,  so
ist  sie  mittelbar  in  ihrer  Ernährung  doch  wieder  von  den  klimatischen
Unterschieden  abhängig.  Ja,  schließlich  steht  auch  der  Mensch  diesen
nicht  unabhängig  gegenüber;  wie  schon  das  oben  gegebene  Beispiel
der  Kohle  in  Südafrika  zeigt,  wird  je  nach  der  Landschaft  sein  Bedarf ­
  an  bestimmten  Dingen  und  sein  Verbrauch  auch  unmittelbar
von  der  Natur  seines  Wohnsitzes  bestimmt.  So  gelangen  wir  zu  dem
Standpunkte,  im  Klima  sowohl  großer  Erdgebiete,  wie  auch  in  demjenigen ­
  kleinerer  Landschaften  die  Hauptursache  der  Verschiedenartigkeit ­
  der  Gütererzeugung  (bei  sonst  gleicher  Kulturhöhe)  zu  erblicken. ­
  Wir  müssen  daher  bei  der  Bedeutung  des  Gegenstandes
die  einzelnen  klimatischen  Faktoren  berücksichtigen,  um  ein  Bild
ihres  jeweiligen  Einflusses  auf  die  Gütererzeugung  zu  gewinnen.
Zunächst  ist  es  derjenige  klimatische  Faktor,  der  auch  auf  unseren
Körper  am  unmittelbarsten  wirkt,  dessen  Einfluß  auf  die  Produktion
uns  interessiert,  die  Temperatur  der  dem  Boden  aufliegenden  Luftschichten. ­
  Ihr  unmittelbarer  Einfluß  auf  die  wirtschaftliche  Bedeutung
der  Tierwelt  beschränkt  sich  freilich  auf  diejenigen  Gattungen  und
Arten,  deren  Haarkleid  für  den  Handel  in  Betracht  kommt.  Hier
vermögen  wir  unmittelbar  von  der  Erzeugung  bedeutender  wirtschaftlicher ­
  Werte  durch  die  Winterkälte  zu  sprechen.  Diese  ist  übrigens
in  ihren  wirtschaftlichen  Wirkungen  der  erwähnten  Art  keineswegs
auf  den  hohen  Norden  beschränkt.  Vielmehr  können  wir,  freilich  in
viel  kleinerem  Maße,  ähnliches  auch  in  winterkühlen  Gebieten  an  und
für  sich  warmer  Erdgegenden  beobachten.
Beispiel:  So  unterscheidet  sich  das  Winterfell  gewisser  Kaubtiere  im  außertropischen ­
  Hochlande  von  Südafrika  sehr  erheblich  von  den  Fellen  der  gleichen
Arten  in  den  tropischen  Teilen  dieses  Kontinents.  Es  zeichnet  sich  vor  diesem
durch  eine  viel  größere  Dichte  der  Behaarung  und  durch  schöneres  Aussehen  aus,
und  diese  Eigenschaft  der  Jagdbeute  hat  dazu  geführt,  daß  hier  in  viel  größerem
Umfange  als  sonst  irgendwo  in  Afrika  Tierfelle  von  den  Eingeborenen  verarbeitet
werden  und  daß  auch  die  Felle  kleiner  Raubtiere,  wie  der  verschiedenen  Schakalarten, ­
  seit  langem  einen  begehrten  Handelsartikel  im  Verkehr  der  Eingeborenen  und
neuerdings  selbst  der  Europäer  bilden.
Von  der  Entwicklung  des  Haarkleides  abgesehen,  kann  man  der
Lufttemperatur  keinerlei  direkten  Einfluß  auf  den  Handelswert  von
Erzeugnissen  der  Tierwelt  in  größerem  Umfange  zuschreiben.
Höchstens  verdient  ihre  Bedeutung  für  den  Transport  von  Nahrungsmitteln ­
  tierischer  Herkunft  noch  eine  Erwähnung,  die  z.  B.  den  Vertrieb ­
  von  Fischen  in  manchen  winterkalten  Ländern  während  eines
Teiles  des  Jahres  bedeutend  erleichterte.  Doch  das  sind  mehr  oder
weniger  Angelegenheiten  des  Lokalhandels,  die  sich  an  Bedeutung  in
        <pb n="23" />
        16

II.  Abschnitt.

keiner  Weise  mit  derjenigen  messen  können,  welche  der  Pelzhandel
für  größere  Teile  der  Erde  erlangt  hat.
Die  Temperaturwirkungen  auf  die  Pflanzenwelt  im  allgemeinen
sind  so  grundlegend,  daß  sie  hier  nicht  im  einzelnen  behandelt  werden
können.  Sie  sind  auch  erfahrungsmäßig  bereits  so  bekannt,  daß  es
sich  höchstens  bei  der  Neueinführung  bestimmter  Gewächse  in  ein
Gebiet  um  besondere  Untersuchungen  der  Wärme  und  ihres  Ganges
in  dem  betreffenden  Lande  handeln  wird.  Aber  in  anderer  Weise
hat  dieser  klimatische  Faktor  in  der  Produktion  neuerdings  eine
eigenartige  Bedeutung  erlangt.  Mit  der  fortschreitenden  Steigerung
der  Lebenshaltung  in  den  Kulturländern  der  nördlichen  Halbkugel
ist  man  immer  mehr  bemüht,  einen  Austausch  der  pflanzlichen  Erzeugnisse ­
  während  der  verschiedenen  Jahreszeiten  in  die  Wege  zu
leiten.  Die  Ausnützung  klimatischer  Einwirkungen  bei  ein  und  demselben ­
  pflanzlichen  Produkt  im  Handel  ist  ein  Beweis  für  die  Wichtigkeit, ­
  die  man  dem  Studium  der  Temperaturwirkungen  in  der  Wirtschaftsgeographie ­
  beimessen  soll.
Beispiel:  Die  Verfrühung,  welche  die  Beifezeit  bestimmter  Gemüse  und
Früchte  in  südlichen  Landschaften  erfährt,  hat  schon  lange  einen  lebhaften  Handel
in  diesen  Dingen  zwischen  Büdeuropa  auf  der  einen  und  Mittel-  und  Nordeuropa
auf  der  anderen  Seite  hervorgerufen.  Noch  wichtiger  aber  war  der  Eintritt  gewisser
Gegenden  auf  der  Südhalbkugel  in  den  Verkehr  mit  Früchten,  da  dort  die  Reifezeiten ­
  denen  von  Europa  genau  entgegengesetzt  sind.  Wenn  von  Britisch-Südafrika
1906  60000  Kisten  mit  frischem  Obst  über  See  gingen,  1911  aber  bereits  246000
Kisten,  so  ergibt  sich  daraus,  daß  man  ganz  systematisch  bemüht  ist,  diesen  Gegensatz ­
  im  Gange  der  Temperatur  zur  Grundlage  eines  lebhaften  Handels  zu  machen.
Aehnlich  liegt  es  wieder  in  anderen  Gebieten,  wie  denn  aus  Britisch-Ostafrika  neuerdings ­
  Früchte  wieder  zu  einer  anderen  Jahreszeit  ausgeführt  werden.  Was  in
diesem  Falle  mit  einem  Genußmittel  geschieht,  das  könnte  bei  richtiger  Berücksichtigung ­
  der  Temperaturverhältnisse  schließlich  auch  mit  anderen  Erzeugnissen
der  Pflanzenwelt  versucht  werden.  Jedenfalls  zeigt  sich  auch  hier  die  Bedeutung
bestimmter  Gegensätze  geographischer  Natur  für  den  Handel.
Von  der  gleichen  Bedeutung  für  die  landwirtschaftliche  Produktion, ­
  welche  dem  Handel  ja  die  wichtigsten  Güter  liefert,  sind  die
Niederschläge.  Auch  hier  kann  nicht  auf  den  Einfluß  besonders
starker  oder  besonders  schwacher  Begen  auf  die  Entwicklung  der
Pflanzen-  und  damit  im  Zusammenhänge  auch  auf  diejenige  der  Tierwelt ­
  eingegangen  werden.  Nur  auf  einen  wenig  beachteten  Punkt
muß  an  dieser  Stelle  aufmerksam  gemacht  werden.  Es  ist  eine  verkehrte ­
  Anschauung,  wenn  man  sich  die  durch  starke  und  namentlich
durch  häufig  sich  wiederholende  Regen  ausgezeichneten  Gegenden  als
die  der  größten  Produktionsfähigkeit  vorstellt.  Dem  ist  keineswegs
überall  so.  Denken  wir  nur  an  Großbritannien  und  Irland,  so  erkennen ­
  wir,  wie  sehr  dort  der  eigentliche  Ackerbau,  zumal  Getreideund
  Kartoffelkulturen,  unter  den  für  diese  Zweige  des  Landbaus  viel
zu  häufigen  und  starken  Regen  leiden  müssen.  In  der  Tat  sind  es  ja,
wie  schon  gezeigt  wurde,  in  England  und  Südschottland  viel  weniger
das  Uebergewicht  der  Industrie,  die  Besitzverteilung  und  ähnliche
Ursachen  nationalökonomischen  Ursprunges  gewesen,  die  den  Ackerbau ­
  (im  engeren  Sinne,  also  nicht  etwa  die  Vieh  Wirtschaft)  immer
bedeutungsloser  gemacht  haben,  sondern  die  vielen  und  ergiebigen
Regen,  die  in  einem  großen  Teile  des  Inselreiches  herrschen.  (Vgl.
das  Beispiel  auf  S.  4.)
Für  eine  ganze  Reihe  von  Kulturen,  die  gerade  für  den  Handel
von  besonderer  Bedeutung  sind,  kommt  es  sogar  darauf  an,  daß  ein
        <pb n="24" />
        §  3.  Geographie  der  Gütererzeugung.

17

gewisser  Gegensatz  zwischen  feuchterer  und  trocknerer  Zeit  besteht.
Ebenso  muß  die  Wirtschaftsgeographie  weit  mehr  als  bisher  den
Gang,  d.  h.  die  jahreszeitliche  Verteilung  der  Niederschläge,  beachten.
Sie  ist  oft  von  viel  größerer  Wichtigkeit  als  die  Jahresmenge.
Beispiel:  In  trockenen  Landschaften  der  milderen  Zonen  ist  man  in  neuerer
Zeit  zu  einer  Form  der  Bodennutzung  gekommen,  hei  der  in  der  Hoffnung  auf  eine
gute  oder  doch  wenigstens  dem  Durchschnitt  entsprechende  Regenzeit  die  Aussaat
bestimmter  Feldfrüchte  ohne  Rücksicht  auf  künstliche  Wasserzufuhr  im  freien  Felde
erfolgt.  Man  riskiert  dabei,  daß  sich  unter  einer  Reihe  aufeinander  folgender  Jahre
die  größere  Anzahl  als  Fehljahre  erweisen,  fährt  aber  dabei  immer  noch  viel  besser,
als  wenn  man  die  betreffenden  weniger  wertvollen  Ackergewächse  mit  Hilfe  kostspieliger ­
  Bewässerungsanlagen  ziehen  wollte.  Nun  kommt  es  auch  dabei  viel  weniger
auf  die  Menge  als  auf  den  Gang  der  Regen  an.  So  rechnet  man  in  Deutsch-Südwestafrika,
  daß  in  den  Gegenden  mit  mehr  als  30  cm  mittlerer  Regenhöhe  solche
Trocken  farm  erei  getrieben  werden  könne.  Das  geht  aber  nur  darum  an,  weil  auch
die  schwächeren  Jahresmengen  in  unserer  Kolonie  sich  auf  eine  viel  kürzere  Zeit
zusammendrängen,  als  etwa  in  den  ebenso  stark  beregneten  inneren  Landschaften
der  Kapkolonie,  wo  sie  sich  anstatt  über  nur  drei  Monate  wie  im  Schutzgebiet  über
deren  neun  verteilen,  so  daß  die  Niederschläge  der  meisten  Monate  der  auf  Trockenfarmen ­
  gesetzten  Saat  nicht  zum  Gedeihen  Verhelfen  können,  während  sie  das  in
Deutsch-Südwest  in  ausgiebigem  Maße  tun.
Weiterwirkend  zeigt  sich  sogar  in  der  Entwicklung  der  Tierwelt
die  große  wirtschaftliche  Bedeutung  der  Gegensätze  in  der  atmosphärischen ­
  Bewässerung  eines  Landes.  Die  wildreichsten  Gegenden
der  Länder  sowohl  in  der  tropischen  wie  auch  in  der  subtropischen
Zone  waren  nicht  diejenigen,  die  sich  durch  die  stärksten  Niederschläge ­
  auszeichneten,  sondern  die,  in  denen  der  Gegensatz  zwischen
der  feuchten  und  der  trockenen  Zeit  weniger  die  Entstehung  geschlossener ­
  Wälder  als  vielmehr  halb-  oder  ganz  offener  Weidelandschaften ­
  begünstigte.  Die  Länder  ehemaligen  Wildreichtums  aber  sind
auch  die  gegebenen  Landschaften  der  in  großem  Maßstabe  betriebenen
Vieh  Wirtschaft,  und  so  erkennen  wir  auch  hier  den  großen  Einfluß,
den  die  jahreszeitliche  Verteilung  der  Niederschläge  auf  das  Wirtschaftsleben ­
  des  Menschen  ausübt.
Es  gilt  daher  von  der  wirtschaftsgeographischen  Betrachtung
eines  Landes  dasselbe  wie  von  derjenigen  der  hygienischen  Wirkungen
des  Klimas.  Wir  müssen  uns  hüten,  die  bisher  vorwiegend  zur  Beurteilung ­
  benutzten  Durchschnittswerte  der  klimatischen  Faktoren  zu
überschätzen,  da  die  jahreszeitlichen  für  die  Gütererzeugung  zumeist
viel  wichtiger  sind.  Einen  Beweis  dafür  liefert  uns  nicht  selten  das
Gedeihen  eines  Gewächses  oder  eines  wertvollen  Tieres  in  einer
kleinen  Landschaft,  während  es  in  den  unmittelbar  benachbarten
Strichen  keine  Rolle  in  der  Produktion  spielt.
Beispiel:  Bekanntermaßen  zeichnet  sich  das  Kapland  durch  die  Erzeugung
guter,  zum  Teil  sogar  vorzüglicher  und  feuriger  Weine  aus,  die  einen  wertvollen
Handelsartikel  bilden.  Der  Weinbau  beschränkt  sich  indessen  hier  auf  den  Südwesten, ­
  der  sich  durch  seine  winterlichen  Niederschläge  außerordentlich  von  den
übrigen,  ihm  klimatisch  sonst  sehr  ähnlichen  Landschaften  unterscheidet.  So  fällt
die  Zeit  der  eigentlichen  Reife  in  die  trockneren  Monate,  und  damit  ist  eine  Hauptbedingung ­
  des  rentablen  Anbaus  der  Rebe  nur  hier  erfüllt,  während  im  Osten  Südafrikas ­
  die  Kultur  des  Weinstockes  wenig  Aussicht  auf  Erfolg  bieten  würde.
Wie  wichtig  die  Beachtung  der  jahreszeitlichen  Lebensbedingungen  einer  solchen
Pflanze  ist  zeigt  ein  Blick  auf  unsere  südwestafrikanische  Kolonie.  Nach  von  mir
wiederholt  'gemachten  Vorschlägen  sollte  man  auch  dort  mit  der  Erzeugung  feuriger
Südweine  beginnen.  Daß  von  angeblich  landeskundlicher  Seite,  wie  z.  B.  von
Rohrbach,  diese  Möglichkeit  bestritten  ist,  zeugt  gerade  von  der  Notwendigkeit
einer  wirtschaftsgeographischen  wie  allgemeingeographischen  Vorbildung  auch  der
Dove,  Allgemeine  Wirtschaftsgeographie.  2
        <pb n="25" />
        18

II.  Abschnitt.

Kolonialpolitiker,  die  diesen  wie  im  vorliegenden  Falle  häufig  genug  fehlt.  Denn
in  den  Trockengebieten  des  Südens  und  Westens  ist  der  Weinstock,  der  hier  selbstverständlich ­
  künstlicher  Bewässerung  bedarf,  denselben  Lebensbedingungen  unterworfen, ­
  die  er  in  den  für  seinen  Anbau  am  meisten  geeigneten  Gegenden  vorfindet.
Nichts  beweist  besser  als  das  hier  Angeführte  die  Notwendigkeit  sorgfältigsten  Studiums ­
  auch  der  natürlichen  Grundlagen  alles  Wirtschaftslebens,  als  daß  der  hier
angeführte  Autor  das  Gedeihen  der  Dattelpalme  im  Schutzgebiete  betont,  die  noch
weniger  als  südliche  Weinsorten  Regen  während  der  Reifezeit  vertragen  kann.
Neben  den  beiden  wichtigsten  klimatischen  Elementen,  der  Luftwärme ­
  und  dem  Regen,  tritt  der  Einfluß  der  anderen  auf  das  Gedeihen ­
  von  Pflanzen  und  Tieren,  diesen  Hauptträgern  der  Gütererzeugung, ­
  völlig  in  den  Hintergrund.  Doch  können  sie  unter  Umständen ­
  auch  im  wirtschaftlichen  Leben  eine  gewisse  Bedeutung  erlangen. ­
  Selbst  dem  Licht,  das  ja  keineswegs  nur  in  der  Photographie
eine  Rolle  spielt,  kann  eine  solche  zukommen.  So  wurde  unlängst
in  Fachkreisen  darauf  hingewiesen,  daß  die  Diamantenbearbeitung
schwerlich  jemals  eine  Stätte  in  London  finden  werde,  weil  —  die
Lichtverhältnisse  bei  dem  häufig  dort  herrschenden  Nebel  und  der
unsichtigen  Luft  dazu  nicht  günstig  genug  seien.  Macht  diese  Angabe
einen  etwas  eigenartigen  Eindruck,  so  ist  keine  Frage,  daß  namentlich ­
  die  Dauer  der  Belichtung  für  viele  Produktionszweige  entschieden
in  Frage  kommt.  Daß  die  Arbeiten  unserer  mitteleuropäischen  Landwirtschaft ­
  im  Freien  gerade  in  der  Zeit  angestrengtester  Tätigkeit
immer  noch  mit  nicht  gerade  übermäßigen  Arbeitskräften  geleistet
werden  können,  wird  nicht  zum  wenigsten  dadurch  begünstigt,  daß
die  Dauer  der  Tageshelligkeit,  die  Zeit  der  helleren  Dämmerung
selbstverständlich  miteingeschlossen,  hier  schon  gegenüber  dem  Süden
Europas  eine  sehr  beträchtliche  Ausdehnung  erfährt.  So  dehnt  sie
sich  in  Mitteldeutschland  während  des  ungefähren  Beginns  der  Erntezeit ­
  bis  auf  etwa  17  Stunden  aus,  um  noch  beim  Schluß  der  hauptsächlichsten ­
  Erntearbeiten  eine  Dauer  von  beinahe  14  Stunden  zu
erreichen.  Berücksichtigen  wir  demgegenüber,  daß  die  Dauer  der
für  Arbeiten  im  Freien  ausreichenden  Helligkeit  beispielsweise  in  dem
ebenfalls  auf  Landwirtschaft,  wenn  auch  nicht  auf  Feldbau  angewiesenen ­
  Südwestafrika  in  der  mittleren  Breite  des  Landes  (etwa  im
Hauptorte  Windhuk)  sich  während  der  Hauptwachstumszeit  auf  nur
etwa  13  Stunden  beschränkt  und  daß  hier  unter  allen  Umständen  die
mittleren  Tagesstunden  der  Sonnenstrahlung  wegen  für  anstrengende
Körperarbeit  unberücksichtigt  bleiben  sollen,  so  erkennen  wir  die
Bedeutung  gerade  dieses  geographischen  Zuges  für  das  Wirtschaftsleben, ­
  der  meines  Wissens  bisher  außer  von  mir  in  wirtschaftsgeographischen ­
  Untersuchungen  nirgends  hervorgehoben  worden  ist.
Wenn  somit  die  Belichtung  im  Wirtschaftsleben  für  alle  auf  die
natürliche  Helligkeit  angewiesenen  Arbeiten  bei  der  Erzeugung  von
Gütern  eingehendere  Beachtung  verdient,  so  ist  dem  Feuchtigkeits.-gehalt
  der  Luft  wieder  mehr  eine  lokale  Bedeutung  beizumessen.
Innerhalb  kleinerer,  aber  gleichwohl  oft  recht  wichtiger  Erdgebiete
erreicht  er  dagegen  nicht  selten  eine  sehr  große  Wichtigkeit.  Sein
Einfluß  äußert  sich  dabei  keineswegs  etwa  nur  in  einer  die  Produktion
fördernden  Weise.  Ueberall,  wo  etwa  bei  der  Trockenhaltung  bestimmter ­
  Gegenstände  ein  Uebermaß  des  Dampfgehaltes  der  atmosphärischen ­
  Luft  nachteilig  ist,  kann  dieser  einen  sehr  wesentlichen
Einfluß  auf  die  Produktion  gewinnen.  Es  sei  nur  daran  erinnert,
daß  in  manchen  Gegenden,  wie  an  einzelnen  Küsten,  die  Herstellung
        <pb n="26" />
        §  4.  Beeinflussung  des  Handels  durch  geographische  Wirkungen  19
von  Trockenfutter  nicht  nur  durch  den  Regen,  gegen  den  man  den
Schnitt  ja  schließlich  eher  zu  schützen  vermag,  als  gerade  durch  den
Feuchtigkeitsgehalt  der  Luft  auf  das  äußerste  erschwert  wird.  Das  Verderben ­
  bestimmter  Waren  infolge  dieser  Einwirkung  in  manchen  Gegenden, ­
  z.  B.  an  der  Küste  von  Südwestafrika,  gehört  ebenfalls  hierher.
Gerade  dies  letzte  Beispiel  zeigt  deutlich,  daß  man  den  Einfluß  der  zu  feuchten
Luft  mit  demjenigen  zu  häufigen  Regens  auf  die  Produktion  unter  keinen  Umständen ­
  verwechseln  darf.  Denn  an  dieser  Küste,  an  der  Eisen  und  Stahl  in
kürzester  Zeit  die  schwersten  Schäden  durch  das  Rosten  erleidet,  regnet  es  so  gut
wie  nie.  Wie  sehr  aber  diese  höchst  eigenartige,  scheinbar  so  widerspruchsvolle
Eigenart  des  Klimas  von  Bedeutung  für  die  Produktion  ist,  ergibt  sich  daraus,
daß  zwar  infolge  der  ungemein  hohen  Feuchtigkeit  der  Luft  die
Herstellung  von  Trockentischen,  die  in  dem  fischreichen  Küstengebiet ­
  sehr  erwünscht  wäre,  gar  keine  Aussicht  auf  Erfolg  bietet,
daß  aber  andererseits  infolge  der  äußersten  Regenarmut  sich  an
vielen  Stellen  der  Uferlandschaft  gewaltige  Massen  von  Guano
anzusammeln  vermochten.  Diese  wären  bei  einigermaßen  anderen
Küstengegenden  entsprechendem  Regenfall  unbedingt  der  Abspülung ­
  erlegen.
Gegenüber  solchen  und  ähnlichen  störenden  Einflüssen  des
Feuchtigkeitsgehaltes  der  Luft  bedient  man  sich  seiner  niedrigen
Grade  umgekehrt  bei  verschiedenen  Arten  der  Gütererzeugung.  Ein
nicht  unbedeutender  Teil  des  Handels  einiger  Gebiete  beruht  auf
der  Herstellung  bestimmter  Trockenprodukte.  Es  sei  nur  an  Rosinen,
Trockenfeigen  und  schließlich  auch  an  die  namentlich  für  Nordafrika
so  wichtige  Dattel  erinnert.  Wenn  ferner  das  natürliche  Weidefeld
so  mancher  Steppenländer  nicht  in  der  Sonne  verbrennt,  sondern
wie  im  außertropischen  Südafrika  seinen  Nährwert  auf  Jahre  hinaus
behält,  so  haben  wir  auch  darin  eine  unmittelbare  Folge  der  Dampfarmut ­
  der  über  jenen  Gegenden  ruhenden  Luftschichten  zu  sehen.
Andererseits  macht  sich  in  solchen  Ländern  die  Trockenheit  der
Luft  auch  in  einer  das  Wirtschaftsleben  benachteiligenden  Weise
geltend,  wenngleich  hier  der  Schaden  weit  hinter  dem  eben  erwähnten
Nutzen  zurückbleibt.  Holzwaren  aus  den  europäisch-amerikanischen
Kulturländern  leiden  in  diesen  Gegenden  sehr  unter  der  Dampfarmut.
Diese  und  andere  Waren  verlieren  ihre  Haltbarkeit  und  Brauchbarkeit ­
  viel  schneller  als  in  Landschaften  mit  mittleren  Feuchtigkeitsgraden, ­
  wodurch  die  Lebenshaltung  gegenüber  Europa  ebenfalls  eine
fühlbare  Verteuerung  erfährt.
Wenn  den  weniger  bedeutsamen  klimatischen  Einflüssen  auf  die
Gütererzeugung  hier  eine  etwas  eingehendere  Erwähnung  zuteil
wurde  als  den  beiden  wichtigsten  Seiten  der  atmosphärischen  Einwirkung ­
  auf  die  Produktion,  so  geschah  das  deshalb,  weil  an  ihnen
die  Notwendigkeit  der  Beachtung  klimatischer  Besonderheiten  im
Wirtschaftsleben  deutlicher  gezeigt  werden  konnte,  als  an  der  Temperatur ­
  und  den  Niederschlägen,  die  ja  schließlich  die  Grundlage
allen  pflanzlichen  und  tierischen  Gedeihens  und  damit  der  gesamten
Landwirtschaft  auf  der  Erde  bilden.
§  4.  Beeinflussung  des  Handels  durch  geographische
Wirkungen.
Der  Handel,  mag  er  nun  Welthandel  oder  Güterumtausch  in
kleinerem  Maßstabe  sein,  unterliegt  in  all  seinen  Einzelbewegungen
Einwirkungen  mannigfacher  Art.  Aufgabe  der  Wirtschaftsgeographie
2*
        <pb n="27" />
        20

