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        <title>Ursachen und Ziele des Zusammenschlusses im Gewerbe</title>
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            <forname>Heinrich</forname>
            <surname>Mannstaedt</surname>
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        ﻿•• ■ y.it
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        ﻿Ursachen und Ziele
des Zusammenschlusses
im Gewerbe

unter besonderer Berücksichtigung
der Kartelle und Trusts

Von

Heinrich Mannstaedt

Dr. phil. et rer. pol.

Bonn

Jena

Verlag von Gustav Fischer
1916
        <pb n="3" />
        ﻿Verlag von Gustav Fischer in Jena.

Die kapitalistische Anwendung der Maschinerie. SaStaedt1

Dr. phil. et rer. pol. in Bonn. Mit einer Kurve im Text. 1905. Preis: 2 Mark.
Handel und Gewerbe, Nr. 1 vom 7. Okt. 1905:

Die vorliegende Arbeit ist aus der Absicht des Verfassers hervorgegangen,
Marx’ Theorie der industriellen Reservearmee zu widerlegen. Der Verfasser sucht
die Frage zu beantworten, ob den Nachteilen, die durch die Anwendung von Maschinen
hervorgerufen werden, eine Kompensation gegenüberstehe.

Die Konzentration in der Eisenindustrie und die Lage der reinen

Ufol-zuiarkn Von Heinrich Mannstaedt, Dr. phil. et rer. pol in Bonn.

waizwerne.	1900. Preis. t Mark 60 Pf

Das Submissionswesen in Deutschland Von Ma^®is”2eMark 40* * * * 5 * * * 9pf!

Inhalt: 1. Die Entstehung und Entwicklung des Submissionswesens in
Deutschland bis zur Gegenwart. — 2. Das Submissionsverfahren der öffent-
lichen Verwaltungen, a) Das Ausbietungsverfahren, bl Die Vertragsverbindungen
(Kaution, Mehr- oder Minderleistung, Haftpflicht.) — 3. Das Verfahren der Unter-
nehmer hei den Angeboten, a) Die Zuschlagserteilung, b) Die Ursachen der Preis-
differenzen bei den Angeboten (Rechenfehler, Patente und Fabrikgeheimnisse, un-
genügende Selbstkostenberechnung). — 4. Die Arbeitsbedingungen, a) Im Interesse
der Arbeiter (Lohnklausel usw.). b) Im Interesse der Arbeitgeber (die Streitkiausel).
5. Die Wirkungen des Submissionswesens, a) Auf die Löhne, b) Auf die Kartelle,
c) Auf die Preise, d) Auf die Qualität der Arbeit, e) Auf das Geschäftsgebaren.
Tägliche Rundschau vom 25. Januar 1907:

Wer für die Gesundung der Verhältnisse irgendwie zu wirken berufen ist, kann
sich aus dem Hellerschen Buch wegen seiner Vielseitigkeit, Gründlichkeit und Zu-
verlässigkeit manchen Rat holen. Aber auch jeder, der sich an einer Verdingung
beteiligen will, tut gut, erst das Hellersche Buch zu lesen; er wird daraus für-die
Berechnung und Aufstellung eines vernünftigen Angebots manches lernen können.

Die rechtliche Behandlung der Kartelle.

1903.

Von Dr. Karl Hirsch, Ge-
richtsassessor in Frankfurt a. M.

Preis: 1 Mark.

Der Tag vom 28 März 1903:

. . . Das alles umfaßt nicht viel mehr als ein Dutzend Seiten Text — aber in
den 22 Seiten „Anmerkungen“ ist eine erstauliche Fülle Materials durchgearbeitet
zusammengetragen, das einem jeden, der über das Kartellproblem wissenschaftlich
arbeiten oder sich auch nur orientieren will, die Hirsch’sche Broschüre geradezu
unentbehrlich macht; in weitgehender Weise sind auch die in Zeitungen und
Zeitschriften zerstreuten Beiträge berücksichtigt. Eine außerordentlich erfeuliche
Leistung eines emsigen und mit Verständnis arbeitenden Fleißes.

Gewerblicher Konstitutionalismus.

Von Dr. Karl Mamroth. 1911.

Die Arbeitstarifverträge in ihrer volkswirt-
schaftlichen und sozialen Bedeutung.

Preis: 4 Mark.

Inhalt: Einleitung. Wesen des gewerblichen Konstitutionalismus. — 1. Be-

griffsbestimmung und Einteilung der Arbeitstarifverträge. —■ 2. Die Entwicklung
der Arbeitstarifverträge. -— 3. Der Inhalt der • Arbeitstarif Verträge. — 4. Gewerk-
vereine und Unternehmerverbände als Vorbedingung der Arbeitstarifverträge. —

5. Die Anwendbarkeit der Arbeitstarifverträge auf die gewerblichen Betriebsformen.

— 6. Vorteile und Nachteile der Arbeitstarifverträge. — Schluß: Ausblick, insbesondere

auf die zukünftige rechtliche Gestaltung der Arbeitstarifverträge im Deutschen Reiche.
Archiv für die Geschichte des Sozialimus. Bd. V, Heft 1/2:

Die vorliegende Arbeit ist eine recht sorgsame Zusammenfassung aller durch
wissenschaftliche und praktisch-politische Diskussion gewonnenen Ergebnisse über
Wesen, Natur, Zweck, Inhalt, Vorbedingungen, Anwendbarkeit usw. der Arbeits-
tarifverträge.

... Im übrigen zeigt die Arbeit eine anerkennenswerte Orientierung in der
einschlägigen Literatur und bietet durch ihren stark kompilatorischen Charakter
eine gute Möglichkeit, sich rasch über den Stand der Diskussion in
einzelnen Detailfragen des Arbeitstarifvertragswesens zu unter-
richten. ...	0. von Zwiedineck.
        <pb n="4" />
        ﻿Ursachen und Ziele
des Zusammenschlusses
im Gewerbe

unter besonderer Berücksichtigung
der Kartelle und Trusts

Von

Heinrich Mannstaedt

Dr. phil. et rer. pol.

Bonn

Jena

Verlaq von Gustav Fischer
1916
        <pb n="5" />
        ﻿
        <pb n="6" />
        ﻿
        <pb n="7" />
        ﻿Vorwort.

Vorliegende Arbeit war zu Beginn des Krieges fast vollendet. Es
wäre zwecklos, sie länger zurückzuhalten, da die Folgen des Krieges auf '
ihre Ergebnisse keinen Einfluß haben. Vermutlich werden nach dem
Kriege die Verschiebungen und Einengungen des Marktes die Zusammen-
schlußbewegungen erheblich kräftigen und ganz besonders in England,
dessen günstige Marktlage vor dem Kriege eine Rückständigkeit auf dem
Gebiet der Industrieorganisation erlaubte.

Bonn, Februar 1916.

H. Mannstaedt.
        <pb n="8" />
        ﻿Inhaltsverzeichnis.

Seite

Einleitung................................................... i

I.	Die Perioden der gewerblichen Freiheit und Bindung......... 4

II.	Die letzten Gründe zur Ausschaltung der freien Konkurrenz. . .	28

1.	Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage............. 28

a)	Das Angebot.......................................... 28

b)	Die Nachfrage....................................... 33

2.	Die Aufgaben der freien Konkurrenz................... 40

3.	Die Wirkung der freien Konkurrenz....................... 45

III.	Die Mittel zur Milderung der Folgen des Wettkampfes; insbesondere

die	Kombinationsbestrebungen.................................. 53

IV.	Die	Konkurrenzregulierung durch die Kartelle	und	Trusts ...	72

1.	Die Kartelle............................................ 72

a)	Die allgemeinen Hindernisse der Kartellierung........ 72

b)	Die Wege zur Erreichung des Kartellzweckes........ 83

2.	Die Trusts...........................................   107

a)	Die Trustformen..................................... 107

b)	Die Trustgründung................................... 110

c)	Die Marktstellung der Trusts........................ 118

3.	Kartell und Trust ....................................  122

4.	Die Organisationsbestrebungen in den Vereinigten Staaten,	&gt;

England und Deutschland................................. 125

5.	Die Beurteilung der Preispolitik ...................... 138

6.	Die Monopole und der Staat ............................ 154
        <pb n="9" />
        ﻿Einleitung.

Unter den mannigfachen Organisationsformen, die das Wirtschafts-
leben umspannen, nehmen die Kartelle und Trusts seit dem letzten Viertel
des vorigen Jahrhunderts einen immer breiteren Raum ein.

Eine gesicherte und ausgiebige Bedarfsbefriedigung, das Ziel aller
wirtschaftlichen Tätigkeit, ist in einer arbeitsteiligen Volkswirtschaft
ohne Organisation nicht denkbar. Teils loser, teils fester umschlingen
sie die Einzelwirtschaften und ihren mannigfachen Wirkungen ist es zu
verdanken, daß sich die Handlungen der einzelnen, mögen sie auch von
höchst egoistischen Motiven getrieben sein, doch so zusammenfügen, als
wenn sie planvoll von einem einheitlichen Willen geleitet würden. Dieser
einheitliche Wille, der in letzter Linie jene Organisationen baut, ist das
sogenannte Wirtschaftsprinzip, ist das Streben aller Menschen stets den
höchsten Erfolg mit dem geringsten Aufwand zu erreichen.

Sichtbarer als die meisten anderen Organisationen greifen die Kartelle
und Trusts in die Selbständigkeit der Einzelwirtschaften ein. Haben sie
sich auch auf allen Wirtschaftsgebieten betätigt, so hat doch vor allem
ihre Wirksamkeit im Gewerbe und hier wieder im Großgewerbe, in der
Industrie, die allgemeine Aufmerksamkeit auf diese neuen Organisations-
formen gelenkt. So sollen denn auch die Kartelle und Trusts des Ge-
werbes das Hauptmaterial der Untersuchung geben.

Wirtschaften heißt, die Bedürfnisse der Menschen befriedigen. Der
einzelne sucht sich durch seine wirtschaftliche Tätigkeit einen möglichst
großen Anteil an dem Gesamterfolge der Volkswirtschaft zu sichern.
Demnach sind nur zwei wirtschaftliche Motive denkbar, die uns erklären,
warum jemand seine wirtschaftliche Selbständigkeit teilweise oder voll-
ständig preisgibt. Entweder er befindet sich in einer Notlage, es ent-
spricht bei voller Selbständigkeit der Erfolg seiner wirtschaftlichen Tätig-
keit nicht mehr seinen Bedürfnissen, seinen Erwartungen, oder er hofft

Mannstaedt, Zusammenschluß im Gewerbe.
        <pb n="10" />
        ﻿2

durch die Preisgabe seiner Selbständigkeit dauernd oder vorübergehend
einen größeren Erfolg als bisher zu erzielen. Das Kartell schränkt
die Selbständigkeit der Mitglieder mehr oder weniger ein, der Trust faßt
vorher selbständige Unternehmungen zu einer neuen Einheit zusammen,
hebt also ihre Selbständigkeit auf. Beide Organisationen wollen den
Erfolg des wirtschaftlichen Strebens heben.

Wenn eine Organisationsbewegung, die durch Einschränkung oder
Aufhebung der Selbständigkeit ihre Ziele zu erreichen sucht, allgemeiner
das Wirtschaftsleben erfaßt, dann kann man mit Sicherheit erwarten,
daß das erste der beiden Motive die vorherrschende treibende Kraft ist.
Ohne den Zwang der Not opfert nicht ein großer Teil der Wirtschaftenden
die Selbständigkeit. Dem zweiten Motiv fällt nur eine unterstützende
Rolle zu.

Eine allgemeine Notlage ganzer Gruppen von Wirtschaftenden kann
nur dort auftreten, wo eine dauernde Inkongruenz zwischen Angebot
und Nachfrage besteht, wo durch längere Zeit entweder das Angebot oder
die Nachfrage überwiegt. Die verschärfte Konkurrenz der Anbieter oder
der Nachfrager schmälert oder vernichtet den Erfolg ihres wirtschaftlichen
Strebens. Zieht die Notlage in den Reihen der Kämpfenden weitere Kreise,
so siegen allmählich die gemeinsamen Interessen der Konkurrenten über
die Interessengegensätze; Abwehrbestrebungen: Organisationsbestre-
bungen setzen ein. Ohne Eingriff in die Selbständigkeit der Konkurrenten
lassen sich aber die gemeinsamen Interessen mit Erfolg nicht vertreten.
Die wirtschaftliche Freiheit der einzelnen wird unterbunden durch die
gemeinsamen Bestrebungen der Gruppen. Nimmt die Bewegung größere
Dimensionen an, so geht der Zustand der wirtschaftlichen Freiheit in den
der wirtschaftlichen Gebundenheit über.

Im Gewerbe entsteht eine allgemeine Notlage hauptsächlich dann,
wenn das Angebot dauernd die Tendenz hat, die Nachfrage zu überbieten.
Somit wird Gewerbefreiheit oder der Drang nach Gewerbefreiheit dort
herrschen, wo das Angebot dauernd hinter der Nachfrage zurückbleibt,
während die Tendenz zum Zusammenschluß der Konkurrenten überall
dort an Kraft gewinnt, wo die Nachfrage immer wieder durch das Angebot
überholt wird. Die Wirtschaftsgeschichte lehrt uns, daß Perioden der
gewerblichen Freiheit abwechseln mit Perioden gewerblicher Bindung.
Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage muß also in den einzelnen
Perioden eine tiefgehende Wandlung erfahren haben. Die gleichen Ur-
sachen rufen die gleichen Wirkungen hervor, wenn natürlich auch die
Organisationen, die in den Perioden des Überangebots Abhilfe bringen
sollen, entsprechend den wirtschaftlichen Gesamtverhältnissen andere
Formen annehmen. Zwischen den mittelalterlichen Zünften und den
        <pb n="11" />
        ﻿modernen Kartellen besteht keineswegs eine tiefe Kluft. Ursachen und
Ziele sind bei beiden Organisationen gleich und selbst die Formen zeigen
große Verwandtschaft, wenn sie auch für ganz verschiedene Wirtschafts-
körper bestimmt sind. Zwar bedarf es zum Verständnis der heutigen Be-
strebungen, die Konkurrenz zu binden, nicht der Kenntnis der mittel-
alterlichen Zünfte, jedoch stellt ein flüchtiger Blick auf die Entwicklung
der gewerblichen Organisationen die modernen Zusammenschlußbewe-
gungen in einen größeren Rahmen und hebt ihre innere Notwendigkeit
schärfer hervor.
        <pb n="12" />
        ﻿I,

Die Perioden der gewerblichen Freiheit
und Bindung.

Im Anfang des Mittelalters herrschte in den Städten Gewerbefreiheit.
Sombart1) hat besonderen Nachdruck auf diese Feststellung gelegt und
ihre Bedeutung für die Erklärung der Zunftbewegung hervorgehoben.
Erst allmählich ist die Freiheit zur Ausübung eines Gewerbes durch den
Zunftzwang und andere Beschränkungen aufgehoben worden. Keineswegs
setzt diese Bewegung in allen Gewerben gleichzeitig ein. Im Gegenteil:
sie beginnen in der einen Stadt früher, in der anderen später und auch in
derselben Stadt werden nach und nach einzelne Gewerbe von ihr ergriffen.
Nürnberg und Lübeck gehören z. B. zu den Städten, in denen der Zunft-
zwang sich verhältnismäßig spät entwickelte. In Frankfurt a. M. bestand
während des 14. Jahrhunderts bei den Kürschnern, Lohgerbern, Fischern,
Schiffern, Steindeckern, Gärtnern, Webern kein Zunftzwang; erst im
15. Jahrhundert wurde er in diesen Gewerben eingeführt. Die Beispiele
lassen sich leicht vermehren. Auch für die außerdeutschen Länder konnte
Sombart entsprechende Daten beibringen.

Was ist die Ursache, daß man damals die gewerbliche Freiheit aufgab
und einen Zustand der Gebundenheit einführte, der die Selbständigkeit
der einzelnen Zunftmitglieder immer stärker beschnitt ? Die Frage können
wir indirekt beantworten, indem wir zunächst einmal festzustellen ver-
suchen, warum vorher volle Gewerbefreiheit möglich gewesen war.

Das Ziel, das sich die mittelalterlichen Handwerker steckten, war
dasselbe, das noch heute allen Erwerbswirtschaften eigen ist, nämlich:
durch wirtschaftliche Tätigkeit für fremden Bedarf den eigenen Lebens-

l) Sombart, Der moderne Kapitalismus 1902 Bd. I S. i32ff.
        <pb n="13" />
        ﻿5

unterhalt zu gewinnen1). Darin liegt ja der große Fortschritt in der wirt-
schaftlichen Gesamtorganisation der Periode der mittelalterlichen Stadt-
wirtschaft gegenüber der der geschlossenen Hauswirtschaft. Zur Zeit
der geschlossenen Hauswirtschaft bildeten die Hausgenossen eine sich
selbst genügende Produktions- und Konsumtionsgemeinschaft. Der
Produktivitätsfortschritt, den die Periode der Stadtwirtschaft brachte,
lag in der Verselbständigung und Spezialisierung der Berufe, in der Arbeits-
teilung. Von nun ab war die Gewinnung des eigenen Lebensunterhaltes
in immer steigendem Maße nur möglich durch wirtschaftliche Tätigkeit
für fremden Bedarf. Es entstand die Erwerbswirtschaft. Der selbständig
gewordene städtische Handwerker konnte seinen Lebensunterhalt bei
voller Gewerbefreiheit nur so lange gewinnen, als die Nachfrage stets
dem Angebot entsprach, oder es überbot.

Die Marktverhältnisse im Frühmittelalter waren dieser Forderung
günstig* 2). Dank der Gliederung des Volkes in althergebrachte Stände:
Geistlichkeit, Ritterschaft, Bauer und Bürger, dank dem zähen Festhalten
an Sitten und Gebräuchen innerhalb dieser Gruppen konnten die Gewerbe-
treibenden mit einer gleichmäßigen Nachfrage rechnen. Es hatten sich
bestimmte Bedürfnisse herausgebildet, die sich im Laufe einer längeren
Periode kaum änderten. Gleichzeitig aber wuchs die Kaufkraft, diese
Bedürfnisse zu befriedigen. Es hob sich bis gegen Ende des Mittelalters
die Wohlhabenheit des Bauernstandes vor allem bedingt durch die Auf-
wärtsbewegung der landwirtschaftlichen Produktion. Der Steigerung der
Ertragsfähigkeit des Bodens, dem landwirtschaftlichen Produktivitäts-
fortschritt, entsprach die Steigerung der Leistungsfähigkeit im Gewerbe,
hervorgerufen durch die Arbeitsteilung, die Spezialisierung. Die Kauf-
kraft der einzelnen wuchs zunächst mit der Menge der Produkte, die sie
zu erzeugen und anzubieten vermochten. Es wuchs auch die Kaufkraft
derjenigen, die indirekt an dem allgemeinen Produktivitätsfortschritt
teilnahmen: der weltlichen und geistlichen Rentenbezieher.

Für die städtischen Handwerker zeitigte die gestiegene Produktions-
kraft in Landwirtschaft und Gewerbe nur so lange günstige Folgen, wie
das Austauschverhältnis nicht gestört wurde durch ein Überangebot von
gewerblichen Erzeugnissen oder gewerblicher Arbeitskraft. Das Angebot
vermochte aber im Frühmittelalter die Nachfrage nicht zu überholen.
Einerseits fehlte es an Arbeitskräften, andererseits erlaubte der Stand
der Technik nicht eine schnelle Ausweitung der Erzeugung.

Mangel an Handwerkern bildete in jener Zeit nicht die Ausnahme,

*) L. Pohle, Der Unternehmerstand 1910 S. 7.

2) Sombart a. a. O. Bd. I 1. Buch 6. Kapitel.
        <pb n="14" />
        ﻿sondern die Regel, das beweisen die Privilegien, durch die die Städte
fremde Handwerker heranzuziehen suchten. Wodurch wurde der Mangel
hervorgerufen ? Zunächst durch das geringe Wachstum der gesamten
Bevölkerung. Wir können feststellen, daß infolge der großen Sterblichkeit
während einer ganzen Periode — von 1250—1450 — von einem nennens-
werten Zuwachs der Bevölkerung kaum die Rede sein kann. Dazu kam,
daß der agrarische Bevölkerungsüberschuß ein reiches Betätigungsfeld
im deutschen Osten fand, wo es galt, das Land durch Kolonisation dem
Deutschtum zu gewinnen. Der Zustrom zu den städtischen Gewerben
war gering. Damals öffneten die Städte noch weit ihre Tore. Aber auch
abgesehen von der Bevölkerungsbewegung hätte sich die Zahl der Hand-
werker nur langsam vennehren können, da sich die Erfahrung, auf der
die damalige Technik beruhte, nur allmählich im Dienste der Meister
erlernen ließ. Die Erfahrung der Meister war die einzige Quelle, aus der
die Technik schöpfte. Und aus diesem Grunde war auch ein rasches Fort-
schreiten der Technik selbst unmöglich. Denn wem die Kenntnis des
inneren Zusammenhanges der technischen Prozesse fehlt, wem Ursache
und Wirkungen verschlossen sind, der kann auch nicht zielbewußt an
dem Fortschritt der Technik arbeiten. Nur der Zufall spielt ihm eine
Erfindung in die Hände, die er dann um so leichter als sein Geheimnis
bewahren kann.

Der niedrige Stand und die große Stabilität der Technik und das
langsame Wachstum der Handwerkerschar hemmten ein Übermaß des
Angebots. Durch den Produktivitätsfortschritt in der Landwirtschaft
wie im Gewerbe war die Gesamtkaufkraft gestiegen, aber in dem gesamten
Austauschverhältnis war das Gewerbe in der glücklichen Lage, mit seinen
Waren den Bedarf nicht voll decken zu können. Diese günstige Lage
konnte auch nicht durch Konkurrenz von auswärts erschüttert werden;
die Transporttechnik gestattete keinen größeren interlokalen Verkehr.
Abgesehen von den Zeiten der Mißernten, Kriege und Volksseuchen ge-
wannen die Handwerker stets durch Produktion für fremden Bedarf
ihren Lebensunterhalt, erreichten sie ohne Not bei voller Freiheit das
Ziel ihres wirtschaftlichen Strebens. An die Stelle der Gebundenheit in
der Periode der geschlossenen Hauswirtschaft trat die Gewerbefreiheit in
der ersten Hälfte der Periode der mittelalterlichen Stadtwirtschaft.

Aus dieser Darstellung ergibt sich auch die Antwort auf die Frage:
warum allmählich die Zunftbewegung einsetzte und immer größere Be-
deutung erlangte. Die Gunst der Umstände wandelte sich. Die Bevölkerung
wuchs an. Der Überschuß vom Lande zog jetzt zur Stadt. Der Andrang
zu den städtischen Gewerben stieg. Die notwendige Folge war die Ver-
stärkung des Angebots gewerblicher Produkte. Zwar wird sich durch
        <pb n="15" />
        ﻿fortschreitende Berufsteilung, Spezialisierung, die Produktivkraft und
folglich die Kaufkraft in manchen Gewerbezweigen gehoben haben, jedoch
die Kaufkraft des Partners des gesamten Gewerbes, der Landwirtschaft,
vermochte nicht Schritt zu halten. Die Leistungsfähigkeit des Landes,
das auf den städtischen Markt angewiesen war, wurde durch den Stand
der Betriebstechnik begrenzt. Die landwirtschaftliche Technik zeichnete
sich aber fast durch eine noch größere Stabilität aus wie die gewerbliche.
Somit hatten neue ländliche Käuferschichten nur aus größerer Entfernung
herangezogen werden können. Das verbot aber der geringe Entwicklungs-
grad der Transporttechnik. Wir sehen also: die agrarische Produktion
war begrenzt durch die Größe der Kulturflächen, die zum städtischen
Markt in erreichbarer Entfernung lagen; die gewerbliche Erzeugung fand
ihre Grenze in der Menge der beschaffbaren Rohstoffe und der Zahl der
Handwerker. Da aber der Rohstoffbezug zum Teil unabhängig von der
Ergiebigkeit der Landwirtschaft war, so lag die Gefahr eines Überangebots
gewerblicher Erzeugnisse nahe. Diese Gefahr wurde durch die Bevöl-
kerungsvermehrung verstärkt, denn sie rief nicht nur stärkeren Andrang
zu den städtischen Berufen und dadurch Vermehrung der Handwerker waren
hervor, sondern führte ohne Zweifel auch trotz der Abwanderung nach
den Städten zu einer Verdichtung der ländlichen Bevölkerung und erst
recht, als die Städte begannen, dem Andrang gegenüber ihre Tore zu
schließen. Das bedeutete aber Verminderung der Kaufkraft des Landes,
da ein größerer Teil des Ertrages auf dem Lande konsumiert wurde. Die
Entwicklung führt also nach und nach mit Naturnotwendigkeit, zu einem
Überangebot in den einzelnen Gewerbezweigen. Ein Konkurrenzkampf
der Handwerker begann und es schwand für eine wachsende Zahl die
Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu gewinnen. Die drohende allgemeine
Notlage konnte nur durch Konkurrenzregulierung beseitigt werden: die
Zunftbewegung setzte ein. Künstlich suchten die Handwerker die gün-
stigen Verhältnisse, die bisher bestanden hatten, wieder herzustellen,
wenigstens das Angebot mit der Nachfrage in Einklang zu bringen.

Der Erfolg der Zunftbewegung wurde wesentlich durch die Gunst
dreier Umstände unterstützt. Erstens erleichterte die Kleinheit und Ge-
schlossenheit des Wirtschaftsgebietes, die Tatsache, daß jedes Stadtgebiet
mit einer größeren Umgebung eine fast vollständige Produktions- und
Konsumtionsgemeinschaft darstellte, den Überblick über Angebot und
Nachfrage. Ohne sicheren Überblick ist eine Anpassung der Erzeugung
an den Bedarf unmöglich. Zweitens garantierte die Stabilität der
Technik und der Sitten und Gewohnheiten, wie wir sahen, eine weit-
gehende Gleichmäßigkeit der Angebot- und Nachfrageverhältnisse.
Starke Schwankungen der Nachfrage sowie leichte Vermehrung des An-
        <pb n="16" />
        ﻿gebots erschweren die Konkurrenzregulierung. Drittens deckte sich das
Interesse der Stadt wesentlich mit dem Interesse der Handwerker,
folglich stellte sich die städtische Wirtschaftspolitik in den Dienst der
Zünfte. Je größer die Machtstellung der Anbieter, desto sicherer der
Erfolg der Marktpolitik. Durch den Zunftzwang, der die Ausübung des
Handwerks an die Zugehörigkeit zur Zunft band, durch die Bann-
rechte, die den Wohnsitz der Handwerker außerhalb der Stadt ver-
boten, durch die Handelspolitik, die die Möglichkeit fremder Kon-
kurrenz vollkommen unterband, war den städtischen Handwerkern
eine Monopolstellung geschaffen. Daß die städtische Marktpolitik gegen
das Interesse der Bauern zugunsten der Städter gerichtet war, und daß
die Handelspolitik den Rohstoffbezug und den Warenabsatz begünstigen
sollte, sei nur nebenbei bemerkt.

Ein voller Erfolg konnte trotzdem den Zünften nur zeitweise be-
schieden sein. Jene Kräfte, die das Mißverhältnis zwischen Angebot und
Nachfrage hervorgerufen hatten, wirkten langsam aber ständig fort.
Durch immer schärfere Bestimmungen mußte der Wettbewerb gezügelt
werden. Um den Zunftmitgliedern die Gewinnung des Lebensunterhaltes
zu ermöglichen, wurde die ganze gewerbliche Tätigkeit nach und nach in
einer Weise reguliert, daß schließlich von der Selbständigkeit des einzelnen
nur noch der Schein übrig blieb.

Das einfachste Mittel, jedem Zunftgenossen gleiche Chancen beim
Wettkampf zu geben, waren die Preistaxen. Es handelte sich hier um feste
Preise, nicht um Mindestpreise. Nur infolge der Gleichheit der Produktions-
bedingungen und somit der Produktionskosten, infolge der großen Stabi-
lität aller wirtschaftlichen Verhältnisse, insbesondere der Technik, und
infolge der Kleinheit des Wirtschaftsgebietes konnten solche Preistaxen
wirksam durchgeführt werden. Wo die Wirtschaftslage häufig und rasch
wechselt, wo das Risiko groß ist, läßt sich die Idee des justum pretium
nicht verwirklichen. Wenn auch damals Kriege, Seuchen und Ernte-
schwankungen heftige Störungen im Wirtschaftsleben hervorriefen —
besonders die Folgen der Mißernten können wir an den Schwankungen
der Einwohnerziffern der Städte und den Mitgliederzahlen der Zünfte
feststellen — war doch das Risiko verhältnismäßig gering.

Wir wissen, daß die selbständigen Handwerker durch Produktion
für fremden Bedarf den eigenen Lebensunterhalt zu gewinnen strebten.
Das Maß dieses Strebens und der Bedarf für den eigenen Lebensunterhalt
waren aber von jeher verschieden. Niemals herrschte Gleichheit der Pro-
duktion und des Ertrages. Aber niemals traten auch die Folgen dieser
Unterschiede in der Schaffenskraft und wirtschaftlichen Leistungsfähig-
keit mehr hervor als in den Zeiten allgemeinen Niederganges. Jedes
        <pb n="17" />
        ﻿9

Streben des Starken, durch Herabdrücken der Kosten und Ausdehnung
der Erzeugung den Ertrag auf der alten Höhe zu halten oder sogar zu
steigern, mußte dem Schwachen noch mehr die Luft zum Atmen nehmen.
Nur eine allgemeine Nivellierungspolitik konnte die Starken niederhalten.

Beim Rohstoffbezug aus der Ferne sorgten die Zünfte dafür, daß
alle Mitglieder gleichen Vorteil erlangten. Da die Gesellenlöhne einen
wichtigen Teil der Produktionskosten ausmachten, mußten sie festgelegt
werden. Wo nicht die Größe der Erzeugung direkt ziffermäßig begrenzt
wurde, suchte man sie indirekt einzuengen durch die Bestimmung, wieviel
Gesellen und Lehrlinge jeder halten dürfe. Da die Kosten, die Größe der
Erzeugung und nicht zuletzt auch die Qualität der Waren von dem tech-
nischen Verfahren abhingen, wurde auch dies bindend für alle Mitglieder
festgelegt. Niemand durfte von Handwerksgebrauch und -gewohnheit
abweichen1). Endlich war auch der Absatz so reguliert, daß jedes Zunft-
mitglied die gleichen Chancen auf dem Markt hatte und die Kunden die
Waren aller Produzenten miteinander vergleichen konnten.

Daß anfangs unter den Zünften eine hohe Blüte des Handwerks ge-
herrscht hat, ist eine bekannte Tatsache. Aber je schwieriger es wurde,
das Angebot mit der Nachfrage in Einklang zu bringen, desto rigoroser
wurde die Handhabung der Zunftmittel, vor allem aber die Ausgestaltung
und die Anwendung der Bestimmungen, die ursprünglich helfen sollten,
einen geeigneten Nachwuchs zu erziehen. Sie wurden zur Schikane, die
den Zudrang zu den Gewerben fast vollständig unterbanden.

So sehen wir, wie die Zünfte machtvolle Organisationen darstellten,
die das Interesse der Gesamtheit der Handwerker vertraten, sie waren
Interessenten verbände mit dem Ziele einer angemessenen Verteilung der
Aufträge. Sie sollten ihren Mitgliedern die Erlangung eines auskömmlichen
Lebensunterhaltes sichern. Gleichzeitig aber waren die Zünfte auch Organe
der öffentlichen Verwaltung und als solche fiel ihnen die Aufgabe zu, das
Interesse der Konsumenten zu vertreten, dafür zu sorgen, daß für gutes
Geld auch gute Ware geliefert wurde. Die Produzentenorganisation war
mit der Wahrung der Interessen der Konsumenten betraut. Das kann nicht
wunderbar erscheinen. Die Stadt bildete eine geschlossene Produktions-
und Konsumtionsgemeinschaft, der Bezug aus der Fremde war gering.
Jedes Mitglied einer Zunft war Produzent, aber zugleich auch Konsument
zahlreicher Produkte anderer Zünfte. Hier zeigte die Kleinheit der wirt-
schaftlichen Verhältnisse deutlich, daß Produzenteninteressen und Kon-
sumenteninteressen sich ausgleichen müssen. Wo dieser Ausgleich dauernd
gestört wird, fällt schließlich der Nachteil auf den Störer zurück. Jede

J) Pohle a. a. O. S. 53.
        <pb n="18" />
        ﻿IO

einseitige Vertretung des Produzenteninteresses rief die Gefahr hervor,
daß jedes Zunftmitglied von den Maßnahmen der anderen Zünfte ge-
troffen wurde. Und dennoch schreckten die Zünfte nicht vor der einseitigen
Wahrung ihrer Interessen zurück, je mehr sich die wirtschaftliche Lage
verschlechterte. Wie die Stadt in ihrer Marktpolitik dem Lande gegenüber
einseitig den Konsumentenstandpunkt vertrat, so stellten die Zünfte ihren
Abnehmern gegenüber schließlich einseitig den Produzentenstandpunkt in
den Vordergrund.

Alle Versuche der Zünfte, Angebot und Nachfrage in Einklang zu
setzen, zielten auf eine Anpassung, eine Einschränkung des Angebots
ab. Die Anpassung, die Ausdehnung, der Nachfrage hätte in der Haupt-
sache vom Lande ausgehen müssen. Sie war infolge des Standes der
landwirtschaftlichen Betriebstechnik sowie der Transporttechnik nur
möglich, wenn die Städte bereit waren, höhere Preise für die landwirt-
schaftlichen Produkte zu bewilligen. Die Marktpolitik der Städte aber
zielte auf eine Tiefhaltung der Preise hin, wodurch die ländliche Nachfrage
gedrückt und jeder Anreiz zu einem betriebstechnischen Fortschritt unter-
bunden werden mußte. Auf der anderen Seite sorgten wieder die Zünfte
durch ihre Nivellierungspolitik, daß auch hier jedes Streben nach Fort-
schritt und Senkung der Produktionskosten ausgemerzt wurde. Die
einzige Möglichkeit, die Preissteigerung agrikoler Produkte auszugleichen
durch die Preissenkung gewerblicher Erzeugnisse, war damit genommen.
Somit blieb nur der Weg offen, den die Zünfte einschlugen, ihren Mit-
gliedern einen bescheidenen Lebensunterhalt zu sichern: Sperrung des
Mitgliederzuwachses und Aufteilung der Nachfrage durch weitgehende
Regulierung jeder wirtschaftlichen Tätigkeit ihrer Mitglieder.

War der Anfang der Periode der Stadtwirtschaft gekennzeichnet
durch den großen Produktivitätsfortschritt im Gewerbe und der Land-
wirtschaft, so beobachten wir in ihrem Verlauf einen allgemeinen Still-
stand, ja teilweise einen Rückschritt der Produktivität in den beiden
großen Wirtschaftsgebieten.

Fragen wir uns nun, wann die aus dem Mittelalter überkommene
Gebundenheit wieder durch einen Zustand gewerblicher Freiheit ersetzt
werden konnte, so ergibt sich die Antwort von selbst, nämlich: dann, wenn
gewaltige Produktivitätsfortschritte wiederum das ganze Wirtschaftsleben
auf eine neue Basis stellten, wie zu Anfang des Mittelalters, wenn eine
andauernde Produktivitätssteigerung in Landwirtschaft und Gewerbe,
Handel und Verkehr eine solche Extensivierung und Intensivierung des
Marktes hervorrief, daß immer wieder die Nachfrage nicht durch das An-
gebot befriedigt werden konnte, wenn sich infolge jener Fortschritte der
        <pb n="19" />
        ﻿Raum für wirtschaftliche Betätigung so rasch erweiterte, daß die Köpfe
und Hände nicht ausreichten, ihn zu füllen.

Produktivitätsfortschritte auf einzelnen Gebieten haben auch die
Jahrhunderte der gewerblichen Bindung aufzuweisen, so besonders Handel
und Verkehr. Der Fernhandel, als Zwischenhandel oder als Handel mit
den Produkten des heimischen Gewerbefleißes, wuchs an Bedeutung und
schuf sich seine besonderen Verkehrsinstrumente. Die Jahrmärkte und
vor allem die Messen, die schon seit dem 12. Jahrhundert auf kamen,
führten die Händler aus allen Ländern zusammen. Der Zahlungs- und
Geldverkehr paßte sich den neuen Bedürfnissen an und ging Hand in
Hand mit der Entfaltung des Bankwesens. Kapitalbörsen entstanden.
Neben See- und Flußsjphiffahrt wurde allmählich auch der Frachtverkehr
zu Lande, besonders im Anschluß an die Messen, organisiert und aus dem
mittelalterlichen Botendienst entwickelte sich seit dem 16. Jahrhundert
ein regelmäßiger Postverkehr für Nachrichten, Personen und Waren, der
durch den Bau der Chausseen im 17. und 18. Jahrhundert erheblich ge-
fördert wurde. Überall, wo größere Gebiete unter einem Herrscher zu-
sammengefaßt wurden, fielen die Binnenzölle, bahnten einheitliches Recht
und einheitliche Geld-, Maß- und Gewichtsysteme dem Handel den Weg.
Eine tiefgreifende Umwälzung des Fernhandels rief die Entdeckung
Amerikas, der Verkehr mit den Kolonien hervor. So erlangte für manche
Städte und Gegenden der fremde Markt neben dem lokalen Markt immer
größere Bedeutung. Doch diese Markterweiterung vollzog sich zu langsam
und war vor allem nicht umfassend genug, da die Transportmittel einen
Massenversand nicht zuließen, folglich die hohen Kosten nur von den
wertvolleren Gütern getragen werden konnten. Die Fortschritte auf dem
Gebiete des Handels und Verkehrs reichten nicht aus, um Raum für eine
neue Periode der Gewerbefreiheit zu schaffen. Immerhin: wo die Markt-
ausweitung ausgiebig und nachhaltig war, mußten auch die Handwerker
Nutzen aus der neuen Absatzmöglichkeit ziehen; zunächst jene, die für
den fernen Markt arbeiteten, dann alle, weil durch die erhöhte Erwerbs-
möglichkeit die lokale Kaufkraft wuchs.

Diese neue Nachfrage in der Fremde brachte nicht die Freiheit, sondern
eine neue Abhängigkeit und Bindung, die vielfach ihren Ausdruck in einer
neuen Organisationsform fand und finden mußte. Das Verlag System, die
Hausindustrie, entwickelte sich. Die Kleinheit des Handwerksbetriebes
und der Mangel an Kapital gestattete es dem einzelnen Handwerker nicht,
selbst den Fernabsatz seiner Produkte in die Hand zu nehmen, er mußte
sich eines Vermittlers bedienen. Ein Händler oder ein Handwerksgenosse
übernahm als Verleger den Verkauf der Waren einer größeren Zahl Hand-
werker, Hausindustrieller, auf dem fernen Markt. Aber nicht nur auf die
        <pb n="20" />
        ﻿12

städtischen Handwerker, sondern auch ganz besonders auf den bäuerlichen
Hausfleiß stützte sich das Verlagsystem1).

Die Anfänge dieser Bestrebungen fallen bereits ins 13. und 14. Jahr-
hundert und vom 16.—19. Jahrhundert spielte die Hausindustrie eine
große Rolle und genoß in der Zeit des Merkantilismus eine besondere
Förderung der Regierungen. Die Gegenden mit aufblühender Haus-
industrie waren die reicheren gegenüber jenen mit lokalem Absatz. Der
Versand der schlesischen Leinenindustrie ging im 18. Jahrhundert nach
Holland, England, Spanien und Westindien. Aber straffe Organisation
war die Basis der Blüte und die Zünfte lieferten zum Teil das Vorbild.
Der Fernverkehr war mit großen Gefahren verknüpft und mußte mit
langen Transportzeiten rechnen. Die bescheidenen Hilfsmittel erlaubten
nicht einen sicheren Überblick über die Aufnahmefähigkeit der fremden
Märkte und den Wechsel ihrer Kaufkraft. Dieses Risiko des Absatzes
vermochte der Verleger nur zu tragen, wenn er wenigstens beim Bezug
der Waren mit festen gegebenen Verhältnissen rechnen konnte. Seine
Beziehungen zu den einzelnen Handwerkern verlangten eine Regelung.
Umgekehrt hing die Existenz der Hausindustriellen vom Verleger und
seinen Erfolgen ab. Man hat die Hausindustrie den dezentralisierten
Großbetrieb genannt. Im zentralisierten Großbetrieb wird durch die
Fabrikordnung das Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter ge-
regelt. Der Fabrikordnung entsprach in der Hausindustrie zu einem guten
Teil die Organisation zwischen Verleger und Handwerker. Darüber hinaus
aber war sie eine Konkurrenzregulierung sowohl der Verleger wie auch
der Hausindustriellen untereinander. Die Konkurrenzregulierungen aber
beweisen, wie wenig die Markterweiterung imstande war, das Verhältnis
von Angebot und Nachfrage dauernd zugunsten des Angebots zu wenden.

Wir sehen aber auch, daß sich der selbständige handwerksmäßige Be-
trieb nicht zur Befriedigung eines vergrößerten Marktes eignet. Das mittel-
alterliche Handwerk, das Zusammenarbeiten von Meistern und einigen
wenigen Gesellen und Lehrlingen, ist die ausgesprochene Organisations-
form der Produktionsstätten des lokalen Marktes. Die selbständige
Produktionsstätte für den interlokalen Markt verlangt eine neue Or-
ganisationsform. So entstand neben dem Verlagsystem die Manufak-
tur, der Fabrikbetrieb, der zentralisierte Großbetrieb. Unter ein-

x) Sombart a. a. O. Bd. 2 S. 130: „Was von der ländlichen Zuwachsbevölkerung
nicht auf Neuland abgeschoben werden konnte, mußte, soweit nicht eineHerabdrückung
des Lebensstandards als Auskunftsmittel gewählt wurde, bei der geringen Aufnahme-
fähigkeit der Städte und der geringen Entwicklung der landwirtschaftlichen Technik
durch Verwertung seiner Arbeitskräfte mittels gewerblicher Tätigkeit sich am Leben
zu erhalten suchen."

"■SS*
        <pb n="21" />
        ﻿i3

heitlicher Leitung wurden die zersplitterten Produktionsstätten zusammen-
gefaßt unter einem Dach, in einem geschlossenen Betrieb. Wie sich in
Italien zuerst das Verlagsystem entfaltete, so können wir hier die Manu-
faktur am weitesten, bis ins Mittelalter, zurückverfolgen. Stärker tritt
sie im 17. und 18. Jahrhundert hervor.

So haben die Fortschritte in Handel und Verkehr zwei neue Orga-
nisationsformen im Gewerbe hervorgerufen, die sich aber noch auf die
alte Handwerkstechnik stützen: Verlagsystem und Manufaktur. Im
dezentralisierten und zentralisierten Großbetrieb tritt uns eine besondere,
eine höhere Form der Erwerbswirtschaft entgegen, in der sich das Erwerbs-
prinzip auswirkt im Großbetrieb: die Unternehmung, jene Organi-
sationsform, die sich allmählich das ganze Wirtschaftsleben erobert. Unter
Erwerbswirtschaft verstanden wir jene Wirtschaft, die durch Produktion
für fremden Bedarf die Gewinnung des eigenen Lebensunterhaltes bezweckt.
,,Die Erwerbswirtschaft macht dann die Metamorphose zur Unternehmung
durch, wenn der Betrieb so umfangreich wird, daß die Tätigkeit seiner
Leitung und Verwaltung allein schon die ganze Arbeitskraft mindestens
einer Person erfordert1).“ In der Unternehmung ist eine vollständige
Scheidung zwischen der organisatorischen oder dispositiven Arbeit und
der ausführenden, der körperlichen Arbeit durchgeführt. Wo in der Land-
wirtschaft, im Gewerbe und im Handel der Betrieb eine solche Größe
erreicht hat, daß eine vollständige Teilung zwischen dispositiver und
exekutiver Arbeit durchgeführt werden muß, geht er in die landwirtschaft-
liche, industrielle oder kaufmännische Unternehmung über. Auch die
Unternehmung sucht einen Ertrag zu erwirtschaften durch Produktion
für fremden Bedarf. Da aber nur der unternehmungsweise Betrieb geeignet
ist, die Erzeugung und den Absatz für den interlokalen Markt zu über-
nehmen, so liegt es auf der Hand, daß die Zunftorganisationen an Be-
deutung verlieren, je mehr der ferne Markt den lokalen überwiegt. Nicht-
beachtung oder Zerbrechen der Zunftorganisationen bedeutet aber noch
nicht Gewerbefreiheit. Das zeigen schon die Konkurrenzregulierungen,
die auch das Verlagsystem nicht entbehren konnte. Und als die Manu-
faktur größeren Umfang annahm, da begann auch schon jene neue Ära
der Produktivitätsfortschritte, die nicht wenig durch die Manufaktur ge-
fördert wurde, da das Zusammenarbeiten vieler in geschlossenem Betriebe
wesentlich zur Arbeitsteilung und Ersetzung der Teilarbeiter durch Ma-
schinen anregte.

Nicht nur. im Handel und Verkehr, sondern auch im Gewerbe
hatten die Jahrhunderte der mittelalterlichen Gebundenheit Produktivi-

*) Pohle, Unternehmerstand S. 7.
        <pb n="22" />
        ﻿H

tätsfortschritte aufzuweisen, meist aber außerhalb des Rahmens des
zünftigen Handwerks. In der Eisenindustrie z. B. vollzog sich im 15. Jahr-
hundert der Übergang vom Stückofen zum Hochofen und begann die An-
wendung von Wasserkraft zum Bewegen größerer Blasebälge. So erhielt
man an Stelle der Luppe flüssiges Roheisen1). Die erste Wanderung der
Eisenindustrie von den Stätten der Erz- und Holzkohlegewinnung zu den
Wasserläufen begann. Die Aufbereitung der Erze durch Pochen mit
Wasserhämmern und Schlemmen verbesserte ebenfalls die Ausbeute. Die
Verarbeitung des Eisens erhielt mächtige Anregung vor allem durch die
Anforderungen der Kriegstechnik. Im 16. Jahrhundert stoßen wir auf die
ersten Anlagen zum Walzen des Eisens* 2). Ferner sehen wir, wie die fort-
schreitende Technik ganz neue Industriezweige ins Leben ruft, z. B. die
Stärkegewinnung, die Tabakbereitung, die Porzellan-, Fayence- und Stein-
gutfabrikation, die Zuckerraffinerie usw. Der Raum für wirtschaftliche
Betätigung und die Kaufkraft wuchs auch durch diese Fortschritte. Wie
wenig sie aber einer neuen Gewerbefreiheit den Weg zu bahnen vermochten,
zeigt die Tatsache, daß diese neuen Fabrikationszweige meist nur durch
tatkräftige Unterstützungen der Regierungen mittels Privilegien aller Art
entstanden.

Die Produktivitätsfortschritte im Handel und Verkehr und im Ge-
werbe reichten nicht aus, dauernd das Verhältnis von Angebot und Nach-
frage so stark zugunsten des Angebotes zu beeinflussen, daß nur durch
Sprengung der alten Gebundenheit, durch vollständige Entfesselung der
Produktionskraft die Bedarfsdeckung ermöglicht worden wäre. Dieser
Umschwung vollzog sich erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts,
seitdem der ununterbrochene weitere Fortschritt auf allen Gebieten die
im ganzen immer noch vorherrschende, geschlossene Stadtwirtschaft in
die Nationalwirtschaft und die Weltwirtschaft überführte. Der gewaltige
Sprung vom lokalen Markt zum nationalen Markt und Weltmarkt deutet
schon an, welche enorme Vermannigfaltigung und Vermehrung der Güter,
welche Steigerung der Erzeugungskraft stattgefunden haben muß. Dieser
enorme Fortschritt, der das ganze Wirtschaftsleben auf eine neue Basis
stellte, war in erster Linie dem Unternehmertum und der modernen Technik
zu verdanken.

Überall sehen wir in der Übergangszeit die Unternehmung aus den
handwerksmäßigen Betrieben herauswachsen. Diejenigen Leiter oder Be-
sitzer der kleinen Betriebe, die die Marktverschiebungen richtig erfaßten,

&gt;) Beck, Geschichte des Eisens Bd. II S. 177.

2) Beck, Bd. II S. 951, Bd. III S. 245.
        <pb n="23" />
        ﻿iS

die nötige Initiative, das Organisationstalent und die Willenskraft besaßen,
stiegen empor und allmählich unter steter Benutzung der Geschäfts-
gewinne — solange andere Kapitalquellen noch nicht zur Verfügung
standen — dehnten sich ihre Betriebe zu immer größeren Unternehmungen
aus. Das wichtigste Hilfsmittel zur Schaffung, Eroberung und Beherrschung
des Marktes war zunächst die moderne Technik1).

Die moderne Technik hat überall die Schranken durchbrochen, die
das Wirtschaftsleben einengten. Die Voraussetzung ihrer Entfaltung war
die fortschreitende naturwissenschaftliche Erkenntnis. Sobald es möglich
war, die physikalischen und chemischen Prozesse so klarzulegen, daß ihr
Verlauf sich in eine einfache mathematische Formel fassen ließ, konnte
man auch die Wirksamkeit jedes einzelnen Faktors in den Prozessen auf
das Resultat verfolgen, und war somit in der Lage, Wege ausfindig zu
machen, um die Prozesse rationeller zu gestalten. Die Ersparung an
Arbeitskräften, Material, Zeit und Raum war die Folge.

Weit rascher, vollkommener und sparsamer, als es die einzelnen
Arbeitskräfte nach der alten Technik vermochten, vollführen Arbeits-
maschinen und Kontrollapparate wichtige Funktionen bei der Erzeugung;
gewaltige Kraftmaschinen aller Art heben die Leistungen weit über
den alten Stand hinaus. Arbeitskräfte und Rohstoffe werden erspart,
die neuen Beschäftigungen zugeführt werden können. Aber auch tierische
Kräfte werden entbehrlich, wodurch in letzter Linie Bodenflächen, die
sonst der Ernährung dieser Tiere dienen müßten, für andere Zwecke ver-
fügbar werden. Neue Stoffe und Verfahrungsweisen stellt die moderne
Technik zur Verfügung und diese ermöglichen eine außerordentliche Ver-
mannigfaltigung der Erzeugung. Während das Gewerbe des Mittelalters
größtenteils organische Stoffe, die die Landwirtschaft und der Wald
lieferten, verarbeitete, gewinnen jetzt die anorganischen Stoffe an Be-
deutung und verdrängen in immer größerem Ausmaße die alten organischen
Stoffe. Dadurch werden wiederum weite Landflächen, die sonst der Er-
zeugung der organischen Rohstoffe für das Gewerbe dienen mußten,
anderen Kulturen zugeführt und das Gewerbe wird von den Fesseln befreit,
die die Größe der Produktionskraft und die Länge der Wachstumsperiode
in der Land- und Forstwirtschaft ihm anlegte. Also Raumersparnis auf
der einen Seite, Zeitersparnisse und eine erheblich größere Elastizität der
gewerblichen Erzeugung auf der anderen Seite.

Am augenfälligsten sind die Erfolge der modernen Technik im Gewerbe.
Aber die Landwirtschaft hat auch Nutzen aus der Entwicklung der Technik
gezogen. Außerdem hat die klare Erkenntnis der biologischen Prozesse

h Hierzu: Sombart, Deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert S. i53ff..
        <pb n="24" />
        ﻿— i6 —

hier wesentlich zur Rationalisierung des Betriebes beigetragen. Es sei nur
erinnert an den Übergang von der Dreifelderwirtschaft zur Fruchtwechsel-
wirtschaft, an die Einführung der Stallfütterung, an die Drainierung, an
die Anwendung künstlichen Düngers und die Benutzung landwirtschaft-
licher Maschinen aller Art usw.

Am wichtigsten sind aber ohne Zweifel die Fortschritte der Verkehrs-
technik, die durch die Verbilligung und Beschleunigung des Personen-,
Wagen- und Nachrichten Verkehrs den Sprung vom lokalen Markt zum
nationalen Markt und Weltmarkt ermöglichten.

Die steigende Produktivität der menschlichen Arbeit war die Quelle
des wachsenden Reichtums und damit der Anlage suchenden Kapitalien,
die ihrerseits in den Händen der Unternehmer zu einem Mittel beschleu-
nigter Entwicklung wurden.

Überall, wo sich diese Entwicklung durchsetzte, wurde auch Raum
geschaffen für eine neue Gewerbefreiheit. Daß die alte Form der Ge-
bundenheit, die für den lokalen Markt bestimmte Zunftorganisation zer-
brochen werden mußte, wurde schon hervorgehoben. Die neuen Betriebs-
organisationen, die Unternehmungen, waren dem Zunftrahmen entwachsen.
Aber daß auch sie eine Zeitlang volle Freiheit genießen konnten, ver-
danken sie der Gunst der Verhältnisse, die in dem Überwiegen der Nach-
frage über das Angebot zeigen, daß noch hinreichend Raum für die Ent-
wicklung der Mehrzahl der vorwärtsstrebenden Unternehmungen vor-
handen ist.

In England hat zuerst die neue Technik ihren Siegeszug begonnen.
Hier mußte sich auch zuerst der Umschwung von der Gebundenheit zur
Freiheit vollziehen. Am augenfälligsten waren im 18. Jahrhundert die
Fortschritte in der Eisen-, Textil- und Maschinenindustrie. Die Holz-
kohlennot in der Eisenindustrie, die eine Erschöpfung der Wälder herauf-
zubeschwören drohte, wurde beseitigt, nachdem es seit 1735 gelang, aus
Steinkohle gewonnenen Koks zur Verhüttung der Erze im Hochofen zu
verwenden. Durch Koks Verwendung, Erhöhung der Hochöfen und durch
Benutzung von Zylindergebläsen, die vermutlich seit 1768 angewendet
wurden, ist die Leistungsfähigkeit der Roheisenindustrie erheblich ge-
stiegen.

Es betrug die Roheisenproduktion:

1740	17000 t
1788	68 000 t
1796	125000 t

l) Bouniatian, Wirtschaftkrisen und Überkapitalisation 1908 Bd. II S. 153.
        <pb n="25" />
        ﻿

-	17 —

1823	442000 t

1848	2093000 t

Eine Ergänzung bildete die Erfindung des Puddelprozesses 1784, der
erlaubte, die Umwandlung von Roheisen in schmiedbares Eisen in größerem
Maßstabe durchzuführen. Steigerung und Verbilligung der Eisenerzeugung
war eine Vorbedingung der Maschinenära. Bekannter sind die Fortschritte
in der Textilindustrie. Sie ergreifen zunächst die Baumwolle. Mit der
Erfindung der Spinnmaschinen von Arkwr ight 1768 und des mechanischen
Webstuhls von Cartwright 1785 setzte die Umwälzung ein, die zu einer
wesentlichen Steigerung der Leistungsfähigkeit führte. In den letzten
20 Jahren des 18. Jahrhunderts verachtfachte sich Englands Einfuhr von
Baumwolle, während die Ausfuhr von Baumwollwaren sich auf das 15%-
fache hob. Von nun ab gewannen die Arbeitsmaschinen immer größere
Bedeutung und die Kraftmaschinen traten ihnen zur Seite. Eine von
Sawary erfundene und von Newcomen verbesserte primitive Dampf-
pumpe wurde schon am Anfang des 18. Jahrhunderts auf den Bergwerken
verwendet und nur mit ihrer Hilfe war es möglich, die steigenden Wasser-
zuflüsse zu bewältigen. Aber erst die von James Watt erfundene Dampf-
maschine, die seit den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts aufkam, brachte
den großen Fortschritt. Sie erwies sich so verbesserungsfähig, daß sich
alle späteren Formen aus dem Grundprinzip dieser Wattschen Dampf-
maschine ableiten ließen.

Gleichzeitig vollzog sich vor allem in der zweiten Hälfte des 18. Jahr-
hunderts die Umwälzung in der Landwirtschaft: Übergang vom exten-
siven zum intensiven Betrieb und Rationalisierung der Betriebstechnik.
Zum Teil wurde dieser Umschwung hervorgerufen durch die wachsende
Nachfrage der Industrie nach Rohstoffen, soweit diese der Landwirtschaft
entstammten, zum Hauptteil aber verursacht durch die rapide wachsende
Bevölkerung und ihre Nachfrage. War doch die englische Bevölkerung
im ganzen gestiegen von 1661—1751 um rund 800000 Seelen, von 1751
bis 1801 um rund 2700000 Seelen und von 1801—1861 um rund 11060 000
Seelen1). Wachsende Bevölkerung und wachsende Roherträge der Land-
wirtschaft bedeuten auch einen wachsenden Markt für industrielle Pro-
dukte. Diese Wirkung wird nun insoweit unterbunden, als in der Land-
wirtschaft bereits das Gesetz des abnehmenden Ertrages zur Geltung
kommt. Jenes Gesetz besagt — ceteris paribus — daß von einem be-
stimmten Punkte ab vermehrte technische Aufwendungen auf ein be-
stimmtes Stück Land nicht mehr in gleichem Verhältnis steigende Erträge
liefern, daß also der Rohertrag wächst, die Kosten aber noch schneller

*) Wolf, System der Sozialpolitik 1892 S. 185.
Mannstaedt, Zusammenschluß im Gewerbe.
        <pb n="26" />
        ﻿iS

zunehmen und somit die wachsende Produktenmenge nur zu höheren
Preisen produzibel ist. Produktivitätsfortschritte haben die Tendenz, die
Kosten zu senken, sie heben also entweder die Wirksamkeit des Gesetzes
des abnehmenden Ertrages auf, oder schränken sie ein. Bei der rasch
wachsenden Nachfrage hatte aber die ökonomischere Betriebstechnik die
Preissteigerung der agrikolen Produkte nicht aufzuhalten vermocht.

Eine Produktivitätssteigerung kann sich auch in der Weise vollziehen,,
daß ein Industrieland seine gewerklichen Produkte gegen die Nahrungs-
mittel und Rohstoffe solcher Länder eintauscht, die bei extensiver Be-
triebsweise noch hinreichenden Überschuß erwirtschaften, bei denen das
Gesetz des abnehmenden Ertrages noch nicht oder in geringerem Maße
wirksam ist, also die Produkte mit geringeren Kosten erzeugt werden.
Seit Mitte des 18. Jahrhunderts ist die Einfuhr von Agrarerzeugnissen
nach England stetig gestiegen. Der Durchschnitt der jährlichen Weizen-
einfuhr betrug1):

1760—1770
1770—1:780
1780—1790
1790—1800
1800—1810

94 000 Quarters

iii 000
143 000
470 000
555 000

Da sich aber in den Bezugsländern die englische Nachfrage ganz er-
heblich durch die heimische Nachfrage infolge der rasch wachsenden
eigenen Bevölkerung vermehrte, wurde auch hier der extensive landwirt-
schaftliche Betrieb mehr und mehr durch den intensiven verdrängt, hoben
sich auch hier die Preise. Somit konnte durch den Bezug aus dem Ausland
die Preissteigerung der Agrarerzeugnisse in England nicht aufgehoben
werden, immerhin hat die Einfuhr relativ ein schnelleres Wachsen der
Preise verhindert. Es kostete der Winchester Quarter Weizen im Durch-
schnitt der Jahre1):

1725-1750
1751-!775
1775—1800
1800—1809

Aufgewogen wurde der Nachteil der wachsenden Preise der landwirt-
schaftlichen Erzeugnisse durch die Produktivitätssteigerung in der In-
dustrie, durch die Preissenkung gewerblicher Erzeugnisse. Ein Beispiel

*) Sombart, Der moderne Kapitalismus Bd. II S. 94. Die Preisziffer für 1800
bis 1809 ist durch die Teuerungsjahre 1800 und 1801, sowie durch die Wirkung der
Kontinentalsperre beeinflußt.
        <pb n="27" />
        ﻿19

aus der Textilindustrie: 1779 war der Garnpreis 16 sh pro Pfund Nr. 40,
wovon 2 sh auf Kosten des Rohmaterials kamen, so daß für Arbeit und
Kapital 14 sh beansprucht waren. 1812 war der Garnpreis 2,6 sh, wovon
i,6 sh auf Kosten der Baumwolle kamen, so daß für Arbeit und Kapital
nur 1 sh aufgewendet worden waren1). Da die Wirkung des Gesetzes des
abnehmenden Ertrages in der Landwirtschaft paralysiert wurde durch die
Preissenkung in der Industrie, bedeuteten also wachsende Bevölkerung
und wachsende Roherträge der Landwirtschaft wachsenden Markt für
industrielle Produkte.

Abgesehen von der Überlegenheit der englischen Industrie, die den
Industrien anderer Länder um 70—100 Jahre vorauseilte, wurden dem
englischen Handel durch den Chaussee- und Kanalbau und vor allem durch
die Eroberung der Seeherrschaft gegen Ende des 18. Jahrhunderts die
Wege geebnet. Überall öffneten sich neue Absatzgebiete, nicht nur nach
den Ländern, die den nötigen Bedarf an Nahrungsmitteln und Rohstoffen
decken halfen, sondern auch aus anderen Ländern und Kolonien wurden
begehrenswerte Produkte mit englischen Waren gekauft.

Ganz besonders wichtig für die Marktgestaltung waren die Wirkungen
des Exportkapitalismus. Der Reichtum wuchs und das englische Kapital
begann sich auf dem Kontinent in Übersee und den Kolonien zu betätigen.
Dadurch stieg die Kaufkraft dieser Länder teils direkt durch das englische
Kapital, teils indirekt durch die Entfaltung des Wirtschaftslebens. In
beiden Fällen kam die wachsende Kaufkraft mehr oder minder der eng-
lischen Industrie zugute. Die Zinsen und Gewinne dieser im Auslande
arbeitenden Kapitalien, mögen sie nun in Edelmetall oder in Form von
Waren — vor allem in Form von Nahrungsmitteln und Rohstoffen — nach
England fließen, stärken die heimische Kaufkraft. Und in ähnlicher Weise
wurde der heimische Markt dadurch gekräftigt, daß die mannigfachen
Dienste, die England als Frachtführer, Zwischenhändler und Vermittler
dem Auslande leistete, soweit ihnen nicht gleiche Dienste gegenüber
standen, ebenfalls durch Sendung von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und
Waren beglichen wurden.

Fassen wir zusammen: Der ijnnere Markt für die gewerblichen
Unternehmungen dehnte sich mit der wachsenden Bevölkerung und
den steigenden Roherträgen der Landwirtschaft; er weitete sich durch
die Vermannigfaltigung und Verbilligung der Erzeugungen, durch die
einströmenden Zinsen und Gewinne der im Ausland arbeitenden
Kapitalien und durch die Vergütungen für die dem Ausland geleisteten
Dienste; er gewann endlich noch indirekt an Umfang infolge der Ver-

b Wolf a. a. O. S. 186.

2'
        <pb n="28" />
        ﻿20

drängung der älteren handwerksmäßigen Betriebe durch die neuen mit
moderner Technik arbeitenden Unternehmungen.

Der äußere Markt dehnte sich durch den wachsenden Austausch von
Waren gegen Waren, teils eine Folge des heimischen Bedarfs an Rohstoffen
und Nahrungsmitteln, teils hervorgerufen durch die Überlegenheit der
Industrie, durch die Seeherrschaft und den Kolonialbesitz Englands;
er weitete sich infolge der Wirksamkeit der englischen Kapitalien im
Auslande.

