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        <title>Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen</title>
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            <forname>Charles</forname>
            <surname>Gide</surname>
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        </author>
        <author>
          <persName>
            <forname>Charles</forname>
            <surname>Rist</surname>
          </persName>
        </author>
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        EIGENTUM
DES
INSTITUTS
FÖR
WELTWtr.  SCHAFT
BIBLIOTHEK
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        Geschichte
der
volkswirtschaftlichen
Lehrmeinungen
Von
Charles  Gide  und
Professeur  d’Economie  Sociale
ä  la  Faculte  de  Droit
de  l’Universite  de  Paris
Preisgekrönt  von  der
Academie  des  Sciences  Morales  et  Politiques
Zweite  Auflage
nach  der  dritten  französischen  Ausgabe
herausgegeben  von
Franz  Oppenheimer
Dr.  phil.  et  med.,  Professor  an  der  Universität  Frankfurt  a.  M.
Deutsch  von  R.  W.  Horn

Charles  Rist
Professeur  d’Economie  Politique
ä  la  Faculte  de  Droit
de  l’Universite  de  Montpellier

Jena
Verlag  von  Gustav  Fischer
1921
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        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.
Die  Preise  sind  einschliesslich  des  jetzigen  Teuerungszuschlags  des  Verlags  angegeben.  Für  das  Ausland
wird  ferner  der  vom  Börsenverein  der  deutschen  Buchhändler  vorgeschriebene  Valutaausgleich  berechnet,
Die  Preise  für  gebundene  Bücher  sind  bis  auf  weiteres  unverbindlich.

Zur  Grundlegung  der  Gesellschaftslehre.
der  synthetischen  Philosophie.  Von  Dr.  phil.  Leopold  Wiese,  Priv.-Doz.
  an  der  Universität  Berlin.  (IV,  139  S.  gr.  8°.)  1906.  Mk  9.
Inhalt:  I.  Einleitung:  Kritische  Uebersicht  über  die  Grundlagen  der  Gesellschaftslehre. ­
  —  2.  Die  Grundlagen  von  H.  Spencers  System  der  synthetischen  Philosophie.
—  3.  Spencers  Logik  und  Psychologie.  —  4.  Kritik  der  philosophischen  Grundlagen  und
der  Psychologie  Spencers  unter  dem  Gesichtspunkte  der  spontanen  Aktivität  der  einzelnen
Menschenlehre.  —  5.  Inhaltsübersicht  und  Kritik  von  Spencers  Biologie.  —  6.  Spencers
Soziologie  als  System.  —  7./S.  Leitgedanken  der  Soziologie.  —  9.  Schlußbemerkungen
unter  Berücksichtigung  der  Ethik.
Soziologie.  Von  Dr.  phil.  Eleutlieropnlos,  Priv.-Doz.  in  Zürich.  Zweite
erweiterte  und  umgearbeitete  Auflage.  (XII,  236S.)  1908.  Mk  12.
Inhalt:  Einleitung.  —  I.  Ursprung  des  sozialen  Lebens.  1.  Das  geschichtlich ­
  feststellbare  erste  soziale  Leben  unter  den  Menschen.  2.  Kritische  Bestimmung
des  Anfangs  des  sozialen  Lebens  des  Menschen.  ■—•  II.  Entwicklung  des  sozialen
Lebens.  I.  Die  Entwicklungsmomente  des  sozialen  Lebens.  2.  Entwicklungsrichtung
der  Entwicklungsmomente  des  sozialen  Lebens.  3.  Das  Verhältnis  der  Entwicklungsmomenie
  des  sozialen  Lebens  zueinander  und  ihre  Ursachen.  —  III.  Wesen  und  Notwendigkeit ­
  des  sozialen  Lebens.  1.  Wesen  des  sozialen  Lebens,  oder  das  „Sein“
desselben.  2.  Wesensnotwendigkeit  des  sozialen  Lebens.
Lebensbedingungen  moderner  Kultur.
Gustaf  Steffen,  Prof.  a.  d.  Univ.  Gotenburg.  Vom  Verf.  bearbeitete  Uebersetzung
  von  Margarethe  Langfeldt.  (IV,  372  S.  gr.  8°.)  1909.  Mk  21.
Inhalt:  I.  Die  Mittel  und  der  Sinn  des  Lebens.  —  2.  Der  Kampf  um  den
Wohlstand.  —  3.  Staat  und  Kultur.  —  4.  Die  Soziologie.  —  5.  Schule  und  Sozialwissenschaft. ­
  —  6.  Die  Sozialpolitik.  —  7.  Die  Freiheit  des  Arbeitsvertrages.  —  Das
sozialpolitische  Prinzip  der  Finanzwirtschaft.
Sozialwissenschaftliche  Studien.  Herausgeg.  von  Prof.  Dr.  hl  waentig,
Halle  a.  S.
Band  I:  Lorenz  von  Stein  und  die  Gesellschaftslehre.  Von  Dr.  Ernst  Griinfeld
(XII,  258  S.  gr.  8°.)  1910.  Mk  13.50'
Band  II:  Die  Begründung  des  Prinzips  der  Sozialrefonn.  Eine  literar-historische
Untersuchung  über  Manchestertum  und  Kathedersozialismus.  VonDr.  Hans  Gehrig,
Prof,  der  Staatswissensch.  an  der  Techn.  Hochschule  Hannover.  (VI,  381  S
gr.  8°.)  1914.  Mk  24.—
Karl  RodbertuS.  Darstellung  seines  Lebens  und  seiner  Lehre.  Von  II.  Dietzel,
Prof,  der  polit,  Oekonomie  an  der  Univ.  Bonn.  Zwei  Abteilungen.  (Teil  I-VI,
  92  s.;  Teil  II:  240  S.  gr.  8°.)  1886—1888.  Mk  19.50
Henry  de  Saint-Simon.  Die  Persönlichkeit  und  ihr  Wert.  Von  Friede.  Mückle,
Doktor  der  Philosophie.  (VI,  384  S.  gr.  8°.)  1908.  Mk  24.—
Saint-Simon  und  die  ökonomische  Geschichtstheorie.  Ein  Beitrag  zu
einer  Dogmengeschichte  des  historischen  Materialismus.  Von  Friedr.  Mückle.
(VI,  45  S.  gr.  8°.)  1906.  Mk  3.60
Die  Lehre  Charles  Fouriers,  von  Dr.  Kate  Ascii.  (vii,  179  s.  gr.  8°.)
1914.  Mk  12.—
Inhalt:  Einleitung.  —  I.  Fouriers  Kritik  der  bestehenden  Gesellschaftsverhältnisse.
II.  Fouriers  Philosophie  der  Geschichte.  III.  Die  allgemeine  Philosophie.  IV.  Die  neue
Gesellschaft  als  genossenschaftliche  Organisation.  V.  Die  Verwirklichung  der  Ideen.
Fouriers  im  Familistere  de  Guise.  —  Schluß.
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        Geschichte

der

volkswirtschaftlichen
Lehrmeinungen

Von

Charles  Gide  und
Professeur  d’Economfe  Sociale
ä  la  Faculte  de  Droit
de  l’Universite  de  Paris

Charles  Rist
Professeur  d’Economie  Politique
ä  la  Faculte  de  Droit
de  l’Universite  de  Montpellier

Preisgekrönt  von  der
Academie  des  Sciences  Morales  et  Politiques
Zweite  Auflage
nach  der  dritten  französischen  Ausgabe
herausgegeben  von
Franz  Oppenheimer
Dr.  phil.  et  med.,  Professor  an  der  Universität  Frankfurt  a.  M.
Deutsch  von  R.  W.  Horn

Jena
Verlag  von  Gustav  Fischer
1921
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        Zur  Gi
der
Doz
Ii
schaftslei
—  3-  Sp
der  Psycl
Mensch  ei
Soziologi
unter  Bei
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In
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Lebens
der  Entu
momenie
-wendig
desselben

Lebens
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setzu
I  n
Wohlstam
wissensch;
sozialpolit

Alle  Rechte  Vorbehalten.
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        Vorbemerkung  zur  dritten  Auflage.
Diese  dritte  Auflage  weicht  nur  in  geringem  Maße  von  der  zweiten,
1913  erschienenen,  ab,  abgesehen  von  stilistischen  Änderungen,  die  in
einigen  Abschnitten  recht  zahlreich  sind.  Freilich  haben  die  großen
Geschehnisse,  die  diese  sechs  Jahre  gebracht  haben,  auch  auf  die  volkswirtschaftlichen ­
  Lehren  Rückwirkungen  gehabt,  an  denen  wir  nicht
vorübergehen  durften.  Die  verschiedenartigsten  Theorien  über  die  wirtschaftlichen ­
  Ursachen  des  Krieges  sind  neu  entstanden;  die  alten  nominalistischen
  Vorstellungen  über  das  Geldwesen  haben  ihre  Wiederauferstehung
gefeiert;  die  wirtschaftlichen  Aufgaben  des  Staates  sind  dort  übersteigert,
hier  neuer  Kritik  unterzogen  worden;  die  ausschweifendste  Übertreibung
des  wirtschaftlichen  Nationalismus  sahen  wir  auftreten.  Wäre  es  unsere
Aufgabe  gewesen,  all  dieses  Hin  und  Her  von  Gedanken  aufzuzeichnen,
die  unter  dem  unmittelbaren  Einfluß  außergewöhnlicher  Bedingungen
und  in  der  allgemeinen  Umwälzung  der  Vorstellungen  ihren  Ursprung
hatten  ?  Das  hätte  geheißen,  dieses  Buch  mit  reinen  Gegenwartsinteressen
zu  belasten  —  und  das  hätte  seinen  Charakter  verändert,  denn  es  soll  ein
Geschichtswerk  bleiben.  Wir  haben  uns  daher  darauf  beschränkt,  die
wichtigsten  jener  Rückwirkungen  in  Anmerkungen  zu  verzeichnen,  und
haben  darüber  hinaus  dem  letzten  Abschnitt  eine  Studie  über  die  fortan
der  Geschichte  angehörige  Form  des  Sozialismus,  den  russischen  Bolschewismus, ­
  eingefügt.  Auch  noch  andere  geistige  Strömungen,  die  den  Krieg
überdauern  werden,  hätten  Anspruch  auf  Berücksichtigung  erheben  können,
aber  es  wird  besser  sein,  die  Aussiebung  abzuwarten,  die  die  Zeit  selbst
vornehmen  wird.
Wir  werden  den  Lesern  dankbar  sein,  wenn  sie,  wie  in  früherer  Zeit,
uns  dadurch  fördern,  daß  sie  uns  auf  Irrtiimer,  Ungenauigkeit  und  Lücken
hinweisen,  die  sie  der  Richtigstellung  oder  Ausfüllung  für  wert  erachten.

Charles  Gide.  Charles  Rist.
        <pb n="7" />
        ?

Yorwort  zur  ersten  Ausgabe.
Die  Geschichte  der  Doktrinen  nimmt  in  dem  französischen  staatswissenschaftlichen ­
  Unterricht  einen  bedeutend  größeren  Platz  ein,  als
in  irgendeinem  anderen  Lande.  In  jeder  Rechtsfakultät  steht  ihr  ein
eigener  Lehrstuhl  zur  Verfügung,  im  Doktorexamen  für  Nationalökonomie
ist  eine  besondere  Prüfung  für  sie  vorgesehen,  und  ebenso  muß  bei  der
Zulassung  zum  staatswissenschaftlichen  Agr6ge  eine  schriftliche  Arbeit
über  sie  geliefert  werden.  An  der  Sorbonne  ist  die  einzige  bestehende
nationalökonomische  Professur,  der  Geschichte  der  Doktrinen  Vorbehalten,
und  das  Gleiche  gilt  für  die,  die  vor  kurzem  an  der  „Ecole  des  Hautes
Etudes“  geschaffen  wurde.
Diese  der  Geschichte  der  Doktrinen  eingeräumte  Bedeutung  mag
übertrieben  erscheinen,  besonders,  wenn  man  darauf  hinweist,  daß  für
die  eigentliche  Wirtschaftsgeschichte,  womit  wir  die  Geschichte  der  Einrichtungen ­
  und  der  Tatsachen  bezeichnen  wollen,  in  unseren  französischen
Universitäten  nicht  eine  einzige  Professur  besteht!  Diejenigen,  die  den
Franzosen  eine  angeborene  Neigung  zur  Ideologie  zusprechen,  werden
nicht  verfehlen,  hierin  eine  nicht  gerade  günstige  Bekundung  dieser  Veranlagung ­
  zu  sehen.
In  anderen  Ländern  ist  es  anders.  Dort  steht  die  Geschichte  der
Tatsachen,  nicht  die  der  Ideen,  an  erster  Stelle.  Für  Alle,  die  sich  zu  der
historischen  Schule,  und  noch  mehr  für  die,  die  sich  zu  dem  historischen
Materialismus  bekennen,  erscheinen  die  Doktrinen  und  die  Systeme  nur
als  die  Widerspiegelung  der  wirtschaftlichen  Umstände;  daher  komme
es  hauptsächlich  darauf  an,  diese  letzteren  zu  studieren.  Nicht  mit  Unrecht ­
  glaubt  man,  daß  die  Geschichte  der  Entwicklung  des  Eigentums
oder  die  des  Arbeitslohnes  bedeutend  belehrender  ist,  als  die  Geschichte
der  Streitigkeiten  über  das  Wesen  des  Eigentumsrechts  oder  über  die
Lohntheorie.
Doch  scheint  es  uns,  als  ob  hierin  gleichfalls  eine  gewisse  Übertreibung ­
  läge,  wenn  auch  im  entgegengesetzten  Sinne.  Sicherlich  ist  der
Einfluß,  den  das  wirtschaftliche  Milieu  auch  auf  den  abstraktesten  Volkswirtschaftler ­
  ausübt,  unbestreitbar,  da  es  ihm  die  Grundlage  für  seine
Untersuchungen  und  die  Bausteine  seiner  logischen  Konstruktionen  liefert.
Sind  es  doch  die  Tatsachen,  die  in  einem  gegebenen  Augenblick  die  Pro ­
        <pb n="8" />
        Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

V

bleme  auftauchen  lassen,  die  der  Theoretiker  zu  lösen  hat,  und  sie  in  einem
anderen  Augenblick  wieder  zum  Verschwinden  bringen;  sicherlich  wechseln
diese  Probleme  je  nach  den  Epochen  und  Ländern.  Es  kann  kein  Zweifel
darüber  bestehen,  daß  die  ganz  besondere  wirtschaftliche  Lage  Englands
am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  die  Gedanken  Ricardo’s  auf  die  Bodenrente ­
  und  die  Notenemission  gerichtet  hat.  Ohne  das  Auftreten  der
Maschinen,  ohne  die  parallel  verlaufende  Entwicklung  der  Großindustrie
und  des  Proletariats,  ohne  die  Häufung  der  Krisen  wären  die  Lehren
eines  Sismondi  und  eines  Karl  Marx  sicherlich  nicht  entstanden.  Wenn
heute  die  Theorie  des  Monopols  immer  mehr  die  Aufmerksamkeit  der
Volkswirtschaftler  auf  sich  zieht,  so  darf  man  annehmen,  daß  die  Entwicklung ­
  der  Trusts  und  der  Kapitalsyndikate,  die  uns  immer  mächtigere
und  zahlreichere  Monopole  vorführen,  hieran  nicht  unbeteiligt  ist.
Aber  wenn  man  das  auch  Alles  zugibt,  so  muß  man  doch  auf  der
anderen  Seite  anerkennen,  daß  die  Tatsachen  nicht  genügen  würden,
um  das  Entstehen  der  Theorien  zu  erklären,  und  zwar  nicht  einmal  die
der  Sozialpolitik,  und  noch  weniger  die  der  rein  wissenschaftlichen  Auslegung. ­
  Wenn  jedoch  die  Ideen  durch  Zeit  und  Milieu  bestimmt  werden,
wie  soll  man  es  dann  erklären,  daß  das  gleiche  Milieu  und  die  gleiche  Epoche
gleichzeitig  nicht  nur  heterogene,  sondern  sogar  antagonistische  Lehren
hervorgebracht  haben,  wie  die  eines  J.-B.  Say  und  eines  Sismondi,  eines
Bastiat  und  eines  Proudhon,  eines  Schulze-Delitzsch  und  eines  Marx,
eines  Francis  Walker  und  eines  Henry  George!  Und  mit  welchen
historischen  Umständen  kann  man  in  Frankreich  die  Entstehung  der
mathematischen  Schule  mit  Coürnot  oder  die  in  drei  oder  vier  verschiedenen ­
  Ländern  gleichzeitig  erfolgte  Entdeckung  der  Theorie  des  Grenznutzens ­
  in  Verbindung  bringen?
Aus  diesem  Grunde,  ohne  für  die  Geschichte  der  Doktrinen  eine
irgendwie  geartete  Vorherrschaft  zu  fordern,  —  und  indem  wir,  wie  wir
wiederholen,  es  bedauern,  daß  die  Geschichte  der  Tatsachen  in  Frankreich
allzusehr  vernachlässigt  wird,  —  beanspruchen  wir  für  sie  das  Recht,  sich
als  eine  Sonderdisziplin  darzustellen 1 ).  Deshalb  wird  in  diesem  Buch
von  der  Geschichte  der  Tatsachen  nur  insoweit  gesprochen  werden,  wie
sie  uns  zum  Verständnis  des  Auftretens  oder  Verschwindens  dieser  oder
jener  Lehre  oder  zur  Erklärung  des  außerordentlichen  Glanzes  dient,  in
dem  die  eine  oder  die  andere  Lehre  in  einem  gegebenen  Augenblick  erstrahlte, ­
  und  der  uns  heute  in  der  Entfernung  manchmal  merkwürdig
erscheint,  —  und  dann  werden  wir  die  Geschichte  der  Tatsachen  auch  dort
heranziehen,  wo  die  Tatsachen  mit  den  Lehren  nicht  als  Ursachen,  sondern
als  Folgen  verbunden  erscheinen.  Denn  trotz  des  Skeptizismus  Cournot’s,

*)  Über  den  Nutzen  des  Unterrichts  in  der  Geschichte  der  Doktrinen  siehe  einen
Aufsatz  von  Deschamps  in  der  K6f  orme  Sociale  vom  1.  Oktober  1902.
        <pb n="9" />
        VI

Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

der  versichert,  daß  der  Einfluß  der  Volkswirtschaftler  auf  den  Lauf  der
Begebenheiten  von  keiner  größeren  Wirkung  ist,  als  der  der  Grammatiker
auf  die  Entwicklung  der  Sprache,  erscheint  es  uns  doch  schwierig,  z.  B.
den  Einfluß  der  Manchesterschule  auf  die  Handelsverträge  von  1860  oder
des  Staatssozialismus  auf  die  heutige  Arbeitergesetzgebung  zu  leugnen.
*  *
*
Es  ist  eine  unmögliche  Aufgabe,  in  einem  einzigen  Bande  die  Geschichte ­
  der  volkswirtschaftlichen  Lehrmeinungen  zusammenzufassen,
und  die  Verfasser  dieses  Buches  erheben  auch  nicht  den  Anspruch,  dies
geleistet  zu  haben.  Um  eine  auch  nur  summarische  Darlegung  des  unbedingt ­
  Wissenswerten  zu  geben,  haben  sie  sich  zu  vielen  Opfern  entschließen ­
  müssen.
Indem  wir  als  Ausgangspunkt  das  Ende  des  18.  Jahrhunderts  wählten,
haben  wir  zunächst  alle  Vorläufer  weggelassen.  Sicherlich  reichen  die
Wurzeln  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  weiter  in  die  Vergangenheit ­
  zurück;  aber  der  Strom  der  großen  volkswirtschaftlichen  Gedanken,
der  sich  in  den  großen  Schulen  ausdrückt,  darunter  vor  Allem  die  beiden
typischen  Doktrinen  des  Individualismus  und  des  Sozialismus,  hat  in
Wirklichkeit  erst  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  Gestalt  angenommen 1 ).
Sollte  übrigens  der  Leser  diese  Lücke  zu  sehr  bedauern,  so  ist  es  ihm  leicht,
sie  auszufüllen.  Gerade  dieser  Teil  der  Geschichte  der  Doktrinen  ist  in
schon  erschienenen  Büchern  sehr  eingehend  behandelt  worden;  —  für
die  Zeit  des  Altertums  in  denen  von  Espinas 2 )  und  Souohon;  für  das
Mittelalter  und  bis  zum  18.  Jahrhundert  in  denen  Dübois’,  Rambaud’s,
und,  im  Ausland,  Ashley’s,  Ingram’s,  Hector  Denis’,  Brants’,  Gossa’s
(um  nur  die  anzuführen,  die  in  französischer  Sprache  geschrieben  oder  in  sie
übersetzt  worden  sind),  —  während  im  Gegenteil  die  heutigen  Lehren
nur  einen  relativ  geringen  Platz  darin  einnehmen.
Aber  nicht  nur  mit  Hinsicht  auf  die  Zeitalter,  auch  mit  Hinsicht
auf  die  Länder  haben  wir  uns  Beschränkungen  auferlegen  müssen.  Man
wird  uns  entschuldigen,  wenn  wir  einen  verhältnismäßig  großen  Teil  des
Buches  den  französischen  Doktrinen  gewidmet  haben,  da  wir  in  erster
Linie  für  französische  Studierende  schrieben.  Übrigens  tut  das  ein  jeder

0  In  einem  Aufsatz  über  den  Unterricht  in  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen
Doktrinen  (Revue  de  DEnseignement  vom  15.  März  1900)  erklärt  Deschamps  es
zwar  für  unverzeihlich,  daß  man  es  nicht  besser  verstanden  habe,  aus  dem  Altertum
und  dem  Mittelalter  die  „wunderbaren  wirtschaftlichen  Lehren  zu  ziehen,  die  dort
zu  finden  sind“,  fügt  aber  hinzu,  daß  „wir  in  der  Geschichte  der  Wissenschaft  nicht
weiter  als  bis  zu  den  Physiokraten  zurückzugehen  brauchen“.
2 )  Die  neue  Ausgabe  des  Buches  von  Espinas  enthält  einen  ganzen  Band  über  die
wirtschaftlichen  Doktrinen  im  Altertum  und  im  Mittelalter.
        <pb n="10" />
        Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

VII

Schriftsteller  für  das  Land,  dem  er  angehört,  was  auch  richtig  ist,  da  die
Leser  zunächst  über  das  unterrichtet  werden  sollen,  was  sie  am  wenigsten
kennen.  Doch  haben  wir  uns  bemüht,  England  und  Deutschland  den
großen  Platz  vorzubehalten,  der  ihnen  gebührt,  obgleich  wir  in  bezug  auf
das  letztere  Land  uns  schon  zu  manchem  Verzicht  haben  entschließen
müssen.  Was  die  Volkswirtschaftler  anderer  Länder  betrifft,  die  wir  leider
nur  zu  oft  mit  Stillschweigen  übergehen  mußten,  oder  die  wir  nur  gelegentlich ­
  in  Verbindung  mit  dieser  oder  jener  Theorie,  der  sie  ihren  Namen
gegeben  haben,  erwähnen  konnten,  so  bitten  wir  sie,  in  diesen  Lücken
nicht  eine  Verkennung  der  bedeutenden  Dienste  zu  sehen,  die  ihre  Länder,
besonders  Italien  und  die  Vereinigten  Staaten,  der  ökonomischen  Wissenschaft ­
  in  der  Vergangenheit  wie  in  der  Gegenwart  geleistet  haben.
Aber  auch  trotz  dieser  Beschränkung  war  unser  Arbeitsgebiet  doch
noch  zu  reichhaltig,  um  Alles  aufnehmen  zu  können,  so  daß  eine  Auswahl
erforderlich  wurde.  Wir  haben  uns  bemüht,  unsere  Darlegungen  auf  eine
möglichst  kleine  Zahl  von  Namen  und  Ideen  zu  beschränken,  um  diese
desto  besser  darstellen  zu  können.  Es  war  nicht  unser  Ehrgeiz,  eine  vollständige ­
  und  erschöpfende  Geschichte  zu  schreiben,  sondern  eher,  eine
Reihe  von  Bildern  zu  entwerfen,  die  den  bedeutendsten  Epochen  der
Geschichte  der  Doktrinen  entsprechen.
Eine  derartige  Auswahl  bedingt  aber  stets  eine  gewisse  Willkür.
Wie  soll  der  qualifizierteste  Vertreter  einer  jeden  Lehre  ausgewählt  werden?
In  einer  Wissenschaft,  wie  der  Nationalökonomie,  in  der  die  Schriftsteller
einander  oft  nicht  gekannt  haben,  ist  es  häufig,  daß  sie  sich  wiederholen,
und  es  ist  nicht  leicht,  festzustellen,  wer  den  Anspruch  auf  die  Priorität
hat.  Wenn  es  aber  schwierig  ist,  den  Zeitpunkt  zu  entdecken,  in  dem  eine
Idee  zum  ersten  Male  erscheint,  so  ist  es  relativ  leicht,  denjenigen  mit
Sicherheit  zu  bezeichnen,  in  dem  sie  sich  der  Aufmerksamkeit  aufzwingt
und  sich  dem  Kreise  der  vorgetragenen  oder  wenigstens  diskutierten
Wahrheiten  einreiht.  Das  haben  wir  als  Richtschnur  genommen.  Die
Autoren,  die  wir  hier  nicht  haben  aufnehmen  können,  auch  wenn  sie
vielleicht  ebenso  würdig  sind,  an  erster  Stelle  zu  glänzen,  werden  trotz
dieser  Ungerechtigkeit  nicht  zu  kurz  kommen,  denn  die  Mode  beschäftigt
sich  heute  mit  den  Vorläufern:  zahlreich  sind  die  Bücher,  die  der  Entdeckung ­
  der  Poetae  minores  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft
gewidmet  sind  und  es  sich  zur  Aufgabe  machen,  die  Urteile  der  parteiischen
Geschichte  zu  ihren  Gunsten  zu  berichtigen.
Es  war  aber  nicht  nur  eine  Auswahl  zwischen  den  Schriftstellern
nötig,  sondern  auch  eine  Auswahl  unter  den  Doktrinen.  Diese  Auswahl
hat  selbstverständlich  keinen  irgendwie  normativ  gearteten  Charakter;
wir  hatten  keineswegs  die  Absicht,  die  Einen  zu  empfehlen  und  die  Anderen
herabzusetzen  auf  Grund  eines  Kriteriums  der  Moralität  oder  der  sozialen
Nützlichkeit  oder  der  Wahrheit.  Wir  gehören  nicht  zu  denen,  die  wie
        <pb n="11" />
        VIII

Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

J.-B.  Say  glauben,  daß  die  Geschichte  der  Irrtümer  nutzlos  ist 1 ).  Eher
neigen  wir  dazu,  uns  der  tiefsinnigen  Bemerkung  Condillac’s  anzuschließen: ­
  „Es  ist  für  jeden,  der  selbst  Fortschritte  im  Suchen  nach  Wahrheit ­
  machen  will,  von  wesentlicher  Bedeutung,  die  Irrtümer  derjenigen
zu  kennen,  die  geglaubt  haben,  ihm  den  Weg  zu  bahnen.“  Wir  wissen,
daß  das  Studium  der  Irrtümer  fruchtbar  ist,  auch  wenn  man  daraus  nichts
als  die  heilsame  Warnung  entnehmen  kann,  sie  in  Zukunft  zu  vermeiden,
und  zwar  um  so  mehr,  wenn  es  zutrifft,  —  wie  Herbert  Spencer  in
Umwandlung  eines  Satzes  Shakespeare’s  sagt,  —  daß  es  keinen  Irrtum
gibt,  der  nicht  ein  kleines  Körnchen  Wahrheit  enthielte.  Auch  kann  man
eine  Lehre  nur  dann  kennen,  beherrschen  und  lieben,  wenn  man  über  ihre
Geschichte  Bescheid  weiß,  und  wenn  man  ebenfalls,  auf  abgekürztem
Wege,  durch  die  gleichen  Irrtümer  geschritten  ist,  wie  die,  die  diese  Lehre
entdeckt  und  uns  überliefert  haben.  Eine  Wahrheit,  die  man  wie  vom
Himmel  gefallen  empfängt,  ohne  zu  wissen,  mit  welchen  Anstrengungen
sie  erworben  worden  ist,  ist  wie  ein  mühelos  gewonnenes  Goldstück:  sie
trägt  keinen  Nutzen.
Wir  durften  jedoch  nicht  vergessen,  daß  dieses  Buch  hauptsächlich
für  Studierende  bestimmt  ist,  und  daß  es  nützlich  ist,  ihnen  zu  zeigen,
wodurch  diese  oder  jene  Lehre  die  wissenschaftliche  Kritik  herausfordert,
sei  es  durch  einen  Fehler  in  der  Beweisführung,  oder  durch  ungenaue
Beobachtung  der  Tatsachen.  Wir  haben  aber  unsere  Kommentare  auf
ein  Minimum  beschränkt,  und  zwar  nicht  nur,  um  das  vorliegende  Buch
nicht  zu  sehr  anwachsen  zu  lassen,  sondern  auch  deshalb,  weil  das,  worauf
es  dem  Leser  ankommt,  nicht  unsere  Meinungen,  sondern  die  der  Meister
selbst  sind,  die  wir  hier  darstellen.  So  viel  wie  möglich  haben  wir  sie  selbst
sprechen  lassen  und  haben  uns  aus  diesem  Grunde  nicht  gescheut,  die
Zitate  zu  häufen.
Wir  haben  uns  bemüht,  hauptsächlich  die  Lehren  klarzustellen,  die,
Wahrheiten  oder  Irrtümer,  zur  Bildung  der  heutigen  Ideen  beigetragen
haben  und  mit  ihnen  in  unmittelbarer  Beziehung  stehen.  Der  Plan  dieses
Buches  ist  daher:  wie,  wo  und  durch  wen  sind  die  Grundsätze  aufgestellt
I  worden,  die  das  provisorische  oder  endgültige  Gerüst  der  volkswirtschaftlichen ­
  Wissenschaft  bilden,  so  wie  sie  heute  gelehrt  wird?  Wir  haben
es  sogar  für  nützlich  gehalten,  gewissen  Doktrinen  einen  Platz  einzu') ­

  „Was  würden  wir  dabei  gewinnen,  absurde  Meinungen,  überwundene,  und
mit  Recht  überwundene  Doktrinen  zu  sammeln?  Es  wäre  ebenso  unnütz  wie  langweilig, ­
  sie  auszugraben.  Daher  wird  auch  die  Geschichte  einer  Wissenschaft  um  so
kürzer,  je  mehr  die  Wissenschaft  sich  vervollkommnet;  denn,  wie  dAlembert  sehr
richtig  bemerkt,  je  größere  Klarheit  man  über  einen  Gegenstand  gewinnt,  um  so  weniger
gibt  man  sich  mit  den  falschen  oder  zweifelhaften  Ansichten  ab,  die  er  hervorgerufen
hat.  ...  Es  kommt  nicht  darauf  an,  die  Irrtümer  zu  lernen,  sondern  sie  zu  vergessen“
(TraitG  pratique,  Bd.  II,  S.  540).
        <pb n="12" />
        Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

IX

räumen,  die,  auch  wenn  sie  etwas  am  Außenrande  der  eigentlichen  Nationalökonomie ­
  stehen,  einen  großen  Einfluß  auf  den  Unterricht,  die  Gesetzgebung ­
  und  die  Ideenbewegung  ausgeübt  haben,  wie  der  christliche
Sozialismus,  der  Solidarismus  und  der  Anarchismus.  Wenn  wir  es  auch
für  vorteilhafter  gehalten  haben,  den  offiziell  für  diesen  Unterrichtszweig
anerkannten  Titel  beizubehalten,  so  würde  doch  der  Titel  dieses  Buches
besser  lauten:  „Geschichte  des  Ursprungs  und  der  Entwicklung  der
heutigen  volkswirtschaftlichen  Doktrinen.“

Der  Plan  einer  Geschichte  der  Doktrinen  bietet  rechte  Schwierigkeiten. ­
  Da  es  sich  um  geschichtliche  Darlegungen  handelt,  muß  man
selbstverständlich  ungefähr  der  chronologischen  Ordnung  folgen;  man
kann  aber  entweder  alle  Doktrinen  der  gleichen  Epochen  zusammengefaßt
darstellen  oder  sie  in  ebenso  viele  Einzelgeschichten  trennen,  wie  es  Schulen
gibt.  Der  erste  Weg  macht  es  nötig,  in  jedem  Kapitel  gleichzeitig  alle
Doktrinen  zu  behandeln  und  von  Neuem  aufzuführen,  wodurch  man  Gefahr
läuft,  dem  Leser  von  jeder  nur  ein  unbestimmtes  Bild  zu  hinterlassen.
Der  zweite  Weg  hat  den  Nachteil,  die  Gesamtgeschichte  in  Monographien
zu  zerstückeln,  und  gestattet  nicht,  die  notwendigen  Beziehungen,  die  in
jeder  Epoche  die  verwandten  und  sogar  die  gegnerischen  Lehren  verbinden, ­
  genügend  hervorzuheben.  Wir  haben  versucht,  diese  Nachteile
zu  vermeiden  und  die  Vorteile  der  beiden  Methoden  zu  vereinigen,  indem
wir  die  Lehren  nach  Familien  auf  Grund  des  Grades  ihrer  inneren  Verwandtschaft ­
  geordnet  haben,  und  indem  wir  sie  gemäß  der  historischen
Folge  ihres  Auftretens  zusammenfaßten.  Doch  haben  wir  sie  nicht  immer
nach  ihrem  Entstehungsdatum  klassifiziert,  sondern  nach  dem  ihrer
Reife.  In  der  Entwicklung  einer  Doktrin  gibt  es  stets  einen  Höhepunkt:
diese  Höhepunkte  haben  wir  uns  festzulegen  bemüht,  indem  wir  jedem
von  ihnen  ein  Sonderkapitel  widmeten.  Übrigens  haben  wir  uns  nicht
gescheut,  der  chronologischen  Ordnung  überall  dort  vorzugreifen,  wo  die
Klarheit  der  Darstellung  das  zu  fordern  schien.
1.  Epoche:  Ende  des  18.  und  Anfang  des  19.  Jahrhunderts.  Die
Begründer  der  klassischen  Volkswirtschaft:  zunächst  die  Physiokraten,
Adam  Smith  und  J.-B.  Say,  und  dann  die  Autoren,  die  durch  beunruhigende
Prophezeiungen  das  grandiose  Bild  der  natürlichen  Ordnung  verdüsterten:
Malthds  und  Ricardo.
2.  Epoche:  die  erste  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts.  Die  Gegner:
alle  diejenigen,  die  die  von  ihren  Vorgängern  aufgestellten  Prinzipien  angegriffen ­
  und  erschüttert  haben,  und  die  wir  in  fünf  Kapiteln  um  Sismondi,
Saint-Simon,  die  Assozialisten,  Proudhon  und  List  gruppiert  haben.
3.  Epoche:  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts.  Der  Höhepunkt  der
        <pb n="13" />
        X

Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

liberalen  Schule,  die  bis  dahin  den  Angriffen  siegreich  widerstanden
hat,  auch  wenn  sie  sich  zu  einigen  Konzessionen  verstehen  mußte,  und
deren  große  Gesetze  ihre  endgültige  Fassung  zur  gleichen  Zeit,  wenn  auch
in  zwei  recht  verschiedenen  Gestalten,  fanden:  in  England  in  den  Principles
  Stuart  Mill’s,  in  Frankreich  in  den  Harmonies  Bastiat’s.
4.  Epoche:  die  zweite  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts.  Die  Abtrünnigen ­
  des  Liberalismus,  die  nach  vier  verschiedenen  Richtungen  hin
Schismen  hervorrufen:  —  in  der  Methode,  durch  die  historische  Schule;  —
in  der  Sozialpolitik,  durch  den  Staatssozialismus;  —  in  der  wissenschaftlichen ­
  Auffassung,  durch  den  Marxismus;  —  in  der  ethischen  Grundlegung, ­
  durch  den  christlichen  Sozialismus.
5.  Epoche:  Ende  des  19.  und  Anfang  des  20.  Jahrhunderts.  Die
neuzeitlichen  Lehren,  in  denen  wir  schon  bekannte  Doktrinen,  in
neuen  Formen,  fortgebildet  oder  entstellt,  wie  man  will,  wiederfinden
werden:  —  die  hedonistischen  Doktrinen  und  die  Theorien  über  die  Bodenrente, ­
  die  nur  eine  Art  von  Revision  der  klassischen  Lehren  sind;  —  der
Solidarismus,  der  eine  Brücke  zwischen  dem  Individualismus  und  dem
Sozialismus  schlägt;  —  und  endlich  der  Anarchismus,  der  nur  eine  Art
von  zur  Verzweiflung  getriebenem  Liberalismus  ist.
Diese  Aufeinanderfolge  bedeutet  keineswegs,  daß  jede  vorhergehende
Doktrin  von  der  auf  sie  Folgenden  beseitigt  oder  verdeckt  worden  wäre.
Das  Aufkommen  der  historischen  Schule  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts
z.  B.  fällt  mit  dem  Wiederaufleben  der  liberalen  Schule  und  des  Optimismus
zusammen.  Der  Neo-Liberalismus  der  österreichischen  Schule  entwickelt
sich  gleichzeitig  mit  dem  Staatsinterventionismus  und  dem  Kollektivismus.
Trotzdem  wird  man  in  dieser  Entwicklung  einen  gewissen  Rhythmus
der  Bewegung  bemerken:  die  Doktrin,  die  man  die  klassische  nennen  kann,
tritt  zuerst  auf,  wird  dann  unter  dem  Druck  von  mehr  oder  weniger  sozialistischen ­
  Lehren  zurückgedrängt,  um  später  unter  neuen  Formen  wieder
aufzutauchen.  Doch  darf  man  sich  hierdurch  nicht  verführen  lassen,
hierin  nur  eine  einfache  Ebbe-  und  Flutbewegung  zu  sehen,  ein  Auf-  und
Abschwanken,  das  dem  ähnlich  ist,  das  im  Parlamentarismus  die  Vertreter
der  beiden  großen  Parteien  abwechselnd  zur  Macht  gelangen  läßt.  Wenn
sich  in  der  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Doktrinen  Schwankungen
der  gleichen  Art  kund  tun,  so  muß  man  ihre  Ursachen  weniger  in  den
Lehren  selbst,  als  in  der  Gunst  der  öffentlichen  Meinung  suchen,  die  in
Wirklichkeit  jedesmal  kommt  und  geht,  wie  der  Wind  sich  dreht.
Aber  die  Doktrinen  und  die  Systeme  haben  ihr  eigenes  Leben,  das
keineswegs  nur  von  der  Mode  abhängig  ist.  Es  würde  genauer  sein,  in
ihrer  Geschichte,  wie  übrigens  in  der  Geschichte  aller  Ideen,  einen  Kampf
ums  Dasein  zu  sehen.  Bald  folgen  sie  nebeneinanderlaufenden  Wegen
und  teilen  sich  friedlich  in  die  Herrschaft  über  die  Geister;  bald  branden
sie  in  stürmischen  Wogen  gegeneinander.  Es  kann  geschehen,  daß  in
        <pb n="14" />
        Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

XI

diesem  Zusammenstöße  die  eine  der  Doktrinen  unterliegt  und  verschwindet.
Öfter  aber  söhnen  sie  sieh  aus  und  verschmelzen  in  der  Einheit  einer
höheren  Synthese.  Auch  kommt  es  vor,  daß  diese  oder  jene  Lehre,  die
man  tot  glaubte,  lebendiger  als  jemals  wieder  aufersteht.
*  *
*

Die  Literatur  zur  Geschichte  der  Doktrinen  ist  außerordentlich  groß.
Außer  schon  höchst  zahlreichen  Allgemeingeschichten,  außer  Kapiteln,
die  sich  in  allen  volkswirtschaftlichen  Abhandlungen  mit  ihr  beschäftigen,
und  zahllosen  Aufsätzen  in  Zeitschriften  gibt  es  kaum  einen  Schriftsteller,
auch  unter  den  unbekannteren,  über  den  nicht  eine  oder  mehrere  Monographien ­
  vorlägen.  Wenn  wir  alle  diese  Arbeiten  hätten  anführen  wollen,
würden  wir  diesen  Band  ins  Maßlose  haben  anwachsen  lassen,  ohne  doch
dazu  zu  gelangen,  vollständig  zu  sein.  Daher  haben  wir  uns  darauf  beschränkt, ­
  zunächst  selbstverständlich  die  Werke  derer  anzuführen,  die  die
Helden  dieser  Geschichte  sind.  Ihre  Kommentatoren  und  Kritiker  zitieren
wir  nur  dann,  wenn  wir  ihnen  unmittelbar  einen  Ausdruck  oder  einen
Gedanken  entlehnen,  oder  wenn  es  notwendig  ist,  um  es  dem  Leser  zu  ermöglichen, ­
  die  Lücken  unserer  Darlegung  auszufüllen;  schon  das  ergibt
eine  sehr  große  Anzahl  Namen,  wie  man  aus  den  Anmerkungen  ersehen
wird.  Aber  die  gewollte  Unvollständigkeit  unserer  Quellenangaben  überhebt ­
  uns  nicht  der  Verpflichtung,  am  Eingang  dieses  Buches  unsere
Dankesschuld  gegenüber  allen  denen,  und  sie  sind  zahlreich,  abzutragen,
die  vor  uns  denselben  Weg  gegangen  sind,  uns  dadurch  unsere  Aufgabe
erleichtert  haben  und  so  ihren  Teil  an  der  Mitarbeit  an  diesem  Buche
beanspruchen  dürfen.  Sicher  werden  sie  bemerken,  daß  wir  sie  weder
vergessen  noch  mißachtet  haben.

Wenn  dieses  Buch  auch  mit  Hinsicht  auf  die  Arbeit  der  allgemeinen
Vorbereitung  und  Revision  das  gemeinsame  Werk  der  beiden  Schriftsteller
ist,  deren  Namen  es  trägt,  so  haben  sie  doch  die  Arbeit  der  Darstellung
im  Einzelnen  unter  sich  verteilt.  Auf  den  folgenden  Seiten  (XIX  u.  XX)
wird  man  in  der  Zusammenfassung  der  Inhaltsangabe  den  Namen  eines
Jeden  der  beiden  Verfasser  neben  dem  Kapitel,  das  er  geschrieben  hat,
finden.
Die  Verfasser  haben  nicht  geglaubt,  daß  eine  wissenschaftliche  Kollaboration ­
  an  einer  Geschichte  der  Ideen  die  vollständige  Übereinstimmung
über  alle  Fragen  bedingt,  mit  denen  sie  sich  zu  beschäftigen  hatten.  Sie
haben,  besonders  in  Hinsicht  auf  die  Doktrinen  der  wirtschaftlichen  und
sozialen  Politik,  die  in  diesem  Buch  dargelegt  sind,  ihre  volle  Unabhängig-
        <pb n="15" />
        XII

Vorbemerkung  zur  zweiten  Ausgabe.

keit  gewahrt.  Die  Vorbehalte  oder  Sympathien,  die  sie  hinsichtlich  dieser
oder  jener  Lehre  aussprechen,  müssen  daher  als  der  Ausdruck  der  persönlichen ­
  Meinung  des  Verfassers  des  betreffenden  Kapitels  angesehen
werden.

Charles  Gide.  Charles  Rist.

Vorbemerkung  zur  zweiten  Ausgabe.
Diese  zweite  Ausgabe  unterscheidet  sich  nur  wenig  von  der  ersten.
Einige  Kapitel  jedoch,  besonders  die  über  M'althüs,  List,  den  christlichen
Sozialismus  und  die  Hedonisten,  sind  eingehend  überarbeitet  worden.  Wir
haben  übrigens  den  Kritiken,  die  uns  zuteil  geworden  sind,  sowie  den  seit
1909  erschienenen  Veröffentlichungen  soviel  wie  möglich  Rechnung  getragen. ­

Die  Verfasser  werden  ihren  Lesern  dankbar  sein,  wenn  sie  ihnen
von  Ungenauigkeiten  und  Lücken  Kenntnis  geben,  um  das  Werk  auf  der
Höhe  des  Fortschrittes  zu  halten,  den  die  Geschichte  der  Doktrinen  macht.
        <pb n="16" />
        Vorwort  des  Herausgebers.
Das  vorliegende  Buch,  das  ich  mir  zur  hohen  Ehre  schätze,  bei  den
deutschen  Lesern  einführen  zu  dürfen,  soll  eine  Lücke  füllen,  die  der  Fachmann ­
  und  namentlich  der  akademische  Lehrer  seit  langer  Zeit  schmerzlich
empfindet.  Wir  besitzen  keine  zureichende  moderne  Geschichte  der  nationalökonomischen ­
  Doktrinen  in  deutscher  Sprache,  und  doch  brauchen  wir
sie  dringend.  Wir  befinden  uns  in  einer  Ära  des  ständig  steigenden  Interesses
für  die  ökonomische  Theorie,  der  sich  unsere  jungen  Kräfte  immer  leidenschaftlicher ­
  zuwenden,  gedrängt  von  der  Notwendigkeit,  das  heute  schon
fast  unübersehbare  Material  erst  einmal  gedanklich  zu  bewältigen,  das
die  Historiker  und  ihre  Anhänger  in  Darstellungen  zur  Wirtschaftsgeschichte
und  in  statistischen  und  anderen  Untersuchungen  unserer  Gegenwart
niedergelegt  haben.  Da  nun,  nach  Goethe,  „die  Geschichte  einer  Wissenschaft ­
  die  Wissenschaft  selbst  ist“,  tut  uns  eine  Geschichte  der  Doktrinen
bitter  not.
Was  wir  besitzen,  ist  entweder  völlig  veraltet  oder  allzu  summarisch
oder  allzu  einseitig  —  oder  das  alles  zusammen.  Das  verdienstvolle  Buch
von  Julius  Kautz 1 ),  das  man  immer  noch  in  einigen  Kapiteln,  z.  B.  in
denen  über  die  mittelalterlich-kanonische  Wirtschaftstheorie,  mit  Vorteil
studieren  kann,  ist  1860  (!)  erschienen,  drei  Jahre  vor  dem  „Kapital  ,
eine  Ewigkeit  vor  Karl  Menger’s  ersten  Arbeiten.  Nicht  ganz  so  hoffnungslos ­
  veraltet  ist  H.  Eisenhart’s  „Geschichte  der  Nationalökonomie  2 ),
aber  auch  sie  ist  alt  genug  und  hatte  auch  auf  der  Höhe  ihrer  Aktualität
kaum  mehr  gegeben,  als  eine  kraftvolle  Skizze  der  Hauptrichtungen.
Das  dritte  bekannte  Lehrbuch  deutschen  Ursprungs  ist  Eugen  Duehring’s
  „Geschichte  der  Nationalökonomie  und  des  Sozialismus“,  deren
letzte  (vierte)  Auflage  von  1900  der  greise  Gelehrte  noch  selbst  besorgt
hat.  Das  Buch  ist  also  verhältnismäßig  modern  und  könnte  von  diesem
Gesichtspunkt  aus  genügen:  es  ist  aber  leider  zum  Teil  von  so  verrannter
Einseitigkeit  des  Gesichtspunktes  und  so  offenbarer  Ungerechtigkeit  des
Urteils,  daß  man  es  dem  Anfänger  kaum  ohne  Schaden  in  die  Hand  geben
i)  Di e  geschichtliche  Entwicklung  der  Nationalökonomie  und  ihrer  Literatur.
Wien  1860.
*)  Jena  1882,  2.  Auflage  1891,  Neudruck  1901.
        <pb n="17" />
        XIV

Vorwort  des  Herausgebers.

darf;  daß  der  Vorgeschrittene  unendlich  viel  daraus  lernen  kann,  wie  auch
aus  den  anderen  Schriften  des  unglücklichen  Genius,  bedarf  keiner  ausdrücklichen ­
  Feststellung.
Die  zuerst  1905  (bei  Gustav  Fischer,  Jena)  erschienene  und  seitdem
öfters  aufgelegte  „Geschichte  der  Nationalökonomie“  von  Adolf  Damaschke ­
  bezeichnet  sich  selbst  bescheiden  als  „erste  Einführung“.  Das
Buch  ist  nur  für  Anfänger  und  Laien  bestimmt  und  könnte  daher  den
Zweck,  eigentlichen  Fachmännern  und  älteren  Studierenden  des  Faches
zu  dienen,  selbst  dann  nicht  erfüllen,  wenn  es  die  Absicht  rein  objektiver
Belehrung  und  Kritik  hätte.  Aber  es  hat  diese  Absicht  nicht.  Es  ist  ein
Buch  der  Propaganda  für  die  Ideen  der  Bodenreform,  namentlich  in  der
Henry  GEoitoE’schen  Prägung,  und  als  solches  bewußt  einseitig.
Ganz  neu  ist  allerdings  die  Arbeit  von  Eugen  Fridrichowitz  „Grundriß ­
  einer  Geschichte  der  Volkswirtschaftslehre“ 1 )  —  aber  nach  der,  soweit
ich  sehen  kann,  einstimmigen  Verwerfung  des  Buches  durch  die  wissenschaftliche ­
  Kritik  ist  es  wohl  nicht  fähig,  die  Lücke  zu  schließen,  die  wir
beklagen.
Zwei  andere  sehr  bedeutsame  Werke  deutscher  Autoren  aus  neuester
Zeit  sind  leider  unvollendet  geblieben,  August  Oncken’s  „Geschichte
der  Nationalökonomie“ 2 )  und  Georg  Adler’s  „Geschichte  des  Sozialismus
und  Kommunismus“ 3 ),  die  beiden  Arbeiten,  die  bestimmt  waren,  im
„Hand-  und  Lehrbuch  der  Staatswissenschaften“ 4 )  sich  zu  einer  vollen
Geschichte  der  Ökonomik  zu  ergänzen.  Beide  Werke  brechen  ungefähr
zur  gleichen  Zeit  ab,  Oncken  vor  Adam  Smith,  Adler  vor  der  französischen ­
  Revolution.  Was  bereits  vorliegt,  ist  wohl  allgemein  als  meisterhaft ­
  anerkannt  —  aber  es  ist  zum  Unglück  doch  gerade  nur  das  Vorspiel
zu  dem  eigentlichen  Thema  gewesen.
Außer  diesen  Werken  deutscher  Verfasser 5 )  sind  in  Deutschland  in
Übersetzungen  eingeführt  John  Kells  Ingram’s  „History  of  Political
Economy“ 6 )  und  das  alte,  wohl  bekannte  Buch  von  Luigi  Cossa  „Einleitung ­
  in  das  Studium  der  Wirtschaftslehre“ 7 ).  Dieses  letztere  ist  veraltet, ­
  ein  volles  Menschenalter  stärkster  Entwicklung  der  Wissenschaft
liegt  zwischen  heute  und  seinem  Erscheinungsjahr  —  und  das  englische

*)  München  und  Leipzig  1912.
2 )  Leipzig  1902.  I
3 )  Leipzig  1899.  /
“)  Begründet  von  Kuno  Frankenstein,  fortgesetzt  von  Max  v.  Heckel.
6 )  Hier  können  nur  die  allgemeinen  Darstellungen  von  größerer  Ausführlichkeit
in  Frage  kommen.  Dogmenhistorische  Abhandlungen,  wie  z.  B.  die  von  MoHL ! schen,
die  nur  einzelne  Gebiete  behandeln,  oder  kurze  Darstellungen  in  Lehrbüchern,  selbst
so  treffliche  wie  die  von  H.  von  Scheel  in  „Schönbergs  Handbuch  der  pol.  Ökonomie“,
reichen  für  den  hier  in  Betracht  kommenden  Lehrzweck  nicht  aus.
')  Zweite  deutsche  Auflage,  Tübingen  1905.
7 )  Deutsch  von  Ed.  Moormeister,  Freiburg  i.  B.  1880.
        <pb n="18" />
        Vorwort  des  Herausgebers.

XV

Werk,  so  lesenswert  es  noch  heute  ist,  ist  in  zwiefacher  Hinsicht  allzu  einseitig, ­
  um  dem  Bedürfnis  der  jungen  Generation  zu  entsprechen.
Erstens  nämlich  beschränkt  es  sich  ex  professo  auf  die  „bürgerliche“
Wissenschaft.  In  der  mir  vorhegenden  englischen  Ausgabe  von  1888  fehlen
die  Namen  St.  Simon,  Fourier,  Owen,  Rodbertüs,  Proüdhon,  Marx,
um  von  geringeren  Autoren  nicht  zu  sprechen  im  Index  und  werden,
soweit  ich  sehen  kann,  nur  ein  einziges  Mal  (p.  209)  erwähnt,  um  die  etwas
allgemeine  Mitteilung  zu  machen,  daß  die  sozialistische  Theorie  auf  den
deutschen  Staatssozialismus  starken  Einfluß  gehabt  hat 1 ).  Das  ist  heute
nicht  mehr  zulässig.  Man  kann  die  bürgerliche  Theorie  in  ihrer  Entwicklung ­
  nicht  verstehen,  ohne  die  sozialistische  genau  zu  kennen,  und  vice
versa.  Sie  bilden  eine  lebendige  historische  Einheit,  die  man  nicht  auseinander ­
  reißen  kann,  ohne  ihr  Verständnis  unmöglich  zu  machen;  ihre
Wirkung  und  Gegenwirkung,  der  Kampf  ihrer  Ziele,  Wertungen  und
Gedanken  ist  recht  eigentlich  die  Geschichte  der  Ökonomik,  wenigstens
von  dem  Augenblick  an,  wo  der  moderne  Kapitalismus  entstand  —  und
diese  Zeit  ist  es  gerade,  die  uns  vor  allem  Anderen  interessiert.
Wenn  Ingram  das  nicht  beherzigt,  so  liegt  das  an  der  zweiten  Einseitigkeit, ­
  auf  die  wir  verwiesen.  Da  es  sich  liier  um  eine  Feststellung
handelt,  die  auch  für  die  meisten  anderen  angeführten  Autoren  mehr  oder
weniger  zutrifft,  sei  es  gestattet,  ein  wenig  ausführlicher  darauf  einzugehen.
Es  gibt  zwei  grundsätzlich  verschiedene  Weisen,  die  Geschichte  der
nationalökonomischen  Doktrinen  darzustellen.  Die  eine  legt  den  Ton
auf  das  Wort  „Geschichte“,  die  andere  auf  das  Wort  „Doktrinen“.  Jene
ist  vorwiegend  historisch,  diese  dogmenkritisch  orientiert  und
interessiert.  Jene  bemüht  sich  vor  Allenz  die  Entstehung  der  verschiedenen
Doktrinen  aus  ihrem  sozialen  und  ökonomischen  Milieu  oder  auch  aus  dem
Charakter  und  Bildungsgang  ihrer  Schöpfer  zu  verstehen  (legt,  nebenbei
bemerkt,  aus  diesem  Grunde  sehr  großen  Wert  auf  die  Feststellung  von
Prioritäten,  auf  „Ausgrabungen“  und  „Rettungen“),  und  begnügt  sich  im
Wesentlichen  mit  möglichst  genauer  Darstellung,  Schilderung  und  Beschreibung ­
  der  einzelnen  Theorien,  ihres  Auf-  und  Abstiegs,  ihres  gedanklichen ­
  Inhalts.
Die  zweite  Auffassung  interessiert  sich  vor  Allem  für  die  Dogmen
als  solche,  für  ihre  dialektische  Selbstentfaltung,  für  ihre  Kämpfe;  sie  hat
vorwiegend  logische  Interessen,  bemüht  sich  um  die  Beweise  und  Gegenbeweise ­
  ihrer  logischen  Form  nach,  kurz  ist  mehr  kritisch  als  historisch.
Ihr  ist  es  im  Grunde  gleichgültig,  auf  welchen  Autor  ein  Theorem  zurückzuführen ­
  ist,  weil  ihr  das  Theorem  an  sich  bedeutsam  ist.
Eine  solche  dogmenkritische  Auffassung  mußte  Ingram  —  und  das

i)  In  der  deutschen  Auflage  von  1905  stehen  sie  zwar  im  Index,  werden  aber
auch  nur  ein  einziges  Mal  an  der  korrespondierenden  Stelle  (p.  267)  erwähnt.
        <pb n="19" />
        XVI

Vorwort  des  Herausgebers.

gilt,  wie  gesagt,  auch  für  die  Mehrzahl  der  übrigen  —  aus  dem  Grunde
fernliegen,  weil  er  selbst  überzeugter  Anhänger  der  historischen  Schule
war.  Von  dem  Standpunkt  dieser  Auffassung  aus,  die  der  Möglichkeit
einer  gedanklichen  Bewältigung  der  Tatsachen,  und  nun  gar  auf  dem
c  Wege  der  deduktiven  Betrachtung,  skeptisch  gegenübersteht,  ist  eine
k  wirklich  eindringende  dogmenkritische  Betrachtung  des  Stoffes  gar  nicht
E  denkbar.  Einer  solchen  Auffassung  müssen  die  miteinander  kämpfenden
Z  Theoreme  als  ungefähr  gleichwertig  und  gleichberechtigt  erscheinen,  und
zi  so  fehlt  der  Drang  zu  eindringlicher  Kritik,  zu  erschöpfender  Diskussion
B  von  vorn  herein.
t  Das  Ideal  einer  Geschichte  der  nationalökonomischen  Doktrinen  liegt
in  einer  Kombination  der  beiden  Verfahren.  Dem  historischen,  wie  dem
kritischen  Interesse  muß  in  gleichem  Maße  entgegengekommen  werden.
Nun,  und  ich  glaube,  daß  die  Geschichte  der  nationalökonomischen
Doktrinen  von  Gide  und  Rist  diesem  Ideale  näher  kommt,  als  irgendeines ­
  der  mir  bekannten  deutschen  und  ausländischen  Bücher  über  den
Gegenstand.
Das  Buch  setzt  gerade  dort  ein,  wo  Oncken  und  Adler  die  Feder
haben  niederlegen  müssen,  so  daß  der  deutsche  Nationalökonom  mit  diesen
drei  einander  ergänzenden  Werken  eine  volle  Darstellung  der  Geschichte
seiner  Wissenschaft  besitzt.  Es  zeichnet  die  Entwicklung  unserer  Wissenschaft ­
  von  der  Physiokratie  an  bis  auf  die  allerletzte  Gegenwart  in  allen
ihren  Richtungen,  die  Geschichte  der  bürgerlichen  so  gut  wie  die  der
sozialistischen  Theorien,  die  mit  vollem  Recht  als  wissenschaftlicher
Betrachtung  gleich  würdig  betrachtet  werden.
Dem  Herausgeber  steht  nicht  zu,  der  wissenschaftlichen  Kritik
ihr  Urteil  vorwegzunehmen.  Nur  eine  prinzipielle  Bemerkung  wird  gestattet ­
  sein:
Offenbar  kann  man  Dogmenkritik  nur  dann  treiben,  wenn  man
selbst  einen  festen,  einheitlichen  theoretischen  Standpunkt  hat.  Und
ebenso  offenbar  muß  solche  Kritik  jedem  als  einseitig  erscheinen,  der
auf  einem  anderen  theoretischen  Standpunkt  steht.  Das  ist  bei  dem
Zustande  unserer  Wissenschaft  unvermeidlich,  deren  Vertreter  in  keinem
einzigen  Punkte  untereinander  einig  sind.  Unter  solchen  Umständen
hat  der  Kritiker  einer  solchen  Dogmenkritik  soweit  wie  möglich  von  seinem
eigenen  Parteistandpunkt  abzusehen  und  nur  zu  fragen,  ob  der  Verfasser
den  lauteren  Willen  zu  so  viel  Objektivität  der  Auffassung,  Darstellung
und  Kritik  gehabt  und  betätigt  hat,  wie  erwartet  werden  durfte.  Und
der  Antwort  auf  diese  Frage  in  dieser  Form  dürfen  die  Verfasser  mit  Ruhe
entgegensehen,  wenn  ich  von  meinem  Standpunkt  aus  urteilen  darf,  der
ich  selbst  in  wichtigen  Punkten  der  theoretischen  Auffassung  von  ihnen
abweiche.  Um  das  bedeutsamste  herauszuheben,  so  glaube  ich  z.  B.,
daß  sie  der  Grenznutzenschule  mehr  zugebilligt  haben,  als  ihr  zukommt.
        <pb n="20" />
        Vorwort  des  Herausgebers.

XVI

Wäre  ich  nicht  der  Herausgeber,  sondern  der  kritische  Richter,  so  würde
ich  meinen  abweichenden  Standpunkt  hier  im  Allgemeinen  und  in  manchen
Einzelheiten  begründen.  Aber  diese  Divergenzen  könnten  mich  doch
nicht  verhindern,  zu  erkennen,  daß  die  Verfasser  sich  bemüht  haben,
Licht  und  Schatten  gleichmäßig  zu  verteilen,  jedes  System  aus  seiner
Wurzel  heraus  zu  verstehen,  und,  wo  es  sich  um  Gegner  handelt,  mit  den
ehrlichsten  Mitteln,  ohne  Nörgelei  und  Gehässigkeit,  zu  widerlegen.  Hier
haben,  so  scheint  es  mir,  zwei  vortreffliche  Fachleute  die  reife  Frucht
einer  niemals  unterbrochenen  ruhmvollen  theoretischen  Tradition  geerntet.
Und  darum  erscheint  mir  dieses  Buch  als  ganz  besonders  geeignet,  um
bei  der  Renaissance  unserer  eigenen,  leider  völlig  abgerissenen,  seit  Jahrzehnten ­
  fast  ausgerotteten  theoretischen  Studien  mitzuwirken.  Es  kann
und  wird  hoffentlich  kräftig  dazu  beitragen,  jenen  Zustand  unserer  Wissenschaft ­
  herzustellen,  in  dem  eine  dogmenkritische  Geschichte  der  nationalökonomischen ­
  Doktrinen  nicht  mehr  sicher  ist,  fast  so  viele  grundsätzliche ­
  Gegner  zu  finden  wie  Kritiker,  jenen  Zustand,  den  wir  alle  erstreben,
wo  wenigstens  über  die  Grundlagen  und  Hauptelemente  der  Theorie
einigermaßen  Einigkeit  erzielt  sein  wird,  anstatt  des  heutigen  von  Allen
beklagten  Zustandes.
*  *
*

Die  Übersetzung  dieses  Werkes  hat  Herr  Horn  vorgenommen,  ein
deutscher  Neuphilologe,  der  viele  Jahre  in  Frankreich  gelebt  hat  und
der  französischen  Sprache  in  seltenem  Maße  mächtig  ist.  Für  die  äußere
Form  der  Übersetzung  ist  Herr  Horn  allein  verantwortlich;  ich  habe
mich  als  Herausgeber  darauf  beschränkt,  Urtext  und  Übersetzung  Wort
für  Wort  miteinander  zu  vergleichen,  um  Mißverständnisse,  die  untergelaufen ­
  sein  konnten,  auszumerzen,  und  vor  allen  Dingen  die  fachwissenschaftliche ­
  Terminologie  einzustellen,  die  der  Übersetzer  selbstverständlich
nicht  vollkommen  beherrschen  konnte.  Ich  habe  dann  noch  einmal  die
Revisionsfahnen  durchgesehen  und  glaube  nun  allerdings  versichern  zu
können,  nicht  etwa  daß  die  Übersetzung  absolut  fehlerfrei  ist  —  das  ist
wohl  nicht  zu  erreichen  —,  wohl  aber,  daß  sie  dem  Ziel  der  sinngetreuen
Übertragung  so  nahe  gekommen  ist,  wie  das  erwartet  werden  darf.
Steglitz  im  Juli  1913.

Franz  Oppenheimer.
        <pb n="21" />
        Bemerkung  des  Übersetzers.
Die  Übersetzung  der  im  Text  und  in  den  Anmerkungen  angeführten
Zitate  ist  auf  Grund  des  Wortlautes  des  französischen  Originals  geschehen.
Eine  Prüfung  der  Richtigkeit  der  auf  die  Originalstellen  dieser  Zitate
verweisenden  Angaben  hat  sich  nur  für  Adam  Smith,  Wealth  of  Nations,
und  für  die  meisten  deutschen  Schriftsteller  durchführen  lassen.  In
diesen  Fällen  ist  der  deutsche  Wortlaut  nach  den  betreffenden  Originalen
angeführt  worden.  Wo  dies  auch  für  deutsche  Verfasser  nicht  möglich
war,  liegt  die  französische  Fassung  der  fraglichen  Stellen  der  Übersetzung
zugrunde.
Der  Übersetzer  kann  daher  keine  Verantwortung  für  die  Genauigkeit
der  Verweise  auf  andere  Schriftsteller  übernehmen.
Um  die  Benutzung  des  Werkes  so  viel  wie  möglich  zu  erleichtern,
ist  der  analytischen  Inhaltsübersicht  und  dem  Namenregister  der  französischen ­
  Ausgabe  ein  Sachregister  angefügt  worden.

Der  Übersetzer.
        <pb n="22" />
        Allgemeine  Inhaltsangabe

Seite
Vorwort  (Gide  und  Rist)  III
Vorwort  des  Herausgebers  XIII
Bemerkung  des  Übersetzers  XVIII

Buch  I.
Die  ßründer.
Kapitel  I.  Die  Physiokraten  (Gide)
Kapitel  II.  Adam  Smith  (Rist)  .  .  .  .
Kapitel  III.  Die  Pessimisten  [Maithüs  und  Ricakdo]  (Gide)  .

1
57
127

Buch  II,
Die  Gegner.
Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule
(Rist)  .  185
Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  und  der  Ursprung
des  Kollektivismus  (Rist).  .  216
Kapitel  III.  Die  Assozialisten
Owen  und  Fourier  (Gide).
Louis  Blanc  (Rist).
Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre ­
  (Rist)  286
Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848  (Rist) 4  314

Buch  III.
Der  Liberalismus.
Kapitel  I.  Die  Optimisten  [Bastiat  und  Cabey]  (Gide)  350
Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule
[Stdabt  Min]  (Gide)  380
        <pb n="23" />
        /

XX

Allgemeine  Inhaltsangabe.

Buch  IV. 1
Die  Abtrünnigen.
Seit»
Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  der  Methoden
(Rist)  415
Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus  (Rist)  448
-Kapitel  III.  Der  Marxismus  (Gide)  492
Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren  (Gide)  .  529
Buch  V.
Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.
Kapitel  I.  Die  Hedonisten  (Gide)  565
Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen
(Rist)  596
Kapitel  III.  Die  Solidaristen  (Gide)  641
Kapitel  IV.  Die  Anarchisten  (Rist)  670
Schlußwort.  (Gide  und  Rist)  713

Analytische  Inhaltsübersicht  719
Alphabetisches  Namenverzeichnis  735
Sachregister  753
        <pb n="24" />
        Erstes  Buch
Die  Begründer.

Kapitel  I.
Die  Physiokraten.
Das  Wort  „politische  Ökonomie“,  wie  wir  es  heute  verstehen,
würde  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  nur  ganz  ungefähr  dem
entsprochen  haben,  was  Antoine  de  Montchbetien  150  Jahre  früher
so  benannt  hatte.  Damals  stellte  es  noch  keine  Spezialwissenschaft
vor.  Als  Beweis  mag  der  in  der  „Grande  Encyclopedie“  1755  unter
dieser  Überschrift  (Economie  politique)  erschienene  Aufsatz  genügen,
dessen  Verfasser  kein  geringerer  als  Jean  Jacques  Rousseau,  war.
In  diesem  Aufsatz  findet  man  nicht  annähernd  das,  was  die  Überschrift ­
  erwarten  läßt.  Die  politische  Ökonomie  wurde  nicht  v cn  der
Politik  unterschieden  und  nicht  umsonst  hatte  man  sie  mit  diesem
Beiwort  versehen,  das  sich  heute  eher  als  so  lästig  erweist,  daß  man
bemüht  ist,  es  zum  Verschwinden  zu  bringen,  indem  man  von  Nationalökonomie ­
  und  Sozialökonomik  spricht.  Wenn  aber  die  „Politische
Ökonomie“  ein  Teil  der  Eegierungskunst  war,  so  stellte  sie  doch  auch
damals  schon  jene  Abteilung  der  Verwaltung  des  Staates  vor,  die  sich
mit  dem  Wirtschaftsleben  beschäftigte,  die  dem  Volk  materielle  Wohlfahrt, ­
  „das  Huhn  im  Topf“  Heinrich’s  IV.  zu  verschaffen  trachtete.
In  gleicher  Weise  hat  auch,  wie  wir  sehen  werden,  Adam  Smith
seine  Wissenschaft  definiert:  „Ihr  Zweck  ist,  das  Volk  und  den
Herrscher  zu  bereichern.“
Nun  waren  die  Ratschläge  und  Rezepte  zur  Erreichung  dieses
Zieles  ebenso  verschieden,  wie  unbestimmt.  Die  einen  hatten  geölde
  und  Bist,  Gesell.  fl.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeimragen.  2.  Anfl.  1
        <pb n="25" />
        2

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

XX

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fordert,  dein  Land  soviel  Gold  und  Silber  wie  möglich  zu  verschaffen:
sie  werden  Bullionisten  genannt.  Andere,  die  Merkantilisten,  stellten
den  Satz  auf,  daß  man  so  viel  wie  möglich  an  fremde  Völker  verkaufen ­
  müsse,  um  recht  viel  zu  gewinnen.  Andere  wieder  behaupteten)
daß  es  zuerst  darauf  ankäme:  „Eine  Gesellschaftsform  zu  finden,  in
der  jeder  mit  allen  vereint  sei,  jedoch  nur  sich  selbst  gehorche  und
ebenso  frei  bleibe,  wie  vorher“,  und  dies  war  der  „Contrat  social“-Noch
  andere  machten  die  Verwirklichung  des  Volksglückes  von  der
Gründung  von  Wolkenkuckucksheimen  abhängig.
Zu  dieser  Zeit  nun  trat  ein  Mann,  ein  Arzt  auf,  der,  schon  auf
der  Schwelle  des  Greisenalters  stehend,  sich  dem  Studium  dessen,
was  wir  heute  Agrarökonomie  nennen,  zugewandt  hatte,  der  Erde
und  den  Gütern,  die  den  Lebensunterhalt  der  Menschen  bedeuten. 1 )
;  Er  erklärte:  wir  brauchen  weder  etwas  zu  suchen,  noch  etwas  zu  er-|
  finden,  denr?alle  menschlichen  Verhältnisse  werden  von  bewunderungswürdigen ­
  Gesetzen  regiert,  deren  Wahrheit  sich  jedem  aufzwingt
der  einmal  die  Augen  öffnet,  und  deren  Autorität  ein  mit  Vernunft
begabter  Mensch  ebensowenig,  wie  die  Gesetze  der  Geometrie  bestreiten ­
  kann.  Diese  Gesetze  zu  verstehen,  bedeutet,  ihnen  zu  ge'
horchen.  Und  Dupont  de  Nemoüks  sagte  sicherlich  nicht  zuviel,  als
er  schrieb,  daß  dies  „sehr  neue  Grundsätze“  seien  (une  doctrine  treS
nouvelle). 2  *  * )
Dies  ist  auch  noch  zu  wenig  gesagt.  In  Wahrheit  war  es  die
Schöpfung  einer  neuen  Wissenschaft,  die  der  Wissenschaft  von  der
i  Volkswirtschaft.  Die  Zeit  der  Vorläufer  war  vorüber;  mit  Quesna*  -
und  seinen  Schülern  beginnt  das  Zeitalter  der  Begründer.  Diese''  \
Ehrenname,  den  die  Undankbarkeit  der  französischen  „Ekonomisten“;
die  doch  auf  Quesnax’s  und  seiner  Schüler  Schulter  standen,  ihnen
vorenthalten  hatte,  um  ihn  Adam  Smith  beizulegen,  ist  ihnen  von
den  fremden  Nationalökonomen  wieder  zugesprochen  worden  und  wird
ihnen  ohne  Zweifel  endgültig  bleiben.  Kann  man  doch  sagen,  d&amp;amp;ß
in  der  Geschichte  der  Wissenschaften  es  wenige  gibt,  deren  Geburt^
datum  und  Herkunft  sicherer  bestimmt  wäre.  Die  PhysiokrateB
waren  die  ersten,  die  im  vollen  Sinn  des  Wortes  eine  umfassend 6  j
^Anschauung  der  sozialen  Wissenschaft  gehabt  haben,  mit  anderen  *
jWorten,  die  behaupteten,  daß  zwischen  den  sozialen  Tatsachen  not'
wendige  Zusammenhänge  beständen,  und  daß  Einzelpersonen,  vi®
1 )  Die  ersten  nationalökonomischen  Anfsätze  Quesnav’s,  in  derselben  Groß eS
Enzyklopädie,  deren  Mitarbeiter  Rousseau  war,  behandelten  die  Körnerfrucht  ,
(les  grains)  und  die  Pächter  (les  fermiers).
2 )  Professor  Hector  Denis  sagt  über  die  physiokratische  Grundformel:  „Leid 1 *
war  es,  ihre  Unvollkommenheit  zu  sehen,  aber  fast  niemals  wird  man  ihrer  unV et ‘  f
gleichlichen  Großzügigkeit  gerecht.“
        <pb n="26" />
        I.  Die  Physiokraten.

3

Regierungen  nur  diese  Zusammenhänge  kennen  zu  lernen  brauchten,
um  ihr  Verhalten  danach  zu  richten.
Möge  man/immerhin  sagen,  daß  ihre  Auffassung  der  wirtschaftlichen ­
  Gesetze'in  Gestalt  der  Vorsehung  nichts  von  dem  wissenschaftlichen ­
  Charakter  besaß,  den  ihr  späterhin  die  Deterministen  verliehen
haben;  daß  .sie  in  der  Natur  Beziehungen  zu  erblickeiv  glaubten,  die
nur  in  ihrem  Geiste  vorhanden  waren;  daß  ihnen  Adam  Smith,  sowohl  irr
der  Kunst,  die  Erscheinungen  zu  beobachten,  wie  in  der  Gabe,  sie  darzustellen, ­
  und  besonders  in  seinen  definitiven  Beiträgen  zur  Wissenschaft
der  Nationalökonomie  weit  überlegen  war,  so  ändert  dies  nichts  an  der
Tatsache,  daß;  sie  den  Weg  eröffnet  haben,  auf  dem  A.  Smith  und
ein  ganzes  folgendes  Jahrhundert  weitergeschritten  sind.  Es  ist
übrigens  bekannt,  daß  A.  Smith  gesagt  hat,  er  würde  sein  Werk
Br.  Quesnat  gewidmet  haben,  wenn  dieser  nicht  3  Jahre  vor  dei
Herausgabe  gestorben  wäre.
Die;  Physiokraten  haben  auch  die  erste  nationalökonomische
„Schule“  im  engsten  Sinne  des  Wortes  gebildet.  Aus  der  vollständigen ­
  Übereinstimmung  ihrer  Lehren  *)  ergab  sich  die  fast  einzigartige
und  ergreifende  Tatsache,  daß  diese  kleine  Gruppe  von  Männern  in
der  Geschichte  unter  diesem  anonymen  Sammelnamen  verzeichnet
steht,  in  dem  ihre  Namen  und  Persönlichkeiten  wie  verloren  sind.
Ihre  Bücher  folgten  sich  in  kurzen  Abständen  innerhalb  eines
Zeitraumes  von  etwa  20  Jahren  (1756—1778). 1  2 )
1 )  „Die  wahren  Ekonomisten  sind  leicht  zn  charakterisieren  .  .  .  Sie  erkennen
einen  Meister  an,  Dr.  Qüesnay;  eine  Lehre,  die  der  Agrar-Philosophie  (la
Philosophie  rurale)  und  der  ökonomischen  Analyse  (l’analyse  economique);
klassische  Werke;  die  Physiokratie;  eine  Formel;  le  Tableau  economique;
eine  Terminologie,  genau  wie  die  alten  chinesischen  Gelehrten.“  Diese  Definition
der  Physiokraten,  die  uns  einer  von  ihnen,  der  Abbe  Baüdeau  (Eph  t;ro  erides,
April  1776)  ohne  jeden  Hintergedanken  —  im  Gegenteil!  —  gibt,  zeigt  doch,  daß
es  wirklich  etwas  dogmatisches  und  ein  wenig  chinesisches  in  der  physiokratischen
Schule  gab.
2 )  Der  erste,  nicht  nur  chronologisch,  sondern  als  der  von  allen  anderen  anerkannte ­
  Führer,  war  Dr.  Qüesnay  (1694-1774),  Leibarzt  des  Königs  Ludwig  X\.
und  der  Mm«  de  Pompadour.  Er  hatte  eine  beträchtliche  Anzahl  von  medizinischen
Büchern  herausgegeben,  besonders  im  Jahre  1736;  Essai  physiqne  surl  economic
animale  (Phy-'ikalische  Abhandlung  über  tierische  Ökonomie),  als  ersieh  mit  ökonomischen ­
  und  speziell  mit  agrar-ökonomischen  Fragen  zu  befassen  anfing:  zuerst  in
der  Form  von  Beiträgen  zu  der  Großen  Enzyklopädie  über  die  Pächter  und  über
die  Körnerfrüchte  (1766—1767),  dann  in  seinem  berühmten  „Tableau  economique“ ­
  (Volkswirtschaftliches  Schanbild)  —  (1758  als  er  64  Jahre  alt  war)  und
*760  in  seinen  „Maximes  generales  du  gonverneinent  economique  d’un
tayaume  agrieole“  (Allgemeine  volkswirtschaftliche  Regierungsgrundsätze  eines
Agrar-Königreiches),  die  nur  die  Erweiterung  des  vorhergehenden  Buches  sind.
Im  ganzen  hat  er  wenig  geschrieben;  wie  bei  Sokrates  liegt  sein  hauptsächliches ­
  Wirken  in  seinem  Einflüsse  auf  seine  Schüler.
Die  beste  Ausgabe  der  Werke  Qubsnay’s  ist  von  dem  Berner  Professor  Onoken
1*
        <pb n="27" />
        4

Erstes  Buch.  Die  Begründer

XX

Ka
Ka
Ka
Ka

Ki
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K
K
S

A
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S'

Man  kann  kaum  sagen,  daß  irgendeiner  der  Physiokraten,  mit
Ausnahme  von  Tübgot,  ein  wirklich  schriftstellerisches  Talent  beherausgegeben:

  Oeuvres  economiques  et  philosophiques  de  F.  Quesnay,
Paris  u.  Frankfurt,  1888.  —  Jedoch  sind  die  von  uns  angeführten  Zitate,  wie  alle
die  auf  die  Begründer  Bezug  nehmen,  der  von  Daire  herausgegebenen  „Collection
des  Principaux  Economistes“  entnommen.
Der  Marquis  Mirabeau,  der  Vater  des  großen  Redners  der  Revolution,  und  von
nicht  geringerer  leidenschaftlicher  Kühnheit  als  sein  Sohn,  hatte  gleichzeitig  (1756)
l’Ami  des  hommes  (der  Freund  des  Menschengeschlechtes)  herausgegeben.  Dieses
Buch,  das  großes  Aufsehen  hervorrief,  steht  aber,  genauer  betrachtet,  außerhalb  des
physiokratischen  Kreises,  denn  sein  Urheber  kennt  diese  Anschauungen  noch  nicht.
Dagegen  sind  die  Steuertheorie  (la  theorie  de  l’impot,  1760)  und.  die  Agrar-  .
Philosophie  (la  Philosophie  Rurale,  1763)  von  dieser  Anschauung  diktiert.
Mercier  de  da  Riviere,  Parlamentsrat,  veröffentlichte  im  Jahre,  1767  „die
natürliche  und  grundlegende  Ordnung  der  politischen  Gemeinschaften“,  (l’Ordre
natureletessentieldes  societes  politiques),  ein  Werk,  das  Dupont  de
Nemours  „un  ouvrage  sublime“  —  eine  einzigdastehende  Leistung  —  nennt,  und
das,  wenn  es  auch  nicht  ganz  diese  Bezeichnung  verdient,  doch  nichts  weniger  als
die  Zusammenfassung  der  Grundsätze  der  physiokratischen  Anschauung  ist.
Dupont,  nach  seiner  Vaterstadt  „de  Nemours“  genannt,  ließ  ungefähr  zur
gleichen  Zeit  (1761,  —  er  war  damals  erst  24  Jahre  alt)  ein  Buch  erscheinen:  Phjysiocratie
  ou  Constitution  essentielle  du  gouvernement  le  plus  avan  tageux
  au  genre  humain  (Physiokratie  oder  Grundbedingungen  der  dem  Mensch  engeschlechte ­
  zuträglichsteil  Regierung).  Wie  man  sieht,  ist  ihm  die  Benennung  der
Richtung  „Physiokratie"  zuzuschreiben,  die  bekanntlich  Naturregierung  bedeutet.
Diese  Benennung  fand  jedoch  keinen  Anklang  und  wurde  durch  den  Namen
„Ekonomisten“  ersetzt.  Quesnay  und  seine  Schüler  waren  daher  die  ersten
Ekono  misten.  Viel  später  erst,  als  der  Name  „Ekonomist“  eine  allgemeine  Bedeutung ­
  erworben  hatte  und  daher  zur  Bezeichnung  einer  bestimmten  Richtung
ungeeiguet  geworden  war,  kam  man  auf  den  Namen  Physiokraten  zurück.
Als  begeisterter  Anhänger  Quesnay’s  befaßt  sich  Dupont  hauptsächlich  mit  der  {
Verbreitung  der  physiokratischen  Anschauungen,  ohne  selbst  zu  ihrem  Ausbau  beizutragen. ­
  Übrigens  wurde  er  frühzeitig  von  seinen  wissenschaftlichen  Arbeiten  durch
die  großen  politischen  Ereignisse  abgelenkt,  an  denen  er  lebhaften  Anteil  nahm-Er
  überlebte  die  ganze  physiokratisehe  Schule  und  hat  als  einziger  die  Revolution
gesehen,  in  der  er  eine  hervorragende  Rolle  spielte.  Er  wurde  bald  Abgeordneter
des  „Tiers-Etats“,  Vorsitzender  der  Constituante  und  später,  unter  dem  Directoire,
Vorsitzender  des  Conseil  des  Anciens.  Er  erlebte  sogar  das  Kaiserreich,  und  in  seiner
Person  erhielt  die  politische  Ökonomie  zum  ersten  Male  einen  Platz  „im  Institut“.
Le  Trosne,’  Staatsanwalt  am  Oberlandesgericht  in  Orleans,  übergab  im  Jahre
1777  der  Öffentlichkeit  ein  Buch:  De  l’interet  social,  parrapportälavaleur,
ä  la  circulation,  ä  l’industrie  et  au  commerce(Über  das  volkswirtschaftliche
Interesse  in  bezug  auf  den  Wert,  den  Umlauf,  die  Industrie  und  den  Handel).  Dieses
Werk  ist  vielleicht  das  beste  oder  wenigstens  das  im  größten  Maße  wissenschaftliche,
ökonomische  Buch  der  ganzen  Schule.
Weiterhin  sind  noch  zu  nennen:  der  Abbe  Baudeau,  der  80  Bände  verfaßt  hat^
Hauptsächlich  über  den  Getreidehandel.  Sein  bedeutendstes  Werk  jedoch  ist:  l’Introduction
  ä  la  philosophie  economique  (Einfiikrung  in  die  ökonomische
Philosophie)  vom  Jahre  1771.  Sodann  ein  anderer  Abbe,  der  Abbe  Roubaud,  sowie
der  Markgraf  von  Baden  (Abrege  des  principes  de  la  Science  economique,
1771),  welch  letzterer  den  Vorzug  besaß,  nicht  nur  Schriftsteller,  sondern  unabhängiger
        <pb n="28" />
        5

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.
sessen  habe;  jedenfalls  verfügte  keiner  von  ihnen,  auch  Tukgot  nicht,
über  jene  geistreiche  und  witzige  Verstandesschärfe,  die  doch  gerade
jener  Epoche  ihren  besonderen  Stempel  aufgedrückt  hat.  Sie  waren
ernsthafte,  fast  würdevolle  Sektierer,  etwas  langweilig  und  ermüdend
in  ihrer  Art,  stets  von  den  „Tatsachen“  zu  sprechen,  gerade  als  ob
sie  die  Alleininhaber  der  göttlichen  Weisheit  wären;  daher  wurden
sie  viel  verspottet,  auch  von  Voltaire. 1 )  Trotzdem  aber  genossen
sie  große  Achtung  bei  allen  Zeitgenossen  von  Bedeutung,  bei  Staatsmännern ­
  und  Gesandten.  Sie  hatten  sogar  eine  ganze  Hörerschaft
von  Fürsten:  den  Markgrafen  (Karl  Friedrich)  von  Baden,  der  ihr
System  in  seinen  Staaten  zur  Anwendung  zu  bringen  suchte^  den
Großherzog  Leopold  von  Toskana,  den  Kaiser  Joseph  II.  von  Österreich, ­
  Katharina  die  Große  von  Kußland,  den  König  Stanislaus  von
Polen,  König  Gustav  III.  von  Schweden,  und  was  mehr  überrascht,
sogar  die  schönen  Damen  am  Hof  von  Versailles  liehen  ihnen  ein
aufmerksames  Ohr.  Sie  waren  mit  einem  Wort  „Mode“,  weit  mehr,
Kürst  zu  sein,  und  sich  mit  physiokratischen  Versuchen  in  einigen  Dörfern  seines
kleinen  Landes  die  Zeit  vertrieb.
Noch  haben  wir  den  sowohl  durch  sein  Talent  wie  durch  seine  hohe  Stellungberühmtesten
  Schüler  der  Schule,  Turgot  (1726—1781),  nicht  erwähnt.  Denn  wenn
er  auch  gewöhnlich  der  physiokratischen  Schule  zugezählt  wird,  und  hierzu  ist  in
der  Übereinstimmung  der  wesentlichsten  Gedanken  eine  genügende  Berechtigung
vorhanden,  so  nimmt  er  doch,  wie  wir  sehen  werden,  in  vielen  Hinsichten  einen  besonderen ­
  Platz  ein,  der  ihn  mehr  Adam  Smith  nähert.  Auch  begann  er  noch  vor
den  Physiokraten  über  politische  Ökonomie  zu  schreiben.
Seine  Abhandlung  über  das  Papiergeld  datiert  von  1748,  als  er  erst  22  Jahre
alt  war,  aber  sein  bedeutendstes  Werk:  ,.Reflexions  sur  la  formation  et  la
distrihution  des  richesses“  (Betrachtungen  über  die  Bildung  und  Verteilung
des  Reichtums)  erschien  im  Jahre  1766.  Als  Intendant  von  Limoges,  wo  er  13  Jahre
hindurch  diese  Stellung  bekleidete,  und  später  als  Minister  unter  Ludwig  XVI  hatte
er  die  nötige  Macht  in  den  Händen,  um  seine  Ideen  von  der  ökonomischen  Freiheit
zu  verwirklichen,  was  er  auch  durch  seine  berühmten  Erlasse  über  die  Aufhebung
der  Getreidezölle  zwischen  den  Provinzen  und  die  Abschaffung  der  Meisterschaften
und  Zünfte  tat.
Im  Unterschied  zu  den  anderen  Physiokraten,  die  nur  auf  Dr.  Quesnay  schwören,
scheint  Tubgot  der  Schüler  eines  Großkaufmanns,  des  späteren  Handelsministers  (Intendant ­
  du  commerce),  Vincent  de  Goubnay,  gewesen  zu  sein.  Von  ihm,  der  im  Jahre  1769,
erst  47  Jahre  alt,  starb,  wissen  wir  beinahe  nichts  außer  dem,  was  Turgot  in  seinem
ihm  gewidmeten  Nachrufe  sagt  (vgl.  Schelm:  Vincent  de  Gonrnay,  1897).
Werke  über  die  Lehre  der  Physiokraten  sind  in  beträchtlicher  Anzahl  vorhanden
und  zwar  sowohl  in  französischer,  wie  in  anderen  Sprachen.  In  dem  großen,  zwei
Bände  umfassenden  Buch  von  Weulerssb:  „Le  mouvement  physiocratique
en  France  de  1756  4  1770“  findet  man  sie  eingehend  behandelt.  Dieses  Buch
erschien  1910  und  ist  sowohl  die  neueste,  wie  auch  die  ausführlichste  Darlegung
dieser  Lehre.  Wir  verweisen  außerdem  noch  auf  eine  gedrängte,  aber  gehaltvolle
Zusammenfassung  dieser  Lehre  in  englischer  Sprache,  die  Higgs  1897  unter  dem
Titel:  Six  lectures  on  the  Physiocrats“  herausgegeben  hat.
*)  Besonders  in  seinem  berühmten  Pamphlet:  Der  Mann  mit  den  vierzig
Talern  (L’homme  auxquarante  eens).
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        6

Erstes  Buch,  Die  Begründer.

als  es  unsere  heutigen  Nationalökonomien  sind.  Das  erscheint  uns
fast  befremdlich,  jedoch  kann  man  dafür  eine  ganze  Reihe  von
Gründen  finden.
Sei  es,  daß  die  raffinierte  und  sittenlose  Gesellschaft  jener  Zeit
in  der  Agrarökonomie  der  Physiokraten  ähnliche  Anregungen  fand,
wie  in  den  Schäferidyllen  von  Trianon  und  den  Watteau’schen  Landschaften; ­
  sei  es,  daß  ihr  inmitten  des  unheimlichen  Krachens  aller
Fugen  des  politischen  und  sozialen  Gesellschaftsgebäudes  jener  Zeit
der  Gedanke  an  eine  unwandelbare  Naturordnung  einigen  Trost  gewährte. ­
  Sei  es,  daß  sich  im  Gegenteil  ihr  Interesse  regte,  weil  sie
in  einer  solchen  Behauptung  dieser  sog.  „Sektierer“,  —  z.  B-  in  dem
von  Quesnay  als  Überschrift  über  sein  „Tableau“  gesetzten  Motto:
Arme  Bauern,  armes  Königreich;  Armes  Königreich,  armer  König!
—  den  ersten  Windhauch  spürten  einer  neuen  Zeit,  noch  nicht  so  sehr
bedrohlich,  aber  doch  ein  Auftakt  zu  dem  Sturm,  der  im  Anzug  war.
Betrachten  wir  zunächst  die  Lehre,  d.  h.  die  nach  ihrer  Auffassung ­
  wesentlichen  Grundprinzipien,  nachher  das  System,
d.  h.  die  Anwendung  dieser  Grundprinzipien.

I.
§  1.  Die  natürliche  Ordnung.  *
Der  Grundbegriff  des  Systems  der  Physiokraten  ist  die  natürliche
Ordnung.  Die  „natürliche  und  wesentliche  Ordnung  der
politischen  Gesellschaften“  (Ordre  naturel  et  essentiel  des
Societes  politiques)  nennt  Mekciek  de  la  Riviere  sein  Buch,  und
Dltont  de  Nemours  definiert  die  Physiokrätie  als  „die  Wissenschaft
von  der  natürlichen  Ordnung“.
Was  ist  aber  unter  diesen  Worten  zu  verstehen?
Zunächst  ist  es  selbstverständlich,  daß  sie  als  gegensätzlich  zur
Auffassung  einer  künstlichen,  einer  vom  menschlichen  Willen  geschaffenen ­
  Ordnung  verstanden  werden  müssen  r ).
?)  Jean-Jacqubs  Rousseau  war  ein  Zeitgenosse  der  Physiokraten,  denn,  er  starb
erst  im  Jahre  1778,  und  sein  Buch,  der  „Contrat  social“  erschien  1762.  Doch  war
er  kein  Anhänger  ihrer  Schule  und  der  Marquis  Mirabeau  versuchte  vergeblich,  ihn
zu  der  physiokratischen  Lehre  zu  bekehren.
,  Wohl  scheint  zwischen  der  Lehre  der  natürlichen  Ordnung  und  der  des
Contrat  social  ein  absoluter  Gegensatz  zu  b-stehen,  denn  das,  was  natürlich  und
spontan  ist,  kann  nicht  auf  kontraktlicher  Übereinkunft  beruhen.  Man  könnte  sogar
zu  dem  Glauben  neigen,  daß  die  berühmte  Theorie  Roüsseau’s  als  Gegensatz  zu  der
physiokratischen  Lehre  erfunden  worden  sei,  wenn  man  nicht  wüßte,  daß  die  Grundgedanken ­
  des  Contrat  social  schon  lange  vor  Rousseau,  in  vielen,  hauptsächlich  auf
calvinistischer  Anschauung  fußenden  Schriften  niedergelegt  sind.  Für  Rousseau
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        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.  7
Diese  rein  negative  Definition  genügt  aber  nicht,  denn  sie  gestattet ­
  noch  verschiedene  andere  Auslegungen.  Zunächst  würde  man
die  natürliche  Ordnung  im  Sinn  des  Naturzustandes  nehmen
können,  um  sie  dem  Zustand  der  Zivilisation,  der  dann  ein  künstlicher ­
  wäre,  gegenüber  zu  stellen.  In  diesem  Sinne  würde  der  Mensch
um  die  natürliche  Ordnung  zu  finden,  zu  seinem  Anfangszustande
zurückkehren  müssen.
Diese  Auslegung  würde  sich  nicht  nur  auf  gewisse  Stellen  in
den  physiok.ratischen  Werken  y )  stützen  können,  sondern  auch  auf
jene,  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  sehr  starke,  geistige  Strömung,
scheint  die  soziale  Ordnung  die  Lösung  einer  mathematischen  Aufgabe  zu  sein:  Er
stellt  sie  nämlich  hin,  als  ob  sie  gewissen  komplizierten  Voraussetzungen  genügen
Müsse,  die  er  wie  folgt  formuliert:  „Eine  Assoziatiousform  finden,  die  die  Person  und
das  Besitztum  eines  jeden  Gesellschafters  schützt  und  auf  Grund  derer  ein  jeder,
mit  allen  vereint,  doch  nur  sich  selbst  gehorcht  und  ebenso  frei,  wie  vorher,  bleibt.“
Nichts  liegt  der  Auffassung  der  Physiokraten  ferner:  für  sie  gibt  es  nichts,  das  zu
schaffen  oder  zu  finden  wäre.  Die  natürliche  Ordnung  ist  „selbstverständlich“.
Allerdings  glaubte  Rousseau  trotzdem  an  eine  natürliche  Ordnung,  an  die
Stimme  der  Natur,  an  die  angeborene  Güte  des  Menschen  usw.  „Die  ewigen  Gesetze
der  Natur  und  der  Ordnung  bestehen.  Dem  Weisen  dienen  sie  an  Stelle  positiver
Gesetzes  Vorschriften;  das  Gewissen  und  die  Vernunft  haben  sie  ihm  ins  Herz  geschrieben“ ­
  (Emile,  V.).  Genan  die  gleiche  Sprache  führen  die  Physiokraten.  Es
besteht  aber  der  große  Unterschied,  daß  nach  Rousseau  der  natürliche  Zustand  durch
die  gesellschaftlichen  Einrichtungen  (besonders  die  der  Politik,  zu  denen  er  auch  das
Eigentum  rechnet,  unmöglich  geworden  ist,  und  daß  es  sich  darum  handelt,  dem
Volke  den  Gegenwert  dessen,  was  es  verloren  hat,  zurückzugeben.  —  Dies  ist  der
Zweckgedanke  des  Contrat  social:  —  Eür  die  Physiokraten  dagegen  sind  die  gesellschaftlichen ­
  Einrichtungen,  darunter  ganz  besonders  das  Eigentum,  nur  eine  spontane
Entfaltung  der  natürlichen  Ordnung,  die  allerdings  durch  die  gewalttätige  Handlungsweise ­
  der  Regierungen  zur  Unnatur  geworden  ist,  Sobald  aber  diese  Einmischung
aufhört,  würde  auch  die  natürliche  Ordnung  wieder  ihren  normalen  Entwicklungsgang ­
  gehen,  wie  ein  Baum,  von  den  Hemmungen,  die  ihn  gebeugt,  befreit,  sich
wieder  au  flüchtet.  .  ,.
Ein  Hauptunterschied  ist  sodann,  daß  für  die  Physiokraten  die  Begriffe  Eigennutz ­
  und  Pflicht  sich  decken,  da  das  Individuum  beim  Verfolgen  seines  eigenen
Nutzens  das  Wohl  aller  verwirklicht,  während  für  Rousseau  Eigennutz  und  Pflicht
antagonistisch  sind,  die  Pflicht  den  Eigennutz  unterdrücken  muß:  „Das  persönliche
Interesse  steht  stets  im  umgekehrten  Verhältnisse  zur  Pflicht  und  steigert  sich  im
gleichen  Maße  wie  die  Vergesellschaftung  enger,  und  die  Verpflichtungen  weniger
heilig  werden“  (Contrat  social  II,  Kap.  3).  Er  will  damit  sagen,  daß  der  Eigen-  -
nutz  in  der  Familie  oder  der  Korporation  stärker  als  im  Vaterlands  verbände  ist.
ü  „Es  gibt  eine  natürliche  Gesellschaft,  die  jeder  Übereinkunft  zwischen  den
Menschen  vorausgegangen  ist  .  .  .  Diese  selbstverständlichen  Grundsätze  der  vollkommensten ­
  Gesellsobaftsbildung  drängen  sich  von  selbst  dem  Menschen  auf;  ich
meine  dabei  nicht  nur  den  gebildeten  und  wissensdurstigen  Menschen,  sondern  auch
den  einfachen  wilden  Menschen,  so  wie  er  aus  den  Händen  der  Natur  kommt“
(Dupont  I,  S.  341,  24).
Ebenso  -scheinen  einige  Physiokraten  nicht  weit  von  dem  Glauben  entfernt  gewesen ­
  zu  sein,  daß  diese  natürliche  Ordnung  wirklich  in  der  Vergangenheit  bestanden
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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

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die  den  „guten  Wilden“  in  den  Himmel  erhob,  die  die  Literatur  der
Zeit,  z.  B.  in  den  Erzählungen  Voltaike’s,  Didebot’s  und  Makmontel’s
erfüllte,  und  die  wir  in  der  anarchistischen  Literatur  unserer  Tage
wiederkehren  sehen.  Trotzdem  aber  ist  sie  zu  verwerfen.  Nichts
erinnert  weniger  an  einen  Wilden,  als  ein  Physiokrat.  Sie  waren
alle  sehr  „veramtet“;  Juristen,  Intendanten  (was  heute  bei  uns  einem
Regierungspräsidenten  entsprechen  würde,  Anm.  d.  Übers.),  Abbes,
königliche  Leibärzte  usw.,  ganz  erfüllt  von  den  Begriffen  Zivilisation,
Ordnung,  Autorität,  Souveränität  und  besonders  Eigentum,  was  kaum
mit  dem  primitiven  Zustande  des  Wilden  vereinbar  ist.  „Eigentum,
|Sicherheit,  Freiheit  fassen  die  ganze  soziale  Ordnung  zusammen“  1 ).
Sie  neigen  daher  durchaus  nicht  zu  dem  Glauben,  daß  die  Menschen
irgend  etwas  verloren  hätten,  als  sie  vom  wilden  zum  zivilisierten
Zustand  übergingen,  oder  sogar,  wie  Rousseau  behauptete,  daß  sie
im  Naturzustände  freier  wären  und  durch  Annahme  des  Gesellschaftsvertrages ­
  (contrat  social)  ein  Opfer  gebracht  hätten,  noch  daß  sie,
im  Falle  der  Vertrag,  was  meistenteils  eintrat,  leoninisch  ausfiel,  in
Gefahr  gewesen  wären,  nicht  den  Gegenwert  der  aufgegebenen  Vorteile ­
  wiederzufinden.  Hirngespinnste!,  antworten  die  Physiokraten.
Wenn  die  Menschen  vom  Naturzustände  zum  Zustande  der  Zivilisation
übergehen,  so  geben  sie  nicht  nur  nichts  auf,  sondern  gewinnen  im
Gegenteil  alles 2 ).
Bedeutet  „natürliche  Ordnung“  nun,  daß  die  menschlichen  Ge-}
  meinschaften  von  natürlichen  Gesetzen  regiert  werden,  von
Gesetzen,  wie  sie  die  physische  Welt,  oder  besser,  wie  sie  die  tierischen
habe,  und  daß  die  Menschen  sie  durch  ihre  Schuld  verloren  haben.  Duvont  de  Nemours
sagt  wörtlich:  „Wie  aber  haben  die  Völker  diesen  glückseligen  Zustand,  dessen  sie
sich  in  einem  so  frühen  und  so  glücklichen  Altertume  erfreuten,  verlassen  können?
Wie  sind  sie  dazu  gekommen,  die  natürliche  Ordnung  zu  verkennen?“  (I,  S.  25),—
Nichtsdestoweniger  würde  selbst  in  dieser  Auffassung  die  frühere  natürliche  Ordnung
keine  Beziehung  zum  Zustande  des  Wilden  haben,  sondern  mehr  das  vorstellen,  was
die  Alten  mit  dem  „goldenen  Zeitalter“,  die  Christen  mit  dem  „Garten  Eden“  bezeiehneten.
  In  diesem  Sinne  würde  die  natürliche  Ordnung  das  verlorene,  nun
wiederzufindende  Paradies  bedeuten.
Übrigens  erscheint  dieser  Gesichtspunkt  nur  ausnahmsweise  bei  den  Physiokraten; ­
  immerhin  verdient  er  festgestellt  zu  werden,  um  zu  zeigen,  wie  fremd  die
moderne  Entwicklungs-  und  Fortschrittslehre  den  Physiokraten  war.
*)  MeRCIER  DE  LA  BlVTfeRE  II,  S.  615.
„Das  Naturrecht  ist  in  der  Ordnung  der  Natur  unbestimmt  (welche
Antithese!);  „es  wird  es  erst  in  der  Ordnung  des  Rechtswesens  durch  die  Arbeit“
(Qüesnay,  S.  43).
2 )  „Wenn  sie  einen  Gesellschaftsvertrag  eingehen  und  Übereinkommen  zu  ihrem
gegenseitigen  Vorteile  abschließen  werden,  so  werden  sie  den  Gebrauch  ihrer  freien
Naturrechte  vermehren  und  ihrer  Freiheit  keinen  Abbruch  tun,  denn  es  ist  ja  gerade
der  Zustand,  den  ihr  aufgeklärter  Freiheitsbegriff  in  voller  Unabhängigkeit  erwählt
haben  würde“  (Quesnay,  S.  43,  44).
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        y

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.  9
Gemeinwesen  oder  das  innere  Leben  jedes  Organismus  beherrschen?
In  diesem  Falle  müßten  die  Physiokraten  als  Vorläufer  der  organizistischen
  Soziologen  angesehen  werden.  Man  muß  anerkennen,  daß
diese  Auslegung  um  so  annehmbarer  erscheint,  als  Dr.  Quesnay  durch
seine  medizinischen  Studien  über  die  „tierische  Ökonomie“  („L ? economie
animale“  ist  der  Titel  eines  seiner  Bücher)  und  über  den  Blutumlauf
sich  wohl  auf  dem  Wege  dieser  Richtung  befunden  haben  mag;  -die
soziale  Ökonomik,  ebenso  wie  die  tierische  Ökonomie,  hat  ihm  wie
eine  Art  Physiologie  erscheinen  können.  Von  „Physiologie“  bis
„Physiokratie“  ist  es  übrigens  nicht  weit.  Sicherlich  haben  sie  mit
großem  Nachdruck  die  Abhängigkeit  der  Klassen  untereinander,  und
die  Abhängigkeit  Aller  von  der  Erde  betont,  und  sicherlich  heißt  das,
aus  der  sozialen  Wissenschaft  eine  Naturwissenschaft  machen 1 )-Jedoch
  erscheint  uns  auch  diese  Auslegung  ungenügend.  Es  ist
bemerkenswert,  daß  in  der  von  uns  angeführten  Anmerkung  Dupont
dort,  wo  er  von  den  Gesetzen  der  Ameisen  und  Bienen  spricht,  annimmt, ­
  daß  diese  Tiere  „sich  denselben  auf  Grund  gemeinsamer
Zustimmung  und  zu  ihrem  eigenen  Nutzen  unterwerfen“.  Er  scheint
daher  anzunehmen,  daß  auch  die  tierischen  Gemeinwesen  auf  einer
Art  „Gesellschaftsvertrag“  beruhen?  Auf  jeden  Fall  sind  wir  hier
weit  von  einer  Auffassung  der  Gesetzmäßigkeit  entfernt,  wie  sie  den
Naturalisten,  den  Physikern  und  Biologen  geläufig  ist.  Die  Physiokraten ­
  sind  keineswegs  Deterministen.  Nicht  nur  glauben  sie  nicht,
daß  die  natürliche  Ordnung  sich  wie  das  Gesetz  der  gegenseitigen
Anziehung  von  selbst  durchsetzt,  sondern  sie  glauben  überhaupt
nicht,  daß  die  natürliche  Ordnung  in  den  menschlichen  Gemeinwesen
*)  Durour  de  Nemours  sagt:  „Die  natürliche  Ordnung  ist  die  physische  Verfassung, ­
  die  Gott  selbst  dem  Weltganzen  gegeben  hat“  (Einführung  in  die  Werke
Quesnay’s,  S.  21).  Und  an  einer  anderen  Stelle  schreibt  er,  indem  er  den  gleichen
Gedanken  entwickelt:  „Vor  13  Jahren  kam  ein  äußerst  genial  begabter  Naim,  geschult
in  wissenschaftlichem  Denken  und  durch  seine  Erfolge  in  einer  Kunst,  die  als  erste
Bedingung  die  Beobachtung  und  Achtung  der  Natur  verlangt,  schon  bekannt,  zu
dem  Schlüsse,  daß  die  Natur  ihre  physischen  Gesetze  nicht  auf  die  bisher  untersuchten ­
  beschränkt,  und  daß,  wenn  sie  den  Ameisen,  Bienen  und  Bibern  die  Fähigkeit ­
  gibt,  sich  auf  Grund  gemeinsamer  Zustimmung  und  zu  ihrem  eigenen  Nutzen
einer  guten,  gleichmäßigen  und  gleichförmigen  Regierungsform  zu  unterwerfen,  sie
dem  Menschen  nicht  die  Gabe  verweigern  wird,  sich  zu  dem  Genuß  gleicher  Vorteile
aufzuschwingen  Begeistert  von  der  Bedeutung  dieser  Anschauung  und  von  den
folgenschweren  Aussichten,  die  sie  eröffnet,  widmete  er  die  ganze  Schärfe  seines
Verstandes  der  Untersuchung  der  physischen  Gesetze  im  Zusammenhang  mit
der  Gesellschaft“  (I,  S.  338).  , 1A  „  ^
Gerade  diese  naturalistische  Auffassung  stellt  H.  Denis  m  seiner  Histoire
des  Doctrines  als  besonders  charakteristisch  für  das  physiokratische  System  hm
und  illustriert  sie  durch  eine  Reihe  von  Diagrammen,  die  die  Übereinstimmung
zwischen  dem  Güterumlauf  im  physiokratischen  Systeme  und  dem  Kreislauf  des
Blutes  im  lebenden  Körper  beweisen  sollen.
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tatsächlich  so  verwirklicht  sei,  wie  sie  es  im  Bienenstöcke  oder  im
Ameisenhaufen  ist:  diese  stellen  geordnete  Gemeinwesen  vor,  während
die  menschlichen  Gesellschaften  in  ihrem  gegenwärtigen  Zustande
ungeordnet  sind,  weil  die  Menschen  im  Gegensatz  zu  den  unfreien
Tieren,  freie  Wesen  sind.
Was  ist  aber  zuletzt  die  natürliche  Ordnung?  Sie  ist  die  von
Gott  für  das  Glück  der  Menschen  gewollte  Ordnung,  die  Ordnung
der  Vorsehung 1 ).  Um  sie  zu  erkennen,  muß  man  sie  zuerst
lernen,  und  nachdem  man  sie  erkannt  hat,  muß  man  lernen,  sie  zu
befolgen.
Wie  aber  lernen?  Wie  sie  erkennen?  Das  Zeichen,  an  dem
man  die  natürliche  Ordnung  erkennt,  ist  der  „Augenschein“,  die
„Evidenz“.  Die  Physiokraten  gefallen  sich  geradezu  darin,  dieses
Wort  in  ihren  Schriften  beständig  zu  wiederholen 2 ,).  Diese  augenscheinlichen ­
  Tatsachen  müssen  aber  doch  immerhin  erst  bemerkt
werden,  —  auch  das  schärfste  Licht  braucht  ein  Auge,  um  gesehen
zu  werden,  —  welches  Organ  kommt  nun  hier  in  Frage?  Der
Instinkt?  Das  Gewissen?  Die  Vernunft?  Wird  uns  die  Stimme
Gottes,  wie  durch  eine  übernatürliche  Offenbarung,  sagen,  wo  die
Wahrheit  ist?  Oder  wird  uns  die  Stimme  der  Natur  den  rechten
Weg  weisen?  Die  Physiokraten  haben  sich  anscheinend  nicht  um
diese  Frage  gekümmert  (obschon  diese  Stimmen  sich  doch  widersprechen
können),  denn  sie  geben  uns  unterschiedslos  alle  diese  Antworten.
Mercjeb  de  la  Bjvl&amp;amp;ke  erinnert  an  die  Worte  St.  Johanni  über  das
Licht  „das  da  scheinet  an  einem  dunklen  Ort  und  um  jeden  in  die
Welt  Geborenen  Helligkeit  verbreitet“,  was  ein  von  Gott  im  Herzen
jedes  Menschen  angezündetes  Licht  vermuten  ließe,  das  ihm  gestattet,
seinen  Weg  zu  finden.  Nach  Dttpont  hat  Quesnay  erkannt,  daß:
„der  Mensch  nur  Einkehr  bei  sich  zu  halten  braucht,  um  hier  das
köstliche  Verständnis  dieser  Gesetze  zu  finden“,  oder  daß  „ohne  sie
zu  kennen,  die  Menschen  doch  von  einer  unbewußten  Kenntnis  der
Physiokratie  auf  natürliche  Weise  geleitet  werden“  8 ).  Nach  vielen
länderen  Stellen  aber  scheint  diese  unmittelbare  Erkenntnis  nicht  zu
»  ’

] )  „Die  Gesetze  sind  unabänderlich,  sie  gehören  znm  Urwesen  der  Menschen
und  der  Dinge,  sie  sind  der  Willensausdruck  Gottes.“
„Alle  unsere  Interessen,  all  unser  Wollen  vereinen  sich,  .  .  und  bilden  für
unser  gemeinsames  Glück  eine  Harmonie,  die  man  als  das  Werk  einer  gütigen
Gottheit,  die  die  Erde  von  glücklichen  Menschen  bewohnt  sehen
will,  ansprechen  kann“  (Mercjeb  de  da.  Kiviiäms  I,  S.  39U;  II,  S.  638).
2 )  „Es  gibt  einen  natürlichen  Richter  letzter  Instanz  für  alle  Anordnungen,
selbst  für  die  des  Herrschers,  und  dieser  Richter  ist  die  Tatsache  (die  Evidenz)
ihrer  Übereinstimmung  mit,  oder  ihier  Gegensätzlichkeit  zu  den  natürlichen  Gesetzen“
(Dupont  I,  S.  746).
3 )  Dupont,  Introduction  aus  cenvres  de  Quesnay  I,  S.  19  und  26.
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        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

11

genügen,  nra  die  natürliche  Ordnung  aufzudecken,  was  schon  daraus
hervorgeht,  daß  Quesnay  erklärt,  die  Gesetze  der  natürlichen  Ordnung
müssen  „gelehrt“  werden,  daß  dies  sogar  der  Hauptzweck  des  Unterrichts, ­
  und  wie  wir  weiter  unten  sehen  werden,  eine  der  wesentlichen
Aufgaben  des  Staates,  ist.
Zusammenfassend  kann  man  sagen,  daß  die  natürliche  Ordnung
jene  Ordnung  ist,  die  „selbstverständlich“  als  die  beste  allen,  wenn
auch  nicht  gerade  jedem  Beliebigen,  so  doch  jedem  vernünftigen,  gebildeten, ­
  entwicklungsbereiten  Wesen,  wie  es  die  Physiokraten  waren,
erscheint.  Diese  natürliche  Ordnung  war  durchaus  nicht  die,  welche
die  Beobachtung  der  Tatsachen  ihnen  enthüllt  haben  könnte,  sondern
die,  die  sie  selbst  in  sich  trugen.  Und  daher  kommt  es  auch,  daß  unter
anderen  Gesetzen  die  Achtung  vor  dem  Eigentum  und  der  Autorität
ihnen  als  Basis  der  natürlichen  Ordnung  erschien.
Und  gerade  weil  diese  natürliche  Ordnung  auf  diese  Weise  zu
■einer  übernatürlichen  wurde,  nämlich  sich  weit  über  die  Zufälligkeiten ­
  der  Wirklichkeit  erhob,  erschien  sie  ihnen  mit  all  der  ehernen
Größe  der  geometrischen  Ordnung  und  mit  ihrer  Doppeleigenschaft
der  Allgemeingültigkeit  und  Unveränderlichkeit.  Sie  ist  die  gleiche
für  alle  Menschen  und  für  alle  Zeiten.  Sie  ist  die  „einzige,  ewige,
anveränderliche  und  allgemeine  Gesetzesvorschrift“;  sie  ist  tatsächlich
göttlich  und  grundwesentlich. 1 )  Man  glaubt  die  Litanei  des  „Ave
Maria“  zu  vernehmen!  Man  höre  nur  Tubgot  ihre  Allgemeingültigkeit
betonen:  „Wer  nicht  vergessen  kann,  daß  es  voneinander  getrennte
und  verschieden  regierte  Staaten  gibt,  kann  niemals  eine  F 1  er
politischen  Ökonomie  richtig  erfassen“ 2 ),  und  der  gleiche  Tubgot
schreibt  in  bezug  auf  ihre  UnVeränderlichkeit:  „Es  handelt  sich
nicht  um  das  Wissen  von  dem,  was  ist,  oder  dem,  was  war,  sondern
von  dem,  was  sein  soll.  Die  Rechte  des  Menschen  gründen  sich  nicht
auf  seine  Geschichte,  sondern  auf  seine  Natur.“
Diese  dogmatische  und  optimistische  Auffassung  sollte  die  ganze
klassische  und  besonders  die  französische  Schule  beherrschen,  sogar
als  die  Vorsehung  zugunsten  der  „Naturgesetze  ‘  abgedankt  hatte.
Heute  ist  sie  stark  in  Mißkredit  geraten,  aber  als  sie  sich  am
Horizont  erhob,  blendete  sie  aller  Augen.  Daher  auch  all  die  preisenden
Epitheta,  die  uns  heute  überschwänglich  und  fast  lächeilich  )  eischeinen ­
  ;  aber  gering  zu  achten  ist  es  nicht,  einer  neuen  Wissenschaft
Zweck,  Ideal  und  Rahmen  gewiesen  zu-  haben.
Am  bedeutsamsten  ist  jedoch  die  Auffassung  von  der  natürlichen
Ordnung  in  ihren  praktischen  Folgeerscheinungen  hervorgetreten.
•
')  Baudeatj,  Bd.  I,  S.  820.
*).  Brief  an  Mt'e  Lespinasse  (1770).
■&amp;gt;)  Vgl.  weiter  unten  in  betreff  des  „Tableau  economique“.
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12  Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Das  ganze  Gebäude  der  Verordnungen  —  das  „ancien  regime“  als
ökonomische  Gesellschaftsordnung  —,  ist  durch  sie  zusammengebrochen.
Und  das  auf  folgende  Weise:
Es  genügt  nicht,  diese  natürliche  Ordnung  zu  kennen:  man  muß
sich  auch  danach  richten.  Wie  soll  das  geschehen?  Nichtseinfacher,
da  ja  diese  natürliche  Ordnung  „tatsächlich  die  dem  menschlichen
Geschlechte  vorteilhafteste  ist“  *).  Nun  aber  wird  jeder  Einzelmenscb
„ganz  natürlich“  dem  Weg  zu  folgen  wissen,  der  für  ihn  der
vorteilhafteste  ist.  Er  wird  ihn  in  aller  Freiheit 2  3 )  linden,  ohne  daß
irgendein  Zwang,  irgendein  Polizeisäbel  nötig  ist,  der  ihn  vorwärts
treibt.
Die  psychologische  Wage,  die  jeder  Mensch  in  sich  trägt  —  und
die  man  viel  später  das  hedonistische  Prinzip  nannte  —  das  die
Grundlage  der  neo-klassischen  Schule  ist,  wird  schon  von  Qoesna*
prachtvoll  ausgeführt 8 ).  „Den  größtmöglichen  Genußzuwachs  bei
größtmöglicher  Ausgabeverminderung  erreichen,  stellt  Vollkommenheit
des  Wirtschaftens  vor.“  Das  ist  also  auch  die  natürliche  Ordnung-Und
  wenn  ihr  jeder  folgt,  so  wird  diese  Ordnung,  anstatt  gestört  zu
werden,  nur  dadurch  gestärkt.  „Es  beruht  auf  dem  Wesensgrundsatz
der  Ordnung,  daß  der  Vorteil  eines  Einzelnen  niemals  vom  Vorteil
Aller  getrennt  werden  kann,  und  dies  tritt  unter  der  Herrschaft  der
Freiheit  ein.  Die  Welt  läuft  dann  von  selbst.  Das  Trachten  .
nach  Wohlleben  übt  auf  die  Gesellschaft  einen  Bewegungsantrieb
aus,  der  zu  einem  beständigen  Streben  nach  dem  bestmöglichen  Zustande ­
  wird 4  5  *  * ).  Das  heißt  alles  in  allem:  es  gibt  nur  eins;  die
Dinge  gehen  lassen  (laisser  faire) B ).
Diese  berühmten  Worte  sind  seit  150  Jahren  so  oft  wiederholt
oder  kritisiert  worden,  daß  sie  banal  erscheinen;  damals  aber  waren
sie  es  sicherlich  nicht.  Es  ist  leicht,  heute  diese  Sozialpolitik  als  z u

&amp;gt;)  Baüdeau,  Ephemerides  du  Citoyen  et  passim.
s )  „Die  Gesetze  (der  natürlichen  Ordnung)  hindern  in  nichts  die  Freiheit  de«
Menschen  .  .  .  denn  die  Vorteile  dieser  höchsten  Gesetze  sind  ganz  offenbar  das  ZI®*
der  besten  Wahl,  die  die  Freiheit  treffen  kann.“  (Quesnay,  Natürliches  Rechb
—  droit  naturel  —  S.  55.)  Und  Mercier  de  la  BiviSre  sagt  (Bd.  II,  S.  617):  n Ü’ e
Aufrechterhaltung  des  Eigentums  und  der  Freiheit  läßt  ohne  Zuhilfenahme  irgendeines ­
  anderen  Gesetzes  die  vollkommenste  Ordnung  herrschen.“

3 )  Dialogues  sur  les  artisans  (Gespräche  über  die  Handwerker).

4 )  Mercier  de  la  BivikRE,  Bd.  II,  S.  617.

5 )  Der  Ursprung  dieses  berühmten  Ausspruches  ist  sehr  unsicher.  Mehre r ®
Physiokraten,  besonders  Mirabeau  und  Mercier  de  la  Biviere  sprechen  ihn  Vinc® D
de  Gournay  (s.  weiter  unten)  zu,  aber  Turgot,  der  doch  ein  Freund  Vin ceD

de  Gournay’s  war,  und  eine  Lobrede  auf  ihn  verfaßt  hat,  schreibt  ihn  (in  et')' 4
anderer  Form  —  laßt  uns  nur  machen  -—  laissez-nous  faire  —)  einem  Kaufmann  &amp;lt;*

Zeit  Colbert’s,  Legendre,  zu.  Nach  Onckek  stammt  das  Wort  vom  Marquis  d’Argen8°®j

der  es  in  seinen  Memoiren  schon  1736  gebraucht.  Da  das  Wort  an  sich  recht-  bs®  ’
ist  und  nur  deshalb  einigen  Wert  hat,  weil  es  die  Devise  einer  großen  Schule  6
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        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

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  und  kindlicli  zu  verspotten  und  nachzuw  &amp;gt;  der
dieses  Übereinstimmen  der  Einzelinteressen  unter  sic  i  „■  pnen
Allgemeinheit  noch  namentlich  diese  allgemeine  Kenn  m  .
Vorteils  durch  die  Tatsachen  bestätigt  wird.  Ganz  ^  eic  JL.  ’  dpr
war  vielleicht  notwendig,  daß  dieser  Optimismus  an  er  g
neuen  Wissenschaft  stand.  Man  kann  eine  Wissen  sc
bauen,  wenn  man  nicht  an  eine  gewisse  vorbestimmte  1  g  g  •
Dies  „gehen  lassen“  bedeutet  übrigens  nicht,  a  alismus.
wäre;  es  war  weder  eine  Lehre  der  Untätigkeit  noc  1  o-erade
Im  Gegenteil,  das  Einzelwesen  hat  alles  zu  tun,  da  es  _  J  g
darum  handelt,  jedem  das  Feld  frei  zu  lassen,  ’LinvJi  nt  pressen
man  heute  sagt  —,  ohne  zu  befürchten,  daß  die  Ei  ,  aden _
miteinander  zusammenstoßen  oder  dem  Allgemeinin  eie  .  ,  d j e
Die  Regierung  wird  allerdings  weniger  zu  tun  ha  en
Aufgabe,  die  ihr  die  Physiokraten  übertragen  immerhin  keine  bme
kure  sein,  da  sie,  wie  wir  sehen  werden,  die  künstlich  geschaffenen
Hemmungen  zu  beseitigen,  das  Eigentum,  die  Freu  -  e  Gesetze
die,  die  hiergegen  verstoßen,  zu  bestrafen  und  vor
der  natürlichen  Ordnung  zu  lehren  hat.
§  2.  Der  Reinertrag.
'  Die  natürliche  Ordnung  der  Physiokraten
Tatsachen;  wenn  sie  sich  auf  dieses  Allgemein  -  den  der
würden  ste  eher  den  Titel  der  Begründer  der  Soziolog  e,
Begründer  der  Ökonomik  verdient  haben  Aber  in^d^  Auf _
Ordnung  gab  es  ein  rein  wirtschaftliches  ^  hypno tisierte,
merksamkeit  ganz  in  Anspruch  nahm  und  s  die  Eo]le  des
daß  es  sie  in  eine  fälsche  Richtung  dr “®£®'  die  falscheste,  aber
Bodens  in  der  Gütererzeugung.  Hiei  finden  T.ehre.
auch  die  bezeichnendste,  Auffassung  der  physio  bedingt  not-«•
  Haüdluug  .  zum  Zweck  der  G.«e = üg  betagt  ^
wendigerweise  gewisse  Ausgaben,&amp;gt;  selbstverständlich  von
Worten:  einen  gewissen  Guterverbraucn,  Q  „hzn/iehen
dea  im  Laote  der  Ghtererae«SH„fdTr^SchW  dertSc5*
die  Physiokraten,  und  alle  nach  ihnen,  den  „  einei  »  p
Jedoch  glaubten  die  Physiokraten,  daß  dieser  Reinertrag  nur  in.
,  '  ",  ,  ,.  „  1  rrpTi  wenig  Interesse.  Siehe  auch  über  die  Frage
worden  ist,  haben  diese  Fo«Junpfen  w  8  vincent  de  Gonrnay  (1897)  und
dieses  kleinen  Problems  das  Buch  bcHEi  &amp;gt;  ß  1886).
besonders  Oncken,  Die  Maxime  Laisser-faire  et  laissez  passer

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        14

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

einer  einzigen  Kategorie  der  Gütererzeugung,  in  der  Landwirtschatt
existiere.  Nur  dort,  sagten  sie,  übersteigen  die  erzeugten  Güter  die
verbrauchten:  der  Landarbeiter  erzeugt,  abgesehen  von  Unglücksfällen, ­
  mehr  Getreide  als  er  verbraucht,  einschließlich  nicht  nur  des
zur  Aussaat  gebrauchten  Saatgutes,  sondern  auch  des  von  ihm  als
Nahrung  während  des  Jahres  verbrauchten  Getreides.  Und  weil  die
landwirtschaftliche  Gütererzeugung  diese  einzige  und  wunderbare
Fähigkeit  des  Reinertrages  hat,  konnte  die  Spartätigkeit  einsetze®
und  die  Zivilisation  entstehen 1 ).
In  allen  übrigen  Zweigen  der  Gütererzeugung  ist  es  anders;
weder  im  Handel  noch  im  Transport  erzeugt  die  Arbeit  des  Mensche®
irgend  etwas,  da  ja  die  schon  erzeugten  Güter  nur  ausgetauscld
werden  oder  Ortsveränderungen  unterliegen.  Auch  die  Tätigkeit  de®
Handwerkers  beschränkt  sich  auf  die  Veränderung,  Mischung  od#
Zusammenfügung  der  Rohstoffe  2 ).  Man  wird  einwerfen,  daß  die  Arbeit
den  Wert  vermehrt?  Wohl  richtig,  aber  nur  im  Maßstabe  der  WerFi
die  sie  selbst  verbraucht,  denn  der  Preis  der  Handarbeit  stell*
nichts  weiter  dar,  als  den  Preis  der  zum  Unterhalt  des  Handwerke® 6
nötigen  Verbrauchsgüter.  In  Frage  kommt  nur  eine  Addition  vo®
verschiedenen  aufeinanderfolgenden  Werten,  ebenso  wie  es  sich  n® 1
um  ein  Zusammenfügen  verschiedener  Rohstoffe  handelt.  „Und“,  sag*
La  Rive&amp;amp;be,  „Addieren  ist  nicht  Multiplizieren“  3 ).
Infolgedessen  nennen  sie  die  Fabrikanten  eine  unproduktiv
—  sterile  —  Klasse.  Mit  dieser  Bezeichnung  haben  sie  aber  durch'

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1 )  „Das  Glück  der  ganzen  Menschheit  ist  eng  mit  dem  größtmöglichen  R eli:
ertrag  verbunden“  (Duront"  de  "NTT"Öri  gine  d’une  Science  nouvelle  —  Ü r 1
Sprung  einer  neuen  W  issenschaft,  S.  346).
2 )  Die  Arbeit,  die  sich  nicht  mit  dem  Boden  beschäftigt,  ist  vollständig  tlB
produktiv,  denn  der  Mensch  ist  nicht  Schöpfer“  (Le  Trosne,  S.  942).
„Die  natürliche  Tatsache,  daß  die  Erde  die  Quelle  aller  Güter  ist,  ist  an  sich  sei 1 ®!'
so  selbstverständlich,  daß  niemand  sie  bezweifeln  kann“  (Derselbe,  Intergt  soci®'®
„Die  Erzeugnisse  des  Bodens  zerfallen  in  zwei  Teile,  das  was  üb r) ®
bleibt,  ist  jener  unabhängige  und  verwendungsbereite  Teil,  den  die  Erde  als  re 1 ®?*
Geschenk  über  die  Vorschüsse  und  über  den  Arbeitslohn  hinaus  dem  gibt,  der  3  *  *
bearbeitet“  (Turgot,  Reflexions  snr  la  formation,  usw.).  i
„Die  von  den  Handwerkern  den  Rohstoffen  gegebenen  Formen  sind  gut  ®®
»schön,  aber  vor  ihrer  Arbeit  müssen  andere  schon  Güter  erzeugt  haben;  erst®
alle  Rohstoffe,  zweitens  alle  Nahrungsmittel.  Nach  ihrer  Arbeit  müssen  andere  &amp;lt;*  .
erzeugen,  womit  sie  entschädigt  oder  bezahlt  werden.  Im  Gegensatz  hierzu  erzeüo  j
die  Landwirte  als  erste  uud  einzige,  alles,  was  sie  verwenden,  alles,  was  sie  ®
Andere  verbrauchen.  Hierin  liegt  der  Unterschied  zwischen  produktiv  und  11
produktiv“  (Batjdeau,  Briefwechsel  mit  Graslin).  ^
3 )  Ein  Weber  kauft  für  150  Fr.  Nahrungsmittel  und  Kleidung  und  für  50  J
Flachs,  den  er  als  Leinewand  für  200  Fr.  verkauft,  welche  Summe  dem  AuVf^j
gleich  ist“  (Mercier  de  la  Rivere  II,  S.  598).  „Die  Industrie  überdeckt,  S°®?«
um  Schicht,  einen  Wert  mit  weiteren  Werten,  aber  sie  schafft  keinen,  der  ü J '
schon  vorher  bestanden  hätte“  (Derselbe).

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        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

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aus  keine  Mißachtung  der  Fabrikanten  oder  Kaufleute  ausdrücken
.  wollen.  „Weit  entfernt,  unnütz  zu  sein,  sind  diese  Beschäftigungen
,  ,  lln( i  die  Stütze  des  Lebens,  die  Erhaltung  und  das  Glück
des  Menschengeschlechtes“  x ).  —
^  s i n d  nur  unproduktiv  in  dem  Sinne,  daß  sie  keine  neuen
„Keichtümer“  erzeugen.
man  ilmen  entgegen,  daß  die  Fabrikanten  und  Kaufleute
,are  sogar  viel  mehr  als  die  Landwirte  verdienen,  so  erwidern
zeit  '  ie  1  hysiokraten:  Das  hat  nichts  zu  sagen!  Diesen  Gewinn  „er-  j
zeugen  die  Arbeiter  nicht,  sie  „gewinnen“ l  2  * )  ihn;  es  handelt  sich  j
c  a  ei  t e diglich  um  Keichtümer,  die  von  Anderen  auf  sie  übertragen  j
werden..  Von  wem  nun?  Ausgerechnet  von  den  Landwirten!  Sie
ie  ara  il^^en  nicht  nur  alle  Rohstoffe  für  ihre  Erzeugnisse,  sondern
auch  selbstverständlich  alles,  was  sie  in  irgendeiner  Form  verbrauchen.
'. e  ^'beiter  sind  die  Bedienten  oder,  wie  Turgot  sie  nennt,  die
•  ipendienempfänger  der  landwirtschaftlichen  Klasse 8 ).  Die  Landwirte ­
  können  zur  Not  sich  selbst  genügen  und  so  den  ganzen  Rein-*;
 r  ra £  fär  sich  behalten.  Da  sie  aber  ihren  Vorteil  dabei  finden,
assen  sie  sich  von  dem  Handwerker  ihre  Kleider  machen,  ihre  Häuser
auen,  ihre  Werkzeuge  herstellen  und  entlohnen  ihn  natürlich  dafür
rait  e ’iiein  mehr  oder  weniger  großen  Teil  des  Reinertrages 4 ).  Es
l )  Baudeau,  Ep  hem.,  1770,  IX.  „Man  kann  sogar  finden,  daß  die  Kaufleute
was  weit  gehen,  wenn  sie  sagen:  „Warum  achtet  man  nicht,  gleiche  Verhältnisse
vorausgesetzt,  den,  der  verkauft,  ebenso  wie  den,  der  gibt?  Der  Bedarf  gibt
Handel,  wie  der  Wohltätigkeit  ihre  Bedeutung“  (Du  marchand  de  grains,
Uber  den  Getreidehändler,  —  Journal  de  l’Agriculture,  du  Commerce  et  des
'inances,  Dezember,  1773,  von  Curmond,  1900  in  einer  Dissertation  über  den  Gereniehandel
  angeführt).  Man  muß  betonen,  daß,  „unproduktiv“  oder  „steril“  in  der
'  prache  der  Physiokraten  keineswegs  „unnütz“  bedeutet.  Sie  waren  genügend  in-®
  l £ ent &amp;gt;  um  zu  verstehen,  daß  die  Arbeit  des  Webers,  der  aus  dem  Plachs,  Leinedies'
  ’  der  Wo,le &amp;gt;  Tncl1  macht,  ebenso  nützlich  wie  die  des  Landwirts  ist,  der
.  achs  und  diese  Wolle  produziert,  oder  vielmehr,  daß  seine  Arbeit  ohne  die
l ai  ?.  l* 5068  ganz  unnütz  wäre.  Mehr  noch:  man  müßte  wissen,  wozu  der  Boden
Arbeit' r !| 8C * ia ** ; ** c b  benutzt  wird,  ehe  man  die  Behauptung  aussprechen  darf,  daß  die
mao-  it  8  Sandmannes  nützlicher  ist,  als  die  des  Webers  oder  Maurers.  Das
sinnlos 6  ten ’  Wenn  der  Boden  zur  Erzeugung  von  Brotkorn  benutzt  wird,  wäre  aber
S ’  xv , enn  er  mit  Rosen  oder  gar  mit  Maulbeerbäumen  zum  Zweck  der  Seidenraupenzucht ­
  bestellt  wird.
2 )  Le  Tiiosne,  S.  945.
).  Eine  unter  der  Feder  Turgot's  um  so  bemerkenswertere  Bezeichnung,  da  er.
vie  wir  weiter  uuten  sehen  werden,  weniger  ausschließlich  für  die  Landwirtschaft
ingenommen  und  der  Industrie  günstiger  gesinnt  war,  als  die  Physiokraten.
i’n  r~  ersc bm n  notwendig,  einfach  und  natürlich,  die  zahlenden  Menschen,  die
s I 8 .r ter  "Mittelbar  der  Xatur  verdanken,  von  den  bezahlten  Menschen  zu  unter-'•
  e ! den &amp;gt;  dle  Güter  uur  als  Entlohnung  für  nützliche  oder  angenehme  Dienste  die
en  ersteren  leisten,  erhalten  können“  (Ddpont  I,  S.  14i).
)  sich  brauche  Leute,  die  mir  den  Dienst  einer  Stoffbereitnng  für  meine

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

ist  allerdings  leicht  möglich,  daß  die  Handwerker,  wie  es  viele  Bediente ­
  vornehmer  Häuser  tun,  große  Profite  auf  Kosten  ihrer  Herrschaft ­
  ein  stecken.
„Sterile“,  unproduktive  Klassen  sind  also  in  der  physiokratischen
Terminologie  einfach  solche,  die  ihren  Unterhalt  aus  zweiter  Hand
empfangen.  So  sehr  sie  jedoch  versucht  haben,  dieses  unglückliche
Wort  zu  erklären,  es  erschien  doch  so  ungerecht  gegenüber  einer
ganzen  Arbeitsgattung,  die  vielleicht  mehr  als  jede  andere  die  Völker
bereichert  hat,  daß  das  physiokratische  System  dadurch  unheilbar
diskreditiert  wurde.
Es  ist  eine  umstrittene  Frage,  ob  die  Physiokraten  die  Erzeugung
eines  Reinertrages  nur  der  Landwirtschaft  zusprachen  oder  das  Gleiche
von  der  Förderindustrie,  den  Bergwerken  gelten  ließen.  Man  behauptet
es  gewöhnlich,  wenn  auch  infolge  der  wenigen  und  sich  widersprechenden
Stellen  ihrer  Schriften  kein  vollgültiger  Beweis  geführt  werden  kann.
Man  kann  hierüber  im  Zweifel  sein,  denn  wenn  einerseits  die  Bergwerke ­
  unbestritten  dem  Menschen  neue  Güter  zubringen,  Rohstoffe,
genau  wie  der  Boden  und  das  Meer,  so  sind  doch  andererseits  Boden
und  Meer  sich  beständig  erneuernde  Quellen  des  Lebens,  was  für  die
Bergwerke  keineswegs  zutrifft.  Wie  Turgot  sehr  richtig  sagt:  „Ein
Feld  erzeugt  Frucht  Jahr  für  Jahr  ...  Für  eine  Erzgrube  gilt  nicht
dasselbe;  sie  erzeugt  keine  Früchte,  sondern  ist  selbst  die  zu
pflückende  Frucht“.  —  Daraus  schließt  er,  daß  Bergunternehmungen ­
  ebensowenig  einen  Reinertrag  liefern,  wie  die  Fabriken.
„Wenn  jemand  aus  der  Grube  einen  Reinertrag  zieht,  so  ist  das  der
Eigentümer  des  Grund  und  Bodens“,  aber,  fügt  er  hinzu,  dieser  Reinertrag ­
  ist  unbedeutend 1 ).
Dieser  Grundunterschied,  den  die  Physiokraten  zwischen  der
landwirtschaftlichen  und  der  industriellen  Erzeugung  aufstellten,

Kleidung  leisten,  wie  ich  jemanden  brauche,  der  mir  Ratschläge  über  meine  Gesundheit ­
  und  meine  Geschälte  gibt  oder  einen  Diener,  der  mir  dient“  (Le  Trosnb,  S.  949).
’)  Vgl.  hierüber  eine  interessante  These  von  Pehvinqüiübe,  Contribution  ä
l’etude  de  la  productivite  dans  la  physiocratie  (Beiträge  zum  Studium
der  Produktivität  in  der  Physiokratie).
Die  Gleichgültigkeit  der  Physiokraten  in  der  Präge  der  Bergwerke  zeigt  eine
gewisse  Lücke  des  wissenschaftlichen  Geistes,  denn  diese  Präge  hätte,  auch  von  ihrem
Gesichtspunkte  aus,  eine  ganz  besondere  Bedeutung  haben  sollen.  Die  Rohstoffe
galten  ihnen,  ebenso  wie  die  Nahrungsmittel,  als  Grundform  des  Reichtums.  Die
Rohstoffe  werden  aber  ebenso  sehr,  und  mehr  noch  als  vom  Boden,  von  Bergwerken
geliefert,  was  schon  zu  ihrer  Zeit  der  Fall  war.  In  der  Geschichte  der  Menschheit
hat  das  Eisen  keine  geringere  Rolle,  als  das  Korn  gespielt  Vielleicht  hätten  sie
bemerkt,  daß  auch  die  Landwirtschaft  nur  eine  Förderindustrie  und  der  Landvvirt
eine  Art  Bergarbeiter  ist,  der,  um  die  Rohstoffe  des  Bodens  zn  gewinnen,  sich  der
Pflanze  als  Zwischenglied  bedient,  so  daß  die  Erde  sich  ebenso  wie  eine  Grube
erschöpfen  muß.
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        4

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

17

stammt  aus  der  Theologie.  Die  Erzeugnisse  des  Bodens  sind  das
Werk  Gottes,  und  allein  Gott  ist  Schöpfer,  während  die  Erzeugnisse
der  Kunstfertigkeiten  Menschenwerk  sind  und  dem  Menschen  keine
Schöpferkraft  innewohnt 1 ).  Es  ist  leicht,  ihnen  zu  antworten,  daß
Gott,  wenn  er  allein  Schöpfer  ist,  ebenso  Schöpfer  bleibt,  wenn  er
uns  unsere  Kleidung,  als  wenn  er  uns  unser  tägliches  Brot  gibt,  daß
der  Mensch,  wenn  er  nur  umformen,  nicht  erschaffen  kann,  diese
Tätigkeit  ebenso  in  der  Bearbeitung  des  Bodens,  wie  in  der  des
Eisens  oder  des  Holzes  ausübt.  Selbstverständlich  kann  die  Landwirtschaft, ­
  ebenso  wie  alle  anderen  Industrien  die  Materie  nur  umformen. ­
  Ein  zweites  kann  es  nicht  geben.  Die  Physiokraten  haben
nicht  fassen  können  —  vielleicht  weil  Lavoisier  es  noch  nicht  gelehrt ­
  hatte  —  daß  in  der  Natur  nichts  sich  erzeugt  und  nichts  verloren ­
  geht,  daß  das  in  die  Erde  gesäte  Getreidekorn  seine  Ähren
ebenso  aus  Stoffen  des  Bodens  und  der  Luft,  Gramm  für  Gramm,  zusammensetzt, ­
  wie  der  Bäcker  aus  demselben  Korn,  Wasser,  Salz  und
Hefe  Brot  macht.
So  blind  jedoch  waren  die  Physiokraten  nicht,  zu  übersehen,  daß
die  Naturgüter  und  das  Getreide  selbst,  genau  wie  die  Industrieerzeugnisse
  Preisschwankungen  auf  dem  Markte  unterworfen  sind,
und  daß  sich  der  Reinertrag,  bei  einem  zu  großen  Tiefstand  des
Preises  in  Nichts  auflöst.  Wie  erzeugt  in  diesem  Falle  die  Erde
noch  einen  Wert?  Und  was  macht  den  Wertunterschied  zwischen
landwirtschaftlichen  und  industriellen  Erzeugnissen  aus?  Man  versteht ­
  dies  nicht  mehr.
Wahrscheinlich  war  in  der  Vorstellung  der  Physiokraten  der
»gute  Preis“,  d.  h.  der  Preis,  der  einen  Mehrwert  über  die  Produktionskosten ­
  einschloß,  das  normale  Ergebnis  der  natürlichen  Ordnung.
Wenn  der  Preis  unter  das  Niveau  der  Produktionskosten  sank,  war
die  natürliche  Ordnung  zerstört,  und  es  war  nicht  erstaunlich,  daß
in  diesem  Falle  der  natürliche  Wert  verschwand.  Dies  soll  ohne
Zweifel  in  dem  ziemlich  rätselhaften  Satze  Quesnay’s  ausgesprochen
werden,  wo  er  sagt:  „Fülle  und  Billigkeit  ist  nicht  Reichtum.  Knappheit ­
  und  hohe  Preise  ist  Armut.  Fülle  und  hohe  Preise  ist
Wohlleben“  2 ).
Wohl  bemerkt  aber,  wenn  der  „gute  Preis“  nur  der  Wertüberschuß ­
  des  Erzeugnisses  über  die  Produktionskosten  ist,  so  wird  dieser
1 )  „Die  Arbeit,  ausgenommen  die  Bearbeitung  des  Bodens,  ist  überall  unproduktiv
(steril),  denn  der  Mensch  ist  nicht  Schöpfer“  (Le  Trosnk,  S.  942).
„Der  Boden  besitzt  diese  Fähigkeit  (die  Fruchtbarkeit)  kraft  der  Allmacht  des
Schöpfers  und  des  Segens,  den  er  am  Anbeginn  über  ihn  aussprach;  eine  unerschöpfiche
  Quelle  der  Fruchtbarkeit  der  Natur.  Der  Mensch  findet  diese  Fähigkeit  vor;
er  tut  weiter  nichts,  als  sich  ihrer  zu  bedienen“  (id.  Interet  social,  Kap.  I,  §  2).
)  Quksnay,  S.  325.
Oide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen  2.  Aufl.  2
        <pb n="41" />
        18

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Mehrwert  nicht  öfter  und  nicht  seltner  in  der  landwirtschaftlichen
als  in  der  industriellen  Produktion  in  Erscheinung  treten.  Er  wird
sich  in  der  einen  nicht  mehr  als  in  der  anderen  überall  dort  bemerkbar ­
  machen,  wo  beide  dem  Gesetz  der  Konkurrenz  unterworfen
sind;  im  Gegenteil  wird  er  überall  dort,  wo  ein  Monopol  besteht,  in
der  einen  wie  der  anderen  auftreten.  Es  bleibt  daher  nur  die  Frage,
ob  Monopolwerte  in  der  landwirtschaftlichen  Produktion  öfter  als  in
der  industriellen  Produktion  Vorkommen.  Ganz  allgemein  kann  man
diese  Frage  bejahen,  da  die  Menge  des  Bodens  der  Natur  der  Sache
nach  begrenzt  ist,  und  infolgedessen  bleibt  ein  gewisser  Teil  Wahrheit ­
  in  der  physiokratischen  Theorie  bestehen,  —  obgleich  die  Aufstellung ­
  von  Schutzzöllen  in  jedem  Lande  und  die  landwirtschaftlichen ­
  Krisen  bezeichnend  genug  für  den  starken  Einfluß  der  Konkurrenz ­
  auf  den  Boden  sind.  Jedenfalls  ist  dies  aber  nur  eine  Frage
der  Praxis.
Der  Reinertrag  im  physiokratischen  Sinne  ist  also  nur  eine
Illusion;  er  kann  weder  in  der  Schöpfung  eines  Stoffes,  noch  in  der
eines  Wertes  gesucht  werden.  Diese  Illusion  läßt  sich  aber  aus
dem  geschichtlichen  Milieu,  in  dem  die  Physiokraten  lebten,  erklären.
Was  sahen  sie  damals?  Eine  ganze  Klasse  von  Menschen,  der  Ade!
und  die  Geistlichkeit,  lebten  von  den  Pachterträgnissen  ihrer
Ländereien;  wie  aber  hätten  sie  leben  können,  wenn  die  Erde  nicht
die  Kraft  gehabt  hätte,  außer  den  von  den  Bauern  verbrauchten
Erzeugnissen  noch  den  nötigen  Überschuß  hervorzubringen,  um  den
Besitzern  die  Möglichkeit  einer  vornehmen  Lebensführung  zu  gewähren? ­
  Es  wirkt  ganz  eigentümlich,  wenn  man  bedenkt,  daß  sie
wohl  in  den  Handwerkern  Stipendienempfänger  im  Dienste  der  Landwirte ­
  sahen,  aber  nicht  auf  den  Gedanken  kamen,  daß  die  müßigen
Landbesitzer  ebensogut  als  Stipendienempfänger  der  Pächter  angesprochen ­
  werden  könnten.  Wenn  es  zu  ihrer  Zeit  eine  zahlreiche
Klasse  von  Aktionären  gegeben  hätte,  denen  ihre  Renten  gestatteten,
ein  ebenso  „vornehmes“  Leben  zu  führen,  würden  die  Physiokraten
wahrscheinlich  auf  das  Bestehen  eines  industriellen  Reinertrages  geschlossen ­
  haben.
Der  Gedanke,  daß  die  Natur  oder  Gott  mittels  der  Erde  Werte
schafft,  war  übrigens  ziemlich  eingewurzelt,  da  ja  A.  Smith,  wie  wir
sehen  werden,  ihn  noch  bis  zu  einem  gewissen  Grade  gelten  läßt.
Erst  bei  Ricaedo  erscheint  das  Einkommen  aus  Grundbesitz,  in  vollständiger ­
  Umkehrung  der  Rollen,  nicht  mehr  als  ein  Segen  der  Natur
und  des  Bodens,  als  alma  parens,  mit  der  Bestimmung,  zugleich
mit  dem  Wachstum  der  natürlichen  Ordnung  größer  zu  werden,
sondern  als  eine  Folge  der  Beschränktheit  und  wachsenden  Unfruchtbarkeit ­
  des  Bodens;  nicht  mehr  als  ein  Gratisgeschenk  Gottes  an  die
        <pb n="42" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

19

Menschen,  sondern  als  eine  von  dem  Grundbesitzer  dem  Verbraucher
auferlegte  Steuer.  Es  nennt  sich  dann  auch  nicht  mehr  Reinertrag,
sondern  Rente.
Was  die  Bezeichnung  „unproduktiv“  anlangt,  die  aller  Arbeit
außer  der  landwirtschaftlichen  gegeben  wurde,  so  werden  wir  sehen,
wie  sie  sich  verwischte,  und  wie  die  Bezeichnung  produktiv  nach  und
nach  jeder  Arbeitsgattung,  erst  der  Industrie,  dann  dem  Handel,  zuletzt ­
  den  freien  Berufen  zugesprochen  wurde.  Um  nur  bei  der  Industriearbeit ­
  zu  bleiben,  so  genügt  die  Bemerkung,  daß  auch,  wenn  sie
weiter  nichts,  als  den  Gegenwert  des  verbrauchten  Wertes  produzierte,
dies  allein  schon  die  Bezeichnung  „unproduktiv“  verbieten  würde;
sonst  würde,  wie  A.  Smith  witzig  bemerkt,  jede  Ehe  unproduktiv  —
steril  —  sein,  die  nicht  mehr  als  zwei  Kinder  erzeugt.  Die  Behauptung,
daß  addieren  nicht  multiplizieren  sei,  ist  Unsinn,  denn  wir  haben
schon  nachgewiesen,  daß  auch  die  Landwirtschaft  nur  zusammenzählen ­
  kann.  Übrigens  lehrt  schon  die  Arithmetik,  daß  Multiplizieren
nur  eine  abgekürzte  Form  der  Addition  ist.
Es  ist  eine  merkwürdige  Tatsache,  daß  unter  allen  Einkommensarten ­
  gerade  die  für  die  berechtigtste  und  höchststehende  gehalten
'wurde,  die  nicht  das  Ergebnis  der  Arbeit  war,  und  die
s Päterhin  unter  dem  Namen  Bodenrente  am  schwierigsten  zu  rechtartigen
  sein  sollte.
Muß  man  nun  folgern,  daß  die  physiokratische  Agrartheorie  des
Reinertrages  vollständig  unproduktiv  —  steril  —  gewesen  sei  ?  Nein.
Vom  geschichtlichen  Standpunkt  aus  hat  sie  zunächst  das  glückliche ­
  Ergebnis  gehabt,  den  damals  herrschenden  volkswirtschaftlichen
Uehren  entgegenzuwirken,  dem  Merkantilismus,  der  behauptet,  neuer
Reichtum  könne  nur  durch  den  Handel,  und  ein  Reinertrag  nur  durch
hie  Ausbeutung  fremder  Völker  oder  der  Kolonien  entstehen.
Die  Physiokraten  haben  über  die  Merkantilisten  und  dieOolbertisten
hinweg  Sully  die  Hand  gereicht,  der  die  Quelle  des  Nationalreichtums
„in  den  beiden  Brüsten  Getreidebau  und  Viehzucht“,  sah.  Es  ist  tatsächlich ­
  bemerkenswert,  daß,  trotz  ihres  Irrtums  die  Landwirtschaft
seitdem  den  Rang,  den  die  Physiokraten  ihr  gegeben  haben,  nicht
wieder  verloren  hat;  diese  starke  Betonung  der  Landwirtschaft,  eine
recht  unerwartete  Folgeerscheinung,  ist  ein  Hauptfaktor  in  dem
Wiedererwachen  der  Schutzzollidee  gewesen,  so  daß  die  freihändlerischen ­
  Physiokraten  von  dem  Erfolg  ihrer  eigenen  Lehre  verraten
wurden  ....  Es  ist  jedoch  keineswegs  sicher,  daß  sie  nicht  heute
für  einen  landwirtschaftlichen  Schutzzoll  eintreten  würden!  Dies  ist
auch  die  Meinung  des  Nationalökonomen  Oncken,  der  sie  am  eingehendsten ­
  studiert  hat. 1 ).  —
')  Geschichte  der  National-Ökonomie,  I,  Teil:  Die  Zeit  vor  Adam
        <pb n="43" />
        20

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Und  wenn  auch  der  Unterschied,  den  die  Physiokraten  zwischen
Landwirtschaft  und  Industrie  zu  sehen  meinten,  größtenteils  nur  in
ihrer  Einbildung  vorhanden  ist,  so  bleibt  es  doch  wahr,  daß  die  Landwirtschaft ­
  durch  ihre  zweckvolle  Auslösung  der  pflanzlichen  und
tierischen  Kräfte  des  Lebens  einzigartig  dasteht.  Und  diese  geheimnisvolle ­
  Lebenskraft  —  vielleicht  dieselbe,  die  die  Physiokraten
unter  dem  Namen  Natur  undeutlich  zu  erkennen  glaubten  —  scheint
nicht  den  physikalisch-chemischen  Kräften  gleichgesetzt  werden  zu
können:  sie  besitzt  in  der  Tat  besondere  Eigenschaften,  die  die  landwirtschaftliche ­
  Produktion  von  der  industriellen  unterscheiden;  in
mancher  Hinsicht  ist  sie  ihr  unterlegen,  weil  ihr  Ergebnis  von  Zeit
und  Kaum  abhängig  ist,  in  anderer  wieder  ist  sie  ihr  überlegen,  weil
sie  allein  jene,  nur  ihr  innewohnende  Eigenschaft  besitzt:  nämlich
die  zur  Nahrung  des  Menschen  nötigen  Dinge  hervorzubringen.  Sie
stellt  daher  gewaltige  Probleme  auf,  die  schon  Malthus  ankündigen.
§  3.  Der  Umlauf  der  Güter.
Die  Physiokraten  waren  die  ersten,  die  die  Verteilung  der  Einkünfte ­
  in  eine  synthetische  Theorie  faßten.  Sie  haben  zeigen  wollen,
—  was  sicherlich  eine  geniale  Idee  war  —  daß  die  Güter  von  selbst  ]
aus  einer  Klasse  der  Gesellschaft  in  die  andere  zirkulieren,  daß  sie
kommen  und  gehen,  indem  sie  stets  den  gleichen  Kanälen  folgen,  ;
deren  Windungen  die  Physiokraten  mit  Erfolg  nachgegangen  sind.
„Dieser  Umlauf  ist  es“,  sagt  Tubgot,  „dessen  Beständigkeit  das  Leben
des  politischen  Körpers  ausmacht,  gerade  wie  das  Leben  des  tierischen
Körpers  vom  Blutumlauf  abhängt.“  —
Ein  Gelehrter,  wie  Dr.  Qüesnay,  der  ein  Buch  über  die  tierische
Ökonomie  geschrieben  hatteund  die  damals  noch  ganz  neue  Ent-  j
deckung  Harvey’s  kannte,  war  gerade  der  richtige  Mann,  um  diese
biologische  Idee  auf  die  Soziologie  anzuwenden.  Er  übertrug  sie  in
sein  Tableau  economique,  das  nichts  anderes  als  eine  Veranschaulichung ­
  der  Art  und  Weise  ist,  wie  sich  der  Umlauf  der  Einkommen
vollzieht,  und  dessen  Erscheinen  bei  seinen  Zeitgenossen  eine  unglaubliche ­
  Bewunderung  auslöste,  die  uns  heute  zum  Lächeln  bringt, 8 ).
Smith.  Das  Buch  ist,  wie  das  M£line’s:  Die  Rückkehr  zum  Boden  (Le  re  tour  jä
1  a  Terre),  obgleich  schutzzöllneriseh,  ganz  mit  dem  Geiste  der  Physiokraten  getränkt.
x )  Essai  physique  sur  l’Economie  animale,  1747.
2 )  „Seit  dem  Anfang  der  Welt“,  schreibt  der  Marquis  Mirabbau,  „sind  drei  Entdeckungen ­
  gemacht  worden,  die  den  politischen  Gesellschaften  ihre  Hauptstärke  gegeben ­
  haben.  Die  erste  ist  die  Erfindung  der  Schreibkunst,  die  zweite  die  Erfindung
des  Geldes.  Die  dritte,  das  Resultat  der  beiden  anderen,  das  sie  aber  erst  ergänzt,
indem  es  das  Objekt  der  beiden  anderen  zur  Vollkommenheit  bringt,  ist  das  „Tableau
        <pb n="44" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

21

Jedoch  Professor  Hector  Deris  erklärt,  daß  er  nicht  weit  davon
entfernt  sei,  die  Bewunderung  Mirabeau’s  zu  teilen  ] ).
Obgleich  man  seitdem  erkannt  hat,  daß  dieser  Umlauf  weit  verwickelter ­
  ist,  als  ihn  die  Physiokraten  sich  vorstellten,  ist  es  doch
der  Mühe  wert,  diese  primitive  Zeichnung  hier  zu  beschreiben 2 ).
Quesnay  unterschied  drei  große  soziale  Klassen:
1.  die  produktive  Klasse,  in  die  nur  die  Landwirte  (und  vielleicht ­
  die  Fischer  und  Bergleute)  gehören;
2.  die  besitzende  Klasse,  die  nicht  nur  die  Grundbesitzer  um-  ,
faßt,  sondern  auch  alle,  die  auf  Grund  eines  ßechtstitels  Hoheitsrechte ­
  ausiiben:  man  sieht  hier  die  Nachwirkung  jener  feudalen  Idee
nach  der  die  Hobeitsreclite  mit  dem  Eigentum  verbunden  sind;

economiqne“,  —  die  graphische  Darstellung  der  volkswirtschaftlichen  Verhältnisse,
die  unter  allen  Anderen  hervorragende  Erfindung,  die  den  Ruhm  unseres  Jahrhunderts
bildet,  und  deren  Früchte  die  Nachwelt  pflücken  wird.“  Der  Abbe  Baude  au  sagt
nicht  weniger  lyrisch:  „Ich  habe  mir  gestattet,  diese  Figuren  mit  dem  Einverständnis
des  großen  Meisters  gesondert  anzuführen,  dessen  schöpferischer  Genius  die  wunderbare ­
  Idee  dieses  Schanbildes  erfand,  das  allen  Augen  das  Ergebnis  der  höchsten
Wissenschaft  vorführt  und  das  diese  Wissenschaft  in  ganz  Europa  zum  ewigen  Ruhm
seiner  Erfindung  und  zum  Wohl  des  Menschengeschlechts  dauernd  lebendig  halten
wird“  (S.  867).
Die  erste  Ausgabe  dieses  Tableaus,  die  nur  in  einigen  wenigen  Exemplaren
gedruckt  worden  war,  ist  verloren,  aber  ein  Korrekturbogen  ist  in  der  Pariser
Nationalbibliothek  von  einem  deutschen  Nationalökonom,  Professor  Stephan  Bauer
an  der  Universität  Basel  gefunden  und  im  Facsimile  von  einer  ausländischen  Gesellschaft, ­
  der  British  Economic  Association,  1894,  veröffentlicht  worden.
1 )  „Die  Entdeckung  des  Umlaufs  der  Güter  in  den  wirtschaftlichen  Gesellschaften ­
  nimmt  in  der  Geschichte  der  Wissenschaft  denselben  Platz  ein,  wie  die  des
Blutumlaufs  in  der  Geschichte  der  Biologie.“
2 )  Das  Schaubild  Quesnay’s  zeigt  gegenübergestellte  Säulen,  und  ist  mit  Zickzacklinien, ­
  die  sich  von  einer  Säule  zur  anderen  kreuzen,  bedeckt.  Wenn  Quesnay
heute  lebte,  würde  er  sicherlich  von  dem  System  der  graphischen  Darstellung,  die
viel  klarer  ist,  Gebrauch  gemacht  haben.  Es  nimmt  wunder,  daß  niemand  auf  den
Gedanken  gekommen  ist,  ihm  diesen  posthumen  Dienst  zn  erweisen.  Hector  Denis
hat  das  „Tableau“  in  anatomische  Schaubilder  übertragen,  die  er  der  Darstellung
der  Venen  und  Arterien  im  menschlichen  Körper  gegenüberstellt.
Die  Tatsache,  daß  Quesnay  zur  Erklärung  seines  Schaubildes  arithmetische  Berechnungen ­
  angewendet  hat,  gibt  ihm  den  Anspruch  darauf,  bis  zu  einem  gewissen
Grade,  als  Vorläufer  der  mathematischen  volkswirtschaftlichen  Schule  angesehen  zu
werden.  Das  hat  man  auch  nicht  unterlassen.  Vgl.  im  Journal  of  Quarterly
Economics,  1890,  einen  Aufsatz  von  Prof.  Stephan  Bauer  und  im  Economic
Journal,  Juni  1896,  einen  Aufsatz  von  Oncken:  „Die  Physiokraten  als  Begründer
der  mathematischen  Schule.“  Übrigens  ist  Le  Trosne  noch  viel  kategorischer:  „Da
die  ökonomische  Wissenschaft  sich  mit  meßbaren  Dingen  befaßt,  kann  sie  eine  exakte,
der  Berechnung  zugängliche  Wissenschaft  genannt  werden.  Sie  brauchte  eine  be-\
sondere  Formel,  die  ihren  Zwecken  angepaßt  war  und  die  als  Stütze  der  Vernunftschlüsse ­
  diente.  Diese  Formel  ist  im  „Tableau  economiqne“  gegeben“  (De  l’ordre
social  —  Über  die  soziale  Ordnung  —,  eine  Abhandlung,  VIII,  S.  218).
        <pb n="45" />
        *
-I
1

Erstes  Buch.  Die  Begründer.
3.  die  sterile  Klasse,  die  Industrie,  Handel,  Bedientenschaft  und
freie  Berufe  umfaßt.
Wo  ist  nun  die  Quelle  der  Güter,  deren  Strom  wir  verfolgen
wollen?  Selbstverständlich  in  der  ersten  Klasse,  da  sie  ja  die  einzige
produktive  ist.  Angenommen  (und  Quesnay  scheint  dabei  der  damaligen ­
  Wirklichkeit  ziemlich  nahe  gekommen  zu  sein),  daß  sie
für  5  Milliarden  Franken  Werte  erzeugt.  Davon  behält  sie  zunächst
2  Milliarden,  die  für  ihren  Unterhalt  an  Naturprodukten,  sowie  für  den
ihres  Viehbestandes,  für  Aussaat  und  Dünger  nötig  sind;  dieses  Einkommen ­
  kommt  nicht  in  Umlauf;  es  verbleibt  dort,  wo  es  entsteht.
Den  Rest  ihrer  Erzeugnisse,  3  Milliarden,  verkauft  die  landwirtschaftliche ­
  Klasse.  Da  aber  die  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse
nicht  alle  ihre  Unterhaltsbedürfnisse  decken,  und  sie  gewerbliche
Güter  wie  Kleider,  Werkzeuge  usw.  braucht,  so  bezieht  sie  diese  von
der  Industrie,  der  sie  dafür  1  Milliarde  bezahlt.
Es  bleiben  ihr  also  nur  noch  2  Milliarden  Geld  übrig,  die  sie
der  besitzenden  und  beherrschenden  Klasse  als  Pacht  und  Abgaben
aushändigt.  Wir  werden  weiter  unten  sehen,  wie  die  Physiokraten
diesen  anscheinenden  Parasitismus  rechtfertigen.
Wenden  wir  uns  zur  besitzenden  Klasse.  Die  2  Milliarden,  die
sie  als  Pacht  erhält,  werden  von  ihr  selbstverständlich  zum  Leben  und
zwar  zum  Gut-leben  verwendet.  Hierfür  braucht  sie  einmal  Lebensmittel, ­
  die  sie  der  landwirtschaftlichen  Klasse  abkauft  (soweit  sie
dieselben  nicht  in  natura  erhalten  hat),  und  gibt  ihr  sagen  wir
1  Milliarde  zurück;  dann  kauft  sie  von  der  unproduktiven  Klasse  für
1  Milliarde  gewerbliche  Güter.  —  Ihr  Konto  ist  damit  ausgeglichen.
Die  sterile  Klasse  nun,  die  selbst  nichts  erzeugt,  kann,  wie  die
vorhergehende,  das,  was  sie  braucht,  nur  aus  zweiter  Hand  erhalten
und  zwar  aus  den  Händen  der  produktiven  Klasse,  aber  sie  erhält
es  auf  zwei  verschiedene  Arten:  1)  1  Milliarde  von  der  landwirtschaftlichen ­
  Klasse  als  Bezahlung  einer  gleichwertigen  Menge  gewerblicher ­
  Güter  und  2)  1  Milliarde  von  der  besitzenden  Klasse,  ebenfalls ­
  als  Bezahlung  einer  gleichwertigen  Menge  gewerblicher  Güter.
Diese  letzte  Milliarde  ist  eine  der  beiden,  die  der  besitzenden  Klasse
von  der  landwirtschaftlichen  Klasse  überwiesen  wurde,  und  die  daher
einen  vollen  Kreislauf  hinter  sich  hat.
Diese  beiden  Milliarden,  die  die  sterile  Klasse  als  Lohn  erhalten
hat,  werden  von  ihr  natürlich  für  Lebensmittel  und  Rohstoffe  für  die
Industrie  ausgegeben.  Und  da  einzig  und  allein  die  produktive  Klasse
ihr  diese  Lebensmittel  und  Rohstoffe  liefern  kann,  zahlt  sie  ihr,  der
landwirtschaftlichen  Klasse,  diese  2  Milliarden  als  Gegenwert  zurück,
so  daß  diese  beiden  Milliarden  zu  ihrer  Quelle  zurückkehren.  Mit
der  Milliarde,  die  die  besitzende  Klasse  schon  gezahlt  hat,  und  mit
        <pb n="46" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokräten.

23

den  2  Milliarden  der  nicht  verkauften  Urprodukte  besitzt  die  produktive ­
  Klasse  wieder  die  Gesamtsumme  der  5  Milliarden,  und  der  Kreislauf ­
  kann  ewig  so  fort  gehen*).
Diese  Zusammenfassung  gibt  nur  eine  unvollständige  Idee  der
Kreuz-  und  Quergänge  der  Einkünfte,  deren  Sprünge  die  Physiokräten
mit  kindlicher  Freude  verfolgten.  Und  dabei  ist  ihnen  all  dies
Wirklichkeit 2 )!  Die  Tatsache,  stets  ihre  Milliarden  wieder  vollzählig'
beisammen  zu  haben,  begeistert  die  Physiokräten,  und  gleich  wie  viele
unserer  heutigen  Mathematiker  unter  den  Nationalökonomen  bemerken
sie  gar  nicht,  daß  sie  am  Ende  ihrer  Rechnungen  doch  eben  nur  das
wiederfinden,  was  sie  selbst  erst  eingestellt  haben.  Selbstverständlich
ist  es  klar,  daß  dieses  Tableau  nichts  in  bezug  auf  den  Grundgedanken ­
  ihres  Systems  beweist,  nämlich,  daß  es  eine  produktive  und
eine  sterile  Klasse  gibt 3 ).
Das  Interessante  an  dem  Verteilungssystem  der  Physiokräten  ist
daher  nicht  die  besondere  Art,  wie  sie  sich  diese  Verteilung  vorstellen,
  sondern  der  Grundgedanke,  daß  der  Güterumlauf  gewissen  f
Gesetzen  unterworfen  sei,  und  daß  das  Einkommen  eines  jeden,  von
diesen  Gesetzen  des  Umlaufs  abhänge.
In  dieser  Dreiteilung  der  Gesellschaftsklassen  fällt  der  besondere
Platz  auf,  den  die  besitzende  Klasse  einnimmt.  Hierin  liegt  ein  ganz
eigentümlicher  Zug  der  physiokratischen  Lehre.
Jeden,  der  das  eben  beschriebene  Tableau  nicht  mit  physiokratischen ­
  Augen,  sondern  von  unserem  modernen  Standpunkt  aus
betrachtet,  wird  das  Dasein  dieser  Klasse  befremden  und  empören,
dieser  Klasse,  die  ohne  irgendwelche  Gegenleistung  zwei  Fünftel  des
Volkseinkommens  für  sich  erhebt;  und  jeder  würde  annehmen,  daß

*)  Ttjhgot,  der  zwar  nicht  vom  Tableau  economique  spricht,  faßt  es  doch  in  dem
folgenden  Satz  sehr  gut  zusammen:  „Das,  was  der  Landarbeiter  über  seine  persön-  ;
liehen  Bedürfnisse  hinaus  den  Botten  erzeugen  läßt,  ist  der  einzige  Lohnfonds  —
Ponds  des  salaires  (man  beachte  diesen  Ausdruck,  der  berühmt  werden  sollte);
—,  den  alle  anderen  Glieder  der  Gesellschaft  als  Tauschwert  ihrer  Arbeit  erhalten.  !
Indem  sie  sich  des  Preises  dieses  Tauschwertes  zum  Ankauf  der  Lebensmittel  des  1
Landarbeiters  bedienen,  geben  sie  ihm  nur  genau  das  wieder,  was  sie  von  ihm  er-;
halten  haben“  (Tukgot,  I,  10.  Weitere  Einzelheiten  finden  sich  bei  Abbe  Baudkau,
Explication  du  Tableau  economique).  1
2 )  „Der  Vorgang  dieses  Handels  zwischen  den  verschiedenen  Klassen  und  seine
Grundbedingungen  sind  durchaus  nicht  hypothetisch.  Wer  sich  die  Mühe  nimmt,
darüber  nachzudenken,  wird  erkennen,  daß  sie  getreu  nach  der  Natur  gebildet  sind“
Quesnay,  S.  60).
3 )  Sie  bilden  es  sich  jedoch  ein:  „Man  sieht  wie  die  unproduktive  Klasse
nur  von  der  sukzessiven  Zahlung,  von  dem  Lohn  für  ihre  Arbeit,  der  untrennbar
von  den  zum  Lebensunterhalt  verwendeten  Ausgaben  ist,  abhängt  ...  Man  sieht,
daß  es  sich  nur  um  Verbrauch  und  Gütervernichtung,  nicht  um  neue  Gütererzen&amp;lt;ning,
handelt 1  (Quesnay,  id.).
        <pb n="47" />
        24

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Quesnay  und  seine  Nachfolger,  indem  sie  das  Parasitentum  dieser
Klasse  so  scharf  hervorheben,  wenn  nicht  offensichtlich,  so  doch  in
der  Tendenz  ihrer  Werke  dem  Sozialismus  vorarbeiteten.  Doch  wieweit ­
  waren  sie  von  jedem  derartigen  Gedanken  entfernt!  Sie  haben
keine  Ahnung  gehabt,  in  welche  schiefe  Lage  sie  die  Grundbesitzer
brachten.  Im  Gegenteil,  sie  sind  ihnen  gegenüber  voller  Ehrerbietung.
Nicht  sie,  sondern  die  Industrie  und  die  Industriearbeiter  werden
von  ihnen  mit  dem  Ausdruck  steril,  unproduktiv  bedacht!  Aus  diesen
Großgrundbesitzern  machen  sie  die  Grundlage  der  ganzen  natürlichen
Ordnung.  Sie  umkleiden  sie  mit  einer  Art  wirtschaftlichen  Hohenpriestergewandes; ­
  der  Besitzer  hat  das  Amt,  den  Menschen  das  Brot
auszuteilen,  das  Brot  des  Lebens;  nur  durch  seine  Hand  werden  alle
der  Kommunion  teilhaftig.  Er  ist  eine  göttliche  Einrichtung:  so
schreiben  sie  selbst 1 ).  Eine  derartige  anbetende  Verehrung  bedarf
einer  Erklärung.
Anscheinend  hätten  die  Physiokraten  doch  die  von  ihnen  selbst
ausdrücklich  als  produktiv  bezeichnete  Klasse,  nämlich  die  Leiter
der  Landwirtschaft,  die  damals  alle  Pächter  oder  Halbscheidpächter
waren,  an  die  erste  Stelle  setzen  müssen!  Pächter  und  Halbscheidpächter ­
  haben  aber  die  Erde  nicht  gemacht;  sie  haben  sie  erst  von
dem  Besitzer  erhalten.  Ihm  gebührt  der  Vorrang  noch  vor  der  produktiven ­
  Klasse,  denn  er  ist,  nach  Gott,  der  erste  Verteiler  allen  Reichtums ­
  2 ).
Es  ist  überflüssig,  besonders  auf  diese  merkwürdige  Verirrung
hinzuweisen,  auf  Grund  derer  sie  den  wirklichen  Schöpfer  der  Erde
und  ihrer  Produkte  nicht  in  dem,  der  sie  bearbeitet,  sondern  in  dem
Müßiggänger  sahen.  Doch  läßt  sich  dies  zunächst  gerade  aus  der
Logik  ihrer  Doktrinen  erklären.  Es  ist  nämlich  zuerst  darauf  hinzuweisen, ­
  daß  die  Physiokraten  der  Arbeit  nicht  die  hohe  Stellung
zusprechen  konnten,  die  wir  ihr  heute  beilegen,  da  für  sie  die  Arbeit
keineswegs  Güter  schuf,  —  und,  was  wohl  zu  beachten  ist.  die  Arbeit
des  Landarbeiters  ebensowenig,  wie  die  des  Industriearbeiters;  wenn
sie  die  erste  produktiv  nannten,  so  lag  das  daran,  weil  die  Natur

*)  „Es  ist  unmöglich,  das  Besitzrecht  nicht  als  eine  göttliche  Einrichtung  an-;
  zuerkennen,  die  das  Mittel  ist,  auf  Grund  dessen  wir  bestimmt  sind,  als  zweite  Ur-;
  Sache,  das  große  Werk  der  Schöpfung  fortzusetzen  und  die  Absichten  seiner  Urheber
■i  zu  fördern“  (La  RiviSre,  S.  618).
„Die  Gesellschaftsordnung  setzt  unbedingt  diese  dritte  Klasse  von  Bürgern
voraus,  die  die  ersten  Vorbereiter  und  Hüter  der  Bodenkultur  und  die  verwaltenden
Besitzer  des  Reinertrags  sind“  (Quesnay,  S.  186).
2 )  „Unmittelbar  unter  den  Grundbesitzern  ist  die  produktive  Klasse,  deren
;  Arbeit  die  Grundvorschüsse  bedingt  und  von  denen  sie  selbstverständlich  abhängt“
:  (Baüdeau,  S.  691).
        <pb n="48" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.  25

mitarbeitete,  denn  nur  diese,  aber  nicht  der  Arbeiter,  schallt
Güter 1 ).
Weiterhin  kann  man  diese  Auffassung  aus  dem  Milieu  heraus,
in  dem  sie  lebten,  erklären.  Da  sie  seit  den  Feudalzeiten  nur  Gemeinwesen ­
  kannten,  die  von  müßigen  Großgrundbesitzern  regiert  und
sowohl  wirtschaftlich,  wie  politisch  geleitet  wurden,  erlagen  sie  in
bezug  auf  die  Notwendigkeit  des  Großgrundbesitzes  derselben  Illusion,
in  der  Aristoteles  hinsichtlich  der  Notwendigkeit  der  Sklaverei  befangen ­
  war 2  3  *  *  *  * ).
Wenn  jedoch  die  Physiokraten  die  Angrilfe  nicht  voraussahen,
die  später  auf  das  Grundeigentum  niederhageln  sollten,  so  haben  sie,
besonders  der  Abbe  Baudbau,  doch  nicht  unterlassen,  es  zu  erklären
und  zu  rechtfertigen.  Die  von  ihnen  vorgebrachten  Begründungen
müssen  um  so  eher  erwähnt  werden,  als  die  konservativen  Nationalökonomen ­
  während  hundert  Jahren  nicht  müde  geworden  sind,  sich
ihrer  zu  bedienen.
Die  ihnen  am  stärksten  erscheinende  Begründung,  wenigstens
führen  sie  sie  am  öftesten  an,  besteht  darin,  daß  der  Besitzer  oder  seine
Bevollmächtigten  das  Land  urbar  gemacht  haben.  Folglich  verdankt
selbst  die  produktive  Klasse  nur  ihnen,  daß  sie  das  Produktionsmittel
in  Händen  hat.  Sie  sind  es,  die  stets  und  noch  immer  das,  was  die
Physiokraten  diegrundlegendenYorsclnisse  (avances  foncieres)
nennen,  leisten,  d.  h.  die  Ausgaben  für  Rodung,  Einfriedigung,  Gebäude ­
  usw. 8 )  Der  Großgrundbesitzer  erscheint  ihnen  daher  keines-!)

  Es  muß  darauf  hingewiesen  werden,  daß  die  Physiokraten  niemals  von  landwirtschaftlichen ­
  Arbeitern  sprechen:  Man  könnte  fast  meinen,  daß  es  zu  ihrer  Zeit
keine  gegeben  habe!  Ihre  Fürsorge  für  die  Landwirte  erstreckt  sich  nicht  tiefer,
als  auf  die  Kategorie  der  Pächter  und  Halbscheidpächter.
a )  „Ebensogut,  wie  man  sie  die  Klasse  der  Besitzenden  nennt,  kann  man  me
auch  Klasse  der  Adligen  nennen,  denn  in  diesem  Sinn  ist  der  Adel,  anstatt  eine
Chimäre  zu  sein,  wie  man  manchmal  sagt,  eine  den  zivilisierten  Keichen  sehr  nützliche ­
  Wirklichkeit“  (Baudeaü,  S.  670).
3 )  „An  dritter  Stelle  (obgleich  sie  öfter  an  erster  Stelle  genannt  werden)
kommen  die  Großgrundbesitzer,  die  den  Boden  rodeten,  Gebäude  errichteten,
Pflanzungen  anlegten  und  Einfriedigungen  auf  ihre  Kosten  machten,  oder  aber  diese
Ausgaben  zurückerstatteten,  indem  sie  schon  fertig  ausgerüstete  Erbliegenschaften
aufkauften  .  .  .  Diese  Rente  gehört  uns,  werden  sie  sagen,  aus  Gründen  der  Gerechtigkeit ­
  und  Weisheit,  da  wir  für  den  Boden  Ausgaben  für  Unterhaltsmittel
vorgestreckt  haben,  die  wir  zu  unterhalten  und  zu  bewahren  beauftragt  sind“  (Baudeau,
Philosophie  economique,S.  757).  „Die  erste  Kraft,  deren  Reproduktion  nötig
ist,  ist  der  der  Gesellschaft  unentbehrlichste  Mensch.  Diese  erste  Kraft  ist  der
Grundbesitzer:  Daher  beruht  die  Rechtfertigung  seiner  Vorrechte  auf  der  physischen
Notwendigkeit  der  Reproduktion“  (La  RiviteB,  S.  466—467).
„Durch  Ausgaben  erwirbt  sich  der  wahre,  gerechte  und  nützliche  Grundbesitz.
Bis  zum  Augenblick,  wo  diese  ersten  Grund-Vorschüsse  ein  treten,  ist  das  Eigentum
nur  das  exklusive  Recht,  den  Boden  eines  Tages  produktiv  zu  machen“  (Baudbau,
        <pb n="49" />
        26

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

wegs  als  Parasit,  nicht  einmal  als  ein  sein  Einkommen  aus  zweiter
Hand  erhaltender  Stipendiat,  wie  der  Fabrikant.  Sein  Anteil  gebührt
ihm  optimo  jure,  kraft  eines  Eechtes,  das  älter  und  höher  ist  als  das
des  Landwirtes.  Denn  wenn  der  Landwirt  das  Erzeugnis  macht,  so
hat  er,  der  Besitzer,  den  Boden  gemacht.  Man  könnte  die  drei  Gesellschaftsklassen ­
  der  Physiokraten  mit  drei  Personen  vergleichen,
die  sich  in  das  Wasser  eines  Brunnens  teilen:  Die  produktive  Klasse
zieht  das  Wasser  in  Eimern  aus  dem  Brunnen.  Die  besitzende  Klasse
erhält  es  aus  ihren  Händen,  ohne  etwas  dafür  zu  geben,  da  sie  es
war,  die  den  Brunnen  gegraben  hat.  Die  sterile  Klasse  hält  sich  in
respektvoller  Entfernung  und  muß  das  Wasser  des  Brunnens  mit  ihrer
Arbeit  bezahlen.
Nur  liegt  hierin  ein  Widerspruch,  den  die  Physiokraten  nicht
bemerkt  zu  haben  scheinen.  Wenn  das  Einkommen  des  Besitzers
S.  85t),  d.  h.  solange  als  der  Boden  nicht  instand  gesetzt  ist,  beschränkt  sich  das
Eigentum  auf  die  einfache  Okkupation.
Die  Physiokraten  unterschieden  drei  Arten  von  Vorschüssen:
1.  Die  jährlichen  Vorschüsse  (avances  annuelles),  die  die  Kosten  der  Bestellung ­
  in  jedem  Jahr  vorstellen,  —  wie  Saat,  Dünger,  Arbeitsleistungen  und,
natürlich,  die  Unterhaltskosten  der  Arbeiter.  Diese  Vorschüsse  müssen  jährlich
vollständig  durch  die  Jahresproduktion  ersetzt  werden.  Wir  nennen  das  heute  Betriebskapital. ­

2.  Die  primären  Vorschüsse  (avances  primitives),  wie  Ankauf  von  Vieh  und
Geräten,  die  eine  mehr  oder  weniger  lange  Reihe  von  Erzeugungsarbeiten  aushalten
und  daher  in  einem  Jahr  nur  zu  einem  Bruchteil  wieder  eingebracht  werden  müssen.
Jüan  sieht  hier  sehr  gut  die  seitdem  klassisch  gewordene  Unterscheidung  zwischen
fixem  Kapital  und  Betriebskapital,  die  Amortisation  des  ersteren  gegenüber  der
völligen  Rückerstattung  des  zweiten.  Es  war  ihnen  auch  nicht  entgangen,  daß  eine
verständige  Erhöhung  der  primären  Vorschüsse  eine  Verminderung  der  jährlichen
Vorschüsse  gestattet.
Diese  Gedanken  waren  damals  sehr  neu  und  sind  der  Wissenschaft  vollständig
einverleibt  worden,  nur  mit  dem  Unterschied,  daß  sie,  anstatt  allein  auf  die  landwirtschaftliche ­
  Produktion  beschränkt  zu  sein,  auf  alle  Produktion  überhaupt  ausgedehnt ­
  wurden.  -
3.  Die  grundlegen  den  Vorschüsse  (avances  foncieres)  sind  die,  deren  Zweck
die  Vorbereitung  des  Bodens  für  die  Bearbeitung  ist  (offenbar  hätten  sie  besser
primäre  Vorschüsse  —.avances  primitives  —  genannt  werden  sollen).
Die  beiden  ersten  Arten  von  Vorschüsse  sind  die,  die  dem  Landwirt  zufallen
und  ihm  ein  Anrecht  auf  einen  Lohn  schaffen,  der  wenigstens  genügen  muß,  um  sie
znrückzuerstatten.
Die  dritte  Art  fällt  dem  Besitzer  zu  und  sie  ist  es,  die  ihm  ein  Recht  auf  den
Grundbesitz  gibt.  „Ehe  man  einen  Pächter  einsetzen  und,  eine  jährliche,  regelmäßige ­
  und  fortlaufende  Feldbestellung  vornehmen  kann,  sind  Gebäude,  Scheunen  und
Ställe,  Wege,  Pflanzungen,  Bodenbearbeitung - ,  Entfernung  von  Steinen,  Stämmen  und
Wurzeln,  Wasserlaufregulierungen  und  Schutzstätten  nötig.  —  Das  sind,  werter  Herr,
die  grundlegenden  Vorschüsse,  die  wahren  Arbeiten  des  Besitzers,  die  wahre  Begründung ­
  seines  Besitzrechtes“  (Baudeau,  Ephemerides,  Mai  1776.  Antwort  an
Gondillac).
        <pb n="50" />
        Kapitel  I.  Die  Pkysiokraten.

27

nur  ein  Entgelt  für  seine  Verausgabe,  seine  Kosten  vorstellt,  dann
ist  es  kein  Geschenk  der  Natur!  und  der  Reinertrag  löst  sich  in
nichts  auf,  da  er  ja,  auf  Grund  der  Definition  selbst,  nur  das  ist,
was  von  dem  Bruttoertrag  nach  Rückzahlung  der  Kosten  übrig  bleibt,
nämlich  der  Überschuß  über  die  Produktionskosten.  Bei  dieser  Erklärung ­
  aber  bleibt  kein  Überschuß.  Folglich  beziehen  die  Grundbesitzer ­
  ihr  Einkommen  nur  als  Kapitalisten  und  nicht  als  Vertreter
Gottes!
Wenn  die  Grund  Vorschüsse  den  Rechtsgrund  des  Besitzes  bilden,
soll  man  da  glauben,  daß  sie  nicht  auch  sein  Maß  und  seine  Grenze
bestimmen  und  daß  das  Einkommen  aus  Grundbesitz  keinen  notwendigen ­
  Zusammenhang  mit  ihnen  hat?
Oder  soll  man  das  Einkommen  der  besitzenden  Klasse  in  zwei
Teile  zerlegen:  einen  nicht  verfügbaren,  der  für  sie  in  der  Tat  nur
die  Wiedererstattung  ihrer  Vorschüsse  ist,  ebenso  wie  das  Einkommen
der  Pächter,  und  einen  anderen,  der  als  Überschuß  nun  den  Reinertrag ­
  ausmacht?  Wie  können  sie  aber  dann  die  Aneignung  dieses
Reinertrages  rechtfertigen  ?
Sehr  einfach!  Schon  bringen  sie  ein  anderes  Argument;  das  der
sozialen  Nützlichkeit:  die  landwirtschaftliche  Erschließung  des
Bodens  würde  aufhören,  behaupten  sie,  und  die  einzige  Quelle  aller
Güter  versiegen,  wenn  man  demjenigen,  der  den  Boden  urbar  gemacht
hat,  das  Recht  absprechen  wollte,  die  Früchte  seines  Fleißes  zu  ernten x ).
Es  ist  kaum  nötig,  auf  den  Widerspruch  zwischen  diesem  und
dem  vorigen  Beweisgrund  hinzuweisen.  Soeben  sagten  sie,  der  Boden
muß  Eigentum  sein,  weil  er  urbar  gemacht  worden  ist.  Jetzt
sagen  sie:  der  Boden  muß  Eigentum  sein,  weil  er  sonst  nicht
urbar  gemacht  würde.  Dort  wird  die  Arbeit  als  grundlegende
Ursache  der  Produktion,  hier  als  ihr  Endzweck  angenommen.
Weiterhin  sagen  die  Physiokraten,  daß  das  Eigentum  an  Grundbesitz ­
  sich  ganz  einfach  aus  dem,  was  sie  persönliches  Eigentum
nennen,  als  notwendige  Folge  ergibt,  d.  h.  aus  dem  Rechte  eines  jeden
Menschen,  für  seine  Erhaltung  zu  sorgen;  denn  das  Recht,  für  seine
Erhaltung  zu  sorgen,  schließt  das  Recht  auf  bewegliches  Eigentum
e in  und  dieses  wieder  das  Recht  auf  Eigentum  an  Grundbesitz:  „die
drei  Arten  Eigentum  sind  folglich  so  eng  verbunden,  daß  man  sie  als
ein  einziges  Recht  ansprechen  muß,  von  dem  keiner  der  drei  Bestandteile ­
  losgelöst  werden  kann,  ohne  daß  die  beiden  anderen  mit  zerstört
')  „Ohne  die  Sicherheit  des  Besitzes  würde  das  Land  öde  liegen“  (Qüesnav,
Maxime  IV).  „Alles  wäre  verloren,  wenn  das  Eigentumsrecht  auf  die  Erzeugnisse
uißht  ebenso  sicher  gestellt  wäre,  wie  das  auf  den  Grund  und  Boden,  wie  das,  das
jede  Einzelperson  auf  sich  selbst  hat“  (Dupont  I,  S.  26).
        <pb n="51" />
        28

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

werden“  1  2 ).  Und  in  der  Tat  zeigen  die  Physiokraten  nicht  nur  für
das  Eigentum  an  Grundbesitz  so  große  Achtung,  sondern  überhaupt
für  alles  Eigentum.  „Die  Sicherheit  des  Eigentums  ist  die  Grundbedingung ­
  der  ökonomischen  Gesellschaftsordnung“  schreibt  Qdesnay  s ),
und  Mebcier  de  la  Riviehe  sagt:  „Man  kann  das  Eigentumsrecht
wie  einen  Baum  betrachten,  an  dem  die  verschiedenen  sozialen  Einrichtungen ­
  wie  die  Aste  von  selbst  gewachsen  sind“  3 ).  Bis  in  die
stürmischsten  Zeiten  der  französischen  Revolution  und  der  Schreckensherrschaft ­
  findet  man  diesen  Kultus  des  Eigentums;  als  jede  Achtung
vor  dem  menschlichen  Leben  geschwunden  war,  blieb  doch  die  Achtung
vor  dem  Eigentum  bestehen.
Man  sieht,  daß  die  Rüstkammer,  aus  der  die  Verteidiger  des  Großgrundbesitzes ­
  ihre  Waffen  holen  sollten,  schon  so  ziemlich  gefüllt  war 4 ).
Wenn  die  Physiokraten  auf  der  einen  Seite  das  Grundeigentum
kräftig  verteidigten,  so  haben  sie  ihm  auf  der  anderen  Seite  zahlreiche ­
  und  strenge  Pflichten  auferlegt,  die  das  Gegenstück  seiner
hohen  Würde  bilden.  Nicht  die  Autorität  soll  diese  Pflichten  in
Paragraphen  fassen,  dafür  aber  der  Verstand  und  die  guten  Sitten  5 ).
Diese  Pflichten  sind:
1.  Ohne  Unterlaß  ihr  Werk  betreiben,  nicht  das  der  Bearbeitung,
die  sie  nichts  angeht,  sondern  die  Instandsetzung  weiteren  Bodens:
die  Grundvorschüsse  sind  fortzusetzen 6 );
2.  die  Austeiler  der  von  der  Natur  erzeugten  Güter  im  Interesse
der  Allgemeinheit,  die  Verwalter  der  Gesellschaft  zu  sein 7 );
3.  die  Muße  ihres  Lebens  dazu  zu  verwenden,  der  Gesellschaft
*)  La  Riviere  I,  S.  242.
2 )  Maxime  IV.
3 )  SS.  615,  617.
4 )  Hier  ist  einer  der  zahlreichen  Unterschiede  zwischen  Turgot  und  den  Physiokraten ­
  zu  beachten:  Turgot  ist  weit  weniger  von  dem  sozialen  Nutzen  des  Grundbesitzes ­
  und  der  Reehtmäßigkeit  des  Besitzrechtes  der  Grundbesitzer  überzeugt.  Er
erklärt  ihren  Ursprung  ganz  einfach  als  eine  historische  Tatsache,  die  der  Besitzergreifung, ­
  und  schwächt  dadurch  ganz  bedeutend  die  Beweisführung  die  Physiokraten. ­
  „Die  Erde  bevölkerte  sich;  man  machte  sie  mehr  und  mehr  urbar.  Vom
besten  Boden  war  zum  Schluß  überall  Besitz  ergriffen  worden;  für  die  zuletzt  gekommenen ­
  blieb  nur  sandiger,  öder,  unfruchtbarer  Boden,  den  die  Ersten  liegen
gelassen  batten.  Zum  Schluß  aber  fand  jedes  Stück  Land  seinen  Herrn  und  die,  die
keinen  Boden  haben  konnten,  hatten  keinen  anderen  Ausweg,  als  die  Arbeit  ihrer
Arme  gegen  den  Überfluß  der  Nahrungsmittel  der  Grundbesitzer  einzutauschen“
(I,  S.  12).  Damit  sind  wir  nicht  weit  von  der  Theorie  Ricabdo’s  entfernt.
5 )  Baudeau  S.  378.
6 )  „Ein  Grundbesitzer,  der  stets  die  Grund-Vorschüsse  seines  Erbgutes  auf
der  Höhe  hält,  tut  das  nützlichste,  was  ein  Privatmann  überhaupt  auf  Erden  tun
kann  (Baudeau).
7 )  „Die  Reichen  sind  die  Verwalter  der  Ausgaben,  mit  denen  sie  die  Arbeiter
entlohnen;  sie  würden  die  Letzteren  sehr  schädigen,  wenn  sie,  um  diese  Ausgaben
zu  ersparen,  arbeiteten“  (Quesnay  I,  S.  193).
        <pb n="52" />
        /

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

29

unentgeltlich  all  jene  Dienste  zu  leisten,  deren  sie  nicht  entbehren
kann;
4.  Die  Gesamtheit  der  Steuern,  wie  wir  sehen  werden,  zu
zahlen,  und
5.  vor  allem  die  Landwirte,  ihre  Pächter,  zu  schützen  und  sie  nicht
zu  bedrücken,  indem  sie  ihnen  mehr  als  den  Reinertrag  abnehmen.
Allerdings  gehen  die  Physiokraten  nicht  so  weit,  von  dem  Besitzer  zu
verlangen,  ihnen  einen  Teil  dieses  Reinertrages  zu  überlassen,  aber
sie  beschwören  ihn,  ihnen  wenigstens  den  Betrag  ihrer  reichlich  besessenen ­
  jährlichen  und  primären  Vorschüsse  (avances  annuelles  et
Primitives),  zu  lassen.  Dies  ist  zwar  nicht  viel,  aber  für  die  damalige
Zeit  doch  immer  etwas.  „Ruft  nur:  Wehe  den  Besitzern,  wehe  den
Herrschern!  Wehe  allen  Ländern,  wenn  den  Landwirten  diese  Rückzahlungen ­
  genommen  werden,  wenn  die  Erde,  von  deren  Fruchtbarkeit ­
  alles  abbängt,  bestohlen  wird!  —  .  .  Überzeugt  Euch  wohl,
daß  das  Los  dieser  kostbaren  Menschen,  die  ihren  Besitz  oder  den
Anderer  bearbeiten,  Niemandem  gleichgültig  sein  kann  .  ..,  daß  alles,
w as  sie  bedrückt,  erniedrigt,  beeinträchtigt,  beraubt,  der  Gesellschaft
die  tiefsten  Wunden  schlägt,  daß  alles,  was  sie  erheben,  alles,  was
Zu  ihrem  Wohlsein,  ihrer  Befriedigung,  ihrem  Reichtum  beitragen
w ürde,  eine  Quelle  des  Glücks  für  sämtliche  Klassen  ist“  *).  Diese
^ui’mherzigen  Worte,  die  damals  keineswegs  banal  waren,  wiegen
wenig  die  Begünstigung  auf,  die  die  Physiokraten  der  Klasse
der  Grundbesitzer  erzeigten,  von  der  sie  weiter  nichts  als  einige
s °ziale  Dienste  forderten,  die  noch  dazu  jeder  offiziellen  Bestätigung
^mangelten.

*)  Baudeau,  S.  835,  839.  Auch  Mebcier  de^SuSsset^der'tLüsclfaft
streng-.  „Es  ist  bei  Strafe  der  Vernichtung  der  ®  J  f^ten  etwas  von  dem  Teil
dem  Großgrundbesitzer  und  jeder  menschlichen  Mac  um  diese  Vorschüsse
* u  nehmen,  der  von  den  Produkten  beiseite  zu  s  Irlands  hätten  voraussehen
dauernd  zu  macheu“  (S.  467).  Wenn  sie  die  Gesclll fÜ e tio . un „.  ihrer  Ansichten  ge
können,  so  würden  sie  dort  eine  bemerkenswerte  Bestätigung
Enden  haben.  „  .  ,  „„  /a  26,  Anm.  1)  hingewiesen
Wir  erinnern  jedoch  hierbei,  worauf  wir  sc  on  V  Landwirts  auf  einen  Teil
kaben,  daß  die  Physiokraten,  wenn  sie  von  dem  ,,  ^eidpächter,  aber  nicht  die  lohnder
  Erträgnisse  sprechen,  nur  die  Pächter  und  H  «tten*  für  die  letzteren  beempfangenden
  landwirtschaftlichen  Arbeiter  im  Aug  _  hli( , h ’ zu  le h en  haben  sollten
gmigten  sie  sich,  die  Forderung  anfznstellen,  daß  :  s*  die  Arbeiter  möchten
Man  hat  sie  sogar  im  Verdacht  gehabt,  als  ob  sie  arbeiten  (vgl.  Weüi/ebssb,
zu  reichlich  zu  leben  haben,  da  sie  dann  aufhoren  w  -  uno - er echt  Weulebsse
«P-dt.il,  8.729  et  passim).  Diese  Beschuldigung  erscheint,aber^ungerecht  Wi  ^
rihrt  selbst  die  Worte  Quesnay’s  an,  mit  denen  er  g  g  protestierte
Presser,  daß  die  Bauern  arm  sein  müssen,  um  sie  am  faulenzen  zu  hindern  ,  protestierte.
        <pb n="53" />
        Bisher  sind  wir,  wie  die  Physiokraten,  in  dem  Bereich  der  Theorie
gebliehen.  Ihr  Einfluß  hat  sich  aber  am  stärksten  im  Gebiet  der  angewandten ­
  Nationalökonomie,  der  Handelsgesetzgebung,  der  Betätigung
des  Staates  und  der  Steuerverteilung  fühlbar  gemacht 1 ).

Der  Handel.
Der  Tausch,  auf  die  einzige  und  wesentliche  Handlung  des:  „do,
ut  des“  zurückgeführt,  erzeugt  nach  der  Meinung  der  Physiokraten
überhaupt  nichts:  denn  auf  Grund  seiner  Definition  bedingt  er  die
Gleichwertigkeit  der  getauschten  Gegenstände.  Wenn  daher  jede  der
beiden  Parteien  genau  den  Gegenwert  dessen,  was  sie  hergegeben
hat,  erhält,  wo  bleiben  dann  die  neugeschaffenen  Werte?  Zwar  kann
der  Tausch  „leoninisch“  sein  und  eine  der  beiden  Parteien  auf  Kosten
der  anderen  bereichern,  aber  auch  in  diesem  Falle  gibt  es  keine
Schaffung  neuer  Werte,  da  der  Eine  gewinnt,  was  der  Andere  verliert ­
 2 ).  Wenn  ich  meine  Flasche  Wein  gegen  dein  Brot  austausche,
so  findet  eine  doppelte  Orts  Veränderung  an  Gütern  statt,  die
sicherlich  die  Bedürfnisse  eines  jeden  von  uns  beiden  besser  befriedigt. ­
  Eine  Schöpfung  von  Werten  ist  jedoch  nicht  erfolgt,  da
auf  Grund  der  Definition  die  ausgetauschten  Gegenstände  gleichwertig
sind.  Heute  folgern  wir  ganz  anders.  Die  Volks  Wirtschaftler  haben
darauf  hingewiesen,  daß,  wenn  ich  meinen  Wein  gegen  dein  Brot
vertausche,  dies  ohne  Zweifel  darauf  beruht,  weil  ich  mehr  Hunger

*)  Man  mag  wohl  erstaunt  sein,  in  dieser  Aufzählung  nichts  über  die  Freiheit  I
der  Arbeit,  nämlich  die  Abschaffung  der  Zünfte,  zu  finden,  eine  Tat,  die  man  den  I
Physiokraten  zur  Ehre  angerechnet  hat.  Freilich  haben  sie  gegen  das  Gesetz  Wider-  |
sprach  eingelegt,  das  aus  dem  Recht,  ein  Gewerbe  auszuüben,  ein  vom  König  ver-  I
liehenes  Vorrecht  machte.  „Für  aufrichtige  Menschen  der  elendeste  Grundsatz,  den
der  Geist  der  Herrschsucht  und  des  -Raubes  jemals  erfunden  hat“,  schreibt  Baudeaü  :
in  den  Ephemeriden  (1768,  IV).  Mit  Recht  spricht  man  daher  der  physiokratischen
Lehre  das  Verdienst  jenes  berühmten  Edikts  Tukgot’s  vom  Januar  1776  zu,  durch  J
das  die  Meisterschaften  (Zünfte)  aufgehoben  und  die  Freiheit  der  Arbeit  für  alle  j
proklamiert  wurde.  Nichtsdestoweniger  ist  anzumerken,  daß  sie  sich  selten  in  ihren  I
Schriften  damit  beschäftigt  haben,  zweifellos  weil  bei  ihrer  Auffassung  der  industriellen  1
Arbeit  als  unproduktiv,  Reformen  in  der  Organisation  dieser  Arbeit  sie  nur  wenig  I
berührten.
2 )  „Der  Tausch  ist  ein  Gleichheitsvertrag,  der  zwischen  gleichen  Werten  stattfindet. ­
  Es  ist  daher  kein  Bereicherungsmittel,  da  man  eben  so  viel  gibt,  wie  man  I
erhält,  sondern  ein  Mittel,  die  nötigen  Bedarfsgegenstände  zu  erwerben  und  in  die  |
Annehmlichkeiten  Abwechslung  zu  bringen“  (Le  Trosnk,  S.  903—904).  Was  bedeutet  |
aber  „Bedarfsgegenstände  zu  erwerben  und  in  die  Annehmlichkeiten  Abwechslung  I
zu  bringen“,  wenn  nicht  seinen  Reichtnm  vergrößern!
        <pb n="54" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

31

als  Durst  spüre,  während  umgekehrt  du  mehr  Durst  als  Hunger  hast;
folglich  hat  die  Flasche  Wein,  dadurch,  daß  sie  von  mir  auf  dich
übergeht,  an  Nützlichkeit  gewonnen,  wie  gleicherweise  das  Brot,  das
von  dir  auf  mich  übergegangen  ist.  In  dieser  doppelten  Nützlichkeitsvermehrung ­
  sehen  wir  eine  wirkliche  Vermehrung  an  Wert.
Dieser  Gedankengang  würde  aber  den  Physiokraten  absurd  erschienen
sein,  da  sie  unter  Werten  (richesses)  nur  materielle  Güter  verstanden
und  nicht  eingesehen  hätten,  daß  man  die  Schaffung  von  weiter  nichts
als  subjektivem  Nutzen  produktiv  nennen  kann.
Was  den  Handel  anbelangt,  so  wissen  wir  schon,  daß  sie  den
Kaufmann  zusammen  mit  dem  Fabrikanten  in  die  sterile  Klasse  verwiesen. ­
  Das  ist  an  sich  schon  bezeichnend  genug.  Dieses  einfache
Wort  schlägt  alle  seit  2  Jahrhunderten  vom  Merkantilismus  gelehrten
Theorien,  die  im  Außenhandel  das  wahre  Bereicherungsmittel  eines
Landes  sahen,  zusammen.  Die  Merkantilisten  stellten  sich  den  Staat
unter  dem  Bilde  eines  reichen  holländischen  Kaufherrn  vor;  die
Physiokraten  aber  unter  dem  eines  Landedelmannes,  der  auf  und  von
«einen  Landgütern  lebt.
Der  Außenhandel  bringt,  nach  ihrer  Ansicht,  ebensowenig  wie
der  Innenhandel  irgendwelchen  wirklichen  Reichtum,  sondern  nur
einen  Gewinn,  hervor,  w r as  etwas  ganz  anderes  ist;  denn  das,  was
der  Eine  gewinnt,  büßt  der  Andere  ein.  „Alle  handeltreibenden  Völker
'eben  in  dem  Glauben,  daß  sie  sich  durch  den  Handel  bereichern;
über,  wie  eigentümlich,  alle  glauben  sich  zu  bereichern,  indem  sie  an
den  Anderen  verdienen.  Man  muß  zugeben,  daß  dieser  vorgebliche
Gewinn,  so  wie  sie  ihn  auffassen,  etwas  ganz  Wunderbares  ist,  denn
uach  dieser  Meinung  gewinnt  jeder  und  verliert  keiner“  1 ).  Es  unterlegt ­
  keinem  Zweifel,  daß  ein  Land  gezwungen  sein  kann,  Güter  aus
dem  Ausland  kommen  zu  lassen,  die  es  selbst  nicht  erzeugen  kann,
und  ihm  solche  abzulassen,  die  es  selbst  nicht  verbrauchen  kann.
Leshalb  ist  der  Außenhandei  unentbehrlich,  aber  er  ist,  sagt  Mebcier
de  la  Reviere,  und  er  unterstreicht  das  Wort:  ein  notwendiges
Übel 2 ).
Quesnay  begnügt  sich,  ihn  einen  Notbehelf  zu  nennen 8 ).  Der
einzig  wirklich  nützliche  Tausch  ist  der,  welcher  die  Erzeugnisse
direkt  aus  der  Hand  des  Landwirtes  in  die  des  Verbrauchers  bringt,
')  Mercibb  de  la  KivikEE,  S.  545.
2 )  S.  548.
.  “)  .Geldbilanz  ist  im  Außenhandel  nur  ein  Notbehelf  für  die  Völker,  die  für
1  en  gleichen  Zweck  keine  Produkte  zurückerhalten  können  .  ..  Auch  ist  der  Außenlandtl
  selbst  nur  ein  Notbehelf  für  die  Völker,  deren  Innenhandel  nieht  genügt,  um
te  Erzeugnisse  ihres  Landes  vorteilhaft  abzusetzen  ...  Es  ist  höchst  sonderbar,
aß  man  dieser  Geldbilanz  so  große  Bedeutung  beimißt,  die  doch  nur  ein  Notbehelf
mr  den  Handel  ist“  (Quesnay,  Dialogues,  S.  175).
        <pb n="55" />
        32

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

denn  sonst  nützen  diese  Erzeugnisse  nichts  und  verderben  in  der
Hand  des  Erzeugers.  Der  Tausch  aber,  der  im  Ankauf  dieser  Erzeugnisse ­
  zum  Zweck  des  Weiterverkaufes  besteht,  und  den  sie
Handel  —  trafic  —  nennen  (er  allein  bedeutet  heute  im  juristischen
Sinne  des  Wortes  Handelstätigkeit),  ist  weiter  nichts  als  eine  Güterverschwendung; ­
  ein  Teil  davon  wird  sogar  von  dem  Händler  aufgezehrt ­
 1 ).  Den  gleichen  Gedanken  finden  wir  im  folgenden  Jahrhundert ­
  bei  Carey.  Geistreich  vergleicht  Merciek  de  la  Riviebe
die  Kaufleute  mit  Spiegeln,  die  so  aufgestellt  sind,  daß  sie  zu  gleicher
Zeit  und  nach  verschiedenen  Richtungen  das  Bild  desselben  Gegenstandes ­
  wiedergeben.  Wie  diese  Spiegel  scheinen  sie  die  Gegenstände
zu  vermehren  und  täuschen  so  das  Auge,  das  sie  nur  oberflächlich
sieht 2 ).
Nun  gut!  Lassen  wir  diese  Verachtung  des  Handels  einmal
gelten:  zu  welchem  Schlüsse  führt  dies?  Daß  man  ihn  verbieten?
oder  gesetzlich  regeln?  oder  freigeben  muß?  Keine  dieser  Schlußfolgerungen ­
  ergibt  sich  zwingend  aus  den  Voraussetzungen;  weun  der
Handel  nutzlos  ist,  scheint  die  erste  Lösung  die  richtigste.  Die
Physiokraten  waren  aber  für  die  dritte;  aus  welchem  Grunde?
Man  versteht  ganz  gut,  daß  die  Physiokraten  den  Merkantilismus
und  Colbertismus  verwarfen,  die  beide  dem  Lande  eine  günstige
Handelsbilanz  verschaffen  wollten;  denn  dieser  Zweck  erschien  ihnen
fantastisch  und  sogar  unmoralisch.  Schwerer  ist  die  Erklärung,  warum
sie  die  Freiheit  des  Handels  befürworteten,  der  doch  ihrer  Ansicht
nach  zu  nichts  nütze  war.  Heute  folgen  die  Freihändler  unter  den
Nationalökonomen  ihrem  Beispiele,  aber  mit  dem  Gedanken,  daß  der
Freihandel  eine  große  Wohltat  für  alle  Länder  ist,  und  daß  die  daran
teilnehmenden  Länder  um  so  reicher  werden,  je  mehr  er  sich  entwickelt. ­
  Das  war  aber  durchaus  nicht  die  Meinung  der  Physiokraten.
Wenn  sie  Freihändler  waren,  so  lag  dies  in  erster  Linie  daran,  daß
sie  hauptsächlich  an  Handelsfreiheit  im  Innern  dachten,  und  man  muß
sich  vergegenwärtigen,  was  für  außerordentliche  Schranken  in  damaliger ­
  Zeit  den  Handel  im  Innern  hemmten s ).  Und  weiter  ergab
sich  aus  der  natürlichen  Ordnung,  daß  jeder  kaufen  und  verkaufen

1 )  „Die  Kaufleute,  wie  man  sie  nennt,  sind  nur  Händler.  Denn  derjenige,
der  Handel  treibt,  ist  nur  eine  Art  Angestellter,  dem  es  durch  seine  fleißige  Tüchtigkeit ­
  gelingt,  sich  einen  Teil  der  Güter  der  anderen  anzueignen“  (Mebcibe  de  la
EiviSre,  S.  551).  „Der  Verdienst  der  Kaufleute  ist  kein  Gewinn  für  den  Herrn“
(Qubsnay,  S.  151).
2 )  Ordre  naturel,  S.  538.
a )  Verpflichtnngen,  nur  auf  dem  Markt  und  nur  beschränkte  Mengen  zu  verkaufen,
das  Getreide  nicht  länger  als  zwei  Jahre  zurückzuhalten  —  und  auf  dem  Markt
selbst  zuerst  an  die  Verbraucher,  dann  an  die  Bäcker  und  dann  erst  an  die  Händler
zu  verkaufen!  usw.
        <pb n="56" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

33

kann,  wie  es  ihm  gefällt,  ohne  Unterschied  zwischen  Inland  und  Ausland, ­
  da  ja  diese  natürliche  Ordnung  Grenzunterschiede  nicht  kennt x ).
Auch  sichert  die  Freiheit  den  „richtigen  Preis“  (le  bon  prix).
—  Was  soll  man  aber  unter  diesem  Wort  verstehen?  —  Einen
niedrigen  Preis?  —  Ganz  und  ’gar  nicht!  „Nur  die  freie  Konkurrenz ­
  der  ausländischen  Kaufleute  kann  den  bestmöglichen  Preis
sichern,  und  nur  der  hohe  Preis  kann  durch  die  Mühen  des  Landwirtes ­
  den  Wohlstand  wie  die  Bevölkerung  eines  Königreiches  schaffen
und  unterhalten“  2 ).  Diese  Erwägung  scheint  verwirrend,  weil  wir  im
Gegenteil  daran  gewöhnt  sind,  daß  die  Freihändler  sich  mit  ihren  billigen
Preisen  brüsten;  man  versteht  sie  aber  besser,  wenn  man  sich  klar
wacht,  daß  die  Physiokraten  sich  um  die  Einfuhr  von  landwirtschaftlichen ­
  Produkten  kaum  Sorgen  machten.  Eine  solche  war
nämlich  damals  kaum  zu  befürchten,  so  daß  der  Gedanke  des  freien
Kornhandels  für  sie  auf  die  freie  Ausfuhr  herauskam.  Nach  Oncken  war
von  Quesnay  gewünschte  Handelspolitik  diejenige,  die  England
damals  befolgte:  Begünstigung  der  Getreideausfuhr,  um  den  Kurs  zu
stützen,  und  um  bei  Gelegenheit  einer  reichen  Ernte  den  richtigen  Preis
??  halten,  —  sowie  die  Erlaubnis  der  Einfuhr  nur  im  Falle  einer
Hungersnot,  um  zu  große  Teuerung  zu  verhüten 3 ).
b  „Man  muß  die  vollständige  Handelsfreiheit  aufrecht  erhalten,  denn  die  für
das  Volk  und  den  Staat  sicherste,  genaueste  und  vorteilhafteste  Regelung  des  Innenddd
  Außenhandels  besteht  in  absolut  freier  Konkurrenz“  (Quesnay,  Maximes  XXV).
2 )Dialogues,  S.  153.  „Hohe  Preise  erzeugen  Überfluß,  sagte  man,  d.  h.
* e gen  zur  Produktion  an“,  und  umgekehrt  hatte  Boisguillebebt  gesagt:  „Niedrige
Preise  gehen  der  Not  voraus.“
_  Ebenso  schreibt  Mebcier  de  la  RiviAre:  „Ein  üblicher  und  beständiger,  richtiger
Preis  (bon  prix)  bringt  mit  Sicherheit  Überfluß  —  und  ohne  Dreiheit  gibt  es  keinen
richtigen  Preis,  keinen  Überfluß“  (S.  570).  Im  übrigen  begnügt  sich  Quesnay  an
anderer  Stelle  (Maximes  S.  98)  zu  sagen,  daß  der  freie  Kornhandel  „den  Preis
gleichmäßiger“  gestalten  wird.
Auch  Tubgot  (inseinen  Briefen  über  den  Getreidehandel)  führt  diesen
aweis  des  längeren  aus  und  versucht  sogar,  ihm  eine  arithmetische  Gestalt  zu
ge  en.  Das  ist  unnötig.  Es  ist  eine,  allerdings  mehr  psychologische  Wahrheit,  daß
I* 11  re gelmäßiger  Preis  von  20  Pr.  besser  ist,  als  ein  zwischen  35  und  5  Fr.  hin  und
r  schwankender  Preis,  obgleich  der  arithmetische  Durchschnitt  der  gleiche  ist.
a  )  Ebenda,  S.  376.  —  Es  ist  der  Mühe  wert,  darauf  hinzuweisen,  daß  die
sieh  Konkurrenz  ausdrücklich  von  Quesnay  vorausgesehen  wurde,  was
da g er ^ lc k  H ns  der  bemerkenswertesten  Beispiele  wissenschaftlicher  Vorhersage  ist,
Kö  an ,r)Höhrt  werden  kann.  „Man  könnte,“  sagt  er  in  seinem  Aufsatz  über  die
fürcbt  rücllte  in  der  Enzyklopädie,  „die  Fruchtbarkeit  der  amerikanischen  Kolonien
Weni  ’  Un&amp;lt; *  ^ as  Anwachsen  der  Landwirtschaft  in  der  Neuen  Welt“,  aber  er  geht,
a merfj S  6 ^ S  ,P rov 'sorisch,  über  diese  Befürchtung  mit  dem  Hinweis  hinweg,  daß  „das
derbe*“ amscae  Getreide  weniger  gut  als  das  französische  sei  und  auf  der  Reise  ver-Pbysiokr
  f Verwe ^ s ® u  au ch  noch  auf  das,  was  wir  schon  im  vorhergehenden  über  die
G  a  en  a * s  Schutzzöllner  unter  heutigen  Verhältnissen  gesagt  haben.
•md  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  3
        <pb n="57" />
        34

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Mit  einem  Wort:  die  Handelsfreiheit  bestand  für  die  Physiokraten
hauptsächlich  in  der  Abschaffung  der  unter  der  alten  Regierungsform
bis  in  den  Himmel  gehobenen  Maßnahmen,  die  darauf  abzielten,  die
Getreideausfuhr  ins  Ausland  zu  verhindern  und  den  freien  Güteraustausch ­
  im  Inland  einzuschränken x ).  Diese  physiokratische  Auffassung ­
  hat  aber  nicht  lange  gebraucht,  um  die  Umstände,  denen  sie
ihr  Entstehen  verdankte,  zu  überflügeln,  und  zur  These  von  der  absoluten ­
  freien  Konkurrenz  zu  werden,  die  Walbas  später  wie  folgt
zusammenfaßte:  „die  freie  Konkurrenz  im  Tauschverkehr  sichert  jedem
Teile  das  Maximum  des  Grenznutzens  oder,  was  dasselbe  ist,  die
Maximalbefriedigung  der  Bedürfnisse.“  Fast  alle  Gründe,  die  während
eines  Jahrhunderts  im  Kampfe  um  den  Freihandel  ins  Treffen  geführt
wurden,  sind  schon  von  den  Physiokraten  formuliert  worden!  Die
hauptsächlichsten  sind:
1.  Die  Widerlegung  des  Beweises  von  der  Handelsbilanz  wird
schon  von  Merciek  de  la  Rivieke  mit  vollkommener  Genauigkeit
geführt:  „Also  du  blinde  und  stumpfsinnige  Politik,  ich  werde  alle
deine  Wünsche  erfüllen!  Ich  gebe  dir  das  ganze  Geld,  das  unter
den  Völkern,  mit  denen  du  Handel  treibst,  im  Umlauf  ist;  jetzt  hast
du  es;  was  willst  du  damit  machen?“  Und  er  zeigt  zuerst,  wie  kein
anderes  Land  dann  noch  etwas  kaufen  kann,  und  wie  damit  alle
Ausfuhr  aufhört,  und  zweitens,  wie  die  ungeheuere  Teuerung  zum
Kaufe  im  Auslande  zwingen  würde,  und  so  das  Geld  wieder  zur  Auswanderung ­
  kommt,  „was  übrigens  das  einzige  Heilmittel  sein  würde“ *  2 ).
2.  Widerlegung  der  These,  daß  die  Zölle  vom  Ausland  getragen ­
  werden.  „Der  Fremde  wird  dir  nichts  verkaufen,  wenn
du  ihm  nicht  denselben  Preis  zahlst,  den  ihm  die  anderen  Völker
geben  wollen.  Wenn  du  einen  Eingangszoll  auf  seine  Waren  legst,
so  wird  derselbe  eine  Erhöhung  des  wirklichen  Preises  sein,  den  der

*)  Das  damalige  Schutzzollsystem,.  gegen  das  die  Physiokraten  ankämpften,
versuchte  die  Industrie  dadurch  zu  entwickeln,  daß  es  die  Ausfuhr  der  Manufakturwaren
  begünstigte,  dagegen  aber  die  Ausfuhr  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse
und  Rohstoffe  einschränkte,  um  den  Eabrikanten  billige  und  ausreichende  Arbeitskräfte ­
  und  Rohstoffe  zu  sichern.  Man  kümmerte  sich  durchaus  nicht  um  die  Getreideeinfuhr: ­
  im  Gegenteil,  der  Merkantilismus  und  der  Colbertismus  gaben  den
Landwirt  doppelt  preis,  indem  man  die  Getreideausfuhr  erschwerte  und  die  Getreideeinfuhr ­
  gestattete,  während  man  gerade  das  Gegenteil  für  die  gewerblichen  Erzeugnisse ­
  tat.
2 )  S.  576.  „Wenn  man  der  Sache  auf  den  Grund  geht,  was  haben  Sie  denn
gewonnen,  stets  ins  Ausland  verkaufen  zu  wollen,  ohne  dessen  Waren  aufzunehme*?  .  •  •
Geld,  das  Sie  nicht  zu  halten  vermögen  und  das  Ihren  Händen  entgleitet,  ohne  daß
es  Ihnen  von  Nutzen  gewesen  wäre!  ...  Je  mehr  sich  das  Geld  vermehrt,  um  so
mehr  verliert  es  an  Kaufkraft,  während  die  anderen  Waren,  mit  ihm  verglichen,  ai&amp;gt;
Wert  zunehmen“  (Mehcier  db  la  RivikKB,  S.  580,  583).
        <pb n="58" />
        3*

Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

Fremde  erhält;  dieser  Eingangszoll  wird  daher  nnr  von  deinen  eigenen
Volksgenossen  bezahlt“  1 ).
3.  Widerlegung  der  sogenannten  Reziprozitätspolitik.
„Ein  von  einem  benachbarten  Volke  erhobener  Eingangszoll  schadet
dem  Volke,  das  verkauft,  insoweit,  als  er  den  möglichen  Verbrauch
seiner  Erzeugnisse  vermindert.  Diese  indirekte  Wirkung  ist  unausbleiblich. ­
  Kann  ihr  aber  durch  Vergeltungsmaßregeln  nicht  begegnet
Werden?  England  hat  auf  französische  Weine  einen  ungeheueren
Z °H  gelegt,  der  denVerbrauch  bedeutend  einschränkt;  wird  England
a ber  eher  imstande  sein,  euren  Wein  zu  kaufen,  wenn  ihr  eurerseits
seine  Produkte  mit  Zoll  belegt?  Wird  der  Nachteil,  den  ihr  erleidet,
geringer  durch  den,  den  ihr  England  zufügt?“
Wir  haben  hier  viel  zitiert,  denn  seit  100  Jahren  ist  in  dieser
bi'age  nichts  Überzeugenderes  gesagt  worden!
Deshalb  wurde  diesen  Theorien  auch  sofort  eine  gesetzliche  Bestätigung ­
  durch  die  Edikte  von  1763  und  1766  gegeben,  in  denen
ie  Freiheit  des  Getreidehandels  erst  im  Inlande,  dann  mit  dem  Ausande
  gewährt  wurde,  allerdings  noch  mit  einigen  schwerwiegenden
esc hränkungen.  Unglücklicherweise  zeigte  sich  die  Natur  ihren
£  treuen  Bewunderern,  den  Physiokraten,  gegenüber  sehr  undankbar.
®  suchte  das  Land  sogleich  mit  4  oder  5  aufeinander  folgenden
t  ernten  heim,  an  denen  das  Volk  selbstverständlich  den  neuen
netzen  und  den  Physiokraten,  die  sie  inspiriert  hatten,  die  Schuld
g  ‘  Trotz  ihrer  Proteste  wurde  das  liberale  Gesetz  1770  wieder
gehoben,  um  1774  von  Turgot  wieder  eingeführt  und  1777  von
c ker  von  neuem  aufgehoben  zu  werden,  ein  Hin  und  Her,  das  die
Schlüssigkeit  der  öffentlichen  Meinung  gut  wiederspiegelt.
Ali  ^ e ? e  lieue  Gesetzgebung  und  das  physiokratische  System  im
g.  / e ® e inen  hatten  übrigens  einen  lebhaften,  energischen  Widersacher
fra-^ n ’  c ^ en  Abbe  Galiani,  einen  neapolitanischen  Monsignore  am
merk ÖS ^ SC ^ en  ^ er ’  ^  J a tire  a W  in  italienischer  Sprache  ein  be-Pj
  6 - S . Wertes  Buch  über  das  Geld,  und  1770,  in  ausgezeichnetem
(tü a ] 0 Z ^ slSc b  dieZwiegespräche  über  den  Getreidehandel
Erfoif U u S  SUr  le  com «ierce  des  bles)  geschrieben  hat,  die  einen  großen
w urden  i ten  und  besonders  von  Voltaire  über  alle  Maßen  gerühmt
G A[;rAK j  thre  Form  ist  jedoch  bei  weitem  wertvoller  als  ihr  Inhalt.
»Soweit  ^ Vai  &amp;lt; * em  »btisser  faire“  gegenüber  nicht  gerade  feindlich:
VVle  möglich  soll  man  nichts  verbieten“  sagte  er,  „so  oft
eure  Steue^ 001 '’  ® uvres  b  s -  189 -  —  „Wenn  ihr  die  fremden  Kaufleute  durch
sie  euch  seih  . ve ! treib b  80  werden  sie  euch  die  nötigen  Waren  nur  bringen,  indem
Pialogues)  ^Abgaben  auferlegen,  mit  denen  ihr  sie  belasten  wolltet“  (Qtjbsnay,
        <pb n="59" />
        36

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

wie  möglich  soll  man  sich  auf  die  Seite  der  Freiheit  stellen 1 ).“  Er
erklärte  sich  aber  gegen  jedes  allgemeine  System  und  besonders  gegen
jede  Unterwerfung  unter  den  Willen  der  „Dame  Natur“:  „Sie  ist“,
sagte  er,  „eine  viel  zu  große  Dame,  um  sich  mit  unseren  Kleinigkeiten ­
  zu  befassen 2 ).“  Wie  die  realistische  oder  historische  Schule
unserer  Tage  schrieb  er,  daß  man:  „die  Prinzipien  dem  Orte,  der  Zeit
und  den  Umständen  anpassen  müsse.  Von  welchem  Reiche  will  man
sprechen?  Wie  ist  seine  Lage  usw.“? 3 )
An  die  Seite  Galiani’s  kann  man  den  großen  Finanzmann  Neckee
stellen,  der  1775  in  einem  dicken  Buche:  dieGesetzgebung  und
der  Getreidehandel  (la  legislation  et  la  commerce  des  grains)
ungefähr  die  gleichen  opportunistischen  Gedanken  entwickelte,  und  als
Minister  (1776—1781  und  1788—1790)  den  freien  Getreidehandel  untersagte. ­

Nicht  zu  übersehen  ist  aber,  daß  die  Physiokraten  für  einen
Zweig  des  Handels,  einen  einzigen!  und  nicht  den  unbedeutendsten
gesetzliche  Vorschriften  beibehielten.  Dies  ist  der  Handel  mit  Geld,
das  Geldleihgeschäft.  Der  Marquis  Mieabeau  erkannte  nur  die  Berechtigung ­
  der  landwirtschaftlichen  Darlehen  an,  weil  nur  dort  die
Zinsen  einem  wirklichen  Güterzuwachs,  einem  vermehrten  Reinertrag,
entsprächen,  aber  im  Handel  wollte  er  jedes  Darleihen  verbieten  oder
doch  beschränken.  Er  ließ  es  sogar  an  recht  beleidigenden  Ausdrücken ­
  nicht  fehlen  und  nannte  den  Handel  mit  Geld  eine  Abgabe,
die  die  „Nagetiere“  von  Rentiers  erhöben.  Wie  Mieabeau  gründete
auch  Dr.  Quesnay  das  Recht  auf  Zinsen  nur  auf  den  Reinertrag  des
Bodens  —  denn,  sagt  er,  jedes  Kapital  kann  zur  Erwerbung  von
Grund  und  Boden  verwendet  werden.  Er  war  aber  weniger  streng
und  verlangte  nur  eine  gesetzliche  Beschränkung.  Hierin  sind  die
Physiokraten  ganz  logisch,  denn  wenn  das,  was  nach  ihnen  ein  rechtmäßiges ­
  Anrecht  auf  Zinsen  begründet,  nicht  eintritt,  d.  h.  wenn  das
Kapital  nicht  in  Grund  und  Boden,  sondern  in  der  Industrie  oder
dem  Handel,  die  sie  als  unproduktiv  definieren,  angelegt  wird,  so  ist
es  klar,  daß  die  Zinsen  nur  aus  der  Tasche  des  Schuldners  kommen
können;  und  dann  müssen  die  Physiokraten  diese  Zinsen  logischerweise ­
  ebenso  ablehnen,  wie  sie  die  Steuerleistung  der  industriellen
und  der  Handelsklasse  ablehnen,  was  weiter  unten  ausgeführt
werden  wird.
Tuegot  ist  der  einzige,  der  offen  die  Freiheit  des  Geldleih-*)

  Dialogues,  S.  254,  274.
2 )  Ebenda,  8.  237.
3 )  Ebenda,  S.  22.  Übrigens  schlug  er  selbst  ein  ziemlich  kompliziertes  System
vor,  das  sehr  mäßige  Getreideausfuhr-  und  Einfuhrzölle  vorsah,  und  zwar  etwa  10%
im  ersten  und  5°/o  im  zweiten  Palle.
        <pb n="60" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

37

geschäftes  zuläßt 1 )  und  der  Grund,  den  er  anführt,  ist  nicht  allein
das  physiokratische  Argument  von  der  Möglichkeit,  daß  der  Kapitalbesitzer ­
  sein  Geld  in  Grund  und  Boden  anlegen  kann,  sondern  vor
Allem,  daß  er  sich  irgendwelcher  Produktion  zuwenden  kann,  da
Kapital  die  „unumgänglich  notwendige  Grundlage  jedes  Unternehmens“
ist 2 ).  Daher  wird  er  sein  Kapital  niemals  jemandem  geben,  der  ihm
nicht  wenigstens  den  Gegenwert  dessen  bietet,  was  er  erhalten
könnte,  wenn  er  es  selbst  in  Industrie  oder  Handel  verwendete.
Dieser  Beweisführung  scheint  aber  der  Gedanke  zugrunde  zu  liegen,
als  ob  jedes  Unternehmen  an  und  für  sich  produktiv  sei.  Und  in  der
Tat,  Tukgot  unterschied  sich  auch  darin  von  der  physiokratischen
Schule,  daß  er  die  Industrie  und  den  Handel  nicht  als  steril  betrachtete. ­


2.

Die  Rolle  des  Staates.