II.  Abschnitt.

ist  es  auch  hier,  diejenigen  von  ihnen  von  den  übrigen  zu  trennen,
die  wesentlich  durch  den  Raum  und  seine  Eigenart  bedingt  werden.
Grundbedingung  eines  jeden  Handels  ist  auf  der  einen  Seite  der
Bedarf,  auf  der  anderen  der  Ueberschuß  an  irgendwelchen  Gütern
oder  das,  was  man  als  Nachfrage  und  Angebot  bezeichnet.  Auch
dem  Nichtfachmanne  ist  ohne  weiteres  klar,  daß  diese  beiden  Ursachen ­
  der  Güterbewegung  von  tausenderlei  Dingen  abhängen,  die
mit  dem  Raume  an  und  für  sich  gar  nichts  oder  nur  sehr  wenig
zu  tun  haben.  Bei  der  Nachfrage  spielen  Gewohnheit  und  Lebenshaltung, ­
  bei  dem  Angebot  durchaus  nicht  etwa  nur  Ueberfluß  an  der
von  anderer  Seite  begehrten  Ware,  sondern  auch  Gleichgültigkeit
gegen  ihren  Gebrauch  und  andere  Ursachen  eine  nicht  unwesentliche
Rolle.
Beispiel:  Für  die  Mannigfaltigkeit  der  Ursachen  des  Angebots  bietet  das
Studium  halb-  oder  gar  nicht  kultivierter  Völker  eine  Fülle  von  Beispielen.  Ein
besonders  bezeichnendes  lieferten  während  meines  Aufenthalts  in  Deutsch-Südwestafrika ­
  die  Bastards  von  ßehoboth.  Obwohl  dies  halbblütige  Bauernvolk  durchaus
keinen  Ueberfluß  an  Hausgeflügel  besaß,  verkauften  seine  Angehörigen  dennoch
Hühnereier  zu  mäßigen  Preisen  an  die  Europäer  in  Windhuk,  weil  sie  selbst  merkwürdigerweise ­
  damals  den  Genuß  von  solchen  nur  in  Ausnahmefällen  kannten.  Hier
war  also  zeitweise  ziemlich  lebhafter  Handel  mit  einem  landwirtschaftlichen  Produkt
im  Gange,  bei  dem  von  einem  wirtschaftsgeographischen  Verhältnis  gar  keine  Rede
sein  konnte.
Dies  Beispiel  zeigt  aber  auch,  daß  die  wirtschaftliche  und  die
wirtschaftsgeographische  Spannung  zwei  verschiedene  Dinge  sind.
Das  wirtschaftliche  Spannungsverhältnis  einer  Ware,  das  ebensogut
wie  das  wirtschaftsgeographische  zu  einem  Ausgleich  durch  den
Handel  drängt,  kann  in  den  oben  berührten,  vom  Raume  unabhängigen
Ursachen  begründet  sein.  Wenn  beispielshalber  von  chinesischen
Kaufleuten  noch  heute  wertvolle  Teesorten  an  das  Ausland  abgegeben
werden,  so  heißt  das  noch  keineswegs,  daß  in  China  Ueberfluß  an
dem  aromatischen  Genußmittel  vorhanden  ist,  so  wenig  wie  man  von
einem  Ueberfluß  an  besonders  kostbaren  Weinsorten  in  einzelnen
Weingegenden  Westdeutschlands  sprechen  kann,  wenn  man  vernimmt,
daß  diese  nur  zum  kleinsten  Teile  im  Erzeugungsgebiet  zurückgehalten ­
  werden.  Hier  ist  eben  die  Nachfrage  in  diesem  aus  rein
ökonomischen  Gründen  geringer  als  außerhalb,  obwohl  man  von
einer  geographischen  Spannung  kaum  reden  kann.  Oder  wenn  Großbritannien ­
  mit  seinem  Reichtum  an  Schafen  aus  Gegenden  Mitteleuropas ­
  Masthammel  einführt,  die  es  lediglich  der  Qualität  wegen
hoch  bezahlt,  ist  sogar  geradezu  das  Gegenteil  einer  solchen  nachweisbar. ­

Unter  geographischer  Spannung  sollte  daher  der  Wirtschaftsgeograph ­
  nichts  anderes  verstehen  als  den  zahlenmäßig  festzulegenden ­
  Gegensatz  zwischen  der  Menge  einer  auf  den  Kopf  verrechneten
  Ware  in  verschiedenen  Ländern  oder  Landschaften.  Unter
im  übrigen  gleichen  Lebensverhältnissen,  also  bei  gleicher  Güte  der
Ware,  bei  gleichem  Kulturstande  und  gleichem  Stande  der  Lebenshaltung ­
  bekommen  wir  dann  wirklich  einen  Begriff  von  der  wirtschaftsgeographischen ­
  Bedeutung  des  betreffenden  Gegenstandes.  So  kann
man  z.  B.  recht  gut  Länder  wie  Großbritannien  mit  der  nordamerikanischen ­
  Union,  Deutschland  mit  der  Schweiz  oder  Dänemark  vergleichen ­
  usf.,  um  auch  zu  geographisch  wichtigen  wirtschaftlichen
Schlüssen  zu  gelangen.
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        §  4.  Beeinflussung  des  Handels  durch  geographische  'Wirkungen.  21
Beispiel:  Ein  klassisches  Beispiel  für  die  Bedeutung  der  wirtschaftsf
 eographischen  Spannung  bietet  uns  Großbritannien  und  die  nordamerikanische
inion  hinsichtlich  des  Weizens.  Hier  entsprechen  sich  Lehensgewohnheiten,
Lebenshaltung  usw.  in  hohem  Grade,  aber  die  Getreideerzeugung  führt  hier  zu  einer
ungeheuren  Spannung  zwischen  beiden  Ländern.  Denn  während  in  der  Union  auf
den  Kopf  der  Bevölkerung,  von  der  ein  nicht  geringer  Teil  auch  Maismehl  genießt,
mehr  als  200  kg  Weizen  geerntet  werden  (im  Deutschen  Reiche  etwa  60—70  kg),
beträgt  die  entsprechende  Menge  in  dem  fast  nur  Weizenmehl  verbrauchenden
Inselreich  nur  die  knappe  Hälfte  (30—40  kg)  der  in  Deutschland  auf  den  einzelnen
entfallenden  Weizenmenge.  So  entsteht  jene  gewaltige  Getreideeinfuhr  aus  den  Vereinigten ­
  Staaten,  die  für  die  Ernährung  des  britischen  Volkes  unerläßlich  ist.  Muß
doch  Großbritannien  neuerdings  nicht  viel  unter  800  Mill.  M.  allein  für  dies  Brotgetreide ­
  an  das  Ausland  zahlen.
Nun  kommen  freilich  für  die  wirtschaftsgeographische  Spannung
nicht  allein  Ueberschuß  und  Untererzeugung  einer  bestimmten  Ware
in  Frage,  sondern  von  rein  geographischen  Einflüssen  auf  den  Preis
sind  als  sehr  wesentliche  auch  die  Entfernung  und  die  Art  der  Transportmittel ­
  zu  erwähnen.  Ja,  sie  überwiegen  unter  Umständen  sogar
die  Unterschiede  der  Produktionsmengen  ganz  bedeutend.  Knüpfen
wir  an  die  in  dem  eben  gegebenen  Beispiel  erwähnte  Höhe  des
Weizenbedarfs  der  Engländer  an,  so  erkennen  wir,  daß  auch  zwischen
ihnen  und  den  Russen  ein  ähnlicher  Gegensatz  der  Verhältniszahlen
der  Erzeugung  besteht.  Gleichwohl  sind  die  Vereinigten  Staaten  der
Hauptlieferant  Großbritanniens,  denn  der  Transport  von  dort  ist  erheblich ­
  bequemer  und  billiger  als  derjenige  aus  den  im  inneren  Rußland ­
  gelegenen  Weizendistrikten.
Diese  Erwägung  führt  uns  ganz  von  selbst  zu  der  Bedeutung
der  Entfernungen  im  Handel,  die  die  Geographie  desselben  in  enge
Beziehungen  zu  derjenigen  des  Verkehrslebens  setzt.  Das  Studium
der  Verkehrswege  muß  für  jedes  Handelsgut  erfolgen,  da  unter  Umständen ­
  die  Verbindung  mit  dem  Verbraucherlande  viel  wichtiger  ist
als  der  Grad  des  Ueberschusses  im  Ursprungslande.  Wäre  z.  B.  die
Ausfuhr  von  Reis  aus  dem  den  Markt  beherrschenden  hinterindischen
Erzeugungsgebiet  auf  den  Dampferverkehr  durch  den  Suezkanal  angewiesen, ­
  so  ist  fraglich,  ob  das  wichtige  Nahrungsmittel  in  Europa
zu  dem  Preise  geliefert  werden  könnte  wie  heute,  wo  es  zumeist  von
großen  Segelschiffen  bis  zu  uns  gebracht  wird.  In  diesem  Falle  ist
das  Transportmittel  wichtiger  als  der  Transportweg,  der  ja  weiter  ist
als  durch  den  genannten  Kanal.
Aber  auch  in  den  sehr  zahlreichen  Fällen,  in  denen  der  Weg
die  Preisbildung  und  damit  auch  die  Absatzmöglichkeit  einer  Ware
entscheidet,  ist  er  keineswegs  immer  mit  der  bloßen  linearen  Entfernung ­
  gleichzusetzen.  Freilich  sind  wir  in  den  meisten  Fällen  in
der  Lage,  ihn  auf  eine  solche  zurückzuführen.
Beispiel:  Eines  der  sinnfälligsten  Beispiele  für  diesen  Satz  bietet  uns  die
Segelschiffahrt.  Ehe  das  südwestafrikanische  Schutzgebiet  mit  der  Kapkolonie
durch  einen  Dampferverkehr  verbunden  war,  wurden  die  Beziehungen  zwischen
beiden  Gebieten  durch  einen  kleinen  Segler  aufrecht  erhalten.  Dieser  legte  den
Weg  von  Kapstadt  nach  Walfischbai,  dem  damaligen  Eingangspunkte  in  die  Kolonie,
in  ungefähr  8  Tagen  zurück,  da  er  auf  der  Fahrt  nach  Norden  die  regelmäßigen
südlichen  Winde  des  Küstenmeeres  benutzen  konnte.  Die  Rückreise,  wo  er  genötigt ­
  war,  über  einen  großen  Teil  des  Atlantischen  Ozeans  zu  kreuzen,  um  vor
dem  Erreichen  des  Kap  der  guten  Hoffnung  wieder  in  günstigen  Fahrwind  zu  gelangen, ­
  nahm  dagegen  bisweilen  die  fünffache  Länge  der  Hinreise  in  Anspruch.  Daß
unter  diesen  Umständen  wohl  an  eine  Einfuhr  aller  möglichen  Dinge,  nicht  aber
an  eine  Ausfuhr  billigerer  Güter  irgendwelcher  Art  aus  dem  Schutzgebiet  zu  denken
war,  leuchtet  hiernach  jedem  ohne  weiteres  ein.
        <pb n="29" />
        22

II.  Abschnitt.

In  dem  eben  gegebenen  Beispiel  würde  demnach  eine  kaufmännische ­
  Berechnung  den  Weg  vom  südwestafrikanischen  Schutzgebiet
anstatt  mit  rund  1400  km  mit  etwa7000  km  einsetzen.  So  gelangen
wir  dazu,  unter  Vernachlässigung  der  nicht-geographischen ­
  Faktoren,  mit  denen  sich  die  N  ationalökonomie
  zu  befassen  hat,  die  Möglichkeit  der  Einsetzung ­
  von  Formeln  zu  erwägen,  in  die  alle  geographischen, ­
  d.  h.  mit  dem  Raum  und  seiner  Eigenart
zusammenhängenden  Faktoren,  also  Spannung,  Entfernung ­
  usw.  als  bestimmte  Zahlenwerte  eingesetzt
werden,  wie  das  für  die  in  verschiedener  Richtung  in
verschiedenem  Sinne  wirksame  Entfernung  in  dem
eben  gegebenen  Beispiele  geschehen  ist.  Daß  auf  diese
Weise  die  Arbeit  des  am  Welthandel  beteiligten  Kaufmannes  bei
der  Beurteilung  bestimmter  Handelsmöglichkeiten  erleichtert  werden,
daß  das  Bild  des  Handels  überhaupt  an  Klarheit  und  Uebersichtlichkeit
  gewinnen  müßte,  bedarf  keiner  näheren  Ausführungen.
Sind  wir  von  diesem  Ideal  einer  Handelsgeographie  auch  vorläufig ­
  noch  weit  entfernt,  so  ist  es  doch  schon  jetzt  möglich,  auf
Grund  allgemeiner  Berechnungen  der  augenblicklichen  Transportkosten ­
  die  Rentabilitätsgrenze  für  mancherlei  Handelsgüter
in  bestimmten  Gebieten  festzustellen.  Unter  Rentabilitätsgrenze  ist
diejenige  Linie  zu  verstehen,  von  der  ab  gerechnet  sich  der  Transport ­
  einer  Ware  für  den  sie  ausführenden  Kaufmann  noch  lohnt.
Jenseits  derselben  überwiegen  die  Transportkosten  die  Einnahme,
die  er  zu  erwarten  hat;  der  dadurch  entstehende  Zustand  ist  für  die
Handelsgeographie  der  gleiche,  wie  wenn  die  betreffende  Ware  jenseits ­
  jener  Linie  überhaupt  nicht  vorhanden  wäre,  ganz  gleich,  ob
und  in  welchen  Mengen  sie  daselbst  tatsächlich  vorhanden  ist.
Beispiel:  Wählen  wir  als  Beispiel  die  für  die  heutigen  Kulturvölker  so
wichtige  Baumwolle  und  als  Gebiet  Afrika,  in  dessen  tropischen  Ländern  die
Pflanze  an  vielen  Stellen  heimisch  ist.  Unter  Zugrundelegung  der  früher  dort
überall  sehr  hohen  Sätze  für  den  Warentransport  durch  menschliche  Träger,  sowie
der  an  der  Küste  gezahlten  Preise  für  ausfuhrfähige  Baumwolle  kann  man  leicht
berechnen,  daß  von  dem  ungeheuren  Gebiet,  in  welchem  das  Gewächs  gedeiht  bzw.
angebaut  werden  kann,  nur  ein  Zehntel  für  die  Ausfuhr  in  Frage  kommen
konnte,  solange  man  einzig  und  allein  auf  jene  Beförderungsweise  angewiesen  war.
Hier  läuft  also  die  Rentabilitätsgrenze  so  nahe  der  Küste,  daß  neun  Zehntel  der
afrikanischen  Tropenländer  jenseits  dieser  Linie  gelegen  waren,  während  z.  B.  diejenige ­
  des  Kautschuks  viel  weiter  im  Innern  verlief.  Welche  Veränderungen  ihr
Verlauf  in  den  letzten  Jahren  an  einzelnen  Stellen  erfahren  hat,  erkennen  wir  an
Britisch-Ostafrika,  wo  sie  um  1900  noch  ganz  nahe  der  Küste  lag,  während  sie  seit
einigen  Jahren  infolge  der  Fertigstellung  der  Ugandabahn  bereits  bis  über  den
Viktoria  Njansa  hinausreicht.
Da  sich  im  übrigen  Wege  und  Güterbeförderung  nicht  wohl
ganz  trennen  lassen,  so  werden  auch  im  dritten  Abschnitt  einige  für
die  Handelsgeographie  wichtige  Einzelheiten  uns  zu  beschäftigen
haben.
        <pb n="30" />
        III.  Abschnitt.
Geographie  des  Verkehrs.
§  5.  Geographische  Grundlagen  des  Landverkehrs.
Verkehr  ist  Raumüberwindung  durch  Menschen  und  Güter.  Schon
aus  diesem  Grunde  ist  die  Geographie  des  Verkehrs  am  ehesten  in
der  Lage,  streng  nach  den  Gesetzen  der  geographischen  Untersuchung
vorzugehen  und  die  Abhängigkeit  der  Verkehrswege  wie  der  Verkehrsmittel ­
  und  schließlich  auch  diejenige  der  auf  und  mit  ihnen  bewegten
Personen  und  Sachen  vom  Raume  und  von  der  besonderen  Natur  der
durchzogenen  Gebiete  festzustellen.  Hier  sind  wir  in  höherem  Grade
als  sonst  in  unserer  Wissenschaft  in  der  Lage,  mit  feststehenden
Maßen  und  Zahlengrößen  zu  arbeiten,  und  hier  sind  deshalb  abermals
zahlreiche  Berührungspunkte  mit  einer  anderen  Wissenschaft  gegeben.
Nur  daß  es  sich  in  diesem  Falle  nicht  sowohl  um  die  Nationalökonomie, ­
  als  vielmehr  um  die  Technik  handelt,  die  ja  auch  ihrerseits ­
  bei  allgemeineren  und  umfassenderen  Untersuchungen  oft  genug
auf  geographischen  Vorarbeiten  fußt.  So  bildet  die  Verkehrsgeographie
einen  der  wichtigsten  Zweige  unserer  Wissenschaft,  indem  sie  unmittelbar ­
  an  das  neuzeitige  Leben  anknüpft  und  Dinge  behandelt,  die
auch  den  dem  Geschäftsleben  Fernstehenden  in  zahlreichen  Einzelfällen ­
  persönlich  berühren.
Die  Verkehrswege  sind  gleichbedeutend  mit  der
Entfernung  zwischen  zwei  Punkten.  Das  Längenmaß  ist
somit  derjenige  Maßstab,  den  wir  auf  jeden  Verkehrsweg  anwenden
können  und  der  uns  bei  der  Beurteilung  eines  solchen  stets  als  Maßstab ­
  dient.  Mit  seiner  Hilfe  vermögen  wir  alle  räumlichen  Abweichungen ­
  von  der  geraden  Linie,  auch  die  vertikalen,  in  völlig  einheitlicher ­
  Weise  auszudrücken.
Die  einfachste  Form  eines  Verkehrsweges  ist  die
gerade,  in  der  Ebene  verlaufende  Linie  zwischen
zwei  auf  der  Erdoberfläche  befindlichen  Punkten.
Solche  gewissermaßen  ideale  Verkehrswege  finden  sich  indessen  in
der  Natur  nur  in  verhältnismäßig  seltenen  Fällen,  denn  auch  in
ebenen  Gebieten  gibt  es  mannigfache,  in  der  Beschaffenheit  des
Bodens  begründete  Hindernisse,  die  die  vom  Menschen  geschaffenen
Wege  zwingen,  von  der  geraden  Linie  seitlich  abzuweichen.  Sobald
das  durchschnittene  Gelände  aber  nicht  mehr  völlig  eben  ist,  mehren
sich  diese  Hindernisse  und  führen  ebenfalls  zu  einer  je  nach  den
zu  überwindenden  Höhenunterschieden  größeren  oder  geringeren  Verlängerung ­
  der  geraden  Linie,  die  bereits  bei  mäßigen  An-  und  Abstiegen ­
  des  Weges  recht  beträchtliche  Werte  erreichen  kann.  Be ­
        <pb n="31" />
        24

III.  Abschnitt.

sonders  ist  das,  wie  wdr  weiter  unten  sehen  werden,  bei  denjenigen
Verkehrswegen  der  Fall,  die,  wie  unsere  Adhäsionsbahnen,  eine  starke
Abhängigkeit  von  den  Böschungswinkeln  des  von  ihnen  durchzogenen
Geländes  zeigen,  also  gerade  bei  den  wichtigsten  aller  heutigen  Verkehrsstraßen. ­

Wir  tun  daher  gut,  bei  der  Behandlung  von  Fragen  des  Landverkehrs ­
  unser  Augenmerk  zunächst  auf  die  Hindernisse  zu  richten,
welche  jene  Verlängerung  jener  geraden  Linie  zwischen  zwei  Punkten
zur  Folge  haben.  Denn  die  Berücksichtigung  dieser  Hinderungen
ist  es  in  erster  Linie,  die  uns  den  Einfluß  des  festen  Landes  auf  den
Verkehr  selbst  am  deutlichsten  erkennen  läßt.
Die  Hindernisse  des  Verkehrs  auf  dem  Festlande
sind  keineswegs  auf  die  horizontale  und  auf  die  vertikale  Ablenkung
der  geraden  Linie  zwischen  zwei  Punkten  bis  zu  der  Gestalt  der  tatsächlich ­
  zwischen  ihnen  bestehenden  Verkehrslinie  beschränkt.  Vielmehr
können  solche  infolge  des  Vorhandenseins  von  Sümpfen,  weich  -
gründigem  Boden  und  anderen  in  der  Zusammensetzung  des  Untergrundes ­
  beruhenden  Unzuträglichkeiten  gegeben  sein.  Am  häufigsten
sind  sie  in  den  die  Verkehrslinien  kreuzenden  Wasserläufen  gegeben.
Ist  auch  in  all  diesen  Fällen  die  durch  solche  Flachhindernisse  verursachte ­
  Ablenkung  nur  gering  oder  unter  Umständen  überhaupt  nicht
vorhanden,  so  wirken  sie  in  wirtschaftlicher  Hinsicht  doch  gerade  so
ungünstig  wie  eine  etwaige  Verlängerung  des  Verkehrsweges,  denn
auch  sie  verteuern  infolge  der  durch  sie  verursachten  Verteuerung
der  technischen  Verkehrsanlagen  den  Betrieb  bzw.  die  Kosten  des
Transports.
Beispiel:  Wie  umständlich  die  Anlage  eines  Verkehrsweges  durch  solche  hier
als  Flachhindernisse  bezeichneten  Erscheinungen  werden  kann,  zeigt  sich  namentlich
in  der  Tropenzone,  ganz  besonders  aber  in  den  regenreicheren  Teilen  dieser  Erdgegenden. ­
  So  betont  v.  Bockelmann  von  der  von  Deli  in  das  Innere  von  Sumatra
führenden  Eisenbahn,  die  im  allgemeinen  ebenes  Gelände  durchzieht,  daß  die  beim
Bau  zu  überwindenden  technischen  Schwierigkeiten  vornehmlich  im  Aufschütten  von
Dämmen  durch  die  oft  unergründlichen  Mangrovesümpfe  und  in  der  Ueberbrückung
nicht  weniger  Gewässer  lagen.  Mißt  doch  die  längste  Brücke  dieser  Bahn,  die  über
den  Kwala  Deli,  380  m,  die  in  23  Spannungen  überwunden  werden.  Man  bedenke
auch,  daß  gerade  in  den  Tropen  und  besonders  in  den  Monsungebieten  der  Gegensatz ­
  zwischen  der  trocknen  und  der  nassen  Zeit  so  groß  ist,  daß  selbst  kleine
Wasserläufe  häufig  ein  sehr  ausgedehntes  Ueberschwemmungsgebiet  besitzen,  und
daß  infolgedessen  die  Länge  der  Brücken  selbst  über  Bäche  und  Flüßchen  recht
bedeutend  ist.
Auch  bei  uns  kann  die  Notwendigkeit,  zahlreiche  Brücken  anzulegen,  sogar  in
der  Ebene  unbequem  werden.  So  sind  selbst  im  nordostdeutschen  Flachlande  die
westöstlich  gerichteten  Bahnlinien  zur  Benutzung  zahlreicher  Flußübergänge  genötigt.
Denn  während  auf  der  Strecke  Berlin—Stettin  nur  auf  je  33,7  km,  auf  der  von
Berlin  nach  Stralsund  nur  auf  je  28  km  eine  Brücke  zu  überschreiten  ist,  ist  dies
auf  der  Bahnlinie  Stettin—Danzig  schon  auf  je  17,5  km,  auf  der  Linie  Stettin—Posen
sogar  auf  je  15,7  km  der  Fall.
Es  sind  denn  auch  die  in  der  Ebene  sich  der  geraden  Wegerichtung ­
  entgegenstellenden  Hindernisse  selten  die  Ursache  stärkerer
Abweichungen  von  der  geraden  Linie.  Wo  diese  dennoch  in  größerem
Umfange  vorhanden  sind,  da  pflegen  sie  die  Folge  der  Lage  der  zu
berührenden  Städte  zu  sein.  Wie  außerordentlich  günstig  ebene  Gestaltung ­
  des  Geländes  auf  die  modernen  Verkehrswege,  also  insonderheit ­
  auf  die  Eisenbahn,  wirkt,  zeigt  sich  namentlich  in  der  oberdeutschen ­
  Tiefebene,  die  in  dieser  Hinsicht  sogar  das  norddeutsche
Flachland  übertrifft.  Denn  hier,  im  ostelbischen  Eisenbahngebiet,
        <pb n="32" />
        §  5.  Geographische  Grundlagen  des  Landverkehrs.  25

sind  ungefähr  20  Proz.  der  Streckenlängen  gekrümmt.  Von  der  Strecke
Mannheim—Heidelberg—Basel  dagegen  verlaufen  nur  15,5  Proz.  der
Gesamtlänge  in  solchen  Krümmungen!  In  der  Tat  bedeuten  tief  in
bergiges  Umland  einschneidende  Täler  in  dieser  Beziehung  einen  ganz
außerordentlichen  Vorteil  für  den  Verkehr  auch  in  dieser  Hinsicht,
da.  ja  häufige  Krümmungen  auch  in  einer  Ebene  mit  gar  keiner  oder
mit  sehr  geringer  Neigung  des  Geländes  eine  Verzögerung  des  Verkehrs ­
  gegenüber  der  geraden  Linie  bedeuten.  Schon  aus  diesem
Grunde  ist  die  Brennerlinie  vor  anderen  Alpenbahnen  begünstigt,  da
beispielsweise  selbst  die  Strecke  Rosenheim—Kufstein  nur  auf  34,8  Proz.
ihrer  Länge  gekrümmt  ist,  d.  h.  verhältnismäßig  viel  weniger  als  die
von  Treuchtlingen  in  Bayern  auf  Würzburg  zu  über  das  Hochland
dahinziehende  Linie.
Von  viel  größerer  Bedeutung  als  die  in  der  Ebene  wirksamen
Hindernisse  des  Verkehrs  sind  die  in  den  Höhenunterschieden  begründeten ­
  Verlängerungen  der  geraden  Linie.  Sie  sind  es,  die  in
erster  Linie  den  Zeitverlust  beim  Ueberschreiten  der  Gebirge  hervorrufen
  und  die  infolge  der  Erhöhung  der  Anlagekosten  für  die  Verkehrswege ­
  den  Transport  erheblich  verteuern.
Vergegenwärtigen  wfir  uns  zunächst  in  der  Theorie  die  Einwirkung ­
  einer  Erhöhung  des  Bodens  auf  die  gerade  Linie  zwischen
zwei  Punkten.  Um  richtig  einzuschätzen,  müssen  wir  uns  gegenwärtig ­
  halten,  daß  sie  für  jedes  Verkehrsmittel  verschieden  groß  ist.
Da  wir  indessen  im  neuzeitigen  Großverkehr  fast  ausschließlich  mit
den  mit  Dampf  betriebenen  Adhäsionsbahnen  zu  rechnen  haben,  so
seien  in  den  nachfolgenden  Ausführungen  auch  wesentlich  die  die
Eisenbahn  betreffenden  Verhältnisse  zugrunde  gelegt.
Jede  Ueberwindung  eines  vertikalen  Hindernisses  bedeutet  einen
Mehraufwand  an  Kraft,  der  für  die  Eisenbahn  eine  recht  beträchtliche
Größe  erreicht.  Einen  Maßstab  dafür  gewähren  uns  die  Leistungen
einer  Güterzuglokomotive,  wie  sie  bei  den  preußischen  Staatsbahnen
Verwendung  findet.  Diese  dreiachsige  Maschine  wiegt  rund  40  Tonnen
und  vermag  bei  einer  Fahrgeschwindigkeit  von  15  km  in  der  Stunde
auf  wagerechter  Strecke  2800  Gewichtstonnen  zu  je  1000  kg  zu  befördern. ­
  Für  den  wirklichen  Verkehr  kommt  indessen  diese  Leistungsfähigkeit ­
  überhaupt  nicht  in  Frage,  denn  schon  bei  dem  überall,  auch
im  Flachlande,  auf  weite  Strecken  überschrittenen  Anstiege  von
1:500  verringert  sich  diese  Leistungsfähigkeit  auf  etwa  1400  Tonnen,
während  sie  bei  dem  Anstieg  von  1  :  100,  der  im  Hachen  Hügellande
außerordentlich  häufig  ist,  auf  ungefähr  400  Tonnen  sinkt,  also  auf
annähernd  30—40  beladene  Güterwagen  mittleren  Fassungsvermögens.
Wie  außerordentlich  die  im  wirklichen  Gebirge  sich  ergebende  Verringerung ­
  der  Leistungsfähigkeit  bei  der  angegebenen  Fahrgeschwindigkeit ­
  ist,  ergibt  sich  daraus,  daß  die  zu  befördernde  Gewichtsmenge
einschließlich  des  Wagengewichtes  bei  1  :  40,  einem  im  Gebirge  nicht
seltenen  Anstieg,  auf  rund  150  Tonnen  herabgeht.  Dabei  ist  zu  betonen, ­
  daß  Material-  und  Kohlenverbrauch  bei  großen  Steigungen  ganz
unverhältnismäßig  anwachsen,  so  daß  eine  Verlangsamung  und  Verteuerung ­
  des  Transportes  die  unausbleibliche  Folge  aller  dieser
vertikalen  Verkehrshindernisse  ist.
Um  uns  einen  Begriff  von  der  Einwirkung  der  Gebirge  auf  den
Verkehr  zu  machen,  müssen  wir  uns  des  geographischen  bzw.  orographischen
  Maßstabes  bedienen,  den  man  als  Böschungswinkel
        <pb n="33" />
        26

