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        <title>Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen</title>
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      <div>174 
Erstes Buch. Die Begründer. 
Bodenrente steigt, oder fällt, denn sein Geldlohn steigt und fällt im gleichen 
Verhältnis und sein Reallohn bleibt derselbe. Umgekehrt ist es dem Grund 
besitzer gleichgültig, ob der Lohn steigt oder fällt. Er erhält weder mehr 
noch weniger. Seine Rente wird von derjenigen Arbeitsmenge bestimmt, 
die auf dem schlechtesten Boden nötig ist, aber diese Arbeitsmenge hat 
mit dem Lohn nichts zu tun. Beide sind heterogene Größen, Größen ver 
schiedener Ordnung 1 ). 
Zwischen Lohnempfänger und Kapitalist jedoch erhebt sich der 
Kampf. Sobald der Getreidewert durch die Produktionskosten auf dem 
ungünstigsten Boden bestimmt ist, reißt der Grundbesitzer alles an sich, 
was dieses Niveau übersteigt und sagt zum Kapitalisten und zum Arbeiter: 
„Macht die Sache nun untereinander aus.“ Dasselbe sagt auch Ricardo: 
„Der Anteil des einen kann nur in dem Maß größer werden, wie der des 
anderen kleiner wird: der Lohn kann nur auf Kosten des Profits steigen 
und umgekehrt“ 2 ). Eine erschreckende Voraussage, deren Richtigkeit 
uns die ganze Geschichte der bisherigen Arbeiterbewegung, und heute 
mehr als je, vor Augen zu führen bestimmt war. 
Die Behauptung dieses unvermeidlichen Antagonismus zwischen den 
Interessen des Kapitalisten und denen des Arbeiters versetzte die Volks 
wirtschaftler in Empörung und Bestürzung, die sich im Gegenteil mit 
dem Nachweis abmühten, daß Kapital und Arbeit solidarisch, fast Brüder 
seien. Daher sehen wir späterhin, wie Bastiat zu beweisen sucht, daß 
in der Entwicklung des Wirtschaftslebens sowohl der Anteil des Kapitals 
wie der der Arbeit größer wird, und zwar der letztere im höheren Maße, 
als der erste. 
J ) Es ist das eine grundlegende Unterscheidung in der Lehre Ricardo’s, auf 
deren Bedeutung er öfters hinweist. Die größere oder geringere Arbeitsmenge, die 
auf die Getreideproduktion verwendet wird, steht in keinem notwendigen Zusammen 
hang mit dem Lohn des Arbeiters. Das Eine ist eine Produktionsfrage, das Andere 
eine Verteilungsfrage. Das Eine ist ein Hindernis, das Andere die Belohnung. Jedoch, 
kann man einwenden, bestimmt in der Theorie Ricardo’s nicht die Arbeitsmenge den 
Wert des Produktes, und wird nicht dieser Wert später zwischen dem Kapitalisten 
und dem Arbeiter geteilt ? Je größer die Arbeitsmenge ist, um so größer wird doch dann 
auch der Anteil des Arbeiters sein? — Pür die Arbeit trifft das zu, aber nicht für den 
Arbeitenden, denn man darf nicht vergessen, daß, wenn das Getreide von 10 auf 
20 steigt, das gerade daher kommt, weil auf den geringsten Feldern die doppelte An 
zahl Arbeiter zur Erzeugung der gleichen Menge Getreide nötig ist. Es würdo übrigens 
recht eigentümlich sein, wenn der Arbeiter um so mehr erhielte, je undankbarer die 
Arbeit istl Alles, was man hoffen darf, ist, daß der Lohn genügend steigen wird, um 
dem Arbeiter zu gestatten, unter den neuen Bedingungen zu leben, d. h. dieselbe Menge 
Brot zu essen, taytudwn der Preis des Getreides gestiegen ist. 
2 ) „Vom Anfang bis zum Ende habe ich in diesem Werke zu beweisen versucht, 
daß der Profitsatz nur im Verhältnis zum Fallen des Lohnes steigen kann.“ 
Über die Ungenauigkeit des Ausdruckes Steigerung des Profits als gleich 
bedeutend mit Erhöhung des proportionalen Anteils des Kapitals am Produkt 
verweisen wir auf die Anmerkung der S. 177.</div>
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