Da  die  Physiokraten  glauben,  daß  es  in  den  menschlichen  Gemeinschaften ­
  eine  natürliche  Ordnung  gibt,  die  von  selbst  wirkt,  und
daß  es  folglich  keines  geschriebenen  Gesetzes  bedarf,  um  die  Herr-Se
 haft  dieser  Ordnung  festzulegen,  da  sie  glauben,  daß  die  Stimme
der  Natur  dem  Menschen  „das,  was  ihm  am  vorteilhaftesten  ist“
e ingibt  und  daß  daher  jeder  Zwang  unnötig  ist,  der  jemanden  bestimmen ­
  soll,  seinen  Vorteil  zu  suchen,  —  so  würde  es  scheinen,  als
°b  die  Physiokraten  zur  Verneinung  aller  Gesetzgebung,  aller  Autorität,
mit  einem  Wort:  zur  Abschaffung  des  Staates  gelangen  müßten.
Es  ist  sicherlich  wahr,  daß  die  Physiokraten  dafür  waren,  die
Gesetzgebungsmaschine  auf  ein  Minimum  zu  reduzieren,  und  sie  haben
sogar  erklärt,  was  nach  ihnen  die  Anti-Interventionisten  so  oft  wiederholen ­
  sollten,  daß  das  nützlichste  Werk  der  Gesetzgebung  darin  bestehe, ­
  die  unnützen  Gesetze  abzuschaffen 3 ).  Fest  steht,  daß  nach
ihnen,  wenn  man  einmal  neue  Gesetze  zu  Hilfe  nehmen  muß,  sie
üichts  weiter  als  die  Niederschrift  der  ungeschriebenen  Naturgesetze
sein  sollten.  „Weder  die  Menschen  noch  die  Regierung  machen  die
Gesetze  und  sie  können  sie  auch  nicht  machen.“  Sie  erkennen

i  über  diesen  Gegenstand:
*)  Er  ist  der  Verfasser  einer  ^nJführungen  über  Gelddarlehen)  1769.
„Memoire  sur  les  prets  d  argent  (  ..irhesses  (Betrachtungen  über  die
2 )  Reflexions  sur  la  formation  des
Bildung  des  Reichtums)  §§  LIX,  BXI,  DA  •  ^g^pen  un(1  absurden  Gesetze
3 )  „Schafft  die  unnützen,  ungerechten,  J  (Baudeau,  S.  817).  Boisguih.bbekt
ab,  und  ihr  werdet  sehen,  ob  viel  davon  übrig  W  eineB  rech t  grollen  Wohlstandes
hatte  60  Jahre  vorher  geschrieben:  „Zur  »  ®  mit  dem  Tun  auf  zu  hören,
handelt  es  sich  nicht  darum,  etwas  zu  tun,
was  nnr  einen  Augenblick  beansprucht.
        <pb n="61" />
        38

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

/

sie  als  in  Übereinstimmung  mit  der  höchsten  Vernunft,  die  die  Welt
regiert  und  übergeben  sie  der  Gesellschaft  .  ..  Deshalb  sagt  man:
Gesetzesträger  „legislateurs“  und  man  hat  noch  niemals  gewagt,
von:  Gesetzesmachern  „legisfacteurs“  x )  zu  sprechen.  Hier  würde  eine
Menge  mehr  oder  weniger  authentischer  Anekdoten  ihren  Platz  finden.
So  erzählt  man  z.  B.  oft  von  Mekcier  de  da  Reviere,  daß  er,  von  der
großen  Katharina  nach  Petersburg  berufen,  um  die  Grundlage  einer
Verfassung  zu  entwerfen,  ihr  geantwortet  habe:  er  würde  sich  wohl
hüten,  dies  zu  tun,  da  man  „nur  der  Natur  der  Dinge  ihren  Lauf
lassen  brauche“,  -worauf  ihm  die  Kaiserin  glückliche  Reise  wünschte.
Nichtsdestoweniger  würde  es  ein  großer  Fehler  sein,  etwa  in  den
Physiokraten  die  Vorläufer  der  Anarchisten  zu  -  sehen.  Sie  wollten
so  wenig  wie  möglich  Gesetzgebung,  aber  sie  wollten  so  viel  wie
möglich  Autorität,  —  was  nicht  dasselbe  ist.  Sie  wollten  sie  aber
nicht,  wie  unsere  heutigen  Liberalen,  beschränkt  und  unter  genauer
Kontrolle;  ihr  Regierungsideal  ist  nicht  die  sich  selbst  regierende
Demokratie  wie  die  griechischen  Republiken,  ja  nicht  einmal  die  parlamentarische ­
  Regierungsform  wie  in  England;  im  Gegenteil,  sie  verabscheuten ­
  diesen  politischen  Liberalismus 2 ).
Aller  gesellschaftlichen  Hierarchie,  bis  zu  ihrem  Oberhaupt,
bringen  sie  die  größte  Ehrerbietung  entgegen.  Sie  weisen  jede  Idee,
*)  Qüesnay,  Maxim  es  I,  8.  390.  Auch  Mercier  de  la  BiviSre  schreibt  im
gleichen  Sinn:  „Die  positiven  Gesetze  sind  alle  gegeben;  sie  können  nichts  anderes,
als  Feststellungen  zur  Erklärung  der  natürlichen  Rechte  sein“  (II,  S.  61).  Das  liest
sich  wie  ein  Vorwort  zur  „Declaration  des  Droits  de  l’homme“.
2 )  „Der  politischen  Freiheit  brachten  die  Physiokraten  die  größte  Verachtung
entgegen.“  —  Esmein,  La  Science  politique  des  Physiocrates  (Die  Wissenschaft ­
 0  von  der  Politik  bei  den  Physiokraten:  Eröffnungsrede  des  Kongresses  der  gelehrten ­
  Gesellschaften,  Paris  1906).
„Die  griechischen  Republiken  haben  niemals  die  Gesetze  der  Ordnung  gekannt. ­
  .  .  .  Diese  unruhigen,  zur  Vergewaltigung  geneigten,  tyrannischen  Stämme
hörten  nicht  auf,  den  fruchtbarsten  (!)  und  bestgelegenen  Boden  der  bekannten  Welt
mit  menschlichem  Blut  zu  röten  und  in  eine  Einöde  zu  verwandeln“  (Baudeau,
S.  800).
„Selbstverständlich  kann  ein  demokratischer  Herrscher  (das  Volk)  seine  Autorität
nicht  selbst  ausüben  und  kann  nichts  anderes  tun,  als  Vertreter  zu  bestellen.  Die
Vertreter  sind  Einzelpersonen,  deren  Ämter  notwendig  nur  vorübergehende  Dauer
haben.  Diese  „Vorübergehenden“  können  daher  nie  in  beständiger  Interessengemeinschaft ­
  mit  der  Nation  sein.  Deshalb  ist  eine  solche  Verwaltungsform  nicht
im  Einklang  mit  der  natürlichen  Ordnung.  —  Das  Gleiche  gilt  von  einem,  sich  auf
die  Aristokratie  stützenden  Herrscher  und  ebenso  von  einem  Wahlkönig.  Nur  die
erblichen  Monarchen,  deren  persönliche  und  Sonderinteressen  jetzt  und  in  Zukunft
eng  mit  denen  ihres  Volkes  durch  den  Anteil,  den  sie  an  allen  Reinerträgen  ihres
Reiches  haben,  verknüpft  sind,,  können  in  Frage  kommen“  (Ddpont  I,  S.  359,  360).
Man  könnte  beinahe  glauben,  Wilhelm  II.  über  die  Hohenzollern  sprechen
zu  hören!
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        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

39

den  Adel  oder  die  Monarchie  angreifen  zu  wollen,  weit  von  sich.
Was  sie  wollen,  ist  eine  Regierung  unter  der  Form  einer  einzigen,
zentralisierten,  erblichen  Monarchie,  ohne  Gegengewicht  und  allmächtig. ­
  Was  sie  wollen,  und  sie  fürchten  sich  nicht,  es  hei  seinem
Namen  zu  nennen,  ist:  der  Despotismus 1 ).
„Möge  die  souveräne  Autorität  allen  Einzelpersonen  der  Gesellschaft ­
  und  allen  ungerechten  Unternehmungen  der  individuellen  Interessen ­
  einzigartig  und  erhaben  gegenüber  stehen.  Die  Theorie  des
Gleichgewichts  der  Kräfte  in  einer  Regierung  ist  eine  verderbliche
Meinung“  (Quesnat,  Maximes) 2 ).
Wieweit  sind  wir  jetzt  von  der  Trennung  der  Regierungsgewalten
Montesquieu’s  ?  und  ebenso  von  der  Dezentralisation  und  vom  Kantonalismus! ­
  Bemerkenswert  ist,  daß  die  Frage  der  Steuerbewilligung
durch  die  Steuerzahler  überhaupt  nicht  angeschnitten  wird.  Man
darf  aber  nicht  vergessen,  daß  diese  Garantie,  die  der  Ausgangspunkt
der  parlamentarischen  Regierungsform  war,  für  die  Physiokraten
keinen  Sinn  hatte,  da  wie  wir  sehen  werden,  Steuern  für  sie  nur  das
Recht  eines  Miteigentums  des  Herrschers,  ein  Domäneneinkommen
ist,  das  nichts  mit  dem  Willen  des  Volkes  zu  tun  hat.
Wie  soll  man  diesen  wenigstens  scheinbaren  Widerspruch  erklären? ­
  diese  Despotismusanbetung  bei  diesen  Aposteln  des  „laisser
faire“  ?
Der  Grund  liegt  darin,  daß  die  Physiokraten  darunter  etwas
ganz  anderes  verstanden  als  die  landläufige  Bedeutung  des  Wortes.
Für  sie  ist  es  nicht  gleichbedeutend  mit  Tyrannei,  sondern  mit  dem
Gegenteil.  Für  sie  war  es  nicht  einmal  das,  was  man  später  die
Regierung  des  „aufgeklärten  Despoten“  genannt  hat,  der  durch  die
Größe  seines  Genies  die  Menschen  gegen  ihren  Willen  glücklich
flaacht.  Der  Despotismus  der  Physiokraten  ist  kein  anderer,  als  der
^ er  natürlichen  Ordnung,  der  gegenüber  kein  vernünftiger  Mensch
etwas  anderes  tun  kann,  als  sich  ihr  zu  unterwerfen.  Ihr  Despo-...
  Die  Kritiken  der  parlamentarischen  Regierungsform  von  Pupont  de  Nemours
11  er  „die  allgemeine  Korruption  als  notwendige  Folge“  und  „sein  fressendes  Gift,
8,8  die  Vereinigten  Staaten  noch  nicht  ergriffen  hat“  (Brief  an  J.-B.  Say,  S.  414)
" i! ' (  äußerst  merkwürdig,  liegen  aber  außerhalb  einer  Geschichte  der  Doktrinen.
.  l )  „Nur  in  dieser  einfachen  und  natürlichen  Regierungsform  sind  die  Herrscher
wirkliche  Despoten  und  können  alles,  was  sie  für  ihr  Wohl  beabsichtigen,  ausführen“
(Ddpoht,  S.  364).
*)  Die  Physiokraten  verlangten  aber  eine  zu  wählende  Nationalversammlung,
ohne  ihr  jedoch  irgendwelche  gesetzgeberischen  Befugnisse  einzuräumen;  es  sollte
as  e ihfach  ein  Staatsrat  sein,  der  sich  hauptsächlich  mit  den  öffentlichen  Arbeiten
hnd  der  Steuerverteilung  zu  befassen  hätte.  Vgl.  die  Betrachtungen  Esmein’s  über
(R 6 -! 011  4e h  Physiokraten  vorgeschlagene  Nationalversammlung
erichte  der  „Academie  des  Sciences  Morales  et  Politiques“,  1904).
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        40  Erstes  Buch.  Die  Begründer.
tismus  gleicht  in  allen  Stücken  dem  der  Wahrheit,  die  sich  seihst
durchsetzt 1 ).
Dieser  Despotismus  ist  daher  weit  von  dem  Grundsatz  der  absoluten ­
  Macht  der  alten  Juristen  entfernt:  sicut  principi  placuit,  legis
habet  vigorem  2 ).  Sie  leugnen  durchaus  den  Gedanken,  daß  der  Wille
des  Volkes  Gesetz  sei,  aber  es  ist  zu  bemerken,  daß  sie  nicht  weniger
energisch  leugnen,  daß  der  Wille  des  Fürsten  Gesetz  sei 3 )  und  hierin
sind  sie  ebenso  weit  von  dem  modernen  Demokratismus  entfernt,  wie
vom  monarchischen  Absolutismus.
Selbstverständlich  verkörpert  sich  dieser  Despotismus  der  natürlichen ­
  Ordnung  in  einer  Person,  derjenigen  des  Herrschers,  des  Königs,
aber  er  hat  keine  andere  Rolle,  als  diesen  höheren  Gesetzen,  die  er
nicht  gemacht  hat,  als  Ausführungsorgan  zu  dienen.  Man  muß  ihn,
in  dem  Gedankengang  der  Physiokraten,  mit  einem  Kapellmeister
vergleichen,  der  sich  seines  Zepters  nur  wie  eines  Taktstockes  bedient. ­
  Allerdings  ist  der  Despotismus  eines  Kapellmeisters  viel  wirksamer ­
  als  der  des  Zaren,  denn  jeder  der  Musiker  muß,  auf  die  Sekunde
genau,  jeder  Bewegung  seiner  Hand  gehorchen.  Seine  Gewalt  ähnelt
aber  in  nichts  einer  Tyrannei,  da  jeder  der  Ausführenden  ihr  freiwillig ­
  gehorcht,  und  da  jeder,  dem  es  einfallen  sollte,  aus  Opposition
eine  fälsche  Note  zu  spielen,  nicht  als  ein  Widerspenstiger,  sondern
einfach  als  ein  musikalischer  Dummkopf  angesehen  werden  würde.
Muß  man  eigens  hervorheben,  daß  diese  Auffassung  des  Staates  ganz
verschieden  und  sogar  das  gerade  Gegenteil  der  Auffassung  ist,  die
später  die  Interventionisten  und  Sozialisten  verfechten  werden:  jene
Auffassung,  die  dem  Staate  die  Aufgabe  zu  weisen  wird,  die  Ungerechtigkeit ­
  der  Naturgesetze  auszugleichen.
Den  Physiokraten  erschien  diese  Herrschaft  unter  der  Form
einer  erblichen  Monarchie,  weil  nach  ihrer  Ansicht,  worauf  wir  schon
an  anderer  Stelle  hin  gewiesen  haben,  die  Herrschaft,  wie  unter  dem

x )  „Der  persönliche  Despotismus  ist  nur  der  gesetzliche  Despotismus  gemäß  den
Tatsachen  einer  natürlichen  Ordnung.  —  In  dem  gesetzlichen  Despotismus  schreiben
die  Befehle  der  Tatsachen  die  Anordnungen  des  Herrschers  vor.  Euklides  ist  ein
wirklicher  Despot,  und  die  geometrischen  Wahrheiten,  die  er  uns  überliefert  hat,  sind
wahrhaft  despotische  Gesetze;  ihr  gesetzlicher  Despotismus  und  der  persönliche
Despotismus  dieses  Gesetzgebers  ist  eins,  ein  Despotismus  der  unwiderstehlichen
Kraft  der  Tatsachen“  (Meeciek  de  la  Rivifmn,  S.  460,  471).
Zum  Schluß  ist  dieser  Despotismus  derselbe,  den  Auguste  Comte  späterhin
meinte,  als  er  sagte:  „Es  gibt  keine  Gewissensfreiheit  in  der  Geometrie.“
2 )  Quesnay  schreibt  in  einem  Brief  an  Mikabeau:  Dieser  Despotismus  ist  im
Gegenteil  der  „Anker  des  Heils  gegenüber  dem  Mißbrauch  der  Gewalt“.
s )  „Es  ist  ein  nichtswürdiger  Unsinn,“  sagt  Baüdeau,  „denn  damit  kann  ein
Majoritätsbeschluß  den  Vatermord  gesetzlich  rechtfertigen.“
        <pb n="64" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

41

Feudalismus,  mit  dem  Eigentum  verbunden  war;  und  ebenso  wie  die
Erblichkeit  zum  Grundbesitz  gehört,  gehört  sie  auch  zum  Amt  des
Königs.  Der  Herrscher,  der  für  die  Physiokraten  den  von  ihnen  geträumten ­
  Idealtypus  eines  Despoten  vorstellt,  ist  der  Kaiser  von
China:  er  besitzt  alle  von  ihnen  aufgestellten  Charakterzüge 1 ).
Als  Sohn  des  Himmels  verkörpert  er  die  natürliche  Ordnung,  die
zur  gleichen  Zeit  die  göttliche  ist.  Auch  ist  er  landwirtschaftlicher
Herrscher,  der  feierlich  einmal  im  Jahre  die  Hand  an  den  Pflug  legt.
Er  läßt  sein  Volk  sich  selbst  regieren,  oder  wenigstens  von  Sitte  und
Gebrauch  regiert  werden 2 ).
Wird  aber  in  der  Praxis  der  Despot  nichts  zu  tun  haben?  Sicherlich ­
  nicht  viel:  „Ihr  werdet  sehen,  Könige  und  Herrscher,  wie  leicht
die  Ausübung  eurer  geheiligten  Ämter  ist,  die  wesentlich  darin  besteht, ­
  das  Gute,  das  von  selbst  wird,  nicht  zu  hindern,  und  die  kleine
Anzahl  von  Menschen,  die  sich  am  Privateigentum  vergreifen,  zu  bestrafen“ ­
  3 ).
Und  in  der  Tat,  der  Schutz  dieser  natürlichen  Ordnung
Segen  alle  tempelschänderischen  und  unwissenden  Hände,  die  ihr
irgendwie  Schaden  zufügen  wollen,  und  im  Besonderen  der  Schutz
dessen,  was  ihre  Grundlage  ist,  des  Eigentums  in  allen  seinen  Formen,
das  ist  die  erste  und  bedeutendste  Funktion  des  Herrschers.  „Die
gesetzliche  Ordnung  besteht  in  dem  Besitzrecht,  das  von  der  Kraft
einer  schützenden  und  herrschenden  Autorität  den  in  der  Gesellschaft
^reinigten  Menschen  sichergestellt  und  garantiert  wird“  4 ).
Der  Unterricht  ist  die  zweite  dieser  Funktionen,  und  die
Physiokraten  legen  auf  diesen  Punkt  ganz  besonderes  Gewicht.  „Der
a %emeine  Unterricht  ist  das  erste  und  das  wahre  gesellschaftliche
Fand“  sagt  Baudeau.  Und  Quesnay  empfiehlt  besonders  den  Unter-,

  ’)  „Dieser  höchste  Alleinwille,  der  die  letzte  Instanz  ist,  ist  im  Grunde  genommen
kei u  menschlicher  Wille  mehr:  er  ist  die  verkörperte  Stimme  der  Natur  die  Ordnung
' les  Himmels.  Die  Chinesen  sind  das  einzig  bekannte  Volk,  deren  Philosophen  diese
HrWeisheit  erkannt  zu  haben  scheinen.  In  diesem  Sinn  nennen  sie  auch  ihren
Herrscher  „Sohn  des  Himmels“  “  (Baudeau,  S.  798).
,  *)  Man  hat  jedoch  gesagt  (Pantaleoni  in  seiner  Einführung  zu  dem,Buche
-Wthuk  Labkiola’s  „Le  dottrine  economiche  di  Quesnay  Quesnay  s  wirtschaftliche ­
  Doktrin  -)  daß  die  Physiokraten  dem  Feudalismus  gegenüber  die  gleiche
R °lle  gespielt  hätten,  'wie  die  Sozialisten  späterhin  gegenüber  der  bürgerlichen  Gesellschaft. ­
  -  Vom  politischen  Gesichtspunkt  aus  ist  das  richtig,  da  sie  eine  alleinstehende ­
  Monarchie  ohne  Gegengewicht  erstrebten,  vom  ökonomischen  Gesichtspunkt ­
  aus  aber  nicht,  da  ihre  Auffassung  der  Souveränität  und  der  Abgaben  ganz
m it  feudalen  Gedanken  getränkt  ist.
3 )  Dupont,  Vorrede  zu  den  Werken  Quesnay  s  I,  S.  85.
4 )  Dupont  I,  S.  22.
        <pb n="65" />
        42  Erstes  Buch.  Die  Begründer.

rieht,  der  sich  mit  der  Existenz  der  natürlichen  Ordnung  und  den
Mitteln  ihrer  Erkenntnis  befaßt.  Hierfür  geben  sie  übrigens  als
Grund  an,  daß  der  Unterricht  aller  Bürger,  eine  aufgeklärte  öffentliche ­
  Meinung,  das  einzige  Mittel  sei,  um  zu  verhindern,  daß  der
physiokratische  Despotismus  in  persönlichen  Despotismus  entarte.
Wie  Quesnay  sagt,  ist  es  die  öffentliche  Meinung,  die  das  Schwert
führt.  Daher  muß  sie  urteilsfähig  sein.
Auch  die  öffentlichen  Arbeiten  werden  von  den  Physiokraten
  als  eine  Teilaufgabe  des  Staates  bezeichnet;  —  muß  ein  guter
Besitzer  nicht  zuerst  für  gute  Wege  auf  seinen  Besitzungen  sorgen  ?
—  denn  gute  Wege  und  Kanäle  sind  ganz  besonders  wichtig,  um
den  Grund  für  die  Ertragsfähigkeit  eines  Besitztumes  zu  legen.  Sie
sind  eine  Art  Grundvorschüsse,  ähnlich  denen  der  Grundbesitzer.
Das  ist  ungefähr  Alles*).  Diese  Aufzählung  der  Funktionen  des
Staates  bleibt  dieselbe,  ohne  viel  verbessernde  Pinselstriche,  für  die
ganze  liberalökonomische  Schule  bis  auf  Bastiat  und  Molinari.  Wir
können  als  Letztes  noch  erwähnen,  daß,  ebenso  wie  späterhin  die
Nationalökonomen  der  liberalen  Schule,  die  Physiokraten  sich  vollständig ­
  als  Internationalisten  gebärdeten.  Hierin  unterscheiden  sie  |
sich  von  ihren  Freunden,  den  fremdenhassenden  Chinesen.  Nicht  nur  j
erklären  sie  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  aus,  „daß  man  alle  I
Unterschiede  zwischen  den  Völkern  beiseite  schieben  muß“,  sondern
sie  fürchten  auch  vom  politischen  Gesichtspunkt  aus  gerade  den  ;
Patriotismus 1  2 ).  Es  ist  eigentümlich,  daß  die  heutigen  Friedensapostel ­
  nicht  daran  denken,  sich  auf  diese  erlauchten  Vorläufer  zu
berufen.
/  §  3.  Über  die  Steuern.
Wie  bekannt,  ist  die  Steuertheorie  der  Physiokraten  eine  der
charakteristischsten  Seiten  ihres  Systems.  Sie  gehört  dazu;  sie  ist
untrennbar  mit  ihrer  Auffassung  des  Reinertrages  und  des  Grundbesitzes ­
  verbunden,  und  trotzdem  hat  sie,  eine  eigentümliche  Tat-1

 )  „Turgot  jedoch,  der  viel  weniger  landwirtschaftlich  gesinnt  war,  als  die
Physiokraten,  billigt  ebenfalls  gewisse  königliche  Privilegien,  um  die  Errichtung  von
Fabriken  za  begünstigen“  (CBuvres  I,  S.  360).
2 )  „Man  hat  die  Völker  als  in  einem  beständigen  Kriegszustand  untereinander
hingestellt;  dieses  unglückliche  Vorurteil  hat  man  sozusagen  geheiligt  und  daraus
eine  Tugend  gemacht,  die  Patriotismus  genannt  wird“  (Baodeau,  S.  808).
Er  bezeichnet  als  die  drei  Kardinalfehler  der  Staaten  besonders  die,  die  den
Fall  der  griechischen  Städte  verschuldet  haben:  Willkür  in  der  Gesetzgebung,  Steuerdruck, ­
  gehässiger  Patriotismus  (S.  800).
        <pb n="66" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

43

Sache,  den  Zusammensturz  ihres  Systems  überdauert  und  neuerdings
ihre  Auferstehung  erlebt.
Bei  dem  Tableau  der  Einkommenverteilung  haben  wir  nur  von
drei  Parteien  gesprochen:  den  Grundbesitzern,  den  Pächtern  und  den
Handwerkern.  Es  gibt  aber  eine  vierte,  die  zu  jeder  Zeit  ihren
Teil  erhoben  hat,  und  die  ihn  auch  im  physiokratischen  System  verlangt: ­
  der  Herrscher,  der  Staat.  Zweifelsohne  ist  der  physiokratische
Staat,  der  gute  Despot,  dessen  Bild  wir  eben  in  großen  Umrissen
gezeichnet  haben,  nicht  anspruchsvoll:  da  er  nur  wenig  zu  tun  hat,
wird  er  nicht  viel  brauchen.  Wir  haben  jedoch  gesehen,  daß  er  außer
seiner  doppelten  Aufgabe  für  die  Sicherheit  und  den  Unterricht  zu
sorgen,  noch  wirkliche  Grundvorschüsse  für  die  In  wert  Setzung  von
Ländereien  durch  öffentliche  Arbeiten,  besonders  für  Straßen*j  zu
leisten  hat.  Hierfür  braucht  er  Mittel,  und  die  Physiokraten  glauben,
daß  man  sie  ihm  reichlich  bemessen  muß 2 ),  und  nicht  etwa  lange  gehässig ­
  mit  ihm  handeln  darf,  wie  es  die  parlamentarische  Regierungslorm
  tut.  Wo  wird  er  sie  aber  hernehmen?
Die  Antwort  ergibt  sich  von  selbst,  wenn  man  das  physiokratische
System  kennt.  Er  kann  sie  nur  vom  „produit  net“  nehmen,  da  dieser
einzigen  wirklich  neuen,  wirklich  verwendungsbereiten  Wert  darste
 Ht,  denn  der  Rest  wird  notwendigerweise  von  der  Rückzahlung
der  Vorschüsse  und  von  dem  Unterhalt  der  industriellen  und  landwirtschaftlichen ­
  Klassen  aufgezehrt.  Wenn  nun  die  Steuern  einen
d ' e il  dieser  Einkünfte,  deren  Verwendung  unantastbar  ist,  aufbrauchen,
So  Würde  nach  und  nach  die  Quelle  des  Reichtums  versiegen.  Wenn
ab er  i m  Gegenteil  nur  der  Überfluß,  den  der  Reinertrag  vorstellt,
genommen  wird,  und  mit  noch  größerer  Berechtigung,  wenn  nur  ein
deil  dieses  Überflusses  genommen  wird,  so  kann  die  zukünftige  Gütererzeugung
  in  keiner  Weise  benachteiligt  werden.
Das  ist  durchaus  klar.  Wo  aber  wird  der  Staat  diesen  Reinortrag
  fassen?  —  Bei  denen,  die  ihn  erhalten,  also  bei  den  besitzenden

„  ,  .  .  _  daß  die  Landwirte,  sei
b  „Es  genügt  nicht,  wenn  man  Ern  en  SP  irtsc haftüng  leisten,  nnd  daß  die
es  primäre,  sei  es  jährliche  Vorschüsse  für  dl ®  ,  es  gehören  noch  die  aus  der
Grundbesitzer  die  grundlegenden  Vorschüsse  S  ri  prrschers  dazu“  (Baudkau,
ßegierungsautorität  fließenden  Vorschüsse  des  Herrs
.  .,  Cv, a vpri  beschäftigt  sei,  als  mit  den  für  das
^  ” Daß  die  Re e ierun "  weniger  mit  s P ar  aucll  se hr  große  Ausgaben  können
Wohlergehen  des  Landes  nötigen  Operatione  ,'  fen  s i c h  rechtfertigen“  (Quesnat,
durch  die  Vermehrung  der  Güter,  die  sie  he  &amp;gt;
iaximes  XXVII).  .  der  Engländer,  jedes  Jahr  die  Summen,
„Es  ist  eine  kleinliche  und  gehässige  I  J ellen  ^  festzulegen  und  sich
,  e  man  der  Regierung  freundhchst  zur  V  ^  „  .  .  d as  e j ne  augenscheinliche
Recht  der  Steuerverweigerung  vorzubehalten  Es  ist  eine  g
Demokratie“  (Dupokt,  Brief  an  J.-B.  Say,  S.  41  ).
        <pb n="67" />
        44

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Klassen,  so  daß  wir  zu  dem  bemerkenswerten  Schlüsse  kommen,  daß
die  ganze  Steuer  von  den  Grundbesitzern  gezahlt  werden  muß.  Einige
Seiten  vorher  hat  uns  das  Privilegium,  das  die  Physiokraten  ihnen
ohne  weiteres  zusprachen,  etwas  befremdet:  dies  ist  das  Lösegeld,
und  es  ist  nicht  gering!  Wie  und  nach  welchem  Satze  soll  nun  der
Betrag  festgelegt  werden?
Die  Physiokraten  kommen  zu  einem  Steuersatz  von  einem  Drittel
(nach  Baudeatt  sogar  nur  von  8 / 20 )  des  Reinertrages.  Setzt  man  für
dieses  die  Ziffer  von  2  Milliarden  an,  die  die  Erklärung  zum  Tableau
Economique  berechnet,  so  kommt  man  genau  auf  600  Millionen  Francs
für  die  Grundsteuer  —  und  das  wird  das  ganze  Budget  sein,  da  es
keine  anderen  Steuern  geben  soll 1 ).
Die  Physiokraten  wollen  keineswegs  die  Grundbesitzer  ihres  Einkommens ­
  berauben,  da,  wie  wir  gesehen  haben,  sie  sich  große  Mühe
gaben,  es  mit  vielen  Gründen  zu  rechtfertigen.  Nicht  nur  wollen  sie
ihnen  alles  das  lassen,  was  für  die  Rückzahlung  ihrer  Grundvorschüsse ­
  und  ihrer  Unterhaltungkosten  notwendig  ist,  sondern  auch
alles  das,  was  gebraucht  wird,  um  den  Stand  des  Besitzers  „möglichst
zu  heben“  2 ).  Diese  Sorge,  die  uns  ganz  eigentümlich  erscheint,  wird
den  Physiokraten  von  dem  Gefühl  der  Bedeutung  der  sozialen  Rolle
der  besitzenden  Klasse  diktiert.  „Wenn  irgendein  anderer  Stand“,
sagt  Dupont  de  Nemours,  „dem  der  Grundbesitzer  vorzuziehen  wäre,
würden  sich  alle  Menschen  diesem  anderen  Stande  zuwenden.  Sie
würden  es  unterlassen,  ihre  beweglichen  Güter  zur  Schaffung,  Verbesserung ­
  und  Unterhaltung  von  Landgütern  zu  verwenden.“  Die
Physiokraten  erweisen  also  den  Grundbesitzern  gleichsam  eine  Ehre,
indem  sie  sie  so  hoch  besteuern.
Man  versteht,  daß  die  damaligen  Grundeigentümer,  die  als  Adlige
meistenteils  von  allen  Lasten  befreit  waren,  diese  Steuer  etwas  hoch
gefunden  haben  und  den  Eindruck  hatten,  daß  die  Physiokraten  sie
den  hohen  Rang,  den  sie  ihnen  zuwiesen,  ziemlich  hoch  bezahlen
ließen.  Auch  unsere  heutigen  Grundbesitzer  würden,  das  ist  klar,
bei  einer  Steuertaxe  von  30  °/ 0  auf  das  Bruttoeinkommen  nicht  schlecht
schreien.  Die  Physiokraten  antworten  im  Voraus  auf  diese  Klagen
mit  einer  heute  banal  gewordenen  Beweisführung,  die  aber  bei  ihnen
eine  ganz  außerordentlich  scharfe  ökonomische  Intelligenz  anzeigt:

0  Das  französische  Budget,  das  Necker  1781  präsentierte,  war  fast  das  gleiche,
wie  das  der  physiokratischen  Hypothese:  610  Millionen.  Allerdings  kamen  dazu  die
kirchlichen  Zehnten,  die  Abgaben  an  die  Grundherren  und  die  Dienstleistungen  aller
Art,  die  unter  dem  physiokratischen  System  verschwinden  sollten,
2 )  „Das  Verhältnis  der  Steuern  zum  Reinertrag  muß  so  sein,  daß  die  Lage  der
Grundbesitzer  die  bestmögliche  ist,  und  daß  ihr  Stand  jedem  anderen  in  der  Gesell'
Schaft  vorgezogen  wird“  (Dupont,  S.  356).

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        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

45

Die  Steuer  würde  nämlich  niemand  fühlen,  weil  in  Wirklichkeit  sie
niemand  zahlen  würde.  Nach  ihnen  würde  jedes  Grundstück  unter
Abzug  des  Steuerbetrages,  d.  h.  also  30  °/ 0  unter  seinem  Werte,  verkauft ­
  werden,  und  folglich  würde  der  Eigentümer,  obgleich  er  nominell
üie  Steuer  trägt,  sie  in  Wirklichkeit  nicht  zahlen x ).  Angenommen
ein  Gut  bringt  10  000  Fr.  Pacht,  und  sein  Wert  sei  daher  bei  einer
Verzinsung  von  5°/ 0  gleich  200000  Fr.;  es  trägt  aber  3000  Fr.
Steuern,  folglich  bringt  es  in  Wirklichkeit  mir  7000  Fr.,  so  daß  sein
Wert  nur  140000  Fr.  ist.  Der  Käufer,  der  diesen  Preis  gezahlt  hat,
genießt  daher,  trotz  der  Steuer  von  3000  Fr.,  die  Gesamtsumme  des
Einkommens,  zu  der  er  berechtigt  ist,  da  er  doch  nur  Anspruch  auf
das  haben  kann,  was  er  bezahlt  bat,  und  da  er  in  Wirklichkeit  nur
den  Wert  des  steuerfreien  Teiles  des  Einkommens  erworben  hat.  Es
ist  gerade  so,  als  ob  er  nur  7 / 10  des  Gutes  gekauft  habe  und  die
übrigen  3 / 10  Staatseigentum  blieben.  Wenn  dann  der  Staat  späterhin ­
  die  Steuer  abschafft,  so  würde  er  ihm  ein  ganz  ungerechtfertigtes
Geschenk  yon  3000  Fr.  Jahreseinkommen  oder  60000  Fr.  Kapital
machen 2 ).

Wenn  nun  auch  dieser  Gedankengang  (der  übrigens  eine  viel
gioßere  Tragweite  hat,  als  die  Physiokraten  dachten,  da  er  sich  nicht
IT  , a üf  die  Steuer  auf  Grundbesitz,  sondern  auf  jede  Vermögens-  und
-.  ^iTalsteuerung  bezieht)  für  die  Eigentümer,  die  den  Grund  und
Q  öac h  her  Einführung  dieser  Steuer  erwerben,  ausgezeichnet

ls t,  so

ist  er  wenig  reizvoll  für  die  Grundbesitzer,  die  die  Ehre  haben

w*&amp;gt;.  ~  f  T  UUXg  A  UA/J  T  VAA  AUA  VA.AV  JL  UAAUM  \AN/A  U/JUA  y  UAV/  UAU  A—i  AAA.  VA  AAU  IVA  UAA
8 - e 1(xen ’  das  physiokratische  Reich  einzuweihen,  und  es  ist  klar,  daß
hm  ersten  sind,  die  bekehrt  werden  müßten.
Wie  ersichtlich,  beschränkt  sich  der  Anteil  des  Herrschers  auf

Grunih  ’T 6  ^ euern  bilden  einen  unveräußerlichen  Gemeinbesitz  .  .  .  Wenn  die
sie  d'  b6 T zer  Grund  und  Boden  kaufen  oder  verkaufen,  so  kaufen  und  verkaufen
gehört  ^ euem  nicht  mit:  sie  verfügen  bloß  über  den  Teil  des  Bodens,  der  ihnen
®bens  '  Tüdern  der  Steuerertrag  abgezogen  ist.  Das  Bestehen  dieser  Steuer  ist  daher
sudeTT®  exne  Belastung  irgendeines  Grundbesitzers,  als  es  die  Kechte  eines
diese  W  • run .dbesitzers  sind,  dessen  Ländereien  sein  Besitztum  begrenzen.  —  Auf
■wj r( j  VeiS ®  ist  das  Staatseinkommen  niemandem  lästig,  kostet  niemandem  etwas,
tum“  I? 11  n ' emau dem  bezahlt  und  beschränkt  in  keiner  Weise  irgendwelches  Eigen-JDupont
  de  Nemours  I,  S.  357/358).
Phy s j  den  Grundbesitzern  größtmögliche  Sicherheit  zu  geben,  wollten  die
sei  g  ra ^ B|  daß  das  Verhältnis,  einmal  festgelegt,  so  unveränderlich  wie  möglich
Krone  J e doeh  gibt  die  Möglichkeit  periodischer  Schätzungen  zu,  „damit  die
ünd  wi  kr  Uni ^  Verlust  der  produktiven  landwirtschaftlichen  Klasse  in  stetiger
an  die  T lu  ler  V T eise  beteiligt  sei“.  Und  er  richtet  folgende,  weittragende  Mahnung
eurer  p/^dbesitzer:  „Kedet  euch  nicht  ein,  daß  ihr  allein  die  Ursache  des  Steigens
der  AuT-'T^®  sex d&amp;gt;  denn  das  würde  eine  höchst  ungerechtfertigte  Undankbarkeit
e rfüllt“  'fgT  f^g^ßüber  sein,  die  in  stetigem  Fortschritt  ihre  Hoheitsfunktionen

I

J
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        46

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

ein  wahres  Miteigentum  am  gesamten  Grundbesitz 1 ).  Dies  stimm 1
auch  durchaus  mit  der  Vorstellung,  die  sich  die  Physiokraten  vofl
Herrscher  machen,  überein.  In  Wirklichkeit  bilden  die  Grundbesitzer
und  der  Herrscher  nur  eine  den  Boden  des  Landes  zusammen  besitzende ­
  Klasse,  mit  gleichen  Rechten,  gleichen  Pflichten  und  gleichem
Einkommen.  Dadurch  wird  erreicht,  daß  der  Vorteil  des  Herrschers
vollständig  mit  dem  des  Landes  verschmilzt 2 ).
Ihrem  fiskalischen  System  maßen  die  Physiokraten  eine  sehr
große  Bedeutung  bei,  in  der  Überzeugung,  daß  die  Verteilung  der
Steuern  die  Grundursache  der  Not  des  Volks  zu  ihrer  Zeit  war,  di«
eigentliche  Verkörperung  der  Ungerechtigkeit,  mit  einem  Wort:  di«
damalige  „soziale  Frage!“  Wenn  wir  auch  heute  das  Elend  mehr
der  schlechten  Güterverteilung  als  irgendeinem  fiskalischen  System
zur  Last  legen,  und  diese  Anschauung  der  Physiokraten  uns  übertrieben ­
  erscheinen  mag,  so  läßt  sie  sich  doch  aus  der  schrecklichen
Finanzwirtschaft  unter  dem  ancien  regime  rechtfertigen.
Die  Einwürfe,  welche  diese  nur  auf  die  Grundbesitzer  beschränkt«
Steuer  nicht  hervorzurufen  verfehlten,  sind  von  den  Physiokraten
vorgesehen  worden  und  sie  haben  sich  mit  ihrer  Widerlegung  eingehend ­
  beschäftigt.
Erstens:  die  Ungerechtigkeit,  die  Steuer  einer  einzigen  Klass«
des  Volkes  aufzubürden,  anstatt  sie  gleichmäßig  auf  Alle  zu  verteilen ­
  s ).
Dem  halten  die  Physiokraten  entgegen,  daß  das  Ziel,  das  sich
ein  Staatsmann  setzen  muß,  nicht  darin  besteht,  Alle  gleichmäßig  z«
besteuern,  sondern  wenn  irgendmöglich  niemanden  zur  SteuerleistunK
heranzuziehen,  und  daß  gerade  dies  der  Erfolg  einer  Besteuerung  d« s
Reinertrages  sei.
Sogar  wenn  man  diese  Besteuerung  des  Reinertrages  als  ein e
Steuer  ansehen  sollte;  würde  es  zu  nichts  führen,  sie  anderen  Gesellschaftsklassen ­
  aufzubürden,  denn  welche  sollte  man  heranziehen?
!)  „Ich  bemerke  nebenbei,  daß  ich  nur  mit  Bedauern  dem  öffentlichen  Einkornm^
den  Namen  Steuern  beilege.  Dieses  Wort  wird  stets  von  der  schlechten  Seite  aufgefa^ 1
Es  bedeutet  so  eine  schwere  Last,  von  der  jeder  befreit  sein  möchte.  —  Das  offen 1 '
liehe  Einkommen  ist  aber  im  Gegenteil  für  den  Herrscher  nur  der  Ertrag  aus  Gruiit
besitz,  der  nichts  mit  allem  anderen  Grundeigentum  seiner  üntertanen  zu  tun  ha*
(Mercier  de  la  Riviere,  S.  451).
2 )  „Wenn  der  Herrscher  .  .  .,  der  ständig  als  jährliches  Einkommen  einen  b e '
stimmten  Prozentsatz  des  Reinertrages  bezieht,  der  mit  dem  Reinertrag  steigt
mit  ihm  sinkt,  so  liegt  hierin  eine  augenscheinliche  und  notwendige  Übereinstimmung
der  Ziele  und  Interessen“  (Baudeau,  S.  769).
s )  Dieser  Einwurf  wird  in  der  geistreichen  Satire  Voltaike’s  :  „Der  Mann  m 1 '
vierzig  Talern“  behandelt.  Sie  stellt  einen  reichen,  steuerfreien  Pinanzherrn  eio^
armen  Landwirt,  der  nur  40  Taler  Einkommen  hat,  gegenüber,  aus  dem  er  die  Steuer 11
für  sich  selbst  und  den  Finanzherrn,  der  sich  über  ihn  lustig  macht,  zahlen  muß.

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        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

47

Sollte  man  die  landwirtschaftliche  Klasse  die  Steuer  tragen  lassen  ?
Wir  haben  doch  gesehen,  daß  der  Teil,  der  dem  in  der  Landwirtschaft ­
  Beschäftigten  verbleibt,  nachdem  der  Reinertrag  abgezogen
ist,  nur  genau  die  Rückzahlung  der  jährlichen  und  primären  Vorschüsse ­
  ausmacht.  Wenn  man  ihnen  daher  600  Millionen  Steuern
davon  wegnimmt,  so  würde  dem  Boden  um  so  viel  weniger  zurückgegeben
  werden,  was  den  Bruttoertrag  des  folgenden  Jahres  entsprechend ­
  vermindern  würde 1 ).  Ausgenommen  es  gelingt  den  Landwirten, ­
  ihre  Pacht  um  600  Millionen  vermindert  zu  erhalten.  In
diesem  Falle  würde  das  Endresultat  für  die  Großgrundbesitzer  dasselbe ­
  sein,  als  wenn  sie  die  Steuern  selbst  bezahlt  hätten,  wozu  aber
Boeh  die  Schäden  und  Reibungen  kommen  würden,  die  mit  jedem
falschen  Vorgänge,  der  von  der  natürlichen  Ordnung  abweicht,  ver
bunden  sind.  Soll  man  diese  Steuern  der  sterilen  Klasse  auferlegen?
■~ a  sie  aber  so  wie  so  schon,  laut  ihrer  Definition,  unproduktiv  ist,
d-  h.  da  sie  nur  den  Gegenwert  dessen,  was  sie  verzehrt,  erzeugt,  so
eißt,  ihr  600  Millionen  nehmen,  sie  dazu  zu  zwingen,  ihren  Verbrauch
®der  ihre  Rohstoffkäufe  um  die  gleiche  Summe  zu  verringern,  und
mfolgedessen  die  landwirtschaftliche  Produktion  in  der  Zukunft  zu
^mindern,  —  ausgenommen  es  gelingt  den  Industriellen,  den  Preis
es^h  ® rzen g :n ^ sse  um  600  Millionen  zu  steigern.  In  diesem  Falle  ist
es  Wenfalls  die  Klasse  der  Grundbesitzer,  die  die  Folgen  trägt,  sei
^mittelbar  für  das,  was  sie  verbraucht,  oder  mittelbar  für  das,
as  ihre  Pächter  verbrauchen 2 ).

0  Eine  derartige  Bescheidung  der  produktiven  Ausgaben  würde  unweigerlich
einer  Prodnktionfverminderung  führen,  denn  die  für  die  Bertdhng
fR  sind  eine  conditio  sine  qua  non  der  Ernte.  Man  kann  diese  Ausgaben  nicht
^ f geben,  ohne  gleichzeitig  die  Ernten  aufzngeben:  auch  kann  man  sie  nicht
“«dem,  ohne  die  Ernten  ebenfalls  im  gleichen  Verhältnis  zu  verrinne  •
J e .  Bevölkerung  so  gefährliche  Verschlechterung  wurde  letzten  Endes  notwen  g^
* e l?e  auf  die  Grundbesitzer  und  den  Herrscher  zuruck  fa  len  (Dvpoktm
d53 )-  „Die  Verminderung  der  Vorschüsse  wird  in  glmcher  Wei  e  auf  den  Ertrag
Rückwirken  und  dies  wird  wieder  von  neuem  den  gleichen  Emfbi*  "J„hierauf
äc husse  ausüben.  Diese  Schraube  ohne  Ende  ist  wohl  geeignet  l^R.  der  hier
Rh  nur  die  geringste  Aufmerksamkeit  verwenden  will,  mit  Schrecken  zu  erfüllen
Oüercier  db  I;A  RrraH  g.  499).
.  ,  2 )  „Es  ist  dies  ein  Vorschuß,  den  der  Grundbesitzer  wohl  oder  üb  ei  ihnen  ^n
Almosen  znrückerstatten  muß;  doch  ist  es  em  o  &amp;gt;  rec ken
m  Reichen  macht,  und  dessen  verzögerte  Zurückzahlung  &amp;lt;  en  sofort  werden
Elendes  aussetzt.  Der  Staat  fordert  von  dem,  der  meht ®  h ^’:
? e gen  den,  der  nichts  hat,  alle  Mittel  der  Rechtsordnung,  alle  Strafbestimmungen
Anwendung  gebracht“  (TimaoT,  (Euvres  I,  413).
„Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  es  in  diesem  Fall  den  Grundbesitzern  viel  teurer
^stehen  kommt,  als  wenn  sie  direkt  ohne  Erhebungskosten  dem  Fiskus  (len  betrefienden
  Teil  ihres  Einkommens  überweisen“  (Düfout  de  Nemouks,  S.  352).
        <pb n="71" />
        48

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Diesem  Gedankengange  scheint  die  Idee  zugrunde  zu  liegen,  daß|
die  Einkünfte  der  landwirtschaftlichen  und  industriellen  Klassen  nicht  ei»' 1
geschränkt  werden  können,  weil  sie  nur  das  unumgängliche  notwendige
Minimum  der  Produktionskosten  vorstellen.  Folglich  scheint  auch  scho»
jenes  Gesetz  des  Lohnes,  das  man  später  das  eherne  Lohngesetz  genannt
hat,  in  ihm  enthalten  zu  sein.  Sicherlich  kennt  jeder  die  erbarmungslos«
Formel,  in  welche  Turgot  dieses  Gesetz  gefaßt  hat,  ohne  übrigens  damit
zuzugeben,  es  rechtfertigen  zu  wollen 1 ).  Aber  vor  ihm  hat  schon  QuesnaV
in  nicht  weniger  klaren,  wenn  auch  weniger  bekannten  Worten  gesagt 1
„Man  wird  vergeblich  dem  entgegenhalten,  daß  die  Lohnempfängern
indem  sie  ihren  Verbrauch  einschränken  und  sich  Genüsse  versagen,  di«
Steuern  zahlen  könnten,  die  man  von  ihnen  verlangt,  ohne  daß  diesej
Steuer  zuletzt  auf  die  ersten  Austeiler  der  Ausgaben  zurückfallen  würde  .  ■  I
aber  die  Höhe  des  Lohnes  und  folglich  auch  die  Genüssen
die  die  Lohnempfänger  sich  verschaffen  können,  siiP
durch  die  scharfe  Konkurrenz,  die  sie  sich  unterein':
ander  machen,  genau  bestimmt  und  auf  das  Geringste
beschränkt 2 ).  Es  ist  ganz  charakteristisch,  daß  der  Erfinder  der  natün
liehen  Ordnung  ohne  Erstaunen  und  als  etwas  Natürliches,  d.  h.  Übel'
einstimmendes  mit  dieser  natürlichen  Ordnung  zugibt,  daß  die  Arbeitelf
nur  gerade  das  zum  Leben  Notwendigste  haben!
Auch  ist  es  bemerkenswert,  daß  die  Physiokraten,  wenn  sie  die  ind»'
strielle  Klasse  in  Bausch  und  Bogen  betrachten,  nur  die  Lohnempfänger
im  Auge  haben  und  die  Unternehmer  ganz  außer  acht  lassen,  deren  Profit?
doch  schon  zu  ihrer  Zeit  groß  und  wohl  einsehränkbar  war.  Hier  hätte’!
sie  der  reiche  Finanzier  Voltaire’s  in  Verlegenheit  bringen  können,  den"
es  würde  ihnen  Mühe  gekostet  haben,  darzulegen,  daß  dieser  seinen  VeJ"
brauch  nicht  ohne  Schädigung  der  Produktion  hätte  einschränken  könne»'  •
Wahrscheinlich  würden  sie  aber  geantwortet  haben,  daß,  da  dieser  Finanz^ 1
es  verstanden  habe,  vom  Staat  und  von  seinen  Mitbürgern  400000  E*
zu  erschwindeln,  es  ihm  ein  Kinderspiel  gewesen  wäre,  sich  den  Betrag
1)  „Bei  jeder  Arbeit  muß  es  zutreffen  und  trifft  es  auch  tatsächlich  zu,  daß  d el j
Lohn  des  Arbeiters  sich  auf  das  beschränkt,  was  zum  Erwerb  seiner  Unterhaltsmitf
ausreicht“  (Rßflexions  sur  la  formation  des  richesses,  §  VI).  Es  ist  aber  immer!»«  j
möglich,  daß  ebenso,  wie  Christus,  als  er  sagte:  „Denn  Arme  habt  ihr  allezeit  bei  euch  j
auch  Türgot  nicht  ein  allgemeingültiges  Gesetz,  sondern  nur  den  gerade  bestehend« 11  j
Zustand  im  Auge  hatte.
2 )  Zweites  wirtschaftliches  Problem,  S.  134.  Quesnay  fährt  in  seine 11, |
Gedankengang  in  merkwürdiger  Weise  fort.  Er  nimmt  nicht  an,  daß  die  Lohnver© 1 »  i
derung  unter  das  Existenzminimum  den  Tod  einer  großen  Anzahl  von  Menschen  herb« 1 'j
führen  werde,  sondern  nur  „ihre  Auswanderung  zu  anderen  Völkern“  —  eine  zu  sei»^
Zeit,  man  sollte  denken,  recht  optimistische  Auffassung  —  und  daß  diese  Auswander» 11 “
durch  Verminderung  der  verfügbaren  Arbeitskräfte,  als  Folge  eine  Lohnerhöh» 11 “
herbeiführen  würde.
        <pb n="72" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

49

der  Steuer,  —  -wenn  man  sie  ihm  hätte  auferlegen  wollen  —  auf  gleiche
Weise  zu  verschaffen.
Zweitens:  Ein  weiterer  Einwurf  ist,  daß  die  einzige  Steuer  für  die
Bedürfnisse  des  Staates  nicht  ausreichen  würde.  „In  mehreren  Staaten,
sagt  man,  würde  das  Drittel,  die  Hälfte  und  sogar  drei  Viertel  des  reinen
Nettoeinkommens  aller  produktiven  Anlagen  nicht  für  die  jährlichen
Ausgaben  des  öffentlichen  Schatzes  genügen  .  .  .,  wodurch  die  anderen
Steuerformen  nötig  werden 1 ).“
Hierauf  antworten  die  Physiokraten,  daß  die  Anwendung  ihres
fiskalischen  Systems  eine  bedeutende  Steigerung  des  Reinertrags,  und
infolgedessen  eine  progressive  Steigerung  auch  des  Steuerertrages  als
Erfolg  haben  würde;  daß  man  ebenso  die  Ersparnis,  aus  der  beinahe
vollständigen  Abschaffung  der  Erhebungskosten  auf  Grund  der  Einfachheit ­
  dieser  Steuer  in  Rechnung  setzen  müßte;  und  endlich,  was  das  Interessanteste ­
  ist,  daß  es  keineswegs  Aufgabe  der  Steuer  sei,  sich  den  Bedürfnissen ­
  des  Staates  anzupassen,  sondern  daß  im  Gegenteil  der  Staat  seine
Bedürfnisse  der  Leistungsfähigkeit  des  Landes  anpassen  müßte.  Der
Vorzug  der  physiokratischen  Steuer  besteht  gerade  darin,  daß  er  den
«teuerertrag  nach  einer  von  der  Natur  selbst  gegebenen  Norm,  nämlich
'Eni  Reinertrag  bcmißt,  ohne  die  der  Willkür  Tor  und  Tür  geöffnet  ist 2 ).
Bn  Grunde  genommen,  ist  dies  eine  viel  wirksamere  Schranke  gegen  die
A ümacht  des  Herrschers,  als  jene,  die  auf  der  phantastischen  Abstimmung
Cl ßes  Parlaments  beruht.
Wie  man  weiß,  ist  das  System  der  Physiokraten  und  im  Besonderen
1  lr  fiskalisches  System  von  einem  ihrer  Schüler  in  die  Tat  umgesetzt
V'orden,  der  den  Vorzug  hatte,  als  Fürst  Experimente  an  seinen  Unterailen
  anstellen  zu  können,  und  zwar  vom  Markgrafen  Karl  Friedrich
Von  Baden  in  drei  Gemeinden  seines  Landes.  Wie  alle  Experimente  mit
sozialen  Systemen  schlug  auch  dieses  fehl.  In  zwei  Gemeinden  mußte
os  nach  Ablauf  von  4  Jahren  (1772—1776)  aufgeben:  in  einer  dritten
*elt  es  sich,  mit  Not  und  Mühe,  bis  zum  Jahre  1802.  Die  Steigerung  der
ei  lr  ^  ® AUDEAU i  8.  770.  „Dieser  Einwurf  beruht  auf  dem  Irrtum,  das  Netto-Jahresnkommen
  mit  einem  fiktiven  Keinertrag,  der  durch  andere  Abgaben  und  dadurch
6  mgte  Lasten  verringert  wird,  zu  verwechseln“  (ebenda,  S.  774).
j,  .  2 )  „Sollte  es  unglücklicherweise  wahr  sein,  daß  drei  Zehntel  des  Gesamtbodeneniertrages
  nicht  genügen  würden,  um  die  laufenden  Ausgaben  zu  decken,  so  bliebe
üb r - 81rie  S er echte  und  vernünftige  Lösung,  die  sich  aus  dieser  Tatsache  ergeben  kann
o ri g,  nämlich  die  Notwendigkeit,  die  Ausgaben  verursachenden  Posten  zu  verringern“
DE  Nemours,  S.  775).
teil  .  3  k° mm t  den  Menschen  nicht  zu,  die  Steuern  nach  ihrem  Gutdünken  zu  ver-F
 01 . 011 «  ° s  f )es teht  hierfür  eine  genau  von  der  natürlichen  Ordnung  vorgeschriebene
daß®]  (Dupont,  Sur  l’origine  d’une  seience  nouvelle).  Sie  bestreiten  ebenfalls,
Hur  ' Gr  ^  natürliche  Grenze  durch  Anleihen  überschreiten  darf,  da  das  doch
eine  Erhöhung  aufgeschobener  Steuern  darstellt.
Otüe  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  4
        <pb n="73" />
        50  Erstes  Buch.  Die  Begründer.
Grundsteuer  verursachte  einen  wahren  Krach  im  Werte  der  Güter,  während
zu  gleicher  Zeit  die  Abschaffung  der  Verbrauchssteuer  Kneipen  wie  Pilze
aus  dem  Boden  schießen  ließ 1 ).  Selbstverständlich  wurde  der  Glaube
des  Markgrafen,  wie  der  seiner  Meister,  der  Physiokraten,  von  diesem
Mißerfolg  nicht  erschüttert;  sie  erklärten,  daß  sie  einen  Versuch  in  so
kleinem  Maßstab  nicht  als  entscheidend  aneikennen  könnten.  Das  sagen
alle  Erfinder  von  Systemen,  wenn  die  angesteilten  Versuche  fehlschlagen,  |
und  man  kann  nicht  umhin,  zuzugeben,  daß  sie  nicht  ganz  unrecht  haben.
Aber  nicht  in  diesem  kleinen  fürstlichen  Zeitvertreib  muß  man  die
Anwendungen  des  fiskalischen  Systems  der  Physiokraten  suchen:  es  hatte
eine  viel  größere  Tragweite.
Die  französische  Revolution  geht  zunächst  in  ihrem  fiskalischen
System  unmittelbar  von  den  physiokratisehen  Ideen  aus,  da  die  Assemblöe
Constituante  von  einem  Budget,  das  nicht  500  Millionen  überschritt,  fast
die  Hälfte,  240  Millionen,  von  der  Grundsteuer  verlangte,  was  in  unserem
heutigen  Budget  fast  2400000000  Fr.  vorstellen  würde  (!),  ohne  Einschluß ­
  der  Zusatzsteuer  (!),  und  dabei  wurde  noch  der  größere  Teil  des
Restes  durch  direkte  Steuern  erhoben.
Der  Mißkredit,  in  den  die  indirekten  Steuern,  die  Verbrauchssteuern,
heute  geraten  sind,  und  der  in  den  demokratischen  Gemeinwesen  immer
weiter  um  sich  greift,  ist  auch  eine  Folge  des  physiokratisehen  Systems.
Die  meisten  der  Gründe,  die  man  gegen  diese  Art  Steuern  anführt,  finden
sich  schon  bei  den  Physiokraten.  Der  Einwurf  aber,  den  man  heute  als  den
hauptsächlichsten  ins  Treffen  führt,  daß  nämlich  die  indirekten  Steuern
nicht  proportional  zum  Einkommen  wirken,  oder  wie  man  sagt,  sogar  eine
nach  unten  progressive  Wirkung  haben,  findet  sich  fast  nirgends  in  ihren
Schriften.  Diese  Sorge  um  die  steuerliche  Gerechtigkeit,  die  nur  ein  Ausdruck ­
  für  Gleichheit  ist,  lag  ihnen  fern 2 ).
Später  werden  wir  das  System  einer  einzigen  Steuer  mit  großem
Nachdruck  in  dem  Werke  eines  amerikanischen  Nationalökonomen  wieder
aufgenommen  finden,  der  übrigens  von  den  Physiokraten  mit  der  größten
Begeisterung  gesprochen  hat,  —  wenn  er  auch  in  bezug  auf  die  Grundbesitzer ­
  gerade  den  entgegengesetzten  Gefühlen  huldigte  •— 3 ).  Heute  noch
hat  dies  System  in  den  Vereinigten  Staaten  unter  dem  alten  Namen  der
„einzigen  Steuer“  (single  tax  system)  eine  begeisterte  Anhängerschaft.

1)  Vgl.  die  lehrreiche  Broschüre  von  Garqon:  Un  prince  allemand  physiocrate,
  die  nach  zwei  Bänden  von  Briefen  zusammengestellt  ist.
2 )  Man  findet  sie  aber  in  einem  der  Briefe  Dupont  de  Isemours  an  J.-B.  Srt
(S.  142),  also  ziemlich  viel  später.
3 )  Henry  George  hat  ihnen  eins  seiner  Bücher:  „Protection  or  Free  Trade
gewidmet,  da  er  in  ihnen  Vorläufer  zu  sehen  glaubte;  er  gesteht  aber  selbst,  daß  e
sie  nicht  gelesen  habe,  und  so  verliert  dies  Lob  etwas  von  seinem  Werte.
        <pb n="74" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

51

§  4.  Zusammenfassung  der  physiokratischen  Doktrin.
Die  Kritiker  und  die  Abtrünnigen.
Wenn  wir  jetzt  die  Beiträge  der  Physiokraten  zur  ökonomischen
Wissenschaft  zusammenfassen,  so  sehen  wir,  daß  sie  von  nicht  geringer
Bedeutung  sind:
Vom  theoretischen  Gesichtspunkte  aus:
1.  Der  Gedanke,  daß  alle  Sozialphänomene  gesetzmäßig  sind  und
folglich  Beziehungen  untereinander  haben,  die  es  zu  entdecken  gilt;
2.  der  Gedanke,  daß  das  sich  selbst  überlassene  persönliche  Interesse
das  ihm  nützlichste  finden  wird  und  damit  auch  das,  was  der  Gesamtheit
®m  Nützlichsten  ist,  —  eine  liberale  Lehre,  die  übrigens  verschiedene
Vorläufer  noch  vor  den  Physiokraten  gehabt  hat;
3.  der  Gedanke,  daß  die  freie  Konkurrenz  den  richtigen  Preis  (bon
P r ' x )  herstellt,  nämlich  den  für  beide  Teile  vorteilhaftesten  Preis,  der  den
Wucherprofit  ausschließt;
4.  eine  zwar  ungenaue,  aber  sehr  durchdachte  Analyse  der  Produktion
und  der  verschiedenen  Kapitalkategorien;  eine  erstmalige  Klassifizierung
der  Einkünfte  und  des  Gesetzes  ihrer  Verteilung;
5.  die  klassisch  gewordenen  Gründe  zugunsten  des  Grundeigentums.
Vom  praktischen  Standpunkte  aus:
1.  Arbeitsfreiheit;
2.  die  Freiheit  des  Binnenhandels  und  die  klassisch  gewordenen
Gründe  in  bezug  auf  die  Freiheit  des  Außenhandels;
3.  die  Begrenzung  der  Funktionen  des  Staates;
.  4.  der  erste  Nachweis  des  Vorzugs  der  direkten  Steuern  gegenüber
en  indirekten  Steuern.
Es  würde  daher  nicht  gerecht  sein,  ihnen,  wie  es  verschiedentlich
geschehen  ist,  vorzuwerfen,  weiter  nichts  als  soziale  Metaphysik  getrieben
z u  haben.  In  den  ersten  Anfängen  einer  Wissenschaft  ist  übrigens  auch  eine
oertriebene  Systematisierung  nie  von  Schaden;  denn  auch  Irrtümer  haben
a  ihren  Nutzen.  Das  Einzige,  was  man  sagen  kann,  ist  —  wenn  ihre  Aufassung
  der  natürlichen  Ordnung  der  ganzen  politischen  Ökonomie  als
r nnd!age,  oder  wenigstens  als  Gerüst  gedient  hat  —,  daß  sie  an  einem
Ptimismus  krankte,  der  die  liberale  Schule,  besonders  in  Frankreich,
*ypnotisieren  und  zur  Unfruchtbarkeit  verurteilen  sollte 1 ).
jjj,,  P  Man  höre  Meroieb  de  da  Rivierb:  „Bewundert,  wie  ein  jeder  Mensch  das
die  R  ZUm  ®d°k  des  anderen  Menschen  ist,  und  das  Glück  des  Einzelnen  scheint  wie
flicht  Wt: ® Un ^  I° r tzuwirken.  Nehmt  dies  in  seiner  wörtlichen  Bedeutung!  Ich  weiß
es  n  °k  W '. r  d ann  Unglückliche  haben  werden;  wenn  es  aber  solche  geben  sollte,  werden
U1  Jenige  sein,  und  die  Glücklichen  werden  so  zahlreich  sein,  daß  wir  uns  nicht
uns  n  t  ® els Iandes  zu  sorgen  brauchen,  dessen  die  Armen  bedürfen  werden.  Alle
ere  Interessen,  all  unser  Streben  wird  sich  im  Interesse  und  Streben  des  Herrschers
4*
        <pb n="75" />
        52

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Die  große  Unterlassungssünde  der  Physiokraten  ist  ihr  völliger  Mangel
an  Einsicht  in  bezug  auf  den  Wert,  der  auf  ihrer  grobmateriellen  und
rein  bäuerlichen  Auffassung  der  Produktion  beruht.  Sie  sprechen  nur
selten  und  flüchtig  davon,  und  was  sie  darüber  sagen,  ist  mittelmäßig  und
verworren.  Hierauf  beruht  der  große  Irrtum,  in  dem  sie  in  bezug  auf  die
Unproduktivität  des  Güteraustausches  und  der  Industrie  befangen  waren.
Das  ist  um  so  unverständlicher,  da  diese  Frage  des  Wertes  von  verschiedenen ­
  ihrer  Zeitgenossen  in  sehr  beachtenswerter  Weise  untersucht  worden
ist.  Wir  verweisen  hierbei  besonders  auf  Richard  Cantillon,  den  sie
in  gewisser  Hinsicht  als  einen  der  ihren  betrachteten,  und  auf  sein  Essai
sur  le  commerce,  das  1755  erschien 1 ),  auf  den  Abbö  Galiani  in  seinem
Buche  über  das  Geld  (Deila  Moneta),  1750,  und  auf  den  Abbö  Morellet,
Prospectus  d’un  nouveau  Dictionaire  de  commerce,  1769.
Hauptsächlich  kommt  aber  Condillac  in  Betracht,  dessen  Buch  „Du
commerce  et  du  Gouvernement“  allerdings  erst  1776  veröffentlicht
wurde,  zu  einer  Zeit  also,  als  ihr  System  schon  bekannt  war  und  sich  seinen
Platz  erobert  hatte.
Turgot  jedoch,  der  nur  zur  Hälfte  Physiokrat  war,  hatte  über  den
Wert  weit  wissenschaftlichere  Gedanken  geäußert 2 ).  Er  definiert  den
Wert  als:  „den  Ausdruck  des  Schätzungsgrades,  den  der  Mensch  den  verschiedenen ­
  Gegenständen  seiner  Wünsche  entgegenbringt.“  Diese  Definition ­
  drückt  die  Subjektivität  des  Wertes  ganz  richtig  aus  und  enthält
zwei  Worte:  „Schätzungsgrad“  und  „Wunsch“,  die  ihn  noch  schärfer
begrenzen 3 ).  Allerdings  sagt  er  an  einer  anderen  Stelle:  daß  trotz  seiner

vereinigen  und  so  zu  unserem  gemeinsamen  Glück  eine  Harmonie  schaffen,  die  man
als  das  Werk  einer  wohltätigen  Gottheit  betrachten  kann,  die  da  will,  daß  die  Erde
mit  glücklichen  Geschöpfen  bevölkert  sei  (II,  S.  638).
Es  ist  aber  zu  bemerken,  daß  diese  bezaubernde  Beschreibung  sich  nicht  auf
die  bestehende  Gesellschaft  bezieht,  sondern  auf  die  zukünftige  Gesellschaftsordnung,
in  der  die  natürliche  Ordnung  herrschen  wird.  Dieser  Optimismus  gleicht  dem  der
Anarchisten.
1)  Dieser  Richard  Cantillon,  von  dem  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert  kein
Mensch  gesprochen  hat,  ist  seit  einigen  Jahren  wieder  stark  Mode  geworden,  wie  alle
Vorläufer,  die  von  neuem  entdeckt  werden.  Man  schreibt  ihm  einen,  wohl  übertriebenen
Einfluß  auf  die  Physiokraten  zu.  Auf  jeden  Fall  ist  es  sicher,  daß  das  erste  Buch
Mirabeaü’s,  l’Ami  des  hommes,  das  ein  Jahr  nach  dem  Tode  Cantillon’s,  1766
erschien,  direkt  von  ihm  beeinflußt  ist.  Wir  erwähnen  ihn  nicht  weiter,  weil  das  die
Grenzen,  die  wir  uns  gesteckt  haben,  überschreiten  würde.  In  allen  Zeitschriften  finde»
sich  aber  Aufsätze  über  ihn.  Der  erste  war  der  von  Stanley  Jevons  in  der  Oon -
temporary  Review,  1881.
2 )  Valeurs  et  Monnaies  (Wert  und  Geld),  wahrscheinlich  um  1769  erschienen;
weiter  noch  in  seinen  Reflexions.  Die  Grundgedanken  Quesnay’s  über  den  Wert
finden  sich  in  einem  lange  unveröffentlicht  gebliebenen  Aufsatz,  betitelt  „Hommes“,
der  erst  kürzlich  in  der  Revue  d’histoire  des  doctrines  feconomiques  et  so'
ciales,  erster  Jahrgang,  Nr.  1  erschienen  ist.
3 )  Er  unterscheidet  ziemlich  ausführlich  zwischen  dem  Schätzungswert,
        <pb n="76" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

53

Relativität,  der  Wert  doch  stets  eine  wirkliche  innere  Qualität  des  Objekts
„zur  Voraussetzung  hat“.  Er  will  aber  mit  diesen,  ihm  oft  vorgeworfenen
Worten  nach  unserer  Ansicht  nur  sagen,  daß  unser  Wunsch  eine  bestimmte
Eigenschaft  des  Objekts  voraussetzt,  was  unbestreitbar  ist,  —  jedoch  in
der  Annahme,  daß  diese  Eigenschaft  in  der  Einbildung  bestehen  kann,
woran  Turgot  nicht  gedacht  zu  haben  scheint.
Möglich,  daß  Turgot  Condillac  inspiriert  hat,  möglich  aber  auch,
daß  er  selbst  von  Galiani  inspiriert  worden  ist,  dessen  20  Jahre  früher
erschienenes  Bu.ch,  das  er  übrigens  zitiert,  schon  eine  sehr  feine  psychologische ­
  Analyse  des  Wertes  enthält,  die  ihm  Nützlichkeit  und  Seltenheit
als  Grundlage  gibt.  Diese  Ansichten  über  den  Wert  sind  nicht  die  einzigen,
die,  Turgot  von  den  Physiokraten  trennen:  es  gibt  noch  viele  andere,  so
d&amp;lt;kß  es  gerechter  und  genauer  wäre,  Turgot  ein  besonderes  Kapitel  zu
Widmen 1 ).  Allgemein  gesprochen,  sind  sie  moderner  und  nähern  sich  denen,
'die  Adam  Smith  aufgestellt  hat.  Aus  Raummangel  müssen  wir  uns  damit
begnügen,  die  hauptsächlichsten  Lehren,  in  denen  Turgot  sich  von  den
Physiokraten  unterscheidet,  anzuführen:
1.  der  grundlegende  Gegensatz  zwischen  der  Produktivität  der  Landwirtschaft ­
  und  der  Sterilität  der  Industrie  wird,  wenn  nicht  ganz  aufgegeben, ­
  so  doch  wenigstens  in  seiner  Bedeutung  sehr  verringert;
2.  das  Großgrundeigentum  verliert  seinen  Rang  als  eine  Einrichtung
göttlichen  Rechtes.  Er  verzichtet  sogar  darauf,  sich  auf  die  sog.  Grundvorschüsse ­
  zu  berufen:  es  stützt  sich  nur  noch  auf  eine  Tatsache,  die  Besitzer
 greifung  —  Okkupation  —  und  auf  die  öffentliche  Nützlichkeit;
3.  dagegen  nimmt  das  bewegliche  Eigentum,  wie  alle  Erzeugnisse  der
Arbeit,  einen  hervorragenden  Platz  ein.  Die  Rolle  des  Kapitals  ist  sorgfältiger ­
  analysiert  und  die  Rechtfertigung  der  Zinsen  endgültig  durchgeführt. ­

Die  Ergänzung  der  Lücken  und  die  Verbesserung  der  Irrtümer  der
Physiokraten  findet  sich  aber  hauptsächlich  in  dem  Buche,  das  der  Abbe
Condillac,  über  60  Jahre  alt  und  als  Philosoph  schon  berühmt,  1776
Veröffentlichte.  Das  Werk:  Le  Commerce  et  le  Gouvernement  consid6r6s
  relativement  l’un  ä  l’autre  (Handel  und  Regierung  in  ihrem
gegenseitigen  Verhältnis  zueinander)  ist  ein  wundervolles  Buch,  das  im
Valeur  estimative  (den  wir  individuellen  Wert  nennen  würden,  valeur  individuelle),
und  dem  angenommenen  Wert  (valeur  appreciative,  den  wir  sozialen  Wert,  valeur
sociale,  nennen  können).  Der  erstere  wird  von  der  Zeit  oder  Mühe,  die  wir  dafür  aufzuwenden ­
  bereit  sind,  bestimmt,  so  daß  hier  der  Begriff  des  Arbeitswertes  (valeurtravail)
  erscheint.  Was  den  angenommenen  Wert  anlangt,  so  unterscheidet  er  sich
von  dem  anderen  nur  dadurch,  daß  er  ein  durchschnittlicher  Schätzungswert  —  valeur
estimative  moyenne  —  ist“.
0  Obschon  sich  Turgot  einen  Schüler  Quesnay’s  nannte,  hat  er  sich  doch  stets
abseits  der  physiokratischen  Schule  gehalten,  die  er  etwas  wegwerfend  als  Sekte  bezeiclinete.
        <pb n="77" />
        54

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Keime  schon  die  modernsten  Ideen  enthält  und  das  vielleicht  teilweise  die
unverdiente  Vergessenheit,  in  die  es  gefallen  war,  dem  ungeschickten  Titel
verdankt,  der  in  keiner  Weise  dem  Inhalt  gerecht  wird.
Es  ist  eine  wirkliche  national-ökonomische  Abhandlung,  und  nicht
mehr,  wie  das  Buch  der  Physiokraten,  ein  V r erk  über  soziale  Wissenschaft,
in  dem  volkswirtschaftliche  Betrachtungen  wahllos  mit  politischen,  juristischen ­
  und  moralischen  Ausführungen  zusammengeworfen  sind.  Von
Anfang  an  stellt  der  Verfasser  den  Wert  als  die  Grundlage  der  Nationalökonomie ­
  hin  und  überragt  dadurch  sofort  bei  weitem  die  Physiokraten 1 ).
Er  bezieht  den  Wert  auf  den  „Nutzen“,  um  dieses  Wort  aber  sofort  von
seiner  landläufigen  Bedeutung  zu  trennen,  und  ihm  jenen  wissenschaftlichen
Inhalt  zu  geben,  den  es  nicht  mehr  verlieren  sollte:  der  Nutzen  ist  m'-cht
mehr  der  Ausdruck  einer  physischen,  den  Sachen  innewohnenden  Eigenschaft, ­
  sondern  der  einer  bestimmten  Beziehung  zwischen  einer  Sache  uni  1
einem  Bedürfnisse  des  Menschen:  „Der  Wert  liegt  weniger  in  der  Sache v '
selbst  als  in  der  Schätzung,  die  wir  ihr  entgegenbringen,  und  diese
Schätzung  hängt  von  unserem  Bedürfnis  ab;  er  steigt  und  fällt  wie  unser
Bedürfnis  größer  oder  geringer  wird.“  —  Hiermit  ist  die  Grundlage  der
psychologischen  Theorie  des  Wertes  gefunden 2 ).
Schon  das  ist  viel  und  doch  noch  nicht  alles.  Condileac  erkennt
sofort,  daß  der  Nutzen  nicht  der  einzige  Bestandteil  ist,  der  den  Wert
bestimmt,  und  daß  die  Quantität,  d.  h.  der  Überfluß  oder  die  Seltenheit,
ebenfalls  einen  entscheidenden  Einfluß  ausübt.  In  ausgezeichneter  Weise
weist  er  dann  die  Verbindung  nach,  die  zwischen  diesen  beiden  Bestandteilen ­
  besteht,  und  zeigt,  wie  sie  in  Wahrheit  eins  sind,  da  die  Qualität
nur  deshalb  den  Wert  beeinflußt,  weil  sie  den  Nutzen  beeinflußt,  d.  h.  weil
sie  den  Stachel  des  Bedürfnisses  stärker  oder  geringer  fühlbar  macht.
„Da  der  Wert  der  Sachen  sich  auf  das  Bedürfnis  gründet,  so  ergibt  sich,
daß  ein  stärker  gefühltes  Bedürfnis  den  Sachen  ein  größeren,  und  ein
geringer  gefühltes  Bedürfnis  ihnen  einen  geringeren  Wert  gibt.  Der  Wert
der  Dinge  wächst  daher  mit  ihrer  Seltenheit  und  fällt  mit  ihrem  Überflüsse.
Im  Überfluß  kann  er  sogar  vollständig  schwinden.  Ein  überreichlich  vorhandenes ­
  Gut  z.  B.  wird  stets  wertlos  sein,  wenn  man  keinen  Gebrauch
davon  machen  kann,  da  es  dann  völlig  nutzlos  geworden  sein  wird 3 ).“
Besseres  kann  man  auch  heute  nicht  sagen.  Die  ganze  Werttheorie  Jevons’,
wie  die  der  österreichischen  Schule  war  hier  im  Keime  gegeben,  entfaltete
sich  aber  erst  viel  später.
Diese  Auffassung  des  Wertes  mußte  Condillac  auch  zu  einer  viel

b  „Ich  habe  dies  nur  deshalb  so  eingehend  behandelt,  weil  es  als  Grundlage
dieses  ganzen  Werkes  dienen  soll“  (Kap.  I).
2 )  Le  Commerce  et  le  Gouvernement,  S.  15.
3 )  Ebenda,  I.  Teil,  Kap.  1.
        <pb n="78" />
        Kapitel  I.  Die  Physiokraten.

55

höheren  Auffassung  des  Tausches  führen  als  die  Physiokraten  sie  hatten.
Da  der  Wert  nur  in  der  Befriedigung  eines  Bedürfnisses  liegt,  so  schafft
der  Austausch,  der  gleichzeitig  zwei  Bedürfnisse  befriedigt,  zwei  Werte.
Das  Bezeichnende  des  Austausches  besteht  ja  gerade  darin,  daß  jede  der
beiden  Parteien  das,  woran  sie  Überfluß  hat,  gegen  das,  was  ihr  fehlt,
eintauscht;  das  aber,  was  sie  im  Überfluß  hat,  ist  für  sie  ohne  Nutzen
und  daher  ohne  Wert,  während  das,  was  ihr  fehlt,  für  sie  einen  großen
Nutzen  und  folglich  einen  großen  Wert  vorstellt.  Jeder  erscheint  daher
am  Markt  mit  einer  ihm  nutzlosen  Sache  und  verläßt  ihn  mit  einer  nützlichen ­
 1 ).  Folglich  ist  die  Behauptung  der  Physiokraten,  daß  der  Tausch
niemanden  Nutzen  bringt,  oder  zum  mindesten,  daß  der  Gewinn  des  einen
den  Verlust  des  anderen  bedeutet,  vollkommen  falsch.  Wohl  versuchen
die  Physiokraten  und  besonders  Le  Tkosne  eine  Erwiderung,  aber  infolge
der  Gründe,  die  wir  oben  gegeben  haben  (Sl  52),  konnten  sie  nicht  zu
einem  Verständnis  dieses  subjektiven  Charakters  des  Wertes  gelangen.
Diese  Theorie  sollte  noch  einen  anderen  Grundirrtum  der  Physiokraten ­
  berichtigen  und  die  Wissenschaft  einen  weiteren  großen  Schritt
vorwärts  bringen,  indem  sie  eine  Erklärung  der  Produktion  gab.  Wenn
der  Wert  nur  im  Nutzen,  und  der  Nutzen  selbst  nur  in  einer  bestimmten
Beziehung  zwischen  den  Dingen  und  unseren  Bedürfnissen  besteht:  was
Beißt  erzeugen  dann  anderes,  als  diese  Beziehung  zwischen  den  Dingen
und  unseren  Bedürfnissen  schaffen  ?  Stellt  nun  aber  die  Natur,  der  Boden
diese  Beziehung  her?  —  Sehr  selten.  „Sie  bringt  hauptsächlich  Dinge
hervor,  die  für  uns  nutzlos  sind  und  von  denen  wir  keinen  Gebrauch
Aachen  können.  (Eine  gedankenvolle  Bemerkung,  die  den  Enthusiasmus
der  Physiokraten  für  die  alma  parens  stark  hätte  abkühlen  müssen  I)
Durch  die  menschliche  Arbeit  erhalten  die  Dinge  erst  Formen,  die  sie
nützlich  machen.  —  Erzeugen  bedeutet:  Stoff  umformen 8 ).“  Welcher
Unterschied  besteht  dann  aber  zwischen  der  landwirtschaftlichen  und
industriellen  Produktion  ?  Keiner.  Die  eine  wie  die  andere  formt  nur  das,
Was  besteht,  um 3 ).
Weiterhin  führt  Condillac  sehr  gut  aus,  daß,  gerade  so  wie  die
Industriearbeiter  und  die  Grundeigentümer  von  den  Landwirten  abhängig

b  i,Die  Annahme,  daß  man  stets  Wert  gegen  Wert  tauscht,  ist  falsch.  Im  Gegenjeder
  der  Tauschenden  gibt  stets  etwas  Geringeres  für  etwas  Mehrwertiges.  —
Der  Vorteil  ist  gegenseitig,  woher  es  wohl  kommt,  daß  man  von  einem  Tausch  „Wert
«egen  Wert“  spricht.  Man  ist  aber  wenig  folgerichtig  vorgegangen,  denn  gerade  deshalb,
Veil  der  Vorteil  gegenseitig  ist,  hätte  man  schließen  müssen,  daß  jeder  weniger  für
©ehr  gibt“  (Op.  cit.  S.  55/56).  Man  vergleiche  dieses  Zitat  mit  dem  von  Le  Trosne
'k-  30,  Anm.  2),  und  man  wird  die  psychologische  Überlegenheit  bemerken.
■)  Op.  cit.  I.  Teil,  Kap.  IX.
3 )  „Wenn  die  Erde  mit  Erzeugnissen  bedeckt  sein  wird,  so  wird  es  doch  nicht
® e hr  Substanz  als  vorher  geben;  sie  hat  nur  neue  Formen,  und  in  diesen  Formen
es teht  eben  der  ganze  Reichtum  der  Natur*-  (Op.  cit.,  ibid.).
        <pb n="79" />
        56

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

erscheinen  und  es  auch  wirklich  sind,  auch  diese  nicht  weniger  auf  die
Industriellen  angewiesen  sind.  „Die  Frage,  ob  die  Landwirtschaft  der
Industrie  oder  die  Industrie  der  Landwirtschaft  vorzuziehen  sei,  ist  daher
ohne  jede  Bedeutung.  Han  darf  keine  bevorzugen,  sondern  muß  sich  mit
beiden  befassen 1 ).“
Was  den  Lohn  anlangt,  so  ist  seine  Definition,  so  kurz  sie  auch  ist,
von  einer  unglaublichen  Tragweite:  „Der  Lohn  entspricht  dem  Teil,  den
sie  (die  Arbeiter)  am  Erzeugnis  als  Mitbesitzer  haben 2 ).“  Der  Ausdruck
„entspricht“  will  sagen,  daß  der  Arbeiter,  der  sein  Naturrecht  auf  sein
Arbeitserzeugnis  nicht  ausüben  kann  oder  will,  es  zu  einem  Geldpreis
veräußert;  und  dieser  Preis  ist  es,  der  seinen  Lohn  darstellt,  der  wie  alle
Verkaufspreise  „durch  die  Konkurrenz  der  Käufer  und  Verkäufer  bestimmt ­
  wird.“  Condillac  stellt  es  daher  nicht  als  ein  Naturgesetz  hin,
daß  dieser  Lohn  stets  auf  dhs  Existenzminimum  beschränkt  ist.  Er  wird
von  dem  Angebot  und  der  Nachfrage  abhängen.  Im  Gegenteil  wird  die
Klasse  der  Lohnempfänger  hier  als  eine  Art  latente  Assoziation  zwischen
Kapital  und  Arbeit  hingestellt 3 ).
Sogar  vom  Gesichtspunkt  der  praktischen  Anwendung  und  besonders
der  Arbeitsfreiheit  und  der  Verurteilung  der  Zünfte  ist  Condillac  viel
kategorischer  als  die  Physiokraten  gewesen.  „Ihre  Vorrechte  sind
schreiendes  Unrecht,  das  uns  nur  deshalb  als  ordnungsgemäß  erscheint,
weil  wir  es  als  bestehend  vorfinden 4  * ).“  Die  Freiheit  des  Darlehnsgeschäftes
und  des  Zinsfußes  verlangt  er  ebenso  kategorisch  wie  Turgot,  indem  er
gleich  ihm  eine  formvollendete  Beweisführung  der  Gleichheit  zwischen
Zinsen  und  Wechslergebühren  führt;  denn,  sagt  er,  Wechslergebühren  sind
der  Ausgleich  der  Entfernung;  und  „räumliche  Entfernung“  und  „zeitliche
Entfernung“  laufen  auf  dasselbe  hinaus 6 ).  Mit  anderen  Worten:  das  Eine
ist  in  der  Zeit  das,  was  das  Andere  im  Raum  ist,  und  dies  stimmt  mit  der
modernen  Theorie  über  den  Zins  durchaus  überein.

1 )  Op.  cit.,  I.  Teil,  Kap.  XXIX.
2 )  Op.  cit.,  Kap.  XII.
3 )  Op.  cit.,  S.  69.  In  ganz  neuen  Untersuchungen  über  den  Lohnkontrakt  führt
Chatelain  —  ohne  anscheinend  Condillac  zu  kennen  —  genau  die  gleiche  These  aus.
*)  Op.  cit.,  XV.  Kap.  8.
6 )  Vgl.  Turgot:  Memoire  sur  les  prgts  d’argent,  S.  122.  „In  den  Geschäften ­
  mit  verzinslichen  Darlehn  gibt  man  zu  einer  Zeit  weniger  Geld,  um  zu  einer
anderen  mehr  zu  erhalten,  weil  der  Zeit-,  wie  der  Ortsunterschied  einen  wirklichen
Unterschied  im  Wert  des  Geldes  hervorrufen.“  Und  etwas  weiter  auf  S.  127:  „Man
vergleiche  den  Unterschied  des  Nutzens,  der  zur  Zeit  des  Darlehnsempfanges  zwischen
einer  im  wirklichen  Besitz  befindlichen  Summe  und  einer  gleichen  Summe,  die  man
aber  erst  später  erhalten  wird,  besteht!  Ist  dieser  Unterschied  nicht  offenbar,  und  was
ist  das  tr  viale  Sprichwort:  „ein  Sperling  in  der  Hand  ist  besser,  als  zwei  Tauben  auf
dem  Dach-“,  anders  als  der  naive  Ausdruck  dieser  Wahrheit?“
        <pb n="80" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

//»

fß  )0* : '

i  *  ’
Kapitel  II.
Adam  Smith.
Trotz  der  Originalität  und  der  Wucht  ihrer  Gedanken  waren  die
Physiokraten  doch  kaum  mehr  als  Vorläufer.  Der  wirkliche  Schöpfer
der  modernen  Nationalökonomie  ist,  wie  allseitig  anerkannt  wird,  Adam
Smith 1 ).  Sobald  als  1776  sein  großes  Werk,  Enquiry  in  to  the  Nature
*)  Das  Leben  Adam  Smith’s  enthält  nichts  Besonderes.  Es  läßt  sich  in  der  Geschichte ­
  seiner  Arbeiten,  seiner  Tätigkeit  als  Professor,  und  in  der  seiner  Freundschaften
zusammenfassen.  Seine  Vertrautheit  mit  dem  Philosophen  Hume  ist  berühmt.  Smith
wurde  in  Kirkcaldy  in  Schottland  am  5.  Juni  1723  geboren.  Er  studierte  an  der  Universität ­
  Glasgow  von  1737  bis  1740,  wo  sein  Lieblingslehrer  der  Philosoph  Francis
Hutcheson  war.  Von  1740  bis  1746  lebte  er  in  Oxford,  um  seine  Studien  zu  beenden,
und  arbeitete  dort  für  sich.,  Das  intellektuelle  Niveau  dieser  Universität  war  zu  dieser
I  t  das  denkbar  niedrigste,  und  die  meisten  der  Professoren  hielten  nicht  einmal  Vor-.
  ungen.  Nach  Schottland  zurückgekehrt,  las  er  in  Edinburgh  zwei  freie  Kollegien,
® lns  über  englische  Literatur  und  das  andere  über  Nationalökonomie;  in  diesem  letzere
 n  verteidigte  er  schon  die  Prinzipien  der  Handelsfreiheit.  Im  Jahr  1751  wurde  er
zum  Professor  für  Logik  in  Glasgow  ernannt,  das  damals  eine  der  berühmtesten  europäischen ­
  Bildungsstätten  war.  Aber  schon  am  Ende  des  gleichen  Jahres  übernahm
d,  1 ^ ro ^ essur  für  moralische  Philosophie,  die  die  vier  Fächer  der  natürlichen  Theologie,
iriVn  hilc,  ,j e:i .  Jurisprudenz  und  der  Politik  umfaßte.  Er  blieb  bis  1764  als  Professor
Glasgow.  2759  veröffentlichte  er  seine  Theorie  der  moralischen  Gefühle,  die
Schnell  große  Beachtung  erzwang.  1764,  40  Jahre  alt,  gab  er  die  Professur  auf
u  begleitete  den  jungen  Herzog  von  Buccleugh,  Stiefsohn  des  berühmten  Staatsail,
 ies  Charles  Townshend,  auf/  einer  Auslandsreise.  Diese  Reisen  nahmen  für  die
jungen  Adligen  oft  die  Stelle  eines  Universitätsstudiums  ein,  das  in  England  auf  ein
(8an  n * e( f r 'g es  Niveau  gesunken  war.  Für  A.  Smith  war  der  Vorteil  dieser  Stellung
,  Ü0  Pfund  Sterling  im  Jahr  bis  an  sein  Lebensende)  bei  weitem  größer,  als  sein  Einkommen ­
  als  Professor.  Die  Reise  dauerte  von  1764  bis  1766  und  führte  ihn  unter  anderem
u  anderthalb  Jahre  nach  Toulouse,  zwei  Monate  nach  Genf,  wo  er  mit  Voltaire  zuamrnentraf,
  und  zehn  Monate  nach  Paris.  Hier  fand  er  Anschluß  an  die  Physiokraten
'  «sonders  an  Tuegot)  und  an  die  Enzyklopädisten.  —  In  Toulouse  begann  er  seine
6  11  .rsuchungen  über  den  Völkerreichtum.  Nach  Schottland  zurückgekehrt,  ließ
r  sich  1767  in  Kirkcaldy  bei  seiner  Mutter  nieder,  um  sich  einzig  dieser  Arbeit  zu
1  men.  1773  war  das  Werk  ungefähr  beendet.  Aber  Smith  ging  nach  London,  und  das
strt  ’  ^ aS  sc f lcm  S r °ß e  Berühmtheit  des  Verfassers  krönte,  erschien  erst  drei  Jahre,
in  Vr  ^ anuar  1778  wurde  Smith  zum  Zollkommissar,  einem  sehr  hohen  Posten,
dmburgh  ernannt,  wo  er  bis  zu  seinem  Ende,  1790,  blieb.
Alles  was  wir  vom  Charakter  Smith’s  wissen*  zeigt  ihn  als  einen  äußerst  feinfr
  *f en  ^ onsc hen.  Die  legendäre  Professorenzerstreutheit  war  ihm  durchaus  nicht
emd  Seine  politische  Meinung  brachte  ihn  in  Berührung  mit  den  Whigs.  In  religiöser
nsicht  huldigte  er  dem  deistischen  Rationalismus,  der  im  18.  Jahrhundert  so  häufig
r &amp;gt;  und  dessen  bekanntester  Vertreter  Voltaire  (den  A.  Smith  sehr  bewunderte)  war.
handi  an ® e  war  die  einzige  Lebensbeschreibung  A.  Smith’s,  die  wir  besaßen,  die  Abg
  Dugald  Stewaet’s:  Accounts  of  the  Life  and  Writings  of  Adam
rp t  '  1 '  ’  die  1793  vor  der  Royal  Society  of  Edinburgh  gelesen  wurde  und  1794  in  den
a üsactions  der  Gesellschaft  erschien,  um  1811  mit  einigen  anderen  Lebensbeschrei-
        <pb n="81" />
        68

Erstes  Buch.  Eie  Begründer.

and  causes  of  the  wealth  of  Nations  (Untersuchung  über  die  Natur
und  die  Ursachen  des  Yolksreichtums)  erschien,  wurden  die  älteren  Schriften
fast  sofort  vergessen.  Während  die  Gedanken  seiner  Vorgänger  kaum  mehr
als  ein  historisches  Interesse  erregen,  diente  von  da  an  sein  Buch  den
folgenden  Generationen  von  Nationalökonomen  als  Leitfaden  und  lieferte
ihnen  allen  den  Ausgangspunkt  ihrer  Untersuchungen.  Trotz  aller  Änderungen, ­
  die  die  Grundprinzipien  der  Wissenschaft  erlitten  haben,  könnte
auch  heute  noch  kein  Nationalökonom  den  alten  schottischen  Schriftsteller
vernachlässigen,  ohne  dadurch  seinen  wissenschaftlichen  Horizont  ganz
bedeutend  zu  verengern.
Woher  kommt  nun  diese  einzigartige  Bedeutung,  die  s  eitdem  kein
anderes  ökonomisches  Werk  erreicht  hat?  Verschiedene  Gründe  erklären
dies:
a)  Erstens  sein  großer  literarischer  Wert.  Das  Buch  Smith’s  ist  voller
Interesse,  lebendig  und  reich  an  Tatsachen.  Beständig  schneidet  er  die
für  seine  Zeitgenossen  aktuellsten  Fragen  an:  Kolonialverwaltung,  Verwaltung ­
  der  großen  Handelsgesellschaften,  Merkantilsystem,  Gildorganisation,
  Steuern.  Er  tut  dies,  indem  er  überall  in  vollständiger  Beherrschung ­
  des  wissenschaftlichen  Materials  ein  so  sicheres,  gleichmäßig  abwägendes ­
  Urteil  anwendet,  daß  er  ohne  Mühe  überzeugend  wirkt.  Die

bungen  unter  dem  Titel:  Bibliographical  Memoirs  of  Adam  Smith,  Robertson, ­
  etc.  von  Dugald  Stewart  veröffentlicht  zu  werden.  Heute  sind  wir  glücklicher.
John  Rae  hat  in  seinem  Werk:  Life  of  Adam  Smith  (London  1895,  449  Seiten)
alles,  was  wir  über  ihn,  seine  Freunde  und  seine  Umgebung  wissen  können,  zusammengestellt ­
  —  die  hier  gegebenen  Einzelheiten  sind  diesem  Buch  entnommen.  James  Bonar
hat  1894  den  „Catalogue  of  the  library  of  A.  Smith“  herausgegeben,  der  2300
Bände,  etwa  zwei  Drittel  der  Bibliothek  Smith’s  enthält.  Noch  neuzeitlicher  ist  ein
bedeutender  Beitrag  zum  Studium  der  Ideen  Smith’s.  1896  hat  nämlich  Edwin  Cannan
die:  „Lectures  on  Justice,  Police,  Revenue  and  Arms  deüvered  in  the  University
  of  Glasgow,  by  A.  Smith,  reported  by  a  Student  in  1763“,  herausgegeben  (Oxford, ­
  1896,  293  Seiten).  Es  sind  das  die  Vorlesungen,  die  Smith  über  Nationalökonomie
in  Glasgow  gehalten  hat.  Aus  Zufall  fand  ein  Londoner  Rechtsanwalt  (1876)  die  handschriftlichen ­
  Aufzeichnungen,  die  ein  Student,  wahrscheinlich  1763,  während  der  «Vorlesungen ­
  niedergeschrieben  hatte.  Er  übergab  das  Manuskript  Herrn  E.  Cannan  1895
zur  Veröffentlichung.  Diese  Entdeckung  ist  deshalb  so  besonders  wichtig,  weil  sie
uns  gestattet,  die  Ideen  A.  Smith’s  vor  seinem  Aufenthalt  in  Frankreich  und  vor  seinem
Zusammentreffen  mit  den  Physiokraten  kennen  zu  lernen.  —  Von  seinem  Wealth
of  Nations  gibt  es  zahlreiche  Ausgaben,  deren  hauptsächlichste  die  von  Buchanan,
Mac  Culloch,  Thorold  Rogers  und  Nicholson  sind.  Die  letzte  kritische  Ausgabe  ist
die  von  Cannan,  die  1904  in  London  bei  Methuen  in  zwei  Bänden  mit  wertvollen  Anmerkungen, ­
  erschien.  Ihr  sind  unsere  Zitate  entnommen.
[Der  deutsche  Text  der  angeführten  Zitate  stammt  aus  der  Ausgabe  der
M.  STiRNER’schen  Übersetzung,  auf  die  auch  die  Seitenzahlen  verweisen.  Dr.
H.  Schmidt  (Jena)  hat  sie  nach  der  oben  erwähnten  englischen  Ausgabe  von  Cannai*
herausgegeben  (Verlag  Alfred  Kröner,  Leipzig  1910).  (D.  Übers.)]
        <pb n="82" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

59

atsachen  fügen  sich  den  Gedankengängen,  die  Beispiele  den  Beweisunrungen
  zwingend  ein,  und  er  belehrt,  indem  er  überzeugt.  All  dies
°hne  Schwerfälligkeit,  ohne  gewichtigen  logischen  Apparat,  ohne  durch
eintöniges  Wiederholen  Eindruck-erzielen  zu  wollen,  mit  einer  sicheren
infachheit,  die  jeden  Skeptizismus  ausschließt.  Denn  über  allen  seinen
durften  liegt  ein  Hauch  wärmster  Menschenliebe,  die  seine  Worte  oft  zu
einer  glänzenden  Beredsamkeit  steigert.  Diese  seltenen  Eigenschaften
haben  dem  alten  Buche  einen  großen  Teil  seiner  Frische  bewahrt,
r  b)  Andererseits  hat  Smith  seinen  Vorgängern  alle  ihre  bedeutenden
deen  entnommen,  um  sie  in  ein  allgemeineres  System  zu  fassen.  Indem
or  über  sie  hinausging,  machte  er  sie  überflüssig,  weil  er  an  Stelle  ihrer
iragmentarischen  Ansichten  eine  wirkliche  soziale  und  ökonomische  Philosophie ­
  setzte.  So  erhalten  diese  Ansichten  in  seinem  Buche  einen  ganz
neuen  Wert.  Anstatt  isoliert  zu  bleiben,  dienen  sie  jetzt  dazu,  eine  allgemeine ­
  Auffassung  zu  stützen,  und  sie  selbst  werden  dadurch  in  schärfere
eleuchtung  gerückt.  Smith,  wie  fast  alle  großen  Schriftsteller,  hat  sich
.  Von  seinen  Vorgängern  und  Zeitgenossen  aneignen  können,  ohne  daß
seine  Ursprünglichkeit  gelitten  hätte.  Sein  Werk  zitiert  und  verarbeitet,
immer  unter  Namensnennung,  mehr  als  100  Schriftsteller.  Die
amen  einiger  von  ihnen,  die  den  meisten  Einfluß  auf  ihn  gehabt  zu  haben
Werd** 611 ’  0t * er  ^ eren  Wegen  er  gefolgt  ist,  verdienen  hervorgehoben  zu
1..  ^dter  ihnen  nimmt  vielleicht  Hutcheson,  Professor  der  Moral-P
  1  osophie  auf  demselben  Lehrstuhl,  den  Smith  späterhin  an  der  Uni-■
  sität  zu  Glasgow  einnehmen  sollte,  die  erste  Stelle  ein.  Smith  folgt
soweit,  daß  er  ihm  teilweise  sogar  die  Einteilung  seiner  eigenen  Vorsuiigeji
  entnimmt.  Das  ist  aber  nicht  Alles.  Viele  der  bekanntesten
jj  e °rien  Smith’s  finden  sich  in  ihren  Anfängen  bei  seinen  Vorgängern.
öff U &amp;gt; TCBES0N  * n  seinein  &amp;gt;)System  of  moral  philosophy“  (1755  verontlicht,
  aber  viel  früher  verfaßt)  der  Arbeitsteilung  bereits  eine  ganz
u  erordentliche  Bedeutung  bei;  in  bezug  auf  Wertschwankungen  und
^sprung  des  Geldes,  in  bezug  auf  das  Getreide  und  die  Arbeit,  als  konantere
  Wertmasse  angesehen,  bringt  er  Betrachtungen,  die  denen,  die
über  diese  Gegenstände  im  Wealth  of  Nations  findet,  sehr
at mhch  sind.
ji  Noben  Hutcheson  muß  man  David  Hume  erwähnen.  Smith  nennt
n  an  einer  Stelle  den  „unvergleichlich  berühmtesten  Philosophen  und
mschichtsschreiber  unserer  Zeit“ 1 ),  und  seit  1772  stand  er  mit  ihm  in
a  f In  cn £ en  und  intimen  Verhältnis.  Hume  hat  nur  einige  ökonomische
auf  S f^ Ze  Ver öffentlieht:  die  bedeutendsten  beziehen  sich  auf  das  Geld,
uen  Außenhandel  und  den  Zinsfuß.  Sie  sind  mit  mehreren  anderen
x )  Völkerreichtum  II,  S.  220,  B.  V,  Kap.  I,  3.  Teil,  §  3.
        <pb n="83" />
        60

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

in  seinen  Political  discourses 1 )  (1752)  vereinigt.  Hume  hat  die  Untersuchungen ­
  dieser  Gegenstände  mit  der  Schärfe,  Ursprünglichkeit,  Einsicht
und  Klarheit,  die  seine  anderen  Werke  auszeichnen,  geführt.  Die  Unsinnigkeit
  der  merkantilistischen  Politik,  die  natürliche  Anpassung  der
Geldmenge  an  die  Bedürfnisse  eines  jeden  Landes,  die  merkantilistischen
Sophismen  über  die  „Handelsbilanz“,  die  verderblichen  Folgen  der  Handelseifersucht ­
  zwischen  den  Völkern  werden  von  ihm  mit  bewunderungswürdigem ­
  Nachdruck  dargestellt.  Es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß
diese  Aufsätze,  die  Smith  in  seinen  Vorlesungen  in  Glasgow  zitiert  und
für  deren  zweite  Ausgabe  Hume  seinen  Rat  eingeholt  hatte,  einen  großen
Eindruck  auf  ihn  gemacht  haben.  Allerdings  ist  er  späterhin  über  den
Liberalismus  Hume’s  hinausgegangen:  dieser  gab  in  seinem  Aufsatz  über
die  Handelsbilanz  noch  die  Berechtigung  gewisser  Schutzzölle  zu,  die
Smith  später  völlig  verwarf.  Aber  Hume  hat  nichtsdestoweniger  die
Anregung  gegeben.
Übrigens  erhoben  sich  in  betreff  der  Handelsfreiheit  schon  am  Ende
des  17.  Jahrhunderts  und  während  der  ersten  Hälfte  des  18.  immer  zahlreichere ­
  Schriftsteller  unter  den  Merkantilisten  selbst  gegen  die  Engherzigkeit ­
  der  Zollvorschriften.  Diese  Schriftsteller  stehen  noch  unter  dem
Einflüsse  gewisser  merkantilistischer  Vorurteile,  aber  man  hat  sie  mit
Recht  „liberale  Merkantilisten“  genannt.  Ebenso  wie  in  Frankreich
Boisguillebert  den  Physiokraten  vorausgeht,  so  bereiten  in  England
Child,  Petty,  Tucker,  Dudley  North,  Gregory  King  einer  liberale»
Politik  im  Außenhandel  die  Wege  vor 2 ).
Neben  Hutcheson  und  Hume  muß  hier  poch  ein  anderer  Schriftsteller ­
  genannt  werden:  Bernard  de  Mandeville.  Er  war  kein  National-  j
Ökonom,  sondern  Philosoph  und  Arzt.  1704  veröffentlichte  er  ein  kleines  i
Gedicht,  das  1714  mit  zahlreichen  Zusätzen  unter  dem  Titel:  „Die  Fabel
von  den  Bienen,  oder  private  Laster,  öffentliche  Wohltaten“,
als  Neudruck  erschien.  Die  Grundidee  des  Buches  (das  öffentliches  Ärgernis
erregte  und  auf  Anordnung  der  Regierung  beschlagnahmt  wurde)  ist,  daß
die  Zivilisation,  unter  der  er  den  Reichtum,  die  Künste  und  die  Wissenschaften ­
  versteht,  nicht  aus  unseren  Tugenden  entsteht,  sondern  aus  dem,
was  Mandeville  unsere  Laster  nennt.  Mit  anderen  Worten,  aus  de»
zahllosen  natürlichen  Bedürfnissen,  die  uns  nach  Wohlstand,  Bequemlich-  i
keit,  Luxus  und  allen  Vergnügungen  des  Lebens  streben  lassen.  Eine
Apologie  des  natürlichen  und  eine  Kritik  des  tugendsamen  Menschen.
Smith  hat  Mandeville  in  seiner  „Theorie  der  moralischen

0  Diese  volkswirtschaftlichen  Aufsätze  sind  ins  Französische  übersetzt  worden
und  erschienen  in  der  Collection  des  principaux  öconomistes.
-)  Vgl.  hierüber  im  besonderen  das  Werk  von  Schatz:  L’individualisffl 0
iconomique  et  social,  Paris  1908.
        <pb n="84" />
        61

Kapitel  II.  Adam  Smith.
Gefühle“  kritisiert 1 ).  Er  wirft  ihm  im  besonderen  vor:  Wünsche  und
Neigungen,  die  an  und  für  sich  nichts  Verwerfliches  haben,  Las  er  zu
nennen.  Aber  trotz  dieser  Einschränkung  hat  die  Idee  M * N ® EVILEE  *
im  Geiste  Smith’s  ihre  Früchte  getragen:  unermüdlich  wiederholt  er,  daß
es  das  persönliche  Interesse  ist  (das  in  seinen  Augen  kein  Laster  vorstellt,
wenn  es  auch  nur  den  Namen  einer  „untergeordneten  Tugend  verdient)
das  unbewußt  und  auf  natürlichem  Wege  die  Menschheit  zum  Gluck  und
zum  Wohlstände  leitet.  So  ist  der  Reichtum  einer  Nation  für  Smith
wie  für  Mandevilce  die  Wirkung,  wenn  auch  nicht  eines  „Lasters  ,  so
doch  wenigstens  eines  natürlichen  Instinktes,  der  an  und  für  sich  nich  s
Tugendhaftes  hat,  und  dessen  die  Vorsehung  sich  ohne  unser  Wissen  bedient
um  Zwecke  zu  erreichen,  die  weit  über  den  Beieich  unserer  sic  e
hinausgehen.  ,  .  _  ..
Das  sind  die  hauptsächlichsten  Schriftsteller,  bei  denen  wir  s
einige  der  bedeutendsten  Ideen  ausgedrückt  finden,  die  Smith  späterhin
in  ein  wirkliches  System  zu  verschmelzen  wußte.
Die  Lösung  dieser  Aufgabe  jedoch  würde  nicht  genügt  haben,  um
seinem  „Wealth  of  Nations“  ihren  einzigartigen  Platz  zu  sichern,  bchon
vor  Smith  hatte  Quesnay  und  die  Physiokraten  die  volkswirtschaftlichen
Erscheinungen  in  ihrer  Gesamtheit  betrachtet  und  sie  mit  einigen  ein
fachen  Grundsätzen  in  Zusammenhang  gebracht.  Er  ist  da,her  nicht  der
'  ers te,  der  hierin  ein  wirklich  wissenschaftliches  Werk  geleistet  hat.  Jedoch
trit t  gerade  hierin  die  Überlegenheit  Smith’s  ganz  besonders  hervor  und
gibt  uns  einen  dritten  Grund  für  seinen  Erfolg.
c)  Smith  verdankt  den  Physiokraten  viel.  Er  stand  zwar,  außer
während  seines  Aufenthaltes  in  Paris,  1765,  mit  ihnen  nur  m  geringem
Maße  in  persönlicher  Beziehung.  Trotz  der  kurzen  Dauer  dieser  Beziehungen ­
  ist  ihr  Einfluß  auf  ihn  ein  tiefgehender  gewesen.  Wahrscheint  c
bat  er  nicht  alle  ihre  Werke  gelesen;  so  sind  die  R6flexions  Tu»go  s,
die,  1766  geschrieben,  erst  1769  oder  1770  in  den  Eph6mdridcs  du
citoyen  erschienen,  ohne  Zweifel  nicht  zu  seiner  Kenntnis  gekommen
A ber  persönlich  hat  Smith  viel  mit  Tuegot  und  Quesnay  verkehrt,
seinen  Unterhaltungen  mit  ihnen  hat  er  unmittelbar  eine  eingehe  c.
Kenntnis  ihrer  Ideen  erlangt,  und  man  kann  sich  ziemlich  genau  vorstelie  ,
welche  auf  ihn  den  größten  Eindruck  gemacht  haben  werden.
,  In  einer  Hinsicht  wenigstens  hatte  Smith  nicht  notig,  sich  von  ihnen
belehren  zu  lassen,  nämlich  in  der  Hinsicht  auf  den  ökonomischen  Liberalismus, ­
  dessen  überzeugter  Verteidiger  er  seit  langer  Zeit  war  Immerhin
jat  die  Übereinstimmung  seiner  Überzeugungen  mit  dem  glühenden  Hau  en
er  Physiokraten  ihn  nur  in  seinen  Ansichten  bestärken  können.
,  l )  Kap.  IV,  Teil  2,  des  7.  Abschnittes  der  „moral  Sentiments“,  betitelt:  Von
en  Esterhaften  Systemen.
        <pb n="85" />
        62

Erstes  Buch,  Die  Begründer.

Dagegen  scheint  er  ihnen  ihre  so  bedeutsame  Idee  von  der  Verteilung  j
des  Jahreseinkommens  zwischen  den  verschiedenen  Klassen  des  Volkes  ;
entlehnt  zu  haben.  Seine  Vorlesungen  in  Glasgow  behandeln  vor-  j
herrschend  die  Frage  der  Gütererzeugung.  In  dem  Wealth  of  Kations
ist  der  Verteilung  ein  beträchtlicher  Raum  eingeräumt.  Dieser  Unterschied ­
  läßt  sich  kaum  anders  erklären,  als  durch  die  genaue  Bekanntschaft,  j
die  Smith  in  der  Zwischenzeit  mit  dem  Tableau  economique  und  der  |
Theorie  des  Reinertrages  gemacht  hat.
Wenn  er  ihnen  aber  einejhrer  charakteristischen  und  folgereichsteß
Ideen  entlehnt  hat,  so  überragt  er  sie  weit  in  seiner  Gesamtanschauung  j
und  aus  eben  diesem  Grunde  hat  er  sie  so  schnell  verdrängt.  Da  die  Physiokraten
  von  ihrer  Auffassung  der  Rolle  der  Landwirtschaft  vollständig  j
beherrscht  wurden,  trübte  und  verengte  sich  ihr  Gesichtskreis.  Sie  haben,  I
wenn  man  so  sagen  darf,  durch  ein  zu  enges  Fenster  gesehen.  A.  SmitB
hat  sich  von  Anfang  an  in  das  Zentrum  der  Erscheinungen  gestellt,
auf  den  höchsten  Punkt,  von  wo  die  Aussicht  am  weitesten  und
klarsten  ist.
Die  ökonomische  Welt,  im  Bilde  einer  großen,  von  der  Arbeitsteilung
geschaffenen  Werkstatt;  —  die  Reichtumserscheinungen,  auf  eine  höher 6
Einheit  zurückgeführt,  durch  die  Betonung  eines  wesentlich  psycho-  j
logischen  Beweggrundes:  des  Wunsches  der  Menschen  nämlich,  ihre  wirtschaftliche ­
  Lage  zu  verbessern;  —  endlich  die  Wirtschaftspolitik  zuiö
ersten  Male  nicht  auf  das  Interesse  dieser  oder  jener  Klasse  (des  Fabrikanten ­
  oder  des  Landwirts),  sondern  auf  die  Berücksichtigung  des  allg 6 '
meinsten  Interesses  des  ganzen  Gemeinwesens  gegründet:  dies  sind  d' e
Hauptgesichtspunkte,  die  das  ganze  Werk  beherrschen.
Diese  Gesichtspunkte  dienen  von  nun  an  als  Leitfaden  durch  di«
Wirrnisse  der  volkswirtschaftlichen  Erscheinungen.  Instinktiv  fühlten
die  Zeitgenossen,  daß  die  neue  Wissenschaft  auf  diesem  Wege  keine  Gefall
lief,  in  einer  Sackgasse  zu  endigen.  Zum  ersten  Male  bot  man  ihnen  eine 11
festen  Stützpunkt,  von  dem  aus  die  verwickelten  Interessen  der  Land'
Wirtschaft,  der  Industrie  und  des  Handels  ohne  Vorurteil  betracht^
werden  konnten.  Mit  Smith  verließ  man  die  „Systeme“  und  betrat  de”
Boden  der  „Wissenschaft“.  —
Um  diese  drei  Punkte  werden  wir  unsere  Betrachtung  seiner  Ide
gruppieren,  um  sie,  wie  folgt,  zu  untersuchen:
1.  Die  Arbeitsteilung;
2.  Die  spontane  Organisation  der  ökonomischen  Welt  unter  de® 1
Einfluß  des  persönlichen  Nutzens;
3.  Die  liberale  Politik.
        <pb n="86" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

63

§  1.  Die  Arbeitsteilung.
Quesnay  hatte  geschrieben:  „Die  Landwirtschaft  ist  die  Quelle
, er  Güter  des  Staates  und  aller  seiner  Bürger“ 1 ).  Mit  dem  eisten  Satze
seines  Buches  erhebt  Smith  gegen  diese  Gedanken  Widerspruch  und  führt
die  Güter  auf  ihren  wirklichen  Ursprung  zurück.  „Die  jährliche  Arbeit
eines  Volkes“,  schreibt  er,  „ist  der  Fonds,  welcher  dasselbe  mit  allen
..edürfnissen  und  allen  Annehmlichkeiten  des  Lebens  versorgt,  die  es
jährlich  verbraucht,  und  die  immer  entweder  in  dem  unmittelbaren  Erze
 ugnis  dieser  Arbeit  oder  darin  bestehen,  was  für  dieses  Erzeugnis  von
anderen  Völkern  eihandelt  wird“.
Die  Arbeit  ist  also  die  wirkliche  Quelle  des  Beichtums.  Mit  diesem
erühinten  Satze,  der  zu  so  vielen  Mißverständnissen  Anlaß  gegeben  hat,
tollte  Smith  sicherlich  weder  den  Einfluß  der  Naturkräfte,  noch  den  des
Kapitals  in  der  Produktion  bestreiten 2 ).  Niemand  hat  stärker  als  er  —•
vielleicht  J.-B.  Say  ausgenommen  —  die  Bedeutung  des  Kapitals  betont
nnd  wi r  werden  weiteihin  sehen,  daß  er  dem  Boden  eine  besondere  Prou
  vtivität  beimißt.  Smith  hat  aber  von  Anfang  an  den  Gegensatz  seiner
■  e  re  zu  der  der  Physiokraten  hervorheben  wollen.  Er  behauptet,  daß
summa  hie  Tätigkeit  des  Menschen  jedes  Jahr  die  Menge  der  von  ihm
_  rauchten  Güter  erzeugt,  und  nicht  die  Kräfte  der  Natur,  die  ohne  die
un g  des  Menschen  unfruchtbar  und  unnütz  bleiben  würden.
Ali  r  Z ^dt  zugleich  die  Folgerungen  aus  diesem  Gedanken.  Da  es  im
er  &amp;amp; erae inen  die  Arbeit,  und  nicht  allein  der  Boden  ist,  der  den  Reichtum
lei  t' U ^’  S °  es  auc -h  nicht  die  Arbeit  einer  einzigen  Klasse,  die  der  Landdie
  e ’  S&amp;lt;mt h‘ rn  die  Arbeit  aller  Klassen,  die  Arbeit  des  ganzen  Volkes,
„Produktiv  ist.  Die  in  einem  Lande  jährlich  erzeugten  Güter  sind  das
air  ( 'i  S  ^ er  § em einsamen  Arbeit  aller,  die  dort  arbeiten.  Sie  entstehen
g Q S  '.t" 6111  Zusammenarbeiten,  ihrer  „Kooperation“,  wie  er  selbst  schreibt.
£äii  ^  eS  deinen  Unterschied  mehr  zwischen  sterilen  —  nur  die  Müßigfctatt^
 1  s ind  steril  —  und  produktiven  Klassen,  sondern  eine  große  Werkder
  r  W °  a ^ e  verschiedenen  Tätigkeiten  zusammen  an  dem  Reichtum
a  fW^mthcit  arbeiten.  Die  Stelle,  in  der  A.  Smith  diesen  Gedanken
"  u hrt,  ist  wohlbekannt  und  verdient  hier  angeführt  zu  werden:

b  Ausg.  Oncken,  S.  331.  .  _  die  in  der  Nationalökonomie
,  -)  Die  Theorie  der  drei  Produktionsfaktore  Do ch  ist  er  es  gewesen,  der
klassisch  geworden  ist,  —  findet  sich  nicht  ei  •  gr  der  Giiterverteilung  rei
indirekt  diese  Theorie  ins  Leben  geraten  ia  ,  -  -
■Einknmnr*~——  ”

''xcänital  und  den  Boden.  Aut  Grund
ommensquellen  unterschied:  die  Arbeit,  &amp;lt;.'  •  „deinen,  jede  Einkommenquelle
»Unterscheidung  mußte  es  ganz  natur  ic  g A -y  in  seinem  Traitd  (2.  Ausg-,
nls  einen  Produktionstaktor  zu  betrachten,  was  •  theories  of  production
Fap.IVu.V)tat.  Vgl.hierüberCannan:Ahistory
d  distribution  (1894,  S.  40).

dieser

and
        <pb n="87" />
        64

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

„Welch  mannigfaltige  Arbeit  ist  ferner  nötig,  um  die  Werkzeuge
des  geringsten  unter  diesen  Arbeitern  hervorzubringen!  Von  so  ko®-plizierten
  Maschinen,  wie  es  ein  Schiff,  eine  Walkmühle,  oder  selbst  ein
Webstuhl  ist,  gar  nicht  zu  reden,  wollen  wir  nur  betrachten,  welch  mannig'
faltige  Arbeit  dazu  erforderlich  ist,  jene  höchst  einfache  Maschine,  die
Schafschere,  mit  welcher  der  Schäfer  die  Wolle  abschert,  zu  verfertigen.
Der  Bergmann,  der  Erbauer  des  Hochofens,  der  Holzfäller,  der  Köhler,
welcher  Kohlen  für  die  Schmelzhütte  bereitet,  der  Ziegelstreicher,  der
Maurer,  die  Arbeiter,  welche  den  Ofen  zu  besorgen  haben,  der  Mühlenbauer,
  der  Grobschmied,  der  Schmied:  sie  alle  müssen  ihre  verschiedenen
Arbeiten  vereinigen,  um  sie  zu  erzeugen.  Wollten  wir  auf  dieselbe  Weise
alle  verschiedenen  Teile  seines  Anzuges  und  Hausrates  untersuchen,  das
grobe,  leinene  Hemd,  welches  er  auf  dem  Leibe  trägt,  die  Schuhe,  die
seine  Füße  bedecken,  das  Bett,  worauf  er  liegt,  und  all  die  verschiedenen
Teile,  woraus  es  besteht,  den  Rost  in  der  Küche,  auf  dem  er  seine  Speisen
zubereitet,  die  Kohlen,  die  er  dazu  braucht  und  die  dem  Erdinnern  entgraben
  und  ihm  vielleicht  durch  eine  lange  Land-  und  Seefahrt  zugeführt
worden  sind,  alle  anderen  Gerätschaften  seiner  Küche,  alles  Tischgeschirr,
die  Messer  und  Gabeln,  die  irdenen  oder  zinnernen  Teller,  auf  denen  er
seine  Gerichte  aufträgt  und  schneidet,  die  verschiedenen  Hände,  die  mW
Bereitung  seines  Brotes  und  Bieres  beschäftigt  sind,  die  Glasfenster,  die
Wärme  und  Licht  hereinlassen,  Wind  und  Regen  ’abhalten,  samt  alld
Kenntnis  und  Kunst,  welche  erforderlich  war,  diese  schöne,  glückliche
Erfindung  vorzubereiten,  ohne  welche  diese  nördlichen  Teile  der  Erde
kaum  eine  sonderlich  behagliche  Wohnung  erhalten  konnten,  dazu  endlich
die  Werkzeuge  all  der  verschiedenen  Arbeiter,  die  mit  Hervorbringu«£
der  verschiedenen  Genußmittel  beschäftigt  sind  —  wenn  wir,  sage  ich,
alle  diese  Dinge  betrachten  und  erwägen,  welche  Mannigfaltigkeit  de*
Arbeit  an  jedes  derselben  verwendet  wird,  so  werden  wir  inne  werde«,
daß  ohne  den  Beistand  und  die  Mitwirkung  (Kooperation)  vieler  Tausend«
nicht  der  allergeringste  Mensch  in  einem  zivilisierten  Lande  auch  nur  i fl
der,  wie  wir  sie  uns  fälschlich  vorstellen,  leichten  und  einfachen  Art  versorgt ­
  werden  kann,  in  der  er  gewöhnlich  ausgestattet  ist 1 ).“
Diese  Kooperation  hat  sich  in  den  menschlichen  Gemeinwesen  vo»
selbst  unter  einer  besonderen  Form,  der  der  Arbeitsteilung,  verwirklich
Das  Hauptverdienst  A.  Smith’s  besteht  gerade  darin,  diese  ökonomisch
und  soziale  Grundtatsache,  die  seit  ihm  so  oft  angeführt  worden  ist,  da«
sie  uns  heute  als  Behauptung  banal  erscheint,  klar  hingestellt  (hierum
beginnt  nämlich  sein  Buch)  und  sie  zum  grundlegenden  Gedanken  beh
Aufbau  seines  ganzen  Werkes  gemacht  zu  haben.
Die  Arbeitsteilung  ist  die  Einrichtung,  durch  welche  die  Kooperativ 1

l )  Völkerreichtum  I,  S.  7,  B.  I,  Kap.  I.
        <pb n="88" />
        /

Kapitel  II.  Adam  Smith.

65

der  Menschen  zur  Erzeugung  des  Nationalproduktes  sich  mühelos  und
natürlich  vollzieht.  Während  die  Tiere  sich  mit  einer  unmittelbaren
Befriedigung  ihrer  einzelnen  Bedürfnisse  begnügen 1 ),  beschränkt  sich  jeder
Mensch,  anstatt  für  die  Gesamtheit  seiner  Bedürfnisse  Vorsorge  zu  treffen,
auf  ein  einziges  Erzeugnis,  das  er  dann  gegen  die,  die  ihm  fehlen,  umtauscht
Hieraus  ergibt  sich  für  die  Gesamtheit  ein  enormer  Güterzuwachs.  Die
Arbeitsteilung,  die  das  Zusammenwirken  Aller  zur  Befriedigung  der.  Bedürfnisse ­
  jedes  Einzelnen  erzeugt,  ist  die  wirkliche  Quelle  des  Fortschrittes
und  des  Wohlstandes.
Um  diese  durch  die  Arbeitsteilung  veiursachte  Gesamtproduktionssteigerung ­
  besser  verständlich  zu  machen,  nimmt  Smith  als  Beispiel  die
Wirkungen  der  technischen  Arbeitsteilung  in  einer  besonderen  Industrie:
•»Die  Wirkungen  der  Arbeitsteilung  in  der  allgemeinen  Gewerbstätigkeit
der  Gesellschaft  lassen  sich  leichter  verstehen“,  sagt  er,  „wenn  man  bedachtet, ­
  in  welcher  Weise  jene  Teilung  in  einzelnen  Gewerben  wirkt.“
Mit  diesen  Worten  beginnt  er  seine  berühmte  Beschreibung  der  Steckuadelfabrikation:
  „Ein  Arbeiter,  der  für  diese  Tätigkeit  (woraus  die
Teilung  der  Arbeit  ein  eigenes  Gewerbe  gemacht  hat)  nicht  angelernt  wäre,
der  mit  dem  Gebrauch  der  dazu  verwendeten  Maschinen  (zu  deren  Erfindung ­
  wahrscheinlich  eben  dieselbe  Teilung  der  Arbeit  Gelegenheit
gegeben  hat)  nicht  vertraut  wäre,  könnte  vielleicht  mit  dem  äußersten
Uleiß  täglich  kaum  eine,  gewiß  aber  keine  zwanzig  Nadeln  hersteilen.
In  der  Art  aber,  wie  diese  Tätigkeit  jetzt  betrieben  wird,  ist  sie  nicht  nur
ein  besonderes  Gewerbe,  sondern  sie  teilt  sich  in  eine  Anzahl  von  Zweigen,
von  denen  die  meisten  wiederum  besondere  Gewerbe  sind.  Der  Eine  zieht
den  Draht,  ein  Anderer  streckt  ihn,  ein  Dritter  schneidet  ihn  ab,  ein  Vierter
spitzt  ihn  zu,  ein  Fünfter  schleift  ihn  am  oberen  Ende,  wo  der  Kopf  angesetzt ­
  wird;  die  Herstellung  des  Kopfes  erfordert  zwei  oder  drei  verschiedene
Tätigkeiten;  das  Ansetzen  desselben  ist  eine  besondere  Tätigkeit,  das
Weißglühen  der  Nadel  eine  andere;  ja  sogar  das  Einlegen  der  Nadeln  in
Bapier  bildet  ein  Gewerbe  für  sich.  So  ist  das  wichtige  Geschäft  der  Steckuadelfabrikation
  in  ungefähr  18  verschiedene  Verrichtungen  geteilt,  die
in  manchen  Fabriken  alle  von  verschiedenen  Händen  vollbracht  werden,
während  in  anderen  zuweilen  zwei  oder  drei  derselben  von  einem  einzigen
■Mfcume  besorgt  werden.  Ich  habe  eine  kleine  Fabrik  dieser  Art  gesehen.
Wo  nur  10  Menschen  beschäftigt  waren,  und  manche  daher  zwei  oder  drei
Verschiedene  Verrichtungen  zu  erfüllen  hatten.  Obgleich  nun  diese
Menschen  sehr  arm  und  darum  nur  leidlich  mit  den  nötigen  Maschinen
versehen  waren,  so  konnten  sie  doch,  wenn  sie  sich  tüchtig  daran  hielten,
B  l )  „In  fast  jedem  anderen  Tiergeschlecht  ist  jedes  Individuum,  wenn  es  zur
fWde  gelangt  ist,  ganz  unabhängig  und  hat  in  seinem  Naturzustand  den  Beistand
eines  anderen  lebenden  Wesens  nötig“  (I,  S.  8,  B.  I,  Kap.  II).
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufi.  5
        <pb n="89" />
        I

■  ./

;  I,!

in  einem  Tage  zusammen  etwa  12  Pfund  Stecknadeln  liefern.  1  Pfund
enthält  über  4000  Nadeln  von  mittlerer  Größe.  Diese  zehn  Personen
konnten  demnach  täglich  über  48000  Nadeln  herstellen“Q.
Diese  Beschreibung  gibt  sehr  gut  wieder,  wie  in  der  Gesellschaft
der  auf  sich  allein  angewiesene  Mensch  kaum  die  allernötigsten  seiner
Bedürfnisse  befriedigen  könnte,  w'ährend  er  durch  die  Arbeitsteilung  und
den  Gütertausch  seine  Produktion  und  seinen  Wohlstand  verhundertfacht.
Daraufhin  untersucht  Smith  die  Gründe  dieser  Macht  der  Arbeitsteilung ­
  und  führt  sie  auf  drei  Hauptursachen  zurück:  Die  große  Fertigkeit, ­
  die  jeder  Arbeiter,  der  sich  nur  'Stets  mit  derselben  Tätigkeit  befaßt,
erlangt;  —  die  Zeitersparnis,  die  dadurch  gewonnen  wird,  daß  man  nicht
ständig  von  einer  Beschäftigung  zur  anderen  übergeht,  —  endlich  die
Erfindungen  und  Vervollkommnungen,  welche  die  stete  Beschäftigung
mit  derselben  Arbeit  denen,  die  sie  alle  Tage  ausüben,  ganz  natürlich
nahe  legt.
Man  hat  Smith  vorgeworfen,  den  Vorteilen  der  Arbeitsteilung  nicht
ihre  Nachteile  gegenübergestellt  zu  haben.  Dies  lag  in  seinem  Plan  und
ist  ohne  wirkliches  Interesse.  Die  Hauptsache  ist,  daß  er  sie  nicht  übersah,
denn  niemand  hat  sie  klarer  als  er  ins  Licht  gesetzt.  Im  5.  Buche  führt  er
in  bezug  auf  die  öffentliche  Erziehung  aus:  „Je  weiter  die  Teilung  der
Arbeit  fortschreitet,  um  so  mehr  kommt  es  endlich  dahin,  daß  die  Beschäftigung ­
  des  größten  Teiles  derer,  die  von  ihrer  Arbeit  leben,  d.  h.  der
Masse,  auf  einige  wenige  sehr  einfache  Verrichtungen,  oft  nur  auf  ein
oder  zwei,  beschränkt  wird“.  Nämlich:  „Ein  Mensch,  der  sein  ganzes
Leben  damit  hinbringt,  ein  paar  einfache  Operationen  zu  vollziehen,  deren
Erfolg  vielleicht  immer  derselbe  oder  wenigstens  ein  ziemlich  ähnlicher  ist,
hat  keine  Gelegenheit,  seinen  Verstand  zu  üben  oder  seine  Erfindungskraft
anzustrengen,  um  Hilfsmittel  gegen  Schwierigkeiten  aufzusuchen,  die  ihm
niemals  begegnen.  Er  verliert  also  natürlich  die  Fähigkeit  zu  solchen
Übungen  und  wird  am  Ende  so  unwissend  und  dumm,  als  es  nur  immer
ein  menschliches  Wesen  werden  kann“ 2 ).
Zwischen  diesen  Ausführungen  und  den  oben  ausgeführten  Gedanken
scheint  ein  Widerspruch  zu  bestehen.  Weiter  oben  stellt  Smith  die  Beschäftigung ­
  mit  ein  und  derselben  Arbeit  als  eine  Quelle  der  Erfindungen
hin;  —  hier  ist  sie  die  Ursache  der  Verblödung  des  Arbeiters.  Der  Widerspruch ­
  ist  mehr  scheinbar  als  wirklich,  denn  dieselbe  Beschäftigung,  die
die  Einbildung  zuerst  anspornen  mag,  kann  später  durch  ihre  Eintönigkeit
eine  Erschlaffung  der  Intelligenz  nach  sich  ziehen.  Auf  jeden  Fall  ist  der
Schluß,  den  A.  Smith  aus  seiner  Bemerkung  zieht,  sehr  inteiessant.  Um
den  Nachteilen  dieses  Übermaßes  von  Spezialisierung  zu  begegnen,  legt

*)  Völkerreichtum  I,  S.  3—4,  B.  I,  Kap.  I.
*)  Ebenda  II,  S.  215,  B.  V,  Kap.  I,  Teil  3,  §  2.
        <pb n="90" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

67

er  besonderen  Wert  auf  die  Notwendigkeit,  den  Elementarunterricht
(der  in  Lesen,  Schreiben  und  Rechnen  besteht) 1 )  dem  Volke  durch  die
Errichtung  von  teilweise  auf  Staatskosten  unterhaltenen  Elementarschulen ­
  zu  erleichtern  und  „sogar  aufzuzwingen“.  Man  bemerke  hier
diesen  Verstoß  gegen  sein  eigenes  Prinzip  der  Nichteinmischung  des
Staates!  Wir  werden  weiterhin  sehen,  daß  er  nicht  der  einzige  geblieben  ist.
Um  seine  Ausführungen  betreffs  der  Arbeitsteilung  zu  vervollständigen, ­
  bezeichnet  Smith  endlich  die  Grenzen,  an  denen  sie  Halt  machen
muß.  Er  erwähnt  zwei:  Erstens  die  Ausdehnung  des  Marktes:  „Wenn
der  Markt  sehr  beschränkt  ist,  so  kann  niemand  sich  ermutigt  finden,  sich
einer  einzigen  Beschäftigung  ganz  hinzugeben,  weil  es  an  der  Möglichkeit
fehlt,  jenen  ganzen  Produktenüberschuß  seiner  Arbeit,  der  weit  über
seinen  eigenen  Verbrauch  hinausgeht,  für  solche  Produkte  der  Arbeit
Anderer,  die  er  gerade  braucht,  auszutauschen“ 2 ).  Deshalb  begünstigt
der  Handel  mit  den  Kolonien  und  mit  dem  Auslande,  der  den  Markt  der
Nationalindustrie  vergrößert,  die  Arbeitsteilung  und  vermehrt  den  Reichtum. ­
  —  Der  andere  Umstand,  der  nach  Smith  die  Arbeitsteilung  begrenzt,
ist  die  vorherige  Kapitalansammlung 8 ).  Diese  Bemerkung  ist  aber  viel
weniger  genau  als  die  vorhergehende.  Smith  scheint  hier  von  einer  einzelnen ­
  Unternehmung  auf  die  Gesamtheit  der  Gesellschaft  geschlossen
zu  haben.  Wenn  es  wahr  ist,  daß  ein  Fabrikant  in  seiner  Fabrik  die  technische ­
  Arbeitsteilung  um  so  höher  vervollkommnen  kann,  je  größer  seine
Ka pitalkraft  ist,  so  ist  es  umgekehrt  klar,  daß  in  der  Gesamtheit  der
Gesellschaft  gerade  die  Arbeitsteilung  jeder  einzelnen  Person  eine  vorhergehende ­
  Ansammlung  von  Kapitalien  erspart,  die  sie  haben  müßte,  um,
w enn  sie  allein  lebte,  die  gleiche  Arbeit  auszuführen 4 ).
Dies  ist  in  ihren  Hauptzügen  die  Theorie  der  Arbeitsteilung  von
A.  Smith,  eine  Theorie,  die  heute  jedem  so  bekannt  ist,  daß  wir  oft  Mühe
haben,  ihre  Bedeutung  und  Originalität  zu  erfassen,  obgleich  sie  von
gewissen  Soziologen  (Dürkheim)  zu  dem  Rang  einer  Grundlage  der  Moral

')  „Mit  ci.™  sehr  goingen  A»i».nde
großen  Volksklasse  die  Erlernung  dieser  wesen  •  ^  unerlä ßi; c hen  Bedingung
leichtern,  kann  sie  dazu  ermuntern  und  kann  sie  ihrg  K  j  Tei]  3_  5  2.
machen“  (Lesen,  Schreiben  und  Rechnen),  11,  b.  tu,  o.  ,  r
2 )  I,  S.  10,  B.  I,  Kap.  III  „ + „,&amp;lt;n&amp;gt;mäß  der  Arbeitsteilung  vorhergehen
3 )  „Wie  die  Aufhäufung  des  Vorrates  naturg  ^  uml  mehr  gete ilt  werden,  als
muß,  so  kann  auch  die  Arbeit  nur  in  e  g  Einl.).  An  einer  anderen
vorher  Vorrat  aufgesammelt  worden  ist  (I,  b.  ,  _■  ^  in  cjner  Industrie  zur
Stelle  bemerkt  er  allerdings,  daß  die  M ^ e  d *.  Arbe it  abhängt,  welche  darin
SfTe  H ng f  gela ," g n  Ä  B  I  Kap  X  Teil  2),  aber  diese  Bemerkung  bleibt  ver-4
 )  Vgl.  die  eingehende  Kritik  dieses  Gedankens  Smiths  von  Cannan,  op.  et.
S  Rn  00
        <pb n="91" />
        68

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

erhoben  worden  ist.  Es  genügt  jedoch,  sie  der  physiokratischen  Auffassung
der  Gesellschaft  gegenüberzustellen,  um  ihre  Überlegenheit  ersichtlich  zu
machen.
Die  Physiokraten  stellten  sich  die  Volkswirtschaft  unter  einer  Reihe
von  übereinandergelagerten  Klassenschichten  vor.  Die  Landleute
trugen  gewissermaßen  auf  ihren  Schultern  den  ganzen  Rest  der  Gesellschaft, ­
  dem  sie  einen  Teil  des  von  ihnen  dem  Boden  selbst  abgewonnenen
Nahrungssaftes  abgaben.  Daher  kam  die  überwiegende  Bedeutung  der
land-wirtschaftlichen  Klasse,  und  die  Notwendigkeit,  ihren  Interessen  das
ganze  volkswirtschaftliche  System  unterzuordnen.  Smith  betrachtet  im
Gegenteil  die  soziale  Gütererzeugung  in  ihrer  Gesamtheit  als  das  Ergebnis ­
  einer  Reihe  von  nebeneinander  bestehenden  und  aufeinander
angewiesenen  Unternehmungen,  zwischen  denen  der  Güteraustausch  die
Verbindung  herstellt.  Der  Fortschritt  eines  jeden  Tätigkeitszweiges  ist
daher  eng  mit  dem  Fortschritt  aller  anderen  verbunden.  Keine  der  jedem
Tätigkeitszweige  entsprechenden  Klassen  hat  die  alleinige  Aufgabe,  für
den  Lebensunterhalt  der  anderen  zu  sorgen.  Sie  sind  alle  gleicherweise
unentbehrlich.  Der  Handwerker,  der  dem  Landarbeiter  die  Mühe  des
Baues  seines  Hauses  oder  der  Anfertigung  seiner  Kleider  erspart,  trägt  unter
dieser  Form  zur  Vermehrung  des  landwirtschaftlichen  Produktes  bei,
ebenso  wie  der  Landarbeiter,  indem  er  es  dem  Handwerker  erspart,
Furchen  zu  ziehen  und  die  Saat  auszusäen,  seinerseits  zur  Vergrößerung
der  industriellen  Produktion  beiträgt.  Das  Wachstum  des  nationalen
Reichtums  besteht  daher  nicht  in  einer  Erhöhung  des  „produit  net“  allein,
sondern  in  der  Vermehrung  aller  der  dem  Verbraucher  zur  Verfügung
stehenden  Gegenstände.
Als  klare,  praktische  Folge  dieser  Auffassung  ergibt  sieh,  daß  die
Steuer  nicht,  wie  es  die  Physiokraten  wollten,  von  einer  einzigen  Klasse
getragen  werden  soll.  Sie  muß  Alle  gleichmäßig  treffen.  Der  einzigen
Steuer  setzt  Smith  eine  vielfache  Steuer  gegenüber,  die  gleichzeitig  alle
Einkommensquellen,  die  Arbeit  und  das  Kapital,  ebenso  wie  den  Boden
in  Anspruch  nimmt,  —•  und  er  faßt  sie  in  dem  folgenden  Grundsatz  zusammen: ­
  „Die  Untertanen  jedes  Staates  müssen  zur  Unterstützung  der
Staatsgewalt  so  genau  als  möglich  nach  Verhältnis  ihres  Vermögens  beitragen, ­
  d.  h.  nach  Verhältnis  der  Einkünfte,  die  ein  jeder  unter  dem  Schutz
des  Staates  genießt“ 1 ).  Dies  ist  der  berühmte  Grundsatz  von  der  Pro-Dies

  ist  der  erste  der  vier  berühmten  Grundsätze,  die  Smith  an  den  Anfang
seiner  Steuertheorie  stellt.  Die  drei  anderen  lauten:  TI.  Die  Steuer,  die  jeder  einzelne
Bürger  zu  zahlen  verbunden  ist,  muß  genau  bestimmt  und  nicht  willkürlich  sein.  Die
Zeit  der  Zahlung,  die  Art  und  Weise  derselben,  die  Summe,  welche  gezahlt  werden  soll:
alles  das  muß  dem  Steuerpflichtigen,  sowie  jeder  anderen  Person  klar  und  deutlich
sein  ...  III.  Jede  Steuer  muß  zu  der  Zeit  und  auf  die  Weise  erhoben  werden,  zu  welcher
und  auf  welche  es  dem  Steuerpflichtigen  am  leichtesten  fällt,  sie  zu  bezahlen  .  .  -
        <pb n="92" />
        Kapitel  II.  ^dam  Smith.

69

portionalität  der  Lasten  zu  der  Leistungsfähigkeit  eines  jeden,  auf  den
man  sich  seitdem  so  oft  in  Finanzfragen  berufen  hat 1 ).
Es  ist  sehr  merkwürdig,  daß  A.  Smith  nicht  imstande  war,  alle  sich
aus  seiner  Theorie  ergebenden  Folgerungen  zu  ziehen.  Er  scheint  ihre
ganze  Tragweite  nicht  sofort  begriffen  zu  haben.  Die  Theorie  der  Arbeitsteilung ­
  allein  genügt  schon,  um  das  ganze  physiokratische  System  hinfällig ­
  zu  machen.
Nichtsdestoweniger  bemüht  sich  Smith  im  letzten  Kapitel  seines
vierten  Buches  in  langen  Ausführungen  und  mit  Gründen,  die  nicht
immer  überzeugend  sind,  die  Physiokraten  zu  widerlegen.  Mehr  noch,  er
vergißt  das  Prinzip  der  Arbeitsteilung,  eignet  sich  einen  Teil  ihrer  Lehre
an  und  kommt  nicht  dazu,  sich  von  dem  Unterschiede  zwischen  produktiver ­
  und  unproduktiver  Arbeit  frei  zu  machen.  Er  definiert  sie  nur
anders.  Er  nennt  unproduktiv  alle  die  Arbeiten,  „die  gewöhnlich  im
Augenblick  ihrer  Leistung  zugrunde  gehen  und  selten  eine  Spur  oder  einen
Wert  zurücklassen,  wofür  ein  gleiches  Maß  von  Diensten  später  beschafft
Werden  könnte“ 2 ).  Dies  sind  alle  die  Dienste,  denen  J.-B.  Say  den  Namen
»immaterielle  Produkte“  geben  sollte,  und  die  nach  Smith  die  Arbeit
des  Dienstboten,  die  der  Verwalter,  des  Richters,  Soldaten  und  Priesters,
der  Advokaten,  Ärzte,  Schriftsteller,  Musiker  usw.  umfassen.  Indem  er
in  dieser  Weise  den  Sinn  des  Wortes  „produire“,  auf  die  materiellen  Gegenstände ­
  beschränkte,  hat  er  einen  ziemlich  unnützen  Streit  über  die  produktiven ­
  und  unproduktiven  Arbeiten  geschaffen,  einen  Streit,  den  Say
be gann  und  Stüart  Mill  wieder  aufgriff  und  der  heute  zuungunsten
Smitb’s  entschieden  scheint,  und  zwar  durch  eine  genauere  Auslegung
seiner  eigenen  Lehrsätze.  Es  ist  in  der  Tat  klar,  daß  alle  Dienste  einen
Teilbetrag  des  jährlichen  Einkommens  der  Nationen  ausmachen,  und  daß
die  Gesamtproduktion  vermindert  würde,  wenn  nicht  besondere  Personen
sieh  ausschließlich  damit  beschäftigten,  sie  zu  liefern.
Aber  noch  besser.  Nachdem  Smith  den  physiokratischen  Unterschied
zwischen  den  besoldeten  und  produktiven  Klassen  kritisiert  hat,  gibt  er
trotzdem  zu,  daß  die  Arbeit  der  Handwerker  und  der  Kaufleute  weniger
IV-  Jede  Steuer  muß  so  eingerichtet  sein,  daß  sie  so  wenig  als  möglich  über  die  Summe,
die  sie  dem  Staatsschätze  einbringt,  aus  der  Tasche  des  Bürgers  herausnimmt  .  .  .
(D,  S.  243/244,  B.  V,  Kap.  TI,  Teil  2).
*)  Dieser  Grundsatz  der  Proportionalität  hat  Smith  nicht  gehindert,  an  einer
übrigens  alleinstehenden  Stelle  sich  zugunsten  einer  progressiven  Steuer  auszusprechen.
Derartige  unlogische  Gedanken  finden  sich  oft  bei  ihm.  Wo  er  von  der  Mietssteuer
spricht,  bemerkt  er,  daß  die  Reichen  dadurch  härter,  als  die  Armen  getroffen  werden,
yeil  der  erstere  im  Verhältnis  mehr  als  der  zweite  für  seine  Wohnung  ausgibt.  „Es
&amp;gt;st  eben“,  sagt  er,  „nicht  unbillig,  daß  der  Reiche  nicht  nur  nach  Verhältnis  seiner
Einkünfte,  sondern  noch  etwas  über  diese  Verhältnisse  hinaus  zu  den  Staatsabgaben
beitrage“  (II,  S.  254,  B.  V,  Kap.  II,  Teil  1).
2 )  Völkerreichtum  I,  S.  194,  B.  II,  Kap.  III.
        <pb n="93" />
        70

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

produktiv  ist,  als  die  der  Pächter  und  landwirtschaftlichen  Arbeiter,
denn  diese,  sagt  er,  stellen  nicht  nur  das  aufgewendete  Kapital  mit  einem
Profit  wieder  her,  sondern  bringen  es  sogar  zuwege,  dem  Besitzer  eine
Rente  zu  zahlen 1 ).
Woher  diese  Unsicherheit  in  den  Gedanken  Smxth’s  ?  Woher  kommt
diese  Idee  einer  besonderen  und  höheren  Produktivität  der  Landwirtschaft ­
  ?  Es  ist  interessant,  ihren  Gründen  nachzugehen,  denn  sie  gestatten,
den  Platz,  den  A.  Smith  in  der  Geschichte  der  Nationalökonomie  einnimmt, ­
  noch  genauer  zu  bestimmen.
Einerseits,  und  was  man  auch  immer  sagen  möge,  hat  sich  Smith
nicht  vollständig  dem  Einfluß  der  Physiokraten  entzogen.  Er  sagt  von
ihrem  System,  daß  es  unter  allen  bis  dahin  erschienenen  der  Wahrheit
am  nächsten  komme 2 ).  Er  spricht  von  ihnen  nur  mit  Ehrfurcht;  der
Eindruck,  den  sie  auf  ihn  ausgeübt  hatten,  ist  so  stark  gewesen,  daß  er
sich  nicht  von  einigen  ihrer  Ideen  hat  freimachen  können,  auch  wenn  sie
im  Grunde  genommen  seiner  eigenen  Lehre  widersprachen;  dazu  gehören
die  folgenden:  daß  es  zwischen  der  Landwirtschaft  und  den  anderen
Industrien  einen  wesentlichen  Unterschied  gäbe,  der  darin  besteht,  daß
in  der  Industrie  und  dem  Handel  keine  Naturkräfte  auftreten,  während
sie  in  der  Landwirtschaft  mit  dem  Menschen  zusammen  arbeiten.  „Niemals ­
  kann  eine  gleiche  Quantität  produktiver  Arbeit  in  den  Manufakturen
ein  ebenso  großes  Erzeugnis  hervorbringen  (wie  in  der  Landwirtschaft).  In
ihnen  (den  Manufakturen)  tut  die  Natur  nichts,  und  der  Mensch
alles,  und  die  Reproduktion  richtet  sich  ja  immer  nach  der  Stärke  der
wirkenden  Ursachen,  welche  dabei  tätig  gewesen  sind“ 3 ).  Man  glaubt
zu  träumen,  wenn  man  eine  derartige  Behauptung  bei  einem  so  bedeutenden
Nationalökonomen  liest.  Sind  denn  das  Wasser  und  der  Wind,  die  Elektrizität ­
  und  der  Dampf  keine  Naturkräfte,  die  mit  dem  Menschen  in  der
Industrie  zusammen  arbeiten?
Aber  Smith  beachtet  das  nicht,  und  er  wird  um  so  mehr  in  seinem
Irrtum  bestärkt,  da  dieser  ihm  die  Erklärung  einer  anscheinend  höchst
seltsamen  Tatsache  liefert,  die  später  allen  englischen  Nationalökonomen
Kopfzerbrechen  machen  wird:  die  Tatsache  der  Bodenrente.  Woher  kommt
es  denn,  während  alle  anderen  Produktionszweige  im  Allgemeinen  einen
Ertrag  liefern,  der  gerade  ausreicht,  um  die  normale  Entlohnung  des
*)  „Pächter  und  Bauern  bringen  freilich  außer  dem  Vorrat,  womit  sie  unterhalten ­
  und  beschäftigt  werden,  jährlich  noch  einen  Reinertrag,  eine  freie  Rente  für
den  Gutsherrn  hervor;  und  wie  eine  Ehe,  welche  drei  Kinder  bringt,  ohne  Zweifel
produktiver  ist  als  eine  Ehe,  die  deren  nur  zwei  hat,  so  ist  allerdings  auch  die  Arbeit
der  Pächter  und  Bauern  produktiver  als  die  der  Kaufleute  und  Gewerbetreibenden.
Allein  das  stärkere  Produkt  der  einen  Klasse  macht  doch  die  andere  nicht  unfruchtbar
oder  unproduktiv“  (II,  S.  152,  B.  IV,  Kap.  IX).
2 )  II,  S.  154,  B.  IV,  Kap.  IX.
3 )  I,  S.  213/214.  B.  II,  Kap.  V.
        <pb n="94" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

71

Kapitals  und  der  Arbeit,  zu  bestreiten,  daß  die  Landwirtschaft  außer
diesen  beiden  Einkommen  ein  weiteres  Einkommen  liefert,  nämlich  die
an  den  Grundbesitzer  zu  zahlende  Pacht  oder  wie  die  Engländer  sagen:
seine  „Rente“?  Aus  keinem  anderen  Grunde,  antwortet  Smith,  weil  „in
der  Landwirtschaft  die  Natur  selbst  mit  dem  Menschen  arbeitet,  und  ihre
Produkte  haben,  obgleich  ihre  Arbeit  nichts  kostet,  doch  ebensogut  ihren
Wert  als  die  der  kostspieligsten  Arbeiter  .  .  .  Die  Rente  kann  als  das
Produkt  derjenigen  Naturkräfte  angesehen  werden,  deren  Nutzung  der
Grundeigentümer  dem  Pächter  leiht“ 1 ).  Wenn  A.  Smith  eine  genaue
Theorie  der  Rente  gehabt  hätte,  würde  er  nicht  auf  die  „Naturkräfte
des  Bodens  zurückzugreifen  gebraucht  haben,  um  das  Einkommen  des
Grundbesitzers  zu  erklären,  und  würde  wahrscheinlich  nicht  so  leicht
den  Gedanken  einer  besonderen  Produktivität  des  Bodens  angenommen
haben.  In  volkswirtschaftlichen  Theorien  aber  beruht  eines  auf  dem
anderen.  Doch  Smith  fand  im  Gegenteil  in  einer  falschen  Auffassung  der
Rente  einen  Grund  mehr,  um  an  dem  Irrtum,  den  seine  Anhänglichkeit
an  die  Physiokraten  verschuldet  hatte,  festzuhalten 2 ).

x )  Ebenda.  Wir  sehen,  wie  hierüber  und  über  andere  Punkte  Smith  gleichzeitig
  mehrere  Meinungen  hat.  An  anderen  Stellen  seines  Buches  betrachtet  er  die
Rente  als  einen  Monopolpreis  und  weist  darauf  hin,  daß  sie  „auf  andere  Weise  zur
Bildung  des  Warenpreises  beiträgt  als  der  Arbeitslohn  und  der  Kapitalgewinn.  Hoher
oder  niedriger  Lohn  und  Gewinn  sind  die  Ursachen  eines  hohen  oder  niedrigen  Preises  ,
hohe  oder  niedrige  Rente  ist  die  Wirkung  desselben.  Gerade  aus  dem  Grunde,  weil
hoher  oder  niedriger  Lohn  und  Gewinn  gezahlt  werden  muß,  damit  eine  bestimmte
Ware  zu  Markte  komme,  ist  auch  ihr  Preis  hoch  oder  niedrig;  umgekehrt  gewährt  sie
ab er  gerade  aus  dem  Grunde,  weil  ihr  Preis  hoch  oder  niedrig  ist,  d.  h.  weil  er  viel  mehr
0( jer  wenig  mehr,  oder  gar  nicht  mehr  beträgt,  als  zur  Bezahlung  des  Lohnes  und  Gewinnes ­
  nötig  ist,  eine  hohe,  eine  niedrige,  oder  gar  keine  Rente“  (I.  S.  85,  B.  I,  Kap.  XI,
Einl.).  E s  scheint  nicht  möglich,  diese  sich  widersprechenden  Auffassungen  Smith  s
ln  Übereinstimmung  zu  bringen.  Nach  der  einen  soll  die  Rente  ein  Bestandteil  des
Preises  sein,  und  nach  der  anderen  ist  sie  einfach  eine  Folge  dieses  Preises.
In  der  ersten  Ausgabe  seines  Buches  ist  dieser  Widerspruch  noch  augenscheinlicher. ­
  Smith  führt  da  aus,  daß  die  Rente  mit  dem  Profit  und  der  Arbeit  eine  dritte
Wertquelle  sei  (vgl.  Ausgabe  Cannan,  I,  S.  51,  Anm.  7).  Die  Stelle  ist  aber  in  der
zweiten  Ausgabe  ausgemerzt  und  die  Rente  wird  nur  mehr  als  ein  „integrierender
Teil“  des  Preises  hingestellt.  Vielleicht  geschah  diese  Änderung  auf  Grund  des  Briefes,
Ben  Hume  am  1.  April  1776  nach  dem  ersten  Durchlesen  des  Volkerreichtums  an
Smith  richtete.  Es  sagt  darin;  „Ich  kann  nicht  glauben,  daß  die  von  den  Pachtern
gezahlte  Rente  einen  Teil  des  Preises  für  das  Produkt  ausmacht,  der  mii  als  aus  Angebot
und  Nachfrage  bestimmt  scheint“:  (Angeführt  von  J.  Rae:  Life  of  A.  Smith,  S.  286).
Wm  sieht,  wie  die  berühmte  Streitfrage,  ob  die  Rente  einen  Teil  des  Preises  au^macht
oder  nicht,  nicht  von  gestern  stammt.  Sie  ist  gleichzeitig  mit  der  Wissenschaft  der
Nationalökonomie  geboren.  Wird  sie  vor  ihrem  Ende  aufhören?
2 )  Sein  Irrtum  kommt  teilweise  daher,  daß  er  nicht  scharf  genug  zwischen  dem
Unternehmergewinn  und  den  Kapitalzinsen  unterscheidet.  Das  Wort  Profit  bezeichnet
bei  Smith  und  bei  fast  allen  seinen  Nachfolgern  gleichzeitig  diese  beiden  Einkommensar
 ten,  sobald  der  Unternehmer  zugleich  Kapitalgeber  ist.  Das  Wort  Zinsen  wird  nur
au£  das  Einkommen  einer  Person  angewendet,  die  ihr  Kapital  darleiht,  ohne  selbst
        <pb n="95" />
        72

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Auf  der  anderen  Seite  hatte  Smith  seihst  auch  außerhalb  seines
Verhältnisses  zu  den  Physiokraten  eine  besondere  Vorliebe  für  die  Landwirtschaft. ­

Nichts  ist  falscher,  als  in  Smith,  wie  man  es  manchmal  tut,  einen
Vorläufer  oder  Ankündiger  des  Industrialismus  zu  sehen  und  ihn  in  dieser
Hinsicht  den  Physiokraten,  den  Verteidigern  der  Landwirtschaft,  gegenüberzustellen. ­
  Als  1776  der  Wealth  of  Nations  erschien,  hatte  die
ökonomische  Umgestaltung,  die  in  der  Geschichte  unter  dem  Namen  der
„industriellen  Umwälzung“  bekannt  ist,  und  die  in  der  rapiden  Ersetzung
der  kleinen  Hausindustrie  in  England  durch  die  große  maschinelle  Industrie ­
  bestand,  kaum  begonnen.  Zwar  hatte  Hargreaves  schon  1765
seine  Spinnmaschine  und  Arkwright  1767  seine  Wassermaschine  (waterframe)
  erfunden,  die  der  Baumwollenindustrie  ihren  großen  Aufschwung
gestatteten.  Zwar  hatte  James  Watt,  den  SmPth  gut  kannte 1 ),  1769  ein
Patent  auf  seine  Dampfmaschine  genommen;  aber  diese  Erfindungen  sind
noch  ganz  neu,  haben  noch  keine  Zeit  gehabt,  die  industrielle  Ordnung  zu
verändern,  und  viele  der  bedeutenderen  Maschinen  wie  die  Mulemaschine
Crompton’s 2 )  (1779),  die  Spinnmaschine  Cartright’s  (1785)  waren  noch
nicht  erfunden.  Diese  Daten  sind  beredt.  Die  industrielle  Umwälzung
hatte  gerade  damals  begonnen,  als  Smith  sein  Buch  veröffentlichte.  Da
andererseits  verschiedene  seiner  Hauptideen  sich  schon  in  Glasgower  Vorlesungen ­
  finden,  wie  er  sie  dort  etwa  1759  hielt,  ist  es  unmöglich,  einen
wirklichen  Zusammenhang  zwischen  der  industriellen  Entwicklung,  die
sich  eben  vorbereitete,  und  der  Auffassung  des  Völkerreichtums  herzustellen. ­
  Man  kann  nicht  einmal  sagen,  daß  Smith  bei  dem  Fehlen  der
mechanischen  Industrie  von  der  Herrschaft  der  Manufaktur,  wie  Marx
angenommen  hat 3 )  einen  besonders  starken  Eindruck  erhalten  habe,

zu  seiner  Verwertung  beizutragen.  „Das  Einkommen,  welches  jemand  aus
der  Verwaltung  oder  Verwendung  von  Kapital  bezieht,  heißt  Gewinn  (Profit).  Dasjenige ­
  Einkommen  aber,  welches  jemand  aus  dem  Kapital  zieht,  das  er  nicht  selbst
verwendet,  sondern  einem  anderen  leiht,  heißt  Geldzins  oder  Interessen“  (I,  S.  29,
B.  I,  Kap.  VI).  J.-B.  Say  war  der  erste,  der  den  Begriff  Unternehmer  klar  hervorhob. ­
  Wenn  Smith  die  Funktionen  des  Unternehmers  besser  unterschieden  hätte,  würde
er  wahrscheinlich  bemerkt  haben:  1.  daß  der  industrielle  Unternehmer  oft,  außer  dem
Kapitalzins,  noch  Miete  für  den  Grund  und  Boden  zahlt;  2.  daß  der  eigentliche  Profit
einen  Bestandteil  enthält,  der  der  Grundrente  analog  ist.  Smith  betrachtet  aber  den
Profit  nur  als  Entschädigung  für  das  übernommene  Risiko  oder  als  Lohn  für  die  Arbeit
der  Leitung.
*)  James  Watt  eröffnete  seine  Werkstatt  1756  in  dem  Gebäude  der  Universität
Glasgow,  für  die  er  Präzisionsinstrumente  herstellte.  Die  Zünfte  hatten  ihm  das  Recht
verweigert,  einen  Laden  in  der  Stadt  zu  eröffnen.  Smith  fand  hierin  ein  Schulbeispiel
für  die  Engherzigkeit  und  den  Formelkram  des  Verordnungswesens.
2 )  Eine  Verbindung  der  beiden  Spinnmaschinen  von  Hargreaves  und  Arkwright.
3 )  Marx  nennt  Smith  „den  zusammenfassenden  politischen  Ökonomen  der  Manufakturperiode“. ­
  Das  Kapital  I,  4.  Ausg.,  S.  313,  Anm.
        <pb n="96" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

73

denn  das  Charakteristikum  der  damaligen  englischen  Volkswirtschaft  war
gerade  (trotz  offensichtlicher  Fortschritte  in  der  Industrie),  weniger  die
Manufaktur  als  der  Großhandel 1 ).  Glasgow  im  besonderen,  wo  Smith
die  meisten  seiner  Beobachtungen  gesammelt  haben  muß,  war  noch  fast
ausschließlich  eine  Handelsstadt,  deren  Hauptfunktion  darin  bestand,  als
Niederlage  für  die  Einfuhr  des  amerikanischen  Tabaks  zu  dienen 2 ).
Das  Werk  Smith’s  ist  weit  davon  entfernt,  eine  prophetische  Ankündigung ­
  der  neuen  industriellen  Gesellschaft,  die  sich  vorbereitete,  zu
sein.  Man  bemerkt  in  ihm  im  Gegenteil,  auch  bei  oberflächlichem  Durchlesen, ­
  daß  ihm  die  „Kaufleute  und  Fabrikanten“  ungemein  antipathisch
waren.  Gegen  sie  wenden  sich  seine  Sarkasmen  und  seine  Kritik.  Während
die  Interessen  der  Großgrundbesitzer  und  der  Arbeiter  ihm  fast  immer
als  in  Übereinstimmung  mit  dem  allgemeinen  Interesse  des  Landes  erscheinen, ­
  fallen  die  der  Kaufleute  und  der  Fabrikanten,  sagt  er  „niemals
ganz  mit  dem  öffentlichen  Interesse  zusammen“;  „sie  haben  gewöhnlich
ein  Interesse  daran,  das  Publikum  zu  täuschen  und  sogar  zu  drücken“;
auch  „haben  sie  es  wirklich  bei  vielen  Gelegenheiten  getäuscht  und  gedrückt“ ­
 3 ).
Zwischen  den  Kapitalisten  und  den  Arbeitern  schwankt  Adam  Smith
nicht.  Aus  mehr  als  einer  Stelle  wird  leicht  ersichtlich,  daß  alle  seine
Sympathien  den  Arbeitern  gehören.  Man  könnte  zahlreiche  Stellen  hierfür
anführen.  Es  möge  genügen,  die  verschiedene  Art  und  Weise  zu  erwähnen,
in  der  er  von  den  hohen  Löhnen  der  Arbeiter  und  dem  großen  Gewinn  der
Kapitalisten  spricht.  Sind  die  hohen  Löhne  der  Gesellschaft  vorteilhaft
°der  nicht?  fragt  er.  „Die  Antwort  scheint  beim  ersten  Anblick  außerordentlich ­
  einfach.  Dienstboten,  Tagelöhner  und  Arbeiter  aller  Art  machen
den  bei  weitem  größten  Teil  jeder  Staatsgesellschaft  aus.  Was  nun  aber
die  Umstände  des  größten  Teiles  verbessert,  kann  nicht  als  ein  Nachteil
des  Ganzen  angesehen  werden.  Es  kann  sicherlich  eine  Gesellschaft  nicht
blühend  und  glücklich  sein,  deren  meiste  Glieder  arm  und  elend  sind.
Überdies  ist  es  nicht  mehr  als  billig,  daß  diejenigen,  die  den  ganzen  Körper
des  Volkes  mit  Nahrung,  Kleidung  und  Wohnung  versorgen,  an  dem  Er-*)
  Siehe  auch  das  Werk  MantoUx’s:  „La  Revolution  industrielle  au
XVIII.  siecle,  Paris  1906,  S.  71.“  „Man  würde  sich  irren,“  schreibt  er,  „wenn  man
glaubt,  daß  die  Manufaktur  eine  charakteristische  und  vorherrschende  Erscheinung
d er  Periode  ist,  die  der  der  großen  Industrien  vorangeht.  Wenn  sie,  logischerweise,
d'e  Vorstufe  des  Fabriksystems  ist,  so  ist  es  doch,  geschichtlich,  nicht  richtig,  daß
®&amp;gt;e  so  allgemein  auftrat,  um  der  Industrie  ihr  Merkmal  aufzudrücken.  So  sehr  ihr  Aufkommen ­
  zur  Zeit  der  Renaissance  ein  bedeutendes  und  bezeichnendes  Ereignis  war,
so  sehr  bleibt  ihre  Rolle  —  wenigstens  in  England  —  für  die  folgenden  Jahrhunderte
eine  untergeordnete.“
2 )  Rae,  Life  of  A.  Smith,  S.  89.
a )  Völkerreichtum  I,  S.  150,  B.  I,  Kap.  XI  am  Ende.
        <pb n="97" />
        74

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Zeugnis  ihrer  eigenen  Arbeit  so  viel  Anteil  haben,  um  selbst  erträglich
■wohnen,  sich  Meiden  und  nähren  zu  können“ 1 ).
Handelt  es  sich  dagegen  um  große  Gewinne,  dann  ändert  Smith  den
Ton.  Er  ist  der  Meinung,  daß  sie  den  Preis  der  Lebensmittel  viel  mehr  als
hohe  Löhne  in  die  Höhe  treiben,  und  er  apostrophiert  die  Kapitalisten
in  folgender  ironischer  Auslassung:  „Unsere  Kaufleute  und  Fabrikherren
klagen  sehr  über  die  schlechten  Wirkungen  des  hohen  Lohnes,  der  den
Preis  ihrer  Güter  hinauftreibt  und  dadurch  den  Verkauf  derselben  im  Inund
  Auslande  verringert;  sie  sagen  aber  nichts  von  den  schlechten  Wirkungen ­
  des  hohen  Gewinnes;  indem  sie  von  den  verderblichen  Folgen  des
Vorteils,  den  sie  selbst  ziehen,  schweigen,  klagen  sie  desto  lauter  über  die
Vorteile  anderer  Leute“ 2 ).  Der  Unterschied  ist  bezeichnend,  vielleicht  ist
er  noch  stärker  in  dem  Satze,  den  man  eigentümlicherweise  nur  selten
von  den  Urhebern  der  Arbeitsgesetzgebung  angeführt  sieht:  „So  oft  die
Gesetzgebung  sich  dazu  herläßt,  die  Differenzen  zwischen  den  Meistern
und  ihren  Arbeitern  auszugleichen,  sind  immer  die  Meister  ihre  Ratgeber.
Fällt  die  Bestimmung  zugunsten  der  Arbeiter  aus,  so  ist  sie  immer  gerecht
und  billig;  wird  sie  aber  zugunsten  der  Meister  gegeben,  so  ist  sie  das
manchmal  nicht“ 3 ).
Dies  war  durchaus  nicht  der  Ton  der  Mehrzahl  der  Schriftsteller
seiner  Zeit;  es  war  durchaus  nicht  der  Ton,  den  50  Jahre  später  die  patentierten ­
  Verteidiger  des  Industriesystems,  die  Mac  Culloch,  Ure,  Babbage
anschlugen.  Man  fühlt  bei  ihm  eher  den  Hauch  jenes  warmherzigen  Mitleids, ­
  das  später  einen  Lord  Shaftesbury  oder  einen  Macaulay  beseelte,
die  die  Urheber  der  Fabrikgesetzgebung  in  England  waren.
Smith  ist  daher  nicht  ein  Vorläufer  des  entstehenden  Industrialismus.
Mit  allen  Fibern  seines  Wesens  hängt  er  im  Gegenteil  an  der  Landwirtschaft ­
  und  versäumt  keine  Gelegenheit  seine  Vorliebe  zu  zeigen.  Die  Landwirtschaft ­
  ist  eine  viel  schwierigere  Beschäftigung  als  irgendein  indu-'
strielles  Unternehmen:  „und  doch  gibt  es  nächst  den  schönen  Künsten
und  freien  Berufsarten  vielleicht  kein  Gewerbe,  das  eine  solche  Mannigfaltigkeit ­
  von  Kenntnissen  und  Erfahrungen  voraussetzt“ 4 )  —  sie  ist
nicht,  nur  schwieriger,  sondern  sie  ist  auch  nützlicher.  Er  zieht  zwischen
der  Landwirtschaft,  den  Manufakturunternehmungen  und  dem  Handel
einen  langen  Vergleich  (auf  den  wir  zurückkommen  werden),  und  aus  dem
sich  ergibt,  daß  für  die  Kapitalien  eines  Landes  die  Landwirtschaft  unter
allen  Verwendungsarten  die  vorteilhafteste  ist,  die  am  meisten  mit  den
allgemeinen  Interessen  übereinstimmt.

0  Völkerreichtum  I,  S.  44—45,  B.  I,  Kap.  VIII.
2 )  Völkerreichtum  I,  S.  56,  B.  I,  Kap.  IX  am  Ende.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  83,  B.  I,  Kap.  X,  Teil  2.
4 )  Völkerreichtum  I,  S  74,  B.  I,  Kap.  X,  Teil.  2.  Die  ganze  Stelle  ist  in  ihrem
Lob  der  Grundbesitzer  und  Pächter  merkwürdig.
        <pb n="98" />
        Kapitel  II,  Adam  Smith.

75

Der  „natürliche  Lauf  der  Dinge“  würde  für  die  aufwärtsstrebenden
Völker  darin  bestehen,  ihr  Kapital  erst  in  der  Landwirtschaft,  dann  in
der  Industrie  und  erst  zum  Schluß  im  Außenhandel  anzulegen.  Das  ganze
dritte  Buch  seines  Werkes  füllt  Smith  mit  Beweisen  an,  um  zu  zeigen,
wie  die  Politik  der  europäischen  Völker  seit  langen  Jahrhunderten  zu  ihrem
eigenen  Schaden  „diesen  natürlichen  Lauf“  durch  der  Landwirtschaft
feindliche  Maßnahmen  gehemmt  hat,  die  mehr  dem  Interesse  der  Händler
und  der  Handwerker  dienten.  So  erscheint  ihm  die  Landwirtschaft  als
ein  rechtes  Stiefkind.  In  seiner  Steuertheorie  führt  er  weiter  aus,  wie
ein  Teil  der  auf  dem  Gewinn  und  dem  Lohn  liegenden  Steuern  zum  Schluß
auf  die  Grundbesitzer  zurückfällt.  Wenn  er  endlich  von  den  Einfuhrzöllen
auf  Getreide  spricht,  —  diese  Zölle,  die  die  Entrüstung  eines  Bicardo
gegen  die  „landlords“  aufstachelten,  —  läßt  Smith  seiner  ganzen  Voreingenommenheit ­
  freien  Lauf.  Er  geht  in  seiner  Nachgiebigkeit  soweit,
daß  er  den  Satz  aufstellt,  nicht  nur  in  ihrem  persönlichen  Interesse,  sondern
hauptsächlich  nur  in  einer  schlecht  verstandenen  Nachahmung  der  Fabrikanten ­
  und  Händler  hätten  „der  Landadel  und  die  Pächter  Großbritanniens
so  sehr  den  ihrem  Stande  natürlichen  Edelmut  vergessen,  daß  sie  um  das
ausschließliche  Vorrecht  nachsuchten,  ihre  Landsleute  mit  Getreide  und
Fleisch  zu  versorgen“ 1 ).
Man  sieht  auch  ohne  weitere  Ausführungen  genügend  klar,  wie  stark
A.  Smith  auf  die  Seite  der  Landwirtschaft  und  der  landwirtschaftlichen
Arbeiter  hinneigte;  daher  hat  Smith  auch  in  dieser  Hinsicht  wenigstens
einen  Teil  der  physiokratischen  Vorurteile  so  bereitwillig  übernommen.
Trotz  seiner  eigenen  Theorie  der  Arbeitsteilung  hat  er  sich  nicht  entschließen ­
  können,  die  Landwirtschaft  auf  den  Fuß  vollständiger  Gleichheit ­
  mit  den  anderen  Formen  wirtschaftlicher  Tätigkeit  zu  stellen.  Es  liegt
ihm  daran,  ihre  althergebrachte  Vorzugsstellung  aufrecht  zu  erhalten.

§  2.  Der.  Naturalismus  und  Optimismus  A.  Smith  s.
Außer  der  Auffassung  der  ökonomischen  Welt  als  einer  großen  natürlichen ­
  Gemeinschaft,  die  die  Arbeitsteilung  geschaffen  hat,  unterscheiden
^ir  in  dem  Werke  A.  Smith’s  zwei  andere  Grundgedanken,  um  die  sich
seine  Theorien  gruppieren  lassen:
1.  die  Idee  der  Spontaneität  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen,  und
2.  die  Idee  des  wohltätigen  Charakters  dieser  Einrichtungen,
Was  man  den  „Naturalismus“  und  den  „Optimismus  A.  Smiths  nennen
kann.
Obgleich  diese  beiden  Gedanken  im  Geiste  A.  Smith’s  bis  zur  Ver-*)
  Völkerreichtum  II,  S.  21,  B.  IV,  Kap.  II.
        <pb n="99" />
        76

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Schmelzung  zusammen  lebten,  so  müssen  sie  doch  von  dem  Geschichtsschreiber ­
  der  ökonomischen  Lehren  sorgfältig  auseinander  gehalten  werden.
Die  Spontaneität  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen  und  ihr  wohltätiger ­
  Charakter  standen  bei  A.  Smith  in  enger  Wechselbeziehung.  Im
18.  Jahrhundert  hielt  man  gern  alles  für  gut,  was  natürlich  und  ursprünglich ­
  war.  Natürlich,  gerecht,  vorteilhaft  sind  Ausdrücke,  die  mp.n  damals
als  Synonyme  anwendete.  Auch  Smith  hat  sich  dieser  Gedankenverbindung ­
  nicht  entziehen  können.  Indem  er  den  „natürlichen“  Ursprung
der  wirtschaftlichen  Einrichtungen  dartat,  glaubte  er  zugleich  ihren  nützliehen
  und  wohltätigen  Charakter  zu  beweisen 1 ).  Heute  ist  diese  Verwirrung ­
  nicht  mehr  gestattet:  den  Ursprung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen ­
  wissenschaftlich  festzustellen,  und  ihren  Wert  vom  Gesichtspunkt ­
  der  Allgemeinheit  aus  zu  beurteilen,  sind  zwei  gleich  berechtigte,
aber  sehr  verschiedene  Ziele  geistiger  Tätigkeit.  Man  kann  mit  Smith
annehmen,  daß  unsere  wirtschaftliche  Gesellschaft  in  ihrem  Ursprung
und  ihrer  Funktion  etwas  von  der  Spontaneität  der  großen  natürlichen
Entwicklungen  hat,  —  ohne  deshalb  zuzugeben,  daß  sie  die  beste  aller
möglichen  sei.  Der  Pessimismus  kann  ebensogut  wie  der  Optimismus  sich
aus  dem  Anblick  des  spontanen  wirtschaftlichen  Lebens  ergeben.  So  sehr
uns  auch  der  Gedanke  von  der  Selbstentstehung  der  grundlegenden  wirtschaftlichen ­
  Einrichtungen  richtig  und  fruchtbar  zu  sein  scheint,  so  sehr
scheint  uns  die  von  Smith  gegebene  Darlegung  ihres  wohltätigen  Charakters
ungenügend.  Die  erste  ist  von  den  größten  Nationalökonomen  angenommen
worden.  Die  zweite  wird  heute  von  fast  allen  verworfen.  Wir  werden  daher
diese  beiden  Ideen,  die  eine  bedeutende  Rolle  in  der  Geschichte  der  ökonomischen ­
  Lehren  gespielt  haben,  gesondert  betrachten.
Der  Gedanke  der  Selbstentstehung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen
ist  einer  von  jenen,  auf  die  Smith  am  häufigsten  zurückkommt.  ,,U  mondo
va  da  se“,  die  Welt  geht  von  selbst,  könnte  er  mit  den  Physiokraten
gesagt  haben.  Sie  brauchte,  um  sich  zu  organisieren,  keines  Dazwischentretens
  eines  vorsorgenden  und  vernünftigen  Kollektivwillens,  keines  vorhergehenden ­
  Einverständnisses  zwischen  den  Menschen.
Diesen  Gedanken  ruft  das  Studium  der  ökonomischen  Welt  in
A.  Smith  stets  von  neuem  wach.  Die  spontanen  Handlungen  von  tausenden
und  abertausenden  Einzelpersonen,  die  eine  jede  für  sich  ihre  eigenen
Wege  gingen,  ohne  sich  um  die  anderen  zu  kümmern,  und  die  keine  Ahnung
davon  hatten,  welche  sozialen  Ergebnisse  ihre  Taten  zeitigen  sollten,
haben  genügt,  um  dem  wirtschaftlichen  Leben  sein  heutiges  Aussehen  z«
geben.  In  seinen  großen  Zügen  ist  das  bestehende  ökonomische  Weltbild
nicht  nach  einem  bestimmten  Gesamtplan  eines  organisatorischen  Ge-')
  Vgl.  über  den  Zusammenhang  des  Systems  von  A.  Smitii  mit  der  Philosoph 16
seiner  Zeit  W.  Hasbach:  Die  allgemeinen  philosophischen  Grundlagen  d eT
von  F.  Quesnay  und  A.  Smith  begründeten  politischen  Ökonomie,  Leipzig  1890-
        <pb n="100" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

77

hirnes  entworfen  und  von  einer  intelligenten  Gesellschaft  mit  voller  Überlegung ­
  ausgeführt  worden,  .  .  .  sondern  es  hat  sich  aus  der  Anhäufung
zahlloser  Einzellinien  gebildet,  die  eine  Unmenge  von  Einzelpersonen,  auf
Grund  eines  instinktiven  Triebes,  und  ohne  jede  Kenntnis  von  dem  zu
erreichenden  Zweck,  gezogen  hat.
Dieser  Gedanke  eines  selbsttätigen  Aufbaus  der  ökonomischen  Welt
kann  dem  des  „ökonomischen  Gesetzes“,  der  sich  später  herausarbeitete,
analog  erscheinen.  Die  beiden  Gedanken  weisen  einer  wie  der  andere  in
der  Tat  auf  die  Idee  von  etwas  über  dem  menschlichen  Willen  Stehenden
hin,  das  sich  trotz  ihnen  und  trotz  ihres  Widerstandes  durchsetzt.  Sie
sind  aber  voneinander  verschieden  und  der  erste  geht  über  den  zweiten
hinaus.  Das  Wort  „Naturgesetz“  ruft  zunächst  die  Vorstellung  einer  Regelmäßigkeit, ­
  einer  Wiederholung,  einer  „Wiederkehr  des  gleichen“,  gewisser
Vorgänge  wach,  wenn  gewisse  Bedingungen  gegeben  sind.  Das  ist  es  aber
nicht,  was  auf  Smith  Eindruck  macht.  Er  legt  weniger  Wert  auf  dasjenige,
w as  an  den  ökonomischen  Vorgängen  beständig,  als  auf  das,  was  an  ihnen
spontan,  instinktiv  und  natürlich  ist.  Erst  J.-B.  Say  wird  seine  Freude
daran  haben,  die  ökonomische  Welt  mit  der  physischen  zu  vergleichen.
Smith  sieht  sie  vielmehr  als  ein  lebendiges  Wesen,  das  sich  selbst  die  unentbehrlichen ­
  Organe  schafft.  An  keiner  Stelle  gebraucht  er  den  Ausdruck,
»■ökonomisches  Gesetz“.  Wenn  wir  mit  ihm  die  hauptsächlichen  ökonomischen ­
  Einrichtungen  und  Funktionen  durchgehen,  sehen  wir,  wie  er
ln nner  zu  dem  gleichen  Schluß  kommt.
Zunächst  die  erste  von  allen,  die  wir  eben  studiert  haben  und  die
Wehr  als  irgendeine  andere  zum  Wachstum  des  nationalen  Reichtums
beiträgt:  die  Arbeitsteilung.
Ist  diese  wunderbare  Einrichtung  „ursprünglich  nicht  das  Werk
menschlicher  Weisheit,  welche  die  allgemeine  Wohlhabenheit,  zu  der  es
führt,  vorhergesehen  und  beabsichtigt  hatte“?  Nicht  im  geringsten!
»Es  ist“,  sagt  Smith,  „die  notwendige,  wenn  auch  sehr  langsame  und
stufenweise  Folge  einer  gewissen  Neigung  der  menschlichen  Natur,  die
keinen  so  ausgedehnten  Nutzen  vor  Augen  hat:  der  Neigung  zum  Tausch,
*um  Tauschhandel  und  zum  Umtausch  einer  Sache  gegen  eine  andere 1 ).
Uieses  Streben  selbst  ist  nicht  primär.  Es  ergibt  sich  aus  dem  persönlichen
Interesse.  „Der  Mensch  braucht  fortwährend  die  Hilfe  seiner  Mitmenschen,
und  er  würde  diese  vergeblich  von  ihrem  Wohlwollen  allein  erwarten.
Er  wird  viel  eher  zum  Ziele  kommen,  wenn  er  ihren  Egoismus  zu  seinen
Gunsten  interessieren  und  ihnen  zeigen  kann,  daß  sie  ihren  eigenen  Nutzen
davon  haben,  wenn  sie  für  ihn  tun,  was  er  von  ihnen  haben  will.  Wer
einem  Anderen  irgendeinen  Handel  anträgt,  macht  ihm  einen  Vorschlag.
Uib  mir,  was  ich  will,  und  du  sollst  haben,  was  du  willst,  ist  der  Sinn  eines
l )  Völkerreichtum  I,  S.  8—9,  B.  I,  Kap.  II  am  Anf.
        <pb n="101" />
        78

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

jeden  solchen  Anerbietens;  und  auf  diese  Weise  erhalten  wir  voneinander
den  weitaus  größten  Teil  der  guten  Dienste,  deren  wir  benötigen.  Nicht
von  dem  Wollen  des  Fleischers,  Brauers  oder  Bäckers  erwarten  wir  unsere
Mahlzeit,  sondern  von  ihrer  Bedachtnahme  auf  ihr  eigenes  Interesse.
Wir  wenden  uns  nicht  an  ihre  Humanität,  sondern  an  ihren  Egoismus,
und  sprechen  ihnen  nie  von  unseren  Bedürfnissen,  sondern  von  ihren
Vorteilen“ 1 ).
So  entwickelt  sich  der  Güteraustausch,  und  mit  dem  Austausch  die
Arbeitsteilung.  Denn  „die  Gewißheit,  alle  überschüssigen  Erzeugnisse  seiner
Arbeit,  die  über  seinen  eigenen  Verbrauch  hinausgehen,  für  solche  Erzeugnisse ­
  Anderer,  wie  er  sie  gerade  braucht,  austauschen  zu  können,
spornt  einen  jeden  an,  sich  einer  besonderen  Beschäftigung  zu  widmen,
und  seine  eigentümliche  Befähigung  für  diese  oder  jene  Art  von  Tätigkeit
auszubilden  und  zur  Vollkommenheit  zu  bringen“ 2 ).  Die  Arbeitsteilung
ist  das  Ergebnis  eines  allen  Menschen  gemeinsamen  Triebes,  des  Tauschtriebes, ­
  und  dieser  hat  sich  unter  den  gleichzeitigen  und  zusammen  wirkenden ­
  Einfluß  des  persönlichen  Interesses  Aller  und  eines  jeden  spontan
entwickelt.
Nach  der  Arbeitsteilung  kommt  das  Geld.  Vielleicht  hat  keine  Einrichtung ­
  den  Güteraustausch  so  sehr  erleichtert  und  infolgedessen  den
Reichtum  vermehrt,  wie  das  Geld.  Alle  nationalökonomischen  Abhandlungen ­
  nach  Smith  haben,  fast  in  den  gleichen  Ausdrücken  wie  er,  seine
Vorteile  gegenüber  dem  primitiven  Tausch  ausgeführt.  Wie  ist  nun  dieses
Geld  entstanden?  Aus  einem  Akt  der  öffentlichen  Gewalt  oder  aus  dem
bewußten  Willen  des  Volkes  ?  Keineswegs.  Ein  kollektiver  Instinkt  hat
es  erschaffen.  Die  Menschen  haben  schnell  genug  die  Nachteile  des  primitiven ­
  Tausches  gemerkt;  um  sie  zu  vermeiden:  „wird  jeder  kluge  Mensch
zu  allen  Zeiten  der  Gesellschaft  nach  der  ersten  Einführung  der  Arbeitsteilung ­
  natürlich  bemüht  gewesen  sein,  seine  Einrichtungen  so  zu  treffen,
daß  er  außer  dem  besonderen  Produkte  seines  eigenen  Fleißes  jederzeit
noch  eine  gewisse  Menge  von  dieser  oder  jener  Ware  in  Bereitschaft  hatte,
von  der  er  voraussehen  konnte,  daß  wahrscheinlich  wenig  Menschen  ihren
Eintausch  gegen  das  Produkt  ihres  eigenen  Fleißes  zurückweisen  würden“ 3 )-Und
  so  ist  auch  das  Geld  seinerseits  aus  der  gleichzeitigen,  wenn  auch
nicht  bewußt  vereinbarten  Handlungsweise  einer  großen  Anzahl  von
Personen  entstanden,  die  ihren  persönlichen  Antrieben  gehorchten.  Die
öffentliche  Gewalt  hat  sich  erst  viel  später  eingemischt  —  als  das  Metall'

x)  Völkerreichtum  I,  S.  8-9,  B.  I,  Kap.  II.  Diese  ganze  Steüe  findet  ^
beinahe  wörtlich  in  den  Vorlesungen  A.  Smith’s  und  stammt  aus  Mandevilee  «  F aD
von  den  Bienen.
*)  Ebenda,  S.  9.
’)  Völkerreichtum  I,  S.  13,  B.  I,  Kap.  IV.
        <pb n="102" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

79

geld  schon  überall  verbreitet  war,  um  durch  einen  Stempel  Schrot  und
Korn  eines  jeden  Stückes  zu  gewährleisten.
Eine  andere  Grundtatsache  ist  das  Wachstum  des  Kapitals 1 ).
Für  A.  Smith  gibt  es  nach  der  Arbeitsteilung  und  nach  der  Erfindung
des  Geldes  keine  wichtigere  volkswirtschaftliche  Tatsache,  keine  größere
Quelle  der  Bereicherung  für  das  Volk  als  diese.  Je  größer  sein  Kapital
ist,  um  so  mehr  produktive  Arbeiter  können  unterhalten  werden,  um  so
größer  kann  die  Herstellung  von  Instrumenten  und  Maschinen  sein,  die
die  Produktivität  der  Arbeiter  vermehren,  um  so  mehr  kann  sich  die
nationale  Arbeitsteilung  entwickeln.  Sein  Kapital  vermehren,  heißt  daher,
seine  Industrie  und  seinen  Wohlstand  ausdehnen 2 ).  Das  Wachstum  des
Kapitals  ist  nicht  nur  das  hauptsächlichste  Mittel,  sondern  an  ver-*)

  Lange  Zeit  hindurch  haben  sich  die  Ökonomisten  mit  Adam  Smith  s  Theorie
v, )m  Kapital  begnügt.  Wie  viele  andere  Teile  seines  Werkes  ist  auch  dieser  als  klassisch
anerkannt  worden,  und  die  Schriften  über  volkswirtschaftliche  Fragen  haben  sich
°H  auf  seine  Wiederholung  beschränkt.  Dieser  Erfolg  erscheint  uns  heute  ganz  ungerechtfertigt. ­
  „Man  kann  nicht  leugnen“,  sagt  ein  neuzeitlicher  englischer
Nationalökonom,  Cannan,  „daß  A.  Smith  die  Frage  des  Kapitals  durchaus  unbefriedigend
beantwortet  hat“  (A  History  of  the  theories  of  production  and  distriontion,
  1894  S  89)  Wenn  diese  Beurteilung  einer  Rechtfertigung  bedürfte,  würde
, | er  Hinweis  auf  die  vielen,  auch  jetzt  noch  nicht  abgeschlossenen  Besprechungen,
'| lc  seit  50  Jahren  sich  mit  der  Theorie  des  Kapitals  beschäftigen,  genügen.  Einige
bw  bedeutendsten  Werke  der  letzten  Jahre,  wie  die  Positive  Theorie  des  Kapitales
Böhm-Bawerk  sind  ihr  gewidmet.  In  England,  Amerika,  Italien  haben  die  be-Kanntest«!
  Nationalökonomen,  wie  Cannan,  Fisher,  Pareto  dazu  beigetragen,  die
a lten  Begriffe  in  dieser  Frage  ganz  umzuändern,  und  das  Anwachsen  dieser  Unters
 uchungen  zeigt  klar  genug,  daß  Smith  diese  Frage  noch  lange  nicht  erschöpft  hatte.
Aus  diesem  Grund  glauben  wir  es  unterlassen  zu  sollen,  seine  Gedanken  hierüber  ausländer ­
  zu  setzen.  Wenn  man  das  zweite  Buch  seines  Völkerreichtums,  das  ausschließlich ­
  diesen  Gegenstand  behandelt,  aufmerksam  liest,  so  findet  man:  eine  dem
Praktischen  Geschäftsleben  entlehnte  Unterscheidung  zwischen  dem  fest  angelegten
Ua d  dem  umlaufenden  Kapital,  —  eine  sehr  anfechtbare  Identifikation  des  Nationalvermögens ­
  mit  der  Summe  der  Einzelvermögen,  —  eine  sehr  ungenügende  bcneiaung
, er  Begriffe  Kapital  und  Einkommen,  —  die  seitdem  bis  auf  Stuart  Mill  zum  Ubermuß
  wiederholte  paradoxe  Behauptung,  daß  „sparen,  verbrauchen  sei  —;  «ie,  aies-|!
 1:U  banale,  Behauptung,  daß  das  Kapital  durch  Sparen  wächst,  und  endlich  den  Satz,
aß  das  Kapital  die  Industrie  begrenzt.  n  ,  ,  ,
„  ,  b  Völkerreichtum  I,  S.  202,  B.  II,  Kap.  III.  „Das  jährliche  Produkt  des
Bodens  und  der  Arbeit  einer  Nation  kann  in  seinem  Werte  nicht  anders  vermehrt
«den,  als  wenn  entweder  die  Zahl  ihrer  produktiven  Arbeiter  oder  die  Produktiv-«afte
  der  bis  dahin  beschäftigten  Arbeiter  zunehmen.  Die  Zahl  der  pro  uktiven
Ar beiter  kann,  wie  von  selbst  einleuchtet,  nur  dann  ansehnlich  zunehmen,  wenn  eine
Kapitalzunahme  zustande  kommt,  d.  h.  wenn  die  zu  ihrem  Unterhalt  bestimmten
°ftds  wachsen.  Die  Produktivkräfte  der  nämlichen  Zahl  von  Arbeitern  können  nur
a ftn  zunehmen,  wenn  entweder  die  zur  Erleichterung  und  Abkürzung  der  Arbeit
teilenden  Maschinen  und  Werkzeuge  vermehrt  und  verbessert  werden,  oder  wenn
Cllle  geeignetere  Teilung  der  Arbeit  zustande  kommt.  In  beiden  Fällen  ist  fast  immer
ö eues  Kapital  erforderlich“.
        <pb n="103" />
        80

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

schiedenen  Stellen  seines  Werkes  erscheint  es  als  das  einzige  Mittel,
das  eine  Nation  besitzt,  um  ihren  Reichtum  zu  vergrößern.  „Die  Industrie
der  Nation  kann  sich  nur  in  dem  Maße  vermehren,  als  ihr  Kapital  zunimmt“
sagt  Smith,  und  „ihr  Kapital  kann  nur  in  dem  Maße  zunehmen,  als  nach
und  nach  etwas  von  ihrem  Einkommen  erspart  wird“ 1 ),  mit  anderen
Worten:  das  Kapital  begrenzt  die  Industrie 2 );  ein  Satz,  der  klassisch
werden  sollte,  und  den  die  Ökonomen,  bis  auf  Mall,  Smith  nachsprechen.
So  ist  das  Kapital  der  wirkliche  Herrscher  des  volkswirtschaftlichen
Lebens.  Gemäß  seines  Steigens  oder  seines  Sinkens  bahnt  es  der  Arbeit
alle  Wege  oder  legt  sein  Veto  gegen  jede  Verbesserung  ein.  Selbstherrlich
befruchtet  es  die  Erde  und  die  Arbeit  des  Menschen,  oder  läßt  sie  wüste
liegen.
Man  kann  die  überwiegende  Rolle,  die  Smith  dem  Kapital  zuspricht,
bestreiten,  und  das  ist  geschehen.  Auf  jeden  Fall  ist  es  recht  merkwürdig,
daß  er  am  Anfang  die  Arbeit  als  die  Grundursache  des  Reichtums  zeigt,
um  sie  nachher  dem  Kapital  unterzuordnen.  Hier  ist  aber  nicht  der  Ort,
erledigte  Streitfragen  wieder  aufzurollen 3 ).  Hier  kommt  es  uns  darauf
an,  festzustellen,  daß  A.  Smith  in  der  Ansammlung  von  Kapitalien  einen
neuen  Beweis  für  die  Spontaneität  der  wirtschaftlichen  Erscheinungen
findet.  Wenn  sich  das  Kapital  ansammelt,  so  geschieht  das  tatsächlich
nicht  infolge  der  kollektiven  Voraussicht  der  Gesellschaft,  sondern  infolg e
der  gleichzeitigen  und  zusammenwirkenden  Tätigkeit  von  Tausenden  von
Individuen,  die,  beseelt  von  dem  elementaren  Wunsche,  ihre  Lage  zu  verbessern, ­
  selbständig  zum  Sparen  und  zur  produktiven  Verwendung  ihres
Ersparten  angehalten  werden 4  * ).
„Der  Grund,  welcher  zum  Sparen  treibt,  ist  das  Verlangen,  seine
Lage  zu  verbessern,  ein  Verlangen,  welches  zwar  gewöhnlich  ruhig  und
leidenschaftslos  ist,  aber  uns  auch  von  der  Wiege  an  begleitet  und  bis  zum
Tode  nicht  wieder  verläßt....  Das  Mittel,  durch  das  die  meisten  Menschen

1)  Völkerreichtum  II,  S.  18,  B.  IV,  Kap.  II.
2 )  „Der  allgemeine  Gewerbefleiß  der  Nation  kann  niemals  weiter  gehen,  als  da*
Kapital  der  Nation  reicht“,  II,  S.  15,  B.  IV,  Kap.  II,  wofür  Stuart  Mill  die  kur* 6  *  *  *
Formel,  „das  Kapital  begrenzt  die  Industrie“  geprägt  hat.
a )  Wir  schreiben  „erledigte“  —  denn  die  heutigen  Nationalökonomen  sind  s* c ®
ungefähr  darüber  einig,  daß  bei  einer  Anerkennung  des  notwendigen  Zusam® eI1 '
wirkens  von  Kapital,  Arbeit  und  Naturkräften  in  der  Gütererzeugung,  diese  Güte 1 '
erzeugung  von  der  vorhandenen  Menge  aller  dieser  Faktoren,  nicht  eines  einzig® 11 ’
abhängt.
*)  A.  Smith  hat  den  Sozialisten  (Rodbertus,  Lassalle)  im  voraus  geantwort®  &amp;lt;
die  nicht  im  Sparen,  sondern  in  der  Arbeit  die  Quelle  des  Kapitals  sehen,  indem  el
schreibt:  „Sparsamkeit,  nicht  Fleiß,  ist  die  unmittelbare  Ursache  der  Kapital’.' 1 ; 1
mehrung.  Der  Fleiß  schafft  zwar  die  Sachen  herbei,  welche  die  Sparsamkeit  aufhäuh’
aber  so  viel  der  Fleiß  auch  erwürbe,  so  würde  doch,  wenn  die  Sparsamkeit  es  nie 1 *
zurücklegte  und  sammelte,  das  Kapital  niemals  größer  werden.“  Völkerreichtum  ’
S.  198,  B.  II,  Kap.  III.
        <pb n="104" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

81

ihre  Lage  zu  verbessern  streben,  ist  die  Vergrößerung  ihres  Vermögens.
Es  ist  dies  das  gewöhnlichste  und  natürlichste  Mittel;  und  die  sicherste
Art,  wie  man  sein  Vermögen  vergrößern  kann,  ist  die,  daß  man  einen  Teil
dessen,  was  man  erwirbt,  spart  und  aufhäuft.“  Dieser  Wunsch  ist  so
mächtig,  daß  es  sogar  den  Torheiten  der  verschwenderischsten  Regierungen
nicht  gelungen  ist,  ihre  wohltätigen  Wirkungen  aufzuheben.  „Die  gleichmäßige, ­
  beständige  und  ununterbrochene  Anstrengung  jedes  Menschen,  seine
Lage  zu  verbessern,  diese  Quelle  des  Nationalreichtums  und  des  Privatwohlstandes,
  ist  oft  mächtig  genug,  um  trotz  der  Ausschweifung  der
Regierung  uns  der  größten  Irrtümer  in  der  Verwaltung  den  natürlichen
Portschritt  zum  Bessern  frisch  zu  erhalten.  So  stellt  auch  das  unbekannte
Prinzip  des  animalischen  Lebens  oft  trotz  der  albernen  Vorschriften  des
Arztes  Gesundheit  und  Kräfte  des  Körpers  wieder  her“ 1 ).
Aber  die  Idee  der  Spontaneität  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen
findet  ihre  interessanteste  Anwendung  in  der  Theorie  der  Anpassung
des  Angebotes  an  die  Nachfrage.  Hiermit  müssen  wir  uns  etwas
ausführlicher  beschäftigen.
In  einer  auf  die  Arbeitsteilung  gegründeten  Gesellschaft,  wo  ein
jeder  ohne  vorhergehende  Übereinkunft  mit  seinem  Konkurrenten  und
ohne  gemeinsame  Direktion  für  den  Markt  produziert,  besteht  die  große
Schwierigkeit  darin,  das  Angebot  der  Waren  der  Nachfrage  anzupassen.
In  der  Tat,  wie  sollen  die  Produzenten  in  jedem  Augenblick  wissen,  was
ünd  in  welchem  Verhältnisse  sie  zu  produzieren  haben,  da  niemand  da  ist,
u m  sie  darüber  zu  unterrichten?  Allerdings  legt  Smith  Wert  darauf,  aus-2
 uführen,  daß  es  sich  für  sie  nicht  darum  handelt,  irgendwelche  Bedürfnisse ­
  oder,  wie  er  sagt,  die  „absolute  Nachfrage“  zu  befriedigen,
sondern  einzig  die  „effektive  Nachfrage“;  hierunter  ist  die  Nachfrage
derjenigen  zu  verstehen,  die  imstande  sind,  etwas  als  Austausch  gegen  die
Erzeugnisse,  die  sie  begehren,  anzubieten,  und  wenigstens  so  viel  anzubieten,
  um  die  Produktionskosten  dieser  Erzeugnisse  zu  bezahlen 2 )-  Die
a üf  die  Arbeitsteilung  und  den  Güteraustausch  gegründete  Gesellschaft
s °tzt  natürlich  voraus,  daß  nichts  umsonst  gegeben  wird,  und  daß  niemand
111  b  Verlust  arbeitet,  denn  sonst  würden  die  Einen  die  Opfer  der  Anderen

b  Völkerreichtum  I,  S.  201—202,  B.  1  P 1 ’'r/Jr  Marktpreis  einer  Ware  ist
2 )  Völkerreichtum  I,  S.  31,.  B.  I,  KaP-  .”  we i c he  wirk ii ck  zu  Markte
bestimmt  durch  das  Verhältnis  zwischen  der  ^nti^ c ’  tür)ichcI1  Preis,  d.  h.  den
gebracht  wird,  und  der  Nachfrage  derer,  welc  e  11  ,■  bis  zu  ihrer  Feilbietung
ganzen  Wert  der  Rente,  des  Gewinnes  und  er  k;mn  man  wirksame  Nacherforderlich ­
  waren,  zu  bezahlen  geneigt  slnd -  f  wirksame  Nachfrage  nennen  ...  Sie
rager  oder  Kauflustige  und  ihre  Nachfrage  ^^samelN  ^  amen
'st  verschieden  von  der  allgemeinen  ( absol “ te *l'  Venlantren  nach  einem  Sechsspänner:
Jlanne  läßt  sich  in  diesem  Sinne  sagen,  er  habt  wirksame  Nachfrage,  weil  die
®r  möchte  ihn  gern  haben;  aber  sein  Begeh““ e e £ a6ht  werden  kal f n  «
"are  niemals  zur  Befriedigung  desselben  zu  M  &amp;amp;
Gide  und  Rist,  Oesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lchrmeinungen.  2.  Aufl.
        <pb n="105" />
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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

sein 1 ).  Wenn  aber  jeder  auf  gut  Glück  produziert,  wie  kann  man  dann
vermeiden,  daß  in  jedem  Augenblick  die  Produktion  entweder  größer  oder
kleiner  als  die  effektive  Nachfrage  sei?
Um  dies  zu  verstehen,  muß  man  sich  die  Preistheorie  A.  Smith’»
ins  Gedächtnis  rufen.
Im  vorhergehenden  Kapitel  haben  wir  gesehen,  daß  schon  1776
Condillac  eine  Theorie  des  Wertes  aufgestellt  hatte,  die  der  der  Physiokraten
  bedeutend  überlegen  war.  Im  selben  Jahre  (1776)  erschien  aber
gerade  das  Werk  Smith’s.  Er  hat  wahrscheinlich  niemals  Kenntnis  von
den  Ideen  Condillac’s  gehabt  und  konnte  sie  daher  nicht  diskutieren.
Auf  der  anderen  Seite  aber  stellte  der  durchschlagende  Erfolg  des  „Wealth
of  Nations“  das  Werk  des  französischen  Philosophen  für  lange  Zeit  in
den  Schatten.  Während  langer  Zeit  sollte  daher  die  Theorie  A.  Smith’s
triumphieren.  Obgleich  sie  der  Condillac’s  gegenüber  minderwertig  ist,
hat  sie  in  der  Folgezeit  den  Untersuchungen  der  Nationalökonomen,
besonders  denen  der  englischen  Ökonomisten,  deren  Einfluß  während  der
ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  vorherrschend  war,  zugrunde  gelegen.
Erst  nach  der  Veröffentlichung  der  Werke  von  Walras,  Jevons  und
MENGERist  sie  verworfen  worden;  sie  besitzt  daher  ein  wirkliches  geschichtliches ­
  Interesse,  das  um  so  größer  ist,  weil  sie  das  eigentümliche  Schicksal
hatte,  zur  gleichen  Zeit  den  Lehren  der  Sozialisten  und  denen  der  liberalen
Nationalökonomen  als  Stützpunkt  zu  dienen.  Es  ist  das  Los  von
Schriftstellern  wie  A.  Smith,  die  sich  mehr  durch  Reichtum  als  durch
logische  Zusammenfassung  der  Ideen  auszeichnen,  in  dieser  Weise  die
Meinungen  in  verschiedene  und  sogar  entgegengesetzte  Geleise  zu  lenken-Die
  Theorie  des  Wertes  ist  übrigens  nicht  die  einzige,  die  bei  ihm  diese
Unbestimmtheit  aufweist.  Wir  begnügen  uns  hier,  ohne  zu  genau  auf
Einzelheiten  einzugehen,  die  Hauptpunkte  der  Theorie  zu  erwähnen,  und
zwar  die,  welche  zu  gleicher  Zeit  ein  Verständnis  ihrer  wissenschaftlichen
Mängel  und  ihres  doppelten  Einflusses  auf  die  folgenden  Lehren  gestatten.
Smith  beginnt  damit,  zwei  Begriffe  als  unvereinbar  hinzustellen:  die
des  „Gebrauchswertes“  und  die  des  „Tauschwertes“ 2 ).  Unter  Gebrauchs-1)

  Smith  nimmt  in  diesem  Falle  an,  daß  entweder  der  Verbraucher,  oder  der
Produzent  bedrückt  wird.  Wenn  irgendwo  der  Gewinn  den  normalen  Zinsfuß  übersteigt, ­
  so  ist  das,  sagt  er:  „ein  Zeichen,  daß  etwas  entweder  wohlfeiler  gekauft  oder
teurer  verkauft  wird,  als  es  gekauft  oder  verkauft  werden  sollte,  und  daß  die  eine  oder
die  andere  Klasse  von  Bürgern  mehr  oder  weniger  gedrückt  wird,  indem  sie  entweder
mehr  bezahlt  oder  weniger  gewinnt,  als  sich  mit  der  Gleichheit,  die  unter  all® 11
Klassen  stattfinden  sollte,  verträgt“  (II,  S.  124,  B.  IV,  Kap.  VII,  Teil  3).  ® 0
erscheint  A.  Smith  die  Gleichheit  des  Preises  mit  den  Produktionskosten  nicht  n u
als  eine  Tatsache,  sondern  auch  in  Übereinstimmung  mit  der  Gerechtigkeit.  Man  kann
sagen,  daß  in  seinen  Augen  diese  Gleichheit  den  „gerechten  Preis“  darstellt.  t
2 )  Völkerreichtum  I,  S.  16,  B.  I,  Kap.  IV.  Die  Stelle  ist  berühmt:  „Das
Wert  hat  —  was  wohl  zu  beachten  ist  —  zweierlei  verschiedene  Bedeutung  und  drücn
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        Kapitel  II.  Adam  Smith.

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wert  versteht  er  ungefähr 1 )  das,  was  wir  heute  unter  „Nützlichkeit“
(utilit6)  verstehen  oder  das,  was  andere  Verfasser  als  „subjektiven  Wert“,
Wunsehwert  (desirabilite),  Ophelimität  bezeichnen.
Wie  man  weiß,  stützen  sich  heute  die  Nationalökonomen,  um  den
Preis,  den  Tauschwert  der  Gegenstände  zu  erklären,  gerade  auf  den  Begriff
des  Gebrauchswertes.  Die  Erklärung  des  Tauschfußes  der  Waren  gründet
sich  auf  eine  vorhergehende  Analyse  ihrer  Nützlichkeit  für  die  Tauschenden. ­
  Smith  geht  auf  andere  Weise  vor.  Er  gebraucht  „Gebrauchswert“
nur,  um  ihn  in  radikalen  Gegensatz  zu  „Tauschwert“  zu  setzen,  und  um
sich  nachher  nicht  mehr  damit  abzugeben.  In  seinen  Augen  haben  die
beiden  Begriffe  keinen  Zusammenhang.  Nur  der  Tauschwert  hat  Interesse;
noch  weniger  gibt  er  zu,  daß  der  eine  sich  aus  dem  anderen  ergibt 2 ).
Von  Anfang  an  hat  sich  daher  Smith  den  einzigen  Weg  verschlossen,
der  ihn  zu  einer  zufriedenstellenden  Lösung  des  Preisproblems  hätte  führen
können.  Es  ist  daher  vorauszusehen,  daß  er  in  einer  Sackgasse  endigen
wird.  In  Wirklichkeit  hat  er  sich  nacheinander  in  zwei  Sackgassen 3 )
verirrt.  Er  hat  zwei  verschiedene  und  gleich  irrtümliche  Lösungen  eine
uach  der  anderen  aufgenommen,  ohne  sich  jemals  klar  und  deutlich  für
eine  von  ihnen  zu  entscheiden.  Nach  ihm  beschreiten  Sozialisten  und

bald  die  Brauchbarkeit  einer  Sache,  bald  die  durch  den  Besitz  dieser  Sache  gegebene
Möglichkeit  aus,  andere  Güter  dafür  zu  kaufen.  Das  eine  kann  Gebrauchswert
Galue  in  use),  das  andere  Tauschwert  (value  in  exchange)  genannt  werden.  Dinge,
die  den  größten  Gebrauchswert  haben,  haben  oft  wenig  oder  keinen  Tauschwert,  und
umgekehrt  haben  andere  oft  den  größten  Tauschwert,  aber  wenig  oder  keinen  Gebrauchswert. ­
  Nichts  ist  brauchbarer  als  Wasser,  aber  es  läßt  sich  dafür  kaum  etwas  kaufen:
kaum  etwas  dafür  in  Tausch  erhalten.  Ein  Diamant  dagegen  hat  beinahe  gar  keinen
Gebrauchswert,  und  doch  ist  oft  eine  Menge  anderer  Güter  dafür  im  Tausch  zu  haben.“
1 )  Wir  sagen  „ungefähr“,  denn  in  der  Stelle,  wo  er  den  Gebrauchswert  definiert,
scheint  Smith  seine  Definition  dem  landläufigen  Sinn  anzupassen  (in  dem  „nützlich“
a ls  Gegensatz  zu  „angenehm“  erscheint).  Ricardo  hat  diese  Ungenauigkeit,  die  Mill
mit  Recht  hervorgehoben  hatte,  richtig  gestellt.  Sie  erklärt  sich  vielleicht  aus  der
folgenden  Stelle  der  „Vorlesungen  über  die  Gerechtigkeit“  (Leetures  on  Jnstice)
176:  „Für  eine  wenig  nützliche  Sache  gibt  es  nur  wenig  Nachfrage,  weil  sie  kein
rationeller  Gegenstand  des  Begehrens  ist.“  Smith  scheint  nicht  für  möglich  gehalten
zu  haben  —  was  selbstverständlich  ein  schwerer  Fehler  ist,  —  daß  eine  vernunftgemäß
unnütze  Sache  doch  gewünscht  oder  begehrt  werden  könne.
2 )  Diese  radikale  Trennung  der  beiden  Begriffe  liegt  vielleicht  mehr  an  der
Ausdrucksweise  Adam  Smith’s  als  in  seinen  Gedanken,  denn  in  seinen  Vorlesungen
bber  Gerechtigkeit,  S.  176  wird  der  Gebrauchswert  (zusammen  mit  dem  Reichtum  der
Nachfrager)  als  eins  der  Elemente  hingestellt,  die  die  Nachfrage  bestimmen  und
so  den  Marktpreis  festlegen.  —  In  Wirklichkeit  ist  alles,  was  in  dem  ,,Völker-Reichtum“
  über  die  Werttheorie  gesagt  wird,  so  unbestimmt,  daß  man  darin  nicht
mehr  Genauigkeit  suchen  darf,  als  Smith  hineingelegt  hat.
3 )  Vielleicht  sollte  man  von  drei  sprechen,  denn  in  den  „Vorlesungen  über
Gerechtigkeit' 1  findet  man  auf  Seite  176  noch  eine  andere  Definition  des  natürlichen ­
  Preises,  als  in  dem  „Völkerreichtum“.

6*
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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Nationalökonomen  die  gleichen  Wege  und  unterscheiden  sich  nur  durch
die  verschiedene  Wahl,  die  sie  zwischen  beiden  treffen.
Bei  seiner  Untersuchung  der  Warenpreise  fällt  A.  Smith  besonders
ihre  unablässige  Beweglichkeit  auf.  Der  „gewöhnliche“  oder  „Marktpreis“ ­
  wird  von  einem  unsicheren  Umstande  beherrscht 1 ),  dem  „Verhältnis ­
  zwischen  Angebot  und  Nachfrage“,  oder  wie  er  an  einer  anderen
Stelle  sagt:  „nicht  von  einem  genauen  Maßstabe,  sondern  von  deifj  Dingen
und  Feilschen  im  Handel,  jener  rohen  Ausgleichung  gemäß,  welche  zwar
nicht  exakt  ist,  jedoch  für  die  Geschäfte  des  gemeinen  Lebens  hinreicht“ 2 ).
Es  erscheint  ihm  unmöglich,  daß  diese  beständigen  Veränderungen  den
wahren  Wert  der  Waren  ausdrücken.  Dieser  Wert  könnte  nicht  von  einem
Augenblick  zum  anderen  oder  von  einem  Orte  zum  anderen  verschieden
sein.  Es  handelt  sich  daher  darum,  unter  der  Beweglichkeit  des  Marktpreises ­
  einen  anderen  Preis  zu  finden,  den  Smith  bald  „wirklichen“,  bald
„natürlichen“  Preis  nennt.  Das  Problem,  unter  den  Preisschwankungen
etwas  Sicheres  und  Beständigereres  zu  entdecken,  ist  auch  heute  noch
die  große  Aufgabe,  deren  Lösung  der  reinen  Ökonomie  obliegt 3 ).
Die  erste  Hypothese,  die  Smith  ins  Auge  faßt,  ist  die,  daß  der  wahre
Wert  einer  Ware  von  der  Arbeit  bestimmt  sei,  von  der  Anstrengung,  die
ihre  Herstellung  gekostet  hat.  „Der  wahre  oder  Realpreis  eines  Dinges,
dasjenige  nämlich,  was  ein  Ding  dem,  der  es  sich  verschaffen  will,  wirklich
kostet,  ist  die  zu  seiner  Beschaffung  erforderliche  Mühe  und  Beschwerde  ..  •
die  Arbeit  ist  also  der  wahre  Maßstab  des  Tauschwertes  aller  Waren 4 ).“
So  ist  die  Arbeit,  d.  h.  die  Mühe,  die  auf  die  Herstellung  eines  Gegenstandes
verwendet  wird,  gleichzeitig  der  Ursprung  und  der  Maßstab  ihres  Tauschwertes. ­
  Hier  haben  wir  vom  „Vater  der  Nationalökonomie“  formuliert,
die  Theorie,  die  in  der  Arbeit,  in  der  menschlichen  Anstrengung,  die
Ursache  des  Wertes  sieht  (als  ob  man  von  einer  „Ursache  des  Wertes“

1)  Völkerreiehtum  I,  S.  31,  B.  I,  Kap.  VII.
2 )  Völkerreichtum  I,  S.  17,  B.  I,  Kap.  V.
3 )  Pareto  schreibt  in  einem  in  der  Ri  vista  di  Scienza  1907,  No.  2,  erschienenen
Aufsatz:  L’öconomie  et  la  Socioiogie  au  point  de  vue  scientifique:  „Unterliegt ­
  den  wirklichen  Preisen  der  wirklich  vollzogenen  Tauschhandlungen,  die  zeitlich
und  räumlich  einer  unendlichen  Menge  von  Zufälligkeiten  ausgesetzt  und  daher  veränderlich ­
  sind,  etwas  Beständigeres,  weniger  Veränderliches  ?  Das  ist  das  Problem,
das  die  Nationalökonomie  zu  lösen  hat!“
:  I)  Völkerreichtum  I,  S.  17,  B.  I,  Kap.  V.  In  Wirklichkeit  drückt  sich  SmitH
hier  so  aus,  als  ob  nach  seiner  Ansicht  der  Wert  eines  Gegenstandes  nicht  von  der  Arbeit,
die  seine  Herstellung  gekostet  hat,  sondern  von  der,  die  damit  zu  kaufen  ist,  bestimmt
wird.  Im  Grunde  genommen  laufen  aber  beide  Gedanken  auf  dasselbe  hinaus,  da  dm
Gegenstände  sich  als  gleicher  Wert  gegen  gleichen  Wert  tauschen.  Die  Arbeit,  die  man
mit  einem  Gegenstand  kaufen  kann,  ist  genau  gleich  der  Arbeit,  die  dieser  Gegenstand
gekostet  hat.  Smith  sagt:  „Sie  (die  Dinge)  enthalten  den  Wert  einer  bestimmten
Ouantität  Arbeit,  welche  man  gegen  etwas  vertauscht,  wovon  man  zurzeit  glaubt,
daß  es  den  Wert  einer  gleichen  Quantität  enthalte.“  (Ebenda.)
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        Kapitel  II.  Adam  Smith.  85

sprechen  könnte!),  und  die  Karl  Marx  seine  schärfsten  Argumente  gegen
den  Kapitalismus  liefert.
Kaum  hat  er  aber  diesen  ersten  Versuch  gemacht,  für  den  Tauschwert
eine  festere  Basis  als  den  schwankenden  Boden  des  Angebotes  und  der
Nachfrage  zu  finden,  als  er  sogleich  Schwierigkeiten  auftauchen  sieht.
Zunächst,  wie  soll  die  auf  einen  Gegenstand  verwendete  Arbeit  und  der
Wert,  der  davon  abhängt,  gemessen  werden?  „Es  kann  in  der  schweren
Anstrengung  einer  Stunde  mehr  Arbeit  stecken  als  in  der  leichten  Beschäftigung ­
  zweier  Stunden  und  in  der  einstündigen  Ausübung  einer
Kunst,  zu  deren  Erlernung  man  10  Jahre  brauchte,  mehr  als  in  dem  Fleiß
eines  ganzen  Monats  bei  einer  gewöhnlichen  und  leicht  erlernbaren  Arbeit.
Allein  es  ist  nicht  leicht,  einen  genauen  Maßstab  für  die  Mühsal  oder  die
Geisteskraft  zu  finden“ 1 ).  Außerdem,  und  hierin  liegt  ein  zweiter  Einwurf,
in  den  zivilisierten  Gesellschaften  genügt  die  Arbeit  allein  nicht  zur  Herstellung ­
  der  Gegenstände;  der  Grund  und  Boden  und  das  Kapital  wirken
ebenfalls  mit;  ihr  Gebrauch  ist  aber  nicht  unentgeltlich;  dem,  der  Je
benützt,  kosten  sie  etwas.  Die  primitiven  Gesellschaften  sind  daher  in
Wirklichkeit  die  einzigen,  sagt  Smith,  wo  gewöhnlich  „die  zur  Beschaffung
oder  Hervorbringung  einer  Ware  aufgewendete  Quantität  von  Arbeit  das
einzige  ist“ 2 ),  das  ihren  Wert  bestimmt.  Heutigen  Tages  müssen  aber
noch  das  Kapital  und  der  Grund  und  Boden  in  Betracht  gezogen  werden.
Nie  Arbeit  kann  weder  die  einzige  Quelle,  nöch  der  einzige  Maßstab  des
Wertes  sein.
So  sucht  denn  Smith  eine  neue  Hypothese,  und  sieht  in  den  „Produktionskosten“ ­
  den  Faktor,  der  den  Tauschwert  wirklich  reguliert.
Soeben  nannte  er  den  Preis,  der  sich  auf  die  Arbeit  gründet,  den  „wirklichen“ ­
  Preis;  jetzt  nennt  er  den  Preis  der  nach  ihren  Produktionskosten
gewerteten  Gegenstände  den  „natürlichen“  Preis.  Der  Name  hat  wenig
Bedeutung.  Das,  was  Smith  verfolgt,  ist  stets  der  wahre  Wert,  der  sich
un s  unter  der  Beweglichkeit  des  Marktpreises  verbirgt.  Es  ist  dasselbe
Problem,  dem  er  eine  neue  Lösung  gibt.  Soeben  sagte  er  uns:  Wenn  eine
Ware  sich  gemäß  der  Arbeit,  die  sie  gekostet  hat,  verkaufen  ließe,  würde
sie  für  das,  was  sie  wirklich  kostet,  verkauft  werden.  Jetzt  versichert
er  uns  mit  nicht  geringerer  Bestimmtheit,  daß  eine  Ware,  die  gemäß  der
Produktionskosten  verkauft  wird  „genau  für  das,  was  sie  wert  ist,  oder
ihr  das,  was  sie  demjenigen,  der  sie  feilbietet,  wirklich  kostet,  verkauft
'wird 3 ).  Der  „wahre“  Wert  der  Waren  ist  daher  der,  der  mit  ihren  Produktionskosten ­
  übereinstimmt.  Darunter  ist  zu  verstehen  die  Summe,
die  genügt,  um  zum  normalen  Preis  den  Lohn  der  Arbeit,  den  Zins  des
')  Völkerreichtum  I,  S.  17,  B.  I,  Kap.  V.
2 )  Völkerreichtum  I,  S.  27,  B.  I,  Kap.  VI.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  31,  B.  I,  Kap.  VII.
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Erstes  Buch.  Adam  Smith.

Kapitals  und  die  Rente  des  Bodens  zu  zahlen,  die  zu  ihrer  Erzeugung
beigetragen  haben.
Außer  der  Arbeit  findet  Smith  so  einen  neuen  „Bestimmungsgrund“
für  den  Wert,  und  wenn  sich  die  Sozialisten  um  seine  erste  Hypothese
geschart  haben,  so  hat  die  große  Mehrzahl  der  Nationalökonomen  bis
auf  Jevons  die  zweite  aufgenommen.  Er  selbst  hat  niemals  den  Mut
gehabt,  sich  offen  für  eine  zu  erklären;  in  seiner  Darstellung  bestehen  sie
nebeneinander,  und  er  kann  sich  nicht  entschließen,  eine  davon  preiszugeben. ­
  Es  ergeben  sich  daraus  in  seinem  Werke  zahlreiche  Widersprüche,
und  jedes  Bemühen,  sie  in  Übereinstimmung  zu  bringen,  würde  vergeblich
sein.  Bald  z.  B.  werden  das  Kapital  und  der  Grund  und  Boden  als  Quellen
neuer  Werte  angegeben,  die  sich  denen,  die  die  Arbeit  schafft,  anreihen,
und  die  in  normaler  Weise  einen  Profit  und  eine  Rente  hervorbringen,
die  mit  dem  Lohne  zur  Bestimmung  der  Produktionskosten  dienen,
bald  werden  der  Profit  und  die  Rente  von  ihm  als  Abzüge  angesehen,  um
die  die  Kapitalisten  und  die  Grundbesitzer  die  von  der  Arbeit  allein  geschaffenen ­
  Werte  vermindern 1 ).  Man  glaubt  hier  einen  Sozialisten  zu
x )  Völkerreichtum  I,  S.  28,  B.  I,  Kap.  VI.  Im  folgenden  finden  wir  z.  B.  eine
Stelle,  die,  wie  v.  Böhm-Bawbbk  sehr  richtig  hervorhebt  (Kapital  und  Kapitalzins,
2.  Ausg.,  1900,  S.  84),  beide  Begriffe  in  Gegenüberstellung  ohne  jeden  Versuch,  sie  in
Übereinstimmung  zu  bringen,  enthält:  ,,Unter  diesen  Umständen  (wenn  nämlich  die
Aneignung  des  Kapitals  und  des  Bodens  eine  vollzogene  Tatsache  geworden  ist)  gehört
nicht  immer  das  ganze  Produkt  der  Arbeit  dem  Arbeiter.  Er  muß  es  in  den  meisten
Fällen  mit  dem  Kapitalisten  teilen,  der  ihn  beschäftigt.  Auch  ist  es  die  zur  Erwerbung
oder  Hervorbringung  einer  Ware  gewöhnlich  erforderliche  Arbeitsquantität  nicht
mehr  allein,  wodurch  die  Quantität,  welche  dafür  gewöhnlich  zu  haben  sein  sollte,  bestimmt ­
  wird;  denn  es  ist  klar,  daß  noch  eine  besondere  Quantität  als  Gewinn  für  das
ausgegebene  Kapital  hinzukommen  muß,  das  zur  Bezahlung  des  Arbeitslohnes  und
zur  Beschaffung  der  Materialien.“  —  Am  Anfang  der  angezogenen  Stelle  muß  der
Arbeiter  den  Arbeitsertrag  teilen;  der  Profit  wird  daher  von  dem  durch  die  Arbeit
geschaffenen  Wert  genommen.  Am  Ende  des  Satzes  beruht  der  Profit  aber  auf  einem
Zusatzwert,  der  über  den  von  der  Arbeit  geschaffenen  hinausgeht.  Böhm-BawebK
zitiert  noch  andere  Stellen,  in  denen  die  beiden  Begriffe  sich  unvereinbar  gegenüberstehen. ­
  Hin  und  wieder  kann  man  Smith  daher  die  Auffassung  zuschieben,  daß  er  unter
Zins  und  Bodenrente  das  Ergebnis  einer  Beraubung  des  Arbeiters  sehe;  damit  wäre
er  der  wirkliche  Vorfahr  des  Sozialismus.  Mehr  als  eine  Stelle  seines  Buches  kann
übrigens  zu  diesem  Schluß  führen.  So  sagt  er:  ,,In  anderen  Ländern  (als  in  den  Kolonien) ­
  zehren  die  Rente  und  der  Kapitalgewinn  den  Arbeitslohn  auf,  und  die  beiden
höheren  Stände  des  Volkes  unterdrücken  den  niederen“  (II,  S.  86,  B.  IV,  Kap.  VIf»
Teil  2).  Und  hinsichtlich  des  Eigentums:  „Die  bürgerliche  Regierung  ist,  insofern  sie
zur  Sicherung  des  Eigentums  eingeführt  ward,  in  der  Tat  zur  Verteidigung  des  Reiche 11
gegen  den  Armen,  oder  dessen,  der  ein  Eigentum  hat,  gegen  den,,  der  keins  hat,  ei fl '
geführt  worden“  (II,  S.  175,  B.  V,  Kap.  I,  Teil  2).
Bekannt  ist  auch  die’  oft  erwähnte  Stelle  des  VI.  Kap.  „Sobald  aller  Grün
und  Boden  eines  Landes  Privateigentum  geworden  ist,  begehren  die  Grundbesitzer,
gleich  allen  anderen  Menschen,  „zu  ernten,  wo  sie  nicht  gesät  haben“,  und  verlange 11
sogar  für  ihre  natürlichen  Produkte  eine  Rente“  .  .  .  „Er  (der  Arbeiter)  muß  nn n
für  die  Erlaubnis,  sie  zu  sammeln,  bezahlen  und  an  den  Grundbesitzer  einen  Teil  des-
        <pb n="110" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

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lesen;  zum  Schluß  jedoch  scheint  die  Theorie  der  Produktionskosten  die
Überhand  gewonnen  zu  haben.  Er  nennt  dann  den  Preis  der  Gegenstände,
der  mit  den  Produktionskosten  übereinstimmt,  den  natürlichen  Preis.
Was  den  Marktpreis  anlangt,  so  bemerkt  er,  daß  er  bald  höher,  bald
niedriger  als  dieser  natürliche  Preis  ist,  je  nachdem  die  angebotene  Menge
mit  Bezug  auf  die  nachgefragte  steigt  oder  fällt  und  umgekehrt.
Das  ist  die  Preistheorie  von  Smith.  Die  wahre  Beobachtung,  die  sie
enthält,  —  nämlich,  daß  die  Preise  vieler  Waren  mit  den  Produktionskosten ­
  derselben  übereinzustimmen  streben  (eine  Beobachtung,  die  übrigens
nicht  von  ihm  stammt)  —  darf  uns  ihre  Fehler  nicht  übersehen  lassen.
Unter  anderen  unterliegt  sie  zwei  einschneidenden  Einwänden.
Ist  es  zunächst  nicht  ein  offenbarer  Widerspruch,  den  Preis  der  Güter
durch  den  Preis  der  Dienste  (Lohn,  Zins  und  Pacht)  zu  erklären,  die  zusammen ­
  die  Produktionskosten  ausmachen,  um  dann  den  Preis  der  Dienste
aus  dem  Preise  der  Waren  abzuleiten,  der  auf  einmal  als  bekannt  vorausgesetzt ­
  wird?  (Smith  läßt  z.  B.  die  Höhe  des  Lohnes  teilweise  von  dem
Preise  der  Lebensmittel  abhängen.)  Wir  haben  hier  einen  circulus  vitiosus,
dem  man  nur  durch  die  ganz  neuzeitliche  Theorie  vom  wirtschaftlichen
Gleichgewichte  entrinnen  kann.  Diese  Theorie  führt  aus,  daß  alle  diese
Preise,  die  Preise  der  Dienste,  wie  die  der  Güter  voneinander  abhängig
sind  und  sich  zur  gleichen  Zeit,  gerade  wie  die  Unbekannten  in  einem
System  algebraischer  Gleichung,  in  Übereinstimmung  mit  der  ausgetausehten
  Menge  gegenseitig  bestimmen.  Aber  diese  Theorie  vom  wirtschaftlichen ­
  Gleichgewichte  ist  Smith  fremd.
Der  andere  Vorwurf  betrifft  die  Entwicklung,  die  Smith  selbst  seiner
Theorie  gegeben  hat.
Da  nach  ihm  die  Produktionskosten  den  Preis  regulieren,  so  ist  die
Analyse  der  Produktionskosten,  die  Untersuchung  der  Ursachen,  die  die
Höhe  des  Lohnes,  des  Profits  und  der  Rente  bestimmen,  von  der  allergrößten ­
  Wichtigkeit.  Man  sollte  daher  erwarten,  daß  Smith  in  seinem
Werke  alles,  was  "betreff  der  Preistheorie  noch  dunkel  blieb,  durch  eine
derartige  Untersuchung  klar  gestellt  hätte.  Aber  diese  Analyse  ist  einer
der  schwächsten  Teile  seines  Buches.  Im  vorhergehenden  haben  wir
schon  die  Mängel  seiner  Theorie  der  Rente  ausgeführt.  Die  des  Profits
jenigen  abgeben,  was  seine  Arbeit  zusammenbringt  oder  erzeugt.  Dieser  Teil,  oder
•  was  auf  dasselbe  hinauskommt  —  der  Preis  dieses  Teiles,  bildet  die  Grundrente
und  macht  in  dem  Preise  der  meisten  Waren  einen  dritten  Bestandteil  aus“
&amp;lt; ß d.  I,  S.  28,  B.  I,  Kap.  VI).  Cannan  (History  of  the  theories  of  production
etc.  S.  202)  glaubt  sogar,  daß  die  Beraubungstheorie  die  einzige  ist,  die  sich  bei
Smith  findet.  Die  von  den  Sozialisten,  besonders  bei  Pkoudhon  so  oft  ausgedrückte
Gedanke,  daß  es  in  der  gegenwärtigen  Gesellschaft  dem  Arbeiter  unmöglich  gemacht
ls t,  sich  in  den  Besitz  des  Ertrages  seiner  Arbeit  zu  setzen,  würde  daher  auf  Smith
zurückgehen.
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        88

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

—  den  Smith  nicht  vom  Zins  unterscheiden  kann 1 )  —•  ist  gleichfalls  hinfällig ­
  geworden.  Seine  Lohntheorie  ist  ebenfalls  durchaus  ohne  Zusammenhang. ­
  Ohne  sich  für  eine  bestimmte  Lösung  entscheiden  zu  können,
schwankt  Smith  zwischen  dem  Gedanken  des  auf  das  Existenzminimum
beschränkten  Lohnes  und  des  durch  Angebot  und  Nachfrage  bestimmten
Lohnes  hin  und  her.
Man  hat  bald  bemerkt,  daß  Smith’s  Theorie  von  der  Güterverteilung
seiner  Theorie  von  der  Gütererzeugung  nachsteht,  und  J.-B.  Say  hielt
es  für  einen  seiner  Ruhmestitel,  sie  vervollkommnet  zu  haben.  Ricardo
macht  das  Problem  der  Güterverteilung  zum  Hauptgegenstand  seiner
Untersuchungen.  Doch  weiß  man,  daß  diese  Theorie  der  Güterverteilung
das  am  wenigsten  Originelle  im  Werke  Smith’s  ist;  sie  ist  sozusagen  seinem
ersten  Plane  aufgepfropft  worden,  in  dem  die  Untersuchung  der  Produktion
fast  den  ganzen  Platz  einnimmt.  Das  läßt  sich  leicht  aus  einer  Vergleichung,
des  Völkerreichtums  mit  den  Vorlesungen  Smith’s  in  Glasgow  gegen  1763,
die  sich  nur  mit  der  Produktion  befassen,  erkennen.  Dem  Einflüsse  der
Physiokraten,  deren  Bekanntschaft  er  in  der  Zwischenzeit  gemacht  hat,
muß  man  die  Einfügung  der  Theorie  der  Güterverteilung  in  Smith’s
ersten  Plan,  der  sich  wahrscheinlich  nicht  damit  beschäftigte,  zuschreiben.
Die  Schwankungen  und  Unsicherheiten,  die  dieser  Teil  des  Werkes  aufweist, ­
  lassen  sich  aus  der  Tatsache  erklären,  daß  sie  Smith  nicht  so  eingehend ­
  durchdacht  hatte,  wie  die  anderen  Abschnitte.
Wir  brauchen  daher  hier  nicht  weiter  darauf  einzugehen.  Von  unserem
Ausgangspunkte  aus  bleibt  nur  noch  übrig,  die  Schlußfolgerungen  anzuführen, ­
  die  Smith  aus  seiner  Werttheorie  gezogen  hat,  um  die  spontane
Anpassung  der  Erzeugung  der  Güter  an  ihre  Nachfrage  zu  beweisen.
Man  kann  schon  jetzt  voraussehen,  wie  sich  die  Sachen  dank  den
Preisschwankungen  abspielen  werden.  Lassen  wir  unserem  Schriftsteller
das  Wort:  „Wenn  die  feilgebotene  Quantität  die  wirksame  Nachfrage
übersteigt,  so  kann  sie  nicht  ganz  an  diejenigen  verkauft  werden,  welche
den  ganzen  Wert  der  Rente,  des  Gewinnes  und  der  Arbeit,  welche  bis  zur
Feilbietung  ausgelegt  werden  mußten,  zu  bezahlen  geneigt  sind.  Ein  Teil
der  Waren  muß  dann  an  diejenigen  abgelassen  werden,  welche  weniger
zahlen  wollen,  und  der  niedrige  Preis,  den  diese  erlegen,  muß  den  Preis
des  Ganzen  herunterdrücken.  Der  Marktpreis  wird  nun  mehr  oder  weniger
unter  den  natürlichen  Preis  sinken,  und  zwar  in  dem  Maße,  als  die  Größe
des  Überflusses  den  Wettbewerb  der  Verkäufer  mehr  oder  weniger  lebhaft
macht,  oder  als  es  für  sie  mehr  oder  minder  wichtig  ist,  ihre  Waren  auf
der  Stelle  los  zu  werden.“  Das  Gegenteil  tritt  ein,  wenn  die  Nachfrage
das  Angebot  übersteigt.  „Reicht  die  feilgebotene  Quantität  gerade  hin,
die  wirksame  Nachfrage  zu  decken,  und  nicht  mehr,  so  wird  der  Marktl

 )  Vgl.  oben  S.  73,  Anm.  1.
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        Kapitel  II.  Adam  Smith.

89

preis  natürlich  entweder  ganz  oder  doch  möglichst  genau  dem  natürlichen
Preise  gleichkommen.  Die  ganze  vorhandene  Quantität  kann  dann  zu
diesem  Preise  abgesetzt,  —  aber  sie  kann  auch  zu  keinem  höheren  Preise
abgesetzt  werden.  Die  Konkurrenz  der  Verkäufer  zwingt  sie  alle,  diesen
Preis  anzunehmen,  und  zwingt  sie  zugleich  doch  nicht,  auf  einen  geringeren
einzugehen.  Die  Quantität  des  Feilgebotenen  richtet  sich  natürlich  von
selbst  nach  der  wirksamen  Nachfrage 1 ).“
Und  dieses  bemerkenswerte  Resultat  wird  allein  durch  den  Einfluß
des  persönlichen  Selbstinteresses  erreicht.  „Wenn  die  Quantität  zu  irgendeiner ­
  Zeit  die  wirksame  Nachfrage  übersteigt,  so  müssen  manche  Bestandteile ­
  ihres  Preises  unter  dem  natürlichen  Satze  bezahlt  werden.  Betrifft
dies  die  Rente,  so  wird  sogleich  ihr  eigenes  Interesse  die  Grundbesitzer
veranlassen,  einen  Teil  ihres  Bodens  anders  zu  verwenden;  und  betrifft
es  den  Arbeitslohn  oder  den  Profit,  so  wird  das  Interesse  sowohl  der  Arbeiter
als  der  Arbeitgeber  sie  dazu  bringen,  einen  Teil  ihrer  Arbeit  oder  ihres
Kapitals  dieser  Verwendungsart  zu  entziehen.  Dann  wird  die  auf  den
Markt  gebrachte  Quantität  bald  nur  noch  hinreichen,  die  wirksame  Nachfrage ­
  zu  befriedigen.  Alle  Teile  ihres  Preises  werden  wieder  auf  ihren
natürlichen  Satz  und  der  ganze  Preis  auf  den  natürlichen  Preis  hinaufgehen“ ­
  (wie  vorh.  Anm.).
So  paßt  ein  natürlicher  und  selbsttätiger  Mechanismus  die  Gütererzeugung ­
  beständig  der  wirksamen  Nachfrage  an,  wenigstens  in  der
großen  Mehrzahl  der  Fälle,  denn  die  Umstände,  wo  diese  Anpassung
nicht  eintritt  (SMunleugnet  nicht,  daß  es  solche  gebe),  sind  in  seinen  Augen
seltene  Ausnahmen.  Wenn  der  Marktpreis  lange  Zeit  hindurch  über  dem
natürlichen  Preis  stehen  soll,  so  müssen  die  Kapitalisten  entweder  imstande ­
  sein,  ihre  großen  Gewinne  zu  verheimlichen,  oder  sie  müssen  gewisse ­
  Fabrikationsgeheimnisse  besitzen,  oder  es  muß  sich  um  ein  natürliches ­
  Monopol,  wie  das  einer  berühmten  Weinmarke,  oder  endlich  um
ein  künstliches  Monopol  handeln 2 ).  Das  sind  aber  alles  Ausnahmen,  deren
Seltenheit  nur  die  allgemeine  Grundregel  der  selbsttätigen  Anpassung
der  angebotenen  an  die  nachgefragte  Menge  dank  den  Schwankungen
des  Marktpreises  um  den  natürlichen  Preis  bestätigt.
Diese  Anpassungstheorie  ist,  wie  man  weiß,  eine  der  wichtigsten  der
ganzen  Nationalökonomie.  Seit  Smith  wiederholen  sie  alle  Nationalökonomen ­
  fast  ohne  Änderung,  und  sie  ist  heute  noch  die  Basis  der  Produktionstheorie. ­
  Die  Anwendungen,  die  Smith  davon  macht,  sind  sehr
interessant,  denn  sie  dienen  ihm  dazu,  seine  Lieblingsthese  nochmals  zu
*)  Völkerreichtum  I,  S.  32,  B.  I,  Kap.  VII.
~)  Smith  tut  den  Monopolpreis  mit  sieben  oder  acht  Zeilen  ab.  Er  begnügt  sich
sagen:  „Der  Monopolpreis  ist  jederzeit  der  höchste,  der  zu  erreichen  ist“  (I,  S.  35,
“•  I»  Kap.  VII).  Die  Theorie  des  Monopolpreises  ist  heute  eins  der  Hauptprobleme
der  Nationalökonomie.
        <pb n="113" />
        90

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

illustrieren.  Wir  führen  nur  zwei  davon  aus,  und  zwar  wegen  ihrer  Bedeutung, ­
  und  weil  sie  für  die  These  von  der  Spontaneität  der  wirtschaftlichen ­
  Funktionen  eine  ausgezeichnete  Stütze  abgeben.
Die  erste  betrifft  die  Bevölkerung.  Wie  die  Waren  kann  auch
die  Bevölkerung  überreichlich  oder  ungenügend  sein.  Wie  regulieren  sich
nun  ihre  Bewegungen?  Durch  die  Nachfrage  der  Gesellschaft,  antwortet
Smith,  und  zwar  auf  folgende  Weise:  In  den  unteren  Klassen,  führt  er
aus,  hat  man  gewöhnlich  viele  Kinder.  Wenn  die  Löhne  aber  niedrig  sind,
verschwinden  infolge  der  Armut  und  des  Elendes  eine  große  Anzahl,
während  hohe  Löhne  die  Kindersterblichkeit  verringern.  „Es  verdient
auch  bemerkt  zu  werden,  fährt  Smith  fort,  „daß  sie  dies  möglichst  genau
nach  dem  Arbeitsverhältnisse  tut,  welches  sich  aus  der  Nachfrage  nach
den  Arbeitern  ergibt.  Wenn  diese  Nachfrage  in  stetem  Wachsen  ist,  so
muß  die  Belohnung  der  Arbeit  notwendig  so  weit  zu  Heiraten  und  Vermehrung ­
  der  Arbeiter  ermuntern,  daß  diese  zahlreich  genug  werden,  um
der  stets  wachsenden  Nachfrage  durch  eine  stets  wachsende  Volksmenge
zu  entsprechen.  Wäre  die  Belohnung  einmal  geringer,  als  es  für  diesen
Zweck  nötig  ist,  so  würde  der  Mangel  an  Händen  sie  bald  in  die  Höhe
treiben,  und  wäre  sie  zu  einer  anderen  Zeit  größer,  so  würde  die  unmäßige
Vermehrung  der  letzteren  sie  bald  wieder  auf  ihren  notwendigen  Satz
herunterbringen.  Der  Markt  würde  in  dem  einen  Falle  so  schlecht  mit
Arbeit  versorgt  und  in  dem  anderen  so  sehr  damit  überfüllt  sein,  daß  ihr
Preis  bald  auf  den  richtigen  Satz  zurückkäme,  den  die  Gesellschaftsverhältnisse ­
  fordern.  So  geschieht  es,  daß  die  Nachfrage  nach  Menschen, ­
  gerade  wie  die  nach  jeder  anderen  Ware,  notwendig
auch  die  Erzeugung  der  Menschen  reguliert:  sie  beschleunigt
sie,  wenn  sie  zu  langsam  vor  sich  geht,  und  verzögert  sie,
wenn  sie  zu  rasch  fortschreitet 1 ).“
Die  zweite  Anwendung,  die  Smith  von  seiner  Theorie  der  Anpassung
des  Angebots  an  die  Nachfrage  macht,  betrifft  das  Geld.  Weiter  oben
haben  wir  gesehen,  wie  er  die  Frage  seines  Ursprunges  löste.  Neben  diesem
ersten  Problem  entsteht  jetzt  ein  zweites,  nämlich,  wie  sich  die  Geldmenge ­
  dem  Tauschbedarf  anpaßt.  Wie  wird  unser  Schriftsteller  es  lösen?
Smith  bemüht  sich  zuerst,  das  landläufige  Vorurteil 2 )  zu  bekämpfen,
nach  dem  das  Geld  den  Reichtum  an  sich  vorstellt.  Es  liegt  ihm  um  so
mehr  daran,  es  zu  widerlegen,  da  dieses  Vorurteil  die  Grundlage  der  merkantilistischen
  Theorie  von  der  Handelsbilanz  ist,  und  da  der  Kampf

x )  Völkerreichtum  I,  S.  45—46,  B.  I,  Kap.  VIII.
2 )  „Die  gewöhnliche  Meinung  ist  die,  daß  das  Vermögen  in  Geld  oder  in
Gold  und  Silber  bestehe,  und  diese  Meinung  entspringt  ganz  von  selbst  aus  dem
doppelten  Dienste  des  Geldes,  aus  seinem  Dienste  als  Tauschmittel  einerseits  und  als
Wertmesser  andererseits“  (Völkerreichtum  II,  S.  1,  B.  IV,  Kap.  I),  Das  ganze
Kapitel  ist  der  Bekämpfung  dieses  Vorurteils  gewidmet.
        <pb n="114" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

gegen  den  Merkantilismus  der  unmittelbare  Zweck  seines  Buches  ist.
Wie  bekannt,  behaupten  die  Merkantilisten,  daß  ein  Land  mehr  aus-  als
einführen  müsse,  um  stets  einen  Geldüberschuß,  einen  baren  Saldo  zu
erhalten.  Wenn  man  nun  nachweist,  daß  dieser  Saldo  unnütz  ist,  weil  ja
das  Geld  auch  nur  eine  Ware  ist,  weder  mehr  noch  weniger  nützlich  als
die  anderen,  so  hat  man  durch  diesen  Nachweis  die  Grundlage  der  merkantilistischen
  Politik  zerstört.  Smith  sieht  im  Geld  sogar  eine  Ware,  die
entbehrlicher  ist  als  die  anderen.  Eine  lästige  Ware,  deren  Gebrauch  so
oft  wie  möglich  zu  umgehen  ist.  Diese  Art  Mißkredit,  den  Smith  aus
Reaktion  gegen  den  Merkantilismus  dem  Gelde  anhängt,  verführte  einige
seiner  Nachfolger  dazu,  seinen  Gedanken  zu  übertreiben  und  die  Besonderheiten ­
  der  Gelderscheinungen  zu  verkennen.
Der  wirkliche  Reichtum  eines  Landes,  führt  Smith  aus,  besteht
nicht  in  Geld,  sondern  in  „Ländereien,  Häusern  und  verbrauchbaren
Gütern  aller  Art“ 1 ).  Er  ist  „der  jährliche  Ertrag  des  Bodens  und  der
Arbeit“ 2 ).  Daher  muß  man  auch  bei  einer  Schätzung  des  Nettoeinkommens
eines  Landes  das  Geld  ausschließen.  Das  Geld  wird  nicht  verzehrt.  Es
dient  einzig  und  allein  als  Zirkulationsmittel  und  Wertmaß  der  Güter.  Es
ist  „das  große  Rad  des  Umlaufs“ 3 ).  Deshalb,  und  obgleich  Smith  das
Geld  in  das  umlaufende  Kapital  einreiht,  bemerkt  er,  daß  man  es  dem
fixen  Kapital  aller  Industrie,  den  Maschinen  und  Gebäuden,  gleichstellen
kann.  Je  mehr  man,  ohne  die  Produktion  zu  verringern,  an  dem  fixen
Kapital  sparen  kann,  um  so  besser  ist  es.  Der  Reinertrag  ist  dann  um  so
größer.  Das  gleiche  gilt  für  das  Geld,  ein  notwendiges  aber  kostspieliges
Instrument  der  gesellschaftlichen  Produktion:  „jede  Ersparnis  in  den
Ausgaben  für  Ansammlung  und  Erhaltung  jenes  Teils  des  umlaufenden
Kapitals,  der  im  Gelde  besteht,  ist  eine  Vergrößerung  von  ganz  derselben
An“ 4 ),  wie  die,  die  das  festgelegte  Kapital  der  Industrie  verringert 5 ).
*)  Völkerreichtum  II,  S.  14,  B.  IV,  Kap.  I.  An  anderer  Stelle  (I,  S.  169,  B.  II,
Kap.  II)  schreibt  er:  „Obgleich  das  wöchentliche  oder  jährliche  Einkommen  aller  einzelnen
  Einwohner  eines  Landes  gleichfalls  in  Geld  ihnen  ausgezahlt  werden  kann  und
wirklich  auch  ausgezahlt  wird,  so  muß  doch  ihr  wirklicher  Reichtum,  das  wirkliche
wöchentliche  oder  jährliche  Einkommen  aller  zusammengenommen,  stets  in  dem
Maße  groß  oder  klein  sein,  als  es  die  Quantität  der  konsumierbaren  Güter  ist,  die  sie
ünt  jenem  Geld  kaufen  können.  Das  ganze  Einkommen  aller  einzelnen,  als  einer  Gesamtmasse, ­
  ist  offenbar  nicht  sowohl  dem  Gelde  als  auch  den  konsumierbaren  Gütern
gleich,  sondern  nur  dem  einen  oder  dem  anderen  dieser  beiden  Werte,  und  zwar  den
letzteren  eigentlicher,  als  dem  ersteren.“
2 )  Dieser  Ausdruck  findet  sich  zweimal:  Am  Ende  der  Einleitung  (I,  S.  2)  und
II,  S.  153,  B.  IV,  Kap.  IX.
3 )  Ausdruck,  der  dreimal  im  Laufe  des  II.  Kap.  des  II.  Buches  vorkommt  (I,
s -  168,  170  u.  173).
4 )  Völkerreichtum  I,  S.  170,  B.  II,  Kap.  II.
5 )  Alle  diese  bei  Smith  so  verworrenen  Untersuchungen  über  das,  was  als  Kapital,
Und  das,  was  als  Einkommen  anzusehen  ist,  sind  in  dem  ausgezeichneten  Werk  von
        <pb n="115" />
        92

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Aus  diesem  Grunde  sind  die  Banknoten  —  deren  Verwendung  die  des
Bargeldes  im  gleichen  Maßstabe  vermindert  —  eine  so  wertvolle  Erfindung,
denn  sie  setzen  eine  gewisse  Menge  Gold  und  Silber  frei,  die  ausgeführt
werden  kann,  und  gestatten  so  die  Erwerbung  von  Arbeitsinstrumenten,
die  ihrerseits  wieder  ein  Anwachsen  des  wirklichen  Nettoeinkommens
eines  Landes  ermöglichen.  Der  Vergleich,  durch  den  Smith  diesen  Vorteil
erklärt,  ist  berühmt.  „Das  Gold-  und  Silbergeld,  welches  in  einem  Lande
umläuft,  kann  sehr  wohl  mit  einer  Landstraße  verglichen  werden,  die,
während  sie  alles  Korn  und  alle  Eutterkräuter  des  Landes  im  Umlauf
und  auf  den  Markt  bringt,  selbst  doch  gar  keinen  solchen  Stoff  produziert.
Indem  nun  kluge  Bankoperationen  eine  Art  von  Fuhrweg  durch  die  Luft
schaffen,  wenn  ich  eine  so  kühne  Metapher  gebrauchen  darf,  setzen"sie
das  Land  in  den  Stand,  gleichsam  einen  großen  Teil  seiner  Landstraßen
in  gute  Weide-  und  Kornfelder  zu  verwandeln  und  dadurch  das  jährliche
Produkt  des  Bodens  und  der  Arbeit  beträchtlich  zu  vermehren“ *  1 ).
Hieraus  ergibt  sich,  daß  jede  Politik,  die  sich  (wie  es  der  Merkantilismus ­
  tat)  vornimmt,  mittelbar  oder  unmittelbar  die  Geldmenge  eines
Landes  zu  vergrößern,  verkehrt  ist,  da  das  Geld  nicht  nur  nicht  unentbehrlich, ­
  sondern  im  Gegenteil  lästig  ist.
Und  zwar  ist  diese  Politik  nicht  nur  verkehrt,  sondern  auch  nutzlos.
Denn:  haben  wir  nicht  gesehen,  daß  das  Geld  eine  Ware  vorstellt,  die
bestimmt  ist,  den  Umlauf  zu  erleichtern,  und  für  die  natürlich  für  diesen
Zweck  eine  bestimmte  Nachfrage  vorhanden  ist  ?  Das  Angebot  einer  Ware
paßt  sich  nun  von  selbst  ihrer  Nachfrage  an.  Niemand  gibt  sich  damit
ab,  die  Versorgung  eines  Volkes  mit  Wein  oder  Tonwaren  sicherzustellen 2 ).
Warum  sollte  man  sich  um  das  Geld  mehr  Sorgen  machen?  Wenn  die
Menge  der  Güter  abnimmt,  so  verlangsamt  sich  der  Güteraustausch,  und
ein  Teil  des  Geldes  wird  überflüssig.  Aber  „das  Interesse  jedes  Geldbesitzers ­
  fordert,  daß  er  es  anlege 3 )“.  Daher  wird  es  ausgeführt,  um  im
Auslande  Verbrauchsgegenstände  oder  Arbeitsinstrumente  zu  erwerben.
Umgekehrt  zieht  der  wachsende  Wohlstand  eines  Landes  mit  Notwendig'
keit  die  Edelmetalle  an,  weil  der  sich  vergrößernde  Güterau.  tausch  großem
Barmittel  verlangt.  Dieser  Export  und  Import  von  Bargeld  geschieht
auf  Grund  des  Steigens  und  Fallens  des  Geldwertes,  wie  Hume  schon
nachgewiesen  hatte 4 ).
Irving  Fisher:  The  Nature  of  Capital  and  Income,  New  York  1907,  klar
herausgearbeitet.  Das  Einkommen  wird  hier  vollständig  des  materiellen  Charakters,
den  es  bei  Smith  noch  hat,  entkleidet,  um  einfach  als  ein  beständiger  Strom  von
Diensten  zu  erscheinen,  während  die  Gesamtheit  des  Kapitals  mit  der  im  Augenblick ­
  der  Dauer  bestehenden  Gesamtmenge  der  Güter,  aus  der  diese  Dienste  fließen,
verschmilzt.
1 )  Völkerreichtum  I,  S.  188,  B.  II,  Kap.  II.
2 )  Völkerreichtum  II,  S.  4  und  6,  B.  IV,  Kap.  I.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  200,  B.  II,  Kap.  III.
4 )  de  Darlegung  der  „quantitativen  Theorie“  des  Geldes,  wie  sie  Hume  in  seinen
        <pb n="116" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

93

Das,  was  vom  Metallgeld  gilt,  gilt  auch  für  jene  besondere  Art  des
Geldes,  die  Banknoten.  Smith  hat  eine  klassische  Beschreibung  des  Bankbetriebes ­
  und  im  besonderen  der  damals  berühmtesten  Bank,  der  Bank
von  Amsterdam,  gegeben.  Auch  dort  konstatiert  er  eine  selbsttätige
Anpassung  der  Notenmenge  an  die  Nachfrage.  Denn  wenn  die  Banken
mehr  ausgeben,  als  der  Umlauf  verlangt,  so  steigen  die  Preise.  Man  kauft
im  Ausland  und  bringt  den  Banken  die  Noten  bald  zurück,  um  sie  in  Gold
Und  Silber,  das  einzige  internationale  Geld,  umzuwechseln.  So  haben
die  Banken  keinen  Vorteil  davon,  zuviel  Noten  auszugeben,  weil  sie  dann
gezwungen  sind,  eine  entsprechend  größere  Metallreserve  zu  halten.  Zweifellos ­
  verstand  sich  in  der  Wirklichkeit  „eben  nicht  jede  Bankgesellschaft
immer  auf  ihren  eigenen  Vorteil,  und  der  Umlauf  wurde  oft  mit  Papiergeld ­
  überfüllt 1 )“.  Aber  das  Prinzip  wird  dadurch  nicht  berührt.  Das
stellt  nach  ihm  einen  weiteren  Beweis  für  das  selbsttätige  Arbeiten  des
'wirtschaftlichen  Mechanismus  dar.
Wir  haben  so  die  hauptsächlichsten  Theorien  A.  Smith’s  durchmustert
und  haben  gesehen,  wie  jede  bedeutende  Tatsache  bei  ihm  den  gleichen
Gedanken  auslöst.  Wenn  der  Platz  es  erlaubte,  könnten  wir  noch  weitere
Beispiele  anführen,  aus  denen  der  gleiche  Schluß  sich  ergeben  würde 2 ).
Ger  Gedanke  der  Selbstentstehung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen
und  Punktionen  wird  von  Smith  nicht  a  priori  wie  ein  abstrakter,  theore
 tischer  Grundsatz,  dessen  genaueste  Beweisführung  er  nachher  liefern
wird,  aufgestellt.  Er  entwickelt  sich  nach  und  nach  (und  dies  ist  für  seine
ganze  Art  und  Weise  charakteristisch)  in  dem  Maße,  wie  er  den  Bereich
der  Volkswirtschaft  durchmißt;  er  tritt  uns  sozusagen  bei  jeder  Biegung
des  Weges  entgegen.  Stets  deutet  Smith  von  neuem  darauf  hin;  langsam
zw ingt  sich  dem  Geist  des  Lesers  dieser  Gedanke  als  der  natürliche  Schluß
aus  allem,  was  vorhergeht,  auf.  Die  gesamte  wirtschaftliche  Ordnung
erscheint  ihm  zuletzt  wie  eine  organische  Schöpfung  tausender  menschucher
  Willen,  die,  unbewußt  des  zu  erreichenden  Zieles,  alle  dem  Triebe
oiner  gleichen,  instinktiven,  mächtigen  Kraft  gehorchen.
Was  ist  nun  diese  Kraft,  die  alle  wirtschaftlichen  Handlungen  herv
 °rruft,  deren  Beständigkeit  und  Gleichheit  über  alle  künstliche  Hindernden ­
  Aufsätzen  über  „das  Geld“  und  in  der  „Handelsbilanz“  gibt,  ist  sogar  viel  eina
 cher  und  klarer  als  die  von  Smith.
1 )  Völkerreich  tum  I,  S.  176,  B.  II,  Kap.  II.
2 )  Der  hohe  Wechselkurs  zielt  zum  Beispiel  darauf  hin,  selbsttätig  das  Gleich-Scwicht
  im  Handel  wieder  herzustellen  (Völkerreichtum  H,  S.  4,  B.  IV,  Kap.  I).
n  anderer  Stelle  führt  er  aus,  daß  die  großen  Vorteile,  die  Europa  aus  seinen  Kolonien
8®zogen  habe,  nicht  zweckbewußt  und  beabsichtigt  werden;  das  Suchen  nach  Kolonien,
hre  Entdeckung,  ihre  In-Wertsetzung  sind  ohne  jeden  vorgefaßten  Plan  und  trotz
verderblichen  Verordnungen,  die  die  europäischen  Regierungen  erließen,  geschehen
UI,  S.  99—100,  B.  IV,  Kap.  VII,  Teil  2).
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        94  Erstes  Buch.  Die  Begründer.

nisse  triumphieren,  und  die  folglich  die  Einheit  des  ganzen  Systems  ausmacht ­
  ?
Wir  sind  ihr  schon  mehr  als  einmal  begegnet;  es  ist  das  Selbstinteresse ­
  oder,  wie  Smith  es  lieber  ausdrückt:  „das  natürliche  Streben
jedes  Menschen,  seine  Lage  zu  verbessern 1 ).“  Hierin  liegt  die  wirkliche,
jedem  Einzelwesen  innewohnende  Triebkraft,  die  das  Leben  und  den
Fortschritt  der  Gesellschaft  sichert.
Zweifellos  ist  sie  nicht  die  einzige.  Smith  ist  niemals  einseitig.  Er
weiß,  daß  es  neben  dem  Eigennutz  noch  andere  menschliche  Leidenschaften ­
  gibt 2 ).  Er  erwähnt  sie  an  verschiedenen  Stellen  —  wie  dort,
wo  er  der  „kindischen  Eitelkeit“ 3 )  der  Grundbesitzer  eine  so  bedeutende
und  wohltuende  wirtschaftliche  Umwälzung  wie  die  der  Emanzipation
der  Landarbeiterschaft  zuschreibt.  —  Ohne  Zweifel  ist  Smith  ferner
nicht  darüber  in  Unkenntnis,  daß  der  Eigennutz  nicht  bei  allen  Menschen
gleichmäßig  ausgebildet  ist,  und  daß  die  persönlichen  Beweggründe  die
größte  Mannigfaltigkeit  zeigen.  Man  hat  ihm  vorgeworfen,  dies  übersehen
zu  haben;  man  hat  ihn  angeklagt,  einen  homo  oeconomicus  in  alle 11
Stücken  konstruiert  zu  haben,  eine  böse  Karikatur  der  Wirklichkeit»
der  sich  wie  ein  Automat  ausschließlich  durch  die  Sorge  um  sein  materielles ­
  Interesse  leiten  läßt.  Die  nationale  Eitelkeit  hat  sich  eingemischt
und  hat  behauptet,  daß  das,  was  er  sage,  vielleicht  von  den  Engländer»
und  den  Schotten  wahr  sei;  wenn  er  aber  die  Deutschen  und  die  Franzose»
gekannt  hätte,  die  weniger  gewinnsüchtig  seien,  würde  sein  Urteil  g»» 2
anders  ausgefallen  sein.  Dies  alles  beruht  aber  auf  einem  Mißverständnis-Smith
  selbst  ist  der  erste  gewesen,  der  darauf  hingewiesen  hat,  daß  sich
seine  Bemerkungen  nicht  auf  alle  Menschen,  sondern  auf  die  Allgemei»'
heit  der  Menschen  beziehen.  In  jedem  Augenblicke  erinnert  er  daran,
daß  er  von  einem  mit  „gesundem  Menschenverstand“ 4  * )  oder  mit  „gewöh»'
lichem  Verstände“ 6 )  begabten  Menschen  spricht.  Er  weiß  sehr  wohl»
daß  „wenn  auch  nicht  das  Betragen  jedes  Einzelnen  immer  von  de»
Regeln  gewöhnlicher  Klugheit  geleitet  wird,  so  herrschen  diese  doch  stets
in  den  Handlungen  der  großen  Mehrzahl“ 0 ).  Seine  Beweisführung  s&amp;lt;m

1)  Vgl.  im  besonderen:  I,  S.  202,  B.  II,  Kap.  III;  II,  S.  69,  B.  IV,  Kap.  V;  »» d
vor  allem:  II,  S.  152,  B.  IV,  Kap.  IX.  ,

2 )  „Ohne  alle  Einmischung  des  Gesetzes  bewegen  also  schon  Privatinteresse  ®»
Leidenschaften  die  Menschen,  das  Kapital  der  Gesellschaft  unter  die  verschiede»®
Unternehmungen  möglichst  in  dem  Verhältnisse  zu  verteilen,  welches  dem  Intere® 6
der  ganzen  Gesellschaft  am  angemessensten  ist“  (II,  S.  125,  B.  IV,  Kap.  VII,  Ted.  ^
Daß  die  Anwendung  des  Wortes  „Leidenschaften“  (oder  Neigungen)  keine  zufällig® 1 ^’
geht  schon  daraus  hervor,  daß  es  sich  dreimal  auf  der  Seite  des  zitierten  Textes  fi®  e

3 )  Völkerreichtum  I,  S.  243,  B.  III,  Kap.  IV.

