56 Erstes Buch. Die Begründer. erscheinen und es auch wirklich sind, auch diese nicht weniger auf die Industriellen angewiesen sind. „Die Frage, ob die Landwirtschaft der Industrie oder die Industrie der Landwirtschaft vorzuziehen sei, ist daher ohne jede Bedeutung. Han darf keine bevorzugen, sondern muß sich mit beiden befassen 1 ).“ Was den Lohn anlangt, so ist seine Definition, so kurz sie auch ist, von einer unglaublichen Tragweite: „Der Lohn entspricht dem Teil, den sie (die Arbeiter) am Erzeugnis als Mitbesitzer haben 2 ).“ Der Ausdruck „entspricht“ will sagen, daß der Arbeiter, der sein Naturrecht auf sein Arbeitserzeugnis nicht ausüben kann oder will, es zu einem Geldpreis veräußert; und dieser Preis ist es, der seinen Lohn darstellt, der wie alle Verkaufspreise „durch die Konkurrenz der Käufer und Verkäufer be stimmt wird.“ Condillac stellt es daher nicht als ein Naturgesetz hin, daß dieser Lohn stets auf dhs Existenzminimum beschränkt ist. Er wird von dem Angebot und der Nachfrage abhängen. Im Gegenteil wird die Klasse der Lohnempfänger hier als eine Art latente Assoziation zwischen Kapital und Arbeit hingestellt 3 ). Sogar vom Gesichtspunkt der praktischen Anwendung und besonders der Arbeitsfreiheit und der Verurteilung der Zünfte ist Condillac viel kategorischer als die Physiokraten gewesen. „Ihre Vorrechte sind schreiendes Unrecht, das uns nur deshalb als ordnungsgemäß erscheint, weil wir es als bestehend vorfinden 4 * ).“ Die Freiheit des Darlehnsgeschäftes und des Zinsfußes verlangt er ebenso kategorisch wie Turgot, indem er gleich ihm eine formvollendete Beweisführung der Gleichheit zwischen Zinsen und Wechslergebühren führt; denn, sagt er, Wechslergebühren sind der Ausgleich der Entfernung; und „räumliche Entfernung“ und „zeitliche Entfernung“ laufen auf dasselbe hinaus 6 ). Mit anderen Worten: das Eine ist in der Zeit das, was das Andere im Raum ist, und dies stimmt mit der modernen Theorie über den Zins durchaus überein. 1 ) Op. cit., I. Teil, Kap. XXIX. 2 ) Op. cit., Kap. XII. 3 ) Op. cit., S. 69. In ganz neuen Untersuchungen über den Lohnkontrakt führt Chatelain — ohne anscheinend Condillac zu kennen — genau die gleiche These aus. *) Op. cit., XV. Kap. 8. 6 ) Vgl. Turgot: Memoire sur les prgts d’argent, S. 122. „In den Ge schäften mit verzinslichen Darlehn gibt man zu einer Zeit weniger Geld, um zu einer anderen mehr zu erhalten, weil der Zeit-, wie der Ortsunterschied einen wirklichen Unterschied im Wert des Geldes hervorrufen.“ Und etwas weiter auf S. 127: „Man vergleiche den Unterschied des Nutzens, der zur Zeit des Darlehnsempfanges zwischen einer im wirklichen Besitz befindlichen Summe und einer gleichen Summe, die man aber erst später erhalten wird, besteht! Ist dieser Unterschied nicht offenbar, und was ist das tr viale Sprichwort: „ein Sperling in der Hand ist besser, als zwei Tauben auf dem Dach-“, anders als der naive Ausdruck dieser Wahrheit?“