312 Zweites Buch. Die Gegner. an sich, wie es die Schriftsteller des 18. Jahrhunderts getan hatten, der Gesellschaft an sich gegenüberzustellen, sondern ihn, wie es in der Wirk lichkeit der Fall ist, der Nation einordnete, hat er einen fruchtbaren Ge sichtspunkt eingeführt, aus dem man vielleicht noch nicht alle Schluß folgerungen gezogen hat. Er betrachtet mit Recht die Nationen nicht nur als moralische und politische Genossenschaften, die durch die Ge schichte geschaffen worden sind, sondern auch als wirtschaftliche Ge nossenschaften. Ebenso wie eine Nation sich politisch durch den auf der Moral beruhenden Zusammenhang ihrer Bürger kräftigt, so wächst auch mit dem wirtschaftlichen Zusammenhang die produktive Kraft eines Jeden und sein eigener Wohlstand. So wie die Regierung beauftragt ist, die politische Einheit des Landes aufrecht zu erhalten, so ist es auch ihre Pflicht, die wirtschaftliche Einheit zu festigen und zu erhalten, indem sie lokale Interessen dem allgemeinen Interesse unterordnet, die Handels freiheit im Innern stützt, Eisenbahnen und Kanäle nach einem nationalen Plane organisiert, durch eine Zentralbank den Geldumlauf überwacht, eine einheitliche Handelsgesetzgebung ausgearbeitet usw. Dies ist das von List in seiner Zeitung, dem Zollvereinsblatt, aufgestellte Programm. Dieses Gefühl der Macht, das eine einheitliche wirtschaftliche Orga nisation einem Volke verleiht, ein Gefühl, das auch heute noch so vielen fehlt, die sich für Individualisten halten und im Grunde weiter nichts als Partikularisten sind, besaß List in höchstem Grade. Er widmete zahlreiche Jahre seines Lebens der Aufgabe, seinem Lande die Notwendig keit der Errichtung von Eisenbahnlinien zu verkünden und zeichnete im voraus den Plan der Hauptlinien, die seitdem in Deutschland gebaut worden sind. Für ihn war der Schutzzoll nur eins der Mittel, das wirt schaftliche Gefüge Deutschlands fester zu gestalten, und zwar auf Grund der Interessenübereinstimmung, die das Vorhandensein einer mächtigen Industrie hier schaffen würde. Auf diese Weise hat derselbe Mann seine Arbeit mit dem gleichen Enthusiasmus und unter dem Ansporn der gleichen Idee einem sich schein bar widersprechenden Werke widmen können: der Abschaffung der Binnen zollschranken und der Einführung von Schutzzöllen. — Heute können wir uns leicht eine nationale Volkswirtschaft vorstellen, in deren Pro gramm keine Schutzzölle enthalten sind, und die sich dennoch mit vollem Recht auf List berufen kann 1 ). D Es ist äußerst bemerkenswert, daß der größte Bewunderer List’s, Dührin° in seiner Kritischen Geschichte der Nationalökonomie und des So zialismus (2. Ausg. S. 362ff.) besonderen Nachdruck darauf gelegt hat, daß der Protektionismus nicht ein wesentlicher Bestandteil, sondern nur eine vorübergehende Form des größeren Prinzips der nationalen wirtschaftlichen Solidarität sei, die die grundlegende Auffassung List’s ist, und die den Protektionismus überleben muß.