Kapitel III. Die Solidaristen. 667 Freilich kann die Solidarität nicht aus sich selbst ein Prinzip de3 moralischen Handelns liefern, da sie nur eine natürliche Tatsache und ' als solche durchaus amoralisch ist. Es sind keine Beweise nötig, um dar zutun, daß jedesmal, wenn wir die Solidarität als ein Übel verurteilen, dieser Verurteilung die Tatsache zugrunde liegt, daß wir unser Kriterium des Bösen und Guten von Außen her nehmen. Ebenso wenig unterliegt es einem Zweifel, daß die Tatsache der Solidarität zugunsten des Egoismus ausgebeutet werden kann. Wenn die Solidaiität nur ein Band ist, das uns verbindet, so ist es sehr leicht möglich, daß irgend jemand sich seiner bediene, um sich mühelos in die Höhe ziehen zu lassen, während ein anderer es gebraucht, um Andere in die Höhe zu ziehen. Wenn man hier gegen nicht auf der Hut ist, werden sogar wahrscheinlich die Ersteren die zahlreicheren sein. Hierin liegt kein Grund zum Erstaunen, denn alles das, was zur Ausbreitung der Macht des Guten dient, dient ebenso zur Ausbreitung der Macht des Bösen. Aber nichtsdestoweniger muß man doch das Kommen dieser neuen Mächte herbeisehnen, in der Hoff nung, daß das Gute zum Schluß den Sieg über das Böse davon tragen wird. Wenn es also auch feststeht, daß die Solidarität nicht genügt, um aus sich selbst ein Prinzip moralischer Lebensführung denen zu liefern, die sonst kein solches besitzen, so ist doch nicht zu leugnen, daß sie, sobald irgendein solches Prinzip, gleichgültig ob Egoismus oder Altruismus, anerkannt ist, einen Hebel von unvergleichlicher Kraft in seinen Dienst stellt. In ihr liegen drei große Lehren beschlossen: 1. Sie lehrt uns, daß jedes Gute, das einem Anderen zufällt, zu unserem eigenen Wohl beiträgt, und daß alles Übel, das einem Anderen zustößt, unser eigenes Übel werden kann; daß wir daher das Eine wollen und das Andere hassen müssen. Ein feiges Beiseitestehen ist dann nicht mehr möglich. Auch wenn wir zugeben, daß in dieser Morallehre ein guter Teil Utilitarismus enthalten ist, so ist es immer etwas, den Egoisten dazu zu zwingen, aus sich herauszugehen und sich um Andere zu sorgen. Das Herz, das einmal für Andere geschlagen hat, sei es auch nur aus egoistischer 2^ Durcht, ist doch etwas weiter geworden. Auch ist es sicherlich zu viel • verlangt, wenn man einen Altruismus will, der ganz und gar seiner selbst vergißt; sagt doch sogar das Evangelium: „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst.“ Das Gleiche sagt auch die Solidarität, weder mehr noch weniger: nur weist sie nach, daß mein Nächster in Wirklich keit mein eigenes Selbst vorstellt. 2. Sie lehrt uns, daß unsere Handlungen sich um uns bis ins Un- midliche in Wellen dei Freude oder des Leidens fortpflanzen, und drückt So auch der geringsten unter ihnen einen ernsten, fast majestätischen Charakter auf, der eine hohe moralische Erziehung begünstigt. Sie gibt u ns auf, Seelen zu hüten. Und ebenso, wie wir auf Grund des Vorher-