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        <title>Ursachen und Ziele des Zusammenschlusses im Gewerbe</title>
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            <forname>Heinrich</forname>
            <surname>Mannstaedt</surname>
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        </author>
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            <idno>1028908431</idno>
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        ••  ■  y.it
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        Ursachen  und  Ziele
des  Zusammenschlusses
im  Gewerbe

unter  besonderer  Berücksichtigung
der  Kartelle  und  Trusts

Von

Heinrich  Mannstaedt
Dr.  phil.  et  rer.  pol.
Bonn

Jena
Verlag  von  Gustav  Fischer
1916
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        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.

Die  kapitalistische  Anwendung  der  Maschinerie.  SaStaedt 1
Dr.  phil.  et  rer.  pol.  in  Bonn.  Mit  einer  Kurve  im  Text.  1905.  Preis:  2  Mark.
Handel  und  Gewerbe,  Nr.  1  vom  7.  Okt.  1905:
Die  vorliegende  Arbeit  ist  aus  der  Absicht  des  Verfassers  hervorgegangen,
Marx’  Theorie  der  industriellen  Reservearmee  zu  widerlegen.  Der  Verfasser  sucht
die  Frage  zu  beantworten,  ob  den  Nachteilen,  die  durch  die  Anwendung  von  Maschinen
hervorgerufen  werden,  eine  Kompensation  gegenüberstehe.

Die  Konzentration  in  der  Eisenindustrie  und  die  Lage  der  reinen
Ufol-zuiarkn  Von  Heinrich  Mannstaedt,  Dr.  phil.  et  rer.  pol  in  Bonn.
waizwerne.  1900.  Preis .  t  Mark  60  Pf

Das  Submissionswesen  in  Deutschland  Von  Ma ^®is”2 e Mark  40 *  *  *  *  5  *  *  *  9 pf!
Inhalt:  1.  Die  Entstehung  und  Entwicklung  des  Submissionswesens  in
Deutschland  bis  zur  Gegenwart.  —  2.  Das  Submissionsverfahren  der  öffentlichen ­
  Verwaltungen,  a)  Das  Ausbietungsverfahren,  bl  Die  Vertragsverbindungen
(Kaution,  Mehr-  oder  Minderleistung,  Haftpflicht.)  —  3.  Das  Verfahren  der  Unternehmer ­
  hei  den  Angeboten,  a)  Die  Zuschlagserteilung,  b)  Die  Ursachen  der  Preisdifferenzen ­
  bei  den  Angeboten  (Rechenfehler,  Patente  und  Fabrikgeheimnisse,  ungenügende ­
  Selbstkostenberechnung).  —  4.  Die  Arbeitsbedingungen,  a)  Im  Interesse
der  Arbeiter  (Lohnklausel  usw.).  b)  Im  Interesse  der  Arbeitgeber  (die  Streitkiausel).
5.  Die  Wirkungen  des  Submissionswesens,  a)  Auf  die  Löhne,  b)  Auf  die  Kartelle,
c)  Auf  die  Preise,  d)  Auf  die  Qualität  der  Arbeit,  e)  Auf  das  Geschäftsgebaren.
Tägliche  Rundschau  vom  25.  Januar  1907:
Wer  für  die  Gesundung  der  Verhältnisse  irgendwie  zu  wirken  berufen  ist,  kann
sich  aus  dem  Hellerschen  Buch  wegen  seiner  Vielseitigkeit,  Gründlichkeit  und  Zuverlässigkeit ­
  manchen  Rat  holen.  Aber  auch  jeder,  der  sich  an  einer  Verdingung
beteiligen  will,  tut  gut,  erst  das  Hellersche  Buch  zu  lesen;  er  wird  daraus  für-die
Berechnung  und  Aufstellung  eines  vernünftigen  Angebots  manches  lernen  können.

Die  rechtliche  Behandlung  der  Kartelle.
1903.

Von  Dr.  Karl  Hirsch,  Gerichtsassessor ­
  in  Frankfurt  a.  M.
Preis:  1  Mark.

Der  Tag  vom  28  März  1903:
.  .  .  Das  alles  umfaßt  nicht  viel  mehr  als  ein  Dutzend  Seiten  Text  —  aber  in
den  22  Seiten  „Anmerkungen“  ist  eine  erstauliche  Fülle  Materials  durchgearbeitet
zusammengetragen,  das  einem  jeden,  der  über  das  Kartellproblem  wissenschaftlich
arbeiten  oder  sich  auch  nur  orientieren  will,  die  Hirsch’sche  Broschüre  geradezu
unentbehrlich  macht;  in  weitgehender  Weise  sind  auch  die  in  Zeitungen  und
Zeitschriften  zerstreuten  Beiträge  berücksichtigt.  Eine  außerordentlich  erfeuliche
Leistung  eines  emsigen  und  mit  Verständnis  arbeitenden  Fleißes.

Gewerblicher  Konstitutionalismus.
Von  Dr.  Karl  Mamroth.  1911.

Die  Arbeitstarifverträge  in  ihrer  volkswirtschaftlichen ­
  und  sozialen  Bedeutung.
Preis:  4  Mark.

Inhalt:  Einleitung.  Wesen  des  gewerblichen  Konstitutionalismus.  —  1.  Begriffsbestimmung ­
  und  Einteilung  der  Arbeitstarifverträge.  —■  2.  Die  Entwicklung
der  Arbeitstarifverträge.  -—  3.  Der  Inhalt  der  •  Arbeitstarif  Verträge.  —  4.  Gewerkvereine ­
  und  Unternehmerverbände  als  Vorbedingung  der  Arbeitstarifverträge.  —
5.  Die  Anwendbarkeit  der  Arbeitstarifverträge  auf  die  gewerblichen  Betriebsformen.
—  6.  Vorteile  und  Nachteile  der  Arbeitstarifverträge.  —  Schluß:  Ausblick,  insbesondere
auf  die  zukünftige  rechtliche  Gestaltung  der  Arbeitstarifverträge  im  Deutschen  Reiche.
Archiv  für  die  Geschichte  des  Sozialimus.  Bd.  V,  Heft  1/2:
Die  vorliegende  Arbeit  ist  eine  recht  sorgsame  Zusammenfassung  aller  durch
wissenschaftliche  und  praktisch-politische  Diskussion  gewonnenen  Ergebnisse  über
Wesen,  Natur,  Zweck,  Inhalt,  Vorbedingungen,  Anwendbarkeit  usw.  der  Arbeitstarifverträge. ­

...  Im  übrigen  zeigt  die  Arbeit  eine  anerkennenswerte  Orientierung  in  der
einschlägigen  Literatur  und  bietet  durch  ihren  stark  kompilatorischen  Charakter
eine  gute  Möglichkeit,  sich  rasch  über  den  Stand  der  Diskussion  in
einzelnen  Detailfragen  des  Arbeitstarifvertragswesens  zu  unterrichten. ­
  ...  0.  von  Zwiedineck.
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        Ursachen  und  Ziele
des  Zusammenschlusses
im  Gewerbe
unter  besonderer  Berücksichtigung
der  Kartelle  und  Trusts

Von

Heinrich  Mannstaedt
Dr.  phil.  et  rer.  pol.
Bonn

Jena
Verlaq  von  Gustav  Fischer
1916
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        Vorwort.
Vorliegende  Arbeit  war  zu  Beginn  des  Krieges  fast  vollendet.  Es
wäre  zwecklos,  sie  länger  zurückzuhalten,  da  die  Folgen  des  Krieges  auf  '
ihre  Ergebnisse  keinen  Einfluß  haben.  Vermutlich  werden  nach  dem
Kriege  die  Verschiebungen  und  Einengungen  des  Marktes  die  Zusammenschlußbewegungen ­
  erheblich  kräftigen  und  ganz  besonders  in  England,
dessen  günstige  Marktlage  vor  dem  Kriege  eine  Rückständigkeit  auf  dem
Gebiet  der  Industrieorganisation  erlaubte.
Bonn,  Februar  1916.

H.  Mannstaedt.
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        Inhaltsverzeichnis.
Seite
Einleitung  i
I.  Die  Perioden  der  gewerblichen  Freiheit  und  Bindung  4
II.  Die  letzten  Gründe  zur  Ausschaltung  der  freien  Konkurrenz.  .  .  28
1.  Das  Verhältnis  von  Angebot  und  Nachfrage  28
a)  Das  Angebot  28
b)  Die  Nachfrage  33
2.  Die  Aufgaben  der  freien  Konkurrenz  40
3.  Die  Wirkung  der  freien  Konkurrenz  45
III.  Die  Mittel  zur  Milderung  der  Folgen  des  Wettkampfes;  insbesondere
die  Kombinationsbestrebungen  53
IV.  Die  Konkurrenzregulierung  durch  die  Kartelle  und  Trusts  ...  72
1.  Die  Kartelle  72
a)  Die  allgemeinen  Hindernisse  der  Kartellierung  72
b)  Die  Wege  zur  Erreichung  des  Kartellzweckes  83
2.  Die  Trusts  107
a)  Die  Trustformen  107
b)  Die  Trustgründung  110
c)  Die  Marktstellung  der  Trusts  118
3.  Kartell  und  Trust  122
4.  Die  Organisationsbestrebungen  in  den  Vereinigten  Staaten,  &amp;gt;
England  und  Deutschland  125
5.  Die  Beurteilung  der  Preispolitik  138
6.  Die  Monopole  und  der  Staat  154
        <pb n="7" />
        Einleitung.
Unter  den  mannigfachen  Organisationsformen,  die  das  Wirtschaftsleben ­
  umspannen,  nehmen  die  Kartelle  und  Trusts  seit  dem  letzten  Viertel
des  vorigen  Jahrhunderts  einen  immer  breiteren  Raum  ein.
Eine  gesicherte  und  ausgiebige  Bedarfsbefriedigung,  das  Ziel  aller
wirtschaftlichen  Tätigkeit,  ist  in  einer  arbeitsteiligen  Volkswirtschaft
ohne  Organisation  nicht  denkbar.  Teils  loser,  teils  fester  umschlingen
sie  die  Einzelwirtschaften  und  ihren  mannigfachen  Wirkungen  ist  es  zu
verdanken,  daß  sich  die  Handlungen  der  einzelnen,  mögen  sie  auch  von
höchst  egoistischen  Motiven  getrieben  sein,  doch  so  zusammenfügen,  als
wenn  sie  planvoll  von  einem  einheitlichen  Willen  geleitet  würden.  Dieser
einheitliche  Wille,  der  in  letzter  Linie  jene  Organisationen  baut,  ist  das
sogenannte  Wirtschaftsprinzip,  ist  das  Streben  aller  Menschen  stets  den
höchsten  Erfolg  mit  dem  geringsten  Aufwand  zu  erreichen.
Sichtbarer  als  die  meisten  anderen  Organisationen  greifen  die  Kartelle
und  Trusts  in  die  Selbständigkeit  der  Einzelwirtschaften  ein.  Haben  sie
sich  auch  auf  allen  Wirtschaftsgebieten  betätigt,  so  hat  doch  vor  allem
ihre  Wirksamkeit  im  Gewerbe  und  hier  wieder  im  Großgewerbe,  in  der
Industrie,  die  allgemeine  Aufmerksamkeit  auf  diese  neuen  Organisationsformen ­
  gelenkt.  So  sollen  denn  auch  die  Kartelle  und  Trusts  des  Gewerbes ­
  das  Hauptmaterial  der  Untersuchung  geben.
Wirtschaften  heißt,  die  Bedürfnisse  der  Menschen  befriedigen.  Der
einzelne  sucht  sich  durch  seine  wirtschaftliche  Tätigkeit  einen  möglichst
großen  Anteil  an  dem  Gesamterfolge  der  Volkswirtschaft  zu  sichern.
Demnach  sind  nur  zwei  wirtschaftliche  Motive  denkbar,  die  uns  erklären,
warum  jemand  seine  wirtschaftliche  Selbständigkeit  teilweise  oder  vollständig ­
  preisgibt.  Entweder  er  befindet  sich  in  einer  Notlage,  es  entspricht ­
  bei  voller  Selbständigkeit  der  Erfolg  seiner  wirtschaftlichen  Tätigkeit ­
  nicht  mehr  seinen  Bedürfnissen,  seinen  Erwartungen,  oder  er  hofft
Mannstaedt,  Zusammenschluß  im  Gewerbe.
        <pb n="8" />
        2

durch  die  Preisgabe  seiner  Selbständigkeit  dauernd  oder  vorübergehend
einen  größeren  Erfolg  als  bisher  zu  erzielen.  Das  Kartell  schränkt
die  Selbständigkeit  der  Mitglieder  mehr  oder  weniger  ein,  der  Trust  faßt
vorher  selbständige  Unternehmungen  zu  einer  neuen  Einheit  zusammen,
hebt  also  ihre  Selbständigkeit  auf.  Beide  Organisationen  wollen  den
Erfolg  des  wirtschaftlichen  Strebens  heben.
Wenn  eine  Organisationsbewegung,  die  durch  Einschränkung  oder
Aufhebung  der  Selbständigkeit  ihre  Ziele  zu  erreichen  sucht,  allgemeiner
das  Wirtschaftsleben  erfaßt,  dann  kann  man  mit  Sicherheit  erwarten,
daß  das  erste  der  beiden  Motive  die  vorherrschende  treibende  Kraft  ist.
Ohne  den  Zwang  der  Not  opfert  nicht  ein  großer  Teil  der  Wirtschaftenden
die  Selbständigkeit.  Dem  zweiten  Motiv  fällt  nur  eine  unterstützende
Rolle  zu.
Eine  allgemeine  Notlage  ganzer  Gruppen  von  Wirtschaftenden  kann
nur  dort  auftreten,  wo  eine  dauernde  Inkongruenz  zwischen  Angebot
und  Nachfrage  besteht,  wo  durch  längere  Zeit  entweder  das  Angebot  oder
die  Nachfrage  überwiegt.  Die  verschärfte  Konkurrenz  der  Anbieter  oder
der  Nachfrager  schmälert  oder  vernichtet  den  Erfolg  ihres  wirtschaftlichen
Strebens.  Zieht  die  Notlage  in  den  Reihen  der  Kämpfenden  weitere  Kreise,
so  siegen  allmählich  die  gemeinsamen  Interessen  der  Konkurrenten  über
die  Interessengegensätze;  Abwehrbestrebungen:  Organisationsbestrebungen ­
  setzen  ein.  Ohne  Eingriff  in  die  Selbständigkeit  der  Konkurrenten
lassen  sich  aber  die  gemeinsamen  Interessen  mit  Erfolg  nicht  vertreten.
Die  wirtschaftliche  Freiheit  der  einzelnen  wird  unterbunden  durch  die
gemeinsamen  Bestrebungen  der  Gruppen.  Nimmt  die  Bewegung  größere
Dimensionen  an,  so  geht  der  Zustand  der  wirtschaftlichen  Freiheit  in  den
der  wirtschaftlichen  Gebundenheit  über.
Im  Gewerbe  entsteht  eine  allgemeine  Notlage  hauptsächlich  dann,
wenn  das  Angebot  dauernd  die  Tendenz  hat,  die  Nachfrage  zu  überbieten.
Somit  wird  Gewerbefreiheit  oder  der  Drang  nach  Gewerbefreiheit  dort
herrschen,  wo  das  Angebot  dauernd  hinter  der  Nachfrage  zurückbleibt,
während  die  Tendenz  zum  Zusammenschluß  der  Konkurrenten  überall
dort  an  Kraft  gewinnt,  wo  die  Nachfrage  immer  wieder  durch  das  Angebot
überholt  wird.  Die  Wirtschaftsgeschichte  lehrt  uns,  daß  Perioden  der
gewerblichen  Freiheit  abwechseln  mit  Perioden  gewerblicher  Bindung.
Das  Verhältnis  von  Angebot  und  Nachfrage  muß  also  in  den  einzelnen
Perioden  eine  tiefgehende  Wandlung  erfahren  haben.  Die  gleichen  Ursachen ­
  rufen  die  gleichen  Wirkungen  hervor,  wenn  natürlich  auch  die
Organisationen,  die  in  den  Perioden  des  Überangebots  Abhilfe  bringen
sollen,  entsprechend  den  wirtschaftlichen  Gesamtverhältnissen  andere
Formen  annehmen.  Zwischen  den  mittelalterlichen  Zünften  und  den
        <pb n="9" />
        modernen  Kartellen  besteht  keineswegs  eine  tiefe  Kluft.  Ursachen  und
Ziele  sind  bei  beiden  Organisationen  gleich  und  selbst  die  Formen  zeigen
große  Verwandtschaft,  wenn  sie  auch  für  ganz  verschiedene  Wirtschaftskörper ­
  bestimmt  sind.  Zwar  bedarf  es  zum  Verständnis  der  heutigen  Bestrebungen, ­
  die  Konkurrenz  zu  binden,  nicht  der  Kenntnis  der  mittelalterlichen ­
  Zünfte,  jedoch  stellt  ein  flüchtiger  Blick  auf  die  Entwicklung
der  gewerblichen  Organisationen  die  modernen  Zusammenschlußbewegungen ­
  in  einen  größeren  Rahmen  und  hebt  ihre  innere  Notwendigkeit
schärfer  hervor.
        <pb n="10" />
        I,

Die  Perioden  der  gewerblichen  Freiheit
und  Bindung.
Im  Anfang  des  Mittelalters  herrschte  in  den  Städten  Gewerbefreiheit.
Sombart 1 )  hat  besonderen  Nachdruck  auf  diese  Feststellung  gelegt  und
ihre  Bedeutung  für  die  Erklärung  der  Zunftbewegung  hervorgehoben.
Erst  allmählich  ist  die  Freiheit  zur  Ausübung  eines  Gewerbes  durch  den
Zunftzwang  und  andere  Beschränkungen  aufgehoben  worden.  Keineswegs
setzt  diese  Bewegung  in  allen  Gewerben  gleichzeitig  ein.  Im  Gegenteil:
sie  beginnen  in  der  einen  Stadt  früher,  in  der  anderen  später  und  auch  in
derselben  Stadt  werden  nach  und  nach  einzelne  Gewerbe  von  ihr  ergriffen.
Nürnberg  und  Lübeck  gehören  z.  B.  zu  den  Städten,  in  denen  der  Zunftzwang ­
  sich  verhältnismäßig  spät  entwickelte.  In  Frankfurt  a.  M.  bestand
während  des  14.  Jahrhunderts  bei  den  Kürschnern,  Lohgerbern,  Fischern,
Schiffern,  Steindeckern,  Gärtnern,  Webern  kein  Zunftzwang;  erst  im
15.  Jahrhundert  wurde  er  in  diesen  Gewerben  eingeführt.  Die  Beispiele
lassen  sich  leicht  vermehren.  Auch  für  die  außerdeutschen  Länder  konnte
Sombart  entsprechende  Daten  beibringen.
Was  ist  die  Ursache,  daß  man  damals  die  gewerbliche  Freiheit  aufgab
und  einen  Zustand  der  Gebundenheit  einführte,  der  die  Selbständigkeit
der  einzelnen  Zunftmitglieder  immer  stärker  beschnitt  ?  Die  Frage  können
wir  indirekt  beantworten,  indem  wir  zunächst  einmal  festzustellen  versuchen, ­
  warum  vorher  volle  Gewerbefreiheit  möglich  gewesen  war.
Das  Ziel,  das  sich  die  mittelalterlichen  Handwerker  steckten,  war
dasselbe,  das  noch  heute  allen  Erwerbswirtschaften  eigen  ist,  nämlich:
durch  wirtschaftliche  Tätigkeit  für  fremden  Bedarf  den  eigenen  Lebensl ­

 )  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus  1902  Bd.  I  S.  i32ff.
        <pb n="11" />
        5

unterhalt  zu  gewinnen 1 ).  Darin  liegt  ja  der  große  Fortschritt  in  der  wirtschaftlichen ­
  Gesamtorganisation  der  Periode  der  mittelalterlichen  Stadtwirtschaft ­
  gegenüber  der  der  geschlossenen  Hauswirtschaft.  Zur  Zeit
der  geschlossenen  Hauswirtschaft  bildeten  die  Hausgenossen  eine  sich
selbst  genügende  Produktions-  und  Konsumtionsgemeinschaft.  Der
Produktivitätsfortschritt,  den  die  Periode  der  Stadtwirtschaft  brachte,
lag  in  der  Verselbständigung  und  Spezialisierung  der  Berufe,  in  der  Arbeitsteilung. ­
  Von  nun  ab  war  die  Gewinnung  des  eigenen  Lebensunterhaltes
in  immer  steigendem  Maße  nur  möglich  durch  wirtschaftliche  Tätigkeit
für  fremden  Bedarf.  Es  entstand  die  Erwerbswirtschaft.  Der  selbständig
gewordene  städtische  Handwerker  konnte  seinen  Lebensunterhalt  bei
voller  Gewerbefreiheit  nur  so  lange  gewinnen,  als  die  Nachfrage  stets
dem  Angebot  entsprach,  oder  es  überbot.
Die  Marktverhältnisse  im  Frühmittelalter  waren  dieser  Forderung
günstig *  2 ).  Dank  der  Gliederung  des  Volkes  in  althergebrachte  Stände:
Geistlichkeit,  Ritterschaft,  Bauer  und  Bürger,  dank  dem  zähen  Festhalten
an  Sitten  und  Gebräuchen  innerhalb  dieser  Gruppen  konnten  die  Gewerbetreibenden ­
  mit  einer  gleichmäßigen  Nachfrage  rechnen.  Es  hatten  sich
bestimmte  Bedürfnisse  herausgebildet,  die  sich  im  Laufe  einer  längeren
Periode  kaum  änderten.  Gleichzeitig  aber  wuchs  die  Kaufkraft,  diese
Bedürfnisse  zu  befriedigen.  Es  hob  sich  bis  gegen  Ende  des  Mittelalters
die  Wohlhabenheit  des  Bauernstandes  vor  allem  bedingt  durch  die  Aufwärtsbewegung ­
  der  landwirtschaftlichen  Produktion.  Der  Steigerung  der
Ertragsfähigkeit  des  Bodens,  dem  landwirtschaftlichen  Produktivitätsfortschritt, ­
  entsprach  die  Steigerung  der  Leistungsfähigkeit  im  Gewerbe,
hervorgerufen  durch  die  Arbeitsteilung,  die  Spezialisierung.  Die  Kaufkraft ­
  der  einzelnen  wuchs  zunächst  mit  der  Menge  der  Produkte,  die  sie
zu  erzeugen  und  anzubieten  vermochten.  Es  wuchs  auch  die  Kaufkraft
derjenigen,  die  indirekt  an  dem  allgemeinen  Produktivitätsfortschritt
teilnahmen:  der  weltlichen  und  geistlichen  Rentenbezieher.
Für  die  städtischen  Handwerker  zeitigte  die  gestiegene  Produktionskraft ­
  in  Landwirtschaft  und  Gewerbe  nur  so  lange  günstige  Folgen,  wie
das  Austauschverhältnis  nicht  gestört  wurde  durch  ein  Überangebot  von
gewerblichen  Erzeugnissen  oder  gewerblicher  Arbeitskraft.  Das  Angebot
vermochte  aber  im  Frühmittelalter  die  Nachfrage  nicht  zu  überholen.
Einerseits  fehlte  es  an  Arbeitskräften,  andererseits  erlaubte  der  Stand
der  Technik  nicht  eine  schnelle  Ausweitung  der  Erzeugung.
Mangel  an  Handwerkern  bildete  in  jener  Zeit  nicht  die  Ausnahme,

*)  L.  Pohle,  Der  Unternehmerstand  1910  S.  7.
2 )  Sombart  a.  a.  O.  Bd.  I  1.  Buch  6.  Kapitel.
        <pb n="12" />
        sondern  die  Regel,  das  beweisen  die  Privilegien,  durch  die  die  Städte
fremde  Handwerker  heranzuziehen  suchten.  Wodurch  wurde  der  Mangel
hervorgerufen  ?  Zunächst  durch  das  geringe  Wachstum  der  gesamten
Bevölkerung.  Wir  können  feststellen,  daß  infolge  der  großen  Sterblichkeit
während  einer  ganzen  Periode  —  von  1250—1450  —  von  einem  nennenswerten ­
  Zuwachs  der  Bevölkerung  kaum  die  Rede  sein  kann.  Dazu  kam,
daß  der  agrarische  Bevölkerungsüberschuß  ein  reiches  Betätigungsfeld
im  deutschen  Osten  fand,  wo  es  galt,  das  Land  durch  Kolonisation  dem
Deutschtum  zu  gewinnen.  Der  Zustrom  zu  den  städtischen  Gewerben
war  gering.  Damals  öffneten  die  Städte  noch  weit  ihre  Tore.  Aber  auch
abgesehen  von  der  Bevölkerungsbewegung  hätte  sich  die  Zahl  der  Handwerker ­
  nur  langsam  vennehren  können,  da  sich  die  Erfahrung,  auf  der
die  damalige  Technik  beruhte,  nur  allmählich  im  Dienste  der  Meister
erlernen  ließ.  Die  Erfahrung  der  Meister  war  die  einzige  Quelle,  aus  der
die  Technik  schöpfte.  Und  aus  diesem  Grunde  war  auch  ein  rasches  Fortschreiten ­
  der  Technik  selbst  unmöglich.  Denn  wem  die  Kenntnis  des
inneren  Zusammenhanges  der  technischen  Prozesse  fehlt,  wem  Ursache
und  Wirkungen  verschlossen  sind,  der  kann  auch  nicht  zielbewußt  an
dem  Fortschritt  der  Technik  arbeiten.  Nur  der  Zufall  spielt  ihm  eine
Erfindung  in  die  Hände,  die  er  dann  um  so  leichter  als  sein  Geheimnis
bewahren  kann.
Der  niedrige  Stand  und  die  große  Stabilität  der  Technik  und  das
langsame  Wachstum  der  Handwerkerschar  hemmten  ein  Übermaß  des
Angebots.  Durch  den  Produktivitätsfortschritt  in  der  Landwirtschaft
wie  im  Gewerbe  war  die  Gesamtkaufkraft  gestiegen,  aber  in  dem  gesamten
Austauschverhältnis  war  das  Gewerbe  in  der  glücklichen  Lage,  mit  seinen
Waren  den  Bedarf  nicht  voll  decken  zu  können.  Diese  günstige  Lage
konnte  auch  nicht  durch  Konkurrenz  von  auswärts  erschüttert  werden;
die  Transporttechnik  gestattete  keinen  größeren  interlokalen  Verkehr.
Abgesehen  von  den  Zeiten  der  Mißernten,  Kriege  und  Volksseuchen  gewannen ­
  die  Handwerker  stets  durch  Produktion  für  fremden  Bedarf
ihren  Lebensunterhalt,  erreichten  sie  ohne  Not  bei  voller  Freiheit  das
Ziel  ihres  wirtschaftlichen  Strebens.  An  die  Stelle  der  Gebundenheit  in
der  Periode  der  geschlossenen  Hauswirtschaft  trat  die  Gewerbefreiheit  in
der  ersten  Hälfte  der  Periode  der  mittelalterlichen  Stadtwirtschaft.
Aus  dieser  Darstellung  ergibt  sich  auch  die  Antwort  auf  die  Frage:
warum  allmählich  die  Zunftbewegung  einsetzte  und  immer  größere  Bedeutung ­
  erlangte.  Die  Gunst  der  Umstände  wandelte  sich.  Die  Bevölkerung
wuchs  an.  Der  Überschuß  vom  Lande  zog  jetzt  zur  Stadt.  Der  Andrang
zu  den  städtischen  Gewerben  stieg.  Die  notwendige  Folge  war  die  Verstärkung ­
  des  Angebots  gewerblicher  Produkte.  Zwar  wird  sich  durch
        <pb n="13" />
        fortschreitende  Berufsteilung,  Spezialisierung,  die  Produktivkraft  und
folglich  die  Kaufkraft  in  manchen  Gewerbezweigen  gehoben  haben,  jedoch
die  Kaufkraft  des  Partners  des  gesamten  Gewerbes,  der  Landwirtschaft,
vermochte  nicht  Schritt  zu  halten.  Die  Leistungsfähigkeit  des  Landes,
das  auf  den  städtischen  Markt  angewiesen  war,  wurde  durch  den  Stand
der  Betriebstechnik  begrenzt.  Die  landwirtschaftliche  Technik  zeichnete
sich  aber  fast  durch  eine  noch  größere  Stabilität  aus  wie  die  gewerbliche.
Somit  hatten  neue  ländliche  Käuferschichten  nur  aus  größerer  Entfernung
herangezogen  werden  können.  Das  verbot  aber  der  geringe  Entwicklungsgrad ­
  der  Transporttechnik.  Wir  sehen  also:  die  agrarische  Produktion
war  begrenzt  durch  die  Größe  der  Kulturflächen,  die  zum  städtischen
Markt  in  erreichbarer  Entfernung  lagen;  die  gewerbliche  Erzeugung  fand
ihre  Grenze  in  der  Menge  der  beschaffbaren  Rohstoffe  und  der  Zahl  der
Handwerker.  Da  aber  der  Rohstoffbezug  zum  Teil  unabhängig  von  der
Ergiebigkeit  der  Landwirtschaft  war,  so  lag  die  Gefahr  eines  Überangebots
gewerblicher  Erzeugnisse  nahe.  Diese  Gefahr  wurde  durch  die  Bevölkerungsvermehrung ­
  verstärkt,  denn  sie  rief  nicht  nur  stärkeren  Andrang
zu  den  städtischen  Berufen  und  dadurch  Vermehrung  der  Handwerker  waren
hervor,  sondern  führte  ohne  Zweifel  auch  trotz  der  Abwanderung  nach
den  Städten  zu  einer  Verdichtung  der  ländlichen  Bevölkerung  und  erst
recht,  als  die  Städte  begannen,  dem  Andrang  gegenüber  ihre  Tore  zu
schließen.  Das  bedeutete  aber  Verminderung  der  Kaufkraft  des  Landes,
da  ein  größerer  Teil  des  Ertrages  auf  dem  Lande  konsumiert  wurde.  Die
Entwicklung  führt  also  nach  und  nach  mit  Naturnotwendigkeit,  zu  einem
Überangebot  in  den  einzelnen  Gewerbezweigen.  Ein  Konkurrenzkampf
der  Handwerker  begann  und  es  schwand  für  eine  wachsende  Zahl  die
Möglichkeit,  den  Lebensunterhalt  zu  gewinnen.  Die  drohende  allgemeine
Notlage  konnte  nur  durch  Konkurrenzregulierung  beseitigt  werden:  die
Zunftbewegung  setzte  ein.  Künstlich  suchten  die  Handwerker  die  günstigen ­
  Verhältnisse,  die  bisher  bestanden  hatten,  wieder  herzustellen,
wenigstens  das  Angebot  mit  der  Nachfrage  in  Einklang  zu  bringen.
Der  Erfolg  der  Zunftbewegung  wurde  wesentlich  durch  die  Gunst
dreier  Umstände  unterstützt.  Erstens  erleichterte  die  Kleinheit  und  Geschlossenheit ­
  des  Wirtschaftsgebietes,  die  Tatsache,  daß  jedes  Stadtgebiet
mit  einer  größeren  Umgebung  eine  fast  vollständige  Produktions-  und
Konsumtionsgemeinschaft  darstellte,  den  Überblick  über  Angebot  und
Nachfrage.  Ohne  sicheren  Überblick  ist  eine  Anpassung  der  Erzeugung
an  den  Bedarf  unmöglich.  Zweitens  garantierte  die  Stabilität  der
Technik  und  der  Sitten  und  Gewohnheiten,  wie  wir  sahen,  eine  weitgehende ­
  Gleichmäßigkeit  der  Angebot-  und  Nachfrageverhältnisse.
Starke  Schwankungen  der  Nachfrage  sowie  leichte  Vermehrung  des  An ­
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        gebots  erschweren  die  Konkurrenzregulierung.  Drittens  deckte  sich  das
Interesse  der  Stadt  wesentlich  mit  dem  Interesse  der  Handwerker,
folglich  stellte  sich  die  städtische  Wirtschaftspolitik  in  den  Dienst  der
Zünfte.  Je  größer  die  Machtstellung  der  Anbieter,  desto  sicherer  der
Erfolg  der  Marktpolitik.  Durch  den  Zunftzwang,  der  die  Ausübung  des
Handwerks  an  die  Zugehörigkeit  zur  Zunft  band,  durch  die  Bannrechte, ­
  die  den  Wohnsitz  der  Handwerker  außerhalb  der  Stadt  verboten, ­
  durch  die  Handelspolitik,  die  die  Möglichkeit  fremder  Konkurrenz ­
  vollkommen  unterband,  war  den  städtischen  Handwerkern
eine  Monopolstellung  geschaffen.  Daß  die  städtische  Marktpolitik  gegen
das  Interesse  der  Bauern  zugunsten  der  Städter  gerichtet  war,  und  daß
die  Handelspolitik  den  Rohstoffbezug  und  den  Warenabsatz  begünstigen
sollte,  sei  nur  nebenbei  bemerkt.
Ein  voller  Erfolg  konnte  trotzdem  den  Zünften  nur  zeitweise  beschieden
  sein.  Jene  Kräfte,  die  das  Mißverhältnis  zwischen  Angebot  und
Nachfrage  hervorgerufen  hatten,  wirkten  langsam  aber  ständig  fort.
Durch  immer  schärfere  Bestimmungen  mußte  der  Wettbewerb  gezügelt
werden.  Um  den  Zunftmitgliedern  die  Gewinnung  des  Lebensunterhaltes
zu  ermöglichen,  wurde  die  ganze  gewerbliche  Tätigkeit  nach  und  nach  in
einer  Weise  reguliert,  daß  schließlich  von  der  Selbständigkeit  des  einzelnen
nur  noch  der  Schein  übrig  blieb.
Das  einfachste  Mittel,  jedem  Zunftgenossen  gleiche  Chancen  beim
Wettkampf  zu  geben,  waren  die  Preistaxen.  Es  handelte  sich  hier  um  feste
Preise,  nicht  um  Mindestpreise.  Nur  infolge  der  Gleichheit  der  Produktionsbedingungen ­
  und  somit  der  Produktionskosten,  infolge  der  großen  Stabilität ­
  aller  wirtschaftlichen  Verhältnisse,  insbesondere  der  Technik,  und
infolge  der  Kleinheit  des  Wirtschaftsgebietes  konnten  solche  Preistaxen
wirksam  durchgeführt  werden.  Wo  die  Wirtschaftslage  häufig  und  rasch
wechselt,  wo  das  Risiko  groß  ist,  läßt  sich  die  Idee  des  justum  pretium
nicht  verwirklichen.  Wenn  auch  damals  Kriege,  Seuchen  und  Ernteschwankungen ­
  heftige  Störungen  im  Wirtschaftsleben  hervorriefen  —
besonders  die  Folgen  der  Mißernten  können  wir  an  den  Schwankungen
der  Einwohnerziffern  der  Städte  und  den  Mitgliederzahlen  der  Zünfte
feststellen  —  war  doch  das  Risiko  verhältnismäßig  gering.
Wir  wissen,  daß  die  selbständigen  Handwerker  durch  Produktion
für  fremden  Bedarf  den  eigenen  Lebensunterhalt  zu  gewinnen  strebten.
Das  Maß  dieses  Strebens  und  der  Bedarf  für  den  eigenen  Lebensunterhalt
waren  aber  von  jeher  verschieden.  Niemals  herrschte  Gleichheit  der  Produktion ­
  und  des  Ertrages.  Aber  niemals  traten  auch  die  Folgen  dieser
Unterschiede  in  der  Schaffenskraft  und  wirtschaftlichen  Leistungsfähigkeit ­
  mehr  hervor  als  in  den  Zeiten  allgemeinen  Niederganges.  Jedes
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        9

Streben  des  Starken,  durch  Herabdrücken  der  Kosten  und  Ausdehnung
der  Erzeugung  den  Ertrag  auf  der  alten  Höhe  zu  halten  oder  sogar  zu
steigern,  mußte  dem  Schwachen  noch  mehr  die  Luft  zum  Atmen  nehmen.
Nur  eine  allgemeine  Nivellierungspolitik  konnte  die  Starken  niederhalten.
Beim  Rohstoffbezug  aus  der  Ferne  sorgten  die  Zünfte  dafür,  daß
alle  Mitglieder  gleichen  Vorteil  erlangten.  Da  die  Gesellenlöhne  einen
wichtigen  Teil  der  Produktionskosten  ausmachten,  mußten  sie  festgelegt
werden.  Wo  nicht  die  Größe  der  Erzeugung  direkt  ziffermäßig  begrenzt
wurde,  suchte  man  sie  indirekt  einzuengen  durch  die  Bestimmung,  wieviel
Gesellen  und  Lehrlinge  jeder  halten  dürfe.  Da  die  Kosten,  die  Größe  der
Erzeugung  und  nicht  zuletzt  auch  die  Qualität  der  Waren  von  dem  technischen ­
  Verfahren  abhingen,  wurde  auch  dies  bindend  für  alle  Mitglieder
festgelegt.  Niemand  durfte  von  Handwerksgebrauch  und  -gewohnheit
abweichen 1 ).  Endlich  war  auch  der  Absatz  so  reguliert,  daß  jedes  Zunftmitglied ­
  die  gleichen  Chancen  auf  dem  Markt  hatte  und  die  Kunden  die
Waren  aller  Produzenten  miteinander  vergleichen  konnten.
Daß  anfangs  unter  den  Zünften  eine  hohe  Blüte  des  Handwerks  geherrscht ­
  hat,  ist  eine  bekannte  Tatsache.  Aber  je  schwieriger  es  wurde,
das  Angebot  mit  der  Nachfrage  in  Einklang  zu  bringen,  desto  rigoroser
wurde  die  Handhabung  der  Zunftmittel,  vor  allem  aber  die  Ausgestaltung
und  die  Anwendung  der  Bestimmungen,  die  ursprünglich  helfen  sollten,
einen  geeigneten  Nachwuchs  zu  erziehen.  Sie  wurden  zur  Schikane,  die
den  Zudrang  zu  den  Gewerben  fast  vollständig  unterbanden.
So  sehen  wir,  wie  die  Zünfte  machtvolle  Organisationen  darstellten,
die  das  Interesse  der  Gesamtheit  der  Handwerker  vertraten,  sie  waren
Interessenten  verbände  mit  dem  Ziele  einer  angemessenen  Verteilung  der
Aufträge.  Sie  sollten  ihren  Mitgliedern  die  Erlangung  eines  auskömmlichen
Lebensunterhaltes  sichern.  Gleichzeitig  aber  waren  die  Zünfte  auch  Organe
der  öffentlichen  Verwaltung  und  als  solche  fiel  ihnen  die  Aufgabe  zu,  das
Interesse  der  Konsumenten  zu  vertreten,  dafür  zu  sorgen,  daß  für  gutes
Geld  auch  gute  Ware  geliefert  wurde.  Die  Produzentenorganisation  war
mit  der  Wahrung  der  Interessen  der  Konsumenten  betraut.  Das  kann  nicht
wunderbar  erscheinen.  Die  Stadt  bildete  eine  geschlossene  Produktionsund ­
  Konsumtionsgemeinschaft,  der  Bezug  aus  der  Fremde  war  gering.
Jedes  Mitglied  einer  Zunft  war  Produzent,  aber  zugleich  auch  Konsument
zahlreicher  Produkte  anderer  Zünfte.  Hier  zeigte  die  Kleinheit  der  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse  deutlich,  daß  Produzenteninteressen  und  Konsumenteninteressen ­
  sich  ausgleichen  müssen.  Wo  dieser  Ausgleich  dauernd
gestört  wird,  fällt  schließlich  der  Nachteil  auf  den  Störer  zurück.  Jede

J )  Pohle  a.  a.  O.  S.  53.
        <pb n="16" />
        IO

einseitige  Vertretung  des  Produzenteninteresses  rief  die  Gefahr  hervor,
daß  jedes  Zunftmitglied  von  den  Maßnahmen  der  anderen  Zünfte  getroffen ­
  wurde.  Und  dennoch  schreckten  die  Zünfte  nicht  vor  der  einseitigen
Wahrung  ihrer  Interessen  zurück,  je  mehr  sich  die  wirtschaftliche  Lage
verschlechterte.  Wie  die  Stadt  in  ihrer  Marktpolitik  dem  Lande  gegenüber
einseitig  den  Konsumentenstandpunkt  vertrat,  so  stellten  die  Zünfte  ihren
Abnehmern  gegenüber  schließlich  einseitig  den  Produzentenstandpunkt  in
den  Vordergrund.
Alle  Versuche  der  Zünfte,  Angebot  und  Nachfrage  in  Einklang  zu
setzen,  zielten  auf  eine  Anpassung,  eine  Einschränkung  des  Angebots
ab.  Die  Anpassung,  die  Ausdehnung,  der  Nachfrage  hätte  in  der  Hauptsache ­
  vom  Lande  ausgehen  müssen.  Sie  war  infolge  des  Standes  der
landwirtschaftlichen  Betriebstechnik  sowie  der  Transporttechnik  nur
möglich,  wenn  die  Städte  bereit  waren,  höhere  Preise  für  die  landwirtschaftlichen ­
  Produkte  zu  bewilligen.  Die  Marktpolitik  der  Städte  aber
zielte  auf  eine  Tiefhaltung  der  Preise  hin,  wodurch  die  ländliche  Nachfrage
gedrückt  und  jeder  Anreiz  zu  einem  betriebstechnischen  Fortschritt  unterbunden ­
  werden  mußte.  Auf  der  anderen  Seite  sorgten  wieder  die  Zünfte
durch  ihre  Nivellierungspolitik,  daß  auch  hier  jedes  Streben  nach  Fortschritt ­
  und  Senkung  der  Produktionskosten  ausgemerzt  wurde.  Die
einzige  Möglichkeit,  die  Preissteigerung  agrikoler  Produkte  auszugleichen
durch  die  Preissenkung  gewerblicher  Erzeugnisse,  war  damit  genommen.
Somit  blieb  nur  der  Weg  offen,  den  die  Zünfte  einschlugen,  ihren  Mitgliedern ­
  einen  bescheidenen  Lebensunterhalt  zu  sichern:  Sperrung  des
Mitgliederzuwachses  und  Aufteilung  der  Nachfrage  durch  weitgehende
Regulierung  jeder  wirtschaftlichen  Tätigkeit  ihrer  Mitglieder.
War  der  Anfang  der  Periode  der  Stadtwirtschaft  gekennzeichnet
durch  den  großen  Produktivitätsfortschritt  im  Gewerbe  und  der  Landwirtschaft, ­
  so  beobachten  wir  in  ihrem  Verlauf  einen  allgemeinen  Stillstand, ­
  ja  teilweise  einen  Rückschritt  der  Produktivität  in  den  beiden
großen  Wirtschaftsgebieten.
Fragen  wir  uns  nun,  wann  die  aus  dem  Mittelalter  überkommene
Gebundenheit  wieder  durch  einen  Zustand  gewerblicher  Freiheit  ersetzt
werden  konnte,  so  ergibt  sich  die  Antwort  von  selbst,  nämlich:  dann,  wenn
gewaltige  Produktivitätsfortschritte  wiederum  das  ganze  Wirtschaftsleben
auf  eine  neue  Basis  stellten,  wie  zu  Anfang  des  Mittelalters,  wenn  eine
andauernde  Produktivitätssteigerung  in  Landwirtschaft  und  Gewerbe,
Handel  und  Verkehr  eine  solche  Extensivierung  und  Intensivierung  des
Marktes  hervorrief,  daß  immer  wieder  die  Nachfrage  nicht  durch  das  Angebot ­
  befriedigt  werden  konnte,  wenn  sich  infolge  jener  Fortschritte  der
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        Raum  für  wirtschaftliche  Betätigung  so  rasch  erweiterte,  daß  die  Köpfe
und  Hände  nicht  ausreichten,  ihn  zu  füllen.
Produktivitätsfortschritte  auf  einzelnen  Gebieten  haben  auch  die
Jahrhunderte  der  gewerblichen  Bindung  aufzuweisen,  so  besonders  Handel
und  Verkehr.  Der  Fernhandel,  als  Zwischenhandel  oder  als  Handel  mit
den  Produkten  des  heimischen  Gewerbefleißes,  wuchs  an  Bedeutung  und
schuf  sich  seine  besonderen  Verkehrsinstrumente.  Die  Jahrmärkte  und
vor  allem  die  Messen,  die  schon  seit  dem  12.  Jahrhundert  auf  kamen,
führten  die  Händler  aus  allen  Ländern  zusammen.  Der  Zahlungs-  und
Geldverkehr  paßte  sich  den  neuen  Bedürfnissen  an  und  ging  Hand  in
Hand  mit  der  Entfaltung  des  Bankwesens.  Kapitalbörsen  entstanden.
Neben  See-  und  Flußsjphiffahrt  wurde  allmählich  auch  der  Frachtverkehr
zu  Lande,  besonders  im  Anschluß  an  die  Messen,  organisiert  und  aus  dem
mittelalterlichen  Botendienst  entwickelte  sich  seit  dem  16.  Jahrhundert
ein  regelmäßiger  Postverkehr  für  Nachrichten,  Personen  und  Waren,  der
durch  den  Bau  der  Chausseen  im  17.  und  18.  Jahrhundert  erheblich  gefördert ­
  wurde.  Überall,  wo  größere  Gebiete  unter  einem  Herrscher  zusammengefaßt ­
  wurden,  fielen  die  Binnenzölle,  bahnten  einheitliches  Recht
und  einheitliche  Geld-,  Maß-  und  Gewichtsysteme  dem  Handel  den  Weg.
Eine  tiefgreifende  Umwälzung  des  Fernhandels  rief  die  Entdeckung
Amerikas,  der  Verkehr  mit  den  Kolonien  hervor.  So  erlangte  für  manche
Städte  und  Gegenden  der  fremde  Markt  neben  dem  lokalen  Markt  immer
größere  Bedeutung.  Doch  diese  Markterweiterung  vollzog  sich  zu  langsam
und  war  vor  allem  nicht  umfassend  genug,  da  die  Transportmittel  einen
Massenversand  nicht  zuließen,  folglich  die  hohen  Kosten  nur  von  den
wertvolleren  Gütern  getragen  werden  konnten.  Die  Fortschritte  auf  dem
Gebiete  des  Handels  und  Verkehrs  reichten  nicht  aus,  um  Raum  für  eine
neue  Periode  der  Gewerbefreiheit  zu  schaffen.  Immerhin:  wo  die  Marktausweitung ­
  ausgiebig  und  nachhaltig  war,  mußten  auch  die  Handwerker
Nutzen  aus  der  neuen  Absatzmöglichkeit  ziehen;  zunächst  jene,  die  für
den  fernen  Markt  arbeiteten,  dann  alle,  weil  durch  die  erhöhte  Erwerbsmöglichkeit ­
  die  lokale  Kaufkraft  wuchs.
Diese  neue  Nachfrage  in  der  Fremde  brachte  nicht  die  Freiheit,  sondern
eine  neue  Abhängigkeit  und  Bindung,  die  vielfach  ihren  Ausdruck  in  einer
neuen  Organisationsform  fand  und  finden  mußte.  Das  Verlag  System,  die
Hausindustrie,  entwickelte  sich.  Die  Kleinheit  des  Handwerksbetriebes
und  der  Mangel  an  Kapital  gestattete  es  dem  einzelnen  Handwerker  nicht,
selbst  den  Fernabsatz  seiner  Produkte  in  die  Hand  zu  nehmen,  er  mußte
sich  eines  Vermittlers  bedienen.  Ein  Händler  oder  ein  Handwerksgenosse
übernahm  als  Verleger  den  Verkauf  der  Waren  einer  größeren  Zahl  Handwerker, ­
  Hausindustrieller,  auf  dem  fernen  Markt.  Aber  nicht  nur  auf  die
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        "■SS*

12

städtischen  Handwerker,  sondern  auch  ganz  besonders  auf  den  bäuerlichen
Hausfleiß  stützte  sich  das  Verlagsystem 1 ).
Die  Anfänge  dieser  Bestrebungen  fallen  bereits  ins  13.  und  14.  Jahrhundert ­
  und  vom  16.—19.  Jahrhundert  spielte  die  Hausindustrie  eine
große  Rolle  und  genoß  in  der  Zeit  des  Merkantilismus  eine  besondere
Förderung  der  Regierungen.  Die  Gegenden  mit  aufblühender  Hausindustrie ­
  waren  die  reicheren  gegenüber  jenen  mit  lokalem  Absatz.  Der
Versand  der  schlesischen  Leinenindustrie  ging  im  18.  Jahrhundert  nach
Holland,  England,  Spanien  und  Westindien.  Aber  straffe  Organisation
war  die  Basis  der  Blüte  und  die  Zünfte  lieferten  zum  Teil  das  Vorbild.
Der  Fernverkehr  war  mit  großen  Gefahren  verknüpft  und  mußte  mit
langen  Transportzeiten  rechnen.  Die  bescheidenen  Hilfsmittel  erlaubten
nicht  einen  sicheren  Überblick  über  die  Aufnahmefähigkeit  der  fremden
Märkte  und  den  Wechsel  ihrer  Kaufkraft.  Dieses  Risiko  des  Absatzes
vermochte  der  Verleger  nur  zu  tragen,  wenn  er  wenigstens  beim  Bezug
der  Waren  mit  festen  gegebenen  Verhältnissen  rechnen  konnte.  Seine
Beziehungen  zu  den  einzelnen  Handwerkern  verlangten  eine  Regelung.
Umgekehrt  hing  die  Existenz  der  Hausindustriellen  vom  Verleger  und
seinen  Erfolgen  ab.  Man  hat  die  Hausindustrie  den  dezentralisierten
Großbetrieb  genannt.  Im  zentralisierten  Großbetrieb  wird  durch  die
Fabrikordnung  das  Verhältnis  zwischen  Unternehmer  und  Arbeiter  geregelt. ­
  Der  Fabrikordnung  entsprach  in  der  Hausindustrie  zu  einem  guten
Teil  die  Organisation  zwischen  Verleger  und  Handwerker.  Darüber  hinaus
aber  war  sie  eine  Konkurrenzregulierung  sowohl  der  Verleger  wie  auch
der  Hausindustriellen  untereinander.  Die  Konkurrenzregulierungen  aber
beweisen,  wie  wenig  die  Markterweiterung  imstande  war,  das  Verhältnis
von  Angebot  und  Nachfrage  dauernd  zugunsten  des  Angebots  zu  wenden.
Wir  sehen  aber  auch,  daß  sich  der  selbständige  handwerksmäßige  Betrieb ­
  nicht  zur  Befriedigung  eines  vergrößerten  Marktes  eignet.  Das  mittelalterliche ­
  Handwerk,  das  Zusammenarbeiten  von  Meistern  und  einigen
wenigen  Gesellen  und  Lehrlingen,  ist  die  ausgesprochene  Organisationsform ­
  der  Produktionsstätten  des  lokalen  Marktes.  Die  selbständige
Produktionsstätte  für  den  interlokalen  Markt  verlangt  eine  neue  Organisationsform. ­
  So  entstand  neben  dem  Verlagsystem  die  Manufaktur, ­
  der  Fabrikbetrieb,  der  zentralisierte  Großbetrieb.  Unter  einx

 )  Sombart  a.  a.  O.  Bd.  2  S.  130:  „Was  von  der  ländlichen  Zuwachsbevölkerung
nicht  auf  Neuland  abgeschoben  werden  konnte,  mußte,  soweit  nicht  eineHerabdrückung
des  Lebensstandards  als  Auskunftsmittel  gewählt  wurde,  bei  der  geringen  Aufnahmefähigkeit ­
  der  Städte  und  der  geringen  Entwicklung  der  landwirtschaftlichen  Technik
durch  Verwertung  seiner  Arbeitskräfte  mittels  gewerblicher  Tätigkeit  sich  am  Leben
zu  erhalten  suchen."
        <pb n="19" />
        i3

heitlicher  Leitung  wurden  die  zersplitterten  Produktionsstätten  zusammengefaßt ­
  unter  einem  Dach,  in  einem  geschlossenen  Betrieb.  Wie  sich  in
Italien  zuerst  das  Verlagsystem  entfaltete,  so  können  wir  hier  die  Manufaktur ­
  am  weitesten,  bis  ins  Mittelalter,  zurückverfolgen.  Stärker  tritt
sie  im  17.  und  18.  Jahrhundert  hervor.
So  haben  die  Fortschritte  in  Handel  und  Verkehr  zwei  neue  Organisationsformen ­
  im  Gewerbe  hervorgerufen,  die  sich  aber  noch  auf  die
alte  Handwerkstechnik  stützen:  Verlagsystem  und  Manufaktur.  Im
dezentralisierten  und  zentralisierten  Großbetrieb  tritt  uns  eine  besondere,
eine  höhere  Form  der  Erwerbswirtschaft  entgegen,  in  der  sich  das  Erwerbsprinzip ­
  auswirkt  im  Großbetrieb:  die  Unternehmung,  jene  Organisationsform, ­
  die  sich  allmählich  das  ganze  Wirtschaftsleben  erobert.  Unter
Erwerbswirtschaft  verstanden  wir  jene  Wirtschaft,  die  durch  Produktion
für  fremden  Bedarf  die  Gewinnung  des  eigenen  Lebensunterhaltes  bezweckt.
,,Die  Erwerbswirtschaft  macht  dann  die  Metamorphose  zur  Unternehmung
durch,  wenn  der  Betrieb  so  umfangreich  wird,  daß  die  Tätigkeit  seiner
Leitung  und  Verwaltung  allein  schon  die  ganze  Arbeitskraft  mindestens
einer  Person  erfordert 1 ).“  In  der  Unternehmung  ist  eine  vollständige
Scheidung  zwischen  der  organisatorischen  oder  dispositiven  Arbeit  und
der  ausführenden,  der  körperlichen  Arbeit  durchgeführt.  Wo  in  der  Landwirtschaft, ­
  im  Gewerbe  und  im  Handel  der  Betrieb  eine  solche  Größe
erreicht  hat,  daß  eine  vollständige  Teilung  zwischen  dispositiver  und
exekutiver  Arbeit  durchgeführt  werden  muß,  geht  er  in  die  landwirtschaftliche, ­
  industrielle  oder  kaufmännische  Unternehmung  über.  Auch  die
Unternehmung  sucht  einen  Ertrag  zu  erwirtschaften  durch  Produktion
für  fremden  Bedarf.  Da  aber  nur  der  unternehmungsweise  Betrieb  geeignet
ist,  die  Erzeugung  und  den  Absatz  für  den  interlokalen  Markt  zu  übernehmen, ­
  so  liegt  es  auf  der  Hand,  daß  die  Zunftorganisationen  an  Bedeutung ­
  verlieren,  je  mehr  der  ferne  Markt  den  lokalen  überwiegt.  Nichtbeachtung ­
  oder  Zerbrechen  der  Zunftorganisationen  bedeutet  aber  noch
nicht  Gewerbefreiheit.  Das  zeigen  schon  die  Konkurrenzregulierungen,
die  auch  das  Verlagsystem  nicht  entbehren  konnte.  Und  als  die  Manufaktur ­
  größeren  Umfang  annahm,  da  begann  auch  schon  jene  neue  Ära
der  Produktivitätsfortschritte,  die  nicht  wenig  durch  die  Manufaktur  gefördert ­
  wurde,  da  das  Zusammenarbeiten  vieler  in  geschlossenem  Betriebe
wesentlich  zur  Arbeitsteilung  und  Ersetzung  der  Teilarbeiter  durch  Maschinen ­
  anregte.
Nicht  nur.  im  Handel  und  Verkehr,  sondern  auch  im  Gewerbe
hatten  die  Jahrhunderte  der  mittelalterlichen  Gebundenheit  Produktivi-*)

  Pohle,  Unternehmerstand  S.  7.
        <pb n="20" />
        H

tätsfortschritte  aufzuweisen,  meist  aber  außerhalb  des  Rahmens  des
zünftigen  Handwerks.  In  der  Eisenindustrie  z.  B.  vollzog  sich  im  15.  Jahrhundert ­
  der  Übergang  vom  Stückofen  zum  Hochofen  und  begann  die  Anwendung ­
  von  Wasserkraft  zum  Bewegen  größerer  Blasebälge.  So  erhielt
man  an  Stelle  der  Luppe  flüssiges  Roheisen 1 ).  Die  erste  Wanderung  der
Eisenindustrie  von  den  Stätten  der  Erz-  und  Holzkohlegewinnung  zu  den
Wasserläufen  begann.  Die  Aufbereitung  der  Erze  durch  Pochen  mit
Wasserhämmern  und  Schlemmen  verbesserte  ebenfalls  die  Ausbeute.  Die
Verarbeitung  des  Eisens  erhielt  mächtige  Anregung  vor  allem  durch  die
Anforderungen  der  Kriegstechnik.  Im  16.  Jahrhundert  stoßen  wir  auf  die
ersten  Anlagen  zum  Walzen  des  Eisens *  2 ).  Ferner  sehen  wir,  wie  die  fortschreitende ­
  Technik  ganz  neue  Industriezweige  ins  Leben  ruft,  z.  B.  die
Stärkegewinnung,  die  Tabakbereitung,  die  Porzellan-,  Fayence-  und  Steingutfabrikation, ­
  die  Zuckerraffinerie  usw.  Der  Raum  für  wirtschaftliche
Betätigung  und  die  Kaufkraft  wuchs  auch  durch  diese  Fortschritte.  Wie
wenig  sie  aber  einer  neuen  Gewerbefreiheit  den  Weg  zu  bahnen  vermochten,
zeigt  die  Tatsache,  daß  diese  neuen  Fabrikationszweige  meist  nur  durch
tatkräftige  Unterstützungen  der  Regierungen  mittels  Privilegien  aller  Art
entstanden.
Die  Produktivitätsfortschritte  im  Handel  und  Verkehr  und  im  Gewerbe ­
  reichten  nicht  aus,  dauernd  das  Verhältnis  von  Angebot  und  Nachfrage ­
  so  stark  zugunsten  des  Angebotes  zu  beeinflussen,  daß  nur  durch
Sprengung  der  alten  Gebundenheit,  durch  vollständige  Entfesselung  der
Produktionskraft  die  Bedarfsdeckung  ermöglicht  worden  wäre.  Dieser
Umschwung  vollzog  sich  erst  seit  der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts,
seitdem  der  ununterbrochene  weitere  Fortschritt  auf  allen  Gebieten  die
im  ganzen  immer  noch  vorherrschende,  geschlossene  Stadtwirtschaft  in
die  Nationalwirtschaft  und  die  Weltwirtschaft  überführte.  Der  gewaltige
Sprung  vom  lokalen  Markt  zum  nationalen  Markt  und  Weltmarkt  deutet
schon  an,  welche  enorme  Vermannigfaltigung  und  Vermehrung  der  Güter,
welche  Steigerung  der  Erzeugungskraft  stattgefunden  haben  muß.  Dieser
enorme  Fortschritt,  der  das  ganze  Wirtschaftsleben  auf  eine  neue  Basis
stellte,  war  in  erster  Linie  dem  Unternehmertum  und  der  modernen  Technik
zu  verdanken.
Überall  sehen  wir  in  der  Übergangszeit  die  Unternehmung  aus  den
handwerksmäßigen  Betrieben  herauswachsen.  Diejenigen  Leiter  oder  Besitzer ­
  der  kleinen  Betriebe,  die  die  Marktverschiebungen  richtig  erfaßten,

&amp;gt;)  Beck,  Geschichte  des  Eisens  Bd.  II  S.  177.
2 )  Beck,  Bd.  II  S.  951,  Bd.  III  S.  245.
        <pb n="21" />
        iS

die  nötige  Initiative,  das  Organisationstalent  und  die  Willenskraft  besaßen,
stiegen  empor  und  allmählich  unter  steter  Benutzung  der  Geschäftsgewinne ­
  —  solange  andere  Kapitalquellen  noch  nicht  zur  Verfügung
standen  —  dehnten  sich  ihre  Betriebe  zu  immer  größeren  Unternehmungen
aus.  Das  wichtigste  Hilfsmittel  zur  Schaffung,  Eroberung  und  Beherrschung
des  Marktes  war  zunächst  die  moderne  Technik 1 ).
Die  moderne  Technik  hat  überall  die  Schranken  durchbrochen,  die
das  Wirtschaftsleben  einengten.  Die  Voraussetzung  ihrer  Entfaltung  war
die  fortschreitende  naturwissenschaftliche  Erkenntnis.  Sobald  es  möglich
war,  die  physikalischen  und  chemischen  Prozesse  so  klarzulegen,  daß  ihr
Verlauf  sich  in  eine  einfache  mathematische  Formel  fassen  ließ,  konnte
man  auch  die  Wirksamkeit  jedes  einzelnen  Faktors  in  den  Prozessen  auf
das  Resultat  verfolgen,  und  war  somit  in  der  Lage,  Wege  ausfindig  zu
machen,  um  die  Prozesse  rationeller  zu  gestalten.  Die  Ersparung  an
Arbeitskräften,  Material,  Zeit  und  Raum  war  die  Folge.
Weit  rascher,  vollkommener  und  sparsamer,  als  es  die  einzelnen
Arbeitskräfte  nach  der  alten  Technik  vermochten,  vollführen  Arbeitsmaschinen ­
  und  Kontrollapparate  wichtige  Funktionen  bei  der  Erzeugung;
gewaltige  Kraftmaschinen  aller  Art  heben  die  Leistungen  weit  über
den  alten  Stand  hinaus.  Arbeitskräfte  und  Rohstoffe  werden  erspart,
die  neuen  Beschäftigungen  zugeführt  werden  können.  Aber  auch  tierische
Kräfte  werden  entbehrlich,  wodurch  in  letzter  Linie  Bodenflächen,  die
sonst  der  Ernährung  dieser  Tiere  dienen  müßten,  für  andere  Zwecke  verfügbar ­
  werden.  Neue  Stoffe  und  Verfahrungsweisen  stellt  die  moderne
Technik  zur  Verfügung  und  diese  ermöglichen  eine  außerordentliche  Vermannigfaltigung
  der  Erzeugung.  Während  das  Gewerbe  des  Mittelalters
größtenteils  organische  Stoffe,  die  die  Landwirtschaft  und  der  Wald
lieferten,  verarbeitete,  gewinnen  jetzt  die  anorganischen  Stoffe  an  Bedeutung ­
  und  verdrängen  in  immer  größerem  Ausmaße  die  alten  organischen
Stoffe.  Dadurch  werden  wiederum  weite  Landflächen,  die  sonst  der  Erzeugung ­
  der  organischen  Rohstoffe  für  das  Gewerbe  dienen  mußten,
anderen  Kulturen  zugeführt  und  das  Gewerbe  wird  von  den  Fesseln  befreit,
die  die  Größe  der  Produktionskraft  und  die  Länge  der  Wachstumsperiode
in  der  Land-  und  Forstwirtschaft  ihm  anlegte.  Also  Raumersparnis  auf
der  einen  Seite,  Zeitersparnisse  und  eine  erheblich  größere  Elastizität  der
gewerblichen  Erzeugung  auf  der  anderen  Seite.
Am  augenfälligsten  sind  die  Erfolge  der  modernen  Technik  im  Gewerbe.
Aber  die  Landwirtschaft  hat  auch  Nutzen  aus  der  Entwicklung  der  Technik
gezogen.  Außerdem  hat  die  klare  Erkenntnis  der  biologischen  Prozesse

h  Hierzu:  Sombart,  Deutsche  Volkswirtschaft  im  19.  Jahrhundert  S.  i53ff..
        <pb n="22" />
        —  i6  —
hier  wesentlich  zur  Rationalisierung  des  Betriebes  beigetragen.  Es  sei  nur
erinnert  an  den  Übergang  von  der  Dreifelderwirtschaft  zur  Fruchtwechselwirtschaft, ­
  an  die  Einführung  der  Stallfütterung,  an  die  Drainierung,  an
die  Anwendung  künstlichen  Düngers  und  die  Benutzung  landwirtschaftlicher ­
  Maschinen  aller  Art  usw.
Am  wichtigsten  sind  aber  ohne  Zweifel  die  Fortschritte  der  Verkehrstechnik, ­
  die  durch  die  Verbilligung  und  Beschleunigung  des  Personen-,
Wagen-  und  Nachrichten  Verkehrs  den  Sprung  vom  lokalen  Markt  zum
nationalen  Markt  und  Weltmarkt  ermöglichten.
Die  steigende  Produktivität  der  menschlichen  Arbeit  war  die  Quelle
des  wachsenden  Reichtums  und  damit  der  Anlage  suchenden  Kapitalien,
die  ihrerseits  in  den  Händen  der  Unternehmer  zu  einem  Mittel  beschleunigter ­
  Entwicklung  wurden.
Überall,  wo  sich  diese  Entwicklung  durchsetzte,  wurde  auch  Raum
geschaffen  für  eine  neue  Gewerbefreiheit.  Daß  die  alte  Form  der  Gebundenheit, ­
  die  für  den  lokalen  Markt  bestimmte  Zunftorganisation  zerbrochen ­
  werden  mußte,  wurde  schon  hervorgehoben.  Die  neuen  Betriebsorganisationen, ­
  die  Unternehmungen,  waren  dem  Zunftrahmen  entwachsen.
Aber  daß  auch  sie  eine  Zeitlang  volle  Freiheit  genießen  konnten,  verdanken ­
  sie  der  Gunst  der  Verhältnisse,  die  in  dem  Überwiegen  der  Nachfrage ­
  über  das  Angebot  zeigen,  daß  noch  hinreichend  Raum  für  die  Entwicklung ­
  der  Mehrzahl  der  vorwärtsstrebenden  Unternehmungen  vorhanden ­
  ist.
In  England  hat  zuerst  die  neue  Technik  ihren  Siegeszug  begonnen.
Hier  mußte  sich  auch  zuerst  der  Umschwung  von  der  Gebundenheit  zur
Freiheit  vollziehen.  Am  augenfälligsten  waren  im  18.  Jahrhundert  die
Fortschritte  in  der  Eisen-,  Textil-  und  Maschinenindustrie.  Die  Holzkohlennot
  in  der  Eisenindustrie,  die  eine  Erschöpfung  der  Wälder  heraufzubeschwören ­
  drohte,  wurde  beseitigt,  nachdem  es  seit  1735  gelang,  aus
Steinkohle  gewonnenen  Koks  zur  Verhüttung  der  Erze  im  Hochofen  zu
verwenden.  Durch  Koks  Verwendung,  Erhöhung  der  Hochöfen  und  durch
Benutzung  von  Zylindergebläsen,  die  vermutlich  seit  1768  angewendet
wurden,  ist  die  Leistungsfähigkeit  der  Roheisenindustrie  erheblich  gestiegen. ­

Es  betrug  die  Roheisenproduktion:

1740

17000  t

1788

68  000  t

1796

125000  t

l )  Bouniatian,  Wirtschaftkrisen  und  Überkapitalisation  1908  Bd.  II  S.  153.
        <pb n="23" />
        -  17  —
1823  442000  t
1848  2093000  t
Eine  Ergänzung  bildete  die  Erfindung  des  Puddelprozesses  1784,  der
erlaubte,  die  Umwandlung  von  Roheisen  in  schmiedbares  Eisen  in  größerem
Maßstabe  durchzuführen.  Steigerung  und  Verbilligung  der  Eisenerzeugung
war  eine  Vorbedingung  der  Maschinenära.  Bekannter  sind  die  Fortschritte
in  der  Textilindustrie.  Sie  ergreifen  zunächst  die  Baumwolle.  Mit  der
Erfindung  der  Spinnmaschinen  von  Arkwr  ight  1768  und  des  mechanischen
Webstuhls  von  Cartwright  1785  setzte  die  Umwälzung  ein,  die  zu  einer
wesentlichen  Steigerung  der  Leistungsfähigkeit  führte.  In  den  letzten
20  Jahren  des  18.  Jahrhunderts  verachtfachte  sich  Englands  Einfuhr  von
Baumwolle,  während  die  Ausfuhr  von  Baumwollwaren  sich  auf  das  15%-fache
  hob.  Von  nun  ab  gewannen  die  Arbeitsmaschinen  immer  größere
Bedeutung  und  die  Kraftmaschinen  traten  ihnen  zur  Seite.  Eine  von
Sawary  erfundene  und  von  Newcomen  verbesserte  primitive  Dampfpumpe ­
  wurde  schon  am  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  auf  den  Bergwerken
verwendet  und  nur  mit  ihrer  Hilfe  war  es  möglich,  die  steigenden  Wasserzuflüsse ­
  zu  bewältigen.  Aber  erst  die  von  James  Watt  erfundene  Dampfmaschine, ­
  die  seit  den  70er  Jahren  des  18.  Jahrhunderts  aufkam,  brachte
den  großen  Fortschritt.  Sie  erwies  sich  so  verbesserungsfähig,  daß  sich
alle  späteren  Formen  aus  dem  Grundprinzip  dieser  Wattschen  Dampfmaschine ­
  ableiten  ließen.
Gleichzeitig  vollzog  sich  vor  allem  in  der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts ­
  die  Umwälzung  in  der  Landwirtschaft:  Übergang  vom  extensiven ­
  zum  intensiven  Betrieb  und  Rationalisierung  der  Betriebstechnik.
Zum  Teil  wurde  dieser  Umschwung  hervorgerufen  durch  die  wachsende
Nachfrage  der  Industrie  nach  Rohstoffen,  soweit  diese  der  Landwirtschaft
entstammten,  zum  Hauptteil  aber  verursacht  durch  die  rapide  wachsende
Bevölkerung  und  ihre  Nachfrage.  War  doch  die  englische  Bevölkerung
im  ganzen  gestiegen  von  1661—1751  um  rund  800000  Seelen,  von  1751
bis  1801  um  rund  2700000  Seelen  und  von  1801—1861  um  rund  11060  000
Seelen 1 ).  Wachsende  Bevölkerung  und  wachsende  Roherträge  der  Landwirtschaft ­
  bedeuten  auch  einen  wachsenden  Markt  für  industrielle  Produkte. ­
  Diese  Wirkung  wird  nun  insoweit  unterbunden,  als  in  der  Landwirtschaft ­
  bereits  das  Gesetz  des  abnehmenden  Ertrages  zur  Geltung
kommt.  Jenes  Gesetz  besagt  —  ceteris  paribus  —  daß  von  einem  bestimmten ­
  Punkte  ab  vermehrte  technische  Aufwendungen  auf  ein  bestimmtes ­
  Stück  Land  nicht  mehr  in  gleichem  Verhältnis  steigende  Erträge
liefern,  daß  also  der  Rohertrag  wächst,  die  Kosten  aber  noch  schneller

*)  Wolf,  System  der  Sozialpolitik  1892  S.  185.
Mannstaedt,  Zusammenschluß  im  Gewerbe.
        <pb n="24" />
        iS

zunehmen  und  somit  die  wachsende  Produktenmenge  nur  zu  höheren
Preisen  produzibel  ist.  Produktivitätsfortschritte  haben  die  Tendenz,  die
Kosten  zu  senken,  sie  heben  also  entweder  die  Wirksamkeit  des  Gesetzes
des  abnehmenden  Ertrages  auf,  oder  schränken  sie  ein.  Bei  der  rasch
wachsenden  Nachfrage  hatte  aber  die  ökonomischere  Betriebstechnik  die
Preissteigerung  der  agrikolen  Produkte  nicht  aufzuhalten  vermocht.
Eine  Produktivitätssteigerung  kann  sich  auch  in  der  Weise  vollziehen,,
daß  ein  Industrieland  seine  gewerklichen  Produkte  gegen  die  Nahrungsmittel ­
  und  Rohstoffe  solcher  Länder  eintauscht,  die  bei  extensiver  Betriebsweise ­
  noch  hinreichenden  Überschuß  erwirtschaften,  bei  denen  das
Gesetz  des  abnehmenden  Ertrages  noch  nicht  oder  in  geringerem  Maße
wirksam  ist,  also  die  Produkte  mit  geringeren  Kosten  erzeugt  werden.
Seit  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  ist  die  Einfuhr  von  Agrarerzeugnissen
nach  England  stetig  gestiegen.  Der  Durchschnitt  der  jährlichen  Weizeneinfuhr ­
  betrug 1 ):

1760—1770
1770—1:780
1780—1790
1790—1800
1800—1810

94  000  Quarters

iii  000
143  000
470  000
555  000

Da  sich  aber  in  den  Bezugsländern  die  englische  Nachfrage  ganz  erheblich ­
  durch  die  heimische  Nachfrage  infolge  der  rasch  wachsenden
eigenen  Bevölkerung  vermehrte,  wurde  auch  hier  der  extensive  landwirtschaftliche ­
  Betrieb  mehr  und  mehr  durch  den  intensiven  verdrängt,  hoben
sich  auch  hier  die  Preise.  Somit  konnte  durch  den  Bezug  aus  dem  Ausland
die  Preissteigerung  der  Agrarerzeugnisse  in  England  nicht  aufgehoben
werden,  immerhin  hat  die  Einfuhr  relativ  ein  schnelleres  Wachsen  der
Preise  verhindert.  Es  kostete  der  Winchester  Quarter  Weizen  im  Durchschnitt ­
  der  Jahre 1 ):

1725-1750
1751-!775
1775—1800
1800—1809

Aufgewogen  wurde  der  Nachteil  der  wachsenden  Preise  der  landwirtschaftlichen ­
  Erzeugnisse  durch  die  Produktivitätssteigerung  in  der  Industrie, ­
  durch  die  Preissenkung  gewerblicher  Erzeugnisse.  Ein  Beispiel
*)  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus  Bd.  II  S.  94.  Die  Preisziffer  für  1800
bis  1809  ist  durch  die  Teuerungsjahre  1800  und  1801,  sowie  durch  die  Wirkung  der
Kontinentalsperre  beeinflußt.
        <pb n="25" />
        2'

19

aus  der  Textilindustrie:  1779  war  der  Garnpreis  16  sh  pro  Pfund  Nr.  40,
wovon  2  sh  auf  Kosten  des  Rohmaterials  kamen,  so  daß  für  Arbeit  und
Kapital  14  sh  beansprucht  waren.  1812  war  der  Garnpreis  2,6  sh,  wovon
i,6  sh  auf  Kosten  der  Baumwolle  kamen,  so  daß  für  Arbeit  und  Kapital
nur  1  sh  aufgewendet  worden  waren 1 ).  Da  die  Wirkung  des  Gesetzes  des
abnehmenden  Ertrages  in  der  Landwirtschaft  paralysiert  wurde  durch  die
Preissenkung  in  der  Industrie,  bedeuteten  also  wachsende  Bevölkerung
und  wachsende  Roherträge  der  Landwirtschaft  wachsenden  Markt  für
industrielle  Produkte.
Abgesehen  von  der  Überlegenheit  der  englischen  Industrie,  die  den
Industrien  anderer  Länder  um  70—100  Jahre  vorauseilte,  wurden  dem
englischen  Handel  durch  den  Chaussee-  und  Kanalbau  und  vor  allem  durch
die  Eroberung  der  Seeherrschaft  gegen  Ende  des  18.  Jahrhunderts  die
Wege  geebnet.  Überall  öffneten  sich  neue  Absatzgebiete,  nicht  nur  nach
den  Ländern,  die  den  nötigen  Bedarf  an  Nahrungsmitteln  und  Rohstoffen
decken  halfen,  sondern  auch  aus  anderen  Ländern  und  Kolonien  wurden
begehrenswerte  Produkte  mit  englischen  Waren  gekauft.
Ganz  besonders  wichtig  für  die  Marktgestaltung  waren  die  Wirkungen
des  Exportkapitalismus.  Der  Reichtum  wuchs  und  das  englische  Kapital
begann  sich  auf  dem  Kontinent  in  Übersee  und  den  Kolonien  zu  betätigen.
Dadurch  stieg  die  Kaufkraft  dieser  Länder  teils  direkt  durch  das  englische
Kapital,  teils  indirekt  durch  die  Entfaltung  des  Wirtschaftslebens.  In
beiden  Fällen  kam  die  wachsende  Kaufkraft  mehr  oder  minder  der  englischen ­
  Industrie  zugute.  Die  Zinsen  und  Gewinne  dieser  im  Auslande
arbeitenden  Kapitalien,  mögen  sie  nun  in  Edelmetall  oder  in  Form  von
Waren  —  vor  allem  in  Form  von  Nahrungsmitteln  und  Rohstoffen  —  nach
England  fließen,  stärken  die  heimische  Kaufkraft.  Und  in  ähnlicher  Weise
wurde  der  heimische  Markt  dadurch  gekräftigt,  daß  die  mannigfachen
Dienste,  die  England  als  Frachtführer,  Zwischenhändler  und  Vermittler
dem  Auslande  leistete,  soweit  ihnen  nicht  gleiche  Dienste  gegenüber
standen,  ebenfalls  durch  Sendung  von  Nahrungsmitteln,  Rohstoffen  und
Waren  beglichen  wurden.
Fassen  wir  zusammen:  Der  ijnnere  Markt  für  die  gewerblichen
Unternehmungen  dehnte  sich  mit  der  wachsenden  Bevölkerung  und
den  steigenden  Roherträgen  der  Landwirtschaft;  er  weitete  sich  durch
die  Vermannigfaltigung  und  Verbilligung  der  Erzeugungen,  durch  die
einströmenden  Zinsen  und  Gewinne  der  im  Ausland  arbeitenden
Kapitalien  und  durch  die  Vergütungen  für  die  dem  Ausland  geleisteten
Dienste;  er  gewann  endlich  noch  indirekt  an  Umfang  infolge  der  Verb