4 )  Völkerreichtum  I,  S.  165,  B.  II,  Kap.  I  am  Ende.

“1  Völkerreichtum  I,  S.  206,  B.  II,  Kap.  IV  am  Anfang.

6 )  Völkerreichtum  I,  S.  172,  B.  II,  Kap.  II.
        <pb n="118" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

95

i

sich  daher  auf  die  Menschen  als  Masse  und  nicht  auf  dieses  oder  jenes,
besonders  herausgegriffene  Individuum  beziehen.  —  Sicherlich  leugnet
Smith  nicht,  daß  der  Mensch  sein  wirkliches  Interesse  verkennen  oder
in  Unkenntnis  darüber  sein  kann.  Soeben  führten  wir  eine  charakteristische ­
  Stelle  an,  wo  er  dies  buchstäblich  in  Hinsicht  auf  die  Bankiers
versichert,  die  manchmal  zuviel  Noten  ausgeben,  und  so  ihren  eigenen
Vorteil  mißverstehen.
Unter  diesen  Vorbehalten  aber,  und  auch,  wenn  man  alle  die  Abschwächungen, ­
  die  Smith  selbst  seinem  Prinzip  zugesteht,  in  Betracht
zieht,  bleibt  es  wahr,  daß  er  als  allgemeine  These  „das  natürliche  Streben
eines  jeden  Menschen,  seine  Lage  zu  verbessern“,  das  „Selbstinteresse
—  wir  sagen  nicht  Egoismus!  —  als  -den  grundlegenden  psychologischen
Faktor  in  der  Volkswirtschaft  hinstellt.  Und  sobald  man  ihm  von  Geschäftsleuten ­
  spricht,  die  als  Richtschnur  ihres  Verhaltens  das  Allgemeininteresse ­
  nehmen  wollen,  antwortete  er  mit  einem  Skeptizismus,  dem
plan  sich  kaum  entziehen  kann:  „Ich  habe  niemals  gesehen,  daß  diejenigen ­
  viel  Gutes  bewirkt  hätten,  welche  die  Miene  annahmen,  für  das
allgemeine  Beste  Handel  zu  treiben.  Es  ist  indes  diese  Affektion  unter
Kaufleuten  auch  nicht  sehr  häufig,  und  es  bedarf  nur  weniger  Worte,
sie  davon  abzubringen“ 1 ).  Damit  soll  nicht  gesagt  sein,  daß  das  Gefühl
nicht  eine  Rolle,  sogar  eine  bedeutende  Rolle  in  der  Philosophie  Smith’s
s Pielt,  aber  das  Gefühl,  oder  wie  er  sagt,  die  Sympathie  hat  ihr  eigenes
Keich,  die  Welt  der  Moral,  während  in  der  wirtschaftlichen  Welt  der
Kutzen  herrscht.
Wir  können  daher  den  letzten  Grundgedanken  Smith’s  dahin  zu-  ^
sammenfassen,  daß  eine  selbsttätige  wirtschaftliche  Ordnung  besteht,
die  durch  das  Selbstinteresse  des  Einzelwesens  begründet  ist  und  er-.
halten  wird.
Es  ist  interessant,  diese  Auffassung  mit  der  der  natürlichen  und
Wesentlichen  Gesellschaftsordnung,  wie  sie  die  Physiokraten  aufstellten,
zu  vergleichen.  Für  diese  ist  die  natürliche  Ordnung  ein  ideales  System,
eine  ideale  Ordnung:  nur  ein  Genie  hat  sie  entdecken  können,  ein  aufgeklärter ­
  Despotismus  muß  sie  ausführen.  Für  SmIth  ist  die  selbsttätige
Ordnung  eine  Tatsache.  Sie  ist  nicht  erst  zu  schaffen,  sie  besteht  schon
beute.  Sie  wird  allerdings  durch  „hundert  arge  Hindernisse  ,  die  sich
aus  der  „Torheit  der  menschlichen  Gesetze“ 2 )  ergeben,  gehemmt,  trotzdem ­
  aber  setzt  sie  sich  durch.  Unter  all  dem  gekünstelten  der  Gesellschafts-Verfassung
  gibt  es  schon  heute  eine  natürliche  Verfassung,  die  jene
beherrscht.  Diese  natürliche  Verfassung  ist  für  die  Physiokraten  noch
9  Völkerreichtum  II,  S.  17,  B.  IV,  Kap.  II.  Nachdem  er  soeben  gesagt  hat:
’&amp;gt;"erfolgt  er  sein  eigenes  Interesse,  so  befördert  er  das  der  Nation  weit  wirksamer,  als
Wenn  er  dieses  wirklich  zu  befördern  die  Absicht  hätte.“
2 )  Völkerreichtum  II,  S.  69,  B.  IV,  Kap.  V.
        <pb n="119" />
        96

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

ein  zukünftiges  Ideal;  Smith  jedoch  entdeckt  ihren  Mechanismus  und
beschreibt  ihr  Räderwerk.  Die  Nationalökonomie,  die  bei  Quesnay
noch  in  der  Hauptsache  ein  Rechtssystem  war,  nimmt  bei  ihm  den  Charakter ­
  einer  Naturwissenschaft  an,  die  sich  auf  die  Beobachtung  und  die
Analyse  der  Wirklichkeit  gründet.  —  In  einem  berühmten  Satze  führt
Smith  selbst  mit  seiner  gewöhnlichen  Einfachheit  aus,  wie  sehr  seine
Auffassung  der  der  Physiokraten  überlegen  ist:  „Gewisse  theoretisierende
Ärzte  scheinen  sich  eingebildet  zu  haben,  daß  die  Gesundheit  des  menschlichen ­
  Körpers  nur  durch  eine  genau  bestimmte  Diät  und  Bewegung
erhalten  werden  könne,  und  daß  jede,  auch  die  kleinste  Abweichung
davon  notwendig  einen  Grad  von  Krankheit  oder  Unpäßlichkeit  verursachen ­
  müsse,  der  dem  Grade  der  Abweichung  angemessen  sei  ...  •
Qüs^nay,  der  selbst  Arzt,  und  zwar  ein  theoretisch  sehr  interessierter
Arzt  war,  scheint  von  dem  Staatskörper  einen  ähnlichen  Begriff  gehabt
und  sich  eingebildet  zu  haben,  daß  derselbe  nur  bei  einer  gewissen,  genau
bestimmten  Diät,  bei  der  strengen  Diät  vollkommener  Freiheit  und  vollkommener ­
  Gerechtigkeit,  blühen  und  gedeihen  könne.  Es  scheint,  daß
er  nicht  in  Erwägung  zog,  wie  in  dem  Staatskörper  das  natürliche  Bestreben ­
  jedes  Menschen,  ssine  Lage  zu  Verbessern,  ein  Prinzip  der  Selbsterhaltung ­
  ist,  wodurch  die  schlimmen  Folgen  einer  parteiischen  und  drücken*
den  Staatswirtschaft  mannigfach  abgewendet  und  erleichtert  werden
können.  Eine  solche  politische  Ökonomie  hält  zwar  den  natürlichen  Fortschritt ­
  einer  Nation  zu  Reichtum  und  Wohlstand  mehr  oder  wenige 1
auf,  aber  sie  ist  doch  nicht  immer  imstande,  ihn  gänzlich  zu  hemmen
oder  wohl  gar  rückgängig  zu  machen.  Wenn  eine  Nation  ohne  den  Genuß
vollkommener  Freiheit  und  vollkommener  Gerechtigkeit  nicht  gedeihen
könnte,  so  gäbe  es  in  der  ganzen  Welt  keine  Nation,  die  es  hätte  zum
Wohlstand  bringen  können.  Die  Weisheit  der  Natur  hat  aber  in  den
Staatskörper  glücklicherweise  reichliche  Mittel  gelegt,  so  manche  schlimm 0
Folgen  menschlicher  Torheit  und  Ungerechtigkeit  zu  heilen,  gerade  wie
sie  auch  dem  menschlichen  Körper  die  Mittel  verliehen  hat,  die  üble 11
Folgen  der  Trägheit  und  Unmäßigkeit  abzuwenden“ 1 ).

Diese  Ausführungen  bringen  uns  dazu,  jetzt  den  zweiten  Grundgedanken ­
  Smith’s  zu  besprechen:  die  Vortrefflichkeit  der  spontan  entstandenen ­
  wirtschaftlichen  Einrichtung.  Die  Idee  von  der  Selbstentstehung
  und  die  von  der  Vortrefflichkeit  der  wirtschaftlichen  Einrich'
tungen  muß,  wie  wir  gesagt  haben,  der  Geschichtsschreiber  der  Doktrinen ­
  voneinander  unterscheiden.  Bei  Smith  gehen  sie  ineinander  übe f '
Sein  Naturalismus  ist  eins  mit  seinem  Optimismus,  und  in  demselben

*)  Völkerreichtum  II,  S.  151—152,  B.  IV,  Kap.  IX.
        <pb n="120" />
        Satze  spricht  er  ohne  Einschränkung  von  beiden  zugleich.  Die  Stelle,
die  wir  eben  angeführt  haben,  beweist  dies.  Der  persönliche  Nutzen,
■der  jeden  wirtschaftlichen  Organismus  schafft  und  erhält,  sichert  gleichzeitig ­
  „den  Fortschritt  einer  Nation  im  Reichtum  und  Wohlstand“.  So
sind  die  Einrichtungen,  die  er  hervorruft,  nicht  nur  natürlich,  sondern
auch  heilsam.  Sie  interessieren  Smith  nicht  nur  als  Gegenstand  seiner
wissenschaftlichen  Beobachtung,  sondern  auch  als  Mittel  des  öffentlichen
Wohlstandes,  und  hierauf  konzentriert  sich  sogar  sein  Hauptinteresse,
denn  die  Nationalökonomie  ist  ihm  mehr  eine  Kunst  der  Praxis  als  eine
Wissenschaft 1 ),
Dies  genügt  jedoch  noch  nicht.  Die  natürlichen  wirtschaftlichen
Einrichtungen  sind  mehr  als  nur  gut:  für  Smith  sind  sie  von  der  göttlichen ­
  Vorsehung  gegeben,  die  in  das  Herz  des  Menschen  jenen  Wunsch,
seine  Lage  zu  verbessern,  gepflanzt  hat,  aus  dem  die  natürliche  Gesellschaftsordnung ­
  entstanden  ist,  so  daß  der  Mensch,  der  diesem  Wunsche
öachgibt,  in  Wirklichkeit  nur  die  wohlwollenden  Absichten  Gottes  erfüllt.
In  der  Verfolgung  seines  Nutzens  „wird  er  in  diesen  wie  in  vielen  anderen
Fällen“  (sagt  er,  indem  er  von  der  Verwendung  von  Kapitalien  spricht)
»von  einer  unsichtbaren  Hand  geleitet,  daß  er  einen  Zweck  befördern
muß,  den  er  sich  in  keiner  Weise  vorgesetzt  hatte“ 2 ).  Die  Physiokraten
drückten  sich  kaum  anders  aus.
Der  Optimismus  Smith’s  wird  heute  kaum  noch  geteilt.  In  der
Geschichte  der  Ideen  aber  hat  er  eine  zu  große  Rolle  gespielt,  als  daß
Wir  uns  nicht  einen  Augenblick  mit  ihm  beschäftigen  müßten.  Untersuchen ­
  wir  die  Gründe,  auf  die  er  ihn  stützt,  und  ihre  wirkliche  Tragweite! ­

Es  ist  zunächst  zu  bemerken,  daß  jedes  der  bisher  gegebenen  Beispiele ­
  von  der  Selbstentstehung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen  zu
gleicher  Zeit  einen  Beweis  für  die  wohltätigen  Wirkungen  des  Selbstinteresses ­
  liefert.  Mit  einer  Gleichmäßigkeit,  die  nichts  Zufälliges  hat,
sind  alle  von  Smith  der  allgemeinen  Wirksamkeit  dieses  Beweggrundes
zugeschriebenen  Einrichtungen  für  den  wirtschaftlichen  Fortschritt
vorteilhaft.  Die  Arbeitsteilung,  die  Erfindung  des  Geldes,  die  Kapitalunsammlung ­
  sind  ebensoviele  natürliche,  gesellschaftliche  Tatsachen,
die  den  Reichtum  vermehren.  Die  Anpassung  des  Warenangebotes  an
die  Nachfrage,  die  Verteilung  des  Geldes  gemäß  den  Bedürfnissen  des
Umlaufs,  das  von  der  gesellschaftlichen  Nachfrage  geregelte  Wachstum
1  „Der  große  Zweck  der  politischen  Ökonomie  jedes  Landes  ist  aber,
-en  Reichtum  und  die  Macht  dieses  Landes  zu  vermehren“  (I,  S.  219,  B.  II,  Kap.  V).
"ieser  Ausdruck:  „politische  Ökonomie  jedes  Landes“,  den  Smith  oft  anwendet,  läßt
sich  gegen  die  anwenden,  die,  wie  Knies,  den  Universalismus  oder  den  Internationalismus
Smith’s  angreifen.
*)  Völkerreichtum  II,  S.  17,  B.  IV,  Kap.  II.
Gide  u.  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinnngen.  2.  Aufl.  7
        <pb n="121" />
        98

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

der  Bevölkerung,  sind  alles  ebenfalls  ursprüngliche  Erscheinungen,  diedas
  gute  Funktionieren  der  wirtschaftlichen  Gesellschaft  sicherstellen.
So  ergibt  sich  für  den  Leser  aus  der  Darstellung  Smith’s  selbst  der  immer
wiederkehrende  Eindruck,  als  ob  die  selbstentstandenen  Einrichtungen
zur  gleichen  Zeit  die  besten  wären.
Außer  dieser  allgemeinen  Beweisführung,  die  sich  in  gewisser  Weise
über  das  ganze  Werk  erstreckt,  hat  Smith  in  einem  besonderen  Punkte
die  Übereinstimmung  des  Privat-  mit  dem  Allgemeinnutzen  direkt  beweisen ­
  wollen,  nämlich  mit  Hinsicht  auf  die  Anlage  von  Kapitalien.  Nach
seiner  Ansicht  suchen  und  finden  die  Kapitalien  von  selbst  die  dem  Gesellschaftsinteresse ­
  günstigsten  Anlagen.  Seine  Beweisführung  scheint
sich  nur  auf  einen  bestimmten  Fall  zu  erstrecken.  Sie  hat  aber  in  Wirklichkeit ­
  eine  viel  allgemeinere  Bedeutung.  Die  überwiegende  Rolle,  die
Smith  dem  Kapital  zuspricht,  ist  bekannt:  von  der  Ausdehnung  de&amp;amp;
Kapitals  hängt  die  Arbeitsteilung  ab  und  folglich  auch  die  Fülle  der  Produktion; ­
  das  Kapital  lenkt  die  Arbeit  und  setzt  der  Bevölkerung  ihre
Grenzen.  Wenn  man  daher  beweisen  kann,  daß  die  Anlage  der  Kapitalien
in  völliger  Übereinstimmung  mit  dem  allgemeinen  Interesse  geschieht,
so  wird  hierdurch  auch  bewiesen,  daß  die  ganze  Produktion  in  der  Weise
organisiert  ist,  die  den  nationalen  Wohlstand  am  meisten  begünstigt.
Wie  geht  Smith  nun  hier  zu  Werke?
Er  unterscheidet  vier  Hauptanlageformen,  die  für  die  Kapitalien
in  Betracht  kommen:  Landwirtschaft,  Industrie,  Groß-  und  Kleinhandel.
Er  unterscheidet  weiter  im  Großhandel  drei  Unterabteilungen:  den
Innenhandel,  den  Import-Außenhandel,  der  der  Nation  fremde
Waren  liefert,  und  den  Transporthandel  (carrying  trade),  der  die
Waren  eines  fremden  Landes  in  ein  anderes  fremdes  Land  führt.  Die
Reihenfolge,  in  der  wir  diese  verschiedenen  Tätigkeitsformen  aufzählen,
ist  der  Rang  selbst,  den  Smith  ihnen  nach  ihrer  mehr  oder  weniger  großen
Nützlichkeit  für  ein  Land  einräumt.  Die  Landwirtschaft  ist  die  vorteilhafteste, ­
  dann  kommt  die  Industrie,  dann  der  Innenhandel  und  so  fort.
Diese  Stufenleiter  stellt  Smith  auf  Grund  zweier  Kriteria  auf.  Erstens,
die  Menge  der  produktiven  Arbeit,  die  das  Kapital  in  Bewegung  setzt;
zweitens,  die  Menge  der  tauschbaren  Werte,  die  jede  dieser  Tätigkeiten
jährlich  zum  Nationaleinkommen  beiträgt.  In  dem  Maße,  wie  man  von
der  Landwirtschaft  zu  den  anderen  Zweigen  übergeht,  wird  die  Menge
der  in  Bewegung  gesetzten  produktiven  Arbeit  und  der  erhaltenen  tauschbaren
  Werte  stetig  geringer,  und  damit  ebenfalls  ihr  Nutzen  für  das  Land.
Es  liegt  daher  im  Interesse  eines  Volkes,  seine  Kapitalien  in  diesen  verschiedenen ­
  Formen,  und  zwar  in  derselben  Reihenfolge,  wie  Smith  sie
anführt,  angelegt  zu  sehen.  Die  Landwirtschaft  ist  vorzuziehen,  «nd
dann  erst  kommen  die  anderen  Formen  in  Betracht,  je  nachdem  die
wachsende  Ansammlung  von  Kapitalien  es  gestattet.
        <pb n="122" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

99

Das  ist  nun  gerade,  was  die  sich  selbst  überlassenen
Kapitalisten  aus  eigenem  Antriebe  tun.  Es  liegt  nämlich  im
Interesse  eines  jeden,  seine  Kapitalien  in  möglichster  Nähe  seines  Wohnortes ­
  anzulegen,  um  sie  besser  überwachen  zu  können.  Er  wird  sie  daher
erst  zu  allerletzt  im  Außenhandel  aufs  Spiel  setzen.  Außerdem  wird
jeder  Kapitalist  unter  den,  wie  dargelegt,  vorzuziehenden  heimischen
Industrien  zuerst  die  wählen,  aus  der  der  größte  Tauschwert  sich  ergibt,
da  die  Größe  seines  Vorteils  von  der  Größe  dieses  Wertes  bestimmt  wird.
Er  wird  daher  seine  Anlage  in  der  soeben  angeführten  Reihenfolge  wählen,
die  mit  den  mehr  oder  weniger  großen  Werten,  die  jede  Industrie  schafft,
übereinstimmt.  Und  endlich  wird  er,  wenn  er  sich  auf  den  Außenhandel
einläßt,  aus  dem  gleichen  Grunde  die  weiter  oben  erwähnte  Folge  einhalten,
  d.  h.  die,  die  am  meisten  mit  dem  allgemeinen  Nutzen  übereinstimmt. ­
  So  wird  also  das  doppelte  Bestreben,  seine  Kapitalien  unter  Augen
zu  haben,  und  aus  ihnen  den  größten  Gewinn  zu  ziehen,  jeden  Kapitalisten ­
  dazu  bringen,  sein  Kapital  in  der  für  das  Volk  vorteilhaftesten
Weise  anzulegen.
Dies  ist  die  Beweisführung.  Was  ist  sie  wert?
Auch  wenn  man  die  Kriteria  Smith’s  annimmt,  ist  es  doch  klar,
daß  seine  Stufenleiter  der  verschiedenen  Industrien  durchaus  willkürlich ­
  gewählt  ist.  Wie  kann  man  z.  B.  behaupten,  daß  ein  industrielles
Unternehmen  oder  ein  Reeder,  der  fremde  Waren  transportiert,  weniger
heute  beschäftigt  als  eine  landwirtschaftliche  Gutsverwaltung?  Das
Gegenteil  würde  der  Wahrheit  näher  kommen  und  die  Landwirtschaft
müßte  logisch  einen  bescheideneren  Platz  einnahmen.  Auch  läßt  sich
die  Idee,  eine  solche  Stufenleiter  aufzustellen,  nicht  gut  mit  der  Theorie
der  Arbeitsteilung,  die  die  Gleichwertigkeit  der  verschiedenen  Formen
der  menschlichen  Tätigkeit  rühmt,  in  Einklang  bringen.
In  Wirklichkeit  aber  sind  die  Kriteria  Smith’s  unannehmbar.  Er
betrachtet  das  Steigen  der  tauschbaren  Werte,  die  eine  Industrie  liefert,
als  Beweis,  daß  sie  für  die  Gesellschaft  vorteilhafter  ist.  Was  aber  beweist ­
  dieses  Steigen?  Einfach,  daß  die  Nachfrage  nach  einer  solchen
Ware  größer  ist  als  die  Nachfrage  nach  einer  anderen.  Wenn  die
Kapitalien  von  selbst  diesen  Industrien  zustreben,  so  wird  damit
nur  bewiesen,  daß  die  gesellschaftliche  Nachfrage  von  selbst
auf  Befriedigung  drängt.  Die  gesellschaftliche  Nachfrage  braucht  aber
nicht  notwendigerweise  mit  dem  gesellschaftlichen  Nutzen
übereinzustimmen.  Die  Nachfrage  ergibt  sich  aus  dem  Begehren  der
Menschen  und  der  vorhergehenden  Verteilung  der  Einkünfte  unter  sie.
Meder  dieses  Begehren,  noch  diese  Verteilung  stehen  notwendigerweise
in  Übereinstimmung  mit  dem  größten  gesellschaftlichen  Nutzen,  und  die
Produktion,  die  davon  abhängt,  hat  mit  ihm  ebenfalls  keinen  engeren
Zusammenhang.  Smith  scheint  das  auch  gefühlt  zu  haben  und  stellt
7*
        <pb n="123" />
        100

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

deshalb  noch  ein  anderes  Kriterium  auf:  die  vom  Kapital  in  Bewegung
gesetzte  produktive  Arbeit.  Wenn  das  richtig  wäre,  so  würden  die  Industrien, ­
  die  die  wenigsten  Maschinen  und  die  meisten  Hände  beschäftigen,
dem  Volk  am  nützlichsten  sein,  was  unhaltbar  ist.
Die  modernen  Hedonisten  haben  ebenfalls  den  Beweis  versucht,
daß  die  freie  Konkurrenz  danach  strebt,  die  Produktion  so  zu  leiten,
daß  das  Maximum  der  Ophelimität  verwirklicht  wird,  d.  h.  daß  die  jeweiligen ­
  Bedürfnisse  des  Marktes  bestmöglich  befriedigt  werden.  Sie
unterlassen  aber  nicht,  darauf  hinzuweisen,  daß  gesellschaftlicher
Nutzen  und  Ophelimität  zwei  Ausdrücke  sind,  die  nicht  zusammengeworfen ­
  werden  dürfen;  auch  geben  sie  zu,  daß  sie  nicht  imstande
sind,  ein  wissenschaftliches  Kriterium  für  den  gesellschaftlichen  Nutzen
zu  finden.
Die  Beweisführung  Smith’s  kann  daher  nicht  als  endgültig  angenommen ­
  werden;  sie  steht  auf  zu  schwachen  Füßen.  Vergessen  wir  aber
nicht,  daß  der  Optimismus  Smith’s  viel  weniger  auf  dieser  besonderen
Beweisführung  ruht  als  auf  der  Gesamtheit  der  Beobachtungen,  die  er
in  seinem  Buche  vorträgt.  Der  Gedanke  einer  Harmonie  des  Privatund
  des  Allgemein-Interesses  erscheint  bei  ihm  nicht  mit  der  Straffheit
eines  a  priori  bewiesenen  Lehrsatzes,  der  keine  Ausnahme  zuläßt,  sondern
vielmehr  als  ein  allgemeiner  Gesichtspunkt,  als  ein  Schluß  aus  wiederholten ­
  Beobachtungen,  als  eine  Zusammenfassung  seiner  eingehenden
Untersuchungen  im  ganzen  Bereich  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen.
Eine  Wahrheit,  die  durch  die  Beweisführung  in  einem  besonderen  Fall
wohl  bestätigt  werden  kann,  die  sich  aber,  viel  mehr  noch  als  auf  diese
Beweisführung,  auf  die  Erfahrung  gründet,  die  Erfahrung  der  ganzen
Geschichte,  auf  Grund  derer  Smith  im  Körper  der  Gesellschaft,  ebenso
wie  im  Körper  der  Menschen,  ein  lebendiges  Prinzip  der  Heilung  und
des  Fortschrittes  findet.  Smith  wäre  der  erste  gewesen,  der  sich  geweigert ­
  hätte,  dieser  Annahme  eine  absolute  Form  zu  geben.  Er  begnügt
sich  damit,  zu  sagen:  „Sehr  oft',  „in  den  meisten  Fällen“  wird  das  allgemeine ­
  Interesse  durch  die  selbsttätige  Handlung  des  persönlichen
Interesses  befriedigt.  Auch  ist  er  der  erste,  hervorzuheben  (wie  z.  B.
bei  den  Kaufleuten  und  den  Fabrikanten),  daß  in  gewissen  Fällen  das
Privatinteresse  nicht  mit  dem  allgemeinen  Interesse  Übereins  timmt.
Hierfür  ließen  sich  noch  viele,  ebenso  charakteristische  Stellen  anführen.
So  hat  sein  Optimismus  nichts  Absolutes  an  sich.
Ebensowenig  ist  sein  Optimismus  unbeschränkt.  Man  kann  leicht
sehen,  daß  er  sich  nur  auf  die  Produktion  der  Güter  erstreckt.  Niemals
hat  Smith  behauptet,  und  das  unterscheidet  den  großen  schottischen
Nationalökonomen  von  den  Optimisten  der  Schule  Bastiat’s,  daß  die
Güterverteilung  sich  dem  Ideal  der  Gerechtigkeit  nähere.  Hier  macht
sein  Optimismus  Halt.  Im  Gegenteil,  Smith  konstatiert,  daß  die  Grund-
        <pb n="124" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

101

besitzer,  wie  die  Kapitalisten  „gern  dort  ernten,  wo  sie  nicht  gesät  haben“,
—  er  weist  auf  die  Ungleichheit  der  sozialen  Lage  hin,  die  dem  Arbeitgeber ­
  bei  der  Festsetzung  des  Lohnes  den  Vorteil  über  den  Arbeitnehmer
gibt 1 ).  —  Zins  und  Rente  sind,  wie  wir  gesehen  haben,  an  mehr  als  einer
Stelle  als  Abzüge  von  dem  Arbeitserträge  dargestellt 2 ),  so  daß  Smith
wohl  als  der  wahre  Vorläufer  des  Sozialismus  angesehen  werden  könnte.
Er  sträubt  sich  durchaus  nicht,  anzuerkennen,  daß  (ausgenommen  in
den  Kolonien),  Rente  und  Kapitalgewinn  den  Arbeitslohn  aufzehren,
und  daß  die  beiden  höheren  Stände  des  Volkes  den  niederen  unterdrücken ­
 3 ).
Es  ist  um  so  wichtiger,  diese  Urteile  zu  verzeichnen,  weil  man  oft
annimmt,  daß  der  Optimismus  Smith’s  sich  ebenso  auf  die  Verteilung
als  auf  die  Produktion  erstrecke.  Smith  hat  dazu  einen  viel  zu  gesunden
Menschenverstand.  J.-B.  Say  selbst  drückt  bis  in  die  letzten  Ausgaben
seines  „Traitö“  Zweifel  an  der  Gerechtigkeit  der  Güterverteilung  aus 4 ).
In  Wirklichkeit  hat  sich  Smith  mit  dieser  Frage  nicht  befaßt;  erst  später,
als  die  Sozialisten  auf  die  Bedeutung  dieser  Frage  hingewiesen  hatten,
hat  man  als  Reaktion  dagegen  die  Auffassung  von  der  Vortrefflichkeit
der  selbstentstandenen  wirtschaftlichen  Einrichtungen  auch  auf  die
Güterverteilung  ausgedehnt.
So  darf  daher  der  Optimismus  Smith’s  nicht  mit  dem  der  modernen
Hedonisten,  noch  mit  dem,  den  Bastiat  späterhin  zur  Bekämpfung
des  Sozialismus  konstruierte-,  verwechselt  werden.  Er  hat  weder  die
wissenschaftliche  Schärfe  des  ersten  noch  die  apologetische  Tendenz
des  zweiten.  Er  ist  kaum  mehr  als  der  Wiederschein  jener  ein  wenig
kindlichen  Vertrauensseligkeit,  die  das  ganze  18.  Jahrhundert  der  Güte
der  Natur  entgegenbrachte,  und  ist  mehr  der  Ausdruck  eines  tiefen  Gefühls ­
  als  der  Schluß  aus  einer  scharf  gefaßten  Beweisführung.
§  3.  Die  wirtschaftliche  Freiheit  und  die  Theorie  vom
internationalen  Handel.
Das  praktische  Ergebnis  des  Naturalismus  und  des  Optimismus
Smith’s  ist  selbstverständlich  die  wirtschaftliche  Freiheit.  Sie  ergibt
b  Völkerreichtum  I,  S.  37,  B.  I,  Kap.  VIII.  Die  Meister  haben  die  Oberhand ­
  in  diesen  Streitigkeiten:  1.  „da  sie  sich  leichter  verbinden  können“;  2.  da  sie
® s  »viel  länger  aushalten  können“  dank  ihrer  Hilfsmittel;  „viele  Arbeiter  dagegen
können  nicht  eine  Woche,  wenige  nur  einen  Monat  und  kaum  einer  ein  Jahr  ohne  Beschäftigung ­
  bestehen“.
a )  Vgl.  oben  S.  86.
3 )  Völkerreichtum  II,  S.  86,  B.  IV,  Kap.  VII,  Teil  2,  am  Anfang.
4 )  Say  wirft  betreffs  der  Arbeiterklasse  die  Frage  auf:  „Ist  es  wirklich  so
3 *cher,  daß  ihr  Anteil  am  Erzeugnis  ganz  genau  im  Verhältnis  zu  dem
Anteil,  den  sie  an  der  Erzeugung  nimmt,  steht?“  (Traitö,  Ausg.  6,  S.  116).
        <pb n="125" />
        102

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

sich  mit  solcher  Notwendigkeit  aus  Allem,  was  wir  soeben  gesagt  haben,
daß  der  Leser  ganz  darauf  vorbereitet  ist,  wenn  er  am  Ende  des  vierten
Buches,  nachdem  Smith  das  merkantilistische  System  und  das  der  Physiokraten
  untersucht  hat,  den  folgenden  berühmten  Satz  findet:
„Bäumt  man  also  alle  Begünstigungs-  oder  Beschränkungssysteme
völlig  aus  dem  Wege,  so  stellt  sich  das  klare  und  einfache  System  der
natürlichen  Freiheit  von  selbst  her.  Jeder  Mensch  hat,  solange  er  nicht
die  Gesetze  der  Gerechtigkeit  Übertritt,  vollkommene  Freiheit,  sein
Interesse  auf  seine  eigene  Weise  zu  verfolgen  und  seine  Industrie  sowohl
als  sein  Kapital  mit  der  Industrie  und  den  Kapitalien  anderer  Menschen
oder  anderer  Klassen  von  Leuten  in  Konkurrenz  zu  bringen.“  Was  die
Begierung,  oder  wie  Smith  sagt,  das  „Staatsoberhaupt“  anlangt,  „so
wird  es'  dadurch  gänzlich  einer  Pflicht  entbunden,  bei  deren  Ausübung
es  immer  unzähligen  Täuschungen  ausgesetzt  sein  muß,  und  zu  deren
richtiger  Erfüllung  keine  menschliche  Weisheit  und  Kenntnis  hinreicht,
der  Pflicht  nämlich,  die  Industrie  der  Privatleute  zu  überwachen  und
sie  auf  die  dem  Interesse  der  Gesellschaft  zuträglichsten  Gewerbe  hinzuleiten“ ­
 1 ).
Die  Nichteinmischung  des  Staates  in  das  Wirtschaftsleben:  das
ist  daher  der  Grundsatz,  zu  dem  Smith,  nach  den  Physiokraten,  aber
auf  einem  umfassenderen  und  wissenschaftlicheren  Wege  gelangt.
Aber  hier  wie  in  seinem  ganzen  Buche,  wird  Smith  vom  dem  Bewußtsein ­
  des  Positiven  und  des  Konkreten,  das  bei  ihm  so  ausgeprägt
ist,  daran  gehindert,  sich  mit  einer  allgemeinen  Beweisführung  zu  begnügen. ­
  Es  genügt  ihm  nicht,  das  Nutzlose  der  Einmischung  des  Staates
gegenüber  der  von  der  Gesellschaft  spontan  geschaffenen  Einrichtungen
zu  beweisen.  Es  liegt  ihm  vielmehr  daran,  nachzuweisen,  daß  der  Staat
infolge  seiner  ganzen  Natur  ungeeignet  ist,  sich  wirtschaftlich  zu  betätigen. ­
  Seine  Gründe  füllen  die  Büstkammer,  der  seit  ihm  alle  Gegner
des  Staatssozialismus  (etatisme)  ihre  Waffen  entnommen  haben.  Wir
führen  sie  kurz  an.
„Es  gibt“,  sagt  er,  „keine  zwei  Charaktere,  die  sich  weniger  miteinander ­
  zu  vertragen  scheinen  (die  so  „inkonsistent“  sind),  als  der  Charakter ­
  eines  Kaufmanns  und  der  eines  Fürsten“ 2 ).  Die  Begierungen
„sind  selbst  immer  und  ohne  alle  Ausnahme  die  größten  Verschwender
in  der  Gesellschaft“ 3 ).  Die  Gründe  hierfür  sind  zahlreich.  Erstens  verwenden ­
  sie  das  Geld  der  Anderen,  und  man  geht  stets  mit  dem  Geld
Anderer  verschwenderischer  um,  als  mit  seinem  eigenen.  Und.  weiter

l )  Völkerreichtum  II,  S.  160,  B.  IV,  Kap.  IX,  am  Ende.
*)  Völkerreichtum  II,  S.  239,  B.  V,  Kap.  II,  Teil  1.  Er  nimmt  nur  die  Post
aus  —  „vielleicht  das  einzige  kaufmännische  Unternehmen,  welches,  glaube  ich,  von
jeder  Regierung  mit  gutem  Erfolge  betrieben  worden  ist“.
*)  Völkerreichtum  I,  S.  204,  B.  II,  Kap.  III.
        <pb n="126" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

103

steht  die  Regierung  den  einzelnen  Unternehmungen  viel  zu  fern,  um
ihnen  jene  genaue  Aufmerksamkeit  widmen  zu  können,  die  für  ihr  Gedeihen ­
  notwendig  ist.  „Die  Fürsorge  des  Staates  kann  im  besten  Falle
doch  nur  eine  ganz  allgemeine  und  unbestimmte  Aufmerksamkeit  auf
das  sein,  was  zum  besseren  Anbau  des  größten  Teiles  seines  Gebietes
etwa  dienen  dürfte.  Die  Fürsorge  des  Grundherrn  hingegen  ist  eine  ganz
bestimmte,  bis  ins  kleinste  gehende  Aufmerksamkeit  darauf,  wie  er  jeden
Fußbreit  Landes  aufs  vorteilhafteste  nutzen  könne“ 1 ).
Diese  zu  einer  guten  Bewirtschaftung  des  Bodens  und  der  Kapitalien ­
  notwendige,  eingehende  und  unmittelbare  Überwachung  ist  ein
Gedanke,  zu  dem  er  oft  zurückkehrt.  Daher  bedauert  er  unter  anderen
auch  das  Anwachsen  der  öffentlichen  Schuld,  denn  sie  läßt  einen  Teil
des  Bodens  und  des  Nationalvermögens  in  die  Hände  von  Rentiers  übergehen, ­
  die  zweifelsohne  zwar  ein  Interesse  an  der  guten  Verwaltung  des
Landes  haben,  jedoch  „der  gute  Anbau  irgendeines  bestimmten  Stückes
der  Ländereien  oder  die  gute  Verwendung  irgendeines  bestimmten
Kapitals“ 2 )  liegt  außerhalb  ihrer  Interessen.  Alles  in  allem  ist  der  Staat
«in  schlechter  Verwalter,  weil  seine  Beamten  nachlässig  und  verschwenderisch ­
  sind,  weil  sie  kein  direktes  Interesse  an  der  Verwaltung  haben,
sondern  aus  den  öffentlichen  Kassen  bezahlt  werden.  Bei  dem  Gedanken,
die  ganze  Verwaltung  des  Bodens  in  die  Hände  des  Staates  zu  legen,
ruft  er  aus:  „mit  der  nachlässigen,  kostspieligen  und  drückenden  Verwaltung ­
  seiner  Faktoren  und  Agenten“  würde  nicht  der  vierte  Teil  der
jetzigen  Produktion  erzeugt  werden 3 ).  Er  schlägt  im  Gegenteil  vor,  daß
der  Rest  der  Domänen  unter  Privatpersonen  verteilt  werde.  In  dieser
Hinsicht  haben  die  europäischen  Regierungen  seine  Ratschläge  nur  zu
gut  befolgt 4 ).  Aus  demselben  Grund  (das  persönliche  Interesse  anzustacheln), ­
  befürwortet  er  immer,  daß  überall  dort,  wo  es  möglich  ist,
die  Besoldungen  der  Beamten  (anstatt  aus  einem  festen  Einkommen
zu  bestehen),  zum  Teil  von  denen,  die  ihrer  Dienste  bedürfen,  gezahlt
werden,  und  vor  allem  sollen  sie  im  Verhältnis  zu  ihrem  Eifer  und  zu
ihrem  Fleiß  stehen  (z.  B.  für  die  Richter  und  Professoren) 5  6 ).
So  ist  die  Verwaltung  durch  den  Staat  stets  nur  ein  Notbehelf.
Das  Eingreifen  des  Staates  muß  streng  auf  die  Fälle  beschränkt
Werden,  wo  die  Tätigkeit  des  einzelnen  unmöglich  ist.  Smith  gesteht
ihm  bloß  drei  Funktionen  zu:  die  Justizverwaltung,  die  Landesverteidigung ­
  und  endlich  „die  Pflicht,  gewisse  öffentliche  Werke  und  Anstalten

1 )  Völkerreichtum  II,  S.  248,  B.  V,  Kap.  II,  Teil  2,  Abs.  1.
2 )  Völkerreichtum  II,  S.  311,  B.  V,  Kap.  III.
s )  Völkerreichtum  II,  S.  242,  B.  V,  Kap.  II,  Teil  1.
*)  Vgl.  im  besonderen  Bourgin,  Les  Communaux  et  la  Revolution  frangaise
in  der  Nouvelle  revue  historique  de  droit,  November-Dezember  1908.
6 )  Völkerreichtum  II,  S.  203ff.,  B.  V,  Kap.  I,  Teil  3,  Abs.  2.
        <pb n="127" />
        104

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

zu  errichten  und  zu  unterhalten,  deren  Errichtung  und  Unterhaltung
niemals  in  dem  Interesse  eines  Privatmannes  oder  einer  kleinen  Zahl
von  Privatleuten  liegen  kann,  weil  der  Gewinn  daran  niemals  einem
Privatmanne  oder  einer  kleinen  Zahl  von  Privatleuten  Entschädigung
gewähren  würde,  obgleich  er  eine  große  Nation  oft  mehr  als  schadlos
hält“ 1 ).
Hüten  wir  uns  aber,  seinen  Gedanken  zu  übertreiben.  Wenn  Smith
in  der  großen  Mehrzahl  der  Fälle  die  individuelle  Betätigung  vorzieht,
so  dürfen  wir  deshalb  nicht  auf  ein  unbegrenztes  Vertrauen  seinerseits
in  das  Individuum  schließen.  Der  Individualismus  Smith’s  ist  von  einer
ganz  besonderen  Art:  er  besteht  nicht  in  einer  blinden  Vorliebe  für  jedes
Privatunternehmertum.  Er  weiß,  daß  die  Industrie  ganz  natürlich  zum
Monopol  neigt.  „Leute  von  demselben  Gewerbe  kommen  selten  auch
nur  zum  Vergnügen  zusammen,  ohne  daß  ihre  Unterhaltung  mit  einer
Verschwörung  gegen  das  Publikum  oder  einem  Plane  zur  Erhöhung
der  Preise  endigt“ 2 ).  Damit  ein  Privatunternehmen  der  Allgemeinheit
nützlich  sei,  müssen  zwei  Bedingungen  gegeben  sein:  der  Unternehmer
muß  erstens  vom  persönlichen  Nutzen  getrieben  werden,  und  zweitens
muß  ihn  die  Konkurrenz  in  gerechten  Grenzen  halten.  Wenn  diese  beiden
Bedingungen  fehlen,  so  läuft  das  Publikum  Gefahr,  unter  einem  Privatunternehmen ­
  ebenso  wie  unter  einem  staatlichen  Unternehmen  zu  leiden.
So  ist  Smith  auch  ein  ausgesprochener  Gegner  gewisser  privater
Kollektivunternehmungen  wie  z.  B.  der  Aktiengesellschaften 3 ),  weil
das  persönliche  Interesse  dabei  verschwindet.  Nur  die  Banken,  die  Versicherungsgesellschaften, ­
  die  Gesellschaften  zum  Bau  und  zur  Unterhaltung ­
  von  Kanälen  und  die  Wasserversorgungsgesellschaften  größerer
Städte  entgehen  seiner  Mißbilligung;  denn  die  Leitung  dieser  Unternehmen ­
  kann  ganz  mechanisch  geführt  werden,  „oder  läßt  sich  auf  ein  so
einförmiges  Verfahren  zurückbringen,  daß  dabei  wenig  oder  kar  keine
Veränderung  vorkommt“ 4 ).  Um  so  mehr  ist  er  gegen  jedes  Monopol,
das  einer  Privatperson  oder  einer  Gesellschaft  gewährt  wird.  Er  widmet
ein  ganzes  Kapitel  der  Bekämpfung  jener  großen  im  17.  und  18.  Jahrhundert ­
  entstandenen  privilegierten  Gesellschaften,  die  sich  mit  der
Ausbeutung  des  Kolonialhandels  beschäftigten,  und  deren  berühmteste
die  Ostindische  Kompagnie  war.
Noch  eine  weitere  Bemerkung  drängt  sich  auf.  Für  Smith  ist  die
Nichteinmischung  des  Staates  ein  allgemeiner  Grundsatz,  aber  keine
absolute  Regel.  Er  ist  nichts  weniger  als  ein  Doktrinär.  Niemals  vergißt
er,  daß  zu  jeder  Regel  Ausnahmen  gehören.  Man  könnte  eine  interessante
*)  Völkerreichtum  II,  S.  160,  B.  IV,  Kap.  IX  am  Ende.
2 )  Völkerreichtum  I,  S.  75,  B.  I,  Kap.  IX,  Teil  2.
3 )  Völkerreichtum  II,  S.  191,  B.  V,  Kap.  I,  Teil  3,  Abs.  1,  §  2.
*)  Völkerreichtum  II,  S.  201,  B.  V,  Kap.  I,  Teil  3,  Abs.  1,  §  2.
        <pb n="128" />
        Kapitel  II,  Adam  Smith.

105

Liste  aller  Umstände  aufstellen,  unter  denen  Smith  die  Intervention
der  öffentlichen  Gewalt  für  gerechtfertigt  erklärt:  die  gesetzliche  Festlegung ­
  des  Zinsfußes 1 ),  die  Verwaltung  der  Post  durch  den  Staat,  der
obligatorische  Volksschulunterricht,  die  für  die  Zulassung  zu  jedem
freiem  Berufe  oder  jedem  Vertrauensposten  notwendigen  Staatsprüfungen,
die  Festsetzung  des  Minimalnennbetrages  der  Banknoten  auf  fünf  Pfund 2 )
usw.,  usw.  In  einem  charakteristischen  Satze  hat  er  ganz  allgemein  seine
Meinung  mit  Hinsicht  gerade  auf  diese  Beschränkung  der  Freiheit  der
Banken  ausgedrückt:  „Allerdings  können  solche  Maßregeln  einigermaßen
für  eine  Verletzung  der  natürlichen  Freiheit  gelten;  allein  Ausübungen
der  natürlichen  Freiheit  weniger  Individuen,  die  die  Sicherheit  der  ganzen
Gesellschaft  gefährden,  werden  durch  die  Gesetze  aller  Staaten  eingeschränkt, ­
  und  müssen  eingeschränkt  werden;  das  gilt  ebensosehr  von  den
freiesten  wie  von  den  despotischsten  Staaten“ 3 ).
Bei  all  diesen  Einschränkungen  bleibt  doch  die  Tatsache  nicht  weniger
klar  bestehen,  daß  das  ganze  Werk  Smith’s  eine  Verteidigungsrede  zugunsten ­
  der  wirtschaftlichen  Entfesselung  des  Individuums  ist.  Es  stellt
eine  Anklageschrift  gegen  die  merkantilistische  Politik  und  gegen  jedes
darauf  beruhende  wirtschaftliche  System  dar.
In  dieser  Hinsicht  besteht  eine  völlige  Übereinstimmung  zwischen
der  Rolle,  die  Smith  in  England  spielt,  und  der,  die  zur  gleichen  Zeit
die  Physiokraten  in  Frankreich  spielten.  Innen  wie  außen  war  damals
die  Freiheit  der  Produzenten,  der  Kaufleute  und  der  Arbeiter  durch
ein  Netz  von  Vorschriften  eingeschränkt,  von  denen  die  einen  in  den
Überlieferungen  des  Mittelalters,  die  anderen  in  mächtigen,  von  falschen
wirtschaftlichen  Theorien  getragenen  Privatinteressen  wurzelten.  In
den  Städten  bestand  noch  die  Zunftordnung,  obgleich  sie  nicht  mehr
auf  diejenigen  Industrien  anwendbar  war,  die  nach  dem  Erlaß  des  berühmten ­
  Lehrlingsgesetzes  der  Königin  Elisabeth  entstanden  waren.
Las  Reglementierungssystem  mit  seiner  Schar  von  Beamten,  die  die
LabrikationsVorgänge,  das  Gewicht,  die  Länge,  die  Beschaffenheit  der
l )  Völkerreichtum  I,  S.  211,  B.  II,  Kap.  IV,  am  Ende.  Wahrscheinlich  wurde
® r  später  durch  Bentham’s  Buch:  Defense  of  usury,  das  1787  zugunsten  der  Darlehnsfreiheit ­
  veröffentlicht  wurde,  zum  Gedanken  der  vollständigen  Freiheit  bekehrt,
wenn  man  einem  Gespräch,  das  1789  ein  Freund  Bentham’s  mit  Smith  hatte,  Glauben
schenken  will,  und  das  in  einem  Briefe  an  Bentham  von  einem  anderen  seiner  Freunde,
George  Wilson,  wiedergegeben  ist.  Vgl.  J.  Rae,  Life  of  Adam  Smith,  S.  423.
! )  Völkerreichtum  I,  S.  190,  B.  II,  Kap.  II.
3 )  Völkerreichtum  I,  S.  190,  B.  II,  Kap.  III.  Er  fährt  wie  folgt  fort:  „Brandmauern, ­
  die  dem  Weitergreifen  des  Feuers  Vorbeugen,  sind  eine  ganz  ähnliche  Verätzung ­
  der  natürlichen  Freiheit,  wie  die  hier  angeführten  Bankmaßregeln  “  Diese
Stelle  beweist,  daß  Smith  öffentliche  Verordnungen  zugunsten  der  materiellen  Sicherheit ­
  der  Bürger  zugibt.  An  einer  anderen  Stelle  zeigt  er  sich  als  Anhänger  hygienischer
Maßnahmen  zum  Schutz  gegen  ansteckende  Krankheiten  (II,  S.  218,  B.  V,  Kap.I,
Teil  3,  §  2).
        <pb n="129" />
        106

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Stoffe  überwachen  sollten,  trieb  unter  anderen  sein  Unwesen  in  der  Wollindustrie ­
 1 ).  Die  Festsetzung  der  Lehrzeit  auf  sieben  Jahre,  die  Beschränkung ­
  der  Anzahl  der  Lehrlinge  in  den  Hauptindustrien,  die  Hindernisse,
die  der  Freizügigkeit  der  Arbeiter  infolge  des  „Armengesetzes“  und  einer
Reihe  von  Vorschriften,  die  seit  der  Regierung  Elisabeths  vervollständigt
waren,  entgegenstanden,  erschwerten  die  Arbeitsmöglichkeit  und  jede
gute  Kapitalanlage.  Smith  wendet  sich  energisch  gegen  alle  diese  Maßnahmen. ­
  Zwar  waren  in  England  die  Hindernisse,  die  dem  Güterumlauf
im  Innern  Frankreichs  entgegenstanden,  unbekannt;  jedoch  gab  es  große
Handelsschranken  im  Verkehr  mit  Irland.  Die  Hindernisse,  unter  denen
Englands  Außenhandel  litt,  waren  nicht  geringer  als  in  anderen  europäischen
Staaten:  Einfuhrverbote  oder  hohe  Zölle  auf  Manufakturerzeugnisse
und  gewisse  Naturprodukte  (wie  französische  Weine),  Ausfuhrverbote
auf  gewisse  der  Nationalindustrie  notwendige  Erzeugnisse,  wie  Wolle
oder  Maschinen,  engherzige  oder  drückende  Politik  gegen  die  Kolonien,
die  als  natürliche  Lieferanten  von  Roherzeugnissen  für  die  Heimat  und
als  gezwungene  Abnehmer  ihrer  Manufakturprodukte  angesehen  wurden
usw.  Gegen  alle  diese  Maßnahmen,  die  vorgeblich  die  Vorherrschaft
Englands  über  die  anderen  handeltreibenden  Völker  sichern  sollten,
hat  Smith  sein  schwerstes  Geschütz  aufgefahren.  Das  vierte  Buch  der
Wealth  of  nations  ist  eine  flammende,  leidenschaftliche  Anklageschrift ­
  gegen  den  Merkantilismus,  bewunderungswürdig  in  ihrer  genauen
Dokumentierung.  Es  ist  der  Teil  des  Buches,  der  seine  Zeitgenossen
am  meisten  interessieren  mußte,  und  der  uns  heute  als  der  veraltetste
erscheinen  würde,  wenn  Smith  hier  nicht  eine  ganze  Theorie  des  internationalen ­
  Handels  und  eine  Kritik  des  Schutzzolles  eingefügt  hätte,
die  für  die  Geschichte  der  nationalökonomischen  Lehren  besonderes
Interesse  hat.  Wir  müssen  hierüber  einige  Worte  sagen.
Im  Kampfe  für  die  internationale  Handelsfreiheit  sind  Smith,  wie
in  so  vielen  anderen  Punkten,  die  Physiokraten  vorausgeeilt.  Aber  auch
hier  ist  er  ihnen  durch  die  Weite  seines  Blickes  überlegen.  Der  Liberalismus ­
  der  Physiokraten  wurzelt  im  Interesse  der  Landwirtschaft;  der
auswärtige  Handel  bleibt  ihnen  „Notbehelf“.  Smith  sieht  im  Gegenteil
den  äußeren  Handel  als  an  und  für  sieh  vorteilhaft  an,  vorausgesetzt,
daß  er  zur  rechten  Zeit  einsetzt  und  sich  selbsttätig  entwickelt 2 ).  Wenn
aber  Smith  immerhin  über  den  physiokratischen  Gesichtspunkt  hinaus-')
  Vgl.  Mantoux,  op.  cit.  S.  65—66.  In  diesem  Buch  finden  wir  über  alle  diese
Punkte,  die  wir  hier  nur  erwähnen  können,  sehr  interessante  Einzelheiten.  Die  neuen
restriktiven  Verordnungen  werden  von  Smith  im  2.  Teil  des  X.  Kapitels  des  1  Buches
kritisiert.
a )  „Jeder  von  diesen  verschiedenen  Handelszweigen  ist  jedoch  nicht  nur  vorteil'
haft,  sondern  auch  notwendig  und  unausbleiblich,  wenn  der  natürliche  Lauf  der  Ding e
ohne  Zwang  oder  Gewaltsamkeit  dazu  führt“  (Völkerreichtum  I,  S.  219,  B.  D’
Kap.  V).
        <pb n="130" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

geht,  so  ist  er  doch  noch  nicht  zu  einer  befriedigenden  Theorie  gelangt.
Ricardo  und  seinen  Nachfolgern,  im  besonderen  Stuart  Milr,  wär  es
Vorbehalten,  der  Theorie  des  internationalen  Handels  eine  feste  Grundlage ­
  zu  geben.  Die  Lehre  des  schottischen  Nationalökonomen  war  noch
unsicher;  aber  sogar  die  Unsicherheiten  eines  großen  Gelehrten  sind
manchmal  interessant.  Sie  verdienen  hier  aufgezählt  zu  werden.
Schon  bei  der  Darlegung  seiner  Geldtheorie  haben  wir  die  Gründe
betrachtet,  die  Smith  aus  ihr  gegen  die  Theorie  der  Handelsbilanz  ableitet. ­
  Aber  die  Theorie  der  Handelsbilanz  ist  nicht  das  ganze  Schutzzollsystem, ­
  und  man  findet  bei  Smith  noch  etwas  anderes  als  eine  Widerlegung: ­
  zunächst  eine  Kritik  des  Schutzzollsystems  im  Allgemeinen,
die  dessen  spezifisch  merkantilistische  Form  außer  acht  läßt,  und  weiter
eine  Untersuchung,  um  die  positiven  Vorteile  des  internationalen  Handels
auseinander  zu  setzen.
Seine  Kritik  des  Schutzzollsystems  stützt  sich  in  erster  Linie  auf
die  bekannte  Behauptung,  daß  das  Kapital  die  Industrie  begrenzt.  „Der
allgemeine  Gewerbefleiß  der  Nation  kann  niemals  weiter  gehen,  als  das
Kapital  der  Nation  reicht,  durch  welches  er  in  Gang  gesetzt  wird.“  Was
tut  aber  der  Schutzzoll?  Kann  er  das  Kapital  des  Landes  vermehren?
Keinesfalls!  „Er  kann  nur  einen  Teil  des  Gewerbfleißes  in  eine  Richtung
hineinleiten,  die  er  sonst  nicht  genommen  haben  würde.“  Aber  ist  die
Kichtung,  die  die  Privatpersonen  von  selbst  ihren  Kapitalien  geben,
ßicht  auch  die,  die  für  den  Gewerbefleiß  eines  Landes  am  vorteilhaftesten
ist?  Hat  Smith  das  nicht  schon  bewiesen?  Das  Schutzzollsystem  ist
daher  nutzlos  und  sogar  schädlich 1 ).
Die  Beweisführung  erscheint  nicht  durchschlagend,  wenn  man
sich  die  oben  ausgeführte  Kritik  deä  Optimismus  Smith’s  vor  Augen
hält.  Um  den  Ausdruck  Pareto’s  anzuwenden,  ist  es  das  Maximum
an  Ophelimität,  nicht  das  Maximum  an  Nützlichkeit  (utilitö),
das  die  Kapitalisten  unter  dem  Einfluß  des  Selbstinteresses  verwirklichen. ­

Der  Widersinn,  daß  ein  Land  mit  großen  Kosten  die  Gegenstände
hei  sich  fabriziert,  die  das  Ausland  ihm  billiger  liefern  kann,  dient  Smith
Zu  einem  weiteren,  noch  stärkeren  Beweise.  „Bei  jedem  klugen  Hausvater
ls t  es  eine  Regel,  niemals  etwas  im  Hause  machen  zu  lassen,  was  ihm
weniger  kosten  würde,  wenn  er  es  kaufte  ...  Was  aber  in  der  Handlungsweise ­
  einer  Familie  Klugheit  ist,  das  kann  in  der  eines  großen  Reiches
Wohl  schwerlich  Torheit  sein“ 2 ).  Welcher  Wahnsinn  ist  es,  in  Schottland
ttdt  großem  Aufwande  an  Treibhäusern  Wein  fabrizieren  zu  wollen,  den
•toan  billiger  aus  Frankreich  oder  Portugal  kommen  lassen  kann!  Das
')  Völkerreichtum  II,  S.  15,  B.  IV,  Kap.  II,
2 )  Völkerreichtum  II,  S.  17,  B.  IV,  Kap.  II.
        <pb n="131" />
        108

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

wird  jeder  zugeben.  Und  doch  besteht  dieser  Unsinn  überall  dort,  wo
man  uns  durch  Zolltarife  daran  hindert,  an  den  natürlichen  Vorzügen,
die  fremde  Nationen  vor  uns  voraus  haben,  teilzunehmen.  Die  ganze
„niedrige  Habsucht  und  der  Monopolgeist  der  Kaufleute  und  Gewerbetreibenden“ ­
 1 )  ist  dazu  nötig  gewesen,  um  die  Nation  über  ihre  wirklichen ­
  Interessen  so  sehr  zu  täuschen.  Nach  Smith  besteht  daher  eine
natürliche  Verteilung  der  Produktion  zwischen  den  verschiedenen  Ländern,
die  mit  dem  Vorteile  jedes  Land'-  übereinstimmt.  Das  Schutzzollsystem ­
  hindert  uns,  daran  Teil  zu  L.  n;  ihm  steht  die  Anwendung  des
Prinzips  der  Arbeitsteilung  auf  die  internationale  Interessengemeinschaft
gegenüber.
Immerhin  ist  dieser  Beweis  nicht  schlüssig,  denn  das  Kapital  und
die  Arbeit  zirkulieren  nicht  zwischen  Volk  und  Volk  wie  im  Innern  desselben ­
  Landes.  Die  Verteilung  der  Industrie  auf  die  verschiedenen  Völker
regelt  sich  nicht  auf  Grund  der  absoluten  Produktionskosten,  sondern
auf  Grund  der  relativen  Produktionskosten.  Das  Verdienst,  dies  nachgewiesen ­
  zu  haben,  gebührt  Ricardo.
Smith  ist  daher  in  seinem  Nachweis  der  Nachteile  des  Schutzzollsystems ­
  unvollständig,  und  dies  tritt  vielleicht  noch  mehr  in  seinem  Be'
weise  für  die  Vorteile  des  internationalen  Handels  zutage.
Der  entscheidende  Grund  zugunsten  der  Handelsfreiheit  ergibt
sich  aus  dem  Nutzen,  den  der  Verbraucher  davon  hat.  Die  Vermehrung ­
  der  ihm  zu  Gebote  stehenden  Gebrauchsgüter  macht  dD
Überlegenheit  des  Freihandels  aus.  Wie  Stuart  Mill  sagt:  „AID
direkten  Vorteile  des  Außenhandels  beruhen  auf  der  Einfuhr“ 2 )-Dieser
  Gesichtspunkt  wird  aber  bei  Smith  am  wenigsten  untersucht*
Er  schreibt  freilich:  „Die  Konsumtion  ist  der  einzige  Zweck  aller
Produktion  .  .  .,  allein  im  Merkantilsysteme  wird  das  Interesse  des  Konsumenten ­
  fast  beständig  dem  des  Produzenten  aufgeopfert.“  Die se
Stelle  findet  sich  jedoch  erst  am  Ende  der  Kritik  des  Merkantilis^'-’"
im  8.  Kapitel  des  4.  Buches  (Bd.  II,  S.  143)  und  steht  noch  nicht  in  der
ersten  Ausgabe  des  Werkes.  Sie  ist  erst  in  der  dritten  Ausgabe  eingefügt
worden 3 ).
Im  Gegenteil,  Smith  stellt  sich  fast  stets  auf  den  Standpunkt  &amp;lt;D 9
Produzenten,  um  die  Vorteile  des  internationalen  Handels  darzulegen 4  *  *  *  * )*
*)  Völkerreichtum  II,  S.  40,  B.  IV,  Kap.  III,  Teil  2.
2 )  Principles  of  Political  Economy,  B.  III,  Kap.  XVII.
3 )  Allerdings  hat  er  schon  im  IV.  Buch,  Kap.  III,  Teil  2  (II,  S.  41)  gesagt:
jedem  Lande  ist  es  und  muß  es  stets  der  Vorteil  der  großen  Masse  des  Volkes  sein,  ihre®
Bedarf  von  denen  zu  kaufen,  die  ihn  am  wohlfeilsten  verkaufen.  Dieser  Satz  i st
so  durchaus  einleuchtend,  daß  es  lächerlich  wäre,  ihn  noch  besonders
beweisen  zu  wollen.“
")  Betreff  der  Getreidezölle  schreibt  er:  „Die  Einführung  fremden  Getreide
und  Viehes  fortdauernd  zu  verhüten,  heißt  in  der  Tat  nichts  anderes  als  festsetze 11 ’
        <pb n="132" />
        Bald  sieht  er  darin  ein  Mittel,  das  einem  Lande  gestattet,  den  Überschuß ­
  seiner  Produktion  auszuführen:  indem  die  fremden  Völker  ein
erweitertes  Absatzgebiet  darbieten,  bewirken  sie  eine  größere  Arbeitsteilung ­
  in  dem  Ausfuhrlande  und  infolgedessen  eine  verstärkte  Produktionsfähigkeit ­
 1 ).  —  Man  kann  aber  fragen,  weshalb,  anstatt  überflüssige ­
  Gegenstände  herzustellen,  die  ausgeführt  werden  müssen,
das  Land  nicht  eher  selbst  die  Gegenstände  herstellt,  die  es  einführen
muß?
Bald  stützt  sich  Smith,  um  z-,  .  iweisen,  daß  beide  austauschenden
Völker  notwendigerweise  am  internationalen  Handel  ihren  Vorteil
finden  müssen,  auf  die  Tatsache,  daß  die  Kaufleute  beider  Länder
mnen  Profit  erzielen,  und  der  Profit,  der  einen  tauschbaren  Wert  vorteilt, ­
  erhöht  die  Summen  der  tauschbaren  Werte.  Hierauf  antwortet
Ricardo  mit  Recht,  daß  der  Profit  eines  Kaufmannes  nicht  not-Wenigerweise
  die  Menge  der  Gebrauchsgüter  in  einem  Lande  vermehrt.
Wiederum  ist  Smith  hier,  wie  schon  den  Physiokraten  gegenüber,
unbewußt  dem  Einfluß  seiner  eigenen  Gegner  unterlegen.  Er  hat  den
Merkantilismus  noch  nicht  genügend  abgestreift,  um  sich  nicht  vor  allen
Ringen  mit  dem  Interesse  der  Produzenten  zu  befassen.  Daher  findet
m an  bei  dem  großen  Gelehrten  ausgezeichnete  Beweisführungen  neben
bestreitbaren  Gesichtspunkten.  Der  Widerspruch  scheint  ihm  selbst
nicht  klar  geworden  zu  sein.  Alles  drängte  mit  unwiderstehlicher  Gewalt ­
  nach  einer  freieren  Politik.  Diese  Strömung  war  viel  zu  mächtig,
Ms  daß  ihre  Zeitgenossen  in  der  Lage  gewesen  wären,  Satz  für  Satz  jeden
Veil  der  These  Smith’s  zu  untersuchen.  Es  genügte  ihnen,  bei  ihm  eine
glühende  Verteidigung  zugunsten  eines  verführerischen  Zieles  zu  finden.
Mehr  als  einmal  haben  wir  schon  auf  die  genau  abwägende  Bedachtsamkeit
  Smith’s  in  der  Anwendung  seiner  Grundsätze  hingewiesen.  Auch
hier  müssen  wir  sie  nochmals  hervorheben.
Theoretisch  Anhänger  des  absoluten  Freihandels,  unterläßt  er  es
uicht,  bei  der  praktischen  Anwendung  dieser  Politik  Einschränkungen
?ü  machen,  die  sein  gesunder  Menschenverstand  ihm  aufdrängt.  „Die
Hoffnung  zu  hegen“,  sagt  er,  „daß  die  Handelsfreiheit  in  Großbritannien
jemals  vollkommen  hergestellt  werde,  ist  freilich  ebenso  töricht,  als  wenn
man  erwarten  wollte,  daß  hier  einmal  eine  Oceana  oder  ein  Utopien  zustande ­
  kommen  werde.  Dem  stehen  nicht  nur  die  Vorurteile  des  Publikums, ­
  sondern,  was  noch  weit  unbezwinglicher  ist,  die  Privatinteressen
üaß  die  Bevölkorung  und  Industrie  des  Landes  zu  keiner  Zeit  höher  steigen  soll,  als
as  Rohprodukt  des  eigenen  Bodens  sie  erhalten  kann“  (II,  S.  21,  B.  IV,  Kap.  II).  —
stellt  sich  daher  stets  auf  diesen  Standpunkt  des  Bevölkerungs-  und  Arbeitswachsums
  und  nicht  auf  den  des  Verbrauches.
l )  Völkerreichtum  I,  S.  219,  B.  II,  Kap.  V.  —  Vgl.  II,  S.  12,  B.  IV,  Kap.  I.
        <pb n="133" />
        110  Erstes  Buch.  Die  Begründer.
vieler  einzelner  geradezu  im  Wege“ 1 ).  Diese  Voraussage  ist,  wie  so  viele'
andere,  durch  die  Tatsachen  widerlegt  worden.  England  hat  im  19.  Jahrhundert ­
  fast  vollständig  die  „Utopie“  des  absoluten  Freihandels  verwirklicht. ­

Ohne  Illusionen  über  die  Zukunft,  verurteilt  er  ebensowenig  alle
Maßnahmen  der  Vergangenheit.  Er  rechtfertigt  sogar  selbst  gewisse
Akte  der  merkantilistischen  Politik.  So  schreibt  er,  daß  die  Navigationsakte ­
 2 )  dem  Handel  nicht  günstig  gewesen  sind;  sie  waren  aber  vielleicht
die  weiseste  handelspolitische  Verordnung  Englands,  denn  „die  nationale
Verteidigung  ist  weit  wichtiger  als  Reichtum“ 3  4  5 ).  In  einem  anderen  Falle
tritt  er  für  die  Berechtigung  der  Einfuhrzölle  ein,  wenn  nämlich  die  iß 1
Lande  hergestellten  gleichen  Waren  einer  Binnensteuer  unterliegen  5
in  diesem  Falle  stellt  der  Zoll  nur  die  durch  die  Steuer  gestörten  normalen
Konkurrenzbedingungen  wieder  her.  Auch  verwirft  er  Vergeltungszölle ­
  nicht  absolut,  wenn  sie  auf  Abschaffung  fremder  Zölle  hinzielen  *)-Und
  endlich  gibt  er  zu,  daß  für  Industrien,  die  seit  langem  durch  Zölle
besonders  geschützt  waren,  und  die  eine  große  Anzahl  Arbeiter  beschäftigen, ­
  die  Zollfreiheit  nur  allmählich  eingeführt  werden  könne 8 ).
Smith  kommt  zu  folgenden  praktischen  Schlußfolgerungen:  an
Stelle  der  zahllosen  Zölle,  die  die  Einfuhr  und  die  Produktion  erschweren, ­
  sollte  England  sich  mit  einer  gewissen  Anzahl  rein  fiskalischer
Zölle  auf  solche  ausländische  Waren  begnügen,  deren  Verbrauch  sehr
allgemein  ist;  wie  Wein,  Alkohol,  Zucker,  Tabak,  Kakao.  Dieses  mit
einer  weitgehenden  Handelsfreiheit  völlig  vereinbare  System  würde
der  Staatskasse  sehr  bedeutende  Einnahmen  sichern  und  die  Verluste,
die  sich  für  sie  aus  der  Einführung  des  Freihandels  ergeben,  reichlich
ersetzen 6  * ).
England  ist  diesem  Vorschläge  gefolgt,  und  sein  heutiges  Zollsystem
beruht  auf  dieser  Basis.  Wenige  Nationalökonomen  können  sich  einer
so  vollständigen  Verwirklichung  ihrer  Ideen  rühmen.
1)  Völkerreichtum  II,  S.  26,  B.  IV,  Kap.  II  am  Ende.
2 )  Man  nennt  „Navigationsakte  (Acts  of  navigation)  eine  Reihe  von  Gesetzen?
deren  wichtigste  aus  der  Zeit  Cromwell’s  stammen.  Ihr  Zweck  war,  den  englische 11
Handel  zu  zwingen,  sich  fast  ausschließlich  englischer  Schiffe  zu  bedienen,  um  so  e* 116
starke  englische  Flotte  zu  schaffen  und  die  Vorherrschaft  der  holländischen  Schif fe
zu  vernichten.  Diese  Gesetze  scheinen  auch  wirklich  außerordentlich  zu  der  enorme* 1
Entwicklung  der  englischen  Flotte  beigetragen  zu  haben.
3 )  Völkerreichtum  II,  S.  22,  B.  IV,  Kap.  II.
4 )  Aber  „wenn  keine  Wahrscheinlichkeit  dafür  vorhanden  ist,  daß  man  solche®
Widerruf  durchsetzen  könne“,  so  verwirft  er  Vergeltungsmaßregeln,  „denn  es  sehe 111
eine  schlechte  Methode  zu  sein,  den  Schaden,  der  gewissen  Klassen  unseres  Volk eS
zugefügt  wird,  dadurch  wieder  gutmachen  zu  wollen,  daß  wir  selbst  nicht  nur  dies® 11
Klassen,  sondern  auch  fast  allen  übrigen  Schaden  zufügen“  (II,  S.  24,  B.  IV,  Kap.  D'”
5 )  Die  Besprechung  dieser  verschiedenen  Fälle  findet  sich  am  Ende  tle "
II.  Kapitels  des  IV.  Buches.
')  Dies  System  wird  im  V.  Buch,  Kap.  II,  2.  Teil,  §  5  erörtert.
        <pb n="134" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

111

§  4.  Einfluß  und  Verbreitung  der  Gedanken  A.  Smith’s.
J.-B.  Say.
Das  Losungswort  des  18.  Jahrhunderts  war  Vereinfachung.  Die
Auffassung,  die  Smitii  uns  vom  Wirtschaftsleben  gibt,  ist  ein  bewunderungswürdiges ­
  Beispiel  davon.  Hierin  liegt  ihr  Beiz  und  die  Gewalt, ­
  die  sie  auf  die  Zeitgenossen  ausübte.  Das  System  der  natürlichen
Freiheit,  das  das  philosophisch-politische  Streben  jener  Zeit  erfüllte,
schien  sich  hier  mit  so  starker  Beweiskraft  aus  der  menschlichen  Natur
zu  ergeben,  und  wurde  mit  einer  solchen  Fülle  übereinstimmender  Tatsachen ­
  vorgetragen,  daß  kein  Zweifel  an  seiner  Richtigkeit  mehr  möglich
War,  Noch  heute  sind  wir  nicht  imstande,  uns  seinem  Zauber  zu  entziehen. ­
  Sollte,  was  wir  nicht  glauben,  ein  Tag  kommen,  an  dem  von  den
Gedanken  A.  Smith’s  nichts  mehr  übrig  bliebe,  so  würde  doch  sein  Werk
als  das  gewaltigste  Monument  einer  der  bedeutendsten  Epochen  der
volkswirtschaftlichen  Forschung  bestehen  bleiben.  Stellt  es  doch  den
Prächtigsten  Versuch  dar,  in  einem  einzigen  harmonischen  Überblicke
die  unendliche  Mannigfaltigkeit  des  wirtschaftlichen  Lebens  zu  erfassen.
Aber  in  dieser  Vereinfachung  liegt  gleichzeitig  seine  Schwäche.
Gm  sie  zu  erreichen,  hat  Smith  mehr  als  eine  Tatsache  übergehen  müssen,
die  sich  seinem  Systeme  nicht  einfügen  ließ.  Auch  war  er  gezwungen,
^vollständige  und  ungenügende  Mittel  zu  verwenden.  Was  besteht
aeute  noch  von  vielen  der  Einzeltheorien,  die  sein  Werk  anfüllen,  wie
yeistheorie,  Lohntheorie,  Theorie  des  Profites  und  der  Rente,  Theorie
dber  den  internationalen  Handel  oder  über  das  Kapital?  Jede  ist  verbessert, ­
  überflügelt  oder  bestritten  worden.  Und  im  Maß,  wie  Teile  des
Gebäudes  verfielen,  erschien  das  Ganze  immer  weniger  standfest.  Gleichzeitig ­
  ergaben  sich  neue  Gesichtspunkte,  die  Smith  anscheinend  zu  wenig
beachtet  hatte.  An  Stelle  des  wohltuenden  Eindruckes  der  Einfachheit
aad  Sicherheit,  den  die  Nationalökonomen  am  Anfang  des  19.  Jahrunderts
  aus  dem  Werk  Smith’s  empfingen,  drängte  sich  ihren  Nachfolgern
an gsam  das  Bild  der  stetig  steigenden  Verwicklung  der  Tatsachen  auf.
Wenn  wir  hier  eine  Kritik  Adam  Smith’s  einfügen  wollten,  so  würde
as  auf  eine  Darstellung  der  Geschichte  der  volkswirtschaftlichen  Lehren
es  19.  Jahrhunderts  hinauslaufen,  und  damit  den  übrigen  Inhalt  dieses
l) ches  vorwegnehmen.  Ein  schöneres  Lob  seines  Werkes  läßt  sich  kaum
^onken.  Die  Geschichte  der  nationalökonomischen  Ideen  hat  sich  ein
ganzes  Jahrhundert  hindurch  nicht  von  seinem  Werke  lösen  können.
Anhänger  und  Feinde  haben  es  gleichmäßig  zum  Ausgangspunkt  ihrer
Untersuchungen  gemacht.  Die  einen  haben  es  weiterentwickelt,  fort-.ührt
  und  verbessert,  die  anderen  haben  hartnäckig  und  verbissen
Uh 16  G run( igodankcn  bekämpft.  Alle  haben  aber  in  stillschweigender
ereinstimmung  anerkannt,  daß  die  Wissenschaft  der  Nationalökonomie
        <pb n="135" />
        112

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

mit  ihm  begonnen  hat,  und  daß  es  nutzlos  sei,  hinter  ihn  zurückzugehen.
Wie  sein  französischer  Übersetzer,  Garnier,  sagt,  bedeutet  sein  Buch
„eine  vollständige  Umwälzung  der  Wissenschaft“ 1 )-  Noch  heute,  obgleich ­
  uns  der  „Völkerreichtum“  nicht  mehr  als  eine  erschöpfende
wissenschaftliche  Abhandlung  über  Nationalökonomie  gilt,  bleiben  ge -
wisse  seiner  Grundgedanken  unbestreitbar:  seine  Theorie  des  Geldes,
die  Bedeutung  der  Arbeitsteilung,  die  grundsätzliche  Rolle  der  spontanen ­
  wirtschaftlichen  Tatsachen,  der  beständige  Einfluß  des  persönlichen ­
  Interesses  auf  das  wirtschaftliche  Leben,  Freiheit  als  Basis  einer
rationellen  Wirtschaftspolitik,  alle  diese  Gedanken  erscheinen  uns  als
dauernder  Erwerb.
•  Die  Unvollkommenheiten  des  Werkes  Smith’s  werden  sich  ganz
natürlich  aus  den  folgenden  Kapiteln  ergeben.  Wir  brauchen,  um  die
Darstellung  seiner  Lehre  zu  vervollständigen,  nur  noch  auf  ihre  Verbreitung ­
  in  der  Welt  einzugehen.
Die  rapide  Ausbreitung  und  der  unbestrittene  Sieg  der  Gedanken
Smith’s  in  Europa  ist  eine  der  merkwürdigsten  Tatsachen  in  der  Geschichte ­
  der  Ideen.  Einer  seiner  Zeitgenossen  hat  von  ihm  gesagt:
„Smith  wird  die  jetzige  Generation  überzeugen  und  die  folgenden  beherrschen“ ­
 2 ).  Die  Geschichte  hat  ihm  recht  gegeben.  Es  würde  aber
übertrieben  sein,  den  Triumph  seiner  Ideen  allein  dem  Einflüsse  seines
Buches  zuzuschreiben.  Die  Ereignisse  haben  zum  großen  Teile  dabei
mitgewirkt.
Mit  Recht  stellt  Mantoux  fest,  daß  der  Krieg  in  Amerika  weit  mehr
als  die  Schriften  Smith’s  die  Hinfälligkeit  der  alten  Wirtschaftspolitik
bewies  und  ihren  Verfall  beschleunigte 3 ).  Aus  dem  Abfall  der  amerikanischen ­
  Kolonien  ergaben  sich  zwei  Tatsachen;  erstens  die  Gefahre«
eines  Kolonialsystems,  das  die  blühendsten  Kolonien  zum  Aufstand
trieb,  und  zweitens  das  Nutzlose  des  Schutzzollsystems;  denn  der  Güteraustausch ­
  zwischen  England  und  den  Vereinigten  Staaten  war  sogleieh
nach  dem  Unabhängigkeitskrieg  bedeutender  denn  je  zuvor.  „Der  Schaden,
den  England  durch  den  Verlust  seiner  nordamerikanischen  Kolonien
erlitten  hat“,  schreibt  J.-B.  Say  im  Jahre  1803,  „ist  ein  Gewinn  für  das
Mutterland  gewesen.  Einen  Zweifel  an  dieser  Tatsache  habe  ich  nirgends
gefunden“ 4 ).  Dem  amerikanischen  Kriege  schlossen  sich  kurz  daranl
andere  Umstände  an:  die  zwingende  Notwendigkeit,  Absatzwege  zü
finden,  in  der  sich  nach  Beendigung  der  napoleonischen  Kriege  die  eng'

0  Vorwort  zu  der  franz.  Übersetzung;  Ausg.  1821,  S.  69.  eS
«)  j.  Rae:  Life  of  A.  Smith,  S.  103.  Übrigens  kennt  man  den  Urheber  a
berühmten  Satzes  nicht.  ,  ,  .  „  „  „„  TT  ....  ,  .  „  „} e ,ich en
3 )  Mantoux,  La  rövolution  industrielle,  S-  83.  ^Halsyy  fuhrt  ...  a us-Gedanken
  in  seinem  Buch:  „La  Jeunesse  de  Bentham  -,  S.  193  (Paris  ’
*)  J.-B.  Say,  TraitS,  1  Ausg.,  S.  240.
        <pb n="136" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

113

lischen  Fabrikanten  mit  ihren  vervollkommneteren  maschinellen  Einrichtungen ­
  befanden;  und  weiterhin  ihre  Überzeugung,  daß  die  infolge
der  landwirtschaftlichen  Schutzzölle  hohen  Getreidepreise  die  Lohnkosten ­
  erhöhten.  Diese  beiden  Gründe  genügten,  um  in  ihnen  den
Wunsch  nach  einer  allgemeinen  Erniedrigung  der  Zollschranken  lebendig
zu  machen.
Die  Gedanken  Smith’s  über  den  auswärtigen  Handel,  wie  die
über  den  Binnenhandel  sind  stets  von  den  Ereignissen  getragen
worden.
Die  französische  Revolution,  die  in  ihren  wirtschaftlichen  Maßnahmen ­
  hauptsächlich  von  den  Grundsätzen  der  Physiokraten  ausging,
hatte  allen  freiheitlichen  Prinzipien  einen  mächtigen  Aufschwung  gegeben. ­
  Überall  auf  dem  Kontinent  ist  ihr  Einfluß  ersichtlich.  Sogar
in  England,  wo  dieser  Einfluß  geringer  war,  drängte  alles  dem  laisserfaire
  zu.  Pitt  wollte  Irland  von  veralteten  Einschränkungen  befreien,
Was  er  durch  das  Einverleibungsgesetz  (act  of  union)  vom  Jahre  1800
erreichte.  Die  Verordnungen  der  Königin  Elisabeth  über  die  Lehrlinge,
die  Arbeitszeit,  die  Festsetzung  des  Lohnes  durch  die  Friedensrichter,
erschienen  täglich  mehr  veraltet,  je  mehr  sich  die  Großindustrie  entwickelte. ­
  Alle  Geschichtsschreiber  der  industriellen  Umwälzung  haben
den  Kampf,  der  sich  auf  diesem  Gebiete  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer ­
  abspielte,  beschrieben.  Die  Arbeiter  klammerten  sich  verzweifelt ­
  an  die  alte  Gesetzgebung,  in  der  sie  ihren  einzigen  Schutz  gegen
zu  schnelle  Veränderungen  erblickten.  Die  Arbeitgeber  lehnten  es  ab,
ln  der  Anwerbung  ihrer  Arbeiter  oder  in  dem  inneren  Betriebe  ihrer
Fabriken  irgendwie  beschränkt  zu  werden.  Sie  wollten  ihre  Maschinen
Möglichst  lange  laufen  lassen  und  Löhne  zahlen,  wie  sie  ihnen  paßten.
Unter  ihren  beständigen  Angriffen  zerbröckelte  nach  und  nach  das  alte
Lehrlingsgesetz.  Eine  Bestimmung  nach  der  anderen  wird  vom  Parlament ­
  abgeschafft.  1814  sind  seine  letzten  Spuren  auf  immer  verschwunden. ­

Diese  Umstände  hatte  Smith  nicht  vorausgesehen.  Es  war  ihm
^ht  eingefallen,  den  „Kauflauten  und  Fabrikanten“  zu  Liebe  zu
schreiben.  Im  Gegenteil,  er  hatte  nicht  aufgehört,  ihre  Monopolsucht
anzugreifen.  Und  plötzlich  werden  die  Fabrikanten  und  Kaufleute
infolge  des  Laufes  der  Dinge  seine  besten  Verbündeten.  In  ihrem
Uampf  liefert  sein  Werk  ihnen  die  Waffen,  und  seine  Autorität  ist  ihre
Stütze.
Diese  Autorität  war  übrigens  im  steten  Wachsen.  Sogleich  nach
&amp;lt;jem  Erscheinen  des  Völkerreichtums  hatten  Männer  wie  Hume  und
^ er  Historiker  Gibbon  Smith  und  seinen  Freunden  ihre  Bewunderung
bber  das  neue  Werk  ausgesprochen.  Ein  Jahr  darauf  entlieh  ihm  der
Premierminister  Lord  North  den  Gedanken  neuer  Steuern,  die  er  brauchte:
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  8
        <pb n="137" />
        114

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

die  Steuer  auf  Wohnhäuser  und  die  Steuer  auf  Malz.  Smith  sollte  eine
noch  bedeutendere  Bekehrung  zustande  bringen:  die  Pitt’s,  der  bei
Erscheinen  des  Völkerreichtunis  noch  Student  war  und  später  sich
stets  als  Anhänger  Smith’s  bezeichnete.  Kaum  Minister  geworden,  bemühte ­
  er  sich,  Smith’s  Ideen  zu  verwirklichen.  Er  war  es,  der  den  ersten
liberalen  Handelsvertrag  mit  Frankreich  Unterzeichnete:  den  Eden-Vertrag
 1 ),  von  1786.  Als  Smith  1787  nach  London  kam,  traf  Pttt  mehrfach ­
  mit  ihm  zusammen  und  besprach  mit  ihm  seine  Finanzprojekte.
Man  erzählt  sogar,  daß  Smith  einmal  gesagt  habe,  als  er  von  einer  dieser
Besprechungen  zurückkam:  „Was  für  ein  außerordentlicher  Mensch
doch  dieser  Pitt  ist;  er  versteht  meine  Ideen  besser  als  ich  selber.“
Während  Smith  so  die  bedeutendsten  Männer  seiner  Zeit  für  sich
gewann,  drang  sein  Buch  mehr  und  mehr  in  das  große  Publikum.  Nach
seiner  ersten  Ausgabe  erschienen,  noch  zu  Lebzeiten  des  Verfassers,
vier  weitere  Ausgaben  seines  Werkes 2 ).  Die  dritte,  die  1784  herauskam,
unterscheidet  sich  von  der  ersten  durch  wichtige  Erweiterungen  und
Verbesserungen.  Vom  Tode  des  Verfassers  im  Jahre  1790  bis  zum  Ende
des  Jahrhunderts  wurden  noch  drei  weitere  Auflagen  veröffentlicht 3 ).
Zur  selben  Zeit  verbreitete  sich  sein  Werk  mit  dem  gleichen  Erfolge
über  Europa.  In  Frankreich  war  Smith  schon  durch  seine  Theorie  der
Moralgefühle  bekannt.  Der  erste  Hinweis,  der  in  Frank-reich  auf  den
Völkerreichtum  gemacht  worden  ist,  erschien  im  Februar  1777  in
einer  Notiz  des  Journal  des  Savants.  In  dieser  Notiz  findet  sich,
nach  einigen  Zeilen  über  die  Vorzüge  des  Werkes,  folgende  merkwürdig 6
Meinung  ausgedrückt:  „Einige  unserer  Schriftsteller,  die  es  gelesen
haben,  sind  nicht  der  Ansicht,  daß  eg  ein  Buch  sei,  dessen  Übersetzung
in  unsere  Sprache  lohne.  Unter  anderen  Gründen  behaupten  sie,  daß
kein  Privatmann  bereit  sein  würde,  gegenüber  der-Unsicherheit  über  die
Aufnahme,  die  eine  solche  Übersetzung  finden  würde,  die  Kosten  der
Drucklegung  zu  tragen,  und  daß  die  Verleger  dieses  Kisiko  noch  wenig 61-übernehmen
  würden.  Sie  geben  aber  zu,  daß  das  Buch  an  merkwürdig 611
und  mehr  noch  an  nützlichen  Gesichtspunkten  und  Belehrungen  reich  ist»
von  denen  sogar  Staatsmänner  profitieren  könnten.“  —  Trotz  der  Meinung ­
  „unserer  Schriftsteller“  folgten  sich  jedoch  zahlreiche  Übersetzungen,
in  Frankreich  sowohl  wie  auch  in  anderen  europäischen  Ländern.
etwa  20  Jahren,  zwischen  1779  und  1802,  fand  Smith  in  Frankreich  vie f
verschiedene  Übersetzer.  Dies  zeigt  zur  Genüge  das  Interesse,  das  sein
Buch  erregte 4  * ).

l )  Nach  dem  Namen  seines  englischen  Hauptunterhändlers,  Lord  Eden.
8 )  In  1778,  1784,  1786  und  1789.
s )  In  1791,  1793  und  1796.
4 )  1796  schrieb  Prof.  Kraus,  daß  nach  dem  Neuen  Testament  kein  Buch  einen
wohltätigeren  Einfluß  auszuüben  bestimmt  sei,  sobald  es  besser  bekannt  sein  würde
        <pb n="138" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

115

Wenige  Werke  haben  einen  so  vollständigen,  so  allgemeinen  Erfolg
verzeichnen  können.  Trotzdem  verbreiteten  sich  nach  der  Ansicht  der
Bewunderer  Smith’s  seine  Ideen  noch  nicht  schnell  genug.  Sie  machten
hierfür  die  Fehler  der  Einteilung  des  Buches  verantwortlich,  über  die
man  sich  seit  dem  Erscheinen  des  Völkerreichtums  beklagt  hatte.
Wenn  auch  die  Einheitlichkeit  des  inneren  Aufbaus  gut  durchgeführt
ist,  so  scheint  sich  Smith  doch  nicht  darum  gekümmert  zu  haben,  ihr
auch  äußerlich  eine  systematische  Form  zu  geben.  Um  diese  Einheit
zu  finden,  muß  man  eine  wirkliche  Anstrengung  machen.  Vielleicht  hat
Smith  ein  gewisses  Gefallen  daran  gehabt,  das  Buch  wie  eine  ungezwungene
Rede  abzufassen,  und  man  meint  manchmal,  ein  einfaches  Gespräch
mit  anzuhören.  Die  allgemeinen  Formeln,  in  denen  er  seine  Gedanken
zusammenfaßt,  erscheinen  oft  in  der  Mitte  oder  am  Ende  eines  Kapitels,
•als  ob  sie  ihm  ganz  plötzlich  erst  im  Augenblick  gekommen  wären,  als
der  soeben  auftauchende  kurze  Ausdruck  für  alles,  was  vorhergeht.  Auf
der  anderen  Seite  ist  die  Untersuchung  gewisser  Fragen,  wie  z.  B.  die
des  Geldes,  über  das  ganze  Buch  verstreut:  sie  wird  an  mehr  als  zehn
Stellen  behandelt.  Hume  drückte  Smith  schon  am  1.  April  1776  seine
Zweifel  an  der  Volkstümlichkeit  des  Buches  aus,  „weil  seine  Lektüre
Notwendig  gespannteste  Aufmerksamkeit  verlangt“.  Sartorius  schob
1794  den  langsamen  Erfolg  der  Ideen  Smith’s  in  Deutschland  der  Schwierigkeit ­
  dieser  Lektüre  zu.  Germain  Garnier  schickte  seiner  französischen
Übersetzung  einen  methodischen  Plan  voraus,  um  seinen  Lesern  das
Studium  des  Buches  zu  erleichtern.  Jedermann  gab  zu,  daß  das  Werk
a ußerordentlich  bedeutend,  aber  schlecht  angeordnet,  schwer  zu  verstehen ­
  und  stellenweise  verworren  und  ungenau  sei.  Say,  der  das  Buch
»&amp;gt;ein  riesiges  Chaos  von  richtigen  Ideen,  in  wirrer  Mischung  mit  positiven
Kenntnissen“ 1 )  nannte,  drückte  damit  die  Meinung  aller  Leser  desselben ­
  aus.

Um  völlig  durchzudringen,  bedurfte  Smith  —  wenigstens  auf  dem
Kontinent  —  eines  Dolmetschers,  dem  es  gelingen  sollte,  die  Ideen  Smith’s
’’j n  eine  methodisch  festumrissene  Lehre  zu  fassen“ 2 )  und  von  unnötigen
Abschweifungen  freizuhalten.  Diese  Aufgabe  übernahm  J.-B.  Say.  Unter
anderen  Verdiensten*  (denn  es  ist  nicht  sein  einziges),  ist  ihm  das  der

[L  Rae,  S.  360).  Am  Anfang  des  XIX.  Jahrhunderts  wurde  sein  Einfluß  tatsächlich
Überwiegend.  Alle  preußischen  Staatsmänner,  die  mit  Stein  die  einschneidenden  Reprmen,
  aus  denen  das  moderne  Preußen  entstehen  sollte,  vorbereiteten  und  verwirk-«chten,
  waren  von  dem  Gedanken  Adam  Smith’s  erfüllt,  und  der  preußische  Zolltarif
on  1821  war  der  erste  europäische  Tarif,  in  dem  sie  mit  voller  Absicht  angewendet
wurden  (vgl.  Roscher,  Geschichte  der  Nationalökonomik  in  Deutschland).
^ orre 4e  zum  Traitö  d ! 6conomie  politique,  1.  Ausg.,  S.  VI  (dieser  Satz
t  m  der  6.  Ausg.  gestrichen).
2 )  J.-B.  Say,  Traitö,  1.  Ausg.,  Vorrede,  S.  XXXIII.

8*
        <pb n="139" />
        Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Verbreitung  der  Gedanken  des  großen  Schotten  auf  dem  Kontinent  zuzuschreiben, ­
  indem  er  dem  Werke  Smith’s  eine  sozusagen  klassische
Form  gab.  Merkwürdigerweise  fiel  also  einem  Franzosen  die  Aufgabe
zu,  die  erste  französische  Schule  von  Nationalökonomen  zu  diskreditieren ­
  und  der  englischen  Nationalökonomie  ihre  schnelle  Ausdehnung
zu  erleichtern.
J.-B.  Say 1 )  war  im  Jahre  1789  23  Jahre  alt  und  Sekretär
CnÄvikREs’,  der  1792  Finanzminister  wurde,  und  damals  den  Posten
eines  Direktors  einer  Versicherungsgesellschaft  bekleidete.  Say  fand
bei  ihm  ein  Exemplar  des  SMiTH’schen  Buches,  das  ClaviEres  oft
studierte.  Er  las  einige  Seiten  darin  und  ließ  sich  sogleich  den
„Völkerreichtum“  kommen 2 ).  Das  Buch  machte  einen  tiefen
Eindruck  auf  ihn.  „Wenn  man  dieses  Werk  liest,  so  drängt  siebentem ­
  die  Überzeugung  auf,  daß  es  vor  Smith  keine  Nationalökonomie
gab“,  schreibt  er.  Vierzehn  Jahre  später,  im  Jahre  1803,  erschien
der  ,,Trait6  d’Economie  Politique“  (Abhandlung  über  politische
Ökonomie).  Das  Buch  erzielte  schnell  einen  großen  Erfolg,  und  die
zweite  Ausgabe  wäre  bald  darauf  erschienen,  wenn  der  erste  Konsul
den  Druck  nicht  untersagt  hätte.  Der  Freimut  Say’s,  der  sich
weigerte,  seinen  Finanzplänen  als  Anwalt  zu  dienen,  war  Bonaparte
unbequem.  Zur  gleichen  Zeit  erwirkte  er  den  Ausschluß  des  Verfassers ­
  aus  dem  Tribunat.  Say  hat  daher  mit  der  Herausgabe  der
zweiten  Auflage  bis  1814  gewartet.  Von  da  an  folgten  schnell  weitere
Ausgaben  (1817,  1819  und  1826).  Das  Buch  wurde  in  eine  ganze  Anzahl ­
  von  Sprachen  übersetzt.  Das  Ansehen  Say’s  wuchs  beständige

1 )  Am  6.  Januar  1767  in  Lyon  geboren,  tritt  er  nach  einer  Reise  nach  England
in  eine  Versicherungsgesellschaft  ein,  nimmt  als  Freiwilliger  am  Feldzug  des  Jahres
1792  teil,  redigiert  von  1794—1799  eine  Revue,  „Döcade  philosophique,  littöraire
et  politique  par  une  soci6t6  des  röpublicains“.  1799  wird  er  zum
des  Tribunats  ernannt.  Nach  der  Veröffentlichung  seines  Traitö,  und  da  der  erste
Konsul  ihn  nicht  dazu  bewegen  konnte,  in  der  2.  Ausgabe  auf  seine’  Finanzpolitik  einzugehen, ­
  wurde  er  von  ihm  aus  dem  Tribunat  ausgeschlossen  und  ihm  als  Entschädigung
der  Posten  eines  Direktors  der  „Droits  reunis“  (der  alte  Name  für  die  Verwaltung  de r
indirekten  Steuern,  Anm.  d.  Übers.)  angeboten.  Say,  mit  der  neuen  Regierung  nicht
einverstanden,  schlug  diesen  Posten  aus  und  errichtete  eine  Baumwoll-Spinnerei  &amp;gt; K
Auchy-les-Hedins,  Dep.  Pas-de-Calais.  1813  realisierte  er  sein  Kapital,  kehrte  nach
Paris  zurück  und  veröffentlichte  1814  die  2.  Ausgabe  seines  Traite.  1816  eröffnet^
er  die  nationalökonomischen  Vorlesungen  im  Athönöe,  wahrscheinlich  die  ersten
Frankreich,  und  1817  gab  er  seinen  Catechisme  d ! §conomie  politique  heraus.
1819  schuf  die  Regierung  der  Restauration  für  ihn  einen  Lehrstuhl  für  „industriell®
Ökonomie“  (das  Wort  „economie  politique“  schien  zu  gefährlich)  und  1830  wurde
er  endlich  zum  Professor  der  Economie  politique  am  College  de  France  ernannt.  E r
starb  1832,  nachdem  er  von  1828—1829  seinen  Cours  complet  d ! 6conomie  p°h"
trque  in  6  Bänden  herausgegeben  hatte.
2 )  Vgl.  Brief  an  Louis  Say,  in  1827,  OEuvres  diverses,  S.  545.
        <pb n="140" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

117

Er  gelangte  zu  europäischer  Berühmtheit,  und  mit  ihm  eroberten
nach  und  nach  die  Gedanken  Smith’s,  die  er  in  logischem  Aufbau ­
  klargestellt  und  auf  einige  allgemeine  Grundprinzipien  zurückgeführt ­
  hatte,  aus  denen  sich  die  Folgerungen  von  selbst  ergaben,  die
ganze  aufgeklärte  öffentliche  Meinung.
Man  würde  aber  J.-B.  Say  Unrecht  tun,  wenn  man  in  ihm  nur  einen
Vulgarisator  der  SMiTn’schen  Ideen  sehen  wollte.  Zwar  hat  er  selbst
mit  mutiger  Bescheidenheit  niemals  das,  was  er  dem  Meister  verdankte,
verheimlicht.  Überall  nennt  er  seinen  Namen.  Aber  er  begnügt  sich
flicht  damit,  seine  Gedanken  zu  wiederholen.  Er  denkt  sie  von  Neuem
durch,  sichtet  sie,  und  entwickelt  sie  weiter,  indem  er  sie  schärfer  faßt.
Unter  den  verschiedenen  Wegen,  denen  Smith  in  seinen  Gedankengängen
•abwechselnd,  und  oft  ohne  feste  Entscheidung  folgt,  gelingt  es  dem  französischen ­
  Nationalökonomen,  diejenigen  zu  vermeiden,  die  blind  enden,
und  den  einen  einzuschlagen,  der  zum  Ziele  führt.  Diesen  Weg  zeichnet
•er  dann  mit  solcher  Genauigkeit  vor,  daß  seine  Nachfolger  sich  nicht
ftiehr  verirren  können.  Er  filtriert  sozusagen  die  Ideen  seines  Meisters;
«nd  zu  gleicher  Zeit  gibt  er  ihnen  jene  besondere  Färbung,  die  für  so
lange  Zeit  der  französischen  Nationalökonomie  ihr  eigenes  Gepräge  gab,
gegenüber  der  englischen  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft,  der  damals
Malthus  und  Ricakdo  eine  neue  Richtung  wiesen.  Im  Werke  Say’s
interessiert  uns  weniger  das,  was  er  Smith  entlehnt  hat,  als  seine  eigene^
Beiträge.  Im  folgenden  versuchen  wir  sie  darzustellen.
1.  Vor  allem  vollendet  Say  die  Niederlage  der  physiokratischen
Ideen.
Das  war  nicht  unwesentlich.  Die  Anhänger  der  sogenannten  „Sekte“
Waren  in  Frankreich  noch  zahlreich  vorhanden.  Selbst  Gebmain
Gakniek,  der  Übersetzer  des  Buches  Smith’s,  hielt  die  Lehre  der
Physiokraten  theoretisch  für  unwiderlegbar.  In  seinen  Augen  bestand ­
  die  Überlegenheit  des  schottischen  Nationalökonomen  nur  in
^rer  Anwendung  auf  die  Praxis.  „Wohl  kann  man,“  sagt  er,  „die
Theorie  der  Ekonomisten  als  weniger  nützlich,  aber  sicherlich  nicht
als  falsch  verwerfen“ 1 ).  Smith  selbst  hat,  wie  wir  wissen,  sich  nicht
w&amp;gt;n  ihrem  Einfluß  frei  machen  können.  Er  gab  noch  eine  besondere
Produktivität  des  Bodens  auf  Grund  der  Mitarbeit  der  Natur  zu.  Er
aannte  die  Arbeit  des  Arztes,  des  Richters,  des  Rechtsanwaltes  oder  ;
ües  Künstlers  unproduktiv.  Say  löst  auch  diese  letzten  Verbindungen.
»Nicht  nur  in  der  Landwirtschaft,  sondern  überall  wird  die  Natur  ge-  j
zwungen,  zusammen  mit  dem  Menschen  zu  arbeiten“ 2 ),  und  er  will,  I
daß  man  unter  „Grundbesitz“  alle  Beihilfe  verstehe,  die  ein  Volk  aus

)  Franz.  Übers.  A.  Smith’s  von  Gakniek,  1802,  Bd.  V,  S.  283.
! )  Traitö,  Ausg.  v.  1803,  S.  39.
        <pb n="141" />
        118

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

der  Kraft  der  Natur  ziehen  kann,  worunter  auch  die  Kraft  des  Windes
und  der  Wasserströmungen  fallen 1 ).  Was  die  Ärzte,  Rechtsanwälte,
Künstler  usw.  anlangt,  so  kann  man  gar  nicht  leugnen,  daß  sie  ebenfalls
an  der  Gütererzeugung  beteiligt  sind.  Schon  Germain  Garnier  hatte
gegen  ihre  Ausschließung  protestiert.  Zwar  sind  ihre  Dienste  immaterielle
Erzeugnisse,  aber  trotzdem  doch  ebensogut  Erzeugnisse,  die,  wie  die
anderen,  einen  tauschbaren  Wert  haben,  und  die  sich  aus  dem  Zusammenwirken ­
  von  Industrie  und  Kapital  ergeben 2 ).  Sie  sind  genau  dasselbe
wie  die  Annehmlichkeit  und  der  Nutzen,  den  uns  materielle  Gegenstände,
wie  z.  B.  ein  Wohnhaus,  ein  Garten  oder  Silbergerät  gewähren.  In  dieser
Hinsicht  stieß  die  Lehre  Say’s  zuerst  auf  einigen  Widerstand,  da  die
englischen  Ökonomisten  sich  nur  schwer  entschließen  konnten,  eine  einfache ­
  Dienstleistung,  die  nichts  Dauerhaftes  an  sich  hat  und  daher  nie
dem  Kapital  Zuwachsen  kann,  als  ein  wirtschaftliches  Gut  und  folglich
als  ein  Erzeugnis  anzusprechen.  Trotzdem  gelang  es  Say  ziemlich  schnell,
die  Mehrheit  der  in  Betracht  kommenden  Schriftsteller  zu  bekehren 3 ).  —
Weiterhin  findet  er  (nach  Condillac)  einen  einschneidenden  Beweis
gegen  die  Physiokraten:  „produzieren“  bedeutet  keineswegs:  materielle
Gegenstände  schaffen.  (Schafft  der  Mensch  überhaupt  etwas,  und
tut  er  je  etwas  anderes,  als  die  Materie  umformen?)  Produzieren  bedeutet ­
  einfach:  Nützlichkeiten  schaffen,  die  Eigenschaften  der  Sachen,
unserem  Bedürfnisse  zu  dienen  und  unseren  Wünschen  entgegenzukommen, ­
  zu  erhöhen.  Daher  sind  alle  Arbeiten,  die  zu  diesem  Resultate
beitragen,  die  Industrie  und  der  Handel,  ebenso  wie  die  Landwirtschaft
produktiv 4 ).  Auf  diese  Weise  fallen  die  physiokratischen  Unterscheidungen ­
  in  sich  zusammen.  Damit  vollendet  Say  eine  Widerlegung,  die
Smith,  der  noch  nicht  genug  Abstand  von  seinen  Gegnern  hatte,  nicht
hatte  zu  Ende  führen  können.
2.  Auch  in  einer  anderen  Hinsicht  führt  Say  das  Werk  Smith’s  fort

x )  Ebenda,  S.  21.  Später  gebraucht  er  den  umfassenderen  Ausdruek  „agents
naturels“.
2 )  Ebenda,  Ausg.  v.  1803,  B.  I,  Kap.  42  und  43.  Unter  „Industrie“  versteht
Say  alle  Formen  der  Arbeit.  Vgl.  6.  Aifg.,  S.  70ff.
3 )  Malthus  scheint  noch  der  Lehre  von  den  immateriellen  Erzeugnissen  ablehnend ­
  gegenüberzustehen,  aber  Lauderdale,  Tooke,  Mac  Culloch  und  Senior  nehmen
sie  an.  und  sie  schien  endgültig  gesichert,  als  Stuart  Mill  von  Neuem  den  Sinn  des
Wortes  Produkt  allein  auf  die  materiellen  Erzeugnisse  beschränkte.  Was  Tooke  anlangt, ­
  vgl.  seine  Briefe  an  J.-B.  Say  in  den  „(Euvres  diverses“  des  Letzteren.
4 )  Traitü,  B.  I,  Kap.  II.  Ist  es  nicht  eigentümlich,  daß  Say  selbst  nicht  dazu
gelangt,  diesen  Gedanken  richtig  auf  den  Handel  anzuwenden  ?  Er  nennt  ihn  produktiv,
weil  er  tauschbare  Werte  schafft,  kritisiert  aber  trotzdem  Condillao,  gerade  we)'
er  gezeigt  hat,  daß  die  Tatsache  des  Austausches  allein  den  Reichtum  vermehrt,  da  sie
die  Nützlichkeit  der  Gegenstände  erhöht!  Für  Say  gehen  nämlich  Nützlichkeit  nnd
tauschbarer  Wert  beständig  ineinander  über,  und  diese  Verwirrung  läßt  ihn  in  schwere
Irrtümer  verfallen.
        <pb n="142" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

119

l )  TraitS,  6.  Ausg.  S.  6.
a )  Briefwechsel  mit  Malthus  in  den  OEuvres  diverses,  S.  466.

und  über  ihn  hinaus.  Es  handelt  sich  um  die  Auffassung  von  der  Nationalökonomie ­
  und  der  Rolle  der  Nationalökonomen.
Wir  haben  gesehen,  wie  sich  der  Begriff  der  natürlichen  Ordnung
seit  den  Physiokraten  bis  auf  Smith  geändert  hat.  Für  die  Physiokraten
war  sie  eine  zu  verwirklichende  Ordnung;  —  ihrem  Wesen  nach  ist
die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  normativ.  —  Für  A.  Smith  ist  sie
eine  sich  fortwährend  verwirklichende  Ordnung:  es  besteht  nach
seiner  Ansicht  eine  selbsttätige,  wirtschaftliche  Verfassung,  die,  wie  die
Lebenskraft  des  Körpers,  künstliche  Hindernisse,  die  die  Regierungen
ihr  entgegenstellen,  überwindet.  Die  praktische  Nationalökonomie  stützt
sich  auf  die  Kenntnis  dieser  selbsttätigen  Verfassung,  um  die  Staatsmänner ­
  zu  beraten.  Nach  Say’s  Ansicht  ist  dies  immer  noch  ein  zu  großes
Entgegenkommen  gegenüber  den  Bedürfnissen  der  Praxis.  Die  Nationalökonomie ­
  ist  einzig  die  Wissenschaft  von  der  selbsttätigen  wirtschaftlichen ­
  Verfassung  oder,  wie  er  mit  einem  Smith  noch  unbekannten  Wort
sagt:  „von  den  Gesetzen,  die  den  Reichtum  beherrschen“ 1 ).  Sie  ist,
wie  der  Titel  seines  Werkes  hervorhebt,  eine  „einfache  Darlegung,  wie
die  Reichtümer  gebildet,  verteilt  und  verbraucht  werden“.  Von  der
Politik,  mit  der  sie  zu  oft  verwirrt  wird,  ist  sie  klar  zu  unterscheiden,
und  ebenso  von  der  Statistik,  die  nur  eine  einfache  Beschreibung  der
Tatsachen,  aber  keine  Wissenschaft  ist,  die  Prinzipien  koordiniert.
Die  Nationalökonomie  wird  so  durch  Say  zu  einer  rein  theoretischen
und  beschreibenden  Wissenschaft,  die  Rolle  des  Nationalökonomen  zu
der  eines  Gelehrten.  Er  ist  nicht  mehr  Ratgeber,  sondern  einfach  Beobachter, ­
  Analytiker,  Schilderer.  Er  muß  „ungerührter  Zuschauer
bleiben“,  schreibt  er  an  Malthus  im  Jahre  1820.  „Unsere  Aufgabe  der
Öffentlichkeit  gegenüber  besteht  darin,  ihr  zu  sagen,  wie  und  warum
eine  bestimmte  Tatsache  die  Folge  einer  bestimmten  anderen  ist.  Ob
ihr  diese  Folgen  Zusagen,  ob  sie  ihr  Schrecken  erregen,  ist  für  den  Nationalökonomen ­
  ohne  Bedeutung.  Sie  weiß  nun,  was  sie  zu  tun  hat.  Niemals
aber  sind  Ermahnungen  am  Platze.“ 2 )
Damit  bricht  Say  mit  der  langen  Überlieferung,  die,  von  den
Kanonikern  und  Kameralisten  angefangen,  über  die  Merkantilisten  bis
zu  den  Physiokraten,  die  Nationalökonomie  vor  allem  zur  praktischen
Wissenschaft  gemacht  hatte,  zum  Führer  für  den  Staatsmann  und  den
Verwaltungsbeamten.  Smith  hatte  die  wirtschaftlichen  Tatsachen  schon
wie  ein  Naturforscher  betrachtet,  aber  wie  ein  Naturforscher,  der  vor
Allem  Arzt  bleibt.  Say  will  weiter  nichts  als  Naturforscher  sein.  Die
Medizin  interessiert  ihn  nicht.  Auf  diese  Weise  führt  er  die  wahre  wissenschaftliche ­
  Methode  ein.  Übrigens  vergleicht  er  die  neue  Wissenschaft
        <pb n="143" />
        120

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

mehr  der  Physik  als  der  Naturgeschichte.  Auch  hierin  weicht  er  von
Smith  ab,  für  den  der  Wirtschaftskörper  wesentlich  ein  lebendes  Wesen
ist.  Ohne  noch  das  Wort  soziale  Physik  anzuwenden,  erinnert  Say  durch
seine  wiederholten  Vergleiche  mit  der  Physik  Newton’s  beständig  an
diesen  Gedanken.  Wie  die  Gesetze  der  Physik  „sind  ihre  Grundsätze
keineswegs  Menschenwerk  ...  Sie  stammen  aus  dem  Urgründe  der  Dinge;
man  stellt  sie  nicht  auf;  man  findet  sie.  Sie  beherrschen  die  Gesetzgeber
und  die  Fürsten,  und  niemals  verletzt  man  sie  ungestraft“ 1 ).  Wie  die
Gesetze  der  Schwere  sind  sie  nicht  auf  die  Grenzen  eines  Landes  beschränkt:
„Die  Grenzen  der  Staatsverwaltung,  die  vom  Gesichtspunkt  der  Politik
aus  alles  sind,  sind  für  den  Nationalökonomen  nur  Zufälligkeiten“ 2 ).  —
So  baut  er  die  Nationalökonomie  nach  dem  Bilde  einer  exakten  Wissenschaft ­
  auf,  deren  Gesetze  allgemein  gültig  sind.  Wie  in  der  Physik,  ist
es  von  geringerer  Bedeutung,  viele  einzelne  Tatsachen  zu  sammeln,  als
eine  kleine  Anzahl  allgemeiner  Grundsätze  zu  gewinnen,  aus  denen  man
dann  je  nach  den  Umständen  eine  mehr  oder  weniger  lange  Kette  von
Schlußfolgerungen  zieht.
Leidenschaftslosigkeit 3 ),  ein  auf  das  Gesetz  gerichteter  Blick  und
Mißtrauen  gegenüber  jeder  Verallgemeinerung  einzelner  Tatsachen,
sind  zweifellos  Eigenschaften  des  echten  Gelehrten,  aber  Eigenschaften,
die  bei  weniger  umfassender  Begabung  als  der  J.-B.  Say’s,  sich  leicht
verändern,  sich  zu  Fehlern  ausbilden  können,  und  dann  zu  Gleichgültigkeit, ­
  Dogmatismus  und  Tatsachenverachtung  werden.  Ist  nicht  gerade
das  eingetreten?  Hat  Say,  indem  er  diese  Grundsätze  auf  stellte,  die
Nationalökonomie  nicht  auf  den  Weg  gebracht,  wo  sie  sehr  bald  auf  die
oft  sehr  berechtigte  Feindschaft  eines  Sismondi,  eines  List,  der  historischen ­
  Schule  und  der  Christlich-Sozialen  treffen  mußte?  Indem  er
die  Politik  radikal  von  der  Volkswirtschaftslehre  trennte,  indem  er  die
Sorge  um  die  Praxis,  die  Smith  noch  so  stark  beschäftigt  hatte,  aus  dieser
Wissenschaft  ausschied,  gibt  er  ihr  wohl  eine  größere  Harmonie,  aber
auch  eine  gewisse  Nüchternheit,  die  bei  seinen  wenigen  hochstehenden
Nachfolgern  der  Langenweile  oder  der  Banalität  zum  Verwechseln  ähnlich
sieht.  Mit  Recht  oder  Unrecht  hat  man  die  Verantwortung  hierfür  Say
zugeschoben.

*)  Traite,  Vorrede,  1.  Ausg.,  S.  IX,  und  6.  Ausg.,  S.  13.
2 )  Traite,  1.  Ausg.,  I,  S.  404.
3 )  Man  darf  nicht  übertreiben  und  Say  als  gleichgültig  gegen  das  Leiden  des
Elendes  ansehen.  Er  stellt  z.  B.  fest,  daß  „für  viele  Haushaltungen,  in  den  Städten,
wie  auf  dem  Lande,  das  ganze  Leben  aus  Entbehrungen  besteht“,  und  daß  die  Sparsamkeit ­
  „im  Allgemeinen  nicht  mit  Hinsicht  auf  unnötigen  Verbrauch,  wie  es  die  Politik
und  die  Humanität  haben  möchten,  geübt  wird,  sondern  daß  wirkliche  Bedürfnisse
darunter  zu  leiden  haben,  wodurch  das  volkswirtschaftliche  System  vieler
Regierungen  verurteilt  wird- 1 .  —  Traite,  1.  Ausg.,  Bd.  I,  S.  97/98  und  6.  Ausg.,
S.  116.  —  Vgl.  auch,  was  wir  oben,  S.  101,  Anm.  4  sagen.
        <pb n="144" />
        x )  Traite,  6.  Ausg.,  S.  403

Kapitel  II.  Adam  Smith

121

3.  Wir  haben  den  Einfluß  des  Fortschrittes  der  physikalischen  Wissenschaften ­
  auf  die  Auffassung,  die  Say  sich  von  der  Wissenschaft  der  Volkswirtschaft ­
  machte,  gesehen.  Der  wirtschaftliche  Fortschritt  ist  von  nicht
geringerem  Einfluß  auf  den  französischen  Nationalökonomen  gewesen.
Zwischen  die  Jahre  1776,  in  dem  der  Völkerreichtum  erschien,  und
1803,  indem  der  Traite  erscheint,  fällt  die  industrielle  Umwälzung.
Für  die  Geschichte  der  Ideen  ist  sie  ein  Ereignis  von  großer  Bedeutung.
Als  Say,  kurz  vor  1789,  England  besuchte,  fand  er  dort  die  Herrschaft ­
  der  Maschine  in  vollem  Aufschwung.  Zu  dieser  Zeit  war  die  große
Industrie  Frankreichs  noch  in  ihren  ersten  Anfängen.  Unter  dem  Kaiserreiche ­
  entwickelte  sie  sich  schnell,  und  seit  1815  wurde  ihre  Ausdehnung
■ungeheuer.  Chaptal  zählt  in  seinem  Werk:  „De  l’industrie  frangaise“
im  Jahre  1819:  220  Spinnereien  mit  922200  Spindeln,  die  über  13  Mill.  kg
Rohbaumwolle  verarbeiteten.  Dies  ist  nur  der  fünfte  Teil  der  englischen
Produktion,  —■  aber  20  Jahre  später  hatte  sich  die  Textilindustrie  verv
 ierfacht.  Die  anderen  Industrien  folgten  im  gleichen  Geschwindschritt.
Jeder  fühlte,  daß  da  die  Zukunft  liege,  eine  unbestimmte  Zukunft,  anscheinend ­
  voller  Reichtum,  Arbeit  und  Wohlstand.  Die  neue  Generation
War  davon  wie  berauscht;  dieser  industrielle  Rausch  fand  seinen  blendendsten ­
  Ausdruck  in  der  Lehre  St.  Simon’s.
Auch  Say  hat  sich  ihm  nicht  entziehen  können.  Während  Smith’s
Hauptsorge  noch  der  Landwirtschaft  gilt,  drängt  bei  Say  die  Industrie
darauf  hin,  die  erste  Rolle  zu  spielen.  Von  da  an  beherrschen,  während
langer  Jahre,  industrielle  Probleme  die  Nationalökonomie.  Die  ersten
offiziellen  Vorlesungen  über  Nationalökonomie,  die  Say  selbst  am  „Conservatoire
  des  Arts  et  Metiers“  hält,  nennen  sich  Vorlesungen  über  industrielle ­
  Ökonomie.
Auf  der  Stufenleiter  der  für  das  Volk  nützlichen  Beschäftigungen
hatte  Smith  die  Landwirtschaft  an  die  erste  Stelle  gesetzt.  Say  behält ­
  diese  Ordnung  bei,  aber  er  stellt  auf  die  gleiche  Stufe  mit  der  Landwirtschaft ­
  „die  Kapitalien,  die  aufgewendet  werden,  um  die  produktiven
Fräfte  der  Natur  zu  verwerten.  .  .  .  Eine  wohldurchdachte  Maschine
erzeugt  mehr  als  die  Zinsen  dessen,  was  sie  gekostet  hat,  oder  auch,  sie
-aßt  die  Gesamtheit  an  der  Verbilligung,  die  die  Maschinenarbeit  ermögrieht,
  teilnehmen“ 1 ).  Diese  Stelle  findet  sich  noch  nicht  in  der  Ausgabe
1803.  Sie  erschien  erst  in  der  zweiten  Ausgabe.  In  der  Zwischenzeit
hatte  Say  seine  Spinnerei  in  Auchy-les-IIedins  geleitet  und  hatte  von
seinen  Erfahrungen  profitiert.  Diese  Frage  der  Maschinen,  die  Smith
lu,r  in  einem  kurzen  Satze  berührt,  nimmt  in  dem  Werke  Say’s  mit  den
»ich  folgenden  Auflagen  einen  immer  größeren  Raum  ein.  Die  Einführung
maschinellen  Erfindungen,  die  sich  zu  dieser  Zeit  in  Frankreich  wie
        <pb n="145" />
        122

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

in  England  überstürzten,  rief  oft  Arbeiterunruhen  hervor.  Daher  wird
Say  auch  nicht  müde,  ihre  Wohltaten  aufzuzählen.  Anfangs  gab  er  noch
zu,  daß  die  Regierung,  um  vorübergehende  Nachteile  abzuschwächen
„den  Gebrauch  einer  neuen  Maschine  fürs  erste  auf  gewisse  Bezirke
wo  Arbeiter  spärlich  und  von  anderen  Zweigen  der  Industrie  begehrt
sind,  beschränken  solle“ 1 ).  Seit  der  fünften  Ausgabe  aber  ändert  er  seine
Meinung  und  findet,  daß  eine  solche  Beschränkung  „eine  Verletzung
der  Eigentumsrechte  des  Erfinders“ 2 )  sein  würde,  und  läßt  nur  öffentliche
Notstandsarbeiten  zur  Beschäftigung  der  durch  die  Maschinen  ihrer
Arbeitsgelegenheit  beraubten  Leute  zu.
Dem  Einflüsse  der  gleichen  Umstände  kann  man  die  überwiegende
Bedeutung  beimessen,  die  J.-B.  Say  einer  Klasse  von  Personen  zuschreibt, ­
  die  Smith  nicht  näher  definiert  hatte,  die  aber  von  jetzt  an
nicht  mehr  aus  der  Theorie  der  Wirtschaft  verschwinden  sollte:  die  der
Unternehmer.  War  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  der  hauptsächlichste
Träger  des  Fortschrittes  nicht  der  fleißige,  eifrige,  unterrichtete  Mann,
der  Industrielle,  der  kluge  Ingenieur,  der  mit  seiner  Zeit  fortschreitende
Landwirt,  der  kühne  Geschäftsmann,  dessen  Typus  sich  in  allen  Ländern
gleichzeitig  mit  den  wissenschaftlichen  Entdeckungen  und  der  Ausdehnung ­
  der  Absatzgebiete  vervielfachte?  Er,  viel  mehr  als  der  Kapitalist
im  engeren  Sinne,  der  Großgrundbesitzer  oder  der  „fast  stets  passive“
Arbeiter,  leitete  die  Produktion  und  beherrschte  die  Verteilung  der  Güter.
„Das,  was  den  bemerkenswertesten  Einfluß  auf  die  Verteilung  der  Güter
ausübt,“  sagt  Say,  „ist  die  Tüchtigkeit  des  industriellen  Unternehmers.
Im  gleichen  Industriezweig  sammelt  der  eine  Unternehmer,  der  Urteils'
kraft,  Tatkraft,  Ordnungsliebe  und  Kenntnisse  hat,  ein  Vermögen,  während
ein  anderer,  der  diese  Eigenschaften  nicht  besitzt  oder  allzu  schwierige
Umstände  antrifft,  zugrunde  geht“ 3 ).  Spricht  nicht  hier  ebenfalls  der
Spinnereibesitzer  von  Auchy-les-Hedins  ?  Man  kann  sich  leicht  davon
überzeugen,  wenn  man  die  beiden  Ausgaben  seines  Buches,  die  von  1803
und  die  von  1814,  vergleicht.  Man  sieht  da,  wie  von  einer  zur  anderen
das  Verständnis  dieses  Problems  sich  klärt  und  befestigt.
Diesem  sehr  richtigen  Gefühle  verdanken  wir  die  von  Say  ausgeführte ­
  Auffassung  des  Mechanismus  der  Güterverteilung,  die  in  ihrer
klassisch  gewordenen  Form  der  Smith’s  und  der  der  Physiokraten  weit
überlegen  ist.  Der  Unternehmer  wird  der  Mittelpunkt  der  ganzen  Verteilung. ­
  Man  kann  diesen  Gedanken  wie  folgt  zusammenfassen:
Der  Mensch,  das  Kapital  und  der  Boden  liefern  das,  was  Say  produktive ­
  Dienste  (services  productifs)  nennt.  Diese  auf  den  Markt

*)  TraitG,  1.  Ausg.,  I,  S.  48.
a )  TraitS,  5.  Ausg.,  I,  S.  67.
3 )  Kritische  Untersuchung  der  Ausführungen  Mac  Cullooh’s  (1825),  (Euvre
diverses,  S.  274—275.
        <pb n="146" />
        *)  Trait6,  6.  Ausg.,  S.  349.

Kapitel  II.  Adam  Smith.

123

gebrachten  Dienste  werden  gegen  Lohn,  Zinsen  oder  Pacht  getauscht.
Sie  werden  von  den  industriellen  Unternehmern  (Kaufleuten,  Landwirten, ­
  Fabrikanten)  nachgefragt  und  zwar  zweckmäßig  in  der  Art,  daß
die  Nachfrage  nach  Produkten,  die  von  dem  Verbraucher  ausgeht,  befriedigt
Werden  kann.  „Die  industriellen  Unternehmer  sind  sozusagen  nur  die
Vermittler,  die  zu  den  für  irgendein  Produkt  notwendigen  produktiven
Diensten  auffordern,  und  zwar  im  Verhältnis  der  Nachfrage  nach  diesem
Produkt“.  So  entsteht  die  Nachfrage  nach  produktiven  Diensten,  die
»eine  der  Grundlagen  des  Wertes  dieser  Dienste“  ist.  —  „Andererseits
bieten  sich  die  Produktionskräfte,  Menschen  und  Dinge,  Grundstücke,
Kapitalien  oder  fleißige  Leute  in  mehr  oder  weniger  großer  Menge  auf
Grund  verschiedener  Beweggründe  an  .  .  .  und  bilden  so  die  andere  Basis
des  Wertes,  der  sich  für  diese  selben  Dienste  ergibt 1 ).“  Daher  beherrscht
das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage  den  Preis  der  Dienste,
d.  h.  die  Höhe  der  Pacht,  der  Zinsen  und  des  Lohnes,  genau  so,  wie  es
den  Preis  der  erzeugten  Güter  beherrscht.  Dank  dem  Unternehmer
verteilt  sich  der  Wert  der  Produkte  zwischen  den  „verschiedenen  produktiven ­
  Diensten“,  und  die  verschiedenen  Dienste  verteilen  sich  je
nach  dem  Bedarf  zwischen  den  Industrien.  Die  Theorie  der  Verteilung
fügt  sich  harmonisch  der  Theorie  des  Austausches  und  der  Produktion  an.
Dieses  so  einfache  Schema  der  Güterverteilung  stellte  einen  wirklichen ­
  Fortschritt  dar.  Zunächst  ist  es  viel  genauer  als  das  der  Physiokraten,
  wo  die  materiellen  Produkte  sich  zwischen  den  Klassen  und  nicht
zwischen  den  Individuen  austauschten.  —  Es  gestattet  weiterhin,  die
Entlohnung  des  Kapitalisten  von  der  des  Unternehmers,  den  A.  Smith
mit  jenem  zusammenwirft,  zu  trennen.  Unter  dem  Vorwände,  daß  der
Enternehmer  meistenteils  ein  Kapitalist  ist,  betrachtet  der  schottische
Nationalökonom,  dem  hierin  fast  alle  englischen  Schriftsteller  folgen,
beide  als  einen  Begriff  und  bezeichnet  mit  dem  Worte  „Profit“  den  Gesamtgewinn, ­
  ohne  scharf  zwischen  den  Zinsen  der  Kapitalien  und  dem
wirklichen  Gewinne  zu  unterscheiden.  Eine  höchst  bedauerliche  Verwirrung, ­
  die  noch  lange  auf  der  englischen  Nationalökonomie  lastete!  •
Dann  hatte  die  Theorie  Say’s  noch  einen  weiteren  Vorzug:  sie  lieferte
seinen  französischen  Nachfolgern  ein  klares  Schema  der  Güterverteilung,
bas  bei  Smith  fehlte,  und  zwar  gerade  in  dem  Augenblick,  in  dem  Ricardo
seinerseits  diese  Lücke  durch  seine  neue  Verteilungstheorie  auszufüllen
suchte,  nach  fcer  die  Rente  auf  Grund  ihrer  Natur  und  ihrer  Gesetze  zu
ben  anderen  Einkommen  in  Gegensatz  trat,  und  nach  der  der  Lohn  sich
immer  umgekehrt  wie  der  Profit  verändert,  derart,  daß  der  eine  nicht
steigen  kann,  ohne  daß  der  andere  sinkt.  Eine  verführerische,  wenn
auch  irrige  Theorie,  die  die  englischen  Nationalökonomen  in  endlose
        <pb n="147" />
        124

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Diskussionen  verwickeln  sollte,  und  die  zuletzt  aufgegeben  werden  mußte.
Indem  Say  die  Abhängigkeit  nachwies,  in  der  Lohn  und  Profit  gleichzeitig ­
  von  der  Güternachfrage  stehen,  und  durch  seine  Zurückführung
der  Höhe  der  Pacht  auf  die  gleichen  Ursachen  (Angebot  und  Nachfrage),
die  die  Höhe  der  anderen  produktiven  Dienste  erklären,  hat  er  der  französischen ­
  Nationalökonomie  solche  Verirrungen  erspart.  Damit  hat  er
auch  Walras  die  ersten  Richtlinien  seiner  prächtigen  Auffassung  des
Preises  der  Dienste  und  des  wirtschaftlichen  Gleichgewichts  geliefert.
So  erklärt  sich,  daß  er  der  Rententheorie  nicht  die  gleiche  außerordentliche ­
  Bedeutung  zuschrieb,  die  ihr  die  englischen  Nationalökonomen
gaben,  worin  ihm  die  große  Mehrzahl  der  französischen  Ökonomisten
folgte.  Hingegen  ist  er  aus  dem  gleichen  Grunde  niemals  auf  die  Meinung
verfallen,  die  die  Grundrente  einfach  fortleugnet,  und  sie  als  ein  Einkommen ­
  betrachtet,  das  einzig  aus  den  im  Boden  angelegten  Kapitalien
entsteht.  Er  hat  sogar  diesen  Irrtum  im  voraus  widerlegt,  den  Carey
und  BastiA^Tspäter  aufrecht  zu  erhalten  suchten 1 ).
4.  Bisher  erscheint  uns  Say  besonders  durch  seine  Begabung  zu
logischer  Zusammenordnung  der  Gedanken  bemerkenswert.  Hat  er  aber
die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  um  keine  durchaus  neue  Wahrheit
bereichert  ?
Lange  hat  man  seine  Theorie  der  Absatzwege  als  eine
Entdeckung  ersten  Ranges  angesehen:  „Erzeugnisse  kaufen  sich  mit
Erzeugnissen.“  Dies  ist  zwar  eine  glückliche  Formel,  aber  keine
tiefsinnige  Wahrheit.  Sie  drückt  weiter  nichts  aus,  als  die  Smith  wie
den  Physiokraten  geläufige  Idee,  daß  das  Geld  nur  ein  Mittel  ist;  man
erwirbt  es  nur,  um  es  sogleich  wieder  los  zu  werden  und  gegen  ein  neues
Erzeugnis  einzutauschen.  „Nach  beendigtem  Tausch  findet  man,  daß
man  Erzeugnisse  mit  Erzeugnissen  bezahlt  hat 2 ).“  So  erschließen  die
Waren  sich  gegenseitig  ihre  Absatzwege,  und  es  liegt  im  Interesse
eines  Landes,  das  viel  produziert,  die  anderen  Länder  wenigstens  ebensoviel ­
  erzeugen  zu  sehen.  Say  sieht  schon  in  der  Ferne  die  Verbrüderung
der  Völker,  die  sich  aus  diesem  Prinzip  ergibt.  Er  sagt:  „die  Theorie
der  Absatzwege  .  .  .  wird  die  Weltpolitik  umändern“ 3 ).  Auf  sie  glaubte
l )  Die  Pacht  ist,  sagt  er,  ohne  Zweifel  teilweise  der  Zins  des  in  den  Boden  gesteckten ­
  Kapitals,  „denn  es  gibt  wenige  Güter,  die  aus  den  ausgeführten  Meliorationen
nicht  einigen  Wert  zögen,  aber  die  Gesamtheit  ihres  Pachtwertes  würde  nur  dann
allein  hierauf  zurückzuführen  sein,  wenn  der  ertragsfähigere  Boden  ohne  jede  Melioration ­
  sich  überhaupt  nicht  verpachten  ließe,  was  in  keinem  zivilisierten  Lande  vorkommt.“ ­
  Kritische  Untersuchung  der  Ausführungen  Mao  Culloch’s  (1826)  in  den
(Euvres  diverses,  S.  277.
*)  Traitö,  1.  Ausg.,  S.  154.
3 )  „Wie  die  Wärmetheorie,  die  des  Hebels  und  der  schiefen  Ebene  die  ganze
Natur  dem  Menschen  untertan  gemacht  haben,  so  wird  die  Theorie  des  Güteraustausches
und  der  Absatzwege  die  Weltpolitik  ändern“  (Traite,  6.  Ausg.,  S.  51).
        <pb n="148" />
        Kapitel  II.  Adam  Smith.

125

er  die  ganze  Freihandelspolitik  gründen  zu  können.  Leider  hieß  das  etwas
viel  von  einer  Formel  erwarten,  deren  Unbestimmtheit  und  Selbstverständlichkeit ­
  sie  fast  unbrauchbar  machten.
Interessanter  ist  es,  wie  er  die  Theorie  der  Absatzwege  auf  die  Überproduktionskrisen
  anwandte,  —  werden  damit  doch  die  wahren  Be-^feFüngen~SlYT
 , voll  ins  Licht  gestellt.  Schon  Garnier  hatte  eine
a llgemeine  Stauung  auf  den  Märkten  als  möglich  vorausgesagt.  In
dem  Maße,  wie  die  Krisen  sich  häuften,  beschäftigte  diese  Sorge  immer
^eitere  wissenschaftliche  Kreise.  Nichts  ist  weniger  logisch,  sagt  Say.
Las  Gesamtangebot  an  Gütern  und  die  Gesamtnachfrage  nach  Gütern
halten  sich  notwendigerweise  die  Wage,  denn  die  Gesamtnachfrage  ist
heiter  nichts,  als  die  Gesamtmenge  der  erzeugten  .Güter.  "Folglich  ist
eine  allgemeine  Stauung  ein  Widersinn 1 ).  Sie  stellt  einfach  einen  allgemeinen ­
  Überfluß  an  Gütern  vor,  „und  Güter  können  den  Völkern  ebensowenig ­
  lästig  fallen,  wie  Einzelpersonen“ 2 ).  Der  einzige,  was  möglich  ist,
ist  eine  schlechte  Leitung  der  Produktionsmittel,  und  folglich  ein  Überfluß ­
  dieses  oder  jenes  Produktes,  mit  anderen  Worten,  eine  teilweise
Stauung 3 ).  Der  Gedanke  Say’s  besagt,  daß  man  nie  zu  befürchten  braucht,
v °n  allen  Gütern  auf  einmal  zu  viel  zu  produzieren,  aber  daß  es  sehr
Wohl  möglich  ist,  von  der  einen  oder  der  anderen  Art  im  Einzelfall
z u  viel  zu  erzeugen.
Diese  richtigen  Ideen  hat  Say  auf  oft  paradoxe  Formeln  gebracht.
Leim  Lesen  gewisser  Stellen  seiner  zweiten  Ausgabe 4 )  hat  man  glauben
*)  Trait6,  1.  Ausg.,  II,  S.  176.
*)  Ebenda,  S.  179.
3 )  Ebenda,  S.  178.
4 )  „Ein  Produktionszweig  würde  selten  die  anderen  übersteigen,  und  Erzeugnisse
^ürden  selten  verschleudert  werden,  wenn  allen  stets  ihre  volle  Freiheit  gelassen  würde  -
Ausg  ,  S.  143).  Man  hat  seinen  Ausspruch:  „Gewisse  Erzeugnisse  sind  überreichlich
Vorhanden,  weil  andere  zu  fehlen  angefangen  haben“  (Ebenda,  S.  142),  der
die  Möglichkeit  einer  teilweisen  Überproduktion  zu  verneinen  scheint,  zu  viel
Bedeutung  beigelegt.  Er  wird  aber  durch  den  Satz  korrigiert,  den  er  selbst,  um  jedes
"Unverständnis  auszuschließen,  als  Anmerkung  an  den  Fuß  der  folgenden  Seite  gesetzt
•  ,  »Per  Sinn  dieses  Kapitels  ist  nicht,  daß  man  von  einer  bestimmten  Ware
^Verhältnis  zum  Bedarf  nicht  zu  viel  erzeugen  könne,  sondern  nur,  daß  die
mduktion  einer  Ware  den  Absatz  einer  anderen  begünstigt.“  Und  er  ist  sich  selbst
’oherlich  untreu  geworden,  wenn  er  in  seinen  Briefen  an  Malthus,  um  seinen  Stand-Pdakt
  zu  verteidigen,  auf  ein  schlechtes  Wortspiel  zurückgreift,  indem  er  sagt,  daß
Produzieren  bedeute:  „nachgefragte  Gegenstände  produzieren“  und  alles,  was  über
T 3e  „Nachfrage“  hinausgehe,  sei  nicht  mehr  Produktion,  und  folglich  noch  weniger
„Überproduktion“  (S.  462)  Vgl  die  Antwort  Malthus’  (S.  508)  und  die  Erwiderung
,  v’s,  ; n  der  er  seine  Idee  bestätigt  (S.  613).  Viel  näher  seinem  wirklichen  Gedanken,
■p  auch  viel  wahrer,  ist  seine  Antwort  auf  einen  Aufsatz  Sismondi’s,  die  1824  in  der
r~ ev ue  encyclopedique  unter  der  Überschrift:  „Sur  la  balance  des  consommations
av ec  ies  productions“  (Über  das  Gleichgewicht  zwischen  Verbrauch  und  Produktion)
veröffentlicht  wurde.  (Euvres  diverses,  S.  250ff.  —  Seine  Ausdrücke  ändern  sich
        <pb n="149" />
        126

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

können,  daß  er  Krisen  überhaupt  leugnet.  Im  Grunde  konnte  er  gar
nicht  anders,  als  ihr  Vorhandensein  zuzugeben;  was  ihn  aber  am  meisten
beschäftigt,  ist,  jede  der  Ausdehnung  der  Industrie  ungünstige  Schlußfolgerung ­
  von  vornherein  abzuweisen.
Er  hält  die  Krisen  für  eine  im  wesentlichen  „vorübergehende“ 1 )
Erscheinung;  er  betont,  daß  „die  Freiheit  der  Industrie  genügen  würde,
sie  unmöglich  zu  machen“.  Ihm  liegt  hauptsächlich  daran,  „die  grundlosen ­
  Befürchtungen“  derer  zu  zerstreuen,  die  fürchten,  daß  nicht  alle
Güter  verbraucht  werden  können,  wie  z.  B.  die  eines  Malthus,  der  die
Erhaltung  der  reichen  Müßiggänger  als  Sicherheitsventil  gegen  die  Überproduktion ­
 2 )  für  wünschenswert  erachtet,  die  eines  Sismondi,  der  flehentlich ­
  um  Verlangsamung  des  Fortschrittes,  um  Verhinderung  der  Erfindungen ­
  bittet.  Er  entrüstet  sich  über  solche  Worte,  da  bei  den  blühendsten ­
  Völkern  „sieben  Achtel  der  Bevölkerung  eine  Unmenge  von  Gütern
entbehren  muß,  die  jede,  ich  will  nicht  einmal  sagen  wohlhabende,  sondern
ganz  bescheidene  Haushaltung  für  nötig  erachtet“ 3 ).  Er  wird  nicht  müde,
zu  betonen  und  zu  wiederholen,  daß  der  Fehler  nicht  darin  liegt,  daß
zu  viel  produziert  wird,  sondern  darin,  daß  nicht  das  produziert  wird,
was  gebraucht  wird 4 ).  Produzieren  und  nochmals  produzieren:  darin
liegt  alles,  und  ganz  natürlich  werden  gerade  die,  die  einen  Augenblick
unter  dem  Preissturz  leiden  müssen,  die  ersten  sein,  die  unter  Verbilligung ­
  der  Gegenstände  die  Wohltaten  der  Ausdehnung  der  Industrie
spüren.  $
In  dieser  eine  kurze  Zeit  hindurch  berühmten  Polemik  zwischen
Say,  Malthus,  Sismondi  und  Ricakdo  (der  hierin  der  Meinung  Sa"?  s
beitrat)  darf  man  keine  Aufklärung  über  die  Krisen  selbst  suchen
man  würde  keine  finden,  —  sondern  den  Ausdruck  eines  im  Grunde
richtigen  Gefühls,  dem  Say  leider  eine  ungenügende  wissenschaftliche
Form  gab.
Die  Rolle  J.-B.  Say’s  in  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen  Lehren
ist  durchaus  nicht  unbedeutend.  Die  fremden  Nationalökonomen  erkennen ­
  dies  nicht  immer  an.  Besonders  Dühring  ist,  trotz  seines  gewöhnlichen ­
  Scharfsinns,  höchst  ungerecht,  wenn  er  von  der  „Verwässerung 8 '
arbeit“  Say’s  spricht 6 ).  Sicherlich  ist  Say  in  seinem  Bestreben  nach
übrigens  von  einer  Ausgabe  zur  anderen,  und  im  Grunde  genommen  ist  nichts  nnbestimmter,
  als  die  Anschauung  Say’s  über  diesen  Gegenstand.  Die  Formel:
Zeugnisse  kaufen  sich  mit  Erzeugnissen“  ist  so  allgemein,  daß  sie  alles,  was  man  wut
bedeuten  kann  —  oder  überhaupt  nichts,  denn  ist  das  Geld  nicht  auch  ein  Erzeugni s  '
1 )  Briefe  an  Malthus,  CEuvres  diverses,  S.  466.
’)  Malthus,  Principles  of  political  Economy;  II,  Kap.  I,  Abs.  IX.
3 )  Balance  des  consommations  avec  les.  productions,  S.  252.
*)  Ebenda,  S.  251.
6 )  Dühbing,  Kritische  Geschichte  der  Nationalökonomie  und
-Sozialismus,  2.  Ausg.,  1875,  S.  165.  Dagegen  wird  man  mit  Vorteil  die  sehr  inter-
        <pb n="150" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

127

Klarheit  hin  und  wieder  über  schwierige  Probleme  hinweggeglitten,  anstatt ­
  ihnen  auf  den  Grund  zu  gehen.  Die  Nationalökonomie  wird  in
seinen  Händen  oft  allzu  einfach.  Gewisse  Schwierigkeiten  verhüllt  er  in
Phrasenhaften  Wendungen  (worin  ihm  z.  B.  Bastiat  nur  zu  gern  nachgeahmt ­
  hat).  Smith’s  Dunkelheit  ist  oft  fruchtbar,  Say’s  Klarheit  bietet
hem  Geist  weniger  Anregung.  Dies  ist  alles  ganz  richtig.  Trotzdem  hat
aber  der  französischen  Wissenschaft  die  wesentlichen  Ideen  des  großen
Schotten  getreulich  überliefert.  Mit  glücklicher  Hand  hat  er  auf  Grund
seiner  Kenntnisse  Condillac’s  und  Tukgot’s  gewisse  zweifelhafte  Meinungen
  des  Meisters  verbessert.  So  hat  er  seinen  Nachfolgern  viele  Irrtfimer
  erspart.  Er  hat  der  französischen  Nationalökonomie  seinen  Stempel
®|Hfgedrückt,  und  wenn  die  englischen  Volkswirtschaftler  seine  Auffassung
hes  Unternehmers  früher  aufgenommen  hätten  (anstatt  damit  bis  auf
"Evo-ns  zu  warten),  würden  sie  die  Wissenschaft  vor  vielen  unfruchtbaren
~ ls kussionen  verschont  haben,  die  besonders  ein  Denker  hervorrief,
her  wohl  viel  tiefer  schürfte  als  Say,  ihm  aber  an  Schärfe  des  Urteils
hachstand:  David  Ricardo 2 ).

Kapitel  III.
Die  Pessimisten.

Kn  den  Nationalökonomen,  von  denen  wir  in  den  vorigen  Abschnitten
gesprochen  haben,  hatten  wir  nur  das  neu  entdeckte  System  der  Tatsachen
R h  die  Harmonie  zu  bewundern,  in  der  sich  alles  zum  besten  der  Inlv
 iduen  und  der  Völker  gestaltete.  Jetzt  aber  öffnet  sich  vor  uns  ein
euer  Weg:  neue  Lehren  treten  auf,  die,  wie  eine  Wolke  vor  dem  strahlen-.
 en  Morgenrot  der  jungen  Wissenschaft,  einen  tiefen  Schatten  werfen,
II1( ‘ n  Schatten,  der  stetig  wuchs  und  der  ihr  zum  Schluß  jenes  unheiln

 *' on  ^orschiingesn  von  Allix  über  J.-B.  Say  in  der  Revue  d ! Üconomie  politique,
8  noV  S.  303  und  341,  und  die  der  Revue  d ! histoire  des  Doctrines  1911,
•  lesen.

viep  ■  k^anley  Jevons  (Theory  of  political  Economy,  3.  Ausg.  1888)  erkennt,
üb  e ’®“ t  in  zu  absoluten  Ausdrücken,  die  Überlegenheit  des  französischen  Ökonomisten
Mitt  |  C f RD0  an:  »Der  Schluß,  der  sich  mir  immer  klarer  aufdrängt,  ist,  daß  das  einzige
allem  ]  ^  wailres  nationalökonomistisches  System  aufzustellen,  darin  liegt,  ein  für
zu  v 3  C ** e  versc hwommenen  und,  widersinnigen  Hypothesen  der  Schule  Ricabdo’s
|1 A| ,' ,rwcr ^ en -  Die  Wahrheit  ist  bei  der  französischen  Schule  (die  er  auf  Condillao,
es  c  ’D'A  Say  zurückführt);  und  je  eher  wir  das  erkennen,  um  so  besser  wird
ln  "  (Vorrede,  S.  XLIII).
        <pb n="151" />
        128  Erstes  Buch.  Die  Begründer.

volle  Aussehen  einer  „seientia  sinistra“  gab,  einer  „dismal  science“,  wie
Carlyle  später  sagte.
Aus  diesem  Grunde  nennen  wir  sie  Pessimisten,  ohne  mit  diesem
Beiwort  einen  Tadel  ausdrücken  zu  wollen,  da  wir  im  Gegenteil  zu  zeigen
versuchen  werden,  daß  ihre  Theorien  der  Wahrheit  näher  kommen,  als
die  der  Optimisten,  von  denen  wir  weiterhin  sprechen  werden:  —  Pessimisten, ­
  weil  sie  uns  zahllose  Gründe  aufdecken,  um  nicht  mehr  an  die
Übereinstimmung  der  individuellen  Interessen  mit  denen  der  Allgemeinheit ­
  zu  glauben,  trotzdem  sie  selbst,  genau  wie  ihre  Vorgänger,  fortfahren,
das  Vorhandensein  dieser  Übereinstimmung  zu  behaupten  -  —-  Pessimisten,
weil  sie  uns  überall  verwirrende  Gegensätze  zwischen  den  Grundbesitzern
und  den  Kapitalisten,  zwischen  den  Kapitalisten  und  den  Arbeitern
zeigen;  —  Pessimisten,  weil  sie  unter  den  Gesetzen  der  Natur,  und  sogar
der  Vorsehung,  die  die  Ordnung  auf  Grund  der  einzigen  Bedingung
verwirklichen  sollten,  daß  die  Menschen  sie  verstehen  und  ihnen  gehorchen
lernen,  andere  zu  entdecken  wähnen,  die,  wie  das  Gesetz  der  Bodenrente,
einer  kleinen  Zahl  müßiger  Grundeigentümer  ein  Einkommen  sichern,
das  die  Tendenz  hat,  im  direkten  Verhältnis  zu  der  Not  der  Bevölkerung
zu  wachsen;  oder  wie  das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages,
nach  dem  der  Erzeugung  der  unentbehrlichen  Lebensmittel  verhängnisvolle ­
  Grenzen  gezogen  sind,  Grenzen,  deren  Druck  sich  schon  jetzt  sehr
fühlbar  macht,  und  die  den  Menschen  keine  andere  Aussicht  lassen,  um
ihr  Los  zu  verbessern,  als  freiwillig  ihre  Anzahl  zu  beschränken;  oder  endlich ­
  Gesetze  wie  das  des  konstant  sinkenden  Profites,  das  den  Fleiß
des  Menschen  früher  oder  später  im  Sumpf  des  „stationären  Zustandes“"
endigen  lassen  muß.
Pessimisten  auch  deshalb,  weil  sie  nicht  an  die  Möglichkeit  glaubten,
den  Lauf  dieser  unabänderlichen  Gesetze  wandeln  zu  können,  denen
nach  ihrer  Ansicht  gesetzgeberische  Reformen  ebenso  wie  die  organisierte ­
  Betätigung  eines  zielbewußten  Willens  ohnmächtig  gegenüberstehen.
  Ihr  Vertrauen  auf  das,  was  wir  Fortschritt  nennen,  war  alles  in
allem  äußerst  gering.
Man  darf  aber  nicht  annehmen,  daß  sie  sich  selbst  als  Pessimisten
betrachtet,  oder  daß  ihre  Zeitgenossen  sie  dafür  gehalten  hätten/
ist  das  eine  Bezeichnung  a  posteriori,  die  sie  stark  in  Erstaunen  gesetzt
haben  würde.  Sie  entwickeln  im  Gegenteil  ihre  Theorien  mit  einer  Seelenheiterkeit, ­
  die  befremdet.  Keinen  Augenblick  kommt  ihnen  der  Gedanke,
daß  man  darin  eine  Anklage  gegen  die  bestehende  Ordnung  der  Ding®
oder  gegen  die  Weisheit  des  „großen  Schöpfers  der  Natur“  sehen  könnte-Sie
  glauben,  das  Grundeigentum  auf  eine  unerschütterliche  Basis  gesteh
zu  haben,  wenn  sie  nachweisen,  daß  die  Bodenrente  nichts  mit  dein  Eig eI *'
tum  zu  tun  habe.  Sie  zweifeln  nicht  daran,  den  Geist  der  Revolte  ent-
        <pb n="152" />
        —

Kapitel  III.  Die  Pessimisten.  129
waffnet  zu  haben,  wenn  sie  den  Armen  nachweisen,  daß  sie  selbst  für  ihr
Unglück  verantwortlich  sind 1 ).
Die  beiden  Hauptvertreter  dieser  Lehre,  Malthus  und  Ricardo,
waren  Philanthropen,  Volksfreunde,  wie  sie  selbst  erklären,  und  wir
haben  keinen  Grund,  ihre  Aufrichtigkeit  in  Zweifel  zu  ziehen 2 ).  Ihre
Zeitgenossen  waren  über  diese  neue  Nationalökonomie  keineswegs  erschrocken, ­
  sondern  nahmen  sie  mit  großer  Begeisterung  auf.  Die  große
englische  Gesellschaft 3 )  öffnete  ihnen  weit  ihre  Arme,  und  sogar  Damen
bemühten  sich,  in  Novellen  und  Erzählungen  die  abstrakten  Theorien
eines  Ricardo 4 )  allen  verständlich  zu  machen.
Auch  muß  man  anerkennen,  daß  sie  der  Wissenschaft  —  und  infolge
einer  durch  sie  hervorgerufenen  Gegenströmung  auch  den  Arbeiterklassen
—  ganz  bedeutende  Dienste  geleistet  haben.  Auch  wenn  den  Pessimisten,
wie  hier,  ihr  Pessimismus  nicht  bewußt  wird,  dienern  sie  dem  Fortschritt
doch  mehr,  als  die  Optimisten.  Ihnen  ist  die  große  kritische  Bearbeitung
aller  volkswirtschaftlichen  Lehren  und  Einrichtungen  zu  verdanken,
die  das  19.  Jahrhundert  geleistet  hat,  und  die  noch  bei  weitem  nicht
abgeschlossen  ist.  Wie  wir  weiterhin  sehen  werden,  ist  Ricardo  der
geistige  Vater  von  Karl  Marx.  Übrigens  sind  mehrere  ihrer  Theorien
durchaus  nicht  pessimistisch,  —  aber  gerade  auf  diesen  beruht  ihr  Ruhm
nicht.

1 )  „Das  Volk  muß  sich  selbst  als  die  Hauptursache  seines  Elendes  betrachten“
(Malthus,  S.  600).
Deshalb  sagen  zweifellos  auch  andere  Schriftsteller,  wie  z.  B.  Elie  Halevy  in
seinem  Buch:  Le  Radicalisme  Philosophique,  daß  Ricardo,  Malthus  und  ihre
Jünger  „als  Vertreter  des  Optimismus  und  des  „Nicht-daran-rührens“  gelten“.  Optimismus ­
  alsol  In  welchem  Sinn!?  Ohne  Zweifel,  weil  sie  die  wirtschaftliche  Ordnung
für  die  bestmögliche  und  auf  jeden  Fall  für  unabänderlich  hielten?  Mag  das  sein.
Hierfür  scheint  uns  dann  aber  die  Bezeichnung  „zufriedene  Pessimisten“  besser.
2 )  „Jeder  unparteiische  Leser  muß  anerkennen,  daß  das  praktische  Ziel,  das  dem
Verfasser  vor  allen  vorschwebte,  die  Besserung  der  Lage  und  die  Erhöhung  des  Lebensglücks ­
  der  unteren  Gesellschaftsklassen  ist.“  Mit  dieser  Erklärung  schließt  Malthus
sein  Buch  über  die  Bevölkerung.
3 )  In  ihren  Briefen  erzählt  uns  eine  Zeitgenossin  Ricardo’s,  Miss  Edgeworth
die  Nationalökonomie  wäre  damals  so  stark  Mode  gewesen,  daß  die  Damen  der  Gesellschaft, ­
  ehe  sie  für  ihre  Töchter  eine  Erzieherin  nahmen,  sich  erkundigten,  ob  die
betreffende  diese  Wissenschaft  lehren  könne.
J )  Conversations  on  Political  Economy,  von  Mrs.  Mahcet  (1816).
Illustrations  of  Political  Economy,  von  Miss  Martineau,  9  Bände  mit  zusammen
30  Erzählungen  (1832—1836),  eine  merkwürdige  und  sehr  lehrreiche  Darstellung  der
Wirtschaftswissenschaft  vor  einem  Jahrhundert  —  für  jeden,  der  die  Geduld  besitzt,
sie  zu  lesen.
Gide  tuid  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehnneinungen.  2.  Aull.  9
        <pb n="153" />
        130

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

I.
Malthus.
Obgleich  Malthus 1  *  3 )  fast  nur  durch  sein  Bevölkerungsgesetz  bekannt ­
  ist,  wäre  er  auch  ohne  dies  ein  Nationalökonom  hohen  Ranges
gewesen,  und  zwar  dank  seiner  großen  Abhandlung  über  Nationalökonomie ­
  und  mehreren  anderen  bemerkenswerten  Schriften.  Wir
verschieben  aber  eine  Besprechung  seiner  anderen  Theorien,  besonders
der  über  die  Bodenrente,  bis  die  Untersuchung  der  Ideen  Ricabdo’s
uns  Gelegenheit  gibt,  darauf  einzugehen  (S.  153  ff.).
Das  Bevölkerungsgesetz.
Zwanzig  Jahre  waren  seit  dem  Erscheinen  des  unvergänglichen
Werkes  A.  Smith’s  verflossen,  ohne  daß  die  Nationalökonomie  einen
Schritt  weiter  getan  hätte,  als  ein  kleines  anonymes  Buch  erschien,  das

1 )  Robert  Malthus  ist  im  Jahre  1766  geboren.  Sein  Vater  war  ein  hochgebildeter
Landedelmann,  der  in  Berührung  mit  den  Philosophen  seiner  Zeit,  besonders  mit  Hume
und  anscheinend  sogar  auch  mit  J.-J.  Rousseau,  stand.  Er  ließ  seinem  Sohne  eine  ausgezeichnete ­
  Erziehung  zuteil  werden  und  bestimmte  ihn,  da  er  der  Jüngere  war,  wie
üblich,  für  die  Theologie.  So  übernahm  Robert  Malthus  nach  dem  Verlassen  der
Universität  Cambridge  eine  Pfarrstelle  auf  dem  Lande.  1807  jedoch  wurde  er  zum
Professor  an  einer  von  der  Ostindischen  Kompagnie  in  Haileybury  (Herfordshire)  gegründeten ­
  höheren  Unterrichtsanstalt  ernannt,  wo  er  bis  zu  seinem  Tode  1836  blieb.
Er  hat  sich  erst  ziemlich  spät,  mit  39  Jahren  verheiratet.  Von  seinen  4  Kindern,
3  Söhnen  und  1  Tochter,  hat  keins  einen  Namen  hinterlassen.  Obgleich  das  Privatangelegenheiten ­
  sind,  so  haben  sie  doch  ein  gewisses  Interesse,  da  es  sich  um  Malthus
handelt.
Malthus  war  noch  junger  Geistlicher  in  seinem  kleinen  Pfarrdorf  —  und  unverheiratet, ­
  damals  32  Jahre  alt,  —  als  er  im  Jahre  1798  anonym  sein  berühmtes
„Essay  on  the  principle  of  population  as  it  affects  the  future  improvement
  of  society“  herausgab.  Es  rief  zahlreiche  Kritiken  hervor.  Zum  besseren
Studium  seines  Gegenstandes  unternahm  er  eine  dreijährige  Reise  (1799—1802)  auf
dem  europäischen  Kontinent,  ohne  aber  nach  Frankreich  zu  kommen,  das  damals
kein  besonders  angenehmer  Aufenthalt  für  einen  Engländer  war.  1803  veröffentlichte
er,  diesmal  unter  seinem  Namen,  eine  zweite,  sehr  verbesserte  und  vermehrte  Ausgabe ­
  seiner  Arbeit  mit  dem  etwas  abgeänderten  Titel:  „An  Essay  on  the  principle ­
  of  population,  or  a  view  of  its  past  and  present  effects  on  human
happ  iness“.  Vier  weitere  Ausgaben  erschienen  zu  seinen  Lebzeiten.
Über  diesem  Buche  dürfen  nicht  seine  weiteren  sehr  bemerkenswerten  Werke  vergessen ­
  werden,  auch  wenn  sie  nicht  so  berühmt  werden  sollten;  zunächst:  P  r  i  n  c  i  p  1 e  s
of  Political  Economy  from  the  point  of  view  of  their  practical  application
  (1820)  und  andere,  die  sich  mehr  mit  den  Spezialfragen  befassen,  über  die
Getreidegesetzc  (1814—1815),  über  die  Bodenrente  (1815),  über  die  Armengesetzgebung
(1817)  und  endlich  seine  „Definitions  in  Political  Economy^  (1827).
        <pb n="154" />
        Kapitel  III,  Die  Pessimisten.

131

sogleich  ziemliches  Aufsehen  erregte;  man  erfuhr  bald,  daß  sein  Verfasser
ein  Landpfarrer  sei.  Ein  Jahrhundert  ist  vergangen,  und  seine  Wirkung
ist  noch  nicht  schwächer  geworden.  Auf  den  ersten  Blick  könnte  man
glauben,  daß  es  nur  entfernt  mit  der  Nationalökonomie  zu  tun  habe,
da  sein  Inhalt  sich  mit  der  Bewegung  der  Bevölkerung  befaßt,  mit  dem,
was  wir  heute  Demographie  nennen.  Aber  erstens  hat  sich  diese  neue
Wissenschaft,  deren  Schöpfer  Malthus  ist,  erst  später  vom  Stamme
der  Nationalökonomie  abgezweigt.  Dann  aber  werden  wir  finden,  daß
der  Einfluß  seines  Buches  auf  alle  volkswirtschaftlichen  Theorien,  auf
die  von  der  Erzeugung  sowohl  wie  auf  die  von  der  Verteilung  der  Güter,
außerordentlich  gewesen  ist.  Man  kann  es  als  eine  Entgegnung  auf  das
Werk  A.  Smith’s  über  die  Ursachen  des  Völkerreichtums  ansprechen,
dessen  Tittel,  wie  James  Bonar  geistreich  bemerkt,  mit  einer  kleinen
Änderung  ebensogut  auf  das  anonyme  Buch  Malthus’  gepaßt  hätte:
„Untersuchungen  über  die  Ursachen  der  Völkerarmut“.
Schon  die  Tatsache,  daß  er  zur  Erklärung  der  volkswirtschaftlichen
Erscheinungen  einen  neuen  Faktor  heranzog,  der  der  Biologie  entlehnt
war,  und  daß  er  einen  neuen  Trieb  ins  Treffen  führte,  der  nicht  das  Selbstinteresse ­
  oder  das  Streben  nach  Profit  war,  nämlich  den  Geschlechtstrieb,
erweiterte  den  Horizont  der  Nationalökonomie  ganz  bedeutend  und  kündigte ­
  das  Kommen  der  Soziologie  an.  Bekanntlich  hat  DarNvin  selbst
zugegeben,  daß  der  Ursprung  der  berühmtesten  wissenschaftlichen  Lehre
des  19.  Jahrhunderts,  der  des  Kampfes  ums  Dasein  als  Auswahl  des
Tüchtigsten  und  Triebfeder  des  Fortschrittes,  ihren  ersten  Anstoß  aus
dem  Buche  Malthus’  empfing.
Man  darf  nicht  etwa  glauben,  daß  die  dem  Menschengeschlechtc
aus  einer  unbegrenzten  Vermehrung  der  Bevölkerung  möglicherweise
erwachsenden  Gefahren  die  Aufmerksamkeit  keines  Schriftstellers  vor
Malthus  erregt  hätten.  In  Frankreich  hatten  sich  schon  Buffon  und
Montesquieu  damit  beschäftigt.  Im  Allgemeinen  sah  man  aber  eine
zahlreiche  Bevölkerung  stets  als  vorteilhaft  für  ein  Land  an  und^  glaubte,
daß  die  Bevölkerung  auf  natürliche  Weise  durch  die  Menge  der  Nahrungsnüttel ­
  geregelt  werde,  und  daher  Übervölkerung  nicht  zu  befürchten  sei 1 ).
So  drückt  sich  z.  B.  der  Physiokrat  Mirabeau  in  seinem  Buche:  „L’ami
des  hommes“  aus,  das  als  Untertitel  die  Bezeichnung:  Traitö  de  la
Population  (1755)  trägt.  Die  Gläubigen  der  natürlichen  Ordnung
konnten  sich  auch  nicht  durch  eine  so  natürliche  Erscheinung  wie  die
Vermehrung  der  Bevölkerung  beunruhigt  fühlen.  Dieser  Optimismus
nahm  aber  mit  Godwin  außerordentliche  Proportionen  an,  dessen  1793
erschienenes  Buch  „Political  Justice“  starken  Eindruck  machte.
Man  hat  Godwin  den  ersten  doktrinären  Anarchisten  genannt.  Er

')  Siehe  hierüber  Stangeland,  Pre-Malthusian  Doctrines,  New  York,  1904.
9*
        <pb n="155" />
        132

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

scheint  auch  zuerst  das  berühmte  Wort  geprägt  zu  haben:  „Jede  Regierung, ­
  auch  die  beste,  ist  ein  Übel.“  Auf  jeden  Fall  war  er  mit  seinem
unbegrenzten  Vertrauen  auf  die  Zukunft  der  Gesellschaften  ein  Vorläufer ­
  des  Anarchismus;  gleiches  Vertrauen  brachte  er  dem  Fortschritt
der  Wissenschaft  entgegen,  der  die  Produkte  in  einem  solchen  Maßstab
vermehren  werde,  daß  eine  halbstündige  tägliche  Arbeit  genügen  würde,
um  alle  Bedürfnisse  zu  befriedigen.  Ebenso  dachte  er  auch  hinsichtlich
.der  Entwicklung  der  Vernunft,  die  die  Einzelinteressen  und  den  Kampf
um  den  Profit  zügeln  werde.  Ist  aber  nicht  zu  befürchten,  daß  an  dem
Tage,  an  dem  das  Leben  so  leicht  und  angenehm  sein  wird,  die  Menschen
sich  so  vermehren  werden,  daß  die  Erde  sie  nicht  mehr  ernähren  kann  ?  —
Als  Godwin  diese  Frage  stellte,  ahnte  er  sicherlich  kaum,  welches  furchtbare ­
  Problem  er  damit  anschnitt.  In  seinem  unerschütterlichen  Vertrauen
antwortete  er  ohne  weiteres,  daß  diese  Möglichkeit  sich  „erst  in  vielen
Jahrtausenden“  verwirklichen  könne,  daß  sie  wahrscheinlich  überhaupt
nicht  eintreten  werde,  weil  die  Vernunft  die  geschlechtlichen  Triebe  nicht
weniger  kräftig,  wie  die  Sucht  nach  Profit  im  Zaume  halten  würde;  und
er  erblickte  sogar  in  der  Ferne  einen  gesellschaftlichen  Zustand,  in  dem
„der  Geist  die  Sinne  so  sehr  beherrschen  wird,  daß  die  Fortpflanzung
auf  hört“,  und  in  dem  der  Mensch  unsterblich  sein  wird 1 ).
Zur  gleichen  Zeit  erschien  in  Frankreich  ein  Buch,  das  mit  dem
Godwin’s  große  Ähnlichkeit  hatte:  Esquisse  d’un  tableau  historique
  des  progres  de  l’Esprit  humain  (Skizze  einer  geschichtlichen ­
  Darstellung  des  Fortschrittes  des  Menschengeistes)  von
Condorcet  (1794).  Es  atmpt  das  gleiche  Vertrauen  in  das  Vorwärtsschreiten ­
  der  menschlichen  Gesellschaften  dem  Glücke  entgegen,  in
die  Allmacht  der  Wissenschaft,  —  die,  wenn  sie  den  Tod  nicht  aus
der  Welt  schaffen  kann,  ihn  wenigstens  in  weite,  weite  Ferne  zu
rücken  vermag 2 );  —  und  diese  Zuversicht  ist  nicht  ohne  eine  gewisse ­
  Tragik  bei  einem  Manne,  der  seinem  Leben  durch  Gift  ein  Ende
machte,  um  der  Guillotine  zu  entgehen.  Wenn  aber  der  Tod  abgeschafft
werden  soll,  so  stellt  sich  Condorcet  die  gleiche  Frage  wie  Godwin:
wie  wird  die  Erde  dann  die  Menschen  ernähren  können?  Er  gibt  etwa
die  gleiche  Antwort:  nämlich,  entweder  wird  die  Wissenschaft  dazu  gelangen, ­
  die  Nahrungsmittel  über  jede  denkbare  Grenze  hinaus  zu  vermehren, ­
  oder  aber  die  Vernunft  wird  ein  unbedachtes  Überhandnehmen
der  Bevölkerung  zu  verhindern  wissen.
Unausbleiblich  mußte  ein  so  stürmischer  Optimismus  eine  Reaktion
hervorrufen,  auf  Grund  des  ewigen  Rhythmus,  der  die  Geschichte  der
*)  Godwin:  Political  Justice,  B.  VIII,  Kap.  VII;  Neudruck^  London,  1890.
2 )  „Allerdings  wird  der  Mensch  nie  unsterblich  werden,  aber  öS  ist  nicht  möglich»
daß  der  Zeitraum  zwischen  dem  Augenblick,  in  dem  er  zu  leben  anfängt,  und  dem,
in  dem  er  zu  leben  aufhört,  endlos  ausgedehnt  werden  kann?“
        <pb n="156" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

133

Ideen,  wie  die  der  Tatsachen  beherrscht.  Diese  Reaktion  ließ  auch  nicht
auf  sich  warten  und  erschien  in  der  malthusischen  Abhandlung.
Den  Behauptungen,  daß  dem  Fortschritte  des  Menschengeschlechtes
zu  Reichtum  und  Glück  keine  Grenzen  gezogen  seien,  und  daß  die  Befürchtung, ­
  es  werde  eines  Tages  zuviel  Menschen  auf  der  Erde  geben,
grundlos  sei  oder  auf  jeden  Fall  sich  auf  so  weit  vor  uns  liegende  Zeiten
beziehe,  daß  es  nicht  der  Mühe  lohne,  sich  damit  zu  beschäftigen,  hielt
MälI'hus  als  Antwort  entgegen,  daß  gerade  hierin  das  fast  unüberwindliche ­
  Hindernis  bestehe,  ein  Hindernis,  das  sich  nicht  erst  in  ferner  Zukunft ­
  einstellen  werde,  sondern  das  seit  Anbeginn  in  seiner  ganzen  drängenden ­
  Notwendigkeit  bestanden  habe  und  auch  heute  vorhanden  sei 1 ).
Von  Anfang  aller  Zeiten  an  habe  das  Zuviel  an  Menschen  den  Fortschritt
des  Menschengeschlechtes  schwer  gehemmt,  ein  Fels  des  Sisyphus,  den
es  je  und  je  gewälzt  habe,  und  unter  dessen  Last  es  zusammenbreche.
Die  Natur  habe  in  den  Menschen  einen  Instinkt  gelegt,  der,  sich  selbst
überlassen,  ihn  dem  Hunger,  dem  Tode  und  dem  Laster  überantworte.
Hierin  liegt  die  Tatsache,  die  alle  Leiden  der  Menschen  bedingt,  ohne  daß
sie  die  Ursache  kennen;  die  Tatsache,  die  den  Schlüssel  zur  Geschichte
der  menschlichen  Gesellschaften  und  ihres  Elendes  liefert.
Jeder,  auch  der,  der  soziologischen  Studien  fernsteht,  kennt  die
einfachen  Formeln,  durch  die  Malthus  einerseits  die  unheimliche  Schnelligkeit ­
  der  sich  selbst  überlassenen  Bevölkerungsvermehrung,  und  auf  der
anderen  Seite  das  verhältnismäßig  langsame  Wachstum  der  Lebensmittelmenge
  vor  Augen  führt.  Er  benützt  zur  Darstellung  der  Bevölkerungsvermehrung ­
  die  geometrische  Reihe,  die  von  Zahl  zu  Zahl  durch
Multiplikation  fortschreitet,  und  er  nimmt  die  einfachste  Form,  in  der
jede  Zahl  das  Doppelte  der  vorhergehenden  ist;  zur  Darstellung  des
Wachstums  der  Lebensmittelmenge  bedient  er  sich  der  arithmetischen
Reihe,  die  von  Zahl  zu  Zahl  durch  Addition  wächst.  Auch  hier  nimmt
er  die  einfachste,  die  Reihe  der  ganzen  Zahlen:  Das  Ergebnis  ist  folgendes:
1  2  4  8  16  32  64  128  256
12345  67  8  9
Er  nimmt  weiter  an,  daß  jede  Zahl  eine  Periode  von  25  Jahren  umfaßt. ­
  Man  sieht  daher  sofort,  daß,  wenn  die  Bevölkerung  sich  alle  25  Jahre
verdoppelt,  und  die  Lebensmittel  während  dieses  Zeitraumes  nur  um
eine  stets  gleichbleibende  Menge  wachsen,  der  Unterschied  zwischen
den  beiden  in  einem  unheimlichen  Verhältnis  steigt.  In  unserer  Zahlen-&amp;gt;)

  Kap.  VIII  trägt  die  über..»»:  „Übe,  den  I"*“;™ 1 “”'  “  *
mm  der  Be«lkerun|  erwachsende  Gefahr  not* s ,* e b,n  der  Bevelkemnp,  Uber
sehr  wenig  Länder,  m  denen  man  nicht  ein  bcstan  g  •  wtändiee
ihreUnterMtemilMhinansawaeh*»  D  Rh .^  &amp;lt;£ sellsc Jj t
« s - 16 &amp;gt;-
        <pb n="157" />
        134

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

reihe,  die  nur  9  Perioden  oder  die  verhältnismäßig  kurze  Zeit  von  200  Jahren
umfaßt,  ist  die  Zahl  für  die  Bevölkerung  schon  28mal  größer  als  die  Zahl
für  die  Lebensmittel:  bei  dem  31.  Gliede  wäre  die  Milliarde  überschritten,
und  wenn  man  die  Reihe  bis  auf  das  100.  Glied  fortsetzte,  würde  ein
numerischer  Ausdruck  nicht  mehr  möglich  sein.
Die  erste  dieser  Reihen  kann  als  richtig  anerkannt  werden,  soweit
sie  das  biologische  Fortpflanzungsgesetz  vorstellt.  Allerdings  setzt  die
Verdoppelung  vier  zum  zeugungsfähigen  Alter  gelangende  Kinder  voraus
und  folglich  etwa  5  bis  6  Geburten,  um  den  infolge  der  unvermeidlichen
Kindersterblichkeit  eintretenden  Ausfall  gut  zu  machen 1 ).  Diese  Ziffer
mag  uns  hoch  erscheinen,  die  wir  in  Gemeinwesen  leben,  wo  die  Beschränkung ­
  der  Geburten  üblich  ist.  Jedoch  beweisen  die  Tatsachen,  daß  bei
allen  lebenden  Wesen,  sogar  beim  Menschen,  der  am  wenigsten  fruchtbar
ist,  die  Zahl  der  Geburten  im  natürlichen  Lauf  der  Dinge  beträchtlich
höher  sein  würde.  Die  Zahl  der  sich  folgenden  Schwangerschaften  des  im
Alter  der  Reproduktionsfähigkeit  stehenden  Weibes  kann  etwa  zwanzig
erreichen  und  hat  sie  in  gewissen  Fällen  tatsächlich  überstiegen.  Dank  dieser
Vermehrung  hat  sich  die  Erde  bis  heute  bevölkert,  und  nichts  weist  darauf
hin,  daß  diese  Reproduktionsfähigkeit  heute  bei  beiden  Geschlechtern
geringer  sei  als  früher.  Wenn  Malthus  daher  nur  die  Zahl  2  als  Rate
seiner  Vermehrungsreihe  annimmt,  hat  er  nichts  übertriebenes  behauptet.
Eher  kann  noch  die  25  jährige  Dauer  der  Zwischenzeit  zwischen
je  zwei  Zahlen  zur  Kritik  Anlaß  geben 2 ).  Der  Zeitraum  zwischen  dem
Durchschnittsalter  der  Eltern  und  dom  durchschnittlichen  Alter,  in  dem
die  Kinder  dieses  Paares  ihrerseits  Kinder  erzeugen,  kann  kaum  geringer

9  In  der  Tat  sah  Malthus,  um  seine  Multiplikation  mit  zwei  zu  rechtfertigen,
eine  Familie  mit  sechs  Kindern  als  das  Normale  an.  Wenn  man  voraussetzt,  daß  von
sechs  durchschnittlich  zwei  vor  der  Heirat  sterben  oder  unverehelicht  bleiben,  bleiben
vier,  die  ihrerseits  Kinder  zeugen  werden,  und  derartig  gewinnen  wir  die  Reihe  2,  4,8  usw.
Bei  nur  zwei  Kindern  auf  das  Paar  würde  die  Bevölkerung  natürlich  zurückgehen,
da  nicht  alle  Kinder  das  zeugungsfähige  Alter  erreichen,  und  auch  von  denen,  die  es
erreichen,  nicht  alle  Kinder  erzeugen.  Die  Erfahrung  zeigt,  daß  bei  weniger  als  drei
Kindern  auf  das  Paar  die  Bevölkerung  nicht  steigt  oder  sich  nur  ganz  unbedeutend
vermehrt.  Das  ist  der  Fall  in  Frankreich,  wo  auf  jede  Ehe  im  Durchschnitt  2,70  Geburten ­
  fallen.
2 )  Malthus  hat  jedoch  nicht  ganz  willkürliche  Zahlen  eingesetzt.  Was  die
25jährige  Verdoppelungsperiode  anlangt,  stützte  er  sich  auf  die  Bevölkerungsbewegung
in  den  Vereinigten  Staaten.  Es  ist  merkwürdig,  daß  man  im  Laufe  des  XIX.  Jahrhunderts ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  eine  Bevölkerungsbewegung  feststellen  kann,
die  ziemlich  genau  mit  dem,  was  Malthus  voraussah,  übereinstimmt.  1800  betrug  die
Bevölkerung  5  Millionen.  Wenn  man  sie  viermal  verdoppelt  (4  Perioden  von  jo  25  Jahren
=  100  Jahre),  hat  man  für  1900  die  Zahl  von  80  Millionen.  Diese  Ziffer  wurde  1905
erreicht,  also  mit  einer  Verspätung  von  nur  5  Jahren  gegenüber  der  Voraussage.  Allerdings ­
  muß  dabei  hervorgehoben  werden,  daß  es  sich  um  einen  reinen  Zufall  handelt,
da  der  Zuwachs  auf  der  Einwanderung,  nicht  auf  der  Natalität  beruht.
        <pb n="158" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

135

als  33  Jahre  sein.  Man  nennt  diesen  Zeitraum  ein  Menschenalter  und  hat
stets  etwa  drei  auf  ein  Jahrhundert  gerechnet.
Das  sind  aber  alles  unbedeutende  Bemängelungen.  Denn  wenn
man  den  Zwischenraum  zweier  Zahlen  auch  von  25  auf  33  erhöht  und,
wenn  man  will,  die  Progression  der  Reihe  von  2  auf  1,5,  sogar  auf  1,25
oder  1,10  erniedrigt,  so  hat  dies  wenig  Bedeutung.  Die  Progression  wird
etwas  langsamer,  aber  sobald  die  Progression,  so  klein  sie  auch  am  Anfang ­
  sein  möge,  überhaupt  besteht,  so  kann  nichts  verhindern,  daß  sie
bald  in  immer  größer  und  größeren  Sprüngen  vorwärts  eilt  und  alle
Grenzen  überschreitet.  Diese  Korrekturen  verringern  daher  in  nichts
die  Kraft  der  Schlußfolgerungen  Malthus’  als  physiologisches  Gesetz.
Die  zweite  Reihe,  die  des  Wachstums  der  Lebensmittel,  scheint
der  Kritik  mehr  Angriffspunkte  zu  bieten,  denn  sie  ist  sichtlich  willkürlich, ­
  und  man  weiß  nicht  recht,  ob  sie,  wie  die  erste,  ein  natürliches
Streben  vorstellt,  oder  ob  sie  beobachtete  Tatsachen  wiederspiegeln
will!  Sie  ist  ohne  Übereinstimmung  mit  einem  bekannten  und  sicheren
Gesetz,  wie  es  das  biologische  Reproduktionsgesetz  ist.  Sie  steht  mit
ihm  sogar  allem  Anschein  nach  in  Widerspruch.  Was  sind  denn  die  „Lebensmittel“ ­
  anders,  als  tierische  und  pflanzliche  Arten,  die  sich  nach  denselben ­
  Gesetzen,  wie  die  Menschen,  vermehren  und  noch  dazu  in  einer  viel
schnelleren  „geometrischen  Reihe“!  Die  Vermehrungskraft  des  Kornes
oder  der  Kartoffel,  der  Hühner  oder  des  Herings,  sogar  der  Rinder  oder
des  Schafes  ist  doch  der  des  Menschen  unendlich  überlegen.
Das  ist  richtig,  aber  es  handelt  sich  nicht  um  die  Vermehrung  der
Lebewesen  vom  Standpunkte  der  Biologie,  sondern  um  die  Erzeugung
von  Nahrungsmitteln,  die  nicht  durch  die  Gesetze  der  Fortpflanzung,
sondern  durch  diejenigen  des  Landbaues  beherrscht  wird.
Es  handelt  sich  selbstverständlich  in  den  Gedanken  Malthus’  um
den  Ertrag  eines  bestimmten  Stück  Landes,  etwa  an  Getreide,  da  die
englischen  Nationalökonomen  niemals  etwas  anderes  im  Sinne  haben.
Er  will  sagen,  daß,  wenn  von  einem  Stück  Land  eine  gleichmäßige  Ertragssteigerung ­
  von  etwa  2  hl  am  Ende  jeder  gegebenen  Periode,  alle
25  Jahre,  erzielt  wird,  das  alles  ist,  was  man  erhoffen  kann.  Diese  Hypothese ­
  scheint  noch  über  die  Wirklichkeit  hinauszugehen.  Lavoisier
schätzte  1789  den  Getreideertrag  in  Frankreich  auf  7,75  hl  auf  den  Hektar.
In  den  letzten  Jahren  erreichte  er  im  Mittel  ein  wenig  mehr  als  17  lil.
ln  der  Annahme,  daß  die  Steigerung  in  den  120  Jahren  der  Zwischenzeit
regelmäßig  gewesen  ist,  erhalten  wir  einen  Mehrertrag  von  etwas  unter
2  hl  für  jede  Periode  von  25  Jahren.  Das  hat  angesichts  des  schwachen
Wachstums  der  französischen  Bevölkerung  genügt,  um  die  Durchschnittsmenge ­
  pro  Kopf  von  2  auf  3  hl  zu  bringen.  Würde  sie  aber  für  eine  so
schnell  anwachsende  Bevölkerung,  wie  die  Englands  oder  Deutschlands
genügt  haben?  Sicherlich  nicht,  da  diese  beiden  Länder,  trotz  eines
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        136

Erstes  Bach.  Die  Begründer.

höheren  Ertrages,  gezwungen  sind,  vom  Ausland  einen  großen  Teil  des
Brotkornes,  von  dem  sie  leben,  einzuführen.  Kann  wenigstens  in  Frankreich ­
  diese  Steigerung  endlos  während  dieses  und  der  folgenden  Jahrhunderte ­
  fortgesetzt  werden?  Das  ist  sehr  unwahrscheinlich;  die  Ertragsfähigkeit ­
  eines  jeden  Bodens  muß  eine  physische  Grenze  haben,
die  durch  die  Menge  der  in  ihm  enthaltenen  Bestandteile  bestimmt  wird.
—  und  noch  viel  eher  muß  eine  wirtschaftliche  Grenze  erreicht  werden.
Diese  Grenze  ergibt  sich  aus  den  wachsenden  Kosten,  die  jede  bis  zu
ihren  äußersten  Schranken  getriebene  Nutzbarmachung  bedingt.  So
erscheint  das  Gesetz  vom  ,,sinkenden  Bodenertrag“,  auf  das  wir  zurückkommen ­
  werden,  schon  als  die  wirkliche  Grundlage  der  MAXTHUs’schen
Gesetze,  obgleich  er  nicht  ausdrücklich  darauf  hinweist.
Übrigens  ist  dieser  Hinweis  auch  überflüssig,  denn  es  liegt  auf  der
Hand,  daß  in  der  Tat  an  einem  gegebenen  Ort  sich  nicht  mehr  lebende
Wesen  befinden  können,  als  dort  ihren  Lebensunterhalt  finden:  das  ist
ein  Truismus.  Denn  wenn  mehr  vorhanden  sind,  müssen  selbstverständlich ­
  die  Zuvielen  Hungers  sterben 1 ).  Dies  tritt  in  der  Tier-  und  Pflanzenwelt ­
  stets  ein:  die  ungeheuerliche  Vermehrung  der  Keime  der  Lebewesen
wird  durch  den  Tod  unerbittlich  auf  das  zulässige  Verhältnis  zurückgeführt, ­
  und  das  von  der  Notwendigkeit  bestimmte  Niveau  steigt  und  fällt
ebensowenig,  wie  der  Wasserstand  in  einem  gut  regulierten  Behälter
schwankt.  Denn  die  furchtbaren  Verheerungen  des  Todes  werden  ständig
durch  unerschöpflichen  Lebensdrang  wieder  ersetzt.  Bei  den  wilden
Völkern  stirbt  nun  ebenso  wie  bei  wilden  Tieren  ein  großer  Bevölkerungsteil ­
  buchstäblich  Hungers.  Malthus  weist  eingehend  auf  den  Zustand
dieser  primitiven  Gemeinschaften  hin;  diese  Schilderungen  füllen  sogar  den
größten  Teil  seines  Buches.  Hierin  war  er  ein  Vorläufer  jener  prähistorischen ­
  Soziologie,  die  seit  ihm  bedeutende  Fortschritte  gemacht  hat.
Er  zeigt  sehr  klar,  wie  dieser  Mangel  an  Nahrungsmitteln  hundert
Übel  nach  sich  zieht,  nämlich  nicht  nur  die  große  Sterblichkeit  und  die
Epidemien,  sondern  auch  die  Menschenfresserei,  den  Kinder-  und
Greisenmord  und  besonders  den  Krieg,  der,  auch  wenn  sein  Ziel  nicht
mehr  darin  besteht,  die  Besiegten  aufzufressen,  doch  wenigstens  den
Zweck  hat,  ihnen  ihr  Land  und  die  Lebensmittel,  die  es  hervorbringen
kann,  zu  nehmen.  Das  nennt  er  positive  oder  repressive  Hemmungen. ­


x )  Mit  Bezug  hierauf  schrieb  Malthus  den  bekannten,  stets  wiederholten  Satz,
den  man  ihm  beständig  zum  Vorwurf  gemacht  hat,  obgleich  er  von  ihm  schon  in  der
2.  Ausgabe  gestrichen  wurde:  „der  in  die  .  .  .  schon  mit  Beschlag  belegte  Welt  Geborene ­
  .  .  .  findet  an  der  großen  Tafel  der  Natur  keinen  für  ihn  gedeckten  Platz.  Die
Natur  befiehlt  ihm,  wieder  zu  verschwinden  und  zögert  nicht,  ihrem  Befehl  nachzuhelfen.“ ­
  Hierbei  darf  aber  nicht  vergessen  werden,  daß  Malthus  an  der  Reorganisation
der  öffentlichen  Wohlfahrtsbehörde,  wie  sie  vor  1832  in  England  bestand,  mitgewirkt  hat.
        <pb n="160" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

137

Könnte  man  aber  hierauf  nicht  erwidern,  daß  dieser  Mangel  an
Nahrungsmitteln  bei  den  Wilden,  wie  bei  den  Tieren  mehr  auf  einer
Produktionsunfähigkeit,  als  auf  einer  Übervölkerung  beruhe?
Malthus  erwidert  jedoch  sofort  mit  dem  Hinweis  auf  die  Beibehaltung ­
  vieler  dieser  Gewohnheiten  selbst  bei  so  zivilisierten  Völkern
wie  den  Griechen.  Sogar  bei  modernen  Völkern  bestehen,  wenn  auch
abgeschwächt,  diese  Formen  brutaler  Unterdrückung.  Wenn  wirkliche
Hungersnot  sich  auch  nur  noch  in  Bußland  und  Indien  findet,  so  herrscht
sie  doch  mitten  unter  den  zivilisiertesten  Gemeinschaften  als  physisches
Elend,  das  sich  am  verheerendsten  in  der  Tuberkulose  äußert.  Sie  zieht
eine  erschreckliche  Kindersterblichkeit  und  für  die  erwachsene  Arbeiterbevölkerung ­
  frühzeitigen  Tod  nach  sich.  Der  Krieg  fährt  fort,  die  Menschen
in  Massen  niederzumähen.  Malthus  lebte  ja  zur  Zeit  jener  Kriege  der
Revolution  und  des  ersten  Kaiserreichs,  in  denen  von  1791—1815  in
Europa  zehn  Millionen  blühender,  kräftiger  Männer  umkamen 1 ).
Bei  zivilisierten  Völkern  aber  läßt  sich  das  Gleichgewicht  zwischen
Bevölkerung  und  Lebensmittelmenge  durch  menschlichere  Mittel  herstellen,
  indem  nämlich  die  repressive  Hemmung,  die  in  der  Steigerung ­
  der  Sterblichkeit  besteht,  durch  die  präventive  Hemmung, ­
  die  in  der  Verringerung  der  Geburten  besteht,  ersetzt ­
  wird.  Dieser  Ausweg  steht  unter  allen  nur  dem  Wesen  offen,  das  mit
Vernunft  und  Voraussicht  begabt  ist:  dem  Menschen.  Wenn  er  weiß,
daß  seine  Kinder  dem  Tode  geweiht  sind,  kann  er  sich  ihrer  Zeugung
enthalten.
Malthus  hat,  besonders  in  der  zweiten  Ausgabe  seines  Buches,
die  präventiven  Mittel  eingehender  dargestellt  und  dadurch  die  drohenden ­
  Aussichten,  die  die  erste  eröffnete,  abgeschwächt.  Es  kommt  nun
darauf  an,  zu  wissen,  was  er  darunter  versteht.  In  einer  so  bedeutsamen
Frage,  in  der  die  Gedanken  des  hochwürdigen  Pfarrers  von  Haileybury
so  eigentümlich  entstellt  worden  sind,  dürfen  wir  uns  nicht  scheuen,  die
Zitate  etwas  zu  häufen.
Die  präventive  Hemmung  ist  für  Malthus  die  moralische  Enthaltsamkeit ­
  —  moral  restraint.  —  Was  soll  man  hierunter  verstehen?
Bedeutet  es,  wie  immer  wieder  behauptet  wird,  die  Enthaltsamkeit  vom
geschlechtlichen  Verkehr  in  der  Ehe,  sobald  die  Zahl  der  Kinder  genügend
groß  ist,  um  die  Bevölkerung  auf  gleicher  Höhe  oder  in  gemäßigtem
Wachstum  zu  halten,  sobald  also  etwa  drei  Kinder  erzeugt  sind?  Durch-*)

  Was  hätte  er  von  dem  letzten  großen  Kriege  gesagt,  der  in  vier  Jahren  ungefähr
8  Millionen  Todesfälle  unter  der  militärischen  und  wahrscheinlich  ebensoviel  unter
der  bürgerlichen  Bevölkerung  verursacht  hat?  Ohne  Zweifel  hätte  er  darin  die  Folge
und  gleichzeitig  das  Heilmittel  der  Überbevölkerung  Europas  erblickt,  das  von  180
Millionen  Einwohnern,  die  zu  seiner  Zeit  lebten,  auf  460  Millionen  bei  Ausbruch  des
Krieges  gestiegen  war.
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        138

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

aus  nicht.  Niemals  hat  Malthus  die  geschlechtliche  Enthaltsamkeit
in  der  Ehe  befürwortet.  Wir  haben  schon  gesagt,  daß  er  sechs  Kinder
(was  wenigstens  die  Verdoppelung  jeder  Generation  bedeutet)  als  den
Typus  einer  normalen  Familie  bezeichnet.  Und  dabei  stellt  er  diese
Zahl  keineswegs  als  ein  Maximum  hin,  denn  er  fügt  hinzu:  „Vielleicht
wird  man  mir  entgegenhalten,  daß  niemand,  der  sich  verheiratet,  die
Zahl  seiner  Kinder  Voraussagen  kann,  und  ob  er  nicht  mehr  als  sechs
haben  wird.  Das  ist  unbestreitbar“  (S.  570).
Worin  soll  nun  diese  moralische  Enthaltsamkeit  bestehen?  Hierauf
antwortet  er:  „Enthaltung  von  der  Ehe,  zusammen  mit  keuschem  Lebenswandel, ­
  nenne  ich  moralische  Enthaltsamkeit“  (S.  14).  In  einer  Anmerkung
bemerkt  er  noch,  um  jedes  Mißverständnis  auszuschließen:  „Ich  verstehe
unter  moralischer  Enthaltsamkeit  die,  welche  jemand  hinsichtlich  der
Heirat  aus  einem  Klugheitsgrunde  übt,  solange  sein  Lebenswandel  während
dieser  Zeit  durchaus  moralisch  ist.  Ich  habe  mich  in  diesem  Werke  bemüht, ­
  nie  von  dieser  Auslegung  abzuweichen.“  Es  ist  also  klar:  es  handelt
sich  um  völlige  Enthaltsamkeit  von  jedem  geschlechtlichen  Verkehr
außer  der  Ehe,  um  das  Hinausschieben  der  Ehe  selbst  bis  zu  einem  Zeitpunkt, ­
  wo  der  Mann  imstande  ist,  die  Verantwortlichkeit  für  eine  Familie
auf  sich  zunehmen,  oder  sogar  um  vollständigen  Verzicht  auf  die  Ehe,
wenn  dieser  Zeitpunkt  nie  eintritt.
Man  sieht  hieraus,  daß  Malthus  durchaus  die  Mittel  verwirft,  deren
Verbreitung  heute  von  denen  angestrebt  wird,  die  sich  auf  ihn  berufen:
er  verurteilt  die,  welche  die  freie  Ausübung  des  geschlechtlichen  Verkehrs, ­
  sei  es  außer,  sei  es  in  der  Ehe  befürworten,  indem  sie  ihn  absichtlich ­
  steril  gestalten.  Die  Anwendung  jedes  Präventivmittels  bezeichnet
er  als  Laster,  im  Gegensatz  zur  moralischen  Enthaltsamkeit.  Malthus
ist  in  diesem  Punkte  sehr  kategorisch:  „Ich  weise  jedes  künstliche  und
den  Naturgesetzen  zuwiderlaufende  Mittel  zurück,  durch  das  man  die
Bevölkerung  beschränken  möchte.  Die  Hemmungen,  die  ich  befürworte,
sind  mit  der  Vernunft  in  Übereinstimmung  und  vor  der  Religion  gerechtfertigt“ ­
  (S.  616).  Und  er  fügt  die  für  Frankreich  wahrhaft  prophetischen
Worte  hinzu:  „Es  wäre  zu  leicht  und  zu  einfach,  das  Wachstum  der  Bevölkerung ­
  sogar  völlig  aufzuhalten,  und  damit  würde  man  in  den  entgegengesetzten ­
  Fehler  verfallen.“
Es  ist  kaum  nötig  darauf  hinzuweisen,  daß,  wenn  Malthus  den
ehelichen  Präventivverkehr  verwirft,  er  mit  noch  größerem  Nachdruck
gegen  jenes  andere  Präventivmittel  auftritt,  das  in  der  Einrichtung
einer  besonderen  Klasse  weiblicher,  der  Prostitution  verfallener  Wesen
besteht 1 ).  Mehr  noch  hätte  er  jene  Mittel  verworfen,  von  denen  zu
1 )  „Die  Prostitution,  die  allerdings  der  Bevölkerungsvermehrung  Abbruch  tut,
zieht  gleichfalls  eine  Schwächung  der  edelsten  Herzenseigenschaften  und  eine  Erniedrigung ­
  des  Charakters  nach  sich.  Jeder  andere  ungesetzliche  Geschlechtsverkehr
        <pb n="162" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

139

seiner  Zeit  kaum  die  Rede  war,  wie  die  Abtreibung  —  ein  Verbrechen,
das  in  unseren  modernen  Gesellschaften  in  viel  umfassenderem  Maße
an  die  Stelle  des  Kindermordes  und  der  Kinderaussetzung  des  Altertums
zu  treten  strebt,  —  denen  aber  das  Strafgesetzbuch  ohnmächtig  gegenübersteht, ­
  und  die  eine  neue  Moral  sogar  zu  rechtfertigen  anfängt.
Aber  nun  erhebt  sich  eine  Frage:  da  nun  so  alle  der  Moral  widersprechenden ­
  Mittel  ausgeschaltet  sind,  wie  hat  da  Malthus  glauben  können,
daß  die  moralische  Enthaltsamkeit,  wie  er  sie  auffaßte,  jemals  zu  einem
ausreichenden  und  wirksamen  Zaum  gegen  die  Übervölkerung  werden
könnte  ?
Ohne  Zweifel  möchte  er  es  gern:  er  bemüht  sich,  die  Menschen  für
diesen  heiligen  Kreuzzug  zu  rüsten:  „Die  Christen  weise  ich  darauf  hin,
daß  uns  die  heilige  Schrift  klar  und  unzweideutig  als  positive  Pflicht
die  Beherrschung  unserer  Leidenschaften  in  vernünftigen  Grenzen  vorschreibt ­
  .  .  .  Ein  Christ  kann  die  Schwierigkeit  der  moralischen  Enthaltsamkeit ­
  nicht  als  Entschuldigung,  die  ihn  von  dieser  Pflicht  entbinde,
anführen“  (S.  479).  Und  denen  gegenüber,  die  nur  der  Vernunft  gehorchen
wollen,  führt  er  aus:  „daß  diese  Tugend  (die  Keuschheit)  auf  Grund  genauer
Untersuchung  zur  Vermeidung  der  Übel  notwendig  erscheint,  die  ohne
sie  eine  unausbleibliche  Folge  der  Naturgesetze  sind“ 1 ).
Im  Grunde  seines  Herzens  glaubt  er  aber  kaum  an  eine  Ausbreitung ­
  der  moralischen  Enthaltsamkeit,  um  den  menschlichen  Liebesdrang
  zu  beherrschen  und  zu  regeln.  Deshalb  fühlt  er  sich  auch
wenig  sicher,  und  trotz  des  Schildes  aus  reinem  und  zerbrechlichem
Kristall,  den  er  der  Hydra  entgegenhielt,  erschien  sie  ihm  noch  immer

wirkt  ebensosehr  wie  die  Ehe  auf  ein  Wachstum  der  Bevölkerung  hin  (wenn  man  nicht
Mittel  anwendet,  die  die  Moral  verwirft),  läßt  es  jedoch  viel  wahrscheinlicher  erscheinen,
daß  die  Kinder  der  Fürsorge  der  Gesellschaft  zur  Last  fallen“  (S.  476).
')  „Diese  Betrachtungen  beweisen,  daß  die  Keuschheit  nicht,  wie  einige  vermuten,
eine  erzwungene  Tugend  ist,  die  ein  künstlicher  sozialer  Zustand  hervorbringt,  sondern
daß  sie  ihre  wirkliche  und  feste  Grundlage  in  der  Natur  und  in  der  Vernunft  hat:  diese
Tugend  ist  auch  das  einzige  richtige  Mittel,  die  Laster  und  Leiden,  die  das  Prinzip
der  Bevölkerung  nach  sich  zieht,  zu  vermeiden.“
Malthus  weist  darauf  hin,  daß  diese  Tugend  seit  jeher  von  den  Frauen  gefordert
worden  ist,  und  daß  es  „daher  keinen  Grund  gibt,  weshalb  die  Verletzung  der  Gesetze
der  Keuschheit  nicht  in  gleicher  Weise  für  beide  Geschlechter  entehrend  sein  solle*
(S.  471)  Hierin  liegt  schon  die  kühne  Forderung  gleicher  Moral  für  beide  Geschlechter. ­

Wenn  man  daher  dem  hochwürdigen  Herrn  den  Vorwurf  macht,  Gott  zu  lästern,
der  den  Menschen  befohlen  hat:  Seid  fruchtbar  und  mehret  euch,  ein  Vorwurf,  gegen
den  er  besonders  empfindlich  sein  müßte  —  wäre  es  Malthus  leicht  gewesen,  hierauf
mit  dem  Hinweis  zu  antworten,  daß,  wenn  die  Vorsehung  die  Zeugung  des  Lebens
gewollt  hat,  doch  auch  die  Keuschheit  eine  christliche  Tugend  ist,  und  daß  vielleicht
ihr  Zweck  gerade  die  vorsorgende  Funktion  sei,  die  Zeugung  in  einem  richtigen  Gleichgewicht ­
  zu  halten.
        <pb n="163" />
        140

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

bedrohlich 1 ).  Auch  hatte  er  sehr  gut  begriffen,  daß  sein  Heilmittel,
das  verlängerte  Zölibat,  sich  nicht  nur  als  unwirksam  erweisen  könne,
sondern  daß  es  große  Gefahren  in  sich  berge,  da  es  gerade  zu  den  Lastern,
die  er  fürchtete,  führen  könnte.  Ein  langes,  oder  noch  schlimmer  ein
immerdauerndes  Zölibat  ist  allerdings  kein  den  guten  Sitten  besonders
förderlicher  Zustand.
Malthus  war  daher  von  tiefer  Sorge  erfüllt,  und  er,  den  man  soeben
noch  für  einen  starrköpfigen  Asketen  hätte  halten  können,  zeigt  sich
jetzt  als  ein  utilitarischer  Moralist,  ähnlich  Bentham.  Da  er  die  Praktiken,
die  eine  Befriedigung  des  Geschlechtstriebes  unter  Umgehung  der  Empfängnis ­
  bezwecken,  nicht  verhindern  kann,  bescheidet  er  sich  schließlich
damit,  sie  hinzunehmen,  wenn  er  sie  auch  als  Laster  verurteilt.  Bei  der
Wahl  zwischen  zwei  Übeln  erscheint  ihm  dieses  geringer,  als  das,  das  sich
aus  der  Übervölkerung  ergibt 2 )-  —  um  so  mehr,  sagt  er,  als  die  Übervölkerung ­
  an  sich  schon  eine  sehr  große  Ursache  der  Unmoralität  ist,
denn  sie  hat  notwendigerweise  Elend  im  Gefolge,  erzeugt  eine  erzwungene
Promiskuität  der  Geschlechter  und  ruft  so  die  hierauf  beruhenden  Ausschweifungen ­
  hervor;  ein  Gedankengang,  der  übrigens  durchaus  richtig
ist 3  * ).  Und  so  ist  die  Lösung,  die  Malthus  zum  Schluß  annimmt,  nicht

*)  „Die  präventive  Hemmung  hat  zweifellos  ihre  Wirkung  ausgeübt,  und  die
Behauptung,  daß  sie  keinen  Teil  an  der  allgemein  verwirklichten  Einschränkung
des  Bevölkerungszuwachses  gehabt  habe,  würde  voreilig  sein;  zuzugeben  ist  aber,
daß  sie  im  Verhältnis  zu  den  anderen  Hemmungen  nur  von  geringer  Bedeutung  gewesen ­
  zu  sein  scheint“  (S.  150).
„Ich  habe  gesagt,  und  ich  halte  es  für  absolut  wahr,  daß  es  unsere  Pflicht  ist,
uns  nicht  eher  zu  verheiraten,  als  bis  wir  unsere  Kinder  ernähren  können,  und  daß  es
gleicherweise  unsere  Pflicht  ist,  uns  keinen  lasterhaften  Leidenschaften  hinzugeben.
Nirgends  aber  habe  ich  gesagt,  daß  ich  nun  erwartete,  eine  oder  die  andere  dieser
Pflichten,  und  noch  weniger  beide,  genau  erfüllt  zu  sehen.  In  diesem  Falle  wie  in  vielen
anderen,  ist  es  möglich,  daß  die  Verletzung  der  einen  die  Einhaltung  der  anderen  erleichtert ­
  .  .  .  Aber  der  Moralist  kann  unter  keinem  Vorwand  sich  davon  befreien,  die
Ausübung  der  einen  und  der  anderen  anzuraten.  Das  Übrige  muß  jedem  einzelnen
selbst  überlassen  werden“  (S.  600).
2 )  „Ich  würde  untröstlich  sein,  irgend  etwas,  direkt  oder  indirekt,  zu  sagen,  das
in  einem  der  Tugend  entgegengesetzten  Sinne  ausgelegt  werden  kann.  Ich  glaube  aber
nicht,  daß  die  Fehler,  um  die  es  sich  handelt  (welche?  sie  müßten  genannt  werden:
Präventivverkehr  ?  Onanismus  ?  Prostitution  ?  Malthus  unterläßt  es  stets,  sie  genauer
zu  bezeichnen),  in  Fragen  der  Moral  für  sich  allein  angesehen  werden  dürfen,  noch  auch,
daß  sie  die  schwersten  sind,  die  man  sich  vorstellen  kann“  (S.  489).
,Ich  zögere  keinen  Augenblick  zu  behaupten,  daß  die  Klugheit  (es  ist  zu  bemerken, ­
  daß  es  sich  hier  nicht  mehr  um  moral  restraint,  sondern  um  prudential
restraint  handelt),  die  von  einer  unbedachten  Heirat  abrät,  ein  einem  vorzeitige 11
Tod  vorzuziehendes  Hindernis  ist“  (S.  600).
Damit  sind  wir  weit  von  der  1.  Ausgabe  entfernt,  in  der  er,  strenger,  als  Präventivmittel ­
  keinen  abwägenden  Mittelweg  zwischen  „Keuschheit  und  Laster“  zugab.
3 )  „Die  schmutzige  Armut  ist  unter  allen  Zuständen  am  wenigsten  für  die  Keuschheit ­
  günstig  ...  Es  gibt  so  tiefe  Armut,  daß  ein  in  ihr  geborenes  Mädchen  unrettbar
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        mehr  ausschließlich  die  der  vollkommenen  Reinheit:  wie  er  selbst  sagt,
ist  sie  nur  die  „große  Regel  der  Nützlichkeit;  es  handelt  sich  darum,
ganz  unbewußt  die  Gewohnheit  anzunehmen,  unsere  Leidenschaften,
ohne  jemandem  zu  schaden,  zu  befriedigen“  (S.  530).  Mit  diesen  Konzessionen ­
  waren  dem  Neomalthusianismus  alle  Wege  bereitet.
Zusammenfassend  zeigt  uns  Malthus  den  Menschen  an  einem  dreifachen ­
  Scheidewege,  einem  Trivium:  Auf  dem  mittleren  Arm  des  Wegweisers ­
  lesen  wir:  „Ins  Elend“,  auf  dem  zur  Rechten:  „Zur  Tugend“
und  auf  dem  zur  Linken:  „Ins  Laster“.  Er  sieht,  wie  die  Kraft  eines
blinden  Instinktes  den  Menschen  auf  den  mittleren  Weg,  den  Weg  „Ins
Elend“  treibt.  Er  beschwört  ihn,  stark  zu  bleiben  und  einen  der  beiden
seitlichen  Wege,  wenn  irgend  möglich,  den  zur  Rechten  einzuschlagen.
Aber  er  fürchtet,  daß  die  Zahl  derer,  die  seinem  Rate  folgen,  derer,  die,
wie  das  Neue  Testament  sagt,  den  schmalen  Weg  des  Heils  wählen,  nur
klein  sein  wird.  Und  andererseits  will  er  in  seiner  ein  wenig  kindlichen
Seele  nicht  zulassen,  daß  alle  Menschen  den  Weg  des  Lasters  gehen;  und
so  reicht  zuletzt  keine  der  beiden  präventiven  Hemmungen  aus,  um  ihn
über  die  Zukunft  der  Menschheit  zu  beruhigen,  und  aus  diesem  Grunde
fürchtet  er,  die  Masse  werde  der  natürlichen  abschüssigen  Straße  folgen,
und  so  dem  Abgrunde  zueilen.

Keine  Lehre  ist  mehr  geschmäht  worden,  als  die  des  Malthus.
Die  Verwünschungen,  die  man  gegen  ihn  schleuderte,  fanden  kein  Ende,
und  schon  sein  Zeitgenosse  Godwin  nannte  ihn  „jenes  schwarze  und
schreckliche  Genie,  das  bereit  ist,  jede  Hoffnung  des  menschlichen  Geschlechtes ­
  auszulöschen“.
Vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  aus  hat  man  gesagt,  daß  alle
seine  Voraussagungen  von  den  Tatsachen  widerlegt  worden  sind;  vom
moralischen  Gesichtspunkt  aus,  daß  seine  Lehren  die  widerlichsten  Gewohnheiten ­
  erzeugt  hätten,  und  viele  Franzosen  schreiben  ihm  die  Verantwortung ­
  für  den  demographischen  Niedergang  ihres  Landes  zu.  Was
soll  man  von  diesen  Kritiken  halten?
Sicherlich  hat  die  Geschichte  die  Befürchtungen  Malthus  nicht
bestätigt;  im  Gegenteil,  sie  hat  uns  auch  nicht  ein  Land  gezeigt,  das
uu  Übervölkerung  zu  leiden  gehabt  habe.  In  einigen,  wie  in  Frankreich,
bat  die  Bevölkerung  nur  ganz  unbedeutend  zugenommen;  in  den  anderen
ist  sie  stark  gestiegen,  ohne  jedoch  das  Wachstum  an  Reichtum  überholen ­
  zu  können.
üer  Prostitution  verfällt,  daß  nur  ein  Wunder  es  davor  bewahren  kann“  (S.  493).  Und
an  anderer  Stelle:  „Ich  sage,  daß  die  Verringerung  der  auf  der  Armut  beruhenden
haster  eine  genügende  Entschädigung  für  das  Unheil,  das  man  mit  Recht  voraussieht,
sein  wird 1 *  (S.  675).

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        142

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Wenn  wir  das  Land  in  Betracht  ziehen,  dem  Malthus  die  Daten
seiner  Berechnungen  entnommen  hat,  die  Vereinigten  Staaten,  so  finden
wir  nach  dem  alle  10  Jahre  veröffentlichten  Zensus  folgenden  Durchschnitt ­
  des  Vermögens  auf  den  Kopf  der  Bevölkerung:

1850

308  Dollar

1890

1036  Dollar

1860

514  „

1900

1227  „

1870

780  „

1910

1370  „

1880

870  „

man

sieht,  hat  in  einem  halben

Jahrhundert

der  Anteil

Reichtum  sich  für  jeden  Einwohner  der  Vereinigten  Staaten  mehr  als
vervierfacht,  obwohl  sich  die  Bevölkerung  im  gleichen  Zeiträume  ebenfalls
vervierfacht  hat  (von  23  auf  92  Millionen) 1 ).
Zur  Zeit  Malthus’  zählte  Großbritannien  (England  und  Schottland) ­
  10,5  Millionen  Einwohner  (1800—1805);  heute  ist  die  Bevölkerung
auf  45  Millionen  angewachsen.  Wenn  er  eine  derartige  Zahl  hätte  voraussehen ­
  können,  würde  er  entsetzt  gewesen  sein.  Und  doch  haben  sich,
während  die  Bevölkerung  sich  vervierfacht  hat,  Reichtum  und  Wohlstand
Großbritanniens  gewißlich  mehr  als  vervierfacht.
Soll  dies  nun  bedeuten,  wie  man  beständig  in  allen  Büchern
über  den  Gegenstand  wiederholt,  daß  die  malthusischen  Gesetze  von  den
Tatsachen  widerlegt  seien?  —  Nicht  seine  Gesetze,  die  bestehen  bleiben,
sondern  lediglich  die  Voraussagungen,  die  er  an  sie  knüpfte.  Kann  man
bezweifeln,  daß  die  Vermehrung  aller  Lebewesen,  einschließlich  der
Menschen,  das  Streben  hat  (in  Wirklichkeit  ist  dies  eine  Tautologie),
sich  durch  Multiplikation  zu  vollziehen,  und  daß  sie,  sich  selbst  ohne
Hindernis  überlassen,  alle  Grenzen  übersteigen  würde,  —  oder  daß  im
Gegenteil  das  Wachstum  der  Industrieerzeugnisse  notwendigerweise
durch  die  zahlreichen,  von  jeder  Industrie  zu  überwindenden  Bedingungen
(Lage,  Rohstoffe,  Kapital,  Arbeitskräfte  usw.)  beschränkt  sei?  Wenn
trotzdem  das  Wachstum  der  Bevölkerung  das  Wachstum  an  Gütern
nicht  überholt  hat,  und,  wie  sich  aus  den  obigen  Ziffern  ergibt,  hinter
ihm  zurückgeblieben  ist,  so  beruht  dies  darauf,  daß  es  durch  den  menschlichen ­
  Willen  eingeschränkt  worden  ist.  Dies  vollzieht  sich  nicht  nur
in  Frankreich,  wo  die  präventive  Hemmung  in  Blüte  steht,  sondern  mehr
oder  weniger  in  allen  Ländern,  in  denen  die  wirkliche  Fruchtbarkeit
stark  hinter  der  möglichen  Fruchtbarkeit  zurückbleibt.
Der  einzige  bemerkenswerte  Unterschied  ist  der,  daß  das  präventive
Mittel  sich  nicht  in  Gestalt  der  moralischen  Selbstbeherrschung  ver-9
  Man  muß  in  Betracht  ziehen,  daß  diese  Zahlen  nur  Werte  vorstellen,  die
in  Geld  ausgedrückt  und  zum  laufenden  Zinsfuß  kapitalisiert  sind,  was  eine  Häufung
von  Fiktionen  vorstellt.  Es  wird  nicht  gesagt,  daß  der  Durchschnittsverbrauch  eines
Amerikaners  in  natura,  besonders  wenn  es  sich  um  Lebensmittel  handelt,  heute
größer  als  früher  sei.
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        wirklicht  hat,  wie  Malthus  es  wünschte,  sondern  durch  Methoden,  die
er  mißbilligte.
Der  Irrtum,  den  man  Malthus  mit  größerem  Rechte  vorwerfen
könnte,  liegt  in  einer  Verwechslung  von  Motiven  verschiedener  Ordnung.
Der  Wunsch,  sich  in  der  Person  seiner  Kinder  zu  verewigen,  hat  keine
Beziehung  zum  Geschlechtstrieb 1 ).
Nur  dem  letzteren  kann  jener  Charakter  unwiderstehlicher  Kraft
zugesprochen  werden,  den  Malthus  zu  Unrecht  bei  dem  ersten  voruussclzw
  Der  Geschlechtstrieb  ist  ein  auf  tierischen  Ursprung  zurückgehender ­
  Instinkt,  der  zur  Gewalt  einer  überwältigenden  Leidenschaft
a uwachsen  kann,  und  dem  alle  Menschen  gleichmäßig  unterliegen.  Der
Wunsch,  Kinder  zu  haben,  hat  in  der  Hauptsache  gesellschaftlichen  und
religiösen  Ursprung  und  nimmt  je  nach  Ort  und  Zeit  verschiedene
Bormen  an.
j  Bei  den  religiösen  Völkern,  die  die  Gesetze  Moses’,  Manu’s  oder
Confucius’  befolgen,  ist  die  Fortpflanzung  der  Weg  der  Erlösung,  die
I  Verwirklichung  der  Unsterblichkeit 2 ).  Keinen  Sohn  zu  haben  ist  für
;  den  Brahmanen,  den  Chinesen,  den  Juden  mehr  als  ein  Unglück:  ein
Verbrechen  gegen  Gott.  Bei  den  griechischen  und  lateinischen  Völkern
War  die  Fortpflanzung  eine  heilige  Pflicht  gegenüber  der  Stadt  und  dem
Vaterlande.  In  einer  aristokratischen  Kaste  ist  es  der  Stolz  auf  den  Namen,
der  nicht  aussterben  soll.  Ein  neues  Land  braucht  Arbeitskraft,  um  Neuland ­
  zu  roden,  und  Menschen,  um  ein  neues  Volk  zu  schaffen.  Und  sogar
511  der  bedürftigen  Klasse  kann  der  Besitz  an  Kindern  ein  Mittel  werden,
Um  das  öffentliche  Mitleid  zu  erwecken.  Umgekehrt  aber  wirken  eine
ganze  Anzahl  Kräfte  dem  Fortpflanzungsinstinkt  entgegen:  der  Egoismus
dor  Eltern,  die  keine  Verantwortlichkeit  übernehmen  wollen;  der  der
Mütter,  die  die  Schmerzen  und  die  Gefahren  der  Schwangerschaft  scheuen;
der  Geiz  der  Elternliebe,  die  von  keinem  Nachgeborenen  etwas  wissen
"'dl,  um  den  Erstgeborenen  um  so  besser  ausstatten  zu  können;  der

1 )  Weder  das  Eine  noch  das  Andere  sind  dasselbe  wie  der  Wunsch,  sich  zu  verheiraten,
  der  ganz  anderen  Beweggründen  entspringt.  Der  Franzose  verheiratet  sich
Meistens,  „um  ein  Heim  zu  haben“,  aber  er  unterscheidet  diesen  Wunsch  wohl  von
iwn  nach  Liebe  und  noch  mehr  von  dem,  Kinder  zu  haben.
2 )  „In  einem  Sohn  erwirbt  der  Mensch  den  Sieg  über  Alles.  In  einem  Sohn  gewinnt ­
  er  die  Unsterblichkeit,  und  von  Sohn  zu  Sohn  gelangt  er  in  die  Wohnung  der
Sonne.  Der  Sohn  erlöst  seinen  Vater  aus  der  Hölle.  Der  Sohn  eines  Brahmanen,  wenn
öt  tugendhaft  handelt,  löscht  die  Sünden  von  zehn  seiner  Vorfahren  aus.
So  sagt  das  Gesetz  Manu’s.  Malthus  selbst  zieht  es  als  Beweisgrund  an.  Er  müßte
^öiir  bemerkt  haben,  daß  mit  dem  Tage,  an  dem  man  nicht  mehr  an  die  Gesetze  Manu  s
glaubt,  das  Argument  seine  Spitze  gegen  ihn  kehrt.
Einer  der  Gründe,  weshalb  die  Jüdinnen  sich  durch  die  Sterilität  entehrt  glauben,
ffar &amp;gt;  daß  jede  von  ihnen  die  Mutter  des  erwarteten  Messias  werden  konnte.  Sobald
)öer  die  Juden  n  cht  mehr  auf  den  Messias  warten,  verschwindet  natürlich  dieser
Unmd,  Kinder  zu  haben.

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g-Kapitel

  III.  Die  Pessimisten.
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        144

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Feminismus,  der  die  Unabhängigkeit  außer  der  Ehe  sucht;  die  vorzeitige ­
  Emanzipation  der  Kinder,  die  den  Eltern  nur  die  Sorgen  der
Elternschaft,  aber  weder  ihre  Freuden,  noch  ihren  Gewinn  läßt;  unzureichende ­
  Wohnungen,  die  Last  der  Steuern  und  hundert  andere.
Daher  sind  die  Gründe  der  Fortpflanzung  unendlich  mannigfaltig,
aber  gerade  weil  sie  sozialer  und  nicht  physiologischer  Natur  sind,  haben
sie  keinen  notwendigen,  bleibenden,  allgemeingültigen  Charakter  und
können  sehr  wohl  durch  entgegengesetzte,  soziale  Beweggründe  überwunden ­
  werden.  Gerade  das  ist  eingetreten.  Man  kann  sich  wohl  vorstellen, ­
  daß  dort,  wo  der  religiöse  Glaube  verdorrt,  und  die  Vaterlandsliebe ­
  tot  ist,  wo  die  Familie  nur  eine  Generation  dauert,  wo  alles  Land
in  fester  Hand,  und  die  Fabrikarbeit  der  Kinder  untersagt  ist,  wo  die
Seßhaftigkeit  des  Lebens  fast  aufgehört  hat,  wo  der  Gedanke  an  physische
Schmerzen  unerträglich,  und  die  Ehe  durch  leichte  Ehescheidung  mehr
und  mehr  einer  freien  Geschlechtsverbindung  ähnlich  geworden  ist,  daß
dort,  wo  alle  Beweggründe  für  die  Fortpflanzung,  die  ich  aufgezählt  habe,
keinen  Einfluß  mehr  haben,  und  wo  alle  gegenwirkenden  Kräfte  in  freiem
Spiele  sind,  daß  dort  die  Fortpflanzung  dann  völlig  aufhört.  Wenn  bisher
kein  Volk  diesen  Zustand  erreicht  hat,  so  muß  doch  zugegeben  werden,
daß  alle  auf  dem  Wege  dazu  sind.  Allerdings  mögen  in  neuen  sozialen
Verhältnissen  sich  neue  Beweggründe  für  die  Fortpflanzung  einstellen:
ich  glaube  das  wohl,  aber  sie  sind  uns  noch  nicht  bekannt.
Mag  auch  die  Behauptung  noch  so  paradox  erscheinen,  der  Geschlechtstrieb ­
  spielt  in  der  Fortpflanzung  des  Menschengeschlechts  y -
wohlgemerkt  nur  in  diesem,  —  eine  sehr  untergeordnete  Rolle.  üm
Natur  hat  zwar  beide  Instinkte  in  den  gleichen  Organen  vereinigt,  um
wer  an  letzte  Ursachen  glaubt,  kann  hier  die  List  bewundern,  die  sie
angewendet  hat,  um  die  Erhaltung  der  Arten  durch  die  Bindung  der
Zeugung  an  das  kräftigste  Lockmittel  zu  sichern.  Der  Mensch  hat  sich  aber
als  noch  listiger  erwiesen  und  hat  mühelos  beide  Funktionen  voneinander
getrennt.  Zwar  fährt  er  fort,  blind  dem  Gesetze  der  Geschlechtsbefriedigung
und  der  Wollust  zu  gehorchen,  und  kann  dies  um  so  freimütiger  tun,
je  weniger  er  sich  um  die  Folgen  zu  kümmern  braucht,  aber  er  hat  es
verstanden,  sich  fast  durchaus  dem  Gesetze  der  Fortpflanzung  zu  entziehen. ­
  Daher  lösen  sich  die  Befürchtungen  Malthus’  in  nichts  auf,
und  die  entgegengesetzte  Besorgnis,  die  eines  langsamen  Selbstmordes
der  Völker,  erscheint  am  Horizont.
Diese  Trennung  der  beiden  Funktionen  vollzieht  sich  um  so
leichter,  weil  auch  das  schwache  moralische  Hemmnis,  das  der  ehrlm' ie
Pfarrer  ihr  entgegen  gestellt  zu  haben  glaubte,  als  er  diese  Überlistung
des  Fortpflanzungstriebes  mit  dem  Namen  Laster  bezeichnete,  F (ic
Bedeutung  verloren  hat.  Nachsichtigere  Moralprediger  sind  aufgestanden
und  haben  nachgewiesen,  daß  nur  diese  Praktiken  beiden  Pflichten
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        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

gerecht  werden  können:  nämlich  der  Pflicht,  die  dem  Geschlechtstriebe
und  dem  Bedürfnis  nach  Liebe  die  uneingeschränkte  Freiheit  verbürgen
muß,  wie  sie  die  physiologischen  und  psychologischen  Gesetze  des  Menschen
fordern;  und  der  anderen,  die  vorschreibt,  daß  eine  so  grundwichtige
Handlung,  wie  die  der  Fortpflanzung,  nicht  dem  Zufall  überlassen  werden
soll,  und  daß  keinem  Weibe  eine  so  aufreibende  Last,  wie  die  der  Mutterschaft, ­
  ohne  ihr  freiwilliges  und  vorüberlegtes  Wollen  auferlegt  werden
darf.  Im  Gegensatz  zu  der  Lehre  des  Meisters  erklären  die  Neomalthusianer
die  „moralische  Enthaltsamkeit“  für  durchaus  unmoralisch;  weil  sie
antiphysiologisch,  durch  christlichen  Asketismus  verseucht  und  schlimmer
sei,  als  das  Übel,  das  sie  heilen  soll.  Denn,  sagen  sie,  die  Entziehung  der
Befriedigung  des  Geschlechtstriebes  ist  eine  größere  Qual,  als  die  Entziehung ­
  der  Nahrung.  Weiterhin  wirkt  sie  durch  die  Vorschrift  eines
obligatorischen  Zölibats  oder  einer  späten  Heirat  auf  die  Ausbreitung
der  Prostitution,  der  Unzuchtsverbrechen,  der  unnatürlichen  Laster
und  der  illegitimen  Geburten  hin.  Die  Neomalthusianer  geben  sich
jedoch  als  die  Schüler  Malthus’  aus  und  behalten  seinen  Namen  bei 1 ),
weil  sie  ihm  dafür  dankbar  sind,  nachgewiesen  zu  haben,  daß  der
blinde  Fortpflanzungstrieb  notwendigerweise  eine  Menschheit  erzeugt,
die  der  Krankheit,  dem  Elend,  einem  frühen  Tode  und  sogar  dem
Laster  verfallen  ist,  und  daß  infolgedessen  das  einzige  Mittel,  diesen
beklagenswerten  Ausgang  zu  verhindern,  in  der  Regelung  dieses  Instinktes ­
  liegt.
Die  Annahme  ist  aber  berechtigt,  daß  Malthus,  wenn  er  heute
auferstände,  nicht  Neomalthusianer  sein  würde.  Am  wenigsten  würde
er  seinen  Schülern  verzeihen,  den  Präventivverkehr  weniger  zur  Bekämpfung ­
  der  Gefahren  einer  Überbevölkerung  anzuwenden,  als  um
Ausschweifungen  zu  begünstigen  und  den  Geschlechtstrieb  von  Verpflichtungen ­
  zu  befreien,  die  die  Natur  mit  ihm  so  eng  verbunden  hat.
Dennoch  könnte  er  sich  nicht  ganz  von  der  Schuld  entlasten,  daß  er  ihnen
durch  die  Zugeständnisse,  von  denen  wir  schon  gesprochen  haben,  den
Weg  geebnet  hat.
Ebensowenig  scheint  Malthus  einen  der  leidigsten  Punkte  seiner
Lehre  gefühlt  zu  haben,  einen  Punkt,  der  am  stärksten  d(jzu  beigetragen
bat,  sie  zu  diskreditieren:  die  Pflicht  der  Ehelosigkeit  nämlich,  die  nicht
y on  der  der  Keuschheit  zu  trennen  ist,  die  Entbehrung  der  Freuden  des
Familienlebens  legt  er  nur  dem  Armen  auf,  —  nicht  dem  Reichen 2 ),
l )  Das  Datum  des  Entstehens  des  Neomalthusianismus  kann  man  auf  das  Buch
des  kürzlich  verstorbenen  (1909)  Dr.  Dkysdale  (Elements  of  social  Science,
1854)  zurückführen.  Aber  erst  im  Jahre  1877  wurde  in  England  die  Malthusian
Jea gue  gegründet.  In  den  letzten  Jahren  hat  die  Bewegung  so  ziemlich  überall  —

besonders  aber  in  Frankreich,  wo  sie  wirklich  überflüssig  ist  •
breitung  gefunden.
2 )  Er  sagt  das  ganz  kategorisch:  „Bei  dem  Armen  muß  man  Gewohnheiten
Gide  und  Rist,  Gesell,  der  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  10

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        146

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

denn  dieser  befindet  sich  stets  in  der  von  Malthus  vorgeschriebenen
Lage,  die  laut  seiner  Definition  allein  die  Zeugung  von  Kindern  rechtfertigt. ­
  Ich  weiß  wohl,  daß  Malthus  jenes  harte  Gesetz,  „keine  Kinder
in  die  Welt  zu  setzen,  die  man  nicht  ernähren  kann“,  gerade  im  Interesse
der  Armen  selbst  aufstellt.  Dies  hindert  aber  nicht,  daß  hierdurch  die
Ungleichheit  ihrer  Lage  in  der  grausamsten  Weise,  die  man  sich  denken
kann,  hervorgehoben  und  unterstrichen  wird.  Er  stellt  sie  vor  die  Wahl,
entweder  Hunger  zu  leiden,  oder  auf  die  Befriedigung  des  natürlichen
Liebesbedürfnisses  zu  verzichten.  Malthus  räumt  mit  dem  alten  Lied:
„Raum  ist  in  der  kleinsten  Hütte“  .  .  .  gründlich  auf!  Hervorzuheben
ist  aber,  daß  er  jede  gesetzliche  Heiratsbeschränkung  für  Arme,  wie  sie
in  einigen  Ländern  besteht,  verwirft.  Hier  bleibt  der  liberale  Volkswirtschaftler ­
  sich  selbst  treu 1 ).  Er  sieht  wohl,  daß,  auch  unter  Außerachtlassung ­
  aller  humanitären  Rücksichten,  dieses  Verbot  —  ein  Heilmittel,
schlimmer  als  das  zu  bekämpfende  Übel  —  nur  erreicht,  daß  an  Stelle
der  ehelichen  Kinder  die  unehelichen  zunehmen.
Wenn  er  den  Armen  zuruft,  daß  sie  ihr  Elend  nur  sich  selbst  verdanken ­
 2 ),  weil  sie  keine  Voraussicht  geübt  hätten,  weil  sie  zu  früh  geheiratet ­
  und  zu  viele  Kinder  haben,  und  wenn  er  noch  dazu  ausführt,
daß  kein  geschriebenes  Gesetz,  keine  Vorkehrung  und  keine  Einrichtung
der  Wohltätigkeit  irgendwelche  Hilfe  bringen  kann,  so  scheint  ihm  nicht
bewußt  geworden  zu  sein,  welchen  bequemen  Vorwand  zur  vollständigen
Gleichgültigkeit  gegenüber  dem  Schicksal  der  Arbeiter  er  damit  den  Besitzenden ­
  lieferte 3 ).  Während  des  ganzen  19.  Jahrhunderts  versperrte

der  Klugheit  voraussetzen,  die  ihn  davon  abhalten,  sich  eher  zu  verheiraten,  als  bis
der  Lohn  seiner  Arbeit  genügt,  ihn  selbst,  eine  Frau  und  sechs  Kinder  ohne  Unte'-stützung
  zu  ernähren.“  Damit  ist  die  Ehe  jedem  Arbeiter  untersagt,  dessen  Lohn
nicht  ausreicht,  eine  Familie  von  acht  Köpfen  zu  erhalten!  In  Anbetracht  der  erbärmlichen ­
  Löhne,  die  die  Arbeiter  zur  Zeit  Malthus’  erhielten,  verurteilte  er  damit
die  ganze  Arbeiterklasse  entweder  zur  Ehelosigkeit  oder  zur  Keuschheit!
q  „Man  hat  mir  vorgeworfen,  ein  Gesetz  anregen  zu  wollen,  das  dem  Armen
die  Ehe  verbietet.  Das  ist  nicht  wahr  .  .  .  Tatsächlich  bin  ich  in  der  entschiedensten
Weise  der  Meinung,  daß  jedes  positive  Gesetz,  durch  das  das  Heiratsalter  begrenzt
wird,  ungerecht  und  unmoralisch  ist.“
2 )  Wir  wiederholen  die  Stelle,  die  wir  schon  angeführt  haben,  denn  sie  verdient
ganz  besonders  hervorgehoben  zu  werden:  „Das  Volk  muß  sich  selbst  als  die  Hauptursache ­
  seines  Elendes  betrachten“  (S.  500).
3 )  Die  Thesen  Malthus’  über  die  Wohltätigkeit  sind  sehr  interessant  und  stehen
zu  seiner  Bevölkerungstheorie  in  direkter  Beziehung.  Er  hat  sich  hauptsächlich  mi
der  praktischen  Seite  der  Frage  befaßt,  auf  die  er  großen  Einfluß  ausgeübt  hat.  H‘ IS
damals  in  England  seit  den  Zeiten  der  Königin  Elisabeth  bestehende  Gesetz  über  obligatorische ­
  Unterstützung  hat  er  auf  das  heftigste  angegriffen:  „Besitzt  es  die  Macht,
überall  dort  zwei  Ähren  hervorzubringen,  wo  der  Boden  nur  eine  trägt?  Nein.  Also  gut
Als  vor  Zeiten  Kanut  der  Große  den  Wogen  befahl,  vor  seinen  königlichen  Füßen  Hu
zu  machen,  maßte  er  sich  keine  größere  Macht  über  die  Naturgesetze  an“  (S.  3b°h
Da  die  Unterstützung  kein  einziges  Gut  erzeugt,  kann  sie  keinen  einzigen  Armen  er
        <pb n="170" />
        10*

seine  Lehre  jedem  sozialistischen  oder  kommunistischen  Organisationsplan ­
  den  Weg  und  verhinderte  sogar  jede  Reform,  die  darauf  abzielte,
die  Lage  der  Armen  zu  verbessern,  weil  man  sagte,  daß  sie  doch  keine
andere  Wirkung  haben  könnte,  als  die  Anteile  der  Anteilhaber  zur  gleichen
Zeit  mit  der  zu  verteilenden  Menge  zu  vermehren,  und  folglich  zu  nichts
führen  würde.
Trotzdem  haben  die  Lehren  Malthus’,  obgleich  sie  so  viele  Erbitterung ­
  hervorgerufen  haben,  dem  wirtschaftlichen  Unterrichte  als
Grundlage  gedient;  manchmal,  um,  wie  schon  gesagt,  berechtigte
Forderungen  zurückzuweisen,  und  dann  auch,  um  große  klassische,
volkswirtschaftliche  Gesetze  aufzubauen,  wie  z.  B.  die  der  Grundrente ­
  oder  des  Lohnfonds.  Auf  der  anderen  Seite  haben  sie  dazu
gedient,  die  Familie  und  das  Eigentum  zu  rechtfertigen,  weil  man
beides  als  mächtige  Hemmnisse  gegen  eine  unbedachte  Kindererzeugung ­
  auf  Grund  der  Verantwortlichkeit,  die  sie  schaffen,  darstellte ­
 1 ).

halten.  „Es  mag  unwahrscheinlich  klingen,  daß  man  mit  Geld  die  Lage  des  Armen
nicht  verbessern  kann,  ohne  die  der  Gesellschaft  zu  verschlechtern.  Aber  so  unwahrscheinlich ­
  das  auch  klingt,  so  glaube  ich  doch,  daß  es  die  Wahrheit  ist“  (S.  365).  Hiergegen ­
  kann  man  einwenden,  daß  auch,  wenn  das  Almosen  keine  Güter  erzeugt,  was
selbstverständlich  ist,  es  doch  aus  den  Händen  des  Reichen  in  die  Hände  des  Armen
eine  gewisse  Verbrauchskraft  überträgt.  Die  Verbrauchskraft  des  letzteren  wird  daher
in  dem  Maße  gesteigert,  wie  die  Verbrauchskraft  des  ersteren  beschränkt  wird.
Malthus  verurteilt  nicht  nur  das  Geldalmosen,  sondern  auch  das  Sach-  und  sogar
das  Arbeitsalmosen;  er  erkennt  es  nur  in  der  Form  von  Unterricht  an,  weil  dieses
eines  der  Güter  ist,  die  jedermann  hingeben  kann,  ohne  den  anderen  etwas  zu  nehmen
(S.  668).
Eine  so  kategorische  Ansicht  scheint  das  Verbot  jeder  gesetzlichen  oder  privaten
Unterstützung  zu  bedingen.  Er  verlangt  auch:  „die  allmähliche  Abschaffung  der
Armengesetze  (poor  laws)  und  jeder  systematischen  Unterstützung,  die  den  Armen
Hilfe  bietet,  auf  die  er  rechnen  kann;  aber  er  erkennt  die  „glücklichen  Erfolge  der
bei  Gelegenheit  mit  Vorsicht  gegebenen  Hilfe“  an.  Wenn  es  ihm  auch  nicht  gelungen
ist,  die  „poor  laws“  zur  Abschaffung  zu  bringen,  so  haben  seine  Ideen  doch  auf  ihre
Reorganisation  1832  Einfluß  ausgeübt.
Hervorgehoben  muß  werden,  daß  diese  malthusische  Lehre  gerade  das  Gegenteil
von  dem  ist,  was  heute  in  Frankreich  gelehrt  wird,  wonach  die  Solidarität  die  christliche ­
  Mildtätigkeit  ersetzen  soll;  die  Unterstützung  soll  nicht  eine  Wohltat  für  die
Unbemittelten,  sondern  ihr  gutes  Recht  sein  und  dem  Individuum  wie  den  privaten
Einrichtungen  entzogen  werden,  um  in  die  Hände  des  Staates  überzugehen.  Allerdings ­
  werden  in  Frankreich  die  Ratschläge  Malthus’  in  Hinsicht  auf  die  Präventivmittel ­
  sogar  von  den  Armen  so  genau  befolgt,  daß  die  von  ihm  befürchteten  Gefahren,
soweit  das  gesetzliche  Unterstützungsrecht  in  Betracht  kommt,  nämlich  das  Anschwellen
der  Zahl  armer  Kinder,  kaum  zu  fürchten  sind.
*)  Es  ist  aber  nicht  nachweisbar,  daß  dies  die  Gedanken  Malthus’  über  diese
Fragen  gewesen  seien.
Was  den  Grundbesitz,  oder  wenigstens  den  kleinen  Grundbesitz  anlangt,  sah
er  darin  im  Gegenteil  einen  Ansporn  für  die  Vermehrung  der  Bevölkerung.  Das  merkwürdigste ­
  aber  ist,  daß  er  sein  Beispiel  hierfür  Frankreich  entlehnt,  wo  heute  gerade

berate, ­


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        148

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

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Auch  heute  hat  das  große  Problem  der  Bevölkerung  nichts  von
seiner  Bedeutung  verloren,  doch  ist  es  in  gewisser  Weise  umgekehrt
worden.  Das,  was  Malthus  die  präventive  Hemmung  nannte,  hat  in
allen  Ländern  eine  solche  Ausdehnung  erlangt,  daß  das,  was  die  Soziologen
und  die  Volkswirtschaftler  beschäftigt,  nicht  mehr  die  Gefahr  einer  unbegrenzten ­
  menschlichen  Fruchtbarkeit,  sondern  die  einer  regelmäßig
und  allgemein  sinkenden  Geburtsziffer  ist.  Es  handelt  sich  darum,  die
Gründe  dafür  zu  finden.  Man  ist  übrigens  völlig  einig,  anzuerkennen,
daß  diese  Ursachen  sozialer  Natur  sind.
Es  genügt  nicht,  den  ausgesprochenen  Wunsch  der  Eltern,  keine
Kinder  zu  haben  oder  deren  Anzahl  zu  beschränken,  als  Grund  anzuführen, ­
  eine  Erklärung,  die  natürlich  nichts  erklärt,  da  es  sich  ja  gerade
darum  handelt,  woher  dieser  Wille  stammt,  keine  Kinder  mehr  zu
haben;  und  warum  dieser  Wille  sich  in  unserer  Zeit  so  ungemein  verstärkt ­
  hat,  ein  Wille,  der  in  den  meisten  Ländern  noch  vor  etwa  fünfzig
Jahren  kaum  bestanden  hat,  während  er  freilich  in  Frankreich  schon
älteren  Datums  ist.  Zur  Erklärung  muß  man  die  Ursachen  aufdecken,
die  Frankreich  und  unserer  Gesellschaft  eigentümlich  sind,  und  die  sich
folglich  in  anderen  Ländern  nicht  im  gleichen  Maßstab  fühlbar  machen
können:  —  sei  es,  daß  man  mit  Paul  Leboy-Beaulieu  annimmt,  die
Geburten  nehmen  im  Verhältnisse  des  Zivilisationsfortschrittes  ab,  eine
für  Frankreich  doch  wohl  etwas  allzu  schmeichelhafte  Erklärung;  der
Fortschritt  nämlich  schaffe  Bedürfnisse  und  Ausgaben,  die  mit  den
Pflichten  und  Lasten  der  Vaterschaft  unvereinbar  sind;  —  sei  es,  daß
man  mit  Dumont  zugibt,  die  Geburten  würden  im  Verhältnis  des  Fortdie

  Zerstückelung  des  Grundbesitzes  als  eine  der  Hauptursachen  des  Rückganges  der
Natalität  betrachtet  wird.  Er  schrieb  hierüber:
„Von  jeher  hat  es  in  Frankreich  eine  Menge  kleiner  Pacht-  und  Bauerngüter
gegeben.  Dieser  Zustand  ist  dem  Wachstum  des  Reinertrags  nicht  sehr  günstig,  aber
er  vergrößert  manchmal  den  Bruttoertrag,  und  stets  trägt  er  zu  einer  starken  Vermehrung ­
  der  Bevölkerung  bei“  (S.  216).
Weiterhin  schrieb  er:  „Was  auch  die  Vorteile  seiner  Lage  und  seines  Klimas
sein  mögen,  so  ist  doch  in  Frankreich  das  Streben  nach  Vermehrung  der  Bevölkerung
so  groß,  der  Mangel  an  Voraussicht  der  unteren  Klassen  so  bedeutend,  daß  ...“  (S.  621)-Das
  gleiche  bezeugt  Godwin,  und  ebenso  Young  (den  MÜlthus  anführt  —  S.  660):
„Das  Hauptunglück  dieses  Landes  liegt  darin,  daß  es  eine  so  große  Bevölkerung  hat,
die  es  weder  beschäftigen  noch  ernähren  kann“!
Was  die  Ehe  anlangt,  so  schreibt  ihr  Malthus  allerdings  eine  präventive  Eigenschaft ­
  zu:  er  gibt  zu,  daß:  „die  einfachste  und  natürlichste  Hemmung  die  wäre,  jedem
Vater  den  Unterhalt  seiner  Kinder  als  Verpflichtung  aufzuerlegen“  (S.  336).  Auch
gibt  er  zu,  daß  die  Verachtung,  die  das  uneheliche  Kind  oder  die  uneheliche  Mutter
trifft,  sich  aus  der  Notwendigkeit  rechtfertigt,  das  Gesetz  der  Verantwortlichkeit  aufrecht ­
  zu  erhalten.  Das  Forschen  nach  der  Vaterschaft  (la  recherche  de  la  paternita)
lehnt  er  zwar  ab,  aber  er  erklärt,  daß  die  Verführung  „streng  bestraft  werden  muß“,
eine  Unterscheidung,  die  heute  allgemein  anerkannt  ist,  die  aber  zu  seiner  Zeit  ganz
neu  war.
        <pb n="172" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

149

161

Schrittes  der  Demokratie  geringer,  die  den  Wunsch,  vorwärts  zu  kommen,
immer  schneller  und  immer  höher  zu  steigen,  anspornt  (was  er  geistreich
das  Gesetz  der  Kapillarität  nennt);  —  sei  es,  daß  man  schärfer  umrissene
Ursachen  anzieht,  die  dann  für  jede  Schule  andere  sind;  wie  das  gleiche
Erbrecht,  auf  das  die  Le  PtAY’sche  Schule  verweist,  die  Abschwäehung
der  moralischen  und  religiösen  Vorstellungen,  wie  Paul  Bueeau  ausführt, ­
  oder  die  Unmäßigkeit  in  allen  ihren  Formen:  Völlerei,  Alkoholismus ­
  usw.  Leider  kann  man  nicht  sagen,  daß  irgendeine  der  bisher
gegebenen  Erklärungen  vollständig  befriedigte,  und  ein  neuer  Malthus
würde  sehr  gelegen  kommen,  um  der  demographischen  Wissenschaft
eine  neue  Zukunft  zu  eröffnen 1 ).

