Kapitel II. Die Theorie der Bodenrente und ihre Anwendungen. 605 ein Differentialeinkommen 1 ). Ihren Ursprung verdankt sie den Ver schiedenheiten in der Fruchtbarkeit des Bodens. Wenn alle Felder gleichmäßig fruchtbar wären, würde sie nicht bestehen. Ebenso haben alle anderen seitdem entdeckten Renten denselben Charakter: ob es sich um ein Stück Bauland oder einen kräftigeren Arbeiter oder einen in telligenteren Unternehmer handelt, stets ist es ein natürlicher Unter schied, der die Rente erklärt. Alle diese Renten sind von gleichem Typus. In gewisser Weise kann man die Unternehmer, die die gleiche Ware her- stellen, die Arbeiter, die denselben Beruf ausüben, die Kapitalien, die in dem gleichen Geschäftszweige angelegt sind, in eine Skala sinkender Produktivität einstellen, so wie es Ricard o mit den verschiedenen Feldern getan hatte. Der letzte Unternehmer, der letzte Arbeiter, das letzte Kapital der Skala bringen nur gerade genügend hervor, um sie noch in Tätigkeit zu erhalten. Alle anderen erzeugen mehr. Da sie trotzdem ihre Waren oder ihre Dienste zu dem gleichen Preise verkaufen, gewinnen sie aber eine Rente, die um so höher ist, je mehr ihre Produktivität die des letzten der Skala übersteigt. Bei Einschluß der ganzen wirtschaftlichen Welt würde es eine Art „Gesetz ungleicher Fruchtbarkeit“ geben, nicht nur für die Felder, sondern auch für die Kapitaüen und die individuellen Fähigkeiten, — ein Gesetz, das genügen würde, um alle Ungleichheiten im Einkommen der Produktionsfaktoren zu erklären. Liegt aber in dieser Auffassung nicht etwas außerordentlich Ge künsteltes? Lassen sich die Verschiedenheiten des Einkommens nicht durch ein einfacheres, allgemeineres Prinzip erklären? Wäre es nicht möglich, sich unmittelbar darüber Rechenschaft zu verschaffen? — Ist nötig, in einem so allgemeinen Phänomen eine Ausnahme und eine Art Anomalie zu sehen? Es konnte nicht ausbleiben, daß man sich diese Fragen stellte und es dauerte nicht lange, bis man die Antwort ge funden hatte. Der erste Zweifel stieg auf, als man bemerkte, daß der Boden sehr wohl eine Rente liefern kann, auch ohne daß irgendeine Ungleich heit in der Fruchtbarkeit bestände. „Wenn der ganze Boden eines Landes für die landwirtschaftliche Bewirtschaftung benötigt wäre,“ sagt schon Stuart Mill 2 ), „so würde seine Gesamtheit eine Rente abwerfen.“ ■Man braucht hierfür nur anzunehmen, daß die Nachfrage genügend stark, und die Produktion genügend beschränkt sei, um den Getreidepreis über den Produktionskosten zu halten 3 ). Auch wenn die Fruchtbarkeit ungleich Q „Man muß sich erinnern, daß die Rente der Unterschied zwischen dem durch gleiche Teile Arbeit und Kapital erhaltenen Produkt auf Feldern gleicher oder verschiedener Qualität ist‘ ! (Ricardo, Principles, Kap. IX, § 56. — Vgl. oben S. 164 f.). 2 ) Mill, Principles, B. II, Kap. XVI, § 2. 3 ) Schon Ricardo hatte nebenbei diese Hypothese aufgestellt und gesagt: „Nehmen wir an, daß die Notwendigkeit der Lage eine Million Zentner Getreide erfordert, und