  Wolf  a.  a.  O.  S.  186.
        <pb n="26" />
        20

drängung  der  älteren  handwerksmäßigen  Betriebe  durch  die  neuen  mit
moderner  Technik  arbeitenden  Unternehmungen.
Der  äußere  Markt  dehnte  sich  durch  den  wachsenden  Austausch  von
Waren  gegen  Waren,  teils  eine  Folge  des  heimischen  Bedarfs  an  Rohstoffen
und  Nahrungsmitteln,  teils  hervorgerufen  durch  die  Überlegenheit  der
Industrie,  durch  die  Seeherrschaft  und  den  Kolonialbesitz  Englands;
er  weitete  sich  infolge  der  Wirksamkeit  der  englischen  Kapitalien  im
Auslande.
So  wurde  der  Raum  geschaffen,  auf  dem  sich  nicht  nur  das  Gewerbe,
sondern  das  ganze  Wirtschaftsleben  unter  der  Flagge  der  Freiheit  entfalten
konnte.  Formell  blieben  die  Zünfte  und  die  älteren  Beschränkungen  des
Gewerbebetriebes  noch  bis  ins  19.  Jahrhundert  bestehen.  1814  wurde
zuerst  ein  Gesetz,  das  aus  dem  Jahre  1562  stammte  und  die  Arbeitsverhältnisse ­
  regelte,  aufgehoben  und  erst  1835  folgte  die  Abschaffung  der
Vorrechte  der  Zünfte.  Praktisch  hatten  diese  Bestimmungen  längst  ihre
Wirksamkeit  eängebüßt,  sie  wurden  schon  im  18.  Jahrhundert  auf  die  neu
entstandenen  Industrien  nicht  angewendet,  und  man  ließ  es  geschehen,
wenn  sie  auch  bei  jenen  Betrieben  nicht  berücksichtigt  wurden,  für  die
sie  seinerzeit  erlassen  worden  waren 1 ).
Anders  vollzog  sich  der  Umschwung  in  Deutschland.
Preußen  führte  1810  und  1811  die  Gewerbefreiheit  unter  heftigem  Widerspruch ­
  der  Zünfte  und  Stadtverwaltungen  ein  und  eilte  damit  der  wirtschaftlichen ­
  Entwicklung  zum  Teil  weit  voraus.  Nur  einige  kleinere
Staaten  folgten  zunächst  dem  preußischen  Beispiel.
Auch  Deutschland  hat  eine  außergewöhnliche  Bevölkerungszunahme
zu  verzeichnen.  Die  Einwohnerzahl  wuchs  ständig  von  1816—1910  von
24,8  auf  64,9  Millionen.  Bis  in  die  70er  Jahre  ernährte  die  deutsche  Landwirtschaft ­
  die  wachsende  Bevölkerung  fast  allein.  Das  war  nur  möglich,
wenn  die  bewirtschafteten  Flächen  auf  die  weniger  fruchtbaren  Böden
ausgedehnt  wurden  und  sich  der  Übergang  vom  extensiven  zum  intensiven
und  rationelleren  Betrieb  vollzog.  Dieser  Umschwung  hatte  zur  Voraussetzung ­
  die  Beseitigung  der  aus  dem  Mittelalter  überkommenen  agrarrechtlichen ­
  Zustände  durch  die  Agrarreform  zu  Anfang  des  19.  Jahrhunderts. ­
  Aber  erst  ganz  allmählich  setzte  sich  die  neue  Technik  der
landwirtschaftlichen  Produktion  durch.  Noch  bis  in  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts ­
  herrschte  die  alte  Dreifelderwirtschaft  vor 2 ).  Der  Übergang  zur
Stallfütterung  wurde  eben  vollzogen.  Die  Verwendung  des  künstlichen

l )  Philippovich,  Grundriß  der  politischen  Ökonomie  1909  II.  Bd.  I.  Teil
S.  137.
9  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus  Bd.  II  S.  102.
        <pb n="27" />
        21

Düngers  begann  erst  seit  dem  Erscheinen  von  Liebigs  grundlegendem
Werk  seit  1840.  Die  Nahrung  für  die  wachsende  Bevölkerung,  die  sich
von  1816—1845  um  9,6  Millionen  vermehrte,  mußte  also  größtenteils  mit
Hilfe  der  alten  Technik  beschafft  werden.  Es  stiegen  die  Roherträge 1 ).
Aber  rascher  als  die  Erzeugungen  wuchsen  die  Kosten.  Die  Wirksamkeit
des  Gesetzes  des  abnehmenden  Ertrages  spiegelt  sich  wieder  in  den  Preisen.
Nach  den  Untersuchungen  Conrads  betrugen  im  preußischen  Staate  die

Durchschnittspreise  in  '

Mark  bei:

Jahrzehnte 1 )  Weizen

Roggen

Gerste  Hafer
pro  Tonne

Erbsen

Kartoffeln

1821—30  121,4

86,8

76,6  79,8

97

24,8

1831—40  138,4

100,6

CO
vr
Gh
kO
H
Gh

107,4

26,4

1841—50  167,8

123

111,2  100,6

130

34

1851—60  211,4

165,4

150,2  144

176

47,4

1861—70  204

154,6

146  140,2

168,2

44,8

1871—80  223,2

172,8

166,4  157,9

228,1

60,5

Jahrzehnte

Butter

Rindfleisch
pro  Meterzentner

Schweinefleisch

1821—30

101,6

46,6

55

1831—40

110

51,6

61,6

1841—50

120

56,6

73,6

1851—60

146,6

70

91,6

1861—70

178,4

86,6

105

1871  —  80

227,6

H4,75

125

Das  Anwachsen  der  Bevölkerung  und  der  Roherträge  der  Landwirtschaft ­
  weitete  auch  in  Deutschland  den  Markt  für  gewerbliche  Produkte.
Zwar  hoben  zunächst  die  steigenden  Preise  für  agrikole  Erzeugnisse  die
Wirkung  teilweise  wieder  auf.  Auf  der  anderen  Seite  wurde  der  Einfluß
der  steigenden  Nachfrage  wesentlich  erhöht  durch  die  Zolltarifreform  in
Preußen  von  1818  und  durch  die  Gründung  des  deutschen  Zollvereins
von  1833.  Die  Niederlegung  der  Zollschranken  innerhalb  des  deutschen
Landes  war  die  erste  Voraussetzung  des  nationalen  Marktes 3 ).  Wie  ge-*)
  Nach  den  Berechnungen  von  Rybark  wuchs  während  des  19.  Jahrhunderts
die  Gesamterzeugung  von  Weizen  um  244,25  %,  von  Roggen  um  112,85  %,  von  Gerste
um  69,29%  und  von  Hafer  sogar  um  337,4%.  —  Rybark,  Die  Steigerung  der  Produktivität ­
  der  deutschen  Landwirtschaft  im  19.  Jahrhundert  1906  S.  26.
a )  Zitiert  bei  Pohle,  Die  Entwicklung  des  deutschen  Wirtschaftslebens  im
letzten  Jahrhundert  3.  Auflage  1913  S.  56.
8 )  Bekanntlich  umfaßt  der  Zollverein  von  1833  noch  nicht  alle  Staaten  des
heutigen  Deutschlands.
        <pb n="28" />
        22

staltet  sich  nun  unter  dieser  Markterweiterung  die  Entwicklung  des  Gewerbes ­
  ?
Da  durch  die  Gewerbefreiheit  der  städtische  Zunftzwang  aufgehoben
war,  nahm  die  Besiedlung  des  Landes  mit  Handwerksmeistern  zu;  diese
Bewegung  steigerte  sich  mit  der  wachsenden  Kaufkraft  des  Landes.  Das
Handwerk  dehnte  sich  in  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  noch  aus.
Die  Markterweiterung  war  aber  nicht  minder  der  ländlichen  Hausindustrie
günstig.  „Viele  von  diesen  waren  erst  im  zweiten  Viertel  des  Jahrhunderts
so  recht  zur  Blüte  gekommen,  und  manche  waren  noch  im  Wachsen  begriffen ­
 1 )."  Dagegen  sehen  wir  bis  etwa  zur  Mitte  des  Jahrhunderts  die
Fabrikbetriebe  nur  sehr  langsam  an  Boden  gewinnen.  Die  neue  Technik
kommt  nur  in  geringem  Ausmaß  zur  Anwendung.
In  der  Eisenindustrie  herrschte  noch  die  Benutzung  der  Holzkohle
vor.  In  Preußen  verwendeten  1847  von  227  damals  in  Betrieb  befindlichen
Hochöfen  erst  32  Koks 2 ).  Die  Leistungsfähigkeit  der  Hochöfen  war  gering.
Nach  den  Angaben  von  Mischler  produzierte  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts ­
  ein  englischer  Hochofen  jährlich  70000  Zentner,  ein  deutscher
7000  Zentner 3 ).  Der  Puddelprozeß  war  erst  in  den  20er  Jahren  in  den
einzelnen  Revieren  der  deutschen  Eisenindustrie  eingeführt  worden  und
gewann  nur  langsam  Boden.  Er  hatte  das  alte  Frisch  verfahren  noch
längst  nicht  verdrängt  zu  einer  Zeit,  wo  in  England  —  Mitte  der  50er
Jahre  —  ein  ganz  neues  Verfahren,  der  Bessemerprozeß,  aufkam.  In
der  Textilindustrie  lag  damals  das  Schwergewicht  in  der  Leinenerzeugung.
Die  Herstellung  von  Baumwoll-  und  Wollwaren  trat  dagegen  erheblich
zurück.  Die  mechanischen  Spinnmaschinen  fanden  in  den  Flachsspinnereien ­
  nur  langsam  Eingang.  Der  Kampf  der  Handspinner  mit  der  Maschinenspinnerei ­
  erreichte  seinen  Höhepunkt  in  den  40er  Jahren.  In
der  Baumwollspinnerei  dagegen  hatten  die  mit  Wasserkraft  betriebenen
Spinnmühlen  schon  im  zweiten  Jahrzehnt  des  19.  Jahrhunderts  gesiegt.
In  der  Weberei  begann  der  Kampf  der  Fabrik  mit  den  Handwebern  erst
in  den  50er  Jahren.  Über  die  Verwendung  von  Dampfmaschinen  berichtet ­
  Sombart 4 ):  „Die  Zahl  der  Dampfmaschinen  für  gewerbliche  und
landwirtschaftliche  Zwecke  betrug  1846  im  Königreich  Sachsen  197  mit
zusammen  2446  Pferdestärken.  In  ganz  Preußen  wurden  1846  erst  1139
stehende  Dampfmaschinen  mit  21716  PS.  gezählt,  die  sich  auf  die  einzelnen
Industriezweige  also  verteilten:  Spinnerei,  Weberei,  Walkerei  237  mit

9  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus  Bd.  II  S.  131,  ebenso  Bd.  I  S.  429.
2 )  Pohle,  Die  Entwicklung  S.  13.
3 )  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus  Bd.  I  S.  428.
4 )  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus  Bd.  I  S.  431.
        <pb n="29" />
        23

3236,  Maschinen-  und  metallische  Fabriken  208  mit  485734«  Mühlen  144
mit  169934,  Bergbau  273  mit  9508,  verschiedene  Fabriken  277  mit  2415  PS.
Also  noch  beinahe  die  Hälfte  der  Pferdestärken  im  Bergbau  verbraucht!“
Aus  dieser  Darstellung  ergibt  sich,  daß  sich  die  Industrie  für  Kraft-  und
Arbeitsmaschinen  auch  noch  in  den  ersten  Anfängen  befand.
Es  herrschte  also  die  alte  Technik  bis  in  die  vierziger  Jahre  vor  in
der  Landwirtschaft  und  vor  allem  im  Gewerbe.  Die  vom  Lande  ausgehende ­
  steigende  Nachfrage  nach  gewerblichen  Produkten  konnte  leicht
befriedigt  werden  durch  die  Landhandwerker,  die  ländliche  Hausindustrie
und  die  noch  stark  vorherrschende  Eigenproduktion  der  bäuerlichen
Familien.  Für  das  Handwerk  in  den  Städten,  das  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts ­
  im  Verhältnis  zur  Bevölkerung  noch  mehr  als  dreimal  so  stark
vertreten  war  wie  auf  dem  Lande 1 ),  fiel  nicht  viel  ab,  außerdem  mußte
sich  das  Anziehen  der  Preise  aller  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse  bald
bemerkbar  machen.  So  können  wir  uns  über  die  neuen  zünftlerischen  Bestrebungen ­
  nicht  wundem,  die  ihre  Erfüllung  in  der  preußischen  Zunftgesetzgebung ­
  von  1849  fanden.  Die  Markterweiterung  reichte  für  das
Handwerk,  insbesondere  das  städtische,  nicht  aus;  es  bedurfte  der  Konkurrenzregulierung, ­
  um  die  Leistungsfähigkeit  der  Nachfrage  anzupassen;
dagegen  war  Raum  für  eine  Industrie,  die  sich  auf  die  neue  Technik  stützte.
Die  neue  Industrie  konnte  zunächst  auf  das  bisherige  Absatzgebiet
eines  großen  Teiles  des  Handwerks  und  der  Hausindustrie  rechnen,  deren
Verdrängung  ihr  möglich  war  teils,  weil  sie  die  gleichen  Produkte  billiger
herstellte,  teils,  weil  sie  neuartige  und  aus  anderen  Materialien  hergestellte
Produkte  an  die  Stelle  der  alten  setzte.  Ferner  weitete  sich  der  vorhandene
Markt  ständig  durch  das  Wachsen  der  Bevölkerung  und  der  Roherträge
der  Landwirtschaft.  Aber  diese  Faktoren  fallen  jetzt  schwerer  ins  Gewicht,
da  einerseits  die  rationellere  landwirtschaftliche  Betriebstechnik  seit  der
Mitte  des  Jahrhunderts  an  Boden  gewann  und  die  Preissteigerung  der
agrikolen  Produkte  relativ  milderte,  während  andererseits  der  Nachteil
dieser  Preissteigerung  durch  die  Preissenkung  der  Industrieprodukte
immer  reichlicher  kompensiert  werden  konnte.  Außerdem  begann  die
vollständige  Umwälzung  in  der  Landwirtschaft,  die  Durchführung  der
Agrarreform  und  die  Rationalisierung  der  Betriebe,  immer  mehr  die
Grundlagen  zu  zerstören,  worauf  sich  die  bäuerliche  gewerbliche  Eigenproduktion ­
  aufbaute 2 ),  eine  Tendenz,  die  ohne  Zweifel  vielfach  durch
die  Billigkeit  der  industriellen  Waren  gefördert  wurde.  Nicht  minder
verlor  der  bürgerliche  Hausfleiß  an  Boden  durch  die  Konkurrenz  der

9  Pohle,  Die  Entwicklung  S.  64.
*)  Sombart,  Der  moderne  Kapitalismus  Bd.  II  S.  i4rff.
        <pb n="30" />
        24

Industrieprodukte.  Endlich  wirkte  auch  die  Vermannigfaltigung  der
Erzeugung  durch  das  Auftauchen  ganz  neuer  Industriezweige  belebend
auf  die  Kaufkraft  des  Marktes  ein.  So  gestaltete  sich  die  Marktlage  für
industrielle  Produkte  während  der  Entwicklung  der  deutschen  Industrie
von  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  bis  gegen  Ende  der  70er  Jahre.
Der  Markt  und  die  Technik  waren  gegeben,  notwendig  war  noch  ein
tatkräftiges  Unternehmertum,  das  die  vielen  Chancen  erkannte  und  nutzte.
Daß  jenes  Unternehmertum  da  war,  beweisen  manche  unserer  ersten
industriellen  Werke,  die  teils  in  jener  Zeit  gegründet  wurden,  teils  sich
durchzusetzen  verstanden.  Aus  fast  handwerksmäßigen  Anfängen  haben
sie  sich  mit  dem  wachsenden  Markt  zu  machtvollen  Unternehmungen
entwickelt.
Durch  die  Niederlegung  der  inneren  Zollschranken  war  zwar  ein
nationaler  Markt  geschaffen;  sollte  er  aber  einer  wachsenden  Industrie
als  Basis  dienen,  dann  mußten  die  Transportschwierigkeiten  möglichst
reduziert  werden.  England  hatte  den  Vorzug  der  Insellage  und  einer
vielgegliederten  Küste,  ergänzt  durch  Flüsse  und  Kanäle,  so  daß  zu  Schiff
ein  weit  reichender  billiger  Verkehr  zur  Verfügung  stand.  Auch  ohne
Eisenbahnen  war  der  Industrie  eine  verhältnismäßig  leichte  Eroberung
des  Marktes  gegeben.  Deutschlands  Industrie  bedurfte  dagegen  in  erster
Linie  einer  Verbilligung  des  Landverkehrs.  Die  Schaffung  des  Eisenbahnnetzes ­
  war  also  eine  wichtige  Voraussetzung  der  Industrieentwicklung.
Andererseits  hat  auch  der  Bau  der  Bahnen  der  neuen  Industrie  eine  starke
Nachfrage  gesichert.  Nach  der  Eröffnung  der  ersten  deutschen  6  km
langen  Eisenbahn  im  Jahre  1835  hatte  sich  die  Bahnlänge  bis  1850  auf
über  6000  km  ausgedehnt.  Aber  erst  seit  Mitte  der  50er  Jahre  wurde  der
Zusammenhang  zwischen  den  einzelnen  Gruppen  hergestellt  und  so  ein
wirkliches  Eisenbahnnetz  gesichert,  das  bis  1875  bereits  auf  27931  km
angewachsen  war.  1912  belief  sich  die  Bahnlänge  auf  über  60000  km.
Auf  allen  Gebieten  setzte  sich  jetzt  die  neue  Technik  durch,  stieg
die  Produktivität  der  Arbeit.  In  der  Eisenindustrie  überholte  das  Koksroheisen ­
  rasch  das  Holzkohlen  eisen,  es  betrug  in  Preußen  1861  das  Holzkohleneisen ­
  8,33%  und  1870  nur  noch  2,26%  der  gesamten  Roheisenerzeugung ­
 1 ),  und  die  Eisenerzeugung  hatte  sich  von  1840—1870  auf  nicht
weniger  als  das  iofache  erhöht *  2 ).  In  der  Textilindustrie  war  schon  in
den  60er  Jahren  der  Sieg  des  geschlossenen  Maschinenbetriebes  über  den
Handbetrieb  entschieden.  Die  Maschinenindustrie  blühte  mächtig  auf.
1861  beschäftigte  sie  im  Zollverein  erst  etwas  über  51000  Personen,  1882

*)  Beck  a.  a.  O.  Bd.  V  S.  261.
2 )  Pohle,  Die  Entwicklung  S.  13.
        <pb n="31" />
        25

waren  es  356000.  Dem  Bedarf  an  Erzen  und  Kohlen  entsprechend  hob
sich  die  Montanindustrie.  Es  begannen  sich  die  chemische  Industrie,  die
Porzellanfabrikation,  die  Papierfabrikation  und  andere  Industrien  kräftiger ­
  zu  entfalten.  Aber  dieses  rasche  Aufblühen  vollzog  sich  ohne  Privilegien ­
  und  Unterstützungen  unter  voller  freier  Konkurrenz  der  neuen
Unternehmungen  mit  der  Hausindustrie  und  dem  Handwerk  und  überall
zeitigte  der  unbeschränkte  Wettkampf  den  Fortschritt.  Für  tatkräftige
Naturen  war  Raum  genug  zur  wirtschaftlichen  Betätigung.  So  folgte
auch  hier  im  großen  ganzen  die  offizielle  Einführung  der  Gewerbefreiheit
durch  die  zahlreichen  Gewerbegesetze  der  einzelnen  deutschen  Staaten
zwischen  1860  und  1866  und  die  Gewerbeordnung  des  Norddeutschen
Bundes,  die  das  Deutsche  Reich  übernahm,  den  tatsächlichen  Verhältnissen. ­
  Sie  räumte  die  Reste  der  alten  Zunftverfassung  hinweg,  das
letzte  schwache  Hindernis,  das  den  Siegeszug  des  Großbetriebes  zu  erschweren ­
  vermochte.
Seit  den  70er  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  nahm  die  industrielle
Entwicklung  ein  immer  schnelleres  Tempo  an.  Das  war  nur  möglich,
wenn  sich  der  Markt  für  industrielle  Produkte  außerordentlich  erweiterte.
Bis  in  die  70er  Jahre  stützte  sich  die  Industrie  fast  ausschließlich  auf
den  heimischen  Markt.  Auch  ihre  weitere  Ausdehnung  wurde  wesentlich
durch  den  wachsenden  inländischen  Bedarf  getragen.  Die  Ausgestaltung
des  Verkehrswesens,  die  Zusammenballung  der  wachsenden  Bevölkerung
in  den  Städten,  die  Wohnungskultur,  sowie  der  steigende  Aufwand  der
Städte  für  die  mannigfachen  Bedürfnisse,  der  stete  Modenwechsel,  die  nie
rastenden  technischen  Fortschritte  —  es  sei  nur  an  die  Elektrizitätsindustrie ­
  erinnert,  die  1882  noch  kaum  existierte,  1895  bereits  15000  und
1907  sogar  142000  Menschen  beschäftigte  —  der  enorme  Bedarf  für  Heer
und  Marine  gaben  der  Industrie  reichlich  Nahrung.  Aber  der  inländische
Markt  allein  würde  den  Eilschritt  der  Industrialisierung  nicht  ermöglicht
haben,  er  wurde  unterstützt  durch  mächtige  Faktoren,  die  vom  Auslande
ausgingen.
Seit  Ende  der  70er  Jahre  trat  die  amerikanische  Konkurrenz  auf
dem  Getreidemarkt  auf.  Die  amerikanische  Landwirtschaft  hatte,  und
hat  es  zum  Teil  noch  heute,  infolge  der  extensiven  Wirtschaftsweise  mit
erheblich  niedrigeren  Produktionskosten  zu  rechnen,  als  die  Landwirtschaft ­
  derjenigen  europäischen  Länder,  die  durch  die  wachsende  Volksziffer ­
  zur  steigenden  Intensivierung  des  Betriebes  gezwungen  sind.  Sobald
nun  die  Frachtsätze  im  Überseeverkehr  durch  die  Verbesserungen  der
Dampfschiffahrt  hinreichend  tief  gesunken  waren,  konnte  die  Beschickung
der  europäischen  Märkte  mit  amerikanischem  Getreide  mit  Gewinn  unternommen ­
  werden.  Jeder  weitere  Fortschritt  in  der  Verbilligung  des  Trans ­
        <pb n="32" />
        26

portes  hatte  ein  Anschwellen  der  ausländischen  Getreidemassen  auch  auf
dem  deutschen  Markt  zur  Folge.  Neben  Amerika  traten  auch  andere
Getreidelieferanten  auf  den  Plan.  So  ist  z.  B.  Rußland  der  wichtigste
Roggenlieferant.  Waren  bisher  die  deutschen  Preise  für  Agrarprodukte
ständig  gestiegen,  so  folgte  jetzt  ein  empfindlicher  Preissturz  der  Marktumwälzung. ­
  Pohle  berechnet  nach  den  Angaben  in  dem  statistischen
Handbuch  für  den  preußischen  Staat  folgende  Preise  für  die  Tonne  in
Mark  in  den  Perioden  von  je  acht  Erntejahren 1 ):

Periode

Weizen

Roggen

Gerste

Hafer

1868/69—1875/76

223

173

165

160

1876/77—1883/84

207

166

158

148

1884/85—1891/92

181

156

148

142

1892/93—1899/1900

155

131

138

138

1900/01—1907/08

171

151

148

147

Der  Preissturz  und  der  Einbruch  des  fremden  Getreides  senkte  natürlich ­
  die  Kaufkraft  weiter  Teile  der  Landwirtschaft,  soweit  sie  ihre  Produkte ­
  gegen  andere  Erzeugnisse  oder  Dienste  austauschte.  Hier  schrumpfte
der  inländische  Markt  für  industrielle  Fabrikate  ein.  Allerdings  nur  vorübergehend, ­
  denn  die  Notlage  der  Landwirte  hatte  keineswegs  zur  Rückkehr ­
  zum  extensiven  Betrieb  geführt;  im  Gegenteil,  das  Ziel  war:  möglichste
Intensivierung  und  vor  allem  Rationalisierung  des  Betriebes.  Durch  die
Intensivierung  stieg  auch  weiterhin  der  Rohertrag  der  Landwirtschaft
und  durch  die  Rationalisierung  suchte  man  nach  Möglichkeit  das  Anwachsen ­
  der  Kosten  zu  verhindern.  Schrumpfte  vorübergehend  die  Kaufkraft ­
  der  Landwirtschaft  ein,  so  wuchs  auf  der  anderen  Seite  die  Kaufkraft ­
  aller  nicht  agrikolen  Kreise  mit  dem  Sinken  der  Nahrungsmittelpreise. ­
  So  bewirkte  die  überseeische  Konkurrenz,  trotz  der  Notlage  der
Landwirtschaft,  im  ganzen  eine  außerordentliche  Produktivitätssteigerung.
Der  inländische  Markt  für  industrielle  Erzeugnisse  büßte  nichts  an  seiner
Kaufkraft  ein,  sondern  er  erstarkte  nicht  unerheblich.
Neben  dem  inländischen  Markt  gewann  jetzt  auch  der  ausländische ­
  Markt  an  Bedeutung.  Die  Getreideeinfuhr  wurde  größtenteils
mit  Fabrikatenausfuhr  beglichen.  Aber  wie  die  wachsende  Bevölkerung
der  Nahrungsmittel  bedurfte,  so  die  wachsende  Industrie  der  Rohstoffe.
Der  karge  deutsche  Boden  ist  nicht  imstande  die  Rohstoffnachfrage  zu
befriedigen.  Auch  diese  Rohstoffeinfuhr  erweiterte  den  Markt  der  Industrie ­
  und  nicht  minder  der  Bezug  der  zahlreichen  fremden  Produkte,
auf  die  sich  der  Begehr  der  wachsenden  deutschen  Kaufkraft  richtete.

»)  Pohle,  Die  Entwicklung  S.  59.
        <pb n="33" />
        Immer  enger  wird  das  Band,  das  die  Industrie  mit  dem  Ausland  verbindet.
Die  Pflege  dieser  Beziehungen  verlangte  eine  machtvolle  Handelsflotte,
deren  Ausgestaltung  wiederum  eine  kräftig  fließende  Auftragsquelle  der
Industrie  wurde.  Der  wachsende  Außenhandel  und  die  Vermehrung  der
Handelsflotte  gaben  immer  häufiger  Gelegenheit,  dem  Auslande  Dienste
als  Zwischenhändler,  Vermittler  und  Frachtführer  zu  leisten.  Soweit
diese  Dienste  nicht  durch  gleichartige  des  Auslandes  aufgewogen  wurden,
mußten  sie  durch  Produkte  aller  Art,  hauptsächlich  Nahrungsmittel  und
Rohstoffe  vergütet  werden.  Daß  diese  Einfuhr,  der  keine  Warenausfuhr
gegenüberstand,  die  heimische  Nachfrage  nach  Industrieprodukten  stärkte,
liegt  auf  der  Hand.  Die  Kapitalien  endlich,  die  der  aus  dem  gewaltigen
Aufschwung  des  gesamten  Wirtschaftslebens  resultierende  Reichtum  zur
Verfügung  stellte,  suchten,  wie  in  England,  in  wachsendem  Maße  Anlage
im  Ausland,  stärkten  dadurch  dessen  Kaufkraft  auch  für  deutsche  Produkte ­
  und  zwangen  es,  soweit  nicht  gleiche  Verpflichtungen  seitens  Deutschlands ­
  gegenüberstanden,  Zinsen  und  Dividende  in  der  Gestalt  von
Nahrungsmitteln,  Rohstoffen,  Edelmetallen  und  Waren  nach  Deutschland
zu  senden.  Auch  diese  Einfuhr  führte  zu  einer  Kräftigung  des  inländischen
Marktes  der  Industrieprodukte.  Der  Exportkapitalismus  gewinnt  seit
Ende  der  8oer  Jahre  stetig  an  Bedeutung.
Eine  mächtige  Ausdehnung  der  Aufnahmefähigkeit  für  industrielle
Produkte  im  Inlande  wie  im  Auslande  kennzeichnet  die  Marktentwicklung
seit  den  70er  Jahren  und  dennoch  fällt  in  die  gleiche  Zeit  die  Entstehung
und  Erstarkung  der  Kartell-  und  Trustbewegung.  Trotz  rasch  wachsender
Nachfrage  beginnen  erst  hier  dann  dort  die  Konkurrenzregulierungen.
Nur  kurze  Zeit  hat  volle  Gewerbefreiheit  geherrscht  und  schon  wieder
engen  neue  Bindungen  die  Freiheit  ein.
        <pb n="34" />
        II.
Die  letzten  Gründe  zur  Aussehaltung
der  freien  Konkurrenz.
1.  Das  Verhältnis  von  Angebot  und  Nachfrage.
Wenn  wir  nach  den  Gründen  fragen,  die  letzten  Endes  die  Karteilund ­
  Trustbewegung  hervorgerufen  haben,  so  müssen  wir  auf  die  Bewegungen
des  Angebotes  und  der  Nachfrage  achten,  wir  müssen  feststellen,  warum
diese  Kräfte  mit  solcher  Stärke  in  entgegengesetzter  Richtung  streben,
daß  die  Wucht  der  allgemeinen  Notlage  zu  Konkurrenzregulierungen
zwingt.

a)  Das  Angebot.
Gehen  wir  von  der  Angebotseite  aus,  so  stoßen  wir  auf  die  moderne
Technik  als  Hauptfaktor.  Hat  sie  auf  der  einen  Seite  die  Möglichkeit
gegeben,  zur  Gewerbefreiheit  zurückzukehren,  so  brachte  sie  auf  der
anderen  Seite  auch  den  Zwang  zur  Massenerzeugung  und  Massenbewegung.
Jede  Maschine,  die  an  die  Stelle  eines  älteren  Produktionsverfahrens
tritt,  kann  nur  dann  verwendet  werden,  wenn  sie  in  einer  bestimmten  Zeit
mindestens  ebensoviel  Waren  erzeugt,  wie  nach  dem  alten  Verfahren  zu
den  gleichen  Kosten.  Je  größer  die  Produktenziffer  in  der  gleichen  Zeit
und  bei  gleichen  Kosten  (selbstverständlich  ohne  Rohstoffkosten),  desto
vorteilhafter  arbeitet  die  Maschine.  Nun  ist  jede  Maschine  für  eine  bestimmte ­
  Leistungsfähigkeit  gebaut,  bei  der  sich  das  Verhältnis  von  Leistung,
Kosten  und  Zeit  am  günstigsten  stellt.  Ist  die  Maschine  voll  beschäftigt,
so  arbeitet  sie  also  in  der  gegebenen  Zeit  mit  den  geringsten  Kosten  pro
Produkteneinheit.  Manche  Maschinen  —  bei  weitem  nicht  alle  —  erlauben
durch  stärkere  Beanspruchung,  z.  B.  durch  schnelleres  Laufen,  ein  Überschreiten ­
  der  Leistungsfähigkeit,  für  die  sie  berechnet  sind.  Aber  die  höhere
Beanspruchung  verursacht  auch  außergewöhnlich  hohen  Verschleiß,  d.  h.
einerseits  wird  die  Lebensdauer  der  Maschine  rasch  verkürzt,  andererseits
        <pb n="35" />
        —  29  —
häufen  sich  die  Reparaturen.  Verkürzung  der  Lebensdauer  verlangt  eine
Erhöhung  der  Amortisationsquote  für  dieselbe  Zeiteinheit  und  Häufung
der  Reparaturen  bedeutet  Erhöhung  der  Betriebskosten.  Trotz  wachsender
Produktenziffer  arbeitet  die  Maschine  teuerer.  Dennoch  wird  man  in
Zeiten  der  Preishausse  zur  übern  ormalen  Ausnutzung  der  Maschine  schreiten,
wenn  die  Preise  die  wachsenden  Kosten  überbieten,  wobei  die  Verkürzung
der  Lebensdauer  den  weiteren  Vorteil  bringt,  daß  das  Risiko,  die  Maschine
möchte  durch  einen  verbesserten  Typ  oder  ein  verbessertes  Verfahren
überholt  werden,  gemindert  wird.  Wird  andererseits  die  berechnete
Leistungsfähigkeit  in  einer  bestimmten  Zeiteinheit  nicht  voll  ausgenutzt,
z.  B.  durch  häufigeren  oder  längeren  Stillstand,  so  verringert  sich  zwar
der  Verschleiß,  aber  nicht  immer  im  gleichen  Verhältnis  zur  Dauer  des
Stillstandes,  da  in  vielen  Fällen  auch  der  Stillstand  der  Maschine  schadet.
Der  verlängerten  Lebensdauer  entspricht  eine  geringere  Amortisationsquote, ­
  aber  auch  das  größere  Risiko,  dsp^die  Maschine  veraltet.  Die  Betriebskosten ­
  dagegen,  die  Kosten  der  Betriebsbereitschaft,  wachsen  erheblich ­
  an,  und  zwar  um  so  stärker,  je  häufiger  die  Stillegung  erfolgt.
Somit  liegt  in  der  Maschinenverwendung  ein  gewisser  Zwang  zur  Massenerzeugung. ­
  Die  Parole  muß  lauten:  Ausdehnung  der  Erzeugung  bis  zur
vollen  Ausnutzung  der  Leistungsfähigkeit  der  Maschinen  und,  wo  es
möglich  ist,  noch  darüber  hinaus,  wenn  die  Preise  es  erlauben 1 ).
Weiterhin  liegt  auch  in  der  Entwicklung  der  modernen  Technik
ein  Zwang  zur  Massenerzeugung.  Das  Ziel  lautet  auch  hier,  das  Verhältnis
zwischen  Kosten  und  Produktenmenge  in  einer  gegebenen  Zeit  möglichst
günstig  zu  gestalten.  Das  Ziel  kann  nach  dem  vorhandenen  Verfahren
mit  demselben  Maschinentyp  gelöst  werden.  Werden  Kraft-  und  Arbeitsmaschinen ­
  von  derselben  Art,  aber  mit  der  doppelten  Leistungsfähigkeit
gebaut,  so  arbeiten  sie  billiger,  denn  es  sind  einerseits  die  Herstellungskosten, ­
  andererseits  die  Betriebskosten  nicht  im  gleichen  Verhältnis  gestiegen. ­
  Um  eine  Dampfmaschine  von  doppelter  Kraft  zu  bauen,  bedarf
man  nicht  der  doppelten  Menge  an  Rohstoffen  und  des  doppelten  Zeitund
  Kraftaufwandes  und,  in  Betrieb  genommen,  verlangt  die  stärkere
Maschine  nicht  den  doppelten  Aufwand  an  Pflege,  Bedienung  und  Betriebskraft. ­
  Wo  dieser  Weg  nicht  beschritten  werden  kann,  oder  wo  die  Maschinen ­
  eine  gewisse  Größe  bereits  erreicht  haben,  muß  das  Ziel  durch  ein
neues  Verfahren,  einen  neuen  Maschinentyp  gelöst  werden,  wobei  man

*)  Vgl.  Bücher,  Das  Gesetz  der  Massenproduktion.  Zeitschrift  für  die  gesamten
Staatswissenschaften  1910.  Mein  Aufsatz  über:  Das  Gesetz  des  abnehmenden  Ertrages ­
  in  der  Landwirtschaft  und  das  des  zunehmenden  Ertrages  im  Gewerbe.  Zeitschr.
für  Sozialwissenschaft.  Neue  Folge.  4.  Jahrg.  Heft  6.
        <pb n="36" />
        30

versuchen  wird  einerseits  —  schon  aus  Gründen  der  Raumersparnis  und
um  die  Betriebskosten  zu  senken  —  eine  möglichst  große  Menge  Handarbeit ­
  auf  die  Maschine  zu  übertragen  und  andererseits  nach  Möglichkeit
Kraft-  und  Reibungsverluste  zu  vermeiden.  Kompliziertere  und  in  ihren
einzelnen  Teilen  sinnreicher  durchgeführte  Maschinen  entstehen,  die  aus
diesem  Grunde  in  der  Regel  auch  höhere  Herstellungskosten  verursachen.
Wo  die  Belastung  der  Produktion  durch  die  höheren  Herstellungs-  und
Anschaffungskosten  nicht  durch  die  Verminderung  der  Betriebskosten
ausgeglichen  werden  kann,  was  häufig  der  Fall  sein  wird,  dort  muß  der
neue  Maschinentyp,  um  überhaupt  konkurrenzfähig  zu  sein,  eine
größere  Produktenmenge  in  der  gleichen  Zeiteinheit  erzeugen
können  als  der  alte  Typ.
In  der  Anwendung  der  Maschinen,  wie  in  der  Entwicklung  des  Maschinenwesens ­
  liegt  ein  Zwang  zur  Massenerzeugung,  der  aber  seine  besondere ­
  Bedeutung  noch  erhält,  wenn  man  berücksichtigt,  daß  es  sich
in  der  Fabrik  vielfach  um  ein  Zusammenarbeiten  einer  großen  Menge
verschiedener  Kraft-  und  Arbeitsmaschinen  handelt,  die  alle  aufeinander
abgestimmt  sein  müssen,  wenn  sie  unter  den  günstigsten  Bedingungen
arbeiten  sollen.  Die  Maschinen  mit  der  größten  Massenerzeugung  geben
den  Ausschlag.  In  der  Regel  werden  es  die  Maschinen  der  untersten  Produktionsstufen ­
  des  Betriebes  sein,  da  hier  die  Gleichartigkeit  des  Vorproduktes, ­
  des  Halbzeugs,  die  Benutzung  von  Maschinen  mit  großer
Leistungsfähigkeit  und  weitgehend  automatischem  Betrieb  erleichtert.
Soll  nun  eine  Betriebserweiterung  vorgenommen  oder  eine  neue  für  den
übrigen  Betrieb  ausschlaggebende  Maschine  mit  gesteigerter  Leistungsfähigkeit ­
  eingeführt  werden,  dann  kann  sich  die  Ausdehnung  der  Erzeugung ­
  nur  sprunghaft  vollziehen.  Ein  neuer  Hochofen  dehnt  die  Leistungsfähigkeit ­
  eines  Hüttenwerkes  ruckweise  erheblich  aus,  da  der  neue  Ofen
nur  dann  mit  den  geringsten  Kosten  arbeitet,  wenn  er  voll  ausgenutzt
wird.  In  einem  kombinierten  Stahlwerk  ist  ausschlaggebend  die  Stahlanlage. ­
  Nach  der  Leistungsfähigkeit  der  Konverter  oder  der  Martinöfen
muß  sich  die  Zahl  der  Hochöfen  und  der  Walzstraßen  richten.  Wird  die
Stahlanlage  mit  neuen  leistungsfähigeren  Konvertern  ausgerüstet  oder
ihre  Zahl  erhöht,  so  muß  der  Betrieb  der  Hochöfen  und  Walzanlagen  den
neuen  Verhältnissen  angepaßt  werden.  Während  in  der  Textilindustrie
die  Aufstellung  einer  Spinnmaschine  und,  wenn  es  sich  um  einen  kombinierten ­
  Betrieb  handelt,  die  Aufstellung  der  entsprechenden  Anzahl  Webstühle ­
  bei  weitem  nicht  eine  solche  sprunghafte  und  den  ganzen  übrigen
Betrieb  beeinflussende  Leistungssteigerung  darstellt.  Trotzdem  besteht
auch  hier,  wenn  auch  nicht  in  dem  Maße  wie  bei  den  Stahlwerken,  jener
Zwang  zur  Massenerzeugung.
/
        <pb n="37" />
        3i

Wie  im  Gewerbe  der  Zwang  zur  Massenerzeugung,  so  herrscht  auf  dem
Gebiet  des  Transportwesens  der  Zwang  zur  Massenbeförderung,  der  vielleicht ­
  am  schärfsten  der  Seeschiffahrt  den  Stempel  aufdrückt.
Zwang  zur  Massenerzeugung,  mit  anderen  Worten:  das  Streben,  mit
den  geringsten  Kosten  zu  produzieren,  heißt  gleichzeitig  Erschwerung
der  Produktionseinschränkung.  Je  stärker  und  umfassender  der  Zwang,
desto  schneller  werden  die  Kosten  durch  die  Produktionseinschränkung
anwachsen.  Kann  eine  Maschine  nicht  voll  ausgenutzt  werden,  läßt  man
sie  langsamer  laufen,  oder  werden  häufiger  Pausen  eingelegt,  so  werden
die  Produktionskosten  pro  Mengeneinheit  um  so  rascher  wachsen,  je  mehr
die  Maschine  durch  Anschaffungs-  und  Betriebskosten  belastet  ist,  die
durch  Massenproduktion  ausgeglichen  werden  müssen.  Werden  aber  die
verschiedenen  Produktionsstufen  eines  Betriebes  von  solchen  Maschinen
beherrscht,  so  müssen  notwendig  bei  Betriebseinschränkung  die  Kosten
noch  schneller  wachsen.  Nehmen  wir  an,  ein  Stahlwerk  arbeite  mit  einer
modernen  Hochofenanlage,  leistungsfähigen  Konvertern  und  außerdem  —
was  allerdings  bei  uns  noch  seltener  der  Fall  ist  —  mit  amerikanischen
Walzstraßen,  die  bei  fast  automatischem  Betrieb  auf  eine  hohe  Produktenziffer
  eingestellt  sind.  Eine  Betriebseinschränkung  trifft  hier  alle
drei  Stufen  der  Erzeugung  und  wird  infolge  der  hohen  Anlagekapitalien
und  der  Kosten  der  Betriebsbereitschaft  auf  jeder  eine  verhältnismäßig
rasche  Steigerung  der  Belastung  der  Produkteneinheit  verursachen,  was
eine  empfindliche  Verteuerung  des  Endproduktes  zur  Folge  hat.  In  einer
Textilindustrie  dagegen  belastet  die  Verkürzung  der  Produktionszeit  aller
oder  einiger  Spinnmaschinen  und  Webstühle  die  Produktion  in  verhältnismäßig ­
  geringerem  Maße.
Wir  haben  bisher  festgestellt,  daß  ein  Zwang  zur  Massenproduktion
besteht,  weil  die  Maschinen  bei  voller  Ausnutzung  ihrer  Kraft  mit  den
geringsten  Kosten  arbeiten.  Es  existiert  aber  noch  ein  anderer  Zwang  zur
Massenerzeugung,  der  darauf  hinausläuft,  eine  möglichst  große  Zahl
gleichartiger  Maschinen  nebeneinander  zu  beschäftigen,  weil  dann  im  Falle
einer  Betriebseinschränkung  der  Druck  um  so  weniger  fühlbar  wird.  In
einer  Textilfabrik  werden  die  Kosten  eines  zeitweisen  oder  vollständigen
Stillstandes  einiger  Spinnmaschinen  und  Webstühle  um  so  weniger  zum
Ausdruck  kommen,  desto  mehr  Maschinen  voll  beschäftigt  bleiben,  auf
eine  desto  größere  Produktenmenge  sich  die  Unkosten  der  Betriebseinschränkung ­
  noch  verteilen  können.  Bei  einem  kleinen  Betrieb  mit  wenigen
Maschinen  wird  der  Stillstand  einer  schon  schwer  ins  Gewicht  fallen.  Ein
kleines  Stahlwerk,  das  mit  einem  Konverter  —  natürlich  ohne  Berücksichtigung ­
  der  Reservemaschinen  —  und  der  entsprechenden  Anzahl
Hochöfen  und  Walzstraßen  arbeitet,  kann  eine  Betriebseinschränkung
        <pb n="38" />
        nur  durchführen,  indem  es  einen  Hochofen  dämpft  oder  ausbläst  und  den
Konverter  und  die  Walzstraßen  mit  größeren  Pausen  arbeiten  läßt.  Die
Kosten,  vor  allem  die  der  Betriebsbereitschaft  belasten  die  verringerte
Erzeugung  erheblich.  Ein  großes  Stahlwerk  ist  aber  in  der  Lage,  einen
Teil  der  Anlagen  jeder  Produktionsstufe  vollständig  stillzulegen,  um  die
übrigen  Anlagen  möglichst  vollkommen  zu  beschäftigen.  Es  spart  dadurch
die  hohen  Kosten  der  Betriebsbereitschaft.  Die  Amortisation  und  eventuell ­
  die  Verzinsung  des  stilliegenden  Anlagekapitals  wird  zwar  die  Kosten
der  verringerten  Produktion  erhöhen,  dieser  Druck  wird  aber  desto
schwächer  sein,  je  weniger  die  Gesamterzeugung  durch  die  Betriebseinschränkung ­
  gekürzt  wird,  je  größer  also  das  Stahlwerk  ist.
Die  Parole  muß  also  lauten:  Nicht  nur  Ausdehnung  der  Erzeugung ­
  bis  zur  vollen  Ausnutzung  der  Leistungsfähigkeit  der  Maschinen
und  Anlagen,  sondern  auch  Erstrebung  einer  möglichst  großen  Gesamterzeugung, ­
  damit  sich  die  Unkosten  einer  Betriebseinschränkung  auf  eine
große  Produktenziffer  verteilen  und  die  Konkurrenzfähigkeit  des  Werkes
nicht  zu  sehr  geschwächt  wird.
Jede  Betriebseinschränkung  verursacht  Kosten,  wenn  auch  die  Wirkungen ­
  bei  den  verschiedenen  Maschinen,  folglich  auch  in  den  verschiedenen ­
  Industriezweigen  und  hier  wieder  je  nach  der  Größe  der  einzelnen
Unternehmungen  desselben  Industriezweiges  in  verschiedener  Stärke  zur
Geltung  kommen.  Betriebseinschränkungen  werden  aber  hauptsächlich
in  den  Zeiten  des  Überangebotes  und  der  sinkenden  Preise  notwendig.
Da  aber  bei  sinkenden  Preisen  jedes  Anziehen  der  Kosten  doppelt  drückend
empfunden  wird,  so  herrscht  das  Bestreben  vor,  die  volle  Betriebskraft
des  Werkes  möglichst  so  lange  auszunutzen,  bis  die  Preise  einen  Tiefstand
erreicht  haben,  bei  dem  die  Verluste  größer  sind  als  jene,  die  eine  Betriebseinschränkung ­
  oder  teilweise  Stillegung  verursacht.  Dieser  Zeitpunkt
tritt  beim  Nachlassen  der  Preise  am  ersten  bei  denjenigen  Industriezweigen ­
  und  Unternehmungen  ein,  deren  Erzeugungskosten  pro  Mengeneinheit ­
  durch  Produktionseinschränkung  am  wenigsten  belastet  werden.
Wo  die  Maschine  Einzug  gehalten  hat  und  wo  die  Maschinentechnik
rasch  fortschreitet,  macht  sich  auf  seiten  des  Angebotes  ein  starker  Drang
nach  Produktionsausdehnung  bemerkbar.  Jedes  Unternehmen  wird  sich
bemühen,  möglichst  weit  der  wachsenden  Nachfrage  zu  folgen,  und  es
kann  sich  um  so  leichter  der  Nachfrage  anpassen,  je  mehr  der  Industriezweig ­
  zur  Verwendung  von  anorganischen  Stoffen  an  Stelle  der  bisher
benutzten  organischen  Rohstoffe  übergegangen  ist,  je  weniger  er  also  an
die  Wachstumsperiode  der  Tiere  und  Pflanzen,  an  den  augenblicklichen
Vorrat  der  lebenden  Natur,  der  Land-  und  Forstwirtschaft  gebunden  ist.
Aber  auch  in  den  weiten  Industriegebieten,  wo  noch  die  organischen  Stoffe
        <pb n="39" />
        unentbehrlich  sind,  kann  das  Ausdehnungsbedürfnis  in  ganz  anderem
Ausmaß  befriedigt  werden,  nachdem  die  modernen  Transportmittel  die
Herbeischaffung  dieser  Stoffe  aus  weiter  Ferne  erlauben.  Weicht  aber
die  Nachfrage  zurück,  so  setzt  jedes  Unternehmen  der  Einengung  der
Erzeugung  einen  lebhaften  Widerstand  entgegen.  Ein  heftiger  Wettkampf
muß  entbrennen,  und  zwar  am  lebhaftesten  in  den  Industrien,  die  sich
durch  den  Zwang  zur  Massenproduktion  und  durch  sprunghafte  Ausdehnung ­
  besonders  auszeichnen.  Daß  sich  die  Nachfrage  im  großen  ganzen
durch  den  Übergang  zur  National-  und  Weltwirtschaft  kräftig  entfaltete,
haben  wir  gesehen  und  die  treibenden  Faktoren  hervorgehoben.  Jetzt
handelt  es  sich  zunächst  darum,  die  Einzelbewegungen  der  Nachfrage  ins
Auge  zu  fassen.

b)  Die  Nachfrage.
Das  Wachstum  der  Nachfrage  vollzieht  sich  in  großen  Wellenbewegungen. ­
  Immer  wieder  schwillt  sie  von  Zeit  zu  Zeit  rasch  an,  treibt  das
ganze  Wirtschaftsleben  zu  fieberhafter  Tätigkeit,  um  dann  wieder  zurückzuebben. ­
  Aber  jede  Welle  übertrifft  in  der  Regel  die  vorhergehende;
Wellenberg  und  -tal  erreichen  ein  höheres  Niveau.  Wir  müssen  also  unterscheiden ­
  zwischen  einem  normalen  und  einem  außergewöhnlichen  Nachfragezuwachs. ­

Die  normale  Steigerung  des  Bedarfs  geht  aus  von  der  Bevölkerungsvermehrung ­
 1 ).  Der  Zuwachs  muß  versorgt,  für  den  heranwachsenden
arbeitsfähigen  Teil  muß  Arbeitsgelegenheit  geschaffen  werden.  Das  ganze
Wirtschaftsleben,  also  auch  die  Produktionssphäre,  dehnt  sich  aus.  Der
wachsenden  Erzeugung  in  den  einzelnen  Branchen  entspricht  auch  die
wachsende  Kaufkraft.  Das  Streben  jeder  Volkswirtschaft  muß  darauf
gerichtet  sein,  die  Erzeugung  in  gleichem  Schritt  mit  der  Bevölkerung  zu
heben,  da  sie  sonst  verarmen  würde.  Wir  könnten  aber  auch  dann  noch
von  einem  normalen  Nachfragezuwachs  sprechen,  wenn  die  Produktivkraft ­
  der  Volkswirtschaft  schneller  als  die  Bevölkerung  wächst,  nur  müßte
sich  die  Produktivitätssteigerung  langsam  vollziehen,  indem  sich  produktionstechnische ­
  oder  verkehrstechnische  oder  organisatorische  Fortschritte ­
  allmählich  im  Wirtschaftsleben  durchsetzten.  Dem  normalen
Nachfragezuwachs  würde  eine  allmähliche,  gleichmäßige  Entwicklung  des
Wirtschaftslebens  entsprechen.
Der  außergewöhnliche  Nachfragezuwachs  kann  verschiedene  Ur-
        <pb n="40" />
        34

Sachen  haben.  Zu  den  wichtigsten  Faktoren  gehören  die  Füllernten,  die
die  Natur  immer  wieder  von  Zeit  zu  Zeit  den  Menschen  beschert.  Nur  mit
wenigen  Strichen  können  hier  die  Wirkungen  der  übernormal  reichen
Ernten  gezeichnet  werden 1 ).
Jede  Mehrernte  bedeutet  einen  Zuwachs  an  Reichtum  der  Gesamtheit,
einen  Zuwachs  der  Gesamtkaufkraft.  Es  fragt  sich  nun,  in  wessen  Händen
dieses  Plus  an  Reichtum  und  Kaufkraft  beim  Absatz  des  Mehrproduktes
haften  bleibt,  denn  davon  hängt  auch  der  Einfluß  der  Füllernte  auf  den
Ablauf  des  Wirtschaftslebens  ab.  Dem  Mehrangebot  der  Landwirtschaft
steht  zunächst  keine  größere  Kaufkraft  der  Konsumenten  gegenüber  —
natürlich  unter  der  Annahme,  daß  sich  im  übrigen  im  Wirtschaftsleben
nichts  geändert  hat,  daß  das  Einkommen  der  Konsumenten  nicht  aus
irgendwelchen  anderen  Gründen  gewachsen  ist.  Somit  kann  das  Ernteplus
nur  abgesetzt  werden,  wenn  die  Kauflust  durch  Preissenkung  angereizt
wird.  Scheiden  wir,  um  die  Darstellung  zu  vereinfachen,  den  Fall  aus,
in  dem  das  Mehrprodukt  von  den  Konsumenten  nicht  ganz  aufgenommen
wird  und  nehmen  wir  an,  die  Vorgänge  spielten  sich  in  einer  nach  außen
geschlossenen  Volkswirtschaft  ab.  Die  Landwirte  halten  einen  um  so
größeren  Teil  des  Reichtums-  und  Kaufkraftzuwachses  fest,  je  weniger
der  Preis  gesenkt  werden  muß,  je  größer  trotz  Preissenkung  ihr  Gesamterlös ­
  verglichen  mit  dem  Erlös  bei  einer  normalen  Ernte  ist.  Sie  verlieren
das  Plus  an  Reichtum,  das  sie  geerntet  haben,  ganz,  ja  sie  erleiden  sogar
noch  einen  Verlust,  eine  Minderung  ihrer  normalen  Kaufkraft,  wenn  die
Mehrernte  erst  bei  einem  Preis  absorbiert  wird,  der  ihnen  nur  einen  geringeren ­
  Gesamterlös  als  in  normalen  Jahren  übrig  läßt.  Umgekehrt
liegen  die  Verhältnisse  auf  seiten  der  Konsumenten.  Sinkt  der  Preis  nur
wenig,  so  kann  das  Ernteplus  nur  aufgenommen  werden,  wenn  die  Konsumenten ­
  sich  verleiten  lassen,  einen  größeren  Teil  ihres  Einkommens  als.
in  normalen  Jahren  zum  Ankauf  aufzuwenden.  Sie  haben  in  diesem  Falle
einen  Teil  des  Reichtum-  und  Kaufkraftzuwachses  an  sich  gezogen,  da
sie  für  die  gleiche  Einkommeneinheit  einen  größeren  Teil  der  Ernte  erhalten; ­
  aber  ihre  Kaufkraft  für  irgendwelche  andere  Produkte  ist  gesunken, ­
  da  sie  über  einen  größeren  Teil  ihres  Einkommens  bereits  verfügt
haben.  Je  mehr  nun  der  Erntepreis  sinkt,  um  so  mehr  gleitet  der  Reichtum
Zuwachs  aus  den  Händen  der  Landwirte  in  die  der  Konsumenten,  bis
schließlich  in  dem  Falle,  wo  die  Landwirte  einen  Verlust  zu  verzeichnen
haben,  die  Konsumenten  für  die  gesamte  Ernte  sogar  nur  einen  geringeren
Gesamtaufwand  zu  machen  haben  wie  in  normalen  Jahren.  Sie  haben

*)  Dietzel  gibt  im  Artikel  ,,Ernten“  im  Handwörterbuch  der  Staatswissen
schalt  eine  eingehende  Darstellung.
        <pb n="41" />
        35

also  noch  Einkommensteile  erspart,  die  jetzt  als  Mehrnachfrage  nach  irgend
welchen  anderen  Produkten  auftreten  können.  Das  vorläufige  Resultat
unserer  Untersuchung  zeigt,  daß  die  durch  die  Füllernte  hervorgerufene
Preisverschiebung  eine  mehr  oder  minder  starke  Verschiebung  der  Konsumkraft ­
  der  Landwirte  und  Konsumenten  bewirkt.  Einer  Ausdehnung
hier  entspricht  ein  Einschrumpfen  dort.  Da  sich  aber  der  Bedarf  der  beiden
Gruppen  nicht  durchweg  auf  dieselben  Güterarten  erstreckt,  kann  die
Mehmachfrage  durch  die  Mindernachfrage  nicht  vollständig  kompensiert
werden.  Die  notwendige  Folge  ist  also  eine  Ausweitung  der  industriellen
Erzeugung  auf  der  einen,  eine  Einschränkung  auf  der  anderen  Seite.
Die  Wirkungen  der  Füllernten  ziehen  aber  noch  weitere  Kreise,  das
Resultat  bedarf  noch  einer  Modifizierung.  Es  stehen  sich  nicht  Erntner
und  Konsumenten  direkt  gegenüber,  sondern  es  schieben  sich  noch  eine
Reihe  Zwischenglieder  ein.  Der  auf  den  Feldern  gewonnene  Rohstoff
muß  ja  erst  in  konsumreife  Produkte  verwandelt,  muß  industrialisiert
werden;  je  größer  das  Mehrprodukt  der  Ernte,  desto  größerer  Mehraufwand ­
  ist  nicht  nur  in  der  Landwirtschaft,  um  die  Ernte  herein  zu  bringen,
sondern  auch  in  der  Industrie  zur  Bearbeitung  notwendig.  Handelt  es
sich  um  eine  Füllernte  an  Getreide,  so  müssen  Müllerei,  Bäckerei,  Brauerei
und  Brennerei  eine  Mehrarbeit  verrichten  als  bei  einer  Normalemte.  Ist
der  Ertrag  an  Wolle,  Flachs  oder  Baumwolle  ungewöhnlich  reich  ausgefallen,
so  haben  Spinnerei,  Weberei,  Färberei,  die  Kleider-  und  Wäschebranchen
diese  Aufgabe  zu  erfüllen.  Hat  die  Fruchtbarkeit  einen  reicheren  Viehbestand ­
  zur  Folge,  so  haben  Metzgerei  und  Lederindustrie  mit  einem
Arbeitsplus  zu  rechnen.  Von  der  Rübenernte  hängt  die  Tätigkeit  der
Zuckerindustrie,  von  der  Weinernte  die  der  Kellereien,  Böttchereien  und
Flaschenindustrie,  von  der  Obsternte  die  der  Konserven-  und  Marmeladenindustrie ­
  usw.  ab.  Weiterhin:  Nach  den  Verarbeitern  der  Rohstoffe  folgen
die  Händler  und  überall  zwischen  Urproduzenten,  Verarbeitern  und  Konsumenten ­
  schiebt  sich  das  Transportgewerbe  ein.  Sie  alle  haben  je  nach  der
Größe  der  Füllernte  eine  Mehrleistung  zu  erfüllen.  Der  Zuwachs  an  Reichtum ­
  und  Kaufkraft,  der  sich  ursprünglich  in  den  Händen  der  Landwirte
angesammelt  hatte,  muß,  ehe  er  den  Konsumenten  erreicht,  alle  diese
Etappen  passieren  und  überall  bleibt,  je  nach  der  Gunst  der  Verhältnisse,
ein  größeres  oder  geringeres  Quantum  hängen.  Deshalb  muß  sich  auch
die  Preisgestaltung  etwas  anders  vollziehen,  zumal  auch  die  Kaufkraft
des  letzten  Konsumenten,  wie  ursprünglich  angenommen,  nicht  gleich
bleibt.
Den  Urproduzenten  steht  die  verarbeitende  Industrie  gegenüber.  Sie
muß  für  die  anormal  große  Rohstoffmenge  einen  Preis  zu  erlangen
suchen,  der  ihr  die  Sicherheit  gibt,  daß  die  Endprodukte  von  den  Kon-D
        <pb n="42" />
        36

sumenten  oder  Händlern  aufgenommen  und  ihr  die  gesamten  Mehrkosten
der  Verarbeitung  und  Bereitstellung  ersetzt  werden.  Die  Veredlungsindustrie ­
  und,  aus  ähnlichen  Gründen,  der  Handel  werden  versuchen  einen
Teil  des  Reichtumzuwachses  festzuhalten,  um  mindestens  ihre  Kosten
zu  decken.  Sie  werden  um  so  vorteilhafter  abschneiden,  je  kaufkräftiger
die  Konsumenten  in  der  Zwischenzeit,  bis  das  Mehrprodukt  sie  erreicht,
geworden  sind.  Woher  dieses  Steigen  der  Kaufkraft  kommt,  wird  sich
gleich  zeigen.  Zunächst  müssen  Veredlungsindustrie  und  Handel  einen
Teil  des  Reichtumplus  an  alle  diejenigen  weiter  geben,  die  ihnen  bei  der
Verarbeitung  und  Bereitstellung  des  Mehrproduktes  helfen:  an  die  Transportgewerbe, ­
  Arbeiter  und  Kapitalverleiher.  Nehmen  wir  zunächst  einmal ­
  an,  die  vorhandenen  Verkehrs-  und  Produktionsanlagen  reichten  aus,
auch  den  Zuwachs  der  Füllernte  zu  bewältigen.  Das  ist  nur  möglich,  wenn
die  Anlagen  bisher  nicht  bis  zur  Grenze  ihrer  Leistungsfähigkeit  ausgenutzt ­
  waren.  Es  gehen  demnach  von  der  intensiveren  Ausnutzung  der
vorhandenen  Anlagen  —  abgesehen  davon,  daß  auch  die  Industrien  ihre
Erzeugungen  ausdehnen  müssen,  die  die  übrigen  zum  Produktionsprozesse ­
  nötigen  Rohstoffe  und  Hilfsmittel  wie  z.  B.  Kohle  liefern  —  zwei
Wirkungen  aus.  Einerseits  erzwingt  die  intensivere  Ausnutzung  eine
Lohn-  und  Diskonthausse,  andererseits  bewirkt  sie  eine  Produktivitätssteigerung, ­
  also  einen  neuen  Zuwachs  an  Reichtum  und  Kaufkraft.
Die  intensivere  Beschäftigung  der  vorhandenen  Arbeiter  während
der  üblichen  Arbeitszeit,  das  Einlegen  von  Überstunden  und  Nachtschicht
hebt  den  Verdienst  des  Arbeiters.  Da  die  vorhandenen  Kräfte  nicht  ausreichen, ­
  müssen  neue  herangezogen,  aus  irgendeiner  anderen  Beschäftigung ­
  herangelockt  werden,  was  nur  durch  eine  Lohnsteigerung  möglich
ist.  Im  Verkehrsgewerbe  und  in  den  die  Füllernte  verarbeitenden  Industrien ­
  ziehen  die  Löhne  an.  Um  die  gesamten  Mehrkosten  vorläufig
bis  zur  Bezahlung  der  Ernte  oder  des  Transportes  oder  des  fertigen  Produktes ­
  auslegen  zu  können,  bedürfen  Landwirtschaft,  Verkehrsgewerbe,
Industrie  und  Handel  ein  Plus  an  Betriebskapital.  Zwar  ist  es  größtenteils
nicht  nötig  diese  Kapitalien  anderen  Beschäftigungen  zu  entziehen,  da
dort,  wo  ein  geordnetes  Bankwesen,  Noten-  und  Scheckverkehr  herrscht,
die  Banken  nach  dem  Prinzip  der  gegenseitigen  Verschuldung  Kredit  gewähren ­
 1 ).  Die  stärkere  Inanspruchnahme  des  Bankkredits  ruft  aber
schließlich  ein  Anziehen  des  Diskonts  hervor.  So  fließt  also  auf  allen
Etappen  der  Zuwachs  an  Reichtum  und  Kaufkraft  weiter  in  die  Hände

h  Eine  klare  Darstellung  der  Kreditgewährung  nach  dem  Prinzip  der  gegenseitigen ­
  Verschuldung  gibt  Hartley  Withers,  Geld  und  Kredit  in  England,  übersetzt ­
  von  Patzauer  19x1  S.  21  ff.  und  6off.
        <pb n="43" />
        37

der  Arbeiter  und  Kapitalverleiher.  Da  aber  die  Lohn-  und  Diskonthausse
auch  jene  Unternehmungen  trifft,  die  nicht  an  der  Verarbeitung  und  Bereitstellung ­
  der  Mehremte  beteiligt  sind,  findet  hier  ebenfalls  eine  Verschiebung ­
  des  Einkommens  statt,  die  die  Wirkung  der  Füllernte  noch  verstärkt. ­
  Arbeiter  und  Kapitalverleiher  erhalten  einen  größeren  Anteil  am
Ertrag,  es  wächst  also  auch  hier  ihre  Kaufkraft  und  besonders  wichtig
ist,  daß  die  Konsumkraft  der  breiten  Massen  anschwillt.  Dieser  Nachfragezuwachs ­
  richtet  sich  aber  nicht  nur  auf  jene  Mehrprodukte,  die  dem
reicheren  Ernteausfall  ihre  Entstehung  verdanken,  auch  andere  Industrien
ziehen  Nutzen  aus  ihr  und  dehnen  ihre  Erzeugung  aus.  Die  Wirkung  der
Füllemte  greift  auf  immer  weitere  Wirtschaftsgebiete  über!
Die  andere  Folge  der  intensiveren  Ausnutzung  der  vorhandenen  Anlagen ­
  —  sowohl  in  denjenigen  Industrien,  die  direkt  oder  indirekt  an  der
Veredlung  der  agrarischen  Rohstoffe  beteiligt  sind,  als  auch  in  jenen,  die
aus  der  Einkommensverschiebung  aus  dem  Nachfrageplus  profitieren  —
ist  eine  Produktivitätssteigerung,  eine  Produktionskostensenkung,  da  in
derselben  Zeit  zwar  mit  einem  Mehraufwand  an  Mitteln  eine  im  Verhältnis
größere  Menge  von  Produkten  erzeugt  wird.  Dem  Reichtumplus  in  der
Landwirtschaft  stellt  sich  dieser  Reichtumplus  im  Gewerbe  zur  Seite  und
es  hängt  von  den  Verhältnissen  ab,  in  wessen  Händen  dieser  Zuwachs  an
Reichtum  und  Kaufkraft  hängen  bleibt.  Die  letzte  Wirkung  dieses  Nachfrageplus ­
  wird  eine  Erzeugungsausdehnung  irgendwelcher  Industriezweige ­
  sein.
Bisher  hatten  wir  angenommen,  die  vorhandenen  Anlagen  im  Verkehrsgewerbe ­
  und  in  der  Veredlungsindustrie  reichten  aus,  die  Mehrarbeit
zu  bewältigen.  Häufig  wird  das  nicht  der  Fall  sein,  zumal  wenn  mehrere
reiche  Erntejahre  aufeinander  folgen.  Eine  Ausweitung  der  Anlagen  und
Errichtung  neuer  wird  zur  Notwendigkeit.  Die  Anlage  suchenden  Kapitalien ­
  drängen  sich  jetzt  in  stärkerem  Maße  den  begünstigten  Unternehmungszweigen ­
  zu,  rufen  eine  Mehrnachfrage  nach  Baumaterialien,
Kraft-  und  Arbeitsmaschinen,  Eisenbahnen  und  Schiffen  usw.  hervor.
Diese  neue  Nachfragewelle  erzwingt  wieder  ähnliche  Wirkungen,  wie  wir
sie  soeben  kennen  gelernt  haben,  zunächst  in  den  Eisen-,  Maschinen-  und
Zementindustrien,  in  den  sogenannten  „instrumental-industries“.
Lassen  wir  nun  auch  die  Voraussetzung  fallen,  daß  die  Vorgänge  sich
in  einer  nach  außen  geschlossenen  Volkswirtschaft  abspielen,  dann  muß
das  Resultat  wiederum  etwas  modifiziert  werden.  Es  kann  einerseits  der
Mehrbedarf  an  Arbeitskräften  und  Kapitalien  zum  Teil  vom  Auslande
gedeckt  werden,  was  mit  einer  Steigerung  der  Produktivkraft  des  Inlandes
gleichbedeutend  wäre  und  wodurch  die  Aufwärtsbewegung  des  Wirtschaftlebens ­
  gekräftigt  würde.  Andererseits  kann  der  Mehrbedarf  an  kon ­
        <pb n="44" />
        38

sumreifen  Waren,  Produktionsmitteln  und  Rohstoffen  vom  Auslande  gedeckt ­
  werden,  wodurch  die  Haussebewegung  gedämpft  würde.  Endlich
sind  nicht  mehr  die  nationalen  Ernten,  sondern  die  Welternten  entscheidend,
und  zwar  um  so  mehr,  je  enger  die  Industriestaaten  mit  den  Agrarstaaten ­
  in  wirtschaftlichem  Kontakt  stehen.
Die  außergewöhnlich  ergiebigen  Ernten  verursachen  weitgehende
Verschiebungen  und  Ausweitungen  im  Wirtschaftsleben.  Ein  Rückschlag
ist  unvermeidlich;  er  würde  auch  dann  eintreten  müssen,  wenn  die  Ernten
sich  dauernd  auf  diesem  Hochstand  hielten  und  höchstens  entsprechend
der  Bevölkerungsvermehrung  noch  weiter  an  wüchsen.  Denn  sobald  die
Industrien  sich  der  Mehrnachfrage  und  den  Nachfrageverschiebungen
angepaßt  hätten,  wäre  auch  das  außergewöhnliche  Arbeitspensum  der
„industrial  industries“  erledigt,  eine  Betriebseinschränkung  notwendig.
Also  selbst  bei  gleichbleibendem  Mehrangebot  würde  erst  nach  einigen
Pendelschwingungen  nach  oben  und  unten  eine  neue  Gleichgewichtslage
erreicht.  Aber  die  Ernten  bleiben  nicht  gleich  groß.  Füllernten,  normale
Ernten  und  Mißernten  lösen  sich  ab.  So  kommt  das  Wirtschaftsleben
nicht  zrrr  Ruhe.  Einer  Periode  des  Reichtumzuwachses  und  der  Mehrnachfrage ­
  folgt  eine  Periode  der  Reichtumminderung  und  des  Einschrumpfens ­
  der  Nachfrage.  Je  stärker  der  Wirtschaftskörper  angespannt ­
  wurde,  um  das  Ernteplus  zu  bewältigen,  desto  kräftiger  muß,  wenn
der  Erntesegen  in  das  Gegenteil  umschlägt,  die  Erzeugung  im  Gewerbe
eingeschränkt  werden.  Die  Wirkungen  im  einzelnen  lassen  sich  mit  Leichtigkeit ­
  aus  der  Darstellung  des  Aufschwungs  ableiten.  Allerdings  wird
nicht  jede  Füllernte  einen  Aufschwung  und  jede  Mißernte  einen  Niedergang ­
  hervorrufen.  Es  fragt  sich,  ob  nicht  andere  Faktoren  im  entgegengesetzten ­
  Sinne  arbeiten.  Neben  den  Ernten  wirken  noch  andere  Kräfte
auf  eine  Ausdehnung  oder  Einschränkung  der  Nachfrage.  Ohne  Zweifel
aber  handelt  es  sich  bei  den  Ernteschwankungen  um  gewaltige  Größen,
deren  Wucht  die  der  anderen  Faktoren  wohl  selten  gleich  kommt.
In  ganz  ähnlicher  Weise  wie  die  Füllernten  können  Erleichterungen
im  Außenhandel  eine  Markterweiterung,  ein  Nachfrageplus  mit  allen
seinen  Folgen  bewirken,  unter  Umständen  allerdings  auch  nur  eine  Verschiebung, ­
  eine  Begünstigung  der  einen  auf  Kosten  der  anderen  Industrien.
Ebenso  bedeuten  die  Kriege  in  der  Vorbereitungszeit,  während  des  Verlaufs ­
  und  nach  ihrer  Beendigung  eine  zeitweise  gewaltige  Steigerung  der
Nachfrage,  die  am  wirksamsten  ist,  wenn  ein  Land  nur  zur  Deckung  dieser
Nachfrage  herangezogen  wird  und  nicht  selbst  Krieg  führt,  da  ja  im  kriegführenden
  Lande  dem  Nachfrageplus  ein  außerordentliches  Nachfrageminus ­
  infolge  der  erzwungenen  Produktionseinschränkung  und  eventuell
der  Produktionsmittelzerstörung  gegenübersteht.  Jede  außergewöhnliche
        <pb n="45" />
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Ausgabe  für  unproduktive  Zwecke  erweitert  das  Arbeitspensum  bestirnter ­
  Industriezweige.  Ist  die  Extraaufgabe  aber  erfüllt,  dann  macht  sich
der  Rückschlag  um  so  stärker  bemerkbar,  weil  dieselben  Mittel  in  normaler
Weise  produktiv  verwendet  eine  dauernde  Nachfragesteigerung  hervorgerufen ­
  hätten.  Weittragende  und  umwälzende  Erfindungen  gehören  auch
zu  den  Faktoren,  die  zeitweise  eine  erhebliche  einseitige  Nachfragesteigerung ­
  verursachen,  deren  Einfluß  auf  das  Wirtschaftsleben  wesentlich
mit  von  der  Frage  abhängt,  ob  die  Beschaffung  der  nötigen  Anlagekapitalien ­
  und  Arbeitskräfte  ohne  Störung  des  übrigen  Produktionsprozesses
möglich  ist  oder  nicht.  Diesen  Hauptfaktoren  stellen  sich  noch  eine  ganze
Menge  anderer  zur  Seite.  Sie  alle  haben  die  Tendenz,  eine  Nachfragesteigerung ­
  zu  erzeugen,  der  mit  Auf  hören  der  Wirksamkeit  des  Sonderfaktors ­
  ein  Rückschlag  folgt.
Häufig  treffen  verschiedene  Faktoren  zusammen  und  rufen  dann
einen  Aufschwung  von  ganz  besonderer  Intensität  hervor.  Nicht  selten
haben  günstige  Ernten  eine  Beschleunigung  des  Ausbaues  der  Verkehrsmittel ­
  zur  Folge  gehabt,  also  ein  beschleunigtes  Durchsetzen  des  technischen ­
  Fortschrittes.  Die  Kosten  für  die  Ausgestaltung  des  deutschen
Eisenbahnnetzes  werden  z.  B.  bis  1900  auf  13  Milliarden  berechnet.  Berücksichtigt ­
  man,  daß  1900  das  deutsche  Eisenbahnnetz  nur  den  15.  Teil
des  Welteisenbahnnetzes  darstellte,  und  diese  gewaltige  Arbeitsleistung
nur  von  der  Eisenindustrie  weniger  Länder  bewältigt  worden  ist,  unter
denen  England,  Belgien,  Deutschland  und  die  Vereinigten  Staaten  besonders ­
  hervorragen,  dann  kann  man  ermessen,  wie  die  stoßweise  Ausgestaltung ­
  dieses  Netzes  die  Bewegung  des  Wirtschaftslebens  dieser  Länder
beeinflußt  hat.  In  Deutschland  sind  als  treibende  Faktoren  in  dem
großen  Aufschwung  von  1895  bis  1901:  günstige  Ernten,  erleichterte
Handelsbeziehung  zum  Ausland,  Ausbau  des  Kleinbahnnetzes  infolge  des
Kleinbahngesetzes  von  1892,  erstes  stärkeres  Durchsetzen  der  Elektrizitätverwendung ­
  wirksam  gewesen.
Je  wuchtiger  und  weitreichender  der  Aufschwung,  desto  lebhafter
entfalten  sich  auch  der  Optimismus,  die  Unternehmungslust  und  die
Phantasie.  Sie  treiben  die  Aufschwungswelle  oft  weit  über  das  Maß  hinaus,
das  durch  die  sachlichen  Faktoren  begründet  ist.  Wo  sie  diese  Kraft  gewinnen, ­
  muß  auch  der  Rückschlag  notwendigerweise  um  so  heftiger  sein.
Andererseits  kann  auch  das  Fehlen  des  Optimismus  und  der  Unternehmungslust ­
  dazu  führen,  daß  die  vorhandenen  sachlichen  Aufschwungsmöglichkeiten ­
  nicht  ausgenutzt  werden.  Ebenso  bewirkt  eine  allgemeine  pessimistische ­
  Auffassung  nicht  selten,  daß  die  rückläufige  Bewegung  im
Wirtschaftsleben  außerordentlich  verstärkt  wird.
So  muß  sich  die  wirtschaftliche  Entwicklung  in  stetem  Wechsel  von
        <pb n="46" />
        40

Aufschwung  und  Niedergang  vollziehen.  Ganz  unabhängig  von  der  sozialen ­
  Ordnung  der  Wirtschaft  rufen  gewisse  Faktoren  jene  Wellen  immer
wieder  von  Zeit  zu  Zeit  hervor.
Wird  die  moderne  Technik  beherrscht  von  der  Tendenz  der  Massenproduktion ­
  und  muß  sich  die  wirtschaftliche  Gesamtentwicklung  in  steter
Wellenlinie  vollziehen,  so  ist  die  notwendige  Folge,  daß  nach  der  rapiden
Ausweitung  der  Produktionsmittel  in  den  Jahren  des  Aufschwungs  das
Angebot  in  der  Zeit  des  Niederganges  bei  weitem  die  Nachfrage  übertrifft.
Am  stärksten  wird  sich  naturgemäß  dieses  Überangebot  in  den  Produktionszweigen ­
  einstellen,  die  einerseits  durch  den  Verlauf  der  Aufwärtsbewegung
den  lebhaftesten  Anreiz  erfuhren  und  andererseits  durch  reiche  Maschinenverwendung ­
  und  weitgehend  automatischen  Betrieb  der  Tendenz  zur
Massenproduktion  in  erster  Linie  unterworfen  sind.  Beide  Bedingungen
erfüllen  in  jeder  Hinsicht  die  Kohlenindustrie  und  die  unteren  Stufen  der
Eisenindustrie,  denn  sie  liefern  das  notwendige  Material  zur  Erzeugungsausdehnung ­
  der  meisten  anderen  Industriezweige,  müssen  also  in  der
Hochkonjunktur  weit  höheren  Ansprüchen  genügen  als  jene,  und  sie  sind
in  der  Ersetzung  der  Handarbeit  durch  Maschinenarbeit  außerordentlich
weit  fortgeschritten,  haben  also  den  lebhaftesten  Drang,  sich  möglichst
den  erhöhten  Ansprüchen  anzupassen.  Folglich  müssen  sie  auch  vorn
Konjunkturrückschlag  besonders  heftig  erfaßt  werden.  Kohlen  und
Eisenindustrie  werden  als  das  Barometer  der  Wirtschaftskonjunkturen
betrachtet.
Wächst  das  Angebot  über  die  Nachfrage,  so  verschärft  sich  der  Wettkampf ­
  und  hält  der  Zustand  an,  so  muß  schließlich  eine  allgemeine  Notlage
den  Wirtschaftszweig  erfassen.  Ehe  wir  auf  die  Regulierung  des  Wettkampfes ­
  eingehen,  müssen  wir  die  Frage  erörtern,  welche  Aufgabe  der  ungebundene ­
  Wettkampf  im  Wirtschaftsleben  zu  erfüllen  hat.  Wir  werden
dann  auch  die  Faktoren  kennen  lernen,  die  nicht  nur  auf  ein  vorübergehendes, ­
  sondern  ein  dauerndes  Mißverhältnis  zwischen  Angebot  und
Nachfrage  hinwirken.

