Kapitel I. Die Physiokraten. 31 als Durst spüre, während umgekehrt du mehr Durst als Hunger hast; folglich hat die Flasche Wein, dadurch, daß sie von mir auf dich übergeht, an Nützlichkeit gewonnen, wie gleicherweise das Brot, das von dir auf mich übergegangen ist. In dieser doppelten Nützlich keitsvermehrung sehen wir eine wirkliche Vermehrung an Wert. Dieser Gedankengang würde aber den Physiokraten absurd erschienen sein, da sie unter Werten (richesses) nur materielle Güter verstanden und nicht eingesehen hätten, daß man die Schaffung von weiter nichts als subjektivem Nutzen produktiv nennen kann. Was den Handel anbelangt, so wissen wir schon, daß sie den Kaufmann zusammen mit dem Fabrikanten in die sterile Klasse ver wiesen. Das ist an sich schon bezeichnend genug. Dieses einfache Wort schlägt alle seit 2 Jahrhunderten vom Merkantilismus gelehrten Theorien, die im Außenhandel das wahre Bereicherungsmittel eines Landes sahen, zusammen. Die Merkantilisten stellten sich den Staat unter dem Bilde eines reichen holländischen Kaufherrn vor; die Physiokraten aber unter dem eines Landedelmannes, der auf und von «einen Landgütern lebt. Der Außenhandel bringt, nach ihrer Ansicht, ebensowenig wie der Innenhandel irgendwelchen wirklichen Reichtum, sondern nur einen Gewinn, hervor, w r as etwas ganz anderes ist; denn das, was der Eine gewinnt, büßt der Andere ein. „Alle handeltreibenden Völker 'eben in dem Glauben, daß sie sich durch den Handel bereichern; über, wie eigentümlich, alle glauben sich zu bereichern, indem sie an den Anderen verdienen. Man muß zugeben, daß dieser vorgebliche Gewinn, so wie sie ihn auffassen, etwas ganz Wunderbares ist, denn uach dieser Meinung gewinnt jeder und verliert keiner“ 1 ). Es unter legt keinem Zweifel, daß ein Land gezwungen sein kann, Güter aus dem Ausland kommen zu lassen, die es selbst nicht erzeugen kann, und ihm solche abzulassen, die es selbst nicht verbrauchen kann. Leshalb ist der Außenhandei unentbehrlich, aber er ist, sagt Mebcier de la Reviere, und er unterstreicht das Wort: ein notwendiges Übel 2 ). Quesnay begnügt sich, ihn einen Notbehelf zu nennen 8 ). Der einzig wirklich nützliche Tausch ist der, welcher die Erzeugnisse direkt aus der Hand des Landwirtes in die des Verbrauchers bringt, ') Mercibb de la KivikEE, S. 545. 2 ) S. 548. . “) .Geldbilanz ist im Außenhandel nur ein Notbehelf für die Völker, die für 1 en gleichen Zweck keine Produkte zurückerhalten können . .. Auch ist der Außen- landtl selbst nur ein Notbehelf für die Völker, deren Innenhandel nieht genügt, um te Erzeugnisse ihres Landes vorteilhaft abzusetzen ... Es ist höchst sonderbar, aß man dieser Geldbilanz so große Bedeutung beimißt, die doch nur ein Notbehelf mr den Handel ist“ (Quesnay, Dialogues, S. 175).