440 Viertes Buch. Die Abtrünnigen. beeinflussen den Grad des Wohlstandes oder des Reichtums, dessen sie sich erfreuen. Allerdings müssen die allgemeinen Funktionen der Güter erzeugung, der Verteilung und des Austausches in allen Gesellschaften vor sich gehen. Aber jede menschliche Gemeinschaft stellt ein besonderes organisches Milieu vor, dem sich diese Funktionen anpassen müssen, und das infolgedessen dem wirtschaftlichen Leben einer jeden seinen besonderen Stempel aufdrückt. Wenn man daher alle verschieden artigen Seiten dieses Lebens verstehen will, muß man die wirtschaft liche Tätigkeit nicht nur isoliert, sondern in ihren Beziehungen zu dem sozialen Milieu betrachten, das allein das Verständnis der charakteristischen Züge gestattet 1 ). Das ist eine der historischen Schule teuere Grundidee. Aus ihr ergibt sich dann sogleich eine weitere. Das soziale Milieu ist nämlich nicht etwas Feststehendes. Es ist beständigem Wechsel unterworfen; es bildet sich um und entwickelt sich; es ist niemals in zwei verschiedenen Zeitpunkten gleich: und jeder dieser aufeinander folgenden Zustände erfordert eine Erklärung. Wo sollen wir diese Erklärung finden? In der Geschichte. Ein Wort Goethe’s, das als Epigraph zu dem großen Grundriß Schmoller dient, sagt: „Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunkeln, unerfahren, muß von Tag zu Tage leben.“ Und in der Tat, nur die Kenntnis der früheren Zustände, durch die das wirtschaftliche Leben der menschlichen Gesellschaften geschritten ist, gibt uns den Schlüssel zu ihrer gegenwärtigen Gestalt. Ebenso, wie die Naturforscher und die Geologen dazu geführt worden sind, um den gegenwärtigen Zustand der Erde und der lebenden Arten, die sie be völkern, zu verstehen, die Entwicklung des Lebens und der Erde in großen historischen Hypothesen wieder auferstehen zu lassen, ebenso muß der Gelehrte, der das gegenwärtige wirtschaftliche Leben der Menschheit studiert, bis in die fernste Vergangenheit zurückgehen, um dort seinen Ursprung und seine Quelle zu finden. „Der Mensch“, sagt Hildebrand, „ist als soziales Wesen stets ein Kind der Zivilisation und ein Produkt der Geschichte . . . Seine Bedürfnisse, seine Bildung, seine Beziehungen *) Roscher: „Wie jedes Leben, so ist auch das Volksleben ein Ganzes, dessen verschiedenartige Äußerungen im Innersten Zusammenhängen. Wer daher eine Seite desselben wissenschaftlich verstehen will, der muß alle Seiten kennen. Und zwar sind es vornehmlich folgende sieben Seiten, welche hier in Betracht kommen: Sprache, Religion, Kunst, Wissenschaft, Recht, Staat und Wirtschaft.“ System der Volks wirtschaft, Bd. I, Grundlagen der Nationalökonomie, 22. Aufl., bearbeitet von Robert Pöhlmann, Stuttgart 1897, S. 41. Vgl. auch Hildebrand: Nationalökonomie der Gegenwart usw., S. 29. Genau so denkt auch Knies.