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        <title>Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen</title>
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            <forname>Charles</forname>
            <surname>Rist</surname>
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      <div>Kapitel  IY.  Die  Anarchisten.

673

-besuchten  ebenfalls  diese  Abende.  Einer  der  regelmäßigsten  Teilnehmer
war  Stirner,  der,  ohne  viel  zu  reden,  den  lebhaften  Debatten  seiner
Freunde  zuhörte;  damals  bereitete  er  das  Buch  vor,  mit  dem  er  sich  anschickte, ­
  sie  Alle  in  Erstaunen  zu  versetzen,  und  in  dem  er  darlegte,  daß
die  Kritik  der  Kritischsten  unter  ihnen  noch  nicht  kritisch  genug  war.
Denn  diese  extremen  Radikalen  standen  noch  unter  der  Herrschaft
einer  ganzen  Reihe  von  Ideen,  die  für  Stirner  nichts  als  Phantome  sind.
Menschheit,  Gesellschaft,  Wahrheit,  das  Gute:  all  das  sind  veraltete
Abstraktionen,  Fetische,  die  unsere  eigenen  Hände  geschnitzt  haben,
vor  denen  wir  uns  ehrfurchtsvoll  verbeugen,  und  deren  Autorität  wir
demütig  anerkennen,  wie  die  Gläubigen  die  ihres  Gottes.  Diese  Abstraktionen ­
  haben  aber  ebensowenig  Wirklichkeit,  wie  die  Götter  des
Olymps  oder  die  Gespenster,  die  das  kindliche  Gemüt  schrecken.  Die
einzige  Wirklichkeit  ist  das  individuelle  Ich.  Eine  andere  kennen  wir
Dicht.  Jedes  Individuum  stellt  eine  unabhängige  und  selbständige  Kraft
vor.  Sein  einziges  Gesetz  ist  das  seines  persönlichen  Interesses.  Die
'Grenzen  seiner  Entwicklung  fallen  mit  denen  seiner  Interessen  und  seiner
Kraft  zusammen.  Ein  jeder  Mensch  muß  sich  sagen:  „Ich  will  Alles  sein
und  Alles  haben,  was  ich  sein  und  haben  kann.“ 1 )  Bastiat  schrieb:  „Alle
berechtigten  Interessen  sind  harmonisch.“  Stirner  erklärt:  „Alle
Interessen  sind  berechtigt  .  .  .  vorausgesetzt  sie  haben  die  Macht.“  „Der
Tiger,  der  Mich  anfällt,  hat  Recht  und  Ich,  der  ihn  niederstößt,  habe
auch  Recht“ 2 ).  „Wer  die  Gewalt  hat  der  hat  —  Recht;  habt  Ihr  jene
nicht,  so  habt  Ihr  auch  dieses  nicht.“ 3 )
Da  das  Ich  die  einzige  Wirklichkeit  ist,  verschwinden  alle  angeblichen
Kollektivitäten,  die  mein  Ich  begrenzen  und  es  in  ihren  Dienst  pressen
wollen,  wie  Staat,  Familie,  Gesellschaft  und  Nation.  Sie  besitzen  keinen
5,Leib“,  keine  Wirklichkeit 4 ).  Sie  haben  über  mich  nicht  mehr  Autorität
als  die,  die  ich  ihnen  beilege.  Einfache  Geschöpfe  meines  Geistes,  verlieren ­
  sie  mit  dem  Tage,  an  dem  ich  aufhöre,  sie  anzuerkennen  und  sie
zu  achten,  jedes  Recht  über  mich,  und  ich  bin  wirklich  frei.  „Ich  bin

l )  Der  Einzige  und  sein  Eigentum  (Verlag  Otto  Wiegand,  Leipzig,  1901,
3 -  Aufl.)  S.  143.
a )  Ebenda,  J3.  195.
a )  Ebenda,  S.  196.
*)  „Du  zwar  bist  leibhaftig,  auch  Du  und  Du,  —  aber  Ihr  zusammen  seid  nur
Leiber,  kein  Leib.  Mithin  hätte  die  einige  Gesellschaft  zwar  Leiber  zu  ihrem  Dienste,
aber  keinen  einigen  und  eigenen  Leib.  Sie  wird  eben,  wie  die  „Nation“  der  Politiker
nichts  als  ein  „Geist“  sein,  der  „Leib  an  ihm  nur  Schein.“  (S.  120).  Liegt  nicht  ein
r echt  grober  Materialismus  darin,  aus  dem  Dasein  eines  „Leibes“  das  Kriterium  einer
Wirklichkeit  zu  machen  ?  Auf  diese  Weise  würde  weder  ein  Gesetz,  noch  eine  Gewohnheit
Und  nicht  einmal  die  Sprache  eines  Volkes  Wirklichkeit  sein.  Eine  historische  Tatsache,
®‘ne  Schlacht,  eine  Revolution  haben  ebenfalls  keinen  Körper,  trotzdem  sind  ihre  „wirklichen“ ­
  Folgen  unberechenbar!
ßlde  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.

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