III.  Abschnitt.

bezeichnet.  Schon  ein  Neigungswinkel  des  von  der  Bahn  durchschnittenen ­
  Geländes  von  0,5°  verringert  die  Leistungsfähigkeit  der
Lokomotive  nicht  unwesentlich,  ist  aber  selbst  in  flachhügeliger  Landschaft ­
  recht  häufig.  Der  Böschungswinkel  von  IV2 0  dagegen  entspricht ­
  ungefähr  derjenigen  Grenze,  bei  der  auf  größere  Strecken
geradlinig  nicht  mehr  vorgegangen  wird.
Erwägt  man  jetzt,  daß  der  Böschungswinkel  des  Hügellandes
schon  2—3°  beträgt,  während  er  auch  in  den  niedrigeren  Mittelgebirgen, ­
  wie  etwa  im  Thüringerwalde,  etwa  5°,  in  den  süddeutschen
bedeutend  mehr  beträgt,  so  erkennen  wir  in  diesen  Zahlen  den  bedeutenden ­
  Einfluß,  den  diese  Erhebungen  auf  die  Ablenkung  des
Verkehrsweges  von  der  geraden  Linie  ausüben  müssen.  Wir  müssen
festhalten,  daß  der  Böschungswinkel  eines  Gebirges  uns
den  unmittelbaren  Maßstab  für  das  Mindestmaß  der
Verlängerung  eines  Verkehrsweges  durch  Vertikalhindernisse ­
  gibt.
Die  Verlangsamung  des  Verkehrs,  die  auf  diese  Weise  durch  die
Verlängerung  der  Bahnlinie  gegenüber  der  Geraden  entsteht,  hängt
aber  nicht  bloß  mit  der  Steigung  und  mit  der  linearen  Verlängerung
der  Strecke  zusammen.  Vielmehr  wirken  auch  die  bei  dieser  Verlängerung ­
  im  Gebirge  meist  unausbleiblichen  Kurven  in  hohem  Grade
verlangsamend,  da  sie  nicht  mit  der  gleichen  Geschwindigkeit  befahren
werden  können  wie  die  ungekrümmten  Strecken.  Das  gilt  auch  vom
Abstieg,  während  in  beiden  Fällen,  d.  h.  beim  Anstieg  so  gut  wie  beim
Abstieg,  die  Züge  gegenüber  der  im  Flachlande  möglichen  Wagenzahl
eine  Verkürzung  erfahren  und  ebenso  auch  der  Materialverbrauch  im
Verhältnis  zur  Leistung  eine  Steigerung  erfährt.  Erwägt  man  endlich,
daß  die  im  Gebirge  häufig  unumgänglichen  Kunstbauten  besonderer
Art,  wie  Tunnels,  Ueberbrückungen  mittels  besonders  konstruierter
Stahlgerüste,  Befestigungen  des  Unterbaues  oder  der  Berglehne  usw.,
eine  fühlbare  Erhöhung  der  Anlagekosten  erfordern,  so  bedeutet  ihre
Ueberschreitung  zumeist  auch  nach  irgendeiner  Seite  hin  eine  wirtschaftlich ­
  merkbare  Erschwerung  größerer  Transporte.  Zu  guter  Letzt
kommt  eine  Reihe  von  Hindernissen  des  Verkehrs  durch  die  Erhebungen ­
  eines  Landes  in  Betracht,  die  ihre  Ursache  in  zeitlich  auftretenden, ­
  im  Gebirgsklima  begründeten  Erscheinungen  haben,  von
denen  noch  die  Rede  sein  wird.  So  sehen  wir,  wie  der  orographische
Bau  eines  Gebiets  für  den  Verkehr  eines  der  wesentlichsten,  fördernd
oder  hemmend  wirkenden  Momente  bildet.
Es  ist  durchaus  verkehrt,  wenn  man  diese  Dinge  im  Hinblick
auf  die  an  und  für  sich  wundervollen  Leistungen  der  neuzeitigen
Technik  in  ihrer  Bedeutung  für  das  Verkehrsleben  unterschätzt.  Die
Aufgeschlossenheit  des  mitteldeutschen  Gebirgslandes  durch  vom  Flachlande ­
  her  weit  nach  Süden  eingreifende  Tieflandbuchten  und  durch
sie  bis  in  das  Herz  des  Reiches  fortsetzende  Flußtäler  läßt  sich  ohne
weiteres  in  ihren  Wirkungen  auf  den  Eisenbahnverkehr  verfolgen.
In  noch  höherem  Grade  erkennen  wir  die  Vorzüge  der  orographischen
Anlage  bei  einem  Blick  auf  die  tatsächlich  bestehenden  Verbindungen
im  Verlaufe  des  oberrheinischen  Tieflandes  und  in  den  seitlich  von
diesem  abzweigenden  Verkehrslinien.
Beispiel:  Betrachten  wir  etwa  eine  der  großen,  für  den  Weltverkehr  wichtigen
Verbindungen,  wie  etwa  die  von  wichtigen  Schnellzügen  benutzte  Strecke  von  Straßburg ­
  bis  Ulm.  Obgleich  sich  dieser  nur  die  niedrigeren  nördlichen  Teile  des  Schwarz ­
        <pb n="34" />
        §  5.  Geographische  Grundlagen,  des  Landverkehrs.

27

waldes  in  den  Weg  stellen,  ist  die  Wirkung  der  Verlängerung  durch  die  Umgehung
des  genannten  Gebirges  auf  diese  Verbindung  doch  eine  sehr  fühlbare.  Denn  die
geradlinige  Entfernung  zwischen  Straßburg  und  Ulm  beträgt  nur  165  km,  die  benutzbare ­
  Strecke  dagegen  hat  eine  Länge  von  nicht  weniger - als  202,5  km,  d.  h.  sie
erfährt  gegen  die  Gerade  die  nicht  unbedeutende  Verlängerung  von  rund  23  Proz.,
was  bei  der  in  diesen  Gegenden  üblichen  Schnellzuggeschwindigkeit  einem  Zeitverlust
von  mehr  als  einer  halben  Stunde  gleichkommt.
Um  zu  einer  deutlichen  Vorstellung  von  den  Einflüssen  des  Gebirges ­
  auf  die  Bahn  zu  gelangen,  muß  man  sich  die  wichtigsten  Einzelheiten ­
  der  Streckenführung  verschiedener  Eisenbahnlinien  nebeneinander ­
  vergegenwärtigen.
Im  Flachlande  entfallen  die  Vertikalhinderungen  fast  ganz.  Auch
die  meist  durch  Horizontalursachen  veranlaßte  Kurvenführung  ist  dort
viel  weniger  wirksam  als  selbst  schon  im  Hügellande.  Als  bezeichnend
mag  hier  erwähnt  werden,  daß  auf  der  164,4  km  langen  Strecke  Posen—
Breslau  ein  1:100  übertreffender  Anstieg  nur  auf  0,2  Proz.  der  geneigten ­
  Strecken  vorkommt,  die  selbst  wieder  nur  63  Proz.  der  Gesamtlänge^
  umfassen.  Noch  nicht  ein  Zehntel  der  Gesamtlänge  verläuft ­
  in  Krümmungen,  von  welchen  zudem  wieder  nur  ein  Zehntel
einen  Radius  von  weniger  als  1000  m  besitzt,  während  Krümmungsradien ­
  von  weniger  als  600  m  überhaupt  nicht  Vorkommen.
Stellen  wir  dem  eine  Bahn  im  Hochlande  gegenüber,  so  ergeben
sich  verhältnismäßig  wenig  Unterschiede.  Auf  der  Strecke  Weißenfels—Bebra, ­
  die  schließlich  am  Nordrande  des  Thüringer  Waldes  über
Eisenach  verläuft,  sind  zwar  die  Neigungen  ebenfalls  gering,  denn  das
größte  Steigungsverhältnis  ist  1:100.  Die  geraden  Strecken  nehmen
noch  60,8  Proz.  der  Gesamtlänge  ein,  und  nur  19,8  km  verlaufen  in
Krümmungen  mit  Radien  von  500—1000  m  Länge.
Zu  dieser  Plateaubahn,  die  sich  in  ihrem  westlichen  Teile  in  Höhen
zwischen  200  und  300  m  bewegt,  stehen  nun  die  echten  Gebirgsbahnen
im  schärfsten  Gegensatz.  Während  z.  B.  die  270,5  km  lange  Strecke
Mannheim—Heidelberg—Basel  trotz  ihres  Anstieges  bis  zur  Schweizer
Grenze  nur  auf  0,3  Proz.  ihrer  Länge  ein  stärkeres  Aufstiegverhältnis
hat  als  1:100,  während  sie  ferner  Krümmungen  nur  auf  15,5  Proz.
ihrer  Gesamtlänge  aufweist,  hat  die  52,7  km  lange  Schwarzwaldstrecke
Hausach—Villigen  auf  88,9  Proz.  dieser  Länge  Steigungen  zu  überwinden, ­
  von  denen  wieder  81,9  Proz.  stärker  als  1:100  geneigt  sind.
Gekrümmt  sind  52,5  Proz.  der  Gesamtlänge,  und  von  den  gekrümmten
Streckenteilen  verlaufen  wieder  allein  58,8  Proz.  unter  Radienlängen
von  500—300  m  Länge.
Giebt  diese  Zusammenstellung  einen  Begriff  von  der  ungemein
fühlbaren  Wirkung  der  Gebirgshindernisse  auf  den  Verkehr,  so  ergibt ­
  eine  Betrachtung  der  zweiten  Hauptform  erhabenen  Geländes,
nämlich  der  echten  Plateauländer,  starke  Abweichungen  hinsichtlich
der  Art  der  Behinderung.  Während  es  in  den  Gebirgsländern  die
gehobenen  Teile  der  Erdoberfläche  sind,  in  denen  die  stärksten  Hindernisse ­
  sich  vor  dem  Verkehrswege  auftürmen,  sind  es  auf  den  Plateaus
die  Randgebiete  und,  ist  die  Höhe  erst  einmal  erstiegen,  in  den  meisten
Fällen  die  Einschnitte,  namentlich  die  Täler  größerer  Flüsse,  in  denen
das  eigentliche  Hemmnis  der  neuzeitigen  Verkehrswege  zu  erblicken  ist.
Beispiel:  Die  Gegenüberstellung  einer  Eintrittsbahn  in  ein  Gebirge  und  einer
echten  Hochlandbahn  zeigt  uns  am  besten  den  Unterschied  zwischen  beiden  Großformen ­
  des  Landaufbaues  in  ihrer  Wirkung  auf  die  Verkehrslinien.  Der  Eintritt
der  bayerischen  Nordsüdlinie  in  die  Alpen,  die  Strecke  Rosenheim—Kufstein,  steigt
        <pb n="35" />
        28

III.  Abschnitt.

zwar  auf  72,7  Proz.  der  Gesamtlänge  an,  aber  die  Steigungen  liegen  auf  nur  0,9  Proz.
der  geneigten  Strecke  zwischen  1:200  und  1:100;  Krümmungen  mit  1000—500  m
Radius  sind  ferner  nur  bei  48  Proz.  der  gekrümmten  Strecke  vorhanden.  Demgegenüber ­
  weist  die  von  Oran  auf  das  algerische  Hochland  führende  Strecke  schon
in  geringer  Entfernung  von  der  Küste  auf  längerer  Strecke  mit  1:37  die  gleiche
Maximalsteigung  auf  wie  die  Gotthardbahn.
Aus  dem  oben  Gesagten  geht  hervor,  daß  auch  der  Abstieg  von
einer  Höhe  für  irgendwelche  Verkehrsmittel  keine  Förderung  bedeutet.
Während  wir  im  Wasser  öfters  die  Ursache  einer  Beschleunigung  der
Bewegung  eines  Schiffes  finden,  gibt  es  solche  auf  dem  Lande  nicht.
Der  Grund  ist  einfach  der,  daß  das  Medium,  auf  dem  sich
die  Bewegung  vollzieht,  starr  ist.  Ein  solches  starres
Medium  hat  zur  Folge,  daß  jede  auf  seiner  Oberfläche
ausgeführte  Bewegung  nur  auf  Grund  eigener  Kraftäußerung ­
  seinen  Ort  verändern  kann,  seine  besondere
Beschaffenheit  vermag  also,  wie  dies  im  Gebirge  der
Fall  ist,  wohl  eine  Vermehrung,  nicht  aber  eine  Verminderung ­
  dieses  Kraftaufwandes  zu  verursachen.
Denn  der  Verminderung  des  Kraftaufwandes  beim  Abstieg  steht
mehr  als  gleichwertig  dessen  Vermehrung  beim  Aufstieg  gegenüber,
vom  Materialverbrauch  im  erstgenannten  Falle  ganz  abgesehen.  In
diesem  gegenseitigen  Verhältnis  zwischen  Medium  und
Gegenstand  der  Bewegung  beruht  demnach  einer  der
wesentlichsten  Unterschiede  zwischen  Land-und
Wasserverkehr.
Immerhin  ist  mit  dieser  Eigenart  des  Landverkehrs  auch  ein
Vorzug  vor  demjenigen  zu  Wasser  oder  gar  in  der  Luft  verbunden.
Denn  in  der  Starrheit  des  Mediums  liegt  auch  die  Zuverlässigkeit
des  Landverkehrs  begründet.  Da  der  Boden  selbst  in  die  Berechnung
der  Beförderungszeiten  als  unveränderliche  Größe  eingesetzt  werden
kann,  so  ist  damit  auch  das  Innehalten  der  festgestellten  Fahrzeiten
namentlich  für  die  mechanisch  getriebenen  Verkehrsmittel  wie  die
Bahnen  bis  zu  einem  hohen  Grade  gesichert.
Haben  wir  so  in  Bau  und  Beschaffenheit  des  Bodens  gewissermaßen ­
  feste  Größen  zu  sehen,  die  sich  der  idealen  Verbindung
zwischen  zwei  Punkten  hindernd  in  den  Weg  stellen,  so  steht  es
anders  mit  den  periodischen  Hemmungen,  die  fast  ausschließlich  in
klimatischen  Einflüssen  zu  suchen  sind.  Denn  letzten  Endes  sind
die  bisweilen  den  Verkehr  einschränkenden  Hochwässer  ja  auch  nicht
anders  aufzufassen  denn  als  Folgen  von  Witterungsereignissen.
Die  häufigsten  und  fühlbarsten  zeitweisen  Störungen,  welchen  der
Landverkehr  durch  Naturgewalten  ausgesetzt  ist,  sind  die  infolge  von
Schneefall  eintretenden  Unterbrechungen,  die  oft  recht  erhebliche
Verzögerungen  zur  Folge  haben.  So  betrug  die  Verspätung,  die  der
zwischen  Berlin  und  Konstantinopel  verkehrende  Expreßzug  um  Neujahr ­
  1914  allein  auf  der  Fahrt  über  die  Gebirge  der  Balkanländer
erfuhr,  nicht  weniger  als  36  Stunden.  Ueberhaupt  ist  das  Gebiet
der  am  häufigsten  und  regelmäßigsten  auftretenden  Schneehindernisse
stets  das  Gebirge,  und  hier  ist  es  in  der  Tat  die  absolute  Höhe  der
Paßübergänge  und  ihre  Lage  zu  den  Niederschläge  bringenden  Winden,
die  die  besondere  Beachtung  des  Geographen  verdienen,  während  für
den  vorhin  behandelten  Einfluß  des  orographischen  Baues  naturgemäß
nur  die  relativen  Höhenunterschiede  in  Frage  kommen.
        <pb n="36" />
        §  5.  Geographische  Grundlagen  des  Landverkehrs.

29

Unter  keinen  Umständen  darf  man  aber  die  absolute  Höhe  allein
als  die  wesentliche  Ursache  der  Schneestörungen  betrachten.  Die  Lage
innerhalb  der  großen  Niederschlagszonen,  sowie  die  Exposition,  d.  h.
die  Lage  zur  Sonne,  ist  hier  oft  viel  maßgebender.
Beispiel:  Die  Grenze  des  dauernden  Schnees  liegt  z.  B.  im  Inntal  bei  Innsbruck ­
  im  März  auf  der  der  Sonnemvirkung  ausgesetzten  Gebirgsseite  auf  dem  nördlichen ­
  Ufer  des  Stromes  um  240  m  höher  als  auf  der  im  Schatten  befindlichen
Südseite  des  Tales.  Von  der  Bedeutung  der  Lage  für  den  Einfluß  der  Schneestörungen ­
  gibt  uns  aber  den  besten  Begriff  der  Vergleich  zweier  Hochgebirgsbahnen
in  verschiedenen  Weltteilen.  Am  Brenner  hat  man  in  den  drei  Wintermonaten  mit
einer,  in  Wasserhöhe  ausgedrückten,  Niederschlagsmenge  von  rund  20  cm  zu  rechnen,
was  einer  sehr  reichlichen  Schneehöhe  entspricht.  Dabei  liegt  der  Brennerpaß
niedriger  als  1400  m.  In  dem  an  einer  der  Pacifikbahnen,  fast  1900  m  hoch  gelegenen ­
  Cheyenne  am  Ostabhang  der  nordamerikanischen  Felsengebirge  mit  einer
der  Brennerstraße  entsprechenden  Wintertemperatur  fallen  in  den  gleichen  Monaten
kaum  3  cm  Niederschlag,  was  einer  verhältnismäßig  sehr  dünnen  Schneeschicht  entspricht. ­
  Hier  bedeutet  also  die  absolute  Höhe  über  dem  Meeresspiegel  trotz  der
Winterkälte  gar  nichts  im  Vergleich  mit  der  besonderen  Lage  in  einem  niederschlagsarmen ­
  Gebirgslande.  Ja,  man  kann  mit  gutem  Grunde  aussprechen,  daß,
wenn  die  Felsengebirge  klimatisch  unseren  Alpen  glichen,  von  einem  winterlichen
Verkehr  in  den  mittleren  und  nördlichen  Teilen  gar  keine  Bede  sein  könnte.
Bei  der  Beurteilung  der  natürlichen  Hindernisse  des  Verkehrs
spielen,  wie  bereits  angedeutet  wurde,  auch  die  zum  Zweck  ihrer
Ueberwindung  notwendigen  Kunstbauten  eine  Rolle.  Sie  verteuern,
wie  ebenfalls  schon  gesagt  wurde,  die  Anlage  einer  Verkehrslinie  und
führen  damit  zu  einer  wirtschaftlichen  Benachteiligung  des  Transports
von  Gütern  oder  Personen.  Unter  Umständen  ist  eine  durch  größere
Anstiege  ausgezeichnete  Paßlinie  als  Verkehrsstraße  einer  niedrigen
gegenüber  bevorzugt,  deren  natürlicher  Verlauf  eine  größere  Anzahl
solcher  Bauten  notwendig  macht.  Namentlich  Durchbrechungen  des
Gebirges  in  Gestalt  von  Tunnelbohrungen  wirken  in  dieser  Richtung
recht  ungünstig.  In  dieser  Beziehung  zeigt  auch  die  Eisenbahnführung ­
  trotz  größerer  Höhe  die  außerordentlichen  natürlichen  Vorzüge ­
  der  Brennerlinie  vor  der  über  den  Gotthard  gelegten  Bahn.
Denn  von  der  Gesamtlänge  der  eigentlich  alpinen  Strecke  der  österreichischen ­
  Linie  verlaufen  nur  etwa  4,4  Proz.  unterirdisch,  während
die  Länge  aller  Tunnelstrecken  auf  der  Gotthardbahn  nicht  weniger
als  41  Proz.  der  gesamten  Streckenlänge  beträgt.
Sind  Aufbau  und  Bodenbeschaffenheit,  wie  wir  eben  gesehen
haben,  maßgebend  für  die  Verzögerungen  des  Verkehrs  zwischen  zwei
Punkten,  so  wirken  schließlich  mit  ihnen  zusammen  auch  Gründe
wirtschaftlicher  und  politischer  Natur  auf  die  Ausgestaltung  der  tatsächlich ­
  vorhandenen  Bahnnetze  der  einzelnen  Länder.  Es  ist  von
vornherein  klar,  daß  diese  in  Ländern  alter  Kultur  mit  zahlreichen,
im  Laufe  der  Jahrhunderte  zu  Bedeutung  gelangten  Siedelungen  einen
viel  größeren  Einfluß  auf  die  Lage  der  Verkehrslinien  gewinnen
mußten,  als  das  in  jugendlichen  Staaten  und  in  wirtschaftlichem
Neulande  der  Fall  war.  Das  jeweils  wechselnde  Verkehrsbedürfnis
verschiedener  Gebiete  hat  in  den  europäischen  Kulturländern  auch
wohl  unter  solchen  geschichtlich  gewordenen  Einflüssen  zu  leiden
gehabt.
Beispiel:  Die  wichtige  Verbindung  Hamburgs  mit  der  Mitte  und  dem  Süden
Deutschlands  zeigt  uns  das  in  ihrem  ersten,  von  Hamburg  nach  Hannover  führenden
Teile  sehr  deutlich.  Im  Interesse  des  großen  Durchgangsverkehrs  hätte  hier  der
Bau  einer  möglichst  geradlinigen  Strecke  zwischen  den  beiden  Städten  gelegen,  der
durchaus  nicht  auf  Grund  natürlicher  Hindernisse  unterblieben  ist.  An  seiner  Stelle
        <pb n="37" />
        30

