Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren. 531 diese Auflehnung —, und jetzt ist er nicht mehr imstande, aus eigener Kraft den Weg zurückzufinden. Daher ist die Annahme widersinnig, es genüge, den natürlichen Menschen „gehen zu lassen“, so wie das laisser- faire es vorschreibt, nämlich dem persönlichen Interesse freies Spiel zu gewähren, damit dieses den Menschen zum Guten zurückführe und ihn den Weg zum verlorenen Paradies wiederfinden lasse. Das gilt im wirt schaftlichen Leben ebensogut wie im religiösen. Im Gegenteil, die christ lichen Schulen erklären, daß der natürliche Mensch, — das, was im Neuen Testament der alte Adam genannt wird, — in uns absterben müsse, um einem neuen Menschen Platz zu machen. Alle göttlichen, moralischen ünd sozialen Kräfte müssen aufgerufen werden, um ihm zu helfen, den Abhang wieder empor zu steigen, auf dem ihn die Selbstsucht hinab gleiten läßt 1 ). Diese Schulen unterscheiden sich aber nicht minder vom Sozialis mus, selbst wenn sie ihn in der Heftigkeit ihrer Anathemata gegen den Kapitalismus und die bestehende wirtschaftliche Ordnung übertreffen. Der Unterschied liegt darin, daß sie nicht, wie er, glauben, es genüge, die wirtschaftlichen Bedingungen und das Milieu zu ändern, um eine neue Gesellschaft zu schaffen, — nein, zur gleichen Zeit muß auch das Individuum geändert werden. Denen, die ihn fragten, wann das Reich Gottes kommen werde, antwortete Christus: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden . . . Das Reich Gottes ist inwendig in Euch“ 2 ), womit er sagen wollte, daß die soziale Gerechtigkeit erst herrschen werde, wenn sie zuvor in den Herzen verwirklicht sein wird. Das Programm des christlichen Sozialismus darf daher nicht mit dem der freiheitlichen Sozialisten oder sogar der Assozialisten verwechselt werden, da diese glauben, der Mensch sei von Natur gut und nur durch die Zivilisation Verderbt, und ebensowenig mit dem marxistischen Kollektivismus, der nls Grundlage den historischen Materialismus und den Klassenkampf hat. Und wenn auch einige der christlichen Schulen bereit sind, mit dem Staatssozialismus sympathisch zusammen zu arbeiten, so kommt doch a ) Die Christlich-Sozialen weisen darauf hin, daß auch dann, wenn man das ogma von der Schöpfung durch die Entwicklungstheorie, und Adam durch irgend- °inen Gorilla ersetzen wollte, ihre These dadurch nur stärker wird, denn dann würde ?? nur um so notwendiger sein, den alten Menschen zu ertöten! „Wir leben nur 1 -, schrieb -dRünetiH^ „von dem Siege, den wir täglich über das Verhängnis unseres Ursprungs avontragen müssen“ (Revue des deux Mondes, 1. Mai 1895). In einem 1894 erschienenen englischen Buche, das einen riesigen Erfolg hatte, wocial Evolution Von Kidd) überträgt der Verfasser die darwinistische Theorie *ns Christliche. Nach ihm sind der Kampf ums Leben und die natürliche Auswahl Wohl Triebfedern des Fortschrittes. Aber der Kampf und die Auswahl vollziehen sich fischen denen, die bereit sind, ihre individuellen Interessen dem Interesse der All gemeinheit zu opfern, und die Religion ist ihre einzige zwingende Gewalt, die ein der- ar Gges Opfer auferlegen kann. s ) Luk, Evgl. 17, 20—21. 34*