Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren. 535 und der Grad dieser Einmischung gestattet in gewisser Weise, die Größe des Übels zu messen 1 ). Wenn Le Play der Familie eine so große Bedeutung beilegt, so ist es selbstverständlich, daß er der Ordnung des Erbschaftswesens eine nicht geringere zuspricht, da ja auf der Erbschaft die Dauer der Familie beruht. Hierin liegt auch der Kernpunkt des Le PLAY’schen Systems. Er unter scheidet drei Haupttypen der Familie: 1. Die patriarchalische Familie. — Der Vater ist der alleinige Eigentümer oder genauer der alleinige Verwalter aller Güter der Familie, und bei seinem Tode gehen alle diese Güter ohne weiteres auf den ältesten Sohn über. Es ist -dies das antike System, wie es zur Zeit der Hirtenvölker bestand, und wie es heute noch unter den Nomaden des Orientes herrscht. 2. Die Wahl-Erbfolge-Familie („La famille-souche“). — Die Kinder und Enkel bleiben nicht mehr unter der väterlichen Autorität zusammen. Sie zerstreuen sich und gründen neue Familien; nur ein einziger bleibt im Hause. Dies ist der vom Vater bezeichnete Erbe, der seine Stelle einnehmen wird, nachdem er während seines ganzen Lebens mit ihm zusammen gearbeitet hat. Die Wahl dieses Erben be ruht aber hier auf dem väterlichen Willen und ist nicht durch ein zwingendes „Recht des Ältesten“ beschränkt. Die Erbschaft geht auf den Würdigsten über oder auf alle Fälle auf den, der am besten dazu geeignet ist, sie zu bewahren. Diese Einrichtung genügt, wie Le Play sagt, um die außerordentliche Stabilität Chinas zu erklären. Auf ihr beruht, auch wenn sie schon etwas erschüttert ist, die Kraft und die Lebensfähigkeit Englands. Noch gibt es in Frankreich einige Gegen den, wo dieses System, trotz des Code civil, sich hat halten können. Die Geschichte der Familie Melouga, Bauern der Pyrenäen, kehrt jeden Augen blick-wie ein Leitmotiv in den Schriften Le Play’s und seiner Schüler wieder. (Übrigens ist diese Familie heute ausgestorben.) 3. Die unbeständige Familie („La famille instable“). — In ihr verlassen alle Kinder, sobald sie das Alter der Selbständigkeit erreicht haben, das Haus, ein jedes für sich. Beim Tode des Vaters wird die schon verstreute Familie definitiv aufgelöst; das Erbe wird durch die gleiche Zwangsteilung zerstückelt, und der landwirtschaftliche oder industrielle Betrieb, wenn es einen gibt, wird liquidiert. Dies System bat sich aus dem Individualismus ergeben und charakterisiert fast alle modernen Gesellschaften und besonders Frankreich. Von diesen drei typischen Familienordnungen ist nur die zweite Le Play völlig sympathisch, weil sie es ist, die am besten das Gleich gewicht zwischen den beiden antagonistischen Kräften aufrecht er- l ) „Es ist das große Unglück Frankreichs, daß hier die Familie in der Gemeinde, “ie Gemeinde im Departement, und das Departement im Staate aufgeht“ (La Ref orme s °ciale, III, B. 7).