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        <title>Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen</title>
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      <div>Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  295

Ideal  verlangt,  als  grundlegende  Notwendigkeit,  die  Gründung  von  industriellen ­
  Unternehmungen.
b)  Diese  Notwendigkeit  erscheint  auch  noch  unter  einem  anderen
Gesichtspunkt.  Der  Reichtum  eines  Landes  läßt  sich  nicht  nur  im  gegenwärtigen ­
  Augenblick  beurteilen.  Es  genügt  nicht,  daß  die  Arbeit  und
die  Sparsamkeit  seiner  Bewohner  ihm  heute  eine  große  Menge  von  tauschbaren ­
  Werten  sichern.  Es  ist  außerdem  noch  notwendig,  daß  die  Quellen
der  Arbeit  und  der  Sparsamkeit  geschützt  und  die  Entwicklung  dieser
Tugenden  in  der  Zukunft  sichergestellt  werden;  denn  „die  Kraft,  Reichtümer
  zu  schaffen,  ist  .  .  .  unendlich  wichtiger,  als  der  Reichtum  selbst
(S.  201).  Es  ist  die  Pflicht  der  Nation,  für  die  Vermehrung  dessen  Sorge
zu  tragen,  was  List  mit  einem  etwas  unklaren  Ausdruck  die  „produktiven
Kräfte“  nennt,  und  zwar  noch  mehr  als  für  die  Vermehrung  der  tauschbaren ­
  Werte 1 );  sie  kann  für  den  Augenblick  die  Vermehrung  der  letzteren
opfern,  um  die  ersteren  aufrecht  zu  erhalten.  Was  er  unter  diesen  Ausdrücken ­
  versteht,  ist  einfach  der  Zwiespalt  zwischen  einer  Politik,  die  die
Zukunft  der  Nation  im  Auge  hat,  und  einer  Politik,  die  nur  der  Gegenwart
Rechnung  trägt.  „Die  Nation  muß  materielle  Güter  aufopfern  und  entbehren, ­
  um  geistige  oder  gesellschaftliche  Kräfte  zu  erwerben;  sie  muß
gegenwärtige  Vorteile  auf  opfern,  um  sich  zukünftige  zu  sichern“ 2 ).
Welches  sind  nun  diese  produktiven  Kräfte,  die  die  beständige  Quelle
des  nationalen  Wohlstandes  und  die  Grundlage  seines  Fortschritts  vorstellen? ­

List  führt  zunächst  mit  ganz  besonderem  Nachdruck  die  moralischen
uu d  politischen  Einrichtungen  an:  Gedanken-  und  Gewissensfreiheit,
breiheit  der  Presse,  Geschworenengerichte,  Öffentlichkeit  des  Gerichts-Gosens,
  Kontrolle  der  Verwaltung,  parlamentarische  Regierung.  Das  alles
wirkt  auf  die  Arbeit  des  Individuum  anregend  und  heilsam.  Er  wird
nicht  müde,  auf  die  Verluste  an  Reichtümern  hinzuweisen,  die  die  Aufhebung ­
  des  Ediktes  von  Nantes  verursacht  hat,  oder  auf  die,  die  auf
Rechnung  der  spanischen  Inquisition  zu  setzen  sind,  die,  so  sagt  er,  „längst

l )  Gern  stellt  List  den  Begriff  der  Tauschwerte  und  den  der  produktiven  Kräfte
«’hander  gegenüber.  Diese  Gegenüberstellung  ist  aber  nicht  glücklich.  Denn  die  Uberegenlieit
  einer  Politik,  die  die  produktiven  Kräfte  fördert,  hat  kein  anderes  Mittel,
cn  Nachweis  ihrer  Überlegenheit  zu  erbringen,  als  gerade  durch  die  Vermehrung  der
rauschwerte.  Die  beiden  Begriffe  stehen  daher  in  keinem  Widerspruch,  und  bei  einer
Schätzung  des  Reichtums  eines  Landes  müssen  sowohl  sein  gegenwärtiger  Reichtum

seine  zukünftigen  Hilfsquellen  in  Betracht  gezogen  werden.  In  seinen  Briefen
n  Ingersoll  (vgl.  bes  Brief  IV)  stellt  er  das  natürliche  Kapital  und  das  mtellek-.
  el K  Kapital  dem  Kapital  der  produktiven  Materialien  gegenüber  (das
e ! n2 ‘ge,  das  nach  seiner  Ansicht  A.  Smith  im  Auge  liatl);  „die  produktiven  Kräfte
«'ner  N a ti on  hängen  nicht  nur  von  diesem  letzteren,  sondern  auch  und  hauptsächlich
° n  d « n  beiden  ersteren  ab.“
i  Nat.  Syst.  Ausg.  Cotta  1841,  S.  216.</div>
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