666 Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit. bringe? Wenn man mir klar und deutlich nachgewiesen hat, daß die Krankheit meines Nächsten mich töten wird, was für ein Gefühl wird die Feststellung dieser Solidarität in mir wohl hervorrufen? Liebe? Durchaus nicht, sondern den Wunsch, ihn von mir soweit wie möglich zu entfernen, mich seiner zu entledigen, wenn auch nicht gerade durch seine Vernichtung, wie man dies mit den Pestratten tut, so doch wenigstens, indem man ihn in irgendein Sanatorium sperrt. Höchstwahrscheinlich werde ich nicht abgeneigt sein, mein Geld für dieses Sanatorium zu geben: aber die einzige Triebfeder dieser Handlung wird die Furcht, oder wenn dies Wort zu unangenehm wirkt, das persönliche Interesse sein. In den Vereinigten Staaten haben sich Vereine „gegen das Küssen“ gebildet, doch hat der Puritanismus hiermit nichts zu tun, sondern nur die Bazillen furcht. Bald wird es zweifellos aus demselben Grunde Vereine gegen „das Händeschütteln“ geben, eine merkwürdige Folge der Solidarität, die doch überall durch zwei sich gefaßt haltende Hände bildlich dar gestellt wird! 1 ) So enthält die Solidarität in sich selbst kein Prinzip der Liebe und strebt außerdem darauf hin, das Gefühl der Verantwortlichkeit zu unter drücken oder abzuschwächen, indem sie der Gesellschaft, dem Milieu, die bestimmenden Ursachen unserer Fehler, unserer Laster und unserer Verbrechen aufbürdet. Und doch liegt gerade in der persönlichen Ver antwortlichkeit die Grundlage des Moralgesetzes. Diese Kritiken stammen von den individualistischen Volks Wirt schaftlern! Man darf aber nicht glauben, daß der Solidarismus von seiten der Sozialisten, Anarchisten und Syndikalisten eine bessere Aufnahme gefunden habe. Wenn er den Klassenkampf leugnet und davon faselt, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Arme und Reiche in einer kindischen Verbrüderung im Gefühlsdusel zu versöhnen, so erscheint ihnen das als nichts Anderes als ein Versuch, dem Sozialismus die Sehnen seiner Kraft zu durchschneiden * 2 ). Alle diese Kritiken erscheinen uns jedoch nicht überzeugend. 'Sie mögen vielleicht genügen, um den Gedanken einer sozialen Schuld in seiner juristischen Zwangsform auszuscheiden, aber sie können nicht aus der Welt schaffen, daß der Solidarismus der sozialen Ökonomie und sogar der Moral höchst wertvolle Beiträge geleistet hat. *) In dem Buche Von Paul Bureau: La Grise morale des temps nouveaux findet man eine lange und lebhafte Kritik des Solidarismus vom moralischen Gesichts punkte aus. , 2 ) Wie man sie z. B. in Le Mouvement Socialiste würdigt, zeigt folgende Stelle: „Die Entwicklung des Solidarismus ist eins der beunruhigendsten Zeichen der Zeit. Sie ist das Kennzeichen und die Ursache einer tiefen, sehr großen Abschwächung der Energie“ (Julinummer, 1907. — Paul Olivier, Bericht über den Solidarism e von Bougle).