2.  Die  Aufgaben  der  freien  Konkurrenz.
Die  freie  Konkurrenz  soll  nach  Ansicht  der  Vertreter  der  klassischen
Nationalökonomie  die  Preise  den  Produktionskosten  anpassen  und  dadurch ­
  das  Wirtschaftsleben  im  ökonomischen  Sinne  leiten  und  regeln.
Man  sagt:  wo  das  Angebot  zu  gering  ist  und  die  Preise  die  Kosten  erheblich
überschreiten,  wird  neue  Konkurrenz  angelockt,  bis  der  Gewerbezweig
nur  noch  die  üblichen  Gewinne  abwirft.  Wo  dagegen  die  Zahl  der  Wett-»Mi

  ■
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        bewerber  den  Bedarf  übersteigt,  wo  die  Preise  die  Kosten  nicht  decken,
wird  ein  Teil,  vor  allem  der  schwächere,  verdrängt,  bis  normale  Verhältnisse ­
  eingetreten  sind.  Entspricht  diese  Auffassung  der  Wirklichkeit,
dann  muß  die  freie  Konkurrenz  die  wirtschaftlichen  Kräfte  dorthin  lenken,
wo  sie  am  wirksamsten  sind,  der  größte  Gesamterfoig  mit  dem  geringsten
Aufwand  erreicht  wird.
Doch  diese  Rolle,  als  Regulator  des  Wirtschaftslebens,  vermag  der
ungebundene  Wettbewerb  nur  bedingt  zu  erfüllen.  Für  die  erste  Zeit  der
großen  Umwälzung,  in  der  auch  die  Lehren  der  klassischen  Nationalökonomie ­
  entstanden,  trifft  diese  Auffassung  zu.  Solange  es  sich  noch  um
kleine  Unternehmungen  mit  geringer  Maschinenverwendung  handelt,  die
zu  ihrer  Errichtung  nur  verhältnismäßig  geringe  Kapitalien  bedürfen  und
aus  denen  diese  Kapitalien,  wenn  auch  mit  Verlust,  so  doch  zum  größten
Teil  herausgezogen  werden  können,  vermag  die  freie  Konkurrenz  —  allerdings ­
  unter  der  Voraussetzung,  daß  sich  den  verdrängten  Wettbewerbern
stets  neue  Arbeitsgelegenheit  bietet  —  jene  gesunde  Anpassung  von  Angebot ­
  und  Nachfrage  zu  erzwingen.  Je  mehr  die  festgelegten  Kapitalien
wachsen,  ändert  sich  das  Bild.  Man  kann  vielleicht  sagen,  daß  zum  erstenmal ­
  klar  die  Allgemeingültigkeit  der  Lehre  von  den  segensreichen  Wirkungen ­
  der  freien  Konkurrenz  dort  widerlegt  wurde,  wo  zwei  Eisenbahnlinien ­
  miteinander  in  Wettkampf  traten.  Verleiten  die  guten  Erträge  einer
Eisenbahn  zum  Bau  einer  Konkurrenzlinie,  so  ist  die  Folge  ein  lang  anhaltender ­
  Kampf  um  die  Frachtsätze,  der  mindestens  zum  finanziellen
Zusammenbruch  einer  Bahn,  meist  aber  beider  Bahnen  führt  und  auch  in
die  geschäftliche  Tätigkeit  der  Verfrachter,  infolge  der  stets  schwankenden
Tarifsätze  und  der  differentiellen  Behandlung,  eine  große  Unsicherheit
hinein  trägt.  Auch  die  Schiffahrt,  vor  allem  die  Seeschiffahrt,  kennt  zahlreiche ­
  Beispiele  für  die  verderblichen  Folgen  der  freien  Konkurrenz.  Im
Gewerbe  liegen  die  Verhältnisse  überall  dort  nicht  anders,  wo  die  Anlage
große  Kapitalien  und  leistungsfähige  Maschinen  verlangt.  Ein  Kampf
führt  auch  hier  nicht  immer  zu  einem  Ausscheiden  der  überzähligen  Konkurrenten ­
  und  erst  recht  nicht,  wenn  die  Unternehmungen  annähernd
gleich  stark  sind.  Die  Produktion  wird  fortgesetzt,  auch  wenn  die  Preise
unter  die  Kosten  herabgesunken  sind,  denn  Stillegen  würde  gleichbedeutend ­
  sein  mit  der  Preisgabe  fast  des  ganzen  Kapitals.  Das  in  Fabriksgebäuden, ­
  Maschinen,  Eisenbahnanlagen  usw.  angelegte  Kapital  läßt  sich,
wenn  überhaupt,  so  doch  nur  mit  ungeheuren  Verlusten  wieder  flüssig
machen.  Ein  augenfälliges  Beispiel  geben  die  Bergwerksanlagen.  Einstellen
der  Arbeit  auf  einem  Kohlenbergwerk  heißt  Aufgeben  des  ganzen  Bergwerks. ­
  Aber  auch  im  Falle  des  finanziellen  Zusammenbruchs  scheidet
häufig  das  Konkurrenzunternehmen  nicht  aus.  Wird  es  zu  einem  Bruch ­
        <pb n="48" />
        teil  der  Anlagekosten  aufgekauft,  so  kann  es  dem  neuen  Besitzer  trotz
der  niedrigen  Preise  noch  einen  Gewinn  abwerfen.  Aber  vom  volkswirtschaftlichen ­
  Standpunkt  produziert  es  doch  zu  einem  Preise,  der  unter  den
wirklichen  Produktionskosten  steht.  Das  Endresultat  ist  in  diesem  Falle
nicht  eine  Milderung  des  Wettkampfes,  sondern  eine  Verschärfung. 1 )
Als  Resultat  ergibt  sich  also,  daß  überall  dort,  wo  sich  annähernd
gleich  starke  Gegner  gegenüber  stehen  und  wo  den  Überzähligen  beim  Ausscheiden ­
  aus  dem  Wettkampf  ein  weit  größerer  Verlust  droht  als  bei  der
Aufrechterhaltung  ihres  Unternehmens,  die  freie  Konkurrenz  die  Rolle  als
Regulator  des  Wirtschaftslebens  nicht  zu  spielen  vermag.  Dieser  Satz
hat  eine  viel  allgemeinere  Gültigkeit,  als  es  auf  den  ersten
Blick  scheint.  Die  Ergebnisse  sind  nur  besonders  auffällig  in  den  bisher ­
  gewählten  Beispielen,  wo  größere  festgelegte  Kapitalsummen  das  Ausscheiden ­
  des  Unternehmens  fast  unmöglich  machen.  Der  Besitzer  mag
wechseln,  das  Unternehmen  aber,  durch  den  Wechsel  gestärkt,  setzt  den
Kampf  fort.  Festgelegte  Kapitalien  sind  aber  keineswegs  das  einzige
Hindernis,  den  Wettkampf  aufzugeben.  Im  mittelalterlichen  Handwerk
z.  B.  standen  sich  annähernd  gleich  starke  Gegner  gegenüber  und  auch
hier  zeigte  sich,  nachdem  sich  der  große  Fortschritt  von  der  Hauswirtschaft ­
  zur  Stadtwirtschaft  vollzogen  hatte,  daß  neue  Erwerbsgelegenheiten ­
  immer  schwerer  zu  finden  waren,  daß  mit  anderen  Worten  den
überzähligen  Handwerkern  größere  finanzielle  und  soziale  Verluste  drohten,
wenn  sie  ihre  Tätigkeit  aufgaben,  als  wenn  sie  zu  unzureichenden  Preisen
den  Wettkampf  fortsetzten.  Auch  hier  erwies  sich  die  freie  Konkurrenz
nicht  als  ein  ökonomischer  Leiter  des  Wirtschaftslebens,  auch  hier  vermochte ­
  sie  nicht  zu  verhindern,  daß  die  Preise  dauernd  unter  die  Produktionskosten ­
  zu  sinken  drohten.
Die  große  Mission  der  freien  Konkurrenz  liegt  auf  einem  ganz  anderen
Gebiet  und  nur  soweit  sie  diese  Aufgabe  zu  erfüllen  vermag,  darf  sie  sich
auch  die  Rolle,  Regulator  des  Wirtschaftslebens  zu  sein,  anmaßen.  Sie
soll  den  großen  Fortschritten  im  Wirtschaftsleben  den  Weg
bahnen  und  die  Vorteile,  die  sie  den  Pfadfindern  und  Organisatoren ­
  ermöglichen,  rascher  der  Allgemeinheit  ausliefern.  Jeder
neue  Konkurrent  trägt  den  Fortschritt  in  weitere  Kreise  und  hilft  den
Preis  auf  die  Kosten  herabzudrücken.  Aber  nur  dort,  wo  es  gilt,  große
Produktivitätsfortschritte  zum  Nutzen  der  Allgemeinheit  auszubeuten,  ist
die  freie  Konkurrenz  am  Platze.  Je  mehr  aber  die  wirtschaftliche  Gesamten ­
  twicklung  langsamere  Bahnen  einschlägt,  desto  mehr  zeigt  sich
b  Vgl.  hierzu,  Cassel,  Kartell-  och  trustväsendet  frän  social  ekonomisk  synponkt.
  Ekonomisk  Tidskrift  1901  Haft  12.
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        43

die  preisdrückende  Tendenz  der  freien  Konkurrenz,  die  keineswegs  bei  den
Produktionskosten  Halt  macht.  Die  anfangs  vorübergehenden  Unterschreitungen ­
  der  Produktionskosten  durch  die  Preise  häufen  sich  und
dauern  länger  an:  die  Nachteile  überwiegen  die  Vorteile.
Da  alle  Kräfte  im  Wirtschaftsleben  nach  einer  Gleichgewichtslage
streben,  so  müssen  im  Idealzustande  die  Preise  den  Kosten  entsprechen,
so  daß  auch  gleiche  wirtschaftliche  Tätigkeit  gleichen  Ertrag  ergibt.  Dieser
Zustand  dürfte  auch  durch  die  Ausweitung  des  Wirtschaftslebens  entsprechend ­
  der  wachsenden  Bevölkerung  nicht  gestört  werden;  trotz  der
Ausdehnung  müßten  sich  in  allen  Punkten  Bedarf  und  Erzeugung  die
Wage  halten.  Je  rascher  die  Bevölkerungsvermehrung  fortschreitet,  desto
eher  kann  die  Gleichgewichtslage  gestört  werden.  Aber  neben  der  Bevölkerungsbewegung ­
  lernten  wir  Kräfte  kennen,  die  zeitweise  eine  ganz  andere
Tragweite  besitzen.  Jede  Füllernte  und  jede  Mißernte  verlangt,  wenn  die
Gleichgewichtslage  gewahrt  werden  soll,  eine  sofortige  Umgruppierung  in
der  Produktionssphäre,  sowie  eine  andere  Disponierung  in  der  Konsumtionssphäre; ­
  ein  Problem,  das  keine  Wirtschaftsorganisation  zu  lösen  vermag. ­
  Daß  eine  Füllernte  gleichbedeutend  sei  mit  einer  vorübergehenden
mehr  oder  minder  erheblichen  Produktivitätssteigerung,  wurde  bereits
hervorgehoben.  Und  wie  sie  wirken  alle  größeren  Fortschritte  in  der  Pro
duktivität,  unter  denen  jene  eine  ganz  besondere  Bedeutung  besitzen,  die
eine  dauernde  Nachwirkung  auf  die  wirtschaftliche  Entwicklung  ausüben. ­
  Greifen  wir  das  Bild  des  Pendels  auf,  so  können  wir  sagen,  der  Erfolg
der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  wird  durch  zwei  große  Kräfte  beherrscht:
Auf  der  einen  Seite  drücken  die  großen  dauernden  Produktivitätsfortschritte ­
  die  Kosten  herab  und  treiben  infolge  der  Gleichgewichtsstörung, ­
  die  sie  hervorrufen,  in  vielen  Wirtschaftszweigen  zeitweise  die
Preise  in  die  Höhe;  sie  haben  also  die  Tendenz,  den  Ertrag  in  den  betreffenden ­
  Zweigen  in  besonderem  Maße  zu  heben.  Man  muß  hier  aber  die
beiden  Wirkungen,  die  dauernde  der  Kostensenkung  und  die  vorübergehende ­
  der  Preissteigerung  auseinander  halten.  Vorübergehende  Ertragssteigerung ­
  in  kleinerem  oder  größerem  Umfange  verursachen,  wie  die
Ernteschwankungen  auch  die  Bedarfs-  und  Produktionsverschiebungen,
die  z.  B.  durch  Modelaunen,  Kriege  usw.  hervorgerufen  werden.
Auf  der  anderen  Seite  übt  die  freie  Konkurrenz  ihren  Einfluß  auf
das  Pendel  aus,  sucht  es  ebenfalls  über  die  Gleichgewichtslage  hinaus  zu
ziehen.  Sie  senkt  die  Preise  unter  die  Produktionskosten.  Sie  hat  die  Tendenz, ­
  den  Ertrag  in  einen  Verlust  zu  verwandeln.
Die  Bedeutung  des  ungezügelten  Wettbewerbs  zeigt  sich  nun  klar,  wenn
wir  ihren  Einfluß  beobachten,  je  nachdem  im  Wirtschaftsleben  nur  jene
Kräfte  wirken,  die  durch  vorübergehende  Preissteigerung  oder  auch,  wie
        <pb n="50" />
        —  44  —
die  Füllernten,  durch  vorübergehende  Kostensenkung,  zeitweise  den
Ertrag  zu  heben  vermögen,  oder  nur  jene,  die  durch  dauernde  Kostensenkung ­
  eine  bleibende  Wirkung  ausüben.  Ruft  z.  B.  eine  Füllemte
oder  ein  Krieg  eine  große  Angebots-  und  Nachfrageverschiebung  hervor,
bricht  sich  infolgedessen  eine  Hochkonjunktur  Bahn,  dann  verschärft  die
freie  Konkurrenz  die  Gleichgewichtsstörung.  Sie  ist  es,  die  auf  eine  beschleunigte ­
  Ausweitung  des  Produktionsapparates  in  den  Zweigen,  die
den  vorübergehenden  Mehrbedarf  nicht  decken  können,  hindrängt,  wodurch ­
  der  schon  vorhandene  Mehrbedarf  an  Rohstoff-  und  Produktionsmitteln ­
  erheblich  gesteigert  wird.  Der  Aufschwung  wird  also  durch  sie
verstärkt  und  dementsprechend  in  der  Zeit  des  Niederganges  das  Überangebot. ­
  Dieser  Einfluß  der  freien  Konkurrenz  wirkt  um  so  verhängnisvoller
in  einer  Zeit,  in  der  die  Kapitalien,  die  die  Produktionsanlagen  benötigen,
an  Umfang  zunehmen  und  die  Technik  dem  Zwange  zur  Massenproduktion
unterliegt.  In  den  Zeiten  der  Konjunkturschwankungen  erweist  sich  die
freie  Konkurrenz  durchaus  nicht  als  ein  ökonomischer  Leiter  des  Wirtschaftslebens, ­
  im  Gegenteil  sie  befördert  die  Kraft  und  Stoff  Vergeudung,
die  sich  niemals  dort  ganz  vermeiden  läßt,  wo  ein  vorübergehender  Mehrbedarf ­
  gedeckt  werden  muß.  Jede  Organisation,  die  entsprechend  dem
vorübergehenden  Charakter  der  Konjunktur  auch  nur  annähernd  die  nicht
durchaus  notwendigen  Produktionserweiterungen  verhindern  könnte,
würde  für  das  Wirtschaftsleben  wertvoller  sein  als  die  freie  Konkurrenz.
Diesen  großen  Nachteil  der  freien  Konkurrenz  muß  man  aber  in  Kauf
nehmen,  solange  sie  noch  ihre  Mission  zu  erfüllen  hat,  solange  sie  sich  als
bestes  Hilfsmittel  erweist,  die  Vorteile  der  großen  dauernden  Produktivitätsfortschritte ­
  der  Allgemeinheit  zu  vermitteln.  Ziehen  diese  Fortschritte ­
  das  Pendel  nach  der  positiven  Seite  und  die  freie  Konkurrenz  nach
der  negativen,  so  hängt  es  von  der  Größe  dieser  Kräfte  ab,  welche  Lage  das
Pendel  im  großen  Durchschnitt  einnimmt.  Muß  sich  das  Tempo  der  Produktionsfortschritte, ­
  der  Verbilligung  sowohl  der  Transportkosten  wie  der
Produktionskosten,  notwendig  immermehr  mäßigen  und  kann  eine  weitere
Kostensenkung  in  der  Regel  nur  noch  durch  eine  erhebliche  Steigerung
der  Fracht  oder  Produktenmenge  erreicht  werden,  so  muß  sich  auch  der
Spielraum  für  die  Konkurrenten  verengen.  Gleichstarke  Gegner  treten  sich
immer  häufiger  gegenüber,  während  gleichzeitig  die  Möglichkeit,  dem
Drucke  auszuweichen,  abnimmt.  Die  Wirkung  der  freien  Konkurrenz  wird
immer  weniger  paralysiert,  das  Pendel  schwingt  dauernd  nach  der  negativen ­
  Seite.  Die  freie  Konkurrenz  hat  ihre  Mission  erfüllt,  ihre
Nachteile  überwiegen  die  Vorteile,  und  sie  werden  noch  verstärkt  durch
ihre  Tendenz,  die  Schäden  der  unvermeidlichen  Konjunkturschwankungen
zu  erhöhen.
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        45

3.  Die  Wirkung  der  freien  Konkurrenz.
Betrachten,  wir  von  diesem  Gesichtspunkt  aus  noch  einmal  die  geschilderte ­
  Entwicklung.  Der  große  Produktivitätsfortschritt,  den  das
Frühmittelalter  der  Arbeitsteilung  in  den  städtischen  Gewerben  und  der
verbesserten  Betriebsweise  in  der  Landwirtschaft  verdankte,  schuf  reichere
Erwerbsgelegenheit,  deren  vollkommenste  Ausnutzung  die  freie  Konkurrenz ­
  garantierte.  Daß  sie  immer  wieder  die  Preise  herabdrückte,  wirkte
wie  ein  Sporn,  jede  Chance  zu  verwerten.  Als  aber  der  Produktivitätsfortschritt ­
  nachließ,  die  weitere  Arbeitsteilung  im  Gewerbe  keinen  nennenswerten ­
  Vorteil  mehr  brachte,  und  sich  in  der  Landwirtschaft  allmählich
das  Gesetz  des  abnehmenden  Ertrages  bemerkbar  machte,  da  erwies  sich
das  Herabdrücken  der  Preise  durch  die  freie  Konkurrenz  immer  häufiger
als  ein  Verlust.  Die  Produzenten  hatten  einerseits  keine  besonderen  Gewinne, ­
  wie  sie  ihnen  bisher  der  Fortschritt  zuwarf,  an  die  Allgemeinheit
abzugeben,  andererseits  boten  sich  auch  keine  neuen  Erwerbsgelegenheiten.
Abgesehen  von  den  Jahren  der  Füllernten  ,  die  in  den  lokalen  Wirtschaftseinheiten ­
  von  Zeit  zu  Zeit  eine  Belebung  brachten,  konnte  die  freie  Konkurrenz ­
  schließlich  nur  Hungerpreise  erzeugen.  Die  Regulierung  des  Wettkampfes ­
  wurde  zur  Notwendigkeit 1 ).  Stillstand  und  Rückschritt  der  Produktivität ­
  verstärkten  die  schon  vorhandene  Stabilität  der  Sitten  und  Gewohnheiten. ­
  Soweit  nicht  außergewöhnliche  Ereignisse  eingriffen,  konnte
von  Verschiebungen  zwischen  Angebot  und  Bedarf  kaum  die  Rede  sein.  So
scheint  es,  als  wenn  das  Herkommen  die  Preise  bestimme 1  2 ).
Die  geringen  Produktivitätsfortschritte,  die  auf  dem  Gebiet  des  Handels ­
  und  Verkehrs  und  der  Produktion  in  den  Jahrhunderten  der  wirtschaftlichen ­
  Gebundenheit  erzielt  wurden,  haben  zeitweise  hier  und  dort
die  Konkurrenz  neu  belebt.  Im  großen  Ganzen  war  aber  ihre  Wirkung  zu
schwach,  so  daß  sie  zu  ihrer  vollen  Ausnutzung  und  zur  Vermittlung  ihres

1 )  Daß  auch  die  Zunftorganisation  schließlich  mißbraucht  wurde,  war  eine
Folge  der  rückläufigen  Bewegung  der  Produktivität.  Das  Gesamtprodukt  nahm  im
Verhältnis  zur  Bevölkerung  ab,  auf  den  einzelnen  konnte  demnach  nur  ein  geringerer ­
  Anteil  entfallen.  Der  Versuch  der  Handwerker,  sich  mit  Hilfe  der  Zünfte
einen  größeren  Anteil  zu  sichern,  lag  nahe.
2 )  Jede  neue  Preisbildung  knüpft  an  die  bestehenden  Preise  an.  Sind  die  Schwankungen ­
  von  Angebot  und  Nachfrage  sehr  gering  oder  fallen  sie  ganz  fort,  so  ändern
sich  die  bisherigen  Preise  nicht.  Ist  der  Zustand  von  Dauer,  so  werden  die  Preise
schließlich  als  „herkömmliche"  Preise  angesprochen.  Je  länger  das  „Herkommen"
besteht,  desto  größer  ist  auch  das  Beharrungsvermögen  der  Preise  gegenüber  neuen
Schwankungen  zwischen  Angebot  und  Bedarf.  Insofern  hat  auch  das  Herkommen
einen  Einfluß  auf  die  Preisbildung.
        <pb n="52" />
        46

Vorteils  an  die  Allgemeinheit  der  freien  Konkurrenz  nicht  bedurften,  denn
deren  nachteiligen  Folgen  würden  die  Vorteile  überboten  haben.
Erst  die  gewaltige  Umwälzung  von  der  geschlossenen  lokalen  Wirtschaft ­
  zur  National-  und  Weltwirtschaft  stellte  der  freien  Konkurrenz
neue  große  Aufgaben.  Die  nie  geahnte  Produktivitätssteigerung  auf  allen
Gebieten,  vor  allem  auf  dem  des  Verkehrs,  hat  die  Erwerbschancen  außerordentlich ­
  ausgeweitet  und  erhöht.  Nur  die  freie  Konkurrenz  vermochte
alle  Kräfte  zu  entfesseln  und  sie  zur  Ausnutzung  der  mannigfachen  Erwerbsgelegenheiten ­
  anzuspornen;  sie  aber  auch  entwand  immer  wieder  den
Führern  auf  allen  Gebieten  die  großen  Gewinne,  lieferte  den  Nutzen  des
Fortschritts  der  Gesamtheit  aus.  In  dieser  stürmischen  Umwälzung  schlug
das  Pendel  immer  von  neuem  zugunsten  jener  aus,  die  kühn  der  Entwicklung ­
  voran  eilten,  Nur  die  freie  Konkurrenz  besaß  die  Kraft,  das
Pendel  wieder  nach  der  Gleichgewichtslage  zurückzuschwingen,  sie  allein
konnte  Leiterin  und  Regulator  des  Wirtschaftslebens  sein.  Erst  langsam,
dann  steiler  hob  sich  die  wirtschaftliche  Entwicklung;  aber  sie  vollzog  sich
nicht  in  gerader  Richtung,  sondern  in  mehr  oder  minder  starker  Wellenbewegung ­
  und  an  der  Größe  dieser  Wellen  hat  die  freie  Konkurrenz  nicht
zum  geringsten  Teil  mitgewirkt.  Ging  aber  die  Konjunktur  zeitweise
bergab,  dann  warf  der  Wettbewerb  im  Inlande  die  schwächeren  Kämpfer
aus  dem  Sattel  und  zwang  in  immer  stärkerem  Maße  die  Überlebenden  den
Weltmarkt  aufzusuchen,  um  auch  im  großen  Ringen  der  Völker  die
Leistungsfähigeren  empor  zu  heben.  Solange  die  Anlagekapitalien  der
Konkurrenten  noch  klein  waren,  bestand  auch  kein  Anreiz  die  zusammengebrochenen ­
  Betriebe  aufzukaufen,  denn  großen  Vorteil  konnten  sie  nicht
bieten.  Andererseits  war  für  tatkräftige  Naturen  noch  Neuland  zur  wirtschaftlichen ­
  Betätigung  genug  vorhanden.  Trotzdem  werden  die  Jahre
des  wirtschaftlichen  Niederganges  auch  damals  schon  oft  überall  einen
heftigen  Kampf  der  überlebenden  gleich  starken  Gegner  gesehen  haben.
Sie  kreuzten  erst  ernstlich  die  Waffen,  wenn  die  Absatzmöglichkeiten  allzu
stark  einschrumpften.  Die  Preise  sanken  unter  die  Kosten  der  leistungsfähigsten ­
  Unternehmungen.  Noch  aber  überwog  bei  weitem  der  Nutzen  der
freien  Konkurrenz.
Allmählich  ändert  sich  das  Bild,  das  Tempo  des  Fortschrittes  mußte
sich  auf  allen  wichtigen  Wirtschaftsgebieten  mäßigen.  Die  Erschließung
und  Ausbeutung  der  zum  Teil  außerordentlich  reichen  überseeischen
Länder  brachte  zunächst  eine  erhebliche  Raumerweiterung.  Doch  mit
zunehmender  Besiedlung  überschritten  allmählich  die  Erwerbschancen
den  Höhepunkt.  Eine  langsame  Verschlechterung  war  unvermeidlich.
Zwar  lassen  sich  auch  in  Zukunft  noch  manche  Gegenden  mit  Hilfe  der
modernen  Transportmittel  an  die  Weltwirtschaft  anschließen  und  ist
        <pb n="53" />
        mit  ganz  besonderem  Nachdruck  hingewiesen  —  nur  noch  eine  verhältnismäßig ­
  geringe  Fortschrittsmöglichkeit  übrig.  Die  größten  Sprünge  in  der
Kostensenkung  lagen  in  der  Regel  am  Anfang  der  Entwicklung,  vor  allem
überall  dort,  wo  es  sich  um  die  Ersetzung  der  Tier-  oder  Menschenkraft
durch  die  Dampfkraft,  der  Handarbeit  durch  die  Maschinenarbeit  handelte.
Ist  aber  die  Maschine  einmal  eingeführt,  dann  zeigt  sich  in  der  Regel,  daß
die  ersten  Verbesserungen  eine  größere  Preissenkung  ermöglichen  als  die
nachfolgenden.  Zur  Zeit  des  FrachtfUhrwerks  kostete  die  Kohlenförderung
in  Rheinland-Westfalen  40  Pf.  pro  Tonnenkilometer.  Die  Fracht  auf
der  Eisenbahn  belief  sich  im  Anfang  auf  13—14  Pf.  Heute  werden  2,2  Pf.
und  wenn  der  Ausnahmetarif  zur  Anwendung  kommt,  1,25  Pf.  erhoben 1 ).
Dem  Sprung  von  40  auf  14  Pf.  also  der  Verbilligung  von  26  Pf.  durch  die
Einführung  der  Eisenbahn,  steht  trotz  aller  Fortschritte  im  Eisenbahnwesen ­
  nur  eine  Kostensenkung  von  14  auf  1,25  Pf.,  also  um  13,75  Pf.  gegenüber. ­
  Ist  der  Frachtsatz  von  40  Pf.  auf  1,25  Pf.  gesunken,  so  kann  die  Zukunft ­
  einen  gleichgroßen  Fortschritt  überhaupt  nicht  mehr  bringen.  Die
Verbilligung  in  der  Vergangenheit  von  38,75  Pf.  läßt  der  Zukunft  nur  noch
eine  Spanne  von  1,25  Pf.  Greifen  wir  noch  das  Beispiel  aus  der  Textilindustrie ­
  wieder  auf,  das  bereits  erwähnt  wurde  und  vervollständigen  wir
es:  1779  war  der  Garnpreis  16  sh  pro  Pfund  Nr.  40,  wovon  2  sh  auf  Kosten
des  Rohmaterials  kamen,  so  daß  für  Arbeit  und  Kapital  14  sh  beansprucht
waren.  1812  war  der  Garnpreis  2  sh  6  d,  wovon  1  sh  6  d  auf  Kosten  der
Baumwolle  kam,  so  daß  für  Arbeit  und  Kapital  1  sh  übrig  blieb.  1882  war
der  Garnpreis  10y 2  d.  Hiervon  ist  die  Baumwolle  mit  7 1 / g  d  und  Kapital
und  Arbeit  mit  3%  d  beteiligt.  In  den  23  Jahren  von  1779—1812  ist  der
Kapital-  und  Arbeitsaufwand  von  14  auf  x  sh  gesunken;  in  den  70  Jahren
von  1812—1882  nur  von  1  sh  auf  3 3 / 8  d 2 ).  Auch  dieses  Beispiel  zeigt,  daß

*)  Wolf,  Pie  Volkswirtschaft  der  Gegenwart  und  Zukunft  1912  S.  267.  Hier
auch  weitere  Beispiele.
s )  Wolf,  Sozialismus  und  kapitalistische  Gesellschaftsordnung  1892  S.  186/87
        <pb n="54" />
        48

in  Zukunft  die  Fortschrittsmöglichkeit  noch  viel  geringer  ist.  Ist  der  Preis
von  16  sh  auf  10%  d  pro  Pfund  gesunken,  so  können  alle  weiteren  Fortschritte ­
  nicht  einmal  den  hundertsten  Teil  der  bisherigen  Verbilligung  vermitteln. ­
  Daß  diese  Resultate,  wie  auch  Wolf  an  zahlreichen  Beispielen  gezeigt ­
  hat,  allgemeine  Gültigkeit  beanspruchen,  läßt  sich  leicht  beweisen.
Die  Maschine  arbeitet,  wie  wir  sahen,  um  so  billiger,  je  mehr  Produkte
sie  zu  erzeugen  vermag,  denn  desto  geringer  ist  der  Kostenteil,  der  auf  das
Einzelprodukt  entfällt.  Nehmen  wir  nun  an,  durch  jede  Verbesserung  werde
die  Leistungsfähigkeit  der  Maschine  verdoppelt  und  es  blieben  die  Kosten
die  gleichen,  dann  kann  dennoch,  wie  eine  einfache  Überlegung  zeigt,  jede
neue  Verbilligung  nur  einen  Bruchteil  jeder  vorhergehenden  betragen.
Kostet  die  Maschine  xoooo  Mark  und  besitzt  sie  bis  zu  ihrem  Verschleiß
eine  Leistungsfähigkeit  von  1000  Produkteneinheiten,  so  entfällt  auf  jedes
Produkt  ein  Kostenanteil  von  10  M.  Wird  nun  die  Leistungsfähigkeit  der
Maschine  in  derselben  Zeit  verdoppelt  ohne  Kostensteigerung,  so  beläuft
sich  der  Kostenanteil  der  Produkteneinheit  auf  5  M.  Eine  weitere  Verdoppelung ­
  senkt  ihn  nur  auf  2,50  M.  Bei  einer  Leistungsfähigkeit  von
8000  Produkten  sinkt  der  Kostenanteil  nur  auf  1,25  M.  usw.  In  der  Praxis
gelingt  es  aber  bei  weitem  nicht  immer,  die  Leistungsfähigkeit  eines
Maschinentyps  oder  eines  Produktionsverfahrens  zu  verdoppeln,  und
immer  wird  die  Leistungssteigerung  erkauft  durch  das  Anwachsen  der
Anlagekosten.  Hin  und  wieder  mögen  die  höheren  Anlagekosten  durch  eine
Verminderung  der  Betriebskosten  aufgehoben  werden,  wodurch  aber,  wie
das  Beispiel  zeigt,  das  Resultat  nicht  wesentlich  gebessert  wird.  Die  neue
Verbilligung  der  Produkteneinheit  bleibt  hinter  der  bisherigen  zurück.
Größere  Sprünge  werden  in  der  Regel  nur  erzielt  beim  Übergang  zu  einem
ganz  neuen  Verfahren.  Aber  auch  diese  Möglichkeit  wird  um  so  mehr  eingeengt, ­
  je  leistungsfähiger  bereits  das  alte  Verfahren  war,  und  man  kann
wohl  sagen,  daß  eine  Leistungssteigerung  des  neuen  Verfahrens  nur  bei
chemischen  Prozessen  gelegentlich  ohne  erhebliche  kostspieligere  Maschinenanlagen ­
  durchführbar  ist.  In  der  ersten  Zeit  der  Maschinenverwendung ­
  sowie  der  Benutzung  eines  neuen  Verfahrens  sind  im  großen
ganzen  die  Chancen  für  eine  größere  Kostensenkung  am  günstigsten.  An
diesen  Punkten  mag  sich  sogar  gelegentlich,  bis  die  Maschine  oder  das
neue  Verfahren  einen  gewissen  Grad  der  Vervollkommnung  erfahren  hat,
das  Tempo  der  Produktivitätssteigerung  bergauf  bewegen,  dann  aber  muß
es  sich  trotz  aller  weiteren  Verbesserungen  senken.  Haben  wir  oben  gesehen, ­
  daß  in  der  Entwicklung  des  Maschinenwesens  ein  Zwang  zur  Massenerzeugung ­
  liegt,  so  sehen  wir  jetzt,  daß  trotz  rasch  gesteigerter  Massenerzeugung ­
  die  Chancen  der  Kostensenkung  sich  verschlechtern.
Außer  durch  Fortschritte  der  Technik  konnten  und  können  die  Kosten
        <pb n="55" />
        49

durch  organisatorische  Verbesserungen  herabgedrückt  werden.  Aber
auf  diesem  Gebiet  sind  die  Möglichkeiten  viel  begrenzter  als  auf  dem  der
Technik.
Die  Tatsache,  daß  sich  das  Tempo  der  Produktivitätssteigerung  in
der  Veredlungsindustrie  und  im  Transportgewerbe  nach  der  ersten  Periode
der  großen  Umwälzung  im  großen  ganzen  ständig  verringern  mußte,  erhält
noch  eine  ganz  andere  Bedeutung,  wenn  man  berücksichtigt,  daß  sich  in
der  Urproduktion  in  zunehmendem  Umfang  eine  Produktivitätssenkung,
eine  Erzeugungsausdehnung  mit  wachsenden  Kosten  pro  Mengeneinheit
durchzusetzen  beginnt.  So  sind  wir  auf  dem  Kohlenmarkt  und  auch  schon
auf  dem  Erzmarkt  in  eine  Periode  der  Preissteigerung  getreten,  die  mit
der  Notwendigkeit  zusammenhängt,  beim  Abbau  in  immer  größere  Tiefen
herabzugehen  und  mit  der  Tatsache,  daß  die  bis  jetzt  bekannten  und  zu
den  jetzigen  Preisen  abbaufähigen  Vorräte  im  Verhältnis  zum  Bedarf
knapp  sind 1 ).  Ebenso  wird  das  Anziehen  der  Preise  aller  wichtigen  Ernteprodukte ­
  in  der  letzten  Zeit  von  manchen  Nationalökonomen  dahin  gedeutet, ­
  daß  die  Konkurrenz  der  überseeischen  Länder  an  Kraft  eingebüßt
habe,  daß  in  jenen  Ländern  das  schnelle  Anwachsen  der  Bevölkerung  und
der  notwendige  Übergang  von  der  extensiven  zur  intensiven,  zur
rationelleren  Betriebsweise  die  Produktionskosten  auch  hier  emporhebe,
wie  in  den  Ländern  alter  Kultur.
Die  rasche  Ausweitung  des  Wirtschaftslebens  hat  auf  manchen  Gebieten ­
  so  gewaltige  Unternehmungen  ins  Leben  gerufen,  daß  uns  der  Blick
für  die  tatsächlichen  Produktivitätsfortschritte,  die  sie  uns  vermitteln,
getrübt  wird.  Denken  wir  nur  an  die  Riesenwerke  der  Eisenindustrie.  Von
ihnen  aber  sagt  Prof.  Mathesius  von  der  Technischen  Hochschule  in
Berlin 2 ):  „Die  Preise  für  Erz  und  Kohle  werden  in  Zukunft  voraussichtlich
nicht  sinken,  sondern  stetig  wachsen.  In  gleicher  Richtung  bewegen  sich
die  Generalunkosten  der  Werke.  Eine  Verbilligung  bei  .der  Durchführung
der  hüttenmännischen  Prozesse  läßt  sich  nicht  mehr  denken.  Es  bleibt  nur
«in  einziger  Posten  übrig,  bei  dem  eine  beträchtliche  Verminderung  in  Zukunft ­
  möglich  und  hinsichtlich  der  Gestehungskosten  einflußreich  erscheint.
Das  sind  die  von  den  Hüttenwerken  zu  zahlenden  Frachtkosten."  Daß
aber  bei  einem  Ausnahmetarif  von  1,25  Pf.  pro  Tonnenkilometer  für  Kohle
und  von  1,7  pro  Tonnenkilometer  für  Eisen  diese  Hoffnung  nicht  sehr
begründet  ist,  darauf  hat  Wolf  schon  hingewiesen.  Wichtiger  ist  für  uns
das  Zugeständnis,  daß  das  Tempo  der  Kostensenkung  in  der  Hüttenindustrie ­
  auf  dem  Nullpunkt  angelangt  ist.
J )  Wolf,  Die  Volkswirtschaft  der  Gegenwart  und  Zukunft  S.  229.
a )  Aus  der  Kaisergeburtstagrede  des  Jahres  1910  über  die  Entwicklung  der
Eisenindustrie  in  Deutschland,  zitiert  bei  Wolf  S.  268.
Mannstaedt,  Zusammenschluß  im  Gewerbe.  4
        <pb n="56" />
        50

Kehren  wir  nun  zum  Ausgangspunkt  unserer  Betrachtung  zurück,  so
können  wir  sagen:  Je  mehr  sich  nach  der  Durchsetzung  der  National-  und
Weltwirtschaft  die  günstigen  Erwerbschancen  verringerten,  je  mehr  der
Produktivitätsfortschritt  erlahmte,  desto  häufiger  mußte  die  freie  Konkurrenz ­
  auch  abgesehen  von  den  Jahren  des  Tiefstandes  der  Konjunkturen
zu  einem  Ringen  gleich  starker  Gegner  führen,  von  denen  keiner  ohne
schwere  Verluste  vom  Kampfplatze  weichen  konnte,  zumal  auf  den  meisten
Gebieten  die  Losung  lautete,  die  Kosten  durch  Massenproduktion  mit  gesteigerter ­
  Maschinen  Verwendung  zu  senken.  In  allen  Erwerbszweigen,  in
denen  der  Druck  der  niedrigen  Preise  infolge  der  verringerten  Fortschrittsmöglichkeit ­
  kaum  noch,  und  zwar  nur  mit  erheblichen  Mehraufwendungen,
paralysiert  werden  konnte,  in  denen  eine  dauernde  Ertragslosigkeit  drohte,
hatte  der  ungezügelte  Wettbewerb  seine  Mission  erfüllt;  es  galt,  neue
Organisationsformen  zu  finden,  die  fähig  waren,  die  Vorteile  der  freien
Konkurrenz  ohne  ihre  Nachteile  zu  vermitteln.
Es  ist  leicht  einzusehen,  daß  schon  kurze  Zeit  nach  der  Durchführung
der  Gewerbefreiheit  in  den  Krisenjahren  die  Bestrebungen  hier  und  dort
auftauchten,  die  Konkurrenz  zu  binden,  daß  sie  aber  in  Deutschland  so
rasch  allgemein  das  Wirtschaftsleben  ergriffen  haben  und  vor  allem  in  einer
Zeit,  in  der  der  Anschluß  an  die  Weltwirtschaft  kaum  erreicht  war,  muß
überraschen.  Die  Erklärung  gibt,  um  es  nochmals  hervorzuheben,  die
Gestaltung  von  Angebot  und  Nachfrage.  Im  Gewerbe  herrscht  überall,  wo
die  Maschine  eingedrungen  ist,  die  Tendenz  zur  Massenproduktion.  Jeder
Fortschritt  im  Bau  leistungsfähigerer  Maschinen  bewirkt  ein  schnelleres.
Anschwellen  des  Angebots.  Da  die  Maschinen  selbst  unter  weitgehender
Beihilfe  von  Maschinen  erzeugt  werden,  ihre  Herstellung  also  derselben
Tendenz  unterliegt,  findet  die  gewerbliche  Erzeugung  technisch  ihre
Grenze  in  der  Rohstoffbeschaffung.  Die  verwertungsbereite  anorganische
Rohstoffmenge  kann  rasch  gesteigert  werden,  wenn  auch  in  manchen
Zweigen  mit  dauernd  steigenden  Kosten,  da  die  Vorräte  mit  günstigen
Abbauverhältnissen  immer  seltener  werden.  Auch  die  organischen  Rohstof ­
  fmengen,  soweit  sie  den  vorhandenen  Vorräten  der  Natur  entnommen
werden,  können  rasch  gesteigert  werden,  aber  auf  die  Dauer  ebenfalls  nur
zu  steigenden  Kosten,  da  die  Vorräte  nicht  im  gleichen  Tempo  nachwachsen
und  die  Erschließung  neuer,  wenn  überhaupt,  so  in  der  Regel  nur  zu  ungünstigeren ­
  Bedingungen  zu  erwarten  steht.  Die  Steigerung  derjenigen
organischen  Rostoffmengen,  die  nur  auf  produktivem  Wege  in  Land-  und
Forstwirtschaft  gewonnen  werden,  ist  dagegen  einer  engeren  Begrenzung
unterworfen.  Auf  weitreichenden,  man  kann  wohl  sagen  auf  den  meisten
Gebieten,  wird  also  die  gewerbliche  Produktion  technisch  nicht  gehindert,
dem  Drang  zur  Massenerzeugung  zu  folgen.  Auch  wirtschaftlich  wird
        <pb n="57" />
        5i

das  Gewerbe  bis  zu  einem  gewissen  Grade  in  die  Lage  versetzt,
diesem  Drang  zu  folgen,  da  mit  wachsender  Produktenmenge  auch  die
Kaufkraft  der  gewerblichen  Produzenten  untereinander  wächst.  Aber
der  Kaufkraftzuwachs  des  Hauptpartners  des  Gewerbes,  der  Landwirtschaft ­
  vermochte  mit  der  Produktivkraft  des  Gewerbes  nicht  Schritt  zu
halten.
Die  Erzeugung  der  agrarischen  Nahrungsmittel-  und  Rohstoffe  wuchs
mit  der  Besiedlung  der  überseeischen  Länder  rasch  an.  Die  Kurve  des
Kaufkraftzuwachses  stieg  zunächst  schnell  empor,  mußte  sich  aber  mit
zunehmender  Besiedlung  und  nach  der  Okkupierung  der  fruchtbarsten  und
am  günstigsten  gelegenen  Flächen  notwendig  verflachen.  Sehen  wir  einmal ­
  von  den  vorübergehenden  Schwankungen  der  Ernten  und  Konjunkturen ­
  ab,  so  verlaufen  die  agrarischen  und  gewerblichen  Produktionskurven ­
  in  verschiedener  Richtung.  Nachdem  die  Vervollkommnung  der
Transportmittel  einen  internationalen  Verkehr  landwirtschaftlicher  Erzeugnisse ­
  auf  breiter  Grundlage  erlaubten,  stieg,  wie  wir  sahen,  die  agrarische ­
  Produktionskurve  rasch  empor,  um  sich  dann  zu  verflachen.  Die
gewerbliche  Produktionskurve  hob  sich  nach  der  Einführung  der  modernen
Technik  erst  langsam,  um  mit  der  fortschreitenden  Vervollkommnung  des
Maschinenwesens  immer  rascher  zu  steigen.  Dabei  fällt  der  rasche  Aufstieg
der  agrarischen  Kurve  zeitlich  etwas  vor  der  schnellen  Hebung  der  gewerblichen ­
  Kurve.  In  dieser  Periode  mußten  die  Absatzverhältnisse  für  das
Gewerbe  überall  dort  günstig  liegen,  wo  nicht  der  gewerbliche  Produktionsapparat ­
  infolge  einer  übertriebenen  Hochkonjunktur  weit  über  das  normale
Maß  ausgeweitet  worden  war,  wie  z.  B.  in  Deutschland  durch  den  glänzenden ­
  Aufschwung  Anfang  der  siebziger  Jahre.  Die  Lage  hatte  sich  aber  bereits ­
  verschoben,  als  Deutschland  den  Anschluß  an  die  Weltwirtschaft
vollzogen  hatte.  Der  Aufstieg  der  gewerblichen  Kurve  überholte  die
agrarische.
Diese  Wandlung  wurde  zunächst  verdeckt  durch  die  anhaltende,
lebhafte  Hochkonjunktur  in  der  zweiten  Hälfte  der  neunziger  Jahre  des
vorigen  Jahrhunderts,  durch  die  wachsende  Kaufkraft  der  nichtagrarischen
Kreise  vor  allen  der  gewerblichen  Produzenten  untereinander  und  der
Kommunen  und  Staaten.  Es  spielte  mit  das  wachsende  Wohnungsbedürfnis ­
  der  steigenden  sich  zusammenballenden  Bevölkerung.  Diese
Wandlung  mußte  am  deutlichsten  gefühlt  werden  in  den  Industriekreisen,
deren  Erzeugungskraft  am  stärksten  emporschnellte.  Aus  dem  Munde
eines  der  berufensten  Vertreter  der  deutschen  Eisenindustrie  hörte  ich
den  Ausspruch,  daß  sich  die  Eisenindustriellen  über  die  Aufnahmefähigkeit
des  Weltmarktes  getäuscht  hätten;  ein  neues  Stahlwerk  mehr  falle  schon
schwer  ins  Gewicht.  Dieser  Ausspruch  bezog  sich  nicht  auf  ein  Krisenjahr,
4*
        <pb n="58" />
        52

sondern  fiel  gegen  Ende  des  Jahres  1905,  also  in  ein  Jahr  mittlerer  wirtschaftlicher ­
  Tätigkeit.
Selbstverständlich  ist  die  Aufnahmefähigkeit  des  nationalen  wie  des
Weltmarktes  auch  weiterhin  gewachsen,  aber  der  technische  Fortschritt
treibt  die  Leistungsfähigkeit  mancher  Industriezweige  so  rasch  empor,  daß
nur  die  Jahre  der  Hochkonjunktur  die  volle  Ausnutzung  ihrer  Produktivkraft ­
  erlauben.  Vor  allem  vermag  die  landwirtschaftliche  Erzeugung
nicht  mit  der  gewerblichen  Schritt  zu  halten  und  diese  Divergenz  wird
wachsen,  solange  die  Technik  fortschreitet,  ihre  Erfolge  in  der  gesteigerten
Massenproduktion  liegen  und  kein  Stoffmangel  hemmt.  Sie  wird  um  so
drückender,  je  mehr  auch  in  den  überseeischen  Kornkammern  die  landwirtschaftlichen ­
  Produktionskosten  pro  Mengeneinheit  wachsen  und  je
weniger  die  gesteigerte  Massenbeförderung  und  gewerbliche  Massenerzeugung ­
  eine  weitere  Verbilligung  der  Einzelleistung  und  des  Einzelproduktes
ermöglicht.  Da  aber  dauernd  eine  Divergenz,  eine  Gleichgewichtsstörung,
nicht  bestehen  bleiben  kann,  und  da  eine  Anpassung  von  seiten  der  Landwirtschaft ­
  immer  schwieriger,  um  nicht  zu  sagen  unmöglich  wird,  muß  sie
vom  Gewerbe  ausgehen.  Über  diese  Notwendigkeit  können  die  Jahre  der
Hochkonjunktur  nicht  mehr  hinwegtäuschen.  Vermag  der  Wettkampf  die
Anpassung  nicht  mehr  zu  erzwingen,  hat  die  freie  Konkurrenz  ihre  Rolle
ausgespielt,  dann  müssen  beschränkende  Organisationen  eingreifen  und
zwar  nicht  nur  für  die  Krisenjahre,  sondern  dauernd.
Eine  neue  Periode  des  Überganges  von  der  Freiheit  zur  Gebundenheit
setzt  ein  und  ruft  eine  Fülle  von  Erscheinungen  hervor.  Nicht  in  allen
Branchen  schreitet  die  Entwicklung  gleichmäßig  fort  und  solange  wie
möglich  suchen  die  einzelnen  Unternehmungen  ihre  unumschränkte
Selbständigkeit  aufrecht  zu  erhalten.  Aber  auch  dort,  wo  die  beschränkenden ­
  Organisationen  bereits  eingeführt  sind,  bleiben  vielfach  seitens
ihrer  Mitglieder  die  Bemühungen  bestehen  durch  selbständige  Maßnahmen
aus  eigener  Kraft  die  Rentabilität  ihrer  Unternehmung  zu  heben.
        <pb n="59" />
        1..HH

&amp;amp;

III.
Die  Mittel  zur  Milderung  der  Folgen  des
Wettkampfes;  insbesondere  die
Kombinationsbestrebungen.
Sinken  im  heftigen  Wettkampf  dauernd  die  Preise,  dann  kann  die
volle  Selbständigkeit  der  Einzeluntemehmungen  nur  aufrecht  erhalten
werden,  wenn  es  gelingt,  die  Kosten  den  Preisen  anzupassen.  Die  wichtigsten ­
  Mittel  der  dauernden  Herabdrückung  der  Produktionskosten  haben
gesteigerte  Massenerzeugung  zur  Folge.  Je  mehr  sich  das  Absatzgebiet
verengt,  je  weniger  leicht  die  schwächeren  durch  die  stärkeren  Konkurrenten ­
  niedergerungen  werden  können,  desto  mehr  spielen  neben  den
Preisen  die  übrigen  Wege,  den  Markt  zu  erobern,  eine  entscheidende  Rolle.
Kann  der  Absatz  nicht  durch  die  Preise  erzwungen  werden,  so  bleibt  nur
die  Möglichkeit,  durch  besonderen  Aufwand  die  Abnehmer  heranzulocken,
den  Absatz  zu  erkaufen.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  diese  Steigerung  der
Absatzkosten  auf  die  Dauer  nur  getragen  werden  können,  wenn  sie  paralysiert ­
  werden  durch  die  Kostensenkung  der  vergrößerten  Massenerzeugung.
Immer  werden  die  Unternehmungen  eine  Zeitlang  ihre  Rentabilität  zu
heben  vermögen,  die  zuerst  einen  neuen  Weg  der  Markteroberung  eingeschlagen ­
  haben.  Sobald  aber  die  Mittel  allgemeiner  angewendet  werden  und
in  der  Branche  ein  Niederkonkurrieren  der  Gegner  nicht  mehr,  oder  nur
unter  großen  Opfern  möglich  ist,  verwandelt  sich  der  ursprüngliche  Vorteil ­
  in  einen  dauernden  Nachteil:  es  sind  bei  sinkenden  Preisen  und  einschrumpfendem ­
  Absatz  nur  die  Absatzkosten  gestiegen.  Der  Zwang  zur
Konkurrenzregulierung,  der  schließlich  von  den  niedrigen  Preisen  ausgeht,
wird  durch  die  gestiegenen  Absatzkosten  noch  verstärkt.
Die  zum  Teil  außerordentlichen  Ausgaben  für  Reklamezwecke,  angefangen ­
  von  der  kostspieligeren  Ausstattung  der  Waren  bis  zum  Prämienwesen, ­
  bilden  zum  größten  Teil  nur  einen  Passivposten  im  Wirtschaftsleben)
dem  kein  Aktivposten  gegenübersteht,  zumal  wenn  sie  bewirken,  daß
        <pb n="60" />
        54

nicht  Qualität  der  Waren  und  Preise  für  das  Blühen  und  Gedeihen  eines
Unternehmens  ausschlaggebend  sind,  sondern  Größe  und  Geschicklichkeit
der  Reklame.  Unterscheidet  sich  die  Ware  in  der  Qualität  nicht  erheblich
von  der  der  Konkurrenten,  dann  wächst  das  Risiko  um  so  schneller,  je
höher  der  Reklameaufwand  gesteigert  wird 1 ).  Nur  durch  einen  außerordentlich ­
  vermehrten  Absatz  können  jene  Unkosten  gedeckt  werden  und
nur  solange  als  auch  im  Wettkampf  der  Absatz  behauptet  werden  kann.
Die  Unternehmungen  mancher  Branchen  müssen  Reisende  hinaussenden,
  um  den  Bedarf  für  ihre  Waren  zu  decken.  Dienen  die  Reisenden
aber  dazu,  den  Konkurrenten  die  Kunden  abspenstig  zu  machen,  dann  entscheiden ­
  wiederum  nicht  Qualität  und  Preise  der  Waren,  sondern  Geschicklichkeit ­
  der  Reisenden  und  die  Häufigkeit  ihrer  Besuche.  Die  Reisespesen
und  die  Gehaltsansprüche  der  Reisenden  wachsen  und  können  nur  gedeckt
werden,  solange  sich  der  größere  Absatz  behaupten  läßt.
Um  die  Verkaufsgelegenheit  zu  mehren,  gewähren  die  Produzenten
vielfach  den  Zwischenhändlern  Geld-  und  Warenkredite,  errichten  sogar
die  Verkaufsstätten  und  statten  sie  zu  einer  Sehenswürdigkeit  aus.  Bekannt ­
  sind  ja  die  Bierpaläste  der  Brauereien.  Der  Aufwand  und  das  Risiko
können  auf  die  Dauer  nur  getragen  werden,  wenn  der  vergrößerte  Absatz
eine  entsprechende  Senkung  der  Produktionskosten  ermöglicht.
In  allen  diesen  und  ähnlichen  Fällen  ist  nicht  der  Bedarf  der  Konsumenten, ­
  sondern  der  Wille  die  Konkurrenz  zu  meistern,  ausschlaggebend
für  den  Aufwand,  der  somit  nur  Früchte  tragen  kann,  wenn  das  Ziel  erreicht ­
  wird.  Fallen  aber  die  Kosten  auf  die  Konkurrenten  selbst  zurück,
und  führt  die  Notlage  zur  Konkurrenzregulierung,  so  können  Preisvereinbarungen ­
  allein  dem  Wettkampf  auf  die  Dauer  nicht  die  Schärfe  nehmen,
da  sie  nur  auf  einem  Teilgebiet  den  Kampf  ausschalten,  der  bald  auf  den
übrigen  um  so  schärfer  toben  wird.
Sendet  ein  gewerbliches  Unternehmen  Reisende  hinaus  oder  errichtet
es  eigene  Verkaufsstätten,  so  erstreckt  es  seine  Tätigkeit  über  das  Gebiet
der  Produktion  hiaus.  Wir  stoßen  hier  auf  die  Anfänge  jener  Bewegung,
die  zu  umfassenderen  Organisationen,  zu  Kombinationen  mehrerer  Unter-Als

  ein  Beispiel  der  hohen  Reklamekosten  möge  die  Angabe  von  Jenks  in
seinem  Buche  "The  Trust  Problem”  S.  28  dienen:  "Some  firms  push  the  sales  of
their  wares  largely  through  the  offering  of  prizes  of  various  kinds.  For  $  10  one  may
secure  a  box  of  soap,  which  at  the  retail  price  would  cost  $  10,  and  in  addition  may
receive  a  rocking-chair,  a  bedstead,  a  writing  deslc,  a  lamp,  a  baby  carriage,  or  other
article  to  suit  the  buyers  needs,  of  which  the  retail  price  would  also  be  $  10.  .  .  .  und
er  fügt  hinzu:  ...  In  all  these  cases,  not  merely  was  the  quality  of  the  goods  advertised
  of  the  best,  but  the  premiums  were  also  of  Standard  makes,  whose  value  could
not  be  questioned.”
        <pb n="61" />
        55

nehmungen  führt.  Der  Wettkampf  hat  auch  diese  Bewegungen  ins  Leben
gerufen.  Die  Organisationen  erhöhen  die  Kraft  des  Unternehmens,  schaffen
eine  neue  Überlegenheit  der  „gemischten“,  nämlich  der  „kombinierten“
Unternehmungen  über  die  „reinen“,  die  nichtkombinierten.  Dazu  erweist
sich  die  Überlegenheit  oft  auch  von  größerer  Dauer,  denn  nicht  immer  vermögen ­
  alle  Konkurrenten  auf  diesem  Wege  so  rasch  zu  folgen  und  für
einige  ist  er  überhaupt  ungangbar.  Aber  einmal  muß  auch  dieser  Vorteil
fallen,  müssen  sich  nach  Ausschaltung  der  schwächeren  nur  hoch  gleich
starke  Gegner  gegenüber  stehen.  Interessant  ist  nun,  daß  dieses  wichtige
Kampfmittel  erst  überall  dort  eine  erhöhte  Bedeutung  erlangt,  wo  eine
teilweise  Regulierung  des  Wettkampfes  durchgeführt  ist,  wo  Kartelle  den
Konkurrenten  mehr  oder  minder  enge  Schranken  ziehen,  während  andererseits ­
  die  Trusts  als  die  Vollender  des  Kombinationsgedankens  aufgefaßt
werden  können.
Die  Motive,  die  zum  mehr  oder  minder  festen  Zusammenschluß
bisher  getrennter  Unternehmungen  führen  —  sei  es  zur  Interessengemeinschaft, ­
  sei  es  zur  vollständigen  Fusion  —  haben  alle  das  Ziel,  die  Sicherheit
und  Rentabilität  des  Unternehmens  zu  heben.  Entweder  sollen  die  Kombinationen ­
  den  gleichmäßigen  Bezug  der  Rohstoffe  garantieren  und  nach
dieser  Hinsicht  die  Unternehmung  von  den  schwankenden  Marktpreisen
unabhängig  machen,  oder  sie  sollen  die  Produktionskosten  herabdrücken,
und  zwar  einerseits  durch  die  möglichst  vollkommene  Ausnutzung  der  vorhandenen ­
  Anlagen,  andererseits  darüber  hinaus  durch  produktionstechnische ­
  Verbesserungen,  oder  endlich  sie  sollen  den  Absatz  sichern
durch  Reduzierung  der  Absatzkosten  und  durch  innigere  Fühlungnahme
mit  dem  Markt.
Zum  größten  Teil  werden  diese  Ziele  erreicht  durch  die  vertikale
Kombination:  die  bisher  selbständigen  Unternehmungen  der  einzelnen
auf  einander  folgenden  Stufen  der  Erzeugung  und  die  des  Absatzes  werden
zu  einem  einheitlichen  Großbetrieb  zusammen  geschlossen.  In  ihrer
höchsten  Vollendung  umfaßt  die  vertikale  Kombination  von  den  Rohstoffen ­
  angefangen  den  ganzen  Produktionsprozeß  mit  Einschluß  des  Absatzes. ­
  Zum  Teil  vermittelt  den  Erfolg  die  horizontale  Kombination.
Unternehmungen  derselben  Produktionsstufe,  die  also  nicht  aufeinander
angewiesen  sind,  schließen  sich  zusammen  und  zwar  ist  es  nicht  nötig,  daß
die  Unternehmungen  die  gleichen  Waren  erzeugen,  es  genügt,  daß  es  verwandte ­
  Produktionsstätten  sind,  die  sich  auf  das  gleiche  Vorprodukt
stützen.  Somit  kann  auch  eine  horizontale  Kombination  zu  einer  größeren
Mannigfaltigkeit  der  Erzeugung  des  neuen  Großbetriebes  führen.  Wenn
ein  Stahlwerk,  das  bisher  nur  Walzstraßen  für  schwere  Profile,  für  Schienen,
Schwellen,  Träger  besaß,  sich  Walzwerke  angliedert,  die  sich  auf  die  Her-
        <pb n="62" />
        56

Stellung  von  Stabeisen,  Bandeisen,  Draht  oder  Bleche  verlegt  haben,  so
haben  wir  es  mit  einer  horizontalen  Kombination  zu  tun,  die  dem  Stahlwerk ­
  eine  Vermannigfaltigung  seiner  Erzeugung  ermöglicht.
Schließen  sich  zwei  Unternehmungen  zusammen,  so  sind  meist  auf
beiden  Seiten  ganz  verschiedene  Gründe  maßgebend  und  unter  diesen
spielt  der  Wunsch  eine  wesentliche  Rolle,  die  nachteiligen  Folgen  der  Konjunkturschwankungen ­
  zu  vermeiden.  Für  die  Rohstoffproduzenten,  z.  B.
für  die  Kohlenzechen,  ist  es  von  größter  Wichtigkeit,  in  den  Jahren  des
Niederganges  Anschluß  an  einen  Weiterverarbeiter  mit  großem  Bedarf  oder
an  eine  mächtige  Händlerfirma  zu  haben.  Die  Kohlenzeche  kann  dann
einen  mehr  oder  minder  großen  Teil  ihrer  Förderung  mit  Sicherheit  unterbringen ­
  und  ist  nur  mit  dem  Rest  auf  den  Markt  angewiesen;  sie  ist  dadurch ­
  weit  eher  in  der  Lage,  ihre  volle  Leistungsfähigkeit  auszunutzen,  im
Wettkampf  günstiger  abzuschneiden,  als  die  reinen  Zechen.  Betrachtet
man  denselben  Vorgang  von  der  anderen  Seite,  z.  B.  von  der  eines  Hüttenwerkes, ­
  das  sich  eine  Kohlenzeche  anzugliedern  wünscht,  so  sind  es  in
erster  Linie  die  Folgen  der  Hochkonjunktur,  die  es  zu  beseitigen  strebt.
In  der  Hochkonjunktur  steigen  die  Preise  der  Rohstoffe  oft  rapide  an;  ohne
daß  immer  die  Fertigwaren  im  gleichen  Verhältnis  zu  folgen  vermögen,
oder,  was  noch  schlimmer  ist,  es  herrscht  ein  solcher  Mangel  an  Rohstoffen,
daß  man  sich  das  zur  Aufrechterhaltung  des  vollen  Betriebes  notwendige
Material  nicht  beschaffen  kann.  Schließt  das  Hüttenwerk,  um  sicher  zu
gehen,  einen  langfristigen  Lieferungsvertrag,  dann  kann  es  bei  einem  plötzlichen ­
  Konjunkturwechsel  in  eine  nicht  minder  unangenehme  Verlegenheit
geraten:  es  hat  für  die  Vertragsdauer  mit  hohen  Rohstoffspreisen  zu  rechnen, ­
  während  alle  Warenpreise  sinken  und  im  freien  Markt  Rostoffe  zu
weit  niedrigeren  Preisen  zu  haben  sind.  Der  Anschluß  einer  Kohlenzeche
gibt  die  Sicherheit  stets  den  Bedarf  an  Kohlen  in  der  geeigneten  Qualität
zu  decken,  und  zwar  zu  Beschaffungskosten,  die  sich  weit  gleichmäßiger
bewegen  wie  die  Marktpreise,  da  sie  in  der  Hauptsache  nur  mit  den  Löhnen
und  mit  der  größeren  oder  geringeren  Möglichkeit,  die  Zechenanlagen  auszunutzen, ­
  variieren.  Die  beiden  Kräfte  wirken  aber  in  entgegengesetzter
Richtung.  Steigen  in  der  Hochkonjunktur  die  Löhne,  so  ermöglicht  die
stärkere  Förderung  ein  Sinken  der  übrigen  Produktionskosten  und  sinken
in  der  Depressionszeit  die  Löhne,  so  heben  sich  infolge  der  notwendigen
Fördereinschränkungen  die  übrigen  Kosten.  Für  das  Hüttenwerk  ist  es
wenigstens  für  die  Jahre  der  Hausse  von  größtem  Wert  mit  gleichmäßigeren
Gestehungskosten  der  Rohstoffe  rechnen  zu  können.  In  der  Zeit  der  Baisse
ist  der  Vorteil  gering,  ja  er  kann  sich  in  das  Gegenteil  verwandeln,  wenn
auf  dem  Markt  Kohlen  unter  den  Selbstkosten  zu  haben  sind.
Findet  eine  Fusion  zwischen  einem  Hochofenwerk  und  einem  Stahl-
        <pb n="63" />
        57

werk  statt,  so  liegen  die  gleichen  Verhältnisse  vor.  Das  Hochofenwerk
sichert  sich  in  schlechten  Wirtschaftsjahren  den  Absatz  seines  Roheisens.
Das  Stahlwerk  in  den  güten  Wirtschaftsjahren  den  Bezug  des  Roheisens.
Beide  können  dadurch  ihre  Anlagen  vollkommener  ausnutzen,  mit
niedrigeren  Kosten  arbeiten.  Das  Hochofen  werk  kann  also  im  scharfen
Wettkampf  der  Baissezeit  mit  den  Roheisenmengen,  die  das  Stahlwerk
nicht  verbraucht,  seine  reinen  Konkurrenten  unterbieten,  während  das
Stahlwerk  in  der  Zeit  der  anziehenden  Preise  seinen  Gegnern,  die  nicht  den
gleichen  Vorteil  besitzen,  überlegen  ist.
Je  weiter  die  vertikale  Kombination  ausgebaut  ist,  desto.günstigere
Chancen  besitzt  das  Unternehmen  auf  der  letzten  Stufe  der  Erzeugung
den  reinen  Werken  gegenüber.  Das  kombinierte  Unternehmen  kann  seine
Selbstkosten  ganz  anders  einschätzen.  Nehmen  wir  ein  großes  Stahlwerk,
das  eigene  Kohlen  und  Erzgruben,  Hochöfen,  Stahl-  und  Walzanlagen  besitzt. ­
  Nehmen  wir  weiter  an,  die  Selbstkosten  zur  Förderung  der  Kohlen
und  Erze  betragen  a-  und  b-Geldeinheiten,  die  Kosten,  um  Erze  in  Roheisen
zu  verwandeln,  c-Geldeinheiten,  der  Aufwand  zur  Gewinnung  von  Rohstahl ­
  aus  Roheisen  belaufe  sich  auf  d-Geldeinheiten  und  die  Herstellung
der  Blöcke  aus  Rohstahl  koste  e-,  das  Auswalzen  der  Blöcke,  des  Halbzeugs,
zu  Stabeisen  f-Geldeinheiten.  Werden  nun  auf  jeder  Stufe  der  Erzeugung
die  Waren  der  reinen  Werke  auf  dem  offenen  Markt  mit  einem  Gewinnaufschlag ­
  von  einer  Geldeinheit  verkauft,  dann  stellen  sich  die  Selbstkosten
für  ein  reines  Stabeisenwalzwerk,  das  Blöcke  kauft  und  auswaizt,  auf
(a  -f  i)  -f-  (b+i)  +  (c  +  i)  +  (d  +  i)  +  (e  +  i)  +  f-  Sinkt  der  Stabeisenpreis ­
  unter  diesen  Satz,  dann  arbeitet  das  Stabeisenwalzwerk  mit  Verlust.
Die  Selbstkosten  des  großen  kombinierten  Stahlwerks  stellen  sich  dagegen
auf  a  +  b  +  c  +  d  +  e  +  f.  Der  Preis  kann  also  viel  tiefer  herab  gehen,
ehe  er  die  Selbstkosten  unterschreitet.  Selbstverständlich  könnte  das  kombinierte ­
  Stahlwerk  seine  ganze  Erzeugung  nicht  zu  diesem  Selbstkostenpreis ­
  losschlagen.  Verkauf  zu  den  Selbstkosten  bedeutet  für  ein  reines
Walzwerk  dieDividendenlosigkeit  des  verhältnismäßig'  kleinen  Anlage-  und
Betriebskapitals.  Müßte  das  kombinierte  Stahlwerk  seine  ganze  Produktion ­
  zu  den  Selbstkosten  verkaufen,  dann  wäre  das  gesamte  große  in  den
Zechen,  Hochöfen,  Stahl-  und  Walzwerksanlagen  arbeitende  Kapital  gezwungen, ­
  auf  einen  Ertrag  zu  verzichten.  Immerhin  kann  das  kombinierte
Stahlwerk  mit  einem  kleinen  Teile  seiner  Erzeugung  die  reinen  Walzwerke
unterbieten,  es  kann  auf  dem  Weltmarkt  mit  dem  Preise  bis  unter  seine
Selbstkosten  herabgehen  und  doch  mit  einem  erhöhten  Gesamtgewinn  abschließen, ­
  wenn  die  erlangten  Aufträge  nur  groß  genug  sind,  um  durch  vollkommenere ­
  Ausnutzung  der  Gesamtanlage  die  Kosten  soweit  herabzudrücken, ­
  daß  aus  dem  übrigen  Verkauf  ein  erhöhter  Gewinn  herausspringt.
        <pb n="64" />
        58

der  die  Verluste  überdeckt.  Je  größer  und  mannigfaltiger  die  Produktion
auf  der  Endstufe  ist,  desto  eher  besteht  die  Möglichkeit,  mit  einem  Teil  der
Erzeugung  die  reinen  Werke  bis  unter  deren  Selbstkosten  zu  unterbieten.
Somit  wird  der  Vorteil  der  vertikalen  Kombination  durch  die  horizontale
Kombination  wesentlich  verstärkt.  Sie  gibt  dem  Stahlwerk  die  Möglichkeit,
die  Produktion  von  Schienen,  Schwellen,  Trägern,  Blechen,  Stabeisen,
Bandeisen,  Draht,  Röhren  zu  pflegen.  Ein  solches  machtvolles  Werk  kann
bald  die  reinen  Stabeisenwerke,  bald  die  reinen  Blechwerke  usw.  unterbieten, ­
  um  seinen  Auftragsbestand  zu  erhöhen,  seine  Gesamtproduktionskosten ­
  herabzusetzen,  wodurch  die  Gewinne  steigen  und  die  Widerstandskraft ­
  des  Unternehmens  im  Kampf  um  den  Absatz  der  anderen  Walzerzeugnisse ­
  wächst.
Es  sei  aber  nochmals  hervorgehoben,  daß  diese  Vorteile  der  Kombinationen ­
  immer  wieder  verloren  gehen,  wenn  im  Wettkampf  die  Produkte
der  Vorstufen  der  Erzeugung  zu  niedrigeren  Preisen  verschleudert  werden,
als  sie  die  kombinierten  Unternehmungen  selbst  herzustellen  vermögen.
Können  die  reinen  Walzwerke  das  Halbzeug:  Blöcke,  Knüppel,  Brammen
und  Platinen  unter  den  Herstellungskosten  der  kombinierten  Stahlwerke
kaufen,  und  vermögen  sie  außerdem  zu  diesen  Preisen  langfristige  Verträge
zu  erzwingen,  dann  sind  sie  für  die  Dauer  dieser  Verträge  auf  dem  Markt
ihrer  Produkte  besser  gestellt  als  ihre  kombinierten  Konkurrenten.  Somit
muß  der  Drang  zur  Bildung  großer  Kombinationen  gewaltig  zunehmen,
sobald  durch  erfolgreiche  Regulierung  des  Wettkampfes  das  starke  Sinken
der  Preise  der  Vorprodukte  verhindert  wird.  Vermögen  die  Produzenten
von  Kohlen,  Koks,  Erzen,  Roheisen,  Halbzeug  durch  geeignete  und  vor
allem  dauernde  Organisationen  auch  in  den  Depressionsjahren  die  Preise  in
angemessener  Höhe  zu  halten,  dann  werden  die  Gefahren,  die  in  dieser  Zeit
den  kombinierten  Unternehmungen  drohen,  beseitigt,  dann  ist  ihre  Überlegenheit ­
  über  die  reinen,  oder  nur  teilweise  kombinierten  Werke  völlig  gesichert ­
  und  diese  Sicherheit  wird  noch  erhöht,  wenn  für  einen  Teil  der  Endprodukte ­
  ebenfalls  Konkurrenzregulierungen,  Kartelle,  bestehen.
Der  Nutzen  der  vertikalen  Kombination  wird  wesentlich  gehoben,  wenn
sie  technische  Verbesserungen  ermöglicht,  die  ohne  Zusammenfassung ­
  der  einzelnen  Produktionsstufen  undurchführbar,  also  dem  reinen
Unternehmen  vollständig  verschlossen  sind.  Allerdings  verlangen  solche
technische  Verbesserungen  auch  eine  lokale  Vereinigung  der  Produktionsstätten. ­
  Ihre  Ausnutzung  kann  demnach  nur  dann  durch  die  Kombination
bisher  getrennter  selbständiger  Unternehmungen  erfolgen,  wenn  ihre  örtliche ­
  Lage  zueinander  günstig  ist.  In  vielen  Fällen  wird  der  Nutzen  nur
dadurch  zu  erlangen  sein,  daß  die  Unternehmungen  ausgebaut  werden.
Diese  Art  der  Kombination  führt  also  nicht  zur  Neugruppierung  der  be-
        <pb n="65" />
        59

stehenden  Produktionsstätten,  sondern  zu  ihrer  Vermehrung.  Mit  der
Macht  der  kombinierten  Unternehmungen  wächst  zugleich  die  Größe  des
Angebots:  eine  doppelte  Verschärfung  des  Wettkampfs  ist  die  Folge.
In  keinem  Industriezweig  vermittelt  die  Kombination  solche  technische ­
  Vorteile  wie  in  der  Eisenindustrie.  In  großen  Zügen  seien  sie
hier  geschildert.  Früher  standen  selbständig  neben  einander  Hochöfen,  Stahlwerke ­
  und  Walzwerke.  Das  im  Hochofen  gewonnene  Roheisen  wurde  erkaltet ­
  den  Stahlwerken  zugeführt,  dort  von  neuem  eingeschmolzen  und  in
Rohstahl  verwandelt.  Die  erkalteten  Rohstahlblöcke  wurden  von  neuem
auf  Schweißtemperatur  erhitzt  und  zum  Teil  zu  schweren  Profilen,  Schienen,
Trägern,  Schwellen,  zum  Teil  zu  Halbzeug  ausgewalzt.  Das  an  die  Walzwerke ­
  verkaufte  Halbzeug  wurde  wiederum  in  Schweißöfen  erhitzt,  ehe  es
in  den  verschiedenen  Walzstraßen  zu  Fertigwaren  ausgewalzt  werden
konnte.  Sehr  bald  fanden  die  Stahlwerke  ein  Verfahren,  die  Hitze  des
flüssigen  Rohstahls  auszunutzen,  ohne  neuen  Aufwand  von  Brennstoffen
die  schweren  Walzprodukte  herzustellen.  Die  Trennung  von  Hochofen,
Stahlwerk  und  Walzwerk  hatte  aber  noch  immer  eine  dreimalige  Erhitzung
des  Rohstoffes  zur  Folge.  Das  Ziel  mußte  sein,  auch  diesen  dreifachen
Brennstoffaufwand  zu  sparen.  Liegen  die  drei  Werke  örtlich  nahe  beieinander ­
  und  stehem  sie  unter  einheitlicher  Leitung,  dann  kann  die  im  Hochofen ­
  erzeugte  Hitze  ausgenutzt  werden.  Das  flüssige  Roheisen  wird  dem
Stahlwerk  zugeführt  und  hier  ohne  nochmalige  Erhitzung  in  denBessemer-,
Thomas,  oder  Martinanlagen  in  Flußstahl  verwandelt  und  in  große  bis  zu
drei  Tonnen  fassende  Formen  gegossen.  Diese  Blöcke  läßt  man  —  damit
sich  ihre  Hitze  im  Innern  wie  an  den  Außenseiten  gleichmäßig  abkühlt  —
in  unterirdischen  Ausgleichsgruben  bis  zur  Walztemperatur  erkalten.  Haben
sie  diese  Temperatur  erreicht,  so  werden  sie  auf  der  sogenannten  Blockstraße ­
  auf  geringere  Dimensionen  herabgewalzt  und  zwar  zu  Blöcken,
wenn  schwere  Profile,  zu  Brammen,  wenn  Grobbleche  hergestellt  werden
sollen.  Die  Blöcke  und  Brammen  können  sofort,  ohne  jeden  Aufwand  von
Brennstoff  zu  Fertigwaren  ausgewalzt  werden,  also  zu  Schienen,  Trägern,
Schwellen  einerseits,  zu  Grobblechen  andererseits.  Zum  Teil  werden  die
Blöcke  aber  zu  Halbzeug  für  feinere  Sorten,  zu  Knüppel  (für  leichtere  Stabeisenprofile) ­
  und  Platinen  (für  Feinbleche)  herabgewalzt.  Dieses  Halbzeug
hat  nicht  mehr  die  Temperatur,  um  daraus  sofort  Fertigwaren  hersteilen ­
  zu  können.  Während  nun  die  reinen  Walzwerke  das  völlig  erkaltete
Material  auf  die  Walztemperatur  erwärmen  müssen,  genügt  im  Stahlwerk
ein  verhältnismäßig  geringes  Nachwärmen  des  noch  heißen  Halbzeugs,  um
es  zu  Fertigwaren  auszuwalzen.  Die  im  Hochofen  gewonnene  Hitze  reicht
also  fast  aus,  auch  die  feineren  Walzprodukte  herzustellen.
Damit  ist  aber  die  Kraft  der  Brennstoffe,  die  den  Hochöfen  zugeführt
        <pb n="66" />
        6o

werden,  noch  nicht  ausgenutzt;  die  Angliederung  der  Hochöfen  ermöglicht
noch  weitere  Ersparnisse  an  Heizmaterial.  Dem  Hochofen  entströmen
brennbare  Gase,  die  man  früher  unbenutzt  entweichen  ließ  und  die  in
mächtigen  Flammengarben  aus  der  Gicht  emporschlugen.  Dann  ging  man
dazu  über,  diese  Gase  abzufangen  und  in  den  sogenannten  Winderhitzern
zu  verbrennen.  Durch  die  Winderhitzer  jagt  man  den  Wind,  der
in  den  Hochofen  geblasen  wird.  Die  heißen  Winde  mit  der  nötigen  Stärke
in  den  Hochofen  getrieben,  erhöhen  dessen  Leistungsfähigkeit.  Der  Ofen
liefert  aber  ein  größeres  Quantum  Gase,  als  zu  diesem  Zweck  nötig  ist.
Den  Überschuß  verbrannte  man  unter  Kesseln  und  die  erzeugte  Dampfkraft ­
  überstieg  wiederum  den  Bedarf  zum  Antrieb  der  Gebläsemaschine
für  den  Hochofen,  so  daß  auch  die  Maschinen  des  Stahlwerkes  zum  Teil
noch  die  nötige  Triebkraft  erlangten.  Heute  verpufft  man  die  Gichtgase
mit  viel  größerem  Nutzen  in  Gasexplosionsmaschinen  und  die  Kraft  reicht
aus,  die  gesamte  Maschinerie  des  großen  kombinierten  Stahlwerkes  zu
treiben.  Also  auch  auf  diesem  Wege  wird  ein  erheblicher  Aufwand  an
Brennstoffen,  die  man  bisher  zur  Erzeugung  der  nötigen  Dampfkraft  bedurfte, ­
  erspart.  In  ähnlicher  Weise  lassen  sich  auch  die  in  den  Kokereien
gewonnenen  Gase  verwerten 1 ).
Durch  das  innigere  technische  Ineinandergreifen  der  schon  örtlich
vereinigten  Hochofen-,  Stahlwerks-  und  Walzwerksanlagen,  zu  denen  zuweilen ­
  sich  noch  die  Kohlenzechen  und  Erzgruben  gesellen,  werden  auch
manche  Verbesserungen  ermöglicht,  die  den  Transport  der  Materialien  und
der  Halbfabrikate  verbilligen.  Vor  allem  aber  werden  die  Frachtkosten
vollständig  erspart. i)  2 )
Trofesdörn'  diese  produktionstechnischen  und  verkehrstechnischen
Vorteile  den  Nutzen  der  Kombination  in  der  Eisenindustrie  wesentlich  erhöhen, ­
  vermögen  sich  nur  dort  vollständig  durchgeführte  vertikale  Kombinationen ­
  durchzusetzen  und  können  sie  nur  dort  auf  die  Dauer  die
reinen  Werke  im  Wettkampf  besiegen,  wo  durch  Konkurrenzregulierung
oder  durch  Zölle  verhindert  wird,  daß  die  Zwischenprodukte  zeitweise
zu  billigeren  Preisen  den  weiterverarbeitenden  reinen  Werken  angeboten
werden,  als  sie  die  kombinierten  Stahlwerke  selbst  herzustellen  vermögen.
Vogelstein  berichtet  uns,  daß  in  Schottland  die  Kombination  in  der  Eisenindustrie ­
  noch  nicht  den  Grad  erreicht  habe  wie  bei  uns  in  Deutschland.

i)  Angabe  über  die  Ersparnisse,  die  jene  technischen  Verbesserungen  ermöglichen,
siehe  in  meiner  Schrift:  Konzentration  in  der  Eisenindustrie  und  die  Lage  der  reinen
Walzwerke  1906.
“)  Von  den  reinen  Walzwerken  wurden  auf  den  kontradiktorischen  Verhandlungen ­
  die  Frachtkosten  für  den  Bezug  des  Halbzeugs  auf  ein  bis  zwei  Mark  pro  Tonne
Halbzeug  angegeben.
        <pb n="67" />
        6i

