660 Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit. gewissen Größe nicht entbehrt und sich übrigens auf das Programm der „Pioniere von Rochdale“ gründet 1 ). *) Dieses neugenossenschaftliche Programm ist in Frankreich allgemein als das der „Schule Von Nimes“ bekannt. In Wirklichkeit ist es nur die Weiterführung in großem Maßstabe des 1844 von den Pionieren von Rochdale lakonisch aufgestellten Grundgedankens. Bourguin, der es in seinen Systhmes socialistes aufgenommen hat, hält dafür, daß es an Klarheit fehlen lasse. Es scheint uns aber wenigstens ebenso klar wie irgendein anderes sozialistisches Programm, das die Zukunft vorwegnimmt, und hat den Vorzug voraus, daß es sich auf Ansätze zu seiner Verwirklichung stützen kann, die heute schon Beachtung verdienen. Im Folgenden fassen wir es kurz zusammen, und zwar nach einem, schon vor 20 Jahren gelegentlich der Hundertjahrfeier der Revo lution in einer Rede dargelegten Programm (in dem Buch Cooperation von Gide: Des transformations que la coopfiration est appelde ä rdaliser dans l’ordre economique. — (Über die Umwandlungen, die die Kooperation in der wirt schaftlichen Ordnung zu verwirklichen berufen ist). — Es ist Sache der Verbraucher und nicht der Produzenten, die Gesellschaft zu reorganisieren, weil die letzteren sich nur von Berufsinteressen leiten lassen können, während die ersteren notwendigerweise das Allgemeininteresse im Auge haben. Daher haben die Verbraucher sich nur zu sammenzutun, um für alle ihre Bedürfnisse zu sorgen: — indem sie erstens alles, was sie verbrauchen, direkt von den Produzenten kaufen, und indem sie es, sobald sie wohl habend und zahlreich genug geworden sind, selbst in ihren Fabriken und auf ihren Ländereien herstellen. Hierdurch eignen sie sich zunächst den Gewinn des Kaufmanns, und dann den des Fabrikanten an, behalten davon aber nur das, was zur Ausdehnung der Bewegung notwendig ist und geben den Rest den Verbrauchern pro rata ihrer Ein käufe zurück, was auf die Abschaffung des Profits hinausläuft. Wir haben gesehen, daß diese Abschaffung des Profits schon die Gedanken Stuart Mill’s beschäftigte und sich für ihn mit einer ganz neuen Entwicklungsphase verband, die er den stationären Zustand nannte (siehe oben S.408f.); wir haben ferner gesehen, daß auch die Hedonisten zu demselben Ergebnis gelangten, wenn auch auf einem der Kooperation gerade ent gegengesetzten Wege, nämlich dem der vollkommen freien Konkurrenz. Es muß darauf hingewiesen werden, daß diese Revolution sich vollziehen würde, ohne irgendwie an dem zu rühren, was man die Grundlage der sozialen Ordnung nennt: Eigentum, Erbrecht, Zinsen, und ohne andere Enteignung, als die, die sich aus dem freien Spiel der heutigen wirtschaftlichen Gesetze ergäbe. Diejenigen, die derart zusammen arbeiten würden, wollen die bestehenden Kapitalien unberührt lassen: sie beabsichtigen, neue zu bilden, die die anderen überflüssig machen werden. Warum auch nicht? Wenn die bestehenden Kapitalien nur auf das aufgehäufte Ergebnis durch die Arbeit ver wirklichter Gewinne sind, warum sollte die Arbeit nicht imstande sein, dasselbe noch einmal zu leisten? Nur mit dem Unterschied, daß sie diese Kapitalien jetzt für sich behalten würde 1 Man hat diesem System vorgeworfen, daß es, auch wenn es durchgeführt wäre, doch nicht die Abschaffung des Lohnsystems verwirklichen würde, weil alle Arbeiter dann für diese Genossenschaften arbeiten würden, ebenso wie sie heute im Dienste von Arbeitgebern stehen. Darauf antworten wir, daß der, der im Dienste einer Ge nossenschaft arbeitet, der er selbst als Mitglied angehört, recht nahe daran ist, sein eigener Herr zu sein. Übrigens, wer hat denn das Recht, einen derartigen Einwurf zu machen ? Sicherlich nicht die Verteidiger der heutigen wirtschaftlichen Ordnung, die erklären, daß der Lohnvertrag der endgültige Typus des freien Kontraktes ist. Ebensowenig die Kollek tivsten, da nach ihrem System alle Menschen Angestellte im Dienste der Nation sein würden. Daher würden die einzigen, die einen Grund hätten, diese Kritik zu erheben,