III.  Abschnitt.

sehen  wir  sie  in  weitem  Bogen  über  Celle  und  Lüneburg  ziehen,  da  zur  Zeit  ihrer
Erbauung  dem  Verkehr  zwischen  den  hannoverischen  Städten  eine  größere  Bedeutung ­
  zuerkannt  wurde  als  einer,  vom  gesamtdeutschen  Interesse  aus  betrachtet,
heute  weit  wichtigeren  direkten  Linienführung.  Gerade  jene  Zeit  zeigt  auch  an
mancherlei  Beispielen,  wie  selbst  die  politischen  Verhältnisse  geradezu  zu  einem
Vermeiden  der  für  den  Verkehr  besonders  geeigneten  Wege  geführt  haben.  So  wurde
ebenfalls  in  Hannover  anstatt  auf  der  heute  bereits  von  vielen  Schnellzügen  benutzten ­
  Strecke  Göttingen—Eichenberg—Münden,  die  freilich  hessisches  Gebiet  berührt, ­
  die  Verbindung  der  beiden  südhannoverischen  Städte  mit  starken  Anstiegen
und  Kurven  über  die  das  Gebiet  der  Leine  und  Weser  trennenden  Höhenzüge  gelegt.
Betrachtet  man  demgegenüber  die  Anlage  namentlich  einiger  außereuropäischer
Bahnnetze,  so  erkennt  man  häufig  genug  das  Walten  des  entgegengesetzten  Grundsatzes, ­
  der  übrigens  auch  nicht  für  alle  Zeiten  gerechtfertigt  erscheint.  So  standen
die  Hauptbahnen  im  außertropischen  Südafrika  so  sehr  unter  dem  überwiegenden
Einflüsse  des  Wunsches  nach  möglichst  geradlinigen  Verbindungen  zwischen  den
Haupthäfen  und  den  Gold-  und  Diamantenfeldern  des  Innern,  daß  vielfach  aus
diesem  Grunde  die  Siedelungen  auf  dem  Wege  dorthin  von  der  Bahn  gar  nicht  berührt ­
  werden,  sondern  bisweilen  eine  Anzahl  Kilometer  von  ihr  entfernt  liegen.
Später,  wenn  die  Interessen  der  Einzellandschaften  gegenüber  den  einseitigen  der
Handels-  und  Bergstädte  einmal  an  Gewicht  gewonnen  haben  werden,  wird  man
diese  Art  der  Anlage  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  ebenfalls  als  eine  Unzuträglichkeit ­
  empfinden.
Bescmders  in  einer  Hinsicht  erweist  sich  die  Bedeutung  der
heutigen  Großsiedelungen  in  der  Weiterentwicklung  der  verschiedenen
Bahnnetze.  Die  Knotenpunkte  einer  Anzahl  von  Linien  sind  es,  die
immer  mehr  auf  die  Handhabung  des  Betriebes  unserer  Eisenbahnen,
sowohl  im  Personenverkehr  wie  im  Gütertransport,  einwirken.  Es
ist  klar,  daß  sie  sich  in  größerer  Zahl  in  den  kulturell  am  meisten
vorgeschrittenen  Gegenden  eines  Landes  finden,  und  von  ihrer  Häufigkeit ­
  hängt  dann  in  der  Regel  die  Entwicklung  eines  lebhaften  Lokalverkehrs ­
  ab,  das  Wort  im  weiteren  Sinne  verstanden.  Welche  Bedeutung ­
  sie  für  den  Verkehr  einer  größeren  Landschaft  besitzen,
zeigt  das  süddeutsche  Verkehrsgebiet  rechts  vom  Rhein,  in  dem  allein
acht  Hauptknotenpunkte  des  deutschen  Schnellzugverkehrs  auf  einer
Fläche  von  insgesamt  rund  100000  qkm  gelegen  sind,  die  ihre  Bedeutung ­
  mit  einer  einzigen  Ausnahme  ihrer  Lage  an  alten  Verkehrslinien ­
  und  ihrer  im  Laufe  mancher  Jahrhunderte  erwachsenen  überragenden ­
  Stellung  verdanken,  während  die  Hauptknotenpunkte  des
nördlichen  Deutschland,  von  den  westlichen  Landesteilen  abgesehen,
zu  diesem  Range  im  Eisenbahnverkehr  zumeist  erst  durch  neuzeitige
Einflüsse  gelangt  sind.
§  6.  Geographische  Grundlagen  des  Verkehrs  auf  den  Gewässern
des  Binnenlandes.
Zunächst  muß  festgestellt  werden,  daß  auch  im  Wasser  verkehr,
genau  wie  im  Verkehr  auf  dem  festen  Lande,  das  Ideal  in  der  geradlinigen ­
  ungestörten  Verbindung  zwischen  zwei  Punkten  liegt!  In
den  physikalischen  Eigenschaften  des  Mediums,  in  dem  sich  die  bei
der  Schiffahrt  benutzten  Verkehrsmittel  bewegen,  ist  indessen  noch
eine  Reihe  von  hinderlichen  und  förderlichen  Eigenschaften  begründet,
die  in  der  Beweglichkeit  des  Mediums,  in  diesem  Falle  also  des
Wassers,  und  in  der  Veränderlichkeit  seiner  Masse  an  jeder  beliebigen
Stelle  einer  Schiffahrtstraße  sich  äußern.  Zu  ihnen  kommt  endlich
noch  eine  weitere  Eigenschaft  der  Gewässer,  die  zu  bisweilen  sehr
fühlbaren  zeitlichen  Einschränkungen  des  Verkehrs  nötigt,  nämlich
ihre  Abhängigkeit  von  den  Temperaturen  winterkalter  Gebiete.
        <pb n="38" />
        §  6.  Geographische  Grundlagen  des  Verkehrs  usw.

31

Was  wir  also  unmittelbar  an  bestimmte  Stellen  des  Raumes
gebunden  sehen,  ist  daher  nicht  die  Schiffahrtstraße  selbst,  sondern
nur  ihre  Form,  gewissermaßen  das  Gefäß,  in  dem  das  den  Verkehr
vermittelnde  Medium  in  wechselnder  Masse  eingeschlossen  ist.  Während
die  Verkehrsstraße  zu  Lande  als  ein  unveränderlicher  Bestandteil  des
Bodens  gelten  kann,  auf  dem  sie  ruht,  gilt  das  bei  den  Schiffahrtstraßen ­
  nur  von  dieser  Form,  die  wir  daher  in  ihren  Längenmaßen
ebenso  zum  Raume  und  zu  den  menschlichen  Siedelungen  in  Beziehung
setzen  können,  wie  etwa  die  Eisenbahnen  eines  bestimmten  Gebietes.
Ganz  anders  dagegen  der  Wassergehalt  des  Schiffsweges,  dessen
Schwankungen  freilich  auch  von  geographischen  Erscheinungen,  insbesondere ­
  vom  Klima  aus  beeinflußt  werden,  die  aber  doch  für  sich
betrachtet  sein  wollen,  da  der  Grad  der  Benutzbarkeit  einer  Stromoder ­
  Kanalstrecke  ganz  wesentlich  von  ihnen  abhängt.
Zu  den  räumlich  festliegenden  Größenmaßen,  die  wir  schon  bei
der  Behandlung  der  Landwege  an  wandten,  also  zu  der  Länge  und  zu
dem  Grade  der  auch  hier  sehr  bedeutsamen  Anstiege  und  Abstiege
einer  Schiffahrtlinie,  gesellen  sich  noch  zwei  andere  räumliche  Maßstäbe, ­
  nämlich  die  seitliche  Ausdehnung  und  die  Tiefe  eines  Wasserweges. ­
  Denkt  man  an  alle  für  seine  Benutzung  bedeutsamen  Einzelheiten ­
  räumlich  wie  zeitlich  wirksamer  Art,  so  wird  die  verkehrsgeographische ­
  Darstellung  eines  solchen  zu  einer  ziemlich  vielseitigen;
das  Bild  eines  Flusses  oder  Kanals  in  all  seinen  rein  geographischen
Beziehungen  so  zu  zeichnen,  daß  es  mit  dem  eines  anderen  Schiffsweges
  ohne  weiteres  in  Vergleich  gestellt  werden  kann,  ist  eine  keineswegs ­
  ganz  leichte  Aufgabe.
Da  es  sich  bei  der  Binnenschiffahrt  gerade  so  gut  wie  beim  Landverkehr ­
  um  im  Raume  festliegende  Wege  handelt,  so  gibt  es  auch
bei  ihm,  ähnlich  wie  beim  Verkehr  auf  Straßen  und  Eisenbahnen,
streng  genommen  kaum  eine  Förderung  durch  Naturkräfte,  sondern
nur  Hindernisse,  die  in  der  Abweichung  von  dem  oben  erwähnten
Ideal  einer  Wasserstraße  begründet  sind.  Denn  dem  verkehrserleichternden ­
  Gefälle  bei  der  Talfahrt  steht  die  Erschwerung  der
Bergfahrt  durch  dieselbe  Erscheinung  gegenüber.  Nur  der  Wind
kann  als  Förderung  gelten,  weht  aber  in  unseren  Breiten  nicht  regelmäßig ­
  genug,  um  sicher  in  die  Rechnung  eingesetzt  zu  werden.  In
einem  einzigen  Falle,  der  aber  an  Bedeutung  hinter  der  eigentlichen
Schiffahrt  ganz  in  den  Hintergrund  tritt,  kann  man  auch  das  Stromgefälle ­
  als  eine  wirkliche  Verkehrsförderung  ansehen,  da  die  betreffenden ­
  Güter  nur  talwärts  bewegt  werden.  Das  geschieht  bei  der
Flößerei,  die  allerdings  von  bestimmten  Kraftwirkungen  des  strömenden
Wassers  den  ausgiebigsten  Gebrauch  zu  machen  weiß.
Betrachten  wir  nunmehr  wieder  die  von  der  Landesnatur  geschaffenen ­
  Hindernisse  des  Binnenwasserverkehrs,  so  sind
die  in  den  Abweichungen  von  der  geraden  Linie  gegebenen  ja  zu
selbstverständlich,  als  daß  wir  sie  hier  ausführlich  zu  behandeln
brauchten.  Nur  auf  einen  nicht  unwichtigen  Punkt  muß  aufmerksam
gemacht  werden.  Bekanntlich  hat  man,  soweit  das  möglich  war,
durch  Stromregulierungen  vielfach  die  ursprünglich  längeren  Wasserläufe ­
  in  verschiedenen  Gegenden  zu  verkürzen  gewußt.  Was  aber
auf  der  einen  Seite  als  Gewinn  gebucht  werden  konnte,  war  auf  der
anderen  auch  für  den  Verkehr  von  manchen  Nachteilen  begleitet.
Denn  die  ehemalige  Beschaffenheit  der  begradeten  Wasserläufe  hatte
        <pb n="39" />
        I  .V  -A

wieder  Aenderungen  in  der  Gleichmäßigkeit  der  Wasserfüllung  zur
Folge,  die  besonders  in  außergewöhnlich  trockenen  Jahren  für  einzelne
Teile  der  Stromstrecke  eine  Verringerung  ihrer  Benutzbarkeit  hervorriefen. ­
  Immerhin  ist  bei  der  Billigkeit  der  Lastenbeförderung  zu
Wasser  die  größere  Länge  der  Verkehrslinie,  wenn  sie  nicht  allzusehr
von  der  Geraden  zwischen  zwrni  Punkten  abweicht,  noch  das  geringste
von  allen  die  Schiffahrt  beeinträchtigenden  Hindernissen.
Viel  eingreifender  als  die  Verlängerung  einer  Wasserlinie  durch
Krümmungen  des  Stromlaufs  ist  das  Gefälle,  das  tatsächlich  eine
völlige  Behinderung  der  Benutzung  bedeuten  kann  oder,  wo  es  durch
Kunstbauten,  namentlich  durch  Schleusen,  doch  überwunden  wird,  zu
einer  äußerst  fühlbaren  Verteuerung  und  besonders  Verzögerung  des
Verkehrs  führen  muß.
Diese  den  Verkehr  verzögernde  Wirkung  des  Gefälles  äußert  sich
je  nach  der  Lage  der  Gebirge  zu  den  Wasserläufen  in  verschiedenen
Ländern  trotz  annähernd  gleichen  Mittelhöhen  sehr  verschieden.  So
leiden  namentlich  die  französischen  Wasserwege  sehr  viel  mehr  als
die  deutschen  unter  dieser  Ungunst  des  orographischen  Baues,  wie
die  folgende  Ausführung  zeigt.
Beispiel:  Untersucht  man  z.  B.  einen  der  wichtigsten  Kanäle  Frankreichs,
den  480  km  langen  Canal  de  l’Est,  auf  die  im  Gefälle  beruhenden  Hindernisse,  so
erkennt  man  deutlich  den  hemmenden  Einfluß  des  Geländes.  Denn  diese  Schiffahrtlinie, ­
  die  die  belgischen  Kohlenfelder  mit  einigen  industriereichen  mittleren  Departements ­
  des  östlichen  Frankreich  verbindet,  überschreitet  nach  Keller  bei  einem
nur  97,6  m  hohen  nördlichen  Ausgangspunkte  eine  Höhe  von  246,3  m,  steigt  dann
bis  zur  Mosel  bei  Toul  auf  207  m  herab,  um  dann  abermals  eine  Wasserscheide  in
Höhe  von  361  m  zu  übersteigen,  bis  sie  bei  Port-sur-Saöne  die  Saone  in  der  gleichen
Höhe  erreicht  wie  die  Mosel  bei  Toul.  Allein  um  die  zuletzt  angegebene  Scheitelhöhe ­
  zu  überschreiten,  sind  48  Schleusen  auf  dem  der  Mosel  zugewandten  Gehänge
zu  durchfahren,  während  ihre  Zahl  auf  der  zur  Saone  absinkenden  Seite  nicht  weniger
als  50  beträgt.  Man  kann  sich  vorstellen,  welche  Verlangsamung  und  Verteuerung
des  Verkehrs  auf  dieser  verhältnismäßig  kurzen  Teilstrecke  so  durch  den  orographischen ­
  Bau  der  vom  Kanal  durchzogenen  Landschaft  verursacht  wird.
Wie  günstig  dagegen  der  Bau  eines  Landes  mit  weit  in  das
Innere  greifenden  Anstiegen  massigen  Grades  auch  in  der  Nähe  gebirgiger ­
  Landschaften  auf  den  Wasserverkehr  wirkt,  zeigt  das  Deutsche
Reich.  Zum  Vergleich  mag  bemerkt  werden,  daß  das  Gefälle  der
Oder  im  norddeutschen  Flachlande  von  der  Einmündung  der  Warthe
bis  Hohensaathen  oberhalb  Schwedt  nur  1:5100  beträgt.  Welchen
Vorzug  des  Baues  auf  den  Stromverkehr  erfreut  sich  dagegen  selbst
ein  Hochlandstrom  wie  die  Donau  hinsichtlich  des  Gefälles  und  in
noch  höherem  Grade  der  Rhein,  der  zwar  von  Straßburg  bis  Maxau
noch  im  Verhältnis  von  1:2100,  von  Maxau  bis  Mannheim  aber  nur
noch  in  demjenigen  von  1:4800,  also  mit  einem  echten  Flachlandgefälle ­
  absinkt  und  unterhalb  des  großen  süddeutschen  Hafens  bis
etwa  zum  Eintritt  in  das  Schiefergebirge  nur  noch  ein  solches  von
1:10000  besitzt.
Beispiel:  Wie  stark  das  Gefälle  fördernd,  bezw.  verzögernd  wirkt  und  wie
damit  der  Personenverkehr  zu  Wasser  nie  mit  dem  der  Eisenbahn  in  Wettbewerb
zu  treten  vermag,  wo  es  sich  nicht  um  besondere  Einflüsse,  wie  etwa  die  landschaftlichen ­
  Schönheiten  einer  Flußstrecke,  handelt,  erkennt  man  sehr  gut  an  der  auf  dem
Rhein  innegehaltenen  Geschwindigkeit  der  Fahrzeuge.  So  legen  auf  der  Strecke  von
Straßburg  bis  Maxau  von  Menschen  oder  Pferden  gezogene  Schiffe  stromab  in  der
Stunde  8—9  km  zurück,  stromauf  aber  nur  1,8  km.  Auch  die  Dampfer  empfinden
das  sehr  entschieden,  denn  auf  der  kurzen  Strecke  von  Worms  nach  Mainz  dauert
die  Fahrt  eines  Personendampfers  nnr  3  Stunden,  in  umgekehrter  Richtung  dagegen
4  Stunden.
        <pb n="40" />
        Wie  die  Schiffahrt  großer  Länder  durch  den  Aufbau  in  dieser
Hinsicht  benachteiligt,  bezw.  begünstigt  werden  kann,  zeigt  auch  ein
Vergleich  der  schiffbaren  Strecken  untereinander.  Hier  bedient
man  sich  zur  Beurteilung  der  geographischen  Einwirkungen ­
  auf  den  Binnenwasserverkehr  am  besten
eines  Maßstabes,  der  das  Verhältnis  der  für  Dampfer
fahrbaren  Strecken  zu  den  überhaupt  benutzbaren
Wasserstraßen  längen  wiedergibt.
Bei  einer  Anwendung  dieses  Vergleichs  finden  wir  z.  B.,  daß  von
allen  für  Güterbewegung  (einschließlich  der  Flößerei)  geeigneten
Binnenwasserstraßen  im  Jahre  1895  in  Oesterreich  für  Dampfer  nur
20  vom  Hundert  fahrbar  waren,  während  von  den  Wasserstraßen  der
ungarischen  Hälfte  der  Doppelmonarchie  nicht  weniger  als  62  vom
Hundert  der  Gesamtlänge  für  von  Maschinen  getriebene  Fahrzeuge
benutzt  werden  konnten.
Hier  tritt  nun  ein  sehr  wesentlicher  Unterschied  gegenüber  den
Verkehrswegen  des  Festlandes  zutage,  der  in  der  andersgearteten  Beschaffenheit ­
  des  Mediums  der  Bewegung  beruht.  Während  wir  in
denWegen  des  Festlandes  starre  Medien  erkennen,  die
von  sich  aus  bei  gleichen  Lasten  nur  sich  gleichbleibende ­
  Beschleunigungen  oder  Verzögerungen  der
bewegten  Fahrzeuge  hervorrufen,  wie  sie  etwa  in  Anoder ­
  Abstieg  oder  in  den  Kurven  gegeben  sind,  ist  es
beim  Wasser  schon  nicht  mehr  möglich,  mit  sichgleichbleibenden
  Aenderungen  der  Fahrzeit  durch  das  Gefälle ­
  zu  rechnen.  Je  nach  dem  Wasserstande  ist  vielmehr ­
  die  Gefällewirkung  auch  bei  gleichen  Lasten  und
Triebkräften  eine  verschiedene;  damit  verliert  aber
der  Verkehr  zu  Wasser  selbst  auf  den  Binnenwasserwegen ­
  einen  Teil  der  im  Innehalten  derTransportdauer
beruhenden  Zuverlässigkeit,  die  den  Landverkehr  vor
allen  anderen  Bewegungsarten  auszeichnet.
Die  Wirkungen  des  Gefälles  zeigen  sich  aber  auch  bei  geringeren
Graden  in  einer  Verzögerung  der  Bergfahrt,  die  selbst  bei  langsamer
»  fließenden  Strömen  einen  weit  größeren  Kraftaufwand  voraussetzt  als
die  Fahrt  in  der  Talrichtung.  Indessen  sind  die  neuzeitigen  Dampfermaschinen ­
  imstande,  ein  ziemlich  starkes  Gefälle  zu  überwinden,
während  die  heutige  Technik  die  Schiffahrt  in  die  Lage  versetzt  hat,
auch  sehr  stark  abfallende  Stromrinnen  wie  diejenige  des  Neckar
zwischen  Mannheim  und  Heilbronn  mit  Hilfe  eigenartiger  Vorrichtungen ­
  zu  überwinden.  Von  dem  größten  Teil  der  heutigen  Ströme
in  den  Kulturländern  gilt  daher,  daß  die  im  orographischen  Bau
liegenden  Hindernisse  im  Mittel-  und  Unterlauf  leichter  überwindbar
sind  als  die  im  Klima  liegenden,  die  in  der  Tat  die  Verkehrsbedeutung
einer  Reihe  von  Strömen  trotz  günstiger  Gefälleverhältnisse  stark
herabzudrücken  vermögen.
Diese  periodisch  oder  unperiodisch  eintretenden  Störungen  und
Hemmungen  der  Flußschiffahrt  sind  es,  die  unsere  Aufmerksamkeit
I neben  dem  Geländebau  ganz  erheblich  in  Anspruch  nehmen.  Sie
treten  in  zweierlei  Form  auf.  Einmal  sind  es  die  Störungen  durch
das  Eis,  bei  denen  nicht  nur  der  in  Mittel-  und  Westeuropa  seltenere
völlige  Verschluß  der  Ströme  durch  Zufrieren,  sondern  auch  die  Lahmlegung ­
  des  Verkehrs  durch  den  Eisgang  eine  große  Rolle  spielt.
Dove,  Allgemeine  Wirtschaftsgeographie.  3

\

,  .*im  '

jm
        <pb n="41" />
        34

III.  Abschnitt.

Die  zweite  Art  der  Störung,  die  in  allen  Ländern  der  Erde  vorkommt,
ist  die  Veränderlichkeit  der  Wasserführung.  Je  weniger  demnach  ein
Wasserlauf  unter  diesen  zeitweilig  wirksamen  Hindernissen  des  Verkehrs ­
  zu  leiden  hat,  als  eine  um  so  brauchbarere  Schiffahrtstraße
darf  er  gelten,  selbst  dann,  wenn  seine  Ausmessungen  nicht  besonders
groß  sind.  Diese  letzte  Tatsache  trifft  namentlich  bei  den  englischen
und  niederländischen  Wasserwegen  zu,  deren  Querschnitt  ja  meist
nicht  an  den  der  größeren  mitteleuropäischen  Ströme  heranreicht.
In  welchem  Maße  die  Eisstörungen  den  Verkehr  zu  hemmen  vermögen, ­
  zeigt  uns  namentlich  das  Russische  Reich,  wo  man  im  Mittel
nur  mit  einer  Schiffahrtsperiode  von  77 2  bis  8  Monaten  rechnet.
Während  aber  dort  der  Dnjestr  eine  mittlere  Schiffahrtsdauer  von
299  Tagen  hat,  rechnet  man  an  der  Dwina  nur  mit  einer  solchen  von
180  Tagen;  in  ungünstigen  Jahren  hat  man  an  diesem  Flusse  aber
auch  schon  weniger  als  160  Tage  gehabt,  an  welchen  sie  zum  Verkehr ­
  benutzt  werden  konnte.
Die  Bedeutung  der  Eisstörungen  zu  kennen,  liegt  im  allereigensten
Interesse  der  Volkswirtschaft,  weshalb  die  Wirtschaftsgeographie  ganz
besonderen  Wert  darauf  legen  muß,  ihre  Dauer  und  die  Grenzen  ihrer
Ausdehnung  festzustellen.
Beispiel:  Wie  groß  die  Wirkung  des  Frostes  auf  die  Schiffahrt  selbst  in
nicht  übermäßig  winterkalten  Gebieten  ist,  ergibt  sich  aus  dem  Verhältnis  der  Behinderungszeiten. ­
  Benutzt  man  die  von  1874  bis  1894  an  der  Oder  aufgestellten
Erhebungen,  so  sieht  man,  wie  zwar  die  volle  Ladung  der  Fahrzeuge  durch  Niedrigwasser ­
  an  157  Tagen  unmöglich  war,  diese  aber  doch  mit  halber  oder  dreiviertel
Ladung  verkehren  konnten.  Stellt  man  dem  die  durch  den  Frost  verursachten
Störungen  gegenüber,  so  zeigt  sich,  daß  während  78  Tagen  der  Strom  nicht  benutzt
werden  konnte,  weil  der  Frost  die  Schiffahrt  behinderte.  Die  beiden  Gründe  der
Behinderung,  Eis  und  niedrige  Wasserstände,  verhielten  sich  also  in  der  angegebenen
Zeit  wie  1:2.
Von  den  Störungen,  sowohl  den  durch  den  Frost  wie  auch  durch
andere  Ursachen  hervorgerufenen,  gilt  nun  auf  wirtschaftsgeographischem ­
  Gebiete  der  gleiche  Satz,  den  ich  seinerzeit  auch  für  allgemeine
klimatologische  Untersuchungen  aufgestellt  hatte,  und  den  wir  ohne
weiteres  auf  die  hier  behandelte  Art  von  Untersuchungen  übertragen
können.  Er  lautet  hier:
Die  mittlere  Dauer  der  Verkehrsstörung  durch  regelmäßige ­
  natürliche  Einflüsse  ist  weniger  wichtig  als  die
Häufigkeit  und  die  Größe  ihrer  Schwankungen.
Dieser  Satz  bedarf  einer  Erläuterung  insofern,  als  in  den  am  Verkehr ­
  interessierten  Kreisen  in  der  Regel  die  Bedeutung  der  Mittelwerte ­
  natürlicher  Erscheinungen  stark  überschätzt  wird.  Betrachten
wir  aber  einmal  das  Verhältnis  der  Eisstörungen  auf  einem  Strome
im  klimatischen  Uebergangsgebiet  zwischen  Mittel-  und  Osteuropa
und  denen  auf  einem  sibirischen  Flusse.  Die  Weichsel  bei  Warschau
hat  zwar  305  Tage  ohne  Eisverschluß.  Aber  die  innerhalb  einer  rund
90-jährigen  Periode  beobachteten  Schwankungen  sind  infolge  der
Unregelmäßigkeit  des  mitteleuropäischen  und  westrussischen  Klimas
so  groß,  daß  neben  einigen  ganz  eisfrei  gebliebenen  Jahren  eine  ganze
Reihe  nachgewiesen  sind,  in  denen  der  Eisverschluß  außerordentlich
viel  länger  währte,  als  nach  dem  Durchschnitt  anzunehmen  war.  Ganz
anders  im  mittleren  Sibirien,  wo  zwar  die  Störung  der  Schiffahrt
durch  das  Eis  sich  über  eine  Reihe  von  Monaten  ausdehnt,  wo  aber
die  Zeit  des  Auftretens  und  des  Verschwindens  der  Eisdecke  viel
        <pb n="42" />
        §  6.  Geographische  Grundlagen  des  Verkehrs  usw.