So wurde der Raum geschaffen, auf dem sich nicht nur das Gewerbe,
sondern das ganze Wirtschaftsleben unter der Flagge der Freiheit entfalten
konnte. Formell blieben die Zünfte und die älteren Beschränkungen des
Gewerbebetriebes noch bis ins 19. Jahrhundert bestehen. 1814 wurde
zuerst ein Gesetz, das aus dem Jahre 1562 stammte und die Arbeits-
verhältnisse regelte, aufgehoben und erst 1835 folgte die Abschaffung der
Vorrechte der Zünfte. Praktisch hatten diese Bestimmungen längst ihre
Wirksamkeit eängebüßt, sie wurden schon im 18. Jahrhundert auf die neu
entstandenen Industrien nicht angewendet, und man ließ es geschehen,
wenn sie auch bei jenen Betrieben nicht berücksichtigt wurden, für die
sie seinerzeit erlassen worden waren1).

Anders vollzog sich der Umschwung in Deutschland.
Preußen führte 1810 und 1811 die Gewerbefreiheit unter heftigem Wider-
spruch der Zünfte und Stadtverwaltungen ein und eilte damit der wirt-
schaftlichen Entwicklung zum Teil weit voraus. Nur einige kleinere
Staaten folgten zunächst dem preußischen Beispiel.

Auch Deutschland hat eine außergewöhnliche Bevölkerungszunahme
zu verzeichnen. Die Einwohnerzahl wuchs ständig von 1816—1910 von
24,8 auf 64,9 Millionen. Bis in die 70er Jahre ernährte die deutsche Land-
wirtschaft die wachsende Bevölkerung fast allein. Das war nur möglich,
wenn die bewirtschafteten Flächen auf die weniger fruchtbaren Böden
ausgedehnt wurden und sich der Übergang vom extensiven zum intensiven
und rationelleren Betrieb vollzog. Dieser Umschwung hatte zur Voraus-
setzung die Beseitigung der aus dem Mittelalter überkommenen agrar-
rechtlichen Zustände durch die Agrarreform zu Anfang des 19. Jahr-
hunderts. Aber erst ganz allmählich setzte sich die neue Technik der
landwirtschaftlichen Produktion durch. Noch bis in die Mitte des 19. Jahr-
hunderts herrschte die alte Dreifelderwirtschaft vor2). Der Übergang zur
Stallfütterung wurde eben vollzogen. Die Verwendung des künstlichen

l)	Philippovich, Grundriß der politischen Ökonomie 1909 II. Bd. I. Teil
S. 137.

9 Sombart, Der moderne Kapitalismus Bd. II S. 102.
        <pb n="29" />
        ﻿21

Düngers begann erst seit dem Erscheinen von Liebigs grundlegendem
Werk seit 1840. Die Nahrung für die wachsende Bevölkerung, die sich
von 1816—1845 um 9,6 Millionen vermehrte, mußte also größtenteils mit
Hilfe der alten Technik beschafft werden. Es stiegen die Roherträge1).
Aber rascher als die Erzeugungen wuchsen die Kosten. Die Wirksamkeit
des Gesetzes des abnehmenden Ertrages spiegelt sich wieder in den Preisen.
Nach den Untersuchungen Conrads betrugen im preußischen Staate die

Durchschnittspreise in '	Mark bei:			
Jahrzehnte1) Weizen	Roggen	Gerste Hafer pro Tonne	Erbsen	Kartoffeln
1821—30	121,4	86,8	76,6	79,8	97	24,8
1831—40	138,4	100,6	CO  vr  Gh  kO  H  Gh	107,4	26,4
1841—50	167,8	123	111,2	100,6	130	34
1851—60	211,4	165,4	150,2	144	176	47,4
1861—70	204	154,6	146	140,2	168,2	44,8
1871—80	223,2	172,8	166,4	157,9	228,1	60,5
Jahrzehnte	Butter	Rindfleisch pro Meterzentner	Schweinefleisch	
1821—30	101,6	46,6	55	
1831—40	110	51,6	61,6	
1841—50	120	56,6	73,6	
1851—60	146,6	70	91,6	
1861—70	178,4	86,6	105	
1871 — 80	227,6	H4,75	125	

Das Anwachsen der Bevölkerung und der Roherträge der Landwirt-
schaft weitete auch in Deutschland den Markt für gewerbliche Produkte.
Zwar hoben zunächst die steigenden Preise für agrikole Erzeugnisse die
Wirkung teilweise wieder auf. Auf der anderen Seite wurde der Einfluß
der steigenden Nachfrage wesentlich erhöht durch die Zolltarifreform in
Preußen von 1818 und durch die Gründung des deutschen Zollvereins
von 1833. Die Niederlegung der Zollschranken innerhalb des deutschen
Landes war die erste Voraussetzung des nationalen Marktes3). Wie ge-

*) Nach den Berechnungen von Rybark wuchs während des 19. Jahrhunderts
die Gesamterzeugung von Weizen um 244,25 %, von Roggen um 112,85 %, von Gerste
um 69,29% und von Hafer sogar um 337,4%. — Rybark, Die Steigerung der Pro-
duktivität der deutschen Landwirtschaft im 19. Jahrhundert 1906 S. 26.

a) Zitiert bei Pohle, Die Entwicklung des deutschen Wirtschaftslebens im
letzten Jahrhundert 3. Auflage 1913 S. 56.

8) Bekanntlich umfaßt der Zollverein von 1833 noch nicht alle Staaten des
heutigen Deutschlands.
        <pb n="30" />
        ﻿22

staltet sich nun unter dieser Markterweiterung die Entwicklung des Ge-
werbes ?

Da durch die Gewerbefreiheit der städtische Zunftzwang aufgehoben
war, nahm die Besiedlung des Landes mit Handwerksmeistern zu; diese
Bewegung steigerte sich mit der wachsenden Kaufkraft des Landes. Das
Handwerk dehnte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch aus.
Die Markterweiterung war aber nicht minder der ländlichen Hausindustrie
günstig. „Viele von diesen waren erst im zweiten Viertel des Jahrhunderts
so recht zur Blüte gekommen, und manche waren noch im Wachsen be-
griffen1)." Dagegen sehen wir bis etwa zur Mitte des Jahrhunderts die
Fabrikbetriebe nur sehr langsam an Boden gewinnen. Die neue Technik
kommt nur in geringem Ausmaß zur Anwendung.

In der Eisenindustrie herrschte noch die Benutzung der Holzkohle
vor. In Preußen verwendeten 1847 von 227 damals in Betrieb befindlichen
Hochöfen erst 32 Koks2). Die Leistungsfähigkeit der Hochöfen war gering.
Nach den Angaben von Mischler produzierte um die Mitte des Jahr-
hunderts ein englischer Hochofen jährlich 70000 Zentner, ein deutscher
7000 Zentner3). Der Puddelprozeß war erst in den 20er Jahren in den
einzelnen Revieren der deutschen Eisenindustrie eingeführt worden und
gewann nur langsam Boden. Er hatte das alte Frisch verfahren noch
längst nicht verdrängt zu einer Zeit, wo in England — Mitte der 50er
Jahre — ein ganz neues Verfahren, der Bessemerprozeß, aufkam. In
der Textilindustrie lag damals das Schwergewicht in der Leinenerzeugung.
Die Herstellung von Baumwoll- und Wollwaren trat dagegen erheblich
zurück. Die mechanischen Spinnmaschinen fanden in den Flachsspinne-
reien nur langsam Eingang. Der Kampf der Handspinner mit der Ma-
schinenspinnerei erreichte seinen Höhepunkt in den 40er Jahren. In
der Baumwollspinnerei dagegen hatten die mit Wasserkraft betriebenen
Spinnmühlen schon im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts gesiegt.
In der Weberei begann der Kampf der Fabrik mit den Handwebern erst
in den 50er Jahren. Über die Verwendung von Dampfmaschinen be-
richtet Sombart4): „Die Zahl der Dampfmaschinen für gewerbliche und
landwirtschaftliche Zwecke betrug 1846 im Königreich Sachsen 197 mit
zusammen 2446 Pferdestärken. In ganz Preußen wurden 1846 erst 1139
stehende Dampfmaschinen mit 21716 PS. gezählt, die sich auf die einzelnen
Industriezweige also verteilten: Spinnerei, Weberei, Walkerei 237 mit

9 Sombart, Der moderne Kapitalismus Bd. II S. 131, ebenso Bd. I S. 429.

2)	Pohle, Die Entwicklung S. 13.

3)	Sombart, Der moderne Kapitalismus Bd. I S. 428.

4)	Sombart, Der moderne Kapitalismus Bd. I S. 431.
        <pb n="31" />
        ﻿23

3236, Maschinen- und metallische Fabriken 208 mit 485734« Mühlen 144
mit 169934, Bergbau 273 mit 9508, verschiedene Fabriken 277 mit 2415 PS.
Also noch beinahe die Hälfte der Pferdestärken im Bergbau verbraucht!“
Aus dieser Darstellung ergibt sich, daß sich die Industrie für Kraft- und
Arbeitsmaschinen auch noch in den ersten Anfängen befand.

Es herrschte also die alte Technik bis in die vierziger Jahre vor in
der Landwirtschaft und vor allem im Gewerbe. Die vom Lande aus-
gehende steigende Nachfrage nach gewerblichen Produkten konnte leicht
befriedigt werden durch die Landhandwerker, die ländliche Hausindustrie
und die noch stark vorherrschende Eigenproduktion der bäuerlichen
Familien. Für das Handwerk in den Städten, das um die Mitte des Jahr-
hunderts im Verhältnis zur Bevölkerung noch mehr als dreimal so stark
vertreten war wie auf dem Lande1), fiel nicht viel ab, außerdem mußte
sich das Anziehen der Preise aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse bald
bemerkbar machen. So können wir uns über die neuen zünftlerischen Be-
strebungen nicht wundem, die ihre Erfüllung in der preußischen Zunft-
gesetzgebung von 1849 fanden. Die Markterweiterung reichte für das
Handwerk, insbesondere das städtische, nicht aus; es bedurfte der Kon-
kurrenzregulierung, um die Leistungsfähigkeit der Nachfrage anzupassen;
dagegen war Raum für eine Industrie, die sich auf die neue Technik stützte.

Die neue Industrie konnte zunächst auf das bisherige Absatzgebiet
eines großen Teiles des Handwerks und der Hausindustrie rechnen, deren
Verdrängung ihr möglich war teils, weil sie die gleichen Produkte billiger
herstellte, teils, weil sie neuartige und aus anderen Materialien hergestellte
Produkte an die Stelle der alten setzte. Ferner weitete sich der vorhandene
Markt ständig durch das Wachsen der Bevölkerung und der Roherträge
der Landwirtschaft. Aber diese Faktoren fallen jetzt schwerer ins Gewicht,
da einerseits die rationellere landwirtschaftliche Betriebstechnik seit der
Mitte des Jahrhunderts an Boden gewann und die Preissteigerung der
agrikolen Produkte relativ milderte, während andererseits der Nachteil
dieser Preissteigerung durch die Preissenkung der Industrieprodukte
immer reichlicher kompensiert werden konnte. Außerdem begann die
vollständige Umwälzung in der Landwirtschaft, die Durchführung der
Agrarreform und die Rationalisierung der Betriebe, immer mehr die
Grundlagen zu zerstören, worauf sich die bäuerliche gewerbliche Eigen-
produktion aufbaute2), eine Tendenz, die ohne Zweifel vielfach durch
die Billigkeit der industriellen Waren gefördert wurde. Nicht minder
verlor der bürgerliche Hausfleiß an Boden durch die Konkurrenz der

9 Pohle, Die Entwicklung S. 64.

*) Sombart, Der moderne Kapitalismus Bd. II S. i4rff.
        <pb n="32" />
        ﻿24

Industrieprodukte. Endlich wirkte auch die Vermannigfaltigung der
Erzeugung durch das Auftauchen ganz neuer Industriezweige belebend
auf die Kaufkraft des Marktes ein. So gestaltete sich die Marktlage für
industrielle Produkte während der Entwicklung der deutschen Industrie
von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis gegen Ende der 70er Jahre.

Der Markt und die Technik waren gegeben, notwendig war noch ein
tatkräftiges Unternehmertum, das die vielen Chancen erkannte und nutzte.
Daß jenes Unternehmertum da war, beweisen manche unserer ersten
industriellen Werke, die teils in jener Zeit gegründet wurden, teils sich
durchzusetzen verstanden. Aus fast handwerksmäßigen Anfängen haben
sie sich mit dem wachsenden Markt zu machtvollen Unternehmungen
entwickelt.

Durch die Niederlegung der inneren Zollschranken war zwar ein
nationaler Markt geschaffen; sollte er aber einer wachsenden Industrie
als Basis dienen, dann mußten die Transportschwierigkeiten möglichst
reduziert werden. England hatte den Vorzug der Insellage und einer
vielgegliederten Küste, ergänzt durch Flüsse und Kanäle, so daß zu Schiff
ein weit reichender billiger Verkehr zur Verfügung stand. Auch ohne
Eisenbahnen war der Industrie eine verhältnismäßig leichte Eroberung
des Marktes gegeben. Deutschlands Industrie bedurfte dagegen in erster
Linie einer Verbilligung des Landverkehrs. Die Schaffung des Eisenbahn-
netzes war also eine wichtige Voraussetzung der Industrieentwicklung.
Andererseits hat auch der Bau der Bahnen der neuen Industrie eine starke
Nachfrage gesichert. Nach der Eröffnung der ersten deutschen 6 km
langen Eisenbahn im Jahre 1835 hatte sich die Bahnlänge bis 1850 auf
über 6000 km ausgedehnt. Aber erst seit Mitte der 50er Jahre wurde der
Zusammenhang zwischen den einzelnen Gruppen hergestellt und so ein
wirkliches Eisenbahnnetz gesichert, das bis 1875 bereits auf 27931 km
angewachsen war. 1912 belief sich die Bahnlänge auf über 60000 km.

Auf allen Gebieten setzte sich jetzt die neue Technik durch, stieg
die Produktivität der Arbeit. In der Eisenindustrie überholte das Koks-
roheisen rasch das Holzkohlen eisen, es betrug in Preußen 1861 das Holz-
kohleneisen 8,33% und 1870 nur noch 2,26% der gesamten Roheisen-
erzeugung1), und die Eisenerzeugung hatte sich von 1840—1870 auf nicht
weniger als das iofache erhöht* 2). In der Textilindustrie war schon in
den 60er Jahren der Sieg des geschlossenen Maschinenbetriebes über den
Handbetrieb entschieden. Die Maschinenindustrie blühte mächtig auf.
1861 beschäftigte sie im Zollverein erst etwas über 51000 Personen, 1882

*) Beck a. a. O. Bd. V S. 261.

2) Pohle, Die Entwicklung S. 13.
        <pb n="33" />
        ﻿25

waren es 356000. Dem Bedarf an Erzen und Kohlen entsprechend hob
sich die Montanindustrie. Es begannen sich die chemische Industrie, die
Porzellanfabrikation, die Papierfabrikation und andere Industrien kräf-
tiger zu entfalten. Aber dieses rasche Aufblühen vollzog sich ohne Privi-
legien und Unterstützungen unter voller freier Konkurrenz der neuen
Unternehmungen mit der Hausindustrie und dem Handwerk und überall
zeitigte der unbeschränkte Wettkampf den Fortschritt. Für tatkräftige
Naturen war Raum genug zur wirtschaftlichen Betätigung. So folgte
auch hier im großen ganzen die offizielle Einführung der Gewerbefreiheit
durch die zahlreichen Gewerbegesetze der einzelnen deutschen Staaten
zwischen 1860 und 1866 und die Gewerbeordnung des Norddeutschen
Bundes, die das Deutsche Reich übernahm, den tatsächlichen Verhält-
nissen. Sie räumte die Reste der alten Zunftverfassung hinweg, das
letzte schwache Hindernis, das den Siegeszug des Großbetriebes zu er-
schweren vermochte.

Seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts nahm die industrielle
Entwicklung ein immer schnelleres Tempo an. Das war nur möglich,
wenn sich der Markt für industrielle Produkte außerordentlich erweiterte.
Bis in die 70er Jahre stützte sich die Industrie fast ausschließlich auf
den heimischen Markt. Auch ihre weitere Ausdehnung wurde wesentlich
durch den wachsenden inländischen Bedarf getragen. Die Ausgestaltung
des Verkehrswesens, die Zusammenballung der wachsenden Bevölkerung
in den Städten, die Wohnungskultur, sowie der steigende Aufwand der
Städte für die mannigfachen Bedürfnisse, der stete Modenwechsel, die nie
rastenden technischen Fortschritte — es sei nur an die Elektrizitäts-
industrie erinnert, die 1882 noch kaum existierte, 1895 bereits 15000 und
1907 sogar 142000 Menschen beschäftigte — der enorme Bedarf für Heer
und Marine gaben der Industrie reichlich Nahrung. Aber der inländische
Markt allein würde den Eilschritt der Industrialisierung nicht ermöglicht
haben, er wurde unterstützt durch mächtige Faktoren, die vom Auslande
ausgingen.

Seit Ende der 70er Jahre trat die amerikanische Konkurrenz auf
dem Getreidemarkt auf. Die amerikanische Landwirtschaft hatte, und
hat es zum Teil noch heute, infolge der extensiven Wirtschaftsweise mit
erheblich niedrigeren Produktionskosten zu rechnen, als die Landwirt-
schaft derjenigen europäischen Länder, die durch die wachsende Volks-
ziffer zur steigenden Intensivierung des Betriebes gezwungen sind. Sobald
nun die Frachtsätze im Überseeverkehr durch die Verbesserungen der
Dampfschiffahrt hinreichend tief gesunken waren, konnte die Beschickung
der europäischen Märkte mit amerikanischem Getreide mit Gewinn unter-
nommen werden. Jeder weitere Fortschritt in der Verbilligung des Trans-
        <pb n="34" />
        ﻿26

portes hatte ein Anschwellen der ausländischen Getreidemassen auch auf
dem deutschen Markt zur Folge. Neben Amerika traten auch andere
Getreidelieferanten auf den Plan. So ist z. B. Rußland der wichtigste
Roggenlieferant. Waren bisher die deutschen Preise für Agrarprodukte
ständig gestiegen, so folgte jetzt ein empfindlicher Preissturz der Markt-
umwälzung. Pohle berechnet nach den Angaben in dem statistischen
Handbuch für den preußischen Staat folgende Preise für die Tonne in
Mark in den Perioden von je acht Erntejahren1):

Periode	Weizen	Roggen	Gerste	Hafer
1868/69—1875/76	223	173	165	160
1876/77—1883/84	207	166	158	148
1884/85—1891/92	181	156	148	142
1892/93—1899/1900	155	131	138	138
1900/01—1907/08	171	151	148	147

Der Preissturz und der Einbruch des fremden Getreides senkte natür-
lich die Kaufkraft weiter Teile der Landwirtschaft, soweit sie ihre Pro-
dukte gegen andere Erzeugnisse oder Dienste austauschte. Hier schrumpfte
der inländische Markt für industrielle Fabrikate ein. Allerdings nur vor-
übergehend, denn die Notlage der Landwirte hatte keineswegs zur Rück-
kehr zum extensiven Betrieb geführt; im Gegenteil, das Ziel war: möglichste
Intensivierung und vor allem Rationalisierung des Betriebes. Durch die
Intensivierung stieg auch weiterhin der Rohertrag der Landwirtschaft
und durch die Rationalisierung suchte man nach Möglichkeit das An-
wachsen der Kosten zu verhindern. Schrumpfte vorübergehend die Kauf-
kraft der Landwirtschaft ein, so wuchs auf der anderen Seite die Kauf-
kraft aller nicht agrikolen Kreise mit dem Sinken der Nahrungsmittel-
preise. So bewirkte die überseeische Konkurrenz, trotz der Notlage der
Landwirtschaft, im ganzen eine außerordentliche Produktivitätssteigerung.
Der inländische Markt für industrielle Erzeugnisse büßte nichts an seiner
Kaufkraft ein, sondern er erstarkte nicht unerheblich.

Neben dem inländischen Markt gewann jetzt auch der auslän-
dische Markt an Bedeutung. Die Getreideeinfuhr wurde größtenteils
mit Fabrikatenausfuhr beglichen. Aber wie die wachsende Bevölkerung
der Nahrungsmittel bedurfte, so die wachsende Industrie der Rohstoffe.
Der karge deutsche Boden ist nicht imstande die Rohstoffnachfrage zu
befriedigen. Auch diese Rohstoffeinfuhr erweiterte den Markt der In-
dustrie und nicht minder der Bezug der zahlreichen fremden Produkte,
auf die sich der Begehr der wachsenden deutschen Kaufkraft richtete.

») Pohle, Die Entwicklung S. 59.
        <pb n="35" />
        ﻿Immer enger wird das Band, das die Industrie mit dem Ausland verbindet.
Die Pflege dieser Beziehungen verlangte eine machtvolle Handelsflotte,
deren Ausgestaltung wiederum eine kräftig fließende Auftragsquelle der
Industrie wurde. Der wachsende Außenhandel und die Vermehrung der
Handelsflotte gaben immer häufiger Gelegenheit, dem Auslande Dienste
als Zwischenhändler, Vermittler und Frachtführer zu leisten. Soweit
diese Dienste nicht durch gleichartige des Auslandes aufgewogen wurden,
mußten sie durch Produkte aller Art, hauptsächlich Nahrungsmittel und
Rohstoffe vergütet werden. Daß diese Einfuhr, der keine Warenausfuhr
gegenüberstand, die heimische Nachfrage nach Industrieprodukten stärkte,
liegt auf der Hand. Die Kapitalien endlich, die der aus dem gewaltigen
Aufschwung des gesamten Wirtschaftslebens resultierende Reichtum zur
Verfügung stellte, suchten, wie in England, in wachsendem Maße Anlage
im Ausland, stärkten dadurch dessen Kaufkraft auch für deutsche Pro-
dukte und zwangen es, soweit nicht gleiche Verpflichtungen seitens Deutsch-
lands gegenüberstanden, Zinsen und Dividende in der Gestalt von
Nahrungsmitteln, Rohstoffen, Edelmetallen und Waren nach Deutschland
zu senden. Auch diese Einfuhr führte zu einer Kräftigung des inländischen
Marktes der Industrieprodukte. Der Exportkapitalismus gewinnt seit
Ende der 8oer Jahre stetig an Bedeutung.

Eine mächtige Ausdehnung der Aufnahmefähigkeit für industrielle
Produkte im Inlande wie im Auslande kennzeichnet die Marktentwicklung
seit den 70er Jahren und dennoch fällt in die gleiche Zeit die Entstehung
und Erstarkung der Kartell- und Trustbewegung. Trotz rasch wachsender
Nachfrage beginnen erst hier dann dort die Konkurrenzregulierungen.
Nur kurze Zeit hat volle Gewerbefreiheit geherrscht und schon wieder
engen neue Bindungen die Freiheit ein.
        <pb n="36" />
        ﻿II.

Die letzten Gründe zur Aussehaltung
der freien Konkurrenz.

1.	Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage.

Wenn wir nach den Gründen fragen, die letzten Endes die Karteil-
und Trustbewegung hervorgerufen haben, so müssen wir auf die Bewegungen
des Angebotes und der Nachfrage achten, wir müssen feststellen, warum
diese Kräfte mit solcher Stärke in entgegengesetzter Richtung streben,
daß die Wucht der allgemeinen Notlage zu Konkurrenzregulierungen
zwingt.

a) Das Angebot.

Gehen wir von der Angebotseite aus, so stoßen wir auf die moderne
Technik als Hauptfaktor. Hat sie auf der einen Seite die Möglichkeit
gegeben, zur Gewerbefreiheit zurückzukehren, so brachte sie auf der
anderen Seite auch den Zwang zur Massenerzeugung und Massenbewegung.

Jede Maschine, die an die Stelle eines älteren Produktionsverfahrens
tritt, kann nur dann verwendet werden, wenn sie in einer bestimmten Zeit
mindestens ebensoviel Waren erzeugt, wie nach dem alten Verfahren zu
den gleichen Kosten. Je größer die Produktenziffer in der gleichen Zeit
und bei gleichen Kosten (selbstverständlich ohne Rohstoffkosten), desto
vorteilhafter arbeitet die Maschine. Nun ist jede Maschine für eine be-
stimmte Leistungsfähigkeit gebaut, bei der sich das Verhältnis von Leistung,
Kosten und Zeit am günstigsten stellt. Ist die Maschine voll beschäftigt,
so arbeitet sie also in der gegebenen Zeit mit den geringsten Kosten pro
Produkteneinheit. Manche Maschinen — bei weitem nicht alle — erlauben
durch stärkere Beanspruchung, z. B. durch schnelleres Laufen, ein Über-
schreiten der Leistungsfähigkeit, für die sie berechnet sind. Aber die höhere
Beanspruchung verursacht auch außergewöhnlich hohen Verschleiß, d. h.
einerseits wird die Lebensdauer der Maschine rasch verkürzt, andererseits
        <pb n="37" />
        ﻿—	29	—

häufen sich die Reparaturen. Verkürzung der Lebensdauer verlangt eine
Erhöhung der Amortisationsquote für dieselbe Zeiteinheit und Häufung
der Reparaturen bedeutet Erhöhung der Betriebskosten. Trotz wachsender
Produktenziffer arbeitet die Maschine teuerer. Dennoch wird man in
Zeiten der Preishausse zur übern ormalen Ausnutzung der Maschine schreiten,
wenn die Preise die wachsenden Kosten überbieten, wobei die Verkürzung
der Lebensdauer den weiteren Vorteil bringt, daß das Risiko, die Maschine
möchte durch einen verbesserten Typ oder ein verbessertes Verfahren
überholt werden, gemindert wird. Wird andererseits die berechnete
Leistungsfähigkeit in einer bestimmten Zeiteinheit nicht voll ausgenutzt,
z. B. durch häufigeren oder längeren Stillstand, so verringert sich zwar
der Verschleiß, aber nicht immer im gleichen Verhältnis zur Dauer des
Stillstandes, da in vielen Fällen auch der Stillstand der Maschine schadet.
Der verlängerten Lebensdauer entspricht eine geringere Amortisations-
quote, aber auch das größere Risiko, dsp^die Maschine veraltet. Die Be-
triebskosten dagegen, die Kosten der Betriebsbereitschaft, wachsen er-
heblich an, und zwar um so stärker, je häufiger die Stillegung erfolgt.
Somit liegt in der Maschinenverwendung ein gewisser Zwang zur Massen-
erzeugung. Die Parole muß lauten: Ausdehnung der Erzeugung bis zur
vollen Ausnutzung der Leistungsfähigkeit der Maschinen und, wo es
möglich ist, noch darüber hinaus, wenn die Preise es erlauben1).

Weiterhin liegt auch in der Entwicklung der modernen Technik
ein Zwang zur Massenerzeugung. Das Ziel lautet auch hier, das Verhältnis
zwischen Kosten und Produktenmenge in einer gegebenen Zeit möglichst
günstig zu gestalten. Das Ziel kann nach dem vorhandenen Verfahren
mit demselben Maschinentyp gelöst werden. Werden Kraft- und Arbeits-
maschinen von derselben Art, aber mit der doppelten Leistungsfähigkeit
gebaut, so arbeiten sie billiger, denn es sind einerseits die Herstellungs-
kosten, andererseits die Betriebskosten nicht im gleichen Verhältnis ge-
stiegen. Um eine Dampfmaschine von doppelter Kraft zu bauen, bedarf
man nicht der doppelten Menge an Rohstoffen und des doppelten Zeit-
und Kraftaufwandes und, in Betrieb genommen, verlangt die stärkere
Maschine nicht den doppelten Aufwand an Pflege, Bedienung und Betriebs-
kraft. Wo dieser Weg nicht beschritten werden kann, oder wo die Ma-
schinen eine gewisse Größe bereits erreicht haben, muß das Ziel durch ein
neues Verfahren, einen neuen Maschinentyp gelöst werden, wobei man

*) Vgl. Bücher, Das Gesetz der Massenproduktion. Zeitschrift für die gesamten
Staatswissenschaften 1910. Mein Aufsatz über: Das Gesetz des abnehmenden Er-
trages in der Landwirtschaft und das des zunehmenden Ertrages im Gewerbe. Zeitschr.
für Sozialwissenschaft. Neue Folge. 4. Jahrg. Heft 6.
        <pb n="38" />
        ﻿30

versuchen wird einerseits — schon aus Gründen der Raumersparnis und
um die Betriebskosten zu senken — eine möglichst große Menge Hand-
arbeit auf die Maschine zu übertragen und andererseits nach Möglichkeit
Kraft- und Reibungsverluste zu vermeiden. Kompliziertere und in ihren
einzelnen Teilen sinnreicher durchgeführte Maschinen entstehen, die aus
diesem Grunde in der Regel auch höhere Herstellungskosten verursachen.
Wo die Belastung der Produktion durch die höheren Herstellungs- und
Anschaffungskosten nicht durch die Verminderung der Betriebskosten
ausgeglichen werden kann, was häufig der Fall sein wird, dort muß der
neue Maschinentyp, um überhaupt konkurrenzfähig zu sein, eine
größere Produktenmenge in der gleichen Zeiteinheit erzeugen
können als der alte Typ.

In der Anwendung der Maschinen, wie in der Entwicklung des Ma-
schinenwesens liegt ein Zwang zur Massenerzeugung, der aber seine be-
sondere Bedeutung noch erhält, wenn man berücksichtigt, daß es sich
in der Fabrik vielfach um ein Zusammenarbeiten einer großen Menge
verschiedener Kraft- und Arbeitsmaschinen handelt, die alle aufeinander
abgestimmt sein müssen, wenn sie unter den günstigsten Bedingungen
arbeiten sollen. Die Maschinen mit der größten Massenerzeugung geben
den Ausschlag. In der Regel werden es die Maschinen der untersten Pro-
duktionsstufen des Betriebes sein, da hier die Gleichartigkeit des Vor-
produktes, des Halbzeugs, die Benutzung von Maschinen mit großer
Leistungsfähigkeit und weitgehend automatischem Betrieb erleichtert.
Soll nun eine Betriebserweiterung vorgenommen oder eine neue für den
übrigen Betrieb ausschlaggebende Maschine mit gesteigerter Leistungs-
fähigkeit eingeführt werden, dann kann sich die Ausdehnung der Er-
zeugung nur sprunghaft vollziehen. Ein neuer Hochofen dehnt die Leistungs-
fähigkeit eines Hüttenwerkes ruckweise erheblich aus, da der neue Ofen
nur dann mit den geringsten Kosten arbeitet, wenn er voll ausgenutzt
wird. In einem kombinierten Stahlwerk ist ausschlaggebend die Stahl-
anlage. Nach der Leistungsfähigkeit der Konverter oder der Martinöfen
muß sich die Zahl der Hochöfen und der Walzstraßen richten. Wird die
Stahlanlage mit neuen leistungsfähigeren Konvertern ausgerüstet oder
ihre Zahl erhöht, so muß der Betrieb der Hochöfen und Walzanlagen den
neuen Verhältnissen angepaßt werden. Während in der Textilindustrie
die Aufstellung einer Spinnmaschine und, wenn es sich um einen kombi-
nierten Betrieb handelt, die Aufstellung der entsprechenden Anzahl Web-
stühle bei weitem nicht eine solche sprunghafte und den ganzen übrigen
Betrieb beeinflussende Leistungssteigerung darstellt. Trotzdem besteht
auch hier, wenn auch nicht in dem Maße wie bei den Stahlwerken, jener
Zwang zur Massenerzeugung.

/
        <pb n="39" />
        ﻿3i

Wie im Gewerbe der Zwang zur Massenerzeugung, so herrscht auf dem
Gebiet des Transportwesens der Zwang zur Massenbeförderung, der viel-
leicht am schärfsten der Seeschiffahrt den Stempel aufdrückt.

Zwang zur Massenerzeugung, mit anderen Worten: das Streben, mit
den geringsten Kosten zu produzieren, heißt gleichzeitig Erschwerung
der Produktionseinschränkung. Je stärker und umfassender der Zwang,
desto schneller werden die Kosten durch die Produktionseinschränkung
anwachsen. Kann eine Maschine nicht voll ausgenutzt werden, läßt man
sie langsamer laufen, oder werden häufiger Pausen eingelegt, so werden
die Produktionskosten pro Mengeneinheit um so rascher wachsen, je mehr
die Maschine durch Anschaffungs- und Betriebskosten belastet ist, die
durch Massenproduktion ausgeglichen werden müssen. Werden aber die
verschiedenen Produktionsstufen eines Betriebes von solchen Maschinen
beherrscht, so müssen notwendig bei Betriebseinschränkung die Kosten
noch schneller wachsen. Nehmen wir an, ein Stahlwerk arbeite mit einer
modernen Hochofenanlage, leistungsfähigen Konvertern und außerdem —
was allerdings bei uns noch seltener der Fall ist — mit amerikanischen
Walzstraßen, die bei fast automatischem Betrieb auf eine hohe Pro-
duktenziffer eingestellt sind. Eine Betriebseinschränkung trifft hier alle
drei Stufen der Erzeugung und wird infolge der hohen Anlagekapitalien
und der Kosten der Betriebsbereitschaft auf jeder eine verhältnismäßig
rasche Steigerung der Belastung der Produkteneinheit verursachen, was
eine empfindliche Verteuerung des Endproduktes zur Folge hat. In einer
Textilindustrie dagegen belastet die Verkürzung der Produktionszeit aller
oder einiger Spinnmaschinen und Webstühle die Produktion in verhält-
nismäßig geringerem Maße.

Wir haben bisher festgestellt, daß ein Zwang zur Massenproduktion
besteht, weil die Maschinen bei voller Ausnutzung ihrer Kraft mit den
geringsten Kosten arbeiten. Es existiert aber noch ein anderer Zwang zur
Massenerzeugung, der darauf hinausläuft, eine möglichst große Zahl
gleichartiger Maschinen nebeneinander zu beschäftigen, weil dann im Falle
einer Betriebseinschränkung der Druck um so weniger fühlbar wird. In
einer Textilfabrik werden die Kosten eines zeitweisen oder vollständigen
Stillstandes einiger Spinnmaschinen und Webstühle um so weniger zum
Ausdruck kommen, desto mehr Maschinen voll beschäftigt bleiben, auf
eine desto größere Produktenmenge sich die Unkosten der Betriebsein-
schränkung noch verteilen können. Bei einem kleinen Betrieb mit wenigen
Maschinen wird der Stillstand einer schon schwer ins Gewicht fallen. Ein
kleines Stahlwerk, das mit einem Konverter — natürlich ohne Berück-
sichtigung der Reservemaschinen — und der entsprechenden Anzahl
Hochöfen und Walzstraßen arbeitet, kann eine Betriebseinschränkung
        <pb n="40" />
        ﻿nur durchführen, indem es einen Hochofen dämpft oder ausbläst und den
Konverter und die Walzstraßen mit größeren Pausen arbeiten läßt. Die
Kosten, vor allem die der Betriebsbereitschaft belasten die verringerte
Erzeugung erheblich. Ein großes Stahlwerk ist aber in der Lage, einen
Teil der Anlagen jeder Produktionsstufe vollständig stillzulegen, um die
übrigen Anlagen möglichst vollkommen zu beschäftigen. Es spart dadurch
die hohen Kosten der Betriebsbereitschaft. Die Amortisation und even-
tuell die Verzinsung des stilliegenden Anlagekapitals wird zwar die Kosten
der verringerten Produktion erhöhen, dieser Druck wird aber desto
schwächer sein, je weniger die Gesamterzeugung durch die Betriebsein-
schränkung gekürzt wird, je größer also das Stahlwerk ist.

Die Parole muß also lauten: Nicht nur Ausdehnung der Er-
zeugung bis zur vollen Ausnutzung der Leistungsfähigkeit der Maschinen
und Anlagen, sondern auch Erstrebung einer möglichst großen Gesamt-
erzeugung, damit sich die Unkosten einer Betriebseinschränkung auf eine
große Produktenziffer verteilen und die Konkurrenzfähigkeit des Werkes
nicht zu sehr geschwächt wird.

Jede Betriebseinschränkung verursacht Kosten, wenn auch die Wir-
kungen bei den verschiedenen Maschinen, folglich auch in den verschie-
denen Industriezweigen und hier wieder je nach der Größe der einzelnen
Unternehmungen desselben Industriezweiges in verschiedener Stärke zur
Geltung kommen. Betriebseinschränkungen werden aber hauptsächlich
in den Zeiten des Überangebotes und der sinkenden Preise notwendig.
Da aber bei sinkenden Preisen jedes Anziehen der Kosten doppelt drückend
empfunden wird, so herrscht das Bestreben vor, die volle Betriebskraft
des Werkes möglichst so lange auszunutzen, bis die Preise einen Tiefstand
erreicht haben, bei dem die Verluste größer sind als jene, die eine Betriebs-
einschränkung oder teilweise Stillegung verursacht. Dieser Zeitpunkt
tritt beim Nachlassen der Preise am ersten bei denjenigen Industrie-
zweigen und Unternehmungen ein, deren Erzeugungskosten pro Mengen-
einheit durch Produktionseinschränkung am wenigsten belastet werden.

Wo die Maschine Einzug gehalten hat und wo die Maschinentechnik
rasch fortschreitet, macht sich auf seiten des Angebotes ein starker Drang
nach Produktionsausdehnung bemerkbar. Jedes Unternehmen wird sich
bemühen, möglichst weit der wachsenden Nachfrage zu folgen, und es
kann sich um so leichter der Nachfrage anpassen, je mehr der Industrie-
zweig zur Verwendung von anorganischen Stoffen an Stelle der bisher
benutzten organischen Rohstoffe übergegangen ist, je weniger er also an
die Wachstumsperiode der Tiere und Pflanzen, an den augenblicklichen
Vorrat der lebenden Natur, der Land- und Forstwirtschaft gebunden ist.
Aber auch in den weiten Industriegebieten, wo noch die organischen Stoffe
        <pb n="41" />
        ﻿unentbehrlich sind, kann das Ausdehnungsbedürfnis in ganz anderem
Ausmaß befriedigt werden, nachdem die modernen Transportmittel die
Herbeischaffung dieser Stoffe aus weiter Ferne erlauben. Weicht aber
die Nachfrage zurück, so setzt jedes Unternehmen der Einengung der
Erzeugung einen lebhaften Widerstand entgegen. Ein heftiger Wettkampf
muß entbrennen, und zwar am lebhaftesten in den Industrien, die sich
durch den Zwang zur Massenproduktion und durch sprunghafte Aus-
dehnung besonders auszeichnen. Daß sich die Nachfrage im großen ganzen
durch den Übergang zur National- und Weltwirtschaft kräftig entfaltete,
haben wir gesehen und die treibenden Faktoren hervorgehoben. Jetzt
handelt es sich zunächst darum, die Einzelbewegungen der Nachfrage ins
Auge zu fassen.



b) Die Nachfrage.

Das Wachstum der Nachfrage vollzieht sich in großen Wellenbewe-
gungen. Immer wieder schwillt sie von Zeit zu Zeit rasch an, treibt das
ganze Wirtschaftsleben zu fieberhafter Tätigkeit, um dann wieder zurück-
zuebben. Aber jede Welle übertrifft in der Regel die vorhergehende;
Wellenberg und -tal erreichen ein höheres Niveau. Wir müssen also unter-
scheiden zwischen einem normalen und einem außergewöhnlichen Nach-
fragezuwachs.

Die normale Steigerung des Bedarfs geht aus von der Bevölkerungs-
vermehrung1). Der Zuwachs muß versorgt, für den heranwachsenden
arbeitsfähigen Teil muß Arbeitsgelegenheit geschaffen werden. Das ganze
Wirtschaftsleben, also auch die Produktionssphäre, dehnt sich aus. Der
wachsenden Erzeugung in den einzelnen Branchen entspricht auch die
wachsende Kaufkraft. Das Streben jeder Volkswirtschaft muß darauf
gerichtet sein, die Erzeugung in gleichem Schritt mit der Bevölkerung zu
heben, da sie sonst verarmen würde. Wir könnten aber auch dann noch
von einem normalen Nachfragezuwachs sprechen, wenn die Produktiv-
kraft der Volkswirtschaft schneller als die Bevölkerung wächst, nur müßte
sich die Produktivitätssteigerung langsam vollziehen, indem sich pro-
duktionstechnische oder verkehrstechnische oder organisatorische Fort-
schritte allmählich im Wirtschaftsleben durchsetzten. Dem normalen
Nachfragezuwachs würde eine allmähliche, gleichmäßige Entwicklung des
Wirtschaftslebens entsprechen.

Der außergewöhnliche Nachfragezuwachs kann verschiedene Ur-
        <pb n="42" />
        ﻿34

Sachen haben. Zu den wichtigsten Faktoren gehören die Füllernten, die
die Natur immer wieder von Zeit zu Zeit den Menschen beschert. Nur mit
wenigen Strichen können hier die Wirkungen der übernormal reichen
Ernten gezeichnet werden1).

Jede Mehrernte bedeutet einen Zuwachs an Reichtum der Gesamtheit,
einen Zuwachs der Gesamtkaufkraft. Es fragt sich nun, in wessen Händen
dieses Plus an Reichtum und Kaufkraft beim Absatz des Mehrproduktes
haften bleibt, denn davon hängt auch der Einfluß der Füllernte auf den
Ablauf des Wirtschaftslebens ab. Dem Mehrangebot der Landwirtschaft
steht zunächst keine größere Kaufkraft der Konsumenten gegenüber —
natürlich unter der Annahme, daß sich im übrigen im Wirtschaftsleben
nichts geändert hat, daß das Einkommen der Konsumenten nicht aus
irgendwelchen anderen Gründen gewachsen ist. Somit kann das Ernteplus
nur abgesetzt werden, wenn die Kauflust durch Preissenkung angereizt
wird. Scheiden wir, um die Darstellung zu vereinfachen, den Fall aus,
in dem das Mehrprodukt von den Konsumenten nicht ganz aufgenommen
wird und nehmen wir an, die Vorgänge spielten sich in einer nach außen
geschlossenen Volkswirtschaft ab. Die Landwirte halten einen um so
größeren Teil des Reichtums- und Kaufkraftzuwachses fest, je weniger
der Preis gesenkt werden muß, je größer trotz Preissenkung ihr Gesamt-
erlös verglichen mit dem Erlös bei einer normalen Ernte ist. Sie verlieren
das Plus an Reichtum, das sie geerntet haben, ganz, ja sie erleiden sogar
noch einen Verlust, eine Minderung ihrer normalen Kaufkraft, wenn die
Mehrernte erst bei einem Preis absorbiert wird, der ihnen nur einen ge-
ringeren Gesamterlös als in normalen Jahren übrig läßt. Umgekehrt
liegen die Verhältnisse auf seiten der Konsumenten. Sinkt der Preis nur
wenig, so kann das Ernteplus nur aufgenommen werden, wenn die Kon-
sumenten sich verleiten lassen, einen größeren Teil ihres Einkommens als.
in normalen Jahren zum Ankauf aufzuwenden. Sie haben in diesem Falle
einen Teil des Reichtum- und Kaufkraftzuwachses an sich gezogen, da
sie für die gleiche Einkommeneinheit einen größeren Teil der Ernte er-
halten; aber ihre Kaufkraft für irgendwelche andere Produkte ist ge-
sunken, da sie über einen größeren Teil ihres Einkommens bereits verfügt
haben. Je mehr nun der Erntepreis sinkt, um so mehr gleitet der Reichtum
Zuwachs aus den Händen der Landwirte in die der Konsumenten, bis
schließlich in dem Falle, wo die Landwirte einen Verlust zu verzeichnen
haben, die Konsumenten für die gesamte Ernte sogar nur einen geringeren
Gesamtaufwand zu machen haben wie in normalen Jahren. Sie haben

*) Dietzel gibt im Artikel ,,Ernten“ im Handwörterbuch der Staatswissen
schalt eine eingehende Darstellung.
        <pb n="43" />
        ﻿35

also noch Einkommensteile erspart, die jetzt als Mehrnachfrage nach irgend
welchen anderen Produkten auftreten können. Das vorläufige Resultat
unserer Untersuchung zeigt, daß die durch die Füllernte hervorgerufene
Preisverschiebung eine mehr oder minder starke Verschiebung der Kon-
sumkraft der Landwirte und Konsumenten bewirkt. Einer Ausdehnung
hier entspricht ein Einschrumpfen dort. Da sich aber der Bedarf der beiden
Gruppen nicht durchweg auf dieselben Güterarten erstreckt, kann die
Mehmachfrage durch die Mindernachfrage nicht vollständig kompensiert
werden. Die notwendige Folge ist also eine Ausweitung der industriellen
Erzeugung auf der einen, eine Einschränkung auf der anderen Seite.

Die Wirkungen der Füllernten ziehen aber noch weitere Kreise, das
Resultat bedarf noch einer Modifizierung. Es stehen sich nicht Erntner
und Konsumenten direkt gegenüber, sondern es schieben sich noch eine
Reihe Zwischenglieder ein. Der auf den Feldern gewonnene Rohstoff
muß ja erst in konsumreife Produkte verwandelt, muß industrialisiert
werden; je größer das Mehrprodukt der Ernte, desto größerer Mehrauf-
wand ist nicht nur in der Landwirtschaft, um die Ernte herein zu bringen,
sondern auch in der Industrie zur Bearbeitung notwendig. Handelt es
sich um eine Füllernte an Getreide, so müssen Müllerei, Bäckerei, Brauerei
und Brennerei eine Mehrarbeit verrichten als bei einer Normalemte. Ist
der Ertrag an Wolle, Flachs oder Baumwolle ungewöhnlich reich ausgefallen,
so haben Spinnerei, Weberei, Färberei, die Kleider- und Wäschebranchen
diese Aufgabe zu erfüllen. Hat die Fruchtbarkeit einen reicheren Vieh-
bestand zur Folge, so haben Metzgerei und Lederindustrie mit einem
Arbeitsplus zu rechnen. Von der Rübenernte hängt die Tätigkeit der
Zuckerindustrie, von der Weinernte die der Kellereien, Böttchereien und
Flaschenindustrie, von der Obsternte die der Konserven- und Marmeladen-
industrie usw. ab. Weiterhin: Nach den Verarbeitern der Rohstoffe folgen
die Händler und überall zwischen Urproduzenten, Verarbeitern und Kon-
sumenten schiebt sich das Transportgewerbe ein. Sie alle haben je nach der
Größe der Füllernte eine Mehrleistung zu erfüllen. Der Zuwachs an Reich-
tum und Kaufkraft, der sich ursprünglich in den Händen der Landwirte
angesammelt hatte, muß, ehe er den Konsumenten erreicht, alle diese
Etappen passieren und überall bleibt, je nach der Gunst der Verhältnisse,
ein größeres oder geringeres Quantum hängen. Deshalb muß sich auch
die Preisgestaltung etwas anders vollziehen, zumal auch die Kaufkraft
des letzten Konsumenten, wie ursprünglich angenommen, nicht gleich
bleibt.

Den Urproduzenten steht die verarbeitende Industrie gegenüber. Sie
muß für die anormal große Rohstoffmenge einen Preis zu erlangen
suchen, der ihr die Sicherheit gibt, daß die Endprodukte von den Kon-

D
        <pb n="44" />
        ﻿36

sumenten oder Händlern aufgenommen und ihr die gesamten Mehrkosten
der Verarbeitung und Bereitstellung ersetzt werden. Die Veredlungs-
industrie und, aus ähnlichen Gründen, der Handel werden versuchen einen
Teil des Reichtumzuwachses festzuhalten, um mindestens ihre Kosten
zu decken. Sie werden um so vorteilhafter abschneiden, je kaufkräftiger
die Konsumenten in der Zwischenzeit, bis das Mehrprodukt sie erreicht,
geworden sind. Woher dieses Steigen der Kaufkraft kommt, wird sich
gleich zeigen. Zunächst müssen Veredlungsindustrie und Handel einen
Teil des Reichtumplus an alle diejenigen weiter geben, die ihnen bei der
Verarbeitung und Bereitstellung des Mehrproduktes helfen: an die Trans-
portgewerbe, Arbeiter und Kapitalverleiher. Nehmen wir zunächst ein-
mal an, die vorhandenen Verkehrs- und Produktionsanlagen reichten aus,
auch den Zuwachs der Füllernte zu bewältigen. Das ist nur möglich, wenn
die Anlagen bisher nicht bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit ausge-
nutzt waren. Es gehen demnach von der intensiveren Ausnutzung der
vorhandenen Anlagen — abgesehen davon, daß auch die Industrien ihre
Erzeugungen ausdehnen müssen, die die übrigen zum Produktionspro-
zesse nötigen Rohstoffe und Hilfsmittel wie z. B. Kohle liefern — zwei
Wirkungen aus. Einerseits erzwingt die intensivere Ausnutzung eine
Lohn- und Diskonthausse, andererseits bewirkt sie eine Produktivitäts-
steigerung, also einen neuen Zuwachs an Reichtum und Kaufkraft.

Die intensivere Beschäftigung der vorhandenen Arbeiter während
der üblichen Arbeitszeit, das Einlegen von Überstunden und Nachtschicht
hebt den Verdienst des Arbeiters. Da die vorhandenen Kräfte nicht aus-
reichen, müssen neue herangezogen, aus irgendeiner anderen Beschäfti-
gung herangelockt werden, was nur durch eine Lohnsteigerung möglich
ist. Im Verkehrsgewerbe und in den die Füllernte verarbeitenden In-
dustrien ziehen die Löhne an. Um die gesamten Mehrkosten vorläufig
bis zur Bezahlung der Ernte oder des Transportes oder des fertigen Pro-
duktes auslegen zu können, bedürfen Landwirtschaft, Verkehrsgewerbe,
Industrie und Handel ein Plus an Betriebskapital. Zwar ist es größtenteils
nicht nötig diese Kapitalien anderen Beschäftigungen zu entziehen, da
dort, wo ein geordnetes Bankwesen, Noten- und Scheckverkehr herrscht,
die Banken nach dem Prinzip der gegenseitigen Verschuldung Kredit ge-
währen1). Die stärkere Inanspruchnahme des Bankkredits ruft aber
schließlich ein Anziehen des Diskonts hervor. So fließt also auf allen
Etappen der Zuwachs an Reichtum und Kaufkraft weiter in die Hände

h Eine klare Darstellung der Kreditgewährung nach dem Prinzip der gegen-
seitigen Verschuldung gibt Hartley Withers, Geld und Kredit in England, über-
setzt von Patzauer 19x1 S. 21 ff. und 6off.
        <pb n="45" />
        ﻿37

der Arbeiter und Kapitalverleiher. Da aber die Lohn- und Diskonthausse
auch jene Unternehmungen trifft, die nicht an der Verarbeitung und Be-
reitstellung der Mehremte beteiligt sind, findet hier ebenfalls eine Ver-
schiebung des Einkommens statt, die die Wirkung der Füllernte noch ver-
stärkt. Arbeiter und Kapitalverleiher erhalten einen größeren Anteil am
Ertrag, es wächst also auch hier ihre Kaufkraft und besonders wichtig
ist, daß die Konsumkraft der breiten Massen anschwillt. Dieser Nach-
fragezuwachs richtet sich aber nicht nur auf jene Mehrprodukte, die dem
reicheren Ernteausfall ihre Entstehung verdanken, auch andere Industrien
ziehen Nutzen aus ihr und dehnen ihre Erzeugung aus. Die Wirkung der
Füllemte greift auf immer weitere Wirtschaftsgebiete über!

Die andere Folge der intensiveren Ausnutzung der vorhandenen An-
lagen — sowohl in denjenigen Industrien, die direkt oder indirekt an der
Veredlung der agrarischen Rohstoffe beteiligt sind, als auch in jenen, die
aus der Einkommensverschiebung aus dem Nachfrageplus profitieren —
ist eine Produktivitätssteigerung, eine Produktionskostensenkung, da in
derselben Zeit zwar mit einem Mehraufwand an Mitteln eine im Verhältnis
größere Menge von Produkten erzeugt wird. Dem Reichtumplus in der
Landwirtschaft stellt sich dieser Reichtumplus im Gewerbe zur Seite und
es hängt von den Verhältnissen ab, in wessen Händen dieser Zuwachs an
Reichtum und Kaufkraft hängen bleibt. Die letzte Wirkung dieses Nach-
frageplus wird eine Erzeugungsausdehnung irgendwelcher Industrie-
zweige sein.

Bisher hatten wir angenommen, die vorhandenen Anlagen im Ver-
kehrsgewerbe und in der Veredlungsindustrie reichten aus, die Mehrarbeit
zu bewältigen. Häufig wird das nicht der Fall sein, zumal wenn mehrere
reiche Erntejahre aufeinander folgen. Eine Ausweitung der Anlagen und
Errichtung neuer wird zur Notwendigkeit. Die Anlage suchenden Kapi-
talien drängen sich jetzt in stärkerem Maße den begünstigten Unter-
nehmungszweigen zu, rufen eine Mehrnachfrage nach Baumaterialien,
Kraft- und Arbeitsmaschinen, Eisenbahnen und Schiffen usw. hervor.
Diese neue Nachfragewelle erzwingt wieder ähnliche Wirkungen, wie wir
sie soeben kennen gelernt haben, zunächst in den Eisen-, Maschinen- und
Zementindustrien, in den sogenannten „instrumental-industries“.

Lassen wir nun auch die Voraussetzung fallen, daß die Vorgänge sich
in einer nach außen geschlossenen Volkswirtschaft abspielen, dann muß
das Resultat wiederum etwas modifiziert werden. Es kann einerseits der
Mehrbedarf an Arbeitskräften und Kapitalien zum Teil vom Auslande
gedeckt werden, was mit einer Steigerung der Produktivkraft des Inlandes
gleichbedeutend wäre und wodurch die Aufwärtsbewegung des Wirt-
schaftlebens gekräftigt würde. Andererseits kann der Mehrbedarf an kon-
        <pb n="46" />
        ﻿38

sumreifen Waren, Produktionsmitteln und Rohstoffen vom Auslande ge-
deckt werden, wodurch die Haussebewegung gedämpft würde. Endlich
sind nicht mehr die nationalen Ernten, sondern die Welternten entscheidend,
und zwar um so mehr, je enger die Industriestaaten mit den Agrar-
staaten in wirtschaftlichem Kontakt stehen.

Die außergewöhnlich ergiebigen Ernten verursachen weitgehende
Verschiebungen und Ausweitungen im Wirtschaftsleben. Ein Rückschlag
ist unvermeidlich; er würde auch dann eintreten müssen, wenn die Ernten
sich dauernd auf diesem Hochstand hielten und höchstens entsprechend
der Bevölkerungsvermehrung noch weiter an wüchsen. Denn sobald die
Industrien sich der Mehrnachfrage und den Nachfrageverschiebungen
angepaßt hätten, wäre auch das außergewöhnliche Arbeitspensum der
„industrial industries“ erledigt, eine Betriebseinschränkung notwendig.
Also selbst bei gleichbleibendem Mehrangebot würde erst nach einigen
Pendelschwingungen nach oben und unten eine neue Gleichgewichtslage
erreicht. Aber die Ernten bleiben nicht gleich groß. Füllernten, normale
Ernten und Mißernten lösen sich ab. So kommt das Wirtschaftsleben
nicht zrrr Ruhe. Einer Periode des Reichtumzuwachses und der Mehr-
nachfrage folgt eine Periode der Reichtumminderung und des Ein-
schrumpfens der Nachfrage. Je stärker der Wirtschaftskörper ange-
spannt wurde, um das Ernteplus zu bewältigen, desto kräftiger muß, wenn
der Erntesegen in das Gegenteil umschlägt, die Erzeugung im Gewerbe
eingeschränkt werden. Die Wirkungen im einzelnen lassen sich mit Leich-
tigkeit aus der Darstellung des Aufschwungs ableiten. Allerdings wird
nicht jede Füllernte einen Aufschwung und jede Mißernte einen Nieder-
gang hervorrufen. Es fragt sich, ob nicht andere Faktoren im entgegen-
gesetzten Sinne arbeiten. Neben den Ernten wirken noch andere Kräfte
auf eine Ausdehnung oder Einschränkung der Nachfrage. Ohne Zweifel
aber handelt es sich bei den Ernteschwankungen um gewaltige Größen,
deren Wucht die der anderen Faktoren wohl selten gleich kommt.

In ganz ähnlicher Weise wie die Füllernten können Erleichterungen
im Außenhandel eine Markterweiterung, ein Nachfrageplus mit allen
seinen Folgen bewirken, unter Umständen allerdings auch nur eine Ver-
schiebung, eine Begünstigung der einen auf Kosten der anderen Industrien.
Ebenso bedeuten die Kriege in der Vorbereitungszeit, während des Ver-
laufs und nach ihrer Beendigung eine zeitweise gewaltige Steigerung der
Nachfrage, die am wirksamsten ist, wenn ein Land nur zur Deckung dieser
Nachfrage herangezogen wird und nicht selbst Krieg führt, da ja im krieg-
führenden Lande dem Nachfrageplus ein außerordentliches Nachfrage-
minus infolge der erzwungenen Produktionseinschränkung und eventuell
der Produktionsmittelzerstörung gegenübersteht. Jede außergewöhnliche
        <pb n="47" />
        ﻿39

Ausgabe für unproduktive Zwecke erweitert das Arbeitspensum bestirn-
ter Industriezweige. Ist die Extraaufgabe aber erfüllt, dann macht sich
der Rückschlag um so stärker bemerkbar, weil dieselben Mittel in normaler
Weise produktiv verwendet eine dauernde Nachfragesteigerung hervor-
gerufen hätten. Weittragende und umwälzende Erfindungen gehören auch
zu den Faktoren, die zeitweise eine erhebliche einseitige Nachfragestei-
gerung verursachen, deren Einfluß auf das Wirtschaftsleben wesentlich
mit von der Frage abhängt, ob die Beschaffung der nötigen Anlagekapi-
talien und Arbeitskräfte ohne Störung des übrigen Produktionsprozesses
möglich ist oder nicht. Diesen Hauptfaktoren stellen sich noch eine ganze
Menge anderer zur Seite. Sie alle haben die Tendenz, eine Nachfrage-
steigerung zu erzeugen, der mit Auf hören der Wirksamkeit des Sonder-
faktors ein Rückschlag folgt.

Häufig treffen verschiedene Faktoren zusammen und rufen dann
einen Aufschwung von ganz besonderer Intensität hervor. Nicht selten
haben günstige Ernten eine Beschleunigung des Ausbaues der Verkehrs-
mittel zur Folge gehabt, also ein beschleunigtes Durchsetzen des tech-
nischen Fortschrittes. Die Kosten für die Ausgestaltung des deutschen
Eisenbahnnetzes werden z. B. bis 1900 auf 13 Milliarden berechnet. Be-
rücksichtigt man, daß 1900 das deutsche Eisenbahnnetz nur den 15. Teil
des Welteisenbahnnetzes darstellte, und diese gewaltige Arbeitsleistung
nur von der Eisenindustrie weniger Länder bewältigt worden ist, unter
denen England, Belgien, Deutschland und die Vereinigten Staaten be-
sonders hervorragen, dann kann man ermessen, wie die stoßweise Ausge-
staltung dieses Netzes die Bewegung des Wirtschaftslebens dieser Länder
beeinflußt hat. In Deutschland sind als treibende Faktoren in dem
großen Aufschwung von 1895 bis 1901: günstige Ernten, erleichterte
Handelsbeziehung zum Ausland, Ausbau des Kleinbahnnetzes infolge des
Kleinbahngesetzes von 1892, erstes stärkeres Durchsetzen der Elektrizität-
verwendung wirksam gewesen.

Je wuchtiger und weitreichender der Aufschwung, desto lebhafter
entfalten sich auch der Optimismus, die Unternehmungslust und die
Phantasie. Sie treiben die Aufschwungswelle oft weit über das Maß hinaus,
das durch die sachlichen Faktoren begründet ist. Wo sie diese Kraft ge-
winnen, muß auch der Rückschlag notwendigerweise um so heftiger sein.
Andererseits kann auch das Fehlen des Optimismus und der Unternehmungs-
lust dazu führen, daß die vorhandenen sachlichen Aufschwungsmöglich-
keiten nicht ausgenutzt werden. Ebenso bewirkt eine allgemeine pessi-
mistische Auffassung nicht selten, daß die rückläufige Bewegung im
Wirtschaftsleben außerordentlich verstärkt wird.

So muß sich die wirtschaftliche Entwicklung in stetem Wechsel von
        <pb n="48" />
        ﻿40

Aufschwung und Niedergang vollziehen. Ganz unabhängig von der so-
zialen Ordnung der Wirtschaft rufen gewisse Faktoren jene Wellen immer
wieder von Zeit zu Zeit hervor.

Wird die moderne Technik beherrscht von der Tendenz der Massen-
produktion und muß sich die wirtschaftliche Gesamtentwicklung in steter
Wellenlinie vollziehen, so ist die notwendige Folge, daß nach der rapiden
Ausweitung der Produktionsmittel in den Jahren des Aufschwungs das
Angebot in der Zeit des Niederganges bei weitem die Nachfrage übertrifft.
Am stärksten wird sich naturgemäß dieses Überangebot in den Produktions-
zweigen einstellen, die einerseits durch den Verlauf der Aufwärtsbewegung
den lebhaftesten Anreiz erfuhren und andererseits durch reiche Maschinen-
verwendung und weitgehend automatischen Betrieb der Tendenz zur
Massenproduktion in erster Linie unterworfen sind. Beide Bedingungen
erfüllen in jeder Hinsicht die Kohlenindustrie und die unteren Stufen der
Eisenindustrie, denn sie liefern das notwendige Material zur Erzeugungs-
ausdehnung der meisten anderen Industriezweige, müssen also in der
Hochkonjunktur weit höheren Ansprüchen genügen als jene, und sie sind
in der Ersetzung der Handarbeit durch Maschinenarbeit außerordentlich
weit fortgeschritten, haben also den lebhaftesten Drang, sich möglichst
den erhöhten Ansprüchen anzupassen. Folglich müssen sie auch vorn
Konjunkturrückschlag besonders heftig erfaßt werden. Kohlen und
Eisenindustrie werden als das Barometer der Wirtschaftskonjunkturen
betrachtet.

Wächst das Angebot über die Nachfrage, so verschärft sich der Wett-
kampf und hält der Zustand an, so muß schließlich eine allgemeine Notlage
den Wirtschaftszweig erfassen. Ehe wir auf die Regulierung des Wett-
kampfes eingehen, müssen wir die Frage erörtern, welche Aufgabe der un-
gebundene Wettkampf im Wirtschaftsleben zu erfüllen hat. Wir werden
dann auch die Faktoren kennen lernen, die nicht nur auf ein vorüber-
gehendes, sondern ein dauerndes Mißverhältnis zwischen Angebot und
Nachfrage hinwirken.

2.	Die Aufgaben der freien Konkurrenz.

Die freie Konkurrenz soll nach Ansicht der Vertreter der klassischen
Nationalökonomie die Preise den Produktionskosten anpassen und da-
durch das Wirtschaftsleben im ökonomischen Sinne leiten und regeln.
Man sagt: wo das Angebot zu gering ist und die Preise die Kosten erheblich
überschreiten, wird neue Konkurrenz angelockt, bis der Gewerbezweig
nur noch die üblichen Gewinne abwirft. Wo dagegen die Zahl der Wett-



»Mi ■
        <pb n="49" />
        ﻿bewerber den Bedarf übersteigt, wo die Preise die Kosten nicht decken,
wird ein Teil, vor allem der schwächere, verdrängt, bis normale Verhält-
nisse eingetreten sind. Entspricht diese Auffassung der Wirklichkeit,
dann muß die freie Konkurrenz die wirtschaftlichen Kräfte dorthin lenken,
wo sie am wirksamsten sind, der größte Gesamterfoig mit dem geringsten
Aufwand erreicht wird.