Da  die  deutschen  und  amerikanischen  Stahlwerke  in  den  Jahren  des
Niederganges  Halbzeug  zu  außerordentlich  niedrigen  Preisen  aut  den
Weltmarkt  warfen,  um  durch  möglichste  Ausnutzung  ihrer  Produktionsfähigkeit ­
  ihre  Selbstkosten  herabzudrücken,  erlangten  die  englischen  reinen
Walzwerke  einen  Vorteil,  den  sich  die  englischen  Stahlwerke  durch  die
vollkommenste  Betriebskombination  nicht  aneignen  konnten.  Daß  dadurch
die  Bildung  kombinierter  Werke  gehemmt  Wurde,  ist  erklärlich.  Wie  weit
die  Wirkung  dieser  Schleuderverkäufe  geht,  zeigt  folgende  Mitteilung
Vogelsteins:  „Versichert  man  mir  doch  selbst  auf  einem  integrierten  Unternehmen, ­
  daß  man  zeitweise  nichts  gegen  das  „duinping“  einzuwenden  gehabt ­
  habe,  als  sich  nämlich  der  Preis  für  Halbzeug  so  billig  stellte,  daß  es
profitabler  war,  das  eigene  Stahlwerk  still  zu  legen  und  sich  auf  die  Verarbeitung ­
  des  importierten  Materials  zu  beschränken.“ 1 )  Dieselbe  Erscheinung, ­
  die  Vogelstein  für  Schottland  feststellte,  findet  er  auch  in  Wales.
„Bei  völliger  Ausnutzung  der  Hochofen  und  Koksgase,  an  der  es  heute  teilweise ­
  wegen  des  getrennten  Standortes,  teilweise  wegen  allgemeiner  technischer ­
  Rückständigkeit,  noch  vielfach  fehlt,  könnten  die  integrierten
Unternehmungen  vielleicht  den  ernsten  Versuch  machen,  die  reinen  Walzwerke ­
  durch  Unterbietung  auszuschalten.  Aber  selbst  dann  wäre  es  fraglich,
ob  dieses  kostspielige  Experiment  erfolgreich  wäre,  wenigstens  solange  die
Zeiten  regelmäßig  wiederkehren,  in  denen  Roheisen  oder  Stahl  unter  den
Produktionskosten  von  Wales  importiert  wird.“ 2 )
Wie  die  ausländische  Konkurrenz  so  wirkt  auch  die  inländische.  Erst
dann  werden  die  Stahlwerke  den  vollen  Nutzen  aus  der  Kombination
ziehen,  wenn  die  Mehrzahl  der  Werke  zu  kombinierten  Unternehmungen
ausgebaut  ist  und  die  gemeinsamen  Interessen  zu  einer  einheitlichen  Preispolitik, ­
  zur  Konkurrenzregulierung  führt.  Die  Walzwerke  waren  ursprünglich ­
  durchweg  gemischte  Betriebe,  die  ihr  Halbzeug  in  Puddel-  und
Schweißöfen  selbst  herstellten.  Der  Puddelprozess  wurde  aber  von  den
neueren  Verfahren  zur  Herstellung  von  Flußstahl,  durch  den  Bessemerprozeß ­
  und  später  durch  den  Thomas-  und  den  Martinprozeß,  erheblich  in
den  Schatten  gestellt.  Diejenigen  Werke,  die  das  neue  Verfahren  annahmen,
die  Stahlwerke,  suchten  die  großen  Flußstahlmengen  vor  allem  in  der  Form
der  schweren  Walzprodukte:  Schienen,  Schwellen,  Träger  abzusetzen.
Die  Stahlmengen,  die  auf  diese  Weise  nicht  untergebracht  werden  konnten,
wurden  zu  Halbzeug  verarbeitet  und  den  Walzwerken  angeboten.  Infolge
der  geringeren  Herstellungskosten  standen  die  Preise  dieses  Halbzeugs,  —

l )  Vogelstein,  Organisationsformen  der  Eisenindustrie  und  Textilindustrie
in  England  und  Amerika  1910  S.  27.
s )  Vogelstein  S.  46.
        <pb n="68" />
        62

*

abgesehen  von  den  Jahren  der  Hochkonjunktur  —,  erheblich  unter  den
Kosten  des  Halbzeugs,  das  sich  die  Puddelwerke  selbst  herstellten.  Besonders ­
  in  den  Baissejahren  wurde  es  sehr  billig  angeboten.  Die  Folge  war,
daß  sich  die  Puddelwerke  aus  kombinierten  Betrieben  in  reine  Betriebe
verwandelten,  ihre  Schweißeisenerzeugung  aufgaben  und  sich  auf  das
Auswalzen  des  Halbzeugs  der  Stahlwerke  verlegten.  In  den  90er  Jahren
des  vorigen  Jahrhunderts  änderten  sich  die  Verhältnisse.  Die  Stahlwerke
begannen  die  Kombinationsidee  konsequenter  durchzuführen,  das  Halbzeug ­
  selbst  bis  zu  den  feinsten  Erzeugnissen  auszuwalzen.  Der  Nutzen  für
die  Stahlwerke  und  der  Schaden  für  die  reinen  Walzwerke  war  gering,  solange
die  Mehrzahl  der  Stahlwerke  noch  auf  die  Unterbringung  großer  Halbzeugmengen ­
  angewiesen  war,  solange  sie  die  Produktivkraft  ihrer  Anlagen  nur
voll  ausnutzen  konnten  —  vor  allem  in  der  Zeit  geringer  Nachfrage  nach
Fertigwaren  —  wenn  sie  in  großen  Mengen  Halbzeug  produzierten.  Je
mehr  die  Stahlwerke  ausgebaut  wurden,  desto  mehr  sank  auch  ihr  Interesse
an  billigen  Halbzeugpreisen.  Im  Gegenteil  sie  wünschten  diese  Preise  stets
über  ihre  Selbstkosten  zu  halten  und  durch  Angebot  billiger  Fertigwaren
z.  B.  Stabeisen,  Bandeisen,  Draht  usw.  ihren  Auftragbestand  auf  einer
Höhe  zu  halten,  die  eine  möglichste  Ausnutzung  ihrer  Leistungsfähigkeit
erlaubte.  In  den  ersten  Jahren  dieses  Jahrhunderts  war  der  Umschwung
vollzogen.  Die  kombinierten  Werke  mußten  über  die  reinen  Walzwerke,
denen  kein  billiges  Halbzeug  mehr  infolge  der  Preispolitik  der  Stahlwerke
zur  Verfügung  stand,  den  Sieg  erringen.  Die  reinen  Walzwerke  waren  jetzt
erst  dem  Untergange  geweiht,  während  sie  sich  vom  technischen  und  volkswirtschaftlichen ­
  Standpunkt  schon  länger  überlebt  hatten.
Außer  der  Sicherung  des  Rohstoffbezuges  und  zwar  unabhängig  von
den  schwankenden  Marktpreisen,  außer  der  Herabdrückung  der  Produktionskosten ­
  durch  vollkommenere  Ausnutzung  der  Leistungsfähigkeit  der
Anlagen  oder  durch  Aneignen  technischer  Vorteile  vermögen  die  Kombinationen ­
  auch  noch  eine  Reduzierung  der  Absatzkosten  und  innigere
Fühlung  mit  dem  Markt  zu  vermitteln.  Besonders  die  horizontale
Kombination  ermöglicht  zuweilen  große  Ersparnisse.  Schließen  sich  mehrere
gleichartige  Unternehmungen  zusammen,  so  kann  die  neue  einheitliche
Leitung  mit  einer  geringeren  Anzahl  Bureaubeamten  und  Reisenden  die
gleichen  Aufgaben  bewältigen.  Es  sinken  außerdem  die  Reklamekosten
oder  können  wirkungsvoller  verwendet  werden.  Also  Unkosten,  die  zum
Teil  der  scharfe  Wettkampf  erst  verursacht  hat,  werden  wieder  auf  ein
angemesseneres  Maß  herabgedrückt.
Ferner  lassen  sich  überall  dort  die  Versandkosten  vermindern,  wo  die
vereinigten  Unternehmungen  räumlich  im  Absatzgebiet  verteilt  liegen.
Demjenigen  Unternehmen,  das  die  günstigste  Lage  zum  Käufer  hat,  wird
        <pb n="69" />
        63

die  Ausführung  des  Auftrages  überwiesen.  Einen  stärkeren  Einfluß  auf  die
Versandkosten  haben  die  Produktionsstätten,  die  sich  Verkehrsunternehmungen ­
  zu  Wasser  und  zu  Lande  angliedern  oder  in  irgendeiner  Weise
ihre  Tarifpolitik  mitbestirnmen  können.  Der  Besitz  wichtiger  Bahnen
gibt  die  Möglichkeit  offener  oder  versteckter  Bevorzugung  der  eigenen
Ware:  eine  wichtige  Waffe  im  Konkurrenzkampf.  Der  Besitz  eines  eigenen
Schiffsparkes  verleiht  nicht  eine  so  große  Macht,  da  eine  Beherrschung  des
Wasserweges  kaum  durchführbar  ist,  es  sei  denn,  daß  es  gelingt,  die  meist
große  Zahl  der  Schiffsunternehmungen  zu  einheitlicher  Tarifpolitik  zusammenzufassen.
  Der  Bevorzugung  der  eigenen  Ware  stehen  also  große
Hindernisse  entgegen.  Dafür  gewährt  der  Besitz  eigener  Schiffe  eine
Sicherheit  gleichmäßiger  Beförderungskosten,  was  in  der  Zeit  anziehender ­
  Frachtsätze  sehr  wertvoll  ist.  Dieser  Vorteil  fällt  fort,  sobald  auf
dem  Schiffsmarkt  die  Frachtsätze  unter  die  Selbstkosten  sinken,  wobei
allerdings  zu  berücksichtigen  ist,  daß  in  der  Regel  die  Selbstkosten  des
eigenen  Schiffparkes  geringer  sind  als  die  der  unabhängigen  Schiffsunternehmung, ­
  wenigstens  solange  das  Produktionsuntemehmen  den  eigenen
Schiffen  eine  vollständigere  Ausnutzung  des  Laderaumes  sichern  kann.
Die  Kombination  zwischen  Produktionsstätten  und  Händlerfirmen
wurde  bereits  erwähnt,  sie  gibt  dem  produzierenden  Unternehmen  innigere
Fühlung  mit  dem  Markt  und  sichert  ihm  in  der  schlechten  Konjunktur
einen  größeren  Absatz,  während  umgekehrt  die  Händlerfirma  besonderen
Nutzen  in  der  Hochkonjunktur  aus  der  Verbindung  zieht.
Die  Angliederung  einer  Händlerfirma  oder  Errichtung  eigener  Verkaufsstätten ­
  bildet  für  die  meisten  Branchen  das  letzte  Glied  der  vertikalen
Kombination.  Nur  einige  Produktionszweige  können  noch  einen  Schritt
weiter  gehen,  sie  vermögen  gelegentlich  sich  selbst  den  Markt  zu  schaffen.
Das  sind  jene,  die  anderen  Unternehmungen  die  Maschinen,  Apparate  und
Einrichtungen  liefern.  Elektrisitätswerke,  die  Licht-  und  Kraftzentralen
oder  elektrische  Bahnen  bauen,  Maschinenfabriken,  die  den  Bau  von  Kleinbahnen ­
  übernehmen,  sichern  sich  einen  größeren  Auftragsbestand,  wenn
sie  auf  den  Entschluß,  solche  Anlagen  zu  errichten,  einen  Einfluß  auszuüben
vermögen.  Der  einfachste  Weg  ist:  sie  erwerben  selbst  die  Konzession  und
bauen  entweder  mit  eigenen  Mitteln  oder  beschaffen  das  nötige  Kapital,
Führen  sie  die  Anlage  mit  eigenen  Mitteln  aus,  dann  müssen  sie  Sorge
tragen,  ihre  festgelegten  Kapitalien  wieder  flüssig  zu  machen.  Sie
gründen  zu  diesem  Zwecke  eine  Kapitalübernahmegesellschaft  oder
gliedern  sich  eine  solche  Gesellschaft  an.  Die  Kapitalübemahmegesellschaft,
  die  sich  ihre  Mittel  durch  Ausgabe  von  Aktien  und  Obligationen
beschafft,  übernimmt  die  Aktien  der  von  der  bauenden  Firma  zunächst
mit  eigenen  Mitteln  errichteten  Unternehmungen  und  behält  sie,  bis  sie
        <pb n="70" />
        64

zu  geeigneter  Zeit  von  Anlage  suchenden  Kapitalisten  aufgenommen
werden.  Statt  selbst  die  Finanzierung  vorzunehmen,  kann  sich  die  bauende
Finna  das  Kapital  auch  durch  Gründung  oder  Angliederung  einer  Finanzierungsgescllschaft
  beschaffen.  Diese  Gesellschaft,  die  ihre  eigenen
Mittel  auf  demselben  Wege  wie  die  Kapitalübernahmegesellschaft  erlangt,
hilft  neue  Unternehmungen  gründen,  indem  sie  sie  finanziert 1 ).
So  gewähren  auch  die  verschiedenen  Kombinationen,  die  eine  Senkung
■der  Absatzkosten  oder  eine  innigere  Fühlungnahme  mit  dem  Markt  erstreben, ­
  eine  Überlegenheit  über  die  nichtkombinierten  Unternehmungen,
sie  tragen  also  zur  Verschärfung  des  Wettkampfes  bei.  Wo  aber  bereits
Konkurrenzregulierungen  bestehen,  sichern  sie  den  Unternehmungen  eine
erhöhte  Rentabilität.
Wie  die  Darstellung  schon  vermuten  läßt,  haben  die  Kombinationsbestrebungen ­
  nicht  etwa  eine  Organisation  zum  Ziel,  die  die  absolut
niedrigsten  Kosten  verursacht.  Bei  jedem  Stande  der  Technik  läßt  sich
eine  Betriebsgröße  denken,  bei  der  alle  Produktionsfaktoren  im  günstigsten
Verhältnis  zueinander  stehen,  bei  der  also  die  Arbeitsteilung  und  Maschinenverwendung ­
  zu  den  absolut  niedrigsten  Kosten  arbeitet.  Selbst  eine  Verdoppelung ­
  dieser  Betriebsgröße  würde  in  der  Regel  diese  absolut  geringste
Kostenhöhe  überschreiten,  da  mit  der  Größe  des  Unternehmens  auch  die
Reibungsverluste  der  Gesamtorganisation  zunehmen.  Dieses  Ziel  haben
die  Kombinationsbestrebungen  nicht  im  Auge,  können  sie  auch  nicht  verfolgen, ­
  da  diese  absolut  günstigste  Betriebsgröße  und  Betriebsorganisation
infolge  des  fortwährenden  Schwankens  aller  Marktverhältnisse  und  der
Unruhe  der  technischen  Entwicklung  gar  nicht  gefunden  werden  kann.  Das
Ziel  der  Kombinationsbestrebungen  ist  viel  bescheidener.  Hat  sich  die
Produktion  eines  Unternehmens,  angereizt  durch  die  starke  Nachfrage  und
die  hohen  Preise  einer  Hochkonjunktur  oder  infolge  einer  notwendigen
Durchführung  technischer  Verbesserungen  ausgedehnt,  dann  stellen  sich
meist  auch  Nachteile  ein,  teils  schon  in  den  Haussejahren,  teils  erst  in  den
Baissejahren,  und  unter  diesen  Schwächen  stellt  die  Unmöglichkeit,
die  Anlagen  voll  auszunutzen,  fast  stets  an  erster  Stelle.  Nun  setzen  die
Abhilfsbestrebungen  ein  und  die  Kombinationen  sind  ein  wichtiges  Hilfsmittel, ­
  unter  den  gegebenen  Verhältnissen  möglichst  günstige  Produktionsund ­
  Absatzbedingungen,  möglichst  niedrige'  Kosten  zu  erreichen.  Das
Ziel  richtet  sich  also  auf  die  relativ  niedrigsten  Kosten.  Das  Streben  nach
den  absolut  niedrigsten  Kosten  hätte  nur  Sinn  bei  dauernd  stabiler  Marktlage. ­
  Da  sich  aber  der  Markt,  wenn  auch  in  Wellenbewegungen,  ständig  i)
i)  Liefmann,  Beteiligungs-  und  Finanzierungsgesellschaften  II.  Aufl.  1913.
        <pb n="71" />
        65

weitet,  ist  die  erste  Aufgabe  der  Unternehmungen,  einen  möglichst  großen
Anteil  des  Zuwachses  zu  erringen,  und  in  dieser  Zeit  des  Aufstieges  und  der
rasch  anziehenden  Preise  rückt  die  Frage  der  Produktionskosten  meist  an
die  zweite  Stelle,  um  sich  erst  in  den  Jahren  des  Abstieges,  der  einschrumpfenden ­
  Nachfrage,  wieder  zum  beherrschenden  Problem  auszuwachsen. ­

Immer  wieder  zeigt  es  sich,  daß  sich  der  Nutzen  aller  Kombinationen
nur  dann  dauernd  in  höhere  Gewinne  umsetzt  und  vielfach  überhaupt  erst
zur  vollen  Geltung  kommt,  wenn  der  Wettkampf  mehr  oder  minder  unterbunden ­
  ist.  Die  kombinierten  Unternehmungen  müssen  demnach  eine  den
Markt  beherrschende  Stellung  anstreben.  Da  erhebt  sich  die  Frage,  ob
nicht  dieses  Ziel  mittels  konsequenter  Durchführung  der  Kombination
•erreicht  werden  kann.  Diesen  Gedanken  sehen  wir  in  den  Trusts  verwirklicht. ­
  Ein  weitgehender  Zusammenschluß  gleichartiger  Unternehmungen
gewährt  schließlich  eine  solche  überragende  Marktstellung,  daß  besondere
Konkurrenzregulierungen  mit  dem  kleinen  Rest  selbständiger  Gegner  überflüssig ­
  werden.  Die  horizontale  Kombination  führt,  wenn  sie  den  größten
Teil  der  Produktion  in  eine  Hand  zusammen  faßt,  zum  Trust.  Darin  besteht
der  Unterschied  zwischen  der  horizontalen  und  der  vertikalen  Kombination:
jene  vermag,  weit  genug  durchgeführt,  eine  marktbeherrschende  Stellung
zu  geben,  dauernd  die  Rentabilität  zu  sichern  —  wenigstens  solange  sie
-diese  beherrschende  Stellung  zu  wahren  vermag  —,  diese  gibt  nur  eine
Überlegenheit  über  die  reinen  Werke,  die,  wenn  sie  nicht  durch  Konkurrenzregulierungen
  z.  B.  durch  Kartelle  gestützt  wird,  in  der  Baissezeit  leicht
gefährdet  werden  kann,
Da  aber  die  vertikale  Kombination  schwerwiegende  Vorteile  bietet,
kann  ein  durch  horizontale  Kombination  zum  Trust  entwickeltes  Unternehmen ­
  auf  die  Dauer  die  vertikale  Kombination  gar  nicht  entbehren.
Nehmen  wir  an,  in  einem  Produktionszweig  werde  jede  Stufe  des  Produktionsprozesses ­
  von  einem  Trust  beherrscht,  dann  ist  jeder  nachfolgende
vom  vorhergehenden  Trust  abhängig.  Die  sicherste  Stellung  besitzt  der
Trust  der  untersten  Stufe,  der  Rohstoffstufe.  Sobald  irgendein  Trust  der
unteren  und  mittleren  Stufen  durch  Weiterverarbeitung  seiner  Produkte
den  Weg  der  vertikalen  Kombination  betritt,  kann  er  die  marktbeherrschende ­
  Stellung  des  Trusts  der  folgenden  Stufe  allmählich  untergraben.
Das  Ideal  wäre  der  Trust,  der  gleichzeitig  den  gesamten  Produktionsprozeß ­
  vom  Rohstoff  bis  zum  Fertigfabrikat  umfaßte,  also  eine  vollkommene
vertikale  und  horizontale  Kombination.
Wäre  es  möglich  das  Ideal  in  den  einzelnen  Ländern  für  die  einzelnen
Produktionszweige  zu  verwirklichen,  so  bliebe  dennoch  auf  dem  interna-Mannstaedt,
  Zusammenschluß  im  Gewerbe.  5
        <pb n="72" />
        66

tionalen  Markt  ein  Wettkampf  zwischen  annähernd  gleich  starken  Riesenunternehm ­
  ungen  mit  seinen  auf  die  Dauer  verderblichen  Folgen  bestehen.
Wiederum  würde  die  Parole  lauten:  Internationale  Konkurrenzregulierung
durch  Kartelle  oder  Zusammenschweißung  der  gleichartigen  Trusts  zum
Welttrust.  Den  letzten  Weg  —  eine  Zukunftsphantasie  —  hier  weiter  zu
verfolgen,  hat  wenig  Wert.  Wichtiger  ist  die  Frage,  wie  weit  das  Ideal  in
einem  begrenzten  Umfange,  etwa  innerhalb  eines  nationalen  Wirtschaftsgebietes ­
  durchführbar  ist.
Dem  horizontalen  Trust  stehen  keine  grundsätzlichen  Hindernisse  entgegen. ­
  Von  der  Entwicklung  und  Lage  des  Marktes,  von  dem  Organisationstalent ­
  der  maßgebenden  Persönlichkeiten,  von  der  Art  der  Kreditorganisationen ­
  und  der  Rechtordnung  wird  es  abhängen,  wie  weit  das  Ziel  erreicht ­
  wird.  Weit  größere  Schwierigkeit  bietet  die  Durchführung  des  Trusts,
der  auch  durch  vertikale  Kombination  auf  eigenen  Füßen  steht.  Je  länger
der  Produktionsweg  vom  Rohstoff  bis  zur  gebrauchsfertigen  Ware,  je
größer  also  die  Zahl  der  Produktionsstufen,  je  mannigfaltiger  die  notwendigen ­
  Rohstoffe  und  je  vielseitiger  die  Endprodukte,  desto  fraglicher  wird
das  Gelingen  der  Riesenorganisation.
Gibt  es  hier  nicht  Grenzen,  über  die  hinaus  eine  Durchführung ­
  der  vertikalen  Kombination  unmöglich  wird?  Es  ist
aufgefallen,  daß  sich  die  Maschinenfabriken,  Konstruktionswerkstätten,
Schiffswerften,  obgleich  sie  große  Mengen  Kohlen  einerseits  und  Stahlprodukte ­
  andererseits  verbrauchen,  nicht  die  Vorstufen  der  Erzeugung
angliedern.  Produktionstechnische  Vorteile,  wie  sie  den  Stahlwerken  der
vertikale  Zusammenschluß  bot,  sind  allerdings  nicht  zu  erwarten.  Man  hat
zur  Erklärung  darauf  hingewiesen,  daß  z.  B.  eine  Maschinenfabrik  nicht
das  ganze  Produktenquantum  einer  Kohlenzeche  oder  eines  Stahlwerkes
verbrauchen  könne  oder  seine  Produktion  ganz  erheblich  ausdehnen  müsse..
Die  Schwierigkeit,  die  Produktionsgröße  der  einzelnen  Stufen  aufeinander
abzupassen,  sei  also  das  Hindernis.  Dieses  Moment  fiel  bei  einem  Trust
der  Maschinenbauindustrie  fort,  aber  auch  für  ein  Unternehmen  von  geringeren ­
  Dimensionen  als  ein  Trust  wäre  die  Anpassung  kein  unüberwindliches ­
  Hindernis,  zumal  in  Deutschland,  wo,  wie  Wiedenfeld  betont,  die
Maschinenbauindustrie  bereits  eine  ausgeprägte  Exportindustrie  geworden
ist.  Außerdem  liegt  auch  kein  Nachteil  darin,  wenn  ein  Teil  der  Vorprodukte ­
  verkauft  wird.  Unsere  großen  kombinierten  Stahlwerke  sind
auch  mit  einer  mehr  oder  minder  großen  Menge  ihrer  Kohlen-,  Koks-,
Roheisen-  und  Rohstahlerzeugung  auf  den  Markt  angewiesen.  Sie  setzen
keineswegs  nur  Endprodukte  ab.
Wiedenfeld  glaubt  den  Grund  der  geringen  Entwicklung  vertikaler
Kombinationen  in  manchen  Industriezweigen  wie  z.  B.  auch  in  der  Maschi ­
        <pb n="73" />
        6  7

nenbauindustrie  in  einem  Hindernis  prinzipieller  Natur  gefunden  zu  haben.
Er  weist  auf  den  verschiedenen  Charakter  der  Maschinenfabriken  einerseits
und  der  Kohlenzechen  und  Eisenwerke  andererseits  hin.  Die  Maschinenfabriken ­
  sind  Betriebe  der  Individualarbeit,  und  Kohlenzechen  und  Eisenwerke ­
  Betriebe  der  Massenfabrikation.  Infolge  der  großen  Nachfrage  ist
z.  B.  in  den  Stahlwerken  die  gesamte  Maschinerie  so  eingestellt,  daß  sie
fast  automatisch  ganz  gleiche  Produkte  in  beliebigen  Mengen  herstellen
kann.  Das  Einzelprodukt  verlangt  keinerlei  besondere  Berücksichtigung.
„Der  Maschinenbau  dagegen  trägt  ganz  und  gar  den  Charakter  der  individualisierenden ­
  Industrie:  jedes  Stück  wird  nach  Zeichnung  angefertigt,
erst  eine  große  Anzahl  aufs  subtilste  ausgeführter  Einzelstücke  ergibt  das
fertige  Produkt,  und  ein  großer  Teil  der  Gesamtarbeit  spielt  sich  deshalb
im  Zeichensaal  und  im  Konstruktionsbureau  ab,  wo  immer  nur  für  eine
relativ  kleine  Anzahl  von  einzelnen  Produktionen  die  Vorbereitungen
getroffen  werden  können.  In  der  Maschinenindustrie  wird  allenfalls  am
technischen  Apparat  etwas  geändert,  wenn  einmal  eine  neue  Erfindung  gemacht ­
  ist;  der  Produktionsvorgang  selbst  läuft  lange  Zeit  unverändert
fort...  In  der  Maschinenbauindustrie  jedoch  müssen  für  jeden  Auftrag  besondere ­
  Anforderungen  getroffen  werden,  zumal  in  den  ganz  großen
Maschinenfabriken,  die  sich  auf  die  Herstellung  von  Gesamtanlagen  oder
von  Kraftmaschinen  geworfen  haben;  denn  da  heißt  es,  sich  dem  besonderen ­
  Kraftbedarf  oder  auch  einer  gegebenen  Kraftquelle  in  jedem  Einzelfalle ­
  anzupassen,  da  ist  die  geforderte  Leistungsfähigkeit  der  Gesamtanlage
bald  hoch,  bald  niedrig,  da  sind  Geländeverhältnisse  zu  berücksichtigen,
und  was  der  ewig  wechselnden  Momente  mehr  sind.“
„Und  damit,“  fährt  Wiedenfeld  fort,  „ist  das  Trennende  berührt:  Betriebe ­
  der  Massenfabrikation  und  Betriebe  der  Individualarbeit  ergeben
kein  Einheitsuntemehmen..'.  .  Denn  dort  hat  der  Leiter  um  den  einzelnen
Produktionsvorgang  sich  so  gut  wie  gar  nicht  zu  kümmern;  er  gibt  die  allgemeine ­
  Direktive  und  sorgt  im  ganzen  für  ein  richtiges  Zusammenarbeiten
der  verschiedenen  Betriebe  seiner  Unternehmung,  hält  aber  vor  allem
seinen  Blick  nach  außen  gerichtet,  von  woher  der  Weltmarkt  ihm  die
wechselnde  Aufgabe  stellt.  Im  Maschinenbau  dagegen  muß  der  Leiter  jedem
Auftrag  seine  volle  Aufmerksamkeit  widmen,  er  muß  Sorge  tragen,  daß
den  Offerten  bei  guter  Arbeit  doch  die  niedrigstmöglichen  Preisforderungen
eingefügt  werden,  um  die  großen  Submissionen  seinem  Werk  zu  sichern;
auf  ihm  liegt,  daß  die  Ausführung  dann  den  ganz  speziellen  Bedingungen
angepaßt  werde  und  in  der  Qualität  den  technischen  Ruf  der  Fabrik  bewähre. ­
  Ganz  anders  oft,  als  der  Leiter  eines  massenindustriellen  Werkes,
muß  er  in  den  Werkstätten  das  Arbeiten  beobachten  und  kontrollieren.
Sein  Blick  ist  stark  nach  innen  gerichtet  und  auch  nach  außen  anders  als
5*
        <pb n="74" />
        63

bei  jenen  eingestellt,  da  nicht  das  Allgemeine  des  Weltmarktes,  sondern
das  ganz  konkrete  der  besonderen  Aufgabe  vor  ihm  steht.  Beides  zu  vereinen, ­
  ist  dem  Menschen  aber  nicht  möglich.  Am  Persönlichkeitsfaktor
scheitern  daher  die  Versuche,  die  Organisationstendenzen  der  Massenindustrie ­
  auf  den  Maschinenbau  zu  übertragen.“ 1 )
Wiedenfeld  führt  auch  noch  ähnliche  Beispiele  aus  der  Textilindustrie
an  und  kommt  ganz  allgemein  zu  dem  Resultat:  „an  der  Grenze  menschlicher ­
  Leistungs-  und  persönlicher  Übersichtsfähigkeit  müssen  die  Organisation ­
  sbestrebungen  trotz  aller  sachlich  auf  Vereinnigug  drängenden
Momente  Halt  machen.“ 2 )  Ein  Hindernis  prinzipieller  Natur  setzt  also
nach  dieser  Ansicht  den  vertikalen  Kombinationsbestrebungen  ein  Ziel.
Ist  die  Beweisführung  stichhaltig  oder  hat  sich  Wiedenfeld  auf  Grund
einer  richtigen  Beobachtung  zu  einem  irrigen  Schluß  verleiten  lassen  ?
Mir  scheint  das  letztere  der  P'all  zu  sein.  Die  Ausführungen  über  die
Maschinenindustrie  beziehen  sich  auf  deutsche  Verhältnisse.  Da  es  in
Amerika  Brauch  ist,  sich  möglichst  auf  die  Herstellung  ganz  bestimmter
Maschinen  typen  zu  verlegen,  um  durch  Massenerzeugung  die  Produktionskosten ­
  möglichst  herabzudrücken,  ist  hier  jener  tiefgehende  Unterschied
zwischen  der  Maschinenbauindustrie  und  den  Industrien  der  Vorstufen
verwischt,  einer  Kombination  stände  kein  prinzipielles  Hindernis  entgegen.
Aber  bleiben  wir  bei  den  deutschen  Verhältnissen.  Auch  hier  würde  in
einigen  Fällen  das  prinzipielle  Hindernis  unwirksam  sein,  nämlich  dann,
wenn  die  Maschinenfabrik  infolge  ihres  großen  Bedarfs  an  Eisenmaterialen ­
  die  Leistungsfähigkeit  des  angegliederten  Stahlwerkes  vollständig  in
Anspruch  nimmt.  Das  Stahlwerk  erhält  jetzt  sein  Arbeitspensum  nur  von
der  Maschinenfabrik  vorgeschrieben.  Ausschlaggebend  sind  die  Aufträge,
die  die  Maschinenfabrik  hereinholt.  In  diesem  Riesenunternehmen  wäre
dem  Leiter  jene  unlösbare  Doppelaufgabe,  auf  die  Wiedenfeld  hinweist,  erspart. ­
  Es  bleiben  aber  jene  Fälle,  wo  das  Stahlwerk  mit  einem  mehr  oder
minder  großen  Teil  seiner  Erzeugung  auf  den  Weltmarkt  angewiesen  ist,
seine  Leistungsfähigkeit  den  Bedarf  der  angegliederten  Maschinenfabrik
übersteigt.  Auch  hier  sehe  ich  kein  prinzipielles  Hindernis.  Wächst  die
Vertretung  der  Interessen  des  Stahlwerks  und  der  Maschinenfabrik  infolge
ihrer  heterogenen  Natur  dem  Leiter  über  den  Kopf,  dann  ist  die  einfachste
Lösung  des  Problems,  die  Leitung  jedes  Werkes  einem  besonderen  Direktor
zu  übertragen  und  diese  einer  gemeinsamen  Spitze  zu  unterstellen,  deren
Aufgabe  es  ist,  die  Gesamtinteressen  des  Unternehmens  zu  vertreten,  für
das  gedeihliche  Zusammenarbeiten  der  angegliederten  Werke  zu  sorgen.

J )  Wiedenfeld,  Das  Persönliche  im  modernen  Unternehmertum  S.  77—79.
2 )  Wiedenfeld  S.  83.
        <pb n="75" />
        Am  Persönlichkeitsfaktor  werden  die  Organisationsbestrebungen  nicht
scheitern.  Wir  müssen  also  nach  einem  anderen  Grund  suchen,  um  zu  erklären, ­
  warum  die  vertikalen  Kombinationsbestrebungen  in  manchen  Produktionszweigen ­
  an  Kraft  einbüßen.
Von  der  Größe  des  Nutzens  hängt  die  Stärke  der  Kombinationsbestrebungen ­
  ab.  Die  Frage  nach  dem  Nutzen  muß  in  dem  eben  behandelten ­
  Beispiel  sowohl  an  die  Maschinenfabriken  als  auch  an  die  Stahlwerke ­
  gestellt  werden.
In  allen  Industriezweigen,  in  denen  große  Massen  gleicher  Produkte
auf  mehr  oder  minder  automatischem  Wege  hergestellt  werden,  spielen
in  der  Produktionskostenberechnung  die  Maschinen  und  die  Rohstoffe
eine  entscheidende  Rolle,  während  der  Arbeitsfaktor  mehr  zurücktritt.
In  den  Betrieben  der  Individualarbeit  dagegen  z.  B.  in  den  Maschinenfabriken, ­
  wo  in  den  Konstruktionsbureaus  und  in  den  einzelnen  Werkstätten ­
  fast  für  alle  Einzelteile  einer  Maschine  individuelle  Arbeit  geleistet
werden  muß,  steht  der  Arbeitsfaktor  in  der  Kostenberechnung  an  erster
Stelle  und  übertrifft  die  Bedeutung  der  Rohstoffe  und  Halbprodukte.
Haben  aber  die  Preise  der  Produkte  der  Vorstufe  einen  geringeren  Einfluß
wie  in  den  Betrieben  der  Massenfabrikation,  so  ist  selbstverständlich  auch
der  Drang  zur  Angliederung  dieser  Produktionszweige  erheblich  geringer.
Nun  wird  der  Nutzen  noch  geschmälert.  Eine  große  Maschinenfabrik,  die
sich  alle  Vorstufen  der  Erzeugung  angliedert,  bildet  ein  gewaltiges  Unternehmen. ­
  Je  größer  der  Umfang,  desto  komplizierter  ist  auch  die  Organisation, ­
  die  alle  Teile  verbindet  und  ein  einheitliches  Arbeiten  ermöglichen
soll.  Daß  dieser  umfassende  Mechanismus  mit  größeren  inneren  Reibungen
zu  kämpfen  hat,  ist  einleuchtend.  Die  inneren  Reibungen  verursachen
aber  Kosten,  die  einen  Teil  des  Nutzens  wieder  aufzehren,  den  die  Kombination ­
  beschert  hat.
Wollen  wir  aber  vollständig  verstehen,  warum  der  Kombinationsdrang ­
  in  der  deutschen  Maschinenindustrie  so  gering  ist,  dann  müssen  wir
noch  einen  Blick  auf  die  Bezugsverhältnisse  ihrer  Arbeitsmaterialien
werfen.  Zum  Teil  bezieht  sie  ihr  Arbeitsmaterial,  Rohstoffe  oder  Zwischenprodukte ­
  aller  Art,  von  kartellierten  Unternehmungen.  Können  sich  die
Maschinenfabriken  infolgedessen  zeitweise  diese  Produkte  nur  zu  höheren
Preisen  beschaffen,  als  die  ausländischen  Konkurrenten,  so  liegt  darin  ein
erheblicher  Nachteil,  der  aber  dadurch  wesentlich  gemildert  wird,  daß
erstens  alle  konkurrierenden  inländischen  Fabriken  die  gleichen  Preise
zahlen  müssen,  und  zweitens  die  Konkurrenz  der  wenigen  kombinierten
Unternehmungen,  die  eigenes  Material  verarbeiten,  nicht  ins  Gewicht  fällt.
Zum  Teil  sind  die  von  den  Maschinenfabriken  bezogenen  Vorprodukte
nicht  kartelliert.  Dann  werden  die  Marktpreise  in  den  Jahren  des  Nieder ­
        <pb n="76" />
        70

ganges  häufig  so  tief  stehen,  daß  sich  die  Maschinenfabriken  zu  niedrigeren
Kosten  versorgen  können,  als  sie  es  durch  Selbsterzeugung  vermocht
hätten.  Wiegt  man  die  Vor-  und  Nachteile  der  jetzigen  Lage  gegeneinander
ab,  und  berücksichtigt  dabei  besonders,  daß  die  Bezugsverhältnisse  des
Arbeitsmaterials  die  Machtstellungen  der  einzelnen  Unternehmungen  im
Konkurrenzkampf  nicht  wesentlich  differenzieren,  so  versteht  man,  daß
der  verhältnismäßig  geringe  Nutzen,  den  eine  vertikale  Kombination  gewähren ­
  kann,  kein  genügender  Anreiz  ist,  um  solche  gewaltige  Organisationen ­
  zu  schaffen.
Ganz  anders  sieht  dasselbe  Problem  vom  Standpunkt  der  Stahlwerke
aus.  Ein  Stahlwerk,  das  sich  eine  Maschinenfabrik  angliedert,  sichert  sich
den  Absatz  einer  erheblichen  Menge  von  Konstruktionsmaterial,  Stabeisen, ­
  Blechen  und  Rohstahl  für  Schmiedestücke.  Der  Vorteil,  der  den
Stahlwerken  aus  diesem  Absatz  erwächst,  wird  sich  vor  allem  in  den
Jahren  mangelnder  Nachfrage  bemerkbar  machen  und  überwiegt  den  Vorteil, ­
  der  umgekehrt  den  Maschinenfabriken  besonders  in  der  Zeit  des  Aufschwungs ­
  aus  der  Kombination  infolge  des  billigeren  Materialbezuges  erwachsen ­
  kann.
Noch  eine  andere  Wechselbeziehung  zwischen  einer  Maschinenfabrik
und  einem  Stahlwerk  darf  nicht  übersehen  werden.  Ein  großes  Stahlwerk ­
  mit  eigenen  Kohlen-  und  Erzgruben,  Hochöfen  und  zahlreichen  Walzstraßen ­
  ist  ein  gutes  Absatzgebiet  für  eine  Maschinenfabrik.  Gewiß  ist
es  dieser  erwünscht,  mit  Sicherheit  auf  jene  Nachfrage  rechnen  zu  können.
Je  größer  der  Bedarf  des  Stahlwerkes  im  Verhältnis  zur  Leistungsfähigkeit
der  Maschinenfabrik,  desto  vorteilhafter  müßte  die  Kombination  für  die
Maschinenfabrik  sein,  wenn  nicht  das  Stahlwerk  das  natürliche  Bestreben
hätte,  im  Durchschnitt  und  ganz  besonders  in  der  Hausse  seinen  Bedarf
aus  der  angegliederten  Fabrik  zu  günstigeren  Preisen  zu  decken  als  auf
dem  offenen  Markt.  Die  Gewinnchancen  sind  also  in  der  Haussezeit  gering
und  nur  in  der  Not,  in  der  Baissezeit,  wenn  es  gilt,  seine  Existenz  zu  sichern,
wird  eine  kleinere  Maschinenfabrik  den  Weg  der  Kombination  beschreiten.
Ist  dagegen  die  Leistungsfähigkeit  der  Maschinenfabrik  im  Verhältnis
zum  Bedarf  des  Stahlwerkes  groß,  dann  werden  sich  die  Partner  schon
eher  finden.  Neben  dem  zwar  nicht  sehr  großen  Vorteil  auf  dem  Gebiet
des  Materialbezuges  kann  die  Maschinenfabrik  einigen  Nutzen  aus  der
Möglichkeit  ziehen,  ihren  Auftragsbestand  durch  den  Bedarf  des  Stahlwerks ­
  aufzufüllen,  während  andererseits  das  Stahlwerk  sich  ein  beachtenswertes ­
  Absatzgebiet  sichert  und  seine  Maschinen  zu  günstigeren  Bedingungen ­
  erlangt.  Der  stärkere  Drang  zum  Zusammenschluß  wird  in  diesem
Falle  auf  der  Seite  liegen,  die  infolge  des  sich  verschärfenden  Konkurrenzkampfes ­
  unbedingt  auf  die  Sicherung  von  Absatzgebieten  angewiesen  ist.
        <pb n="77" />
        n

Es  scheint  mir  aber  infolge  der  außerordentlich  schnellen  Steigerung  der
Produktivkraft  der  Stahlwerke  kein  Zweifel  zu  sein,  daß  diese  sich  eher
in  der  Zwangslage  befinden,  zumal  ihr  Überangebot  öfters  zur  Sprengung
bestehender  Kartelle  führt  und  somit  den  Maschinenfabriken  auch  ohne
Kombination  die  Beschaffung  billiger  Materialien  ermöglicht.
Eine  prinzipielle  Grenze,  über  die  hinaus  eine  Entwicklung  nicht
gehen  könne,  scheint  mir  den  Kombinationstendenzen  nicht  gezogen  zu
sein.  Es  hat  sich  immer  wieder  gezeigt,  daß  die  außerordentliche  Leistungsfähigkeit ­
  unseres  Unternehmertums  bisher  noch  alle  Hindernisse  zu  überwinden ­
  vermochte,  allerdings  um  so  eher,  je  größer  der  Nutzen,  der  aus  den
immer  mehr  ins  Riesenhafte  wachsenden  Organisationen  entsprang.  Darin
besteht  zwar  ein  wesentlicher  Unterschied  zwischen  der  horizontalen  und
der  vertikalen  Kombination,  daß  der  Nutzen  der  horizontalen  Kombination
mit  der  Ausdehnung  wächst,  bis  schließlich  die  Organisation  eine  marktbeherrschende ­
  Stellung  gibt,  während  der  Nutzen  der  vertikalen  Kombination ­
  am  größten  auf  den  unteren  Stufen  des  Produktionsprozesses
ist,  -dort  wo  die  Erzeugung  der  Massenwaren  vorherrscht,  und  abnimmt,
je  mehr  sie  die  Produktionsgebiete  der  Verfeinerung  ergreift.  Da  aber  der
Nutzen  mit  den  Verhältnissen  wechselt,  ist  eine  absolute  Grenze  der  vertikalen ­
  Kombination  nicht  zu  ziehen.  Wachsender  Konkurrenzkampf
einerseits  und  zunehmende  Kartellierung,  besonders  der  zum  Produktionsprozeß ­
  notwendigen  Materialien,  andererseits  können  die  Lage  so  verschieben, ­
  daß  ein  Zusammenschluß  mit  den  Vorstufen  der  Erzeugung
vorteilhafter  wird.  Die  wirtschaftliche  und  technische  Entwicklung  schafft
aber  selbst  wieder  die  Bedingungen,  die  ganz  allmählich  der  vertikalen
Kombination  den  Weg  ebnen.  Daß  der  Technik  die  Tendenz  der  steigenden
Massenproduktion  innewohnt  und  dadurch  der  Konkurrenzkampf  sich
verschärft,  wurde  eingehend  erörtert.  Nun  sucht  die  Technik  auch  in
den  Produktionsgebieten  der  Verfeinerung  möglichst  die  Maschinen  auf
einen  automatischen  Gang  einzustellen.  Somit  wird  in  der  Verfeinerungsindustrie ­
  durch  die  Maschine  nicht  nur  die  Masse  der  Produkte  an  sich  gesteigert, ­
  sondern  es  werden  auch  allmählich,  je  weiter  die  mehr  oder  minder
automatischen  Maschinen  eindringen,  die  Produkte  gleichartig,  wodurch
für  diese  die  Konkurrenzregulierung,  die  Kartellierung,  wie  wir  noch  sehen
werden,  erleichtert  wird.  Die  Preise  der  unteren  Stufen  der  Erzeugung
werden  bereits  von  Kartellen  bestimmt.  Können  nun  auch  einzelne  Artikel
aus  dem  mannigfachen  Produktionsprogramm  der  Verfeinerungsindustrien
kartelliert  werden,  dann  wächst  damit,  wie  unsere  Ausführung  zeigte,  der
Nutzen,  den  eine  vertikale  Kombination  gewähren  kann.
        <pb n="78" />
        IV.
Die  Konkurrenzregülierung  dureh  die
Kartelle  und  die  Trusts.
Alle  Mittel  der  Ertragssteigerung,  die  der  Konkurrenzkampf  hervor*
gerufen  hat,  können  auf  die  Dauer  nicht  die  Existenz  sichern.  Die  Unternehmungen, ­
  die  zuerst  die  neuen  Wege  gehen,  ziehen  auch  den  größten
Vorteil  aus  ihrer  Vorzugsstellung.  Je  allgemeiner  aber  die  Mittel  angewendet ­
  werden,  desto  mehr  schwinden  die  Gewinnchancen  und  der  Kampf
zwischen  den  gleich  gut  ausgerüsteten  Unternehmungen  muß  überall  dort
verderbliche  Folgen  zeitigen,  wo  es  nicht  möglich  ist,  durch  stärkeres  Betonen ­
  der  gemeinsamen  Interessen  das  Kampffeld  zu  beschränken,  die
Preise  mit  den  Kosten  in  Einklang  zu  bringen.  Selbst  die  größeren  durch
horizontale  Kombination  entstandenen  Unternehmungen  können,  wie  wir
sahen,  die  Kartellstützen  auf  die  Dauer  nicht  entbehren,  es  sei  denn,  daß
sie  einen  Umfang  angenommen  haben,  der  ihnen  eine  marktbeherrschende
Stellung  gibt,  d.  h.  den  Wettkampf  nahezu  ausschaltet.  Die  Entwicklung
drängt  auf  die  Entstehung  der  Kartelle  und  Trusts  hin  als  letzte  Zufluchtsstätte ­
  in  dem  immer  gewaltigeren  Ringen  um  die  Existenz.  Das  Kartell
läßt  den  Mitgliedern  mehr  oder  minder  weit  gehende  Selbständigkeit,  es
ist  eine  Organisation  auf  der  Basis  des  Vertrages.  Der  Trust  hebt  die
Selbständigkeit  der  einzelnen  Unternehmungen  auf,  er  ist  eine  Organisation
auf  der  Basis  des  Besitzes.
1.  Die  Kartelle.
a)  Die  allgemeinen  Hindernisse  der  Kartellierung.
Man  hat  vielfach  behauptet,  unsere  Kartelle  könnten  mit  den  mittelalterlichen ­
  Zünften  nicht  verglichen  werden.
Man  hebt  hervor,  daß  trotz  mancherlei  Ähnlichkeiten  doch  ein  wesentlicher ­
  Unterschied  zwischen  den  Zünften,  ,,diesen  Organisationen  des
        <pb n="79" />
        —  73  —
Nahrungsideals“  und  den  kapitalistischen  Monopolen,  den  Kartellen,
bestehe.  Die  Bezeichnung  der  Kartelle  als  kapitalistische  und  der  Zünfte
als  nichtkapitalistische  Monopole  bringt  uns  das  Wesen  der  Organisationen
nicht  näher.  Die  Kartelle  sind  nicht  willkürliche  Produkte  des  Kapitals.
Die  Tätigkeit  des  Handwerkers  wie  des  Unternehmers  ist  auf  Gewinn  gerichtet ­
  wie  jede  Erwerbstätigkeit.  Die  Unternehmung  ist  ja  nur  eine  Erwerbswirtschaft ­
  höherer  Art,  in  der  sich  das  Erwerbsprinzip  im  Großbetrieb
auswirkt;  auch  sie  will  wie  der  Handwerker  durch  wirtschaftliche  Tätigkeit ­
  für  fremden  Bedarf  die  Mittel  für  die  Befriedigung  der  eigenen  Bedürfnisse ­
  gewinnen.  Nur  dann  kann  der  Unternehmer  das  Sachvermögen,  das
Kapital,  verwerten,  wenn  „er  es  in  den  Dienst  der  Aufgabe  stellt,  fremden
Bedarf  zu  befriedigen,  anderen  wirtschaftliche  Dienste  zu  leisten,  die  sie
so  hoch  schätzen,  daß  sie  dafür  ein  Entgelt  zahlen,  das  dem  Unternehmer ­
  über  seine  Aufwendungen  noch  einen  Überschuß  läßt“ 1 .)  Entscheidend ­
  für  den  Erfolg  ist  also  in  letzter  Linie  nicht  das  Kapital,  sondern
der  Bedarf  oder  richtiger  das  Verhältnis  zwischen  Angebot  und  Bedarf.
Und  um  dieses  Verhältnis  günstiger  zu  gestalten,  diente  den  Handwerkern
die  Zunft,  wie  den  modernen  Unternehmungen  das  Kartell.
Nach  unserer  ganzen  Darstellung  läßt  sich  der  Vergleich  gar  nicht  von
der  Hand  weisen.  Die  Zünfte  waren  in  erster  Linie  Organisationen  der  Konkurrenzregulierung, ­
  sie  verfolgten  also  dasselbe  Ziel  wie  die  Kartelle,  nur
unter  viel  günstigeren  Wirtschaftsverhältnissen  und  konnten  deshalb
auch  die  einzelnen  Phasen  der  erwerbswirtschaftlichen  Tätigkeit  der
Handwerker  viel  umfassender  regeln,  als  es  den  Kartellen  heute  möglich
ist.  Sie  beschränkten  ihre  Tätigkeit  nicht  auf  den  Absatz  der  Produkte,
sondern  sie  schrieben  auch  das  technische  Verfahren  vor  und  organisierten
den  Rohstoffbezug;  während  es  den  Kartellen  nur  möglich  ist,  die  Konkurrenzregulierung ­
  auf  den  Absatz  zu  beschränken  und  höchstens  auf  die
Größe  der  ErzeugawfS.  einen  Einfluß  auszuüben.  Die  weitreichende
Macht  der  Zünfte  war  einerseits  eine  Folge  der  Kleinheit  und  Geschlossenheit ­
  der  städtischen  Wirtschaftsgebiete,  die  ihnen  eine  vollständige  Monopolstellung ­
  sicherte,  andererseits  bedingt  durch  die  Stabilität  der  Technik
und  der  Sitten  und  Gewohnheiten.  Die  Kartelle  dagegen  haben  mit  einem
weiten  umstrittenen  Marktgebiet,  mit  einer  großen  Zahl  meist  zerstreut
liegender  Produktionsstätten,  mit  einer  ständigen  Entwicklung  der  Technik
und  einem  ewigen  Wechsel  in  der  Bedarfsrichtung  zu  rechnen.
Die  Grundvoraussetzung  aller  Konkurrenzregulierung  der  Kartelle
ist  die  marktbeherrschende  Stellung  der  durch  den  Vertrag  zusammengeschlossenen ­
  Erwerbswirtschaften.  Ein  vollständiges  Monopol  muß  vor-J

 )  Pohle,  Der  Unternehmerstand  S.  47.
        <pb n="80" />
        m

74

%  —

handen  sein,  oder  eine  monopolartige  Stellung,  die  genügend  Sicherheit
bietet,  daß  in  das  Absatzgebiet  des  Kartells  nicht  außenstehende  Unternehmungen ­
  eindringen.  Das  beschränkte  natürliche  Vorkommen  einiger
Stoffe  z.  B.  des  Kalis  oder  des  Petroleums  schützt  ein  umfassendes  Kartell
dieser  Produktionszweige  vor  der  Entstehung  neuer  Konkurrenzunternehmungen; ­
  ein  vollkommenes  Monopol  ist  hier,  sobald  die  Produzenten
einig  sind,  am  leichtesten  zu  erlangen.  Ein  leidlich  gesichertes  lokales
Absatzgebiet  können  sich  durch  die  Errichtung  eines  Kartells  die  Produzenten ­
  derjenigen  Produkte  verschaffen,  die  infolge  ihres  geringen  Wertes
und  ihres  großen  Gewichtes  oder  ihrer  sperrigen  Natur  die  Kosten  eines
weiten  Transportes  nicht  zu  tragen  vermögen.  Zu  diesen  Produkten  gehören ­
  z.  B.  Zement,  Ziegel  und  vor  allem  die  Kohle.  Selbstverständlich
können  auch  fremde  Kohlen  in  das  rheinisch-westfälische  Kohlengebiet
eindringen;  aber  es  handelt  sich  dann  um  Kohlen  von  ganz  besonderer
Qualität,  die  das  Kohlengebiet  nicht  oder  nicht  in  genügendem  Maße  besitzt, ­
  oder  um  die  Produkte  solcher  Zechen,  die  wesentlich  günstigere  Produktionsverhältnisse ­
  als  die  rheinisch-westfälischen  Zechen  haben,  so  daß
sie  trotz  der  Frachtkosten  zu  niedrigeren  Preisen  auf  dem  Markte  erscheinen
können.  Im  großen  ganzen  kann  man  aber  sagen,  daß  die  Zechen  innerhalb ­
  eines  gewissen  Umkreises  eine  marktbeherrschende  Stellung  besitzen,
die  als  Unterlage  eines  festgefügten  Kartells  dienen  kann.
Die  Kartelle  der  Produzenten  aller  Produkte,  die  eine  solche  natürliche ­
  Vorzugsstellung  in  ihrem  Absatzgebiet  nicht  besitzen,  sind  gegen
die  Konkurrenz  von  auswärts  nur  dann  gesichert,  wenn  sie  entweder
mit  niedrigeren  Produktionskosten  als  die  ausländischen  Unternehmungen
arbeiten,  oder  durch  Zölle  geschützt  sind.  Die  Stärke  ihrer  marktbeherrschenden ­
  Stellung  hängt  im  einen  Falle  von  der  Größe  des  Produktionskostenunterschiedes,
  im  anderen  von  der  Höhe  der  Zollschranken  ab.  Die
Wirkung  der  Zölle  ist  verschieden,  je  nachdem  es  sich  um  Prohibitivzölle ­
  oder  um  Ausgleichszölle  handelt.  Vermittels  der  Prohibitivzölle
sucht  man  das  Eindringen  fremder  Waren  gänzlich  zu  unterbinden,  während ­
  die  Ausgleichszölle  nur  die  Produktionskostenunterschiede  zwischen
dem  Inlande  und  Auslande  ausgleichen  sollen,  im  Falle  das  Ausland  aus
irgendwelchen  Gründen  dauernd  mit  einem  niedrigeren  Aufwand  zu
rechnen  hat.
Ausgleichszölle  können  den  Kartellmitgliedern  keine  nennenswerte
Sicherheit  gegen  fremde  Konkurrenz  gewähren.  Nehmen  wir  an,  daß  der
Warenpreis  der  ausländischen  Konkurrenz  sich  auf  ioo  Mark  pro  Mengeneinheit ­
  in  normalen  Jahren  belaufe,  und  der  Produktionskostenunterschied
  sich  zwischen  der  inländischen  und  ausländischen  Industrie  auf
io  M.  stelle,  so  würde  sich  die  Erzeugung  im  Inlande  erst  bei  einem  Preise
        <pb n="81" />
        75

von  ixo  M.  rentieren,  der  auch  erreicht  werden  wird,  wenn  der  Zoll  io  M.
pro  Mengeneinheit  beträgt  und  ein  Kartell  alle  Produzenten  zusammen
faßt.  Die  Bestrebungen  der  kartellierten  Unternehmungen  sind  aber  in
diesem  Falle  nur  in  beschränktem  Maße  gegen  Störung  vom  Ausland  geschützt, ­
  da  ja  nur  ein  geringes  Anziehen  der  Preise  im  Inland  z.  B.  auf
in  M.  oder  eine  kleine  Senkung  der  Auslandspreise  z.  B.  auf  99  M.  die
Überspringung  der  Zollschranke,  mit  anderen  Worten  die  Unterbietung
des  Inlandes  durch  die  fremde  Konkurrenz  ermöglicht.  Bei  Prohibitivzöllen ­
  fallen  solche  kleinen  Differenzen  nicht  ins  Gewicht,  sie  erleichtern
wirklich  den  Kartellen  das  Dasein,  sichern  ihnen  den  inländischen  Markt.
Würde  in  dem  Beispiel  der  Zoll  statt  auf  10  M.  sich  auf  30  M.  belaufen,
dann  müßte  bei  einem  Auslandspreise  von  ipo  M.  der  Inlandspreis  schon"
über  130  hinausklettern,  ehe  die  fremde  Konkurrenz,  ohne  einen  Teil  des
Zolles  zu  tragen,  eingreifen  könnte,  oder  es  müßte  bei  einem  Inlandspreis
von  110  M.  der  Auslandspreis  unter  80  M.  herabsinken,  wenn  die  ausländischen ­
  Unternehmungen,  ohne  sich  selbst  mit  Zollasten  zu  beschweren,
Einlaß  erlangen  wollten.
Prohibitivzölle,  wie  sie  die  Vereinigten  Staaten  von  Amerika  besitzen,
erleichtern  wesentlich  die  Entstehung  der  Kartelle  oder  der  Trusts,  denn
auch  die  marktbeherrschende  Stellung  der  Trusts  wird  gehoben,  wenn  der
störende  Eingriff  von  außen  fern  gehalten  wird.  Die  deutschen  Zölle  sind
als  Ausgleichszölle  gedacht.  Ob  sie  aber  wirklich  überall  den  Anforderungen
der  Ausgleichszölle  entsprechen,  läßt  sich  nicht  feststellen,  da  uns  die
nötige  Kenntnis  der  in-  und  ausländischen  Produktionskosten  völlig  fehlt.
Da  aber  die  Produktionskosten  der  inländischen  Unternehmungen  keineswegs ­
  gleich  sind,  sondern  teilweise  erhebliche  Unterschiede  aufweisen,
werden  in  einem  Kartell,  das  sich  auf  einen  Ausgleichszoll  stützt,  einzelne
Mitglieder  eine  größere  Sicherheit,  eine  Vorzugsstellung  genießen.
Eine  Sicherung  des  nationalen  Absatzgebietes  läßt  sich  schließlich
noch  erreichen  durch  internationale  Vereinbarung  der  Industriezweige.
Allerdings  ist  in  der  Regel  die  Voraussetzung  eines  internationalen  Kartells
die  Existenz  der  nationalen  Verbände.  Das  im  Jahre  1904  gegründete
internationale  Schienenkartell  teilt  das  gemeinsame  Absatzgebiet,  den
Weltmarkt,  nicht  nur  unter  die  Stahlwerke  der  einzelnen  Länder  auf,
sondern  erklärt  auch  das  Heimatland  ihrer  Mitglieder  als  unbestrittenes
Absatzgebiet.
Aber  auch  wenn  die  Feinde  von  außen  fern  gehalten  sind,  stehen  meist
noch  unendliche  Schwierigkeiten  der  Entstehung  eines  Kartells  entgegen,
und  selbst  dann,  wenn  der  Kartellvertrag  geschlossen  ist,  wird  nicht  selten
der  dauernde  Erfolg  des  Kartells  durch  innere  Feinde  in  Frage  gestellt.
Soll  das  Kartell  eine  dauernde  marktbeherrschende  Stellung  auf  dem
        <pb n="82" />
        —  76

heimischen  Absatzgebiet  erringen,  dann  müssen  sich  sämtliche  Unternehmungen ­
  dem  Kartell  anschließen.  Wo  das  nicht  der  Fall  ist,  tragen
die  kartellierten  Unternehmungen  die  Lasten  zugunsten  jener  Konkurrenten, ­
  die  außerhalb  des  Kartells  geblieben  sind,  die  die  Vorteile  der  verminderten ­
  Konkurrenz  ausnutzen  können,  ohne  durch  die  Kosten  bedrückt
zu  werden.  Eine  vorübergehende  Beherrschung  des  Marktes  läßt  sich
auch  durch  einen  Verband  einer  kleineren  Anzahl  Unternehmungen  erreichen, ­
  er  muß  nur  einen  so  großen  Teil  der  Gesamterzeugung  umfassen,
daß  daneben  das  Angebot  der  Außenseiter  nicht  wesentlich  in  die  Wagschale ­
  fällt.  Im  Schatten  des  Kartells  wachsen  aber  die  Konkurrenten
rasch  heran  und  entziehen  allmählich  der  Kartellherrschaft  den  Boden.
Die  Geschichte  des  rheinisch-westfälischen  Kohlensyndikats  ist  reich  an
Beispielen  dieser  Art.  Nicht  minder  wichtig  ist  es,das  Aufkommen  neuer
Konkurrenz  zu  verhindern.  Daher  ist  die  Lage  derjenigen  Industriezweige ­
  besonders  ungünstig,  in  denen  neben  den  Großbetrieben  die  Kleinund
  Mittelbetriebe  lebensfähig  sind.
Nun  beruhen  aber  die  Kartelle  auf  einem  freiwilligen  Zusammenschluß ­
  der  Mitglieder,  nur  ein  indirekter  Zwang  konnte  hier  und  da,  etwa
durch  den  Einfluß  der  Banken,  ausgeübt  werden,  um  einen  Gegner  in  das
Kartell  zu  drängen.  Der  Gedanke  einer  Zwangsverbindung  nach  dem
Muster  des  Zunftzwanges  schien  vor  io  Jahren  noch  absurd.  Wie  sehr  wir
aber  wieder  vom  Wege  der  Gewerbefreiheit  abweichen,  geht  am  besten
daraus  hervor,  daß  in  der  deutschen  Kaliindustrie  schon  ein  Gesetz  zwangsweise ­
  die  Unternehmer  zusammenführt.  Ob  das  Gesetz  für  die  Kaliindustrie
eine  Ausnahme  bleiben  wird,  muß  die  Zukunft  lehren.  Oft  genug  ist  schon
der  Wunsch  ausgesprochen  worden,  der  Staat  solle  mit  seinen  Machtmitteln ­
  die  Erneuerung  des  Kohlensyndikats  erzwingen,  wenn  die  Mitglieder ­
  aus  eigener  Kraft  die  Hindernisse  nicht  zu  überwinden  vermöchten 1 ).
Weil  die  Unternehmer  sich  freiwillig  zum  Kartell  zusammenschließen,
einen  Teil  ihrer  Selbständigkeit  zugunsten  der  Kartelle  aufgeben,  spielt
auch  die  Persönlichkeit  der  Unternehmer  eine  entscheidende  Rolle.  Sind
die  sonstigen  wirtschaftlichen  Verhältnisse  einer  Kartellbildung  günstig,
so  hängt  es  vom  guten  Willen,  von  der  volkswirtschaftlichen  Einsicht
der  Unternehmer  ab,  ob  das  Kartell  zustande  kommt,  ob  es  eine  gedeihliche ­
  Wirksamkeit  entfalten  kann.  Was  aber  in  jedem  einzelnen  Falle
„volkswirtschaftliche  Einsicht“  bedeutet,  ist  außerordentlich  schwer  zu
sagen.  Man  ruft  vielfach  den  großen  Unternehmungen  zu,  sie  sollten  ihre
Macht  nicht  mißbrauchen,  nicht  rücksichtslos  die  kleinen  Konkurrenten

1 )  Daß  der  Staat  diesen  Standpunkt  teilt,  zeigt  die  Drohung  an  das  Kohlensyndikat ­
  und  das  Braunkohlensyndikat  im  Sommer  1915.
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        77

an  die  Wand  drücken,  da  der  Kampf  schließlich  auch  ihre  Rentabilität
untergrabe,  sie  sollten  bedenken,  daß  jeder  Gewerbezweig  auch  gemeinsame ­
  Interessen  habe,  und  diese  in  den  Vordergrund  stellen.  Sie  sollten
über  die  Gegenwartsinteressen  nicht  die  Zukunftsinteressen  vergessen.
Aber  was  sind  denn  in  jedem  Augenblick  die  wirklichen  Zukunftsinteressen ­
  ,  was  entspricht  dem  volkswirtschaftlichen  Wohle  des  Ganzen  ?
Zwei  Beispiele  mögen  zeigen,  wie  schwer  es  ist,  die  Frage  zu  beantworten.
August  Thyssen,  der  bekannte  Stahlindustrielle,  wurde  vielfach  der
Störenfried  in  der  Kartellbewegung  genannt.  Thyssen  hat  sein  Riesenunternehmen ­
  aus  einem  kleinen  Walzwerk  allmählich  entwickelt.  Er  hat
frühzeitig  die  Idee  der  horizontalen  und  vertikalen  Kombination  außerordentlich ­
  weit  durchgeführt.  Er  war  einer  der  ersten,  der  ein  großes  auf
riesige  Produktionen  eingestelltes  modernes  Stahlwerk  ergänzte  durch  die
Angliederung  zahlreicher  Walzstraßen  für  die  Herstellnug  aller  Walzerzeugnisse. ­
  Durch  die  Ausdehnung  seiner  Erzeugung  suchte  er,  unterstützt
durch  die  vorzügliche  technische  Einrichtung,  die  Kosten  möglichst  herabzudrücken, ­
  und  durch  die  Vermannigfaltigung  seiner  Erzeugnisse  wollte
er  sich  außerdem  eine  ausreichende  Beschäftigung  in  den  schlechten  Wirtschaftsjahren ­
  sichern.  Solange  Thyssen  an  der  Ausführung  seines  Planes
arbeitete,  konnte  er  sich  nicht  an  allen  Kartellen,  die  für  seine  Erzeugnisse
bestanden,  beteiligen,  er  mußte  sich  ein  gewisses  Maß  von  Freiheit  Vorbehalten. ­
  Er  störte  also  die  Kreise  der  Kartelle.  Widersprach  darum  sein
Vorgehen,  so  sehr  es  auch  vom  Selbstinteresse  geleitet  war,  den  Interessen
des  volkswirtschaftlichen  Ganzen  ?  In  den  Kreisen  seiner  Fachkollegen
konnte  man  in  jener  Zeit  öfters  die  Äußerung  hören:  Thyssen  sei  wohl  verrückt ­
  geworden,  wenn  er  glaube,  daß  sich  dieser  außerordentliche  Produktionszuwachs ­
  auf  dem  Markt  unterbringen  ließe;  er  habe  wohl  jeden  volkswirtschaftlichen ­
  Maßstab  verloren.  Trotzdem  so  über  Thyssen  gesprochen
wurde,  war  er  derjenige,  der  weit  besser,  wie  alle  anderen,  die  zukünftige
Entwicklung  voraus  geahnt  hatte,  der  wirklich  das,  was  dem  volkswirtschaftlichen ­
  Ganzen  auf  die  Dauer  zuträglich  war,  richtig  erkannt  hatte.
Seine  Methode  ist  in  kurzer  Zeit  von  allen  anderen  Stahlindustriellen  nachgeahmt ­
  worden.  Seit  jener  Zeit  haben  sich  die  großen  Stahlwerke  ganz
anders  entfaltet  als  vorher.  Es  hat  sich  gezeigt,  daß  sich  die  erheblich  vermehrte ­
  Erzeugung  gut  unterbringen  ließ,  daß  Thyssen  die  Annahmefähigkeit ­
  des  Marktes  richtig  taxiert  hatte.  Infolge  der  von  Thyssen  eingeleiteten ­
  Entwicklung  haben  wir  zwar  einen  Nachteil  eingetauscht,  der
darin  besteht,  daß  unsere  Eisenindustrie  mit.  einem  viel  größeren  Prozentsatz ­
  ihrer  Erzeugung  auf  den  ausländischen  Markt  angewiesen  ist.  Diesem
Nachteil  steht  auf  der  anderen  Seite  ein  außerordentlicher  Vorteil  gegenüber. ­
  Wir  haben  dank  dieser  Entwicklung  eine  Eisenindustrie  von  einer
        <pb n="84" />
        Leistungsfähigkeit,  die  den  Wettkampf  auf  dem  Weltmarkt  nicht  zu
scheuen  hat.  Die  Wege,  die  der  Störenfried  ging,  entsprachen  also  durchaus
dem  Zukunftsinteresse  des  deutschen  Wirtschaftslebens.  Als  seine  Werke
ausgebaut  waren,  vertrat  Thyssen  den  Standpunkt:  ich  beteilige  mich  an
keinem  Kartell,  es  sei  denn,  daß  ein  allgemeines  die  gesamte  Erzeugung
der  Stahlwerke  umfassendes  Kartell  gegründet  werde,  ein  Plan,  der  sich
bisher  noch  nicht  verwirklichen  ließ,  weshalb  Thyssen  auch  seine  Absicht ­
  aufgab.
Das  andere  Beispiel  knüpft  an  die  Ausführungen  über  die  Entstehungen
der  reinen  Walzwerke  an.  Ursprünglich  verlegten  sich  die  Stahlwerke  auf
die  Herstellung  der  schweren  Walzeisensorten  und  verkauften  ihre  übrigen
Stahlerzeugungen  in  der  Form  von  Halbzeug  an  die  Walzwerke.  Diese
gaben  das  alte  Puddelverfahren  auf  und.  beschränkten  sich  mehr  auf  das
Auswalzen  der  von  den  Stahlwerken  bezogenen  Blöcke,  Knüppel,  Brammen
und  Platinen.  Von  dem  Moment  an,  wo  die  Stahlwerke  dazu  übergingen
allgemeiner  ihr  Halbzeug  selbst  auszuwalzen,  hatten  sie  auch,  ein  Interesse
daran,  den  Preis  für  Halbzeug  nicht  so  tief  sinken  zu  lassen,  daß  die  reinen
Walzwerke  jener  Vorteile  teilhaftig  wurden,  die  die  Stahlwerke  sich  durch
die  Kombination  angeeignet  hatten.  Andererseits  waren  sie  bestrebt,  durch
die  niedrigen  Preise  für  die  mannigfachen  Walzprodukte  einen  möglichst
großen  Teil  des  Bedarfs  an  sich  zu  reißen,  um  ihre  Leistungsfähigkeit  voll
auszunutzen.  Aus  diesem  Grunde  warfen  sie  sich  auch  fast  ausschließlich
auf  die  Massenartikel  im  Walzprogramm  der  reinen  Walzwerke.  Daß  unter
diesen  Umständen  die  Stahlwerke  nicht  an  Konkurrenzregulierung  dachten,
den  Kartellen  der  feineren  Walzeisensorten  nur  geringeres  Interesse  schenkten, ­
  ist  begreiflich.  Damals  erscholl  laute  Klage  über  das  Gebaren  der
großen  Stahlwerke.  Viele  Druckerschwärze  ist  aufgewandt  worden,  um
das  Recht  auf  Existenz  der  reinen  Walzwerke  zu  beweisen.  Die  wirtschaftliche ­
  Überlegenheit  der  Stahlwerke  wollte  man  nicht  anerkennen
und  behauptete,  diese  Überlegenheit  beruhe  allein  darauf,  daß  sie  sich
kraft  ihres  Verbandes  für  Roheisen  und  für  ihre  Produktion  in  schweren
Produkten  und  Halbzeug  den  Vorteil  der  Roheisenzölle  zunutze  machten
zum  Nachteil  aller  Industriezweige,  die  von  ihnen  abhängig  seien.  Man
verlangte  ein  Eingreifen  der  Gesetzgebung;  die  Zollmauer  solle  erniedrigt
oder  völlig  abgetragen  werden.  Minister  hielten  mit  den  Leitern  der  Stahlwerke ­
  und  reinen  Walzwerke  Konferenzen  ab.  Untersuchungen  wurden
angestellt,  um  einen  Weg  zu  finden,  den  reinen  Walzwerken  zu  helfen.
Wie  verkehrt  die  Angriffe  auf  die  Stahlwerke  waren,  wie  falsch  die  Zukunft
beurteilt  wurde,  sehen  wir  heute.  Heute  spricht  niemand  mehr  von  den
reinen  Walzwerken,  sie  haben  sich  überlebt,  sie  passen  nicht  mehr  in  den
Rahmen  der  Produktion,  sie  konnten  auf  die  Dauer  nicht  bestehen  bleiben.
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        79-Entweder

  sind  sie  eingegangen  oder  sie  wurden  aufgekauft,  oder  sie  haben
sich  mit  machtvollen  Stahlwerken  fusioniert,  um  unter  den  Fittichen  der
Großen  weiter  zu  leben.
Da  es  so  schwer  ist,  die  zukünftige  Entwicldung  richtig  abzuschätzen,
die  gemeinsamen  Interessen  über  die  Sonderinteressen  zu  stellen,  und  die
dauernden  Vorteile  eines  Kartells  zu  würdigen,  haben  alle  zwanglosen
Vereinigungen  in  der  Industrie  wesentlich  die  Kartellbildung  befördert.
Sie  führten  die  Unternehmer  zusammen,  gaben  ihnen  Gelegenheit  die
wirtschaftliche  Lage  zu  erörtern  und  ebneten  durch  gemeinsame  Tätigkeit
auf  mannigfachen  wirtschaftlichen  Gebieten  den  Boden  für  die  Kartelle.
Die  Hindernisse,  die  dem  rheinisch-westfälischen  Kohlensyndikat  entgegenstanden, ­
  sind  nicht  zum  geringsten  Teil  durch  die  Kohlenklubs  verringert ­
  worden.  1880  wurde  der  Essener,  1885  der  Dortmunder  und  1890
der  Gelsenkirchener  Kohlenklub  ins  Leben  gerufen.  Der  Erfolg  ist  aber
schließlich  nicht  minder  abhängig  von  dem  Vorhandensein  der  geeigneten
Persönlichkeiten,  die  durch  ihre  suggestive  Kraft  und  ihr  Organisationstalent ­
  den  Kristallisationspunkt  bilden.  So  ist  das  Kohlensyndikat  aufs
engste  verknüpft  mit  dem  Namen  Kirdorf.  Ein  Volk,  das  besonders  reich
an  Persönlichkeiten  mit  ausgeprägtem  Organisationstalent  ist  und  dessen
Unternehmertum  die  Diszipliniertheit  besitzt,  sich  einem  gemeinsamen
höheren  Zweck  unterzuordnen,  wird  unter  gleichen  Umständen  eine
reichere  Kartellbildung  aufweisen.  Dieser  Vorzug  soll  den  Deutschen
eigen  sein 1 ).
Die  Sonderinteressen,  ein  Haupthindernis  aller  Kartellbildungen,
schießen  zu  einem  guten  Teil  deshalb  immer  wieder  ins  Kraut,  da  in  den
meisten  Fällen  nicht  die  gesamte  Produktion  der  einzelnen  Unternehmungen
vom  Kartell  erfaßt  wird.  Es  gibt  keine  Kartelle  der  Eisenindustriellen,
der  Glasfabrikanten  oder  Baumwollfabrikanten.  Wir  kennen  nur  Kartelle,
die  einzelne  Zweige  dieser  Produktion  erfassen 2 ).  Das  Kartell  haftet  sogar
in  der  Regel  an  einem  ganz  bestimmten  Artikel.  Die  Stahlwerke  gehörten,
ehe  der  Stahlwerksverband  gegründet  wurde,  besonderen  Kartellen  für
Schienen,  Träger  und  Halbzeug  an,  für  ihre  übrige  Erzeugung  bestanden
zeitweise  noch  Kartelle  für  Grobblech,  Feinblech,  Draht  usw.  In  der  Glasindustrie ­
  finden  wir  besondere  Kartelle  für  Flaschen,  Spiegelglas  und
andere  Glasartikel.  Fast  in  jedem  Produktionszweig  werden  einzelne
Werke,  die  sich  nur  auf  die  Erzeugung  eines  bestimmten  Artikels  verlegen,
neben  solchen  stehen,  die  ihre  Erzeugung  möglichst  vielseitig  ausgestaltet
haben.  Neben  den  Stahlwerken  standen  und  stehen  zum  Teil  noch  heute

*)  Wiedenfeld,  Das  Persönliche  im  modernen  Unternehmertum  S.  47  u.  65,
s )  Grunzei,  Über  Kartelle  S.  7.
        <pb n="86" />
        8o

reine  Hochöfen,  reine  Blechwalzwerke,  reine  Bandeisen  oder  Stabeisenwalzwerke. ­
  Wo  solche  Verhältnisse  vorliegen,  wird  die  Aufgabe,  die  Sonderinteressen ­
  und  die  gemeinsamen  Interessen  zur  Zufriedenheit  aller  gegeneinander ­
  abzuwiegen,  schwer  zu  lösen  sein.
Haftet  das  Kartell  an  einem  bestimmten  Artikel,  so  wird  dieser  sich
um  so  mehr  als  kartellfähig  erweisen,  je  weniger  individuelle  Eigenschaften
•er  besitzt,  je  leichter  sich  die  Produkte  der  verschiedenen  Unternehmungen
gegenseitig  vertreten  können.  Demnach  kann  auch  in  jenem  Produktionszweige ­
  die  Kartellierung  am  leichtesten  erfolgen,  in  denen  die  Konkurrenz
am  schnellsten  an  wächst,  sich  das  Gesetz  der  Massenproduktion  am  wirksamsten ­
  erweist.  Die  untersten  Stufen  der  Erzeugung  haben,  wie  wir
sahen,  infolge  der  ausgedehnten  Verwendung  ganz  oder  halb  automatischer
Maschinen  unter  der  sprunghaften  Ausweitung  der  Erzeugung  am  schwersten ­
  zu  leiden;  sie  erweisen  sich  daher  auch  besonders  zur  Kartellbildung
geeignet,  da  ihre  Erzeugnisse  der  Forderung  der  Vertretbarkeit  am  vollkommensten ­
  genügen.  Dagegen  haben  die  Industriezweige  wie  z.  B.  die
Maschinenindustrie,  deren  Produkte  große  individuelle  Unterschiede  besitzen, ­
  die  demzufolge  auch  nicht  unter  einer  so  sprunghaften  Ausdehnung
der  Erzeugung  zu  leiden  haben,  mit  außerordentlichen  Hindernissen  der
Kartellierung  zu  rechnen.  Man  hilft  sich  in  solchen  Fällen,  wie  auch  überall
dort,  wo  die  Zahl  der  Warensorten,  die  von  den  einzelnen  Unternehmungen
hergestellt  wird,  groß  ist,  vielfach  dadurch,  daß  man  aus  der  Menge  der
Produkte  gewisse  Typen  heraussucht,  die  einigermaßen  den  Anforderungen
entsprechen,  um  als  Objekt  eines  Kartells  zu  dienen.  Auf  diesem  Wege
läßt  sich  wenigstens  teilweise  der  Konkurrenzkampf  mäßigen.
Ganz  erhebliche  Schwierigkeiten  hat  die  Textilindustrie  zu  überwinden. ­
  Hier  ist  das  Bedürfnis  nach  Konkurrenzregulierung  besonders
groß,  denn  es  wird  der  Druck  der  allgemeinen  Überproduktion  und  der
großen  Wirtschaftskonjunkturen  noch  erhöht  durch  den  steten  Modewechsel ­
  und  durch  den  Ausfall  der  Rohstoffernten.  Aber  gerade  in  diesen
Industrien  bildet  die  Mannigfaltigkeit  der  Produkte  und  die  weitgehende
Spezialisation  unter  den  Werken,  aus  der  sich  wiederum  eine  außerordentliche ­
  Differenzierung  der  Absatzverhältnisse  ergibt,  auf  den  ersten  Blick
ein  unüberwindliches  Hindernis  der  Kartellierung.  Kartelle,  die  sich  auf
einen  oder  einige  verwandte  Artikel  stützen  wollten,  sind  nicht  lebensfähig.
Es  müssen  also  umfassendere  Verbände  gebildet  werden.  Dieses  Ziel  ist,
wie  später  gezeigt  werden  soll,  trotz  der  mannigfachen  Schwierigkeiten
in  neuerer  Zeit  erreicht  worden.
Stehen  sich  annähernd  gleich  starke  und  gleichartige  Unternehmungen
gegenüber,  so  ist  eine  Verständigung  eher  zu  erreichen,  als  dort,  wo  erhebliche ­
  Unterschiede  in  der  Größe  und  der  Art  der  Unternehmungen  die
        <pb n="87" />
        8r