35

weniger  von  den  Durchschnittszeiten  abweicht.  Auf  die  langdauernde,
aber  in  ihrer  Dauer  viel  sicherer  bekannte  Störung  des  Wasserverkehrs ­
  vermag  sich  nun  aber  der  an  ihm  interessierte  Geschäftsmann
viel  leichter  einzurichten,  als  auf  Störungen,  über  deren  vermutliche
Dauer  man  ihm  vorher  überhaupt  nichts  Sicheres  zu  sagen  weiß.
Denn  wollte  er  für  eine  Verfrachtung  innerhalb  Mitteleuropas  mit  der
durchschnittlichen  Periode  der  Eisbehinderung  der  Schiffahrt  rechnen,
so  ist  die  Wahrscheinlichkeit,  daß  er  durch  eine  etwa  eintretende
längere  Zeit  der  Störung  Schaden  erleidet,  hier  erheblich  größer  als
in  dem  zwar  lange  winterkalten,  aber  durch  größere  Regelmäßigkeit
ausgezeichneten  nordasiatischen  Klimagebiet.
Von  den  durch  das  Eis  verursachten  Störungen  wenden  wir  uns
denjenigen  zu,  die  durch  die  wechselnde  Wassertiefe,  d.  h.  also  durch
die  Schwankungen  der  Wasserzufuhr  und  der  aus  ihr  hervorgehenden
Wasserführung  der  Flüsse  und  Kanäle  entspringen.  Diese  Schwankungen ­
  sind  am  größten  an  der  Polargrenze  der  Monsungebiete,  d.  h.
in  jenen  Gegenden,  in  denen  tropische  Regenmengen  und  tropische
Regenverteilung  von  einem  Steppenklima  abgelöst  werden.  Ströme
in  diesen  Ländern  kommen  für  den  Verkehr  nur  dann  in  Betracht,  wenn
sie  Zuflüsse  aus  verschiedenen,  in  diesem  Falle  also  zumeist  äquatorialen
Ländern  empfangen  oder  wenn  diese  ihnen  die  Schmelzwässer  hoher
Gebirge  zuführen;  das  erste  ist  der  Fall  beim  mittleren  Niger  und
beim  mittleren  und  unteren  Nil,  das  zweite  gilt  z.  B.  beim  Indus.
Für  die  Flüsse  jener  Uebergangszone  bietet  der  Oranjefluß  in  Südafrika ­
  ein  vortreffliches  Beispiel,  denn  dieser  Strom  ist  auch  da,  wo,
wie  in  seinem  Unterlauf,  das  Gefälle  kein  allzu  großes  Hindernis  für
den  Verkehr  bieten  würde,  wegen  der  Unregelmäßigkeit  seiner  Wasserführung ­
  nicht  benutzbar.  Während  er  im  allgemeinen  so  seicht  ist,
daß  er  an  vielen  Stellen  zu  Fuß  passiert  werden  kann,  steigt  er  in
der  im  Inneren  herrschenden  Regenzeit  hier  bisweilen  in  wenigen
Stunden  um  10  und  mehr  Meter.  Aber  auch  diese  riesigen  Wassermassen ­
  verströmen  schnell,  so  daß  dieser  echte  Steppenfiuß  für  den
Verkehr  nur  ein  Hindernis  und  keine  Förderung  bedeutet.
Es  wäre  verkehrt,  anzunehmen,  daß  der  ideale  Zustand  einer
gleichmäßigen  Füllung  einer  Wasserader  nur  durch  die  Niederschläge
innerhalb  ihres  Zuflußgebietes  bedingt  ist.  Freilich  ist  dies  bei  vielen
von  ihnen,  namentlich  bei  manchen  Strömen  der  Aequatorialzone,  der
Fall-  Hier  braucht  nur  an  den  Kongo  erinnert  zu  werden.  Dieser
mächtige  Strom  ist  darum  von  so  außerordentlich  hohem  Wert  für
die  afrikanische  Binnenschiffahrt,  weil  sein  Zuflußgebiet  sich  zu  beiden
Seiten  des  Aequators  ziemlich  weit  ausdehnt  und  ihm  somit  während
einer  längeren  Reihe  von  Monaten  Wasser  zuströmt,  als  dies  z.  B.
bei  dem  Nil  der  Fall  ist.  Auch  die  Wasserstraßen  der  mittleren
Striche  der  gemäßigten  Zone  unterscheiden  sich  in  dieser  Hinsicht
sehr  vorteilhaft  von  denjenigen  der  subtropischen  Zone.  So  wird  man
den  Satz  begreiflich  finden,  daß,  je  verschiedenartiger  die  wasserspendenden ­
  Erscheinungen  innerhalb  eines  Stromgebietes  sind,  um  so
höher  auch  die  ihm  zugehörigen  Schiffahrtswege  in  ihrem  Verkehrswert ­
  eingeschätzt  werden  dürfen,
Beispiel:  Der  Po  verdankt  seine  außergewöhnliche  Stellung  unter  den  südeuropäischen ­
  Strömen  keineswegs  nur  dem  Umstande,  daß  sein  Zuflußgebiet  verhältnismäßig ­
  reiche  Niederschläge  empfängt.  Vielmehr  kommt  ihm  auch  die  Lage
zu  den  seine  Ebenen  umrandenden  Gebirgen  in  hohem  Grade  zugute.  Bein  eigenes
3*
        <pb n="43" />
        36

III.  Abschnitt.

Gebiet  empfängt  namentlich  im  Herbst,  aber  auch  im  Spätfrühling  reichlichere
Regen.  Im  Sommer  aber  enthalten  seine  nördlichen  Nebenflüsse  immer  noch  viel
Wasser,  da  sie  an  der  dann  noch  wirksamen  Schneeschmelze  im  Hochgebirge  beteiligt ­
  sind.
Aehnliches  gilt  vom  Rhein,  der  als  die  großartigste  Binnenwasserstraße  von
Mittel-  wie  von  Westeuropa  gelten  muß.  Hier  wirkt  neben  den  hohen  Regenmengen
seines  mittleren  und  unteren  Stromgebietes  und  des  Schwarzwaldes  neben  den  dem
letzteren  entströmenden  Frühjahrs  wässern  ebenfalls  die  Zugehörigkeit  zum  Alpengebiet ­
  außerordentlich  günstig  auf  die  Wasserführung  der  wichtigsten  Stromstreckeu
ein.  Es  darf  keineswegs  als  Zufall  gelten,  daß  die  wichtigsten  Rheinhäfen,  d.  h.
diejenigen  von  Mannheim  an  abwärts,  vom  Neckar  im  Laufe  des  Frühlings,  vom
Süden  dagegen  noch  im  Laufe  des  Sommers  beträchtliche  Wassermassen  empfangen,
daß  man  daher  in  einer  Jahreszeit,  die  in  den  nur  am  Mittelgebirge  beteiligten
Strömen  öfters  durch  Niedrigwasserperioden  ausgezeichnet  ist,  hier  mit  einer  gleichmäßigeren ­
  Füllung  des  Bettes  im  Mittel-  und  Ünterlauf  rechnen  kann.
Zu  diesen  den  Verkehr  begünstigenden  Folgen  der  geographischen
Lage  kommt  aber  bei  manchen  Flüssen  noch  ein  weiterer  Vorzug,
dessen  sie  sich  infolge  des  Besitzes  großer  Regulatoren  des  Wasserstandes ­
  erfreuen.  Was  man  neuerdings  vielfach  auf  künstlichem
Wege  zu  erreichen  bestrebt  ist,  die  Verhinderung  einer  allzu  ungleichmäßigen ­
  Wasserführung  durch  Talsperren  und  ähnliche  Anlagen,
das  leistet  die  Natur  selber  in  manchen  Gebieten  mit  einer  noch  weit
größeren  Sicherheit  und  Vollendung.  Die  Seen  verschiedener  Stromgebiete ­
  bilden,  soweit  sie  von  den  Wasserrinnen  durchzogen  werden,
für  diese  die  wichtigsten  Ausgleicher  des  Wasserstandes  im  positiven
wie  im  negativen  Sinne,  d.  h.  indem  sie  die  von  ihnen  gespeiste
Schiffahrtstraße  sowohl  gegen  allzu  niedriges  wie  allzu  hohes  Wasser
schützen.
Beispiel:  Für  den  wichtigsten  deutschen  Wasserlauf,  den  Rhein,  kommt
diese  Gunst  der  Natur  zwar  nur  in  seinem  Oberlauf  in  Betracht,  hier  aber  in  einem
so  großen  Umfange,  daß  sie  auf  das  Verhalten  der  Wasserstände  auch  im  mittleren
und  unteren  Teile  des  Laufes  nicht  ohne  Einfluß  bleiben  kann.  Von  ähnlicher
Bedeutung  ist  ein  Teil  der  Seen  im  mittleren  Norddeutschland,  wo  sie  besonders
für  den  Stand  der  märkischen  Wasserstraßen  von  nicht  zu  unterschätzender  Wichtigkeit ­
  sind.  An  Wasserführung  stehen  sie  weit  hinter  den  größeren  Strömen  unseres
Vaterlandes  zurück.  Das  gilt  indessen  keineswegs  von  ihrer  Benutzbarkeit.  Vergleichen ­
  wir  sie  einmal  mit  dem  rheinischen  Schiffahrtsgebiet,  das  insgesamt  2800  km
befahrbarer  Strecken  umfaßt,  während  dies  für  den  Handel  Berlins  geradezu  unentbehrliche ­
  System  von  schiffbaren  Verkehrswegen  1340  km  lang  ist.  Dann  entfallen ­
  auf  die  Schiffswege  unserer  größten  Stromlandschaft  solche  mit  einer  auf
Mittelwasser  bezogenen  Fahrwassertiefe  von  weniger  als  1  m  9,1  vom  Hundert,  auf
das  System  der  märkischen  Wasserwege  dagegen  nur  3,6  vom  Hundert  der  Gesamtlänge, ­
  während  sich  beide  in  den  Mittelwassertiefen  von  1  bis  1,5  m  trotz  der  viel
größeren  Wasserförderung  im  Rheingebiet  dem  prozentualen  Verhältnisse  nach  beinahe ­
  gleichen.  Ja,  auf  die  für  die  gewöhnlichen  Schiffsgrößen  schon  sehr  günstigen
Mittelwassertiefen  von  1,5  bis  2  m  kommen  im  Gebiet  der  Rheinschiffahrt  kaum
32  vom  Hundert  der  Gesamtlänge,  in  demjenigen  der  märkischen  Flüsse  und  Kanäle
dagegen  mehr  als  48.
Es  ist  auch  keine  Frage,  daß  die  ziemlich  ungünstigen  Tiefenverhältnisse ­
  der  französischen  Wasserstraßen,  ihre  mäßigen  Wasserstände ­
  und  deren  Wechsel  mit  als  Folge  des  Fehlens  jener  natürlichen
Regulatoren  anzusehen  sind,  die  in  Deutschland  eine  so  große  Rolle
bei  vielen  Schiffahrtslinien  spielen.  Umgekehrt  würde  ein  Strom  wie
der  Nil  während  eines  großen  Teiles  des  Jahres  so  niedrig  stehen,
daß  er  für  die  Schiffahrt  ganz  ausscheiden  müßte,  wenn  er  nicht  von
den  Wassermassen  der  großen  Seen  in  Hochafrika  auf  einer  nicht
allzu  ungünstigen  Minimalwasserhöhe  gehalten  würde.  Hier  berühren
sich  schließlich  die  Grundlagen  des  Verkehrs  auf  das  engste  mit
        <pb n="44" />
        §  6.  Geographische  Grundlagen  des  Verkehrs  usw.  37
denen  der  Produktion,  was  die  Bedeutung  der  ganzen  Frage  für  die
Wirtschaftsgeographie  in  um  so  hellerem  Lichte  erscheinen  läßt.
Alle  Flüsse,  selbst  der  gut  bewässerten  Zonen,  an  deren  Füllung
weder  das  Hochgebirge  noch  Seen  von  nicht  allzu  geringem  Umfange
beteiligt  sind,  unterliegen  den  Einwirkungen  der  Jahreszeiten  und
mehr  noch  denjenigen  besonders  feuchter  oder  trockener  Zeiten  in  so
hohem  Grade,  daß  ihre  Benutzbarkeit  fast  in  jedem  Jahre  schon  aus
diesem  Grunde  eine  sehr  erhebliche  Einschränkung  erfährt.  Das  gilt
nicht  nur  von  solchen,  deren  Zuflußland,  wie  etwa  die  französischen,
in  einem  Klimagebiet  mit  nicht  besonders  gleichmäßigen  Niederschlägen ­
  liegt,  sondern  das  trifft  selbst  bei  einem  so  großen  Strome
wie  der  Elbe  in  hohem  Grade  zu.  Während  die  Eisstörungen  an
der  unteren  Elbe  und  Oder  sich  nur  auf  wenige  Wochen  (nach  den
Ergebnissen  einer  zehnjährigen  Beobachtungsperiode)  erstrecken,  erreicht ­
  die  Zeit  auf  der  Oder  zwischen  Breslau  und  Stettin,  während
welcher  mit  voller  Ladung  gefahren  werden  kann,  während  der  nicht
durch  Eis  behinderten  Monate  eine  Einschränkung  auf  etwa  ein
Viertel  des  ganzen  Jahres!
Daß  das  Hochwasser  übrigens  ebenso  gut  eine  Hinderung  der
Binnenschiffahrt  bedeutet  wie  das  Niedrigwasser,  darf  ebenfalls  nicht
unerwähnt  bleiben.  Daher  sind  in  unseren  Breiten  diejenigen  Ströme,
die  einen  Teil  ihrer  Gewässer  durch  wildbachähnliche  Bergflüsse  noch
im  Mittellauf  zugeführt  erhalten,  bei  denen  daher  leichter  als  anderwärts ­
  Hochwassererscheinungen  sich  durchsetzen,  weniger  geeignet
für  eine  ausgiebige  Benutzung  als  solche,  die  wie  die  Seitenflüsse
des  unteren  Rhein  vorwiegend  von  niedrigem  Hochlande  aus  ihre
Wasserzufuhr  empfangen.
Von  besonderer  Bedeutung  in  der  Binnenschiffahrt  sind  naturgemäß ­
  diejenigen  Teile  der  Flußläufe  und  der  Kanäle,  die  in  unmittelbarer ­
  Nähe  des  Meeres  verlaufen  oder  in  dieses  selbst  einmünden. ­
  Sie  vermitteln  nicht  nur  den  Umladeverkehr  zwischen  der
See  und  den  Binnenwasserstraßen  eines  Landes,  sondern  sie  sind  in
vielen  Fällen  als  unmittelbare  Fortsetzung  der  Seeschiffahrt  in  das
Land  hinein  anzusehen.  Bei  den  großen  Strömen  der  Erde  sind  die
untersten  Laufstrecken  oft  genug  die  Träger  zahlreicher  Seeschiffe
von  oft  sehr  beträchtlichen  Dimensionen.  Doch  gerade  in  diesem
Falle  sind  es  keineswegs  immer  die  großen  Flüsse,  die  sich  des  Vorzuges ­
  vor  kleineren,  aber  günstig  gelegenen  erfreuen.  So  wird  zwar
die  größte  Schiffahrtsader  des  mittleren  und  westlichen  Europas,  der
Rhein,  neuerdings  auch  von  Seeschiffen  befahren,  doch  erreichen  diese
weitaus  nicht  die  Größe  der  auf  weniger  wasserreichen,  aber  durch
besonders  günstige  Einwirkungen  geographischer  Natur  bevorzugten
Flüssen  verkehrenden  Fahrzeuge.
Dieser  eigenartige  Vorzug  so  vieler  Flußunterläufe  beruht  auf
den  Wirkungen  des  Gezeitenstromes.  Es  ist  klar,  daß  er  nur  den
in  freiere  Meere  mündenden  Wasserläufen  zuteil  wird,  so  daß  also
das  Gebiet  der  Nordsee,  ganz  besonders  aber  das  der  britischen
Flüsse,  gegenüber  dem  Gebiet  der  Ostsee  und  dem  des  Mittelmeeres
sich  im  Vorteil  befindet.
Beispiel:  Um  die  Bedeutung  der  Mündungsmeere  in  vollem  Umfange  beurteilen ­
  zu  können,  braucht  man  nur  die  Wasserläufe  an  der  Nordsee  in  bezug  auf
ihre  Stromtiefe  mit  den  Wasseradern  des  Ostseegebietes  zu  vergleichen.  Berücksichtigt ­
  man  wieder,  wie  oben,  das  Verhältnis  der  Stromtiefen  zu  der  Gesamtlänge
        <pb n="45" />
        38

III.  Abschnitt.

der  schiffbaren  Strecken,  so  zeigt  sich  die  Wirkung  des  Flutstromes  auf  die  Benutzbarkeit ­
  des  Unterlaufes  für  größere  Schiffe  auf  das  klarste.  Von  den  zum
Wasserstraßengebiet  der  Ostsee  (ohne  das  Frische  Haff,  aber  einschließlich  der
märkischen  Wasserstraßen)  gehörenden  5299  km  schiffbarer  Fluß-  und  Kanallängen
haben  nur  2,2  vom  Hundert  der  Gesamtlänge  eine  Mittelwassertiefe  von  4—5  m,
tiefer  als  5  m  sind  von  dieser  großen  Länge,  sogar  einschließlich  des  Oderhaffs,  nur
etwa  ebenso  viel  Prozent.  Von  den  der  Nordsee  tributpflichtigen  7569  km  (einschließlich ­
  des  Kaiser-Wilhelm-Kanals)  haben  eine  Fahrwassertiefe  bei  Mittelwasser
von  mehr  als  5  m  dagegen  9,6  vom  Hundert,  wobei  zum  besseren  Verständnis  betont
werden  mag,  daß  diese  sich  fast  ausschließlich  auf  die  an  der  Flutwelle  beteiligten
Stromgebiete  verteilen,  während  auf  den  Rhein  nicht  mehr  als  als  3,5  km  entfallen.
Selbst  die  keineswegs  wasserreiche  Weser  ist  mit  mehr  als  10,  das  Elbegebiet  sogar
mit  mehr  als  22  vom  Hundert  der  schiffbaren  Gesamtlängen  an  diesen  sehr  beträchtlichen ­
  Fahrwassertiefen  beteiligt.  Ja,  noch  mehr,  die  Ems  und  die  kleinen
Küstenflüsse  zwischen  dieser  und  der  Weser  übertreffen  die  Weichselmündung  mit
der  Länge  der  für  tiefer  gehende  Seeschiffe  zugänglichen  Strecken  um  das  Zehnfache  1
Wie  wir  in  dem  Auftreten  eines  stärkeren  Gezeitenstromes  einen
für  die  Binnenschiffahrt  im  Unterlauf  von  Strömen  höchst  bedeutsamen ­
  und  günstigen  Einfluß  erkennen  müssen,  so  gehört  in
einzelnen  Fällen  auch  der  Wind  zu  den  wichtigsten
Faktoren  des  neuzeitigen  Wasserverkehrs.  Selbstverständlich ­
  nicht  nur  in  dem  seit  Urzeiten  bekannten
Sinne  des  Kraftspenders  für  die  Bewegung  der  Schiffe,
sondern  in  einer  ganz  anderen,  die  Wasserstände  beeinflussenden ­
  Wirkungsweise.  Der  Wind  spielt  in  diesem
Sinne  eine  Rolle  sowohl  in  ungünstiger  wie  in  günstiger  Richtung.
Während  z.  B.  die  großen  Seen  Mittelrußlands  als  natürliche  Regulatoren ­
  des  Wasserstandes  (vgl.  das  oben  darüber  Gesagte)  die
günstige  Folge  zeitigen,  daß  z.  B.  in  der  Newa  das  Frühlingshochwasser ­
  fast  gar  nicht  zur  Entwicklung  gelangt,  sind  in  Petersburg
anhaltende  starke  Seewinde  die  alleinige  Ursache  von  Ueberschwemmungen.
  Hier  kann  man  die  größeren  von  ihnen  stets  in  der  Zeit
beobachten,  in  der  die  Westwinde  mit  besonderer  Kraft  wehen,  d.  h.
von  Ende  August  bis  in  den  Dezember.
Für  die  günstigen  Einwirkungen  des  Windes  auf  den  Wasserstand ­
  haben  wir  ein  vorzügliches  Beispiel  in  den  Verkehrsverhältnissen
  unserer  größten  deutschen  Hafenstadt.  Die  Wasserführung
der  Elbe  würde  selbst  im  Verein  mit  der  in  ihrer  Mündung  tief
landeinwärts  dringenden  Stauwelle  der  Meeresflut  nicht  genügen,  dem
Strome  den  tatsächlich  vorhandenen  Grad  der  Benutzbarkeit  zu  sichern.
Da  aber  die  vorherrschenden  Winde  ein  weiteres  Aufstauen  des
Wassers  bewirken  und  die  mittlere  Windrichtung  mit  der  mittleren
Richtung  des  Mündungstrichters  so  ziemlich  zusammenfällt,  so  ergibt
sich  daraus  als  unmittelbare  Folge  eine  weitere  Erhöhung  des  Wasserspiegels. ­
  In  Perioden  länger  anhaltender  Ost-  und  Südostwinde  nimmt
die  Fahrwassertiefe  dagegen  so  sehr  ab,  daß  die  Großschiffahrt  bisweilen ­
  eine  ganze  Reihe  von  aufeinander  folgenden  Tagen  darunter  zu
leiden  hat.  Ein  unwiderleglicher  Beweis  für  die  Bedeutung,  die  dem
Winde  als  einer  in  bestimmten  Fällen  den  Wasserstand  beeinflussenden
Kraft  zukommt.  Es  wäre  von  großer  Bedeutung,  die  Einwirkung ­
  dieses  Faktors  namentlich  in  den  Gegenden
regelmäßiger  Jahreszeitenwinde  festzustellen,  da  von
ihrer  Einwirkung  unter  allen  Umständen  auch  die
Brauchbarkeit  der  den  betreffenden  Erdgegenden  angehörenden ­
  Häfen  und  Mündungsrinnen  in  hohem
Grade  abhängt.
        <pb n="46" />
        §  6.  Geographische  Grundlagen  des  Verkehrs  usw.

39

Zur  Beurteilung  des  Verkehrswertes  der  Wasserstraßen  genügt
nun  noch  nicht  die  Anwendung  der  bisher  behandelten  Maßstäbe.
Wir  müssen  sie  vielmehr  auch  ihrer  Richtung  nach  zu  dem  von  ihnen
durchzogenen  Lande  in  Beziehung  setzen.  Als  ideale  Wasserstraße
für  ein  Gebiet  kann  immer  nur  die  gelten,  die  in  möglichst  wenig
gekrümmtem  Laufe  bei  genügenden  Wassertiefen,  und  weder  durch
Riffe  noch  durch  zu  großes  Gefälle  gestört,  nahezu  senkrecht  zur
mittleren  Küstenrichtung  in  das  Innere  führt.  Es  gibt  manche  infolge
ihrer  Eigenart  für  die  Schiffahrt  als  solche  sehr  geeigneten  Ströme,
die  verkehrsgeographisch  doch  nicht  zu  den  besseren  Wegen  gerechnet
werden  können.  Ein  besonders  bezeichnendes  Beispiel  für  solche  Verhältnisse ­
  haben  wir  in  den  beiden  Strömen  unserer  Festlandkolonie
auf  Neuguinea,  dem  Ramu  und  dem  Kaiserin-Augusta-Fluß,  zu  erblicken, ­
  die  beide  wegen  ihrer  zahlreichen  Windungen  und  ihrer
Richtung  zur  Küste  für  die  Verbindung  dieser  mit  dem  Innern  viel
weniger  brauchbar  sind,  als  man  nach  ihrer  Wasserführung  und  ihren
Wasser  ständen  vermuten  sollte.  Andererseits  bilden  in  dieser  Hinsicht
die  deutschen  Ströme  Verkehrswege  von  hohem  Wert  mit  einziger
Ausnahme  der  Donau,  deren  Bedeutung  im  Verkehr  ihrer  Anliegerstaaten ­
  zwar  erheblich  über  das  jetzige  Maß  hinaus  gesteigert  werden
kann,  die  indessen  für  den  Verkehr  jener  Länder  mit  dem  Meere  nur
einen  recht  mangelhaften  Notbehelf  darstellt.
So  weit  die  natürlichen  Verhältnisse  der  Binnenwasserstraßen  in
ihrer  Bedeutung  für  den  Verkehr.  Wie  bei  der  Untersuchung  der
Eisenbahnen  sind  nun  aber  auch  bei  ihnen  die  der  Bevölkerungsverteilung ­
  und  die  der  Güter-  und  Personenbewegung  entnommenen
Maßstäbe  anzuwenden,  wenn  vor  uns  ein  erschöpfendes  Bild  ihrer
Stellung  im  Wirtschaftsleben  eines  Landes  und  eines  Volkes  erstehen
soll.  Zu  der  Anwendung  dieser  Maßstäbe  gehört  bis  zu  einem  gewissen ­
  Grade  auch  die  Beachtung  der  Ansatzpunkte  der  eigentlichen
Binnenschiffahrt.  Es  ist  ganz  verkehrt,  die  bloßen  Küstenlängen  zu
berücksichtigen  und  so  die  Strecken  zu  vernachlässigen,  auf  denen
gleichzeitig  Seeschiffe  verkehren,  denn  durch  diese  wird  gewissermaßen ­
  die  Länge  der  Seeküste  vergrößert.  Doch  auch  die  Schiffahrtswege ­
  im  eigentlichen  Binnenlande  bedürfen  der  gleichen  Behandlung
wie  die  Bahnen.  Die  Zahl  der  Häfen  und  ihre  Zwischenräume  spielen
in  der  Charakteristik  einer  Binnenwasserstrecke  die  gleiche  Rolle  wie
die  Stationen  an  einer  Bahnlinie.  So  charakterisiert  es  den  Rhein
in  seiner  Benutzbarkeit  besser  als  andere  Angaben,  daß  auf  je  10  km
Stromlänge  an  Häfen  und  Ladeplätzen  entfallen:  von  Basel  bis  Straßburg ­
  nur  0,16,  von  Straßburg  bis  Mannheim  dagegen  1,8  und  von
diesem  Hafen  bis  Mainz  sogar  2,2.
Von  Bedeutung  ist  zwar  wie  bei  den  Bahnen  auch  die  Beziehung
der  Einwohnerzahl  der  Häfen  bestimmter  Größe  auf  das  Einheitsmaß
der  Stromlänge,  aber  doch  nicht  in  dem  gleichen  Grade  wie  dort.
Denn  während  bei  der  Eisenbahn  der  Personenverkehr  zum  mindesten
die  gleiche  Rolle  spielt  wie  der  Güterverkehr,  tritt  er  bei  den  Wegen
der  Binnenschiffahrt  wenigstens  in  den  mit  einem  dichteren  Bahnnetz
versehenen  Ländern  ganz  in  den  Hintergrund.
Beispiel:  So  gab  es  innerhalb  des  Deutschen  Reiches  im  Jahre  1907  (dies
Jahr  wurde  wegen  der  Vergleichbarkeit  gewählt)  auf  den  deutschen  Eisenbahnen
etwa  lOmal  so  viel  Güterwagen  wie  Personenwagen,  während  in  dem  gleichen  Jahre
auf  allen  deutschen  Binnenwasserstraßen  etwa  26mal  so  viel  Güter-  wie  Personenfahrzeuge ­
  in  Betrieb  waren,  die  noch  dazu  die  Personendampfer  an  Größe  vielfach  übertrafen.
        <pb n="47" />
        40

III.  Abschnitt.  §  7.  Leistungsfähigkeit  von  Wegen.

§  7.  Leistungsfähigkeit  von  Wegen.