Doch diese Rolle, als Regulator des Wirtschaftslebens, vermag der
ungebundene Wettbewerb nur bedingt zu erfüllen. Für die erste Zeit der
großen Umwälzung, in der auch die Lehren der klassischen National-
ökonomie entstanden, trifft diese Auffassung zu. Solange es sich noch um
kleine Unternehmungen mit geringer Maschinenverwendung handelt, die
zu ihrer Errichtung nur verhältnismäßig geringe Kapitalien bedürfen und
aus denen diese Kapitalien, wenn auch mit Verlust, so doch zum größten
Teil herausgezogen werden können, vermag die freie Konkurrenz — aller-
dings unter der Voraussetzung, daß sich den verdrängten Wettbewerbern
stets neue Arbeitsgelegenheit bietet — jene gesunde Anpassung von An-
gebot und Nachfrage zu erzwingen. Je mehr die festgelegten Kapitalien
wachsen, ändert sich das Bild. Man kann vielleicht sagen, daß zum ersten-
mal klar die Allgemeingültigkeit der Lehre von den segensreichen Wir-
kungen der freien Konkurrenz dort widerlegt wurde, wo zwei Eisenbahn-
linien miteinander in Wettkampf traten. Verleiten die guten Erträge einer
Eisenbahn zum Bau einer Konkurrenzlinie, so ist die Folge ein lang an-
haltender Kampf um die Frachtsätze, der mindestens zum finanziellen
Zusammenbruch einer Bahn, meist aber beider Bahnen führt und auch in
die geschäftliche Tätigkeit der Verfrachter, infolge der stets schwankenden
Tarifsätze und der differentiellen Behandlung, eine große Unsicherheit
hinein trägt. Auch die Schiffahrt, vor allem die Seeschiffahrt, kennt zahl-
reiche Beispiele für die verderblichen Folgen der freien Konkurrenz. Im
Gewerbe liegen die Verhältnisse überall dort nicht anders, wo die Anlage
große Kapitalien und leistungsfähige Maschinen verlangt. Ein Kampf
führt auch hier nicht immer zu einem Ausscheiden der überzähligen Kon-
kurrenten und erst recht nicht, wenn die Unternehmungen annähernd
gleich stark sind. Die Produktion wird fortgesetzt, auch wenn die Preise
unter die Kosten herabgesunken sind, denn Stillegen würde gleichbedeu-
tend sein mit der Preisgabe fast des ganzen Kapitals. Das in Fabriks-
gebäuden, Maschinen, Eisenbahnanlagen usw. angelegte Kapital läßt sich,
wenn überhaupt, so doch nur mit ungeheuren Verlusten wieder flüssig
machen. Ein augenfälliges Beispiel geben die Bergwerksanlagen. Einstellen
der Arbeit auf einem Kohlenbergwerk heißt Aufgeben des ganzen Berg-
werks. Aber auch im Falle des finanziellen Zusammenbruchs scheidet
häufig das Konkurrenzunternehmen nicht aus. Wird es zu einem Bruch-
        <pb n="50" />
        ﻿teil der Anlagekosten aufgekauft, so kann es dem neuen Besitzer trotz
der niedrigen Preise noch einen Gewinn abwerfen. Aber vom volkswirt-
schaftlichen Standpunkt produziert es doch zu einem Preise, der unter den
wirklichen Produktionskosten steht. Das Endresultat ist in diesem Falle
nicht eine Milderung des Wettkampfes, sondern eine Verschärfung.1)

Als Resultat ergibt sich also, daß überall dort, wo sich annähernd
gleich starke Gegner gegenüber stehen und wo den Überzähligen beim Aus-
scheiden aus dem Wettkampf ein weit größerer Verlust droht als bei der
Aufrechterhaltung ihres Unternehmens, die freie Konkurrenz die Rolle als
Regulator des Wirtschaftslebens nicht zu spielen vermag. Dieser Satz
hat eine viel allgemeinere Gültigkeit, als es auf den ersten
Blick scheint. Die Ergebnisse sind nur besonders auffällig in den bis-
her gewählten Beispielen, wo größere festgelegte Kapitalsummen das Aus-
scheiden des Unternehmens fast unmöglich machen. Der Besitzer mag
wechseln, das Unternehmen aber, durch den Wechsel gestärkt, setzt den
Kampf fort. Festgelegte Kapitalien sind aber keineswegs das einzige
Hindernis, den Wettkampf aufzugeben. Im mittelalterlichen Handwerk
z. B. standen sich annähernd gleich starke Gegner gegenüber und auch
hier zeigte sich, nachdem sich der große Fortschritt von der Hauswirt-
schaft zur Stadtwirtschaft vollzogen hatte, daß neue Erwerbsgelegen-
heiten immer schwerer zu finden waren, daß mit anderen Worten den
überzähligen Handwerkern größere finanzielle und soziale Verluste drohten,
wenn sie ihre Tätigkeit aufgaben, als wenn sie zu unzureichenden Preisen
den Wettkampf fortsetzten. Auch hier erwies sich die freie Konkurrenz
nicht als ein ökonomischer Leiter des Wirtschaftslebens, auch hier ver-
mochte sie nicht zu verhindern, daß die Preise dauernd unter die Pro-
duktionskosten zu sinken drohten.

Die große Mission der freien Konkurrenz liegt auf einem ganz anderen
Gebiet und nur soweit sie diese Aufgabe zu erfüllen vermag, darf sie sich
auch die Rolle, Regulator des Wirtschaftslebens zu sein, anmaßen. Sie
soll den großen Fortschritten im Wirtschaftsleben den Weg
bahnen und die Vorteile, die sie den Pfadfindern und Organisa-
toren ermöglichen, rascher der Allgemeinheit ausliefern. Jeder
neue Konkurrent trägt den Fortschritt in weitere Kreise und hilft den
Preis auf die Kosten herabzudrücken. Aber nur dort, wo es gilt, große
Produktivitätsfortschritte zum Nutzen der Allgemeinheit auszubeuten, ist
die freie Konkurrenz am Platze. Je mehr aber die wirtschaftliche Ge-
samten twicklung langsamere Bahnen einschlägt, desto mehr zeigt sich

b Vgl. hierzu, Cassel, Kartell- och trustväsendet frän social ekonomisk syn-
ponkt. Ekonomisk Tidskrift 1901 Haft 12.
        <pb n="51" />
        ﻿43

die preisdrückende Tendenz der freien Konkurrenz, die keineswegs bei den
Produktionskosten Halt macht. Die anfangs vorübergehenden Unter-
schreitungen der Produktionskosten durch die Preise häufen sich und
dauern länger an: die Nachteile überwiegen die Vorteile.

Da alle Kräfte im Wirtschaftsleben nach einer Gleichgewichtslage
streben, so müssen im Idealzustande die Preise den Kosten entsprechen,
so daß auch gleiche wirtschaftliche Tätigkeit gleichen Ertrag ergibt. Dieser
Zustand dürfte auch durch die Ausweitung des Wirtschaftslebens ent-
sprechend der wachsenden Bevölkerung nicht gestört werden; trotz der
Ausdehnung müßten sich in allen Punkten Bedarf und Erzeugung die
Wage halten. Je rascher die Bevölkerungsvermehrung fortschreitet, desto
eher kann die Gleichgewichtslage gestört werden. Aber neben der Bevöl-
kerungsbewegung lernten wir Kräfte kennen, die zeitweise eine ganz andere
Tragweite besitzen. Jede Füllernte und jede Mißernte verlangt, wenn die
Gleichgewichtslage gewahrt werden soll, eine sofortige Umgruppierung in
der Produktionssphäre, sowie eine andere Disponierung in der Konsum-
tionssphäre; ein Problem, das keine Wirtschaftsorganisation zu lösen ver-
mag. Daß eine Füllernte gleichbedeutend sei mit einer vorübergehenden
mehr oder minder erheblichen Produktivitätssteigerung, wurde bereits
hervorgehoben. Und wie sie wirken alle größeren Fortschritte in der Pro
duktivität, unter denen jene eine ganz besondere Bedeutung besitzen, die
eine dauernde Nachwirkung auf die wirtschaftliche Entwicklung aus-
üben. Greifen wir das Bild des Pendels auf, so können wir sagen, der Erfolg
der wirtschaftlichen Tätigkeit wird durch zwei große Kräfte beherrscht:

Auf der einen Seite drücken die großen dauernden Produktivitäts-
fortschritte die Kosten herab und treiben infolge der Gleichgewichts-
störung, die sie hervorrufen, in vielen Wirtschaftszweigen zeitweise die
Preise in die Höhe; sie haben also die Tendenz, den Ertrag in den be-
treffenden Zweigen in besonderem Maße zu heben. Man muß hier aber die
beiden Wirkungen, die dauernde der Kostensenkung und die vorüber-
gehende der Preissteigerung auseinander halten. Vorübergehende Er-
tragssteigerung in kleinerem oder größerem Umfange verursachen, wie die
Ernteschwankungen auch die Bedarfs- und Produktionsverschiebungen,
die z. B. durch Modelaunen, Kriege usw. hervorgerufen werden.

Auf der anderen Seite übt die freie Konkurrenz ihren Einfluß auf
das Pendel aus, sucht es ebenfalls über die Gleichgewichtslage hinaus zu
ziehen. Sie senkt die Preise unter die Produktionskosten. Sie hat die Ten-
denz, den Ertrag in einen Verlust zu verwandeln.

Die Bedeutung des ungezügelten Wettbewerbs zeigt sich nun klar, wenn
wir ihren Einfluß beobachten, je nachdem im Wirtschaftsleben nur jene
Kräfte wirken, die durch vorübergehende Preissteigerung oder auch, wie
        <pb n="52" />
        ﻿— 44 —

die Füllernten, durch vorübergehende Kostensenkung, zeitweise den
Ertrag zu heben vermögen, oder nur jene, die durch dauernde Kosten-
senkung eine bleibende Wirkung ausüben. Ruft z. B. eine Füllemte
oder ein Krieg eine große Angebots- und Nachfrageverschiebung hervor,
bricht sich infolgedessen eine Hochkonjunktur Bahn, dann verschärft die
freie Konkurrenz die Gleichgewichtsstörung. Sie ist es, die auf eine be-
schleunigte Ausweitung des Produktionsapparates in den Zweigen, die
den vorübergehenden Mehrbedarf nicht decken können, hindrängt, wo-
durch der schon vorhandene Mehrbedarf an Rohstoff- und Produktions-
mitteln erheblich gesteigert wird. Der Aufschwung wird also durch sie
verstärkt und dementsprechend in der Zeit des Niederganges das Über-
angebot. Dieser Einfluß der freien Konkurrenz wirkt um so verhängnisvoller
in einer Zeit, in der die Kapitalien, die die Produktionsanlagen benötigen,
an Umfang zunehmen und die Technik dem Zwange zur Massenproduktion
unterliegt. In den Zeiten der Konjunkturschwankungen erweist sich die
freie Konkurrenz durchaus nicht als ein ökonomischer Leiter des Wirt-
schaftslebens, im Gegenteil sie befördert die Kraft und Stoff Vergeudung,
die sich niemals dort ganz vermeiden läßt, wo ein vorübergehender Mehr-
bedarf gedeckt werden muß. Jede Organisation, die entsprechend dem
vorübergehenden Charakter der Konjunktur auch nur annähernd die nicht
durchaus notwendigen Produktionserweiterungen verhindern könnte,
würde für das Wirtschaftsleben wertvoller sein als die freie Konkurrenz.

Diesen großen Nachteil der freien Konkurrenz muß man aber in Kauf
nehmen, solange sie noch ihre Mission zu erfüllen hat, solange sie sich als
bestes Hilfsmittel erweist, die Vorteile der großen dauernden Produk-
tivitätsfortschritte der Allgemeinheit zu vermitteln. Ziehen diese Fort-
schritte das Pendel nach der positiven Seite und die freie Konkurrenz nach
der negativen, so hängt es von der Größe dieser Kräfte ab, welche Lage das
Pendel im großen Durchschnitt einnimmt. Muß sich das Tempo der Pro-
duktionsfortschritte, der Verbilligung sowohl der Transportkosten wie der
Produktionskosten, notwendig immermehr mäßigen und kann eine weitere
Kostensenkung in der Regel nur noch durch eine erhebliche Steigerung
der Fracht oder Produktenmenge erreicht werden, so muß sich auch der
Spielraum für die Konkurrenten verengen. Gleichstarke Gegner treten sich
immer häufiger gegenüber, während gleichzeitig die Möglichkeit, dem
Drucke auszuweichen, abnimmt. Die Wirkung der freien Konkurrenz wird
immer weniger paralysiert, das Pendel schwingt dauernd nach der nega-
tiven Seite. Die freie Konkurrenz hat ihre Mission erfüllt, ihre
Nachteile überwiegen die Vorteile, und sie werden noch verstärkt durch
ihre Tendenz, die Schäden der unvermeidlichen Konjunkturschwankungen
zu erhöhen.
        <pb n="53" />
        ﻿45

3.	Die Wirkung der freien Konkurrenz.

Betrachten, wir von diesem Gesichtspunkt aus noch einmal die ge-
schilderte Entwicklung. Der große Produktivitätsfortschritt, den das
Frühmittelalter der Arbeitsteilung in den städtischen Gewerben und der
verbesserten Betriebsweise in der Landwirtschaft verdankte, schuf reichere
Erwerbsgelegenheit, deren vollkommenste Ausnutzung die freie Kon-
kurrenz garantierte. Daß sie immer wieder die Preise herabdrückte, wirkte
wie ein Sporn, jede Chance zu verwerten. Als aber der Produktivitätsfort-
schritt nachließ, die weitere Arbeitsteilung im Gewerbe keinen nennens-
werten Vorteil mehr brachte, und sich in der Landwirtschaft allmählich
das Gesetz des abnehmenden Ertrages bemerkbar machte, da erwies sich
das Herabdrücken der Preise durch die freie Konkurrenz immer häufiger
als ein Verlust. Die Produzenten hatten einerseits keine besonderen Ge-
winne, wie sie ihnen bisher der Fortschritt zuwarf, an die Allgemeinheit
abzugeben, andererseits boten sich auch keine neuen Erwerbsgelegenheiten.
Abgesehen von den Jahren der Füllernten , die in den lokalen Wirtschafts-
einheiten von Zeit zu Zeit eine Belebung brachten, konnte die freie Kon-
kurrenz schließlich nur Hungerpreise erzeugen. Die Regulierung des Wett-
kampfes wurde zur Notwendigkeit1). Stillstand und Rückschritt der Pro-
duktivität verstärkten die schon vorhandene Stabilität der Sitten und Ge-
wohnheiten. Soweit nicht außergewöhnliche Ereignisse eingriffen, konnte
von Verschiebungen zwischen Angebot und Bedarf kaum die Rede sein. So
scheint es, als wenn das Herkommen die Preise bestimme1 2).

Die geringen Produktivitätsfortschritte, die auf dem Gebiet des Han-
dels und Verkehrs und der Produktion in den Jahrhunderten der wirt-
schaftlichen Gebundenheit erzielt wurden, haben zeitweise hier und dort
die Konkurrenz neu belebt. Im großen Ganzen war aber ihre Wirkung zu
schwach, so daß sie zu ihrer vollen Ausnutzung und zur Vermittlung ihres

1)	Daß auch die Zunftorganisation schließlich mißbraucht wurde, war eine
Folge der rückläufigen Bewegung der Produktivität. Das Gesamtprodukt nahm im
Verhältnis zur Bevölkerung ab, auf den einzelnen konnte demnach nur ein ge-
ringerer Anteil entfallen. Der Versuch der Handwerker, sich mit Hilfe der Zünfte
einen größeren Anteil zu sichern, lag nahe.

2)	Jede neue Preisbildung knüpft an die bestehenden Preise an. Sind die Schwan-
kungen von Angebot und Nachfrage sehr gering oder fallen sie ganz fort, so ändern
sich die bisherigen Preise nicht. Ist der Zustand von Dauer, so werden die Preise
schließlich als „herkömmliche" Preise angesprochen. Je länger das „Herkommen"
besteht, desto größer ist auch das Beharrungsvermögen der Preise gegenüber neuen
Schwankungen zwischen Angebot und Bedarf. Insofern hat auch das Herkommen
einen Einfluß auf die Preisbildung.
        <pb n="54" />
        ﻿46

Vorteils an die Allgemeinheit der freien Konkurrenz nicht bedurften, denn
deren nachteiligen Folgen würden die Vorteile überboten haben.

Erst die gewaltige Umwälzung von der geschlossenen lokalen Wirt-
schaft zur National- und Weltwirtschaft stellte der freien Konkurrenz
neue große Aufgaben. Die nie geahnte Produktivitätssteigerung auf allen
Gebieten, vor allem auf dem des Verkehrs, hat die Erwerbschancen außer-
ordentlich ausgeweitet und erhöht. Nur die freie Konkurrenz vermochte
alle Kräfte zu entfesseln und sie zur Ausnutzung der mannigfachen Er-
werbsgelegenheiten anzuspornen; sie aber auch entwand immer wieder den
Führern auf allen Gebieten die großen Gewinne, lieferte den Nutzen des
Fortschritts der Gesamtheit aus. In dieser stürmischen Umwälzung schlug
das Pendel immer von neuem zugunsten jener aus, die kühn der Ent-
wicklung voran eilten, Nur die freie Konkurrenz besaß die Kraft, das
Pendel wieder nach der Gleichgewichtslage zurückzuschwingen, sie allein
konnte Leiterin und Regulator des Wirtschaftslebens sein. Erst langsam,
dann steiler hob sich die wirtschaftliche Entwicklung; aber sie vollzog sich
nicht in gerader Richtung, sondern in mehr oder minder starker Wellen-
bewegung und an der Größe dieser Wellen hat die freie Konkurrenz nicht
zum geringsten Teil mitgewirkt. Ging aber die Konjunktur zeitweise
bergab, dann warf der Wettbewerb im Inlande die schwächeren Kämpfer
aus dem Sattel und zwang in immer stärkerem Maße die Überlebenden den
Weltmarkt aufzusuchen, um auch im großen Ringen der Völker die
Leistungsfähigeren empor zu heben. Solange die Anlagekapitalien der
Konkurrenten noch klein waren, bestand auch kein Anreiz die zusammen-
gebrochenen Betriebe aufzukaufen, denn großen Vorteil konnten sie nicht
bieten. Andererseits war für tatkräftige Naturen noch Neuland zur wirt-
schaftlichen Betätigung genug vorhanden. Trotzdem werden die Jahre
des wirtschaftlichen Niederganges auch damals schon oft überall einen
heftigen Kampf der überlebenden gleich starken Gegner gesehen haben.
Sie kreuzten erst ernstlich die Waffen, wenn die Absatzmöglichkeiten allzu
stark einschrumpften. Die Preise sanken unter die Kosten der leistungs-
fähigsten Unternehmungen. Noch aber überwog bei weitem der Nutzen der
freien Konkurrenz.

Allmählich ändert sich das Bild, das Tempo des Fortschrittes mußte
sich auf allen wichtigen Wirtschaftsgebieten mäßigen. Die Erschließung
und Ausbeutung der zum Teil außerordentlich reichen überseeischen
Länder brachte zunächst eine erhebliche Raumerweiterung. Doch mit
zunehmender Besiedlung überschritten allmählich die Erwerbschancen
den Höhepunkt. Eine langsame Verschlechterung war unvermeidlich.
Zwar lassen sich auch in Zukunft noch manche Gegenden mit Hilfe der
modernen Transportmittel an die Weltwirtschaft anschließen und ist
        <pb n="55" />
        ﻿mit ganz besonderem Nachdruck hingewiesen — nur noch eine verhältnis-
mäßig geringe Fortschrittsmöglichkeit übrig. Die größten Sprünge in der
Kostensenkung lagen in der Regel am Anfang der Entwicklung, vor allem
überall dort, wo es sich um die Ersetzung der Tier- oder Menschenkraft
durch die Dampfkraft, der Handarbeit durch die Maschinenarbeit handelte.
Ist aber die Maschine einmal eingeführt, dann zeigt sich in der Regel, daß
die ersten Verbesserungen eine größere Preissenkung ermöglichen als die
nachfolgenden. Zur Zeit des FrachtfUhrwerks kostete die Kohlenförderung
in Rheinland-Westfalen 40 Pf. pro Tonnenkilometer. Die Fracht auf
der Eisenbahn belief sich im Anfang auf 13—14 Pf. Heute werden 2,2 Pf.
und wenn der Ausnahmetarif zur Anwendung kommt, 1,25 Pf. erhoben1).
Dem Sprung von 40 auf 14 Pf. also der Verbilligung von 26 Pf. durch die
Einführung der Eisenbahn, steht trotz aller Fortschritte im Eisenbahn-
wesen nur eine Kostensenkung von 14 auf 1,25 Pf., also um 13,75 Pf. gegen-
über. Ist der Frachtsatz von 40 Pf. auf 1,25 Pf. gesunken, so kann die Zu-
kunft einen gleichgroßen Fortschritt überhaupt nicht mehr bringen. Die
Verbilligung in der Vergangenheit von 38,75 Pf. läßt der Zukunft nur noch
eine Spanne von 1,25 Pf. Greifen wir noch das Beispiel aus der Textil-
industrie wieder auf, das bereits erwähnt wurde und vervollständigen wir
es: 1779 war der Garnpreis 16 sh pro Pfund Nr. 40, wovon 2 sh auf Kosten
des Rohmaterials kamen, so daß für Arbeit und Kapital 14 sh beansprucht
waren. 1812 war der Garnpreis 2 sh 6 d, wovon 1 sh 6 d auf Kosten der
Baumwolle kam, so daß für Arbeit und Kapital 1 sh übrig blieb. 1882 war
der Garnpreis 10y2 d. Hiervon ist die Baumwolle mit 71/g d und Kapital
und Arbeit mit 3% d beteiligt. In den 23 Jahren von 1779—1812 ist der
Kapital- und Arbeitsaufwand von 14 auf x sh gesunken; in den 70 Jahren
von 1812—1882 nur von 1 sh auf 33/8 d2). Auch dieses Beispiel zeigt, daß

*) Wolf, Pie Volkswirtschaft der Gegenwart und Zukunft 1912 S. 267. Hier
auch weitere Beispiele.

s) Wolf, Sozialismus und kapitalistische Gesellschaftsordnung 1892 S. 186/87
        <pb n="56" />
        ﻿48

in Zukunft die Fortschrittsmöglichkeit noch viel geringer ist. Ist der Preis
von 16 sh auf 10% d pro Pfund gesunken, so können alle weiteren Fort-
schritte nicht einmal den hundertsten Teil der bisherigen Verbilligung ver-
mitteln. Daß diese Resultate, wie auch Wolf an zahlreichen Beispielen ge-
zeigt hat, allgemeine Gültigkeit beanspruchen, läßt sich leicht beweisen.

Die Maschine arbeitet, wie wir sahen, um so billiger, je mehr Produkte
sie zu erzeugen vermag, denn desto geringer ist der Kostenteil, der auf das
Einzelprodukt entfällt. Nehmen wir nun an, durch jede Verbesserung werde
die Leistungsfähigkeit der Maschine verdoppelt und es blieben die Kosten
die gleichen, dann kann dennoch, wie eine einfache Überlegung zeigt, jede
neue Verbilligung nur einen Bruchteil jeder vorhergehenden betragen.
Kostet die Maschine xoooo Mark und besitzt sie bis zu ihrem Verschleiß
eine Leistungsfähigkeit von 1000 Produkteneinheiten, so entfällt auf jedes
Produkt ein Kostenanteil von 10 M. Wird nun die Leistungsfähigkeit der
Maschine in derselben Zeit verdoppelt ohne Kostensteigerung, so beläuft
sich der Kostenanteil der Produkteneinheit auf 5 M. Eine weitere Ver-
doppelung senkt ihn nur auf 2,50 M. Bei einer Leistungsfähigkeit von
8000 Produkten sinkt der Kostenanteil nur auf 1,25 M. usw. In der Praxis
gelingt es aber bei weitem nicht immer, die Leistungsfähigkeit eines
Maschinentyps oder eines Produktionsverfahrens zu verdoppeln, und
immer wird die Leistungssteigerung erkauft durch das Anwachsen der
Anlagekosten. Hin und wieder mögen die höheren Anlagekosten durch eine
Verminderung der Betriebskosten aufgehoben werden, wodurch aber, wie
das Beispiel zeigt, das Resultat nicht wesentlich gebessert wird. Die neue
Verbilligung der Produkteneinheit bleibt hinter der bisherigen zurück.
Größere Sprünge werden in der Regel nur erzielt beim Übergang zu einem
ganz neuen Verfahren. Aber auch diese Möglichkeit wird um so mehr ein-
geengt, je leistungsfähiger bereits das alte Verfahren war, und man kann
wohl sagen, daß eine Leistungssteigerung des neuen Verfahrens nur bei
chemischen Prozessen gelegentlich ohne erhebliche kostspieligere Ma-
schinenanlagen durchführbar ist. In der ersten Zeit der Maschinenver-
wendung sowie der Benutzung eines neuen Verfahrens sind im großen
ganzen die Chancen für eine größere Kostensenkung am günstigsten. An
diesen Punkten mag sich sogar gelegentlich, bis die Maschine oder das
neue Verfahren einen gewissen Grad der Vervollkommnung erfahren hat,
das Tempo der Produktivitätssteigerung bergauf bewegen, dann aber muß
es sich trotz aller weiteren Verbesserungen senken. Haben wir oben ge-
sehen, daß in der Entwicklung des Maschinenwesens ein Zwang zur Massen-
erzeugung liegt, so sehen wir jetzt, daß trotz rasch gesteigerter Massen-
erzeugung die Chancen der Kostensenkung sich verschlechtern.

Außer durch Fortschritte der Technik konnten und können die Kosten
        <pb n="57" />
        ﻿49

durch organisatorische Verbesserungen herabgedrückt werden. Aber
auf diesem Gebiet sind die Möglichkeiten viel begrenzter als auf dem der
Technik.

Die Tatsache, daß sich das Tempo der Produktivitätssteigerung in
der Veredlungsindustrie und im Transportgewerbe nach der ersten Periode
der großen Umwälzung im großen ganzen ständig verringern mußte, erhält
noch eine ganz andere Bedeutung, wenn man berücksichtigt, daß sich in
der Urproduktion in zunehmendem Umfang eine Produktivitätssenkung,
eine Erzeugungsausdehnung mit wachsenden Kosten pro Mengeneinheit
durchzusetzen beginnt. So sind wir auf dem Kohlenmarkt und auch schon
auf dem Erzmarkt in eine Periode der Preissteigerung getreten, die mit
der Notwendigkeit zusammenhängt, beim Abbau in immer größere Tiefen
herabzugehen und mit der Tatsache, daß die bis jetzt bekannten und zu
den jetzigen Preisen abbaufähigen Vorräte im Verhältnis zum Bedarf
knapp sind1). Ebenso wird das Anziehen der Preise aller wichtigen Ernte-
produkte in der letzten Zeit von manchen Nationalökonomen dahin ge-
deutet, daß die Konkurrenz der überseeischen Länder an Kraft eingebüßt
habe, daß in jenen Ländern das schnelle Anwachsen der Bevölkerung und
der notwendige Übergang von der extensiven zur intensiven, zur
rationelleren Betriebsweise die Produktionskosten auch hier emporhebe,
wie in den Ländern alter Kultur.

Die rasche Ausweitung des Wirtschaftslebens hat auf manchen Ge-
bieten so gewaltige Unternehmungen ins Leben gerufen, daß uns der Blick
für die tatsächlichen Produktivitätsfortschritte, die sie uns vermitteln,
getrübt wird. Denken wir nur an die Riesenwerke der Eisenindustrie. Von
ihnen aber sagt Prof. Mathesius von der Technischen Hochschule in
Berlin2): „Die Preise für Erz und Kohle werden in Zukunft voraussichtlich
nicht sinken, sondern stetig wachsen. In gleicher Richtung bewegen sich
die Generalunkosten der Werke. Eine Verbilligung bei .der Durchführung
der hüttenmännischen Prozesse läßt sich nicht mehr denken. Es bleibt nur
«in einziger Posten übrig, bei dem eine beträchtliche Verminderung in Zu-
kunft möglich und hinsichtlich der Gestehungskosten einflußreich erscheint.
Das sind die von den Hüttenwerken zu zahlenden Frachtkosten." Daß
aber bei einem Ausnahmetarif von 1,25 Pf. pro Tonnenkilometer für Kohle
und von 1,7 pro Tonnenkilometer für Eisen diese Hoffnung nicht sehr
begründet ist, darauf hat Wolf schon hingewiesen. Wichtiger ist für uns
das Zugeständnis, daß das Tempo der Kostensenkung in der Hütten-
industrie auf dem Nullpunkt angelangt ist.

J) Wolf, Die Volkswirtschaft der Gegenwart und Zukunft S. 229.

a) Aus der Kaisergeburtstagrede des Jahres 1910 über die Entwicklung der
Eisenindustrie in Deutschland, zitiert bei Wolf S. 268.

Mannstaedt, Zusammenschluß im Gewerbe.	4
        <pb n="58" />
        ﻿50

Kehren wir nun zum Ausgangspunkt unserer Betrachtung zurück, so
können wir sagen: Je mehr sich nach der Durchsetzung der National- und
Weltwirtschaft die günstigen Erwerbschancen verringerten, je mehr der
Produktivitätsfortschritt erlahmte, desto häufiger mußte die freie Kon-
kurrenz auch abgesehen von den Jahren des Tiefstandes der Konjunkturen
zu einem Ringen gleich starker Gegner führen, von denen keiner ohne
schwere Verluste vom Kampfplatze weichen konnte, zumal auf den meisten
Gebieten die Losung lautete, die Kosten durch Massenproduktion mit ge-
steigerter Maschinen Verwendung zu senken. In allen Erwerbszweigen, in
denen der Druck der niedrigen Preise infolge der verringerten Fortschritts-
möglichkeit kaum noch, und zwar nur mit erheblichen Mehraufwendungen,
paralysiert werden konnte, in denen eine dauernde Ertragslosigkeit drohte,
hatte der ungezügelte Wettbewerb seine Mission erfüllt; es galt, neue
Organisationsformen zu finden, die fähig waren, die Vorteile der freien
Konkurrenz ohne ihre Nachteile zu vermitteln.

Es ist leicht einzusehen, daß schon kurze Zeit nach der Durchführung
der Gewerbefreiheit in den Krisenjahren die Bestrebungen hier und dort
auftauchten, die Konkurrenz zu binden, daß sie aber in Deutschland so
rasch allgemein das Wirtschaftsleben ergriffen haben und vor allem in einer
Zeit, in der der Anschluß an die Weltwirtschaft kaum erreicht war, muß
überraschen. Die Erklärung gibt, um es nochmals hervorzuheben, die
Gestaltung von Angebot und Nachfrage. Im Gewerbe herrscht überall, wo
die Maschine eingedrungen ist, die Tendenz zur Massenproduktion. Jeder
Fortschritt im Bau leistungsfähigerer Maschinen bewirkt ein schnelleres.
Anschwellen des Angebots. Da die Maschinen selbst unter weitgehender
Beihilfe von Maschinen erzeugt werden, ihre Herstellung also derselben
Tendenz unterliegt, findet die gewerbliche Erzeugung technisch ihre
Grenze in der Rohstoffbeschaffung. Die verwertungsbereite anorganische
Rohstoffmenge kann rasch gesteigert werden, wenn auch in manchen
Zweigen mit dauernd steigenden Kosten, da die Vorräte mit günstigen
Abbauverhältnissen immer seltener werden. Auch die organischen Roh-
stof fmengen, soweit sie den vorhandenen Vorräten der Natur entnommen
werden, können rasch gesteigert werden, aber auf die Dauer ebenfalls nur
zu steigenden Kosten, da die Vorräte nicht im gleichen Tempo nachwachsen
und die Erschließung neuer, wenn überhaupt, so in der Regel nur zu un-
günstigeren Bedingungen zu erwarten steht. Die Steigerung derjenigen
organischen Rostoffmengen, die nur auf produktivem Wege in Land- und
Forstwirtschaft gewonnen werden, ist dagegen einer engeren Begrenzung
unterworfen. Auf weitreichenden, man kann wohl sagen auf den meisten
Gebieten, wird also die gewerbliche Produktion technisch nicht gehindert,
dem Drang zur Massenerzeugung zu folgen. Auch wirtschaftlich wird
        <pb n="59" />
        ﻿5i

das Gewerbe bis zu einem gewissen Grade in die Lage versetzt,
diesem Drang zu folgen, da mit wachsender Produktenmenge auch die
Kaufkraft der gewerblichen Produzenten untereinander wächst. Aber
der Kaufkraftzuwachs des Hauptpartners des Gewerbes, der Landwirt-
schaft vermochte mit der Produktivkraft des Gewerbes nicht Schritt zu
halten.

Die Erzeugung der agrarischen Nahrungsmittel- und Rohstoffe wuchs
mit der Besiedlung der überseeischen Länder rasch an. Die Kurve des
Kaufkraftzuwachses stieg zunächst schnell empor, mußte sich aber mit
zunehmender Besiedlung und nach der Okkupierung der fruchtbarsten und
am günstigsten gelegenen Flächen notwendig verflachen. Sehen wir ein-
mal von den vorübergehenden Schwankungen der Ernten und Konjunk-
turen ab, so verlaufen die agrarischen und gewerblichen Produktions-
kurven in verschiedener Richtung. Nachdem die Vervollkommnung der
Transportmittel einen internationalen Verkehr landwirtschaftlicher Er-
zeugnisse auf breiter Grundlage erlaubten, stieg, wie wir sahen, die agra-
rische Produktionskurve rasch empor, um sich dann zu verflachen. Die
gewerbliche Produktionskurve hob sich nach der Einführung der modernen
Technik erst langsam, um mit der fortschreitenden Vervollkommnung des
Maschinenwesens immer rascher zu steigen. Dabei fällt der rasche Aufstieg
der agrarischen Kurve zeitlich etwas vor der schnellen Hebung der ge-
werblichen Kurve. In dieser Periode mußten die Absatzverhältnisse für das
Gewerbe überall dort günstig liegen, wo nicht der gewerbliche Produktions-
apparat infolge einer übertriebenen Hochkonjunktur weit über das normale
Maß ausgeweitet worden war, wie z. B. in Deutschland durch den glänzen-
den Aufschwung Anfang der siebziger Jahre. Die Lage hatte sich aber be-
reits verschoben, als Deutschland den Anschluß an die Weltwirtschaft
vollzogen hatte. Der Aufstieg der gewerblichen Kurve überholte die
agrarische.

Diese Wandlung wurde zunächst verdeckt durch die anhaltende,
lebhafte Hochkonjunktur in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts, durch die wachsende Kaufkraft der nichtagrarischen
Kreise vor allen der gewerblichen Produzenten untereinander und der
Kommunen und Staaten. Es spielte mit das wachsende Wohnungsbe-
dürfnis der steigenden sich zusammenballenden Bevölkerung. Diese
Wandlung mußte am deutlichsten gefühlt werden in den Industriekreisen,
deren Erzeugungskraft am stärksten emporschnellte. Aus dem Munde
eines der berufensten Vertreter der deutschen Eisenindustrie hörte ich
den Ausspruch, daß sich die Eisenindustriellen über die Aufnahmefähigkeit
des Weltmarktes getäuscht hätten; ein neues Stahlwerk mehr falle schon
schwer ins Gewicht. Dieser Ausspruch bezog sich nicht auf ein Krisenjahr,

4*
        <pb n="60" />
        ﻿52

sondern fiel gegen Ende des Jahres 1905, also in ein Jahr mittlerer wirt-
schaftlicher Tätigkeit.

Selbstverständlich ist die Aufnahmefähigkeit des nationalen wie des
Weltmarktes auch weiterhin gewachsen, aber der technische Fortschritt
treibt die Leistungsfähigkeit mancher Industriezweige so rasch empor, daß
nur die Jahre der Hochkonjunktur die volle Ausnutzung ihrer Produktiv-
kraft erlauben. Vor allem vermag die landwirtschaftliche Erzeugung
nicht mit der gewerblichen Schritt zu halten und diese Divergenz wird
wachsen, solange die Technik fortschreitet, ihre Erfolge in der gesteigerten
Massenproduktion liegen und kein Stoffmangel hemmt. Sie wird um so
drückender, je mehr auch in den überseeischen Kornkammern die land-
wirtschaftlichen Produktionskosten pro Mengeneinheit wachsen und je
weniger die gesteigerte Massenbeförderung und gewerbliche Massenerzeu-
gung eine weitere Verbilligung der Einzelleistung und des Einzelproduktes
ermöglicht. Da aber dauernd eine Divergenz, eine Gleichgewichtsstörung,
nicht bestehen bleiben kann, und da eine Anpassung von seiten der Land-
wirtschaft immer schwieriger, um nicht zu sagen unmöglich wird, muß sie
vom Gewerbe ausgehen. Über diese Notwendigkeit können die Jahre der
Hochkonjunktur nicht mehr hinwegtäuschen. Vermag der Wettkampf die
Anpassung nicht mehr zu erzwingen, hat die freie Konkurrenz ihre Rolle
ausgespielt, dann müssen beschränkende Organisationen eingreifen und
zwar nicht nur für die Krisenjahre, sondern dauernd.

Eine neue Periode des Überganges von der Freiheit zur Gebundenheit
setzt ein und ruft eine Fülle von Erscheinungen hervor. Nicht in allen
Branchen schreitet die Entwicklung gleichmäßig fort und solange wie
möglich suchen die einzelnen Unternehmungen ihre unumschränkte
Selbständigkeit aufrecht zu erhalten. Aber auch dort, wo die beschrän-
kenden Organisationen bereits eingeführt sind, bleiben vielfach seitens
ihrer Mitglieder die Bemühungen bestehen durch selbständige Maßnahmen
aus eigener Kraft die Rentabilität ihrer Unternehmung zu heben.
        <pb n="61" />
        ﻿1..HH

&amp;

III.

Die Mittel zur Milderung der Folgen des
Wettkampfes; insbesondere die
Kombinationsbestrebungen.

Sinken im heftigen Wettkampf dauernd die Preise, dann kann die
volle Selbständigkeit der Einzeluntemehmungen nur aufrecht erhalten
werden, wenn es gelingt, die Kosten den Preisen anzupassen. Die wichtig-
sten Mittel der dauernden Herabdrückung der Produktionskosten haben
gesteigerte Massenerzeugung zur Folge. Je mehr sich das Absatzgebiet
verengt, je weniger leicht die schwächeren durch die stärkeren Konkur-
renten niedergerungen werden können, desto mehr spielen neben den
Preisen die übrigen Wege, den Markt zu erobern, eine entscheidende Rolle.
Kann der Absatz nicht durch die Preise erzwungen werden, so bleibt nur
die Möglichkeit, durch besonderen Aufwand die Abnehmer heranzulocken,
den Absatz zu erkaufen. Es liegt auf der Hand, daß diese Steigerung der
Absatzkosten auf die Dauer nur getragen werden können, wenn sie para-
lysiert werden durch die Kostensenkung der vergrößerten Massenerzeugung.
Immer werden die Unternehmungen eine Zeitlang ihre Rentabilität zu
heben vermögen, die zuerst einen neuen Weg der Markteroberung einge-
schlagen haben. Sobald aber die Mittel allgemeiner angewendet werden und
in der Branche ein Niederkonkurrieren der Gegner nicht mehr, oder nur
unter großen Opfern möglich ist, verwandelt sich der ursprüngliche Vor-
teil in einen dauernden Nachteil: es sind bei sinkenden Preisen und ein-
schrumpfendem Absatz nur die Absatzkosten gestiegen. Der Zwang zur
Konkurrenzregulierung, der schließlich von den niedrigen Preisen ausgeht,
wird durch die gestiegenen Absatzkosten noch verstärkt.

Die zum Teil außerordentlichen Ausgaben für Reklamezwecke, ange-
fangen von der kostspieligeren Ausstattung der Waren bis zum Prämien-
wesen, bilden zum größten Teil nur einen Passivposten im Wirtschaftsleben)
dem kein Aktivposten gegenübersteht, zumal wenn sie bewirken, daß
        <pb n="62" />
        ﻿54

nicht Qualität der Waren und Preise für das Blühen und Gedeihen eines
Unternehmens ausschlaggebend sind, sondern Größe und Geschicklichkeit
der Reklame. Unterscheidet sich die Ware in der Qualität nicht erheblich
von der der Konkurrenten, dann wächst das Risiko um so schneller, je
höher der Reklameaufwand gesteigert wird1). Nur durch einen außer-
ordentlich vermehrten Absatz können jene Unkosten gedeckt werden und
nur solange als auch im Wettkampf der Absatz behauptet werden kann.

Die Unternehmungen mancher Branchen müssen Reisende hinaus-
senden, um den Bedarf für ihre Waren zu decken. Dienen die Reisenden
aber dazu, den Konkurrenten die Kunden abspenstig zu machen, dann ent-
scheiden wiederum nicht Qualität und Preise der Waren, sondern Geschick-
lichkeit der Reisenden und die Häufigkeit ihrer Besuche. Die Reisespesen
und die Gehaltsansprüche der Reisenden wachsen und können nur gedeckt
werden, solange sich der größere Absatz behaupten läßt.

Um die Verkaufsgelegenheit zu mehren, gewähren die Produzenten
vielfach den Zwischenhändlern Geld- und Warenkredite, errichten sogar
die Verkaufsstätten und statten sie zu einer Sehenswürdigkeit aus. Be-
kannt sind ja die Bierpaläste der Brauereien. Der Aufwand und das Risiko
können auf die Dauer nur getragen werden, wenn der vergrößerte Absatz
eine entsprechende Senkung der Produktionskosten ermöglicht.

In allen diesen und ähnlichen Fällen ist nicht der Bedarf der Kon-
sumenten, sondern der Wille die Konkurrenz zu meistern, ausschlaggebend
für den Aufwand, der somit nur Früchte tragen kann, wenn das Ziel er-
reicht wird. Fallen aber die Kosten auf die Konkurrenten selbst zurück,
und führt die Notlage zur Konkurrenzregulierung, so können Preisverein-
barungen allein dem Wettkampf auf die Dauer nicht die Schärfe nehmen,
da sie nur auf einem Teilgebiet den Kampf ausschalten, der bald auf den
übrigen um so schärfer toben wird.

Sendet ein gewerbliches Unternehmen Reisende hinaus oder errichtet
es eigene Verkaufsstätten, so erstreckt es seine Tätigkeit über das Gebiet
der Produktion hiaus. Wir stoßen hier auf die Anfänge jener Bewegung,
die zu umfassenderen Organisationen, zu Kombinationen mehrerer Unter-

Als ein Beispiel der hohen Reklamekosten möge die Angabe von Jenks in
seinem Buche "The Trust Problem” S. 28 dienen: "Some firms push the sales of
their wares largely through the offering of prizes of various kinds. For $ 10 one may
secure a box of soap, which at the retail price would cost $ 10, and in addition may
receive a rocking-chair, a bedstead, a writing deslc, a lamp, a baby carriage, or other
article to suit the buyers needs, of which the retail price would also be $ 10. . . . und
er fügt hinzu: ... In all these cases, not merely was the quality of the goods adver-
tised of the best, but the premiums were also of Standard makes, whose value could
not be questioned.”
        <pb n="63" />
        ﻿55

nehmungen führt. Der Wettkampf hat auch diese Bewegungen ins Leben
gerufen. Die Organisationen erhöhen die Kraft des Unternehmens, schaffen
eine neue Überlegenheit der „gemischten“, nämlich der „kombinierten“
Unternehmungen über die „reinen“, die nichtkombinierten. Dazu erweist
sich die Überlegenheit oft auch von größerer Dauer, denn nicht immer ver-
mögen alle Konkurrenten auf diesem Wege so rasch zu folgen und für
einige ist er überhaupt ungangbar. Aber einmal muß auch dieser Vorteil
fallen, müssen sich nach Ausschaltung der schwächeren nur hoch gleich
starke Gegner gegenüber stehen. Interessant ist nun, daß dieses wichtige
Kampfmittel erst überall dort eine erhöhte Bedeutung erlangt, wo eine
teilweise Regulierung des Wettkampfes durchgeführt ist, wo Kartelle den
Konkurrenten mehr oder minder enge Schranken ziehen, während anderer-
seits die Trusts als die Vollender des Kombinationsgedankens aufgefaßt
werden können.

Die Motive, die zum mehr oder minder festen Zusammenschluß
bisher getrennter Unternehmungen führen — sei es zur Interessengemein-
schaft, sei es zur vollständigen Fusion — haben alle das Ziel, die Sicherheit
und Rentabilität des Unternehmens zu heben. Entweder sollen die Kom-
binationen den gleichmäßigen Bezug der Rohstoffe garantieren und nach
dieser Hinsicht die Unternehmung von den schwankenden Marktpreisen
unabhängig machen, oder sie sollen die Produktionskosten herabdrücken,
und zwar einerseits durch die möglichst vollkommene Ausnutzung der vor-
handenen Anlagen, andererseits darüber hinaus durch produktions-
technische Verbesserungen, oder endlich sie sollen den Absatz sichern
durch Reduzierung der Absatzkosten und durch innigere Fühlungnahme
mit dem Markt.

Zum größten Teil werden diese Ziele erreicht durch die vertikale
Kombination: die bisher selbständigen Unternehmungen der einzelnen
auf einander folgenden Stufen der Erzeugung und die des Absatzes werden
zu einem einheitlichen Großbetrieb zusammen geschlossen. In ihrer
höchsten Vollendung umfaßt die vertikale Kombination von den Roh-
stoffen angefangen den ganzen Produktionsprozeß mit Einschluß des Ab-
satzes. Zum Teil vermittelt den Erfolg die horizontale Kombination.
Unternehmungen derselben Produktionsstufe, die also nicht aufeinander
angewiesen sind, schließen sich zusammen und zwar ist es nicht nötig, daß
die Unternehmungen die gleichen Waren erzeugen, es genügt, daß es ver-
wandte Produktionsstätten sind, die sich auf das gleiche Vorprodukt
stützen. Somit kann auch eine horizontale Kombination zu einer größeren
Mannigfaltigkeit der Erzeugung des neuen Großbetriebes führen. Wenn
ein Stahlwerk, das bisher nur Walzstraßen für schwere Profile, für Schienen,
Schwellen, Träger besaß, sich Walzwerke angliedert, die sich auf die Her-
        <pb n="64" />
        ﻿56

Stellung von Stabeisen, Bandeisen, Draht oder Bleche verlegt haben, so
haben wir es mit einer horizontalen Kombination zu tun, die dem Stahl-
werk eine Vermannigfaltigung seiner Erzeugung ermöglicht.

Schließen sich zwei Unternehmungen zusammen, so sind meist auf
beiden Seiten ganz verschiedene Gründe maßgebend und unter diesen
spielt der Wunsch eine wesentliche Rolle, die nachteiligen Folgen der Kon-
junkturschwankungen zu vermeiden. Für die Rohstoffproduzenten, z. B.
für die Kohlenzechen, ist es von größter Wichtigkeit, in den Jahren des
Niederganges Anschluß an einen Weiterverarbeiter mit großem Bedarf oder
an eine mächtige Händlerfirma zu haben. Die Kohlenzeche kann dann
einen mehr oder minder großen Teil ihrer Förderung mit Sicherheit unter-
bringen und ist nur mit dem Rest auf den Markt angewiesen; sie ist da-
durch weit eher in der Lage, ihre volle Leistungsfähigkeit auszunutzen, im
Wettkampf günstiger abzuschneiden, als die reinen Zechen. Betrachtet
man denselben Vorgang von der anderen Seite, z. B. von der eines Hütten-
werkes, das sich eine Kohlenzeche anzugliedern wünscht, so sind es in
erster Linie die Folgen der Hochkonjunktur, die es zu beseitigen strebt.
In der Hochkonjunktur steigen die Preise der Rohstoffe oft rapide an; ohne
daß immer die Fertigwaren im gleichen Verhältnis zu folgen vermögen,
oder, was noch schlimmer ist, es herrscht ein solcher Mangel an Rohstoffen,
daß man sich das zur Aufrechterhaltung des vollen Betriebes notwendige
Material nicht beschaffen kann. Schließt das Hüttenwerk, um sicher zu
gehen, einen langfristigen Lieferungsvertrag, dann kann es bei einem plötz-
lichen Konjunkturwechsel in eine nicht minder unangenehme Verlegenheit
geraten: es hat für die Vertragsdauer mit hohen Rohstoffspreisen zu rech-
nen, während alle Warenpreise sinken und im freien Markt Rostoffe zu
weit niedrigeren Preisen zu haben sind. Der Anschluß einer Kohlenzeche
gibt die Sicherheit stets den Bedarf an Kohlen in der geeigneten Qualität
zu decken, und zwar zu Beschaffungskosten, die sich weit gleichmäßiger
bewegen wie die Marktpreise, da sie in der Hauptsache nur mit den Löhnen
und mit der größeren oder geringeren Möglichkeit, die Zechenanlagen aus-
zunutzen, variieren. Die beiden Kräfte wirken aber in entgegengesetzter
Richtung. Steigen in der Hochkonjunktur die Löhne, so ermöglicht die
stärkere Förderung ein Sinken der übrigen Produktionskosten und sinken
in der Depressionszeit die Löhne, so heben sich infolge der notwendigen
Fördereinschränkungen die übrigen Kosten. Für das Hüttenwerk ist es
wenigstens für die Jahre der Hausse von größtem Wert mit gleichmäßigeren
Gestehungskosten der Rohstoffe rechnen zu können. In der Zeit der Baisse
ist der Vorteil gering, ja er kann sich in das Gegenteil verwandeln, wenn
auf dem Markt Kohlen unter den Selbstkosten zu haben sind.

Findet eine Fusion zwischen einem Hochofenwerk und einem Stahl-
        <pb n="65" />
        ﻿57

werk statt, so liegen die gleichen Verhältnisse vor. Das Hochofenwerk
sichert sich in schlechten Wirtschaftsjahren den Absatz seines Roheisens.
Das Stahlwerk in den güten Wirtschaftsjahren den Bezug des Roheisens.
Beide können dadurch ihre Anlagen vollkommener ausnutzen, mit
niedrigeren Kosten arbeiten. Das Hochofen werk kann also im scharfen
Wettkampf der Baissezeit mit den Roheisenmengen, die das Stahlwerk
nicht verbraucht, seine reinen Konkurrenten unterbieten, während das
Stahlwerk in der Zeit der anziehenden Preise seinen Gegnern, die nicht den
gleichen Vorteil besitzen, überlegen ist.

Je weiter die vertikale Kombination ausgebaut ist, desto.günstigere
Chancen besitzt das Unternehmen auf der letzten Stufe der Erzeugung
den reinen Werken gegenüber. Das kombinierte Unternehmen kann seine
Selbstkosten ganz anders einschätzen. Nehmen wir ein großes Stahlwerk,
das eigene Kohlen und Erzgruben, Hochöfen, Stahl- und Walzanlagen be-
sitzt. Nehmen wir weiter an, die Selbstkosten zur Förderung der Kohlen
und Erze betragen a- und b-Geldeinheiten, die Kosten, um Erze in Roheisen
zu verwandeln, c-Geldeinheiten, der Aufwand zur Gewinnung von Roh-
stahl aus Roheisen belaufe sich auf d-Geldeinheiten und die Herstellung
der Blöcke aus Rohstahl koste e-, das Auswalzen der Blöcke, des Halbzeugs,
zu Stabeisen f-Geldeinheiten. Werden nun auf jeder Stufe der Erzeugung
die Waren der reinen Werke auf dem offenen Markt mit einem Gewinnauf-
schlag von einer Geldeinheit verkauft, dann stellen sich die Selbstkosten
für ein reines Stabeisenwalzwerk, das Blöcke kauft und auswaizt, auf
(a -f i) -f- (b+i) + (c + i) + (d + i) + (e + i) + f- Sinkt der Stabeisen-
preis unter diesen Satz, dann arbeitet das Stabeisenwalzwerk mit Verlust.
Die Selbstkosten des großen kombinierten Stahlwerks stellen sich dagegen
auf a + b + c + d + e + f. Der Preis kann also viel tiefer herab gehen,
ehe er die Selbstkosten unterschreitet. Selbstverständlich könnte das kom-
binierte Stahlwerk seine ganze Erzeugung nicht zu diesem Selbstkosten-
preis losschlagen. Verkauf zu den Selbstkosten bedeutet für ein reines
Walzwerk dieDividendenlosigkeit des verhältnismäßig' kleinen Anlage- und
Betriebskapitals. Müßte das kombinierte Stahlwerk seine ganze Produk-
tion zu den Selbstkosten verkaufen, dann wäre das gesamte große in den
Zechen, Hochöfen, Stahl- und Walzwerksanlagen arbeitende Kapital ge-
zwungen, auf einen Ertrag zu verzichten. Immerhin kann das kombinierte
Stahlwerk mit einem kleinen Teile seiner Erzeugung die reinen Walzwerke
unterbieten, es kann auf dem Weltmarkt mit dem Preise bis unter seine
Selbstkosten herabgehen und doch mit einem erhöhten Gesamtgewinn ab-
schließen, wenn die erlangten Aufträge nur groß genug sind, um durch voll-
kommenere Ausnutzung der Gesamtanlage die Kosten soweit herabzu-
drücken, daß aus dem übrigen Verkauf ein erhöhter Gewinn herausspringt.
        <pb n="66" />
        ﻿58





der die Verluste überdeckt. Je größer und mannigfaltiger die Produktion
auf der Endstufe ist, desto eher besteht die Möglichkeit, mit einem Teil der
Erzeugung die reinen Werke bis unter deren Selbstkosten zu unterbieten.
Somit wird der Vorteil der vertikalen Kombination durch die horizontale
Kombination wesentlich verstärkt. Sie gibt dem Stahlwerk die Möglichkeit,
die Produktion von Schienen, Schwellen, Trägern, Blechen, Stabeisen,
Bandeisen, Draht, Röhren zu pflegen. Ein solches machtvolles Werk kann
bald die reinen Stabeisenwerke, bald die reinen Blechwerke usw. unter-
bieten, um seinen Auftragsbestand zu erhöhen, seine Gesamtproduktions-
kosten herabzusetzen, wodurch die Gewinne steigen und die Widerstands-
kraft des Unternehmens im Kampf um den Absatz der anderen Walz-
erzeugnisse wächst.

Es sei aber nochmals hervorgehoben, daß diese Vorteile der Kombina-
tionen immer wieder verloren gehen, wenn im Wettkampf die Produkte
der Vorstufen der Erzeugung zu niedrigeren Preisen verschleudert werden,
als sie die kombinierten Unternehmungen selbst herzustellen vermögen.
Können die reinen Walzwerke das Halbzeug: Blöcke, Knüppel, Brammen
und Platinen unter den Herstellungskosten der kombinierten Stahlwerke
kaufen, und vermögen sie außerdem zu diesen Preisen langfristige Verträge
zu erzwingen, dann sind sie für die Dauer dieser Verträge auf dem Markt
ihrer Produkte besser gestellt als ihre kombinierten Konkurrenten. Somit
muß der Drang zur Bildung großer Kombinationen gewaltig zunehmen,
sobald durch erfolgreiche Regulierung des Wettkampfes das starke Sinken
der Preise der Vorprodukte verhindert wird. Vermögen die Produzenten
von Kohlen, Koks, Erzen, Roheisen, Halbzeug durch geeignete und vor
allem dauernde Organisationen auch in den Depressionsjahren die Preise in
angemessener Höhe zu halten, dann werden die Gefahren, die in dieser Zeit
den kombinierten Unternehmungen drohen, beseitigt, dann ist ihre Über-
legenheit über die reinen, oder nur teilweise kombinierten Werke völlig ge-
sichert und diese Sicherheit wird noch erhöht, wenn für einen Teil der End-
produkte ebenfalls Konkurrenzregulierungen, Kartelle, bestehen.

Der Nutzen der vertikalen Kombination wird wesentlich gehoben, wenn
sie technische Verbesserungen ermöglicht, die ohne Zusammen-
fassung der einzelnen Produktionsstufen undurchführbar, also dem reinen
Unternehmen vollständig verschlossen sind. Allerdings verlangen solche
technische Verbesserungen auch eine lokale Vereinigung der Produktions-
stätten. Ihre Ausnutzung kann demnach nur dann durch die Kombination
bisher getrennter selbständiger Unternehmungen erfolgen, wenn ihre ört-
liche Lage zueinander günstig ist. In vielen Fällen wird der Nutzen nur
dadurch zu erlangen sein, daß die Unternehmungen ausgebaut werden.
Diese Art der Kombination führt also nicht zur Neugruppierung der be-
        <pb n="67" />
        ﻿59

stehenden Produktionsstätten, sondern zu ihrer Vermehrung. Mit der
Macht der kombinierten Unternehmungen wächst zugleich die Größe des
Angebots: eine doppelte Verschärfung des Wettkampfs ist die Folge.

In keinem Industriezweig vermittelt die Kombination solche tech-
nische Vorteile wie in der Eisenindustrie. In großen Zügen seien sie
hier geschildert. Früher standen selbständig neben einander Hochöfen, Stahl-
werke und Walzwerke. Das im Hochofen gewonnene Roheisen wurde er-
kaltet den Stahlwerken zugeführt, dort von neuem eingeschmolzen und in
Rohstahl verwandelt. Die erkalteten Rohstahlblöcke wurden von neuem
auf Schweißtemperatur erhitzt und zum Teil zu schweren Profilen, Schienen,
Trägern, Schwellen, zum Teil zu Halbzeug ausgewalzt. Das an die Walz-
werke verkaufte Halbzeug wurde wiederum in Schweißöfen erhitzt, ehe es
in den verschiedenen Walzstraßen zu Fertigwaren ausgewalzt werden
konnte. Sehr bald fanden die Stahlwerke ein Verfahren, die Hitze des
flüssigen Rohstahls auszunutzen, ohne neuen Aufwand von Brennstoffen
die schweren Walzprodukte herzustellen. Die Trennung von Hochofen,
Stahlwerk und Walzwerk hatte aber noch immer eine dreimalige Erhitzung
des Rohstoffes zur Folge. Das Ziel mußte sein, auch diesen dreifachen
Brennstoffaufwand zu sparen. Liegen die drei Werke örtlich nahe beiein-
ander und stehem sie unter einheitlicher Leitung, dann kann die im Hoch-
ofen erzeugte Hitze ausgenutzt werden. Das flüssige Roheisen wird dem
Stahlwerk zugeführt und hier ohne nochmalige Erhitzung in denBessemer-,
Thomas, oder Martinanlagen in Flußstahl verwandelt und in große bis zu
drei Tonnen fassende Formen gegossen. Diese Blöcke läßt man — damit
sich ihre Hitze im Innern wie an den Außenseiten gleichmäßig abkühlt —
in unterirdischen Ausgleichsgruben bis zur Walztemperatur erkalten. Haben
sie diese Temperatur erreicht, so werden sie auf der sogenannten Block-
straße auf geringere Dimensionen herabgewalzt und zwar zu Blöcken,
wenn schwere Profile, zu Brammen, wenn Grobbleche hergestellt werden
sollen. Die Blöcke und Brammen können sofort, ohne jeden Aufwand von
Brennstoff zu Fertigwaren ausgewalzt werden, also zu Schienen, Trägern,
Schwellen einerseits, zu Grobblechen andererseits. Zum Teil werden die
Blöcke aber zu Halbzeug für feinere Sorten, zu Knüppel (für leichtere Stab-
eisenprofile) und Platinen (für Feinbleche) herabgewalzt. Dieses Halbzeug
hat nicht mehr die Temperatur, um daraus sofort Fertigwaren her-
steilen zu können. Während nun die reinen Walzwerke das völlig erkaltete
Material auf die Walztemperatur erwärmen müssen, genügt im Stahlwerk
ein verhältnismäßig geringes Nachwärmen des noch heißen Halbzeugs, um
es zu Fertigwaren auszuwalzen. Die im Hochofen gewonnene Hitze reicht
also fast aus, auch die feineren Walzprodukte herzustellen.

Damit ist aber die Kraft der Brennstoffe, die den Hochöfen zugeführt
        <pb n="68" />
        ﻿6o

werden, noch nicht ausgenutzt; die Angliederung der Hochöfen ermöglicht
noch weitere Ersparnisse an Heizmaterial. Dem Hochofen entströmen
brennbare Gase, die man früher unbenutzt entweichen ließ und die in
mächtigen Flammengarben aus der Gicht emporschlugen. Dann ging man
dazu über, diese Gase abzufangen und in den sogenannten Winderhitzern
zu verbrennen. Durch die Winderhitzer jagt man den Wind, der
in den Hochofen geblasen wird. Die heißen Winde mit der nötigen Stärke
in den Hochofen getrieben, erhöhen dessen Leistungsfähigkeit. Der Ofen
liefert aber ein größeres Quantum Gase, als zu diesem Zweck nötig ist.
Den Überschuß verbrannte man unter Kesseln und die erzeugte Dampf-
kraft überstieg wiederum den Bedarf zum Antrieb der Gebläsemaschine
für den Hochofen, so daß auch die Maschinen des Stahlwerkes zum Teil
noch die nötige Triebkraft erlangten. Heute verpufft man die Gichtgase
mit viel größerem Nutzen in Gasexplosionsmaschinen und die Kraft reicht
aus, die gesamte Maschinerie des großen kombinierten Stahlwerkes zu
treiben. Also auch auf diesem Wege wird ein erheblicher Aufwand an
Brennstoffen, die man bisher zur Erzeugung der nötigen Dampfkraft be-
durfte, erspart. In ähnlicher Weise lassen sich auch die in den Kokereien
gewonnenen Gase verwerten1).

Durch das innigere technische Ineinandergreifen der schon örtlich
vereinigten Hochofen-, Stahlwerks- und Walzwerksanlagen, zu denen zu-
weilen sich noch die Kohlenzechen und Erzgruben gesellen, werden auch
manche Verbesserungen ermöglicht, die den Transport der Materialien und
der Halbfabrikate verbilligen. Vor allem aber werden die Frachtkosten
vollständig erspart.i) 2)

Trofesdörn' diese produktionstechnischen und verkehrstechnischen
Vorteile den Nutzen der Kombination in der Eisenindustrie wesentlich er-
höhen, vermögen sich nur dort vollständig durchgeführte vertikale Kom-
binationen durchzusetzen und können sie nur dort auf die Dauer die
reinen Werke im Wettkampf besiegen, wo durch Konkurrenzregulierung
oder durch Zölle verhindert wird, daß die Zwischenprodukte zeitweise
zu billigeren Preisen den weiterverarbeitenden reinen Werken angeboten
werden, als sie die kombinierten Stahlwerke selbst herzustellen vermögen.
Vogelstein berichtet uns, daß in Schottland die Kombination in der Eisen-
industrie noch nicht den Grad erreicht habe wie bei uns in Deutschland.

i) Angabe über die Ersparnisse, die jene technischen Verbesserungen ermöglichen,
siehe in meiner Schrift: Konzentration in der Eisenindustrie und die Lage der reinen
Walzwerke 1906.

