Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren. 537 Wenn die Autorität des Vaters über seine Kinder ein für die Stabi lität der Gesellschaft unentbehrliches Element darstellt, so ist doch die Autorität des Arbeitgebers über seine Arbeiter ebenfalls äußerst be deutsam, wenn sie sich auch aus der ersteren ableiten läßt. Von ihr hängt der soziale Friede noch viel unmittelbarer ab. Der soziale Friede ist der Hauptgegenstand der sozialen Wissenschaft 1 ). Dieser Ausdruck kehrt beständig in den Schriften Le Play’s und seiner Schüler weder, und so nennen sich die von ihnen zur Pflege der Lehre gegründeten, über ganz Frankreich verbreiteten Gesellschaften „Unions de la paix sociale“. Der erste Versuch einer sozialökonomischen Ausstellung im Jahre 1867, der Le Play zu verdanken war (wie übrigens der ganze bewunde rungswürdige Plan der Anlage dieser Ausstellung), bezweckte, die Ein richtungen zu belohnen, die bestimmt waren, „die gute Harmonie zwischen Personen, die an den gleichen Arbeiten zusammen tätig sind“, zu ent wickeln. Man kann sagen, daß die ganze Bewegung der Arbeiterwohl fahrtseinrichtungen, die im Jahre 1850 in Mühlhausen mit Dollfus durch das berühmte Wort: „der Arbeitgeber schuldet dem Arbeiter mehr als den Lohn“ eingeleitet wurde, auf dem Geiste Le Play’s beruht 2 ). Es ist dies das sog. „System des guten Arbeitgebers“. Natürlicherweise stellte sich der Apostel der Wahl-Erbfolge-Familie auch die Fabrik als eine Familie vor, die, nach dem Vorbild der Familie, sich durch Stabilität, Beständigkeit der Anstellung 3 ), geregelte Anordnung und Autorität eines freiwillig respektierten Hauptes charakterisiert. Diese für Le Play so bezeichnende These, daß das Heil der Arbeiter klasse nur von Oben kommen kann, scheint weniger noch begründet, 'hm einen GesetzesVorschlaj* za erhalten, um den „Code civil“ in diesem Sinne abzu ändern-. Obgleich der Kaiser diesem Gedanken sympathisch gegenüberstand, und trotz seiner fast absoluten Macht, wagte er es doch nicht, das öffentliche Gefühl zu ■'erletzen, denn in Wirklichkeit wenden die Familienväter nicht einmal die beschränkte z u ihrer Verfügung stehende Quote an, die das Gesetz ihnen zugesteht. Das Übel liegt daher, wenn es überhaupt ein Übel ist, viel tiefer, als Le Play dachte: es ist mehr in den Sitten als im „Code“ begründet. x ) „Der Zweck der Tätigkeit der menschlichen Gesellschaften ist weniger die Entwicklung der Reichtümer an und für sich, als die Erlangung von Wohlstand für die Menschen. Der Wohlstand bedeutet das tägliche Brot, aber er besteht nicht außer halb des sozialen Friedens“ (Claudio Jannet, Quatre Ecoles d-Lconomie So ciale, 1890). 2 ) Man muß jedoch sagen, daß dies damals die herrschenden Ideen waren. Schon 1840 schrieb Villerme in seinem berühmten Tableau de Petat moral et physique des ouvriers: „Diese wohlverstandene Bevormundung von seiten des Arbeitsgebers hann am wirksamsten zur Besserung der Lage und der Moral der Arbeiter beitragen“ DL S. 372). 3 ) Man bekommt eine Idee von der Bedeutung, die Le Play der Beständigkeit der Dienstverträge beimaß, wenn man erfährt, daß ihm aus diesem Grunde die Ab schaffung der Sklaverei ein gewisses Bedauern verursachte! (Ref orme Sociale, Ka P- 65, X).