Kapitel IV. Die Anarchisten. 711 der Motor ist, mit dem man die Massen in Bewegung setzt. Für sie gilt eine ganz andere Formel, diejenige, die wir Lenin soeben aussprechen hörten; die Bourgeoisie ohne die Bourgeois. Das ist einfach und allgemeinverständlich. Da die Bourgeoisie als eine Minderheit von Leuten definiert worden ist, die genießen und ausbeuten, wird die Mehrheit also eine Mehrheit von Leuten sein, die genießen und ausbeuten. Je mehr das Volk, dem man einen so lockenden Köder hinhält, in seiner Kultur rückständig und in seinen Instinkten primitiv ist, je mehr es vorher unter einer von seiner Regierung verschuldeten brutalen und schrankenlosen Ausbeutung gelitten hat: um so mehr kann dieses Programm auf Erfolg rechnen, und um so mehr wird es natürlich auch von Grausamkeit und Ungerechtigkeit umgeben sein. Das macht aus der Doktrin ein so wirksames Werkzeug der Demagogie. Aber auf der anderen Seite, zufolge einer unwidersprechlichen Logik, wächst die Aussicht, daß aus der Zerstörung der alten bürgerlichen Ordnung, an Stelle des tausendjährigen Reiches des Kommunismus, den man der Mystik der Gläubigen vorspiegelt, eine neue Form wirtschaftlicher Bour geoisie hervorgehe, um so mehr, je mehr dieses Programm der auf den Kopf gestellten Bourgeoisie sich der Geister bemächtigt. Und gerade das scheint — soweit man unterrichtet sein kann — sich jetzt in Rußland abzuspielen. Das deutlichste Ergebnis der Revolution scheint — die Folge des Ansturms der Bauern auf die Güter der großen Grundbesitzer — eine gewaltsame Aufteilung des Bodens zu sein, und das bedeutet die Schöpfung einer Demokratie grundbesitzender Bauern. Durch ein Para doxon, das in der Logik der Dinge, vielleicht sogar der Worte gegeben ist, wird das bleibende Ergebnis des LENiN’schen Kommunismus ohne Zweifel das Verschwinden der letzten Reste von Kommunismus in der Agrarver fassung Rußlands sein. Die Lehre, die wir dargestellt haben, ist also viel weniger eine wirt schaftliche als eine politische Doktrin. Als Wirtschaftsordnung ist die kollektivistische Diktatur des Proletariats unmöglich. Und da der voll kommene Kommunismus, auf den sie angeblich hinführen soll, ein Traum bleiben muß, so wird Rußland, um leben zu können, eine Form des Kapi talismus wiederfinden müssen, die ihm erlaubt zu produzieren — und es sucht diese Form bereits. Auf der anderen Seite, gesehen von dem Standpunkt des politischen Systems, stellt sich die Diktatur des Proletariats einfach dar als die Er setzung eines Personals und einer Regierungsgewalt durch ein anderes Personal und eine andere Regierungsgewalt. Diese Ersetzung war ver hältnismäßig leicht in einem Lande, wo die Bourgeoisie niemals die Zeit gehabt hatte, politische Kampfkörper zu bilden und eine winzige Minder heit darstellt gegenüber der ungeheuren Mehrheit der bäuerlichen Be völkerung. Die sogenannten „bürgerlichen“ oder „kapitalistischen“