“) Von den reinen Walzwerken wurden auf den kontradiktorischen Verhand-
lungen die Frachtkosten für den Bezug des Halbzeugs auf ein bis zwei Mark pro Tonne
Halbzeug angegeben.
        <pb n="69" />
        ﻿6i

Da die deutschen und amerikanischen Stahlwerke in den Jahren des
Niederganges Halbzeug zu außerordentlich niedrigen Preisen aut den
Weltmarkt warfen, um durch möglichste Ausnutzung ihrer Produktions-
fähigkeit ihre Selbstkosten herabzudrücken, erlangten die englischen reinen
Walzwerke einen Vorteil, den sich die englischen Stahlwerke durch die
vollkommenste Betriebskombination nicht aneignen konnten. Daß dadurch
die Bildung kombinierter Werke gehemmt Wurde, ist erklärlich. Wie weit
die Wirkung dieser Schleuderverkäufe geht, zeigt folgende Mitteilung
Vogelsteins: „Versichert man mir doch selbst auf einem integrierten Unter-
nehmen, daß man zeitweise nichts gegen das „duinping“ einzuwenden ge-
habt habe, als sich nämlich der Preis für Halbzeug so billig stellte, daß es
profitabler war, das eigene Stahlwerk still zu legen und sich auf die Verar-
beitung des importierten Materials zu beschränken.“1) Dieselbe Erschei-
nung, die Vogelstein für Schottland feststellte, findet er auch in Wales.
„Bei völliger Ausnutzung der Hochofen und Koksgase, an der es heute teil-
weise wegen des getrennten Standortes, teilweise wegen allgemeiner tech-
nischer Rückständigkeit, noch vielfach fehlt, könnten die integrierten
Unternehmungen vielleicht den ernsten Versuch machen, die reinen Walz-
werke durch Unterbietung auszuschalten. Aber selbst dann wäre es fraglich,
ob dieses kostspielige Experiment erfolgreich wäre, wenigstens solange die
Zeiten regelmäßig wiederkehren, in denen Roheisen oder Stahl unter den
Produktionskosten von Wales importiert wird.“2)

Wie die ausländische Konkurrenz so wirkt auch die inländische. Erst
dann werden die Stahlwerke den vollen Nutzen aus der Kombination
ziehen, wenn die Mehrzahl der Werke zu kombinierten Unternehmungen
ausgebaut ist und die gemeinsamen Interessen zu einer einheitlichen Preis-
politik, zur Konkurrenzregulierung führt. Die Walzwerke waren ursprüng-
lich durchweg gemischte Betriebe, die ihr Halbzeug in Puddel- und
Schweißöfen selbst herstellten. Der Puddelprozess wurde aber von den
neueren Verfahren zur Herstellung von Flußstahl, durch den Bessemer-
prozeß und später durch den Thomas- und den Martinprozeß, erheblich in
den Schatten gestellt. Diejenigen Werke, die das neue Verfahren annahmen,
die Stahlwerke, suchten die großen Flußstahlmengen vor allem in der Form
der schweren Walzprodukte: Schienen, Schwellen, Träger abzusetzen.
Die Stahlmengen, die auf diese Weise nicht untergebracht werden konnten,
wurden zu Halbzeug verarbeitet und den Walzwerken angeboten. Infolge
der geringeren Herstellungskosten standen die Preise dieses Halbzeugs, —

l) Vogelstein, Organisationsformen der Eisenindustrie und Textilindustrie
in England und Amerika 1910 S. 27.
s) Vogelstein S. 46.
        <pb n="70" />
        ﻿62

abgesehen von den Jahren der Hochkonjunktur —, erheblich unter den
Kosten des Halbzeugs, das sich die Puddelwerke selbst herstellten. Be-
sonders in den Baissejahren wurde es sehr billig angeboten. Die Folge war,
daß sich die Puddelwerke aus kombinierten Betrieben in reine Betriebe
verwandelten, ihre Schweißeisenerzeugung aufgaben und sich auf das
Auswalzen des Halbzeugs der Stahlwerke verlegten. In den 90er Jahren
des vorigen Jahrhunderts änderten sich die Verhältnisse. Die Stahlwerke
begannen die Kombinationsidee konsequenter durchzuführen, das Halb-
zeug selbst bis zu den feinsten Erzeugnissen auszuwalzen. Der Nutzen für
die Stahlwerke und der Schaden für die reinen Walzwerke war gering, solange
die Mehrzahl der Stahlwerke noch auf die Unterbringung großer Halbzeug-
mengen angewiesen war, solange sie die Produktivkraft ihrer Anlagen nur
voll ausnutzen konnten — vor allem in der Zeit geringer Nachfrage nach
Fertigwaren — wenn sie in großen Mengen Halbzeug produzierten. Je
mehr die Stahlwerke ausgebaut wurden, desto mehr sank auch ihr Interesse
an billigen Halbzeugpreisen. Im Gegenteil sie wünschten diese Preise stets
über ihre Selbstkosten zu halten und durch Angebot billiger Fertigwaren
z. B. Stabeisen, Bandeisen, Draht usw. ihren Auftragbestand auf einer
Höhe zu halten, die eine möglichste Ausnutzung ihrer Leistungsfähigkeit
erlaubte. In den ersten Jahren dieses Jahrhunderts war der Umschwung
vollzogen. Die kombinierten Werke mußten über die reinen Walzwerke,
denen kein billiges Halbzeug mehr infolge der Preispolitik der Stahlwerke
zur Verfügung stand, den Sieg erringen. Die reinen Walzwerke waren jetzt
erst dem Untergange geweiht, während sie sich vom technischen und volks-
wirtschaftlichen Standpunkt schon länger überlebt hatten.

Außer der Sicherung des Rohstoffbezuges und zwar unabhängig von
den schwankenden Marktpreisen, außer der Herabdrückung der Produk-
tionskosten durch vollkommenere Ausnutzung der Leistungsfähigkeit der
Anlagen oder durch Aneignen technischer Vorteile vermögen die Kombina-
tionen auch noch eine Reduzierung der Absatzkosten und innigere
Fühlung mit dem Markt zu vermitteln. Besonders die horizontale
Kombination ermöglicht zuweilen große Ersparnisse. Schließen sich mehrere
gleichartige Unternehmungen zusammen, so kann die neue einheitliche
Leitung mit einer geringeren Anzahl Bureaubeamten und Reisenden die
gleichen Aufgaben bewältigen. Es sinken außerdem die Reklamekosten
oder können wirkungsvoller verwendet werden. Also Unkosten, die zum
Teil der scharfe Wettkampf erst verursacht hat, werden wieder auf ein
angemesseneres Maß herabgedrückt.

Ferner lassen sich überall dort die Versandkosten vermindern, wo die
vereinigten Unternehmungen räumlich im Absatzgebiet verteilt liegen.
Demjenigen Unternehmen, das die günstigste Lage zum Käufer hat, wird

*
        <pb n="71" />
        ﻿63

die Ausführung des Auftrages überwiesen. Einen stärkeren Einfluß auf die
Versandkosten haben die Produktionsstätten, die sich Verkehrsunter-
nehmungen zu Wasser und zu Lande angliedern oder in irgendeiner Weise
ihre Tarifpolitik mitbestirnmen können. Der Besitz wichtiger Bahnen
gibt die Möglichkeit offener oder versteckter Bevorzugung der eigenen
Ware: eine wichtige Waffe im Konkurrenzkampf. Der Besitz eines eigenen
Schiffsparkes verleiht nicht eine so große Macht, da eine Beherrschung des
Wasserweges kaum durchführbar ist, es sei denn, daß es gelingt, die meist
große Zahl der Schiffsunternehmungen zu einheitlicher Tarifpolitik zu-
sammenzufassen. Der Bevorzugung der eigenen Ware stehen also große
Hindernisse entgegen. Dafür gewährt der Besitz eigener Schiffe eine
Sicherheit gleichmäßiger Beförderungskosten, was in der Zeit anziehen-
der Frachtsätze sehr wertvoll ist. Dieser Vorteil fällt fort, sobald auf
dem Schiffsmarkt die Frachtsätze unter die Selbstkosten sinken, wobei
allerdings zu berücksichtigen ist, daß in der Regel die Selbstkosten des
eigenen Schiffparkes geringer sind als die der unabhängigen Schiffsunter-
nehmung, wenigstens solange das Produktionsuntemehmen den eigenen
Schiffen eine vollständigere Ausnutzung des Laderaumes sichern kann.

Die Kombination zwischen Produktionsstätten und Händlerfirmen
wurde bereits erwähnt, sie gibt dem produzierenden Unternehmen innigere
Fühlung mit dem Markt und sichert ihm in der schlechten Konjunktur
einen größeren Absatz, während umgekehrt die Händlerfirma besonderen
Nutzen in der Hochkonjunktur aus der Verbindung zieht.

Die Angliederung einer Händlerfirma oder Errichtung eigener Ver-
kaufsstätten bildet für die meisten Branchen das letzte Glied der vertikalen
Kombination. Nur einige Produktionszweige können noch einen Schritt
weiter gehen, sie vermögen gelegentlich sich selbst den Markt zu schaffen.
Das sind jene, die anderen Unternehmungen die Maschinen, Apparate und
Einrichtungen liefern. Elektrisitätswerke, die Licht- und Kraftzentralen
oder elektrische Bahnen bauen, Maschinenfabriken, die den Bau von Klein-
bahnen übernehmen, sichern sich einen größeren Auftragsbestand, wenn
sie auf den Entschluß, solche Anlagen zu errichten, einen Einfluß auszuüben
vermögen. Der einfachste Weg ist: sie erwerben selbst die Konzession und
bauen entweder mit eigenen Mitteln oder beschaffen das nötige Kapital,
Führen sie die Anlage mit eigenen Mitteln aus, dann müssen sie Sorge
tragen, ihre festgelegten Kapitalien wieder flüssig zu machen. Sie
gründen zu diesem Zwecke eine Kapitalübernahmegesellschaft oder
gliedern sich eine solche Gesellschaft an. Die Kapitalübemahmegesell-
schaft, die sich ihre Mittel durch Ausgabe von Aktien und Obligationen
beschafft, übernimmt die Aktien der von der bauenden Firma zunächst
mit eigenen Mitteln errichteten Unternehmungen und behält sie, bis sie
        <pb n="72" />
        ﻿64

zu geeigneter Zeit von Anlage suchenden Kapitalisten aufgenommen
werden. Statt selbst die Finanzierung vorzunehmen, kann sich die bauende
Finna das Kapital auch durch Gründung oder Angliederung einer Finan-
zierungsgescllschaft beschaffen. Diese Gesellschaft, die ihre eigenen
Mittel auf demselben Wege wie die Kapitalübernahmegesellschaft erlangt,
hilft neue Unternehmungen gründen, indem sie sie finanziert1).

So gewähren auch die verschiedenen Kombinationen, die eine Senkung
■der Absatzkosten oder eine innigere Fühlungnahme mit dem Markt er-
streben, eine Überlegenheit über die nichtkombinierten Unternehmungen,
sie tragen also zur Verschärfung des Wettkampfes bei. Wo aber bereits
Konkurrenzregulierungen bestehen, sichern sie den Unternehmungen eine
erhöhte Rentabilität.

Wie die Darstellung schon vermuten läßt, haben die Kombinations-
bestrebungen nicht etwa eine Organisation zum Ziel, die die absolut
niedrigsten Kosten verursacht. Bei jedem Stande der Technik läßt sich
eine Betriebsgröße denken, bei der alle Produktionsfaktoren im günstigsten
Verhältnis zueinander stehen, bei der also die Arbeitsteilung und Maschinen-
verwendung zu den absolut niedrigsten Kosten arbeitet. Selbst eine Ver-
doppelung dieser Betriebsgröße würde in der Regel diese absolut geringste
Kostenhöhe überschreiten, da mit der Größe des Unternehmens auch die
Reibungsverluste der Gesamtorganisation zunehmen. Dieses Ziel haben
die Kombinationsbestrebungen nicht im Auge, können sie auch nicht ver-
folgen, da diese absolut günstigste Betriebsgröße und Betriebsorganisation
infolge des fortwährenden Schwankens aller Marktverhältnisse und der
Unruhe der technischen Entwicklung gar nicht gefunden werden kann. Das
Ziel der Kombinationsbestrebungen ist viel bescheidener. Hat sich die
Produktion eines Unternehmens, angereizt durch die starke Nachfrage und
die hohen Preise einer Hochkonjunktur oder infolge einer notwendigen
Durchführung technischer Verbesserungen ausgedehnt, dann stellen sich
meist auch Nachteile ein, teils schon in den Haussejahren, teils erst in den
Baissejahren, und unter diesen Schwächen stellt die Unmöglichkeit,
die Anlagen voll auszunutzen, fast stets an erster Stelle. Nun setzen die
Abhilfsbestrebungen ein und die Kombinationen sind ein wichtiges Hilfs-
mittel, unter den gegebenen Verhältnissen möglichst günstige Produktions-
und Absatzbedingungen, möglichst niedrige' Kosten zu erreichen. Das
Ziel richtet sich also auf die relativ niedrigsten Kosten. Das Streben nach
den absolut niedrigsten Kosten hätte nur Sinn bei dauernd stabiler Markt-
lage. Da sich aber der Markt, wenn auch in Wellenbewegungen, ständig i)

i) Liefmann, Beteiligungs- und Finanzierungsgesellschaften II. Aufl. 1913.
        <pb n="73" />
        ﻿65

weitet, ist die erste Aufgabe der Unternehmungen, einen möglichst großen
Anteil des Zuwachses zu erringen, und in dieser Zeit des Aufstieges und der
rasch anziehenden Preise rückt die Frage der Produktionskosten meist an
die zweite Stelle, um sich erst in den Jahren des Abstieges, der ein-
schrumpfenden Nachfrage, wieder zum beherrschenden Problem auszu-
wachsen.

Immer wieder zeigt es sich, daß sich der Nutzen aller Kombinationen
nur dann dauernd in höhere Gewinne umsetzt und vielfach überhaupt erst
zur vollen Geltung kommt, wenn der Wettkampf mehr oder minder unter-
bunden ist. Die kombinierten Unternehmungen müssen demnach eine den
Markt beherrschende Stellung anstreben. Da erhebt sich die Frage, ob
nicht dieses Ziel mittels konsequenter Durchführung der Kombination
•erreicht werden kann. Diesen Gedanken sehen wir in den Trusts verwirk-
licht. Ein weitgehender Zusammenschluß gleichartiger Unternehmungen
gewährt schließlich eine solche überragende Marktstellung, daß besondere
Konkurrenzregulierungen mit dem kleinen Rest selbständiger Gegner über-
flüssig werden. Die horizontale Kombination führt, wenn sie den größten
Teil der Produktion in eine Hand zusammen faßt, zum Trust. Darin besteht
der Unterschied zwischen der horizontalen und der vertikalen Kombination:
jene vermag, weit genug durchgeführt, eine marktbeherrschende Stellung
zu geben, dauernd die Rentabilität zu sichern — wenigstens solange sie
-diese beherrschende Stellung zu wahren vermag —, diese gibt nur eine
Überlegenheit über die reinen Werke, die, wenn sie nicht durch Konkur-
renzregulierungen z. B. durch Kartelle gestützt wird, in der Baissezeit leicht
gefährdet werden kann,

Da aber die vertikale Kombination schwerwiegende Vorteile bietet,
kann ein durch horizontale Kombination zum Trust entwickeltes Unter-
nehmen auf die Dauer die vertikale Kombination gar nicht entbehren.
Nehmen wir an, in einem Produktionszweig werde jede Stufe des Produk-
tionsprozesses von einem Trust beherrscht, dann ist jeder nachfolgende
vom vorhergehenden Trust abhängig. Die sicherste Stellung besitzt der
Trust der untersten Stufe, der Rohstoffstufe. Sobald irgendein Trust der
unteren und mittleren Stufen durch Weiterverarbeitung seiner Produkte
den Weg der vertikalen Kombination betritt, kann er die marktbeherr-
schende Stellung des Trusts der folgenden Stufe allmählich untergraben.
Das Ideal wäre der Trust, der gleichzeitig den gesamten Produktionspro-
zeß vom Rohstoff bis zum Fertigfabrikat umfaßte, also eine vollkommene
vertikale und horizontale Kombination.

Wäre es möglich das Ideal in den einzelnen Ländern für die einzelnen
Produktionszweige zu verwirklichen, so bliebe dennoch auf dem interna-

Mannstaedt, Zusammenschluß im Gewerbe.	5
        <pb n="74" />
        ﻿66

tionalen Markt ein Wettkampf zwischen annähernd gleich starken Riesen-
unternehm ungen mit seinen auf die Dauer verderblichen Folgen bestehen.
Wiederum würde die Parole lauten: Internationale Konkurrenzregulierung
durch Kartelle oder Zusammenschweißung der gleichartigen Trusts zum
Welttrust. Den letzten Weg — eine Zukunftsphantasie — hier weiter zu
verfolgen, hat wenig Wert. Wichtiger ist die Frage, wie weit das Ideal in
einem begrenzten Umfange, etwa innerhalb eines nationalen Wirtschafts-
gebietes durchführbar ist.

Dem horizontalen Trust stehen keine grundsätzlichen Hindernisse ent-
gegen. Von der Entwicklung und Lage des Marktes, von dem Organisations-
talent der maßgebenden Persönlichkeiten, von der Art der Kreditorgani-
sationen und der Rechtordnung wird es abhängen, wie weit das Ziel er-
reicht wird. Weit größere Schwierigkeit bietet die Durchführung des Trusts,
der auch durch vertikale Kombination auf eigenen Füßen steht. Je länger
der Produktionsweg vom Rohstoff bis zur gebrauchsfertigen Ware, je
größer also die Zahl der Produktionsstufen, je mannigfaltiger die notwen-
digen Rohstoffe und je vielseitiger die Endprodukte, desto fraglicher wird
das Gelingen der Riesenorganisation.

Gibt es hier nicht Grenzen, über die hinaus eine Durch-
führung der vertikalen Kombination unmöglich wird? Es ist
aufgefallen, daß sich die Maschinenfabriken, Konstruktionswerkstätten,
Schiffswerften, obgleich sie große Mengen Kohlen einerseits und Stahl-
produkte andererseits verbrauchen, nicht die Vorstufen der Erzeugung
angliedern. Produktionstechnische Vorteile, wie sie den Stahlwerken der
vertikale Zusammenschluß bot, sind allerdings nicht zu erwarten. Man hat
zur Erklärung darauf hingewiesen, daß z. B. eine Maschinenfabrik nicht
das ganze Produktenquantum einer Kohlenzeche oder eines Stahlwerkes
verbrauchen könne oder seine Produktion ganz erheblich ausdehnen müsse..
Die Schwierigkeit, die Produktionsgröße der einzelnen Stufen aufeinander
abzupassen, sei also das Hindernis. Dieses Moment fiel bei einem Trust
der Maschinenbauindustrie fort, aber auch für ein Unternehmen von ge-
ringeren Dimensionen als ein Trust wäre die Anpassung kein unüberwind-
liches Hindernis, zumal in Deutschland, wo, wie Wiedenfeld betont, die
Maschinenbauindustrie bereits eine ausgeprägte Exportindustrie geworden
ist. Außerdem liegt auch kein Nachteil darin, wenn ein Teil der Vor-
produkte verkauft wird. Unsere großen kombinierten Stahlwerke sind
auch mit einer mehr oder minder großen Menge ihrer Kohlen-, Koks-,
Roheisen- und Rohstahlerzeugung auf den Markt angewiesen. Sie setzen
keineswegs nur Endprodukte ab.

Wiedenfeld glaubt den Grund der geringen Entwicklung vertikaler
Kombinationen in manchen Industriezweigen wie z. B. auch in der Maschi-
        <pb n="75" />
        ﻿6 7

nenbauindustrie in einem Hindernis prinzipieller Natur gefunden zu haben.
Er weist auf den verschiedenen Charakter der Maschinenfabriken einerseits
und der Kohlenzechen und Eisenwerke andererseits hin. Die Maschinen-
fabriken sind Betriebe der Individualarbeit, und Kohlenzechen und Eisen-
werke Betriebe der Massenfabrikation. Infolge der großen Nachfrage ist
z. B. in den Stahlwerken die gesamte Maschinerie so eingestellt, daß sie
fast automatisch ganz gleiche Produkte in beliebigen Mengen herstellen
kann. Das Einzelprodukt verlangt keinerlei besondere Berücksichtigung.
„Der Maschinenbau dagegen trägt ganz und gar den Charakter der indi-
vidualisierenden Industrie: jedes Stück wird nach Zeichnung angefertigt,
erst eine große Anzahl aufs subtilste ausgeführter Einzelstücke ergibt das
fertige Produkt, und ein großer Teil der Gesamtarbeit spielt sich deshalb
im Zeichensaal und im Konstruktionsbureau ab, wo immer nur für eine
relativ kleine Anzahl von einzelnen Produktionen die Vorbereitungen
getroffen werden können. In der Maschinenindustrie wird allenfalls am
technischen Apparat etwas geändert, wenn einmal eine neue Erfindung ge-
macht ist; der Produktionsvorgang selbst läuft lange Zeit unverändert
fort... In der Maschinenbauindustrie jedoch müssen für jeden Auftrag be-
sondere Anforderungen getroffen werden, zumal in den ganz großen
Maschinenfabriken, die sich auf die Herstellung von Gesamtanlagen oder
von Kraftmaschinen geworfen haben; denn da heißt es, sich dem beson-
deren Kraftbedarf oder auch einer gegebenen Kraftquelle in jedem Einzel-
falle anzupassen, da ist die geforderte Leistungsfähigkeit der Gesamtanlage
bald hoch, bald niedrig, da sind Geländeverhältnisse zu berücksichtigen,
und was der ewig wechselnden Momente mehr sind.“

„Und damit,“ fährt Wiedenfeld fort, „ist das Trennende berührt: Be-
triebe der Massenfabrikation und Betriebe der Individualarbeit ergeben
kein Einheitsuntemehmen..'. . Denn dort hat der Leiter um den einzelnen
Produktionsvorgang sich so gut wie gar nicht zu kümmern; er gibt die all-
gemeine Direktive und sorgt im ganzen für ein richtiges Zusammenarbeiten
der verschiedenen Betriebe seiner Unternehmung, hält aber vor allem
seinen Blick nach außen gerichtet, von woher der Weltmarkt ihm die
wechselnde Aufgabe stellt. Im Maschinenbau dagegen muß der Leiter jedem
Auftrag seine volle Aufmerksamkeit widmen, er muß Sorge tragen, daß
den Offerten bei guter Arbeit doch die niedrigstmöglichen Preisforderungen
eingefügt werden, um die großen Submissionen seinem Werk zu sichern;
auf ihm liegt, daß die Ausführung dann den ganz speziellen Bedingungen
angepaßt werde und in der Qualität den technischen Ruf der Fabrik be-
währe. Ganz anders oft, als der Leiter eines massenindustriellen Werkes,
muß er in den Werkstätten das Arbeiten beobachten und kontrollieren.
Sein Blick ist stark nach innen gerichtet und auch nach außen anders als

5*
        <pb n="76" />
        ﻿63

bei jenen eingestellt, da nicht das Allgemeine des Weltmarktes, sondern
das ganz konkrete der besonderen Aufgabe vor ihm steht. Beides zu ver-
einen, ist dem Menschen aber nicht möglich. Am Persönlichkeitsfaktor
scheitern daher die Versuche, die Organisationstendenzen der Massen-
industrie auf den Maschinenbau zu übertragen.“1)

Wiedenfeld führt auch noch ähnliche Beispiele aus der Textilindustrie
an und kommt ganz allgemein zu dem Resultat: „an der Grenze mensch-
licher Leistungs- und persönlicher Übersichtsfähigkeit müssen die Organi-
sation sbestrebungen trotz aller sachlich auf Vereinnigug drängenden
Momente Halt machen.“2) Ein Hindernis prinzipieller Natur setzt also
nach dieser Ansicht den vertikalen Kombinationsbestrebungen ein Ziel.

Ist die Beweisführung stichhaltig oder hat sich Wiedenfeld auf Grund
einer richtigen Beobachtung zu einem irrigen Schluß verleiten lassen ?
Mir scheint das letztere der P'all zu sein. Die Ausführungen über die
Maschinenindustrie beziehen sich auf deutsche Verhältnisse. Da es in
Amerika Brauch ist, sich möglichst auf die Herstellung ganz bestimmter
Maschinen typen zu verlegen, um durch Massenerzeugung die Produktions-
kosten möglichst herabzudrücken, ist hier jener tiefgehende Unterschied
zwischen der Maschinenbauindustrie und den Industrien der Vorstufen
verwischt, einer Kombination stände kein prinzipielles Hindernis entgegen.
Aber bleiben wir bei den deutschen Verhältnissen. Auch hier würde in
einigen Fällen das prinzipielle Hindernis unwirksam sein, nämlich dann,
wenn die Maschinenfabrik infolge ihres großen Bedarfs an Eisenmate-
rialen die Leistungsfähigkeit des angegliederten Stahlwerkes vollständig in
Anspruch nimmt. Das Stahlwerk erhält jetzt sein Arbeitspensum nur von
der Maschinenfabrik vorgeschrieben. Ausschlaggebend sind die Aufträge,
die die Maschinenfabrik hereinholt. In diesem Riesenunternehmen wäre
dem Leiter jene unlösbare Doppelaufgabe, auf die Wiedenfeld hinweist, er-
spart. Es bleiben aber jene Fälle, wo das Stahlwerk mit einem mehr oder
minder großen Teil seiner Erzeugung auf den Weltmarkt angewiesen ist,
seine Leistungsfähigkeit den Bedarf der angegliederten Maschinenfabrik
übersteigt. Auch hier sehe ich kein prinzipielles Hindernis. Wächst die
Vertretung der Interessen des Stahlwerks und der Maschinenfabrik infolge
ihrer heterogenen Natur dem Leiter über den Kopf, dann ist die einfachste
Lösung des Problems, die Leitung jedes Werkes einem besonderen Direktor
zu übertragen und diese einer gemeinsamen Spitze zu unterstellen, deren
Aufgabe es ist, die Gesamtinteressen des Unternehmens zu vertreten, für
das gedeihliche Zusammenarbeiten der angegliederten Werke zu sorgen.

J) Wiedenfeld, Das Persönliche im modernen Unternehmertum S. 77—79.
2) Wiedenfeld S. 83.
        <pb n="77" />
        ﻿Am Persönlichkeitsfaktor werden die Organisationsbestrebungen nicht
scheitern. Wir müssen also nach einem anderen Grund suchen, um zu er-
klären, warum die vertikalen Kombinationsbestrebungen in manchen Pro-
duktionszweigen an Kraft einbüßen.

Von der Größe des Nutzens hängt die Stärke der Kombinations-
bestrebungen ab. Die Frage nach dem Nutzen muß in dem eben behan-
delten Beispiel sowohl an die Maschinenfabriken als auch an die Stahl-
werke gestellt werden.

In allen Industriezweigen, in denen große Massen gleicher Produkte
auf mehr oder minder automatischem Wege hergestellt werden, spielen
in der Produktionskostenberechnung die Maschinen und die Rohstoffe
eine entscheidende Rolle, während der Arbeitsfaktor mehr zurücktritt.
In den Betrieben der Individualarbeit dagegen z. B. in den Maschinen-
fabriken, wo in den Konstruktionsbureaus und in den einzelnen Werk-
stätten fast für alle Einzelteile einer Maschine individuelle Arbeit geleistet
werden muß, steht der Arbeitsfaktor in der Kostenberechnung an erster
Stelle und übertrifft die Bedeutung der Rohstoffe und Halbprodukte.
Haben aber die Preise der Produkte der Vorstufe einen geringeren Einfluß
wie in den Betrieben der Massenfabrikation, so ist selbstverständlich auch
der Drang zur Angliederung dieser Produktionszweige erheblich geringer.
Nun wird der Nutzen noch geschmälert. Eine große Maschinenfabrik, die
sich alle Vorstufen der Erzeugung angliedert, bildet ein gewaltiges Unter-
nehmen. Je größer der Umfang, desto komplizierter ist auch die Organi-
sation, die alle Teile verbindet und ein einheitliches Arbeiten ermöglichen
soll. Daß dieser umfassende Mechanismus mit größeren inneren Reibungen
zu kämpfen hat, ist einleuchtend. Die inneren Reibungen verursachen
aber Kosten, die einen Teil des Nutzens wieder aufzehren, den die Kombi-
nation beschert hat.

Wollen wir aber vollständig verstehen, warum der Kombinations-
drang in der deutschen Maschinenindustrie so gering ist, dann müssen wir
noch einen Blick auf die Bezugsverhältnisse ihrer Arbeitsmaterialien
werfen. Zum Teil bezieht sie ihr Arbeitsmaterial, Rohstoffe oder Zwischen-
produkte aller Art, von kartellierten Unternehmungen. Können sich die
Maschinenfabriken infolgedessen zeitweise diese Produkte nur zu höheren
Preisen beschaffen, als die ausländischen Konkurrenten, so liegt darin ein
erheblicher Nachteil, der aber dadurch wesentlich gemildert wird, daß
erstens alle konkurrierenden inländischen Fabriken die gleichen Preise
zahlen müssen, und zweitens die Konkurrenz der wenigen kombinierten
Unternehmungen, die eigenes Material verarbeiten, nicht ins Gewicht fällt.
Zum Teil sind die von den Maschinenfabriken bezogenen Vorprodukte
nicht kartelliert. Dann werden die Marktpreise in den Jahren des Nieder-
        <pb n="78" />
        ﻿70

ganges häufig so tief stehen, daß sich die Maschinenfabriken zu niedrigeren
Kosten versorgen können, als sie es durch Selbsterzeugung vermocht
hätten. Wiegt man die Vor- und Nachteile der jetzigen Lage gegeneinander
ab, und berücksichtigt dabei besonders, daß die Bezugsverhältnisse des
Arbeitsmaterials die Machtstellungen der einzelnen Unternehmungen im
Konkurrenzkampf nicht wesentlich differenzieren, so versteht man, daß
der verhältnismäßig geringe Nutzen, den eine vertikale Kombination ge-
währen kann, kein genügender Anreiz ist, um solche gewaltige Organi-
sationen zu schaffen.

Ganz anders sieht dasselbe Problem vom Standpunkt der Stahlwerke
aus. Ein Stahlwerk, das sich eine Maschinenfabrik angliedert, sichert sich
den Absatz einer erheblichen Menge von Konstruktionsmaterial, Stab-
eisen, Blechen und Rohstahl für Schmiedestücke. Der Vorteil, der den
Stahlwerken aus diesem Absatz erwächst, wird sich vor allem in den
Jahren mangelnder Nachfrage bemerkbar machen und überwiegt den Vor-
teil, der umgekehrt den Maschinenfabriken besonders in der Zeit des Auf-
schwungs aus der Kombination infolge des billigeren Materialbezuges er-
wachsen kann.

Noch eine andere Wechselbeziehung zwischen einer Maschinenfabrik
und einem Stahlwerk darf nicht übersehen werden. Ein großes Stahl-
werk mit eigenen Kohlen- und Erzgruben, Hochöfen und zahlreichen Walz-
straßen ist ein gutes Absatzgebiet für eine Maschinenfabrik. Gewiß ist
es dieser erwünscht, mit Sicherheit auf jene Nachfrage rechnen zu können.
Je größer der Bedarf des Stahlwerkes im Verhältnis zur Leistungsfähigkeit
der Maschinenfabrik, desto vorteilhafter müßte die Kombination für die
Maschinenfabrik sein, wenn nicht das Stahlwerk das natürliche Bestreben
hätte, im Durchschnitt und ganz besonders in der Hausse seinen Bedarf
aus der angegliederten Fabrik zu günstigeren Preisen zu decken als auf
dem offenen Markt. Die Gewinnchancen sind also in der Haussezeit gering
und nur in der Not, in der Baissezeit, wenn es gilt, seine Existenz zu sichern,
wird eine kleinere Maschinenfabrik den Weg der Kombination beschreiten.
Ist dagegen die Leistungsfähigkeit der Maschinenfabrik im Verhältnis
zum Bedarf des Stahlwerkes groß, dann werden sich die Partner schon
eher finden. Neben dem zwar nicht sehr großen Vorteil auf dem Gebiet
des Materialbezuges kann die Maschinenfabrik einigen Nutzen aus der
Möglichkeit ziehen, ihren Auftragsbestand durch den Bedarf des Stahl-
werks aufzufüllen, während andererseits das Stahlwerk sich ein beachtens-
wertes Absatzgebiet sichert und seine Maschinen zu günstigeren Bedin-
gungen erlangt. Der stärkere Drang zum Zusammenschluß wird in diesem
Falle auf der Seite liegen, die infolge des sich verschärfenden Konkurrenz-
kampfes unbedingt auf die Sicherung von Absatzgebieten angewiesen ist.
        <pb n="79" />
        ﻿n

Es scheint mir aber infolge der außerordentlich schnellen Steigerung der
Produktivkraft der Stahlwerke kein Zweifel zu sein, daß diese sich eher
in der Zwangslage befinden, zumal ihr Überangebot öfters zur Sprengung
bestehender Kartelle führt und somit den Maschinenfabriken auch ohne
Kombination die Beschaffung billiger Materialien ermöglicht.

Eine prinzipielle Grenze, über die hinaus eine Entwicklung nicht
gehen könne, scheint mir den Kombinationstendenzen nicht gezogen zu
sein. Es hat sich immer wieder gezeigt, daß die außerordentliche Leistungs-
fähigkeit unseres Unternehmertums bisher noch alle Hindernisse zu über-
winden vermochte, allerdings um so eher, je größer der Nutzen, der aus den
immer mehr ins Riesenhafte wachsenden Organisationen entsprang. Darin
besteht zwar ein wesentlicher Unterschied zwischen der horizontalen und
der vertikalen Kombination, daß der Nutzen der horizontalen Kombination
mit der Ausdehnung wächst, bis schließlich die Organisation eine markt-
beherrschende Stellung gibt, während der Nutzen der vertikalen Kom-
bination am größten auf den unteren Stufen des Produktionsprozesses
ist, -dort wo die Erzeugung der Massenwaren vorherrscht, und abnimmt,
je mehr sie die Produktionsgebiete der Verfeinerung ergreift. Da aber der
Nutzen mit den Verhältnissen wechselt, ist eine absolute Grenze der ver-
tikalen Kombination nicht zu ziehen. Wachsender Konkurrenzkampf
einerseits und zunehmende Kartellierung, besonders der zum Produktions-
prozeß notwendigen Materialien, andererseits können die Lage so ver-
schieben, daß ein Zusammenschluß mit den Vorstufen der Erzeugung
vorteilhafter wird. Die wirtschaftliche und technische Entwicklung schafft
aber selbst wieder die Bedingungen, die ganz allmählich der vertikalen
Kombination den Weg ebnen. Daß der Technik die Tendenz der steigenden
Massenproduktion innewohnt und dadurch der Konkurrenzkampf sich
verschärft, wurde eingehend erörtert. Nun sucht die Technik auch in
den Produktionsgebieten der Verfeinerung möglichst die Maschinen auf
einen automatischen Gang einzustellen. Somit wird in der Verfeinerungs-
industrie durch die Maschine nicht nur die Masse der Produkte an sich ge-
steigert, sondern es werden auch allmählich, je weiter die mehr oder minder
automatischen Maschinen eindringen, die Produkte gleichartig, wodurch
für diese die Konkurrenzregulierung, die Kartellierung, wie wir noch sehen
werden, erleichtert wird. Die Preise der unteren Stufen der Erzeugung
werden bereits von Kartellen bestimmt. Können nun auch einzelne Artikel
aus dem mannigfachen Produktionsprogramm der Verfeinerungsindustrien
kartelliert werden, dann wächst damit, wie unsere Ausführung zeigte, der
Nutzen, den eine vertikale Kombination gewähren kann.
        <pb n="80" />
        ﻿IV.

Die Konkurrenzregülierung dureh die
Kartelle und die Trusts.

Alle Mittel der Ertragssteigerung, die der Konkurrenzkampf hervor*
gerufen hat, können auf die Dauer nicht die Existenz sichern. Die Unter-
nehmungen, die zuerst die neuen Wege gehen, ziehen auch den größten
Vorteil aus ihrer Vorzugsstellung. Je allgemeiner aber die Mittel ange-
wendet werden, desto mehr schwinden die Gewinnchancen und der Kampf
zwischen den gleich gut ausgerüsteten Unternehmungen muß überall dort
verderbliche Folgen zeitigen, wo es nicht möglich ist, durch stärkeres Be-
tonen der gemeinsamen Interessen das Kampffeld zu beschränken, die
Preise mit den Kosten in Einklang zu bringen. Selbst die größeren durch
horizontale Kombination entstandenen Unternehmungen können, wie wir
sahen, die Kartellstützen auf die Dauer nicht entbehren, es sei denn, daß
sie einen Umfang angenommen haben, der ihnen eine marktbeherrschende
Stellung gibt, d. h. den Wettkampf nahezu ausschaltet. Die Entwicklung
drängt auf die Entstehung der Kartelle und Trusts hin als letzte Zufluchts-
stätte in dem immer gewaltigeren Ringen um die Existenz. Das Kartell
läßt den Mitgliedern mehr oder minder weit gehende Selbständigkeit, es
ist eine Organisation auf der Basis des Vertrages. Der Trust hebt die
Selbständigkeit der einzelnen Unternehmungen auf, er ist eine Organisation
auf der Basis des Besitzes.

1.	Die Kartelle.

a)	Die allgemeinen Hindernisse der Kartellierung.

Man hat vielfach behauptet, unsere Kartelle könnten mit den mittel-
alterlichen Zünften nicht verglichen werden.

Man hebt hervor, daß trotz mancherlei Ähnlichkeiten doch ein wesent-
licher Unterschied zwischen den Zünften, ,,diesen Organisationen des
        <pb n="81" />
        ﻿— 73 —

Nahrungsideals“ und den kapitalistischen Monopolen, den Kartellen,
bestehe. Die Bezeichnung der Kartelle als kapitalistische und der Zünfte
als nichtkapitalistische Monopole bringt uns das Wesen der Organisationen
nicht näher. Die Kartelle sind nicht willkürliche Produkte des Kapitals.
Die Tätigkeit des Handwerkers wie des Unternehmers ist auf Gewinn ge-
richtet wie jede Erwerbstätigkeit. Die Unternehmung ist ja nur eine Er-
werbswirtschaft höherer Art, in der sich das Erwerbsprinzip im Großbetrieb
auswirkt; auch sie will wie der Handwerker durch wirtschaftliche Tätig-
keit für fremden Bedarf die Mittel für die Befriedigung der eigenen Bedürf-
nisse gewinnen. Nur dann kann der Unternehmer das Sachvermögen, das
Kapital, verwerten, wenn „er es in den Dienst der Aufgabe stellt, fremden
Bedarf zu befriedigen, anderen wirtschaftliche Dienste zu leisten, die sie
so hoch schätzen, daß sie dafür ein Entgelt zahlen, das dem Unter-
nehmer über seine Aufwendungen noch einen Überschuß läßt“1.) Ent-
scheidend für den Erfolg ist also in letzter Linie nicht das Kapital, sondern
der Bedarf oder richtiger das Verhältnis zwischen Angebot und Bedarf.
Und um dieses Verhältnis günstiger zu gestalten, diente den Handwerkern
die Zunft, wie den modernen Unternehmungen das Kartell.

Nach unserer ganzen Darstellung läßt sich der Vergleich gar nicht von
der Hand weisen. Die Zünfte waren in erster Linie Organisationen der Kon-
kurrenzregulierung, sie verfolgten also dasselbe Ziel wie die Kartelle, nur
unter viel günstigeren Wirtschaftsverhältnissen und konnten deshalb
auch die einzelnen Phasen der erwerbswirtschaftlichen Tätigkeit der
Handwerker viel umfassender regeln, als es den Kartellen heute möglich
ist. Sie beschränkten ihre Tätigkeit nicht auf den Absatz der Produkte,
sondern sie schrieben auch das technische Verfahren vor und organisierten
den Rohstoffbezug; während es den Kartellen nur möglich ist, die Kon-
kurrenzregulierung auf den Absatz zu beschränken und höchstens auf die
Größe der ErzeugawfS. einen Einfluß auszuüben. Die weitreichende
Macht der Zünfte war einerseits eine Folge der Kleinheit und Geschlossen-
heit der städtischen Wirtschaftsgebiete, die ihnen eine vollständige Mono-
polstellung sicherte, andererseits bedingt durch die Stabilität der Technik
und der Sitten und Gewohnheiten. Die Kartelle dagegen haben mit einem
weiten umstrittenen Marktgebiet, mit einer großen Zahl meist zerstreut
liegender Produktionsstätten, mit einer ständigen Entwicklung der Technik
und einem ewigen Wechsel in der Bedarfsrichtung zu rechnen.

Die Grundvoraussetzung aller Konkurrenzregulierung der Kartelle
ist die marktbeherrschende Stellung der durch den Vertrag zusammen-
geschlossenen Erwerbswirtschaften. Ein vollständiges Monopol muß vor-

J) Pohle, Der Unternehmerstand S. 47.
        <pb n="82" />
        ﻿74



% —

handen sein, oder eine monopolartige Stellung, die genügend Sicherheit
bietet, daß in das Absatzgebiet des Kartells nicht außenstehende Unter-
nehmungen eindringen. Das beschränkte natürliche Vorkommen einiger
Stoffe z. B. des Kalis oder des Petroleums schützt ein umfassendes Kartell
dieser Produktionszweige vor der Entstehung neuer Konkurrenzunter-
nehmungen; ein vollkommenes Monopol ist hier, sobald die Produzenten
einig sind, am leichtesten zu erlangen. Ein leidlich gesichertes lokales
Absatzgebiet können sich durch die Errichtung eines Kartells die Produ-
zenten derjenigen Produkte verschaffen, die infolge ihres geringen Wertes
und ihres großen Gewichtes oder ihrer sperrigen Natur die Kosten eines
weiten Transportes nicht zu tragen vermögen. Zu diesen Produkten ge-
hören z. B. Zement, Ziegel und vor allem die Kohle. Selbstverständlich
können auch fremde Kohlen in das rheinisch-westfälische Kohlengebiet
eindringen; aber es handelt sich dann um Kohlen von ganz besonderer
Qualität, die das Kohlengebiet nicht oder nicht in genügendem Maße be-
sitzt, oder um die Produkte solcher Zechen, die wesentlich günstigere Pro-
duktionsverhältnisse als die rheinisch-westfälischen Zechen haben, so daß
sie trotz der Frachtkosten zu niedrigeren Preisen auf dem Markte erscheinen
können. Im großen ganzen kann man aber sagen, daß die Zechen inner-
halb eines gewissen Umkreises eine marktbeherrschende Stellung besitzen,
die als Unterlage eines festgefügten Kartells dienen kann.

Die Kartelle der Produzenten aller Produkte, die eine solche natür-
liche Vorzugsstellung in ihrem Absatzgebiet nicht besitzen, sind gegen
die Konkurrenz von auswärts nur dann gesichert, wenn sie entweder
mit niedrigeren Produktionskosten als die ausländischen Unternehmungen
arbeiten, oder durch Zölle geschützt sind. Die Stärke ihrer marktbeherr-
schenden Stellung hängt im einen Falle von der Größe des Produktions-
kostenunterschiedes, im anderen von der Höhe der Zollschranken ab. Die
Wirkung der Zölle ist verschieden, je nachdem es sich um Prohibitiv-
zölle oder um Ausgleichszölle handelt. Vermittels der Prohibitivzölle
sucht man das Eindringen fremder Waren gänzlich zu unterbinden, wäh-
rend die Ausgleichszölle nur die Produktionskostenunterschiede zwischen
dem Inlande und Auslande ausgleichen sollen, im Falle das Ausland aus
irgendwelchen Gründen dauernd mit einem niedrigeren Aufwand zu
rechnen hat.

Ausgleichszölle können den Kartellmitgliedern keine nennenswerte
Sicherheit gegen fremde Konkurrenz gewähren. Nehmen wir an, daß der
Warenpreis der ausländischen Konkurrenz sich auf ioo Mark pro Mengen-
einheit in normalen Jahren belaufe, und der Produktionskostenunter-
schied sich zwischen der inländischen und ausländischen Industrie auf
io M. stelle, so würde sich die Erzeugung im Inlande erst bei einem Preise

m
        <pb n="83" />
        ﻿75

von ixo M. rentieren, der auch erreicht werden wird, wenn der Zoll io M.
pro Mengeneinheit beträgt und ein Kartell alle Produzenten zusammen
faßt. Die Bestrebungen der kartellierten Unternehmungen sind aber in
diesem Falle nur in beschränktem Maße gegen Störung vom Ausland ge-
schützt, da ja nur ein geringes Anziehen der Preise im Inland z. B. auf
in M. oder eine kleine Senkung der Auslandspreise z. B. auf 99 M. die
Überspringung der Zollschranke, mit anderen Worten die Unterbietung
des Inlandes durch die fremde Konkurrenz ermöglicht. Bei Prohibitiv-
zöllen fallen solche kleinen Differenzen nicht ins Gewicht, sie erleichtern
wirklich den Kartellen das Dasein, sichern ihnen den inländischen Markt.
Würde in dem Beispiel der Zoll statt auf 10 M. sich auf 30 M. belaufen,
dann müßte bei einem Auslandspreise von ipo M. der Inlandspreis schon"
über 130 hinausklettern, ehe die fremde Konkurrenz, ohne einen Teil des
Zolles zu tragen, eingreifen könnte, oder es müßte bei einem Inlandspreis
von 110 M. der Auslandspreis unter 80 M. herabsinken, wenn die aus-
ländischen Unternehmungen, ohne sich selbst mit Zollasten zu beschweren,
Einlaß erlangen wollten.

Prohibitivzölle, wie sie die Vereinigten Staaten von Amerika besitzen,
erleichtern wesentlich die Entstehung der Kartelle oder der Trusts, denn
auch die marktbeherrschende Stellung der Trusts wird gehoben, wenn der
störende Eingriff von außen fern gehalten wird. Die deutschen Zölle sind
als Ausgleichszölle gedacht. Ob sie aber wirklich überall den Anforderungen
der Ausgleichszölle entsprechen, läßt sich nicht feststellen, da uns die
nötige Kenntnis der in- und ausländischen Produktionskosten völlig fehlt.
Da aber die Produktionskosten der inländischen Unternehmungen keines-
wegs gleich sind, sondern teilweise erhebliche Unterschiede aufweisen,
werden in einem Kartell, das sich auf einen Ausgleichszoll stützt, einzelne
Mitglieder eine größere Sicherheit, eine Vorzugsstellung genießen.

Eine Sicherung des nationalen Absatzgebietes läßt sich schließlich
noch erreichen durch internationale Vereinbarung der Industriezweige.
Allerdings ist in der Regel die Voraussetzung eines internationalen Kartells
die Existenz der nationalen Verbände. Das im Jahre 1904 gegründete
internationale Schienenkartell teilt das gemeinsame Absatzgebiet, den
Weltmarkt, nicht nur unter die Stahlwerke der einzelnen Länder auf,
sondern erklärt auch das Heimatland ihrer Mitglieder als unbestrittenes
Absatzgebiet.

Aber auch wenn die Feinde von außen fern gehalten sind, stehen meist
noch unendliche Schwierigkeiten der Entstehung eines Kartells entgegen,
und selbst dann, wenn der Kartellvertrag geschlossen ist, wird nicht selten
der dauernde Erfolg des Kartells durch innere Feinde in Frage gestellt.
Soll das Kartell eine dauernde marktbeherrschende Stellung auf dem
        <pb n="84" />
        ﻿— 76

heimischen Absatzgebiet erringen, dann müssen sich sämtliche Unter-
nehmungen dem Kartell anschließen. Wo das nicht der Fall ist, tragen
die kartellierten Unternehmungen die Lasten zugunsten jener Konkur-
renten, die außerhalb des Kartells geblieben sind, die die Vorteile der ver-
minderten Konkurrenz ausnutzen können, ohne durch die Kosten bedrückt
zu werden. Eine vorübergehende Beherrschung des Marktes läßt sich
auch durch einen Verband einer kleineren Anzahl Unternehmungen er-
reichen, er muß nur einen so großen Teil der Gesamterzeugung umfassen,
daß daneben das Angebot der Außenseiter nicht wesentlich in die Wag-
schale fällt. Im Schatten des Kartells wachsen aber die Konkurrenten
rasch heran und entziehen allmählich der Kartellherrschaft den Boden.
Die Geschichte des rheinisch-westfälischen Kohlensyndikats ist reich an
Beispielen dieser Art. Nicht minder wichtig ist es,das Aufkommen neuer
Konkurrenz zu verhindern. Daher ist die Lage derjenigen Industrie-
zweige besonders ungünstig, in denen neben den Großbetrieben die Klein-
und Mittelbetriebe lebensfähig sind.

Nun beruhen aber die Kartelle auf einem freiwilligen Zusammen-
schluß der Mitglieder, nur ein indirekter Zwang konnte hier und da, etwa
durch den Einfluß der Banken, ausgeübt werden, um einen Gegner in das
Kartell zu drängen. Der Gedanke einer Zwangsverbindung nach dem
Muster des Zunftzwanges schien vor io Jahren noch absurd. Wie sehr wir
aber wieder vom Wege der Gewerbefreiheit abweichen, geht am besten
daraus hervor, daß in der deutschen Kaliindustrie schon ein Gesetz zwangs-
weise die Unternehmer zusammenführt. Ob das Gesetz für die Kaliindustrie
eine Ausnahme bleiben wird, muß die Zukunft lehren. Oft genug ist schon
der Wunsch ausgesprochen worden, der Staat solle mit seinen Macht-
mitteln die Erneuerung des Kohlensyndikats erzwingen, wenn die Mit-
glieder aus eigener Kraft die Hindernisse nicht zu überwinden vermöchten1).

Weil die Unternehmer sich freiwillig zum Kartell zusammenschließen,
einen Teil ihrer Selbständigkeit zugunsten der Kartelle aufgeben, spielt
auch die Persönlichkeit der Unternehmer eine entscheidende Rolle. Sind
die sonstigen wirtschaftlichen Verhältnisse einer Kartellbildung günstig,
so hängt es vom guten Willen, von der volkswirtschaftlichen Einsicht
der Unternehmer ab, ob das Kartell zustande kommt, ob es eine gedeih-
liche Wirksamkeit entfalten kann. Was aber in jedem einzelnen Falle
„volkswirtschaftliche Einsicht“ bedeutet, ist außerordentlich schwer zu
sagen. Man ruft vielfach den großen Unternehmungen zu, sie sollten ihre
Macht nicht mißbrauchen, nicht rücksichtslos die kleinen Konkurrenten

1) Daß der Staat diesen Standpunkt teilt, zeigt die Drohung an das Kohlensyn-
dikat und das Braunkohlensyndikat im Sommer 1915.
        <pb n="85" />
        ﻿77

an die Wand drücken, da der Kampf schließlich auch ihre Rentabilität
untergrabe, sie sollten bedenken, daß jeder Gewerbezweig auch gemein-
same Interessen habe, und diese in den Vordergrund stellen. Sie sollten
über die Gegenwartsinteressen nicht die Zukunftsinteressen vergessen.
Aber was sind denn in jedem Augenblick die wirklichen Zukunftsinter-
essen , was entspricht dem volkswirtschaftlichen Wohle des Ganzen ?
Zwei Beispiele mögen zeigen, wie schwer es ist, die Frage zu beantworten.

August Thyssen, der bekannte Stahlindustrielle, wurde vielfach der
Störenfried in der Kartellbewegung genannt. Thyssen hat sein Riesen-
unternehmen aus einem kleinen Walzwerk allmählich entwickelt. Er hat
frühzeitig die Idee der horizontalen und vertikalen Kombination außer-
ordentlich weit durchgeführt. Er war einer der ersten, der ein großes auf
riesige Produktionen eingestelltes modernes Stahlwerk ergänzte durch die
Angliederung zahlreicher Walzstraßen für die Herstellnug aller Walzerzeug-
nisse. Durch die Ausdehnung seiner Erzeugung suchte er, unterstützt
durch die vorzügliche technische Einrichtung, die Kosten möglichst herab-
zudrücken, und durch die Vermannigfaltigung seiner Erzeugnisse wollte
er sich außerdem eine ausreichende Beschäftigung in den schlechten Wirt-
schaftsjahren sichern. Solange Thyssen an der Ausführung seines Planes
arbeitete, konnte er sich nicht an allen Kartellen, die für seine Erzeugnisse
bestanden, beteiligen, er mußte sich ein gewisses Maß von Freiheit Vorbe-
halten. Er störte also die Kreise der Kartelle. Widersprach darum sein
Vorgehen, so sehr es auch vom Selbstinteresse geleitet war, den Interessen
des volkswirtschaftlichen Ganzen ? In den Kreisen seiner Fachkollegen
konnte man in jener Zeit öfters die Äußerung hören: Thyssen sei wohl ver-
rückt geworden, wenn er glaube, daß sich dieser außerordentliche Produk-
tionszuwachs auf dem Markt unterbringen ließe; er habe wohl jeden volks-
wirtschaftlichen Maßstab verloren. Trotzdem so über Thyssen gesprochen
wurde, war er derjenige, der weit besser, wie alle anderen, die zukünftige
Entwicklung voraus geahnt hatte, der wirklich das, was dem volkswirt-
schaftlichen Ganzen auf die Dauer zuträglich war, richtig erkannt hatte.
Seine Methode ist in kurzer Zeit von allen anderen Stahlindustriellen nach-
geahmt worden. Seit jener Zeit haben sich die großen Stahlwerke ganz
anders entfaltet als vorher. Es hat sich gezeigt, daß sich die erheblich ver-
mehrte Erzeugung gut unterbringen ließ, daß Thyssen die Annahme-
fähigkeit des Marktes richtig taxiert hatte. Infolge der von Thyssen ein-
geleiteten Entwicklung haben wir zwar einen Nachteil eingetauscht, der
darin besteht, daß unsere Eisenindustrie mit. einem viel größeren Prozent-
satz ihrer Erzeugung auf den ausländischen Markt angewiesen ist. Diesem
Nachteil steht auf der anderen Seite ein außerordentlicher Vorteil gegen-
über. Wir haben dank dieser Entwicklung eine Eisenindustrie von einer
        <pb n="86" />
        ﻿Leistungsfähigkeit, die den Wettkampf auf dem Weltmarkt nicht zu
scheuen hat. Die Wege, die der Störenfried ging, entsprachen also durchaus
dem Zukunftsinteresse des deutschen Wirtschaftslebens. Als seine Werke
ausgebaut waren, vertrat Thyssen den Standpunkt: ich beteilige mich an
keinem Kartell, es sei denn, daß ein allgemeines die gesamte Erzeugung
der Stahlwerke umfassendes Kartell gegründet werde, ein Plan, der sich
bisher noch nicht verwirklichen ließ, weshalb Thyssen auch seine Ab-
sicht aufgab.

Das andere Beispiel knüpft an die Ausführungen über die Entstehungen
der reinen Walzwerke an. Ursprünglich verlegten sich die Stahlwerke auf
die Herstellung der schweren Walzeisensorten und verkauften ihre übrigen
Stahlerzeugungen in der Form von Halbzeug an die Walzwerke. Diese
gaben das alte Puddelverfahren auf und. beschränkten sich mehr auf das
Auswalzen der von den Stahlwerken bezogenen Blöcke, Knüppel, Brammen
und Platinen. Von dem Moment an, wo die Stahlwerke dazu übergingen
allgemeiner ihr Halbzeug selbst auszuwalzen, hatten sie auch, ein Interesse
daran, den Preis für Halbzeug nicht so tief sinken zu lassen, daß die reinen
Walzwerke jener Vorteile teilhaftig wurden, die die Stahlwerke sich durch
die Kombination angeeignet hatten. Andererseits waren sie bestrebt, durch
die niedrigen Preise für die mannigfachen Walzprodukte einen möglichst
großen Teil des Bedarfs an sich zu reißen, um ihre Leistungsfähigkeit voll
auszunutzen. Aus diesem Grunde warfen sie sich auch fast ausschließlich
auf die Massenartikel im Walzprogramm der reinen Walzwerke. Daß unter
diesen Umständen die Stahlwerke nicht an Konkurrenzregulierung dachten,
den Kartellen der feineren Walzeisensorten nur geringeres Interesse schenk-
ten, ist begreiflich. Damals erscholl laute Klage über das Gebaren der
großen Stahlwerke. Viele Druckerschwärze ist aufgewandt worden, um
das Recht auf Existenz der reinen Walzwerke zu beweisen. Die wirt-
schaftliche Überlegenheit der Stahlwerke wollte man nicht anerkennen
und behauptete, diese Überlegenheit beruhe allein darauf, daß sie sich
kraft ihres Verbandes für Roheisen und für ihre Produktion in schweren
Produkten und Halbzeug den Vorteil der Roheisenzölle zunutze machten
zum Nachteil aller Industriezweige, die von ihnen abhängig seien. Man
verlangte ein Eingreifen der Gesetzgebung; die Zollmauer solle erniedrigt
oder völlig abgetragen werden. Minister hielten mit den Leitern der Stahl-
werke und reinen Walzwerke Konferenzen ab. Untersuchungen wurden
angestellt, um einen Weg zu finden, den reinen Walzwerken zu helfen.
Wie verkehrt die Angriffe auf die Stahlwerke waren, wie falsch die Zukunft
beurteilt wurde, sehen wir heute. Heute spricht niemand mehr von den
reinen Walzwerken, sie haben sich überlebt, sie passen nicht mehr in den
Rahmen der Produktion, sie konnten auf die Dauer nicht bestehen bleiben.
        <pb n="87" />
        ﻿79-

Entweder sind sie eingegangen oder sie wurden aufgekauft, oder sie haben
sich mit machtvollen Stahlwerken fusioniert, um unter den Fittichen der
Großen weiter zu leben.

Da es so schwer ist, die zukünftige Entwicldung richtig abzuschätzen,
die gemeinsamen Interessen über die Sonderinteressen zu stellen, und die
dauernden Vorteile eines Kartells zu würdigen, haben alle zwanglosen
Vereinigungen in der Industrie wesentlich die Kartellbildung befördert.
Sie führten die Unternehmer zusammen, gaben ihnen Gelegenheit die
wirtschaftliche Lage zu erörtern und ebneten durch gemeinsame Tätigkeit
auf mannigfachen wirtschaftlichen Gebieten den Boden für die Kartelle.
Die Hindernisse, die dem rheinisch-westfälischen Kohlensyndikat ent-
gegenstanden, sind nicht zum geringsten Teil durch die Kohlenklubs ver-
ringert worden. 1880 wurde der Essener, 1885 der Dortmunder und 1890
der Gelsenkirchener Kohlenklub ins Leben gerufen. Der Erfolg ist aber
schließlich nicht minder abhängig von dem Vorhandensein der geeigneten
Persönlichkeiten, die durch ihre suggestive Kraft und ihr Organisations-
talent den Kristallisationspunkt bilden. So ist das Kohlensyndikat aufs
engste verknüpft mit dem Namen Kirdorf. Ein Volk, das besonders reich
an Persönlichkeiten mit ausgeprägtem Organisationstalent ist und dessen
Unternehmertum die Diszipliniertheit besitzt, sich einem gemeinsamen
höheren Zweck unterzuordnen, wird unter gleichen Umständen eine
reichere Kartellbildung aufweisen. Dieser Vorzug soll den Deutschen
eigen sein1).

Die Sonderinteressen, ein Haupthindernis aller Kartellbildungen,
schießen zu einem guten Teil deshalb immer wieder ins Kraut, da in den
meisten Fällen nicht die gesamte Produktion der einzelnen Unternehmungen
vom Kartell erfaßt wird. Es gibt keine Kartelle der Eisenindustriellen,
der Glasfabrikanten oder Baumwollfabrikanten. Wir kennen nur Kartelle,
die einzelne Zweige dieser Produktion erfassen2). Das Kartell haftet sogar
in der Regel an einem ganz bestimmten Artikel. Die Stahlwerke gehörten,
ehe der Stahlwerksverband gegründet wurde, besonderen Kartellen für
Schienen, Träger und Halbzeug an, für ihre übrige Erzeugung bestanden
zeitweise noch Kartelle für Grobblech, Feinblech, Draht usw. In der Glas-
industrie finden wir besondere Kartelle für Flaschen, Spiegelglas und
andere Glasartikel. Fast in jedem Produktionszweig werden einzelne
Werke, die sich nur auf die Erzeugung eines bestimmten Artikels verlegen,
neben solchen stehen, die ihre Erzeugung möglichst vielseitig ausgestaltet
haben. Neben den Stahlwerken standen und stehen zum Teil noch heute

*) Wiedenfeld, Das Persönliche im modernen Unternehmertum S. 47 u. 65,
s) Grunzei, Über Kartelle S. 7.
        <pb n="88" />
        ﻿8o

reine Hochöfen, reine Blechwalzwerke, reine Bandeisen oder Stabeisen-
walzwerke. Wo solche Verhältnisse vorliegen, wird die Aufgabe, die Sonder-
interessen und die gemeinsamen Interessen zur Zufriedenheit aller gegen-
einander abzuwiegen, schwer zu lösen sein.

Haftet das Kartell an einem bestimmten Artikel, so wird dieser sich
um so mehr als kartellfähig erweisen, je weniger individuelle Eigenschaften
•er besitzt, je leichter sich die Produkte der verschiedenen Unternehmungen
gegenseitig vertreten können. Demnach kann auch in jenem Produktions-
zweige die Kartellierung am leichtesten erfolgen, in denen die Konkurrenz
am schnellsten an wächst, sich das Gesetz der Massenproduktion am wirk-
samsten erweist. Die untersten Stufen der Erzeugung haben, wie wir
sahen, infolge der ausgedehnten Verwendung ganz oder halb automatischer
Maschinen unter der sprunghaften Ausweitung der Erzeugung am schwer-
sten zu leiden; sie erweisen sich daher auch besonders zur Kartellbildung
geeignet, da ihre Erzeugnisse der Forderung der Vertretbarkeit am voll-
kommensten genügen. Dagegen haben die Industriezweige wie z. B. die
Maschinenindustrie, deren Produkte große individuelle Unterschiede be-
sitzen, die demzufolge auch nicht unter einer so sprunghaften Ausdehnung
der Erzeugung zu leiden haben, mit außerordentlichen Hindernissen der
Kartellierung zu rechnen. Man hilft sich in solchen Fällen, wie auch überall
dort, wo die Zahl der Warensorten, die von den einzelnen Unternehmungen
hergestellt wird, groß ist, vielfach dadurch, daß man aus der Menge der
Produkte gewisse Typen heraussucht, die einigermaßen den Anforderungen
entsprechen, um als Objekt eines Kartells zu dienen. Auf diesem Wege
läßt sich wenigstens teilweise der Konkurrenzkampf mäßigen.

Ganz erhebliche Schwierigkeiten hat die Textilindustrie zu über-
winden. Hier ist das Bedürfnis nach Konkurrenzregulierung besonders
groß, denn es wird der Druck der allgemeinen Überproduktion und der
großen Wirtschaftskonjunkturen noch erhöht durch den steten Mode-
wechsel und durch den Ausfall der Rohstoffernten. Aber gerade in diesen
Industrien bildet die Mannigfaltigkeit der Produkte und die weitgehende
Spezialisation unter den Werken, aus der sich wiederum eine außerordent-
liche Differenzierung der Absatzverhältnisse ergibt, auf den ersten Blick
ein unüberwindliches Hindernis der Kartellierung. Kartelle, die sich auf
einen oder einige verwandte Artikel stützen wollten, sind nicht lebensfähig.
Es müssen also umfassendere Verbände gebildet werden. Dieses Ziel ist,
wie später gezeigt werden soll, trotz der mannigfachen Schwierigkeiten
in neuerer Zeit erreicht worden.