Sonderinteressen  stärken.  Die  Gegensätze  zwischen  den  reinen  und  gemischten ­
  Werken  lassen,  wie  wir  noch  sehen  werden,  kaum  noch  Raum  für
eine  Kartellbildung.  Aber  auch  der  Interessenunterschied  zwischen  den
großen  und  kleinen  Unternehmungen  erweist  sich  nicht  selten  als  ein
Hemmschuh,  es  sei  denn,  die  Macht  der  Großen  habe  eine  solche  Wucht
erlangt,  daß  für  die  Kleinuntemehmungen  eine  Fortsetzung  des  Kampfes
verhängnisvoll  wird.  Im  Rheinisch-Westfälischen  Kohlensyndikat  sind
die  Größenunterschiede  zwischen  den  nördlichen  und  südlichen  Zechen
ganz  erheblich.  Im  Süden  liegen  die  älteren  kleinen  Zechen.  Die  Kohle
steht  hier  zutage  und  kann  verhältnismäßig  leichter  gefördert  werden
als  in  den  nördlichen  Revieren.  Je  weiter  man  nach  Norden  geht,  desto
tiefere  Schachtanlagen  sind  notwendig,  um  die  Kohle  zu  heben.  Nur  der
Großbetrieb  kann  die  außerordentlichen  Kosten  tragen.  So  finden  wir/
im  Essener  und  Bochumer  Revier  die  mittleren  Zechen  und  weiter  nördlich
die  großen  Zechen.  Dieser  Unterschied  in  der  Größe-rief  anfangs  immer
wieder  Divergenzen  hervor,  die  die  Errichtung  des  Kohlensyndikats
unmöglich  machten.  Erst  als  einige  Zechen  ihren  Felderbesitz  und  ihre
Leistungsfähigkeit  derartig  ausgeweitet  hatten,  daß  sie  allein  den  Markt
zu  beeinflussen  vermochten,  gaben  die  Quertreiber  nach,  die  Organisation
war  gesichert.
Der  Einfluß  des  Kartells  auf  seine  Mitglieder  nimmt  natürlich  mit  der
Größe  der  Produktion  zu,  die  seinen  Bestimmungen  unterworfen  ist.  Werden
mehrere  Kartelle  zu  einem  neuen  Verband  zusammengeschlossen,  so
wächst  dessen  marktbeherrschende  Stellung,  unter  Umständen  auch  seine
innere  Stärke.  Das  nächstliegende  Ziel  ist  natürlich,  die  Kartelle  derselben
Produktionsstufe  unter  einheitliche  Leitung  zu  stellen.  Man  könnte  hier  von
einer  horizontalen  Kombination  der  Kartelle  sprechen.  Der  Plan  einer  vertikalen ­
  Kombination,  also  einer  Vereinigung  der  Kartelle  der  aufeinander
folgenden  Produktionsstufen,  stößt  in  der  Regel  auf  den  schärfsten  Widerstand. ­
  Im  Stahlwerksverband  sind  zwar  die  älteren  Kartelle  für  Schienen,
Träger  und  Halbzeug  verschmolzen  und  anfangs  waren  außerdem  Vereinbarungen ­
  über  die  Produktion  der  anderen  Walzeisen  getroffen,  hier
stand  also  das  Halbzeug,  das  Vorprodukt,  neben  den  Fertigwaren.  Doch
konnte  man  darin  nicht  den  Anfang  einer  vertikalen  Kartellkombination
sehen,  denn  Schienen,  Träger  und  Halbzeug  waren  früher  die  wichtigsten
Erzeugnisse  der  Stahlwerke,  wofür  deshalb  auch  feste  Verbände  gebildet
waren.  Sie  stehen  außerdem  auf  einer  Produktionsstufe,  da  sie  nebeneinander ­
  aus  denselben  schweren  Rohstahlblöcken  ausgewalzt  werden.  Nur
soweit  der  Stahlwerksverband  auch  einen  Einfluß  auf  die  Herstellung  und
den  Absatz  von  Stabeisen,  Bandeisen,  Draht,  Blechen  und  Röhren  ausübte ­
  —  der  Einfluß  besteht  seit  der  Erneuerung  des  Verbandes  nicht  mehr
Mannstaedt,  Zusammenschluß  im  Gewerbe.  ^
        <pb n="88" />
        82

—  ,  könnte  man  von  einer  vertikalen  Kombination  sprechen,  denn  diese
Walzprodukte  werden  aus  Halbzeug  liergdstellt.  Je  mehr  die  Stahlwerke
dazu  übergehen,  ihr  Halbzeug  selbst  auszuwalzen,  statt  es  zu  verkaufen,
wird  auch  die  Gruppe  Halbzeug  im  Verband  an  Bedeutung  verlieren.
Anders  liegen  schon  die  Verhältnisse  im  Kohlensyndikat.  Ursprünglich
standen  nebeneinander:  das  Kohlensyndikat,  das  Kokssyndikat  und  der
Brikettverkaufsverein.  Diese  Kartelle  sind  bei  der  Verbandserueuerung
im  Jahre  1903  im  neuen  Kohlensyndikat  verschmolzen  worden.  Die  vertikale ­
  Kombination  umfaßt  die  ganze  Kohlenerzeugung  und  hat  den
Einfluß  und  die  Bedeutung  des  Syndikats  wesentlich  gehoben.  Im  Sommer
1914  bemühte  man  sich  ein  Kartell  zustande  zu  bringen,  das  die  Produkte
der  einzelnen  Stufen  der  Drahtindustrie  umfassen  sollte.  Die  Produktion ­
  und  der  Absatz  von  Walzdraht,  gezogenen  Drähten  und  Drahtstiften ­
  sollten  vom  neuen  Syndikat  reguliert  werden.  Ob  diese  Bestrebungen
in  Zukunft  zunehmen,  ob  es  einmal  möglich  sein  wird,  ein  umfassendes
Montankartell  zu  gründen,  das  von  den  Erzen  und  Kohlen  angefangen,
die  gesamte  Produktion  der  kombinierten  Stahlwerke  umschlingt,  muß
abgewartet  werden.  Mir  scheint,  daß  die  Kartelle  für  solche  machtvolle
Kombinationen  nicht  tragfähig  sind.  Zwar  wird  eine  vertikale  Kartellkombination
  in  kleinerem  Ausmaß  sich  hier  und  dort  durchsetzen.  Der
Ausbau  eines  Montankartells  würde  aber  so  stark  in  die  Selbständigkeit
der  einzelnen  Unternehmungen  eingreifen,  daß  es  richtiger  wäre,  gleich
einen  Schritt  weiter  zu  gehen,  und  die  Selbständigkeit  der  Mitglieder  vollständig ­
  aufzuheben,  einen  Trust  zu  bilden.  Nur  so  ließen  sich  auch  die
starken  inneren  Reibungen  vermeiden,  mit  denen  ein  Montankartell  wahrscheinlich ­
  zu  rechnen  hätte.
Eine  Unsumme  von  Mühe  und  Arbeit  muß  in  der  Regel  aufgewendet
werden,  ehe  die  Basis  gefunden  ist,  auf  der  sich  die  mannigfachen  Sonderinteressen ­
  ausgleichen  lassen,  ein  Kartell  organisiert  werden  kann,  und  von
der  Breite  dieser  Basis  hängt  es  ab,  bis  zu  welchem  Grade  das  Kartell  den
Markt  beherrscht.  Aber  das  Wirtschaftsleben  steht  nicht  still.  Fortschritte ­
  auf  dem  Gebiet  des  Transportes  und  der  Produktion  rufen  weitreichende ­
  Verschiebungen  hervor,  die  Tendenz  zur  Massenproduktion
läßt  sich  nicht  unterdrücken,  solange  selbständige  Unternehmungen  nebeneinander ­
  dem  gleichen  Ziele  der  größtmöglichen  Rentabilität  zustreben.
Die  Kartelle  erfassen  ja,  man  kann  wohl  sagen,  in  der  Regel  nicht  die  gesamte ­
  Erzeugung;  Außenseiter  im  Produktionsgebiet  sind  fast  immer  vorhanden. ­
  Sie  haben  auch  keinen  Einfluß  auf  die  Änderungen  in  der  Stärke
der  gebietsfremden  oder  ausländischen  Konkurrenz.  Und  endlich:  die
Kartelle  schalten  den  Konkurrenzkampf  unter  ihren  Mitgliedern  nicht
vollständig  aus,  sie  beschränken  die  Selbständigkeit  mehr  oder  minder  nur
        <pb n="89" />
        t

83

soweit  der  Absatz  in  Frage  kommt  und  höchstens  werden  noch  einige
hemmende,  aber  keineswegs  hindernde  Bestimmungen  über  das  Ausmaß
der  Produktion  getroffen.  Da  kann  man  sich  nicht  wundern,  wenn  der
Wettkampf  auf  den  anderen  Tätigkeitsgebieten  der  Unternehmungen  um  so
schärfer  geführt  wird.  Organisation  des  Rohstoffbezuges  und  Ausgestaltung ­
  der  Technik  heißt  die  Losung.  Um  so  mehr  werden  sich  die  Unternehmer ­
  diesen  Aufgaben  widmen,  je  mehr  das  Kartell  jede  selbständige
Tätigkeit  auf  dem  Gebiet  des  Absatzes  unterbindet.  Nur  diese  Wege  gewähren ­
  die  Möglichkeit,  aus  eigener  Kraft  die  Rentabilität  zu  heben.  Ausgestaltung ­
  der  Produktionstechnik  führt  aber  mit  Naturnotwendigkeit  zur
Produktionssteigerung.  So  verschieben'  sich  von  allen  Seiten  die  Voraus^
Setzungen,  auf  denen  das  Kartell  beruhte;  eine  Abänderung  des  KarteUvertrages
  wird  unvermeidlich.  Die  Lebensdauer  eines  Kartellverträges  kann
sich  also  gamicht  auf  eine  all  zu  große  Zeitspanne  erstrecken.
Aus  der  Notwendigkeit  der  Kartellerneuerung  entspringen  große
Gefahren,  entspringt  die  Jagd  um  die  günstigste  Stellung  im  Kartell,  um
die  größte  Anteilsziffer.  Zum  Teil  mögen  persönliche  Momente  den  Ansporn ­
  zum  Wettrennen  geben:  nämlich  der  ehrgeizige  Wunsch,  mit  seinem
Unternehmen  an  der  Spitze  zu  marschieren.  Zum  Teil  aber  sind  sachliche
Momente  die  treibende  Kraft,  um  existenzfähig  zu  bleiben,  muß  man  mit
der  Technik  Schritt  halten,  der  technische  Fortschritt  aber  verlangt
Raum,  die  Möglichkeit  der  Produktionsausdehnung  ist  seine  Voraussetzung.
Wer  glaubt,  die  Kartelle  unterbänden  den  Trieb  zum  technischen  Fortschritt, ­
  sie  führten  zur  Stagnation,  der  irrt.  Wo  der  Fortschrittstrieb  ererlahmt,
  sind  andere  Faktoren  die  Ursache,  nicht  die  Kartelle.  Dazu  ist
die  Macht  der  Kartelle  noch  viel  zu  gering;  sollten  sie  den  Fortschritt
unterbinden,  dann  müßten  sie  ganz  anders  in  die  Selbständigkeit  ihrer
Mitglieder  eingreifen.

b)  Die  Wege  zur  Erreichung  des  Kartellzweckes.
Auf  welchem  Wege  suchen  nun  die  Kartelle  ihr  Ziel  zu  erreichen,
welche  Mittel  wenden  sie  an,  um  den  Unternehmungen  eine  Rentabilität
zu  sichern?  Die  Folgen  des  heftigen  Wettkampfes  äußern  sich  teils  in
dem  Tiefstand  der  Preise  und  teils  in  der  Höhe  der  Absatzkosten.  In  vielen
Fällen  ist  es  nicht  möglich,  die  tieferen  Ursachen  des  Mißverhältnisses
zwischen  Angebot  und  Nachfrage  zu  beseitigen,  da  klammem  sich  die
kartellierten  Unternehmungen  an  die  äußeren  Folgen  des  Wettkampfes
und  suchen  durch  Vereinbarungen  die  Absatzkosten  und  die  Preise  zu
fixieren.
Nur  diejenigen  Absatzkosten  werden  gemeinsam  geregelt,  die  sich
6*
        <pb n="90" />
        8 4

entweder  die  Konkurrenten  selbst  aufgeladen  haben,  indem  sie  die  Konsumenten ­
  durch  weites  Entgegenkommen  anzulocken  suchten,  oder  die
ihnen  vom  Handel  aufgezwungen  wurden,  der  die  günstige  Situation  benutzte. ­
  den  einen  Produzenten  gegen  den  anderen  auszuspielen.  Unkosten,
wie  sie  z.  B.  aus  der  Übernahme  der  Verpackungs-  und  Transportkosten
oder  der  Gewährung  von  Rabatt  entstanden  sind,  sollen  gleichmäßig  geregelt ­
  und  wo  es  möglich  ist,  herabgedrückt  werden.  Daß  diesen  Konditionenvereinbarungen ­
  kein  großer  Einfluß  auf  die  Hebung  der  Rentabilität ­
  inne  wohnt,  ist  verständlich.  Trotzdem  werden  sie  überall  dort
ein  primitives  Hilfsmittel  zur  Verbesserung  der  Lage  sein,  wo  auf  andere
Weise  ein  fester  Zusammenschluß  nicht  möglich  ist.  Wir  begegnen  diesen
Konditionenyereinbarungen  sehr  häufig  in  der  Textilindustrie.  Auf  welchem
Wege  es  hier  teilweise  gelungen  ist,  zu  diesen  Zwecken  machtvolle  Kartelle
zu  errichten,  soll  später  noch  erörtert  werden.
Ein  besonders  wichtiges  Hilfsmittel  sind  sie  für  Kartelle,  die  die  Preise
fixieren,  da  sie  durch  die  Regelung  der  Zahlungs-  und  Absatzbedingungen
verhindern  wollen,  daß  indirekt  ihre  Preisvereinbarungen  umgangen
werden.
Da  die  Ursache  der  geringen  Rentabilität  in  den  niedrigen  Preisen
liegt,  so  scheint  die  Preisvereinbarung  der  nächste  Weg  zu  sein,  den
Unternehmungen  ein  günstiges  Resultat  zu  garantieren.  Die  niedrigen
Preise  sind  aber  die  Folgen  des  großen  Überangebotes.  Steht  also  dein
Kartell  als  einziges  Mittel  die  Preisregulierung  zur  Verfügung,  so  kann
das  Resultat  nur  sehr  bescheiden  sein,  denn  nur  solche  Preise  können  in
Frage  kommen,  bei  denen  ein  möglichst  großer  Teil  des  Angebotes  abgesetzt ­
  werden  kann.  Demnach  hat  eine  einfache  Preiskartellierung  in  der
Regel  die  größten  Hindernisse  zu  überwinden.  In  den  Jahren  des  Niederganges ­
  schränken,  wie  wir  sahen,  die  Unternehmungen  ihre  Erzeugungen
zunächst  nicht  ein,  sondern  suchen  durch  Ausnutzung  der  Leistungsfähigkeit ­
  die  Produktionskosten  den  Preisen  entsprechend  möglichst  tief  zu
halten.  Preisvereinbarungen  würden  aber  das  Hereinholen  von  Aufträgen  erschweren. ­
  Folglich  tobt  der  Kampf  zwischen  den  starken  und  schwachen
Unternehmungen.  Erst  wenn  auch  die  starken  Unternehmungen  gezwungen
werden,  der  Marktlage  entsprechend,  mehr  und  mehr  ihre  Erzeugung  einzuschränken, ­
  wenn  sich  die  Konjunktur  dem  Tiefstand  nähert,  werden
die  Bemühungen  um  Preisregulierung  auf  fruchtbaren  Boden  fallen.
Die  Preisfestsetzung  nimmt  den  Konsumenten  und  Händlern  die  Hoffnung,
sich  noch  billiger  einzudecken,  belebt  also  den  Markt  und  sie  verhindert,
daß  der  Nutzen  einer  neuen  Aufwärtsbewegung  den  Produzenten  dadurch
entrissen  wird,  daß  die  anziehenden  Preise  durch  Unterbietungen  immer
wieder  geworfen  werden.  Derartige  Preisvereinbarungen  besitzen  meist
        <pb n="91" />
        85

keine  lange  Lebensdauer.  In  der  Hochkonjunktur  ist  ihr  Einfluß  gering
und  in  der  folgenden  Periode  des  Niederganges  werden  sie  in  der  Regel  gesprengt, ­
  zumal  wenn  die  Gesamtproduktivkraft  wieder  wesentlich  gestiegen ­
  ist.
Nur  unter  besonders  günstigen  Umständen  vermögen  sich  reine
Preiskartelle  durch  lange  Jahre  zu  halten.  So  hat  die  oberschlesische
Kohlenkonvention  schon  eine  Lebensdauer  von  über  25  Jahren  aufzuweisen.
  Sie  bestimmt,  daß  für  alle  Kohlensorten,  die  mit  der  Staatsbahn
verfrachtet  werden,  die  also  nicht  dem  Selbst  verbrauch  der  oberschlesischen ­
  Industrie  dienen,  Mindestpreise  eingehalten  werden.  Nur  der
Fernabsatz  unterliegt  also  der  Preis  Vereinbarung.  Wie  der  Leiter  der
Konvention  in  der  Kartellenquete  mitgeteilt  hat,  sind  die  Mindestpreise
selbst  in  den  ungünstigsten  Jahren  niemals  unterschritten  worden.  Es
handelt  sich  allerdings  in  der  Konvention  um  das  Handinhandarbeiten
von  nur  15  Unternehmern,  deren  Zechen  infolge  der  günstigen  Abbau  Verhältnisse ­
  Oberschlesiens  mit  annähernd  gleichen  Kosten  zu  rechnen  haben.
Auch  der  Fiskus  richtet  sich  auf  seinen  Werken  nach  den  Preisen  der  Konvention. ­
  Es  stehen  sich  also  wenige,  wirtschaftlich  annähernd  gleich  starke
Unternehmungen  gegenüber,  denen  ein  Wettkampf  keine  nennenswerten
Vorteile  bringen  könnte.  Die  Gunst  dieser  Verhältnisse  wird  nun  noch
wesentlich  dadurch  gestärkt,  daß  die  Unternehmer  überwiegend  der  Gesellschaftsschicht ­
  der  feudalen  Grundherren  angehören,  deren  Einfluß
sich  auf  die  Leiter  der  Aktiengesellschaft  erstreckt.  Das  Standesbewußtsein ­
  verhindert  in  dieser  feudalen  Gesellschaft,  daß  ein  Mitglied  die  Preisvereinbarungen ­
  durchbricht 1 )'.
Die  Schwierigkeit  der  Preisvereinbarung  wächst  natürlich  mit  der
Zahl  der  Warensorten  und  der  Qualitäten,  denn  die  Preise  sollen  ja  allen
Mitgliedern  möglichst  gleiche  Absatzchancen  sichern.  In  der  Zechengemeinschaft,
  die  im  Februar  1892  gegründet  wurde,  und  etwa  85%  der
Förderung  der  Zechen  Rheinlands  und  Westfalens  umfaßte,  wurde  bei
der  Bestimmung  der  Preise  den  Qualitätsunterschieden  der  einzelnen
Sorten  nicht  genügend  Rechnung  getragen.  Die  Folge  war,  daß  die  besseren
Marken  einen  schnellen  Absatz  fanden  und  die  geringeren  Not  litten.  Die
Zeche  Hugo  trat  daher  im  Mai  1892  wegen  Mangel  an  Absatz  aus  der  Gemeinschaft ­
  wieder  aus 2 ).
Die  Wirkung  der  Preisregulierungen  auf  die  Stärke  des  Wettkampfes
ist  gering,  da  sie  keinen  Einfluß  ausüben  auf  jene  Faktoren,  die  die  In-’)

  Wiedenfeld,  Das  Persönliche  im  modernen  Unternehmertum  S.  87ff.
2 )  Goetzke,  Das  rheinisch-westfälische  Kohlensyndikat  1905  S.  27.
        <pb n="92" />
        86

kongruenz  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  verschulden.  Soll  die  Erzeugung ­
  dem  Bedarf  angepaßt  werden,  ohne  die  Selbständigkeit  der
einzelnen  Unternehmungen  wesentlich  zu  beschränken,  dann  erweist  sich
die  Aufteilung  des  Absatzgebietes  als  ein  brauchbares  Mittel.  Für
jedes  Unternehmen  wird  ein  besonderes  Absatzgebiet  abgegrenzt.  Innerhalb ­
  ihrer  Gebiete  besitzen  die  einzelnen  Unternehmungen  eine  Monopolstellung ­
  und  sie  werden  in  ilirejn  eigenen  Interesse  die  Preise  so  gestalten,
daß  sie  ihre  Produktivkraft  möglichst  auszunutzen  vermögen  und  einen
angemessenen  Gewinn  erzielen.  Diese  Kartellierungsform  hat  den  großen
Vorzug,  daß  Sondervereinbarungen  über  die  Preise,  Zahlungsbedingungen
oder  über  die  Größe  der  Produktion  unnötig  sind.
Doch  nicht  immer  lassen  sich  solche  Gebietskartelle  bilden.  Meist
ist  die  geographische  Verteilung  der  Unternehmungen  zu  ungünstig,  so  daß
nicht  jede  ein  Absatzgebiet  erhalten  kann.  Häufiger  wird  die  Lage  der
Standorte  zueinander  eine  Zusammenfassung  von  einzelnen  Gruppen  erlauben. ­
  Jeder  Gruppe  von  Unternehmungen  wird  ein  bestimmtes  Absatzgebiet ­
  zugewiesen,  das  den  übrigen  Gruppen  verschlossen  ist.  Die  Frachtkosten ­
  bestimmen  die  Grenzen  der  einzelnen  Gebiete.  Jede  Gruppe  muß
natürlich  in  dem  ihr  zugewiesenen  Gebiete  den  Wettkampf  ihrer  Mitglieder ­
  regeln,  wozu  sie  die  Kartell  form  wählen  wird,  die  sich  unter  den
gegebenen  Verhältnissen  am  besten  verwirklichen  läßt.  Ebenso  müssen
sich  die  Gruppen  untereinander  über  die  Preispolitik  einigen,  wenn  einzelne ­
  Marktgebiete  als  gemeinsames  Absatzfeld  allen  Gruppen  Vorbehalten ­
  worden  sind.
Einen  anderen  Weg,  das  Angebot  der  Nachfrage  ohne  tiefere  Eingriffe
in  die  Selbständigkeit  der  Unternehmungen  anzupassen,  bietet  die  Gewinnkartellierung. ­
  Bei  der  Gewinnkartellierung  handelt  es  sich  darum,
die  Gewinne,  die  die  einzelnen  Unternehmungen  erzielen,  einer  gemeinsamen
Kasse  zuzuführen  und  an  bestimmten  Terminen  auf  die  Mitglieder  des
Kartells  aufzuteilen.  Einerseits  muß  also  festgestellt  werden,  was  als  Gewinn ­
  zu  gelten  hat,  andererseits  müssen  sich  die  Mitglieder  über  den  Verteilungsschlüssel ­
  einigen.  Um  den  Syndikatsgewinn  jederzeit  berechnen
zu  können,  werden  zwei  Preise  festgesetzt:  der  Grundpreis  und  der  Min.imalpreis.
  Die  Differenz  zwischen  ihnen  wird  als  Syndikatgewinn  bezeichnet ­
  und  fließt  in  die  gemeinsame  Kasse.  Die  Gewinnanteilsziffer
jedes  Werkes  wird  entweder  nach  der  Leistungsfähigkeit  oder  nach  der
Größe  des  Absatzes  bestimmt,  den  es  innerhalb  einer  bestimmten  Zeit  tatsächlich ­
  erzielt  hatte.
Die  Hauptschwierigkeit,  die  die  Gewinnkartelle  oder  Pools  zunächst
zu  überwinden  haben,  ist  die  Festsetzung  des  Grundpreises.  Dieser  soll
        <pb n="93" />
        87

den  Produktionskosten  entsprechen.  Da  aber  die  großen,  moderner  eingerichteten ­
  Werke  mit  niedrigeren  Produktionskosten  zu  rechnen  haben,
als  die  kleinen  älteren  Werke,  ist  die  Frage,  wie  hoch  soll  der  Grundpreis
bemessen  werden,  kaum  zu  beantworten.  Richtet  er  sich  nach  den  Produktionskosten ­
  der  am  ungünstigsten  arbeitenden  Werke,  dann  haben  die
besser  eingerichteten,  wenn  sie  ihre  Waren  zum  Mindestpreis  verkaufen
und  den  Syndikatsgewinn  an  die  gemeinsame  Kasse  abführen,  bereits  einen
Extragewinn  erzielt,  da  ihre  Produktionskosten  den  festgelegten  Grundpreis ­
  nicht  erreichen.  Richtet  sich  dagegen  der  Grundpreis  nicht  nach  den
Produktionskosten  der  kleinen  älteren  Werke,  erreicht  er  nicht  die  Höhe
ihrer  Kosten,  dann  müssen  diese  Unternehmungen,  wenn  sie  ihre  Waren
nicht  über  dem  Mindestpreis  verkaufen  können,  einen  Syndikatgewinn
an  die  gemeinsame  Kasse  abführen,  der  ihren  tatsächlichen  Gewinn  überschreitet. ­

An  den  Minimalpreis  sind  die  Kartellmitglieder  nicht  gebunden.
Dieser  Preis  ist  nur  festgelegt,  um  den  Syndikatsgewinn  berechnen  zu
können.  Da  die  einzelnen  Unternehmungen  sowohl  in  den  Preisen  als
auch  in  der  Größe  des  Absatzes  nicht  durch  Kartellvorschriften  behindert
sind,  besteht  der  einzige  Eingriff  in  die  Selbständigkeit  in  der  Hergabe
und  der  Aufteilung  des  Syndikatsgewinnes  und  dennoch  genügt  dieser
Eingriff,  um  die  Produktion  dem  Absatz  anzupassen.  Ist  die  Produktion
zu  groß  und  sinken  die  Preise  unter  den  festgesetzten  Minimalpreis,  so
kann  der  Syndikatsgewinn  von  jedem  Verkauf  nur  durch  Zuschuß  aus  der
eigenen  Tasche  aufgebracht  werden,  wodurch  ein  starker  Druck  ausgeübt
wird,  die  Erzeugung  einzuschränken.  Diesem  Druck  kann  um  so  leichter
nachgegeben  werden,  da  jedes  Werk  mit  seiner  Anteilsziffer  an  dem  Gesamtgewinn ­
  partizipiert.  Ist  dagegen  die  Produktion  zu  klein,  so  daß  die
Preise  den  Minimalpreis  übersteigen,  dann  winkt  ein  Extragewinn,  da
die  Differenz  zwischen  dem  Minimalpreis  und  dem  tatsächlich  erzielten
höheren  Preis  nicht  an  die  gemeinsame  Kasse  abgeführt  werden  muß.  Da
außerdem  jedes  Werk  einen  Extragewinn  einheimsen  kann,  dessen  Produktionskosten ­
  den  Grundpreis  noch  nicht  erreichen,  so  liegt  darin  ein
starker  Anreiz,  technische  oder  organisatorische  Verbesserungen  einzuführen. ­
  Trotz  dieser  Vorteile  sind  die  reinen  Gewirmkartelle  im  Gewerbe
so  gut  wie  gar  nicht  vertreten;  die  Preisfestsetzung  bietet  zu  große  Schwierigkeiten. ­

Vielfach  dient  der  Gewinnausgleich  nur  zur  Ergänzung  der  Tätigkeit
der  Kartelle,  die  ihr  Hauptziel  auf  einem  anderen  Wege  zu  erreichen  suchen.
Er  hat  dann  mehr  den  Zweck,  diejenigen  zu  entschädigen,  die  in  ihrem
Absatz  zurückgeblieben  sind.
*
*  *
        <pb n="94" />
        88

Suchen  in  den  Konditionen-  und  Preisvereinbarungen  die  Karteile
die  Folgen  des  Wettkampfes  zu  mildern  und  üben  die  Gebiets-  und  Gewinnkartelle ­
  nur  indirekt  einen  Einfluß  auf  das  Verhältnis  des  Angebots
zur  Nachfrage  aus,  so  greifen  die  Produktionskartelle  das  Übel
an  der  Wurzel  an.  Das  Überangebot  zu  beseitigen  oder  einzudämmen
ist  ihr  Ziel  und  die  Reduzierung  oder  die  Kontingentierung  der  Erzeugung ­
  sind  ihre  Mittel.
Durch  die  Verkürzung  der  täglichen  Arbeitszeit  oder  die  Einlegung
eines  wöchentlichen  Ruhetages  oder  die  Stillsetzung  eines  bestimmten
Prozentsatzes  der  Maschinen  usw.  können  die  kartellierten  Unternehmungen
eine  mehr  oder  minder  starke  Reduktion  der  Gesamterzeugung  bewirken.
Diese  Vereinbarungen  haben  nur  den  Nachteil,  daß  ihre  Wirkungen  sich
nicht  berechnen  lassen,  man  also  nicht  sagen  kann,  ob  das  Maß  der  Reduktion ­
  ausreicht,  die  Produktion  auf  die  Größe  der  Nachfrage  einzustellen. ­
  In  der  verkürzten  Arbeitszeit  und  mit  der  beschränkten  Anzahl
Maschinen  kann  je  nach  der  Intensität  der  Ausnutzung  eine  größere  oder
kleinere  Produktenmenge  hergestellt  werden.  Die  Wirkung  der  Beschränkung ­
  kann  also  durch  die  Erhöhung  der  Betriebsintensität  teilweise  wieder
ausgeglichen  werden.  Es  ist  deshalb  viel  rationeller,  die  Gesamterzeugung
der  kartellierten  Produkte  zu  kontingentieren,  denn  das  Gesamtkontingent
kann  der  jeweiligen  Nachfrage  angepaßt  werden.
Soll  die  Gesamterzeugung  kontingentiert,  werden,  dann  muß  für  jedes
Unternehmen  eine  Anteilsziffer  festgesetzt  werden.  Das  geschieht  in  der
Weise,  daß  die  tatsächliche  Produktion  oder  der  Absatz  der  einzelnen
Werke  während  einer  bestimmten,  für  alle  maßgebenden  Zeit  vor  der
Kartellgründung  zugrunde  gelegt  wird.  Die  Summen  dieser  Produktionsziffern ­
  ergeben  die  Gesamtproduktion.  Wird  diese  je  nach  der  Marktlage
herab  oder  herauf  gesetzt,  so  variiert  damit  auch  die  Produktenmenge,  die
jedes  Kartellmitglied  hersteilen  darf.
Es  kostet  unendliche  Mühe  und  langes  Verhandeln,  bis  die  Anteilsziffem
  der  einzelnen  Unternehmungen  feststehen.  Da  sich  aber  die  Verhältnisse ­
  während  der  Kartelldauer  ändern-,  wird  der  Kampf  um  die  Beteiligungsziffem
  immer  wieder  von  neuem  entbrennen.  Die  Unternehmungen ­
  werden  ihre  Leistungsfähigkeit  vielfach  nicht  nur  den  Fortschritten ­
  der  Technik  und  der  vermuteten  Aufnahmefähigkeit  des  Marktes
entsprechend,  ausdehnen,  sondern  in  erster  Linie  deshalb,  um  eine  höhere
Anteilsziffer  zu  erlangen.  Solange  das  Kartell  besteht,  wird  es  zwar  die
Produktion  der  Marktlage  anzupassen  suchen;  aber  da  sich  das  Verhältnis
der  Gesamtleistungsfähigkeit  zum  Bedarf  immer  mehr  zuungunsten  der
Unternehmungen  verschlechtert,  kann  es  nur  unter  starker  Produktionseinschränkung ­
  geschehen.  Die  Folgen  eines  solchen  Ausdehnungsdranges
        <pb n="95" />
        8 9

wirken  dort  nicht  so  schlimm,  wo  die  Produkte  auf  Lager  gelegt  werden
können  und  vor  allem  dort,  wo  eine  reiche  Absatzmöglichkeit  außerhalb
des  Machtkreises  des  Kartells,  z.  B.  auf  dem  Weltmarkt,  besteht.  Die
Produktions-  oder  Absatzbeschränkungen 1 ),  was  im  Grunde  dasselbe  ist,
können  sich  nämlich  bei  den  Produktionskartellen  ohne  gemeinsame  Verkaufsstelle ­
  nur  auf  den  Inlandsmarkt  oder  auf  einen  Teil  desselben  beziehen, ­
  denn  nur  hier  kann  das  Kartell  eine  marktbeherrschende  Stellung
erlangen,  und  durch  seine  Produktionspolitik  Angebot  und  Nachfrage  regulieren. ­
  Auf  dem  Weltmarkt  wird  eine  Produktionseinschränkung  keinen
wesentlichen  Vorteil  bringen,  da  hier  an  eine  Marktbeherrschung  nicht
zu  denken  ist.  Hier  vermag  nur  eine  tiefer  greifende  Kartellorganisation,
auf  die  wir  gleich  eingehen  werden,  Erfolge  zu  erzielen.
Die  Kämpfe  um  die  Beteiligungsziffern  bereiten  jeder  Verlängerung
des  Kartellvertrages  große  Schwierigkeiten.  Aber  auch  während  der
Dauer  des  Vertrages  werden  Erhöhungen  der  Beteiligungsziffern  nicht
immer  zu  umgehen  sein.  Welche  Anhaltspunkte  sollen  in  diesem  Falle
maßgebend  sein  ?  Die  alleinige  Rücksicht  auf  die  technische  Leistungsfähigkeit ­
  der  Werke,  die  einen  Antrag  auf  Erhöhung  ihrer  Anteilsziffer
stellen,  widerspricht  dem  eigentlichen  Zweck  des  Kartells:  der  Anpassung
der  Produktion  an  den  möglichen  Absatz.  Wird  dennoch  dieser  Maßstab
gewählt,  dann  muß  das  Kartell  entweder,  entsprechend  der  Erhöhung  der
Beteiligungsquote  einiger  Werke,  die  der  übrigen  kürzen,  oder  eine  größere
Produktionseinschränkung  vornehmen,  worunter  wiederum  die  Werke,
die  keinen  Beteiligungszuwachs  erstrebt  haben,  am  meisten  leiden.  Es
ist  also  richtiger,  die  erhöhte  technische  Leistungsfähigkeit  zwar  als  Basis
zu  nehmen,  eine  Erhöhung  der  Anteilsziffer  aber  nur  dann  zuzuerkennen,
wenn  sich  die  Marktlage  so  günstig  erweist,  daß  die  Erhöhung  möglich  ist,
ohne  die  Beteiligungen  der  anderen  Kartellmitglieder  zu  verringernd
Beispiele  für  die  beiden  Wege  bietet  uns  die  Geschichte  des  rheinischwestfälischen ­
  Kohlensyndikats.  Bei  der  Gründung  des  Kohlensyndikats
im  Jahre  1893  wurde  als  Maßstab  für  die  Beteiligung  der  einzelnen  Zechen
nach  ihrer  Wahl  die  Förderung  des  Jahres  1891  oder  1892  angenommen.
Weiter  wurde  aber  bestimmt,  daß  neuejf  Schächten  und  solche^,  die  beim
Abschluß  des  Syndikatsvertrages  eine  normale  Förderung  noch  nicht  erreicht ­
  hatten,  nach  Ablauf  einer  dreimonatigen  Anmeldungsfrist  ohne
weiteres  bis  zu  400  Tonnen  arbeitstäglich  fördern  dürften.  Da  die  Ausdehnung ­
  der  Beteiligungsziffer  hiernach  lediglich  von  technischen  Erfor-9

  Absatzbeschränkungen  beeinflussen  die  Produktionsgröße  nicht  direkt.  Es
ist  z.  B.  erlaubt,  über  das  zugebilligte  Absatzkontingent  hinaus  auf  Lager  oder  für
Abnehmer  außerhalb  des  Kartellgebietes  zu  arbeiten.
        <pb n="96" />
        —  go

dernissen,  von  der  Abteufung  eines  neuen  Schachtes  abhing,  entstanden
überall  neue  Anlagen.  „Noch  mehr,  es  bildete  sich  geradezu  ein  neuer
Begriff  der  Syndikatsschächte  und  die  Auffassung,  daß  darunter  schlechthin
jedes  Loch  im  Boden  zu  verstehen  sei,  aus  dem  man  täglich  400  Tonnen
Kohle  fördern  könne.“ 1 )  Diese  Unzuträglichkeiten  führten  schon  ihm
Jahre  1895  zu  einer  Revision  des  Kartellvertrages.  Zwar  konnte  auch
jetzt  nicht  durchgesetzt  werden,  daß  die  Aufnahmefähigkeit  des  Marktes
mitbestimmend  sei  für  die  Bewilligung  eines  Beteiligungszuwachses,
immerhin  wurden  von  jetzt  ab  die  neuen  Schachtanlagen  und  die  Gesamtlage ­
  der  antragstellenden  Zechen  auf  die  technische  Möglichkeit  der
Fördervermehrung  durch  eine  Kommission  untersucht.  Die  Benachteiligung ­
  derjenigen  Zechen,  die  nicht  in  der  Lage  waren,  neue  Schächte
abzuteufen,  blieb  also  bestehen.  Erst  die  Erneuerung  des  Syndikatsvertrages
  im  Jahre  1903  gab  Gelegenheit  diesen  Zustand  zu  beseitigen.  Nach
den  noch  geltenden  Bestimmungen  ist  die  Marktlage  und  die  technische
Leistungsfähigkeit  ausschlaggebend.  Sobald  die  Nachfrage  die  Gesamtförderung ­
  des  Syndikats  überschreitet,  wird  die  Förderung  frei  gegeben.
Jede  Zeche  darf  ihre  volle  technische  Leistungsfähigkeit  ausnutzen  und,
wer  6  Monate  hintereinander  die  größere  Förderung  einzuhalten  vermag,
erhält  diese  Menge  als  neue  Beteiligungsziffer  dauernd  zugewiesen.  Somit
haben  also  alle  Zechen  des  Syndikats  die  gleichen  Chancen,  ihre  Beteiligung
der  Marktlage  entsprechend  zu  steigern,  wodurch  erst  der  eigentliche
Zweck  der  Produktionskontingentierung  erreicht  wird.
Das  Streben  nach  einer  höheren  Anteilsziffer,  um  die  Produktionskosten ­
  herabzudrücken,  konnte  sich  jetzt  nur  noch  in  der  Weise  betätigen,
daß  die  größeren  kapitalkräftigen  Zechen  die  kleinen  notleidenden  aufkauften, ­
  um  sie  still  zu  legen  und  ihre  Beteiligungsquote  zu  übernehmen.
War  dieser  Weg  auch  nicht  neu,  da  er  auch  in  der  Zeit  von  1893—1903
verschiedentlich  eingeschlagen  worden  war,  so  gewann  er  doch  jetzt  an
Bedeutung,  und  die  Stillegung  von  5  Zechen  in  verhältnismäßig  kürzer
Zeit  seit  der  Wirksamkeit  der  neuen  Bestimmungen  rief  große  Beunruhigungen ­
  hervor.  Ist  aber  die  Beschränkung  des  Wettkampfes,  also  die
Regulierung  der  Produktion  durch  ein  Kartell,  eine  Notwendigkeit,  die
nicht  mehr  zu  umgehen  ist,  dann  kann  es  nur  als  ein  Vorteil  begrüßt
werden,  wenn  auf  diesem  Wege  trotz  der  Einengung  der  Produktionsfreiheit ­
  den  großen  leistungsfähigen  Zechen  die  Möglichkeit  gegeben  wird,
mit  geringeren  Kosten  zu  arbeiten.  Der  Senkung  der  Produktionskosten
einiger  Zechen  steht  außerdem  die  Ausschaltung  der  Betriebe  mit  den
höchsten  Kosten,  denen  nicht  einmal  der  Kartellschutz  zur  Existenz-*)

  Goetzke  a.  a.  O.  S.  31/33.
        <pb n="97" />
        9i

Sicherung  ausreichte,  gegenüber.  Dieses  Resultat  kann  die  Preistendenz
des  Kartells  nur  günstig  beeinflussen,  während  es  gleichzeitig  infolge  der
Verringerung  der  inneren  Reibungen  an  Festigkeit  gewinnt.
In  der  Kokserzeugung  ist  bisher  noch  die  technische  Leistungsfähigkeit
der  Maßstab  für  die  Größe  der  Beteiligungsziffer.  Für  jede  neue  Tiefbauanlage, ­
  für  die  eine  Kokerei  eingerichtet  wird,  muß  auch  eine  Zusatzbeteiligung ­
  bewilligt  werden.  Das  hat  zur  ständigen  Ausdehnung  der  Kokserzeugung ­
  geführt.  Die  Kokserzeugung  muß  sich  aber  nach  dem  Bedarf
ihrer  Abnehmer  also  hauptsächlich  nach  der  Roheisenerzeugung  richten.
Der  Durchschnittsversand  des  Roheisenverbandes  betrug  in  den  ersten
5  Monaten  des  Jahres  1914  etwa  85,83%  der  Beteiligung,  so  daß  also  der
wirkliche  Versand  hinter  der  Beteiligung  nur  um  14,2%  zurückblieb,
während  am  Koksmarkt  eine  Produktionseinschränkung  von  55%  notwendig ­
  war 1 ).  Dieses  Mißverhältnis  ist  nicht  nur  eine  Folge  der  Errichtung
neuer  Kokereien  auf  den  Syndikatszechen,  sondern  auch  der  außersyndikatlichen,
  vor  allem  der  fiskalischen  Zechen.  Der  neue  Vertragsentwurf
des  Kohlensyndikats  sieht  eine  Bestimmung  vor,  nach  der  neben  der
technischen  Leistungsfähigkeit  die  wirtschaftliche  Absatzmöglichkeit
für  die  Beteiligungsziffer  in  Koks  maßgebend  sein  soll.  Hat  ein  Zechenbesitzer ­
  bereits  eine  Verkaufsbeteiligung  in  Koks  oder  Briketts,  dann  soll
seinem  Anträge  auf  Erstbeteiligung  für  eine  neue  Kokerei  nur  dann
stattgegeben  werden,  wenn  innerhalb  eines  halben  Jahres  vor  Stellung
des  Antrages  in  mindestens  3  aufeinander  folgenden  Monaten  wenigstens
85  %  der  Gesamtverkaufsbeteiligung  in  Koks  oder  Briketts  abgesetzt
worden  sind.
Außer  der  Regelung  der  Beteiligungsquoten  haben  die  Kartelle,  die
durch  Kontingentierung  das  Überangebot  beseitigen  wollen,  und  ebenso
die  einfachen  Reduktionskartelle  noch  eine  andere  Aufgabe  zu  lösen.
Will  das  Kartell  die  Produktion  beherrschen,  dann  kann  es  die  großen
kombinierten  Betriebe  nicht  unberücksichtigt  lassen.  Die  Unternehmungen
mit  vertikaler  Kombination  werden  sich  an  einer  Kartellierung  der  Rohstoffe ­
  und  Zwischenprodukte  gern  beteiligen,  um  die  Preise  dieser  Produkte
auf  einer  Höhe  zu  halten,  die  ihren  eigenen  Absatz  dieser  Produkte  nicht  zu
sehr  einengt,  aber  den  Vorteil  der  Kombination^den  reinen  weiterverarbeitenden ­
  Werken  nicht  teilhaftig  werden  läßt^Sie  sind  also  auch  bereit,
soweit  sie  mit  diesen  Produkten  auf  den  Markt  angewiesen  sind,  sich  den
Produktionsbeschränkungen  zu  unterwerfen.  Dagegen  suchen  sie  jeden
Eingriff  in  ihre  Verfügungsgewalt  über  den  Teil  ihrer  Erzeugnisse  abzuwehren, ­
  den  sie  selbst  zu  Fertigprodukten  weiter  verarbeiten.  Dieses

J )  Rheinisch-Westfälische  Zeitung  Nr.  707  vom  14.  Juni  I9 r 4-
        <pb n="98" />
        92

/

Streben  ist  von  dem  Gesichtspunkt  aus  berechtigt,  daß  die  kombinierten
Betriebe  doppelt  getroffen  werden,  wenn  auch  ihr  Selbstverbrauch  der
Produktionseinschränkung  unterliegt,  da  sie  ja  nicht  nur  einen  Teil  ihres
Betriebes,  der  das  kartellierte  Produkt  herstellt,  stillegen  müßten,  sondern
auch  eine  entsprechende  Anzahl  Maschinen  der  Abteilungen,  in  denen  sich
die  Weiterverarbeitung  vollzieht.  Andererseits  ist  auch  die  Forderung
derjenigen  Mitglieder  des  Kartells,  die  sich  nicht  auf  die  Weiterverarbeitung
der  Produkte  verlegt  haben,  berechtigt,  daß  der  Selbstverbrauch  der
kombinierten  Werke  nicht  völlig  frei  bleiben  dürfe;  denn  sonst  werden
die  reinen  Werke  je  nach  der  Marktlage  mit  einer  verstärkten  oder  länger
andauernden  Produktionseinschränkung  zu  rechnen  haben.  Schränkt  das
Kartell  die  Produktion  ein,  dann  haben  ja  die  kombinierten  Werke  die
Möglichkeit,  solange  der  Markt  aufnahmefähig  ist,  die  kartellierten  Produkte ­
  zu  verarbeiten  und  in  irgendeiner  anderen  Form  abzusetzen.  Dadurch ­
  umgehen  sie  die  Produktionseinschränkung,  während  sie  gleichzeitig ­
  die  reinen  Weiterverarbeiter  bedrängen  und  folglich  ihren  Kartellmitgliedern, ­
  die  auf  den  direkten  Absatz  ihrer  Produkte  an  jene  angewiesen
sind,  den  Markt  noch  weiter  einschränken.  Hier  klaffen  also  Interessengegensätze, ­
  die  auf  den  ersten  Blick  unüberbrückbar  erscheinen,  und  an
denen  die  Produktionskartelle  immer  leiden  werden.  Da  aber  eine  Produktionsregulierung ­
  ohne  Mitwirkung  der  kombinierten  Betriebe  unmöglich
ist,  andererseits  die  Vorzugsstellung  der  kombinierten  Werke  wesentlich
darauf  beruht,  daß  die  reinen  Weiterverarbeiter  die  Rohstoff-  und  Halbfabrikate ­
  nicht  infolge  des  scharfen  Wettkampfes  ihrer  Produzenten  zu
Preisen  bekommen,  die  die  Selbstkosten  der  kombinierten  Werke  erreichen, ­
  werden  die  Bemühungen  von  beiden  Seiten  immer  wieder  zu
Kompromissen  führen,  die  der  Machtstellung  der  beiden  Parteien  und  der
Marktlage  entsprechen.
Im  Anfang  besaßen  vielfach  die  reinen  Werke  die  Übermacht,  folglich
fielen  die  Verträge  zu  ihren  Gunsten  aus.  In  dem  1893  gegründeten  rheinisch-westfälischen ­
  Kohlensyndikat  z.  B.  waren  die  wenigen  Hüttenzechen
überhaupt  nicht  vertreten.  Da  aber  die  Preispolitik  der  Kartelle  die  Vorzugsstellung ­
  der  kombinierten  Werke  sicherte  und  erhöhte,  nahm  ihre
Zahl  rasch  zu  und  zwar  traten  sie  vielfach  nicht  den  Kartellen  bei.  Diesen
Außenseitern  sind  aber  die  Kartelle  eine  wichtige  Stütze,  somit  müssen
sie  ihnen  beitreten,  wenn  ohne  ihre  Mitwirkung  die  Existenz  der  Kartelle
in  Frage  steht.
Die  Zeit  der  größten  Reibungen  im  Kartell  setzt  ein,  wenn  die  Machtstellung ­
  der  kombinierten  Werke  der  der  Reinen  gleichkommt.  Mißverstandenes ­
  Selbstinteresse  auf  beiden  Seiten  sprengt  gelegentlich  für  kurze
Zeit  das  Kartell.  Solange  aber  die  reinen  Anbieter  für  die  reinen  Weiter-
        <pb n="99" />
        verarbeiter  noch  eine  nennenswerte  Bedeutung  besitzen,  müssen  die  kombinierten ­
  Werke  auch  durch  Entgegenkommen  ihren  nicht  kombinierten
Konkurrenten  das  Interesse  am  Kartell  zu  erhalten  suchen.
Einige  Beispiele  mögen  als  Beweis  dienen.  In  dem  lothringischluxemburgischen
  Roheisensyndikat,  das  1879  gegründet  wurde,  waren  die
gemischten  Stahlwerke  mit  ihrer  gesamten  Roheisenproduktion  im  Syndikat, ­
  das  sich  auch  auf  den  Export  erstreckte,  eingeschätzt.  Doch  konnten
sie  nach  vorheriger  Mitteilung  ihren  Anteil  an  die  Karteilieferungen  zurückziehen, ­
  wenn  sie  das  Roheisen  selbst  bedurften.  In  der  Hochkonjunktur
der  90er  Jahre  ereignete  es  sich,  daß  die  Stahlwerke  zu  spät  Anteile  abmeldeten, ­
  die  das  Syndikat  schon  an  Dritte  verkauft  hatte.  Trotz  dringenden ­
  eigenen  Bedarfs  mußten  sie  diese  Quanten  liefern.  Die  Folge  war,
daß  die  Stahlwerke  1900  eine  Änderung  der  Statuten  verlangten.  Sie
wollten  ohne  bestimmte  Beteiligungsziffer  stimmberechtigte  Mitglieder
des  Syndikats  bleiben  und  forderten  das  Recht,  ihm  jederzeit  den  Überschuß ­
  ihrer  Roheisenproduktion  über  den  eigenen  Bedarf  zuweisen  zu  dürfen.
Sie  selbst  wollten  nur  die  Verpflichtung  übernehmen,  kein  Roheisen  außerhalb ­
  des  Syndikats  zu  verkaufen.  Diese  Vorschläge  waren  im  Interesse
der  reinen  Hochöfen  für  das  Syndikat  unannehmbar.  Schließlich  einigte
man  sich  dahin,  daß  die  Stahlwerke  nur  mit  einem  bestimmten  Teil  ihrer
gesamten  Roheisenproduktion  dem  Syndikat  beitraten  und  ihr  Selbstvep*
brauch  völlig  frei  blieb.  Ihre  Beteiligungsziffer  war  den  Produktionseinschränkungen ­
  unterworfen  und  konnte  nur  mit  Zustimmung  der  Syndikatsmitglieder ­
  bei  eintretendem  höheren  Selbstbedarf  zurückgezogen
werden 1 ).
Eine  eigenartige  Regelung  des  Selbstverbrauchs  hatte  der  im  Jahre
1894  gegründete  Verein  für  den  Verkauf  des  Siegerländer  Roheisens  getroffen. ­
  Das  Syndikat  umfaßte  die  gesamte  Produktion  der  Hochöfen,
also  Inlandsabsatz,  Ausfuhr  und  Selbstbedarf.  War  eine  Produktionseinschränkung ­
  nötig,  so  wurde  zunächst  von  der  Anteilsziffer  die  beschlossene
Einschränkung  abgezogen.  Dann  mußten  die  gemischten  Werke  ihren
Selbstbedarf  angeben.  Dieser  wurde  ebenfalls  gekürzt,  aber  nur  um  die
Hälfte  der  beschlossenen  Produktionseinschränkung.  Die  Differenz
zwischen  der  gekürzten  Anteilsziffer  und  dem  gekürzten  Selbstbedarf
wurde  durch  das  Syndikat  verkauft.  Die  Stahlwerke  besaßen  also  nur
einen  geringen  Vorzug  vor  den  reinen  Hochöfen.  Im  Frühjahr  1900  hatten
die  Stahlwerke  ihren  Selbstbedarf  überschätzt  und  sich  an  den  Roheisensyndikatsabschlüssen ­
  für  1901  nur  in  geringem  Maße  beteiligt.  Als  die

b  Heymann,  Die  gemischten  Werke  im  deutschen  Großeisengewerbe  1904
        <pb n="100" />
        94

Konjunktur  umschlug,  vermochten  die  Stahlwerke  ihre  Fabrikate  nicht
abzusetzen  und  mußten  dementsprechend  schließlich  auch  ihre  Roheisenerzeugung ­
  einschränken,  während  die  reinen  Hochöfen  die  Abnahme  ihrer
durch  das  S3mdikat  verkauften  Mengen  durchsetzten  und  glänzende  Überschüsse ­
  erzielten.  Auch  hier  führte  diese  Erfahrung  zu  einer  Neuregelung.
Die  gemischten  Werke  erstrebten  volle  Freiheit  in  der  Verfügung  über
ihren  Selbstbedarf.  Wenn  sie  auch  dieses  Ziel  nicht  erreichten,  so  fiel
doch  der  neue  Vertrag  wesentlich  zu  ihren  Gunsten  aus.  Das  von  den  gemischten ­
  Werken  an  das  Syndikat  zu  liefernde  Quantum  wurde  von  jeder
Einschränkung  befreit;  der  Selbstbedarf  sollte  nur  zur  Hälfte  der  normalen
Einschränkung  unterworfen  sein  und  bei  den  Martin  werken  das  Roheisen,
das  über  25  %  des  Einsatzes  an  Stelle  von  Schrott  verwandt  wurde,  ebenfalls ­
  einschränkungsfrei  bleiben 1 ).
In  dem  allgemeinen  deutschen  Roheisensyndikat,  das  seit  dem  1.  Januar ­
  1912  besteht,  ist  der  Roheisenselbstverbrauch  von  dem  Verkauf  an
den  Verband  ausgeschlossen,  nur  die  Mengen  des  Selbstverbrauches  unterliegen ­
  der  Kontrolle  des  Verbandes.
Erhebliche  Schwierigkeiten  bereitet  die  Regelung  des  Selbstverbrauchs
auch  dem  Kohlensyndikat.  In  der  Aufschwungszeit  der  90er  Jahre  hat
sich  die  Zahl  der  sogenannten  Hüttenzechen,  der  Zechen,  die  sich  mit
einem  Hüttenwerk  fusioniert  hatten,  wesentlich  vermehrt.  Bei  der  Erneuerung ­
  des  Kartells  1903  mußte  man  sorgen,  diese  machtvollen  Zechen
dem  Kartell  zu  erhalten  und  ebenfalls  die  alten  Hüttenzechen,  die  man  bei
der  Gründung  des  Kartells  außerhalb  gelassen  hatte  und  die  inzwischen
wesentlich  leistungsfähiger  geworden  waren,  hereinzuziehen.  Das  war
nur  zu  erreichen,  wenn  der  Selbstverbrauch  dieser  Hüttenzechen  einschränkungs-
  und  umlagefrei  blieb.  Hier  war  also  die  Entscheidung  von
vornherein  zugunsten  der  Hüttenzechen  ausgefallen.  Da  aber  im  Kohlensyndikat ­
  die  reinen  Zechen  immer  noch  ein  erhebliches  Gewicht  haben,
mußte  der  Nachteil,  der  ihnen  aus  der  Regelung  besonders  in  den  Jahren
des  Niedergangs  erwuchs,  große  Mißstimmung  hervorrufen.  Während  die
reinen  Zechen  durch  die  Produktionseinschränkungen  und  die  Umlagen
schwer  belastet  wurden,  hatten  die  kombinierten  Unternehmungen  durch
billige  Verkäufe  von  nichtkartellierten  Fertigwaren  und  durch  billige  Auslandsverkäufe ­
  die  Möglichkeit,  die  Leistungsfähigkeit  ihrer  Hochöfen,
Stahl-  und  Walzwerksanlagen  auszunutzen  und  dementsprechend  auch
ihre  Kokereien  und  Zechen  in  Betrieb  zu  erhalten.  Durch  diese  Verkäufe
waren  sie  auch  in  der  Lage,  das  Absatzgebiet  der  reinen  oder  nicht  genug
kombinierten  Werke  der  Eisenindustrie  zu  beschränken,  wodurch  zunächst

*)  Heymann  a.  a.  O.  S.  74/75-
        <pb n="101" />
        9$

der  Kohlenabsatz  des  Syndikats,  dann  aber  vor  allem  der  Koksabsatz  der
reinen  Zechen  leiden  mußte,  denn  durch  die  Marktverschiebung  wurden
wesentlich  auch  die  reinen  Hochöfen,  die  Hauptabnehmer  von  Koks  getroffen. ­
  Die  aus  der  Mißstimmung  der  reinen  Zechen  erwachsenen  Reibereien ­
  im  Syndikat  zwangen  schließlich  im  August  1909,  eine  Änderung  des
Syndikats  Vertrages  vorzunehmen.  Jetzt  wurden  auch  die  Selbstverbrauchsziffern ­
  der  Hüttenzechen  festgelegt;  nur  bis  zur  Höhe  dieser
Ziffern  dürfen  die  Zechen  die  geförderten  Kohlen  einschränkungsfrei  und
umlagefrei  selbstverbrauchen.  Die  ganze  übrige  Förderung  unterliegt
den  Vorschriften  des  Syndikats.  Diese  Einschränkung  des  Selbst  Verbrauchs
traf  die  Hüttenzechen  zunächst  nicht  so  schwer,  da  die  Ziffern  sehr  hoch
bemessen  waren  und  für  die  erste  Zeit  ihren  Bedarf  überstiegen.  Außerdem
war  auch  eine  Bestimmung  getroffen,  daß  im  Falle  einer  Erhöhung  der
Beteiligungsziffern  der  Zechen  am  Syndikat  auch  die  Quote  des  Selbstverbrauchs ­
  im  gleichen  Verhältnis  wachsen  sollte.  Nur  einen  geringen
Schutz  erlangten  die  reinen  Zechen  durch  diese  Neuregelung,  der  erst  eine
Stärkung  durch  die  Bestimmung  erfuhr,  die  verhinderte,  daß  bis  zum  Ablauf ­
  des  Syndikatsvertrages  die  reinen  Zechen  durch  Fusion  den  Charakter
einer  Hüttenzeche  zu  erlangen  vermochten.
Die  Stärkung  der  Spannung  im  Kohlensyndikat  offenbarte  sich  besonders ­
  im  Sommer  1914  während  der  schwebenden  Verhandlungen  zur  Erneuerung ­
  des  Syndikatsvertrages.  Als  einer  der  wichtigsten  Streitpunkte
galt  die  Regelung  des  Verhältnisses  zwischen  Hüttenzechen  und  reinen
Zechen.  Nach  dem  neuen  Vertragsentwurf,  der  vor  dem  Krieg  aufgestellt
war,  sollten  die  Hüttenzechen  die  Vorzugsstellung  behalten,  die  ihnen  neben
der  Beteiligungsziffer  am  Gesamtabsatz  des  Syndikats  eine  allerdings  fest
begrenzte,  aber  einschränkungsfreie  Verbrauchsbeteiligung  zubilligt.  Die
Verbrauchsbeteiiigung  darf  in  Koks  und  Briketts  für  den  eigenen  Verbrauch
umgewandelt  werden.  Die  Kokserzeugung  der  Hüttenzechen  soll  aber  insofern ­
  eine  wichtige  Einschränkung  erfahren,  als  die  Hüttenzechen  das
Recht,  Kokskohlen  vom  Syndikat  hinzuzukaufen,  um  auch  hieraus  noch
Koks  herzustellen,  erst  dann  haben,  wenn  ihre  gesamte  Selbstverbrauchsziffer
  bereits  in  Koks  umgewandelt  ist.  „Darin  liegt  eine  gewisse  Gewähr
für  die  Stetigkeit  der  Weiterentwicklung  des  Kohlenabsatzes  des  Syndikats
und  damit  der  reinen  Zechen.  Außerdem  soll  die  Zuteilung  der  hinzugekauften ­
  Kokskohlenmengen  in  erster  Linie  aus  den  eigenen  Verkaufsanteilen
der  Hüttenzechenbesitzer  vorgenommen  werden,  so  daß  sich  deren  Anteil
an  dem  Gesamtverkauf  des  Syndikats  entsprechend  verringert“ 1 ).  Auch

9  Kölnische  Zeitung  Nr.  555  vom  13.  Mai  1914.  Der  Neue  Vertrag  des  Kohlen-Syndikats.
        <pb n="102" />
        soll  der  Selbstverbrauch  nicht  mehr  ganz  umlagefrei  bleiben;  denn  in  dem
Falle,  wq  der  anteilige  Abzug  bis  zur  Höhe  von  3%  von  den  Syndikatsverkäufen ­
  in  Kohlen,  Koks  und  Briketts  nicht  ausreicht,  die  Kosten  zu
•decken,  soll  der  Fehlbetrag  durch  eine  gleichmäßige  Tonnenumlage  auf
die  Gesamtförderung  aller  Zechenbesitzer  mit  Ausnahme  der  Fördermengen, ­
  die  lediglich  zur  Aufrechterhaltung  des  Grubenbetriebes  gedient
haben,  aufgebracht  werden  Mit  diesen  Bestimmungen  hofft  man  die  mittlere ­
  Linie  gefunden  zu  haben,  die  ein  gedeihliches  Zusammenwirken  der
Hüttenzechen  und  der  reinen  Zechen,  die  beide  das  Syndikat  nicht  entbehren ­
  könnten,  ermöglicht.
Sobald  die  Produktionskartelle  durch  die  Kontingentierung  der  Erzeugung ­
  die  Beseitigung  des  Überangebotes  erstreben,  müssen  sie  auch
zur  Errichtung  einer  Zentralstelle  übergehen,  die  für  eine  Verteilung  der
Aufträge  gemäß  der  Beteiligungsziffer  Sorge  trägt  und  die  Kontrolle  übernimmt. ­
  Wird  nun  dieser  Zentralstelle  auch  der  Verkauf  der  Produkte
überwiesen,  so  ist  damit  ein  neuer  tiefer  Eingriff  in  die  Selbständigkeit
•der  Kartellmitglieder  vollzogen.  Die  direkten  Beziehungen  der  Produzenten ­
  zur  Kundschaft  hören  auf,  die  Verkaufszentrale  oder  das  Syndikat,
welcher  Name  besonders  auf  die  Verkaufs-  oder  Vertriebskartelle
angewendet  wird,  schiebt  sich  als  Vermittlerin  ein.  In  der  Regel  errichtet
das  Kartell  ein  eigenes  Verkaufsbureau.  Es  kann  die  Funktion  der  Zentralstelle ­
  aber  auch  einer  Kartellfirma,  einem  außenstehenden  Handelshaus
oder  einer  Bank  übertragen  werden.  Für  die  eigene  Verkaufszentrale
wird  meist  die  Form  der  Aktiengesellschaft  oder  der  Gesellschaft  mit  beschränkter ­
  Haftung  gewählt;  natürlich  können  auch  andere  Gesellschaftsformen ­
  zur  Anwendung  kommen.
Bedeutet  die  Verkaufskartellierung  einen  viel  schärferen  Eingriff
in  die  Selbständigkeit  der  einzelnen  Unternehmungen,  so  gibt  sie  auch
•eine  ganz  andere  Überlegenheit  auf  dem  Markt.  Erst  die  Verkaufskartelle
vermögen  einen  bestimmenden  Einfluß  auf  den  Zwischenhandel  und
seine  Organisationen  auszuüben,  erst  sie  geben  die  Kraft,  die  Position  der
heimischen  Produzenten  im  internationalen  Konkurrenzkampf  zu  bessern,
•erst  sie  können  eine  zielbewußte  Preispolitik  treiben,  ganz  anders  als  jene
losen  Preiskartelle,  von  denen  bereits  die  Rede  war.
Der  Handel,  dessen  volkswirtschaftliche  Aufgabe  es  ist,  die  zeitlichen
und  örtlichen  Schwankungen  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  auszugleichen, ­
  kann  die  Politik  der  Kartelle  niederer  Ordnung,  der  Kartelle
ohne  eigene  Verkaufszentrale,  in  manchen  Fällen  durchkreuzen.  Der  Wettbewerb ­
  der  Händler  untereinander  ruft  oft  eine  Preisbewegung  hervor,
die  den  Einfluß  der  Kartellpreise  vollständig  ausschaltet.  Diese  Preis-
        <pb n="103" />
        bewegung,  die  zeitweise  außerordentlich  stark  nach  unten  gerichtet  ist,
verursacht  auch  erhebliche  Schwankungen  in  der  Aufnahmefähigkeit  des
Marktes,  stört  den  klaren  Überblick  über  die  wirkliche  Marktlage.  Nicht
minder  wird  häufig  die  Marktlage  verdunkelt  durch  große  Spekulationsabschlüsse ­
  der  Händler  zu  Beginn  einer  aufsteigenden  Konjunktur.  Und
wie  in  den  Zeiten  des  Überangebotes  der  Wettbewerb  der  Händler  die
Preise  unter  die  Kartellpreise  herabdrückt,  so  vermögen  die  Händler  in
der  Zeit  der  Knappheit  durch  Ausnutzung  der  Hochkonjunktur  die  Preise
weit,  über  die  Kartellpreise  hinauszuschrauben.  Bewegten  sich  doch  nach
dem  Ausschußbericht  der  Rheinisch-Westfälischen  Handelskammern  die
Preiserhöhungen  in  der  Zeit  der  Kohlennot  1900  bei  den  Verbrauchern,
die  direkt  vom  Syndikat  bezogen  hatten,  zwischen  10  und  17%  M.  für
den  Doppelwagen,  während  sie  bei  jenen  Verbrauchern,  die  von  den  Einzelhändlern ­
  bezogen  hatten,  bis  zu  115  M.  für  den  Doppelwagen  betrugen 1 ).
Will  also  ein  Kartell  seine  Ziele  erreichen,  dann  muß  es  versuchen,  einen
stärkeren  Zwang  auf  den  Handel  auszuüben.  Diese  Macht  besitzen
aber  nur  die  Kartelle  mit  eigener  Verkaufszentrale,  allerdings  auch  nur
dann,  wenn  nicht  kräftige  Außenseiter  oder  die  ausländische  Konkurrenz ­
  dem  Handel  die  Möglichkeit  gibt,  dem  Druck  der  Kartelle
auszu  weichen.
Das  radikalste  Mittel  ist  natürlich  die  Ausschaltung  des  Zwischenhandels. ­
  Jedoch  stehen  dem  Vorteil  der  direkten  Lieferung  an  die  Verbraucher ­
  schwerwiegende  Nachteile  gegenüber.  Schalten  die  Produzenten
den  Handel  aus,  dann  müssen  sie  die  risikoreiche  Aufgabe  des  Handels
selbst  übernehmen.  Folglich  sehen  wir  nun  in  den  Fällen  die  Kartelle
dieses  Ziel  verfolgen,  wo  es  sich  um  die  Großabnehmer  handelt,  deren  Bedarf ­
  so  einheitlich  und  regelmäßig  ist  und  auf  deren  Erfüllung  der  übernommenen ­
  Verpflichtungen  so  sicher  gerechnet  werden  kann,  daß  das
Risiko  in  diesen  geschäftlichen  Beziehungen  keine  Rolle  mehr  spielt.
„Mehrere  Kartelle  höherer  Ordnung  haben  daher  in  ihren  Verkehrsbedingungen ­
  den  Händlern  die  Lieferung  an  bestimmte  Kategorien  von
Großverbrauchern  ausdrücklich  untersagt *  2 ).“  Diese  Bestrebungen  der
Kartelle  stärken  allerdings  nur  eine  Tendenz,  die  auch  ohne  ihre  Mitwirkung
vorhanden  war  und  ist.  Überall  wo  die  Geschäftsverbindungen  zwischen
den  einzelnen  Händlern  und  Konsumenten  so  fest  eingefahren  sind,  daß
sie  kaum  noch  ein  Risiko  enthalten,  setzen  die  Bestrebungen  ein,  der
Spesenerspamis  halber  den  Händler  auszuschalten.  „Dieser  sieht  sich  also

J )  Bonikowsky,  Der  Einfluß  der  industriellen  Kartelle  auf  den  Handel  in
Deutschland  1907  S.  136.
2 )  Bonikowsky  S.  139.
Mannstaedt,  Zusammenschluß  im  Gewerbe.

