Kapitel I. Die Physiokraten. 41 Feudalismus, mit dem Eigentum verbunden war; und ebenso wie die Erblichkeit zum Grundbesitz gehört, gehört sie auch zum Amt des Königs. Der Herrscher, der für die Physiokraten den von ihnen ge träumten Idealtypus eines Despoten vorstellt, ist der Kaiser von China: er besitzt alle von ihnen aufgestellten Charakterzüge 1 ). Als Sohn des Himmels verkörpert er die natürliche Ordnung, die zur gleichen Zeit die göttliche ist. Auch ist er landwirtschaftlicher Herrscher, der feierlich einmal im Jahre die Hand an den Pflug legt. Er läßt sein Volk sich selbst regieren, oder wenigstens von Sitte und Gebrauch regiert werden 2 ). Wird aber in der Praxis der Despot nichts zu tun haben? Sicher lich nicht viel: „Ihr werdet sehen, Könige und Herrscher, wie leicht die Ausübung eurer geheiligten Ämter ist, die wesentlich darin be steht, das Gute, das von selbst wird, nicht zu hindern, und die kleine Anzahl von Menschen, die sich am Privateigentum vergreifen, zu be strafen“ 3 ). Und in der Tat, der Schutz dieser natürlichen Ordnung Segen alle tempelschänderischen und unwissenden Hände, die ihr irgendwie Schaden zufügen wollen, und im Besonderen der Schutz dessen, was ihre Grundlage ist, des Eigentums in allen seinen Formen, das ist die erste und bedeutendste Funktion des Herrschers. „Die gesetzliche Ordnung besteht in dem Besitzrecht, das von der Kraft einer schützenden und herrschenden Autorität den in der Gesellschaft ^reinigten Menschen sichergestellt und garantiert wird“ 4 ). Der Unterricht ist die zweite dieser Funktionen, und die Physiokraten legen auf diesen Punkt ganz besonderes Gewicht. „Der a %emeine Unterricht ist das erste und das wahre gesellschaftliche Fand“ sagt Baudeau. Und Quesnay empfiehlt besonders den Unter- , ’) „Dieser höchste Alleinwille, der die letzte Instanz ist, ist im Grunde genommen kei u menschlicher Wille mehr: er ist die verkörperte Stimme der Natur die Ordnung ' les Himmels. Die Chinesen sind das einzig bekannte Volk, deren Philosophen diese HrWeisheit erkannt zu haben scheinen. In diesem Sinn nennen sie auch ihren Herrscher „Sohn des Himmels“ “ (Baudeau, S. 798). , *) Man hat jedoch gesagt (Pantaleoni in seiner Einführung zu dem,Buche -Wthuk Labkiola’s „Le dottrine economiche di Quesnay Quesnay s wirt schaftliche Doktrin -) daß die Physiokraten dem Feudalismus gegenüber die gleiche R °lle gespielt hätten, 'wie die Sozialisten späterhin gegenüber der bürgerlichen Gesell schaft. - Vom politischen Gesichtspunkt aus ist das richtig, da sie eine allein stehende Monarchie ohne Gegengewicht erstrebten, vom ökonomischen Gesichts punkt aus aber nicht, da ihre Auffassung der Souveränität und der Abgaben ganz m it feudalen Gedanken getränkt ist. 3 ) Dupont, Vorrede zu den Werken Quesnay s I, S. 85. 4 ) Dupont I, S. 22.