Stehen sich annähernd gleich starke und gleichartige Unternehmungen
gegenüber, so ist eine Verständigung eher zu erreichen, als dort, wo erheb-
liche Unterschiede in der Größe und der Art der Unternehmungen die
        <pb n="89" />
        ﻿8r

Sonderinteressen stärken. Die Gegensätze zwischen den reinen und ge-
mischten Werken lassen, wie wir noch sehen werden, kaum noch Raum für
eine Kartellbildung. Aber auch der Interessenunterschied zwischen den
großen und kleinen Unternehmungen erweist sich nicht selten als ein
Hemmschuh, es sei denn, die Macht der Großen habe eine solche Wucht
erlangt, daß für die Kleinuntemehmungen eine Fortsetzung des Kampfes
verhängnisvoll wird. Im Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat sind
die Größenunterschiede zwischen den nördlichen und südlichen Zechen
ganz erheblich. Im Süden liegen die älteren kleinen Zechen. Die Kohle
steht hier zutage und kann verhältnismäßig leichter gefördert werden
als in den nördlichen Revieren. Je weiter man nach Norden geht, desto
tiefere Schachtanlagen sind notwendig, um die Kohle zu heben. Nur der
Großbetrieb kann die außerordentlichen Kosten tragen. So finden wir/
im Essener und Bochumer Revier die mittleren Zechen und weiter nördlich
die großen Zechen. Dieser Unterschied in der Größe-rief anfangs immer
wieder Divergenzen hervor, die die Errichtung des Kohlensyndikats
unmöglich machten. Erst als einige Zechen ihren Felderbesitz und ihre
Leistungsfähigkeit derartig ausgeweitet hatten, daß sie allein den Markt
zu beeinflussen vermochten, gaben die Quertreiber nach, die Organisation
war gesichert.

Der Einfluß des Kartells auf seine Mitglieder nimmt natürlich mit der
Größe der Produktion zu, die seinen Bestimmungen unterworfen ist. Werden
mehrere Kartelle zu einem neuen Verband zusammengeschlossen, so
wächst dessen marktbeherrschende Stellung, unter Umständen auch seine
innere Stärke. Das nächstliegende Ziel ist natürlich, die Kartelle derselben
Produktionsstufe unter einheitliche Leitung zu stellen. Man könnte hier von
einer horizontalen Kombination der Kartelle sprechen. Der Plan einer ver-
tikalen Kombination, also einer Vereinigung der Kartelle der aufeinander
folgenden Produktionsstufen, stößt in der Regel auf den schärfsten Wider-
stand. Im Stahlwerksverband sind zwar die älteren Kartelle für Schienen,
Träger und Halbzeug verschmolzen und anfangs waren außerdem Ver-
einbarungen über die Produktion der anderen Walzeisen getroffen, hier
stand also das Halbzeug, das Vorprodukt, neben den Fertigwaren. Doch
konnte man darin nicht den Anfang einer vertikalen Kartellkombination
sehen, denn Schienen, Träger und Halbzeug waren früher die wichtigsten
Erzeugnisse der Stahlwerke, wofür deshalb auch feste Verbände gebildet
waren. Sie stehen außerdem auf einer Produktionsstufe, da sie nebenein-
ander aus denselben schweren Rohstahlblöcken ausgewalzt werden. Nur
soweit der Stahlwerksverband auch einen Einfluß auf die Herstellung und
den Absatz von Stabeisen, Bandeisen, Draht, Blechen und Röhren aus-
übte — der Einfluß besteht seit der Erneuerung des Verbandes nicht mehr

Mannstaedt, Zusammenschluß im Gewerbe.	^
        <pb n="90" />
        ﻿82

— , könnte man von einer vertikalen Kombination sprechen, denn diese
Walzprodukte werden aus Halbzeug liergdstellt. Je mehr die Stahlwerke
dazu übergehen, ihr Halbzeug selbst auszuwalzen, statt es zu verkaufen,
wird auch die Gruppe Halbzeug im Verband an Bedeutung verlieren.
Anders liegen schon die Verhältnisse im Kohlensyndikat. Ursprünglich
standen nebeneinander: das Kohlensyndikat, das Kokssyndikat und der
Brikettverkaufsverein. Diese Kartelle sind bei der Verbandserueuerung
im Jahre 1903 im neuen Kohlensyndikat verschmolzen worden. Die ver-
tikale Kombination umfaßt die ganze Kohlenerzeugung und hat den
Einfluß und die Bedeutung des Syndikats wesentlich gehoben. Im Sommer
1914 bemühte man sich ein Kartell zustande zu bringen, das die Produkte
der einzelnen Stufen der Drahtindustrie umfassen sollte. Die Pro-
duktion und der Absatz von Walzdraht, gezogenen Drähten und Draht-
stiften sollten vom neuen Syndikat reguliert werden. Ob diese Bestrebungen
in Zukunft zunehmen, ob es einmal möglich sein wird, ein umfassendes
Montankartell zu gründen, das von den Erzen und Kohlen angefangen,
die gesamte Produktion der kombinierten Stahlwerke umschlingt, muß
abgewartet werden. Mir scheint, daß die Kartelle für solche machtvolle
Kombinationen nicht tragfähig sind. Zwar wird eine vertikale Kartell-
kombination in kleinerem Ausmaß sich hier und dort durchsetzen. Der
Ausbau eines Montankartells würde aber so stark in die Selbständigkeit
der einzelnen Unternehmungen eingreifen, daß es richtiger wäre, gleich
einen Schritt weiter zu gehen, und die Selbständigkeit der Mitglieder voll-
ständig aufzuheben, einen Trust zu bilden. Nur so ließen sich auch die
starken inneren Reibungen vermeiden, mit denen ein Montankartell wahr-
scheinlich zu rechnen hätte.

Eine Unsumme von Mühe und Arbeit muß in der Regel aufgewendet
werden, ehe die Basis gefunden ist, auf der sich die mannigfachen Sonder-
interessen ausgleichen lassen, ein Kartell organisiert werden kann, und von
der Breite dieser Basis hängt es ab, bis zu welchem Grade das Kartell den
Markt beherrscht. Aber das Wirtschaftsleben steht nicht still. Fort-
schritte auf dem Gebiet des Transportes und der Produktion rufen weit-
reichende Verschiebungen hervor, die Tendenz zur Massenproduktion
läßt sich nicht unterdrücken, solange selbständige Unternehmungen neben-
einander dem gleichen Ziele der größtmöglichen Rentabilität zustreben.
Die Kartelle erfassen ja, man kann wohl sagen, in der Regel nicht die ge-
samte Erzeugung; Außenseiter im Produktionsgebiet sind fast immer vor-
handen. Sie haben auch keinen Einfluß auf die Änderungen in der Stärke
der gebietsfremden oder ausländischen Konkurrenz. Und endlich: die
Kartelle schalten den Konkurrenzkampf unter ihren Mitgliedern nicht
vollständig aus, sie beschränken die Selbständigkeit mehr oder minder nur
        <pb n="91" />
        ﻿83

soweit der Absatz in Frage kommt und höchstens werden noch einige
hemmende, aber keineswegs hindernde Bestimmungen über das Ausmaß
der Produktion getroffen. Da kann man sich nicht wundern, wenn der
Wettkampf auf den anderen Tätigkeitsgebieten der Unternehmungen um so
schärfer geführt wird. Organisation des Rohstoffbezuges und Ausge-
staltung der Technik heißt die Losung. Um so mehr werden sich die Unter-
nehmer diesen Aufgaben widmen, je mehr das Kartell jede selbständige
Tätigkeit auf dem Gebiet des Absatzes unterbindet. Nur diese Wege ge-
währen die Möglichkeit, aus eigener Kraft die Rentabilität zu heben. Aus-
gestaltung der Produktionstechnik führt aber mit Naturnotwendigkeit zur
Produktionssteigerung. So verschieben' sich von allen Seiten die Voraus^
Setzungen, auf denen das Kartell beruhte; eine Abänderung des KarteUver-
trages wird unvermeidlich. Die Lebensdauer eines Kartellverträges kann
sich also gamicht auf eine all zu große Zeitspanne erstrecken.

Aus der Notwendigkeit der Kartellerneuerung entspringen große
Gefahren, entspringt die Jagd um die günstigste Stellung im Kartell, um
die größte Anteilsziffer. Zum Teil mögen persönliche Momente den An-
sporn zum Wettrennen geben: nämlich der ehrgeizige Wunsch, mit seinem
Unternehmen an der Spitze zu marschieren. Zum Teil aber sind sachliche
Momente die treibende Kraft, um existenzfähig zu bleiben, muß man mit
der Technik Schritt halten, der technische Fortschritt aber verlangt
Raum, die Möglichkeit der Produktionsausdehnung ist seine Voraussetzung.
Wer glaubt, die Kartelle unterbänden den Trieb zum technischen Fort-
schritt, sie führten zur Stagnation, der irrt. Wo der Fortschrittstrieb er-
erlahmt, sind andere Faktoren die Ursache, nicht die Kartelle. Dazu ist
die Macht der Kartelle noch viel zu gering; sollten sie den Fortschritt
unterbinden, dann müßten sie ganz anders in die Selbständigkeit ihrer
Mitglieder eingreifen.

b)	Die Wege zur Erreichung des Kartellzweckes.

Auf welchem Wege suchen nun die Kartelle ihr Ziel zu erreichen,
welche Mittel wenden sie an, um den Unternehmungen eine Rentabilität
zu sichern? Die Folgen des heftigen Wettkampfes äußern sich teils in
dem Tiefstand der Preise und teils in der Höhe der Absatzkosten. In vielen
Fällen ist es nicht möglich, die tieferen Ursachen des Mißverhältnisses
zwischen Angebot und Nachfrage zu beseitigen, da klammem sich die
kartellierten Unternehmungen an die äußeren Folgen des Wettkampfes
und suchen durch Vereinbarungen die Absatzkosten und die Preise zu
fixieren.

Nur diejenigen Absatzkosten werden gemeinsam geregelt, die sich

6*

t
        <pb n="92" />
        ﻿84

entweder die Konkurrenten selbst aufgeladen haben, indem sie die Kon-
sumenten durch weites Entgegenkommen anzulocken suchten, oder die
ihnen vom Handel aufgezwungen wurden, der die günstige Situation be-
nutzte. den einen Produzenten gegen den anderen auszuspielen. Unkosten,
wie sie z. B. aus der Übernahme der Verpackungs- und Transportkosten
oder der Gewährung von Rabatt entstanden sind, sollen gleichmäßig ge-
regelt und wo es möglich ist, herabgedrückt werden. Daß diesen Kon-
ditionenvereinbarungen kein großer Einfluß auf die Hebung der Ren-
tabilität inne wohnt, ist verständlich. Trotzdem werden sie überall dort
ein primitives Hilfsmittel zur Verbesserung der Lage sein, wo auf andere
Weise ein fester Zusammenschluß nicht möglich ist. Wir begegnen diesen
Konditionenyereinbarungen sehr häufig in der Textilindustrie. Auf welchem
Wege es hier teilweise gelungen ist, zu diesen Zwecken machtvolle Kartelle
zu errichten, soll später noch erörtert werden.

Ein besonders wichtiges Hilfsmittel sind sie für Kartelle, die die Preise
fixieren, da sie durch die Regelung der Zahlungs- und Absatzbedingungen
verhindern wollen, daß indirekt ihre Preisvereinbarungen umgangen
werden.

Da die Ursache der geringen Rentabilität in den niedrigen Preisen
liegt, so scheint die Preisvereinbarung der nächste Weg zu sein, den
Unternehmungen ein günstiges Resultat zu garantieren. Die niedrigen
Preise sind aber die Folgen des großen Überangebotes. Steht also dein
Kartell als einziges Mittel die Preisregulierung zur Verfügung, so kann
das Resultat nur sehr bescheiden sein, denn nur solche Preise können in
Frage kommen, bei denen ein möglichst großer Teil des Angebotes abge-
setzt werden kann. Demnach hat eine einfache Preiskartellierung in der
Regel die größten Hindernisse zu überwinden. In den Jahren des Nieder-
ganges schränken, wie wir sahen, die Unternehmungen ihre Erzeugungen
zunächst nicht ein, sondern suchen durch Ausnutzung der Leistungsfähig-
keit die Produktionskosten den Preisen entsprechend möglichst tief zu
halten. Preisvereinbarungen würden aber das Hereinholen von Aufträgen er-
schweren. Folglich tobt der Kampf zwischen den starken und schwachen
Unternehmungen. Erst wenn auch die starken Unternehmungen gezwungen
werden, der Marktlage entsprechend, mehr und mehr ihre Erzeugung ein-
zuschränken, wenn sich die Konjunktur dem Tiefstand nähert, werden
die Bemühungen um Preisregulierung auf fruchtbaren Boden fallen.
Die Preisfestsetzung nimmt den Konsumenten und Händlern die Hoffnung,
sich noch billiger einzudecken, belebt also den Markt und sie verhindert,
daß der Nutzen einer neuen Aufwärtsbewegung den Produzenten dadurch
entrissen wird, daß die anziehenden Preise durch Unterbietungen immer
wieder geworfen werden. Derartige Preisvereinbarungen besitzen meist
        <pb n="93" />
        ﻿85

keine lange Lebensdauer. In der Hochkonjunktur ist ihr Einfluß gering
und in der folgenden Periode des Niederganges werden sie in der Regel ge-
sprengt, zumal wenn die Gesamtproduktivkraft wieder wesentlich ge-
stiegen ist.

Nur unter besonders günstigen Umständen vermögen sich reine
Preiskartelle durch lange Jahre zu halten. So hat die oberschlesische
Kohlenkonvention schon eine Lebensdauer von über 25 Jahren aufzu-
weisen. Sie bestimmt, daß für alle Kohlensorten, die mit der Staatsbahn
verfrachtet werden, die also nicht dem Selbst verbrauch der oberschle-
sischen Industrie dienen, Mindestpreise eingehalten werden. Nur der
Fernabsatz unterliegt also der Preis Vereinbarung. Wie der Leiter der
Konvention in der Kartellenquete mitgeteilt hat, sind die Mindestpreise
selbst in den ungünstigsten Jahren niemals unterschritten worden. Es
handelt sich allerdings in der Konvention um das Handinhandarbeiten
von nur 15 Unternehmern, deren Zechen infolge der günstigen Abbau Ver-
hältnisse Oberschlesiens mit annähernd gleichen Kosten zu rechnen haben.
Auch der Fiskus richtet sich auf seinen Werken nach den Preisen der Kon-
vention. Es stehen sich also wenige, wirtschaftlich annähernd gleich starke
Unternehmungen gegenüber, denen ein Wettkampf keine nennenswerten
Vorteile bringen könnte. Die Gunst dieser Verhältnisse wird nun noch
wesentlich dadurch gestärkt, daß die Unternehmer überwiegend der Ge-
sellschaftsschicht der feudalen Grundherren angehören, deren Einfluß
sich auf die Leiter der Aktiengesellschaft erstreckt. Das Standesbewußt-
sein verhindert in dieser feudalen Gesellschaft, daß ein Mitglied die Preis-
vereinbarungen durchbricht1)'.

Die Schwierigkeit der Preisvereinbarung wächst natürlich mit der
Zahl der Warensorten und der Qualitäten, denn die Preise sollen ja allen
Mitgliedern möglichst gleiche Absatzchancen sichern. In der Zechenge-
meinschaft, die im Februar 1892 gegründet wurde, und etwa 85% der
Förderung der Zechen Rheinlands und Westfalens umfaßte, wurde bei
der Bestimmung der Preise den Qualitätsunterschieden der einzelnen
Sorten nicht genügend Rechnung getragen. Die Folge war, daß die besseren
Marken einen schnellen Absatz fanden und die geringeren Not litten. Die
Zeche Hugo trat daher im Mai 1892 wegen Mangel an Absatz aus der Ge-
meinschaft wieder aus2).

Die Wirkung der Preisregulierungen auf die Stärke des Wettkampfes
ist gering, da sie keinen Einfluß ausüben auf jene Faktoren, die die In-

’) Wiedenfeld, Das Persönliche im modernen Unternehmertum S. 87ff.
2) Goetzke, Das rheinisch-westfälische Kohlensyndikat 1905 S. 27.
        <pb n="94" />
        ﻿86

kongruenz zwischen Angebot und Nachfrage verschulden. Soll die Er-
zeugung dem Bedarf angepaßt werden, ohne die Selbständigkeit der
einzelnen Unternehmungen wesentlich zu beschränken, dann erweist sich
die Aufteilung des Absatzgebietes als ein brauchbares Mittel. Für
jedes Unternehmen wird ein besonderes Absatzgebiet abgegrenzt. Inner-
halb ihrer Gebiete besitzen die einzelnen Unternehmungen eine Monopol-
stellung und sie werden in ilirejn eigenen Interesse die Preise so gestalten,
daß sie ihre Produktivkraft möglichst auszunutzen vermögen und einen
angemessenen Gewinn erzielen. Diese Kartellierungsform hat den großen
Vorzug, daß Sondervereinbarungen über die Preise, Zahlungsbedingungen
oder über die Größe der Produktion unnötig sind.

Doch nicht immer lassen sich solche Gebietskartelle bilden. Meist
ist die geographische Verteilung der Unternehmungen zu ungünstig, so daß
nicht jede ein Absatzgebiet erhalten kann. Häufiger wird die Lage der
Standorte zueinander eine Zusammenfassung von einzelnen Gruppen er-
lauben. Jeder Gruppe von Unternehmungen wird ein bestimmtes Absatz-
gebiet zugewiesen, das den übrigen Gruppen verschlossen ist. Die Fracht-
kosten bestimmen die Grenzen der einzelnen Gebiete. Jede Gruppe muß
natürlich in dem ihr zugewiesenen Gebiete den Wettkampf ihrer Mit-
glieder regeln, wozu sie die Kartell form wählen wird, die sich unter den
gegebenen Verhältnissen am besten verwirklichen läßt. Ebenso müssen
sich die Gruppen untereinander über die Preispolitik einigen, wenn ein-
zelne Marktgebiete als gemeinsames Absatzfeld allen Gruppen Vorbe-
halten worden sind.

Einen anderen Weg, das Angebot der Nachfrage ohne tiefere Eingriffe
in die Selbständigkeit der Unternehmungen anzupassen, bietet die Ge-
winnkartellierung. Bei der Gewinnkartellierung handelt es sich darum,
die Gewinne, die die einzelnen Unternehmungen erzielen, einer gemeinsamen
Kasse zuzuführen und an bestimmten Terminen auf die Mitglieder des
Kartells aufzuteilen. Einerseits muß also festgestellt werden, was als Ge-
winn zu gelten hat, andererseits müssen sich die Mitglieder über den Ver-
teilungsschlüssel einigen. Um den Syndikatsgewinn jederzeit berechnen
zu können, werden zwei Preise festgesetzt: der Grundpreis und der Min.i-
malpreis. Die Differenz zwischen ihnen wird als Syndikatgewinn be-
zeichnet und fließt in die gemeinsame Kasse. Die Gewinnanteilsziffer
jedes Werkes wird entweder nach der Leistungsfähigkeit oder nach der
Größe des Absatzes bestimmt, den es innerhalb einer bestimmten Zeit tat-
sächlich erzielt hatte.

Die Hauptschwierigkeit, die die Gewinnkartelle oder Pools zunächst
zu überwinden haben, ist die Festsetzung des Grundpreises. Dieser soll
        <pb n="95" />
        ﻿87

den Produktionskosten entsprechen. Da aber die großen, moderner ein-
gerichteten Werke mit niedrigeren Produktionskosten zu rechnen haben,
als die kleinen älteren Werke, ist die Frage, wie hoch soll der Grundpreis
bemessen werden, kaum zu beantworten. Richtet er sich nach den Pro-
duktionskosten der am ungünstigsten arbeitenden Werke, dann haben die
besser eingerichteten, wenn sie ihre Waren zum Mindestpreis verkaufen
und den Syndikatsgewinn an die gemeinsame Kasse abführen, bereits einen
Extragewinn erzielt, da ihre Produktionskosten den festgelegten Grund-
preis nicht erreichen. Richtet sich dagegen der Grundpreis nicht nach den
Produktionskosten der kleinen älteren Werke, erreicht er nicht die Höhe
ihrer Kosten, dann müssen diese Unternehmungen, wenn sie ihre Waren
nicht über dem Mindestpreis verkaufen können, einen Syndikatgewinn
an die gemeinsame Kasse abführen, der ihren tatsächlichen Gewinn über-
schreitet.

An den Minimalpreis sind die Kartellmitglieder nicht gebunden.
Dieser Preis ist nur festgelegt, um den Syndikatsgewinn berechnen zu
können. Da die einzelnen Unternehmungen sowohl in den Preisen als
auch in der Größe des Absatzes nicht durch Kartellvorschriften behindert
sind, besteht der einzige Eingriff in die Selbständigkeit in der Hergabe
und der Aufteilung des Syndikatsgewinnes und dennoch genügt dieser
Eingriff, um die Produktion dem Absatz anzupassen. Ist die Produktion
zu groß und sinken die Preise unter den festgesetzten Minimalpreis, so
kann der Syndikatsgewinn von jedem Verkauf nur durch Zuschuß aus der
eigenen Tasche aufgebracht werden, wodurch ein starker Druck ausgeübt
wird, die Erzeugung einzuschränken. Diesem Druck kann um so leichter
nachgegeben werden, da jedes Werk mit seiner Anteilsziffer an dem Ge-
samtgewinn partizipiert. Ist dagegen die Produktion zu klein, so daß die
Preise den Minimalpreis übersteigen, dann winkt ein Extragewinn, da
die Differenz zwischen dem Minimalpreis und dem tatsächlich erzielten
höheren Preis nicht an die gemeinsame Kasse abgeführt werden muß. Da
außerdem jedes Werk einen Extragewinn einheimsen kann, dessen Pro-
duktionskosten den Grundpreis noch nicht erreichen, so liegt darin ein
starker Anreiz, technische oder organisatorische Verbesserungen einzu-
führen. Trotz dieser Vorteile sind die reinen Gewirmkartelle im Gewerbe
so gut wie gar nicht vertreten; die Preisfestsetzung bietet zu große Schwie-
rigkeiten.

Vielfach dient der Gewinnausgleich nur zur Ergänzung der Tätigkeit
der Kartelle, die ihr Hauptziel auf einem anderen Wege zu erreichen suchen.
Er hat dann mehr den Zweck, diejenigen zu entschädigen, die in ihrem
Absatz zurückgeblieben sind.

*

* *
        <pb n="96" />
        ﻿88

Suchen in den Konditionen- und Preisvereinbarungen die Karteile
die Folgen des Wettkampfes zu mildern und üben die Gebiets- und Ge-
winnkartelle nur indirekt einen Einfluß auf das Verhältnis des Angebots
zur Nachfrage aus, so greifen die Produktionskartelle das Übel
an der Wurzel an. Das Überangebot zu beseitigen oder einzudämmen
ist ihr Ziel und die Reduzierung oder die Kontingentierung der Er-
zeugung sind ihre Mittel.

Durch die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit oder die Einlegung
eines wöchentlichen Ruhetages oder die Stillsetzung eines bestimmten
Prozentsatzes der Maschinen usw. können die kartellierten Unternehmungen
eine mehr oder minder starke Reduktion der Gesamterzeugung bewirken.
Diese Vereinbarungen haben nur den Nachteil, daß ihre Wirkungen sich
nicht berechnen lassen, man also nicht sagen kann, ob das Maß der Re-
duktion ausreicht, die Produktion auf die Größe der Nachfrage einzu-
stellen. In der verkürzten Arbeitszeit und mit der beschränkten Anzahl
Maschinen kann je nach der Intensität der Ausnutzung eine größere oder
kleinere Produktenmenge hergestellt werden. Die Wirkung der Beschrän-
kung kann also durch die Erhöhung der Betriebsintensität teilweise wieder
ausgeglichen werden. Es ist deshalb viel rationeller, die Gesamterzeugung
der kartellierten Produkte zu kontingentieren, denn das Gesamtkontingent
kann der jeweiligen Nachfrage angepaßt werden.

Soll die Gesamterzeugung kontingentiert, werden, dann muß für jedes
Unternehmen eine Anteilsziffer festgesetzt werden. Das geschieht in der
Weise, daß die tatsächliche Produktion oder der Absatz der einzelnen
Werke während einer bestimmten, für alle maßgebenden Zeit vor der
Kartellgründung zugrunde gelegt wird. Die Summen dieser Produktions-
ziffern ergeben die Gesamtproduktion. Wird diese je nach der Marktlage
herab oder herauf gesetzt, so variiert damit auch die Produktenmenge, die
jedes Kartellmitglied hersteilen darf.

Es kostet unendliche Mühe und langes Verhandeln, bis die Anteils-
ziffem der einzelnen Unternehmungen feststehen. Da sich aber die Ver-
hältnisse während der Kartelldauer ändern-, wird der Kampf um die Be-
teiligungsziffem immer wieder von neuem entbrennen. Die Unterneh-
mungen werden ihre Leistungsfähigkeit vielfach nicht nur den Fort-
schritten der Technik und der vermuteten Aufnahmefähigkeit des Marktes
entsprechend, ausdehnen, sondern in erster Linie deshalb, um eine höhere
Anteilsziffer zu erlangen. Solange das Kartell besteht, wird es zwar die
Produktion der Marktlage anzupassen suchen; aber da sich das Verhältnis
der Gesamtleistungsfähigkeit zum Bedarf immer mehr zuungunsten der
Unternehmungen verschlechtert, kann es nur unter starker Produktions-
einschränkung geschehen. Die Folgen eines solchen Ausdehnungsdranges
        <pb n="97" />
        ﻿89

wirken dort nicht so schlimm, wo die Produkte auf Lager gelegt werden
können und vor allem dort, wo eine reiche Absatzmöglichkeit außerhalb
des Machtkreises des Kartells, z. B. auf dem Weltmarkt, besteht. Die
Produktions- oder Absatzbeschränkungen1), was im Grunde dasselbe ist,
können sich nämlich bei den Produktionskartellen ohne gemeinsame Ver-
kaufsstelle nur auf den Inlandsmarkt oder auf einen Teil desselben be-
ziehen, denn nur hier kann das Kartell eine marktbeherrschende Stellung
erlangen, und durch seine Produktionspolitik Angebot und Nachfrage re-
gulieren. Auf dem Weltmarkt wird eine Produktionseinschränkung keinen
wesentlichen Vorteil bringen, da hier an eine Marktbeherrschung nicht
zu denken ist. Hier vermag nur eine tiefer greifende Kartellorganisation,
auf die wir gleich eingehen werden, Erfolge zu erzielen.

Die Kämpfe um die Beteiligungsziffern bereiten jeder Verlängerung
des Kartellvertrages große Schwierigkeiten. Aber auch während der
Dauer des Vertrages werden Erhöhungen der Beteiligungsziffern nicht
immer zu umgehen sein. Welche Anhaltspunkte sollen in diesem Falle
maßgebend sein ? Die alleinige Rücksicht auf die technische Leistungs-
fähigkeit der Werke, die einen Antrag auf Erhöhung ihrer Anteilsziffer
stellen, widerspricht dem eigentlichen Zweck des Kartells: der Anpassung
der Produktion an den möglichen Absatz. Wird dennoch dieser Maßstab
gewählt, dann muß das Kartell entweder, entsprechend der Erhöhung der
Beteiligungsquote einiger Werke, die der übrigen kürzen, oder eine größere
Produktionseinschränkung vornehmen, worunter wiederum die Werke,
die keinen Beteiligungszuwachs erstrebt haben, am meisten leiden. Es
ist also richtiger, die erhöhte technische Leistungsfähigkeit zwar als Basis
zu nehmen, eine Erhöhung der Anteilsziffer aber nur dann zuzuerkennen,
wenn sich die Marktlage so günstig erweist, daß die Erhöhung möglich ist,
ohne die Beteiligungen der anderen Kartellmitglieder zu verringernd

Beispiele für die beiden Wege bietet uns die Geschichte des rheinisch-
westfälischen Kohlensyndikats. Bei der Gründung des Kohlensyndikats
im Jahre 1893 wurde als Maßstab für die Beteiligung der einzelnen Zechen
nach ihrer Wahl die Förderung des Jahres 1891 oder 1892 angenommen.
Weiter wurde aber bestimmt, daß neuejf Schächten und solche^, die beim
Abschluß des Syndikatsvertrages eine normale Förderung noch nicht er-
reicht hatten, nach Ablauf einer dreimonatigen Anmeldungsfrist ohne
weiteres bis zu 400 Tonnen arbeitstäglich fördern dürften. Da die Aus-
dehnung der Beteiligungsziffer hiernach lediglich von technischen Erfor-

9 Absatzbeschränkungen beeinflussen die Produktionsgröße nicht direkt. Es
ist z. B. erlaubt, über das zugebilligte Absatzkontingent hinaus auf Lager oder für
Abnehmer außerhalb des Kartellgebietes zu arbeiten.
        <pb n="98" />
        ﻿— go

dernissen, von der Abteufung eines neuen Schachtes abhing, entstanden
überall neue Anlagen. „Noch mehr, es bildete sich geradezu ein neuer
Begriff der Syndikatsschächte und die Auffassung, daß darunter schlechthin
jedes Loch im Boden zu verstehen sei, aus dem man täglich 400 Tonnen
Kohle fördern könne.“1) Diese Unzuträglichkeiten führten schon ihm
Jahre 1895 zu einer Revision des Kartellvertrages. Zwar konnte auch
jetzt nicht durchgesetzt werden, daß die Aufnahmefähigkeit des Marktes
mitbestimmend sei für die Bewilligung eines Beteiligungszuwachses,
immerhin wurden von jetzt ab die neuen Schachtanlagen und die Gesamt-
lage der antragstellenden Zechen auf die technische Möglichkeit der
Fördervermehrung durch eine Kommission untersucht. Die Benach-
teiligung derjenigen Zechen, die nicht in der Lage waren, neue Schächte
abzuteufen, blieb also bestehen. Erst die Erneuerung des Syndikatsver-
trages im Jahre 1903 gab Gelegenheit diesen Zustand zu beseitigen. Nach
den noch geltenden Bestimmungen ist die Marktlage und die technische
Leistungsfähigkeit ausschlaggebend. Sobald die Nachfrage die Gesamt-
förderung des Syndikats überschreitet, wird die Förderung frei gegeben.
Jede Zeche darf ihre volle technische Leistungsfähigkeit ausnutzen und,
wer 6 Monate hintereinander die größere Förderung einzuhalten vermag,
erhält diese Menge als neue Beteiligungsziffer dauernd zugewiesen. Somit
haben also alle Zechen des Syndikats die gleichen Chancen, ihre Beteiligung
der Marktlage entsprechend zu steigern, wodurch erst der eigentliche
Zweck der Produktionskontingentierung erreicht wird.

Das Streben nach einer höheren Anteilsziffer, um die Produktions-
kosten herabzudrücken, konnte sich jetzt nur noch in der Weise betätigen,
daß die größeren kapitalkräftigen Zechen die kleinen notleidenden auf-
kauften, um sie still zu legen und ihre Beteiligungsquote zu übernehmen.
War dieser Weg auch nicht neu, da er auch in der Zeit von 1893—1903
verschiedentlich eingeschlagen worden war, so gewann er doch jetzt an
Bedeutung, und die Stillegung von 5 Zechen in verhältnismäßig kürzer
Zeit seit der Wirksamkeit der neuen Bestimmungen rief große Beunruhi-
gungen hervor. Ist aber die Beschränkung des Wettkampfes, also die
Regulierung der Produktion durch ein Kartell, eine Notwendigkeit, die
nicht mehr zu umgehen ist, dann kann es nur als ein Vorteil begrüßt
werden, wenn auf diesem Wege trotz der Einengung der Produktions-
freiheit den großen leistungsfähigen Zechen die Möglichkeit gegeben wird,
mit geringeren Kosten zu arbeiten. Der Senkung der Produktionskosten
einiger Zechen steht außerdem die Ausschaltung der Betriebe mit den
höchsten Kosten, denen nicht einmal der Kartellschutz zur Existenz-

*) Goetzke a. a. O. S. 31/33.
        <pb n="99" />
        ﻿9i

Sicherung ausreichte, gegenüber. Dieses Resultat kann die Preistendenz
des Kartells nur günstig beeinflussen, während es gleichzeitig infolge der
Verringerung der inneren Reibungen an Festigkeit gewinnt.

In der Kokserzeugung ist bisher noch die technische Leistungsfähigkeit
der Maßstab für die Größe der Beteiligungsziffer. Für jede neue Tiefbau-
anlage, für die eine Kokerei eingerichtet wird, muß auch eine Zusatzbe-
teiligung bewilligt werden. Das hat zur ständigen Ausdehnung der Koks-
erzeugung geführt. Die Kokserzeugung muß sich aber nach dem Bedarf
ihrer Abnehmer also hauptsächlich nach der Roheisenerzeugung richten.
Der Durchschnittsversand des Roheisenverbandes betrug in den ersten
5 Monaten des Jahres 1914 etwa 85,83% der Beteiligung, so daß also der
wirkliche Versand hinter der Beteiligung nur um 14,2% zurückblieb,
während am Koksmarkt eine Produktionseinschränkung von 55% not-
wendig war1). Dieses Mißverhältnis ist nicht nur eine Folge der Errichtung
neuer Kokereien auf den Syndikatszechen, sondern auch der außersyn-
dikatlichen, vor allem der fiskalischen Zechen. Der neue Vertragsentwurf
des Kohlensyndikats sieht eine Bestimmung vor, nach der neben der
technischen Leistungsfähigkeit die wirtschaftliche Absatzmöglichkeit
für die Beteiligungsziffer in Koks maßgebend sein soll. Hat ein Zechenbe-
sitzer bereits eine Verkaufsbeteiligung in Koks oder Briketts, dann soll
seinem Anträge auf Erstbeteiligung für eine neue Kokerei nur dann
stattgegeben werden, wenn innerhalb eines halben Jahres vor Stellung
des Antrages in mindestens 3 aufeinander folgenden Monaten wenigstens
85 % der Gesamtverkaufsbeteiligung in Koks oder Briketts abgesetzt
worden sind.

Außer der Regelung der Beteiligungsquoten haben die Kartelle, die
durch Kontingentierung das Überangebot beseitigen wollen, und ebenso
die einfachen Reduktionskartelle noch eine andere Aufgabe zu lösen.
Will das Kartell die Produktion beherrschen, dann kann es die großen
kombinierten Betriebe nicht unberücksichtigt lassen. Die Unternehmungen
mit vertikaler Kombination werden sich an einer Kartellierung der Roh-
stoffe und Zwischenprodukte gern beteiligen, um die Preise dieser Produkte
auf einer Höhe zu halten, die ihren eigenen Absatz dieser Produkte nicht zu
sehr einengt, aber den Vorteil der Kombination^den reinen weiterver-
arbeitenden Werken nicht teilhaftig werden läßt^Sie sind also auch bereit,
soweit sie mit diesen Produkten auf den Markt angewiesen sind, sich den
Produktionsbeschränkungen zu unterwerfen. Dagegen suchen sie jeden
Eingriff in ihre Verfügungsgewalt über den Teil ihrer Erzeugnisse abzu-
wehren, den sie selbst zu Fertigprodukten weiter verarbeiten. Dieses

J) Rheinisch-Westfälische Zeitung Nr. 707 vom 14. Juni I9r4-
        <pb n="100" />
        ﻿92

Streben ist von dem Gesichtspunkt aus berechtigt, daß die kombinierten
Betriebe doppelt getroffen werden, wenn auch ihr Selbstverbrauch der
Produktionseinschränkung unterliegt, da sie ja nicht nur einen Teil ihres
Betriebes, der das kartellierte Produkt herstellt, stillegen müßten, sondern
auch eine entsprechende Anzahl Maschinen der Abteilungen, in denen sich
die Weiterverarbeitung vollzieht. Andererseits ist auch die Forderung
derjenigen Mitglieder des Kartells, die sich nicht auf die Weiterverarbeitung
der Produkte verlegt haben, berechtigt, daß der Selbstverbrauch der
kombinierten Werke nicht völlig frei bleiben dürfe; denn sonst werden
die reinen Werke je nach der Marktlage mit einer verstärkten oder länger
andauernden Produktionseinschränkung zu rechnen haben. Schränkt das
Kartell die Produktion ein, dann haben ja die kombinierten Werke die
Möglichkeit, solange der Markt aufnahmefähig ist, die kartellierten Pro-
dukte zu verarbeiten und in irgendeiner anderen Form abzusetzen. Da-
durch umgehen sie die Produktionseinschränkung, während sie gleich-
zeitig die reinen Weiterverarbeiter bedrängen und folglich ihren Kartell-
mitgliedern, die auf den direkten Absatz ihrer Produkte an jene angewiesen
sind, den Markt noch weiter einschränken. Hier klaffen also Interessen-
gegensätze, die auf den ersten Blick unüberbrückbar erscheinen, und an
denen die Produktionskartelle immer leiden werden. Da aber eine Pro-
duktionsregulierung ohne Mitwirkung der kombinierten Betriebe unmöglich
ist, andererseits die Vorzugsstellung der kombinierten Werke wesentlich
darauf beruht, daß die reinen Weiterverarbeiter die Rohstoff- und Halb-
fabrikate nicht infolge des scharfen Wettkampfes ihrer Produzenten zu
Preisen bekommen, die die Selbstkosten der kombinierten Werke er-
reichen, werden die Bemühungen von beiden Seiten immer wieder zu
Kompromissen führen, die der Machtstellung der beiden Parteien und der
Marktlage entsprechen.

Im Anfang besaßen vielfach die reinen Werke die Übermacht, folglich
fielen die Verträge zu ihren Gunsten aus. In dem 1893 gegründeten rhei-
nisch-westfälischen Kohlensyndikat z. B. waren die wenigen Hüttenzechen
überhaupt nicht vertreten. Da aber die Preispolitik der Kartelle die Vor-
zugsstellung der kombinierten Werke sicherte und erhöhte, nahm ihre
Zahl rasch zu und zwar traten sie vielfach nicht den Kartellen bei. Diesen
Außenseitern sind aber die Kartelle eine wichtige Stütze, somit müssen
sie ihnen beitreten, wenn ohne ihre Mitwirkung die Existenz der Kartelle
in Frage steht.

Die Zeit der größten Reibungen im Kartell setzt ein, wenn die Macht-
stellung der kombinierten Werke der der Reinen gleichkommt. Mißver-
standenes Selbstinteresse auf beiden Seiten sprengt gelegentlich für kurze
Zeit das Kartell. Solange aber die reinen Anbieter für die reinen Weiter-

/
        <pb n="101" />
        ﻿verarbeiter noch eine nennenswerte Bedeutung besitzen, müssen die kom-
binierten Werke auch durch Entgegenkommen ihren nicht kombinierten
Konkurrenten das Interesse am Kartell zu erhalten suchen.

Einige Beispiele mögen als Beweis dienen. In dem lothringisch-
luxemburgischen Roheisensyndikat, das 1879 gegründet wurde, waren die
gemischten Stahlwerke mit ihrer gesamten Roheisenproduktion im Syn-
dikat, das sich auch auf den Export erstreckte, eingeschätzt. Doch konnten
sie nach vorheriger Mitteilung ihren Anteil an die Karteilieferungen zurück-
ziehen, wenn sie das Roheisen selbst bedurften. In der Hochkonjunktur
der 90er Jahre ereignete es sich, daß die Stahlwerke zu spät Anteile ab-
meldeten, die das Syndikat schon an Dritte verkauft hatte. Trotz drin-
genden eigenen Bedarfs mußten sie diese Quanten liefern. Die Folge war,
daß die Stahlwerke 1900 eine Änderung der Statuten verlangten. Sie
wollten ohne bestimmte Beteiligungsziffer stimmberechtigte Mitglieder
des Syndikats bleiben und forderten das Recht, ihm jederzeit den Über-
schuß ihrer Roheisenproduktion über den eigenen Bedarf zuweisen zu dürfen.
Sie selbst wollten nur die Verpflichtung übernehmen, kein Roheisen außer-
halb des Syndikats zu verkaufen. Diese Vorschläge waren im Interesse
der reinen Hochöfen für das Syndikat unannehmbar. Schließlich einigte
man sich dahin, daß die Stahlwerke nur mit einem bestimmten Teil ihrer
gesamten Roheisenproduktion dem Syndikat beitraten und ihr Selbstvep*
brauch völlig frei blieb. Ihre Beteiligungsziffer war den Produktions-
einschränkungen unterworfen und konnte nur mit Zustimmung der Syn-
dikatsmitglieder bei eintretendem höheren Selbstbedarf zurückgezogen
werden1).

Eine eigenartige Regelung des Selbstverbrauchs hatte der im Jahre
1894 gegründete Verein für den Verkauf des Siegerländer Roheisens ge-
troffen. Das Syndikat umfaßte die gesamte Produktion der Hochöfen,
also Inlandsabsatz, Ausfuhr und Selbstbedarf. War eine Produktionsein-
schränkung nötig, so wurde zunächst von der Anteilsziffer die beschlossene
Einschränkung abgezogen. Dann mußten die gemischten Werke ihren
Selbstbedarf angeben. Dieser wurde ebenfalls gekürzt, aber nur um die
Hälfte der beschlossenen Produktionseinschränkung. Die Differenz
zwischen der gekürzten Anteilsziffer und dem gekürzten Selbstbedarf
wurde durch das Syndikat verkauft. Die Stahlwerke besaßen also nur
einen geringen Vorzug vor den reinen Hochöfen. Im Frühjahr 1900 hatten
die Stahlwerke ihren Selbstbedarf überschätzt und sich an den Roheisen-
syndikatsabschlüssen für 1901 nur in geringem Maße beteiligt. Als die

b Heymann, Die gemischten Werke im deutschen Großeisengewerbe 1904
        <pb n="102" />
        ﻿94

Konjunktur umschlug, vermochten die Stahlwerke ihre Fabrikate nicht
abzusetzen und mußten dementsprechend schließlich auch ihre Roheisen-
erzeugung einschränken, während die reinen Hochöfen die Abnahme ihrer
durch das S3mdikat verkauften Mengen durchsetzten und glänzende Über-
schüsse erzielten. Auch hier führte diese Erfahrung zu einer Neuregelung.
Die gemischten Werke erstrebten volle Freiheit in der Verfügung über
ihren Selbstbedarf. Wenn sie auch dieses Ziel nicht erreichten, so fiel
doch der neue Vertrag wesentlich zu ihren Gunsten aus. Das von den ge-
mischten Werken an das Syndikat zu liefernde Quantum wurde von jeder
Einschränkung befreit; der Selbstbedarf sollte nur zur Hälfte der normalen
Einschränkung unterworfen sein und bei den Martin werken das Roheisen,
das über 25 % des Einsatzes an Stelle von Schrott verwandt wurde, eben-
falls einschränkungsfrei bleiben1).

In dem allgemeinen deutschen Roheisensyndikat, das seit dem 1. Ja-
nuar 1912 besteht, ist der Roheisenselbstverbrauch von dem Verkauf an
den Verband ausgeschlossen, nur die Mengen des Selbstverbrauches unter-
liegen der Kontrolle des Verbandes.

Erhebliche Schwierigkeiten bereitet die Regelung des Selbstverbrauchs
auch dem Kohlensyndikat. In der Aufschwungszeit der 90er Jahre hat
sich die Zahl der sogenannten Hüttenzechen, der Zechen, die sich mit
einem Hüttenwerk fusioniert hatten, wesentlich vermehrt. Bei der Er-
neuerung des Kartells 1903 mußte man sorgen, diese machtvollen Zechen
dem Kartell zu erhalten und ebenfalls die alten Hüttenzechen, die man bei
der Gründung des Kartells außerhalb gelassen hatte und die inzwischen
wesentlich leistungsfähiger geworden waren, hereinzuziehen. Das war
nur zu erreichen, wenn der Selbstverbrauch dieser Hüttenzechen ein-
schränkungs- und umlagefrei blieb. Hier war also die Entscheidung von
vornherein zugunsten der Hüttenzechen ausgefallen. Da aber im Kohlen-
syndikat die reinen Zechen immer noch ein erhebliches Gewicht haben,
mußte der Nachteil, der ihnen aus der Regelung besonders in den Jahren
des Niedergangs erwuchs, große Mißstimmung hervorrufen. Während die
reinen Zechen durch die Produktionseinschränkungen und die Umlagen
schwer belastet wurden, hatten die kombinierten Unternehmungen durch
billige Verkäufe von nichtkartellierten Fertigwaren und durch billige Aus-
landsverkäufe die Möglichkeit, die Leistungsfähigkeit ihrer Hochöfen,
Stahl- und Walzwerksanlagen auszunutzen und dementsprechend auch
ihre Kokereien und Zechen in Betrieb zu erhalten. Durch diese Verkäufe
waren sie auch in der Lage, das Absatzgebiet der reinen oder nicht genug
kombinierten Werke der Eisenindustrie zu beschränken, wodurch zunächst

*) Heymann a. a. O. S. 74/75-
        <pb n="103" />
        ﻿9$

der Kohlenabsatz des Syndikats, dann aber vor allem der Koksabsatz der
reinen Zechen leiden mußte, denn durch die Marktverschiebung wurden
wesentlich auch die reinen Hochöfen, die Hauptabnehmer von Koks ge-
troffen. Die aus der Mißstimmung der reinen Zechen erwachsenen Reibe-
reien im Syndikat zwangen schließlich im August 1909, eine Änderung des
Syndikats Vertrages vorzunehmen. Jetzt wurden auch die Selbstver-
brauchsziffern der Hüttenzechen festgelegt; nur bis zur Höhe dieser
Ziffern dürfen die Zechen die geförderten Kohlen einschränkungsfrei und
umlagefrei selbstverbrauchen. Die ganze übrige Förderung unterliegt
den Vorschriften des Syndikats. Diese Einschränkung des Selbst Verbrauchs
traf die Hüttenzechen zunächst nicht so schwer, da die Ziffern sehr hoch
bemessen waren und für die erste Zeit ihren Bedarf überstiegen. Außerdem
war auch eine Bestimmung getroffen, daß im Falle einer Erhöhung der
Beteiligungsziffern der Zechen am Syndikat auch die Quote des Selbst-
verbrauchs im gleichen Verhältnis wachsen sollte. Nur einen geringen
Schutz erlangten die reinen Zechen durch diese Neuregelung, der erst eine
Stärkung durch die Bestimmung erfuhr, die verhinderte, daß bis zum Ab-
lauf des Syndikatsvertrages die reinen Zechen durch Fusion den Charakter
einer Hüttenzeche zu erlangen vermochten.

Die Stärkung der Spannung im Kohlensyndikat offenbarte sich be-
sonders im Sommer 1914 während der schwebenden Verhandlungen zur Er-
neuerung des Syndikatsvertrages. Als einer der wichtigsten Streitpunkte
galt die Regelung des Verhältnisses zwischen Hüttenzechen und reinen
Zechen. Nach dem neuen Vertragsentwurf, der vor dem Krieg aufgestellt
war, sollten die Hüttenzechen die Vorzugsstellung behalten, die ihnen neben
der Beteiligungsziffer am Gesamtabsatz des Syndikats eine allerdings fest
begrenzte, aber einschränkungsfreie Verbrauchsbeteiligung zubilligt. Die
Verbrauchsbeteiiigung darf in Koks und Briketts für den eigenen Verbrauch
umgewandelt werden. Die Kokserzeugung der Hüttenzechen soll aber in-
sofern eine wichtige Einschränkung erfahren, als die Hüttenzechen das
Recht, Kokskohlen vom Syndikat hinzuzukaufen, um auch hieraus noch
Koks herzustellen, erst dann haben, wenn ihre gesamte Selbstverbrauchs-
ziffer bereits in Koks umgewandelt ist. „Darin liegt eine gewisse Gewähr
für die Stetigkeit der Weiterentwicklung des Kohlenabsatzes des Syndikats
und damit der reinen Zechen. Außerdem soll die Zuteilung der hinzuge-
kauften Kokskohlenmengen in erster Linie aus den eigenen Verkaufsanteilen
der Hüttenzechenbesitzer vorgenommen werden, so daß sich deren Anteil
an dem Gesamtverkauf des Syndikats entsprechend verringert“1). Auch

9 Kölnische Zeitung Nr. 555 vom 13. Mai 1914. Der Neue Vertrag des Kohlen-
Syndikats.
        <pb n="104" />
        ﻿soll der Selbstverbrauch nicht mehr ganz umlagefrei bleiben; denn in dem
Falle, wq der anteilige Abzug bis zur Höhe von 3% von den Syndikats-
verkäufen in Kohlen, Koks und Briketts nicht ausreicht, die Kosten zu
•decken, soll der Fehlbetrag durch eine gleichmäßige Tonnenumlage auf
die Gesamtförderung aller Zechenbesitzer mit Ausnahme der Förder-
mengen, die lediglich zur Aufrechterhaltung des Grubenbetriebes gedient
haben, aufgebracht werden Mit diesen Bestimmungen hofft man die mitt-
lere Linie gefunden zu haben, die ein gedeihliches Zusammenwirken der
Hüttenzechen und der reinen Zechen, die beide das Syndikat nicht ent-
behren könnten, ermöglicht.

Sobald die Produktionskartelle durch die Kontingentierung der Er-
zeugung die Beseitigung des Überangebotes erstreben, müssen sie auch
zur Errichtung einer Zentralstelle übergehen, die für eine Verteilung der
Aufträge gemäß der Beteiligungsziffer Sorge trägt und die Kontrolle über-
nimmt. Wird nun dieser Zentralstelle auch der Verkauf der Produkte
überwiesen, so ist damit ein neuer tiefer Eingriff in die Selbständigkeit
•der Kartellmitglieder vollzogen. Die direkten Beziehungen der Produ-
zenten zur Kundschaft hören auf, die Verkaufszentrale oder das Syndikat,
welcher Name besonders auf die Verkaufs- oder Vertriebskartelle
angewendet wird, schiebt sich als Vermittlerin ein. In der Regel errichtet
das Kartell ein eigenes Verkaufsbureau. Es kann die Funktion der Zentral-
stelle aber auch einer Kartellfirma, einem außenstehenden Handelshaus
oder einer Bank übertragen werden. Für die eigene Verkaufszentrale
wird meist die Form der Aktiengesellschaft oder der Gesellschaft mit be-
schränkter Haftung gewählt; natürlich können auch andere Gesellschafts-
formen zur Anwendung kommen.

Bedeutet die Verkaufskartellierung einen viel schärferen Eingriff
in die Selbständigkeit der einzelnen Unternehmungen, so gibt sie auch
•eine ganz andere Überlegenheit auf dem Markt. Erst die Verkaufskartelle
vermögen einen bestimmenden Einfluß auf den Zwischenhandel und
seine Organisationen auszuüben, erst sie geben die Kraft, die Position der
heimischen Produzenten im internationalen Konkurrenzkampf zu bessern,
•erst sie können eine zielbewußte Preispolitik treiben, ganz anders als jene
losen Preiskartelle, von denen bereits die Rede war.

Der Handel, dessen volkswirtschaftliche Aufgabe es ist, die zeitlichen
und örtlichen Schwankungen zwischen Angebot und Nachfrage auszu-
gleichen, kann die Politik der Kartelle niederer Ordnung, der Kartelle
ohne eigene Verkaufszentrale, in manchen Fällen durchkreuzen. Der Wett-
bewerb der Händler untereinander ruft oft eine Preisbewegung hervor,
die den Einfluß der Kartellpreise vollständig ausschaltet. Diese Preis-
        <pb n="105" />
        ﻿bewegung, die zeitweise außerordentlich stark nach unten gerichtet ist,
verursacht auch erhebliche Schwankungen in der Aufnahmefähigkeit des
Marktes, stört den klaren Überblick über die wirkliche Marktlage. Nicht
minder wird häufig die Marktlage verdunkelt durch große Spekulations-
abschlüsse der Händler zu Beginn einer aufsteigenden Konjunktur. Und
wie in den Zeiten des Überangebotes der Wettbewerb der Händler die
Preise unter die Kartellpreise herabdrückt, so vermögen die Händler in
der Zeit der Knappheit durch Ausnutzung der Hochkonjunktur die Preise
weit, über die Kartellpreise hinauszuschrauben. Bewegten sich doch nach
dem Ausschußbericht der Rheinisch-Westfälischen Handelskammern die
Preiserhöhungen in der Zeit der Kohlennot 1900 bei den Verbrauchern,
die direkt vom Syndikat bezogen hatten, zwischen 10 und 17% M. für
den Doppelwagen, während sie bei jenen Verbrauchern, die von den Einzel-
händlern bezogen hatten, bis zu 115 M. für den Doppelwagen betrugen1).
Will also ein Kartell seine Ziele erreichen, dann muß es versuchen, einen
stärkeren Zwang auf den Handel auszuüben. Diese Macht besitzen
aber nur die Kartelle mit eigener Verkaufszentrale, allerdings auch nur
dann, wenn nicht kräftige Außenseiter oder die ausländische Kon-
kurrenz dem Handel die Möglichkeit gibt, dem Druck der Kartelle
auszu weichen.

Das radikalste Mittel ist natürlich die Ausschaltung des Zwischen-
handels. Jedoch stehen dem Vorteil der direkten Lieferung an die Ver-
braucher schwerwiegende Nachteile gegenüber. Schalten die Produzenten
den Handel aus, dann müssen sie die risikoreiche Aufgabe des Handels
selbst übernehmen. Folglich sehen wir nun in den Fällen die Kartelle
dieses Ziel verfolgen, wo es sich um die Großabnehmer handelt, deren Be-
darf so einheitlich und regelmäßig ist und auf deren Erfüllung der über-
nommenen Verpflichtungen so sicher gerechnet werden kann, daß das
Risiko in diesen geschäftlichen Beziehungen keine Rolle mehr spielt.
„Mehrere Kartelle höherer Ordnung haben daher in ihren Verkehrsbe-
dingungen den Händlern die Lieferung an bestimmte Kategorien von
Großverbrauchern ausdrücklich untersagt* 2).“ Diese Bestrebungen der
Kartelle stärken allerdings nur eine Tendenz, die auch ohne ihre Mitwirkung
vorhanden war und ist. Überall wo die Geschäftsverbindungen zwischen
den einzelnen Händlern und Konsumenten so fest eingefahren sind, daß
sie kaum noch ein Risiko enthalten, setzen die Bestrebungen ein, der
Spesenerspamis halber den Händler auszuschalten. „Dieser sieht sich also

J) Bonikowsky, Der Einfluß der industriellen Kartelle auf den Handel in
Deutschland 1907 S. 136.

2) Bonikowsky S. 139.

Mannstaedt, Zusammenschluß im Gewerbe.

7
        <pb n="106" />
        ﻿in die Rolle des Erziehers gedrängt, der sein eigentliches Ziel erreicht*
nämlich sich selbst überflüssig gemacht hat1).“

Da abgesehen von den Beziehungen zu den Großverbrauchern einer-
seits es ,.geradezu eine technische Unmöglichkeit ist, die Konsumenten
alle direkt zu bedienen“ (Kirdorf), andererseits es unklug wäre, das Risiko
des Absatzes den Kartellen allein aufzuladen, müssen diese einen anderen
Weg suchen, dem Handel die Selbständigkeit weit genug zu beschränken*
um nachteilige Maßnahmen von seiner Seite zu unterbinden. Durch ein-
gehende Bestimmungen über Mindestpreise, Gewinnzuschläge, oder durch
vollständige Festlegung der Handelsverkaufspreise, ferner durch weit-
gehende Regelung der Lieferungsbedingungen z. B. Begrenzung der Ab-
schlüsse nach Umfang und Zeit und durch Einengung des Absatzgebietes
läßt sich der Spielraum der Tätigkeit der Händler so umgrenzen, daß sie
mehr und mehr den Charakter des Eigenhandels verliert und zum reinen
Provisionsgeschäft herabsinkt.

Allerdings hat die überwiegende Mehrzahl der Kartelle, die in die selbst-
ständige Preisgebarung des Handels eingegriffen haben, es im eigenen
Interesse für zweckmäßiger gehalten, nur eine Begrenzung der Verkaufs-
preise nach unten vorzunehmen und im übrigen dem Handel ein gewisses
Maß von Bewegungsmöglichkeit in der Bemessung der Verkaufspreise zu
lassen. Wie weit aber auch das einzelne Verkaufskartell seine beschrän-
kenden Bestimmungen ausdehnen mag, nur dann haben sie einen Zweck,
wenn die Durchführung überwacht werden kann. Je größer die Zahl der
Händler, desto schwieriger ist die Kontrolle. Nur eine durchgreifende
Organisation der Händler unter Führung der Kartelle vermag diese
Schwierigkeit vollkommen zu beseitigen.

Die Vorbilder zu solchen Organisationen waren vorhanden. Um sich
den Absatz zu sichern, und dauernd innigere Fühlung mit dem Markte zu
erhalten, haben manche Großbetriebe mehr oder minder enge Bezie-
hungen zu einem Großhändler oder zu einigen Großhändlern angeknüpft.
In ähnlicher Weise können die Kartelle sich helfen, wenn sie nur mit den
Großhändlern in direkten Verkehr treten und alle übrigen Händler an
jene verweisen, zu Händlern zweiter Hand herabdrücken. Dadurch haben
sie einerseits die Kontrolle wesentlich erleichtert, andererseits ihren Absatz
sicherer und einfacher gestaltet. Treten die Kartelle nur noch in direkten
Verkehr mit den Großverbrauchern und Großhändlern und haben sie sich
in der Organisation der Großhändler eine entscheidende Stimme gesichert,
dann reicht ihr Einfluß bis zum kleinsten Konsumenten — natürlich

x) Wiedenfeld, Der Handel und die Industriekartelle. Schmollers Jahrbuch.
1903 S. 1729.
        <pb n="107" />
        ﻿99

solange sie nicht durch Außenseiter oder ausländische Konkurrenz aus
ihrer marktbeherrschenden Stellung verdrängt werden.

Nur wenige Kartelle und selbstverständlich nur solche mit eigener
Verkaufszentrale haben ihre Organisation bis zu dieser Vollkommenheit
ausbauen können. Am bekanntesten sind die Organisationen des Rheinisch-
Westfälischen Kohlensyndikats und des Stahlwerksverbandes.

Das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat steht nur mit den Groß-
verbrauchern und Großhändlern, denen es ganz gleichmäßige Abnahmen
und Zahlungsbedingungen auferlegt, in direktem Verkehr. Um die Kon-
kurrenz der Großhändler möglichst zu beschränken, hat es außerdem sein
gesamtes Absatzgebiet in 29 Reviere eingeteilt und den Händlern nicht
nur bestimmte Reviere zugewiesen, sondern ihnen auch noch den
Absatz bestimmter Marken übertragen. Da aber trotz dieser weit-
gehenden Einengung infolge des Vorgehens einzelner Händler keine be-
friedigende Absatz- und Preisverhältnisse ein traten, verzichteten die
Großhändler des Kasseler Reviers auf den Rest von Selbständigkeit, der
ihnen geblieben war und schlossen sich, unter Mitwirkung des Syndikats,
im Jahre 1896 zur Kohlenhandelsgesellschaft m. b. H. „Glückauf“ zu-
sammen. Nach diesem Muster sind dann die übrigen Kohlenhandelsgesell-
schaften gebildet worden, deren Zahl sich im Jahre 1912 auf 10 belief. Sie
stehen zum Kohlensyndikat in einem festen Vertragsverhältnis, das dem
Syndikat einen maßgebenden Einfluß zuweist und den Gesellschaften
den Alleinverkauf der Syndikatserzeugnisse in dem zugewiesenen Revier
überträgt. Die einzelnen Mitglieder haben auf eigene Großhandelstätigkeit
verzichtet und dafür eine feste Beteiligungsquote, ihrem bisherigen Umsatz
entsprechend, erhalten. Nach dieser Quote richtet sich die Kapitaleinlage,
die Nachschußverpflichtung und der Gewinnanteil der Mitglieder. Die
Verkaufsbedingungen der Gesellschaften sind denen des Syndikats nach-
gebildet. Diese Bedingungen hatten zur Folge, daß ihre Hänijllerabnehmer
vielfach ebenfalls Vereinbarungen über die Mindestpreise und sonstigen
Bedingungen getroffen haben, ln einzelnen Städten sind die Kleinhändler
den Spuren der Großhändler gefolgt und haben sich ihrerseits zur Gesell-
schaft m. b. H. zusammengeschlossen. Die Kohlen Vorräte, die Grund-
stücke, sowie das tote und lebende Inventar der Kleinhändler geht in den
Besitz der Gesellschaft über und der Gewinn wird nach Anteilsziffern
verteilt.

