314 Zweites Buch. Die Gegner. Kapitel V. Proiidhon und der Sozialismus von 1848. Die Stellung Proüdhon’s in der Geschichte der wirtschaftlichen Doktrinen läßt sich ungefähr wie folgt definieren: Wie bei allen Sozialisten ist auch sein Ausgangspunkt eine Kritik des Eigentumrechtes. Dieses Recht jedoch, das die Ökonomisten sich sorgfältig gehütet hatten, in ihre Untersuchungen einzubeziehen, wodurch sie die Volkswirtschaft zu einer einfachen Zusammenstellung der „routines propriStaires“ (Schema F des Eigentums!) umwandelten, ist in seinen Augen die Grundlage unseres sozialen Systems und erklärt alle ihre Ungerechtigkeiten. Proudhon beginnt daher mit einem Angriff gegen das Eigentum und gegen die Volks wirtschaftler, die es verteidigen. Wie soll aber das bestehende System reformiert werden? Was soll an seine Stelle treten? Hierin liegt die Schwierigkeit. Wenn Proudhon 20 Jahre früher geboren worden wäre, würde er, wie so viel Andere, wahr scheinlich irgendeine Utopie erdacht haben. Was aber 1820 möglich war, war 25 Jahre später unmöglich. Die verschiedensten sozialistischen Systeme hatten schon die Öffentlichkeit beschäftigt. Owen, die Saint- Simonisten, Fourier, Cabet und Louis Blanc haben ihre Heilmittel angeboten. Fast alle Wege, die der Phantasie der Reformatoren offen standen, waren schon vor ihm versucht worden. Proudhon kennt alle diese Versuche, untersucht sie und kommt zu dem Schluß, daß sie alle in einer Sackgasse endigen. So schließt sich der Kritik der Ökonomisten die des Sozialismus an. Es handelte sich also darum, einen Ausweg zu finden, die Fehler des Privateigentums zu verbessern, ohne doch in die „unheilbare Dummheit“ des Sozialismus zu verfallen. Instinktiv weist er alle Utopien zurück. Die Erfinder, die die Gesellschaft wie eine Maschine behandeln möchten und glauben, daß es nur nötig sei, irgendeinen geistreichen „Trick“ z u finden, um allen Erschütterungen vorzubeugen und die Maschine im Gang zu halten, sind ihm zuwider. Für ihn ist das soziale Leben ein beständiger Fortschritt 1 ). Er weiß, daß es Zeit braucht, um die widerstrebenden l ) Philosophie du progr&s, (Euvres, Bd. XX, S. 19: „Da das Wesentliche des Geistes die Bewegung ist, — ist die Wahrheit, d. h. die Wirklichkeit, und zwai ebenso in der Natur, wie in der Zivilisation, wesentlich historisch, und dem Fort schritt, der Umwandlung, der Entwicklung und der Verwandlung unterworfen.“ I 11 den Contradictions öeonomiques sagt er: „Die soziale Wissenschaft ist die au der Vernunft gegründete, systematische Kenntnis, nicht dessen, was die Gesellschai gewesen ist,nicht dessen, was sie sein wird,sondern dessen, was sie in ihrem ganzen Leben ist, d.h. was sie in der Gesamtheit ihrer aufeinanderfolgenden Kundgebungen ist, denn nur da kann es Vernunft und System geben (Bd. I, S. 43). Indem wir diesen