210 Zweites Buch. Die Gegner. gepredigte Nichteinmischung der Regierung ohne Berechtigung. Die Gesellschaft muß im Gegenteil eingreifen, den individuellen Initiativen eine Grenze ziehen und ihre Mißbräuche korrigieren. Sismondi ist so der erste der Interventionisten. Nach seiner Ansicht sollte die Tätigkeit des Staates zunächst auf eine Eindämmung des Überflusses an Produkten hinzielen und die zu schnelle Vermehrung neuer Erfindungen hemmen. Sismondi träumt von einem Fortschritt, der sich in langsamen Etappen vollzieht, ohne jemanden zu schädigen, ohne irgendein Einkommen zu verringern, und ohne sogar den Zinsfuß zu senken 1 )- Seine Empfindsamkeit macht ihn furchtsam. Seine Gegner lächeln über seine Philanthropie. Sogar die Saint-Simonisten, die doch gewissen Ansichten Sismondi’s sympathisch gegenüberstanden, werfen ihm vor, „daß ihn seine Philanthropie in die Irre führe“ 2 ). Dieser Charakterzug drückte sich sogar in seinen Lebens- gewohnheiten aus: „Er hatte“, so erzählt Sainte-Beuve 3 ) „einen Schlosser, der so schlecht und so ungeschickt arbeitete, daß niemand ihn mehr be schäftigen wollte; er aber behielt ihn bis zum Ende, trotz allen Schadens, um ihn nicht auch seinen letzten Kunden verlieren zu lassen.“ Er hätte gewünscht, daß die Gesellschaft das gleiche mit Hinsicht auf die be drohten, alten Industrien tue. Er vergleicht die Gesellschaft mit Gandalin, dem Zauberlehrling des Märchens, der, nachdem er durch das magische Wort den automatischen Wasserträger herbeigerufen hatte, sieht, wie ein Eimer Wasser nach dem anderen das Haus überschwemmt, ohne doch das Wort finden zu können, mit dem er ihm Einhalt gebieten kann. Anstatt die Produktion zu begünstigen, sollte die Regierung dem „blinden Eifer“ Einhalt tun 4 ). Er fleht die Gelehrten an, mit ihren Erfindungen langsamer vorzugehen und sich an das Wort der Ekonomisten „laisseh faire, laisser passer“ — gehen lassen, vorübergehen — hinübergehen lassen — zu erinnern, und so" auch „den überflüssig gewordenen Gene rationen Zeit zu lassen, — „vorüber hinüberzugehen!“ Für die alte Ordnung der Zünfte und der Gilden hat er eine geheime Sympathie; wenn er sie auch, als mit den Interessen der Produktion im Gegensatz 1) Sismondi wendet auf das Sinken des Zinsfußes die gleichen Grundsätze an, wie auf das Wachstum der Produktion und auf die Maschinen: „Die Vermehrung der Kapitalien ist nur insoweit wünschenswert, als auch die Verwendung, die man von ihnen machen kann, zur gleichen Zeit größer wird. Jedesmal nun, daß der Zinsfuß fällt, ist das ein sicheres Zeichen, daß die Verwendung proportional zur Menge der Kapitalien geringer wird, und dieses Sinken des Zinses, worin stets ein Vorteil für irgend jemanden liegt, ist auch stets mit Nachteil für einen anderen verbunden, sei es unter den Landsleuten, deren Einkünfte sinken, sei es unter den Ausländern, deren Arbei es unterbricht“ (N. P., I, S. 393). „ 2 ) Vgl. die Revue der Saint-Simonisten: Le Producteur, IV, S. 567—5o°- 3 ) Sainte-Beuve, Nouveaux Lundis, VI, S. 81. *) fitudes sur 1’ljSconomie Politique, I, S. 60—61.