310 Zweites Buch, Die Gegner. jedoch nicht leugnen, daß er durch gewisse Ausdrücke dazu beigetragen hat, der falschen Idee Vorschub zu leisten, als ob ein Land, das einen bedeutenden Teil seines Verbrauches dem Auslande entnimmt, nun vom Auslande abhängig sei 1 ). In Wirklichkeit hängt es nicht mehr vom Aus lande ab, als das Ausland von ihm abhängig ist. Zwischen Käufer und Verkäufer ist die Abhängigkeit durchaus gegenseitig. Nur in einem Fall kann der Ausdruck gerechtfertigt werden: wenn ein fremdes Land alleiniger Lieferant gewisser Waren geworden ist; in dieser Hinsicht hält es dann den Käufer in seiner Macht. List hatte eben das Manufaktur monopol Englands im Auge, aber dieses Monopol besteht heute nicht mehr. List spricht auch davon, „daß es zehnmal wichtiger ist, den inneren Markt ... zu sichern“ (S. 270 u. 276). Diese Garantie ist aber in seinen Gedanken notwendigerweise auf die Zeit beschränkt, während der eine Nation sich bemüht, eine Industrie zu schaffen, denn später wird im Gegen teil die fremde Konkurrenz erwünscht sein, „um die Fabrikanten und Kaufleute vor Rückschritten und Nachlässigkeit zu bewahren“ 2 ). In keinem Augenblick hat List daran gedacht, aus der wirtschaft lichen Selbständigkeit oder der Gewährleistung des Binnenmarktes den Angelpunkt einer schutzzöllnerischen Politik zu machen. Die Schaffung einer einheimischen Industrie ist für ihn die einzig mögliche Rechtfertigung der Schutzzölle, und gerade diesen Punkt können die modernen Schutz zöllner nicht betonen, ohne einen Anachronismus zu begehen. So hat der Protektionismus List’s weder in der praktischen Politik noch in der wissenschaftlichen Theorie bleibende Spuren hinterlassen. In anderer Richtung, in seinen allgemeinen Gesichtspunkten, muß die Quelle seines Einflusses und die Gründe seiner Bedeutung für die Geschichte der wirtschaftlichen Ideen gesucht werden. § 3. Die wirkliche Originalität List’s. Schon in seiner Methode ist er ein Bahnbrecher. Als erster ver wendet er die Geschichte und die geschichtliche Vergleichung als Beweis- 1) „Nat. Syst. Ausg. Cotta, 1841, S. 263: „Der bloße Agrikulturstaat ist ein unendlich minder volkommener Zustand als der Agrikultur-Manufakturstaat. Erstercr ist immer ökonomisch und politisch mehr odor weniger von denjenigen Nationen ah' hängig, die ihm Agrikulturprodukte gegen Manufakturwaren abnehmen. Er kann nicht für sich selbst bestimmen, wie viel er produzieren will, er muß warten, wie vie Andere von ihm kaufen wollen.“ . 2 ) „Eine zur Manufaktursuprematie gelangte Nation vermag nur durch frei^ Einfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen, und durch die Konkurrenz fremder Man>^ fakturwaren ihre eigenen Manufakturisten und Kaufleute gegen Rückschritte und ln dolenz zu bewahren“ (Nat. Syst. S. 274, Ausg. Cotta, 1841). England gibt er a Grund dieserTheorie den Rat, seine Zollschranken fallen zu lassen, während Frankreic •> Deutschland und die Vereinigten Staaten die ihren beibehalten dürfen.