7
        <pb n="104" />
        in  die  Rolle  des  Erziehers  gedrängt,  der  sein  eigentliches  Ziel  erreicht*
nämlich  sich  selbst  überflüssig  gemacht  hat 1 ).“
Da  abgesehen  von  den  Beziehungen  zu  den  Großverbrauchern  einerseits ­
  es  ,.geradezu  eine  technische  Unmöglichkeit  ist,  die  Konsumenten
alle  direkt  zu  bedienen“  (Kirdorf),  andererseits  es  unklug  wäre,  das  Risiko
des  Absatzes  den  Kartellen  allein  aufzuladen,  müssen  diese  einen  anderen
Weg  suchen,  dem  Handel  die  Selbständigkeit  weit  genug  zu  beschränken*
um  nachteilige  Maßnahmen  von  seiner  Seite  zu  unterbinden.  Durch  eingehende ­
  Bestimmungen  über  Mindestpreise,  Gewinnzuschläge,  oder  durch
vollständige  Festlegung  der  Handelsverkaufspreise,  ferner  durch  weitgehende ­
  Regelung  der  Lieferungsbedingungen  z.  B.  Begrenzung  der  Abschlüsse ­
  nach  Umfang  und  Zeit  und  durch  Einengung  des  Absatzgebietes
läßt  sich  der  Spielraum  der  Tätigkeit  der  Händler  so  umgrenzen,  daß  sie
mehr  und  mehr  den  Charakter  des  Eigenhandels  verliert  und  zum  reinen
Provisionsgeschäft  herabsinkt.
Allerdings  hat  die  überwiegende  Mehrzahl  der  Kartelle,  die  in  die  selbstständige ­
  Preisgebarung  des  Handels  eingegriffen  haben,  es  im  eigenen
Interesse  für  zweckmäßiger  gehalten,  nur  eine  Begrenzung  der  Verkaufspreise ­
  nach  unten  vorzunehmen  und  im  übrigen  dem  Handel  ein  gewisses
Maß  von  Bewegungsmöglichkeit  in  der  Bemessung  der  Verkaufspreise  zu
lassen.  Wie  weit  aber  auch  das  einzelne  Verkaufskartell  seine  beschränkenden ­
  Bestimmungen  ausdehnen  mag,  nur  dann  haben  sie  einen  Zweck,
wenn  die  Durchführung  überwacht  werden  kann.  Je  größer  die  Zahl  der
Händler,  desto  schwieriger  ist  die  Kontrolle.  Nur  eine  durchgreifende
Organisation  der  Händler  unter  Führung  der  Kartelle  vermag  diese
Schwierigkeit  vollkommen  zu  beseitigen.
Die  Vorbilder  zu  solchen  Organisationen  waren  vorhanden.  Um  sich
den  Absatz  zu  sichern,  und  dauernd  innigere  Fühlung  mit  dem  Markte  zu
erhalten,  haben  manche  Großbetriebe  mehr  oder  minder  enge  Beziehungen ­
  zu  einem  Großhändler  oder  zu  einigen  Großhändlern  angeknüpft.
In  ähnlicher  Weise  können  die  Kartelle  sich  helfen,  wenn  sie  nur  mit  den
Großhändlern  in  direkten  Verkehr  treten  und  alle  übrigen  Händler  an
jene  verweisen,  zu  Händlern  zweiter  Hand  herabdrücken.  Dadurch  haben
sie  einerseits  die  Kontrolle  wesentlich  erleichtert,  andererseits  ihren  Absatz
sicherer  und  einfacher  gestaltet.  Treten  die  Kartelle  nur  noch  in  direkten
Verkehr  mit  den  Großverbrauchern  und  Großhändlern  und  haben  sie  sich
in  der  Organisation  der  Großhändler  eine  entscheidende  Stimme  gesichert,
dann  reicht  ihr  Einfluß  bis  zum  kleinsten  Konsumenten  —  natürlich

x )  Wiedenfeld,  Der  Handel  und  die  Industriekartelle.  Schmollers  Jahrbuch.
1903  S.  1729.
        <pb n="105" />
        99

solange  sie  nicht  durch  Außenseiter  oder  ausländische  Konkurrenz  aus
ihrer  marktbeherrschenden  Stellung  verdrängt  werden.
Nur  wenige  Kartelle  und  selbstverständlich  nur  solche  mit  eigener
Verkaufszentrale  haben  ihre  Organisation  bis  zu  dieser  Vollkommenheit
ausbauen  können.  Am  bekanntesten  sind  die  Organisationen  des  Rheinisch-Westfälischen
  Kohlensyndikats  und  des  Stahlwerksverbandes.
Das  Rheinisch-Westfälische  Kohlensyndikat  steht  nur  mit  den  Großverbrauchern ­
  und  Großhändlern,  denen  es  ganz  gleichmäßige  Abnahmen
und  Zahlungsbedingungen  auferlegt,  in  direktem  Verkehr.  Um  die  Konkurrenz ­
  der  Großhändler  möglichst  zu  beschränken,  hat  es  außerdem  sein
gesamtes  Absatzgebiet  in  29  Reviere  eingeteilt  und  den  Händlern  nicht
nur  bestimmte  Reviere  zugewiesen,  sondern  ihnen  auch  noch  den
Absatz  bestimmter  Marken  übertragen.  Da  aber  trotz  dieser  weitgehenden ­
  Einengung  infolge  des  Vorgehens  einzelner  Händler  keine  befriedigende ­
  Absatz-  und  Preisverhältnisse  ein  traten,  verzichteten  die
Großhändler  des  Kasseler  Reviers  auf  den  Rest  von  Selbständigkeit,  der
ihnen  geblieben  war  und  schlossen  sich,  unter  Mitwirkung  des  Syndikats,
im  Jahre  1896  zur  Kohlenhandelsgesellschaft  m.  b.  H.  „Glückauf“  zusammen. ­
  Nach  diesem  Muster  sind  dann  die  übrigen  Kohlenhandelsgesellschaften ­
  gebildet  worden,  deren  Zahl  sich  im  Jahre  1912  auf  10  belief.  Sie
stehen  zum  Kohlensyndikat  in  einem  festen  Vertragsverhältnis,  das  dem
Syndikat  einen  maßgebenden  Einfluß  zuweist  und  den  Gesellschaften
den  Alleinverkauf  der  Syndikatserzeugnisse  in  dem  zugewiesenen  Revier
überträgt.  Die  einzelnen  Mitglieder  haben  auf  eigene  Großhandelstätigkeit
verzichtet  und  dafür  eine  feste  Beteiligungsquote,  ihrem  bisherigen  Umsatz
entsprechend,  erhalten.  Nach  dieser  Quote  richtet  sich  die  Kapitaleinlage,
die  Nachschußverpflichtung  und  der  Gewinnanteil  der  Mitglieder.  Die
Verkaufsbedingungen  der  Gesellschaften  sind  denen  des  Syndikats  nachgebildet. ­
  Diese  Bedingungen  hatten  zur  Folge,  daß  ihre  Hänijllerabnehmer
vielfach  ebenfalls  Vereinbarungen  über  die  Mindestpreise  und  sonstigen
Bedingungen  getroffen  haben,  ln  einzelnen  Städten  sind  die  Kleinhändler
den  Spuren  der  Großhändler  gefolgt  und  haben  sich  ihrerseits  zur  Gesellschaft ­
  m.  b.  H.  zusammengeschlossen.  Die  Kohlen  Vorräte,  die  Grundstücke, ­
  sowie  das  tote  und  lebende  Inventar  der  Kleinhändler  geht  in  den
Besitz  der  Gesellschaft  über  und  der  Gewinn  wird  nach  Anteilsziffern
verteilt.
Eine  besondere  Beachtung  verlangt  die  Rheinische  Kohlenhandelsund ­
  Reedereigesellschaft,  die  unter  dem  Namen  „Kohlenkontor"  allgemeiner ­
  bekannt  ist.  In  allen  Revieren  des  Rheinisch-Westfälischen
Kohlensyndikats,  nach  denen  der  Absatz  von  den  Zechen  hauptsächlich
mit  der  Bahn  erfolgt,  lagen  die  Verhältnisse  für  die  Durchführung  einer
        <pb n="106" />
        IOO

zielbewußten  Preispolitik  wesentlich  günstiger  als  in  den  Gebieten,  die
auf  den  Rheinversand  angewiesen  sind.  Der  ständige  Wechsel  der  Schiffsfrachten, ­
  durch  den  Wasserstand  des  Rheins  und  das  Angebot  der  Schiffe
verursacht,  mußte  sich  in  den  Preisen  widerspiegeln.  Da  außerdem
damals  schon  einige  Kohlengroßhändler  und  einige  Zechenbesitzer  gleichzeitig ­
  eigene  Reedereibetriebe  unterhielten,  also  sich  zu  gemischten  Betrieben ­
  entwickelt  hatten,  waren  hier  die  Gegensätze  unter  den  Großhändlern ­
  besonders  scharf  und  führten  in  den  Jahren  des  Niederganges
zu  Anfang  dieses  Jahrhunderts  zu  heftigen  Kämpfen  um  den  Absatzmarkt.
Die  Organisationsbestrebungen,  die  seit  1901  auch  in  diesem  Gebiet  einsetzten, ­
  mußten  neben  der  Regelung  des  Kohlen  Vertriebes  notwendig  auch
eine  einheitliche  Handhabung  der  Tarifsätze  zu  erlangen  suchen.  Diese
schwierige  Aufgabe  konnte  nur  unter  Mitwirkung  des  Rheinisch-Westfälischen ­
  Kohlensyndikats  gelöst  werden.  Somit  machten  die  4  Reederzechen ­
  Franz  Haniel  &amp;amp;  Co.,  Mathias  Stinnes,  Hugo  Stinnes  und  die  Bergbauund
  Schiffahrts-Aktiengesellschaft  vorm.  Gebr.  Kannengießer  bei  den
Emeuerungsverhandlungen  des  Kohlensyndikats  im  Jahre  1903  ihre  Zustimmung ­
  zur  Verlängerung  von  einer  Organisation  des  Rheinversandes
abhängig.  Die  Folge  war  die  Gründung  der  Rheinischen  Kohlenhandelsund ­
  Reedereigesellschaft  m.  b.  H.  durch  das  Syndikat  und  die  4  Zechenreedereien. ­
  Am  1.  April  1904  eröffnete  sie  ihren  Betrieb.  Dem  Kohlenkontor ­
  gehörten  ursprünglich  45  Firmen  an.  Es  waren  jene,  die  im  Durchschnitt ­
  der  letzten  Geschäftsjahre  vor  der  Gründung  mindestens  50000  t
Kohlen,  Koks  und  Briketts  im  Interessengebiet  des  Kontors  abgesetzt ­
  hatten.  Ihre  Zahl  ist  durch  Fusion  bereits  auf  36  zusammengeschmolzen. ­
  Hauptbeteiligter  ist  das  Kohlensyndikat,  dem  die  Absatzmengen ­
  derjenigen  Händler  zugefallen  sind,  die  ihres  geringen  Umsatzes
wegen  nicht  in  die  Gesellschaft  aufgenommen  wurden.  „Das  Kohlenkontor ­
  soll  den  direkten  und  indirekten  Absatz  über  die  Rheinstraße  mit
Ausnahme  der  Verschiffung  nach  Belgien,  Frankreich  und  für  die  Seeausfuhr, ­
  und  ferner  den  direkten  Eisenbahn  Versand  nach  Süddeutschland,
oLux,  jjkf  Schweiz,  Vorarlberg  und  Tirol  bewirken.  In  diesem  Gebiet  hat  das
Syndikat  dem  Kontor  den  Alleinverkauf  seiner  Produkte  mit  Ausnahme
der  Lieferungen  an  Eisenbahnen,  Gasanstalten,  Behörden  und  Großkonsumenten ­
  mit  einem  Mindestverbrauch  von  6000  t  jährlich  übertragen 1 ).“
Die  selbständige  Handelstätigkeit  mußten  auch  hier  die  Einzelmitglieder,
soweit  sie  reine  Kohlenhändler  waren,  vollständig  auf  geben.  Anders  ist
die  Lage  der  Reederfirmen.  Da  das  Kontor  einen  eigenen  Transport-  und
Lagerungsapparat  nicht  besitzt,  sind  seine  Mitglieder  „soweit  sie  zugleich

l )  Bonikowsky  a.  a.  O.  S.  253.
        <pb n="107" />
        IOI

Reeder  sind,  oder  Lagerplätze,  Brikettfabriken  u.  dgl.  besitzen,  nach  dem
Gesellschaftsstatut  verpflichtet,  diese  Anlagen  gegen  feste  Gebühren  dem
Gemeinschaftsbetrieb  zur  Verfügung  zu  stellen  und  auf  ihren  Schiffen
eine  bestimmte,  nach  dem  Durchschnitt  der  Jahre  1901—1903  sich  richtende ­
  Menge  Kohle  zu  festgesetzten,  von  Zeit  zu  Zeit  aber  zu  revidierenden
Frachtsätzen  zu  befördern.  Übersteigt  die  Gesamtmenge  der  vom  Kontor
abgesetzten  Kohle  jenen  Betrag,  so  ist  es  für  den  Überfluß  auf  den  freien
Frachtenmarkt  angewiesen,  wobei  ihm  auch  seine  Mitglieder  als  freie  Kontrahenten ­
  gegenüber  stehen.  Ebenso  sind  diese  nicht  behindert,  in  der
sonstigen  Ausnutzung  und  Ausdehnung  ihres  Schiffsparkes.  Die  Reederfirmen ­
  haben  also  nur  einen  Teil  ihres  Betriebes,  der  mehr  Annex  der
Schiffahrt  ist,  ganz  an  die  Vereinigung  abgetreten;  in  ihrem  Kern  sind
sie  noch  selbständige  Wirtschaftssubjekte  geblieben 1 ) 2 ).“
In  ähnlicher  Weise  wie  das  Kohlensyndikat  hat  der  Stahlwerksverband ­
  den  Trägerhandel  organisiert.  Die  Großhändler,  die  mit  Ausnahme
einiger  Großkonsumenten,  allein  mit  dem  Stahlwerksverband  in  direktem
Verkehr  stehen,  sind  in  Träger-Händlervereinigungen  zusammengefaßt.
Für  Deutschland  bestehen  vier  territoriale  Vereinigungen,  zu  denen  noch
das  Trägerverkaufskontor  in  Berlin  hinzukommt.  Im  Gegensatz  zu  den
Kohlenhandlungsgesellschaften  des  Kohlensyndikats  erfolgt  Einkauf-  und
Verkauf  der-  Mitglieder  der  Großhändlervereinigungen  auf  eigene  Rechnung; ­
  ihre  Selbständigkeit  ist  also  nicht  aufgehoben.  Nur  die  Mitglieder
des  Trägerkontors  in  Berlin  sind  in  ihrer  selbständigen  Handelstätigkeit
größeren  Beschränkungen  unterworfen.  Im  übrigen  ist  der  Trägerhandel
noch  einheitlicher  organisiert  als  der  Kohlenhandel.  Jedes  Mitglied  der
territorialen  Gruppen  „erhält  vom  Stahlwerksverband  eine  feste  Vergütung ­
  von  M.  2,50  pro  t  seines  Bezuges.  Unter  diesen  Großhandelsgesellschaften ­
  steht  eine  zweite  Gruppe  von  Händlern,  die  nicht  direkt  vom
Stahlwerksverband  kaufen  und  M.  1,50—M.  2,00  pro  t  als  feste  Vergütung
erhalten.  Unter  diesen  wieder  stehen  dann  die  lokalen  Vereinigungen,
in  denen  sich  die  Detailhändler  zusammen  geschlossen  haben,  die  aber
b  Wiedenfeld,  Das  Rheinisch-Westfälische  Kohlensyndikat  1912  S.  33.
2 )  Die  Zahl  der  Zechenreedereien,  die  sich  anfangs  auf  vier  belief  und  in  den
folgenden  Jahren  auf  sechs  anwuchs,  stieg  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahres  1914  auf  16.
1  Der  Zusammenschluß  von  Zechen  mit  Reedereien,  die  Mitglieder  des  Kohlenkontors
sind,  ist  eine  Folge  der  Schwierigkeiten,  die  der  Syndikatserneuerung  im
Wege  stehen.  Für  den  Fall  der  Auflösung  des  Syndikats  suchen  die  Zechen  eigene
Verbindung  zum  Markt  zu  gewinnen.  Außerdem  erweist  sich  diese  Verbindung  auch
im  Falle  der  Syndikatserneuerung  als  vorteilhaft,  da  die  Reedereien  vermöge  ihres
festen  Zusammenschlusses  im  Kohlenkontor  gute  Gewinne  erzielen.  Vgl.  Kölnische
Zeitung  Nr.  785  vom  9.  Juli  1914.  Rheinische  Kohlenhandels-  und  Reedereigesellschaft ­
  m.  b.  H.
        <pb n="108" />
        102

im  Gegensatz  zum  Kohlenhandel  auch  wieder  ganz  einheitlich  vom  Stahlwerksverband ­
  organisiert  sind  und  0,50  Rabatt  pro  t  auf  die  Handelspreise ­
  erhalten 1 )."  Weitere  Einzelheiten  müssen  unberücksichtigt  bleiben.
Daß  eine  vollständige  Ausschaltung  des  Handels,  eine  Übernahme ­
  seiner  risikoreichen  Aufgaben  durch  die  Kartelle,  unzweckmäßig
und  teilweise  sogar  unmöglich  wäre,  wurde  schon  erwähnt.  Die  weitgehenden ­
  Beschränkungen  —  durch  die  Rayonierung  des  Absatzes,  die
Begrenzung  der  Abschlüsse  nach  Umfang  und  Zeit,  die  Zumessung  bestimmter ­
  Gewinnzuschläge  —  nahmen  dem  Handel  aber  die  Möglichkeit,
seine  volkswirtschaftlichen  Aufgaben  zu  erfüllen.  Nur  innerhalb  der  vom
Kartell  gesteckten  engen  Grenzen  kann  er  einen  örtlichen  und  zeitlichen
Ausgleich  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  bewirken.  Somit  muß  das
Kartell  einen  wichtigen  Teil  der  Aufgaben  des  Handels  übernehmen,  es
muß  in  den  Grundzügen  die  örtliche  und  zeitliche  Verteilung  der  Erzeugung ­
  bestimmen.  Dazu  sind  aber  nur  die  Vertriebskartelle  in  der
Lage,  die  auch  gleichzeitig  die  Produktion  beherrschen,  da  sie
sich  außer  durch  eine  verständige  Preispolitik  noch  durch  Ausdehnung
oder  Einschränkung  der  Erzeugung  den  Marktverhältnissen  anzupassen
vermögen.  Aber  wie  die  Kartelle  nur  in  dem  risikoarmen  Verkehr  mit
den  Großkonsumenten  den  Handel  vollständig  ausschalten,  so  werden
sie  auch  nur  in  den  Branchen  jene  weitgehende  Organisation  des
Handels  durchführen,  wo  ihnen  durch  die  teilweise  Übernahme  der  verteilenden ­
  Tätigkeit  des  Handels  kein  allzu  großes  Risiko  erwächst.  In
den  Industriezweigen,  die  z.  B.  der  Mode  unterworfen  sind,  oder  in
denen  der  jeweilige  Ertrag  der  organischen  Rohstoffe,  z.  B.  der  Baumwollernten, ­
  großen  Schwankungen  unterliegt,  ist  die  ausgleichende
Tätigkeit  des  unbeschränkten  Handels  nicht  zu  umgehen.  Die  Aufgabe ­
  der  Vertriebskartelle  kann  in  diesen  Fällen  nur  sein,  durch  die
Zusammenfassung  der  gesamten  Verkaufstätigkeit  in  eine  Hand  die
Marktstellung  der  Produzenten  zu  stärken.  In  manchen  Zweigen  dagegen,
die  sich  auf  die  anorganischen  Rohstoffe  stützen,  und  die,  abgesehen  von
dem  Einfluß  der  großen  Konjunkturschwankungen  eine  gleichmäßigere
Marktgestaltung  aufweisen,  können  die  Vertriebskartelle  nicht  nur  einen
Teil  der  Aufgaben  des  Handels  übernehmen,  sondern  sie  können  sie  auch,
wie  Bonikowsky  mit  Recht  hervorhebt,  durch  ihre  Preis-  und  Produktionspolitik ­
  einfacher  und  mit  geringeren  Opfern  erfüllen  als  der  Handel  durch
das  Mittel  der  Spekulation.  Durch  die  Beherrschung  der  Produktion  und
durch  enge  Verbindung  mit  dem  organisierten  Großhandel  „besitzen  die

l )  Liefmann,  Kartelle  und  Trusts  2.  Aufl.  1910  S.  106;  ferner  Bonikowsky
a.  a.  O.  S.  231  ff.
        <pb n="109" />
        103

Kartelleitungen  zudem  einen  ganz  außerordentlichen  Überblick  über  die
ganzen  Marktverhältnisse  ihrer  Branche,  den  der  Einzelhändler  in  dieser
Vollkommenheit  auch  nicht  annähernd  zu  erlangen  vermochte 1 )“.
Eine  marktbeherrschende  Stellung,  wie  auf  dem  Inlandsmarkt,
vermag  auf  dem  Auslandsmarkt  selbstverständlich  auch  das  Verkaufskartell ­
  mit  gemeinsamer  Zentrale  nicht  zu  erreichen.  Immerhin  wird  der
Wettkampf  der  Mitglieder  des  Kartells  ausgeschaltet  und  der  Konkurrenz
auf  dem  Weltmarkt  eine  nationale  Körperschaft  gegenüber  gestellt.  Auch
sie  wird  im  Preiskampf  den  Absatz  erobern  oder  behaupten  müssen,  aber
sie  wird  in  manchen  Fällen  ein  günstigeres  Preisniveau  halten  und  unnötige ­
  Verluste  vermeiden  können.
Konnte  es  sich  bei  den  einfachen  Preiskartellen  nur  um  die  Festsetzung
von  Mindestpreisen  handeln,  so  ist  es  die  Aufgabe  einer  Verkaufszentrale, ­
  eine  zielbewußte  Preispolitik  zu  treiben,  die  wiederum  nur
dann  größere  Aussichten  auf  Erfolg  verspricht,  wenn  sie  durch  Produktionskontingentierung ­
  und  womöglich  durch  Gebietsaufteilungen  unterstützt ­
  wird.  Das  Ziel  muß  sein:  Dauernde  Hebung  und  Sicherung  der
Rentabilität  der  kartellierten  Unternehmungen.  Nicht  vorübergehende
Gewinne  wollen  sie  erzielen,  sondern  einen  dauernden  Erfolg.  Somit
haben  auch  die  Kartelle  mit  den  Ringen  nichts  zu  tun.  Schließen  sich
mehrere  Kaufleute  zu  einem  Ring  zusammen,  so  suchen  sie  den  Markt
zu  beherrschen,  indem  sie  das  gesamte  Angebot  eines  Artikels  z.  B.
Kupfer  oder  Baumwolle  zu  möglichst  niedrigen  Preisen  in  ihre  Hand
bringen,  und  ihr  Ziel  ist,  durch  künstliche  Erzeugung  einer  Knappheit  die
Preise  zu  treiben,  um  mit  hohem  Gewinn  die  aufgekauften  Waren  abzustoßen. ­
  Ist  die  Spekulation  geglückt,  was  bei  den  heutigen  Marktverhältnissen ­
  kaum  noch  möglich  ist,  dann  kann  eine  Wiederholung  erst  erfolgen, ­
  wenn  die  Waren  wieder  zu  niedrigen  Preisen  auf  dem  Markt  erhältlich ­
  sind.  Die  Ringe  wollen  die  Preise  nicht  stabilisieren,  sondern  das
starke  Auf  und  Ab  der  Preise  ist  ihr  Lebenselement.  Ihre  Monopolstellung ­
  kann  nur  von  kurzer  Dauer  sein  und  das  große  Risiko  läßt  sich  nur
tragen,  wenn  außergewöhnliche  Gewinne  abfallen.  Das  Ziel  der  Verkaufskartelle ­
  ist  wesentlich  bescheidener,  trotzdem  aber  die  Preispolitik  im
Wechsel  der  Konjunkturen  um  so  schwieriger.
Ein  Verkaufskartell,  das  auch  noch  das  Ausmaß  der  Erzeugung  bestimmt, ­
  und  einen  teilweisen  oder  völligen  Gewinnausgleich  zwischen
seinen  Mitgliedern  vornimmt,  stellt  die  innigste  Verbindung  selbständige  r
Unternehmer  dar,  die  für  Kartellzwecke  in  Frage  kommen  kann.  Wird

*)  Bonikowsky  a.  a.  O.  S.  307.
        <pb n="110" />
        104

ein  noch  engeres  Handinhandarbeiten  erstrebt,  so  kann  nur  die  Organisationsform
  der  Trusts  in  Frage  kommen.
Blicken  wir  nun  zurück,  so  sehen  wir,  wie  die  Entwicklungsreihe
von  den  einfachen  Konditionenvereinbarungen  ausgeht  und  unter  Preisgabe ­
  eines  immer  größeren  Stückes  der  Selbständigkeit  der  Unternehmer
zum  festgefügten  Syndikat  führt.  Auf  den  ersten  Blick  ist  scheinbar  ein
anderer  Weg  zu  einer  möglichst  vollkommenen  Beherrschung  des  Marktes
gar  nicht  vorhanden,  wodurch  allen  Industriezweigen,  in  denen  die  außerordentliche ­
  Kompliziertheit  und  Differenzierung  der  Produktions-  und
Absatzverhältnisse,  wie  z.  B.  in  der  Textilindustrie,  die  Bildung  von  Verkaufskartellen
  mit  gemeinsamer  Zentrale  unmöglich  macht,  die  Erlangung
einer  Monopolstellung  und  damit  eine  tief  greifende  Besserung  ihrer  Lager
auf  dem  Wege  der  Kartellierung  verschlossen  wäre.  Und  doch  ist  dieses
Problem  von  einzelnen  Zweigen  der  Textilindustrie  bereits  gelöst  worden.
Zwar  beruht  die  marktbeherrschende  Stellung  dieser  Kartelle  nicht  allein
auf  der  eigenen  Macht,  sondern  auf  dem  Handinhandgehen  mit  den
Organisationen  der  Hilfsindustrien  und  vor  allem  der  Großhändler.  Dafür
hat  aber  dieser  Weg  den  Kartellen  eine  Macht  gegenüber  den  Außenseitern
gegeben,  die  jene  der  großen  Syndikate  sogar  übertrifft 1 ).
Die  ersten  losen  Konditionen  Vereinbarungen,  z.  B.  der  Seiden-  und
Samtindustrie,  die,  da  eine  einheitliche  Preispolitik  undurchführbar
war,  wenigstens  eine  Minderung  der  Absatzkosten  erstrebten,  hatten
stets  mit  Außenseiterkonkurrenz  zu  rechnen.  Entweder  waren  einige  Betriebe ­
  dem  Kartell  nicht  beigetreten,  oder  es  entstand  eine  neue  Konkurrenz, ­
  die  sich  hier  um  so  leichter  entfalten  konnte,  da  die  Mittel-  und
Kleinbetriebe  in  der  Höhe  ihrer  Produktionskosten  nicht  hinter  den  Großbetrieben ­
  zurückstehen,  vielfach  sogar  niedrigere  Kosten  aufweisen.  Den
Abnehmern,  vor  allen  den  Händlern,  verursachen  die  Konditionen  Vereinbarungen ­
  höhere  Kosten,  sie  haben  also  das  größte  Interesse  daran,  durch
Bevorzugung  der  Außenseiter  das  Kartell  zu  sprengen.  Dieses  muß  demnach, ­
  um  seine  Existenz  zu  sichern,  die  Händler  für  sich  zu  gewinnen
suchen.  Das  geschieht  zunächst  durch  Vergünstigungen,  wie  Preisnachlässe ­
  und  Umsatzprämien,  die  den  Abnehmern  gewährt  werden,  die  sich
verpflichten  Kartellwaren  nur  von  Kartellmitgliedern  zu  kaufen.  Die
Wirkung  dieser  Vergünstigungen  wird  wesentlich  erhöht,  wenn  die  Händler
ebenfalls  einen  Verband  bilden  und  mit  dem  Produzentenverband  einen
Vertrag  für  ausschließlichen  Verbands  verkehr  schließen.  Das

1 )  Vgl.  von  Beckerath,  Die  Kartelle  der  deutschen  Seidenwebereiindustrie
1911,  besonders  S.  147  ff.
        <pb n="111" />
        105

Konditionenkartell  verpflichtet  sich  jene  Vergünstigungen  außenstehenden
Abnehmern  nicht  zu  gewähren  und  möglichst  nur  durch  das  Händlerkartell
seine  Waren  abzusetzen  und  letzteres  geht  die  Gegenverpflichtung  ein,  von
außenstehenden  Produzenten  keine  Waren  zu  kaufen.  Eine  ähnliche  Bevorzugung, ­
  wie  sie  durch  diese  Regelung  die  Händler  erlangen,  können
sich  auch  die  Produzenten  von  der  Organisation  ihrer  Hilfsindustrie  auf
der  Basis  des  ausschließlichen  Verbandsverkehrs  verschaffen.
Diese  Verträge  für  ausschließlichen  Verbandsverkehr  geben  den  Konditionenkartellen, ­
  z.  B.  der  Seiden-  und  Samtindustrie,  erst  eine  gewisse
Existenzsicherheit.  Da  aber  den  Außenseitern  der  Kartelle  der  Produzenten, ­
  der  Händler  und  ev.  auch  der  Hilfsindustrie  die  Möglichkeit  eines
Handinhandarbeitens  gegeben  ist,  wäre  das  Aufkommen  neuer  Konkurrenz ­
  nicht  vollkommen  verhindert,  wenn  nicht  ein  besonderer  Umstand
diesen  Konditionenkartellen  zugute  käme.
Die  weitgehende  Spezialisation  der  Produktion  hat  zur  Folge,  daß  die
Händler  auf  den  Bezug  von  einer  großen  Anzahl  Werken  angewiesen  sind,
um  ihre  Kundschaft  zu  befriedigen.  Das  Angebot  einiger  weniger  Werke
reicht  dazu  nicht  aus.  Sobald  also  die  überwiegende  Mehrzahl  der  Fabriken
dem  Kartell  beigetreten  ist,  werden  die  wenigen  Außenseiter  und  die  neu
entstehenden  Unternehmungen  nicht  in  der  Lage  sein,  alle  Spezialitäten
der  kartellierten  Werke  herzustellen.  Der  Händler  muß  sich  somit,  wenn
er  vor  die  Wahl  gestellt  wird,  entweder  mit  dem  Kartell  oder  nur  mit  den
Außenseitern  zu  arbeiten,  für  das  Kartell  entscheiden.  Die  weitgehende
Spezialisation  der  Produktion,  ursprünglich  ein  Hemmschuh  der  Kartellentwicklung, ­
  wird  schließlich  zum  wichtigsten  Hilfsmittel,  neue  Konkurrenz ­
  neben  dem  Kartell  nicht  aufkommen  zu  lassen.  So  haben  die
Kartelle  einzelner  Zweige  der  Textilindustrie,  obwohl  sie  nur  die  Verbesserung ­
  der  Absatzbedingungen  erstreben,  schließlich,  gestützt  auf  den
ausschließlichen  Verbandsverkehr  mit  den  Großhändlern  und  gesichert
durch  die  Folgen  der  weitgehenden  Spezialisation  unter  den  Werken,  eine
Herrschaft  über  die  Außenseiter  erlangt,  wie  sie  die  Syndikate  der  Kohlenund
  Eisenindustrie  trotz  ihrer  ungeheuren  wirtschaftlichen  Macht  nicht
erreicht  haben.
Nachdem  die  Monopolstellung  gesichert  ist,  werden  auch  die  Versuche
aussichtsreicher,  neben  den  Absatzkosten  zugleich  die  Preise  zu  regeln.
Auch  dieses  Ziel  erforderte  neue  Wege.  Die  Vielheit  der  Artikel  und
Qualitäten,  der  Einfluß  des  raschen  Modewechsels  auf  die  Fertigwarenpreise ­
  und  der  Ernten  auf  die  Rohstoffpreise  läßt  eine  Festsetzung  der
Preise  durch  Warenpreistabellen  nicht  zu.  So  bleibt  nur  die  Möglichkeit,
ein  für  alle  Mitglieder  gültiges  Kalkulationsschema  aufzustellen,  mit  dessen
Hilfe  sich  durch  Einsetzen  vorgeschriebener  Spesensätze  die  Preise  be-
        <pb n="112" />
        —  io6  —
rechnen  lassen.  Die  Bestimmung  der  Spesensätze  erlaubt  eine  Anpassung
an  die  Schwankungen  des  Rohstoff-  und  Fertigwarenmarktes.
Preisfestsetzungen  verlangen  schließlich,  daß  sich  das  Angebot  nach
der  Nachfrage  richtet.  Dieses  Ziel  suchte  man  auf  indirektem  Wege  zu
erreichen.  Man  kontingentierte  den  Absatz  der  Mitglieder  und  nicht  die
Produktion,  erreichte  aber  durch  die  Höhe  der  Entschädigungen  die  bei
Überschreitungen  des  Anteils  gezahlt  werden  müssen,  daß  sich  die  Erzeugung ­
  der  Anteilsziffer  schließlich  anpaßte.
Wo  die  weitgehende  Spezialisation  den  Ausbau  der  Konditionenkartelle
zu  Preiskartellen  unmöglich  machte,  bot  die  erreichte  Monopolstellung
den  Ausweg,  Teilkartelle  unter  dem  Schutze  des  Hauptkartells  zu  bilden,
denen  die  Regelung  der  Sonderaufgaben  zufällt.
Die  Fortschritte  der  Kartellbildung  in  der  Textilindustrie  haben  den
Beweis  erbracht,  daß  diesen  Organisationen  nicht  so  enge  Grenzen  gezogen
sind,  wie  man  anfänglich  angenommen  hatte.  Der  neue  Weg  hat  unter
den  schwierigsten  Verhältnissen  außerordentliche  Erfolge  gezeitigt.  Wie
weit  sein  Anwendungsgebiet  reicht,  wie  weit  er  durch  Anpassung  an
andere  Verhältnisse  an  Kraft  gewinnt,  muß  die  Zukunft  lehren.
        <pb n="113" />
        2.  Die  Trusts.

a)  Die  Trustformen.
Das  klassische  Land  der  Trusts  sind  die  Vereinigten  Staaten.  Der
Trust  ist  ursprünglich  eine  Institution  des  englischen  Rechts  mit  dem
Zweck,  das  Aufbewahrungs-,  Verwaltungs-  und  Verfügungsrecht  —  nicht
aber  das  Eigentumsrecht  über  irgendwelche  Vermögensteile  in  die  Hände
eines  mit  besonderen  Rechten  und  Pflichten  ausgestatteten  Verwalters
„trustee“  zu  übertragen  (von  Halle).  Seit  den  8oer  Jahren  begann  man
das  Rechtsinstitut  der  Treuhand  in  einzelnen  Gewerbezweigen  zu  dem
Zweck  anzuwenden,  um  die  Hauptmasse  der  bisher  selbständigen  Unternehmungen ­
  einer  einheitlichen  Verwaltung  zu  unterwerfen.
Der  bekannteste  der  älteren  Trusts  ist  der  Standard  Oil  Trust.  Schon
in  dem  Kartell  der  Petroleum-Raffinerien,  das  1872  errichtet  wurde,  spielte
die  Standard  Oil  Company  of  Ohio  die  Hauptrolle.  1879  wurde  ein  Teil  der
kapitalistischen  Interessen  der  Petroleumindustrie  in  den  Händen  von  drei
Treuhändern,  darunter  Rockfeiler  vereinigt.  Eine  monopolistische  Herrschaft ­
  über  das  Petroleumgewerbe  vermochten  Rockfeller  und  seine  Verbündeten ­
  erst  nach  der  Errichtung  des  Standard  Oil  Trusts,  seit  1882,  aus
zuüben.  Die  Aktien  der  sämtlichen  in  den  Trust  ein  tretenden  Unternehmungen, ­
  46  an  der  Zahl,  wurden  einem  Komitee  von  9  Personen,  den
board  of  trustees,  überliefert.  Die  Besitzer  erhielten  an  Stelle  der  Aktien
Zertifikate  ausgehändigt,  an  die  das  Dividenden  bezugsrecht,  der  Anteil
am  Gesamtgewinn,  gebunden  war;  denn  die  Gewinne  aller  Einzelunternehmungen, ­
  die  unter  ihrem  alten  Namen  fortbestanden,  flössen  in  eine
gemeinsame  Kasse.  Das  Verwaltungs-  und  Verfügungsrecht  über  sämtliche ­
  Einzelunternehmungen  des  Trusts  lag  von  nun  ab  in  den  Händen  der
neun  trustees.
In  gleicher  Weise  entstanden  in  den  80er  Jahren  der  Whisky-Trust,
der  Zuckertrust  und  die  Zusammenfassungen  in  anderen  Industriezweigen,
z.  B.  der  Zigaretten-,  Blei-  und  ßindfadenindustrie.
        <pb n="114" />
        io8

Schon  bald  aber  wurde  diesen  Organisationen  die  Rechtsbasis  entzogen. ­
  Eine  Antitrustbewegung  setzte  ein,  wesentlich  getrieben  vom
Mißtrauen,  das  man  den  Trusts  entgegen  brachte,  da  man  zwar  ihre  Wirkungen ­
  fühlte,  sie  selbst  aber  dem  Auge  der  Öffentlichkeit  verborgen
blieben.  Das  Tatsachenmaterial,  das  eine  Reihe  von  öffentlichen  und
privaten  Untersuchungen  zutage  förderte,  steigerte  den  Entrüstungssturm
und  führte  in  den  meisten  Einzelstaaten  zu  Antitrustgesetzen.  Dem  Vorgehen ­
  schloss  sich  auch  die  Union  durch  die  Sherman  Bill  von  1890  an.
Die  Folge  dieses  ersten  Kampfes  gegen  die  Trusts  war  aber  nur  ein  Verschwinden ­
  der  alten  Form;  die  Organisationen  selbst  blieben  bestehen.
Die  Rechtsform  des  Trusts  wurde  verlassen,  der  Name  Trust  ist  aber  auf
die  neuen  Rechtsformen  übertragen  worden.  Drei  Wege  standen  den
Trusts  offen:
x.  Der  Whisky-  und  der  Zuckertrust  verschmolzen  die  bisher  scheinbar
noch  selbständigen  Einzelunternehmungen  zu  einer  einzigen  Gesellschaft.
Die  Inhaber  der  Zertifikate  wurden  die  Aktionäre.
2.  Der  Petroleumtrust  löste  sich  1891  in  20  Gesellschaften  auf.  Da  die
neun  Trustees  über  die  Mehrheit  der  Zertifikate  verfügten,  wurden  sie  jetzt
auch  Hauptaktionäre  der  20  Gesellschaften.  Die  Leitung  blieb  also  in  ihrer
Hand.
3.  Endlich  benutzte  man  seit  den  90  er  Jahren  die  Rechtsform  der
Holding  Company,  der  Kontrollgesellschaft,  allgemeiner  um  mehrere  Gesellschaften ­
  einer  einheitlichen  Leitung  zu  unterwerfen.  Die  Holding
Company  setzt  sich  in  den  Besitz  mindestens  der  Mehrheit  der  stimmberechtigten ­
  Aktien  aller  Unternehmungen,  auf  die  sich  die  Kontrolle  erstrecken ­
  soll.  Diese  Möglichkeit  verwertete  im  Jahre  1900  auch  die  Standard
Oil  Company.  Sie  gestaltete  ihre  Gesellschaft  im  Staate  New  Jersey  zu
einer  Holding  Company  aus,  in  deren  Händen  die  Mehrheit  der  Aktien  nicht
nur  der  20  Einzelgesellschaften  übergingen,  sondern  auch  noch  von  50
neuen  Gesellschaften,  die  inzwischen  gegründet  oder  unter  Rockefellers
Kontrolle  gekommen  waren.
Wie  diese  Umwandlung  des  Standard  Oil  Trusts  zeigt,  ist  der  dritte
Weg  nur  eine  Verbesserung  des  zweiten  Weges.  An  die  Stelle  der  Hauptaktionäre ­
  der  Einzelgesellschaften  tritt  die  Holding  Company,  und  die
Mehrheit  ihrer  stimmberechtigten  Aktien  genügt,  um  alle  Unternehmungen,
die  sie  kontrolliert,  zu  beherrschen.  Aus  diesem  Grunde  hat  auch  die  Holding ­
  Company  eine  viel  größere  Bedeutung  in  der  Entwicklung  der  Trusts
erlangt,  als  die  Riesenfusion,  die  völlige  Verschmelzung  aller  Trustunternehmungen. ­
  Die  Holding  Company  kommt  der  ursprünglichen  Trustform
am  nächsten:  die  Einzelgesellschaften  bleiben  bestehen  und  die  Herrschaft
beruht  auf  der  Zusammenfassung  der  Stimmenmehrheit  ihrer  Effekten.
        <pb n="115" />
        109

Die  gewaltige  Ausbreitung  der  Trustbewegung  auf  der  Basis  der  Riesenfusionen ­
  oder  der  Holding  Companies  war  trotz  der  Antitrustgesetzgebung
nur  möglich,  weil  sich  einzelne  Staaten  im  Interesse  ihrer  Finanzen  dem
Kampfe  nicht  anschlossen;  sie  erleichterten  die  Trustgründung  und  strichen
die  hohen  Gebühren  ein.  Jede  in  einem  Staat  errichtete  Aktiengesellschaft
kann  aber  nach  den  bundesstaatlichen  Gesetzen  in  allen  übrigen  Staaten
Geschäfte  treiben.  Den  Kontrollgesellschaften  wurde  ganz  besonders  der
der  Weg  durch  das  Vorgehen  des  Staates  New  Jersey  geebnet,  der  1899
ein  Gesetz  erließ,  wonach  Gesellschaften  errichtet  werden  dürfen,  die  nur
den  Zweck  haben,  Effekten  anderer  Gesellschaften  zu  besitzen  und  Dividenden ­
  einzusammeln.
Aber  nicht  alle  Organisationen,  auf  die  in  den  Vereinigten  Staaten
der  Name  Trust  angewendet  wird,  können  im  Sinne  unserer  Gegenüberstellung ­
  als  Gegenstücke  zu  den  Kartellen  betrachtet  werden.  Als  Trusts
werden  fast  alle  Fusionen  und  Kontrollgesellschaften  kleineren  Umfanges
vielfach  auch  Interessengemeinschaften,  die  durch  Aktienbesitz  an  fremden
Unternehmungen  begründet  sind,  bezeichnet.  Nur  eine  kleine  Zahl  der
sogenannten  Trusts  hat  eine  monopolistische  Tendenz  und  nur  diese  können
unseren  Kartellen  gegenübergestellt  werden;  nur  auf  sie  sollen  sich  die
folgenden  Ausführungen  beziehen.
Eine  eigenartige  Trustform  möge  hier  noch  erwähnt  werden,  nämlich
der  Votingtrust.  Bei  ihm  handelt  es  sich  nicht  um  die  Zusammenfassung
mehrerer  Unternehmungen,  sondern  um  die  Zusammenfassung  des  Stimmrechtes ­
  der  Effekten  nur  eines  Unternehmens.  In  Amerika  kann  man  das
;  Stimmrecht  ohne  den  Besitz  der  Aktie  übertragen.  Die  Trennung  von
Stimme  und  Aktie  ist  der  Zweck  des  Votingtrusts.  Das  Stimmrecht  wird
einigen  wenigen  Trustees,  sei  es  mit  oder  ohne  speziellen  Auftrag,  übergeben.
Mag  der  Aktionär  seine  Aktie  veräußern  oder  verpfänden,  die  Stimme
bleibt  den  Treuhändern.  Mannigfache  Zwecke  können  durch  die  Trennung
von  Stimme  und  Aktie  verfolgt  werden;  daß  sie  auch  eine  wichtige  Waffe
gegen  den  Aufsaugungsprozeß  der  Trusts  bilden,  leuchtet  ein.  Der  wichtigste ­
  Gegner  des  Standard  Oil  Trusts,  die  Pure  Oil  Company,  hat  das
Stimmrecht  ihrer  Effekten  einem  Votingtrust  übertragen.  Durch  Aufkäufen ­
  ihrer  Aktien  vermag  also  der  Standard  Oiltrust  die  Herrschaft  über
die  Pure  Oil  Co.  nicht  zu  erlangen.
Die  Antitrustgesetzgebung  hat  die  monopolistischen  Organisationen
nicht  niedergezwungen,  trotzdem  aber  eine  Wirkung  von  weittragender
Bedeutung  hervorgerufen.  Nach  der  ursprünglichen  Rechtsform  der
Trusts  wurde  den  Treuhändern  durch  Übergabe  der  Aktien  nur  das  Verwaltungs-
  und  Verfügungsrecht,  nicht  das  Besitzrecht  anvertraut.  In  den
neuen  Trusts  ist  die  Herrschaft  über  das  Gesamtunternehmen  an  den  Be-
        <pb n="116" />
        sitz  der  Aktien  geknüpft  und  damit  der  Kapitalmacht  eine  ganz  andere
Rolle  zugewiesen  worden.  Die  Trusts  sind  heute  Organisationen  auf  der
Basis  des  Besitzes.

b)  Die  Trustgründung.
Der  Vorgang  der  Trustgründung  weist  keine  Eigentümlichkeiten  auf,
die  nicht  auch  die  Gründung  der  nicht  monopolistischen  Fusionen  und
Kontrollgesellschaften  in  Amerika  charakterisierten.  Ihre  Darstellung  ist
aber  zur  Vervollständigung  des  Bildes  der  amerikanischen  Trusts  notwendig. ­

Der  Trust,  als  Organisation  auf  der  Basis  des  Besitzes,  verlangt  erhebliche ­
  Kapitalmassen.  Die  nächstliegende  Frage  ist  die  nach  der  Größe
dieser  Summen.  Die  notwendige  Effektenmasse  hängt  zunächst  von  der
Organisationsform  ab.  Handelt  es  sich  um  eine  Riesenfusion,  um  die
Gründung  einer  neuen  Aktiengesellschaft,  die  alle  zu  vertrustenden  Einzelunternehmungen ­
  umfaßt,  dann  muß  das  Trustkapital  mindestens  den  Wert
der  vereinigten  Unternehmungen,  das  notwendige  Betriebskapital  und  die
sonstigen  Gründungskosten  decken.  Soll  eine  Holding  Company,  eine  Beteiligungsgesellschaft, ­
  die  Kontrolle  über  die  zu  vertrustenden  Unternehmungen
erwerben,  so  muß  ihr  Kapital  mindestens  die  Ankaufssummen  der  Mehrheit ­
  der  Aktien  der  Einzelgesellschaften  und  die  Gründungskosten  umfassen.
Bei  einer  gesunden  Gründung  findet  im  einen  wie  im  anderen  Falle  die
Kapitalmasse  ihre  oberste  Grenze  in  der  Ertragsfähigkeit  der  Trustunternehmungen, ­
  wobei  natürlich  zu  berücksichtigen  ist,  daß  eine  Beteiligungsgesellschaft, ­
  die  nur  einen  Teil  der  Effekten  der  vertrusteten  Unternehmungen ­
  im  Besitz  hat,  auch  nur  in  diesem  Verhältnis  an  dem  Ertrage  beteiligt ­
  ist.
Nun  hängt  aber  die  Grenze  der  Kapitalmasse  nicht  ab  von  der  Ertragsfähigkeit, ­
  die  die  Einzelunternehmungen  vor  der  Trustgründung  durchschnittlich ­
  erzielten.  Der  Trust  schaltet  die  Konkurrenz  aus,  er  will  ja  den
Ertrag  heben.  Somit  wird  die  Grenze  durch  die  zukünftige  Ertragsfähigkeit ­
  gegeben.  Aber  was  heißt  zukünftige  Ertragsfähigkeit  ?  Erstens
ermöglicht  die  monopolartige  Stellung  eine  günstigere  Preisgestaltung.
Zweitens  ist  der  Trust,  wie  bereits  gezeigt  wurde,  die  konsequente  Durchführung ­
  der  horizontalen  Kombination,  wodurch  mannigfache  Kostensenkungen ­
  nutzbar  gemacht  werden  können,  die  unter  Umständen  durch
vertikale  Kombination  noch  eine  Verstärkung  erfahren.  Drittens  endlich
darf  man  nicht  vergessen,  daß  Amerika  noch  nicht  wirtschaftlich  vollständig ­
  erschlossen  ist,  als  Kolonisationsgebiet  mit  einer  besonders  raschen
inneren  Marktentwicklung  rechnen  darf,  worin  ebenfalls  gewisse  Chancen
        <pb n="117" />
        III

zur  Ertragssteigerung  besonders  für  Unternehmungen  mit  marktbeherr
sehender  Stellung  liegen.  Wird  die  zukünftige  Ertragssteigerung  als  Basis
der  Kapitalisation  genommen,  so  sind  weite  Grenzen  gegeben.  Je  optimistischer ­
  die  einzelnen  Faktoren,  von  denen  der  Ertrag  abhängt,  eingeschätzt ­
  werden,  desto  mehr  wächst  der  spekulative  Charakter  der  Finanzierung, ­
  verliert  sie  den  realen  Boden,  wandelt  sich  die  Kapitalisation  in
Überkapitalisation.  Wo  aber  die  Grenze  zwischen  beiden,  wo  die  sogenannte
Verwässerung  des  Kapitals  beginnt,  ist  kaum  im  voraus  zu  sagen.
Wann  liegt  Überkapitalisation  vor?  Vergrößert  ein  Unternehmen
seine  Aktienmenge,  sagen  wir  einmal,  durch  Verteilung  neuer  Aktien  an  die
bisherigen  Aktionäre,  nur  in  der  Absicht,  seine  hohe  Rentabilität  zu  verdecken, ­
  durch  Verrechnung  des  gleichen  Ertrages  auf  eine  größere  Aktienzahl ­
  eine  geringere  Verzinsung  vorzutäuschen,  so  liegt  die  Kapitalverwässerung ­
  klar  zutage.  Dieses  Ziel  kann  auch  erreicht  werden,  indem  der
Ausgabekurs  der  neuen  Aktien  eines  Unternehmens  im  Verhältnis  zur
Höhe  der  bezahlten  Dividenden  wesentlich  zu  niedrig  angesetzt  wird.
Ebenso  scheint  eine  Überkapitalisation  bei  einem  neu  errichteten  Unternehmen ­
  verhältnismäßig  leicht  festzustellen  zu  sein.  Entsprechen  die  Erwerbskosten ­
  des  Grund  und  Bodens  den  üblichen  Verkaufspreisen  der
Gegend  und  die  sämtlichen  Bau-  und  Maschinenkosten  den  herrschenden
Marktpreisen,  so  werden  alle  Effektenmassen,  die  jene  Kosten  und  die
notwendigen  Betriebskapitalien  überschreiten,  als  Verwässerung  bezeichnet.
Wie  aber  ist  die  Sachlage  zu  beurteilen,  wenn  dem  Unternehmen  aus
irgendwelchen  Gründen  das  Kapital  nicht  so  willig  zufloß,  wenn  es  z.  B.,
um  sich  die  nötigen  Summen  zu  beschaffen,  die  Aktien  unter  Parikurs,
folglich  eine  größere  Effektenmasse  ausgeben  mußte  ?  Da  die  Summe  der
investierten  und  der  zum  Betrieb  nötigen  Kapitalien  geringer  ist  als  die
Effektenmasse,  liegt  nach  der  üblichen  Auffassung  eine  Kapitalverwässerung ­
  vor.  Dabei  wird  aber  übersehen,  daß  die  Beschaffungskosten  des
Kapitals  ebensogut  zu  den  notwendigen  Ausgaben  gehören,  wie  die  Beschaffungskosten ­
  der  Maschinen,  des  Landes  usw.  Sollen  diese  höheren
Beschaffungskosten  des  Kapitals  die  Überkapitalisation  des  Unternehmens
begründen,  dann  muß  man  z.  B.  auch  die  besonders  hohen  Aufwendungen
für  die  Beschaffung  der  Maschinen  zur  Zeit  einer  Hochkonjunktur,  oder
die  zu  den  sonstigen  Bodenpreisen  in  keinem  Verhältnis  stehenden  Kosten
für  die  Erwerbung  eines  Grundstückes,  das  zur  Betriebserweiterung  unbedingt ­
  notwendig  ist,  aber  vom  zähen  Bauer  billiger  nicht  abgegeben  wird,
in  der  gleichen  Weise  bewerten  und  das  Unternehmen  als  überkapitalisiert
bezeichnen.  Geht  man  aber  soweit,  dann  verliert  das  Wort  Überkapitalisation ­
  jede  praktische  Bedeutung.  Schon  brauchbarer  ist  die  Unterscheidung ­
  zwischen  notwendigen  und  nicht  notwendigen  Auslagen.  Sie  entspricht
auch  dem  ersten  Beispiel,  in  dem  die  Feststellung  der  Überkapitalisation
        <pb n="118" />
        112

keine  Schwierigkeiten  macht.  Nach  dieser  Auffassung  würde  man  erst  von
Überkapitalisation  sprechen  wenn  z.  B.  zur  Kapitalbeschaffung  Aktien
zu  einem  tieferen  Kurs  ausgegeben  werden,  als  er  ohne  Mühe  an  der  Börse
erlangt  werden  könnte,  oder  wenn  Gründer  Maschinen  oder  Land  zu  Preisen
in  das  Unternehmen  einbringen,  die  die  notwendigen  Aufwendungen  auf
dem  Markt  erheblich  übersteigen.  Aber  eine  Unterscheidung,  welche
Kapitalsummen  notwendig  oder  nicht  notwendig  aufgewendet  werden
müssen,  ist  wiederum  ka  im  in  allen  Fällen  durchführbar.  Am  besten
setzt  man  das  Kapital  in  direkter  Beziehung  zum  Ertrag  und  bezeichnet
diejenigen  Unternehmungen  als  überkapitalisiert,  deren  kapitalisierter
Durchschnittsertrag,  errechnet  aus  einer  Periode,  die  mindestens  einen
Auf-  und  Niedergang  des  Wirtschaftslebens  umfassen  muß,  hinter  der
gesamten  Effektenmasse  zurückbleibt.  Der  Ertragswert  zeigt  in  diesem
Falle,  daß  zu  hohe  Kapitalsummen,  sei  es  für  die  Kapitalbeschaffung,  oder
die  Investierung,  oder  die  Reklame,  oder  die  Tätigkeit  der  Leitung  usw.,
oder  für  mehrere  dieser  Zwecke  aufgewendet  worden  sind,  daß  also  das
Unternehmen  überkapitalisiert  ist 1 ).
Kehren  wir  nun  zu  der  Kapitalisation  der  Trusts  zurück.  Beide  Begriffe ­
  der  Überkapitalisation  lassen  sich  anwenden.  Soll  eine  Reihe  bestehender ­
  Unternehmungen  verschmolzen  werden,  dann  spielen  in  ihrer
Bewertung  die  Baukosten,  mit  oder  ohne  Abzug  der  Abnutzung,  gar  keine
Rolle.  Es  hat  demnach  keinen  Zweck,  das  tatsächlich  investierte  Kapital
zu  ermitteln.  Auch  die  Kapitalisation  auf  der  Basis  des  bisher  durchschnittlich ­
  erzielten  Ertrages  kann  nicht  als  Unterlage  dienen,  um  festzustellen,
ob  eine  Überkapitalisation  vorliegt.
Gehen  wir  zunächst  von  dem  ersten  Begriff  der  Überkapitalisation  aus.
Sie  liegt  vor,  wenn  übermäßige,  nicht  notwendige  Aufwendungen  gemacht
sind.  Handelt  es  sich  bei  der  Trustgründung  nicht  um  spekulative  Manöver,
ist  die  Ausschaltung  oder  Einschränkung  der  Konkurrenz  eine  Notwendigkeit, ­
  um  gesunde  wirtschaftliche  Verhältnisse  herbeizuführen,  dann  wird
man  die  Schwierigkeit,  wichtige  Unternehmungen  oder  Aktien  zu  erwerben,
berücksichtigen  müssen.  Zu  dem  Preis  des  bisherigen  Ertragswertes  werden
die  stärkeren  Unternehmungen  nicht  zu  haben  sein.  Um  die  bisherigen
Besitzer  zur  Preisagbe  ihres  Unternehmens  zu  veranlassen,  oder  um  die
nötige  Anzahl  Aktien  zu  erwerben,  wird  man  in  der  Regel  notwendig  ein
höheres  Angebot  machen  müssen.  Wo  aber  die  Grenze  zwischen  den  notwendigen ­
  und  nicht  notwendigen  Aufwendungen  liegt,  wird  sich  nicht  bestimmen ­
  lassen.
Legen  wir  den  zweiten  Begriff  der  Überkapitalisation  unserer  Bewer-*)

  Diesem  Begriff  der  Überkapitalisation  läßt  sich  der  der  Unterkapitalisation
gegenüberstellen,  die  auf  besonders  günstige  Verhältnisse  schließen  läßt.
        <pb n="119" />
        tung  zugrunde,  dann  müssen  wir  von  den  tatsächlich  erzielten  Erträgen
nach  der  Trustgründung  ausgehen.  Im  Moment  der  Gründung  läßt  sich
also  gar  nicht  sagen,  ob  eine  Überkapitalisation  vorliegt  oder  nicht.  Wird
sie  später  festgestellt,  dann  ist  damit  wiederum  nicht  gesagt,  wo  der  Fehler
liegt,  ob  in  den  zu  hohen  Erwerbungskosten  oder  in  den  zu  hohen  sonstigen
Gründungskosten,  von  denen  gleich  die  Rede  ist.  Auf  jeden  Fall  ist  auch
nach  dieser  Auffassung  das  Überschreiten  des  bisherigen  Ertragswertes
bei  der  Erwerbung  der  Einzelunternehmung  noch  kein  Grund,  um  von
einer  Überkapitalisation  zu  sprechen;  dagegen  dürfen  in  Anbetracht  der
übrigen  Gründungskosten  die  Erwerbungskosten  aller  Trustunternehmungen ­
  dem  zukünftigen  Ertragswert  des  Trusts  nicht  nahe  kommen,  geschweige ­
  denn  ihn  überschreiten.
Da  man  die  Grenze,  wo  die  Verwässerung  des  Kapitals  beginnt,  nicht
bestimmen  kann,  bilden  die  Trustgründungen  auch  ein  geeignetes  Feld
für  spekulative  Köpfe,  die  Gründungen  vornehmen  nicht  in  der  Absicht,
die  konkurrierenden  Unternehmungen  durch  umfassende  Organisationen
auf  eine  gesunde  wirtschaftliche  Basis  zu  stellen,  sondern,  um  durch  Spekulationsmanöver ­
  rasch  große  Gewinne  zu  erzielen.
Zu  den  Erwerbungskosten  kommen  die  Gründungskosten.  Auch  hier
ist  es  schwer,  zu  sagen,  wieweit  sie  die  notwendigen  Aufwendungen  überschreiten. ­
  „In  England  und  Amerika  geschieht  das  Gründen  von  Gesellschaftsunternehmungen ­
  nicht  wie  bei  uns  in  der  Regel  durch  Emissionsbanken, ­
  sondern  ist  das  Geschäft  berufsmäßiger  privater  Gründer  oder
Promotors“ 1 ).  Von  der  Geschicklichkeit  des  Promotors  hängt  oft  der  Erfolg ­
  ab  und  dementsprechend  auch  seine  Vergütung.  So  wurde  dem  Promotor ­
  der  International  Silver  Co.  3%  des  20000000  $  betragenden  Aktienkapitals ­
  als  Vergütung  bewilligt,  während  in  anderen  Fällen  der  Rest  des
von  Anfang  an  festgesetzten  Gesamtkapitals,  der  nach  Durchführung  der
Trustgründung  übrig  bleibt,  dem  Promotor  als  Lohn  zufällt.  Der  Promotor
bedarf  der  Mithilfe  der  Finanzleute.  Der  Trust  kann  nicht  alle  seine  eingegangenen ­
  Verpflichtungen  mit  Trusteffekten  begleichen,  er  bedarf
auch  für  manche  Zwecke  bares  Geld.  Um  Effekten  in  Geld  umzuwandeln,
benutzt  der  Promotor  die  Underwriters.
Die  Finanzierungsmethoden  sind  in  England  und  Amerika  anders  wie
bei  uns.  Man  unterscheidet:  Simultangründung  und  Sukzessivgründung.
In  den  Ländern  der  vorherrschenden  Simultangründung  (Deutschland,
Frankreich,  Belgien)  müssen  sämtliche  Aktien  vor  der  Gründung  übernommen ­
  werden.  Erst  mit  der  Feststellung  des  Statuts  und  der  Übernahme ­
  der  Aktien  gilt  die  Gesellschaft  als  errichtet.  Nach  deutschem

*)  Liefmann,  Beteilungs-  und  Finanzierungsgesellschaften  I.  Aufl.  S.  350.
.Mannstaedt,  Zusammenschluß  im  Gewerbe.  ^
        <pb n="120" />
        —  U4  —
Recht  muß  vor  der  Anmeldung  zum  Register  die  Zeichnung  aller  Aktien
erfolgt  sein 1 ).  Folglich  ist  die  Finanzierung,  die  Zuverfügungstsellung  des-Kapitals,
  in  Deutschland  von  großer  Bedeutung.  „Man  kann  doch  wohl
behaupten,  daß  die  Simultangründung  in  Deutschland  im  Gegensatz  zur
Sukzessivgründung  des  englischen  Rechts  es  gewesen  ist,  die  dem  deutschen
Effektenbankwesen  seinen  besonderen  Charakter  gegeben  hat" 2 ).  In  den
Ländern  der  Sukzessivgründung  (England,  Amerika)  genügt  der  Gesellschaftsvertrag ­
  zur  Errichtung  der  Gesellschaft.  Eine  Finanzierung  ist  vor
der  Gründung  nicht  nötig,  mit  anderen  Worten:  Es  braucht  auf  die  Aktien
neu  gegründeter  Gesellschaften  noch  nichts  eingezahlt  zu  sein.  Man  kann
nun  die  Aktien  dem  Publikum  anbieten  und  dieses  so  direkt  die  Geldbeschaffung ­
  vornehmen  lassen.  „Aber  man  empfindet  es  heute  in  den  meisten
Fällen  zweckmäßiger,  den  Absatz  der  Aktien  und  damit  die  Geldbeschaffung
von  vornherein  etwas  mehr  zu  sichern  als  dies  bei  bloßem  Angebot  an  das
Publikum  der  Fall  ist.  Daher  schiebt  sich  meistens  zwischen  dem  Vorgang
der  Errichtung  der  Aktiengesellschaft  und  der  eigentlichen  Emission  als
besondere  finanzielle  Tätigkeit  die  der  Underwriters.  Underwriters  sind
die  privaten  Bankiers  oder  merchants,  die  die  Geldbeschaffung  mit  ihrem
eigenen  Kapital  oder  auch  in  Verbindung  mit  ihren  Freunden  und  ihrer
Kundschaft  als  riskantes,  aber  auch  sehr  einträgliches  Geschäft  vornehmen,,
ferner  die  sogenannten  Financial  Companies 3 ),  die  alle  Arten  von  Kreditgeschäften ­
  machen,  die  man  in  England  nicht  als  Bankgeschäfte  zu  bezeichnen ­
  pflegt,  in  denVereinigten  Staaten  namentlich  die  Trustcompanies 4 ),,
die  ganz  besonders  eine  Vereinigung  der  verschiedensten  Geld-,  Kredit-  und
Effektengeschäfte  darstellen.“  „Derartige  Unternehmungen  zeichnen
jede  einen  Teilbetrag  und  verpflichten  sich  auch  in  der  Regel,  die  vom
Publikum  nicht  übernommenen  Stücke  selbst  aufzunehmen.  Sie  suchen
sie  dann  teils  in  ihrer  Kundschaft,  teils  durch  Verkauf  an  der  Börse  später
wieder  abzustoßen.“
l )  Sukzessivgründung  ist  infolge  der  Bestimmung  des  HGB.  §  189  und  durchdie
  Börsengesetzgebung  (Sperrjahr)  sehr  erschwert.
a )  Liefmann  a.  a.  O.  S.  432.
s )  Die  Financial  Companies  betrieben  zunächst  als  Hauptgeschäft  mit  eigenem
oder  fremdem  Kapital  die  Beleihung  von  Effekten,  die  die  Gründer  nicht  an  das
Publikum  abgestoßen  hatten,  dann  trat  mehr  die  Tätigkeit  des  Underwriting  hervor
und  schließlich  gingen  sie  zum  Teil  dazu  über,  selbst  neue  Gesellschaften  ins  Leben
zu  rufen,  also  die  Tätigkeit  des  Promotors  und  des  finanzierenden  Kapitalisten  auszuüben. ­
  Siehe  Liefinan  a.  a.  O.  S.  355.
4 )  Die  Trustcompanies  waren  ursprünglich  Vermögensverwaltungsgesellschaften,
denen  die  Vermögen  zu  treuen  Händen  übergeben  waren.  Mit  der  Vermögensverwaltung ­
  entwickelte  sich  bald  die  Annahme  von  Depositen  und  ihre  Verwendung  in  der
Form  kurzfristiger  Kreditgewährung,  das  eigentliche  Bankgeschäft.  Sie  machen  heute
schon  alle  Arten  Geschäfte,  so  vor  allem  Effektengeschäfte.  Liefmann  S.  360..
        <pb n="121" />
        —  IIS  —
Da  die  Tätigkeit  der  Underwriters  bei  der  Trustgründung  von  großer
Wichtigkeit  ist,  so  ist  sie  auch  entsprechend  vergütet  worden.  Das  Bankhaus ­
  Seligman  &amp;amp;  Co.  New  York  soll  für  die  Finanzierung  der  American
Steel  and  Wire  Co.  n  Millionen  Dollar  Stammaktien  erhalten  haben 1 ).
Stets  war  es  von  großem  Einfluß,  wenn  auf  der  Subskriptionsliste  bereits
der  Name  eines  Bankhauses  stand.  So  ließ  man  sich  die  Beteiligung  der
Bank  etwas  kosten.  Es  soll  in  der  schlimmsten  Zeit  der  spekulativen  Trustgründungen ­
  nicht  selten  vorgekommen  sein,  daß  Präsidenten  und  Direktoren ­
  durch  große  Stammaktienbeträge  bestochen  worden  sind,  um  ihre
Bank  zur  Zeichnung  der  Subskription  zu  veranlassen 2 ).
Die  Hindernisse,  die  der  Trustgründung  entgegenstehen,  werden  in
den  meisten  Fällen  durch  Kapitalaufwand  überwunden.  Je  stärker  die
Widerstände,  desto  mehr  entfernt  sich  die  Kapitalmasse  des  Trusts  von  der
Basis  der  bisherigen  Ertragsfähigkeit  der  vereinigten  Unternehmungen,
antizipiert  die  zukünftige  Ertragsfähigkeit.
Diese  Aufzählung  erschöpft  noch  nicht  die  Gründe,  die  die  hohe  Kapitalisation
  erklären.  Nach  Vogelstein  haben  die  Trusts  auch  ein  Interesse,
sich  bei  der  Gründung  eine  Kapitalreserve  für  spätere  Bedürfnisse  zu
sichern,  um  unabhängig  von  den  Kreditgebern  zu  sein.  Dieses  Streben
ist  wiederum  eine  Folge  des  amerikanischen  Systems  der  Finanzierung.
Handelt  es  sich  um  die  Beschaffung  großer  Kapitalsummen,  die  zur  Entwicklung ­
  eines  Unternehmens  notwendig  sind,  dann  kann  der  Amerikaner ­
  nicht  wie  der  Deutsche  auf  sein  Bankhaus  zurückgreifen.  Unsere
Großbanken  gewähren  weitgehenden  Kredit,  der  dann  zur  geeigneten
Zeit  mit  ihrer  Hilfe  durch  eine  Effektenemission  abgestoßen  wird.  Die
Nationalbanken  der  Vereinigten  Staaten,  deren  Zahl  sich  auf  über  7000
beläuft,  sind  reine  Depositenbanken,  die  nur  das  reguläre  Bankgeschäft
betreiben.  Als  Depositenbanken  unterliegen  sie  besonderen  Vorschriften,
deren  wichtigste  verlangt,  daß  die  Kreditgewährung  an  einen  Kunden
ein  Zehntel  des  Aktienkapitals  nicht  überschreitet.  Das  Aktienkapital ­
  der  Nationalbanken  ist  aber  sehr  gering,  weil  sie  keine  Filialen  errichten ­
  dürfen  und  weil  sie  nur  kurzfristige  Kreditgeschäfte  betreiben,
wozu  sie  in  erster  Linie  die  Depositen  verwenden.  Somit  erwachsen  dem
Kunden  erhebliche  Schwierigkeiten,  wenn  er  größeren  Kredit  in  Anspruch
nehmen  muß.  Er  ist  gezwungen,  sich  an  eine  größere  Anzahl  Banken  zu
wenden.  „Jede  dieser  Banken  ist  nur  in  geringem  Maße  än  dem  Wohlergehen ­
  des  betreffenden  Unternehmens  interessiert.  Eine  Aktienbeteiligung,
ein  Emissionsgewinn  steht  für  sie  nicht  in  Aussicht,  da  dieser  Geschäfts-')

  Lewenz,  Die  Finanzierung  und  die  Preisbildung  der  Trusts  1903  S.  27.
2 )  Jenks  a.  a.  O.  S.  96.

8*
        <pb n="122" />
        r

n6

zweig  Sache  des  privaten  Bankiers  ist.“  „So  leicht  es  in  normalen  Zeiten
gelingt,  den  von  der  einen  Bank  nicht  erneuerten  Kredit  bei  einer  anderen
zu  erhalten,  an  Krisen  tagen  steht  der  Industrielle  hilflos  den  Kreditkündigungen ­
  gegenüber  und  kann  trotz  größter  Aktivität  seiner  Bilanz  zur
Zahlungseinstellung  gezwungen  werden,  falls  ihm  nicht  ein  Privatbankier,
ein  Finanzier  oder  ein  Händler  die  Hand  zur  Rettung  darreicht,  für  die  er
dann  meist  einen  hohen  Preis  zu  zahlen  hat“ 1 ).  Er  gerät  also  in  Abhängigkeit. ­
  Die  Schwierigkeit  der  Kreditbeschaffung  wächst  mit  der  Größe  des
Unternehmens,  demnach  rät  eine  vorsorgliche  Politik  manchen  Trusts,
sich  gleich  bei  der  Gründung  durch  hohe  Kapitalisation  eine  Reserve
zu  schaffen.
Richtet  sich  die  Kapitalisation  mehr  oder  minder  nach  der  zukünftigen
Ertragsfähigkeit,  so  liegt  darin  auch  noch  der  privatwirtschaftliche  Vorteil,
daß  der  Einblick  in  die  wirtschaftliche  Lage  des  Trusts  erschwert  wird.
Je  höher  die  Gewinne,  desto  stärker  ist  auch  der  Anreiz  zum  Wettbewerb.
Die  größere  Kapitalmasse  täuscht  einen  niedrigen  Gewinn  vor.
Vom  volkswirtschaftlichen  Standpunkt  ließe  sich,  wenn  wir  von  den
spekulativen  Trustgründungen  absehen,  zugunsten  der  Kapitalisation
nach  dem  zukünftigen  Ertragswert  anführen,  daß  sich  die  Gewinne  auf
eine  größere  Personenzahl  verteilen,  weil  die  Effektenmasse  größer  ist  und
folglich  in  der  Regel  auch  die  Zersplitterung  des  Besitzes.
Um  die  gewaltigen  Summen  der  Trustkapitalien  aufzubringen,  stehen
drei  Effektenarten  zur  Verfügung:  i.  die  common  shares  oder  Stammaktien,
2.  die.  preferred  shares  oder  Vorzugsaktien  und  3.  die  bonds  oder  Obligationen. ­
  Durch  die  Art  ihrer  Bevorzugung  werden  die  preferred  shares  den
bonds  in  der  Sicherheit  der  Zinszahlung  nahezu  gleichgestellt.  Ihnen  wird
eine  bestimmte  Dividende  z.  B.  6  oder  7%  vorweg  zugesichert,  ehe  auf  die
Stammaktien  ein  Gewinn  ausgeteilt  werden  darf  und  vielfach  wird  dieses
Vorrecht  noch  durch  die  Bestimmung  erhöht,  daß  die  Dividende,  falls  sie
in  ungünstigen  Jahren  ausgefallen  ist,  vollständig  nachgezahlt  werden  muß,
ehe  bei  späteren  günstigeren  Geschäftsabschlüssen  die  Stammaktien  einen
Gewinnanteil  beanspruchen  können.  Für  das  Unternehmen  besteht  aber
ein  wesentlicher  Unterschied,  ob  es  sich  die  Kapitalien  durch  Ausgabe  von
bonds  oder  preferred  shares  beschafft  hat.  Ist  es  nicht  in  der  Lage  die
Bondszinsen  zu  den  bestimmten  Terminen  auszuzahlen,  dann  wird  es  nach
den  Gesetzen  als  zahlungsunfähig  erklärt,  und  durch  die  Einführung  der
Zwangsverwaltung  geht  die  Leitung  in  die  Hände  der  Vertreter  der  Gläubiger ­
  über.  Das  Unvermögen,  auf  die  Vorzugsaktien  eine  Dividende  auszuzahlen, ­
  hat  eine  Bankrotterklärung  nicht  zur  Folge.
*)  Vogelstein,  Die  finanzielle  Organisation  der  kapitalistischen  Industrie  und
die  Monopolbildungen.  Grundriß  der  Sozialökonomie  Bd.  VI  S.  196/97.
        <pb n="123" />
        *

—  117  —
In  der  Aufbringung  des  Kapitals  durch  die  verschiedenen  Effektenarten
  folgten  die  Trusts  bekannten  Vorbildern.  So  haben  z.  B.  die  amerikanischen ­
  Eisenbahnen  das  ganze  Anlagekapital  durch  Ausgabe  meherer
Serien  von  bonds  aufgebracht,  die  durch  Verpfändung  der  Anlagen,  des
rollenden  Materials,  der  den  großen  Linien  vom  Staate  überlassenen  Landstreifen ­
  oder  durch  Hinterlegung  sonstiger  Werte  sicher  gestellt  wurden.
Darüber  hinaus  gaben  sie  Aktien  oft  schon  im  gleichen  Betrage  aus.  Diese
Aktien  galten  als  rechtmäßiger  Besitz  der  Promotors,  die  einen  Teil  als
Bonus  den  Subskribenten  der  bonds  zu  überlassen  pflegten.  Der  Wert  dieser
Aktien  hing  von  der  Möglichkeit  und  der  Höhe  der  Dividendenzahlung
ab.  Er  stützte  sich  auf  die  zukünftige  Ertragssteigerung,  als  Folge  des
steigenden  Personen-  und  Frachtverkehrs  und  der  Verwertung  des  Landbesitzes, ­
  auf  die  man  mit  Sicherheit  rechnen  konnte.  Dieser  Weg  der  Kapitalbeschaffung ­
  steht  nur  solchen  Unternehmungen  offen,  die  sich  auf  eine
rasch  steigende  Nachfrage  und  eine  monopolartige  Stellung  stützen  können,
oder  deren  zukünftige  Ertragsfäbigkeit  durch  Senkung  der  Produktions-  und
und  Absatzkosten  einen  erheblichen  Zu  wachs  erfährt.  Beide  Voraussetzungen
treffen  für  jene  Trusts,  die  nicht  das  Produkt  eines  Spekulationsmanövers
sind,  zu.  Durchweg  haben  die  Trusts  einen  mehr  oder  minder  großen  Teil
des  notwendigen  Kapitals  entweder  durch  Anleihen,  durch  Obligationen,
aufgebracht  oder,  um  nicht  im  gegebenen  Falle  der  Bankrotterklärung  zu
verfallen,  durch  Vorzugsaktien,  so  daß  die  Stammaktien  teilweise  oder  ganz
in  den  Händen  der  Organisatoren  und  Gründer  verblieben.  Da  bei  manchen
Trusts  die  Obligationen  und  Vorzugsaktien  bereits  den  nach  der  bisherigen
Ertragsfähigkeit  berechneten  Wert  der  Unternehmungen  ganz  erheblich
übersteigen,  ist  vielfach  eine  Dividendenlosigkeit  oder  zu  geringe  Verzinsung ­
  der  Stammaktien  und  gelegentlich  auch  der  Vorzugsaktien  die  Folge.
Diese  Unternehmungen  sind  überkapitalisiert.  Carnegie  war  deshalb  auch
so  vorsichtig,  sich  für  die  großen  Werte,  die  er  in  den  Stahltrust  einbrachte, ­
  Obligationen  geben  zu  lassen.
Verschwindet  die  Kapitalverwässerung  nicht  von  selbst  infolge  der
Marktentwicklung,  so  kann  das  Wasser  wieder  herausgepumpt  werden
entweder  durch  Anpassung  des  Wertes  der  gesamten  Trustunternehmungen
an  die  Effektenmasse,  indem  man  durch  Ausnutzung  aller  Möglichkeiten,
die  Produktions-  und  Absatzkosten  zu  senken,  den  Ertrag  steigert  und
gleichzeitig  erhebliche  Rückstellungen  aus  den  Gewinnen  macht,  oder
durch  Anpassung  der  Effektenmasse  an  den  wirklichen  Wert  des  Trusts,
also  durch  Sanierung,  durch  Aktienzusammenlegung.
In  den  Vereinigten  Staaten  zerfällt  das  Aktienkapital  häufig  in  stimmberechtigte ­
  und  nicht  stimmberechtigte  Aktien;  entweder  den  common
shares  oder  den  preferred  shares  ist  das  Stimmrecht  allein  Vorbehalten.
        <pb n="124" />
        —  ii8  —
Dadurch  gewinnt  die  Verteilung  des  gesamten  Gesellschaftsvermögens
auf  die  drei  Effektenarten  noch  eine  erhöhte  Bedeutung  und  wird  die  starke
Bevorzugung  der  Organisationsform  der  Holding  Company  noch  verständlicher. ­
  Wird  das  Vermögen  einer  Gesellschaft  durch  ioo  Millionen  stimmberechtigter ­
  Stammaktien  und  150  Millionen  Obligationen  und  Vorzugsaktien ­
  dargestellt,  dann  genügt  der  Besitz  von  50  Millionen  Stammaktien,
um  das  ganze  Gesellschaftsvermögen  zu  beherrschen.  Meist  genügt  in  der
Praxis  eine  geringere  Menge,  da  sich  der  zur  Erlangung  der  Mehrheit
fehlende  Betrag  mit  geliehenem  Gelde  oder  durch  Terminkäufe  jederzeit
beschaffen  läßt.  Eine  Holding  Company  kontrolliert  eine  Reihe  Untermungen
  durch  den  Besitz  der  Mehrheit  der  stimmberechtigten  Aktien.  Ihr
eigenes  Kapital  zerfällt  ebenfalls  in  Obligationen,  nicht  stimmberechtigte
und  stimmberechtigte  Aktien,  und  nur  der  Besitz  der  Hälfte  dieser  stimmberechtigten ­
  Aktien  genügt,  um  den  ganzen  Komplex  von  Unternehmungen
zu  beherrschen.  Werden  wiederun  mehrere  Beteiligungsgesellschaften  durch
eine  übergeordnete  Beteiligungsgesellschaft  zusammengefaßt,  so  weitet
sich  der  Herrschaftsbereich,  der  womöglich  mit  derselben  Kapitalsumme
verwaltet  werden  kann,  ganz  erheblich  aus 1 ).  Es  wächst  die  Macht  des
Kapitals;  verhältnismäßig  kleine  Summen  genügen,  um  die  zahlreichen
von  einem  Trust  zusammengefaßten  Unternehmungen  einem  einheitlichen
Willen  zu  unterwerfen.  Daß  diese  Macht  mißbraucht  werden  kann,  ist
selbstverständlich.  Reizt  die  ganze  Art  der  Bewertung  und  der  Kapitalbeschaffung, ­
  wie  wir  sahen,,  zur  Spekulation,  so  wird  die  Erreichung  des
Spekulationszweckes  durch  jenes  System  von  Beteiligungsgesellschaften
wesentlich  erleichtert.  Stellen  wir  aber  den  Kartellen  die  Trusts  gegenüber,
dann  müssen  wir  nur  jene  ins  Auge  fassen,  die  eine  Verbesserung  der  wirtschaftlichen ­
  Lage  der  vereinigten  Unternehmungen  anstreben.
Die  Trusts  sind  Organisationen  auf  der  Basis  des  Besitzes.  Auf  die
Schilderung  der  Besitzergreifung  folgt  nun  die  Zusammenstellung  der
Vorteile,  die  aus  dem  Besitz  entspringen.
c)  Die  Marktstellung  der  Trusts.
Da  der  Trust  die  konsequente  Durchführung  der  horizontalen  Kombination ­
  darstellt,  fallen  ihm  auch  alle  jene  Vorteile  zu,  die  bereits  bei  der
Darstellung  dieser  Organisationstendenzen  erörtert  wurden.  Sichert  die
marktbeherrschende  Stellung  eine  günstige  Preispolitik,  so  ermöglicht  die
horizontale  Kombination  eine  Senkung  der  Absatz-  und  der  Produktionskosten. ­
  Die  Zusammenfassung  des  Absatzes  zahlreicher  Unternehmungen,

J )  Liefmann  a.  a.  O.  S.  258.
        <pb n="125" />
        —  119  —
■die  bisher  im  Wettkampf  miteinander  lagen,  vereinfacht  die  Arbeit,  so  daß
«ine  erhebliche  Ersparnis  an  Arbeitskräften  und  Arbeitsraum  erzielt  wird.
Die  American  Steel  and  Wire  Company  konnte  die  Zahl  allein  der
Reisenden  um  200  verringern.  Nicht  minder  wirkt  die  Zusammenfassung
■des  Absatzes  auf  die  Reklamekosten.  Ganz  erhebliche  Beträge  werden
an  den  Ausgaben  für  Fracht  erspart,  da  stets  das  zum  Besteller  am  nächsten
liegende  Werk  den  Auftrag  erhält.  Mr.  Geates  von  der  American  Steel
and  Wire  Co.  schätzte  die  jährlichen  Minderausgaben  für  Fracht  auf
500000  $.  Nach  dem  Gründungsprospekt  der  International  Silver  Co.
wurden  die  Ersparnisse  an  Verkaufsräumen,  Gehalt  von  Reisenden,  Reiseunkosten, ­
  Bureaupersonal,  Zeichnern,  Maschinisten,  Annoncen  im  ganzen
auf  1350000  $  angegeben.
Das  Hauptmittel  zur  Senkung  der  Produktionskosten  ist,  wie  im  Abschnitt ­
  über  die  Kombinationsbestrebung  gezeigt  wurde,  abgesehen  von
technischen  Verbesserungen,  die  möglichst  vollkommene  Ausnutzung  der
vorhandenen  Anlagen.  Dieses  Ziel  kann  ein  Trist:  eine  horizontale
Kombination  mit  monopolistischer  Tendenz,  die  also  den  größten  Teil  der
Produktionsstätten  einer  Branche  umfaßt,  nur  auf  zwei  Wegen  erreichen.
1.  Im  Falle  großer  Überproduktion  durch  die  Stillegung  der  Werke,  die
am  ungünstigsten  gelegen  sind  und  wegen  ihrer  mangelhaften  Ausrüstung
am  unvorteilhaftesten  arbeiten.  Dadurch  wird  zwar  nur  einem  Teil  der
Trustunternehmungen  die  Möglichkeit  gegeben,  ihre  Leistungsfähigkeit
vollkommen  auszunutzen.  Dieser  Weg  ist  nur  gangbar,  wenn  die  Gewinne ­
  aus  der  Kostensenkung  die  Verluste  der  Stillegung  überdecken.
Vor  Gründung  des  Whiskytrusts  bestand  ein  Kartell,  das  infolge  der  großen
Überproduktion  den  Brennereien  die  Ausnutzung  ihrer  Leistungsfähigkeit
bis  zu  40%,  zeitweise  sogar  nur  bis  zu  28%  erlaubte.  Nach  der  Gründung
des  Trusts,  der  mehr  als  80  Brennereien  umfaßte,  wurden  alle  bis  auf  12
geschlossen.  Diese  genügten,  um  dieselbe  Produktenmenge  aller  Brennereien
vor  der  Gründung  herzustellen 1 ).
2.  Umfaßt  die  Erzeugung  verschiedene  Warenarten,  Größen  und  Qualitäten, ­
  dann  ermöglicht  die  Zusammenfassung  der  Aufträge,  einzelnen
Fabriken  oder  einzelnen  Abteilungen  nur  die  Herstellung  bestimmter
Größen  und  Qualitäten  zu  übertragen.  Spezialfabriken  entstehen,  die
außerdem  oft  der  Technik  den  Anreiz  zur  Herstellung  von  Spezialmaschinen
geben.  Auf  den  Walzstraßen  der  Stahlwerke  können  zum  Beispiel  innerhalb
eines  gewissen  Spielraumes  die  verschiedensten  Profile  und  Dimensionen
hergestellt  werden.  Verlegt  sich  jedes  Werk  auf  die  Herstellung  aller  Produkte, ­
  so  muß  es  ein  großes  Walzenlager  anlegen  und  mit  den  wechselnden.

