Kapitel II. Der Staatssozialismus. 455 liches Prinzip zu sein. Cournot nennt sie „ein Erbwort praktischer Weisheit“ 1 ). Stuart Mill verteidigt sie hauptsächlich aus politischen Gründen, als das beste Mittel, bei den Bürgern die Eigenschaften der Initiative und der Verantwortlichkeit zu entwickeln. — Für Alle ist der Staat durchaus nicht ein Notbehelf oder ein notwendiges Übel, sondern er hat, wie jedes Individuum eine berechtigte Einflußsphäre, und die Schwierigkeit liegt nur darin, sie genau zu umschreiben 2 ). Dieser Aufgabe unterzog sich schon Walras mit bemerkenswertem Erfolg in seinen Vor trägen über die Theorie der Gesellschaft, die er von 1867—1868 in Paris hielt 3 ). Der Fortschritt der Gedankenarbeit hat daher, seit Adam Smith, bei den besten Schriftstellern schon die Meinungen bezüglich der wirt schaftlichen Bolle des Staates einschneidend verändert. Zwar hat ihr Einfluß die Mehrzahl der Schriftsteller nicht sofort völlig erfaßt. Die meisten bleiben, auch in dem zweiten Drittel des Jahrhunderts, den Ideen des optimistischen Individualismus noch treu. Als aber der Staatssozialis mus sich gegen den letzteren erhob, brauchte er nur, um sich ein wissen schaftliches Arsenal zu beschaffen, die Ergebnisse je&er Studien sich an zueignen. Dies hat er auch nicht unterlassen, und deshalb können, aus verschiedenen Gründen, die soeben besprochenen Schriftsteller, wenn nicht als seine Vorläufer, so doch als seine unfreiwilligen Helfer gelten. §2. Die sozialistischen Ursprünge des Staatssozialismus. Rodbertus und Lassalle. Der Staatssozialismus ist nicht nur eine wirtschaftliche Lehre. Er besitzt eine soziale und moralische Grundlage. Er stützt sich auf ein ge wisses Gerechtigkeitsideal und auf eine selbständige Auffassung der Ge sellschaft und des Staates. Dieses Ideal und diese Auffassung kommen ihm nicht von den Ökonomisten, sondern von den Sozialisten — und hauptsächlich von zwei unter ihnen, Rodbertus und Lassalle, die ver sucht haben, eine Art Kompromiß zwischen der bestehenden Gesellschafts ordnung und der zukünftigen Gesellschaft zu finden, indem sie die Macht des modernen Staates als Hebel benutzten. Die Idee eines derartigen Kompromisses war nicht neu. Im Laufe x ) Ebenda, S. 444, 462, 621. , , , ,, . 2 ) Stuart Mill, hat es versucht aber in einer Formel, die nicht sehr klar ist: ,„Die Individualität“’ sagt er, „soll den Teil des Lebens regieren, der besonders das Individuum interessiert, und die Gesellschaft jenen anderen Teil, der die Gesellschaft besonders interessiert.“ Essay on liberty, Kap. IV; Franz. Übers. S. 136. _ 3 ) In seinen Ütudes d’dconomie sociale (1896) wieder abgedruckt. Siehe die kurze Zusammenfassung, die wir weiter unten im Kapitel über die Rente geben.