Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren. 529 Säule, die es ins gelobte Land führte. Und mit dieser Hoffnung, und diesem der Ecclesia militans et triumphans der ersten Jahrhunderte entlehnten Glauben, mit dieser ganzen Auffassung, die ein leidenschaft licher, fast heroischer Atem beseelt, wie fern sind wir doch dem histo rischen Materialismus, und wie nahe jenem Utopismus, den Marx ver höhnte, und den er dem französischen Sozialismus so schneidend vor warf! Gesteht doch Sorel selbst, daß „es selten einen Mythus gegeben hat, der von jeder utopistischen Beimischung durchaus frei war“ 1 ). Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren. Im Neuen wie im Alten Testament, in den Verwünschungen der Propheten gegen die Händler und gegen die Landräuber, in den Gleich nissen Christi, in den Predigten der Kirchenväter über die Pflichten der Reichen gegenüber den Armen bis zu der Kanzelrede Bossuet’s über die »eminente Würde der Armen“, in den In-folios der Kanoniker und in der „Summa“ Thomas’ von Aquino — sind die Stellen unzählbar, die wirtschaftliche und soziale Fragen berühren, oder sich sogar in katego rischen Befehlen mit ihnen befassen. Viele von ihnen sind nicht weniger heftig als die der revolutionären Sozialisten unserer Tage l 2 ). Jedoch hat man erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts christlich- soziale Lehren und Schulen mit einem festen Programm aufkommen l ) Reflexions sur la violence, S. XXXV. Seit diese Zeilen geschrieben Wurden, hat übrigens die furchtbare Erschütterung des Krieges die Mythen in nichts Verblasen und die Reihen aufgelöst. In allen Ländern hat der rechte Flügel der so- 2 . stischen Partei sich zum Nationalismus bekannt, während die linke versucht hat, Ie Diktatur des Proletariats zu organisieren. Auf der anderen Seite hat der Marxismus, ^nk seinem deutschen Ursprung, die Rückwirkung der Niederlage zu tragen. Karl ist während des Krieges oft als einer der Schuldigen des Pangermanismus an- geklagt worden. Man vergleiche zur Widerlegung dieser Behauptung Longuet’s Buch »La politique internationale du Marxisme.“ Was den Syndikalismus betrifft, so hat er, nach Überwindung der durch den Krieg verursachten Desorganisation, einen erstaun- ichen Aufschwung genommen: heute verlangt jedermann, einbegriffen die Beamten ond Künstler, die Aufnahme in die C. G. T. Es ist schwer vorauszusagen, was aus dieser Gärung hervorgehen wird. Im übrigen scheint der Syndikalismus sich nicht mehr, w ! (! einst, zu weigern, die Mittel zu suchen, um eine Entente, sei sie nun „cordiale“ ooer nicht, zwischen den Arbeitern und dem Kapital herbeizuführen — freilich unter er Bedingung, daß die Arbeit der Organisator sei. . 2 ) Es genügt, darauf hinzuweisen, daß die ganze Theorie des Wuchers und die lc h darauf aufbauende Gesetzgebung das Werk der kanonischen Rechtsgelehrten ist. Qi de und Rist, Geseh. d. Volkswirtschaft!. Lehrmeimmgen. 2. Aufi. 34