Eine besondere Beachtung verlangt die Rheinische Kohlenhandels-
und Reedereigesellschaft, die unter dem Namen „Kohlenkontor" all-
gemeiner bekannt ist. In allen Revieren des Rheinisch-Westfälischen
Kohlensyndikats, nach denen der Absatz von den Zechen hauptsächlich
mit der Bahn erfolgt, lagen die Verhältnisse für die Durchführung einer
        <pb n="108" />
        ﻿IOO

zielbewußten Preispolitik wesentlich günstiger als in den Gebieten, die
auf den Rheinversand angewiesen sind. Der ständige Wechsel der Schiffs-
frachten, durch den Wasserstand des Rheins und das Angebot der Schiffe
verursacht, mußte sich in den Preisen widerspiegeln. Da außerdem
damals schon einige Kohlengroßhändler und einige Zechenbesitzer gleich-
zeitig eigene Reedereibetriebe unterhielten, also sich zu gemischten Be-
trieben entwickelt hatten, waren hier die Gegensätze unter den Groß-
händlern besonders scharf und führten in den Jahren des Niederganges
zu Anfang dieses Jahrhunderts zu heftigen Kämpfen um den Absatzmarkt.
Die Organisationsbestrebungen, die seit 1901 auch in diesem Gebiet ein-
setzten, mußten neben der Regelung des Kohlen Vertriebes notwendig auch
eine einheitliche Handhabung der Tarifsätze zu erlangen suchen. Diese
schwierige Aufgabe konnte nur unter Mitwirkung des Rheinisch-West-
fälischen Kohlensyndikats gelöst werden. Somit machten die 4 Reeder-
zechen Franz Haniel &amp; Co., Mathias Stinnes, Hugo Stinnes und die Bergbau-
und Schiffahrts-Aktiengesellschaft vorm. Gebr. Kannengießer bei den
Emeuerungsverhandlungen des Kohlensyndikats im Jahre 1903 ihre Zu-
stimmung zur Verlängerung von einer Organisation des Rheinversandes
abhängig. Die Folge war die Gründung der Rheinischen Kohlenhandels-
und Reedereigesellschaft m. b. H. durch das Syndikat und die 4 Zechen-
reedereien. Am 1. April 1904 eröffnete sie ihren Betrieb. Dem Kohlen-
kontor gehörten ursprünglich 45 Firmen an. Es waren jene, die im Durch-
schnitt der letzten Geschäftsjahre vor der Gründung mindestens 50000 t
Kohlen, Koks und Briketts im Interessengebiet des Kontors ab-
gesetzt hatten. Ihre Zahl ist durch Fusion bereits auf 36 zusammenge-
schmolzen. Hauptbeteiligter ist das Kohlensyndikat, dem die Absatz-
mengen derjenigen Händler zugefallen sind, die ihres geringen Umsatzes
wegen nicht in die Gesellschaft aufgenommen wurden. „Das Kohlen-
kontor soll den direkten und indirekten Absatz über die Rheinstraße mit
Ausnahme der Verschiffung nach Belgien, Frankreich und für die Seeaus-
fuhr, und ferner den direkten Eisenbahn Versand nach Süddeutschland,
oLux, jjkf Schweiz, Vorarlberg und Tirol bewirken. In diesem Gebiet hat das
Syndikat dem Kontor den Alleinverkauf seiner Produkte mit Ausnahme
der Lieferungen an Eisenbahnen, Gasanstalten, Behörden und Großkon-
sumenten mit einem Mindestverbrauch von 6000 t jährlich übertragen1).“
Die selbständige Handelstätigkeit mußten auch hier die Einzelmitglieder,
soweit sie reine Kohlenhändler waren, vollständig auf geben. Anders ist
die Lage der Reederfirmen. Da das Kontor einen eigenen Transport- und
Lagerungsapparat nicht besitzt, sind seine Mitglieder „soweit sie zugleich

l) Bonikowsky a. a. O. S. 253.
        <pb n="109" />
        ﻿IOI

Reeder sind, oder Lagerplätze, Brikettfabriken u. dgl. besitzen, nach dem
Gesellschaftsstatut verpflichtet, diese Anlagen gegen feste Gebühren dem
Gemeinschaftsbetrieb zur Verfügung zu stellen und auf ihren Schiffen
eine bestimmte, nach dem Durchschnitt der Jahre 1901—1903 sich rich-
tende Menge Kohle zu festgesetzten, von Zeit zu Zeit aber zu revidierenden
Frachtsätzen zu befördern. Übersteigt die Gesamtmenge der vom Kontor
abgesetzten Kohle jenen Betrag, so ist es für den Überfluß auf den freien
Frachtenmarkt angewiesen, wobei ihm auch seine Mitglieder als freie Kon-
trahenten gegenüber stehen. Ebenso sind diese nicht behindert, in der
sonstigen Ausnutzung und Ausdehnung ihres Schiffsparkes. Die Reeder-
firmen haben also nur einen Teil ihres Betriebes, der mehr Annex der
Schiffahrt ist, ganz an die Vereinigung abgetreten; in ihrem Kern sind
sie noch selbständige Wirtschaftssubjekte geblieben1)2).“

In ähnlicher Weise wie das Kohlensyndikat hat der Stahlwerksver-
band den Trägerhandel organisiert. Die Großhändler, die mit Ausnahme
einiger Großkonsumenten, allein mit dem Stahlwerksverband in direktem
Verkehr stehen, sind in Träger-Händlervereinigungen zusammengefaßt.
Für Deutschland bestehen vier territoriale Vereinigungen, zu denen noch
das Trägerverkaufskontor in Berlin hinzukommt. Im Gegensatz zu den
Kohlenhandlungsgesellschaften des Kohlensyndikats erfolgt Einkauf- und
Verkauf der- Mitglieder der Großhändlervereinigungen auf eigene Rech-
nung; ihre Selbständigkeit ist also nicht aufgehoben. Nur die Mitglieder
des Trägerkontors in Berlin sind in ihrer selbständigen Handelstätigkeit
größeren Beschränkungen unterworfen. Im übrigen ist der Trägerhandel
noch einheitlicher organisiert als der Kohlenhandel. Jedes Mitglied der
territorialen Gruppen „erhält vom Stahlwerksverband eine feste Ver-
gütung von M. 2,50 pro t seines Bezuges. Unter diesen Großhandelsgesell-
schaften steht eine zweite Gruppe von Händlern, die nicht direkt vom
Stahlwerksverband kaufen und M. 1,50—M. 2,00 pro t als feste Vergütung
erhalten. Unter diesen wieder stehen dann die lokalen Vereinigungen,
in denen sich die Detailhändler zusammen geschlossen haben, die aber

b Wiedenfeld, Das Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat 1912 S. 33.

2) Die Zahl der Zechenreedereien, die sich anfangs auf vier belief und in den
folgenden Jahren auf sechs anwuchs, stieg in der ersten Hälfte des Jahres 1914 auf 16.

1	Der Zusammenschluß von Zechen mit Reedereien, die Mitglieder des Kohlenkontors

sind, ist eine Folge der Schwierigkeiten, die der Syndikatserneuerung im
Wege stehen. Für den Fall der Auflösung des Syndikats suchen die Zechen eigene
Verbindung zum Markt zu gewinnen. Außerdem erweist sich diese Verbindung auch
im Falle der Syndikatserneuerung als vorteilhaft, da die Reedereien vermöge ihres
festen Zusammenschlusses im Kohlenkontor gute Gewinne erzielen. Vgl. Kölnische
Zeitung Nr. 785 vom 9. Juli 1914. Rheinische Kohlenhandels- und Reedereigesell-
schaft m. b. H.
        <pb n="110" />
        ﻿102

im Gegensatz zum Kohlenhandel auch wieder ganz einheitlich vom Stahl-
werksverband organisiert sind und 0,50 Rabatt pro t auf die Handels-
preise erhalten1)." Weitere Einzelheiten müssen unberücksichtigt bleiben.

Daß eine vollständige Ausschaltung des Handels, eine Über-
nahme seiner risikoreichen Aufgaben durch die Kartelle, unzweckmäßig
und teilweise sogar unmöglich wäre, wurde schon erwähnt. Die weit-
gehenden Beschränkungen — durch die Rayonierung des Absatzes, die
Begrenzung der Abschlüsse nach Umfang und Zeit, die Zumessung be-
stimmter Gewinnzuschläge — nahmen dem Handel aber die Möglichkeit,
seine volkswirtschaftlichen Aufgaben zu erfüllen. Nur innerhalb der vom
Kartell gesteckten engen Grenzen kann er einen örtlichen und zeitlichen
Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage bewirken. Somit muß das
Kartell einen wichtigen Teil der Aufgaben des Handels übernehmen, es
muß in den Grundzügen die örtliche und zeitliche Verteilung der Er-
zeugung bestimmen. Dazu sind aber nur die Vertriebskartelle in der
Lage, die auch gleichzeitig die Produktion beherrschen, da sie
sich außer durch eine verständige Preispolitik noch durch Ausdehnung
oder Einschränkung der Erzeugung den Marktverhältnissen anzupassen
vermögen. Aber wie die Kartelle nur in dem risikoarmen Verkehr mit
den Großkonsumenten den Handel vollständig ausschalten, so werden
sie auch nur in den Branchen jene weitgehende Organisation des
Handels durchführen, wo ihnen durch die teilweise Übernahme der ver-
teilenden Tätigkeit des Handels kein allzu großes Risiko erwächst. In
den Industriezweigen, die z. B. der Mode unterworfen sind, oder in
denen der jeweilige Ertrag der organischen Rohstoffe, z. B. der Baum-
wollernten, großen Schwankungen unterliegt, ist die ausgleichende
Tätigkeit des unbeschränkten Handels nicht zu umgehen. Die Auf-
gabe der Vertriebskartelle kann in diesen Fällen nur sein, durch die
Zusammenfassung der gesamten Verkaufstätigkeit in eine Hand die
Marktstellung der Produzenten zu stärken. In manchen Zweigen dagegen,
die sich auf die anorganischen Rohstoffe stützen, und die, abgesehen von
dem Einfluß der großen Konjunkturschwankungen eine gleichmäßigere
Marktgestaltung aufweisen, können die Vertriebskartelle nicht nur einen
Teil der Aufgaben des Handels übernehmen, sondern sie können sie auch,
wie Bonikowsky mit Recht hervorhebt, durch ihre Preis- und Produktions-
politik einfacher und mit geringeren Opfern erfüllen als der Handel durch
das Mittel der Spekulation. Durch die Beherrschung der Produktion und
durch enge Verbindung mit dem organisierten Großhandel „besitzen die

l) Liefmann, Kartelle und Trusts 2. Aufl. 1910 S. 106; ferner Bonikowsky
a. a. O. S. 231 ff.
        <pb n="111" />
        ﻿103

Kartelleitungen zudem einen ganz außerordentlichen Überblick über die
ganzen Marktverhältnisse ihrer Branche, den der Einzelhändler in dieser
Vollkommenheit auch nicht annähernd zu erlangen vermochte1)“.

Eine marktbeherrschende Stellung, wie auf dem Inlandsmarkt,
vermag auf dem Auslandsmarkt selbstverständlich auch das Verkaufs-
kartell mit gemeinsamer Zentrale nicht zu erreichen. Immerhin wird der
Wettkampf der Mitglieder des Kartells ausgeschaltet und der Konkurrenz
auf dem Weltmarkt eine nationale Körperschaft gegenüber gestellt. Auch
sie wird im Preiskampf den Absatz erobern oder behaupten müssen, aber
sie wird in manchen Fällen ein günstigeres Preisniveau halten und un-
nötige Verluste vermeiden können.

Konnte es sich bei den einfachen Preiskartellen nur um die Festsetzung
von Mindestpreisen handeln, so ist es die Aufgabe einer Verkaufs-
zentrale, eine zielbewußte Preispolitik zu treiben, die wiederum nur
dann größere Aussichten auf Erfolg verspricht, wenn sie durch Produk-
tionskontingentierung und womöglich durch Gebietsaufteilungen unter-
stützt wird. Das Ziel muß sein: Dauernde Hebung und Sicherung der
Rentabilität der kartellierten Unternehmungen. Nicht vorübergehende
Gewinne wollen sie erzielen, sondern einen dauernden Erfolg. Somit
haben auch die Kartelle mit den Ringen nichts zu tun. Schließen sich
mehrere Kaufleute zu einem Ring zusammen, so suchen sie den Markt
zu beherrschen, indem sie das gesamte Angebot eines Artikels z. B.
Kupfer oder Baumwolle zu möglichst niedrigen Preisen in ihre Hand
bringen, und ihr Ziel ist, durch künstliche Erzeugung einer Knappheit die
Preise zu treiben, um mit hohem Gewinn die aufgekauften Waren abzu-
stoßen. Ist die Spekulation geglückt, was bei den heutigen Marktver-
hältnissen kaum noch möglich ist, dann kann eine Wiederholung erst er-
folgen, wenn die Waren wieder zu niedrigen Preisen auf dem Markt er-
hältlich sind. Die Ringe wollen die Preise nicht stabilisieren, sondern das
starke Auf und Ab der Preise ist ihr Lebenselement. Ihre Monopolstel-
lung kann nur von kurzer Dauer sein und das große Risiko läßt sich nur
tragen, wenn außergewöhnliche Gewinne abfallen. Das Ziel der Verkaufs-
kartelle ist wesentlich bescheidener, trotzdem aber die Preispolitik im
Wechsel der Konjunkturen um so schwieriger.

Ein Verkaufskartell, das auch noch das Ausmaß der Erzeugung be-
stimmt, und einen teilweisen oder völligen Gewinnausgleich zwischen
seinen Mitgliedern vornimmt, stellt die innigste Verbindung selbständige r
Unternehmer dar, die für Kartellzwecke in Frage kommen kann. Wird

*) Bonikowsky a. a. O. S. 307.
        <pb n="112" />
        ﻿104

ein noch engeres Handinhandarbeiten erstrebt, so kann nur die Organi-
sationsform der Trusts in Frage kommen.

Blicken wir nun zurück, so sehen wir, wie die Entwicklungsreihe
von den einfachen Konditionenvereinbarungen ausgeht und unter Preis-
gabe eines immer größeren Stückes der Selbständigkeit der Unternehmer
zum festgefügten Syndikat führt. Auf den ersten Blick ist scheinbar ein
anderer Weg zu einer möglichst vollkommenen Beherrschung des Marktes
gar nicht vorhanden, wodurch allen Industriezweigen, in denen die außer-
ordentliche Kompliziertheit und Differenzierung der Produktions- und
Absatzverhältnisse, wie z. B. in der Textilindustrie, die Bildung von Ver-
kaufskartellen mit gemeinsamer Zentrale unmöglich macht, die Erlangung
einer Monopolstellung und damit eine tief greifende Besserung ihrer Lager
auf dem Wege der Kartellierung verschlossen wäre. Und doch ist dieses
Problem von einzelnen Zweigen der Textilindustrie bereits gelöst worden.
Zwar beruht die marktbeherrschende Stellung dieser Kartelle nicht allein
auf der eigenen Macht, sondern auf dem Handinhandgehen mit den
Organisationen der Hilfsindustrien und vor allem der Großhändler. Dafür
hat aber dieser Weg den Kartellen eine Macht gegenüber den Außenseitern
gegeben, die jene der großen Syndikate sogar übertrifft1).

Die ersten losen Konditionen Vereinbarungen, z. B. der Seiden- und
Samtindustrie, die, da eine einheitliche Preispolitik undurchführbar
war, wenigstens eine Minderung der Absatzkosten erstrebten, hatten
stets mit Außenseiterkonkurrenz zu rechnen. Entweder waren einige Be-
triebe dem Kartell nicht beigetreten, oder es entstand eine neue Kon-
kurrenz, die sich hier um so leichter entfalten konnte, da die Mittel- und
Kleinbetriebe in der Höhe ihrer Produktionskosten nicht hinter den Groß-
betrieben zurückstehen, vielfach sogar niedrigere Kosten aufweisen. Den
Abnehmern, vor allen den Händlern, verursachen die Konditionen Verein-
barungen höhere Kosten, sie haben also das größte Interesse daran, durch
Bevorzugung der Außenseiter das Kartell zu sprengen. Dieses muß dem-
nach, um seine Existenz zu sichern, die Händler für sich zu gewinnen
suchen. Das geschieht zunächst durch Vergünstigungen, wie Preisnach-
lässe und Umsatzprämien, die den Abnehmern gewährt werden, die sich
verpflichten Kartellwaren nur von Kartellmitgliedern zu kaufen. Die
Wirkung dieser Vergünstigungen wird wesentlich erhöht, wenn die Händler
ebenfalls einen Verband bilden und mit dem Produzentenverband einen
Vertrag für ausschließlichen Verbands verkehr schließen. Das

1) Vgl. von Beckerath, Die Kartelle der deutschen Seidenwebereiindustrie
1911, besonders S. 147 ff.
        <pb n="113" />
        ﻿105

Konditionenkartell verpflichtet sich jene Vergünstigungen außenstehenden
Abnehmern nicht zu gewähren und möglichst nur durch das Händlerkartell
seine Waren abzusetzen und letzteres geht die Gegenverpflichtung ein, von
außenstehenden Produzenten keine Waren zu kaufen. Eine ähnliche Be-
vorzugung, wie sie durch diese Regelung die Händler erlangen, können
sich auch die Produzenten von der Organisation ihrer Hilfsindustrie auf
der Basis des ausschließlichen Verbandsverkehrs verschaffen.

Diese Verträge für ausschließlichen Verbandsverkehr geben den Kon-
ditionenkartellen, z. B. der Seiden- und Samtindustrie, erst eine gewisse
Existenzsicherheit. Da aber den Außenseitern der Kartelle der Produ-
zenten, der Händler und ev. auch der Hilfsindustrie die Möglichkeit eines
Handinhandarbeitens gegeben ist, wäre das Aufkommen neuer Kon-
kurrenz nicht vollkommen verhindert, wenn nicht ein besonderer Umstand
diesen Konditionenkartellen zugute käme.

Die weitgehende Spezialisation der Produktion hat zur Folge, daß die
Händler auf den Bezug von einer großen Anzahl Werken angewiesen sind,
um ihre Kundschaft zu befriedigen. Das Angebot einiger weniger Werke
reicht dazu nicht aus. Sobald also die überwiegende Mehrzahl der Fabriken
dem Kartell beigetreten ist, werden die wenigen Außenseiter und die neu
entstehenden Unternehmungen nicht in der Lage sein, alle Spezialitäten
der kartellierten Werke herzustellen. Der Händler muß sich somit, wenn
er vor die Wahl gestellt wird, entweder mit dem Kartell oder nur mit den
Außenseitern zu arbeiten, für das Kartell entscheiden. Die weitgehende
Spezialisation der Produktion, ursprünglich ein Hemmschuh der Kartell-
entwicklung, wird schließlich zum wichtigsten Hilfsmittel, neue Kon-
kurrenz neben dem Kartell nicht aufkommen zu lassen. So haben die
Kartelle einzelner Zweige der Textilindustrie, obwohl sie nur die Ver-
besserung der Absatzbedingungen erstreben, schließlich, gestützt auf den
ausschließlichen Verbandsverkehr mit den Großhändlern und gesichert
durch die Folgen der weitgehenden Spezialisation unter den Werken, eine
Herrschaft über die Außenseiter erlangt, wie sie die Syndikate der Kohlen-
und Eisenindustrie trotz ihrer ungeheuren wirtschaftlichen Macht nicht
erreicht haben.

Nachdem die Monopolstellung gesichert ist, werden auch die Versuche
aussichtsreicher, neben den Absatzkosten zugleich die Preise zu regeln.
Auch dieses Ziel erforderte neue Wege. Die Vielheit der Artikel und
Qualitäten, der Einfluß des raschen Modewechsels auf die Fertigwaren-
preise und der Ernten auf die Rohstoffpreise läßt eine Festsetzung der
Preise durch Warenpreistabellen nicht zu. So bleibt nur die Möglichkeit,
ein für alle Mitglieder gültiges Kalkulationsschema aufzustellen, mit dessen
Hilfe sich durch Einsetzen vorgeschriebener Spesensätze die Preise be-
        <pb n="114" />
        ﻿— io6 —

rechnen lassen. Die Bestimmung der Spesensätze erlaubt eine Anpassung
an die Schwankungen des Rohstoff- und Fertigwarenmarktes.

Preisfestsetzungen verlangen schließlich, daß sich das Angebot nach
der Nachfrage richtet. Dieses Ziel suchte man auf indirektem Wege zu
erreichen. Man kontingentierte den Absatz der Mitglieder und nicht die
Produktion, erreichte aber durch die Höhe der Entschädigungen die bei
Überschreitungen des Anteils gezahlt werden müssen, daß sich die Erzeu-
gung der Anteilsziffer schließlich anpaßte.

Wo die weitgehende Spezialisation den Ausbau der Konditionenkartelle
zu Preiskartellen unmöglich machte, bot die erreichte Monopolstellung
den Ausweg, Teilkartelle unter dem Schutze des Hauptkartells zu bilden,
denen die Regelung der Sonderaufgaben zufällt.

Die Fortschritte der Kartellbildung in der Textilindustrie haben den
Beweis erbracht, daß diesen Organisationen nicht so enge Grenzen gezogen
sind, wie man anfänglich angenommen hatte. Der neue Weg hat unter
den schwierigsten Verhältnissen außerordentliche Erfolge gezeitigt. Wie
weit sein Anwendungsgebiet reicht, wie weit er durch Anpassung an
andere Verhältnisse an Kraft gewinnt, muß die Zukunft lehren.
        <pb n="115" />
        ﻿2.	Die Trusts.

a) Die Trustformen.

Das klassische Land der Trusts sind die Vereinigten Staaten. Der
Trust ist ursprünglich eine Institution des englischen Rechts mit dem
Zweck, das Aufbewahrungs-, Verwaltungs- und Verfügungsrecht — nicht
aber das Eigentumsrecht über irgendwelche Vermögensteile in die Hände
eines mit besonderen Rechten und Pflichten ausgestatteten Verwalters
„trustee“ zu übertragen (von Halle). Seit den 8oer Jahren begann man
das Rechtsinstitut der Treuhand in einzelnen Gewerbezweigen zu dem
Zweck anzuwenden, um die Hauptmasse der bisher selbständigen Unter-
nehmungen einer einheitlichen Verwaltung zu unterwerfen.

Der bekannteste der älteren Trusts ist der Standard Oil Trust. Schon
in dem Kartell der Petroleum-Raffinerien, das 1872 errichtet wurde, spielte
die Standard Oil Company of Ohio die Hauptrolle. 1879 wurde ein Teil der
kapitalistischen Interessen der Petroleumindustrie in den Händen von drei
Treuhändern, darunter Rockfeiler vereinigt. Eine monopolistische Herr-
schaft über das Petroleumgewerbe vermochten Rockfeller und seine Ver-
bündeten erst nach der Errichtung des Standard Oil Trusts, seit 1882, aus
zuüben. Die Aktien der sämtlichen in den Trust ein tretenden Unter-
nehmungen, 46 an der Zahl, wurden einem Komitee von 9 Personen, den
board of trustees, überliefert. Die Besitzer erhielten an Stelle der Aktien
Zertifikate ausgehändigt, an die das Dividenden bezugsrecht, der Anteil
am Gesamtgewinn, gebunden war; denn die Gewinne aller Einzelunter-
nehmungen, die unter ihrem alten Namen fortbestanden, flössen in eine
gemeinsame Kasse. Das Verwaltungs- und Verfügungsrecht über sämt-
liche Einzelunternehmungen des Trusts lag von nun ab in den Händen der
neun trustees.

In gleicher Weise entstanden in den 80er Jahren der Whisky-Trust,
der Zuckertrust und die Zusammenfassungen in anderen Industriezweigen,
z. B. der Zigaretten-, Blei- und ßindfadenindustrie.
        <pb n="116" />
        ﻿io8

Schon bald aber wurde diesen Organisationen die Rechtsbasis ent-
zogen. Eine Antitrustbewegung setzte ein, wesentlich getrieben vom
Mißtrauen, das man den Trusts entgegen brachte, da man zwar ihre Wir-
kungen fühlte, sie selbst aber dem Auge der Öffentlichkeit verborgen
blieben. Das Tatsachenmaterial, das eine Reihe von öffentlichen und
privaten Untersuchungen zutage förderte, steigerte den Entrüstungssturm
und führte in den meisten Einzelstaaten zu Antitrustgesetzen. Dem Vor-
gehen schloss sich auch die Union durch die Sherman Bill von 1890 an.

Die Folge dieses ersten Kampfes gegen die Trusts war aber nur ein Ver-
schwinden der alten Form; die Organisationen selbst blieben bestehen.
Die Rechtsform des Trusts wurde verlassen, der Name Trust ist aber auf
die neuen Rechtsformen übertragen worden. Drei Wege standen den
Trusts offen:

x. Der Whisky- und der Zuckertrust verschmolzen die bisher scheinbar
noch selbständigen Einzelunternehmungen zu einer einzigen Gesellschaft.
Die Inhaber der Zertifikate wurden die Aktionäre.

2.	Der Petroleumtrust löste sich 1891 in 20 Gesellschaften auf. Da die
neun Trustees über die Mehrheit der Zertifikate verfügten, wurden sie jetzt
auch Hauptaktionäre der 20 Gesellschaften. Die Leitung blieb also in ihrer
Hand.

3.	Endlich benutzte man seit den 90 er Jahren die Rechtsform der
Holding Company, der Kontrollgesellschaft, allgemeiner um mehrere Ge-
sellschaften einer einheitlichen Leitung zu unterwerfen. Die Holding
Company setzt sich in den Besitz mindestens der Mehrheit der stimmbe-
rechtigten Aktien aller Unternehmungen, auf die sich die Kontrolle er-
strecken soll. Diese Möglichkeit verwertete im Jahre 1900 auch die Standard
Oil Company. Sie gestaltete ihre Gesellschaft im Staate New Jersey zu
einer Holding Company aus, in deren Händen die Mehrheit der Aktien nicht
nur der 20 Einzelgesellschaften übergingen, sondern auch noch von 50
neuen Gesellschaften, die inzwischen gegründet oder unter Rockefellers
Kontrolle gekommen waren.

Wie diese Umwandlung des Standard Oil Trusts zeigt, ist der dritte
Weg nur eine Verbesserung des zweiten Weges. An die Stelle der Haupt-
aktionäre der Einzelgesellschaften tritt die Holding Company, und die
Mehrheit ihrer stimmberechtigten Aktien genügt, um alle Unternehmungen,
die sie kontrolliert, zu beherrschen. Aus diesem Grunde hat auch die Hol-
ding Company eine viel größere Bedeutung in der Entwicklung der Trusts
erlangt, als die Riesenfusion, die völlige Verschmelzung aller Trustunter-
nehmungen. Die Holding Company kommt der ursprünglichen Trustform
am nächsten: die Einzelgesellschaften bleiben bestehen und die Herrschaft
beruht auf der Zusammenfassung der Stimmenmehrheit ihrer Effekten.
        <pb n="117" />
        ﻿109

Die gewaltige Ausbreitung der Trustbewegung auf der Basis der Riesen-
fusionen oder der Holding Companies war trotz der Antitrustgesetzgebung
nur möglich, weil sich einzelne Staaten im Interesse ihrer Finanzen dem
Kampfe nicht anschlossen; sie erleichterten die Trustgründung und strichen
die hohen Gebühren ein. Jede in einem Staat errichtete Aktiengesellschaft
kann aber nach den bundesstaatlichen Gesetzen in allen übrigen Staaten
Geschäfte treiben. Den Kontrollgesellschaften wurde ganz besonders der
der Weg durch das Vorgehen des Staates New Jersey geebnet, der 1899
ein Gesetz erließ, wonach Gesellschaften errichtet werden dürfen, die nur
den Zweck haben, Effekten anderer Gesellschaften zu besitzen und Divi-
denden einzusammeln.

Aber nicht alle Organisationen, auf die in den Vereinigten Staaten
der Name Trust angewendet wird, können im Sinne unserer Gegenüber-
stellung als Gegenstücke zu den Kartellen betrachtet werden. Als Trusts
werden fast alle Fusionen und Kontrollgesellschaften kleineren Umfanges
vielfach auch Interessengemeinschaften, die durch Aktienbesitz an fremden
Unternehmungen begründet sind, bezeichnet. Nur eine kleine Zahl der
sogenannten Trusts hat eine monopolistische Tendenz und nur diese können
unseren Kartellen gegenübergestellt werden; nur auf sie sollen sich die
folgenden Ausführungen beziehen.

Eine eigenartige Trustform möge hier noch erwähnt werden, nämlich
der Votingtrust. Bei ihm handelt es sich nicht um die Zusammenfassung
mehrerer Unternehmungen, sondern um die Zusammenfassung des Stimm-
rechtes der Effekten nur eines Unternehmens. In Amerika kann man das
; Stimmrecht ohne den Besitz der Aktie übertragen. Die Trennung von
Stimme und Aktie ist der Zweck des Votingtrusts. Das Stimmrecht wird
einigen wenigen Trustees, sei es mit oder ohne speziellen Auftrag, übergeben.
Mag der Aktionär seine Aktie veräußern oder verpfänden, die Stimme
bleibt den Treuhändern. Mannigfache Zwecke können durch die Trennung
von Stimme und Aktie verfolgt werden; daß sie auch eine wichtige Waffe
gegen den Aufsaugungsprozeß der Trusts bilden, leuchtet ein. Der wich-
tigste Gegner des Standard Oil Trusts, die Pure Oil Company, hat das
Stimmrecht ihrer Effekten einem Votingtrust übertragen. Durch Auf-
käufen ihrer Aktien vermag also der Standard Oiltrust die Herrschaft über
die Pure Oil Co. nicht zu erlangen.

Die Antitrustgesetzgebung hat die monopolistischen Organisationen
nicht niedergezwungen, trotzdem aber eine Wirkung von weittragender
Bedeutung hervorgerufen. Nach der ursprünglichen Rechtsform der
Trusts wurde den Treuhändern durch Übergabe der Aktien nur das Verwal-
tungs- und Verfügungsrecht, nicht das Besitzrecht anvertraut. In den
neuen Trusts ist die Herrschaft über das Gesamtunternehmen an den Be-
        <pb n="118" />
        ﻿sitz der Aktien geknüpft und damit der Kapitalmacht eine ganz andere
Rolle zugewiesen worden. Die Trusts sind heute Organisationen auf der
Basis des Besitzes.

b) Die Trustgründung.

Der Vorgang der Trustgründung weist keine Eigentümlichkeiten auf,
die nicht auch die Gründung der nicht monopolistischen Fusionen und
Kontrollgesellschaften in Amerika charakterisierten. Ihre Darstellung ist
aber zur Vervollständigung des Bildes der amerikanischen Trusts not-
wendig.

Der Trust, als Organisation auf der Basis des Besitzes, verlangt er-
hebliche Kapitalmassen. Die nächstliegende Frage ist die nach der Größe
dieser Summen. Die notwendige Effektenmasse hängt zunächst von der
Organisationsform ab. Handelt es sich um eine Riesenfusion, um die
Gründung einer neuen Aktiengesellschaft, die alle zu vertrustenden Einzel-
unternehmungen umfaßt, dann muß das Trustkapital mindestens den Wert
der vereinigten Unternehmungen, das notwendige Betriebskapital und die
sonstigen Gründungskosten decken. Soll eine Holding Company, eine Betei-
ligungsgesellschaft, die Kontrolle über die zu vertrustenden Unternehmungen
erwerben, so muß ihr Kapital mindestens die Ankaufssummen der Mehr-
heit der Aktien der Einzelgesellschaften und die Gründungskosten umfassen.
Bei einer gesunden Gründung findet im einen wie im anderen Falle die
Kapitalmasse ihre oberste Grenze in der Ertragsfähigkeit der Trustunter-
nehmungen, wobei natürlich zu berücksichtigen ist, daß eine Beteiligungs-
gesellschaft, die nur einen Teil der Effekten der vertrusteten Unterneh-
mungen im Besitz hat, auch nur in diesem Verhältnis an dem Ertrage be-
teiligt ist.

Nun hängt aber die Grenze der Kapitalmasse nicht ab von der Er-
tragsfähigkeit, die die Einzelunternehmungen vor der Trustgründung durch-
schnittlich erzielten. Der Trust schaltet die Konkurrenz aus, er will ja den
Ertrag heben. Somit wird die Grenze durch die zukünftige Ertrags-
fähigkeit gegeben. Aber was heißt zukünftige Ertragsfähigkeit ? Erstens
ermöglicht die monopolartige Stellung eine günstigere Preisgestaltung.
Zweitens ist der Trust, wie bereits gezeigt wurde, die konsequente Durch-
führung der horizontalen Kombination, wodurch mannigfache Kosten-
senkungen nutzbar gemacht werden können, die unter Umständen durch
vertikale Kombination noch eine Verstärkung erfahren. Drittens endlich
darf man nicht vergessen, daß Amerika noch nicht wirtschaftlich voll-
ständig erschlossen ist, als Kolonisationsgebiet mit einer besonders raschen
inneren Marktentwicklung rechnen darf, worin ebenfalls gewisse Chancen
        <pb n="119" />
        ﻿III

zur Ertragssteigerung besonders für Unternehmungen mit marktbeherr
sehender Stellung liegen. Wird die zukünftige Ertragssteigerung als Basis
der Kapitalisation genommen, so sind weite Grenzen gegeben. Je opti-
mistischer die einzelnen Faktoren, von denen der Ertrag abhängt, einge-
schätzt werden, desto mehr wächst der spekulative Charakter der Finan-
zierung, verliert sie den realen Boden, wandelt sich die Kapitalisation in
Überkapitalisation. Wo aber die Grenze zwischen beiden, wo die sogenannte
Verwässerung des Kapitals beginnt, ist kaum im voraus zu sagen.

Wann liegt Überkapitalisation vor? Vergrößert ein Unternehmen
seine Aktienmenge, sagen wir einmal, durch Verteilung neuer Aktien an die
bisherigen Aktionäre, nur in der Absicht, seine hohe Rentabilität zu ver-
decken, durch Verrechnung des gleichen Ertrages auf eine größere Aktien-
zahl eine geringere Verzinsung vorzutäuschen, so liegt die Kapitalverwäs-
serung klar zutage. Dieses Ziel kann auch erreicht werden, indem der
Ausgabekurs der neuen Aktien eines Unternehmens im Verhältnis zur
Höhe der bezahlten Dividenden wesentlich zu niedrig angesetzt wird.
Ebenso scheint eine Überkapitalisation bei einem neu errichteten Unter-
nehmen verhältnismäßig leicht festzustellen zu sein. Entsprechen die Er-
werbskosten des Grund und Bodens den üblichen Verkaufspreisen der
Gegend und die sämtlichen Bau- und Maschinenkosten den herrschenden
Marktpreisen, so werden alle Effektenmassen, die jene Kosten und die
notwendigen Betriebskapitalien überschreiten, als Verwässerung bezeichnet.
Wie aber ist die Sachlage zu beurteilen, wenn dem Unternehmen aus
irgendwelchen Gründen das Kapital nicht so willig zufloß, wenn es z. B.,
um sich die nötigen Summen zu beschaffen, die Aktien unter Parikurs,
folglich eine größere Effektenmasse ausgeben mußte ? Da die Summe der
investierten und der zum Betrieb nötigen Kapitalien geringer ist als die
Effektenmasse, liegt nach der üblichen Auffassung eine Kapitalverwässe-
rung vor. Dabei wird aber übersehen, daß die Beschaffungskosten des
Kapitals ebensogut zu den notwendigen Ausgaben gehören, wie die Be-
schaffungskosten der Maschinen, des Landes usw. Sollen diese höheren
Beschaffungskosten des Kapitals die Überkapitalisation des Unternehmens
begründen, dann muß man z. B. auch die besonders hohen Aufwendungen
für die Beschaffung der Maschinen zur Zeit einer Hochkonjunktur, oder
die zu den sonstigen Bodenpreisen in keinem Verhältnis stehenden Kosten
für die Erwerbung eines Grundstückes, das zur Betriebserweiterung un-
bedingt notwendig ist, aber vom zähen Bauer billiger nicht abgegeben wird,
in der gleichen Weise bewerten und das Unternehmen als überkapitalisiert
bezeichnen. Geht man aber soweit, dann verliert das Wort Überkapitali-
sation jede praktische Bedeutung. Schon brauchbarer ist die Unterschei-
dung zwischen notwendigen und nicht notwendigen Auslagen. Sie entspricht
auch dem ersten Beispiel, in dem die Feststellung der Überkapitalisation
        <pb n="120" />
        ﻿112

keine Schwierigkeiten macht. Nach dieser Auffassung würde man erst von
Überkapitalisation sprechen wenn z. B. zur Kapitalbeschaffung Aktien
zu einem tieferen Kurs ausgegeben werden, als er ohne Mühe an der Börse
erlangt werden könnte, oder wenn Gründer Maschinen oder Land zu Preisen
in das Unternehmen einbringen, die die notwendigen Aufwendungen auf
dem Markt erheblich übersteigen. Aber eine Unterscheidung, welche
Kapitalsummen notwendig oder nicht notwendig aufgewendet werden
müssen, ist wiederum ka im in allen Fällen durchführbar. Am besten
setzt man das Kapital in direkter Beziehung zum Ertrag und bezeichnet
diejenigen Unternehmungen als überkapitalisiert, deren kapitalisierter
Durchschnittsertrag, errechnet aus einer Periode, die mindestens einen
Auf- und Niedergang des Wirtschaftslebens umfassen muß, hinter der
gesamten Effektenmasse zurückbleibt. Der Ertragswert zeigt in diesem
Falle, daß zu hohe Kapitalsummen, sei es für die Kapitalbeschaffung, oder
die Investierung, oder die Reklame, oder die Tätigkeit der Leitung usw.,
oder für mehrere dieser Zwecke aufgewendet worden sind, daß also das
Unternehmen überkapitalisiert ist1).

Kehren wir nun zu der Kapitalisation der Trusts zurück. Beide Be-
griffe der Überkapitalisation lassen sich anwenden. Soll eine Reihe be-
stehender Unternehmungen verschmolzen werden, dann spielen in ihrer
Bewertung die Baukosten, mit oder ohne Abzug der Abnutzung, gar keine
Rolle. Es hat demnach keinen Zweck, das tatsächlich investierte Kapital
zu ermitteln. Auch die Kapitalisation auf der Basis des bisher durchschnitt-
lich erzielten Ertrages kann nicht als Unterlage dienen, um festzustellen,
ob eine Überkapitalisation vorliegt.

Gehen wir zunächst von dem ersten Begriff der Überkapitalisation aus.
Sie liegt vor, wenn übermäßige, nicht notwendige Aufwendungen gemacht
sind. Handelt es sich bei der Trustgründung nicht um spekulative Manöver,
ist die Ausschaltung oder Einschränkung der Konkurrenz eine Notwendig-
keit, um gesunde wirtschaftliche Verhältnisse herbeizuführen, dann wird
man die Schwierigkeit, wichtige Unternehmungen oder Aktien zu erwerben,
berücksichtigen müssen. Zu dem Preis des bisherigen Ertragswertes werden
die stärkeren Unternehmungen nicht zu haben sein. Um die bisherigen
Besitzer zur Preisagbe ihres Unternehmens zu veranlassen, oder um die
nötige Anzahl Aktien zu erwerben, wird man in der Regel notwendig ein
höheres Angebot machen müssen. Wo aber die Grenze zwischen den not-
wendigen und nicht notwendigen Aufwendungen liegt, wird sich nicht be-
stimmen lassen.

Legen wir den zweiten Begriff der Überkapitalisation unserer Bewer-

*) Diesem Begriff der Überkapitalisation läßt sich der der Unterkapitalisation
gegenüberstellen, die auf besonders günstige Verhältnisse schließen läßt.
        <pb n="121" />
        ﻿tung zugrunde, dann müssen wir von den tatsächlich erzielten Erträgen
nach der Trustgründung ausgehen. Im Moment der Gründung läßt sich
also gar nicht sagen, ob eine Überkapitalisation vorliegt oder nicht. Wird
sie später festgestellt, dann ist damit wiederum nicht gesagt, wo der Fehler
liegt, ob in den zu hohen Erwerbungskosten oder in den zu hohen sonstigen
Gründungskosten, von denen gleich die Rede ist. Auf jeden Fall ist auch
nach dieser Auffassung das Überschreiten des bisherigen Ertragswertes
bei der Erwerbung der Einzelunternehmung noch kein Grund, um von
einer Überkapitalisation zu sprechen; dagegen dürfen in Anbetracht der
übrigen Gründungskosten die Erwerbungskosten aller Trustunterneh-
mungen dem zukünftigen Ertragswert des Trusts nicht nahe kommen, ge-
schweige denn ihn überschreiten.

Da man die Grenze, wo die Verwässerung des Kapitals beginnt, nicht
bestimmen kann, bilden die Trustgründungen auch ein geeignetes Feld
für spekulative Köpfe, die Gründungen vornehmen nicht in der Absicht,
die konkurrierenden Unternehmungen durch umfassende Organisationen
auf eine gesunde wirtschaftliche Basis zu stellen, sondern, um durch Speku-
lationsmanöver rasch große Gewinne zu erzielen.

Zu den Erwerbungskosten kommen die Gründungskosten. Auch hier
ist es schwer, zu sagen, wieweit sie die notwendigen Aufwendungen über-
schreiten. „In England und Amerika geschieht das Gründen von Gesell-
schaftsunternehmungen nicht wie bei uns in der Regel durch Emissions-
banken, sondern ist das Geschäft berufsmäßiger privater Gründer oder
Promotors“1). Von der Geschicklichkeit des Promotors hängt oft der Er-
folg ab und dementsprechend auch seine Vergütung. So wurde dem Pro-
motor der International Silver Co. 3% des 20000000 $ betragenden Aktien-
kapitals als Vergütung bewilligt, während in anderen Fällen der Rest des
von Anfang an festgesetzten Gesamtkapitals, der nach Durchführung der
Trustgründung übrig bleibt, dem Promotor als Lohn zufällt. Der Promotor
bedarf der Mithilfe der Finanzleute. Der Trust kann nicht alle seine ein-
gegangenen Verpflichtungen mit Trusteffekten begleichen, er bedarf
auch für manche Zwecke bares Geld. Um Effekten in Geld umzuwandeln,
benutzt der Promotor die Underwriters.

Die Finanzierungsmethoden sind in England und Amerika anders wie
bei uns. Man unterscheidet: Simultangründung und Sukzessivgründung.
In den Ländern der vorherrschenden Simultangründung (Deutschland,
Frankreich, Belgien) müssen sämtliche Aktien vor der Gründung über-
nommen werden. Erst mit der Feststellung des Statuts und der Über-
nahme der Aktien gilt die Gesellschaft als errichtet. Nach deutschem

*) Liefmann, Beteilungs- und Finanzierungsgesellschaften I. Aufl. S. 350.
.Mannstaedt, Zusammenschluß im Gewerbe.	^
        <pb n="122" />
        ﻿— U4 —

Recht muß vor der Anmeldung zum Register die Zeichnung aller Aktien
erfolgt sein1). Folglich ist die Finanzierung, die Zuverfügungstsellung des-
Kapitals, in Deutschland von großer Bedeutung. „Man kann doch wohl
behaupten, daß die Simultangründung in Deutschland im Gegensatz zur
Sukzessivgründung des englischen Rechts es gewesen ist, die dem deutschen
Effektenbankwesen seinen besonderen Charakter gegeben hat"2). In den
Ländern der Sukzessivgründung (England, Amerika) genügt der Gesell-
schaftsvertrag zur Errichtung der Gesellschaft. Eine Finanzierung ist vor
der Gründung nicht nötig, mit anderen Worten: Es braucht auf die Aktien
neu gegründeter Gesellschaften noch nichts eingezahlt zu sein. Man kann
nun die Aktien dem Publikum anbieten und dieses so direkt die Geldbeschaf-
fung vornehmen lassen. „Aber man empfindet es heute in den meisten
Fällen zweckmäßiger, den Absatz der Aktien und damit die Geldbeschaffung
von vornherein etwas mehr zu sichern als dies bei bloßem Angebot an das
Publikum der Fall ist. Daher schiebt sich meistens zwischen dem Vorgang
der Errichtung der Aktiengesellschaft und der eigentlichen Emission als
besondere finanzielle Tätigkeit die der Underwriters. Underwriters sind
die privaten Bankiers oder merchants, die die Geldbeschaffung mit ihrem
eigenen Kapital oder auch in Verbindung mit ihren Freunden und ihrer
Kundschaft als riskantes, aber auch sehr einträgliches Geschäft vornehmen,,
ferner die sogenannten Financial Companies3), die alle Arten von Kredit-
geschäften machen, die man in England nicht als Bankgeschäfte zu be-
zeichnen pflegt, in denVereinigten Staaten namentlich die Trustcompanies4),,
die ganz besonders eine Vereinigung der verschiedensten Geld-, Kredit- und
Effektengeschäfte darstellen.“ „Derartige Unternehmungen zeichnen
jede einen Teilbetrag und verpflichten sich auch in der Regel, die vom
Publikum nicht übernommenen Stücke selbst aufzunehmen. Sie suchen
sie dann teils in ihrer Kundschaft, teils durch Verkauf an der Börse später
wieder abzustoßen.“

l) Sukzessivgründung ist infolge der Bestimmung des HGB. § 189 und durch-
die Börsengesetzgebung (Sperrjahr) sehr erschwert.

a) Liefmann a. a. O. S. 432.

s) Die Financial Companies betrieben zunächst als Hauptgeschäft mit eigenem
oder fremdem Kapital die Beleihung von Effekten, die die Gründer nicht an das
Publikum abgestoßen hatten, dann trat mehr die Tätigkeit des Underwriting hervor
und schließlich gingen sie zum Teil dazu über, selbst neue Gesellschaften ins Leben
zu rufen, also die Tätigkeit des Promotors und des finanzierenden Kapitalisten auszu-
üben. Siehe Liefinan a. a. O. S. 355.

4) Die Trustcompanies waren ursprünglich Vermögensverwaltungsgesellschaften,
denen die Vermögen zu treuen Händen übergeben waren. Mit der Vermögensverwal-
tung entwickelte sich bald die Annahme von Depositen und ihre Verwendung in der
Form kurzfristiger Kreditgewährung, das eigentliche Bankgeschäft. Sie machen heute
schon alle Arten Geschäfte, so vor allem Effektengeschäfte. Liefmann S. 360..
        <pb n="123" />
        ﻿— IIS —

Da die Tätigkeit der Underwriters bei der Trustgründung von großer
Wichtigkeit ist, so ist sie auch entsprechend vergütet worden. Das Bank-
haus Seligman &amp; Co. New York soll für die Finanzierung der American
Steel and Wire Co. n Millionen Dollar Stammaktien erhalten haben1).
Stets war es von großem Einfluß, wenn auf der Subskriptionsliste bereits
der Name eines Bankhauses stand. So ließ man sich die Beteiligung der
Bank etwas kosten. Es soll in der schlimmsten Zeit der spekulativen Trust-
gründungen nicht selten vorgekommen sein, daß Präsidenten und Direk-
toren durch große Stammaktienbeträge bestochen worden sind, um ihre
Bank zur Zeichnung der Subskription zu veranlassen2).

Die Hindernisse, die der Trustgründung entgegenstehen, werden in
den meisten Fällen durch Kapitalaufwand überwunden. Je stärker die
Widerstände, desto mehr entfernt sich die Kapitalmasse des Trusts von der
Basis der bisherigen Ertragsfähigkeit der vereinigten Unternehmungen,
antizipiert die zukünftige Ertragsfähigkeit.

Diese Aufzählung erschöpft noch nicht die Gründe, die die hohe Kapi-
talisation erklären. Nach Vogelstein haben die Trusts auch ein Interesse,
sich bei der Gründung eine Kapitalreserve für spätere Bedürfnisse zu
sichern, um unabhängig von den Kreditgebern zu sein. Dieses Streben
ist wiederum eine Folge des amerikanischen Systems der Finanzierung.
Handelt es sich um die Beschaffung großer Kapitalsummen, die zur Ent-
wicklung eines Unternehmens notwendig sind, dann kann der Ameri-
kaner nicht wie der Deutsche auf sein Bankhaus zurückgreifen. Unsere
Großbanken gewähren weitgehenden Kredit, der dann zur geeigneten
Zeit mit ihrer Hilfe durch eine Effektenemission abgestoßen wird. Die
Nationalbanken der Vereinigten Staaten, deren Zahl sich auf über 7000
beläuft, sind reine Depositenbanken, die nur das reguläre Bankgeschäft
betreiben. Als Depositenbanken unterliegen sie besonderen Vorschriften,
deren wichtigste verlangt, daß die Kreditgewährung an einen Kunden
ein Zehntel des Aktienkapitals nicht überschreitet. Das Aktien-
kapital der Nationalbanken ist aber sehr gering, weil sie keine Filialen er-
richten dürfen und weil sie nur kurzfristige Kreditgeschäfte betreiben,
wozu sie in erster Linie die Depositen verwenden. Somit erwachsen dem
Kunden erhebliche Schwierigkeiten, wenn er größeren Kredit in Anspruch
nehmen muß. Er ist gezwungen, sich an eine größere Anzahl Banken zu
wenden. „Jede dieser Banken ist nur in geringem Maße än dem Wohler-
gehen des betreffenden Unternehmens interessiert. Eine Aktienbeteiligung,
ein Emissionsgewinn steht für sie nicht in Aussicht, da dieser Geschäfts-

') Lewenz, Die Finanzierung und die Preisbildung der Trusts 1903 S. 27.
2) Jenks a. a. O. S. 96.

8*
        <pb n="124" />
        ﻿n6

zweig Sache des privaten Bankiers ist.“ „So leicht es in normalen Zeiten
gelingt, den von der einen Bank nicht erneuerten Kredit bei einer anderen
zu erhalten, an Krisen tagen steht der Industrielle hilflos den Kredit-
kündigungen gegenüber und kann trotz größter Aktivität seiner Bilanz zur
Zahlungseinstellung gezwungen werden, falls ihm nicht ein Privatbankier,
ein Finanzier oder ein Händler die Hand zur Rettung darreicht, für die er
dann meist einen hohen Preis zu zahlen hat“1). Er gerät also in Abhängig-
keit. Die Schwierigkeit der Kreditbeschaffung wächst mit der Größe des
Unternehmens, demnach rät eine vorsorgliche Politik manchen Trusts,
sich gleich bei der Gründung durch hohe Kapitalisation eine Reserve
zu schaffen.

Richtet sich die Kapitalisation mehr oder minder nach der zukünftigen
Ertragsfähigkeit, so liegt darin auch noch der privatwirtschaftliche Vorteil,
daß der Einblick in die wirtschaftliche Lage des Trusts erschwert wird.
Je höher die Gewinne, desto stärker ist auch der Anreiz zum Wettbewerb.
Die größere Kapitalmasse täuscht einen niedrigen Gewinn vor.

Vom volkswirtschaftlichen Standpunkt ließe sich, wenn wir von den
spekulativen Trustgründungen absehen, zugunsten der Kapitalisation
nach dem zukünftigen Ertragswert anführen, daß sich die Gewinne auf
eine größere Personenzahl verteilen, weil die Effektenmasse größer ist und
folglich in der Regel auch die Zersplitterung des Besitzes.

Um die gewaltigen Summen der Trustkapitalien aufzubringen, stehen
drei Effektenarten zur Verfügung: i. die common shares oder Stammaktien,
2. die. preferred shares oder Vorzugsaktien und 3. die bonds oder Obliga-
tionen. Durch die Art ihrer Bevorzugung werden die preferred shares den
bonds in der Sicherheit der Zinszahlung nahezu gleichgestellt. Ihnen wird
eine bestimmte Dividende z. B. 6 oder 7% vorweg zugesichert, ehe auf die
Stammaktien ein Gewinn ausgeteilt werden darf und vielfach wird dieses
Vorrecht noch durch die Bestimmung erhöht, daß die Dividende, falls sie
in ungünstigen Jahren ausgefallen ist, vollständig nachgezahlt werden muß,
ehe bei späteren günstigeren Geschäftsabschlüssen die Stammaktien einen
Gewinnanteil beanspruchen können. Für das Unternehmen besteht aber
ein wesentlicher Unterschied, ob es sich die Kapitalien durch Ausgabe von
bonds oder preferred shares beschafft hat. Ist es nicht in der Lage die
Bondszinsen zu den bestimmten Terminen auszuzahlen, dann wird es nach
den Gesetzen als zahlungsunfähig erklärt, und durch die Einführung der
Zwangsverwaltung geht die Leitung in die Hände der Vertreter der Gläu-
biger über. Das Unvermögen, auf die Vorzugsaktien eine Dividende aus-
zuzahlen, hat eine Bankrotterklärung nicht zur Folge.

*) Vogelstein, Die finanzielle Organisation der kapitalistischen Industrie und
die Monopolbildungen. Grundriß der Sozialökonomie Bd. VI S. 196/97.

r
        <pb n="125" />
        ﻿*

— 117 —

In der Aufbringung des Kapitals durch die verschiedenen Effekten-
arten folgten die Trusts bekannten Vorbildern. So haben z. B. die ameri-
kanischen Eisenbahnen das ganze Anlagekapital durch Ausgabe meherer
Serien von bonds aufgebracht, die durch Verpfändung der Anlagen, des
rollenden Materials, der den großen Linien vom Staate überlassenen Land-
streifen oder durch Hinterlegung sonstiger Werte sicher gestellt wurden.
Darüber hinaus gaben sie Aktien oft schon im gleichen Betrage aus. Diese
Aktien galten als rechtmäßiger Besitz der Promotors, die einen Teil als
Bonus den Subskribenten der bonds zu überlassen pflegten. Der Wert dieser
Aktien hing von der Möglichkeit und der Höhe der Dividendenzahlung
ab. Er stützte sich auf die zukünftige Ertragssteigerung, als Folge des
steigenden Personen- und Frachtverkehrs und der Verwertung des Landbe-
sitzes, auf die man mit Sicherheit rechnen konnte. Dieser Weg der Kapital-
beschaffung steht nur solchen Unternehmungen offen, die sich auf eine
rasch steigende Nachfrage und eine monopolartige Stellung stützen können,
oder deren zukünftige Ertragsfäbigkeit durch Senkung der Produktions- und
und Absatzkosten einen erheblichen Zu wachs erfährt. Beide Voraussetzungen
treffen für jene Trusts, die nicht das Produkt eines Spekulationsmanövers
sind, zu. Durchweg haben die Trusts einen mehr oder minder großen Teil
des notwendigen Kapitals entweder durch Anleihen, durch Obligationen,
aufgebracht oder, um nicht im gegebenen Falle der Bankrotterklärung zu
verfallen, durch Vorzugsaktien, so daß die Stammaktien teilweise oder ganz
in den Händen der Organisatoren und Gründer verblieben. Da bei manchen
Trusts die Obligationen und Vorzugsaktien bereits den nach der bisherigen
Ertragsfähigkeit berechneten Wert der Unternehmungen ganz erheblich
übersteigen, ist vielfach eine Dividendenlosigkeit oder zu geringe Verzin-
sung der Stammaktien und gelegentlich auch der Vorzugsaktien die Folge.
Diese Unternehmungen sind überkapitalisiert. Carnegie war deshalb auch
so vorsichtig, sich für die großen Werte, die er in den Stahltrust ein-
brachte, Obligationen geben zu lassen.

Verschwindet die Kapitalverwässerung nicht von selbst infolge der
Marktentwicklung, so kann das Wasser wieder herausgepumpt werden
entweder durch Anpassung des Wertes der gesamten Trustunternehmungen
an die Effektenmasse, indem man durch Ausnutzung aller Möglichkeiten,
die Produktions- und Absatzkosten zu senken, den Ertrag steigert und
gleichzeitig erhebliche Rückstellungen aus den Gewinnen macht, oder
durch Anpassung der Effektenmasse an den wirklichen Wert des Trusts,
also durch Sanierung, durch Aktienzusammenlegung.

In den Vereinigten Staaten zerfällt das Aktienkapital häufig in stimm-
berechtigte und nicht stimmberechtigte Aktien; entweder den common
shares oder den preferred shares ist das Stimmrecht allein Vorbehalten.
        <pb n="126" />
        ﻿— ii8 —

Dadurch gewinnt die Verteilung des gesamten Gesellschaftsvermögens
auf die drei Effektenarten noch eine erhöhte Bedeutung und wird die starke
Bevorzugung der Organisationsform der Holding Company noch verständ-
licher. Wird das Vermögen einer Gesellschaft durch ioo Millionen stimm-
berechtigter Stammaktien und 150 Millionen Obligationen und Vorzugs-
aktien dargestellt, dann genügt der Besitz von 50 Millionen Stammaktien,
um das ganze Gesellschaftsvermögen zu beherrschen. Meist genügt in der
Praxis eine geringere Menge, da sich der zur Erlangung der Mehrheit
fehlende Betrag mit geliehenem Gelde oder durch Terminkäufe jederzeit
beschaffen läßt. Eine Holding Company kontrolliert eine Reihe Unter-
mungen durch den Besitz der Mehrheit der stimmberechtigten Aktien. Ihr
eigenes Kapital zerfällt ebenfalls in Obligationen, nicht stimmberechtigte
und stimmberechtigte Aktien, und nur der Besitz der Hälfte dieser stimm-
berechtigten Aktien genügt, um den ganzen Komplex von Unternehmungen
zu beherrschen. Werden wiederun mehrere Beteiligungsgesellschaften durch
eine übergeordnete Beteiligungsgesellschaft zusammengefaßt, so weitet
sich der Herrschaftsbereich, der womöglich mit derselben Kapitalsumme
verwaltet werden kann, ganz erheblich aus1). Es wächst die Macht des
Kapitals; verhältnismäßig kleine Summen genügen, um die zahlreichen
von einem Trust zusammengefaßten Unternehmungen einem einheitlichen
Willen zu unterwerfen. Daß diese Macht mißbraucht werden kann, ist
selbstverständlich. Reizt die ganze Art der Bewertung und der Kapital-
beschaffung, wie wir sahen,, zur Spekulation, so wird die Erreichung des
Spekulationszweckes durch jenes System von Beteiligungsgesellschaften
wesentlich erleichtert. Stellen wir aber den Kartellen die Trusts gegenüber,
dann müssen wir nur jene ins Auge fassen, die eine Verbesserung der wirt-
schaftlichen Lage der vereinigten Unternehmungen anstreben.

Die Trusts sind Organisationen auf der Basis des Besitzes. Auf die
Schilderung der Besitzergreifung folgt nun die Zusammenstellung der
Vorteile, die aus dem Besitz entspringen.

c)	Die Marktstellung der Trusts.

Da der Trust die konsequente Durchführung der horizontalen Kom-
bination darstellt, fallen ihm auch alle jene Vorteile zu, die bereits bei der
Darstellung dieser Organisationstendenzen erörtert wurden. Sichert die
marktbeherrschende Stellung eine günstige Preispolitik, so ermöglicht die
horizontale Kombination eine Senkung der Absatz- und der Produktions-
kosten. Die Zusammenfassung des Absatzes zahlreicher Unternehmungen,

J) Liefmann a. a. O. S. 258.
        <pb n="127" />
        ﻿— 119 —

■die bisher im Wettkampf miteinander lagen, vereinfacht die Arbeit, so daß
«ine erhebliche Ersparnis an Arbeitskräften und Arbeitsraum erzielt wird.
Die American Steel and Wire Company konnte die Zahl allein der
Reisenden um 200 verringern. Nicht minder wirkt die Zusammenfassung
■des Absatzes auf die Reklamekosten. Ganz erhebliche Beträge werden
an den Ausgaben für Fracht erspart, da stets das zum Besteller am nächsten
liegende Werk den Auftrag erhält. Mr. Geates von der American Steel
and Wire Co. schätzte die jährlichen Minderausgaben für Fracht auf
500000 $. Nach dem Gründungsprospekt der International Silver Co.
wurden die Ersparnisse an Verkaufsräumen, Gehalt von Reisenden, Reise-
unkosten, Bureaupersonal, Zeichnern, Maschinisten, Annoncen im ganzen
auf 1350000 $ angegeben.

Das Hauptmittel zur Senkung der Produktionskosten ist, wie im Ab-
schnitt über die Kombinationsbestrebung gezeigt wurde, abgesehen von
technischen Verbesserungen, die möglichst vollkommene Ausnutzung der
vorhandenen Anlagen. Dieses Ziel kann ein Trist: eine horizontale
Kombination mit monopolistischer Tendenz, die also den größten Teil der
Produktionsstätten einer Branche umfaßt, nur auf zwei Wegen erreichen.

1.	Im Falle großer Überproduktion durch die Stillegung der Werke, die
am ungünstigsten gelegen sind und wegen ihrer mangelhaften Ausrüstung
am unvorteilhaftesten arbeiten. Dadurch wird zwar nur einem Teil der
Trustunternehmungen die Möglichkeit gegeben, ihre Leistungsfähigkeit
vollkommen auszunutzen. Dieser Weg ist nur gangbar, wenn die Ge-
winne aus der Kostensenkung die Verluste der Stillegung überdecken.
Vor Gründung des Whiskytrusts bestand ein Kartell, das infolge der großen
Überproduktion den Brennereien die Ausnutzung ihrer Leistungsfähigkeit
bis zu 40%, zeitweise sogar nur bis zu 28% erlaubte. Nach der Gründung
des Trusts, der mehr als 80 Brennereien umfaßte, wurden alle bis auf 12
geschlossen. Diese genügten, um dieselbe Produktenmenge aller Brennereien
vor der Gründung herzustellen1).

2.	Umfaßt die Erzeugung verschiedene Warenarten, Größen und Quali-
täten, dann ermöglicht die Zusammenfassung der Aufträge, einzelnen
Fabriken oder einzelnen Abteilungen nur die Herstellung bestimmter
Größen und Qualitäten zu übertragen. Spezialfabriken entstehen, die
außerdem oft der Technik den Anreiz zur Herstellung von Spezialmaschinen
geben. Auf den Walzstraßen der Stahlwerke können zum Beispiel innerhalb
eines gewissen Spielraumes die verschiedensten Profile und Dimensionen
hergestellt werden. Verlegt sich jedes Werk auf die Herstellung aller Pro-
dukte, so muß es ein großes Walzenlager anlegen und mit den wechselnden.

J) Jenks a. a. O. S. 34.
        <pb n="128" />
        ﻿— 120 —

Aufträgen auch die Walzen auswechseln. Es wird also das im Walzenlager
steckende Kapital nur mangelhaft ausgenutzt und durch das häufige
Walzen wechseln der Produktionsprozeß unterbrochen, Kraft und Zeit ver-
loren. Je größer die Zahl der Fabriken, die durch horizontale Kombination
einer einheitlichen Leitung unterworfen sind, desto eher ist eine Speziali-
sation der einzelnen Walzstraßen oder Fabriken durchführbar und eine
intensivere Ausnutzung der Anlage ist die Folge. Auf diesem Wege hat die
American Steel Hoop Co., die 85—90 verschiedene Größen und Arten her-
stellt, 1 bis 1J2 $ Pro t Produktion erspart.

Selbstverständlich kann sich, wie jedes Unternehmen, ebenso der Trust
alle Vorteile, also auch jene der Herabdrückung der Kosten aneignen,
die durch vertikale Kombination vermittelt werden. Abgesehen von be-
sonderen Verhältnissen wie z. B. denen der Eisenindustrie besteht aber der
Hauptzweck der vertikalen Kombination, wie wir sahen, in der Marktun-
abhängigkeit: einerseits in der Sicherung des Bezuges der Roh- und Hilfs-
stoffe, des Halbzeuges und eventuell auch der Produktionsmittel, anderer-
seits in der Sicherung des Absatzes, womöglich bis zum letzten Konsumenten.
Für den Trust als marktbeherrschende Organisation bietet das letzte Ziel
keine besondere Schwierigkeit. Dagegen besitzt die Sicherung der Unab-
hängigkeit durch Angliederung der Vorstufen der Erzeugung, wenn es sich
nicht gerade um einen Trust der Rohstoffstufe handelt, eine erhöhte Be-
deutung. Auf allen Stufen genügt die Angliederung geeigneter Erzeugungs-
stätten in einem Umfang, daß die Unabhängigkeit verbürgt ist. Nur auf
der Rohstoffstufe wird das Streben über dieses Ziel der Unabhängigkeit not-
wendig hinausgehen. Die marktbeherrschende Stellung des Trusts hängt
wesentlich von der Niederhaltung neuer Konkurrenz ab. Daraus ergibt
sich der Wunsch, ein Monopol der wichtigsten Rohstoffe zu erlangen.

Dieses Streben wird noch verständlicher, wenn man folgendes berück-
sichtigt. Die vertikale Kombination kann den Unternehmungen kleineren
und kleinsten Umfanges oft größere Vorteile in den Schoß werfen als den
Trusts: denn erstens ist in diesem Falle die Möglichkeit weit größer, daß sich
nur die am besten ausgerüsteten und am günstigsten gelegenen Einzelunter-
nehmungen der verschiedenen Produktionsstufen zusammenschließen.
2. hat jede Riesenorganisation, also besonders der Trust, mit höheren Rei-
bungsverlusten zu rechnen. Die Vorteile der horizontalen Kombination
wachsen zwar zunächst mit der Zahl der vereinigten Unternehmungen, aber
der größte Umfang der Kostensenkung ist ebenfalls nicht von einer Monopol-
stellung abhängig; denn auch hier spielen schließlich dieselben Gegenfak-
toren eine Rolle. Demnach fallen die Vorteile der Kostensenkung im Kampf
um die marktbeherrschende Stellung nur in die Wagschale, wenn dem Trust
ein Gegner gegenübertritt, dem die Möglichkeit zur ausreichenden Kom-
        <pb n="129" />
        ﻿—	12 X —

bination fehlte. Aber auch in diesem Falle fragt es sich noch, wieweit die
Vorteile, die die Kombinationen vermitteln, durch die Verpflichtungen
wieder ausgeglichen werden, die manchen Trusts, besonders den überkapi-
talisierten aus der Art der Kapitalbeschaffung erwachsen.