Wir  wenden  uns  nunmehr  einem  wichtigen  Punkt  zu,  der  die
Leistungsfähigkeit  von  Verkehrswegen  betrifft.  Theoretisch  vermag
man  sich  einen  Weg  mit  ununterbrochen  aufeinander  folgenden  Transportzügen ­
  bedeckt  denken,  um  so  die  maximale  Leistungsfähigkeit
desselben  festzustellen.  In  der  Praxis  wird  die  Maximalbelastung  des
betreffenden  Weges  sich  indessen  weit  unter  dieser  Grenze  halten;
die  Gründe  der  Verringerung  der  Maximalleistung  hängen  vorwiegend
von  der  Beschaffenheit  der  Transportmittel  ab.  Indessen  sind
auch  die  theoretischen  Maximalbelastungen  von  besonderem ­
  Interesse,  da  sie  allein  uns  in  die  Lage  versetzen, ­
  die  verschiedenen  Verkehrswege  in  ihrer  Bedeutung ­
  für  ein  Land  untereinander  zu  vergleichen.

Beispiel:  Woüen  wir  uns  die  Leistungsfähigkeit  eines  Verkehrsweges  vorstellen, ­
  auf  dem  der  Gütertransport  von  menschlichen  Trägern  besorgt  wird,  wie  wir
ihnen  ja  noch  heute  in  ausgedehnten  Binnengebieten  des  tropischen  Afrika  begegnen.
Nehmen  wir  an,  ein  durch  die  Küstenwaldung  oder  über  ein  Bergland  hinwegführender ­
  Pfad  werde  ununterbrochen  den  ganzen  Tag  über  begangen,  ohne  daß
zwischen  den  einzelnen  Karawanen  auch  der  geringste  Zwischenraum  bleibe,  und
setzen  wir  den  Fall,  daß  die  von  den  Karawanen  zurückgelegte  Länge  eines  Tagemarsches ­
  die  hohe  Zahl  von  20  km  erreiche,  sowie  daß  jeder  Träger  die  Last  von
30  kg  befördere.  Nehmen  wir  endlich  an,  daß,  was  sehr  hoch  gegriffen  ist,  auf  je  3  m
zwei  Mann  kommen,  so  betrüge  die  obere  theoretische  Belastungsgrenze  eines  solchen
Trägerweges  mit  Gütern,  auf  den  Tag  berechnet,  X  ^  X  30_kg  __  4qq  jonnen
zu  1000  kg.
Die  gleiche  Rechnung  führen  wir  für  einen  mit  südafrikanischen  Ochsenwagen
befahrenem  Verkehrsweg  aus,  der  ebenfalls  oft  genug  Stellen  aufweist,  an  denen  die
Wagen  nur  hintereinander  passieren  können.  Der  Wagen  trage  die  (hoch  gerechnete)
Last  von  2500  kg,  die  Länge  eines  Wagens  mit  voller  Bespannung  in  außerordentlich ­
  mäßigem  Ansatz  sei  20  m  einschließlich  des  Zwischenraumes  zwischen  je  zwei
bespannten  Gefährten,  so  ergibt  sich  bei  30  km  langem  Tagemarsch  als  theoretische
obere  Belastungsgrenze  ——-  Xl?ü00  kg  __  g^gg  Tonnen  Z u  1000  kg.

Nun  ist  selbstverständlich,  daß  die  wirkliche  Belastungsgrenze
aus  den  verschiedensten  Gründen  sehr  weit  hinter  den  hier  gegebenen
Zahlen  zurückbleibt.  Diese  zeigen  aber,  wie  man  die  verkehrsgeographische ­
  Bedeutung  einzelner  Wege  miteinander  vergleichen
kann,  denn  da  die  Wege  in  den  obenstehenden  Rechnungen  als  ebene
Pfade  ohne  jedes  Hindernis  angenommen  sind  und  da  schon  ein  einfacher ­
  Anstieg  sofort  eine  —  berechenbare  —  Verringerung  der
Marschlänge  und  damit  der  Belastungsgrenze  zur  Folge  hat,  so  lassen
sich  schließlich  auch  diese  im  Aufbau  und  sonstigen  geographischen
Faktoren  beruhenden  Einwirkungen  bei  derartigen  Vergleichen  zur
Bildung  eines  Urteils  über  die  Bedeutung  wirklich  vorhandener  Wege
benutzen.
Die  tatsächliche  Belastung  eines  Weges  gibt  uns  die  Statistik
der  Verkehrsmittel  in  den  Kulturstaaten  in  ziemlich  ausreichendem
Umfange  an.  Der  Verkehrscharakter  eines  Gebiets  tritt  mit  besonderer
Deutlichkeit  hervor,  wenn  wir  die  Personenkilometer  oder  den  Güterverkehr ­
  auf  je  1  km  der  Betriebslänge  etwa  der  Eisenbahn  verrechnen. ­
  So  erhalten  wir  im  Jahre  1904  in  Bayern  rechts  des  Rheines
auf  je  1  km  Bahnlänge  nur  278000,  in  Württemberg  428000  und  in
dem  im  Durchgangs-  wie  im  Lokalverkehr  gleich  wichtigen  Baden  sogar
514000  Personenkilometer.
        <pb n="48" />
        §  8.  Der  Seeverkehr.

41

Auch  im  Verkehr  auf  den  Binnenwasserstraßen  ist  diese  Art  der
Berechnung  der  wirklich  stattgehabten  Belastung,  bezw.  die  Feststellung ­
  der  Belastungsgrenzen  von  großer  Wichtigkeit.  Nur  daß  hier
noch  eine  andere  Sache  zur  Ermöglichung  eines  zuverlässigen  Urteils
herangezogen  werden  muß.  Es  kommt  hier  bei  Vergleichen  nämlich
nicht  nur  darauf  an,  die  Aufnahmefähigkeit  einer  Wasserstraße  für
eine  bestimmte  Anzahl  von  Fahrzeugen  festzustellen,  um  sie  mit  einer
anderen  vergleichen  zu  können.  Hier  handelt  es  sich  vielmehr  außerdem ­
  darum,  die  Aufnahmefähigkeit  der  Unterkunftsflächen  in  die  vergleichende ­
  Rechnung  einzubeziehen,  die  bei  verschiedenen  den  Schiffen
gefährlichen  Erscheinungen  wie  Vereisung  und  namentlich  Eisgang,
sodann  bei  Hochwasser  usw.  als  Schutzhäfen  in  Betracht  kommen.
Schließlich  bleibt  noch  ein  Maßstab  zu  erwähnen,  der  für  Eisenbahn ­
  wie  Binnenwasserstraßen  nicht  ohne  Wert  ist.  Bei  seiner  Anwendung ­
  werden  abermals  die  Verkehrsmittel  zum  Vergleich  herangezogen. ­
  Wir  können  uns  auch  der  verschiedenen  Zugarten  bedienen,
um  den  Verkehr  bestimmter  Landschaften  auf  seine  Eigenart  einzuschätzen. ­
  Die  Bedeutung  großer  Durchgangsstrecken  z.  B.  geht  aus
der  Zahl  der  auf  einer  Strecke  verkehrenden  Schnellzüge,  die  der
Lokalstrecken  aus  derjenigen  der  Personenzüge  hervor.  So  betrug
beispielsweise  selbst  im  Winter  1905/06,  also  außerhalb  der  eigentlichen ­
  Reisezeit  mit  ihren  Sonderzügen  und  vermehrten  Zugzahlen
auf  der  Strecke  Würzburg—Bietigheim  die  Zahl  der  Fernverkehrszüge ­
  nur  19  vom  Hundert  aller  überhaupt  daselbst  verkehrenden
Eisenbahnzüge,  während  auf  der  Strecke  Lichtenfels—Nürnberg-München
  39  vom  Hundert  auf  solche  entfielen.  Der  Charakter  der
an  zweiter  Stelle  angeführten  Bahnverbindung  als  der  einer  Durchgangsstrecke, ­
  der  nach  den  früher  angegebenen  Methoden  sich  auch
durch  Beziehung  auf  die  Siedelungen  darstellen  läßt,  tritt  auch  in
diesem  Vergleich  klar  zutage.
§  8.  Der  Seeverkehr.
Schon  in  der  vorhin  gegebenen  Ausführung  über  die  Ansatzpunkte
der  Binnenschiffahrt  wurde  des  Seeverkehrs  Erwähnung  getan.  Dieser
ist,  geographisch  betrachtet,  eine  der  interessantesten  und  wichtigsten
Aeußerungen  der  den  Personen-  wie  den  Güteraustausch  regelnden
Bewegungen,  denn  kaum  irgendwo  tritt  die  Abhängigkeit  dieser  Bewegungen ­
  von  den  Erscheinungen  der  Natur  so  klar  und  deutlich  zutage. ­
  Bildet  doch  das  Studium  dieser  Naturkräfte  und  ihres  örtlichen
Auftretens  eine  der  wesentlichen  Aufgaben  der  Nautik,  d.  i.  der  Lehre
von  der  Schiffahrt.  In  viel  höherem  Grade  als  beim  Verkehr  auf  dem
festen  Lande  greifen  diese  Kräfte  nicht  nur  in  der  Stärke,  mit  der  sie
auftreten,  sondern  auch  in  dem  mit  den  Jahreszeiten  sich  zeigenden
Wechsel  ihres  Herrschaftsgebietes  in  die  Bewegungen  der  das  Meer
befahrenden  Schiffe  ein,  und  wenn  wir  einigen  von  ihnen,  wie  der
Stärke  der  zu  überwindenden  Strömung,  auch  schon  in  den  Binnenwasserstraßen ­
  begegnen,  so  vermögen  sie  dort,  wo  wir  uns  auch  der
Verkehrsmittel  des  Festlandes  bedienen,  nie  in  dem  gleichem  Maßstabe ­
  in  das  Verkehrsleben  ganzer  Völker  einzugreifen  wie  auf  der
See,  wo  sie  den  gesamten  Verkehr  beherrschen.  Die  ungeheure  Bedeutung ­
  dieser  Naturkräfte  und  zugleich  diejenige  der  ozeanischen
Schiffahrt  tritt  uns  nirgends  besser  entgegen  als  in  dem  schönen
        <pb n="49" />
        42  III.  Abschnitt.
Spruche  früherer  Jahrhunderte,  dem  „Navigare  necesse  est,  vivere
non  necesse“.
Bei  dem  innigen  Zusammenhänge,  in  welchem  die  wissenschaftliche ­
  Untersuchung  der  Meere  mit  der  Anwendung  ihrer  Ergebnisse
auf  die  Schiffahrt  von  jeher  gestanden  hat  und  immer  stehen  wird,
müßte  eine  Verkehrsgeographie  des  Ozeans  eigentlich  einen  großen
Teil  der  nautischen  Wissenschaften  umfassen.  Auf  diese  kann  selbstverständlich ­
  an  dieser  Stelle  nicht  eingegangen  werden.  Dagegen
müssen  einige  der  allgemeinen  Fragen  in  ähnlicher  Weise  beantwortet
werden,  wie  das  bei  der  Behandlung  des  festländischen  Verkehrs  geschehen ­
  ist.
Bei  der  physikalischen  Beschaffenheit  des  Bewegungsmediums,
des  Meeres,  können  fördernde  wie  hindernde  Eigenschaften  sich  nur
in  der  Ebene  geltend  machen.  Die  wichtigste  Erscheinung,  die  in
diesem  Falle  so  gut  fördernd  wie  hemmend  auftreten  kann,  sind  die
Meeresströmungen.  Wenngleich  ihre  Kraftwirkung  nicht  so  groß  ist
wie  diejenige  eines  mit  stärkerem  Gefälle  dahinströmenden  Flusses,
so  ist  sie  doch  groß  genug,  erhebliche  Verzögerungen  und  vor  allem
einen  fühlbaren  Mehrverbrauch  an  Kohlen  zu  verursachen,  wenn  ein
Dampfer  genötigt  ist,  gegen  einen  solchen  Oberwasserstrom  zu  fahren.
Da  die  schneller  fließenden  Strömungen  in  der  Regel  weniger  breit
sind  als  die  langsamer  dahinziehenden,  so  ist  die  Möglichkeit  vorhanden, ­
  durch  verhältnismäßig  geringe  Umwege  ihnen  zu  entgehen,
falls  es  sich  nicht  gerade  um  das  Passieren  einer  engeren  Meeresstraße ­
  handelt.  Nehmen  wir  an,  eine  Strömung  lege  etwa  50  Seemeilen ­
  am  Tage  zurück,  so  bedeutet  die  Notwendigkeit  für  ein  ihr
entgegenfahrendes  Schiff,  im  Wasser  diese  50  Meilen  mehr  zurücklegen ­
  zu  müssen  als  über  dem  Meeresboden,  d.  h.  als  die  wirklich
zurückgelegte  Wegstrecke,  doch  eine  nicht  unbeträchtliche  Mehrleistung
der  Maschine.  Umgekehrt  gewinnt  das  mit  dem  Strome  fahrende
Schiff  diese  50  Meilen  an  der  Wegstrecke,  d.  h.  sein  Kohlen  verbrauch
bleibt  erheblich  hinter  demjenigen  zurück,  den  es  im  ruhigen  Wasser
bei  der  gleichen  Entfernungsleistung  gehabt  haben  würde.  Während
wir  also  auf  den  Gewässern  des  Binnenlandes  einzig  bei  der  Flößerei
in  der  Strömung  eines  Gewässers  lediglich  eine  Förderung  des  Transportes ­
  erblicken  dürfen,  gilt  dies  auf  der  See  von  den  Strömungen
der  oberen  Wasserschichten  in  höherem  Grade,  da  ja  in  den  seitlich
befindlichen  ruhigeren  Gewässern  die  Fahrt  in  der  der  Strömung  entgegengesetzten ­
  Richtung  keine  Verzögerung  erfährt.  Voraussetzung
ist  natürlich,  daß  keine  Gründe  praktischer  Art  gegen  eine  Trennung
der  Hin-  und  Rückfahrrouten  sprechen.
Während  die  Strömungen  des  Meeres  keine  so  großen  jahreszeitlichen ­
  Aenderungen  aufweisen,  daß  die  Schiffahrt  dadurch  in  besonders ­
  hohem  Grade  in  der  Wahl  ihrer  Wege  beeinflußt  werden
könnte,  ist  die  zweite,  im  Wasser  selbst  beruhende  Art  von  Störungen
in  hervorragendem  Maße  an  die  Jahreszeit  gebunden.  Das  Eis  der
Polarmeere  und  vor  allem  das  der  Polarländer  bildet,  wie  Ereignisse
der  letzten  Zeit  zeigen,  selbst  für  die  größten  und  stärksten  Schiffe
eine  nicht  zu  unterschätzende  Gefahr.  Das  Meereis  freilich  wirkt  als
Verkehrshemmnis  nur  in  den  polaren  Gewässern  und  den  ihnen  unmittelbar ­
  benachbarten  Gewässern;  wir  können  seine  Wirkungen  aber
in  der  Verkehrsgeographie  unberücksichtigt  lassen,  da  ein  regelmäßiger
Verkehr  in  den  arktischen  und  namentlich  in  den  antarktischen  Ge-
        <pb n="50" />
        §  8.  Der  Seeverkehr.

43

wässern  in  nennenswertem  Umfange  nicht  stattfindet.  Dagegen  spielt
das  Landeis  hoher  Breiten  in  den  mittleren,  in  die  es  in  der  wärmeren
Jahreszeit  gelangt,  eine  so  große  Rolle,  daß  man  durch  sein  Auftreten
und  die  von  Jahr  zu  Jahr  beobachteten  Schwankungen  zu  starken
Aenderungen  der  Schiffswege  sich  bequemen  muß,  wenn  man  die  Fahrzeuge ­
  vor  den  sie  bedrohenden  Gefahren  hinreichend  sichern  will.
Die  Haupteigentümlichkeit  des  Seeverkehrs  ist,  daß  er  wenigstens
teilweise  von  mehreren  Medien  viel  abhängiger  ist  als  der  Landverkehr, ­
  wenn  dies  auch  für  die  Dampfer  vorwiegend  indirekt  der  Fall
ist.  Zwar  haben  wir  oben  gesehen,  daß  auch  für  die  Landverkehrsmittel ­
  erhebliche  Einflüsse  aus  den  atmosphärischen  Erscheinungen
sich  ergeben.  Aber  sie  treten  hier  wesentlich  nur  im  Winter  und
vielfach  auch  nur  vorübergehend  auf,  während  sie  sich  auf  See
fast  immer  geltend  machen.  Ferner  bedeuten  sie  für  die  Schifffahrt ­
  keineswegs  nur  Störungen  des  regelmäßigen  Betriebes,  sondern
in  unzähligen  Fällen  eine  Förderung  und  sie  bilden  für  das  Segelschiff ­
  ja  überhaupt  die  Grundlage  der  Bewegung.  Von  der  Art  und
den  räumlichen  Besonderheiten  ihres  Auftretens  hängt  mehr  noch  als
von  den  Meeresströmungen  die  Wahl  der  Wege  ab,  und  die  Luftströmungen ­
  über  dem  Ozean  sind  das  wichtigste  Element,  das  die
Verkehrsgeographie  in  ihre  Berechnungen  einzusetzen  hat.
Das  gilt  nicht  etwa  nur  von  den  Zonen,  in  denen  regelmäßige,
wenn  auch  die  Grenzen  ihres  Herrschaftsgebietes  mit  den  Jahreszeiten
verändernde  Windrichtungen  beobachtet  werden,  wie  die  subäquatorialen ­
  Passate  und  manche  anderen  Winde.  Auch  in  den  mittleren
Breiten  der  Nordhalbkugel  lassen  sich  auf  Grund  unserer  Kenntnis  der
häufigsten  Art  des  Fortschreitens  der  großen,  über  den  Ozean  heranziehenden ­
  Luftwirbel  Regeln  für  die  Aus-  und  die  Heimreise  der
den  Ozean  von  Ost  nach  West  und  umgekehrt  durchquerenden  Segler
aufstellen.  Da  schließlich  nicht  nur  diese,  sondern  bis  zu  einem  gewissen ­
  Grade  auch  die  Dampfer  durch  stärkere  Winde  in  ihrer  Fahrt
beeinflußt  werden,  so  ergibt  sich  aus  all  diesen  Dingen  die  Notwendigkeit ­
  genauester  Untersuchung  und  Feststellung  all  der  den  Verkehr
fördernden  und  hindernden  Erscheinungen  der  über  dem  Weltmeer
befindlichen  Luftmassen.
Was  für  die  Verkehrsgeographie  des  Festlandes
und  der  Binnengewässer  erst  angestrebt  wird,  die  Bestimmung ­
  aller  die  Personen-  und  Güterbewegung  beeinflussenden ­
  Naturerscheinungen  nach  Maßgabe  ihres
räumlichen  und  räumlich  bedingten  Auftretens,  das
ist  von  der  Nautik  in  seinen  Grundzügen  für  den  Verkehr ­
  zur  See  bereits  ausgeführt.  Hier  ist  demnach  eine  streng
wissenschaftliche  und  methodische  Arbeit  geleistet  worden,  die  nur
noch  in  ihren  Einzelzügen  ergänzt  und  erweitert  zu  werden  braucht.
Im  allgemeinen  kann  die  Art  und  Weise  des  von  der  Nautik  Geleisteten ­
  in  ihren  das  Meer  und  die  Luft  betreffenden  Untersuchungen
als  Muster  für  die  Weiterentwicklung  der  allgemeinen  Verkehrsgeographie ­
  überhaupt  dienen.
Dagegen  erwächst  der  Geographie  des  Seeverkehrs
ebenso  wie  derjenigen  des  Festlandverkehrs  eine  der
Meeres-  und  Schiffahrtskunde  ferner  liegende  Aufgabe  auf
Grund  der  auch  an  sie  zu  stellenden  Forderung,  daß  sie  sich  auch
mit  den  Beziehungen  zwischen  dem  Verkehrsgebiet,  in
        <pb n="51" />
        44

III.  Abschnitt.

diesem  Falle  dem  Meere,  und  dem  dasselbe  benutzenden ­
  Menschen  beschäftige.  Zusammenhängen,  wie  wir  sie  beim
Landverkehr  zwischen  Bahnstrecken  und  Siedelungen  und  in  anderen
Dingen  kennen  lernten,  auch  hier  mehr  als  bisher  nachzuspüren  und
sie  mit  Hilfe  bestimmter  Einheitsmaßstäbe  mit  möglichst  großer  Genauigkeit ­
  zu  ergründen,  ist  eine  Aufgabe,  deren  Verfolgung  uns  der
Lösung  wichtiger  Fragen  weit  näher  bringt,  als  die  vielfach  recht  allgemein ­
  gehaltenen  Ausführungen  einer  früheren  Zeit,  die,  wie  z.  B.
die  glänzend  geschriebenen  Arbeiten  eines  Ratzel,  mehr  vom  Standpunkte ­
  des  Philosophen  mit  diesen  Fragen  sich  beschäftigen.
Beginnen  wir  die  Erörterung  des  hier  großenteils  noch  zu  Leistenden ­
  mit  der  Betrachtung  der  Küsten,  so  können  wir  die  räumliche
Verknüpfung  von  Meer  und  Mensch,  bzw.  Staat  nicht  besser  beurteilen ­
  lernen  als  unter  Berücksichtigung  der  Seehäfen  und  ihrer
Bevölkerung.  Diese,  besonders  wenn  man  sie  wieder  in  Beziehung
zu  den  Siedelungen  eines  ganzen  Landes  setzt,  zeigen  besser  als  alles
andere  das  Gewicht,  das  der  Seeverkehr  in  dem  Wirtschaftsleben  eines
Staatswesens  erlangt  hat.
Beispiel:  Wenn  man  zunächst  einmal  die  Bedeutung  der  Häfen  ganz  allgemein ­
  betrachtet  und  verschiedene  Länder  miteinander  vergleicht,  so  vermag  schon
die  bloße  Zahl  wichtiger  Hafenorte  die  Bolle  zu  bezeichnen,  die  das  Seewesen  in
bestimmten  Gebieten  spielt.  Um  das  Jahr  1009  besaß  Europa  60  Häfen,  denen  man
ihrem  Verkehr  nach  eine  größere  Wichtigkeit  für  den  Weltverkehr  zuschreiben  durfte.
D.  h.  es  kamen  auf  je  100  000  qkm  deren  0,6,  scheinbar  keine  sehr  große  Zahl,  aber
doch  viel  größer  als  in  irgendeinem  anderen  Kontinente.  Nun  kamen  aber  von
diesen  allein  20  auf  Großbritannien  nebst  Irland,  und  das  ergibt  für  die  eben  angeführte ­
  Einheitsfläche  die  Verhältniszahl  6,3.  Das  heißt,  in  Worten  ausgedrückt,  nichts
anderes,  als  daß  das  Inselreich  an  wichtigen  Landungsplätzen  im  Verhältnis  zu  seiner
Größe  mehr  als  zehnmal  so  reich  war  wie  der  ganze  Weltteil  und  annähernd  sechzehnmai
  so  reich  wie  alle  übrigen  Länder  des  Weltteils  im  Durchschnitt.  Ergibt  sich
aus  dieser  einen  Zusammmenstellung  schon  mit  hinreichender  Klarheit  die  Stellung
des  Vereinigten  Königreichs  im  Seeverkehr,  so  wird  diese  noch  schärfer  charakterisiert,
wenn  wir  noch  weitere  Größenklassen  von  Häfen  zur  Beurteilung  heranziehen.  So
die  Welthäfen  mit  einem  Ankunftsverkehr  von  mehr  als  5  Mill.  Begistertonnen  im
Jahre,  deren  es  um  die  eben  angeführte  Zeit  in  Europa  14  gab.  Von  diesen  kamen
allein  auf  England  und  Schottland  5,  das  Zahlenverhältnis  ergibt  also  für  das  Inselreich ­
  in  dieser  Klasse  ein  noch  etwas  günstigeres  Verhältnis  als  die  ersten  Ziffern.
Auch  das  Verhältnis  der  Einwohner  bestimmter  Gebiete  zum
Meere  beeinflußt  die  wirtschaftliche  Bedeutung  der  See  für  ein  Land
in  hohem  Grade,  und  auch  dieses  läßt  sich  auf  dem  Wege  der  Rechnung ­
  klar  erfassen.  Mit  der  Aenderung  dieser  zahlenmäßigen  Beziehung ­
  zwischen  der  Seelage  und  den  Bewohnern  eines  Staatsgebietes
ändert  sich  mit  der  Zeit  auch  die  Enge  des  innerlichen  Zusammenhanges ­
  zwischen  Mensch  und  Meer,  wie  wir  ihn  bei  den  echten  Seevölkern ­
  beobachten,  und  andere  Interessen  gewinnen  an  Gewicht  und
Einfluß  auf  Sinnen  und  Trachten  des  Volkes.  So  wohnten  beispielshalber ­
  noch  im  Anfänge  des  Jahrhunderts  40  vom  Hundert  aller  Nordamerikaner ­
  in  den  küstennahen  Staaten  der  Union  und  damit  innerhalb ­
  der  Einflußzone  des  Weltmeeres,  während  sich  das  Verhältnis
seither  von  Jahr  zu  Jahr  in  immer  zunehmendem  Maße  zugunsten
des  fernen  Innern  verschiebt.
Auch  in  dieser  Richtung  gibt  die  Nebeneinanderstellung  von
Häfen  und  Staatsgebiet  ein  einleuchtendes  Bild  der  Verkehrsbeziehungen
zwischen  Land  und  Meer,  wofür  wiederum  die  Union  gegenüber  europäischen ­
  Ländern  den  Beweis  liefert.  Wenn  man  die  Versorgungsfläche ­
  derjenigen  Häfen  berücksichtigt,  die  einen  Ankunftsverkehr  von
        <pb n="52" />
        §  8.  Der  Seeverkehr.

