472 Viertes Buch. Die Abtrünnigen. Es ist unnötig (ohne von den praktischen Schwierigkeiten zu sprechen), hier auf die wirtschaftlichen Unmöglichkeiten dieses Vorschlages einzu gehen. Wenn wir ihn erwähnt haben, so beruht dies auf zwei Gründen. Zunächst um die Mühe darzulegen, die Rodbertüs sich gemacht hat, um ein „Kompromiß“, wie er sagt, zwischen der bestehenden Gesellschaft und der kollektivistischen Gesellschaft der Zukunft zu finden. Während Marx anscheinend gleichgültig der wachsenden Proletarisierung der Ar beiter zusieht, die er als Vorstufe zu ihrer endgültigen Erlösung betrachtet, will Rodbertüs so schnell wie möglich den drückendsten Übelständen Abhilfe schaffen und schon jetzt die Lage der Arbeiter verbessern 1 ). Aber dieser Plan zeigt vor Allem das außerordentliche Vertrauen, das Rod- bertus in die Allmacht des Staates hat, in die Macht der Regierungen, diejenigen menschlichen Handlungen ihrem Willen zu unterwerfen, deren Unabhängigkeit der Mensch bisher am eifersüchtigsten gewahrt hat, und gleichzeitig seine völlige Gleichgültigkeit für die individuelle Freiheit als Hebel der Wirtschaft. Im Maße, wie der Gedanke Rodbertüs’ sich entwickelt, wandelt sich diese Gleichgültigkeit gegenüber der individuellen Freiheit in eine immer lebhaftere Feindschaft. Sein Vertrauen in die Zentralgewalt wird dagegen immer stärker, und in seinen letzten historischen Werken legt er eine organische Gesellschaftstheorie dar, die ihr als Rechtfertigung dienen soll. Er sagt: ebenso wie in der Stufenleiter der Lebewesen die höchststehen den diejenigen sind, die zugleich die am höchsten differenzierten und die am besten integrierten Organe besitzen, so auch in der Geschichte; im Maßstabe, wie man von einer niederen, sozialen Form zu einer höheren Form übergeht, „nimmt der Staat an Umfang und an Wirksamkeit extensiv und intensiv zu. Die staatliche Organisation in diesem Sinne wird nicht bloß von Stufe zu Stufe mannigfaltiger, d. h. jede besondere Funktion wird immer mehr an ein besonderes Organ gebunden — die soziale Organi sation wirkt auch von Stufe zu Stufe übereinstimmender, d. h. die immer mannigfaltiger werdenden sozialen Organe kommen in immer größere Abhängigkeit von einem Zentralorgan —, mit anderen Worten, auch auf der Stufenleiter der sozialen Organismen entscheiden Teilung der Arbeit und Zentralisation über den Grad der Vollkommenheit der Organisation, über die Höhe der Stufe, welche der Organismus einnimmt“ 2 )- tag, der 1871 erschien und in den Briefen und sozialpolitischen Aufsätzen, S. 552ff. wieder abgedruckt worden ist. — Der Gedanke, den Wert zu bilden, wie es hier Rodbertüs versucht, war schon 1847 von Marx in seiner Misere de la phij°* sophie mit Bezug auf Proudhon kritisiert worden. Für ihn zieht die Sozialisation der Produktion die des Tausches nach sich. Auch das ist ein Punkt, in dem Marx un Rodbertüs verschiedener Meinung sind. 1 ) Vgl. Kapital, S. 229, Anm. 2 ) Zur Geschichte der römischen Tributsteuern, in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik, 1867, Bd. VIII, S. 447, Anm.-