II.
Ricardo.
Ricardo  ist  der  größte  Name  der  Nationalökonomie  und  kommt
■  gleich  nach  Adam  Smith.  Er  ist  sogar  bekannter.  Adam  Smith  hat
gerade  infolge  der  weisen  Mäßigung  in  seinen  Ansichten  keine  Schule
gemacht  und  nur  wenig  zum  Widerspruch  herausgefordert;  Nationalökonomen ­
  aller  Schattierungen  sitzen  zu  Füßen  des  Meisters  und  hören
ehrfurchtsvoll: 2 )  „
aus  seinem  Mund  die  Weisheitsworte  fließen
(de  sa  bouche  abonder  les  paroles  divines).
Aber  nicht  in  diesen  erhabenen  Regionen  muß  man  Ricardo  suchen;
er  steht  im  dichtesten  Getümmel.  Um  seinetwillen  wogt  der  Kampf,

*)  Es  gibt  jedoch  eine  Anzahl  Soziologen,  die,  wie  Malthus,  nach  den  biologischen
Gründen  suchen;  wie  er  solche  für  die  Erklärung  der  Übervölkerung  gefunden  hat,
haben  sie  andere  zur  Erklärung  der  Entvölkerung  aufgedeckt.
Fourier  und  der  englische  Schriftsteller  Doubleday,  der  40  Jahre  nach  Malthus
schrieb,  glauben  z.  B.,  daß  die  Fruchtbarkeit  im  umgekehrten  Verhältnis  zur  Ernährung
stehe.  Es  würde  das  eine  automatische  natürliche  Hemmung  gegen  jede  Gefahr  einer
Übervölkerung  darstellen.  Andere  glauben,  daß  die  Zeugungskraft  im  umgekehrten
Verhältnis  zur  geistigen  Tätigkeit  stehe.  Als  Grundlage  beider  Erklärungen  würde
danach  ein  recht  bedeutsamer  Unterschied  in  der  Entwicklung  des  Individuums  und
der  der  Gattung  in  Frage  kommen.  Sie  haben  jedoch  wenig  Anhänger  gefunden.  Sollten
ihre  Annahmen  der  Wahrheit  entsprechen,  so  würden  sie  den  Ausblick  in  die  Zukunft
nicht  zuversichtlicher,  sondern  im  Gegenteil  noch  dunkler  gestalten,  da  dann  die  Völker
nnd  die  Klassen,  die  sich  zuerst  zu  höherem  Wohlstand  und  höherer  Kultur  emporgearbeitet ­
  haben,  zum  Untergang  verurteilt  sind,  während  die  noch  armen  und  rohen
Massen  ihren  elenden  Zustand  beibehalten  und  sich  weiter  in  unendlicher  Zahl  vermehren ­
  würden.
2 )  Ein  Vers  von  Andre  Cheniek  über  Homer.

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        150

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

und  gegen  ihn  richten  sich  alle  Angriffe.  Handelt  es  sich  um  die  Methode, ­
  so  stürzt  sich  die  realistische  und  die  historische  Schule  auf  ihn,
der  die  Wissenschaft  in  die  Sackgassen  der  Abstraktionen  geführt  hat!
Handelt  es  sich  um  die  Rechtfertigung  des  Grundbesitzes,  so  wird  zuerst
seine  Kententheorie  angegriffen;  der  ganze  Marxismus  und  folglich  der
ganze  heutige  Sozialismus  baut  sich  unmittelbar  auf  seiner  Werttheorie
auf.  Wenn  diese  Nachkommenschaft  ihm  auch  sicherlich  wenig  Zusagen
dürfte,  so  kann  er  sie  doch  nicht  verleugnen.  In  den  Streitfragen  über
die  Rolle  der  Notenbanken  und  über  den  internationalen  Handel  findet
man  ihn,  und  zwar  stets  an  erster  Stelle,  wieder.
Er  verdankt  es  daher  ebensosehr  seinen  Fehlern,  wie  seinen  Verdiensten, ­
  das  geistige  Leben  so  nachhaltig  in  Erregung  gesetzt  zu  haben.
Von  den  meisten  seiner  Lehren,  wenigstens  von  den  für  ihn  bezeichnendsten,
ist  nicht  mehr  viel  übrig  geblieben,  wenn  man  davon  absieht,  daß  er  stark
zur  Kritik  und  zu  Gegenbehauptungen  herausforderte,  was  aber  vielleicht
nicht  weniger  von  Bedeutung  ist.  Übrigens  war  dieser  Citybankier  nur
ein  recht  mittelmäßiger  Schriftsteller.  In  seinen  Werken  findet  sich
keine  jener  prachtvollen  Seiten,  wie  sie  Adam  Smith  oder  später  Stuart
Mild  verfaßt  haben,  ja  nicht  einmal  Formeln  von  jener  treffenden  Schärfe,
die  nie  vergehen  können.  Sein  Hauptwerk  ist  völlig  planlos:  wie  zufällig
stehen  die  Kapitel  nebeneinander.  Seine  :  hypothetische  Methode  mit
ihrem  ewig  wiederholten:  „Angenommen,  daß  .  .  .“,  sozusagen  seine
Fabrikmarke,  wirkt  sehr  ermüdend.  Jedoch  hat  diese  abstrakte  Methode
der  Wissenschaft  einen  langdauernden  Anstoß  gegeben,  und  sie  lebt
heute  in  der  mathematischen  Schule  wieder  auf.  Er  war  ein  gewaltiger,
wenn  auch  dunkler  Geist,  der,  wie  er  selbst  gesteht,  sich  nicht  immer
selbst  verstand.  Eine  dunkle  Ausdrucksweise  tut  aber  dem  Ruhme  keinen
Abbruch;  sie  hat  dem  Ansehen  Ricardo’s  wie  später  dem  von  Marx,
der  sich  übrigens  an  ihm  gebildet  hat,  viel  genützt.  Wenn  es  sich  um  einen
großen  Mann  handelt,  gibt  man  nicht  gern  zu,  daß  er  schwer  verständlich
sei,  vielleicht  aus  Furcht,  dann  selbst  für  nicht  mit  rechtem  Verstände
begabt  zu  erscheinen.  Man  bemüht  sich  vielmehr,  in  den  dunkelsten
Stellen  einen  tiefen  Sinn  zu  finden.  Allerdings  •  ist  man  hierin,  soweit
Ricardo  in  Betracht  kommt,  nicht  immer  erfolgreich  gewesen.
Es  ist  nicht  daran  zu  denken,  an  dieser  Stelle  sein  so  monumentales
Werk  erschöpfend  darzustellen,  und  wir  begnügen  uns  daher  damit,  seine
Hauptzüge  hervorzuheben 1 ).

r )  David  Ricardo  entstammte  einer  ursprünglich  holländischen,  jüdischen  Familie-Er
  wurde  im  Jahre  1772  in  London  geboren,  wo  sein  Vater  als  Warenmakler  lebte.
Frühzeitig  wurde  er  von  ihm  in  die  Geschäfte,  in  die  Geheimnisse  der  Wechselstuben
eingeführt.  Anläßlich  seiner  Heirat  schwor  er  seine  Religion  ab  und  brach  mit  seiner
Familie.  Er  gründete  ein  eigenes  Geschäft  als  Börsenmakler  und  sammelte  rasch  ein
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        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

151

161

Im  Allgemeinen  können  wir  sagen,  daß  sich  Ricardo  hauptsächlich
mit  der  Verteilung  der  Güter  beschäftigt  hat.  Hierin  hat  er  in  Wahrheit ­
  ein  neues  Feld  eröffnet,  denn  seine  Vorgänger  haben  sich  fast  nur
mit  der  Produktion  befaßt.  „Die  Gesetze,  denen  diese  Verteilung
untersteht,  festzulegen,  ist  die  Hauptaufgabe  der  Nationalökonomie.“  —
Man  kannte  allerdings  schon  die  Dreiteilung  des  Einkommens,  in  Übereinstimmung ­
  mit  der  Dreiteilung  der  Produktionsfaktoren,  —•  die  Rente
für  den  Boden,  den  Profit  für  das  Kapital,  den  Lohn  für  die  Arbeit  —;
Ricardo  will  aber  feststellen,  in  welcher  Weise  diese  Verteilung  vor  sich
geht,  und  welche  Gesetze  den  Anteil  eines  jeden  bestimmen.  Wenn
Ricardo  diese  Untersuchung  auch  ohne  jede  normative  Gerechtigkeitsvoraussetzung ­
  führt,  so  läßt  sich  leicht  voraussehen,  daß  er  die  Ära
der  Polemik  und  sogar  des  Sozialismus  eröffnen  wird.  Auf  der  einen  Seite
nämlich  treten  in  der  Verteilung  der  Güter  die  Naturgesetze  gegenüber
geschriebenen  Gesetzen  und  menschlichen  Einrichtungen  zurück,  und  auf
der  anderen  sind  dieselben  individuellen  Interessen,  die  in  der  Produktion
Zusammenwirken,  in  der  Verteilung  antagonistisch.

großes  Vermögen,  das  man  sogar  auf  40  Millionen  Fr.  geschätzt  hat,  was  aber,  besonders
für  seine  Zeit,  enorm  gewesen  wäre  und  wahrscheinlich  übertrieben  ist.
Ganz  natürlich  waren  es  Fragen  des  Bankwesens,  die  ihn  zuerst  sich  mit  der
volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  beschäftigen  ließen.  Zu  jener  Zeit  hatte  der  Krieg
mit  Frankreich  eine  solche  Entwertung  der  Banknoten  in  England  herbeigeführt,  daß
nicht  nur  Spezialisten,  sondern  auch  Privatleute  sich  viel  mit  dieser  Frage  befaßten.
Damals,  18/0,  veröffentlichte  er  seinen  ersten  Aufsatz:  Über  den  hohen  Geldpreis ­
  als  Beweis  für  die  Entwertung  der  Banknoten.  Er  war  zu  dieser
Zeit  38  Jahre  alt  und  ließ  dieser  ersten  Arbeit  bald  weitere  über  Kredit  und  Bankwesen
folgen.  Diese  kleineren  Streitschriften  jedoch  ließen  kaum  ahnen,  mit  welchen  tiefeingreifenden ­
  Untersuchungen  über  die  Grundsätze  der  Wissenschaft  er  sich  beschäftigte ­
  —  anscheinend  zu  seiner  persönlichen  Unterhaltung,  denn  sie  scheinen  nicht
für  die  Öffentlichkeit  bestimmt  gewesen  zu  sein,  —  die  endlich  1817  unter  dem  Titel:
Principles  of  political  Economy  herausgegeben  wurden.
Als  er  sie  veröffentlichte,  ahnte  dieser  „businessman“  sicherlich  nicht,  daß  er
dadurch  die  Grundpfeiler  des  kapitalistischen  Wirtschaftsgebäudes  erschüttern  würde.
1819  wurde  er  Mitglied  des  Unterhauses,  doch  scheint  er  als  Redner  nicht
glänzender,  denn  als  Schriftsteller  gewesen  zu  sein,  obschon  er  übrigens  vom  Haus
mit  größter  Achtung  angehört  wurde.  „Ich  habe  zweimal  angefangen  zu  sprechen,
war  aber  so  befangen,  daß  ich  alle  Hoffnung  aufgebe,  der  Furcht  Herr  zu  werden,  die
mich  jedesmal  überfällt,  wenn  ich  meine  eigene  Stimme  höre.“
Im  Jahre  1821  gründete  er  den  Klub  „Political  Economy“,  der  wahrscheinlich
die  erste  der  zahlreichen  Gesellschaften  für  ökonomische  Studien  war,  die  seitdem  in
allen  Ländern  gebildet  worden  sind.  1822  gab  er  eine  Abhandlung  über  den  Schutz
der  Landwirtschaft  heraus.  Er  starb  im  Jahre  1823,  61  Jahre  alt.
Seit  seinem  Tode  hat  man  pietätvoll  seine  Schriften  gesammelt  und  besonders
seine  Briefe  veröffentlicht.  Er  stand  in  regem  Briefwechsel  mit  den  bedeutendsten
Nationalökonomen  seiner  Zeit,  wie  Malthus,  Mao  Culloch,  J.-B.  Say  und  anderen.
Diese  Briefe  und  ihre  Beantwortungen  sind  für  das  Verständnis  seiner  Lehren  äußerst
wertvoll.

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Wir  werden  daher  untersuchen,  welche  Gesetze  Ricardo  für  die
Bodenrente,  den  Profit  und  den  Lohn  aufstellte  und  werden  besonders
auf  das  erste  eingehen,  das,  ihm  zufolge,  die  anderen  bestimmt.
Man  könnte  meinen,  daß  es  zunächst  unumgänglich  nötig  sei,  die
Werttheorie  Ricardo’s  zu  besprechen,  um  so  mehr,  als  die  Theorie  des
Arbeitswertes  in  der  Wertlehre  einen  großen  Platz  einnimmt  und  der
marxistischen  Theorie  vom  Mehrwert,  auf  der  der  ganze  zeitgenössische
Sozialismus  beruht,  den  Weg  öffnet.  Trotzdem  werden  wir  uns  aber
damit  begnügen,  nur  gelegentlich  von  seiner  Werttheorie  zu  sprechen,
und  zwar  dort,  wo  sie  mit  den  Gesetzen  der  Verteilung  in  Verbindung
steht.  Hierfür  können  wir  uns  auf  Ricardo  selbst  berufen,  denn  er  sagt:
„Zum  Schluß  muß  die  große  Frage  der  Bodenrente,  des  Lohnes  und  des
Profites  klargestellt  werden  und  zwar  durch  das  Verhältnis,  in  dem  der
Gesamtertrag  unter  Grundbesitzer,  Kapitalisten  und  Arbeiter  verteilt
wird,  welches  Verhältnis  nicht  notwendigerweise  mit  der  Lehre
vom  Wert  in  Verbindung  steht 1 ).“
Ricardo  hat  keineswegs  mit  der  Ausarbeitung  einer  Lehre  über
den  Wert  begonnen,  um  aus  ihr  die  Gesetze  der  Verteilung  abzuleiten;
sondern  erst,  als  er  diese  Gesetze  entdeckt  hatte,  oder  entdeckt  zu  haben
glaubte,  hat  er  versucht,  sie  in  eine  Werttheorie  zusammenzufassen.
Der  Gedanke,  der  ihn  sein  ganzes  Leben  hindurch  verfolgt  hat,  daß  nämlich ­
  der  Boden  eine  immer  wachsende  Arbeit  verlange,  hat  ihn  ohne
Zweifel  zu  der  Auffassung  verführt,  daß  die  Arbeit  „die  Grundlage“
oder  „die  Ursache“  oder  „der  Maßstab“  —  er  schwankt  beständig  zwischen
diesen  keineswegs  übereinstimmenden  Ausdrücken  —  des  Wertes  sei.
Man  muß  übrigens  zugeben,  daß  die  Werttheorie  Ricardo’s  weit  davon
entfernt  ist,  einen  Begriff  von  seiner  Bedeutung  zu  geben.  Angesichts
dieser  höchst  schwierigen  Frage  ist  sein  durchdringender  Geist  nicht
glücklicher  als  der  seiner  Vorgänger  gewesen.  Er  hat  verschiedentlich
erklärt  und  noch  kurz  vor  seinem  Tode  mit  prächtiger  Offenheit  zugegeben,
daß  seine  Versuche,  eine  Erklärung  des  Wertes  zu  finden,  zu  keinem
Resultat  geführt  hätten 2 ).

§  1.  Das  Gesetz  der  Bodenrente.
Von  allen  Theorien  Ricardo’s  ist  die  über  die  Bodenrente  —•
die  Rente  —  die  berühmteste,  und  sein  Name  ist  mit  ihr  unlöslich
verbunden.  Sie  ist  so  bekannt,  daß  Stuart  Mill  sie  die  Eselsbrücke

*)  Brief  an  Mac  Culloch  vom  13.  Juli  1820,  erwähnt  von  H.  Denis,  B.  II,  S.  171-J
 )  In  seinem  Briefwechsel  mit  Mac  Culloch  schreibt  er  unter  dem  18.  Dez.  1819:
„Mit  meiner  Erklärung  der  Grundsätze,  die  den  Wert  beherrschen,  bin  ich  nicht  zufrieden. ­
  Ich  möchte,  daß  ein  Erfahrener  als  ich  sich  damit  befasse.“  Und  unter  seinen
        <pb n="176" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

153

der  Studierenden  nannte,  und  noch  heute  ist  sie  eine  klassische  Examensfrage. ­

Die  Frage  der  Rente  (d.  h.  des  Einkommens  aus  Grundbesitz;  das
englische  Wort  „rent“  bedeutet  Pachtertrag)  beschäftigte  nicht  nur
Ricardo.  Sie  zog  die  Gedanken  aller  Nationalökonomen  seiner  Zeit  und
besonders  seines  Landes  unwiderstehlich  an.  Während  der  ganzen  ersten
Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  steht  sie  im  Mittelpunkt  der  englischen
ökonomischen  Wissenschaft,  und  noch  später  war  sie  es,  die,  wie  wir
sehen  werden,  zur  Lehre  von  der  Verstaatlichung  des  Grund  und  Bodens
entwickelt,  den  Erfolg  des  Buches  von  Henry  George  ausmachte.  In
Frankreich  haben  wir  nur  einen  abgeschwächten  Widerhall  davon  gespürt.
Frankreich  war  schon,  nicht  nur  seit  der  Revolution,  sondern  sogar  schon
vor  ihr.  ein  Land  der  kleinen  Bauerngüter.  Das  Pachtsystem  erstreckte
sich  bei  weitem  nicht,  wie  in  England,  auf  die  Gesamtfläche  des  Bodens,
und  auch  dort,  wo  es  bestand,  hatte  es  einen  anderen  Charakter.  Man
sah  in  Frankreich  nicht  so  ausgeprägt,  wie  das  in  England  der  Fall  war,
jene  Hierarchie  in  drei  Stockwerken,  die  von  der  Natur  selbst  erschaffen
zu  sein  schien,  und  in  der  offenbar  das  ganze  System  der  Verteilung  zutage ­
  trat;  unten  der  Arbeiter,  der  seinen  Lohn  erhält,  darüber  der  große
kapitalistische  Pächter,  der  seinen  Profit  einstreicht,  und  an  der  Spitze
der  „Landlord“,  der  seine  Rente  erhebt.
Die  beiden  ersten  Einkommensarten  waren  leicht  zu  erklären;  woher
kam  aber  die  letzte,  dieses  Einkommen,  auf  dem  die  englische  Aristokratie
und  mit  ihr  die  englische  Geschichte  beruhte?
Wir  wissen,  daß  die  Physiokraten  in  diesem  Einkommen,  das  sie
Reinertrag  (produit  net)  nannten,  eine  freie  Gabe  der  Natur,  ein  Geschenk ­
  Gottes  sahen;  und  daß  selbst  Adam  Smith,  obgleich  er  die  Rolle
des  Schöpfers  der  Güter  vom  Boden  auf  die  Arbeit  übertragen  hatte,
nichtsdestoweniger  zugab,  daß  ein  bedeutender  Teil,  wenigstens  ein
Drittel,  des  Einkommens  aus  dem  Boden  der  Beihilfe  der  Natur  zu  verdanken ­
  sei 1 ).
Malthus  hat  hierüber  ein  besonderes  Buch  geschrieben 2 ),  und
Ricardo  zollt  ihm  die  Anerkennung:  „die  wirkliche  Lehre  von  der  Rente
entdeckt  zu  haben.“  Malthus  nahm,  wenigstens  als  Ausgangspunkt,
die  von  den  Physiokraten  und  Adam  Smith  gegebene  Erklärung  an,
Briefen  an  Malthus  findet  sich  einer  vom  15.  Aug.  1820,  wahrscheinlich  einer  der  letzten,
die  er  geschrieben  hat,  in  dem  er  von  seiner  und  seines  Schülers  Mac  Culloch  Theorie
über  den  Wert  spricht.  Er  sagt  da  mit  einer  gewissen  Melancholie:  „Es  ist  keinem
von  uns  beiden  gelungen.“  Siehe  Halevy,  Le  Radicalisme  philosophique,  und
H.  Denier,  op.  eit.
r )  Smith  hatte  die  Industrie  einer  Ehe  verglichen,  aus  der  zwei  Kinder  entspringen,
der  Profit  und  der  Lohn,  während  die  Landwirtschaft  drei  gibt,  die  beiden  erwähnten
und  die  Rente.
2 )  An  inquiry  into  the  nature  and  progress  of  rent,  1815.

161
land
'Elfs-Tat

lung
ung,
rzen
verate,

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        <pb n="177" />
        154

Erstes  Buch.  Die  Begründer*

d.  h.  er  sieht  in  der  Rente  die  natürliche  Wirkung  einer  von  Gott  der
Erde  verliehenen  Eigenschaft  .  .  einer  Eigenschaft,  die  der  Erde  die
Kraft  gibt,  mehr  Menschen  zu  erhalten,  als  zu  ihrer  Bestellung  nötig  sind“.
Für  ihn  ist  aber  die  Bodenrente  nicht  nur  das  Kesultat  eines  physischen
Gesetzes;  sie  ergibt  sich  auch  aus  einem  wirtschaftlichen  Gesetze,
das  in  dem  einzigartigen  Privilegium  der  Erde  liegt,  selbst  die  Nachfrage
nach  ihren  Produkten  hervorzurufen,  so  daß  sie  ohne  Ende  ihr  eigenes
Einkommen  und  ihren  eigenen  Wert  aufrecht  erhalten  und  vermehren
kann.  Woher  kommt  das?  Weil  die  Bevölkerung  beständig  dahin  strebt,
mit  dem  Vorrat  von  Lebensmitteln  gleichen  Schritt  zu  halten  und  sogar
darüber  hinaus  zu  wachsen,  mit  anderen  Worten:  weil  überall  zum  mindesten ­
  ebensoviele  Menschen  geboren  werden,  wie  die  Erde  ernähren  kann.
Diese  neue  Erklärung  der  Bodenrente  ist  eine  Schlußfolgerung  aus  dem
Gesetze  Malthus’,  nämlich  des  beständigen  Pressens  der  Bevölkerung
gegen  ihren  Nahrungsspielraum.
Weiter  hebt  Malthus  einen  anderen  Grundzug  der  Bodenrente
hervor,  eine  so  richtige  und  bedeutsame  Beobachtung,  das»  an  ihr  die
Theorie  Ricardo’s  sich  entzündete:  da  die  Erde  nicht  gleichmäßig  fruchtbar ­
  ist,  geben  auch  notwendigerweise  die  auf  ihre  Bestellung  verwendeten
Kapitalien  ungleichmäßigen  Gewinn.  In  diesem  Unterschiede  zwischen
dem  normalen  Gewinne  aus  mittelmäßigem  Boden  und  dem  größeren
Gewinne  aus  fruchtbareren  Feldern  besteht  nun  gerade  zugunsten  der
Besitzer  fruchtbareren  Bodens  eine  besondere  Rentenkategorie,  die  differentiale ­
  Bodenrente,  wie  man  sie  später  nennen  sollte.
Diese  Rente  erscheint  Malthus,  wie  früher  den  Physiokraten,  als
völlig  gerechtfertigt  und  durchaus  im  Einklang  mit  dem  öffentlichen
Nutzen.  Für  die  Urbesitzer  ist  sie  nur  der  gerechte  Entgelt  „ihrer  Kraft
und  Geschicklichkeit“  gewesen,  und  für  diejenigen;  welche  die  Güter
nachher  erworben  haben,  gilt  dasselbe,  da  sie  ja  mit  den  Früchten  ihres
Fleißes  und  ihrer  Gewandtheit  erworben  worden  sind.  Sie  besteht  ohne
Zweifel  unabhängig  von  der  Arbeit  des  Besitzers,  aber  sie  ist  wie  das  große
Los,  das  otium  cum  dignitate,  das  die  gerechte  Belohnung  jeder  verdienstlichen ­
  Anstrengung  darstellt 1 ).
Ricardo  schlägt  nun  einen  neuen  Weg  ein.  Er  bricht  vollständig
mit  der  von  den  Physiokraten  und  A.  Smith  vorgetragenen  Lehre,  die
Malthus  beibehalten  hatte,  indem  er  verächtlich  jeden  Gedanken  an
eine  von  der  Natur  geleistete  Mitarbeit  verwirft.  Dieser  Finanzherr  hatte
keinen  abergläubischen  Respekt  vor  der  Natur,  wenn  er  auch  selbst
Großgrundbesitzer  war,  und  lächelnd  würde  er  das  Wort:  „Wer  ist  denn
die  Dame?“  das  später  geprägt  wurde,  ausgesprochen  haben.  Er  führt
als  Gegenüberstellung  zu  dem  berühmten  Ausspruch  Smith’s  den  von

*)  S.  192;  siehe  auch  S.  172  und  178.
        <pb n="178" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

155

Buch  an  an  an:  „Die  Einbildung,  daß  die  Landwirtschaft  einen  Reinertrag ­
  liefert,  weil  die  Natur  mit  dem  Fleiß  des  Menschen  zusammen
an  den  Arbeiten  der  Landbestellung  teilnimmt,  und  daß  sich  daraus
eine  Rente  ergebe,  ist  ein  leerer  Traum“ 1 ).  Wie  wir  sehen  werden,  weist
er  durch  eine  elegante  Umkehrung  der  Theorie  nach,  daß  die  Bodenrente
eher  auf  den  Geiz,  als  auf  die  Freigebigkeit  der  Natur  schließen  läßt.
Der  Beweis,  daß  die  Fruchtbarkeit  des  Bodens  niemals,  wenigstens
nicht  allein,  die  Ursache  der  Rente  sein  kann,  ergibt  sich  daraus,  daß
in  einem  neuen  Lande,  einer  Kolonie  z.  B.,  der  Boden  keine  Rente  abwirft, ­
  wenn  mehr  Land  vorhanden  ist,  als  die  Bedürfnisse  der  Bevölkerung ­
  erfordern;  das  trifft  sogar  in  dem  Falle  zu,  daß  dieses  Land  von
wunderbarer  Fruchtbarkeit  ist.  „Wer  wird  daran  denken,  das  Recht
der  Bearbeitung  eines  Grundstückes  zu  kaufen,  wenn  ungezählte  Strecken
Landes  herrenlos  sind  und  so  jedem,  der  ihre  Kultivierung  in  Angriff
nehmen  will,  offen  stehen“ 2 )?  Wann  tritt  nun  die  Bodenrente  auf?
Erst  dann,  wenn  „der  Bevölkerungsfortschritt  zu  einer  Urbarmachung
von  geringwertigem  oder  weniger  gut  belegenem  Boden  zwingt“.  Dies
ist  der  springende  Punkt  in  der  Theorie  Ricardo’s.  Weit  entfernt,  ein
Zeichen  der  Freigebigkeit  der  Natur  zu  sein,  entsteht  die  Bodenrente
vielmehr  aus  einer  traurigen  Notwendigkeit,  nämlich  aus  der  Seltenheit
des  guten  Bodens  und  dem  Zwange,  unter  dem  Drucke  der  Bevölkerung
und  der  Bedürfnisse  auf  relativ  arme  Felder  zurückgreifen  zu  müssen 3 ).
„Die  Bodenrente  ist  eine  Schaffung  von  Werten,  nicht  von  Gütern“,
sagt  Ricardo.  Ein  bedeutungsvolles  Wort,  das  bestimmt  war,  viele  dunkle

&amp;gt;)  Man  muß  aber  auf  seiner  Hut  sein,  denn  der  Einfluß  der  alten  Theorie  macht
sich  hin  und  wieder  bei  Ricardo  bemerkbar.  Ganz  kann  er  sich  nicht  vod  ihr  befreien.
So  definiert  er  die  Bodenrente  als:  „jenen  Teil  des  Bodenertrages,  der  dem  Besitzer
gegen  das  Recht,  die  produktiven  und  unverwüstlichen  Eigenschaften  des  Bodens
auszubeuten,  gezahlt  wird“.  Diese  Eigenschaften,  von  denen  er  oft  spricht,  nennt
er  auch  „natürliche“,  „ursprüngliche“  und  „unzerstörbare“,  —  was  doch  Alles  sagen
will,  daß  sie  von  jeder  Arbeit  unabhängig  sindl
■)  „Stets  hört  man  von  den  Vorteilen  sprechen,  die  den  Boden  vor  allen  anderen
Produktionsquellen  auszeichnen,  weil  man  ihm  einen  Mehrwert  in  der  Gestalt  einer
Bodenrente  abgewinnt.  Und  doch  wirft  der  Boden  in  der  Periode  seiner  besten
Fruchtbarkeit,  seines  größten  Überflusses,  seines  höchsten  Ertrages  keine  Rente  ab.
Erst  mit  dem  Augenblick,  in  dem  er  geringwertiger  wird,  stellt  sich  die  Rente  ein!“
(S.  48).
3 )  Man  zahlt  der  Natur  für  ihre  Arbeit  nicht  auf  Grund  ihrer  reichlichen,  sondern
auf  Grund  ihrer  spärlichen  Hilfe.  Je  geiziger  sie  mit  ihren  Gaben  ist,  einen
um  so  höheren  Preis  läßt  sie  sich  zahlen  (S.  60).
Und  an  einer  anderen  Stelle:  „Die  verhältnismäßige  Seltenheit  der
wirklich  fruchtbaren  Ländereien  ist  die  Ursache  der  Rente“  (im  Text
unterstrichen)  (S.  376).
Es  ist  zu  bemerken,  daß  Smith  diese  Erklärung  schon  in  bezug  auf  die  Produktion
der  Bergwerke  gegeben  hatte;  es  ist  ihm  aber  nicht  in  den  Sinn  gekommen,  daß  auch
Felder  nur  eine  Art  Bergwerke  vorstellen.
        <pb n="179" />
        156

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Fragen  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  zu  lösen.  Was  meint
er  damit?  Er  macht  hierdurch  eine  scharfe  Unterscheidung  zwischen
zwei  im  Allgemeinen  zusammengewirrten  Ideen  —  auf  der  einen  Seite
dem  Reichtum,  der  aus  dem  Überfluß  und  der  Befriedigung  entspringt,
und  dem  Wert,  der  aus  dem  Hindernis  und  der  Anstrengung  erwächst,
und  erklärt,  daß  die  Bodenrente  der  zweiten  Kategorie  und  nicht  der  ersten
zuzurechnen  sei.  Nichtsdestoweniger  können  wir  uns  mit  dieser  Erklärung ­
  nicht  zufrieden  geben.  Denn  es  ist  nicht  recht  zu  verstehen,
daß  eine  rein  negative  Tatsache,  wie  das  Fehlen  fruchtbaren  Landes,
ein  Einkommen  verschaffen  könnte.  Es  würde  besser  sein,  zu  sagen,
daß,  wenn  die  Seltenheit  des  benutzbaren  Bodens  die  Bedingung  des
Auftretens  dfepitente  ist,  sie  doch  noch  nicht  ihre  Ursache  ist.  Die  Ursache ­
  ist  die  Preiserhöhung  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse,  die
selbst  wieder  bedingt  ist  durch  die  größere  Arbeit  und  Mühe 1 ),  die  die
Bewirtschaftung  weniger  fruchtbaren  Landes  mit  sich  bringt.  Was  daher
endgültig  die  Rente  eines  Stückes  Getreidebodens  hervorbringt  und  der
Höhe  nach  bestimmt,  das  ist  die  notwendige  Arbeit,  die  zur  Erzeugung
des  Getreides  auf  demjenigen  Boden  schlechtester  Qualität  erforderlich
ist,  der  noch  im  Anbau  ist  (dem  „Grenzboden“) 2 ).
Nehmen  wir  an,  wie  Ricardo  so  gern  schreibt,  daß  auf  Boden  erster
Klasse  die  Erzeugung  eines  Hektoliters  Getreide  10  Arbeitsstunden  kostet,
und  daß  der  Preis  des  Hektoliters  Getreide  10  Fr.  sei.  Um  eine  Bevölkerung, ­
  die  gemäß  den  Gesetzen  Malthus’  wächst,  zu  ernähren,  muß  man
nun  Ländereien  zweiter  Klasse  zu  bewirtschaften  anfangen,  wo  das  Hektoliter ­
  Getreide  15  Arbeitsstunden  erfordert.  Sogleich  wird  der  Wert  des
Getreides  im  gleichen  Verhältnis  steigen  und  sich  auf  15  Fr.  erhöhen,
wodurch  die  Besitzer  des  Landes  erster  Klasse  einen  Mehrwert,  einen
Bonus,  von  5  Fr.  erhalten.  Hiermit  tritt  die  Bodenrente  erstmalig  in
Erscheinung.  Mit  der  Zeit  werden  Felder  dritter  Klasse  in  Bewirtschaftung
genommen,  auf  denen  ein  Hektoliter  Getreide  eine  Arbeitszeit  von
20  Stunden  benötigt.  Sofort  steigt  der  Getreidepreis  auf  20  Fr.  Die
Besitzer  der  ersten  Klasse  finden  nun  ihren  Bonus,  ihre  Bodenrente,  um
eine  Stufe  erhöht,  nämlich  von  5  Fr.  auf  10  Fr.  für  den  Hektoliter,  und  die
Besitzer  des  Bodens  zweiter  Klasse  erhalten  ihrerseits  einen  Bonus  von
5  Fr.  für  den  Hektoliter.  So  entsteht  unterhalb  der  ersten  Klasse  eine
neue  Klasse  von  bescheideneren  Rentenbeziehern.  Mit  dem  Tas:e,  an  dem
man  gezwungen  sein  wird,  Boden  vierter  Kategorie  in  Bearbeitung  zu

0  Heute  würden  wir  einfach  sagen:  „bedingt  durch  die  Steigerung  der  Nachfrage“, ­
  was  aber  ganz  gegen  die  Lehre  Ricardo’s  geht,  für  den  nicht  die  Nachfrage,
sondern  die  Arbeit  den  Wert  schafft.
2 )  „Der  Wert  des  Getreides  wird  von  der  zu  seiner  Erzeugung  auf  den  Feldern
schlechtester  Qualität  aufgewendeten  Arbeit  bestimmt.“
        <pb n="180" />
        nehmen,  werden  die  Besitzer  des  Bodens  dritter  Klasse  ihrerseits  zu  Rentenbeziehern ­
  usw. 1 ).
Man  hat  dieser  Theorie  vorgeworfen,  daß  diese  Hierarchie  der  Bodenklassen ­
  für  die  Zwecke  der  Beweisführung  erfunden  worden  sei.  In  diesem
Punkte  jedoch  hat  Ricardo  im  Gegenteil  weiter  nichts  getan,  als  in
wissenschaftlicher  Sprache  das  auszudrücken,  was  jeder  Bauer  meint,
wenn  er,  ohne  zu  zögern  und  auf  Grund  einer  Überlieferung  von  Vater
auf  Sohn,  sagt:  „Das  ist  guter  Boden,  das  ist  schlechter  Boden!“
Ricardo,  den  man  stets  als  rein  abstrakten  Geist  hinstellt,  war  ein
sehr  praktischer  Mensch  und  ein  sehr  guter  Beobachter,  der  weiter  nichts
getan  hat,  als  die  Tatsachen,  die  sich  vor  ihm  abspielten,  und  die  die
öffentliche  Meinung  und  das  Parlament  beschäftigten,  in  Formeln  zu
fassen.  Denn  die  Erhöhung  der  Bodenrente,  die  auf  die  Erhöhung  der
Getreidepreise  am  Ende  des  18.  und  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts
folgte,  war  die  eindrucksvollste  Tatsache  in  der  wirtschaftlichen  Geschichte
Englands.  Im  ganzen  Verlauf  des  18.  Jahrhunderts,  bis  1796,  war  der
Höchstpreis  des  Getreides  60  sh  und  einige  Pence  pro  Quarter  gewesen.
1795  aber  stand  der  Preis  auf  92  sh,  und  1801  fast  auf  dem  dreifachen  des
alten  Preises,  nämlich  auf  177  sh!  Dieser  exorbitante  Preis,  der  allerdings
keine  besondere  Dauer  hatte,  geht  auf  außergewöhnliche  Ursachen  zurück,
unter  denen  hauptsächlich  die  Kriege  gegen  Napoleon  und  die  Kontinentalsperre ­
  anzuführen  sind.  Trotzdem  aber  stand  der  Durchschnitt  in  den
Jahren  1810—1813  auf  106  sh 2 ).
Die  Erhöhung  des  Getreidepreises  lag  nämlich  nicht  nur  an  zufälligen
Ursachen,  sondern  beruhte  auf  der  unvermeidlichen  Tatsache,  daß  die
verfügbaren  Felder  nicht  länger  ausreichten,  um  die  Bevölkerung  zu  ernähren, ­
  so  daß  es  notwendig  geworden  war,  neue  Felder  urbar  zu  machen,
ohne  Rücksicht  auf  ihre  Lage  oder  ihre  Beschaffenheit.  Die  Weiden,  die
früher  große  Strecken  des  englischen  Bodens  eingenommen  hatten,  wichen
Pag  für  Tag  mehr  vor  dem  Pfluge.  Es  ist  die  Periode,  in  der  jene  schreiende
*)  „Mit  jedem  Bevölkerungszuwachs,  der  eine  Nation  zur  Inangriffnahme  der
bebensmittelerzeugung  durch  Bestellung  geringerwertiger  Felder  zwingt,  steigt  die
“acht  der  höherwertigen  Felder“  (S.  47).
2 )  Nach  Cannan’s  prächtigem  Buch  „History  of  the  theories  of  production
  and  distribution  in  the  political  Economy  of  England  from  1778
*°  1848  (S.  195),  war  der  Durchschnittspreis  jedes  Jahrzehnts  dieser  Periode:

ich
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auf
der
iild
eist
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lieh
&amp;gt;o’s
&amp;gt;ns
gut
'.ein

1770—1779
1780—1789
1790—1799
1800—1809
1810—1813

sh
45
45
65
82
106

9
11
2
2

m  "

Der  Weizenpreis  hatte  sich  also  in  vierzig  Jahren  mehr  als  verdoppelt.  Da  ein
Quarter  etwas  weniger  als  3  Hektoliter  (2,91)  ist,  kommt  ein  Preis  von  106  sh  zu  etwas
über  46  Fr.  der  Hektoliter.
        <pb n="181" />
        158

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Ungerechtigkeit,  die  den  Namen  „Enclosure  Acts“  trägt,  sich  vollzog,
der  Gesetze,  auf  Grund  derer  die  Grundbesitzer  die  noch  freien  Gemeindeländereien ­
  zu  ihren  Domänen  schlugen.  Eine  sehr  beredte  graphische
Darstellung  Cannan’s  zeigt  die  Parallelität  zwischen  der  Anzahl  der
Enclosuregesetze,  die  jedes  Jahr  bewilligt  worden  waren  und  der  Erhöhung ­
  des  Getreidepreises 1 ).
Eine  im  Jahr  1813  vom  Unterhaus  ernannte  Kommission,  die  eine
Untersuchung  über  die  Getreidepreise  anstellen  sollte  —•  die  Grundbesitzer ­
  fürchteten  nämlich,  daß  mit  dem  Friedensschlüsse  die  Getreidepreise ­
  infolge  der  dann  zu  erwartenden  Getreideeinfuhr  stark  fallen
würden  —,  kam  zu  dem  Schluß,  daß  die  neuen  in  Kultur  genommenen
Felder  das  Getreide  nicht  unter  80  sh  das  Quarter  (34  Fr.  den  Hektoliter)
hervorbringen  könnten.  Was  für  ein  Argument  zugunsten  der  Theorie
Ricardo’s! 2 )
Kann  man  jedoch  der  Notwendigkeit  nicht  entrinnen,  Felder  zweiter
oder  dritter  Klasse  zu  bewirtschaften?  Kann  man  nicht  zunächst  durch
intensivere  Kultur  den  Ertrag  der  alten  Felder  erhöhen  ?  Zweifellos  kann
man  dies  bis  zu  einem  bestimmten  Punkte.  Es  ist  aber  widersinnig  zu
glauben,  daß  man  auf  einer  begrenzten  Oberfläche  eine  unbegrenzte  Menge
Lebensmittel  hervorbringen  kann 3 ).  Überall  gibt  es  eine  allerdings
elastische  Grenze,  die  der  Fortschritt  in  der  landwirtschaftlichen  Wissenschaft ­
  sicherlich  weit  über  jede  Voraussicht  hinaus  zurückschieben  kann;
aber  lange  bevor  der  Landwirt  diese  ideale  Grenze  erreicht  hat,  stellt  er
die  Arbeit  ein,  weil  ihn  die  Praxis  gelehrt  hat,  daß  „der  Preis  nicht  die
Mühe  lohnt“,  wie  das  Sprichwort  sagt,  nämlich,  daß  der  Mehraufwand
b  Die  „Acts  of  enclosure“  (Einhegungsgesetze)  haben  in  England  am  Ende  des
XVIII.  und  am  Anfänge  des  XIX.  Jahrhunderts  unter  Zustimmung  der  öffentlichen
Meinung  überhand  genommen.  Durch  diese  Gesetze  autorisierte  das  Parlament  die
Aneignung  des  Gemeindelandes  Von  1700—1845  zählt  man  3835  dieser  Verordnungen,
durch  die  7  622  664  Acker  „eingehegt“,  d.  h.  von  den  Grundbesitzern  aus  dem  Gemeindeland ­
  angeeignet  wurden.  Erst  1845  tritt  ein  Umschwung  in  der  Gesetzgebung
und  in  der  öffentlichen  Meinung  ein.
a )  Immerhin  könnten  die  Gegner  Ricardo’s  behaupten,  daß  nicht  die  Urbarmachung
dieser  neuen  Ländereien  es  war,  die  im  Einklang  mit  der  RiCARDO’schen  Lehre  den  Preis
des  Kornes  hat  steigen  lassen,  sondern  daß  es  das  Wachstum  der  Nachfrage  war,
das  die  Preiserhöhung  herbeiführte  und  dann  die  Aneignung  und  Urbarmachung  dieser
neuen  Ländereien  veranlaßte.  Diese  zweite  Auslegung  erscheint  als  wahrscheinlich.
*)  Es  gibt  einen  anderen  Ausweg,  nämlich  die  Kulturart  zu  wechseln.  Es  ist  in
der  Tat  möglich,  daß  irgendein  in  die  vierte  Klasse  eingereihtes  Grundstück  in  die  erste
Klasse  aufsteigt,  wenn  ein  gescheiter  Landwirt  es,  statt  mit  Weizen,  mit  Wein,  oder
vielleicht  sogar  mit  Rosen  bestellt.  Aber  darin  liegt  keine  Widerlegung  des  Rentengesetzes, ­
  wie  Fontenay,  ein  glühender  Anhänger  Bastiat’s,  behauptet.  Wenn  das
schlechte  Weizenland  erstklassiges  Rosenland  wird,  dann  scheidet  es  als  Weizenland
überhaupt  aus,  aber  es  tritt  in  die  Reihe  des  Rosenlandes  und  wird  geradeso  von  dem
Tage  an  eine  Rente  ergeben,  wo  man  Grundstücke,  die  dieser  Kultur  weniger  günstig
sind,  für  die  Rosenzucht  brauchen  wird.
        <pb n="182" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

159

»

an  Arbeit  und  Kosten,  der  zu  leisten  wäre,  den  Mehrertrag,  den  er  erhalten
kann,  bedeutend  übersteigt.  Das  nennt  man  das  Gesetz  des  sinkenden
Bodenertrages.
Dieses  Gesetz  bildet  einen  integrierenden  Bestandteil  der  Ricardoschen
  Theorie,  ohne  dessen  Berücksichtigung  sie  unverständlich  bleibt,
wie  es  auch  der  malthusischen  Theorie  unausgesprochen  zugrunde  lag.
übrigens  ist  es  schon  von  Turgot  entdeckt  und  mit  bewunderungswürdiger ­
  Kraft  und  Klarheit  formuliert  worden:  „Man  kann  niemals
annehmen,  daß  verdoppelte  Aufwendungen  das  Produkt  verdoppeln“ 1 ).
Und  Malthus  wiederholt  nur,  wahrscheinlich  ohne  sie  zu  kennen,  die
Stelle,  wo  Turgot  sagt:  „es  ist  selbstverständlich,  daß,  im  Maße  wie  die
Bewirtschaftung  sich  ausdehnt,  der  jährliche  Zuwachs  des  Durchschnittsertrages ­
  ständig  geringer  wird“ 2 ).  Ricardo  sah  dies  Gesetz  unter  seinen
Augen  in  Kraft.  Oft  spricht  er,  wenn  auch  etwas  dunkel,  von  der  Ver-*)

  Turgot,  Observations  sur  un  Mömoire  de  M.  de  Saint-Pöravy,
®uvres  I,  S.  420.
„Man  kann  niemals  annehmen,  daß  die  Verdoppelung  der  Vorschüsse  eine  Verdoppelung ­
  des  Ertrages  ergebe  .  ..“
„Es  ist  mehr  als  wahrscheinlich,  daß  jede  Erhöhung  der  Vorschüsse,  die  nach
und  nach,  bis  zu  dem  Punkte,  wo  sie  nichts  mehr  einbringen,  vorgenommen  wird,
einen  nach  und  nach  geringer  werdenden  Ertrag  bringen.  In  diesem  Falle  würde  es
mit  der  Ertragsfähigkeit  des  Bodens  wie  mit  einer  elastischen  Feder  stehen,  die  man
durch  eine  wachsende  Belastung  mit  gleichen  Gewichten  zu  spannen  trachtet.  Wenn
das  Gewicht  leicht  ist,  und  die  Feder  nicht  sehr  elastisch,  wird  die  Wirkung  der  ersten
Belastungen  fast  Null  sein.  Wenn  das  Gewicht  genügend  schwer  wird,  um  den  ersten
Widerstand  zu  überwinden,  wird  die  Feder  bemerkbar  nachgeben  und  sich  biegen;
wenn  sie  aber  bis  zu  einem  bestimmten  Punkt  gebogen  ist,  wird  sie  dem  auf  sie  ausgeübten ­
  Druck  größeren  Widerstand  entgegensetzen  und  ein  Gewicht,  unter  dem  sie
am  Anfang  um  einen  Zoll  nachgegeben  hätte,  wird  sie  nur  noch  um  eine  halbe  Linie
biegen.  So  wird  die  Wirkung  beständig  geringer  werden.“
„Dieser  Vergleich  ist  zwar  nicht  ganz  genau,  genügt  aber,  um  verstehen  zu  lassen,
wie  es  kommt,  daß  auch  eine  sehr  hohe  Kostenaufwendung  den  Ertrag  nur  sehr  wenig
steigern  kann,  wenn  der  Boden  nahe  an  die  Grenze  seiner  Ertragsfähigkeit  gelangt  ist.“
Der  durchdringende  Geist  Tubgot’s  hat  damit  eine  in  den  Darlegungen  der
klassischen  Ökonomisten  gewöhnlich  unbeachtet  gebliebene  Tatsache  hervorgehoben,
nämlich,  daß  es  am  Beginn  der  Bodenbewirtschaftung  eine  Periode  des  Optimum  gibt,
während  der  der  Ertrag  mehr  als  proportional  ist.
s )  Bemerkenswert  ist,  daß  das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages  (loi  du
rendement  non-proportionel)  sich  schon  in  der  zweiten  der  beiden  berühmten  Progressionsreihen ­
  Malthus’  findet,  denn  die  arithmetische  Reihe,  die  er  als  Maßstab
des  Wachstums  der  Lebensmittel  gibt  —  1,  2,  3,  4,  5,  6,  7,  8,  .  .  .  100,  usw.  setzt
natürlich  ein  um  so  langsameres  Wachstum  voraus,  je  höher  die  Reihe  steigt,  d.  h.  die
Zeit  fortschreitet.  Ein  Feld  gibt  z.  B.  einen  Ertrag  1;  in  26  Jahren  2  oder  100%  mehr,
was  nichts  besonders  Wunderbares  hat,  weil  es  in  die  erste  Zeit  der  Bewirtschaftung
fällt.  Am  Ende  einer  zweiten  Periode  von  25  ist  der  Ertrag  gleich  3;  die  Vermehrung
*st  immer  gleich  1,  aber  die  Proportion  ist  jetzt  nur  noch  50%;  so  fällt  das  Wachstum
auf  33  %,  25  %,  20  %  und  am  Ende  der  100.  Periode  nach  2500  Jahren  beträgt  es  nur
noch  1  %  und  wird  stetig,  wenn  auch  immer  langsamer,  geringer.
        <pb n="183" />
        160

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

ringerung  im  Ertrage  der  Kapitalien,  die  nach  und  nach  in  den  gleichen
Boden  gesteckt  werden.  Er  weist  darauf  hin,  daß  sogar  in  diesem  Falle,
d.  h.  ohne  daß  neue  Landstriche  in  Bearbeitung  genommen  werden,  die
Bodenrente  in  Erscheinung  tritt.
In  der  Tat,  wenn  wir  bei  unserem  Boden  Nr.  I  bleiben,  der  das  Getreide ­
  zu  10  Fr.  den  Hektoliter  erzeugt,  und  wenn  wir  annehmen,  daß  wir
versuchen,  im  Falle  die  Bedürfnisse  eine  Erhöhung  des  Ernteertrages
notwendig  machen,  den  Ertrag  bei  Nr.  I  zu  erhöhen,  anstatt  Boden  Nr.  II
urbar  zu  machen,  so  werden  wir  hierbei  nichts  gewinnen.  Denn  die  neuen
Hektoliter,  die  auf  dem  Boden  Nr.  I  erzeugt  werden,  werden  15  Fr.  kosten,
genau  wie  die  vom  Boden  Nr.  II,  und  ihr  Preis  wird  den  Marktpreis  bestimmen: ­
  der  Preis  eines  jeden  Hektoliters  wird  daher  auf  15  Fr.  steigen,
und  der  Besitzer  wird  ebenso  eine  Bodenrente  beziehen,  weil  seine  zwei
Hektoliter  sich  zum  gleichen  erhöhten  Preise  verkaufen,  nämlich  15  plus
15  gleich  30  Fr.,  obgleich  sie  ihm  doch  nur  10  plus  15  Fr.  gleich  25  Fr.
gekostet  haben 1 ).
Um  zu  vermeiden,  Boden  einer  geringeren  Kategorie  in  Angriff  zu
nehmen,  gibt  es  noch  ein  anderes  Hilfsmittel.  Es  besteht  darin,  in  der
Ferne  durch  Auswanderung  und  Kolonisation  Felder  zu  erwerben,  die
den  Feldern  erster  Kategorie  gleichwertig  sind,  oder  besser,  einfach  die
Erzeugnisse  dieser  überseeischen  fruchtbaren  Felder  zu  kaufen  und  dafür
industrielle  Erzeugnisse  in  Tausch  zu  geben,  auf  die  das  Gesetz  des  sinkenden ­
  Bodenertrages  keine  Anwendung  findet.  Hierbei  muß  jedoch  noch
die  Arbeit  des  Transportes  in  Betracht  gezogen  werden,  die  sich  der  Erzeugungsarbeit ­
  anfügt,  und  die  das  gleiche  Resultat  ergeben  wird,  nämlich
eine  Bodenrente  für  die  dem  Markt  näher  gelegenen  Grundstücke,  eine
Bodenrente,  die  sich  aus  der  Überlegenheit  der  Lage  erklärt,  oder,  wie
J.-B.  Say  sagt:  „Entfernung  wirkt  wie  geringere  Fruchtbarkeit.“  In
Amerika  gibt  es  Felder,  die  das  Getreide  zu  10  Fr.  den  Hektoliter  erzeugen;
wenn  es  aber  notwendig  wird,  für  den  Transport  5  Fr.  Fracht  zu  zahlen,
so  ist  es  klar,  daß  das  nach  England  gelieferte  Getreide  15  Fr.  wert  ist,
d.  h.  genau  ebensoviel,  als  wenn  man  dort  Felder  zweiter  Kategorie  in

l )  Die  von  Ricardo  gegebene  Erklärung  ist  in  eine  etwas  andere  Form  gekleidet.
„Wenn  ein  Pächter  aus  seinem  Land  mit  einem  Kapital  von  1000  Pfund  Sterling
100  Zentner  Getreide  gewinnt  und  wenn  er,  infolge  der  Aufwendung  eines  weiteren
Kapitals  von  1000  Pfund  Sterling  einen  Mehrertrag  von  85  Zentnern  erzielt,  so  würde
der  Besitzer  berechtigt  sein,  von  ihm  15  Zentner  oder  deren  entsprechenden  Wert  zu
verlangen,  denn  für  den  Profit  kann  es  nicht  zwei  verschiedene  Sätze  geben“  (S.  43).
Er  will  damit  sagen,  daß  die  Rente  notwendigerweise  in  Erscheinung  tritt,  wenn  die
Höhe  des  Gewinnes  infolge  der  geringeren  Ertragsfähigkeit  der  neuen  Kapitalien  sinkt.
Denn  die  Rente  ist,  wie  das  Wort  schon  sagt,  der  Teil  des  Ernteertrags,  der  nach  Abzug
des  Gewinnes  und  der  Löhne  übrig  bleibt.  Diese  Darstellung  nähert  sich  (wie  Ricardo
zugibt)  der  eines  anderen  englischen  Schriftstellers,  Edward  West,  in  dessen  I81u
veröffentlichten  Buch:  Application  of  Capital  to  Land.
        <pb n="184" />
        J

Kapitel  III.
Angriff  genommen  hätte.  Die  Eigentümer  der  Felder  Nr.  I  in  England
werden  daher  ebenfalls  eine  Rente  von  5  Fr.  erhalten.  Dieses  dritte  Hilfsmittel ­
  wird  jedoch  von  Ricardo  kaum  erwähnt,  und  er  konnte  in  der  Tat
damals  noch  kaum  voraussehen,  welche  außerordentliche  Entwicklung
ein  halbes  Jahrhundert  später  hierin  eintreten  würde,  eine  Entwicklung,
die  das  Gesetz  der  Bodenrente  in  unseren  europäischen  Ländern  Umstürzen
und  all  die  Drohungen,  die  es  in  sich  barg,  Lügen  strafen  sollte 1 ).
Diese  große  Theorie  Ricardo’s,  die  beim  ersten  Anblick  selbstverständlich ­
  erscheint,  beruht  jedoch  auf  einer  gewissen  Anzahl  Postulate,
die  näher  ins  Auge  gefaßt  werden  müssen.  Die  einen  können  als  endgültige
wissenschaftliche  Wahrheiten  anerkannt  werden,  die  anderen  nicht.
1.  Zunächst  setzt  diese  Theorie  voraus,  daß  die  Erzeugnisse  ungleich
fruchtbarer  Felder,  obschon  sie  ungleiche  Arbeitsmengen  darstellen,  sich
stets  zum  gleichen  Preise  verkaufen,  stets  den  gleichen  Tauschwert
haben.  Ist  nun  diese  Prämisse,  die  wir  provisorisch  ohne  Untersuchung
angenommen  haben,  wirklich  unanfechtbar?  Gewiß,  wenn  man  annimmt,
daß  es  sich  um  Produkte  gleicher  Art  und  gleicher  Qualität,  wie  das  Getreide, ­
  handelt.  Wenn  die  auf  demselben  Markte  angebotenen  Waren  so
gleichartig  sind,  daß  es  dem  Käufer  gleichgültig  sein  kann,  welche  er
erwirbt,  so  wird  er  keinesfalls  die  einen  teurer  als  die  anderen  bezahlen.
Stanley  Jevons  hat  dieses  Gesetz  später  das  „Gesetz  der  Indifferenz“
genannt 2 ).
!)  Kurze  Zeit  darauf  gab  ein  Deutscher,  selbst  ein  Großgrundbesitzer,  ein  Buch
heraus,  das  sich  mit  der  Untersuchung  gerade  jener  Seite  der  Rentenfrage,  die  Ricardo
vernachlässigt  hatte,  befaßte,  d.  h.  mit  dem  Einfluß  der  Entfernung  vom  Markt  auf
die  Bewirtschaftung  und  auf  den  Preis  der  Erzeugnisse.  Es  war  das  v.  Thünen,  der
in  seinem  Buch:  „Der  isolierte  Staat“  (der  erste  Band  erschien  1826)  das  Bild
einer  Stadt  aufstellte,  die  von  einem  bestimmten  Landbezirk  umgeben  ist.  Er  weist
nach,  auf  Grund  welcher  Gesetze  die  Bewirtschaftung  sich  in  konzentrischen  Zonen
um  den  Mittelpunkt  anordnen  wird,  und  wie  jedes  der  Wirtschaftssysteme  zu  der  Entfernung ­
  in  Beziehung  steht.
5 )  Der  Ruhm  dieser  für  das  Verständnis  des  Tauschwertes  so  bedeutsamen  Entdeckung ­
  kommt  aber  nicht  einzig  Ricardo  zu,  denn  schon  40  Jahre  vor  ihm  hatte
ein  einfacher  schottischer  Landwirt,  Anderson  —  (der  allerdings  höchstwahrscheinlich
in  völlige  Vergessenheit  geraten  wäre,  wenn  man  ihn  nicht  als  Vorläufer  Ricardo  ä
ausgegraben  hätte)  —  diese  Tatsache  bemerkt,  und  in  seinem  Buch:  Observations
on  the  means  of  exciting  a  spirit  of  National  Industry  (1777)  sehr  gut
ausgeführt:  „Der  Landwirt,  der  die  fruchtbarsten  Felder  bewirtschaftet,  kann  sein
Getreide  zu  einem  geringeren  Preis  auf  den  Markt  bringen  als  andere,  die  weniger  ertragreiche ­
  Felder  bewirtschaften  ...  Er  ist  aber  in  der  Lage,  sein  Getreide
zum  gleichen  Preis  auf  dem  Markt  zu  verkaufen,  wie  die,  die  geringeren
Boden  bearbeiten  .  .  .  Folglich  ist  es  bedeutend  vorteilhafter,  fruchtbare  Feldei
zu  bewirtschaften;  da  aber  dieser  Gewinn  im  Maßstab,  wie  man  in  der  Reihenfolge
der  weniger  ertragreichen  Felder  herabsteigt,  immer  geringer  wird,  muß  man  endlich
an  einen  Punkt  kommen,  wo  die  zur  Bewirtschaftung  eines  solchen  geringwertigeren ­
  Feldes  nötigen  Kostenaufwendungen  dem  Gesamtertrag
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  11

11!  iff  i
        <pb n="185" />
        162

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

2.  Weiterhin  wird  angenommen,  daß  dieser  für  alle  gleichen  Produkte
gleiche  Tauschwert  durch  die  Arbeit  bestimmt  wird.
Dies  bringt  uns  zur  Werttheorie  Ricardo’s.  Wie  man  weiß,  erschien
ihm  der  Wert  jeder  Sache  von  der  zu  ihrer  Erzeugung  notwendigen  Arbeit
bestimmt 1 ).  Schon  Adam  Smith  hatte  gesagt,  daß  der  Wert  im  Verhältnis ­
  zur  aufgewandten  Arbeit  stände.  Aber  nur  in  den  primitiven  Gesellschaften; ­
  in  den  zivilisierten  Gesellschaften  hat  er  im  Gegenteil  erklärt,
„gäbe  es  nur  sehr  wenige  Waren,  deren  ganzer  Tauschwert  auf  der  Arbeit
allein  beruhe“.  Smith  nahm  daher  wohl  an,  daß  die  Arbeit  einer  der
Wertfaktoren  sei,  aber  nicht  der  einzige.  Was  sind  nun  die  anderen?
Offenbar  der  Boden  und  das  Kapital.
Ricardo  vereinfacht  das  Problem,  wie  es  abstrakte  Denker  gern  tun,
indem  er  die  beiden  letzten  Faktoren  ausschaltet  und  nur  die  Arbeit  bestehen ­
  läßt.  Was  den  Boden  anbelangt,  so  schiebt  er  ihn  auf  die  Seite,
da  ja  die  Rente  in  nichts  zur  Schaffung  des  Mehrwertes  beiträgt,  ja  im
Gegenteil  selbst  von  ihm  geschaffen  wird 2 ).  Das  Getreide  wird  nicht
teuer  verkauft,  weil  der  Boden  eine  Rente  abwirft,  sondern  weil  das  Getreide ­
  teuer  ist,  gibt  der  Boden  eine  Rente.  Das  volle  Verständnis  dieses
Grundsatzes,  sagt  er,  ist  in  der  Nationalökonomie  von  der  größten  Bedeutung. ­
  Was  das  Kapital  anbelangt,  so  ist  es  nichts  als  Arbeit.  Es  ist
daher  nicht  notwendig,  einen  besonderen  Faktor  daraus  zu  konstruieren.
Es  genügt  nicht,  unter  Arbeit  „nur  die  Arbeit  zu  verstehen,  die  unmittelbar
auf  die  Erzeugung  verwendet  worden  ist,  sondern  auch  diejenige  Arbeit,
die  auf  Werkzeuge,  Maschinen  und  Gebäude,  die  der  Schaffung  des  Produktes ­
  dienten,  verwendet  wurde“ 3 ).  Mit  dieser  Erklärung,  die  das  Kapital
auf  die  Arbeit  zurückführt,  war  jedoch  Ricardo  selbst  nicht  sehr  zufrieden. ­
  Einen  Großkapitalisten,  wie  Ricardo,  mußte  eine  solche  These
allerdings  sehr  beunruhigen.  Als  man  ihm  entgegenhielt,  daß  Eichen  und
Wein  mit  dem  Alter  an  Wert  zunehmen,  war  er  in  rechter  Verlegenheit.
Und  in  einem  Briefe  an  Mac  Culloch  sagt  er:  „Alles  Nachdenken,  das
ich  auf  diese  Frage  verwendet  habe,  bringt  mich  zu  der  Annahme,  daß
der  relative  Wert  der  Dinge  durch  zwei  Ursachen  bestimmt  wird:  1.  Durch

gleich  sind“  (von  Stanley  Jevons  in  seiner  Theory  of  Political  Economy,
S.  229  angeführt).  Ricardo  scheint  hiervon  keine  Kenntnis  gehabt  zu  haben;  wenigstens
erwähnt  er  ihn  nicht.  Nur  Malthus  und  West  erkennt  er  die  Priorität  dieses
Gedankens  zu.
*)  „Ich  sehe  die  Arbeit  als  die  Quelle  allen  Wertes  an,  und  ihre  relativen  Mengen
als  Maßstab,  der  fast  ausschließlich  den  relativen  Wert  der  Waren  bestimmt.“
2 )  Schon  Home  hatte  Smith  gegenüber  diesen  Einwurf  erhoben.  Vgl.  oben  S.  71
Anm.  1  (al.  2).
3 )  „Wenn  das  Kapital  ein  vergängliches  Gut  ist,  müssen  Jahr  für  Jahr  große  Anstrengungen ­
  gemacht  werden,  um  es  in  seiner  Vollständigkeit  zusammenzuhalten;  diese
Wiederherstellungsarbeit  kann  in  Wirklichkeit  als  für  die  Erzeugung  von  Waren
aufgewendet  angesehen  werden  und  muß  sich  in  ihrem  Wert  wiederfinden.“
        <pb n="186" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

163

11*

die  relative  Arbeitsmenge,  die  zur  Erzeugung  notwendig  ist;  2.  durch  die
relative  Zeitdauer,  die  notwendig  ist,  um  das  Resultat  dieser  Arbeit  auf
den  Markt  zu  bringen.“  Er  hat  also  schon  die  Bedeutung  dieses  von  der
Arbeit  durchaus  verschiedenen  neuen  Faktors  geahnt,  dem  der  österreichische ­
  Professor  v.  Böhm-Bawerk  später  eine  so  große  Bedeutung
heilegen  sollte 1 ).
Dennoch  hatte  Ricardo  zu  seinem  Kummer  anerkennen  müssen,  daß
der  Wert  in  gewissen  Fällen,  unabhängig  von  der  Arbeit,  aus  der  Seltenheit ­
  —  und  sogar  aus  der  Zeit  —  entstehen  kann:  er  führt  selbst  als  Beispiele ­
  „die  kostbaren  Gemälde,  Bildsäulen,  Bücher,  Denkmünzen,  edle
Weine“  an,  aber  seiner  Meinung  nach  handelte  es  sich  hier  nur  um  Regelwidrigkeiten, ­
  die  man  vernachlässigen  darf,  während  die  heutigen  Nationalökonomen ­
  diese  Fälle  der  allgemeinen  Theorie  des  Wertes,  derjenigen  der
allgemeinen  Nützlichkeit,  untergeordnet  haben.
3.  Es  genügt  nicht,  zu  behaupten,  daß  der  Wert  von  der  Arbeit  bestimmt ­
  wird:  man  muß  auch  noch  wissen,  welche  Arbeit  gemeint  ist.  Wenn
alles  Getreide  in  Säcken  auf  dem  Markte  ist  —  nehmen  wir  der  Einfachheit
halber  an,  daß  es  sich  nur  um  drei  Sack  handelt  —,  von  denen  jeder  eine
verschiedene  Menge  von  Arbeit  gekostet  hat,  da  in  der  Hypothese  der
eine  auf  fruchtbaren,  die  anderen  auf  weniger  fruchtbaren  Feldern  erzeugt
worden  sind,  so  haben  sie  trotzdem  den  gleichen  Wert.  Welche  von  den
drei  Arbeitsmengen  ist  es  nun,  die  den  Wert  des  Getreides  bestimmt?
Ricardo  antwortet:  „die  Maximalarbeit“;  der  Sack  Getreide,  der  unter
den  ungünstigen  Bedingungen  erzeugt  worden  ist,  bestimmt  den  Marktpreis.
Man  ist  versucht  sich  zu  fragen:  Ja,  aber  warum  denn  die  Maximalarbeit? ­
  Warum  sollte  es  im  Gegenteil  nicht  der  Sack  Getreide  sein,  der
die  günstigsten  Erzeugungsverhältnisse  gehabt  hat,  der  den  Preis  bestimmt,
oder  warum  nicht  der  mittlere?  r  -  -
Weil  dies  unmöglich  sein  würde,,  Nehmen  wir  an,  daß  die  drei  Säcke
Getreide,  die  auf  dem  Markt  vorhanden  sind,  von  drei  verschiedenen
Kategorien  Felder,  A,  B  und  C,  kommen,  auf  denen  die  respektiven  Arbeitsmengen ­
  10,  15  und  20  sind.  Unmöglich  kann  der  Marktpreis  geringer  als
20  sein,  entsprechend  den  Produktionskosten  des  Getreides,  das  von  den

')  Im  Allgemeinen  drückt  man  die  Theorie  Ricardo’s  dadurch  aus,  daß  man  sagt,
der  Wert  wird  von  den  Produktionskosten  bestimmt.  Hierzu  ist  man  berechtigt,
da  er  sich  selbst  so  ausdrückt.  Es  ist  aber  etwas  ganz  anderes,  zu  sagen,  daß  der  Wert
von  der  Arbeit  bestimmt  wird,  und  wieder  etwas  anderes  ist  es,  zu  sagen,  daß  er  von
der  Summe  des  Lohnes  und  des  Profits  bestimmt  wird  (unter  Außerachtlassung
der  Bodenrente).  In  diesem  Punkte,  wie  in  vielen  anderen,  kann  nur  die  Dunkelheit
des  Ausdruckes  Ricardo  vor  dem  Vorwurf  eines  formellen  Widerspruchs  retten.  In
‘‘‘»er  Anmerkung  zum  Absatz  7  des  I.  Kapitels  sagt  er:  „Malthus  scheint  zu  denken,
daß  nach  meiner  Theorie  die  Kosten  und  der  Wert  einer  Sache  dasselbe  ist.  —
Bas  ist  auch  richtig  unter  der  Voraussetzung,  daß  man  unter  Kosten  die  Herstellungskosten ­
  einschließlich  des  Profits  annimmt.“-
        <pb n="187" />
        I

164

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Feldern  C  stammt.  Wäre  er  niedriger,  so  könnte  Feld  C  nicht  mehr  bewirtschaftet ­
  werden.  Wir  haben  jedoch  angenommen,  daß  man  seine
Erzeugnisse  nicht  entbehren  kann.  Es  ist  auch  unmöglich,  daß  der
Marktpreis  über  20  hinausgehe,  denn  in  diesem  Falle  würden  die  Felder
der  vierten  Kategorie  in  Bewirtschaftung  genommen  werden,  und  ihr
Getreide  würde  sich  dem  schon  auf  dem  Markte  vorhandenen  zugesellen.
Da  wir  jedoch  schon  angenommen  haben,  daß  das  Getreide  für  den  Bedarf
genügt,  so  würde  dieses  Anwachsen  des  Angebots  sogleich  den  Preis  auf
das  unüberscbreitbare  Minimum  von  20  herabsinken  lassen.  Man  muß
in  dieser  Beweisführung  das  dialektische  Kunststück  bewundern,  mit
dem  es  Ricardo  gelungen  ist,  ein  von  jeder  Arbeit  unabhängiges
Einkommen  abzuleiten,  wie  es  die  Rente  vorstellt,  und  zwar  gerade  aus
dem  Gesetze,  daß  aller  Wert  aus  der  Arbeit  stammt.  Die  Erklärung
ist  jedoch  mehr  elegant  als  beweiskräftig,  denn  es  liegt  schließlich  auf  der
Hand,  daß  von  allen?&amp;gt;Säcken  Getreide,  die  sich  auf  dem  Markt  befinden,
nur  für  einen  einzigen  Wert  und  Arbeitsleistung  in  Übereinstimmung
sein  können.  Für  alle  anderen  sind  die  Arbeitsmengen  und  der  Tauschwert ­
  absolut  und  unendlich  verschieden.
Zwar  stimmen  die  meisten  der  heutigen  Nationalökonomen  dahin
überein,  daß  der  Wert  keineswegs  ein  Produkt  der  Arbeit  ist,  sondern
nur  der  Widerschein  der  menschlichen  Wünsche  auf  die  Sachen,  und
dennoch  ist  das  Gesetz  Ricardo’s  nicht  weniger  wahr.  Nur  muß  es  in
dem  Sinne  verstanden  werden,  daß  die  Konkurrenz,  die  bestrebt  ist,  den
Preis  der  Dinge  auf  das  Niveau  der  Produktionskosten  zurückzuführen,
ihn  nicht  unter  die  höchsten  Produktionskosten  herabdrücken  kann,  das
heißt,  unter  den  Preis,  der  notwendig  ist,  um  die  Kosten  der  teuersten
auf  dem  Markt  nachgefragten  Einheit  wieder  zu  erstatten 1 ).  In  diesem
Sinne  ist  das  Gesetz  Ricardo’s  nicht  nur  für  die  landwirtschaftlichen
Erzeugnisse,  sondern  für  alle  Erzeugnisse  wahr.  Seine  Tragweite  ist  daher
viel  größer  als  die,  die  ihm  seine  Urheber  beilegten.  Heute  entdeckt  man
die  Bodenrente  in  allen  Einkommen.  Allerdings  hat  die  Rente  durch
diese  Verallgemeinerung  und  Verdünnung  etwas  von  dem  einzigartigen
Charakter  verloren,  den  sie  in  der  Theorie  Ricardo’s  besaß.  Sie  erscheint
heute  nur  noch  als  das  Resultat  gewisser  günstiger  Umstände,  die  sich
in  irgendeiner  Lage  einstellen  können;  und  das  geht  soweit,  daß  man
heute  sogar  von  der  „Rente  der  Verbraucher“  sprechen  hört.
4.  Die  Theorie  Ricardo’s  nimmt  weiter  an,  daß  es  stets  eine  gewisse
Kategorie  Felder  gibt,  die  überhaupt  keine  Rente  ab  wirft,  weil  ihr  Ertrag
*)  Auch  ist  noch  zu  bemerken,  daß  Ricardo,  wie  später  K.  Marx  und  alle  die,
die  versucht  haben,  die  Theorie  des  Wertes  auf  die  Arbeit  zu  gründen,  gezwungen  ist,
stillschweigend  das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage  anzunehmen,  um  seine
Theorien,  so  gut  oder  so  schlecht  als  es  gehen  mag,  mit  den  Tatsachen  in  Einklang
zu  bringen.
        <pb n="188" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

165

nur  gerade  zur  Wiedererstattung  der  Bewirtschaftungskosten  genügt.  Mit
anderen  Worten,  sie  gibt  nur  differenzielle  Bodenrenten  zu  und  läßt
von  den  verschiedenen  Fällen,  die  Malthus  im  Auge  hatte,  nur  diese  gelten.
Man  muß  zu  der  Meinung  neigen,  daß  Malthos  hierin  richtiger  als
Ricardo  gesehen  hat.  Denn,  wenn  es  sehr  leicht  möglich  ist,  daß  es  Felder
gibt,  die  keine  Bodenrente  abwerfen,  sei  es  fruchtbare  Felder  in  den
Kolonien,  weil  sie  dort  im  Überfluß  vorhanden  sind,  sei  es  in  den  alten
Bändern,  wenn  es  sich  um  sehr  arme  Felder  handelt,  so  ist  es  doch  offenbar, ­
  daß  in  einer  zu  einem  bestimmten  Grade  der  Bevölkerungsdichte
gelangten  Gesellschaft  die  Tatsache  allein,  daß  der  Boden  nur  in  begrenzter
Menge  vorhanden  ist,  genügt,  um  allen  Feldern  und  ihren  Erzeugnissen
einen  Seltenheitswert  zu  geben,  der  von  ihrer  verschiedenen  Ertragsfähigkeit ­
  unabhängig  ist.  Sogar  wenn  alle  von  gleicher  Fruchtbarkeit
wären,  würde  sich  hieran  nichts  ändern.  Es  gibt  kein  Feld,  das  keinen
Käufer  finden  würde.  Wer  würde  aber  bereit  sein,  ein  Grundstück  zu
kaufen,  wenn  es  ihm  nur  gerade  den  Gegenwert  der  Bewirtschaftungskosten ­
  einbringen  sollte!
Man  begreift  aber  sehr  gut,  weshalb  Ricardo  die  Existenz  dieser
nur  auf  der  Quantitätsbegrenzung  beruhenden  Rentenkategorie  nicht  hat
zugeben  wollen.  Er  würde  sich  nämlich  dadurch  im  Widerspruch  mit
seiner  eigenen  Theorie  gesetzt  haben,  nach  der  es  keinen  anderen  Wert
gibt,  als  den,  der  auf  der  Arbeit  beruht.  Er  hat  sich  jedoch  dazu  entschließen ­
  müssen,  für  einige  seltene  Produkte  eine  Ausnahme  zuzugeben.
Nämlich  für  solche  Produkte,  „die  keine  Arbeit  vermehren  kann  —  wie
kostbare  Bilder,  Statuen,  Bücher,  Medaillen,  edle  Weine  usw.“.  Das  war
aber  von  seinem  Gesichtspunkte  aus  nur  eine  ganz  kleine  Bresche,  die  er
c &amp;gt;Jig  schloß,,  um  nicht  mehr  daran  zu  denken.  Denn  wenn  hier  von  ihm
wirklich  der  ganze  ungeheure  Reichtum  des  Bodens  einbegriffen  worden
wäre,  hätte  er  befürchten  müssen,  daß  sein  ganzes  Gebäude  in  sich  Zusammenfalle ­
 1 ).

Hiermit  haben  wir  unsere  Darlegung  der  vor  allen^y^ihr  kann  man
liehen  Lehren  berühmten  Rententheorie  ^J  gibt&amp;gt;
sagen,  daß  es  sogar  mit  Einschluß  der  Lehre  ^  wäfe&amp;gt;  Hierfür  gibt
ä'e  leidenschaftlicheren  Kritiken  ausgesetzt  g
"  Zunächst'warf*  sie  den  ganzen  schonen  „ordne  natnrel“,  den  man
')  Wie  ist  es  aber  geschehen,  daß  'j'cjoe  -kc  Gcdanl«  geko  ^  gan ,,  Me Ahen-Ä3&amp;amp;-XST
  gÄ“«»  M««  W  *■*•»
        <pb n="189" />
        166

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

unabänderlich  geglaubt  hatte,  über  den  Haufen,  indem  sie  in  der  Gesellschaftsordnung ­
  eine  Menge  von  Interessengegensätzen  nachwies.  Wenn
nämlich  diese  Lehre  wahr  ist,  so  scheint  es,  daß  sich  das  Interesse  des
Grundbesitzers  nicht  nur  im  Gegensatz  zu  dem  der  anderen  Klassen  befindet, ­
  die  das  Gesellschaftseinkommen  unter  sich  teilen  —  dieser  Gegensatz ­
  ist  zwischen  Anteilhabern  unvermeidlich  —,  sondern  auch,  daß  es
im  Widerspruch  zu  dem  Allgemeininteresse  der  Gesellschaft  steht.  Was
ist  nun  in  Wirklichkeit  das  Interesse  des  Grundbesitzers?
Sein  Interesse  ist  zunächst,  daß  die  Bevölkerung  und  die  Bedürfnisse
sich  so  schnell  wie  irgendmöglich  vermehren,  damit  die  Menschen  gezwungen ­
  seien,  neuen  Boden  urbar  zu  machen;  es  ist  weiterhin  in  seinem
Interesse,  daß  diese  neuen  Äcker  so  arm  wie  möglich  seien,  denn  dadurch
verlangen  sie  größere  Arbeitsmengen,  und  steigern  um  ebensoviel  die
Bodenrente.  Daß  der  Mensch  an  eine  stetig  härter  werdende  Arbeit  gefesselt ­
  sei,  um  einen  immer  undankbareren  Boden  urbar  zu  machen,  trägt
am  sichersten  zum  Vermögenswachstum  des  Rentenbeziehers  bei.
Die  Grundbesitzer  als  Klasse  betrachtet  haben  ferner  alles  Interesse ­
  daran,  so  paradox  auch  zuerst  dieser  Schluß  scheinen  mag,  daß  die
landwirtschaftliche  Wissenschaft  so  wenig  wie  möglich  Fortschritte  mache.
Denn  worin  auch  dieser  Fortschritt  bestehe,  er  kann  kein  anderes  Resultat
haben,  als  zu  gestatten,  auf  demselben  Felde  eine  größere  Menge  Produkte
zu  erzeugen,  das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages  unwirksam  zu  machen,
und  so  den  Preis  der  Lebensmittel  und  die  Bodenrente  zu  erniedrigen,
da  es  nicht  mehr  notwendig  sein  würde,  schlechte  Felder  zu  bewirtschaften.
Da,  mit  einem  Wort,  die  Bodenrente  sich  am  Hindernis  mißt,  wie  die  Höhe
des  Wasserspiegels  in  einer  Talsperre  an  der  Höhe  der  Schleuse,  so  wirkt
alles,  was  das  Hindernis  erniedrigt,  darauf  hin,  die  Bodenrente  zu  verringern. ­
  Zur  Abschwächung  jedoch  muß  angeführt  werden,  daß  jeder
Grundbesitzer  individuell  Interesse  daran  hat,  landwirtschaftliche
Meliorationen  auszuführen;  denn  solange  diese  Meliorationen  noch  nicht
genügend  verallgemeinert  sind,  um  die  Preise  zum  Sinken  zu  bringen  und
die  Anbaugrenze  einzuschränken,  hat  er  Zeit,  von  dem  erhöhten  Ertrag
zu  profitieren.  Da  alle  Grundbesitzer  den  gleichen  Gedanken  verfolgen,
ist  es  möglich,  daß  die  individuellen  Interessen  auf  eine  Selbsttäuschung
zum  Vorteil  des  Allgemeininteresses  hinauslaufen.  Man  darf  sich  aber
nicht  zu  sehr  hierauf  verlassen.
Ricardo  stellt  diesen  Gegensatz  fest 1 )  und  unterstreicht  ihn  sogar

b  „Die  Geschäfte  zwischen  dem  Großgrundbesitzer  und  der  Gesamtheit  sind
verschieden  von  den  anderen  Handelsgeschäften,  da  man  von  diesen  sagen  kann,  daß
der  Verkäufer,  wie  der  Käufer  seinen  Vorteil  dabei  findet,  während  in  jenen  der
ganze  Verlust  auf  der  einen  Seite,  und  der  ganze  Gewinn  auf  der  anderen ­
  Seite  ist“  (S.  308).  „Wenn  der  Grundbesitzer  dem  Verbraucher  sein  Getreide
verkauft,  so  ist  das  nicht  ein  gewöhnlicher  Tausch,  bei  dem  beide  Teile  Gewinn  haben.
        <pb n="190" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

167

mit  besonderem  Nachdruck.  Zweifellos  beruht  es  auf  seiner  eingehenden
Untersuchung  dieser  Frage,  daß  er  sich  mit  sogar  noch  größerer  Überzeugung ­
  zum  Freihandel  bekannte,  als  es  die  Physiokraten  oder  Adam
Smith  getan  hatten.  Für  diese  beruhte  der  Freihandel  hauptsächlich  auf
der  allgemeinen  Überzeugung  von  der  Harmonie  der  Interessen,  während
Ricardo  sich  auf  eine  bestimmte  Tatsache  stützt,  nämlich  auf  das  Steigen
des  Getreidepreises  und  der  Bodenrente.  Ihm  erscheint  der  Freihandel
als  die  einzig  wirksame  Hemmung  dieser  verderblichen  Tendenz  des  Wirtschaftslebens. ­
  Nach  seiner  Theorie  kommt  jede  freie  Einfuhr  von  Lebensmitteln ­
  aus  dem  Ausland  der  Inangriffnahme  von  Feldern  gleich,  die
ebenso  reich  oder  reicher  sind  wie  die  der  britischen  Inseln,  beseitigt
infolgedessen  die  lästige  Notwendigkeit,  schlechtere  Felder  zur  Bebauung
heranzuziehen,  und  tut  der  Preissteigerung  Einhalt.
Er  bemüht  sich  sogar,  die  Grundbesitzer  zu  überzeugen,  daß  es  in
ihrem  Interesse  liegt,  dem  Freihandel  zuzustimmen,  sogar  um  den  Preis
einer  gewissen  Verlangsamung  in  der  Steigerung  ihrer  Einkünfte;  wenigstens
tadelt  er  ihren  blinden  Widerstand.  „Sie  sehen  nicht“,  sagt  er,  „daß
jeder  Handel  darauf  hinzielt,  die  Produktion  zu  vermehren,  und  daß  diese
Vermehrung  den  allgemeinen  Wohlstand  hebt,  obwohl  ein  gewisser  Teilverlust ­
  damit  verbunden  sein  kann.  Wenn  sie  wirklich  folgerichtig  Vorgehen ­
  wollten,  müßten  sie  versuchen,  jede  Verbesserung  in  der  Landwirtschaft ­
  und  Fabrikation  hintanzuhalten,  ebenso  wie  jede  neue  Erfindung
im  Maschinenwesen“ 1 ).
2.  Die  Rententheorie  stellte  außerdem  das  Eigentumsrecht  an  Boden
m  eigentümlicher  Weise  dadurch  bloß,  daß  sie  das  Einkommen  des  Grundbesitzers ­
  als  nicht  auf  die  Arbeit  gegründet  und  folglich  als  antisozial

Per  Verbraucher  erhält  nichts  für  das,  was  er  gibt.“  (Hier  ist  natürlich  als  gedacht
angenommen:  für  den  Teil,  der  die  Produktionskosten  übersteigt.)  Aber  keinen  Gegenwert ­
  für  das,  was  man  gibt,  zu  erhalten,  heißt  das  nicht,  bestohlen  werden?
,  An  einer  anderen  Stelle  sagt  Ricardo,  als  Antwort  auf  die  gleichmütige  Behauptung ­
  A.  Smith’s,  daß  „das  Interesse  der  Grundbesitzer  mit  dem  des  Restes  der
Gesamtheit  nicht  in  Widerspruch  stehe“:  daß  „das  Interesse  des  Großgrundbesitzers ­
  stets  in  Widerspruch  mit  dem  des  Verbrauchers  und  dem
d es  Fabrikanten  ist“.  Es  liegt  im  Interesse  des  Großgrundbesitzers,  daß  die  Kosten,
der  Getreideproduktion  steigen.  Das  ist  jedoch  nicht  im  Interesse  des  Verbrauchers;
und  ebenso  nicht  im  Interesse  des  Fabrikanten,  denn  teueres  Getreide  fuhrt  zu  hohen
Lohnen,  ohne  daß  deshalb  der  Preis  der  Waren  stiege  (S.  307).
*&amp;gt;  „Der  Reichtum  steigt  am  schnellsten  dort,  wo  der  verfügbare  Boden  am  fruchtbarsten ­
  ist,  wo  die  Einfuhr  den  wenigsten  Beschränkungen  unterliegt,  wo  die  landwirtschaftlichen ­
  Verbesserungen  eine  Erhöhung  der  Produktion  ohne  entsprechende
Vermehrung  der  Arbeitsmenge  gestatten,  folglich  überall  dort,  wo  das  Wachstum
der  Bodenrente  langsam  ist“  (S.  51).  Der  Gegensatz  zwischen  dem  Bestand
•»  Luchtbarem  Boden,  dem  Freihandel,  der  Entwicklung  der  landwirtschaftlichen
Wissenschaft  auf  der  einen  Seite  —  und  auf  der  anderen,  dem  Steigen  der  Rente,  ist
ier  sehr  klar  ausgedrückt.
        <pb n="191" />
        168

Erstes  Bach.  Die  Begründer.

erscheinen  ließ.  Gerade  aus  diesem  Grunde  wurde  sie  von  den  konservativen ­
  Nationalökonomen  so  lebhaft  angegriffen.  Es  ist  aber  zu  bemerken,
daß  Ricardo  sich  offenbar  durchaus  nicht  bewußt  gewesen  ist,  welchen
Schlag  er  gegen  die  Einrichtung  des  Eigentums  führte.  Dieser  Gleichmut,
der  uns  heute  überrascht,  läßt  sich  durch  die  Tatsache  erklären,  daß  seine
'Theorie  die  Grundbesitzer  jeder  Verantwortlichkeit  enthob.  Da  die  Rente
nämlich  im  Gegensatz  zu  Profit  und  Lohn  in  den  Produktionskostenpreis
nicht  eingeht;  da  sie  in  nichts  auf  die  Höhe  des  Getreidepreises  einwirkt,
sondern  im  Gegenteil  von  ihm  bestimmt  wird 1 ),  so  erscheint  der  Großgrundbesitzer ­
  als  der  Unschuldigste  der  drei  Beteiligten:  er  spielt  eine
rein  passive  Rolle;  er  erzeugt  nicht  seine  Rente,  er  erleidet  sie,  wenn  man
so  sagen  darf.
Sehr  schön!  Nun  mag  die  Tatsache,  daß  der  Eigentümer  an  der
Bildung  der  Bodenrente  unschuldig  ist,  wohl  genügen,  um  ihn  persönlich
von  der  Verantwortung  für  die  bedauerlichen  Folgen  der  Rente  zu  entbinden, ­
  aber  augenscheinlich  genügt  sie  auch,  um  dem  Rechtstitel  des
Eigentümers  jeden  Rechtsgrund  zu  entziehen,  wenigstens  wenn  man  daran
festhält,  daß  es  nur  einen  Rechtsgrund  für  alles  Eigentum  geben  kann:
die  Arbeit.  Gerade  diese  Seite  der  Frage  war  dem  Nationalökonomen
James  Mill,  einem  Zeitgenossen  Ricardo’s,  aufgefallen:  er  schlug  vor,
die  Rente  zu  konfiszieren  (oder  wie  man  heute  sagen  würde,  sie  durch
Steuern  zu  sozialisieren) 2 ).  Dadurch  war  er  der  Vorläufer  der  Lehren  von
der  Nationalisierung  des  Bodens,  der  Vorläufer  eines  Colins,  Gossen,
Henry  George  und  Walras.
3.  Weiterhin  hat  die  Rententheorie  lebhafte  Kritiken  hervorgerufen,
weil  sie  die  Zukunft  des  Menschengeschlechts  in  recht  trüben  Farben
erscheinen  ließ  und  eine  traurige  Bestätigung  der  Gesetze  Malthus’  zu

*)  „Die  Bodenrente  bildet  keinen  Bestandteil  und  kann  keinen  Bestandteil  des
Getreidepreises  bilden“  (S.  51).  Und  er  fügt  an:  „Das  vollkommene  Verständnis  dieses
Grundsatzes  scheint  mir  in  der  Nationalökonomie  von  der  größten  Wichtigkeit.“
Adam  Smith  hatte  schon  gesagt:  „Die  hohe  Bodenrente  wird  vom  Preis  verursacht“,
nur  scheint  er  diesem  Satz  keine  besondere  Bedeutung  beigemessen  zu  haben.
2 )  Ricardo  ist  sehr  damit  einverstanden,  daß  die  Bodenrente  von  einer  Steuer
getroffen  werde;  der  Grund,  weshalb  er  es  zugibt,  —  daß  nämlich  eine  solche  Steuer
ganz  vom  Grundbesitz  getragen  werden  müsse,  der  sie  auf  keine  Verbraucherklasse
abwälzen  kann,  —  scheint  darauf  hinzudeuten,  daß  nach  seinem  Dafürhalten  das  Einkommen ­
  des  Großgrundbesitzers  weniger  unverletzlich  als  das  der  anderen  Gesellschaftsklassen ­
  ist.  Jedoch  läßt  er  diese  Steuer  nur  in  einem  beschränkten  Maße  zu:  „denn“,  sagt
er,  „es  würde  ungerecht  sein,  nur  das  Einkommen  einer  besonderen  Gesellschaftsklasse
zu  besteuern.  Oft  gehört  die  Bodenrente  Leuten,  die  nach  Jahren  harter  Arbeit  ihren
angesammelten  Profit  zum  Ankauf  eines  Landgutes  verwendet  haben“  (S.  174).  Die
ursprüngliche  Ungerechtigkeit,  wenn  sie  wirklich  besteht,  wäre  also  durch  den  Verkauf ­
  gegen  bar  aus  der  Welt  geschafft.  Dieser  Grund  mag  eine  dem  Besitzer  zufallende
Entschädigung  für  die  Enteignung  rechtfertigen,  kann  aber  nie  de  plano  hinreichen,
um  das  Recht  der  Gesellschaft,  zur  Expropriation  zu  schreiten,  aufzuheben.
        <pb n="192" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

169

enthalten  schien.  Sie  zeigt  uns  nämlich,  wie  jede  Gesellschaft  im  Maßstabe
ihres  Wachstums  und  Fortschrittes  dazu  gezwungen  wird,  immer  undankbarere ­
  Felder  zu  bewirtschaften  und  immer  drückendere  Produktionsmittel ­
  anzuwenden.  Sie  erscheint  daher  wie  ein  wissenschaftlicher  Beweis
des  Fluches  der  Genesis:  „Dornen  und.Disteln  soll  er  (der  Acker)  dir
tragen;.  .  .  und  im  Schweiße  deines  Angesichts  sollst  du  dein  Brot  essen.“
Allerdings  war  Ricardo  nicht  so  pessimistisch,  zu  glauben,  das
Menschengeschlecht  würde  durch  diese  unheilvolle  Verschlechterung  des
kostbarsten  aller  Produktionsmittel,  das  ihm  das  tägliche  Brot  gibt,  der
Hungersnot  ausgeliefert  werden,  und  sich  den  Schädel  an  einer  ehernen
Mauer  einrennen  müssen.  Nein,  er  gab  zu,  daß  andere  wohltätige  Kräfte,
die  Fortschritte  der  landwirtschaftlichen  Wissenschaft  und  die  Verwendung
von  reichlicheren  Kapitalien,  dieses  Hindernis  überwinden  würden.
„Obgleich  die  Felder,  die  heute  bewirtschaftet  werden,  bedeutend
schlechter  sind  als  die,  die  vor  Jahrhunderten  angebaut  wurden,  und
obgleich  die  Produktion  daher  größere  Schwierigkeiten  zu  überwinden
hat,  so  kann  doch  kein  Zweifel  bestehen,  daß  die  heutige  Menge  der  Produkte ­
  die  der  Vergangenheit  bei  weitem  übersteigt!“  (S.  190.)
Die  Theorie  Ricardo’s  leugnete  also  nicht  den  Fortschritt,  aber  sie
zeigte  doch,  daß  die  zu  überwindenden  Schwierigkeiten  sich  ständig  steigern
und,  wenn  auch  nicht  der  Hungersnot,  so  doch  der  Teuerung  zutreiben.
Wer  würde  zu  behaupten  wagen,  daß  die  Befürchtungen  Ricardo’s  nicht
oiugetreten  wären,  wenn  die  britischen  Inseln  jetzt  die  Lebensmittel  für
ihre  45  Millionen  Bewohner  allein  auf  ihrem  Boden  gewinnen  sollten?
Es  ist  natürlich  leicht,  Ricardo  heute  vorzuwerfen 1 ),  daß  er  die
erstaunliche  Entwicklung  der  Transportmittel  und  die  Lebensmitteleinfuhr
unserer  Tage  nicht  vorausgesehen  habe,  deren  Folge  nicht  nur  ein  Stillstand,sondern ­
  ein  Sinken  der  Bodenrente  gewesen  ist.  Heute  scheinen
hie  Klagen  der  Grundbesitzer  in  England  und  allen  alten  Ländern  die
Theorie  Ricardo’s  Lügen  zu  strafen 2 ).  Wer  kann  aber  sagen,  ob  dieser
1 )  „Ebenso  wie  Malthus,  ist  auch  Ricardo  ein  falscher  Prophet  und  schlechter
Verkündiger  gewesen  .  .  .  Das,  was  man  hochtrabend  das  Gesetz  Ricardo’s  nennt,
'st  eine  glatte  Lüge.“  (Economiste  Fran?ais,  21.  März  1908,  in  einem  Aufsatz
ue  Poville’s  über  „Les  variations  de  la  valeur  du  sol  en  Angleterre  au
-AlX.  sieele“,  die  Wertschwankungen  des  Bodens  im  England  des  19.  Jahrhunderts.)
2 )  Aus  einem  vor  der  Royal  Statistical  Society  von  Robert  Thomson  gehaltenen
Vortrag  (17.  Dezember  1907)  ergibt  sich,  daß  die  Bodenrente,  die  1801—1805  auf
,.  s h-  2  pence  für  den  Acker  geschätzt  wurde,  nach  und  nach  auf  20  sh.  stieg  (1841
bls  1845)  und  trotz  der  Aufhebung  der  Schutzzölle  ihre  aufsteigende  Bewegung  fortgesetzt ­
  hat,  bis  sie  1872—1877  ihr  Maximum  erreichte  und  29  sh.  4  pence  betrug,
^on  welchem  Zeitpunkt  an  sie  allmählich  auf  den  heutigen  Stand,  20  sh.  für  den  Acker
IM.  50  für  den  Hektar)  gefallen  ist.  Die  heutige  Summe  ist  also  noch  mehr  als  das
doppelte  des  zur  Zeit  Ricardo’s  bestehenden  Betrages;  man  muß  aber  berücksichtigen,
daß  infolge  der  Meliorationsausgaben  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  ein  starker  Abstrich ­
  zu  machen  ist.  Robert  Thomson  schätzt  ihn  auf  15  sh.  4  pence,  was  nur  4  sh.
        <pb n="193" />
        170

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Zustand  von  Dauer  sein  wird?  Wenn  der  unvermeidliche  Tag  kommen
wird,  an  dem  die  neuen  Länder  so  weit  bevölkert  sein  werden,  daß  sie  das
jetzt  ausgeführte  Getreide  im  Lande  behalten  und  selbst  verzehren  müssen,
wer  kann  da  sagen,  ob  nicht  in  England  und  anderen  europäischen  Ländern
die  Rente  nach  einer  längeren  oder  kürzeren  Periode  des  Stillstands  oder
gar  Rückschrittes  ihren  Aufstieg  von  Neuem  aufnehmen  wird?
Allerdings  kann  man  in  gewissem  Maße  auch  bei  fehlender  Einfuhr
fremder  Erzeugnisse  auf  den  Fortschritt  der  landwirtschaftlichen  Wissenschaft ­
  rechnen.  Wifhaben  gesehen,  daß  Ricardo  diese  Hilfsmöglichkeiten
des  menschlichen  Fleißes  durchaus  zugibt.  Weiter  unten  werden  wir  sehen,
daß  andere  Nationalökonomen,  Carey  und  ein  Schüler  Bastiat’s,  Fönten ­
  ay,  der  Theorie  Ricardo’s  die  gerade  entgegengesetzte  These  gegenüberstellten, ­
  nämlich  daß  die.  menschliche  Industrie  in  der  Nutzbarmachung ­
  der  Naturkräfte  stets  bei  den  schwächsten  anfing,  —  weil  die
schwächsten  am  leichtesten  zu  bändigen  sind,  und  weil  der  Mensch  selbst
am  Anfang  ein  schwaches  Wesen  war  —,  um  nach  und  nach  sich  zur
Beherrschung  der  mächtigsten,  aber  auch  widerspenstigsten  Kräfte  aufzuschwingen; ­
  daß  der  Boden  keine  Ausnahme  von  diesem  Gesetze  mache,
und  daß  daher  die  Landwirtschaft  nicht  immer  weniger,  sondern  im
Gegenteil  immer  mehr  hervorbringe.
Diese  These  jedoch,  die  dem  Gesetz  vom  sinkenden  Bodenertrag
schroff  widerspricht,  beruht  auf  einer  recht  diskutierbaren  Analogie.
Wenn  es  sich  um  die  Zukunft  der  Industrie  handelt,  kann  man  verstehen,
daß  bisher  nur  wenig  benutzte  oder  sogar  unbekannte  Energiequellen,
vielleicht  sogar  die  chemischen  oder  intramolekularen  Kräfte,  noch  unendliche ­
  Hilfsmittel  in  Reserve  halten.  Für  die  landwirtschaftliche  Industrie ­
  ist  das  aber  nicht  der  Fall.  Auch  wenn  man  annimmt,  daß  der
Boden  durch  Stickstoff,  der  aus  der  Luft,  oder  durch  Phosphate,  die  aus
der  Erde  stammen,  andauernd  bereichert  werden  kann,  so  wird  man  doch
offenbar  stets  an  die  zeitlichen  und  räumlichen  Grenzen  gebunden  bleiben,
die  die  Entwicklung  aller  Lebewesen  einschränken  und  die  ebenfalls  für
7  pence  reine  Bodenrente  übrig  lassen  würde.  Allerdings  war.auch  der  Gesamtbetrag
von  11  sh.  am  Anfang  des  Jahrhunderts  nicht  reine  Bodenrente,  jedoch  waren  die  für
aufgewendetes  Kapital  zu  machenden  Abzüge  damals  bedeutend  geringer  (siehe  das
„Journal  of  the  Koyal  Statistical  Society“,  Dezember  1907).
Daher  kann  man  zusammenfassend  sagen,  daß  in  England  (und  sogar  in  Frankreich ­
  und  in  anderen  Ländern,  trotz  des  Schutzzolles)  der  Boden  als  Einkommensquelle ­
  und  als  Wert  während  des  letzten  Vierteljahrhunderts  fast  all  das,  was  er  seit
der  Zeit  Ricardo’s  gewonnen  hatte,  wieder  verloren  hat.  Genügt  aber  dieser  Rückgang
zur  Rechtfertigung  der  Behauptung,  die  Foville  in  dem  oben  erwähnten  Aufsatz  aufstellt, ­
  daß  das  was  man  hochtrabend  das  Gesetz  Ricardo’s  genannt  habe,  eine  glatte
Lüge  sei?  Wir  glauben  das  keinesfalls.  Die  Tatsachen  haben  es  75  Jahre  hindurch
bestätigt  und  ihm  25  Jahre  hindurch  widersprochen;  das  ist  alles.  Die,  die  heute  voraussehen, ­
  daß  die  Bodenrente  auch  weiter  sinken  werde,  können  leicht  in  die  Lage  kommen,
sich  selbst  als  „falsche  Propheten“  bezeichnet  zu  sehen.
        <pb n="194" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

171

die  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse,  die  ja  auch  nichts  anderes  als  Lebewesen ­
  sind,  Geltung  haben.  An  dem  Tage,  an  dem  die  industrielle  Herstellung ­
  von  Eiweiß  zur  Tatsache  geworden  sein  wird,  wird  sieh  die  Theorie
Ricardo’s  überlebt  haben.  Bis  dahin  aber  bleibt  sie  in  voller  Kraft
bestehen.

§  2.  Das  Gesetz  des  Lohnes  und  Profites.
Wenn  wir  jetzt  die  beiden  vorhergehenden  Gesetze,  (jas  der  Bevölkerung ­
  und  das  der  Bodenrente,  in  Beziehung  zueinander  setzen  und
fragen,  welchen  Einfluß  sie  auf  die  Lage  des  Arbeitenden  und  auf  seinen
Lohn  haben,  so  ergeben  sich  wenig  günstige  Aussichten.  Der  Arbeiter
sieht  sich  auf  der  einen  Seite  durch  zügellose  Vermehrung  dem  Druck
einer  wachsenden  Zahl  von  Proletariern  ausgesetzt,  wodurch  notwendigerweise ­
  eine  Entwertung  der  Arbeitskraft  herbeigeführt  wird,  denn  auf
irgendeine  Verringerung  der  Zahl  der  Proletarier  infolge  des  moralischen
Enthaltsamkeitszwanges  ist  kaum  zu  rechnen;  —  auf  der  anderen  Seite
lastet  auf  ihm  die  Notwendigkeit,  ständig  weniger  fruchtbare  Felder
in  Bewirtschaftung  zu  nehmen,  wodurch  eine  stete  Verteuerung  der  zum
Leben  unentbehrlichen  Nahrungsmittel  eintritt.  So  findet  sich  der  Arbeiter
unter  dem  Drucke  zweier  antagonistischer  Kräfte,  dem  Sinken  des  Lohnes
und  dem  Steigen  der  Preise,  wie  zwischen  Hammer  und  Amboß  zermalmt.
Schon  Turgot  hatte  jenen  schrecklichen  Satz  aufgestellt:  „In  jeder
Arbeitsart  muß  der  Fall  eintreten,  und  tritt  auch  wirklich  ein,  daß  der
Lohn  des  Arbeiters  sich  auf  das,  was  zur  Beschaffung  seines  Lebensunterhaltes ­
  notwendig  ist,  beschränkt.“  Und  sein  Zeitgenosse  Necker  hatte
in  noch  schärferen  Worten  gesagt:  „Wenn  man  ein  Nahrungsmittel  entdecken ­
  würde,  das  weniger  schmackhaft  ist,  als  das  Brot,  jedoch  den
menschlichen  Körper  während  48  Stunden  unterhalten  kann,  so  wüide
das  Volk  bald  dazu  gezwungen  sein,  von  zwei  Tagen  nur  an  einem
z .u  essen.“  Jedoch  waren  das  nur  einfache  Behauptungen,  die,  auch  wenn
sie  sich  vielleicht  auf  den  Stand  der  Löhne  jener  Zeit  stützen  konnten,
doch  nicht  den  Anspruch  erhoben,  allgemeine,  beständige  und  unvermeidliche ­
  Gesetze  zu  sein,  während  sie  bei  Malthus  und  Ricardo  diesen
Charakter  annehmen.  MalThus  sagt:  „Infolge  der  Ursachen,  die  die
Bevölkerung  regeln  und  die  Vermehrung  des  Menschengeschlechtes
bedingen,  wird  der  Lohn  der  Schwächsten  sich  niemals  viel  übei  aem
Niveau  halten,  das  die  Natur  und  die  Gewohnheit  zum  Unterhalt  des
Arbeiters  als  unbedingt  nötig  fordern“  (S.  128).  Und  Ricardo  sagt  noch
bestimmter:  „Der  natürliche  Preis  der  Arbeit  ist  der,  der  den  Arbeitern
im  Allgemeinen  die  Mittel  gibt,  ihr  Leben  zu  fristen  und  sich  ohne  Vermehrung ­
  oder  Verminderung  ihrer  Klasse  fortzupflanzen“  (S.  67).  Die
        <pb n="195" />
        172

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Worte  „ohne  Vermehrung  oder  Verminderung“  sind  bemerkenswert,  sind
wohl  zu  beachten;  sie  bedeuten  nämlich,  daß,  wenn  es  in  der  Arbeiterfamilie ­
  mehr  Kinder  gibt,  als  nötig  sind,  um  die  Zahl  auf  der  Höhe  der
elterlichen  Generation  zu  halten,  der  Lohn  unter  den  normalen  Satz  sinken
wird,  bis  das  Gleichgewicht  durch  höhere  Sterblichkeit  wieder  hergestellt  ist.
Damit  wird  aber  nicht  gesagt,  daß  der  Nominallohn,  in  Geld  ausgedrückt, ­
  nicht  steigen  könne.  Er  muß  im  Gegenteil  mit  Notwendigkeit
höher  werden,  da  der  Preis  der  Lebensmittel  beständig  aufwärts  strebt.
Wenn  der  Geldlohn  derselbe  bliebe,  würde  der  Arbeiter  bald  nicht  genug
zum  Essen  haben.  Der  Lohn  wird  daher  im  gleichen  Verhältnis  wie  der
Getreidepreis  steigen,  so  daß  der  Arbeiter  sich  stets  die  gleiche  Menge,
nicht  mehr  und  nicht  weniger,  beschaffen  kann.  Der  Reallohn,  in  natura
ausgedrückt,  wird  dagegen  stationär  bleiben,  aber  gerade  in  ihm  kommt
offenbar  der  Wohlstand  der  Arbeiterklasse  zum  Ausdruck.
Dabei  ist  es  noch  die  Frage,  ob  er  stationär  bleibt?  Ricakdo  scheint
das  nicht  zu  glauben:  „Im  natürlichen  Vorwärtsschreiten  der  Gesellschaften ­
  zeigt  der  Lohn  die  Tendenz  zu  fallen,  insofern  er  durch  Angebot ­
  und  Nachfrage  geregelt  wird,  weil  die  Anzahl  der  Arbeiter  beständig
um  etwas  schneller  als  die  Nachfrage  wächst“  (S.  73) 1 ).
Es  ist  möglich,  daß  die  Steigerung  des  Nominallohnes  diesen  Rückgang ­
  verschleiert:  „In  diesem  Fall  scheinen  die  Löhne  zu  steigen;  sein
(des  Arbeiters)  Schicksal  wird  trotzdem  weniger  glücklich  sein;  zwar  wird
er  einen  höheren  Geldbetrag  als  Lohn  erhalten,  aber  dieser  Geldbetrag
wird  weniger  in  Getreide  wert  sein“  (S.  77).  Nur  in  dem  Falle,  daß  die
Arbeiterklasse  genügend  Voraussicht  an  wendet,  um  die  Zahl  ihrer  Kinder
einzuschränken,  kann  sie  hoffen,  wenigstens  den  Status  quo  aufrecht
zu  erhalten:  „Es  ist  eine  unbestreitbare  Tatsache,  daß  Wohlstand
und  Wohlsein  der  Armen  nur  dann  sicher  gestellt  werden  können,  wenn
sie  selbst  danach  streben,  oder  wenn  es  der  Gesetzgebung  gelingt,  die
Häufigkeit  frühzeitiger  Ehen  zwischen  jungen  und  leichtsinnigen  Personen
zu  verhindern“  (S.  81).
Mit  anderen  Worten,  die  Bedürfnisse  der  Industrie  erfordern  eine
bestimmte  Anzahl  Arbeiter.  Solange  diese  Ziffer  nicht  überschritten
wird,  muß  der  Lohn,  auch  der  niedrigste,  wohl  oder  übel  ausreichend  sein,
um  seinem  Empfänger  den  Lebensunterhalt  zu  ermöglichen,  da  er  unentbehrlich ­
  ist.  —  Sobald  aber  die  Arbeiterbevölkerung  die  Bedürfnisse
der  Industrie  überschreitet,  gibt  es  kein  Mittel,  um  ein  Sinken  des  Lohnes
unter  das  Existenzminimum  aufzuhalten,  da  es  dann  nicht  mehr  nötig
ist,  daß  Alle  am  Leben  bleiben.
Es  muß  darauf  hingewiesen  werden,  daß  sich  Malthus  hier,  ebenso

*)  „Die  Lage  des  Arbeiters  wird  sich  im  Allgemeinen  verschlechtern,  während
die  des  Grundbesitzers  sich  verbessern  wird“  (S.  78).
        <pb n="196" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

173

wie  in  bezug  auf  die  Bodenrente,  weniger  pessimistisch  erweist  als  Ricardo.
Weit  davon  entfernt,  anzunehmen,  daß  jede  Lohnerhöhung  notwendigerweise ­
  einen  Überfluß  an  Arbeitskräften,  und  infolgedessen  ein  erneute«
Sinken  des  Lohnes  nach  sich  zieht,  sagt  er,  daß  sie  sehr  wohl  in  der  Arbeiter^
klasse  jenen  Sinn  für  die  Zukunft  schaffen  könne,  der  gerade  die  wirksamste ­
  präventive  Hemmung  des  blinden  Instinktes  vorstellt,  und  daß
daher  die  einmal  eingetretene  Lohnerhöhung  sehr  wohl  zu  einer  beständigen ­
  werden  könne.  Gut!  Enthält  aber  diese  Beweisführung  nicht  einen
fehlerhaften  Zirkel?  Damit  nämlich  die  wohltätige  Folge  eintreten  könne,
muß  zuerst  die  Lohnerhöhung  stattfinden.  Wie  kann  sie  aber  eintreten,
solange  die  Arbeiterklasse  im  Elend  und  Leichtsinn  versunken  bleibt?
Darauf  hätte  Malthus  ohne  Zweifel  geantwortet,  daß  der  Marktlohn ­
  (market  wage)  beständig  um  den  natürlichen  Lohn  (natural
wage)  gemäß  den  Zufälligkeiten  des  Angebots  und  der  Nachfrage  oszilliert.
Lassen  wir  also  diese  Erhöhung  etwas  länger  andauern,  und  sie  kann  ausi'eichen,
  um  das  Niveau  der  Lebenshaltung  (Standard  of  life)  der  Arbeiterklasse ­
  genügend  zu  beeinflussen,  um  definitiv  zu  werden 1 ).
Das  ist  das  Lohngesetz,  das  zu  einem  Axiom  erhoben  werden  sollte,
Mn  Axiom,  das  es  ermöglichte,  allen  Vorschlägen  für  eine  Besserung  der
Lage  der  Arbeiterklasse  die  folgende  Behauptung  entgegenzustellen,  die
man  allen  sozialistischen  Systemen  oder  sozialen  Reformgesetzen  entgegenhielt:
  „Der  Arbeiter  hat  nur  ein  Mittel,  seine  Lage  zu  verbessern,  und
das  ist,  wenig  Kinder  zu  haben;  sein  Schicksal  liegt  daher  in  seinen
Händen 2 ).“  Späterhin  bemächtigte  sich  der  Sozialismus  mit  Lassalle
dieses  Gesetzes,  um  es  gegen  die  wirtschaftliche  Ordnung  zu  kehren,  und
versicherte,  daß  es  keineswegs  in  der  Natur,  sondern  nur  in  der  kapitalistischen ­
  Weltordnung  begründet  sei,  und  gerade  das  spreche  ihr  das
Todesurteil.
Bemerkenswert  ist,  daß  in  der  Theorie  Ricardo’s  zwischen  dem
Großgrundbesitzer  und  dem  Lohnempfänger  kein  bestimmter  Antagonismus ­
  besteht.  Dem  Lohnempfänger  kann  es  gleichgültig  sein,  ob  die
b  „Man  kann  ganz  allgemein  sagen,  daß,  bei  Eintreten  einer  Erleichterung  im
Verdienst  des  Lebensunterhalts,  diese  Erleichterung  das  Bestreben  hat,  das  Verhältnis
oer  Heiraten  zur  Bevölkerungsziffer  zu  erhöhen.  Es  ist  aber  durchaus  denkbar,  daß
diese  Wirkung  nicht  eintritt  ...  Es  ist  sehr  wohl  möglich,  daß  eine  plötzliche  Veresserung
  der  Lage  des  Volkes  ihm  einen  aufrechten  Stolz,  ein  Gefühl  für  Reinlichkeit ­
  und  Wohlanständigkeit  gibt.  In  diesem  Falle  würde  die  Zahl  der  Heiraten  nicht
zunehinen,  und  man  würde  eine  größere  Anzahl  Kinder  aufziehen;  die  auf  Grund  der
deuen  Ordnung  eintretende  Erhöhung  der  Bevölkerungsziffer  würde  durch  das  Sinken
der  Sterblichkeitsziffer,  nicht  durch  die  Vermehrung  der  Geburten  stattfinden“  (S.  189).
2 )  „Jeder  Vorschlag,  der  nicht  auf  eine  Verminderung  der  Zahl  der  Arbeiter  hinausläuft,
  ist  nutzlos,  um  keinen  schärferen  Ausdruck  zu  gebrauchen.  Jede  gesetzliche
Einmischung  ist  verderblich.“  Diese  Worte  Place’s,  der  1822  ein  Buch  über  die
Bevölkerung  verfaßt  hat,  werden  von  Graham  Wallach:  (Life  of  Francis  Place)
*&amp;gt;tiert.
        <pb n="197" />
        174

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Bodenrente  steigt,  oder  fällt,  denn  sein  Geldlohn  steigt  und  fällt  im  gleichen
Verhältnis  und  sein  Reallohn  bleibt  derselbe.  Umgekehrt  ist  es  dem  Grundbesitzer ­
  gleichgültig,  ob  der  Lohn  steigt  oder  fällt.  Er  erhält  weder  mehr
noch  weniger.  Seine  Rente  wird  von  derjenigen  Arbeitsmenge  bestimmt,
die  auf  dem  schlechtesten  Boden  nötig  ist,  aber  diese  Arbeitsmenge  hat
mit  dem  Lohn  nichts  zu  tun.  Beide  sind  heterogene  Größen,  Größen  verschiedener ­
  Ordnung 1 ).
Zwischen  Lohnempfänger  und  Kapitalist  jedoch  erhebt  sich  der
Kampf.  Sobald  der  Getreidewert  durch  die  Produktionskosten  auf  dem
ungünstigsten  Boden  bestimmt  ist,  reißt  der  Grundbesitzer  alles  an  sich,
was  dieses  Niveau  übersteigt  und  sagt  zum  Kapitalisten  und  zum  Arbeiter:
„Macht  die  Sache  nun  untereinander  aus.“  Dasselbe  sagt  auch  Ricardo:
„Der  Anteil  des  einen  kann  nur  in  dem  Maß  größer  werden,  wie  der  des
anderen  kleiner  wird:  der  Lohn  kann  nur  auf  Kosten  des  Profits  steigen
und  umgekehrt“ 2 ).  Eine  erschreckende  Voraussage,  deren  Richtigkeit
uns  die  ganze  Geschichte  der  bisherigen  Arbeiterbewegung,  und  heute
mehr  als  je,  vor  Augen  zu  führen  bestimmt  war.
Die  Behauptung  dieses  unvermeidlichen  Antagonismus  zwischen  den
Interessen  des  Kapitalisten  und  denen  des  Arbeiters  versetzte  die  Volkswirtschaftler ­
  in  Empörung  und  Bestürzung,  die  sich  im  Gegenteil  mit
dem  Nachweis  abmühten,  daß  Kapital  und  Arbeit  solidarisch,  fast  Brüder
seien.  Daher  sehen  wir  späterhin,  wie  Bastiat  zu  beweisen  sucht,  daß
in  der  Entwicklung  des  Wirtschaftslebens  sowohl  der  Anteil  des  Kapitals
wie  der  der  Arbeit  größer  wird,  und  zwar  der  letztere  im  höheren  Maße,
als  der  erste.

J )  Es  ist  das  eine  grundlegende  Unterscheidung  in  der  Lehre  Ricardo’s,  auf
deren  Bedeutung  er  öfters  hinweist.  Die  größere  oder  geringere  Arbeitsmenge,  die
auf  die  Getreideproduktion  verwendet  wird,  steht  in  keinem  notwendigen  Zusammenhang ­
  mit  dem  Lohn  des  Arbeiters.  Das  Eine  ist  eine  Produktionsfrage,  das  Andere
eine  Verteilungsfrage.  Das  Eine  ist  ein  Hindernis,  das  Andere  die  Belohnung.  Jedoch,
kann  man  einwenden,  bestimmt  in  der  Theorie  Ricardo’s  nicht  die  Arbeitsmenge  den
Wert  des  Produktes,  und  wird  nicht  dieser  Wert  später  zwischen  dem  Kapitalisten
und  dem  Arbeiter  geteilt  ?  Je  größer  die  Arbeitsmenge  ist,  um  so  größer  wird  doch  dann
auch  der  Anteil  des  Arbeiters  sein?  —  Pür  die  Arbeit  trifft  das  zu,  aber  nicht  für  den
Arbeitenden,  denn  man  darf  nicht  vergessen,  daß,  wenn  das  Getreide  von  10  auf
20  steigt,  das  gerade  daher  kommt,  weil  auf  den  geringsten  Feldern  die  doppelte  Anzahl ­
  Arbeiter  zur  Erzeugung  der  gleichen  Menge  Getreide  nötig  ist.  Es  würdo  übrigens
recht  eigentümlich  sein,  wenn  der  Arbeiter  um  so  mehr  erhielte,  je  undankbarer  die
Arbeit  istl  Alles,  was  man  hoffen  darf,  ist,  daß  der  Lohn  genügend  steigen  wird,  um
dem  Arbeiter  zu  gestatten,  unter  den  neuen  Bedingungen  zu  leben,  d.  h.  dieselbe  Menge
Brot  zu  essen,  taytudwn  der  Preis  des  Getreides  gestiegen  ist.
2 )  „Vom  Anfang  bis  zum  Ende  habe  ich  in  diesem  Werke  zu  beweisen  versucht,
daß  der  Profitsatz  nur  im  Verhältnis  zum  Fallen  des  Lohnes  steigen  kann.“
Über  die  Ungenauigkeit  des  Ausdruckes  Steigerung  des  Profits  als  gleichbedeutend ­
  mit  Erhöhung  des  proportionalen  Anteils  des  Kapitals  am  Produkt
verweisen  wir  auf  die  Anmerkung  der  S.  177.
        <pb n="198" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

175

Was  kann  man  aber  gegen  das  Gesetz  Ricardo’s  einwenden?  Es
scheint  selbstverständlich  zu  sein,  ein  unbestreitbarer  Truismus.  Wenn
ein  Kuchen  zwischen  zwei  Personen  geteilt  wird,  so  ist  es  klar,  daß,  je
mehr  der  Eine  nimmt,  um  so  weniger  dem  Anderen  bleibt.  —  Man  kann
und  man  muß  sogar  annehmen,  wird  gesagt,  daß  die  zu  verteilende  Menge
stetig  wächst,  so  daß  auch  der  Anteil  jedes  Teilempfängers  größer  wird.  —
Darum  handelt  es  sich  aber  gar  nicht 1 ).  Wenn  der  Kuchen  auch  zehnoder
  hundertmal  so  groß  ist,  die  Tatsache  bleibt  doch  bestehen,  daß,  wenn
der  eine  mehr  als  die  Hälfte  nimmt,  der  andere  eben  weniger  als  die  Hälfte
erhält.  Das  ist  aber  alles,  was  das  Gesetz  Ricardo’s  besagt:  es  handelt
sich  nicht  um  Quantitäten,  sondern  um  Proportionen.
Da  man  daher  zugeben  muß,  daß  der  Verhältnisanteil  des  einen  der
beiden  Faktoren  nur  dann  größer  werden  kann,  wenn  der  des  anderen
kleiner  wird,  so  entsteht  die  Frage,  ob  auf  dieser  Wage  die  Arbeit  oder
das  Kapital  schwerer  wiegt?  Anscheinend  soll  es  die  Arbeit  sein,  denn
Ricardo  stellt  als  allgemein  gültiges  Gesetz  die  Tendenz  des  Profits
auf,  sich  zu  senken.  Diese  These  sollte  ebenfalls  noch  lange  in  der
beschichte  der  Doktrinen  nachwirken.  Welchen  Grund  führt  er  nun
hierfür  an?  -Die  natürliche  Tendenz  des  Profits  ist,  geringer  zu  werden,
weil  mit  dem  Fortschritt  der  Gesellschaft  und  des  Wohlstandes  die  Vermehrung ­
  der  notwendigen  Lebensmittel  eine  ständig  wachsende  Arbeitsmenge
  erfordert.“  Es  ist  also  die  gleiche  Ursache,  die  auch  die  Bodenrente ­
  bestimmt.  Das  System  ist,  wie  man  sieht,  festgefügt.
Wie  beeinflußt  aber  diese  Notwendigkeit,  auf  immer  undankbarere
Felder  zurückgreifen  zu  müssen,  die  Höhe  des  Profits?  Weil,  wie  vir
gesehen  haben,  der  Anteil,  der  dem  Arbeitenden  zu  seiner  Lebenshaltung
überlassen  werden  muß,  der  notwendige  Lohn,  infolge  der  Erhöhung  der
Getreidepreise  stetig  steigt 2 ).  Der  Fabrikant  kann  aber  die  Lohnerhöhung
Nicht  auf  den  Verbraucher  abwälzen,  denn  die  Höhe  des  Lohnes  bleibt
°hne  Einfluß  auf  den  Preis  (die  Arbeit  wohl,  aber  nicht  der  Lohn!),  und
folglich  wird  der  Anteil  des  Kapitalisten  um  ebensoviel  verringert.  Erinnern ­
  wir  uns  daran,  daß  die  Lohnerhöhung  in  Wirklichkeit  kein  Gewinn
nr  den  Arbeiter  ist,  da  er  deshalb  keinen  Bissen  Brot  mehr  essen  kann,
was  aber  nicht  verhindert,  daß  der  Verlust  für  den  Kapitalisten  groß  bleibt.
b  Übrigens  bestreitet  das  Ricardo  nicht.  Er  weist  besonders  darauf  hin,  daß
®'ch  sem  Gedankengang  auf  die  Hypothese,  nach  der  der  erzeugte  Wert  derselbe  bleibt,
^  ^ut:  „In  der  Annahme“,  sagt  er,  „daß  das  Getreide  und  die  Manukturerzeugnisse
  stets  zum  gleichen  Preise  verkauft  werden,  steigt
1  ®r  fällt  der  Profit  mit  dem  Falle  oder  Steigen  der  Löhne  (S.  84).
t  b  Aber,  wird  man  einwerfen,  nur  der  nominelle  Geldlohn,  nicht  der  wirkliche
ü«hn  steigt.  Wird  der  Arbeiter  mehr  Getreide  erhalten?  -  Nein  aber  er  wird  ebenerhalten,
  obgleich  infolge  der  Inangriffnahme  der  Bewirtschaftung  schlechteren
der  Getreideertrag  sinkt.  Ob  daher  der  Pächter  den  Arbeiter  in  Getreide  oder
n  Geld  bezahlt,  bleibt  sich  für  ihn,  und  den  Kapitalisten  im  Allgemeinen,  gleich.
        <pb n="199" />
        176

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Es  muß  sogar  der  Augenblick  kommen,  in  dem  der  notwendige  Lohn
alles  aufzehrt,  und  für  den  Profit  nichts  mehr  übrig  bleibt.  Dann  wird
eine  neue  Ära  in  der  Geschichte  beginnen;  denn,  wenn  alle  Beweggründe
zur  Ansammlung  von  Kapitalien  mit  dem  Verschwinden  des  Kapitalprofits
  wegfallen,  wird  das  Kapital  nicht  weiter  wachsen,  kein  neues  Land
wird  mehr  unter  Kultur  genommen  werden,  und  gleichzeitig  wird  die
Bevölkerung  die  definitive  und  letzte  Grenze  erreicht  haben 1 ).  Der
„stationäre  Zustand“  wird  eingetreten  sein.  Eine  trübselige  Aussicht!
die  aber  später  Stuart  Mild  in  einer  so  beredten  Sprache  beschreiben
sollte,  daß  man  sich  fast  damit  aussöhnen  möchte.  Doch  befriedigte  sie
Ricardo  nicht,  der  ein  großer  Finanzmann  und  keineswegs  ein  Philosoph
war.  Er  fand  seine  eigenen  Prophezeiungen  höchst  erschreckend,  und  in
Wirklichkeit  liegt  auch  eine  merkwürdige  Ironie  in  der  Tatsache,  daß  das
Gesetz  des  endlos  sinkenden  Gewinnes  zuerst  von  einem  großen  Vertreter
des  Kapitalismus  entdeckt  worden  ist.  Wenn  ihn  etwas  beruhigte,  so
war  es  die  Betrachtung  der  gegenwirkenden  Kräfte,  die  das  Sinken  des
Profits  zur  gleichen  Zeit  wie  das  Steigen  der  Rente  in  Schranken  halten
konnten:  die  wirksamste  dieser  Kräfte  erblickte  er  in  der  Freiheit  des
Außenhandels  (siehe  den  folg.  §  3).
Im  großen  und  ganzen  treten  jetzt  die  allgemeinen  Grundzüge  der
Einkommensverteilung  mit  eindrucksvoller  Einfachheit  hervor,  viel  klarer,
als  in  dem  berühmten  „Tableau  Economique“  Quesnay’s,  und  der  Wirklichkeit ­
  viel  näher,  —  wenigstens  für  die  Zustände,  wie  sie  zur  Zeit  Ricardo  s
in  England  bestanden,  denn  heute  fügen  sie  sich  nicht  mehr  den  Tatsachen ­
  ein.  Man  könnte  sie  in  einem  Diagramm  dreier  Linien  veranschaulichen. ­

Die  obere  steigende  Linie  würde  den  Anteil  des  Bodens,  die  Bodenrente, ­
  darstellen.  Die  Rente  des  Grundbesitzes  wächst  in  zweifacher
Weise:  in  natura  und  in  Geld,  denn  im  Maßstab,  wie  die  Bevölkerung
oder  die  Bedürfnisse  steigen,  erhält  er  eine  immer  größere  Menge  Getreide,
das  immer  teuerer  wird.  Jedoch  kann  dieses  Wachstum  nicht  endlos  sich
fortsetzen,  denn,  an  einem  bestimmten  Punkt  angelangt,  verhindert  die
Erhöhung  des  Getreidepreises  den  weiteren  Bevölkerungszuwachs  und
folglich  zur  gleichen  Zeit  auch  die  weitere  Steigerung  der  Rente,  da,  wenn
die  Bevölkerung  aufhört  zu  wachsen,  es  dann  nicht  mehr  nötig  sein  würde,
neuen  Boden  in  Bewirtschaftung  zu  nehmen.
In  der  Mitte  würde  eine  horizontale  Linie  den  Anteil  der  Arbeit,
den  Lohn,  darstellen.  Der  Reallohn  des  Arbeiters  bleibt  stationär,  denn
er  erhält  stets  nur  die  zu  seinem  Lebensunterhalt  nötige  Getreidemenge,

q  „Sobald  die  Löhne  die  Gesamtsumme  der  Einnahmen  des  Pächters
haben,  kann  keine  Anhäufung  von  Kapital  mehr  stattfinden,  da  kein  weiteres  r
Zinsen  abwerfen  kann;  eine  weitere  Vermehrung  der  Arbeit  (lies:  Arbeiter)  ist
unnötig,  und  die  Bevölkerung  hat  ihr  Maximum  erreicht.“

erreicht
Kapita 1
        <pb n="200" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

177

Ci  de  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.

12

weder  mehr  noch  weniger.  Da  das  Getreide  ständig  im  Preise  steigt,  so
wird  freilich  sein  Nominallohn  (in  Geld  ausgedrückt)  höher,  was  aber  ohne
wirklichen  Vorteil  für  ihn  ist.
Unten  stellt  eine  absteigende  Linie  den  Anteil  des  Kapitals,  den
Profit  vor.  Der  Anteil  des  Kapitalisten  sinkt 1 )  aus  dem  einfachen  Grunde,
weil  er  zwischen  dem  steigenden  Anteil  des  Grundbesitzers  und  dem
stationären  Anteil  des  Arbeitenden  zusammengedrückt  wird.  Man  kann
sich  diesen  Kapitalisten  in  der  Gestalt  eines  englischen  Pächters  sehr
leicht  vorstellen,  der  in  dem  Maße,  wie  der  Getreidepreis  steigt,  gezwungen
ist,  seinen  Arbeitern  höhere  Löhne  zu  zahlen,  aber  selbst  nichts  aus  der
Erhöhung  der  Getreidepreise  gewinnt,  weil  das  Mehr  an  Einkommen,  das
sich  daraus  ergibt,  vollständig  von  dem  Besitzer  durch  Erhöhung  der  Pacht
mit  Beschlag  belegt  wird.  Dieser  Niedergang  des  Profites  kann  aber  nicht
endlos  fortgehen,  denn  an  einer  bestimmten  Grenze  angelangt,  würde  die
Verwendung  und  sogar  die  Bildung  neuen  Kapitals  völlig  auf  hören;  damit
würde  auch  die  Inangriffnahme  neuer  Felder  verhindert  und  so  dem
Steigen  des  Getreidepreises  und  der  Bodenrente  ein  Ziel  gesetzt  werden.

§  3.  Das  Gesetz  der  Handelsbilanz  und  die  Quantitätstheorie ­
  des  Geldes.

Im  Vorstehenden  haben  wir  die  charakteristischen  Lehren  Ricardo’s
dargestellt,  wie  sie  seiner  Schule  in  der  Geschichte'  der  volkswirtschaftlichen ­
  Lehren  ihren  besonderen  Stempel  aufgedrückt  und  am  meisten
Anlaß  zu  lebhaftem  Für  und  Wider  gegeben  haben.  Im  Folgenden  besprechen ­
  wir  andere  seiner  Theorien,  die  noch  wertvollere  und  abgeschlossenere ­
  Beiträge  zur  Wissenschaft  darstellen,  die  aber,  gerade  weil
sie  sofort  als  allgemeingültige  und  quasi-anonyme  Wahrheiten  überall
anerkannt  wurden,  nur  wenig  zu  seinem  Ruhme  beigetragen  haben.  Es
handelt  sich  um  seine  Theorien  über  den  internationalen  Handel  und  über
die  Banken.  Wie  man  weiß,  vereinigte  sich  hier  in  ihm  der  Theoretiker

b  Um  diese  Verminderung  des^Anteils  des 8  ™  gleieh-Ricardo
  häufig  den  Ausdruck  „fallender  Profitsatz  '  ltnig  zw ; se h e n  dem  Betrag
bedeutend,  denn  der  Profitsatz  drückt  nur  ein  gewisses  Verh  n^  keineswegs  a ber  einen
des  Einkommens  und  dem  Betrag  des  Kapitals  aus,  z.  .  /o»  ^  ,jem,  den  die  Arbeit
Vergleich  zwischen  dem  wirklich  vom  Kapital  er  1a  e  ■  k ei  c j ner  Verringerung
am  Gesamtprodukt  hat.  Man  kann  natürlich  zuge  &amp;gt;  ^  Anteil  des  Kapitals
des  Profitsatzes,  und  wenn  alles  andere  g  eic  ,  £  bei  einer  Verdoppelung
&amp;gt;m  Verhältnis  zur  Arbeit  geringer  wird;  es  ist  a  e  i  y err i n g e rung  der  Prodes
  in  einem  Unternehmen  angelegten  .Kapita  ’  heren  Teil  erhebt  und  deshalb
duktion  um  die  Hälfte,  das  Kapital  doch  einen  pro fi t satz  von  5  %  auf  3  %  erniedrigt
der  Arbeit  einen  geringeren  läßt,  auch  wenn  d  '  treten  der  denselben  Fehler
wird.  Die  gleiche  Frage  wird  uns  auch  bei  Bastiat  enigtge
gemacht  hat.
        <pb n="201" />
        178

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

mit  dem  Praktiker  ersten  Ranges.  Diese  Theorien  haben  keinen  irgendwie
pessimistisch  gearteten  Charakter  und  berühren  keine  Interessengegensätze. ­
  Im  Gegenteil,  er  sagt:  „Dort,  wo  der  Handel  der  freien  Konkurrenz
offen  steht,  sind  die  Einzelinteressen  beständig  mit  den  Interessen  der
Allgemeinheit  in  Übereinstimmung.“
Im  internationalen  Handel  ist  er  noch  entschiedener,  als  die  Physiokraten
  und  Adam  Smith,  Freihändler,  und  wir  haben  schon  bei  Gelegenheit ­
  der  Bodenrente  und  des  unvermeidlichen  Steigens  des  Getreidepreises
darauf  hingewiesen,  wie  die  freie  Einfuhr  überseeischen  Getreides  ihm  als
das  einzig  richtige  Mittel  erschien,  diesem  Übelstande  entgegenzuwirken,
da  sie  gleichzeitig  dem  Steigen  des  Getreidepreises  und  seiner  notwendigen
Folge,  dem  Steigen  der  Löhne,  Einhalt  tut,  —  und  so  auch  das  Sinken
des  Profits,  das  ihn  nicht  weniger  beschäftigte,  zum  Stillstand  bringt 1 )
(siehe  oben  S.  175—177).
Außer  diesem  doppelten  Grunde  zugunsten  des  Freihandels  führt  er
einen  weiteren  an,  der  ebenfalls  heute  noch  nichts  von  seiner  Kraft  verloren ­
  hat;  er  ergibt  sich  aus  dem  wohltätigen  Einfluß  der  internationalen
Arbeitsteilung:  „Indem  man  auf  diese  Weise  den  größtmöglichen  Vorteil
aus  den  Hilfsmitteln  zieht,  die  die  Natur  bietet,  gelangt  man  zu  einer
besseren  Verteilung  und  größerer  Wirtschaftlichkeit  der  Arbeit“  (S.  105).
Es  verdient  hervorgehoben  zu  werden,  daß  sein  berühmter  Zeitgenosse
Malthus  mehr  dem  Schutzzölle  zuneigte 2 ).  Es  mag  das  eigentümlich
erscheinen,  denn  Malthus,  in  seiner  Furcht  vor  dem  Gespenst  der  Hungersnot, ­
  hätte  doch  einer  ausländischen  Getreideeinfuhr  die  Tore  weit  öffn cn
sollen.  Zweifellos  glaubte  Malthus,  in  Übereinstimmung  mit  unseren
heutigen  Agrar-Schutzzöllnern,  daß  das  sicherste  Mittel,  ein  Land  vor
Hungersnot  zu  bewahren,  nicht  darin  liege,  die  nationale  Landwirtschaft
der  Konkurrenz  des  Auslandes  auszusetzen,  sondern  im  Gegenteil  darin,
sie  zu  stützen  und  zu  immer  größerer  Entfaltung  zu  bringen,  indem  ihr
ein  genügender  Preis  für  ihre  Erzeugnisse  gesichert  wird.  Auch  nruß
darauf  hingewiesen  werden,  daß  Malthus  eine  andere  Theorie  über  die

')  In  einem  seiner  Briefe  an  Malthus  (v.  18.  Dez.  1814)  schreibt  er  bedauernd:
„Wenn  wir  nur  eine  Zone  fruchtbaren  Landes  unserer  Insel  anfügen  könnten,  würden
die  Profite  nie  fallen.“  Nun  sollte  gerade  der  Freihandel  der  Insel  eine  unbeg relizte
ZoDe  fruchtbaren  Landes  anfügen,  und  dadurch  gleichzeitig  das  Fallen  der  Profite
und  das  Steigen  der  Bodenrente  verhindern.
In  seiner  Schrift  über  den  „Schutz,  der  der  Landwirtschaft  zu  gewähren
ist“  (1822),  führt  er  aus,  wie  der  Schutzzoll,  der  zur  Bebauung  auch  der  unfruchtbarsten ­
  Flächen  des  einem  Volke  gehörenden  Bodens  zwingt,  notwendigerweise  die
Getreidepreise  und  die  Bodenrente  in  die  Höhe  treibt.  Er  verlangt  nicht  Aufhebung
des  Einfuhrzolles,  sondern  eine  Ermäßigung  des  Schutzzolles  auf  10  sh  das  Quarter
(M.  4,32  der  Doppelzentner),
/tt  /  2 ^  S ! ehe  ” An  inquiry  into  the  nature  and  progress  of  rent,  18 15
(Untersuchung  über  die  Natur  und  den  Fortschritt  der  Bodenrente).
        <pb n="202" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

179

12*

Bodenrente  vortrug,  als  Ricardo,  und  besonders,  daß  er  ein  weit  weniger
entschiedener  Gegner  des  Intervcntionismus  war 1 ).
Ricardo’s  größte  Leistung  jedoch  besteht  darin,  die  Gesetze,  die
die  Bewegung  der  Waren  und  die  gegenläufigen  Strömungen  des  Geldes
von  einem  Lande  in  das  andere  beherrschen,  aufgedeckt  zu  haben  und  in
dem  glänzenden  Nachweis,  wie  dieses  Hin-  und  Zurückfluten  sich  vollzieht.
Sobald  in  einem  Lande,  z.  B.  in  Frankreich,  die  Handelsbilanz  ungünstig ­
  ist,  d.  h.  wenn  die  Einfuhr  die  Ausfuhr  um,  sagen  wir,  eine  Milliarde
übersteigt,  muß  Geld  ausgeführt  werden,  um  diesen  Überschuß  an  Einfuhr ­
  zu  bezahlen.  Infolgedessen  wird  das  Geld  seltener,  sein  Wert  steigt,
und  die  Preise  sinken.  Diese  Preiserniedrigung  jedoch  schreckt  die  fremden
Kaufleute,  die  in  Frankreich  verkaufen,  ab,  und  zieht,  im  Gegenteil  dazu,
die  fremden  Kaufleute,  die  dort  einkaufen,  an,  wodurch  die  Einfuhr  verringert, ­
  und  die  Ausfuhr  vergrößert  wird.  Die  Geldausfuhr  hört  daher
auf,  und  dafür  beginnt  der  Rückfluß  des  Geldes;  diese  entgegengesetzte
Strömung  setzt  sich  fort,  bis  die  ausgeführte  Milliarde  wieder  im  Lande
ist.  Auf  der  anderen  Seite  ruft  die  ins  Ausland  geflossene  Milliarde  in  dem
Lande,  das  sie  erhalten  hat,  die  umgekehrten  Erscheinungen  hervor:
Überfluß  und  Wertverminderung  des  Geldes,  Preiserhöhung,  Prämien
auf  die  Einfuhr  und  Verlangsamung  der  Ausfuhr.  Von  beiden  Seiten
arbeiten  daher  die  wirtschaftlichen  Kräfte  daran,  die  Handelsbilanz  in
die  Gleichgewichtslage  zurückzuführen,  nämlich  in  die  Lage,  in  der  jedes
Land  die  für  seine  Bedürfnisse  nötige  Menge  Geldes  besitzt,  weder  mehr
noch  weniger.
Han  könnte  einwerfen,  daß  dieser  ein  wenig  verwickelte  Mechanismus
leider  nur  langsam  seine  Wirkung  ausüben  kann,  und  daß  viel  Zeit  vergehen ­
  wird,  bevor  die  Warenpreise  den  Einfluß  der  Flucht  des  Geldes
fühlen  werden.  Allerdings,  aber  es  ist  nicht  notwendig  zu  warten,  bis  diese
Erscheinung  eintritt;  eine  andere  geht  ihr  voraus  und  kündigt  sie  an,  und
zwar,  wie  schon  A.  Smith  erwähnt  hatte:  der  Kurs  der  auf  das  Ausland
gezogenen  Wechsel  steigt.  Dieser  Kurs  ist  eine  Wage  von  besonders  feiner
Empfindlichkeit,  und  die  Erhöhung  des  Wechselkurses  genügt  allein  schon,
auch  wenn  sie  nur  einige  Centimes  beträgt,  um  die  Ausfuhr  zu  fördern
Uj id  die  Einfuhr  zu  verlangsamen  (s.  hierüber  auch  oben  S.  92f.).
So  verläßt  das  Geld  das  Land  nicht  oder  verläßt  es  nur  auf  kurze
Eeit,  was  darauf  hinausläuft,  daß,  im  Gegensatz  zu  der  so  fest  eingewurzelten ­
  Meinung,  weder  Gold  noch  Silber  irgendeine  Rolle  im  internationalen
Handel  spielen.  Ihre  Aufgabe  beschränkt  sich,  wie  die  des  Öles,  darauf,
üie  Räder  zu  schmieren.  Der  ganze  Handel  geht  vor  sich,  als  ob  kostbare
Hotalle  überhaupt  nicht  existierten,  und  als  ob  der  Handel  zwisch

en

■)  Siehe  auch  den  .ch.n  .t„k
hervorgehoben  hat:  „Ec  i.t  natürlich  uninüglich.  d p «f'^”?™%XZSionl
ihren  natürlichen  Lauf  lassen  kann“  (Malthus,  Prmciples,  Introduct.on).
        <pb n="203" />
        180

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Land  und  Land  sich  darauf  beschränkte,  ihre  gegenseitigen
Erzeugnisse  naturaliter  auszutauschen 1 ).
Diese  Erklärung  ist  allerdings  sehr  schematisch;  sie  läßt  alle  sekundären ­
  Tatsachen  des  Handels  außer  acht,  und  vor  allen  Dingen  setzt  sie
die  Quantitätstheorie  des  Geldes  voraus,  die  heute  als  gar  zu  einfach
scharf  kritisiert  wird.  Diese  Theorie  der  Selbststeuerung  der  Handelsbilanz
durch  die  Schwankungen  des  Geldwertes  ist  schon  von  Hume  und  Smith
geahnt  worden,  aber  deshalb  ist  sie  nicht  weniger  eine  Entdeckung  erster
Ordnung,  und  von  ihr  lebt  die  Wissenschaft  seit  mehr  als  einem  Jahrhundert ­
 2 ).
Übrigens  steht  diese  Erklärung  mit  einer  Theorie  des  internationalen
Handels  in  Verbindung,  die  wir  nur  im  Vorübergehen  streifen,  weil  wir
sie  bei  Stuart  Mill  bedeutend  weiter  entwickelt  finden  werden:  die  der
internationalen  Werte.

§  4.  Die  Reglementierung  der  Banknotenausgabe
und  das  Papiergeld.
Wir  verdanken  Ricardo  ebenfalls  die  wesentlichen  Grundsätze,  nach
denen  sich  seither  die  Ausgabe  der  Banknoten  regelt.  In  seinem  Lande
besonders  haben  die  Gesetze  von  1822  und  vor  allem  von  1844,  die  die
Bank  von  England  organisierten,  sich  wenigstens  teilweise  auf  Ricardo’s
Grundsätze  gestützt.
Ricardo  hatte  die  große  Panik  des  Tages  vom  24.  Februar  des  Jahres
1797  gesehen,  an  dem  die  Metallreserve  der  Bank  von  England  von  200
auf  32  Milk  Fr.  gesunken  war,  und  an  dem  sich  der  Ministerrat  genötigt
gesehen  hatte,  den  Zwangskurs  festzusetzen.  Er  hatte  erlebt,  daß  dieser
ursprünglich  nur  als  vorübergehende  Maßregel  gedachte  Zwangskurs  bis
1821  bestehen  blieb!  Er  hatte  gesehen,  daß  die  Banknote,  wenigstens
während  der  Dauer  der  napoleonischen  Kriege,  durchschnittlich  10  %  und
1 )  „Gold  und  Silber  werden  von  der  Handelskonkurrenz  zwischen  den  verschiedenen ­
  Völkern  der  Welt  in  dem  Verhältnis  verteilt,  wie  es  sich  aus  dem  natürlichen ­
  Güterverkehr  ergibt,  der  bestehen  würde,  wenn  es  solche  Metalle  nicht  gäbe
oder  wenn  der  Handel  zwischen  Land  und  Land  sich  auf  einen  Austausch  ihrer  gegenseitigen ­
  Erzeugnisse  beschränkte.“
2 )  Ricardo  sagt:  „Auch  im  dringendsten  Fall,  wenn  wir  Subsidien  an  eine  fremde
Macht  zahlen  müssen,  würden  wir  doch  kein  Gold  ausführen,  so  lange  als  es  auf  dem
Markte  Waren  gibt,  die  die  Leistung  dieser  Zahlungen  zu  besseren  Bedingungen  gestatten“ ­
  (S.  409).  Er  bemerkt,  daß  tatsächlich  die  Hilfsgelder,  die  England  den  gegen
Napoleon  verbündeten  Mächten  gezahlt  hat,  in  Waren  gezahlt  worden  sind,  da  die
Ausfuhr  die  Einfuhr  stets  um  hunderte  von  Millionen  übertroffen  hat.  Die  sechzig
Jahre  später  von  Frankreich  an  Deutschland  gezahlte  Kriegsentschädigung  von  5  Mi  -
liarden  Fr.  ist  ein  weiterer  Beweis  für  die  Richtigkeit  seiner  Theorie.
        <pb n="204" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

181

vorübergehend  sogar  30  %  Disagio  -hatte.  Er  hatte  die  Störungen,  die
als  Folge  dieses  Disagios  auftraten,  miterlebt  und  gesehen,  wie  die  Landlords ­
  die  Zahlung  ihrer  Rente  in  Gold  verlangten  oder  eine  Erhöhung
der  Pachtsummen  um  das  Disagio  der  Noten  forderten.
In  seiner  Schrift  vom  Jahre  1809  „über  den  hohen  Preis  des  Hart-!
  geldes“  untersuchte  er  die  Gründe  dieser  Entwertung  und  wies  nach,
I  daß  die  einzige  Ursache  die  Ausgabe  einer  zu  großen  Menge  von  Bank-|
  ooten  war.  Heute  kann  man  meinen,  daß  hierin  keine  große  Entdeckung
I  Erborgen  lag!  Er  hatte  aber  die  größte  Mühe,  seinen  Gründen  Geltung
f  verschaffen,  und  die  absurden  Erklärungen,  die  man  ihm  entgegen-I
  hielt,  zurückzuweisen.  Er  zeigte,  wie  diese  Wertverminderung  der  Bankj
  noten  als  notwendige  Folge  den  Goldabfluß  nach  sich  zog,  während  man
iui  Gegenteil  glaubte,  daß  der  Abfluß  des  Goldes  an  dem  ganzen  Unglück
I  schuld  sei,  und  versuchte,  die  Ausführung  des  Goldes  gesetzlich  zu  ver-'
  bieten.  „Als  Hilfsmittel  würde  ich  vorschlagen,  daß  die  Bank  nach  und
Nach  den  Betrag  ihrer  Banknoten  vermindere,  bis  zu  dem  Augenblick,
ln  dem  sie  für  den  übrigbleibenden  Teil  (nämlich  den,  der  noch  im  Umlauf
befindlich  ist)  den  Gegenwert  in  gemünztem  Gelde  angesammelt  hat“
(S.  432).  i)
Warum  nun  aber  nicht  diesen  Gedanken  zu  seinem  logischen  Ende
denken,  die  Banknoten  abschaffen  und  zum  ausschließlichen  Gebrauch
von  Metallgeld  zurückkehren?  „Weil,“  antwortet  Ricardo,  dem  selbstverständlich ­
  die  oben  zitierte  vortreffliche  Ausführung  A.  Smith’s  gegenwärtig ­
  war,  „das  Papiergeld  einen  solchen  Verkehrsfortschritt  darstellt,
daß  ich  tief  bedauern  würde,  uns  unter  dem  Einfluß  von  Vorurteilen  zu
einem  weniger  fortgeschrittenen  System  zurückkehren  zu  sehen“  (S.  586).
Wenn  es  wahr  ist,  daß  die  Einführung  der  Edelmetalle  als  Geldform  einen
*1°  großen  Fortschritt  vorstellte,  „so  lehrt  uns  die  Entwicklung  auf  Grund
c  er  Erfahrung  und  Einsicht,  daß  noch  ein  weiterer  Schritt  zu  tun  ist,  und
j  a ß  man  ihnen  (den  Edelmetallen)  die  Aufgabe,  die  sie  in  weniger  ereuchteten
  Zeiten  mit  so  großem  Vorteil  erfüllt  haben,  nehmen  muß“
(b.  586).  Auch  weist  er  darauf  hin,  daß,  wenn  das  Metallgeld  allein  vorhanden ­
  wäre,  der  Fall  eintreten  könnte,  „daß  seine  Menge  sich  nicht  im
gleichen  Verhältnis  mit  dem  Wachstum  der  Bevölkerung  vermehren  und
p.  0 %edessen  verteuern  könne,  wodurch  ein  Preissturz  herbeigeführt  würde.
. !,,c  vorsichtige  Ausgabe  von  Papiergeld,  die  sich  nach  dem  Wachstum
p  daf ür  bestehenden  Bedürfnisses  regelt,  würde  dieser  Gefahr  begegnen.“
ist  daher  so  wenig  geneigt,  das  Papiergeld  aufzugeben,  um  auf  das
ein  v!  ’ s *  unn ötig  zu  bemerken,  daß  das  gleiche  Heilmittel,  auch  heute  wieder,
ein  0l * len  wird ’  ura  den  enormen,  während  des  Krieges  entstandenen  Notenumlauf
Na? USCllrärilCen  ^3  Milliarden  Fr.  im  Februar  1919):  eine  Inflation,  in  der  die  meisten
ü J? nalökonomen &amp;gt;  gleich  Ricaedo,  die  Ursache,  wenigstens  eine  der  Ursachen,  des
-  icuren  Hochstandes  der  Preise  erblicken.
        <pb n="205" />
        182

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Metallgeld  zurückzugreifen,  daß  er  gerade  im  Gegenteil  das  Metallgeld
ab  sch  affen  will,  um  an  seine  Stelle  Papiergeld  zu  setzen,  allerdings
unter  der  Bedingung,  daß  es  nicht  in  übergroßer  Menge  ausgegeben  werden
darf.  Und  es  ist  noch  nicht  ausgemacht,  ob  nicht  der  große  Krieg  dazu
führt,  Ricardo’s  Ideal  zu  verwirklichen,  indem  er  die  Herrschaft  des
Papiergeldes  inauguriert.
Ricardo  ist  so  stark  von  der  Überlegenheit  des  Papiergeldes  überzeugt, ­
  daß  er  nicht  wünscht,  die  Bank  möge  die  Barzahlungen  wieder
aufnehmen,  denn  dann  würde  das  Publikum  ohne  Zweifel  Rückzahlung
seiner  Noten  verlangen:  „so  daß  man,  um  einer  grundlosen  Laune  entgegenzukommen, ­
  ein  billiges  Hilfsmittel  gegen  ein  sehr  teueres  eintauschen
würde“  (S.  585).
Wenn  die  Banknoten  aber  nicht  in  gemünztem  Gelde  rückzahlbar
sind,  wie  soll  dann  der  Wert  der  Banknote  garantiert,  ihre  Emission
geregelt  und  ihre  Wertverminderung  verhindert  werden  ?  Das  würde  durch
ein  Ansammeln  von  nicht  gemünztem  Gold  in  Barren  geschehen.  Die
Bank  dürfte  nicht  mehr  Noten  ausgeben,  als  der  Wert  der  Barren  beträgt.
Diese  Vorschrift  würde  genügen,  den  Wert  der  Banknote  auf  Pari  zu  halten,
denn  die  Wechsler  und  die  Bankiers  würden  sich  beeilen,  ihre  Banknoten
gegen  Barrengold  einzutauschen,  sobald  die  Banknoten  an  Wert  verlieren“,
—  und  trotzdem  würde  das  Publikum  nicht  imstande  sein,  sich  des  Edelmetalls ­
  zu  bedienen,  denn  was  könnte  es  für  den  gewöhnlichen  Bedarf
mit  Barren  Goldes  anfangen?
Dieses  System  ist  nicht  nur  an  und  für  sich  merkwürdig.  Man  würde
kaum  erwartet  haben,  daß  einer  der  Meister  der  liberalen  Nationalökonomie
I  eine  Art  Zwangskurs  in  Permanenz  erklärt,  der  nur  auf  Grund  des  Monopols
einer  Staatsbank  funktionieren  kann.  Und  doch  ist  das  die  Meinung
Ricardo’s.  Er  erklärt  sich  als  absoluter  Gegner  der  freien  Emissionstätigkeit ­
  und  ihrer  Fähigkeit,  sich  selbst  zu  regulieren:  „Die  Behauptung,
daß  die  Emissionen  nicht  den  Bedarf  des  Handels  überschreiten,  ist  vollständig ­
  wertlos,  weil  es  nämlich  unmöglich  ist,  die  Summe  festzusetzen,
die  für  diese  Bedürfnisse  nötig  ist.  Der  Handel  ist  in  seinen  Ansprüchen
unersättlich“  (S.  505).  Für  einen  liberalen  Individualisten,  wie  es  Ricardo
war,  zeigt  das  wenig  Vertrauen  in  die  Freiheit  des  Individuums  und  in
seine  Fähigkeit,  die  Art  des  Geldes,  die  ihm  am  besten  paßt,  zu  beurteilen.

Auf  dem  Boden  Ricardo’s  steht  eine  ganze  Reihe  von  Schülern,
recht  eigentlich  fast  alle  Volkswirtschaftler  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts. ­
  In  England  waren  die  berühmtesten,  die  sich  direkt  an  ihn
anschlossen:  MacCulloch,  Ricardo’s  besonderer  Freund  (Grundlagen
        <pb n="206" />
        Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

183

der  politischen  Ökonomie,  1828);  James  Mild,  der  Vater  Stuart  Mill’s
(Elemente  der  politischen  Ökonomie,  1821)  und  Nassau  Senior  (Handbuch
der  politischen  Ökonomie,  1835).
Die  beiden  ersten  haben  keine  neuen  Theorien  aufgestellt,  sondern
entwickelten  nur  mit  Nachdruck  die  ihres  Meisters.  Wir  haben  schon
darauf  hingewiesen,  welchen  ganz  von  Ricardo  verschiedenen  Schluß
James  Mile  aus  der  Rententheorie  zog,  und  wie  er  von  ihr  aus  zur  Forderung ­
  der  Nationalisierung  des  Bodens  gelangte.  In  bezug  auf  Mao  Culloch
ist  hervorzuheben,  daß  er  einer  der  ersten  Volkswirtschaftler  war,  die
für  die  Arbeiter  das  Streikrecht  verlangten.
Was  Senior  anbelangt,  so  kann  er  etwas  eingehendere  Berücksichtigung ­
  verlangen,  denn  er  war  es,  der  der  klassischen  Nationalökonomie
|hre  strengste  systematische  Form  gab,  aber  wir  ziehen  es  vor,  ihn  erst
1J u  Zusammenhang  mit  John  Stuart  Mill  zu  behandeln..
        <pb n="207" />
        w

Zweites  Buch.
Die  Gegner.

Mit  Say,  Ricardo  und  Malthus  scheint  die  Wissenschaft  der  Nationalökonomie ­
  eine  Zeitlang  endgültig  konstituiert  und  abgeschlossen  zu  sein.
Freilich  besteht  zwischen  diesen  Schriftstellern  keine  vollkommene
Übereinstimmung.  Viele  Punkte  bleiben  noch  dunkel.  Viele  Theorien
geben  noch  Anlaß  zur  Diskussion.  Ein  klar  voraussehendes  Auge  hätte
damals  schon  in  dem  schönen  Gebäude,  das  soeben  errichtet  worden  war,
Risse  bemerken  können,  sie  sehr  bald  sich  zu  großen  Sprüngen  erweitern
sollten.  Aber  die  Übereinstimmung  in  den  praktischen  Folgerungen,  der
allen  diesen  Nationalökonomen  gemeinsame  Liberalismus,  verschleierte
diese  geheimen  Fehler  und  ließ  nach  außen  nur  die  Größe  und  Einfachheit
der  neuen  Wissenschaft  zutage  treten.
Kaum  geboren,  hatte  sie  aber  einen  mit  dem  größten  Nachdrucke
geführten  Angriff  auszuhalten.
In  diesem  zweiten  Teile  werden  wir  jetzt  die  Einwürfe  und  die  Kritiken
aller  Art,  denen  die  neue  Wissenschaft  der  Nationalökonomie  ausgesetzt
war,  darlegen.  Von  allen  Seiten  stehen  abtrünnige  Jünger  auf,  die  eine
Grundlage  des  Gebäudes  nach  der  anderen  zu  untergraben  suchen.
Zuerst  ist  hier  Sismondi  zu  nennen,  ein  rein  kritischer  Geist,  der  ein
unvergeßliches  Bild  der  Leiden  und  des  Elends  entwirft,  wie  sie  die  freie
Konkurrenz  geschaffen  hatte.  Kühnere  Geister  werden  versuchen,  neue
Prinzipien  der  sozialen  Organisation  zu  finden.  Die  Saint-Simonisten
verlangen  die  Abschaffung  des  Privateigentums  und  des  Erbrechtes,  sowie
die  zentralisierte  Leitung  der  Industrie  durch  eine  allwissende  Regierung.
Die  Assozialisten  —  Owen,  Fourier,  Louis  Blanc  —  wollen  an  Stelle
der  Herrschaft  des  persönlichen  Interesses  die  der  freiwilligen  Kooperation
setzen.  Proudhon  träumt  davon,  Freiheit  und  Gerechtigkeit  in  einem
vcrvollkommneten  Tauschsystem  zu  versöhnen,  in  dem  das  Geld  keinen
Platz  mehr  hat.  Und  dann  findet  der  warmherzige  Internationalismus
        <pb n="208" />
        Kapitel  I.  Sismoudi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

185

der  Klassiker  einen  gewaltigen  Gegner  in  Friedrich  List;  und  eine  neue
Doktrin  des  Schutzzolls,  die  sich  auf  die  Idee  der  Nationalität  gründet,
gibt  dem  Merkantilismus,  der  unter  den  Angriffen  der  Physiokraten  und
Adam  Smith’s  endgültig  vernichtet  schien,  neuen  Glanz.
In  diesen  so  verschiedenartigen  Doktrinen  findet  sich  neben  vieler
Phantastik  und  vielen  Irrtümern  eine  große  Menge  richtiger  Gedanken
und  neuer  eigener  Grundsätze.  Zwar  gelingt  es  dieser  neuen  Generation
von  Nationalökonomen  nicht,  die  Lehre  der  Gründer  zu  verdrängen.
Aber  sie  beweisen  einwandfrei,  daß  die  anscheinend  vollendete  Wissenschaft ­
  noch  weit  davon  entfernt  ist,  vollkommen  zu  sein.  Alle  diese  Schriftsteller ­
  scheinen  der  Orthodoxie  zuzurufen,  was  Hamlet  zu  Horatio  sagt:
&amp;gt;&amp;gt;Es  gibt  mehr  Dinge  zwischen  Himmel  und  Erde,  als  sich  eure  Schulweisheit ­
  träumen  läßt.“  Auf  diese  Weise  geben  sie  oft  zu  sehr  fruchtbaren
Auseinandersetzungen  Anlaß.  In  der  Öffentlichkeit  finden  sie  sympathische
Hörer.  Sie  drängen  selbst  die  den  klassischen  Doktrinen  treu  gebliebenen
Nationalökonomen  dazu,  die  Sicherheit  ihrer  Beweisführungen  zweifelnd
nachzuprüfen,  und  zwingen  sie,  ihre  Methode  und  ihre  Schlußfolgerungen
zu  ändern.
Wir  wollen  versuchen,  die  Bedeutung  ihrer  Rolle  klarzustellen.

Kapitel  I.
Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.
Während  der  ersten  30  Jahre  des  19.  Jahrhunderts  traten  in  der
Volkswirtschaft  tiefgehende  Umwälzungen  ein.
Überall  hatte  der  ökonomische  Liberalismus  triumphiert,  ln  h  rankfeich
  sind  die  Zünfte,  und  was  damit  zusammenhing,  seit  dem  Jahre  1791
vollständig  verschwunden.  Das  Verlangen  einzelner  Industrieller,  sie
u uter  dem  ersten  Kaiserreich  wiederherstellen  zu  lassen,  hatte  keinen
Erfolg  und  blieb  ohne  Widerhall.  In  England  wurde  auch  der  letzte
Rest  des  Lehrlingsgesetzes  im  Jahre  1814  aufgehoben,  und  damit  fallt
dieses  Denkmal  aus  der  Zeit  der  Bevormundung,  das  schon  lange  morsch
geworden  war.  Dem  laisser-faire  stand  nichts  mehr  entgegen,  überall
herrschte  die  freie  Konkurrenz.  Der  Staat  hatte  auf  jede  Einmischung
hi  die  Organisation  der  Erzeugung  und  in  die  Beziehungen  zwischen  Arbeitnehmern ­
  und  Arbeitgebern  verzichtet  .  .  ausgenommen,  um  die  Koalitionen ­
  zu  unterdrücken.  Aber  sogar  diese  Einschränkung  hatte  als
^Weck,  dem  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage  freie  Bahn  zu  lassen.
        <pb n="209" />
        i

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Das  Strafgesetzbuch  des  französischen  Kaiserreiches  sieht  in  diesem
Punkte  ebenso  schwere  Strafen  vor,  wie  die  alte  Regierungsform  und  die
Revolution.  In  England  wird  im  Jahre  1825  die  Freiheit  des  Koalitionsrechtes ­
  gewährt,  aber  noch  in  so  engen  Grenzen,  daß  sie  beinahe  illusorisch
erscheint.  Die  allgemeine  Meinung  des  englischen  Gesetzgebers  ist  in  dem
Bericht  einer  Untersuchungskommission  des  Unterhauses  sehr  gut  ausgedrückt,
  der  im  Jahre  1810  aufgesetzt  wurde;  wir  zitieren  daraus  nach
Herrn  und  Frau  Webb:  „Jede  Einmischung  der  Gesetzgebung  in  die
Freiheit  der  Industrie  oder  in  die  völlige  Freiheit  jedes  Individuums,  über
seine  Zeit  und  seine  Arbeit  in  der  Weise  und  zu  den  Bedingungen  zu  verfügen, ­
  die  es  in  seinem  eigenen  Interesse  für  die  vorteilhaftesten  hält,
bedeutet  eine  Verletzung  der  allgemeinen  Grundsätze,  die  für  die  Wohlfahrt ­
  und  das  Glück  der  Gemeinschaft  von  höchster  Bedeutung  sind“ 1 ).
In  beiden  Ländern,  in  Frankreich  sowohl  wie  in  England,  tritt  in  der
Industrie  als  Regel  der  individuelle  Kontrakt  auf,  der  in  seiner  Freiheit
noch  von  keiner  gesetzgeberischen  Maßregel  beeinträchtigt  wird,  eine
Freiheit  allerdings,  die  nur  auf  seiten  der  Arbeitgeber  Wirklichkeit  war.
Unter  dieser  Ordnung  der  Dinge  hat  sich  die  neue  Manufakturindustrie, ­
  die  sich  aus  den  mechanischen  Erfindungen  ergab,  in  wunderbarer ­
  Weise  entwickelt.  In  Großbritannien  wurden  Manchester,  Birmingham, ­
  Glasgow,  in  Frankreich  Lille,  Sedan,  Rouen,  Elbeuf,  Mühlhausen ­
  zu  bevorzugten  Zentren  der  Großproduktion.
Zugleich  mit  diesen  glänzenden  Erfolgen  drängen  sich  der  Aufmerksamkeit ­
  des  Beobachters  jedoch  zwei  neue  Tatsachen  auf,  die  wohl  dazu
geeignet  sind,  ernsthafte  Denker  mit  Sorge  zu  erfüllen:  die  Ansammlung
einer  neuen  und  elenden  Klasse  —  die  der  Fabrikarbeiter  —  in  diesen
großen  Zentren  des  Reichtums,  und  die  Krisen  der  Überproduktion.
Man  hat  schon  tausendmal  die  Mißbräuche  beschrieben,  die  in  den
Fabriken  während  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  gang  und  gäbe
waren:  die  Verwendung  von  Kindern  jeden  Alters  unter  den  ungesundesten
und  grausamsten  Verhältnissen 2 ),  die  fast  endlose  Dauer  des  Arbeitstages
für  Frauen  und  erwachsene  Arbeiter,  die  erbärmlichen  Löhne,  die  Unwissenheit, ­
  die  Roheit  und  die  Krankheiten  und  Laster,  die  sich  aus  diesen
jammervollen  Zuständen  ergaben.  In  England  riefen  die  Berichte  der
Ärzte,  die  Untersuchungen  des  Unterhauses,  die  Reden  und  die  Veröffentlichungen ­
  Owen’s  die  Entrüstung  der  öffentlichen  Meinung  wach  und
*)  S.  und  B.  Webb,  History  of  Trade  Unionism.
2 )  Im  Jahre  1835  zählt  Andrew  Ure  (Philosophy  of  Manufactures,  S.  48t)
in  den  englischen,  mechanischen  Manufakturanstalten  für  Baumwolle,  Wolle,  Flachs
und  Seide  4.800  Knaben  und  6.308  Mädchen  unter  11  Jahren,  67.000  Burschen  und
89.000  Mädchen  zwischen  11  und  18  Jahren.  —  88.000  Männer  und  102.000  Frauen
und  Mädchen  über  18  Jahre,  zusammen  151.000  Knaben,  Burschen  und  Männer  gegen
193.000  kleine  und  größere  Kinder  weiblichen  Geschlechts,  Mädchen  und  Frauen.

4
        <pb n="210" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

187

erzwangen  schon  1819  die  Beschränkung  der  Kinderarbeit  in  den  Baumwollspinnereien: ­
  der  erste  Ansatz  zu  einer  Arbeitergesetzgebung,  die  seitdem ­
  zu  einer  so  wunderbaren  Ausdehnung  gelangen  sollte.  J.-B.  Say,
der  1815  in  diesem  Lande  reiste,  erklärt,  „daß  ein  Arbeiter,  gemäß  der
Größe  seiner  Familie  und  trotz  aller  Anstrengungen,  die  oft  der  größten
Achtung  wert  seien,  in  England  nie  mehr  als  drei  Viertel  und,  oft  sogar  nur
die  Hälfte  seiner  Ausgaben  verdienen  kann“ 1 ).
In  Frankreich  muß  man  bis  zum  Jahr  1840  warten,  um  in  dem  prachtvollen ­
  Werke  des  Doktors  Villermä  eine  vollständige  und  erschütternde
Beschreibung  der  grausamen  Lebensbedingungen  der  Arbeiter  und  des
Martyriums  ihrer  Kinder  zu  finden,  —  um  dort  z.  B.  zu  lesen:  „daß  in
einigen  Fabriken  der  Normandie  der  Ochsenziemer,  mit  dem  die  Kinder
geschlagen  werden,  unter  den  Arbeitsgeräten  auf  den  Spinnstühlen  der
Spinnereien  auf  gezählt  wird“ 2 ).  Früher  schon,  während  einer  Untersuchung ­
  über  die  Baumwollspinnereien  im  Jahre  1828,  erklären  die
Mühlhausener  Fabrikherren  „daß  die  heran  wachsen  de  Generation  durch
eine  Arbeit  von  13  und  15  Stunden  am  Tag  zugrunde  gerichtet  wird“ 3 ).
Mas  „Bulletin  de  la  Sociötö  Industrielle  de  Mulhouse“  von  demselben
Jahre  bestätigt,  daß  im  Elsaß,  wie  anderswo,  der  Arbeitstag  gewöhnlich
15  bis  16  Stunden  umfaßt  und  sich  oft  auf  17  steigert 4 ),  und  alle  Nachrichten ­
  stimmen  überein,  um  die  Annahme  gerechtfertigt  erscheinen  zu
lassen,  daß  die  Lage  in  allen  industriellen  Städten  ebenso,  wenn  nicht
n °ch  schlimmer  war 6 ).
Die  Krisen  sind  eine  nicht  weniger  beunruhigende  Tatsache  als  das
Arbeiterelend.  1815  erschüttert  eine  erste  Krise  den  englischen  Markt,
w irft  zahlreiche  Arbeiter  auf  die  Straße,  und  ruft  Revolten  hervor,  die  die
Zerstörung  von  Maschinen  zur  Folge  hatten.  Sie  beruhte  auf  dem  Irrtum
der  englischen  Fabrikanten,  die  auf  den  nahen  Friedensschluß  spekulierten
und  in  ihren  Fabriken  weit  mehr  Waren  für  die  Ausfuhr  angesammelt
batten,  als  der  Kontinent  aufnehmen  konnte.  1818  tritt  eine  neue,  ebentalls
  von  Volksunruhen  begleitete  Handelsstörung  in  England  auf.  Im
Jahr  1825  endlich  verursachte  eine  dritte,  schwerere  Krisis,  verschuldet

1 )  J.-B.  Say,  England  und  die  Engländer  (De  1  Ang
®uvres  IV,  S.  213.  .  ,  l’AcadGmie  des  Sciences
2 )  Bericht  Villermü’s  in  den  „M6moires  .,  •  ^  zwischen  1835  und
»orale.“,  II,  S.  414,  Anm.  Die  Beobachtungen  Villebmes«^  ^  ^
1836  gesammelt  worden,  obgleich  sein  berühmtes  &amp;gt;  ”  r( j en  i s t.  Das  Buch  ist
«ique  et  moral  des  ouvriers“  erst  1840  veröffentlicht  worden
eine  Wiedergabe  seines  Berichts  an  die  Akademie.  sur  i’industrie  du
’)  Untersuchung  über  die  Baiimwollmdustoe^nqufit^
eoton),  1829,  S.  87.  (Aussagen  der  Herren  Wro  ^  g.  32 6_329.
:&amp;gt;  Siehe  Bulletin  de  la  80016«■  ete.,  JaMg.  j  zwischen  1820  und  1870
6 )  Vgl.  Rist:  Arbeitsdauer  in  der  franzosiscncn  11
der  Revue  d-ficonomie  Politique,  189  ,
        <pb n="211" />
        188

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

wahrscheinlich  von  den  übertriebenen  Krediten,  die  den  neueröffneten
Märkten  Südamerikas  gewährt  worden  waren,  den  Zusammenbruch  von
70  Provinzbanken  in  England,  zog  zahllose  Bankerotte  nach  sich  und
hatte  ihre  Rückwirkung  auf  mehrere  benachbarte  Länder.  Seitdem  treten
die  Krisen  mit  einer  wenn  nicht  absoluten,  so  doch  wenigstens  höchst
bemerkenswerten  Regelmäßigkeit  in  mehr  oder  weniger  kleinen  Zwischenräumen ­
  im  ganzen  Verlauf  des  19.  Jahrhunderts  auf  und  erstrecken  sich
über  immer  größere  Regionen,  je  nachdem  sich  die  Herrschaft  der  großen
Industrie  ausbreitet.  Lag  hierin  kein  Grund,  sich  zu  fragen,  ob  das  ganze
wirtschaftliche  System  unter  seiner  glänzenden  Außenseite  nicht  irgendeinen ­
  tiefen  Fehler  verbarg,  und  ob  die  Gesellschaft  nicht  in  alle  Zukunft
hinein  dazu  verurteilt  sein  sollte,  für  ihre  Fortschritte  in  der  Industrie
durch  solche  periodischen  Zuckungen  zu  büßen?
Der  Pauperismus  und  die  wirtschaftlichen  Krisen  sind  die  beiden
Tatsachen,  die  sich  im  selben  Augenblick,  in  ■  dem  die  wirtschaftliche
Freiheit  ihre  ersten  Triumphe  feiert,  der  Aufmerksamkeit  aufdrängen
und  die  seitdem  beständig  die  Meinungen  beschäftigen.
Sie  werden  von  nun  an  ohne  Unterlaß  von  den  verschiedensten  Schriftstellern ­
  gegen  die  neue  Ordnung  ins  Treffen  geführt  und  zerstören  nach
und  nach  in  vielen  die  Zuversicht  in  die  Richtigkeit  der  Lehren  Adam
Smith’s.  Bei  zahlreichen  philanthropischen  und  christlichen  Schriftstellern ­
  rufen  sie  nur  eine  sentimentale  Entrüstung  hervor,  einen  starken
Protest  der  Menschlichkeit  gegen  ein  so  unerbittliches  System,  Quelle
so  vielen  Elends  und  einer  solchen  Menge  von  Unglück.  Andere  —  die
Sozialisten  —  gehen  in  ihrer  Kritik  viel  weiter,  greifen  die  Einrichtung
des  Privateigentums  an  und  verlangen  den  vollständigen  Umsturz  der
Gesellschaft.  Alle  aber  verwerfen  einstimmig  die  Idee  einer  selbsttätigen
Harmonie  der  Privat-  und  der  Allgemein-Interessen,  als  unvereinbar  mit
den  Tatsachen,  die  wir  soeben  ausgeführt  haben.
Unter  diesen  Schriftstellern  nun  hat  keiner  den  Einfluß  dieser  Tatsachen ­
  stärker  gefühlt,  als  Sismondi 1 ).  Für  ihn  gipfelt  das  ganze  Interesse
der  Nationalökonomie,  vom  theoretischen  Standpunkt  aus,  in  einer  Erklärung ­
  der  Krisen;  —  vom  praktischen  Gesichtspunkt  aus,  in  den  Mitteln,
ihnen  entgegenzuwirken,  und  die  Lage  der  Arbeiter  zu  verbessern.  Kein
anderer  Schriftsteller  hat  mit  größerer  Aufrichtigkeit  die  Erklärung  und
das  Heilmittel  gesucht.  Er  steht  so  an  der  Spitze  einer  Reihe  von  National-')

  Sismondi  war  nicht  Franzose,  sondern  Genfer,  obgleich  seine  ursnrünglich
der  AufhebuST| lh V! C !-V m  16 ’  'Jahrhundert  nach  Frankreich  geflüchtet  hatte.  Nach
177^o  h  g  d w  Edlk ,  V ° n  NanteS  begab  sie  Slch  nach  Genf -  Port  wurde  Sismondi
durch g S e,n! n w  E . r  WUrd&amp;lt; i  mehr  noch  als  durch  seine  volkswirtschaftlichen  Arbeiten
Franc^U  i  * d \ S  R6 P ubli q ues  italiennes  und  seine  Histoire  des
SphlnB  rnrmtf  &amp;amp;  gehörte  zu  den  Stirnen  Gästen  der  Frau  v.  StAiäL  auf  ihrem
oß  toppet,  wo  er  auch  mit  Robert  Owen  zusammentraf.  Er  starb  1842.
        <pb n="212" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

189

Ökonomen,  deren  Einfluß  im  19.  Jahrhundert  niemals  aufgehört  hat,  und
die  sich,  ohne  Sozialisten  zu  sein,  keineswegs  über  die  Fehler  des  liberalen
Systems  haben  täuschen  lassen  und  einen  Mittelweg  suchten,  der  gestatte,
dem  Mißbrauch  der  Freiheit  zu  steuern,  ohne  doch  ihre  Grundsätze  aufzugeben. ­
  Als  erster  räumt  er  dem  Gefühl  einen  großen  Platz  in  seinem
System  ein,  was  zur  gleichen  Zeit  hochgehenden  Enthusiasmus  und
schärfsten  Protest  hervorrufen  sollte.

§  1.  Methode  und  Objekt  der  Nationalökonomie.

Am  Anfang  war  Sismondi  ein  begeisterter  Anhänger  des  wirtschaftlichen ­
  Liberalismus  gewesen.  1803,  in  demselben  Jahre,  in  dem  der  Traite
von  J.-B.  Say  erschien,  hatte  auch  er  die  Gedanken  Adam  Smith’s  in
einem  Werk  unter  dem  Titel  La  Richesse  Commerciale  niedergelegt,
das  einen  gewissen  Erfolg  aufzuweisen  hatte.  Nach  der  Herausgabe  dieses
Buches  beschäftigte  sich  Sismondi  aber  in  den  folgenden  Jahren  ausschließlich ­
  mit  historischen,  literarischen  und  politischen  Arbeiten.  Erst
1818  wendet  er  sich  von  neuem  der  Nationalökonomie  zu.  „Zu  dieser
Zeit,“  sagt  er,  „war  ich  von  der  Handelskrise,  unter  der  Europa  in  den
letzten  Jahren  gelitten  hatte,  wie  auch  von  den  schweren  Leiden  der
Arbeiter  in  den  Fabriken,  deren  Zeuge  ich  in  Italien,  in  der  Schweiz  und
j 11  Frankreich  gewesen  war,  und  die  nach  allen  öffentlichen  Nachrichten
in  England,  in  Deutschland  und  in  Belgien  in  nicht  geringerem  Maße
bestanden,  tief  bewegt“ 1 ).  Zu  dieser  Zeit  ersuchte  man  ihn,  für  die  Edinburgher
  Enzyklopädie  einen  Aufsatz  über  Nationalökonomie  zu  schreiben.
Als  er  nun  seine  Ideen  im  Lichte  der  letzten  Tatsachen  einer  mwea.  Untersuchung ­
  unterzog,  bemerkte  er  zu  seinem  eigenen  Erstaunen,  daß  seine
Schlußfolgerungen  vollständig  von  denen  Smith’s  abwichen.  1819  reist
® r  'n  England,  „diesem  überraschenden  Land,  das  zum  Nutzen  der  übrigen

Welt

einen  großartigen  Versuch  anzustellen  scheint“ 2 ).  Die  Eindrücke,

die  er  hier  elhälti  tetSrken  ihn  in  seinen  Ansichten.  Br
Artikel  ihr  die  Enzyklopädie  wieder  auf  und  «*£*“£,"***,
Arbeit  entsteht  das  Werk,  das  seinen  Ruhm  a  s  Neue  Prinzipien
und  das  im  Jahr  1819  unter  dem  te^^Kpolitiiiie)
der  Nationalökonomie  (Nouveaux  Princip  •  pier  Gegensatz,  in
erschien..  Von  da  an  ist  ihm  sein  Weg  vorgeze  Schulen  bedem
  er  sich  zu  den  in  Frankreich  und  Engl  über  Volkswirtschaft
und,  wird  beständig  größer  und  m  seinen  S
.  o  yytt  Die  von  uns  zitierten  Stellen
‘)  Nouveaux  Principes;  2.  Ausg.,  S.  '
s *nd  stets  der  2.  Ausg.,  die  1827  herauskam,  entnomme  .
2 )  Ebenda,  S.  IV.
        <pb n="213" />
        190

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

(Etudes  sur  l’Economie  politique),  die  1837  erschienen  sind 1 ),  bringt
er  als  Beweis  für  die  Richtigkeit  der  in  den  neuen  Prinzipien  niedergelegten
Gedanken  eine  große  Anzahl  beschreibender  und  historischer  Untersuchungen, ­
  besonders  über  die  Lage  der  Landwirte  in  England,  Schottland, ­
  Frankreich  und  Italien.
Die  abweichende  Stellung  Sismondi’s  erstreckt  sich  aber  nicht  auf
die  theoretischen  Grundgesetze  der  Nationalökonomie.  Er  erklärt  im
Gegenteil,  in  dieser  Hinsicht  ein  Schüler  Adam  Smith’s  zu  sein 2  3 ).  Sie
wendet  sieh  gegen  die  Methode,  den  Gegenstand  und  die  praktischen
Schlußfolgerungen  der  klassischen  Schule.  Untersuchen  wir  seine
Gründe  in  Hinsicht  auf  jeden  dieser  Punkte.
Was  zunächst  die  Methode  anlangt,  so  macht  er  eine  richtige  Unterscheidung ­
  zwischen  Smith  und  seinen  Nachfolgern,  Ricardo  und  J.-B.  Say.
„Smith,“  sagt  er,  „bemüht  sich,  jede  Tatsache  in  dem  sozialen  Zusammenhang, ­
  dem  sie  zugehört,  zu  untersuchen,“  und  „sein  unsterbliches  Werk
ist  das  Ergebnis  einer  philosophischen  Untersuchung  der  Geschichte  des
Menschengeschlechtes“ 8 ).  Dagegen  macht  er  Ricakdo  die  abstrakte
Methode,  die  er  in  die  Wissenschaft  eingeführt  hat,  zum  Vorwurf.  So  sehr
er  Malthus  bewundert,  „der  mit  der  Kraft  und  der  Weite  des  Geistes
die  gewissenhafte  Untersuchung  der  Tatsachen  verband“ 4  * ),  so  sehr  widerstrebt ­
  es  ihm,  „die  abstrakten  Schlußfolgerungen,  die  Ricardo  und  seine
Schüler  von  uns  fordern,  zuzugeben“ 6  * ).  In  den  Augen  Sismondi’s  ist  die
Nationalökonomie  eine  „moralische  Wissenschaft“,  in  der  „alles  einen
Zusammenhang“  hat,  und  in  der  man  einen  falschen  Weg  beschreitet,
wenn  man  sich  bemüht,  „ein  Prinzip  zu  isolieren,  und  nichts  außer  ihm
zu  sehen“*).  Sie  beruht  vor  allem  auf  der  Erfahrung,  der  Geschichte  und
der  Beobachtung.  „Die  menschlichen  Zustände“,  sagt  er  an  einer  anderen
Stelle,  „muß  man  vor  allen  Dingen  in  ihren  Einzelzügen  studieren.  Man
muß  nacheinander  einen  Zeitabschnitt,  ein  Land  oder  einen  Beruf  besonders ­
  eingehend  untersuchen,  um  einen  genauen  Begriff  zu  bekommen,
was  der  Mensch  ist,  und  wie  die  Einrichtungen  auf  ihn  wirken  ...  Ich  bin

*)  2  Bände,  Paris  1837  und  1838.
2 )  N.  P.;  S.  50—51.  „Die  Lehre  A.  Smith’s  ist  die  unsere,  aber  das  praktische
Ergebnis  seiner  Lehre,  das  wir  ihm  entlehnen,  scheint  uns  oft  dem,  das  er  daraus  zieht,
diametral  entgegengesetzt  zu  sein.“
3 )  Ebenda,  S.  56.  „A.  Smith  erkannte  an,  daß  die  Regierungskunst  auf  Versuchen ­
  beruhe;  daß  sie  sich  nur  auf  die  Geschichte  der  verschiedenen  Völker  gründen
könne,  und  daß  man  nur  aus  einer  abwägenden  Beobachtung  der  Tatsachen  Prinzipien
abzuleiten  vermöge.  Sein  unsterbliches  Werk  ...  ist  das  Ergebnis  einer  philosophischem
Untersuchung  der  Geschichte  des  Menschengeschlechts.“  Vgl.  auch  ebenda,  I,  S.  47,389.
4 )  Ebenda  II,  S.  268.  Vgl.  auch  S.  388,  389.
s )  Ebenda,  S.  56.  An  verschiedenen  anderen  Stellen  wendet  er  sich  gegen
Ricardo:  I,  S.  257,  300  und  ff.;  S.  336,  366  und  423;  II,  S.  184,  190,  218  und  329.
*)  Ebenda,  S.  56.
        <pb n="214" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

191

überzeugt,  daß  man  in  schwerwiegende  lrrtümer  verfallen  ist,  weil  man
stets  alles  verallgemeinern  wollte,  was  mit  den  sozialen  Wissenschaften
in  Verbindung  steht“ 1 ).
Diese  Kritik  richtet  sich  nicht  allein  gegen  Ricardo  und  Mac  Culloch,
sondern  auch  gegen  J.-B.  Say  selbst,  der  sich  bemüht  hatte,  die  Nationalökonomie ­
  auf  die  Darlegung  einiger  allgemeiner  Grundsätze  zurückzuführen.
  Sie  bereitet  die  Auffassung  vor,  die  die  deutsche  historische  Schule
späterhin  sich  rühmte,  als  die  erste  vertreten  zu  haben.  Sismondi,  der
Reibst  Historiker  war  und  sich  als  Schriftsteller  hauptsächlich  mit  dringlichen ­
  Reformen  beschäftigte,  konnte  nicht  anders,  als  die  Wirkung,  die
nie  sozialen  Einrichtungen  und  die  Politik  auf  den  wirtschaftlichen  Wolil-^
 a nd  haben,  hervorzuheben.  Er  gibt  z.  B.  eine  gute  Anwendung  seiner
Methode,  wenn  er  in  der  Untersuchung  über  den  wahrscheinlichen  Einfluß,
ncn  eine  vollständige  Abschaffung  der  „Corn-Laws“  in  England  haben
''cide,  darauf  hinweist,  daß  die  Frage  nicht  durch  einige  theoretische
Begründungen  gelöst  werden  könne,  und  daß  die  verschiedenen  Arten
Und  Weisen  der  Bewirtschaftung  des  Bodens  in  Rechnung  gezogen  werden
Müssen.  Ein  Land  der  Pächter  wie  England  setzt  sich  der  Gefahr  aus,  nur
schwer  der  Konkurrenz  solcher  Länder,  die  mit  Frondiensten  arbeiten,
Mderstehen  zu  können,  wie  z.  B.  Polen  oder  Rußland,  wo  das  Getreide
, em  Besitzer  nur  „einige  hundert  unter  die  Bauern  zu  verteilende  Stockhiebe“ ­
  kostet 2 ).
•  Bie  Vorstellung  Sismondi’s  über  die  nationalökonomische  Methode
st  zweifellos  stets  richtig,  wenn  es  sich  darum  handelt,  praktische  Fragen
Versuchen,  die  zukünftigen  Folgen  einer  gesetzgeberischen  Reform
ctauszusehen  oder  die  Ursachen  besonderer  Ereignisse  klar  zu  legen;
enn  es  sich  aber  darum  handelt,  sich  den  allgemeinen  Mechanismus  der
jrtschaftlichen  Welt  vorzustellen,  kann  der  Volkswirtschaftler  nicht  ohne
Fraktionen  auskommen,  und  Sismondi  selbst  hat  darauf  zurückgreifen
’tssen.  Allerdings  hat  er  das  mit  einem  eigentümlichen  Ungeschick
g®  an,  und  sein  Mangel  an  Erfolg  in  der  Konstruktion  und  der  Diskussion
Frakter  Theorien  mag  wohl  die  Ursache  seiner  Vorliebe  für  die  entgegensetzte ­
  Methode  sein.  Auf  jeden  Fall  erklärt  sie  uns  teilweise  den  lebhaften
bet  er F )ruc 'h’  den  sein  Buch  unt^r  den  Anhängern  der  „volkswirtschaftpV
 en  Orthodoxie“  erregte,  eine  Bezeichnung,  die  von  ihm  stammt  (Neue
und  die  starken  Anklang  fand.
erste  \^ tudes  sur  l’ßconomie  politique,  Vorwort  S.  V.  Schon  in  seinem
giünrt  t  La  richesse  commerciale  hatte  er  gesagt:  „Die  Volkswirtschaft
d (;s  j, e  s ' c h  auf  das  Studium  des  Menschen  und  der  Menschen.  Man  muß  die  Natur
d Mu;  7 SCllen  kenil en,  den  Zustand  und  das  Schicksal  der  Gesellschaften  zu  verschie-Z
 i e lJ’  ^ el ten  und  an  verschiedenen  Orten,  man  muß  Historiker,  Reisende  usw.  zu  Rate
"  E ] ’ne  solche  Untersuchung  ...  ist  die  Philosophie  der  Geschichte  und  der
(h  S.  14ff.).
)  Nouv.  Princ.,  I,  S.  257.
        <pb n="215" />
        192

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Im  besouderen  kann  man  sich  kaum  etwas  Verworreneres  vorstellen,
als  die  Beweisführungen,  mit  denen  er  die  Möglichkeit  einer  allgemeinen
Überproduktion  darzutun  sich  bemüht 1 ).  Als  Ausgangspunkt  nimmt  er
eine  Unterscheidung  zwischen  dem  jährlichen  Einkommen  und  der  jährlichen ­
  Produktion  eines  Landes  an.  Nach  ihm  würde  das  Einkommen
eines  Jahres  die  Produktion  des  folgenden  Jahres  bezahlen 2 ).  Wenn  daher
die  Produktion  eines  Jahres  größer  ist,  als  das  Einkommen  des  vorhergehenden, ­
  so  bleibt  ein  Teil  dieser  Produktion  unverkauft,  und  die  Produzenten ­
  werden  ruiniert.  Sismondi  schließt  hier  so,  als  bestehe  das
Volk  aus  Landwirten,  die  jedes  Jahr  die  fabrizierten  Erzeugnisse,  welche
sie  brauchen,  mit  den  Einkünften  kaufen,  die  ihnen  der  Verkauf  der  vorjährigen ­
  Ernte  gebracht  hat.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  bei  Überfluß
an  fabrizierten  Erzeugnissen  das  Einkommen  der  Landwirte  nicht  ausreicht, ­
  um  sie  zu  einem  genügend  hohen  Preise  zu  bezahlen.
Aber  in  seiner  Beweisführung  liegt  eine  doppelte  Verwechslung.  Das
jährliche  Einkommen  eines  Volkes  ist  im  Grunde  genommen  nichts  anderes
als  seine  jährliche  Produktion.  Die  eine  kann  daher  nicht  geringer  als  die
andere  sein,  da  ja  beide  dasselbe  vorstellen.  Auf  der  anderen  Seite  sind
es  nicht  die  Produktionen  zweier  verschiedener  Jahre,  die  sich  gegeneinander ­
  austauschen,  sondern  die  verschiedenen  Erzeugnisse,  die  jedes  Jäbr
geschaffen  werden,  werden  gegeneinander  ausgetauscht,  oder  vielmehr
(denn  diese  Einteilung  des  wirtschaftlichen  Lebens  in  jährliche  Perioden
hat  mit  der  Wirklichkeit  nichts  gemein)  sind  es  verschiedene  Produkte,
l )  Das  Ungeschick  Sismondi’s  in  abstrakter  Beweisführung  geht  noch  aus  einer
Menge  anderer  Stellen  hervor,  besonders  aus  der  Ungenauigkeit  seiner  Definitionen,
bald  betrachtet  es  die  Arbeit  als:  „Die  Quelle  alles  Einkommens“  (I,  S.  85),  bald  als
das  Einkommen  des  Arbeiters  (I,  S.  96,  101,  110,  113,  114-  II,  S.  257  usf.),  das  zu  den
Zinsen  und  der  Bodenrente  im  Gegensatz  steht.  Niemals  hat  er  das  Nationalvermögen ­
  vom  Privatkapital  unterscheiden  können,  und  der  Lohn  ist  ihm  bald  Kapit al &amp;gt;
bald  Einkommen  (S.  379).  Beständig  braucht  er  unbestimmte  Ausdrücke,  wie  reich
und  arm,  um  Kapitalisten  und  Arbeitende  zu  unterscheiden  (II,  Kap.  V).  Zur  Erklärung ­
  der  Art  und  Weise,  wie  sich  die  Höhe  der  Zinsen  festsetzt,  schreibt  er  an  einer
Stelle:  „Die  Kräfte  der  Geldgeber  (das  Kapital)  und  die  Geldentleiher  kommen  z 11
einem  Gleichgewicht;  wie  auf  allen  anderen  Märkten  einigen  sie  sich  auf  einem  p r °'
portionalen  Durchschnitt“  (!)  (II,  S.  36).  Ebenso  wirft  er  ständig  Einkommen
in  natura  mit  Geldeinkommen  zusammen.
®)  „Das  Einkommen  des  vorhergehenden  Jahres  muß  die  Produktion  dieses  (d-  ndes
  laufenden)  Jahres  bezahlen“  (Nouv.  Princ.,  I,  S.  120).  Weiterhin  schreibt  er:
„Zum  Schluß  geschieht  überhaupt  nichts  anderes,  als  die  Gesamtmenge  der  Jahresproduktion ­
  gegen  die  Gesamtmenge  der  Jahresproduktion  des  vorhergehenden  Jahres
auszutauschen“  (S.  121).  Sismondi  legt  großes  Gewicht  auf  diesen  Unterschied  zwischen
dem  Volkseinkommen  und  der  Jahresproduktion:  „Die  Vermengung  von  jährlichem
Einkommen  und  Jahresproduktion  hüllt  die  ganze  Wissenschaft  in  Dunkel,  aber  Alles
wird  im  Gegenteil  klar  und  verständlich,  alle  Tatsachen  stimmen  mit  der  Theorie
überein,  sobald  man  diese  Unterscheidung  macht“  (I,  S.  366—367).  Dabei  ist  er  es
gerade,  der  Verwirrung  schafft.
        <pb n="216" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.  193
die  in  jedem  Augenblick  in  der  Welt  erzeugt  werden,  die  sich  in  jedem
Augenblick  untereinander  austauschen,  und  die  so,  die  einen  für  die
anderen,  eine  gegenseitige  Nachfrage  darstellen.  Daher  kann  es  kommen,
daß  es  in  einem  bestimmten  Augenblick  von  den  einen  oder  den  anderen
Produkten  zu  viel  oder  zu  wenig  gibt,  und  daß  infolgedessen  in  einer  oder
mehreren  Industrien  Krisen  herrschen.  Es  ist  aber  unmöglich,  daß  es
gleichzeitig  zu  viel  von  allen  Erzeugnissen  gibt.  Das  haben  Mac  Culloch,
Ricardo  und  J.-B.  Say  erfolgreich  gegen  Sismondi  aufrecht  erhalten 1 ).
Nicht  nur  in  der  Methode,  sondern  mehr  noch  mit  Hinsicht  auf  den
Gegenstand  der  Nationalökonomie,  steht  Sismondi  den  Klassikern  als
Gegner  gegenüber.  In  ihren  Augen,  sagt  er,  ist  die  Volkswirtschaft  die
Wissenschaft  des  Reichtums;  sie  ist,  wie  Aristoteles  sagte,  eine  „chrematistische“
  Wissenschaft.  Der  wirkliche  Gegenstand  der  Wissenschaft
ist  aber  der  Mensch  oder  genauer,  das  „physische  Wohlsein  des  Menschen.“
Nichts  führt  sicherer  in  die  Irre,  als  wenn  man  den  Reichtum  für  sich  selbst
betrachtet  „und  den  Menschen  darüber  vergißt 2 ).  Daher  muß  neben  der
Gütererzeugung,  die  fast  ausschließlich  von  den  Klassikern  in  Betracht
gezogen  wird,  ein  wenigstens  ebensogroßer  Platz  der  Verteilungstheorie
eiI1 geräumt  werden.  Allerdings  hätten  die  Klassiker  ihm  erwidern  können,
daß  sie  der  Produktion  den  ersten  Platz  einräumen,  weil  in  ihren  Augen
die  Vermehrung  der  Produkte  die  Grundbedingung  jedes  Fortschrittes  in
ihrer  Verteilung  darstelle.  Sismondi  aber  versteht  hierunter  etwas  ganz-Anderes.
  Nach  ihm  verdienen  Reichtum  oder  Wohlstand  diesen  Namen
überhaupt  nur,  wenn  sie  in  einem  befriedigenden  Verhältnis  verteilt  sind.
Wenn  man  von  dieser  Verteilung  absieht,  so  kann  man  sie  sich  weder
yorstellen,  noch  irgendein  Urteil  darüber  abgeben.  Weiterhin  räumt  er
m  der  Verteilung  der  Güter  denen  einen  ganz  besonderen  Platz  ein,  die
.  ')  Mac  Culloch  kritisierte  Sismondi  in  einem  Aufsatz  in  der  Edinburgh  Review
m  Oktober  1819.  Was  J.-B.  Say  anlangt,  siehe  oben  S.  125f.
j,  .Mit  Hinsicht  auf  Ricardo  erzählt  Sismondi  (Nouv.  Princ.,  II,  S.  410),  daß  er  mit
h  ln  ® en h  im  Jahr,  in  dem  er  starb,  verschiedene  Aussprachen  über  diese  Frage
* a  .•  Sismondi  scheint  zum  Schluß,  wenn  auch  mit  vielen  Einschränkungen,  Ricardo’s
asicht  beigepflichtet  zu  haben.  Er  sagt  nämlich  (ebenda,  S.  424):  „Wir  kommen
unt  'l' 6  P 104 ® 130 !  dazu,  daß  die  Produktion  am  Ende  der  Zirkulation,  wenn  sie  nirgends
erbrochen  wird,  einen  Verbrauch  schafft.“  „Das  ist  aber  nur  richtig,“  fügt  er  an,
enn  Zeit  und  Raum  außer  acht  gelassen  werden  .  .  .,  wenn  alle  Hindernisse,  die
esen  Umlauf  unterbrechen  können,  nicht  beachtet  werden.“  Sismondi  hat  seinen
esichtspunkt  gegen  seine  drei  Gegner  in  zwei  Aufsätzen  verteidigt,  die  am  Schluß
r  ■  Ausg.  der  Nouv.  Princ.  abgedruckt  sind.
j  1  .»Im  abstracto  ist  die  Güteransammlung  im  Staat  durchaus  nicht  der  Zweck
gj  Regierung,  sondern  dieser  Zweck  ist  vielmehr  die  Ermöglichung  der  Teilnahme  aller
eg  rg , er  an  den  Annehmlichkeiten  des  physischen  Lebens,  die  der  Reichtum  vorstellt.  .  .,
Ze/h  im  Absoluten  durchaus  nicht  wahr,  daß  der  Reichtum  und  die  Bevölkerung  als
„  c  *? es  Wohlstandes  eines  Staates  gelten  können,  sondern  nur  auf  Grund  ihres
genseitigen  Verhältnisses“  (Nouv.  Princ.,  I,  S.  9).
&amp;amp; Ide  und  Rist,  Oesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  13
        <pb n="217" />
        194

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

er  die  „Armen“  nennt,  nämlich  denen,  die  zur  Beschaffung  ihres  Lebensunterhaltes ­
  nur  ihre  Hände  haben,  und  die  vom  Morgen  bis  zum  Abend
in  den  Fabriken  oder  auf  den  Feldern  sich  abmühen.  Denn  sind  sie  es
nicht,  die  die  Mehrheit  der  Bevölkerung  bilden,  und  das,  was  ihn  vor
Allem  interessiert,  sind  die  Wirkungen,  die  die  Erfindung  der  Maschinen,
die  Freiheit  der  Konkurrenz  und  die  Herrschaft  des  Eigentums  auf  das
Schicksal  dieser  Armen  ausüben.  „Die  Nationalökonomie“,  so  sagt  er
an  einer  Stelle,  „wird  letzten  Grundes  zu  einer  großen  Theorie  der
Wohlfahrt,  und  alles  was  nicht  in  seinem  Endzweck  zum  Glück  der
Menschen  beiträgt,  gehört  keineswegs  zu  dieser  Wissenschaft“ 1 ).
Was  Sismondi  in  Wirklichkeit  beschäftigt,  ist  weniger  die  Nationalökonomie, ­
  als  das,  was  man  seitdem  in  Frankreich  „Economie  sociale“
und  in  Deutschland  „Sozialpolitik“  genannt  hat.  Seine  originelle  Leistung
besteht  darin,  ihr  Studium  begründet  zu  haben.  J.-B.  Say  behandelt  diese
Definitionen,  die  in  so  starkem  Gegensatz  zu  seinen  eigenen  stehen,  hochmütig, ­
  wie  folgt:  „Herr  von  Sismondi  nennt  die  Nationalökonomie  die
Wissenschaft,  deren  Aufgabe  es  ist,  über  das  Glück  des
Menschengeschlechts  zu  wachen.  Zweifellos  hat  er  sagen  wollen:
die  Wissenschaft,  die  DIE  besitzen  müssen,  deren  Aufgabe  es  ist,  über
das  Glück  des  Menschengeschlechts  zu  wachen;  natürlich  müssen  die
Regierenden,  wenn  sie  ihren  Aufgaben  gerecht  werden  wollen,  die  Nationalökonomie ­
  kennen,  aber  das  Glück  des  Menschengeschlechts  würde  auf
sehr  schwachen  Füßen  stehen,  wenn  es,  anstatt  auf  der  Intelligenz  und
der  Arbeit  der  Regierten  zu  beruhen,  von  einer  Regierung  abhinge.“
(Cours  complet,  II,  551.)  Und  er  fügt  hinzu:  „Es  liegt  an  den  durch
das  System  der  Bevormundung  verbreiteten  falschen  Begriffen,  daß  die
meisten  deutschen  Schriftsteller  die  Nationalökonomie  als  die  Wissenschaft
der  Verwaltung  ansehen.“

§  2.  Kritik  der  Überproduktion  und  der  Konkurrenz.

Die  „chrematistische  Schule“  hat  sich  über  die  zu  verfolgende  Methode
und  sogar  über  den  Gegenstand  der  Nationalökonomie  geirrt.  Daher  ist
es  weiter  nicht  erstaunlich,  das;  sie  auch  zu  falschen  praktischen  Schlußfolgerungen ­
  gekommen  ist.  Die  chrematistische  Schule  hat  zur  unbegrenzten ­
  Produktion  angeregt  -  sie  hat  die  Wohltaten  der  Konkurrenz
ohne  Einschränkung  gelobt  —  und  als  Schlußfolgerung  hat  sie  die  Harmonie ­
  der  Interessen  und  die  Nichteinmischung  der  Regierung  aufgestellt-Das
  sind  die  drei  wesentlichen  Punkte,  in  denen  Sismondi  sie  angreift.

*)  Nouv.  Princ.,  II,  S.  250;  an  anderer  Stelle  sagt  er:  „Wenn  die  Verwaltung
sich  vornehmen  sollte,  eine  der  Klassen  dos  Volkes  vor  der  anderen  zu  begünstigen»
so  sollten  es  gerade  die  Tagelöhner  sein,  die  sie  bevorzugen  sollte“  (Nouv.  Princ.,  1»
S.  372).
        <pb n="218" />
        13*

Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

195

Vor  allem  weist  er  zunächst  auf  ihren  unbedachten  Eifer  zugunsten
der  Produktion  hin.  Die  klassischen  Schrifststeller  sagen,  daß  das  allgemeine ­
  Wachstum  der  Produktion  keine  Unzuträglichkeiten  nach  sich  zieht,
dank  des  selbsttätigen  Mechanismus,  der  sofort  in  Wirkung  tritt,  sobald
die  Unternehmer  an  irgendeinem  Punkt  über  die  Bedürfnisse  der  Nachfrage ­
  hinausgehen:  —  die  sinkenden  Preise  zeigen  ihnen  an,  daß  sie  auf
dem  falschen  Wege  sind,  und  daß  sie  ihre  Kräfte  nach  einem  anderen
Ziele  lenken  müssen.  Ebenso  zeigt  eine  Preiserhöhung,  daß  das  Angebot
ungenügend  ist,  und  daß  mehr  fabriziert  werden  muß.  Daher  werden
die  etwa  begangenen  Fehler  stets  nur  für  den  Augenblick  und  vorübergehend ­
  sein.
Dem  hält  Sismondi  entgegen:  wenn  die  Nationalökonomen,  anstatt
in  abstracto  zu  denken,  die  Tatsachen  in  ihren  Einzelheiten  betrachtet
hätten;  wenn  sie  anstatt  die  Erzeugnisse  anzusehen,  die  Menschen  ins
Auge  gefaßt  hätten,  würden  sie  sich  nicht  so  leichtsinnig  über  die  Irrtümer
der  Fabrikanten  hinweggesetzt  haben.  Wenn  das  Angebot  unzureichend
war,  um  einer  fortschreitenden  Nachfrage  zu  genügen,  dann  freilich  schadet
seine  Vermehrung  Niemandem  und  nützt  Allen.  Wenn  aber  umgekehrt
die  Bedürfnisse  nicht  so  schnell  wachsen  wie  das  Angebot,  dann  läßt  sich
die  Einschränkung  des  übermäßigen  Angebots  nicht  so  leicht  bewerkstelligen. ­
  Glaubt  man,  daß  von  heute  auf  morgen  die  Kapitalien  und  die
Arbeit  eine  Industrie,  die  im  Niedergang  begriffen  ist,  aufgeben  können,
um  sich  einer  anderen  zuzuwenden?  Keineswegs!  Der  Arbeiter  kann
nicht  plötzlich  die  Arbeit  verlassen,  die  ihm  seinen  Lebensunterhalt  gibt,
i'ud  die  er  in  einer  oft  langen  und  teuren  „Lchrlingszeit“  gelernt  hat,  —
in  der  er  sich  durch  eine  professionelle  Geschicklichkeit  auszeichnet,  deren
Vorteile  er  in  einer  anderen  Beschäftigung  verliert.  Anstatt  das  zu  tun,
wird  er  lieber  seinen  Lohn  verringern  lassen,  wird  er  lieber  die  Arbeitszeit
Verlängern,  „er  wird  es  vorziehen,  14  Stunden  am  Tag  zu  arbeiten,  die
Zeit  opfern,  die  er  früher  dem  Vergnügen  und  der  Ausschweifung  widmete,
u ud  die  gleiche  Anzahl  Arbeiter  wird  bedeutend  mehr  Erzeugnisse
hervorbringen“ 1 ).  —  Was  den  Fabrikanten  anlangt,  so  wird  er  ebensowenig, ­
  wie  der  Arbeiter  bereit  sein,  ohne  Widerstand  seine  Fabrik  aufz
 ugeben,  in  deren  Errichtung  und  Anlage  er  die  Hälfte  oder  drei  Viertel
feines  Vermögens  gesteckt  hat.  Fixes  Kapital  läßt  sich  nicht  von  einer
Fabrik  auf  die  andere  übertragen.  Auch  wird  der  Fabrikant  durch  die
Gewohnheit  festgehalten,  „eine  moralische  Kraft,  die  der  Berechnung
m cht  unterliegt“ 2 ),  und  wie  der  Arbeiter,  klammert  er  sich  an  die  Industrie,
die  ihn  bis  dahin  ernährt,  und  die  er  geschaffen  hat.  So  wird  denn  die
P  roduktion,  weit  davon  entfernt,  sich  selbsttätig  einzuschränken,  dieselbe
hieiben  oder  sogar  noch  größer  werden;  .  .  .  allerdings  wird  sie  zum  Schluß
')  N.  p„  i,  s.  333.
a )  N.  P.,  I,  s.  336.
        <pb n="219" />
        196

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

gezwungen,  nachzugeben;  allerdings  wird  die  Anpassung  eintreten,  aber
nach  wieviel  Ruin,  nach  wieviel  Unglück!
„Die  Produzenten  werden  sich  nicht  eher  von  der  Arbeit  zurückziehen,
und  nicht  eher  wird  ihre  Zahl  geringer  werden,  als  bis  eine  Anzahl  der
Geschäftsinhaber  Bankerott  gemacht  hat,  und  bis  ein  Teil  der  Arbeiter
Hungers  gestorben  ist“ 1 ).  „Hüten  wir  uns,  sagt  er  zum  Schluß,  vor  dieser
gefährlichen  Theorie  des  Gleichgewichts,  das  sich  selbst  herstellt.  .  .  .
Allerdings  stellt  sich  auf  die  Dauer  ein  gewisses  Gleichgewicht  ein,  aber
nur  nach  furchtbaren  Leiden“ 2 ).  Diese  Bemerkung,  die  schon  zur  Zeit
Sismondi’s  richtig  war,  bildet  heute  die  Grundlage  der  Geschäftspolitik
der  Trusts  und  Kartelle.
Wie  vermehrt  sich  seit  dem  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  hauptsächlich
die  Produktion?  Durch  die  Vermehrung  der  Maschinen.  Daher  richtet
Sismondi  seine  hauptsächlichsten  Angriffe  gegen  die  Maschinen.  Und
gerade  deshalb  hat  er  sich  als  Reaktionär  behandeln  lassen  müssen,  ist
sogar  als  unwissend  hingestellt  worden  und  hat  ein  halbes  Jahrhundert
hindurch  seinen  Platz  unter  den  Volkswirtschaftlern  verloren.
Auch  das  ist  einer  der  Punkte,  über  die  die  klassischen  Nationalökonomen ­
  sich  in  vollständiger  Übereinstimmung  befanden 3 ).  Für  sie
sind  die  Maschinen  wohltätige  Einrichtungen,  weil  sie  die  Lebensmittel
billiger  liefern,  weil  sie  einen  Teil  des  Einkommens  der  Verbraucher  freisetzen, ­
  weil  sie  infolgedessen  die  Nachfrage  nach  anderen  Produkten  vermehren, ­
  und  so  der  Arbeit,  die  sie  zuerst  überflüssig  gemacht  haben,
Beschäftigung  verschaffen.  Sismondi  leugnet  nicht,  daß  sich  theoretisch
das  Gleichgewicht  zum  Schluß  wieder  hersteilen  wird;  jede  neue  Produktion ­
  muß  aufdieDaueran  irgendeiner  Stelle  einen  neuen  Verbrauch
schaffen.  Betrachten  wir  aber  die  Wirklichkeit.  Hören  wir  auf,  „Zeit  und
Raum  außer  acht  zu  lassen“;  setzen  wir  die  Hindernisse  und  die  Reibungen
des  sozialen  Mechanismus  in  Rechnung.  Was  sehen  wir  da?  Die  unmittelbare ­
  Wirkung  der  Maschine  besteht  darin,  Arbeiter  auf  die  Straße  zu
werfen,  ihre  gegenseitige  Konkurrenz  zu  verschärfen,  die  Löhne  aller
Anderen  auf  dem  Markte  zu  erniedrigen  und  so  weiterhin  ihren  Verbrauch
und  infolgedessen  ihre  Nachfrage  zu  vermindern.  Weit  davon  entfernt,
stets  wohltätig  zu  sein,  tritt  die  nützliche  Wirkung  der  Maschinen  nur

1)  N.  P.,  I,  S.  333—334.
2 )  N.  P.,  I.  S.  220—221.
3 )  Die  Übereinstimmung  ist  aber  nicht  vollständig.  Ricardo  hat  allerdings  der
3.  Ausg.  seiner  Principles  ein  Kapitel  über  die  Maschinen  angefügt,  in  dem  er  bekennt, ­
  sich  getäuscht  zu  haben,  als  er  annahm,  daß  die  Maschinen  stets,  nach  einiger
Zeit,  den  Arbeiterinteressen  nützlich  werden.  Br  erkennt  an,  daß  die  Arbeiter  immer
unter  den  Maschinen  leiden  werden,  wenn  dieselben,  sei  es  auch  unter  Erhöhung  des
Nettoertrages,  den  Bruttoertrag  der  Industrie  verringern.  Er  scheint  zu  glauben,
daß  dieser  Fall  häufig  genug  eintreten  kann.  In  Wirklichkeit  wird  er  nur  selten  Vorkommen. ­
        <pb n="220" />
        -Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

197

dann  ein,  wenn  ihrer  Einführung-  ein  Wachstum  der  Einkünfte  und  infolgedessen ­
  eine  neue  Arbeitsmöglichkeit  für  die  Arbeiter,  deren  Stelle  sie
eingenommen  haben,  vorausgegangen  ist.  „Selbstverständlich  wird
niemand  bezweifeln,  daß  ein  Vorteil  darin  liegt,  einen  Menschen  durch
eine  Maschine  zu  ersetzen,  aber  nur,  solange  dieser  Mensch  anderweit
Arbeit  findet 1 ).“
Das  bestritten  aucl  weder  Ricardo  noch  Say,  aber  sie  behaupteten,
daß  es  gerade  die  Wirkung  der  Maschinen  sein  würde,  stets  an  irgendeiner ­
  Stelle  diese  Arbeitsnachfrage  hervorzurufen.  Sismondi  wird  in  seiner
Beweisführung  von  der  gleichen  falschen  Idee  beherrscht,  die  ihn  vorher
die  Möglichkeit  einer  allgemeinen  Überproduktion  hat  annehmen  lassen:
der  Idee,  daß  einer  Produktionsvermehrung,  die  nützlich  sein  soll,  stets
eine  neue  Nachfrage  vorausgehen  muß;  er  will  nicht  zugehen,  daß
indirekt  die  Vermehrung  der  Produktion  an  sich  diese  Nachfrage  schafft.
Was  aber  Wahres  an  dem  Gesichtspunkte  Sismondi’s  ist  —  und
man  kann  nie  genug  darauf  hinweisen,  —  das  ist  sein  Protest  gegen  die
Gleichgültigkeit  der  Klassiker  angesichts  der  Leiden,  die  die  Übergangsperioden ­
  mit  sich  bringen.
Die  klassischen  Volks  Wirtschaftler  haben  oft  das  von  der  Großmdustrie
  geschaffene  Elend  mit  demselben  Gleichmut  betrachtet,  mit
dem  die  Anhänger  Marx’  die  Katastrophen  der  Zukunft  im  Zusammenhang ­
  mit  der  notwendigen  Revolution  ins  Auge  fassen.
Zusammen  mit  vielen  anderen  Ähnlichkeiten  zwischen  den  Marxisten
Un d  den  Klassikern  ist  dies  eine  der  auffälligsten.  Sind  die  Vollkommenheiten ­
  der  neuen  Gesellschaftsordnung  nicht  einige  Opfer  wert?  Sismondi
a her  ist  Historiker.  Er  interessiert  sich  gerade  für  diese  Perioden  des

')  Nouv.  Princ.,  I,  S.  399.  Hier  muß  das  berühmte  Argument  der  Kurbel  angeführt ­
  werden;  Sismondi  fragt:  „Wenn  es  England  gelingen  sollte,  alle  Arbeit  aut
seinen  Feldern  und  in  seinen  Städten  von  Dampfmaschinen  ausführen  zu  lassen  und
nur  soviel  Bewohner  zu  haben,  wie  die  Republik  Genf,  gleichzeitig  aber  dieselbe
Produktionsmenge  und  dasselbe  Einkommen,  wie  heute,  müßte  man  es  dann  reicher
«der  ärmer  als  heute  nennen?  Ricardo  sagt  ja.  —  Folglich  ist  der  Reichtum  alles,
der  Mensch  absolut  nichts  ?  Dann  müßte  man  wahrhaftig  wünschen,  daß  der  wenig
a &amp;gt;lein  auf  seiner  Insel  lebe  und  durch  das  beständige  Drehen  einer  Kurbel  automatisch
alle  Arbeit  in  England  verrichten  lasse“  (II,  S.  329).  Man  kann  auf  den  so  formulierten
Einwurf  antworten,  daß  die  Gemeinschaft,  lange  ehe  dieser  Zustand  eintreten  könne,
S1 ch  aller  Maschinen  bemächtigt  haben  wird,  um  ihre  Erzeugnisse  unter  ihre  Mitglieder
zu  verteilen.  Die  Annahme,  daß  ein  Teil  der  Bevölkerung  ruhig  Hungers  sterben  werde,
"'ährend  der  andere  Teil  fortfährt,  die  gleiche  Menge  Erzeugnisse,  wie  früher  herzustellen, ­
  ist  widersinnig.  Im  Grunde  genommen  aber,  wenn  man  die  paradoxale  norm
außer  acht  läßt,  ist  die  Frage  Sismondi’s  nicht  zu  lösen.  Was  ist  das  bessere  Gleichgewicht ­
  zwischen  Produktion  und  Bevölkerung?  Soll  man  eine  schnell  wachsende
Bevölkerung,  deren  Reichtum  nur  wenig  wächst,  einer  stationären  oder  sogar  geringer
^erdenden  Bevölkerung,  deren  Wohlstand  sehr  groß  ist,  vorziehen?  Jedem  steht  hier
&amp;lt;he  Wahl  frei.  Die  Wissenschaft  hat  kein  Kriterium  dafür.
        <pb n="221" />
        198

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Übergangs,  die  von  einer  Ordnung  zur  anderen  führen,  und  die  so  viele
unverdiente  Leiden  mit  sich  bringen.  Er  möchte,  daß  man  ihre  Härten
lindere,  daß  man  den  Übergang  von  einer  Epoche  in  die  andere  erleichtere.
Gibt  es  einen  gerechteren  Wunsch?  Sogar  J.-B.  Say  hat  das  anerkannt 1 )
(allerdings  in  einem  recht  geringen  Maße),  und  gerade  hierin  besteht  auch
die  Aufgabe  der  Sozialpolitik.
Eine  andere  Bemerkung  Sismondi’s  ist  nicht  weniger  richtig.  Es
erregt  nicht  nur  seine  Entrüstung,  daß  die  Arbeiter  von  den  Maschinen
verjagt  werden,  sondern  auch,  daß  die  in  ihrer  Stellung  verbliebenen
Arbeiter  nur  einen  so  geringen  Anteil  an  den  Vorteilen,  die  sie  mit  sich
bringen,  erlangen 2 ).  Den  Klassikern  genügte  es,  daß  die  Arbeiter  als
Verbraucher  an  der  Verbilligung  der  Produkte  Anteil  hätten.  Sismondi
aber  verlangt  mehr.  Solange  die  Arbeit  so  erdrückend  wie  heute  ist,
würde  es  doch  nur  gerecht  sein,  daß  die  Arbeiter  von  der  Einführung
der  Maschinen  durch  Verkürzung  der  Arbeitszeit,  durch  Verlängerung
/  ihrer  „freien  Zeit“  profitierten!  Unter  der  heutigen  sozialen  Ordnung
und  dank  der  Konkurrenz,  die  sich  die  Arbeitenden  untereinander  machen,
und  deren  Ursachen  für  ihn  in  einer  Überbevölkerung  bestehen,  vermehrt
die  Maschine  die  freie  Zeit  des  Arbeiters  nicht  nur  nicht,  sondern,  indem
sie  die  Konkurrenz  verstärkt,  drückt  sie  seinen  Lohn  herab  und  zwingt
ihn,  immer  intensiver  und  immer  länger  zu  arbeiten.  Auch  hierin  scheint
uns  Sismondi  das  Kichtige  gesehen  zu  haben.  Es  ist  nicht  einzusehen,
warum  der  Verbraucher  allein  von  dem  ganzen  Vorteil  der  Maschinen
profitieren  sollte,  während  der  Arbeiter  leer  ausgeht,  wenn  es  sich  um
Gegenstände  handelt,  die  nicht  in  den  Verbrauch  des  Arbeiters  eingehen.
Es  würde  nichts  Widersinniges  an  sich  haben,  wenn  die  Vorteile  des  Fortschrittes ­
  zum  wenigsten  während  einer  gewissen  Zeit  geteilt  würden,
und  zwar  zwischen  dem  Verbraucher  und  dem  Arbeiter,  so  wie  sie  jetzt
zwischen  dem  Erfinder,  dem  Unternehmer  und  der  Gesellschaft  geteilt
werden.  Diese  Idee  liegt  übrigens  heute  der  Taktik  gewisser  Arbeiter-’)

  Siehe  weiter  oben,  S.  122.
'-)  „Wir  haben  schon  an  anderer  Stelle  gesagt,  halten  es  aber  für  wesentlich,
nochmals  darauf  hinzuweisen:  daß  das  wirkliche  Unglück  nicht  in  der  Verbesserung
der  Maschinen  begründet  ist,  sondern  in  der  ungerechten  Verteilung  ihrer  Produkte.
Um  so  mehr  Erzeugnisse  wir  mit  einer  gegebenen  Arbeitsmenge  herstellen  können,
um  so  mehr  sollten  wir,  sei  es  unsere  Annehmlichkeiten,  sei  es  unsere  Erholung  vermehren ­
  können;  der  Arbeiter,  der  sein  eigener  Herr  ist,  würde,  wenn  er  mit  Hilfe
einer  Maschine  in  zwei  Stunden  das  fertiggestellt  hat,  wozu  er  sonst  zwölf  Stunden
braucht,  nach  diesen  zwei  Stunden  mit  der  Arbeit  aufhören,  wenn  er  nicht  irgendeinen ­
  Grund  oder  einen  Zweck  hätte,  ein  größeres  Erzeugnis  zu  verwenden.  Es  liegt
an  unserer  jetzigen  Organisation,  an  der  Versklavung  des  Arbeiters,  daß  er  gezwungen
ist,  wenn  eine  Maschine  seine  Arbeitskraft  erhöht,  nicht  weniger,  sondern  mehr  Stunden
am  Tag  zu  arbeiten  und  zwar  für  denselben  Lohn“  (Nouv.  Princ.,  II,  S.  318,  Anm.)-Diese
  Stelle  zeigt  am  klarsten  den  wahren  Gedanken  Sismondi’s  über  die  Maschinen.
        <pb n="222" />
        gewerkschaften  zugrunde,  wenn  sie  eine  neue  Maschine  nur  dann  annehnren,
  wenn  ihnen  eine  Verminderung  der  Arbeitszeit  und  eine  Erhöhung
des  Lohnes  zugesichert  wird.
Auf  die  Produktion  und  die  Maschinen  angewandt,  führt  die  Methode
Sismondi’s  dazu,  hier  ganz  anders  als  die  Klassiker  zu  urteilen.  Ebenso
auch  in  bezug  auf  die  Konkurrenz.
Adam  Smith  hatte  geschrieben:  „Im  Allgemeinen  gewährt  jeder
Geschäftszweig  oder  jede  Arbeitsteilung,  wenn  sie  dem  Publikum  Vorteil
bringt,  immer  einen  um  so  größeren,  je  freier  und  allgemeiner  die  Konkurrenz ­
  ist 1 ).“  Sismondi  bestreitet  die  Richtigkeit  dieses  Satzes  und
führt  hierfür  zwei  Gründe  von  verschiedener  Beweiskraft  an.
Der  erste  beruht  auf  der  ungenauen  Idee,  die  wir  schon  oben  angetroffen ­
  haben,  nach  der  kein  Fortschritt  in  der  Produktion  von  Nutzen
ist,  wenn  ihm  keine  verstärkte  Nachfrage  vorausgeht.  Die  Konkurrenz
ist  wohltätig,  wenn  sie  die  Unternehmer  dazu  anspornt,  die  Erzeugnisse
zu  vermehren,  um  einer  steigenden  Nachfrage  zu  genügen.  Im  entgegengesetzten ­
  Falle  ist  sie  vom  Übel.  Denn  wenn  der  Verbrauch  stationär
bleibt,  so  ist  die  einzige  Wirkung  der  Konkurrenz,  einem  geschickteren
Unternehmer  oder  eihem,  dessen  Kapitalien  größer  sind,  zu  gestatten,
seine  Konkurrenten  durch  den  niederen  Preis  zu  ruinieren  und  sich  ihrer
Kundschaft  zu  bemächtigen;  das  Publikum  hat  aber  keinen  Vorteil  davon,
und  nur  zu  oft  bietet  die  Wirklichkeit  dieses  Bild;  der  Industrielle  richtet
sich  nicht  nach  dem  möglichen  Vorteil  der  Allgemeinheit,  sondern  einzig
und  allein  nach  den  Möglichkeiten,  die  sich  ihm  bieten,  seinen  persönlichen
Gewinn  zu  vergrößern.
Auch  hier  unterliegt  das  Argument  Sismondi’s  der  gleichen,  soeben
nusgeführten  Kritik:  indem  die  Wohlfeilheit  der  Produkte  einen  Teil  des
Einkommens  frei  setzt,  schafft  sie  für  andere  Produkte  eine  erhöhte  Nachfrage ­
  und  macht  so  das  Übel,  das  sie  hervorgerufen  hat,  wieder  gut.  Die
Konzentration  der  Industrie  hat  für  die  Gesellschaft  die  gleichen  Vorteile
wie  die  Maschinen,  und  ihre  Verteidigung  stützt  sich  auf  dieselben  Gründe.
Sismondi  hat  aber  gegen  die  Konkurrenz  ein  weiteres  eindruckvolleres ­
  Argument.  Die  Jagd  nach  der  Wohlfeilheit,  bemerkt  er,  bringt
die  Unternehmer  dazu,  nicht  nur  an  den  Dingen,  sondern  auch  an  den
Menschen  so  viel  wie  möglich  zu  sparen.  Überall  hat  die  Konkurrenz
es  dazu  gebracht,  daß  die  Fabriken  Kinder  und  Frauen,  anstatt  erwachsene
Männer,  beschäftigen.  Um  aus  diesen  Menschenkräften  den  größtmöglichen
Ertrag  zu  erzielen,  haben  einzelne  Unternehmer  sie  zu  einer  übermäßig
ungreifenden  Arbeit  bei  Tag  und  Nacht  gezwungen  und  zahlen  ihnen
uls  Gegenwert  nur  einen  ganz  erbärmlichen  Lohn.  Wozu  aber  nun  die
unter  solchen  Bedingungen  erzielte  Wohlfeilheit?  Der  magere  Vorteil,
den  die  Öffentlichkeit  davon  hat,  wird  durch  den  Verlust  an  Kraft  und
l )  Völkerreichtum  I,  S.  194,  B.  II,  Kap.  II,  am  Ende.

Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.
        <pb n="223" />
        200

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Gesundheit  der  Arbeiter  mehr  als  aufgewogen.  Hier  greift  die  Konkurrenz
das  kostbarste  aller  Kapitalien  an:  die  Kraft  nämlich  der  Rasse.  Er  weist
nach,  wie  die  Arbeiter  in  Grenoble  für  eine  Tagesarbeit  von  14  Stunden
6  bis  8  Sous 1 )  verdienen,  wie  sechs-  bis  achtjährige  Kinder  in  den  Spinnereien ­
  12  bis  14  Stunden  arbeiten  müssen,  und  zwar  „in  einer  Atmosphäre,
die  mit  Haaren  und  Staub  gefüllt  ist“,  und  wo  sie  an  der  Schwindsucht
sterben,  bevor  sie  20  Jahre  alt  geworden  sind.  Er  kommt  zu  dem  Schlüsse,
daß  „es  zp  teuer  wird,  die  Ausdehnung  des  nationalen  Handels  damit  zu
bezahlen,  daß  eine  unglückliche  und  allen  Leiden  ausgesetzte  Klasse
geboren  wird“,  und  in  jenem  oft  zitierten  Satz  ruft  er  aus:  „Der  Profit
eines  Unternehmers  ist  manchmal  nichts  anderes  als  eine  Beraubung  des
Arbeiters,  den  er  beschäftigt;  er  verdient  nicht,  weil  sein  Unternehmen
mehr  hervorbringt,  als  es  kostei,  sondern  weil  er  dem  Arbeiter  kein  genügendes ­
  Entgelt  für  seine  Arbeit  gewährt.  Eine  solche  Industrie  ist
ein  soziales  Übel“ 2 ).
Wer  kann  sich  der  Richtigkeit  dieses  Gedankens  Sismondi’s  entziehen? ­
  Wenn  der  billige  Preis  der  Produkte  nur  auf  Kosten  einer  beständigen ­
  Verschlechterung  der  Gesundheit  des  Arbeiters  erreicht  werden
kann,  so  ist  es  offenbar,  daß  die  Konkurrenz  mehr  Unheil  stiftet,  als
Gutes  tut.  Es  liegt  nicht  weniger  im  öffentlichen  Interesse,  diese  lebendigen
Güter  zu  schützen,  als  die  Erzeugung  toter  Güter  zu  erleichtern.  Indem
Sismondi  zeigt,  daß  die  Konkurrenz  eine  zweischneidige  Waffe  ist,  hat
er  denen  den  Weg  eröffnet,  die  in  durchaus  richtiger  Weise  vom  Staat
verlangen,  daß  er  der  Konkurrenz  Grenzen  setze  und  sie  regele.
Man  möchte  versucht  sein,  noch  weiter  zu  gehen,  und  in  der  eben
angeführten  Stelle  eine  rückhaltlose  Verurteilung  des  Profits  selbst  zu
sehen.  Das  würde  nichts  weniger  bedeuten,  als  ein  Bekenntnis  Sismondi’s
zu  den  sozialistischen  Lehren.  Man  hat  manchmal  an  ein  solches  Bekenntnis ­
  bei  ihm  geglaubt,  aber  unserer  Meinung  nach  zu  Unrecht.
Ohne  Zweifel  drückt  sich  Sismondi  an  gewissen  Stellen  so  aus,  wie
es  später  Owen,  die  Saint-Simonisten  und  Majr^x  taten.  So  liest  man
z.  B.  in  seinen  Untersuchungen  über  die  Nationalökonomie  Stellen,  wie
die  folgende:  „Man  könnte  fast  sagen,  daß  die  moderne  Gesellschaft  auf
Kosten  des  Proletariats  lebt,  nämlich  von  dem  Teil,  den  sie  ihm  von  dem
Gegenwert  seiner  Arbeit  vorenthält 3 );“  und  an  anderer  Stelle  sagt  er,
daß  „es  eine  Beraubung,  ja  ein  Diebstahl  ist,  den  der  Reiche  am
Armen  verübt,  wenn  der  Reiche  der  fruchtbaren  und  gut  bewirtschafteten
Erde  ein  Einkommen  abzwingt,  das  ihm  gestattet,  im  Überfluß  zu
schwimmen,  während  der  Arbeiter  selbst,  der  dieses  Einkommen  über-*)

  1  sou  =  4  Pfennig  (1913)  (Anm.  d.  Übers.).
2 )  N.  P.,  I,  S.  92.
3 )  fitudes  sur  l’Üconomie  politique,  I,  S.  35.
        <pb n="224" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

201

haupt  erst  hervorbringt  .  .  Hungers  stirbt,  ohne  Teil  an  diesem  Einkommen ­
  haben  zu  können“ 1 ).
An  einigen  Stellen  scheint  Sismondi  schon  die  MARx’sche  Theorie
des  Mehrwertes  anzukündigen,  indem  er  sich  des  Ausdruckes  „Überwert“ ­
  (Mieux-value)  bedient 2 ).  In  Wirklichkeit  sind  das  aber  nur  Wortanalogien. ­
  Wenn  Sismondi  vom  „Überwert“  spricht,  will  er  damit  den
stetig  wachsenden  Wert  bezeichnen,  der  in  allen  fortschrittlichen  Ländern
jährlich  nicht  nur  von  der  Arbeit  allein,  sondern  dank  dem  gemeinsamen ­
  Zusammenwirken  von  Arbeit  und  Kapital  geschaffen  wird 3 ).
Üie  Idee,  die  Marx  aufstellte,  daß  die  Arbeit  allein  den  Wert  schafft,
und  daß  infolgedessen  der  Gewinn  und  die  Zinsen  einen  Diebstahl  darstellen, ­
  der  an  dem  Arbeiter  begangen  wird,  ist  ihm  völlig  fremd.  Sismondi
erkennt  wohl  an,  daß  die  Einkünfte  des  Großgrundbesitzers  und  des
Kapitalisten  auf  einer  Arbeit  beruhen,  die  sie  nicht  getan  haben;  mit
Recht  unterscheidet  er  das  Einkommen  aus  Arbeit  und  das  aus  Eigentum;
aber  in  seinen  Augen  ist  das  letztere  nicht  weniger  berechtigt  als  das
e rstere,  denn,  sagt  er,  diejenigen,  die  von  einem  Einkommen  ohne  Arbeit
profitieren,  „haben  ein  andauerndes  Recht  darauf  erworben  durch  eine
»primäre“  Arbeit,  die  die  „gegenwärtige“  Arbeit  vorteilhafter  gemacht
hat“ 4 ).  Wenn  Sismondi  schreibt,  daß  der  Arbeiter  beraubt  wird,  so
wdl  er  damit  einfach  sagen,  daß  manchmal  der  Arbeiter  nicht  genügend
bezahlt  wird,  nicht  genügend  erhält,  um  davon  leben  zu  können,

*)  Ebenda,  S.  274—276.
2 )  N.  P„  I,  S.  103.
3 )  Wir  stimmen  in  diesem  Punkte  nicht  mit  der  Darlegung,  die  Aftalion  von
*eser  Stelle  in  seiner,  übrigens  ausgezeichneten  Monographie:  L’CEuvre  öconomique
®  Simonde  de  Sismondi,  Paris  1899,  gibt,  überein,  wie  auch  nicht  mit  der,  die
enis  in  seiner  Histoire  des  Systömes  öconomiques,  II,  S.  306,  ausführt.  Der
lext  Sismondi’s  scheint  uns  keinen  Raum  für  irgendeinen  Zweifel  zu  lassen:  „Im
Gegensatz  zum  Boden  könnte  man  die  beiden  anderen  Quellen  des  Reichtums  zusammenfassen: ­
  in  das  Leben,  das  die  Arbeitsfähigkeit  gibt,  und  in  das  Kapital,  das  die
.eit  eß Uohnt.  Wenn  diese  beiden  Mächte  vereinigt  sind,  so  besitzen  sie  zusammen
e ’ ae  Expansivkraft,  und  die  Arbeit,  die  der  Arbeiter  in  einem  Jahr  vollbringt,  wird
3  ets  mehr  wert  sein,  als  die  Arbeit  des  vorhergehenden  Jahres,  die  dem  Arbeiter  den
ebensunterhalt  geliefert  hat.  Infolge  dieses  Uberwertes  (Mieux-valüe),  der  um  so
großer  ist,  je  größer  der  Fortschritt,  den  die  Kunstfertigkeiten  und  die  Wissenschaft
! a  7l rer  Anwendung  auf  das  Kunstgewerbe  gemacht  haben,  erzeugt  die  Industrie  ein
«ständiges  Wachstum  des  Reichtums“  (N.  P.,  I,  S.  103).
‘)  N.  P.,  I,  S.  111—112.  Vgl.  auch  S.  87:  „Der  Reichtum  jedoch  nimmt  an  seiner
Arbeit  teil,  und  der,  der  ihn  besitzt,  nimmt  dem  Arbeiter,  als  Gegenwert  für  die
di e  er  ihm  leistet,  einen  Teil  dessen,  was  der  Arbeiter  über  seinen  Unterhalt ­
  hinaus,  erzeugt  hat.“  —  Dieser  Teil  ist  allerdings  groß:  „Der  Unternehmer  bemüht
f lca ’dem  Arbeiter  nur  gerade  das  zu  lassen,  was  ihm  zum  Leben  notwendig  ist,  und
«hält  für  sich  selbst  alles  das,  was  der  Arbeiter  über  das  zum  Leben  Notwendige  hinaus
«zeugt  hat“  (ebenda,  S.  103).  Diese  Tatsache  hat  aber  nichts  Zwingendes  an  sich  und
«rgmt  sich  nicht,  wie  bei  Marx  aus  dem  Wertgesetz.
        <pb n="225" />
        202

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

daß  er  vom  Gesichtspunkt  der  Menschlichkeit  aus  besser  entlohnt
werden  müsse,  aber  keineswegs  will  er  damit  sagen,  daß  die  Aneignung
eines  Teiles  des  gesellschaftlichen  Erzeugnisses  durch  den  Grundbesitzer
oder  Kapitalisten  an  und  für  sich  ungerecht  sei 1 ).  Sein  Standpunkt  ist
nicht  von  dem  verschieden,  auf  den  sich  späterhin  die  deutschen  Staatssozialisten ­
  stellen  werden,  um  ihre  soziale  Politik  zu  rechtfertigen.
Wenn  aber  die  Kritik  Sismondi’s  nicht  zum  Sozialismus  führt,  so
erschüttert  sie  doch  in  ganz  besonderer  Weise  den  Liberalismus.  Sie
weist  nämlich  schlagend  die  Fehlerhaftigkeit  des  von  den  Physiokraten
aufgestellten  Theorems  nach,  um  dessen  Beweis  sich  auch  Smith  bemüht ­
  hatte:  die  natürliche  Übereinstimmung  des  persönlichen  Interesses
mit  dem  der  Allgemeinheit.  Es  ist  wahr,  daß,  als  Smith  diese  Behauptung
aufstellte,  er  fast  ausschließlich  an  die  Produktion  dachte,  und  es  ist
gerade  das  Verdienst  Sismondi’s,  ihre  Tragweite  mit  Hinsicht  auf  die
Güterverteilung  untersucht  zu  haben.  Sismondi  wird  durch  die  Untersuchung ­
  der  Tatsachen  dazu  gezwungen,  gerade  die  Grundlage  des  wirtschaftlichen ­
  Liberalismus  zu  bestreiten.  Eigentümlicherweise  ist  er  selbst
darüber  erstaunt.  A  priori  erscheint  ihm*  die  Theorie  von  der  Übereinstimmung ­
  des  persönlichen  mit  dem  allgemeinen  Interesse  richtig.  Beruht
sie  doch  auf  dem  doppelten  Gedankengang:  „daß  ein  jeder  sein  persönliches ­
  Interesse  besser  versteht,  als  es  eine  unwissende  und  unaufmerksame
Regierung  verstehen  kann,  und  daß  das  Interesse  eines  jeden  das  Interesse
aller  bildet.“  „Nun  ist  sowohl  das  eine  wie  das  andere  Axiom  richtig 2 )- 1
Woher  kommt  es  dann,  daß  die  Tatsachen  dieser  Schlußfolgerung  entgegen ­
  laufen?
Hier  berühren  wir  den  Mittelpunkt  der  Gedanken  Stsmondi’s,  den
Punkt,  wo  er  den  Bereich  der  reinen  Ökonomik,  in  deren  Grenzen  sich
die  Klassiker  gehalten  hatten,  verläßt  und  zu  etwas  Neuem  übergeht:
nämlich  zu  der  Verteilung  des  Eigentums.  Sismondi  findet  in  einer  sozialen
Ursache,  nämlich  in  der  ungleichmäßigen  Verteilung  des  Eigentums
unter  den  Menschen,  und  in  der  ungleichen  Macht,  die  sich  daraus  für
die  Kontrahenten  ergibt,  die  Erklärung  des  Widerspruches  zwischen
den  privaten  und  den  allgemeinen  Interessen,  der  ihm  auffällt 3 ).

*)  „Der  Arme  erwirbt  durch  seine  Arbeit  und  durch  seine  Achtung  für  das  Eigentum ­
  anderer  ein  Anrecht  auf  eine  Wohnung  und  auf  reinliche  und  gesunde  Kleidung,
auf  eine  ausreichende  Nahrung,  die  genügend  mannigfaltig  ist,  um  seine  Kräfte  und
seine  Gesundheit  zu  erhalten,  usw.  Erst  wenn  all  dieses  dem  Armen  aus  der  Frucht
seiner  Arbeit  gesichert  ist,  beginnt  das  Recht  des  Reichen.  Nur  das  Überflüssige,
nachdem  das  Leben  Aller  sichergestellt  ist,  bildet  das  Einkommen  des  Reichen“
(Ütudes  sur  l’Üconomie  politique,  I,  S.  273).  Hier  ist  klar  ersichtlich,  in  welchem
Sinne  Sismondi  von  Beraubung  spricht.
2 )  Nouv.  Princ.,  I,  S.  407,  vgl.  auch  S.  200—201.
3 )  „Das  vom  Interesse  der  Anderen  begrenzte  Interesse  eines  jeden  würde  allerdings ­
  das  Interesse  Aller  sein;  da  aber  ein  jeder  seinen  Nutzen  auf  Kosten  der  Anderen,
        <pb n="226" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

203

§  3.  Die  Trennung  des  Eigentums  und  der  Arbeit.
Die  Erklärung^  des  Pauperismus  und  der  Krisen.

