526 Viertes Buch. Die Abtrünnigen. ständig — so behauptet wenigstens eine Gruppe seiner Schüler — in einer Bewegung, die diesmal aber im praktischen Sinne des Wortes wirk lich ausschließlich eine Arbeiterberwegung ist, nämlich in der syndikalisti schen Bewegung. Es handelt sich hierbei durchaus nicht um den Reformsyndikalismus (Gewerkschaftsbewegung), den man auch trade-unionism nennt — ihn überläßt man Bernstein und den Neo-Marxisten seiner Schule 1 ), — es handelt sich um den kämpfenden Syndikalismus, der zunächst nur in Frankreich und in Italien besteht, und der in Frankreich durch die Confederation Gen6rale du Travail vertreten wird. Welche Verwandtschaft besteht nun zwischen dem Marxismus und diesem Syndikalismus? Ein überlegtes und bewußtes Band gibt es nicht: die Arbeiter, die die Confederation Generale du Travail leiten, haben sicherlich niemals Marx gelesen und kümmern sich nicht darum, seine Lehren anzuwenden. Man hat aber letzthin ausgeführt, daß das Programm der „C.G.T.“ bewunderungswürdig mit der marxistischen Lehre überein stimme, und daß sie den Marxismus auf den richtigen Weg zurückgeführt habe, — während der reformerische Neo-Marxismus sich auf dem falschen Wege befände, — und zwar besonders in Folgendem: a) Es betont den ausschließlich proletarischen Charakter des So zialismus — und gleichzeitig den Wert und die Schönheit der Arbeit, nicht jeder Arbeit überhaupt, sondern der Arbeit, die die Materie ver ändert und umformt, der Handarbeit. Mit den Arbeitgebern und den Kapitalisten gibt es keine Verständigung. Und ebensowenig von nun an mit den Intellektuellen und den Politikern; da die berufliche Arbeiter gewerkschaft, auf Grund ihrer Definition, nur Arbeiter umfaßt, hat sie sich nur mit den Interessen der Arbeiter zu beschäftigen 2 ). Wir haben schon auf die zur Schau getragene Verachtung hingewiesen, die der Marxismus den Intellektuellen gegenüber zeigt (S. 516, Anm. 1). Kein Milieu, heißt es, ist besser als die Gewerkschaft dazu geeignet, Der Gesichtspunkt wird in einem Aufsatze Berth’s (Mouvement Socia- liste, Mai 1908, S. 393) sehr klar ausgeführt. „Vom rein kritischen und negativen Standpunkt aus waren wir mit Bernstein gegen die Orthodoxie Kautsky’s. Was setzt aber Bernstein an die Stelle des übrigens durchaus rhetorischen Revolutionaris- mus der deutschen Sozialdemokratie? Eine einfache demokratische und reformistische Entwicklung, die die bürgerlichen liberalen Einrichtungen nachahmt, und die sich einbildet, die Emanzipation der Arbeiter zu erreichen, indem sie den bürgerlichen Liberalismus unter der doppelten Form einer vollständigen politischen Demokratie und einer vollständigen wirtschaftlichen Demokratie auf die Spitze treibt. Hier trennen wir, die revolutionären Syndikalisten, uns entschieden von Bernstein, denn wenn wir auch die Entwicklung wollen, so wollen wir doch eine Entwicklung, die neue soziale Formen schafft, eine revolutionäre Entwicklung“. 3 ) „Eine Organisation der Produzenten, die ihre eigenen Angelegenheiten be sorgen, ohne die Erleuchtung nötig zu haben, die die Vertreter der bürgerlichen Ideo logie besitzen“ (G. Sorel, Decomposition du marxisme, S. 60—61).