668 Fünftes Buch. Die Lehren der neuesten Zeit. gehenden das Recht verloren haben, zu sagen: „das geht mich nichts an“, so müssen wir jetzt einen anderen, nicht weniger hassenswerten Ausspruch verbannen: „das geht nur mich an“. Daher schwächt die Solidarität nicht, wie man ihr vorwirft, unser Verantwortlichkeitsgefühl, sondern erweitert es im Gegenteil ins Unendliche. Sie gewöhnt uns daran, gleich Majestäten, „Wir“ zu sagen. 3. Wahr ist allerdings, daß in umgekehrter Wirkung die Solidarität uns nachsichtiger gegenüber den Fehlern Anderer macht, indem sie uns zeigt, daß wir sehr oft unbewußte Mithelfer gewesen sind; doch liegt hierin ebenfalls moralisch etwas Gutes, da wir uns infolgedessen ge zwungen sehen, nachsichtiger gegen Aridere, und strenger gegen uns selbst zu sein. Wenn es vom Gesichtspunkt der soziologischen Entwicklung aus wahr ist, daß viele alte Formen der Solidarität sich auflösen, so bilden sich doch unablässig neue. Man kann sogar eher feststellen, daß die Kreise der Solidarität: Familie, Stadt, Vaterland, Menschheit sich ohne Unter laß vergrößern, und daß sich gerade aus dieser Vergrößerung eine doppelte und glückliche Folgeerscheinung ergibt: der korporative Egoismus ver edelt sich, indem er sich bis zu der Grenze ausdehnt, wo er alle Menschen umfassen wird, und die feindlichen Zusammenstöße antagonistischer Solidaritäten werden immer seltener. Was die Unabhängigkeit anbelangt, so ist dieses alte Argument schon im Kampfe gegen die Arbeitsteilung fadenscheinig geworden. Der Grad der Unabhängigkeit ist keineswegs der Maßstab, mit dem man den Grad der Persönlichkeit messen kann: ganz im Gegenteil: der Wilde, der auf seinem Baume sitzt, ist unabhängig'» vielleicht ist es auch der Held Ibsen’s, der sich gegen die Gesellschaft auflehnt, während der König auf dem Thron höchst abhängig ist: der Erste ist aber gerade auf Grund seiner Unabhängigkeit ganz ohnmächtig» während der Zweite gerade infolge seiner Abhängigkeit sehr mächtig ist. Daher vermindert die Solidarität die Individualität in Nichts — nicht, wenn sie natürlich ist, und noch weniger, wenn sie auf freier Überein stimmung beruht, wie die, auf Grund derer die Soldaten sich um die Fahne scharen oder der Führer in den Alpen sich an das Seil bindet, das ihn vielleicht in den Abgrund reißt. Wenn es wahr ist, daß der Kristall, wie man gesagt hat, nur die erste Bemühung des Wesens war, sich von seiner Umgebung unabhängig zu machen, so muß man wohl bedenken, daß diese Unabhängigkeit sich in der Gestalt einer Assoziation von Mole* külen verwirklicht. Was nun schließlich die Behauptung der Volkswirtschaftler anlangt, daß die Tauschwirtschaft schon Alles an Solidarität darstellt, was wün schenswert und mit der Gerechtigkeit vereinbar ist, so treten alle Schulen, deren Geschichte wir in diesem Buche verfolgt haben, dieser Behauptung entgegen. Die Tauschhandlungen zwischen einem Esau und einem Jakoo,