Die Gefahr, daß den Trusts neue Konkurrenten entstehen, ist um so
größer, je rascher sich die Marktentwicklung vollzieht und je reichhaltiger
die Möglichkeit ist, neue Rohstoffquellen zu erschließen. Daher kann auch
in den Vereinigten Staaten bei den meisten Trusts mit monopolistischer
Tendenz von einer wirklich marktbeherrschenden Stellung nicht die Rede
sein.
        <pb n="130" />
        ﻿3.	Kartell und Trust.

Das Ziel der Kartelle und Trusts ist die Ausschaltung oder weit-
gehendste Einschränkung der Konkurrenz. Eine Gegenüberstellung der
beiden Organisationen hat jedoch nur Sinn, wenn auf seiten der Kartelle
nur die höchst entwickelten Formen, die die Produktion kontingentieren
und den Absatz einer gemeinsamen Verkaufsstelle übertragen, berücksich-
tigt werden.

Das Kartell ist eine Organisation auf der Basis des Vertrages, der
Trust eine Organisation auf der Basis des Besitzes. Der Kartellvertrag ist
an eine kündbare Frist gebunden und beschränkt die Selbständigkeit der
Mitglieder nur soweit die Vertragspflichten reichen. Darin liegt die Haupt-
schwäche der Kartelle. Die Divergenz der Interessen ist nicht beseitigt,
sondern nur zeitweise überbrückt, wodurch der Leitung eine einheitliche
weitblickende Politik erschwert wird. Der Trust sichert die einheitliche,
zielbewußte Leitung, aber als Organisation auf der Basis des Besitzes
muß dieser Besitz erst erworben werden. Soweit nicht der Kampf dem
Trust die Wege ebnet, werden die Hindernisse durch Kapital überwunden.
Hohe Kapitalisation, wenn nicht Überkapitalisation ist die Folge, woraus
Verpflichtungen erwachsen können, die die Macht der Trusts schwächen.
Allerdings läßt sich dieser Nachteil nach der Gründung durch eine gesunde
Finanzpolitik beseitigen oder mildern, während die Schwäche der Kartelle
wohl nie völlig ausgemerzt werden kann.

Das Kartell sucht nun im günstigsten Falle das Ziel: Ausschaltung
der Konkurrenz dadurch zu erreichen, daß es den Absatz der Mitglieder in
seine Hand zusammenfaßt und das Ausmaß der Erzeugung entsprechend
der Nachfrage begrenzt. Es beschränkt sich auf die Absatzorganisation und
hat außer auf den Umfang auf die Produktion keinen Einfluß. Sein Erfolg
hängt davon ab, wieweit es ihm gelingt, eine günstigere Preisgestaltung zu
erzwingen. Die Produktionskosten der Mitglieder werden dagegen durch
die Produktionsbegrenzung meist im ungünstigen Sinne beeinflußt. Dabei
haftet das Kartell in der Regel an einem, seltener an einigen wenigen ver-
        <pb n="131" />
        ﻿irr— -irr ürniii -inwnn

t

&amp;

(

1 \

— 123 —

wandten Artikeln, erfaßt also in vielen Fällen nur einen Teil der Erzeugung
seiner Mitglieder. Der Trust dagegen beherrscht die gesamte Produktion
und den Absatz seiner Mitglieder, sein Einfluß erstreckt sich nicht nur auf
die Preise, sondern auch auf die Kosten. Daraus ergibt sich wiederum eine
gewisse Überlegenheit des Trusts über das Kartell. Über die Größe der
Überlegenheit ist damit aber nichts ausgesagt, sie kann in den einzelnen
Fällen bis zur Bedeutungslosigkeit einschrumpfen.

Ein Kartell, das Groß- und Kleinbetriebe, reine und kombinierte
Unternehmungen umfaßt, wird auf die höheren Produktionskosten seiner
schwächeren Mitglieder Rücksicht nehmen müssen. Das einzige Mittel,
die Differenz der Produktionskosten zu mildern, nämlich Stillegung der
Werke mit den höchsten Kosten, könnte nur für die Kartelle mit fester
Organisation in Frage kommen; aber auch diese wenden es nur selten an,
da eine Stillegung meist ohne Besitzerwerbung unmöglich ist und im Falle
einer Auflösung des Kartells die Regelung des gemeinsamen Besitzes die
größten Schwierigkeiten bereitet. Ein Trust dagegen wird unter den gleichen
Verhältnissen die Produktionskosten der vereinigten Werke weit günstiger
beeinflussen können. Besteht das Kartell dagegen aus wenigen großen
Unternehmungen, die sich alle Vorteile der vertikalen Kombination zu
eigen gemacht haben und wegen ihrer Größe auch die der horizontalen
Kombination mehr oder minder genießen, dann wird ein Trust keine we-
sentlich besseren Resultate erzielen. Er wird vielleicht eine größere Speziali-
sation unter den einzelnen Werken durchführen können, als es in ihren Ab-
teilungen bisher möglich war. Einer Spezialisation zwischen den Mitgliedern
eines Kartells steht die Gefahr der Kartellauflösung entgegen, daher ist
von den Bestimmungen des Stahlwerksverbandes, die diese Möglichkeit
vorsahen, kein Gebrauch gemacht worden. Eine Vertrustung so mächtiger
Unternehmungen, wie die Stahlwerke, wird aber die größten Schwierigkeiten
bereiten, so daß eine höhe Kapitulation die Folge ist und die Gefahr besteht,
daß die aus der Finanzierung erwachsenen Verpflichtungen die Vorteile
zum Teil wieder aufheben. Wenn sich in einem solchen Falle der Trust des
einen Landes dem Kartell des anderen überlegen erweist, dann beruht die
größere Macht weniger auf der Verschiedenheit der Organisation als auf der
der Produktionsbedingungen, sei es daß ergiebigere Rohstoffquellen zur
Verfügung stehen, sei es, daß das Kapital billiger ist, sei es, daß andere Vor-
züge ihren Einfluß ausüben.

Hieraus ergibt sich, daß auch im Kampf mit den Außenseitern der
Trust nur in jenen Fällen eine erhebliche Überlegenheit über das Kartell
besitzt, in denen sein Einfluß auf die Produktionskosten groß ist. Die Kar-
telle wollen die im Konkurrenzkampf gesunkenen Preise den Kosten an-
passen und müssen sich nach den unter den ungünstigsten Verhältnissen
        <pb n="132" />
        ﻿124

arbeitenden Mitgliedern richten. Ein Preiskampf ist für sie immer verlust-
reich und meist erfolglos; denn wer dem Kartell fern bleibt, wagt es in der
Regel im Vertrauen auf seine günstige Lage. Der Trust, der durch Rück-
sichtnahme auf teuer arbeitende Werke nicht gebunden ist, wird den Preis-
kampf um so eher mit Erfolg wagen dürfen, je mehr er ohne Verluste seine
Preise unter die seines Gegners senken kann. Mit der Überlegenheit des
Trusts über das Kartell verschwindet auch seine Vorzugsstellung im Kampf
mit den Außenseitern. Wenn man also mit Recht betont, daß ein Kartell,
um die für die Gesamtheit seiner Mitglieder günstige Preisgestaltung durch-
zusetzen, mindestens 80—90% der gesamten Erzeugung umfassen muß,
so darf man nicht vergessen, daß ein Trust, um eine marktbeherrschende
Stellung zu erlangen, sich nur dann mit einem geringeren Prozentsatz be-
gnügen kann, wenn er mit niedrigeren Kosten arbeitet als die Außenseiter,
denn der Trust garantiert ja nicht die niedrigsten Produktionskosten.
Konnten wir schon bei der Besprechung der Kombinationstendenzen her-
vorheben, daß das Ziel der Kombination nicht die Erreichung der absolut
niedrigsten Produktionskosten ist, so gilt das erst recht von den Trusts.
Das Ziel der Trusts ist die marktbeherrschende Stellung und, wenn es sich
nicht um spekulative Trustgründungen handelt, die Beseitigung des Miß-
verhältnisses zwischen Kosten und Preis als Folge des ungezügelten Wett-
kampfes. Die Monopolstellung wird meist nicht vollkommen zu erreichen
sein und in manchen Fällen werden sich die Produktionskosten des Trusts
höher stellen als die des einen oder anderen Außenseiters.

Im großen ganzen bleibt eine Überlegenheit des Trusts über das Kar-
tell bestehen, so daß die Frage berechtigt ist, warum haben sich,in den Ver-
einigten Staaten die Trusts, in Deutschland dagegen die Kartelle entwickelt
und warum hat in England weder die eine noch die andere Organisations-
form eine beherrschende Stellung erlangt.
        <pb n="133" />
        ﻿4.	Die Organisationsbestrebungen in den Vereinigten
Staaten, England und Deutschland.

Die Vereinigten Staaten.

Blickt man auf die vielen spekulativen Trustbildungen, berücksichtigt
man die Überkapitalisationen, die selbst die Basis der zukünftigen Ertrags-
steigerung oft erheblich überragen, so scheint für die Trustbildung ein ganz
anderes Motiv maßgebend zu sein, als die Beseitigung des ungünstigen
Verhältnisses von Angebot und Nachfrage, als der Wunsch: durch Kon-
kurrenzregulierung die Rentabilität der Unternehmungen zu sichern und
außerdem durch Ausnutzung der Kombinationsvorteile die Produktions-
und Absatzkosten den Preisen wieder anzupassen. Es scheint die Bewegung
ganz den Launen und Wünschen des Kapitals entsprungen zu sein, das sich
mit einem möglichst hohen Gewinnaufschlag durch Ausschlachten speku-
lativer Gründungen und durch Ausnützung der gewaltsam geschaffenen
Monopole zu verwerten strebt. Doch von diesem Mißbrauch der Trust-
organisation, mag er auch noch so üppig ins Kraut schießen, muß man
absehen, wenn man die Bedeutung und das Wesen der Trusts erfassen will.
Ganz die gleichen Auswüchse zeigten ja die Anfänge der Organisations-
form der Aktiengesellschaft. Man muß sich z. B. der Bubbles Acte er-
innern, die 1718 in England zur Zeit des Südseekrieges erlassen wurden,
um die unzähligen Schwindelaktiengesellschaften, die Seifenblasen (Bub-
bles), die in jener Zeit des Taumels aus dem Boden schossen, zu unter-
drücken, und die doch der Gründungs- und Spekulationswut nicht wesent-
lich Abbruch zu tun vermochten. Näher liegt uns allerdings der Grün-
dungsschwindel zu Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die
Bedeutung und das Wesen der Aktiengesellschaften wird niemand aus
diesen Mißbräuchen ableiten wollen. Wenn in der ersten Hochkonjunk-
tur, nachdem die neuen Trustformen gefunden waren, die Trustgrün-
dungen und besonders die spekulativen einen so gewaltigen Umfang an-
nahmen, so lagen besonders günstige Umstände vor.
        <pb n="134" />
        ﻿126

Zu ihnen gehört zunächst der Charakter des Volkes. Vogelstein schreibt:
„Es ist geradezu eklatant, in den alten Reiseberichten europäischer, vor
allem französischer Beobachter dieselben Urteile über amerikanischen
Geschäftsgeist, amerikanisches Arbeitstempo, aber auch amerikanische
Kulturlosigkeit zu finden, die in den Erzählungen neuer Amerikafahrer
und in den Vorstellungen aller Europäer einen weiten Raum einnehmen.“
„Ein Volk, das sich dem Geldverdienen gewidmet hat,. . . das ist der durch-
laufende Gedanke schon früher Beobachter. Selbst Alexis de Tocqueville
erklärt, daß er kein Land kenne, in dem der „armour d’argent" einen
größeren Raum im Herzen der Menschen einnehme. Der Amerikaner habe
es verstanden, sich auf dies eine Ziel zu konzentrieren. Das Verständnis
für Kunst, die Freude an der Natur, so wird behauptet, gingen ihm ab,
und selbst die hohen moralischen Prinzipien würden zurückgesetzt, wenn
die materiellen Interessen es verlangten"1). Ein solches Volk in einem
so reichen Lande mit so raschem Aufstieg mußte die Neigung zu spekula-
tiven Geschäften bis in die untersten Schichten entwickeln. Die Unter-
bringung einer Unsumme von Effekten monopolistischer wie nicht mono-
polistischer Trusts wäre sonst gar nicht denkbar gewesen. Dazu fehlt ein
einheitliches Aktiengesetz, das einen ausreichenden Schutz der Aktionäre
vor der Übervorteilung durch die Gründer und Geschäftsleiter gewährt,
während andererseits die Börsen nach dem New Yorker Vorbild auto-
nome, von jeder Staatseinmischung freie Vereinigungen sind. Kann man
sich da wundern, wenn die neuen Trustformen in einer glänzenden Hoch-
konjunktur und gefördert durch das Entgegenkommen einiger Staaten,
wie vor allem des Staates New Jersey, in weitestem Maße angewendet
wurde ? Es entstand nach den Erfolgen der ersten Trustunternehmungen
ein Taumel, der Glaube, daß diese Organisationsform überall anwendbar,
überall, wie auch die Prospekte behaupteten, die größten Gewinne not-
wendig bringen müßte. Mögen auch die Truststatistiken, wonach in den
Jahren 1898—1901 die amerikanischen Trusts im ganzen ein Kapital
von ca. 9 Milliarden $ darstellen sollen — darunter allein industrielle
Trusts mit einem Kapital von 3—4 Milliarden $ — nicht zuverlässig sein,
diese Zahlen und auch jene Angaben, daß im Jahre 1907 ca. 250 monopo-
listische Trusts mit etwa 7 Milliarden $ ausgegebenem Effektenkapital
vorhanden gewesen sein sollen, charakterisieren den Trusttaumel.

Die Erklärung des raschen Anwachsens und der Ausartung der Trust-
bewegung gibt aber keinen Einblick in die tieferen Gründe der Entstehung
dieser Organisationsbestrebungen und ihrer verschiedenen Entwicklung in i)

i) Vogelstein, Organisationsformen der Eisenindustrie und Textilindustrie
in England und Amerika 1910 S. 170/71.
        <pb n="135" />
        ﻿127

Deutschland und Amerika. Wie die Kartelle, so sind auch die Trusts im
Grunde ein Produkt des für die Unternehmungen ungünstigen Verhält-
nisses von Angebot und Nachfrage. Das beweist die Tatsache, daß den
älteren Trustgründungen Kartelle voran gegangen sind, wie in der Petro-
leumraffinerie, der Whiskyindustrie usw.

Die Entwicklung der amerikanischen Industrie mußte ebenso ein
Streben nach Konkurrenzregulierungen zeitigen wie die der deutschen.
Zwar spielt in Amerika unter den Gründen das Überangebot der Krisen-
jahre eine noch größere Rolle als bei uns. Die rasche Besiedlung dieses
Koloniallandes, die schnelle Ausweitung des Wirtschaftskörpers auf allen
Gebieten der Produktion und des Verkehrs, aufs lebhafteste unterstützt
durch die Mithilfe europäischer Menschen- Geld, und Warensendung, war
von Zeit zu Zeit von heftigeren Rückschlägen begleitet, als sie Europa zu
verzeichnen hatte. Das Überangebot der heimischen Produkte wurde nicht
selten durch das Übermaß der eingeführten Waren wesentlich verschlimmert.
Die nachteiligen Wirkungen der Krisen wuchsen, je größer die Unterneh-
mungen wurden und je stärker die Maschinenverwendung zunahm. Aber
abgesehen von dem Überangebot der Krisenjahre machte sich mit der
fortschreitenden Maschinentechnik auch in Amerika trotz der gewaltigen
Ausweitungsmöglichkeiten des inneren Marktes auf einzelnen Erzeugungs-
gebieten die Tendenz bemerkbar, die Produktivkraft dauernd über die
Nachfrage hinauszutreiben. Die Illinois Steel Co. zahlte von 1892—98 nur
einmal Dividende, während sie ihre Leistungsfähigkeit verdoppelte.1)
In das Jahr 1893 fiel eine schwere Krisis und der nächste Aufschwung
setzte erst stärker mit dem Jahre 1898 ein. In diesen Jahren mangelnder
Nachfrage verdoppelte also die Gesellschaft ihre Produktivkraft. Dieses
Beispiel ist kein Ausnahmefall, wenn auch nicht überall eine Verdoppelung
der Leistung erzielt wurde. Man darf nicht vergessen, welchen erheblichen
Einfluß die Maschine, besonders die teilweise oder ganz automatische
Arbeitsmaschine, infolge des notorischen Arbeitermangels in Amerika
ausübt. Das starke Hervortreten der Trustbewegung zu Ende der 90er
Jahre des vorigen Jahrhunderts wird ohne Zweifel zu einem guten Teil auf
das Konto des technischen Fortschrittes zu setzen sein. Wenn man anderer-
seits mit Recht darauf hinweist, daß die Konzentration und die monopo-
listische Vertrustung keineswegs als ein Kriterium der gesamten ameri-
kanischen Industrie anzusehen sei, so deutet sich darin nur an, daß entweder
jene treibenden Tendenzen und folglich der Zwang zur Konkurrenzregu-
lierung nicht auf allen Gebieten der Erzeugung die gleiche Stärke haben,.

l) Lewenz a. a. O. S. 18.
        <pb n="136" />
        ﻿128

oder besondere Hindernisse der Einengung des Wettkampfes entgegen-
stehen.

Der nächste Weg der Konkurrenzregulierung: die Kartellbildung,
konnte nicht zum Ziel führen. Fast um dieselbe Zeit wie in Deutschland
setzte auch in den Vereinigten Staaten eine Kartellbewegung ein. Es ent-
standen Kartelle, die die Produktionsgröße festsetzten, die Gewinne ver-
teilten, die Absatzgebiete aufteilten, die Vergebung der Submissionen
regelten, die Preise bestimmten usw. Aber diese Vereinbarungen werden
gesetzlich nicht anerkannt. Die amerikanische Gesetzbegung verbietet
nach englischem Vorbild alle Abreden, die zur Beseitigung der freien Kon-
kurrenz dienen. Da sie nicht rechtsverbindlich sind, kann jedes Kartell-
mitglied jederzeit den Vertrag brechen, ohne eine gerichtliche Verfolgung
befürchten zu müssen. Somit war nur das persönliche Interesse für die
Mitglieder maßgebend, ob sie ihre Verpflichtungen einhalten wollten oder
nicht.

Aber auch ohne jenes gesetzliche Verbot würden die Kartelle nur ein
mangelndes Resultat ermöglicht haben. Ist es schon schwierig die Erzeu-
gung der einzelnen Branchen eines so großen Wirtschaftsgebietes, wie die
Vereinigten Staaten, in Kartellen zusammenzufassen, so bietet außerdem
die rasche Ausweitung des inneren Marktes und die Unerschlossenheit des
Landes den Außenseitern die günstigsten Chancen. Eine große Fusion
gleicher Erzeugungsstätten, zumal, wenn sie sich zugleich in vertikaler
Richtung ausgestaltet, bietet auch ohne marktbeherrschende Stellung be-
reits erhebliche Vorteile. Sie wird den Konkurrenten überlegen sein, so-
lange diese sich nicht die gleiche Möglichkeit der Kostenverbilligung oder
auf Grund eigener Rohstoffquellen die gleiche sichere Basis geschaffen
haben. Läßt sich auf diesem Wege infolge unüberwindlicher Hindernisse
eine Monopolstellung nicht erlangen, dann wird wenigstens durch die Ver-
schmelzung die Zahl der Konkurrenten erheblich vermindert und dadurch
eine Kartellbildung erleichtert. Solange eine Überlegenheit der kombi-
nierten Unternehmungen über die Konkurrenten vorhanden ist, kann auch
ein gewisser Zwang, die Kartellvereinbarungen einzuhalten, ausgeübt
werden. Wachsen die Konkurrenten heran, vermögen sie allmählich zu
gleich günstigen Bedingungen zu produzieren, dann werden wenigstens
zeitweise die gleichen Interessen der wenigen großen Konkurrenten die
Kartellbestrebungen fördern. Der Stahltrust beherrschte bei seiner Grün-
dung 1901 nur 43% der Roheisenerzeugung und 66% der Stahlerzeu-
gung. Bis zum Jahre 1908 war sein Anteil an der Stahlerzeugung auf
56% zurückgegangen. Er bedarf zur Stütze seiner Preispolitik der
Kartelle für die wichtigsten Produkte die „heute wie vor der Gründung
des Stahltrusts regulär den Markt zu kontrollieren suchen und heute
        <pb n="137" />
        ﻿129

wie früher zu geeigneter Zeit von den starken und den kleinen gesprengt
werden“.1)

Da die Kartelle erstens gesetzlich verboten sind und zweitens wegen
der Marktgestaltung und der großen Zahl der Produzenten eine durch-
greifende Besserung nicht bringen konnten, stand zur Ausschaltung des
Wettkampfes nur der Weg des Zusammenschlusses offen. Die alte Trust-
form ermöglichte ihn ohne Kapitalaufwendungen zu beschreiten. Nach-
dem auch diese Organisationsform verboten wurde, war das Ziel dank
dem Entgegenkommen einzelner Staaten nur noch vermittels der Riesen-
fusionen und Beteiligungsgesellschaften zu erreichen. Spekulative Trust-
gründungen und Überkapitalisationen waren die unliebsamen Begleit-
erscheinungen. Daß sich aber auch Trusts, die eine gesunde wirtschaft-
liche Basis erstrebten, wenn es zur Durchsetzung der Organisation sein
mußte, des Mittels der Überkapitalisation bedienen konnten, war eine
Gunst der Marktgestaltung. Die rasche Markterweiterung erleichterte
den finanziellen Gesundungsprozeß.

Gefördert wurde die Entstehung der monopolistischen Fusionen und
Beteiligungsgesellscha ften durch das Vorherrschen der Aktiengesellschaften.
Aber auch der Widerstand des Familienbesitzes ist drüben gering* 2). Daß
auch das Aktienrecht und weiterhin die Börsenverfassung den Gründungs-
prozeß erleichterten, wurde bereits bemerkt. Die Banken spielen bei
den herrschenden Finanzierungsmethoden eine untergeordnete Rolle;
von ihnen kann eine Hemmung nicht ausgehen.

Nach der Überwindung der Gründungsschwierigkeiten wird der Er-
folg der Trusts wesentlich gesichert durch die Zölle und durch ihren Ein-
fluß auf die Eisenbahnen. Während des Bürgerkrieges haben die Ver-
einigten Staaten entsprechend den inneren Kriegssteuern die Zollmauer
wesentlich erhöht und in dieser Höhe auch beibehalten, als nach dem
Kriege die inneren Steuern fielen. Das extreme Hochschutzzollsystem
ist im ganzen bestehen geblieben und gewährt den Trusts weitgehende
Sicherheit gegen Konkurrenz von außen.

Die Niederringung der inneren Konkurrenz gelang ihnen in vielen
Fällen durch ihren Einfluß auf die Bahnen. Das amerikanische Privat-
bahnsystem ermöglichte das Ausspielen des einen Bahnsystems gegen
das andere seitens der größten Verfrachter, die so durch ihre Machtstellung

*) Vogelstein a. a. O. S. 259.

2) „Ebenso ist es bedeutsam, daß einem solchen Aufsaugungsprozeß so wenig
Widerstand von denjenigen Personen geleistet wird, die dabei das Werk ihres Lebens
zu verteidigen hätten. Da scheint in der Tat der rein sachliche Gesichtspunkt des
größten Vorteils über alle persönlich ethischen Werte den Sieg davongetragen zu
haben.“ Wiedenfeld, Das Persönliche im modernen Unternehmertum 1911 S. 41.

Mannstaedt, Zusammenschluß im Gewerbe.	9
        <pb n="138" />
        ﻿130

erhebliche Rabatte erzwangen. Noch günstiger ist die Lage des Trusts,
wenn es ihm gelingt, eine Kontrolle über die Bahnen zu erlangen. Da-
durch wird seine Monopolstellung gegen solche Konkurrenten gesichert,
die in der Höhe ihrer Produktions- und Absatzkosten ihm gewachsen
oder sogar überlegen sind.

England.

In England vollzog sich die Industrieentwicklung viel früher und
langsamer und außerdem die Marktgestaltung weit günstiger als auf
dem Kontinent und in Amerika. Frühzeitig spielte bereits der ausländische
Markt eine entscheidende Rolle. Heftige Krisen, die nicht unerheblich
durch den Wechsel in der Aufnahmefähigkeit der ausländischen Märkte,
besonders der überseeischen, beeinflußt wurden, unterbrachen von Zeit
zu Zeit den Aufschwung. Aber die schlimmsten Krisen fallen in die Zeit
der geringeren technischen Leistungsfähigkeit, während in dem letzten
Drittel des vorigen Jahrhunderts, in den Jahrzehnten des rapiden tech-
nischen Fortschrittes, England mildere Krisen zu verzeichnen hat. Diese
Eigentümlichkeit ist zum Teil in den vielseitigen internationalen Handels-
beziehungen begründet, die mit der wachsenden Kaufkraft dieser Länder
einen reicheren Ausgleich ermöglichten. Zum Teil aber ist sie eine Folge
der Wandlung in der englischen Ausfuhr. An die Stelle der Massenartikel
traten in der Ausfuhr immer mehr die hochwertigen Qualitätswaren,
traten ferner die Schiffahrtsdienste der rasch wachsenden englischen
Handelsflotte1). Die Massenindustrie hat die stärkste technische Lei-
stungssteigerung aufzuweisen, ist somit der Gefahr der Überproduktion
am leichtesten ausgesetzt. Eine Entwicklung der Gesamtindustrie zu-
gunsten der Herstellung von Qualitätswaren konnte somit nicht ohne
Einfluß auf die Krisen bleiben. Dazu kommt als weiteres Moment, daß,
die englische Industrie auf manchen Gebieten die technischen und organi-
satorischen Fortschritte nicht restlos zur Durchführung brachte. Das
hängt ohne Zweifel zu einem guten Teil damit zusammen, daß mit der
wachsenden Leistungsfähigkeit der englischen Industrie auch der von
England beherrschte Weltmarkt wuchs, die Industrie sich nicht erst den
Markt erobern mußte2). Es mag ferner, wie man behauptet, auch der Ein-

x) Eine genauere Schilderung dieser Wandlung siehe Dietzel, Bedeutet
Export von Produktionsmitteln volkswirtschaftlichen Selbstmord ? 1907.

2) Allein schon die englische Zahlungsbilanz weist glänzende Überschüsse auf,
„im Durchschnitt der letzten zehn Jahre über 2500 Millionen Mark . . .1 Dieser
Riesenbetrag setzt England in die Lage, immer neue Kapitalien im Ausland anzu-
legen. Was spielen dagegen die Auslandsaniagen anderer Länder für eine Rolle b
        <pb n="139" />
        ﻿—	131 —

fluß der Gewerkvereine mitspielen und endlich der konservative Sinn
der Engländer, ein Produkt des wachsenden Reichtums, der Sättigung,
und der Überhebung, des Herabsehens auf alles Fremde. Deutschland
und Amerika dagegen waren zur vollkommensten technischen Ausge-
staltung ihrer Industrien gezwungen. Deutschland, ein an Rohstoffen
armes Land, hat mit weit stärkeren Transportkosten zu rechnen als Eng-
land1). In Amerika sind die treibenden Faktoren die hohen Arbeits-
löhne und die großen Entfernungen. Nur soweit die Technik eine
Rohstoffersparnis erstrebt, ist der Zwang zur Anwendung technischer
Verbesserungen in Amerika nicht so groß; der erhebliche Reichtum er-
giebiger Fundstellen erlaubt eine Verschwendung.

Man darf bei der Betrachtung englischer Verhältnisse ferner nicht
vergessen, daß dem kleinen Inselvolke durch seine weltmarktbeherrschende
Stellung und seine zahlreichen Kolonien eine ganz andere Betätigungs-
möglichkeit gegeben war und noch ist, sich folglich auch aus diesen Grün-
den der Wettkampf im Lande, besonders der tatkräftigen Naturen, auf
deren Tätigkeit der A.usdehnungsdrang der Unternehmungen zurück-
zuführen ist, nicht so heftig gestaltete. Während gerade in Deutschland
die große Bevölkerung nicht nur jene reichere Betätigungsmöglichkeit
entbehrte, sondern auch durch die Ausdehnung des Bereiches der Staats-
und Kommunalbetriebe das Arbeitsgebiet für führende Persönlichkeiten
eingeengt sieht.

Also langsamere Industrieentwicklung, günstigere Marktgestaltung
und reichere Betätigungsmöglichkeit sind charakteristisch für England.
Die hieraus entspringende geringere Disproportionalität zwischen An-
gebot und Nachfrage legt auch die Notwendigkeit zur Konkurrenzregu-
lierung weniger nahe. Greifen wir zwei Gebiete heraus, auf denen sich
in Deutschland die erfolgreichsten Kartelle entwickelt haben. Die Roh-
eisenerzeugung Englands stieg von 7,5 Mill. t im Jahre 1885 auf 9,7 Mill. t
im Jahre 1905 und auf 10,1 Milk t im Jahre 1910. Die deutsche dagegen
erreichte in den gleichen Jahren die Höhe von 3,6, 10,8, 14,7 Milk t und
stieg 1912 auf 17,6 Milk t, während die englische auf 9 Milk t zurücksank.
Auf dem Gebiet der Kohlengewinnung dagegen hat auch England eine
ganz erhebliche Steigerung aufzuweisen. Von 1885—1910 von 161,9 auf
268,6 Milk t; Deutschland von 58,3 auf 152,8 Milk t. Aber Kohle ist neben

Deutschlands Kapitalexport z. B. schwankte in den drei letzten Friedensjahren
zwischen 320 und 660 Millionen Mark!“ Gegen die englische Finanzvormacht.
Sonderabdruck der Frankfurter Zeitung 1915 Seite 16.

r) In der Eisenindustrie z. B. machen die Verkehrskosten in England nur
8—10%, in Deutschland 28—30% der Erzeugungskosten aus.

9*
        <pb n="140" />
        ﻿132

den Qualitätswaren der wichtigste Ausfuhrartikel Englands und „ganz
unzweifelhaft steht dem Absatz englischer Kohlen zur alleinigen Ver-
sorgung ein sehr viel größeres Gebiet höchster Aufnahmefähigkeit zur
Verfügung als den deutschen Kohlenrevieren“1)2).

Ist schon das Streben nach Konkurrenzregulierung geringer, so
wird es noch gehemmt durch die weitgehende Arbeitsteilung nicht nur
zwischen Handel und Erzeugung, sondern auch innerhalb dieser Gebiete,
eine Arbeitsteilung, die England aus den Anfängen der Industrieent-
wicklung herüber gerettet und im Laufe der Zeit immer weiter ausge-
staltet hat. Techniker sind die Leiter der Fabriken — nicht wie in Deutsch-
land, wo der verschärfte Wettkampf schon frühzeitig den Kaufmann an
die Spitze brachte, — und Spezialkauf lei jte vermitteln die Rohstoff-
lieferung und den Absatz. Folglich ist auch die Kreditierung der Waren
während der Zirkulation und der Produktion dieser Arbeitsteilung an-
gepaßt und läuft wieder Hand in Hand mit der Bankorganisation. Diese
Arbeitsteilung hat einerseits eine Risikoverteilung zur Folge, wodurch
in manchen Fällen der Wunsch nach Einschränkung des Wettkampfes
gemildert wird; andererseits erschwert sie auch eine tiefer greifende Kon-
kurrenzregulierung, denn notwendig müßten alle jene vielseitigen Be-
ziehungen, die aus dieser Arbeitsteilung entspringen, mehr oder minder
zerrissen werden. Eine Absatzorganisation durch eine Verkaufszentrale,
unterstützt durch eine Produktionskontingentierung, obgleich sie schon
eine ganz andere Umwälzung bedeutet wie bei uns, genügt noch gar nicht,
auch die Kreditorganisation müßte in manchen Fällen den neuen Verhält-
nissen angepaßt werden. Nicht minder wird eine Trustgründung auf diese
Hindernisse stoßen.

So können wir uns nicht wundern, wenn wir zwar eine Reihe Kartelle
in England finden, aber meist nur Kartelle von lokaler Natur und in
erster Linie Preiskartelle. Die Macht lokaler Kartelle kann in einem
Lande mit so günstigen Transportverhältnissen nur gering sein.

Wenn man als weitere Hindernisse einer festen Kartellorganisation

*) Wiedenfeld, Das Persönliche S. 23.

2) Unter den Qualitätswaren, die England in steigendem Maße exportiert,
beanspruchen eine besondere Aufmerksamkeit die Maschinen und Schiffe. Zum
Antrieb dieser aus England bezogenen Maschinen und Schiffe bedurfte man in kohlen-
armen Ländern, deren gewerbliche Tätigkeit und überseeischer Verkehr zunahm, in
steigendem Maße britischer Kohlen. Die gewaltige, rasch wachsende englische Handels-
marine steigerte ebenfalls den Bedarf an Kohlen; es schwollen die Vorräte an, die an
überseeischen Kohlenplätzen aufgestapelt wurden. Endlich wird auch der zunehmende
Bedarf an Hausbrandkohlen mancher Länder von England gedeckt. Siehe Dietzel
a. a. O. S. 31 ff.
        <pb n="141" />
        ﻿133

auf die Zollfreiheit hinweist, ferner auf die Tatsache, daß für einzelne
englische Industriezweige eine größere Anzahl Reviere bestehen, deren
Produktionsbedingungen und Qualitäten stark voneinander abweichen,
so sind das keine prinzipiellen Hindernisse. Das deutsche Kohlensyndikat
ist ohne Zollschutz entstanden und der deutsche Roheisen verband sowie
der Stahlwerksverband fassen Reviere mit verschiedenen Produktions-
bedingungen zusammen. Verweist man ferner auf die Notwendigkeit
vieler englischer Industrien, sich in der Hauptsache auf den ausländischen
Markt stützen zu müssen, wo eine marktbeherrschende Stellung durch
nationale Kartelle nicht zu erringen ist, so kann man entgegnen, daß
demnach das Streben, wenigstens auf dem inländischen Markt den Wett-
kampf zu regulieren, um so größer sein müßte. Immerhin läßt sich nicht
leugnen, daß alle diese Argumente an Bedeutung gewinnen, wenn sie
gleichzeitig in Frage kommen. Endlich sei neben diesen sachlichen Mo-
menten noch ein persönliches Moment erwähnt: die Auffassung, im eng-
lischen Unternehmertum hätten die Lehren des extremen Individualismus
zu festen Boden gefaßt, um eine Einschränkung der Selbständigkeit zu-
zulassen.

Der beste Beweis, daß aber letzten Endes immer die Marktgestal-
tung und der von ihr ausgehende Zwang entscheidet, ist die Tatsache,
daß um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert zwei große Kartelle in
England bestanden: ein Kupfer- und ein Kohlenkartell. Letzteres hatte
eine gewisse Ähnlichkeit mit dem deutschen Kohlensyndikat. Es be-
stand von 1770—1844 und umfaßte nur die Produzenten des Gruben-
distrikts von New Castle, die auf dem Seewege London mit Kohlen ver-
sorgten. Als die Entwicklung des Verkehrswesens auch anderen Distrikten
den Zugang zum Londoner Markt erschloß, brach im neuen Konkurrenz-
kampf schließlich das Kartell zusammen1).

Neben den Kartellen wird in der englischen Statistik eine große An-
zahl Trusts aufgeführt. Jedoch die Mehrzahl dieser Trusts sind Fusionen
ohne monopolistischen Charakter, in der Hauptsache entstanden im In-
teresse des technischen Fortschrittes2). Die Gründung monopolistischer
Trusts wird vor allemdurch zwei Faktoren gehemmt. 1. Infolge der Klein-
heit der Betriebe auf manchen Gebieten, ein Erbstück aus den Anfängen
der Industrieentwicklung, herrschen die Familienbetriebe vor. Zwar
besitzen sie vielfach die Form der Aktiengesellschaft, doch dient diese
Form nur zur leichteren Kapitalbeschaffung im engeren Kreise der Ver-
wandten und Bekannten. Der Hauptaktionär betrachtet sich als Besitzer,

Lewy, Englische Kartelle der Vergangenheit. Schmollers Jahrbuch 1907.
*) Wiedenfeld, Das Persönliche S. 29.
        <pb n="142" />
        ﻿134

wodurch der persönliche Charakter der Unternehmung bewahrt bleibt.
Diese Familienbetriebe bilden ein starkes Hindernis der Aufsaugungs-
politik der Trusts. 2. In England sind dieselben Finanzierungsmethoden
üblich wie in den Vereinigten Staaten. Die großen Summen der Trust-
effekten müssen also direkt oder vermittels der Financial Companies
beim Publikum untergebracht werden. Dieses zeigt aber wenig Neigung
für derartige Effekten. Die Großkapitalisten wie auch die mittleren
Kapitalisten legen einen Teil ihres Vermögens in industrielle Unterneh-
mungen an, betrachten aber alle diese Investitionen als dauernde Kapital-
anlage. Der Kleinkapitalist kauft Renten oder Eisenbahnwerte, falls er
nicht vorzieht, ein kleines Häuschen zu erwerben oder sein Geld einer
Sparbank zu übergeben. „Kauft er einmal industrielle Aktien, so sollen
sie für ihn genau wie für die wohlhabenden Klassen so bekannt sein, daß
er sich wenigstens einbildet, ihre Verhältnisse genau beurteilen zu können.
Das englische Publikum kauft Industriepapiere als Lokalwerte. . . Einer
großen trustähnlichen Fusion, deren interne Verhältnisse den Mitgliedern
seines Klubs nicht so vertraut sind, einer expansionslustigen Gesellschaft,
die die hergebrachten Formen sprengt, die gewohnten Dimensionen rasch
hinter sich läßt, entzieht er häufig schnell sein Kapital und folgt damit
denselben Ideen wie die großen Kapitalisten, die für ihre guten Anlagen
derartig weit auslegende Firmen ebenfalls vermeiden. ... So groß der
Londoner Markt für Renten, Debentures und Obligationen aller Art,
für ausländische Aktien und Minen ist, die Anzahl der gehandelten eng-
lischen Industriepapiere erscheint verschwindend klein, ihr Umsatz und
ihr Einfluß auf den gesamten Börsenverkehr im Vergleich zu Deutsch-
land minimal“1). Ohne ein kauflustiges Publikum sind Trustgründungen
in größerem Umfange nicht durchführbar.

Deutschland.

Deutschland nimmt eine Mittelstellung zwischen England und Amerika
ein. Seine Industrieentwicklung großen Stiles beginnt erheblich später
als in England, aber früher als in den Vereinigten Staaten. Es drängt
sich also wie dort der gewaltige wirtschaftliche Aufschwung auf ver-
hältnismäßig wenige Jahrzehnte zusammen. Aber Deutschland ist ein
wirtschaftlich erschlossenes Land, demnach waren die Möglichkeiten der

*) Vogelstein, Die Industrie und der Kapitalmarkt. Bankarchiv VIII.
Jahrg. 1909 S. 341. Vgl. auch den schon zitierten Aufsatz von Vogelstein im Grund-
riß der Sozialökönomik Bd. VI.
        <pb n="143" />
        ﻿i35

inneren Markterweiterung erheblich beschränkter als in den Vereinigten
Staaten. Ausländische Absatzgebiete, wie in England, standen eben-
falls nicht zur Verfügung, sie mußten erst erobert werden. Schon die
rasche Durchführung der technischen Fortschritte auf den vielen zu-
nächst noch kleinen Unternehmungen führte leicht eine Übersetzung
des inneren Marktes herbei. Diese Gefahr wurde durch die Notwendigkeit
gesteigert, im Wettkampf auf dem Weltmärkte die Unzulänglichkeit
und geringe Ergiebigkeit der heimischen Rohstoffquellen und die hohen
Transportkosten durch höchste Vervollkommnung der Technik auszu-
gleichen. Die Tatsache, daß schon frühzeitig in Deutschland der Kauf-
mann den Techniker aus der Leitung der Unternehmungen verdrängte,
beweist am besten die Schwierigkeit, das rasch anschwellende Angebot
unterzubringen. Konkurrenzregulierungen, nicht nur für die Jahre des
Niederganges, waren ein dringlicheres Bedürfnis als in den Vereinigten
Staaten. Aber seine Befriedigung gestaltete sich auch leichter; denn der
nächstliegende Weg, die Kartellierung, war nicht verboten, das Wirt-
schaftsgebiet ist kleiner und erschlossen und die Banken, durch ihre finan-
ziellen Interessen mit einer mehr oder minder großen Zahl der Unter-
nehmungen gleicher Branchen aufs engste verknüpft, liehen ihre Unter-
stützung.

Nach den amtlichen Feststellungen bestehen in Deutschland über
500 Kartelle, wobei die Konditionenvereinbarungen nicht mitgezählt
worden sind. Man darf aber nicht den Hauptwert auf die Ziffer legen,
sondern muß die Tatsache berücksichtigen, daß sich das deutsche Kartell-
wesen zu immer höheren, fester gefügten Formen entwickelt hat.

Um den Wettkampf vollständig auszuschalten, stand auch der Weg
der Vertrustung offen. Die Zahl der deutschen Trusts ist bisher nur ver-
schwindend gering. Einige Kontrollgesellschaften und zahlreiche Fu-
sionen ohne Monopolstellung sind dagegen vertreten. Vereinzelt hat man
auch versucht, wie z. B. in der Tapetenindustrie, die nicht befriedigenden
Kartellorganisationen durch einen Trust zu ersetzen, ohne allerdings
eine marktbeherrschende Stellung zu erlangen.

Die geringe Entwicklung der Trusts ist zunächst auf die Ausbreitung
der Kartelle zurückzuführen, außerdem aber standen ihr noch einige be-
sondere Hindernisse entgegen. Schon das Vorhandensein der Familien-
betriebe, selbst auf dem Gebiete der Großunternehmung wie der Eisen-
industrie, verschlechtert die Aussichten der Trustbildung, nimmt ihr in der
Eisenindustrie sogar jede Möglichkeit der Durchführung. Da die Finan-
zierung der Trusts in Deutschland ohne Mithilfe der Banken nicht mög-
lich ist, müßte ihre Mitarbeit gesichert sein, wodurch spekulative Trust-
gründungen, soweit sie nicht schon durch die gesetzlichen Bestimmungen
        <pb n="144" />
        ﻿136

über die Aktiengesellschaften und durch die Börsenvorschriften unter-
drückt werden, so gut wie aussichtslos erscheinen. Ferner würde auch
die Unterbringung der Effekten große Schwierigkeiten verursachen,
nicht etwa deshalb, weil die Spekulationslust fehlt — die stellt sich über-
all dort ein, wo rasche wirtschaftliche Entwicklung reiche Gewinnchancen
bietet — sondern weil sich der deutsche Aufschwung unter ungünstigeren
Bedingungen vollzog als in Amerika, die geringeren Aussichten auf Ge-
winn eine größere Nüchternheit erzwangen. Endlich darf man nicht
vergessen, daß bei manchen Trustgründungen eine Überkapitalisation
gar nicht zu vermeiden ist. Nun bietet aber der innere deutsche Markt
nicht eine solche Ausdehnungsmöglichkeit wie der amerikanische und
der Auslandsmarkt muß in hartem Wettkampf Schritt für Schritt erobert
werden. Können sich also die Amerikaner besonders in den Fällen,
wo es sich nicht um spekulative Trustgründungen handelt, eine Über-
kapitalisation erlauben, da die Marktgestaltung in absehbarer Zeit auch
eine Rentabilität des gesamten Trustkapitals in Aussicht stellt, so sind
in Deutschland Überkapitalisationen als ein weit größeres Übel zu be-
trachten.

Die überragende Stellung, die die Kartelle in der gewerblichen Or-
ganisation Deutschlands einnehmen, werden sie auch in Zukunft behaupten.
Daß darin nicht ohne weiteres eine Rückständigkeit liegt, geht aus unserer
Gegenüberstellung der beiden Organisationsformen hervor, denn eine
Überlegenheit der Trusts ganz allgemein besteht nicht. Da ferner unter
dem Schutze der Kartelle die Verschmelzungsbestrebungen nicht er-
lahmen, in manchen Fällen, wie wir sahen, sogar gefördert werden, sich
also die Einzelmitglieder der Kartelle mehr und mehr die Vorteile der
Trusts aneignen, gleicht sich deren Vorsprung immer mehr aus. Sind
die gewerblichen Kartelle unserer Marktgestaltung im ganzen besser an-
gepaßt als die Trusts, so garantieren sie außerdem trotz der großen Schwie-
rigkeiten, die sie bei ihrer allmählichen Ausgestaltung zu überwinden
haben, eine gesundere wirtschaftliche Entwicklung als der gewaltsame
Eingriff der Trusts in die wirtschaftliche Organisation. So sehr auch die
Interessengegensätze, die Reibungen in den Kartellen, als Kraftvergeu-
dung zu bedauern sind, so sehr sich diese Differenzen auch in einzelnen
Fällen als direkt schädlich erweisen, so bedeutet doch die Erhaltung einer
großen Zahl selbständiger Unternehmer, ihr rastloses Streben im Interesse
ihrer Unternehmungen, auch einen außerordentlichen Gewinn an wirt-
schaftlicher Energie, während gleichzeitig das ewige Ringen im Kartell
zu werten ist als ein gewaltiger Erziehungsprozeß, über die Interessen
der Einzelunternehmung zunächst die gemeinsamen Interessen der Kartell-
mitglieder und darüber hinaus die gesamten wirtschaftlichen Interessen
        <pb n="145" />
        ﻿— 137 —

des Volkes nicht zu vergessen. Darf man auch als Resultat dieses Er-
ziehungsprozesses nicht sofort Wunder verlangen, so wird die ununter-
brochene Wirksamkeit allmählich sichtbarere Spuren hinterlassen. Das
Gemeininteresse läßt sich nicht durch Predigen von außen in das Wirt-
schaftsleben hin ein tragen, dafür ist das Gemeininteresse kein eindeutiger
Begriff; es muß vom Wirtschaftsleben selbst aus allmählich geboren
werden. Die Trustorganisation hingegen verlangt als Untergrund hoch-
entwickelten gemeinnützigen Sinn ihrer Leiter. Der rapide Aufschwung
des reichen jungfräulichen Landes hat aber dem amerikanischen Wirt-
schaftsleben keine Gelegenheit gegeben, diesen Sinn zu entfalten, er
war vielmehr der Nährboden des krassesten Gewinnstrebens. Darin liegt
die große Gefahr für Wirtschaftsleben, Volk und Staat.
        <pb n="146" />
        ﻿5.	Die Beurteilung der Preispolitik.

Das wichtigste Problem aller monopolistischen Organisationen ist
ihre Preispolitik und besonders die Höhe der Preise ist Gegenstand der
schärfsten Kritik. Dabei gibt es aber kaum eine Frage, die schwieriger
zu beantworten ist, wie die der Preisbeurteilung. Um das Gewicht der
Angriffe auf die Preispolitik der Kartelle und Trusts zu würdigen, muß
man auf die zwingenden Faktoren, die bei der Preisbildung mitwirken,
achten. Die Verhältnisse liegen bei den Trusts wesentlich einfacher, weil
ein einheitliches geschlossenes Unternehmen als Anbieter auftritt. Trotz-
dem bleibt die Beurteilung der Preise schwierig genug. Die folgenden
Darstellungen befassen sich nur mit der Preispolitik der Kartelle.

In der Zeit vor der Entwicklung der Kartelle sparte man sich im
ganzen die Kritik der Preishöhe und vertraute, daß die freie Konkurrenz
die richtigen Preise finde. Nur eine allgemeine Betrachtung war möglich,
denn niemand war da, den man für die Preishöhe verantwortlich machen
konnte. Das änderte sich, sobald die Kartelle die Preise festsetzten. Um
die Schwierigkeiten einer Beurteilung der Preise klarzulegen, soll zunächst
die Preishöhe, sodann die Bewegung der Preise in den Konjunkturen und
schließlich das Verhältnis der Auslands- zu den Inlandspreisen betrachtet
werden.

Wir gehen in der Erörterung der Momente, die bei der Beurteilung
der Preishöhe in Rücksicht gezogen werden müssen, von der selbstver-
ständlichen Voraussetzung aus, daß die Kartelle nicht willkürliche Schöp-
fungen des Kapitals sind, sondern notwendige Produkte der Marktent-
wicklung mit der Aufgabe, durch Zügelung des Wettbewerbes den Kartell-
mitgliedern eine angemessene Rentabilität zu sichern.

Da taucht zunächst die Frage auf, welcher Maßstab der Beurteilung
der Preishöhe zugrunde gelegt werden soll. Man muß sich hüten, wie
Liefmann1) mit vollem Recht betont, mit ethischen und moralischen

*) Liefmann, Kartelle und Trusts 1910 S. 72.
        <pb n="147" />
        ﻿139

Erörterungen über die Berechtigung der Unternehmer zu hohen Gewinnen
an diese Frage heranzutreten. Wo die Grenze zwischen berechtigtem
und unberechtigtem Gewinnstreben liegt, vermag niemand zu sagen.
Mit dem Maßstab der Ethik und Moral verliert die Kritik den Boden
unter den Füßen. Maßgebend für die Beurteilung können allein die wirt-
schaftlichen Verhältnisse sein. Man muß also von der Aufgabe ausgehen,
die die Preise im Wirtschaftsleben zu erfüllen haben.

Die Preise sollen Angebot und Nachfrage aufeinander abstimmen.
Sie sollen einerseits durch ihre Erhöhung oder Senkung die Zahl der Käufer
vermindern oder vermehren, um sie an das vorhandene Angebot anzu-
passen; sie sollen andererseits die Erzeugung durch die Gewinne oder
Verluste, die sie verursachen, zur Ausdehnung anreizen oder zur Ein-
schränkung zwingen, um sie der vorhandenen Nachfrage anzupassen.
Da nun aber mit zunehmender Größe der Betriebe und wachsender Ma-
schinenverwendung selbst Verlustpreise keineswegs immer eine Ein-
schränkung der Erzeugung oder eine Ausschaltung der unter den un-
günstigsten Bedingungen arbeitenden Unternehmungen zur Folge hatten,
während die fortschreitende Technik die Gefahr des Überangebotes er-
höhte, griffen die Kartelle in den Anpassungsprozeß zwischen Angebot
und Nachfrage ein. Auch unter den Kartellen sollen die Preise durch
ihre jeweilige Höhe die Verteilung des Angebotes unter die Käufer be-
wirken, allerdings mit der Absicht, die Preise möglichst nicht unter die
Kosten herabsinken zu lassen, was letzten Endes auf die Dauer nur mög-
lich ist, wenn die Kartelle auch die zweite Aufgabe der Preise, die Rege-
lung der Erzeugung übernehmen. Das Ziel der Kartelle ist die Hebung
und Sicherung der Rentabilität ihrer Mitglieder, worunter nicht die Er-
reichung möglichst großer Augenblickserfolge, sondern der größtmögliche
Erfolg auf die Dauer zu verstehen ist. Diese Aufgabe können die Kartelle
aber nur erfüllen, wenn sie in ihrer Preispolitik weitgehende Rücksicht
auf die Interessen ihrer Abnehmer und des gesamten Wirtschaftslebens
nehmen.

Wer die jeweilige Höhe der Kartellpreise beurteilen will, muß dieses
theoretisch richtige Ziel im Auge behalten, darf aber die praktischen Ver-
hältnisse nicht übersehen. Auch der freie Wettbewerb hat Übertreibungen
der Preisgestaltung nach oben und unten nicht zu verhüten vermocht,
je nachdem zu weitgehender Optimismus oder Pessimismus die tonan-
gebenden Köpfe beherrschte; demnach sind schon von vornherein Über-
treibungen in der Preispolitik der Kartelle zu erwarten. Wird die Not-
wendigkeit der Existenz der Kartelle anerkannt, dann muß man auch
berücksichtigen, daß diese Organisationen in fortwährendem Ringen mit
widerstrebenden Kräften eine allmähliche Entwicklung durchlaufen. Da
        <pb n="148" />
        ﻿140

die Kartelle die Selbständigkeit ihrer Mitglieder nur teilweise einschränken,
die Sonderinteressen der Einzelunternehmung keineswegs immer mit dem
Gesamtinteresse des Kartells parallel laufen, so müssen diese Divergenzen
notwendig auch ihren Einfluß auf die Preisgestaltung ausüben. Schon
die verschiedenen Produktionskosten der Kartellmitglieder werden oft
eine Preispolitik erzwingen, die dem theoretischen Ziel nicht entspricht.
Eine Besserung der Preispolitik hängt in solchen Fällen oft von einer
Milderung der Produktionskostendifferenzen ab. Man muß ferner die
Entwicklungstendenzen des Industriezweiges beachten. Rasche tech-
nische und organisatorische Umgestaltungen, große Verschiebungen im
Absatzgebiet usw. verschärfen oder mindern die Gegensätze im Kartell.
Es sei nur an die großen Schwierigkeiten erinnert, die aus der Zusammen-
fassung von reinen und gemischten Werken im Kartell entspringen. Die
Gegensätze mildern sich, wenn für die aufeinanderfolgenden Stufen des
Produktionszweiges Kartelle bestehen, die ihre Preispolitik aufeinander
abstimmen können.

Wo ist der Preis, der noch eine gedeihliche Wirksamkeit des Kar-
tells zuläßt und doch alle divergierenden Interessen ausgleicht? Die
Schwierigkeit der Beurteilung der jeweiligen Preishöhe muß einleuchten.
Im Einzelfalle mag die freie Konkurrenz eine bessere Preisgestaltung
ermöglichen. Aber was nutzt der Hinweis, wenn die Kartelle das Mittel
sind, die nachteiligen Folgen der freien Konkurrenz zu beseitigen, eine
Rückkehr zu ihr also ebenso ausgeschlossen ist.

In der Regel ruft eine Übertreibung der Kartellpreispolitik Korrek-
tive hervor, sei es, daß sich die Weiterverarbeiter durch Kombination
unabhängig machen, sei es, daß eine neue Konkurrenz, emporblüht oder
sei es, daß eine Surrogatindustrie entsteht. Aber das Auftreten dieser Be-
strebungen erlaubt noch keinen Schluß auf die Preispolitik des Kartells;
sie können allein schon dadurch aussichtsreich geworden sein, daß das
Kartell die durch den Wettkampf zu stark geworfenen Preise wieder auf
eine angemessene Höhe hob; sie können sogar gänzlich unabhängig von
den Wirkungen des Kartells entstanden sein.

Bisher haben wir die Konjunkturen nur soweit berührt, als die Ver-
schiebungen zwischen Angebot und Nachfrage einen Wechsel der Preis-
höhe bedingen. Nun taucht die Frage auf, ob die Konjunkturen den
Kartellen noch eine besondere Aufgabe stellen. Man hat vielfach von ihnen
eine größer? Stetigkeit der Preisbewegung erwartet. Wie ist dieses Ziel
aufzufassen ? Keineswegs sollen die Kartelle die Preisschwankungen un-
möglich machen, etwa nach der mittelalterlichen Idee des justum pretium.
Wäre es überhaupt möglich, dann könnten die Preise ihre wichtigen Auf-
        <pb n="149" />
        ﻿— 141 —

gaben im Wirtschaftsleben nicht mehr erfüllen; dem Vorteil stände ein
schwerer Nachteil gegenüber. „Gerade das Schwanken der Preise,“ sagt
Eulenburg, „gibt den einzigen Gradmesser für den jeweiligen Stand der
Nachfrage. Diese ewig schwankende Skala ist jedenfalls außerordentlich
unvollkommen, aber sie bildet immerhin unter den heutigen Produk-
tionsverhältnissen noch die beste Möglichkeit, um ein einigermaßen zu-
verlässiges Urteil über die Marktlage zu gewinnen. Hindert man dieses
Barometer, so würde offenbar die Orientierung über den Bedarf, trotz
vorübergehender Vorteile, im ganzen nur erschwert werden“1).

Nicht eine Ausschaltung, sondern nur eine Mäßigung der Preisbe-
wegung sollen die Kartelle erstreben. Ist dieses Ziel überhaupt erreich-
bar? Macht man sich klar, daß die Kartelle auf die Ursachen, die den
Konjunkturen zugrunde liegen, gar keinen Einfluß haben, so kann schon
aus diesem Grunde ihr Einfluß auf die Mäßigung der Preisbewegung
nicht allzu groß sein. Auch hier muß man wieder von den Aufgaben,
die die Preise im Wirtschaftsleben zu erfüllen haben, ausgehen. Im Falle
eines zu geringen Angebotes sollen durch die Preissteigerung so lange die
kaufkräftigen Nachfrager ausgelesen werden, bis ihr Bedarf dem Angebot
entspricht. Ist nicht demnach eine Mäßigung gänzlich ausgeschlossen?

In der Zeit eines kräftigen Aufschwunges wird die Preissteigerung
das Ziel der Auslese zunächst nicht erreichen. Die Nachfragewelle, die
z. B. durch eine Füllernte erzeugt wird, läßt sich weder in ihrer Stärke
noch in ihrem Einzelverlauf bestimmen. Das Anziehen der Preise der
Rohstoffe, Halbfabrikate, Werkzeuge usw. bis zu den fertigen Waren
führt im großen ganzen nicht zu einer Ausscheidung der Minderkauf-
fähigen. Jeder Produzent, sei es von Produktionsmitteln oder Endpro-
dukten, jeder Händler rechnet mit der Wahrscheinlichkeit, seinerseits
die Preiserhöhung weiter wälzen zu können. Diese Hoffnung erfüllt sich
größtenteils, weil mit dem Aufschwung, der z. B. infolge einer Füllemte
entstanden ist, allmählich auch die Kaufkraft der letzten Konsumenten,
vor allem der breiten Massen, wächst. Der Kaufkraftzuwachs stockt
erst im Höhepunkt der Konjunktur. Es bezweckt also die Preissteige-
rung weniger eine Auslese der Kauffähigen, sondern mehr eine Anpassung
der Preise an die gestiegene Kaufkraft; ihre Bedeutung liegt also haupt-
sächlich in der Erfüllung ihrer zweiten Aufgabe, in der Anreizung der
Erzeugung, sich der Nachfrage anzupassen. Darf hier trotz der wach-
senden Nachfrage durch Mäßigung in der Preissteigerung die Erzeugungs-
ausdehnung gehemmt werden?

l)	Eulenburg, Die gegenwärtige Wirtschaftskrise. Jahrb. f. Nat. u. Stat,
3. F. Bd. XXIV 1902 S. 368.
        <pb n="150" />
        ﻿142

Neben der Nachfragewelle, die, um im Beispiel zu bleiben, durch die
Tatsache der Füllernte erzeugt wird, läuft schließlich eine zweite Welle
her, die durch den übertriebenen Optimismus genährt wird, ein Produkt
der Unmöglichkeit, Stärke und Einzelwirkung der ersten Welle auch
nur annähernd zu schätzen. Der übertriebene Optimismus führt zu einer
gesteigerten Kreditanspannung, also zu einer neuen, nicht in einer ob-
jektiven Tatsache begründeten Nachfrage, deren Wirkung sich eben-
falls wellenförmig über das Wirtschaftsleben ausbreitet. Folgen die Preise
auch diesem Nachfragezuwachs, dann wird eine Erzeugungsausdehnung
die Folge sein, die das in den wirtschaftlichen Tatsachen begründete
Maß mehr oder minder weit überschreitet und in dem unausbleiblichen
Rückschlag doppelt drückend wird. Die Kartelle haben das größte Inter-
esse, jene übertriebene Produktionssteigerung zu bremsen. Das einzige
Mittel, das ihnen zu diesem Zweck zur Verfügung steht, ist die Hemmung
der Preissteigerung, wodurch der Anreiz der Erzeugungsausdehnung weg-
fällt. Eine Mäßigung in der Preispolitik ist also nicht nur möglich, son-
dern sogar erwünscht. Nur hat eine zielbewußte Ausübung zur Voraus-
setzung: ein sicheres Erkennen der verschiedenen, sei es gleichzeitig,
sei es nacheinander einsetzenden Faktoren des Aufschwunges und eine
wenigstens rohe Schätzung ihres Einflusses auf die Nachfrage. Wann
und wieweit im Laufe der Hochkonjunktur eine Mäßigung der Preispolitik
einsetzen soll und darf, vermag niemand auch nur mit annähernder Sicher-
heit zu sagen.

Dazu kommt eine zweite Schwierigkeit. Eine solche Politik ver-
mögen nur wenige hochentwickelte Kartelle auszuüben. Aber die Mäßi-
gung eines kleinen Teiles der Erzeugungssphäre wird die Übertreibungen
des Optimismus im übrigen Wirtschaftsleben nicht verhindern. Erst
das Handinhandarbeiten einer größeren Anzahl festgefügter Kartelle
könnte einen Einfluß zeitigen. Die Folge ist, daß die Mäßigung des einen
Produktionszweiges oft die Übertreibungen des anderen fördert. Die
festorganisierten Kartelle finden sich auf den unteren Stufen der Er-
zeugung. Bleibt ein Rohstoffkartell z. B. in der Hochkonjunktur in der
Preissteigerung hinter der allgemeinen Aufwärtsbewegung zurück, dann
ziehen die Verarbeiter der Rohstoffe aus diesem Verhalten erhöhten Nutzen.
Die Gewinnsteigerung reizt zur Ausdehnung oder Entstehung neuer
Produktionsstätten und die Folge ist verschärfte Nachfrage nach den
Rohstoffen. Also das Kartell hemmt die Produktionsausdehnung seiner
Mitglieder, seine Preispolitik fördert das Streben nach Produktionsaus-
dehnung der Weiterverarbeiter, es wächst demnach die Divergenz zwischen
Angebot und Nachfrage. Da durch die Preisgestaltung die Verteilung des
Angebotes auf die Kauflustigen nicht erfolgt, muß sie das Kartell selbst
        <pb n="151" />
        ﻿143

vornehmen. Künstliches Zurückhalten der Preise und damit der Pro-
duktion bei überwiegender Nachfrage verlangt notwendig die Vorrats-
verteilung. Die mäßige Preispolitik ist den Weiterverarbeitern erwünscht,
die sich ergebende Knappheit an kartellierten Erzeugnissen und ihre not-
wendige Verteilung wird die schärfsten Angriffe hervorrufen.

In der Zeit des Niederganges ist die Mäßigung der Preisbewegung
schon durch die Existenz der Kartelle gegeben, die sich bemühen werden,
die Preise nicht unter die Produktionskosten sinken zu lassen. Daß diese
Politik wiederum nur die festgefügten Kartelle befolgen können, wurde
schon oft betont. Das Mittel zu diesem Ziel ist die Einschränkung der
Erzeugung. Plhe der Tiefpunkt der Konjunktur erreicht ist, wird jede Preis-
senkung der Vorstufe von den nachfolgenden Stufen bis zum Händler
zu dem Versuch benutzt, den Konkurrenten durch Unterbietung aus dem
Felde zu schlagen. Eine Vermehrung der Nachfrage wird durch die
Preissenkung nicht oder nur in sehr geringem Maße erreicht, denn es sinkt
mit dem Niedergang, mit dem Aufhören der Wirksamkeit des Sonder-
faktors, der den Aufstieg hervorrief, auch die Kaufkraft der letzten Kon-
sumenten, vor allem der breiten Massen. Der Zweck der Preissenkung
ist also in erster Linie die Einschränkung der Erzeugung und nicht die
Ausweitung der Absatzmöglichkeit. Da aber mit der Einschränkung auch
die Produktionskosten wachsen, ist es die Aufgabe der Kartelle, den
Preis zu suchen, bei dem der größtmögliche Absatz erreicht wird und doch
die Kosten möglichst gedeckt werden.