Sismondi  ist  der  erste,  der  die  Idee  formuliert  hat,  daß  die  industrielle ­
  Gesellschaft  darauf  hinstrebt,  sich  in  zwei  voneinander  durchaus
verschiedene  Klassen  zu  teilen,  nämlich  in  die  der  Arbeiter  und  die  der
Besitzer,  oder  wie  er  auch  sagt:  der  Armen  und  der  Reichen.  Die  Konkurrenzfreiheit ­
  beschleunigt  diese  Trennung,  indem  sie  alle  Zwischenglieder ­
  verschwinden  läßt,  um  nur  noch  die  Proletarier 1 )  und  die  Kapitalisten ­
  übrig  zu  lassen.  „Die  Zwischenglieder“,  sagt  er  an  einer  Stelle,
„sind  verschwunden;  die  kleinen  Grundbesitzer,  die  kleinen  Pächter
auf  dem  Lande,  die  kleinen  Besitzer  von  Werkstätten,  die  kleinen  Fabrikanten, ­
  die  kleinen  Händler  in  den  Städten  haben  die  Konkurrenz  derer,
die  große  Unternehmungen  dirigieren,  nicht  aushalten  können.  In  der
Gesellschaft  ist  nur  noch  Platz  für  den  Großkapitalisten  und  den  Lohner
 upfänger,  und  in  erschreckender  Weise  hat  man  die  Klasse  der  Menschen,
die  früher  fast  unbekannt  war,  wachsen  sehen,  nämlich  die  der  Menschen,
die  überhaupt  keinen  Besitz  haben 2 ).“  „Die  Gesellschaft  steht  daher
unter  ganz  neuen  Existenzbedingungen,  über  die  wir  bisher  noch  keine
Erfahrung  besitzen.  Die  Tendenz  geht  dahin,  jede  Art  von  Eigentum
v °n  jeder  Art  von  Arbeit  zu  trennen.  Da  liegt  die  Gefahr,  auf  die  ich
hinweise 3 ).“
Dieses  Gesetz  der  kapitalistischen  Konzentration,  das  in  dem  System
v un  Marx  eine  so  bedeutende  Rolle  spielen  sollte,  und  das,  wenn  es  in
Hinsicht  auf  die  Unternehmungen  wahr  ist,  sich  deshalb  noch  nicht  auf
das  Eigentum  anwenden  zu  lassen  scheint  —•  in  dem  Sinne,  daß  eine  Konze
 utration  der  Arbeit  durchaus  mit  einer  Zerstückelung  des  Eigentums
vereinbar  ist,  —  dieses  berühmte  Gesetz  findet  in  Sismondi  seinen  ersten
Anhänger.  Seine  Darstellung  desselben  ist  wirklich  ergreifend.  Er  zeigt,
'vie  seine  Verheerungen  sich  zur  gleichen  Zeit  in  der  Landwirtschaft,
ui  der  Industrie  und  im  Handel  bemerkbar  machen:  „Alle  Arbeit  Englands,
dessen  Oberfläche  auf  34250000  Acker  geschätzt  wird,  wurde  im  Jahre

wie  auch  in  der  Entwicklung  seiner  eigenen  Hillsmittel  sucht  und^n  ^  starke  se j nen
Kräfte,  die  seinen  eigenen  gleich  sind,  zurückgeha  en’  J  n  das  kleinste  Übel
Vorteil  im  Nehmen  und  der  Schwache  im  NichtwidersÄ  j  g.  407;
ist,  ebenso  wie  das  höchste  Gute,  der  Zweck  der  menschhchen  Uoi.t.K  t
vgl.  auch  infra,  S.  204,  Anm.  1).  ,,  :i.i.„ n  ; n  dem  allgemeinen
0  „Die  Hauptumwälzung,  die  in  der  Gesellscha  t  mitten  ^  ^
von  der  Konkurrenz  geschaffenen  Kampf  em &amp;amp;®  1  Mph  sehen  des  Proletariers,  dessen
Proletariers  unter  den  Lebensbedmgungen  *  durc haus  neuzeitlich  ist“  (fitudes,
«len  Römern  entlehnter  Name  alt,  während  er  selbst  durcnaus  nt
*’  S '  ÜRevue  mensuelle  d’Üconomie  Politique,  II,  1834,  S.  124.
ä )  N.  P„  II,  S.  434.
        <pb n="227" />
        204

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

1831  von  1046982  Landarbeitern  getan,  und  man  hofft,  diese  Zahl  noch
zu  verringern.  Nicht  nur  sind  alle  kleinen  Pächter  zu  Tagelöhnern  geworden, ­
  sondern  eine  noch  größere  Zahl  von  Tagelöhnern  sind  gezwungen
worden,  die  Landarbeit  überhaupt  aufzugeben.  Die  Industrie  in  den
Städten  hat  das  Prinzip  der  Vereinigung  der  Kräfte,  der  Vereinigung
der  Kapitalien,  mit  noch  größerer  Kraft  als  die  Landwirtschaft  angenommen. ­
  —  Die  Fabrikanten,  die  mit  einem  Grundkapital  von  1000  Pfund
arbeiteten,  sind  in  England  zuerst  verschwunden,  bald  darauf  wurden
die,  die  mit  einem  Kapital  von  10000  Pfund  (200000  Mk.)  arbeiteten,
als  zu  klein  angesehen;  sie  wurden  ruiniert,  um  ihren  Platz  größeren  zu
überlassen;  heute  werden  schon  die,  die  mit  einem  Kapital  von  100000  Pfund
arbeiten,  unter  die  mittleren  gerechnet,  und  der  Augenblick  ist  vielleicht
nicht  fern,  wo  nur  die  imstande  sein  werden,  die  Konkurrenz  auszuhalten,
die  mit  einem  Kapital  von  einer  Million  Pfund  Sterling  arbeiten  .  .  .  Die
Großmühlen  in  der  Gironde  ruinieren  die  Müller,  die  Faßfabrikanten  in
der  Loiregegend  die  Böttcher  ..  .,  die  Dampfschiff-,  Diligenzen-,  Omnibusund
  Eisenbahnunternehmen,  die  sich  auf  riesige  Kapitalien  stützen,
verdrängen  die  dürftigen  Berufe  der  selbständigen  Schiffer,  Wagenhalter
und  Kärrner  .  .  .  Reiche  Detailkaufleute  haben  ihre  gewaltigen  Läden
in  den  großen  Städten  eröffnet  und  erbieten  sich,  mit  Hilfe  der  schnellen
Transportmittel,  die  jetzt  erfunden  sind,  die  Verbraucher  bis  zu  den
Grenzen  jedes  Reiches  zu  versorgen.  Sie  sind  im  Begriff,  auf  diese  Weise
alle  Großkaufleute  und  alle  Kleinhändler  zu  unterdrücken,  alle  kleinen
Händler,  alle  kleinen  Krämer,  die  die  Provinz  bevölkerten,  und  sie  setzen
an  Stelle  dieser  selbständigen  Leute  Kommis,  Lohnempfänger,  Proletarier“ ­
 1 ).
Betrachten  wir  nun  die  Folgen  eines  derartigen  Zustandes  der  Dinge.
In  dem  Gegensatz  zwischen  diesen  beiden  sozialen  Klassen,  in  dem  sich
alle  Unterschiede  von  früher  aufzulösen  streben,  finden  wir  die  Erklärung
des  Elendes  der  Arbeiter,  wie  auch  die  der  wirtschu  ftlichen  Krisen.
Woher  kommt  denn  das  Elend  der  Arbeiter,  wenn  nicht  davon,
daß  sie  in  zu  großer  Anzahl  für  die  Nachfrage  nach  Arbeit  vorhanden
sind  und  sich  daher  gezwungen  sehen,  jeden  Lohn  anzunehmen,  nur
um  leben  zu  können,  auch  wenn  er  gegen  ihr  eigenes  Interesse  und  das
ihrer  ganzen  Klasse  verstößt? 2 )  Wer  hat  nun  den  „Armen  in  die  Not-0
  Etudes  sur  l’Economie  politique,  Einleitung,  S.  39ff.
=)  „Es  ist  eine  Wahrheit,  auf  die  die  Volkswirtschaftler  oft  nachdrücklich  hingewiesen ­
  haben,  daß  nämlich  jeder  Einzelne  seinen  eigenen  Vorteil  viel  besser  wahrnehmen ­
  kann,  als  das  irgendeiner  Regierung  möglich  ist.  Sie  haben  aber  vorschnell
behauptet,  daß  das  Interesse  eines  jeden,  ein  größeres  Übel  zu  vermeiden,  mit  dem
allgemeinen  Interesse  übereinstimmen  muß.  Es  liegt  im  Interesse  dessen,  der  von
der  Beraubung  seines  Nächsten  lebt,  ihn  zu  bestehlen;  es  liegt  im  Interesse  des  Beraubten, ­
  das  geschehen  zu  lassen,  wenn  der  Andere  die  Macht  besitzt,  um  nicht  totgeschlagen ­
  zu  werden;  es  liegt  aber  nicht  im  Interesse  der  Gesellschaft,  daß  der  Eine
        <pb n="228" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

205

wendigkeit  versetzt,  sich  diesen  drückenden  und  ständig  drückender
werdenden  Bedingungen  bei  Strafe  des  Hungertodes  zu  unterwerfen?“
Was  anders  als  die  Trennung  zwischen  Eigentum  und  Arbeit? 1 )  Wenn
der  Arbeiter  wie  früher  ein  unabhängiger  Handwerker  wäre,  könnte  er
sein  Einkommen  ungefähr  voraussehen  und  infolgedessen  die  Zahl  seiner
Kinder  beschränken,  denn  die  Bevölkerung  regelt  sich  stets  nach  dem
Einkommen 2 ).  Heutigen  Tages,  wo  er  ohne  jeden  Besitz  ist,  kommt
sein  ganzes  Einkommen  von  dem  Kapitalisten,  der  ihn  angestellt  hat.
In  völliger  Unkenntnis  über  die  zukünftige  Nachfrage  nach  Produkten
und  der  Menge  von  Arbeit,  die  notwendig  sein  wird,  hat  er  keinen  Grund
mehr,  seine  Voraussicht  zu  gebrauchen,  und  gebraucht  sie  auch  nicht
mehr.  Die  Bevölkerung  wächst  oder  vermindert  sich  nach  dem  Gutdünken ­
  des  Kapitalisten.  „Jedesmal,  wenn  Arbeit  verlangt  wird  und
man  dafür  einen  genügenden  Lohn  anbietet,  wird  der  Arbeiter,  der  ihn
gewinnen  will,  geboren  ...  Wenn  die  Nachfrage  aufhört,  geht  der  Arbeiter
zugrunde“ 3 ).
Diese  Theorie  über  Bevölkerung  und  Lohn  ist  in  Wirklichkeit  nichts
anderes  als  die,  die  A.  Smith  aufgestellt  hatte,  für  den  die  Menschen,
wie  jede  andere  Ware,  nach  den  Bedürfnissen  der  Produktion  sich  vermehren ­
  oder  sich  Vermindern.  Weit  davon  entfernt,  hierin  einen  Beweis
der  harmonischen  Anpassung  zwischen  Angebot  und  Nachfrage  zu  sehen,
erblickt  Sismondi  hierin  vielmehr  die  traurigen  Folgen  der  Trennung
zwischen  dem  Vermögen  und  der  Arbeit 4 ).  Sismondi  und  Smith  verdächtig ­

  ist,  und  daß  der  Andere  unterliegt,  ...  Es  liegt  ohne  Zweifel  im  Interesse  des
Tagelöhners,  daß  der  Lohn  einer  zehnstündigen  Tagesarbeit  genüge,  um  seinen  Lebensunterhalt ­
  zu  bestreiten  und  seine  Künder  zu  erziehen  .  .  .  Das  liegt  auch  im  Interesse
'kr  Gesellschaft,  aber  das  Interesse  eines  beschäftigungslosen  Tagesarbeiters  bedingt,
daß  er  um  jeden  Preis  E.ot  schaffe;  er  wird  14  Stunden  am  Tage  arbeiten  und  seine
Kinder  mit  10  Jahren  in  die  Fabrik  schicken.  Er  setzt  mit  seiner  Gesundheit  und
seinem  Leben  die  Existenz  seiner  ganzen  Klasse  aufs  Spiel,  um  einem  bestehenden,
drückenden  Bedürfnis  zu  entgehen  (Nouv.  Princ.,  I,  S.  200—201).
b  N.  P„  I,  S.  201.

b  „Die  Bevölkerung  regelt  sich  daher  einzig  nach  dem  Einkommen,  und  wenn
s &amp;gt;e  dieses  Verhältnis  überschreitet,  so  haben  sich  die  Väter  über  die  Höhe  ihres  Lmkommens
  getäuscht  oder  vielmehr,  die  Gesellschaft  hat  sie  darüber  getäuscht  (JN.  P.,
II.  S.  254).  .  .  .“  Je  weniger  Besitz  der  Arme  hat,  um  so  leichter  irrt  er  sich  über  sein
Einkommen,  und  um  so  leichter  trägt  er  zum  Wachstum  einer  Bevölkerung  bei,  die
licht  mit  der  Nachfrage  nach  Arbeit  übereinstimmt  und  daher  ohne  Unterhaltsmittel
bleiben  muß  (ebenda,  S.  264).
b  N.  P„  II,  286.  J .  T&amp;gt; .  ,  „  ,
b  Sismondi  glaubt  nicht,  worauf  wir  hinweisen  wollen,  an  die  Richtigkeit  der
Bevölkerungstheorie  von  Malthus.  Er  gibt  nicht  zu,  daß  die  Bevölkerung  von  der
Menge  der  Lebensmittel  abhänge,  sondern  sie  unterliegt  dem  Willen  der  Grundbesitzer,
durch  ihre  Nachfrage  anspornen  oder  zügeln,  und  die  ein  Interesse  an  lhier
Begrenzung  haben,  um  den  höchsten  Reinertrag  zu  erzielen.  „Niemals  hat  die  Bevölkerung
  die  mögliche  Grenze  der  Lebensmittel  erreicht  und  aller  Wahrscheinlichkeit
        <pb n="229" />
        206

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

fallen  übrigens  in  den  gleichen  Fehler,  den  Malthus  und  Eicardo  begangen
haben:  sie  bilden  sich  ein,  daß  die  hohen  Löhne  notwendigerweise  zu
einer  Vermehrung  der  Bevölkerung  führen,  —  während  die  Tatsachen
heute  zu  zeigen  scheinen,  daß  die  Gewohnheiten  eines  größeren  Wohlstandes ­
  im  Gegenteil  unter  gewissen  Bedingungen  darauf  hinzielen,  sie
zu  beschränken.  Was  auch  immer  daran  sei,  die  nicht  besitzende  Klasse,
d.  h.  die  Mehrheit  des  Volkes,  wird  als  ein  einfaches  Instrument  in  der
Hand  der  Besitzenden  angesehen.  Wie  es  ihrer  Laune  oder  ihrem  Interesse
paßt,  nehmen  sie  es  auf  oder  werfen  es  weg.
Was  im  Hinblick  auf  die  Industriearbeiter  wahr  ist,  ist  nicht  weniger
wahr  im  Hinblick  auf  die  Landarbeiter,  und  Sismondi  führt  hier  die
berühmte  Unterscheidung  zwischen  Nettoertrag  und  Bruttoertrag
ein,  die  seit  ihm  so  viele  Nationalökonomen  beschäftigt  hat.  Wenn  alle
Landleute  Besitzer  ihres  Bodens  wären,  würden  sie  sicher  sein,  auf  ihren
Feldern  wenigstens  ihren  Unterhalt  und  Sicherheit  des  Lebens  finden
zu  können.  Sie  würden  niemals  den  Bruttoertrag  unter  die  Grenze  sinken
lassen,  die  genügend  ist,  ihren  Lebensunterhalt  zu  sichern 1 ).  Aber  mit
dem  großen  Grundbesitz,  mit  der  Umwandlung  des  Bauern  zum  einfachen
Landarbeiter  verändern  sich  die  Dinge.  Der  Großgrundbesitzer  hat  nur
den  Nettoertrag  im  Auge,  den  Unterschied  zwischen  den  Kosten  der
Produktion  und  dem  Verkaufspreise.  Es  kommt  ihm  nicht  darauf  an,"(len
Nettoertrag  zu  erhöhen  und  den  Bruttoertrag  zu  opfern.  Nehmen  wir
z.  B.  ein  Gut  an,  das  bei  guter  Bewirtschaftung  dem  Pächter  1000  Taler
Bruttoertrag  und  dem  Besitzer  100  Taler  Pacht  bringen  würde;  der  Besitzer ­
  rechnet  sich  aus,  daß  er  110  Taler  einnehmen  wird,  wenn  er  es
brach  liegen  läßt  und  es  als  Weideland  verpachtet.  „Er  wird  seinen
Gärtner  oder  seinen  Winzer  fortschicken  und  so  10  Taler  gewinnen;  das
Volk  aber  verliert  dabei  890  Taler.  Es  läßt  ohne  Verwendung  und  infolgedessen ­
  ohne  Gewinn  all  die  Kapitalien,  die  diese  so  reichliche  Produktion
schufen:  es  läßt  ohne  Arbeit  und  folglich  ohne  Einkommen  all  die  Tagelöhner, ­
  deren  Arbeit  dieses  Erzeugnis  darstellte“ 2 ).  Und  unter  der  Feder

nach  wird  sie  es  auch  niemals  tun.  Alle  die,  die  Lebensmittel  brauchen,  haben  weder
die  Mittel,  noch  das  Recht,  sie  der  Erde  abzuverlangen;  und  die,  die  im  Gegenteil  das
gesetzliche  Monopolrecht  am  Boden  haben,  haben  kein  Interesse  daran,  ihm  seinen
Höchstertrag  an  Lebensmitteln  abzufordern.  In  allen  Ländern  haben  sich  die  Eigentümer
einem  Bewirtschaftungssystem  widersetzt,  und  haben  sich  ihm  widersetzen  müssen,
das  nur  auf  eine  Vermehrung  der  Lebensmittel  und  nicht  auf  eine  Vennehrung  der
Einkünfte  abzielte.  Lange  bevor  die  Bevölkerung  durch  die  Unmöglichkeit,  in  der
sich  ein  Land  befinden  kann,  mehr  Lebensmittel  hervorzubringen,  eingeschränkt  wird,
wird  ihr  durch  die  Unmöglichkeit  Einhalt  geboten,  in  der  sich  diese  Bevölkerung  befindet, ­
  Lebensmittel  zu  kaufen  oder  an  ihrer  Erzeugung  zu  arbeiten“  (N.  P-,  H»
S.  269—170).
»)  N.  P„  I,  S.  263—264.
-)  N.  P„  I,  S.  153.
        <pb n="230" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

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des  Schriftstellers  mehren  und  mehren  sich  die  Beispiele:  da  ist  die  Herzogin
von  Strafford  und  andere  große  schottische  Grundbesitzer,  die,  um"  di&amp;amp;:  ,
alten  Felder  in  große  Weideländer  umzuwandeln,  die  Pächter  von  ihren
Wohnstätten  verjagen,  sie  in  die  Städte  treiben  und  sie  zusammenhudeln,
um  sie  nach  Amerika  abzuschieben.  In  Italien  ist  es  die  Handvoll  jener
Spekulanten,  die  mercanti  di  tenute  genannt  wurden,  die  aus  den
gleichen  Gründen  die  Wiederbevölkerung  und  die  Bewirtschaftung  der
römischen  Campagna  verhindern,  „dieses  so  außerordentlich  fruchtbaren
Landes,  wo  früher  5  ,,arpents“ 1 )eineFamilie  ernäherten  und  einen  Soldaten
großzogen!“  —  und  aus  der  heute  nach  und  nach  „die  einzelnen  Häuser,
( üe  Dörfer,  die  ganze  Bevölkerung,  die  Einfriedigungen,  die  Weingärten,
die  Olivenbäume,  und  alle  Erzeugnisse,  die  eine  beständige  Aufmerksamkeit, ­
  die  Arbeit  und  besonders  die  Liebe  des  Menschen  verlangen“,
verschwunden  sind,  um  Viehherden  und  einigen  Hirten  Platz  zu  machen 2 ).
Diese  Kritik  ist  an  und  für  sich  richtig,  aber  sie  klagt  die  Mißbräuche
des  Privateigentums  an  und  nicht  das  Prinzip  des  Nettoproduktes,  —
denn  der  bäuerliche  Besitzer  würde  dieses  Prinzip  nicht  weniger  in  Anwendung ­
  bringen,  wie  es  der  Großgrundbesitzer  tut;  es  ist  überall  dort
unvermeidlich,  wo  die  Produktion  sich  in  Hinsicht  auf  einen  Markt
vollzieht 3 ).
Dieser  gleiche  Gegensatz  zwischen  Eigentum  und  Arbeit  dient  auch
Zur  Erklärung  der  wirtschaftlichen  Krisen.
Nach  Sismondi  beruhen  sie  zu  einem  Teil  auf  der  Schwierigkeit,
den  zu  groß  gewordenen  Markt  genau  zu  kennen,  sowie  auf  der  Tatsache, ­
  daß  die  Produzenten  sich  mehr  von  der  Größe  ihrer  Kapitalien,
a .ls  von  den  Bedürfnissen  des  Marktes  leiten  lassen 4 ).  Vor  allem  aber
Slß d  sie  in  der  schlechten  Verteilung  der  Einkommen  begründet.  Die

’)  1  arpent  (arepenna  der  Gallier):  etwa  ^'und*Bruttoertrages  hat  Sismondi
»)  N.  P  I,  S.  325.  Dieses  Problem  des  Netto-  und  ß™  n 5 Werk;  Tab leau
von  Anfang  an  beschäftigt.  Er  behi, e ®sich  bestimmt  für  den  Bruttode ­
  l’Agriculture  toscane  (Genf,  1801),  un  •  en;  sollte  man  den
ertrag  auszusprechen,  neigt  er  schon  dazu,  e  .,„ kr  für  den  Staat  betrachten,
hohen  Gewinn  eines  einzigen  reichen  Pachters  als  nützlich«  ?  (  l91 _ 192) .  Dieses
als  den  geringen  Lohn  vieler  tausend  Arbeiter  landwirtschaftlichen  Praxis
W|v rk  beschäftigt  sich  übrigens  hauptsächlichi  m  Hicr  findet  sich  auch
und  enthält  nur  wenige  volkswirtschaftliche  ViU'hiuso  (S.  219ff-)-die
  formvollendete  Beschreibung  seiner  Meierei  n  ..  .  ^  Produktion  für  den
_  a )  Es  ist  richtig,  daß  Sismondi  das  G f rel ^  “L  ,  nicht  den  Preisschwankungen
^arkt  entziehen  wollte,  —  um  die  nationalen  Lebensmit  Bruttoertrag  nicht
des  Marktes  auszusetzen  (N.  P-,  I,  S.  263-264)  E r  f  eUtaucn  ^  ^  _
alst  absolutes  Ziel  hin,  sondern  erkennt  an,  daß  „«•  sein  kann “,  wenn  die  Beitrages ­
  seinerseits  von  einem  krankhaften  Aus  an  ^  hieraus,  ein  wie  schwankonvölkerung
  zu  schnell  wächst  (ebenda,  I,  S.  loo).
der  Charakter  er  war.
*)  N.  P.,  I,  S.  368.
        <pb n="231" />
        208

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Trennung  von  Eigentum  und  Arbeit  hat  zur  Folge,  daß  nur  die  Einkünfte ­
  der  Besitzenden  steigen  können;  die  der  Arbeiter  bleiben  stets
auf  das  Existenzminimum  beschränkt.  Infolgedessen  ergibt  sich  daraus
ein  Mangel  an  Harmonie  in  der  Nachfrage  nach  dpn  Erzeugnissen.  Mit
einem  gleichmäßig  verteilten  Besitzstände  und  einem  ungefähr  gleichmäßigen ­
  Steigen  der  Einkommen  würde  auch  eine  gewisse  Gleichmäßigkeit ­
  in  der  Vermehrung  der  Nachfrage  Hand  in  Hand  gehen.  Die  gewöhnlichen ­
  Industriezweige,  die  die  wesentlichen  und  allgemeinsten  Bedürfnisse ­
  befriedigen,  würden  ihre  Produktion  regelmäßig  und  ohne  Sprünge
steigen  sehen.  Aber  tatsächlich  wachsen  nur  die  Einkünfte  der  Reichen.
An  Stelle  der  Nachfrage  nach  den  gewöhnlichen  Gegenständen  wird  daher
eine  wachsende  Nachfrage  nach  verfeinerten  Gegenständen  treten,  wodurch ­
  die  Grundindustrien  vernachlässigt  und  Industrien  des  Luxus
geschaffen  werden;  wenn  diese  letzteren  sich  nicht  schnell  genug  vermehren,
so  wird  die  Nachfrage  nach  Gegenständen  zur  Befriedigung  des  höheren
Geschmackes  sich  an  das  Ausland  wenden.  Was  ergibt  sich  nun  aus
diesem  beständigen  Wechsel?  Die  verlassenen  alten  Industrien  sind  gezwungen, ­
  ihre  Arbeiter  zu  entlassen;  andererseits  können  sich  die  neuen
Industrien  nur  langsam  entwickeln;  in  der  Zwischenzeit  sind  die  entlassenen ­
  und  arbeitslosen  Arbeiter  darauf  angewiesen,  ebenfalls  ihren
Verbrauch  an  gewöhnlichen  Lebensmitteln  einzuschränken;  hieraus
ergibt  sich  ein  beständiger  Unterkonsum,  der  notwendigerweise  d* e
entsprechenden  Krisen  herbeiführt.  „Durch  die  Konzentration  der
Vermögen  in  der  Hand  einer  geringen  Anzahl  von  Eigentümern  verengert ­
  sich  der  Inlandsmarkt  immer  mehr;  die  Industrie  wird  ständig
stärker  darauf  hingedrängt,  ihre  Absatzgebiete  auf  ausländischen
Märkten  zu  suchen,  wo  noch  größere  Umwälzungen  sie  bedrohen“ 1 )-Daher
  ist  „der  Verbrauch  eines  millionenreichen  Fabrikherrn,  unter
dessen  Befehl  tausend  Arbeiter  arbeiten,  die  auf  das  Existenzminimum
angewiesen  sind,  für  das  Volk  von  weniger  Wert,  als  der  von  hundert
Fabrikbesitzern,  von  denen  jeder  viel  weniger  reich  ist,  und  von  denen
jeder  nur  zehn  Arbeiter,  die  viel  weniger  arm  sind,  beschäftigt“ 2 )  (S.  358).
Die  Erklärung,  die  Sismondi  von  den  Krisen  gibt,  —  eine  Erklärung,

&amp;gt;)  N.  P.,  I,  S.  361.
2 )  An  anderer  Stelle:  „Die  kleinen  Kaufleute  und  die  kleinsten  Manufakturisten
verschwinden;  ein  großer  Unternehmer  ersetzt  hunderte  von  ihnen  die  zusammen
vielleicht  nicht  so  reich  wie  er  gewesen  wären.  Alle  zusammen  aber  waren  trotzdem
bessere  Verbraucher  als  er.  Sem  verschwenderischer  Luxus  gibt  der  Industrie  einen
viel  geringeren  Ansporn,  als  der  ehrliche  Wohlstand  von  hundert  Haushaltungen,  die
er  ersetzt  hat  (II,  S.  327).  —  Übrigens  ist  diese  Theorie  mehr  als  anfechtbar;  es  handelt
sich  in  Wirklichkeit  darum  zu  wissen,  ob  die  Gesamtmenge  der  Nachfrage  die  gleiche
bleiben  wird,  —  und  nicht  darum,  ob  es  sich  um  eine  Verschiebung  der  Nachfrage
handelt,  was  keinesfalls  eine  allgemeine  Krise  herbeiführen  kann  sondern  höchstens
eine  vorübergehende  Spannung.
        <pb n="232" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

209

die  seitdem  von  einer  großen  Menge  Schriftstellern  wieder  aufgenommen
worden  ist,  —  ist  nicht  einwandfrei.  Die  Schwierigkeit,  die  Produktion
der  Nachfrage  anzupassen,  würde  wahrscheinlich  nicht  verschwinden,
auch  wenn  die  Verteilung  des  Reichtums  gleichmäßiger  wäre.  Übrigens
gilt  das,  was  Sismondi  anführt,  mehr  für  eine  chronische  Krankheit  gewisser ­
  Industrien,  als  für  scharfe,  periodische  Krisen.  Seine  Theorie
hat  jedoch  wenigstens  das  Verdienst,  die  Erklärung  eines  noch  ziemlich
dunklen  Phänomens  zu  versuchen,  das  J.-B.  Say  und  Ricardo  mit  Stillschweigen ­
  zu  übergehen  vorgezogen  hatten  oder  das  sie,  unter  dem  Vorwände, ­
  das  Gleichgewicht  würde  sich  zum  Schluß  doch  stets  wieder  erstellen, ­
  als  sekundär  behandelten.

§  4.  Die  Reformprojekte  Sismondi’s.
Sein  Einfluß  in  der  Geschichte  der  Doktrinen.
Das  Hauptinteresse  des  Buches  Sismondi’s  liegt  nicht  in  seiner
wissenschaftlichen  Erklärung  der  Tatsachen,  die  auf  ihn  besonderen
Eindruck  gemacht  hatten.  Nur  weniges  darunter  ist  völlig  befriedigend. ­
  Seine  Analyse  bleibt  oft  auf  der  Oberfläche  und  macht  es
sich  allzuleicht.  Sein  Verdienst  besteht  vielmehr  darin,  die  Tatsachen
hervorgehoben  zu  haben,  die  die  herrschende  Richtung  in  der  Nationalökonomie ­
  hartnäckig  vernachlässigte;  im  Ganzen  genommen  erscheint
uns  seine  Lehre  als  eine  pessimistische  Theorie  des  wirtschaftlichen  Fortschritts. ­
  Er  hat  mit  Absicht  auf  die  Rückseite  der  Münze  hingewiesen,
von  der  Andere  —  und  sogar  die,  die  wir  unter  die  Pessimisten  gerechnet
naben,  Ricardo  und  Malthus  —  nur  die  Schauseite  sehen  wollten.  Von
dim  ab  kann  nicht  mehr  von  einer  spontanen  Harmonie  der  Interessen
gesprochen  werden.  Es  ist  nicht  mehr  möglich,  das  zu  vergessen,  was
der  Fortschritt  in  der  Produktion  an  Elend  und  Unglück  verdeckt.  Es
!st  nicht  mehr  möglich,  über  die  Krisen  hinwegzugleiten,  als  seien,  sie
vorübergehende  und  gleichgültige  Tatsachen.  Nicht  mehr  möglich  ist  es,
die  Rolle  zu  vergessen,  die  die  ungleiche  Verteilung  des  Einkommens
und  des  Vermögens  in  dem  Wirtschaftsleben  spielt,  —•  die  zwischen  den
eiden  Kontrahenten  des  Lohnvertrages  eine  grundlegende  Ungleichheit
a uf  rieht  et,  die  oft  jede  Freiheit  der  Verhandlung  vernichtet.  Es  ist  nicht
mehr  möglich,  mit  einem  Wort,  die  sozialen  Folgen  zu  vergessen,  die
' e  wirtschaftlichen  Veränderungen  mit  sich  bringen.  Folglich  ist  jetzt
auni  für  eine  Sozialpolitik  geschaffen.
Von  dieser'Politik  werden  wir  nun  sprechen  müssen.
Von  dem  neuen  Standpunkte  aus,  auf  den  Sismondi  sich  gestellt
mtte,  daß  nämlich  das  freie  Spiel  der  Privatinteressen  in  Widerspruch
u  dem  Allgemeinwohl  steht,  —  ist  die  von  Adam  Smith  und  seiner  Schule
°  1,16  un &amp;lt;l  Rist,  Geseh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  14
        <pb n="233" />
        210

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

gepredigte  Nichteinmischung  der  Regierung  ohne  Berechtigung.  Die
Gesellschaft  muß  im  Gegenteil  eingreifen,  den  individuellen  Initiativen
eine  Grenze  ziehen  und  ihre  Mißbräuche  korrigieren.  Sismondi  ist  so
der  erste  der  Interventionisten.
Nach  seiner  Ansicht  sollte  die  Tätigkeit  des  Staates  zunächst  auf
eine  Eindämmung  des  Überflusses  an  Produkten  hinzielen  und  die  zu
schnelle  Vermehrung  neuer  Erfindungen  hemmen.  Sismondi  träumt
von  einem  Fortschritt,  der  sich  in  langsamen  Etappen  vollzieht,  ohne
jemanden  zu  schädigen,  ohne  irgendein  Einkommen  zu  verringern,  und
ohne  sogar  den  Zinsfuß  zu  senken 1 )-  Seine  Empfindsamkeit  macht  ihn
furchtsam.  Seine  Gegner  lächeln  über  seine  Philanthropie.  Sogar  die
Saint-Simonisten,  die  doch  gewissen  Ansichten  Sismondi’s  sympathisch
gegenüberstanden,  werfen  ihm  vor,  „daß  ihn  seine  Philanthropie  in  die
Irre  führe“ 2 ).  Dieser  Charakterzug  drückte  sich  sogar  in  seinen  Lebensgewohnheiten
  aus:  „Er  hatte“,  so  erzählt  Sainte-Beuve 3 )  „einen  Schlosser,
der  so  schlecht  und  so  ungeschickt  arbeitete,  daß  niemand  ihn  mehr  beschäftigen ­
  wollte;  er  aber  behielt  ihn  bis  zum  Ende,  trotz  allen  Schadens,
um  ihn  nicht  auch  seinen  letzten  Kunden  verlieren  zu  lassen.“  Er  hätte
gewünscht,  daß  die  Gesellschaft  das  gleiche  mit  Hinsicht  auf  die  bedrohten, ­
  alten  Industrien  tue.  Er  vergleicht  die  Gesellschaft  mit  Gandalin,
dem  Zauberlehrling  des  Märchens,  der,  nachdem  er  durch  das  magische
Wort  den  automatischen  Wasserträger  herbeigerufen  hatte,  sieht,  wie
ein  Eimer  Wasser  nach  dem  anderen  das  Haus  überschwemmt,  ohne
doch  das  Wort  finden  zu  können,  mit  dem  er  ihm  Einhalt  gebieten  kann.
Anstatt  die  Produktion  zu  begünstigen,  sollte  die  Regierung  dem  „blinden
Eifer“  Einhalt  tun 4 ).  Er  fleht  die  Gelehrten  an,  mit  ihren  Erfindungen
langsamer  vorzugehen  und  sich  an  das  Wort  der  Ekonomisten  „laisseh
faire,  laisser  passer“  —  gehen  lassen,  vorübergehen  —  hinübergehen
lassen  —  zu  erinnern,  und  so"  auch  „den  überflüssig  gewordenen  Generationen ­
  Zeit  zu  lassen,  —  „vorüber  hinüberzugehen!“  Für  die
alte  Ordnung  der  Zünfte  und  der  Gilden  hat  er  eine  geheime  Sympathie;
wenn  er  sie  auch,  als  mit  den  Interessen  der  Produktion  im  Gegensatz

1)  Sismondi  wendet  auf  das  Sinken  des  Zinsfußes  die  gleichen  Grundsätze  an,
wie  auf  das  Wachstum  der  Produktion  und  auf  die  Maschinen:  „Die  Vermehrung  der
Kapitalien  ist  nur  insoweit  wünschenswert,  als  auch  die  Verwendung,  die  man  von
ihnen  machen  kann,  zur  gleichen  Zeit  größer  wird.  Jedesmal  nun,  daß  der  Zinsfuß
fällt,  ist  das  ein  sicheres  Zeichen,  daß  die  Verwendung  proportional  zur  Menge  der
Kapitalien  geringer  wird,  und  dieses  Sinken  des  Zinses,  worin  stets  ein  Vorteil  für  irgend
jemanden  liegt,  ist  auch  stets  mit  Nachteil  für  einen  anderen  verbunden,  sei  es  unter
den  Landsleuten,  deren  Einkünfte  sinken,  sei  es  unter  den  Ausländern,  deren  Arbei
es  unterbricht“  (N.  P.,  I,  S.  393).  „
2 )  Vgl.  die  Revue  der  Saint-Simonisten:  Le  Producteur,  IV,  S.  567—5o°-3
 )  Sainte-Beuve,  Nouveaux  Lundis,  VI,  S.  81.
*)  fitudes  sur  1’ljSconomie  Politique,  I,  S.  60—61.
        <pb n="234" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

211

stehend  verwirft,  so  fragt  er  doch,  oh  man  in  ihnen  nicht  eine  Lehre  finden
könne,  um  den  Mißbräuchen  der  Konkurrenz  einen  Zügel  anzulegen 1 ).
In  Wirklichkeit  scheint  Sismondi  nicht  zu  ahnen,  daß  die  Hemmungen, ­
  die  man  unter  dem  Vorwände,  sofort  eintretende  Leiden  zu
vermeiden,  der  Produktion  auferlegt,  den  Fortschritt  des  Wohlstandes
gerade  der  Klassen,  die  ihn  interessieren,  verlangsamen  würden.  Seine
Stellungnahme  kann  nur  in  einer  Weise  erklärt  werden:  durch  die  irrige
Überzeugung,  daß  zurzeit  schon  die  europäische  Produktion  genüge,
um  alle  Bedürfnisse  zu  befriedigen 3 ).  Niemals  hat  Sismondi  die  relative
Armut  der  industriellen  Gemeinschaften  geahnt,  die  auf  J.-B.  Say  einen
so  lebhaften  Eindruck  machte.  Er  versteht  jedoch  sehr  gut,  daß  es  nicht
leicht  sein  wird,  die  Politik  der  Begierungen  in  diesem  Punkte  zu  beeinflussen, ­
  und  seine  Hoffnungen  wenden  sich  nach  einer  anderen  Seite 3 ).
Da  in  der  Ungewißheit  des  Einkommens  und  dem  Fehlen  jeden
Eigentums  der  Arbeiterklasse  die  Hauptursachen  der  bestehenden  Übel
liegen,  so  müssen  sich  die  Bemühungen  der  Begierungen  nach  dieser
Bichtung  hin  betätigen.
Das  erste  zu  verfolgende  Ziel  würde  daher  sein,  überall,  wo  es  möglich ­
  ist,  die  Arbeit  und  den  Besitz  zu  vereinigen.  Daher  empfiehlt  Sismondi ­
  in  der  Landwirtschaft  Bückkehr  zu  dem,  was  er  den  „patriarchalischen ­
  Besitz“  nennt,  d.  h.  Vermehrung  der  Bauern,  die  auf  ihrem  eigenen
Grund  und  Boden  leben.  In  den  Neuen  Grundsätzen  gibt  er  eine
berühmte  Beschreibung  des  Glücks  ihrer  Lage.  In  der  Industrie  möchte
er  den  unabhängigen  Handwerker  wieder  erstehen  sehen:  „Ich  wünsche,
daß  die  Industrie  in  den  Städten  wie  auf  dem  Lande  zwischen  einer  großen
Menge  von  unabhängigen  Werkstätten  verteilt,  und  nicht  unter  einem
einzigen  Herrn,  der  hunderten  und  tausenden  von  Arbeitern  befiehlt,
vereinigt  sei;  ich  wünsche,  daß  das  Fabrikeigentum  unter  einer  großen
Menge  von  mittleren  Kapitalisten  verteilt  sei,  und  nicht  einem  einzigen
Herrn,  der  über  Millionen  gebietet,  gehöre;  ich  wünsche,  daß  der  Industriearbeiter ­
  die  Aussicht,  fast  die  Sicherheit  vor  sich  habe,  Teilhaber  seines
Herren  werden  zu  können,  damit  er  sich  nur  verheiratet,  wenn  er  einen
Anteil  an  dem  Geschäft  besitzt,  anstatt,  wie  er  es  heute  ist,  ohne  jede
Zukunftshoffnungen  zu  altern“ 4 ).  Das  ist  das  Ziel.
Wo  aber  ist  der  Weg?  Hier  zeigt  Sismondi  eine  außerordentliche
Zaghaftigkeit.  Er  ruft  den  Gesetzgeber  zu  Hilfe,  aber  er  wagt  nicht,
ihm  den  Weg  zu  zeigen.  Er  fragt  sich  sogar  in  einem  Anfall  von  Skeptizismus ­
  und  Mutlosigkeit,  ob  dies  möglich  ist.  Er  erklärt  sich  als  Gegner
&amp;lt;les  Kommunismus,  —  er  weist  die  Utopien  Owen’s,  Thomson’s  und
')  N.  P.,  I,  S.  341  und  II,  S.  459.
2 )  N.  P.,  II.,  S.  415  und  435;  siehe  auch  fitudes,  I,  S.  25.
3 )  N.  P.,  I.  S.  363.
*)  N.  P.,  II,  S.  365—366.

14*
        <pb n="235" />
        212

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Fourier’s  von  sich,  obwohl  er  die  Übereinstimmung  ihrer  Ziele  mit  dem,
dem  er  nachstrebt,  anerkennt.  Er  scheint  nicht  zu  verstehen,  „daß  diese
Zerstücklung“,  die  er  anpreist,  nicht  weniger  chimärisch  ist,  als  die  kommunistische ­
  Utopie,  die  ihn  erschreckt.  Das  System  Owen’s  weist  er
zurück,  weil  er  darin  „jene  Chimäre,  die  das  persönliche  Interesse  durch
das  der  Korporation  zu  ersetzen  sucht“  sieht;  er  hatte  aber  nicht  begriffen,
daß  es  sich  keineswegs  umKorporation  handelte.  Es  ist  wahrscheinlich,
daß,  wenn  Sismondi  heute  lebte,  er  die  Kooperation  vorgeschlagen
haben  würde.
In  der  Zwischenzeit  aber,  bevor  die  Vereinigung  zwischen  Eigentum ­
  und  Arbeit  verwirklicht  werden  kann,  verlangt  Sismondi  schon
für  die  Gegenwart  gewisse  einfachere  Reformen,  die  bestimmt  sind,  den
drückendsten  Leiden  der  Arbeiterklasse  abzuhelfen.  Zunächst  wünscht
er,  daß  man  den  Arbeitern  das  Koalitionsrecht  zurückgebe,  oder  vielmehr ­
  gewähre 1 ).  —  Weiterhin,  daß  man  die  Kinderarbeit  wie  die  Arbeit
am  Sonntag  verbiete,  und  daß  man  ebenfalls  die  Arbeitszeit  der  Erwachsenen ­
  begrenze 2 ).  Dann  will  er,  daß  man  das,  was  er  „professionelle
Garantien“  nennt,  schaffe,  nämlich  die  Verpflichtung  für  die  Arbeitgeber
(landwirtschaftliche,  wie  Fabrikarbeitgeber),  auf  ihre  Kosten  den  Arbeiter
während  der  Zeiten  der  Krankheit,  der  Arbeitslosigkeit  und  des  Alters
zu  unterhalten.  Wenn  diese  Forderung  anerkannt  wäre,  würden  die  Arbeitgeber ­
  kein  Interesse  mehr  daran  haben,  den  Lohn  ihrer  Arbeiter  beständig
zu  verringern,  —  oder  Maschinen  einzuführen,  oder  schließlich  die  Produktion ­
  ohne  Notwendigkeit  zu  vermehren.  Wenn  sie  für  das  Schicksal
ihrer  Arbeiter  verantwortlich  wären,  würden  sie  die  Wirkungen  in  Betracht ­
  ziehen,  die  alle  Neuerungen,  die  sie  heute  nur  vom  Gesichtspunkt
ihres  Profites  aus  ins  Auge  fassen,  auf  das  Wohlsein  ihrer  Arbeiter  haben 3 ).
Man  könnte  versucht  sein,  in  diesem  Vorschlag  eine  Vorahnung  der  großen
sozialen  Versicherungsgesetze  zu  sehen,  die  die  europäischen  Staaten
seit  30  Jahren  bei  sich  eingeführt  haben.  Das  trifft  jedoch  nur  teilweise  zu.
Denn  für  Sismondi  ist  der  Arbeitgeber,  und  nicht  die  Gesellschaft,  derjenige, ­
  der  diese  Lasten  zu  übernehmen  hat.  —  Das,  was  er  gerade  den
englischen  Unterstützungsgesetzen,  besonders  dem  berühmten  Armengesetz ­
  vorwirft,  ist,  daß  es  die  Löhne  erniedrigt  und  die  Gleichgültigkeit
der  Arbeitgeber  erhöht,  indem  es  sich  an  die  Stelle  der  Hilfe  setzt,  die
sie  den  Arbeitern  leisten  sollten.
Im  Ganzen  zeigt  die  Haltung  Sismondi’s  sowohl  in  seinen  Reformprojekten,
  wie  in  seiner  Kritik  der  Ökonomisten  jene  Zaghaftigkeit  und
jene  Unsicherheit,  die  sich  aus  einem  beständigen  Konflikt  zwischen
seinem  Verstände  und  seinem  Gefühle  ergaben.  Zu  intelligent,  um  die

0  N.  P.,  II,  S.  451.
2 )  N.  P.,  II,  S.  338.
3 )  N.  P.,  II,  S.  661.
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        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

213

Wohltaten  der  neuen  industriellen  Ordnung  zu  übersehen,  zu  feinfühlig,
um  nicht  von  gewissen  ihrer  traurigen  Folgen  berührt  zu  werden,  zu  konservativ ­
  und  zu  weise,  um  eine  vollständige  Umwälzung  der  Gesellschaft
sich  vorstellen  zu  können,  —  steht  er  erstaunt  und  betrübt  über  die  Ohnmacht ­
  des  Menschen  vor  dem  Übel.  Dazu  kommt,  daß  er  sich  nicht  stark
genug  fühlt,  das  Heilmittel  zu  entdecken.  In  bescheidenen  und  zugleich
rührenden  Worten  gesteht  er  dies  selbst  ein.
,,Ich  muß  zugeben,  daß  ich,  nachdem  ich  gezeigt  habe,  wo  meiner
Ansicht  nach  das  Prinzip  liegt,  und  wo  die  Gerechtigkeit,  nicht  die  Kraft
in  mir  fühle,  die  Mittel  zur  Abstellung  der  Übelstände  und  zur  Verwirklichung ­
  eines  besseren  Zustandes  zu  finden.  Die  Verteilung  der  Arbeitsfrüchte ­
  zwischen  denen,  die  zu  ihrer  Erzeugung  beitragen,  erscheint
mir  voller  Fehler:  aber  ich  habe  den  Eindruck,  als  ob  es  fast  über  die
menschliche  Kraft  ginge,  sich  eine  Ordnung  des  Eigentums  vorzustellen,
die  von  der  uns  bekannten  völlig  verschieden  sei“ 1 ).  (Neue  Grundsätze,
II,  364.)

Es  ist  auffallend,  bei  Sismondi  schon  recht  entwickelte  Keime  verschiedener ­
  Tendenzen  zu  sehen,  die  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  eine
wachsende  Bedeutung  erlangen  sollten.  Er  ist  der  erste  Gegner,  den
die  klassische  Schule  auf  ihrem  Wege  fand,  und  er  faßt  schon  die  hauptsächlichsten ­
  „Ketzereien“  zusammen,  gegen  die  sie  später  zu  kämpfen
hatte,  und  denen  sich  an  ihrer  Stelle  die  Gunst  der  öffentlichen  Meinungen
zuwenden  sollte.  Ist  es  nun  das  Werk  Sismondi’s,  das  diese  neuen  Tendenzen ­
  hervorgerufen  hat  ?  Es  erscheint  das  wenig  wahrscheinlich.  Sein
unmittelbarer  Einfluß  war  sehr  beschränkt;  er  hat  sich,  wie  wir  bald
sehen  werden,  nur  auf  die  Sozialisten  erstreckt.  Sein  Buch  ist  ziemlich
schnell  vergessen  worden,  bis  man  heute  von  Neuem  seine  Bedeutung
begriffen  hat.  Es  würde  der  Wahrheit  näher  kommen,  wenn  man  sagte,
daß  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  eine  Renaissance  und  eine  spontane
Entwicklung  der  Ideen,  die  sich  in  Sismondi  verkörpert  hatten,  eintrat.
Trotzdem  bleibt  er  aber  der  erste,  der  den  Mut  fand,  seine  Stimme  gegen
Prinzipien  zu  erheben,  die  auf  dem  besten  Wege  waren,  Dogmen  zu  werden.
Als  der  erste  weist  er,  entgegen  der  herrschenden  Meinung,  auf  Tatsachen
hin,  die  nicht  mit  den  großen  und  einfachen  Generalisationen  seiner  Vorgänger ­
  übereinstimmen.  Wenn  er  daher  nicht  das  Haupt  der  neuen
Schulen  geworden  ist,  die  entstehen  sollten,  so  war  er  doch  ihr  Vorläufer.
Sie  wie  er  werden  von  den  gleichen  Gefühlen  gelenkt.  Beide  formulieren
die  gleichen  Gedanken.
x )  Über  die  Stellung  unseres  Autors  über  die  Arbeiterbewegung  seiner  Zeit  —
f  B.  hinsichtlich  der  Unruhen  von  1813  in  Lyon  —  findet  man  interessante  Einzelheiten
m  dem  Aufsatz  von  Festy  über  Sismondi  in  der  Revue  d’Lconomique  Politique,  Februar
ül &amp;gt;d  April  1918.
        <pb n="237" />
        214

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Was  zunächst  die  Methode  anlangt,  so  nimmt  er  die  Anschauungen
der  historischen  Schule  vorweg.  Seine  Definition  der  Nationalökonomik ­
  als  einer  „Geschichtsphilosophie“ 1 )  gelangte  erst  zur  Herrschaft, ­
  als  Roschek,  Knies  und  Hildebrand  sie  wieder  aufgegriffen  hat.
Sein  Hinweis  auf  die  Notwendigkeit  der  Beobachtung  der  Tatsachen,
seine  Kritik  der  deduktiven  Methode  und  vorschneller  Verallgemeinerungen ­
  werden  von  Le  Play  in  Frankreich,  Schm  oll  er  in  Deutschland, ­
  Cliffe  Leslie  und  Toynbee  in  England  wieder  aufgenommen.
Die  Gründer  der  deutschen  historischen  Schule,  die  über  ausländische
Schriftsteller  ziemlich  schlecht  unterrichtet  gewesen  sind,  haben  ihn
als  einen  Sozialisten  angesprochen 2 ).  Aber  die  heutige  historische
Schule  wird  seinen  Gedanken  gerechter  und  sieht  in  ihm  einen  ihren
ersten  Vertreter.
Seine  Betonung  des  Gefühls,  seine  Sympathie  für  die  Arbeiterklassen ­
  und  seine  Kritik  der  industriellen  Ordnung,  des  Maschinenwesens, ­
  der  Konkurrenz  und  des  als  alleinigen  wirtschaftlichen
Faktors  betrachteten  persönlichen  Interesses  läßt  schon  die  heftige,
gefühlsmäßige  Reaktion  ahnen,  die  gegen  den  kalten  Gleichmut  der
orthodoxen  Nationalökonomie  einsetzen  sollte.  Man  glaubt  in  ihm  die
Stimme  eines  Ruskin,  eines  Carlyle  und  aller  jener  Christlich-Sozialen
  zu  hören,  die  im  Namen  der  christlichen  Liebe  und  der  menschlichen ­
  Gemeinbürgschaft  gegen  die  sozialen  Folgen  der  großen  Industrie
Protest  erhebt.  Wie  Sismondi  so  lehnt  sich  auch  der  christliche  Sozialismus ­
  nicht  gegen  die  Nationalökonomie  selbst  auf,  sondern  vielmehr
gegen  die  satten,  bürgerlichen  Tendenzen  und  gegen  die  zu  leicht  zufriedengestellte ­
  Gleichgültigkeit  jener,  die  ihr  anhängen.  Er  erhebt  einen
Tendenzprozeß,  weniger  gegen  die  Wissenschaft  als  gegen  ihre  offiziellen
Vertreter  und  gegen  die  Gesellschaft,  die  sich  ihrer  bedient,  um  ihren
Egoismus  zu  rechtfertigen.
Weiterhin  eröffnet  Sismondi  mit  seinem  Ruf  nach  der  Einmischung
des  Staates  die  Reaktion  gegen  den  absoluten  Liberalismus,  eine  Reaktion, ­
  die  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  beständig  größer  wird,  und
die  ihren  entschiedensten  Ausdruck  in  dem  Kathecfersozialismus  und
dem  Staatssozialismus  findet.  Als  erster  in  Frankreich  verlangt
er  eine  Arbeitergesetzgebung  und  sucht  der  Regierung  einen  Platz  in
der  Leitung  der  wirtschaftlichen  Angelegenheiten  des  Landes  zu  verschaffen. ­
  Nach  ihm  tritt  die  Unmöglichkeit  einer  vollständigen  Abdankung
des  Staates  von  Tag  zu  Tag  klarer  hervor.  Aber  Sismondi  drückt  hier
mehr  eine  Hoffnung,  einen  Wunsch  aus,  als  daß  er  einen  wirklichen  Aktionsplan ­
  entwirft.
In  drei  verschiedenen  Richtungen  lösen  daher  die  Vorschläge  Sis-1
 )  Siehe  oben,  S.  191,  Anm.  •$.
2 )  Eigentümlicherweise  reiht  ihn  Knies  unter  die  Sozialisten  ein.
        <pb n="238" />
        Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

215

mondi’s  drei  starke  Strömungen  der  öffentlichen  Meinung  aus,  und  es
ist  nicht  weiter  erstaunlich,  daß  das  Interesse  für  das  Werk  Sismondi’s
in  dem  Maße  gewachsen  ist,  wie  diese  neuen  Tendenzen,  die  er  voraussah,
sich  mit  größerer  Kraft  entwickelt  haben.
Sein  unmittelbarer  Einfluß  auf  die  zeitgenössischen  Nationalökonomen ­
  war  dagegen  ziemlich  gering.  Einige  unter  ihnen  lassen  sich
durch  die  Warmherzigkeit  seiner  Ausführungen  gewinnen,  durch  seine
Güte  für  die  Schwachen,  durch  sein  Mitleid  mit  der  Arbeiterklasse,  ohne
aber  jemals  hierin  einen  genügenden  Grund  zu  sehen,  den  klassischen
Liberalismus  zu  verwerfen.  Blanqui  im  Besonderen  gibt  zu,  daß  die
Starrheit  der  Grundsätze  des  laisser-faire  gemildert  werden  könne 1 ).
Theodore  Fix  und  Droz 2 )  scheinen  auf  seine  Seite  hinüber  gezogen
worden  zu  sein,  und  Sismondi  konnte  einen  Moment  glauben,  daß  die
Revue  mensuelle  d’fCeonomie  Politique,  die  von  Fix  im  Jahre
1833  gegründet  worden  war,  seine  Gedanken  verteidigen  würde,  aber  die
Revue  stellte  sehr  bald  ihr  Erscheinen  ein  und  war  noch  vor  ihrem  Ende
zur  „Orthodoxie“  übergegangen.  Nur  ein  einziger  Schriftsteller,  Buret,
nennt  sich  in  seinem  Werk  über  „das  Elend  der  Arbeiterklassen
in  Frankreich  und  England“ 3 )  geradezu  einen  Schüler  Sismondi’s
und  ist  es  tatsächlich  gewesen.  Diesen  Schriftstellern  sollte  man  noch
Villen$euve-Bargemont  anfügen,  den  Verfasser  einer  christlichen
Nationalökonomie  (Economie  politique  chretienne),  in  drei  Bänden,
die  1834  herauskam,  und  in  der  er  sich  stark  an  Sismondi  anlehnt.
Dagegen  ist  Sismondi,  obschon  er  nicht  selbst  Sozialist  war,  viel
von  Sozialisten  gelesen  und  beachtet  worden.  Bei  ihnen  findet  man
seinen  Einfluß  am  ausgeprägtesten.  Das  ist  nichts  Erstaunliches.
Stellt  nicht  der  ganze  kritische  Teil  seines  Werkes  die  wuchtigste
aller  Anklagen  gegen  die  Konkurrenz  und  die  Ungleichheit  der  Vermögen ­
  vor?  Louis  Blanc  hat  ihn  gelesen  und  entnimmt  ihm  mehr
als  ein  Argument  gegen  die  Konkurrenz.  Noch  mehr  als  Louis  Blanc
haben  die  beiden  deutschen  Sozialisten,  Rodbertus  und  Marx,  aus
seinem  Buche  geschöpft.  Rodbertus  entlehnt  ihm  seine  Krisentheorie
1 )  A.  Blanqui  erklärt  in  seiner  Ilistoire  de  ULconomique  Politique  en
Europe  (1837),  sich  der  „modernen  Schule“  zuzählen  zu  wollen,  die  er  wie  folgt
charakterisiert:  „Sie  will  die  Produktion  nicht  als  eine  Abstraktion  betrachten,  die
mit  dem  Schicksal  der  Arbeiter  nichts  zu  tun  hat;  es  genügt  ihr  nicht,  daß  Güter
geschaffen,  sondern  sie  müssen  in  gerechter  Gleichmäßigkeit  verteilt  werden.“  (Einl.,
3 -  Ausg.,  S.  XXI.)
2 )  Droz  (1773—1850)  veröffentlichte  im  Jahr  1829  eine  Lconomique  politique
011  Principes  de  la  Science  des  richesses,  in  der  sich  die  berühmt  gewordene
Stelle  findet:  „Wenn  man  gewisse  Volkswirtschaftler  liest,  so  möchte  man  fast  glauben,
daß  die  Produkte  nicht  um  der  Menschen  willen  gemacht  werden,  sondern  daß  die
Menschen  um  der  Produkte  willen  da  sind.“
“)  Paris,  1841,  La  misere  des  classes  laborieuses  en  France  et  en
'Digleterre,  2  Bände.  Büret  starb  1842,  32  Jahre  alt.
        <pb n="239" />
        216

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

und  den  Gedanken,  daß  der  soziale  Fortschritt  nur  den  besitzenden
Klassen  Gewinn  bringt.  Marx  verdankt  ihm  noch  mehr,  und  während
Rodbertus  ihn  zitiert,  aber  ihn  nicht  nennt,  zögert  Marx  nicht,  ihm
im  kommunistischen  Manifeste  (§  60  u.  61)  Gerechtigkeit  widerfahren
zu  lassen,  indem  er  selbst  auf  alles  das  hinweist,  was  er  seiner  durchdringenden ­
  Analyse  verdankt.  Von  allen  Gedanken,  die  er  ihm  entnimmt, ­
  ist  der  wichtigste  der  von  der  Konzentration  des  Reichtums
in  den  Händen  einer  kleinen  Anzahl  von  Besitzenden  und  von  der
wachsenden  Proletarisierung  der  Arbeitermassen.  Diese  Auffassung
ist  die  Grundlage  des  kommunistischen  Manifestes,  und  auf  ihr  beruht
der  marxistische  Kollektivismus.  Wie  wir  gesehen  haben,  stammt
diese  Auffassung  von  Sismondi.  Wir  glauben  aber  nicht,  daß  Marx
den  Gedanken  über  die  Ausbeutung  des  Arbeiters  durch  den  Kapitalisten ­
  Sismondi  entlehnt  hat.  Wenn  er  weiterhin  ihm  nicht  den
Begriff  des  Mehrwertes  verdankt,  so  hat  er  doch  bei  ihm  zum  wenigsten
den  Keim  der  Erklärung,  die  er  dafür  gibt,  gefunden.  Wie  bekannt,
erklärt  Marx  den  Gewinn,  indem  er  sagt,  daß  der  Arbeiter  nicht  seine
Arbeit,  sondern  seine  Arbeitskraft  verkauft.  Sismondi  wiederholt  an  vielen
Stellen,  daß  der  Arbeiter  sein  „Arbeitsvermögen“,  „sein  Leben“  verkauft;
er  sagt  an  einer  bestimmten  Stelle,  daß  dieses  „Arbeitsvermögen“  („puissance
  de  travail“)  es  ist,  das  nachgefragt  wird  (II,  257).  Allerdings  zieht
Sismondi  aus  diesen  Ausdrücken  keinen  bestimmten  Schluß.  Sie  haben
jedoch  vielleicht  Marx  zu  dem  seinigen  bringen  können.
Mehr  als  ein  Sozialist  führt  heute,  ohne  es  zu  sagen  (und  vielleicht
ohne  es  zu  wissen),  die  Gründe  an,  die  Sismondi  als  der  erste  angab,
um  das  Mitleid  seiner  Zeitgenossen  zu  erregen.

Kapitel  II.
Saint-Simoii,  die  Saint-Simonisten  und  der  Ursprung
des  Kollektivismus.
Durch  Sismondi,  der  die  Nationalökonomie  durch  die  Sozialpolitik
ergänzte,  war  der  Kreis,  den  die  Gründer  der  Wissenschaft  gezogen
hatten,  schon  bedeutend  erweitert  worden.  Wenn  er  auch  der  Güterverteilung ­
  den  ersten  Platz  in  seinen  Untersuchungen  einräumte,  so
richtete  sich  seine  Kritik  doch  noch  nicht  gegen  die  Grundeinrichtung
der  modernen  Gesellschaft:  gegen  das  Privateigentum.  Er  sieht  es  als
notwendig  und  gerechtfertigt  an.  Was  die  englischen  und  französischen
        <pb n="240" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  217

Nationalökonomen  anlangt,  so  haben  sie  es  stets  als  einen  Bereich  für
sich  betrachtet,  als  eine  so  unbestreitbare  und  unvermeidliche  Tatsache,
daß  sie  in  ihm  die  Grundbedingung  aller  ihrer  Theorien  erblickten.
Jetzt  treten  plötzlich  Schriftsteller  auf,  die  ausdrücklich  jede  Verwechslung ­
  mit  den  früheren  Kommunisten  zurückweisen,  die  weder
die  Gleichheit  der  Bedürfnisse,  noch  die  der  Fähigkeiten  annehmen,
die  mit  den  „Ekonomisten“  das  Maximum  der  Produktion  als  den
Zweck  der  wirtschaftlichen  Organisation  aufstellen,  —  und  die  trotzdem ­
  die  Hände  an  die  heilige  Bundeslade  legen  und  das  Eigentum  mit
der  äußersten  Energie  angreifen,  die  sich  auf  dieses  bis  dahin  sorgfältig
umhegte  Gelände  wagen,  und  die  dies  mit  einer  solchen  Kühnheit  und
einer  solchen  Kraft  tun,  daß  ihr  System  schon  fast  alle  die  Ideen  und
alle  die  Formeln  enthält,  die  später  in  der  sozialistischen  Literatur  des
19.  Jahrhunderts  Gemeinplätze  werden  sollten.  Mit  einem  äußerst  klaren
Begriff  des  zu  verfolgenden  Zieles  untersuchen  sie  das  Eigentum  in  seinen
Wirkungen  auf  die  Güterverteilung  und  Gütererzeugung,  sowie  in  seiner
historischen  Entwicklung,  —  und  sie  kommen  zu  dem  Schluß,  daß  seine
Abschaffung  das  beste  Mittel  sei,  die  wissenschaftliche  und  industrielle
Organisation  der  modernen  Gesellschaft  zu  ihrer  höchsten  Vollkommenheit ­
  zu  bringen.  Diese  Bewegung  ist  in  der  Geschichte  der  Volkswirtschafthchen
  Doktrinen  eine  der  bedeutendsten.  Die  Frage  des  Eigentums  wird
aufgeworfen.  Von  nun  ab  hört  sie  nicht  auf,  auf  der  Tagesordnung  der
Wissenschaft  zu  stehen 1 ).

O  Es  liegt  außerhalb  des  Planes,  den  wir  uns  gesteckt  haben,  den  Sozialismus
der  Zeit  vor  dem  19.  Jahrhundert  zu  besprechen.  Jedoch  ist  die  Frage,  ob  die  französische ­
  Revolution  von  1789  sozialistisch  gewesen  ist,  oder  ob  sie  nur  ganz  einfach
»bürgerlich“  war,  wie  es  die  Sozialisten  von  heute  behaupten,  zu  oft  aufgeworfen  worden,
als  daß  wir  sie  vollständig  mit  Stillschweigen  übergehen  könnten.
Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  auch  die  am  weitesten  fortgeschrittenen
Männer  der  Revolution  bei  jeder  Gelegenheit  ihre  Achtung  des  Eigentums  betont
haben.  Sogar  Marat  hat  gegen  die  Unterstellung  protestiert,  das  Land-Gesetz  (la  loi
agraire)  predigen  zu  wollen,  eine  Lehre,  die  er  „verderblich  und  zerstörend  nennt.
Me  große  Konfiskation  der  Kirchengüter  und  der  Besitzungen  der  emigrierten  Adligen
w ar  eine  politische  Maßnahme  und  hatte  durchaus  nichts  mit  den  wirtschaftlichen
Prinzipien  zu  tun.  Sie  gleicht  völlig  so  vielen  anderen  geschichtlichen  Konfiskationen,
hie  in  keiner  Weise  auf  sozialistischen  Beweggründen  beruhten,  wie  die  der  Juden,
der  Templer,  der  Hugenotten,  der  Irländer  usw.  Ganz  im  Gegensatz  dazu  wuide  die
Konfiskation  der  Liegenschaften  (biens  de  fondations)  d.  h.  der  Besitz  rem  abstrakter
Personen,  als  eine  Maßnahme  zur  Verteidigung  des  individuellen  und  wirklichen  Eigentums ­
  dargestellt,  die  sich  gegen  das  Überhandnehmen  des  Fiktiveigentums,  des  Eigentums ­
  der  toten  Hand,  richtete.  Bei  der  Abschaffung  der  feudalen  Rechte  unterschied
®an  mit  großer  Sorgfalt  die  Rechte,  die  auf  der  Souveränität  beruhten  (Hoheitsr
 ochte),  die  abgeschafft  werden  sollten,  von  denen,  die  auf  dem  Besitz  beruhten
und  geachtet  werden  mußten,  oder  für  die  man  wenigstens  das  Recht  auf  Entschädigung
^gestand.  Allerdings  blieb  da  in  der  Ausführung  nicht  viel  von  dieser  Unterscheidung
üb rig;  das  Elend  der  damaligen  Zeit,  der  Zusammenbruch  der  Assignaten,  der  Bankerott
        <pb n="241" />
        218

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Nicht,  daß  sie  bisher  noch  nicht  erörtert  worden  wäre.  Die  kommunistischen ­
  Utopien,  seit  Plato  und  Morus  bis  zu  den  egalitären
Schriftstellern  des  18.  Jahrhunderts,  Mably,  Morelly,  Godwin,  Babeuf,
beruhen  alle  auf  einer  Kritik  des  Eigentums.  Aber  alle  diese  Schriftsteller ­
  haben  sich  mehr  auf  den  Gesichtspunkt  der  Moral,  als  auf  den
der  Volkswirtschaft  gestellt 1 ).  Der  kennzeichnende  Zug  des  Saint-Sider

  Rente  ruinierten  zahllose  Existenzen,  aber  die  Absicht,  das  Eigentum  zu  achten,
bleibt  deshalb  nicht  weniger  unbestreitbar.  Anscheinend  haben  in  dieser  Hinsicht
die  Männer  der  Revolution  unter  dem  Einfluß  der  Physiokraten  gestanden,  deren
Kultus  des  Eigentums  wir  kennen.  Sollte  man  nicht  glauben,  daß  der  17.  Artikel  der
„Declaration  des  Droits  de  l’Homme“  aus  der  Feder  eines  Physiokraten  stamme:
„Das  Eigentum  ist  ein  unverletzliches  und  heiliges  Recht!“  Es  ist  jedoch  wahr,
daß  auch  Rousseau  den.gleichen  Gedanken  in  seinem  Aufsatz  über  ficonomie  Politique
  Ausdruck  gegeben  hatte,  als  er  schrieb:  „Das  Eigentumsrecht  ist  das  heiligste
aller  bürgerlichen  Rechte.“
Aber  nicht  nur  in  Hinsicht  auf  die  Frage  des  Eigentums  hat  sich  die  Revolution
von  1789  anti-sozialistisch  gezeigt.  Sie  war  es  auch  in  dem  Sinne,  daß  sie  nicht  an  den
Klassenkampf  gedacht  hat,  und  ebensowenig  an  einen  Interessengegensatz  zwischen
Proletariern  und  Kapitalisten,  sondern  nur  Bürger  kennen  wollte,  die  alle  gleich,  alle
gleichberechtigt,  alle  Brüder  wären.
Diejenigen  aber,  die  sich  heute  am  heftigsten  auf  den  Geist  der  Revolution  berufen, ­
  möchten  nicht,  daß  diese  Feststellung  sie  in  irgendetwas  verkleinere.  Daher
bemühen  sie  sich  auch,  nachzuweisen,  daß  sie  trotzdem  nicht  so  konservativ,  noch  so
individualistisch  gewesen  sei,  wie  man  sagt:  so  entdecken  sie  hier  und  da,  allerdings
nach  vielem  Suchen,  einige  sozialistische  Kundgebungen  in  den  Dekreten  über  den
Höchstpreis  der  Lebensmittel,  wie  in  dem  über  die  Verpflegung  (decret  de  Maximum,
decret  de  rationnement)  usw.,  gewöhnlich  begnügen  sie  sich  aber  damit,  mildernde
Umstände  anzuführen.  „Wie  sollte  man  dazu  gekommen  sein,  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts ­
  Probleme  zu  lösen,  die  erst  ein  halbes  Jahrhundert  später,  infolge  der  Umformung ­
  der  Industrie  sich  einstellten,  Probleme,  die  sich  aus  den  neuen  Bedingungen
des  Kapitals  und  des  Lohnsystems  ergaben?  Würde  es  nicht  für  die  Männer  von  1789
und  1793  ein  sinnloses  Unternehmen  gewesen  sein,  sie  im  voraus  regeln  zu  wollen?“
(Aulard,  Ansprache  an  die  Studenten,  21.  April  1893).  Vgl.  auch  im  Kapitel  VIII
seiner  Histoire  politique  de  la  Revolution  (Paris,  1901)  den  Absatz  über:
Sozialismus.
Wie  man  weiß,  gab  es  jedoch  während  der  Revolution  eine  kommunistischsozialistische ­
  Lehre  und  sogar  eine  kommunistisch-sozialistische  Verschwörung,  die
des  Francois  Babeuf.  Aber  die  Ausnahme  bestätigt  hier  die  Regel,  denn  Babeuf,
obgleich  er  sich  selbst  den  damals  sympathischen  Namen  Cajus  Gracchus  beigelegt
hatte,  fand  unter  den  Männern  der  Konvention,  sogar  unter  denen  des  Berges,  keine
Anhänger,  so  daß  er  unter  dem  Directoire  verurteilt  und  hingerichtet  wurde.  Diese
Verschwörung  Babeuf’s  ist  gerade  deshalb  interessant,  weil  sie  wie  eine  Art  zu  früh
gekommenen  Protestes  des  revolutionären  Sozialismus  gegen  die  bürgerliche  Revolution
erscheint.  Vgl.  Aulard  (op.  cit.)  S.  627  u.  ff.
1 )  Ohne  von  den  berühmten  Utopien  Plato’s,  Thomas  Morus’  oder  Campanella’s
zu  sprechen,  haben  doch  eine  Reihe  Schriftsteller,  die  Lichtenberger  eingehend  studiert
hat,  diese  Kritik  im  18.  Jahrhundert  unternommen.  Morelly,  Mably,  Brissot  und
der  Cure  Meslier  in  Frankreich,  Godwin  in  England  haben  energisch  gegen  das  Eige n "
tum  Protest  erhoben.  Ihre  Theorien  sind  alle  von  Gracchus-Babeuf  zusammengefaßt
worden,  der  1796  das  Verbrechen,  die  Verwirklichung  der  Sociötö  des  figaux  angestrebt
        <pb n="242" />
        Kapital  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  219
monismus  besteht  darin,  daß  er  von  der  wirtschaftlichen  und  politischen
Revolution  unmittelbar  abstammt,  die  Frankreich  und  Europa  am  Ende
des  18.  und  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  erschütterte.  Der  Saint-Simonistische
  Sozialismus  drückt  keine  unbestimmte  Hoffnung  auf  eine
primitive  und  chimärische  Gleichheit  aus;  er  ist  im  Gegenteil  der  Ausdruck ­
  eines  jugendlichen  Enthusiasmus  für  die  neue  industrielle  Ordnung,
die  aus  den  mechanischen  Erfindungen  und  den  wissenschaftlichen  Entdeckungen ­
  geboren  ist.  Er  behauptet,  den  modernen  Geist  in  seinen
grandiosesten  Gedanken  zu  vertreten.  Er  drückt  all  die  großherzigen
Zukunftshoffnungen  der  neuen  bürgerlichen  Klassen  aus,  die  durch  die
Revolution  von  der  Vormundschaft  des  Adels  und  der  Geistlichkeit  befreit ­
  worden  waren,  und  die  die  reaktionäre  Politik  der  Restauration
in  ihrem  Vormarsch  bedroht.  Nur  geht  er  über  den  intellektuellen  Horizont
des  liberalen  Bürgertums  hinaus.  Er  ahnt  schon  die  Rolle,  die  in  der  Zuzu
  haben,  mit  dem  Tode  sühnte.  Aber  nicht  ihnen  haben  die  Saint-Simonisten  ihre
Gedanken  entnommen.  Der  Sozialismus  des  18.  Jahrhunderts  beruht  im  wesentlichen
auf  dem  Gleichheitsgedanken;  was  ihn  am  meisten  entrüstet,  sind  die  Ungleichheiten
der  Annehmlichkeiten  und  des  Wohlstandes  und  die  sozialen  Unterschiede,  für  die
er  das  Eigentum  verantwortlich  macht.  „Da  Alle  die  gleichen  Bedürfnisse  und  die
gleichen  Fähigkeiten  haben,  so  solle  es  auch  für  Alle  nur  eine  einzige  Erziehung,  eine
einzige  Nahrung  geben,“  sagt  das  Manifest  der  Gleichen  (manifeste  des  Egaux).
Pie  Saint-Simonisten  geben  aber  weder  die  Gleichheit  der  Bedürfnisse  und  noch
weniger  die  der  Fähigkeiten  zu,  und  sie  wenden  sich  ganz  besonders  gegen  jede  Verwechslung ­
  oder  Vermengung  mit  den  Anhängern  des  Landgesetzes  (loi  agraire),
*1-  h.  den  Babouvisten.  Ihr  Sozialismus,  der  sich  auf  das  Recht  an  dem  integralen
Erzeugnis  der  Arbeit  gründet,  der  die  Entlohnung  in  Übereinstimmung  mit  den  Fähigkeiten ­
  bringen  will,  ist  weder  gleichheitstrunken  noch  gleichmachend.
Was  die  sozialistischen  Ideen  ihrer  Zeitgenossen  anlangt,  die  eines  Foukier  in
Frankreich,  eines  Thompson  und  Owen  in  England,  so  scheinen  sie  sie  nicht  gekannt
zu  haben.  Enfantin  hat  die  Bücher  Fourier’s  erst  ziemlich  spät  gelesen,  als  seine
eigene  wirtschaftliche  Lehre  schon  abgeschlossen  war.  Weder  Saint-Simon,  noch
Bazard  kennen  Fourier’s  Schriften.  Wahrscheinlich  war  es  um  1829,  daß  Enfantin
Kenntnis  von  Fourier’s  Werken  erhielt,  aus  denen  er  nur  das  nahm,  was  die  freie  Liebe
und  die  Theorie  der  Leidenschaften  betraf.  Daher  sagt  Bourgin:  „Wenn  Fourier
zu  etwas  gedient  hat,  so  war  es  dazu,  die  Auflösung  des  Saint-Simonismus  zu  beschleunigen.“ ­
  (H.  Bourgin:  Fourier,  S.  419,  Paris,  1905.)  _  .
Was  die  englischen  Sozialisten  anlangt,  so  erwähnen  die  Saint-Simonisten  sie
nie.  Der  Gedanke,  daß  die  Arbeit  allein  den  Wert  begründe,  eine  Idee  Ricardo  s,  die
uen  Theorien  Thompson’s  und  Owen’s,  wie  später  der  von  Marx  als  Grundlage  dient,
bleibt  ihnen  vollständig  fremd.  Sie  hielten  die  Begriffe  „Wert,  Preis,  Produktion,  die
keine  grundlegende  Idee  über  die  Zusammensetzung  oder  die  Organisation  der  Gesellschaft ­
  erfordern“,  für  „belanglose  Einzelheiten“  (Producteur,  Bd.  IV,  S.  388).  Ihre
Kehre  ist  vor  allem  sozial,  und  nur  nebenbei  streifen  sie  die  eigentliche  Nationalökonomie.
Enpantin  unterläßt  es  nie,  Quesnay  und  seine  Schule  sorgfältig  von  Smith  und  Say
zu  trennen.  In  seinen  Augen  hat  der  erste  seinen  Arbeiten  einen  sozialen  Charakter
gegeben,  den  die  Ekonomisten  zu  Unrecht  vernachlässigt  haben.  A.  Comte  kritisiert
später  die  Volkswirtschaft  in  fast  gleichen  Ausdrücken  im  IV.  Bande  seines  Cours
Philosophie  Positive,  und  hierin  liegt  unter  vielem  anderen  ein  weiterer  Beweis
ür  das,  was  er  dem  Saint-Simonismus  verdankt.
        <pb n="243" />
        220

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

kunft  die  Arbeiterklassen  spielen  können,  und  bereitet  sich  darauf  vor,
sie  zu  führen.  Er  wendet  sich  jedoch  hauptsächlich  an  die  kultivierten
Klassen,  an  die  Ingenieure,  die  Bankiers,  die  Künstler  und  die  Gelehrten.
Diesen  meistens  aus  den  begüterten  Klassen  hervorgegangenen  Männern
predigt  der  Saint-Simonismus  den  Kollektivismus  und  die  Abschaffung
des  Erbrechtes  als  das  sicherste  Mittel,  eine  neue  Gesellschaft  zu  gründen,
die  sich  auf  die  Wissenschaft  und  die  Industrie  aufbaut.  Hierauf  beruht
das  Aufsehen,  das  seine  Ideen  erregten.
Wenn  man  sich  bemüht,  seinen  Anfängen  nachzugehen,  so  kommt
man  dazu,  in  dem  Saint-Simonismus  mehr  eine  unerwartete  eigentümliche ­
  Fortsetzung  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  zu  sehen,  als  einen
Spätling  alter  sozialistischer  Auffassungen.
Man  muß  in  der  Tat  in  dem,  was  mit  dem  Namen  Saint-Simonismus ­
  bezeichnet  wird,  zwei  aufeinanderfolgende  Doktrinen  unterscheiden;
die  eine  ist  die  Saint-Simon’s,  die  andere  die  seiner  Schüler,  der  Saint-Simonisten.
  Die  erste  ist  ein  einfacher  „Industrialismus“,  dem  der  Sozialismus ­
  gewisse  Züge  entlehnen  wird,  der  sich  aber  hauptsächlich  an
den  ökonomischen  Liberalismus  anschließt,  dessen  etwas  übertriebene
Form  er  ist.  Nur  die  Lehre  der  Schüler  verdient  den  Namen  Kollektivismus. ­
  Dennoch  ist  sie  die  logische  Folge  aus  den  Grundsätzen  des  Meisters,
die  sie  nur  fortsetzt  und  erweitert.  Für  die  Geschichte  der  wirtschaftlichen ­
  Grundgedanken  ist  vielleicht  die  Theorie  der  Schüler  die  wichtigere.
Sie  bleibt  jedoch  unverständlich,  wenn  man  keine  Kenntnis  von  der
Saint-Simon’s  hat.  Wir  werden  daher  zunächst  diese  darlegen,  indem
wir  die  Beziehungen  nachweisen,  die,  wenn  auch  in  eigentümlicher  Weise,
so  doch  ganz  bestimmt  den  Sozialismus  Saint-Simon’s  mit  dem  ökonomischen ­
  Liberalismus  verbinden.
§  1.  Saint-Simon  und  der  Industrialismus.
Saint-Simon  war  ein  Grand-Seigneur,  dessen  Leben  unter  vielen
Abenteuern  und  ohne  Ordnung  verlief.  Mit  16  Jahren  nimmt  er  an  dem
amerikanischen  Unabhängigkeitskriege  teil.  Unter  der  Bevolution  legt
er  seinen  Adelstitel  ab  und  stellt  durch  glückliche  Spekulationen  mit
den  Nationalgütern  sein  zerrüttetes  Vermögen  wieder  her.  Als  verdächtig
in  Sainte  PMagie  eingekerkert,  durch  den  9.  Thermidor  wieder  befreit,
beschäftigt  er  sich  von  da  an  zur  gleichen  Zeit  mit  geschäftlichen  Unternehmungen, ­
  mit  Reisen,  mit  Vergnügungen  und,  wenn  auch  nur  oberflächlich, ­
  mit  wissenschaftlichen  Studien.  Von  diesem  Augenblicke  an
betrachtet  er  sich  als  eine  Art  Messias 1 ).  Die  Geburt  der  neuen  Gesell-9
  Vgl.  im  besonderen:  Dumas,  Psychologie  des  deux  Messies.  positivistes,
  Saint-Simon  et  A.  Comte  (Paris,  1905)  und,  soweit  biographische  Einzelheiten ­
  in  Betracht  kommen:  Weil,  Saint-Simon  et  son  ceuvre  (1894).
        <pb n="244" />
        Kapitel  II.  Samt-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  221
schaft,  der  er  beiwohnte,  machte  einen  tiefen  Eindruck  auf  ihn,  dieser
Gesellschaft,  in  der  die  moralischen,  politischen  und  materiellen  Bedingungen ­
  plötzlich  umgestürzt  zu  sein  schienen,  und  aus  der  sogar  die
alten  Religionen  verschwunden  waren,  ohne  daß  etwas  Neues  an  ihre  Stelle
trat.  Er  träumt  davon,  ihr  ein  neues  Evangelium  zu  bringen.  Am  4.  Messidor
  des  Jahres  VI  ruft  er  „die  mit  ihm  verbundenen  Kapitalisten  zusammen, ­
  predigt  ihnen  die  Notwendigkeit,  die  Moral  zu  erneuern  und
regt  die  Schaffung  einer  riesigen  Bank  an,  deren  Einkommen  dazu  dienen
soll,  der  Menschheit  nützliche  Arbeiten  auszuführen“.  So  verbinden
sich  bei  ihm  schon  philosophische  und  industrielle  Gedanken 1 ).  Eine
schnell  wieder  geschiedene  Ehe  und  unmäßige  Verschwendung  stürzen
ihn  aufs  Neue  ins  Elend.  Im  Jahr  1805  von  einem  alten  Diener  aufgenommen, ­
  lebt  er  nach  dessen  Tode  bald  von  einer  bescheidenen  Pension,
die  ihm  seine  Familie  zahlt,  bald  von  der  Unterstützung  einiger  Industrieller. ­
  Trotzdem  ist  er  so  unglücklich,  daß  er  sich  im  Jahr  1823  das
Leben  zu  nehmen  versucht.  Dieser  Versuch  schlägt  fehl,  und  er  findet
endlich  dank  dem  Bankier  Olinde  Rodrigues  materielle  Sicherheit,
bis  er  im  Jahr  1825,  in  seinen  letzten  Augenblicken  von  einigen  Schülern
umgeben,  stirbt.  Während  aller  dieser  Jahre  von  dem  Drange  beseelt,
dem  neuen  Jahrhundert  die  Lehre,  die  ihm  fehlt,  zu  geben,  hörte  Saint-Simon
  nicht  auf,  Broschüren,  Zusammenstellungen  und  Werke  bald
ullein,  bald  mit  Anderen  zusammen,  zu  veröffentlichen.  In  ihnen  weist
er  stets  auf  dieselben  Vorschläge  hin  und  wiederholt  unter  verschiedenen
Formen  stets  die  gleichen  Gedanken 2 ).
In  seinen  ersten  Arbeiten  sucht  er  hauptsächlich  eine  wissenschaftliche ­
  Synthese  herzustellen,  die  in  der  Zukunft  eine  positive  Moral  bieten
und  an  Stelle  der  religiösen  Dogmen  treten  könne.  Es  würde,  wie  man
gesagt  hat,  eine  Art  „wissenschaftliches  Brevier“  gewesen  sein,  in  dem
die  Gesamtheit  der  Tatsachen  von  einem  einzigen  Gedanken  abgeleitet
sein  sollte,  von  der  allgemeinen  Gravitation.  Er  war  sich  bewußt,  wie
chimärisch  eine  so  einfache  Erklärung  sein  mußte,  und  wie  ungenügend
seine  Kenntnisse  waren,  um  einen  so  ehrgeizigen  philosophischen  Versuch
B  Weil,  Saint-Simon  et  son  oeuvre,  S.  16.
B  1814  erschien:  De  la  rfiorganisation  de  la  Socifitö  europßenne,
Vom  Grafen  de  Saint-Simon  und  A.  Thierry,  seinem  Schüler;  —-  von  1817  1818,
Industrie,  in  4  Bänden  (der  3.  Band  und  das  erste  Heft  des  vierten  sind  von  A.  Comte);
1819,  la  Politique;  —  1821,  le  Systeme  industriel;  •—  von  1823  1824,  le
^atSchisme  des  industriels,  (von  dem  das  dritte  Heft  von  A.  Comte  stammt  und
Uen  Namen:  Systeme  de  politique  positive  trägt);  —1825,  le  Nouveau  Christia
 nisme.  —  Wir  zitieren  Saint-Simon  sowohl  nach  den  (Euvres  de  Saint-Simon
et  d’Enfantin,  die  die  von  Enfantin  zur  Ausführung  seines  letzten  Willens  ein-Sosetzte
  Kommission  herausgegeben  hat“,  (Paris,  Dentu,  1865)  wie  auch  nach  den
Euvres  choisies  Von  Saint-Simon,  die  1869  in  drei  Bänden  von  Lemonnier  in  Brüssel
veröffentlicht  wurden.
        <pb n="245" />
        222

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

zu  verwirklichen.  Erst  Auguste  Comte,  sein  Schüler,  sollte  späterhin
versuchen,  den  Gedanken  in  seinem  „Cours  de  Philosophie  positive“
und  in  seiner  „Politique  positive“  zu  verwirklichen.  Daher  ist  Saint-Simon
  nicht  nur  als  der  Vater  des  Sozialismus,  sondern  auch  als  der  des
Positivismus  zu  betrachten.
Von  1814  bis  zu  seinem  Ende  verzichtete  er  teilweise  auf  seine  philosophischen ­
  Arbeiten,  um  sich  fast  ausschließlich  der  Darlegung  seiner
sozialen  und  politischen  Gedanken  zu  widmen,  die  uns  hier  allein
interessieren.
Diese  Gedanken  lassen  sich  alle  in  einer  Verherrlichung  der  Rolle
der  Industrie  zusammenfassen,  wenn  dieses  Wort  in  seinem  weitesten
Sinne  genommen  wird,  fast  in  dem  Sinne,  in  dem  es  Adam  Smith  gebraucht ­
  hatte,  nämlich  als  synonym  mit  Arbeit.
Saint-Simon  hat  diese  Gedanken  selbst  in  einigen  eindrucksvollen
Seiten  zusammengefaßt,  denen  man  seitdem  den  Namen  „die  Parabel
Saint-Simon’s“  gegeben  hat.
„Nehmen  wir  an,“  sagt  er,  „daß  Frankreich  plötzlich  seine  50  ersten
Ärzte,  seine  50  ersten  Chemiker,  seine  50  ersten  Physiologen,  seine  50
ersten  Bankiers,  seine  200  ersten  Kaufleute,  seine  600  ersten  Landwirte,
seine  50  ersten  Hüttenbesitzer  usw„  usw.  (er  führt  so  alle  hauptsächlichsten ­
  Professionen  auf,)  verliere.  Da  diese  Männer  die  Hauptproduzenten ­
  Frankreichs  sind  und  die  bedeutendsten  Produkte  hervorbringen  ..  •&amp;gt;
so  würde  die  Nation  mit  dem  Augenblick,  in  dem  sie  sie  verliert,  ein
Körper  ohne  Seele  werden;  sie  würde  sofort  in  einen  Zustand  der  Inferiorität ­
  den  Nationen  gegenüber  versinken,  deren  Konkurrentin  sie
heute  ist,  und  sie  würde,  solange  sie  diesen  Verlust  nicht  wieder  eingebracht
hat,  solange  ihr  kein  neues  Haupt  gewachsen  ist,  in  dieser  Hinsicht  in
einer  untergeordneten  Stellung  verbleiben  müssen“  .  .  .  „Gehen  wir
jetzt  zu  einer  anderen  Voraussetzung  über.  Nehmen  wir  an,  daß  Frankreich ­
  all  die  genialen  Menschen  behält,  die  es  in  den  Wissenschaften,
in  den  schönen  Künsten,  im  Handel  und  Gewerbe  besitzt,  daß  es  aber
das  Unglück  habe,  am  gleichen  Tage  zu  verlieren:  Monsieur,  den  Bruder
des  Königs,  Mgr.  den  Herzog  von  Angouleme  (Saint-Simon  führt  hier
alle  Mitglieder  der  königlichen  Familie  auf),  und  daß  es  zur  gleichen  Zeit
alle  Groß-Offiziere  der  Krone,  alle  Staatsminister  mit  und  ohne  Portefeuille, ­
  alle  Staatsräte,  alle  Zeremonienmeister,  alle  Marschälle,  alle
Kardinale,  Erzbischöfe,  Bischöfe,  Großvikare  und  Pröbste,  alle  Präfekten
und  Unterpräfekten,  alle  Angestellten  der  Ministerien,  alle  Richter  und
darüber  hinaus  noch  zehntausend  der  reichsten  Grundbesitzer,  die  gut
leben,  verliere,  so  würde  dieser  Unglücksfall  sicherlich  die  Franzosen
betrüben,  weil  sie  ein  gutes  Herz  haben,  .  .  .  aber  dieser  Verlust  von
dreißigtausend  Individuen,  von  denen  man  annimmt,  daß  sie  für  den
Staat  von  der  größten  Bedeutung  sind,  würde  nur  von  diesem  sentimen-
        <pb n="246" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  228

talen  Gesichtspunkte  aus  Trauer  hervorrufen,  denn  für  den  Staat  würde
daraus  kein  politisches  Übel  irgendwelcher  Art  erwachsen 1 ).
Mit  anderen  Worten,  die  offizielle  Regierung  ist  nur  eine  Fassade.
Ihre  Tätigkeit  wirkt  nur  auf  die  Oberfläche.  Die  Gesellschaft  kann  ohne
sie  existieren;  sie  würde  deshalb  nicht  weniger  gut  leben,  während  im
Gegenteil  der  Verlust  der  Gelehrten,  Industriellen,  Bankiers  und  Kaufleute ­
  die  Gesellschaft  in  das  größte  Unglück  stürzen  würde,  da  hierdurch
die  eigentlichen  Quellen  des  Lebens  und  des  Wohlbefindens  versiegen,
denn  die  Tätigkeit  dieser  Männer  allein  ist  wirklich  fruchtbar  und  notwendig. ­
  Sie  regieren  in  Wahrheit  und  sie  besitzen  die  wirkliche  und  tatsächliche ­
  Macht.  —  Das  ist  der  Sinn  des-Gleichnisses.
So  beruht  denn  für  einen  scharfen  Beobachter  die  Welt,  in  der
wir  leben,  ausschließlich  auf  der  Industrie.  Sie  allein  ist  würdig,  die
Aufmerksamkeit  ernsthafter  Menschen  auf  sich  zu  ziehen.  Ihr  Aufstieg ­
  ist  von  einer  langen  historischen  Entwicklung  vorbereitet  worden,
die  nach  Saint-Simon  im  12.  Jahrhundert  mit  der  Befreiung  der  Gemeinden ­
  begann  und  mit  der  französischen  Revolution  verwirklicht
Wurde 2 ).  Sie  ist  die  Grundtatsache  der  heutigen  Zeit.  Daher  blickt
er  mit  der  größten  Verachtung  auf  die  politischen  Beschäftigungen
seiner  Zeitgenossen  herab,  die  darin  bestanden,  die  Verfassung  von  1814
Zu  verteidigen  oder  zu  bekämpfen.  Die  Liberalen  sind  im  Irrtum,
^enn  sie  beständig  die  alten,  leeren  Formeln,  wie  „Souveränität  des
Volkes“,  „Freiheit“,  „Gleichheit“  Wiederkäuen,  sinnlose  Begriffe 3 ),
die  in  dem  metaphysischen  Gehirn  von  Juristen  entstanden  sind 4 ),
Ull d  deren  Aufgabe  mit  der  Vernichtung  des  Feudalismus  beendet  ist.
.  ')  L’Organisateur,  1.  Lieferung,  1819,  (S.  10—20).  Dieser  Absatz  wurde
dahr  1832  von  Olinde  Rodrigues  unter  dem  Namen  „Parabole  politique“  in  einem
and,  der  verschiedene  Werke  Saint-Simon’s  enthielt,  von  Neuem  herausgegeben.  —
Diolge  dieser  Veröffentlichung  mußte  er  sich  vor  dem  Schwurgericht  verantworten,
Ur&amp;lt;1 «  aber  freigesprochen.
j  .  !&amp;gt;Zur  Zeit  der  Selbständigmachung  der  Städte  (Communes)  sehen  wir  die
ustrielle  Klasse,  nachdem  sie  ihre  Freiheit  gewonnen  hat,  dazu  gelangen,  sich  politische
acht  zu  schaffen.  Diese  Macht  besteht  darin,  nicht  mehr  ohne  ihre  Zustimmung  be-2
  eiLer t  zu  werden.  Diese  Klasse  wächst  und  bereichert  sich  langsam,  gewinnt  zur  gleichen
( l| :l  an  Bedeutung,  und  ihre  soziale  Lage  verbessert  sich  in  jeder  Hinsicht,  während
und  . ass ® n &amp;gt;  die  man  ekklesiastische  und  feudale  nennen  kann,  beständig  an  Ansehen
wirklicher  Macht  verlieren:  ich  schließe  daraus,  daß  das  Wachstum  der  industriellen
asse  fortschreiten  muß,  bis  sie  die  ganze  Gesellschaft  umfaßt.  Dahin  streben  die
“ge,  dorthin  führt  unser  Weg“  (CEuvres,  II,  166,  Lettres  ä  un  Amöricain).
w  ,  )  üDie  Grundlage  der  Freiheit  ist  die  Industrie;  ...  nur  mit  ihr  kann  die  Freiheit
Tat  S&amp;lt; ?’  nur  durch  sie  kann  sie  erstarken.  Wenn  diese  Wahrheit,  die  auf  Grund  der
des  ah  S °  alt ’  aber  für  das  Denken  so  neu  ist &amp;gt;  anstatt  a11  der  lügnerischen  Träume
heit A  n  Ums  in  den  Köpfen  gelebt  hätte,  würden  wir  niemals  die  blutrünstige  Dumm-»Gleichheit
  oder  Tod“  gehört  haben“  (GSuvres  completes,  II,  S.  210—211).
lieht-  (  ” Juriste n  und  Metaphysiker  unterliegen  der  Gefahr,  die  Form  für  die  Wirk-Worte
  für  Dinge  anzusehen“  (Syst.  Ind.,  CEuvres  completes,  V,  S.  12)..
        <pb n="247" />
        224

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Die  Menschen  der  Zukunft  haben  besseres  zu  tun,  als  die  Verfassung
gegen  „Ultras“  zu  verteidigen.  Der  Parlamentarismus  ist  notwendig.
Er  ist  aber  nur  eine  vorübergehende  Etappe  auf  dem  Wege  von  dem
zerstörten  Feudalismus  zu  der  Ordnung,  die  morgen  an  seine  Stelle  treten
wird 1 ).  Diese  Ordnung,  die  morgen  eintreten  wird,  ist  der  Industrialismus ­
  d.  h.  eine  soziale  Ordnung  die  ganz  und  gar  darauf  aufgebaut  ist,
die  Industrie  zu  begünstigen,  „die  einzige  Quelle  aller  Güter  und  allen
Wohlstandes“.
Worin  wird  diese  Herrschaft  bestehen?
Zunächst  setzt  sie  das  Verschwinden  der  Klassen  voraus.  Es  soll
weder  Adel,  noch  Bürgertum,  noch  Klerus  geben.  Es  gibt  nur  zwei  Kategorien ­
  von  Personen:  die  Arbeiter  und  die  Müßiggänger,  oder,  wie  Saint-Simou
  sagt:  „die  Bienen  und  die  Drohnen“,  oder  auch:  die  nationale
und  die  anti-nationale  Partei.  In  der  neuen  Gesellschaft  müssen  die
zweiten  verschwinden;  in  ihr  gibt  es  nur  Platz  für  die  ersten 2 ).  Darunter
sind  nicht  ausschließlich  die  Handarbeiter  zu  verstehen 3 ),  sondern  auch
die  Landwirte,  die  Handwerker,  die  Fabrikanten,  die  Bankiers,  die  Gelehrten ­
  und  Künstler 4 ).  Zwischen  diesen  Personen  soll  nur  der  Unterx ­
 )  Die  parlamentarische  Regierung  muß  angesehen  werden  „als  ein  unvermeidliche 1
Übergang  zur  Industrieordnung“  (CEuvres  compl.,  III,  S.  22);  sie  ist:  „notwendig,
um  den  Übergang  von  der  Herrschaft  der  Willkür,  die  jetzt  besteht,  zur  Herrschaft
des  vollständigen  Liberalismus,  der  später  bestehen  wird,  durchzuführen“  (Ebenda,
S.  21).
2 )  Schon  1803  schrieb  er  in  den  Briefen  eines  Genfers  (Lettres  d’u n
habitant  de  Geneve):  „Alle  Menschen  werden  arbeiten;  jedem  wird  die  Verpflicb'
tung  auferlegt  werden,  seine  persönlichen  Kräfte  beständig  in  einer  der  Menschheit
nützlichen  Richtung  zu  betätigen“  ((Euvres  compl.,  I,  S.  55).
3 )  „Ich  finde,“  sagt  er,  „daß  es  von  wesentlicher  Bedeutung  ist,  der  Idee  der
Arbeit  all  das  Umfassende  zu  lassen,  dessen  sie  fähig  ist.  Irgendein  öffentlicher  Beamter,
jede  Person,  die  sich  mit  den  Wissenschaften,  den  schönen  Künsten,  der  Manufaktur
oder  der  landwirtschaftlichen  Industrie  beschäftigt,  arbeitet  in  ebenso  positiver  Weise
wie  der  Tagelöhner,  der  die  Erde  umgräbt,  oder  der  Hafenarbeiter,  der  seine  Lasten
trägt“  (Introduction  au  travail  scientifique.  CEuvres  choisies,  I,  S.  221)-*)
  „Die  National-  oder  Industriepartei  umfaßt:
1.  Alle,  die  den  Boden  bearbeiten,  einschließlich  derer,  die  irgendeine  Arbei
der  Bodenbewirtschaftung  leiten.
2.  .  .  .  alle  Handwerker,  alle  Fabrikanten,  alle  Kaufleute,  alle  Unternehme
von  Land-  oder  Seetransporten,  ebenso  wie  alle,  deren  Arbeit  mittelbar  oder  unmittelba
der  Erzeugung  oder  Verwendung  der  produzierten  Gegenstände  dient“:  „die  Gelehrten,
&amp;lt;die  sich  dem  Studium  der  positiven  Wissenschaften  widmen),  die  Künstler,  die  uoeralen
  Rechtsanwälte,  &amp;lt;die  kleine  Anzahl  von  Priestern,  die  die  heilige  Moral  predigen) 1 &amp;gt;
„und  weiter  alle  Bürger,  die  ihre  Gaben  und  Mittel  offen  und  ehrlich  dazu  verwende  &amp;lt;
die  Produzierenden  von  der  ungerechten  Vorherrschaft,  die  die  müßigen  Verbrauc  e
über  sie  ausüben,  zu  befreien.“  ,  g
„Die  anti-nationale  Partei  besteht  aus  den  Adligen,  die  daran  arbeiten,
„ancien  regime“  wieder  herzustellen;  aus  den  Priestern,  für  die  die  Moral  im  bim
Glauben  an  die  Entscheidungen  des  Papstes  und  der  Geistlichkeit  besteht;  aus
Hausbesitzern,  die  ein  gutes  Leben  führen,  d.  h.  ein  Leben  des  Nichtstuns;  aus
        <pb n="248" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  225

schied  bestehen,  der  durch  ihre  verschiedenen  Fähigkeiten  bedingt  wird,
oder  wie  Saint-Simon  dies  ausdrückt,  durch  ihren  „Einsatz“.  „Die
industrielle  Gleichheit“,  schreibt  er,  „besteht  darin,  daß  jeder  aus  der
Gesellschaft  genau  die  Vorteile  zieht,  die  mit  seinem  sozialen  Einsatz
im  Verhältnis  stehen,  d.  h.  mit  seiner  positiven  Fähigkeit,  mit  der  Verwendung, ­
  die  er  von  seinen  Mitteln  macht,  zu  denen  wohlverstanden
auch  seine  Kapitalien  zu  rechnen  sind“ 1 ).  Wie  man  sieht,  denkt  Saint-Simon
  nicht  daran,  das  Einkommen  der  Kapitalisten  abzuschaffen.  Seine
Feindschaft  richtet  sich  nur  gegen  die  Großgrundbesitzer.
Nicht  nur  die  sozialen  Unterschiede  müssen  verschwinden,  soweit
sie  nicht  auf  die  Arbeit  und  die  Fähigkeit  gegründet  sind,  sondern  auch
die  Regierung  im  gewöhnlichen  Sinne  des  Wortes  wird  zum  großen  Teil
annötig.  Nach  Saint-Simon  muß  die  „nationale  Gesellschaft“  als  eine
»industrielle  Unternehmung“  angesehen  werden.  „Frankreich  wird  eine
große  Fabrik,  und  das  französische  Volk  eine  große  Werkstatt“,  und
»die  Aufgabe,  Diebstähle  und  andere  Gesetzesverletzungen  in  den  Werkstätten ­
  zu  verhindern,  mit  einem  Wort,  diese  Werkstätte  zu  regieren,
wird  (in  einer  Fabrik)  nur  als  eine  durchaus  nebensächliche  Aufgabe
betrachtet  und  untergeordneten  Angestellten  übertragen“ 2 ).  So  soll
auch  die  Regierung  in  der  industriellen  Gesellschaft  sich  darauf  beschränken, ­
  „die  Arbeiter  vor  dem  unproduktiven  Einfluß  der  Müßiggänger ­
  zu  beschützen  und  die  Sicherheit  und  Freiheit  der  Produktion
aufrecht  zu  erhalten“ 3 ).
Bis  hierher  unterscheidet  sich  der  Industrialismus  Saint-Simon’s
kaum  von  dem  einfachen  Liberalismus  der  Jünger  Smith’s  und  J.-B.
Say’s.  Zur  selben  Zeit  verfechten  Charles  Comte  und  Dunoyer  in
ihrer  Revue  Le  Censeur  durchaus  gleiche  Gedanken 4 ),  manchmal  sogar
iß  denselben  Ausdrücken.  „Bahn  frei  für  das  Talent“,  „Nichteinmischung
der  Regierung“  sind  Formeln,  die  alle  liberalen  Bourgeois  dieser  Zeit
wiederholen,  und  die  auf  Hoffnungen  hinweisen,  die  mit  denen  Saint-Simon’s
  übereinstimmen.
Hier  aber  ändert  sich  der  Ton 6 ).
Richtern,  die  die  Willkür  stützen,  aus  den  Militärpersonen,  die  ihnen  Beistand  leisten,
ait  einem  Wort,  aus  allen  denen,  die  der  Errichtung  der  Ordnung,  die  der  Wirtschaft
and  der  Freiheit  am  günstigsten  ist,  widerstreben.“  (Le  parti  national,  in  der.
abtique,  (Euvres  compl.  III,  S.  202—204.)
1 )  Systeme  Indust.,  (Euvres  VI,  S.  17,  Anm.
2 )  Ebenda,  S.  91—92.
3 )  (Euvres  III,  S.  36—36.
T  *)  Vgl.  hierüber  den  Aufsatz  Halevy’s  in  der  Revue  du  Mois  (Dezember  1907)
idees  §conomiques  de  Saint-Simon;  wie  auch  Allix  in  dem  oben  S.  127,
nm -  1  angeführten  Aufsatz.
6 )  Der  Gegensatz  wird  in  der  folgenden  Stelle  gut  hervorgehoben:  „Man  hat
«kannt,  daß  fast  alle  Maßnahmen,  durch  die  sie  (die  Regierungen)  Vorgaben,  auf
Gi de  und  Rist,  Geseh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  15
        <pb n="249" />
        226

Zweites  Bach.  Die  Gegner.

Frankreich,  haben  wir  gesagt,  wird  zu  einer  großen’Fabrik.  „Dia
wichtigsten  Arbeiten  in  einer  Fabrik  bestehen  aber  zunächst  darin,  die
Fabrikationsmethoden  zu  bestimmen,  weiterhin  die  Interessen  der  Unternehmer ­
  mit  denen  der  Arbeiter  einerseits,  mit  denen  der  Verbraucher
andererseits  in  Übereinstimmung  zu  bringen.“  So  gibt  es  auch  in  der
industriellen  Ordnung  Platz  für  eine  Regierung,  aber  für  eine  Regierung
von  ganz  besonderer  Art:  nämlich  eine  Verwaltung  der  Sachen,  deren
wir  bedürfen,  anstatt  eine  Regierung  der  Menschen 1 ).  Die  Politik  soll  nicht
verschwinden,  muß  sich  aber  umformen.  Sie  wird  zu  einer  „positiven
Wissenschaft“,  „zur  Wissenschaft  der  Produktion,  das  heißt  zu  einer
Wissenschaft,  deren  Gegenstand  die  allen  Produktionszweigen  günstigste
Ordnung  der  Dinge  ist“ 2 ).  „Unter  der  alten  Ordnung  mußten  die  wesentlichen ­
  Maßnahmen  sich  damit  beschäftigen,  die  Gewalt  der  Regierung
zu  steigern,  die  Macht  der  oberen  Klassen  über  die  unteren  so  fest  wie
möglich  zu  etablieren.  .  .  .  Unter  der  neuen  Ordnung  aber  müssen  die
wesentlichen  Maßregeln  im  Gegenteil  darauf  gerichtet  sein,  die  von  der
Gesellschaft  für  die  physische  und  moralische  Verbesserung  der  Lebensden

  sozialen  Wohlstand  Einfluß  auszuüben,  kein  anderes  wirkliches  Ergebnis  gezeitigt
haben,  als  ihm  Abbruch  zu  tun;  aus  dieser  Tatsache  ist  der  Ausdruck  entstanden,
daß  Regierungen  nichts  Besseres  für  das  Wohl  der  Gesellschaft  tun  können,  als  sich
nicht  damit  zu  befassen.  Wenn  auch  diese  Ansicht  richtig  ist,  solange  man
sie  vom  Standpunkt  des  bestehenden  politischen  Systems  betrachtet,
so  ist  sie  doch  selbstverständlich  falsch,  sobald  man  sie  im  absoluten
Sinne  auffaßt;  sie  kann  in  dieser  Weise  nur  bestehen  bleiben,  solange
man  nicht  zu  der  Idee  eines  anderen  politischen  Systems  gelangt  ist“
(L’Organisateur,  CEuvres  compl.  IV,  S.  201).
Späterhin  gehen  die  Saint-Simonisten  von  diesem  Gedanken  aus,  um  die  Leitung
aller  sozialen  Beziehungen  durch  die  Regierung  zu  fordern.  „Weit  davon  entfernt,
zuzugeben,  daß  man  sich  vornehmen  muß,  den  leitenden  Einfluß  innerhalb  der  Gesellschaften ­
  zu  beschränken,  glauben  wir,  daß  er  sich  auf  Alles  erstrecken
sollte,  daß  er  stets  gewärtig  sein  muß,  denn  für  uns  ist  jede  wirkliche  Gesellschaft
eine  Hierarchie“  (Exposition  de  la  doctrine  de  Saint-Simon,  2.  Jahr,  Paris
1830,  S.  108).
*)  Unter  dem  alten  Regime  „kommen  die  Menschen  vor  den  Dingen“  (Fortsetzung ­
  der  Broschüre:  Des  Bourbons  et  des  Stuarts,  1822,  CEuvres  choisies,
II,  S.  447).  Unter  der  neuen  Ordnung  der  Dinge,  „muß  die  soziale  Ordnung  als  einzigen
Zweck  den  Einfluß  der  Menschen  auf  die  Dinge  haben“  (CEuvres,  IV,  S.  81)-  „ß el
dem  heutigen  Zustand  der  Kenntnisse  liegt  das  Bedürfnis  der  Nation  nicht  darin,
regiert,  sondern  verwaltet  zu  werden,  und  zwar,  so  billig  wie  möglich  verwaltet  zu
werden“  (Systeme  indust.,  CEuvres  compl.  V,  S.  151).  In  gleicher  Weise  schreib
später  Engels  in  seinem  Buch  gegen  Eugen  Dühring,  indem  er  von  der  sozialistischen
Ordnung  spricht:  „An  Stelle  der  Regierung  von  Personen  wird  die  Verwaltung  von
Sachen  treten,  wie  auch  die  Leitung  des  Produktionsvorganges.  Der  Staat  wird  nie
„abgeschafft“,  er  „stirbt  ab“  (Philosophie,  Hconomie  politique,  Socialisme,
Franz.  Ubers,  von  Laskine,  Paris,  1911,  S.  361).
s )  Lettres  ä,  un  Amöricain  (CEuvres,  II,  S.  189).
        <pb n="250" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  227

15*

läge  aller  ihrer  Mitglieder  zu  leistende  Arbeit  so  klar  wie  möglich  festzusetzen ­
  und  ihre  Ausführung  so  harmonisch  wie  möglich  zu  gestalten 1 ).
Hierin  wird  also  die  Aufgabe  der  neuen  Regierung  bestehen,  in  der
die  „Fähigkeit“  die  „Macht“,  und  die  „Leitung“  das  „Befehlen“  ersetzen
werden 2 ).  Sie  wird  sich  nur  beschäftigen:  „mit  der  einzigen  Art  von
Interessen,  in  der  sich  alle  Menschen  verstehen  können,  und  in  der  Abmachungen ­
  am  Platze  sind,  der  einzigen,  in  der  gemeinsames  Handeln
notwendig  ist,  der  einzigen  daher,  mit  der  sich  die  Politik  befassen  kann:
den  Interessen  des  Lebens  und  des  Wohlstandes 3 ).“
Zur  besseren  Erklärung  seines  Gedankens  schlägt  Saint-Simon
vor,  die  Exekutivgewalt  einer  Abgeordnetenkammer  anzuvertrauen,
die  einzig  aus  den  Vertretern  des  Handels,  der  Industrie  und  der
Landwirtschaft  gebildet  wird,  und  deren  Aufgabe  es  sein  würde,  die
Gesetzesentwürfe  anzunehmen  oder  zurückzuweisen,  die  ihr  von  zwei
anderen  Kammern,  die  sich  aus  Ingenieuren,  Künstlern  und  Gelehrten
zusammensetzen,  unterbreitet  werden,  Gesetzesentwürfe,  die  sich  ausschließlich ­
  mit  der  Förderung  des  materiellen  Wohlstandes  des  Landes
beschäftigen 4 ).
An  Stelle  der  politischen  Regierung  tritt  die  wirtschaftliche  Leitung,
die  Autorität  über  Menschen  macht  der  Verwaltung  der  Dinge  Platz;
die  soziale  Ordnung  wird  nach  dem  Vorbild  der  Ordnung  einer  Werkstatt
eingerichtet,  und  die  in  Produktivassoziationen  umgebildeten  Nationen
haben  als  einziges  Objekt  „durch  friedliche  Arbeit  von  positiver  Nützlichkeit ­
  vorwärts  zu  kommen“ 5 ):  das  ist  die  neue  Auffassung  Saint-Simon’s,
  die  ihn  über  die  Liberalen,  deren  Grundsätzen  er  bisher  gefolgt
zu  sein  scheint,  hinausführt,  —  und  die  ihn  dem  Sozialismus  nähert.
Her  Kollektivismus  Marx’  sammelt  sorgfältig  diese  verschiedenen  Gedanken, ­
  in  denen  Friedrich  Engels  die  Hauptbedeutung  Saint-Simon’s
sieht 6 ).  Proudhon  nimmt  sie  seinerseits  auf  und  stellt  als  ideales  Ziel

b  (Euvres  choisies,  II,  S.  437—438  (Fts.  d.  Broschüre:  Des  Bourbons  usw.).
2 )  L’Organisateur,  (Euvres  compl.  IV,  S.  86  u.  160—161.
3 )  Lettres  ä  un  Amöricain,  (Euvres,  II,  S.  188.
4 )  Das  ist  nicht  der  einzige  Plan  einer  Regierung,  den  Saint-Simon  vorgeschlagen
hat.  Er  ist  aber  der  charakteristischste.  Er  findet  sich  im  „Organisateur“  sogleich
hach  der  „Parabole“.  Bemerkenswert  ist,  daß  Saint-Simon  durchaus  gegen  eine
Regierung  von  Gelehrten  ist.  Die  Industriellen  sollen  die  Macht  haben.  Die  Gelehrten
hurten  nur  beratende  Stimme  erhalten:  „Sollte  sich  zu  unserem.Unglück  eine  Ordnung
her  Dinge  bilden,  in  der  die  Verwaltung  der  zeitlichen  Dinge  in  die  Hände  von  Gelehrten
|rtegt  sein  würde,  so  würde  man  sehr  bald  eine  Korruption  in  der  wissenschaftlichen
Welt  eintreten  und  alle  Laster  der  Geistlichkeit  wiederkehren  sehen.  Die  Gelehrten
Würden  Metaphysiker,  Schlauköpfe  und  Despoten  werden“  (Syst,  indust.,  CEuvres
COm Pl.,  V,  S  161).
5 )  Syst.  Indust.,  (Euvres  compl.  VI,  S.  96.
6 )  P.  Engels,  Herrn  Eugen  Dührings  Umwälzung  der  Wissenschaft,
'  A - US S- 1  S.  277.  Dieses  Kapitel  des  ENGELs’schen  Buches  stammt  vollständig  von  Marx.
        <pb n="251" />
        228

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

die  vollständige  Aufsaugung,  das  Verschwinden  der  Regierung  in  der
wirtschaftlichen  Organisation  hin.  Heute  finden  wir  es  bei  den  verschiedensten ­
  Denkern  wieder,  z.  B.  bei  A.  Menger,  in  der  Beschreibung
seines  „volkstümlichen  Arbeitsstaates“ 1 ),  wie  auch  bei  Sorel,  der  in
einer  charakteristischen  Stelle  behauptet:  „daß  der  Sozialismus  dahin
strebt,  die  Ordnung  der  Werkstatt  auf  die  Gesellschaft  zu  übertragen“ 2 ).
Daher  unterscheidet  sich  der  Industrialismus  Saint-Simon’s  klar
von  dem  wirtschaftlichen  Liberalismus  durch  die  ganze  neue  Rolle,  die
er  der  Regierung  zuteilt 3 ).
Obgleich  Saint-Simon  dem  Sozialismus  eine  seiner  Grundideen
geliefert  hat,  kann  man  doch  nicht  sagen,  daß  er  Sozialist  gewesen  sei,
wenn  nämlich,  wie  wir  glauben,  das  Wesen  des  Sozialismus  darin  besteht, ­
  das  Privateigentum  abzuschaffen.  Allerdings  hat  Saint-Simon
in  einem  berühmten  Satz  davon  gesprochen,  das  Grundeigentum  umzuformen ­
 4 ).  Aber  dieser  Satz  steht  allein.  Wir  haben  oben  gesehen,  daß
1 )  A.  Menger,  Neue  Staatslehre  (Jena,  1903).
2 )  Der  vollständige  Text  lautet:  „Der  Sozialismus  strebt  danach,  die  Ordnung
der  Werkstätte  auf  die  der  Gesellschaft  zu  übertragen  ...  In  den  erprobten  Gebräuchen ­
  der  Werkstatt  liegt  sicherlich  die  Quelle,  aus  der  das  zukünftige  Recht  entstehen ­
  wird;  der  Sozialismus  wird  nicht  nur  die  Ausrüstung  der  Werkstatt,  die  der
Kapitalismus  geschaffen  hat,  und  die  Wissenschaft,  die  sich  auf  die  technische  Entwicklung ­
  aufbaut,  erben,  sondern  auch  die  Kooperationsformen,  die  sich  nach  und
nach  in  den  Fabriken  ausgebildet  haben,  um  den  größtmöglichen  Vorteil  aus  der  Zeit,
den  Kräften  und  der  Geschicklichkeit  der  Menschen  zu  ziehen.“  .  .  .  Etwas  vorher:
„Alle  Dinge  müssen  nach  dem  Vorbilde  einer  Werkstatt  behandelt  werden,  die  voller
Ordnung,  ohne  verlorene  Zeit  und  ohne  Launenhaftigkeit  arbeitet“  (G.  Sorel:  Le
Syndicalisme  revolutionnaire;  Mouvement  Socialiste,  1.  u.  16.  Nov.  1906).
3 )  Saint-Simon  zitiert  oft  mit  großem  Lobe  Say  und  Smith.  Doch  macht  er
dem  ersteren  den  Vorwurf,  die  Politik  von  der  Volkswirtschaft  getrennt  zu  haben,
anstatt  sie  darin  aufgelren  zu  lassen  und  nur  „ganz  unbestimmt  und  wie  trotz  seiner
selbst  „gefühlt  zu  haben“,  daß  die  Volkswirtschaft  die  einzige  und  wirkliche  Grundlage
der  Politik  ist“  (Lettres  ä  un  Americain,  (Euvres,  II,  S.  186).
*)  Dafür,  daß  Saint-Simon  unter  die  Sozialisten  zu  rechnen  ist,  werden  im  allgemeinen ­
  zwei  Gründe  angeführt:  1.  Das  Interesse,  das  er  in  gewissen  Stellen  seiner
Schriften  für  die  niederen  Klassen  zeigt;  2.  die  von  ihm  über  eine  Reform  des  Eigentums ­
  geäußerte  Meinung.  Doch  hat  keine  der  hierfür  angezogenen  Textstellen  die
Tragweite,  die  man  ihnen  gewöhnlich  zuspricht.  Mit  Hinsicht  auf  den  ersten  Punkt
wird  häufig  eine  berühmt  gewordene  Stelle  aus  dem  Nouveau  Christianisme  angeführt: ­
  die  Menschen,  heißt  es  da,  „sollen  die  Gesellschaft  in  der  Weise  organisieren,
die  für  die  größte  Anzahl  unter  ihnen  die  vorteilhafteste  ist;  sie  müssen  sich  als  Ziel
aller  ihrer  Arbeiten  und  Anstrengungen  die  möglichst  schnelle  und  durchgreifende
Verbesserung  der  moralischen  und  physischen  Lage  der  zahlreichsten  Klasse  setzen“
((Euvres,  VII,  S.  108—109).  Schon  früher  hatte  Saint-Simon  in  dem  Systeme
industriel  gesagt:  „Der  unmittelbare  Zweck  meines  Unternehmens  ist,  soviel  wie
möglich  das  Schicksal  der  Klasse  zu  verbessern,  die  keine  anderen  Unterhaltsmittel
hat,  als  die  Arbeit  ihrer  Hände“  ((Euvres,  VI,  S.  81).  Zunächst  braucht  man  aber
in  diesen  Erklärungen  weiter  nichts  als  eine  Formel  des  utilitaristischen  Grundsatzes
Bentham’s  zu  sehen:  größtes  Glück  für  die  größte  Zahl.  Und  wie  beabsichtigt  Saint-
        <pb n="252" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  229

in  seinen  Augen  das  Kapital  ebensoviel  Recht  auf  Entlohnung  hat,  wie
die  Arbeit.  In  dem  einen  wie  in  dem  anderen  sieht  er  einen  sozialen  „Einsatz“. ­
  Daher  würde  er  sich  auch  ohne  weiteres  mit  einer  Reform  begnügen, ­
  die  lediglich  die  Regierung  beträfe.
Wenn  man  als  Ideal  den  „Industrialismus“  aufstellt,  dessen  Hauptzüge ­
  er  herausgearbeitet  hat,  ist  es  nicht  schwierig,  radikalere  Reformen
zu  verlangen  und  das  ganze  soziale  System  anzugreifen.  Das  ist  die  Aufgabe ­
  der  Saint-Simonisten.  Wir  werden  nun  versuchen,  diese  Entwicklung ­
  vom  „Industrialismus“  zum  „Kollektivismus“  zu  zeigen.

Simon  das  Glück  der  Arbeiter  zu  sichern?  Indem  er  ihnen  Anteil  an  der  Macht  gibt?
Durchaus  nichtl  Im  Organisateur  (CEuvres  IV,  S.  158)  sagt  er:  „Die  Frage  (der
sozialen  Organisation)  wird  für  das  Volk  gelöst  werden;  es  wird  aber  selbst  außerhalb
und  passiv  bleiben....  Das  Volk  ist  von  der  Frage  ausgeschlossen  worden. 1 '
Das  beste  Mittel,  ihm  Gutes  zu  tun,  besteht  darin,  „den  Herren  der  industriellen
Unternehmungen  die  Aufgabe  anzuvertrauen  ...  die  öffentliche  Verwaltung  zu
leiten“,  da  „sie  stets  unmittelbar  bestrebt  sein  werden,  ihren  Unternehmungen  die
größtmöglichste  Ausdehnung  zu  geben,  und  aus  ihren  -Bemühungen  in  dieser  Hinsicht
wird  sich  die  größtmögliche  Menge  von  Arbeiten  ergeben,  die  von  den  Leuten  aus  dem
Wik  ausgeführt  werden“  (Syst.  Indust.,  CEuvres,  VI,  S.  82—83).  —  Auch  ein  liberaler ­
  Volkswirtschaftler  würde  nicht  anders  sprechen.
Was  das  Eigentum  anbelangt,  so  hat  Saint-Simon  sicher  seine  Umwandlung  für
möglich  gehalten.  Zahlreiche  Stellen  seiner  Bücher  weisen  hierauf  hin.  „Das  Eigentum ­
  muß  neu  gebildet  und  auf  den  Grundlagen  aufgebaut  werden,  die  es  für  die
Produktion  am  günstigsten  gestalten,“  sagt  er  im  Organisateur  (CEuvres,  IV,
K  69).  An  anderer  Stelle,  in  einem  Brief  vom  Jahre  1818  an  den  Redakteur  des
Journal  g£n6ral  de  la  France,  sagt  er,  daß  er  sich  mit  der  Entwicklung  folgender ­
  Ideen  befasse:  „1.  Das  Gesetz,  das  das  Eigentum  begründet,  ist  von  allen  das
wichtigste;  es  allein  dient  als  Grundlage  des  sozialen  Gebäudes.  ...  2.  Das  Eigentum
ttuß  so  eingerichtet  sein,  daß  der  Eigentümer  dazu  angespornt  wird,  es  so  produktiv
wie  möglich  zu  gestalten  (GSuvres,  III,  S.  43—44).  Schon  in  den  Lettres  ä  un
Amßricain  faßt  er  die  Prinzipien,  die  er  bei  J.-B.  Say  findet,  wie  folgt  zusammen
(woraus  hervorgeht,  wie  eng  er  sich  an  die  liberalen  Volkswirtschaftler  anlehnt):  „Die
Erzeugung  nützlicher  Gegenstände  ist  der  einzige,  vernünftige  und  positive  Zweck,
uen  die  politischen  Gemeinwesen  sich  vornehmen  können,  und  daher  ist  der  Grundsatz:
  Achtung  vor  der  Produktion  und  den  Produzenten  unendlich  viel
fruchtbarer  als  der,  der  besagt:  Achtung  vor  dem  Eigentum  und  den  Eigen-,
tümern“  (CEuvres,  II,  S.  186—187).  —  Alles  dies  erscheint  uns  aber  nichts
anderes  auszudrücken  als  den  Gedanken,  daß  das  Eigentum  sich  durch  seine  Nütz-'chkeit
  rechtfertigt  und  in  Hinsicht  auf  den  sozialen  Nutzen  organisiert  werden  muß.
Wenn  er  eine  bestimmte  Reform  des  Eigentums  ins  Auge  gefaßt  hat,  so  .war  es  auf
3®den  Fall  doch  nur  die  des  Grundbesitzes.  Denn  wie  wir  weiter  oben  gesehen  haben,
'‘trachtet  er  das  Kapital  als  einen  sozialen  „Einsatz“,  der  ein  Anrecht  auf  Entlohnung
l.t.  Auch  findet  man  an  anderer  Stelle  folgende  Ausführung,  die  klar  seine  Sympathie
Dir  den  beweglichen  Besitz  ausdrückt:  „Der  Reichtum  ist  im  allgemeinen  ein  Beweis
i  er  Fähigkeitder  Fabrikanten,  sogar  wenn  sie  das  Vermögen,  das  sie  besitzen,
ererbt  haben,  während  in  den  anderen  Klassen  der  Staatsbürger  es  stets  wahrschein-"pn
  ist,  daß  die  Reicheren  denen  an  Fähigkeiten  unterlegen  sind,  die  eine  gleiche  Erziehung ­
  genossen  haben  und  nur  über  ein  mittelmäßiges  Vermögen  verfügen.  Diese
Wahrheit  wird  in  der  positiven  Politik  eine  bedeutende  Rolle  spielen“  (Syst.  Indust.,
nvres,  V,  S.  49,  Anm.).
        <pb n="253" />
        Zweites  Buch.  Die  Gegner.
Die  Saint-Simonisten  und  die  Kritik  des  Privateigentums. ­


Die  Bücher  Saint-Simon’s  sind  nicht  viel  gelesen  worden.  Sein
Einfluß  lag  hauptsächlich  in  seiner  Persönlichkeit.  Es  gelang  ihm,  bebeutende
  Männer  um  sich  zu  sammeln,  von  denen  viele  nach  seinem
Tode  seine  Ideen  verbreiteten.  Von  1814—1817  war  Augustin  Thierry
sein  Sekretär.  Er  bezeichnete  sich  selbst  als  den  Adoptivsohn  Saint-Simon’s.
  Auguste  Comte  nahm  von  1817—1824  die  gleiche  Stellung
bei  ihm  ein  und  war  Mitarbeiter  an  seinen  Veröffentlichungen.
Olinde  Rodrigues  und  sein  Bruder  Eugene  waren  ebenfalls  unter
seinen  ersten  Schülern.  Zu  ihnen  gesellten  sich  unter  anderen
Enfantin,  ein  früherer  Polytechniker,  und  Bazard,  ein  alter  Karbonaro,
der  der  politischen  Versuche  überdrüssig  geworden  war.  Gleich  nach
dem  Tode  Saint-Simon’s  gründeten  sie  eine  Zeitung,  Le  Producteur,
um  die  Gedanken  des  Meisters  zu  verbreiten;  die  meisten  der  dort  erschienenen ­
  volkswirtschaftlichen  Aufsätze  stammen  von  Enfantin.
Die  Zeitung  bestand  nur  ein  Jahr,  aber  die  Anhänger  der  neuen  Lehre
wuchsen  zu  einer  bedeutenden  Zahl  an.  Alle  waren  sie  überzeugt,  daß
die  Ideen  Saint-Simon’s  die  Grundlage  eines  wirklich  modernen  Glaubens
bildeten  und  bestimmt  seien,  zu  gleicher  Zeit  den  im  Niedergang  begriffenen
Katholizismus  und  den  politischen  Liberalismus  zu  ersetzen,  welch  letzterer
in  ihren  Augen  eine  rein  negative  Lehre  war.
Um  die  geistigen  Bande,  die  sie  schon  vereinten,  zu  stärken,  bildeten
diese  Enthusiasten  unter  sich  eine  Art  Hierarchie.  An  ihrer  Spitze  standen
die  Führer,  „Väter“  genannt,  die  zusammen  das  College  bildeten.
Die  „Söhne“,  die  sich  gegenseitig  mit  „Bruder“  anredeten,  verteilten
sich  auf  verschiedene  „Grade“.  Diesen  Charakter  einer  organisierten
Sekte  nahm  der  Saint-Simonismus  im  Jahr  1828  unter  dem  Einfluß
Eugene  Rodrigues’  an.  Gleichzeitig  beauftragten  sie  einen  der  ihrigen,
Bazard,  die  Lehre  öffentlich  in  Vorträgen  darzulegen.  Diese  Vorträge,
die  von  1828—1830  vor  einer  glänzenden  Hörerschaft  stattfanden,  —
zu  denen  sich  viele  drängten,  die  später  eine  große  Rolle  in  der  Geschichte
Frankreichs  spielen  sollten,  wie  Ferdinand  von  Lesseps,  A.  Carrel,
H.  Carnot,  die  Gebrüder  Pereire,  Michel  Chevalier  und  andere  —
sind  in  zwei  Bänden  veröffentlicht  worden  und  zwar  unter  dem  Namen
Exposition  de  la  Doctrine  de  Saint-Simon  (Darlegung  der  Lehren
Saint-Simon’s).  Der  zweite  Band  beschäftigt  sich  hauptsächlich  mit
Philosophie  und  Moral.  Der  erste  enthält  die  soziale  Lehre  der  Schule
und  stellt,  wie  A.  Menger  sehr  richtig  sagt,  „eins  der  bedeutendsten
Monumente  des  modernen  Sozialismus  dar“ 1 ).

0  Der  genaue  Titel  ist:  Doctrine  de  Saint-Simon,  Exposition,  Premier 6
        <pb n="254" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  231

Unglücklicherweise  gewann  unter  dem  Einflüsse  Enfantin’s  die
philosophische  und  mystische  Seite  des  Saint-Simonismus  die  Oberhand
über  die  soziale  Seite.  Das  sollte  den  Ruin  der  Schule  herbeiführen.
Nach  den  Saint-Simonisten  genügt  es  nicht,  der  modernen  Menschheit ­
  ihre  soziale  Bestimmung  zu  zeigen;  man  muß,  so  sagen  sie,  die
Menschheit  dazu  bringen,  ihre  Bestimmung  zu  lieben,  sie  herbeizusehnen ­
  und  zwar  mit  der  ganzen  Kraft  des  Gefühls,  und  zwischen  den
Menschen  jene  Einheitlichkeit  der  Gedanken  und  der  Handlungen  schaffen,
die  allein  durch  eine  gemeinsame,  religiöse  Überzeugung  bewirkt  wird.
Der  Saint-Simonismus  wurde  zu  einer  Religion  mit  einem  Kultus,  einer
Moral,  mit  organisierten  Predigten,  mit  Gemeinden,  die  sich  an  verschiedenen ­
  Punkten  des  Landes  gründeten,  und  mit  Aposteln,  die  in  die
Perne  gingen,  um  die  frohe  Botschaft  überall  zu  verkünden.  Es  ist  eine
fremdartige  Tatsache,  die  wohl  der  Untersuchung  wert  ist,  wie  diese
Menschen,  deren  verfeinerte,  wissenschaftliche  Kultur  sehr  hoch  stand,
die  allen  bestehenden  Religionen  feindlich  gesinnt  waren,  zu  dieser  Krisis
«ines  religiösen  Mystizismus  gelangten,  sie,  von  denen  die  meisten  mehr
dazu  vorbereitet  waren,  sich  geschäftlich  zu  betätigen,  als  eine  neue
nKirche“  zu  gründen!
Enfantin  und  Bazard  waren  die  Päpste  des  neuen  Kultus,  aber
Bazard  trat  bald  zurück,  und  Enfantin  blieb  der  alleinige  „Heilige
Vater“.  Er  zog  sich  mit  40  Schülern  in  ein  in  Menilmontant  gelegenes
Haus  zurück  und  führte  dort  mit  ihnen  vom  April  bis  zum  Dezember
1831  eine  Art  Klosterleben,  während  draußen  die  Propaganda  lebhafter
als  je  durch  die  Zeitung  Le  Globe,  die  seit  Juli  1831  das  Eigentum  der
Schule  war,  getrieben  wurde.  Dieses  merkwürdige  Leben  wurde  durch
eine  gerichtliche  Untersuchung  unterbrochen,  der  eine  Verurteilung
z u  einem  Jahr  Gefängnis  folgte,  die  das  Schwurgericht  gegen  Enfantin,
Uuverger  und  Michel  Chevalier  unter  dem  Vorwände  einer  ungesetzlichen ­
  Vereinigung  verhängte.  Das  war  der  Anstoß  zur  Auflösung.
Dieser  letzte  Abschnitt,  der  aufsehenerregendste  in  dem  ganzen
Leben  der  Schule,  machte  auf  die  Zeitgenossen  den  meisten  Eindruck.
Hie  Religion  des  Saint-Simonismus  verdunkelte  und  kompromittierte
für  einige  Zeit  den  Saint-Simonismus  als  rein  soziale  Lehre,  wie  späterhin ­
  die  positivistische  Religion  in  der  Meinung  der  Öffentlichkeit  die  positive
Philosophie  verdrängen  sollte.  Das,  was  uns  hier  interessiert,  ist  einzig
*nn§e,  1829.  Wir  zitieren  nach  der  2.  Ausg.  (Paris,  1830).  Diesen  Werken  könnte
Wan  die  Aufsätze  anfügen,  die  Enfantin  im  Globe  veröffentlicht  und  unter  der  Überschrift ­
  Üconomie  politique  et  Politique  (Volkswirtschaft  und  Politik)  in  einem
Pand  (2.  Ausg.  1832)  vereinigt  hat.  Doch  sind  diese  Aufsatze  viel  weniger  interessant
als  die  Doctrine  und  geben  einfach  die  Gedanken  wieder,  die  Enfantin  schon  in  seinen
'ifSätzen  im  Producteur  dargelegt  hatte.
        <pb n="255" />
        232

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

und  allein  die  soziale  Lehre  des  Saint-Simonismus,  so  wie  sie  im  ersten
Bande  der  Exposition  enthalten  ist.
Diese  Lehre  ist  neu  genug,  um  als  eine  originelle  Weiterentwicklung
und  nicht  nur  als  eine  Zusammenfassung  der  Ideen  Saint-  Simon’s  angesprochen ­
  werden  zu  können.  Wahrscheinlich  stammt  sie  gleichzeitig
von  Bazard  und  Enfantin.  Der  letztere  hat  fast  mit  Sicherheit  die
wirtschaftlichen  Gedanken  geliefert 1 ),  an  denen  übrigens  das  Werk
Sismondi’s  einen  großen  Anteil  gehabt  haben  muß.  Dieses  Buch  ist
ebenso  bemerkenswert  durch  seine  energische  und  logische  Ausdrucksweise,
wie  durch  die  darin  entwickelten  Ideen  selbst;  die  Vergessenheit,  in  die
es  gefallen  ist,  läßt  sich  kaum  erklären,  wenn  man  es  mit  so  vielen  anderen
mittelmäßigen  Erzeugnissen  vergleicht,  die  bis  auf  unsere  Tage  gekommen
sind.  Heute  jedoch  scheint  es  neues  Interesse  zu  erregen,  und  man  versucht
ihm  den  hervorragenden  Platz  wiederzuverschaffen,  auf  den  es  in  der
sozialen  Literatur  des  neunzehnten  Jahrhunderts  ein  unbestreitbares
Anrecht  hat.
Die  Doctrine  de  Saint-Simon  gipfelt  ganz  und  gar  in  einer  Kritik
des  Privateigentums.
Zum  Zweck  dieser  Kritik  kann  sich  der  Volkswirtschaftler  auf  zwei
verschiedene  Gesichtspunkte  stellen:  erstens  auf  den  der  Verteilung
und  dann  auf  den  der  Erzeugung  der  Güter,  —  auf  den  Gesichtspunkt
der  Gerechtigkeit  oder  auf  den  der  Nützlichkeit.  Die  „Doctrine“  greift
unser  soziales  System  von  beiden  Seiten  zugleich  an  und  faßt  schon  die
meisten  der  Argumente,  die  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  dagegen
gerichtet  werden,  in  ein  Bündel  zusammen.  In  dieser  doppelten  Aufgabe
lehnt  sie  sich  übrigens  gerade  an  die  Ideen  Saint-Simon’s  an.
a)  Saint-Simon  hatte  in  der  neuen  Gesellschaft  die  Müßiggänger
den  Arbeitern  gegenübergestellt.  Der  „Industrialismus“  hat  keinen

x )  Obgleich  die  mündliche  Darlegung  der  Lehre  durch  Bazard  geschah  und  für
den  Druck  von  Jüngern  desselben  (unter  anderen  von  Hippolyte  Carnot)  bearbeitet
wurde,  kann  man  die  meisten  der  darin  enthaltenen  Gedanken  Enfantin  zusprechen.
Er  hatte  die  Mehrzahl  der  volkswirtschaftlichen  Aufsätze  schon  im  Producteur
ausgeführt.  Doch  unterscheidet  sich  die  im  Producteur  vertretene  Lehre  merklich
von  der  der  Exposition.  Zinsen  und  Pacht  werden  hier  lebhaft  bekämpft  als  ein
von  den  Arbeitern  an  die  Müßiggänger  gezahlter  Tribut.  Das  Erbrecht  wird  aber
nicht  verworfen,  obgleich  es  nur  mit  geringer  Sympathie  beurteilt  wird  (Producteur,
I,  S.  566,  567).  Enfantin  erwartet  die  Befreiung  der  Arbeitenden  von  dem  Sinken
des  Zinsfußes  und  rechnet  auf  ein  gutes  Kreditsystem,  um  die  Frage  zu  lösen,  die  er
für  das  größte  moderne  Problem  hält:  die  Interessen  der  Arbeitenden  und  der  Müßiggänger ­
  zu  vereinigen,  „Interessen,  die  niemals  mit  dem  Allgemeininteresse  verschmelzen
werden,  solange  der  Besitz  der  Früchte  einer  vergangenen  Arbeit  ein  Anrecht  auf  den
Genuß  von  Produkten  gegenwärtiger  oder  sogar  zukünftiger  Arbeit  gibt“  (Producteur,
II,  S.  124).  Hierin  liegt  schon  eine  Ankündigung  der  Ideen,  die  in  der  Exposition
entwickelt  werden.
        <pb n="256" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  233

Platz  für  die  ersteren;  nur  die  Fähigkeit  und  die  Arbeit  geben  hier  im
Prinzip  ein  Anrecht  auf  eine  Entlohnung.  Durch  einen  merkwürdigen
Mangel  an  Folgerichtigkeit  jedoch  betrachtet  Saint-Simon  das  Kapital
als  einen  persönlichen  „Einsatz“,  der  eine  besondere  Entlohnung  rechtfertigt. ­
  Hier  nun  setzen  die  Saint-Simonisten  ein.  Ist  es  nicht  offenbar,
daß  das  Privateigentum  an  Kapitalien  das  letzte  der  Privilegien  vorstellt? ­
  Die  Revolution  hat  die  Kastenvorteile  verschwinden  lassen;
sie  hat  das  Recht  des  Ältesten,  das  in  der  Familie  die  Ungleichheit  heiligte,
abgeschafft.  Aber  sie  hat  das  persönliche  Eigentum  beibehalten,  —  das
Eigentum,  das  das  ungerechteste  aller  Privilegien  ausmacht,  das  Recht
des  Eigentums  „eine  Abgabe  von  der  Arbeit  anderer  zu  erheben“!  Denn
in  diesem  Rechte,  ein  Einkommen  ohne  Arbeit  einzustreichen,  definiert
sich  für  die  Saint-Simonisten  das  Eigentum 1 ).  „Im  gewöhnlichen  Sinne
des  Wortes  bedeutet  Eigentum  die  Güter,  die  nicht  dazu  bestimmt  sind,
sofort  verbraucht  zu  werden,  und  die  heute  ein  Recht  auf  ein  Einkommen
geben.  In  diesem  Sinne  umfaßt  es  Grund  und  Boden  und  Kapitalien;
d.  h.  in  der  Sprache  der  Ökonomisten  den  Produktionsfonds.  Für
ans  sind  der  Grund  und  Boden  und  die  Kapitalien,  welcher  Art  sie  auch
seien,,  ARBEITSMITTEL,  die  Grundbesitzer  und  die  Kapitalisten
(zwei  Klassen,  die  in  dieser  Hinsicht  nicht  voneinander  unterschieden
werden  können)  die  TREUHÄNDER  DIESER  PRODUKTIONSMITTEL; ­
  ihre  Aufgabe  besteht  darin,  sie  unter  die  Arbeiter  zu  VERTEILEN. ­
  Diese  Verteilung  geschieht  auf  Grund  von  Handlungen,
die  zu  Zinsen,  Miete  und  Pacht  Anlaß  geben“ 2 ).  So  ist  der  Arbeiter
durch  die  Beschränkung  des  Eigentums  auf  einige  Individuen  dazu  gezwungen, ­
  dem  Eigentümer  einen  Teil  der  Früchte  seiner  Arbeit  zu  überlassen. ­
  Eine  derartige  Verpflichtung  ist  aber  weiter  nichts,  als  eine  Ausbeutung ­
  des  Menschen  durch  den  Menschen 3 ).  Diese  Ausbeutung
ist  um  so  verwerflicher,  weil  sie,  wie  die  feudalen  Privilegien  selbst,  sowohl
für  die  Ausgebeuteten  wie  für  die  Ausbeuter  auf  Grund  des  Erbrechtes
zu  einer  ständigen  Einrichtung  geworden  ist.
Wenn  man  den  Saint-Simonisten  entgegenhielte,  daß  Eigentümer
aad  Kapitalisten  nicht  notwendigerweise  Müßiggänger  seien,  daß  in
Wirklichkeit  viele  davon  arbeiten,  um  ihr  Einkommen  zu  erhöhen,  so
würden  sie  antworten,  daß  es  sich  hierum  gar  nicht  handele.  Selbstverständlich ­
  mag  ein  Teil  ihres  Einkommens  von  ihrer  persönlichen  Arbeit
berrühren,  aber  das,  was  sie  in  ihrer  Eigenschaft  als  Kapitalisten
erheben,  kann  doch  nur  von  der  Arbeit  anderer  geschaffen  werden.  Hierin
le gt  die  Ausbeutung!

')  Ductrine  de  Saint-Simon,  S.  182.
2 ,i  Ebenda,  S.  190ff.
3 )  Ebenda,  S.  93.
        <pb n="257" />
        234

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Nicht  zum  erstenmal  stoßen  wir  in  unserer  Geschichte  auf  dieses
Wort.  Wie  man  sich  entsinnen  wird,  hat  es  schon  Sismondi  angewandt 1 ).
Später  sehen  wir  es  unter  der  Feder  Karl  Marx’  und  anderer  Schriftsteller ­
  wieder  auftauchen.  Aber  weder  Sismondi,  noch  die  Saint-Simonisten,
  noch  Karl  Marx  gebrauchen  es  in  demselben  Sinne.  Es  scheint
uns  daher  nützlich,  schon  jetzt  die  verschiedenen  Bedeutungen,  die  diesem
Ausdruck  beigelegt  werden,  auseinander  zu  halten,  da  er  eine  so  bedeutende
Rolle  in  der  sozialistischen  Literatur  spielt  und  so  zu  viel  Verwirrung
Anlaß  gegeben  hat.
Wie  wir  wissen,  betrachtet  Sismondi  das  Einkommen  aus  dem  Eigentum ­
  als  gerechtfertigt.  Er  gibt  jedoch  zu,  daß  ein  Arbeiter  ausgebeutet
werden  kann.
Wann  geschieht  dies  nun?
Sobald  sein  Lohn  kaum  genügt,  um  ihn  am  Leben  zu  erhalten,  im
Gegensatz  zu  dem  Überfluß,  in  dem  sein  Arbeitgeber  lebt,  —  sobald
sein  Lohn  nicht  die  Höhe  erreicht,  die  Sismondi  als  gerechten  Lohn  des
Arbeiters  ansieht.  Die  Ausbeutung  ist  daher  ein  Mißbrauch,  nicht
ein  organischer  Fehler,  der  in  der  Natur  unseres  wirtschaftlichen
Systems  begründet  wäre.  Er  tritt  „manchmal“  ein;  aber  er  ist  nicht
notwendig.  Man  kann  ihn  verbessern,  ohne  deshalb  das  ganze  System
zu  zerstören.  In  diesem  allgemeinen  und  etwas  unbestimmten  Sinne,
—  der  anscheinend  auf  der  Schwierigkeit  beruht,  den  „gerechten  Preis“
genau  zu  bestimmen,  —  tritt  die  Ausbeutung  unter  den  verschiedensten
Umständen  in  unserer  wirtschaftlichen  Welt  auf.  Auch  ist  sie  nicht  nur
auf  die  Beziehungen  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  beschränkt.
Sie  tritt  jedesmal  ein,  sobald  eine  Person  irgendeine  „Ausnahmslage“
(Unwissenheit,  Furchtsamkeit,  Schwäche,  Vereinsamung  eines  anderen)
dazu  mißbraucht,  um  Dienste  oder  Waren  zu  einem  zu  niedrigen  oder
zu  hohen  Preise  zu  kaufen  oder  zu  verkaufen.
Für  die  Saint-Simonisten  dagegen  ist  die  Ausbeutung  ein  organischer ­
  Fehler  unserer  sozialen  Ordnung.  §ie  ist  unlöslich  mit  dem  Privateigentum ­
  verbunden,  deren  notwendige  Folge  sie  ist.  Sie  ist  nicht  ein
einfacher  Mißbrauch,  sondern  das  besondere  Kennzeichen  des  ganzen
Systems,  da  ja  die  grundlegende  Eigenschaft  des  Eigentums  gerade  auf
dem  Recht  beruht,  ein  Erzeugnis  ohne  Arbeit  zu  erlangen.  Daher  ist
die  Ausbeutung  auch  nicht  nur  auf  die  mit  ihren  Händen  Arbeitenden
beschränkt.  Sie  umfaßt  alle,  die  dem  Eigentümer  Tribut  zahlen  müssen.
Auch  der  Industrieunternehmer  leidet  darunter  durch  die  Zinsen,  die  er
seinem  Geldgeber  zahlen  muß 2 ).
D  Siehe  oben,  S.  200f.  Sismondi  hatte  mehr  von  Beraubung  (spoliation)
gesprochen.
-)  „Heute  wird  die  ganze  Menge  der  Arbeitenden  von  den  Menschen  ausgebeutet,
deren  Eigentum  sie  benutzen;  auch  die  Führer  der  Industrie  unterliegen  dieser  Aus-
        <pb n="258" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  235

Der  Profit  des  Unternehmers  beruht  aber  nicht  auf  einer  Ausbeutung ­
  des  Arbeiters;  er  ist  einfach  der  Lohn  der  mit  der  Leitung  verbundenen ­
  Arbeit.  Selbstverständlich  kann  auch  der  Arbeitgeber  seine
Stellung  mißbrauchen,  um  den  Lohn  des  Arbeiters  übermäßig  herabzudrücken; ­
  in  diesem  Sinne  sagen  die  Saint-Simonisten  in  der  gleichen
Weise  wie  Sismondi,  daß  der  Arbeiter  ausgebeutet  wird.  Das  ist  aber
durchaus  keine  Notwendigkeit.  Im  Gegenteil  läßt  der  Saint-Simonismus
in  der  Industriegesellschaft  der  Zukunft  durchblicken,  daß  für  besondere
Fähigkeiten  große  Löhne  gezahlt  werden 1 ).  Und  das  ist  ein  bemerkenswerter ­
  Punkt  ihrer  Theorie.
Auch  Marx  hält  die  Ausbeutung  für  einen  organischen  Fehler
des  Kapitalismus.  Er  gibt  aber  diesem  Worte  einen  ganz  anderen  Sinn
als  die  Saint-Simonisten.  Indem  er  auf  den  englischen  Sozialisten  fußt,
sieht  er  den  Ursprung  der  Ausbeutung  in  einer  Besonderheit  des  Tausches.
'Tür  ihn  schafft  einzig  die  Arbeit  des  Handarbeiters  den  Wert  der  Produkte; ­
  infolgedessen  können  sowohl  Zinsen  wie  Profit  nur  ein  am  Arbeiter
begangener  Diebstahl  sein.  Das  Einkommen  des  Unternehmers  ist  nicht
Weniger  ungerecht  als  das  des  Kapitalisten  oder  des  Großgrundbesitzers 2 ).
Diese  letzte  Theorie  erscheint  viel  radikaler  als  die  vorhergehende,
da  sie  jedes  andere  Einkommen  als  den  Lohn  des  Arbeiters  verurteilt:
111  Wirklichkeit  steht  sie  auf  viel  schwächeren  Füßen.  Es  genügt  darzutun, ­
  daß  der  Wert  der  Erzeugnisse  nicht  von  der  Hand  geschaffen
wird,  um  das  ganze  Gebäude  Marx’  über  den  Haufen  zu  werfen.  Die
Saint-Simonisten  haben  sich  nie  mit  einer  Werttheorie  abgegeben.  Ihre
«ehr  einfache  Lehre  beruht  auf  der  offenkundigen  Unterscheidung  zwischen
dem  Einkommen  aus  Arbeit  und  dem  Einkommen  aus  Eigentum.  Diese
Unterscheidung  kann  niemand  anfechten.  Schon  Sismondi  hatte  sie
beutung  in  ihren  Beziehungen  zu  den  Eigentümern,  wenn  auch  in  einem  unvergleichlich ­
  schwächeren  Grade;  ihrerseits  wieder  haben  sie  an  den  Privilegien  der  Ausbeutung
Teil,  die  mit  ihrem  ganzen  Gewicht  auf  der  Arbeiterklasse  liegt,  d.  h.  auf  der  so  ungeheuer ­
  großen  Mehrzahl  der  Arbeitenden“  (Doctrine  de  Saint-Simon,  S.  176).
1 )  „Wir  glauben,  daß  die  Gewinne  sinken  und  die  Löhne  steigen;  doch  wir
schließen  in  das  Wort  Lohn  den  Gewinn  des  industriellen  Unternehmers  em,  da  wir
diesen  Gewinn  als  den  Preis  seiner  Arbeit  betrachten“  (Le  Producteur,  I,  S.  24o).
h&amp;gt;er  Aufsatz  stammt  von  Enfantin.  .  ,
2 )  Die  Verschiedenheiten  des  Wortes  „Ausbeutung“,  je  nachdem  man  sich  aut
den  Standpunkt  Sismondi’s,  der  Saint-Simonisten  oder  Marx’  stellt,  lassen  sich  wie
°lgt  ausdrücken:  1.  Für  Sismondi  wird  der  Arbeitende  in  dem  binne  ausgebeutet,
daß  man  ihm  keinen  Lohn  gibt,  der  zu  einem  menschenwürdigen.  Leben
genügt;  das  Einkommen  ohne  Arbeit  erscheint  ihm  aber  berechtigt;  2.  Für  die  Saintnnonisten
  besteht  die  Ausbeutung  darin,  daß  ein  Teil  des  materiellen  Arbeitsertrages ­
  durch  die  sozialen  Einrichtungen  zum  Profit  des  Unternehmers  entwendet ­
  wird;  3.  Für  Marx  endlich  existiert  die  Ausbeutung  in  dem  Sinn,  daß  ein  Teil
des  durch  die  Arbeit  geschaffenen  Wertes  von  den  Kapitalisten  infolge  der
sozialen  Einrichtungen  und  der  Tauschgesetze  entwendet  wird.
        <pb n="259" />
        236

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

gemacht.  Um  die  Folgerung,  die  sie  daraus  ziehen,  —  nämlich  die  Unrechtmäßigkeit ­
  des  Einkommens  ohne  Arbeit  —  ablehnen  zu  können,
muß  man  für  das  Einkommen  unbedingt  eine  andere  Begründung  als
die  Arbeit  finden  und  für  die  wesentliche  Eigenschaft  des  Eigentums
eine  neue  Rechtfertigung  entdecken.
Man  versucht  im  Allgemeinen  diese  Rechtfertigung  in  den  Notwendigkeiten ­
  der  Produktion  zu  finden.  Das  Privateigentum  mit  dem
ihm  eigenen  Einkommen  rechtfertigt  sich  in  den  Augen  einer  beständig
wachsenden  Zahl  von  Nationalökonomen  durch  den  Ansporn,  den  es
zur  Gütererzeugung  und  Güteransammlung  bietet.  Das  ist  der  beste
Kampfplatz,  auf  den  man  sich  zu  seiner  Verteidigung  stellen  kann.  Ihn
hatten  unter  Anderen  auch  die  Physiokraten  gewählt 1 ).
Die  Saint-Simonisten  verwerfen  aber  gleich  von  Anfang  an  dieses
Argument:  sie  greifen  das  Privateigentum  nicht  weniger  heftig  im  Namen
der  sozialen  Nützlichkeit  als  in  dem  der  Gerechtigkeit  an.  Nach  ihrer
Meinung  muß  es  nicht  nur  im  Interesse  der  Verteilung,  sondern  auch  in
dem  der  Erzeugung  verschwinden.
b)  Wir  kommen  nun  zu  dem  zweiten  Gesichtspunkte,  den  Saint-Simon
  sich  begnügt  hatte,  festzustellen,  ohne  ihn  eingehender  zu  entwickeln: ­
  die  Idee,  daß  das  Eigentum,  wie  die  politische  Ordnung,  zum
Besten  des  Interesses  der  Produktion  organisiert  werden  muß.  Gestattet
das  Privateigentum,  dieses  Ziel  zu  erreichen?
Wie  wäre  das  möglich,  sagen  die  Saint-Simonisten,  solange  die
heutige  Art  der  Übertragung  der  Arbeitsmittel  besteht?
Die  Kapitalien  werden  durch  Erbschaft  übertragen.  Ihre  Verwaltung ­
  liegt  in  den  Händen  von  Individuen,  die  der  „Zufall  der  Geburt“ ­
  auswählt  und  mit  der  schwierigsten  aller  Obliegenheiten:  der  bestmöglichen ­
  Verwendung  der  Produktionsmittel,  betraut.  Das  Interesse
der  Gesellschaft  sollte  fordern,  daß  diese  Mittel  in  die  Hände  der  fähigsten
Menschen  gelegt  werden,  und  daß  sie  in  diejenigen  Orte  und  unter  diejenigen ­
  Industrien  verteilt  werden,  in  denen  sich  das  Bedürfnis  am  lebhaftesten ­
  fühlbar  macht,  „ohne  daß  es  jemals  in  irgendeinem  Zweige
Mangel  oder  Überfluß  daran  geben  könne“ 2 );  und  heute  bezeichnet  das
blinde  Schicksal  die  Menschen,  die  zu  dieser  außerordentlich  schwierigen
Aufgabe  bestimmt  sind!  Die  Kritik  der  Erbschaft  wird  daher  derjenige
Punkt,  auf  den  die  Saint-Simonisten  alle  ihre  Kräfte  konzentrieren.
Die  Entrüstung  der  Saint-Simonisten  ist  sehr  wohl  verständlichin ­
  der  Tatsache,  auf  die  sie  hinweisen,  liegt  etwas  durchaus  Paradoxes.
Wenn  man  mit  A.  Smith  annimmt,  daß  „die  Zivilregierung  nur  deshalb
eingesetzt  ist,  um  die,  die  Eigentum  haben,  gegen  die,  die  keins  haben,
*)  Siehe  oben,  S.  27  f.
2 )  Doctrine,  S.  191.
        <pb n="260" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  237

zu  verteidigen  (ein  sehr  enger  Gesichtspunkt) 1 ),  so  ist  das  Erbrecht  etwas
durchaus  Richtiges.  Wenn  man  sich  aber  auf  den  Gesichtspunkt  der  Saint-Simonisten
  stellt,  —  in  eine  industrielle  Gesellschaft,  wo  der  Reichtum
nicht  als  ein  Zweck,  sondern  als  ein  Mittel  betrachtet  wird,  nicht  als  eine
Quelle  individueller  Einkünfte,  sondern  als  ein  Instrument  sozialer  Arbeit,
—  so  scheint  es  wirklich  haarsträubend,  seine  Verwendung  dem  ersten
Besten  überlassen  zu  sehen.  Man  kann  das  Erbrecht  nur  dann  gut  heißen,
wenn  man  darin  für  die  Väter  einen  energischen  Ansporn  zur  Ansammlung ­
  von  Kapitalien  sieht,  —  oder  wenn  man  annimmt,  daß  überhaupt
keine  rationelle  Methode  vorhanden  ist,  und  daß  der  Zufall  der  Geburt
nicht  mehr  Anlaß  zur  Kritik  gibt  als  irgendeine  andere  Verteilungsmethode.

Dieser  Skeptizismus  ist  aber  durchaus  nicht  nach  dem  Geschmack ­
  der  Saint-Simonisten.  Sie  schreiben  die  scheinbare  oder  wirkliche ­
  Unordnung  der  Produktion  gerade  der  Zersplitterung  des  Eigentums ­
  zu,  das  den  Zufälligkeiten  des  Todes  und  der  Geburt  unterworfen ­
  ist.
„Jedes  Individuum  ist  auf  seine  persönlichen  Kenntnisse  angewiesen; ­
  keine  Gesamtanschauung  leitet  die  Produktion:  sie  geht  wahllos
und  ohne  jede  Voraussicht  vor  sich;  an  einer  Stelle  ist  sie  zu  gering,  an
einer  anderen  ist  sie  zu  groß;  diesem  Fehlen  einer  allgemeinen  Übersicht
über  die  Bedürfnisse  des  Verbrauches  und  über  die  Hilfsmittel  der  Produktion ­
  müssen  jene  industriellen  Krisen  zugeschrieben  werden,  über
deren  Ursprung  soviel  irrtümliche  Erklärungen  gegeben  worden  sind
und  noch  täglich  gegeben  werden.  Wenn  man  in  diesem  bedeutenden
Zweige  der  sozialen  Tätigkeit  soviele  Störungen  und  soviel  Unordnung
Auftreten  sieht,  so  beruht  das  darauf,  daß  die  Verteilung  der  Arbeitsmittel ­
  von  Einzelindividuen  ausgeführt  wird,  die  weder
v °u  den  Bedürfnissen  der  Industrie,  noch  von  denen  der
Menschen,  noch  den  Mitteln,  durch  die  sie  zufrieden  gestellt ­
  werden  könnten,  irgend  etwas  wissen;  hierin  allein  liegt
die  Ursache  des  Übels“ 2 ).
Um  dieser  angeblichen  „wirtschaftlichen  Anarchie“  zu  entgehen,
~-  die  später  so  oft  beschrieben  worden  ist,  —  sehen  die  Saint-Simonisten
keinen  anderen  Ausweg,  als  den  Kollektivismus 3 ).  Der  Staat  wird  der
einzige  Erbe.  Im  Besitz  aller  Arbeitsmittel  verteilt  er  sie  zum  Besten
des  allgemeinen  Interesses.  Sie  stellen  sich  die  Regierung  wie  eine  große
Zentralbank  vor,  die  alle  Kapitalien  verwaltet  und  im  Besitze  zahlreicher
Filialen  ist.  Diese  „bankartige  Regierung“  befruchtet  auch  die  entferntesten
l T  Siehe  oben.  S.  86,  Anm.  (Völkerreichtum,  II,  S.  175).
a )  Doctrine  de  Saint-Simon,  S.  191,  192.
,.  3 )  Die  Saint-Simonisten  gebrauchen  dieses  Wort  noch  nicht,  beschreiben  aber
üle  Sache  sehr  gut.
        <pb n="261" />
        238

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Gegenden,  denen  sie  die  notwendigen  Hilfsmittel  zuführt.  Sie  wählt
die  fähigsten  Leute  aus,  um  sie  anzustellen  und  gemäß  ihrer  Arbeit  zu
entlohnen.  So  würde  eine  „soziale  Einrichtung“  mit  den  Funktionen
betraut  sein,  die  heute  von  den  Individuen  so  schlecht  erfüllt  werden 1 ).
Man  darf  aber  nicht  zu  sehr  auf  dieses  Projekt  eingehen  und  Einzelheiten ­
  verlangen,  deren  Darlegungen  die  Saint-Simonisten  in  die  größte
Verlegenheit  bringen  würden.
Wer  würde  z.  B.  mit  der  dornigen  Aufgabe  betraut  werden,  die  Fähigkeiten ­
  zu  beurteilen  und  die  Arbeiten  zu  entlohnen?  Die  „Universalmenschen“ ­
  (hommes  generaux),  antworten  sie  uns,  besonders  hoch  begabte ­
  Menschen,  die  „von  den  Fesseln  der  Spezialisierung  befreit“,  ganz
instinktiv  den  natürlichen  Drang  in  sich  fühlen  werden,  nur  das  allgemeine
Interesse  zu  berücksichtigen.
An  der  Spitze  steht,  so  schreiben  sie  an  einer  anderen  Stelle,
derjenige,  der  „das  soziale  Schicksal  am  meisten  liebt“ 2 ).  Das  ist
nun  nicht  gerade  sehr  vertrauenerweckend,  denn  manchmal  haben  selbst
große  Männer  in  recht  bedauerlicher  Weise  ihre  Privatinteressen  mit  dem
öffentlichen  Wohl  verwechselt.
Nehmen  wir  aber  einmal  die  Überlegenheit  der  „Universalmenschen“
an.  Aus  welchem  Grunde  wird  man  ihnen  gehorchen?  Werden  die  Untergebenen ­
  mit  Gewalt  dazu  gezwungen,  oder  gehorchen  sie  freiwillig?  Die
Doktrine  glaubt  an  die  letztere  Hypothese,  denn  ist  die  Beligion  der
Saint-Simonisten  nicht  da,  um  die  Untergebenen  mit  beständiger  Hingabe ­
  ihren  Vorgesetzten  gegenüber  zu  erfüllen?  um  aus  Liebe  und  Über-1)

  „Wir  werden  diese  Einrichtung  vorläufig  durch  das  Wort  Systeme  general
de  banques  (allgemeines  Banksystem)  bezeichnen,  machen  aber  jeden  Vorbehalt
betreff  der  eng  umschriebenen  Auslegung,  die  man  heute  diesem  Worte  geben  könnte.
—  Dieses  System  würde  zunächst  eine  Zentralbank  umfassen,  die  die  Regierung
vorstellt,  und  zwar  in  materieller  Hinsicht;  diese  Bank  würde  die  Verwalterin  allen
Reichtums,  des  ganzen  Produktionsfonds  und  aller  Arbeitsinstrumente  sein,  mit  einem
Wort  alles  dessen,  was  heute  die  Menge  des  individuellen  Eigentums  ausmacht.  —
Von  dieser  Zentralbank  würden  Banken  zweiter  Ordnung  abhängen,  die  nur  ihre  Fortsetzung ­
  sind,  und  durch  die  sie  sich  in  steter  Verbindung  mit  den  Hauptplätzen  halten
würde,  um  die  Bedürfnisse  und  die  Produktivkraft  derselben  zu  kennen.  Diese  Banken
zweiter  Ordnung  würden  wieder  in  dem  Bezirk,  der  ihnen  untersteht,  mehr  und  mehr
spezialisierten  Banken  vorstehen,  die  ein  engeres  Feld  umfassen  sollen  wie  immer
schwächere  Wurzeln  am  Baum  der  Industrie.  Bei  den  oberen  Banken  würden  alle
Bedürfnisse  zusammenlaufen;  von  ihnen  würden  alle  Kräfte  ausgehen  .  .  .“
Doctrine,  S.  206—207.  Der  Gedanke  eines  solchen  Systems  stammt  wahrscheinlich ­
  von  Enfantin,  denn  er  führt  ihn  schon  in  einem  Aufsatz  des  Producteur  (III»
S.  385)  aus.
2 )  Doctrine,  S.  210,  Anm.  An  anderer  Stelle;  „Wir  werden  aller  politischen
Grundsätze  müde,  die  nicht  unmittelbar  und  einzig  bezwecken,  das  Schicksal  der
Völker  in  die  Hände  von  Männern  voller  Ergebenheit  und  Genie  zu  leeren.“  (Ebenda,
S.  330.)
        <pb n="262" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  239

Zeugung  den  fröhlichen  und  beständigen  Gehorsam  zu  sichern? 1 )  Man
wird  jedoch  fragen,  ob  denn  nur  die  Saint-Simonistische  Religion  das
einzigartige  Privileg  haben  wird,  keine  Ketzer  hervorzubringen?
Es  würde  zu  nichts  führen,  die  Einwände  zu  häufen;  sie  liegen
auf  der  Hand.  Sie  sind  notwendigerweise  auf  jedes  kollektivistische
System  anwendbar  und  unterscheiden  sich  nur  in  ihren  Einzelheiten.
Sobald  man  die  soziale  Selbstbetätigung,  die  freie  Initiative  des
Menschen  durch  eine  wirtschaftliche  Tätigkeit  ersetzen  will,  die
in  allen  ihren  Teilen  vorausgesehen  und  organisiert  ist,  stößt  man
sofort  auf  psychologische  Unmöglichkeiten.  An  Stelle  des  Menschenherzens ­
  mit  seinen  gewöhnlichen  Beweggründen,  seinem  Mißtrauen  und
seiner  Auflehnung  und  seinen  Schwächen,  an  Stelle  des  Menschengeistes
mit  seiner  Gleichgültigkeit,  seiner  Unwissenheit  und  seinen  Irrtümern
muß  man  ein  Herz  und  einen  Geist  von  idealer  Vollkommenheit  setzen,
( he  beide  nur  sehr  entfernt  mit  dem  Herzen  und  dem  Geiste  verwandt
si nd,  die  wir  kennen.  Der  Gedanke  der  Saint-Simonisten,  daß  ein  gemeinsamer, ­
  religiöser  Glaube  unerläßlich  sei,  um  eine  derartige  Ordnung
aufrecht  zu  erhalten,  beweist  (vielleicht  ohne  ihre  Absicht),  daß  sie  einen
bedeutend  größeren  Scharfsinn  besaßen  als  viele  ihrer  verachtungsvollsten
Kritiker.

Es  ist  wichtiger  hier  festzustellen,  daß  das  Saint-Simonistische
System  das  Vorbild  all  der  kollektivistischen  Zukunftsbilder  ist,  die
hn  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  aufeinander  folgen.  Es  stellt  ein  reifes
und  vollständiges  System  dar.  Es  beruht  auf  einer  eingehenden  Kritik
des  Privateigentums  und  unterscheidet  sich  in  allen  seinen  Zügen  von
den  vorhergehenden  Gleichheitsutopien.  Die  einzige  Gleichheit,  die  die
Saint-Simonisten  verlangen,  ist  die,  welche  die  Engländer  „equality  of
°Pportunity“  (Gleichheit  der  Aussichten)  nennen,  Gleichheit  der  Chancen
oder  Gleichheit  der  Ausgangspunkte.  Darüber  hinaus  gibt  es  nur  Un-§Kichheit,
  und  zwar  gerade  im  Interesse  der  sozialen  Produktion..  Die
Kegel  der  Neuen  Gesellschaft  ist:  Jedem  nach  seinen  Fähigkeiten,
jederJFähigkeit  nach  ihrer  Leistung 2 ).

l )  „Wir  werden  mit  Freuden  zu  jener  hohen  Tugend  zurügkkehren,  die  heute
o  mißverstanden,  wir  können  sagen,  mißachtet  ist,  jener  Tugend,  die  zwisc  ’
' lle  den  gleichen  Zweck  verfolgen,  so  leicht,  so  liebenswürdig  ist,  daß  alle  ««  zue
«chen  streben,  und  die  so  unleidlich,  so  aufbäumend  wirkt,  wenn  sie
gehorchen  muß,  —  mit  herzlicher  Hingabe  werden  wir  zum  GEHORSAM  zuruck
p  2 )  In  der’dritten'Ausgabe  der  Doctrine  findet  sich  eine  c ! twa ' S
. 0rm el  und  zwar  auf  der  dritten  Seite:  „Ein  Jeder,“  wird  dort  gesagt,  '  j
jh  misten  &amp;lt;versorgt&amp;gt;  und  nach  seinen  Werken  entlohnt  werden.  Hier  sieht  man
hesser,  wie  der  erste  Teil  der  Formel  die  Verteilung  der  Kapitalien,  der  Arbeitstitel, ­
  und  der  zweite  die  Verteilung  der  individuellen  Einkommen  im  Auge  hat.
An  anderer  Stelle  findet  man  noch  das  Wort  „eingereiht  (classG)  anstatt  „versorgt
0  )&amp;gt;  z.  B.  in  der  2.  Ausg.  S.  183.
        <pb n="263" />
        240

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

In  einigen  prägnanten  Formeln  haben  sie  selbst  ihr  ganzes  Programm ­
  zum  Ausdruck  gebracht,  nämlich  in  einem  Briefe,  den  sie  1830
an  den  Präsidenten  des  Abgeordnetenhauses  sandten *  1 ).  Dieser  Brief
verdient  hier  zitiert  zu  werden:
„Die  Saint-Simonisten  verwerfen  das  System  der  Gütergemeinschaft, ­
  denn  diese  Gemeinschaft  würde  eine  offenbare  Verletzung  des
ersten  aller  Moralgesetze  sein,  die  zu  lehren  sie  beauftragt  sind,  eines
Gesetzes,  demzufolge  in  Zukunft  die  Stellung  eines  jeden  sich’nach
seinen  Fähigkeiten  und  sein  Lohn  sich  nach  seinen  Leistungen ­
  richten.
„Aber  auf  Grund  dieses  Gesetzes  verlangen  sie  die  Abschaffung
aller  Geburtsprivilegien  ohne  Ausnahme  und  folglich  auch  die  des
ERBRECHTES,  des  größten  aller  dieser  Privilegien,  in  dem  heute
alle  anderen  beschlossen  sind,  und  dessen  Wirkung  darin  besteht,  dem
Zufall  die  Verteilung  der  gesellschaftlichen  Vorteile  zu  überlassen,  und
zwar  unter  der  kleinen  Anzahl  derer,  die  einen  Anspruch  darauf  erheben
können,  während  die  bei  weitem  zahlreichere  Klasse  zur  Verkommenheit, ­
  zur  Unwissenheit  und  zum  Elend  verdammt  wird.
„Sie  verlangen,  daß  alle  Arbeitsmittel,  der  Boden  und  die  Kapitalien, ­
  die  heute  den  zerstückelten  Stamm  des  Privateigentums  bilden,
zu  einem  einzigen  gesellschaftlichen  Vermögensstamme  vereint  werden,
und  daß  dieses  Ganze  durch  Assoziation  und  zwar  in  der  Form  einer
Hierarchie  bewirtschaftet  werde,  so  daß  die  Aufgabe  eines  jeden  den
Ausdruck  seiner  Fähigkeit  vorstelle,  und  sein  Reichtum  im  Verhältnis
zu  seinen  Leistungen  stehe.
„Die  Saint-Simonisten  beabsichtigen,  die  Einrichtung  des  Eigentums ­
  nur  insoweit  anzugreifen,  als  es  für  einige  das  frevelhafte  Privileg
des  Müßigganges  zu  einem  Rechtsgrundsatz  erhebt,  nämlich  zum
Recht  von  der  Arbeit  anderer  zu  leben.“
c)  Endlich  begnügen  sich  die,  die  das  Privateigentum  kritisieren,
im  allgemeinen  nicht  damit,  es  vom  Gesichtspunkte  der  Verteilung  und
der  Erzeugung  der  Güter  zu  verurteilen.  Fast  stets  fügen  sie  den  beiden
Argumenten  ein  drittes  an,  das  man  das  historische  Argument  nennen
könnte.  Es  besteht  in  der  Darlegung,  daß  das  Eigentum  eine  bewegliche
wechselnde,  in  beständiger  Entwicklung  befindliche  Einrichtung  i st ’
die  schon  heute  das  Bestreben  zeigt,  sich  in  der  von  ihnen  gewünschten
Richtung  zu  verändern.  Auch  die  Saint-Simonisten  haben  dieses  Arg u '
ment  gebraucht.
Diese  Form  der  Beweisführung  hwt,  wie  wir  schon  hier  hervorheben
wollen,  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  eine  sehr  bedeutende  Rolle  g e
spielt,  und  zwar  zunächst  bei  den  Sozialisten,  dann  aber  auch  bei  anderen
9  Als  Anhang  zur  2.  Ausg.  der  Doctrine  de  Saint-Simon,  Exposit 1011 ’
1.  Jahrg.,  1829.
        <pb n="264" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  241

i

Schriftstellern.  Die  verschiedensten  Schulen  haben  sich  auf  die  Geschichtsphilosophie ­
  berufen  und  berufen  sich  noch  heute  darauf.  Dies
geschieht  nicht  nur  zugunsten  einer  Reform  des  Eigentums,  sondern  auch
zugunsten  der  von  allen  Parteien  vorgeschlagenen  Verbesserungen.  Das
System  von  Karl  Marx  stellt  in  Summa  eine  großartige  Geschichtsphilosophie ­
  dar,  in  der  der  Kommunismus  als  das  notwendige  Ziel  der
Entwicklung  der  „Produktioriävfixhftltrrisse“  erscheint.  Die  vom  Marxismus ­
  losgelösten  modernen  Sozialisten  berufen  sich  ebenfalls  darauf.
Vandervelde 1 )  stützt  sich  auf  die  Geschichtsphilosophie,  ebenso  wie  die
Allerneusten  Schriftsteller  des  „Socialisme  en  action“  oder  wie  Herr  und
Erau  Sydney  Webb  und  die  Fabier.  Wir  finden  eine  ähnliche  Philosophie ­
  als  Grundlage  des  Staatssozialismus  bei  Düpont-White  wieder,
obenso  wie  bei  Adolf  Wagner.  Friedrich  List  liefert  uns  ein  Beispiel
m  seiner  Aufzählung  der  verschiedenen,  aufeinanderfolgenden  Wirtschaftsstufen. ­
  Die  historische  Schule  dachte  in  ihren  Anfängen  daran,
diß  Nationalökonomie  in  ihrer  Gesamtheit  in  eine  Art  Geschichtsphilosophie ­
  zu  verwandeln,  und  wenn  wir  nach  dem  Bereiche  der  Soziologie
u ud  der  Ökonomik  das  Bereich  der  allgemeinen  Philosophie  betrachten,
s o  finden  wir  dort  gleiche  Bestrebungen.  Die  berühmteste  ist  vielleicht
die  Theorie  der  drei  Gesellschaftsstufen  von  Auguste  Comte  (die  er
übrigens  Saint-Simon  entlehnt  hat) 2 ).

Hier  ist  nicht  der  Ort,  in  eine  Diskussion  darüber  einzutreten,  ob
die  Bemühungen,  historische  Gesetze  dieser  Art  zu  finden,  berechtigt
sind.  Diesen  Punkt  werden  wir  in  einem  späteren  Kapitel  im  Anschluß
An  die  historische  Schule  behandeln.  Worauf  jedoch  hier  schon  hingewiesen ­
  werden  muß,  ist,  daß  die  Saint-Simonisten  nicht  darüber  im  unklaren ­
  waren,  welche  Vorteile  eine  derartige  Beweisführung  gewährt.
Zugunsten  des  von  ihnen  empfohlenen  Kollektivismus  berufen  sie  sich
Auf  die  ganze  Vorgeschichte  des  Eigentums.  So  haben  sie  schon  damals
Alle  die  Waffen  dagegen  gebraucht,  deren  sich  die  späteren  Schulen  bedienen ­
  sollten.

»Nach  dem  allgemeinen  Vorurteil“  sagt  die  „Doctrine  de.Saintü

  In  seinem  kleinen  Werk:  Le  Collectivismc,  T a _  g jj.i v isme‘‘  hat  Littre
„  ü  Aui  Seite  48  seines  „Auguste  Comteet  V Vomäß  zu  dem  Systeme
diese  Entlehnung  bestritten.  Doch  stellt  Saint  .  das  Zwischenglied  zwischen
'ndustriel  fest!  daß  in  politischen  Dingen  du:  Jur  ten  das  wig  die
der  feudalen  Regierung  und  der  industriellen  eg  '  ^  r  theologischen  Herr-Metaphysiker
  das  Zwischenglied  zwisc  ie  Er  fügt  noch  eine  genauer
Schaft  und  der  Herrschaft  der  Wnssenschatt  daß  das  Systeme
gefaßte  Anmerkung  hinzu  ((Euvres  compl-,  V,  •  L  brere  ,y a hre  nach  dem  Anfang
’ndustriel  aus  dem  Jahre  1821  stammt  um  o  &amp;amp;  Daher  kann  auch  ein  noch  so
der  Beziehungen  zwischen  Comte  und  Saint-  i  •  M eS sias“  aufeinander  gehabt
genauer  Text  die  Frage  nach  dem  Einfluß  den  J  ^  bci  Turgot .
üaben,  nicht  lösen.  Übrigens  findet  sich  der  Gedanke  senon  ^
ß ide  n.  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.
        <pb n="265" />
        242

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Simon“ 1 ),  „scheint  es,  daß,  was  für  Umwälzungen  auch  in  den  Gemeinwesen ­
  auf  treten  mögen,  das  Eigentum  davon  stets  unberührt  bleiben
muß;  daß  das  Eigentum  eine  unabänderliche  Tatsache  bleibt.“  —  Nichts
ist  aber  in  Wirklichkeit  falscher:  „Das  Eigentum  ist  eine  soziale
Tatsache,  die  wie  alle  anderen  sozialen  Tatsachen  dem
Gesetz  des  Fortschritts  unterworfen  ist.  Es  kann  daher  in
verschiedenen  Epochen  verschieden  verstanden,  definiert
und  gesetzlich  geordnet  werden“ 2 ).  Damit  ist  schon  im  voraus  der
Grundsatz,  auf  den  sich  nach  ihnen  alle  Reformatoren  stützen  sollten,
formuliert  worden.  Der  belgische  Nationalökonom  de  Laveleye,  der
von  allen  Volkswirtschaftlern  diese  Fragen  am  gründlichsten  wissenschaftlich ­
  untersucht  hat,  drückt  sich  40  Jahre  später  in  seinem
Werk  über  die  Urformen  des  Eigentums  in  fast  den  gleichen  Ausdrücken ­
  aus 3 ).
Und  wenn  wir,  fügen  die  Saint-Simonisten  hinzu,  die  Entwicklung ­
  in  der  Vergangenheit  betrachten,  so  konstatieren  wir  gerade,  daß
sie  bestrebt  ist,  sich  in  dem  Sinn,  den  wir  vorschlagen,  zu  organisieren.
Am  Anfang  schließt  das  Eigentum  sogar  die  Menschen  auf  Grund  der
Sklaverei  ein.  Nach  und  nach  wird  das  Recht  des  Herren  an  den  Sklaven
Beschränkungen  unterworfen.  Zum  Schluß  verschwindet  es  vollständig-Was
  die  Sachgüter  anlangt,  auf  die  das  Eigentum  nunmehr  beschränkt
ist,  so  verfügt  der  Besitzer  zunächst  nach  seinem  Belieben  darüber.  Dann
mischt  sich  die  öffentliche  Macht  ein  und  zwingt  den  Vater  dazu,  den
ältesten  Sohn  zu  seinem  Erben  zu  machen.  Zum  Schluß  verordnet  die
französische  Revolution  eine  gleichmäßige  Erbschaftsteilung  zwischen
den  Kindern  und  vermehrt  so  diejenigen,  die  von  den  Produktionsmitteln
profitieren.  Heute  verringert  der  sinkende  Zinsfuß  allmählich  den  Vorteil ­
  des  Eigentümers  an  dem  Produktionsmittel  und  sichert  so  dem  Arbeiter ­
  einen  immer  größeren  Anteil  am  Produkt 4 ).  Ein  letzter  Schritt
bleibt  noch  zu  tun  übrig,  und  gerade  ihn  kündigen  die  Saint-Simonisten  an:
allen  Arbeitern  ein  gleiches  Recht  am  Gebrauch  der  Produktionsmitteln
zu  sichern,  und  dadurch  jeden  Menschen  zum  Eigentümer  zu  machen,
4 )  Doctrine,  S.  179.
s )  Ebenda,  S.  179.
3 )  „Ein  anderer,  ebenfalls  recht  verbreiteter  Fehler  ist,  daß  man  vom  Eigentum
spricht,  als  ob  es  eine  Einrichtung  wäre,  die  eine  feste  und  stets  gleich  gebliebene  Form
habe,  während  es  doch  in  Wirklichkeit  die  verschiedensten  Formen  angenommen  hat
und  auch  heute  noch  einschneidender  und  unvorhergesehener  Veränderungen  fähig
ist“  (Laveleye,  De  la  propri6t6  et  de  ses  formes  primitives,  1.  Ausg.  18‘ 4,
S.  381).  —  In  einem  Brief  vom  17.  Nov.  1872  beglückwünscht  Stuart  Mill  Laveleye
gerade  zu  diesem  Nachweis  (Ebenda,  Vorwort,  XIII).
4 )  Dieses  Argument  ist  besonders  bemerkenswert,  da  es  seitdem  von  den  liberalen
Volkswirtschaftlern  sehr  oft  wieder  aufgenommen  ist.  Auch  werden  wir  es  bei  Bastia
wiederfinden.  Die  Saint-Simonisten  sitzen  beständig  auf  beiden  Stühlen,  dem  Eib e
ralismus  und  dem  Sozialismus.
        <pb n="266" />
        Kapitel  II.  Samt-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  243
indem  der  Staat  der  einzige  Erbe  ist.  „Das  Gesetz  des  Fortschrittes,
das  wir  beobachtet  haben,  strebt  nach  einer  Ordnung  der  Dinge  hin,
in  der  der  Staat,  nicht  mehr  die  Familie,  die  angesammelten  Güter  erbt,
insoweit  sie  dasjenige  darstellen,  was  die  Nationalökonomen  Produktionsmittel ­
  (fonds  de  production)  nennen“ 1 ).
Es  muß  jedoch  darauf  hingewiesen  werden,  daß  man  aus  diesen
Tatsachen  einen  ganz  entgegengesetzten  Schluß  ziehen  und  gerade  in
der  gleichmäßigen  Verteilung,  die  von  der  Revolution  eher  bestätigt
als  geschaffen  worden  ist,  den  Beweis  sehen  könnte,  daß  die  modernen
Gesellschaften  das  Bestreben  haben,  die  individuellen  Eigentümer
zu  vermehren  oder  m.  a.  W.  einer  immer  wachsenden  Zahl  von  Bürgern
Eigentum  zu  sichern.  Eine  solche  Erörterung  gehört  aber  nicht  in  ein
Werk,  wie  das  vorliegende.  Uns  genügt  es,  darauf  hinzuweisen,  daß  die
Theorie  der  Saint-Simonisten  das  Vorspiel  zu  all  den  Theorien  ist,  die
später  in  der  Geschichte  des  Eigentums  Gründe  suchen,  um  seine  Umwandlung ­
  oder  sogar  seine  Abschaffung  zu  rechtfertigen.
Auch  hier  haben  die  Saint-Simonisten  den  Weg  nur  erweitert,  auf
dem  ihr  Meister  Saint-Simon  ihnen  vorangeschritten  war.  Er  war  es,
der  in  der  Geschichte  ein  Mittel  wissenschaftlicher  Voraussicht  gefunden
zu  haben  glaubte,  das  ebenso  vollkommen  wie  die  genauesten  Methoden
wäre.
Nach  Saint-Simon,  der  diesen  Gedanken  teilweise  Condorcet
entlehnt,  ist  das  menschliche  Geschlecht  ein  wirkliches  lebendiges
Wesen,  das  wie  jedes  der  Individuen,  aus  denen  es  sich  zusammensetzt,
seine  Kindheit,  seine  Jugend,  sein  Mannesalter  und  sein  Greisenalter
hat.  Die  Perioden  der  geistigen  Entwicklung  des  Menschengeschlechts
stimmen  mit  den  Perioden  der  geistigen  Entwicklung  des  Individuums
überein  und  lassen  sich  leicht  entdecken.  „Die  Zukunft“,  sagt  Saint-Simon,
  „besteht  aus  den  letzten  Gliedern  einer  Reihe,  deren  erste  Glieder
die  Vergangenheit  bildet.  Wenn  man  die  ersten  Glieder  einer  Reihe  genau
untersucht,  hat,  ist  es  nicht  weiter  schwer,  die  folgenden  aufzustellen:
aus  einer  guten  Beobachtung  der  Vergangenheit  kann  man  mit  Leichtigkeit
hie  Zukunft  ableiten“ 2 ).  Auf  Grund  dieser  Methode  entdeckte  Saint-Simon
  den  Industrialismus  als  das  Glied  der  Reihe,  dem  die  Jahrhunderte
alte  Entwicklung  jetzt  die  Menschheit  entgegenführt.  Auf  Grund  der
gleichen  Methode  beweist  er  den  fortschreitenden  Aufstieg  des  Menschen
zu  immer  engerer  Vergesellschaftung.  Von  der  Familie  zur  Stadt,  von
her  Stadt  zur  Nation,  von  der  Nation  zur  internationalen  Verständigung
’)  Doctrine,  S.  182;  diese  ganze  geschichtliche  Argumentierung,  die  wir  in
einen  kurzen  Paragraphen  zusammenfassen,  findet  sich  auf  den  Seiten  179  bis  193  der
hiectrine  des  längeren  ausgeführt.  Sie  verdiente  übrigens  eine  eingehendere  kritische
Untersuchung,  da  sie  nicht  genau  mit  der  geschichtlichen  Wahrheit  übereinstimmt.
*)  Saint-Simon,  Mfemoire  introductif  sur  la  contestation  avec  M.  de
ändern  (1812)  (Euvres,  I,  S.  122.

16*
        <pb n="267" />
        244

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

der  Völker:  das  ist  der  ununterbrochene  Fortschritt,  der  als  Schlußglied
der  Reihe  vorauszuahnen  gestattet:  „die  allgemeine  Assoziation,  nämlich
die  Vergesellschaftung  aller  Menschen  auf  der  ganzen  Erde  in  allen  ihren
Wechselbeziehungen“ 1 ),  —  und  wieder  auf  Grund  der  gleichen  Methode
kündigen  die  Saint-Simonisten  in  ihrer  Deutung  der  Geschichte  des  individuellen ­
  Eigentums  sein  definitives  Verschwinden  an,  wenn  seine  Benutzung ­
  durch  die  Einsetzung  des  Staates  als  alleinigen  Erben  allmählich
allen  Menschen  ermöglicht  wird.
Man  könnte  die  ganze  Doktrin  der  Saint-Simonisten  als  eine  umfassende ­
  Geschichtsphilosophie  ansehen 2 ).  Aus  dieser  Philosophie  ziehen
sie  das  außerordentliche  Vertrauen,  das  sie  in  die  Verwirklichung  ihres
Traumes  setzen,  in  dem  sie  nicht  eine  Hoffnung  ,sondern  eine  Gewißheit
erblicken.  —  „Unsere  Voraussage  hat  denselben  Ursprung  und  dieselben
Grundlagen  wie  die,  die  in  den  wissenschaftlichen  Entdeckungen  zutage
treten“  (S.  119).  Die  Saint-Simonisten  betrachten  sich  als  die  freiwilligen
und  bewußten  Vertreter  einer  notwendigen  Entwicklung,  die  Saint-Simon
  entdeckt  und  beschrieben  hat 3 ).  Das  ist  ein  weiterer  Zug,  den  sie
mit  den  Marxisten  gemeinsam  haben,  jedoch  mit  zwei  bedeutungsvollen
Unterschieden.  Die  Marxisten  rechnen  auf  die  Revolution,  um  die  Evolution ­
  der  Dinge  zu  vollenden;  die  Saint-Simonisten  aber  verlassen  sich
einzig  und  allein  auf  die  Überredung 4  * );  —  auf  der  anderen  Seite,  als
wahre  Kinder  des  18.  Jahrhunderts,  glauben  die  Saint-Simonisten,  daß
die  Gedanken  und  die  Wissenschaft  die  Triebfedern  der  sozialen  Umwandlungen ­
  sein  werden,  während  Marx  nur  in  die  materiellen  Kräfte
der  Produktion  Vertrauen  hat:  denn  in  seinen  Augen  sind  die  Ideen  nur
wie  ein  Widerschein  auf  dem  Wasser,  aber  keine  lebendigen  Kräfte 6 )-1)
  Doctrine  de  Saint-Simon,  S.  144.
2 )  Diese  Philosophie  läßt  sich  in  dem  Wechselspiel  von  organischen  und
kritischen  Perioden  zusammenfassen.  Die  ersteren  charakterisieren  sich  durch
Einheit  des  Gedankens,  des  Zieles,  des  Gefühls  und  des  Einflusses  in  einer  Gesellschaft:
die  zweiten  durch  Widerspruch  in  den  Gedanken  und  Gefühlen,  durch  politische  und
soziale  Unsicherheit.  Die  ersteren  sind  ausgesprochen  religiös;  in  den  zweiten  herrscht
der  Egoismus  vor.  Die  Reformation  und  die  Revolution  sind  die  beiden  wesentlichen
Kundgebungen  der  kritischen  Epoche,  in  der  wir  leben;  der  Saint-Simonismus  führt
uns  in  die  definitiv  organische  Epoche;  er  wird  die  Religion  der  universellen  Vergesellschaftung ­
  sein,  zu  der  uns  die  historische  Entwicklung  führt.
3 )  Doctrine,  S.  121.  „Durch  die  Sympathie  sieht  der  Mensch  sein  Schicksal
voraus;  und  wenn  er  durch  die  Wissenschaft  die  Voraussichten  seiner  Sympathien
als  wahr  erkannt  hat,  wenn  er  sich  der  Berechtigung  seiner  Wünsche  bewußt  ist,
schreitet  er  mit  ruhiger  Zuversicht  der  Zukunft,  die  ihm  bekannt  ist,  entgegen.  .  •  •  •  •
So  stellt  er  sich  frei  und  wissend  in  den  Dienst  seines  Schicksals,  das  er  durch  seine
Arbeit,  wenn  auch  nicht  ändern  (was  er  übrigens  auch  nicht  wollen  würde),  so  doch
schneller  herbeiführen  kann“.  .  ..
4 )  Siehe  diesen  Gedanken  eingehend  am  Ende  der  siebenten  Seance  entwickel
(Doctrine,  S.  121ff.).
5 )  „Die  Politik“,  sagte  Saint-Simon,  „beruht  auf  der  Moral  und  die  Einrichtungen
        <pb n="268" />
        Kapitel  II.  Saint  Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  245

§  3.  Die  Bedeutung  des  Saint-Simonismus  in  der
Geschichte  der  Doktrinen.
Bei  den  Saint-Simonisten  vermischen  sich  Utopien  und  Realismus
in  einer  merkwürdigen  Weise.  Ihr  Sozialismus,  der  nichts  Volkstümliches
an  sich  hat  und  sich  hauptsächlich  an  die  gebildeten  Klassen  wendet,
beruht  nicht  auf  der  Kenntnis  des  Lebens  der  Arbeiter,  sondern  auf  der
Beobachtung  und  einem  sehr  richtigen  Gefühl  für  die  großen  wirtschaftlichen ­
  Strömungen  ihrer  Zeit.
Sobald  die  Schule  aufgelöst  war,  sieht  man  die  hervorragendsten
Saint-Simonisten  einen  tätigen  Anteil  an  der  wirtschaftlichen  Verwaltung ­
  Frankreichs  nehmen  und  sich  an  allen  finanziellen  oder  industriellen ­
  Unternehmungen  beteiligen.  Die  Gebrüder  Pereire  gründen
1S63  den  Credit  Mobilier,  das  Vorbild  der  großen  heutigen  Finanzgesellschaften. ­
  Enfantin  nimmt  an  der  Gründung  der  Linie  P.  L.  M.  (Paris—
Lyon—Mediterranöe),  die  aus  der  Fusion  der  Linien  Paris—Lyon,  Lyon-Avignon,
  Avignon—Marseille  entstand,  tätigen  Anteil;  als  erster  bildete
er  eine  Gesellschaft  für  den  Durchstich  des  Isthmus  von  Suez.  Michel
Chevalier  verteidigte  am  College  de  France  die  Initiative  des  Staates
bei  den  großen  öffentlichen  Arbeiten  und  führte  die  Verhandlungen  betreffs ­
  des  Vertrages  von  1860  mit  England,  der  für  Frankreich  die  Ära
der  Handelsfreiheit  eröffnete.  Man  könnte  noch  viele  andere  Beispiele
anführen  für  die  bedeutende  Rolle,  die  sie  in  der  wirtschaftlichen  Geschichte ­
  des  19.  Jahrhunderts  gespielt  haben 1 ).
Im  Besonderen  haben  sie  den  enormen  Einfluß,  den  die  großen
Banken  und  die  zentralisierten  Unternehmungen  in  unserem  modernen
eines  Volkes  sind  nur  die  Folgen  seiner  Ideen“  (CEuvres,  III,  S.  31).  „An  anderer
Stelle  sagt  er:  „Die  Philosophie  hat  die  bedeutendsten  politischen  Einrichtungen  geschaffen; ­
  sie  allein  besitzt  genügende  Macht,  um  den  Einfluß  veralteter  Einrichtungen
zu  brechen  und  neue  zu  bilden,  die  sich  auf  eine  vervollkommnete  Lehre  gründen
(Sys.  indust.,  (Euvres,  V,  S.  167).  Er  legt  besonderes  Gewicht  auf  die  Rolle,  die
(iie  Philanthropen  in  der  Schaffung  der  neuen  Gesellschaft  spielen  sollen.  Die
Wahrheit,  „die  sich  durch  das  Vorwärtsschreiten  der  Zivilisation  ergeben  hat,
’st,  daß  die  leidenschaftliche  Hingabe  an  das  öffentliche  Wohl  weit  wirksamer  ist,
'J m  politische  Verbesserungen  durchzuführen,  als  der  Egoismus  der  Klassen,  die  von
diesen  Veränderungen  aus  am  meisten  zu  gewinnen  haben.  Mit  einem  Wort,  die  Erahrung
  hat  erwiesen,  daß  die,  die  am  höchsten  an  der  Einführung  eines  neuen  Zustands ­
  der  Dinge  interessiert  sind,  nicht  unter  denen  gesucht  werden  dürfen,  die  am
p  ri S s ten  daran  arbeiten,  sie  herbeizuführen“  (CEuvres,  VI,  S.  120).  Ein  schärferer
Gegensatz  zu  den  Ideen  Marx’  ist  kaum  denkbar,  besonders  gegenüber  der  bekannten
t’ormel:  „Die  Emanzipation  der  Arbeiterklasse  wird  das  Werk  der  Arbeiterklasse
selbst  sein.“
,  l )  Vgl.  hierüber:  Weil,  L’ficole  Saint-Simonienne  (1896)  und  Charlety,
’stoire  du  Saint-Simonisme  (1896).
        <pb n="269" />
        246

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Wirtschaftsleben  ausüben  sollten,  vorausgesehen.  In  der  Tat,  und  ohne
daß  man  an  das  Eigentumsrecht  gerührt  hätte,  sind  die  Depositenbanken
die  großen  Kapitalbehälter  geworden,  aus  denen  der  Kredit  sich  in  die
tausend  Kanäle  des  Handels  verteilt.  Noch  heute  werfen  Schriftsteller,
die  nichts  Sozialistisches  an  sich  haben,  den  Banken  (hauptsächlich  in
Frankreich)  vor,  diese  Aufgabe  des  Regulierens  und  der  Anregung  der
Industrie  nicht  mit  genügender  Kraft  zu  pflegen,  Aufgaben,  die  die  Saint-Simonisten
  schon  für  die  Banken  voraussahen,  und  die  die  Natur  der
Dinge  ihnen  zuweist 1 ).  Sie  hatten  viele  persönliche  und  verwandtschaftliche ­
  Beziehungen  zu  Bankiers,  und  die  Bedeutung  der  internationalen
Finanzherren  war  während  der  Restauration  in  den  europäischen  Staaten
außerordentlich  gestiegen.  Dies  wirkte  darauf  hin,  sie  die  Rolle  vorausfühlen ­
  zu  lassen,  die  der  Kredit  später  in  unserem  modernen  Wirtschaftsleben ­
  einnehmen  sollte.
Nicht  weniger  richtig  war  ihr  Gefühl  für  die  Notwendigkeit  einer
stärkeren  Zentralisation  der  leitenden  Faktoren  des  Wirtschaftslebens,
um  die  Produktion  dem  Verbrauch  besser  anzupassen,  als  es  die  Konkurrenz ­
  vermag.  Der  Staat  kann  weder,  noch  will  er  diese  Aufgabe  übernehmen; ­
  wir  sehen  aber,  wie  unter  unseren  Augen  sich  die  Konventionen,
Kartelle  und  Syndikate  der  Industriellen  vermehren,  deren  Zweck  stets
derselbe  ist:  nämlich  durch  eine  intelligente  Voraussicht  und  Zentralisation ­
  die  Nachteile  der  Konkurrenz  zu  vermeiden.  Hierin  liegt  ebenfalls ­
  eine  teilweise  und  praktische  Anwendung  des  Saint-Simonismus.
Wenn  ihr  persönlicher  Einfluß  auf  unsere  wirtschaftliche  Geschichte
bedeutend  gewesen  ist,  so  muß  man  ebenfalls  in  ihrer  Lehre  die  Keime
fast  aller  kritischen  und  konstruktiven  Ideen  wiedererkennen,  die  den
Sozialismus  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  charakterisieren.  Der  Saint-Simonismus
  ist  gleichsam  das  Vorwort  oder  das  Inhaltsverzeichnis  dazu.
Zunächst  ist  es  bezeichnend,  daß  sich  bei  ihnen  eine  Menge  von
Formeln  finden,  die  später  in  der  sozialistischen  Literatur  klassisch
werden  sollten.  „Ausbeutung  des  Menschen  durch  den  Menschen“  war  bis
1848  eine  sehr  volkstümliche  Formel.  Das  Wort  vom  „Klassenkampf“,
das  seit  Marx  an  seine  Stelle  getreten  ist,  bedeutet  nichts  anderes.
Vor  Loüis  Blano  sprechen  sie  von  der  „Organisation  der  Arbeit“.  I n
gleicher  Weise  wenden  sie  vor  Marx  das  Wort  „Arbeitsmittel“  (Instruments ­
  de  travail)  an,  um  Grund  und  Boden  sowie  Kapital  zu  bezeichnen.
')  „Der  Kredit  bezweckt“  sagt  Enfantin  (ißconomio  politique  et  Politique,
  S.  53)  „in  einer  Gesellschaft,  in  der  die  einen  die  Industriemittel  besitzen,
ohne  die  Fähigkeit  oder  den  Willen,  sie  in  Gang  zu  setzen,  und  in  der  andere,  die  fleißig
sind,  keine  Arbeitsmittel  besitzen,  diese  Mittel  so  leicht,  wie  irgend  möglich  aus
den  Händen  der  ersteren,  die  sie  besitzen,  in  die  der  zweiten,  die  sie  nützlich  anzuwenden ­
  verstehen,  gelangen  zu  lassen.“  Bis  heute  hat  man  noch  keine  bessere  Definition ­
  gefunden.
        <pb n="270" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  u.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  247
—  Wenn  wir  sie  auch  nicht  unter  die  Assozialisten  einreihen,  so  haben
sie  doch  in  gleicher  Weise,  wie  nur  irgendein  anderer,  die  „Assoziation“
als  die  höchste  Form  der  produktiven  Organisation  verlangt.  —  Sie  haben
sogar  den  Gebrauch  vorausgesehen,  den  die  Sozialisten  von  der  Rententheorie ­
  machen  sollten.  Noch  vor  Henry  George  sprechen  sie  an  einer
merkwürdigen  Stelle  von  „dem  Gebrauch,  den  man  eines  Tages  von  den
Theorien  Malthus’  und  Ricardo’s  über  die  Rente  machen  werde“,  indem
man  „den  Mehrertrag  der  guten  über  die  schlechten  Felder“,  den  „allgemeinen ­
  Bedürfnissen  der  neuen  Gesellschaft  überweisen  wird 1 ).  Man
findet  bei  ihnen  noch  andere  Pläne,  die  nichts  spezifisch  Sozialistisches
an  sich  haben.  So  wird,  so  weit  wir  wissen,  der  Gedanke  der  Gewinnbeteiligung ­
  zum  erstenmal  in  einem  Aufsatz  des  Producteur  entwickelt ­
 2 ).
Je  mehr  man  in  der  Doctrine  de  Saint-Simon  liest,  um  so  mehr
wird  man  von  diesen  bemerkenswerten  Voraussichten  betroffen  und  von
dem  ungerechten  Vergessen,  dem  dies  Werk  trotz  allem  anheim  gefallen
ist.  Schon  Engels,  der  Freund  Marx’,  hatte  bei  Saint-Simon  „eine
geniale  Weite  des  Blicks  entdeckt,  vermöge  deren  fast  alle  nicht  streng
ökonomischen  Gedanken  der  späteren  Sozialisten  bei  ihm  im  Keim  enthalten ­
  sind  .  .  ,“ 3 )  Die  „streng  ökonomischen  Gedanken“,  von  denen
Engels  spricht,  und  die  Saint-Simon  bedauerlicherweise  nicht  gekannt
hat,  bezieht  sich  auf  die  marxistische  Theorie  des  Mehrwertes.  In  unseren
Augen  ist  es  aber  weniger  ein  Fehler  als  vielmehr  ein  Verdienst,  den
Sozialismus  nicht  auf  eine  so  irrtümliche  Werttheorie,  sondern  vielmehr
auf  seinen  wirklichen  Boden,  der  vor  allen  Dingen  soziologisch  ist,  gegründet
zu  haben.
Bei  den  Saint-Simonisten  findet  man  nicht  nur  neue  Formeln;  man
entdeckt  bei  ihnen  schon  all  die  großen  Gegensätze  der  Gesichtspunkte,
um  die  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  die  Sozialisten  und  die  Nationalökonomen ­
  ihre  Kämpfe  ausfechten,  Gegensätze,  die  so  tiefgehend  sind,
daß  sie  sie  oft  daran  verhindern,  sich  zu  verstehen,  und  auf  Grund  derer,
sie  sich  gegenseitig  so  verkennen,  als  ob  sie  zwei  verschiedene  Sprachen
gebrauchten.  Wir  werden  versuchen,  sie  zu  definieren,  um,  wenn  irgend
möglich,  den  Leser  in  dem  Wirrwarr  der  Lehren  zu  orientieren,  im  Augenblick, ­
  in  dem  sich  die  Wegteilung  zwischen  den  beiden  großen  Richtungen
des  wirtschaftlichen  Denkens  vollzieht.

.  qtoilp  in  der  sie  sich  darüber  bel
 )  Doctrine,  S.  226.  Vgl-  auf  Seite  223  ein  e  ’  ehenden  Untersuchungen
klagen,  daß  Ricardo  und  Malthus  auf  Hrun  ” r  ß  mn dbesitzes  schließen,
über  das  Pachtwesen“  auf  die  Berechtigung  de  B  ouvri&amp;amp;re“  und  findet  sich
*)  Der  Aufsatz  trägt  als  Überschrift:  „De  la  da
hn  IV.  Band  des  Producteur.  Siehe  im  bes  TTmwä i zun g  der  Wissenschaft,
*)  F.  Engels:  Herrn  Eugen  Dührmg’s  Umwälzung
H-  Aull.,  S.  229.
        <pb n="271" />
        248

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

a)  Adam  Smith,  Ricardo  und  J.-B.  Say  haben  das  Bereich  der
Nationalökonomie  klar  von  dem  der  sozialen  Organisation  getrennt.  Wie
wir  schon  gesagt  haben,  ist  für  sie  das  Eigentum  eine  soziale  Tatsache,
die  sie  ohne  Erörterung  als  gegeben  annehmen 1 ).  Die  Art  seiner  Verteilung ­
  und  seiner  Übertragung,  die  Ursachen,  auf  denen  es  beruht,  die
Folgen,  die  sich  aus  ihm  ergeben,  bleiben  außerhalb  ihrer  Untersuchungen.
Unter  Güterverteilung  oder  Güterausteilung  verstehen  sie  einfach  die
Verteilung  des  jährlichen  Einkommens  unter  die  Faktoren  der  Produktion. ­
  Das,  was  sie  interessiert,  ist  die  Art  und  Weise,  in  der  sich  die
Höhe  der  Zinsen,  der  Pacht  und  des  Lohnes  festsetzt.  Ihre  Verteilungstheorie ­
  ist  nichts  anderes  als  eine  Theorie  des  Preises  der  „Dienste“.
Sie  kümmert  sich  nicht  um  die  Einzelpersonen;  das  gesellschaftliche
Erzeugnis  verteilt  sich  nach  ihrer  Ansicht  auf  Grund  notwendiger  Gesetze
unter  unpersönliche  Faktoren:  den  BODEN,  das  KAPITAL  und  die
ARBEIT.  Hin  und  wieder  personifizieren  sie  diese  Faktoren  für  die  Bequemlichkeit ­
  der  Erörterung  (wenn  sie  von  Grundbesitzern,  Kapitalisten
und  Arbeitern  sprechen),  was  aber  an  der  Sache  selbst  nichts  ändert.
Für  die  Saint-  Simonisten  und  für  die  Sozialisten  besteht  das  Problem
der  Güterverteilung  hauptsächlich  darin,  zu  wissen,  wie  sich  das  Eigentum ­
  unter  die  Menschen  verteilt.  Warum  sind  gewisse  Menschen  Eigen
tümer,  und  warum  sind  es  andere  nicht?  Warum  sind  die  Arbeitsmittel,
der  Boden  und  das  Kapital  so  ungleichmäßig  verteilt?  Warum  sind  die
individuellen  Einkünfte,  die  sich  aus  dieser  Verteilung  ergeben,  ungleich? ­
  An  die  Stelle  der  Untersuchung  abstrakter  Produktionsfaktoren
stellen  die  Sozialisten  die  Betrachtung  lebender  Individuen  oder  der
sozialen  Klassen  und  der  Beziehungen,  die  das  positive  Recht  zwischen
ihnen  herstellt.  Diese  beiden  Auffassungen  der  Güterverteilung  und  die
beiden  so  grundverschiedenen  Probleme,  die  darauf  beruhen,  —  das  eine
rein  volkswirtschaftlich,  das  andere  durchaus  soziologisch  —  laufen
nun  durch  das  ganze  Jahrhundert  neben  einander  her,  ohne  das  man
sich  oft  auch  nur  die  Mühe  genommen  hätte,  zwischen  ihnen  zu  unterscheiden. ­

b)  Ein  anderer  höchst  wichtiger  Unterschied  der  Gesichtspunkte
ergibt  sich  aus  der  Art  und  Weise,  wie  die  Nationalökonomen  und  die
Sozialisten  den  Gegensatz  zwischen  den  allgemeinen  und  den  privaten
Interessen  auffassen.

l )  „Die  meisten  Ökonomisten,  und  besonders  Say,  der  sie  beinahe  alle  zusammenfaßt, ­
  betrachten  das  Eigentum  als  eine  bestehende  Tatsache,  deren  Ursprung  und
Fortschritt  sie  nicht  weiter  untersuchen  und  deren  soziale  Nützlichkeit  sie  sich
nicht  einmal  zu  finden  bemühen  Die  Arbeiten  der  englischen  Volkswirtschaftler
sind  noch  weiter  von  jedem  Gedanken  an  eine  soziale  Ordnung  entfernt“  (Doctrine,
S.  221  u.  223).  Die  Saint-Simonisten  nehmen  von  dieser  Beurteilung  nur  Sismondi
und  Turgot  aus.
        <pb n="272" />
        Kapitel  II.  Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  n.  d.  Ursprung  des  Kollektivismus.  249
Die  Klassiker  setzen  das  Interesse  der  Verbraucher,  das  das  Interesse ­
  Aller  ist,  zu  dem  der  Produzenten,  das  das  Interesse  Einzelner  ist,
in  Gegensatz.
Die  Saint-Simonisten  und  nach  ihnen  alle  Sozialisten  ersetzen  diesen.
Gegensatz  durch  den  zwischen  Arbeitenden  und  Müßiggängern
oder,  wie  man  später  in  einer  engeren  Formel  sagt,  durch  den  zwischen
Arbeitern  und  Kapitalisten.  Das  allgemeine  Interesse  ist  das  der  Arbeitenden, ­
  und  das  Privatinteresse  ist  das  der  Müßiggänger,  die  auf  Kosten
der  Arbeitenden  leben.  „Wir  haben  schon  mehrere  Male“,  sagt  Enfantin,
„auf  den  Fehler  in  der  Klassifikation,  der  heute  von  unseren  Nationalökonomen ­
  begangen  wird,  hingewiesen:  Die  Worte  Produzent  und  Verbraucher ­
  bezeichnen  in  fehlerhafter  Weise  die  Beziehungen,  die  zwischen
den  Gliedern  einer  Gesellschaft  bestehen,  da  der  wirklich  unterscheidende
Zug,  der  sie  trennt,  die  Arbeit  oder  der  Müßiggang  ist“  r ).  Dieser  Unterschied ­
  in  den  Gesichtspunkten  bedingt  natürlich  eine  vollständig  verschiedene ­
  Auffassung  der  sozialen  Organisation.  Für  die  Nationalökonomen ­
  muß  die  Gesellschaft  im  Hinblick  auf  den  Verbraucher  organisiert ­
  sein,  und  das  allgemeine  Interesse  ist  befriedigt,  wenn  der  Verbraucher
zufrieden  gestellt  ist;  für  die  Sozialisten  muß  die  Gesellschaft  im  Hinblick ­
  auf  die  Arbeitenden  organisiert  sein,  und  das  allgemeine  Interesse
ist  befriedigt,  wenn  diese  ihren  gerechten  Anteil  an  dem  auf  seinen  Höchstbetrag ­
  gebrachten  sozialen  Produkt  erhalten 2 ).
c)  Als  letzter,  wenn  auch  nicht  weniger  bedeutender  Unterschied,
ist  zu  erwähnen:  die  Klassiker  bemühen  sich,  die  scheinbare  Unordnung ­
  der  individuellen  Handlungen  auf  wissenschaftliche  Gesetze
zurückzuführen;  wenn  ihnen  dies  gelungen  ist,  sind  sie  von  der  tiefen
Harmonie,  die  sie  auf  diese  Weise  entdeckt  haben,  höchst  entzückt  und
sehen  daher  davon  ab,  irgendeine  Verbesserung  anzubringen.  Es  genügt
ihnen,  aufgezeigt  zu  haben,  wie  die  spontanen  sozialen  Kräfte,  z.  B.  die
Konkurrenz,  dem  Egoismus  Grenzen  setzen  und  ihn  schließlich  vor  den
Triumphwagen  des  allgemeinen  Interesses  spannen;  sie  fragen  sich  nicht,
ri  Producteur,  III,  385.
2 )  Im  Vorwort  zur  „ficonomie  politique  et  Politique“,  S.  6,  sagt  Enfantin
noc h:  Alle  Fragen  der  Volkswirtschaft  müssen  auf  ein  gemeinsames  Prinzip
^•rückgeführt  werden,  und  um  die  Nützlichkeit  einer  volkswirtschaftllc
 hen  Maßnahme  oder  Idee  zu  beurteilen,  ist  es  unumgänglich  notwendig,  zu  untersuchen, ­
  ob  diese  Maßnahme  oder  diese  Idee  unmittelbar  zum  Gewinn  der  Arbeitenden
ment,  oder  ob  sie  durch  Diskreditierung  des  Müßigganges  mittelbar  zur  Besserung
ltlrer  Lage  beiträgt“.  —  Wir  freuen  uns  in  dieser  Hinsicht  gleicher  Meinung  mit  der
Von  IfALkvY  in  seinem  Aufsatz  über  Saint-Simon  (Revue  du  Mois,  Dezember  190i)
a usgedrückten  Ansicht  zu  sein,  in  dem  er  diesen  Gedanken  als  den  spezifisch  sozialistischen ­
  Zug  der  Lehre  Saint-Simon’s  hinstellt.  Wir  haben  jedoch  gefunden,  daß  es  noch
einen  anderen,  zum  wenigsten  ebenso  bedeutenden  gibt;  den  Gedanken,  an  Stelle
ein er  Regierung  der  Menschen  eine  Verwaltung  der  Dinge  zu  setzen.

fllifHlUI!:,
;  :  kl

Hilf'1  i,
Jf.l
fiu  i
        <pb n="273" />
        250

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

ob  die  Wirkung  dieser  Kräfte  nicht  weniger  brutal  gestaltet  werden  kann  ?
ob  das  Räderwerk  des  verborgenen  Mechanismus,  den  sie  entdeckt  haben,
nicht  etwa  geölt  werden  könnte,  um  dann  mit  geringerer  Reibung  zu
arbeiten  ?
Die  Saint-Simonisten,  zu  denen  man  in  diesem  Punkte  Sismondi
rechnen  muß,  sind  im  Gegenteil  von  der  Langsamkeit,  dem  Ungeschick
und  oft  auch  von  der  Grausamkeit  peinlich  betroffen,  mit  denen  diese
spontanen  sozialen  Kräfte  sich  meistens  durchsetzen.  Sie  bemühen  sich
dann,  an  ihre  Stelle  eine  zielbewußte  und  vernünftige  Reaktion  der  Gesellschaft ­
  zu  setzen.  Der  spontanen  Versöhnung  der  Interessen  stellen
sie  ihre  künstliche  Aussöhnung  gegenüber,  und  sie  suchen  leidenschaftlich ­
  nach  dem  Mittel,  sie  zu  verwirklichen.  Daher  ihre  zahllosen  Bemühungen, ­
  um  einen  neuen  Mechanismus  zu  finden,  der  fähig  wäre,  an
Stelle  jenes  spontanen  Mechanismus  zu  treten.  Daher  die  oft  kindlichen
Pläne,  um  die  Koordination  und  Assoziation  der  wirtschaftlichen  Kräfte
durchzuführen.  Diese  mit  Notwendigkeit  zum  Scheitern  verdammten
Versuche  liefern  dann  den  Gegnern  des  Sozialismus  die  besten  Waffen,
um  ihn  zu  bekämpfen.  Jedoch  bleiben  nicht  alle  diese  Versuche  ohne
Erfolg,  und  einige  haben  sogar  einen  großen  Einfluß  auf  die  soziale  Entwicklung ­
  gehabt.
In  der  Lehre  Saint-Simon’s  werden  diese  Gegensätze  zwischen  der
Nationalökonomie  und  dem  Sozialismus  zum  erstenmal  mit  allem  Nachdruck ­
  dargelegt.  Heute  kann  es  uns  durchaus  gleichgültig  sein,  daß
die  Schule  dem  Fluch  der  Lächerlichkeit  erlegen  ist,  und  daß  die  Exzentrizitäten ­
  Enfentin’s  seine  Propaganda  gerade  in  dem  Augenblick  unterbrochen ­
  haben,  als  die  Schule  Foürier’s  sich  mit  Erfolg  entwickelte.
In  der  Geschichte  der  Doktrinen  kommt  es  vor  allen  Dingen  darauf  an,
die  Ideen,  die  Gedanken  hervorzuheben.  Und  der  Saint-Simonismus
erscheint  uns  ohne  jeden  Zweifel  als  der  erste,  der  beredtste  und  der  eindruckvollste ­
  der  Gefühle  und  Ideen,  die  den  Sozialismus  des  19.  Jahrhunderts ­
  bilden 1 ).

!)  An  dieser  Stelle  muß  unbedingt  auch  auf  das  bewunderungswürdige  kleine
Werk  Anton  Menger’s:  Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  (1886)
hingewiesen  werden,  dessen  Studium  zur  Kenntnis  der  Geschichte  des  Sozialismus
unumgänglich  nötig  ist.  —  Wir  erwähnen  ebenfalls,  um  nicht  wieder  darauf  zurückzukommen:
  Les  Syst&amp;amp;mes  socialistes  (Paris,  1902,  2  Bde.)  von  Pareto  als  die  originellste ­
  kritische  Arbeit  (obgleich  nicht  immer  frei  von  Parteilichkeit),  die  über  den
Sozialismus  veröffentlicht  worden  ist,  —-wie  auch  das  Buch  Bourguin’s:  Les  Systeme*
socialistes  et  Revolution  öconomique  (Paris  1906),  das  die  am  wissenschaftlichsten ­
  durchgebildete  Kritik  der  wirtschaftlichen  Theorien  des  Sozialismus  enthält-
        <pb n="274" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

251

Kapitel  III.
Die  Assozialisten 1 ).
Wir  nennen  Assozialisten  diejenigen,  die  geglaubt  haben,  daß  die
freie  Genossenschaft  genüge,  um  alle  sozialen  Fragen  zu  lösen,  vorausgesetzt, ­
  daß  sie  auf  Grund  eines  vorher  ausgearbeiteten  Planes  organisiert
werde,  —  ein  Plan,  der  in  den  verschiedenen  Systemen  verschieden  ausgestaltet ­
  ist.
Sie  unterscheiden  sich  von  den  Saint-Simonisten  dadurch,  daß  diese
die  Lösung  nicht  in  der  Genossenschaft 2 )  (association),  sondern  in  der
Vergesellschaftung  (Socialisation)  suchen  (in  dieser  Beziehung  sind
sie  die  wirklichen  Vorläufer  des  Kollektivismus  gewesen);  das  ist  aber
üicht  dasselbe.  Die  Sozialisation  berührt  die  Gesellschaft  als  Gemeinwesen ­
  und  sucht  in  einer  kollektiven  Organisation  alle  Mitglieder  der
Nation  zu  umfassen;  daher  würde  auch  das  Wort  Nationalisation
klarer  sein.  Der  Assozialismus  ist  mehr  individualistisch:  er  fürchtet,
daß  das  Einzelwesen  in  der  Masse  verloren  gehe.  Daher  glaubt  er,  es
kesser  in  den  Organisationen  kleiner  selbständiger  Gruppen  zu  schützen,
die  sich  übrigens  in  freien  Verbänden  zusammenschließen  mögen:  aber
Wenn  es  zum  Zusammenschluß  kommt,  dann  hat  er  von  unten  und  nicht
Von  oben  zu  kommen.
Auf  der  anderen  Seite  unterscheiden  sich  die  Assozialisten  von  den
Nationalökonomen  der  liberalen  Richtung  darin,  daß  sie  vorschlagen,
durch  die  Gründung  dieser  Genossenschaften  ein  neues  Milieu  zu
Sc haffen.  Sie  wollen  genau  wie  die  anderen  die  freie  Entfaltung  aller
ln .dividueilen  Kräfte:  sie  glauben  jedoch,  daß  gerade  unter  der  jetzigen
Wirtschaftlichen  Ordnung  diese  Kräfte  erstickt  werden,  ausgenommen
dr  einige  Privilegierte.  Sie  glauben,  daß  die  Freiheit  und  die  Individualität
sich  nur  dann  entfalten  können,  wenn  sie  in  ein  neues  Milieu  verpflanzt
worden  sind.  Dieses  neue  Milieu  wird  sich  nun  nicht  von  selbst  schaffen:
ea  mnß  geschaffen  werden,  ebenso  wie  ein  Gärtner  seine  Treibhäuser
errichtet.  So  hat  denn  auch  jeder  dieser  Erfinder  seinen  Organisationsplan

,•  wnnii-nl-  Les  Socialistes  Associationnistes“.
*)  Die  Verfasser  überschreiben  dieses  Kapitel.  „  v()n  AlbE rt  Schaffle  ge-Wir
  haben  es  für  erlaubt  gehalten,  den  unseres  Anrn .  d.  Übers.).
Prägten  Ausdruck  „Assozialisten“  dafür  einzuse  ^  setzt,  hat  bisher  noch  nicht
■)  „Die  Assoziation,  die  dem  Antagonismus  elassoz j a tionen,  die  sich  unterere ­
  richtige  Form  gefunden.  Sie  zerfallt  _;„ mU s  noc jj  nicht  aufhören  können,
einander  bekämpfen.  Daher  hat  auch  der  Antagoi  Assoziation  allumfassend
Er  wird  verschwinden  mit  dem  Tage,  an  e  ™  gaint-Simon,  1.  Jahrg.,
geworden  sein  wird“  (Exposition  de  la  doctrmc
S-  177).
        <pb n="275" />
        252

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

und  sogar,  wie  sie  sich  nicht  zu  sagen  scheuen,  sein  Geheimnis 1 ).  Besonders ­
  hierin,  in  dieser  Auffassung  eines  künstlichen  Milieus,  das  inmitten ­
  des  bestehenden  sozialen  Zustandes  zu  schaffen  sei,  und  das  von
ihm  sozusagen  durch  wasserdichte  Schotten  getrennt  ist,  liegt  es  begründet, ­
  daß  dieser  Sozialismus  mit  dem  Namen  Utopismus  bedacht
worden  ist.
Jedoch  würden  sie  es  sehr  übel  bemerkt  haben,  wenn  man  geäußert
hätte,  sie  wollten  ein  künstliches  Milieu  schaffen.  Sie  behaupteten,  daß
gerade  umgekehrt  das  jetzige  Milieu  ein  künstliches  sei,  und  daß  es  sich
nicht  darum  handele,  ein  Milieu  zu  schaffen,  sondern  dasjenige  Milieu
zu  entdecken,  das  seiner  Natur  nach  schon  auf  die  wirklichen  Bedürfnisse ­
  des  Menschen  zugeschnitten  sei  und  zwar  auf  Grund  einer  natürlichen ­
  oder  von  der  Vorsehung  eingerichteten  Harmonie.  Im  Grunde
genommen  ist  es  die  Idee  der  Naturordnung  der  Physiokraten,  nur  mit
dem  Unterschiede,  daß  ihre  Vorstellung  von  dieser  angeblich  natürlichen
Ordnung  durchaus  von  der  der  Physiokraten  verschieden  war;  daraus  geht
schon  hervor,  daß  diese  sogenannte  natürliche  Ordnung  nichts  weniger
als  natürlich  war,  da  sie  ja  je  nach  der  subjektiven  Auffassung  der  Betrachter ­
  ein  verschiedenes  Bild  zeigte.  Unter  ihren  Ausführungen  gibt
es  jedoch  einige,  von  denen  man  sehrwohl  glauben  könnte,  daß  sie  Qüesnay
oder  La  Rivif.re  entlehnt  seien:  zum  Beispiel  die  Owen’s,  die  wir  bei
Dolleans  finden:  „Die  Genossenschaft  ist  der  unmittelbare  Träger
des  Willens  Gottes,  um  die  Gesellschaft  in  Harmonie  mit  der  Natur  zu
bringen.“  Das  ist  ganz  und  gar  die  physiokratische  Theorie  des  „guten
Despoten“  (siehe  S.  39f.).  Was  Fourier  anlangt,  so  verglich  er  sich  mit
Newton,  da  er  das  Gesetz  der  „passionellen“  Anziehung  entdeckt
habe,  und  er  glaubte,  daß  sein  „Genieblitz“,  wie  Zola  später  sich  ausdrückte, ­
  darin  bestand,  die  von  Gott  gegebenen  Leidenschaften  nutzbar
gemacht  zu  haben.
Worauf  es  hauptsächlich  ankommt,  ist,  daß  dieser  Assozialismus
eine  sehr  entschiedene  Reaktion  gegen  die  Revolution  von  1789  darstellt ­
 2 ),  denn  diese  verfolgte  die  Assoziation  mit  ihrem  Haß,  da  sie  iu
ihr  einen  Überrest  der  alten  Ordnung  sah,  eine  Kette  für  das  Individuum-Sie
  hat  sich  nicht  nur  wohl  gehütet,  sie  in  ihre  „Declaration  des  Droits

*)  In  der  Nr.  vom  27.  Aug.  1821  der  Zeitung  Owen’s:  The  Economist  las  man:
„Das  Geheimnis  ist  enthüllt:  es  ist  die  vollkommene  Kooperation  seitens  aller  Mitglieder ­
  und  für  alle  Zwecke  des  sozialen  Lebens“.  Fourier  schrieb  fast  dasselbe:  „D aS
Geheimnis  der  Einheit  dpr  Interessen  liegt  in  der  Assoziation“  (Association  Domestique,
  I,  S.  133).  An  anderer  Stelle  schreibt  er:  „Heute,  am  Charfreitag,  habe
ich  das  Geheimnis  der  Assoziation  gefunden.“
2 )  Was  den  Sozialismus  und  die  französische  Revolution  anlangt,  siehe  das  vorhergehende ­
  Kapital  über  Saint-Simon  (S.  217f.,  Anm.).
        <pb n="276" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

253

de  l’homme“  aufzunehmen 1 ),  sondern  sie  hatte  sie  noch  besonders  auf
allen  Gebieten  formell  verboten;  wie  man  weiß,  sind  diese  Verbote  erst
vor  ganz  kurzer  Zeit  in  Frankreich  aufgehoben  worden.  Nichts  stand
daher  mehr  im  Gegensatz  zu  dem  Geist  der  französischen  Revolution
als  die  Vorstellungen,  die  diese  neuen  Gründer  von  Laienorden  wie  Owen,
Fourier  oder  Cabet  beherrschten.
Die  Männer  von  89  waren  übrigens  nicht  so  durchaus  im  Irrtum,
und  es  war  nicht  nur  die  Furcht  vor  dem  Gespenst  der  Zünfte  und  Gilden,
wenn  sie  glaubten,  daß  die  Assoziation  äußerst  gefährlich  für  die  Freiheit ­
  des  Individuums  sei.  Ein  italienisches  Sprüchwort  sagt:  „Wer  einen
Teilhaber  hat,  hat  einen  Herrn“,  und  die  liberale  ökonomische  Schule
hat  diese  Befürchtungen  stets  mehr  oder  weniger  geteilt,  die  sich  übrigens
durch  zahlreiche  despotische  Handlungen  der  Berufsverbände,  sowohl
der  Kapitalistenverbände  wie  der  Arbeitergewerkschaften,  rechtfertigen
lassen.
Wie  ist  es  zu  erklären,  daß  die  Assozialisten  der  ersten  Hälfte  des
Jahrhunderts  derartig  die  Grundsätze  der  Revolution  verleugnen?  Sie
standen  namentlich  und  zwar  noch  mehr  als  Sismondi  und  die  Saint-Simonisten,
  unter  dem  starken  Eindruck  der  damals  neuen  Tatsache
der  Konkurrenz.  Der  Kampf  um  den  Profit  zwischen  den  Produzenten,
und  um  den  Lohn  zwischen  den  Arbeitern,  der  sofort  einsetzte,  als  die
Schranken  der  alten  Zünfte  gefallen  waren,  erschien  ihnen  als  die  große
soziale  Gefahr,  und  mit  einem  äußerst  bemerkenswerten  Scharfsinn
sagten  sie  voraus,  daß  die  Konkurrenz  auf  das  Monopol  der  großen
Kapitalisten  hinauslaufcn  würde 2 ).  Sie  wollten  weder  Konkurrenz  noch
Monopol,  und  gerade  die  Assoziation  erschien  ihnen  (nicht  die  korporative
Assoziation,  um  die  sie  sich  nicht  gekümmert  zu  haben  scheinen,  sondern
die  kooperative  Assoziation)  als  das  einzige  Mittel,  die  Konkurrenz
zu  unterdrücken,  ohne  weder  die  Freiheit  noch  die  Lebensbedingungen
der  Produktion  zu  beeinträchtigen.  Auch  jetzt  kann  man  noch  nicht  sagen,
daß  sie  sich  getäuscht  hätten.

1 )  In  der  „Declaration  des  Droits“  findet  sich:  „die  ^Assoziation“.
Widerstand  gegen  Unterdrückung“  usw.,  aber  nic “ ts  UÜ V  ’’  der  äate sten  und  auf  jeden
Wie  man  weiß,  wurde  die  Berufsgenossensc  .  ,  bekannte  Dekret  von  1791,
Pall  die  demokratischste  Form  der  Assoziation,  &amp;lt;  u  Strafgesetzbuch  von  1810
das  den  Namen  „Le  Chapelier“  trug,  verboten  un  pcrson( , n  vor .  I m  Laufe  des
sah  strenge  Strafen  für  jede  Assoziation  von  me  r  nach  abgeschwächt,  zunächst
19.  Jahrhunderts  wurden  diese  Bestimmungen  uac  dann  für  die  Gewerkschaften,
Ihr  die  Unterstützungsgesellschaften  auf  Gegensei  ig  ’  j uP  mm  aufgehoben.
&amp;lt;&amp;gt;och  sie  wurden  endgültig  erst  durch  das  Konkurrenz,  wie  es  von  einer
2 )  ,,Es  ist  erwiesen,  daß  unser  R^me  *er  dcr  Monopole  dekretiert
unwissenden  Ökonomik  gefordert  und  zwe  ,,  Monopole  in  allen  Geschafts-WlI
 'L  nur  zu  einer  allgemeinen  Organisation  der  8  »“  ,
zeigen  führt“  (Victor  Considerant,  Principes  de  Socialisme,
        <pb n="277" />
        254

Zweites  Bach.  Die  Gegner.

Die  beiden  bedeutendsten  Namen  des  Assozialismus  sind  Robert
Owen  und  Charles  Fourier.  Sie  sind  Zeitgenossen;  der  erste  wurde
1771  —  der  zweite  1772  *)  geboren,  aber  trotzdem  sind  beide  einander
fast  völlig  fremd  geblieben.  Anscheinend  hat  Owen  niemals  dem  System
Fourier’s  die  geringste  Aufmerksamkeit  geschenkt;  und  wenn  dieser
manchmal  von  dem  „plan  de  communaute“  Owen’s  spricht,  tut  er  es
stets  in  einer  gewissen  anzüglichen  Art  und  Weise  und  scheint  ihn  übrigens
nur  von  Hörensagen  zu  kennen *  2 ).
Diese  gegenseitige  Unkenntnis  macht  der  Beobachtungsgabe,  wie
auch  der  Bescheidenheit  der  beiden  Männer  nicht  viel  Ehre.  Man
kann  sie  jedoch  erklären:  wenn  beide  sich  auch  durch  ihren  Plan  der
sozialen  Reorganisation  nahe  stehen,  der  auf  der  Schaffung  selbständiger
Genossenschaften  beruht,  einer  Art  von  Mikrokosmen,  die  dazu  bestimmt
waren,  der  zukünftigen  Gesellschaft  als  Muster  oder  vielmehr  als  Ferment
zu  dienen;  und  wenn  sie  auch  beide  die  Väter  einer  von  ihnen  nicht  erwarteten ­
  posthumen  Tochter,  der  Genossenschaft,  geworden  sind,  so  lebten
sie  doch  in  ganz  verschiedenen  Welten.  Ohne  hier  weitere  Parallelen
zwischen  ihnen  zu  ziehen,  muß  man  doch  erwähnen,  um  ihre  Lage  zu
bestimmen,  daß  Owen  ein  reicher  Industrieller  war,  einer  der  bedeutendsten ­
  und  einflußreichsten  Männer  seiner  Zeit  und  seines  Landes,  der  das
Ohr  der  Großen  dieser  Welt  hatte,  während  Fourier  nur  ein  kleiner
Handelsangestellter  und,  wie  er  sich  selbst  nennt,  ein  „sergent  de  boutique“
war,  der  später  ein  kleiner  Rentier  wurde,  dessen  Ruf  kaum  über  die
Grenzen  eines  kleinen  Freundeskreises  hinauswuchs.  Trotz  allem  aber,
was  man  nach  ihrer  gesellschaftlichen  Stellung  glauben  könnte,  wurde
der  Millionär  der  größere  Sozialist,  ein  Kommunist,  ein  Kämpfer,  ein
Pamphletist,  ein  Agitator,  antiklerikal  in  der  ganzen  Bedeutung,  die  man
heute  dem  Worte  gibt,  während  sein  bescheidener  Rivale  ein  alter  Junggeselle ­
  mit  den  Gewohnheiten  einer  alten  Jungfer  war,  der  sein  Haus
nur  verließ,  um  der  Militärmusik  zuzuhören,  ein  geduldiger  Schreiber,
der  sich  zwang,  jeden  Tag  die  gleiche  Anzahl  Seiten  fertig  zu  stellen,
und  einen  stillen  Teilhaber  erwartete,  der  niemals  kam.
Außer  diesen  beiden  Hauptvertretern  enthält  der  Assozialismus
noch  andere  Namen.  Wir  werden  von  Louis  Blanc  und  an  zweiter  Stelle
von  Leroux  und  Cabet  zu  sprechen  haben.
»)  Das  erste  Buch  Fourier’s:  Les  quatre  Mouvements  stammt  aus  de®
Jahre  1808  und  sein  letztes:  La  Fausse  Industrie  ist  von  1836,  während  Owen  s
erstes  Buch:  Report  on  the  Poor  im  Jahre  1817  und  sein  letztes:  The  Book  of  the
New  Moral  World  1845  erschien.
2 )  „Nach  den  Einzelheiten,  die  Journalisten  über  die  englischen  Unternehmung® 11
unter  der  Leitung  Owen’s  gegeben  haben,  scheint  man  drei  Hauptfehler  gemacht  zu
haben,  von  denen  jeder  genügen  würde,  das  Unternehmen  fehlschlagen  zu  lassenzu
  große  Anzahl,  Gleichheit  ,  Fehlen  der  Landwirtschaft“  (Um
Universelle,  II,  35).
        <pb n="278" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

255

I.

Robert  Owen.
Unter  allen  Sozialisten  erscheint  Robert  Owen  als  eine  besonders
originelle  und  sogar  einzigartige  Persönlichkeit.  Wo  kann  man  einen
anderen  finden,  der  wie  er  ein  großer  Fabrikherr,  ein  „businessman“,
einer  der  Industriekönige  seiner  Zeit  gewesen  ist?  Und  doch  war  der
Sozialismus  Owen’s  nicht  nur  die  Philanthropie  des  guten  Arbeitgebers.
Freilich  war  er  durchaus  kein  revolutionärer  Sozialist  im  Kampfsinne;
er  weigerte  sich,  an  der  chartistischen  Bewegung  teilzunehmen,  die  uns
heute  recht  harmlos  erscheinen  würde 1 ).  Er  steckte  als  Ziel  den  Arbeitern
Jemals  die  Enteignung  der  Kapitalisten,  sondern  die  Schaffung  neuer
Kapitalien,  —  und  hierin  unterscheidet  sich  auch  heute  noch  das  kooperative ­
  Programm  von  dem  der  Kollektivsten.  Trotzdem  war  er  in  der  ganzen
Bedeutung  des  Wortes  Sozialist,  sogar  Kommunist.  Er  war  sogar  wahrscheinlich ­
  der  erste,  der  das  Wort  Sozialismus  wie  eine  Fahne  vor  sich
hertrug  s).

j.  Obgleich  der  Chartismus  eine  Arbeiterbewegung  war,  die  von  der  Working
de 611  S  Association  geleitet  wurde  (1836—1839),  so  waren  doch  die  Forderungen
berühmten  Charter  ausschließlich  politisch.  Die  Hauptforderung  war  das  allgemeine ­
  Wahlrecht.
‘)  Es  ist  wahrscheinlich,  daß  das  erste  Buch,  auf  dessen  Umschlag  dieser  Auferregende ­
  Titel  erschien,  das  Pamphlet  Owen’s  war:  What  is  Socialism?  (1841);
mheinlich  glaubte  er  diesen  Namen  erfunden  zu  haben,  doch  scheint  ein  fran-’
  Sc “ er  Sozialist,  Pierre  Leroux,  in  dieser  Hinsicht  Anspruch  auf  die  Priorität  ersehen



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uw.  u«  1  "“‘ tm "ifn'nden  zu"haben,  doch  scheint  ein  franaugenschefnlich
  glaubte  er  diesen  Namen  erfunden  zu
bischer  Sozialist,  Pierre  Leroijx,  in  c
beben  zu  können  (siehe  weiter  unten).  g7  j akre n  —  war  außer-Owen’s
  sehr  langes  Leben  -  er  starb  1858  im  Alter  von
ordentlich  ereignisvoll.  .  w  .  ffe boren,  begann  er  als  Lehrling
Als  Sohn  eines  kleinen  Handwerkers  in  Walesg  j  m  Vater  entlehnten
“?d  machte  sich  später  als  kleiner  Arbel f  ^^“Vonspinnerei  selbständig.  Nach
Spital  von  hundert  Pfund  Sterling,  in  der  Ba  m  P  Direktor  einer  großen
faschen  Fortschritten  war  er  mit  30  Jahren  Miteigentümer  ^  ^  zu  ma chen,  und
Fabrik  in  New-Lanark  in  Schottland.  Dort  fing  ei,  n  ^  wggen  se iner  Arbeiter-2War
  ebenso  wegen  seiner  technischen  Vervol  o  Gedanken  über  die  Erziehung
Wohlfahrtseinrichtungen.  Dort  begannen  auch  seine  ■  e  bald  cin  aristokratischer
des  Menschen  festere  Gestalt  anzunehmen.  Seine  Fabrik,  ucht  wu rde.  Verschiedene
Wallfahrtsort,  der  von  vielen  berühmten  Man  ,  z fihlt.en.  doch  in  Briefwechse
Kerrscher  standen,  wenn  sie  auch  nicht  zu  seinen  .  ifnterrichtsfragen  und  der  König
“dt  ihm,  so  besonders  der  König  von  Preußen  betreffs  Unternc
v °n  Holland  über  Fragen  der  Unterstützung.  schrecklichen  Störungen  der
Die  große  Krisis  des  Jahres  1815  zeigte  i  ZW eite  Periode  seines  Lebens,
bestehenden  Wirtschaftsordnung,  und  damit  began  jj ana  in  Amerika  die  Kolonie
d&amp;gt;e  der  kommunistischen  Versuche.  1825  gründe  e  e  ; n  Orbiston  in  Schottland
Eew-Harmony,  während  einer  seiner  Schüler  em  Q r d n dung  dieser  Kolonien  folgte
!“ s  Leben  rief  Sie  bestanden  nur  wenige  Jahre.  Der  Gründung  ,  .  „
Jahre  1  Ooo  ■»  —
ausging.

Ja bre  1822  der  Versuch  des  Tauschmagazins  in  London,  der  ebenfalls  unglücklich
        <pb n="279" />
        256

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Ein  großer  Städtebauer  im  Lande  Utopia,  war  er  doch  der  Begründer ­
  einer  ganzen  Menge  von  Reformen  und  Einrichtungen,  die  sich
als  außerordentlich  praktisch  erwiesen  und  die  in  der  Folgezeit  immer
größere  Bedeutung  gewonnen  haben.  Wir  meinen  die  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen. ­

Wenn  wir  ihn  auch  unter  die  Assozialisten  einrechnen,  so  darf  man
deshalb  nicht  glauben,  daß  die  Genossenschaft  die  einzige  Lösung  der
Sozialen  Frage  gewesen  sei,  die  er  im  Auge  gehabt  hat.  In  Wirklichkeit
hat  er  sie  alle  ein  wenig  probiert.
Mit  den  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen  hat  er  begonnen.  In  seiner
Fabrik  von  New-Lanark  waren  schon  fast  alle  Veranstaltungen  verwirklicht, ­
  die  später  auf  den  sozialökonomischen  Ausstellungen  vorgeführt
wurden:  Arbeiterhäuser  mit  Gärten,  Speisezimmern  und  Wirtschaftsgebäuden, ­
  Sparkassen  usw.
Außerdem  eilte  er  ein  ganzes  halbes  Jahrhundert  demjenigen  voraus,
was  man  später  als  Arbeitergesetzgebung  bezeichnete:
1.  den  Arbeitstag  für  Erwachsene  von  17  auf  10  Stunden  beschränkte;
2.  sich  weigerte,  Kinder  unter  10  Jahren  zu  beschäftigen,  und  für
sie  Schulen  schuf,  die  zum  ersten  Male  durchaus  dem  kirchlichen  Einfluß
entzogen  waren;
3.  die  damals  überall  gebräuchlichen  Strafgelder  abschaffte 1 ).

Nun  trat  Owen,  63  Jahre  alt,  von  seinen  Versuchen  entmutigt,  aber  ohne  in  seine 111
Glauben  an  seine  Lehre  schwankend  zu  werden,  in  die  dritte  Periode  seines  Lebens,
das  noch  lang  vor  ihm  lag,  und  die  er  einzig  der  Verbreitung  des  Evangeliums  einer
„Neuen  moralischen  Welt“  widmete,  ein  Titel,  den  er  seinem  Hauptwerk  The  Ne 1 *
Moral  World  (1845)  und  der  Zeitung,  die  er  seit  1834  unter  dem  gleichen  Name 11
herausgab,  beigelegt  hatte.  Er  nahm  tätigen  Anteil  an  der  Bewegung  des  „Tra (l,&amp;gt;
Unionism“,  scheint  sich  aber  weniger  um  die  kooperative  Bewegung  gekümmert  2' 1
haben,  die  sich  jedoch  auf  ihn  zurückführt,  und  die  seinen  größten  Ruhmestitel  ausmacht,
ihren  Anfang  (die  Pioniere  von  Rochdale  datieren  von  1844)  hat  er  noch  erlebt.
Owen  war  nicht  eben  ein  Schriftsteller;  sein  Leben  war  hierfür  zu  tätig;  er  *’ a ,
nur  wenige  Bücher  hinterlassen.  Dafür  aber  war  er  ein  unermüdlicher  Redner  « n
Journalist.  Doch  kann  man  nicht  anders  als  zugeben,  daß,  wenn  man  heute  sein«
Reden  und  Aufsätze  liest,  der  Erfolg,  den  sie  hatten,  nicht  recht  erklärt  ist.
Biographische  Einzelheiten,  wie  auch  alles,  was  mit  der  Doktrin  Owen’s  zl '
sammenhängt,  finden  sich  in  dem  ausgezeichneten  Buche  Dolleans’,  Robert  Owe
{Paris,  1907).  ..  j.
0  Als  seine  Teilhaber  sich  über  diese  Neuerungen,  die  für  seine  Zeit  unerh«  ^
waren,  beklagten,  antwortet  Owen  ihnen  in  folgenden  Worten,  die  auch  heute
nichts  an  zeitgemäßer  Bedeutung  verloren  haben:  „Die  Erfahrung  hat  Ihnen  sirheij'
den  Unterschied  gezeigt,  der  zwischen  einer  rein  geputzten,  glänzenden,  maschine
Einrichtung,  die  stets  in  gutem  Zustand  ist,  und  einer  anderen  besteht,  die  schmu
und  in  Unordnung  ist,  die  unnötige  Reibungen  aufweist  und  die  nach  und  nach  1
brauchbar  wird.  Wenn  daher  auf  die  unbeseelte  Maschinen  verwendete  Mühe  so  vor
hafte  Ergebnisse  zeitigt,  warum  sollte  man  nicht  das  gleiche  von  der  Sorgfalt  erwar  ’
die  man  auf  lebendige  Maschinen  verwendet,  deren  Struktur  noch  viel  bewundern»  ^
würdiger  ist?  .  .  .  Ist  es  nicht  natürlich,  wenn  man  zu  dem  Schluß  kommt,  daß  a
        <pb n="280" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

257

Da  aber  Owen  einsah,  daß  weder  sein  Beispiel,  noch  auch  sein  industrieller ­
  Erfolg  die  Arbeitgeber  zu  seinen  Ideen  bekehren  konnten,
versuchte  er,  die  Regierungen  dafür  zu  gewinnen,  zuerst  die  seines  eigenen
Landes,  dann  aber  auch  die  fremden  Herrscher,  und  so  durch  Gesetze
dieselben  Reformen  zu  erbitten,  die  er  lieber  von  dem  guten  Willen  der
herrschenden  Klassen  allein  erlangt  hätte.
Schon  vor  Lord  Shaftesbtjry  eröffnete  er  den  Feldzug  für  die
Beschränkung  der  Kinderarbeit  in  den  Fabriken  und  trug  viel  zu  dem
Gesetz  von  1819  bei,  das  das  Minimalalter  der  arbeitenden  Kinder  auf
9  Jahre  festsetzte.  Er  hatte  sogar  verlangt,  es  auf  10  Jahre  zu  erhöhen.
Auch  hier  abgewiesen,  verzweifelt  er  an  der  Kraft  der  beiden  Mächte,
der  Arbeitgeber  und  des  Staates,  dem  gesellschaftlichen  hortschritt  zu
dienen,  und  wendet  sich  an  die  dritte  Macht:  die  Genossenschaft.  Sie
sollte  das  neue  Milieu  schaffen,  ohne  das  die  soziale  Frage  unmöglich
gelöst  werden  kann.