45

mehr  als  einer  Million  Registertonnen  haben,  so  kamen  um  1910  auf
einen  jeden  von  ihnen  in  Großbritannien  und  Irland  nicht  mehr  als
16500  qkm  des  Staatsgebietes,  also  nur  ein  Zehntel  mehr  als  die  Fläche
des  Königreichs  Sachsen.  In  Deutschland  umfaßte  das  Versorgungsgebiet ­
  eines  jeden  von  diesen  größeren  Häfen  schon  135  000  qkm,
in  den  Vereinigten  Staaten  1100000  qkm.  Auch  diese  Zahlen  geben
ein  ganz  gutes  Bild  von  der  Bedeutung  der  Verkehrsentwicklung  zur
See  in  verschiedenen  Erdgebieten.  Die  hier  und  im  letzten  Beispiel
gegebenen  Zahlenbeziehungen  illustrieren  das  Zahlenverhältnis  eines
Landes  zur  See  am  besten  im  Verein  mit  einem  lediglich  dem  Raume
entnommenen  Maßstabe,  der  in  der  Erdkunde  schon  lange  zur  Anwendung ­
  kommt,  nämlich  mit  der  Entfernung  der  einzelnen  Landschaften ­
  bzw.  bestimmter  Flächenanteile  von  der  Küste.  Wenn  wir
die  Tatsache,  daß  in  Großbritannien  und  Irland  kein  Punkt  weiter
als  120  km  von  der  See  oder  ihren  tief  in  die  Inseln  einschneidenden
Buchten  entfernt  ist,  neben  die  hier  gegebenen  Einzelheiten  über  die
Hafenverteilung  stellen,  so  dürfte  damit  ein  Bild  der  räumlich  zu  beurteilenden ­
  Eigenart  dieses  Landes  gegeben  sein,  das  an  Deutlichkeit
wenig  zu  wünschen  übrig  läßt.
Aber  auch  die  beweglichen  Größen  der  Bevölkerung  und  der  auf
See  verwendeten  Verkehrsmittel  lassen  sich  zur  Verdeutlichung  aller
verkehrsgeographischen  Beziehungen  zwischen  Land  bzw.  Sonderlandschaft ­
  und  dem  Weltmeere  oder  einem  seiner  Teile  nach  strengen
Einheitsmaßen  verarbeiten.  Nur  muß  auch  in  diesem  Falle,  wo  dies
irgend  angängig  ist,  eine  feste  Beziehung  zwischen  der  beweglichen
Größe,  die  zur  Beurteilung  herangezogen  werden  soll,  und  dem  Raume
als  Maßstab  benutzt  werden,  wie  wir  dies  bei  Behandlung  der  Eisenbahn ­
  hinsichtlich  der  Bevölkerung  bestimmter  Stadtgrößen  an  den  zu
vergleichenden  Verkehrslinien  getan  haben.
Beispiel:  So  kann  man,  um  das  Interesse  eines  Landes  an  dem  Verkehr  zur
See  zu  beurteilen,  den  Anteil  der  Seestädte  an  seiner  Bevölkerung  heranzuziehen.
Führen  wir  dies  etwa  für  Deutschland  und  Großbritannien  und  Irland  aus,  und  benutzen ­
  wir  der  Einfachheit  halber  nur  die  Bevölkerungsstatistik  der  Großstädte  von
der  letzten  Zählung.  Wir  ersehen  aus  dieser,  daß  in  Deutschland  in  den  Orten  mit
mehr  als  hunderttausend  Einwohnern  im  Jahre  1910  etwas  mehr  als  13  800000
Menschen  gezählt  wurden.  Von  dieser  recht  beträchtlichen  Zahl  lebten  in  Hafenstädten ­
  2  215  000.  In  Großbritannien  gab  es  im  Jahre  1911  17V 2  Mill.  Großstädter,
aber  von  diesen  waren  genau  drei  Viertel  Bewohner  von  Hafenorten.  Nun  wird
selbst  der  bewußte  Gegner  der  neuzeitigen  Großstadtentwicklung  nicht  bestreiten
wollen,  daß  diese  immerhin  ein  Zeichen  der  Richtung  ist,  in  der  die  Interessen  der
wirtschaftlich  maßgebenden  Kreise  bei  den  heutigen  Industrie-  und  Handelsvölkern
liegen.  Aus  der  hier  als  Beispiel  angeführten  Nebeneinanderstellung  ergibt  sich  aber
ohne  weiteres,  um  wieviel  enger  das  durch  die  Großsiedelungen  vermittelte  Wirtschafts- ­
  und  Verkehrsleben  des  Inselreiches  mit  der  See  verknüpft  ist  als  bei  uns,
denn  den  rund  75  vom  Hundert  der  britischen  Großstädter  an  der  Meeresküste
stehen  im  Deutschen  Reiche  nur  16  vom  Hundert  gegenüber.
Wie  wir  hier  die  Siedelungen  als  Maßstab  benutzten,  so  können
wir  bei  Verarbeitung  der  Flottengrößen  das  ganze  Volk  als  eine
große  Siedelung  auffassen,  wenn  es  sich  um  den  Vergleich  verschiedener ­
  Länder  untereinander  handelt.  Ein  Beispiel  für  diese  Art
der  Benutzung  der  Flottenstatistik  ist  im  ersten  Abschnitt  gegeben
worden,  auf  das  hiermit  verwiesen  werden  mag.
Aber  auch  in  anderer  Weise  können  wir  uns  der  Statistik  der
Verkehrsmittel  bedienen,  um  geographische  Einflüsse  zu  erkennen.
Wie  sehr  der  außereuropäische  Verkehr  die  ursprünglichen  Handels-
        <pb n="53" />
        46

III.  Abschnitt.

beziehungen  verändert  hat  bzw.  wie  sehr  er  selbst  denjenigen  mit
benachbarten  Ländern  heutzutage  überwiegt,  zeigt  uns  z.  B.  die  Größe
der  in  verschiedenen  Landschaften  beheimateten  Teile  der  Handelsflotte ­
  eines  und  desselben  Staates,  sowie  der  Verkehr  bestimmter
Hafengebiete.  Klassisch  ist  in  dieser  Beziehung  die  Veränderung
der  Beteiligung  der  beiden  deutschen  Küsten  am  gesamten  Schiffsverkehr ­
  des  Reiches.  Noch  im  Jahre  1874  betrug  der  Anteil  der
Ostseehäfen  am  Tonnengehalt  der  in  Deutschland  angekommenen
Seeschiffe  nicht  weniger  als  46  vom  Hundert,  und  noch  nach  einem
Jahrzehnt,  1883,  erreichte  er  43  vom  Hundert  des  damaligen  Gesamtankunftverkehrs. ­
  Im  Jahre  1909  dagegen,  das  wegen  der  Zwischenzeit ­
  von  einem  Vierteljahrhundert  hier  gewählt  ist,  war  er  um  weitere
11  Proz.  gesunken.  Dem  Einwande,  daß  daran  ein  Rückgang  des
Ostseekanals  an  und  für  sich  die  Schuld  trage,  kann  leicht  durch  die
Tatsache  begegnet  werden,  daß  dieser  Teil  des  deutschen  Ankunftsverkehrs ­
  in  dem  erwähnten  Vierteljahrhundert  sich  von  rund  3  Millionen
auf  mehr  als  8  700000  Tonnen  gehoben  hat.  Damit  ist  der  Beweis
geliefert,  daß  es  in  der  Tat  lediglich  Gründe  geographischer  Art  sind,
die  diese  Veränderung  zur  Folge  gehabt  haben.
Inwiefern  schließlich  die  Lage  bzw.  die  Natur  des  an  ein  bestimmtes ­
  Gebiet  grenzenden  Meeresteiles  die  Verkehrsmittel  selbst
beeinflußt,  davon  geben  abermals  die  an  den  beiden  deutschen  Küstenmeeren ­
  herrschenden  Verhältnisse  ein  gutes  Bild.
Beispiel:  Der  Raumgehalt  der  deutschen  Ostseeüotte  betrug  1913,  netto  gerechnet, ­
  genau  ein  Zehntel,  derjenige  der  Nordseeflotte  dagegen  volle  neun  Zehntel
desjenigen  der  deutschen  Gesamtflotte.  Nun  liegt  das  aber  keineswegs  ganz  allein
an  den  verkehrsgeographischen  Vorzügen  der  Nordseeküsten,  die  erst  in  der  neuesten
Zeit  voll  zur  Geltung  gelangen  konnten,  sondern  auch  daran,  daß,  wieder  aus  Gründen
rein  geographischer  Natur,  im  Ostseegebiet  nur  kleinere  Fahrzeuge  zur  Verwendung
gelangen.  Gilt  das  schon  von  den  Dampfern,  deren  mittlerer  Nettogehalt,  soweit  sie
an  der  Ostseekiiste  beheimatet  waren,  im  Jahre  1913  nur  562  Registertonnen  gegen
1533  Tonnen  Mittelgehalt  der  an  der  Nordsee  beheimateten  deutschen  Dampfschiffe
war,  so  zeigt  es  sich  noch  deutlicher  an  den  Seglern.  Denn  bei  den  Dampfern
kommt  als  ein  die  Nordseeschiffsgröße  erhöhender  Umstand  das  Gewicht  der  vielen
großen  Passagierdampfer  in  Betracht.  Zwar  beruht  auch  dieser  Unterschied  letzten
Endes  auf  geographischen  Ursachen,  aber  die  Segelschiffe  zeigen  uns  den  Einfluß
von  solchen  doch  in  noch  deutlicherer  Weise.  Ebenfalls  1913  hatten  diese,  soweit
sie  in  deutschen  Ostseeplätzen  zu  Hause  waren,  einen  Nettogehalt  von  nicht  mehr
als  37  Registertonnen;  zudem  war  ihre  Zahl  gegen  die  aller  früheren  Jahre  zurückgegangen. ­
  An  der  Nordsee  dagegen  hat  ihre  Zahl  sich  gegen  die  des  Jahres  1891
stetig,  wenngleich  langsam  vermehrt,  und  ihre  Größe  betrug  1913  daselbst  187  Tonnen.

§  9.  Der  Luftverkehr.
Zu  den  Verkehrsmedien,  die  die  Menschheit  seit  ihrem  Bestehen
kennt,  ist  das  dritte,  die  Luft,  erst  in  allerletzter  Zeit  hinzugekommen.
Hier  kann,  der  Aufgabe  entsprechend,  die  sich  dies  Werk  gestellt
hat,  von  den  Entwicklungsmöglichkeiten  der  Luftschiffahrt  keine  Rede
sein.  Sie  zu  behandeln,  ist  Aufgabe  der  Technik.  Dagegen  sieht
sich  die  W T irtschafts-  bzw.  die  Verkehrsgeographie  durch  die  bewundernswerten ­
  Fortschritte  unserer  Zeit  vor  die  Aufgabe  gestellt,  auch  nach
dieser  Seite  hin  die  Einflüsse  des  Trägers  der  Bewegung  zu  studieren,
welche  die  benutzten  Fahrzeuge  in  ihrem  Fluge  fördern  oder  sich
ihnen  hemmend  entgegenstellen.
Lernten  wir  schon  im  Wasser  eine  Beeinflussung  des  Fahrzeuges
durch  die  Eigenbewegung  des  Mediums,  in  dem  es  sich  befindet,
        <pb n="54" />
        §  9.  Der  Luftverkehr.

47

kennen,  so  sind  diese  Einflüsse  innerhalb  des  eben  erst  dem  Verkehr
gewonnenen  Elementes  um  so  größer,  als  ihm  unter  den  Trägern  der
Verkehrsmittel  nicht  allein  die  stärkste,  sondern  zugleich  die  am
schnellsten  wechselnde  Bewegung  zukommt.  Während  die  Gewässer
des  Festlandes  ihre  Bewegungsrichtung  gar  nicht,  die  Strömungen
des  Meeres  die  ihre  ebenfalls  nur  sehr  wenig  ändern,  und  während
die  Geschwindigkeit  ihrer  Bewegung  sich  an  der  gleichen  Stelle  nur
in  geringem  Maße  ändern  kann,  gilt  dies  von  dem  Luftozean  leider
nicht.  Hier,  in  der  freien  Atmosphäre,  ist  die  Eigenbewegung  des
Verkehrsmediums  nicht  allein  hinsichtlich  ihrer  Stärke,  sondern  auch
hinsichtlich  ihrer  Richtung  auch  an  ein  und  derselben  Stelle  über
dem  Erdboden  ständig  dem  größten  Wechsel  unterworfen.  Dazu
kommen  aber  noch  andere  Eigenschaften,  die  bei  den  beiden  anderen
Trägern  der  Verkehrsmittel  gleichgültig  sind  (ausgenommen  sind  nur
die  tieferen  Frostgrade  beim  Wasser);  dies  sind  die  Temperatur,  die
Strahlung  und  der  Druck  der  Luft,  die  alle  beim  mit  Gas  gefüllten
Luftschiff  eine  Rolle  spielen.  So  entsteht  für  den,  der  sich  mit  der
Luftschiffahrt  ebenso  beschäftigen  will  wie  der  Seefahrer  mit  der
Nautik  und  der  gewissermaßen  eine  Fahrtanweisung  für  Luftschiffe
bearbeiten  wollte,  ein  unendlich  viel  komplizierteres  Bild  als  dasjenige,
das  uns  etwa  die  Segelhandbücher  der  großen  ozeanographischen  Institute ­
  von  den  Ozeanen  entwerfen.
Da  wir  vorläufig  nicht  wissen,  ob  der  Aeroplan  einmal  den  Rang
eines  wirklichen  Verkehrsmittels  erreichen  wird,  was  ja  seiner  außerordentlichen ­
  Bedeutung  auf  anderen  Gebieten  gar  keinen  Abbruch
tut,  so  wenden  wir  uns  dem  Luftschiff  zu,  für  das  zunächst  derselbe
Satz  von  der  Stromversetzung  gilt  wie  vom  Schiff  innerhalb  der
Meeresströmung  oder  in  einem  fließenden  Gewässer,  daß  nämlich  die
Eigenbewegung  des  Mediums,  in  dem  sich  das  Fahrzeug  bewegt,  je
nach  der  Richtung,  in  der  dieses  fährt,  einen  Gewinn  oder  einen  Verlust ­
  an  Zeit  bzw.  an  motorischer  Kraft  bedeutet.  Was  hat  nun
aber  die  Wirtschaftsgeographie  von  einem  echten  Verkehrsmittel ­
  zu  verlangen?  Doch  wohl  zunächst,  daß  es
auf  einer  bestimmten  Route  möglichst  gleich  mäßig
arbeitet,  d.  h.  daß  die  Innehaltung  gerade  dieser  Route
eine  möglichst  sichere  Berechnung  sowohl  der  Fahrzeit ­
  als  auch  der  Betriebskosten  erlaubt.  Je  weniger  das
bei  einem  Transportmittel  irgendwelcher  Art  geschehen  kann,  um  so
weniger  hat  es  Anspruch  auf  die  Bezeichnung  eines  „Mittels  des
Verkehrs“.
Das  eben  von  der  Stromversetzung  Gesagte  bedingt  aber  bei
der  geographischen  Eigenart  der  Atmosphäre  ein  Höchstmaß  von
Unsicherheit,  wie  es  im  Wasser-  und  Landverkehr  für  die  heute  verwendeten ­
  Fahrzeuge  so  gut  wie  nirgends  vor  kommt.
Beispiel:  Nehmen  wir  an,  ein  Luftschiff  solle  bei  Südwestwind  mit  einer
Stärke  von  10  Sekundenmetern  in  der  durchfahrenen  Luftschicht  und  bei  einer
Eigengeschwindigkeit  von  20  m  von  Halle  nach  Berlin  fahren,  also  eine  geradlinige
Entfernung  von  rund  150  km  zurücklegen.  Es  fahre  um  10  Uhr  vormittags  von
Halle  ab  und  kommt  dann,  da  es  nunmehr  mit  einer  Fahrgeschwindigkeit  von
BO  Sekuudenmetern  vordringt,  11  Uhr  20  Minuten  in  der  Eeichshauptstadt  an.  In
diesem  Falle  entspricht  also  der  Zeitgewinn  demjenigen  der  Talfahrt  eines  Flußdampfers ­
  auf  einem  Strome.  Bei  der  Rückfahrt,  die  es  um  12  Uhr  mittags  von
Berlin  aus  antritt,  hat  es  mit  10  m  Verlust  an  der  eigenen  Geschwindigkeit  zu
rechnen,  legt  also  über  dem  Boden  nur  10  m  in  der  Sekunde  zurück  und  kommt
        <pb n="55" />
        48

III.  Abschnitt.

infolgedessen  erst  gegen  4  Uhr  10  Minuten  in  Halle  an,  d.  h.  wie  der  Stromdampfer
bei  der  Bergfahrt  erst  nach  einer  bedeutend  verlängerten  Zeit,  da  es  seine  Maschinen
nicht  mehr  austrengen  soll  als  auf  der  Herfahrt.
So  weit  entspricht  also  die  Fahrt  des  Luftschiffes  durchaus  derjenigen  eines
stromab  und  stromauf  verkehrenden  Dampfschiffes,  und  es  wäre  nichts  gegen  seine
Benutzung  für  den  Keiseverkehr  einzuwenden,  soweit  dieser  nicht  der  Befriedigung
eines  Luxusbedürfnises,  sondern  etwa  der  Abwicklung  von  Geschäften  und  anderen
Notwendigkeiten  des  neuzeitigen  Lebens  dient.  Diese  Art  von  Verkehr  muß  aber
mit  der  Innehaltung  der  größten  Pünktlichkeit  der  Abfahrt-  und  Ankunftszeiten
rechnen.  Diese  hängt  wieder  davon  ab,  daß  die  Eigenbewegung  des  Mediums,  durch
das  wir  befördert  werden,  entweder,  wie  bei  dem  Festlande,  ganz  fehlt  oder,  wie
beim  Wasser,  wo  sie  wenigstens  ihre  Bichtung  beibehält,  auch  in  der  Geschwindigkeit
keinen  sehr  großen  Aenderungen  unterworfen  ist.  Wo  dagegen,  wie  bei  der  Luft,
beides  für  längere  Zeit  völlig  unberechenbar  ist,  kann  das  Luftschiff  niemals  für  eine
pünktliche  Ankunft  Gewähr  leisten.  Damit  dürfte  es  trotz  seiner  unter  Umständen ­
  viel  schnelleren  Fahrten  ein  eigentliches  Verkehrsmittel  in  denjenigen
Ländern  niemals  werden,  in  denen  infoge  ihrer  klimatischen  Eigenart  Windrichtung
und  Geschwindigkeit  einem  häufigen  und  starken  Wechsel  unterworfen  sind.
Die  in  diesem  Wechsel  beruhenden  Unzuträglichkeiten  bei  der
Verwendung  des  Luftschiffes  zur  Beförderung  von  Menschen  —  für
den  Gütertransport  kann  es  aus  anderen  Gründen,  allenfalls  von
Postsachen  abgesehen,  nicht  in  Frage  kommen  —  sind  nun  aber  nicht
in  allen  Erdgegenden  von  gleicher  Bedeutung.  In  ausgedehnten  Gebieten, ­
  ja  in  ganzen  Zonen,  sind  die  Luftströmungen  weder  in  ihrer
Richtung  noch  in  ihrer  Stärke  dem  gleichen  Wechsel  untworfen  wie
im  mittleren  und  nördlichen  Europa.  In  diesen,  zu  denen  namentlich
die  von  den  Passaten  überwehten  Zonen  der  Nord-  und  Südhalbkugel
gehören,  kann  schon  mit  größerem  Recht  als  bei  uns  von  der  Möglichkeit ­
  eines  wirklichen  Luftschiffverkehrs  gesprochen  werden.  Indessen ­
  gibt  es  wieder  andere  Hemmnisse,  die  technisch  wohl  überwunden ­
  werden  können,  die  aber  doch  wieder  als  eine  Erschwerung
gelten  müssen.  Dies  sind  einmal  der  niedrige  Luftdruck  in  den
großen  Höhen  außereuropäischer  Gebiete,  so  z.  B.  in  den  durch  recht
gleichmäßige  Windrichtungen  und  Stärkegrade  ausgezeichneten  Gebieten ­
  des  südlichen  Afrika  oder  gar  in  den  Hochgebieten  Innerasiens ­
  und  im  westlichen  Nordamerika.  In  der  Passatzone  kommt
wieder  vor  allem  die  im  Laufe  von  24  Stunden  oft  sehr  stark
wechselnde  Tagestemperatur,  sowie  die  ungeheure  Strahlung  in  den
äquatornahen  und  zugleich  trocknen  Steppen-  und  Wüstenregionen
dieser  Zone  hinzu.  Alles  Hindernisse  rein  geographischer  Natur,  die
die  Bildung  eines  klaren  Urteils  über  die  regelmäßige  Verwendung
des  Luftschiffes  im  Dienste  des  Verkehrs  noch  nicht  zulassen.
Endlich  ist  noch  eines  weiteren  Hindernisses  zu  gedenken,  das
die  Eisenbahn  und  das  Schiff  unmittelbar  überhaupt  nicht  beeinflussen
kann,  das  aber  dem  Luftschiff  an  und  für  sich  lästig  wird.  Der
Regen,  der  schon  bei  uns  die  Fahrt  eines  solchen  erschweren  kann,
ist  es,  der  wieder  in  der  Tropenzone  als  wenig  förderliche  Eigenart
des  Klimas  gelten  muß,  wenn  es  sich  um  die  Verwendung  so  großer
Fahrzeuge  handelt,  wie  wir  sie  beispielsweise  in  den  modernen  Luftkreuzern ­
  vor  uns  haben.
Wie  an  den  Küsten  die  Landungsverhältnisse,  so  bedürfen  auch
die  verschiedenen  Erdgegenden  sorgfältiger  Untersuchungen  und  der
Festsetzungen  derjenigen  Stellen,  die  für  die  Landung  in  erster  Linie
in  Betracht  kommen.  Damit  ergibt  sich  ein  weites  und  fruchtbares
Arbeitsfeld  für  die  Verkehrsgeographie  auch  aus  der  Entwicklung  der
Luftschiffahrt,  selbst  wenn  die  Wünsche  vieler,  ein  neues  Verkehrs-
        <pb n="56" />
        §  10.  Der  Postverkehr.