Die Gefahr liegt vor, daß die Kartelle beim Aufstieg auf Mäßigung
verzichten, sie dagegen beim Niedergang übertreiben. Doch gereicht eine
solche Politik nicht nur den Verbrauchern, sondern auch den Kartellen
selbst zum Nachteil. Zu starke Preissteigerung während des Aufschwunges
und zu langsame Preissenkung während des Niederganges reizt nicht
nur die Kartellmitglieder zur Produktionsausdehnung, sondern ebnet
auch neu entstehender Konkurrenz und eventuell der Surrogatindustrie
den Boden und stärkt die Unabhängigkeitsbestrebungen der Verbraucher.
Eine Schwächung der Kartellmacht ist die Folge. Wieweit der drohende
Nachteil eine richtige Preispolitik im Kartell erzwingt, hängt von der
Stärke der Interessengegensätze im Kartell und von der Einsicht der
Leiter ab.

In einem gegebenen Falle ist es außerordentlich schwierig zu beur-
teilen, ob und inwieweit eine Mäßigung in der Preispolitik geherrscht hat.
So behauptet z. B. Vogelstein, daß in der Hochkonjunktur am Ende
des vorigen Jahrhunderts die. Kartelle, abgesehen von wenigen Ausnahmen,
bis zum Schluß des Jahres 1898 Mäßigung geübt hätten. Es wäre ihnen
ein Leichtes gewesen, durch Preistreibereien einen augenblicklichen Mehr-
        <pb n="152" />
        ﻿144

bedarf und eine Hochkonjunktur schärfster Art hervorzurufen1). Eulen-
burg betont dagegen, daß diese Auffassung reines Phantasma sei. „Wie
sollten denn die Leute mit einem Male 1899 vom Hafer gestochen sein,
die Preise rein nach Laune und Willkür zu erhöhen? Sie haben nur die
vorhandene Marktlage voll ausgenutzt und die war eben verschieden von
der vorangehenden“2). Wenn sich auch die Marktlage geändert hatte,
so kann doch eine Mäßigung in der Preispolitik geherrscht haben, der
Beweis des Gegenteils müßte also geführt werden. Pohle hebt hervor,
daß sich ein direkter Beweis nicht bringen lasse, nur indirekt sei er zu führen.
Er sieht die Mäßigung der Kartelle auch in der zweiten Hälfte jener Hoch-
konjunktur darin, daß z. B. beim Kohlen- und Kokssyndikat die Preise
der nicht zum Kartell gehörigen Unternehmungen, unter denen sich auch
Staatsbetriebe befanden, mehrfach höher gewesen sind wie die Syndi-
katspreise. „Diese Tatsache besagt . . . daß die von den Kartellen vor-
genommenen Preiserhöhungen ihre Ursache nicht in der ökonomischen
Position, nicht in der Monopolstellung der Kartelle hatten, sondern daß
sie durch das damalige Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage ge-
fordert waren, ja daß die Kartelle, wenn sie ihre Preispolitik lediglich
nach der Dringlichkeit und dem Umfange der Nachfrage eingerichtet
hätten, berechtigt gewesen wären, noch höhere Preise zu verlangen, als
sie von Syndikatswegen festgesetzt worden sind"3). Ferner hebt Pohle
die Tatsache hervor: „daß in früheren Aufschwungsperioden die Be-
wegung der Kohlen- und Eisenpreise mehrfach noch größere Schwan-
kungen aufweist, als dies in der letzten Periode der Fall war, obwohl
diese nach Dauer und Intensität die günstigste Konjunktur war, welche
das deutsche Wirtschaftsleben im letzten Jahrhundert überhaupt gehabt
hat“. Doch ist dieser letzte Hinweis weniger beweiskräftig, da es nicht
ausgeschlossen ist, daß der erhebliche technische Fortschritt die Be-
friedigung der Nachfrage trotz ihres raschen Anschwellens in günstigerer
Weise ermöglicht hat als z. B. in der Hochkonjunktur der 70er Jahre.
Ein Vergleich verschiedener Perioden des wirtschaftlichen Aufschwunges
läßt überhaupt sichere Ergebnisse nicht zu.

Die Schwierigkeit der Preisbeurteilung wächst endlich ganz erheb-
lich, wenn neben den Inlandspreisen auch die Auslandspreise zu berück-
sichtigen sind. Mögen die Kartelle ihre Tätigkeit auf das Inland beschrän-

1)	Vogelstein, Die Industrie der Rheinprovinz 1888—1900.	1902 S. 96.

2)	Eulenburg a. a. O. S. 368.

3)	Pohle, Bevölkerungsbewegung, Kapitalbildung und periodische Wirtschafts-
krisen 1902 S. 43.
        <pb n="153" />
        ﻿145

keil oder mögen sie auch das Ausland miteinbeziehen, auf jeden Fall wird
ihre Preispolitik die Differenz zwischen den Preisen des Inlandes und
des Auslandes beeinflussen. Ein besonders scharfer Angriff gegen die
Kartelle setzt jedesmal ein, wenn es scheint, daß als Endwirkung der
Kartelltätigkeit eine Vergrößerung des Unterschiedes der In- und Aus-
landspreise festgestellt werden könne.

Als Grundlage der Kritik müssen zuerst die tatsächlichen Preise
festgestellt werden. Die Ermittlung der Inlandspreise der Kartelle ist
überall dort einfach, wo es sich um Einheitspreise handelt. Bestehen aber
Unterschiede in der Preishandhabung, z. B. für verschiedene Absatzge-
biete, dann müßte der Inlandspreis aus dem Durchschnitt der Preise unter
Berücksichtigung der abgesetzten Mengen berechnet werden.

Was sind aber Auslandspreise? Man darf nicht einfach die Preise
eines Freihandelslandes, wie Englands, als die maßgebenden ansprechen,
gestützt auf die Ansicht, daß im Freihandelslande auf die Dauer nur die
Industrien bestehen können, die dem vielseitigen Wettbewerb stand-
halten. Auch die Industrie des Freihandelslandes kann das Ausland durch
günstigere Preisgestaltung bevorzugen, wie z. B. aus folgendem Bericht
über den englischen Eisen- und Stahlmarkt hervorgeht. Dort heißt es:
„Da die inländische Nachfrage nach Kesselblechen nachgelassen hat,
sind die Werke mehr als bisher auf den Export angewiesen und infolge
des starken Wettbewerbes auf dem Weltmarkt gezwungen,; unter den
offiziellen Mindestpreis von £ 8/7/6 abzüglich 5% und zuzl. gewisser Ex-
portaufschläge zu gehen. Es wurde daher beschlossen, die Exportpreise
auf £ 7/15/- bis £ 8/7/6 pro t, abzl. 5%, je nach den verlangten Dimen-
sionen festzusetzen. Dieser Beschluß hat in englischen Abnehmerkreisen
große Verstimmung hervorgerufen, da er das Ausland zu ungunsten des
Inlandes bevorzuge. Die Stahlwerke begründen ihrerseits die Notwendig-
keit des gefaßten Beschlusses unter Flinweis darauf, daß nur *4 der Blech-
produktion in England selbst untergebracht werden kann"1). Die Be-
vorzugung des Auslandes kann soweit gehen, bis der Rücktransport der
ausgeführten Waren rentabel zu werden beginnt.

Die Preise des Freihandelslandes können aber vor allem deshalb nicht
als Grundlage zur Berechnung der Preisdifferenz zwischen In- und Aus-
land benutzt werden, weil es überhaupt keine allgemeingültige Auslands-
preise gibt. Es ist grundfalsch, bestimmte Preise als Weltmarktpreise
anzusprechen.

Was ist denn der Weltmarkt? Er ist wie Wiedenfeld sagt: „ein
vielerlei von Kräften, die einander stützen oder auch bekämpfen; er ist

2) Rheinisch-Westfälische Zeitung 1907 Nr. 1048.
Mannstaedt, Zusammenschluß im Gewerbe.

10
        <pb n="154" />
        ﻿146

die Summe all der Bedingungen, auf denen in aller Welt die Produktion
eines bestimmten Artikels sich aufbaut und all der Bedingungen, unter
denen sich der Verbrauch eben dieses Artikels und seiner Supplemente
vollzieht. Der Weltmarkt bedeutet nicht einen einzelnen Ort und auch
nicht eine bestimmte Mehrheit einzelner Orte; er bezeichnet vielmehr
ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis und zwar eben die Abhängig-
keit, in der in einem bestimmten Artikel und seinen Supplementen die
Produktion der ganzen Erde und die Konsumtion ebenfalls der ganzen
Erde zueinander stehen. Die Eigenschaft der Welt als eines einheitlichen
im großen Zuge heute sich gleichmäßig bewegenden Marktgebietes —
das ist es, was wir mit dem Wort Weltmarkt bezeichnen wollen. Und eben
weil es sich dabei um eine Summe lokaler Strömungen, um eine Diagonale
verschiedener Kräfte handelt, weil nicht ein bestimmter Ort, sondern
die ganze Welt diesen Markt bildet, — darum gibt es keinen Weltmarkt-
preis, den man konkret fassen könnte; darum gibt es nur Weltmarkts-
preistendenzen, deren Auf und Ab, wenngleich mit lokalverschiedener
Stärke, so doch in der Richtung übereinstimmend, überall zu beobachten
ist. Darf man also nicht etwa vom Londoner Weizenpreis als dem Welt-
marktspreis sprechen, so darf man doch aus seiner Bewegung die Welt-
marktspreistendenzen ablesen“1). Aber ein Weltmarkt kann nur bestehen
für Waren, die sich infolge ihrer Gleichartigkeit überall vertreten können.
Demnach kann man bei den meisten Industiieprodukten nicht einmal
von Weltmarktspreistendenzen, geschweige denn von Weltmarktspreisen
sprechen.

Da es also allgemeingültige Auslandspreise nicht gibt, muß man,
um überhaupt eine Beurteilung der Preispolitik der Kartelle zu ermög-
lichen, für die einzelnen ausländischen Absatzgebiete die Durchschnitts-
preise unter Berücksichtigung der abgesetzten Mengen berechnen. Die
Durchschnittspreise ihrer gesamten Auslandsverkäufe haben nur einzelne
Kartelle in den kontradiktorischen Verhandlungen angegeben. Ob bei
ihrer Berechnung auch die abgesetzten Mengen berücksichtigt sind, ist
nicht ersichtlich. Im übrigen fehlt jedes brauchbare Material, das einer
Preisbeurteilung zugrunde gelegt werden könnte. Zusammenstellungen
gelegentlicher in den Zeitungen angegebener Einzelpreise von Auslands-
verkäufen können als Kritikunterlage nicht dienen, da sie ein zuverlässiges
Bild nicht gebeni) 2). Vor allem muß man die nach den ausländischen Ab-

i) Wiedenfeld, Die Entwicklung der Verkehrsmittel und die landwirtschaft-
liche Konkurrenz im Auslande im letzten Menschenalter. Zeitschr. für Agrarpolitik
1904 Nr. 1.

*) Eine solche Zusammenstellung bietet Morgenroth, Exportpolitik der
Kartelle 1907.
        <pb n="155" />
        ﻿147

satzgebieten verkauften Mengen und die erzielten Durchschnittspreise
kennen und sie den im Inland verkauften Mengen und erzielten Preisen
gegenüberstellen können, wenn man die Wirkung der billigen Auslands-
verkäufe auf die weiterverarbeitenden Industrien untersuchen will.

Ist die Differenz zwischen In- und Auslandspreis festgestellt, dann
muß die Frage beantwortet werden, wodurch ist ihre jeweilige Größe
beeinflußt worden ? Ihre Größe wechselt zunächst mit den Konjunkturen
der einzelnen Länder, denn diese laufen keineswegs immer parallel und
selbst wenn sie die gleiche Richtung haben, so fallen die Höhepunkte und
Tiefpunkte in den einzelnen Ländern nicht immer in die gleiche Zeit.
Daher treten auch in einem Freihandelsland zeitweise Unterschiede zwischen
den Preisen im Lande und denen auf den einzelnen Auslandsmärkten auf.

Diese Differenzen müssen notwendig mit dem Auf und Ab des Wirtschafts-
lebens der einzelnen Länder steten Schwankungen unterhegen.

Von Wichtigkeit für die Größe der Preisdifferenz ist weiterhin die
Zollpolitik. Je höher die Zölle sind, desto größer ist die Gefahr, daß im
geschützten Lande die Preise in der Hausse um so höher hinauf klettern
und folglich nachher in der Baisse um so tiefer hinabsinken. Eine dauernde
Preisdifferenz zugunsten des Inlandes ist aber auch durch die Zölle nicht /
gesichert. Scharfer Wettkampf auf dem inländischen Markt und ent-
gegengesetzter Ablauf der Konjunkturen in den einzelnen Ländern können
trotz der Zollmauer, wenn auch nur in Ausnahmefällen, die Preisdifferenz
zeitweise aufheben oder sogar umkehren.

Endlich wird die Preisdifferenz bestimmt durch die Wirksamkeit
der Kartelle (und Trusts). Ihr Einfluß erstreckt sich in erster Linie auf
die Inlandspreise. Befinden sie sich in einem zollgeschützten Lande, so
sind sie nichts anderes als die vollführenden Organe der Schutzzöllner.

Der Zoll kommt nur teilweise oder überhaupt nicht zur Geltung, solange
scharfer Wettkampf herrscht. Handelt es sich um Ausgleichszölle, die
den Produktionskostenunterschied zwischen In- und Ausland ausgleichen
sollen, und bringen die Kartelle durch Ausschalten des Wettkampfes den
Zoll zur Geltung, so kann gegen ihre Tätigkeit vom Standpunkt des
Schutzzöllners nichts eingewendet werden.

Auf die Auslandspreise üben die Kartelle entweder direkt oder in-
direkt ihren Einfluß aus. Indirekt, wenn das Ausland nicht in ihr Tätig-
keitsgebiet einbezogen ist. Die Werke wollen ihre Leistungsfähigkeit
ausnutzen, sie müssen also diejenigen Preise im Inland und Ausland
suchen, die den größten Gesamtauftragsbestand einbringen, die folglich
die größte Senkung der Produktionskosten ermöglichen und doch gleich-
zeitig eine günstige Rentabilität erlauben. Die Schwierigkeit, dieses
Problem zu lösen, liegt auf der Hand. Sind aber die Preise im Inland

IO*
        <pb n="156" />
        ﻿S8S

—	148 —

durch das Kartell festgelegt, so ist damit die Absatzmöglichkeit gegeben.
Wie tief die einzelnen Kartellmitglieder ihre Preise auf den Auslands-
märkten unter den Inlandspreis senken können, ohne im ganzen mit
einem Verlust abzuschneiden, hängt — wenn wir einmal von den Kon-
junkturen im Ausland absehen — einerseits ab von dem Verhältnis ihres
Inlandsabsatzes zu ihrer Leistungsfähigkeit, andererseits von der Größe
der Spannung zwischen Inlandspreis und den Produktionskosten, die
sie bei voller Ausnutzung ihrer Anlagen erreichen. Die Werke werden
aber bereit sein, im Notfälle die Auslandspreise noch tiefer zu senken, also
mit Verlust zu arbeiten, wenn eine teilweise Stillegung ihrer Anlagen
noch größere Verluste verursacht.

Das Preisproblem ändert sich nicht, wenn sich die Tätigkeit des
Kartells auf den Auslandsmarkt erstreckt, wenn die Preise für die ein-
zelnen Verkäufe nach den verschiedenen fremden Absatzgebieten direkt
von der Kartellzentrale festgesetzt werden. Die Erreichung des Zieles
ist nur insofern erleichtert, als der Wettkampf der Kartellmitglieder auf
den Auslandsmarkt ausgeschaltet ist. Sie bleibt aber trotzdem schwierig
genug, wie das folgende Beispiel zeigt: Die Auslandsverkäufe zu außer-
ordentlich niedrigen Preisen werden für die Zeit vor der Gründung des
Stahlwerksverbandes von den gemischten Werken zugegeben. Der Stahl-
werksverband mußte nach seiner Gründung, damit seine Werke rentabel
arbeiten konnten, 25—30% seiner Gesamtproduktion im Auslande unter-
bringen. Solange der Kampf der Stahlwerke untereinander auf dem
Auslandsmarkt geherrscht hatte, waren die Preise für deutsches Halb-
zeug auf dem englischen Markt 5, 6 und mehr Schillinge unter die No-
tierungen der englischen herunter gegangen. Nachdem der Stahlwerks-
verband gegründet, also die innere Konkurrenz ausgeschaltet war, wurden
die Preise für Halbzeug erhöht. Die Hoffnung, die neuen Preise halten
zu können, erwies sich aber als trügerisch, da die amerikanische Kon-
kurrenz nun mit großer Schärfe einsetzte. In Amerika schlug im Mai
1903 die Hochkonjunktur des Jahres 1902 um. Die Roheisenerzeugung
sank bis zum Schlüsse des Jahres auf die Hälfte, von 1713614 t im Mai
auf 846606 t im Dezember. Trotzdem führte Amerika im Jahre 1902
nur 5445 t Halbzeug aus. Als Grund werden die niedrigen Preise ange-
geben, die infolge des Wettkampfes der deutschen Werke untereinander
auf dem Weltmärkte herrschten. Die Preiserhöhung des Stahlwerks-
verbandes trug nicht wenig dazu bei, den Amerikanern die Wege zu ebnen.
Ein neuer Wettkampf entspann sich, dieses Mal zwischen Deutschen und
amerikanischen Stahlwerken. Die deutschen wurden von dem haupt-
sächlich in Betracht kommenden englischen Markt verdrängt. Infolge-
dessen sah sich der Verband genötigt, seine Preise, um die verlorene Stel-
        <pb n="157" />
        ﻿149

hing wieder zu erobern, nunmehr so tief herabzusetzen, als es die Werke
vorher trotz gegenseitigen Wettbewerbes nicht nötig gehabt hatten.
Der Kampf nahm erst mildere Formen an, als sich in den Monaten August
und September 1904 in Amerika unverkennbare Anzeichen einer Besse-
rung bemerkbar machten, und nachdem infolge internationaler Verein-
barungen zwischen den deutschen, belgischen, französischen und eng-
lischen Stahlwerken, denen sich später die Werke der United States Steel
Corporation hinzugesellten, die Weltmarktspreise für Walzwaren eine
Aufbesserung erfuhren1).

Erkennt man die Notwendigkeit der Kartelle und Zölle an, dann muß
man auch die Differenzen zwischen Inlands- und Auslandspreisen als
(wermeidbare Folgen mit in Kauf nehmen. Diese Differenzen werden vor
allem in der Zeit des Konjunkturumschlages wachsen. Der Zwang zum
Export wird in den Industriezweigen am größten sein, deren Leistungs-
fähigkeit infolge technischer Fortschritte am stärksten gestiegen ist,
sowie in jenen, an die, als Lieferanten der Roh- und Hilfsstoffe für eine
große Zahl anderer Industrien, die Hochkonjunktur besonders hohe An-
forderungen stellte.

Und nun wird die Frage aufgeworfen: Entsprach die Preispolitik
in jenen bekannt gewordenen Fällen, in denen ein Kartell zu besonders
niedrigen Preisen nach dem Auslande verkaufte, den volkswirtschaftlichen
Interessen ?

Welche Forderung wird man vom volkswirtschaftlichen Standpunkt
stellen? In der Zeit des Niederganges muß in erster Linie Arbeitsge-
legenheit geschaffen werden, um den Rückschlag möglichst zu mäßigen.
Es ist immer noch besser, solange die Unternehmungen es aushalten
können, selbst unter Verlust Arbeit zu schaffen, als Arbeitskräfte brach
liegen zu lassen. Hieraus ergibt sich die weitere Forderung: Möglichst
hochqualifizierte Waren, die viel Arbeit enthalten, herzustellen und
hinauszusenden statt Massenwaren. Die Möglichkeit hängt von der Auf-
nahmefähigkeit der ausländischen Märkte ab. Lassen sich hochquali-
fizierte Waren nicht in genügender Menge absetzen, dann ist ein Ver-
sand von Massenwaren, vor allem von Rohstoffen und Halbzeug, wofür
sich am leichtesten ein Markt findet, immer noch besser als Stillegung.
Nehmen wir nun den Fall an, daß die Mitglieder eines Kartells nur End-
produkte herstellen, dann muß das Kartell, wie soeben gezeigt wurde,
diejenigen Preise im Inlande und auf den verschiedenen Auslandsmärkten
herauszufinden suchen, die den größten Gesamtauftragsbestand ein-
bringen, die größte Kostensenkung ermöglichen und noch einen Gewinn

l) Mannstaedt, Die Konzentration in der Eisenindustrie 1906 S. 48.
        <pb n="158" />
        ﻿— *5° —

erübrigen oder die geringsten Verluste verursachen. Die Schwierigkeit,
dieses Problem zu lösen, besonders, wenn außerdem divergierende Inter-
essen im Kartell auszugleichen sind, ist genügend betont worden. Die
Lösung der Preisfrage wird aber wiederum wesentlich erschwert, wenn
das Kartell nicht nur Endprodukte, sondern zugleich das Rohmaterial
oder Halbzeug der nächsten Produktionsstufe absetzt. Dabei wollen
wir ganz absehen von den Interessengegensätzen zwischen den kombi-
nierten und reinen Werken. Ausfuhr von Roh- und Hilfsstoffen zu nie-
drigen Preisen unterstützt die ausländischen Weiterverarbeiter — ob
diese Hilfe immer im volkswirtschaftlichen Interesse des Auslandes liegt,
zumal das eigentliche Verschleudern zu außerordentlich niedrigen Preisen
meist nur eine kurze Zeitspanne dauert, ist eine andere Frage, die nicht
angeschnitten werden soll. Immer werden diese billigen Verkäufe an das
Ausland die Klagen der inländischen Weiterverarbeiter hervorrufen,
wenn ihnen ausreichende Aufträge fehlen.

Es liegt im eigensten Interesse der Kartelle, ebenso wie auf die letzten
Konsumenten, weitgehendste Rücksicht auf die inländischen Weiter-
verarbeiter zu nehmen; jedoch müssen sie dabei, besonders in der Zeit
der weichenden Preise, auch ihr anderes Ziel im Auge behalten, nämlich:
durch günstige Ausnutzung der Leistungsfähigkeit der angeschlossenen
Unternehmungen die Produktionskosten möglichst tief zu senken. Die
Frage nach der Preishöhe hängt also von der Größe des Auftragbestandes
ab, die sie hereinzuholen erlauben; denn Kostenerhöhungen durch Pro-
duktionseinschränkungen in der Zeit des Niederganges wirken doppelt
drückend.

Eine allgemeine Preissenkung im Inlande, entsprechend den Wünschen
der Weiterverarbeiter, könnte nicht ohne Einfluß auf die Auslandspreise
bleiben. Eine Ausdehnung des inländischen Absatzes der Weiterver-
arbeiter wird in der Regel nicht oder nur in geringem Maße die Folge sein.
Die Preisnachlässe führen, wie schon betont, in den Jahren des Nieder-
ganges, besonders kurz nach dem Konjunkturumschlag, nur zu einem schär-
feren Wettkampf der Weiterverarbeiter ohne wesentliche Absatzsteigerung
im Inland. Ob es aber den inländischen Weiterverarbeitern gelingen werde,
ihren Absatz nach dem Ausland wesentlich zu steigern, hängt von den
Konjunkturen im Auslande ab. Je ungünstiger die Wirtschaftslage auf
den Auslandsmärkten, desto unwahrscheinlicher ist eine Absatzsteige-
rung, selbst auch dann, wenn die inländischen Weiterverarbeiter die Roh-
und Hilfsstoffe zu gleich niedrigen Preisen als die ausländischen erhielten.
Bei ungünstiger Marktlage im Auslande, wiederum besonders
nach einem Konjunkturumschlage, wird man Fertigwaren dorthin weit
schwerer absetzen können als Rohstoffe und Halbzeug, sobald diese
        <pb n="159" />
        ﻿nur billiger angeboten werden als auf dem eigenen Markt des Landes;
denn sie werden seitens der ausländischen Weiterverarbeiter gern dazu
benutzt, um mit ihrer Hilfe die Konkurrenten im Wettkampf um den
einschrumpfenden Markt aus dem Felde zu schlagen. Vollzieht sich da-
gegen im Auslande eine Aufwärtsbewegung des Wirtschaftslebens,
dann wachsen die Absatzmöglichkeiten der inländischen Weiterverarbeiter,
zumal, wenn ihnen billige Roh- und Hilfsstoffe zur Verfügung stehen.
Verkaufen die Kartelle aber ihre Produkte auf den Auslandsmärkten zu
Schleuderpreisen, zu den Selbstkosten oder unter ihnen, dann deutet sich
darin schon die ungünstige Wirtschaftslage jener Absatzgebiete an. Eine
Senkung der Inlandspreise auf das Niveau jener Schleuderpreise ist aber
unmöglich. Eine geringe Mäßigung der Inlandspreise wird den Kartell-
werken in der Regel keine wesentliche Steigerung des Auftragbestandes
erbringen, sodaß also der Gewinn Verlust infolge der Preisminderung auf
dem Inlandsmarkt nicht durch eine Kostensenkung infolge reichlicherer
Beschäftigung ausgeglichen werden kann. Eine Einbuße an Gewinn auf
dem Inlandsmarkt wird in vielen Fällen nur dazu führen — besonders in
jenen, in denen die Schleuderverkäufe nach dem Auslande erst durch die
Gewinne im Inlande ermöglicht werden — die Auslandspreise zu erhöhen,
wodurch sich die Absatzmöglichkeit mindert, also die Arbeitsgelegenheit
einschrumpft und gleichzeitig die Produktionskosten die Neigung zum
Steigen erhalten.

Die Schwierigkeit, allen Forderungen in der Preisgestaltung gerecht
zu werden, läßt sich nicht verkennen. Liegen die Verhältnisse außerdem
noch so, wie in der deutschen Stahlindustrie zu Beginn der Krisis 1901,
wo, abgesehen von den Erweiterungen fast aller Stahlwerke in der vor-
hergehenden Hochkonjunktur, kurz vor dem Konjunkturwechsel (1900)
noch drei neue Stahlwerke auf den Plan traten, dann ist eine Preisge-
staltung ganz undenkbar, die nicht durch äußerst niedrige Sätze für das
Ausland die notwendigen großen Auftragsbestände hereinzuholen suchte.
In solchen Fällen würde es sich wahrscheinlich bei einer genauen Unter-
suchung herausstellen, daß selbst technisch die inländischen Weiter-
verarbeiter nicht in der Lage sein würden, die Massen zu verarbeiten,
.geschweige, ob es ihnen gelingen würde, die dazu nötigen Aufträge herein-
zuholen b.

Die Kartelle haben sich aber keineswegs als taub gegen die Wünsche
der Weiterverarbeiter erwiesen. Um sie in ihrem Kampf auf dem Welt-
markt zu stärken, hat man zu dem Mittel der Ausfuhrvergütungen ge-
griffen. Ob sie in der Form von Preisnachlässen gewährt, oder ob sie bar

') Vgl. hierzu mein Buch „Konzentration" S. 49ff.
        <pb n="160" />
        ﻿ausbezahlt werden, ändert nichts an ihrem Charakter. Vergütungen für
die Preisdifferenz der Rohstoffe oder Zwischenprodukte im In- und Aus-
lande sollen es sein. Aber nie bestand die Absicht, die ganze Preisdiffe-
renz zu vergüten. Die Kartelle haben die Differenz nicht allein hervor-
gerufen, sie haben sie nur zeitweise durch ihr Eingreifen vergrößert. Der
Gedanke ist also, den Weiterverarbeitern eine dieser Vergrößerung ent-
sprechende Beihilfe zu gewähren. Man will ihnen kein Geschenk machen;
man will sie nicht besser stellen als vor der Kartellbildung. Da es un-
möglich ist, sicher zu ermitteln, um wieviel die Preisspannung durch die
Wirksamkeit der Kartelle vergrößert wird, wird unter Berücksichtigung
der Gesamtlage die Höhe der Vergütung fixiert und ihre Größe von Zeit
zu Zeit den neuen Verhältnissen angepaßt. Die Vergütung wächst mit
der Verschärfung des Wettkampfes auf den Auslandsmärkten zur Zeit
des Niederganges und sie sinkt nach dem Eintritt günstigerer Absatz-
bedingung. Ist sie beim Abstieg des Wirtschaftslebens vielleicht einmal
zu gering, so ist sie oft in der Zeit des Aufstieges zu groß. Es ist also grund-
falsch, die Spannung zwischen dem Inlandspreis und irgendeinem Aus-
landspreis festzustellen, hiermit die Höhe der Vergütung zu vergleichen
und dann zu erklären, die Vergütung sei zu gering, wenn sie nicht die.
volle Differenz ersetzt.

Es sollen diese Ausführungen nicht behaupten, daß die Kartellpreise
immer den volkswirtschaftlichen Forderungen entsprechen, im Gegen-
teil, sie werden oft daneben greifen. Es soll nur gezeigt werden, wie außer-
ordentlich schwer eine sachgemäße Kritik ist, die vor allem mit einigen
dürftigen Zahlen nicht geführt werden kann, wie es meist geschieht. Für
eine abgeschlossene Wirtschaftsperiode, zumal wenn die Marktverhält-
nisse in ihrem Ablauf klar gestellt sind, wird sich öfters zeigen lassen,
daß bei einer anderen Preispolitik ein günstigerer Erfolg sowohl für die
Kartellmitglieder wie die Weiterverarbeiter oder die letzten Konsumenten
möglich gewesen wäre. Wenn man vom Rathaus kommt, ist man immer
klüger. Wer einmal erlebt hat, welcher Optimismus die Industriellen
noch am Schlüsse einer Hochkonjunktur belebt, wenn bereits die ersten
Zeichen des Umschlages drohen, allerdings auch noch keiner sagen kann,
wann der Umschlag kommt, dem erscheinen selbst so verfehlte Abschlüsse,
wie die langfristigen Verkäufe zu Hochkonjunkturpreisen, in einem an-
deren Licht. Erweist sich dann der Optimismus als unberechtigt, erfolgt
der Umschlag weit schneller als er von den Industriellen erwartet wurde,
dann müssen in diesem Chaos, wo niemand sagen kann, wie sich der Markt
im Inlande und im Auslande gestaltet, die Preise mit den Verhältnissen
in Einklang gesetzt werden. Wer will sich für eine richtige Preispolitik
        <pb n="161" />
        ﻿i.53

i	/

i	verbürgen, selbst auch dann, wenn die Gemüter sich wieder beruhigt

haben ! Ist es doch schon in den Jahren mittlerer Lebendigkeit schwer,
das Preisproblem zu lösen.

,	Es sei nochmals daran erinnert, daß für die Trusts das Preisproblem

insofern leichter ist, als sie mit den inneren Reibungen, die oft die Kartell-
politik hemmen, nicht zu kämpfen haben; dafür kann aber die Über-
kapitalisation zeitweise nachteilig die Preise beeinflussen. Haben die
Trustgründer die zukünftige Ertragsfähigkeit, sei es absichtlich zu Spe-
kulationszwecken, sei es unabsichtlich überschätzt, liegt von diesem
Standpunkt aus eine Überkapitalisation vor, dann besteht die Gefahr,
daß die Preise der Produkte nicht in ein angemessenes Verhältnis zu den
Produktionskosten gesetzt werden, oder sich den Marktverhältnissen
anpassen, sondern sich nach dem Wunsche richten, der gewaltigen Kapital-
masse eine Rentabilität zu sichern. Jedoch erzielt dieses Streben, wenn
überhaupt, nur vorübergehenden Erfolg. Das Kapital ist nicht allmächtig;
es vermag nur einen Ertrag abzuwerfen, wenn es anderen wirtschaftliche
Dienste leistet, die von ihnen hoch genug geschätzt werden, um ein Ent-
gelt zu zahlen, daß'”die Kosten überdeckt. Selbst vollständige Monopole
können nur in seltenen Fällen auf die Dauer ohne eigenen Nachteil die
Preise diktieren. Die amerikanischen Trusts besitzen aber nur eine mangel-
hafte marktbeherrschende Stellung. Sie umfassen durchweg nicht die
ganze Erzeugung ihrer Branche, zum Teil stehen ihnen leistungsfähige
Konkurrenten gegenüber.

Im übrigen können die Ausführungen im großen ganzen auch auf
die Trusts übertragen werden, aber selbstverständlich nur dann, wenn
Trusts in Frage kommen, die das gleiche Ziel, wie die Kartelle, verfolgen.
Trusts dagegen, die ihre Gründung Spekulationsmanövern verdanken,
werden ihre Preispolitik auch ihrem Hauptziel unterordnen.

*



I
        <pb n="162" />
        ﻿6.	Die Monopole und der Staat.

Ein Mißbrauch der Macht der Monopole ist selbstverständlich immer
möglich. Die Art der Mißbräuche wird aber wesentlich bestimmt von dem
Geist, der das ganze politische und gesellschaftliche Leben beherrscht.
Dort, wo die Korruption keine Ausnahmeerscheinung ist, wo mit den
wechselnd zur Herrschaft gelangenden Parteien auch ein weitgehender
Wechsel der Beamtenschaft oder ihrer Gesinnung erfolgt, wo Günst-
lingsherrschaft, Beamtenpostenschacher, Bestechungen an der Tages-
ordnung sind, dort wird auch das Wirtschaftsleben das gleiche Bild zeigen
und die Auswüchse auf diesem Gebiet werden sich nicht eher beseitigen
lassen, ehe nicht auch in den politischen und gesellschaftlichen Verhält-
nissen ein Wandel eingetreten ist. Wo die moralischen Prinzipien so all-
gemein mit den Füßen getreten werden, ist mit gesetzlichen Maßnahmen
allein eine Besserung nicht zu erreichen.

Wo ferner die Auswüchse der Monopole ihre Stütze finden in einem
mangelhaften Aktienrecht oder in der Möglichkeit die Eisenbahnen in
einseitigem Interesse auszunutzen, da muß zunächst einmal auf diesen
Gebieten Ordnung geschaffen werden.

Hier sollen nur die Maßregeln zur Sprache kommen, die sich gegen
die Mißbräuche richten, die aus dem Wesen der Kartelle und Trusts als
monopolartige Organisationen entspringen, und diese richten sich gegen
die Preispolitik. Die Abhängigkeitsverhältnisse, die durch die Gewäh-
rung von Rabatten oder durch die Forderung des ausschließlichen Bezugs
vom Kartell oder Trust entstehen, sind notwendige Folgen des Zweckes
der Organisationen und können so lange nicht als ein Mangel bezeichnet
werden, als die Preise angemessen sind. Auch die Kämpfe gegen die Außen-
stehenden, sei es, daß sie vom Kartell selbst geführt werden, sei es, daß
die Hilfe eines anderen Kartells in Anspruch genommen wird, das durch
Lieferungs- oder Absatzsperre die Widerstrebenden niederzuzwingen
sucht, erhalten erst ihre Beleuchtung durch die Preispolitik der Kartelle.
Ist die Existenz des Kartells und der Trusts eine Notwendigkeit und
entspricht die Preispolitik der Konjunktur und der Gesamtlage des In-
dustriezweiges, dann wird die Schärfe der angewandten Kampfmittel
ganz anders zu beurteilen sein.

Die Ausführungen über die Preispolitik zeigen aber, daß es kaum
        <pb n="163" />
        ﻿- ISS —

ein schwierigeres Problem gibt. Alle Maßregeln gegen die Preispolitik
und alle direkten Eingriffe in die Preisbemessung haben notwendig eine
richtige Beurteilung der Preise zur Voraussetzung. Eine Beschwerde-
instanz, wie sie auf dem Juristentage im Jahre 1903 der damalige öster-
reichische Justizminister Klein forderte, die aus Vertretern der Städte,
Händler und der Fertigindustrie gebildet werden sollte, wird ebenso-
wenig in den meisten Fällen ein unfehlbar richtiges Urteil zu fällen ver-
mögen, wie die von Liefmann geforderte Kartellkommission, die aus
den beteiligten Interessentengruppen, also kartellierten Unternehmern,
etwaigen Außenstehenden, Weiterverarbeitern, Konsumenten, Händlern,
Arbeitern unter Beteiligung von sonstigen Sachverständigen und Re-
gierungsbeamten bestehen soll. Die Beschwerdeinstanz, wie die Kartell-
kommission sollte in allen Fällen gebildet werden, in denen erhebliche
Klagen über die Tätigkeit eines Kartells laut werden. Eine Feststellung,
etwa durch Mehrheitsbeschluß, daß die Preise nicht angemessen sind,
genügt nicht zu einem Eingriff, dazu müßte man zweifelsfrei die rich-
tigen Preise bestimmen können. In den Fällen aber, in denen nach An-
sicht der Kommission die Preise eines Kartells wesentlich zu hoch ge-
griffen sind und infolgedessen auch die anderen Maßregeln des Kartells,
die diese Preise stützen sollten, ihre Berechtigung entbehren, müßte,
ehe ein Eingriff erfolgte, nachgewiesen werden, ob die Preise wider bes-
seres Wissen festgesetzt wurden. Haben die Kartellmitglieder die Markt-
lage z. B. nach einem Konjunkturumschlag anders beurteilt, als es einige
Zeit später die Untersuchungskommission auf Grund der mittlerweile
erfolgten Entwicklung des Marktes vermag, so wird man nicht von einem
Verschulden sprechen können.

Ist aber ein Verschulden festgestellt, so ist es in den meisten Fällen
noch schwieriger eine Strafe zu ermitteln, die den Geschädigten eine Ver-
gütung gibt, ohne zugleich tief greifende Störungen zu verursachen. Eine
Rückgängigmachung der von den Kartellmitgliedern auf Grund der Preise
geschlossenen Verträge wäre unmöglich; ein solches Verfahren würde die
größte Unsicherheit im Wirtschaftsleben hervorrufen.

Einen direkten Einfluß auf die Preisfestsetzung kann der Staat in
den Fällen ausüben, wo er als Produzent entweder Mitglied des Kartells
ist, oder ihm als Konkurrent gegenübersteht. Jedoch wäre es unzweck-
mäßig, dem Staat in solchen Fällen eine entscheidende Stellung in der
Preisbildung einzuräumen. Zwar vermag er als Produzent die Markt-
verhältnisse weit besser zu würdigen, als wenn er als Unbeteiligter dem
Kartell gegenübersteht. Aber eine auf seine Veranlassung vorgenommene
zu starke Preissenkung trifft, wenn sie sich als verfehlt erweist, die Staats-
betriebe ganz anders als die Privatbetriebe, wo die Folgen viel einschnei-
        <pb n="164" />
        ﻿156

elendere Wirkungen zeitigen können. Er wird also einer solchen Preis-
politik zugänglicher sein als die Privatbetriebe und ganz besonders dann,
wenn eine den Kartellen ungünstige Parlamentskonstellation einen Druck
ausübt. Nur als Unus inter pares sollte der Staat an der Preisfestsetzung
des Kartells mitwirken, wobei er auch vermeidet, daß sich die Klagen
speziell gegen ihn richten.

Nicht wesentlich günstiger steht es mit der Möglichkeit, indirekt
auf die Preisbildung einzuwirken. Da die Kartelle und Trusts die Kon-
kurrenz gänzlich auszuschalten suchen, liegt es nahe, ihre Preispolitik
durch Verstärkung des Angebotes zu durchkreuzen. Durch Zollherab-
setzung oder Zollaufhebung soll die Konkurrenz vom Auslande herange-
lockt werden; durch Einführung eines Ausfuhrzolles soll die Verschleude-
rung nach dem Ausland verhindert, also ein größeres Angebot zu niedrigen
Preisen im Inlande erzwungen werden. Der zollfreie Veredlungsverkehr
soll durch Erlaß des Zolles die Einfuhr billiger Rohstoffe und Zwischen-
produkte aus dem Auslande für jene Produkte, die für die Ausfuhr be-
stimmt sind, ermöglichen, um auf diesem Wege die inländischen Weiter-
verarbeiter auf gleiche Stufe mit den ausländischen zu stellen. Einem
ähnlichen Zwecke dienen die Einfuhrscheine. Sie werden beim Export
ausgehändigt und erlauben, die gleiche Menge Rohstoffe zollfrei einzu-
führen, die in den ausgeführten Waren enthalten ist. Die Wirkung dieses
Mittels hängt wesentlich davon ab, ob die Aushändigung der Ausfuhr-
scheine an die Ausfuhr ganz bestimmter Waren geknüpft ist. Würden
■■Ua-6 z. B. für sämtliche emgeführten Eisenwaren Einfuhrscheine auf Roheisen
bewilligt, so würde diese Maßregel einer Aufhebung des Roheisenzolles
nahezu gleich kommen. Wird dagegen auf Grund einer Ausfuhr von
Eisenblechen ein Einfuhrschein über eine entsprechende Menge Halb-
zeug, nämlich Platinen oder Brammen, ausgestellt, so ist die Wirkung
der Einfuhrscheine der des zollfreien Veredlungsverkehres gleich zu setzen.

Durch Änderung der Zollpolitik sollen die Monopole zu einer ange-
messenen Preispolitik gezwungen werden. Geht die Wirkung über dieses
Ziel hinaus, führt sie zur Sprengung des Kartells — die Existenz des
Trusts wird durch solche Maßnahmen nicht so leicht vernichtet — dann
ist durch diese Zollpolitik eine Preisgestaltung zum Nutzen der Abnehmer,
der Weiterverarbeiter und letzten Konsumenten erzwungen, aber zum
Nachteil der Anbieter. Gesunde Marktverhältnisse sind nicht erreicht;
im Gegenteil: kommt das Kartell nicht wieder zustande, so ist ein dauern-
der Nachteil die Folge eines Eingriffes, der einen vorübergehenden Nach-
teil beseitigen sollte. In der Regel wird sich die Preispolitik eines Kar-
tells im Auf und Ab des Wirtschaftslebens nur zeitweise als unange-
messen erweisen. Zur Bekämpfung dieser gelegentlichen und zeitweisen
        <pb n="165" />
        ﻿157

Fehlgriffe des Kartells die Zollmauer dauernd zu erniedrigen oder völlig
einzureißen — es kann nur von einer dauernden Änderung die Rede sein,
denn ein ewiges Wechseln in der Höhe der Zölle würde ganz unhaltbare
Verhältnisse herauf beschwören — wäre ein unsinniges Beginnen. Wird
die Zollpolitik anerkannt und ist die Zollhöhe im großen ganzen berech-
tigt, dann darf sie auf Grund gelegentlicher stärkerer Ausnutzung seitens
einzelner Organisationen eine Änderung nicht erfahren. Eine Herabsetzung
der Zollhöhe wird also nur in den Fällen durchführbar sein, wo die ge-
samten, sich als dauernd erweisenden Verhältnisse sie erfordern. Sind schon
aus diesem Grunde auch die vorübergehenden Ausfuhrzölle gänzlich ver-
fehlt, so werden sie außerdem ganz andere Folgen zeitigen als beabsichtigt.

Eine Erschwerung der Ausfuhr besonders nach einem Konjunktur-
umschlag wird die Krisis verschärfen und kann im ungünstigsten Falle
das Kartell zertrümmern, wodurch die Verwirrung des Marktes noch
größer wird. Bleibt das Kartell bestehen und kann es, um trotz der Zoll-
mauer die Ausfuhr aufrecht zu erhalten, die Preise nicht weiter senken,
dann wird es gezwungen sein, die Erzeugung erheblich einzuschränken,
wodurch die Produktionskosten steigen und die Waren kaum zu einem
niedrigeren Preise als vor der Ausfuhrsperre im Inlande angeboten werden
können. Gleichzeitig wird der Druck der Produktionseinschränkung den
stärksten Reiz auf die Kartellmitglieder ausüben, die Weiterverarbeitung
selbst zu übernehmen. Den bisherigen Abnehmern erwächst also auch
noch neue Konkurrenz. Ganz die gleichen Wege wird der Trust einzu-
schlagen suchen. Starke Produktionseinschränkung und der Versuch
durch Weiterverarbeitung in eigenen Werkstätten sich einen neuen Ab-
satz zu erzwingen, sind die notwendigen Abwehrmittel gegen die Folgen
der Ausfuhrsperre, wobei zu berücksichtigen ist, daß der Trust Produk-
tionseinschränkungen und völlige Stillegung einzelner Werke leichter
durchführen kann als das Kartell.

Der zollfreie Veredlungsverkehr ist nicht in allen Fällen anwendbar
und kann als ein sehr mildes Mittel bezeichnet werden. Er versagt stets
völlig, wenn sich das Ausland für Rohstoffe und Zwischenprodukte auf-
nahmefähiger erweist als für Fertigwaren.

Endlich bleibt noch zur Steuerung des Mißbrauchs der Monopol-
gewalt die Forderung der Publizität der Statuten, Protokolle und Preise.
Die Erfüllung dieser Forderung wird die günstigsten Wirkungen aus-
iiben, da sie indirekt die Politik der Kartelle und Trusts beeinflußt und
doch eine nicht zu unterschätzende Macht besitzt. Vor allem die Aus-
nutzung der Trusts zu Spekulationszwecken wird wesentlich eingeengt
werden. Man darf aber nicht übersehen, daß auch der Anwendbarkeit
der Publizität Grenzen gesteckt sind. So würde es durchaus unzweclc-
        <pb n="166" />
        ﻿

- 158 -

mäßig sein, die Protokolle über die Beschlüsse zu veröffentlichen, wenn
ein Kartell im Begriff steht, sich ein neues ausländisches Absatzgebiet
zu erobern. Nicht minder nachteilig wäre die Bekanntmachung aller
geplanten Maßregeln gegen Außenseiter. Mögen die Maßregeln noch so
berechtigt sein, es würde den Außenseitern nicht schwer fallen, mit Hilfe
der veröffentlichten Protokolle die breite Masse gegen das Kartell aufzu-
reizen. Es können die Monopole nicht in allen Fällen ihre Karten auflegen.

Die Gefahr der Überspannung der Monopolmacht ist bei den Trusts
weit größer als bei den Kartellen, zumal auch diese fester gefügten und
mit erheblichen Kapitalmitteln ausgerüsteten Organisationen eine ganz
andere Möglichkeit besitzen, ihre Tätigkeit und ihren Machtbereich über
die nationalen Grenzen hinaus auszudehnen. Welche besonderen Umstände
diese Gefahr in den Vereinigten Staaten erhöhen, wurde mehrfach her-
vorgehoben. Der Kampf gegen die Monopole steht im Mittelpunkt der
Regierungstätigkeit. Er schwankt zwischen den beiden Zielen: Auf-
lösung der Trusts oder staatliche Kontrolle.

Die wesentlich andere Beurteilung der Kartelle in Deutschland zeigt
sich wohl am deutlichsten in den Bestrebungen, wichtige Kartelle vorm
Zerfall zu schützen, sie zwangsweise zusammenzuhalten. Diese Ein-
griffe des Staates vermögen in einer Notlage, wie sie ein großer Krieg
hervorrufen kann, verständlich erscheinen, denn der Zerfall wichtiger
Kartelle würde den schon durch den Krieg bedrängten Markt völlig in
Verwirrung bringen. Aber auch dann ist dieser Eingriff nur im
äußersten Falle, wenn alle anderen Mittel versagen, erwünscht. Im
übrigen aber birgt ein Zwangskartell weit mehr Nachteile als Vorteile,
es sei denn, die gesetzlichen Bestimmungen ließen den Kartellmitgliedern
eine weitgehende Selbständigkeit in der Regelung der Kartellangelegen-
heiten, vor allem das Recht, die Organisationsbestimmungen ohne Mit-
wirkung der Gesetzgebung den wechselnden Wirtschaftsverhältnissen
anzupassen. Mögen die Nachteile, die durch das Auffliegen der Kar-
telle oder durch die Kämpfe in den Kartellen dem Wirtschaftsleben zu-
gefügt werden, auch unter Umständen groß sein, einen Zwang können
sie nicht rechtfertigen, da die komplizierten und sich ständig ändern-
den Verhältnisse festen gesetzlichen Bestimmungen widerstreben, über-
haupt durch eine gesetzgebende Körperschaft nicht gemeistert werden
können. Fehlgriffe werden die Folgen sein, die nicht minder großen
Schaden stiften, nur mit dem Unterschied, daß sich diese Fehlgriffe,
wenn überhaupt, infolge der Schwerfälligkeit der Gesetzgeljungsmaschine
nicht so leicht beheben lassen.

G. Pätz’sche Buchdruckerei Lippert &amp; Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S.
        <pb n="167" />
        ﻿Verlag von Gustav Fischer in Jena

Von Prof. Dr. Robert Liefmann, Freibnrg

Schutzzoll und Kartelle. L Br. 1903.	Preis: 2 Mark

Inhalt: Einleitung-. — I. Der Einfluß der Schutzzölle auf die Entstehung der
Kartelle. — II. Der Einfluß der Schutzzölle auf die Wirksamkeit der Kartelle. —
III. Die Zollpolitik als Mittel gegenüber Kartellen. — Anmerkungen.

Soziale Praxis, 1903, Nr. 50:

. . . Der Grundzug der kleinen Schrift, der zugleich einer ihrer wesentlichsten
Vorzüge ist, besteht darin, daß sie nicht von einem einseitigen handelspolitischen
Standpunkte geschrieben ist, sondern objektiv den Zusammenhang zwischen Zollpolitik
und Entstehung und Wirksamkeit der Kartelle untersuchen will. Der Kernpunkt
besteht in dem Nachweis, daß auch bei dem Schutzzollsystem der wirtschaftliche
Fortschritt, der uns zur Behauptung anderen Nationen gegenüber befähigt, die,
Herbeiführung einer vollkommenen Produktionsorganisation möglich ist. „Der Schutz-
zoll ist — für den Verfasser — noch heute, wie zur Zeit Liste, Erziehungsmittel,
aber nicht zur Erziehung der Industrien überhaupt, sondern ein Mittel zur Entwicklung
der fortgeschrittensten Produktionsorganisation.“ Ihm mißt er die Befähigung hei,
den Übergang zu neuen Produktionsformen, namentlich zu der Foim immer fort-
schreitender "Monopolisierung einzelner Betriebszweige, wie es durch die Kartelle
geschieht, allmählicher und milder zu gestalten und dadurch die gesamte Volks-
wirtschaft für diese Richtung, zu der sie heut noch nicht reif ist, vorzubereiten.

Monopole, Kartelle und Trusts il™

Dargestellt an der Entwicklung in Großbritannien \ on Dr. Hermann I.evy,
a. o. Professor an der Universität Heidelberg und hauptamtlicher Dozent an der
Hochschule in Mannheim. 1909. Preis: 7 Mark 50 Pf.

Inhalt: I. Die Monopole der frtthkapitalistischen Industrie Englands.

1.	Die frühkapitalistische Entwicklung, a) Die neuen Gewerbe im 16. und 17. Jahr-
hundert. b) Der Bergbau, c) Das alte Handwerk. 2. Die Monopolorganisation,
a) Rechtliche Grundlagen, b)Die wirtschaftliche V erfassung der Monopole. 3.Wirkungen
und Bedeutung der Slonopole. a) Die Wirkungen, b) Die Agitation. 4. Vergleiche
mit der deutschen Entwicklung.

II.	Die Zeit des freien Wettbewerbs und der ersten monopolistischen
Unternehmerverbiinde. 1. Die Lehre vom freien Wettbewerb. 2. Die monopo-
listischen Vereinigungen im englischen Bergbau, a) Die Blütezeit der englischen
Kohlenkartelle, b) Der Monopolverband im englischen Kupferbergbau zu Ende des
18. Jahrhunderts, c) Der Zusammenbruch der Kohlenkartelle.

III.	Die Neuorganisation der britischen Großindustrie auf monopolistischer
Grundlage. 1. Einleitendes. Der Übergang zur Gegenwart. 2. Die Sphäre des
Wettbewerbs. 3. Die heutige Monopolbildung in der britischen Großindustrie, a) Die
Konzentrationsbewegung, b) Die wichtigsten britischen Kartelle und Trusts der
Gegenwart. 1. Der Portlandzementtrust. 2. Die Stahlwerksverbände. 3. Das In-
dustriespirituskartell. 4. Der Tapetentrust. 5. Das Kabelkartell. 6. Salztrust und
Salzsyndikat. 7. Der Trust der Feinbaumwollspinner und Doublierer. 8. Nähfaden-
trust und Nähfadensyndikat. 9. Die Trusts in der Bleicherei und Färberei. 10. Der
Kalikodruckertrust. 11. Der Lokomotivtrust. 12. Der Whiskytrust. 13. Britisches
und internationales Schienenkartell. 14. Der Sodatrust. 15. Der Tabaktrust.
4. Organisationsfragen. 5. Theoretisches und Kritisches.

Dokumentarisch er An hang. 1. Ein Kartellvortrag vom Jahre 1835. 2. Zur
Frage der Betriebskombination. Rede des Sir Christopher Furness. 3. Zur Frage
der Monopolorganisation. Über das Industriespirituskartell.

RpwprhpfnrHprunn in PrPiiRpn Versuch einer zusammenfassenden Darstellung,
uewei ueiui uei uny m rreuiien. Von I)r. phil.- W. Reters, Preis: 2 Mark.

Die Schrift versucht, die bisherigen Maßnahmen von Staat und Gemeinden zur
Förderung des Kleingewerbes systematisch-kritisch darzustellen. Erörtert werden
die Förderung der kleingewerblichen Bildung, der Produktion, der Organisation, der
Kapitalbeschaffung u. ä. Die Möglichkeiten einer Weiterbildung der Gewerbebeförde-
rung werden sorgfältig abgewogen.

Da die Schrift Fragen behandelt, die im Vordergründe des öffentlichen Interesses
stehen,' und namentlich in den Parlamenten neuerdings eine große Rolle spielen, darf er-
wartet werden, daß sie zunächt unseren Wirtschafts- und Sozialpolitikern als Übersicht
über den gegenwärtigen Stand der Gewerbeförderung nicht unwillkommen sein wird.

Die Entwicklung der Gewerbeaufsicht in Deutschland, von Dr.

Stephan Roersclike. Zweite, verbesserte und erweiterte Auf-
lage. (VII, 228 S. gr. 8°.) 1913.	Preis: 6 Mark.
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        ﻿Verlag von Gustav Fischet* in Jena:

Beteiligungs- und Finanzierungsgesellschaften. Sondeern8enUdiKaJS«.fu!I

und das Effektenwesen in Deutschland, den Vereinigten Staaten, der Schweiz, England,

Frankreich und Belgien. Von Robert Iiiefutaim. Zweite, vermehrte

Auflage. (XIV, 626 S. gr. 8».) 1913. Preis: 16 Mark, geb. 18 Mark 50 Pf.

Inhalt: A. Theoretisch-systematischer Teil. I. Der Effektenkapi-
talismus. 1. Arten des Kapitalismus. 2. Die Effektifizierung des Kapitals und
der Efiektenkapitalismus. — II. Beteiligung und Beteiligungsgesell-
schaften. 1. Die Beteiligung im allgemeinen als Erscheinung des Effekten-
kapitalismus. 2. Die Verknüpfung der wirtschaftlichen Interessen bei den ameri-
kanischen Eisenbahnen im Wege der Beteiligung. 3. Die Effektensubstitution und die
Beteilignngsgesellscliaften. — III. Finanzieren und Finanzierungsgesell-
schaften. 1. Finanzieren, Gründen und Emittieren. (Begriff des Finanzierungs-
geschäfts. Begriff des Gründungsgeschäfts. Begriff des Emissionsgeschäfts.) 2. Die
Subjekte der Finanzierungstätigkeit. (Die Banken finanzieren. Gewerbliche und dergl.
Unternehmungen finanzieren. Besondere Finanzierungsgesellschaften finanzieren.)

B.	Beschreibender Teil. IV. Die Kapitalanlagegesellschaften. 1. Die
belgische Societe generale als erste Kapitalanlagegesellschaft. 2. Die englischen
Investments Trusts. 3.-6. Kapitalanlagegesellschaften in den Vereinigten Staaten,
in Frankreich und Belgien, in der Schweiz, in Deutschland. 7. Beurteilung der
Kapitalanlagegesellschaften. — V. Die Kontrollgesellschaften. 1. Ameri-
kanische Trusts und Holding Companies im allgemeinen. 2. Die Kontrollgesellschaften
bei den Eisenbahnen. 3. Die Finanzierung der New Yorker Straflenbahnen als
Beispiel der amerikanischen Anwendung der Effektensubstitution. 4.—7. Die Kontroll-
gesellschaften in sonstigen amerikanischen Unternehmungszweigen, in Deutschland,
in der Schweiz, in anderen Ländern. 8. Die Ursachen der verschiedenen Entwicklung
der Kontrollgesellschaften in den einzelnen Ländern. 9. Beurteilung der Kontroli-
gesellschaften. — VI, DieEffekten-Uebernahmegesellschaften. 1.—3. Die
deutschen Uebernahmegesellschaften im Bahnwesen, in der elektrischen Industrie, im
Metallhandel. 4. Sonstige deutsche Uebernahmegesellschaften. 5.-6. Uebernahme-
gesellschaften in England und Amerika, in der Schweiz, Frankreich und Belgien.
7. Beurteilung der Uebernahmegesellschaften. — VII Die Finanzierungsgesell-
schaften. 1. Vorläufer und Verwandte der Finauzierungsgesellscbaften. 2. All-
gemeine Finanzierungsgesellschaften in Deutschland (selbständige, unselbständige).
3. Spezielle Finanzierungsgesellschaften in Deutschland (für Kleinbahnen, für elektrische
Anlagen, für die Petroleumindustrie, für sonstige Zwecke). 4.-8. Finanzierungs-
gesellschaften in der Schweiz, in Belgien, in Frankreich, in England, in den Ver-
einigten Staaten. 9. Beurteilung der Finanzierungsgesellschaften.

C.	Schlußteil. VIII. Wirtschaftspolitische und -theoretische
Schlußfolgerungen. 1. Die Aufgaben der Wirtschaftspolitik gegenüber den
Beteiligungs- und Finanzierungsgesellschaften. 2. Die Effektensubstitutionsgesell-
schaften und die Banken. (Die bisherigen Definitionen des Bankwesens. Das Wesen
der Banken und der Finanzierungsgesellschaften.) 3. Die Effektensubstitutions-
gesellschaften und der Treuhand- und Trustbegriff. — Register sämtlicher Beteiligungs-
und Finanzierungsgesellschaften.

Internationaler Volkswirt, Nr. 34, vom 25. Juli 1913:

... In der Tat hat dieses weite Gebiet der Beteiligungs- und Finanzierungs-
gesellschaften hier einen Meister gefunden, der mit großer Klarheit und
sicherem Geschick die vielverzweigten Fäden zu entknüpfen weiß, welche diese
Gesellschaften mit der modernen Volkswirtschaft, dem Kapitalismus und dem Effekten-
wesen verbinden, andererseits ihre unzweifelhafte Machtstellung im modernen Wirt-
schaftsleben klar zu präzisieren. . . . Mit wirtschaftspolitischen und -theoretischen
Schlußfolgerungen gegenüber den Beteiligungs- und Finanzierungsgesellschaften
schließt die Arbeit, die trotz ihres Umfanges jeder Gelegenheit nehmen sollte, zu
studieren, der, ob Laie oder Praktiker, nur im entferntesten mit den Begriffen und
praktischen Konsequenzen der Volkswirtschaft zu tun hat, wird es doch erst möglich,
an der Hand dieser Arbeit sich ein klares Bild von der volkswirtschaftlichen
Bedeutung der Organisationen zu machen, die ohne Zweifel berufen sind, in der
Weiterbildung unseres Wirtschaftslebens eine bedeutende Rolle zu spielen.

Gr. Pätz’sche Buchdr. Lippert &amp; Co. Gr. m. b. H., .Naumburg a. d. S.
        <pb n="169" />
        ﻿i5i —

nur billiger angeboten werden als auf dem eigenen Markt des Landes;
denn sie werden seitens der ausländischen Weiterverarbeiter gern dazu
benutzt, um mit ihrer Hilfe die Konkurrenten im Wettkampf um den
einschrumpfenden Markt aus dem Felde zu schlagen. Vollzieht sich da-
gegen im Auslande eine Aufwärtsbewegung des Wirtschaftslebens,
dann wachsen die Absatzmöglichkeiten der inländischen Weiterverarbeiter,
zumal, wenn ihnen billige Roh- und Hilfsstoffe zur Verfügung stehen.
Verkaufen die Kartelle aber ihre Produkte auf den Auslandsmärkten zu
Schleuderpreisen, zu den Selbstkosten oder unter ihnen, dann deutet sich
darin schon die ungünstige Wirtschaftslage jener Absatzgebiete an. Eine
Senkung der Inlandspreise auf das Niveau jener Schleuderpreise ist aber
unmöglich. Eine geringe Mäßigung der Inlandspreise wird den Kartell-
werken in der Regel keine wesentliche Steigerung des Auftragbestandes
erbringen, sodaß also der Gewinnverlust infolge der Preisminderung auf
dem Inlandsmarkt nicht durch eine Kostensenkung infolge reichlicherer
Beschäftigung ausgeglichen werden kann. Eine Einbuße an Gewinn auf
dem Inlandsmarkt wird in vielen Fällen nur dazu führen — besonders in

jenen, in denen die Schleuderverkäufe nach dem Auslande erst durch die

Gewinne im Inlande ermöglicht werden — die Auslandspreise zu erhöhen,
wodurch sich die Absatzmöglichkeit mindert, also die Arbeitsgelegenheit
einschrumpft und gleichzeitig die Produktionskosten die Neigung zum
Steigen erhalten.

Die Schwierigkeit, allen Forderungen in der Preisgestaltung gerecht
zu werden, läßt sich nicht verkennen. Liegen die Verhältnisse außerdem
noch so, wie in der deutschen Stahlindustrie zu Beginn der Krisis 1901,
wo, abgesehen von den Erweiterungen fast aller Stahlwerke in der vor-
hergehenden Hochkonjunktur, kurz vor dem Konjunkturwechsel (1900)
noch drei neue Stahlwerke auf den Plan traten, dann ist eine Preisge-
staltung ganz undenkbar, die nicht durch äußerst niedrige Sätze für das
Ausland die notwendigen großen Auftragsbestände hereinzuholen suchte.
In solchen Fällen würde es sich wahrscheinlich bei einer genauen Unter-
suchung herausstellen, daß selbst technisch die inländischen Weiter-
verarbeiter nicht in der Lage sein würden, die Massen zu verarbeiten,
. geschweige, ob es ihnen gelingen würde, die dazu nötigen Aufträge herein-
zuholen l).

Die Kartelle haben sich aber keineswegs als taub gegen die Wünsche
der Weiterverarbeiter erwiesen. Um sie in ihrem Kampf auf dem Welt-
markt zu stärken, hat man zu dem Mittel der Ausfuhrvergütungen ge-
griffen. Ob sie in der Form von Preisnachlässen gewährt, oder ob sie bar

= -

*) Vgl. hierzu mein Buch „Konzentration" S. 49ff.
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    </body>
  </text>
</TEI>