§  1.  Die  Schaffung  des  sozialen  Milieus.
Denn  das  ist  die  Grundidee  Owen’s,  die  ihn  in  allen  seinen  verschiedenen ­
  sozialen  Versuchen  geleitet  hat,  die  Schaffung  eines
sozialen  Milieus:  dies  und  stets  nur  dies  erhoffte  er  zunächst
v on  den  Arbeitgebern,  dann  vom  Staate  und  zum  Schluß  von  der
Kooperation.
Man  kann  sagen,  daß  hierin  Owen  der  Vater  dessen  war,  was  die
Soziologen  heute  mit  dem  Wort  Ätiologie  bezeichnen,  nämlich  die
Änpassung  und  Unterordnung  des  Menschen  an  seine  Umgebung.  Seine
Theorie  ist  in  der  wirtschaftlichen  Lehre  ungefähr  das,  was  die  Lamarck  s
in  der  Biologie  ist:  den  Glauben  an  die  Umformung  des  Organismus
durch  den  Einfluß  der  Umwelt  auf  die  Organe.  Von  Natur  ist  der
Mensch  weder  gut  noch  böse,  er  ist  das,  wozu  ihn  seine  Umwelt  gemac  t
hat.  Wenn  heute  der  Mensch  böse  ist,  so  beruht  das  darauf,  daß  die  wirtschaftliche ­
  und  soziale  Ordnung  verabscheuungswürdig  ist.  Man  mu
a ber  darauf  hinweisen,  daß  Owen  der  natürlichen  Umwelt  keine  Bedeutung ­
  irgendwelcher  Art  beigelegt  zu  haben  scheint,  die  doch  für  andere
Schulen,  wie  die  Le  Play’s,  eine  wesentliche  Bedingung  darstellt.  Er
dlese  viel  komplizierteren  und  feineren  Maschinen  an  Kraft  und  Wirksamkeit  gewinnen
^erüen,  und  daß  ihre  Verwendung  wirtschaftlicher  sein  wird,  wenn  man  sie  reinlich
Lr't,  sie  mit  Freundlichkeit  behandelt,  wenn  man  ihrer  geistigen  'latigkeit  unnötige
Reibungen  erspart,  und  wenn  man  ihnen  eine  ausreichende  Menge  Nahrungsmittel
, nd  Unterhaltsmittel  liefert,  um  ihren  Körper  in  gutem,  produktionsfahigen  Zustand
2U  erhalten  und  zu  verhindern,  daß  er  vorzeitig  verfalle  und  zum  alten  Eisen  geworfen
werden  muß?“
6 ‘do  und  Rist,  Geseh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  17
        <pb n="281" />
        258

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

mißt  nur  dem  sozialen  Milieu  Bedeutung  zu,  so  wie  es  von  der  Erziehung"
oder  Gesetzgebung  oder  der  bewußten  Tätigkeit  der  Einzelpersonen
geschaffen  ist 1 ).  Wenn  wir  die  Umwelt  ändern,  so  ändern  wir  auch  den
Menschen.  Owen  scheint  sich  aber  nicht  um  die  „petitio  principii“  g e '
kümmert  zu  haben,  die  dieser  Gedankenreihe  zugrunde  liegt;  denn,  wenn
der  Mensch  das  Produkt  seines  Milieus  ist,  so  versteht  man  kaum,  wie  er
dieses  Milieu  ändern  kann.  Es  würde,  um  ein  gebräuchliches  Bild  zu
gebrauchen,  dasselbe  sein,  als  ob  er  sich  am  eigenen  Zopfe  aus  dem  Sumpfe
ziehen  wollte.  Diese  Inkonsequenz  war  jedoch  von  der  glücklichsten
Bedeutung!  Denn  auf  ihr  beruht  jene  bewunderungswürdige  Bewegung,
die  viel  später  zu  den  prachtvollen  Einrichtungen  der  englischen  Gartenstädte ­
  führen  sollte.  Owen  ist  es  zu  danken,  daß  man  sich  bemüht,  der
Arbeit  einen  Rahmen  von  Bequemlichkeit  und  Schönheit  zu  geben,  der
ihre  Leistungsfähigkeit  verdoppelt.
Vom  moralischen  Gesichtspunkte  aus  gelangt  diese  deterministische
Auffassung  natürlich  dazu,  alle  Verantwortlichkeit  des  Individuum»
zu  leugnen 2 );  jeder  Gedanke  an  Verdienst  oder  Fehler,  Lob  oder  Tadel,
Belohnung  oder  Strafe  verschwindet,  da  das  Individuum  nicht  anders
sein  kann,  als  es  ist.
Um  so  mehr  noch  schließt  sie  jeden  religiösen  Einflnß,  sogar  den
der  christlichen  Religion  aus.  Diese  Bemerkung  ist  nicht  überflüssig,
weil  sie  erklärt,  weshalb  Owen  in  der  englischen  Gesellschaft  keine  Unterstützung ­
  fand,  die  sich  gegen  das,  was  sie  für  ein  zynisches  Bekenntnis
zum  Atheismus  hielt,  auflehnte,  obgleich  Owen  in  Wirklichkeit  Deist
war 3 ).
Vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  aus  führte  diese  Lehre  zum
absoluten  Gleichheitssystem,  zu  der  Entlohnung  gemäß  den  Bedürfnissen
und  nicht  gemäß  den  Fähigkeiten,  denn  warum  sollte  die  Tatsache,  daß
jemand  intelligenter  oder  kräftiger  oder  sogar  arbeitsamer  sei,  einen
Anspruch  auf  eine  höhere  Entlohnung  rechtfertigen,  da  dies  doch  einzig
q  In  dem  System  Owen’s  nimmt  die  Erziehung  einen  außerordentlich  große 11
Platz  ein.  Auf  Grund  seiner  philosophischen  Lehre  mußte  sie  auch  allmächtig  sein-Durch
  die  Erziehung  erzieht  man  den  Menschen,  den  man  will,  ebenso  wie  man  Stiefel
oder  Hüte  macht.  Es  würde  ganz  interessant  sein,  diese  Gedanken  mit  denen,  di»
Rousseau  in  seinem  Lmile  dargelegt  hat,  zu  vergleichen,  doch  würde  uns  dies  zu  wen
von  unserem  Gegenstand  entfernen.
-)  „Die  Idee  der  Verantwortlichkeit  ist  eine  der  widersinnigsten  und  hat  m
Wirklichkeit  eine  Menge  Übel  verursacht“  (Catechism  of  the  New  Mora
World,  1838).
3 )  Wenn  man  Owen  glauben  darf,  so  hat  ihm  gerade  dieser  Determinismus,  de
ihn  bei  der  guten  Gesellschaft  unmöglich  machte,  großen  Einfluß  auf  die  Arbeiterkl asSe
verliehen;  er  schreibt  dies  ausdrücklich  dem  Umstande  zu,  „daß  ich,  von  relig iös ®“
Vorurteilen  befreit,  die  Menschen  und  die  Natur  des  Menschen  mit  unbegrenzter  Nachsicht ­
  betrachte,  und  daß  die  Menschen  mir  nicht  mehr  als  für  ihre  Handlungen  verantwortlich ­
  erscheinen“  (Autobiographie,  von  Dolleans  angeführt,  S.  74).
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        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

259

und  allein  durch  die  Umstände  bedingt  wird?  Hierin  liegt  der  Grund,
weshalb  die  OwEN’schen  Gemeinschaften  logischerweise  kommunistisch
waren.
Ein  Eingehen  auf  die  Geschichte  dieser  Kolonien  erübrigt  sich  hier.
Dies  um  so  mehr,  da  ihre  Schicksale  den  gleichen  ziemlich  monotonen
Verlauf  so  vieler  ähnlicher  Untersuchungen  zeigen.  Den  Gründern  waren
dieselben  Enttäuschungen  beschieden.  Owen  war  gezwungen  zuzugeben,
daß  es  ihm  nicht  gelungen  war,  das  Milieu  zu  schaffen,  das  den  neuen
Menschen  Verwirklichen  sollte.  Er  verzichtete  daher  auf  den  Ehrgeiz,
eine  von  Grund  auf  vollständig  neue  Gesellschaft  zu  errichten,  und  suchte
die  Lösung  in  der  bestehenden  Gesellschaft,  indem  er  sich  damit  begnügte,
die  Schmarotzerpflanzen  auszurotten,  mit  denen  sie  behaftet  war.
So  kommen  wir  zu  der  zweiten  Grundidee  Owen’s.

§  2.  Die  Abschaffung  des  Profits.
Um  das  wirtschaftliche  Milieu  zu  ändern,  mnß  vor  allen  Dingen
der  Profit  abgeschafft  werden.  Im  Streben  nach  Profit,  darin  liegt  das
Grundübel,  die  Erbsünde,  die  verbotene  Frucht  des  Paradieses,  die  den
Fall  des  Menschengeschlechtes  verursacht  hat.  Was  ist  denn  in  Wirklichkeit ­
  der  Profit?  Das,  was  den  Kostenpreis  übersteigt.  Er
ist  daher  gerade  auf  Grund  dieser  Definition  eine  Ungerechtigkeit,  denn
der  Kostenpreis  ist  der  gerechte  Preis:  die  Produkte  müssen  zu  dem  Preise
verkauft  werden,  den  sie  kosten,  weder  höher  noch  geringer.  Der  Profit
ist  aber  nicht  nur  eine  Ungerechtigkeit:  er  ist  eine  beständige  Gefahr,
die  wirkliche  Ursache  der  durch  Überproduktion  oder  vielmehr  durch
Unterkonsumtion  verursachten  Krisen 1 ),  denn  er  versetzt  den  Arbeiter
in  die  Unmöglichkeit,  das  Erzeugnis  seiner  Arbeit  zurückzukaufen  und
daher  den  Gegenwert  dessen,  was  er  erzeugt  hat,  zu  verzehren.  Wie  wäre
das  auch  möglich,  da  ja  das  Produkt,  sobald  es  seine  Hände  verlassen  hat,
von  einer  Werterhöhung  betroffen  wird,  die  es  eben  dem,  der  es  hergestellt
hat,  unerreichbar  macht,  wie  auch  dem,  der  eine  gleiche  Arbeit  lieferte,
und  als  Preis  nur  einen  gleichen  Arbeitswert  anbieten  kann?
Wie  soll  man  nun  Vorgehen,  um  diesen  parasitischen  Aufschlag
abzuschaffen?  Würde  zunächst  nicht  das  natürliche  Spiel  der  Konkurrenz ­
  genügen?  Die  Volkswirtschaftler  behaupten  es,  und  wir  werden
sehen,  wie  im  Besonderen  die  der  hedonistischen  Schule  sich  zu  dem  Nachweis ­
  erbieten,  daß  unter  der  Ordnung  einer  vollkommenen  Konkurrenz
hie  Höhe  des  Profites  auf  Null  herabsinken  würde.  Owen  glaubt  dies  jedoch
.  l )  Die  große  wirtschaftliche  Krisis  von  1815  hatte  auf  Owen,  wie  auf  alle  Volkswirtschaftler ­
  und  Sozialisten  seiner  Zeit  großen  Eindruck  gemacht.

17*
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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

keineswegs 1 );  für  ihn  sind  im  Gegenteil  die  Konkurrenz  und  der  Profit
untrennbar,  denn,  wenn  das  Eine  der  Krieg  ist,  so  ist  das  Andere  die  Beute.
Es  kam  daher  darauf  an,  eine  Methode  zu  finden,  um  den  Profit
abzuschaffen  und  mit  ihm  „alle  die  Einrichtungen,  die  beständig  den
Wunsch  hervorrufen,  billig  zu  kaufen  und  teuer  zu  verkaufen“.  Das
Werkzeug  des  Profits  ist  nun  das  Geld:  erst  durch  das  Geld  kann  er  sich
verwirklichen 2 ).  Auf  Grund  des  Geldes  drängt  er  sich  in  jeden  Tausch,
und  durch  das  Geld  wird  erst  die  Anomalie  möglich,  eine  Ware  über  ihren
Wert  zu  verkaufen.  Das  Geld  muß  man  also  angreifen.  Es  muß  durch
Arbeitsnoten  (labour  notes)  ersetzt  werden.  Sie  werden  dann  den  wirklichen ­
  Wertmesser  darstellen,  der  dem  Metall-  oder  Papiergelde  bedeutend
überlegen  ist;  denn  da  die  Arbeit  Ursache  und  Substanz  des  Wertes  ist,
ist  es  nur  möglich,  daß  sie  auch  ihren  Maßstab  vorstellt.  Man  erkennt,
daß  Owen  aus  Ricakdo’s  Werttheorie  überraschende  Schlüsse  zieht.
Soviel  Arbeitsstunden  ein  Erzeugnis  gekostet  hat,  so  viel  Arbeitsnoten ­
  erhält  sein  Erzeuger,  weder  mehr  noch  weniger,  wenn  er  es  verkaufen ­
  will,  —  und  ebenso  viel  muß  der  Verbraucher  geben,  weder  mehr
noch  weniger,  wenn  er  es  kaufen  will.  Auf  diese  Weise  wird  der  Profit
abgeschafft.
’)  Anscheinend  könnte  man  Owen  folgendes  entgegenhalten:  von  zwei  Dingen
ist  nur  eins  möglich:  entweder  stellt  der  Gewinn  einen  Teil  der  Produktionskosten
vor;  zwischen  ihm  und  den  Zinsen  besteht  kein  Unterschied.  In  diesem  Falle  ist  es
richtig,  daß  die  Konkurrenz,  so  vollkommen  sie  auch  sein  möge,  ihn  nicht  zum  Verschwinden ­
  bringen  kann,  da  sie  doch  nicht  mehr  zu  tun  vermag,  als  den  Verkaufspreis
auf  das  Niveau  der  Produktionskosten,  zu  bringen;  in  diesem  Falle  ist  aber  der  Profit
weder  ungerecht  noch  parasitisch,  da  das  Erzeugnis  zu  dem  Preis,  den  es  gekostet
hat,  weder  teuerer,  noch  billiger,  verkauft  wird.
Oder  aber  der  Gewinn  stellt  keinen  Teil  der  Produktionskosten  dar;  zwischen
ihm  und  den  Zinsen  besteht  ein  Unterschied;  er  ist  nur  der  Überschuß  des  Verkaufspreises ­
  über  den  Kostenpreis;  in  diesem  Fall  kann  man  ihn  allerdings  parasitisch
nennen;  doch  auch  dann  wird  er  unter  der  Herrschaft  der  vollkommenen  Konkurrenz
notwendigerweise  verschwinden,  da  ein  derartiges  Einkommen  nur  auf  einer  mehr
oder  weniger  ausgesprochenen  Monopolstellung  beruhen  kann.
Zur  Zeit  Owen’s  war  aber  die  Unterscheidung  zwischen  Profit  und  Zinsen  noch
nicht  bekannt.  Er  würde  sicherlich  geantwortet  haben,  daß,  ob  Profit  oder  Zinsen,
doch  alles  eins  wäre  und  daß,  wenn  der  Profit  vorgäbe,  sich  unter  den  Produktionskosten ­
  zu  verstecken,  um  der  Konkurrenz  trotzen  zu  können,  er  kein  Recht  irgendwelcher ­
  Art  auf  dieses  Versteck  habe,  da  die  Produktionskosten  sich  einzig  aus  der
Arbeit  und  den  zur  Neubildung  des  aufgewendeten  Kapitals  nötigen  Amortisationssummen ­
  zusammensetze.  Daher  müsse  er  aus  diesem  Versteck  herausgezogen  werden.
2 )  Das  Metallgeld  ist  die  Ursache  einer  außerordentlich  großen  Kriminalität,
einer  Menge  Ungerechtigkeit  und  Elends,  sowie  einer  der  Bedingungen  des  Milieus,
die  an  einer  Mißbildung  des  Charakters  den  größten  Anteil  haben  und  aus  der  Welt
ein  Pandämonium  machen.“
„Billig  einkaufen  und  teuer  verkaufen  und  zwar  auf  Grund  eines  künstlichen
Vertreters  des  Reichtums,  der  sich  weder  ausdehnen  noch  zusammenziehen  kann,  wie
das  der  Reichtum  selbst  tut,  darin  liegt  das  Geheimnis  des  Profits.“
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        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

261

Die  Verdammung  des  Geldes  war  nicht  neu,  aber  worin  eine  wirklich ­
  neue  Idee  liegt  —  „eine  Entdeckung,  die“,  wie  Owen  sagt,  „bedeutender ­
  ist,  als  die  der  Minen  Mexiko’s  und  Peru’s“,  war  die  Ersetzung
des  Geldes  durch  Arbeitsnoten.  Es  ist  bekannt,  daß  der  Arbeitsbon  in
das  Programm  der  kollektivistischen  Schulen  aufgenommen  worden  ist.
Aber  man  könnte  sich  darüber  wundern,  daß  gerade  Owen  es  war,  der
ihn  erfand:  denn  er  vertrug  sich  keineswegs  mit  seinem  kommunistischen
Ideal  „einem  jeden  gemäß  seinen  Bedürfnissen“,  denn  diese  Arbeitsnoten
bedeuten  offensichtlich,  wie  es  später  die  kollektivistische  Schule  kategorisch ­
  sagte,  „die  Entlohnung  nach  der  individuellen  Leistung“:  weshalb
aber  bei  dem  Tausche  diese  genaue  Rechnung  aufmachen,  wenn  man  sie
für  die  Verteilung  nicht  mehr  in  Betracht  ziehen  sollte? 1 )
Die  Erfahrung  sollte  nun  lehren,  ob  diese  Ausschaltung  des  Geldes
in  der  Praxis  verwirklicht  werden  konnte.  Der  Versuch  wurde  durch
die  Errichtung  einer  Arbeitstauschbörse  (National  Equitable  Labour
Exchange)  in  London  gemacht,  die  die  originellste  und  interessanteste
Episode  der  OwEN’schen  Bewegung  ist,  obgleich  in  Wirklichkeit  Owen
selbst  sich  stets  dagegen  verwahrt  hat,  ihr  Organisator  gewesen  zu  sein.
Es  war  dies  eine  kooperative  Gesellschaft  mit  einem  Lager,  wo  jeder
Gesellschafter  das  Erzeugnis  seiner  Arbeit  abliefern  und  den  Preis  dafür
m  Arbeitsnoten  erhalten  konnte,  einen  Preis,  der  nach  der  Anzahl  der
Arbeitsstunden,  die  das  Erzeugnis  gekostet  hatte,  und  die  der  Teilhaber
selbst  angab,  bewertet  wurde.  Diese  so  zu  Waren  gewordenen  Erzeugnisse
wurden  im  Lager  auf  bewahrt;  der  Preis  war  in  Arbeitsstunden  auf  ihnen
vermerkt.  Sie  blieben  zur  Verfügung  der  Gesellschafter,  die  sie  kaufen
wollten.  Die  Käufer  hatten  nur  den  auf  ihnen  vermerkten  Preis  in  Arbeitsnoten
  zu  bezahlen.  Infolgedessen  konnte  jeder  Arbeiter,  der  z.  B.  10  Stunden
gebraucht  hatte,  um  ein  Paar  Schuhe  herzustellen,  sich  irgendwelche  andere
Ware,  die  ebenfalls  10  Arbeitsstunden  gekostet  hatte,  verschaffen.  Er
erhielt  daher  genau  den  Gegenwart  seiner  Arbeit:  der  Profit  war  ausgeschaltet. ­
  Andererseits  war  auch  der  Zwischenhändler,  der  den  Profit
heute  einsteckt,  der  Profitmacher,  sei  er  Industrieller  oder  Händler,
durch  den  unmittelbaren  Verkehr  zwischen  Produzenten  und  Verbraucher
unterdrückt.  Und  das  Problem  war  daher  gelöst 2 ).

_  11  i  Wir  dürfen  aber  nicht  vergessen,
*)  Owen  hat  diesen  Widerspruch  wohl  gekan  •  s j c ^  Owen  entschließen
daß  es  sich  hier  nur  um  eine  Übergangslösung  .  ®  ’  un i s tisehe  Assoziation  in  dem
mußte,  da  er  die  vollständige  Lösung  durch  eine  von  New-Harmony  begann
neuen  Milieu  nicht  verwirklichen  konnte,  ln  t  nionste  vorzunehmen,  um  nach
man  damit,  die  Verteilung  au *  * Gnllld ■  ?-h?rzueehen  ohne  Unterschied  der  geleisteten
und  nach  zu  dem  System  der  Gleichheit  uberzg  ■  übr j gC ns  das  Ergebnis  hatte,
Dienste  oder  gelieferten  Arbeit,  —  ein  Fortscnriw,  ue
die  Kolonie  innerhalb  sechs  Monaten  zu  ruinieren.  ,  iqoo  pr öffnet
■)  Ui.  Aib.it.bSi»  (labour  Exch.ug.)  ward.  ...  September  1832  «eiin.t
        <pb n="285" />
        Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Der  Versuch  gelang  nicht  besser  als  der  der  kommunistischen  Kolonien
und  dauerte  nicht  länger.  Die  höchst  ungenaue  Kenntnis,  die  man  damals
von  den  Gesetzen  des  Wertes  hatte,  kann  allein  diejenigen  entschuldigen,
die  ein  anderes  Resultat  erwarteten.  Nichtsdestoweniger  bedeutet  er  ein
bemerkenswertes  Datum  in  der  Geschichte  der  Doktrinen,  weil  hier  die
erste  Etappe  einer  Reihe  von  Systemen  gegeben  ist,  die  mit  dem  Zwecke,
das  gleiche  Problem  zu  lösen,  aufeinander  folgen.  Allerdings  wenden  sie
recht  verschiedene  Mittel  an,  die  wir  in  der  Tauschbank  (banque  d’Echange)
Proüdhon’s  und  in  den  sozialen  Buchungen  (Comptabilisme  social)
Solvay’s  wiederfinden  werden.
Übrigens  haben  die  verschiedenen  Veranstaltungen,  die  auf  eine
Ausschaltung  des  Geldes  hinzielten,  nur  eine  sekundäre  Bedeutung,  aber

und  hatte  am  Anfang  einen  relativen  Erfolg.  Sie  zählte  840  Teilnehmer  und  errichtete
sogar  einige  Filialen  Sie  schlug  aus  folgenden  Ursachen  fehl:
1.  Weil  die  Teilnehmer  den  Wert  ihrer  Erzeugnisse,  wie  es  zu  erwarten  war,  zu
hoch  angaben,  indem  sie  eine  höhere  Anzahl  Arbeitsstunden  in  Anrechnung  brachten,
als  sie  in  Wirklichkeit  darauf  verwandt  hatten.  Daher  mußte  man  darauf  verzichten,
ihrer  Ehrlichkeit  zu  vertrauen,  und  die  Bewertung  Sachverständigen  übertragen,
wie  in  einer  öffentlichen  Leihanstalt.  Diese  Sachverständigen  aber,  die  mit  der
Werttheorie  Owen’s  wenig  vertraut  waren,  schätzten  die  Erzeugnisse,  die  man  ihnen
vorlegte,  einfach  nach  ihrem  Geldwert  und  übertrugen  diesen  Geldwert  in  Arbeitsstunden, ­
  gewöhnlich  im  Verhältnis  von  6  Pence  pro  Arbeitsstunde.  Sie  konnten  auch
gar  nicht  anders  Vorgehen.  Nur  ergab  sich  hieraus,  daß  das  System  Owen’s  völlig  verkehrt ­
  wurde,  da  nicht  mehr  die  Arbeit  der  Maßstab  war,  nach  dem  sich  der  Handelswert ­
  der  Gegenstände  regelte,  sondern  im  Gegenteil  der  Geldwert  der  Produkte  den
Arbeitswert  bestimmte.
2.  Weil,  sobald  als  die  Gesellschaft  Teilnehmer  erhielt,  die  nicht  so  altruistisch
wie  die  ersten  Anhänger  waren,  die  neu  Hinzugekommenen  ihr  alle  Gegenstände
brachten,  die  sonst  unverkäuflich  waren,  und  sich  beeilten,  mit  den  so  erhaltenen
Bons  sich  von  dem  Lager  alle  die  Gegenstände  liefern  zu  lassen,  die  irgendwelchen
Wert  darstellten,  d.  h.  die  ehrlich  tarifiert  worden  waren,  und  die  sie  dann  wieder  gegen
gutes  Geld  verkauften,  —  so  daß  sich  zum  Schluß  nur  noch  „Ladenhüter“  in  dem
Lager  befanden.  —  Kurz  das  Lager  kaufte  nur  Waren,  die  über  ihren  wirklichen  Wort
und  verkaufte  nur  Waren,  die  unter  ihren  wirklichen  Wert  notiert  warenl
Die  Labour-Notes  lauteten  nicht  auf  den  Namen,  waren  nicht  nominativ.
Jeder,  auch  der,  der  nicht  zur  Gesellschaft  gehörte,  konnte  sie  kaufen  und  sie  zu  dieser
wenig  ehrenhaften,  aber  einträglichen  Operation  verwenden.  Das  taten  zum  Beispiel
300  Londoner  Krämer,  die  sich  Labour-Notes  verschafften,  indem  sie  erklärten,
sie  würden  sie  in  Zahlung  für  ihr3  Waren  annehmen.  Sie  benutzten  sie,  um  das  Tauschlager ­
  zu  plündern,  und  als  nichts  mehr  übrig  war,  das  es  sich  lohnte  mitzunehmen,
weigerten  sie  sich,  weiterhin  Labour-Notes  in  Zahlung  zu  nehmen,  —  womit  der
Gaunerstreich  seinen  Zweck  erreicht  hatte.
Es  ist  selbstverständlich,  worauf  auch  Prof.  Denis  sehr  richtig  hinweist,  daß  das
Tauschlager  für  Angestellte  keinen  Nutzen  irgendwelcher  Art  bot;  da  der  Angestellte,
der  Lohnempfänger,  wie  schon  der  Name  besagt,  niemals  Eigentümer  der  Erzeugnisse
seiner  Arbeit  ist,  hat  er  niemals  etwas  zu  verkaufen.  Das  System  Owen’s  kann  daher
nur  dann  von  Nutzen  sein,  wenn  man  eine  vorhergegangene  Abschaffung  des  Lohnsystems ­
  annimmt.
        <pb n="286" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

263

die  Grundidee,  nämlich  die  Abschaffung  des  Profits,  sollte  bestehen  bleiben
und  sich  wenigstens  teilweise  in  einer  viel  gesünderen  und  großzügigeren
Einrichtung  verwirklichen,  einer  Einrichtung,  die  die  ganze  Welt  zu  umfassen ­
  bestimmt  war,  nämlich  in  den  Konsumvereinen  (magasins  cooperatifs,
  —  Stores  —  wie  man  sie  in  England  nennt).  Sie  begannen  schon
zur  Zeit  der  Arbeitstauschbörse  (1832—1834)  in  größerer  Anzahl  zu  entstehen, ­
  sollten  aber  ihre  definitive  Form  erst  10  Jahre  später  durch  die
Pioniere  von  Rochdale  erhalten.
Die  Regel  der  Konsumvereine  besteht  darin:  entweder  überhaupt
keine  Gewinne  zu  erzielen,  —  oder  sie  ihren  Käufern  im  Verhältnis  ihrer
Einkäufe  wiederzuerstatten,  was  natürlich  auf  das  gleiche  hinausläuft:
es  gibt  keinen  Profit,  nur  Rückerstattungen  (ristorni).  Um  dies  zu
erreichen,  bedienen  sie  sich  des  gleichen  Mittels  wie  Owen,  nämlich  des
unmittelbaren  Verkehrs  zwischen  Produzenten  und  Verbrauchern  unter
Vermeidung  jedes  Zwischenhandels.  Bemerkenswert  ist  aber,  daß  diese
Ausschaltung  des  Profits  sich  vollzieht,  ohne  daß  es  nötig  ist,  das  Geld
äbzuschaffen 1 ).  Die  enge  Verbindung,  die  Owen  und  viele  andere  Sozialisten ­
  nach  ihm  zwischen  Geld  und  Profit  festzustellen  geglaubt  haben,
ist  tatsächlich  nur  eine  Einbildung.  Wie  man  weiß,  werden  gerade  im
kauschhandel  die  größten  Profite  erzielt,  z.  B.  im  Handel  mit  dem  äquatorialen ­
  Afrika:  man  tauscht  Flinten,  deren  Preis  auf  das  Fünffache  ihres
Wertes  festgesetzt  ist,  gegen  Kautschuk,  der  nach  dem  dritten  Teil  seines
Wertes  berechnet  wird,  was  einen  Profitsatz  von  1500  %  ergibt.  Die
Wahrheit  ist  im  Gegenteil,  daß  der  Gebrauch  des  Geldes  den  Wertschätzungen ­
  eine  Genauigkeit  verleiht,  die  es  gestattet,  die  Höhe  des
Profits  auf  den  kleinsten  Bruchteil  zurückzuführen,  z.  B.  auf  1  Centime
für  den  Meter  Baumwollstoff,  was  bei  dem  Tauschhandel  und  sogar  mit
Arbeitsnoten  vollständig  unmöglich  sein  würde.
Die  kooperative  Gesellschaft,  soweit  sie  auf  die  Abschaffung  des
Profits  hinarbeitet,  bleibt  daher  der  bedeutendste  Erfolg  des  Werkes
Owen’s  und  genügt  zu  seinem  Ruhm.  Es  scheint  jedoch,  als  ob  sein  Anteil
an  dieser  großen  Bewegung  nicht  ganz  bewußt  gewesen  ist.  Zwar  erscheint
oas  Wort  „Cooperation“  immer  wieder  in  seinen  Schriften,  aber  dies  Wort
hatte  damals  nicht  seine  heutige  Bedeutung:  es  wollte  einfach  Kommunismus ­
  ausdrücken.  Was  die  kooperativen  Konsumvereine  in  der  Form
v on  Verkaufslagern  anlangt,  so  hat  Owen  nicht  nur  jede  Verantwortung
an  ihrer  Entstehung  abgelehnt,  sondern  er  hat  sie  im  Gegenteil  ausdrücklich
als  Vertreter  seines  Systems  abgewiesen.  Er  sah  in  ihnen  nur  kleine  Läden
*)  Jedoch  ist  damit  noch  nicht  gesagt,  daß  die  Konsumgenossenschaft™,  sobald
p®  “achtvoll  organisiert  und  mit  großen  Zentralniederlagen  verbunden  sind,  dieses
, w ro)ekt  nicht  wieder  aufnehmen,  d.  h.  das  Geld  in  ihren  Handelsoperationen  abschaffen
«den,  sei  es  untereinander,  sei  es  mit  ihren  Teilhabern.  Auf  jeden  Fall  tragen  sie  sich
TOlt  d em  Gedanken.
        <pb n="287" />
        264

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

oder  philanthropische  Unternehmungen,  die  seines  Ideales  unwürdig
wären 1 ).  In  dieser  Hinsicht  ist  es  nur  gerecht,  darauf  hinzuweisen,  daß
diese  Gesellschaften  damals  noch  nicht  das  waren,  was  sie  seitdem  geworden ­
  sind.  Owen  hat  jedoch  noch  das  Entstehen  der  Gesellschaft  in
Rochdale  erlebt,  —  unter  deren  28  Pionieren  sich  6  seiner  Schüler  befanden,
und  von  denen  zwei,  Charles  Howarth  und  William  Cooper,  die  Seele
dieser  unsterblichen  Genossenschaft  waren,  —  aber  Owen  war  damals
73  Jahre  alt  und  scheint  von  der  Geburt  dieser  so  spät  gekommenen
Tochter  nicht  einmal  Notiz  genommen  zu  haben,  die  doch  mehr  als  alle
Arbeit  seines  langen  Lebens  seinen  Namen  der  Nachwelt  überliefern,
wenn  nicht  der  Vergessenheit  entreißen  sollte.
Denn  Owen  hat  in  Wirklichkeit  keine  Schule,  außer  der  kooperativen
Schule,  hinterlassen.  Allerdings  hatte  er  einige  Schüler,  die  versuchten,
seine  Theorien  anzuwenden.  Unter  ihnen  muß  besonders  einer  erwähnt
werden,  der  lange  Zeit  vergessen  war  und  heute  wieder  entdeckt  worden
ist,  um  überschwänglich  gefeiert  zu  werden.  Es  ist  dies  William  Thompson,
dessen  Hauptwerk  „Untersuchungen  über  die  Grundsätze  der  Güterverteilung, ­
  die  dem  Glück  des  Menschen  am  günstigsten  sind“,  im  Jahre
1824  erschien.  In  seiner  Kenntnis  der  Ökonomik  und  in  der  Tiefe  seines
Denkens  ist  er  Owen  bedeutend  überlegen.  Es  wäre  richtiger,  ihn  als
den  Gründer  des  Sozialismus  zu  bezeichnen,  aber  wie  wir  schon  in  der
Einleitung  erwähnten,  können  war  nicht  daran  denken,  etwaige  Ungerechtigkeiten ­
  der  Geschichte  zu  korrigieren,  und  müssen  die  von  der
Tradition  geheiligten  Namen  annehmen.  Übrigens  ist  es  nur  natürlich,
daß  der  Rang,  den  ein  Mann  in  der  Geschichte  einnimmt,  mehr  durch
seinen  Einfluß  als  durch  sein  Talent  bestimmt  wird,  und  der  Einfluß
Thompson’s  auf  seine  Zeit  war  Null;  hatte  man  ihn  doch  völlig  vergessen.
Von  Thompson  können  wir  nur  sagen,  daß  er  besser  als  Owen  dem
Gedanken,  daß  der  Arbeiter  nicht  den  ganzen  Gegenwert  des  Erzeugnisses
seiner  Arbeit  erhält,  nachgegangen  ist,  und  daß  er  so  die  Theorie  des
„Mehrwertes“  und  der  „unbezahlten  Arbeit“,  die  wir  später  wieder  finden
werden,  vorbereitet  hat.  Ebenso  wie  Owen  stellt  er  als  Heilmittel  gegen
dieses  Übel  nicht  die  Enteignung  der  erworbenen  Reichtiimer  hin,  sondern
nur  die  Organisation  neuer  Unternehmungsformen,  in  denen  der  Arbeiter
den  vollen  Arbeitsertrag  für  sich  selbst  behält;  und  eben  das  macht  das
Programm  der  kooperativen  Gesellschaften  aus 2 ).

*)  So  sagt  wenigstens  Holyoake  in  seiner  „History  of  Cooperation“,  L
S.  215  (1.  Ausg.).  Doch  nach  einer  Stelle,  die  Dolleans  anführt,  hätte  Owen  sich
an  die  kooperativen  Gesellschaften  gewandt,  mit  der  Bitte,  seine  Tauschbank  zu
unterstützen.
2 )  Er  sagte  zu  den  Arbeitern:  „Ihr  wünscht  selbst  den  Gesamtertrag  eurer  Arbeit
für  euch  zu  behalten?  Ganz  richtig;  dazu  habt  ihr  weiter  nichts  zu  tun,  als  die
        <pb n="288" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

265

II.
Charles  Fourier.
Sicherlich  ist  das  praktische  Werk  Owen’s  bedeutender  gewesen  als
das  Fourier’s,  da  man  seine  Initiative,  wie  wir  gesehen  haben,  am  Ausgangspunkt ­
  der  meisten  großen  sozialen  Bewegungen  des  19.  Jahrhunderts ­
  findet.  Aber  das  rein  intellektuelle  Werk  Fourier’s,  wenn  auch
utopistischer  und  ausschweifender,  hat  doch  eine  größere  Tragweite,
sowohl  durch  sein  sehr  scharfes  Gefühl  für  die  Fehler  der  Zivilisation,  wie
er  sie  nennt,  als  auch  durch  eine  fast  übernatürliche  Sehergabe  *).
Fourier  ist  oft  zu  einem  Narren  gestempelt  worden,  und  diese  Bezeichnung ­
  scheint  nicht  zu  stark  zu  sein,  wenn  man  die  Wunderlichkeiten
liest,  die  so  zahlreiche  Seiten  seiner  Schriften  füllen,  und  wenn  auch  einige
seiner  Getreuen  erfolglose  Beschönigungsversuche  machen,  indem  sie  ihnen
einen  symbolischen  Sinn  geben,  an  den  er  niemals  gedacht  hat 2 ).  Trotzdem ­
  kann  man  sagen,  daß  er  der  bürgerlichste  aller  Sozialisten  gewesen
ist,  wenn  man  ihn  überhaupt  als  Sozialisten  bezeichnen  will,  ein  Name,
den  er  sich  selbst  allerdings  niemals  beigelegt  hat.  Denn  kann  man  wirklich
jemanden  als  Sozialisten  bezeichnen,  der  von  Owen  sagt:  „Was  seine
Dogmen  anlangt,  so  ist  das  von  der  Gütergemeinschaft  so  erbärmlich,
daß  es  nicht  einmal  eine  Widerlegung  verdient“  und  von  den  Saint-Simonisten:
  „es  ist  eine  Ungeheuerlichkeit,  die  man  höchstens  mit  einem
Achselzucken  beantworten  kann,  im  19.  Jahrhundert  die  Abschaffung
des  Eigentums  und  des  Erbrechtes  zu  predigen“ 3 );  —  der  in  seinem  Verteilungssysteme ­
  der  Arbeit,  dem  Kapital  und  dem  Talent  ungefähr  den
Richtung  eurer  Arbeit  zu  ändern.  Anstatt  für  jemanden  zu  arbeiten,  den  ihr
nicht  kennt,  arbeitet  von  nun  an  füreinander.“  Angeführt  von  Foxwell  in  seiner
Einleitung  zur  englischen  Ausgabe  des  Buches  von  A.  Menger:  Das  Kecht  auf  den
vollen  Arbeitsertrag.
*)  Siehe  in  Cooperation  von  Ch.  Gide  den  Vortrag  über  Les  Propheties
de  Fourier.
2 )  Man  darf  ihm  aber  immerhin  nicht  mehr  Torheiten  zuschreiben,  als  er  wirklich
gesagt  hat  —  sie  genügen  so  wie  so  schon  —,  und  ich  benutze  die  Gelegenheit,  um  nochroals
  eine  Narrheit  zu  widerlegen,  die  ihm  noch  vor  kurzem  von  ernsthaften  Volks-Wirtschaftlern
  angehängt  worden  ist,  daß  nämlich  die  Männer  in  den  Phalanstere  einen
Schwanz  haben  würden,  der  an  seinem  Ende  ein  Auge  trägt.  Die  Karikaturenzeichner
er  Zeit,  Cham  z.  B.,  stellten  die  Fourieristen  so  ausgestattet  dar.  Der  Ursprung  dieses
Märchens  muß  in  einem  seiner  Bücher,  das  übrigens,  wie  ich  gern  zugebe,  recht  grotesk
^t»  gesucht  werden.  Nachdem  er  gesagt  hat,  daß  auf  anderen  Planeten  die  Menschen
®Jt  anderen  und  zahlreicheren  Gliedern  als  wir,  versehen  sind,  fügt  er  an.  „und  besonders
m 't  einem,  das  uns  fehlt  und  das  die  folgenden  Eigenschaften  besitzt:  gegen  das  Fallen
zo  schützen,  als  wirksame  Waffe,  als  prächtige  Zier  zu  dienen,  das  außerordentliche
starke  mit  höchster  Beweglichkeit  vereint  und  für  jede  Bewegung  des  Körpers  Hilfe
nd  ^ütze  ist“  (Fausse  Industrie,  II,  S.  5).
)  Nouveau  Monde  Industriel,  S.  473.
        <pb n="289" />
        266

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

gleichen  Eang  zuweist,  indem  er  der  ersten  4 /r2,  dem  zweiten  s /i2  ( was
wahrscheinlich  mehr  ist  als  es  heute  erhält)  und  dem  dritten  3 /i2  zubilligt;
—  der,  über  die  Anpreisungen  der  gewissenlosesten  Gründer  hinausgehend,
Dividenden  von  30,  ja  selbst  von  36%  verspricht,  und  denen,  die  eine
feste  Verzinsung  vorziehen,  8y 3 %  zusichert 1 );  der  aus  der  Erwartung,  ja
sogar  aus  der  Jagd  nach  Erbschaften  eine  der  anziehendsten  Unterhaltungen ­
  der  zukünftigen  phalansterischen  Gesellschaft  macht;  und  der
behauptete,  daß  der  Unterschied  zwischen  Reichen  und  Armen  „dem
Plane  Gottes  entspricht“  und  daher  auch  seinem  eigenen,  denn:  „man
muß  verstehen,  daß  Gott  alles  das,  was  er  gemacht  hat,  gut  gemacht  hat“ 2 ).
Und  doch  erscheint  Fourier  allen  Menschen  seiner  Zeit  und  noch
heute  allen  denen,  die  ihn  nicht  gelesen  haben,  d.  h.  beinahe  fast  allen,
als  ein  Ultrasozialist,  als  ein  Kommunist.  Das  findet  seine  Erklärung
weniger  in  den  Übertreibungen  seiner  Zukunftsbilder  und  seiner  Sprache,
die  wir  eben  erwähnten,  als  in  dem  bizarren  Namen,  den  er  seiner  Genossenschaft ­
  gibt:  le  Phalanstere,  ein  Name,  der  auf  irgendeine  geheimnisvoll
anziehende,  gruselige  Stadt  hinwies,  wo  alles  gemeinsam  sei,  die  Güter
wie  die  Frauen.
Wir  müssen  daher  auch  die  Darstellung  seines  Systems  mit  dem
Phalanstere  beginnen:  es  ist  sein  Kern  und  Stern.

§  1.  Das  Phalanstere.
Nichts  kann  auf  den  ersten  Blick  weniger  erschrecken  als  das  Phalanstere: ­
  hier  ist  nichts,  was  der  Neuen  Harmonie  Owen’s,  dem  Icarien
Cabet’s,  der  Sonnenstadt  Campanella’s,  der  Utopia  Morus’  ähnelt.
Von  Außen  gesehen  ist  es  in  seinem  ganzen  Betriebe  weiter  nichts  als  ein
großes  Hotel,  das  für  1500  Personen  eingerichtet  ist,  größer,  aber  allen
denen  ähnlich,  die  sich  jetzt  in  allen  Winter-  und  Sommerkurorten  erheben,
mit  Zimmern  und  ganzen  Wohnungen,  tables  d’höte,  Salons,  Lese-,  Spiel-,
Konzertsälen,  mit  Theatern  usw.,  eine  Anlage,  die  er,  ohne  müde  zu  werden,
bis  in  die  letzten  Einzelheiten  beschreibt.  Jedem  Gast  steht  es  übrigens
frei,  ganz  wie  heute,  nicht  nur  eine  vollständige  Wohnung  zu  bewohnen,
sondern  auch  auf  dem  Zimmer  zu  speisen,  wenn  er  nicht  zu  der  table  d’höte
gehen  will.  Nur  unterscheidet  sich  das  Phalanstere  von  einem  großen
Hotel  darin,  daß  es  nicht  für  die  Reichen  allein  berechnet  ist,  denn  es
gibt  Zimmer  und  Kost  in  allen  Preislagen  nämlich  fünf  Klassen  und  sogar

l )  Brief  vom  28.  Januar  1831,  von  Pellarin  angeführt,  Vie  de  Fourier
(Paris,  1850).
*)  Nouveau  Monde  Industriel,  S.  26.  —  Für  weitere  Einzelheiten  siehe
unser  kleines  Buch:  (Euvres  choisies  de  Fourier,  mit  Einführung,  —  und  den
starken  Band  von  Hubert  Bourgin,  Fourier.
        <pb n="290" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

267

noch  eine  Gratisklasse.  Man  könnte  daher  sagen,  daß  es  eine  Verbindung
zwischen  einem  Palasthotel  gleich  denen  der  Schweiz  und  Nizzas  und
einer  Herberge  zur  Heimat  ist,  wie  die  in  London  (Rowton  House)  oder
in  Mailand  (Albergo  Popolare).
Hier  besteht  also  kein  anderer  Kommunismus,  als  der  des  gemeinsamen ­
  Verbrauches,  der  alle  Reisenden  unter  dem  gleichen  Dache  und  an
dem  gleichen  Tische  vereinigt:  nur  würde  das,  anstatt  wie  heute  gelegentlich, ­
  beständig  sein,  und  für  alle  die  normale  Existenz  werden.  Warum
legte  nun  Fourier  dieser  Existenzweise  eine  so  große  Bedeutung  bei,  um
daraus  die  conditio  sine  qua  non  seines  Systems  zu  machen  und  darin
&amp;lt;Üe  Lösung  aller  sozialen  Fragen  zu  sehen?  Weil  er,  ebenso  wie  Owen,
zuerst  ein  günstiges  Milieu  schaffen  will,  das  von  dem  heutigen  Milieu
völlig  verschieden  ist,  und  in  dem  die  neuen  Menschen  sich  in  aller  Freiheit
entwickeln  können.
Vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt  aus  hat  das  Leben  unter  demselben ­
  Dache  als  Zweck,  das  Maximum  an  Bequemlichkeit  mit  dem
Minimum  an  Ausgaben  für  den  Verbraucher  zu  verwirklichen,  indem  es
die  kleinliche  und  lästige  Einrichtung  des  Familienhaushaltes  durch  den
Großhaushalt  für  Küche,  Heizung,  Beleuchtung,  Bäder  und  Aufwartung
ersetzt.
Vom  sozialen  Gesichtspunkt  aus  bezweckt  das  Leben  unter  demselben ­
  Dache,  indem  es  die  Menschen  der  verschiedensten  Kreise  in  tägliche
Berührung  bringt,  „ihre  gegenseitigen  Gefühle  —  die  sich  heute,  wie  er
eindrucksvoll  sagt,  „in  einer  steigenden  Skala  des  Hasses  und  einer  fallenden
Skala  der  Verachtung  bewegen“  —  durch  eine  auf  Sympathie  beruhende
Anziehung  („attraction  sympathique“)  zu  ersetzen,  und  außerdem  das
Leben  durch  die  Menge  der  Beziehungen,  der  Interessen,  sogar  der  Intrigen, ­
  die  diese  ganze  kleine  Welt  bewegen  würden,  interessanter  zu
Aachen.

Fourier  kann  sich  nicht  genug  darin  tun,  diese  doppelte  Reihe  von
Vorteilen  auszumalen.  Er  berechnet  und  beziffert  die  Ersparnisse  mit
rior  Genauigkeit  eines  alten  Kassierers  und  rühmt  die  Überlegenheit  des
'Mirtshauslebens  über  die  Hausmannskost  mit  der  Voreingenommen  eit
rines  alten,  durch  nichts  ernüchterten  Hagestolzes.  Die  moralischen  und
sozialen  Vorzüge,  die  sich  aus  der  Gemeinsamkeit  des  Lebens  ergeben
würden,  erscheinen  allerdings  recht  zweifelhaft.  Eine  Psychologie,  die
Staubt,  daß  durch  die  Nachbarschaft  der  Reichen  die  Armen  freundlich
U(1r l  höflich  und  die  Reichen  glücklicher  werden,  ist  doch  etwas  einfältig.
v '  •'  jedoch  die  wirtschaftlichen  Vorteile  eines  gemeinsamen  Lebens  anan
 gt,  so  sind  sie  unbestreitbar,  und  der  Beweis  für  die  Richtigkeit  der
angeblichen  Utopie  Foürier’s  liegt  darin,  daß  sie  in  dem  Lande,  wo  die
feuerung  der  Lebensmittel  sich  mehr  und  mehr  fühlbar  macht,  in  den
v  reinigten  Staaten,  zur  Wirklichkeit  wird.  Schon  heute  sind  dort  nicht
        <pb n="291" />
        268

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

nur  die  Junggesellen,  die  in  ihrem  Klub  leben,  essen  und  wohnen,  sondern
auch  die  jungen  Ehepaare  äußerst  zahlreich,  die  sich  im  Hotel  einrichten.
Sie  sind  schon  zur  Hälfte  Phalansterier.  Man  kann  wohl  sagen,  daß  hierin
der  Scharfsinn  Foürier’s  seiner  Zeit  bedeutend  vorausgeeilt  ist;  und
diejenigen,  die  da  glauben,  daß  die  Doktrinen  durch  die  Tatsachen  bestimmt ­
  werden,  würden  rechte  Mühe  haben,  in  den  am  Anfänge  des
19.  Jahrhunderts  bestehenden  Tatsachen  irgend  etwas  zu  finden,  was
schon  damals  das  phalansterische  System  hätte  anregen  können.
Die  für  den  bürgerlichen  Haushalt  heute  so  schwierig  gewordene
Dienstbotenfrage  findet  in  dem  Phalanstere  eine  Lösung,  die  wahrscheinlich
die  der  Zukunft  sein  wird,  nämlich:  —  zunächst  den  Ersatz  der  persönlichen ­
  Bedienung  durch  die  kollektive  Bedienung,  welch
letztere  nicht  ohne  Grund  als  mehr  in  Übereinstimmung  mit  Würde  und
Unabhängigkeit  gehalten  wird,  als  die  erstere;  —  weiterhin  den  Ersatz
des  Einzelhaushaltes  durch  den  Großhaushalt  als  industrielles  Unternehmen. ­
  Diese  Entwicklung,  die  schon  für  das  Brotbacken  und  die  Wäsche
verwirklicht  ist,  fängt  an,  sich  auch  auf  das  Reinigen  der  Wohnungen
(durch  die  Staubsaugapparate)  mehr  und  mehr  auszubreiten.  Das  Reinhalten, ­
  das  Bürsten  und  Falten  der  Kleidungsstücke,  das  Schuhputzen
kommt  hier  ebenfalls  in  Frage.  Sehr  wahrscheinlich  wird  sich  diese  Entwicklung ­
  auf  die  Bereitung  der  Nahrungsmittel  erstrecken,  worauf  die
beständig  wachsende  Verbreitung  der  Konserven  schon  hinweist 1 ).

§  2.  Die  Vollgenossenschaft  (coopöration  integrale).
Wenn  wir  nun  die  innere  Organisation  des  Phalanstere  betrachten,
so  sehen  wir  etwas  mehr  als  ein  gewöhnliches  Gasthaus:  nämlich  ein
kooperatives  Hotel,  das  einer  Genossenschaft  gehört  und  nur  ihre  Mitglieder ­
  aufnimmt.  „La  Phalange“  ist  daher  das,  was  wir  heute  eine  Vollgenossenschaft ­
  des  Konsums  nennen  würden;  es  ist  nämlich  viel  vollständiger ­
  als  die  bestehenden  Konsumgesellschaften,  die  sich  darauf  beschränken, ­
  gemeinschaftlich  die  Lebensmittel  einzukaufen,  die  aber  trotz
ihres  Namens  sie  nicht  zusammen  verzehren,  ausgenommen  in  den  seltenen
Fällen,  wo  ein  kooperatives  Restaurant  der  kooperativen  Niederlage  angeschlossen ­
  ist.
Aber  die  Phalange  ist  nicht  nur  eine  Verbrauchsgenossenschaft,  sie  ist
zur  gleichen  Zeit  Produktionsgenossenschaft.  Zu  diesem  Zwecke  besitzt
*)  Allerdings  erscheinen  bei  Fourier  die  Zukunftslösungen  der  Haushai  tung s '
fragen  nicht  so  endgültig,  wie  die,  die  wir  im  Text  andeuten,  weil  sie  mit  anderen,
phantastischeren  untermischt  sind,  die  aber  immerhin  nicht  einer  gewissen  Suggestivität
entbehren,  besonders  die  Verwandlung  des  häuslichen  Lohndienstes  in  gegenseitige
Gratisbedienung,  ein  Gedanke,  der  eine  gewisse  Beachtung  verdient.
        <pb n="292" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

269

das  Phalanstere  rings  um  den  Palast,  der  als  Wohnung  dient,  ein  Landgut
von  ungefähr  400  Hektar,  mit  den  Wirtschaftsgebäuden  und  den  Industrieeinrichtungen, ­
  die  nötig  sind,  um  alle  Bedürfnisse  der  Einwohner  zu  decken.
Es  ist  eine  kleine  Welt,  die  sich  selbst  genügt,  ein  Mikrokosmus,  der  alles
das,  was  er  verbraucht,  produziert,  und  alles  das,  was  er  produziert,  verbraucht; ­
  er  tauscht  nur  in  Ausnahmefällen  solche  Dinge,  die  er  im  Überfluß ­
  besitzt,  gegen  solche,  an  denen  er  Mangel  hat,  von  anderen  Phalangen
ein.  Die  Phalange  ist  in  der  Form  einer  Aktiengesellschaft  gebildet.  Das
Privateigentum  ist  daher  keineswegs  abgeschafft:  es  wird  nur  in  Aktieneigentum ­
  verwandelt,  eine  Umformung,  die  nichts  Sozialistisches  hat,
sondern  die  im  Gegenteil  durchaus  kapitalistisch  ist.  Molinari  empfahl
sie  noch  neuerdings  und  wünschte  ihre  allgemeine  Ausbreitung.  F  ourier
kommt  ihm  darin  um  dreiviertel  Jahrhunderte  zuvor.  Mit  einem  für  die
Zeit,  in  der  er  schreibt,  äußerst  bemerkenswerten  Scharfsinn  —  denn
damals  waren  Aktiengesellschaften  noch  sehr  selten  —•  zählt  er  die  Vorzüge ­
  dieser  Entwicklung  des  Eigentums  auf  und  behauptet  sogar,  daß
»eine  Aktie  einen  bedeutend  wirklicheren  Wert  vorstellt,  als  heute  Grundbesitz ­
  und  Geld“.
Was  die  Dividenden  anlangt,  die  Fourier  höchst  freigebig  verspricht,
so  werden  sie  unter  alle  Aktionäre  verteilt,  aber  nach  welcher  Regel?
Wird  diese  Verteilung  nur  nach  der  Anzahl  der  Aktien  geschehen,  wie  es
beute  der  Grundsatz  aller  Handels-  und  Finanzgesellschaften  ist?
Nicht  so  ganz  und  gar.  Sicherlich  bleibt  dem  Kapital  ein  guter  Teil,
® in  Drittel  des  Gewinnes,  4 / 12 ,  die  Arbeit  aber  erhält  5 /i 2  und  das  Talent  3 / l2 .
Was  soll  nun  unter  Talent  verstanden  werden?  Die  Leitung,  und  zwar
übertragen  durch  Wahl!  Dies  setzt  voraus,  daß  man  den  Fähigsten  erwählen ­
  wird.  Die  Unsicherheit  dieser  Voraussetzung  scheint  Fourier
oicht  weiter  gestört  zu  haben;  man  hatte  damals  noch  nicht  die  Erfahrung
des  allgemeinen  Wahlrechtes  und  konnte  noch  glauben,  daß  innerhalb
einer  so  kleinen  Gruppe  die  Wahl  mit  größerer  Sicherheit  vor  sich  gehen
würde.
Als  Produktivgenossenschaft  findet  sich  die  Phalange  von  gewissen
Arbeitervereinen,  die  diesen  Namen  tragen,  verwirklicht.  Sie  verteilen
d e n  Gewinn  ungefähr  nach  der  arithmetischen  Formel  Fouriers 1 ).
eshalb  haben  sie  auch,  um  darauf  hinzuweisen,  daß  sie  direkt  von  ihm
p  Rammen,  die  Anregung  dazu  gegeben,  ihm  ein  Denkmal  in  ihrem
ariser  Stadtviertel,  auf  dem  Boulevard  Clichy,  zu  errichten.
diB  m  \  Wir  wollen  hauptsächlich  von  denjenigen  Assoziationen  sprechen,  deren  Vorbild
Malergenossekschaft  „Le  Travail“  ist.  Die  Verteilung  ist  ungefähr  60/„  an  die
«beit  270/0  an  das  Kapital,  12%  an  die  Verwaltung,  was  nach  der  Mode  Fourier  s
^wolfteln  ausgedrückt  etwa  ««/i.  für  die  Arbeit,  M/«  für  das  Kapital  und  ■/«  für  das
Q eg e i n c ^ a usmachen  würde.  Vgl.  weiter  unten  das  über  das  Familistere  von  Guise
        <pb n="293" />
        270

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Nicht  nur  die  heutige  Form  der  Produktivgenossenschaften  ist  von
Foürier  entworfen  worden,  sondern  auch  ihr  Zweck,  der  in  der  Umwandlung ­
  der  Lohnarbeit  in  Teilhaberschaft  besteht,  wurde  von  ihm  mit
völliger  Klarheit  bezeichnet.  „Als  erstes  Problem  der  Volkswirtschaft
sollte  man  die  Verwandlung  der  Lohnempfänger  in  beteiligte  Miteigentümer
untersuchen“ 1 ).
Weshalb  das?  Weil  diese  Verwandlung  das  einzige  Mittel  ist,  die
Arbeit  sowohl  anziehend,  als  auch  produktiv  zu  gestalten,  „denn  das
Gefühl  des  Besitzes  ist  der  stärkste  Hebel,  den  man  kennt,  um  zivilisierte
Menschen  anzuspornen“ 2 ).  „Auch  wenn  der  Arme  in  „Harmonie“  nur  eine
Teilaktie,  sei  es  auch  nur  ein  Zwangzigstel,  besitzt,  so  ist  er  doch  der  Miteigentümer ­
  des  ganzen  Bezirks.  Er  kann  sagen:  Unsere  Länder,  unser
Palast,  unser  Schloß,  unsere  Wälder,  unsere  Fabriken,  alles  ist  sein  Eigentum“ ­
 3 ).  „Daher  kommt  es,  daß  die  Ausdrücke  Eigentümer  und  Kapitalist
in  „Harmonie“  zu  Synonymen  werden“ 4 ).
Nicht  nur  auf  Grund  seiner  Arbeit  soll  der  Arbeitgeber  an  dem  Gewinn
teilnehmen,  sondern  auch  auf  Grund  seines  Kapitals,  da  er  ja  Aktionär
ist,  vielleicht  auch  auf  Grund  seines  Talents,  da  er  wie  jeder  Teilhaber
wählbar  ist.  Und  nicht  nur  an  dem  Gewinne,  sondern  auch  an  der  Verwaltung ­
  ist  er  beteiligt,  sei  es  als  Aktionär  oder  als  erwählter  Direktor;  —'
es  ist  genau  das,  was  man  in  England  heute  co-partnership,  in  Frankreich ­
  Sociötö  de  participation  ouvriere 6 )  (und  in  Deutschland  Arbeitergewinnbeteiligung
  —  d.  Übers.)  nennt.  Außerdem  genießt  der
Arbeitende  als  Mitglied  der  Konsumgenossenschaft  die  Vorteile  der  Phalange
  und  hat  auf  ihre  Leitung  Einfluß.
Alles  das  erscheint  zwar  ein  etwas  komplizierter  Mischmasch,  aber
von  dem  Gesichtspunkte  Fourier’s  aus  kommt  es  gerade  darauf  an,  die
Interessen  des  Arbeiters,  des  Kapitalisten  und  des  Verbrauchers  so  zu  verknüpfen, ­
  daß  es  unmöglich  wird,  die  Fäden  des  Gewindes  wieder  auf'
zulösen,  und  daß  jeder  Teilhaber  in  seiner  Person  alle  diese  antagonistischen
Interessen  vereinigt«).  Unter  der  bestehenden  Ordnung  stehen  diese
3 )  Association  Domestique,  I,  S.  466.
-)  Ebenda,  I,  S.  466.  Zu  bemerken  ist,  daß  Fourier  von  den  „Zivilisierten 11
(civilises)  spricht,  womit  er  sagen  will,  daß  es  für  alle,  die  in  der  Zukunftsstadt  Harmonie
leben  werden,  noch  andere,  kräftigere  Hebel  geben  wird.
3 )  Unite  Universelle,  III,  S.  517.
•■)  Ebenda,  III,  S.  451.
6 )  Das  ist  übrigens  ein  neuer  Name,  der  erst  durch  das  Gesetz  vom  26.  April  191 7
eingeführt  worden  ist;  dieses  Gesetz  hat  unter  diesem  Namen  eine  neue  Gesellschaftsform ­
  und  einen  neuen,  von  dem  der  Kapitalaktien  verschiedenen  Aktientypus,  die
sog.  ,actions  de  travaii“  geschaffen.
6 )  Das  von  Fourier  erdachte  System  der  Vollgenossenschaft,  die  gleichzeitig
Konsum-  und  Produktivgenossenschaft,  hat  sich  also  verwirklicht;  aber  nur,  indem
es  seine  beiden  Bestandteile  einzeln  verselbständigte.
Auf  der  einen  Seite  haben  sich  Produktivgenossenschaften  gebildet,  die  ah er
        <pb n="294" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

271

Interessen  sich  fast  stets  schroff  gegenüber,  weil  sie  nach  Klassen  geschieden ­
  sind:  in  einer  einzigen  Person  vereinigt,  wird  der  Gegensatz  sich
durch  „Verschmelzung“  auflösen,  wie  die  Juristen  sagen,  oder  er  würde
wenigstens  in  das  Innenleben  eines  jeden  verpflanzt  werden,  wo  sich  wohl
oder  übel  eine  vollständige  Aussöhnung  vollziehen  muß.
Dieses  Programm,  das  nicht  auf  die  Abschaffung  des  Eigentums,
sondern  im  Gegenteil  auf  die  des  Lohnes  durch  den  Erwerb  eines  gemeinsamen ­
  und  allgemeinen  Eigentums  abzielt,  das  als  Hilfsmittel  nicht  den
Klassenkampf,  sondern  die  Assoziation  der  Intelligenz,  der  Arbeit  und
des  Kapitals  annimmt,  das  die  entgegengesetzten  Interessen  des  Kapitalisten ­
  und  des  Arbeiters,  des  Produzenten  und  des  Verbrauchers,  des
Gläubigers  und  des  Schuldners  zu  vereinigen  sucht,  indem  es  alle  diese
Interessen  in  die  gleiche  Person  verlegt,  —  dieses  Programm  ist  sicherlich
keine  mittelmäßige  Leistung.  Während  des  ganzen  19.  Jahrhunderts  ist
es  das  Ideal  der  Arbeiterklasse,  wenigstens  in  Frankreich,  bis  zu  dem  Tage,
an  dem  der  marxistische  Kollektivismus  es  zurückdrängte,  —  wahrscheinlich ­
  aber  keineswegs  auf  immer.  Das  Programm,  das  heute  die
radikal-sozialistische  Partei  in  Frankreich  in  allen  ihren  Wahlaufrufen
darlegt,  und  durch  das  sie  sich  zu  der  sozialistischen  Partei  in  Gegensatz
zu  stellen  sucht,  kann  in  folgender  Formel  zusammengefaßt  werden:
Aufrechterhaltung  und  Ausbreitung  des  Privateigentums,  aber  Abschaffung
des  Lohnsystems.  Hierin  stammt  es  unbewußt  von  Fourier  ab 1 ).

kei

Neswegs  den  Zweck  haben,  die  Erzeugnisse  ihrer  Produktion  zu  verzehren;  sie  er-2eu
 gen  sie  nur  für  den  Verkauf,  um  daran  zu  verdienen.  Auf  der  anderen  Seite  Konsumgenossenschaften, ­
  die  bezwecken,  ihren  Mitgliedern  gewisse  soziale  Vorteile  zu  verschaffen, ­
  besonders  den,  eine  bessere  Lebenshaltung  führen  zu  können,  die  aber  m  ,  r
Re gel  sich  nicht  damit  beschäftigt  haben,  das  zu  produzieren,  was  sie  verbrauchen.
Dort  freilich,  wo  die  Konsumgenossenschaften  machtvoll  organisiert  sind,  hauptsachlich
  in  England,  fangen  viele  an,  einen  Teil  dessen,  was  sie  verbrauchen  selbst
ln  produzieren  —  einige  unter  ihnen  haben  sogar  kleine  Landgüter  zu  diesem  Zwec  ,
Nichtsdestoweniger  sind  sie  noch  weit  entfernt  davon,  die  Vollgenossenschaft  des
“halanst&amp;amp;re  zu  verwirklichen;  denn  die  Arbeiter,  die  sie  beschäftigen,  sind  meistenteils
Nicht  Mitglieder  der  Gesellschaft  oder  sind  doch  in  solcher  Minderzahl,  daß  sie  sich  in
nichts  von  den  Angestellten  irgendeines  Unternehmens  unterscheiden.
Es  ist  auch  leicht  zu  verstehen,  wie  schwierig  sich  die  Gruppierung  einer  Anzahl
Menschen  gestalten  muß,  die  die  zum  Bestehen  der  Assoziation  unbedingt  notige  Bcd
 ‘Ngung  erfüllt,  alles  das,  dessen  sie  bedarf,  vorteilhafter  herzustellen,  als  der  Markt
}‘®fern  kann;  mit  einem  Wort,  inmitten  des  großen  wirtschaftlichen  Milieus  einen
C1 üen,  fest  abgeschlossenen  selbständigen  Kreis  zu  schaffen,
r,  .  , s °gar  unter  den,  in  entfernten  Gegenden  gegründeten  Kolonien  findet  man  kein
vxspiel  einer  selbständigen,  lebensfähigen  Vollgenossenschaft.
f .  ‘)  Die  Arbeitergewinnbeteiligung  (l’actionnariat  ouvrier),  die  Briand  vorschlagt,
f ‘Ndet  sich  heute  in  dem  Programm  der  radikal-demokratischen  Partei.  Siehe  die
ctioNs  du  travail  von  Antonelli.
        <pb n="295" />
        272

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

§  3.  Die  Rückkehr  zum  Boden.
Das  ist  heute  das  Schlagwort  verschiedener  sozialer  Schulen.  Viel
früher  schon  war  es  das  Fourier’s.  Und  diese  Rückkehr  zum  Boden
muß  bei  ihm  in  einem  doppelten  Sinne  aufgefaßt  werden.
Erstens  als  Auflösung  der  großen  Städte  und  Verteilung  der  Einwohner ­
  in  die  Phalansteres,  —  die  in  Wirklichkeit  weiter  nichts  als  elegante
Dörfer  sein  würden,  da  ihre  Bevölkerung  auf  1600  Einwohner  oder  400
Familien  beschränkt  ist.  Sie  sollen  in  wohlgelegenen  Gegenden  errichtet
werden:  „in  einer  Landschaft,  die  ein  schöner  Fluß  durchströmt,  von
Hügeln  durchzogen  und  zu  verschiedenen  Arten  landwirtschaftlicher  Kultur
geeignet,  und  mit  einem  Wald  im  Hintergrund“.  Dies  ist  nicht  nur,  wie
man  ironisch  gesagt  hat,  „das  Arkadien  eines  Oberbuchhalters“ 1 ),  sondern
die  vollständige  Voraussage  der  Gartenstädte,  die  die  Jünger  Ruskin’s
und  Morris’  heute  in  England  zu  bauen  beginnen,  und  zwar  nicht  nur,
um  die  Forderungen  der  Hygiene  und  der  Ästhetik  zu  befriedigen,  die
Tatkraft  und  die  Lebensfreude  zu  vermehren,  sondern  auch,  um  die
Wohnungsfrage  und  die  des  Mehrwertes  des  städtischen  Grundbesitzes
zu  lösen 2 ).
Zweitens  liegt  darin  eine  Einschränkung  der  industriellen  Arbeiten,
der  Herrschaft  der  Maschinen  und  der  großen  Fabriken,  auf  ihr  Minimum  ■—
eine  übrigens  unumgänglich  nötige  Bedingung  zum  Erfolg  der  soeben
beschriebenen  Reform.  Fourier  hatte  keine  Antipathie  irgendwelcher
Art  gegen  den  Kapitalismus,  trotz  allem,  was  man  glaubt;  er  hatte  aber
einen  tief  eingewurzelten  Haß  gegen  den  Industrialismus,  was  nicht  dasselbe
ist 3 ).  Die  Rückkehr  zum  Boden  bedingt  natürlich  die  Vorherrschaft  der
landwirtschaftlichen  Arbeit.  Man  muß  sich  aber  hüten,  hierunter  die
Landwirtschaft  im  alten  Sinne  dieses  Wortes  zu  verstehen,  nämlich  die
Pflugkultur  und  den  Getreidebau.  Im  Gegenteil,  der  Zorn  Fourier’s
findet  kein  Ende,  wenn  er  von  dem  Getreidebau  und  der  Broterzeugung'
spricht,  die  das  Menschengeschlecht  unter  dem  härtesten  Arbeitsjoch  g e '
*)  Faguet,  Revue  des  Deux  Mondes,  1.  Aug.  1896.
2 )  Diese  Bewegung,  eingeleitet  durch  ein  Buch  Ebenezer  Howard’s,  „Garden
Cities  of  to-morrow“,  und  im  Jahre  1900  Gestalt  geworden  durch  die  Begründung
der  ersten  Gartenstadt,  Letchworth,  ist  in  Frankreich  bis  vor  kurzer  Zeit  unbekannt
geblieben,  sogar  noch  nach  der  Entstehung  der  Französischen  Gartenstadtgesellschaft,
die  der  Initiative  von  Georges  Benoit-Levy  zu  danken  war.  Der  Krieg  hat  dieser  Bewegung ­
  einen  kraftvollen  Anstoß  gegeben,  da  er  die  harte  Notwendigkeit  mit  sich  g e "
bracht  hat,  tausende  von  zerstörten  Dörfern  und  Städten  wieder  aufzubauen.  ((
3 )  „Der  Industrialismus  ist  die  neueste  unserer  wissenschaftlichen  Chimären
(Quatre  Mouvements,  S.  28).  —  Wir  weisen  auch  auf  die  Einrichtung  kommunaler ­
  Kontore  (comptoirs  communaux)  hin,  die  bestimmt  sind,  die  Ernten  einzulagern
  und  den  Besitzern  Darlehen  zu  geben:  hierin  lag  schon  eine  Andeutung  dm
landwirtschaftlichen  Kredite,  sowie  der  Warrants.  Es  war  das  für  die  Zwischenz 1 ’ 1
bis  zur  Einrichtung  der  Phalansteres.
        <pb n="296" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

273

alten  haben,  um  ihm  nur  die  gröbste  Nahrung  zu  gewähren.  Für  ihn  ist
die  einzig  anziehende  Art  der  Bodenbearbeitung  der  Gartenbau,  die
Kultur  von  Obstbäumen  und  daran  anschließend  die  Geflügel-,  Bienenund
  Fischzucht  und  alles,  was  sich  unter  dem  Begriff  Gartenarbeit  zusammenfassen
  läßt.  Die  fast  einzige  Arbeit  des  Bewohners  der  „Phalans
  eres  wird  darin  bestehen  „seinen  Garten  zu  bestellen“,  wie  Adam  vor
em  Fall  und  Candide  nach  seinen  Schicksalsschlägen.  Die  Arbeits-’’
  ei j* en “&amp;gt;  die  Fourier  immer  als  Beispiel  nimmt,  sind  stets  mit  dem
stbau  beschäftigt,  „Kirschenpflanzer,  Birnenpflanzer“  usw.  Früchte
UQ d  Blumen  nehmen  in  seinen  Schriften  einen  enormen  Platz  ein.  Er
sc  eint  die  großen  Fruchtkulturen  Kaliforniens  vorausgeahnt  zu  haben,
ii  Uns  den  triftigen  Gründen  aufhalten  zu  können,  die  Fourier
Ji  der  Verkleidung  von  Feengeschichten  zugunsten  eines  Ersatzes  der
^andwirtschaft  durch  Obstbaumkultur  anführt,  weisen  wir  nur  darauf
■r, ln .’  daß  er  beständig  die  Überlegenheit  des  Zuckers  und  der  eingemachten
mchte  über  das  Brot  betont  und  den  himmlischen  Instinkt  der  Kinder
preist,  die  das  ohne  weiteres  verstehen.  Gerade  diese  Ansicht,  die  nicht
fi G d azu  beigetragen  hat,  daß  er  für  einen  Narren  gehalten  wurde,
11  et  sich  heute  durch  die  Forschungen  der  größten  Gelehrten  und
ygieneprofessoren  bestätigt.
§  4.  Die  anziehende  Arbeit.
Hsie  P 38  ist  d er  Angelpunkt  des  Fourierismus.  In  den  sogenannten  zivile ­
  «m"  Petschaften,  sagt  er,  ebenso  wie  in  den  barbarischen  und  den
Ver  avere l  aufgebauten  Gesellschaften  ist  die  Arbeit  ein  Fluch  und  eine
dergeblieben.  So  darf  es  nicht  länger  sein:  von  nun  an  darf
arbo'+ enSe d  länger  unter  dem  Ansporn  eines  der  drei  Beweggründe
nänil'  T’  d' s  i etzt  die  einzigen  gewesen  sind,  ihn  vorwärts  zu  treiben,
Wei  •’  d &amp;lt;ir  Zwang,  das  Elend  und  der  Eigennutz.  Er  wollte  in  keiner
sein  B  emen  soz ^l en  Zustand,  in  dem  der  Mensch  durch  die  Notwendigkeit,
Geb  t  zu  verdienen,  oder  durch  Gewinnsucht  oder  infolge  eines  herrischen
daß  d  ^  j? oz l a, l er  °der  religiöser  Pflicht  zur  Arbeit  gezwungen  sei.  Er  wollte,
Arbe't^  Mensch  nur  zum  Vergnügen  arbeite  und  sich,  wie  er  sagt,  an  die
dan^  1 ^ ac ^ ie ’  w l ß  man  heute  zu  einem  Fest  eilt;  wir  können  seine  Geausdr"
  t UrC ^  e * n  '^ or L  das  zu  seiner  Zeit  noch  nicht  im  Gebrauch  war,
Leide 11  i  n  :  die  Arbeit  zu  einem  Sport  werde,  der  mit  derselben
I  Pin  aft  betrieben  würde,  mit  der  heute  die  jungen  Leute  sportliche
J^^ngen  pflegen  i).
bücHEK  interess£ ®t,  daß  die  Volkswirtschaftler,  besonders  der  deutsche  Professor
di e  Kntw'w 611 ’  daß  die  Arbeit  aus  dem  s P iel  erwachsen  ist,  während  nach  Fourier
übrigens  ■  ,  ^  ^ er  -Arbeit  sie  zu  einem  Spiel  machen  soll.  Beide  Thesen  lassen  sich
ln  a er  Hypothese  eines  Kreislaufs  oder  eines  Rücklaufs  vereinigen.
6  and  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  18
        <pb n="297" />
        274

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Das  aber  ist,  wie  er  versicherte,  unter  den  folgenden  drei  Bedingungen
möglich:
Die  erste  ist,  wie  wir  soeben  sagten,  die  möglichst  breite  Ersetzung
der  gewerblichen  durch  die  landwirtschaftliche  oder  besser  gärtnerische
Arbeit.
Die  zweite  Bedingung  ist  die  Anordnung  der  Arbeit  in  Serien,  d.  h.
in  ein  ineinandergreifendes  Räderwerk  kleiner  durch  gegenseitige  Sympathie ­
  verbundener  Gemeinschaften,  die  er  Gruppen  und  Serien  nennt;
hier  wird  die  Arbeitsteilung  auf  ihre  höchste  Höhe  getrieben  sein;  hier
wird  sich  jeder  aus  freien  Stücken  seinen  Neigungen  gemäß  einordnen,
hier  werden  Nacheiferung  und  Wettbewerb  die  Tätigkeit  Aller  anstacheln.
Und  jede  dieser  Gruppe  wird,  da  sie  nur  einen  Bruchteil  der  Zeit  und  des
Lebens  in  Anspruch  nimmt,  jedermann  die  Freiheit  lassen,  von  einer  zur
anderen  zu  „faltern“  (papillonner).
Die  dritte  Bedingung  ist,  daß  jedermann  für  jeden  Fall  ein  Existenzminimum ­
  gewährleistet  ist:  denn  die  Arbeit  verliert  ihren  Zwangscharakter
und  wird  freiwillig,  wenn  jedem  die  Freiheit  gesichert  ist,  sich  diejenige
Arbeit  auszuwählen,  die  seinen  Fähigkeiten  am  besten  entspricht,  und
wenn  diese  Arbeit,  welche  sie  auch  immer  sei,  möglichst  verschieden  und
abwechslungsreich  ist,  wenn  sie  durch  den  Wetteifer  angespornt  wird  und
sich  inmitten  von  Fröhlichkeit  und  Schönheit  abspielt.  Zu  dem  alleinigen
Zweck,  die  Arbeit  anziehend  zu  gestalten,  ist  das  ganze  eben  dargelegte
System  auch  im  Einzelnen  ausgestaltet,  —  Phalanstere,  Gesellschaftsleben, ­
  Luxus  der  kollektiven  Einrichtungen  in  der  Produktion  und  der
Verteilung  und  außerdem  noch  eine  Menge  von  kindlichen  oder  auch
ingeniösen  Hilfsmitteln.
Es  wird  aber  Zeit,  unseren  Führer  zu  verlassen.  Wir  können  ihm
nicht  in  die  Irrgänge  seiner  Psychologie  mit  ihren  zwölf  Leidenschaften
folgen;  —  die  drei  wichtigsten  sind  „la  Papillonne,  la  Composite  und  la
Cabaliste“  (was  ungefähr  mit  Flatterhaftigkeit,  Vielfältigkeit  und  Neigung
zum  Geheimnisvollen  ausgedrückt  werden  kann.  Anm.  d.  Übers.)  "
noch  auch  in  seine  Theodicee  oder  in  seine  kosmogonische  und  klimatische
Entwicklungstheorie,  nach  der  eines  Tages  das  Salzwasser  des  Meeres
sich  in  Süßwasser  verwandeln  wird,  die  Eiskappen  der  Pole  schmelzen
und  neue  Tierarten  entstehen,  und  wir  mit  den  anderen  Planeten  in  Verbindung ­
  treten  werden.  Und  doch  wären  aus  diesem  trüben  Strom  noch
viele  Goldkörner  zu  gewinnen.
Das  gilt  z.  B.  für  die  Kindererziehung,  die  einen  so  großen  Platz  in
den  Büchern  Fourier’s  einnimmt.  Obgleich  dieser  alter  Hagestolz  Kinder
nicht  besonders  liebte,  wie  er  selbst  erklärt  hat,  hat  er  doch  an  verschiedenen ­
  Stellen  die  moderne  Erziehung  vorausgeahnt.  Es  war  einer  seiner
Schüler,  Frörel,  der  im  Jahre  1847  die  ersten  „Kindergärten“  schuf 1 )-’)
  Wir  führen  auch  die  Kindergesellschaften  zur  Reinigung  der  öffentlichen
        <pb n="298" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

275

18*

In  der  Frage  des  Verkehrs  zwischen  den  Geschlechtern  gab  er  sich
der  ganzen  Unmäßigkeit  hin,  wie  man  sie  von  einer  leichtfertigen  Moral
erwarten  kann,  die  als  Dogma  annahm,  daß  alle  Leidenschaften  und  alle
Instinkte  gut  und  sogar  von  Gott  gewollt  seien 1 ).  Diese  zum  äußersten
getriebene  Kühnheit,  die  weit  über  die  freie  Liebe  hinausgeht,  hat  nicht
wenig  dazu  beigetragen,  den  Fourierismus  in  Mißkredit  zu  bringen.  Wie
Paul  Janet  hervorhebt,  hat  das  Problem  der  Ordnung  der  Geschlechtsbeziehungen ­
  den  sozialistischen  Schulen  kein  Glück  gebracht.  Wie  wir
ausgeführt  haben,  beruhte  die  Spaltung  und  der  Fall  des  Saint-Simonismus
auf  dem  gleichen  Grunde.  Und  doch  findet  man  auch  hier  noch  einige
starke  Gedanken,  z.  B.  im  Folgenden:  „Als  allgemeine  These:  der  gesellschaftliche ­
  Fortschritt  und  der  periodische  Wechsel  in  den  Anschauungen
vollzieht  sich  im  Verhältnisse  zu  dem  Fortschritte,  den  die  Frauen  in  der
Freiheit  machen;  und  die  Rückschritte  in  der  sozialen  Ordnung  im  Verhältnis ­
  zu  der  Einschränkung  der  Freiheit  des  Weibes.  Wenn  auch  andere
Ereignisse  diese  politischen  Wechselfälle  beeinflussen,  so  gibt  es  doch
keine  Ursache,  die  den  Fortschritt  oder  den  Verfall  der  Gesellschaften  so
schnell  hervorruft,  als  der  Wechsel  in  dem  Schicksal  der  Frauen  ‘ 2 ).  Unglücklicherweise ­
  scheint  sein  Feminismus  sich  weniger  auf  wirklichen
Respekt  vor  der  Würde  der  Frau  zu  gründen,  als  auf  seinen  Haß  gegen
die  Ehe  und  die  Familie;  und  diese  Freiheit,  die  man  als  Kriterium  des
Fortschritts  annehmen  könnte,  scheint  bei  ihm  mehr  auf  Freiheit  des
Liebeslebens  hinauszulaufen.
Sogar  die  Antimilitaristen  können  Fourier  als  einen  ihrer  Vorläufer
^sprechen!  Er  hat  als  der  erste  der  bestehenden  Gesellschaft  vorge-Wor
 fen:  „daß  sie  sich  durch  das  beständige  Bereithalten  einer  geringen
Anzahl  bewaffneter  Sklaven  gegenüber  einer  Majorität  von  waffenlosen
Heloten  behaupte“.
Zum  Schluß  müssen  wir  darauf  hinweisen,  daß  Fourier  nicht  den
Ehrgeiz  hatte,  alle  Menschen  ohne  Weiteres  in  die  Welt  der  Harmonie  zu
führen.  Er  ließ  zu  und  hielt  es  sogar  für  unumgänglich  nötig,  daß  eine
rgangsperiode  eintrete,  die  er  den  „Garantismus“  nannte,  in  der  man

Übe:
sich

&amp;gt;  wie  er  sehr  klar  ausführt,  darauf  beschränkt,  jedem  das  Existenz-Minimum,
  die  Sicherheit  und  den  Komfort  zu  garantieren,  also  ungefähr

j  _  Tierschutzes  an,  die  louRUpz
Straßen,  der  Überwachung  der  öffentlichen  kr  en,  org anisieren  wollte,  und  die
unter  dem  Namen  Kleine  Horden  (Petites  H  .  °  {ast  gleicher  Gestalt  von
man  mit  so  viel  Spott  überschüttet  hat.  Je  z  Wege  der  Stadt  New  York,
Oberst  Waring,  Direktor  der  öffentlichen  Arbei.HLrklicht  worden,  .
mit  ihren  besonderen  Abzeichen  und  Bannern  eidenschaften,  so  wie  die  Natur
l )  „Meine  Theorie  beschränkt  sich  darauf,  aae  , ten _  Das  ist  die  ganze
gibt  und  ohne  etwas  an  ihnen  zu  ändern,  n  sozietäre  Ordnung  verwendet
^■auberlehre,  das  ganze  Geheimnis  meines  Sys  e
s 'e  so,  wie  sie  von  Gott  gegeben  sind.
2 )  Quatre  Mouvements,  S.  194.
        <pb n="299" />
        276  Zwoites  Buch.  Die  Gegner.
alles  das,  was  man  heute  als  den  Gegenstand  der  sogenannten  Arbeitergesetzgebung ­
  ansieht.
Auf  seine  Zeitgenossen  übte  der  Fourierismus  nicht  denselben  bezaubernden ­
  Einfluß  aus  wie  der  Saint-Simonismus;  wenn  er  aber  weniger
glänzend  und  weitreichend  war,  so  war  er  deshalb  von  um  so  längerer
Dauer.  Saint-Simonisten  gibt  es  schon  seit  einem  halben  Jahrhundert
nicht  mehr,  während  es  noch  heute  eine  phalansterische  Schule  gibt;  allerdings ­
  ist  sie  klein,  wenn  man  nur  die  zählt,  die  sich  formell  dazu  bekennen,
aber  ihre  Zahl  ist  nicht  unbedeutend,  wenn  man,  wie  man  es  tun  sollte,
einen  Teil  der  Genossenschaftler  der  verschiedenen  Kategorien  dazu  rechnet.
Der  so  lange  verhöhnte  Fourier  selbst  scheint  sogar  seit  etwa  15  Jahren
an  Beachtung  und  Sympathie  zu  gewinnen 1 ).
Unter  seinen  Schülern  sind  zwei  besonders  hervorzuheben:
Einer  der  begeistertsten  Verbreiter  des  Fourierismus  war  Victor
Considerant.  Er  hat  in  seiner  Doctrine  Sociale  (1834/44)  die  beste
Darlegung  des  Systems  gegeben.  Er  hat  sogar,  wie  Owen,  versucht,  es
in  Kolonien  in  Amerika  zu  verwirklichen 2 ).  Während  der  Revolution
von  1848  spielte  er  eine  gewisse  Rolle,  besonders  durch  seine  Forderung
des  „Rechtes  auf  Arbeit“,  als  der  gerechten  und  notwendigen  Ergänzung
des  „Rechtes  auf  Eigentum“.
Andre  Godin  hat  durch  die  Schaffung  des  bekannten  „Familistere“
ein  dauerhafteres  Denkmal  hinterlassen,  als  es  seine  Bücher  sind.  Es  ist
dies  ein  industrielles  Unternehmen  (Heizkörperfabrikation)  in  Guise,  daß
das  gemeinsame  Eigentum  der  Arbeiter  ist,  die  den  Gewinn  ungefähr  nach
den  Vorschriften  des  Meisters  unter  sich  verteilen 3 ).  Godin  hatte  versucht,
*)  Siehe  z.  B.  das  Buch  fl.  Zola’s,  Travail,  das  von  Barres,  l’Ennemi  des
lois,  wie  auch  der  ausgesprochene  Umschwung  in  den  Meinungen  der  Volkswirtschaftler, ­
  die  ihn  früher  als  überspannten  Narren  betrachteten  und  die  ihn  heute,  wie
z.  B.  Paul  Leroy-Beaulieu  in  seinen  letzten  Schriften,  einen  „genialenDenker“  nennen.
Wir  hoffen,  daß  wir  zu  dieser  Wandlung  der  Geister  unser  Teil  beigetragen  haben
Vgl.  in  unserem  Buche  „Kooperation“  die  1886  gehaltene  Rede  über  Fourier’s  Prophezeiungen. ­

2 )  Wir  können  hier  nicht  auf  die  zahlreichen  fourieristischen  Kolonien  eingehen,
ebensowenig  wie  uns  das  bei  denen  Owen’s  möglich  war.  Wir  erwähnen  nur,  daß  sie,
besonders  in  den  Vereinigten  Staaten,  sehr  zahlreich  waren,  hauptsächlich  in  der  Ze't
von  1841—1844,  während  der  einige  40  entstanden,  —  von  denen  eine,  die  Brook-Fan»,
mehrere  der  bedeutendsten  Amerikaner,  darunter  Channing  und  Hawthorne  zu  ihren
Mitgliedern  zählte,  —  doch  keine  von  ihnen  konnte  sich  lange  halten.
Sogar  in  Frankreich  hatte  es  einige  Versuche  genossenschaftlicher  Landgüter
gegeben,  und  dies  noch  in  unseren  Tagen;  —  eins  davon  besteht  noch  in  Conde-sur-Vesgres
  (bei  Rambouillet),  wo  sich  einige  getreue  Fourieristen  zur  Erholung  zu  versammeln ­
  pflegen.
3 )  Es  wurde  1859  gegründet,  aber  erst  1888,  nach  dem  Tode  Godin’s,  ist  es  zu
einer  Arbeitergenossenschaft  geworden.;  vgl.  Prudhommeaux,  Les  experienccs  sociales
de  Godin,  1919.
Das  Familistere,  gelegen  bei  Laon,  ist  während  des  Krieges  zerstört  worden
        <pb n="300" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

277

einige  der  Lieblingsideen  seines  Meisters  zu  verwirklichen,  namentlich  die
Anordnung  der  Arbeit  in  Serien,  in  denen  die  Arbeiter  sich  nach  ihrer
Wahl  einreihen  sollten,  und  ebenso  die  Regelung  der  Löhne  durch  Abstimmung ­
  der  Genossen,  aber  seine  Bemühungen  scheiterten  an  der  Gleichgültigkeit ­
  der  Arbeiter.
Im  übrigen  dankt  das  Familistere  seine  Berühmtheit  weniger  seiner
genossenschaftlichen  Organisation  als  seiner  äußeren  Erscheinung  als
»sozietärer“,  ja  sogar  kommunistischer  „Palast“  inmitten  eines  schönen
Parks  mit  seinen  Schulen,  seinen  Kinderhorten,  seinem  Theater,  seinem
Konsumvereine.  Und  dennoch:  obgleich  diese  Anlage  eine  Wallfahrtsstätte ­
  für  die  Genossenschaftler  aller  Länder  geworden  ist,  so  wird
man  das  wahrhafte  Phalanstere  vielleicht  eher  in  den  schönen  Gartenstädten ­
  von  Bournville  und  Port  Sunlight  in  England  oder  Agneta  Park
* n  Holland  suchen.

III.
Louis  Blanc.
Nicht  immer  sind  es  die  originellsten  Bücher,  die  am  schnellsten  die
mer ksamkeit  erobern.  Stuart  Mill  zählt  die  Systeme  FouRiEiTs'und
'  AINt 'Simon’s  „unter  die  bemerkenswertesten  Erzeugnisse  der  ^Vergangenheit ­
  und  Gegenwart“  (Bd.  II,  Kap.  I,  §  4).  Ein  derartiges  Lob
a  Hinsicht  auf  die  ^Organisation  du  travail“  von  Louis  Blanc  nicht
die  f  a * ze '  Han  findet  hier  nicht  die  tief  durchdachten  Gesichtspunkte,
Da  |[°^ Z  ^ lrer  bizarren  Seite)  die  Werke  seiner  Vorgänger  auszeichnen.
saf  S  . C 7 S ^  übrigens  kurz  und  überschreitet  kaum  den  Raum  eines  Auf-Ze
 j) ln  ßbmr  Zeitschrift 1 ).  Auch  beweist  der  Verfasser  darin  keine  außer-Sch°i
  ® r *S' na btät;  er  entnimmt  seine  Gedanken  den  verschiedensten
Üb  7k  ^ 6n  Saint-Simonisten,  Fourier,  Sismondi,  Buonarotti,  einem
ji e . er  e benden  der  Verschwörung  Babeuf’s 2 ),  und  den  demokratischen  Über-„
 eg e r? n 8 en  v on  1793.  Im  Ganzen  begnügt  er  sich,  die  sozialistischen  Ideen
rat' C  1  r  darzulegen,  mit  denen  die  öffentliche  Meinung  seit  der  Restaulon
  gehabt  hatte,  sich  vertraut  zu  machen.
Werden^lTf 6  n ' &amp;lt;!&amp;lt; k‘ r gebramit.  Man  muß  hoffen,  daß  es  wieder  aufgebaut
der  P’ m gens  ist  es  in  dieser  Form  als  Aufsatz  zum  erstenmal  im  Jahre  1839  in
s  v ue  du  Progrfes  erschienen.
Bab  7° NAÄ0TTI  veröffentlichte  1828  La  Conspiration  pour  l’figalitd,  dite
s chen  xr-  Brüssel),  die  vom  großen  Publikum  unbemerkt  blieb,  aber  in  demokratire
 ’ sen  stark  gelesen  wurde.
        <pb n="301" />
        278

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Kaum  aber  war  die  Organisation  du  travail  1841  erschienen,  als
«ie  überall  gelesen  und  diskutiert  wurde,  so  daß  sie  in  einer  großen  Anzahl
ron  Auflagen  erscheinen  mußte.  Der  Titel  —  der  übrigens  dem  Wortschatz
Saint-Simon’s  entlehnt  ist  —  lieferte  eine  jener  populären  Formeln,  in
denen  die  Arbeiter  1848  ihre  Forderungen  zusammenfaßten;  der  Verfasser
sieht  sich  durch  die  Februarrevolution  als  der  berufenste  Führer  der
Arbeiterklasse  bezeichnet.  Sogar  noch  nach  1848  wird  das  Werk  lange
als  eins  derjenigen  betrachtet,  die  den  französischen  Sozialismus  am  besten
kennzeichnen.
Dieser  dauerhafte  Erfolg  erklärt  sich  zunächst  aus  äußeren  Umständen. ­
  Infolge  seiner  Kürze  und  der  Einfachheit  seiner  Ausführungen
war  das  Buch  leicht  verständlich  und  bildete  einen  bequemen  Boden
für  die  Diskussion.  Außerdem  hat  der  persönliche  Buf  seines  Verfassers
viel  dazu  beigetragen,  daß  es  gelesen  wurde.  Unter  der  Juli-Regierung
war  Louis  Blano  einer  der  bekanntesten  Journalisten  und  Redner  der
äußersten  demokratischen  Partei  (parti  democratique  avance).  Seine
Geschichte  der  zehn  Jahre  (Histoire  de  dix  ans)  hatte  seinen  Ruf  als
Flistoriker  begründet.  Später  wurde  er  in  der  Rolle,  die  er  als  Mitglied  der
provisorischen  Regierung  1848  und  am  Anfang  der  dritten  Republik  spielte,
eine  historische  Persönlichkeit.  Schließlich  trug  der  unglückliche  Versuch
der  nationalen  Werkstätten  —  übrigens  ganz  gegen  seinen  Willen  und
höchst  ungerechterweise  —  zur  Verbreitung  seiner  Ideen  bei.
Alles  dies  würde  aber  nicht  genügen,  ihm  einen  Platz  in  dieser  Geschichte ­
  zu  sichern,  wenn  nicht  andere  Gründe  dazukämen,  um  der  Organisation ­
  du  travail  mehr  als  eine  beiläufige  Erwähnung  zuteil  werden
zu  lassen.  Zunächst  wird  an  keiner  anderen  Stelle  der  Gegensatz  zwischen
der  Konkurrenz  und  der  Assoziation  in  so  scharfer  Art  und  Weise  dargelegt.
Für  Louis  Blanc  stammen  alle  wirtschaftlichen  Übel  aus  der  Konkurrenz.
Sie  ist  die  einzige  Erklärung  des  Elends  der  Arbeiter,  ihres  moralischen
Tiefstandes,  des  Überhandnehmens  der  Verbrechen,  der  Prostitution,  der
industriellen  Krisen  und  der  Kriege  zwischen  den  Völkern.  „Laßt  uns
beweisen.“  sagt  er  am  Eingang,  „daß  1.  die  Konkurrenz  für  das  Volk
ein  System  der  Ausrottung  bedeutet;  daß  2.  die  Konkurrenz  für  die
Bourgeoisie  eine  beständige  und  unaufhörliche  Ursache  der  Verarmung
und  des  Ruins  ist 1 ).“  Die  Beweisführung  hierfür  zieht  sich  durch  das
ganze  Werk  und  gründet  sich  auf  die  verschiedensten  Beispiele,  die  er  aus
den  Tagesnotizen  der  Zeitungen,  aus  offiziellen  Untersuchungen  und
Statistiken,  aus  den  Büchern  der  Volkswirtschaftler  und  aus  persönlichen
Beobachtungen  schöpft.  Die  traurigsten  Tatsachen  ziehen  beredt  vorb

  Organisation  du  Travail,  S.  27.  Wir  zitieren  nach  der  5.  Ausg.,  die  1848
erschien.
        <pb n="302" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

279

getragen  an  den  Augen  des  Lesers  vorüber  und  werden  beständig  auf  die
eine  alleinige  Ursache  zurückgeführt:  die  Konkurrenz.  So  scheint  sich
denn  der  Schluß  von  selbst  aufzudrängen:  um  dem  Übel  der  Konkurrenz
zu  begegnen,  muß  die  wirtschaftliche  Ordnung  auf  ihren  Gegenpol,  die
Assoziation,  gegründet  werden.
Louis  Bi,anc  gehört  daher  zu  jener  Gruppe  von  Sozialisten,  die  in
der  Assoziation  allein  das  Heil  der  modernen  Gesellschaften  sehen.
Er  faßt  aber  die  Assoziation  nicht  genau  in  derselben  Weise  wie  seine
Vorgänger  auf.  Er  träumt  von  keinem  Phalanstere  und  von  keinem  „Neu-Harmonie“.
  Ihm  erscheint  die  wirtschaftliche  Welt  der  Zukunft  nicht
wie  eine  Reihe  von  Gruppen,  die  jede  ihre  eigene  kleine  vollständige
Gesellschaft  bilden.  Er  läßt  die  Yollgenossenschaft  Foürier’s  und  die
„Phalange“,  in  der  alle  Mitglieder  alles,  was  für  sie  notwendig  ist,  hersteilen,
außer  Acht.  Er  schlägt  eine  „soziale  Werkstatt“  vor,  die  nichts  Anderes
ist  als  eine  Arbeiterproduktivgenossenschaft.  •  Die  soziale  Werkstatt  verewigt ­
  nur  die  Arbeiter  eines  und  desselben  Berufszweiges.  Sie  unterscheidet
sich  von  der  gewöhnlichen  Werkstatt  nur  dadurch,  daß  sie  demokratischer
ist  und  mehr  im  Sinne  der  Gleichheit  Aller  geführt  wird.  Sie  umfaßt  aber
nicht,  wie  der  Mikrokosmus  Fourier’s,  alle  Seiten  des  wirtschaftlichen
Lebens.  Ihr  Zweck  liegt  nicht  in  ihr  selbst,  denn  sie  schafft  nur  ein  einziges
Erzeugnis,  das  die  Anderen  kaufen  sollen.  Mit  anderen  Worten:  Louis
L r 'ANc  hat  den  bekanntesten  Typus  der  Arbeiterproduktivgenossenschaft
geschaffen 1 );  —  während  Owen  und  Fourier  die  Kooperation  zur  gleichen
Eeit  für  den  Verbrauch  und  die  Produktion  wollten.
Der  Gedanke  war  nicht  durchaus  neu.  Schon  ein  alter  Saint-Simonist,
Lochez,  hatte  1831,  aber  ohne  besonderen  Erfolg,  ein  ähnliches  Projekt
v Mgeschlagen 2 ).  Die  Arbeiter  eines  gleichen  Berufes,  z.  B.  die  Tischler,
dle  Schuhmacher,  die  Maurer,  sollten  sich  zusammentun,  sollten  ihre
Arbeitsinstrumente  Zusammenlegen  und  den  Gewinn,  den  ohne  diesen
Zusammenschluß  der  Unternehmer  eingesteckt  haben  würde,  für  sich
„  ,  l )  Wir  schreiben:  der  bekannteste  Typus,  denn  wir  haben  in  dein  vorhergehenden ­
  Paragraphen  ausgeführt,  daß  gewisse  Produktivgenossenschaften  —  wie
jt e  Tr avail  —,  sich  auf  Fourier  berufen,  im  besonderen  dadurch,  daß  sie  fremdes
Kapital  annehmen.  Der  gewöhnlichste  Typus  in  Frankreich  ist  aber  der,  der  mit  der
jzhambre  consultative  des  associations  de  production  (beratende  Kammer
°r  Produktionsgenossenschaften)  in  Verbindung  steht.  Die  als  Vorbild  dienenden
btatutej}  dieser  Genossenschaft  enthalten  einen  §  11,  der  besagt:  „Niemandem  kann
f  Bei tritt  gestattet  werden,  der  nicht  Arbeiter  eines  der  Berufszweige  ist.  (Siehe
«en  von  dem  Office  du  Travail  (Arbeitsamt)  1898  herausgegebenen  Band,  Les  Assoat
 ions  de  Production.)
N  2 )  Im  Journal  des  Sciences  morales  et  politiques  vom  17.  Dez.  1831.
n  1  r 1 ®  e ! nzi § e  Genossenschaft  wurde  auf  seine  Veranlassung  hin  im  Jahre  1834  ge-°
  Un  et,  die  der  Talmijuweliere  (bijoutiers  en  dore).
        <pb n="303" />
        280

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

behalten.  Von  diesem  Gewinne  sollte  ein  Fünftel  ein  beständiges  und
unveräußerliches  Sozialkapital  bilden,  das  sich  jedes  Jahr  regelmäßig
vergrößern  würde.  „Ohne  dieses  Kapital  —  sagte  Btjchez  mit  einem
sicheren  Gefühl  für  die  Zukunft  —  würde  die  Assoziation  jeder  anderen
Handelsgesellschaft  gleich  werden;  ihr  Nutzen  würde  nur  den  Gründern
zufallen  und  allen  denen,  die  anfangs  nicht  an  ihr  teilgehabt  haben,
schädlich  sein,  denn  sie  würde  zwischen  den  Händen  der  ersteren  zu
einem  Ausbeutungsmittel  werden“ 1 ).  Dies  Schicksal  hat  tatsächlich  eine
ganze  Anzahl  von  Produktivgenossenschaften  ereilt,  bei  denen  die  Gründer,
die  nunmehr  zu  echten  Aktionären  geworden  waren,  neue  Arbeiter  für
ihren  eigenen  Vorteil  arbeiten  lassen  und  sie  als  einfache  Hilfskräfte
betrachten.
Die  soziale  Werkstatt  Louis  Blanc’s  zeigte  viel  Ähnlichkeit  mit  der
Buchez’,  nur  daß  unser  Verfasser  hauptsächlich  an  die  große,  und  Bdchez
an  die  kleine  Industrie  dachte 2 ).  Weiterhin  war  die  soziale  Werkstatt
in  den  Gedanken  Lotris  Blanc’s  nur  eine  Keimzelle,  aus  der  in  der  Zukunft
eine  ganze  kollektivistische  Gesellschaft  sich  entwickeln  sollte.  Diese
spätere  Entwicklung  beschäftigte  ihn  jedoch  in  Wirklichkeit  nur  wenig.
Es  war  dies  ein  zu  fern  liegendes  Ideal,  das  noch  zu  unbestimmt  erschien,
um  zurzeit  schon  mit  irgendwelchem  Nutzen  erörtert  werden  zu  können.
Die  Hauptsache  war,  daß  man  einen  Anfang  mache  und  diesen  Anfang
in  einer  praktischen  Art  und  Weise  ins  Werk  setze.  „Die  Zukunft  vorbereiten, ­
  ohne  schroff  mit  der  Vergangenheit  zu  brechen  (S.  172)“,  —
dies  ist  die  Aufgabe.  Wie  wird  diese  Zukunft  sich  nun  gestalten?  Man
kann  sie  unmöglich  genau  festlegen.  Wenn  man  es  tut,  gelangt  man  nur
zu  einer  Utopie.
Auf  Grund  dieses  fest  umrissenen  und  einfachen  Charakters  seiner
Reform  gelang  es  dem  Plan  Louis  Blanc’s,  die  Aufmerksamkeit  zu  fesseln.
Nach  so  vielen  großzügigen,  aber  außerhalb  aller  Möglichkeit  einer  Verwirklichung ­
  liegenden  Träumen  war  hier  endlich  ein  Projekt  gegeben,
das  Jeder  verstand,  und  dessen  Anwendung  leicht  durchzuführen  war.
Das  Bedürfnis,  von  den  Idealen  zur  Wirklichkeit  zu  kommen  und  endlich
eine  praktische  Formel  zu  entdecken,  um  dem  „laisser-faire“  um  jeden
Preis  zu  entrinnen,  findet  sich  bei  mehr  als  einem  der  Zeitgenossen  Louis
Blanc’s,  z.  B.  bei  Vidal,  dem  heute  nur  zu  sehr  vergessenen  Verfasser
eines  interessanten  Buches  über  die  Güterverteilung 3 ).  Hierin  liegt  die
Erklärung  für  einen  guten  Teil  seines  Erfolges,  wie  auch  späterhin  für
den  des  Staatssozialismus.

1 )  Von  Festy  angeführt.  Le  mouvement  ouriver  au  debut  de  la  Monarchie ­
  de  Juillet,  S.  88  (Paris  1908).
2 )  Für  die  Großindustrie  schlug  Buchez  ganz  verschiedene  Reformen  vor.  (VgL
Festy,  op.  cit.)
3 )  Francois  Vidal,  De  la  R6partition  des  richesses,  1846.
        <pb n="304" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

281

Die  Reform  war  in  der  Tat  sehr  einfach.
Für  alle  Hauptzweige  der  Produktion  sollte  schon  jetzt  eine  soziale
Werkstatt  gegründet  werden.  Die  Regierung  hätte  das  notwendige  Kapital
zu  liefern,  das  durch  eine  Anleihe  aufzubringen  wäre.  „Alle  Arbeiter,
die  die  nötigen  moralischen  Garantien  bieten“,  würden,  soweit  es  die  verfügbaren ­
  Mittel  gestatten,  zuzulassen  sein.  Der  Lohn  wäre  für  Alle  gleich.
Dieses  letztere  Prinzip  scheint  uns  heute  nur  deshalb  undurchführbar,
„weil  die  der  jetzigen  Generation  gegebene  Erziehung  falsch  und  antisozial ­
  ist“,  in  der  Zukunft  aber  wird  es  ganz  selbstverständlich  erscheinen,
»da  eine  durchaus  neue  Erziehung  die  Ideen  und  die  Sitten  ändern  soll  .
Man  erkennt  hier  den  allen  Assozialisten  gemeinsamen  Gedanken  eines
neuen  Milieus  wieder,  das  die  gewöhnlichen  Beweggründe  des  Menschengeschlechts ­
  umbilden  soll.  Was  die  Hierarchie  der  Werkstätte  anlangt,
so  wird  sie  auf  der  Wahl  beruhen,  ausgenommen  für  das  erste  Jahr,  in  dem
die  Regierung  beauftragt  ist,  sie  zu  organisieren,  weil  die  Teilhaber  sich
noch  nicht  genügend  kennen,  um  die  Würdigsten  zu  bezeichnen.
Der  Nettogewinn  der  sozialen  Werkstatt  wird  jedes  Jahr  in  drei
Teile  geteilt:  der  eine  wird  unter  die  Mitglieder  der  Genossenschaft  zu
gleichen  Teilen  als  Lohnzuschlag  verteilt;  der  zweite  ist  zum  Unterhalt
der  Alten,  Kranken  und  Gebrechlichen  bestimmt,  und  „zur  Erleichterung
der  Krisen,  die  auf  anderen  Industrien  lasten“;  der  dritte  endlich  soll
denen,  die  an  der  Genossenschaft  teilnehmen  wollen,  Arbeitsinstrumente
üefern,  in  der  Weise,  daß  die  Genossenschaft  sich  ohne  jede  Begrenzung
vergrößern  kann“.  Es  ist  dies  das  beständige  und  unveränderliche  Kapital,
das  wir  schon  bei  Buches  gesehen  haben.
Soll  nun  das  Kapital,  das  zur  Bildung  dieser  Genossenschaften  verwendet ­
  worden  ist,  keine  Zinsen  tragen  ?  Aber  sicherlich,  und  diese  Zinsen
werden  sogar  durch  Einstellung  in  den  Staatshaushalt  garantiert.  Mir
dürfen  aber  hieraus  noch  nicht  schließen,  daß  Louis  Blanc,  wie  Fourier,
diese  Entschädigung  als  gerechtfertigt  ansah.  Er  wird  zu  sehr  vom  Saint-Simonismus
  beherrscht,  um  das  jemals  zuzugeben.  In  der  Zukunft  werden
die  Zinsen  verschwinden,  —  ohne  daß  jedoch  Louis  Blanc  sich  darüber
ausläßt,  wie  das  geschehen  soll.  Für  den  Augenblick  müssen  sie  aber
oeibehalten  werden,  um  den  Übergang  zu  erleichtern.  Man  darf  nicht
,,mit  wilder  Ungeduld  Existenzen  erschüttern,  sogar  wenn  sie  auf  die
ißbräuche  gegründet  sind,  die  man  abzuschaffen  sucht  (S.  172).  Übrigens
Werden  die  gezahlten  Zinsen,  wie  die  Löhne,  als  ein  Teil  der  Produktionskosten ­
  betrachtet.  Was  den  Nettogewinn  anbelangt,  so  haben  die
apitalisten  daran  teil,  aber  nur  soweit  sie  arbeiten.
Zusammenfassend  sieht  man  also,  daß  der  einzige  Unterschied  zwischen
J er  sozialen  und  der  heutigen  Werkstatt,  abgesehen  von  ihrer  mehr  demokratischen ­
  Organisation,  der  ist,  daß  der  Gewinn  des  Unternehmers  (im
        <pb n="305" />
        282  Zweites  Buch.  Die  Gegner.

modernen  Sinn  des  Wortes,  d.  h.  der  Gewinn  ohne  Zinsen)  den  Arbeitern
«elbst  zufällt.
Wir  haben  aber  schon  gesagt,  daß  die  soziale  Werkstatt  nur  eine
Keimzelle  ist,  aus  der  eine  ganz  neue  Gesellschaft  entstehen  soll.  Die
Kraft  nun,  die  ihre  Ausdehnung  begründet,  ist  —  erstaunliche  Schlußfolgerung ­
  —  gerade  die  Konkurrenz,  die  für  diesen  Zweck  zu  einer  „heiligen“
Konkurrenz  wird  (S.  106).  „Es  handelt  sich  darum,  sich  gerade  der  Waffen
der  Konkurrenz  zu  bedienen,  um  die  Konkurrenz  zum  Verschwinden  zu
bringen“  (S.  103).  Das  wird  nicht  schwierig  sein,  denn  „die  soziale  Werkstatt ­
  hat  gegenüber  jeder  individualistischen  Werkstatt  den  Vorteil,
der  sich  aus  der  Sparsamkeit  des  gemeinsamen  Lebens  und  aus  einer
Organisationsmethode  ergibt,  in  der  alle  Arbeiter  ohne  Ausnahme  daran
interessiert  sind,  schnell  und  gut  zu  produzieren“  (S.  105).  Überall  würden
die  Privatunternehmungen  sich  von  ihr  bedroht  sehen.  Die  Kapitalisten
und  Arbeiter  werden  von  selbst  ihre  Auf  nähme  in  die  soziale  Werkstatt
verlangen,  um  an  ihren  Vorzügen  teilzuhaben.  Dann  wird  nur  noch  übrig
bleiben,  alle  sozialen  Werkstätten,  die  der  gleichen  Industrie  angehören,
in  einen  einzigen  Bund  zu  verschmelzen.  Jede  große  Industrie  wird  sich
daher  zum  Schluß  um  eine  „zentrale  Werkstatt  gruppieren,  von  der  alle
anderen  als  Zweigwerkstätten  abhängen“  (S.  107).  Um  das  ganze  Gebäude
zu  krönen,  würde  es  genügen  „die  Solidarität  der  verschiedenen  Industrien
zu  einem  Dogma  zu  erheben“,  so  daß  sie,  anstatt  sich  zu  bekämpfen,
sich  gegenseitig  zur  Stütze  werden,  sich  in  Krisenzeiten  gegenseitig  helfen,
wenn  es  nicht  gelingt,  auf  Grund  ihrer  Übereinstimmung  die  Krisen  überhaupt ­
  zum  Verschwinden  zu  bringen,  was  ein  noch  bemerkenswerteres
Ergebnis  sein  würde.
So  würde  also,  allein  durch  die  Kraft  der  Freiheit,  die  Herrschaft
der  Konkurrenz  durch  die  genossenschaftliche  Ordnung  zurückgedrängt
werden,  und,  je  mehr  die  soziale  Werkstatt  ihre  Wunder  verwirklicht,
um  so  mehr  werden  die  Übel  der  Konkurrenz  verschwinden,  wird  das
moralische  und  soziale  Leben  seine  jetzigen  Mängel  ablegen.
Was  verlangt  nun  Louis  Blanc,  um  zu  diesem  Ziel  zu  gelangen?
Sehr  wenig,  fast  nichts!  Eine  kleine  Schiebung!  Regierungskapitalien,
um  die  ersten  Werkstätten  zu  schaffen  und  eine  gesetzgeberische  Ordnung
für  sie,  deren  Anwendung  die  Regierung  späterhin  nur  noch  zu  überwachen ­
  hätte.
jDas  ist  der  Hauptpunkt  der  Lehre  Louis  Blanc’s,  in  dem  sie  sich
klar  und  deutlich  von  den  Ideen  Owen’s  und  Fourier’s  unterscheidet.
Um  das  Phalanstere  und  die  kommunistischen  Kolonien  zu  gründen,
wenden  sich  weder  Owen  noch  Fourier  an  den  Staat.  Die  Privatinitiative
genügt  ihnen.  Die  Gesellschaft  erneuert  sich  selbsttätig  ohne  jede  äußere
Hilfe,  und  dies  ist  noch  heute  das  Prinzip  der  Konsumvereine.  Wo  immer
sie  bestanden  haben,  haben  sie  es  auf  Grund  eigener  Kraft  getan.  Louis
        <pb n="306" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

283

Blanc  empfiehlt  die  Vergesellschaftung  spezialisierter  Arbeiter.  Woher
könnten  sie  ihre  Kapitalien  erhalten?  Auf  die  Ersparnisse  des  Arbeiters
zu  rechnen,  würde  darauf  hinauslaufen,  niemals  anzufangen 1 ).  Es  ist
unbedingt  nötig,  daß  Jemand  da  ist,  der  den  ganzen  Mechanismus  einßchaltet,
  da  er  sich  nicht  allein  einschalten  kann.  Das  kann  niemand
anderes  sein,  als  che  Regierung!  Ist  sie  nicht  die  „organisierte  Macht“?
Und  dann  „wenn  man  sie  nicht  zum  Instrument  nimmt,  würde  man  sie
als  Hindernis  auf  dem  Wege  finden“  (S.  14).  Aber  die  Regierung  tritt
nur  für  einen  Augenblick  dazwischen:  „Sobald  die  Maschine  einmal  aufgestellt ­
  ist,  würde  sie  von  selbst  gehen“  (S.  149).  Der  Staat  „hat  weiter
nichts  zu  tun,  als  die  Gesellschaft  auf  eine  schiefe  Ebene  zu  bringen,  die
sie,  sobald  sie  einmal  dort  steht,  allein  durch  die  Kraft  der  1  atsachen
und  infolge  der  natürlichen  Gesetze  des  dann  bestehenden  Mechanismus
hinabgleitet“  (S.  165).  Hierin  liegt  gerade  das  Geistreiche  des  Systems.
Und  in  der  Tat  haben  sich  denn  auch  die  meisten  der  bestehenden  Produktivgenossenschaften ­
  mit  der  finanziellen  und  administrativen  Hilfe  der
öffentlichen  Behörden  gebildet,  ohne  die  sie  nicht  bestehen  können.
Louis  Blanc  ist  daher  einer  der  ersten,  wenn  nicht  der  erste  Sozialist,
der  daran  gedacht  hat,  sich  auf  den  modernen  Staat  zu  stützen,  um  die
soziale  Reform  ins  Werk  zu  setzen.  Rodbertus  und  Lass  alle  richten
später  eine  ähnliche  Aufforderung  an  den  Staat,  und  der  französische
Schriftsteller  verdient,  mit  ihnen  unter  die  Vorläufer  des  Staatssozialismus
gerechnet  zu  werden.
In  dieser  Aufforderung  liegt  von  seiten  der  Sozialisten  etwas  Naives,
denn  von  zwei  Dingen  eins:  entweder  ist  das  Projekt,  für  das  man  die
Hilfe  der  Regierung  anruft,  wirklich  revolutionär,  —  und  dann  wäre  die
Regierung,  die  die  Gesellschaft  vertritt  recht  blind,  wenn  sie  sich  selbst
dazu  hergäbe,  um  als  Mittel  zu  ihrer  eigenen  Zerstörung  zu  dienen;  oder
^ber  die  Projekte,  die  man  ihr  unterbreitet,  sind  ohne  Gefahr  für  die
bestehende  soziale  Ordnung,  und  dann  liegt  gerade  in  der  Hilfe,  die  sie
dir  leistet,  der  Beweis  ihrer  bescheidenen  Tragweite.  Dieser  Kritik  kann
der  Staatssozialismus  nicht  entgehen,  ausgenommen  er  erklärt  sich  klar
und  deutlich  als  konservativ,  und  das  hat  er  denn  auch  in  Deutschland
getan.
Louis  Blanc  beschäftigt  sich,  wie  später  Lassalle,  hauptsächlich

•  ,  •  -hnrhst  verwickelte  Aufgabe;  sie  ist
l )  „Die  Emanzipation  der  Arbeiter  is  01110  - e j e  Gewohnheiten  in  Unordnung,
ln 't  zu  vielen  Fragen  verbunden,  sie  '? rm S  .  ,  „ e ;t  s0  vielen  Interessen  entgegen,
sie  läuft  anscheinend,  wenn  auch  nicht  in  durch  eine  Reihe  von  Tel  -
&amp;amp; ls  daß  es  nicht  Wahnsinn  wäre,  zu  glauben,  sie  '  Zu  ilirer  Durchführung  ist
^ersuchen  und  vereinzelten  Bestrebungen  '°  •  fehlt,  um  sich  frei  zu  machen,
die  ganze  Macht  des  Staates  nötig.  Was  den  Bro  ■  ^  ihnen  zu  lie{crn .  Wenn  wir
sind  die  Arbeitsmittel.  Aufgabe  der  Regierung  ’  würden  w j r  sa gen;  „Der  Staat
den  Staat  gemäß  unserer  Auffassung  definie  e  m ra ’ va il,  S.  14).
'st  der  Bankier  der  Armen“  (Organisatio
        <pb n="307" />
        284

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

mit  dem  sofortigen  Erfolge  und  bemerkt  diesen  Einwurf  nicht.  Er  denkt
an  einen  anderen  Vorwurf,  der  in  seinen  Augen  bedeutsamer  ist,  denselben,
den  man  in  der  Folgezeit  den  Staatssozialisten  machen  wird,  und  er  sucht
ihn  durch  ein  Argument  zu  beseitigen,  das  sich  oft  bei  ihnen  wiederfinden
sollte.  Ist  die  Einmischung  des  Staates  nicht  im  Gegensatz  zur  Freiheit?
fragt  er  sich.  Ja,  antwortet  Lotus  Blanc,  wenn  man  unter  Freiheit  ein
abstraktes  Recht  versteht,  —  das  jedem  Menschen  durch  eine  Verfassung
zugesprochen  ist.  Hierin  liegt  die  Freiheit  aber  gar  nicht:  „sie  liegt  vielmehr ­
  in  der  Macht,  die  den  Menschen  gegeben  ist,  seine  Fähigkeiten
auszuüben  und  zu  entwickeln  unter  der  Herrschaft  der  Gerechtigkeit  und
unter  dem  Schutze  des  Gesetzes“ 1 )  (S.  19).  Rechtliche  Freiheit  ohne  tatsächliche ­
  Freiheit  ist  weiter  nichts  „als  eine  nichtswürdige  Vergewaltigung“:
und  die  Freiheit  wird  tatsächlich  überall  dort  unterdrückt,  wo  der  Mensch
ohne  Bildung,  ohne  Arbeitsinstrumente  unentrinnbar  zur  Unterwerfung
gegenüber  den  Reicheren  und  Gebildeteren  verdammt  ist.  Deshalb  wird
die  Einmischung  des  Staates  notwendig  sein,  solange  es  in  der  Gesellschaft
„eine  untere  und  unmündige  Klasse“  gibt  (S.  20).  In  einer  noch  kräftigeren
Formel  sagt  Lacordaire:  „Zwischen  dem  Starken  und  dem  Schwachen
ist  die  Freiheit  das,  was  unterdrückt,  und  das  Gesetz  das,  was  frei  macht.“
Dieses  Argument  haben  wir  schon  bei  Sismondi  gelesen 2 ),  und  werden
es  bei  allen  Gegnern  des  laisser-faire  wiederfinden.
Man  sieht,  wie  schon  bei  Louis  Blanc  eine  geistige  Bewegung  einsetzt, ­
  die  im  letzten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts  viel  stärker  werden  sollte.
Der  Staatssozialismus,  der  seinerzeit  ein  einfacher  Notbehelf  war,  wird
dann  zu  einer  wirklichen  Lehre,  deren  praktische  Anwendungen  äußerst
zahlreich  sind.
Die  Ereignisse  des  Jahres  1848  haben  Louis  Blanc  Gelegenheit
gegeben,  seine  Ideen  teilweise  zu  verwirklichen.  Diese  Versuche  werden
wir  in  einem  folgenden  Kapitel  eingehender  darlegen,  wo  wir  die  unglücklichen ­
  Bestrebungen  des  Sozialismus  von  1848  wiederfinden.  Aber  die
Ideen  der  Organisation  du  travail  haben  einen  dauerhafteren  Erfolg
in  den  zahlreichen  Produktivgenossenschaften  der  Arbeiter  gehabt,  die
J )  „Das  Recht,  im  Abstrakten  betrachtet,  ist  die  Fata  Morgana,  die  seit  1789
das  Volk  täuscht.  Das  Recht  ist  der  metaphysische  und  tote  Schutz,  der  für  das  Volk
den  lebendigen  Schutz,  dem  man  ihm  schuldet,  ersetzt.  Das  großartig  und  in  allen
Einzelheiten  in  den  Verfassungsurkunden  niedergelegte  Recht  hat  nur  als  Maske  für
die  ganze  Ungerechtigkeit  der  Einführung  des  Individualismus  und  für  die  barbarische
Nichtachtung  gedient,  mit  der  man  den  Armen  seinem  Schicksal  überlassen  hat.  Weil
man  die  Freiheit  durch  das  Wort  Recht  definiert  hat,  ist  man  dazu  gelangt,  die  Sklaven
des  Hungers,  die  Leibeigenen  der  Unwissenheit,  die  Heloten  des  Zufalls  freie  Menschen
zu  nennen.  Erklären  wie  ein  für  alle  Male,  daß  die  Freiheit  nicht  nur  in  dem  zugesprochenen
  Recht  besteht,  sondern  in  der  dem  Menschen  gegebenen  Macht,  seine  Fähigkeiten
auszubilden  und  zu  entwickeln“  (S.  19).
2 )  Vgl.  weiter  oben,  S.  202,  Anm.  3  und  S.  204,  Anm.  2.
        <pb n="308" />
        Kapitel  III.  Die  Assozialisten.

285

mehr  oder  weniger  überall  entstanden,  und  deren  Popularität  unter  gewissen ­
  Gruppen  französischer  Arbeiter  noch  heute  recht  groß  ist.  So
hat  Louis  Blanc  zusammen  init  Owen  und  Foukier  dem  Prinzip  der
Genossenschaft  einen  kräftigen  Anstoß  gegeben,  und  gerade  dadurch  verdient ­
  er  einen  wenn  auch  etwas  geringeren  Platz  in  der  Geschichte  des
Assozialismus.
Außer  Louis  Blanc  müssen  noch  zwei  Männer  erwähnt  werden,
die  den  Assozialismus  bis  zur  Revolution  von  1848  fortgeführt  haben,
Leroüx  und  Cabet.
Pierre  Leroux  übte  auf  seine  Zeit  einen  bedeutenden  Einfluß  aus.
Die  Romane  George  Sand’s  sind  mit  sozialen  Abhandlungen  erfüllt,  die,
wie  sie  selbst  erklärt,  von  ihm  stammen.  Man  kann  jedoch  in  Leroux’s
oberflächlich  humanitären  Büchern  keine  wirklichen  Beiträge  zur  Wissenschaft ­
  finden,  —  ausgenommen  vielleicht  sein  Vertrauen  in  die  Assoziation 1 )
und  im  Besonderen  in  die  Idee  des  Gesetzes  der  Solidarität,  die  zu  einer
großen  Zukunft  berufen  war.  Er  scheint  der  erste  zu  sein,  der  das  berühmte ­
  Wort  in  dem  Sinne  gebraucht  hat,  den  man  ihm  heute  beilegt,
nämlich  als  Ersatz  für  Barmherzigkeit 2 ).
Ihm  muß  anscheinend  auch  die  Vaterschaft  des  Wortes  Sozialismus
als  entgegengesetzt  zu  Individualismus 3 )  zugesprochen  werden.  Und
sicherlich  muß  die  Einführung  dieser  beiden  Worte  genügen,  um  ihm  bei
allen  Soziologen  Unsterblichkeit  zu  sichern.
Cabet  war,  was  ja  bei  einem  Sozialisten  nicht  gerade  oft  vorkommt,
Oberstaatsanwalt  gewesen,  allerdings  nur  kurze  Zeit;  er  hat  aber  eine
viel  größere  Berühmtheit  durch  seinen  Roman:  Reise  nach  Ikarien
erlangt.  Sein  System  hat  nichts  besonders  Originelles  an  sich.  Gegen
den  ewig  gültigen  Einwurf:  Was  macht  man  mit  denen,  die  nichts  tun
wollen?  hat  er  die  gleiche,  leichte  Antwort:  „Die  Faulen?  die  kennen  wir
nicht“  (in  Ikarien  nämlich).  Unglücklicherweise  versuchte  er,  eine  über-U
  b  »Wenn  ihr  keine  Assoziation  der  Menschen  wollt,“  rief  er  in  der  Assemblee
nationale  von  1848  aus,  „so  sage  ich  euch,  daß  ihr  die  Zivilisation  zu  einem  entsetzlc
  en  Todeskampf  verdammt. 5 *  _  •  •  •
.  2 )  In  seinem  Buche  L’Humanite  (1840).  Man  darf  aber  von  dieser  Laizisierung
^Wohltätigkeit  nicht  schließell)  daß  Leroux  anti-religiös  gesinnt  war.  Keineswegs;
gt  er  doch  selbst,  daß  er  den  Gedanken  der  menschlichen  Solidarität  dem  Apostel
U  us  verdankt:  „wir  sind  Alle  Glieder  eines  Leibes“.  ,
j)  &amp;gt;  »Rh  war  es,“  sagt  er,  „der  sich  zuerst  des  Wortes  Sozialismus  bedient  hat.
«Uls  war  es  ein  Neologismus,  aber  ein  notwendiger  Neologismus.  Ich  bildete  dieses
taf,  u  8  Ge g“ 3 atz  zu  Individualismus“  (Grüve  de  Samarez,  S.  288  .  Er  hat  auch.
ifXfeW'ck  im  Jahre  1834  in  der  Revue  encyclopddique  einen  Aufsatz  veroffentjSo
 :De  I’lndividualisme  et  du  Socialisme.  Das  Wort  findet  sich  noch  früher,
l,.’^ er  gleichen  Zeitschrift,  Discours  sur  la  Situation  actuelle  de  1  espnt
hin  t- ln '  ®' e I le  auch  seine  CEuvres  complötes,  Bd.  I,  S.  121,  161,  378;  und  weitertrifft-*
 11 '  a ^ es ’  wa,s  diesen  etwas  langweiligen,  aber  erfindungsreichen  Schriftsteller  bev
 gb  das  Buch  von  F.  Thomas,  Pierre  Leroux  (1905).
        <pb n="309" />
        286

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

zeugendere  Antwort  zu  finden,  indem  er  nach  dem  Beispiel  Owen’s  und
Considerant’s  eine  Kolonie  in  den  Vereinigten  Staaten  gründete  (1848).
Immerhin  war  diese  Gesellschaft  Ikaria  eine  von  jenen,  die  sich  die  längste
Zeit  halten  konnten  und  trotz  aller  Unannehmlichkeiten  bestand  sie  bis
zum  Jahr  1898,  also  fast  ein  halbes  Jahrhundert,  wenn  auch  in  stark
veränderter  Gestalt 1 ).
Cabet  war  offen  kommunistisch  und  entfernt  sich  hierin  von  Fourier,
um  sich  Owen  zu  nähern,  obgleich  er  sich  dagegen  verwahrt,  sein  Schüler
zu  sein.  Das  lag  jedoch  vielleicht  nur  an  seiner  Eitelkeit  als  Schriftsteller,
denn  er  hat  ihn  sehr  gut  und  sogar  persönlich  gekannt.  Trotz  seines  Kommunismus ­
  war  Cabet  doch  kein  Revolutionär.  In  seiner  freundlichen  Gutmütigkeit ­
  wendete  er  sich  nur  an  die  altruistischen  Gefühle,  und  sein
Optimismus  gab  ihm  die  Überzeugung,  daß  diese  moralische  Bekehrung
sich  leicht  verwirklichen  ließe 2 ).

Kapitel  IV.
Friedrich  List
und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.
Um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  hatte  die  Lehre  A.  Smith’s  überall
in  Europa  die  Herrschaft  erlangt.  Die  früheren  Doktrinen  waren  darüber
vergessen  worden,  und  keines  der  neuen  Systeme  konnte  sie  verdunkeln.
Aber  auf  ihrem  Siegesläufe  hatte  sie  viele  Veränderungen  erlitten  und
war  vielen  Kritiken  ausgesetzt  gewesen.  Von  ihren  Anhängern  (Say,
Malthus  und  besonders  Ricardo)  erhielt  sie  bedeutungsvolle  Erweiterungen ­
  und  Verbesserungen.  Zur  gleichen  Zeit  (mit  Sismondi  und  den
Sozialisten)  eröffneten  sich  neue  Perspektiven,  die  darauf  abzielten,  die
ihr  von  ihrem  Meister  zu  eng  gezogenen  Grenzen  zu  sprengen  und  die
Nationalökonomie  nach  neuen  Gesichtspunkten  zu  orientieren.
Nur  einer  der  Grundgedanken  der  Lehre  blieb  bestehen,  und  zwar
nicht  der  wenigst  bedeutende:  das  Prinzip  der  Handelsfreiheit.  Hier  war
der  Triumph  vollständig.  Die  Freiheit  des  internationalen  Handels  wird
als  ein  unbestreitbares  Dogma  von  den  Volkswirtschaftlern  aller  Länder
9  Siehe  über  das  System  Cabet’s  und  die  Geschichte  Ilcaria’s  das  Buch  von
Prudhommeaux  in  zwei  Bänden:  Ötienne  Cabet  et  Histoire  de  la  communaute
Icarienne.
2 )  „Ich  glaube,  daß  die  Kommunisten  keine  Aussicht  auf  Erfolg  haben,  so  lange
sie  sich  nicht  selbst  geändert  haben.  Sie  mögen  durch  das  Beispiel  predigen  und  durc
die  Ausübung  aller  sozialen  Tugenden  ihre  Gegner  überzeugen.“
        <pb n="310" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  287

anerkannt.  In  Deutschland,  wie  in  England,  in  Frankreich  wie  in  Rußland
ist  unter  den  wissenschaftlichen  Autoritäten  die  Übereinstimmung  vollständig. ­
  Die  Sozialisten  lassen  diese  Frage  entweder  beiseite  oder,  wenn
sie  sich  mit  ihr  beschäftigen,  stimmen  sie  mit  den  Nationalökonomen
überein 1 ).  Einige  vereinzelte  Schriftsteller  machen  zwar  Vorbehalte  oder
erheben  Einwürfe,  aber  diese  gelangen  nicht  zur  Kenntnis  des  großen
Publikums 2 ).  Allerdings  bleiben  die  Regierungen  und  die  Parlamente
zum  größten  Teil  der  Übertragung  der  neuen  Ideen  auf  die  Praxis  feindlich
gesinnt,  aber  sogar  hier,  wo  so  viele  mächtige  Interessen  ihr  entgegenstehen, ­
  kann  man  den  wachsenden  Einfluß  der  Lehre  Smith  s  wahrnehmen.
Der  liberale  preußische  Zolltarif  von  1818,  die  Reformen  des  Ministers
Hüskisson  in  England  (1824—1827)  wurden  von  ihren  Urhebern*  mit
voller  Absicht  als  eine  teilweise  Anwendung  dieser  Prinzipien  betrachtet.
Es  bedurfte  der  besonderen  historischen  und  wirtschaftlichen  Bedingungen, ­
  in  denen  sich  Deutschland  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts
befand,  um  einen  Widerspruch  hervorzurufen.  Trotzdem  dieser  Widerspruch ­
  erst  spät  kam,  erregte  er  deshalb  nicht  weniger  Aufsehen.  Priedrich
E is t  war  es,  der  in  seinem  1841  erschienenen  Buche:  Das  nationale
^ystem  der  politischen  Ökonomie,  sich  zum  neuen  Theoretiker  des
Schutzzolls  machte.  In  seinem  Vorwort  sagt  er:  „Die  Geschichte  meines
Bu ches  ist  die  Geschichte  der  Hälfte  meines  Lebens.“  Mit  der  gleichen

zoll  ^  Sismondi  (Nouveaux  Principes,  Bd.  IV,  Kap.  XI)  bekämpft  das  Schutzsurd^rf
 111 ’  dem  er  vorwirft &amp;gt;  die  Überproduktion  zu  verursachen,  und  ebenso  das  abdi
  y  ® es treben  aller  Nationen,  sich  selbst  genügen  zu  wollen.  Saint-Simon  betrachtet
die  Ü  jschranken  als  eine  Folge  des  nationalen  Hasses  (CEuvres  III,  S.  36)  und  lobt
Zle ^  °Ikswirtschaftler,  nachgewiesen  zu  haben,  „daß  jeder  Mensch  in  sozialer  Be-Iteiwf
  S ' cl1  elnzl S  als  Glied  einer  Gesellschaft  von  Arbeitern  fühlen  muß,  da  das  ganze
cair,  )(?&amp;amp; esc hl ec ht  ein  Ziel  und  gemeinsame  Interessen  hat“  (Lettres  ä  un  Amdrißähe'
  ^ uvres i  II,  186—187).  Die  Saint-Simonisten  sind  der  Frage  nicht  direkt
träun  f^ e ^ re ^ en ’  doch  ergibt  es  sich  von  selbst,  daß  Schutzzölle  in  der  von  ihnen  geu
 nter  j*’  a %emeinon  Assoziation  keinen  Platz  haben.  Was  Fourier  betrifft,  so  wird
p re j&amp;gt;  .  Phalanges  auf  der  ganzen  Oberfläche  der  Erde  im  Güterumlauf  die  größte
niw 011 ® 11 -  W-  Bourgin:  Fourier,  S.  326—329,  Paris  1905.)
E rs j.  ,  ^ lr .  Stieren  nur  zwei  davon:  Augustin  Cournot  und  Louis  Say,  Nantes.  Der
Ihdor'  sel uen  Recherches  sur  les  principes  mathdmatiques  de  la
zur  Zpjf  .  8  Richesses  (1838),  einem  heute  berühmt  gewordenen  Werke,  das  aber
kritisip.,  Se !5 1 . es  Frscheinens  vollständig  unbeachtet  blieb,  die  Theorie  des  Freihandels
Vcrursa  üi  ^  eSer  ^ e d  seines  Buches  ist  jedoch  nicht  der,  der  seine  spätere  Berühmtheit
Sc hiedr  —  Louis  Say  (1774—1840)  war  der  Bruder  J.-B.  Say’s.  Er  hat  ver-Baehrpr-
 118 !  "  el d £e  herausgegeben,  die  in  Vergessenheit  geraten  sind,  und  in  denen  er
höchst 6  '(if- Von  seinem  Bruder  verteidigten  Grundsätze  kritisiert,  was  dem  Letzteren
Scir  i„ lrU  .  Wir  erwähnen  hier  nur  sein  letztes  1836  erschienenes  Buch:  Etudes
Tonern nCheSSe  des  nations  et  röfutation  des  principales  erreurs  en
Würde  i! 6  politi que,  denn  dieses  ist  das  Buch,  das  List  erwähnt.  Wahrscheinlich
Überset?  ne  Bi st  der  Name  Louis  Say’s  vergessen  worden  sein.  Richelot,  in  seiner
L°u ls  ■ LlST ’ s  ( 2 -  Aus g-  477 )&amp;gt;  führt  eini g e  der  wichtigsten  Stellen  des  Buches

s  an.
        <pb n="311" />
        288

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Berechtigung  könnte  man  sagen,  daß  es  die  Geschichte  Deutschlands  von
1800—1840  war.  Es  ist  zweifelsohne  nicht  nur  ein  einfacher  Zufall  ge -
wesen,  der  das  erste  ökonomische  System,  das  auf  dem  Gedanken  der
Nationalität  beruht,  in  dem  Lande  schuf,  dessen  vorherrschende  politische
Idee  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  die  Verwirklichung  seiner  nationalen
Einheit  war.  In  seinen  Ursprüngen  ist  das  Werk  List’s  ein  Werk  der
Umstände.  Diese  Umstände  muß  man  kennen,  wenn  man  den  Verfasser
und  sein  System  beurteilen  will.

§  1.  Die  wirtschaftliche  Lage  Deutschlands  und  die
Ideen  List’s.

Deutschland  bietet  im  19.  Jahrhundert  das  bemerkenswerte  Schauspiel ­
  einer  anfangs  durchaus  landwirtschaftlichen  Nation,  die  wirtschaftlich ­
  und  politisch  zerstückelt  ist,  deren  Industrie  mit  allen  Hindernissen
der  Zunftordnung,  deren  Landwirtschaft  mit  allen  Hindernissen  der
feudalen  Herrschaft  zu  kämpfen  hat,  und  die  in  wenigen  Jahren  alle  diese
Ketten  sprengt,  zunächst  seine  wirtschaftliche  und  später  seine  politische.
Einheit  gründet,  und  die  in  den  letzten  drei  Jahrzehnten  des  Jahrhunderts
sich  zum  Rang  einer  industriellen  Großmacht  aufschwingt.
Der  Zollverband  mit  Irland  hatte  im  Jahre  1800  die  wirtschaftliche
Einheit  Großbritanniens  vollendet,  eine  Einheit,  die  fast  seit  einem  Jahrhundert ­
  zwischen  England  und  Schottland  verwirklicht  war,  und  die
Smith  schon  „als  eine  der  Hauptursachen  des  Wohlstandes  Großbritanniens“ ­
 1 ),  betrachtete.  Frankreich  hatte  sich  1791  durch  die  Abschaffung ­
  der  Binnenzollschranken  die  gleiche  innere  Einheit  erobert.
Aber  Deutschland  war  noch  1815  in  eine  Menge  von  Staaten  ungleicher
Bedeutung  zerstückelt,  die  sich  gegeneinander  durch  Zollschranken  absperrten. ­
  Die  Petition,  die  List  im  Namen  des  Handelsvereins  1819  an
den  Bundestag  richtete,  zählt  nicht  weniger  als  38  Zollgrenzen  im  Inneren
des  deutschen  Bundes  auf.  Dabei  erwähnt  er  nicht  einmal  alle  die  Schranken,
die  in  jedem  der  verbündeten  Staaten  noch  dazu  kamen  und  den  Handel
hemmten.  Allein  in  Preußen  zählte  man  nicht  weniger  als  67  verschiedene
Tarife 2 ).  In  einer  anderen  Petition  sagte  List:  „In  Wahrheit,  während
die  anderen  Nationen  die  Wissenschaften  und  die  Künste  pflegen,  aU
Grund  derer  der  Handel  und  die  Industrie  ihren  Aufschwung  nehmen,

.  \)  D’ 13  Vereinigung  Englands  mit  Schottland  datiert  schon  vom  Jahre  1707-Vgl.
  die  Stelle  bei  Smith  (Völkerreichtum,  Bd.  II,  S.  293,  B.  V,  Kau.  II,  Teil  2,  §  V
2 )  List,  Werke,  Ausg.  Häusser,  Bd.  II,  S.  17.  ’  Das'Nationale  Syste»
wurde  1883  in  der  7.  Ausg.  von  Eheberg  mit  einer  ausgezeichneten  kritischen  un°
historischen  Einführung  veröffentlicht.  [Dagegen  entstammen  die  im  Folgenden,  *' ie
des  Üb  ™  TeXte  angefÜhrten  Stellen  der  ersten  Ausgabe  von  Cotta,  1841.  An»-
        <pb n="312" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  289

niuß  der  deutsche  Kaufmann  und  Fabrikant  heute  den  größten  Teil  seiner
Zeit  auf  das  Studium  der  Zolltarife  und  der  Wegegelder  verwenden“ 1 ).
Diese  Nachteile  wurden  durch  einen  besonderen  Umstand  noch  vergrößert: ­
  nämlich  durch  das  völlige  Fehlen  des  Zolles  gegenüber  den  Erzeugnissen ­
  der  Nachbarstaaten.  Die  deutschen  Staaten  verschlossen  sich
gegenseitig  ihre  Grenzen,  aber  Deutschland  selbst  blieb,  da  es  eine  wirksame ­
  Zentralverwaltung  nicht  besaß,  für  die  fremden  Waren  offen.  Diese
Lage  machte  sich  nach  Aufhebung  der  Kontinentalsperre  besonders  nachteilig ­
  bemerkbar.  Kaum  war  nämlich  der  Friede  hergestellt,  als  England
den  Kontinent  mit  seinen  Erzeugnissen  überschwemmte,  denn  es  war
während  des  Krieges  von  seinen  Absatzgebieten  getrennt  gewesen  und
hatte  sich  infolgedessen  gezwungen  gesehen,  in  seinen  Fabriken  enorme
Warenvorräte  anzusammeln.  In  Frankreich  fand  es  verschlossene  Türen,
da  die  Restauration  ein  strenges  Schutzzollsystem  hergestellt  hatte,
während  in  Deutschland  diesen  zu  Spottpreisen  gelieferten  Waren  Tor
und  Tür  offen  standen.

Die  deutschen  Kaufleute  und  Fabrikanten  fingen  an,  unruhig  zu
werden.  Von  allen  Seiten  erhob  sich  der  Ruf  nach  wirtschaftlicher  Einheit
und  nach  einem  gleichmäßigen  Zolltarif  an  der  Grenze.  Die  gesamte
öffentliche  Meinung  erstrebte  die  Reform,  die  zu  gleicher  Zeit  der  erste
Schritt  zur  nationalen  Einheit  zu  sein  schien.  Preußen  verwirklichte  1818
seine  eigene  Handelseinheit,  indem  es  alle  seine  Zollschranken  an  die
Grenzen  verlegte,  und  sein  neuer  Zolltarif,  in  dem  die  Zölle  auf  Manufakturgegenstände ­
  10%  nicht  überstiegen,  der  kein  Ein-  oder  Ausfuhrverbot
enthielt,  und  nach  dem  die  Einfuhr  der  meisten  Rohstoffe  frei  war,  wurde
v on  Huskisson  1827  im  englischen  Parlament  als  ein  nachahmenswertes
Wüster  des  Liberalismus  vorgeschlagen.  Diese  Reform  beschränkte  sic
aber  auf  Preußen  und  verbesserte  in  keiner  Weise  die  Lage  der  Gesamtheit
der  deutschen  Kaufleute,  gegen  die  der  preußische  Zolltarif  in  der  gleichen
Weise  wie  gegen  Ausländer  zur  Anwendung  kam.
Diese  vereinzelte  Reform  war  denn  auch  weit  davon  entfernt  die
Bewegung  zugunsten  einer  Zolleinheit  einzuschränken,  sondern  wirkte  im
Gegenteil  nur  auf  ihre  Stärkung  hin.  1819  entstand  in  Frankfurt  der
»Handelsverein“,  um  auf  die  Regierung  des  deutschen  Bundes  einzu-^Lken.
  Sein  Urheber  ist  Friedrich  List.  Seit  kurzem  als  Professor  in
Hibingen  tätig,  ist  er  schon  als  liberaler  Journalist  bekannt,  wird  zum
Generalsekretär  des  Vereins  ernannt  und  ist  die  Seele  der  Bewegung.
^  häuft  Petitionen,  Zeitungsartikel  und  persönliche  Vorstellungen  bei
den  verschiedenen  Regierungen  in  München,  Stuttgart  Berlin  und  Wien;
er  möchte,  daß  Österreich  die  Initiative  zu  dieser  Reform  nehme  Alles
erfolglos^  Der  jedem  selbständigen  Ausdruck  der  öffentlichen  Meinung

_..  .  iT1  wi e n  im  Jahre  1820  unterbreitete
l )  Der  Versammlung  der  deutschen  Fürs
Bittschrift.  Werke,  Bd.  II,  S,  27.  19
G He  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinung
        <pb n="313" />
        290

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

feindlich  gesinnte  Bundestag  verweigert  der  Petition  des  Handelsvereins
die  Antwort.  List  selbst  wird  bald  durch  andere  Sorgen  in  Anspruch
genommen.  1820  in  seiner  Geburtsstadt  Reutlingen  zum  Abgeordneten
der  württembergischen  Ständekammer  erwählt,  wird  er,  infolge  einer
Petitionsvorlage,  in  der  er  die  Bureaukratie  seines  Landes  ziemlich  scharf
kritisierte,  auf  Anstiften  der  reaktionären  Regierung  aus  der  Kammer
ausgeschlossen  und  zu  zehn  Monaten  Festung  verurteilt.  Nachdem  er
Zuflucht  in  Frankreich  gesucht  hatte  und  in  England  und  in  der  Schweiz
gereist  war,  entschließt  er  sich,  nach  Württemberg  zurückzukehren,  wo
er  sofort  eingekerkert  wird.  Nach  seiner  Entlassung  aus  dem  Gefängnisse
geht  er  nach  Amerika,  denn  Lafayette,  den  er  in  Paris  kennen  gelernt
hatte,  hatte  ihn  gedrängt,  ihn  dorthin  zu  begleiten  und  ihm  eine  seines
Talents  würdige  Aufnahme  versprochen  (1825).
Nachdem  er  sich  in  Amerika  hochstehende  Freunde  erworben  hatte
und  zu  Vermögen  gekommen  war,  kehrte  er  1832  nach  Deutschland  zurück,
wo  die  Zolleinheit,  für  die  er  13  Jahre  früher  gekämpft  hatte,  unmittelbar
vor  ihrer  Verwirklichung  stand.  Allerdings  anders  als  er  gedacht  hatte.
Nicht  unter  der  Führung  Österreichs  und  nicht  durch  eine  allgemeine
Reform,  sondern  mit  Preußen  als  Grundstein  und  durch  eine  Reihe  von
Sonderabkommen.  1828  waren  fast  gleichzeitig  zwei  „Zollvereine“  g e '
gründet  worden,  der  eine  zwischen  Bayern  und  Württemberg,  der  andere
zwischen  Preußen  und  Hessen-Darmstadt.  In  jedem  dieser  beiden  Zoll'
vereine  bestand  freier  Warenumlauf  und  an  den  Grenzen  ein  gemeinsamer
Zolltarif.  -  Von  Anfang  an  arbeiteten  diese  beiden  Zollvereine  Hand  in
Hand,  aber  die  endgültige  Verschmelzung  in  einen  einzigen  Zollverein
wurde  erst  am  22.  März  1833  beschlossen.  Dieses  Abkommen  sollte  am
1.  Januar  1834  in  Kraft  treten.  Aber  schon  vor  diesem  Datum  schlossen
sich  ihm  Sachsen  und  einige  andere  Staaten  an.
So  war  denn  1834  die  Handelseinheit  des  modernen  Deutschlands
so  gut  wie  endgültig  verwirklicht.  Der  Zollverein  umschloß  die  wichtigsten
deutschen  Staaten,  ausgenommen  Österreich 1 ).  Unter  dieser  neuen  Ordnung ­
  der  Dinge  nahm  die  Industrie,  die  nun  einen  großen  Innenmarkt
besaß,  einen  schnellen  Aufschwung.  Es  konnte  jetzt  aber  nicht  ausbleibem
daß  eine  neue  Frage  aufgeworfen  wurde.  Welches  Zollsystem  sollte  dem
Zollverein  zugrunde  liegen?  1834  hatte  man  ohne  Schwierigkeit  für  die
Gesamtheit  des  Zollvereins  den  liberalen  preußischen  Tarif  von  1818  angenommen, ­
  über  den  man  doch  bereits  seine  Erfahrungen  besaß.  Vic
Fabrikanten  jedoch,  im  besonderen  die  Roheisenerzeuger,  die  Woll-Baumwollspinner
  verlangten  einen  kräftigeren  Schutz  gegenüber  d e
fremden  Konkurrenz,  die  immer  schärfer  geworden  war,  im  Maßsta  »
*)  Baden,  Nassau  und  Frankfurt  a.M.  traten  1835  und  1836  bei.  Außerhalb  d®
Zollvereins  blieben:  Mecklenburg,  die  freien  Hansestädte,  Hannover,  Braunscn
und  Oldenburg.
        <pb n="314" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  291

wie  die  Bedürfnisse  der  Metallurgie  und  der  Spinnereien  wuchsen,  die
immer  mehr  Rohstoffe  verbrauchten.  Als  es  sich  daher  1841  darum
handelte,  den  Zollverein  zu  erneuern,  erhob  sich  eine  lebhafte  Polemik
zwischen  den  Anhängern  des  Status  quo,  die  zum  Freihandel  neigten,  und
den  Befürwortern  eines  kräftigeren  Schutzzollsystems.
In  diesem  Augenblicke  erscheint  das  nationale  System  List’s,  das
energisch  zugunsten  des  Schutzzolls  eintritt.
Dieses  glänzende,  formvollendete  Buch,  das,  voll  von  Beispielen  aus
der  Geschichte  und  der  Erfahrung,  für  das  große  Publikum  in  einer  Sprache
geschrieben  ist,  die  alles  Trockene  und  rein  Wissenschaftliche  vermeidet,
wurzelt  ganz  und  gar  in  der  besonderen  wirtschaftlichen  Lage  Deutschlands ­
  in  diesem  Augenblick.  Eine  ganz  junge  Industrie,  die  Grundbedingung ­
  der  zukünftigen  Größe  des  Landes,  die  sich  seit  1815  zum
erstenmal  hatte  in  Frieden  entwickeln  können,  stößt  jetzt  im  Konkurrenzkampf ­
  auf  die  englische  Industrie  mit  ihren  vervollkommneten  Maschinen,
ihrer  langen  Überlieferung  und  ihrer  riesenhaften  Produktion.  Hierin  lag
ihr  List  die  Haupttatsache.  Das  so  bedrohliche  England  schließt  durch
seine  „Corn-Laws“  den  Produkten  der  deutschen  Landwirtschaft,  wie
denen  der  deutschen  Industrie  seinen  Markt.  Zwei  andere  Nationen,  die
Wl e  Deutschland  zu  einer  großen  wirtschaftlichen  Zukunft  berufen  waren,
feigen  ihm  den  Weg:  Frankreich  und  die  Vereinigten  Staaten.  Durch
die  Ergebnisse  des  Eden-Vertrages  (1786)  über  die  verderblichen  Wirungen
  der  englischen  Konkurrenz  belehrt,  beeilt  sich  das  erstere  Land,
sofort  nach  den  napoleonischen  Kriegen  seine  Grenzen  durch  Schutzzölle
Zu  schließen.  Noch  bezeichnender  ist  das  Beispiel  der  Vereinigten  Staaten,
°ssen  Lage  in  so  vieler  Hinsicht  mit  der  Deutschlands  vergleichbar  war.
,  .  beiden  Seiten  eine  soeben  erst  erworbene  wirtschaftliche  Selbständige
 i n  Überfluß  an  natürlichen  Hilfsquellen,  ein  großes  Gebiet,  eine
gebildete  und  fleißige  Bevölkerung  und  die  Aussicht  auf  eine  große  politische
iikunft.  Die  erste  Sorge  der  Amerikaner,  als  sie  sich  frei  gemacht  hatten,
( I ar  die,  eine  Industrie  ins  Leben  zu  rufen,  und  zu  diesem  Zweck  das  Einigen ­
  der  englischen  Waren  durch  Schutzzölle  hintanzuhalten.  So
u este bt  überall  die  gleiche  Gefahr:  das  tyrannische  Übergewicht  Englands,
zoll  ^ era ll  wird  die  gleiche  Verteidigungswaffe  angewendet:  der  Schutz-’
  S°U  nur  Deutschland  sich  dieses  Abwehrmittels  nicht  bedienen  ?
Das  ist  der  Grundgedanke  von  List’s  Ausführungen,
wid  Aber  diese  nur  auf  das  praktische  gerichteten  Anschauungen  List’s
Versprachen  den  wohlbekannten  Argumenten  der  Volkswirtschaftler,
ein  v  Unt6r  dem  Namen  »die  Schule“  zusammenfaßt.  Diese  Schule  sagt:
bilr  mu ^  ebenso,  wie  ein  Individuum,  seine  Bedürfnisse  auf  dem
für  d^ 6n  ÄIarkt  dec ken;  es  muß  sich  auf  die  Erzeugnisse  beschränken,
„die  es  die  meisten  relativen  Vorteile  besitzt;  auch  wächst  die  Industrie
mit  den  Kapitalien;  da  nun  der  Schutzzoll  das  Leben  verteuert,  so
19*

Hur
        <pb n="315" />
        292  Zweites  Buch.  Die  Gegner.

verzögert  er  die  Ansammlung  von  Kapitalien  und  widerstreitet  seinem
eigenen  Zwecke.
Um  diese  Einwürfe  zu  widerlegen,  mußte  man,  anstatt  einen  nach
dem  anderen  vorzunehmen,  die  ganze  Diskussion  auf  einen  neuen  Boden
übertragen.  Die  „Schule“  nahm  ein  gewisses  handelspolitisches  Ideal
als  gegeben  an:  in  jedem  Augenblick  den  gegenwärtigen  Reichtum,  oder
wie  es  List  recht  ungeschickt  ausdrückt,  „die  Summe  der  Tauschwerte
vermehren,  die  eine  Nation  verbrauchen  kann 1 ).  Dieser  grundlegende
Gesichtspunkt  mußte  geändert  werden,  wenn  man  sich  den  Folgerungendie
  sich  logisch  daraus  ergaben,  entziehen  wollte.  List  begriff  das,  und
in  seinen  Bemühungen,  dies  Ziel  zu  erreichen,  fand  er  neue  Wahrheiten,
die  seinem  Buch  bleibenden  theoretischen  Wert  verleihen  und  ihm  einen
bedeutenden  Platz  in  der  Geschichte  der  Doktrinen  sichern.
Er  führte  in  die  Diskussion  zwei  den  anerkannten  Theorien  fremde
Gedanken  ein:  die  Idee  der  Nationalität,  als  Gegensatz  zu  der  des
Internationalismus;  und  die  Idee  der  Produktivkraft,  als  Gegensatz
zu  der  des  Tauschwertes.  Auf  diesen  Gedanken  beruht  das  ganze  Systema)
  List  sagt:  Adam  Smith  und  seine  Schule  haben  eine  kosmopolitische
Hypothese  aufgestellt.  Sie  haben  angenommen,  daß  schon  jetzt  alle
Menschen  in  einer  großen  Gemeinschaft  vereinigt  sind,  aus  der  der  Krieg
verbannt  ist.  Auf  Grund  einer  solchen  Hypothese,  wonach  die  ganze
Menschheit  sich  aus  Einzelindividuen  zusammensetzt,  sind  allerdings  ihre
individuellen  Interessen  allein  von  Wichtigkeit,  und  man  kann  kein
Hindernis  rechtfertigen,  das  ihrer  wirtschaftlichen  Freiheit  entgegensteht.
Aber  zwischen  den  Menschen  und  das  Menschengeschlecht  hat  die  G e '
schichte  die  Nationen  gestellt.  Das  vergißt  die  Schule.  Jeder  Mensch  is*
ein  Teil  einer  Nation,  und  sein  individueller  Wohlstand  ist  mit  der  politischen ­
  Macht  der  letzteren  innigst  verknüpft 2 ).
Ohne  jeden  Zweifel  ist  die  allgemeine  Verbrüderung  der  Menschen

1 )  Der  Ausdruck  „Tauschwert“  bezeichnet  bei  List  nichts  Anderes,  als  die  Meng«
der  gegenwärtigen  Vorteile,  der  materielle  Augenblicksprofit.  Es  ist  nicht  besonders
glücklich,  doch  würde  es  unrichtig  sein,  ihn  buchstäblich  zu  nehmen  und  ihm  z**
viel  Bedeutung  beizulegen.  Denn  in  den  Briefen  an  Ingersoll,  S.  186,  drück
er  genau  den  gleichen  Gedanken  aus,  indem  er  sagt,  daß  für  die  Schule  Smith’s  der
Zweck  ist:  „Gegenstände  durch  den  Austausch  gegen  andere  Gegenstände ­
  zu  gewinnen“,  und  „sich  hauptsächlich  mit  den  Wirkungen  des
materiellen  Austausches  zu  befassen,  anstatt  mit  den  produktiven  Kräften  •
Zu  bemerken  ist,  daß  List  niemals  von  Ricardo  spricht,  sondern  sich  einzig  geg e!
Smith  und  Say  wendet,  die  er  allein  gelesen  zu  haben  scheint.

2 )  „So  lehrt  das  Beispiel  von  Holland,  wie  das  von  Belgien,  wie  das  der  Hans
städte  und  der  italienischen  Republiken,  daß  die  Privatindustrie  den  Handel  und  ^
Industrie  und  den  Reichtum  ganzer  Staaten  und  Länder  nicht  aufrecht  zu  erha
vermag,  wenn  die  öffentlichen  Zustände  nicht  günstig  sind,  und  daß  die  Individu
den  größtenTeil  ihrer  produktiven  Kräfte  von  der  politischen  Organisation  der  Reg*® 111  ”
und  der  Macht  der  Nation  empfangen“  (Nat.  Syst.  S.  75,  Cotta’sche  Ausg.
        <pb n="316" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  Lsit  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  293

ein  hohes,  edles  Ziel,  das  eines  Tages  verwirklicht  werden  wird.  Heute
aber  haben  die  verschiedenen  Nationen  noch  verschiedene  Interessen
und  sind  verschieden  mächtig.  Die  endgültige  Wirtschaftseinheit  kann
ihnen  nur  dann  nützen,  wenn  die  Nationen  mit  gleicher  wirtschaftlicher
Macht  in  diese  allgemeine  Verbrüderung  eintreten.  Denn  wenn  das  nicht
der  Fall  ist,  wird  es  sehr  leicht  möglich,  daß  nur  eine  von  ihnen  von  der
Wirtschaftseinheit  Vorteil  hat,  während  alle  anderen  von  ihr  unterjocht
werden.  Unter  diesem  neuen  Gesichtspunkt  ist  die  Nationalökonomie
»diejenige  Wissenschaft,  welche  mit  Anerkennung  der  bestehenden  Interessen ­
  und  der  individuellen  Zustände  der  Nationen  lehrt,  auf  welche  Weise
jede  einzelne  Nation  auf  diejenige  Stufe  ökonomischer  Ausbildung  gehoben ­
  werden  kann,  auf  welcher  die  Einigung  mit  anderen  gleichgebildeten
Nationen,  folglich  die  Handelsfreiheit,  ihr  möglich  und  nützlich  sein  wird“ 1 ).
List  unterscheidet  verschiedene  dieser  „Wirtschaftsstufen“,  wir  würden
heute  sagen:  dieser  Formen  wirtschaftlicher  Verfassung.  Er  behauptet
so gar,  unter  ihnen  eine  notwendige  geschichtliche  Reihenfolge  nachzuweisen. ­
  Es  sind  das:  Der  Zustand  des  Wilden,  der  des  Hirten,  der  des
Agrikulturstaates,  der  des  Agrikultur-Manufaktur-Staates  und  der  des
Agrikultur-Manufaktur-Handels-Staates 2 ).  Eine  Nation  ist  nur  „normal“ 3 ),

iQ 1 )  ®‘ e he  Cotta’sche  Ausg.  1841,  S.  194;  siehe  auch  S.  238;  an  anderer  Stelle
u  a  a  er:  „die  politische  oder  National-Ökonomie,  welche,  von  dem  Begriff
®  „  Natur  der  Nationalität  ausgehend,  lehrt,  wie  eine  gegebene  Nation  bei  der
gegenwärtigen  Weltlage  und  bei  ihren  besonderen  Nationalverhältnissen  ihre  ökono-1S
  j 6n  Zustände  behaupten  und  verbessern  kann.“
An!  r?  Cotta.  Ausg.  1841.  Das  Beispiel  Englands  hat  List  zu  dieser  Auffassung
Floft  Segeben;  sie  beruht  aber  auf  einem  geschichtlichen  Irrtum.  England  hat  seine
ent  Kolonien  und  seinen  internationalen  Handel  vor  seinem  Manufakturwesen
l)lia' VICk /|lt'  Seit  List  sind  zahlreiche  Schemata  der  wirtschaftlichen  Entwicklungsdie
  S ( C &amp;lt; n ,,,  r  Nationen  vorgeschlagen  worden.  Hildebrandt  unterschied  die  Natural-,
bd  ii  q*  unt ^  c *‘ e  Kredit-Wirtschaft  (Jahrbücher  für  National-Ökonomie,
jj an  ’  b-  1—24).  Bücher  hat  an  Stelle  dieser  Aufzählung  die  Aufeinanderfolge  von
^i r f"’  '-’tadt-  und  Volkswirtschaftsperioden  gesetzt  (Die  Entstehung  der  Volksin ­
  . s °h a ft,  Ausg.).  Sombart  hat  seinerseits  nicht  ohne  Grund  diese  Einteilung
doch^f 1  Buch:  moderne  Kapitalismus  (Bd  I,  S.51  ff.,Leipzig  1902)kritisiert,
fst  es  die  Frage,  ob  die,  die  er  vorschlägt,  dauerhafter  sein  wirdl
schier] 11  ha - t ’  8^ au üen  wir,  nicht  bemerkt,  daß  List  selbst  die  Aufzählung  der  verdes
  n en {f  wirtschaftlichen  Perioden  fast  vollständig  A.  Smith  entlehnt.  Im  V.  Kap.
Von  Jr"  Uches  ^ es  Völkerreichtums,  in  dem  er  voll  der  verschiedenen  Anwendung
diela  !f ltalien  spricht,  unterscheidet  er  gerade  drei  solcher  Entwicklungsperioden:
^annf  V'rtschaftliche,  die  manufaktur-landwirtschaftliche  und  die  landwirtschaftliche
man  a  VV'N^dds-Periode.  Smith  hält  die  letztere  für  die  vorteilhafteste;  nur  muß
der  tv 3,0  1  Blm ,  die  Verwirklichung  dieser  dritten  Periode  von  dem  „natürlichen  Lauf
Dinge“  erwarten.
hestim  f'  257,  Cotta -  Ausg.  1841.  Wir  treffen  hier  auf  die  Anwendung  eines  der  unwert
  (P  iir 11  UnC *  vicici^tigsten  Begriffe  der  Volkswirtschaft.  Es  wäre  wünschens-Sitreiti
  ! 6  Wissenschaft  überhaupt  von  ihm  zu  befreien.  Bekannt  ist,  zu  welchen
8  eiten  die  Idee  des  normalen  Lohnes  und  des  normalen  Preises  Anlaß  ge-
        <pb n="317" />
        294

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

wenn  sie  diesen  letzten  Zustand  erreicht  hat.  Hierunter  versteht  List,
daß  dies  das  Ideal  ist,  dem  eine  Nation  nachstreben  muß.  Nur  das  gestattet ­
  ihr,  eine  Flotte  zu  besitzen,  Kolonien  zu  gründen,  um  ihren  auswärtigen ­
  Handel  aufrecht  zu  erhalten  und  ihren  Einfluß  zu  erweitern.
Nur  auf  dieser  Stufe  kann  sie  eine  große  Bevölkerung  ernähren  und  dadurch
die  vollständige  Entwicklung  der  Wissenschaften  und  Künste,  die  Unabhängigkeit ­
  und  die  Macht  des  Landes  sicherstellen.  „Die  Idee  von
Independenz  und  Macht  entsteht  mit  dem  Begriff  der  Nation“ 1 ).  Allerdings ­
  können  nicht  alle  Nationen  zu  dieser  vollständigen  Entwicklung
gelangen.  Sie  setzt  voraus  ein  großes  Gebiet,  das  zahlreiche  natürliche
Hilfsquellen  besitzt,  und  ein  gemäßigtes  Klima,  das  die  Entwicklung  der
Manufaktur  gestattet 2 ).  Wenn  aber  alle  diese  Bedingungen  gegeben  sind,
ist  es  die  Aufgabe  der  Nation,  mit  allen  ihren  Kräften  diesem  Zustand
zuzustreben.  Deutschland  besitzt  sie  nun  im  höchsten  Grade,  und  es
hängt  nur  von  ihm  ab,  sein  Gebiet  noch  zu  erweitern.  List  verlangt  für
Deutschland,  Holland  und  Dänemark,  die  nach  seiner  Ansicht  dazu
kommen  werden,  „ihre  Einverleibung  in  eine  größere  Nationalität  als
wünschenswert  und  notwendig  zu  betrachten“,  und  die  er  gern  aus  freien
Stücken  in  den  deutschen  Bund  eintreten  sehen  möchte 3 ).
So  ist  für  ihn  der  Zweck  der  Handelspolitik  nicht  mehr,  wie  für
Smith,  einfach  die  Bereicherung  der  Nation.  Sie  soll  einem  vielfältigeren
Ideal  dienen,  das  zur  gleichen  Zeit  historisch  und  politisch  ist.  Dieses

geben  hat,  es  ist  eins  der  Verdienste  der  mathematischen  Schule,  an  seine  Stelle  den
Begriff  des  Gleichgewichtspreiscs  gesetzt  zu  haben.  Der  Begriff  von  einer  Normal-Nation
  ist  ebensowenig  genau,  wie  der  des  Normal-Lohnes,  und  es  ist  ganz  interessant
zu  sehen,  wie  List  als  „normal  ein  Ganzes  von  charakteristischen  Eigenschaften
beschreibt,  das,  wie  er  selbst  gesteht,  zurZeit  als  er  schrieb,  nur  eine  einzige  Nation,
England,  in  sich  vereinigte.
*)  S.  264,  Cotta.  Ausg.  1841.  Übrigens  vergißt  auch  Smith  den  Gedanken  der
nationalen  Macht  nicht,  wie  überzeugend  aus  der  folgenden  Stelle  hervorgeht.  „Der
Reichtum  und,  sofern  Macht  vom  Reichtum  abhängt,  die  Macht  eines  jeden  Landes
richtet  sich  immer  nach  dem  Wert  des  jährlichen  Produktes  Nun  ist  es  aber
der  große  Zweck  der  politischen  Ökonomie  jedes  Landes,  den  Reichtum ­
  und  die  Macht  dieses  Landes  zu  vermehren.“  (Völkorreichtum,
Bd.  I,  S.  219,  Bd.  II,  Kap.  V).
2 )  Über  die  industriellen  Aussichten  der  gemäßigten,  und  die  landwirtschaftlichen ­
  der  heißen  Zone  siehe:  Nat.  Syst.  Buch  II;  Kap.  XV.  d.  Cotta.  Ausg.  1841.
s )  Die  deutsche  Nationalität  wird  damit  zugleich  erlangen,  was  ihr  zurzeit  noch
fehlt,  nämlich  Fischereien  und  Seemacht,  Seehandel  und  Kolonien.  (Nat.  Syst.
S.  259,  Cotta.  Ausg.  1841).  Wie  man  sieht,  vereint  List  ohne  Mühe  patriotischen
Idealismus  und  positivste  Anschauungen.  Er  ist  während  des  Krieges  als  einer  der
Vorläufer  jenes  fessellosen  Nationalismus  betrachtet  worden,  der  das  Evangelium  des
Volkes  geworden  ist,  und  sich  in  der  Idee  „Mitteleuropas“  ausgedrückt  hat,  wie  Naumann ­
  es  in  seinem  berühmten  Buche  beschrieben  hat.  Vgl.  über  diesen  Zusammenhang
das  wichtige  Buch  von  C.  Andler,  Le  pangermanisme  Continental,  Paris  191Ö-
        <pb n="318" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  295

Ideal  verlangt,  als  grundlegende  Notwendigkeit,  die  Gründung  von  industriellen ­
  Unternehmungen.
b)  Diese  Notwendigkeit  erscheint  auch  noch  unter  einem  anderen
Gesichtspunkt.  Der  Reichtum  eines  Landes  läßt  sich  nicht  nur  im  gegenwärtigen ­
  Augenblick  beurteilen.  Es  genügt  nicht,  daß  die  Arbeit  und
die  Sparsamkeit  seiner  Bewohner  ihm  heute  eine  große  Menge  von  tauschbaren ­
  Werten  sichern.  Es  ist  außerdem  noch  notwendig,  daß  die  Quellen
der  Arbeit  und  der  Sparsamkeit  geschützt  und  die  Entwicklung  dieser
Tugenden  in  der  Zukunft  sichergestellt  werden;  denn  „die  Kraft,  Reichtümer
  zu  schaffen,  ist  .  .  .  unendlich  wichtiger,  als  der  Reichtum  selbst
(S.  201).  Es  ist  die  Pflicht  der  Nation,  für  die  Vermehrung  dessen  Sorge
zu  tragen,  was  List  mit  einem  etwas  unklaren  Ausdruck  die  „produktiven
Kräfte“  nennt,  und  zwar  noch  mehr  als  für  die  Vermehrung  der  tauschbaren ­
  Werte 1 );  sie  kann  für  den  Augenblick  die  Vermehrung  der  letzteren
opfern,  um  die  ersteren  aufrecht  zu  erhalten.  Was  er  unter  diesen  Ausdrücken ­
  versteht,  ist  einfach  der  Zwiespalt  zwischen  einer  Politik,  die  die
Zukunft  der  Nation  im  Auge  hat,  und  einer  Politik,  die  nur  der  Gegenwart
Rechnung  trägt.  „Die  Nation  muß  materielle  Güter  aufopfern  und  entbehren, ­
  um  geistige  oder  gesellschaftliche  Kräfte  zu  erwerben;  sie  muß
gegenwärtige  Vorteile  auf  opfern,  um  sich  zukünftige  zu  sichern“ 2 ).
Welches  sind  nun  diese  produktiven  Kräfte,  die  die  beständige  Quelle
des  nationalen  Wohlstandes  und  die  Grundlage  seines  Fortschritts  vorstellen? ­

List  führt  zunächst  mit  ganz  besonderem  Nachdruck  die  moralischen
uu d  politischen  Einrichtungen  an:  Gedanken-  und  Gewissensfreiheit,
breiheit  der  Presse,  Geschworenengerichte,  Öffentlichkeit  des  Gerichts-Gosens,
  Kontrolle  der  Verwaltung,  parlamentarische  Regierung.  Das  alles
wirkt  auf  die  Arbeit  des  Individuum  anregend  und  heilsam.  Er  wird
nicht  müde,  auf  die  Verluste  an  Reichtümern  hinzuweisen,  die  die  Aufhebung ­
  des  Ediktes  von  Nantes  verursacht  hat,  oder  auf  die,  die  auf
Rechnung  der  spanischen  Inquisition  zu  setzen  sind,  die,  so  sagt  er,  „längst

l )  Gern  stellt  List  den  Begriff  der  Tauschwerte  und  den  der  produktiven  Kräfte
«’hander  gegenüber.  Diese  Gegenüberstellung  ist  aber  nicht  glücklich.  Denn  die  Uberegenlieit
  einer  Politik,  die  die  produktiven  Kräfte  fördert,  hat  kein  anderes  Mittel,
cn  Nachweis  ihrer  Überlegenheit  zu  erbringen,  als  gerade  durch  die  Vermehrung  der
rauschwerte.  Die  beiden  Begriffe  stehen  daher  in  keinem  Widerspruch,  und  bei  einer
Schätzung  des  Reichtums  eines  Landes  müssen  sowohl  sein  gegenwärtiger  Reichtum

seine  zukünftigen  Hilfsquellen  in  Betracht  gezogen  werden.  In  seinen  Briefen
n  Ingersoll  (vgl.  bes  Brief  IV)  stellt  er  das  natürliche  Kapital  und  das  mtellek-.
  el K  Kapital  dem  Kapital  der  produktiven  Materialien  gegenüber  (das
e ! n2 ‘ge,  das  nach  seiner  Ansicht  A.  Smith  im  Auge  liatl);  „die  produktiven  Kräfte
«'ner  N a ti on  hängen  nicht  nur  von  diesem  letzteren,  sondern  auch  und  hauptsächlich
° n  d « n  beiden  ersteren  ab.“
i  Nat.  Syst.  Ausg.  Cotta  1841,  S.  216.
        <pb n="319" />
        296

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

über  die  spanischen  Flotten  das  Todesurteil  gesprochen  hatte,  ehe  es  von
den  Flotten  Englands  und  Hollands  vollzogen  ward“  (S.  172).  Nicht
ohne  Ungerechtigkeit 1 )  wirft  er  Smith  und  seiner  Schule  „Materialismus“
vor,  weil  sie  diese  mächtigen  Imponderabilien  übersehen  haben.
Unter  allen  produktiven  Kräften  einer  Nation  ist  aber  in  seinen
Augen  keine  ergiebiger,  als  die  Manufaktur.  Die  Fabriken  entwickeln
zunächst  im  höchsten  Grade  die  moralischen  Kräfte  der  Nation.  „Der
Geist  des  Strebens  nach  steter  Vermehrung  der  geistigen  und  materiellen
Güter,  des  Wetteifers  und  der  Freiheit  charakterisiert  den  Manufakturund
  Handelsstaat;  während  beim  rohen  Ackerbau  Geistesträgheit  und
körperliche  Unbeholfenheit  herrscht,  Festhalten  an  alten  Begriffen,  Gewohnheiten, ­
  Gebräuchen  und  Verfahrungsweisen,  Mangel  an  Bildung,
Wohlstand  und  Freiheit“  (S.  284).  Viel  besser  als  die  Landwirtschaft
gestatten  die  Fabriken  die  Verwertung  aller  materiellen  Hilfsmittel  eines
Landes,  wie  Wasser,  Wind,  Mineralien  und  Brennstoffe.  Das  Bestehen
von  Fabriken  ist  aber  auch  ein  kräftiger  Ansporn  für  die  Landwirte;  sie
profitieren  noch  mehr  dabei  als  die  Fabrikanten,  und  zwar  durch  das  Steigen
der  Bodenrente,  der  Gewinne  und  der  landwirtschaftlichen  Löhne,  die  der
wachsende  Bedarf  an  Bodenprodukten  hervorruft.  Außerdem  sind  die
Fabriken  ein  beständiger  Markt  für  die  Landwirtschaft,  den  weder  Krisen
noch  Einfuhrverbote  sperren  können,  wie  dies  mit  fremden  Märkten  gel ­
 )  Wir  sagen  „nicht  ohne  Ungerechtigkeit“,  denn  Smith  hat  mehr  als  einmal
diese  moralischen  Kräfte  in  Betracht  gezogen.  Er  läßt  den  Aufschwung  der  englischen
Landwirtschaft  mit  dem  Zeitpunkt  zusammenfallen,  an  dem  die  Pächter,  da  sie  Pachtverträge ­
  über  längere  Zeit  erhalten  hatten,  sich  von  der  Abhängigkeit  von  ihren  Grundbesitzern ­
  befreien.  Er  weist  darauf  hin,  daß  die  Städte  schneller  zu  Wohlstand  gelangten
als  das  platte  Land,  weil  sich  in  ihnen  eine  regelmäßige  Regierung  eher  gebildet  hat.
Den  besten  Einfluß,  den  Handel  und  Industrie  gehabt  haben,  sagt  er  an  anderer  Stelle,
besteht  darin,  daß  sie  „nach  und  nach  Ordnung  und  eine  gute  Regierung  und  hiermit
zugleich  Freiheit  und  Sicherheit  der  Personen  unter  den  Landbewohnern“  eingeführt
haben  ...  „Diese  Wirkung  ist,  so  wenig  man  auch  auf  sie  Acht  gehabt  hat,  doch  die
wichtigste  unter  allen.  Hume  ist,  soviel  ich  weiß,  bis  jetzt  der  einzige  Schriftsteller,
der  sie  ins  Auge  gefaßt  hat.“  (Völkerreichtum,  Bd.  I,  S.  238,  Bd.  III,  Kap.  IV.)
Dort,  wo  er  von  den  amerikanischen  Kolonien  spricht  (Bd.  II,  S.  90,  Bd.  IV,  Kap.  VII),
weist  er  darauf  hin,  daß  trotz  ihrer  im  Vergleich  zu  den  spanischen,  portugiesischen
oder  französischen  Kolonien  geringeren  Fruchtbarkeit  „die  politische  Verfassung
der  englischen  Kolonien  dem  Anbau  und  der  Kultur  des  Landes  günstiger  gewesen  ist,
als  die  Verfassung  irgendeiner  Kolonie  der  drei  anderen  Nationen“.  Und  wie  sollte
man  endlich  noch  die  berühmte  Stelle  vergessen,  in  der  Smith  den  Wohlstand  Großbritanniens ­
  im  wesentlichen  auf  die  Gesetze  zurückführt,  die  einem  jeden  die  Früchte
seiner  Arbeit  garantieren,  wobei  er  besonders  die  Revolution  von  1688  hervorhebt  1
„Die  Sicherheit,  welche  die  Gesetze  Großbritanniens  jedermann  im  Genuß  der  Früchte
seiner  Arbeit  geben,  ist  allein  hinreichend,  diesen  und  zwanzig  anderen  törichten  Handelsmaßregeln ­
  zum  Trotz  ein  Land  blühend  zu  machen;  und  diese  Sicherheit  wurde  durc
die  Revolution  fast  eben  zu  der  Zeit,  wo  die  Prämie  eingeführt  wurde  vollkommen
hergestellt“  (sc.  Ausfuhrprämie  auf  Getreide).  (Völkerreichtum,  Bd.  II,  S-Bd.
  IV,  Kap.  V.)
        <pb n="320" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.

schieht.  Weiterhin  schaffen  die  Fabriken  Nachfrage  nach  verschiedenen
Produkten,  die  eine  Abwechslung  in  der  Bewirtschaftung  des  Landes
gestattet  und  so  eine  Verteilung  der  landwirtschaftlichen  Aufgaben  unter
den  Bezirken  gemäß  ihrer  natürlichen  Beschaffenheit  herstellt,  während
in  dem  reinen  Agrarzustand  ein  jeder  für  seinen  persönlichen  Verbrauch
produziert,  ohne  daß  sich  die  Arbeitsteilung  mit  ihrer  enormen  Produktivität ­
  einstellen  kann 1 ).
Für  List  wie  für  Smith  ist  die  Industrie  daher  nicht  nur  das  natürliche ­
  Ergebnis  der  Arbeit  und  der  Sparsamkeit.  Sie  ist  selbst  eine  soziale
Kraft,  eine  Schöpferin  von  Kapital  und  individueller  Arbeit.  Sie  verdient,
se i  es  auch  um  den  Preis  einer  vorübergehenden  Störung,  in  ein  Land
aus  den  gleichen  Gründen,  wie  liberale  Einrichtungen,  eingeführt  zu
werden,  als  eine  fruchtbare  Quelle  späteren  Reichtums.  In  einem  prachtvollen ­
  Vergleich,  der  würdig  ist,  in  dem  Buch  klassischer  Bilder  der
Nationalökonomie  aufbewahrt  zu  werden,  ruft  er  aus:  „Es  ist  wahr,  die
Erfahrung  lehrt,  daß  der  Wind  den  Samen  aus  einer  Gegend  in  die  andere
tr ägt,  und  daß  auf  diese  Weise  öde  Heiden  in  dichte  Wälder  verwandelt
worden  sind;  wäre  es  aber  darum  weise,  wenn  der  Forstwirt  zuwarten
wollte,  bis  der  Wind  im  Lauf  von  Jahrhunderten  diese  Kulturverbesserung
bewirkt?  Wäre  es  töricht,  wenn  er  durch  Besamung  öder  Strecken  diesen
j^weck  im  Lauf  weniger  Jahrzehnte  zu  erreichen  sucht?  Die  Geschichte
p  rt  uns ’  daß  ganze  Nationen  mit  Erfolg  getan  haben,  was  wir  diesen
l-orstmann  tun  sehen“ 2 ).  Das  Mittel,  das  sie  angewendet  haben,  war
der  Zolltarif.
Indem  er  sich  auf  diesen  Gesichtspunkt  stellt,  schlägt  er  seinen
Gegnern  ihre  stärksten  Waffen  aus  der  Hand.  Alles,  was  man  ihm  vorwerfen ­
  kann,  ist,  daß  die  Fabriken  ihre  volle  Wirkung  nur  dann  ausüben,
wenn  sie  schon  ihre  Existenzberechtigung  in  der  natürlichen  Entwicklung
ß r  Nation  gefunden  haben,  wenn  sie  zu  ihrer  Errichtung  keine  allzu
schweren  Opfer  verlangen,  —  mit  einem  Wort,  wenn  der  Platz,  auf  dem
er  Pörster  seinen  Samen  pflanzen  will,  bereit  ist,  ihn  zu  empfangen.
Was  vorausgeht,  läßt  schon  vermuten,  daß  die  LisEsche  Auffassung
v °. m  Schutzzoll  ihre  eigenartigen  Züge  aufweist.  Er  ist  nicht  ein  Universal-;
 r ‘ ltt( d-  das  man  gleichmäßig  auf  alle  Länder,  auf  alle  Epochen  und  auf
cU  e  Erzeugnisse  anwenden  kann.  Er  ist  ein  besonderes  Verfahren,  das
seine  Berechtigung  nur  unter  ganz  bestimmten  Umständen  und  unter
gewissen  bestimmten  Bedingungen  hat.  Im  Folgenden  geben  wir  die
au ptzüge  dieses  Schutzzollsystems  wieder,  wie  er  selbst  sie  definiert  hat:
1-  Das  System  des  Schutzzolls  ist  nur  in  einem  einzigen  Fall  begütigt; ­
  wenn  sein  Zweck  die  industrielle  Erziehung  einer  Nation
zieh  *1  Vgi '  d* e  Kap.  XVII  bis  XXV,  in  denen  er  die  Manufakturkraft  in  ihren  Bem
 it  einer  jeden  der  großen  industriellen  Kräfte  eines  Landes  untersucht,
&amp;gt;  Nat.  Syst.  S.  174,  Cotta.  Ausg.  1841.

lf  ff
        <pb n="321" />
        298

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

ist 1 ).  Es  ist  daher  nicht  am  Platze,  wenn  es  sich  um  eine  Nation,  wie  die
englische  handelt,  deren  Erziehung  in  dieser  Hinsicht  schon  abgeschlossen
ist,  und  ebensowenig  bei  einer  Nation,  die  keine  Fähigkeiten  und  keine
natürlichen  Hilfsmittel  hat,  die  ihr  gestatteten,  für  die  Zukunft  eine
industrielle  Entwicklung  zu  erhoffen.  Hierher  gehören  die  Nationen  der
tropischen  Zone,  die  auf  die  Landwirtschaft  beschränkt  zu  sein  scheinen,
während  die  Nationen  der  gemäßigten  Zonen  die  Möglichkeit  der  verschiedensten ­
  Produktionszweige  haben 2 ).
2.  Weiterhin  läßt  sich  der  Schutzzoll  nur  dann  rechtfertigen,  wenn  die
Nation,  um  die  es  sich  handelt,  in  ihrem  Fortschritt  durch  die  Konkurrenz
einer  machtvollen,  ausländischen  und  schon  weiter  entwickelten  Manufaktur ­
  behindert  wird 3 ).  Sie  befindet  sich  dann  in  der  Lage  „eines  Kindes
oder  Knaben  im  Ringkampf  mit  einem  erstarkten  Mann“,  und  wird
„schwerlich  obsiegen  oder  auch  nur  Widerstand  leisten  können“ 4 ).  Das
ist  gerade  der  Fall,  in  dem  sich  Deutschland  England  gegenüber  befindet.
Es  ist  höchst  lehrreich,  in  seinen  Briefen  an  Inueksoli,  die  Beschreibung,
die  er  von  dem  „dumping“  gibt,  zu  lesen,  dessen  Anwendung  heute  so
oft  den  Trusts  vorgeworfen  wird,  und  das  darin  besteht,  im  Auslande  die
Waren  billig  loszuschlagen,  deren  Preis  im  Inlande  hochgehalten  wird 5  *  *  *  *  10 ).

1 )  Nat.  Syst.  S.  272,  Cotta.  Ausg.  1841.
2 )  Ebenda,  S.  433  sagt  List:  „Im  Allgemeinen  dürfte  anzunehmen  sein,  daß
da,  wo  eine  Gewerbsindustrie  bei  einem  anfänglichen  Schutz  von  40  bis  60  Prozent
nicht  aufkommen  kann,  und  bei  einem  fortgesetzten  Sehutz  von  20  bis  30  Prozent
sich  nicht  auf  die  Dauer  behaupten  kann,  die  Grundbedingungen  der  Manufaktur
fehlen.“
3 )  Nat.  Syst.  S.  261,  Cotta.  Ausg.  1841.  „Einzig  bei  Nationen  der  letzteren
Art,nämlich  bei  denjenigen,  welche  alle  erforderlichen  geistigen  und  materiellen  Eigenschaften ­
  und  Mittel  besitzen,  um  eine  eigene  Manufakturkraft  zu  pflanzen  und  dadurch
den  höchsten  Grad  von  Zivilisation  und  Bildung,  von  materiellem  Wohlstand  und
politischer  Macht  zu  erstreben,  welche  aber  durch  die  Konkurrenz  einer  bereits  weiter
vorgerückten  auswärtigen  Manufakturkraft  in  ihren  Fortschritten  aufgehalten  werden,—
nur  bei  solchen  ist  die  Handelsbeschränkung  zum  Zweck  der  Pflanzung  und  Beschützung
einer  eigenen  Manufakturkraft  zu  rechtfertigen  ..  .“
*)  Nat.  Syst.  S.  146,  Cotta.  Ausg.  1841.  i
5 )  „Ein  jeder  weiß,  sagt  er  (nach  Hirst,  op.  cit.  infra,  S.  231ff.),  daß  die  Produktionskosten ­
  in  einer  Manufaktur  stark  von  der  erzeugten  Menge  abhängen  (Gesetz
des  wachsenden  Ertrages!)  ..  .  Dieser  Umstand  hat  einen  großen  Einfluß  auf  den
Aufschwung  oder  den  Niedergang  der  Manufakturkraft.  Wenn  einem  englischen
Fabrikanten  ausreichende  Absatzwege  im  Inland  garantiert  sind,  so  wird  ihm  damit
gewöhnlich  ein  regelmäßiger  Absatz  der  zum  Unterhalt  seiner  Manufaktur  nötigen
Menge  garantiert  (z.  B.  10  000  yards  zu  6  Dollar)  ...  Da  seine  Kosten  schon  durch
diesen  inländischen  Verkauf  gedeckt  sind,  werden  die  Herstellungskosten  für  weitere
10  000  yards  für  den  ausländischen  Markt  weniger  hoch,  und  er  erzielt  noch  einen
Gewinn,  wenn  er  sie  zu  4  und  sogar  nur  3  Dollar  den  Yard  verkauft  ..  .  Und  noch
besserer  kann  sich  einen  Profit  für  dieZukunft  schaffen,  sogar  wenn  er  für  denAugen*
blick  nichts  gewinnt,“  (indem  er  durch  seine  niedrigen  Preise  die  ausländischen  Fabrikanten ­
  ruiniert  und  später  an  ihre  Stelle  tritt).  —  Es  ist  das  ein  Beweis,  schließt  List,
        <pb n="322" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  299
3.  Und  auch  dann  ist  der  Schutzzoll  nur  gerechtfertigt  „solange,
bis  die  Manufaktur  zureichend  erstarkt  ist,  um  die  fremde  Konkurrenz
nicht  mehr  fürchten  zu  dürfen,  und  von  da  an  darf  der  Schutzzoll  „nur
insoweit“  angewendet  werden,  als  nötig  ist,  um  die  inländische  Manufakturkraft ­
  in  ihren  Wurzeln  zu  beschützen“ 1 ).
4.  Schließlich  darf  sich  der  Schutzzoll  niemals  auf  die  Landwirtschaft
erstrecken.  Die  Gründe  hierfür  sind,  daß  auf  der  einen  Seite  der  Wohlstand
der  Landwirtschaft  in  hohem  Maße  von  dem  Fortschritte  der  Fabriken
abhängt.  Der  Schutz  der  Fabriken  nützt  indirekt  der  Landwirtschaft,
während  die  Preiserhöhung  der  Rohstoffe  und  Lebensmittel  der  Industrie
schaden  würde.  Weiterhin  besteht  eine  natürliche  und  besonders  vorteilhafte ­
  Scheidung  der  Bodenkulturen  zwischen  den  verschiedenen  Ländern,
eine  Scheidung,  die  mit  den  ursprünglichen  Eigenschaften  ihres  Bodens
zusammenhängt,  und  die  der  Schutzzoll  nur  stören  kann.  Diese  natürlichen ­
  Unterschiede  bestehen  aber  nicht  für  die  Fabriken,  „für  die  alle
Nationen  der  gemäßigten  Zonen  .  .  .  gleichmäßig  befähigt  sind“ 2 ).
Man  würde  jedoch  einige  Mühe  haben,  diesen  plötzlichen  Umschwung
List’s  zugunsten  des  landwirtschaftlichen  Freihandels  zu  verstehen,  wenn
man  sich  nicht  vor  Augen  hielte  (wie  dies  bei  vielen  anderen  Punkten
seines  Systems  notwendig  ist),  daß  er  stets  nur  an  die  besondere  Lage
Deutschlands  denkt.  Damals  war  Deutschland  ein  Getreideausfuhrland
und  litt  daher  unter  den  englischen  Getreidezöllen.  Der  deutsche  Landwirt ­
  brauchte  keinen  Schutz,  sondern  Absatzgebiete;  List  würde  glücklich
gewesen  sein,  wenn  er  England  zur  Abschaffung  seiner  „Corn-Laws“  hätte
bereden  können.  1879,  mit  dem  Tage,  an  dem  die  Landwirte  sich  durch
‘Ile  fremde  Konkurrenz  bedroht  glaubten,  ist  der  landwirtschaftliche
Schutzzoll  in  Deutschland  von  Neuem  auf  geblüht.
für  die  Unmöglichkeit,  in  der  sich  die  Fabrikanten  eines  neuen  Landes  befinden,  aus
C'genen  Kräften  und  ohne  Schutzzölle  gegen  die  Konkurrenz  der  Länder  mit  alter
Industrie  zu  kämpfen.  Dieses  Argument  ist  in  den  letzten  Jahren  am  häufigsten  von
den  englischen  Schutzzöllnern  angewendet  worden,  um  sich  gegen  die  amerikanische
Industrie,  und  seit  dem  Kriege  von  allen  Völkern,  gegenüber  der  deutschen  Konkurrenz,
Zu  verteidigen!  Was  würde  List  zu  dieser  Umkehrung  der  Dinge  sagen  ?  ^
l )  Nat.  Syst.  S.  261,  Cotta.  Ausg.  1841  und  im  ganzen  XVI  Kap.  (Buch  11),
wo  er  unter  anderem,  auf  Seite431  sagt:  „Es  wäre  fehlerhaft,  wenn  Frankreich,  naclie
 m  seine  Manufakturkraft  zureichend  erstarkt  ist,  nicht  nach  und  nach  zum  gemäßigten
Schutzzoll  überginge,  wenn  es  nicht  durch  Zulassung  einer  beschränkten  Konkurrenz
Seine  Manufakturisten  zur  Nacheiferung  anzuspornen  trachten  wurde.
...^  *)  Nat.  Syst.  S.  304  und  besonders  auf  S.  306  u.  f.  (Cotta.  Ausg.  1841)  wo  er
Plötzlich  die  Taktik  wechselt  und  alle  die  Argumente,  die  die  Freihändler  auf  die  Geilheit ­
  der  Produkte  anwenden,  für  sich  zugunsten  des  landwirtschaftlichen  Freihandels ­
  in  Anspruch  nimmt.  Vgl.  auch  S.  460  (Ausg.  IIausseh),  wo  er  schreibt,  daß
h‘o  Landwirtschaft  „genügend  durch  die  Natur  der  Dinge  gegen  die  ausländische  Konkurrenz
  geschützt  sei“.
        <pb n="323" />
        300

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

§  2.  Die  Quellen  List’s.  —  Sein  Einfluß  auf  die  späteren
schutzzöllnerischen  Lehren.
Man  hat  viel  über  den  Ursprung  der  schutzzöllnerischen  Ideen  List’s
gestritten.  Schon  in  Frankreich  hatte  unser  Schriftsteller  in  den  Werken
Dupin’s  und  Ciiaptal’s  Gründe  für  seine  These  gefunden.  Er  wurde  aber
in  seiner  ablehnenden  Haltung  gegenüber  dem  Laisser-faire  von  den
Männern,  mit  denen  er  in  Amerika  in  Berührung  kam,  bestärkt.  Er  trat
dort  nämlich  in  enge  Beziehungen  zu  den  Mitgliedern  der  „Gesellschaft
von  Philadelphia  zur  Stärkung  der  nationalen  Industrie“.  Diese  Gesellschaft ­
  war  von  dem  amerikanischen  Staatsmann  Hamilton  gegründet
worden,  dem  Verfasser  des  berühmten  „Report  on  manufactures“,  in  dem
schon  1791  dargelegt  wurde,  daß  es  für  die  Vereinigten  Staaten  notwendig
sei,  den  Aufschwung  ihrer  jungen  Industrie  durch  Zollschranken  zu  begünstigen ­
 1 ).  Hamilton’s  Argumente,  die  List  aller  Wahrscheinlichkeit
nach  gekannt  hat,  zeigen  oft  eine  auffallende  Ähnlichkeit  mit  denen  des
nationalen  Systems 2 ).  Die  Gesellschaft  von  Philadelphia,  an  deren

9  Da  es  uns  unmöglich  gewesen  ist,  uns  die  Werke  Hamilton’s  zu  verschaffen,
geben  wir  hier  nach  Bastable  (Commerce  of  Nations,  2.  Ausg.,  London  1899,
S.  120)  die  wichtigsten  Argumente  des  Report  über  die  Vorteile  der  Industrie.  Sie
gestattet  eine  größere  Arbeitsteilung;  sie  liefert  denen  Beschäftigung,  die  keine  haben;
sie  gibt  einen  regelmäßigeren  Markt,  als  die  ausländischen  Länder;  sie  begünstigt  die
Einwanderung.
2 )  Auch  ist  es  sehr  wahrscheinlich,  daß  List  die  Werke  eines  anderen  amerikanischen ­
  Schutzzöllners,  Daniel  Raymond  gelesen  hat,  dessen  Thoughts  on  political
Economy  1820  erschienen  und  vier  Auflagen  hatten.  (  Vgl.  Daniel  Raymond  von
Charles  Patrick  Neill,  Baltimore  1897).  Es  ist  das  die  Meinung  der  meisten,  die
sich  in  diesen  letzten  Jahren  mit  List  beschäftigt  haben;  Frl.  Hirst  in  ihrem  Buch:
Life  of  Friedrich  List  und  Kurt  Köhler  in  seinem  Werk:  Problematisches
zu  Friedri  ch  List  (Leipzig  1909).  Es  erscheint  uns  aber  sehr  übertrieben,  in  Raymond
(wie  es  z.  B.  Rambaud  in  seiner  Histoire  des  doctrines  getan  hat),  den  stärksten
Beeinflusser  List’s  zu  sehen.  Abgesehen  davon,  daß  die  Gedanken  Raymond’s  nichts
besonders  Selbständiges  an  sich  haben,  und  daß  List  in  den  Vereinigten  Staaten  in
einer  Umgebung  von  Schutzzöllnern  lebte,  in  der  diese  Gedanken  gang  und  gäbe
waren,  muß  darauf  hingewiesen  werden,  daß  List  ihn  nie  zitiert.  Dagegen  erwähnt
er  sehr  oft,  höchst  lobend  (und  zwar  schon  in  seinen  Briefen  an  Inger  so  11),  die  beiden
französischen  Schriftsteller  Dupin  und  Chaptal.  Der  Ausdruck  „produktive  Kräfte“
(forces  productives)  findet  sich  schon  in  dem  Werk  des  Baron  Dupin:  Situation
progressive  des  forces  de  !a  France  (Paris  1827)  im  ersten  Satz:  „Hiermit
übergebe  ich  der  Öffentlichkeit  die  Einführung  eines  Werkes,  überschrieben:  Forces
productives  et  commerciales  de  la  France.  So  nenne  ich  die  vereinigten
Kräfte  des  Menschen,  der  Tiere  und  der  Natur,  die  sich  in  Frankreich  mit  der  Landwirtschaft, ­
  den  Werkstätten  und  dem  Handel  befassen.“  Ebenso  findet  sich  schon
der  Gedanke  des  Schutzzolls  für  entstehende  Industrien  klar  bei  Chaptal  ausgedrückt. ­
  1819  in  De  l’Industrie  frangaise  kann  man  auf  Seite  XLVI  der  Vorrede ­
  lesen:  „Man  hat  sich  recht  bald  überzeugt,  daß  es  nicht  immer  genügt,  die  natürlichen ­
  Hindernisse  überwinden  zu  wollen,  die  sich  einer  Entwicklung  der  Industrie
        <pb n="324" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  301
Spitze  damals  Mathieu  Carey  (der  Vater  des  Volkswirtschaftlers,  von
dem  wir  weiter  unten  sprechen  werden)  stand,  führte  zur  Zeit  der  Ankunft
List’s  in  Amerika  einen  lebhaften  Feldzug  zugunsten  einer  Erhöhung  der
Zolltarife.  Der  Vizevorsitzende  der  Gesellschaft,  Ingersoll,  überredete
den  Gast,  an  diesem  Feldzug  teilzunehmen,  was  List  in  einer  Reihe  von
Briefen  tat,  die  1827  veröffentlicht  wurden  und  großes  Aufsehen  erregten 1 ).
Diese  Briefe  enthalten,  kurz  zusammengedrängt,  all  das,  was  er  in  dem
nationalen  System  ausführlicher  darlegen  sollte.  Er  preist  hier  schon
für  Amerika  dieselbe  Politik,  die  er  einige  Jahre  später  den  Deutschen
empfahl.
Doch  ist  List  mehr  von  Tatsachen  als  von  Büchern  beeinflußt  worden.
Seinem  praktischen  und  scharf  beobachtenden  Geiste  fiel  besonders  der
materielle  Erfolg  auf,  den  der  amerikanische  Schutzzoll  mit  sich  gebracht
hatte.  Ebenso  hatten  die  günstigen  Wirkungen,  die  die  erzwungene
Kontinentalsperre  für  Deutschland  gehabt  hatte,  ihren  Eindruck  auf  ihn
nicht  verfehlt 2 ).
entgegensetzen;  fast  überall  ist  man  zu  der  Einsicht  gelangt,  daß  entstehende
Manufakturen  nicht  gegen  Unternehmungen  ankämpfen  können,  die  die  Zeit  fest
gegründet  hat,  die  von  reichen  Kapitalien  genährt  und  sorgfältig  unterhalten  werden,
n&amp;lt; (die  mit  einem  bedeutenden  Aufgebot  anjgeschulten  und  geübten  Künstlern  arbeiten,
?°  (  a ^  m an  dazu  gezwungen  worden  ist,  auf  Schutzzölle  zurückzugreifen,  um  die  Konur
 renz  der  ausländischen  Industrien  auszuschalten.“
o  ,  .  ist  sicher,  daß  List  schon  bei  seinem  ersten  Aufenthalt  in  Frankreich  diese
uutsteller  gelesen  und  dort  die  Bestätigung  seiner  eigenen  protektionistischen
®&amp;lt;m  gefunden  hatte.  Nicht  weniger  sicher  ist,  wie  ein  im  April  1825  geschriebener
wo  1  V °' n  *^ ra  (Birst,  op.  cit.  infraS.  33),  daß  er  nicht  erst  in  Amerika  bekehrt
g  rUeu  * st &amp;gt;  sondern  im  Gegenteil  hoffte,  dort  für  seine  schon  alte  Gegnerschaft  gegen
in  ™  Bestätigungen  durch  neue  Argumente  zu  finden.  Die  Behauptung  Marx’,  die  er
„  Se ’ nen  Theorien  über  den  Mehrwert  (Bd.  I,  S.  339,1905  von  Kautsky  heraus-^
  geben,  Stuttgart)  aufstellt,  wonach  die  hauptsächlichste  Quelle  List’s  Ferrier
1805?° UVerneraen *'  considere  dans  ses  rapports  avec  le  commerce  (Paris
Woll  &amp;gt;  ^ ewesen  se b  ist  einfach  aus  der  Luft  gegriffen.  So  hat  man  auch  behaupten
A  ' U1 \List  den  Gedanken  der  Nationalität  als  Grundlage  der  Volkswirtschaft
Sch  ■ f f; ÜLLER  entlehnt  habe.  Allerdings  ist  List  mit  A.  Müller  (einem  katholischen
getr  *ff  B ^ er ’  ^ er  c * er  Wiederherstellung  des  Foudal-Systems  günstig  war)  zusammen-;
 n  ( ,°  ® n •  Doch  es  genügte,  als  Deutscher  im  19.  Jahrhundert  zu  schreiben,  um  bis
lass' 6  .'T* oc üen  von  dem  Gedanken  der  Nationalität  durchdrungen  zu  sein.  Wir  unter-Yoj^h
  a  )er  n &amp;gt;cht,  darauf  hinzuweisen,  daß  die  Argumente  des  Schutzzollsystems  kaum
in  ih e, «P-he  zur  anderen  fühlbar  verschieden  sein  können  und  notwendigerweise
liinf  161  Zahl  beschränkt  sind.  Nichts  ist  daher  leichter,  als  für  Friedrich  List  VorauIer
  zu  finden.
°f  d  l. In .  Buchform  herausgegeben  unter  dem  Titel:  Outlines  of  a  new  System
Charl*  1 ^ ca ^  e conomy,  in  a  series  of  lettres  addressed  by  F.  List  to
H  Ingersoll,  Philadelphia  1827.  Dieses  Werk  findet  sich  nicht  in  den  von
,,Li[ SEK f iU ' rausge S e benen  Werken  List’s,  ist  aber  vollständig  in  dem  interessanten
h’altJ!  ° T f  Friedrich  List“,  das  von  Margaret  E.  Hirst  veröffentlicht  wurde,  entien

  (London  1909,  331  Seiten).
)  Wie

zum  p  Wie  er  sa S fc  (Briefe  an  Ingersoll,  S.  173)  ist  es  diese  Tatsache  gewesen,  die  ihn
Protektionismus  bekehrt  hat,  obgleich  er  vorher  Anhänger  Smith’s  und  Say’s  war.
        <pb n="325" />
        302

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Weit  davon  entfernt,  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  der  Vereinigten
Staaten  zu  schaden,  schien  das  Schutzzollsystem  sie  im  Gegenteil  begünstigt ­
  zu  haben.  In  Wirklichkeit  wurde  dadurch  nur  eine  Entwicklung
um  einige  Jahre  beschleunigt,  die  die  Natur  selbst  eines  Tages  in  diesem
riesigen  Lande  hervorrufen  mußte,  das  in  so  wunderbarer  Weise  mit
menschlicher  Energie  und  natürlichen  Hilfsquellen  gesegnet  ist,  und  wo
kein  noch  so  fehlerhaftes  System  die  Vermehrung  des  Reichtums  hätte
lange  aufhalten  können.  Gestattete  nun  die  Ähnlichkeit  der  Lage  in
Deutschland  und  Amerika  nicht  die  Hoffnung,  daß  der  gleiche  Versuch
auf  einem  so  ähnlichen  Boden  von  Erfolg  begleitet  sein  würde?
So  ist  das  System  List’s  das  erste,  in  dem  der  Einfluß  der  wirtschaftlichen ­
  Versuche  der  Neuen  Welt  auf  die  europäische  Gedankenwelt  zutage ­
  tritt.
Er  führte  dies  selbst  in  einer  sehr  schönen  Stelle  seines  Buches  aus:
„Als  mich  mein  Schicksal“,  schreibt  er,  „später  nach  Nordamerika  führte,
ließ  ich  alle  Bücher  zurück.  Das  beste  Werk,  das  man  in  diesem  Lande
über  politische  Ökonomie  lesen  kann,  ist  das  Leben.  Wildnisse  sieht  man
hier  reiche  und  mächtige  Staaten  werden  ...  ein  Prozeß,  der  in  Europa
eine  Reihe  von  Jahrhunderten  nahm,  geht  hier  vor  unseren  Augen  vor
sich  —  nämlich  der  Übergang  aus  dem  wilden  Zustand  in  den  der  Viehzucht ­
  und  aus  diesem  in  den  Agrikulturzustand,  und  aus  diesem  wieder
in  den  Manufaktur-  und  Handelsstand.  Hier  kann  man  beobachten,
wie  die  Rente  aus  dem  Nichts  allmählich  zur  Bedeutendheit  erwächst.
Hier  versteht  der  einfache  Bauer  sich  praktisch  besser  auf  die  Mittel,  die
Agrikultur  und  die  Rente  zu  heben,  als  die  scharfsinnigsten  Gelehrten
der  alten  Welt;  —  er  sucht  Manufakturisten  und  Fabrikanten  in  seine
Nähe  zu  ziehen.  Hier  treten  die  Gegensätze  zwischen  Agrikultur-  und
Manufakturnationen  einander  aufs  schneidendste  gegenüber  und  verursachen ­
  die  gewaltigsten  Konvulsionen.  Nirgends  so  wie  hier  lernt  man
die  Natur  der  Transportmittel  und  ihre  Wirkung  auf  das  geistige  und
materielle  Leben  der  Völker  kennen.  Dieses  Buch  habe  ich  begierig  und
fleißig  gelesen  und  die  daraus  geschöpften  Lehren  mit  den  Resultaten
meiner  früheren  Studien,  Erfahrungen  und  Reflexionen  in  Einklang  zU
stellen  gesucht“ 1 ).

Wenn  sich  in  dieser  Hinsicht  der  LisHsche  Protektionismus  an  das
Schauspiel  des  modernen  Wirtschaftslebens  anschließt,  so  verbindet  ihn
offenbar  eine  noch  engere  Verwandtschaft  mit  dem  früheren  Merkantilismus. ­
  List  hat  denn  auch  seine  Bewunderung  für  die  Merkantilisten  und
besonders  für  Cölbert  niemals  verleugnet.  Er  beschuldigte  Smith  und
Say,  sie  verkannt  zu  haben,  und  behauptete  von  ihnen,  daß  sie  viel  eher
den  Namen  Merkantilisten  verdienten,  da  sie  die  krämerhafte,  kindliche

x )  Nat.  Syst.  Ausg.  Cotta,  1841,  SS.  XVI  u.  XVII,  Vorwort.
        <pb n="326" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  303
Auffassung:  „billig  einkaufen  und  teuer  verkaufen“,  auf  ganze  Nationen
anzuwenden  suchten.  In  zwei  wesentlichen  Gesichtspunkten  jedoch  unterscheidet ­
  er  sich  von  den  Merkantilisten.  Einerseits  ersetzt  die  Idee  der
industriellen  Erziehung,  die  die  Gedanken  List’s  beherrscht,  in  glücklicher
*cise  die  der  günstigen  Handelsbilanz;  und  während  die  letztere  endgültig
v°n  der  Wissenschaft  verworfen  worden  ist,  ist  im  Gegenteil  die  erstere
einem  prinzipiellen  Einwurf  ausgesetzt  und  ist  auch  von  Schriftstellern,
le  so  entschieden  liberal  waren,  wie  Stuart  Mili.,  angenommen  worden,
ndererseits  und  vor  Allem  war  der  Merkantilismus  im  XVII.  Jahrhundert
a s  Instrument  einer  dauernden  Politik  nationaler  Exklusivität;  der
c  mtzzoll  List’s  aber  ist  im  Gegenteil  in  seinen  Gedanken  ein  Mittel,
^  e  Völker  einer  gerechteren  Gemeinschaft  zuzuführen.  Er  ist  ein  Überö
 a ngssystem,  ein  Verfahren,  das  auf  den  Umständen  beruht.
Ebensowenig,  wie  das  System  List’s  ein  direkter  Nachkomme  des
sv  ^ er ^ ant ilismus  ist,  kann  es  als  Ursprung  des  modernen  Schutzzollys
  ems  angesehen  werden.  Sogar  in  Deutschland  war  der  praktische
ra  '  k  des  Euches  zur  Zeit  seines  Erscheinens,  trotz  des  großen  lite-„
  .  en  Erfolges,  keineswegs  von  Bedeutung,  —  wenn  man  nicht  die
m ^ ln S e  ^°E er höhung,  die  der  Zollverein  1846  beschloß,  mit  ihm,  sowie
in  v  T  E- am PE  den  List  in  seiner  Zeitung 1 )  für  den  Schutzzoll  führte,
Min'  r mdun g  b r ing en  will.  Die  liberalen  Reformen  des  englischen
haw  &amp;lt; fS  ^ EEL ’  c be  im  gleichen  Jahre  durch  die  Abschaffung  der  Cornerr
  s  &amp;amp; e krent  wurden,  das  Aufsehen,  das  diese  Maßnahme  in  Europa
behe  e ’  d ’ e  °Ei z ielle  Bestätigung,  die  so  die  Ideen  Cobden’s  erhielten,
Haften  fast  vollständig  die  öffentliche  Meinung  und  lenkten  die
über  1°  S p° d Ek  der  europäischen  Staaten  für  viele  Jahre  im  Voraus  in  eine
d en  V'  Dichtung.  Die  Politik  der  Handelsverträge,  mit  der  Napoleon  III.
ntang  machte,  gab  dieser  allgemeinen  Anschauung  Ausdruck.
ei nzu „° t n  *879  a b  beginnt  eine  neue  schutzzöllnerische  Bewegung  in  Europa
äolisch  ZCn  E* e  Nationen  errichten  zwischen  einander  immer  höhere
Und  u T en -  können  die  neuen  Zolltarife,  die  nach  und  nach  in  Deutsch-Listv
  n&amp;lt;  Frankreich  zur  Anwendung  gelangen,  als  Ausfluß  der  Ideen
IST *  angesprochen  werden?
e inem  nsc ^ e \ nen( l  nicht.  Keines  der  beiden  Länder,  und  ebensowenig  die
hat  es  e / ler ^ sc b e n  Protektionismus  treu  gebliebenen  Vereinigten  Staaten,
haben  Tt  nötig -  seine  Industrie  zu  erziehen.  Schon  seit  langem
Voli en  p C  ] enen  hoch  entwickelten  Zustand  erreicht,  der  nach  List  zur
Eesond  ÜaltUng  ihrer  Zivilisation  und  ihrer  Macht  notwendig  ist.  Im
dieser  .°, rerL .  stehen  Deutschland  und  die  Vereinigten  Staaten  England  in
mächti  lnSlcht  nicht  mehr  nach -  Ihre  Handels-  und  Kriegsflotten  sind
und  ihr  Kolonialreich  breitet  sich  ständig  aus.  Wenn  List  heute
1  Zollvereinsblatt,  das  er  seit  1843  herausgab.
        <pb n="327" />
        304

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

i

wiederkehrte,  würde  er,  der  mit  solcher  Entschiedenheit  den  relativen
Wert  der  verschiedenen  Handelssysteme,  die  Notwendigkeit,  sie  den
wechselnden  Bedingungen  der  Zeitläufte  und  der  Völker  anzupassen,
betont  hat,  und  der  hohe  Zölle  immer  nur  als  vorübergehende  Maßregel
zuließ,  wahrscheinlich  auf  der  Seite  derer  sein,  die  eine  Erniedrigung  d el
Zollschranken  gerade  im  Interesse  einer  freieren  Ausdehnung  der  p r0 '
duktiven  Kräfte  fordern.  Hat  er  nicht  selbst  angekündigt,  „daß  nach
Verlauf  einiger  Jahrzehnte  durch  die  Vervollkommnung  der  Transportmittel ­
  die  zivilisierten  Nationen  der  Erde  in  Beziehung  auf  den  materielle 11
wie  auf  den  geistigen  Verkehr  so  eng  oder  noch  enger  unter  sich  verbunden
sein  werden,  wie  vor  einem  Jahrhundert  die  verschiedenen  Grafschaften
von  England“? 1 )
Die  einschneidenden  Veränderungen  der  wirtschaftlichen  Lage,  llU1
seit  60  Jahren  eingetreten  sind,  gestatten  heute  nicht  nur  nicht  mehr,  de
Schutzzoll  der  großen  handeltreibenden  Nationen  durch  die  Notwendigkeit ­
  einer  „industriellen  Erziehung“  irgendwie  zu  rechtfertigen,  sondern
die  hauptsächlichsten  Merkmale  dieses  Systems  stehen  in  Widerspru 0
mit  den  von  List  aufgestellten  Grundregeln.  Weit  davon  entfernt,  die
Landwirtschaft  ihrer  natürlichen  Entwicklung  zu  überlassen,  wie  er  eS
wollte,  hat  vielfach  gerade  der  Schutz  der  Landwirtschaft  (unter  Andere® 1
in  Frankreich  und  in  Deutschland)  als  Vorwand  gedient,  den  Zolltari
ganz  allgemein  zu  erhöhen.  Die  Konkurrenz  des  amerikanischen  Getreides
war  im  letzten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts  die  brutale  Tatsache,  die  1
Europa  die  Verwirklichung  der  optimistischen  Voraussagungen  List’s  übe^
die  notwendige  Befruchtung  der  Landwirtschaft  durch  die  Industrie  v eX
hindert  hat.  Die  modernen  Zolltarife,  die  zur  gleichen  Zeit  die  landwir
schaftlichen  und  die  industriellen  Produkte  umfassen,  setzen  eine  g&amp;amp; n
andere  Schutzzollidee  voraus,  als  List  sie  hatte.  Für  ihn  sollte  sich  de
Schutzzoll  auf  gewisse  Hauptzweige  der  nationalen  Produktion  beschränke  ’
auf  die  Hauptindustrien,  von  denen  die  anderen  ihren  Saft  ziehen,  '’V
Zweige  aus  dem  Ast 2 ).  Hierdurch  allein  kann  die  Ausnahmestellung,
D  Nat.  Syst.  Ausg.  Cotta,  S.  190.  Wir  geben  übrigens  nicht  vor,  behaupt^
zu  wollen,  daß  zur  Zeit  List’s  die  Lage  Deutschlands  stärker  als  heute  einen  Sc  g
zoll  erheischte.  Man  kann  dies  bezweifeln,  wenn  man  daran  denkt,  daß  ChaptaI'
n.  1  t)  A\  T  A  T_  A  i  :  _  A^-r,  orcflfill  ****  P

von  Sachsen  sagte:  „daß  dieses  Land  sich  durch  seine  Industrie  in  den  ersten  ly**®
der  Manufakturvölker  Europas  gestellt  habe“  (De  l’industrie  fran$aise,  '  g
S.  75)  und  von  Preußen:  „daß  allein  schon  die  Industrie  Aachens  und  seiner  Umgc^.^
genügen  würde,  um  ein  Volk  auszuzeichnen“  (ebenda  S.  76),  und  wenn  man  sich  en  ^
daran  erinnert,  daß  der  ganze  Grund  zu  dem  heutigen  Wohlstand  Deutschlands  u
einem  höchst  liberalen  Regierungssystem  gelegt  worden  ist.  ,  -ijch,
2 )  Nat.  Syst.  Ausg.  Cotta,  S.  261—262.  „Auch  ist  es  keineswegs  erfor  g c hut&amp;amp;
daß  alle  Industriezweige  auf  gleiche  Weise  beschützt  werden.  Besonderen  ^
erfordern  nur  die  wichtigsten  Zweige,  zu  deren  Betrieb  große  Anlags-  und  oß  ^
kapitale,  viele  Maschinerie,  also  viele  technische  Kenntnisse,  Geschicklichkei  e ers j. eI i
Übungen  und  viele  Arbeiter  erfordert  werden  und  deren  Produkte  unter  die
        <pb n="328" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  305

man  ihnen  gewährt,  gerechtfertigt  werden.  Diese  rein  praktische  Auffassung ­
  sucht  im  Schutzzoll  nur  einen  energischen  Ansporn  und  ein  Mittel
des  Fortschritts.  Ein  Tarif  jedoch,  der  gleichmäßig  alle  Unternehmungen
schützt,  der  zwischen  befruchtenden  und  befruchteten  Industrien  keinen
Unterschied  mehr  macht,  und  der  zur  gleichen  Zeit  alle  Preise  erhöht,
hat  als  einzige  Wirkung,  jeden  Produzenten  auf  der  einen  Seite  das  verlieren ­
  zu  lassen,  was  er  ihm  auf  der  anderen  gibt.  Ihre  gegenseitige  Lage
bleibt  dieselbe  wie  vorher,  und  der  Tarif  erscheint  nicht  mehr  als  ein
Mittel,  ihre  produktiven  Kräfte  anzuspornen,  sondern  als  ein  allgemeines
Verteidigungsmittel  der  fremden  Konkurrenz  gegenüber.  Er  ist  ausgeprägt ­
  konservativ  und  furchtsam.
In  Wirklichkeit  sind  nun  Zolltarife  niemals  die  Anwendung  einer
wirtschaftlichen  Doktrin.  Sie  sind  das  Ergebnis  eines  Kompromisses
zwischen  mächtigen  Interessen,  die  oft  nichts  mit  dem  Allgemeininteresse
gemein  haben,  und  dann  spielen  auch  politische,  finanzielle  und  wahltaktische ­
  Rücksichten  bei  ihrer  Aufstellung  eine  oft  überwiegende  Rolle.
Vhr  müssen  daher  in  einer  anderen  Richtung,  nicht  in  den  bestehenden
Zolltarifen,  sondern  in  den  späteren  Doktrinen,  die  Spuren  der  schutzzöllnerischen
  Gedanken  List’s  suchen  (wenn  sie  überhaupt  irgendwo  zu
finden  sind).
Das  einzige  vollständige  Schutzzollsystem,  das  seit  List  ans  Tagesncht
  getreten  ist,  ist  das  des  Amerikaners  H.  C.  Carey}).  In  seinen  ersten
Büchern  war  Carey  Freihändler,  bis  er  sich  1848  zum  Schutzzoll  bekehrte.
in  seinem  großen  Werke  Principles  of  Social  Science,  das  1858
“ lS  1859  veröffentlicht  wurde,  niedergelegten  Ideen  zeigen  eine  höchst
bemerkenswerte  Ähnlichkeit  mit  denen  seines  deutschen  Vorgängers.
Wie  List,  so  greift  auch  Carey  die  industrielle  Vorherrschaft  Englands ­
  an  und  stellt  dem  Ideal  einer  internationalen  Arbeitsteilung  das
deal  unabhängiger  Nationen  gegenüber,  von  denen  jede  sich  mit  allen
Zweigen  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  beschäftigt  und  so  ihre  eigene
ndividualität  herausarbeitet.  Seiner  Ansicht  nach  strebt  der  Freihandel
anach,  „für  die  ganze  Welt  eine  einzige  Werkstatt  zu  errichten,  der  alle
Rohstoffe  der  Welt  zuzusenden  sind,  wodurch  sie  infolge  der  äußerst
ohen  Transportkosten  verteuert  werden“ 2 ).  Die  Wirkung  dieses  Systems
s  &amp;gt;  zugunsten  einer  Nation  die  Fortschritte  aller  anderen  zu  verlangsamen
&amp;lt;J  er  Zu  verhindern.  Denn  eine  Gesellschaft  schreitet  fort  und  bereichert
Si? sb , edürfnisse  gehören,  folglich  in  Beziehung  auf  ihren  Totalwert  wie  auf  die
B a ,  ° nal&amp;lt; 5  Selbständigkeit  von  der  größten  Wichtigkeit  sind,  wie  z.  B  die  Wollen-,
Und® W  l6n '  Und  Leinenfabriken  usw.  Werden  diese  Hauptzweige  gehörig  beschützt
bei  „  gebild et,  80  ranken  alle  übrigen  minder  bedeutenden  Manufakturzweige  auch
e 1 ! ll ^ erem  Schutz  an  ihnen  empor.“
)  Betreffs  Carey,  siehe  unten,  Buch  III.  fY ,
)  Carey,  Principles  of  social  Science,  Bd.  I,  S.  419  der  franz.  Ubers.
'  ü  e  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lekrmeinungen.  2.  Aufl.  20
        <pb n="329" />
        sich  um  so  mehr,  je  näher  sie  dem  Typus  einer  Produktivgenossenschaft
kommt,  die  zur  gleichen  Zeit  eine  unendliche  Anzahl  verschiedener  Arbeiten
ausführt,  Arbeiten,  die  einander  gegenseitig  als  Absatzgebiete  dienen  und
sich  gerade  dadurch  fördern,  daß  sie  auf  verhältnismäßig  engem  Raume
vereinigt  sind.  Nur  eine  derartige  Genossenschaft  ist  imstande,  die  „verborgenen ­
  Fähigkeiten“  des  Menschen 1 )  zu  entwickeln  und  seine  Herrschaft
über  die  Natur  auszubreiten.  Auf  Grund  dieser  beiden  Hauptzüge  läßt
sich  der  wirtschaftliche  Fortschritt  definieren.  Es  ist  das  in  nur  wenig
abweichender  Form  die  Definition  der  „normalen  Nation“  oder  des  hoch
entwickelten  Zustandes,  der  Friedrich  List  am  Herzen  lag.  Es  ist  das
auch  sein  Ideal  des  beständigen  Fortschrittes,  der  der  Handelspolitik  an
Stelle  der  sofortigen  Bereicherung  als  Ziel  gesetzt  wird.
Wie  List,  aber  noch  eindringlicher  zeigt  Carey  den  wohltätigen
Einfluß,  den  die  räumliche  Nähe  der  unter  dem  Schutzzoll  erwachsenen
Industrien  auf  die  Landwirtschaft  hat.
Außer  den  uns  bereits  bekannten  Argumenten  jedoch,  die  Cabev
hinsichtlich  der  Vorteile  anführt,  die  die  Landwirte  aus  ihrer  Berührung
mit  den  industriellen  Zentren  ziehen,  finden  wir  bei  ihm  Gründe  von  viel
geringerer  Schlagkraft,  denen  er  aber  eine  große  Bedeutung  beimißt:
Nach  Carey  befreit  der  Schutzzoll,  indem  er  der  Landwirtschaft
nahe  gelegene  Absatzgebiete  verschafft,  den  Landwirt  von  dem  in  seinen
Augen  exorbitanten  Tribut,  den  er  den  Händlern  für  den  Transport  über
große  Entfernungen  zahlt.  Diese  Begründung,  die  List  nur  streift 2 )»
findet  sich  bei  dem  amerikanischen  Schriftsteller  jeden  Augenblick  wieder.
Wenn  Amerika  aber,  wie  Stuart  Mill  sehr  richtig  bemerkt 3 ),  sich  dazu
hergibt,  diese  Kosten  zu  tragen,  so  ist  das  der  Beweis,  daß  es  sich  sogar
auf  diese  Weise  im  internationalen  Handel  mehr  Manufakturwaren  verschafft, ­
  als  es  selbst  herstellen  könnte.
Ein  nicht  weniger  fragwürdiges  Argument  ist  das  folgende:  Care 1 '
sagt,  daß  die  Ausfuhr  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse  den  Boden
des  Landes  aussaugt,  denn,  da  diese  Produkte  nicht  an  Ort  und  Stell 0
verzehrt  werden,  werden  auch  die  düngenden  Bestandteile,  die  sie  enthalten, ­
  dem  Boden  nicht  wieder  erstattet,  —  was  im  Gegenteil  der  Fan
sein  würde,  wenn  eine  gewerbliche  Bevölkerung  in  der  Nachbarschaft  säße  )•

*)  Ebenda,  Bd.  I,  S.  349.
Vgl-  Das  Nat  System,  Bd.  II,  Kap.  XIII,  S.  232,  Ausg.  Cotta  1841.
t &amp;gt;  “rinciples  of  Political  Economy,  B.  V,  Kap.  X,  §  1.
.  1  ” V ? n  ai,0n  für  die  Zwecke  dcsMenschen  notwendigenDingen  kann  der  Dünger.
Tj  i  0&amp;lt; r  elnes  der  bedeutendsten  ist,  am  wenigsten  den  Transport  vertragen.  Der
B  'Ir,"  nur , unter  der  Bedingung  fortfahren  zu  produzieren,  daß  man
Beding« 61  e ’f“n denen  slch  dleErnte  zusammensetzt,  wieder  zuführt.  Wenn  man  diese
mehr  k’  S °  St ‘!' 8t  die  Men S e  der  Lebensmittel,  die  Menschen  können  siel
einander  nahem  und  ihre  Kräfte  zusammentun  und,  indem  sie  ihre  individuellen
        <pb n="330" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.'  i  ,',307  ys,  &amp;lt;

20*

Auch  hierzu  bemerkt  Stuart  Mill  sehr  richtig 1 ),  daß  es  nicht  derFreihandel
  ist,  der  Amerika  dazu  zwingt,  sein  Getreide  auszuführen;  es  zeigt
damit  nur,  daß  die  Aussaugung  des  Bodens  ihm  als  ein  unbedeutendes
Übel  erscheint  gegenüber  den  Vorteilen,  die  ihm  diese  Ausfuhr  verschafft.
Weiterhin  hat  Carey,  als  einer  der  ersten,  im  Schutzzoll  ein  Mittel
gesehen,  die  Löhne  zu  erhöhen:  der  höchst  entwickelte,  wirtschaftliche
Zustand,  sagt  er,  schafft  unter  den  Unternehmern,  die  Arbeit  brauchen,
ei ne  lebhafte  Konkurrenz,  eine  Konkurrenz  von  der  natürlich  die  Arbeiter
profitieren.  —  Dieser  Vorteil  aber  (angenommen,  er  existiert)  scheint
notwendigerweise  durch  die  Teuerung  der  Lebensmittel  mehr  als  aufgewogen ­
  zu  werden.

Man  sieht,  wie  Carey,  wenn  er  auch  von  den  gleichen  Grundgedanken
wie  List  ausgeht,  sein  Gebäude  auf  viel  weniger  soliden  Grundlagen  errichtet. ­
  Durch  den  klaren  Aufbau  seiner  Gedanken  wie  durch  den  wissenschaftlichen ­
  Wert  seiner  Ausführungen  ist  der  deutsche  Schriftsteller
seinem  amerikanischen  Nachfolger  bedeutend  überlegen.  Er  ist  auch  viel
gemäßigter.  Carey  begnügt  sich  nämlich  nicht  mit  einem  Schutzzoll
Iu r  die  Industrie.  Er  verlangt  auch  für  die  Landwirtschaft  einen  Schutz-Z
 °U;  und  die  geringen  Zölle,  die  List  vorschlägt,  genügen  ihm  durchaus ­
  nicht.

Trotz  aller  ihrer  Berührungspunkte  ist  aber  Carey  mcht^von^Lis^
angeregt  worden.  Er  hat  das  nationa  ®  irt schaftlichen  amerikanischen
an:  aber  er  hatte  schon  m  der  volki  abc  Bücher,
Uiteratur  gleichartige  Anregungen  finden  011  Amerikas  das  sich
hat  das  wirtschaftliche  Leben  der  Vernrng  en^Staaten zu
unter  seinen  Augen  entfaltete,  dazu  beige  rag  &amp;gt;  c+ aa ten  unter  dem
bilden.  Indem  er  den  Fortschritt  der  Vereinigten  be _
Schutzzoll  konstatierte,  indem  er  in  diesem  ga  Kolonisation
völkerten  Lande  die  Produktivität  des  Bodens  mrt■  ^  dem  Maßwachsen ­
  sah,  und  indem  er  beobachtete,  daß  er  au f  den  Gehabe ­
  wuchs,  wie  die  Bevölkerung  sich  verdichte  JLm  der  enormen
danken  einer  Politik  der  Isolierung,  um  pi;,  «midier  als  List,  sah
Hilfsmittel  seiner  Heimat  zu  beschleunigen.  .„{fliehen  Kreisen  seines
er  seine  Ideen,  wenn  auch  nicht  von  den  Wesens  ^  doch  wenigstens
Landes  (die  sich  in  der  Mehrzahl  ablehnend  ver  ’  ^  g ^ e  Großen
von  den  amerikanischen  Staatsmännern  angeno  »
ausführten 2 ).
.  „  -  v. lim .  un d  doch  ist  diese  Bedingung
Fähigkeiten  entwickeln,  vermehren  sie  ihren  Ke  v’olkswirtschaftlem  entgangen  “•
aüer  Verbesserung,  trotzdem  sie  so  wesentlich  ist. 1  {  Übers.)
(“rinciples  of  Social  Science,  B.  I,  S.  x  c  L
hrinciples  of  Political  Economy,  B-  .  al [ Xa ( io nalökonom,  Jena  1885,
■y  )  Vgl.  hierüber  Jenes,  Henry  C.  Lar  y
Kap.  1.
        <pb n="331" />
        308

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Man  kann  daher  die  Lehre  Cakey’s  nicht  unmittelbar  auf  den  Einfluß
List’s  zurückführen.  Hat  List  nun  größeren  Einfluß  auf  die  europäischen
Doktrinen  ausgeübt?
Ohne  Zweifel  hat  er  viele  Freihändler,  unter  denen  der  bedeutendste
Stuart  Mill  ist,  dazu  gebracht,  die  Idee  eines  zeitweiligen  Schutzzolles
für  entstehende  Industrien  zuzulassen 1 ).  Ihr  Zugeständnis  ist  jedoch
ziemlich  platonisch,  da  es  in  den  alten  Ländern,  deren  industrielle  Erziehung ­
  abgeschlossen  ist,  keine  Bedeutung  hat  und  sich  höchstens  für
neue  Länder  nützlich  erweist.
Können  sich  nun  die  modernen  Schutzzöllner  mit  Recht  auf  List
berufen  ?
Es  ist  nicht  immer  leicht,  —  da  kein  Werk  vorhanden  ist,  das  ihre
Ideen  systematisch  darlegt,  —  diese  Ideen  aus  der  Unmasse  von  Aufsätzen, ­
  Reden  und  Broschüren,  in  denen  sie  sich  zerstreut  finden 2 ),  auszusondern. ­
  Wenn  man  die  beiseite  läßt,  die  sich  darauf  beschränken,  die
merkantilistische  Theorie  der  Handelsbilanz  zu  wiederholen 3 ),  so  scheint
0  Vgl.  die  lange  Stelle  der  Principles,  B.V,  Kap.  X,  §1,  die  wie  folgt  beginnt:
„Der  einzige  Fall,  in  dem,  nur  auf  Grund  der  Prinzipien  der  Volkswirtschaftslehre,
Schutzzölle  verteidigt  werden  können,  ist  der,  in  dem  sie  zeitweilig  eingeführt  werden
(besonders  von  einer  jungen  und  fortschreitenden  Nation),  in  der  Hoffnung,  eine  ausländische ­
  Industrie  einzubürgern,  die  an  und  für  sich  durchaus  den  Bedingungen  des
Landes  angepaßt  ist.  Die  Überlegenheit  eines  Landes  über  ein  anderes  kommt  oft
nur  davon  her,  daß  es  früher  angefangen  hat  ...“  usw.  Doch  erwähnt  Stuart  Mn*
List  nicht,  und  man  darf  sich  fragen,  ob  die  erwähnte  Stelle  wirklich  auf  dessen  Einfluß
zurückzuführen  ist.
2 )  Cauwes  muß  besonders  betrachtet  werden,  dessen  Protektionismus  im  Gegenteil ­
  als  eine  höchst  rationelle  Anpassung  einer  Idee  List’s  betrachtet  werden  kann,
nämlich:  der  Überlegenheit  der  Nationen  mit  hochentwickeltem  Wirtschaftsleben.
Es  ist  das  das  einzige  wirtschaftliche  System  des  Schutzzolls,  das  wir  heute  kennen.
Doch  muß  zugegeben  werden,  daß  die  Mehrzahl  der  schutzzöllnerischen  Schriftsteller
sich  nur  recht  lose  mit  dem  Standpunkt  ÜAuwks  in  Verbindung  bringen  lassen.  Vglseinen
  Cours  d’ßconomie  Politique,  3.  Ausg.,  Bd.  III.
3 )  Wie  z.  B.  die  Volkswirtschaftler,  die  beständig  von  dem  „Handelsdefizit“
sprechen,  d.  h.  von  der  ungünstigen  Handelsbilanz.  Trotz  der  zahlreichen  Widerlegungen ­
  dieses  Argumentes  wird  es  doch  oft  als  eine  selbstverständliche  Wahrheit
angeführt.  Auch  List  hatte  die  übertriebene  Gleichgültigkeit  der  Schule  gegenüber  dem
Gleichgewicht  der  Ein-  und  Ausfuhr  kritisiert.  Doch  tat  er  es  nicht  auf  Grund  der
merkantilistischen  Theorie  der  Handelsbilanz,  die  er  im  Gegenteil  als  abgetan  ansieht
(vgl.  S.  393,  401  u.  405).  Er  stellt  sich  vielmehr  auf  einen  besonderen  Standpunkt:
den  Geldstandpunkt.  Wenn,  sagt  er,  eine  Nation  viel  einführt  und  auf  der  anderen
Seite  nicht  entsprechende  Warenmengen  ausführt,  kann  sie  dazu  gezwungen  werden,
als  Zahlung  Edelmetalle  liefern  zu  müssen,  deren  Abfluß  bei  ihr  eine  Geldkrise  herbeiführen ­
  kann.  Die  Gleichgültigkeit  der  Schule  mit  Hinsicht  auf  die  mehr  oder  weniger
große  Menge  Geldes  ist  daher  übertrieben  (B.  II,  Kap.  XXIII).  Wie  man  weiß,  IS
gerade  die  Diskontopolitik  der  großen  Zentralbanken  heute  darauf  gerichtet,  den
vorübergehenden  Spannungen  des  Geldmarktes,  die  auf  übertriebenen  Einfuhren
beruhen,  zu  begegnen  und  diese  Methode  ist  selbstverständlich  bei  weitem  wirksame
als  der  Protektionismus.
        <pb n="332" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  309

sich  die  Mehrheit  mehr  oder  weniger  klar  auf  zwei  Hauptgedanken  zu
stützen:  1.  Auf  das  Interesse  einer  Nation,  sich  die  wirtschaftliche
Selbständigkeit  zu  erwerben;  2.  auf  die  patriotische  Notwendigkeit,
den  nationalen  Produzenten  den  nationalen  Markt  vorzubehalten ­
 1 ).  Wenn  diese  beiden  Gesichtspunkte,  die  mehr  oder  weniger
offen  eingestanden  und  als  politische  Richtschnur  genommen  werden,  in
ihren  logischen  Konsequenzen  angewendet  würden,  so  würde  das  darauf
hinauslaufen,  jeden  äußeren  Handel  unnötig  zu  machen,  eine  Nation  für
immer  auf  die  ihr  zufällig  durch  die  Natur  gewährten  Hilfsmittel  zu  beschränken ­
  und  ihren  Anteil  an  denen,  die  die  übrige  Welt  besitzt,  auf  ein
Minimum  zu  reduzieren.  Sicherlich  sind  diese  beiden  Gedanken  List
flicht  ganz  fremd  gewesen.  Bei  ihm  aber  haben  sie  einen  sekundären  und
untergeordneten  Charakter.  Niemals  hat  er  sie  als  dauernde  Grundlage
einer  Handelspolitik  in  Betracht  gezogen.
List  spricht  oft  davon,  die  Industrie  einer  Nation  vom  Auslandsmarkt ­
  „unabhängig“  zu  machen 2 ).  Er  nennt  die  Nation  die  reichste,
«welche  die  Fabrikationskräfte  nach  allen  Verzweigungen  innerhalb  ihres
Territoriums  zur  höchsten  Vollkommenheit  ausgebildet  hat,  und  deren
Territorium  und  landwirtschaftliche  Produktion  groß  genug  ist,  um  ihre
Tabrikbevölkerung  mit  dem  größten  Teil  der  erforderlichen  Lebensmittel
UQ d  Rohstoffe  zu  versehen“  (S.  227/228).  Er  erkennt  aber  zugleich  an,
daß  diese  Vorteile  ein  Ausnahmeprivilegium  sind,  und  er  nennt  es  „Torheit“,
wenn  eine  Nation  „Produkte,  in  deren  Hervorbringung  sie  von  der  Natur
n icht  begünstigt  ist,  und  die  sie  besser  und  wohlfeiler  vermittels  der  intern
 ationalen  Arbeitsteilung,  d.  h.  durch  den  auswärtigen  Handel  sich  verschaffen ­
  kann,  vermittels  der  nationalen  Arbeitsteilung,  d.  h.  durch  Proflktion
  im  Innern  sich  verschaffen  wollte“  (S.  238).  Die  vollständige
Selbständigkeit  ist  daher  für  ihn  ein  unerreichbares  Ideal.  Man  kann

„  /Vnndements  feconomiques
1 )  Einzelne  gehen  sogar  viel  einem  jeden  Lande  egende ­
  la  protection,  franz.  Übers.,  Paris  18  )  ,  e ; nes  jeden  Landes  zw  E  '.
tümlichen  Nationaltypus  schaffen,  der  dle  ®TL des  zu  ernähren  und  zu  Weiden
^h  nur  nach  den  natürlichen  Hilfsquellen  das  ^natürlich  allen  europäischen
Sowürde  man  einen  „amerikanischenTypus  sc  ^  ’  können  wir  uns  damit  be
Typen  unendlich  überlegen  sein  würdel  ’  k  de ’ r  anderen  Völker  auszuuben
lassen,  einen  überwiegenden  Einfluß  auf  &amp;lt;5as  a ftliche  Verfassung  aufzugeben,  u
und  sie  dazu  zwingen  (siel),  ihre  jetzige  wirtschatt  ^  daWn  gibt  es  keine  aussen ­
  höheren  sozialen  Zustand  anzunehmen  (&amp;amp;•  *  'g chutzzo llsystem  mit  dem  Na-'indische
  Einfuhr!  Wie  häufig  verschmilzt  doch  7 !j e if e lhaft  ein  Vorläufer,  wenigstens
tionalismus  oder  dem  Imperialismus!  Und  List  is  s  VO n  dem  ersieh  allerdings  durch
aber  eine  Vorfrucht  des  deutschen  Pangermam  un t er scheidet.
8 einen  politischen  Liberalismus,  dem  er  tre  ’  (  . gt  w ährend  des  Krieges  von
2 )  Der  Gedanke  der  „Wirtschaftlichen  ii i ipr t, r i c ben  worden.  Vgl.  Brescia.nid
 «i  deutschen  Schriftstellern  bis  zur  Tollheit  mist i  tedeschi,  in  Riforma
Tcron!,  L’idea  del  „Weltreich“  negli  scritti  üegn
sociale“,  Januar-Februar  1918.
        <pb n="333" />
        310

Zweites  Buch,  Die  Gegner.

jedoch  nicht  leugnen,  daß  er  durch  gewisse  Ausdrücke  dazu  beigetragen
hat,  der  falschen  Idee  Vorschub  zu  leisten,  als  ob  ein  Land,  das  einen
bedeutenden  Teil  seines  Verbrauches  dem  Auslande  entnimmt,  nun  vom
Auslande  abhängig  sei 1 ).  In  Wirklichkeit  hängt  es  nicht  mehr  vom  Auslande ­
  ab,  als  das  Ausland  von  ihm  abhängig  ist.  Zwischen  Käufer  und
Verkäufer  ist  die  Abhängigkeit  durchaus  gegenseitig.  Nur  in  einem  Fall
kann  der  Ausdruck  gerechtfertigt  werden:  wenn  ein  fremdes  Land
alleiniger  Lieferant  gewisser  Waren  geworden  ist;  in  dieser  Hinsicht  hält
es  dann  den  Käufer  in  seiner  Macht.  List  hatte  eben  das  Manufakturmonopol ­
  Englands  im  Auge,  aber  dieses  Monopol  besteht  heute  nicht  mehr.
List  spricht  auch  davon,  „daß  es  zehnmal  wichtiger  ist,  den  inneren
Markt  ...  zu  sichern“  (S.  270  u.  276).  Diese  Garantie  ist  aber  in  seinen
Gedanken  notwendigerweise  auf  die  Zeit  beschränkt,  während  der  eine
Nation  sich  bemüht,  eine  Industrie  zu  schaffen,  denn  später  wird  im  Gegenteil ­
  die  fremde  Konkurrenz  erwünscht  sein,  „um  die  Fabrikanten  und
Kaufleute  vor  Rückschritten  und  Nachlässigkeit  zu  bewahren“ 2 ).
In  keinem  Augenblick  hat  List  daran  gedacht,  aus  der  wirtschaftlichen ­
  Selbständigkeit  oder  der  Gewährleistung  des  Binnenmarktes  den
Angelpunkt  einer  schutzzöllnerischen  Politik  zu  machen.  Die  Schaffung
einer  einheimischen  Industrie  ist  für  ihn  die  einzig  mögliche  Rechtfertigung
der  Schutzzölle,  und  gerade  diesen  Punkt  können  die  modernen  Schutzzöllner ­
  nicht  betonen,  ohne  einen  Anachronismus  zu  begehen.
So  hat  der  Protektionismus  List’s  weder  in  der  praktischen  Politik
noch  in  der  wissenschaftlichen  Theorie  bleibende  Spuren  hinterlassen.  In
anderer  Richtung,  in  seinen  allgemeinen  Gesichtspunkten,  muß  die  Quelle
seines  Einflusses  und  die  Gründe  seiner  Bedeutung  für  die  Geschichte
der  wirtschaftlichen  Ideen  gesucht  werden.

