Kapitel II. Der Staatssozialismus. 483 als jede andere. Der größte Teil ihrer Argumente besteht einfach darin, zugunsten der Regierung ein Vorurteil zu schaffen, demjenigen gerade entgegengesetzt, das der Individualismus nach und nach verbreitet hatte. Hierin liegt die eigentliche Aufgabe, die er sich gestellt hat. Zu diesem Zweck wird zunächst auf die Schwäche der einzelnen ökonomischen Person hingewiesen. Man wiederholt nochmals, wie es schon Sismondi und die Sozialisten getan haben, die sozialen Unzuträg lichkeiten der freien Konkurrenz, die übrigens fast stets mit der wirt schaftlichen Freiheit verwechselt wird 1 ). Man hebt, gleich ihnen, die schon von A. Smith bemerkte soziale Ungleichheit der Kapitalisten und Arbeiter in ihren Verhandlungen über den Arbeitsvertrag hervor, wie auch den allgemeinen Gegensatz zwischen „Schwachen“ und „Starken“. Weiterhin kennzeichnet man die Unfähigkeit der Einzelpersonen, gewisse große Kollektivinteressen zu befriedigen. In Frankreich hatte schon 1856 Dupont-White mit noch größerer Schärfe gezeigt, „wie alle Wege der Zivilisation von demselben ewig sich wiederholenden Hindernis starren: dem Individuum mit seiner Unfähigkeit and Böswilligkeit“ 2 ). Auch hatte er nachgewiesen, wie die Kollektiv interessen in unseren immer komplizierter werdenden Gemeinwesen: „eine Größe und Ausdehnung erlangen, die sie immer mehr dem Bereich des Individuums entziehen“ 3 ). „Es gibt“, sagte er, in einer Formel, die aus gezeichnet die notwendigen Fälle einer Intervention zusammenfaßt, „in jeder Gesellschaft Angelegenheiten von vitaler Bedeutung, die das In- ^viduum niemals tun wird, entweder weil sie seine Kraft über steigen, oder weil sie ihm keinen entsprechenden Gegenwert bieten, oder aber, weil sie nur unter Beihilfe Aller zustande kommen können, die man aber nicht durch freundliches Zu reden erhalten kann. Für alle diese Dinge ist der Staat der gegebene Unternehmer, die berufene Triebkraft“ 4 ). Wie wir wissen, hat man aber in Frankreich nicht auf ihn gehört. In gleicher Weise beruft sich Adolf Wagner zugunsten des Staates auf die ganze Geschichte; er beschreibt uns seine je nach den Zeitum- ständen verschiedenen wesentlichen Funktionen, so daß man wohl dazu gelangen muß, ihm keine definitiven Grenzen stecken zu können. Das mdividuelle Interesse, die barmherzige Hilfstätigkeit und die autoritäre Tätigkeit des Staates haben sich zu jeder Zeit in das wirtschaftliche leid geteilt. Nicht nur hat das Erste niemals genügt, sondern es tritt in den 1 ) Wagner Grundlegung. Die Staatssozialisten gebrauchen stets, und sehr Z ' 1 Unrecht, die beiden Ausdrücke: „freie Konkurrenz“ und „Wirtschaftlichkeit a 's synonym. 2 ) Dupont-White, L’Individu et l’Btat, 5. Ausg., S. 9. 3 ) Ebenda, S. 267. 4 ) Vorwort zu Essay on Liberty v. Stuart Mill (1860), S. LXX. 31*