Kapitel I. Sismondi und die Ursprünge der kritischen Schule. 193 die in jedem Augenblick in der Welt erzeugt werden, die sich in jedem Augenblick untereinander austauschen, und die so, die einen für die anderen, eine gegenseitige Nachfrage darstellen. Daher kann es kommen, daß es in einem bestimmten Augenblick von den einen oder den anderen Produkten zu viel oder zu wenig gibt, und daß infolgedessen in einer oder mehreren Industrien Krisen herrschen. Es ist aber unmöglich, daß es gleichzeitig zu viel von allen Erzeugnissen gibt. Das haben Mac Culloch, Ricardo und J.-B. Say erfolgreich gegen Sismondi aufrecht erhalten 1 ). Nicht nur in der Methode, sondern mehr noch mit Hinsicht auf den Gegenstand der Nationalökonomie, steht Sismondi den Klassikern als Gegner gegenüber. In ihren Augen, sagt er, ist die Volkswirtschaft die Wissenschaft des Reichtums; sie ist, wie Aristoteles sagte, eine „chre- matistische“ Wissenschaft. Der wirkliche Gegenstand der Wissenschaft ist aber der Mensch oder genauer, das „physische Wohlsein des Menschen.“ Nichts führt sicherer in die Irre, als wenn man den Reichtum für sich selbst betrachtet „und den Menschen darüber vergißt 2 ). Daher muß neben der Gütererzeugung, die fast ausschließlich von den Klassikern in Betracht gezogen wird, ein wenigstens ebensogroßer Platz der Verteilungstheorie eiI1 geräumt werden. Allerdings hätten die Klassiker ihm erwidern können, daß sie der Produktion den ersten Platz einräumen, weil in ihren Augen die Vermehrung der Produkte die Grundbedingung jedes Fortschrittes in ihrer Verteilung darstelle. Sismondi aber versteht hierunter etwas ganz- Anderes. Nach ihm verdienen Reichtum oder Wohlstand diesen Namen überhaupt nur, wenn sie in einem befriedigenden Verhältnis verteilt sind. Wenn man von dieser Verteilung absieht, so kann man sie sich weder yorstellen, noch irgendein Urteil darüber abgeben. Weiterhin räumt er m der Verteilung der Güter denen einen ganz besonderen Platz ein, die . ') Mac Culloch kritisierte Sismondi in einem Aufsatz in der Edinburgh Review m Oktober 1819. Was J.-B. Say anlangt, siehe oben S. 125f. j, .Mit Hinsicht auf Ricardo erzählt Sismondi (Nouv. Princ., II, S. 410), daß er mit h ln ® en h im Jahr, in dem er starb, verschiedene Aussprachen über diese Frage * a .• Sismondi scheint zum Schluß, wenn auch mit vielen Einschränkungen, Ricardo’s asicht beigepflichtet zu haben. Er sagt nämlich (ebenda, S. 424): „Wir kommen unt 'l' 6 P 104 ® 130 ! dazu, daß die Produktion am Ende der Zirkulation, wenn sie nirgends erbrochen wird, einen Verbrauch schafft.“ „Das ist aber nur richtig,“ fügt er an, enn Zeit und Raum außer acht gelassen werden . . ., wenn alle Hindernisse, die esen Umlauf unterbrechen können, nicht beachtet werden.“ Sismondi hat seinen esichtspunkt gegen seine drei Gegner in zwei Aufsätzen verteidigt, die am Schluß r ■ Ausg. der Nouv. Princ. abgedruckt sind. j 1 .»Im abstracto ist die Güteransammlung im Staat durchaus nicht der Zweck gj Regierung, sondern dieser Zweck ist vielmehr die Ermöglichung der Teilnahme aller eg rg , er an den Annehmlichkeiten des physischen Lebens, die der Reichtum vorstellt. . ., Ze/h im Absoluten durchaus nicht wahr, daß der Reichtum und die Bevölkerung als „ c *? es Wohlstandes eines Staates gelten können, sondern nur auf Grund ihres genseitigen Verhältnisses“ (Nouv. Princ., I, S. 9). & Ide und Rist, Oesch. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeinungen. 2. Aufl. 13