Kapitel IY. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren. 547 Diese Gesellschaft würde im vollen Sinne des Wortes auf der Brüder lichkeit beruhen — und sogar, wie wir soeben gesagt haben, auf der einzigen Brüderlichkeit, die einen wirklichen Grund für sich anführen kann: den der gemeinsamen Vaterschaft Gottes, — aber nicht auf der Gleich heit im sozialistischen Sinne des Wortes, denn in einer Familie verhindert die Tatsache, Kinder des gleichen Vaters zu sein, nicht die Ungleich heiten und bedingt sogar, wenn nicht das Kecht, so doch die Pflicht des Ältesten. Ebenso soll in der Berufsgenossenschaft die Gleichheit in dem Sinne herrschen, daß die Würde der niedrigsten Arbeit ebenso hoch stehend, wie die der vornehmsten Arbeit sein wird, und daß ein Jeder mit dem Platze, an den es Gott gefallen hat, ihn zu stellen, zufrieden und sogar stolz darauf sein kann 1 ). Aber diese Gesellschaft wird hierarchisch sein. Auf der Seite der Arbeitgeber steht die Autorität mit all ihrer Verantwortung und all ihren Pflichten; auf der Seite der Arbeitnehmer: geachtete Rechte, die durch den Minimallohn gesicherte Existenz, und die wiederhergestellte Familie 2 ). Der soziale Katholizismus erklärt sich gegen den ersten Artikel des sozialistischen Programms, in dem gesagt wird: „daß die Emanzipation der Arbeiter nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann“. Sie wird gerade umgekehrt mit der Hilfe der Arbeitgeber und aller anderen sozialen Klassen geschehen. Zu ihnen sind auch die berufslosen Klassen, wie die Grundbesitzer, die Rentiers, und sogar die Verbraucher zu rechnen 3 ). Sie alle zusammen müssen es lernen, die Verantwortlichkeit, die ihnen ihre verschiedene Stellung auferlegt, und die besonderen Pflichten zu erkennen, die ihnen daraus erwachsen, nämlich, ebenso wie der Haushalter un Gleichnis, „mit den Gaben, die ihm der Meister anvertraut hat, zu 'wuchern“. Die zum größten Teil aus Katholiken gebildeten christlichen Gewerkvereine Deutschlands fangen an, zu großer Bedeutung zu gelangen und manchmal sogar den roten sozialistischen Gewerkschaften die Wage zu halten. Sie legen Gewicht auf. eine Einigung zwischen Ar beitgebern und Arbeitnehmern, protestieren aber trotzdem energisch *) „Die unter der Vormundschaft der Religion gebildeten Korporationen werden bewirken, alle ihre Mitglieder mit ihrem Schicksal zufrieden zu machen, geduldig in ’hrer Arbeit und geneigt, ein ruhiges und stilles Leben zu führen (sua Sorte contentos, operumque patientes et ad quietam ac tranquillam vitam agendam inducant“) (En- c yklika „Quod Apostolici“, Leo ? s XIII. vom 28. Dezember 1878). Vgl.: L’Histoire des Corporations von Martin Saint-Leon. 2 ) „Die Korporation ist ihrem Wesen nach ein Abbild der Kirche. Für die Kirche ®bd alle Gläubigen vor Gott gleich, aber damit hört die Gleichheit auf. Für alles Andere s ®dsiehierarchisiert“(Segur-Lamoignon,AssociationCatholiquevom 13. Juli 1894). 3 ) La Ligue Sociale d J acheteurs, in Paris im Jahre 1900 gegründet, beruht attf sozial-katholischer Grundlage. 35*