Kapitel IV. Die Anarchisten. 671 vor, nämlich die Leitung der ganzen sozialen Produktion. Die Anarchisten aber, gestützt auf die liberale Kritik, verwerfen diese Funktion des Staates, da ihnen seine völlige administrative und wirtschaftliche Unfähigkeit als klar nachgewiesen erscheint. „Freiheit ohne Sozialismus“, sagt Bakunin, „ist Privilegium und Ungerechtigkeit: und Sozialismus ohne Freiheit ist Sklaverei und Brutalität“ 1 ). Daher kann es nicht wundernehmen, am Ende dieses Buches einige Seiten einer Doktrin gewidmet zu sehen, die die Verschmelzung der beiden großen sozialen Bestrebungen vollzieht, die das ganze 19. Jahrhundert erfüllen. Jedoch tritt sie uns nicht zum erstenmal entgegen. Proudhon hatte sie schon formuliert und ihr ihren Namen gegeben. Proudhon ist auch tatsächlich der wahre Vater des modernen Anarchismus. Wenn man noch weiter in der Geschichte der Doktrinen zurückgeht, kann man leicht ähnliche Lehren entdecken, z. B. bei -Godwin am Ende des 18. Jahrhunderts. Doch sind das alles nur vereinzelte Kundgebungen 2 ). Die Beziehungen des PnouDHON’schen Anarchismus zu dem politischen und sozialen Anarchismus dieser letzten dreißig Jahre lassen sich da gegen unzweideutig feststellen. Nicht nur muß die Analogie der Ge danken auffallen, sondern ihr Übergang von Proudhon auf Bakunin, und dann auf Kropotkin, auf Reclus und Jean Grave ist ebenfalls leicht nachweisbar. Neben dem politischen und sozialen Anarchismus, der den Haupt gegenstand dieses Kapitels bildet, hat sich eine andere Form des Anar chismus entwickelt, die, philosophisch und literarisch, als besonders auffälligen Charakterzug eine fast krankhafte Übertreibung des Ich zeigt. Diese Lehre stammt aus Deutschland. Ihr bekanntester Vertreter ist aIax Stirner, dessen Buch „Der Einzige und sein Eigentum“ 1844 erschien 3 ), also ungefähr gleichzeitig mit den ersten Werken ') Bakunin, (Euvres, Bd. I, S. 59 (Federalisme, socialisme et antitMologisme). „ 2 ) Adler zeigt in seinem Aufsatz Anarchismus im Handwörterbuch der ktaatswissenschaften und in seiner Geschichte des Sozialismus und Kom munismus (1899, von der nur der erste Teil erschienen ist), daß das anarchistische Ideal zu jeder Zeit existiert hat und bis auf die griechische Philosophie zurückgeht. 3 ) Der Einzige und sein Eigentum. Das Werk wurde 1882 und 1893 neu gedruckt. 1902 wurde es ins Französische übersetzt. Stirner ist auch der Verfasser '‘er deutsehen Übersetzung von Adam Smith und J.-B. Say. Über das Leben Stirner’s hnd den Kreis, in dem er lebte, findet man höchst interessante Einzelheiten in dem Werk “eines Schülers J.-H. Mackay; Max Stirner, sein Leben und sein Werk (Berlin 1898, Seiten), dem wir die verschiedenen Einzelheiten, die der Text bringt, entnehmen. :“ er wirkliche Name Stirner’s war Kaspar Schmidt. Er wurde 1806 in Bayreuth in sayem geboren und starb 1856 in Berlin im tiefsten Elend und fast vollständig ver- assen. Über die Ideen der „Hegelianischen Linken“ und über Stirner wird man mit Uteresse die Aufsätze Saint-Rene Taillandier’s lesen, die zwischen 1842 und 1850 11 4er Revue des Deux Mondes erschienen.