536 Viertes Buch. Die Abtrünnigen. hält, die für das soziale Leben gleicherweise unentbehrlich sind, nämlich das Streben auf Beibehaltung des Alten und das Streben auf Einführung des Neuen. Unter der Herrschaft der patriarchalischen Familie tritt das erste zu stark hervor 1 ); aber unter der der unbestän digen Familie verschwindet es zu sehr. Infolge der Erbteilung bei jedem Todesfall wird jedes Unternehmen zu einem Gewebe der Penelope, wo die Arbeit jeder Generation jedesmal ganz und gar neu zu tun ist 2 ). Und diese periodische Teilung gibt nicht einmal die versprochene Gleichheit: denn, da alle Bande der Solidarität zwischen den Brüdern gelöst sind, so bereichern sich die Einen, während die Anderen im Elend verkommen: ein jeder für sich! Eine derartige Ordnung der Dinge endigt notwendiger weise in der Sterilität, wovon Frankreich einen schlagenden Beweis liefert. Da die Kinder nämlich nur so lange bei ihren Eltern bleiben, als sie ihrer Hut bedürfen, und sie verlassen, sobald sie imstande sind, sich selbst zu genügen, wie die Jungen der Tiere, so ist es klar, daß die Eltern ein Interesse daran haben, so wenig wie möglich Kinder zu zeugen. Im Gegensatz dazu vertraut die Wahl-Erbfolge-Familie dem Sohn, der zu Hause bleibt, die Hut der Überlieferung an, und überläßt es den Söhnen, die in die Ferne ziehen, ihren Unternehmungsgeist zu betätigen. Auf diese Weise hat England die Weit erobert. Zur gleichen Zeit hält diese Einrichtung die wirkliche Familiengleichheit aufrecht, indem das Heim stets denen als Zufluchtsort offen steht, die sich dahin zurück ziehen wollen, weil sie in der Welt keinen Erfolg gehabt haben. Hierin liegt, um nur ein Beispiel anzuführen, die Lösung der Frage, wie die schmerzliche Lage der alten Jungfern freundlicher gestaltet werden könne 3 ). Um zu versuchen, die Wahl-Erbfolge-Familie in Frankreich wieder aufzurichten, gibt es außer der moralischen Reform nur ein einziges Mittel; es besteht darin, die Testierungsfreiheit wiedereinzuführen oder zum allerwenigsten den frei verfügbaren Teil genügend zu vergrößern, damit der Vater imstande sei, den Grund und Boden oder das Unternehmen in seiner Gesamtheit einem seiner Kinder zu hinterlassen, mit der Be dingung, daß dieses seine Geschwister entschädigt, wenn der Rest des Erbes nicht genügt, jedem seinen Teil zu sichern 4 ). *) „Sie (die Patriarchal-Ordnung) hält in der Arbeitsordnung und in der Gesamt" heit der sozialen Beziehungen mehr die Anhänglichkeit an die Vergangenheit als die Sorge um die Zukunft, den Gehorsam mehr als die Initiative aufrecht . .. Die Familien- gemeinschaft hemmt den Aufschwung, den die bedeutenden Individualitäten in der Familie in unabhängiger Lage hätten nehmen können“ (Reforme Sociale, B. III)- 2 ) „Um zusammenzufassen: ich habe niemals eine soziale Organisation angetroffen, die im gleichen Grade die Gesetze der materiellen und der moralischen Ordnung verletzt.“ 3 ) Ihre Zahl wird durch den Krieg in fürchterlicher Weise angeschwollen sein. 4 ) Le Play, der einen gewissen Einfluß auf Napoleon III. hatte, versuchte von