49

mittel  im  eigentlichen  Wortsinne  in  ihr  gewonnen  zu  haben,  sich  als
unerfüllbar  heraussteilen  sollten.
§  10.  Der  Postverkehr.
Auch  der  für  das  heutige  Verkehrsleben  so  außerordentlich
wichtige  Austausch  von  Gedanken  und  Willensakten,  wie  ihn  die  Post
vermittelt,  läßt  sich  geographisch  behandeln.  Ja,  er  muß  sogar  als
eine  kulturelle  Tätigkeit,  die  sich  mit  der  Ausgleichung  räumlicher
Entfernungen  im  Interesse  des  Weltverkehrs  befaßt,  gerade  von  diesem
Gesichtspunkte  der  Raumüberwindung  aus,  behandelt  werden.  Hängt
doch  von  der  Art  und  dem  Grade,  in  dem  dies  geschieht,  die  Entwicklung ­
  mancher  weniger  kultivierten  Gebiete  in  sehr  hohem  Maße  ab.
In  einer  Beziehung  ist  auch  der  Postverkehr  fest  mit  dem  Raume
verbunden,  läßt  sich  also  auch  unmittelbar  auf  diesen  beziehen.  Denn
er  bedarf  zu  seiner  Ausübung  einer  Reihe  von  Mittelpunkten  sowie
eigener  Anlagen  zur  Uebermittelung  von  Nachrichten.  Die  Telegraphenlinien ­
  werden  dabei  öfters  ganz  wie  die  Bahnlinien  behandelt  und  auf
die  Fläche  verrechnet  werden,  ebenso  die  Fernsprechleitungen,  doch
ist  das  nur  in  einem  einzigen  Falle  verkehrsgeographisch  berechtigt,
nämlich  wenn  es  sich  um  den  Vergleich  zweier  verschiedener  Länder
miteinander  handelt,  deren  Einwohnerzahl  dabei  weiter  nicht  berücksichtigt ­
  wird.  Einen  besseren  Vergleich  bedeutet  aber  gerade  im
verkehrsgeographischen  Sinne  die  Beziehung  der  beförderten  Dinge
auf  die  Bevölkerung  selbst.  Denn  hier  handelt  es  sich  um  einen  rein
geistigen  Verkehr,  für  den  man  schwer  räumliche  Gesetze  aufstellen
kann.  Für  Gütermassen  läßt  sich  eine  solche,  am  Tonnenkilometer
gemessene  Bezugnahme  durchaus  durchführen,  für  den  Menschen  am
Personenkilometer;  für  die  geographische  Beurteilung  der  Depeschen
würde  dagegen  die  Einführung  eines  ähnlichen  Maßstabes  jedes  vernünftigen ­
  Grundes  entbehren,  da  ja  die  Entfernung,  falls  nur  ein
Draht  vorhanden  ist,  keine  Rolle  bei  der  Arbeit  der  Beförderung
spielt.  Zudem  tritt  bei  der  Produzierung  der  Depeschenzahl  auf  die
Bevölkerungsmenge  auch  die  geographische  Eigenart  vieler  Länder
mit  hervor.
Beispiel:  Vergleichen  wir  etwa  Deutschland  und  Großbritannien  und  Irland
miteinander.  Im  Deutschen  Reiche  kamen  auf  je  1000  qkm  im  Jahre  1912  nicht  weniger
als  509  km  Telegraphenlinien,  in  Großbritannien  und  Irland  nur  814  km.  Bei  dieser
Art  von  Berechnung  würde  trotz  der  geographischen  Art  der  Verrechnung  die  verkehrsgeographische ­
  Bedeutung  des  Telegraphennetzes  im  Inselreiche  in  falschem
Lichte  erscheinen.  Erfahren  wir  dagegen,  daß,  die  Diensttelegramme  nicht  eingerechnet, ­
  in  Deutschland  auf  jeden  Einwohner  in  dem  angeführten  Jahre  0,6  inländische ­
  und  0,3  ausländische  Depeschen  kamen,  in  Großbritannien  und  Irland
dagegen  1,7  inländische  und  0,35  ausländische,  so  zeigt  sich  schon  daran  die  größere
Verkehrsbedeutung  des  Telegraphen  in  dem  Hauptlande  des  britischen  Weltreichs.
So  ergibt  sich  jedenfalls  eine  deutlichere  Charakteristik  der  Art  der  geschäftlichen
Beziehungen  als  die  rein  räumliche  Verrechnung,  doch  müssen  wir  uns  dabei  bewußt
bleiben,  daß  diese  Methode  uns  schon  in  das  Gebiet  nationalökonomischer  Feststellungen ­
  hinüberführt.
Aehnlich  wie  in  dem  eben  gegebenen  Beispiel  wird  man  Briefe
und  Postanweisungssummen  auf  die  Bevölkerung  beziehen,  da  die
bloße  Angabe  ihrer  Menge  keinen  Wert  besitzt.  Als  Stoff  zu  einer
Art  von  „Kulturgeographie“  sind  diese  Verrechnungen  jedenfalls  von
ähnlichem  Wert,  wie  die  in  vielen  geographischen  Lehrbüchern  enthaltenen ­
  Angaben  über  Analphabeten,  Studierte  und  anderes  mehr.
Dove,  Allgemeine  Wirtschaftsgeographie.  4
        <pb n="57" />
        50

III.  Abschnitt.

In  einer  anderen  Beziehung  ist  dagegen  auch  der  Postverkehr
rein  geographisch  zu  erfassen,  da  nämlich,  wo  es  sich  um  die  Größe
des  den  einzelnen  Postanstalten  zugewiesenen  Versorgungsgebietes
handelt.  Hier  spielt  in  der  Tat  der  Raum  eine  sehr  wesentliche  Rolle,
und  hier  ist  die  Natur  des  Landes  und  die  Art  der  Besiedelung,  also
die  zwei  Elemente  der  Landeskunde,  wieder  maßgebend  für  den  Stand
des  postalischen  Wesens.  Hier  ergeben  sich  ähnliche  Bilder  der
räumlichen  Einflüsse  auf  das  Wirtschaftsleben  des  Menschen,  wie  wir
sie  in  dem  Vergleich  heimischer  Eisenbahnen  mit  solchen  fremder,
namentlich  außereuropäischer  Länder  kennen  lernen.
Beispiel:  So  beträgt  die  auf  jedes  einzelne  Postamt  bzw.  auf  jede  Postanstalt
entfallende  Versorgungsfläche  in  dem  vorwiegend  städtisch  besiedelten  Großbritannien
rund  13  qkm,  in  dem  gemischt  besiedelten  Deutschland  etwa  10,7  qkm.  Hier  tritt
der  Einfluß  der  Siedelungsart  recht  deutlich  zutage,  denn  der  Vergleich  beider
gleich  hoch  kultivierten  Länder  zeigt,  wie  das  Bedürfnis  nach  Postanstalten  sich
mit  der  stärkeren  Zusammendrängung  in  größeren  Ortschaften  verringert.  Andererseits ­
  zeigt  der  Vergleich  beider  Gebiete  mit  außereuropäischen  Ländern,  mit  welchen
Schwierigkeiten  die  Versorgung  eines  fremden,  der  europäischen  Kultur  erst  sich
erschließenden  Landes  für  die  Post  schon  aus  rein  räumlichen  Gründen  verbunden
ist.  Zählt  doch  selbst  ein  an  Bildung  und  Kultur  für  außereuropäische  Verhältnisse
keineswegs  rückständiges,  noch  dazu  dicht  bevölkertes  Land  wie  das  britische  Indien
erst  auf  rund  234  qkm  eine  Postanstalt.  Ganz  anders  noch  afrikanische  und  andere
Gebiete  jüngster  Kultur,  wo  wir  selbst  in  dem  bereits  stärker  mit  Weißen  besiedelten
Schutzgebiete  von  Deutsch-Südwestafrika  im  Jahre  1912  weit  mehr  als  12200  qkm,
also  etwa  so  viel  wie  die  Fläche  von  ganz  Thüringen  einschließlich  des  Erfurter
Gebiets,  als  Versorgungsfläche  jeder  einzelnen  Postanstalt  feststellen  müssen,  während
die  entsprechende  Größe  in  Deutsch-Ostafrika  sogar  mehr  als  21  600  qkm,  erheblich
mehr  als  die  Fläche  des  Königreichs  Württemberg,  beträgt.
Schließlich  kann  man  sich  zur  Beurteilung  des  Postverkehrs  auch
eines  ähnlichen  Maßstabes  bedienen,  wie  ihn  der  namentlich  auf  Landund
  Schiffsverkehr  Anwendung  findende  der  Isochronen  darstellt.  Die
Dauer  der  postalischen  Benachrichtigung  zwischen  zwei  Punkten  bildet
in  einer  so  sehr  auf  das  Geschäftsleben  angewiesenen  Periode  eine
Frage  von  keineswegs  untergeordneter  Wichtigkeit.

§  11.  Der  Lokalverkehr.
Der  Lokalverkehr  bildet  eigentlich  kein  Gebiet  der  geographischen
Untersuchung.  Denn  zur  Not  kann  man  ihn  sich  überall  da  ausgeschaltet ­
  oder  auf  ein  Minimum  des  tatsächlich  bestehenden  Verkehrs
beschränkt  denken,  wo  die  Entfernungen  zwischen  zwei  Punkten
lediglich  der  Zeitersparnis  oder  der  Bequemlichkeit  halber  in  Gefährten ­
  verschiedener  Art  zurückgelegt  werden.  Auch  wird  in  der
Einheitssiedelung,  d.  h.  der  einzelnen  Stadtgemeinde,  in  vielen  Fällen
die  Bodengestalt  innerhalb  des  bebauten  Geländes  ohne  besonderen
Einfluß  auf  den  innerstädtischen  Verkehr  sein.  Ausnahmen,  die  auch
hier  nicht  ganz  so  selten  sind,  können  freilich  das  Bild  des  großen  Verkehrs ­
  und  seiner  Bedürfnisse  in  verkleinertem  Maßstabe  widerspiegeln.
Wo  eine  bergige  Landschaft  sehr  starke  Abweichungen  von  der
geraden  Linie  zwischen  zwei  Stadtteilen  nötig  macht,  wie  wir  dies  in
Jena  oder  in  Freiburg  i.  B.  beobachten  können,  oder  wo  die  Lage  im
engen  Tale  die  zunehmende  Siedelung  einseitig  in  die  Länge  wachsen
läßt,  wie  in  Heidelberg,  kann  selbst  in  mittelgroßen  Städten  schon
frühe  die  Entwicklung  künstlicher  Verkehrsmittel  in  unmittelbarer
Abhängigkeit  vom  topographischen  Bau  ihres  Geländes  verursacht
        <pb n="58" />
        §11.  Der  Lokalverkehr.

51

werden.  Auch  die  Ueberwindung  großer,  zumal  steiler  Anstiege
führt  zur  Entstehung  von  solchen.
Etwas  anderes  ist  es  schon  mit  der  Entwicklung,  wie  sie  die
modernen  Riesenstädte  genommen  haben.  Die  vielen  den  Körper
schädigenden  Eigenheiten  dieser  Massenansammlungen,  zu  denen  nicht
in  letzter  Linie  die  Verschlechterung  des  Klimas  der  Großsiedelung
gehört,  sind  nicht  ohne  Bedeutung  für  die  Verkehrsentfaltung  innerhalb ­
  kleinerer  Landschaften  geblieben.  Ein  Musterbeispiel  dafür  ist
London,  ist,  auf  deutsche  Verhältnisse  übertragen,  auch  unsere
Reichshauptstadt.  Der  Einfluß  der  Natur  läßt  sich  in  dem  Gang,
den  der  Ausbau  der  Verkehrslinien  in  die  Vororte  gehabt  hat,  in
manchen  Einzelheiten  des  Netzes  von  Linien  erkennen.  Die  starke
Versorgung  der  südwestlich  und  westlich  gelegenen  Vororte  mit  Verkehrslinien ­
  ist  unter  anderem  klimatisch  begründet;  die  Lage  der
ohne  Störung  schiffbaren  Flußstrecken  hat  einen  nicht  unbeträchtlichen ­
  Dampferverkehr  lokalen  Charakters  zur  Folge  gehabt.  Noch
an  manchen  anderen  Einzelheiten  erkennen  wir  die  natürlichen  Ursachen ­
  der  Ausgestaltung  lokaler  Verkehrseinrichtungeu,  aber  in  der
Regel  sind  die  rein  wirtschaftlichen  Gründe  für  ihre  fernere  Ausgestaltung ­
  bei  den  eigentümlichen  Verhältnissen  der  Großstädte  doch
von  erheblich  größerem  Gewicht  als  die  rein  topographischen,  und
so  darf  denn  auch  die  Verkehrsgeographie  von  einer  Behandlung
dieser  im  übrigen  sehr  interessanten  und  wichtigen  Fragen  von  ihrem
Standpunkte  aus  absehen.

4*
        <pb n="59" />
        Frommannsche  Buchdruckerei  (Hermann  Pohle)
        <pb n="60" />
        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.

Deutschland  auf  den  Hochstraßen  des  Weltwirtschaftsverkehrs.
Von  A.  I)ix.  1901.  Preis:  4  Mark  50  Pf.
Inhalt:  Einleitung.  —  Deutschland  und  das  Weltmeer.  —  Deutschland  und
die  Hauptwege  des  Weltverkehrs.  —  Der  Anteil  am  Weltwirtschaftsverkehr  und
die  innere  Lage.

Die  Konzentration  im  Seeschiffahrtsgewerbe,  (iy,  m's.)  1913.  Preis:  4  Mark.
Inhalt:  I.  Betrachtungen  über  die  Rentierlichkeit  im  Seeschiffahrtsgewerbe.
—  II.  Die  Höhe  des  stehenden  Kapitals  in  der  Seeschiffahrt.  —  III.  Die  Eigenschaft
der  Vertretbarkeit  heim  Schiffe.  —  IV.  Monopolstellung  und  Konkurrenzkampf  im
Verkehrswesen.  —  V.  Die  Monopolstellung  in  der  Seeschiffahrt.  •—  VI.  Die  Konzentration ­
  m  der  Seeschiffahrt.  —  VII.  Die  Art  der  in  der  Seeschiffahrt  tatsächlich  erreichten, ­
  unvollständigen  Monopolstellungen  und  deren  Verhältnis  zu  den  P’orderungen
  des  Fundamentalsatzes.  —  VIII.  Die  Wirkungen  der  Konzentration  im  Seeschiffahrtsgewerbe. ­
  —  IX.  Rückblick  und  Schlußbetrachtung.

Ueber  den  Einfluß  der  Geschwindigkeit  der  Beförderung  auf  die
tt;  Eine  technisch  -  wirtschaftliche  Unter-SelDStkOSten
  der  Eisenbahnen.  suchun g  unter  besonderer  Berücksichtigung ­
  und  mit  einer  Selbstkostenberechnung  der  Preußisch-Hessischen  Staatseisenbahnen. ­
  Von  Dr.  Ing.  K.  Esch,  Diplom-Ingenieur.  (Mitteil.  d.  Gesellsch.
für  wirtschaftl.  Ausbildung.  Neue  Folge,  lieft  6.)  1911.  Preis:  3  Mark.

IW  oloWricnlio  S«Vi!ffc»n&amp;lt;r  Eine  technische  und  wirtschaftliche  Untersuchung
UM  tueilinscne  acnuiszug.  über  die  Möglichkeit  bezw.  Zweckmäßigkeit  einer
Erhöhung  der  Fahrgeschwindigkeit  auf  verkehrsreichen  Kanälen.  Von  Dr.  Ing.
Max  Schinkel,  Regierungsbauführer.  Mit  7  Kurventafeln.  (Mitteilungen  der  Gesellschaft ­
  für  wirtschaftl.  Ausbildung.  NeueFolge.  Heftl.)  1906.  Preis:  3Mark50Pf.

Technik  und  Wirtschaftlichkeit  im  Schiffahrtsbetriebe.  Laeisz!^Abhandlungen ­
  des  staatswissenschaftlichen  Seminars  zu  Jena,  herausgeg.  von  Prof.
Dr.  Pierstor  ff.  Bd.  IX,  Heft  2.)  1910.  Preis:  3  Mark.

Emden  und  der  Dortmund-Ems-Kanal,  XVugunVfifrVrB.d.".*.'^
für  Import  und  Export  im  nieder  rliei  n  isch  -  w  estfälischen  Industriegebiet. ­
  Von  Dr.  Alfons  Krziza.  Mit  4  Karten  und  1  lithographischen
Tafel.  (Probleme  der  Weltwirtschaft.  Schriften  des  Instituts  für  Seeverkehr  und
Weltwirtschaft  an  der  Universität  Kiel.  Herausgegeben  von  Prof.  Dr.  Bernhard
Harms.  Bd.  8.)  1912.  Preis:  7  Mark.

Amerinnn  Chinnino-  ,ts  History  and  Economic  Conditions  by  Hans  Keiler,
c  tdii  ompping.  Assistent  am  Staatswissenschaftlichen  Institut  der  Universität ­
  Kiel.  (Probleme  der  Weltwirtschaft.  Schriften  des  Instituts  für
Seeverkehr  und  Weltwirtschaft  an  der  Universität  Kiel.  Herausgegeben  von
Prof.  Dr.  Bernhard  Harms.  Band  14.)  1913.  Preis:  6  Mark  geb.  7  Mark  20  Pf.
Dieses  Buch  enthält  eine  ausführliche  Darstellung  der  geschichtlichen  Entwicklung ­
  und  wirtschaftlichen  Bedingungen  der  amerikanischen  Schiffahrt,  ausgezeichnet ­
  durch  weitgehende  Unterstützung  mit  statistischem  und  sonstigem  Aktenmaterial ­
  seitens  großer  amerikanischer  Schiffahrtsgesellschaften,  ferner  des  Directorate
of  the  Library  of  Congress  in  Washington,  des  Senatspräsidenten  Gallinger,  des
Commissioner  of  Navigation  Ohamberlain  und  anderer.
Da  die  amerikanische  Schiffahrt  heute  bereits  größte  Bedeutung  im  überseeischen
Handel  und  Verkehr  erlangt  hat,  so  werden  alle,  die  mit  der  internationalen  Schiffahrt
irgendwie  in  Verbindung  stehen,  diesem  Buche  lebhaftes  Interesse  entgegenbringen.

Die  Stellung  der  Segelschiffahrt  zur  Weltwirtschaft  und  Technik.
Von  Dr.  William  Scholz,  Diplom-Ingenieur.  Mit  13  Tafeln.  (Probleme  der
Weltwirtschaft.  Schriften  d.  Instituts  f.  Seeverkehr  und  Weltwirtschaft  a.  d.  Univ.
Kiel.  Herausg.  von  Prof.  Dr.  B.  Harms,  Kiel.  Bd.  I.)  1910.  Preis:  16  Mark,
        <pb n="61" />
        Frommann  sehe  Buchdruckerei  (Hermann  Bohle)  m  Jena.

Verlas;  von  Gustav  Fischer  in  Jena.

Wörterbuch  der  Volkswirtschaft
in  zwei  Bänden.
Herausgegeben  von
Prof.  Dr.  Ludwig  Elster,
"Wirkt.  Geh.  Ober-Regierungsrat  uncl  Vortragender  Rat  im  Ministerium  der  Geistlichen
und  Unterrichts-Angelegenheiten  in  Berlin.
f~  Dritte,  völlig  um  gearbei  tete  Auflage.  ]
Preis:  broscli.  45  Mark,  elegant  gebunden  50  Mark.
Umfang:  Bd.I:  VIII,  1400  S.;  Bd.II:  1536S.  [mitansführl.Sachregister].  —  Lex.-Forrnat.
Das  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft  ist  für  weitere  Kreise  bestimmt.  Es
soll  ein  Ratgeber  sein  für  alle,  welche  den  wirtschaftlichen  und  sozialen  Fragen
unserer  Zeit  mit  Interesse  folgen.
&amp;lt;  Bei  der  Neubearbeitung  dieses  bekannten  Wörterbuchs  der  Volkswirtschaft  für
die  dritte  Auflage  sind  wiederum  bemerkenswerte  Verbesserungen  vorgenommen
worden,  so  ist  Welthandel,  Weltwirtschaft  und  Weltverkehr  in  erschöpfender  und
einheitlicher  Behandlung  neu  hinzugekornmen,  den  politischen  Parteien,  den  Wahlsystemen ­
  und  der  staatsbürgerlichen  Erziehung  sind  besondere  Aufsätze  gewidmet
worden;  die  Wirtschaftsgeographie  hat  durch  einen  Fachmann  Bearbeitung  erfahren ­
  und  die  Berufsorganisation  ist  in  verschiedenen  ergänzenden  Artikeln  umfassender ­
  als  früher  berücksichtigt.  Im  einzelnen  sind  die  vorhandenen  Gruppen
durch  neue  bereichert  worden,  so  namentlich  das  sich  immer  mehr  ausbreitende  Gebiet ­
  der  sozialen  Hygiene  und  der  Arbeiterfrage.
Von  ganz  besonderem  Wert  ist  das  Werk  für  alle  Deutschen  im  Auslande,
die  sich  über  den  Gang  und  Stand  der  wirtschaftlichen  Verhältnisse  in  der  Heimat
kurz  und  zutreffend  unterrichten  wollen,  und  naturgemäß  über  diese  Dinge  fortdauernd ­
  unterrichtet  bleiben  müssen.
Gerade  für  die  Männer  der  Praxis,  die  jüngeren  Verwaltungsbeamten,  die
Industriellen,  die  Großkaufleute,  Landwirte,  Anwälte,  mit  einem  Worte:  für
solche,  die  im  praktischen  Leben  stehend  am  öffentlichen  Leben  regen  Anteil  nehmen
und  die  sich  deshalb  durch  übersichtliche  Artikel  über  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse ­
  und  die  wirtschaftliche  Gesetzgebung  Deutschlands  und  aller  bedeutenden
Staaten  eine  rasche  und  objektive  Orientierung  verschaffen  wollen,  ist  das  Werk
unentbehrlich.
Ebenso  wichtig  und  wertvoll  ist  es  für  Volks-,  Stadt-  und  Regierungsbibliofheken,
  Lesevereine,  Landratsämter,  Gemeinde-  und  Polizei  Verwaltungen,
Lehrer-  und  Forstbibliotheken,  Konsulate  und  Gesandtschaften.
Das  Wörterbuch  der  Volkswirtschaft  setzt  sich  zusammen  aus  einzelnen  alphabetisch ­
  geordneten  wissenschaftlichen  Arbeiten  von  „sorgfältiger  Gliederung“,  die
„bei  aller  Knappheit  doch  erschöpfend,  bei  aller  Gemeinverständlichkeit  nie
oberflächlich  sind 1 '.  (Deutscher  Reichsanzeiger  Nr.  175,  1898).
Schmollers  Jahrbuch:
...  Es  ist  ein  Werk,  eingerichtet  für  das  Eindringen  in  die  breitesten
Schichten  der  mit  Gesellschafts-  und  Staatswissensclmften  Fühlung  haltenden
Persönlichkeiten,  mögen  sie  noch  im  Studium  stehen,  mögen  sie  im  Amt,  in  der
Wissenschaft,  in  der  Presse,  auf  niederer  oder  hoher  Rangstufe  sich  befinden.
Wenn  somit  das  äußere  Gewand  des  Werkes  als  geradezu  bestechend  bezeichnet
werden  kann,  so  gebührt  in  allen  Hauptpunkten  eine  ebenso  uneingeschränkte  Anerkennung ­
  der  inneren  Gliederung  des  Stoffes  und  dem  Inhalt  eigentlich  aller
Artikel.  Unter  der  äußerlichen  Einteilung  steckt  die  Hauptsache:  eine  wirklich
lebendige  und  praktische  systematische  Gliederung  des  Stoßes,
Prof.  v.  Wenckstern-Breslau.
Prof.  Dr.  Bernhard  Harms,  Kiel,  schreibt:
Dieses  ausgezeichnete  Werk,  das  in  der  internationalen  Literatur  einzig  dasteht 1
sollte  in  keinem  deutschen  Klub  des  Auslandes,  in  keinem  Kontor  eines  größeren
Unternehmens,  vor  allem  aber  in  keinem  deutschen  Konsulat  fehlen.  Es  unterrichtet ­
  über  alle  Fragen  der  Volks-  und  Weltwirtschaft  so  vorzüglich,  daß  von  ihm
mit  Recht  gesagt  werden  darf:  es  ist  ein  unentbehrliches  Nachschlagewerk.
Ausführlicher  Prospekt  kostenfrei!  —  Probe-Lieferung  zur  Ansicht!
        <pb n="62" />
        §  10.  Der  Postverkehr.

49

Image  Engineering  Scan  Reference  Chart  TE263  Serial  No.

mittel  im  eigentlichen  Wortsinne  in  ihr  gewonnen  zu  haben,  sich  als
unerfüllbar  herausstellen  sollten.

§  10.  Der  Postverkehr.

|  Auch  der  für  das  heutige  Verkehrsleben  so  außerordentlich
ichtige  Austausch  von  Gedanken  und  Willensakten,  wie  ihn  die  Post
ärmittelt,  läßt  sich  geographisch  behandeln.  Ja,  er  muß  sogar  als
ne  kulturelle  Tätigkeit,  die  sich  mit  der  Ausgleichung  räumlicher
ntfernungen  im  Interesse  des  Weltverkehrs  befaßt,  gerade  von  diesem
esichtspunkte  der  Raumüberwindung  aus,  behandelt  werden.  Hängt
^Dch  von  der  Art  und  dem  Grade,  in  dem  dies  geschieht,  die  Ent-’icklung
  mancher  weniger  kultivierten  Gebiete  in  sehr  hohem  Maße  ab.
In  einer  Beziehung  ist  auch  der  Postverkehr  fest  mit  dem  Raume
jrbunden,  läßt  sich  also  auch  unmittelbar  auf  diesen  beziehen.  Denn
bedarf  zu  seiner  Ausübung  einer  Reihe  von  Mittelpunkten  sowie
gener  Anlagen  zur  Uebermittelung  von  Nachrichten.  Die  Telegraphenlien
  werden  dabei  öfters  ganz  wie  die  Bahnlinien  behandelt  und  auf
:^e  Fläche  verrechnet  werden,  ebenso  die  Fernsprechleitungen,  doch
”t  das  nur  in  einem  einzigen  Falle  verkehrsgeographisch  berechtigt,
:  imlich  wenn  es  sich  um  den  Vergleich  zweier  verschiedener  Länder
iteinander  handelt,  deren  Einwohnerzahl  dabei  weiter  nicht  berückshtigt
  wird.  Einen  besseren  Vergleich  bedeutet  aber  gerade  im
irkehrsgeographischen  Sinne  die  Beziehung  der  beförderten  Dinge
if  die  Bevölkerung  selbst.  Denn  hier  handelt  es  sich  um  einen  rein
listigen  Verkehr,  für  den  man  schwer  räumliche  Gesetze  aufstellen
&amp;gt;nn.  Für  Gütermassen  läßt  sich  eine  solche,  am  Tonnenkilometer
unessene  Bezugnahme  durchaus  durchführen,  für  den  Menschen  am
irsonenkilometer;  für  die  geographische  Beurteilung  der  Depeschen
irde  dagegen  die  Einführung  eines  ähnlichen  Maßstabes  jedes  verinftigen
  Grundes  entbehren,  da  ja  die  Entfernung,  falls  nur  ein
raht  vorhanden  ist,  keine  Rolle  bei  der  Arbeit  der  Beförderung
ielt.  Zudem  tritt  bei  der  Produzierung  der  Depeschenzahl  auf  die
svölkerungsmenge  auch  die  geographische  Eigenart  vieler  Länder
it  hervor.

Beispiel:  Vergleichen  wir  etwa  Deutschland  und  Großbritannien  und  Irland
Ineinander.  Im  Deutschen  Beiche  kamen  auf  je  1000  qkm  im  Jahre  1912  nicht  weniger
i:  509  km  Telegraphenlinien,  in  Großbritannien  und  Irland  nur  314  km.  Bei  dieser
:  t  von  Berechnung  würde  trotz  der  geographischen  Art  der  Verrechnung  die  verl
  -  irsgeographische  Bedeutung  des  Telegraphennetzes  im  Inselreiche  in  falschem
^  :hte  erscheinen.  Erfahren  wir  dagegen,  daß,  die  Diensttelegramme  nicht  einge-:.“hnet,
  in  Deutschland  auf  jeden  Einwohner  in  dem  angeführten  Jahre  0,6  in-J:
  dische  und  0,3  ausländische  Depeschen  kamen,  in  Großbritannien  und  Irland
s :  ;egen  1,7  inländische  und  0,35  ausländische,  so  zeigt  sich  schon  daran  die  größere
rkehrsbedeutung  des  Telegraphen  in  dem  Hauptlande  des  britischen  Weltreichs,
ergibt  sich  jedenfalls  eine  deutlichere  Charakteristik  der  Art  der  geschäftlichen
§0  tiehungen  als  die  rein  räumliche  Verrechnung,  doch  müssen  wir  uns  dabei  bewußt
■:  iben,  daß  diese  Methode  uns  schon  in  das  Gebiet  nationalökonomischer  Fest-Hungen
  hinüberführt.
f : r-  Aehnlich  wie  in  dem  eben  gegebenen  Beispiel  wird  man  Briefe
v  d  Postanweisungssummen  auf  die  Bevölkerung  beziehen,  da  die
j-  )ße  Angabe  ihrer  Menge  keinen  Wert  besitzt.  Als  Stoff  zu  einer
8 ;i  t  von  „Kulturgeographie“  sind  diese  Verrechnungen  jedenfalls  von
o  ulichem  Wert,  wie  die  in  vielen  geographischen  Lehrbüchern  entf
 -  Itenen  Angaben  über  Analphabeten,  Studierte  und  anderes  mehr.
Dove,  Allgemeine  Wirtschaftsgeographie.  4
        <pb n="63" />
        ﻿
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