J )  Jenks  a.  a.  O.  S.  34.
        <pb n="126" />
        —  120  —
Aufträgen  auch  die  Walzen  auswechseln.  Es  wird  also  das  im  Walzenlager
steckende  Kapital  nur  mangelhaft  ausgenutzt  und  durch  das  häufige
Walzen  wechseln  der  Produktionsprozeß  unterbrochen,  Kraft  und  Zeit  verloren. ­
  Je  größer  die  Zahl  der  Fabriken,  die  durch  horizontale  Kombination
einer  einheitlichen  Leitung  unterworfen  sind,  desto  eher  ist  eine  Spezialisation
  der  einzelnen  Walzstraßen  oder  Fabriken  durchführbar  und  eine
intensivere  Ausnutzung  der  Anlage  ist  die  Folge.  Auf  diesem  Wege  hat  die
American  Steel  Hoop  Co.,  die  85—90  verschiedene  Größen  und  Arten  herstellt, ­
  1  bis  1J2  $  P ro  t  Produktion  erspart.
Selbstverständlich  kann  sich,  wie  jedes  Unternehmen,  ebenso  der  Trust
alle  Vorteile,  also  auch  jene  der  Herabdrückung  der  Kosten  aneignen,
die  durch  vertikale  Kombination  vermittelt  werden.  Abgesehen  von  besonderen ­
  Verhältnissen  wie  z.  B.  denen  der  Eisenindustrie  besteht  aber  der
Hauptzweck  der  vertikalen  Kombination,  wie  wir  sahen,  in  der  Marktunabhängigkeit: ­
  einerseits  in  der  Sicherung  des  Bezuges  der  Roh-  und  Hilfsstoffe, ­
  des  Halbzeuges  und  eventuell  auch  der  Produktionsmittel,  andererseits ­
  in  der  Sicherung  des  Absatzes,  womöglich  bis  zum  letzten  Konsumenten.
Für  den  Trust  als  marktbeherrschende  Organisation  bietet  das  letzte  Ziel
keine  besondere  Schwierigkeit.  Dagegen  besitzt  die  Sicherung  der  Unabhängigkeit ­
  durch  Angliederung  der  Vorstufen  der  Erzeugung,  wenn  es  sich
nicht  gerade  um  einen  Trust  der  Rohstoffstufe  handelt,  eine  erhöhte  Bedeutung. ­
  Auf  allen  Stufen  genügt  die  Angliederung  geeigneter  Erzeugungsstätten ­
  in  einem  Umfang,  daß  die  Unabhängigkeit  verbürgt  ist.  Nur  auf
der  Rohstoffstufe  wird  das  Streben  über  dieses  Ziel  der  Unabhängigkeit  notwendig ­
  hinausgehen.  Die  marktbeherrschende  Stellung  des  Trusts  hängt
wesentlich  von  der  Niederhaltung  neuer  Konkurrenz  ab.  Daraus  ergibt
sich  der  Wunsch,  ein  Monopol  der  wichtigsten  Rohstoffe  zu  erlangen.
Dieses  Streben  wird  noch  verständlicher,  wenn  man  folgendes  berücksichtigt. ­
  Die  vertikale  Kombination  kann  den  Unternehmungen  kleineren
und  kleinsten  Umfanges  oft  größere  Vorteile  in  den  Schoß  werfen  als  den
Trusts:  denn  erstens  ist  in  diesem  Falle  die  Möglichkeit  weit  größer,  daß  sich
nur  die  am  besten  ausgerüsteten  und  am  günstigsten  gelegenen  Einzelunternehmungen ­
  der  verschiedenen  Produktionsstufen  zusammenschließen.
2.  hat  jede  Riesenorganisation,  also  besonders  der  Trust,  mit  höheren  Reibungsverlusten ­
  zu  rechnen.  Die  Vorteile  der  horizontalen  Kombination
wachsen  zwar  zunächst  mit  der  Zahl  der  vereinigten  Unternehmungen,  aber
der  größte  Umfang  der  Kostensenkung  ist  ebenfalls  nicht  von  einer  Monopolstellung ­
  abhängig;  denn  auch  hier  spielen  schließlich  dieselben  Gegenfaktoren ­
  eine  Rolle.  Demnach  fallen  die  Vorteile  der  Kostensenkung  im  Kampf
um  die  marktbeherrschende  Stellung  nur  in  die  Wagschale,  wenn  dem  Trust
ein  Gegner  gegenübertritt,  dem  die  Möglichkeit  zur  ausreichenden  Kom-
        <pb n="127" />
        —  12  X  —
bination  fehlte.  Aber  auch  in  diesem  Falle  fragt  es  sich  noch,  wieweit  die
Vorteile,  die  die  Kombinationen  vermitteln,  durch  die  Verpflichtungen
wieder  ausgeglichen  werden,  die  manchen  Trusts,  besonders  den  überkapitalisierten
  aus  der  Art  der  Kapitalbeschaffung  erwachsen.
Die  Gefahr,  daß  den  Trusts  neue  Konkurrenten  entstehen,  ist  um  so
größer,  je  rascher  sich  die  Marktentwicklung  vollzieht  und  je  reichhaltiger
die  Möglichkeit  ist,  neue  Rohstoffquellen  zu  erschließen.  Daher  kann  auch
in  den  Vereinigten  Staaten  bei  den  meisten  Trusts  mit  monopolistischer
Tendenz  von  einer  wirklich  marktbeherrschenden  Stellung  nicht  die  Rede
sein.
        <pb n="128" />
        3.  Kartell  und  Trust.
Das  Ziel  der  Kartelle  und  Trusts  ist  die  Ausschaltung  oder  weitgehendste ­
  Einschränkung  der  Konkurrenz.  Eine  Gegenüberstellung  der
beiden  Organisationen  hat  jedoch  nur  Sinn,  wenn  auf  seiten  der  Kartelle
nur  die  höchst  entwickelten  Formen,  die  die  Produktion  kontingentieren
und  den  Absatz  einer  gemeinsamen  Verkaufsstelle  übertragen,  berücksichtigt ­
  werden.
Das  Kartell  ist  eine  Organisation  auf  der  Basis  des  Vertrages,  der
Trust  eine  Organisation  auf  der  Basis  des  Besitzes.  Der  Kartellvertrag  ist
an  eine  kündbare  Frist  gebunden  und  beschränkt  die  Selbständigkeit  der
Mitglieder  nur  soweit  die  Vertragspflichten  reichen.  Darin  liegt  die  Hauptschwäche ­
  der  Kartelle.  Die  Divergenz  der  Interessen  ist  nicht  beseitigt,
sondern  nur  zeitweise  überbrückt,  wodurch  der  Leitung  eine  einheitliche
weitblickende  Politik  erschwert  wird.  Der  Trust  sichert  die  einheitliche,
zielbewußte  Leitung,  aber  als  Organisation  auf  der  Basis  des  Besitzes
muß  dieser  Besitz  erst  erworben  werden.  Soweit  nicht  der  Kampf  dem
Trust  die  Wege  ebnet,  werden  die  Hindernisse  durch  Kapital  überwunden.
Hohe  Kapitalisation,  wenn  nicht  Überkapitalisation  ist  die  Folge,  woraus
Verpflichtungen  erwachsen  können,  die  die  Macht  der  Trusts  schwächen.
Allerdings  läßt  sich  dieser  Nachteil  nach  der  Gründung  durch  eine  gesunde
Finanzpolitik  beseitigen  oder  mildern,  während  die  Schwäche  der  Kartelle
wohl  nie  völlig  ausgemerzt  werden  kann.
Das  Kartell  sucht  nun  im  günstigsten  Falle  das  Ziel:  Ausschaltung
der  Konkurrenz  dadurch  zu  erreichen,  daß  es  den  Absatz  der  Mitglieder  in
seine  Hand  zusammenfaßt  und  das  Ausmaß  der  Erzeugung  entsprechend
der  Nachfrage  begrenzt.  Es  beschränkt  sich  auf  die  Absatzorganisation  und
hat  außer  auf  den  Umfang  auf  die  Produktion  keinen  Einfluß.  Sein  Erfolg
hängt  davon  ab,  wieweit  es  ihm  gelingt,  eine  günstigere  Preisgestaltung  zu
erzwingen.  Die  Produktionskosten  der  Mitglieder  werden  dagegen  durch
die  Produktionsbegrenzung  meist  im  ungünstigen  Sinne  beeinflußt.  Dabei
haftet  das  Kartell  in  der  Regel  an  einem,  seltener  an  einigen  wenigen  ver-
        <pb n="129" />
        t
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wandten  Artikeln,  erfaßt  also  in  vielen  Fällen  nur  einen  Teil  der  Erzeugung
seiner  Mitglieder.  Der  Trust  dagegen  beherrscht  die  gesamte  Produktion
und  den  Absatz  seiner  Mitglieder,  sein  Einfluß  erstreckt  sich  nicht  nur  auf
die  Preise,  sondern  auch  auf  die  Kosten.  Daraus  ergibt  sich  wiederum  eine
gewisse  Überlegenheit  des  Trusts  über  das  Kartell.  Über  die  Größe  der
Überlegenheit  ist  damit  aber  nichts  ausgesagt,  sie  kann  in  den  einzelnen
Fällen  bis  zur  Bedeutungslosigkeit  einschrumpfen.
Ein  Kartell,  das  Groß-  und  Kleinbetriebe,  reine  und  kombinierte
Unternehmungen  umfaßt,  wird  auf  die  höheren  Produktionskosten  seiner
schwächeren  Mitglieder  Rücksicht  nehmen  müssen.  Das  einzige  Mittel,
die  Differenz  der  Produktionskosten  zu  mildern,  nämlich  Stillegung  der
Werke  mit  den  höchsten  Kosten,  könnte  nur  für  die  Kartelle  mit  fester
Organisation  in  Frage  kommen;  aber  auch  diese  wenden  es  nur  selten  an,
da  eine  Stillegung  meist  ohne  Besitzerwerbung  unmöglich  ist  und  im  Falle
einer  Auflösung  des  Kartells  die  Regelung  des  gemeinsamen  Besitzes  die
größten  Schwierigkeiten  bereitet.  Ein  Trust  dagegen  wird  unter  den  gleichen
Verhältnissen  die  Produktionskosten  der  vereinigten  Werke  weit  günstiger
beeinflussen  können.  Besteht  das  Kartell  dagegen  aus  wenigen  großen
Unternehmungen,  die  sich  alle  Vorteile  der  vertikalen  Kombination  zu
eigen  gemacht  haben  und  wegen  ihrer  Größe  auch  die  der  horizontalen
Kombination  mehr  oder  minder  genießen,  dann  wird  ein  Trust  keine  wesentlich ­
  besseren  Resultate  erzielen.  Er  wird  vielleicht  eine  größere  Spezialisation
  unter  den  einzelnen  Werken  durchführen  können,  als  es  in  ihren  Abteilungen ­
  bisher  möglich  war.  Einer  Spezialisation  zwischen  den  Mitgliedern
eines  Kartells  steht  die  Gefahr  der  Kartellauflösung  entgegen,  daher  ist
von  den  Bestimmungen  des  Stahlwerksverbandes,  die  diese  Möglichkeit
vorsahen,  kein  Gebrauch  gemacht  worden.  Eine  Vertrustung  so  mächtiger
Unternehmungen,  wie  die  Stahlwerke,  wird  aber  die  größten  Schwierigkeiten
bereiten,  so  daß  eine  höhe  Kapitulation  die  Folge  ist  und  die  Gefahr  besteht,
daß  die  aus  der  Finanzierung  erwachsenen  Verpflichtungen  die  Vorteile
zum  Teil  wieder  aufheben.  Wenn  sich  in  einem  solchen  Falle  der  Trust  des
einen  Landes  dem  Kartell  des  anderen  überlegen  erweist,  dann  beruht  die
größere  Macht  weniger  auf  der  Verschiedenheit  der  Organisation  als  auf  der
der  Produktionsbedingungen,  sei  es  daß  ergiebigere  Rohstoffquellen  zur
Verfügung  stehen,  sei  es,  daß  das  Kapital  billiger  ist,  sei  es,  daß  andere  Vorzüge ­
  ihren  Einfluß  ausüben.
Hieraus  ergibt  sich,  daß  auch  im  Kampf  mit  den  Außenseitern  der
Trust  nur  in  jenen  Fällen  eine  erhebliche  Überlegenheit  über  das  Kartell
besitzt,  in  denen  sein  Einfluß  auf  die  Produktionskosten  groß  ist.  Die  Kartelle ­
  wollen  die  im  Konkurrenzkampf  gesunkenen  Preise  den  Kosten  anpassen ­
  und  müssen  sich  nach  den  unter  den  ungünstigsten  Verhältnissen
        <pb n="130" />
        124

arbeitenden  Mitgliedern  richten.  Ein  Preiskampf  ist  für  sie  immer  verlustreich ­
  und  meist  erfolglos;  denn  wer  dem  Kartell  fern  bleibt,  wagt  es  in  der
Regel  im  Vertrauen  auf  seine  günstige  Lage.  Der  Trust,  der  durch  Rücksichtnahme ­
  auf  teuer  arbeitende  Werke  nicht  gebunden  ist,  wird  den  Preiskampf ­
  um  so  eher  mit  Erfolg  wagen  dürfen,  je  mehr  er  ohne  Verluste  seine
Preise  unter  die  seines  Gegners  senken  kann.  Mit  der  Überlegenheit  des
Trusts  über  das  Kartell  verschwindet  auch  seine  Vorzugsstellung  im  Kampf
mit  den  Außenseitern.  Wenn  man  also  mit  Recht  betont,  daß  ein  Kartell,
um  die  für  die  Gesamtheit  seiner  Mitglieder  günstige  Preisgestaltung  durchzusetzen, ­
  mindestens  80—90%  der  gesamten  Erzeugung  umfassen  muß,
so  darf  man  nicht  vergessen,  daß  ein  Trust,  um  eine  marktbeherrschende
Stellung  zu  erlangen,  sich  nur  dann  mit  einem  geringeren  Prozentsatz  begnügen ­
  kann,  wenn  er  mit  niedrigeren  Kosten  arbeitet  als  die  Außenseiter,
denn  der  Trust  garantiert  ja  nicht  die  niedrigsten  Produktionskosten.
Konnten  wir  schon  bei  der  Besprechung  der  Kombinationstendenzen  hervorheben, ­
  daß  das  Ziel  der  Kombination  nicht  die  Erreichung  der  absolut
niedrigsten  Produktionskosten  ist,  so  gilt  das  erst  recht  von  den  Trusts.
Das  Ziel  der  Trusts  ist  die  marktbeherrschende  Stellung  und,  wenn  es  sich
nicht  um  spekulative  Trustgründungen  handelt,  die  Beseitigung  des  Mißverhältnisses ­
  zwischen  Kosten  und  Preis  als  Folge  des  ungezügelten  Wettkampfes. ­
  Die  Monopolstellung  wird  meist  nicht  vollkommen  zu  erreichen
sein  und  in  manchen  Fällen  werden  sich  die  Produktionskosten  des  Trusts
höher  stellen  als  die  des  einen  oder  anderen  Außenseiters.
Im  großen  ganzen  bleibt  eine  Überlegenheit  des  Trusts  über  das  Kartell ­
  bestehen,  so  daß  die  Frage  berechtigt  ist,  warum  haben  sich,in  den  Vereinigten ­
  Staaten  die  Trusts,  in  Deutschland  dagegen  die  Kartelle  entwickelt
und  warum  hat  in  England  weder  die  eine  noch  die  andere  Organisationsform ­
  eine  beherrschende  Stellung  erlangt.
        <pb n="131" />
        4.  Die  Organisationsbestrebungen  in  den  Vereinigten
Staaten,  England  und  Deutschland.
Die  Vereinigten  Staaten.
Blickt  man  auf  die  vielen  spekulativen  Trustbildungen,  berücksichtigt
man  die  Überkapitalisationen,  die  selbst  die  Basis  der  zukünftigen  Ertragssteigerung ­
  oft  erheblich  überragen,  so  scheint  für  die  Trustbildung  ein  ganz
anderes  Motiv  maßgebend  zu  sein,  als  die  Beseitigung  des  ungünstigen
Verhältnisses  von  Angebot  und  Nachfrage,  als  der  Wunsch:  durch  Konkurrenzregulierung ­
  die  Rentabilität  der  Unternehmungen  zu  sichern  und
außerdem  durch  Ausnutzung  der  Kombinationsvorteile  die  Produktionsund ­
  Absatzkosten  den  Preisen  wieder  anzupassen.  Es  scheint  die  Bewegung
ganz  den  Launen  und  Wünschen  des  Kapitals  entsprungen  zu  sein,  das  sich
mit  einem  möglichst  hohen  Gewinnaufschlag  durch  Ausschlachten  spekulativer ­
  Gründungen  und  durch  Ausnützung  der  gewaltsam  geschaffenen
Monopole  zu  verwerten  strebt.  Doch  von  diesem  Mißbrauch  der  Trustorganisation, ­
  mag  er  auch  noch  so  üppig  ins  Kraut  schießen,  muß  man
absehen,  wenn  man  die  Bedeutung  und  das  Wesen  der  Trusts  erfassen  will.
Ganz  die  gleichen  Auswüchse  zeigten  ja  die  Anfänge  der  Organisationsform ­
  der  Aktiengesellschaft.  Man  muß  sich  z.  B.  der  Bubbles  Acte  erinnern, ­
  die  1718  in  England  zur  Zeit  des  Südseekrieges  erlassen  wurden,
um  die  unzähligen  Schwindelaktiengesellschaften,  die  Seifenblasen  (Bubbles), ­
  die  in  jener  Zeit  des  Taumels  aus  dem  Boden  schossen,  zu  unterdrücken, ­
  und  die  doch  der  Gründungs-  und  Spekulationswut  nicht  wesentlich ­
  Abbruch  zu  tun  vermochten.  Näher  liegt  uns  allerdings  der  Gründungsschwindel ­
  zu  Anfang  der  70er  Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts.  Die
Bedeutung  und  das  Wesen  der  Aktiengesellschaften  wird  niemand  aus
diesen  Mißbräuchen  ableiten  wollen.  Wenn  in  der  ersten  Hochkonjunktur, ­
  nachdem  die  neuen  Trustformen  gefunden  waren,  die  Trustgründungen ­
  und  besonders  die  spekulativen  einen  so  gewaltigen  Umfang  annahmen,
  so  lagen  besonders  günstige  Umstände  vor.
        <pb n="132" />
        126

Zu  ihnen  gehört  zunächst  der  Charakter  des  Volkes.  Vogelstein  schreibt:
„Es  ist  geradezu  eklatant,  in  den  alten  Reiseberichten  europäischer,  vor
allem  französischer  Beobachter  dieselben  Urteile  über  amerikanischen
Geschäftsgeist,  amerikanisches  Arbeitstempo,  aber  auch  amerikanische
Kulturlosigkeit  zu  finden,  die  in  den  Erzählungen  neuer  Amerikafahrer
und  in  den  Vorstellungen  aller  Europäer  einen  weiten  Raum  einnehmen.“
„Ein  Volk,  das  sich  dem  Geldverdienen  gewidmet  hat,.  .  .  das  ist  der  durchlaufende ­
  Gedanke  schon  früher  Beobachter.  Selbst  Alexis  de  Tocqueville
erklärt,  daß  er  kein  Land  kenne,  in  dem  der  „armour  d’argent"  einen
größeren  Raum  im  Herzen  der  Menschen  einnehme.  Der  Amerikaner  habe
es  verstanden,  sich  auf  dies  eine  Ziel  zu  konzentrieren.  Das  Verständnis
für  Kunst,  die  Freude  an  der  Natur,  so  wird  behauptet,  gingen  ihm  ab,
und  selbst  die  hohen  moralischen  Prinzipien  würden  zurückgesetzt,  wenn
die  materiellen  Interessen  es  verlangten" 1 ).  Ein  solches  Volk  in  einem
so  reichen  Lande  mit  so  raschem  Aufstieg  mußte  die  Neigung  zu  spekulativen ­
  Geschäften  bis  in  die  untersten  Schichten  entwickeln.  Die  Unterbringung ­
  einer  Unsumme  von  Effekten  monopolistischer  wie  nicht  monopolistischer ­
  Trusts  wäre  sonst  gar  nicht  denkbar  gewesen.  Dazu  fehlt  ein
einheitliches  Aktiengesetz,  das  einen  ausreichenden  Schutz  der  Aktionäre
vor  der  Übervorteilung  durch  die  Gründer  und  Geschäftsleiter  gewährt,
während  andererseits  die  Börsen  nach  dem  New  Yorker  Vorbild  autonome, ­
  von  jeder  Staatseinmischung  freie  Vereinigungen  sind.  Kann  man
sich  da  wundern,  wenn  die  neuen  Trustformen  in  einer  glänzenden  Hochkonjunktur ­
  und  gefördert  durch  das  Entgegenkommen  einiger  Staaten,
wie  vor  allem  des  Staates  New  Jersey,  in  weitestem  Maße  angewendet
wurde  ?  Es  entstand  nach  den  Erfolgen  der  ersten  Trustunternehmungen
ein  Taumel,  der  Glaube,  daß  diese  Organisationsform  überall  anwendbar,
überall,  wie  auch  die  Prospekte  behaupteten,  die  größten  Gewinne  notwendig ­
  bringen  müßte.  Mögen  auch  die  Truststatistiken,  wonach  in  den
Jahren  1898—1901  die  amerikanischen  Trusts  im  ganzen  ein  Kapital
von  ca.  9  Milliarden  $  darstellen  sollen  —  darunter  allein  industrielle
Trusts  mit  einem  Kapital  von  3—4  Milliarden  $  —  nicht  zuverlässig  sein,
diese  Zahlen  und  auch  jene  Angaben,  daß  im  Jahre  1907  ca.  250  monopolistische ­
  Trusts  mit  etwa  7  Milliarden  $  ausgegebenem  Effektenkapital
vorhanden  gewesen  sein  sollen,  charakterisieren  den  Trusttaumel.
Die  Erklärung  des  raschen  Anwachsens  und  der  Ausartung  der  Trustbewegung ­
  gibt  aber  keinen  Einblick  in  die  tieferen  Gründe  der  Entstehung
dieser  Organisationsbestrebungen  und  ihrer  verschiedenen  Entwicklung  in  i)

i)  Vogelstein,  Organisationsformen  der  Eisenindustrie  und  Textilindustrie
in  England  und  Amerika  1910  S.  170/71.
        <pb n="133" />
        127

Deutschland  und  Amerika.  Wie  die  Kartelle,  so  sind  auch  die  Trusts  im
Grunde  ein  Produkt  des  für  die  Unternehmungen  ungünstigen  Verhältnisses ­
  von  Angebot  und  Nachfrage.  Das  beweist  die  Tatsache,  daß  den
älteren  Trustgründungen  Kartelle  voran  gegangen  sind,  wie  in  der  Petroleumraffinerie, ­
  der  Whiskyindustrie  usw.
Die  Entwicklung  der  amerikanischen  Industrie  mußte  ebenso  ein
Streben  nach  Konkurrenzregulierungen  zeitigen  wie  die  der  deutschen.
Zwar  spielt  in  Amerika  unter  den  Gründen  das  Überangebot  der  Krisenjahre ­
  eine  noch  größere  Rolle  als  bei  uns.  Die  rasche  Besiedlung  dieses
Koloniallandes,  die  schnelle  Ausweitung  des  Wirtschaftskörpers  auf  allen
Gebieten  der  Produktion  und  des  Verkehrs,  aufs  lebhafteste  unterstützt
durch  die  Mithilfe  europäischer  Menschen-  Geld,  und  Warensendung,  war
von  Zeit  zu  Zeit  von  heftigeren  Rückschlägen  begleitet,  als  sie  Europa  zu
verzeichnen  hatte.  Das  Überangebot  der  heimischen  Produkte  wurde  nicht
selten  durch  das  Übermaß  der  eingeführten  Waren  wesentlich  verschlimmert.
Die  nachteiligen  Wirkungen  der  Krisen  wuchsen,  je  größer  die  Unternehmungen ­
  wurden  und  je  stärker  die  Maschinenverwendung  zunahm.  Aber
abgesehen  von  dem  Überangebot  der  Krisenjahre  machte  sich  mit  der
fortschreitenden  Maschinentechnik  auch  in  Amerika  trotz  der  gewaltigen
Ausweitungsmöglichkeiten  des  inneren  Marktes  auf  einzelnen  Erzeugungsgebieten ­
  die  Tendenz  bemerkbar,  die  Produktivkraft  dauernd  über  die
Nachfrage  hinauszutreiben.  Die  Illinois  Steel  Co.  zahlte  von  1892—98  nur
einmal  Dividende,  während  sie  ihre  Leistungsfähigkeit  verdoppelte. 1 )
In  das  Jahr  1893  fiel  eine  schwere  Krisis  und  der  nächste  Aufschwung
setzte  erst  stärker  mit  dem  Jahre  1898  ein.  In  diesen  Jahren  mangelnder
Nachfrage  verdoppelte  also  die  Gesellschaft  ihre  Produktivkraft.  Dieses
Beispiel  ist  kein  Ausnahmefall,  wenn  auch  nicht  überall  eine  Verdoppelung
der  Leistung  erzielt  wurde.  Man  darf  nicht  vergessen,  welchen  erheblichen
Einfluß  die  Maschine,  besonders  die  teilweise  oder  ganz  automatische
Arbeitsmaschine,  infolge  des  notorischen  Arbeitermangels  in  Amerika
ausübt.  Das  starke  Hervortreten  der  Trustbewegung  zu  Ende  der  90er
Jahre  des  vorigen  Jahrhunderts  wird  ohne  Zweifel  zu  einem  guten  Teil  auf
das  Konto  des  technischen  Fortschrittes  zu  setzen  sein.  Wenn  man  andererseits ­
  mit  Recht  darauf  hinweist,  daß  die  Konzentration  und  die  monopolistische ­
  Vertrustung  keineswegs  als  ein  Kriterium  der  gesamten  amerikanischen ­
  Industrie  anzusehen  sei,  so  deutet  sich  darin  nur  an,  daß  entweder
jene  treibenden  Tendenzen  und  folglich  der  Zwang  zur  Konkurrenzregulierung ­
  nicht  auf  allen  Gebieten  der  Erzeugung  die  gleiche  Stärke  haben,.

l )  Lewenz  a.  a.  O.  S.  18.
        <pb n="134" />
        128

oder  besondere  Hindernisse  der  Einengung  des  Wettkampfes  entgegenstehen. ­

Der  nächste  Weg  der  Konkurrenzregulierung:  die  Kartellbildung,
konnte  nicht  zum  Ziel  führen.  Fast  um  dieselbe  Zeit  wie  in  Deutschland
setzte  auch  in  den  Vereinigten  Staaten  eine  Kartellbewegung  ein.  Es  entstanden ­
  Kartelle,  die  die  Produktionsgröße  festsetzten,  die  Gewinne  verteilten, ­
  die  Absatzgebiete  aufteilten,  die  Vergebung  der  Submissionen
regelten,  die  Preise  bestimmten  usw.  Aber  diese  Vereinbarungen  werden
gesetzlich  nicht  anerkannt.  Die  amerikanische  Gesetzbegung  verbietet
nach  englischem  Vorbild  alle  Abreden,  die  zur  Beseitigung  der  freien  Konkurrenz ­
  dienen.  Da  sie  nicht  rechtsverbindlich  sind,  kann  jedes  Kartellmitglied ­
  jederzeit  den  Vertrag  brechen,  ohne  eine  gerichtliche  Verfolgung
befürchten  zu  müssen.  Somit  war  nur  das  persönliche  Interesse  für  die
Mitglieder  maßgebend,  ob  sie  ihre  Verpflichtungen  einhalten  wollten  oder
nicht.
Aber  auch  ohne  jenes  gesetzliche  Verbot  würden  die  Kartelle  nur  ein
mangelndes  Resultat  ermöglicht  haben.  Ist  es  schon  schwierig  die  Erzeugung ­
  der  einzelnen  Branchen  eines  so  großen  Wirtschaftsgebietes,  wie  die
Vereinigten  Staaten,  in  Kartellen  zusammenzufassen,  so  bietet  außerdem
die  rasche  Ausweitung  des  inneren  Marktes  und  die  Unerschlossenheit  des
Landes  den  Außenseitern  die  günstigsten  Chancen.  Eine  große  Fusion
gleicher  Erzeugungsstätten,  zumal,  wenn  sie  sich  zugleich  in  vertikaler
Richtung  ausgestaltet,  bietet  auch  ohne  marktbeherrschende  Stellung  bereits ­
  erhebliche  Vorteile.  Sie  wird  den  Konkurrenten  überlegen  sein,  solange ­
  diese  sich  nicht  die  gleiche  Möglichkeit  der  Kostenverbilligung  oder
auf  Grund  eigener  Rohstoffquellen  die  gleiche  sichere  Basis  geschaffen
haben.  Läßt  sich  auf  diesem  Wege  infolge  unüberwindlicher  Hindernisse
eine  Monopolstellung  nicht  erlangen,  dann  wird  wenigstens  durch  die  Verschmelzung ­
  die  Zahl  der  Konkurrenten  erheblich  vermindert  und  dadurch
eine  Kartellbildung  erleichtert.  Solange  eine  Überlegenheit  der  kombinierten ­
  Unternehmungen  über  die  Konkurrenten  vorhanden  ist,  kann  auch
ein  gewisser  Zwang,  die  Kartellvereinbarungen  einzuhalten,  ausgeübt
werden.  Wachsen  die  Konkurrenten  heran,  vermögen  sie  allmählich  zu
gleich  günstigen  Bedingungen  zu  produzieren,  dann  werden  wenigstens
zeitweise  die  gleichen  Interessen  der  wenigen  großen  Konkurrenten  die
Kartellbestrebungen  fördern.  Der  Stahltrust  beherrschte  bei  seiner  Gründung ­
  1901  nur  43%  der  Roheisenerzeugung  und  66%  der  Stahlerzeugung. ­
  Bis  zum  Jahre  1908  war  sein  Anteil  an  der  Stahlerzeugung  auf
56%  zurückgegangen.  Er  bedarf  zur  Stütze  seiner  Preispolitik  der
Kartelle  für  die  wichtigsten  Produkte  die  „heute  wie  vor  der  Gründung
des  Stahltrusts  regulär  den  Markt  zu  kontrollieren  suchen  und  heute
        <pb n="135" />
        129

wie  früher  zu  geeigneter  Zeit  von  den  starken  und  den  kleinen  gesprengt
werden“. 1 )
Da  die  Kartelle  erstens  gesetzlich  verboten  sind  und  zweitens  wegen
der  Marktgestaltung  und  der  großen  Zahl  der  Produzenten  eine  durchgreifende ­
  Besserung  nicht  bringen  konnten,  stand  zur  Ausschaltung  des
Wettkampfes  nur  der  Weg  des  Zusammenschlusses  offen.  Die  alte  Trustform ­
  ermöglichte  ihn  ohne  Kapitalaufwendungen  zu  beschreiten.  Nachdem ­
  auch  diese  Organisationsform  verboten  wurde,  war  das  Ziel  dank
dem  Entgegenkommen  einzelner  Staaten  nur  noch  vermittels  der  Riesenfusionen ­
  und  Beteiligungsgesellschaften  zu  erreichen.  Spekulative  Trustgründungen ­
  und  Überkapitalisationen  waren  die  unliebsamen  Begleiterscheinungen. ­
  Daß  sich  aber  auch  Trusts,  die  eine  gesunde  wirtschaftliche ­
  Basis  erstrebten,  wenn  es  zur  Durchsetzung  der  Organisation  sein
mußte,  des  Mittels  der  Überkapitalisation  bedienen  konnten,  war  eine
Gunst  der  Marktgestaltung.  Die  rasche  Markterweiterung  erleichterte
den  finanziellen  Gesundungsprozeß.
Gefördert  wurde  die  Entstehung  der  monopolistischen  Fusionen  und
Beteiligungsgesellscha  ften  durch  das  Vorherrschen  der  Aktiengesellschaften.
Aber  auch  der  Widerstand  des  Familienbesitzes  ist  drüben  gering *  2 ).  Daß
auch  das  Aktienrecht  und  weiterhin  die  Börsenverfassung  den  Gründungsprozeß ­
  erleichterten,  wurde  bereits  bemerkt.  Die  Banken  spielen  bei
den  herrschenden  Finanzierungsmethoden  eine  untergeordnete  Rolle;
von  ihnen  kann  eine  Hemmung  nicht  ausgehen.
Nach  der  Überwindung  der  Gründungsschwierigkeiten  wird  der  Erfolg ­
  der  Trusts  wesentlich  gesichert  durch  die  Zölle  und  durch  ihren  Einfluß ­
  auf  die  Eisenbahnen.  Während  des  Bürgerkrieges  haben  die  Vereinigten ­
  Staaten  entsprechend  den  inneren  Kriegssteuern  die  Zollmauer
wesentlich  erhöht  und  in  dieser  Höhe  auch  beibehalten,  als  nach  dem
Kriege  die  inneren  Steuern  fielen.  Das  extreme  Hochschutzzollsystem
ist  im  ganzen  bestehen  geblieben  und  gewährt  den  Trusts  weitgehende
Sicherheit  gegen  Konkurrenz  von  außen.
Die  Niederringung  der  inneren  Konkurrenz  gelang  ihnen  in  vielen
Fällen  durch  ihren  Einfluß  auf  die  Bahnen.  Das  amerikanische  Privatbahnsystem ­
  ermöglichte  das  Ausspielen  des  einen  Bahnsystems  gegen
das  andere  seitens  der  größten  Verfrachter,  die  so  durch  ihre  Machtstellung
*)  Vogelstein  a.  a.  O.  S.  259.
2 )  „Ebenso  ist  es  bedeutsam,  daß  einem  solchen  Aufsaugungsprozeß  so  wenig
Widerstand  von  denjenigen  Personen  geleistet  wird,  die  dabei  das  Werk  ihres  Lebens
zu  verteidigen  hätten.  Da  scheint  in  der  Tat  der  rein  sachliche  Gesichtspunkt  des
größten  Vorteils  über  alle  persönlich  ethischen  Werte  den  Sieg  davongetragen  zu
haben.“  Wiedenfeld,  Das  Persönliche  im  modernen  Unternehmertum  1911  S.  41.
Mannstaedt,  Zusammenschluß  im  Gewerbe.  9
        <pb n="136" />
        130

erhebliche  Rabatte  erzwangen.  Noch  günstiger  ist  die  Lage  des  Trusts,
wenn  es  ihm  gelingt,  eine  Kontrolle  über  die  Bahnen  zu  erlangen.  Dadurch ­
  wird  seine  Monopolstellung  gegen  solche  Konkurrenten  gesichert,
die  in  der  Höhe  ihrer  Produktions-  und  Absatzkosten  ihm  gewachsen
oder  sogar  überlegen  sind.
England.
In  England  vollzog  sich  die  Industrieentwicklung  viel  früher  und
langsamer  und  außerdem  die  Marktgestaltung  weit  günstiger  als  auf
dem  Kontinent  und  in  Amerika.  Frühzeitig  spielte  bereits  der  ausländische
Markt  eine  entscheidende  Rolle.  Heftige  Krisen,  die  nicht  unerheblich
durch  den  Wechsel  in  der  Aufnahmefähigkeit  der  ausländischen  Märkte,
besonders  der  überseeischen,  beeinflußt  wurden,  unterbrachen  von  Zeit
zu  Zeit  den  Aufschwung.  Aber  die  schlimmsten  Krisen  fallen  in  die  Zeit
der  geringeren  technischen  Leistungsfähigkeit,  während  in  dem  letzten
Drittel  des  vorigen  Jahrhunderts,  in  den  Jahrzehnten  des  rapiden  technischen ­
  Fortschrittes,  England  mildere  Krisen  zu  verzeichnen  hat.  Diese
Eigentümlichkeit  ist  zum  Teil  in  den  vielseitigen  internationalen  Handelsbeziehungen ­
  begründet,  die  mit  der  wachsenden  Kaufkraft  dieser  Länder
einen  reicheren  Ausgleich  ermöglichten.  Zum  Teil  aber  ist  sie  eine  Folge
der  Wandlung  in  der  englischen  Ausfuhr.  An  die  Stelle  der  Massenartikel
traten  in  der  Ausfuhr  immer  mehr  die  hochwertigen  Qualitätswaren,
traten  ferner  die  Schiffahrtsdienste  der  rasch  wachsenden  englischen
Handelsflotte 1 ).  Die  Massenindustrie  hat  die  stärkste  technische  Leistungssteigerung ­
  aufzuweisen,  ist  somit  der  Gefahr  der  Überproduktion
am  leichtesten  ausgesetzt.  Eine  Entwicklung  der  Gesamtindustrie  zugunsten ­
  der  Herstellung  von  Qualitätswaren  konnte  somit  nicht  ohne
Einfluß  auf  die  Krisen  bleiben.  Dazu  kommt  als  weiteres  Moment,  daß,
die  englische  Industrie  auf  manchen  Gebieten  die  technischen  und  organisatorischen ­
  Fortschritte  nicht  restlos  zur  Durchführung  brachte.  Das
hängt  ohne  Zweifel  zu  einem  guten  Teil  damit  zusammen,  daß  mit  der
wachsenden  Leistungsfähigkeit  der  englischen  Industrie  auch  der  von
England  beherrschte  Weltmarkt  wuchs,  die  Industrie  sich  nicht  erst  den
Markt  erobern  mußte 2 ).  Es  mag  ferner,  wie  man  behauptet,  auch  der  Einx

 )  Eine  genauere  Schilderung  dieser  Wandlung  siehe  Dietzel,  Bedeutet
Export  von  Produktionsmitteln  volkswirtschaftlichen  Selbstmord  ?  1907.
2 )  Allein  schon  die  englische  Zahlungsbilanz  weist  glänzende  Überschüsse  auf,
„im  Durchschnitt  der  letzten  zehn  Jahre  über  2500  Millionen  Mark  .  .  .1  Dieser
Riesenbetrag  setzt  England  in  die  Lage,  immer  neue  Kapitalien  im  Ausland  anzulegen. ­
  Was  spielen  dagegen  die  Auslandsaniagen  anderer  Länder  für  eine  Rolle  b
        <pb n="137" />
        9*

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fluß  der  Gewerkvereine  mitspielen  und  endlich  der  konservative  Sinn
der  Engländer,  ein  Produkt  des  wachsenden  Reichtums,  der  Sättigung,
und  der  Überhebung,  des  Herabsehens  auf  alles  Fremde.  Deutschland
und  Amerika  dagegen  waren  zur  vollkommensten  technischen  Ausgestaltung ­
  ihrer  Industrien  gezwungen.  Deutschland,  ein  an  Rohstoffen
armes  Land,  hat  mit  weit  stärkeren  Transportkosten  zu  rechnen  als  England ­
 1 ).  In  Amerika  sind  die  treibenden  Faktoren  die  hohen  Arbeitslöhne ­
  und  die  großen  Entfernungen.  Nur  soweit  die  Technik  eine
Rohstoffersparnis  erstrebt,  ist  der  Zwang  zur  Anwendung  technischer
Verbesserungen  in  Amerika  nicht  so  groß;  der  erhebliche  Reichtum  ergiebiger ­
  Fundstellen  erlaubt  eine  Verschwendung.
Man  darf  bei  der  Betrachtung  englischer  Verhältnisse  ferner  nicht
vergessen,  daß  dem  kleinen  Inselvolke  durch  seine  weltmarktbeherrschende
Stellung  und  seine  zahlreichen  Kolonien  eine  ganz  andere  Betätigungsmöglichkeit ­
  gegeben  war  und  noch  ist,  sich  folglich  auch  aus  diesen  Gründen ­
  der  Wettkampf  im  Lande,  besonders  der  tatkräftigen  Naturen,  auf
deren  Tätigkeit  der  A.usdehnungsdrang  der  Unternehmungen  zurückzuführen ­
  ist,  nicht  so  heftig  gestaltete.  Während  gerade  in  Deutschland
die  große  Bevölkerung  nicht  nur  jene  reichere  Betätigungsmöglichkeit
entbehrte,  sondern  auch  durch  die  Ausdehnung  des  Bereiches  der  Staatsund ­
  Kommunalbetriebe  das  Arbeitsgebiet  für  führende  Persönlichkeiten
eingeengt  sieht.
Also  langsamere  Industrieentwicklung,  günstigere  Marktgestaltung
und  reichere  Betätigungsmöglichkeit  sind  charakteristisch  für  England.
Die  hieraus  entspringende  geringere  Disproportionalität  zwischen  Angebot ­
  und  Nachfrage  legt  auch  die  Notwendigkeit  zur  Konkurrenzregulierung ­
  weniger  nahe.  Greifen  wir  zwei  Gebiete  heraus,  auf  denen  sich
in  Deutschland  die  erfolgreichsten  Kartelle  entwickelt  haben.  Die  Roheisenerzeugung ­
  Englands  stieg  von  7,5  Mill.  t  im  Jahre  1885  auf  9,7  Mill.  t
im  Jahre  1905  und  auf  10,1  Milk  t  im  Jahre  1910.  Die  deutsche  dagegen
erreichte  in  den  gleichen  Jahren  die  Höhe  von  3,6,  10,8,  14,7  Milk  t  und
stieg  1912  auf  17,6  Milk  t,  während  die  englische  auf  9  Milk  t  zurücksank.
Auf  dem  Gebiet  der  Kohlengewinnung  dagegen  hat  auch  England  eine
ganz  erhebliche  Steigerung  aufzuweisen.  Von  1885—1910  von  161,9  auf
268,6  Milk  t;  Deutschland  von  58,3  auf  152,8  Milk  t.  Aber  Kohle  ist  neben

Deutschlands  Kapitalexport  z.  B.  schwankte  in  den  drei  letzten  Friedensjahren
zwischen  320  und  660  Millionen  Mark!“  Gegen  die  englische  Finanzvormacht.
Sonderabdruck  der  Frankfurter  Zeitung  1915  Seite  16.
r)  In  der  Eisenindustrie  z.  B.  machen  die  Verkehrskosten  in  England  nur
8—10%,  in  Deutschland  28—30%  der  Erzeugungskosten  aus.
        <pb n="138" />
        132

den  Qualitätswaren  der  wichtigste  Ausfuhrartikel  Englands  und  „ganz
unzweifelhaft  steht  dem  Absatz  englischer  Kohlen  zur  alleinigen  Versorgung ­
  ein  sehr  viel  größeres  Gebiet  höchster  Aufnahmefähigkeit  zur
Verfügung  als  den  deutschen  Kohlenrevieren“ 1 ) 2 ).
Ist  schon  das  Streben  nach  Konkurrenzregulierung  geringer,  so
wird  es  noch  gehemmt  durch  die  weitgehende  Arbeitsteilung  nicht  nur
zwischen  Handel  und  Erzeugung,  sondern  auch  innerhalb  dieser  Gebiete,
eine  Arbeitsteilung,  die  England  aus  den  Anfängen  der  Industrieentwicklung ­
  herüber  gerettet  und  im  Laufe  der  Zeit  immer  weiter  ausgestaltet ­
  hat.  Techniker  sind  die  Leiter  der  Fabriken  —  nicht  wie  in  Deutschland, ­
  wo  der  verschärfte  Wettkampf  schon  frühzeitig  den  Kaufmann  an
die  Spitze  brachte,  —  und  Spezialkauf  lei  jte  vermitteln  die  Rohstofflieferung ­
  und  den  Absatz.  Folglich  ist  auch  die  Kreditierung  der  Waren
während  der  Zirkulation  und  der  Produktion  dieser  Arbeitsteilung  angepaßt ­
  und  läuft  wieder  Hand  in  Hand  mit  der  Bankorganisation.  Diese
Arbeitsteilung  hat  einerseits  eine  Risikoverteilung  zur  Folge,  wodurch
in  manchen  Fällen  der  Wunsch  nach  Einschränkung  des  Wettkampfes
gemildert  wird;  andererseits  erschwert  sie  auch  eine  tiefer  greifende  Konkurrenzregulierung, ­
  denn  notwendig  müßten  alle  jene  vielseitigen  Beziehungen, ­
  die  aus  dieser  Arbeitsteilung  entspringen,  mehr  oder  minder
zerrissen  werden.  Eine  Absatzorganisation  durch  eine  Verkaufszentrale,
unterstützt  durch  eine  Produktionskontingentierung,  obgleich  sie  schon
eine  ganz  andere  Umwälzung  bedeutet  wie  bei  uns,  genügt  noch  gar  nicht,
auch  die  Kreditorganisation  müßte  in  manchen  Fällen  den  neuen  Verhältnissen ­
  angepaßt  werden.  Nicht  minder  wird  eine  Trustgründung  auf  diese
Hindernisse  stoßen.
So  können  wir  uns  nicht  wundern,  wenn  wir  zwar  eine  Reihe  Kartelle
in  England  finden,  aber  meist  nur  Kartelle  von  lokaler  Natur  und  in
erster  Linie  Preiskartelle.  Die  Macht  lokaler  Kartelle  kann  in  einem
Lande  mit  so  günstigen  Transportverhältnissen  nur  gering  sein.
Wenn  man  als  weitere  Hindernisse  einer  festen  Kartellorganisation

*)  Wiedenfeld,  Das  Persönliche  S.  23.
2 )  Unter  den  Qualitätswaren,  die  England  in  steigendem  Maße  exportiert,
beanspruchen  eine  besondere  Aufmerksamkeit  die  Maschinen  und  Schiffe.  Zum
Antrieb  dieser  aus  England  bezogenen  Maschinen  und  Schiffe  bedurfte  man  in  kohlenarmen ­
  Ländern,  deren  gewerbliche  Tätigkeit  und  überseeischer  Verkehr  zunahm,  in
steigendem  Maße  britischer  Kohlen.  Die  gewaltige,  rasch  wachsende  englische  Handelsmarine ­
  steigerte  ebenfalls  den  Bedarf  an  Kohlen;  es  schwollen  die  Vorräte  an,  die  an
überseeischen  Kohlenplätzen  aufgestapelt  wurden.  Endlich  wird  auch  der  zunehmende
Bedarf  an  Hausbrandkohlen  mancher  Länder  von  England  gedeckt.  Siehe  Dietzel
a.  a.  O.  S.  31  ff.
        <pb n="139" />
        133

auf  die  Zollfreiheit  hinweist,  ferner  auf  die  Tatsache,  daß  für  einzelne
englische  Industriezweige  eine  größere  Anzahl  Reviere  bestehen,  deren
Produktionsbedingungen  und  Qualitäten  stark  voneinander  abweichen,
so  sind  das  keine  prinzipiellen  Hindernisse.  Das  deutsche  Kohlensyndikat
ist  ohne  Zollschutz  entstanden  und  der  deutsche  Roheisen  verband  sowie
der  Stahlwerksverband  fassen  Reviere  mit  verschiedenen  Produktionsbedingungen ­
  zusammen.  Verweist  man  ferner  auf  die  Notwendigkeit
vieler  englischer  Industrien,  sich  in  der  Hauptsache  auf  den  ausländischen
Markt  stützen  zu  müssen,  wo  eine  marktbeherrschende  Stellung  durch
nationale  Kartelle  nicht  zu  erringen  ist,  so  kann  man  entgegnen,  daß
demnach  das  Streben,  wenigstens  auf  dem  inländischen  Markt  den  Wettkampf ­
  zu  regulieren,  um  so  größer  sein  müßte.  Immerhin  läßt  sich  nicht
leugnen,  daß  alle  diese  Argumente  an  Bedeutung  gewinnen,  wenn  sie
gleichzeitig  in  Frage  kommen.  Endlich  sei  neben  diesen  sachlichen  Momenten ­
  noch  ein  persönliches  Moment  erwähnt:  die  Auffassung,  im  englischen ­
  Unternehmertum  hätten  die  Lehren  des  extremen  Individualismus
zu  festen  Boden  gefaßt,  um  eine  Einschränkung  der  Selbständigkeit  zuzulassen. ­

Der  beste  Beweis,  daß  aber  letzten  Endes  immer  die  Marktgestaltung ­
  und  der  von  ihr  ausgehende  Zwang  entscheidet,  ist  die  Tatsache,
daß  um  die  Wende  des  18.  zum  19.  Jahrhundert  zwei  große  Kartelle  in
England  bestanden:  ein  Kupfer-  und  ein  Kohlenkartell.  Letzteres  hatte
eine  gewisse  Ähnlichkeit  mit  dem  deutschen  Kohlensyndikat.  Es  bestand ­
  von  1770—1844  und  umfaßte  nur  die  Produzenten  des  Grubendistrikts ­
  von  New  Castle,  die  auf  dem  Seewege  London  mit  Kohlen  versorgten. ­
  Als  die  Entwicklung  des  Verkehrswesens  auch  anderen  Distrikten
den  Zugang  zum  Londoner  Markt  erschloß,  brach  im  neuen  Konkurrenzkampf ­
  schließlich  das  Kartell  zusammen 1 ).
Neben  den  Kartellen  wird  in  der  englischen  Statistik  eine  große  Anzahl ­
  Trusts  aufgeführt.  Jedoch  die  Mehrzahl  dieser  Trusts  sind  Fusionen
ohne  monopolistischen  Charakter,  in  der  Hauptsache  entstanden  im  Interesse ­
  des  technischen  Fortschrittes 2 ).  Die  Gründung  monopolistischer
Trusts  wird  vor  allemdurch  zwei  Faktoren  gehemmt.  1.  Infolge  der  Kleinheit ­
  der  Betriebe  auf  manchen  Gebieten,  ein  Erbstück  aus  den  Anfängen
der  Industrieentwicklung,  herrschen  die  Familienbetriebe  vor.  Zwar
besitzen  sie  vielfach  die  Form  der  Aktiengesellschaft,  doch  dient  diese
Form  nur  zur  leichteren  Kapitalbeschaffung  im  engeren  Kreise  der  Verwandten ­
  und  Bekannten.  Der  Hauptaktionär  betrachtet  sich  als  Besitzer,

Lewy,  Englische  Kartelle  der  Vergangenheit.  Schmollers  Jahrbuch  1907.
*)  Wiedenfeld,  Das  Persönliche  S.  29.
        <pb n="140" />
        134

wodurch  der  persönliche  Charakter  der  Unternehmung  bewahrt  bleibt.
Diese  Familienbetriebe  bilden  ein  starkes  Hindernis  der  Aufsaugungspolitik ­
  der  Trusts.  2.  In  England  sind  dieselben  Finanzierungsmethoden
üblich  wie  in  den  Vereinigten  Staaten.  Die  großen  Summen  der  Trusteffekten ­
  müssen  also  direkt  oder  vermittels  der  Financial  Companies
beim  Publikum  untergebracht  werden.  Dieses  zeigt  aber  wenig  Neigung
für  derartige  Effekten.  Die  Großkapitalisten  wie  auch  die  mittleren
Kapitalisten  legen  einen  Teil  ihres  Vermögens  in  industrielle  Unternehmungen ­
  an,  betrachten  aber  alle  diese  Investitionen  als  dauernde  Kapitalanlage. ­
  Der  Kleinkapitalist  kauft  Renten  oder  Eisenbahnwerte,  falls  er
nicht  vorzieht,  ein  kleines  Häuschen  zu  erwerben  oder  sein  Geld  einer
Sparbank  zu  übergeben.  „Kauft  er  einmal  industrielle  Aktien,  so  sollen
sie  für  ihn  genau  wie  für  die  wohlhabenden  Klassen  so  bekannt  sein,  daß
er  sich  wenigstens  einbildet,  ihre  Verhältnisse  genau  beurteilen  zu  können.
Das  englische  Publikum  kauft  Industriepapiere  als  Lokalwerte.  .  .  Einer
großen  trustähnlichen  Fusion,  deren  interne  Verhältnisse  den  Mitgliedern
seines  Klubs  nicht  so  vertraut  sind,  einer  expansionslustigen  Gesellschaft,
die  die  hergebrachten  Formen  sprengt,  die  gewohnten  Dimensionen  rasch
hinter  sich  läßt,  entzieht  er  häufig  schnell  sein  Kapital  und  folgt  damit
denselben  Ideen  wie  die  großen  Kapitalisten,  die  für  ihre  guten  Anlagen
derartig  weit  auslegende  Firmen  ebenfalls  vermeiden.  ...  So  groß  der
Londoner  Markt  für  Renten,  Debentures  und  Obligationen  aller  Art,
für  ausländische  Aktien  und  Minen  ist,  die  Anzahl  der  gehandelten  englischen ­
  Industriepapiere  erscheint  verschwindend  klein,  ihr  Umsatz  und
ihr  Einfluß  auf  den  gesamten  Börsenverkehr  im  Vergleich  zu  Deutschland ­
  minimal“ 1 ).  Ohne  ein  kauflustiges  Publikum  sind  Trustgründungen
in  größerem  Umfange  nicht  durchführbar.

Deutschland.
Deutschland  nimmt  eine  Mittelstellung  zwischen  England  und  Amerika
ein.  Seine  Industrieentwicklung  großen  Stiles  beginnt  erheblich  später
als  in  England,  aber  früher  als  in  den  Vereinigten  Staaten.  Es  drängt
sich  also  wie  dort  der  gewaltige  wirtschaftliche  Aufschwung  auf  verhältnismäßig ­
  wenige  Jahrzehnte  zusammen.  Aber  Deutschland  ist  ein
wirtschaftlich  erschlossenes  Land,  demnach  waren  die  Möglichkeiten  der

*)  Vogelstein,  Die  Industrie  und  der  Kapitalmarkt.  Bankarchiv  VIII.
Jahrg.  1909  S.  341.  Vgl.  auch  den  schon  zitierten  Aufsatz  von  Vogelstein  im  Grundriß ­
  der  Sozialökönomik  Bd.  VI.
        <pb n="141" />
        i35

inneren  Markterweiterung  erheblich  beschränkter  als  in  den  Vereinigten
Staaten.  Ausländische  Absatzgebiete,  wie  in  England,  standen  ebenfalls ­
  nicht  zur  Verfügung,  sie  mußten  erst  erobert  werden.  Schon  die
rasche  Durchführung  der  technischen  Fortschritte  auf  den  vielen  zunächst ­
  noch  kleinen  Unternehmungen  führte  leicht  eine  Übersetzung
des  inneren  Marktes  herbei.  Diese  Gefahr  wurde  durch  die  Notwendigkeit
gesteigert,  im  Wettkampf  auf  dem  Weltmärkte  die  Unzulänglichkeit
und  geringe  Ergiebigkeit  der  heimischen  Rohstoffquellen  und  die  hohen
Transportkosten  durch  höchste  Vervollkommnung  der  Technik  auszugleichen. ­
  Die  Tatsache,  daß  schon  frühzeitig  in  Deutschland  der  Kaufmann ­
  den  Techniker  aus  der  Leitung  der  Unternehmungen  verdrängte,
beweist  am  besten  die  Schwierigkeit,  das  rasch  anschwellende  Angebot
unterzubringen.  Konkurrenzregulierungen,  nicht  nur  für  die  Jahre  des
Niederganges,  waren  ein  dringlicheres  Bedürfnis  als  in  den  Vereinigten
Staaten.  Aber  seine  Befriedigung  gestaltete  sich  auch  leichter;  denn  der
nächstliegende  Weg,  die  Kartellierung,  war  nicht  verboten,  das  Wirtschaftsgebiet ­
  ist  kleiner  und  erschlossen  und  die  Banken,  durch  ihre  finanziellen ­
  Interessen  mit  einer  mehr  oder  minder  großen  Zahl  der  Unternehmungen ­
  gleicher  Branchen  aufs  engste  verknüpft,  liehen  ihre  Unterstützung. ­

Nach  den  amtlichen  Feststellungen  bestehen  in  Deutschland  über
500  Kartelle,  wobei  die  Konditionenvereinbarungen  nicht  mitgezählt
worden  sind.  Man  darf  aber  nicht  den  Hauptwert  auf  die  Ziffer  legen,
sondern  muß  die  Tatsache  berücksichtigen,  daß  sich  das  deutsche  Kartellwesen ­
  zu  immer  höheren,  fester  gefügten  Formen  entwickelt  hat.
Um  den  Wettkampf  vollständig  auszuschalten,  stand  auch  der  Weg
der  Vertrustung  offen.  Die  Zahl  der  deutschen  Trusts  ist  bisher  nur  verschwindend ­
  gering.  Einige  Kontrollgesellschaften  und  zahlreiche  Fusionen ­
  ohne  Monopolstellung  sind  dagegen  vertreten.  Vereinzelt  hat  man
auch  versucht,  wie  z.  B.  in  der  Tapetenindustrie,  die  nicht  befriedigenden
Kartellorganisationen  durch  einen  Trust  zu  ersetzen,  ohne  allerdings
eine  marktbeherrschende  Stellung  zu  erlangen.
Die  geringe  Entwicklung  der  Trusts  ist  zunächst  auf  die  Ausbreitung
der  Kartelle  zurückzuführen,  außerdem  aber  standen  ihr  noch  einige  besondere ­
  Hindernisse  entgegen.  Schon  das  Vorhandensein  der  Familienbetriebe, ­
  selbst  auf  dem  Gebiete  der  Großunternehmung  wie  der  Eisenindustrie, ­
  verschlechtert  die  Aussichten  der  Trustbildung,  nimmt  ihr  in  der
Eisenindustrie  sogar  jede  Möglichkeit  der  Durchführung.  Da  die  Finanzierung ­
  der  Trusts  in  Deutschland  ohne  Mithilfe  der  Banken  nicht  möglich ­
  ist,  müßte  ihre  Mitarbeit  gesichert  sein,  wodurch  spekulative  Trustgründungen, ­
  soweit  sie  nicht  schon  durch  die  gesetzlichen  Bestimmungen
        <pb n="142" />
        136

über  die  Aktiengesellschaften  und  durch  die  Börsenvorschriften  unterdrückt ­
  werden,  so  gut  wie  aussichtslos  erscheinen.  Ferner  würde  auch
die  Unterbringung  der  Effekten  große  Schwierigkeiten  verursachen,
nicht  etwa  deshalb,  weil  die  Spekulationslust  fehlt  —  die  stellt  sich  überall ­
  dort  ein,  wo  rasche  wirtschaftliche  Entwicklung  reiche  Gewinnchancen
bietet  —  sondern  weil  sich  der  deutsche  Aufschwung  unter  ungünstigeren
Bedingungen  vollzog  als  in  Amerika,  die  geringeren  Aussichten  auf  Gewinn ­
  eine  größere  Nüchternheit  erzwangen.  Endlich  darf  man  nicht
vergessen,  daß  bei  manchen  Trustgründungen  eine  Überkapitalisation
gar  nicht  zu  vermeiden  ist.  Nun  bietet  aber  der  innere  deutsche  Markt
nicht  eine  solche  Ausdehnungsmöglichkeit  wie  der  amerikanische  und
der  Auslandsmarkt  muß  in  hartem  Wettkampf  Schritt  für  Schritt  erobert
werden.  Können  sich  also  die  Amerikaner  besonders  in  den  Fällen,
wo  es  sich  nicht  um  spekulative  Trustgründungen  handelt,  eine  Überkapitalisation ­
  erlauben,  da  die  Marktgestaltung  in  absehbarer  Zeit  auch
eine  Rentabilität  des  gesamten  Trustkapitals  in  Aussicht  stellt,  so  sind
in  Deutschland  Überkapitalisationen  als  ein  weit  größeres  Übel  zu  betrachten. ­

Die  überragende  Stellung,  die  die  Kartelle  in  der  gewerblichen  Organisation ­
  Deutschlands  einnehmen,  werden  sie  auch  in  Zukunft  behaupten.
Daß  darin  nicht  ohne  weiteres  eine  Rückständigkeit  liegt,  geht  aus  unserer
Gegenüberstellung  der  beiden  Organisationsformen  hervor,  denn  eine
Überlegenheit  der  Trusts  ganz  allgemein  besteht  nicht.  Da  ferner  unter
dem  Schutze  der  Kartelle  die  Verschmelzungsbestrebungen  nicht  erlahmen, ­
  in  manchen  Fällen,  wie  wir  sahen,  sogar  gefördert  werden,  sich
also  die  Einzelmitglieder  der  Kartelle  mehr  und  mehr  die  Vorteile  der
Trusts  aneignen,  gleicht  sich  deren  Vorsprung  immer  mehr  aus.  Sind
die  gewerblichen  Kartelle  unserer  Marktgestaltung  im  ganzen  besser  angepaßt ­
  als  die  Trusts,  so  garantieren  sie  außerdem  trotz  der  großen  Schwierigkeiten, ­
  die  sie  bei  ihrer  allmählichen  Ausgestaltung  zu  überwinden
haben,  eine  gesundere  wirtschaftliche  Entwicklung  als  der  gewaltsame
Eingriff  der  Trusts  in  die  wirtschaftliche  Organisation.  So  sehr  auch  die
Interessengegensätze,  die  Reibungen  in  den  Kartellen,  als  Kraftvergeudung ­
  zu  bedauern  sind,  so  sehr  sich  diese  Differenzen  auch  in  einzelnen
Fällen  als  direkt  schädlich  erweisen,  so  bedeutet  doch  die  Erhaltung  einer
großen  Zahl  selbständiger  Unternehmer,  ihr  rastloses  Streben  im  Interesse
ihrer  Unternehmungen,  auch  einen  außerordentlichen  Gewinn  an  wirtschaftlicher ­
  Energie,  während  gleichzeitig  das  ewige  Ringen  im  Kartell
zu  werten  ist  als  ein  gewaltiger  Erziehungsprozeß,  über  die  Interessen
der  Einzelunternehmung  zunächst  die  gemeinsamen  Interessen  der  Kartellmitglieder ­
  und  darüber  hinaus  die  gesamten  wirtschaftlichen  Interessen
        <pb n="143" />
        —  137  —
des  Volkes  nicht  zu  vergessen.  Darf  man  auch  als  Resultat  dieses  Erziehungsprozesses ­
  nicht  sofort  Wunder  verlangen,  so  wird  die  ununterbrochene ­
  Wirksamkeit  allmählich  sichtbarere  Spuren  hinterlassen.  Das
Gemeininteresse  läßt  sich  nicht  durch  Predigen  von  außen  in  das  Wirtschaftsleben ­
  hin  ein  tragen,  dafür  ist  das  Gemeininteresse  kein  eindeutiger
Begriff;  es  muß  vom  Wirtschaftsleben  selbst  aus  allmählich  geboren
werden.  Die  Trustorganisation  hingegen  verlangt  als  Untergrund  hochentwickelten
  gemeinnützigen  Sinn  ihrer  Leiter.  Der  rapide  Aufschwung
des  reichen  jungfräulichen  Landes  hat  aber  dem  amerikanischen  Wirtschaftsleben ­
  keine  Gelegenheit  gegeben,  diesen  Sinn  zu  entfalten,  er
war  vielmehr  der  Nährboden  des  krassesten  Gewinnstrebens.  Darin  liegt
die  große  Gefahr  für  Wirtschaftsleben,  Volk  und  Staat.
        <pb n="144" />
        5.  Die  Beurteilung  der  Preispolitik.
Das  wichtigste  Problem  aller  monopolistischen  Organisationen  ist
ihre  Preispolitik  und  besonders  die  Höhe  der  Preise  ist  Gegenstand  der
schärfsten  Kritik.  Dabei  gibt  es  aber  kaum  eine  Frage,  die  schwieriger
zu  beantworten  ist,  wie  die  der  Preisbeurteilung.  Um  das  Gewicht  der
Angriffe  auf  die  Preispolitik  der  Kartelle  und  Trusts  zu  würdigen,  muß
man  auf  die  zwingenden  Faktoren,  die  bei  der  Preisbildung  mitwirken,
achten.  Die  Verhältnisse  liegen  bei  den  Trusts  wesentlich  einfacher,  weil
ein  einheitliches  geschlossenes  Unternehmen  als  Anbieter  auftritt.  Trotzdem ­
  bleibt  die  Beurteilung  der  Preise  schwierig  genug.  Die  folgenden
Darstellungen  befassen  sich  nur  mit  der  Preispolitik  der  Kartelle.
In  der  Zeit  vor  der  Entwicklung  der  Kartelle  sparte  man  sich  im
ganzen  die  Kritik  der  Preishöhe  und  vertraute,  daß  die  freie  Konkurrenz
die  richtigen  Preise  finde.  Nur  eine  allgemeine  Betrachtung  war  möglich,
denn  niemand  war  da,  den  man  für  die  Preishöhe  verantwortlich  machen
konnte.  Das  änderte  sich,  sobald  die  Kartelle  die  Preise  festsetzten.  Um
die  Schwierigkeiten  einer  Beurteilung  der  Preise  klarzulegen,  soll  zunächst
die  Preishöhe,  sodann  die  Bewegung  der  Preise  in  den  Konjunkturen  und
schließlich  das  Verhältnis  der  Auslands-  zu  den  Inlandspreisen  betrachtet
werden.
Wir  gehen  in  der  Erörterung  der  Momente,  die  bei  der  Beurteilung
der  Preishöhe  in  Rücksicht  gezogen  werden  müssen,  von  der  selbstverständlichen ­
  Voraussetzung  aus,  daß  die  Kartelle  nicht  willkürliche  Schöpfungen ­
  des  Kapitals  sind,  sondern  notwendige  Produkte  der  Marktentwicklung ­
  mit  der  Aufgabe,  durch  Zügelung  des  Wettbewerbes  den  Kartellmitgliedern ­
  eine  angemessene  Rentabilität  zu  sichern.
Da  taucht  zunächst  die  Frage  auf,  welcher  Maßstab  der  Beurteilung
der  Preishöhe  zugrunde  gelegt  werden  soll.  Man  muß  sich  hüten,  wie
Liefmann 1 )  mit  vollem  Recht  betont,  mit  ethischen  und  moralischen

*)  Liefmann,  Kartelle  und  Trusts  1910  S.  72.
        <pb n="145" />
        139

Erörterungen  über  die  Berechtigung  der  Unternehmer  zu  hohen  Gewinnen
an  diese  Frage  heranzutreten.  Wo  die  Grenze  zwischen  berechtigtem
und  unberechtigtem  Gewinnstreben  liegt,  vermag  niemand  zu  sagen.
Mit  dem  Maßstab  der  Ethik  und  Moral  verliert  die  Kritik  den  Boden
unter  den  Füßen.  Maßgebend  für  die  Beurteilung  können  allein  die  wirtschaftlichen ­
  Verhältnisse  sein.  Man  muß  also  von  der  Aufgabe  ausgehen,
die  die  Preise  im  Wirtschaftsleben  zu  erfüllen  haben.
Die  Preise  sollen  Angebot  und  Nachfrage  aufeinander  abstimmen.
Sie  sollen  einerseits  durch  ihre  Erhöhung  oder  Senkung  die  Zahl  der  Käufer
vermindern  oder  vermehren,  um  sie  an  das  vorhandene  Angebot  anzupassen; ­
  sie  sollen  andererseits  die  Erzeugung  durch  die  Gewinne  oder
Verluste,  die  sie  verursachen,  zur  Ausdehnung  anreizen  oder  zur  Einschränkung ­
  zwingen,  um  sie  der  vorhandenen  Nachfrage  anzupassen.
Da  nun  aber  mit  zunehmender  Größe  der  Betriebe  und  wachsender  Maschinenverwendung ­
  selbst  Verlustpreise  keineswegs  immer  eine  Einschränkung ­
  der  Erzeugung  oder  eine  Ausschaltung  der  unter  den  ungünstigsten ­
  Bedingungen  arbeitenden  Unternehmungen  zur  Folge  hatten,
während  die  fortschreitende  Technik  die  Gefahr  des  Überangebotes  erhöhte, ­
  griffen  die  Kartelle  in  den  Anpassungsprozeß  zwischen  Angebot
und  Nachfrage  ein.  Auch  unter  den  Kartellen  sollen  die  Preise  durch
ihre  jeweilige  Höhe  die  Verteilung  des  Angebotes  unter  die  Käufer  bewirken, ­
  allerdings  mit  der  Absicht,  die  Preise  möglichst  nicht  unter  die
Kosten  herabsinken  zu  lassen,  was  letzten  Endes  auf  die  Dauer  nur  möglich ­
  ist,  wenn  die  Kartelle  auch  die  zweite  Aufgabe  der  Preise,  die  Regelung ­
  der  Erzeugung  übernehmen.  Das  Ziel  der  Kartelle  ist  die  Hebung
und  Sicherung  der  Rentabilität  ihrer  Mitglieder,  worunter  nicht  die  Erreichung ­
  möglichst  großer  Augenblickserfolge,  sondern  der  größtmögliche
Erfolg  auf  die  Dauer  zu  verstehen  ist.  Diese  Aufgabe  können  die  Kartelle
aber  nur  erfüllen,  wenn  sie  in  ihrer  Preispolitik  weitgehende  Rücksicht
auf  die  Interessen  ihrer  Abnehmer  und  des  gesamten  Wirtschaftslebens
nehmen.
Wer  die  jeweilige  Höhe  der  Kartellpreise  beurteilen  will,  muß  dieses
theoretisch  richtige  Ziel  im  Auge  behalten,  darf  aber  die  praktischen  Verhältnisse ­
  nicht  übersehen.  Auch  der  freie  Wettbewerb  hat  Übertreibungen
der  Preisgestaltung  nach  oben  und  unten  nicht  zu  verhüten  vermocht,
je  nachdem  zu  weitgehender  Optimismus  oder  Pessimismus  die  tonangebenden ­
  Köpfe  beherrschte;  demnach  sind  schon  von  vornherein  Übertreibungen ­
  in  der  Preispolitik  der  Kartelle  zu  erwarten.  Wird  die  Notwendigkeit ­
  der  Existenz  der  Kartelle  anerkannt,  dann  muß  man  auch
berücksichtigen,  daß  diese  Organisationen  in  fortwährendem  Ringen  mit
widerstrebenden  Kräften  eine  allmähliche  Entwicklung  durchlaufen.  Da
        <pb n="146" />
        140

die  Kartelle  die  Selbständigkeit  ihrer  Mitglieder  nur  teilweise  einschränken,
die  Sonderinteressen  der  Einzelunternehmung  keineswegs  immer  mit  dem
Gesamtinteresse  des  Kartells  parallel  laufen,  so  müssen  diese  Divergenzen
notwendig  auch  ihren  Einfluß  auf  die  Preisgestaltung  ausüben.  Schon
die  verschiedenen  Produktionskosten  der  Kartellmitglieder  werden  oft
eine  Preispolitik  erzwingen,  die  dem  theoretischen  Ziel  nicht  entspricht.
Eine  Besserung  der  Preispolitik  hängt  in  solchen  Fällen  oft  von  einer
Milderung  der  Produktionskostendifferenzen  ab.  Man  muß  ferner  die
Entwicklungstendenzen  des  Industriezweiges  beachten.  Rasche  technische ­
  und  organisatorische  Umgestaltungen,  große  Verschiebungen  im
Absatzgebiet  usw.  verschärfen  oder  mindern  die  Gegensätze  im  Kartell.
Es  sei  nur  an  die  großen  Schwierigkeiten  erinnert,  die  aus  der  Zusammenfassung ­
  von  reinen  und  gemischten  Werken  im  Kartell  entspringen.  Die
Gegensätze  mildern  sich,  wenn  für  die  aufeinanderfolgenden  Stufen  des
Produktionszweiges  Kartelle  bestehen,  die  ihre  Preispolitik  aufeinander
abstimmen  können.
Wo  ist  der  Preis,  der  noch  eine  gedeihliche  Wirksamkeit  des  Kartells ­
  zuläßt  und  doch  alle  divergierenden  Interessen  ausgleicht?  Die
Schwierigkeit  der  Beurteilung  der  jeweiligen  Preishöhe  muß  einleuchten.
Im  Einzelfalle  mag  die  freie  Konkurrenz  eine  bessere  Preisgestaltung
ermöglichen.  Aber  was  nutzt  der  Hinweis,  wenn  die  Kartelle  das  Mittel
sind,  die  nachteiligen  Folgen  der  freien  Konkurrenz  zu  beseitigen,  eine
Rückkehr  zu  ihr  also  ebenso  ausgeschlossen  ist.
In  der  Regel  ruft  eine  Übertreibung  der  Kartellpreispolitik  Korrektive ­
  hervor,  sei  es,  daß  sich  die  Weiterverarbeiter  durch  Kombination
unabhängig  machen,  sei  es,  daß  eine  neue  Konkurrenz,  emporblüht  oder
sei  es,  daß  eine  Surrogatindustrie  entsteht.  Aber  das  Auftreten  dieser  Bestrebungen ­
  erlaubt  noch  keinen  Schluß  auf  die  Preispolitik  des  Kartells;
sie  können  allein  schon  dadurch  aussichtsreich  geworden  sein,  daß  das
Kartell  die  durch  den  Wettkampf  zu  stark  geworfenen  Preise  wieder  auf
eine  angemessene  Höhe  hob;  sie  können  sogar  gänzlich  unabhängig  von
den  Wirkungen  des  Kartells  entstanden  sein.
Bisher  haben  wir  die  Konjunkturen  nur  soweit  berührt,  als  die  Verschiebungen ­
  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  einen  Wechsel  der  Preishöhe ­
  bedingen.  Nun  taucht  die  Frage  auf,  ob  die  Konjunkturen  den
Kartellen  noch  eine  besondere  Aufgabe  stellen.  Man  hat  vielfach  von  ihnen
eine  größer?  Stetigkeit  der  Preisbewegung  erwartet.  Wie  ist  dieses  Ziel
aufzufassen  ?  Keineswegs  sollen  die  Kartelle  die  Preisschwankungen  unmöglich ­
  machen,  etwa  nach  der  mittelalterlichen  Idee  des  justum  pretium.
Wäre  es  überhaupt  möglich,  dann  könnten  die  Preise  ihre  wichtigen  Auf-
        <pb n="147" />
        —  141  —
gaben  im  Wirtschaftsleben  nicht  mehr  erfüllen;  dem  Vorteil  stände  ein
schwerer  Nachteil  gegenüber.  „Gerade  das  Schwanken  der  Preise,“  sagt
Eulenburg,  „gibt  den  einzigen  Gradmesser  für  den  jeweiligen  Stand  der
Nachfrage.  Diese  ewig  schwankende  Skala  ist  jedenfalls  außerordentlich
unvollkommen,  aber  sie  bildet  immerhin  unter  den  heutigen  Produktionsverhältnissen ­
  noch  die  beste  Möglichkeit,  um  ein  einigermaßen  zuverlässiges ­
  Urteil  über  die  Marktlage  zu  gewinnen.  Hindert  man  dieses
Barometer,  so  würde  offenbar  die  Orientierung  über  den  Bedarf,  trotz
vorübergehender  Vorteile,  im  ganzen  nur  erschwert  werden“ 1 ).
Nicht  eine  Ausschaltung,  sondern  nur  eine  Mäßigung  der  Preisbewegung ­
  sollen  die  Kartelle  erstreben.  Ist  dieses  Ziel  überhaupt  erreichbar? ­
  Macht  man  sich  klar,  daß  die  Kartelle  auf  die  Ursachen,  die  den
Konjunkturen  zugrunde  liegen,  gar  keinen  Einfluß  haben,  so  kann  schon
aus  diesem  Grunde  ihr  Einfluß  auf  die  Mäßigung  der  Preisbewegung
nicht  allzu  groß  sein.  Auch  hier  muß  man  wieder  von  den  Aufgaben,
die  die  Preise  im  Wirtschaftsleben  zu  erfüllen  haben,  ausgehen.  Im  Falle
eines  zu  geringen  Angebotes  sollen  durch  die  Preissteigerung  so  lange  die
kaufkräftigen  Nachfrager  ausgelesen  werden,  bis  ihr  Bedarf  dem  Angebot
entspricht.  Ist  nicht  demnach  eine  Mäßigung  gänzlich  ausgeschlossen?
In  der  Zeit  eines  kräftigen  Aufschwunges  wird  die  Preissteigerung
das  Ziel  der  Auslese  zunächst  nicht  erreichen.  Die  Nachfragewelle,  die
z.  B.  durch  eine  Füllernte  erzeugt  wird,  läßt  sich  weder  in  ihrer  Stärke
noch  in  ihrem  Einzelverlauf  bestimmen.  Das  Anziehen  der  Preise  der
Rohstoffe,  Halbfabrikate,  Werkzeuge  usw.  bis  zu  den  fertigen  Waren
führt  im  großen  ganzen  nicht  zu  einer  Ausscheidung  der  Minderkauffähigen. ­
  Jeder  Produzent,  sei  es  von  Produktionsmitteln  oder  Endprodukten, ­
  jeder  Händler  rechnet  mit  der  Wahrscheinlichkeit,  seinerseits
die  Preiserhöhung  weiter  wälzen  zu  können.  Diese  Hoffnung  erfüllt  sich
größtenteils,  weil  mit  dem  Aufschwung,  der  z.  B.  infolge  einer  Füllemte
entstanden  ist,  allmählich  auch  die  Kaufkraft  der  letzten  Konsumenten,
vor  allem  der  breiten  Massen,  wächst.  Der  Kaufkraftzuwachs  stockt
erst  im  Höhepunkt  der  Konjunktur.  Es  bezweckt  also  die  Preissteigerung ­
  weniger  eine  Auslese  der  Kauffähigen,  sondern  mehr  eine  Anpassung
der  Preise  an  die  gestiegene  Kaufkraft;  ihre  Bedeutung  liegt  also  hauptsächlich ­
  in  der  Erfüllung  ihrer  zweiten  Aufgabe,  in  der  Anreizung  der
Erzeugung,  sich  der  Nachfrage  anzupassen.  Darf  hier  trotz  der  wachsenden ­
  Nachfrage  durch  Mäßigung  in  der  Preissteigerung  die  Erzeugungsausdehnung ­
  gehemmt  werden?

l )  Eulenburg,  Die  gegenwärtige  Wirtschaftskrise.  Jahrb.  f.  Nat.  u.  Stat,
3.  F.  Bd.  XXIV  1902  S.  368.
        <pb n="148" />
        142

Neben  der  Nachfragewelle,  die,  um  im  Beispiel  zu  bleiben,  durch  die
Tatsache  der  Füllernte  erzeugt  wird,  läuft  schließlich  eine  zweite  Welle
her,  die  durch  den  übertriebenen  Optimismus  genährt  wird,  ein  Produkt
der  Unmöglichkeit,  Stärke  und  Einzelwirkung  der  ersten  Welle  auch
nur  annähernd  zu  schätzen.  Der  übertriebene  Optimismus  führt  zu  einer
gesteigerten  Kreditanspannung,  also  zu  einer  neuen,  nicht  in  einer  objektiven ­
  Tatsache  begründeten  Nachfrage,  deren  Wirkung  sich  ebenfalls ­
  wellenförmig  über  das  Wirtschaftsleben  ausbreitet.  Folgen  die  Preise
auch  diesem  Nachfragezuwachs,  dann  wird  eine  Erzeugungsausdehnung
die  Folge  sein,  die  das  in  den  wirtschaftlichen  Tatsachen  begründete
Maß  mehr  oder  minder  weit  überschreitet  und  in  dem  unausbleiblichen
Rückschlag  doppelt  drückend  wird.  Die  Kartelle  haben  das  größte  Interesse, ­
  jene  übertriebene  Produktionssteigerung  zu  bremsen.  Das  einzige
Mittel,  das  ihnen  zu  diesem  Zweck  zur  Verfügung  steht,  ist  die  Hemmung
der  Preissteigerung,  wodurch  der  Anreiz  der  Erzeugungsausdehnung  wegfällt. ­
  Eine  Mäßigung  in  der  Preispolitik  ist  also  nicht  nur  möglich,  sondern ­
  sogar  erwünscht.  Nur  hat  eine  zielbewußte  Ausübung  zur  Voraussetzung: ­
  ein  sicheres  Erkennen  der  verschiedenen,  sei  es  gleichzeitig,
sei  es  nacheinander  einsetzenden  Faktoren  des  Aufschwunges  und  eine
wenigstens  rohe  Schätzung  ihres  Einflusses  auf  die  Nachfrage.  Wann
und  wieweit  im  Laufe  der  Hochkonjunktur  eine  Mäßigung  der  Preispolitik
einsetzen  soll  und  darf,  vermag  niemand  auch  nur  mit  annähernder  Sicherheit ­
  zu  sagen.
Dazu  kommt  eine  zweite  Schwierigkeit.  Eine  solche  Politik  vermögen ­
  nur  wenige  hochentwickelte  Kartelle  auszuüben.  Aber  die  Mäßigung ­
  eines  kleinen  Teiles  der  Erzeugungssphäre  wird  die  Übertreibungen
des  Optimismus  im  übrigen  Wirtschaftsleben  nicht  verhindern.  Erst
das  Handinhandarbeiten  einer  größeren  Anzahl  festgefügter  Kartelle
könnte  einen  Einfluß  zeitigen.  Die  Folge  ist,  daß  die  Mäßigung  des  einen
Produktionszweiges  oft  die  Übertreibungen  des  anderen  fördert.  Die
festorganisierten  Kartelle  finden  sich  auf  den  unteren  Stufen  der  Erzeugung. ­
  Bleibt  ein  Rohstoffkartell  z.  B.  in  der  Hochkonjunktur  in  der
Preissteigerung  hinter  der  allgemeinen  Aufwärtsbewegung  zurück,  dann
ziehen  die  Verarbeiter  der  Rohstoffe  aus  diesem  Verhalten  erhöhten  Nutzen.
Die  Gewinnsteigerung  reizt  zur  Ausdehnung  oder  Entstehung  neuer
Produktionsstätten  und  die  Folge  ist  verschärfte  Nachfrage  nach  den
Rohstoffen.  Also  das  Kartell  hemmt  die  Produktionsausdehnung  seiner
Mitglieder,  seine  Preispolitik  fördert  das  Streben  nach  Produktionsausdehnung ­
  der  Weiterverarbeiter,  es  wächst  demnach  die  Divergenz  zwischen
Angebot  und  Nachfrage.  Da  durch  die  Preisgestaltung  die  Verteilung  des
Angebotes  auf  die  Kauflustigen  nicht  erfolgt,  muß  sie  das  Kartell  selbst
        <pb n="149" />
        143

vornehmen.  Künstliches  Zurückhalten  der  Preise  und  damit  der  Produktion ­
  bei  überwiegender  Nachfrage  verlangt  notwendig  die  Vorratsverteilung. ­
  Die  mäßige  Preispolitik  ist  den  Weiterverarbeitern  erwünscht,
die  sich  ergebende  Knappheit  an  kartellierten  Erzeugnissen  und  ihre  notwendige ­
  Verteilung  wird  die  schärfsten  Angriffe  hervorrufen.
In  der  Zeit  des  Niederganges  ist  die  Mäßigung  der  Preisbewegung
schon  durch  die  Existenz  der  Kartelle  gegeben,  die  sich  bemühen  werden,
die  Preise  nicht  unter  die  Produktionskosten  sinken  zu  lassen.  Daß  diese
Politik  wiederum  nur  die  festgefügten  Kartelle  befolgen  können,  wurde
schon  oft  betont.  Das  Mittel  zu  diesem  Ziel  ist  die  Einschränkung  der
Erzeugung.  Plhe  der  Tiefpunkt  der  Konjunktur  erreicht  ist,  wird  jede  Preissenkung ­
  der  Vorstufe  von  den  nachfolgenden  Stufen  bis  zum  Händler
zu  dem  Versuch  benutzt,  den  Konkurrenten  durch  Unterbietung  aus  dem
Felde  zu  schlagen.  Eine  Vermehrung  der  Nachfrage  wird  durch  die
Preissenkung  nicht  oder  nur  in  sehr  geringem  Maße  erreicht,  denn  es  sinkt
mit  dem  Niedergang,  mit  dem  Aufhören  der  Wirksamkeit  des  Sonderfaktors, ­
  der  den  Aufstieg  hervorrief,  auch  die  Kaufkraft  der  letzten  Konsumenten, ­
  vor  allem  der  breiten  Massen.  Der  Zweck  der  Preissenkung
ist  also  in  erster  Linie  die  Einschränkung  der  Erzeugung  und  nicht  die
Ausweitung  der  Absatzmöglichkeit.  Da  aber  mit  der  Einschränkung  auch
die  Produktionskosten  wachsen,  ist  es  die  Aufgabe  der  Kartelle,  den
Preis  zu  suchen,  bei  dem  der  größtmögliche  Absatz  erreicht  wird  und  doch
die  Kosten  möglichst  gedeckt  werden.
Die  Gefahr  liegt  vor,  daß  die  Kartelle  beim  Aufstieg  auf  Mäßigung
verzichten,  sie  dagegen  beim  Niedergang  übertreiben.  Doch  gereicht  eine
solche  Politik  nicht  nur  den  Verbrauchern,  sondern  auch  den  Kartellen
selbst  zum  Nachteil.  Zu  starke  Preissteigerung  während  des  Aufschwunges
und  zu  langsame  Preissenkung  während  des  Niederganges  reizt  nicht
nur  die  Kartellmitglieder  zur  Produktionsausdehnung,  sondern  ebnet
auch  neu  entstehender  Konkurrenz  und  eventuell  der  Surrogatindustrie
den  Boden  und  stärkt  die  Unabhängigkeitsbestrebungen  der  Verbraucher.
Eine  Schwächung  der  Kartellmacht  ist  die  Folge.  Wieweit  der  drohende
Nachteil  eine  richtige  Preispolitik  im  Kartell  erzwingt,  hängt  von  der
Stärke  der  Interessengegensätze  im  Kartell  und  von  der  Einsicht  der
Leiter  ab.
In  einem  gegebenen  Falle  ist  es  außerordentlich  schwierig  zu  beurteilen, ­
  ob  und  inwieweit  eine  Mäßigung  in  der  Preispolitik  geherrscht  hat.
So  behauptet  z.  B.  Vogelstein,  daß  in  der  Hochkonjunktur  am  Ende
des  vorigen  Jahrhunderts  die.  Kartelle,  abgesehen  von  wenigen  Ausnahmen,
bis  zum  Schluß  des  Jahres  1898  Mäßigung  geübt  hätten.  Es  wäre  ihnen
ein  Leichtes  gewesen,  durch  Preistreibereien  einen  augenblicklichen  Mehr-
        <pb n="150" />
        144

bedarf  und  eine  Hochkonjunktur  schärfster  Art  hervorzurufen 1 ).  Eulenburg ­
  betont  dagegen,  daß  diese  Auffassung  reines  Phantasma  sei.  „Wie
sollten  denn  die  Leute  mit  einem  Male  1899  vom  Hafer  gestochen  sein,
die  Preise  rein  nach  Laune  und  Willkür  zu  erhöhen?  Sie  haben  nur  die
vorhandene  Marktlage  voll  ausgenutzt  und  die  war  eben  verschieden  von
der  vorangehenden“ 2 ).  Wenn  sich  auch  die  Marktlage  geändert  hatte,
so  kann  doch  eine  Mäßigung  in  der  Preispolitik  geherrscht  haben,  der
Beweis  des  Gegenteils  müßte  also  geführt  werden.  Pohle  hebt  hervor,
daß  sich  ein  direkter  Beweis  nicht  bringen  lasse,  nur  indirekt  sei  er  zu  führen.
Er  sieht  die  Mäßigung  der  Kartelle  auch  in  der  zweiten  Hälfte  jener  Hochkonjunktur ­
  darin,  daß  z.  B.  beim  Kohlen-  und  Kokssyndikat  die  Preise
der  nicht  zum  Kartell  gehörigen  Unternehmungen,  unter  denen  sich  auch
Staatsbetriebe  befanden,  mehrfach  höher  gewesen  sind  wie  die  Syndikatspreise. ­
  „Diese  Tatsache  besagt  .  .  .  daß  die  von  den  Kartellen  vorgenommenen ­
  Preiserhöhungen  ihre  Ursache  nicht  in  der  ökonomischen
Position,  nicht  in  der  Monopolstellung  der  Kartelle  hatten,  sondern  daß
sie  durch  das  damalige  Verhältnis  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  gefordert ­
  waren,  ja  daß  die  Kartelle,  wenn  sie  ihre  Preispolitik  lediglich
nach  der  Dringlichkeit  und  dem  Umfange  der  Nachfrage  eingerichtet
hätten,  berechtigt  gewesen  wären,  noch  höhere  Preise  zu  verlangen,  als
sie  von  Syndikatswegen  festgesetzt  worden  sind" 3 ).  Ferner  hebt  Pohle
die  Tatsache  hervor:  „daß  in  früheren  Aufschwungsperioden  die  Bewegung ­
  der  Kohlen-  und  Eisenpreise  mehrfach  noch  größere  Schwankungen ­
  aufweist,  als  dies  in  der  letzten  Periode  der  Fall  war,  obwohl
diese  nach  Dauer  und  Intensität  die  günstigste  Konjunktur  war,  welche
das  deutsche  Wirtschaftsleben  im  letzten  Jahrhundert  überhaupt  gehabt
hat“.  Doch  ist  dieser  letzte  Hinweis  weniger  beweiskräftig,  da  es  nicht
ausgeschlossen  ist,  daß  der  erhebliche  technische  Fortschritt  die  Befriedigung ­
  der  Nachfrage  trotz  ihres  raschen  Anschwellens  in  günstigerer
Weise  ermöglicht  hat  als  z.  B.  in  der  Hochkonjunktur  der  70er  Jahre.
Ein  Vergleich  verschiedener  Perioden  des  wirtschaftlichen  Aufschwunges
läßt  überhaupt  sichere  Ergebnisse  nicht  zu.
Die  Schwierigkeit  der  Preisbeurteilung  wächst  endlich  ganz  erheblich, ­
  wenn  neben  den  Inlandspreisen  auch  die  Auslandspreise  zu  berücksichtigen ­
  sind.  Mögen  die  Kartelle  ihre  Tätigkeit  auf  das  Inland  beschrän-1)

  Vogelstein,  Die  Industrie  der  Rheinprovinz  1888—1900.  1902  S.  96.
2 )  Eulenburg  a.  a.  O.  S.  368.
3 )  Pohle,  Bevölkerungsbewegung,  Kapitalbildung  und  periodische  Wirtschaftskrisen ­
  1902  S.  43.
        <pb n="151" />
        145

keil  oder  mögen  sie  auch  das  Ausland  miteinbeziehen,  auf  jeden  Fall  wird
ihre  Preispolitik  die  Differenz  zwischen  den  Preisen  des  Inlandes  und
des  Auslandes  beeinflussen.  Ein  besonders  scharfer  Angriff  gegen  die
Kartelle  setzt  jedesmal  ein,  wenn  es  scheint,  daß  als  Endwirkung  der
Kartelltätigkeit  eine  Vergrößerung  des  Unterschiedes  der  In-  und  Auslandspreise ­
  festgestellt  werden  könne.
Als  Grundlage  der  Kritik  müssen  zuerst  die  tatsächlichen  Preise
festgestellt  werden.  Die  Ermittlung  der  Inlandspreise  der  Kartelle  ist
überall  dort  einfach,  wo  es  sich  um  Einheitspreise  handelt.  Bestehen  aber
Unterschiede  in  der  Preishandhabung,  z.  B.  für  verschiedene  Absatzgebiete, ­
  dann  müßte  der  Inlandspreis  aus  dem  Durchschnitt  der  Preise  unter
Berücksichtigung  der  abgesetzten  Mengen  berechnet  werden.
Was  sind  aber  Auslandspreise?  Man  darf  nicht  einfach  die  Preise
eines  Freihandelslandes,  wie  Englands,  als  die  maßgebenden  ansprechen,
gestützt  auf  die  Ansicht,  daß  im  Freihandelslande  auf  die  Dauer  nur  die
Industrien  bestehen  können,  die  dem  vielseitigen  Wettbewerb  standhalten. ­
  Auch  die  Industrie  des  Freihandelslandes  kann  das  Ausland  durch
günstigere  Preisgestaltung  bevorzugen,  wie  z.  B.  aus  folgendem  Bericht
über  den  englischen  Eisen-  und  Stahlmarkt  hervorgeht.  Dort  heißt  es:
„Da  die  inländische  Nachfrage  nach  Kesselblechen  nachgelassen  hat,
sind  die  Werke  mehr  als  bisher  auf  den  Export  angewiesen  und  infolge
des  starken  Wettbewerbes  auf  dem  Weltmarkt  gezwungen, ;  unter  den
offiziellen  Mindestpreis  von  £  8/7/6  abzüglich  5%  und  zuzl.  gewisser  Exportaufschläge ­
  zu  gehen.  Es  wurde  daher  beschlossen,  die  Exportpreise
auf  £  7/15/-  bis  £  8/7/6  pro  t,  abzl.  5%,  je  nach  den  verlangten  Dimensionen ­
  festzusetzen.  Dieser  Beschluß  hat  in  englischen  Abnehmerkreisen
große  Verstimmung  hervorgerufen,  da  er  das  Ausland  zu  ungunsten  des
Inlandes  bevorzuge.  Die  Stahlwerke  begründen  ihrerseits  die  Notwendigkeit ­
  des  gefaßten  Beschlusses  unter  Flinweis  darauf,  daß  nur  *4  der  Blechproduktion ­
  in  England  selbst  untergebracht  werden  kann" 1 ).  Die  Bevorzugung ­
  des  Auslandes  kann  soweit  gehen,  bis  der  Rücktransport  der
ausgeführten  Waren  rentabel  zu  werden  beginnt.
Die  Preise  des  Freihandelslandes  können  aber  vor  allem  deshalb  nicht
als  Grundlage  zur  Berechnung  der  Preisdifferenz  zwischen  In-  und  Ausland ­
  benutzt  werden,  weil  es  überhaupt  keine  allgemeingültige  Auslandspreise ­
  gibt.  Es  ist  grundfalsch,  bestimmte  Preise  als  Weltmarktpreise
anzusprechen.
Was  ist  denn  der  Weltmarkt?  Er  ist  wie  Wiedenfeld  sagt:  „ein
vielerlei  von  Kräften,  die  einander  stützen  oder  auch  bekämpfen;  er  ist

2 )  Rheinisch-Westfälische  Zeitung  1907  Nr.  1048.
Mannstaedt,  Zusammenschluß  im  Gewerbe.