§  3.  Die  wirkliche  Originalität  List’s.
Schon  in  seiner  Methode  ist  er  ein  Bahnbrecher.  Als  erster  verwendet ­
  er  die  Geschichte  und  die  geschichtliche  Vergleichung  als  Beweis-1)
  „Nat.  Syst.  Ausg.  Cotta,  1841,  S.  263:  „Der  bloße  Agrikulturstaat  ist  ein
unendlich  minder  volkommener  Zustand  als  der  Agrikultur-Manufakturstaat.  Erstercr
ist  immer  ökonomisch  und  politisch  mehr  odor  weniger  von  denjenigen  Nationen  ah'
hängig,  die  ihm  Agrikulturprodukte  gegen  Manufakturwaren  abnehmen.  Er  kann
nicht  für  sich  selbst  bestimmen,  wie  viel  er  produzieren  will,  er  muß  warten,  wie  vie
Andere  von  ihm  kaufen  wollen.“  .
2 )  „Eine  zur  Manufaktursuprematie  gelangte  Nation  vermag  nur  durch  frei^
Einfuhr  von  Lebensmitteln  und  Rohstoffen,  und  durch  die  Konkurrenz  fremder  Man&amp;gt;^
fakturwaren  ihre  eigenen  Manufakturisten  und  Kaufleute  gegen  Rückschritte  und  ln
dolenz  zu  bewahren“  (Nat.  Syst.  S.  274,  Ausg.  Cotta,  1841).  England  gibt  er  a
Grund  dieserTheorie  den  Rat,  seine  Zollschranken  fallen  zu  lassen,  während  Frankreic  •&amp;gt;
Deutschland  und  die  Vereinigten  Staaten  die  ihren  beibehalten  dürfen.
        <pb n="334" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  311

führung  in  der  Nationalökonomie;  und  wenn  er  auch  keinen  Anspruch
auf  den  Namen  eines  Gründers  erheben  kann,  so  gestattet  doch  die  glänzende ­
  Art  und  Weise,  in  der  er  hierin  vorgegangen  ist,  ihn  neben  und
sogar  über  die  zu  stellen,  die  zur  gleichen  Zeit  und  nicht  ohne  ziemliche
Übertreibung  versuchten,  aus  der  Geschichte  das  Hauptinstrument  wirtschaftswissenschaftlicher ­
  Untersuchungen  zu  machen,  indem  sie  „eine
historische  Schule“  schufen.
Außerdem  hat  List  in  die  Ökonomik  neue  und  fruchtbare  Gesichtspunkte ­
  eingeführt.  Das  Prinzip  des  freien  Austausches,  so  wie  Smith
und  noch  mehr  Say  und  Ricardo  es  formuliert  hatten,  war  ohne  Frage
zu  absolut  und  beruhte  auf  einer  zu  abstrakten  Beweisführung,  um  für
den  Staatsmann  von  irgendwelchem  Nutzen  zu  sein.  Wenn,  wie  List
sehr  richtig  ausführt,  die  Praxis  der  Handelsnationen  so  lange  gegen  eine
Lehre  verstoßen  hat,  die  alle  Volkswirtschaftler  für  bewunderungswürdig
erklärten,  so  muß  hierfür  irgendein  Grund  vorhanden  sein.  Wie  soll  denn
euch  ein  Staatsmann  handeln,  wenn  er  sich  nicht  auf  den  Standpunkt
der  nationalen  Interessen  stellt,  deren  Leitung  ihm  anvertraut  ist?  Ihm
genügt  es  nicht  zu  wissen,  daß  die  Verbindung  der  Märkte  irgendwo  ein
Anwachsen  des  Reichtums  hervorruft 1 );  er  muß  sicher  sein,  daß  sein
eigenes  Volk  von  diesem  Wachstum  profitiert.  Er  muß  gleichzeitig  sicher
sein,  daß  die  Freiheit  des  Tauschhandels  nicht  zu  plötzliche  Verschiebungen
in  der  Bevölkerung  oder  der  Industrie  hervorruft,  deren  soziale  und
Politische  Rückwirkungen  verhängnisvoll  sein  können.  Mit  anderen
Worten,  für  den  Staatsmann  muß  die  Politik  des  Wirtschaftslebens  der
a %emeinen  Politik  untergeordnet  werden.  Heute  gibt  es  keinen  Volkswirtschaftler, ­
  der  die  Unmöglichkeit,  die  Wissenschaft  von  der  Wirklichkeit ­
  zu  trennen,  nicht  einsähe 2 ),  nnd  keinen,  der  sich  nicht  des  Einflusses
der  politischen  Macht  auf  den  volkswirtschaftlichen  Wohlstand  bewußt
wäre;  und  weiter  gibt  es  keinen,  der  nicht  die  Notwendigkeit  zahlreicher
Einschränkungen  der  absoluten  Handelsfreiheit  anerkennte,  wie  sie  die
besondere  Lage  eines  jeden  Landes  in  der  Praxis  erfordert.
Auch  das  ist  aber  noch  nicht  Alles.  Indem  List  aufhörte,  den  Menschen

,  /t?  „„„mia  Politica,  Mailand  1906)
1 )  Siehe  in  dom  letzten  Werk  V.  Pabeto  s  (  ®  notwendigerweise  beiden  Teilen
den  Nachweis,  daß  der  internationale  Austausch  nicht  not  wen  g
günstig  ist  (Kap.  IV,  §  45).  schwe r  zu  f m den.  In  den  letzten
2 )  Doch  ist  die  Richtschnur  manchmal  recni  die  über  die  Abwanderung
Jahren  ist  weniger  die  Frage  über  die  Ausiu  ir  \  o  Ministerium  des  Auswärtigen
von  Kapitalien  in  den  Vordergrund  getreten.  in n ere n  Markt  durch  einen  fremden
sein  Veto  gegen  die  Emission  einer  Anleihe  au  Innerhalb  welcher  Grenzen  würden
Staat  oder  eine  ausländische  Gesellschaft  ein  eg  m  Ratsc hlag  zu  fügen?  Beides
die  Banken  und  Kapitalisten  gehalten  sein,  Frankreich,  in  England  und  in
fragen,  die  seit  einigen  Jahren  sich  mehr  un  ^  ^  j n  f as t  a il e n  Fällen  die  Volks-Deutschland
  aufgedrängt  haben.  Ansche.nen  \  gebeugt,  als  umgekehrt.
Wirtschaft  häufiger  den  Notwendigkeiten  der  Politik  gene  g  ,
        <pb n="335" />
        312

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

an  sich,  wie  es  die  Schriftsteller  des  18.  Jahrhunderts  getan  hatten,  der
Gesellschaft  an  sich  gegenüberzustellen,  sondern  ihn,  wie  es  in  der  Wirklichkeit ­
  der  Fall  ist,  der  Nation  einordnete,  hat  er  einen  fruchtbaren  Gesichtspunkt ­
  eingeführt,  aus  dem  man  vielleicht  noch  nicht  alle  Schlußfolgerungen ­
  gezogen  hat.  Er  betrachtet  mit  Recht  die  Nationen  nicht
nur  als  moralische  und  politische  Genossenschaften,  die  durch  die  Geschichte ­
  geschaffen  worden  sind,  sondern  auch  als  wirtschaftliche  Genossenschaften. ­
  Ebenso  wie  eine  Nation  sich  politisch  durch  den  auf  der
Moral  beruhenden  Zusammenhang  ihrer  Bürger  kräftigt,  so  wächst  auch
mit  dem  wirtschaftlichen  Zusammenhang  die  produktive  Kraft  eines  Jeden
und  sein  eigener  Wohlstand.  So  wie  die  Regierung  beauftragt  ist,  die
politische  Einheit  des  Landes  aufrecht  zu  erhalten,  so  ist  es  auch  ihre
Pflicht,  die  wirtschaftliche  Einheit  zu  festigen  und  zu  erhalten,  indem
sie  lokale  Interessen  dem  allgemeinen  Interesse  unterordnet,  die  Handelsfreiheit ­
  im  Innern  stützt,  Eisenbahnen  und  Kanäle  nach  einem  nationalen
Plane  organisiert,  durch  eine  Zentralbank  den  Geldumlauf  überwacht,
eine  einheitliche  Handelsgesetzgebung  ausgearbeitet  usw.
Dies  ist  das  von  List  in  seiner  Zeitung,  dem  Zollvereinsblatt,
aufgestellte  Programm.
Dieses  Gefühl  der  Macht,  das  eine  einheitliche  wirtschaftliche  Organisation ­
  einem  Volke  verleiht,  ein  Gefühl,  das  auch  heute  noch  so  vielen
fehlt,  die  sich  für  Individualisten  halten  und  im  Grunde  weiter  nichts
als  Partikularisten  sind,  besaß  List  in  höchstem  Grade.  Er  widmete
zahlreiche  Jahre  seines  Lebens  der  Aufgabe,  seinem  Lande  die  Notwendigkeit ­
  der  Errichtung  von  Eisenbahnlinien  zu  verkünden  und  zeichnete
im  voraus  den  Plan  der  Hauptlinien,  die  seitdem  in  Deutschland  gebaut
worden  sind.  Für  ihn  war  der  Schutzzoll  nur  eins  der  Mittel,  das  wirtschaftliche ­
  Gefüge  Deutschlands  fester  zu  gestalten,  und  zwar  auf  Grund
der  Interessenübereinstimmung,  die  das  Vorhandensein  einer  mächtigen
Industrie  hier  schaffen  würde.
Auf  diese  Weise  hat  derselbe  Mann  seine  Arbeit  mit  dem  gleichen
Enthusiasmus  und  unter  dem  Ansporn  der  gleichen  Idee  einem  sich  scheinbar ­
  widersprechenden  Werke  widmen  können:  der  Abschaffung  der  Binnenzollschranken ­
  und  der  Einführung  von  Schutzzöllen.  —  Heute  können
wir  uns  leicht  eine  nationale  Volkswirtschaft  vorstellen,  in  deren  Programm ­
  keine  Schutzzölle  enthalten  sind,  und  die  sich  dennoch  mit  vollem
Recht  auf  List  berufen  kann 1 ).
D  Es  ist  äußerst  bemerkenswert,  daß  der  größte  Bewunderer  List’s,  Dührin°
in  seiner  Kritischen  Geschichte  der  Nationalökonomie  und  des  Sozialismus ­
  (2.  Ausg.  S.  362ff.)  besonderen  Nachdruck  darauf  gelegt  hat,  daß  der
Protektionismus  nicht  ein  wesentlicher  Bestandteil,  sondern  nur  eine  vorübergehende
Form  des  größeren  Prinzips  der  nationalen  wirtschaftlichen  Solidarität  sei,  die  die
grundlegende  Auffassung  List’s  ist,  und  die  den  Protektionismus  überleben  muß.
        <pb n="336" />
        Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  313

Und  schließlich  hat  List  den  politischen  Horizont  der  klassischen
Schriftsteller  erweitert,  indem  er  an  Stelle  ihrer  rein  statischen  Auffassung ­
  eine  dynamische  Auffassung  des  Volkswohlstandes  setzte.  Er
hat  so  die  Lehre  vom  internationalen  Handel  um  denselben  Gedanken
bereichert,  den  Sismondi  in  die  innere  Nationalökonomie  eingeführt  hat:
nämlich  die  Sorge  um  den  wirtschaftlichen  Fortschritt.  Doch  statt  ihn
wie  Sismondi  hemmen  zu  wollen,  will  er  ihn  anspornen.  Deshalb  weist
er  dem  Staate  eine  aktive  Rolle  zu:  er  stellt  ihm  die  Aufgabe,  die  Quellen
des  zukünftigen  Wohlstandes  des  Landes  zu  pflegen,  indem  er  seine  Produktivkräfte ­
  anregt 1 ).  Der  Weg,  den  List  vorschlägt  —  Schutzzölle  —•
mag  uns  nicht  sehr  glücklich  gewählt  Vorkommen.  Aber  die  Idee,  die
seine  Wahl  bestimmte  —  der  Begriff  einer  positiven  wirtschaftlichen  Rolle,
die  der  Regierung  im  Namen  der  zukünftigen  Interessen  beigelegt  wird,  —
bleibt  richtig.  Auch  wenn  sie  uns  heute  fast  banal  erscheint,  war  sie
doch  zur  Zeit,  als  List  sich  zu  ihrem  Verteidiger  aufwarf,  ein  ganz  neuer
Gedanke.
Wenn  man  daher  versucht,  die  wirkliche  Tragweite  des  Werkes  List’s
klarzustellen,  so  bemerkt  man,  daß  er  den  unmittelbaren  Zweck,  den  er
verfolgte,  nicht  erreicht  hat.  Der  abstrakten  Theorie  des  internationalen
Handels  hat  er  keinen  Abbruch  getan.  Dafür  hat  er  aber  zu  dem  Gebäude
der  Beweisführung,  das  das  ganze  XIX.  Jahrhundert  aufzurichten  bemüht
w ar,  einen  höchst  wichtigen  Stein  gefügt:  nämlich,  daß  die  Klassiker  die
a ßgemeinen  praktischen  Schlußfolgerungen  ihrer  Theorien  zu  schnell
gezogen  hatten,  da  sie  vergaßen,  daß  man  im  wirtschaftlichen  Leben
nicht  von  der  reinen  Theorie  zu  ihrer  praktischen  Anwendung  schreiten
an n,  ohne  alle  die  Bedingungen  der  Zeit,  des  Raumes  und  der  Umwelt
wieder  in  die  Rechnung  einzusetzen,  von  denen  man  vorher  zum  Zwecke
.  or  Abstraktion  berechtigterweise  abgesehen  hatte.  Das  Verdienst  List’s
ist  es,  diese  Wahrheit  mit  Hinsicht  auf  den  internationalen  Handel  und
ur  seine  Zeit  klar  hervorgehoben  zu  haben.
Lühring  ist  der  einzige  wirkliche  Nachfolger  der  Ideen  List’s  und  Carey’s;  er  hat
wi  £ ro ® em  Talent  und  in  einer  bemerkenswerten  wissenschaftlichen  Weise  entni
  C }if  -v.  ^ as  er  a8er  am  meisten  bei  diesen  beiden  Schriftstellern  bewundert,  ist
Ta  *  n  1  ®. c k u t z zallsystem,  sondern  ihr  Streben,  hinter  den  einfachen  Tatsachen  des
vincKr  CS  ^' e  materiellen  und  moralischen  Kräfte  zu  fassen,  auf  denen  der  Wohlstand
So  .^ u kunft  eines  Landes  beruhen.  Er  hat  einen  Kursus  der  National-  und
z ia  1  ükonorn  ie  (Berlin,  1873)  verfaßt,  der  äußerst  interessant  ist.
und  '1  &amp;lt;iie  Saint -Simonisten  hatten  vor  ihm  den  Staat  in  gleicherweise  aufgefaßt
s  i  V“ 1  die  Aufgabe  zugewiesen,  die  produktiven  Kräfte  in  Bewegung  zu  setzen.  List
■da* 5  V  V ° n  ihnen  mit  Sympathie,  besonders  von  denen,  die,  wie  Michel  Chevalier
^i^jifrüknis  ihrer  Lehre  zu  der  der  früheren  Schule  zu  ermitteln  und  ihre  Ideen
Auser  Ziehenden  Zuständen  in  Verbindung  zu  bringen  versucht  haben“  (S.  491,
iür  '  n° tta  18 H,  Nat.  Syst.).  Doch  er  trennt  sich  von  ihnen  durch  seine  Vorliebe
der  mdlv idue!le  Freiheit  und  die  Bedeutung,  die  er  unter  den  produktiven  Kräften
moralischen,  intellektuellen  und  politischen  Freiheit  gibt.
        <pb n="337" />
        314

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Kapitel  V.
Proiidhon  und  der  Sozialismus  von  1848.
Die  Stellung  Proüdhon’s  in  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen
Doktrinen  läßt  sich  ungefähr  wie  folgt  definieren:  Wie  bei  allen  Sozialisten
ist  auch  sein  Ausgangspunkt  eine  Kritik  des  Eigentumrechtes.  Dieses
Recht  jedoch,  das  die  Ökonomisten  sich  sorgfältig  gehütet  hatten,  in  ihre
Untersuchungen  einzubeziehen,  wodurch  sie  die  Volkswirtschaft  zu  einer
einfachen  Zusammenstellung  der  „routines  propriStaires“  (Schema  F  des
Eigentums!)  umwandelten,  ist  in  seinen  Augen  die  Grundlage  unseres
sozialen  Systems  und  erklärt  alle  ihre  Ungerechtigkeiten.  Proudhon
beginnt  daher  mit  einem  Angriff  gegen  das  Eigentum  und  gegen  die  Volkswirtschaftler, ­
  die  es  verteidigen.
Wie  soll  aber  das  bestehende  System  reformiert  werden?  Was  soll
an  seine  Stelle  treten?  Hierin  liegt  die  Schwierigkeit.  Wenn  Proudhon
20  Jahre  früher  geboren  worden  wäre,  würde  er,  wie  so  viel  Andere,  wahrscheinlich ­
  irgendeine  Utopie  erdacht  haben.  Was  aber  1820  möglich  war,
war  25  Jahre  später  unmöglich.  Die  verschiedensten  sozialistischen
Systeme  hatten  schon  die  Öffentlichkeit  beschäftigt.  Owen,  die  Saint-Simonisten,
  Fourier,  Cabet  und  Louis  Blanc  haben  ihre  Heilmittel
angeboten.  Fast  alle  Wege,  die  der  Phantasie  der  Reformatoren  offen
standen,  waren  schon  vor  ihm  versucht  worden.  Proudhon  kennt  alle
diese  Versuche,  untersucht  sie  und  kommt  zu  dem  Schluß,  daß  sie  alle  in
einer  Sackgasse  endigen.  So  schließt  sich  der  Kritik  der  Ökonomisten
die  des  Sozialismus  an.
Es  handelte  sich  also  darum,  einen  Ausweg  zu  finden,  die  Fehler  des
Privateigentums  zu  verbessern,  ohne  doch  in  die  „unheilbare  Dummheit“
des  Sozialismus  zu  verfallen.  Instinktiv  weist  er  alle  Utopien  zurück.
Die  Erfinder,  die  die  Gesellschaft  wie  eine  Maschine  behandeln  möchten
und  glauben,  daß  es  nur  nötig  sei,  irgendeinen  geistreichen  „Trick“  z u
finden,  um  allen  Erschütterungen  vorzubeugen  und  die  Maschine  im  Gang
zu  halten,  sind  ihm  zuwider.  Für  ihn  ist  das  soziale  Leben  ein  beständiger
Fortschritt 1 ).  Er  weiß,  daß  es  Zeit  braucht,  um  die  widerstrebenden
l )  Philosophie  du  progr&amp;amp;s,  (Euvres,  Bd.  XX,  S.  19:  „Da  das  Wesentliche
des  Geistes  die  Bewegung  ist,  —  ist  die  Wahrheit,  d.  h.  die  Wirklichkeit,  und  zwai
ebenso  in  der  Natur,  wie  in  der  Zivilisation,  wesentlich  historisch,  und  dem  Fortschritt, ­
  der  Umwandlung,  der  Entwicklung  und  der  Verwandlung  unterworfen.“  I 11
den  Contradictions  öeonomiques  sagt  er:  „Die  soziale  Wissenschaft  ist  die  au
der  Vernunft  gegründete,  systematische  Kenntnis,  nicht  dessen,  was  die  Gesellschai
gewesen  ist,nicht  dessen,  was  sie  sein  wird,sondern  dessen,  was  sie  in  ihrem  ganzen
Leben  ist,  d.h.  was  sie  in  der  Gesamtheit  ihrer  aufeinanderfolgenden  Kundgebungen
ist,  denn  nur  da  kann  es  Vernunft  und  System  geben  (Bd.  I,  S.  43).  Indem  wir  diesen
        <pb n="338" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

315

Kräfte,  die  in  einer  Gesellschaft  aufeinanderstoßen,  zu  versöhnen.  Mit
der  Lösung  dieser  schwierigen  Aufgabe  beschäftigt,  wurde  Proudhon
durch  den  Ausbruch  der  Revolution  von  1848  zu  tatkräftigem  Eingreifen
gezwungen  und  in  die  Notwendigkeit  versetzt,  seinen  Ideen  eine  konkrete,
leicht  faßliche  Form  zu  geben.  Anstatt  zu  kritisieren,  soll  er  jetzt  aufbauen! ­
  So  zimmert  er,  fast  gegen  seinen  Willen,  eine  Utopie  zurecht:  Die
Tauschbank  (La  Banque  d’echange).
Die  Lösung,  die  Andere  in  einer  Umwälzung  der  Produktion  oder
der  Güterverteilung  gesucht  hatten,  glaubt  Proudhon  in  einer  Reform
des  Umlaufs  zu  finden.  Der  Gedanke  ist  geistreich  und  verdient  in
einer  Geschichte  der  Doktrinen  aufgezeichnet  zu  werden,  weil  er  Wahres
mit  Falschem  vermischt  enthält,  und  auch,  weil  die  Bank  Proudhon’s
das  Vorbild  einer  Reihe  ähnlicher  Projekte  ist,  die  man  nicht  mit  Stillschweigen ­
  übergehen  kann.  In  diesem  Sinn  werden  wir  ihn  besprechen.
Wir  lassen  die  philosophischen,  moralischen  und  politisch-theoretischen
Ideen  Proudhon’s  beiseite 1 ).  Zwar  sind  sie  sicherlich  ebenfalls  interessant,
a ber  sie  beschäftigen  uns  nur  in  dem  Maße,  wie  sie  den  Volkswirtschaftler
Proudhon  beeinflußt  haben.

§  1.  Kritik  des  Eigentums  und  des  Sozialismus.
Das  Werk,  das  ihn  vom  Tage  seines  Erscheinens  an  zu  einer  Berühmtheit ­
  stempelte,  wurde  1840  veröffentlicht  und  hieß:  „Was  ist  das  Eigentum?“ ­
  (Qu’est-ce  que  la  propri6t6?).  .
Proudhon  war  damals  31  Jahre  alt 2 ).  Sein  Vater  war  ein  Brauei
Begriff  z.B.  auf  die  Organisation  der  Arbeit  anwenden,  „sagen  wir  nicht,  wie  die  Volkswirtschaftler, ­
  daß  sie  schon  organisiert  sei,  noch  auch  wie  die  Sozialisten,  daü  sie  oiganisiert
  werden  müsse,  sondern,  daß  sie  sich  organisiere,  d.h.,  daß  sie  seitdem  Anbeginn ­
  damit  beschäftigt  sei,  sich  zu  organisieren,  und  damit  bis  zum  Ende  der  ilinge
fortfahren  werde  .  .  die  ganze  Aufgabe  der  Wissenschaft  besteht  darin,  au  run
der  vorliegenden  Ergebnisse  und  der  in  der  Bildung  begriffenen  Phänomene  beständig
danach  zu  suchen,  welches  die  sofort  verwirklichbaren  Neuerungen  sind  (Dd.  l,  ö.4t&amp;gt;).
0  Man  findet  sie  höchst  eindrucksvoll  in  dem  Buche  Bougle  s.  La  Sociologie
6  Proudhon,  Paris,  1911  dargelegt.  ,
2 )  Die  hauptsächlichsten  Werke  Proudhon’s  sind  die  folgenden:  1840,  Qu  est-«e.que
  la  proprietö?  (Was  ist  das  Eigentum?  oder  Untersuchungen  über  das
Prinzip  des  Rechtes  und  der  Regierung;  —  1846,  Syst&amp;amp;mes  des  contradictions
Sconomiques,  ou  Philosophie  de  la  misöre  (Systeme  der  volkswirtschaftlichen  Widerspruche
  oder  Philosophie  des  Elends);  —  1848;  Organisation  du  crödit  et  de  la
c &amp;gt;rculation  et  solution  du  problöme  social  (Kredit  und  Umlauforganisation
«nd  Lösung  der  sozialen  Frage);—1848,  R6sum6  de  la  question  sociale,  Banque
^Change;  _  1849,  Los  Confessions  d’un  Rövolutionnaire;  -  1850,  Inl
 4r *‘  et  Principal  (Zinsen  und  Stammkapital),  Diskussion  zwischen  Bastut  und
^Roudhon;  —  1858,  De  la  Justice  dans  la  Revolution  et  dans  1  Eglise.
        <pb n="339" />
        316

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

in  Besancon 1 ),  und  der  junge  Proudhon  hatte  schon  frühzeitig  seinen
Lebensunterhalt  verdienen  müssen.  Zuerst  Korrektor  in  einer  Druckerei
und  dann  Druckereibesitzer,  hatte  er  sich,  mitten  in  seiner  Arbeit  und  ohne
einen  anderen  Führer,  als  seinen  brennenden  Wissensdurst,  in  ein  Meer
von  Lektüre  gestürzt.  Das  Bild  der  sozialen  Ungerechtigkeiten  hatte  sich
tief  in  seine  Seele  gegraben.  An  die  wirtschaftlichen  Fragen  trat  er  mit
der  ganzen  überschäumenden  Leidenschaft  eines  jungen  Menschen  heran,
mit  dem  ganzen  Enthusiasmus  eines  Mannes  aus  dem  Volke,  der  im  Namen
seiner  „Brüder“  spricht,  und  mit  der  ganzen  Zuversicht  eines  ungewöhnlich
aufrichtigen  Herzens  in  die  überzeugende  Kraft  der  Logik  und  des  Verstandes. ­
  Sein  Werk  gab  all  dies  mit  dem  bestechenden  Glanze  eines
bilderreichen  Stiles  und  mit  dem  „herausfordernden  Kraftgefühl“  wieder,
das  Sainte-Beuve  als  eines  der  charakteristischen  Merkmale  Proudhon’s
anführt,  und  das  man  in  allen  seinen  Werken  wieder  findet.  Gleich  auf
der  ersten  Seite  seines  Buches  warf  er  seinen  Lesern  das  berühmte  Wort
ins  Gesicht,  in  dem  sich  das  ganze  Buch  zusammenfaßt:  „Eigentum
ist  Diebstahl“  (La  proprißtö  c’est  le  vol) 2 ).
3  Bände;  —  1861,  La  guerre  et  la  paix;  —  1866,  De  la  capacitG  politique
des  classes  ouvriüres.  —  Wir  zitieren  nach  den  von  Lacroix,  Verbceckhoven  &amp;amp;  Co.
(1867—1870)  in  26  Bänden  herausgegebenen  CEuvres  compliites  (Paris-Brüssel).
!)  „Madame,  wissen  Sie,  wer  mein  Vater  war?  Ein  ehrlicher  Brauer,  dem  es  nie
in  den  Kopf  ging,  daß  er,  um  Geld  zu  verdienen,  teuerer  verkaufen  müsse,  als  der
Kostenpreis  betrug.  Er  behauptete  immer,  daß  das  schlecht  erworbenes  Geld  sei.  —
Mein  Bier,  sagte  er  stets,  kostet  mich  so  und  so  viel,  einschließlich  meines  Lohnes;  teuerer
kann  ich  es  nicht  verkaufen.  —  Was  eintreten  mußte,  geschah!  Mit  all  seiner  Ehrlichkeit ­
  hat  mein  Vater  arm  gelebt,  ist  arm  gestorben  und  hinterließ  arme  Kinder.“  Brief
an  M me  d’Agoult  (Briefwechsel,  Bd.  II,  S.  239).
2 )  Man  hat  behauptet,  daß  Proudhon  seine  Formel  Brissot  de  Warwille  entlehnt ­
  habe,  der  im  Jahre  1780  ein  Werk  veröffentlicht  hatte,  das  den  Titel  trug:
Recherches  philosophiques  sur  le  droit  de  propriötd  et  sur  le  vol,
consid§res  dans  la  nature  et  dans  la  soci616,  und  das  1782  mit  Änderungen
im  VI.  Band  (S.  261ff.)  seiner  Bibliothüque  philosophique  du  16gislateur  im
Neudruck  erschien.  Es  ist  das  ein  Irrtum.  Abgesehen  davon,  daß  Proudhon  versichert, ­
  dasBuch  nicht  gekannt  zu  haben  (Justice,  Bd.I,  S.301),  findet  sich  derAusdruck
  überhaupt  nicht  darin.  Auch  ist  der  Gedankengang  Brissot’s  durchaus  von  dem
Proudhon’s  verschieden.  Brissot  behauptet,  daß  das  Recht  auf  Eigentum  im  Naturzustände ­
  aus  den  Bedürfnissen  erwächst  und  mit  ihnen  verschwindet;  daß  daher  der
Mensch  (und  mit  dem  Menschen  die  Pflanzen  und  die  Tiere)  ein  Eigentumsrecht  auf
alles  das  habe,  was  seine  Bedürfnisse  befriedigen  kann,  daß  aber  dieses  Recht  aufhöre,
  wenn  das  Bedürfnis  aufhört.  Daher  tut  der  Dieb,  der  unter  dem  Druck  der  Not
stiehlt,  weiter  nichts,  als  auf  sein  Naturrecht  zurückzugreifen,  und  der  Reiche  ist  „der
einzige  Dieb“,  indem  er  ihn  hindert,  sein  Bedürfnis  zu  befriedigen.  Er  schließt,  indem
er  eine  Milderung  der  Strafen  fürDiebstahl  fordert.  Doch  erklärt  er,  nicht  die  Absicht
zu  haben,  das  Zivileigentum  zu  bekämpfen,  das  er  für  unentbehrlich  zur  Schaffung
von  Reichtum  und  für  den  Handel  erachtet,  obgleich  es  nicht  auf  dem  natürlichen
Rechte  beruhe  (S.333).  Nicht  ein  einziges  Mal  wird  hier  von  Einkommen  ohneArbei
gesprochen.  Und  was  die  Wahrheit  der  Behauptung  Proudhon’s  beweist,  ist,  daß  e r
nirgends  die  Theorie  des  auf  den  Bedürfnissen  beruhenden  Eigentums  diskutiert,  was
er  sicherlich  getan  haben  würde,  wenn  er  das  Buch  Brissot’s  gekannt  hätte.
        <pb n="340" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

317

Was  ist  darunter  zu  verstehen?  Betrachtet  Proudhon  alles  Eigentum ­
  als  Ergebnis  des  Diebstahls?  Verurteilt  er  die  Aneignung,  die  Tatsache ­
  des  Besitzens  an  sich?  So  verstand  ihn  das  große  Publikum,  und
man  kann  nicht  in  Abrede  stellen,  daß  Proudhon  auf  diese  Verblüffung
des  „Bourgeois“  gerechnet  hat.  Doch  entspricht  das  keineswegs  seiner
Auffassung.  Das  Privateigentum,  die  freie  Verfügung  über  die  Früchte
der  Arbeit  und  des  Sparsinnes,  ist  in  seinen  Augen  „das  Wesen  der  Freiheit“;
in  ihr  liegt  der  Grund  der  Herrschaft  des  Menschen  über  sich  selbst 1 ).  Was
wirft  er  aber  nun  dem  Eigentum  vor?  Einfach  das  Recht,  das  es  seinem
Besitzer  verleiht,  ein  Einkommen  ohne  Arbeit  zu  erheben.  Es  ist
mcht  das  Eigentum  an  und  für  sich,  sondern  das  „Herrenrecht“ 2 )  der
Besitzenden,  das  Proudhon  —  ebenso  wie  Owen,  die  englischen  Sozialisten ­
  und  die  Saint-Simonisten  —  verdammt,  dieses  Heimfallsrecht,  das
je  nach  den  Umständen  und  dem  Gegenstand  den  Namen  Rente,  Pacht,
Miete,  Geldzins,  Profit,  Agio,  Diskont,  Kommission,  Privilegium,  Monopol,
Bonus,  Sinekure,  Bestechung  usw.  annimmt 3 ).
Denn  zusammen  mit  allen  Sozialisten,  die  ihm  vorausgegangen  sind,
betrachtet  auch  Proudhon  die  Arbeit  allein  als  produktiv 4 ).  Weder  der
Boden,  noch  die  Kapitalien  sind  ohne  Arbeit  produktiv.  Daraus  ergibt
s mh,  daß  „der  Eigentümer,  der  eine  Steuer  auf  Grund  der  Dienstleistungen
seines  Instrumentes,  der  Produktivkraft  seines  Bodens  verlangt,  eine  völlig
mische  Tatsache  annimmt,  nämlich,  daß  die  Kapitalien  selbst  irgend  etwas

4 )  Contradictions,  Bd.  I,  S.  219  221.  rioimfallsrecht  am  Eigentum
■)  „Droit  d’aubaine“,  jus  albinagü,  Fremdenrecht;  Heimfallsrec
Fremder,  das  dem  Herrn  zustand  (Anm.  d.  Ubers.,_  Gedanke  wir d  häufig
3 )  R6sum6  do  la  question  soc . ,ale ' b '7 uf  Gru 6 nd  der  Arbeitsteilung  waren
auch  an  anderen  Stellen  von  ihm  ausgedruckt.  „Au  Verkehrsn etzes.  Ein
die  individuellen  Besitztümer  nur  mehr  wie  □  l  ität  ; n  eine  Art  Durchgangsieder ­
  Besitzer  fand  sich,  infolge  der  allgemeinen  Solidiint.»  ^  hatte ,  und  der  wie
zoll-Einnelimer  verwandelt,  der  die  Tür  einer  c  v, 0 findlichen  Erzeugnis  eine  Transitgüter ­
  der  feudale  Grundherr  von  jedem  im  Umlaufbef  m  gt&amp;gt;hl  wur d e “  (Banque
abgabe  erhob.  ...  So  geschah  es,  daß  das  Eigen  icbt  der  Ansicht  war,  Zinsen
d’fichange,  S.166).  Hervorzuheben  ist,  daß  Proudho  ^  beson d e rs  in  seiner  Austen ­
  stets  unberechtigt.  In  der  Vergangenheit  (er  erKi  glaubt  er ,  für  die  Zueinandersctzung
  mit  Bastiat)  waren  die  Zinsen  ere  mac i len .
kunit  das  Mittel  gefunden  zu  haben,  sie  unno  ig  ^  d er  von  Marx  zul
 )  Man  darf  diese  These,  was  fast  stets  gescie  ,  ^- ege  jdee  gibt  Proudhon
sammenwerfen,  für  den  jeder  Wert  aus  der  Ar  61 ,  (constitud)  werden,  d.  h.  in
nicht  zu.  Der  Wert  muß,  nach  ihm,  gerade  „geDU  v  übere inzustimmen.  Er
der  Weise  geregelt,  um  mit  der  .®'  rresollschaft  der  Fall  sei.  MARXWirft
glaubt  aber  nicht,  daß  das  schon  in  der  heutig  Philosophie  vor,  das  nicht  zu
nun  gerade  in  seiner  Schrift:  Misere  1  ®  daß  die  Erzeugnisse  (nicht
glauben.  Proudhon  gibt  nur  zu,  wie  Rodb*  Arbeit  beruhen.  Vgl.  oben
?«Wert  der  Erzeugnisse)  ausschließlich  auf  der  Arne
(S.  235/236).
        <pb n="341" />
        318

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

hervorbringen;  und,  wenn  er  sich  dieses  eingebildete  Erzeugnis  bezahlen
läßt,  so  erhält  er  tatsächlich  Etwas  für  Nichts“ 1 ).
Hierin  liegt  der  Diebstahl.  Deshalb  definiert  er  das  Eigentum:
„Als  das  Hecht,  nach  Belieben  von  dem  Besitz,  den  Erzeugnissen  des
Fleißes  und  der  Arbeit  Anderer  Vorteile  zu  ziehen  und  darüber  zu  verfügen“ ­
 2 ).
Das  Thema  ist  nicht  neu.  Nach  Proudhon  wird  es  noch  oft  aufgegriffen, ­
  unter  anderen  von  Rodbertus.  Die  Originalität  des  Buches
beruht  daher  auch  nicht  so  sehr  auf  den  Gedanken  als  auf  der  sprühenden
Darlegung,  der  Kraft  des  Stiles  und  der  Schärfe  der  Polemik,  die  sich
gegen  die  alten  Argumente  derer  richtet,  die  das  heutige  Eigentum  auf
die  Arbeit,  das  natürliche  Recht  oder  die  Besitzergreifung  gründen.  Ein
deutscher  Schriftsteller  hat  sagen  können 3 ),  daß  dieses  Buch,  wenn  es
in  Deutschland  oder  in  England  erschienen  wäre,  kein  Aufsehen  erregt
hätte,  weil  in  diesen  Ländern  das  Eigentum  hinter  viel  wissenschaftlicheren ­
  Gründen  verschanzt  sei  als  in  Frankreich 4 ).  Seine  ganze  Kraft
käme  von  der  Schwäche  der  gegnerischen  Gründe.  Das  heißt  sein  Verdienst ­
  ungebührlich  herabsetzen.  Die  Denkschrift  über  das  Eigentum
war  der  „Pistolenschuß“  auf  der  Straße,  der  jeden  zwingt,  sich  umzudrehen. ­
  Sie  tat  für  den  französischen  Sozialismus  nur  das,  was  Lassalle
später  für  den  deutschen  Sozialismus  getan  hat.  Sie  hat  Gedanken  in  die

')  1  ropriötfi,  1 er  Mömoire,  S.131—132.  In  der  Stelle,  die  wir  anführen,  setzt
Proudhon  allerdings  noch  dazu,  daß  die  Arbeit  ohne  Kapital  und  ohne  Grundbesitz
unproduktiv  sein  würde.  Er  vergißt  aber  diese  Einschränkung  sogleich  wieder  in  den
Schlüssen,  die  er  aus  dem  Vorhergehenden  zieht  und  vergißt  sie  noch  mehr  in  seinem
Projekt  einer  rauschbank,  wo  man  lesen  kann:  „Die  Prinzipien  dieser  Gesellschaften
sind:  daß  dem  Menschen  alle  Rohstoffe  umsonst  von  der  Natur  geliefert  werden;  —
daß  daher  im  V  irtschaftsleben  jedes  Erzeugnis  aus  der  Arbeit  stammt,  und  daß  daher
umgekehrt  jedes  Kapital  unproduktiv  ist“  —  und  an  anderer  Stelle:  „Arbeiten  ist,
aus  Nichts  Etwas  erzeugen“  (Solution  du  problöme  social  CEuvres,  Bd.  VI,
S.  261  ff.  und  S.  187).
■)  Proprißte,  1 er  Mfsmoire,  S.  133.
3 )  L.  v.  Stein,  Geschichte  der  sozialen  Bewegung  in  Frankreich,
Leipzig  18o0,  Bd.  III,  S.  362.  Dieses  Werk  ist  übrigens  äußerst  bemerkenswert.
4 )  Wahr  ist,  daß  Proudhon  sich  zur  Bekämpfung  des  Eigentums  einzig  auf  den
Rechtsstandpunkt  stellte.  Erwies  nach,  daß  alle  Rechtsprinzipien  (Recht  der  Besitzergreifung, ­
  natürliches  Recht  und  besonders  die  Arbeit),  die  im  Allgemeinen  zugunsten
des  Eigentums  angeführt  werden,  sich  gegen  das  Eigentum  anwenden  lassen,  so  wie
es  heute  besteht.  Dieses  Eigentum  ist  in  der  Tat  auf  einige  Personen  beschränkt,
während  diesen  Prinzipien  die  Verallgemeinerung  des  Eigentums  unter  Alle  zugrunde ­
  liegt.  Eine  derartige  Kritik  ist  allerdings  richtig,  beweist  aber  nicht  viel  geg en
die  (zahlreichen)  Verteidiger  des  Eigentums  infolge  seiner  sozialen  Nützlichkeit.  Daher
erscheint  uns  die  Kritik  des  Eigentums  der  Saint-Simonisten,  die  sich  auf  den  Standpunkt ­
  der  Nützlichkeit  und  der  Produktion  stellten,  ohne  den  rechtlichen  zu  vernachlässigen, ­
  bedeutend  gewichtiger.  Aus  diesem  Grunde  betrachten  wir  sie  als  die  wirklichen ­
  Kritiker  des  Privateigentums.
        <pb n="342" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Kapitalismus  von  1848.

319

Welt  geschleudert,  keine  neuen  Gedanken,  aber  Gedanken  in  einer  neuen
Form  von  zündender  Kraft.
Man  findet  jedoch  in  diesem  Buche  geistreiche  Ausblicke,  von
denen  besonders  einer  hervorgehoben  zu  werden  verdient,  nicht  so  sehr
seiner  Wahrheit  als  seiner  Originalität  wegen.  Alle  sozialistischen  Theoretiker ­
  haben  sich  gefragt,  wie  die  beständige  Beraubung,  die  die  Kapitalisten ­
  und  Grundeigentümer  ausüben,  sich  Tag  für  Tag  fortsetzen  kann,
ohne  eine  dauernde  Revolte  bei  den  Arbeitern  hervorzurufen,  ja  ohne  daß
diese  sich  überhaupt  dieses  Vorganges  bewußt  werden?  Liegt  hierin
weht  etwas  ganz  Unwahrscheinliches?  Die  Frage  ist  allerdings  schwierig
genug  und  wohl  für  besonderen  Scharfsinn  geschaffen.  Marx  löst  sie
durch  seine  Theorie  des  Mehrwertes;  Rodbertus  einfacher  durch  den
Gegensatz  zwischen  der  im  Tausch  verwirklichten  wirtschaftlichen  Teilun
 g  und  der  sozialen  Beraubung,  die  sich  hinter  ihrer  scheinbaren  Gerechtigkeit ­
  verbirgt.  Proudhon  löst  sie  auf  seine  Weise.  Nach  ihm  besteht ­
  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  ein  beständiger  „Rechenfehler“!). ­
  Der  Arbeitgeber  zahlt  jedem  Arbeiter  den  Wert  seiner  indiv
 iduellen  Leistung,  streicht  aber  das  Produkt  der  kollektiven  Kraft  Aller
für  sich  ein,  ein  Produkt,  das  die  ganze  Summe  ihrer  individuellen  Leistungen ­
  bedeutend  übersteigt.  Dieser  Überschuß  stellt  den  Profit  vor.
»Man  sagt,  daß  der  Kapitalist  die  Arbeitstage  der  Arbeiter  bezahlt;
um  genau  zu  sein,  muß  man  sagen,  daß  der  Kapitalist  so  oft  einen  Arbeitstag ­
  bezahlt,  als  er  an  jedem  Tage  Arbeiter  beschäftigt,  was  durchaus
  nicht  auf  das  Gleiche  hinausläuft.  Denn  die  ungeheure  Kraft,  die
sich  aus  der  Einheit  und  Harmonie  der  Arbeiter,  der  zweckmäßigen  Übereinstimmung ­
  und  Gleichzeitigkeit  ihrer  Anstrengungen  ergibt,  die  hat
® r  nicht  bezahlt.  Zweihundert  Grenadiere  haben  in  einigen  Stunden
.  en  Obelisk  von  Luxor  aufgerichtet;  glaubt  man,  daß  ein  einzelner  Mensch
in  zweihundert  Tagen  diese  Arbeit  hätte  ausführen  können?  In  der
Rechnung  des  Kapitalisten  jedoch  wäre  die  Lohnberechnung  die  gleiche  ).
°°  glaubt  sich  der  Arbeiter  bezahlt,  ist  es  aber  in  Wirklichkeit  nur  zum
£ eü &amp;gt;  und  infolgedessen  „behält  er,  selbst  wenn  er  seinen  Lohn  erhalten
“nt.  ein  Eigentumsrecht  auf  die  Sache,  *die  er  erzeugt  hat“ 3 ).  So  scharts
 mmg  auch  diese  Erklärung  ist,  so  ist  sie  deshalb  nicht  weniger  falsch.
Sobald  die  Broschüre  Proudhon’s  herauskam,  war  ihr  Verfasser
erühmt,  und  zwar  nicht  nur  bei  dem  großen  Publikum,  das  nur  die
chlagworte  kannte,  sondern  auch  unter  den  Volkswirtschaftlern.  Mehrere
°n  ihnen,  wie  Blanqui  und  Joseph  Garnier  interessierten  sich  für
Vor.  In  einem  Briefe  sagt  er:  „Dies  ist  der  Grundgedanke  meines  Ersten  Memoire.“
&amp;lt;W WTE ' Beuve  ^geführt  in  P.-J.  Proudhon,  S.90,  -  und  er  beklagt  sich  spater
® r ’daß  dieser  Gedanke  nie  diskutiert  worden  sei.
,  Br°pri6t6,  l«r  Mümoire,  S.  94.
)  Ebenda,  S.  91.
        <pb n="343" />
        320

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

ein  so  starkes  Talent.  „Es  ist  unmöglich“,  schrieb  der  erstere  an  Proudhon,
„mehr  Achtung  vor  Jemandem  zu  haben,  als  ich  für  Sie  fühle“ 1 ).  Durch
einen  günstigen  Bericht  an  die  „Academie  des  Sciences  Morales“  tat  er
den  gerichtlichen  Schritten  Einhalt,  die  der  Minister  des  Innern  gegen
das  Werk  unternehmen  wollte.  Erst  auf  Zureden  Garnier’s  erklärte
sich  späterhin  (1846)  der  Verleger  Guili.aumin,  der  den  orthodoxen
volkswirtschaftlichen  Theorien  sehr  ergeben  war,  bereit,  ein  neues  Buch
Proudhon’s:  „Wirtschaftliche  Widersprüche“  (Les  contradictions
economiques)  herauszugeben,  wenn  er  auch  über  den  Inhalt  ziemlich
bestürzt  war 2 ).
Diese  Sympathien  lassen  sich  erklären.  Sobald  nämlich  die  erste
Broschüre  erschienen  war,  fanden  die  Volkswirtschaftler  in  Proudhon
zwar  einen  mächtigen  Gegner,  aber  sie  erkannten  in  ihm  auch  ohne  weiteres
einen  nicht  weniger  entschlossenen  Widersacher  der  Sozialisten.  Wir
untersuchen  kurz  seine  Haltung  diesem  Letzteren  gegenüber.
Niemand  hat  schärfere  Ausdrücke  gefunden,  um  sie  zu  kritisieren*
„Wie  ein  Mummenschanz  sind  die  Saint-Simonisten  vorübergezogen“ 3 )’
Das  System  Fourier’s  ist  „die  größte  Mystifikation  unserer  Zeit“ 4  * )-Die
  Kommunisten  donnert  er  folgendermaßen  an:  „Hinweg  von  BiiD
Kommunisten!  Eure  Gegenwart  ist  mir  ein  Gestank  und  euer  Anblick
ein  Ekel“.  An  anderer  Stelle  erklärt  er:  „Der  Sozialismus  ist  nichts,  h&amp;gt;
niemals  etwas  gewesen  und  wird  niemals  etwas  sein“ 6  *  *  *  * ).  Diese  Heftigkeit
seinen  Vorgängern  gegenüber  hat  keinen  anderen  Grund,  als  die  B e '
sorgnis,  mit  ihnen  zusammengeworfen  zu  werden.  Er  gebraucht  die se
Ausdrucksweise,  um  den  Leser  vor  jedem  Mißverständnis  zu  bewahre 11
und  um  ihn  besser  darauf  vorzubereiten,  seine  eigenen  Lösungen  in  richtig^
Weise  zu  schätzen,  indem  er  das  besonders  ins  Licht  stellt,  was  sich  111
denen  der  Anderen  Unannehmbares  findet.
Was  wirft  er  ihnen  nun  vor?  Niemals  etwas  Besseres  gefunden  zu
')  Brief  Blanqui’s  vom  1.  Mai  1841  in  Antwort  auf  Proudhon’s  Zusendung  e’ ncS
Zweiten  Memoire  über  das  Eigentum.  ,
2 )  Vgl.  Sainte-Beuve:  P.-J.  Proudhon,  S.  202—203  und  siehe  hierüber  aUf
die  unterhaltenden  Briefe  Proudhon’s  an  Guillaumin  (Briefwechsel,  Bd.  II).
3 )  Propriöte,  1 er  Mömoire,  S.  203.
&amp;lt;)  Aufsatz  in  der  Zeitung  Le  Peuple  in  1848  ((Euvres,  Bd.  XVII,  S.  f
Proudhon  richtet  seine  Angriffe  hauptsächlich  gegen  den  Fourierismus,  weil  zu  die
Zeit  gerade  die  Schule  Fourier’s  die  einzige  sozialistische  Schule  war,  die  einen  8
wissen  Einfluß  ausübte,  besonders  infolge  der  tätigen  Propaganda  Victor  Consideran
Siehe  besonders  Contradictions,  Bd.  II,  S.  297  und  1 er  M6moire  sur  la  P
pri616,  S.  153ff.  ,  T  olS
6 )  Contradictions,  Bd.  II,  S.  285.  Gegen  Cabet,  die  Kommunisten  und  Jg
Blanc  kommt  besonders  das  Kapitel  XII  der  Contradictions  in  Betracht.  ^
Blanc  „hat  dieArbeiter  mit  absurden  Formeln  vergiftet“  (Id  6e  g6n  era  1  e  de  la  ,, r
volution,  S.  108).  Er  hat  über  Louis  Blanc  die  unvergeßliche  Formel  geprägt.  ^
hielt  sich  für  die  Biene  der  Revolution  und  war  doch  nur  ihr  Heimchen“  (Eben
        <pb n="344" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

321

r

haben,  um  dem  gegenwärtigen  Zustand  zu  entrinnen,  als  sein  genaues
Gegenteil  zu  empfehlen.  Das  schwierige  Problem,  das  zur  Untersuchung
steht,  ist  nicht,  die  bestehenden  wirtschaftlichen  Kräfte  zu  zerstören,
sondern  sie  ins  Gleichgewicht  zu  bringen 1 ).  Es  handelt  sich  nicht
darum,  die  „wirklichen  wirtschaftlichen  Kräfte“,  nämlich  „die  Arbeitsteilung, ­
  die  Kollektivkraft,  die  Konkurrenz,  den  Kredit,  das  Eigentum
selbst  und  die  Freiheit  zu  unterdrücken“ 2 ),  sondern  im  Gegenteil,  sie  alle
aufrecht  zu  erhalten,  aber  sie  daran  zu  hindern,  Schaden  anzurichten,
the  Sozialisten  denken  aber  nur  daran,  sie  zu  zerstören.
An  Stelle  der  Konkurrenz  wollen  die  Sozialisten  die  Genossenschaft
dnd  die  Organisation  der  Arbeit  setzen;  an  Stelle  des  Privateigentums
die  Gütergemeinschaft 3 )  oder  den  Kollektivismus;  —  an  Stelle  des  freien
Spiels  der  persönlichen  Interessen  die  Leidenschaften,  wie  Fourier,
di e  Liebe  und  die  Hingebung  wie  die  Saint-Simonisten,  oder  die  Verrüderung
  wie  Cabet.  Nichts  davon  genügt  Proudhon.
Die  Genossenschaft  und  die  Organisation  der  Arbeit  weist  Proudhon
as  der  Freiheit  des  Arbeiters  zuwider  zurück 4 ).  Ihre  vorgebliche  Macht
i,  t  loh  glaube,  der  erste  zu  sein,  der  mit  vollem  Verständnis  die  Tatsache  zu
tr  ■L U h*' en  gewagt  hat  .  ..,  daß  man,  anstatt  die  wirtschaftlichen  Kräfte,  deren  Überm
  1 R un £ uns  umbringt,  einzuschränken,  sie  miteinander  ins  Gleichgewicht  bringen
da'ß  ’ (  aUf  ® runc *  des  wenig  bekannten  und  noch  weniger  verstandenen  Grundsatzes,
siok  tre £ ensä l' ze  nicht  sich  zerstören,  sondern  sich  gegenseitig  stützen  müssen,  und
geradedeshalb  stützen,  weil  sie  Gegensätze  sind“  (Justice,usw.,  Bd.I,  S.265—266;
s  S ßl che  Idee  auf  S.  302—303).  An  anderer  Stelle:  Das,  was  die  Gesellschaft
( |. c  L  ist  das  Gleichgewicht  ihrer  natürlichen  Kräfte“  (Revolution
B ®ontr§e  par  le  Coup  d’fitat,  S.  43).
der  Tr  "^^Arbeitsteilung,  die  Kollektivkraft,  die  Konkurrenz,  der  Tausch,
Wirt  kV*-*’  so £ ar  das  Eigentum  und  die  Freiheit,  ...  das  sind  die  wirklichen
an  Ü  M^henKräfte,  immaterielle  Prinzipien  allen  Reichtums,  die,  ohne  den  Menschen
fi rlei  *0+  enSC k 0n  zu  I esseb B  dem  Produzenten  die  weiteste  Freiheit  lassen,  die  Arbeit
e ineS  v? 1  S ’ e  begeistern,  ihren  Ertrag  verdoppeln,  zwischen  den  Menschen
v erbi  °,"Parität  schaffen,  die  nichts  Persönliches  hat,  und  sie  durch  stärkere  Bande
r a j e  r '.  en &amp;gt;  a ls  es  alle  Sympathieprojekte  und  alle  Kontrakte  vermögen“  (Idee  gene-°
 UVr -, e  Revolution  au  XIX e  siöcle,  S.  95).  In  der  Capacitö  des  classes
schied  r6S ’  ^ a P'  NIII,  führt  Proudhon  die  „wirtschaftlichen  Kräfte“  etwas  veri5
 U  j  el L  au R  Er  zählt  zu  ihnen  noch  die  Assoziation  und  die  Mutualität  und  kommt
aaer , m  onlusse,  indem  er  die  Zugkraft  des  Wortes  Assoziation  auf  die  Arbeiter  durchaus
i n  d  daß  die  wirkliche  Assoziation  die  der  „Mutualität“  sei,  (wohl  verstanden,
Gesell  den  er  selbst  diesem  Worte  gibt,  und  nicht  in  dem  heutigen  Sinne  der
scüaften  gegenseitiger  Hilfe,  der  viel  enger  gefaßt  ist).
Vor  in  Allerdings  ist  Fourier  kein  Kommunist,  aber  Proudhon  wirft  ihm  einerseits
seiti  fiWr lem  Plm lanstöre  die  Entlohnung  des  Kapitals  nicht  abgeschafft,  und  anderer-Eähiek*f
 16  b äh;  vurig  eine  besondere  Entlohnung  vorgesehen  zu  haben,  obgleich  „die
der  L! lten  (das  TMent)  viel  mehr  eine  Schöpfung  der  Gesellschaft  als  ein  Geschenk
atur  sind“  (ler  Mömoire  sur  la  Propriötö,  S.  156).
bemerk  U ’ e  °PI )ositi, m  Proudhon’s  gegenüber  dem  Prinzip  des  Assoziation  ist  höchst
in  d er  ®jj s wert.  Er  hat  ihr  an  mehr  als  an  einer  Stelle  Ausdruck  gegeben,  vor  Allem
A.  66  Sdnörale  de  la  Rövolution  au  XIX e  siede:  „Ist  die  Assoziation

Gid

6  und  Rj s t i  (jeaei,.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.

21
        <pb n="345" />
        322

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

kommt  einzig  aus  der  „kollektiven  Kraft  und  der  Arbeitsteilung“.  Die
Seele  der  wirtschaftlichen  Kräfte  ist  aber  die  Freiheit.  „Die  wirtschaftliche ­
  Vollkommenheit  liegt  in  der  vollständigen  Unabhängigkeit  der
Arbeiter,  so  wie  die  politische  Vollkommenheit  in  der  vollständigen  Unabhängigkeit ­
  der  Bürger  besteht“ 1 ).  1848  sagt  er  in  einem  Wahlaufruf
an  seine  Wähler  im  Seine-Wahlkreis:  „Mein  ganzes  System  beruht  auf
der  Freiheit,  Freiheit  des  Gewissens,  Freiheit  der  Presse,  Arbeitsfreiheit,
Handelsfreiheit,  Freiheit  des  Unterrichts,  freie  Konkurrenz,  freies  Verfügungsrecht ­
  über  die  Früchte  der  Arbeit  und  des  Fleißes,  Freiheit  bis
ins  endlose,  absolute,  Freiheit  überall  und  für  immer.“  Es  ist  dies,  fügt
er  hinzu,  „das  System  von  89  und  93,  das  System  Quesnay’s,  Turgot’s
und  J.-B.  Say’s“.  Könnten  das  nicht  Worte  eines  der  klassischen  Ökonomisten ­
  sein,  der  die  Wohltaten  der  freien  Konkurrenz  rühmt? 2 ).
Nicht  weniger  energisch  weist  Proudhon  den  Kommunismus  als
Rechtsordnung  zurück.  Es  handelt  sich  nicht  darum,  das  Eigentum
abzuschaffen,  das  ein  notwendiger  Ansporn  zur  Arbeit  ist,  auf  dem  die
Familie  beruht  und  ohne  das  kein  Fortschritt  möglich  ist.  Es  handelt
sich  nur  darum,  es  unschädlich  oder  noch  besser,  es  Allen  zugänglich
zu  machen 3 ).  Der  Kommunismus  ist  nur  das  umgekehrte  Eigentum-„Gemeineigentum
  ist  Ungleichheit,  aber  im  umgekehrten  Sinne  wie
das  Einzeleigentum.  Dieses  ist  die  Ausbeutung  des  Schwachen  durch
den  Starken,  das  Gemeineigentum  ist  die  Ausbeutung  des  Starken  durch
den  Schwachen  4  * ).  Und  auch  das  ist  Diebstahl.  „Der  Kommunismus,
ruft  er  aus,  „ist  die  Religion  des  Elends“ 6 ).  „Zwischen  dem  Eigentum
hier  und  dem  Kommunismus  dort  werde  ich  eine  Welt  aufrichten“  ")-wirklich
  eine  wirtschaftliche  Macht?  .  .  .  Ich  antworte  kategorisch  mit:  Nein!;  di«
Assoziation  ist  keineswegs  eine  wirtschaftliche  Macht.  Ihrer  Natur  nach  ist  die  Assoziation
  steril,  sogar  schädlich,  denn  sie  ist  eine  Beschränkung  der  Freiheit  des  Arbeiters*
(S.89).  ...  „In  der  Assoziation  ist  ein  jeder  für  einen  jeden  verantwortlich;  der  Kleinste
ist  ebensoviel,  w-ie  der  Größte;  der  zuletzt  beigetretene  hat  dasselbe  Recht  wie  der,
der  gleich  am  Anfang  mit  dabei  war,  die  Assoziation  läßt  alle  Unterschiede  verschwinden:
sic  ist  die  Solidarität  des  Ungeschicks  und  der  Unfähigkeit“  (Ebenda).
*)  La  Revolution  dömontröe  par  le  Coup  d’ßtat,  S.  53—64.  An
anderer  Stelle:  „Wenn  ihr  davon  sprecht,  die  Arbeit  zu  organisieren,  so  ist  das,  al ®
ob  ihr  die  Freiheit  des  Augenlichtes  berauben  wolltet“  (Organisation  du  credit
et  de  l’echange,  ffluvres,  Bd.  VI,  S.  91).
2 )  Programme  r6volutionnaire:  An  die  Wähler  des  Seine-Wahlkreises,
in  der  Zeitung:  Repräsentant  du  Peuple,  GSuvres,  Bd.  XVII,  S.  45—46).
3 )  „Wir  wollen  das  Eigentum  für  Alle.  Wir  wollen  das  Eigentum  ohne  Wucher,
weil  der  Wucher  das  Hindernis  für  eine  allgemeine  Verbreitung  des  Eigentums  is
(Zeitung:  Le  Peuple,  2.  Sept.  1849).
4 )  1 er  Mömoire  sur  la  propri6t6,  S.  204.
4 )  Contradictions,  Bd.  II,  S.  203.  n
8 )  Organisation  du  crödit  et  de  la  circulation,  S.131.  An  einer  andere  ^
Stelle:  „Um  alles  mit  einer  hegelianischen  Formel  auszudrücken,  könnte  ich  sage  ^
„Das  Gemeineigentum  ist  der  erste  Satz  der  sozialen  Entwicklung,  seine  These,
        <pb n="346" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

323

Ebensowenig  ist  er  bereit,  die  Hingebung  oder  die  Verbrüderung
als  wirksame  Lebensprinzipien  anzuerkennen.  Bedeuten  sie  doch  Aufopferung ­
  und  Unterordnung  eines  Menschen  unter  einen  anderen.  Die
Menschen  sind  aber  gleichberechtigt,  und  die  Grundregel  ihres  gegenseitigen ­
  Verkehrs  kann  nichts  Anderes  als  die  Gerechtigkeit  sein.
Das  ist  ein  für  Proüdhon  so  selbstverständliches  Axiom,  daß  er  sich
nicht  einmal  die  Mühe  nimmt,  es  zu  beweisen.  Es  kommt  ihm  nur  darauf
an,  die  Gerechtigkeit  zu  definieren.  Die  Gerechtigkeit,  sagt  er  in  seiner
»Ersten  Abhandlung“  (Premier  Memoire)  über  das  Eigentum  ist:
»die  Anerkennung  des  Anderen  als  einer  der  unseren  rechtsgleichen  Persönlichkeit“ ­
  (S.  191);  und  etwas  später:  „sie  ist  die  freiwillige  und  gegenseitige ­
  Achtung  der  menschlichen  Würde,  wo  immer,  in  welcher  Person
und  unter  welchen  Umständen  auch  immer  sie  gefährdet  sei,  und  welchen
Gefahren  auch  immer  uns  ihre  Verteidigung  aussetze“ 1 ).
Sie  steht  daher  im  gleichen  Range  wie  die  Gleichheit.  Wenn  wir
^ese  Definition  auf  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  zwischen  den  Menschen
anwenden,  so  finden  wir,  „daß  das  Prinzip  der  gegenseitigen  Achtung
sich  logischerweise  in  das  der  Gegenseitigkeit  der  Dienste  verwandelt  2 ).
Gleiches  Entgelt,  gleiche  Dienste:  das  ist  die  Aufgabe,  die  die  Mensch-Meit
  zu  lösen  hat;  nur  auf  diese  Weise  wird  die  Achtung  der  Gleichheit
2ur  Tatsache.  „Tu  einem  jeden,  was  du  willst,  daß  er  dir  tue“,  dieses
Prinzip  der  ewigen  Gerechtigkeit  läßt  sich  wirtschaftlich  durch  die  Gegenseitigkeit
  und  die  Reziprozität  der  Dienste  ausdrücken 3 ).  Die  Gegen-P'gentum,
  das  der  dem  Gemeineigentum  entgegengesetzte  Ausdruck  ist,  ist  der  zweite
«tz,  seine  Antithese.  Zu  ermitteln  bleibt  nur  der  dritte  Satz,  die  Synthese,  und
Wir  haben  die  gesuchte  Lösung“  (Mümoire  sur  la  Propriötö,  S.202).  Dieser  dritte
öatz  wird  nun  der  einfache  Besitzstand  sein,  d.  h.  das  Eigentum,  seines  Rechtes
4111  arbeitsloses  Einkommen  entkleidet.  —  „Man  schaffe  das  Eigentum  ab,  behalte
3b er  das  Besitzrecht  bei;  durch  diese  einzige  Änderung  im  Prinzip  wird  Alles  in  den
besetzen,  in  der  Regierung,  im  Wirtschaftsleben,  in  den  Einrichtungen  geändert;  das
Obel  verschwindet  von  der  Erde“  (l“M6moire  sur  la  propriötö,  l.Ausg.,  8.24.,).
‘«man  sieht,  hatte  Proudhon  nicht  den  Besuch  des  Hegelianers,  Karl  Grün  m  Paris,
lö .44,  abgewartet,  um  sich  der  hegelianischen  Terminologie  zu  bedienen  da  er  schon
«'(1840  diese  charakteristisch  HEGEL’schen  Formeln  anwendete.  Über  die  Beziehungen
•sehen  Proudhon  und  K.  Grün  siehe  Sainte-Beuve:  P.-J-  Proudhon.
*)  Justice  dans  la  Revolution  etc.,  Bd.  I,  S.  182  183.
,  a )  Ebenda,  S.  269;  „Ich  werde  keine  Zeit  mit  dem  Nachweis  verlieren,  daß
,  s  Pr| nzip  der  Reziprozität  der  Achtung  sich  logisch  in  die  Reziprozität  der  Dienste
W-rwandelt.  Ein  jeder  wird  verstehen,  daß,  wenn  die  Menschen  subjektiv  vor  der
^erechtigkdt  untereinander  gleich  sind,sie  das  nicht  weniger  gegenüber  der  Not  sind;
Z  &amp;lt; J? r i eni ge,  der  vorgibt,  die  immanente  Dienstbarkeit,  d.e  zu  uberwinden  das  Recht
"nd  die  Pfli cht  der  Gesellschaft  ist,  auf  seine  Brüder  abzuwälzen,  der  ist  ungerecht.  •
crz f i•*)  ^er  Gedanke  der  Reziprozität  wird  besonders  in  der:  Organisation  du
l ( i  .  de  la  circulation  entwickelt.  ((Euvres,  Bd.  VI,  S.  92  93,  und  mder
e  S^üörale  de  la  Revolution,  S.  97ff.)

21*
        <pb n="347" />
        324

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

seitigkeit  oder  der  Mutualismus,  das  ist  das  neue  Prinzip,  das  uns
in  der  Organisation  der  wirtschaftlichen  Gesellschaftsbeziehungen  leiten  soll.
So  bringt  denn  gerade  die  Kritik  des  Sozialismus  Proddhon  dazu,
die  positiven  Grundlagen  seines  Systems  genau  zu  präzisieren,  und  man
sieht  jetzt  klar,  in  welchen  neuen  Begriffen  sich  ihm  das  soziale  Problem
stellt:  auf  der  einen  Seite  die  Abschaffung  des  „Einkommens  ohne  Arbeit“,
das  auf  dem  Eigentum  beruht,  da  dieses  Einkommen  gerade  die  Verneinung ­
  des  Prinzips  der  Reziprozität  der  Dienste  ist;  andererseits  die
Aufrechterhaltung  des  Eigentums,  die  Freiheit  der  Arbeit  und  die  des
Tausches.  Mit  anderen  Worten  die  Zerstörung  der  Grundeigenschaft
des  Eigentums,  ohne  jedoch  das  Eigentum  selbst  oder  die  Freiheit  in
Frage  zu  stellen 1 ).
Ist  das  aber  nicht  die  Quadratur  des  Kreises?  Bedeutet  die  Abschaffung ­
  des  Einkommens  ohne  Arbeit  nicht  die  Vergesellschaftung
der  Arbeitsmittel?  Proudhon  glaubt  das  nicht.  'Bisher  hat  man  angenommen, ­
  das  Eigentum  nicht  reformieren  zu  können,  ohne  die  Produktion ­
  oder  die  Verteilung  der  Güter  anzugreifen.  An  den  Tausch  hat
man  nicht  gedacht.  Aber  gerade  im  Austausch  der  Dienste  hat  sich  die
Ungleichheit  eingeschlichen.  Daher  muß  man  eine  Reform  des  Tausches
vornehmen.  Aber  welche?  Am  Ende  der  „Contradictions  öconomiques“
  (wirtschaftlichen  Widersprüche)  läßt  er  diese  Reform  in  einer
noch  etwas  undeutlichen  Art  und  Weise  durchblicken.  Nachdem  er  erklärt ­
  hat,  daß  „es  nur  noch  die  allgemeine  Gleichung  aller  unserer  Widersprüche ­
  aufzustellen  gilt“,  frfcgt  er,  „was  wird  denn  nun  die  Formel  dieser
Gleichung  sein?“  —  „Wir  können  sie  jetzt  schon  unterscheiden:  es  muß
ein  Tauschgesetz,  eine  Theorie  der  Gegenseitigkeit  sein  ...  Die  Theorie
des  Mutualismus  oder  des  Mutuums,  d.  h.  der  Austausch  in  natura  .  •  •
ist  vom  Gesichtspunkt  des  kollektiven  Wesens  die  Synthese  der  beiden
Ideen  des  Eigentums  und  des  Gemeinbesitzes“ 2 ).  Genaueres  gibt  er
jedoch  nicht  an.  In  einem  nach  den  Contradictions  geschriebenen
Briefe  nennt  er  sich  noch  bescheiden  einen  „Sucher“,  und  er  bereitete
ein  neues  Werk  vor,  in  dem  diese  Vorschläge  entwickelt  werden  sollten-Gleichzeitig
  trug  er  sich  mit  dem  Gedanken,  eine  aktive  und  praktische ­
  Propaganda  in  den  Tageszeitungen  zu  eröffnen,  als  die  Revolution
von  1848,  die  ihn  mitten  in  den  Kampf  der  Parteien  warf,  die  Veröffentlichung ­
  seiner  Ideen  beschleunigen  sollte.
An  dieser  Stelle  müssen  einige  Worte  über  diese  Revolution  gesagt
werden,  um  den  Platz,  den  die  Ideen  Proudhon’s  in  ihr  einnahmen,
besser  darzulegen,  und  den  Zusammenhang,  in  dem  sie  mit  den  sozialistischen
Ideen  dieser  Zeit  standen,  klar  zu  stellen.
q  Er  stellte  das  Problem  schon  in  der  Vorrede  zu  dem  Ersten  Memoire  über
das  Eigentum  in  dieser  Weise  auf.
2 )  Contradictions,  Bd.  II,  S.  414.
        <pb n="348" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

325

§  2.  Die  Revolution  von  1848  und  der  Niedergang  des
Sozialismus.
Die  Revolution  von  1848  lieferte  den  Sozialisten  aller  Schattierungen,
die  von  1830—1848  radikale  Reformen  vorgeschlagen  hatten,  eine  einzigartige ­
  Gelegenheit,  ihre  Theorien  in  die  Praxis  zu  übertragen.  Während
der  4  Monate  Februar  bis  Juni,  die  der  blutigen  Unterdrückung  der
sozialen  Republik  durch  die  bürgerliche  Republik  vorausgingen,  schienen
alle  möglichen  Projekte,  die  seit  Jahren  in  Büchern  und  Zeitschriften
erörtert  worden  waren,  nahe  daran,  Wirklichkeit  zu  werden.  Einige
Wochen  hindurch  schien  nichts  unmöglich.  „Recht  auf  Arbeit  ,  „Organisation ­
  der  Arbeit“,  „Assoziation“:  alles  Formeln,  die,  so  glaubte  man,
durch  die  Handbewegung  eines  Zauberers  zu  lebendigem  Leben  erweckt
werden  konnten.
Verschiedene  Enthusiasten  tun  ihr  bestes,  um  dies  zu  versuchen,
aber  leider  nur,  um  schnell  in  jämmerlichen  Fehlschlägen  zu  versinken.
Eine  nach  der  anderen  werden  alle  diese  Formeln  erprobt,  aber  stets
zeigen  sie  sich  inhaltslos.  Der  Böswille  der  Einen,  die  Ungeduld  der  Anderen,
das  Ungeschick  und  die  Hast  ihrer  Gründer  selbst  lassen  nach  und  nach
alle  diese  Versuche  der  Lächerlichkeit  oder  dem  Abscheu  anheimfallen.
Ermüdet  wirft  schließlich  die  öffentliche  Meinung  die  Namen  aller  dieser
Reformatoren  in  dem  gleichen  Widerwillen  zusammen.
Für  die  Geschichte  der  sozialen  Ideen  ist  daher  das  Jahr  1848  ein
höchst  bedeutsames  und  merkwürdiges  Datum.  Der  idealistische  Sozialismus ­
  eines  Saint-Simon,  eines  Fourier  und  Louis  Blanc  fällt
jdnem  anscheinend  endgültigen  Mißkredit  anheim.  In  den  Augen  der
bürgerlichen  Schriftsteller  ist  er  für  immer  erledigt.  Reybaüd,  der  1852
den  „Dictionnaire  d’economique  politique“  von  Coquelin  und
Loh.laumin  den  Aufsatz  „Sozialismus“  schrieb,  sagte  von  ihm:  „Uber
öen  Sozialismus  sprechen,  heißt  fast  eine  Leichenrede  halten  .  .  .
P ie  Tatkraft  ist  gebrochen,  die  Quelle  versiegt.  Wenn  die  Sucht,
111  den  Abgrund  zu  springen,  noch  einmal  die  Oberhand  gewinnen
sollte,  so  wird  es  unter  einer  anderen  Form  und  mit  anderen  Illusionen  sein.
Auch  in  den  Augen  der  späteren  Sozialisten  wird  ihm  keine  größere
Bedeutung  beigelegt.  Nach  Marx  werden  alle  seine  Verläufer  unter
de m  etwas  verächtlichen  Titel  „Utopisten“  zusammengefaßt,  und  man
®  e Jlt  ihren  Phantasien  den  „wissenschaftlichen  Sozialismus  des  „Kapientgegen.
  Zwischen  beiden  liegt  ein  Abgrund:  das  Jahr  1848.  Wie
ist  er  entstanden?  Um  hierin  klar  zu  sehen,  werden  wir  kurz  die  wichtigsten
oscr  verfrühten  Versuche  vorüberziehen  lassen,
ßa  ist  zunächst  das  Recht  auf  Arbeit.  Diese  Formel  Fourier’s,
«ie  Considärant  entwickelt,  und  die  Louis  Blanc  wie  viele  andere
Ue mokraten  aufgenommen  hatte,  wurde  unter  der  Regierung  Louis
        <pb n="349" />
        326

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Philipp’s  außerordentlich  volkstümlich.  Proudhon  nannte  sie  die  „wahre
und  einzige  Formel  der  Februar-Revolution“.  Er  sagte:  „Gebt  mir  das
Recht  auf  Arbeit,  und  ich  schenke  euch  das  Eigentum“ 1 ).
In  den  Augen  der  Arbeiter  war  die  Verwirklichung  dieser  Forderung ­
  die  erste  Pflicht  der  provisorischen  Regierung.  Unter  dem  Druck
einer  kleinen  Gruppe  Pariser  Arbeiter,  die  in  das  Rathaus  eingedrungen
waren,  beeilte  sich  die  Regierung  am  25.  Februar,  sie  anzuerkennen.
Das  von  Louis  Blano  aufgesetzte  Dekret  beginnt:  „Die  provisorische
Regierung  der  französischen  Republik  verpflichtet  sich,  durch  Arbeit
die  Existenz  des  Arbeiters  zu  gewährleisten.  Sie  verpflichtet  sich,  allen
Bürgern  Arbeit  zu  gewährleisten.“  Im  Verfolg  dieses  neuen  Prinzips
kündigte  am  nächsten  Tage  ein  Dekret  die  sofortige  Errichtung  nationaler
Werkstätten  (ateliers  nationaux)  an.  Um  zugclassen  zu  werden,  genügte
es,  sich  bei  einer  der  Bürgermeistereien  von  Paris  einschreiben  zu  lassen.
In  seinem  Buch  von  1841  hatte  Louis  Blanc  die  Schaffung  von
sozialen  Werkstätten  verlangt.  Die  öffentliche  Meinung,  die  von  dem
Gleichklang  der  Namen  getäuscht,  und  von  den  Gegnern  des  Sozialismus
hierin  bestärkt  wurde,  glaubte  in  den  nationalen  Werkstätten  sein  Werk
zu  sehen.  Aber  nichts  ist  weniger  richtig.  Wie  man  weiß,  waren  die
sozialen  Werkstätten  Produktivgenossenschaften,  aber  die  nationalen
Werkstätten  waren  einfach  Arbeitsstätten,  wo  die  Arbeitslosen  Beschäftigung ­
  finden  konnten.  Gleiche  Einrichtungen  waren  in  vielen  Krisenzeiten ­
  (1790  und  1830)  unter  dem  Namen  „Wohltätigkeitswerkstätten 1
(ateliers  de  charitö)  geschaffen  worden.  Übrigens  war  es  nicht  Louis
Blanc,  sondern  Marie,  der  Minister  der  öffentlichen  Arbeiten,  der  sie
organisierte.  Weit  davon  entfernt,  ein  sozialistisches  Werk  tun  zu  wollen,
sah  die  provisorische  Regierung  im  Gegenteil  hierin  sehr  schnell  ein
Mittel,  die  Arbeiter  für  sich  anzuwerben,  gerade  um  den  sozialistischen
Bestrebungen  der  Kommission,  die  im  Luxemburgpalast  tagte,  und  der,
wie  wir  sehen  werden,  Louis  Blanc  präsidierte,  entgegenzuarbeiten.
An  ihre  Spitze  stellte  man  einen  seiner  erklärten  Gegner,  den  Ingenieur
Emile  Thomas,  der  schon  1849  in  seiner  Geschichte  der  nationalen
Werkstätten  selbst  erzählt,  in  welchem  Sinne  er  sie  leitete,  nämlich
in  Übereinstimmung  mit  der  antisozialistischen  Mehrheit  der  provisorischen
Regierung 2 ).
*)  Le  droit  au  travail  et  le  droit  de  propri§t6,  Brosch.  1848,  SS.  4,
und  R  amC
=)  Alle  Geschichtsforscher  stimmen  in  diesem  Punkte  überein,  den  Louis  Bl
in  seiner  Histoire  de  la  Revolution  de  1848  ausführlich  dargelegt  hat  (Kap-Auch
  sind  die  zeitgenössischen  Zeugnisse  bezeichnend  genug,  besonders  das,
Lamartine  in  seiner  Histoire  de  la  Revolution  de  1848  gibt  (B.  II,  S.  yjl
„Befehligt,  geleitet  und  zusammengehalten  von  Führern,  die  im  Geheimen  im
trauen  der  anti-sozialistischen  Partei  der  Regierung  waren,  hielten  diese  Werkst»  ^
bis  zur  Ankunft  der  Assemblee  Nationale  den  Arbeiter-Sektierern  der  Klubs
        <pb n="350" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

327

Durch  diese  Rechnung  wurde  aber  schnell  ein  Strich  gemacht.
Diejenigen,  die  die  nationalen  Werkstätten  zum  Vorteil  ihrer  eigenen
Politik  gebrauchen  wollten,  wurden  überstimmt.  Die  Revolution  hatte
die  Zahl  der  Arbeitslosen  sehr  vermehrt,  die  schon  infolge  der  wirtschaftlichen ­
  Krisis  von  1847  ganz  bedeutend  gewesen  war.  Außerdem  ließ
die  Eröffnung  der  öffentlichen  Werkstätten  die  Arbeitslosen  der  Provinz
nach  Paris  strömen.  Anstatt  10000,  auf  die  man  gerechnet  hatte,  waren
Ende  März  21000  Arbeiter  eingeschrieben,  die  Ende  April  auf  99400
angewachsen  waren.  Man  zahlte  ihnen  2  Fr.  am  Tag,  wenn  sie  arbeiteten,
und  1  Fr.,  wenn  man  ihnen  keine  Arbeit  geben  konnte.  Nach  kurzer
Zeit  wußte  man  nicht  mehr,  womit  man  sie  beschäftigen  sollte.  Die
»leisten  wurden  ohne  Rücksicht  auf  ihren  Beruf  zu  unnötigen  Erdarbeiten
uerangezogen,  die  sich  aber  sehr  bald  auch  als  ungenügend  erwiesen.
Diese  Armee  von  Unglücklichen  wurde  von  Unzufriedenheit  ergriffen,
da  sie  sich  von  der  lächerlichen  Arbeit,  mit  der  man  sie  beschäftigte,
erniedrigt  fühlte,  und  weil  der  geringe  Lohn,  der  aber  noch  weit  über
den  Wert  der  geleisteten  Arbeit  hinausging,  sie  in  keiner  Weise  zufriedensteilen
  konnte.  Die  Werkstätten  wurden  zu  einem  Herd  politischer  Agitation; ­
  die  erschrockene  Regierung,  die  selbst  wieder  von  der  Nationalversammlung ­
  (Assemblöe  Nationale)  bedrängt  wurde,  hatte  nur  noch
einen  Gedanken:  sie  aufzulösen.
Am  21.  Juni  befahl  plötzlich  eine  Verordnung  allen  jungen  Leuten
v °n  17  bis  25  Jahren,  die  bei  den  Werkstätten  eingeschrieben  waren,
S1 ch  entweder  in  die  Armee  anwerben  zu  lassen  oder  in  die  Provinz  zu
gehen,  wo  neue  Erdarbeiten  sie  erwarteten.  Zum  Äußersten  getrieben,
erhoben  sich  die  Arbeiter;  am  23.  Juni  brach  der  Aufstand  aus,  um  nach
ei  lagen  im  Blut  von  Tausenden  von  Opfern  erstickt  zu  werden  und
as  ganze  Land  unter  dem  Eindruck  des  Schreckens  und  der  Reaktion
Zu  lassen.
J®t  der  kindlichen  Logik  politischer  Parteien  machte  man  für  diesen
^»glückseligen  Versuch  das  Prinzip  des  Rechtes  auf  Arbeit  verantwortlich,
as  “ a ^ er  endgültig  verurteilt  schien.  Das  trat  klar  zutage,  als  in  der
&amp;gt;hr*°M  k Ur ^ a * as *' es  un( J  den  aufrührerischen  Arbeitern  das  Gleichgewicht.  Durch
a ber  ° nurld  die  Nutzlosigkeit  ihrer  Arbeiten  erregten  sie  den  Unwillen  der  Pariser,
.,  s , le  beschützten  und  retteten  Paris  mehr  als  einmal,  ohne  daß  es  davon  wußte,
sied  p  ? n  entf ernt,  im  Solde  Louis  Blano’s  zu  stehen,  wie  man  gesagt  hat,  beseelte
g  I4^f eist  seiner  Gegner.“  Thomas  erzählt  (Histoire  des  ateliers  nationaux,
„-an 147 )’  daß  am  Mai  der  Minister  Marie  ihn  zu  sich  kommen  ließ  und  ihn
dürf n V m w 6eheim -“  fra gte,  °b  er  auf  dieArbeiter  der  nationalen  Werkstätten  zählen
Sie  d  X lnden  Sie  ein  Mittel,  sich  ihrer  wirklichen  Ergebenheit  zu  versichern.  Sparen
halten“  lel&amp;lt;1  nicht:  wenn  notwendig,  werden  Sie  das  Geld  aus  dem  Geheimfonds  er-(alaub
  "V-  ”^ u  welchem  Zweck“  Thomas.  „Um  des  öffentlichen  Wohles  willen^
n ‘cht  &amp;lt;!n  n’  Ill ren  Leuten  vollständig  befehlen  zu  können  ?  Der  Tag  ist  vielleicht'
m ®hr  fern,  an  dem  man  sie  zu  Straßenkämpfen  verwenden  muß,“
        <pb n="351" />
        328

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Assemblöe  Nationale  sich  die  Debatte  über  die  Verfassung  erhob.  Einige
Tage  vor  dem  Aufstand  enthielt  das  Projekt  der  Verfassung,  das  am
19.  Juni  von  Armand  Marrast  der  Kammer  vorgelegt  worden  war,
noch  das  Recht  auf  Arbeit;  der  Artikel  2  des  Entwurfes  lautete:  „Die
Verfassung  garantiert  allen  Bürgern  Freiheit,  Gleichheit,  Sicherheit,
Unterricht,  Arbeit,  Eigentum,  Unterstützung.“  In  dem  neuen  Entwürfe ­
  aber,  der  am  29.  August,  nach  den  Junitagen,  vorgelegt  wurde,
war  dieser  Artikel  gestrichen.  Nur  das  Recht  auf  Unterstützung  war  beibehalten ­
  worden.  Bei  der  Diskussion  des  Artikels  wurde  von  Mathieü
de  la  Dröme  ein  Zusatzantrag  eingebracht,  der  das  Recht  auf  Arbeit
wiederherstellen  sollte  Es  entstand  eine  aufsehenerregende  Debatte,
in  der  Thiers,  Lamartine  und  Tocqueville  den  Zusatzantrag  bekämpften, ­
  und  die  radikalen  Republikaner,  Ledru-Rollin,  Cremieux
und  Mathieu  de  la  Dröme  ihn  verteidigten 1 ).  Die  Sozialisten  blieben
stumm:  Louis  Blanc  war  in  der  Verbannung,  Considerant  war  krank,
und  Proudhon  fürchtete,  seine  Gegner  zu  sehr  zu  reizen  und  seine  Freunde
zu  kompromittieren.  Übrigens  war  die  Meinung  der  Versammlung  schon
im  Voraus  fertig:  der  Zusatzantrag  wurde  zurückgewiesen,  und  der
Artikel  8  der  Einleitung  der  Verfassung  von  1848  besagt  nur:  „Die
Republik  soll  durch  brüderliche  Unterstützung  die  Existenz  der
bedürftigen  Bürger  sicherstellen,  indem  sie  ihnen  Arbeit  verschafft,
soweit  ihre  Hilfsmittel  dies  gestatten,  und  denen  Unterhalt  gewährt,
die  erwerbsunfähig  sind  und  keine  versorgungspflichtigen  Angehörigen
besitzen.“
Unter  der  Julimonarchie  war  die  Organisation  der  Arbeit  eine
nicht  weniger  volkstümliche  Formel,  als  die  des  Rechtes  auf  Arbeit.  Als
die  Revolution  ausbrach,  bestanden  die  Arbeiter  mit  dem  gleichen
drohenden  Ausdruck  auf  ihrer  Verwirklichung.  Der  Urheber  der  Formel
war,  ein  einzigartiger  Zufall,  Mitglied  der  provisorischen  Regierung-Ais
  daher  am  28.  Februar  (1848),  drei  Tage  nach  der  Anerkennung  des
Rechtes  auf  Arbeit,  die  Arbeiter  in  Menge  kamen  und  „die  Schaffung
eines  Fortschrittsministeriums,  die  Organisation  der  Arbeit  und  die  Abschaffung ­
  der  Ausbeutung  des  Menschen  durch  den  Menschen“  verlangten,
nahm  Louis  Blanc  sofort  die  Gelegenheit  wahr.  Er  beschwor  seine
Kollegen,  trotz  ihres  Widerstandes  den  Wünschen  der  Arbeiter  entgegen
zu  kommen.  Hatte  er  nicht  selbst  für  die  Regierung  die  Initiative  sozialer
Reformen  verlangt  ?  Wie  konnte  er,  durch  die  Revolution  zu  einem  Mit'
glied  der  Regierung  gemacht,  sich  dieser  Verantwortung  entziehen-Mit
  großer  Mühe  überredeten  ihn  seine  Kollegen,  sich  mit  einer  einfachen
„Regierungskommission  für  die  Arbeiter“  zu  begnügen,  die  unter  seinem

J )  Alle  diese  Reden  sind  kurz  nachher  in  einem  Band  veröffentlicht  worden,
der  Le  Droit  au  travail  betitelt  ist.
        <pb n="352" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

329

Vorsitz  Reformprojekte  ausarbeiten  sollte,  die  dann  der  Assemblee
Nationale  zu  unterbreiten  wären.  Um  den  Unterschied  zwischen  der
alten  und  der  neuen  Regierung  auch  äußerlich  besonders  zum  Ausdruck
z u  bringen,  sollte  die  Kommission  ihre  Sitzungen  in  dem  Luxemburgpalast ­
  abhalten,  wo  früher  das  Oberhaus  getagt  hatte.
Die  dort  versammelte  Kommission  bestand  aus  von  den  Arbeitgebern ­
  und  Arbeitnehmern  erwählten  Vertretern,  und  zwar  je  drei  für
jeden  Industriezweig.  Diese  sehr  zahlreichen  Vertreter  vereinigten  sich
m  einer  allgemeinen  Versammlung,  um  die  Vorschläge,  die  ein  beständiges
Komitee  von  10  Arbeitnehmern  und  10  Arbeitgebern  ausgearbeitet  hatte,
zu  diskutieren.  Diesem  Komitee  hatte  Louis  Blano  die  liberalen  Volkswirtschaftler ­
  und  sozialistischen  Schriftsteller:  Le  Play,  Dupont-White,
Wolowski,  Considerant,  Pecqüeür  und  Vidal  beigegeben.  Der  ebenfalls ­
  zur  Teilnahme  aufgeforderte  Ppoudhon  lehnte  ab.  In  Wirklichkeit
besuchten  fast  nur  die  Arbeitnehmer  die  Versammlungen.
Obgleich  diese  Kommission  ohne  jede  Machtmittel  war,  hätte  sie
doch  einige  Dienste  leisten  können.  Louis  Blanc  sah  jedoch  darin  hauptsächlich, ­
  wie  er  später  sagte:  „eine  hervorragende  Gelegenheit  für  den
Sozialismus,  eine  Tribüne  zur  Verfügung  zu  haben,  von  der  er  zu  ganz
Kuropa  sprechen  konnte“ 1 ).  Indem  er  seine  Rolle  als  Redner  und  Schriftsteller ­
  fortsetzte,  widmete  er  den  größten  Teil  der  Sitzungen  beredten
,  ^ rie gungen  der  schon  in  seiner  „Organisation  du  travail“  niedergelegten
ueorien 2 ).  Vidal  und  Pecqüeür  wurden  beauftragt,  positive  Projekte
auszuarbeiten.  In  einem  langen  Expose,  das  im  Moniteur  (dem  offiziellen ­
  Regierungsblatt)  erschien 3 ),  schlugen  sie  den  ganzen  Plan  eines
aatssozialismus  vor:  landwirtschaftliche  Werkstätten  oder  Kolonien,
^pm  Staat  geleitete  Niederlagen,  Warenhäuser,  die  als  Verkaufslager
lenten,  und  die  auf  Grund  einer  Warrant-Einrichtung  gestatteten,  auf
e  Waren  vom  Staat  Vorschüsse  zu  erhalten,  Zentralisierung  der  Vericherungen
  (ausgenommen  der  Lebensversicherungen)  in  den  Händen
os  Staates,  und  endlich  die  Umformung  der  Banque  de  France  in  eine
aatsbank,  die  den  Kredit  demokratisieren  und  den  Diskontosatz  auf
&amp;gt;  Duus  Blanc,  Histoire  de  la  Revolution  de  1848,  Bd.  II,  S.  135.
I,„  '  Siehe  diese  Reden  in  seiner  Broschüre:  La  Revolution  de  fevrier  au
^xembourg,  Paris  1849.
Witd'  1Ioillteur  vom  27.  April,2.,  3.  und  6.  Mai  1848.  Das  Expose  general  bricht
äess  ]h Sem -  K*K e  Infolge  der  Auflösung  der  Kommission  ab,  aber  Vidal  hat  den  Rest
voie  ben  ’ n  seinem  1848  veröffentlichten  Buche:  Vivre  en  travaillant!  projets,
Doyens  de  r6formes  sociales,  niedergelegt.  Es  enthält  den  Vorschlag
hückk  tInstitutes  für  Boden  und  Landwirtschaft,  ein  Projekt  eines  staatlichen
um  die  Bodenrente  abzuschaffen,  —  das  Projekt  eines  Rückoder ­
  Wi?  Eisenbahnen,  Kanäle  und  Bergwerke,  —  das  Projekt  billiger  Gasthäuser
ziemmvnungen.  Es  ist  ein  interessantes  Beispiel  für  den  Staatssozialismus,  der  1848
Vl el  Anhänger  fand.
        <pb n="353" />
        eine  einfache  Versicherungsprämie  gegen  Verlustrisiken  erniedrigen
sollte.  Dieser  Bericht  stammt  mehr  von  Vidal,  als  von  Pecqüeür.  Man
findet  hier  einige  der  Projekte  wieder,  die  er  schon  früher  in  seinem  Buche
„De  la  repartition  des  richesses“  (Über  die  Verteilung  der  Güter)
ausgeführt  hatte.
Keiner  dieser  Vorschläge  wurde  in  der  Assemblee  Nationale  auch
nur  diskutiert.  Die  einzige  positive  Arbeit  der  Kommission  und  Louis
Blanc’s  wurde  ihr  von  den  Arbeitern  aufgezwungen.  Es  ist  dies  das
berühmte  Dekret  vom  2.  März,  auf  Grund  dessen  das  Feilschen  über
den  Lohn  (das  damals  vor  Einstellung  der  Arbeiter  üblich  war,  d.  Übers.)
abgeschafft,  und  die  Dauer  des  Arbeitstages  auf  10  Stunden  in  Paris
und  auf  11  in  der  Provinz  beschränkt  wurde.  Dieses  Dekret,  das  einen
der  ersten  Anfänge  der  französischen  Arbeitergesetzgebung  darstellt,
und  das  nebenbei  bemerkt,  niemals  zur  Anwendung  kam,  wurde  von
den  ersten  Arbeitern,  die  in  die  Kommission  gewählt  waren,  Louis  Blanc
geradezu  abgerungen,  da  sie  sich  weigerten,  ihre  Sitze  einzunehmen,
solange  ihnen  diese  Forderung  nicht  bewilligt  sei.  Eine  gewisse  Anzahl
glücklicher  Beilegungen  von  Streitigkeiten  zwischen  Arbeitgebern  und
Arbeitnehmern  müssen  ebenfalls  der  Kommission  gut  geschrieben  werden.
So  schaffte  die  Kommission  nicht  nur  nichts  Dauerhaftes,  sondern,
indem  sie  zu  einem  politischen  Klub  herabsank,  erregte  sie  bald  iw
Publikum  Mißtrauen.  Sie  beschäftigte  sich  mit  den  Wahlen,  griff  sogar
in  die  Straßenaufstände  ein,  und  nahm  endlich  an  der  Kundgebung  vom
15.  Mai  teil,  die  unter  dem  Vorwände,  zugunsten  Polens  zu  intervenieren,
schließlich  dazu  führte,  daß  die  Menge  in  die  AssembRe  Nationale  eindrang. ­
  Louis  Blanc  hatte  dieses  Ereignis  nicht  abgewartet,  um  sich
zurückzuziehen.  Er  war  schon  aus  der  Regierung  ausgeschieden,  die  seit
dem  Zusammentreten  der  Assemblee  Nationale  durch  eine  Exekutivkommission ­
  ersetzt  worden  war,  und  hatte  am  13.  Mai  seine  Demission
als  Präsident  gegeben.  Seitdem  wurde  die  Kommission  im  Luxemburgpalast ­
  als  aufgelöst  betrachtet.  Wie  die  nationalen  Werkstätten,  so  verschwand ­
  auch  sie  in  der  Ohnmacht  und  Unfähigkeit,  ohne  eine  andere
Spur  zu  hinterlassen,  als  die  Diskreditierung  der  sozialistischen  Ideen  in
der  öffentlichen  Meinung.
Übrig 1  bleiben  noch  die  Arbeitergenossenschaften  (associations
in  dem  sich  alle  sozialistischen  Theorien,  die  während  der  ersten  Hälfte
des  19.  Jahrhunderts  aufgekommen  waren,  berührten.  Mit  der  Ausnahme
von  Proudhon 1 ),  der  stets  vereinzelt  blieb,  hatten  die  Reformatoren
sich  überboten,  es  als  das  spezifische  Mittel  zur  Emanzipation  der  Arbeiter
hinzustellen.  Es  war  nur  natürlich,  daß  man  einen  Versuch  im  Großen
anstellte.
        <pb n="354" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

331

In  der  Erklärung  vom  26.  Februar  spricht  die  provisorische  Regierung ­
  von  dem  Recht  auf  Arbeit  und  sagt,  daß  „die  Arbeiter  sich  untereinander ­
  verbinden  müssen,  um  den  Gewinn  ihrer  Arbeit  zu  genießen,
und  Louis  Blano  versuchte,  sobald  er  zur  Macht  gekommen  war,  ihre
Anstrengungen  in  diesem  Sinne  zu  beeinflussen.  Er  faßte  die  Assoziation
unter  der  Form  von  Produktivgenossenschaften  auf,  die  vom  Staat  zu
unterstützen  seien.  Wie  wir  schon  gesehen  haben,  hatte  sich  1834  unter
dem  Einfluß  Buchez’,  eines  alten  Saint-Simonisten,  Republikaners  und
Katholiken,  Gründer  der  Zeitung  l’Atelier,  „die  Genossenschaft  der
Bijouterie-Arbeiter“  gegründet 1 ).  Dieser  Versuch  war  jedoch  vereinzelt
geblieben.  Louis  Blano  war  glücklicher.  Er  gründete  nacheinander
Genossenschaften  der  Schneider,  dann  der  Sattler,  der  Spinner  und
Posamentierer,  für  die  er  von  der  Regierung  Aufträge  auf  Waffenröcke,
Sättel  und  Achselstücke  erhielt.  Andere  Genossenschaften  folgten,  und
am  5.  Juli  interessierte  sich  die  Assemblee  Nationale  genügend  für  diese
Versuche,  um  ihnen  einen  Kredit  von  3  Millionen  Fr.  zu  bewilligen.
Einen  guten  Teil  dieser  Summe  erhielten  die  einfachen,  aus  Arbeitgebern ­
  und  Arbeitnehmern  gemischten  Genossenschaften,  die  zu  dem
spekulativen  Zweck  gegründet  worden  waren,  aus  der  Freigebigkeit  der
Regierung  Profit  zu  ziehen.  Die  reinen  Arbeitergenossenschaften  erhielten
immerhin  noch  über  eine  Million,  und  1849  bestanden  ungefähr  100  solcher
Genossenschaften.
Aber  diese  erste  kooperative  Bewegung,  die  auf  den  Ideen  Louis
Blanc’s  beruhte,  hatte  nur  kurze  Dauer.  Die  Assemblee  Nationale
batte  dafür  gesorgt,  daß  die  neuen  Gesellschaften  einer  behördlichen
Kontrolle  unterstanden,  indem  ein  Conseil  d’encouragement,  der
^ona  Minister  ernannt  wurde,  damit  beauftragt  war,  die  Darlehnsbedingungen ­
  festzusetzen.  Diese  Behörde  beeilte  sich,  ein  Musterstatut
Zu  veröffentlichen,  das  den  Genossenschaften  in  ihrer  inneren  Organisation ­
  nur  wenig  Freiheit  ließ.  Mehrere  kamen  infolge  des  Fehlens  von
Aufträgen  zu  einem  sehr  schnellen  Ende.  Nach  dem  Staatsstreich  wurden
.  e  diejenigen  Genossenschaften  zur  Auflösung  gezwungen,  die  nicht
eine  der  drei  von  dem  Artikel  19  des  Handelsgesetzbuches  vorgesehenen
formen  (Kollektiv-,  Kommandit-  oder  Aktien-Gesellschaft)  angenommen
atten.  Die  Folge  davon  war,  daß,  nach  Reybaud,  im  Jahre  1855  nur
?°eh  neun  von  denen  bestanden,  die  1848  unterstützt  worden  waren,
m  wenigen  Konsumvereine  oder  wie  man  damals  sagte:  „Genossenschaften
Lebensverbilligung“  (associations  pour  la  vie  ä  bon  marchß),  die  in
\ aris &amp;gt;  Lille,  Nantes  und  Grenoble  gegründet  worden  waren,  wurden
Wenfalls  aufgelöst.
So  schlugen  denn  diese  Versuche  —  die  einzigen,  die  nicht  direkt
        <pb n="355" />
        352

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

die  Sache  der  Reformen  kompromittiert  hatten  —  ihrerseits  fehl.  Sie
verschwanden  teilweise  infolge  der  politischen  Umstände,  teilweise  aber
auch  infolge  der  Fehler,  die  die  Gründer  selbst  begingen,  weil  sie  noch
nicht  genügend  auf  die  Schwierigkeiten  der  Assoziation  vorbereitet  waren.
Sie  lassen  in  der  Arbeiterklasse  eine  tiefe  Entmutigung  und  die  Erinnerung
an  eine  große  Enttäuschung  zurück.
So  waren  einer  nach  dem  anderen  die  sozialistischen  Versuche  von
1848  gescheitert  und  zogen  in  ihren  Schiffbruch  die  Theorien  ihrer  Urheber ­
  mit  hinein.  Es  blieb  noch  ein  Versuch  übrig,  den  Proudhon  mit
seinem  Namen  gedeckt  hatte:  nämlich  der  unentgeltliche  Kredit.
Er  sollte  keinen  besseren  Erfolg  haben.

§  3.  Die  Theorie  der  Tauschbank.

Die  Revolution  von  1848  kam  Proudhon  nicht  überraschend.
Seiner  Meinung  nach  aber  kam  sie  zu  früh.  Er  sah  sehr  wohl,  daß  das
Hauptproblem,  das  sie  zu  lösen  hatte,  eher  ein  wirtschaftliches,  als  ein
politisches  war.  Er  verhehlte  sich  aber  nicht,  daß  die  Erziehung  der
Massen  noch  nicht  weit  genug  fortgeschritten  war,  um  eine  friedliche
Lösung  zu  ermöglichen.  Denn  es  ist  eine  friedliche  Lösung,  die  Proüdhon,
der  hierin  mit  allen  französischen  Sozialisten  seiner  Zeit  übereinstimmt,
für  die  soziale  Frage  erträumt 1 ).  Er  nennt  an  einer  Stelle  die  Februarrevolution ­
  „ein  zu  früh  geborenes  Kind“ 2 );  und  in  einem  ergreifenden
Aufsatz,  der  in  der  Zeitung  Le  Peuple  erschien,  gibt  er  der  tiefen  Sorge
Ausdruck,  die  ihn  erfüllt,  als  er  die  Revolution  näher  und  näher  kommen
sieht  und  sich  bewußt  wird,  daß  niemand  vorhanden  ist,  der  „den  Schlüssel
oder  die  Kenntnisse“  besitzt,  um  sie  zu  einem  guten  Ende  zu  führen:
„Wie  sollten  mir  nicht  die  Tränen  gekommen  sein,  wenn  ich  der
armen  Arbeiter  gedachte,  die  ich  im  Voraus  der  Arbeitslosigkeit  und
jahrelangem  Elend  überliefert  sah,  jener  Arbeiter,  deren  Verteidigung
ich  mein  Leben  geweiht  habe,  und  denen  ich  nun  in  keiner  Weise  helfe 11
konnte.  Wie  sollte  ich  nicht  geweint  haben,  wenn  ich  an  das  Bürgertum
dachte,  das  ich  ruiniert  sah,  dem  Bankerott  ausgeliefert,  gegen  das  Proletariat ­
  aufgehetzt,  an  das  Bürgertum,  gegen  das  der  Antagonismus  der
Ideen  und  die  Fatalität  der  Umstände  mich  zu  kämpfen  zwingen  sollten,
während  ich  mehr  als  irgendein  Anderer  bereit  war,  es  zu  beklagen.  Schon

‘)  „Es  ist  selbstverständlich  und  es  sollte  nicht  nötig  sein,  hierauf  beson«
hinzuweisen,  daß  diese  Reform  (die  Abschaffung  des  Eigentums)  durchaus  f iskal ‘
zu  bleiben  hat  und  ohne  Gewaltmaßregeln,  ohne  Beraubung,  ohne  Besitzwegna  i  ^
und  auf  Grund  einer  vorher  fälligen  Entschädigung  zu  geschehen  hat“  (Rösum
la  question  sociale,  S.  27).
2 )  Solution  du  probleme  social,  S.  32  (Bd.  VI  der  (Euvres  comp 1
        <pb n="356" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

333

vor  der  Geburt  der  Republik  trauerte  ich  um  sie,  und  die  Last  ihrer  Schuld
drückte  mich  nieder  ...  Diese  Revolution,  die  in  der  öffentlichen  Ordnung
ausbrechen  sollte,  war  der  Ausgangspunkt  einer  sozialen  Revolution,
deren  Wesen  Allen  verborgen  blieb 1 ).“
Sobald  aber  die  Revolution  ausgebrochen  war,  findet  Proudhon,
daß  ihm  nicht  das  Recht  zustehe,  zurückzubleiben.  Schärfer  als  irgendein
anderer  hatte  er  die  bestehende  Ordnung  kritisiert.  Sein  Ehrgefühl  zwang
ihn  dazu,  an  der  Lösung  der  praktischen  Fragen,  die  so  plötzlich  auftraten,
•nitzuarbeiten.  Er  wirft  sich  als  Schriftsteller  in  den  Streit.  Bis  dahin
hatte  er  sich  begnügt,  in  allgemeinen  Ausdrücken  auszuführen,  in  welcher
Richtung  er  einen  Ausweg  zu  sehen  glaubte.  Jetzt  handelte  es  sich  darum,
die  Reform  praktisch  zu  gestalten  und  ihre  genauen  Richtlinien  festzulegen.
So  erfand  er  die  Tauschbank.
Proudhon  hat  der  Tauschbank  zahlreiche  Darstellungen 2 )  in  Bro-Sc
 hüren,  Zeitschriften  und  Büchern  gewidmet.  Seine  Ausführungen
stimmen  nicht  immer  miteinander  überein.  Es  ist  daher  schwierig,  seine
Gedanken  genau  zu  bestimmen,  und  das  erklärt  auch,  weshalb  man  ihn
°tt  falsch  verstanden  hat.  Versuchen  wir  jedoch,  seine  Ideen  zusammenzu
 fassen;  späterhin  werden  wir  sie  einer  Kritik  unterwerfen,  indem  wir
sie  mit  analogen  Vorschlägen  vergleichen,  die  vor  und  nach  ihm  aufgestellt
  wurden,  und  auf  diese  Weise  werden  wir  dazu  gelangen,  ihren
0r iginellen  Charakter  besser  hervortreten  zu  lassen.
.  l )  (Euvres,  Bd.  XVIII,  S.  6—7.  Siehe  auch  den  Brief  vom  25.  Februar  1848
ipriefwechsel,  Bd.  II,  S.  280).  „Sicherlich  wird  der  Fortschritt  Frankreichs  durch
Republik  oder  auf  andere  Weise  durchgeführt  werden,  was  auch  immer  emtreten
Doch  hätte  er  sich  ebenso  gut  mit  der  abgesetzten  Regierung,  so  wie  sie  war,
urehführen  lassen  und  würde  viel  weniger  gekostet  haben. 44  Dieser  Gedanke  hat  1  in
er  nicht  daran  gehindert,  auf  die  Barrikaden  zu  eilen.
2 )  Schon  am  31.März  1848  legt  er  in  einer  Broschüre,  Organisation  du  credit,
*  .«  la  circulation  ihre  Grundgedanken  und  Hauptcharakterzüge  dar.  Im  Monat
pPm  nimmt  er  sein  Projekt  in  Aufsätzen,  die  er  in  der  Zeitung  Reprisen  tan  u
u Ple  veröffentlichte,  wieder  auf,  und  die  seitdem  unter  dem  Titel:  Resume  e
Unf que , sti °n  sociale  von  Darimon  wieder  herausgegeben  worden  smdDiesesProjet
«‘«scheidet  sich  etwas  von  den  Statuten  der  Banque  du  Peuple,  die  im  \  I.Band
PeU EuVIes  com pletes  enthalten  sind,  obgleich  die  Leitgedanken  sich  d ^ken.
ih  &amp;lt;W a 7  Und  März  184 9  Proudhon  nockmais  die  Darlegung  dieser  Grundsätze.
c 0Dl  f eitun S  Le  Peuple  aufgenommen  (diese  Aufsätze  sind  ebental  s  in  i.
Vt P  t teS  enthalten),  während  er  sich  bemühte,  die  Banque  du  Peuple  zu  g™nden
in  ^. rdat  er  sie  in  seiner  berühmten  Auseinandersetzung  mit  Bastiat  verteidigt  (  le
Voun'n keit  nicht  besonders  belehrend  ist).  Sie  g'ng  'n  deu  SJia  ten  Jet  jic  t  g
dJ,nv! U  Peuple  vom  Oktober  1849—1850  vor  sich  und  kam  1850  als  Buch  untei
*  ^, tel  Intöret  et  Principal;  Discussion  entre  M.  Proudhon  et  M.  D^tiat
di ese  } 1 lnt6r 6t  des  capitaux  in  Paris  heraus.  —  Weiterhin  ist  Proudhon  oft  auf
dan  , 1 ®“  1,1  seinen  späteren  Werken  zurückgekommen  unter  anderen  in  La  •lustice
Volt  Revolution,  etc.,  Bd.  I,  S.  289ff„  und  in  der  Idöe  g6n6rale  de  la  R6-Utloa
  ai1  XIX°  siöde,  S.  197ff.
        <pb n="357" />
        334

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Das  ganze  Projekt  beruht  auf  folgenden  grundlegenden  Gedanken:
unter  allen  Formen  des  Kapitals,  die  ihrem  Besitzer  unter  dem  Namen
Zinsen,  Pacht,  Diskont  usw.  ein  Herrenrecht 1 )  an  dem  Erzeugnisse  des
Arbeiters  einräumen,  ist  das  wichtigste  das  Geld,  —  denn  schließlich
bieten  sich  auf  dem  Markte  alle  Kapitalien  unter  der  Form  von  Geld  an 2 )-Wenn
  es  daher  gelingt,  das  „Herrenrecht“  unter  dieser  universellen
Kapitalform  zu  unterdrücken,  mit  anderen  Worten,  wenn  das  Geld  umsonst ­
  verliehen  wird,  so  würde  das  Herrenrecht  sofort  auch  für  alle  anderen
Kapitalien  verschwinden.
Nehmen  wir  an,  daß  ich  auf  Grund  irgendeiner  Organisation  imstande ­
  sei,  mir  ohne  Zinsen  das  zum  Ankauf  eines  Stückes  Land,  einer
Maschine  oder  eines  Gebäudes,  die  ich  für  mein  Gewerbe  benötige,  notwendige ­
  Geld  zu  verschaffen,  —  so  würde  ich  mich  beeilen,  diese  Kapitalien
zu  erwerben,  anstatt  sie  zu  mieten,  wie  ich  es  heute  tun  muß,  indem  ich
Zinsen  oder  Miete  dafür  zahle.  Indem  auf  diese  Weise  die  Abschaffung
der  Geldzinsen  dem  Arbeiter  gestattet,  sofort  und  umsonst  all  die  nötigen
Kapitalien  zu  erwerben,  anstatt  sie  zu  mieten,  verhindert  sie  gleichzeitig
alle  Kapitalbesitzer,  ein  Einkommen  ohne  Arbeit  zu  erheben.  Das  Eig en '
tum  würde  daher  auf  den  Besitz  beschränkt  bleiben.  Da  der  Arbeiter
den  vollen  Ertrag  seiner  Arbeit  erhalten  würde,  ohne  ihn  mit  jeinan
anderem  teilen  zu  müssen,  so  wäre  auch  die  Reziprozität  im  Austausch
erreicht.  Die  wirtschaftliche  Gerechtigkeit  wäre  endlich  verwirklicht.
Zweifellos,  wird  man  sagen,  ist  das  richtig.  Wie  soll  man  sich  ab&amp;lt;j r
das  nötige  Geld  ohne  Zinszahlungen  beschaffen?  Das  ist  der  springeim e
Punkt!
Man  überlege,  antwortet  Proüdhon,  was  das  Geld  ist!  Ist  es  etw» s
Anderes  als  ein  Tauschbon,  dessen  einzige  Bestimmung  die  Erleichterung
des  Güterumlaufs  ist?  Hier  betrachtet  Proüdhon  plötzlich  das  Gey
das  ihm  bis  dahin  als  das  wirkliche  und  einzige  Kapital  erschienen  * s  ’
nur  mehr  als  ein  Umlaufsmittel.  „Das  Geld  an  und  für  sich  ist  mir  nlC .
nütze.  Ich  nehme  es  nur,  um  es  auszugeben,  ich  verbrauche  und  bewir
schäfte  es  nicht“ 3 ).  Es  ist  nur  ein  Umlaufsmittel,  und  der  Zins,  den  J c
dafür  zahle,  entlohnt  gerade  diese  Umlaufsfunktion 4  *  *  * ).  Würde  nun  el
Papier  diese  Funktion  nicht  ebenso  gut  und  billiger  erfüllen?  H el j
leihen  die  Banken  den  Besitzern  von  Handelseffekten  das  Bargeld,  fy
sie  benötigen,  oder  Banknoten,  die  ständig  gegen  Bargeld  einwechselb a

-179.

')  Siehe  oben,  S.  317  Anm.  2.
2 )  Siehe:  Solution  du  problfeme  social,  S.  178-3
 )  Int§r§t  et  Principal,  S.  112.
*)  „Daher  ist  das  Geld,  das  überall  als  Zusatzkapital,  als  UnUauismii-y,’ s j C fi
Garantieinstrument  dazwischentritt,  gerade  das,  was  zu  bezahlen  ist;  es  bande  ^
gerade  darum,  den  Dienst,  den  es  leistet,  zu  entlohnend  (Int6r§t  et  Prin cl "
S.  113).

gjs
als  Umlaufsmitte 1 .  8
        <pb n="358" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

335

sind.  Für  diesen  Dienst  lassen  sie  sich  einen  Diskont  zahlen,  der  dazu
gestimmt  ist,  die  Aktionäre,  die  das  Kapital  geliefert  haben,  zu  entlohnen,
gründen  wir  daher  eine  Bank  ohne  Kapital,  die,  wie  die  Banque  de  France
® e  Handelseffekten  mit  Noten  diskontiert,  und  zwar  „Umlaufbons“
j&amp;gt;der  „Tauschbons“,  welche  Noten  aber  nicht  in  Bargeld  umwechsel-Jar
  sind,  die  folglich  fast  nichts  kosten,  da  kein  Garantiekapital  entlohnt
211  werden  braucht.  Diese  Bank  ohne  Geldkapital  würde  daher  zu  einem
bedeutend  geringeren  Preise  dieselben  Dienste  leisten,  wie  die  Banque
(ie  France.

Damit  diese  Noten  in  den  Umlauf  gebracht  werden  können,  genügt
® s &amp;gt;  daß  alle  Kunden  der  neuen  Bank  sich  verpflichten,  sie  als  Zahlung
hr  ihre  Waren  anzunehmen.  Der  Besitzer  würde  daher  imstande  sein,
s ! e  'Hiszutauschen,  —  ebenso  wie  bares  Geld.  Auf  der  anderen  Seite
«skieren  die  Kunden  der  Bank  nichts,  wenn  sie  sie  annehmen,  denn  (die
tatuten  stipulieren  das)  die  Bank  diskontiert  niemals  etwas  Anderes
a  8  Effekten,  die  gelieferte  Waren  oder  Waren,  für  die  ein  Kaufauftrag
^orliegt,  vorstellen.  Die  „Umlaufbons“  würden  daher  niemals  die  Beurinisse
  des  Handels  überschreiten;  sie  werden  stets  eine  Ware  vorstellen,
10  nicht  nur  erzeugt,  sondern  auch  schon  verkauft  (wenn  auch  noch  nicht
ezahlt)  ist 1 ).  Die  Bank  tut  also  nichts  Anderes  als  jede  andere  Diskonerungsbank,
  die  dem  Verkäufer  einer  Ware  eine  Summe  vorstreckt,
e  sie  späterhin  vom  Käufer  wieder  erhält.  Die  Kaufleute  und  Indu-^-len
  sollen  aber  auf  diese  Weise  nicht  nur  das  Umlaufskapital  ohne
®sen  erhalten,  sondern  auch  die  zur  Gründung  neuer  Unternehmungen
die  W ? n( ^ en  Mittel  unter  der  Form  von  (natürlich  zinslosen)  Darlehen,
innen  gestatten,  die  Arbeitsinstrumente,  die  sie  nötig  haben,  zu
anstatt  sie  zu  mieten 2 ).
nur  -  ^°^ en  e ' ner  derartigen  Reform  sind  unberechenbar!  Nicht
Ra  s * c k  ( E ß  Verschmelzung  der  Klassen  verwirklichen,  denn  da
Pitalien  Allen  umsonst  erreichbar  wären 3 ),  würde  es  nur  noch  Arbeiter

&amp;gt;  Vd-  Resumd  de  la  question  sociale,  S.  39.
Öer  tj  *  ^ orsc küsse  werden  übrigens  unter  der  Form  einer  Diskontierung  geleistet.
Um  Al l 6 !; nehmer &amp;gt;  der  ein  Geschäft  machen  will,  „wird  sich  an  den  Verbrauch  wenden,
dann  a  r fF e  zu  erhalten;  auf  Grund  und  infolge  des  Kredites  dieser  Aufträge  wird  er
treten  **  •  j  Erzeuger  der  Rohstoffe,  Instrumente  oder  Dienste,  deren  er  bedarf,  herander ­
  Ba.  T  deren  bioferung  erhalten  und  sie  durch  Handelswechsel  bezahlen,  die  von
^rwanVu 1111 *" 61 '  den  üblichen  Vorsichtsmaßregeln,  in  Banknoten  (d.  h.  in  Umlaufbons)
^ck7 erdell ‘‘  „Auf  diese  Weise  ist  der  Verbraucher  der  wirkliche  Geldgeber:
^’cht  n!  u  m  und  dein  neuen  Unternehmer  ist  das  Zwischenglied  des  Geldmannes
°omp]i? hr  not wendig“  (Organisation  du  credit,  S.  123,  Bd.  VI,  der  CEuvres
kontieri  6S  '  Wie  man  siell t,  ist  die  Hauptfunktion  der  Bank  Proudhon’s  die  Diskßschränkt
  V ° n  ^ ecllseln -  Daher  haben  wir  auch  unsere  Kritik  auf  diese  Operation
die  Klas,’^ i u-' BoUrgeoisie  UIld  das  P roletariat  in  eine  Mittelklasse  zusammenschweißen,
se ’  “iß  von  ihrem  Einkommen  lebt,  und  die,  die  von  ihrem  Lohn  lebt,  in  eine
        <pb n="359" />
        336

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

geben,  die  ihre  Produkte  zum  Kostenpreise  austauschen 1 ).  Überdies
würde  auch  noch  die  Regierung  selbst  unnötig  werden.  Eine  Regierung ­
  ist  nämlich  nur  notwendig,  solange  als  es  Unterdrücker  und
Unterdrückte,  Starke  und  Schwache  gibt.  Sie  existiert  nur,  „um  den
gegenseitigen  Kampf  durch  eine  allgemeine  Unterdrückung  zu  beendigen“ 2 )-Mit
  dem  Tag  aber,  an  dem  im  Güteraustausch  Gerechtigkeit  garantiert
ist,  wo  freie  Kontrakte  zu  seiner  Sicherstellung  genügen,  gibt  es  nur  noch
Gleichgestellte,  von  denen  ein  jeder  die  gleichen  Vorteile  genießt.  Die
Quellen  der  Streitigkeiten  verschwinden.  „Sobald  Kapital  und  Arbeit
einmal  identisch  geworden  sind,  besteht  die  Gesellschaft  aus  eigener
Kraft  und  braucht  weiter  keine  Regierung.“  Das  Regierungssystem  ist
mit  dem  wirtschaftlichen  System  „verschmelzen“,  in  ihm  „untergetaucht  -
Das  ist  die  An-archie,  die  Nicht-Regierung 3 ).
Klasse,  die  in  Wirklichkeit  weder  Einkommen  noch  Lohn  bezieht,  aber  die  erfindet,
die  unternehmungslustig  ist,  die  Werte  schafft,  die  erzeugt,  die  austauscht,  die  alle» 1
das  Wirtschaftsleben  der  Gesellschaft  ausmacht,  und  die  in  Wahrheit  das  Land  verstellt; ­
  das  ist,  wie  wir  gesagt  haben,  die  wirkliche  Februarfrage.“  (Revolution  demontrfie
  par  le  Coup  d’üStat,  S.  135).
l )  „Die  Reziprozität...  beruht  darin,  daß  die  Austauschenden  Einer  dem  Anderen
und  unwiderruflich  ihre  Erzeugnisse  zum  Kostenpreis  garantieren“  (Id6e  generale
de  la  Revolution,  S.  97  —98).
s )  „Die  Verfassung  des  Staates  setzt  voraus,  soweit  sein  Zweck  in  Betracht
kommt,  daß  der  Antagonismus  oder  Kriegszustand  die  wesentliche  und  unwandelbare ­
  Bedingung  des  Menschengeschlechts  ist,  eine  Bedingung,  die  zwischen  Starke 11
und  Schwachen  die  Einmischung  einer  zwingenden  Gewalt  nötig  macht,  um  1110
Kämpfe  durch  allgemeine  Unterdrückung  zu  beenden“  (Voix  du  Peuple,  3.
zember  1849.  CEuvres,  Bd.  XIX,  S.  23).  Doch  „in  einer  fast  ohne  ihr  Wissen  durc
die  Entwicklung  des  Wirtschaftslebens  umgeformten  Gesellschaft  gibt  es  weder  Starke
noch  Schwache,  sondern  nur  Arbeitende,  deren  Fähigkeiten  und  Mittel  ständig  « a
Bestreben  zeigen,  sich  auf  Grund  der  industriellen  Solidarität  und  des  garantierte
Umlaufs  auszugleichen“  (ebenda,  S.  18).
3 )  „Wir  sind  daher,  was  wir  schon  mehr  als  einmal  erklärt  haben,  Anarchisten-Die
  Anarchie  ist  die  Existenzbedingung  erwachsener  Gesellschaften,  wie  die  H ier3 Ü
chie  die  primitiver  Gesellschaften  ist:  in  den  menschlichen  Gemeinwesen  geht  e
Fortschritt  unaufhörlich  vor  sich,  und  zwar  von  der  Hierarchie  zur  Anarchie“  (eben  a ’
S.  9).  Und  etwas  weiter  (in  der  Id6e  gönerale  de  la  Revolution,  S.  196)  bezei
nete  er  als  Ziel  der  Revolution  „eine  Verfassung  des  Eigentums  zu  geben“  und  „
politische  oder  Regierungssystem  in  der  Wirtschaftsordnung  aufzulösen,  zu  verse . n ,  r
und  zum  Verschwinden  zu  bringen,  indem  eins  nach  dem  anderen  der  Räder  im  Ra
werk  dieses  großen  Mechanismus,  der  Regierung  oder  Staat  heißt,  verringert,  v  1
einfacht  und  dezentralisiert  wird“.  Proudhon  hat  diesen  Gedanken  Saint-Simon«
lehnt,  was  er  in  der  Idee  generale  de  la  Revolution  (S.  136ff.)  zugibt.  „Ug
Auffassung  einer  industriellen  Gesellschaft,  die  die  politische  Regierung  überiiu
macht,  oder  sie  doch  auf  ein  Minimum  beschränkt,  ist  selbst  nur  eine  Entwick  1  ^
oder  wenn  man  will,  eine  Vergröberung  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  J.-B.  S AY
Die  Bestätigung,  daß  er  Anarchist  ist,  findet  sich  schon  in  dem  Memoire  sur  * a ,  " vcr .
priete  (1.  Ausg.  S.  229).  „Wer  sind  Sie  denn  ?  —  Ich  bin  Anarchist.  —  Ah!  1°
stehe;  Sie  wollen  satirisch  sein;  das  richtet  sich  gegen  die  Regierung!  —  Durchaus  n
        <pb n="360" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.  337
So  der  Vorschlag  Proudhon’s  und  seine  Konsequenzen.  Um  seine
Tragweite  zu  verstehen,  müssen  wir  uns  fragen:  1.  Ob  der  Ersatz  der
auf  Sicht  gegen  Bargeld  zahlbaren  Banknoten  durch  Tauschbons  praktisch ­
  möglich  ist;  —  und  2.  in  der  Annahme,  daß  dieser  Ersatz  möglich
sei:  würde  er  die  Folgen  haben,  die  sein  Urheber  davon  erwartet?
1.  Proudhon  stellt  sein  System  als  ein  einfaches  Mittel,  den  Wechsel
zu  verallgemeinern,  hin 1 ).  Das  ist  richtig.  Die  Tauschbank  setzt  ihre
Unterschrift  an  Stelle  der  des  Kundenwechsels,  den  sie  diskontiert.  Auch
heute  tut  der  Aussteller  einer  Banknote  nichts  anderes.  An  die  Stelle
des  Wechsels,  den  die  Banque  de  France  kauft,  und  der  nur  einen  beschränkten ­
  Kredit  genießt,  setzt  die  Banque  de  France  Banknoten,  die
ihre  überall  anerkannte  Unterschrift  tragen  und  einen  fast  unbegrenzten
Kredit  genießen.  Worin  unterscheidet  sich  nun  der  Umlaufbon  Proudhon’s
von  der  Banknote?  Einfach  dadurch,  daß  die  Bank  zu  ihrer  Unterschrift
das  Versprechen  einer  Einlösung  in  Metallgeld  fügt,  d.  h.  in  einer  allgemein ­
  angenommenen  und  nachgefragten  Ware,  während  Proudhon  die
Unterschrift  der  Tauschbank  durch  keine  andere  besondere  Verpflichtung ­
  dieser  Art  ergänzt,  sondern  einzig  dadurch,  daß  alle  ihre  Kunden
Sle  an  Zahlungsstatt  annehmen.
Theoretisch  mag  dieser  Unterschied  unbedeutend  erscheinen,  da
beiden  Fällen  die  Zahlungsfähigkeit  der  Aussteller  des  Kundenweehsels
! le  wirkliche  Garantie  der  Banknote,  wie  des  Tauschbons  ist.  Praktisch
ls t  der  Unterschied  aber  außerordentlich  groß!  Die  Sicherheit,  die  Banker ­
 0  gegen  Bargeld  Umtauschen  zu  können,  gibt  ihr  die  große  Kraft  ihrer
dbreitung,  und  auf  Grund  dieser  Sicherheit  wird  sie  von  der  großen
enge  Unbekannter  angenommen,  die  sie  einzig  infolge  des  Vertrauens,
jw  ihnen  die  Bank  einflößt,  annehmen.  Sie  brauchen  sich  nur  um  die
( jUng s fähigkeit  ^ er  Uank  zu  kümmern.  Ein  „Umlaufbon“,  abgesehen
a von,  daß  er  nur  ein  Anrecht  auf  gewisse  Waren  (wie  sie  die  Kunden
er  Tauschbank  hersteilen)  gibt,  setzt  aber  voraus,  daß  der  Besitzer
wtrauen  in  die  Gesamtheit  der  Kunden  hat,  ein  Vertrauen,  dessen
iikhche  Begründung  er  nur  schwer  mit  Sicherheit  nachprüfen  kann.
I' n f  derartiger  Bon  wird  daher  nur  unter  den  Kunden  der  Bank  umfa
  6l1 ’  anstatt  w ' e  die  jetzige  Banknote  das  ganze  Publikum  zu  umssen.
  Aber  auch  die  Kunden  der  Tauschbank  können  ihre  VerpflichnUr
  d ann  einhalten,  wenn  diese  Bank  nur  Wechsel  erster  Sicherxt
  diskontiert  und  niemals  am  Verfalltage  eine  Zahlungsverweigerung
? ag , e , Ihnen  dami t  mein  Glaubensbekenntnis,  das  ich  mir  ernsthaft  und  reiflich
Uch  wenn  ich  auch  in  jeder  Weise  ein  Freund  der  Ordnung  bin,  so  bin  ich
m  der  vollen  Bedeutung  des  Wortes  Anarchist.“
d.  h  i  ”. le  ganze  Frage  des  Umlaufs  liegt  in  der  Verallgemeinerung  des  Wechsels,
3 tändif? ann ’  ihn  zu  einem  auf  den  Inhaber  lautenden  Wertpapier  zu  machen,  das  beod
 Pr  .».^getauscht  werden  kann  und  auf  Sicht  rückzahlbar  ist,  aber  nur  gegen  Waren
*  , Ulenste “  (Organisation  du  crfedit,  (Euvres,  Bd.  VI,  S.  113-114).
e  and  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmemungen.  2.  Aufl.  22
        <pb n="361" />
        338

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

erleidet.  Denn  sonst  würden  die  Umlaufbons,  anstatt  regelmäßig  zur
Bank  zurüekzukehren,  im  Umlauf  bleiben.  Sollte  eine  irgendwie  bedeutende ­
  Krisis  auftreten,  und  viele  der  Anhänger  der  Bank  in  Zahlungsschwierigkeiten ­
  geraten,  so  würde  die  Summe  des  Nennwertes  der  Umlaufbons ­
  sehr  schnell  den  Wert  der  Waren,  die  sie  vorstellen,  übersteigen.
Die  Bons  würden  sofort  an  Wert  verlieren,  und  die  Kunden  selbst  würden
sich  weigern,  sie  an  Zahlungsstatt  anzunehmen.
Man  kann  sich  daher  sehr  wohl  die  Möglichkeit  eines  Umlaufs  dieser
Bons  vorstellen,  —  aber  dieser  Umlauf  würde  stets  nur  auf  einen  kleinen
Kreis  beschränkt  bleiben,  und  als  erste  unvermeidliche  Bedingung  die
fast  vollständige  Zahlungsfähigkeit  der  Kunden  voraussetzen.
2.  Nehmen  wir  aber  an,  daß  diese  praktische  Bedingung  erfüllt  sei,
und  daß  diese  Bons  im  Umlauf  wären:  würde  der  „Zins“  deshalb  verschwunden ­
  sein?  In  keiner  Weise,  und  hierin  liegt  der  Grundirrtum
des  Gedankens.
Weshalb  erhebt  die  Banque  de  France  einen  Diskont?  Einfach
deshalb,  behauptet  Proüdhon,  weil  sie  Bargeld  an  Stelle  von  Wechseln
gibt,  so  daß  das  „Herrenrecht,  das  man  Diskont  nennt“ 1 ),  da  es  nur
von  dem  Gebrauch  von  Metallgeld  herrührt,  mit  seiner  Abschaffung
verschwinden  müßte.  —  Das  ist  ein  Irrtum.  Wenn  die  Bank  sich  einen
Diskont  zahlen  läßt,  so  beruht  das  darauf,  daß  sie  heute  eine  sofort  verwertbare ­
  Ware  liefert  gegen  den  Wert  eines  Wechsels,  der  erst  in  einigen
Monaten  realisierbar  ist.  Sie  gibt  daher  eine  Wirklichkeit  in  Tausch  gegm*
ein  Versprechen,  ein  schon  jetzt  verfügbares  Gut  in  Tausch  gegen  ein
erst  später  verfügbares.  Was  die  Bank  erhebt,  ist  der  Unterschied  zwischen
dem  Wert  des  Wechsels  am  Tage,  an  dem  sie  ihn  diskontiert,  und  seinem
Wert  am  Tage  des  Verfalls,  ein  Unterschied,  der  nicht  von  dem  Willen
der  Bank,  oder  von  dieser  oder  jener  Geldart  abhängt,  sondern  in  der  Natur
der  Sache  liegt.  Proüdhon  kann  tun,  was  er  will,  der  Terminhandel
und  der  Verkauf  gegen  bar  sind  und  bleiben  zwei  ganz  verschiedene  Vorgänge ­
 2 ),  solange  als  der  tatsächliche  gegenwärtige  Besitz  eines  Gutes
für  vorteilhafter  betrachtet  wird,  als  sein  späterer  Besitz.
Dieser  Unterschied  würde  auch  bei  der  Tauschbank  sehr  bald  wied fir
zutage  treten,  und  zwar  auf  folgende  Weise.  Alle  „Umlaufbons“  stelle 0
Waren  vor,  die  für  einen  späteren  Zeitpunkt  verkauft  sind.  Wenn  dj®
Bank  darauf  verzichtet,  einen  Diskont  zu  erheben,  so  berührt  das  nim 1
&amp;gt;)  Organisation  du  cr6dit,  (Euvres,  Bd.  VI,  S.  113—114.  .  0 j
2 )  Proüdhon  erklärt  beständig,  daß  seine  Reform  darin  bestehe,  den  , n)
auf  Kredit  in  einen  Verkauf  gegen  bar  zu  verwandeln.  Ebensogut  kann  man  aber  sag“
daß  man  von  jetzt  ab  weiß  mit  schwarz,  und  schwarz  mit  weiß  bezeichnen  wird,
entfernt,  die  Reziprozität  im  Austausch  zu  verwirklichen,  räumt  man  dem
einen  Vorteil  ein  „Kredit  geben,  bedeutet  austauschen“  sagt  Proüdhon  noch-  ^
recht,  aber  gerade  der  Diskont  stellt  in  dieser  besonderen  Austauschoperation,
man  Kredit  nennt,  die  Gleichheit  der  Werte  her.
        <pb n="362" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

339

22*

den  Vorteil,  den  die  Kaufleute  daran  haben  würden,  in  bar  bezahlt  zu
werden.  Um  diesen  Vorteil  zu  behalten,  werden  sie  ihren  Käufern,  die  in
bar  bezahlen,  d.  h.  den  Käufern,  die  sie  entweder  in  Waren,  oder  in  Edelmetallen ­
  (die  doch  ebenfalls  nur  Waren  sind),  bezahlen,  einen  geringen
Rabatt  auf  die  in  Papiergeld  ausgedrückten  Preise  gewähren.  So  würden
sich  sehr  schnell  zwei  Reihen  von  Preisen  ergeben:  eine  in  Papiergeld
für  die  Verkäufe  auf  Zeit,  und  eine  für  Metallgeld  für  die  Verkäufe  gegen
bar.  Die  ersteren  werden  höher  als  die  zweiten  sein,  und  der  Unterschied,
den  die  Tauschbank  zu  erheben  ablehnt,  würde  von  den  Verkäufern  selbst
«hoben  werden.  Der  Geldzins  würde  daher  wieder  in  Erscheinung  treten,
aber  unter  einer  neuen  Form.  .  .
Hierauf  würde  Proudhon  vielleicht  erwidern,  daß  die  Anhänger
dar  Tauschbank  infolge  ihrer  Zustimmung  zu  den  Statuten  sich  verpflichtet ­
  haben,  von  jedem  derartigen  Agio  abzusehen.  Dann  aber,  selbst
Wenn  sie  ihrem  Versprechen  treu  bleiben,  folgt  die  Abschaffung  des  Diskonts ­
  oder  der  Zinsen  nicht  aus  der  Organisation  der  Tauschbank,  sondern
ans  dem  freien  Willen  der  Kunden.  Es  würde  dies  einfach  au 1 '  die  Abschaffung ­
  des  Zinses  auf  Grund  gegenseitigen  Übereinkommens  hinauslaufen,
  —  eine  ausschließlich  moralische  Reform,  für  die  aber  jeder  Bankmechanismus
  entbehrlich  ist  und  die  sich  vielleicht  nur  etwas  langsam
durchsetzen  würde!
Die  Tauschbank  wird  daher  den  Diskont  nicht  abschaffen,  und  folghch
  auch  nicht  das  „Herrenrecht“  im  allgemeinen  —  womit  die  anderen
olgerungen  Proudhon’s  von  selbst  hinfällig  werden.
Sein  theoretischer  Fehler  beruht  darauf,  daß  er  das  Geld  bald  als
kapital  par  excellence  betrachtet  und  bald  nur  als  einfaches  lauschmittel
  ohne  wirklichen  Eigenwert.  Er  vergißt,  daß  das  Geld  nicht  nur
a  s  Tauschmittel  begehrt  wird,  sondern  auch  als  Mittel  zur  Anhäufung
y° n  Schätzen  und  Ersparnissen,  als  Wertreserve;  und  daß  die  Umlauf-°ds
  es  wohl  in  jener  einen  Funktion,  aber  durchaus  nicht  in  allen  ersetzen ­
  können.  Man  kann  die  Umlaufsmittel  nach  Belieben  vermehren,
abe r  nicht  das  Kapital.  Wenn  Proudhon  das  Geld  durch  Bons  ersetzt,
r  1 e , rhöht  er  das  in  der  Gesellschaft  vorhandene  Kapital,  von  dem  das
.  einen  Teil  darstellt,  nicht  um  einen  Pfennig 1 )-  Und  weiterhin  vermodert ­
  er  um  nichts  die  Überlegenheit  des  Wertes  der  gegenwärtigen
gegenüber  den  zukünftigen  Gütern,  -  eine  Überlegenheit,  auf  der  die
ohe  der  Zinsen  beruht.  Die  Vermehrung  der  Umlaufbons  ohne  gleichdage
  Vermehrung  des  sozialen  Kapitals  hat  keine  andere  Wirkung,
Atboi?  Das  Hart Se&amp;gt;&amp;lt;!  aus  Silber  oder  Gold  ist  ein  Produkt  der  Ersparnis  und  der
and  ü  f edes  beliebige  andere  Gut  und  tauscht  sich  nach  gleichem  Wert  gegen  die
ft"  Produkte  der  Ersparnis  und  der  Arbeit.  Der  Umlaufsbon,  das  Papiergeld,
können 8611  ““  G( 'S (: “stand,  dessen  Produktionskosten  praktisch  vernachlässigt  werden
        <pb n="363" />
        .

Zweites  Buch.  Die  Gegner.
als  alle  Preise  zum  Steigen  zu  bringen,  die  des  Bodens,  der  Häuser  und
der  Maschinen  ebenso,  wie  die  der  Verbrauchsgegenstände 1 ).  Da  die
Kapitalien  nicht  zahlreicher  als  früher  sein  werden,  werden  sie  wie
früher  vermietet  werden,  aber  die  Pachtsummen  und  Mieten  unterliegen
der  Wirkung  der  allgemeinen  Preissteigerung,  —  und  werden  daher  ebenfalls ­
  höher  werden  ...  ein  eigentümlicher  Erfolg  einer  Reform,  die  den
Zins  gerade  abschaffen  sollte;  Proudhon  legt  der  Herrschaft  des  Goldes
zuerst  eine  übertriebene  Bedeutung  bei  und  nimmt  dann  die  Formel
J.-B.  Say’s  zu  wörtlich:  „Produkte  kaufen  sich  mit  Produkten“,  eine
Formel,  von  der  sich  J.-B.  Say  selbst  hatte  blenden  lassen,  und  es  ist
interessant  zu  sehen,  wie  die  Tauschbank  der  logische,  wenn  auch  paradoxe
Sehluß  ist,  zu  dem  die  von  Adam  Smith  und  den  Physiokraten  gegen  die
merkantilistischen  Ideen  über  das  Geld  begonnene  Reaktion  führte.
Muß  man  nun  sagen,  daß  der  Gedanke  Proudhon’s  jeder  wahre«
Grundlage  entbehrt?  Nach  unserer  Ansicht  nicht.  Unter  der  falschen
Idee  des  unentgeltlichen  Kredites  kann  man  die  richtige  Idee  des  geg««'
seitigen  Kredites  entdecken.  Die  Banque  de  France  ist  eine  Gesellschat
von  Kapitalisten,  der  das  Publikum  Kredit  gibt,  indem  es  ihre  Banknote«
annimmt,  und  die  ihrerseits  wieder  dem  gleichen  Publikum  Kredit  ei«'
räumt.  Die  Garantie  der  Banknoten  —  das  hat  Proudhon  bewunderung-'
würdig  klar  gesehen  —  liegt  in  Wirklichkeit  in  den  Händen  des  P«'
blikums;  es  sind  die  Unterzeichner  der  Handelswechsel,  ohne  deren  Za«'
lungsfähigkeit  die  Bank  ihre  Vorschüsse  nicht  wieder  erhalten  würde»
auf  denen  die  ganze  Sicherheit  der  Banknote  beruht.  Das  Kapital  de«
Aktionäre  ist  nur  eine  Zusatzgarantie;  und  wie  schon  der  Schatzmim ster
Napoleons  des  Ersten,  Graf  Mollien,  sagte,  eine  Emissionsbank  kan«
theoretisch  ohne  jedes  Kapital  operieren.  Das  Publikum  leiht  sich  selbs
Geld  mit  der  Bank  als  Vermittler.  Aber  warum  sollte  es  sich  nicht  oh«®
diesen  Vermittler  behelfen?  Warum  sollte  es  nicht  den  Kreditunternehm®
ausschalten,  wie  es  den  industriellen  Unternehmer  oder  den  Kaufma««
q  Der  Krieg  hat  uns  die  großartige  Erfahrung  eines  Verwaltungssystems  gebraolD’
wo  alle  Handelsoperationen  sich  im  Barverkehr  vollzogen,  und  wo  der  Staat,
die  Ersparnisse  des  Publikums  seinen  Kassen  nicht  schnell  genug  zuströmten,  9 ^_
der  Kassenscheine,  d.  h.  uneinlösbaren,  aber  von  jedermann  als  Zahlungsmittel
genommenen  Papiergeldes,  bediente,  um  seine  Ankäufe  zu  machen.  Die  Wirkung  „
den  Preis  aller  Waren  hat  nicht  auf  sich  warten  lassen  —  obgleich  30  ziemlich  übe
sich  Volkswirtschaftler  gefunden  haben,  die  bewiesen  (!),  daß  der  Hochstand  der  " T  ^
die  Ursache  und  nicht  die  Folge  der  Papiergeldausgabe  war.  In  den  Ländern,  jfl
Banknote  nicht  gebräuchlich  ist,  und  wo  der  Staat  sich  durch  die  Banken  Kre  1
Gestalt  von  Gutschriften  auf  sein  Konto  geben  ließ,  auf  die  durch  Schee
zogen  werden  konnte,  waren  übrigens  die  Folgen  dieser  Schaffung  einer  zusä ^ Z s ' 0 iite,
„Kaufkraft“,  die  sich  der  aus  der  gewöhnlichen  Ersparnis  stammenden  zU “ e | C ji 0 so
genau  die  gleichen.  Die  Preissteigerung  in  England,  dem  Lande,  wo  der  bärge  glJ
Verkehr  die  Banknote  ersetzt,  war  durch  die  Vervielfältigung  dieser  buchma  e.^
Guthaben  verursacht,  wie  bei  uns  die  Vervielfältigung  des  Papiergeldes  die  e rs
sache  der  Hausse  gewesen  ist.
        <pb n="364" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

341

ln  den  Produktions-  und  Konsumgenossenschaften  ausschaltet?  Zweifelsohne ­
  würde  deshalb  der  Diskont  nicht  verschwinden,  aber  sein  Betrag
würde  für  alle  Entleiher  um  die  Summe  vermindert  werden,  die  sie  als
Verleiher  gewinnen.  Es  ist  das  das  Prinzip  der  Kreditgesellschaften  auf
Gegenseitigkeit,  bei  denen  das  Anfangskapital  fast  vollständig  durch  die
Haftpflicht  der  Genossen,  zuweilen  auch  durch  die  unbeschränkte  Haftpflicht, ­
  ersetzt  wird.  Später  scheint  Proudhon  seine  erste  Auffassung
auf  diese  Idee  beschränkt  zu  haben 1 ).
So  hat  Proudhon  die  Kreditgenossenschaft  gestreift,  wie  er  in
anderen  Teilen  seines  Werkes  andere  Formen  der  Kooperation  gestreift ­
  hat,  —  ohne  daß  er  übrigens  für  jene  eine  besonders  lebhafte  Sympathie ­
  gehabt  hätte 2 ).
Weiterhin  liegt  in  seinem  ganzen  Systeme  außer  der  wahren  Auflassung ­
  des  Gegenseitigkeitskredites  eine  tiefer  schürfende  Idee,  die  es
vorteilhaft  von  allen  Formen  des  autoritären  Sozialismus,  die  vor  oder
uach  ihm  aufgekommen  sind,  unterscheidet;  es  ist  dies  das  tiefe  Verständnis ­
  für  die  zwingende  Notwendigkeit  der  individuellen  Freiheit
Hs  Triebkraft  der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  in  den  Gesellschaften,  die
auf  der  Industrie  beruhen.  Besser  als  irgendeiner  seiner  Vorgänger  hat
°. r  Gegriffen,  daß  die  ökonomische  Freiheit  eine  endgültige  Erwerbung
or.  modernen  Gesellschaft  sei,  und  daß  jede  wirkliche  Reform  auf  dieser
Freiheit  sich  aufbauen  müsse;  niemand  hat  besser  als  er  die  Macht  der
^tätigen  „wirtschaftlichen  Kräfte“  verstanden,  deren  verderbliche
.  lr kung  er  wohl  gesehen  hat,  aber  in  denen  er  gleichzeitig,  wie  schon
•  Smith  es  getan  hatte,  den  stärksten  Hebel  des  Fortschrittes  erkannte.
IHdouschaftliche  Sorge  um  Gerechtigkeit  erklärt  seinen  Haß  gegen
as  Eigentum,  aber  sein  eifersüchtiges  Streben  nach  Freiheit  rief  seine
t  jl  l n  &amp;lt; l_ er  Id6o  gen§rale  de  la  Revolution  au  XIX e  siäcle,  S.  198ff.:
Wen 6  ran ^ s l sc .l len  Bürger  haben  das  Recht,  sich  untereinander  zu  verständigen  und,
g eg  sl oh  zusammen  zu  tun,  um  Bäckereien,  Fleischereien,  Materialwaren-Und
  a  USW '  zu  gründen,  die  ihnen  den  Verlauf  und  den  Austausch  zu  billigem  Preis
die  ih 1  ^ U ^ Cr  Q ua l'tät  von  Brot,  Fleisch  und  allen  Verbrauchsgegenständen  sichern,
fals  h  nei R  ( ^ e  ' m  Handel  herrschende  Anarchie  heute  mit  falschem  Gewicht,  unter
hab"  e V ßeZeichn,ln S  und  zu  exorbitantem  Preise  liefert  .  .  .  Mit  demselben  Recht
gründ  16  Synannten  Bürger  das  Recht,  für  ihren  gemeinsamen  Vorteil  eine  Bank  zu
p r  .  Q ® n ’  mi t  einem  Kapital,  wie  es  ihnen  gut  dünkt,  und  dem  Zwecke,  zu  billigem
s  das  Bargeld  zu  liefern,  das  sie  für  ihre  Geschäfte  brauchen.“
Sam  )  »Han  tut  sich  noch,  aus  Gründen  der  Wirtschaftlichkeit  des  Verbrauchs  zuden
  u 11 ’  Um  den  Nachteilen  des  Kleinhandels  zu  entgehen.  Dieses  Mittel  rät  Rossi
einzok  U f rauen  in  k l e i nen  Haushalten,  denen  ihre  Mittel  nicht  gestatten,  im  Großen
dem  p au ? en -  Biese  Art  von  Assoziation  .  .  .  zeugt  aber  gegen  das  Prinzip.  Man  gebe
zu  ver r ° &amp;lt;1UZen * ;en  Hrireh  denAustauseh  seiner  Produkte  die  Möglichkeit,  sich  im  Großen
z u  or?a° r ^ en ’  oc * er ’  was  au f  dasselbe  hinausläuft,  den  Kleinhandel  unter  Bedingungen
nnd  di* 11  A l6ren -  ^' e  Ü lm  ungefähr  die  gleichen  Vorteile  lassen,  wie  der  Verkauf  im  Großen,
e  Assoziation  wird  überflüssig.“  Idfie  gönfirale  de  la  R6volution,  S.  92.
        <pb n="365" />
        342

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Feindschaft  gegen  den  Sozialismus  hervor.  Sie  hat  ihn  dazu  geführt,
mehr  zu  zerstören  als  aufzubauen,  trotz  seiner  berühmten  Formel:  Destruam
  et  aedificabo.  Aber  dieser  Liberalismus  beruhte  auf  einem
sicheren  Gefühl  für  die  wirtschaftlichen  Wirklichkeiten,  und  die  soziale
Frage  stellt  sich  auch  heute  noch  in  keiner  anderen  Form  als  derjenigen,
in  der  sie  sich  Proudhon  stellte:  Die  Gerechtigkeit  in  der  Freiheit  zu
verwirklichen.
Das  Projekt  der  Tauschbank  Proüdhon’s  darf  nicht  mit  ähnlichen
Plänen,  die  vor  oder  nach  ihm  aufgekommen  sind,  verwechselt  werden.
Alle  diese  Pläne  haben  gemeinsam,  daß  sie  in  einer  Reform  des  Tausches
eine  Hilfe  gegen  die  sozialen  Ungleichheiten  suchen,  —  aber,  hiervon
abgesehen,  ist  die  Analogie  meistens  nur  äußerlich,  und  wie  wir  sehen
werden,  sind  die  wirtschaftlichen  Ideen,  auf  denen  sie  sich  aufbauen,
recht  verschieden.
1.  Man  hat  das  Projekt  Proüdhon’s  oft  mit  dem  System  der
„Arbeitsbons“  in  Verbindung  gebracht,  das  Robert  Owen  einzuführen
versuchte,  oder  wie  der  Engländer  Bray  es  in  seinem  „Labour’s
wrong’s  and  labour’s  remedy“  betitelten  Werk  1839  vorschlug 1 ),  und
wie  es  Rodbertus  später  empfehlen  sollte.  Jedoch  haben  die  „Umlaufbons“
  Proudhon’s  fast  nichts  mit  den  „Arbeitbons“  gemein,  die
von  diesen  verschiedenen  Schriftstellern  ausgedacht  worden  sind.  Die
„Umlaufbons“  vertreten  (d.  h.  sind  gedeckt  durch)  Kundenwechsel,
die  ihrerseits  auf  Grund  privater  Geschäfte  ausgegeben  waren.  Der
Warenpreis  wird  in  voller  Freiheit  zwischen  dem  Käufer  und  dem  Verkäufer ­
  festgesetzt,  und  durchaus  nicht  in  Arbeitszeit  bewertet,  wie
dies  in  dem  System  der  „Arbeitbons“  geschieht.  Allerdings  läuft  vermutlich ­
  das  schließliche  Resultat  auf  dasselbe  hinaus:  Proudhon  hofft,
daß  der  Warenpreis,  der  nicht  länger  durch  den  Zinsfuß  erhöht  wirdzum
  Schluß  auf  den  Arbeitskostenpreis  sinken  wird.  Einesteils  aber  wird
dieses  Resultat  indirekt  und  nicht  sofort  erreicht,  und  andererseits  ist
der  wirtschaftliche  Irrtum,  der  den  besprochenen  Vorschlägen  zugrunde
liegt,  nicht  derselbe  wie  der,  in  den  Proudhon  verfallen  ist.  Sein  Fehler
liegt  darin,  daß  er  in  dem  Metallgeld  nur  ein  Umlaufsmittel  sieht  und
vergißt,  daß  es  selbst  eine  Ware  vorstellt.  Der  Irrtum  Owen’s,  Brat  s
und  Rodbertus’  besteht  darin,  in  dem  Preis  der  Gegenstände  schon  heute
nur  einen  Ausdruck  der  in  ihnen  enthaltenen  Arbeit  zu  sehen;  ein  Gedanke, ­
  der,  wie  wir  wissen,  Proudhon  fern  liegt.
’)  Ein  von  Marx  1847  in  seinem  Buche:  Misere  de  la  Philosophie  unter
suchtes  und  kritisiertes  System  (Ausg.  Giard  &amp;amp;  Briüre,  1886,  S.  92ff.).  Eine  ncU U
und  vollständigere  Darlegung  findet  sich  in  der  Einführung,  die  Prof.  Foxweix  ^
englischen  Übersetzung  des  Buches  von  A.  Menger:  Das  Recht  auf  den  vol  e
Arbeitsertrag  (The  right  to  the  whole  produce  of  labour,  London  1899)  voral
schickt  (S.  LXVff.).
        <pb n="366" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

343

2.  Man  hat  die  Bank  Proudhon’s  noch  mit  anderen  sehr  verschiedenen ­
  Tauschbanken  verwechselt,  deren  Idee  kurz  vor  ihm  aufgekommen
war,  und  die  zu  zahlreichen  praktischen  Verwirklichungen  Anlaß  gaben.
Diese  Banken  beabsichtigten  nicht,  die  Zinsen  abzuschaffen,  sondern
die  Verbraucher  und  Produzenten  einander  näher  zu  bringen,  indem
sie  selbst  einkauften,  alle  ihnen  angebotenen  Waren  in  gegenseitigem
Übereinkommen  bewerteten  und  mit  Tauschbons  bezahlten.  Die  Käufer
würden  ihrerseits  zu  der  Bank  kommen,  um  die  ihnen  notwendigen  Gegenstände ­
  zu  erwerben,  die  sie  mit  Tauschbons  bezahlen.  Ein  gewisser
Dulcrand  Mazel 1 )  hat  einen  Versuch  dieser  Art  im  Jahre  1829  gemacht.
In  diesem  Falle  war  die  Bank  nur  eine  Niederlage,  die  dem  Produzenten
das  Auffinden  von  Absatzgebieten  erleichtern  sollte.  Ein  derartiges
System  leidet  an  dem  Mangel,  daß  der  Wert  der  in  Zahlung  gegebenen
Dons  notwendigerweise  mit  den  Preisschwankungen  steigen  oder  fallen
muß,  die  in  der  Zeit  zwischen  der  Zahlung  durch  die  Bank  und  dem  Ankauf ­
  durch  den  Verbraucher  eintreten.  Proudhon  jedoch  will  gerade,
daß  die  Bank  nur  die  Effekten  diskontiert,  die  schon  gelieferte  oder
gekaufte  Waren  vorstellen.  Sie  soll  nur  den  schon  versprochenen  Preis
v orstrecken,  aber  nicht  sich  mit  dem  Absatz  der  Waren  befassen.

l )  Mazel  hat  seine  Gedanken  in  einer  Reihe  von  Broschüren  dargelegt,  die,  in
einem  äußerst  schwülstigen  Stil  geschrieben,  wirklich  nicht  das  geringste  Interesse
f ür  die  Nationalökonomie  haben.  1838  wurde  in  Marseille  eine  andere  Bank,  die  banque
Bonnard  gegründet,  die  sich  später  in  Paris  etablierte.  Die  Prinzipien,  die  ihr  zugrunde ­
  lagen,  waren  ungefähr  dieselben,  wenn  auch  praktischer:  sie  besteht  heute
noch.  Proudhon  spricht  von  ihr  in  der  Capacite  politique  des  classes  ouvriercs,
Poürcblle-Senrdio  lobt  sie  außerordentlich  in  seinem  Traitö  des  Banques,  wie  auch
m  einem,  im  April  1853  im  Journal  des  ficonomistes  erschienenen  Aufsatz,  ihr
Betrieb  ist  in  drei  Broschüren,  die  sich  in  der  Bibliotheque  Nationale  befinden.  Klargelegt: ­
  die  eine  ist  eine  Liste  des  articles  disponibles  ä  la  Banque,  die  beiden
anderen  behandeln  den  Mechanismus  der  genannten  Bank.  Darimon  (ein  bcnuier
Broudhon’s)  hat  die  Beschreibung  einer  großen  Anzahl  ähnlicher  Banken,  io  wa  ren
dieser  Periode  gegründet  wurden,  in  seinem  Werk  De  la  reforme  des  anques
(Baris,  Guillaumin,  1856)  gegeben.  Viele  dieser  Systeme  sind  vor  kurzem  von  Aucuv
■n  seinem  Systömes  socialistes  d’öchange  (Paris  1907)  besprochen  und  dargelegt
worden.  Wir  stimmen  jedoch  mit  den  Ausführungen  dieses  Schriftstellers  in  versch  oenen
  Punkten  nicht  überein.  „  ,  a  ,  ;  j  ß
,  Die  Bank  Bonnard  unterschied  sich  von  allen  anderen  Systemen  darin  daß
^er  Kunde  der  Bank,  —  anstatt  ihr  eine  Ware  (deren  Verkauf  stets  unsicher  st)  zu
Gingen,  und  dafür  den  Preis  in  Papierbons  zu  erhalten,  —  un  Gegenteil  von  der  Ban
sogleich  eine  nützliche  Ware  erhielt,  und  dafür  einen  Wechsel  unterschrieb,  mit  dem
er  sich  verpflichtete,  ein  Erzeugnis  seiner  Fabrikation  zu  liefern,  sobald  die  Bank  es
von  ihm  verlangen  würde,  Für  jedes  Geschäft  erhob  die  Bank  eine  Kommission  in
U . r -  -  Sie  hatte  keinen  anderen  Zweck,  als  Käufer  und  Verkäufer  m  Berührung  zu
bringen,  und  die  unterschriebenen  Bons  waren  nichts  anderes,  als  Wechsel  die  in
Natura  zahlbar  waren,  aber  keineswegs  ein  Ersatz  für  Banknoten  (vgl  Banque
l^ ha nge  de  Marseille  C.  Bonnard  et  Cie  fondee  par  acte  du  10  janvier
1849 -  Notaire  Raynouard,  Marseille,  1849,  Broschüre,  24  Seiten).
        <pb n="367" />
        344

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Die  Entwertung  kann  also  nur  von  der  später  sich  herausstellenden
Zahlungsunfähigkeit  des  Käufers  kommen  und  nicht  von  dem  Sinken
des  Preises,  das  einer  Verminderung  in  der  Nachfrage  nach  den  Produkten
folgt.  Proudhon  selbst  hat  übrigens  jede  Verbindung  mit  dem  Projekt
Mazel’s  abgelehnt 1 ).
3.  Schließlich  hat  vor  nicht  langer  Zeit  ein  großer  belgischer  Industrieller, ­
  Solvay,  einen  Plan  „sozialer  Buchungen“  (comptabilisme
social)  verteidigt,  indem  er  ebenfalls  die  Abschaffung  des  Metallgeldes
und  die  Einführung  eines  vervollkommneten  Zahlungssystems  vorschlägt.
Aber  auch  hier  ist  die  Analogie  mit  dem  System  Proudhon’s  mehr  scheinbar ­
  als  wirklich.
Was  Solvay  vorschlägt,  ist  die  Ersetzung  des  Metallgeldes  nicht
durch  Banknoten,  sondern  durch  ein  System  von  Schecks  und  Umbuchungen. ­
  Sein  Projekt  beruht  auf  der  modernen  Praxis  der  „Clearing-Houses’“
  oder  Verrechnungsstellen.  In  seinen  Augen  würde  es  möglich
sein,  dieses  System  so  auszubreiten,  daß  der  Gebrauch  des  Geldes  überhaupt ­
  unnötig  wird.  Der  Staat  würde  jedem  „Verrechner“  (Comptabiliste)
ein  Scheckbuch  über  eine  gemäß  seines  beweglichen  oder  unbeweglichen
Vermögens  verschieden  hohe  Summe  ausfolgen.  Dieses  Buch  hat  zwei
l )  „Ich  verwerfe  sie  sowohl  nach  ihrem  Grundgedanken  wie  nach  der  Form
vollständig,“  sagte  er,  indem  er  von  der  Idee  Mazel’s  in  einem  Aufsatze,  der  am  7.  Dezember ­
  1848  in  der  Zeitung  Le  Peuple  erschien,  spricht  (CEuvres,  Bd.  XVII,  S.  221)-Er
  fügt  hinzu,  daß  er  Mazel  nicht  kannte,  als  er  sich  mit  dem  Gedanken  der  Tauschbank ­
  trug.  „Mazel  ist  von  sich  aus  zu  mir  gekommen  und  hat  mir  seinen  Gedanken
mitgeteilt.“  —  Proudhon  scheint  in  einem  seiner  Projekte,  das  am  10.  Mai  1848  veröffentlicht ­
  wurde,  für  einen  Augenblick  die  Idee  einer  ähnlichen  Bank  gehabt  zu  haben.
Der  §  17  des  Entwurfes  lautet  wie  folgt:  „Die  Tauschbons  sind  beständig  bei  Sicht
an  den  Kassen  der  Bank  und  bei  allen  Teilhabern  gegen  Waren  oder  Dienste  jeder
Art  austauschbar.  Umgekehrt  sind  Waren  und  Dienste  jeder  Art  beständig  an  den
Kassen  der  Bank  gegen  Austauschbons  austauschbar“  (Resume  de  la  question
sociale,  S.  41).  Dieser  Paragraph  rechtfertigt  die  Auslegung  Courcelle-Seneuil  s
(Traitö  des  opörations  de  Banque,  9.  Ausgabe  1899,  S.  470;  1.  Ausg.  1862),
wie  auch  die  von  Ott,  in  seinem  Traitö  d’ficonomie  Sociale  (1851),  —  wo  sich
jedoch  die  beste  Analyse  und  die  beste  Kritik  der  Auffassung  Proudhon’s  findet.  Wir
glauben  aber,  daß  dieser  Paragraph  nur  auf  ein  einfaches  Versehen  Proudhon’s  zurückzuführen ­
  ist.  Denn  außer  der  formellen  Verwerfung  des  Gedankens  Mazel’s  findet  man
ihn  auch  in  keinem  anderen  Entwürfe  und  besonders  auch  nicht  in  dem  Entwürfe  der
Banque  du  Peuple,  und  es  scheint  uns  in  Widerspruch  zu  der  wiederholten  Behauptung
Proudhon’s  zu  stehen,  daß  die  Bons  einzig  gegen  „verkaufte  und  abgelieferte“  " r "
Zeugnisse  erteilt  werden  dürfen,  wie  auch  mit  anderen  Paragraphen  des  Entwürfest
so  z.  B.  mit  dem  §  30  über  Konsignations-Käufe  und  -Verkäufe.  Auch  steht  er  m
Widerspruch  mit  dem  Gedanken,  daß  die  Diskontierung  von  Handelswechseln  die  erste
und  wesentliche  Operation  der  Bank  ist.  —  Unserer  Auffassung  nach  liegt  daher  eine
irrtümliche  Auslegung  vor,  wenn  Diehl  in  seinem  Werk  über  Proudhon  (P.-J.  Proudhon,
Seine  Lehre  und  sein  Leben,  Bd.  II,  S.  183)  glaubt,  daß  die  Banque  d’Echange
Bons  gegen  jede  hergestellte  Ware  ausgeben  sollte,  ohne  sich  darum  zu  kümmern,
ob  sie  verkauft  ist  oder  nicht.
        <pb n="368" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

345

Rubriken,  eine  für  die  Eintragungen  der  Einnahmen,  die  andere  für  die
der  Auszahlungen.  „Im  Falle  des  Verkaufs  eines  Gegenstandes  würde
sich  die  Zahlung  einer  Schuld  wie  folgt  vollziehen:  der  Käufer  muß  das
Scheckbuch  des  Verkäufers  in  der  Rubrik  der  Einkünfte  lochen,  während
dieser  letztere  das  Scheckbuch  des  Käufers  in  der  Kolonne  Ausgabe
locht.“  Wenn  das  Buch  einmal  bis  zum  vollen  Betrage  der  anfänglichen
Summe  gelocht  ist,  wird  es  dem  Staatsbureau  wieder  zugestellt,  wo
alle  Eintragungen  dieses  Buches  auf  das  Konto  der  betreffenden  Person
übertragen  werden,  „so  daß  man  stets  mit  einer  genügenden  Genauigkeit ­
  die  Gesamtsumme  der  Ausgaben  und  Einnahmen  eines  jeden  kennt  1 ).
Der  Vorteil  dieses  Systems  soll  zunächst  darin  liegen,  das  Metallgeld ­
  zu  ersparen.  In  zweiter  Stelle  wird  es  dem  Staat  (in  dem  Gedanken
Solvay’s)  ein  praktisches  und  sicheres  Mittel  liefern,  mit  hinreichender
Sicherheit  das  Vermögen  eines  jeden  zu  kennen.  Der  Staat  würde  daher
in  seinen  Händen  ein  Mittel  haben,  die  Erbanfallsteuern  festzusetzen,
so  daß  er  imstande  wäre,  die  Vererbung  erworbener  Vermögen  nach  und
nach  abzuschaffen.  Diese  nach  und  nach  verwirklichte  Abschaffung
würde  es  zum  Schluß  erlauben,  „die  größte  Ungerechtigkeit  der  modernen
Gesellschaften,  die  Ungleichheit  am  Ausgangspunkt“,  zum  Verschwinden
zu  bringen 2 )  und  das  Prinzip  der  gerechten  Verteilung  anzuwenden:
e inem  jeden  nach  seiner  Produktivität.  Dieser  Gedanke  hat  viel  mehr
von  Saint-Simon  als  von  Proudhon  an  sich.
Die  Tragweite  der  vorgeschlagenen  Reform  leuchtet  ohne  weiteres
eiß-  In  den  Augen  Solvay’s  ist  das  „Buchungssystem“  nur  ein  Bestandteil ­
  einer  allgemeineren  Auffassung,  nämlich  des  „Produktivis-^os“,
  der  darin  besteht,  die  soziale  Produktivität  durch  eine  sehr
verschiedene  Mittel  umfassende  Gesamtordnung  auf  ihr  Maximum  zu
bringen 3 ).
Es  ist  unmöglich,  hierin  irgendeinen  der  Gedanken  Proudhon  s
wiederzufinden.  Abgesehen  von  der  Abschaffung  des  Metallgeldes  ist
^Res  in  den  beiden  Vorschlägen  verschieden.  Solvay  strebt  nicht  danach,
den  Zins  vollständig  zu  beseitigen  und  er  bildet  sich  auch  nicht  ein,  daß
das  Geld  die  Ursache  des  Zinses  sei.  Das  System  der  Schecks  und  der
Zahlungsüberweisungen  hat  nur  den  Zweck,  die  Barverkäufe  zu  ereichtern,
  ohne  etwas  mit  dem  System  Proudhon’s  zu  tun  zu  haben,
wo  der  „Umlaufbon“  bestimmt  ist,  den  Barverkauf  mit  dem  Kreditverkauf
zu  identifizieren 4 ).
1 )  Annales  de  l’Institut  Solvay,  Bd.  I,  S.  19.
2 )  Annales  de  l’Institut  Solvay,  Bd.  I,  S.  25.
,  3 &amp;gt;  Vgl.  Principes  d’orientation  sociale.  Zusammenfassung  der  Untersuchungen
  Solvay’s  über  den  Produktivismus  und  dem  Comptabilismus,  S.  82;  Brussel
■h  92  Seiten.
p  1  Wenn  uns  auch  die  Auffassung  Solvay’s  durchaus  verschieden  von  der  Theorie
«oudhon’s  erscheint,  so  ähnelt  sie  doch  einer  in  der  Kommission  des  Luxemburg-
        <pb n="369" />
        346

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Der  stärkste  Einwurf,  den  man  gegen  das  System  Solvay’s  machen
kann,  ist,  daß  die  Unterdrückung  des  Geldes  als  Umlaufmittel  ohne
weiteres  seine  Abschaffung  als  Wertmesser  nach  sich  zieht.  Man  kann
sich  nur  schwer  vorstellen,  daß  der  verallgemeinerte  Gebrauch  des  Scheckbuches ­
  ohne  Geldhinterhalt  nicht  sehr  schnell  infolge  des  Überflusses
an  Papier  zu  einer  Preisinflation  führen  sollte.  Wenn  uns  auch  das  von
Solvay  vorgeschlagene  technische  Verfahren  der  Kritik  zu  unterliegen
scheint,  so  haben  wir  doch  nichts  gegen  den  Gedanken,  die  Menge  des
Metallgeldes  zu  verringern,  und  ebensowenig  gegen  den  Gedanken,  die
j  ,  Ungleichheit  des  Ausgangspunktes  in  einer  industriellen  Gesellschaft
*  zum  Verschwinden  zu  bringen.
Der  Vorschlag  Proüdhon’s  wurde  jedoch  nie  verwirklicht.  Der
„unentgeltliche  Kredit“  —  gerade  wie  „das  Recht  auf  Arbeit“,  „die
Organisation  der  Arbeit“,  und  die  „Arbeitergenossenschaft“  —  sollten
nur  die  Erinnerung  an  einen  aufsehenerregenden  Mißerfolg  hinter
sich  lassen.
Proüdhon  gründete  am  31.  Januar  1849  notariell  eine  Gesellschaft,
„Die  Volksbank“,  die  die  praktische  Durchführbarkeit  des  unentgeltlichen ­
  Kredites  beweisen  sollte.  Schon  in  ihrer  Organisation  konnte
man  bedeutsame  Unterschiede  mit  dem  theoretischen  Plan  der  Tauschbank ­
  feststellen.  Die  Tauschbank  sollte  ohne  Kapital  gegründet  werden:
die  Volksbank  wurde  mit  einem  Kapital  von  5  Millionen  in  Aktien  zu
5  Fr.  errichtet.  Die  Tauschbank  sollte  das  Metallgeld  abschaffen:  die
Volksbank  sollte  Bons  nur  gegen  Bargeld  oder  gute  Wechsel  ausgeben.
Die  Tauschbank  sollte  den  Zins  abschaffen;  die  Volksbank  setzte  ihn
auf  2%  fest,  mit  der  Absicht,  ihn  auf  ein  Minimum  von  %%  zu  verringern. ­

Trotz  dieser  bedeutenden  Änderungen  hat  die  Bank  nicht  funktioniert. ­
  Nach  drei  Monaten  betrug  das  gezeichnete  Kapital  erst  18000  Fr.,
obgleich  die  Anzahl  der  Anhänger  beinahe  12000  war.  In  diesem  Augenblick ­
  jedoch  (am  28.  März  1849)  mußte  sich  Proüdhon  vor  dem  Geschworenengericht ­
  der  Seine  wegen  zwei  Aufsätzen  verantworten,  die
er  am  16.  und  27.  Januar  1849  gegen  Loüis  Bonaparte  veröffentlicht
hatte.  Er  wurde  zu  drei  Jahren  Gefängnis  und  zur  Zahlung  einer  Geldstrafe ­
  von  3000  Fr.  verurteilt.  Am  11.  April  gab  er  in  seiner  Zeitung  bepalastes

  erörterten  Idee.  In  dem  Exposd  general  de  la  Commission  de  gouvernement
  pour  les  travailleurs,  die  am  6.  Mai  1848  im  Moniteur  (S.  955)  erschien, ­
  kann  man  lesen:  „In  der  zukünftigen  vollkommenen  Assoziationsordnung
wira  man  sogar  ohne  Wechsel  auskommen:  alles  wird  sich  auf  einen  Ausgleich
fler  Konten  beschränken;  an  Stelle  der  einkassierenden  Bankdiener  werden  Buchhalter
eten.  Schon  in  der  bestehenden  Gesellschaft  könnte  man  den  Gebrauch  von  Geld
teilwdse  überflüssig  machen,  sei  es  Metallgeld  oder  Papiergeld 1 *  ...  Der  Urheber
tuürt  dann  ein  System  von  Abrechnungsstellen  aus.
        <pb n="370" />
        Kapitel  V.  Proudhon  und  der  Sozialismus  von  1848.

347

kannt,  daß  er  das  Unternehmen  aufgebe.  Er  fügte  hinzu  „daß  es  schon
von  den  Ereignissen  überholt  sei“,  und  schien  so  zuzugeben,  daß  er  aufgehört ­
  habe,  an  einen  Erfolg  zu  glauben.
Von  diesem  Augenblick  an  tritt  „der  unentgeltliche  Kredit“  bei
Proudhon  in  den  Hintergrund,  —  und  seine  politischen  und  sozialen
Ideen  nehmen  bis  zu  seinem  im  Jahre  1865  eingetretenen  Tode  die  erste
Stelle  in  seinen  Werken  ein.

§  4.  Der  Einfluß  Proudhon’s  nach  1848.
Es  ist  außerordentlich  schwierig,  denEinfluß  der  GedankenPROuDHON’s
in  der  Periode  nach  1848  nachzuspüren.
Karl  Marx,  der  damals  noch  fast  unbekannt  war,  sollte  durch  die
Veröffentlichung  seines  Kapitals,  1867,  der  fast  einzige  Vertreter  des
theoretischen  Sozialismus  werden.  Schon  1847  hatte  er  heftig  gegen
Proudhon  Partei  ergriffen,  indem  er  unter  dem  Titel:  Misere  de  la
Philosophie 1 )  eine  herbe  Kritik  der  ökonomischen  Widersprüche
veröffentlichte.  Der  Vertreter  des  Kollektivismus  konnte  sich  mit  dem
Parteigänger  des  zerstückelten  individuellen  Eigentums,  der  Theoretiker
des  Klassenkampfes  mit  dem  Anhänger  der  Klassenverschmelzung,  der
Revolutionär  mit  dem  Verfechter  friedlicher  Reformen  nicht  verständigen 2 ).
Der  Erfolg  seiner  Ideen  nach  1867  hat  alle  früheren  sozialistischen  Systeme

l )  Zur  Verhöhnung  des  Untertitels:  pl ' lloS ,°P|“ e  de  la  Mls6re ’  dcn
den  Contradictions  üconomiques  gege  cn  a  \  „.g  (Briefwechsel,  Bd.  II,
*)  ln  einem  Briefe  an  Karl  Marx  vom  17  Mai  der  Aktio n“,  der
8.  199)  hatte  sich  Proudhon  aus  Anlaß  des  Ausdrucks  °  keQ  einer  Revolution
in  einem  Briefe  Karl  Marx’  stand,  s . (d&amp;lt; V t .£ e ° en  j  ß  h  te  ke j ne  Reform  ohne  einen
gewendet.  „Vielleicht  hegen  Sie  noch  die  Meinung,  da  ^  nannte ,  und  was
Handstreich  möglich  sei,  ohne  das,  was  man  früh  Meinung  auch  verstehe,  ja
weiter  nichts  als  eine  Erschütterung  ist.  Wenn  ich  diese  M  ^  Zcit  hindurch
sie  entschuldige  und  sie  gern  diskutieren  wurde,  ' a  vfl ii s tändig  davon  abgebracht,
geteilt  habe,  so  haben  mich  meine  letzten  Studien  da ß  wir  daher  die
leh  glaube,  daß  wir  das  nicht  nötig  haben,  um  &amp;lt;  urc  ,  Reform  hinstellen  dürfen,
revolutionäre  Aktion  keineswegs  als  Mittel  einer  sozialen  Kcio^  kurz  ein
weil  dieses  angebliche  Mittel  nur  ein  Appell  an  je  Problem  wie  folgt  dar:
Widerspruch  sein  würde.  Für  mich  stellt  S1C  Rpichtümer  in  die  Gesell-Hurch
  eine  wirtschaftliche  Kombination  ,  wirtschaftliche  Konischalt
  zurückzuleiten,  die  j, 0111 ?  alld erer  Stelle,  in  den  Confessions
ßination  ihr  entzogen  worden  sind.  Explosion  einer  organischen
1  un  revolutioniere  (S.  61):  „Eine  Revolution  '  Auß( f n .  sie  ist  nu r  berechtigt,
?öa!t,  eine  Entwicklung  der  Gesellschaft  von  n  Tvrannei,  sie  zu  unterdrücken
"'soweit  sie  spontan,  friedlich  und  traditione  •  e ; c h.“  —  Über  das  Verhältnis
"der  sie  mit  Gewalt  erzwingen  zu  wollen,  rourguin:  Proudhon  et  Karl
m  Ideen  Proudhon’s  zu  denen  Karl  Mar  f/j  politique  erschien,
ein  Aufsatz,  der  1893  in  der  Revue  d-Lconomie  1
        <pb n="371" />
        r
■  iw-ft  •:;$  :  j  |

348

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

in  den  Schatten  gestellt  und  vollständig  verdunkelt.  In  seinen  Augen
ist  Proudhon  nur  ein  „Kleinbürger“.  Dennoch  scheinen  die  Pariser
Arbeiter  noch  ganz  unter  der  Herrschaft  der  Ideen  Proudhon’s  gestanden ­
  zu  haben,  als  Karo  Marx  1864  in  London  die  berühmte  „Internationale ­
  Arbeiterassoziation“  gründete.  Auf  dem  ersten  Kongreß  der
„Internationale“  in  Genf  im  Jahre  1866  legten  sie  eine  Denkschrift  vor,
deren  Ideen  klar  und  deutlich  auf  Proudhon  zurückzuführen  sind,  und
sie  setzten  die  Annahme  der  sich  daraus  ergebenden  Beschlüsse  durch.
Aber  schon  auf  dem  folgenden  Kongreß  (1867)  stießen  sie  auf  stärkeren
Widerstand,  und  auf  den  Kongressen  zu  Brüssel  (1868)  und  zu  Basel
(1869)  gelangte  der  Einfluß  Marx’  zur  Vorherrschaft.
Man  kann  sich  fragen,  ob  die  Ideen  Proudhon’s,  die  von  den  Pariser
Arbeitern  1866  verteidigt  wurden,  von  dem  Proudhon  des  Jahres  1848
stammen?  Es  scheint  vielmehr,  als  ob  sie  das  Ergebnis  der  1865  erfolgten
Veröffentlichung  des  letzten  Werkes  Proüdhon’s:  „Die  politische
Fähigkeit  der  Arbeiterklassen“  gewesen  sind.  Dieses  Werk  entstand
unter  dem  Eindruck  der  Arbeiterbewegung,  die  nach  1862  in  Paris  zum
Ausbruch  kam,  und  infolge  eines  Manifestes,  das  von  60  Pariser  Arbeitern
unterzeichnet  war,  die  geglaubt  hatten,  es  Proudhon  als  dem  bekanntesten
Vertreter  des  Sozialismus  in  Frankreich  unterbreiten  zu  sollen.  Die
Haltung  der  französischen  Arbeiter  im  Anfang  der  Internationale  würde
daher  auf  dem  Wiedererwachen  des  Proudhonismus  beruhen,  das  mehr
von  der  Veröffentlichung  dieses  Buches  als  von  dem  andauernden  Einfluß ­
  seiner  Ideen  nach  dem  Staatsstreich  hervorgerufen  wurde 1 ).
Jedoch  war  dieses  Wiedererwachen  nur  von  kurzer  Dauer.  Heute,
und  seitdem  die  Gedanken  Marx’  ihrerseits  einer  sehr  scharfen  Kritik
unterworfen  worden  sind,  zeigt  sich  bei  gewissen  Schriftstellern  ein  ganz
neues  Interesse  zugunsten  der  Ideen  Proudhon’s.  Diese  Schriftsteller
—  unter  denen  Georges  Sorel  an  erster  Stelle  steht  —  verbinden  die
lebhafteste  Bewunderung  für  Marx  mit  einer  nicht  geringeren  Achtung
vor  Proudhon.  Aber  sogar  hier  ist  es  sehr  schwierig,  von  einem  Wiedererwachen ­
  der  Ideen  Proudhon’s  zu  sprechen.  Es  handelt  sich  vielmehr
um  eine  neue  Richtung,  die  auf  der  syndikalistischen  Arbeiterbewegung
beruht,  und  in  der  man  den  doppelten  Einfluß  des  anarchistischen  französischen ­
  Sozialisten  und  des  kollektivistischen  deutschen  Sozialisten
finden  kann.  Auf  jeden  Fall  ist  sie  noch  zu  neu,  als  daß  man  ihre  Tragweite
bestimmen  könnte.

*)  Vgl.  über  diesen  Punkt:  Pueoh:  Proudhon  et  1-Internationale,  P ar ' s
1907  (Vorwort  von  Andler).
        <pb n="372" />
        Drittes  Buch.

Der  Liberalismus.

Wir  müssen  jetzt  zu  der  klassischen  Nationalökonomie,  die  wir
verlassen  haben,  zurückkehren.  Was  tat  sie  während  dieser  ganzen
Zeit,  in  der  soviel  Gegner  gegen  sie  kämpften  ?  Tot  war  sie  nicht,  sie
sammelte  nur  ihre  Kräfte.  Nach  den  großen  Büchern  eines  Ricardo,
eines  Malthus  und  eines  J.-B.  Say,  die  im  Anfang  des  Jahrhunderts
erschienen  waren,  war  die  volkswirtschaftliche  Literatur  sicherlich,  besonders ­
  in  England,  nicht  versiegt;  sie  hatte  jedoch  nichts  hervorgebracht, ­
  das  sich  mit  den  Werken  der  ersten  Meister  vergleichen  ließe  oder
an  ihre  geistreichen  Kritiker  heranreichen  konnte.  Sie  sollte  aber  von
Neuem  die  Gunst  der  öffentlichen  Meinung  gewinnen  und,  wie  man  eine
Zeitlang  glauben  konnte,  die  Einheit  in  den  Ansichten  wieder  herstel  en.
Zwar  war  es  noch  keine  wirkliche  Einheit,  denn  in  dem  Augenblick,
von  dem  wir  sprechen,  beginnt  die  klassische  Schule  schon,  sich  in  zwei
Schulen  zu  spalten,  die  englische  und  die  französische.  Allerdings  sind
a * e  keineswegs  Rivalen,  denn  sie  verteidigen  beide  das  gleiche  Banner.
Gemeinsam  beschützen  sie  die  grundlegenden  Prinzipien  und  vor  allem
den  Liberalismus  —  oder,  wie  man  auch  sagt,  den  Individualismus.
Während  jedoch  die  erstere  mit  Stuart  Mill  den  heftigen  I  n  1  en,
di e  sich  von  allen  Seiten  erhoben,  ein  sympathisches  Ohr  lieh  und  sich
bemühte,  die  alten  Theorien  mit  den  neuen  Gedanken  m  Einklang  zu
bringen,  strebte  die  zweite  im  Gegenteil  mit  Bastiat  danach,  eine  ogen-^irkung
  zu  erzielen,  indem  sie  immer  stärker  den  Glauben  an  die  naturbche
  Ordnung  und  an  das  laisser-faire  betonte.
„  In  Wahrheit  geht  dieser  Unterschied  zwischen  den  beiden
Schulen  auf  die  Ursprünge  der  Wissenschaft  zurück.  Schon  zwischen
den  Physiokraten  und  A.  Smith,  zwischen  Say  und  Ricardo,  war  er
ersichtlich.  Aus  Gründen,  die  wir  im  Folgenden  anfuhren  werden,  sollte
*  jedoch  immer  stärker  werden.  Das  vorliegende  Buch  zerfallt  daher
§ a nz  natürlich  in  zwei  Kapitel,  von  denen  das  eine  sich  mit  der  franzo-81
 schen,  das  andere  mit  der  englischen  liberalen  Schule  beschäftigt.
        <pb n="373" />
        350

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Kapitel  I.
Die  Optimisten.
In  dem  vorhergehenden  Buche  haben  wir  gesehen,  wie  sehr  die
überall  aufschießende  Kritik,  die  sozialistische  und  die  staatssozialistische,
die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  gestört  und  in  die  Irre  geführt
hatten.  Der  Augenblick  war  gekommen,  in  dem  der  Versuch  gemacht
werden  mußte,  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  wieder  auf  ihren
richtigen  Weg,  den  der  Naturordnung,  zu  bringen,  den  sie  mit  den
Physiokraten  und  A.  Smith  zuerst  gegangen  war,  —  und  dieser  Aufgabe
unterzogen  sich  die  Volkswirtschaftler  ganz  besonders  in  Frankreich.
Diese  Haltung  der  französischen  Schule  erklärt  sich  leicht  aus  der
Tatsache,  daß  sie  sich  mehr  als  irgendeine  andere  mit  den  Angriffen
des  Sozialismus  und  des  Protektionismus  hatte  beschäftigen  müssen.
Soweit  der  Sozialismus  in  Betracht  kommt,  darf  nicht  vergessen  werden,
daß  Frankreich  sein  Geburtsland  ist 1  * ).  Man  kann  keineswegs  den  Einfluß, ­
  der  in  England  von  Owen,  und  noch  weniger  den,  der  in  Deutschland ­
  z.  B.  von  einem  Schuster  und  einem  Weitling  ausgeübt  worden
ist,  mit  dem  Nimbus  vergleichen,  der  in  Frankreich  einen  Saint-Simoh,
einen  Fourier,  einen  Proüdhon  umgab.  Sie  erschienen  den  Volks-Wirtschaftlern
  um  so  gefährlicher,  weil  sie  weniger  auf  die  Arbeiter  als  auf
die  Intellektuellen  mit  wahrer  Zauberkraft  wirkten.
Was  den  Protektionismus  anbelangt,  so  war  er,  wenn  er  auch  111
Frankreich  nicht  durch  so  bedeutende  Namen  wie  den  List’s  vertreten
wurde,  deshalb  hier  nicht  weniger  stark  als  in  allen  anderen  Ländern,
eher  stärker  —  auf  jeden  Fall  viel  stärker  als  in  England;  und  zwar  ging
das  so  weit,  daß  er  dort  ohne  zu  großen  Widerstand  dem  gegen  ihn  von
Cobden  geführten  Feldzug  unterlag,  während  er  in  Frankreich  die  Angriffe ­
  Bastiat’s  siegreich  überstand;  und  wenn  er  kurz  darauf  durch
den  selbstherrlichen  Willen  Napoleons  III.  aufgehoben  wurde,  so  solF e
er  bald  darauf  nur  um  so  kräftiger  wieder  in  Erscheinung  treten.
So  hatte  die  französische  Schule  gleichzeitig  zwei  Gegnern  die  Spi tze
zu  bieten,  die  übrigens  in  ihren  Augen  nur  einer  waren,  denn  für  sie  war
die  Schutzzöllnerei  nur  eine  schlechte  Nachahmung  des  Sozialism uS
und  als  solche  noch  hassenswerter,  weil  sie  vorgab,  das  Glück  der  Eigen'
tümer  und  der  Fabrikanten,  also  der  Reichen,  zu  begründen,  währen
1 )  Das  ist  eine  Tatsache,  die  die  deutschen  Sozialisten  selbst  anerkannt  habcß’
„Das  Volk,  das  den  Sozialismus,  wenn  auch  in  noch  roher  Form,  hervorgebracht  h a  ’
ist  unsterblich“,  sagt  Karl  Grün,  indem  er  von  Frankreich  spricht,  gerade  zu  der  " e  j
von  der  dieses  Kapitel  handelt  (angeführt  von  Puech:  Le  Proudhonisme  da
l’Internationale,  S.  57,  1907).
        <pb n="374" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

351

der  Sozialismus  doch  wenigstens  das  Glück  der  Arbeiter,  also  der  Armen
erstrebte;  —  und  schädlicher,  weil  sie  schon  verwirklicht  war  und  ihre
erwüstungen  offen  ausübte,  während  der  andere  glücklicherweise  noch
eine  Utopie  blieb.  Indem  die  französische  Schule  so  zwei  Gegner  zu  gleicher
°it  bekämpfen  mußte,  fand  sie  sich  in  der  vorteilhaften  Lage,  dem  Vorwurfe ­
  der  Klassenadvokatie  zu  entgehen:  sie  konnte  antworten,  daß  sie
Ur  die  Gesamtheit  kämpfe.
Ein  hundertjähriger  Krieg  muß  selbstverständlich  bei  denen,  die  ihn
urchgefochten  haben,  seine  Spuren  hinterlassen;  das  genügt,  um  die
»apologetischen,  normativen  und  finalistischen“  Tendenzen  zu  erklären,
e  man  der  französischen  Schule  so  oft  vorgeworfen  hat.
Wie  hat  sie  es  angefangen,  um  die  „gesunden  Doktrinen“  zu  vereidigen, ­
  die  sie  oft  leichtfertig  mit  der  Wissenschaft  verwechselt  hat?
lerauf  kommt  es  an.  Sie  sagte  sich:  das  ganze  Übel  stammt  von  den
essimisten.  Sie  sind  es,  die  durch  ihre  unheildrohenden  Voraussagungen
en  Glauben  an  die  Naturgesetze  und  an  die  selbsttätige  Organisation
ein  /* ese d sc haft  vernichtet  und  die  Menschen  dazu  getrieben  haben,
besseres  Schicksal  in  künstlichen  Organisationen  zu  suchen.  Es  ist
a  er  vor  allem  notwendig,  um  die  kritische  Schule,  den  Sozialismus
ko  das  Schutzzollsystem  zu  widerlegen,  die  Wissenschaft  von  den
n  ®Promittierenden  Lehren  Kicardo’s  und  Malthus’  zu  befreien  und
Ks\ ZUWCiSen ’  da ^  ^ re  an g e blichen  Gesetze  der  Grundlage  entbehren,
ins  T? mm ^  darauf  an,  zu  zeigen,  daß  die  natürlichen  Gesetze  uns  nicht
dem  son dern  ins  Glück  führen,  wenn  auch  hin  und  wieder  auf
ant  .  w .ege  des  Übels;  daß  die  individuellen  Interessen  nur  scheinbar
es  a ^ onist i s ch,  in  Wahrheit  aber  dennoch  solidarisch  sind,  und  daß
* ob gen %  w ^ e  Bastiat  sagt,  wenn  „ein  jeder  sein  Interesse  verfolge,
der  e p  SK? k  berausstellen  wird,  daß  jeder,  ohne  es  zu  wollen,  den  Interessen
hab  &amp;gt;  esamt ^ e d  dient“.  Kurz,  die  Anhänger  der  französischen  Schule
en ’  Um  den  Pessimismus  zu  widerlegen,  sich  zu  Optimisten  gemacht.
Optim' 6  französische  Schule  protestiert  allerdings  gegen  den  Namen
^ e cht  f en  &amp;amp; enau  w i c  g e g en  die  Bezeichnung  Orthodoxe.  Sie  würde  auch
r nils  naben  zu  protestieren,  wenn  wir  unter  Optimismus  den  Quietisda
  &amp;lt;r]  h  e 8°Etische  Zufriedenheit  des  satten  Bürgers,  verständen,  der
j 1 , 11 ™:  daß  in  der  besten  der  Welten  alles  auf  das  beste  eingerichtet
gewiß' a ^ er  durchaus  nicht  der  Fall.  Wir  haben  schon  darauf  hinv&amp;lt;;
 rst(4i' n ’  da ^  d lr  „laisser-faire“  nicht  im  Sinne  eines  „nichts  tun“  zu
"-frei  V- 1 ’  sondera  im  Sinne  des  englischen  Ausdrucks  „fair  play“,
V 0 lk s leS  bpiel  der  Kra fr e -  Wir  haben  im  Gegenteil  auch  gesagt,  daß  diese
Und  Wlrtsch aftler  stets  unermüdliche  Polemiker  und  Streiter  waren
bfäucli  heute  sind .  Zu  allen  Zeiten  haben  sie  ihre  Stimme  gegen  Mißdi
 e  übY^ben.  Ihr  Optimismus  liegt  aber  darin,  daß  sie  stets  glaubten,
01  der  wirtschaftlichen  Ordnung  kämen  hauptsächlich  daher,  daß
        <pb n="375" />
        352

Drittes  Bach.  Der  Liberalismus.

die  Freiheit  erst  sehr  unvollkommen  verwirklicht  wäre,  und  daß  infolge'
dessen  das  beste  Heilmittel  gegen  dieses  Übel  darin  bestände,  diese  Freiheit ­
  in  noch  vollkommenerer  Weise  zu  verwirklichen 1 ).  Zum  Beispiel
ist  für  sie  die  Freiheit  der  Arbeiter  das  beste  Mittel,  die  Ausbeutung  des
Arbeiters  zu  verhindern  und  die  Löhne  zu  erhöhen.  So  schreibt  Emil®
Olivier,  der  Verfasser  des  Gesetzes  von  1864,  das  die  Strafen  gegen
die  Koalitionen  aufhob:  „Die  Koalitionsfreiheit  ist  der  Tod  der  Streiks.
So  führt  auch  die  Darlehenfreiheit  nach  ihrer  Meinung  zum  Verschwinden
des  Wuchers,  und  die  Handelsfreiheit  genügt,  um  der  Verfälschung  der
Lebensmittel  und  der  Herrschaft  der  Trusts  Einhalt  zu  tun.  Im  Allgemeinen
wird  die  Konkurrenz  in  der  Produktion  die  Billigkeit  und  in  der  Verteilung
die  Gerechtigkeit  sicher  stellen 2 ).
Ihr  Optimismus  hat  noch  diese  Besonderheit,  daß  sich  ihm  ein  absoluter ­
  Pessimismus  in  Hinsicht  auf  die  Wirksamkeit  aller  sogenannten
sozialen  Reformen  zugesellt  und  ihn  bestärkt,  sowohl  in  bezug  auf  die
Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen  der  Arbeitgeber  wie  auf  die  Einmischung
des  Staates  und  des  Gesetzgebers  zum  sogenannten  Schutze  der  Schwachen-Wenn
  man  ihnen  glauben  wollte,  so  würde  die  Freiheit  zum  Schluß  die
Übel,  die  sie  anscheinend  schafft,  heilen,  während  die  Einmischung  des
Staates  die  Übel,  die  sie  zu  heilen  scheint,  immer  vergrößert 3 ).
Noch  merkwürdiger  erscheint  aber,  daß  der  Assozialismus,  wie  ' vir
ihn  in  dem  vorhergehenden  Kapitel  dargelegt  haben,  in  den  Augen  d er
französischen  Schule  nicht  mehr  Gnade  findet,  als  der  Staatssozialismus-Zwar
  hat  die  liberale  Schule  nicht  das  ganze  Mißtrauen  der  französische 11
Revolution  gegen  das  Recht  der  Assoziation  restlos  übernommen.  ^ ,e
verurteilt  nicht  mehr,  ja  sie  verlangt  sogar  formell  die  Freiheit  der  Asse*
ziation  in  der  Politik,  in  der  Religion,  in  der  Industrie,  im  Handel  un
in  der  Arbeit,  einschließlich  sogar  des  Koalitionsrechtes,  mit  einem  W 0 ’’.’
sie  verlangt  diese  Freiheit  überall  dort,  wo  die  Assoziation  nur  die  io®
viduelle  Tätigkeit  schützt  oder  stärkt;  —  sobald  aber  die  Assoziativ
sich  als  ein  Instrument  der  sozialen  Umformung  darstellt,  sobald  s ‘ e

D  „Ach,  man  hat  so  vieles  versucht!  Wann  wird  man  endlich  einen  Vcrs' 1 ^’
mit  dem  einfachsten  machen:  der  Freiheit?“  (Bastiat,  Harmonies,  Kap.  IV,  S.  1“  '
2 )  Einer  der  Teile  des  Buches  Dunoyer’s  über  La  Liberty  du  travail  trag
als  Überschrift:  „Wie  das  wahre  Mittel  den  Übeln  zu  steuern,  unter  denen  die  Arbei
klassen  leiden,  in  der  Ausdehnung  der  Konkurrenz  liegt“  (Kap.  X,  B.  4,  §  18 K- ese s
An  anderer  Stelle  sagt  Dunoyer:  „In  Wirklichkeit  ist  es  die  Konkurrenz,  die . st&amp;gt;
angebliche  Element  der  Uneinigkeit,  das  das  wahre  Band,  der  festeste  Knoten
der  alle  Teile  des  sozialen  Körpers  miteinander  verbunden  hält.“
3 )  Sobald  „die  Befriedigung  eines  Bedürfnisses  Gegenstand  einer  öff entl J c ^ er ,

Behörde  wird,  hat  das  Individuum  .  .  .  einen  Teil  seiner  freien  Selbstbestimmung

loren,  wird  es  weniger  fortschrittlich,  ist  es  weniger  menschlich  .  .  .  Diese  bi®

,ralis&amp;lt;* e

Lähmung,  von  dem  es  befallen  wird,  befällt  aus  dem  gleichen  Grunde  alle  an'
Bürger“  (Bastiat,  Harmonies,  Kap.  XVII,  S,  545).

deren
        <pb n="376" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

353

vorgibt,  die  Konkurrenz  durch  die  Kooperation  zu  ersetzen,  sobald  sie
im  Namen  der  Solidarität  von  dem  Individuum  gewisse  Opfer  zugunsten
der  Allgemeinheit  verlangt,  dann  ruft  die  individualistische  liberale  Schule.
»Halt!“  Und  auch  in  ihren  abgeschwächten  und  spezialisierten  Formen
wie  Kooperativismus,  Mutualismus  oder  Gewerkschaftswesen  erschien
ihr  das  Programm  des  Assozialismus  (und  erscheint  ihr  auch  heute  noch)
als  trächtig  mit  Illusionen  und  Enttäuschungen 1 ).
Der  Optimismus  der  französischen  Schule  charakterisiert  sich  daher
hauptsächlich  durch  einen  absoluten  Glauben  an  die  Freiheit.  Es  ist
das  das  besondere  Kennzeichen  der  Schule,  das  seit  mehr  als  anderthalb
Jahrhunderten  sich  nie  geändert  hat,  seit  den  Physiokraten  bis  heute.
Oftmals  hat  sie  durch  den  Mund  ihrer  bedeutendsten  Vertreter  erklärt,
daß  sie  alle  Etiketten  wie  „orthodox“  oder  „klassisch“,  die  man  ihr  aufzwingen ­
  wollte,  zurückweise  und  keinen  anderen  Namen  als  den  der  „freiheitlichen“ ­
  Schule  begehre 2 ).
Ferner  charakterisiert  sie  sich  durch  eine  gewisse  Härte  gegenüber
dem  Elend  des  Volkes.  —  Wohl  hat  die  Wissenschaft  nichts  mit  sentimentalen ­
  Gefühlen  zu  tun,  —  aber  wir  sprechen  hier  von  einer  gewissen
Tendenz,  die  schon  bei  Malthus  stark  hervortritt,  zu  glauben,  daß  das
Elend  des  Volkes  seinen  eigenen  Fehlern  zuzuschreiben  ist,  seinen  eigenen
Lastern  oder  doch  wenigstens  seinem  Mangel  an  Voraussicht.  In  diesem
Sinne  scheut  sich  Dunoyer  nicht,  den  furchtbaren  Satz  auszusprechen:
»Es  ist  gut,  daß  es  in  der  Gesellschaft  eine  Unterwelt  gibt.  Die  Familien,
me  sich  schlecht  aufführen,  laufen  Gefahr,  in  ihr  zu  versinken,  und  nur
ndurch,  daß  sie  sich  gut  aufführen,  können  sie  sich  wieder  emporarbeiten.
Diese  Unterwelt  ist  das  Elend“ 3 ).  Die  liberale  Schule  war  reif,  den,  der

ziati oni ,  UN0YER  sa gt:  „Man  vertiefe  sich  so  viel  man  will  in  die  Frage  der  Assoe
 'Qe  ve!- 11 "  ,T f an  w ' r&amp;lt; ^  ^ arin  niemals  das  finden,  was  man  in  ihnen  sucht:  ein  Mittel,
du  Tr-," 11,1  ,^ e  ur “d  gerechte  Verteilung  der  Arbeitserzeugnisse  zu  sichern.“  (Liberty
m^va.l,  Bd.  II,  s.  397.)
als  die  d  ani ? 01e . r  Stelle  versichert  er,  daß  die  Assoziation  „die  soziale  Moral  noch  mehr
iiti  N am  6S  Individuums  verdorben  hat,  weil  man  alles  für  erlaubt  hielt,  solange  man
hier  hau^  ?  Assoziation  handelte“  (ebenda,  S.  136).  Allerdings  handelt  es  sich
a 'lgemeint&amp;gt; S B  d  ^ Um  ' lor P oraf: * vo  Assoziation,  doch  hat  diese  Beurteilung  eine
der  Weh  e *ner  internationalen  Versammlung  Von  Volkswirtschaftlern  zur  Zeit
Schule  T ausste J un g  im  Juli  1900  sagte  einer  der  gemäßigten  Anhänger  der  liberalen
r vasseur  (Journal  des  ficonomistes,  15.  Aug.  1900):
kennen  d'  |.. uil nötig,  Unterscheidungen  zwischen  uns  zu  machen;  in  dieser  Hinsicht
*n  mehre'/  l  , ) ra ^ en  Volkswirtschaftler  nicht  verschiedener  Meinung  sein.  Sie  können
sie  sind  /  'i,  Punkten  betreff  der  Anwendung  verschiedene  Ansichten  haben,  aber
er *°lgreicli  ^ )er  J as  Prinzip  der  Freiheit  einig.  Je  freier  der  Mensch  ist,  um  so
Anreg U ju, ( / r  /■? &amp;lt;1  machtvoller  schafft  er  Güter.  Je  größer  die  Freiheit  ist,  um  so  mehr
t ’i®er  JLj  S 1 "*  es  zur  Arbeit  und  zur  Anspannung  der  Intelligenz,  um  so  mehr  Reichwerden ­
  produziert.
,  a  !bert6  du  travail,  S.  409.

dide

R ist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen-  2.Aufl.

23
        <pb n="377" />
        354

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

kommen  sollte,  Darwin,  mit  Enthusiasmus  aufzunehmen.  Wies  er
doch  nach,  daß  die  natürliche  Zuchtwahl  des  Menschen  durch  die  Ausjätung
  der  Schwachen  die  notwendige  Bedingung  des  Fortschrittes  der
Arten  sei,  und  daß  dieser  Fortschritt  um  diesen  Preis  nicht  zu  teuer  bezahlt ­
  wird;  und  ist  doch  der  Glaube  an  die  Vorzüge  der  Konkurrenz  schon
die  Verherrlichung  des  „struggle  for  life“,  des  Kampfes  ums  Dasein!

Und  doch  ist  der  liberalen  Schule  weder  der  Nachweis  gelungen,
daß  alle  natürlichen  Gesetze  gut  seien,  noch  auch  hat  sie  den  Fortschritt
des  Sozialismus  und  des  Schutzsystems  aufhalten  können,  und  am  Ende
des  19.  Jahrhunderts  fand  sie  sich  durch  die  von  zwei  Seiten  auf  sie  eindringenden ­
  Wogen  fast  überflutet.  Trotzdem  hat  sie  in  keinem  Augenblick ­
  ihr  Selbstvertrauen  verloren;  durch  ihre  Prinzipientreue,  durch
die  Beständigkeit  ihrer  Lehre,  durch  ihre  hochmütig  alle  Volkstümlichkeit
nichts  achtende  Haltung,  hat  sie  sich  eine  Art  eigener  Prägung  gegeben
und  sie  verdient  etwas  Besseres  als  das  oberflächliche  Urteil,  das  ausländische ­
  Nationalökonomen  über  sie  gefällt  haben,  nämlich,  daß  sie
jeder  Originalität  entbehre  und  nichts  als  ein  schwacher  Abglanz  der  Lehre
Smitb’s  sei.
%
In  ihrer  Geschichte  gibt  es  besonders  eine  Periode,  in  der  dieser
Liberalismus  und  Optimismus  ihren  Höhepunkt  erreichten,  und  diese
Periode  ist  es,  die  wir  jetzt  näher  betrachten  wollen;  sie  fiel  zwischen
1830  und  1850.  In  dieser  Zeit  verwirklichte  sich  das,  was  man  die  Verbindung ­
  der  politischen  Freiheit  mit  der  wirtschaftlichen  Freiheit  nennen
könnte,  die  von  da  an  in  ein  einziges  Glaubensbekenntnis  verschmolzen
und  einen  und  denselben  Namen  trugen:  Liberalismus.  Die  Wirtschaft'
liehe  Freiheit,  darunter  verstanden  die  der  Arbeit  und  des  Tausches,
wurde  auf  die  gleiche  Stufe  mit  der  Gewissens-  und  Pressefreiheit  erhoben:
sie  erschien  als  eine  Kategorie  in  der  Gesamtheit  der  notwendigen  Freiheiten, ­
  als  eine  der  Eroberungen  der  Demokratie  und  der  Zivilisation,
und  es  schien  ebenso  eitel,  sie  unterdrücken  zu  wollen,  als  zu  versuchen,
einen  Strom  zu  seiner  Quelle  zurückzulenken.  Sie  war  dazu  bestimmt,
das  allgemeine  Programm  der  Befreiung  von  allen  Arten  der  Knechtschaft
zu  vollenden.

Nicht  umsonst  war,  dreiviertel  Jahrhundert  vorher,  die  Üeburt  der
Nationalökonomie  in  die  Todesstunde  des  „ancien  regime“  gefallen;  wenn
aber  auch  die  Physiokraten,  im  Bereich  der  ökonomischen  Lehren,  die
ersten  Liberalen  gewesen  waren,  so  waren  sie  es  durchaus  nicht  im  Bereich
der  Politik,  da  sie  ja,  wie  wir  wissen  (S.39f.),  die  Lehre  des  „legalen  Despotismus“ ­
  vortrugen 1 ),  die  den  Liberalen  von  1830  als  eine  Monstrosität
allerwenigstem  aber  als  ein  Überlebsei  des  Ancien  Regime  erschien:  m

0  Siehe  weiter  oben  (S.  38  ff.),
traten  gesagt  haben.

wir  über  die  politische  Lehre  der  Phys
        <pb n="378" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

355

ihren  Augen  ein  unauslöschliches  Erbmal,  das  mehr  dazu  tat,  das  physiokratische
  System  völlig  zu  diskreditieren  als  alle  seine  Irrtümer.
Das  Buch  von  Charles  Dunoyer,  das  1845  *)  unter  dem  etwas  langen
aber  klaren  Titel  erschien:  Von  der  Arbeitsfreiheit  oder  einfache
Darlegung  der  Bedingungen,  unter  denen  die  menschlichen
Kräfte  sich  mit  dem  größten  Erfolge  betätigen,  kennzeichnet
mit  großer  Genauigkeit  diese  Ära  des  politisch-ökonomischen  Liberalismus.
Aber,  mag  das  Buch  Dunoyer’s  auch  der  Verherrlichung  der  1  reiheit
in  allen  ihren  Formen  und  besonders  der  der  Konkurrenz  gewidmet  sein,
so  erscheint  doch  die  optimistische  Tendenz  in  ihm  weniger  auffällig  als
in  einem  anderen  Buche,  das  fast  zur  gleichen  Zeit  erschien  und  viel  berühmter ­
  geworden  ist,  in  den  ökonomischen  Harmonien  (les  Harmonies
Eeonomiques)  Bastiat’s  (1850).  In  diesem  Buche  und  in  den  anderen
Schriften  desselben  Verfassers  werden  wir  die  Hauptzüge  dieser  Lehre
suchen  müssen.  Gewiß,  Bastiat  ist  wegen  der  Übertreibungen  seines
Optimismus  und  seines  Glaubens  an  die  Endzwecke  von  einer  großen
Anzahl  Volkswirtschaftler  der  liberalen  Schule  verleugnet  worden.  Dennoch ­
  bleibt  er  der  bedeutendste  Vertreter  der  optimistischen  liberalen
Kehre,  und  man  könnte  vielleicht  sagen,  der  ganzen  französischen  Schule.
Der  Name  eines  anderen  Volkswirtschaftlers,  diesmal  keines  Fran-*°sen,
  sondern  eines  Amerikaners,  ist  ebenfalls  von  der  optimistischen
Le hre  untrennbar.  Er  wurde  schon  in  einem  der  vorhergehenden  Kapitel
erwähnt:  es  ist  C.  H.  Carey 2 ).  In  vieler  Hinsicht  müßte  er  noch  vor
astiat  rangieren,  und  zwar  nicht  nur  auf  Grund  der  Priorität,  denn
l.  .  *)  Es  hat  frühere  Ausgaben  gegeben,  aber  unter  verschiedenen  Titeln  und  von
Kleinerem  Umfange  (in  den  Jahre  1825  und  1830).  Wir  werden  Dunoyer  etwas  weiter
«nten  wieder  finden.  Vgl.  Villey,  L’oeuvre  öconomique  de  Dunoyer,  Paris  1899.
[r  s )  Carey  (Charles  Henry)  wurde  1793  in  Philadelphia  geboren  und  starb  1879.
's  zum  Alter  von  42  Jahren  war  er  Verlagsbuchhändler.  Er  veröffentlichte  in  den
ähren  1837,  1838  und  1840  die  drei  Bände  seines  Buches:  Principles  of  Political
c °nomy;  1848,  The  Past,  the  Present  and  the  Future,  das  seine  Rentena„?
 ne  enthält;  1860,  Harmony  of  Interest,  agricultural,  manufacturing
ist  Commer cial;  und  1858—1859  Principles  of  Social  Science.  (Dieses  Buc
v °a  Adler  ins  Deutsche  übersetzt  worden.  Anm.  d.  Übers.)
Schi»  01686  Daten  haben  eine  gewisse  Bedeutung,  weil,  als  1850  die  Harmonies  er-I^nen,
  Carey  in  einem  an  das  Journal  des  Dconomistes  des  gleichen  Jahres
^chteten  Briefe  Bastiat  des  Plagiats  beschuldigte.  Bastiat  der  damals  schon  auf
gah  Tod J krank  ^g,  antwortete  in  der  gleichen  Zeitung,  um  sich  zu  vcrteid  gen.  Er
zu  hnü’  das  erste  Buch  Carey’s  zu  kennen  und  entschuldigte  sich,  es  nicht  angeführt
/  haben  Die  Entschuldigung,  die  er  als  Grund  anführte,  ist  übrigens  recht  schwach:
zumT 1,ch  so  schlecht  von  den  Franzosen  gesprochen  habe,  hatte  er  es  nicht
Wirt  Ja®? 1  em P f ehlen  können!  Seitdem  haben  eine  ganze  Anzahl  ausländischer  Volkses
  ist  h  ler  als  ^tstchend  hingestellt,  daß  Bastiat  Carey  nur  abgeschrieben  habe:
im  LT  e,n «  grobe  Übertreibung.  In  der  Geschichte  der  Doktrinen  ist  die  Koinc.denz
der  TL  reten  gewisser  Ideen  eine  häufige  Tatsache:  noch  vor  kurzem  hat  sich  dies  bei
e °rie  des  Grenznutzens  gezeigt  (siehe  weiter  unten).

23*
        <pb n="379" />
        356

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

bekanntlich  hat  er  Bastiat  angeklagt,  ihn  plagiiert  zu  haben,  sondern
auch,  weil  er  ihm  in  gewisser  Hinsicht  überlegen  ist,  und  zwar  durch  seine
Methode,  durch  die  Kraft  seiner  Gedankenentwicklung  und  durch  die
breite  Grundlegung  einiger  seiner  Theorien,  besonders  der  der  Bodenrente.
In  unserer  Darlegung  der  Doktrinen  Bastiat’s  werden  wir  versuchen,
den  Teil  zu  bestimmen,  der  Carey  zukommt.  Wenn  wir  trotzdem  geglaubt
haben,  Bastiat  und  nicht  Carey  die  erste  Stelle  in  diesem  Kapitel  zuweisen
  zu  müssen,  so  liegt  das  nicht  nur  daran,  daß  wir  hauptsächlich
für  französische  Studenten  schreiben,  die  natürlicherweise  mehr  Gelegenheit ­
  haben,  diesen  als  jenen  zu  lesen,  sondern  auch  weil  die  Bücher  des
amerikanischen  Ökonomisten,  die  zu  einer  Zeit  erschienen  sind,  als  die
volkswirtschaftliche  Lehrtätigkeit  in  den  Vereinigten  Staaten  noch  fast
unbekannt  war,  bei  weitem  nicht  denselben  Einfluß  ausgeübt  haben,  wie
das  Buch  des  französischen  Nationalökonomen,  das  mitten  im  Streit  der
Ideen  entstand;  und  schließlich,  weil  die  Lehre  Carey’s  nicht  im  entferntesten ­
  die  prächtige  Einheit  der  Gedanken  der  Harmonien  zeigt-Der
  Beweis  hierfür  liegt  darin,  daß  man  bei  Carey  neben  der  Verurteilung
der  freien  Konkurrenz  zwischen  den  Völkern  die  Behauptung  findet,  daß
die  freie  Konkurrenz  zwischen  den  Individuen  eine  Notwendigkeit  sei-Auf
  Grund  dieses  Zwiespaltes  in  den  Lehren  Carey’s,  der  fast  ein  Wider'
spruch  ist,  haben  wir  uns  verpflichtet  gesehen,  ihn  in  zwei  Abschnitten
zu  behandeln,  so  daß  er  in  zwei  verschiedenen  Kapiteln  besprochen  wird-Bastiat
 1 )  ist  in  Frankreich  und  im  Auslande  als  die  Verkörperung

’)  Frederio  Bastiat  wurde  1801  in  Bayonne  geboren.  Er  entstammte  ci« el
Familie  wohlhabender  Kaufleute  und  war  nacheinander  Kaufmann,  Landwirt  in  de«
„Landes“,  Friedensrichter,  Mitglied  des  Kreistages  (conseiller  general)  und  endlich
Abgeordneter  der  Asscmblee  Constituante  von  1848.  Er  glänzte  nicht  besonders  als
Redner,  wozu  ihm  auch  die  Zeit  fehlte,  denn  er  starb  schon  1850,  im  Alter  vo«
49  Jahren,  in  Rom,  wohin  er,  schwer  erkrankt,  in  der  Hoffnung,  Genesung  zu  finde«»

gegangen  war.
Wenn  sein  Leben  kurz  war,  so  war  seine  wissenschaftliche  Laufbahn  noch  kürzer:
sie  dauerte  nur  sechs  Jahre.  Sein  erster  Aufsatz  erschien  1843  in  dem  Journal  des
ficonoinistes,  und  sein  einzig  wirkliches  Buch  Les  Harmonies  ficonomiq« e9,
das  1849  geschrieben  wurde,  blieb  unvollendet.  In  der  Zwischenzeit  veröffentlichte  eI
seine  Petits  Pamphlets  und  seine  Sophismes,  die  sich  gegen  das  Schutzzollsystem
und  den  Sozialismus  wendeten.  Er  bewies  eine  große,  aber  erfolglose  Rührigkeit,  u« 1
in  Frankreich  einen  Freihandelsverband  zu  organisieren,  nach  dem  Vorbilde  dessen»
der  wenige  Jahre  vorher  in  England  unter  der  Leitung  Cobden’s  gesiegt  hatte.
Wie  man  sieht,  war  sein  Leben  nicht  das  eines  Gelehrten,  sondern  das  ei«® 9
Journalisten.  Er  war  kein  Mann  der  Bibliothek.  Wir  wissen  jedoch,  daß  er  m 1
19  Jahren  J.-B.  Say  gelesen  hatte  und  etwas  später  Franklin  (Die  Weisheit  de
armen  Richard),  den  er  enthusiastisch  verehrte,  wie  er  selbst  gesagt  hat.  Frankl 11 *
Einfluß  läßt  sich  in  allen  seinen  Schriften  nachweisen  und  fand  sich  sogar  in  s&amp;lt; «.«®
Haltung  und  seinem  Benehmen.  „Mit  seinen  langen  Haaren  und  seinem  kleinen  H«  ’
seinem  Bratenrock  und  seinem  Familienregenschirm  würde  man  ihn  leicht  für  cine
        <pb n="380" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

357

der  Bourgeois-Nationalökonomie  betrachtet  worden.  Nicht  nur  Proudhon,
sondern  auch  Lassalle  in  seiner  berühmten  Broschüre:  Bastiat  Schulze-Delitzsch,
  und  nach  ihnen  Cairnes,  Sidgwick,  Marshall,  von  Böhm-Bawerk
  usw.  haben  in  ihm  nur  den  Advokaten  der  geltenden  wirtschaftlichen ­
  Ordnung  gesehen.  Sie  sprechen  ihm  jede  wissenschaftliche  Bedeutung ­
  ab.  Nach  ihnen  sind  seine  Schriften  weiter  nichts  als  eine  breitere
Fassung  von  Franklin’s  „Weisheit  des  armen  Richard“,  wo  Gleichnisse ­
  an  Stelle  von  Beweisen  treten,  und  die  so  berühmte  Klarheit  seines
Stiles  liege  nur  daran,  daß  er  nichts  zu  sagen  habe.

Bastiat  verdient  jedoch  eine  bessere  Beurteilung.  Der  Mann,  der
geschrieben  hat:  „Wenn  ich  das  Unglück  hätte,  in  dem  Kapital  nur  den
Vorteil  des  Kapitalisten  zu  sehen,  würde  ich  Sozialist  werden“,  und  weiterhin: ­
  „die  national-ökonomische  Wissenschaft  bedarf  dringend  einer  Untersuchung ­
  über  die  Geschichte  der  Ausbeutung  (Spoliation)“,  ein  solcher
Mann  ist  mehr  als  nur  ein  „guter  Bourgeois“.  Allerdings  hat  er  den  Optimismus ­
  übertrieben,  wie  ebenso  den  Liberalismus,  den  Moralismus  und  den
hinalismus  der  französischen  Schule;  sein  Unglück  wollte,  daß  er  den
Höhepunkt  dieser  Lehre  bezeichnete,  nach  dem  unabänderlich  die  Reaktion
eiusetzen  mußte,  so  daß  er  den  ganzen  Gegenstoß  erhielt,  der  sein  Werk
wie  weggeweht  hat.
Wenn  nun  allerdings  die  Argumente  Bastiat’s  gegen  den  Sozialismus
veraltet  sind  —  ebenso  wie  übrigens  die  speziellen  sozialistischen  Organisationsmethoden, ­
  gegen  die  sie  sich  richteten  —  so  kann  man  doch  nicht
dasselbe  über  seine  Beweisführung  gegen  das  Schutzsystem  sagen.  Hier
ist  er  nicht  ohne  jeden  Einfluß  geblieben.  Allerdings  ist  es  ihm  nicht
gelungen,  die  Schutzzollpolitik  mattzusetzen,  jedoch  hat  er  die  Nichtigkeit
einer  gewissen  Anzahl  ihrer  Argumente  endgültig  bewiesen.  Wenn  uns
heute  die  Protektionisten  nicht  mehr  mit  „der  Überschwemmung  oder
iider  Überflutung“  durch  fremde  Produkte  drohen,  wenn  das  alte  und
erühmte  Argument  der  „nationalen  Arbeit“  nur  noch  gedämpft  erklingt,

g(Mt »  h.b„,  der  *»  di«7‘
Molinari  (Journal  des  fieonomistes,  Februar  nicht  vergessen  werden,
Diese  biographischen  Einzelheiten  1  ‘“ r  °  „LtitninK  Mangel  an  wissenschaftlicer
die  Bastiat,  übrigens  nicht  ohne  gewisse  ere  J  Journalist  als  Volkswirtschafter
Bildung  vorwerfen  und  ihn  sogar  beschuld.gen,  mehr  Journ
Wesen  zu  soiri

-  .»oii  iu  sein.  ATaiinnalökonomen  streng  abfällig  beurteilt
Wenn  Bastiat  von  den  ausländischen  vo i ks tümlich  geblieben.  Sem  a  z
»erden  ist,  so  ist  er  doch  in  Frankreich  sehr  k  Aug{ährung  e twas  oberflächlich,
etwas  grob,  seine  Ironie  etwas  schwerfällig,  seine  Klarheit  hinterlassen  einen
aber  sein  Maßhalten,  sein  gesunder  Verstand  da ß  seine  Harmomes  und  seine
unvergeßlichen  Eindruck.  Ich  möchte  fast  s  g  ,  ^  man  eincm  jungen  Menschen,
Pamphlets  auch  heute  noch  das  beste  Buch  sin  ,  Nationalökonomie  befassen  will,
dcr  sich  zum  ersten  Male  mit  dem  Studiur  ^  ^  rcin  w i S senschaftlichen
empfehlen  kann.  Wir  werden  übrigens  *U t  bedeutungslos  sind.
Gesichtspunkt  aus  seine  Beiträge  durchaus
        <pb n="381" />
        358

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

so  ist  dies,  was  allzu  oft  vergessen  wird,  ein  Erfolg  der  bewunderungswürdigen ­
  kleinen  Aufsätze,  wie  z.  B.  der  „Petition  der  Kerzenmacher“
oder  „die  Petition  der  linken  Hand  gegen  die  rechte“.  Niemals  wird  man
besser  als  Bastiat  die  lächerlichen  Folgen  darlegen,  die  sich  ergeben,
wenn  man  einen  Tunnel  durch  die  Berge,  die  die  Länder  trennen,  bohrt,
um  den  Handel  zu  erleichtern,  und  nachher  eine  Zollschranke  an  jedem
Ende  aufrichtet;  —  oder  den  Widerspruch,  der  darin  liegt,  dem  Großgrundbesitzer ­
  oder  dem  Kapitalisten  durch  einen  Zollschutz  ein  Minimum
von  Einkommen  zu  garantieren,  und  dem  Arbeiter  einen  Minimallohn'  zu
verweigern;  —  oder  weiter,  daß  der  Zoll  eine  schwieriger  zu  verteidigende
Abgabe  als  die  wirkliche  Steuer  ist,  denn  während  diese  dem  Individuum
zum  Vorteil  der  Gesellschaft  auferlegt  wird,  belastet  jener  Alle  zum  Nutzen
Einiger.
Weniger  glücklich  ist  er  von  seinem  Standpunkt  eines  ausschließlichen ­
  Individualismus  und  in  seiner  Tendenz  zu  übertriebener  Vereinfachung ­
  gewesen,  wenn  er  den  Tausch  zwischen  Individuen  auf  absolut
gleichen  Fuß  mit  dem  Tausch  zwischen  Nationen  stellt,  oder  wenn  er  in
mehr  belustigenden  als  treffenden  Gleichnissen  nachzuweisen  versucht,
daß  die  Vorteile  des  internationalen  Handels  für  ein  Land  um  so  größer
seien,  je  ungünstiger  seine  Handelsbilanz  sei,  oder  daß  hauptsächlich  die
ärmsten  Nationen  vom  internationalen  Handel  profitieren 1 ).
Was  den  konstruktiven  Teil  des  Werkes  Bastiat’s  anlangt,  so  besteht
er  in  dem  Nachweis:  „daß  die  allgemeinen  Gesetze  der  sozialen  Welt
harmonisch  sind:  sie  streben  in  allen  Richtungen  nach  einer  Vervollkommnung ­
  des  Menschengeschlechtes“.  Und  doch  sieht  man  beim  ersten
Blick  überall  nur  Unordnung!  Er  antwortet  hierauf  mit  dem  unvergeßlichen ­
  Gleichnis:  „Das,  was  man  sieht,  und  das,  was  man  nicht
sieht“,  in  dem  er  ausführt,  daß  man  sich  nicht  auf  das  verlassen  dürfe,
„was  man  sieht“,  und  daß  das,  „was  man  nicht  sieht“  viel  öfter  die  Wahrheit ­
  ist;  daß  die  augenscheinlichsten  Gegensätze,  wenn  man  sie  näher
betrachtet,  sich  sehr  oft  als  Triebkräfte  der  Harmonie  ausweisen.  Weiterhin ­
  antwortet  er,  daß  der  Mensch  frei  sei,  und  folglich  frei,  diese  Harmonie
zu  zerstören,  indem  er  sich  an  der  Freiheit  Anderer  vergreift,  —  insbesondere
durch  die  Ausbeutung,  die  Bastiat  keineswegs  zu  verschleiern  versucht,
sondern  die  er  im  Gegenteil  überall  an  den  Pranger  stellt.  Aber  verschiedene
Kräfte  sind  in  der  Umwelt  wie  im  Innenleben  des  Menschen  am  Werke,
um  jeden,  der  den  richtigen  Weg  verläßt,  darauf  zurückzuführen,  so  daß
sich  zum  Schluß  die  Harmonie  von  selbst  wieder  einstellen  wird.
glaube,  daß  das  Übel  zum  Guten  führt  und  es  hervorruft,  während  das
Gute  niemals  zum  Übel  führen  kann,  woraus  sich  ergibt,  daß  das  Gute
zum  Schluß  zur  Vorherrschaft  gelangen  muß 2 ).“
ü  Über  die  Frage:  Wer  im  internationalen  Handel  gewinnt?  siehe  weiter  unten
das,  was  wir  hierüber  bei  Stuart  Mill  sagen.
2 )  Harmonies,  S.  21.  Wir  zitieren  nach  der  10.  Ausg.  der  CEuvres  complet e: ”
        <pb n="382" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

359

Es  erhellt  hieraus,  daß  diese  Doktrin  weit  über  den  bloßen  Begriff
von  Naturgesetzen  hinausgeht:  sie  setzt  den  Glauben  an  Gesetze  der  Vorsehung ­
  voraus.  Bastiat  will  das  auch  gar  nicht  verbergen  und  ruft  an
vielen  Stellen,  ähnlich  wie  die  Physiokraten,  aber  mit  klareren  Worten
aus:  „In  jeden  Menschen  hat  Gott  einen  unwiderstehlichen  Drang  nach
dem  Guten  gelegt  und  hat  ihm,  um  es  ihn  erkennen  zu  lassen,  ein  Licht
gegeben,  das  ihn  zurechtweist“ 1 ).
Adgüste  Comte  hat  mit  großer  Beredsamkeit  Protest  erhoben  gegen
»jene  eitle  und  irrationelle  Neigung,  nur  den  Grad  der  Ordnung  zugeben
zu  wollen,  der  sich  von  selbst  herstellt“,  eine  Neigung,  die  „in  der  sozialen
Praxis  offenbar  auf  eine  Art  feierlicher  Demission  hinausläuft,  mit  der
sich  diese  angebliche  Wissenschaft  (die  Nationalökonomie)  vor  jeder
etwas  schwierigen  Frage  zurückzieht,  die  die  industrielle  Entwicklung
auftauchen  läßt“ 2 ).
Aber  auch  als  eine  Auslegung  der  Vorsehung  ist  dieser  Glaube
Bastiat’s  sehr  anzweifelbar.  Auf  keinen  Fall  scheint  er  mit  der  christlichen ­
  Lehre  übereinzustimmen,  denn  man  darf  nicht  vergessen,  daß,
wenn  das  Christentum  lehrt:  der  Mensch  und  die  Welt  seien  von  Gott
gut  geschaffen  worden,  es  auch  lehrt,  daß  beide  durch  die  Schuld  des
Menschen  völlig  verderbt  worden  sind,  und  daß  sie  niemals  wieder  durch
sich  selbst  auf  Grund  irgendeiner  natürlichen,  Genesung  bringenden
Tugend  wieder  gut  werden  können 3 ).  Christus  schreibt  seinen  Jüngern
v °r:  den  natürlichen  Menschen  in  sich  abzutöten,  um  einen  neuen  Menschen
zu  schaffen;  er  kündet  einen  neuen  Himmel  und  eine  neue  Erde  an.  Das
ist  viel  revolutionärer,  als  der  wirtschaftliche  Optimismus.  Der  Gott
Bastiat’s  ist  weiter  nichts  als  „der  Gott  der  guten  Leute“,  von  dem
Be  ran  ger  sang.
Welche  Tatsachen  und  welche  Gesetze  enthüllen  uns  nun  diese
prästabilierte  Harmonie?.  Alle,  antwortet  Bastiat:  der  Wert  und  der
Tausch,  das  Eigentum,  die  Konkurrenz,  die  Produktion,  der  Verbrauch,
sowie  alle  anderen  .  .  .  Wir  werden  nur  auf  die  hinweisen,  in  denen  sich
uiese  Harmonie  nach  seiner  Ansicht  am  ausgeprägtesten  offenbart.