10
        <pb n="152" />
        146

die  Summe  all  der  Bedingungen,  auf  denen  in  aller  Welt  die  Produktion
eines  bestimmten  Artikels  sich  aufbaut  und  all  der  Bedingungen,  unter
denen  sich  der  Verbrauch  eben  dieses  Artikels  und  seiner  Supplemente
vollzieht.  Der  Weltmarkt  bedeutet  nicht  einen  einzelnen  Ort  und  auch
nicht  eine  bestimmte  Mehrheit  einzelner  Orte;  er  bezeichnet  vielmehr
ein  gegenseitiges  Abhängigkeitsverhältnis  und  zwar  eben  die  Abhängigkeit, ­
  in  der  in  einem  bestimmten  Artikel  und  seinen  Supplementen  die
Produktion  der  ganzen  Erde  und  die  Konsumtion  ebenfalls  der  ganzen
Erde  zueinander  stehen.  Die  Eigenschaft  der  Welt  als  eines  einheitlichen
im  großen  Zuge  heute  sich  gleichmäßig  bewegenden  Marktgebietes  —
das  ist  es,  was  wir  mit  dem  Wort  Weltmarkt  bezeichnen  wollen.  Und  eben
weil  es  sich  dabei  um  eine  Summe  lokaler  Strömungen,  um  eine  Diagonale
verschiedener  Kräfte  handelt,  weil  nicht  ein  bestimmter  Ort,  sondern
die  ganze  Welt  diesen  Markt  bildet,  —  darum  gibt  es  keinen  Weltmarktpreis, ­
  den  man  konkret  fassen  könnte;  darum  gibt  es  nur  Weltmarktspreistendenzen, ­
  deren  Auf  und  Ab,  wenngleich  mit  lokalverschiedener
Stärke,  so  doch  in  der  Richtung  übereinstimmend,  überall  zu  beobachten
ist.  Darf  man  also  nicht  etwa  vom  Londoner  Weizenpreis  als  dem  Weltmarktspreis ­
  sprechen,  so  darf  man  doch  aus  seiner  Bewegung  die  Weltmarktspreistendenzen ­
  ablesen“ 1 ).  Aber  ein  Weltmarkt  kann  nur  bestehen
für  Waren,  die  sich  infolge  ihrer  Gleichartigkeit  überall  vertreten  können.
Demnach  kann  man  bei  den  meisten  Industiieprodukten  nicht  einmal
von  Weltmarktspreistendenzen,  geschweige  denn  von  Weltmarktspreisen
sprechen.
Da  es  also  allgemeingültige  Auslandspreise  nicht  gibt,  muß  man,
um  überhaupt  eine  Beurteilung  der  Preispolitik  der  Kartelle  zu  ermöglichen, ­
  für  die  einzelnen  ausländischen  Absatzgebiete  die  Durchschnittspreise ­
  unter  Berücksichtigung  der  abgesetzten  Mengen  berechnen.  Die
Durchschnittspreise  ihrer  gesamten  Auslandsverkäufe  haben  nur  einzelne
Kartelle  in  den  kontradiktorischen  Verhandlungen  angegeben.  Ob  bei
ihrer  Berechnung  auch  die  abgesetzten  Mengen  berücksichtigt  sind,  ist
nicht  ersichtlich.  Im  übrigen  fehlt  jedes  brauchbare  Material,  das  einer
Preisbeurteilung  zugrunde  gelegt  werden  könnte.  Zusammenstellungen
gelegentlicher  in  den  Zeitungen  angegebener  Einzelpreise  von  Auslandsverkäufen ­
  können  als  Kritikunterlage  nicht  dienen,  da  sie  ein  zuverlässiges
Bild  nicht  geben i)  2 ).  Vor  allem  muß  man  die  nach  den  ausländischen  Abi)
  Wiedenfeld,  Die  Entwicklung  der  Verkehrsmittel  und  die  landwirtschaftliche ­
  Konkurrenz  im  Auslande  im  letzten  Menschenalter.  Zeitschr.  für  Agrarpolitik
1904  Nr.  1.
*)  Eine  solche  Zusammenstellung  bietet  Morgenroth,  Exportpolitik  der
Kartelle  1907.
        <pb n="153" />
        147

satzgebieten  verkauften  Mengen  und  die  erzielten  Durchschnittspreise
kennen  und  sie  den  im  Inland  verkauften  Mengen  und  erzielten  Preisen
gegenüberstellen  können,  wenn  man  die  Wirkung  der  billigen  Auslandsverkäufe ­
  auf  die  weiterverarbeitenden  Industrien  untersuchen  will.
Ist  die  Differenz  zwischen  In-  und  Auslandspreis  festgestellt,  dann
muß  die  Frage  beantwortet  werden,  wodurch  ist  ihre  jeweilige  Größe
beeinflußt  worden  ?  Ihre  Größe  wechselt  zunächst  mit  den  Konjunkturen
der  einzelnen  Länder,  denn  diese  laufen  keineswegs  immer  parallel  und
selbst  wenn  sie  die  gleiche  Richtung  haben,  so  fallen  die  Höhepunkte  und
Tiefpunkte  in  den  einzelnen  Ländern  nicht  immer  in  die  gleiche  Zeit.
Daher  treten  auch  in  einem  Freihandelsland  zeitweise  Unterschiede  zwischen
den  Preisen  im  Lande  und  denen  auf  den  einzelnen  Auslandsmärkten  auf.
Diese  Differenzen  müssen  notwendig  mit  dem  Auf  und  Ab  des  Wirtschaftslebens ­
  der  einzelnen  Länder  steten  Schwankungen  unterhegen.
Von  Wichtigkeit  für  die  Größe  der  Preisdifferenz  ist  weiterhin  die
Zollpolitik.  Je  höher  die  Zölle  sind,  desto  größer  ist  die  Gefahr,  daß  im
geschützten  Lande  die  Preise  in  der  Hausse  um  so  höher  hinauf  klettern
und  folglich  nachher  in  der  Baisse  um  so  tiefer  hinabsinken.  Eine  dauernde
Preisdifferenz  zugunsten  des  Inlandes  ist  aber  auch  durch  die  Zölle  nicht  /
gesichert.  Scharfer  Wettkampf  auf  dem  inländischen  Markt  und  entgegengesetzter ­
  Ablauf  der  Konjunkturen  in  den  einzelnen  Ländern  können
trotz  der  Zollmauer,  wenn  auch  nur  in  Ausnahmefällen,  die  Preisdifferenz
zeitweise  aufheben  oder  sogar  umkehren.
Endlich  wird  die  Preisdifferenz  bestimmt  durch  die  Wirksamkeit
der  Kartelle  (und  Trusts).  Ihr  Einfluß  erstreckt  sich  in  erster  Linie  auf
die  Inlandspreise.  Befinden  sie  sich  in  einem  zollgeschützten  Lande,  so
sind  sie  nichts  anderes  als  die  vollführenden  Organe  der  Schutzzöllner.
Der  Zoll  kommt  nur  teilweise  oder  überhaupt  nicht  zur  Geltung,  solange
scharfer  Wettkampf  herrscht.  Handelt  es  sich  um  Ausgleichszölle,  die
den  Produktionskostenunterschied  zwischen  In-  und  Ausland  ausgleichen
sollen,  und  bringen  die  Kartelle  durch  Ausschalten  des  Wettkampfes  den
Zoll  zur  Geltung,  so  kann  gegen  ihre  Tätigkeit  vom  Standpunkt  des
Schutzzöllners  nichts  eingewendet  werden.
Auf  die  Auslandspreise  üben  die  Kartelle  entweder  direkt  oder  indirekt ­
  ihren  Einfluß  aus.  Indirekt,  wenn  das  Ausland  nicht  in  ihr  Tätigkeitsgebiet ­
  einbezogen  ist.  Die  Werke  wollen  ihre  Leistungsfähigkeit
ausnutzen,  sie  müssen  also  diejenigen  Preise  im  Inland  und  Ausland
suchen,  die  den  größten  Gesamtauftragsbestand  einbringen,  die  folglich
die  größte  Senkung  der  Produktionskosten  ermöglichen  und  doch  gleichzeitig ­
  eine  günstige  Rentabilität  erlauben.  Die  Schwierigkeit,  dieses
Problem  zu  lösen,  liegt  auf  der  Hand.  Sind  aber  die  Preise  im  Inland
IO*
        <pb n="154" />
        S8S

—  148  —

durch  das  Kartell  festgelegt,  so  ist  damit  die  Absatzmöglichkeit  gegeben.
Wie  tief  die  einzelnen  Kartellmitglieder  ihre  Preise  auf  den  Auslandsmärkten ­
  unter  den  Inlandspreis  senken  können,  ohne  im  ganzen  mit
einem  Verlust  abzuschneiden,  hängt  —  wenn  wir  einmal  von  den  Konjunkturen ­
  im  Ausland  absehen  —  einerseits  ab  von  dem  Verhältnis  ihres
Inlandsabsatzes  zu  ihrer  Leistungsfähigkeit,  andererseits  von  der  Größe
der  Spannung  zwischen  Inlandspreis  und  den  Produktionskosten,  die
sie  bei  voller  Ausnutzung  ihrer  Anlagen  erreichen.  Die  Werke  werden
aber  bereit  sein,  im  Notfälle  die  Auslandspreise  noch  tiefer  zu  senken,  also
mit  Verlust  zu  arbeiten,  wenn  eine  teilweise  Stillegung  ihrer  Anlagen
noch  größere  Verluste  verursacht.
Das  Preisproblem  ändert  sich  nicht,  wenn  sich  die  Tätigkeit  des
Kartells  auf  den  Auslandsmarkt  erstreckt,  wenn  die  Preise  für  die  einzelnen ­
  Verkäufe  nach  den  verschiedenen  fremden  Absatzgebieten  direkt
von  der  Kartellzentrale  festgesetzt  werden.  Die  Erreichung  des  Zieles
ist  nur  insofern  erleichtert,  als  der  Wettkampf  der  Kartellmitglieder  auf
den  Auslandsmarkt  ausgeschaltet  ist.  Sie  bleibt  aber  trotzdem  schwierig
genug,  wie  das  folgende  Beispiel  zeigt:  Die  Auslandsverkäufe  zu  außerordentlich ­
  niedrigen  Preisen  werden  für  die  Zeit  vor  der  Gründung  des
Stahlwerksverbandes  von  den  gemischten  Werken  zugegeben.  Der  Stahlwerksverband ­
  mußte  nach  seiner  Gründung,  damit  seine  Werke  rentabel
arbeiten  konnten,  25—30%  seiner  Gesamtproduktion  im  Auslande  unterbringen. ­
  Solange  der  Kampf  der  Stahlwerke  untereinander  auf  dem
Auslandsmarkt  geherrscht  hatte,  waren  die  Preise  für  deutsches  Halbzeug ­
  auf  dem  englischen  Markt  5,  6  und  mehr  Schillinge  unter  die  Notierungen ­
  der  englischen  herunter  gegangen.  Nachdem  der  Stahlwerksverband ­
  gegründet,  also  die  innere  Konkurrenz  ausgeschaltet  war,  wurden
die  Preise  für  Halbzeug  erhöht.  Die  Hoffnung,  die  neuen  Preise  halten
zu  können,  erwies  sich  aber  als  trügerisch,  da  die  amerikanische  Konkurrenz ­
  nun  mit  großer  Schärfe  einsetzte.  In  Amerika  schlug  im  Mai
1903  die  Hochkonjunktur  des  Jahres  1902  um.  Die  Roheisenerzeugung
sank  bis  zum  Schlüsse  des  Jahres  auf  die  Hälfte,  von  1713614  t  im  Mai
auf  846606  t  im  Dezember.  Trotzdem  führte  Amerika  im  Jahre  1902
nur  5445  t  Halbzeug  aus.  Als  Grund  werden  die  niedrigen  Preise  angegeben, ­
  die  infolge  des  Wettkampfes  der  deutschen  Werke  untereinander
auf  dem  Weltmärkte  herrschten.  Die  Preiserhöhung  des  Stahlwerksverbandes ­
  trug  nicht  wenig  dazu  bei,  den  Amerikanern  die  Wege  zu  ebnen.
Ein  neuer  Wettkampf  entspann  sich,  dieses  Mal  zwischen  Deutschen  und
amerikanischen  Stahlwerken.  Die  deutschen  wurden  von  dem  hauptsächlich ­
  in  Betracht  kommenden  englischen  Markt  verdrängt.  Infolgedessen ­
  sah  sich  der  Verband  genötigt,  seine  Preise,  um  die  verlorene  Stel-
        <pb n="155" />
        149

hing  wieder  zu  erobern,  nunmehr  so  tief  herabzusetzen,  als  es  die  Werke
vorher  trotz  gegenseitigen  Wettbewerbes  nicht  nötig  gehabt  hatten.
Der  Kampf  nahm  erst  mildere  Formen  an,  als  sich  in  den  Monaten  August
und  September  1904  in  Amerika  unverkennbare  Anzeichen  einer  Besserung ­
  bemerkbar  machten,  und  nachdem  infolge  internationaler  Vereinbarungen ­
  zwischen  den  deutschen,  belgischen,  französischen  und  englischen ­
  Stahlwerken,  denen  sich  später  die  Werke  der  United  States  Steel
Corporation  hinzugesellten,  die  Weltmarktspreise  für  Walzwaren  eine
Aufbesserung  erfuhren 1 ).
Erkennt  man  die  Notwendigkeit  der  Kartelle  und  Zölle  an,  dann  muß
man  auch  die  Differenzen  zwischen  Inlands-  und  Auslandspreisen  als
(wermeidbare  Folgen  mit  in  Kauf  nehmen.  Diese  Differenzen  werden  vor
allem  in  der  Zeit  des  Konjunkturumschlages  wachsen.  Der  Zwang  zum
Export  wird  in  den  Industriezweigen  am  größten  sein,  deren  Leistungsfähigkeit ­
  infolge  technischer  Fortschritte  am  stärksten  gestiegen  ist,
sowie  in  jenen,  an  die,  als  Lieferanten  der  Roh-  und  Hilfsstoffe  für  eine
große  Zahl  anderer  Industrien,  die  Hochkonjunktur  besonders  hohe  Anforderungen ­
  stellte.
Und  nun  wird  die  Frage  aufgeworfen:  Entsprach  die  Preispolitik
in  jenen  bekannt  gewordenen  Fällen,  in  denen  ein  Kartell  zu  besonders
niedrigen  Preisen  nach  dem  Auslande  verkaufte,  den  volkswirtschaftlichen
Interessen  ?
Welche  Forderung  wird  man  vom  volkswirtschaftlichen  Standpunkt
stellen?  In  der  Zeit  des  Niederganges  muß  in  erster  Linie  Arbeitsgelegenheit ­
  geschaffen  werden,  um  den  Rückschlag  möglichst  zu  mäßigen.
Es  ist  immer  noch  besser,  solange  die  Unternehmungen  es  aushalten
können,  selbst  unter  Verlust  Arbeit  zu  schaffen,  als  Arbeitskräfte  brach
liegen  zu  lassen.  Hieraus  ergibt  sich  die  weitere  Forderung:  Möglichst
hochqualifizierte  Waren,  die  viel  Arbeit  enthalten,  herzustellen  und
hinauszusenden  statt  Massenwaren.  Die  Möglichkeit  hängt  von  der  Aufnahmefähigkeit ­
  der  ausländischen  Märkte  ab.  Lassen  sich  hochqualifizierte ­
  Waren  nicht  in  genügender  Menge  absetzen,  dann  ist  ein  Versand ­
  von  Massenwaren,  vor  allem  von  Rohstoffen  und  Halbzeug,  wofür
sich  am  leichtesten  ein  Markt  findet,  immer  noch  besser  als  Stillegung.
Nehmen  wir  nun  den  Fall  an,  daß  die  Mitglieder  eines  Kartells  nur  Endprodukte ­
  herstellen,  dann  muß  das  Kartell,  wie  soeben  gezeigt  wurde,
diejenigen  Preise  im  Inlande  und  auf  den  verschiedenen  Auslandsmärkten
herauszufinden  suchen,  die  den  größten  Gesamtauftragsbestand  einbringen,
  die  größte  Kostensenkung  ermöglichen  und  noch  einen  Gewinn

l )  Mannstaedt,  Die  Konzentration  in  der  Eisenindustrie  1906  S.  48.
        <pb n="156" />
        —  *5°  —
erübrigen  oder  die  geringsten  Verluste  verursachen.  Die  Schwierigkeit,
dieses  Problem  zu  lösen,  besonders,  wenn  außerdem  divergierende  Interessen ­
  im  Kartell  auszugleichen  sind,  ist  genügend  betont  worden.  Die
Lösung  der  Preisfrage  wird  aber  wiederum  wesentlich  erschwert,  wenn
das  Kartell  nicht  nur  Endprodukte,  sondern  zugleich  das  Rohmaterial
oder  Halbzeug  der  nächsten  Produktionsstufe  absetzt.  Dabei  wollen
wir  ganz  absehen  von  den  Interessengegensätzen  zwischen  den  kombinierten ­
  und  reinen  Werken.  Ausfuhr  von  Roh-  und  Hilfsstoffen  zu  niedrigen ­
  Preisen  unterstützt  die  ausländischen  Weiterverarbeiter  —  ob
diese  Hilfe  immer  im  volkswirtschaftlichen  Interesse  des  Auslandes  liegt,
zumal  das  eigentliche  Verschleudern  zu  außerordentlich  niedrigen  Preisen
meist  nur  eine  kurze  Zeitspanne  dauert,  ist  eine  andere  Frage,  die  nicht
angeschnitten  werden  soll.  Immer  werden  diese  billigen  Verkäufe  an  das
Ausland  die  Klagen  der  inländischen  Weiterverarbeiter  hervorrufen,
wenn  ihnen  ausreichende  Aufträge  fehlen.
Es  liegt  im  eigensten  Interesse  der  Kartelle,  ebenso  wie  auf  die  letzten
Konsumenten,  weitgehendste  Rücksicht  auf  die  inländischen  Weiterverarbeiter ­
  zu  nehmen;  jedoch  müssen  sie  dabei,  besonders  in  der  Zeit
der  weichenden  Preise,  auch  ihr  anderes  Ziel  im  Auge  behalten,  nämlich:
durch  günstige  Ausnutzung  der  Leistungsfähigkeit  der  angeschlossenen
Unternehmungen  die  Produktionskosten  möglichst  tief  zu  senken.  Die
Frage  nach  der  Preishöhe  hängt  also  von  der  Größe  des  Auftragbestandes
ab,  die  sie  hereinzuholen  erlauben;  denn  Kostenerhöhungen  durch  Produktionseinschränkungen ­
  in  der  Zeit  des  Niederganges  wirken  doppelt
drückend.
Eine  allgemeine  Preissenkung  im  Inlande,  entsprechend  den  Wünschen
der  Weiterverarbeiter,  könnte  nicht  ohne  Einfluß  auf  die  Auslandspreise
bleiben.  Eine  Ausdehnung  des  inländischen  Absatzes  der  Weiterverarbeiter ­
  wird  in  der  Regel  nicht  oder  nur  in  geringem  Maße  die  Folge  sein.
Die  Preisnachlässe  führen,  wie  schon  betont,  in  den  Jahren  des  Niederganges, ­
  besonders  kurz  nach  dem  Konjunkturumschlag,  nur  zu  einem  schärferen ­
  Wettkampf  der  Weiterverarbeiter  ohne  wesentliche  Absatzsteigerung
im  Inland.  Ob  es  aber  den  inländischen  Weiterverarbeitern  gelingen  werde,
ihren  Absatz  nach  dem  Ausland  wesentlich  zu  steigern,  hängt  von  den
Konjunkturen  im  Auslande  ab.  Je  ungünstiger  die  Wirtschaftslage  auf
den  Auslandsmärkten,  desto  unwahrscheinlicher  ist  eine  Absatzsteigerung, ­
  selbst  auch  dann,  wenn  die  inländischen  Weiterverarbeiter  die  Rohund
  Hilfsstoffe  zu  gleich  niedrigen  Preisen  als  die  ausländischen  erhielten.
Bei  ungünstiger  Marktlage  im  Auslande,  wiederum  besonders
nach  einem  Konjunkturumschlage,  wird  man  Fertigwaren  dorthin  weit
schwerer  absetzen  können  als  Rohstoffe  und  Halbzeug,  sobald  diese
        <pb n="157" />
        nur  billiger  angeboten  werden  als  auf  dem  eigenen  Markt  des  Landes;
denn  sie  werden  seitens  der  ausländischen  Weiterverarbeiter  gern  dazu
benutzt,  um  mit  ihrer  Hilfe  die  Konkurrenten  im  Wettkampf  um  den
einschrumpfenden  Markt  aus  dem  Felde  zu  schlagen.  Vollzieht  sich  dagegen ­
  im  Auslande  eine  Aufwärtsbewegung  des  Wirtschaftslebens,
dann  wachsen  die  Absatzmöglichkeiten  der  inländischen  Weiterverarbeiter,
zumal,  wenn  ihnen  billige  Roh-  und  Hilfsstoffe  zur  Verfügung  stehen.
Verkaufen  die  Kartelle  aber  ihre  Produkte  auf  den  Auslandsmärkten  zu
Schleuderpreisen,  zu  den  Selbstkosten  oder  unter  ihnen,  dann  deutet  sich
darin  schon  die  ungünstige  Wirtschaftslage  jener  Absatzgebiete  an.  Eine
Senkung  der  Inlandspreise  auf  das  Niveau  jener  Schleuderpreise  ist  aber
unmöglich.  Eine  geringe  Mäßigung  der  Inlandspreise  wird  den  Kartellwerken ­
  in  der  Regel  keine  wesentliche  Steigerung  des  Auftragbestandes
erbringen,  sodaß  also  der  Gewinn  Verlust  infolge  der  Preisminderung  auf
dem  Inlandsmarkt  nicht  durch  eine  Kostensenkung  infolge  reichlicherer
Beschäftigung  ausgeglichen  werden  kann.  Eine  Einbuße  an  Gewinn  auf
dem  Inlandsmarkt  wird  in  vielen  Fällen  nur  dazu  führen  —  besonders  in
jenen,  in  denen  die  Schleuderverkäufe  nach  dem  Auslande  erst  durch  die
Gewinne  im  Inlande  ermöglicht  werden  —  die  Auslandspreise  zu  erhöhen,
wodurch  sich  die  Absatzmöglichkeit  mindert,  also  die  Arbeitsgelegenheit
einschrumpft  und  gleichzeitig  die  Produktionskosten  die  Neigung  zum
Steigen  erhalten.
Die  Schwierigkeit,  allen  Forderungen  in  der  Preisgestaltung  gerecht
zu  werden,  läßt  sich  nicht  verkennen.  Liegen  die  Verhältnisse  außerdem
noch  so,  wie  in  der  deutschen  Stahlindustrie  zu  Beginn  der  Krisis  1901,
wo,  abgesehen  von  den  Erweiterungen  fast  aller  Stahlwerke  in  der  vorhergehenden ­
  Hochkonjunktur,  kurz  vor  dem  Konjunkturwechsel  (1900)
noch  drei  neue  Stahlwerke  auf  den  Plan  traten,  dann  ist  eine  Preisgestaltung ­
  ganz  undenkbar,  die  nicht  durch  äußerst  niedrige  Sätze  für  das
Ausland  die  notwendigen  großen  Auftragsbestände  hereinzuholen  suchte.
In  solchen  Fällen  würde  es  sich  wahrscheinlich  bei  einer  genauen  Untersuchung ­
  herausstellen,  daß  selbst  technisch  die  inländischen  Weiterverarbeiter ­
  nicht  in  der  Lage  sein  würden,  die  Massen  zu  verarbeiten,
.geschweige,  ob  es  ihnen  gelingen  würde,  die  dazu  nötigen  Aufträge  hereinzuholen ­
  b.
Die  Kartelle  haben  sich  aber  keineswegs  als  taub  gegen  die  Wünsche
der  Weiterverarbeiter  erwiesen.  Um  sie  in  ihrem  Kampf  auf  dem  Weltmarkt ­
  zu  stärken,  hat  man  zu  dem  Mittel  der  Ausfuhrvergütungen  gegriffen. ­
  Ob  sie  in  der  Form  von  Preisnachlässen  gewährt,  oder  ob  sie  bar

')  Vgl.  hierzu  mein  Buch  „Konzentration"  S.  49ff.
        <pb n="158" />
        ausbezahlt  werden,  ändert  nichts  an  ihrem  Charakter.  Vergütungen  für
die  Preisdifferenz  der  Rohstoffe  oder  Zwischenprodukte  im  In-  und  Auslande ­
  sollen  es  sein.  Aber  nie  bestand  die  Absicht,  die  ganze  Preisdifferenz ­
  zu  vergüten.  Die  Kartelle  haben  die  Differenz  nicht  allein  hervorgerufen, ­
  sie  haben  sie  nur  zeitweise  durch  ihr  Eingreifen  vergrößert.  Der
Gedanke  ist  also,  den  Weiterverarbeitern  eine  dieser  Vergrößerung  entsprechende ­
  Beihilfe  zu  gewähren.  Man  will  ihnen  kein  Geschenk  machen;
man  will  sie  nicht  besser  stellen  als  vor  der  Kartellbildung.  Da  es  unmöglich ­
  ist,  sicher  zu  ermitteln,  um  wieviel  die  Preisspannung  durch  die
Wirksamkeit  der  Kartelle  vergrößert  wird,  wird  unter  Berücksichtigung
der  Gesamtlage  die  Höhe  der  Vergütung  fixiert  und  ihre  Größe  von  Zeit
zu  Zeit  den  neuen  Verhältnissen  angepaßt.  Die  Vergütung  wächst  mit
der  Verschärfung  des  Wettkampfes  auf  den  Auslandsmärkten  zur  Zeit
des  Niederganges  und  sie  sinkt  nach  dem  Eintritt  günstigerer  Absatzbedingung. ­
  Ist  sie  beim  Abstieg  des  Wirtschaftslebens  vielleicht  einmal
zu  gering,  so  ist  sie  oft  in  der  Zeit  des  Aufstieges  zu  groß.  Es  ist  also  grundfalsch, ­
  die  Spannung  zwischen  dem  Inlandspreis  und  irgendeinem  Auslandspreis ­
  festzustellen,  hiermit  die  Höhe  der  Vergütung  zu  vergleichen
und  dann  zu  erklären,  die  Vergütung  sei  zu  gering,  wenn  sie  nicht  die.
volle  Differenz  ersetzt.
Es  sollen  diese  Ausführungen  nicht  behaupten,  daß  die  Kartellpreise
immer  den  volkswirtschaftlichen  Forderungen  entsprechen,  im  Gegenteil, ­
  sie  werden  oft  daneben  greifen.  Es  soll  nur  gezeigt  werden,  wie  außerordentlich ­
  schwer  eine  sachgemäße  Kritik  ist,  die  vor  allem  mit  einigen
dürftigen  Zahlen  nicht  geführt  werden  kann,  wie  es  meist  geschieht.  Für
eine  abgeschlossene  Wirtschaftsperiode,  zumal  wenn  die  Marktverhältnisse ­
  in  ihrem  Ablauf  klar  gestellt  sind,  wird  sich  öfters  zeigen  lassen,
daß  bei  einer  anderen  Preispolitik  ein  günstigerer  Erfolg  sowohl  für  die
Kartellmitglieder  wie  die  Weiterverarbeiter  oder  die  letzten  Konsumenten
möglich  gewesen  wäre.  Wenn  man  vom  Rathaus  kommt,  ist  man  immer
klüger.  Wer  einmal  erlebt  hat,  welcher  Optimismus  die  Industriellen
noch  am  Schlüsse  einer  Hochkonjunktur  belebt,  wenn  bereits  die  ersten
Zeichen  des  Umschlages  drohen,  allerdings  auch  noch  keiner  sagen  kann,
wann  der  Umschlag  kommt,  dem  erscheinen  selbst  so  verfehlte  Abschlüsse,
wie  die  langfristigen  Verkäufe  zu  Hochkonjunkturpreisen,  in  einem  anderen ­
  Licht.  Erweist  sich  dann  der  Optimismus  als  unberechtigt,  erfolgt
der  Umschlag  weit  schneller  als  er  von  den  Industriellen  erwartet  wurde,
dann  müssen  in  diesem  Chaos,  wo  niemand  sagen  kann,  wie  sich  der  Markt
im  Inlande  und  im  Auslande  gestaltet,  die  Preise  mit  den  Verhältnissen
in  Einklang  gesetzt  werden.  Wer  will  sich  für  eine  richtige  Preispolitik
        <pb n="159" />
        *

I

i.53

i  /

i  verbürgen,  selbst  auch  dann,  wenn  die  Gemüter  sich  wieder  beruhigt
haben  !  Ist  es  doch  schon  in  den  Jahren  mittlerer  Lebendigkeit  schwer,
das  Preisproblem  zu  lösen.
,  Es  sei  nochmals  daran  erinnert,  daß  für  die  Trusts  das  Preisproblem
insofern  leichter  ist,  als  sie  mit  den  inneren  Reibungen,  die  oft  die  Kartellpolitik ­
  hemmen,  nicht  zu  kämpfen  haben;  dafür  kann  aber  die  Überkapitalisation
  zeitweise  nachteilig  die  Preise  beeinflussen.  Haben  die
Trustgründer  die  zukünftige  Ertragsfähigkeit,  sei  es  absichtlich  zu  Spekulationszwecken, ­
  sei  es  unabsichtlich  überschätzt,  liegt  von  diesem
Standpunkt  aus  eine  Überkapitalisation  vor,  dann  besteht  die  Gefahr,
daß  die  Preise  der  Produkte  nicht  in  ein  angemessenes  Verhältnis  zu  den
Produktionskosten  gesetzt  werden,  oder  sich  den  Marktverhältnissen
anpassen,  sondern  sich  nach  dem  Wunsche  richten,  der  gewaltigen  Kapitalmasse ­
  eine  Rentabilität  zu  sichern.  Jedoch  erzielt  dieses  Streben,  wenn
überhaupt,  nur  vorübergehenden  Erfolg.  Das  Kapital  ist  nicht  allmächtig;
es  vermag  nur  einen  Ertrag  abzuwerfen,  wenn  es  anderen  wirtschaftliche
Dienste  leistet,  die  von  ihnen  hoch  genug  geschätzt  werden,  um  ein  Entgelt ­
  zu  zahlen,  daß'”die  Kosten  überdeckt.  Selbst  vollständige  Monopole
können  nur  in  seltenen  Fällen  auf  die  Dauer  ohne  eigenen  Nachteil  die
Preise  diktieren.  Die  amerikanischen  Trusts  besitzen  aber  nur  eine  mangelhafte ­
  marktbeherrschende  Stellung.  Sie  umfassen  durchweg  nicht  die
ganze  Erzeugung  ihrer  Branche,  zum  Teil  stehen  ihnen  leistungsfähige
Konkurrenten  gegenüber.
Im  übrigen  können  die  Ausführungen  im  großen  ganzen  auch  auf
die  Trusts  übertragen  werden,  aber  selbstverständlich  nur  dann,  wenn
Trusts  in  Frage  kommen,  die  das  gleiche  Ziel,  wie  die  Kartelle,  verfolgen.
Trusts  dagegen,  die  ihre  Gründung  Spekulationsmanövern  verdanken,
werden  ihre  Preispolitik  auch  ihrem  Hauptziel  unterordnen.
        <pb n="160" />
        6.  Die  Monopole  und  der  Staat.
Ein  Mißbrauch  der  Macht  der  Monopole  ist  selbstverständlich  immer
möglich.  Die  Art  der  Mißbräuche  wird  aber  wesentlich  bestimmt  von  dem
Geist,  der  das  ganze  politische  und  gesellschaftliche  Leben  beherrscht.
Dort,  wo  die  Korruption  keine  Ausnahmeerscheinung  ist,  wo  mit  den
wechselnd  zur  Herrschaft  gelangenden  Parteien  auch  ein  weitgehender
Wechsel  der  Beamtenschaft  oder  ihrer  Gesinnung  erfolgt,  wo  Günstlingsherrschaft, ­
  Beamtenpostenschacher,  Bestechungen  an  der  Tagesordnung ­
  sind,  dort  wird  auch  das  Wirtschaftsleben  das  gleiche  Bild  zeigen
und  die  Auswüchse  auf  diesem  Gebiet  werden  sich  nicht  eher  beseitigen
lassen,  ehe  nicht  auch  in  den  politischen  und  gesellschaftlichen  Verhältnissen ­
  ein  Wandel  eingetreten  ist.  Wo  die  moralischen  Prinzipien  so  allgemein ­
  mit  den  Füßen  getreten  werden,  ist  mit  gesetzlichen  Maßnahmen
allein  eine  Besserung  nicht  zu  erreichen.
Wo  ferner  die  Auswüchse  der  Monopole  ihre  Stütze  finden  in  einem
mangelhaften  Aktienrecht  oder  in  der  Möglichkeit  die  Eisenbahnen  in
einseitigem  Interesse  auszunutzen,  da  muß  zunächst  einmal  auf  diesen
Gebieten  Ordnung  geschaffen  werden.
Hier  sollen  nur  die  Maßregeln  zur  Sprache  kommen,  die  sich  gegen
die  Mißbräuche  richten,  die  aus  dem  Wesen  der  Kartelle  und  Trusts  als
monopolartige  Organisationen  entspringen,  und  diese  richten  sich  gegen
die  Preispolitik.  Die  Abhängigkeitsverhältnisse,  die  durch  die  Gewährung ­
  von  Rabatten  oder  durch  die  Forderung  des  ausschließlichen  Bezugs
vom  Kartell  oder  Trust  entstehen,  sind  notwendige  Folgen  des  Zweckes
der  Organisationen  und  können  so  lange  nicht  als  ein  Mangel  bezeichnet
werden,  als  die  Preise  angemessen  sind.  Auch  die  Kämpfe  gegen  die  Außenstehenden, ­
  sei  es,  daß  sie  vom  Kartell  selbst  geführt  werden,  sei  es,  daß
die  Hilfe  eines  anderen  Kartells  in  Anspruch  genommen  wird,  das  durch
Lieferungs-  oder  Absatzsperre  die  Widerstrebenden  niederzuzwingen
sucht,  erhalten  erst  ihre  Beleuchtung  durch  die  Preispolitik  der  Kartelle.
Ist  die  Existenz  des  Kartells  und  der  Trusts  eine  Notwendigkeit  und
entspricht  die  Preispolitik  der  Konjunktur  und  der  Gesamtlage  des  Industriezweiges, ­
  dann  wird  die  Schärfe  der  angewandten  Kampfmittel
ganz  anders  zu  beurteilen  sein.
Die  Ausführungen  über  die  Preispolitik  zeigen  aber,  daß  es  kaum
        <pb n="161" />
        -  ISS  —
ein  schwierigeres  Problem  gibt.  Alle  Maßregeln  gegen  die  Preispolitik
und  alle  direkten  Eingriffe  in  die  Preisbemessung  haben  notwendig  eine
richtige  Beurteilung  der  Preise  zur  Voraussetzung.  Eine  Beschwerdeinstanz, ­
  wie  sie  auf  dem  Juristentage  im  Jahre  1903  der  damalige  österreichische ­
  Justizminister  Klein  forderte,  die  aus  Vertretern  der  Städte,
Händler  und  der  Fertigindustrie  gebildet  werden  sollte,  wird  ebensowenig ­
  in  den  meisten  Fällen  ein  unfehlbar  richtiges  Urteil  zu  fällen  vermögen, ­
  wie  die  von  Liefmann  geforderte  Kartellkommission,  die  aus
den  beteiligten  Interessentengruppen,  also  kartellierten  Unternehmern,
etwaigen  Außenstehenden,  Weiterverarbeitern,  Konsumenten,  Händlern,
Arbeitern  unter  Beteiligung  von  sonstigen  Sachverständigen  und  Regierungsbeamten ­
  bestehen  soll.  Die  Beschwerdeinstanz,  wie  die  Kartellkommission ­
  sollte  in  allen  Fällen  gebildet  werden,  in  denen  erhebliche
Klagen  über  die  Tätigkeit  eines  Kartells  laut  werden.  Eine  Feststellung,
etwa  durch  Mehrheitsbeschluß,  daß  die  Preise  nicht  angemessen  sind,
genügt  nicht  zu  einem  Eingriff,  dazu  müßte  man  zweifelsfrei  die  richtigen ­
  Preise  bestimmen  können.  In  den  Fällen  aber,  in  denen  nach  Ansicht ­
  der  Kommission  die  Preise  eines  Kartells  wesentlich  zu  hoch  gegriffen ­
  sind  und  infolgedessen  auch  die  anderen  Maßregeln  des  Kartells,
die  diese  Preise  stützen  sollten,  ihre  Berechtigung  entbehren,  müßte,
ehe  ein  Eingriff  erfolgte,  nachgewiesen  werden,  ob  die  Preise  wider  besseres ­
  Wissen  festgesetzt  wurden.  Haben  die  Kartellmitglieder  die  Marktlage ­
  z.  B.  nach  einem  Konjunkturumschlag  anders  beurteilt,  als  es  einige
Zeit  später  die  Untersuchungskommission  auf  Grund  der  mittlerweile
erfolgten  Entwicklung  des  Marktes  vermag,  so  wird  man  nicht  von  einem
Verschulden  sprechen  können.
Ist  aber  ein  Verschulden  festgestellt,  so  ist  es  in  den  meisten  Fällen
noch  schwieriger  eine  Strafe  zu  ermitteln,  die  den  Geschädigten  eine  Vergütung ­
  gibt,  ohne  zugleich  tief  greifende  Störungen  zu  verursachen.  Eine
Rückgängigmachung  der  von  den  Kartellmitgliedern  auf  Grund  der  Preise
geschlossenen  Verträge  wäre  unmöglich;  ein  solches  Verfahren  würde  die
größte  Unsicherheit  im  Wirtschaftsleben  hervorrufen.
Einen  direkten  Einfluß  auf  die  Preisfestsetzung  kann  der  Staat  in
den  Fällen  ausüben,  wo  er  als  Produzent  entweder  Mitglied  des  Kartells
ist,  oder  ihm  als  Konkurrent  gegenübersteht.  Jedoch  wäre  es  unzweckmäßig, ­
  dem  Staat  in  solchen  Fällen  eine  entscheidende  Stellung  in  der
Preisbildung  einzuräumen.  Zwar  vermag  er  als  Produzent  die  Marktverhältnisse ­
  weit  besser  zu  würdigen,  als  wenn  er  als  Unbeteiligter  dem
Kartell  gegenübersteht.  Aber  eine  auf  seine  Veranlassung  vorgenommene
zu  starke  Preissenkung  trifft,  wenn  sie  sich  als  verfehlt  erweist,  die  Staatsbetriebe ­
  ganz  anders  als  die  Privatbetriebe,  wo  die  Folgen  viel  einschnei-
        <pb n="162" />
        156

elendere  Wirkungen  zeitigen  können.  Er  wird  also  einer  solchen  Preispolitik ­
  zugänglicher  sein  als  die  Privatbetriebe  und  ganz  besonders  dann,
wenn  eine  den  Kartellen  ungünstige  Parlamentskonstellation  einen  Druck
ausübt.  Nur  als  Unus  inter  pares  sollte  der  Staat  an  der  Preisfestsetzung
des  Kartells  mitwirken,  wobei  er  auch  vermeidet,  daß  sich  die  Klagen
speziell  gegen  ihn  richten.
Nicht  wesentlich  günstiger  steht  es  mit  der  Möglichkeit,  indirekt
auf  die  Preisbildung  einzuwirken.  Da  die  Kartelle  und  Trusts  die  Konkurrenz ­
  gänzlich  auszuschalten  suchen,  liegt  es  nahe,  ihre  Preispolitik
durch  Verstärkung  des  Angebotes  zu  durchkreuzen.  Durch  Zollherabsetzung ­
  oder  Zollaufhebung  soll  die  Konkurrenz  vom  Auslande  herangelockt ­
  werden;  durch  Einführung  eines  Ausfuhrzolles  soll  die  Verschleuderung ­
  nach  dem  Ausland  verhindert,  also  ein  größeres  Angebot  zu  niedrigen
Preisen  im  Inlande  erzwungen  werden.  Der  zollfreie  Veredlungsverkehr
soll  durch  Erlaß  des  Zolles  die  Einfuhr  billiger  Rohstoffe  und  Zwischenprodukte ­
  aus  dem  Auslande  für  jene  Produkte,  die  für  die  Ausfuhr  bestimmt ­
  sind,  ermöglichen,  um  auf  diesem  Wege  die  inländischen  Weiterverarbeiter ­
  auf  gleiche  Stufe  mit  den  ausländischen  zu  stellen.  Einem
ähnlichen  Zwecke  dienen  die  Einfuhrscheine.  Sie  werden  beim  Export
ausgehändigt  und  erlauben,  die  gleiche  Menge  Rohstoffe  zollfrei  einzuführen, ­
  die  in  den  ausgeführten  Waren  enthalten  ist.  Die  Wirkung  dieses
Mittels  hängt  wesentlich  davon  ab,  ob  die  Aushändigung  der  Ausfuhrscheine ­
  an  die  Ausfuhr  ganz  bestimmter  Waren  geknüpft  ist.  Würden
■■Ua-6  z.  B.  für  sämtliche  emgeführten  Eisenwaren  Einfuhrscheine  auf  Roheisen
bewilligt,  so  würde  diese  Maßregel  einer  Aufhebung  des  Roheisenzolles
nahezu  gleich  kommen.  Wird  dagegen  auf  Grund  einer  Ausfuhr  von
Eisenblechen  ein  Einfuhrschein  über  eine  entsprechende  Menge  Halbzeug, ­
  nämlich  Platinen  oder  Brammen,  ausgestellt,  so  ist  die  Wirkung
der  Einfuhrscheine  der  des  zollfreien  Veredlungsverkehres  gleich  zu  setzen.
Durch  Änderung  der  Zollpolitik  sollen  die  Monopole  zu  einer  angemessenen ­
  Preispolitik  gezwungen  werden.  Geht  die  Wirkung  über  dieses
Ziel  hinaus,  führt  sie  zur  Sprengung  des  Kartells  —  die  Existenz  des
Trusts  wird  durch  solche  Maßnahmen  nicht  so  leicht  vernichtet  —  dann
ist  durch  diese  Zollpolitik  eine  Preisgestaltung  zum  Nutzen  der  Abnehmer,
der  Weiterverarbeiter  und  letzten  Konsumenten  erzwungen,  aber  zum
Nachteil  der  Anbieter.  Gesunde  Marktverhältnisse  sind  nicht  erreicht;
im  Gegenteil:  kommt  das  Kartell  nicht  wieder  zustande,  so  ist  ein  dauernder ­
  Nachteil  die  Folge  eines  Eingriffes,  der  einen  vorübergehenden  Nachteil ­
  beseitigen  sollte.  In  der  Regel  wird  sich  die  Preispolitik  eines  Kartells ­
  im  Auf  und  Ab  des  Wirtschaftslebens  nur  zeitweise  als  unangemessen ­
  erweisen.  Zur  Bekämpfung  dieser  gelegentlichen  und  zeitweisen
        <pb n="163" />
        157

Fehlgriffe  des  Kartells  die  Zollmauer  dauernd  zu  erniedrigen  oder  völlig
einzureißen  —  es  kann  nur  von  einer  dauernden  Änderung  die  Rede  sein,
denn  ein  ewiges  Wechseln  in  der  Höhe  der  Zölle  würde  ganz  unhaltbare
Verhältnisse  herauf  beschwören  —  wäre  ein  unsinniges  Beginnen.  Wird
die  Zollpolitik  anerkannt  und  ist  die  Zollhöhe  im  großen  ganzen  berechtigt, ­
  dann  darf  sie  auf  Grund  gelegentlicher  stärkerer  Ausnutzung  seitens
einzelner  Organisationen  eine  Änderung  nicht  erfahren.  Eine  Herabsetzung
der  Zollhöhe  wird  also  nur  in  den  Fällen  durchführbar  sein,  wo  die  gesamten, ­
  sich  als  dauernd  erweisenden  Verhältnisse  sie  erfordern.  Sind  schon
aus  diesem  Grunde  auch  die  vorübergehenden  Ausfuhrzölle  gänzlich  verfehlt, ­
  so  werden  sie  außerdem  ganz  andere  Folgen  zeitigen  als  beabsichtigt.
Eine  Erschwerung  der  Ausfuhr  besonders  nach  einem  Konjunkturumschlag ­
  wird  die  Krisis  verschärfen  und  kann  im  ungünstigsten  Falle
das  Kartell  zertrümmern,  wodurch  die  Verwirrung  des  Marktes  noch
größer  wird.  Bleibt  das  Kartell  bestehen  und  kann  es,  um  trotz  der  Zollmauer ­
  die  Ausfuhr  aufrecht  zu  erhalten,  die  Preise  nicht  weiter  senken,
dann  wird  es  gezwungen  sein,  die  Erzeugung  erheblich  einzuschränken,
wodurch  die  Produktionskosten  steigen  und  die  Waren  kaum  zu  einem
niedrigeren  Preise  als  vor  der  Ausfuhrsperre  im  Inlande  angeboten  werden
können.  Gleichzeitig  wird  der  Druck  der  Produktionseinschränkung  den
stärksten  Reiz  auf  die  Kartellmitglieder  ausüben,  die  Weiterverarbeitung
selbst  zu  übernehmen.  Den  bisherigen  Abnehmern  erwächst  also  auch
noch  neue  Konkurrenz.  Ganz  die  gleichen  Wege  wird  der  Trust  einzuschlagen ­
  suchen.  Starke  Produktionseinschränkung  und  der  Versuch
durch  Weiterverarbeitung  in  eigenen  Werkstätten  sich  einen  neuen  Absatz ­
  zu  erzwingen,  sind  die  notwendigen  Abwehrmittel  gegen  die  Folgen
der  Ausfuhrsperre,  wobei  zu  berücksichtigen  ist,  daß  der  Trust  Produktionseinschränkungen ­
  und  völlige  Stillegung  einzelner  Werke  leichter
durchführen  kann  als  das  Kartell.
Der  zollfreie  Veredlungsverkehr  ist  nicht  in  allen  Fällen  anwendbar
und  kann  als  ein  sehr  mildes  Mittel  bezeichnet  werden.  Er  versagt  stets
völlig,  wenn  sich  das  Ausland  für  Rohstoffe  und  Zwischenprodukte  aufnahmefähiger ­
  erweist  als  für  Fertigwaren.
Endlich  bleibt  noch  zur  Steuerung  des  Mißbrauchs  der  Monopolgewalt ­
  die  Forderung  der  Publizität  der  Statuten,  Protokolle  und  Preise.
Die  Erfüllung  dieser  Forderung  wird  die  günstigsten  Wirkungen  ausiiben,
  da  sie  indirekt  die  Politik  der  Kartelle  und  Trusts  beeinflußt  und
doch  eine  nicht  zu  unterschätzende  Macht  besitzt.  Vor  allem  die  Ausnutzung ­
  der  Trusts  zu  Spekulationszwecken  wird  wesentlich  eingeengt
werden.  Man  darf  aber  nicht  übersehen,  daß  auch  der  Anwendbarkeit
der  Publizität  Grenzen  gesteckt  sind.  So  würde  es  durchaus  unzweclc-
        <pb n="164" />
        -  158  -
mäßig  sein,  die  Protokolle  über  die  Beschlüsse  zu  veröffentlichen,  wenn
ein  Kartell  im  Begriff  steht,  sich  ein  neues  ausländisches  Absatzgebiet
zu  erobern.  Nicht  minder  nachteilig  wäre  die  Bekanntmachung  aller
geplanten  Maßregeln  gegen  Außenseiter.  Mögen  die  Maßregeln  noch  so
berechtigt  sein,  es  würde  den  Außenseitern  nicht  schwer  fallen,  mit  Hilfe
der  veröffentlichten  Protokolle  die  breite  Masse  gegen  das  Kartell  aufzureizen. ­
  Es  können  die  Monopole  nicht  in  allen  Fällen  ihre  Karten  auflegen.
Die  Gefahr  der  Überspannung  der  Monopolmacht  ist  bei  den  Trusts
weit  größer  als  bei  den  Kartellen,  zumal  auch  diese  fester  gefügten  und
mit  erheblichen  Kapitalmitteln  ausgerüsteten  Organisationen  eine  ganz
andere  Möglichkeit  besitzen,  ihre  Tätigkeit  und  ihren  Machtbereich  über
die  nationalen  Grenzen  hinaus  auszudehnen.  Welche  besonderen  Umstände
diese  Gefahr  in  den  Vereinigten  Staaten  erhöhen,  wurde  mehrfach  hervorgehoben. ­
  Der  Kampf  gegen  die  Monopole  steht  im  Mittelpunkt  der
Regierungstätigkeit.  Er  schwankt  zwischen  den  beiden  Zielen:  Auflösung ­
  der  Trusts  oder  staatliche  Kontrolle.
Die  wesentlich  andere  Beurteilung  der  Kartelle  in  Deutschland  zeigt
sich  wohl  am  deutlichsten  in  den  Bestrebungen,  wichtige  Kartelle  vorm
Zerfall  zu  schützen,  sie  zwangsweise  zusammenzuhalten.  Diese  Eingriffe ­
  des  Staates  vermögen  in  einer  Notlage,  wie  sie  ein  großer  Krieg
hervorrufen  kann,  verständlich  erscheinen,  denn  der  Zerfall  wichtiger
Kartelle  würde  den  schon  durch  den  Krieg  bedrängten  Markt  völlig  in
Verwirrung  bringen.  Aber  auch  dann  ist  dieser  Eingriff  nur  im
äußersten  Falle,  wenn  alle  anderen  Mittel  versagen,  erwünscht.  Im
übrigen  aber  birgt  ein  Zwangskartell  weit  mehr  Nachteile  als  Vorteile,
es  sei  denn,  die  gesetzlichen  Bestimmungen  ließen  den  Kartellmitgliedern
eine  weitgehende  Selbständigkeit  in  der  Regelung  der  Kartellangelegenheiten, ­
  vor  allem  das  Recht,  die  Organisationsbestimmungen  ohne  Mitwirkung ­
  der  Gesetzgebung  den  wechselnden  Wirtschaftsverhältnissen
anzupassen.  Mögen  die  Nachteile,  die  durch  das  Auffliegen  der  Kartelle ­
  oder  durch  die  Kämpfe  in  den  Kartellen  dem  Wirtschaftsleben  zugefügt ­
  werden,  auch  unter  Umständen  groß  sein,  einen  Zwang  können
sie  nicht  rechtfertigen,  da  die  komplizierten  und  sich  ständig  ändernden ­
  Verhältnisse  festen  gesetzlichen  Bestimmungen  widerstreben,  überhaupt ­
  durch  eine  gesetzgebende  Körperschaft  nicht  gemeistert  werden
können.  Fehlgriffe  werden  die  Folgen  sein,  die  nicht  minder  großen
Schaden  stiften,  nur  mit  dem  Unterschied,  daß  sich  diese  Fehlgriffe,
wenn  überhaupt,  infolge  der  Schwerfälligkeit  der  Gesetzgeljungsmaschine
nicht  so  leicht  beheben  lassen.

G.  Pätz’sche  Buchdruckerei  Lippert  &amp;amp;  Co.  G.  m.  b.  H.,  Naumburg  a.  d.  S.
        <pb n="165" />
        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena

Von  Prof.  Dr.  Robert  Liefmann,  Freibnrg
Schutzzoll  und  Kartelle.  L  Br .  1903 .  Preis:  2  Mark
Inhalt:  Einleitung-.  —  I.  Der  Einfluß  der  Schutzzölle  auf  die  Entstehung  der
Kartelle.  —  II.  Der  Einfluß  der  Schutzzölle  auf  die  Wirksamkeit  der  Kartelle.  —
III.  Die  Zollpolitik  als  Mittel  gegenüber  Kartellen.  —  Anmerkungen.
Soziale  Praxis,  1903,  Nr.  50:
.  .  .  Der  Grundzug  der  kleinen  Schrift,  der  zugleich  einer  ihrer  wesentlichsten
Vorzüge  ist,  besteht  darin,  daß  sie  nicht  von  einem  einseitigen  handelspolitischen
Standpunkte  geschrieben  ist,  sondern  objektiv  den  Zusammenhang  zwischen  Zollpolitik
und  Entstehung  und  Wirksamkeit  der  Kartelle  untersuchen  will.  Der  Kernpunkt
besteht  in  dem  Nachweis,  daß  auch  bei  dem  Schutzzollsystem  der  wirtschaftliche
Fortschritt,  der  uns  zur  Behauptung  anderen  Nationen  gegenüber  befähigt,  die,
Herbeiführung  einer  vollkommenen  Produktionsorganisation  möglich  ist.  „Der  Schutzzoll ­
  ist  —  für  den  Verfasser  —  noch  heute,  wie  zur  Zeit  Liste,  Erziehungsmittel,
aber  nicht  zur  Erziehung  der  Industrien  überhaupt,  sondern  ein  Mittel  zur  Entwicklung
der  fortgeschrittensten  Produktionsorganisation.“  Ihm  mißt  er  die  Befähigung  hei,
den  Übergang  zu  neuen  Produktionsformen,  namentlich  zu  der  Foim  immer  fortschreitender ­
  "Monopolisierung  einzelner  Betriebszweige,  wie  es  durch  die  Kartelle
geschieht,  allmählicher  und  milder  zu  gestalten  und  dadurch  die  gesamte  Volkswirtschaft ­
  für  diese  Richtung,  zu  der  sie  heut  noch  nicht  reif  ist,  vorzubereiten.

Monopole,  Kartelle  und  Trusts  il ™
Dargestellt  an  der  Entwicklung  in  Großbritannien  \  on  Dr.  Hermann  I.evy,
a.  o.  Professor  an  der  Universität  Heidelberg  und  hauptamtlicher  Dozent  an  der
Hochschule  in  Mannheim.  1909.  Preis:  7  Mark  50  Pf.
Inhalt:  I.  Die  Monopole  der  frtthkapitalistischen  Industrie  Englands.
1.  Die  frühkapitalistische  Entwicklung,  a)  Die  neuen  Gewerbe  im  16.  und  17.  Jahrhundert. ­
  b)  Der  Bergbau,  c)  Das  alte  Handwerk.  2.  Die  Monopolorganisation,
a)  Rechtliche  Grundlagen,  b)Die  wirtschaftliche  V  erfassung  der  Monopole.  3.Wirkungen
und  Bedeutung  der  Slonopole.  a)  Die  Wirkungen,  b)  Die  Agitation.  4.  Vergleiche
mit  der  deutschen  Entwicklung.
II.  Die  Zeit  des  freien  Wettbewerbs  und  der  ersten  monopolistischen
Unternehmerverbiinde.  1.  Die  Lehre  vom  freien  Wettbewerb.  2.  Die  monopolistischen ­
  Vereinigungen  im  englischen  Bergbau,  a)  Die  Blütezeit  der  englischen
Kohlenkartelle,  b)  Der  Monopolverband  im  englischen  Kupferbergbau  zu  Ende  des
18.  Jahrhunderts,  c)  Der  Zusammenbruch  der  Kohlenkartelle.
III.  Die  Neuorganisation  der  britischen  Großindustrie  auf  monopolistischer
Grundlage.  1.  Einleitendes.  Der  Übergang  zur  Gegenwart.  2.  Die  Sphäre  des
Wettbewerbs.  3.  Die  heutige  Monopolbildung  in  der  britischen  Großindustrie,  a)  Die
Konzentrationsbewegung,  b)  Die  wichtigsten  britischen  Kartelle  und  Trusts  der
Gegenwart.  1.  Der  Portlandzementtrust.  2.  Die  Stahlwerksverbände.  3.  Das  Industriespirituskartell. ­
  4.  Der  Tapetentrust.  5.  Das  Kabelkartell.  6.  Salztrust  und
Salzsyndikat.  7.  Der  Trust  der  Feinbaumwollspinner  und  Doublierer.  8.  Nähfadentrust
  und  Nähfadensyndikat.  9.  Die  Trusts  in  der  Bleicherei  und  Färberei.  10.  Der
Kalikodruckertrust.  11.  Der  Lokomotivtrust.  12.  Der  Whiskytrust.  13.  Britisches
und  internationales  Schienenkartell.  14.  Der  Sodatrust.  15.  Der  Tabaktrust.
4.  Organisationsfragen.  5.  Theoretisches  und  Kritisches.
Dokumentarisch  er  An  hang.  1.  Ein  Kartellvortrag  vom  Jahre  1835.  2.  Zur
Frage  der  Betriebskombination.  Rede  des  Sir  Christopher  Furness.  3.  Zur  Frage
der  Monopolorganisation.  Über  das  Industriespirituskartell.

RpwprhpfnrHprunn  in  PrPiiRpn  Versuch  einer  zusammenfassenden  Darstellung,
uewei  ueiui  uei  uny  m  rreuiien.  Von  I)r.  phil.-  W.  Reters,  Preis:  2  Mark.
Die  Schrift  versucht,  die  bisherigen  Maßnahmen  von  Staat  und  Gemeinden  zur
Förderung  des  Kleingewerbes  systematisch-kritisch  darzustellen.  Erörtert  werden
die  Förderung  der  kleingewerblichen  Bildung,  der  Produktion,  der  Organisation,  der
Kapitalbeschaffung  u.  ä.  Die  Möglichkeiten  einer  Weiterbildung  der  Gewerbebeförderung ­
  werden  sorgfältig  abgewogen.
Da  die  Schrift  Fragen  behandelt,  die  im  Vordergründe  des  öffentlichen  Interesses
stehen,'  und  namentlich  in  den  Parlamenten  neuerdings  eine  große  Rolle  spielen,  darf  erwartet ­
  werden,  daß  sie  zunächt  unseren  Wirtschafts-  und  Sozialpolitikern  als  Übersicht
über  den  gegenwärtigen  Stand  der  Gewerbeförderung  nicht  unwillkommen  sein  wird.

Die  Entwicklung  der  Gewerbeaufsicht  in  Deutschland,  von  Dr.
Stephan  Roersclike.  Zweite,  verbesserte  und  erweiterte  Auflage. ­
  (VII,  228  S.  gr.  8°.)  1913.  Preis:  6  Mark.
        <pb n="166" />
        Verlag  von  Gustav  Fischet*  in  Jena:

Beteiligungs-  und  Finanzierungsgesellschaften.  So n d e ern 8 en Udi KaJS«.fu!I
und  das  Effektenwesen  in  Deutschland,  den  Vereinigten  Staaten,  der  Schweiz,  England,
Frankreich  und  Belgien.  Von  Robert  Iiiefutaim.  Zweite,  vermehrte
Auflage.  (XIV,  626  S.  gr.  8».)  1913.  Preis:  16  Mark,  geb.  18  Mark  50  Pf.
Inhalt:  A.  Theoretisch-systematischer  Teil.  I.  Der  Effektenkapitalismus.
  1.  Arten  des  Kapitalismus.  2.  Die  Effektifizierung  des  Kapitals  und
der  Efiektenkapitalismus.  —  II.  Beteiligung  und  Beteiligungsgesellschaften. ­
  1.  Die  Beteiligung  im  allgemeinen  als  Erscheinung  des  Effektenkapitalismus.
  2.  Die  Verknüpfung  der  wirtschaftlichen  Interessen  bei  den  amerikanischen ­
  Eisenbahnen  im  Wege  der  Beteiligung.  3.  Die  Effektensubstitution  und  die
Beteilignngsgesellscliaften.  —  III.  Finanzieren  und  Finanzierungsgesellschaften. ­
  1.  Finanzieren,  Gründen  und  Emittieren.  (Begriff  des  Finanzierungsgeschäfts. ­
  Begriff  des  Gründungsgeschäfts.  Begriff  des  Emissionsgeschäfts.)  2.  Die
Subjekte  der  Finanzierungstätigkeit.  (Die  Banken  finanzieren.  Gewerbliche  und  dergl.
Unternehmungen  finanzieren.  Besondere  Finanzierungsgesellschaften  finanzieren.)
B.  Beschreibender  Teil.  IV.  Die  Kapitalanlagegesellschaften.  1.  Die
belgische  Societe  generale  als  erste  Kapitalanlagegesellschaft.  2.  Die  englischen
Investments  Trusts.  3.-6.  Kapitalanlagegesellschaften  in  den  Vereinigten  Staaten,
in  Frankreich  und  Belgien,  in  der  Schweiz,  in  Deutschland.  7.  Beurteilung  der
Kapitalanlagegesellschaften.  —  V.  Die  Kontrollgesellschaften.  1.  Amerikanische ­
  Trusts  und  Holding  Companies  im  allgemeinen.  2.  Die  Kontrollgesellschaften
bei  den  Eisenbahnen.  3.  Die  Finanzierung  der  New  Yorker  Straflenbahnen  als
Beispiel  der  amerikanischen  Anwendung  der  Effektensubstitution.  4.—7.  Die  Kontrollgesellschaften ­
  in  sonstigen  amerikanischen  Unternehmungszweigen,  in  Deutschland,
in  der  Schweiz,  in  anderen  Ländern.  8.  Die  Ursachen  der  verschiedenen  Entwicklung
der  Kontrollgesellschaften  in  den  einzelnen  Ländern.  9.  Beurteilung  der  Kontroligesellschaften.
  —  VI,  DieEffekten-Uebernahmegesellschaften.  1.—3.  Die
deutschen  Uebernahmegesellschaften  im  Bahnwesen,  in  der  elektrischen  Industrie,  im
Metallhandel.  4.  Sonstige  deutsche  Uebernahmegesellschaften.  5.-6.  Uebernahmegesellschaften ­
  in  England  und  Amerika,  in  der  Schweiz,  Frankreich  und  Belgien.
7.  Beurteilung  der  Uebernahmegesellschaften.  —  VII  Die  Finanzierungsgesellschaften. ­
  1.  Vorläufer  und  Verwandte  der  Finauzierungsgesellscbaften.  2.  Allgemeine ­
  Finanzierungsgesellschaften  in  Deutschland  (selbständige,  unselbständige).
3.  Spezielle  Finanzierungsgesellschaften  in  Deutschland  (für  Kleinbahnen,  für  elektrische
Anlagen,  für  die  Petroleumindustrie,  für  sonstige  Zwecke).  4.-8.  Finanzierungsgesellschaften ­
  in  der  Schweiz,  in  Belgien,  in  Frankreich,  in  England,  in  den  Vereinigten ­
  Staaten.  9.  Beurteilung  der  Finanzierungsgesellschaften.
C.  Schlußteil.  VIII.  Wirtschaftspolitische  und  -theoretische
Schlußfolgerungen.  1.  Die  Aufgaben  der  Wirtschaftspolitik  gegenüber  den
Beteiligungs-  und  Finanzierungsgesellschaften.  2.  Die  Effektensubstitutionsgesellschaften
  und  die  Banken.  (Die  bisherigen  Definitionen  des  Bankwesens.  Das  Wesen
der  Banken  und  der  Finanzierungsgesellschaften.)  3.  Die  Effektensubstitutionsgesellschaften
  und  der  Treuhand-  und  Trustbegriff.  —  Register  sämtlicher  Beteiligungsund ­
  Finanzierungsgesellschaften.
Internationaler  Volkswirt,  Nr.  34,  vom  25.  Juli  1913:
...  In  der  Tat  hat  dieses  weite  Gebiet  der  Beteiligungs-  und  Finanzierungsgesellschaften ­
  hier  einen  Meister  gefunden,  der  mit  großer  Klarheit  und
sicherem  Geschick  die  vielverzweigten  Fäden  zu  entknüpfen  weiß,  welche  diese
Gesellschaften  mit  der  modernen  Volkswirtschaft,  dem  Kapitalismus  und  dem  Effektenwesen ­
  verbinden,  andererseits  ihre  unzweifelhafte  Machtstellung  im  modernen  Wirtschaftsleben ­
  klar  zu  präzisieren.  .  .  .  Mit  wirtschaftspolitischen  und  -theoretischen
Schlußfolgerungen  gegenüber  den  Beteiligungs-  und  Finanzierungsgesellschaften
schließt  die  Arbeit,  die  trotz  ihres  Umfanges  jeder  Gelegenheit  nehmen  sollte,  zu
studieren,  der,  ob  Laie  oder  Praktiker,  nur  im  entferntesten  mit  den  Begriffen  und
praktischen  Konsequenzen  der  Volkswirtschaft  zu  tun  hat,  wird  es  doch  erst  möglich,
an  der  Hand  dieser  Arbeit  sich  ein  klares  Bild  von  der  volkswirtschaftlichen
Bedeutung  der  Organisationen  zu  machen,  die  ohne  Zweifel  berufen  sind,  in  der
Weiterbildung  unseres  Wirtschaftslebens  eine  bedeutende  Rolle  zu  spielen.

Gr.  Pätz’sche  Buchdr.  Lippert  &amp;amp;  Co.  Gr.  m.  b.  H.,  .Naumburg  a.  d.  S.
        <pb n="167" />
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nur  billiger  angeboten  werden  als  auf  dem  eigenen  Markt  des  Landes;
denn  sie  werden  seitens  der  ausländischen  Weiterverarbeiter  gern  dazu
benutzt,  um  mit  ihrer  Hilfe  die  Konkurrenten  im  Wettkampf  um  den
einschrumpfenden  Markt  aus  dem  Felde  zu  schlagen.  Vollzieht  sich  dagegen ­
  im  Auslande  eine  Aufwärtsbewegung  des  Wirtschaftslebens,
dann  wachsen  die  Absatzmöglichkeiten  der  inländischen  Weiterverarbeiter,
zumal,  wenn  ihnen  billige  Roh-  und  Hilfsstoffe  zur  Verfügung  stehen.
Verkaufen  die  Kartelle  aber  ihre  Produkte  auf  den  Auslandsmärkten  zu
Schleuderpreisen,  zu  den  Selbstkosten  oder  unter  ihnen,  dann  deutet  sich
darin  schon  die  ungünstige  Wirtschaftslage  jener  Absatzgebiete  an.  Eine
Senkung  der  Inlandspreise  auf  das  Niveau  jener  Schleuderpreise  ist  aber
unmöglich.  Eine  geringe  Mäßigung  der  Inlandspreise  wird  den  Kartellwerken ­
  in  der  Regel  keine  wesentliche  Steigerung  des  Auftragbestandes
erbringen,  sodaß  also  der  Gewinnverlust  infolge  der  Preisminderung  auf
dem  Inlandsmarkt  nicht  durch  eine  Kostensenkung  infolge  reichlicherer
Beschäftigung  ausgeglichen  werden  kann.  Eine  Einbuße  an  Gewinn  auf
dem  Inlandsmarkt  wird  in  vielen  Fällen  nur  dazu  führen  —  besonders  in
jenen,  in  denen  die  Schleuderverkäufe  nach  dem  Auslande  erst  durch  die

Gewinne  im  Inlande  ermöglicht  werden  —  die  Auslandspreise  zu  erhöhen,
wodurch  sich  die  Absatzmöglichkeit  mindert,  also  die  Arbeitsgelegenheit
einschrumpft  und  gleichzeitig  die  Produktionskosten  die  Neigung  zum
Steigen  erhalten.
Die  Schwierigkeit,  allen  Forderungen  in  der  Preisgestaltung  gerecht
zu  werden,  läßt  sich  nicht  verkennen.  Liegen  die  Verhältnisse  außerdem
noch  so,  wie  in  der  deutschen  Stahlindustrie  zu  Beginn  der  Krisis  1901,
wo,  abgesehen  von  den  Erweiterungen  fast  aller  Stahlwerke  in  der  vorhergehenden ­
  Hochkonjunktur,  kurz  vor  dem  Konjunkturwechsel  (1900)
noch  drei  neue  Stahlwerke  auf  den  Plan  traten,  dann  ist  eine  Preisgestaltung ­
  ganz  undenkbar,  die  nicht  durch  äußerst  niedrige  Sätze  für  das
Ausland  die  notwendigen  großen  Auftragsbestände  hereinzuholen  suchte.
In  solchen  Fällen  würde  es  sich  wahrscheinlich  bei  einer  genauen  Untersuchung ­
  herausstellen,  daß  selbst  technisch  die  inländischen  Weiterverarbeiter ­
  nicht  in  der  Lage  sein  würden,  die  Massen  zu  verarbeiten,
.  geschweige,  ob  es  ihnen  gelingen  würde,  die  dazu  nötigen  Aufträge  hereinzuholen ­
  l ).
Die  Kartelle  haben  sich  aber  keineswegs  als  taub  gegen  die  Wünsche
der  Weiterverarbeiter  erwiesen.  Um  sie  in  ihrem  Kampf  auf  dem  Weltmarkt ­
  zu  stärken,  hat  man  zu  dem  Mittel  der  Ausfuhrvergütungen  gegriffen. ­
  Ob  sie  in  der  Form  von  Preisnachlässen  gewährt,  oder  ob  sie  bar

=  -

*)  Vgl.  hierzu  mein  Buch  „Konzentration"  S.  49ff.
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