1 )  „Die  Tatsachen  der  Nationalökonomie  haben  ebenfalls  ihre  wirkende  Ursache
und  ihren  Vorsehungszweck“  (Harmonies,  le, z ,  ®•  tsc w t l er  wohl  ausrufen,  wie  der
„Angesichts  dieser  Harmonie  kann  der  o  (Harmonies,  Kap.  X,  S.  391).
Astronom  oder  der  Physiologe:  Digitus  Dei  es  „  wenn  ein  Jeder  für  sich
,  »Wartet  nur  das  Ende  ab  und  ihr  werdet  sehen,  ,  g
«elbst  sorgt,  Gott  an  Alle  denkt“  (Harmonies,  K  P-  ßd  g _  202 .
2 )  A.  Comte,  Cours  de  Philosophie  o  Hirche  sagt:  „Wir  erkennen  an
,  ,  *)  Die  Liturgie  der  reformierten  (banzos|Schen)  Kirche  «Jt  ^  ^
nd  bekennen  ...  daß  wir  an  uns  selbst  u  g  ^  christentume  beruhen-.
  Siehe  weiter  unten  das  Kapitel  über  die  auf  üem  ci
d en  Lehren.
        <pb n="383" />
        360

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

§  1.  Die  Theorie  des  Dienstwertes.
In  erster  Linie  steht  das  Wertgesetz,  das  „in  der  Nationalökonomie
dieselbe  Rolle  spielt  wie  das  Zahlensystem  in  der  Arithmetik“ 1 ).
Wie  wir  wissen,  hatte  Ricakdo  gelehrt,  daß  der  Wert  durch  die  für
die  Produktion  geleistete  Arbeit  bestimmt  werde.  Diese  Theorie  fand
Bastiat  höchst  annehmbar,  und  er  hätte  sie  gern  in  seine  „Harmonien“
hineingebracht,  denn  sie  stimmte  sehr  gut  mit  der  Gerechtigkeitsidee
überein,  da  sie  zeigte,  daß  jeder  Wert  und  infolgedessen  jedes  Eigentum
auf  die  Arbeit  gegründet  ist.  Obgleich  die  Methode  Bastiat’s  sehr  von
einem  a  priori  Standpunkt  ausging  und  so  wenig  realistisch  wie  möglich
war,  konnte  er  sich  doch  nicht  mit  einer  Auffassung  begnügen,  die  zu  klar
mit  den  Tatsachen  in  Widerspruch  stand,  denn  sie  war  nicht  imstande,
zu  erklären,  warum  z.  B.  der  Wert  einer  zufällig  gefundenen  Perle  dem
einer  mit  Mühe  vom  Grunde  des  Meeres  heraufgeholten  Perle  gleich  ist.
Daher  sucht  er  eine  andere  Erklärung,  die  ebenso  normativ  wie  die
Ricardo’s  sein  sollte,  aber  mehr  mit  den  Tatsachen  in  Einklang  stand.
Nun  hatte  gerade  Carey,  um  die  Theorie  Ricardo’s  zu  berichtigen,
eine  andere  sehr  geistreiche  aufgestellt:  nämlich,  daß  der  Wert  nicht
von  der  geleisteten  Arbeit,  sondern  von  der  ersparten  Arbeit  bestimmt
wird.  Diese  Theorie  ließ  sich  ausgezeichnet  mit  den  der  Theorie  Ricardo’s
widerstrebenden  Tatsachen  in  Übereinstimmung  bringen;  sie  erklärte  die
Hypothese  der  gefundenen  Perle  sehr  gut.  Bastiat  griff  sie  begierig  auf 2 )-Immerhin
  genügte  sie  ihm  noch  nicht  ganz;  denn,  es  befriedigt  wohl  das
Gerechtigkeitsgefühl,  wenn  man  feststellen  kann,  daß  der  erzeugte  Wert
im  Verhältnis  zur  aufgewandten  Mühe  steht:  aber,  es  ist  offenbar  nicht
das  Gleiche,  wenn  man  sich  darauf  beschränkt  zu  zeigen,  daß  der  Wert
im  Verhältnis  zur  ersparten  Arbeit  stehe,  —  das  heißt  nämlich,  was  wohl
zu  bemerken  ist,  im  Verhältnis  zu  einer  Arbeit,  die  niemals  geleistet
worden  ist  und  niemals  geleistet  werden  wird!  Wo  bleibt  dann  die  wirtschaftliche ­
  Harmonie?  Da  erleuchtet  ein  Lichtstrahl  seinen  Geist:  Ist  diese
ersparte  Arbeit  nicht  ein  dem  Erwerber  geleisteter  Dienst?  Damit
hat  er  die  so  lange  gesuchte  Erklärung  endlich  gefunden:  „Der  Wert  ist
das  Verhältnis  zweier  ausgetauschter  Dienste“ 3 ).  Und  da  nun
alles  Eigentum  und  alles  Vermögen  nichts  weiter  ist  als  eine  Summe  von
Werten,  so  kann  man  auch  sagen,  daß  das  Eigentum  eines  jeden  nur  die
*)  Harmonies,  Kap.  V,  S.  140.
ä )  „Ich  habe  nachgewiesen,  daß  die  Grundlage  des  Wertes  weniger  die  de®
Gebenden  verursachte  Mühe,  als  die  dem  Empfangenden  ersparte  Mühe  ®
(hier  wäre  es  gerecht  gewesen,  Carey  zu  zitieren!),  und  deshalb  habe  ich  sie  in  etwa»
verlegt,  das  diese  beiden  Bestandteile  umfaßt:  den  Dienst“  (Harmonies,  Kap-  1^’
S.  341).
3 )  Harmonies,  Kap.  V,  S.  145.
        <pb n="384" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

361

Summe  der  von  ihm  geleisteten  Dienste  ist.  Hier  haben  wir  die  Harmonie.
Was  kann  man  besseres  wünschen?  Bastiat  gerät  in  Exstase,  diese
Formel  gefunden  zu  haben.  Sie  erklärt  Alles,  sie  gleicht  alle  Widersprüche
aus,  löst  alle  Schwierigkeiten  und  gibt  zugleich  den  Schlüssel  zu  der  Frage,
die  das  Kreuz  derVolkswirtschaftlerwar:  warum  der  Diamant  wertvoller  als
das  Wasser  sei?  Antwortet  sie  doch:  einfach  deshalb,  weil  der,  der  mir
einen  Diamanten  abläßt,  mir  einen  größeren  Dienst  leistet  als  der,  der  mir
ein  Glas  Wasser  gibt,  —  wenn  ich  nicht  gerade  auf  dem  Floß  der  Schiffbrüchigen ­
  der  Medusa  bin.  Aber  auch  in  diesem  Falle  würde,  da  der
geleistete  Dienst  unberechenbar  groß  ist,  der  Wert  unermeßlich  groß  sein!
Alle  von  den  Volkswirtschaftlern  vorgeschlagenen  Lösungen  —  Nutzen,
Seltenheit,  Erwerbsschwierigkeit,  Produktionskosten,  Arbeit  —  sind  in
dem  Begriff  des  Dienstes  enthalten.  „So  sollten  sich  also  die  Volkswirtschaftler ­
  aller  Schattierungen  zufrieden  geben.  Sie  haben  Alle  recht,  da
sie  die  Wahrheit  von  einer  Seite  gesehen  haben.  Auf  der  Rückseite  der
Medaille  lag  allerdings  der  Irrtum“ 1 ).  Weiterhin  hat  das  Wort  „Dienste“
den  Vorzug,  zugleich  mit  dem  eigentlichen  Wert,  nämlich  mit  dem  Preise

...  ’)  Harmonies,  Kap.  V,  S.  193.  „Sozialisten,  Volkswirtschaftler,  Gleichheits-Junger,
  Anhänger  der  Brüderlichkeit,  ich  trete  euch  Allen  entgegen,  soviel  ihr  auch
sem  mögt  und  bestreite,  daß  ihr  auch  nur  den  Schatten  eines  Einwurfs  gegen  die  gerechtfertigte ­
  Gegenseitigkeit  freiwilliger  Dienste  und  infolgedessen  gegen  das  Eigenhm,
  so  wie  ich  es  definiert  habe,  erheben  könnt!  ...  In  ihren  gegenseitigen  Belebungen ­
  sind  die  Menschen  nur  mit  Hinsicht  auf  die  Werte  Eigen-“
 m ® r ’  u hd  die  Werte  stellen  nur  verglichene  Dienste  vor,  die  frei
Ur &amp;gt;d  2G8)^ en  Un(1  frei  S cgeben  werd cn“  (Harmonies,  Kap.  VIII,  S.  265
Wirt  ^ enn  es  der  Umfang  dieses  Buches.gestatten  würde,  voll  den  italienischen  Volksin ­
  uchaftlern  zu  sprechen,  müßten  wir  hier  Ferrara,  der  von  1849  bis  1858  Professor
wirt"h"  WaT ’  erw ähnen.  Er  steht  durch  seine  Lehren  über  den  Wert  und  über  die
der  S T tliche n  Harmonien  in  enger  Verbindung  mit  den  Schulen  Carey’s  und  Bastiat’s
sehaftr  i!^ en0SSC  er  übrigens  war.  Die  Werttheorie,  auf  der  er  das  ganze  volkswirtjede
  Gebäude  ruhen  läßt,  ist  die  der  Reproduktionskosten.  Der  Wert  eines
Son  . n  Gegenstandes  wird  nicht  von  der  Arbeit,  die  er  wirklich  gekostet  hat,  bestimmt,
W(  ' rn  von  der,  die  notwendig  ist,  um  einen  gleichen  Gegenstand  zu  erzeugen,  oder,  —
das  B'W  S, ' C ^  Um  e i nen  Gegenstand  handelt,  dessen  Menge  absolut  begrenzt  ist,  z.  B.
erze  ' (  e ’ nes  alten  Meisters  —  von  der  Arbeit,  die  notwendig  ist,  um  das  wieder  zu
ojf 1 .  was  das  gleiche  Bedürfnis  am  besten  befriedigen  kann  (Anwendung  des
warVtT*  der  Substitution,  das  aber  zur  Zeit  Ferrara’s  noch  nicht  formuliert
)i c hg  .Ghd  da  infolge  des  Fortschrittes  der  Industrie  die  Arbeitskosten  (die  menschd;
 n  u Anstr engung)  das  Bestreben  zeigen,  ständig  geringer  zu  werden,  so  haben  wir
0  Harmonie.
p EltR  Dinge,  die  Erde  und  ihre  Produkte  wie  die  Kapitalien,  unterliegen  nach
und  1- U  demselben  Gesetze,  und  somit  ist  das  Unglücksgesetz  der  Rente  widerlegt
, as  fortschreitende  Fallen  des  Zinsfußes  sichergestellt,
setzun  16  bau P ts ächlichsten  Schriften  Ferrara’s  sind  Vorreden  zu  italienischen  Über-E
 Co  gen .  der  großen  Ökonomisten,  die  in  der  Sammlung  der  Bibliotheca  delP
omista  (Turin,  1850—1870,  26  Bde.)  erschienen.
        <pb n="385" />
        362

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

der  Güter,  den  Preis  aller  produktiven  Dienste  zu  umfassen,  so  wie  sie
in  der  Saehleihe,  der  Pacht,  der  Miete  und  den  verzinslichen  Darlehen
auftreten,  denn  „derjenige,  der  Zeit  gewährt,  leistet  einen  Dienst“ 1 ).
Man  kann  sich  über  die  Offenherzigkeit,  mit  der  Bastiat  seinen
Triumph  bekannt  gibt,  lustig  machen,  denn  er  sieht  nicht,  daß  die  Weite
seiner  Formel  nur  deshalb  gestattet,  alles,  was  man  will,  hineinzulegen,
weil  sie  ein  leerer  Rahmen,  ein  für  alle  Schlösser  passender  Universalschlüssel ­
  ist.  Sie  läuft  darauf  hinaus,  daß  der  Wert  von  irgendeinem
Umstande  abhängt,  der  einen  Gegenstand  wünschenswert  machen  kann 2 ),
so  daß  wir  nach  dieser  Erklärung  nicht  klüger  sind  als  vorher.  Boi  näherer
Untersuchung  hat  diese  Definition  nicht  einmal  die  apologetische  Tragweite, ­
  die  Bastiat  offenbar  blendete.  Sie  kann  in  keiner  Weise  zu  einer
Rechtfertigung  des  Wertes  und  mit  ihm  des  Eigentums  dienen;  höchstens
gelingt  ihr  dies  auf  Grund  einer  vieldeutigen  Formel!  Denn  das  Wort
Dienste  läßt  glauben,  und  deshalb  hat  er  es  gewählt,  daß  jeder  Wert
eine  Wohltat  für  den  bedeutet,  der  ihn  empfängt,  und  ein  Verdienst  für
den,  der  ihn  gibt.  Es  ist  aber  sehr  leicht  möglich,  daß  dies  nicht  der  Fall
ist.  Der  Eigentümer  eines  Hauses  oder  eines  Grundstückes  in  der  City
von  London,  der  das  eine  zu  einem  fabelhaften  Preise  vermietet  oder  das
andere  ebenso  verkauft,  oder  der  Kapitalist,  der  einem  bedrängten  Geldbedürftigen ­
  Geld  zu  einem  Wucherzinse  leiht,  oder  sogar  der  Politiker,
der  sich  für  irgendeine  wertvolle  Konzession  ein  enormes  Bestechungsgeld
zahlen  läßt,  sie  alle  leisten  zweifelsohne  große  Dienste,  —  der  Beweis
hierfür  liegt  schon  darin,  daß  sie  darum  angegangen,  gebeten  und  bestürmt
worden  sind  —  und  daher  würde  der  hohe  Mietspreis,  die  hohen  Zinsen
*)  Harmonies,  Kap.  VII,  S.  236.  Es  ist  nicht  der  Mühe  wert,  hier  die  Diskussion ­
  vom  Jahre  1849  zwischen  Bastiat  und  Proudiion  über  die  Berechtigung  der
Zinsen  zu  analysieren  (die  in  den  (Euvres  Bastiat’s  unter  dem  Titel  Gratuitö  du
Crödit  veröffentlicht  ist).  Bastiat  stützt  sich  bald  auf  den  Gedanken,  daß  derjenige,
der  darleiht,  einen  Dienst  leistet,  und  daß  jede  Dienstleistung  eine  Entlohnung  verdient, ­
  oder  schärfer  ausgedrückt,  daß  das  geliehene  Kapital  produktiv  ist  (der  Hobel
gestattet,  mehr  Bretter  herzustellen),  und  daß  es  infolgedessen  nur  gerecht  ist,  wenn
der  Besitzer  des  Hobels  seinen  Teil  davon  erhält.  Proudhon  antwortet,  daß  er  keineswegs ­
  die  Berechtigung  des  Zinses  in  der  gegenwärtigen  Wirtschaftsordnung  bestreite,
aber  behaupte,  daß  dieser  Zins  nur  eine  historische  Kategorie  sei  (um  eine  spätere
Formel  anzuwenden),  und  daß  es  leicht  wäre,  ihn  in  einer  neuen  Wirtschaftsordnung
als  überflüssig  abzuschaffen.  Als  Mittel,  diese  neue  Wirtschaftsordnung  zu  verwirklichen, ­
  weist  er  auf  seine  banque  d’echange  hin  (siehe  oben).  Aber  da  die  beiden  Duellanten
niemals  dazu  kamen,  die  Degen  zu  kreuzen,  und  im  Leeren  fochten,  so  ist  diese  Diskussion ­
  ermüdend  und  hat  nicht  das  Geringste  zur  Lösung  des  Zinsproblems  beigetragen.
2 )  „Eine  Menge  Umstände  können  die  relative  Bedeutung  eines  Dienstes  erhöhen-Er
  erscheint  uns  mehr  oder  weniger  groß,  je  nachdem  er  uns  mehr  oder  weniger  nützFc
ist,  je  nachdem  mehr  oder  weniger  Personen  bereit  sind,  ihn  uns  zu  leisten;  je  nachdem
er  von  ihnen  mehr  oder  weniger  Arbeit,  Mühe,  Geschicklichkeit,  Zeit,  vorausgehende
Studium  erfordert;  je  nachdem  er  uns  selbst  mehr  oder  weniger  davon  erspar
(ebenda,  Kap.  V,  S.  146).
        <pb n="386" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

363

oder  die  große  Provision  unter  die  Formel  Bastiat’s  fallen.  Wir  haben
aber  soeben  gesehen,  daß  sie  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt  aus  nichts
erklären  kann;  und  ebensowenig  kann  sie  vom  allgemeingültigen  moralischen ­
  Standpunkte,  auf  den  sich  doch  Bastiat  stellt,  irgend  etwas  rechtfertigen.
  Sie  ist  weiter  nichts  als  ein  Mäntelchen,  das  ebenso  dazu  dient,
die  schlimmsten  Ausbeutungen  wie  die  ehrlichsten  Geschäfte  zu  decken,
die  alle  zusammen  unter  seinem  Schutze,  brevi  manu  und  bunt  zusammengewürfelt, ­
  unter  den  einen  Hut  der  allgemeinen  Harmonie  gebracht
werden 1 ).
Trotz  dieser  gewiß  gerechtfertigten  Kritik,  und  trotzdem  man  den
Versuch  Bastiat’s,  den  Wert  durch  das  Wort  Dienste  zu  erklären,  für
verfehlt  ansehen  muß,  bleibt  die  Formel  doch  immerhin  eine  höchst  geistreiche, ­
  und  man  könnte  vielleicht  sogar  sagen,  eine  geniale  Eingebung.
Der  Beweis  dafür  ist,  daß  sie  Heimatsrecht  in  der  volkswirtschaftlichen
Sprache  erlangt  hat:  Wir  finden  sie  später  wieder  und  dies  besonders
in  der  Terminologie  der  auf  ihre  strenge  Methode  besonders  stolzen  hedonistischen ­
  und  mathematischen  Schule:  dort  spricht  man  beständig  von
»produktiven  Diensten“,  und  es  würde  viel  Mühe  kosten,  ein  anderes
Wort  zu  finden,  d;tf$&amp;gt;  sie  alle  umschließt 2 ).  Dieses  Wort  „Dienste“  ist
z war  geeignet,  auf  Grund  des  Gedankens  an  ein  höheres  Interesse  und  an
professionelle  Ehre,  die  mit  ihm  verbunden  ist,  —  so  wie  man  früher  sagte
»im  Dienste  des  Königs!“  —  über  viele  wirtschaftliche  Beziehungen  der
bestehenden  Ordnung  der  Dinge  Irrtümer  aufkommen  zu  lassen.  Auch
wirkt  es  oft  komisch,  mit  diesem  schönen  Worte  die  Begleichung  einer
Gasthausrechnung  oder  die  Bezahlung  des  Steuerzettels  zu  bezeichnen.
Trotzdem  kann  man  sich  aber  kein  besseres  vorstellen,  um  das,  was  die
z ukünftige  soziale  Ordnung  sein  sollte,  zu  bezeichnen.  Das  Wort
»Dienste“  drückt  ungefähr  die  gleiche  Idee  aus,  die  Aügüste  Comte  und
y iele  nach  ihm  mit  dem  Worte  „soziale  Funktion“  ausdrücken  wollte,
oder  was  Professor  Marshall  in  einer  kürzlich  gehaltenen  Rede  „die

,  Ich  untersuche
1 )  Auch  ist  Bastiat  wohl  gezwungen  dies  selbst  zuzuge  ^  •  en ” Mensc hen  nicht
u ‘cht,  ob  alle  Dienste  wirklich  und  gerechtfer  ig  ’  .  •  geleistet  haben.  Ach,
gelungen  ist,  sich  für  Dienste  bezahlen  zu  lassen,  v e itl“  (Harmonies,  Kap.  V,
lieber  Gott,  die  Welt  ist  voll  von  solcher  Ungerech  g
S.  157).  ,.  ■  h  {ür  n icht  geleistete  Dienste
Wenn  aber  die  Welt  voll  ist  von  Leuten,  * e .  jj en  lassen,  wozu  soll  es  dann
oder  für  eingebildete  und  ungerechtfertigte  Dien  e j s teten  Dienst  zu  gründen.
d 'enen,  jeden  Wert  und  alles  Eigentum  auf  eine  g  lg87  den  Au f sa tz  Gide  s
Siehe  in  der  Revue  d’Kconomie  Po  1  ü
U W  La  notion  de  la  valeur  dans  Bas  ia  ■  angewendet,  ohne  aber
2 )  J.-B.  Say  hatte  schon  das  Wort  ,,  ,  scm dern  nur  um  die  Reichtümer,
amit  irgendeine  normative  Bedeutung  zu  ve  ’  .  «  Erzeugnisse  sind,  zu  unterdl
 «  in  Handlungen  bestehen,  von  denen,  die  mateneue  n
scheiden.
        <pb n="387" />
        364

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Ritterlichkeit  in  der  Volkswirtschaft“  nennt 1 ).  Wenn  wir  versuchen,
uns  die  zukünftige  oder  doch  wenigstens  die  wünschenswerte  Gesellschaft
vorzustellen,  so  fühlen  wir  uns  zu  der  Hoffnung  verpflichtet,  daß  die
Triebkraft  der  ganzen  wirtschaftlichen  Tätigkeit,  die  heute  die  Profitsucht
  ist,  nach  und  nach  dem  Gedanken  des  sozialen  Dienstes  Platz
macht.  An  dem  Tage  wird  man  Bastiat  ein  Denkmal  setzen  können.
§  2.  Das  Gesetz  des  unentgeltlichen  Nutzens  und  der
Rente.
Das  Gesetz  der  Rente,  wie  es  Ricardo  aufgestellt  hatte,  war  das
Schreckbild  der  Optimisten.  Wäre  es  unglücklicherweise  wahr  gewesen,
so  wäre  ihnen  nach  ihrer  Ansicht  nichts  weiter  übrig  geblieben,  als  den
Sozialisten  recht  zu  geben,  die  im  Grundeigentum  einen  sozialen  Schädling
erblickten.  Um  jeden  Preis  mußte  daher  nachgewiesen  werden,  daß  dieses
Gesetz  ohne  Grundlage  sei,  und  Bastiat  hat  sich  bemüht,  die  These  zu
begründen,  die  zuerst  wie  eine  Ungeheuerlichkeit  anmutet,  nämlich,  daß
der  Boden  oder  die  Natur  ihre  Güter  allen  Menschen  umsonst  gibt.
Wie,  wird  man  ausrufen,  das  Getreide  oder  die  Kohle  und  alle  Produkte
des  Grundes  und  des  Untergrundes  werden  nicht  bezahlt,  haben  keinen
Wert?  —  Doch,  antwortet  Bastiat,  aber  dieser  Preis  bezahlt  nicht  die
natürliche  Nützlichkeit  dieser  Produkte:  er  bezahlt  nur  die  Arbeit  der
Produktion,  er  erstattet  nur  die  von  dem  Besitzer  gemachten  Auslagen
zurück.
Auf  diese  Weise  mußte  man  in  jedem  Erzeugnis  zwei  übereinander
liegende  Schichten  von  Nützlichkeit  unterscheiden.  Die  eine  beruht  auf
der  Arbeit,  und  diese  muß  bezahlt  werden,  ist  ein  kostendes  Ding  und
macht  das  aus,  was  man  den  Wert  nennt;  die  andere  verdanken  wir  der
Natur:  sie  wird  als  solche  niemals  bezahlt,  sondern  sozusagen  als  Zugabe
gegeben.  Wenn  diese  unterliegende  Schicht  unbekannt  ist,  obgleich
sie  eine  beträchtliche  Bedeutung  hat,  so  liegt  das  gerade  daran,  daß  sie
im  Preise  nicht  zum  Ausdruck  kommt  und  sich  deshalb  dem  Blick  entzieht:
sie  ist  unsichtbar,  weil  sie  unentgeltlich  ist.
Das  aber,  was  unentgeltlich  ist,  gehört  allen  gemeinsam,  wie  die
Luft  oder  das  fließende  Wasser.  Man  kann  daher  den  gleichen  Gedanken
ausdrücken,  indem  man  sagt,  daß  unter  der  zutage  liegenden  Schick
der  Werte,  die  das  individuelle  Eigentum  ausmacht,  eine  andere  unsichtbare ­
  Schicht  vorhanden  ist,  die  der  Gemeinschaft  gehört,  und  von  der
alle  Nutzen  haben.  „Das,  was  auf  Grund  göttlicher  Vorbestimmung

B  Economie  Journal,  März  1907,  Social  possibilities  of  Econoffli 6
Chivalry.
        <pb n="388" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.  365
Gemeingut  war,  bleibt  durch  alle  menschlichen  Handlungen  hindurch
Gemeingut.“
„Hierin  liegt“,  sagt  Bastiat,  „das  wesentliche  Gesetz  der  sozialen
Harmonie.“  Der  Grundeigentümer,  der  in  der  Theorie  Ricardo’s  als
der  Drache  erscheint,  der  die  Schätze  der  natürlichen  Reichtümer  bewacht,
und  dem  man  Tribut  bezahlen  muß,  um  sie  benützen  zu  können;  der  in
den  stürmischen  Anschuldigungen,  die  Proüdhon  gegen  das  Eigentum
schleuderte,  als  der  hingestellt  wird,  der  die  Gaben  Gottes  sich  angeeignet
hat,  —  er  erscheint  in  der  Theorie  Bastiat’s  nur  noch  als  ein  einfacher
Vermittler  zwischen  der  Natur  und  dem  Verbraucher,  als  ein  guter  Dienstbete, ­
  der  für  mich  an  der  gemeinschaftlichen  Quelle  das  Wasser  holen
Seht,  und  dem  ich  nicht  für  das  Wasser  bezahle,  sondern  nur  für  die  Mühe,
die  es  ihm  bereitet,  es  mir  zu  bringen 1 ).
Es  kommt  aber  noch  besser  mit  Hinsicht  auf  diese  Harmonie!  Von
den  beiden  Bestandteilen,  die  in  jedem  Gute  verbunden  sind,  dem  kostenden
Un d  dem  freien  oder  gemeinschaftlichen  Bestandteil,  zeigt  der  erstere  die
Heigung,  nach  und  nach  im  Verhältnis  zu  dem  zweiten  an  Bedeutung  zu
verlieren.  Es  ist  tatsächlich  ein  allgemeines  Gesetz,  das  infolge  der  Fortschritte
  der  Industrie  die  für  eine  gleiche  Bedürfnis-Sättigung  notwendige
Menschliche  Anstrengung  immer  geringer  wird.  Die  neue  Arbeit  ist  fast
stets  produktiver  als  die  frühere.  Das  gilt  für  alle  Erzeugnisse,  für  das
Getreide  sowohl  wie  für  die  Kohle,  für  den  Stahl  wie  für  die  Baumwollenstoffe, ­
  und  nicht  nur  für  die  Erzeugnisse  der  Erde,  sondern  für  den  Boden
selbst.  Es  kostet  immer  weniger,  neuen  Boden  urbar  zu  machen,  geradeso,
Wle  es  immer  weniger  kostet,  neue  Maschinen  herzustellen.  Der  Teil  des
Natürlichen  Nutzen  wird  aber  in  keiner  Weise  geringer:  „Das  Getreide
a t  heute  genau  denselben  Nutzen,  wie  am  Tage  nach  der  Sintflut. 1
Was  folgt  daraus?  Da  aller  Besitz  nur  aus  einer  Summe  von  Werten

Umsonst'i,.. 1 },,  sa 2 e  eu ch:  Nein,  Ihr  habt  die  Geschenke  Gottes  nicht  unterschlagen,
sonst  habt  h  •  S '°  aus  &amp;lt; t° n  Händen  der  Natur  empfangen,  das  ist  wahr!  Aber  um-Zu
 behalten  *  f  f 1 ?  au °h  an  eure  Kräder  weitergegeben,  ohne  für  euch  etwas  zurück-Kap.
  yjjj  ‘  g -  daher  in  Frieden,  ohne  Furcht  und  ohne  Bedenken“  (Harmonies,
Paradox'u  al * en  Menschen  gratis  zur  Verfügung  in  Fälle;  das  ist  kein
Verfüg Un  n  • Blne  Übertreibung;  sie  steht  ihnen  ebenso  gratis  und  im  Überfluß  zur
zu  geben  u  '/i 16 -  ( * as  Wasser  des  Bergstromes,  nur  mit  der  Bedingung,  sich  die  Mühe
lohnen“  t  i  r  Sle  zu  holen  oder  die,  die  diese  Mühe  für  uns  tun,  für  diese  Mühe  zu  entlaß ­
  di e  [)j  Kap.  X,  S.  362).  —  Bastiat  will  aber  durchaus  nicht  sagen,
IJ| n  die  Kohl  en&amp;lt; ^ en  c * er  Aktionäre  nur  die  Mühe  bezahlen,  die  sie  genommen  haben,
rio mrn en  p,,. 0  zu  holen,  sondern  die  Mühe,  die  sie  (in  der  Form  von  Ersparnissen)  gej
  .g  „ en ’  um  die  Ausbeutung  zu  ermöglichen.
Si! i&amp;lt;&amp;gt;n,  er  ‘  hatte  schon  davon  gesprochen,  daß  die  natürlichen  Kräfte  umsonst
u &amp;gt;id  Wasser**  a h« r  nur  von  denen,  die  sich  noch  niemand  angeeignet  hat,  wie  Luft
&amp;gt;  und  die  infolgedessen  Allen  zur  Verfügung  stehen.
        <pb n="389" />
        366

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

besteht,  so  drückt  sich  jede  Wertverminderung  durch  eine  stetige  Wertverminderung ­
  des  Eigentums  aus.
Daraus  zieht  Bastiat  den  folgenden  Schluß,  der  „der  Wissenschaft
eine  ganz  erstaunliche  Tatsache  enthüllen  wird,  und  der,  wenn  ich  mich
nicht  irre,  bisher  unbemerkt  geblieben  ist“ 1 ),  daß  nämlich  in  jeder  fortschreitenden ­
  Gesellschaft  der  gemeinsame  unentgeltliche  Anteil  beständig
wächst,  während  der  kostende  und  mit  Beschlag  belegte  Teil  stetig  geringer ­
  wird.  Die  heutige  Gesellschaft  ist  schon,  ohne  es  zu  wissen,  kommunistisch ­
  und  wird  es  mit  jedem  Tage  mehr!
Der  Gedanke  ist  allerdings  sehr  schön.  Er  zeigt  uns  das  Privateigentum ­
  wie  Inseln,  die  von  einem  weiten  Meere  des  Gemeineigentums  umspült ­
  sind,  und,  was  noch  mehr  besagt,  von  einem  Meere,  das  stetig  steigt
und  ohne  Aufhören  ihre  Küsten  wegschwemmt  und  ihre  Oberfläche  verringert. ­
  Sollte  die  Arbeit  jemals  allmächtig  werden,  sollte  nämlich  die
Wissenschaft  dazu  gelangen,  die  Anstrengung  auszuschalten,  so  würde
an  diesem  Tage  die  letzte  Eigentumsinsel  unter  dem  steigenden  Niveau
des  unentgeltlichen  Nutzens  verschwunden  sein.  Und  so  ruft  Bastiat
triumphierend  aus:  „Kommunisten,  ihr  träumt  vom  Gemeineigentum?
Ihr  habt  es  ja  schon!  Die  soziale  Ordnung  macht  ja  alle  Befriedigungsmittel ­
  zum  Gemeineigentum  unter  der  Bedingung,  daß  der  Tausch  der
angeeigneten  Werte  frei  sei.“ 2 )
Aber  Bastiat,  der  so  viel  gegen  die  Sophismen  gekämpft  hat,  neigt e
selbst  sehr  dazu,  sie  zu  gebrauchen.  Wenn  man  tiefer  in  diese  bestechende
Darlegung  eindringt,  so  findet  man  einfach  die  Behauptung,  daß  es  überhaupt ­
  keine  Bodenrente  gibt,  da  der  Wert  aller  Erzeugnisse,  unter  Einschluß ­
  derjenigen,  die  man  Naturprodukte  nennt,  niemals  die  Produktionskosten ­
  übersteigt,  —  und  daß  dieser  Wert  sogar  beständig  geringer  wird,
weil  die  Produktionskosten  die  Tendenz  haben,  sich  zu  verringern.
Diese  Behauptung  ist  aber  ohne  Stütze:  der  Beweis  ist  durchaus
nicht  erbracht,  daß  die  Erzeugnisse  des  Bodens  dem  Gesetze  der  Ko»'
kurrenz  unterliegen,  deren  Wirkung  wäre,  ihren  Wert  auf  das  Niveau  der
Produktionskosten  herabzudrücken,  und  noch  weniger,  daß  ihr  Wer*
auf  das  Niveau  der  Minimalproduktionskosten  herabgedrückt  wird.  Sein 6
Auseinandersetzung  widerlegt  daher  weder  die  Theorie  der  Monopolrente,
noch  die  der  Differentialrente.  Soviel  ist  gewiß  richtig,  daß  die  Natur
den  Wert  nicht  schafft  und  keine  Zahlung  verlangt.  Heute  nimmt  auch
niemand  mehr  an,  daß  in  dem  Preis  der  Kohle  oder  des  Getreides  em
Pfennig  enthalten  sei,  der  die  Wärme  spendenden  Eigenschaften  des  einen
oder  die  nahrhaften  des  anderen  bezahlen  solle.  Wenn  es  aber  wahr  ist,
daß  die  Natur  nichts  fordert,  so  ist  es  doch  nicht  wahr,  daß  auch  &amp;lt;m r
Besitzer  nichts  weiter  als  die  Rückerstattung  seiner  Auslagen  an  Müh e

*)  Harmonies,  Kap.  VIII,  S.  256.
2 )  Harmonies,  Kap.  V,  S.  142.
        <pb n="390" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

367

und  Kosten  verlangt.  Er  begnügt  sich  nur  damit,  wenn  er  durch  die
Konkurrenz  unbedingt  dazu  gezwungen  wird!  Diese  Bedingung  ist  nun
fast  niemals  gegeben,  und  die  ökonomischen  Theorien  erklären  gerade,
deshalb  der  Verkaufspreis  gewöhnlich  den  Gestehungspreis  übersteigt,
und  wie  sich  dieser  Überschuß  unter  den  verschiedenen  Kategorien,  Rente,
■Profit,  Mehrwert,  darstellt.
Im  Grunde  war  sich  Bastiat  sehr  wohl  der  Schwäche  seiner  Beweisührung
  bewußt.  Er  sieht  sehr  gut,  daß  der  Eigentümer  eines  berühmten
Weinberges  oder  eines  an  den  Champs-Elysees  gelegenen  Baugrundes  beim
erkauf  viel  mehr  erhalten  kann,  als  die  Bezahlung  seiner  Arbeit.  Aber
aun  rettet  er  sich  in  seine  Werttheorie:  gleichviel,  dieser  Eigentümer
wird  niemals  mehr  erhalten  als  den  Preis  des  geleisteten  Dienstes.  —  Zugegeben! ­
  Dann  muß  aber  doch  wohl  zugestanden  werden,  daß  die  Tatsache, ­
  einen  natürlichen  Reichtum  zu  besitzen,  es  gestattet,  den  Preis
er  Dienste,  die.,  der  Eigentümer  leistet,  bis  zur  äußersten,
urch  die  Bedürfnisse  des  Käufers  gezogenen  Grenze  zu  er-°nen,
  und  was  bleibt  dann  von  dem  sog.  Gemeineigentum  und  den
Besitzer  seinen  Brüdern  unentgeltlich  und  ohne  Vorbehalt  überleiten ­
  Gütern  übrig?
s  ^ el che  Überlegenheit  zeigt  demgegenüber  die  Theorie  Carey’s,
so?'i  ^ urc k  üiren  wissenschaftlichen  Wert,  als  auch  durch  ihre  große
vor  r  ^ ra KW e ite!  Carey  nimmt  Punkt  für  Punkt  die  Theorie  Ricardo’s
p u  ’ (  le  Bastiat  nur  sehr  ungenau  gekannt  zu  haben  scheint, 2 ).  Der  These
w er C r°’ S  § e g en über,  daß  der  Wert  des  Getreides  fortschreitend  höher
g eg .  en  muß,  weil  der  Mensch,  nachdem  er  die  fruchtbarsten  Böden  in
g e i- Z ,  ^ enommen  Bat,  gezwungen  ist,  nach  und  nach  unfruchtbarere  in
die  ; ! rtsc B a Bung  zu  nehmen,  antwortet  Carey:  daß  ganz  im  Gegenteil
(!r _ st armsten  Böden  es  sind,  auf  denen  die  Kultur  beginnt,  und  daß  man
Inf o, s Pf r  und  nach  und  nach  die  reicheren  Felder  in  Angriff  nimmt.
Brod  t'^ en  er ^Bt  sich  der  umgekehrte  Schluß,  denn  mit  steigender
uli tivität  wird  der  Preis  des  Getreides  fallen.  Die  Gründe,  auf  die
der  Bastiat  scheint  die  Bodenrente  nicht  besonders  studiert  zu  haben.  Das  Kapitel
BoRüler  '^d 011 ! 68 ’  ^ as  ^ ese  Überschrift  trägt,  ist  unvollendet  geblieben.  Einer  seiner
Hildes  Rn’  DE  Fontenay ,  hat  ihr  ein  ganzes,  heute  vergessenes,  jedoch  sehr  glän-1
  j  ß  f. ewidmet:  Du  Revenu  foncier  (18S4).  Er  bemüht  sich  nachzuweisen:
da  a jj e  a Jf  "ie  RiCAKDo’sche  Bodenrente,  d.  h.  die  Differentialrente  nicht  existiert,
Versteht  i-  f .. er  gleichwertig  sind,  aber  nur  unter  der  Bedingung,  daß  man  es
2  j  L e  ™ r  e ’ n  jedes  geeignetste  Kultur  anzuwenden;
Ao am  u&amp;gt;e  Rente  der  natürlichen  Fruchtbarkeit,  die  der  Physiokraten  oder
einzig  au^V’  ebensowe uig  existiert,  da  alle  Nützlichkeit  (und  nicht  nur  aller  Wert!)
Schlacht,,  r 1  ^ rb eit  beruhe.  Ein  Pfirsich,  eine  Weintraube,  ein  Weizenkorn,  ein
behaus  u  f®,V erden  einzig  vom  menschlichen  Fleiß  geschaffen:  die  Natur  ist  stets
durcha Us  rhü  •  gcwosen ,  es  zu  tun,  und  wird  es  auch  stets  bleiben.  —  Dies  ist  übrigens
a uch  von  !,  ,g ’  wenn  man  sagt,  die  Natur  allein;  aber  genau  dasselbe  kann  man  dann
er  Arbeit  allein  sagen.
        <pb n="391" />
        368

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

er  diese  Umkehrung  im  Gange  der  Bodenkultur  stützt,  sind  höchst  eindrucksvoll. ­
  Zunächst  weist  er  darauf  hin,  daß  für  den  Boden,  wie  für  alle
Naturkräfte,  die  Reihenfolge  in  der  Domestikation,  wenn  ich  so  sagen
darf,  im  umgekehrten  Verhältnis  zu  ihrer  Macht  steht:  man  hat  angefangen,
die  tierische  Kraft  vor  der  des  Windes  oder  des  Wassers  zu  benutzen,  und
diese  wieder  vor  der  des  Dampfes  oder  der  Elektrizität.  Ebenso  ist  es
mit  dem  Boden.  Was  ist  denn  ein  fruchtbarer  Boden?  Es  ist  das  ein
Boden,  der  in  seinem  Naturzustand  von  einer  wuchernden  Vegetation
überzogen  ist,  die  man  ausrotten  muß,  oder  Alluvialfelder,  die  den  Strömen
und  Seen  abgerungen  werden  müssen.  „Der  reichste  Boden  ist  der  Schrecken
der  ersten  Einwanderer“,  sagt  er 1 ).  Er  tritt  ihm  in  der  Form  von  Urwäldern ­
  entgegen,  voll  wilder  Tiere,  die  er  bekämpfen  muß,  angefüllt
mit  Sümpfen,  die  zu  trocken  sind,  voller  Krankheitskeime,  die  Kirchhöfe
aus  ihnen  machen.  Generationen  müssen  sich  aufbrauchen,  ehe  man
diesen  reichen  Boden  benutzen  kann.  In  der  Zwischenzeit  sucht  sich  der
erste  Ansiedler  bescheiden  auf  einem  Hügelabhang  irgendeinen  leichten
Boden,  der  seinen  schwachen  Kräften  mehr  entspricht,  und  wo  er  außerdem
infolge  der  Lage  größere  Sicherheit  genießt  und  sich  leichter  verteidige 11
kann.
Die  Richtigkeit  dieser  Theorie  scheint  nicht  nur  durch  den  Gang
der  Bodenkultur  und  der  Kolonisation  in  den  neuen  Ländern  erwiese 11
zu  sein,  sondern  auch  durch  die  Geschichte  und  die  Zivilisation  in  der
Vergangenheit.  An  den  Abhängen,  auf  den  Hügeln  fanden  sich  die  ersten
Menschen  zusammen  und  bauten  ihre  Dörfer  oder  Schlösser,  um  dann
langsam  und  vorsichtig  in  die  tiefer  liegenden  Gefilde  hinabzusteigen-Wie
  viele  Gegenden  gibt  es  noch  jetzt  in  Frankreich,  wo  man  die  „neue
Stadt“  sich  in  der  Ebene  ausbreiten  sieht,  während  nicht  weit  davon
die  alte  Stadt  ihre  Mauern  auf  dem  Berge  erhebt!  Die  Helden,  denen  man
später  göttliche  Ehren  erwies,  weil  sie  die  Lernäische  Hydra  oder  dm
Vögel  des  stymphalischen  Sumpfes  getötet  hatten,  waren  wahrscheinlm
nur  die  ersten  Menschen,  die  den  Mut  gehabt  haben,  die  Alluvialböden
urbar  zu  machen.
Man  kann  dieser  Theorie  natürlich  genau  denselben  Vorwurf  mache®»
wie  der  Ricardo’s,  nämlich,  daß  sie  nur  für  ein  bestimmtes  Milieu  und  r®
bestimmte  Umstände  Geltung  hat.  Die  Rententheorie  Ricardo’s,  so
wir  sie  kennen  gelernt  haben,  erklärte  die  England  eigentümlichen  ua^
Sachen,  nämlich  die  Pressung  der  Bevölkerung  auf  einer  kleinen  Insel  un
auf  einem  schon  fast  ganz  in  Besitz  genommenen  Boden,  während
Theorie  Carey’s  sich  wunderbar  auf  einen  riesigen  Kontinent  a ®wen
läßt,  wo  eine  nur  spärliche  Bevölkerung  einige  Kulturinseln  inmitten  ^
Urwaldes  oder  der  Prärie  in  Besitz  genommen  hatte.  Man  kann  da
l )  Carey,  Principles  of  Social  Science  (Bd.  I,  S.  127  in  der  franz.  Übe r
        <pb n="392" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

369

sagen,  daß  beide  Theorien  sLh  nicht  widersprechen,  weil  sie  für  verschiedene
Ergebnisse,  oder  vielmehr  für  verschiedene,  aufeinander  folgende  Phasen
der  wirtschaftlichen  Entwicklung  Geltung  haben.  Es  scheint  aber,  daß
die  Theorie  Ricardo’s,  gerade  weil  sie  einer  höheren  Stufe  der  Entwicklung
entspricht,  das  letzte  Wort  behalten  soll.  Wenn  Carey  in  unseren  Tagen
geschrieben  hätte,  hätte  er  wahrscheinlich  eine  andere  Sprache  geführt,
denn  schon  jetzt  ist  es  nicht  mehr  wahr,  daß  in  den  Vereinigten  Staaten
die  fruchtbarsten  Böden  noch  urbar  zu  machen  sind.  Es  ist  im  Gegenteil
unbestreitbar,  daß  nur  noch  die  armen  und  nicht  bewässerbaren  Felder
übrig  geblieben  sind,  die  nur  in  Trockenkultur  (dry  farming)  bewirtschaftet ­
  werden  können;  und  daß  sogar  im  „wilden  Westen“  —  far  west  —
die  Theorie  Ricardo’s  schon  besser  als  die  Carey’s  mit  den  wirklichen
Tatsachen  übereinstimmt.  Überall  tritt  dort  die  Bodenrente  auf,  und
einige  der  heutigen  amerikanischen  Milliardäre  verdanken  gerade  ihr  ihr
Vermögen 1 ).
Es  ist  wenig  wahrscheinlich,  daß  Bastiat  diese  Theorie  Carey’s
gekannt  hat,  denn  sie  wurde  hauptsächlich  in  dessen  Buche  The  past,
le  Present  and  the  future  (Vergangenheit,  Gegenwart  und  Zukunft)
^geführt,  das  kurze  Zeit  vor  dem  Tode  Bastiat’s  erschien,  wie  auch  in
^nen  Principles  of  social  Science,  die  10  Jahre  später  herauskamen.
,  u j  jeden  Fall  sind  wir  beiden  für  den  schönen  Gedanken  verpflichtet,
a ß  in  dem  Maße,  wie  sich  die  Macht  des  Menschen  über  die  Natur  verehrt,
  die  Anstrengung,  das  Hindernis  und  mit  ihnen  der  Wert,  der  aus
er  Erwerbsschwierigkeit  sich  ergibt,  geringer  werden;  und  daß  infolgee
 ssen,  zusammenfassend,  der  wirkliche  Reichtum  Aller  steigt,  und  daß
e  Ärmsten  es  sind,  die  am  meisten  dabei  gewinnen 2 ).
§  3.  Das  Gesetz  der  Verteilung  zwischen  Kapital  und
Arbeit.

nur  das  Gesetz  der  Rente  erschien  den  Optimisten  wie  ein
n  er  Mißton:  auch  das  andere  Gesetz,  nach  dem  „der  Profit  notals
  ri  &amp;gt;  H' ar  | n  Algier  z.  B.,  wenn  dort  die  Theorie  Carey’s  sieh  auch  am  Anfang
Vo ri  Kai  ^  erwles  —  denn  die  fruchtbare  Ebene  der  Mitidja  hat  zwei  Generationen
ist  es  h onis ten  verschlungen,  bevor  sie  in  Bewirtschaftung  genommen  werden  konnte,  —
2\  eU p. 6  s ' c ^ cr ’  daß  nur  noch  Felder  der  letzten  Kategorie  verfügbar  sind,
zu  b ( .fii’i  ! : r  Reichtum  besteht  in  der  Macht,  den  stets  kostenlosen  Diensten  der  Natur
I  M  (CAREY ’  Princ iples  of  Social  Science,  Bd.  I,  Kap.  XIII).
Atacht  d^  Ar  ta k e  wie  die  Macht  des  Menschen  über  die  Materie  wächst,  zeigt  die
nähert  j nScllen  über  Seinesgleichen  das  Bestreben,  geringer  zu  werden,  und  man
fran z  der  Aufrichtung  der  Gleichheit“  (Carey,  ebenda,  Bd.  III,  S.  122  der
Weisend,.  e ^’  ~~  Man  vergleiche  z.  B.  die  relative  Gleichheit  in  dem  Transport  der
ändern 1 }  m  ( * &amp;lt;;r  ® se nbahn  (trotz  der  verschiedenen  Klassen,  die  aber  nicht  in  allen
q.  es * ;e üen)  mit  den  Reisen  in  der  früheren  Zeit  in  der  Postkutsche.
ÜI1( 1  Rist,  Gesch.  (1.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  24
        <pb n="393" />
        370

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

wendigerweise  im  umgekehrten  Verhältnis  zu  den  Löhnen  schwankt“,
stimmte  nicht  zu  ihrer  Auffassung.  Es  mußte  ebenfalls  zurückgewiesen
werden  und  Bastiat  stellte  ihm  in  der  Tat  ein  anderes  Gesetz  der  Harmonie
entgegen,  nach  dem  die  Interessen  des  Kapitals  und  der  Arbeit  solidarisch
wären,  indem  der  Anteil  des  Einen  und  des  Anderen  sich  gleichzeitig  erhöhe,
der  der  Arbeit  sogar  schneller  als  der  des  Kapitals 1 ).  Die  folgende  Zusammenstellung ­
  Bastiat’s  soll  dies  nachweisen:

Gesamtprodukt
1.  Periode  1000
2.  „  2000
3.  „  3000
4.  „  4000

Kapitalanteil
500  (50  %)
800  (40  „  )
1050.  (35  .,  )
1200  (30  „  )

Arbeitsanteil
500  (50  %)
1200  (60  „  )
1950  (65  „  )
2800  (70  „  )

Das  ist,  was  Bastiat  „das  große,  bewunderungswürdige,  tröstliche,
notwendige  und  unabänderliche  Gesetz  des  Kapitals“  nennt.
Der  Beweis,  auf  den  er  das  Gesetz  gründet,  ist  sehr  einfach,  ja  sogar
ein  wenig  zu  einfach.  Er  stützt  sich  nur  auf  das  bekannte  Gesetz  des
Sinkens  des  Zinsfußes,  auf  das  lange  vorher  Turgot  und  viele  andere
Volkswirtschaftler  hingewiesen  hatten.  Wehn  das  Kapital,  sagt  er,  anstatt
5%  Zinsen  zu  erheben,  nur  3%  erhebt,  so  heißt  das,  daß  sein  Anten
geringer  wird;  und  wenn  sein  Anteil  an  dem  Erzeugnis  mehr  und  mehr
zurückgeht,  so  ergibt  sich  notwendigerweise  hieraus,  daß  der  für  die  Arbeit
verbleibende  Teil  immer  größer  wird.
Diese  relative  Verminderung  des  Anteils  hindert  übrigens  das
Kapital  nicht,  einen  immer  größeren  absoluten  Teil  zu  erhalten,  wen»
das  Gesamtprodukt  größer  wird,  was  der  Fall  in  jeder  fortschreitende»
Gesellschaft  ist,  aber  immerhin  wächst  sein  Anteil,  wenn  er  sich  auch
vermehrt,  relativ  geringer,  als  der  der  Arbeit.  Wenn  z.  B.  das  Gesamtprodukt ­
  verdreifacht  ist,  so  hat  der  Anteil  des  Kapitals  sich  nur  verdoppelt
während  sich  der  der  Arbeit  vervierfacht  hat.

Leider  ist  auch  diese  Beweisführung  nur  ein  reiner  Sophismus.  Zunächst ­
  könnte  man  sagen,  daß  die  oben  angegebenen  Zahlen  einfach  f ür
die  Zwecke  der  Beweisführung  erfunden  worden  sind.  Man  könnte  b e '
zweifeln,  daß  die  Tatsache  des  Sinkens  des  Zinsfußes,  auf  die  sie  sic* 1
gründet,  allgemein  genug  feststehe,  um  den  Charakter  eines  bleibende»
Gesetzes  zu  haben:  die  Wirtschaftsgeschichte  zeigt  uns  vielmehr  periodische
Schwankungen  des  Zinsfußes  und  erst  kürzlich  ist  der  Zinsfuß  wieder
bedeutend  gestiegen.
Das  angebliche  Gesetz  wird  noch  zweifelhafter,  wenn  man,  wie  Basti aT

DHarmonies,  Kap.  VII,  S.  250.  „Hört  doch  auf,  ihr  KapjJ'^'^gjda»
Arbeiter,  euch  mit  mißtrauischen  und  neidischen  Blicken  zu  betrachten!
S.  252.)
        <pb n="394" />
        I.  Kapitel.  Die  Optimisten.

371

es  tut,  in  das  Sinken  des  Zinsfußes  nicht  nur  den  eigentlichen  Zins  einschließt, ­
  sondern  auch  die  Profite,  die  Dividenden,  Tantiemen  und  jeden
Gewinnanteil  des  Kapitals.
Aber  auch  wenn  wir  das  Gesetz  des  sinkenden  Profitsatzes  als  feststehend ­
  annehmen,  beweist  das,  daß  der  Anteil  des  Kapitals  geringer  wird?
Auf  keinen  Fall,  insoweit  als  diejenigen  Kapitalien  in  Betracht  kommen,
die  schon  in  Fabriken,  Gruben,  Eisenbahnen,  Staatsrenten  usw.  angelegt
sind  und  in  festverzinslichen  Papieren  bestehen.  Sie  erhalten  nicht  einen
Pfennig  weniger  Zinsen,  im  Gegenteil,  das  Sinken  des  Zinsfußes  hat  eine
Kurssteigerung  der  Papiere,  das  heißt  also  aller  früher  angelegten  Kapitalien
zufolge.  Alle  Kapitalisten  wissen  das  und  spekulieren  sogar  auf  diese
Voraussicht 1 ).
Das  Sinken  des  Zinsfußes  kann  daher  den  Anteil  des  Kapitals  nur
^soweit  verringern,  als  neue  Kapitalien  in  Betracht  kommen:  wenn  diese
Kapitalien  aber  zufälligerweise  eine  geringere  Produktivität  als  die  alten
Kapitalien  haben,  so  kann  es  sehr  gut  eintreten,  daß  ein  geringerer  Zinsfuß
einen  gleichen  oder  sogar  größeren  Abzug  gegenüber  der  Arbeit  bedeutet.
, as  ist  sogar  sehr  wahrscheinlich.  Der  Beweis  liegt  darin,  daß  die  Volks-^’irtschaftler,
  die  an  ein  allmähliches  Sinken  des  Zinsfußes  glauben,  als
rK'Urnent  gerade  die  Tatsache  anführen,  daß  die  Produktivität  der  neuen
^ a pitalien  gewöhnlich  geringer  als  die  der  alten  ist.
Mit  einem  Worte,  die  Frage  des  Zinsfußes,  die  einfach  eine  gewisse
ßziehung  zwischen  dem  Werte  des  Kapitals  und  dem  Wert  des
mkommens  ausdrückt,  ist  ganz  und  gar  nicht  dieselbe,  wie  die
1fa ge  nach  dem  Anteil  an  dem  Produkte,  der  den  Kapitalisten
den  Arbeitern  zukommt 2 ).
.  Vicht  nur  ist  der  Beweis,  den  Bastiat  seinem  Gesetz  der  Verteüung
fischen  Kapital  und  Arbeit  zu  geben  geglaubt  hat,  falsch,  sondern  auch
e  Theorie  selbst  wird  von  den  Tatsachen  widerlegt.  Es  scheint  sich  aller-(ln
 gs  aus  den  Statistiken  zu  ergeben,  daß  trotz  des  sogenannten  Gesetzes

6f)  p r  ™ n  l  er  Zinsfuß  von  5  auf  3%  sinkt,  wird  die  3%  französische  Rente,  die
®inkom  n  War ’  ^ r -  notiert  werden.  Daher  entsteht  keine  Verminderung  des
des  Zinsfuß 18 ’  Vermehrung  des  Kapitals.  Ein  gutes  Geschäft!  Die  Erniedrigung
Fällen  j U  ,j S  verrin gert  den  Teil  der  schon  angelegten  Kapitalien  nur  in  den  besonderen
VertiK 0  &amp;lt;enen  der  Borger  sich  dieser  Verringerung  bedienen  kann,  um  eine  Kon-,®
 r “ng  auszuführen;
Negerin  1  1S *  so  ric htig,  daß  wir  später  sehen  werden,  wie  Rodbertus  sich  auf  den
sich  auf  &amp;lt;-] Üer  These  Bastiat’s  stellen  konnte  und  nachzuweisen  versuchte,  indem  er
bellst  aS rl  e “ erne  Rohngesetz  stützte,  daß  der  relative  Anteil  des  Kapitals  beständig
übrig en ’ s  Un J  der  re Ktive  Anteil  der  Arbeit  beständig  sinkt.  Dieser  Beweis  scheint
Tolitio  ebensoweni g  begründet  wie  der  andere  (siehe  in  der  Revue  d’ficonomie
BieTl™ 11  ^ arz  einen  Aufsatz  Rist’s,  Deux  sophismes  üconomiques).
Vorbehalt  uf 6  Bastiat’s  findet  sich  auch  bei  Carey.  Die  liberale  Schule  hat  sie  ohne
Partit;  übernommen,  siehe  z.  B.  das  Buch  Paul  Leroy-Beaulieu’s  über  die  R6-Ion
  de s  Richesses.

24*
        <pb n="395" />
        372

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

des  sinkenden  Zinsfußes  —  und  anderer  neuer  und  mächtigerer  Faktoren
als  da  sind:  der  Druck  der  Arbeiterorganisationen,  Streiks,  gesetzgeberische
Einmischungen  usw.,  —  daß  trotz  alledem  der  Anteil  des  Kapitals  am
sozialen  Gesamteinkommen  sieh  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  schneller
als  der  Anteil  der  Arbeit  vergrößert  hat 1 ).
§  4.  Die  Unterordnung  des  Produzenten  unter  den  Verbraucher.
Bastiat  legte  diesem  Prinzip  eine  sehr  große  Bedeutung  bei;  inwiefern
erschien  es  ihm  aber  als  eine  Harmonie?
Weil  die  Unterordnung  des  Produzenten  unter  den  Verbraucher  nichts
Anderes  ist  als  die  Unterordnung  des  Privatinteresses  unter  das  Allgemeininteresse. ­
  Der  Produzent  läßt  sich  nur  von  seinem  eigenen  Interesse  leiten
und  verfolgt  weiter  nichts  als  seinen  Profit;  aber  da  Alles,  was  er  erfindet,
um  seinen  Profit  zu  vergrößern,  darauf  hinausläuft,  die  Preise  zum  Sinken
zu  bringen,  so  ist  es  der  Verbraucher,  der  schließlich  den  Gewinn  davon
hat 2 ).  So  zwingen  die  wirtschaftlichen  Gesetze,  das  der  Konkurrenz,
des  Wertes  usw.,  den  Produzenten  dennoch  dazu,  Altruist  zu  sein,  so  gerne
er  auch  Egoist  wäre;  sie  halten  ihn  zum  Wohle  Aller  zum  Narren.  Er  glaubt,
daß  seine  Arbeit  auf  den  größtmöglichen  Profit  für  ihn  selbst  abziele,
aber  in  Wirklichkeit  arbeitet  er,  um  möglichst  wirtschaftlich  die  Bedürfnisse
Anderer  zu  befriedigen.  Hierin  liegt  die  Harmonie.
In  allen  verwickelten,  wirtschaftlichen  Fragen  muß  man  daher  al s
einziges  Kriterium  das  folgende  annehmen:  welche  Lösung  ist  die  vorteilhafteste ­
  für  den  Verbraucher?  —  und  niemals  darf  man  fragen,  wie  ma’)
es  gewöhnlich  tut:  was  wird  für  den  Produzenten  am  vorteilhaftesten  sein?
Handelt  es  sich  z.  B.  um  den  internationalen  Handel,  so  sucht  man  heutzutage ­
  das  Interesse  des  Produzenten  und  errichtet  Schutzzölle:  man  mnß
aber  das  Interesse  des  Verbrauchers  verfolgen,  und  sofort  erscheint  der
Freihandel  geboten.  Oder,  wenn  es  sich  um  öffentliche  oder  private  Ausgaben ­
  handelt,  z.  B.  um  zerbrochene  Fensterscheiben 3 ),  um  verschossenes
*)  Siehe  Gide,  Cours  d’Lconomie  politique  (über  die  Steigerung  der  löhne,
S.  622)  und  Colson,  Cours  d’Leonomie  politique,  Bd.  III,  S.  366).  Nach  Cols oIJ
hat  der  Anteil  des  Einkommens  aus  erworbenem  Reichtum  und  aus  Unternehmungen
sich  seit  1820  wahrscheinlich!  vervierfacht,  während  sich  der  der  entlohnten  Arbd
nur  im  Verhältnis  von  1  :  3(4'  vermehrt  hat.  _
2 )  „Der  Verbraucher"  dinTPublikum,  ist  mit  Hinsicht  auf  den  Verlust  oder  De
winn,  der  zunächst  diese  oder  jene  Klasse  von  Produzenten  betrifft,  dasselbe,
die  Erde  für  die  Elektrizität  ist,  der  große  allgemeine  Behälter.  Alles  geht  von  h^
aus  und  nach  einigen  mehr  oder  weniger  langen  Umwegen  .  .  .  kehrt  Alles  h ier
zurück  .  .  .  Infolgedessen  müssen  alle  großen  Fragen  von  dem  Gesichtspunkte
Verbraucher  studiert  werden,  wenn  man  ihre  allgemeinen  und  beständigen  Wirkung
begreifen  will“  (Harmonies,  Kap.  XI,  S.  414).  '  ,,^ en
3 )  Siehe  das  Pamphlet:  La  Vitre  Cassee,  eine  der  bekanntesten  kleinen  Schn
Bastiat’s.
        <pb n="396" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

373

Pulver,  so  hat  man  das  Interesse  des  Produzenten  im  Auge  und  entschuldigt
oder  billigt  sogar  diese  Ausgaben:  man  muß  aber  den  Verbraucher  im
Auge  halten,  und  dann  wird  man  ohne  Zögern  diese  Zerstörung  von  Gütern
verurteilen,  da  sie  unnützen  Verbrauch  vorstellen.
Bastiat  begnügt  sich  nicht  damit,  die  wirtschaftliche  Vorzugsstellung
des  Verbrauchers  festzustellen:  er  will  für  ihn  auch  eine  moralische  Vorzugsstellung ­
  nachweisen.  „Wenn  die  Menschheit  sich  vervollkommnet,“
sagt  er,  „so  geschieht  das  nicht  durch  Versittlichung  des  Produzenten,
sondern  des  Konsumenten.“ 1 )  So  behauptet  er  z.  B.,  daß  es  der  Verbraucher
und  nicht  der  Produzent  ist,  der  für  schädliche  Produktionen,  wie  z.  B.
die  des  Alkohols,  verantwortlich  ist 2 ).  Dieser  von  Bastiat  der  Wissenschaft ­
  geleistete  Beitrag  erscheint  uns  nun  von  der  größten  Bedeutung.
Er  ist  vielleicht  der,  der  von  seinen  Werken  den  längsten  Bestand  haben
uud  ihm  seinen  Platz  unter  den  großen  Volkswirtschaftlern  sichern  wird.
Er  irrte  sich  nicht,  als  er  auf  seinem  Sterbebette  seinen  Schülern  das  Wort,
uovissima  verba,  als  letzte  Lehre  hinterließ:  „Die  Nationalökonomie  muß
vom  Gesichtspunkt  des  Verbrauchers  aus  behandelt  werden.“  Hierdurch
unterscheidet  er  sich  von  seinem  großen  Gegner  Proudhon,  der  im  Gegenteil ­
  stets  nur  den  Produzenten  im  Auge  gehabt  hat.
Was  man  Bastiat  aber  vorwerfen  kann,  ist  sein  allzu  fester  Glaube
uri  die  natürliche  Harmonie,  auf  Grund  dessen  er  überzeugt  war,  daß  die
Herrschaft  des  Verbrauchers  von  selbst  eintreten  würde,  wenn  man  nur
den  wirtschaftlichen  Gesetzen  freies  Spiel  ließe.  In  Wirklichkeit  ist  diese
Herrschaft  nicht  gekommen,  und  der  wirtschaftliche  Mechanismus  hat
sich  mehr  und  mehr  zum  Vorteil  des  Produzenten  ausgebildet.  Daher  ist
es  nötig  geworden,  daß  die  Verbraucher  sich  organisieren,  um  ihre  Interessen, ­
  und  mit  diesen  Interessen”  auch  das  höhere  Interesse  der  Allgemeinheit ­
  zu  verteidigen,  das  mit  dem  ihren  eins  ist.  Auf  diese  Weise  sind  die
Konsumgenossenschaften  und  die  ganz  modernen  Konsumentenverbände
entstanden.  Aber  auch  die  Versittlichung  des  Verbrauchers  hat  sich  nicht
| ,&amp;lt;)n  selbst  gemacht.  Es  bedurfte  der  sozialen  Einkaufsvereine,  der  Mäßig-&amp;lt;
 eitsvereine  usw.,  um  ihn  seine  Verantwortlichkeit  und  seine  Pflichten
zu  lehren.

Die  BASTiAT’sche  These  ist  es,  die ie “*dentoziMe^Käufersumenten,
  von  den  Konsumgenossenschatten  dis  z  Arbeiterpartei
bünden  leitet;  aber  sie  wird  heftig  von  dem  °j5 stverställ dlicherweise  die
nnd  von  dem  Syndikalismus  bekämpft,  Produzentenmoral
Überlegenheit  der  Produzenteninteressen  und  gar  au
behauptet 3 ).
b  Harmonies,  Kap.  VI,  S.  419.  Vorwort  zu  den  (Euvres  completes
*)  Von  seinem  Freunde  Paiixotet  m  dem  Vorwo
angcführt -  Produzentenmoral  bei  Proudhon  und  Sorel:

i n ,  \  die  Verherrlichung  dieser
roduction  ä  l’Economie  moderne.
        <pb n="397" />
        374

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Eigentümlicherweise  stehen  die  Volks  Wirtschaftler  der  individualistischen, ­
  liberalen  Schule  diesen  Vereinigungen  wenig  wohlwollend
gegenüber 1 ).

§  5.  Das  Gesetz  der  Solidarität.
Dieses  Gesetz,  das  heute  jeder  imMunde  führt,  hat  Bastiat,  und  das
darf  nicht  vergessen  werden  (wie  es  fast  alle  Schriftsteller,  die  über  diesen
Gegenstand  schrieben,  taten)  als  der  erste  auf  einen  Ehrenplatz  in  der
Nationalökonomie  gestellt 2 ):  eins  der  leider  unvollendeten  Kapitel  der
„Harmonies“  trägt  die  Überschrift  „Solidaritö“,  und  Bastiat  erklärt
sogar:  „Die  ganze  Gesellschaft  ist  weiter  nichts  als  eine  Gesamtheit  von
sich  kreuzenden  Solidaritäten.“ 3 )
Täuschen  wir  uns  aber  nicht:  die  Solidarität  bedeutete  ihm  etwas
ganz  Anderes,  als  was  wir  heute  darunter  verstehen.  Auch  zieht  er  aus
ihr  durchaus  nicht  die  gleichen  Schlüsse.
Was  uns  heute  die  Solidaristen  lehren,  und  das,  worauf  sie  eine  neue
Moral  gründen  wollen,  ist,  daß  jedes  Individuum  Anderen  alles  das  verdankt, ­
  was  es  Gutes  und  Schlechtes  besitzt,  seinen  Reichtum  und  seine
Armut,  seine  Tugend  und  seine  Laster,  und  daß  es  daher  die  Pflicht  hat,
den  Anderen,  den  Enterbten,  das  Gute  zurückzugeben,  das  es  empfangen
hat,  —  und  ebenso  das  Recht,  von  den  Privilegierten  eine  Entschädigung
für  die  Übel  zu  verlangen,  denen  es  unterworfen  ist;  —  hiervon  leitet  man
die  gesetzliche  Verpflichtung  der  Unterstützung,  der  Versicherung,  des
Arbeiterschutzes,  des  Unterrichtes  und  der  Steuern  ab.  Diese  Lehre  ist
daher  eine  Verneinung  oder  zum  wenigsten!  eine  Abschwächung  des  strikten
Prinzips  der  individuellen  Verantwortlichkeit.
So  aber  versteht  es  Bastiat  durchaus  nicht.  Er  will  der  individuellen
Verantwortlichkeit  in  keiner  Weise  zu  nahe  treten,  denn  sie  ist  die  unentbehrliche ­
  Ergänzung  der  Freiheit.  Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  erscheint ­
  ihm  die  Solidarität,  durch  die  gegenseitige  Abhängigkeit,  die  sie
schafft,  eher  als  beunruhigend.  Er  fragt  sich  sogar,  ob  man  „die  Solidarität
nicht  beschränken  muß,  um  die  gerechte  Vergeltung  der  Handlungen  zü
beschleunigen  und  sicherzustellen“?  Was  ihn  aber  mit  ihr  aussöhnt,  ist,
1)  Z.  B.  Yves  Guyot  in  dem  Journal  des  Lconomistes  von  1904  und
passim.  Und  von  sozialistischer  Seite,  Sorkl,  in  dem  soeben  angeführten  Buch.
2 )  Jedoch  hatte  er  das  Wort  nicht  erfunden;  wir  wiederholen,  daß  es  der  Sozians
Pierre  Leroux  war,  der  hierfür  das  Prioritätsrecht  beanspruchen  kann;  siehe  oben  S.  2o°-3
 )  Harmonies,  Kap.  XXI,  S.  624.
„Es  gibt  niemanden  auf  der  Erde,  dessen  Lage  nicht  von  Milliarden  Tatsacn
bestimmt  würde,  auf  die  seine  Entschlüsse  keinen  Einfluß  haben“  (ebenda,  S.
„Alle  profitieren  von  dem  Fortschritte  eines  Jeden,  ein  Jeder  profitiert  v
dem  Fortschritt  Aller“  (Harmonies,  Kap.  XI,  S.  411).
        <pb n="398" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

B75

daß  er  bei  näherem  Zusehen  in  ihr  ein  Mittel  sieht,  die  individuelle  Verantwortung ­
  auszudehnen  und  zu  verschärfen.  Wie  kommt  er  nun  zu
diesem  Gedanken?  —  Weil  die  Folgen  jeder  guten  und  schlechten  Handlung ­
  eine  Rückwirkung  auf  Alle  haben,  und  weil  daher  Alle  daran  interessiert
sind,  jede  gute  Handlung  zu  begünstigen  und  jede  schlechte  Handlung  zu
unterdrücken;  und  so  fällt  die  Tat  auf  ihre  Urheber  mit  einer  tausend-,
ja  millionenfach  vermehrten  Kraft  zurück 1 ).  Hierin  ist  sie  harmonisch.
So  hat  denn  die  Solidarität  Bastiat’s  nicht  den  Zweck,  die  Brüderlichkeit
zu  entwickeln,  sondern  die  Gerechtigkeit  zu  stärken,  nicht  den,  die  Gesellschaft ­
  aufzufordern,  zwischen  ihren  Kindern  keine  Unterschiede  aufzurichten, ­
  sondern  ihr  nahezulegen,  die  Peitsche  mit  kräftigerer  Hand  zu
schwingen,  oder  das  Zuckerbrot  freigebiger  auszuteilen.  Hierin  liegt  der
Grund,  weshalb  Bastiat,  trotz  des  Gesetzes  der  Solidarität,  oder  gerade
wegen  dieses  Gesetzes,  energisch  die  staatliche  Versorgung  ablehnt,  —
s °gar  die  der  verlassenen  Kinder!  —  die  gesetzliche  Versicherung,  Arbeiterpensionen, ­
  Gewinnbeteiligung,  den  „sog.  unentgeltlichen“  Unterricht,  und
a Ues  das,  was  wir  heute  als  Forderungen  sozialer  Solidarität  ansprechen 2 ).
Allerdings  ist  das  eine  erschreckend  individualistische  Auffassung
der  Solidarität!  Auch  hier  ist  es  interessant,  diese  Ideen  mit  denen  Carey’s
zu  vergleichen.  Zwar  scheint  Carey  die  Solidarität  nicht  zu  kennen,
da  er  ihren  Namen  nicht  erwähnt.  Aber  wenn  er  den  Namen  nicht  kennt,
so  hat  er  sie  doch  sehr  gut  in  dem,  was  er  „die  Kraft  der  Assoziation“
oennt,  beschrieben,  und  er  ist  sogar  wahrscheinlich  der  erste  gewesen,  der
diesen  Doppelcharakter  der  Solidarität,  der  uns  heute  so  vertraut  ist,
klar  herausgearbeitet  hat:
1.  daß  die  Solidarität  desto  vollkommener  ist,  je  zahlreicher  und  ausgesprochener ­
  die  Unterschiede  zwischen  den  Individuen  sind;
2.  daß  sie,  weit  entfernt,  die  Individualität  eines  jeden  zu  verringern,
Sl e  im  Gegenteil  kräftigt  und  fördert 3 ).

M  „Das  Gesetz  der  Solidarität  ist  eine^  ^t^^rLtechrhÜic^'Macht  .  .  ’.
die  Solidarität  ist  daher  wie  die  Verantwortlichkei  beschränken  und  das
«  bewunderungswürdig  abgewogenes  System,  um  des  ttW  I»  J-«
Gute  auszubreiten“  (Harmonies,  Kap.  XXI,  •  ^  daß  .  .  •  der  Kollektiva
 )  „Es  ist  nötig,  daß  die  Arbeitenden  woli  ®  Verden  muß,  die  Aussicht
londs  (für  die  Pensionskassen)  freiwillig  von  denen  g  ungerecht  und  antisozial
haben,  daran  teilzunehmen,  daß  es  g^z  außerordenthch  unge  ec  ^  g  ^
«t,  die  Klassen,  die  für  die  Verteilung  nicht  in  Kap.  XIV,  S.  471).
durch  Gewalt,  dazu  zu  zwingen,  Beiträge  zu  za  (  wirklich  nicht  der
,  Indem  er  von  der  Gewinnbeteiligung  spricht,  sagt  er.  m
Mühe  wert,  sich  damit  zu  ^-^‘flng  iind  di’e  *1,10,1  der  Organismen
)  „In  der  ganzen  Natur  steht  der  R&amp;lt;  gi  e itderTeile“  (Science  Sociale,
l “  direktem  Verhältnis  zu  der  Zahl  und  der  Verschieden
”ä,  ff  ins  Leben  .1,  .inen  Austausch  gegenseitig«  B.si.hung.»  definiert;
        <pb n="399" />
        376

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

§  6.  Das  Bevölkerungsgesetz.
In  dieser  optimistischen  Widerlegung,  die  der  Verfasser  den  großen
Gesetzen  der  Klassik  zuteil  werden  läßt,  haben  wir  das  Malthos’scIic
Bevölkerungsgesetz  nicht  erscheinen  lassen.  Und  doch  scheint  es  den
schlimmsten  Mißton  in  dieser  Symphonie  darzustellen,  da  es  uns  den
mächtigsten  aller  natürlichen  Instinkte  als  die  dauernde  Ursache  von  Elend,
Laster  und  Tod  nachweist.  Aber  das  scheint  Bastiat  sonderbarerweise
nicht  bemerkt  zu  haben:  im  Gegenteil  wirft  er  sich  zu  Malthus’  Verteidiger ­
  auf 1 ),  und  zwar  ganz  einfach  dadurch,  daß  er  die  Lehre  des  Meisters
in  die  optimistische  Tonart  transponiert;  er  macht  sich  anheischig  darzutun, ­
  daß  das  Wachstum  der  Bevölkerung  nicht  eine  Gefahr,  sondern
im  Gegenteil  eine  Bedingung  des  wirtschaftlichen  Fortschritts  ist,  ein
Stachel  für  die  Voraussicht,  eine  Rechtfertigung  der  Strenge  der  für  die
Frauen  geltenden  Sitten 2 ).  Dennoch  gesteht  er  doch  schließlich  zu,  daß
das  Bevölkerungsproblem  „einer  der  übrigens  häufigen  Gegenstände  ist,
die  es  uns  ins  Gedächtnis  rufen,  daß  der  Mensch  kaum  eine  andere  Wahl
hat,  als  zwischen  Übeln“:  ein  Urteil,  das  wir  an  und  für  sich  als  durchaus
zutreffend  erachten,  das  aber  offenbar  in  einem,  die  „Harmonien“  überschriebenen
  Buch,  wie  eine  Bombe  wirkt.
Das  Argument,  daß  die  wachsende  Dichtigkeit  der  Bevölkerung  auch
die  Vermehrung  der  Produktion  gestattet,  so  daß  die  Erzeugung  der
Unterhaltsmittel  mit  dem  Wachstum  der  Bevölkerung  gleichen  Schritt
halten,  ja  sogar  ihr  vorauseilen  kann,  war  immerhin  stark,  aber  Carey
hatte  es  bereits  viel  fester  begründet.  Wie  für  die  Rente  hat  Carey  auch
hier  zur  Begründung  seiner  Theorie  nur  um  sich  schauen  brauchen.  Er
sah  auf  dem  großen  amerikanischen  Kontinent  und  im  besonderen  in  den
ungeheueren  Prärien  des  Mississippi,  wo  früher  eine  dünn  gesäte  und  arme
Bevölkerung  herumirrte,  nach  und  nach  Industriezentren  entstehen,  und
aus  diesen  immer  zahlreicheren  und  engeren  wirtschaftlichen  Verbindungen
den  Reichtum  sich  entwickeln,  ähnlich  der  aufsteigenden  Flamme  brennender, ­
  immer  näher  zusammen  gelegter  Holzscheite 3 ).
dort  aber,  wo  kein  Unterschied  der  Gegenstände  besteht,  kann  kein  Austausch  stattfinden“ ­
  (ebenda,  Bd.  I,  S.  54,  55).
„Je  vollkommener  in  der  Natur  die  Koordination  des  Ganzen  ist,  um  so  besser
entwickelt  sich  ein  jeder  der  Teile“  (ebenda,  Bd.  III,  S.  462).
!)  „Diejenigen,  die  dieses  Gesetz  nicht  haben  zugeben  wollen,  haben  ihn  mit
gehässiger  Erbitterung  und  offenkundiger  Böswilligkeit  angegriffen“  (Harmonies,
Kap.  XVI).
2 )  Was  bedeutet  die  heilige  Unwissenheit  der  Kindheit?  .  .  .  Was  die  Scham,  die
ihr  folgt?  .  .  .  Was  die  Macht  der  öffentlichen  Meinung,  die  so  strenge  Gesetze  auierlegt
  und  deren  geringste  Überschreitung  mit  Schande  straft?  Nichts  Anderes  als
die  Wirkung  des  Gesetzes  der  Limitation  (Ibid.).
3 )  Andere  Soziologen  haben  später  ähnlich  finalistische  Lösungen  vorgeschlagen,
so  z.  B.  die  Unverträglichkeit  zwischen  der  Zeugungskraft  einerseits  und  die  Gehirn-
        <pb n="400" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

377

Wir  haben  schon  auf  die  Tatsache  aufmerksam  gemacht,  daß  in  den
Vereinigten  Staaten  das  Wachstum  des  Reichtums  viel  schneller  als  das
der  Bevölkerung  vor  sich  gegangen  ist  (s.  o.  S.  142).  Und  das  Beispiel
der  gleichzeitigen  Entwicklung  Deutschlands  in  den  letzten  30  Jahren,
sowohl  was  Bevölkerung  als  was  Reichtum  anlangt,  ist  noch  viel  auffälliger.
Aber  auch  hierin  unterliegt  die  Theorie  Carey’s  über  die  Bevölkerung
der  gleichen  Kritik,  wie  die  über  die  Rente,  nämlich,  daß  sie,  wenn  sie
auch  bis  zu  einer  gewissen  Dichtigkeitsgrenze  unbestreitbar  richtig
ist,  doch  nicht  zu  dem  Glauben  berechtigt,  daß  sie  es  auch  darüber  hinaus
and  bis  ins  Endlose  sein  wird.  Man  kann  nur  sagen,  daß  dieses  Maximum
noch  in  keinem  zivilisierten  Lande  überschritten  worden  ist,  und  daß
insoweit  die  MALTnus’schen  Befürchtungen  nicht  gerechtfertigt  worden
sind.  Aber  nichts  erlaubt  die  Annahme,  daß  jene  Befürchtung  zur  Wirklichkeit ­
  geworden  wäre,  wenn  nicht  die  willkürliche  Einschränkung  der
Geburtlichkeit,  das  Wachstum  der  Bevölkerung  und  der  Unterhaltsmittel
auf  gleicher  Höhe  gehalten  hätten.

Mit  dem  Namen  Bastiat’s  wird  sehr  oft  der  Dunoyer’s  in  Verbindung
gebracht,  von  dem  wir  schon  Gelegenheit  hatten,  in  diesem  Kapitel  zu
sprechen 1 ).  Er  war  einer  der  streitbarsten  Vorkämpfer  des  politischwirtschaftlichen ­
  Liberalismus,  und  zwar  auf  Grund  seines  absoluten
Glaubens  an  die  freie  Konkurrenz  und  seiner  Überzeugung,  daß  sie  ausreiche, ­
  um  die  soziale  Frage  zu  lösen 2 )-  Nach  seiner  Ansicht  beruhen  die
Übel,  die  man  ihr  zuschreibt,  nur  darauf,  daß  die  freie  Konkurrenz  erst
unvollkommen  verwirklicht  ist.  Niemand  stand  daher  dem  Staatssozialismus ­
  und  dem  Interventionismus  unter  allen  seinen  Formen,  Arbeitergesetzgebung, ­
  Schutzzoll,  Reglementierung  des  Eigentums,  sei  es
au ch  nur  des  Forsteigentums,  feindlicher  gegenüber  als  er.  Wir  haben
schon  darauf  hingewiesen,  daß  er  sogar  der  freien  Assoziation  feindlich
gesinnt  war,  insoweit  als  sie  der  Konkurrenz  der  Individuen  hinderlich  ist.
In  logischer  Übereinstimmung  mit  seiner  Überzeugung  ist  er  für  die
ubsolute  Testierungsfreiheit,  ohne  sie  durch  irgendwelche  Vorbehalte  zugunsten ­
  der  Erben  zu  beschränken,  aber  er  lehnt  das  Recht  ab,  Nacher
 ben  festzusetzen,  denn  diese  dem  Erblasser  gewährte  Freiheit  wird  notwendigerweise ­
  zu  einer  Beschränkung  der  Freiheit  seiner  Erben 1 ).

^twicklung  andererseits,  deren  Wirkung  darin  bestehen  soll,  die  Vermehrung  der
evölkerung  in  geradem  Verhältnis  zum  Fortschritt  der  Zivilisation  automatisch  zu
v  «langsamen.
')  Charles  Dünoyer’s  Buch  La  Liberty  du  travail,  von  dem  wir  schon  gesprochen ­
  haben  (s.  o.  S.  352ff.)  erschien  zuerst  1825;  die  letzte  Ausgabe  ist  von  1845.
^  hat  daher  vot  Bastiat  geschrieben.  Er  leistete  unter  der  Restauration  aktiven
'derstand,  wurde  später  Präfekt  und  dann  unter  Louis-Philippe  Staatsrat.
’j  Es  ist  das  übrigens  dieselbe  These,  die  späterhin  Molinari  aufgestellt  hat.
)  Im  Falle  einer  Erbfolge  ab  intestato  ist  er  für  gleiche  Teilung.  Die  Gründe,
        <pb n="401" />
        378

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Was  den  Freihandel  anbelangt,  so  bringt  er  einige  neue  Argumente,
unter  anderen  besonders  folgendes:  wenn  in  dem  freien  Handelsverkehr
mit  arbeitsamen  und  reichen  Ländern  eine  Gefahr  läge,  so  würden  die
armen  Provinzen  eines  Reiches  ebenfalls  der  gleichen  Gefahr  ausgesetzt
sein,  wenn  andere  Provinzen  sich  schnell  zu  einer  hohen  Stufe  von  Regsamkeit ­
  und  Wohlstände  aufschwingen  —  wie  gleicher  Weise  Provinzen,
die  durch  einen  Krieg  annektiert  werden.  „Und  doch“,  fügt  er  hinzu,
„werden  diese  Vereinigungen  sofort  gefahrlos,  wenn  sie  sich  durch  Eroberung ­
  vollziehen!“  Das  Argument  ist  aber  mehr  geistreich  als  beweiskräftig, ­
  denn  es  ist  durchaus  nicht  unmöglich,  daß  die  Handelsfreiheit
innerhalb  eines  Landes  den  Erfolg  hat,  die  Bevölkerung,  die  Arbeit  und
das  Kapital  aus  den  armen  Gegenden  nach  den  reichen  zu  ziehen,  z.  B.  aus
der  Creuse  oder  aus  Korsika  nach  Paris.  Gerade  das  aber  tritt  ein.  Freilich
liegt  hierin  nur  ein  halbes  Übel,  denn  Frankreich  gewinnt  auf  der  einen
Seite  das,  was  es  auf  der  anderen  verliert;  wenn  aber  die  Creuse  oder
Korsika  unabhängige  Länder  wären  und  ihre  Unabhängigkeit  bewahren
wollten,  so  würde  man  sehr  wohl  verstehen,  daß  sie  Maßnahmen  ergriffen,
um  diesen  Abfluß  zu  verhindern.  Nun  ist  allerdings  nicht  recht  ersichtlich,
wie  Schutzzölle  ihnen  hierin  helfen  könnten;  wenn  Dunoyer  gerade  hierauf ­
  hingewiesen  hätte,  hätte  er  seiner  These  besser  gedient.
Man  kann  nicht  von  Dunoyer  sprechen,  ohne  ein  Wort  über  seine
Produktionstheorie  zu  sagen.  Für  ihn  ist  die  Arbeit  Alles,  die  Natur,  die
Materie  Nichts:  er  gesellt  sich  daher  von  Anfang  an  zu  den  Antipoden
der  Physiokraten *  1 ).  Und  es  scheint,  daß  er  den  Sozialisten  die  Hand  reicht,
die  schon  vor  Marx  lehrten,  daß  die  Arbeit  die  einzige  Quelle  alles  Reichtums ­
  sei,  und  daß  infolgedessen  aller  Reichtum  den  Arbeitern  gehören
müsse;  aber  diese  Idee  kommt  ihm  nicht.  Er  beschäftigt  sich  nur  mit  der
Produktion  und  gar  nicht  mit  der  Verteilung.
Was  aber  die  Produktion  anlangt,  so  zieht  er  aus  seinem  Prinzip
interessante  Schlußfolgerungen.
Zunächst  ist  es  ihm  gleichgültig,  ob  die  Arbeit  sich  mit  materiellen
Gegenständen  beschäftigt  oder  nicht;  das  ändert  weder  ihren  Charakter,
noch  ihre  Produktivität,  denn  in  dem  einen  wie  im  anderen  Falle  prodie ­
  er  geltend  macht,  sind  interessant  —  besonders  seine  Erwiderung  auf  das  Argument
der  Anhänger  des  Rechts  der  Ältesten,  die  behaupten,  daß  die  enterbten  jüngeren  Kinder
dadurch  fleißiger  werden,  und  man  nur  einen  Dummkopf  für  jede  Familie  schaffe-Nach
  dieser  Rechnung,  antwortet  er,  würde  es  besser  sein,  auch  dem  Ältesten  jedes
Erbfolgerecht  zu  verweigern,  „denn  es  erscheint  nicht  gerecht,  ihn  einer  Ermutigung
zu  berauben,  die  man  bei  seinen  jüngeren  Brüdern  für  so  vorteilhaft  hältl“
Nur  dachte  Dunoyer  nicht  daran,  als  er  diese  ironische  Antwort  gab,  daß  &amp;gt;nn
die  Sozialisten  einmal  beim  Wort  nehmen  könnten  1
l )  „Die  Arbeit  ist  die  einzige  Quelle  der  produktiven  Macht..  .  Kapitalien
sind  vom  Menschen  geschaffen:  die  Erde  ihrerseits  ist  auch  weiter  nichts  als  ei
Kapital“  (B.  VI).
        <pb n="402" />
        Kapitel  I.  Die  Optimisten.

379

duziert  sie  stets  nur  einen  immateriellen  Gegenstand,  der  sich  die  Nützlichkeit ­
  nennt.  Das,  was  der  Bäcker  hervorbringt,  ist  nicht  eigentlich  das
Brot,  sondern  die  Befriedigung  eines  Bedürfnisses:  dasselbe,  weder  mehr
noch  weniger,  tut  die  Sängerin.  Dies  stellt  sofort  die  sogenannten  freien
Berufe  auf  eine  Stufe  mit  der  reinen  Handarbeit,  und  auch  hier  steht
Dunoyer  auf  dem  Gegenpol  der  Physiokraten 1 ).
Im  Gegensatz  zu  dem,  was  man  glauben  könnte,  wird  aber  der  Handel
v on  dieser  großzügigen  Auffassung  der  Produktion  nichts  gewinnen.
Während  Dunoyer  der  Sängerin  Produktivität  zuerkennt,  spricht  er  sie
dem  Kaufmann  ab  (!)  und  kommt  durch  diese  eigentümliche  Wandlung
seines  Gedankenganges  zu  der  Auffassung  der  Physiokraten  zurück 2 ).
Warum  das?  Weil  dort,  wo  keine  Arbeit  besteht,  auch  keine  Produktion
vorhanden  sein  kann.  Kaufen  oder  verkaufen  ist  keine  Arbeit:  daher  ist
Auch  der  Tausch  nicht  produktiv.  —  Aber  der  Tausch  schafft  ja  doch
Nützlichkeiten!  Was  will  Dunoyer  denn  mehr,  da  er  doch  zugibt,  daß
keinerlei  Arbeit  irgend  etwas  Anderes  zu  tun  imstande  ist  ?  —  Ohne  Zweifel
sah  Dunoyer  in  dem  Handel  nur  die  rein  juristische  Handlung  des  „do
ut  des“,  und  es  widerstrebte  ihm,  zuzugeben,  daß  eine  einfache  Übereinstimmung ­
  von  Willensbestrebungen  ohne  Arbeit,  ohne  physische  Anstrengung ­
  Werte  schaffen  könne,  ebenso  wie  die  Physiokraten  nicht  einsehen
  konnten,  daß  es  möglich  sei,  Reichtümer  ohne  Boden  zu  schaffen.

1 )  J.-B.  Say  hatte  schon  neben  materiellen  KewWttinerii.imin  ateri  eil
gegeben  —  in  der  b'orm  von  geleisteten  Diensten  „ P1 , a nnt  werden  können,
diesem  Sinne  Professoren,  Ärzte  oder  Schriftsteller  pio  u  g
ils  richtig  anerkannt.  _  .,  „„  ,  kritisiert  die
Dunoyer  jedoch,  obgleich  er  diese  Schlußfo  ,  zw i sc hen  immateriellen
Art  und  Weise,  wie  sie  dargelegt  wird.  Er S' b . t  kem ® n .  "  e ,  t  )len  nur  Nützlichkeiten.
and  materiellen  Reichtümern  zu:  auf  beiden  Seiten  m  ,  •  lle  Erzeugnisse  sind;
»Wahr  ist,  daß  die  Erziehung,  der  Geschmack  usw.  Köhler  begangen,  seinen
schaffen  wir  aber  jemals  andere?“  -  Nur  hat  er  sagt:
Gedanken  einen  besonderen  und  etwas  grotesken  Aus«  1  ß  e j n  Arzt  „ein  Pro-„Ein
  guter  Lehrer  ist  ein  Produzent  aufgeklärter  Mensc  ,  »j ären  we i c lie  Inkonduzent
  gesunder  Menschen“.  Man  kann  sich  wir  ic  immaterialisierte,  dazu
sequenz  Dunoyer,  der  soeben  die  Ergebnisse  der  .  »  7U  materialisieren,
bringt,  jetzt  plötzlich  die  Ergebnisse  der  intellektuellen  Arb«  .  grob  ^  ^  ^
2 )  „Arbeit  und  Tausch“  sind  zwei  Reihen  a  8 tm ^ rbeiten  heißt  produzieren:
'hre  Natur  durchaus  voneinander  verschieden  sin  •  *  ’  j ( j ee  e i ner  Produktivität“
Handel  treiben,  austauschen  enthält  auch  nicht  die  geringste
(S.  699).
        <pb n="403" />
        380

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Kapitel  II.
Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.
Stuart  Mill.
Während  die  französischen  Nationalökonomen,  erschreckt  von  den
Folgerungen,  die  sich  aus  den  Theorien  Ricard  o’s  und  Malthus’  ergeben
konnten,  sich  bemühten,  die  ehernen  Gesetze  in  goldene  zu  verwandeln,
schritten  die  englischen  Nationalökonomen  unerschütterlich  auf  dem  von
den  großen  Epigonen  geöffneten  Wege  weiter,  ohne  sich  darum  zu  kümmern,
ob  sie  durch  ihre  Arbeit  den  Sozialisten  Waffen  lieferten.
Die  30  Jahre,  welche  die  Veröffentlichung  der  „Principles  of  Political ­
  Economy“  Ricardo’s  (1817)  von  dem  den  gleichen  Titel  tragenden
Buche  Stüart  Mill’s  (1848)  trennen,  werden  nur  von  Volkswirtschaftlern
zweiten  Ranges  ausgefüllt,  die  sich  weniger  darum  bemühen,  neue  Prinzipien ­
  zu  entdecken,  als  die  schon  aufgestellten  zu  befestigen  und  zu  erweitern. ­
  Damit  soll  nicht  gesagt  sein,  daß  es  zu  dieser  Zeit  in  England
keine  anderen  befähigten  Nationalökonomen  gegeben  habe,  die  gewisse
—  oft  sehr  bedeutsame  Punkte  —  der  herrschenden  Lehre  kritisierten 1 )-Man
  achtete  aber  in  England  ebensowenig  auf  ihre  Ideen,  wie  man  damals
Coürnot  in  Frankreich  oder  etwas  später  Gossen  in  Deutschland  las.
Es  ist  dies  die  Zeit,  in  der  Fräulein  Martineau  und  Frau  Marcet
die  Nationalökonomie  darstellten,  und  zwar  die  eine  in  Form  von  Erzählungen, ­
  die  andere  in  Form  von  Zwiegesprächen  mit  „der  jungen
Karoline“ 2 ),  und  in  der  Mac  Wickar  „den  ersten  Unterricht  in  der
Nationalökonomie  zum  Gebrauch  in  den  Volksschulen“  verfaßte!  Er
glaubte  die  Wissenschaft  schon  so  vollständig  ausgebaut,  daß  er  schrieb:
„Die  Grundprinzipien  der  Volkswirtschaft  sind  Truismen,  die  die  Kinder
sehr  gut  verstehen  können,  und  die  ihnen  beigebracht  werden  müssen.
Im  letzten  Jahrhundert  waren  sie  dem  Studium  der  Gelehrten  Vorbehalten; ­
  heute  sind  sie  in  die  Kinderstube  eingedrungen,  und  die  einzige
Schwierigkeit,  die  man  hat,  sie  später  zu  lernen,  ist  einfach  das  Mißtrauen,
das  ihre  zu  große  Einfachheit  erregt“ 3 ).
*)  Seligman  hat  im  Economic  Journal  von  1903  (S.  335  und  511)  diesen
Schriftstellern  zwei  sehr  interessante  Aufsätze  unter  dem  Titel:  0n  some  neglected
British  Economists  gewidmet.  —  Man  war  über  die  Menge  dieser  vergessenen
britischen  Volkswirtschaftler  und  die  Originalität  ihrer  Theorien  erstaunt,  von  denen
viele  von  den  heutigen  Volkswirtschaftlern  bloß  wieder  entdeckt  worden  sind.
2 )  Die  Conversations  von  Mrs.  Marcet  stammen  aus  dem  Jahre  1816  und
die  Illustrations  von  Miss  Martineaü  von  1832.  Besonders  die  letzteren  hatten
einen  riesigen  Erfolg.
3 )  Von  Seagbr  angeführt:  Economics  (Konferenz  an  der  Columbia  Universität,
1908).
        <pb n="404" />
        Kapitel  II,  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  381

Wir  können  die  Volks  Wirtschaftler  dieser  Periode  nicht  alle  einzeln
studieren 1 ).  Es  gibt  unter  ihnen  jedoch  einen,  dem  man  nicht  den  ihm
gebührenden  Platz  in  der  Geschichte  der  Doktrinen  gegeben  hat,  und  der
doch  sowohl  die  Vorzüge,  wie  die  Fehler  der  klassischen  Schule  am  ausgeprägtesten ­
  in  sich  vereinigt:  nämlich  Nassau  Senior 2 ).  Er  löste  die
Nationalökonomie  von  jedem  Kompromiß  mit  den  sozialistischen  Systemen
oder  Reformen  los  und  stellte  sie  außerhalb  jeder  moralischen  oder  gefühlsmäßigen ­
  Ordnung.  Indem  er  sie  auf  eine  kleine  Zahl  unveränderlicher
Grundprinzipien,  aus  denen  man  alles  andere  ableiten  kann,  zurückführte
(vier  schienen  diesem  neuen  Euklid  zu  genügen 3 )),  hatte  er  den  Ehrgeiz,
aus  der  Nationalökonomie  eine  exakte  Wissenschaft  zu  machen.  Er  war
daher  einer  der  Begründer  dessen,  was  wir  heute  unter  „reiner  Ökonomik“
verstehen.

Nassau  Senior  führte  in  die  Nationalökonomie  ein  Element  ein,
von  dem  bis  dahin  noch  nicht  die  Rede  gewesen  war,  die  „Abstinenz“  —
das  Sparen,  wenn  man  so  will,  aber  das  Wort  Senior’s  ist  energischer
un d  genauer.  Weshalb  brachte  er  dieses  neue  Wort  auf?  Die  Abstinenz
kann  keinen  Reichtum  schaffen?  Allerdings  nicht,  sagt  Senior,  aber
Sle  schafft  wenigstens  einen  Anspruch  auf  Entlohnung,  denn  sie  schließt
e m  Opfer  ein,  eine  Mühewaltung,  gerade  wie  die  Arbeit.  Bis  dahin  war
( ^s  Einkommen  aus  Kapital  von  den  drei  großen  Einkommenskategorien
das  am  wenigsten  gerechtfertigte,  denn  Ricardo  hatte  es  nur  indirekt
er klärt,  indem  er  es  als  eine  Art  Rest  darstellte,  der  übrig  bleibt,  wenn
ma n  den  Lohn  abzieht  (s.  o.  S.  174).  Man  hielt  es  für  selbstverständlich,
daß  das  Kapital,  genau  wie  die  beiden  anderen  Produktionsfaktoren,  ein
® e cht  auf  Entlohnung  habe.  Weshalb  das?  Mit  welchem  Rechte  kann

James  m  lr  sc ^ lon  unmittelbaren  Schüler  Ricardo’s,  Mac  Culloch  und
W AK  , ILL  a,1 « ( Jührt.  Wir  zitieren  noch  die  Namen  von  Robert  Torrens  und  Gibbon
ft* 1 * :  J (;r  letztere  machte  eine  bemerkenswerte  Anwendung  der  Theorien
N  ° s  au l  d‘ e  Kolonisation  in  einem  System,  das  lange  Zeit  hindurch  unter  seinem
ncn  berühmt  blieb.
Natioi!  |^V) SSAU  Senior  hatte  während  eines  Teiles  seines  Lebens  die  Professur  für
Sesehaff  Ö ^ onomie  111  Oxford  inne,  die  1825  als  die  erste  in  England  unter  diesen  Namen
1R27  .1  k  wor den  war.  Vorlesungen  über  verschiedene  Gegenstände  wurden  von
I835  |  f  S e ( r ? nnt  veröffentlicht,  und  eine  Auswahl  dieser  Vorlesungen  erschien
del’p 11  lranz ö s ' sc her  Übersetzung  unter  dem  Titel:  Prineipes  fondamentaux
of  po'-^ie  politique.  Vollständig  findet  sich  seine  Lehre  jedoch  in  An  Outline
Und  sn'f 1Cal  Economy,  zuerst  1836  in  der  Encyclopedia  Britannica  veröffentlicht,
faden  ™ ter  a * s  kleines  Buch  herausgegeben,  das  als  der  erste  volkswirtschaftliche  Leitangesehen
  werden  kann.
MaxjjJ  ü ' cse  vier  Grundsätze  sind:  1.  Das  Prinzip,  daß  das  Individuum  immer  das
s Pater  T'  &amp;lt;  er  Befriedigung  durch  das  Minimum  der  Anstrengung  sucht:  das  was  man
J.  das  d  aS  hedonistische  Prinzip  genannt  hat;  2.  das  der  Bevölkerungsvermehrung;
nicht  v"  sf j e 'g en( len  Produktivität  der  Industrie;  4.  das  des  sinkenden  oder  wenigstens
Mhältnismäßigen  Bodenertrags  in  der  Landwirtschaft.
        <pb n="405" />
        382

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

es  eine  besondere  Entlohnung  verlangen,  da  es  doch  kein  selbständiger
Faktor,  sondern  nur  ein  simples  Produkt  des  Bodens  und  der  Arbeit  ist?
Senior  nun  gibt  ihm  seine  Berechtigung  zurück:  er  findet  sie  nicht  in
der  Arbeit,  sondern  in  der  Abstinenz.
Wenn  aber  Senior  mit  der  einen  Hand  den  Kapitalzins  auf  eine
festere  Grundlage  stellt,  so  zerstört  er  mit  der  anderen  die  Berechtigung
der  meisten  kapitalistischen  Einkommen.  Fahren  wir  in  der  Untersuchung
fort!  Die  Produktionskosten  bestehen  also  aus  zwei  Bestandteilen,  der
Arbeit  und  der  Abstinenz,  und  der  Wert  der  Produkte  wird  überall  dort,
wo  die  Konkurrenz  freies  Spiel  hat,  auf  dieses  Niveau  gebracht.  Wenn
aber  die  Konkurrenz  nicht  völlig  frei  ist  oder  mit  anderen  Worten:  wenn
es  mehr  oder  weniger  Monopole  gibt,  so  besteht  zwischen  dem  Wert  und
den  Produktionskosten  ein  Unterschied,  der  für  den,  der  davon  profitiert,
ein  Einkommen  darstellt,  das  an  sich  von  der  Arbeit  und  der  Abstinenz
unabhängig  ist,  unabhängig  ebenfalls  von  jedem  persönlichen  Opfer  oder
jeder  persönlichen  Anstrengung.  Dieses  Einkommen  nennt  nun  Senior
die  Rente.  Man  sieht,  wie  sehr  er  die  Theorie  Ricardo’s  erweitert.  Die
Rente  ist  nicht  nur  einfach  das  Ergebnis  der  Besitzergreifung  eines  fruchtbareren ­
  oder  besser  gelegenen  Bodens;  sie  kann  auf  der  Aneignung  irgendeiner ­
  Naturkraft  oder  auf  natürlichen  persönlichen  Eigenschaften,  wie  die
Stimme  einer  Sängerin  oder  die  Geschicklichkeit  eines  Chirurgen 1 ),  "
oder  auch  auf  sozialen  Ursachen  oder,  wie  wir  heute  sagen  würden,  auf
glücklichen  Zufällen  beruhen.  Es  wurde  Senior  auch  nicl(t  schwer,  nachzuweisen, ­
  daß  die  Fälle,  die  Anlaß  zu  einer  Rente  geben,  durchaus  nicht
außergewöhnlich  sind,  sondern  im  Gegenteil  den  normalen  Zustand  darstellen. ­
  Diese  Einkommenskategorie,  die  gerade  jeder  individuellen  Grundlage ­
  entbehrt,  das  nicht  verdiente  und  doch  erhobene  Einkommen,  nimmt
einen  ungeheuren  Platz  in  der  Güterverteilung  ein.  Senior  geht  aber
noch  viel  weiter,  denn  er  nimmt  an,  daß  das  Einkommen  jedes  Kapital
sobald  dies  Kapital  infolge  Todesfalles  aus  den  Pländen  dessen,  der  es

J)  „In  dem  Produkt  eines  jeden  Landes  gibt  es  einen  beträchtlichen  Teil,  de
kein  Opfer  irgendwelcher  Art  entlohnt:  er  wird  von  denen  bezogen,  die  nie  Hand  an^
Werk  gelegt  haben,  sondern  nur  die  Hand  auszustrecken  brauchen,  um  ihn  ein*
streichen"  (Political  Economy,  S.  89).  Als  Beispiel  führt  er  das  Einkommen
berühmten  Arztes  an,  das  100  000  Fr.  beträgt.  Er  zerlegt  es  wie  folgt:
Honorar  oder  Arbeitsentlohnung  1  000  Fr.
Profit  oder  Entlohnung  der  Enthaltsamkeit  24  000  „
Rente  75  000  „  g
Es  ist  klar,  daß  das,  was  er  die  Rente  nennt,  also  Dreiviertel  des  Einkorn  w  ’
nichts  Anderes  ist,  als  der  Entgelt  des  Talents  oder  wenn  man  will  der  Berühin
des  Arztes.  Wie  aber  soll  man  diesen  von  dem  Entgelt  für  die  Arbeit  unterschd
der  seinerseits  nur  mit  1  %  des  Gesamteinkommens  beziffert  wird.  Eco-Siehe
  Senior’s  Theory  of  Monopoly  von  Richard  Ely  (American
nomie  Association,  1899).
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        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  383

geschaffen  hat,  auf  jemand  Anderen  übergeht,  zu  einer  Rente  wird.  Der
Erbe  kann  tatsächlich  sich  nicht  mehr  auf  Abstinenz  berufen,  da  diese
Tugend  nicht  durch  Erbfolge  übertragen  werden  kann,  und  er  hat  keinen
anderen  Rechtstitel  vorzuweisen  als  das  Glück  einer  Erbschaft 1 ).
Was  kann  sich  der  revolutionärste  Sozialist  Besseres  als  Waffe
wünschen,  um  die  bestehende  wirtschaftliche  Ordnung  zu  vernichten?
Wie  weit  sind  wir  jetzt  von  der  natürlichen  Ordnung  entfernt!  Senior
kehrt  sich  aber  keinen  Augenblick  hieran,  und  die  großartige  Gleichmütigkeit, ­
  mit  der  alle  diese  Volkswirtschaftler  der  Schule  Ricardo’s  das,
was  sie  für  wahr  halten,  aussprechen,  ohne  sich  um  die  Schlüsse  zu  bekümmern, ­
  die  man  daraus  zum  Weiterbauen  oder  zum  Niederreißen  ziehen
kann,  macht  wirklich  einen  prächtigen  wissenschaftlichen  Eindruck.
Senior  ist  es  auch  gewesen,  der  dem  Wert  eine  neue  Grundlage
gegeben  hat,  die  Seltenheit  oder  vielmehr  —  denn  wohlverstanden  muß
es  sich  immer  um  etwas  handeln,  das  geeignet  ist,  irgendein  Bedürfnis
zt *  befriedigen  —  die  seltene  Nützlichkeit:  jedoch  ist  es  gerade  das  Wort
Seltenheit,  dessen  sich  später  Walras  bedient.
Nicht  nur  in  England,  sondern  überall  wurden  die  Lehren,  die  man
schon  damals  klassisch  nennen  konnte,  während  der  ersten  Hälfte  des
XIX.  Jahrhunderts  gelehrt.  In  Deutschland  war  es  J.  H.  von  Thünen,
dem  wir  schon  gesprochen  haben,  und  sein  Zeitgenosse  Rau 2 ).  Lntaschadet
  des  wachsenden  Einflusses  der  optimistischen  und  politischiberalen
  Schule,  die  wir  im  vorhergehenden  Kapitel  studiert  haben,  wird
d °ch  auch  in  Frankreich  die  klassische,  englische  Nationalökonomie  von
einer  großen  Anzahl  von  Volkswirtschaftlern  vorgetragen,  unter  denen  man
au ptsächlich  Rossi  hervorheben  muß,  dessen  Cours  d’öconomie
Politique,  1840  veröffentlicht,  einen  lang  andauernden  Erfolg  hatte.
Allerdings  beruhte  dieser  Erfolg  nicht  so  sehr  auf  irgendeinem  besonders
Abständigen  Beitrag  zur  Wissenschaft,  sondern  mehr  auf  der  etwas  wohlrednerischen
  Glätte  seines  Stiles 3 ).

Khre  P' ese  Angleichung  des  Erbes  an  die  Rente  macht  Senior  übrigens  wenig
di 0  “ e  beruht  auf  einer  Verwechslung  von  ganz  verschiedenartigen  Tatsachen:
tiruj  auTrf  * S *"  e ' ne  reln  wirtschaftliche  Tatsache,  beruht  auf  natürlichen  Ursachen
sati 0I |  &amp;lt;  e . n  n °twendigen  Tauschbedingungen,  unabhängig  von  jeder  sozialen  Organische ­
  Ti  S ° gar  von  dem  individuellen  Eigentum;  —  das  Erbe  ist  eine  rein  recht-Werd
 e la  K Che  und  ergibt  sich  aus  dem  Zivilrecht.  Das  Erbrecht  kann  abgeschafft
rente  ,,  ne  daß  d "es  irgendetwas  an  der  Bildung  und  dem  Wachstum  der  Boden-UerrseL
  f  der  and eren  Renten  ändert;  und  umgekehrt  unter  einer  hypothetischen
kennte  &amp;lt;!&amp;lt;:r  Voll kommen  freien  Konkurrenz,  unter  der  die  Rente  abgeschafft  wäre,
j.  das  Erbrecht  doch  mit  allen  seinen  Privilegien  weiterbestehen.
1826  .1  su  Kehrbuch  der  politischen  Ökonomie  von  Rau  erschien  in  den  Jahren
3)  p 7 ’  u nd  der  Isolierte  Staat  von  v.  Thünen,  1826.
lisiert  1  elle ®uno  Rossi,  italienischer  Abstammung,  aber  1833  als  Franzose  natura-Wurde’
  Wa  j  ZUerst  Professor  am  College  de  France,  wo  er  der  Nachfolger  J.-B.  Say’s
Und  späterhin  an  der  Rechtsfakultät  (wo  er  nicht  mehr  Volkswirtschaft  las,
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        384

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus

Beeilen  wir  uns  aber,  zu  dem  Volkswirtschaftler  zu  kommen,  der
die  Hauptfigur  dieses  Kapitels  bilden  soll,  zu  John  Stuart  Mill 1 ).  In
ihm  sollte  die  klassische  Nationalökonomie  in  gewisser  Weise  ihren  Höhepunkt ­
  erreichen,  und  mit  ihm  beginnt  auch  ihr  Verfall.  Er  verkörpert  um
die  Mitte  des  XIX.  Jahrhunderts  den  Höhepunkt  ihrer  Kurve.  Was  aber
seine  Persönlichkeit  so  anziehend  und  beinahe  dramatisch  macht,  ist,  daß
er  das  sehr  klare  Gefühl  hatte,  zwischen  zwei  volkswirtschaftlichen  Schulen
wie  zwischen  zwei  Welten  zu  hangen,  einer,  die  ihn  mit  dem  starken  Einfluß
seiner  Erziehung,  durch  die  utiütaristische  Philosophie,  mit  der  er  genährt
worden  ist,  festhält,  und  der  zweiten,  die  ihn  durch  die  neuen  Horizonte
anzieht,  die  Saint-Simon  und  Auguste  Comte  ihm  eröffnen.  In  der  ersten
Hälfte  seines  Lebens  war  er  hauptsächlich  Individualist;  in  der  zweiten
mehr  Sozialist,  aber  unter  Hochhaltung  seines  Glaubens  an  die  Freiheit.
Daher  kommen  die  häufigen  Widersprüche  in  seinen  Schriften  und  sogar
seine  radikalen  Wandlungen,  wie  seine  berühmte  Bekehrung  in  bezug  auf
das  Lohngesetz.  In  seinem  Werke  erscheinen  die  klassischen  Doktrinen
wie  endgültig  festgelegt,  in  so  klaren  Formeln  sind  sie  kristallisiert,  und
doch  beginnen  diese  schönen  Kristalle  bereits  unter  dem  warmen  Hauch
einer  neuen  Zeit  zu  schmelzen.
Er  hat  erklärt,  wie  es  später  die  Theoretiker  der  reinen  Ökononb e
taten,  daß  „die  vergleichenden  Wertungen  des  Ethikers  in  der  Nationalökonomie ­
  nichts  zu  schaffen  haben“,  aber  er  ist  es  auch,  der  an  einer  anderen
Stelle  schreibt:  „wenn  man  zwischen  dem  Kommunismus  mit  allen  seinen
Gefahren  und  dem  gegenwärtigen  Zustand  der  Gesellschaft  wählen  müßtein
  dem  der  Arbeitsertrag  im  umgekehrten  Verhältnis  zur  Mühe,  die  er

sondern  konstitutionelles  Recht,  und  wo  ein  jährlicher  Preis  sein  Gedächtnis  lebend'?
hält).  Er  trat  später  in  den  diplomatischen  Dienst  über  und  wurde  als  Minister  des
Papstes  Pius  IX.  1848  in  Rom  ermordet.
')  John  Stuart  Mill  wurde  im  Jahre  1806  geboren,  als  Sohn  des  Volkswirt"
schaftlers  James  Mill,  von  dem  wir  schon  gesprochen  haben.  Er  erhielt  von  seine'»
Vater  eine  wirklich  übermenschliche  Erziehung,  die  jeden  anderen  als  ihn  schwach
sinnig  gemacht  haben  würde.  Mit  10  Jahren  hatte  er  die  gesamte  Geschichte  nn
die  lateinische  und  griechische  Literatur  durchgenommen.  Mit  13  Jahren  kannte  e ~
die  Geisteswissenschaften  und  die  Philosophie  und  hatte  eine  Geschichte  Roms  S e
schrieben.  Mit  14  Jahren  wußte  er  alles  das,  was  man  zu  jener  Zeit  in  der  Nation»
Ökonomie  kannte.  1829,  23  Jahre  alt,  veröffentlichte  er  seine  ersten  Essais  über  Vol*
Wirtschaft,  1843  ein  großes  philosophisches  Werk:  System  of  Logic,  das  den  Grün
stein  zu  seinem  Ruhme  legte,  und  1848  seine  bewunderungswürdigen  Princip  '
of  political  Economy.  Im  Berufsleben  bekleidete  er  eine  hohe  Stellung  in  der
indischen  Kompagnie  bis  zu  deren  Aufhebung  im  Jahre  1853.  Von  1865—1868  *
er  Mitglied  des  Unterhauses.  Nach  dem  Tode  seiner  Frau,  die  an  mehreren  sei
Bücher  und  besonders  an  dem  über  Liberty  (1859)  mitgearbeitet  hatte,  verbra®
er,  da  er  sich  nicht  von  ihrem  Grabe  trennen  wollte,  die  letzten  Jahre  seines  L®
(1859—1873),  in  Frankreich  (in  Avignon)  (außer  den  Jahren,  die  er  dem  Unter
angehörte).  Er  hat  selbst  sein  Leben  in  seiner  Autobiography  erzählt,  un&amp;lt; ’_ e ®  ^
ganz  besonders  interessant,  darin  seine  Entwicklung  zu  sozialistischen  Ideen  zu  verto  g
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        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  385

kostet,  verteilt  wird,  wo  der  größte  Teil  denen  zufällt,  die  nichts  getan
haben,  ein  etwas  geringerer  Teil  denen,  die  etwas  mehr  tun  und  in  gleicher
Weise  immer  weiter  in  einer  absteigenden  Skala  bis  zu  denen,  für  die  die
zermalmendste  Arbeit  nicht  einmal  die  Notwendigkeiten  des  Lebens
sicherstellen  kann,  —  wenn  es  wirklich  keine  andere  Alternative,  als
diesen  Zustand  oder  den  Kommunismus  gäbe,  dann  allerdings  wögen  alle
Schwierigkeiten  des  Kommunismus  federleicht  in  der  Wagschale“ 1 ).
Er  ist  es,  der  in  Dingen  der  Moral  den  Utilitarismus  lehrt,  aber  er
ls t  es  auch,  der  erklärt,  daß  „eine  Überzeugung  stärker  ist  als  neunund-Ueunzig
  Interessen“!
Er  ist  es,  der  ausruft,  daß  „die  Konkurrenz  für  die  Gegenwart  eine
Notwendigkeit  ist,  und  daß  niemand  den  Tag  voraussehen  kann,  an  dem
Sle  aufhören  wird,  für  den  Fortschritt  unentbehrlich  zu  sein“,  aber  er  ist
es  auch,  der  behauptet,  daß  „die  Kooperation  das  edelste  Ideal  ist“  und
^  nachweist,  „daß  das  menschliche  Leben  vom  Klassenkampf  um  antagonistische ­
  Interessen  sich  zum  brüderlichen  Wettstreit  im  Streben  nach
dem  Wohle  Aller  erhebt“ 2 ).
Man  hat  von  Stüart  Mill  gesagt,  daß  er  nur  ein  befähigter  Po-Pnlarisator
  gewesen  sei.  Dies  ist  eine  unverdiente  Herabminderung  seines
^ebenstes.  Allerdings  kann  man  für  ihn  nicht,  wie  für  die  früheren
o  kswirtschaftler,  ein  großes  Gesetz  anführen,  dem  er  seinen  Namen
S'gcben  hat,  aber  er  hat  neue  Perspektiven  eröffnet,  was  vielleicht  ein
J'Lererer  Ruhm  ist,  denn  jene  angeblichen  Gesetze  sind  fast  alle  zu-^Lmengebrochen:
  aber  die  Hoffnungen  bleiben.  Die  Dauer  seines  Werkes
nib  ^igens  noc h  dadurch  verbürgt,  daß  man  in  keinem  anderen  Buche,
f-  j  e inmal  in  dem  Adam  Smxth’s,  so  viele  bewunderungswürdige  Stellen
Ök  .^ e  s * c k  S anz  ausgesprochen  für  eine  Blütenlese  der  Nationalonomie
  eignen,  und  so  viele  unvergeßliche  Formeln,  die  von  Allen  wieder
g0 ^ ewen det  werden,  die  diese  Wissenschaft  zu  lehren  haben.  Nicht  um-,
  . s  haben  seine  „Prinzipien“  seit  einem  halben  Jahrhundert  in  den
e  f !. s .  en  Universitäten  englischer  Zunge  als  Textbücher  gedient  und
u  en  diesen  Zweck  noch  heute 3 ).
die  CVOr  w * r  a ^ er  die  tiefgehenden  Veränderungen  ins  Auge  fassen,
w  .die  klassischen  Lehren  in  der  Entwicklung  seines  Denkens  erfuhren,
jjj  den  wir  sie  zunächst  in  ihren  großen  Linien  darlegen,  so  wie  sie  um  die
v  e  des  19.  Jahrhunderts,  in  der  Periode  von  1848—1873,  erschienen,
der  Veröffentlichung  der  Prinzipien  Stuart  Mill’s  bis  zu  seinem

1 )  Principles,  B.  II,  Kap.  1,  §  3-  ...  j-  p, n f
2 )  Ebenda,  B.  IV,  Kap.  7,  §  6.  .  abe  V on  1909  angeführt,  die  rot.
.  3 )  Als  Beispiel  sei  die  letzte  enghscheAg  ^  Bandj  der  m  Anmerkungen
Ashley  besorgt  hat.  Er  ist  ein  einziger  sehr  1  die  Gesc } uc hte  der  Lehrmeia11
 "  Varianten  der  früheren  Ausgaben  enthalt,  das
nu ngen  von  großem  Interesse.  .  »ult.
«He  und  Rist ,  üescll .  d .  Volkswirtschaft!.  Lehnnomungen.  2.

25
        <pb n="409" />
        386

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Tode  —:  großartig  und  scheinbar  unerschütterlich.  Es  ist  dies  die  Periode,
die,  vom  französischen  Gesichtspunkt  aus,  unter  dem  Namen  der  Periode
des  zweiten  Kaiserreichs  zusammengefaßt  wird,  die  Zeit,  in  der  die  liberale
klassische  Schule  glaubte,  ihre  beiden  alten  Gegner,  den  Sozialismus
und  den  Protektionismus,  endgültig  besiegt  zu  haben.  Mit  Hinsicht  auf
den  Sozialismus  schreibt  Reybaud  im  Dictionnaire  d’Economie
Politique  im  Jahre  1852:  „Heute  vom  Sozialismus  sprechen,  heißt,
eine  Leichenrede  halten.“  Was  den  Protektionismus  anlarigt,  so  hatte
er  in  England  durch  die  Abschaffung  der  Getreidezölle  die  Schlacht  verloren ­
  und  sollte  in  Frankreich  und  in  Europa  überhaupt  bald  den  Verträgen ­
  von  1860  erliegen.  Der  klassischen  Nationalökonomie  schien
daher  die  Zukunft  gesichert:  sie  sah  nicht  voraus,  daß  1867  das  „Kapital
erscheinen  würde,  daß  1872  der  Kongreß  von  Eisenach  zusammentreten
sollte,  und  daß  um  die  gleiche  Zeit  die  Verträge  von  1860  gekündigt
werden  würden.
Benutzen  wir  daher  diese  kurze  Spanne  ihres  Ruhmes,  um  die  Gesetze ­
  darzulegen,  die  sie  lehrte,  —  und  zwar  so  gedrängt,  wie  möglich,
da  dies  keine  nationalökonomische  Abhandlung  ist  —:  dabei  wollen  wir
uns  auf  die  Doktrinen  beschränken,  die  damals  als  endgültig  angesehen
wurden,  und  die  noch  heute  von  denen,  die  der  liberalen  Schule  treu  g e '
blieben  sind,  für  endgültig  gehalten  werden.

§  1.  Die  großen  Gesetze.

Die  Existenz  natürlicher  Gesetze  war  stets  die  charakteristische
Behauptung  der  klassischen  Schule.  Ihr  zufolge  sind  sie  das  Postulat,
ohne  das  keine  Gesamtheit  von  Kenntnissen  auf  den  Namen  Wissenschaft ­
  Anspruch  erheben  kann.  Diese  Gesetze  haben  nicht  mehr  wie
bei  den  Physiokraten  und  Optimisten  jene  Charakterzüge  des  providentiellen,
  normativen  und  teleologischen  &amp;gt;):  sie  sind  ganz  einfach  „natürlich“, ­
  ganz  so  wie  die  physischen  Gesetze  und  folglich  amoralisch;  sie
können  nützlich  oder  schädlich  sein:  dem  Menschen  liegt  es  ob,  sich  ihnen,
so  gut  er  kann,  anzupassen.  Die  Nationalökonomie  eine  ’  „gefühllose
Wissenschaft“  zu  nennen,  weil  sie  nachweist,  daß  dieses  oder  jenes  Gesetz
unheilvolle  Folgen  für  den  Menschen  haben  kann,  ist  ebenso  absurd,

0  Die  natürlichen  Gesetze  waren  jedoch  schon  von  Dupont  de  Nemours  e  _
gut  und  in  dem  gleichen  Sinne,  wie  von  der  klassischen  Schule,  definiert  . w , 0I ^jieS
„Die  natürlichen  Gesetze  sind  die  wesentlichen  Bedingungen,  denen  gemäß  sic  ‘  .
in  der  vom  Schöpfer  der  Natur  eingerichteten  Ordnung  vollzieht...  Was  uns  anbe  ^
sind  es  die  wesentlichen  Bedingungen,  denen  die  Menschen  unterworfen  sind,  um  _
alle  Vorteile,  die  die  natürliche  Ordnung  ihnen  gewähren  kann,  zu  verschaffen
troduction  aui  Güuvres  de  Quosnay,  S.  21).
        <pb n="410" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  387

wie  die  Physik  zu  einer  gefühllosen  Wissenschaft  stempeln  zu  wollen,
weil  der  Blitz  tötet.
Diese  wirtschaftlichen  Gesetze  sind  keineswegs  mit  der  Freiheit
des  Individuums  unvereinbar;  im  Gegenteil,  sie  sind  ihr  Resultat.  Sie
stellen  weiter  nichts  als  Beziehungen  fest,  die  sich  von  selbst  zwischen
freien  Wesen  ergeben,  —  frei  jedoch  nur  unter  gewissen  Umständen:
es  steht  uns  nicht  frei,  nicht  zu  essen,  und,  um  zu  essen,  müssen  wir
die  Erde  bewirtschaften.  Nicht  nur  bestimmen  wir  uns  gegenseitig  unsere
Lebenslage,  sondern  wir  unterliegen  auch  den  Hindernissen,  die  uns  unser
physisches  Milieu  schafft.
Diese  Gesetze  sind  allgemeingültig  und  ewig,  denn  die  elementaren
Bedürfnisse  des  Menschen  sind  dieselben  in  allen  Ländern  und  in  allen
Jahrhunderten.  Und  nur  diese  Gesetze  suchen  die  Nationalökonomen,
Weht  die  vorübergehenden  „modi“.  Nur  indem  die  Volkswirtschaft  das
sucht,  was  ganz  allgemein  für  alle  Menschen  gilt  und  daher  Allen  gemeinschaftlich ­
  ist,  kann  sie  der  Wahrheit  näher  kommen,  —  kann  sie  eine
Wissenschaft  werden.  Sie  muß  sich  bemühen,  nicht  die  Menschen  zu  sehen,
sondern  den  Menschen,  den  typischen  Menschen,  den  homo  oeconomic
 us,  der  durch  die  Abstraktion  von  allen  anderen  Seiten  seines  Charakters,
Außer  der  des  persönlichen  Interesses  entkleidet  ist:  sie  leugnet  die  anderen
Seiten  seines  Charakters  zwar  nicht,  aber  überläßt  sie  anderen  Wissenschaften. ­


Es  bleibt  nun  noch,  diese  natürlichen  Gesetze  aufzuführen.
1.  Das  Gesetz  des  persönlichen  Interesses.  —  Dieses  Gesetz  ist
flnter  dem  Namen  „hedonistisches  Prinzip“  bekannt,  aber  dieser  Ausdruck ­
  würde  von  der  klassischen  Schule  nicht  angewandt.  Jede  Persönlichkeit ­
  sucht  das  Gute,  —  sagen  wir  hier  den  Reichtum,  —  und  flieht
das  Übel,  —  sagen  wir  hier  die  Anstrengung;  es  ist  dies  daher  ein  ins
Bereich  der  Psychologie  fallendes  Gesetz.  Was  gibt  es  aber  Allgemeineres
flnd  Beständigeres  als  dieses  Gesetz?  Es  ist  nicht  nur  das  Natürlichste,
sondern  auch  das  „Vernünftigste“  in  der  physiokratischen  Bedeutung
dieses  Wortes,  denn  es  ist  einfach  das  Prinzip  der  Selbstei  ha  tung.
Barum  ist  die  klassische  Schule  sehr  oft  individualistisch  genannt
worden.

,  a  nicht  Egoismus,  wenigstens
Individualismus  bedeutet  aber  dur  niese  Konfusion,  die  man
Weht  im  gewöhnlichen  Sinn  diesesi  Woii  es.  dis k r editieren,  ist  nach
beständig  macht,  um  die  klassische  b  Niemand  hat  mit  größerer
dem,  was  sie  behauptet,  ein  sinnloser  •  .  den  Individualismus
darzusteüenf  protestiert.^  Wenn  man  behauptet
Sä  ™  ^
        <pb n="411" />
        388

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Sympathie 1 )  aus,  und  ein  normales  Individuum  findet  im  Gegenteil  eine
Sympathie  Quelle  der  Freude  in  der  Freude,  die  es  Anderen  verschafft.
Dies  hindert  nicht,  daß  Malthüs  und  Ricardo  uns  klar  Fälle  gezeigt ­
  haben,  wo  die  individuellen  Interessen  in  gegenseitigem  Kampfe
liegen,  und  wo  infolgedessen  das  Eine  dem  Anderen  geopfert  werden  muß,
und  daß  Stuart  Miu,  weil  davon  entfernt,  diesen  Kampf  zu  leugnen,
ihn  besonders  hervorhebt.  Hierauf  antwortet  die  klassische  Schule  einerseits ­
  mit  den  Optimisten,  wie  wir  es  bei  Bastiat  gesehen  haben,  daß  diese
Gegensätze  nur  scheinbar  sind,  und  daß  unter  dieser  Oberfläche  sich
die  Harmonie  verbirgt,  —  andererseits,  daß  diese  Gegensätze  nicht  vom
Individualismus  oder  der  Freiheit  herrühren,  sondern  im  Gegenteil
davon,  daß  beide  nur  erst  höchst  unvollkommen  verwirklicht,  ja  sogar
kaum  begriffen  sind.  Am  Tage  aber,  der  den  vollkommenen  Zustand
sieht,  werden  sie  die  Übel,  die  sie  vorübergehend  geschaffen  haben,  heilen a )-Das
  alte  Bild  von  der  Lanze  des  Achilles,  die  die  von  ihr  verursachten
Wunden  wieder  heilte,  ist  hier  nicht  zu  vermeiden.  Späterhin  treten
andere  Individualisten  auf,  die  mit  Herbert  Spencer  sagen  werden,
daß  dieser  Interessenkonflikt  der  Individuen  nicht  nur  in  Übereinstimmung
mit  den  allgemeinen  Interessen  der  Gesellschaft  ist,  sondern  daß  auf
ihm  aller  Fortschritt  beruht,  weil  er  die  Unfähigen  dazu  zwingt,  den
Fähigeren  den  Platz  zu  räumen.
2.  Das  Gesetz  der  freien  Konkurrenz.  Wenn  man  zugibt,  daß
jede  Person  ihren  eigenen  Vorteil  am  besten  beurteilen  kann,  so  kann
man  selbstverständlich  nichts  Besseres  tun,  als  es  jedem  zu  überlassen,
seinen  Weg  zu  finden.  Der  Individualismus  schließt  daher  die  Freiheit
ein,  und  so  ist  die  individualistische  Schule  auch  ganz  richtig  mit  dem
Namen  liberale  Schule  bezeichnet  worden.  Diese  zweite  Benennung

D  Wir  erinnern  daran,  daß  A.  Smith  ein  Buch:Theory  of  moral  sentiments
verfaßt  hat  und  verweisen  auf  das  oben  Gesagte  (S.  94f.).  Stuart  Mill  sagt  sogar
„In  den  Vorschriften  Jesu  von  Nazareth  finden  wir  den  wirklichen  utilitaristischen
Geist:  „Tue  deinem  Nächsten,  was  du  willst,  das  er  dir  tue.  Liebe  deinen  Nächsten,
wie  dich  selbst.“  Wie  dich  selbst:  man  muß  daher  damit  beginnen,  sich  selbst  &amp;amp; u
lieben,  ehe  man  Andere  lieben  kann“  (L’Utilitarisme,  franz.  Übers.,  S.  31).
2 )  Das  ist  es,  was  Stuart  Mill  verspricht:  „Es  ist  der  unvollkommene
Zustand  der  sozialen  Einrichtungen,  der  es  bedingt,  daß  das  beste  Mittel,
dem  Glück  Anderer  zu  dienen,  darin  besteht,  sein  eigenes  zu  opfern.“  (Utilitarisme,
S.  30).  —  und  sollte  man  nicht  hinzufügen,  da  die  beiden  Sätze  sich  notwendigerweise
ergänzen,  daß  heute  das  beste  Mittel,  seinem  eigenen  Glück  zu  dienen,  darin  besteht,
das  der  Anderen  zu  opfern?  Doch  Geduld  1  „Die  fortschreitende  Entwicklung  der
menschlichen  Vernunft  wird  bei  allen  Einzelwesen  ein  Gefühl  der  Einheit  mit  alle»
Anderen  erzeugen,  ein  Gefühl,  das,  wenn  es  zu  seiner  Vollkommenheit  gelangt  ist,  dem
Individuum  nicht  mehr  gestatten  wird,  irgendeine  Verbesserung  seiner  Lage  anzustreben, ­
  an  der  nicht  auch  alle  Anderen  teilhaben.“  —  Der  so  aufgefaßte  Individu»
ismus  ist  eher  das,  was  wir  heute  unter  Solidarismus  verstehen  und  zwar  in  seinem
transzendentesten  Ausdruck.
        <pb n="412" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  389

ist  sogar  genauer  als  die  andere.  Sie  ist  die  einzige,  die  die  französische
Schule  anzunehmen  erklärt,  indem  sie  energisch  alle  anderen  zurückweist,
wie:  individualistisch,  orthodox  oder  sogar  klassisch 1 ).

')  Die  Darlegung  der  Unterschiede  zwischen  der  klassischen,  der  individualistischen, ­
  der  liberalen  und  der  optimistischen  Schule  zu  verlangen,
ist  eine  Examensfrage.  Obgleich  diese  Frage  uns  recht  schulmeisterhaft  erscheint,
kann  man  doch  folgendes  antworten:
a)  Die  individualistische  Schule,  im  schlechten  Sinne  des  Wortes,  ist  die,
deren  Lehre  den  Egoismus  zur  einzigen  Richtschnur  unserer  Handlungen  macht,  die
das  „ein  jeder  für  sich“  zum  absoluten  Prinzip  der  Lebensführung  erhebt.  Selbstverständlich ­
  will  sich  aber  keine  Schule  in  dieser  Definition  wieder  erkennen;  in  Wirklichkeit ­
  verhindert  auch  die  Existenz  der  wirtschaftlichen  Beziehungen,  wie  des  Tausches,
der  Arbeitsteilung  usw.,  die  Möglichkeit  eines  Zustandes,  in  dem  jeder  Mensch  nur  für
s 'ch  lebt.
Die  individualistische  Schule,  im  weitesten  Sinne  dieses  Wortes,  lehrt,  daß  das
Wohl  des  Individuums  der  einzige  Zweck  aller  Tätigkeit  und  Wirtschaftspolitik ­
  sein  muß.  Nun  will  das  nicht  viel  sagen,  denn  es  ist  klar,  daß  auch
die  Sozialisten  und  sogar  die  Kommunisten  keinen  anderen  Zweck  haben,  als  das
Glück  der  Individuen,  der  größtmöglichen  Anzahl  von  Individuen.  Niemand  denkt
daran,  das  Glück  der  Gesellschaft  an  sich  als  einer  beseelten  Einheit  zu  erstreben.
Auf  Grund  einer  solchen  Definition  ist  der  Individualismus  recht  nebelhaft;  er  schließt
Weder  die  Vergesellschaftung,  noch  den  Solidarismus  und  nicht  einmal  den  Staats-'nterventionismus
  aus,  wenn  er,  wie  in  der  Arbeitergesetzgebung  z.  B.,  bezweckt,  das
Individuum  gegen  gewisse  Ursachen  der  Verschlechterung  zu  schützen.  Er  schließt
s °gar  die  Aufopferung  nicht  aus,  da  der  Trieb,  sich  aufzuopfem,  sicherlich  von  einer
starken  Individualität  zeugt.  Der  Individualismus  wird  ungefähr  in  diesem  Sinne
*n  dem  Buche  von  Schatz:  L’Individualisme  ßconomiquc  et  social  betrachtet.
Gie  Bezeichnung  individualistisch  ist  daher  höchst  unbestimmt,  weshalb  wir  soviel
Wie  möglich  den  Gebrauch  dieses  Wortes  vermeiden.

b,  Bei  der  »genannten  liberalen  U.di.  Bedeutung.
nämlich  nicht  damit,  zu  sagen,  daß  das  n  1V1  Träger  der  wirtschaf  tschaftslebens
  ist,  sondern  sie  fügt  hinzu,  daß  es  (  er  e  8  ‘  Individuum  dessen
^chen  Bewe  gung_  sein  muß,  weil  ^“t^^ifzu  verwirklichen.  Das  so
wirkliche  Interessen  besser  kennen  kann  und  fähiger  ist  Individuum  gewahren
ausgedrückte  Prinzip  bedeutet  aber,  daß  es  am  besten  ist,  Staates  oder
wi  lassen  (laisser  faire)  und  jede  von  außen  kommende  Einmischung
irgendeines  anderen  Beschützers  zu  verwerfen  v ,„„i il5TTlll s  von  Allen  angenommen
Während  jedoch  in  der  ersten  Formel  wiegenden  Einwürfen,
werden  konnte,  gibt  er  unter  der  letzteren  Ana  ..  i(Juum  sehr  häufig  in  seinen
Denn  in  Wirklichkeit  zeigen  die  Tatsachen,  dah  aas  ii  „dheitsschädliche  oder  nutzlos
Handlungen,  —  sei  es  als  Verbraucher,  wenn  es  g  .  ,  • tsver j ;r äge  eingeht,  die  seine
teuere  Erzeugnisse  kauft,  sei  es  als  Arbeiter  wenn  es  a  ci  enen  Interessen  sehr
Arbeitskraft  oder  die  seiner  Kinder  zugrunde  ric  g j e  zu  ve rteidigen,  und  daß
schlecht  versteht  oder  sich  in  der  Unmöglichkeit  te  leisten  können  als  er
d &amp;gt;e  Wissenschaft  und  die  Hygiene  ihm  viel  größere  Uiens
s 'ch  selbst.

,  c)  Wenn  man  noch  weiter  gellt  und  nicht  nur  annehmen  will,  daß  ein  jede*
Individuum  am  besten  fähig  ist,  sich  mit  seinen  Interessen  zu  befassen,  sondern  daß
au ch  das  soziale  Interesse  nur  die  Summe  dieser  individuellen  Interessen
‘f  &amp;gt;  di c  in  einer  harmonischen  Einheit  zusammenlaufen,  so  wird  die  liberale&amp;gt;  Schule
Ur  optimistischen.  Besonders  in  Frankreich  hat  sie  sich  auf  Grund  einer  schon
        <pb n="413" />
        390

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

-  Übrigens  beruft  sich  auch  die  englische  Schule  mit  nicht  geringerem
Nachdruck  auf  den  Liberalismus:  unter  besonderer  Berücksichtigung
dieses  Gesichtspunktes  wird  sie  auch  Manchesterismus  genannt  (ein
Ausdruck,  der  hauptsächlich  von  ihren  deutschen  Kritikern  in  der  Form
„Manchestertum“  gebraucht  wird).
Für  die  klassische  Schule  ist  aber  das  Laisser-faire  weder  ein
Dogma,  noch  ein  wissenschaftliches  Axiom.  Sie  sieht  hierin  nur  eine
praktische  Kegel,  die  sie  für  weise  hält,  nicht  etwa  unter  allen  erdenklichen ­
  Umständen,  sondern  bis  zum  Beweise  des  Gegenteils.  „Diejenigen,
die  sie  für  richtig  halten,  sagt  Stuakt  Mill,  sind  19mal  unter  20  der
Wahrheit  näher,  als  die,  die  sie  leugnen“ 1 ).  Dieser  praktische  Liberalismus
kommt  in  allen  Handlungen  des  wirtschaftlichen  Lebens  zur  Anwendung'.
Als  positives  Programm  bedeutet  er  die  Freiheit  der  Arbeit,  die  freie
Konkurrenz,  freien  Handel  im  Innern,  wie  nach  Außen,  die  Freiheit  der
Banken,  des  Zinsfußes  usw.  —  und  als  negatives  Programm  schließt
er  den  Widerstand  gegen  jede  staatliche  Einmischung  ein,  deren  Notwendigkeit ­
  nicht  im  einzelnen  Falle  bewiesen  ist,  und  hauptsächlich  den
Widerstand  gegen  alle  sogenannten  Maßregeln  des  Schutzes  oder  der
Bevormundung.
Daher  ist  für  die  klassische  Schule  die  freie  Konkurrenz  das  gegebene ­
  oberste  Naturgesetz,  das  für  Alles  genügt,  das  dem  Verbraucher
die  Wohlfeilheit  sichert,  das  den  Fortschritt  auf  Grund  der  Rivalität
zwischen  den  Produzenten  anspornt,  das  die  Gerechtigkeit  verbürgt
und  zur  Gleichheit  hindrängt,  indem  es  dem  Profit  entgegenarbeitet
und  jeden  Wert  auf  das  Niveau  der  Produktionskosten  zurückzuführen
sucht.  Das  Dictionaire  d’Economie  Politique  von  1852,  das  als
der  Kodex  der  klassischen  Volkswirtschaft  betrachtet  werden  kann,
erklärt,  „daß  die  Konkurrenz  für  die  industrielle  Welt  das  ist,  was  die
Sonne  für  die  physische  Welt  vorstellt“!  Und  Stuart  M&amp;lt;li.  selbst,  der
Verfasser  des  Buches  über  die  Freiheit,  der  ebenfalls  die  wirtschaftliche ­
  Freiheit  nicht  von  der  politischen  Freiheit  trennt,  ist,  wenn  auch
weniger  lyrisch,  so  doch  ebenso  fest  in  seiner  Behauptung:  „Alles,  ) vaS
die  Konkurrenz  beschränkt,  ist  vom  Übel;  alles,  was  sie  fördert,  dient

Jahrhunderte  alten  Überlieferung  behauptet,  aber  sie  ist  etwas  veraltet,  obgleich  S1
sich  noch  in  neuzeitlichen  Werken  findet.  ...
d)  Wenn  man  endlich  von  einer  klassischen  Schule  spricht,  so  will  man  dam  ^
sagen,  daß  sie  getreulich  die  von  den  ersten  Meistern  der  volkswirtschaftlichen  Wisse»'
schaft  übernommenen  Prinzipien  lehrt,  indem  sie  sich  bemüht,  sie  klarer  auszuführcp,
sie  zu  entwickeln  und  sogar  sie  zu  verbessern,  ohne  sie  aber  in  ihren  wesentlichen
standteilen  zu  verändern.  Seit  ihren  Anfängen  ist  sie  individualistisch  und  bmu  &amp;gt;
aber  keineswegs  optimistisch:  übrigens  vermeidet  sie  diese  finalistischen  ® c(  an g j u j 1
gange  und  überhaupt  jede  Beschäftigung  mit  dem  zu  erreichenden  Zweck,  um
auf  die  reine  Wissenschaft  zu  beschränken.
9  Principles,  Bd.  II,  S.  346  d.  franz.  Übers.  —  Siehe  auch  die  letzteni  ^
schienenen  Bücher  von  Molinari,  und  Yves  Guyot:  La  morale  de  la  concurre
        <pb n="414" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  391

zuletzt  zum  Guten“ 1 ):  In  diesem  Punkt  erklärt  er  besonders,  sich  vollständig ­
  vom  Sozialismus  zu  trennen,  für  den  er,  wie  wir  sehen  werden,
doch  viele  Sympathien  hatte:  „Aber“,  sagt  er,  „ich  bin  einfach  ein  überzeugter ­
  Gegner  des  bezeichnendsten  und  schärfsten  Teiles  seiner  Lehre,
nämlich  seiner  Tiraden  gegen  die  Konkurrenz“.  i
Es  muß  aber  darauf  hingewiesen  werden,  daß  die  klassische  Schule,
wenn  sie  die  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  befürwortet,  damit  keineswegs ­
  die  bestehenden  Zustände  rechtfertigen  will;  der  Vorwurf,  den  man
ihr  so  häufig  aus  diesem  Grunde  macht,  beruht,  gerade  wie  der  des  Egoismus,
auf  einer  Begriffsverwechslung.  Die  Klassiker  (die  alten  wie  die  neuen)
beklagen  sich  im  Gegenteil  darüber,  daß  die  freie  Konkurrenz  nur  erst
höchst  unvollkommen  verwirklicht  ist.  Wir  haben  angesehen,  welchen
großen  Platz  Senior  dem  Monopol  in  der  heutigen  wirtschaftlichen
Organisation  zuschreibt.  Die  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  ist  heute
ebensowenig  verwirklicht,  sagen  sie,  wie  die  Herrschaft  des  Sozialismus:
es  ist  daher  ebenso  ungerecht,  sie  auf  Grund  der  gegenwärtigen  Fehler
beurteilen  zu  wollen,  als  wenn  man  den  Kollektivismus  auf  Grund  dessen
beurteilen  wollte,  was  sich  zum  Beispiel  in  den  Staatswerkstätten  begibt.
3.  Das  Gesetz  der  Bevölkerung.  Dieses  Gesetz  nimmt  einen  sehr
großen  Platz  in  der  klassischen  Doktrin  ein,  und  sogar  die  optimistischen
Nationalökonomen  wagen  es  nicht,  ihm  geradenwegs  zu  widersprechen.
''°n  den  Volkswirtschaftlern  ist  Stüart  Mill  am  meisten  von  ihm  durchdrungen. ­
  Er  geht  sogar  viel  weiter  als  Malthos,  weil  er  sich  nicht  auf
rein  ökonomische  Gründe  stützt,  sondern  auch  auf  moralische,  die  Maltiius
weniger  bekümmert  zu  haben  scheinen,  nämlich  die  Achtung  des  Rechtes
und  der  Freiheit  des  Weibes,  die  kaum  befragt  wird,  wenn  es  sich  darum
bandelt,  ihr  die  Mutterschaft  aufzubürden 2 ).  Hierin  ist  daher  Stüart
Mill  schon  Neo-Malthusianer.  Die  Tatsache,  eine  zahlreiche  Familie
haben,  erscheint  ihm  wie  der  Ausdruck  eines  Lasters,  das  ebenso  ekela
 ft  ist,  wie  die  Trunksucht 3 ).  Und  wiederholt  erklärt  er,  daß  die  Arbeiter-,
  ')  Auguste  Comte  and  the  Positivism  (S.  78  der  franz.  Übers,  von
^lemenceau).
2 )  »Es  ist  niemals  durch  den  Willen  der  Frau,  daß  die  Familien  zahlreich  werden:
u  der  Frau  lastet  außer  den  physischen  Schmerzen  und  ihrem  Teil  der  Entbehrungen
^Unerträgliche  Hausarbeit,  die  sich  aus  einer  zu  großen  Kinderzahl  ergibt“  (Prin-’ples,
  Bd.  I,  II,  Kap.  13,  §  2)  Diese  Beobachtung  scheint  uns  nicht  richtig  zu  sein,
wiwiß  w i r d  die  Mutterschaft  zuweilen  durch  einen  Trunkenbold  oder  einen  Rohling
u  Frau  aufgedrungen,  aber  zumeist  ist  es  der  Mann,  der  die  antikonzeptionellen
tuktiken  der  Frau  gegen  ihren  Willen  auf  zwingt.
’)  »Während  ein  Mann,  der  sich  betrinkt,  von  allen  anstänidigen  Leuten  verübtet ­
  und  verabscheut  wird,  so  ist  dagegen  einer  der  hauptsächlichsten  Gründe,  mit
e &amp;gt;a  sich  die  Menschen  an  die  Wohltätigkeit  wenden,  der,  daß  der  Bittsteller  eine
a  r eiche  Familie  zu  ernähren  habe!“  (Bd.  I,  II,  Kap.  13,  §  1).
Und  als  Anm.:  „Man  kann  kaum  hoffen,  daß  die  Moralität  Fortschritte  mache,
an ge  man  nicht  dazu  gelangt  ist,  den  Kinderreichtum  mit  derselben  Verachtung
        <pb n="415" />
        392

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

klasse  keine  Hoffnung  irgendwelcher  Art  auf  eine  Besserung  ihres  Schicksals ­
  hat,  wenn  sie  nicht  damit  beginnt,  das  Wachstum  der  Bevölkerung
einzuschränken.  Einer  der  Gründe,  weshalb  er  dem  kleinbäuerlichen
Besitz  günstig  gesinnt  ist,  liegt  darin,  daß  er  eine  Beschränkung  der
Kinderzahl  bewirkt.  Er  konstatiert:  „das  Wachstum  der  französischen
Bevölkerung  ist  das  geringste  in  Europa“,  und  hält  dieses  Resultat  für
außerordentlich  ermutigend.
Um  dieses  schreckliche  Gesetz  zu  bekämpfen,  geht  er  sogar  so  weit,
das  Prinzip,  das  er  sonst  überall  verteidigt,  das  der  Freiheit,  zu  opfern.
Er  verlangt  nämlich,  daß  das  Gesetz  ausdrücklich  die  Ehe  zwischen  Armen
verbiete 1 );  wir  wissen,  daß  Malthtjs  sich  entschieden  hiergegen  ausgesprochen ­
  hatte.  Nicht  in  seinen  „Prinzipien“,  sondern  gerade  in  dem
Buche,  das  den  Titel  die  Freiheit  trägt,  verlangt  Stuart  Mill  diesen
entsetzlichen  Zwang!
Allerdings  hat  er  dieses  letztere  Buch  teilweise  zusammen  mit  seiner
Frau  geschrieben.
4.  Das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage.  —  Dieses  Gesetz ­
  bestimmt  den  Wert  eines  jeden  Erzeugnisses  und  auch  den  der  produktiven ­
  Dienste:  Arbeit,  Kapital  und  Boden.  Gewöhnlich  wird  es  in
folgender  Weise  formuliert:  der  Preis  schwankt  im  gleichen  Verhältnis
zur  Nachfrage  und  im  umgekehrten  Verhältnis  zum  Angebot.  Es  ist
einer  der  bedeutsamsten  Beiträge  Stuart  Mill’s,  nachgewiesen  zu  haben,
daß  diese  Formel  unter  ihrer  anscheinend  mathematischen  Genauigkeit
nur  auf  einen  Circulus  viciosus  hinausläuft.  Wenn  nämlich  das  Angebot
und  die  Nachfrage  den  Preis  schwanken  lassen,  so  läßt  wieder  umgekehrt
der  Preis  Angebot  und  Nachfrage  schwanken.  Mill  berichtigt  es  daher,
indem  er  sagt,  daß  der  Preis  sich  auf  ein  solches  Niveau  einstellt,  daß  die
angebotenen  und  nachgefragten  Mengen  gleich  werden,  und  die  Preisschwankungen ­
  haben  gerade  die  Wirkung,  diese  Übereinstimmung  herbeizuführen,
  ebenso  wie  die  Schwingungen  des  Balkens  an  der  Wage  nach

anzusehen,  wie  die  Trunksucht  oder  alle  anderen  körperlichen  Ausschweifungen.  Solange ­
  aber  die  Aristokratie  und  die  Geistlichkeit  die  ersten  sind,  das  Beispiel  der  Unmäßigkeit ­
  zu  geben,  was  soll  man  da  von  den  Armen  erwarten?“
Er  beklagt  sich  darüber,  daß  die  christliche  Religion  durch  einen  selbstzufriedenen ­
  Glauben  an  die  Vorsehung  den  Anschein  erweckt,  als  ob  Gott  zahlreiche
Familien  segne.
')  „Die  Gesetze,  die  in  einer  großen  Anzahl  Staaten  des  Kontinents  die  Eh e
verbieten,  wenn  die  Parteien  nicht  nachweisen  können,  daß  sie  imstande  sind,  eine
Familie  zu  ernähren,  überschreiten  nicht  die  berechtigte  Macht  des  Staates  .  .  •  Man
kann  ihnen  nicht  vorwerfen,  die  Freiheit  zu  beschränken  (Liberty,  S.  198  der  franz.
Ubers,  von  Dupont-White).
Dagegen  betrachtet  es  aber  Mill  als  eine  Verletzung  der  Freiheit,  wenn  die  Zahl
der  Kneipen  durch  ein  Gesetz  begrenzt  wird,  weil  das  hieße,  die  Arbeiter  wie  Kinder
zu  behandeln!  (Ebenda,  S.  186.)
        <pb n="416" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  393
der  Gleichgewichtslage  streben 1 ).  Hierdurch  gibt  Stuart  Mill  dem
Gesetz  des  Angebots  und  der  Nachfrage  nicht  nur  eine  wissenschaftliche ­
  Genauigkeit,  die  es  bis  dahin  noch  nicht  besaß,  sondern  er  führt
auch,  indem  er  die  Beziehung  der  Ursache  und  Wirkung  durch  die  des
Gleichgewichtes  ersetzt,  ein  neues  Prinzip  in  die  Wissenschaft  ein,  das
bestimmt  war,  die  ganze  neue  Methode  der  Wissenschaft  zu  beherrschen,
wie  wir  bei  der  Darstellung  der  neuklassischen  Schule  zeigen  werden.
Das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage  erklärt  aber  nur  die
Wertschwankungen,  nicht  den  Wert  selbst.  Man  mußte  daher  eine  tieferliegende ­
  Ursache  finden.  Diese  Ursache  liegt  in  den  Produktionskosten.
Unter  der  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  streben  die  Wertschwankungen
stets  nach  diesem  festen  Punkte,  ebenso  wie  „der  Ozean  bestrebt  ist,
überall  sein  Niveau  einzunehmen,  es  aber  niemals  genau  innehält“ 2 ).
Es  gibt  also  zwei  Arten  des  Wertes:  einen  vorübergehenden  und
schwankenden,  beherrscht  vom  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage, ­
  und  einen  ständigen  oder  natürlichen  oder  auch  normalen  Wert,
der  sich  nach  den  Produktionskosten  richtet.  Dies  war  das  klassische
Wertgesetz,  und  Stuart  Mill  war  davon  so  entzückt,  daß  er  den  Satz
schrieb,  der  unter  der  Feder  eines  so  scharfsinnigen  Philosophen  Staunen
erregen  muß:  „Glücklicherweise  bleibt  in  dem  Gesetz  des  Wertes  nichts
r uehr  zu  erklären  übrig,  weder  ietzt  noch  später;  die  Theorie  ist  vollkommen“ ­
 2 ).
Dasselbe  Gesetz,  das  den  Wert  der  Waren  regelt,  ist  auch  auf  das
Geld  anwendbar.  Auch  das  Geld  hat  einen  Marktwert,  der  von  der  auf
dem  Markte  im  Umlauf  befindlichen  Menge  und  den  Bedürfnissen  des
Tausches  bestimmt  wird;  —  es  ist  das  die  berühmte  Quantitätstheorie
~~  und  einen  natürlichen  Wert,  der  von  den  Produktionskosten  der  Edelmetalle ­
  abhängt.
5.  Das  Lohngesetz..  Die  gleichen  Gesetze  regieren  auch  den  Preis
der  Arbeitskraft  oder  des  Lohnes.  Auch  er  gehorcht  einem  doppelten
Gesetze.
Der  Marktlohn  wird  vom  Angebot  und  der  Nachfrage  bestimmt,
mdem  man  unter  „Angebot“  die  Menge  des  zum  Unterhalt  der  Arbeiter
verfügbaren  Kapitals  versteht,  den  Lohnfonds  (wage  fund),  und  unter
')  „Das  Steigen  und  Fallen  der  Preise  findet  so  lange  statt,  bis  das  Angebot  und
. le  Nachfrage  einander  genau  gleich  sind  und  der  Wert  einer  Ware  auf  dem  Markte
ls t  kein  anderer  als  der,  der  auf  diesem  Markte  eine  genügende  Nachfrage  bestimmt,
11111  a üe  angebotenen  Mengen  aufzunehmen“  (Principles,  Bd.  I,  II„  Kap.  2,  §  1).
Vor  Stuart  Mill  hatte  schon  Cournot  die  Formel  des  Gesetzes  von  Angebot
? nd  Nachfrage  in  seinen  Recherches  sur  les  principes  mathömatiques  de
la  thfiorie  des  richesses  (1838)  kritisiert;  es  ist  aber  nicht  wahrscheinlich,  daß
vuart  Mill  dieses  Buch  gekannt  hat.
2 )  Principles,  Bd.  I,  III,  Kap.  3,  §  1.
3 )  Ebenda,  Bd.  I,  III,  Kap.  1,  §  1.
        <pb n="417" />
        394

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

„Nachfrage“  die  Anzahl  der  Arbeiter,  die  eine  Anstellung  suchen 1 ).
Dieses  Gesetz  war  schon  von  Cobden  in  volkstümlicher  Art  ausgedrückt
worden,  als  er  sagte,  daß  der  Lohn  steigt,  wenn  zwei  Arbeitgeber  einem
Arbeiter  nachlaufen,  und  daß  er  sinkt,  wenn  zwei  Arbeiter  einem  Arbeitgeber ­
  nachlaufen.
Der  natürliche  oder  notwendige  Lohn  wird  auf  die  Dauer  von
den  Produktionskosten  der  Arbeitskraft  bestimmt,  nämlich  von  den
Kosten  der  Lebenshaltung  des  Arbeiters.  Der  Marktlohn  strebt  in  seinen
Schwankungen  stets  darauf  hin,  sich  nach  ihm  zu  regeln.
Dieses  Gesetz  verdiente  durchaus  den  Namen  des  ehernen  Lohngesetzes, ­
  mit  dem  Lassalle  es  später  brandmarkte.  Denn  auf  diese
Weise  wurde  der  Lohn  von  Ursachen  abhängig  gemacht,  die  außerhalb
des  möglichen  Einflusses  des  Arbeiters  standen,  und  die  ohne  jeden  Zusammenhang ­
  mit  ihm  selbst,  mit  seiner  Arbeit  oder  seinem  guten  Willen
blieben.  Er  war  einem  verhängnisvollen  Gesetz  ausgeliefert,  dem  er  ebenso
passiv  gegenüberstand,  wie  ein  Baumwollenballen  seinem  Marktpreis.
Das  ist  aber  nicht  Alles!  Nicht  nur  hängt  der  Lohn  nicht  von  dem  Arbeiter
ab,  sondern  auch  keine  gesetzliche  oder  private  Einmischung,  keine  Einrichtung, ­
  kein  System  kann  an  diesem  Zustand  etwas  ändern  —  ausgenommen ­
  man  kann  eine  der  beiden  bestimmenden  Grundlagen  des  Verhältnisses ­
  beeinflussen,  nämlich  entweder  die  Menge  des  für  den  Lohn
verfügbaren  Kapitals  (den  Lohnfonds)  oder  die  Zahl  der  Arbeit  suchenden
Bevölkerung.  „Jeder  Verbesserungsplan,  der  nicht  auf  diesem  Prinzip
beruht,  führt  zu  einer  Enttäuschung.“  Aber  hiermit  noch  nicht  genug!
Die  Ursachen,  die  die  beiden  bestimmenden  Grundlagen  des  Verhältnisses
günstig  beeinflussen  könnten,  können,  was  das  Wachstum  des  Kapitals
anlangt,  nur  die  Spartätigkeit,  und  was  die  Verminderung  der  Arbeitskräfte ­
  anlangt,  nur  die  Einschränkung  des  Geschlechtstriebes  sein.  Das
sind  zu  guter  Letzt  die  beiden  einzigen  Möglichkeiten  zur  Rettung  der
Lohnempfänger:  die  erste  steht  aber  vollständig  außerhalb  ihrer  Macht 2 ),
und  die  zweite  überliefert  dem  Zölibat  oder  dem  Onanismus  alle  diejenigen,
J )  „Die  Löhne  hängen  von  dem  Verhältnis  zwischen  Bevölkerung  und  Kapital
ab.  Unter  Bevölkerung  ist  die  Klasse  der  Arbeiter  und  noch  genauer  die  der  Lohnempfänger ­
  zu  verstehen,  unter  Kapital  lediglich  das  für  den  Ankauf  von  Arbeit  angelegte ­
  Kapital  ...  Es  muß  nicht  nur  gesagt  werden,  daß  der  Lohn  von  dem  Verhältnis
zwischen  der  Bevölkerung  und  dem  Kapital  in  dieser  Bedeutung  abhängt,  sondern
auch,  daß  er  unter  der  Herrschaft  der  Konkurrenz  von  keiner  anderen  Ursache  verändert ­
  werden  kann.“  (Principles,  Book,  II,  Ch.  1,  §  1).
2 )  Das  Sparen  zur  Vergrößerung  des  „Lohnfonds“  ist  nur  den  Reichen  möglich,
daher  empfiehlt  es  ihnen  Stuart  Mill  mit  dem  gleichen  Nachdrucke,  mit  dem  er  de
Arbeitern  Zurückhaltung  im  Eingehen  einer  Ehe  nahelegt.  Er  bemüht  sich,  in  übriger^
dunklen  und  schwerfälligen  Ausführungen  nachzuweisen,  daß:  „man  den  Arbeiten  e
nicht  nützt,  weil  man  selbst  verbraucht,  sondern  weil  man  denVerbrauch  bei  Ander
fördert“,  womit  gesagt  sein  soll:  nicht  durch  die  Ausgabe,  sondern  durch  das  Spare
        <pb n="418" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  395

die  man,  wahrscheinlich  ironisch,  auch  weiterhin  ..Proletarier“  würde
nennen  müssen.
Daher  war  auch  Stuart  Mill,  als  er  dieses  Gesetz  mit  größerer
Schärfe,  als  irgendeiner  seiner  Vorgänger,  formuliert  hatte,  über  die
Folgerungen,  die  sich  daraus  ergaben,  bestürzt.  Hauptsächlich  bewegte
ihn  die  Verurteilung  zur  Ohnmacht,  die  dieses  Gesetz  über  die  tapferen
Anstrengungen  der  damals  emporkommenden  Trade-Unions  aussprach.
Wie  alle  Volkswirtschaftler  der  liberalen  Schule  hatte  auch  er  die  Abschaffung ­
  der  Gesetze  gegen  die  Koalitionen  ebenso  energisch  verlangt,
wie  die  der  Kornzölle;  wozu  sollte  man  nun  aber  den  Arbeitern  die  Assoziations-
  und  Koalitionsfreiheit  gewähren,  wenn  ein  höheres  Gesetz  von
Anfang  an  jeden  ihrer  Versuche,  ihren  Lohn  zu  erhöhen,  zu  nichte  machen
mußte?  Zwei  Volkswirtschaftler,  Longe  (1866)  und  Thornton  (1869)
(in  seinem  Buch:  On  Labour)  zogen  die  Wahrheit  des  Lohnfonds-Gesetzes ­
  in  Zweifel.  Es  kostete  sie  keine  große  Mühe,  Stuart  Mill  zu  bekehren, ­
  der  sogleich  in  der  Fortnightly  Review 1 )  einen  Widerruf
veröffentlichte,  der  großes  Aufsehen  erregte,  ja,  man  könnte  fast  sagen:
einen  enormen  Skandal  in  der  klassischen  Schule  hervorrief.  Die  Bekehrung ­
  war  aber  freilich  nicht  so  ganz  und  gar  vollkommen,  denn  in
den  späteren  Ausgaben  seines  Buches,  -hat  er  die  zitierten  Stellen  und
andere  stehen  lassen,  die  mit  Hinsicht  auf  die  Hoffnungen  der  Arbeiterklasse ­
  auf  den  Erfolg  ihrer  eigenen  Anstrengungen  nicht  weniger  entmutigend ­
  sind 2 ).
Obgleich  die  Theorie  des  Lohnfonds  durch  den  Abfall  Stuart
Will’s  stark  erschüttert  war,  wurde  sie  doch  nicht  von  allen  klassischen
Volkswirtschaftlern  aufgegeben  und  hat  neuerdings  in  amerikanischen
Veröffentlichungen  eine  Art  von  Renaissance  erlebt 3 ).
6.  Das  Gesetz  der  Rente.  Wie  wir  gesagt  haben,  hat  das  Gesetz

l )  Nummer  von  Mai  1869,  später  abgedruckt  in  der  Sammlung  „Dissertations  .
*)  Ohne  zu  glauben,  sich  mit  der  klassischen  Theorie  in  Widerspruch  zu  setzen,
nahm  Stuart  Mill  an,  daß  die  Trade-Unions  die  Beziehung  zwischen  Angebot  un
Nachfrage  ändern  könnten:  .  ...  ,  (
sei  es,  indem  sie  das  Angebot  an  Arbeitskräften  von  seiten  ihrer  Mitglieder  au
dem  Arbeitsmarkt  beschränkten;  nur  fürchtete  er,  daß  die  Lohnerhöhung,  ie  so  eine
Folge  einer  Art  von  Monopol  der  organisierten  Arbeiter  sei,  als  Lohnerniedrigung  für
die  Menge  der  anderen  zutage  treten  würde;  sei  es,  indem  sie  die  verfügbaren  Arbeitskräfte ­
  durch  ein  weitertragendes  Mittel  verringerten,  nämlich  durch  die  Beschran  ung
m  der  Zahl  ihrer  Kinder;  und  er  glaubte,  daß  die  Trade-Unions  in  Wirklichkeit  dies
z &amp;gt;el  erreichen  könnten,  indem  sie  ihren  Mitgliedern  Gewohnheiten  des  Komforts  em-Pflanzten,
  die  ihren  Standard  of  life  erhöhen  würden.  Zum  Schluß  endigt  er  daher
stets  im  Malthusianismus.  TT  .  .....  Tr  ,  ,
„  ,  3 )  Siehe  zahlreiche  Artikel  in  den  Quarterl,es  der  Universitäten  Harvard  und
Columbia.  Und  doch  war  es  ein  Amerikaner,  Francis  Walker,  der  durch  sein  Buch:
Die  Wages  Question  (1876)  am  meisten  dazu  beigetragen  hat,  die  Lehre  vom  Lohn-°
 nds  zu  zerstören.
        <pb n="419" />
        396

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

der  Konkurrenz  die  Wirkung,  die  Preise  der  Produkte  auf  das  Niveau
der  Produktionskosten  zu  bringen.  Wenn  aber,  —  und  das  ist  nicht  nur
möglich,  sondern  muß  sich  mit  Sicherheit  ereignen,  —  gleiche  Produkte
auf  den  Markt  gebracht  werden,  die  verschiedene  Produktionskosten
verursacht  haben,  dann  entsteht  die  Frage:  welche  dieser  verschiedenen
Einzelkosten  bestimmen  den  Preis  ?  Die  höchsten,  die  „Grenzbeschaffungskosten“. ­
  Notwendigerweise  bleibt  daher  ein  Überschuß  für  alle  gleichartigen ­
  Produkte,  deren  Produktion  weniger  gekostet  hat.  RicARno
hatte  das  für  die  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse  konstatiert,  aber
Stuart  Mill  erstreckt  es  auf  alle  industrielle  Produkte 1 )  und  sogar  auf
die  persönlichen  Fähigkeiten.  Das  Gesetz  der  Rente  wird  daher  außerordentlich ­
  erweitert,  obgleich  etwas  weniger  als  bei  Senior  (vgl.  oben
S.  382).
7.  Das  Gesetz  des  internationalen  Austausches.  —  Rufen  wir
uns  zunächst  ins  Gedächtnis  zurück,  daß  für  die  Volkswirtschaftler  der
liberalen  Schule  (vgl.  oben  Ricardo,  Bastiat,  Dünoyer)  der  Austausch
zwischen  den  Ländern  von  den  gleichen  Gesetzen  regiert  wird,  wie  der
Austausch  zwischen  Individuen,  und  genau  die  gleichen  Vorteile  verschafft: ­
  nämlich  jeder  der  beiden  Parteien  eine  gewisse  Arbeitsmenge
zu  ersparen,  indem  er  ihr  —  durch  das  Überlassen  eines  Produktes,  das
ihr  z.  B.  15  Arbeitsstunden  gekostet  hat,  ein  Produkt  verschafft,  das
20  Arbeitsstunden  gekostet  hätte,  wenn  man  es  selbst  hätte  produzieren
wollen.  Der  Gewinn  liegt  daher  einzig  auf  der  Seite  der  Einfuhr,  die  Ausfuhr ­
  ist  nur  das  Mittel  und  mißt  sich  nur  durch  den  Überschuß  des  Einfuhrwertes ­
  über  den  Ausfuhrwert.
Daher  ergab  es  sich  als  sicher,  daß  beide  Parteien  gewinnen:  freilich
war  es  nicht  sicher,  und  sogar  nicht  einmal  wahrscheinlich,  daß  der  Vor*) ­

  „Der  Kostenwert  einer  Ware  ist  der  desjenigen  Teiles  der  Erzeugung,  der  am
teuersten  gewesen  ist“  (Principles,  B.  III,  Kap.  6,  §  1,  Abt.  7).
„Der  Übergewinn,  den  ein  Fabrikant  oder  ein  Händler  aus  der  Verwendung
von  größeren  Fähigkeiten  oder  einer  besseren  geschäftlichen  Organisation  zieht,  ähnelt
stark  einer  Rente  .  ..  Wenn  alle  seine  Konkurrenten  die  gleichen  Vorteile  haben,  fällt
dieser  Gewinn  in  Gestalt  einer  Preissenkung  den  Konsumenten  zu;  er  hat  den  Vorteil
nur  dann,  wenn  er  einen  Gegenstand  zu  einem  von  den  Produktionskosten
der  Konkurrenz  geregelten  Preise  verkaufen  kann,  den  er  selbst  mit  geringeren ­
  Kosten  herzustellen  versteht“  (Book  III,  Ch.  V,  §  4).
Jedoch  besteht  zwischen  der  landwirtschaftlichen  und  der  industriellen  Produktion
der  schon  von  Senior  klar  hervorgehobene  Unterschied,  daß  die  erstere  durch  das  Gesetz
des  sinkenden  Bodenertrages  begrenzt  ist,  während  die  zweite  im  Gegenteil  sich  eines
steigenden  Ertrages  erfreut,  d.  h„  daß  gewöhnlich  die  proportionellen  Kosten  im
Maßstabe  sinken,  wie  die  Produktion  wächst.  Daraus  ergibt  sich  also,  was  übrigens
von  Stuart  Mill  klar  gezeigt  wird,  daß  der  industrielle  Produzent  das  Interesse  hat,
den  Verkaufspreis  der  Waren  zu  verringern,  um  mehr  hersteilen  zu  können  und  so
durch  die  Vervielfältigung  der  Gewinne  und  die  Erniedrigung  der  allgemeinen  Unkosten
das  für  jede  Einheit  gebrachte  Opfer  wieder  einzubringen.
        <pb n="420" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  397

teil  für  beide  Teile  gleich  sei;  man  glaubte  aber  zu  der  Behauptung  berechtigt ­
  zu  sein,  daß  der  größere  Gewinn  dort,  wo  eine  Ungleichheit  auftrat, ­
  dem  ärmeren  der  beiden  Länder,  dem  von  Natur  ärmeren  oder  industriell ­
  rückständigeren,  zufiele.  Auf  Grund  der  Definition  würde  ja  gerade
dieses  größere  Mühe  gehabt  haben,  die  eingeführten  Produkte  selbst  zu
erzeugen  oder  wäre  möglicherweise  überhaupt  nicht  imstande  gewesen,
sie  hervorzubringen.  Hierin  stimmt  die  englische  klassische  Schule  der
Manchesterianer  fast  völlig  mit  der  französischen  Schule  überein 1  *  111 ).
Anscheinend  könnte  man  darauf  erwidern,  daß  unter  der  Herrschaft
der  freien  Konkurrenz  alle  Werte  auf  die  Produktionskosten  zurückgeführt ­
  werden,  und  folglich  alle  Produkte  sich  auf  Grund  der  Regel:
»gleiche  Arbeit  für  gleiche  Arbeit“  austauschen  müssen,  so  daß  dieser
angebliche  Vorteil  zum  Schluß  verschwinden  müsse.  Ricardo  hat  aber
schon  auf  diesen  Einwurf  geantwortet,  daß,  wenn  die  Regel  „gleiche
Arbeit  gegen  gleiche  Arbeit“  wirklich  den  Austausch  zwischen  Individuen
der  gleichen  Nationalität  regiert,  sie  doch  keineswegs  den  Austausch
zwischen  verschiedenen  Ländern  beherrscht,  weil  der  nivellierende  Einfluß ­
  der  Konkurrenz  nicht  mehr  in  Wirkung  tritt  und  zwar  wegen  der
Schwierigkeit,  der  das  Kapital  und  die  Arbeit  bei  ihrer  Übertragung
y on  einem  Lande,  auf  das  andere  unterliegen.  Es  kam  daher  nicht  darauf
a n ,  die  Arbeit  oder  die  respektiven  Kosten  desselben  Produktes
iu  den  beiden  Ländern  zu  vergleichen,  sondern  nur  die  respektiven
Kosten  zweier  Produkte  (des  eingeführten  und  des  ausgeführten)  im
gleichen  Lande.  Hierdurch  wurde  die  Theorie  gestärkt,  die  die  Vorteile ­
  des  internationalen  Handels  an  der  ersparten  Arbeit  mißt 2 ).

l )  Übrigens  legt  Ricardo  selbst  die  Vorteile  des  internationalen  Handels  in
Ausdrücken  dar,  die  Bastiat  sich  hätte  aneignen  können:  „In  einem  System  voll-"mmener

  Handelsfreiheit  verwendet  jedes  Land  sein  Kapital  und  seine  Industrie  in
er  Weise,  die  ihm  am  nützlichsten  erscheint.  Die  Zwecke  des  persönlichen  Interesses
teilen  in  vollständiger  Übereinstimmung  mit  dem  allgemeinen  Wohl  der  ganzen  Gesellschaft ­
  So  gelangt  man  —  ...  indem  man  aus  den  Wohltaten  der  Natur  den  größtmöglichen ­
  Vorteil  zieht,  zu  einer  besseren  Verteilung  und  zu  größerer  Sparsamkeit

111  ’fcr  Arbeit.  Zur  gleichen  Zeit  verbreitet  die  Vermehrung  der  allgemeinen  Menge
^on  Produkten  überall  Wohlstand:  der  Austausch  verbindet  durch  gemeinsame  Iner
 essenbeziehungen  alle  Teile  der  zivilisierten  Welt  untereinander  und  macht  sie  zu
®'uer  einzigen  großen  Gesellschaft.  Dieses  Prinzip  schreibt  vor:  Wein  soll  in  Frankreich
od  in  Portugal  erzeugt  werden,  Getreide  in  Polen  und  in  den  Vereinigten  Staaten,
...  Eisenwaren  wie  andere  Gegenstände  werden  in  England  hergestellt  (Ricardo,
^»vres,  franz.  Übers.,  S.  105).
s )  Doch  kann  sich  aus  der  Theorie  Ricardo’s  Folgendes  ergeben,  was  zunächst
Paradox  erscheint:  ein  Land  nämlich  kann  seinen  Vorteil  dabei  finden,  nicht  nur,  wie
selbstverständlich,  die  Gegenstände  einzüführen,  die  es  nur  unter  schwereren  Bedungen ­
  als  seine  Konkurrenten  herstellen  kann,  sondern  auch  die  Produkte,  in
^&amp;gt;en  es  seinen  Konkurrenten  relativ  überlegen  ist,  wenn  es  imstande
fv' n  sollte,  sie  mit  einem  Produkt  zu  bezahlen,  für  die  es  eine  noch  ausgesprochenere
Überlegenheit  besitzt  In  diesem  Falle  findet  es  seinen  Vorteil,  sich  des  Produktes,
        <pb n="421" />
        398

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Nur  bleibt  nach  dieser  Theorie  der  Wert  der  ausgetauschten  Produkte ­
  unbestimmt.  Er  wird  irgendwo  zwischen  den  reellen  Produktionskosten ­
  der  ausgeführten  Waren  und  den  virtuellen  Produktionskosten
der  eingeführten  Waren  liegen,  so  daß  für  jedes  der  beiden  Länder  eine
Ersparnis  herauskommt;  aber  das  ist  auch  Alles,  was  man  darüber  sagen
kann.  Stuart  Mill  geht  nun  einen  Schritt  weiter.  Er  gibt  den  Vergleich
der  rein  abstrakten  Produktionskosten  auf,  der  auch  keinen  praktischen
Maßstab  ergeben  kann,  und  sagt,  daß  der  Wert  des  eingeführten  Produktes
sich  durch  die  Menge  des  ausgeführten  Produktes,  das  dafür  ausgetauscht ­
  werden  muß,  bestimmen  läßt 1 ).  Man  muß  daher  die  Ursachen
suchen,  die  einem  Lande,  z.  B.  England  gestatten,  eine  mehr  oder
weniger  große  Menge  Wein  im  Austausch  für  Kohle  zu  erhalten.
Oder  mit  anderen  Worten,  das  Gesetz  der  internationalen  Werte  ist
nicht  mehr  das  Gesetz  der  verglichenen  Produktionskosten,  sondern
das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage.  Die  Preise  der  beiden
Waren  stellen  sich  in  der  Weise  ein,  daß  sich  die  von  beiden  Ländern
naehgefragten  Mengen  ausgleichen.  Es  ist  selbstverständlich,  daß,  wenn
die  Kohle  in  Frankreich  viel  mehr  nachgefragt  ist,  als  der  W T ein  i n
England,  England  eine  viel  größere  Menge  Wein  gegen  seine  Kohle
erhalten  kann  und  sich  daher  in  einer  höchst  vorteilhaften  Lage  befindet.
Die  Theorie  Stuart  Mill’s 2 )  stellt  daher  in  dem  Sinne  einen  Fortfür ­

  das  seine  Überlegenheit  am  höchsten  ausgebildet  ist,  als  eines  einfachen  Tauschmittels
  zu  bedienen,  um  sich  irgendein  anderes  Produkt  zu  verschaffen.
„Nehmen  wir  an,  zwei  Arbeiter  verstehen,  der  eine  wie  der  andere,  Schuhe  und
Hüte  zu  machen.  Der  eine  ist  in  beiden  Professionen  besonders  geschickt;  wenn  er
aber  Hüte  macht,  ist  er  seinem  Konkurrenten  nur  um  ein  Fünftel  oder  20%  übe 1 '
legen,  während  er  in  der  Herstellung  von  Schuhen  ihn  um  ein  Drittel  oder  33  %  nb eI '
flügelt.  Würde  es  nicht  im  Interesse  Beider  liegen,  daß  der  geschickterem  Arbeiter  sic«
haupstächlichmitder  Herstellung  von  Hüten  befasse?“  (Ricardo,  Op,  cit.,  S.  107,  An®-/
In  gleicher  Weise  würde  England  Vorteil  darin  finden  können,  seine  Kohle  geg c ?
französische  Tuche  auszutauschen,  auch  wenn  in  der  Hypothese  England  dieses  Tue
mit  weniger  Arbeit  als  Frankreich  hersteilen  kann.
x )  „In  jedem  Lande  hängt  der  Wert  einer  fremden  Ware  von  der  Menge  e®'
heimischer  Produkte  ab,  gegen  die  sie  ausgetauscht  werden  kann“  (Principles,  B.  M  ’
Kap.  18,  §  1).
2 )  Stuart  Mill  hatte  diese  Theorie  zuerst  in  seinen  Essays  über  einige  un
gelöste  Fragen  der  Volkswirtschaft  dargelegt.  Er  gibt  eine  verwickelt®^
und  anscheinend  genauere  Ausführung  (er  wendet  sogar  eine  algebraische  For®
an,  in  seinen  Principles,  Bd.  II,  B.  III,  Kap  18,  §  7).  —  Im  Grunde  genoninie^
sind  alle  diese  Schlußfolgerungen,  die  sich  ebenso  wie  die  Ricardo’s  auf  die  Hypoth®
eines  Austausches  zwischen  zwei  Personen  aufbauen,  reine  Abstraktionen  ohne  P
tische  Bedeutung.  Denn  in  Wirklichkeit  ist  der,  der  einführt  und  der,  der  au .  jg
nicht  derselbe,  und  die  Vorteile,  die  der  Eine  in  seinem  Import  sucht,  sind  ohne
Beziehung  zu  denen,  die  der  Andere  in  seinem  Export  erstrebt.  Allerdings  führ  ^
Gesamtheit  der  Ein-  und  Ausfuhr  dazu,  mehr  oder  weniger  ein  Gleichgewicht
zustellen,  auf  Grund  des  Zuflusses  oder  Abflusses  des  Bargeldes,  was  aber  ein  an  e
Problem  ist.
        <pb n="422" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule:  Stuart  Mill.  399

schritt  gegenüber  der  Ricardo’s  dar,  daß  sie  uns  zu  sagen  gestattet,
in  welchem  Fall  ein  Land  vom  Gesichtspunkt  der  Nachfrage  seiner  Erzeugnisse ­
  einen  größeren  Vorteil  findet  und  infolgedessen  am  Tausch
mehr  gewinnen  kann.  Wird  dies  nun  das  ärmste  Land  sein,  oder  das,
das  industriell  am  höchsten  entwickelt  ist?  —  Stuart  Mill  sagt,  daß  es
das  ärmste  sein  wird,  und  hierin  bestätigt  er  das,  was  Bastiat  einfacher
f’Usgedrückt  hatte.  Warum  nun?  Weil  ein  reiches  Land  stets  in  der  Lage
ist,  eine  größere  Menge  Produkte  in  die  Wagschale  des  Tausches  zu  werfen
ein  armes  Land 1 ).
Wie  man  weiß,  verfechten  die  Schutzzöllner  die  gerade  entgegengesetzte ­
  Theorie,  nämlich  daß  es  im  internationalen  Austausch  stets
das  arme  Land  ist,  das  die  Rolle  des  Dummen  spielt:  Portugal  und  England ­
  wird  z.  B.  oft  von  ihnen  angeführt,  was  aber  eine  Beweisführung
^aum  ersetzen  kann.
Trotz  dieses  Unterschiedes  der  Gesichtspunkte  ist  Stuart  Mill
d°u  Schutzzöllnern  sympathischer,  als  alle  anderen  Volkswirtschaftler
, er  liberalen  Schule.  Und  zwar  aus  folgendem  Grunde.  Seine  Theorie
defert  ihnen  ein  ausgezeichnetes  Argument.  Sobald  es  nämlich  Angebot
jmd  Nachfrage  ist,  wodurch  die  Vorteile  des  internationalen  Handels
'-'stimmt  werden,  ist  es  nicht  unmöglich,  daß  ein  Land  durch  geschickte
olitik  dieses  Gesetz  zu  seinem  Vorteil  wenden  kann,  indem  es  Industrien
ervorruft,  deren  Erzeugnisse  mehr  nachgefragt  sind,  und  deren  Nachfrage
Sl °h  am  ehesten  dazu  eignet,  durch  eine  Preiserniedrigung  vermehrt  zu
y’ er( len.  Stuart  Mill  macht  den  Schutzzöllnern  ein  noch  bedeutenderes
mgeständnis,  wenn  er  nachweist,  daß  die  Einfuhrzölle  nicht  immer  vom
er braucher  in  der  Form  einer  Preiserhöhung  getragen  werden,  sondern
, n  gewissen  Fällen  auf  das  Ausland  abgewälzt  werden  können,  namentlich
11  dem  Falle,  wo  das  eingeführte  Erzeugnis  auf  einem  Monopolpreise  stand,
ß-  edle  Weine  (Buch  V,  Kap.  IV,  §  6  gegen  Ende) 2 ).

l )  „Es  scheint  mir,  daß  diejenigen  Länder  Werden,  und  die
Pßegen,  deren  Erzeugnisse  vom  Auslande  am  Hieraus  ergibt  sich  unter  anderen,
gelbst  am  wenigsten  ausländische  Produkte  biauc  •  wen igsten  an  einer  ge-'Uß
  die  reichsten  Länder  cetens  P anbus  .  n .  denn  es  ist  wahrscheinlich,
Sebenen  Menge  ausländischen  Handels  ge  ’ nden  haben,  daß  sie  auch
sie  eine  stärkere  allgemeine  Nachfrage  nac  aufweisen  werden,  und  so  zu
p'tte  stärkere  Nachfrage  nach  fremden  Gegens  verändern“  (B.  III,  Kap.
'hrem  eigenen  Nachteile  die  Bedingungen  des  Ausausc  ,  (ft  given  amount):  sie
§  8).  Man  achte  auf  die  Worte:  „an  einer  jregebei“  .  vorteilhaften  Tauschsatz
Sollen  besagen,  daß,  wenn  das  reiche  Lan  e  tzdenli  da  es  viel  mehr  1  ausch-Ur
  seine  Erzeugnisse  hat  als  das  arme  Lan  ,  (j esam theit  der  Täusche  gewinnt.
Iterationen  als  das  arme  Land  macht,  me  r  dem  reichen  Lande  und  mit
übrigens  sagt  das  Stuart  Mill  ausdrücklich.  ^  n  tfnd  dem  Meinen  Krämer:
&amp;lt;:ni  armen  Lande  dasselbe  wie  mit  dem  g r  „, pn i ee r  aber  im  Ganzen  viel  mehr.
***  verdient  das  erstere  auf  jeden  Gegenstand  weniger,
J )  Principles,  B.  II,  S.  125,  franz.  Ubers.
        <pb n="423" />
        400

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Wenn  nun  auch  Stuart  Mill  den  Nationalisten  durch  seine  Theorie
den  Weg  geöffnet  hat,  so  muß  man  doch  anerkennen,  daß  er  selbst  dem
Freihandel  treu  geblieben  ist  und  sogar  die  LisT’sche  These  von  dem
vormundschaftlichen  oder  erziehlichen  Schutzzoll  durchaus  verwirft.
„Wenn  die  Schutzzölle,  sagt  er,  das  Ziel  haben,  irgendeinen  Zweig  der
nationalen  Gewerbe  zu  ermutigen,  wirken  sie  nur  bösartig  ...  Sie  hindern
eine  Ersparnis  an  Arbeit  und  Kapital,  deren  Ertrag,  wenn  man  ihre  Verwirklichung ­
  gestattete,  in  irgendeinem  Verhältnis  zwischen  dem  Land,
das  einführt,  und  den  Ländern,  die  die  Erzeugnisse  des  einführenden
Landes  kaufen,  verteilt  werden  würde 1 ).“
Wie  man  weiß,  war  die  freihändlerische  Doktrin  nicht,  wie  die  anderen
Theorien  der  klassischen  Schule,  im  Bereich  der  Spekulation  verblieben,
sondern  hatte  eine  der  bedeutendsten  Bewegungen  der  Wirtschaftsgeschichte ­
  hervorgerufen  und  das  berühmte  Gesetz  vom  25.  JuniJjffi
schaffen  helfen,  das  die  (englischen)  Getreideeinfuhrzölle  abschaffte.
Diesem  Gesetze  folgten  eine  Reihe  weiterer,  die  die  Zollschranken,  eine
nach  der  anderen,  niederwarfen.  Um  dies  zu  erreichen,  war  es  nötig  g e "
wesen,  die  Beredsamkeit  eines  Richard  Cobden,  eines  John  Briu hT
und  vieler  anderer  in  den  Dienst  der  Lehre  vom  „free-trade“  zu  stellen;
war  es  nötig  gewesen,  1838  die  National  Anti-Corn  Law  League  zu  gründen;
war  es  nötig  gewesen,  10  mal  vom  Parlament  zurückgewiesen  zu  werden,
den  Minister  Robert  Peel  und  den  Herzog  von  Wellington  zu  bekehren; ­
  und  all  dies  wäre  vielleicht  ohne  die  schlechte  Ernte  und  die
drohende  Teuerung  von  1845  vergeblich  geblieben.  —  Dieser  bewunderungswürdige ­
  Kampf  tat  jedoch  mehr  für  den  Triumph  der  liberalen  wirtschaftlichen ­
  Schule  und  für  die  Verbreitung  ihrer  Ideen  als  die  gelehrtesten
Beweisführungen  ihrer  Meister.  Man  weiß,  daß  eine  ähnliche,  von  Bastia?
in  Frankreich  hervorgerufene  Bewegung  fehlschlug,  und  daß  man  14  Jah re
warten  mußte,  ehe  derselbe  Cobden  und  Michel  Chevalier  den  Vertrag
von  1860  durchsetzen  konnten.  Und  dieser  Vertrag  beruhte  letzten  Grundes
nur  auf  einem  persönlichen  Willensakt  Napoleons  III.  Hierüber  machte
sich  Cobden  auch  keine  falschen  Vorstellungen,  denn  er  sagte,  daß  neun
Zehntel  aller  Franzosen  dieser  Reform  feindlich  gegenüber  ständen.

§  2.  Das  individualistisch-sozialistische  Programm
Stuart  Mill’s.
Im  Vorstehenden  haben  wir  die  um  die  Mitte  des  XIX.
hunderts  herrschende  Lehre  der  klassischen  Schule  dargestellt,
übrigens  das  Beiwort  „Schule“  energisch  zurückwies,  weil  sie  sie
')  Principles,  Book  V,  Ch.  IV,  §  6.
        <pb n="424" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  401

im  alleinigen  Besitz  der  Wirtschafts  -  Wissenschaft  betrachtete.
Man  muß  zugeben,  daß  diese  Doktrinen  ein  wohl  zusammengefügtes
Ganzes  bilden,  das  aufrecht  und  imponierend  dasteht.  Zugeben  muß
man  aber  auch,  daß  sie  nicht  viel  Gutes  Voraussagen,  ausgenommen
ihr  die,  die  zufälligerweise  den  besitzenden  Klassen  angehören.  Besagen ­
  diese  Doktrinen  doch,  daß  die  Arbeit  dem  Arbeiter  nur  das
Existenzminimum  sichere,  oder  auf  jeden  Fall  doch  nur  einen  Lohn,
der  von  Ursachen  bestimmt  wird,  auf  die  er  keinen  Einfluß  hat,  wie
z -  B.  der  größere  oder  geringere  Überfluß  an  Kapitalien,  oder  die  Bewegung ­
  der  Bevölkerungskurve,  Ursachen,  auf  die  auch  die  Freiheit
der  Assoziation  und  Koalition,  die  man  übrigens  höchst  gnädig  für  ihn
verlangt,  ohne  Einfluß  bleibt;  —  daß  der  Antagonismus  des  Profits
und  des  Lohnes  ein  feststehendes  Gesetz  sei  und  einen  unversöhnlichen
Konflikt  Voraussage;  —  daß  der  Besitz  des  Bodens  ein  Monopol  sichere,
§ e gen  das  der  Freihandel  nur  eine  ganz  unbedeutende  Wirkung  ausüben ­
  kann;  —  daß  die  Rente,  nämlich,  das  Ergebnis  aller  günstigen
Chancen  des  Lebens,  die  denen  Vorbehalten  sind,  die  so  wie  so  schon
JÜe  Mittel  haben,  ohne  sie  ein  behagliches  Leben  zu  führen,  einen
immer  größeren  Platz  in  den  Einkommen  einnehmen  werde;  —  daß
Jegliche  Einmischung  des  Staates  oder  des  Gesetzgebers  zugunsten
üer  Arbeiterklasse  mit  ihrer  Würde  und  ihren  wirklichen  Interessen
uicht  vereinbar  sei.  —  Alles  dies  war  nicht  dazu  angetan,  im  Volke  besondere
üreude  hervorzurufen.  Wenn  die  Wissenschaft  auch  sicherlich  nur  das,
Was  wahr  ist,  zu  suchen  hat,  und  nicht  das,  was  zusagt,  so  mußte  man
S1 °h  doch  darauf  gefaßt  machen,  daß  die  Menschen  mit  der  letzten  Ver-2
 weiflu n g  kämpfen  würden,  ehe  sie  zugaben,  daß  all  diese  Lehrsätze
Wirklich  bewiesene  Wahrheiten  seien.  Gerade  Stuart  Mill  hatte  so  kraftv
 °u  dazu  beigetragen,  diese  Menge  von  Lehrsätzen  zu  einem  festen  Ganzen
f Usa mmenzuschweißen  und  das  Gebäude  zu  krönen,  daß  Cossa  sagen
°nnte,  seine  Prinzipien  seien  „die  beste  Zusammenstellung,  Vollendung
, n&amp;lt;  Darlegung  der  Doktrinen  der  klassischen  Schule  in  ihrer  genauesten
orm“ 1 ).  u n( j  gerade  er  eröffnete  nun  in  den  folgenden  Ausgaben  seines
wehes  und  hauptsächlich  in  seinen  späteren  Schriften  neue  Ausblicke,
, 16  v i e le  von  denen  zum  Abfall  brachten,  die  der  klassischen  Schule  sonst
jjTeu  geblieben  sein  würden,  und  sie  nach  dem  hin  orientierte,  was  man
cr alen  Sozialismus  nennen  könnte.
j.  Wir  dürfen  wohl  ohne  Einseitigkeit  behaupten,  daß  die  eigentümr.
 e  Wandlung  Stuart  Mill’s  zum  großen  Teil  dem  Einfluß  der  fran-^M^nJjedanken
  zuzuschreiben  ist 2 ).  Man  könnte  ein  ganzes  und
)  Histoire  des  doctrines  öconomiques,  S.  338  der  franz,  Übers,
kra  - Wir  erin ne r n  daran,  daß  Stuart  Mill  sich  verschiedentlich  längere  Zeit  in
Saj . nkreic h  aufgehalten  hat  und  dort  sogar  sein  Leben  beschloß.  Er  hat  einen  Aufin
 s  jf SeSchrieben .  um  die  Revolution  von  1848  zu  verteidigen,  der  von  Sadi  Carnot
französische  übersetzt  worden  ist  und  als  Buch  veröffentlicht  wurde.
° lcle  and  Rist,  Gesell.  &amp;lt;1.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  26
        <pb n="425" />
        402  Drittes  Bach.  Der  Liberalismus.

recht  interessantes  Buch  schreiben,  um  diesen  Nachweis  zu  führen.  Ohne
von  dem  Einfluß  der  Philosophie  A.  Comte’s  zu  sprechen,  auf  den  er  bei
jeder  Gelegenheit  hinweist,  und  um  nur  auf  nationalökonomischem  Boden
zu  bleiben,  hat  er  selbst  anerkannt,  daß  er  den  Saint-Simonisten  einen
großen  Teil  seiner  Lehre  über  das  Erbrecht  und  das  arbeitslose  Einkommen
verdankt,  Sismondi  seine  Sympathie  für  den  kleinbäuerlichen  Besitz,
und  den  Assozialisten  von  1848  seinen  Glauben  an  die  Kooperativ-Gesellschaften ­
  als  Ersatz  des  Lohnsystems.
Dies  soll  durchaus  nicht  heißen,  daß  Stuart  Mii.l  sich  zum  Sozialismus ­
  bekehrt  habe.  Freilich  weiß  er  ihn  gegen  unverdiente  Anschuldigungen ­
  zu  verteidigen.  Denen,  die  ihm  vorwerfen,  jede  persönliche
Initiative  und  alle  Freiheit  vernichten  zu  wollen,  antwortete  er  verächtlich,
daß  „der  Lohnempfänger  der  Fabrik  heute  weniger  persönliches  Interesse
an  seiner  Arbeit  habe,  als  irgendein  Mitglied  einer  kommunistischen
Genossenschaft“,  und  daß  „aller  Zwang  des  Kommunismus  als  eine  Erlösung ­
  gegenüber  der  heutigen  Lage  der  Mehrheit  des  Menschengeschlechtes
wirken  würde“ 1 ).  Wenn  er  zugibt,  daß  „schon  heute  der  Kommunismus
von  einer  Elite  von  Menschen  verwirklicht  werden  könne,  und  daß  dies
später  von  Allen  getan  werden  kann“ 2  3 ),  und  wenn  er  der  Hoffnung  Ausdruck
gibt,  daß  eines  Tages  „die  Erziehung,  die  Sitte  und  die  Kultur  der  Gefühle ­
  den  Menschen  dazu  bringen  werden,  für  sein  Vaterland  ebensogut
den  Boden  umzugraben  oder  Leinewand  zu  weben,  wie  er  heute  für  sein
Vaterland  kämpft“  —  so  scheidet  er  sich  doch  nichtsdestoweniger  vom
Sozialismus,  da  er  die  Notwendigkeit  der  freien  Konkurrenz  aufrecht
erhält  und  mit  Energie  jeden  Zwang  der  Mehrheit  hinsichtlich  der  wesentlichen ­
  Rechte  des  Individuums  zurückweist.
Der  erste  Schlag,  den  er  gegen  die  klassische  Doktrin  führt,  besteht
darin,  daß  er  ihre  Grundlage,  den  Glauben  an  allgemeine  und  ewig®’
natürliche  Gesetze  untergräbt.  Er  geht  nicht  soweit,  zu  behaupten,  vn®
es  später  die  historische  Schule  und  der  Marxismus  tun,  daß  diese  angeh'
liehen  natü'liehen  Gesetze  nichts  weiter  sind,  als  Ausdrücke  von  Beziehungen, ­
  die  einem  gewissen  Zustande  der  wirtschaftlichen  Geschieh  e
eigentümlich  sind  und  mit  ihm  sich  ändern  werden.  Aber  er  führt  eine  v°n
Folgerungen  geradezu  trächtige  Unterscheidung  ein:  —  in  dem  Bereit^
der  Produktion  gibt  es  allerdings  natürliche  Gesetze;  im  Bereich  de
Verteilung  jedoch  gibt  es  nur  Gesetze,  die  von  Menschen  gemacht  worde
sind,  und  die  infolgedessen  auch  von  Menschen  geändert  werden  können  )■

1 )  Principles,  B.  II,  Kap.  1.
2 )  Gouvernement  reprdsentatif,  S.  21.  Mfit't
3 )  „Die  ersteren  (die  Gesetze  der  Produktion)  haben  einen  ähnlichen  Char  ^
wie  die  physischen  Gesetze.  In  ihnen  gibt  es  nichts  Fakultatives  oder  Willkürliche  ^
Für  die  Gesetze  der  Verteilung  gilt  aber  nicht  dasselbe.  Sie  sind  nur  eine  ® e
        <pb n="426" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  403

Er  leugnet  daher  formal  die  These  der  klassischen  Volks  Wirtschaftler,
nach  der  die  Anteüe  eines  jeden  der  Teilhaber,  —  Lohn,  Profit  und  Rente  —,
von  Notwendigkeiten  bestimmt  werden,  gegen  die  der  menschliche  Wille
nichts  ausrichten  kann.
Hierdurch  wird  die  Tür  sozialer  Reformen  geöffnet.  Dies  war  nichts
Geringes.  Sicherlich  kann  man  nicht  sagen,  daß  die  klassische  Schule,
oder  sogar  die  optimistische  Schule  die  Möglichkeit  oder  die  Wirksamkeit
jeder  sozialen  Reform  leugnete.  Man  muß  aber  gestehen,  daß  sie  nur
die  private  Tätigkeit  ermutigte,  oder,  wenn  gesetzgeberische  Maßnehmen ­
  in  Betracht  kommen,  nur  die,  die  darin  bestehen,  alte  Gesetze
abzuändern.  Auf  dem  Kongreß  der  liberalen  Nationalökonomen  in  Mainz
im  Jahre  1869  sagte  Braun:  „Unsere  Kongresse  haben  viele  Gegner
ins  Feld  gerufen,  weil  wir  das  Prinzip  aufgestellt  haben,  daß  menschliche
Gesetzgebung  die  ewigen  Gesetze  der  Natur,  die  das  wirtschaftliche
Leben  regieren,  nicht  ändern  kann.“  Erklärungen  dieser  Art  finden  sich
überreichlich  in  den  französischen  Büchern.  Aber  dank  der  Unterscheidung
Stuart  Mill’s  ändert  sich  das  Alles.  Denn  wenn  der  Gesetzgeber  auch
üen  Gesetzen  der  Produktion  ohnmächtig  gegenübersteht,  so  hat  er  doch
alle  Macht,  um  die  Gesetze  der  Verteilung  abzuändern;  und  es  ist  unnötig,
darauf  hinzuweisen,  daß  gerade  hier  sich  die  Kämpfe  um  fast  alle  Forderungen ­
  abspielen.
In  Wirklichkeit  unterliegt  die  Unterscheidung,  die  Stuart  Mill
gemacht  hat,  sehr  der  Kritik,  wenigstens  insoweit  die  Ausdrücke,  in  die
er  sie  gefaßt  hat,  in  Betracht  kommen,  und  wenn  er  versichert,  daß  dies
»sein  bedeutendster  und  originalster  Beitrag  zur  Wissenschaft  der  Volkswirtschaft ­
  sei“,  beurteilt  er  seine  Verdienste  schlecht.  Die  Produktion
j* n d  die  Verteilung  sind  nicht  getrennte  Kreise.  Sie  gehen,  und  zwar
last  auf  allen  Punkten,  ineinander  über.  Übrigens  setzt  sich  Stuart  Mill
«plbst  in  Widerspruch  mit  seiner  These,  da,  wie  wir  sehen  werden,  die
Reformen,  die  er  vorschlägt,  Produktivgenossenschaften  oder  kleinbürgerlicher ­
  Besitz,  sich  ebensowohl  auf  das  Reich  der  Produktion  als
auf  das  der  Verteilung  erstrecken.  Man  kann  aber  vielleicht  den  Gedanken
Stuart  Mill’s  genauer  ausdrücken,  wenn  man  seine  allzu  einfache  Unterscheidung ­
  durch  eine  andere  ersetzt,  die  Rodbertus  ungeführ  zur  gleichen
aufstellt:  die  der  wirtschaftlichen  Beziehungen  und  die  der
re chtlichen  Beziehungen 1 ).  Obgleich  auch  diese  beiden  vielfach
miteinander  verflochten  sind,  so  versteht  man  doch,  daß  die  wirtschaftliche ­
  Einrichtung  .  .  .  Die  Gesellschaft  kann  die  Verteilung  der  Güter  solchen  Regeln
•Verwerfen,  wie  sie  ihr  gut  dünken“  (Principles,  B.  II,  Kap.  1,  §  1).
Man  weiß,  daß  später  Karl  Marx  behauptet,  die  Verteilung  werde  durchaus
der  Produktion  bestimmt.
l )  Siehe  besonders  die  Einführung  ChateLain’s  zur  franz.Übers,  von  Rodbertus:
Uas  Kapital.

26*
        <pb n="427" />
        404

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

liehen  Gesetze,  die  den  Tauschwert  regulieren  oder  die  Ausdehnung  industrieller ­
  Unternehmungen  bestimmen,  nicht  von  der  gleichen  Art  sind,
-  wie  die  Grundlagen,  auf  denen  die  gesetzliche  Übertragung  des  Eigentums
sich  aufbaut,  oder  wie  die,  aus  denen  sich  die  Verpflichtungen  der  Parteien ­
  eines  Interessen-,  eines  Lohn-  oder  eines  Pachtvertrages  ergeben.
Die  ersten  n  können  als  natürliche  Gesetze  bezeichnet  werden,  während
die  zweiten  nur  das  Werk  einer  gesetzgeberischen  Autorität  darstellen.
Stuart  Mill  begnügt  sich  aber  nicht  damit,  den  Reformen  die  Tür
zu  öffnen.  Er  tritt  selbst  mit  vollem  Entschluß  über  die  Schwelle.  Er
bringt,  und  darin  unterscheidet  er  sich  von  allen  klassischen  Volkswirtschaftlern,
  ein  breit  angelegtes  sozialpolitisches  Programm,  das  er  selbst
in  folgender  Weise  formuliert:  „Vereinigung  des  Höchstmaßes  an  individueller ­
  Handlungsfreiheit  mit  Gemeinsamkeit  am  Besitz  der  natürlichen
Schätze  der  Welt  und  gleichmäßiger  Anteil  Aller  an  den  Erzeugnissen
der  Arbeit,  die  diese  Schätze  ausnützt“ 1 ).  Dieses  Programm  läßt  sich
in  folgenden  drei  Sätzen  zusammenfassen:
1.  Ersatz  des  Lohnsystems  durch  die  Produktivgenossenschaft;
2.  Sozialisation  der  Bodenrente  durch  die  Grundsteuer;
3.  Beschränkung  der  Ungleichheit  der  Vermögen  durch  eine  Beschränkung ­
  des  Erbrechtes.
Wie  man  sieht,  entspricht  diese  dreifache  Reform  durchaus  den
von  Stuart  Mill  aufgestellten  Bedingungen:  denn  sie  ist  nicht  nur
nicht  in  Widerspruch  mit  dem  individualistischen  Prinzip,  sondern  sie
bezweckt  gerade,  es  in  diesen  drei  Punkten  zu  verstärken;  sie  bedeutet
keinen  Zwang  gegen  das  Individuum  und  strebt  im  Gegenteil  auf  seine
Emanzipierung  hin.  Betrachten  wir  daher  kurz  jede  dieser  Reformen.
1.  Das  Lohnsystem  erschien  Stuart  Mill  als  eine  für  die  Individualität ­
  durchaus  verderbliche  Ordnung.  Weshalb?  Weil  es  dem  Menschen
alles  Interesse  an  seinem  Arbeitserzeugnis  nimmt  und  daher  schon  heute
für  die  große  Mehrzahl  jene  völlige  Gleichgültigkeit  für  die  eigene  Arbeit
zur  Tatsache  macht,  die,  nach  dem  Vorwurf  der  Individualisten,  die
Kommunisten  für  die  Gesamtheit  verwirklichen  wollten.
Daher  muß  es  durch  eine  „Assoziationsform  ersetzt  werden,  die,
wie  man  hoffen  kann,  wenn  die  Menschheit  im  Fortschritt  fortfährt,
endlich  zur  Vorherrschaft  kommen  wird,  und  zwar  nicht  mehr  die  Form,
die  heute  zwischen  dem  Kapitalisten  als  Herrn  und  den  Lohnempfängern
ohne  jeden  Einfluß  auf  die  Leitung  besteht,  sondern  eine  Genossenschal
zwischen  Arbeitern  selbst,  die,  untereinander  vollständig  gleich,  zusammen
das  in  dem  Unternehmen  angelegte  Kapital  besitzen,  und  die  nur  selbs
gewählten  Direktoren  gehorchen,  die  sie  selbst  auch  -wieder  absetzen

l )  Autobiography,  S.  232  (London  1873).
        <pb n="428" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  405

können“ 1 ).  Diese  kooperative  Lösung,  die  er  „ein  edles  Ideal“  nennt,
kam  ihm  nicht  von  Owen,  sondern  von  dem  französischen  Assozialismus,
der  sie  als  Allheilmittel  gepriesen  hatte  und  sie  1848  zu  einer  glänzenden,
wenn  auch  nur  ephemeren  Blüte  brachte.  Man  weiß,  daß  Stuart  Mill
nicht  der  einzige  gewesen  ist,  der  von  dem  Schemen  der  Produktivgenossenschaft ­
  verführt  wurde:  wie  wir  später  sehen  werden,  beruhte
die  englische  Bewegung,  die  den  Namen  „christlicher  Sozialismus“  trug,
direkt  auf  diesem  Gedanken.
Stuart  Mill  lebte  jedoch  lange  genug,  um  den  Niedergang  der
Produktivgenossenschaften  in  Frankreich  und  den  Aufschwung  der  Konsumgenossenschaft ­
  in  England  zu  sehen.  Anscheinend  hat  ihm  aber
dieser  Gegensatz  keine  Veränderung  seiner  Auffassung  der  Produktivgenossenschaft ­
  als  Emanzipationsmittel  nahe  gelegt 2 ).  Übrigens  läuft
eins  wie  das  andere  stets  auf  eine  Emanzipation  des  Arbeitenden  „durch
eigene  Kraft“  hinaus.
2.  Die  Bodenrente,  die  Ricardo  und  seine  Schüler  als  eine  natürliche ­
  oder  sogar  notwendige  Tatsache  angenommen  hatten,  erschien
ihm  gleichfalls  als  anormal.  Sie  stand  ebenso  wie  das  Lohnsystem  im
Widerspruch  mit  dem  Individualismus,  wenn  auch  von  einem  verschiedenen
Gesichtspunkt  aus.  Wies  sie  doch  gewissen  Menschen  das  zu,  was  nicht
das  Ergebnis  ihrer  individuellen  Arbeit  war,  während  der  wirkliche  Individualismus ­
  Jedem  den  Ertrag  seiner  Tätigkeit  zuspricht:  suum
euique!
Ob  dieses  Einkommen  auf  der  Mitarbeit  der  Natur  beruhte,  wie
die  Physiokraten  und  Adam  Smitii  glaubten,  oder  ob  es,  wie  Ricardo
u nd  Malthus  annahmen,  eine  Folge  des  Andrängens  der  Bevölkerung
*)  „Obgleich  der  Erfolg  des  militärischen  Despotismus,  der  heute  auf  dem  Kontinent ­
  triumphiert,  es  durchgesetzt  hat,  die  Fortschritte  des  menschlichen  Geistes  zu
verzögern,  ist  es  sicher,  daß  die  Lage  des  Lohnempfängers  bald  nur  den  Arbeitern
genügen  wird,  deren  moralischer  Tiefstand  sie  der  Unabhängigkeit  unwürdig  macht,
ynd  daß  das  Verhältnis  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer  durch  die  Assoziation
ln  einer  der  beiden  folgenden  Formen  ersetzt  werden  wird:  in  gewissen  Fällen  zeitweilige ­
  Assoziation  der  Arbeiter  mit  dem  Unternehmer;  in  anderen  Fällen,  und  zuletzt
111  allen,  Assoziation  der  Arbeitnehmer  untereinander“  (B.  IV,  Kap.  7,  §  4).
„Auf  diese  oder  auf  eine  andere  Weise  würden  die  bestehenden  Kapitalansammungen
  ehrlich  und  ganz  spontan  zum  Schluß  das  Eigentum  derer  werden,  die  sich
'hrer  zur  Produktion  bedienen.  Eine  solche  Umformung  der  Gesellschaft  würde  die  der
sozialen  Gerechtigkeit  am  nächsten  kommende  Form  sein;  eine  Form,  die  für  die  Organisation ­
  der  Industrie  im  Interesse  Aller  die  dienlichste  ist,  die  man  sich  heute  als
Möglich  vorstellen  kann“  (ebenda  §  6).
2 )  Doch  hat  ihm  wahrscheinlich  der  Aufschwung  der  Konsumgenossenschaften
den  Gedanken  eingegeben,  dem  er  verschiedentlich  Ausdruck  gibt,  und  dessen  Bedeutung ­
  nicht  gering  ist,  daß  der  unbilligerweise  von  den  Verbrauchern  durch  die
Zwischenhändler  erhobene  Tribut  größer  ist  als  der,  den  die  Kapitalisten  von  den
Lohnempfängern  erheben,  und  daß  die  Arbeitenden  noch  mehr  von  der  Abschaffung
es  ersteren,  als  der  des  zweiten  gewinnen  würden.
        <pb n="429" />
        406

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

war,  oder  ob  der  Zufall  und  soziale  Konjunkturen  es  verursachten,  wie
Senior  lehrte  —  auf  jeden  Fall  mußte  es,  gerade  auf  Grund  des  Prinzipes:
„jedem  das  Produkt  seiner  Arbeit“  der  Gemeinschaft  zurückgegeben
werden.  Nichts  war  einfacher,  als  dies  durch  das  Mittel  einer  Grundsteuer ­
  zu  erreichen,  hoch  genug,  um  die  Bodenrente  aufzusaugen:  diese
Steuer  mußte  man  von  Zeit  zu  Zeit  erhöhen,  um  dem  Wachstum  der
Rente  zu  folgen.  Dies  war  eine  groß  angelegte  Idee,  die  Stuart  Mill
übrigens  schon  von  seinem  Vater  überkommen  hatte,  und  um  die  sich
eine  ganze  Schule  von  Volkswirtschaftlern  sammeln  sollte,  die  dem  Sozialismus ­
  als  solchem  fern  stand.
Die  Bewegung,  die  aus  dieser  Idee  der  Wegsteuerung  der  Bodenrente ­
  entstand,  ist  bedeutend  genug,  um  besonders  untersucht  zu  werden,
findet  aber  besser  ihren  Platz  in  dem  Kapitel,  das  später  dieser  Frage
gewidmet  sein  wird.
Übrigens  würde  sich  Stuart  Mill,  in  Erwartung  dieser  etwas  revolutionären ­
  Reform,  mit  einer  bescheideneren  begnügt  haben,  die,  wie
die  Produktivgenossenschaft,  ihm  von  dem,  was  er  in  Frankreich  gesehen
hatte,  nahe  gelegt  worden  war:  es  war  dies  die  Ausdehnung  des  kleinbäuerlichen ­
  Eigentums.  Seit  den  Reisen  Arthur  Young’s  in  Frankreich
war  es  übrigens  bei  den  Engländern  Mode 1 ),  den  französischen  Bauer
zu  bewundern.  Die  hauptsächlichsten  Vorteile,  die  Stuart  Mill  dem

*)  A.  Young  ist  aber  trotzdem  Anhänger  des  landwirtschaftlichen  Großbetriebes
geblieben,  während  bei  Stuart  Mill  die  Bekehrung  vollständiger  gewesen  zu
sein  scheint.
Doch  wurde  das  bäuerliche  Besitztum  von  Stuart  Mill  nur  „in  Erwartung 1 '
einer  radikaleren  Lösung  vorgeschlagen,  die  in  der  oben  erwähnten,  in  der  Assoziation, ­
  besteht.
„Die  in  einem  anderen  Teil  dieses  Werkes  ausgedrückte  Meinung  über  den  Kleingrundbesitz ­
  und  über  die  bäuerlichen  Besitzer  hat  den  Leser  vielleicht  zu  dem  Glauben
verführt,  daß  ich  auf  eine  große  Teilung  des  Großgrundbesitzes  rechne,  um  die  Arbeiter,
wenigstens  die  Landarbeiter,  der  Notwendigkeit  zu  überheben,  ihren  Lebensunterhalt
allein  von  ihrem  Lohn  zu  erwarten.  Doch  ist  dies  nicht  meine  Meinung.  Zwar  glaube
ich,  daß  diese  Form  der  ländlichen  Bewirtschaftung,  die  grundlos  kritisiert  worden  ist,
in  ihrem  Gesamteinfluß  auf  das  Glück  der  Menschen  bei  weitem  der  Lohnarbeit  vorzuziehen ­
  ist  .  .  .  Aber  der  Zweck  des  Fortschrittes  ist  nicht  nur  der,  die  Menschen  W
eine  Lage  zu  versetzen,  in  der  sie  ohne  einander  auskommen  können,  sondern  ihnen  zu
gestatten,  zusammen  unter  gegenseitigen  Beziehungen  zu  arbeiten,  die
keine  Abhängigkeitsbeziehungen  sind“  (B.  IV,  Kap.  7,  §  4).
Die  dem  ländlichen  Kleinbesitz  als  wenigstens  partielle  Lösung  der  sozialen
Frage  zugesprochene  Bedeutung  ist  übrigens  keine  Besonderheit  Stuart  Mill’s.  Ohne
auf  Sismondj  zurückzugreifen,  der,  wie  wir  gosehen  haben,  sich  viel  damit  beschäftig
hatte,  wurde  sie  von  Thornton  in  England,  in  seinem  Buch:  Befürwortung  de
bäuerlichen  Eigentums  (1848)  und  von  Hippolyte  Passy  in  Frankreich  in  eine
ausgezeichneten  kleinen  Buch:  Des  Systömes  de  culture  (1852)  eindringlich  emp
fohlen.  Doch  blieben  die  klassischen  Volkswirtschaftler  mehr  dem  landwirtscha  ^
liehen  Großbetrieb  günstig  gesinnt:  besonders  Lavergne,  Essai  sur  l’Econom 1
rurale  de  1-Angleterre.
        <pb n="430" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  StuaA.  „„«.»»-tu,
Vi
kleinen  Besitz  zuschreibt,  sind  die  Neutralisation  der  Ungerechtigkeiten
der  Bodenrente  durch  ihre  Zersplitterung,  der  Schutz  der  unabhängigen
Produktion  gegen  ein  Versinken  in  die  Lohnarbeit,  die  Entwicklung  der
individuellen  Initiative  und  der  Intelligenz  der  Bauern,  und  hauptsächlich
der  energische  Zügel,  den  sie  dem  natürlichen  Streben  nach  einer  unüberlegten ­
  Bevölkerungsvermehrung  anlegt.
Man  muß  darauf  hinweisen,  daß  Stüart  Mm.  seine  Vorliebe  für
den  kleinbäuerlichen  Besitz  —  für  die  herrliche  französische  Bauernschaft,
„the  beautiful  French  peasantry“  wie  man  sie  seitdem  genannt  hat
—  der  ganzen  radikalen  Partei  in  England  eingeimpft  hat.  Die  Gesetze,
die  in  England  seit  dem  Ende  des  19.  Jahrhunderts  fortlaufend  gegeben
worden  sind,  um  mitten  in  den  großen  Latifundienbezirken  Inseln  des
Kleinbesitzes  zu  schaffen  (Small  Holding  Acts),  sind  seinem  Einfluß
zuzuschreiben.
3.  Schließlich  lehnt  sich  Stuart  Mill  nicht  weniger  stark  als  gegen
die  Bodenrente  auch  gegen  das  alte  Erbrecht  auf,  das  Reichtiimer  an
solche  gibt,  die  sie  nicht  erzeugt  haben.  —  Wie  wir  gesehen  haben,  machte
Senior  hier  keine  Unterscheidung,  sondern  faßte  beides  unter  demselben
Namen  „Rente“  zusammen.  —  Das  Erbrecht  erschien  Stuart  Mill
dem  wohlverstandenen  individualistischen  Prinzip  ebenso  sehr  zuwiderzulaufen ­
  wie  die  Bodenrente  und  sogar  im  Gegensatz  zu  dem  Gesetz  der
freien  Konkurrenz  zu  stehen,  da  es  die  Konkurrenten  unter  durchaus
ungleichen  Bedingungen  kämpfen  läßt.  Hierin  unterliegt  Stuart  Mill,
was  er  auch  nicht  verbirgt,  dem  Einfluß  der  Saint-Simonisten  und
Ihrer  Verachtung  für  den  „Zufall  der  Geburt“.
Jedoch  stieß  er  hier,  soweit  die  testamentarische  Erbfolge  in  Betracht ­
  kommt,  auf  eine  große  Schwierigkeit:  denn  das  freie  Verfügungsrecht ­
  über  seinen  Besitz  zu  Lebzeiten,  und  sogar  nach  dem  Tode  ist  vielleicht ­
  der  hervorragendste  Ausdruck  der  Individualität,  da  er  eine  Art
von  Fortleben  des  Willens  darstellt.  Stuart  Mill  entzieht  sich  dieser
Schwierigkeit  in  höchst  geistreicher  Weise:  er  achtet  das  Verfügungsrecht ­
  des  Besitzers,  aber  begrenzt  das  Erwerbsrecht  bei  den  Erben;  der
|vbe  darf  über  ein  bestimmtes  Vermögen  hinaus  nichts  erhalten.  Der
Krblasser  besitzt  die  volle  Freiheit,  sein  Vermögen  jedem,  dem  er  will,
7AI  geben  oder  zu  hinterlassen,  aber  nicht  dem,  der  schon  einen  genügenden
Allteil  am  Reichtum  hat.  Von  allen  von  Stuart  Mill  vorgeschlagenen
Lösungen  ist  diese  offenbar  die  am  stärksten  sozialistische:  daher  schlägt
er  sie  auch  mehr  in  der  Form  einer  Anregung  als  eines  positiven  Projekts ­
  vor 1 ).

x )  „Wenn  ich  einen  Gesetzeskodex  formulieren  sollte,  der  mir  an.
s 'ch  als  der  beste  erscheint,  so  würde  ich  vorziehen,  nicht  die  Quote  festzulegen,
die  ein  jeder  testamentarisch  vermachen  kann,  sondern  die  Hohe  dei  Erbschaft,  die
«in  jeder  durch  erblasserische  Zuwendung  oder  als  Erbschaft  erhalten  darf.  Es  soll
        <pb n="431" />
        408

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Stuart  Mill  hätte  in  das  Kapitel  eingereiht  werden  können,  das
wir  den  Pessimisten  gewidmet  haben,  denn  in  gewisser  Hinsicht  gehört
er  zu  ihrer  Schule,  besonders,  weil  er  stets  mehr  die  trübe  Seite  der  wirtschaftlichen ­
  Tatsachen  ins  Auge  faßt.  Wie  wir  schon  gesehen  haben,
erscheint  ihm  nicht  nur  das  Gesetz  der  Bevölkerung  als  voller  Gefahren
für  die  Zukunft  der  Arbeiterklasse,  sieht  er  nicht  nur  in  dem  Gesetz  des
sinkenden  Bodenertrages,  d.  h.  in  der  verhängnisvollen  Begrenzung  der
zum  Leben  notwendigen  Erzeugnisse,  „die  wichtigste  Wahrheit  der  volkswirtschaftlichen ­
  Wissenschaft“,  sondern  seine  Bücher  sind  voll  von
melancholischen  Betrachtungen  über  den  eitlen  Glauben  an  den  Fortschritt. ­
  So  sagt  er  z.  B.  an  der  so  oft  angeführten  Stelle:  „Es  ist  zweifelhaft, ­
  ob  alle  mechanischen  Erfindungen  die  tägliche  Arbeitslast  irgendeines ­
  menschlichen  Wesens  erleichtert  haben *  1 ).“  Und  in  gleicher  Weise
zeigt  er  uns  in  einer  ergreifenden  Vision  die  Zukunft  der  Gesellschaft
und  führt  aus:  „wie  der  Strom  menschlichen  Fleißes  am  Ende  allen  Endes
in  ein  stagnierendes  totes  Meer  mündet“.
Es  ist  der  Mühe  wert,  einen  Augenblick  bei  dieser  Idee  eines  stationären ­
  Zustandes  zu  verweilen,  die,  wenn  auch  ihre  Ursprünge
weit  vor  Mill  liegen,  doch  einer  der  für  ihn  bezeichnendsten  Gedanken
seines  Werkes  ist,  in  dem  man  sogar  „am  Ende  allen  Endes“  seine  Lösung
der  sozialen  Frage  suchen  muß.
Wie  wir  sahen,  haben  die  Volkswirtschaftler  und  besonders  Kicardo
das  Gesetz  des  allmählich  sinkenden  Profits,  als  eng  mit  dem  Gesetz
des  sinkenden  Bodenertrages  verbunden  gelehrt.  Sie  glaubten,  daß  es
bis  zu  dem  Punkte  fortwirken  würde,  an  dem  die  Verminderung  des  Profits
so  groß  geworden  sei,  daß  die  Bildung  neuer  Kapitalien  verhindert  würde 2 ).

einem  jeden  frei  stehen,  über  sein  Eigentum  durch  Testament  zu  verfügen,  aber  nicht
es  zu  verschwenden,  um  ein  oder  mehrere  Personen  über  ein  bestimmtes,  festgelegtes
Maximum  hinaus  zu  bereichern“  (Bd.  I,  B.  II,  Kap.  2,  §  4).
Es  ist  kaum  notwendig,  darauf  hinzuweisen,  daß  die  Beschränkung  des  Erbrechtes
eine  durchaus  persönliche  Auffassung  des  Individualismus  Stuart  Mill’s  ist,  die,
gerade  wie  übrigens  die  Vorhergehenden  Lösungen,  von  der  überwiegenden  Mehrzahl
der  Individualisten  verworfen  wird.  Es  ist  daher  etwas  gewagt,  wenn  Schatz  in  seinem
Buch  über  den  Individualismus  behauptet,  daß  „Stuart  Mill  der  wirkliche  Wardein
des  individualistischen  Geistes  sei!“  Er  wäre  dann  ein  etwas  ungetreuer  Verwalter,
dessen  Unterschlagungen  zu  zahlreichen  Prozessen  Anlaß  gegeben  hätten  1
l )  Principles,  B.  IV,  Kap.  6,  §  2.
a )  Zu  jeder  Zeit  und  an  jedem  Orte  hat  es  eine  gewisse  Höhe  des  Profits  gegeben,
die  das  Minimum  darstellt,  bei  dem  die  Menschen  dieser  Zeit  und  dieses  Landes  sich
dazu  entschließen  können,  Ersparnisse  zu  machen  und  sie  produktiv  anzulegen.  •  •  •
Wenn  auch  diese  Minimalhöhe  verschieden  sein  kann,  und  obgleich  es  möglich  sein  mag,
ihre  genaue  Höhe  in  einem  gegebenen  Augenblick  festzusetzen,  so  besteht  doch  dieses
Minimum  stets.  Sei  es  hoch  oder  niedrig,  sobald  es  einmal  erreicht  worden  ist,  k an11
die  Summe  der  Kapitalien  nicht  weiter  steigen.  Das  Land  hat  den  Zustand  erreicht,
        <pb n="432" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  409

Stuart  Mill,  der  diese  Theorie  an  dem  Punkt,  an  dem  sie  sie  verlassen
hatten,  wieder  aufnimmt,  kommt  zu  dem  Schluß,  daß  die  Industrie,
da  sie  notwendigerweise  von  dem  Kapital  begrenzt  wird,  an  dem  Tage
nicht  mehr|  wachsen  kann,  an  dem  die  Menge  des  Kapitals  stationär  geworden ­
  sein  wird.  Von  dem  Augenblick  an  wird  es  zu  einer  zwingenden
Notwendigkeit,  daß  auch  die  Bevölkerung  stationär  werde,  und  so  wird
das  ganze  wirtschaftliche  Leben  zum  Stillstand  kommen.  Aber  —  und
dies  ist  es,  was  diesen  Gedanken  so  bestechend  macht,  —  wenn'  sich
Stuart  Mill  über  diese  Perspektive  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt
bestürzt  zeigt,  so  erfüllt  sie  ihn  vom  moralischen  Gesichtspunkt  aus  mit
Freude.  „Ein  solcher  Zustand“,  „sagt  er,  ist  dem  jetzigen  bedeutend
vorzuziehen.“  Warum  nun?  Weil  er  glaubt,  daß  der  Strom  der  menschlichen ­
  Energie  deshalb  noch  nicht  versiegen,  sondern  nur  sein  Bett  ändern
und  neue  Felder  befruchten  wird.  An  dem  Tage,  an  dem  die  Menschen
müde  sein  werden,  den  einzigen  Inhalt  ihres  Lebens  darin  zu  sehen,  „dem
Reichtum  um  seines  bloßen  Besitzes  willen  nachzujagen“ 1 ),  werden
sie  Befriedigungen  höherer  Art  suchen.  Mit  einem  Worte,  er  hofft,  daß
alles  das,  was  für  den  wirtschaftlichen  Fortschritt  verloren  sein  wird,
für  den  moralischen  Fortschritt  Gewinn  bedeutet,  und  daß  in  diesem  leisen
Verklingen  der  jetzt  so  leidenschaftlichen  Wünsche  das,  was  man  die
soziale  Frage  nennt,  gelöst,  oder  besser  verschwunden  sein  wird 2 ).  Und

üen  die  Volkswirtschaftler  den  stationären  Zustand  nennen“  (Principles,  Bd.  II,
S.  275—276  d.  franz.  Übers.).
Stuart  Mill  gibt  die  Ursachen  an,  die  das  Fallen  des  Profit  bestimmen,  —
wie  auch  die,  die  zeitweilig  dieses  Fallen  verhindern:  besonders  Fortschritte  in  den
Produktionsmethoden,  und  umgekehrt,  Vernichtung  von  Kapitalien  durch  Kriege
Und  Krisen.
Es  ist  nicht  unnötig,  darauf  hinzuweisen,  daß  das  Wort  Profit  bei  den  englischen
klassischen  Ökonomisten  und  besonders  bei  Stuart  Mill  nicht  dieselbe  Bedeutung
hatte,  wie  bei  den  französischen  Ökonomisten.  Die  letzteren  haben  seit  J.-B.  Say  das
Wort  Profit  angewendet,  um  besonders  den  Anteil  des  Unternehmers  zu  bezeichnen;
üen  Anteil  des  passiven  Kapitalisten  nennen  sie  Zinsen  (interet).  Bei  den  englischen
Volkswirtschaftlem  wurde  jedoch  die  Funktion  des  Unternehmers  nicht  von  der  des
Kapitalisten  unterschieden,  weshalb  das  Wort  Profit  gleichzeitig  zur  Bezeichnung
dessen,  was  in  Frankreich  Profit  und  was  Zins  hieß,  gebraucht  wurde.  Hieraus  ergibt
eich  folgendes:  Während  die  Hedonisten  unter  den  französischen  Volkswirtschaftlern
logisch  nachweisen  können,  daß  unter  einer  hypothetischen  Herrschaft  der  vollkommen
Leien  Konkurrenz  der  Profit  auf  Null  sinken  würde,  können  die  englischen  Volkswirtschaftler ­
  diese  These  nicht  zugeben,  weil  für  sie  der  Profit  auch  den  Zins  einschließt,  der,
s o  sehr  er  auch  zurückgehen  möge,  als  Entlohnung  der  Abstinenz  notwendig  bleibt.
Übrigens  ist  es  die  französische  Auslegung  des  Wortes  Profit,  die  sich  heute  überall
Bahn  bricht.
ö  In  den  ersten  fünf  Ausgaben  hatte  Stuart  Mill  diesen  Satz  in  den  berühmt
gewordenen  Worten  ausgedrückt:  „den  Dollar  zu  jagen  und  andere  Dollarjäger  zu
züchten“.  Aber  1865,  während  des  Sezessionskrieges  für  die  Abschaffung  der  Sklaverei,
Veränderte  er  diese  etwas  anstößige  Fassung.
a )  In  einem  der  Briefe  an  Gustave  d’Eichthal,  die  vor  kurzem  veröffentlicht

\
        <pb n="433" />
        410

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

auch  ich  sehe  heute  unter  allen  dargebotenen  Gaben  der  Reformatoren
noch  nichts  Besseres.
§  3.  Die  Nachfolger  Stuart  Mill’s.
Der  Einfluß  Stuart  Mill’s  war  universal,  aber  trotzdem  hinterließ ­
  er  keine  wirklichen  Schüler,  vielleicht  deshalb,  weil  die,  die  es
hätten  werden  könnten,  wie  z.  B.  Arnold  Toynbee,  sich  der  historischethischen ­
  Schule  angeschlossen  haben.
Die  klassische  Schule  folgte  ihm  nicht  in  seinen  sozialistischen  Tendenzen. ­
  Sie  fuhr  fort,  die  Lehren  ihrer  ersten  Meister  zu  lehren,  —  aber
mit  vermindertem  Ansehen,  und  sie  erzeugte  keine  Werke  mehr,  die  denen
gleichgestellt  werden  können,  die  wir  eben  studiert  haben.  Es  gibt  jedoch
einige,  die,  wenn  sie  auch  nur  zweiten  Ranges  sind,  ausgezeichnet  genannt ­
  werden  können.  Wir  weisen  nur  auf  die  wichtigsten  hin.
In  England  gehören  dazu  die  Bücher  von  Cairnes,  besonders  So  me
Leading  Principles  of  Political  Economy,  das  1874  erschien.
Gewöhnlich  stellt  man  Cairnes  als  einen  Schüler  Stuart  Mill’s  hin:
das  ist  jedoch  ganz  und  gar  verkehrt  *).  Er  ist  in  jeder  Weise  ein  Klassiker,
ebenso  wohl  durch  die  deduktive  Methode,  die  er  die  einzig  mögliche  nennt,
und  die  er  sogar  übertreibt,  als  auch  durch  den  Gleichmut,  mit  dem  er
die  sozialen  Ungerechtigkeiten  betrachtet.  Er  nimmt  das  laisser-faire,
„nicht  als  Grundlage  einer  wissenschaftlichen  Doktrin  .  .  .,  sondern  als
die  sicherste  und  praktischste  Lebensregel“  an 2 ).  Er  verteidigt  gegen
Stuart  Mill  das  alte  Gesetz  des  Lohnfonds.  —  Einen  wirklich  neuen
Beitrag  hat  er  nicht  geliefert,  wenn  man  nicht  eine  Verbesserung  des
Konkurrenzgesetzes  so  nennen  will.  —  Er  hat  darauf  hingewiesen,  daß
es  weit  davon  entfernt  ist,  die  große  Tragweite  zu  besitzen,  die  man  ihm
zuschrieb,  sondern  sich  nur  zwischen  Individuen,  die  ungefähr  in  gleicher
Lage  sind,  betätigt,  nämlich  daß  seine  Wirkung  nur  im  Innern  kleiner  ge'
schlossener  Gruppen,  aber  nicht  von  einer  dieser  Gruppen  auf  die  andere
in  Erscheinung  trete:  er  nennt  dies  die  Theorie  der  „non  competing
groups“  (nicht  in  Wettbewerb  stehender  Gruppen).  Hierdurch  erklärt
sich,  daß  die  Ungleichheit  der  Profite  und  der  Löhne  sich  bis  ins  Unendliche ­
  aufrecht  erhalten  kann.

worden  sind,  schreibt  er,  indem  er  von  Auguste  Comte  spricht:  „Was  für  ein  ungeheuerlicher ­
  Irrtum  liegt  doch  in  dem  Glauben,  daß  dieses  Gesetz  der  Zivilisation
einen  beständigen  Fortschritt  erheische!  Warum  nicht  zugeben,  daß  im  Maßstabe,
wie  die  Menschheit  in  gewissen  Richtungen  fortschreitet,  sie  in  anderen  Rückschritte
macht?“
■  k ann  ihn  jedoch,  soweit  soziale  Reformen  in  Betracht  kommen,  hinsichtlich ­
  eines  Punktes  als  von  Stuart  Mill  beeinflußt  ansehen:  er  erklärt,  allerdings
nebenbei,  daß  „die  Kooperation“  der  einzige  Ausweg  aus  der  heutigen  Lage  sei.
2 )  Essays,  S.  281.
        <pb n="434" />
        Kapitel  II.  Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mil!  411

f

In  Frankreich  war  Michel  Chevalier  der  bekannteste  Vertreter
der  Nationalökonomie  unter  dem  zweiten  Kaiserreiche.  Obgleich  er
ein  Schüler  Saint-Simon’s  war,  fuhr  er  doch  fort,  am  College  de  France
die  klassische  Lehre  vorzutragen,  die  dort  seine  Vorgänger,  J.-B.  Say
nnd  Rossi,  gelesen  hatten 1 ).  Es  stritt  gegen  die  Sozialisten  von  1848
und  gegen  die  Schutzzöllner,  hatte  die  Ehre,  an  der  Besiegung  beider  teil
zu  nehmen  und  führte  mit  Cobden  die  Verhandlungen  über  den  bekannten ­
  Handelsvertrag  von  1860.  Er  begriff  die  Bedeutung,  die  die
Eisenbahnen  erlangen  sollten,  wie  auch  die  des  eben  vollendeten  Durchstiches ­
  des  Isthmus  von  Suez  (womit  ein  Projekt  Enfantin’s  verwirklicht ­
  worden  war),  und  der  großen  Kreditinstitute,  die  damals  aufkamen ­
 2 ).  Obgleich  er  zur  liberalen  Schule  übergangen  war,  vergaß  er
doch  nicht,  was  der  Saint-Simonismus  über  die  bedeutende  Rolle  der
Autorität  und  des  Staates  gelehrt  hatte,  und  spornte  die  Regierung  zu
tätiger  Beschäftigung  mit  den  Arbeiterfragen  an,  denen  Napoleon  III.
von  Natur  zuneigte.  Alle  diese  Gebiete  behandelte  er  mit  Sachkenntnis
und  Beredsamkeit.
Zur  gleichen  Zeit  veröffentlichte  Courcelle-Seneuil  eine  Abhandlung ­
  über  Nationalökonomie,  die  lange  Zeit  hindurch  als  maßgebend
galt.  Er  war  der  Hüter  der  reinen  Wissenschaft,  die  er  Plutologie  nannte,
um  sie  von  der  Ergonomie  oder  angewandten  Wissenschaft  zu  unterscheiden: ­
  er  hielt  es  für  äußerst  wichtig,  diese  beiden  Bereiche  streng
zu  trennen.  Während  langer  Zeit  übte  er  eine  Art  „schulmeisterlicher“
Oberaufsicht  aus,  und  er  war  es,  der  in  dem  Journal  des  Economistes
den  jungen  Volkswirtschaftlern  die  Rute  gab,  wenn  sie  sich  zu  emanzipieren ­
  versuchten,  während  zur  selben  Zeit  Maurice  Block  die  Veröffentlichungen ­
  der  deutschen  Schule,  die  damals  ihren  Anfang  nahm,  analysierte
und  scharf  kritisierte.
Wir  bedauern,  Frankreich  nicht  das  „Pr6cis  de  la  Science  6conoßiique
  et  de  ses  principales  applications“  (Darlegung  der  Wissenschaft ­
  von  der  Volkswirtschaft  und  ihrer  hauptsächlichsten  Anwendungen) ­
  von  Cherbuliez  zusprechen  zu  können,  ein  Werk,  das  1862
erschien,  denn  sein  Verfasser  war  Schweizer  und  erst  in  Genf,  später
in  Zürich  Professor.  Cossa  erklärt  in  seiner  „Histoire“,  daß  es  „ohne  allen
Zweifel  das  beste  in  französischer  Sprache  veröffentlichte  Werk  sei,  und
Wohl  auch  höher  stehe,  als  das  von  Stuart  Mill“.  Es  ist  sicher,  daß
dieses  Buch  etwas  Besseres  verdiente,  als  das  mittelmäßige  und  nur  kurze

1 )  Seit  1830  hat  diese  Professur  nur  vier  Inhaber  gehabt:  J.-B.  Say,  Eossi,
Michael  Chevalier,  und  jetzt  dessen  Schwiegersohn,  Paul  Leroy-Beaulieu.  Sie  stellt
ziemlich  genau  die  Geschichte  der  französischen  volkswirtschaftlichen  Schule  vor.

2 )  Das  eigentümlichste  seiner  Bücher  ist  das  1859  unter  dem  Titel  De  la  baisse
Probable  de  l’or  veröffentlichte  Werk,  das  während  der  ganzen  zweiten  Hälfte  des
19.  Jahrhunderts  eher  lächerlich  erschien,  aber  bald  neue  Bedeutung  gewinnen  könnte.
        <pb n="435" />
        412

Drittes  Buch.  Der  Liberalismus.

Aufsehen,  das  das  Schicksal  ihm  bestimmte.  Doch  läßt  sich  das  daraus
erklären,  daß  es,  obwohl  in  jeder  Weise  auf  ernsthaften  Grundlagen  beruhend, ­
  doch  viel  weniger  beredt  und  anregend  ist,  als  das  Buch  Stuart
Mill’s.  Cherbtjliez  gehört  der  klassischen  Schule  an.  Er  bekämpfte
den  Sozialismus  durch  Broschüren  in  der  Art  Bastiat’s  und  verteidigte
die  liberale  Lehre  und  die  deduktive  Methode.  Bei  alledem  kann  er,  ebenso
wie  die  beiden  Mill  vor  ihm  —  und  wie  Walras,  Spencer,  Lavbleye,
Henry  George  und  viele  andere  nach  ihm  —  doch  nur  mit  einigen  Gewissensbedenken ­
  den  Grundbesitz  mit  dem  individualistischen  Prinzip:
„einem  jeden  das  Produkt  seiner  Arbeit“  in  Übereinstimmung  bringen.
Und  wenn  er  sich  resigniert  damit  abfindet,  ihn  anzuerkennen,  so  liegt
das  mehr  daran,  daß  er  ihn  für  ein  geringeres  Übel  hält  als  den  Gemeinschaftsbesitz ­
  am  Boden.
In  Deutschland  hatte  die  liberale  Schule,  unmittelbar  bevor  sie
von  der  historischen  Schule  fortgefegt  wurde,  noch  einige  Vertreter.
Prince  Smith  (englischer  Abstammung)  verteidigte  dort  den  Freihandel
und  lehrte,  daß  „die  Annahme  widersinnig  sei,  es  gebe  überhaupt  eine
soziale  Frage,  und  noch  widersinniger,  daß  sie,  sollte  man  annehmen,
es  gäbe  wirklich  eine  solche  Frage,  durch  irgend  etwas  Anderes,  als  den
natürlichen  Lauf  der  Dinge,  gelöst  werden  könne.“  Weniger  doktrinär
und  mehr  reformatorisch  begann  ScHULZE-Delitzsch  ungefähr  im  Jahre
1850  die  Bewegung,  die  trotz  der  Spöttereien  Lassalle’s  sich  so  großartig
in  tausenden  von  Kreditgenossenschaften  ausbreiten  sollte,  aus  der  aber
bis  heute  nur  die  Mittelklassen  (kleine  Kaufleute,  Handwerker  und  Bauern)
Gewinn  gezogen  haben.
        <pb n="436" />
        Viertes  Buch.

Die  Abtrünnigen.

Mit  Bastiat  fand  der  vom  Sozialismus  bedrohte  wirtschaftliche
Liberalismus  im  Optimismus  ein  unsicheres  Obdach.
Stuart  Mill  gab  den  wirtschaftlichen  Gedanken  der  Gründer  ihren
klassischen  und  vollendeten  Ausdruck.  Das  wissenschaftliche  Gebäude
der  Volkswirtschaft  scheint  jetzt  nahezu  fertig.
Soll  hiermit  auch  die  Geschichte  der  Doktrinen  ihr  Ende  finden?
Durchaus  nicht!  Im  gleichen  Augenblick,  in  dem  man  glauben
konnte,  daß  der  Liberalismus  triumphiere  und  die  Ökonomik  endgültig
^geschlossen  sei,  erheben  sich  von  allen  Seiten  die  Gegner.  Die  Kritik,
nach  1848  für  einen  Augenblick  verstummt,  setzt  mit  neuer  Kraft  ein  und
*äßt  sich  jetzt  nicht  mehr  unterdrücken.
Zunächst  weigert  sich  in  Deutschland  eine  neue,  die  historische
Schule,  die  der  Wissenschaft  von  den  französischen  und  englischen  Volkswirtschaftlern ­
  gezogenen  Grenzen  anzuerkennen.  Sie  erstickt  in  der
Atmosphäre  von  Abstraktionen  und  Verallgemeinerungen,  mit  der  man
Sle  umgeben  hat.  Sie  verlangt  von  neuem  Berührung  mit  dem  Leben,
em  der  Vergangenheit  und  dem  der  Gegenwart.  Sie  ist  der  allgemeinen
Gesetze,  die  leeren  Rahmen  ähneln,  herzlich  müde.  Sie  verlangt  Tatsachen
üud  Beobachtungen.  Mit  jugendlicher  Kraft  greift  sie  alle  alten  Schlußlolgerungen ­
  an  und  will  die  Nationalökonomie  von  Grund  aus  wieder
a uf  bauen.
Dies  bezieht  sich  auf  die  Theorie.  Aber  mehr  noch  als  die  klassische
Theorie  wird  die  liberale  Politik  angegriffen,  mit  der  die  Wissenschaft
unklugerweise  gemeinsame  Sache  gemacht  hatte.
Auf  der  einen  Seite  protestieren  Schriftsteller,  die  auf  christlicher
Grundlage  stehen,  mit  ganz  neuer  Energie  gegen  den  Optimismus  und
dfs  laisser-faire,  und  zwar  im  Namen  der  Nächstenliebe,  der  moralischen
Grundsätze  und  des  Christentums  überhaupt.  Auf  der  anderen  Seite
        <pb n="437" />
        414

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

gewinnt  der  Interventionismus,  der  sich  noch  bei  Sismondi  nur  furchtsam
regte,  unter  dem  Drucke  der  Arbeiterfragen  eine  Kraft  und  eine  Ausdehnung, ­
  die  man  bis  dahin  niemals  gekannt  hatte,  und  verwandelt  sich  unter
dem  Namen  Staatssozialismus  in  eine  wirkliche  Doktrin.
Und  schließlich  erlebt  der  Sozialismus,  den  Reybaud  nach  1848  tot
gesagt  hatte,  seine  Auferstehung.  In  dem  1867  veröffentlichten  Kapital
von  Marx  findet  er  seinen  erschöpfendsten  und  mächtigsten  Ausdruck.
Er  stellt  sich  diesmal  nicht  lediglich  als  der  Ausdruck  warmherziger  Bestrebungen ­
  dar,  sondern  als  ein  neues,  wirklich  wissenschaftliches  System,
dessen  schneidende  Vorwürfe  die  Vertreter  der  klassischen  Nationalökonomie ­
  zum  erbitterten  Kampf  herausfordern,  und  das  sich  vermißt,
sie  mit  den  Waffen  zu  schlagen,  die  sie  selbst  geschmiedet  haben.
In  Wirklichkeit  ist  keine  dieser  neuen  Ideenströmungen  vollständig
neu.  Wir  sind  ihnen  schon  begegnet  und  haben  ihren  Ursprung  und  ihre
Wurzeln  im  zweiten  Buche  dieses  Werkes  dargelegt,  in  dem  wir  die  Gegner
der  Gründer  studierten.
Aber  zwischen  dem  Schicksal,  das  den  Doktrinen  vor  1848  beschieden
  war,  und  dem  der  Doktrinen,  die  uns  jetzt  beschäftigen  werden,
besteht  ein  sehr  bedeutsamer  Unterschied.  Trotz  der  Sympathien,  die
sie  umgaben,  standen  die  Gegner  der  Gründer  allein.  Ihre  Proteste  sind
fast  stets  individuell.  Sismondi  nicht  mehr  als  die  Saint-Simonisten,
Fourier  nicht  mehr  als  Owen,  Proudiion  oder  List  waren  imstande,
das  Vertrauen  der  öffentlichen  Meinung  in  den  Liberalismus  zu  erschüttern.
Aber  in  der  Periode,  die  jetzt  beginnt,  wenden  sich  im  Gegenteil  die  öffentliche ­
  Meinung  und  die  Parteien  mehr  und  mehr  diesen  neuen  Schulen  zu.
—  und  der  Liberalismus  wird  verlassen.
Allerdings  nicht  sofort.  Die  Ideen  der  meisten  dieser  Schulen  waren
schon  zwischen  1850  und  1875  formuliert  worden,  —  und  erst  das  letzte
Viertel  des  Jahrhunderts  sieht  ihren  Triumph.  Dieser  Triumph  ist  aber
darum  nicht  weniger  vollkommen.  In  Deutschland  nimmt  für  einige
Zeit  die  historische  Schule  fast  vollständig  den  Platz  der  klassischen
Schule  ein.  Der  Interventionismus  drängt  sich  seit  1880  beinahe
überall  der  Politik  der  Regierungen  auf.  Der  kollektivistische  Sozialismus ­
  erobert  stetig  wachsend  die  Arbeiterklassen  aller  industriellen
Länder  und  übt  einen  bemerkenswerten  Einfluß  auf  die  Politik  aus.  Der
christliche  Sozialismus  versteht  es,  in  allen  Konfessionen  immer
begeistertere  Anhänger  um  sich  zu  scharen.
Der  Fortschritt  dieser  neuen  Lehren  bezeichnet  daher  zur  gleichen
Zeit  den  Fall  der  klassischen  Nationalökonomie  und  den  Niedergang
des  Liberalismus.  Das  öffentliche  Interesse  wendet  sich  mehr  und  mehr
von  den  Ideen  der  „Gründer“  ab.  Und  da  es  auf  der  anderen  Seite  keinem
der  neuen  Systeme  gelingt,  sich  die  Vorherrschaft  zu  sichern,  kommt  es
zu  einer  Art  Zersplitterung  der  wirtschaftlichen  Gedanken,  die  viele  dazu
        <pb n="438" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  415

bringt,  hinsichtlich  aller  Theorien  und  aller  Volkswirtschaftspolitik  dem
ausgesprochensten  Skeptizismus  zu  huldigen.  Die  schöne  Zuversicht,
die  früher  geherrscht  hatte,  macht  dem  Zweifel  Platz.  Der  relativen  Einheitlichkeit ­
  der  Anfänge  folgt  die  Vielheit  der  Meinungen,  und  die  Wissenschaft ­
  sucht  von  Neuem  ihren  Weg.
In  dem  letzten  Buche  dieser  Geschichte  werden  wir  sehen,  wie  etwas
später  hervorragende  Schriftsteller  dazu  gelangt  sind,  allen,  denen  es
um  allgemeine  Wahrheiten  zu  tun  ist,  einen  neuen  Sammelpunkt  zu
geben,  indem  sie  die  wissenschaftliche  Tradition  der  Gründer  Wiederaufnahmen, ­
  aber  die  Wirtschaftswissenschaft  von  jedem  System
Politischer  Praxis  trennten  und  so  abermals  ein  vollständiges  Gebäude
gut  zusammengefügter  Lehren  aufrichteten.

Kapitel  I.
Die  historische  Schule
und  der  Streit  über  die  Methoden.

Die  von  der  historischen  Schule  geschaffenen  und  vertretenen  Gedanken ­
  erfüllen  die  ganze  zweite  Hälfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts.
Während  seines  letzten  Viertels  haben  sie  sogar  ihren  Höhepunkt  erdicht. ­
  Ihr  Geburtsdatum  liegt  aber  viel  weiter  zurück.  Es  fällt  ungefähr
®üt  dem  Erscheinen  eines  kleinen  Buches  im  Jahre  1843  zusammen,
dem  Grundriß  Roscher’s.  Um  die  Ideen  der  Schule  zu  verstehen,
amß  man  sich  in  diese  Zeit  zurückversetzen:  —  denn  der  Zustand,  in  dem
^eh  damals  die  Nationalökonomie  befand,  rechtfertigt  und  erklärt  die
Kritik  der  historischen  Schule.  .
Mit  den  Nachfolgern  J.-B.  Say’s  und  Ricardo’s  nahm  die  Nationalökonomie ­
  einen  mehr  und  mehr  abstrakten  Charakter  an.  Bei  einigen
anter  ihnen  zeigt  sich  das  Bestreben,  sie  auf  eine  kleine  Anzahl  theoretischer
Zündsätze  einzuengen,  die  wie  geometrische  Theoreme  formuliert  sm
a^d  sich  hauptsächlich  auf  den  internationalen  Güteraustausch,  auf  die
Bestimmung  der  Höhe  des  Profits,  der  Löhne  und  der  Grundrente  beziehen.
Selbst  wenn  man  die  Richtigkeit  dieser  Theoreme  zugeben  wollte  sind
doch  weit  davon  entfernt,  die  ganze  Vielfältigkeit  der  Wirtschaft  ichen
Phänomene  zu  erklären  oder  als  Führer  in  den  neuen  Problemen  der
^  rax is  zu  dienen,  die  die  Entwicklung  der  Industrie  alle  Tage  dem  Staats-^tianne
  stellt.  Aber  die  unmittelbaren  Schüler  Ricardo  s  und^  Say  s,
111  England  und  auf  dem  Kontinent,  Mac  Culloch,  Senior,  Storch,
        <pb n="439" />
        416

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Rau,  Garnier 1 ),  Rossi  fahren  fort,  sie  zu  wiederholen,  onne  etwas  von
Bedeutung  hinzuzufügen.  So  ist  die  Ökonomie  unter  ihren  Händen  zu
einem  Gebilde  ziemlich  farbloser  Lehrsätze  eingetrocknet,  deren  Verbindung ­
  mit  den  konkreten  wirtschaftlichen  Leben  immer  weniger  klar
hervortritt,  je  weiter  man  sich  von  ihrem  Ursprungsland  entfernt.  Allerdings ­
  könnte  man  Stuart  Mill  hiervon  ausnehmen.  Sein  Buch  datiert
aber  erst  von  1848  und  damals  war  die  historische  Schule  schon  geboren.
Seit  A.  Smith,  dessen  Werk  so  vielseitig  und  anregend  ist,  scheint  die
Nationalökonomie  nach  einem  Wort  Schmoller’s  an  einer  Art  von  Bleichsucht ­
  zu  leiden 2 ).
Dieser  Eindruck  wird  von  Arnold  Toynbee  in  einem  Artikel  über
die  alte  Nationalökonomie  sehr  gut  wiedergegeben.  „Ein  künstliches
Gebilde  der  Logik“  schreibt  er,  „wird  das  offizielle  Gesicht  der  wirklichen
Welt.  Nicht  daß  Ricardo  selbst,  der  ein  wohlwollender  und  guter  Mann
war,  gewünscht,  oder  wenn  er  sich  die  Frage  vorgelegt  hätte,  vermutet
hätte,  die  Welt  seiner  „Grundzüge“  sei  die  Welt,  in  der  er-lebte;  aber
unwillkürlich  nahm  er  die  Gewohnheit  an,  die  Gesetze,  die  nur  für  die
von  ihm  in  seinem  Arbeitszimmer  im  Hinblick  auf  die  wissenschaftliche
Analyse  geschaffene  Gesellschaft  wahr  sind,  auf  die  komplizierte  Gesellschaft ­
  anzuwenden,  die  um  ihn  lebte  und  webte.  Diese  Verwirrung  wird
von  einigen  seiner  Nachfolger  vermehrt,  und  in  den  schlecht  informierten,
volkstümlichen  Darlegungen,  die  man  von  seiner  Lehre  gab,  noch  verstärkt ­
  3 ).  Mit  anderen  Worten,  die  Kluft  zwischen  der  wirtschaftswissenschaftlichen ­
  Theorie  und  der  konkreten  Wirklichkeit  tritt  immer
deutlicher  zutage.  Diese  Spaltung  wächst  mit  der  Umwandlung  der
Industrie  mehr  und  mehr,  da  unvorhergesehene  Probleme  auftreten,  neue
soziale  Klassen  entstehen,  und  die  Industrie  auf  Länder  übergreift»
deren  wirtschaftliche  Verhältnisse  zuweilen  sehr  verschieden  von  denen
sind,  die  in  Frankreich  und  in  England  die  Gedankengänge  der  Gründer
hervorgerufen  hatten.
Man  konnte  versuchen,  diese  Kluft  zwischen  der  Wirklichkeit  und
der  Theorie  auf  zweierlei  Weise  zu  verschmälern.  Entweder,  indem  man
durch  die  Analyse  eine  neue  Theorie  aufbaute,  die  harmonischer  und
umfassender  war,  —  das  ist  der  Weg,  den  gegen  1870  Menger,  JbvoNS
und  Walras  betraten,  —  oder  radikaler,  indem  man  jede  abstrakte
')  Joseph  Garnier  (der  nicht  mit  Germain  Garnier,  den  Übersetzer  A.  SmitB  s &amp;gt;
verwechselt  werden  darf)  veröffentlichte  1845  die  erste  Ausgabe  seiner  filömeu  ^
d’Üconomie  politique.  Er  war  seit  1848  bis  zu  seinem  im  Jahre  1881  erfolgt 0 '
Tode  Chefredakteur  des  Journal  des  Üconomistes.  Nach  seinem  Tode  trat  MoU NAJt  &amp;gt;
und  nach  dessen  Tode,  1912,  Yves  Guyot  an  seine  Stelle.  .  ,
2 )  G.  Schmoller,  Zur  Literaturgeschichte  der  Staats-  und  ß° z .!f  r
Wissenschaften,  Leipzig  1888  (der  Ausdruck  findet  sich  in  der  Abhandlung  u
Roscher).
3 )  A.  Toynbee:  The  Industrial  Revolution,  S.  7.
        <pb n="440" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  417

Theorie  überhaupt  verwarf  und  in  der  Darstellung  der  Wirklichkeit  den
einzigen  Gegenstand  der  Wissenschaft  sah:  diesen  Weg  wählte  man  zuerst,
und  die  historische  Schule  schlug  ihn  ein.
Freilich  hatten  schon  lange  vor  der  Gründung  einer  historischen
„Schule“  gewisse  Schriftsteller  auf  die  Gefahr  hingewiesen,  die  der
Wissenschaft  aus  dem  Mißbrauch  der  Abstraktion  erwachsen  mußte.
Sismondi,  der  selbst  Historiker  war,  betrachtete  die  Nationalökonomie
als  eine  „moralische“  Wissenschaft,  in  der  „Alles  zusammenhängt“.  Er
wollte,  daß  man  die  ökonomischen  Phänomene  in  dem  sozialen  und  politischen ­
  Milieu,  in  dem  sie  auftraten,  studiere.  Er  kritisierte  die  allgemeinen ­
  Theoreme  Ricard  o’s  und  befürwortete  die  genaue  Beobachtung
der  Tatsachen 1 ).  Noch  kräftiger  hatte  List  die  klassischen  Volkswirtschaftler ­
  angegriffen.  Seine  Vorwürfe  machten  nicht  bei  Ricardo  halt,
sondern  wendeten  sich  sogar  gegen  Smith.  Indem  er  die  Geschichte  als
Demonstrationsmittel  benutzte,  indem  er  die  „Nationalität“  als  Basis
seines  Systems  nahm,  unterwarf  er  die  ganze  Handelspolitik  jenem  Prinzip
des  „Relativismus“,  auf  das  die  historische  Schule  so  viel  Nachdruck
gelegt  hat 2 ).  Und  weiterhin  hatten  die  Sozialisten  selbst,  besonders  die
Saint-Simonisten,  deren  ganzes  System  nur  eine  umfassende  Geschichtsphilosophie ­
  ist,  durch  ihre  Kritik  des  Eigentums  die  Unmöglichkeit  nachgewiesen, ­
  die  wirtschaftlichen  Tatsachen  von  den  sozialen  und  rechtlichen ­
  Einrichtungen  zu  isolieren.
Aber  keiner  dieser  Autoren  hatte  in  der  Geschichte  und  in  der  Beobachtung ­
  mit  Absicht  ein  Mittel  gesucht,  die  ganze  Volkswirtschaftslehre
neu  zu  konstruieren.  Dieser  Versuch  macht  die  Originalität  der  deutschen
historischen  Schule  aus.
Das  Werk  der  historischen  Schule  ist  ein  doppeltes  gewesen:  ein
Positives  und  ein  kritisches.  Ihre  kritische  Arbeit  unterwarf  die  Prinzipien ­
  und  Methoden  der  früheren  Nationalökonomen  einer  eingehenden
Diskussion,  die  stets  anregend,  aber  manchmal  ungerecht  war.  Durch
J hre  positive  Arbeit  hat  sie  der  Nationalökonomie  neue  Horizonte  erschlossen; ­
  sie  hat  das  Bereich  ihrer  Beobachtungen  und  den  Kreis  ihrer
Probleme  erweitert.
*)  Es  ist.  eigentümlich,  daß  die  „Historiker“  fast  niemals  Sismondi  unter  ihren
Vorläufern  aufzählen.  Roscher  und  Hildebrand  erwähnen  ihn  nicht,  und  Knies  hält
ihn  mehr  für  einen  Sozialisten  (vgl.  Die  politische  Ökonomie  vom  geschicht-”chen
  Standpunkt,  2.  Ausg.,  S.  322).
2 )  Doch  hat  auch  List  keine  Gnade  vor  den  „Historikern“  gefunden.  Hildebrand
wirft  ihm  vor,  mit  der  „atomistischen  Auffassung“  Smith’s  behaftet  zu  sein  und  die
„ethische  Natur  des  Gemeinwesens“  zu  vergessen.  „Bei  List,“  sagt  er,  „erscheint
jede  Unterordnung  des  Privatinteresses  unter  den  öffentlichen  Zweck  nur  als  Forderung
her  Klugheit  und  des  wohlverstandenen  Eigennutzes,  nicht  als  sittliche  Pflicht,  welche
aus  der  Natur  des  Gemeinwesens  hervorgeht.“  (Hildebrand,  Die  Nationalökonomie
Oer  Gegenwart  und  Zukunft,  S.  73.)  Man  ersieht  hieraus,  wie  die  ethischen
Forderungen  die  historische  Schule  beschäftigten.
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.

27
        <pb n="441" />
        )  -

418

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Wenn  es  aber  relativ  leicht  ist,  die  kritischen  Gedanken  der  Schule
darzulegen,  die  in  Büchern  und  zahlreichen  Artikeln  enthalten  und  fast
allen  Schriftstellern,  die  ihr  anhängen,  gemeinsam  sind,  so  ist  es  doch
bedeutend  schwieriger,  die  grundlegenden  Auffassungen,  auf  denen  ihr
positives  Werk  beruht,  klar  herauszuarbeiten.  Diese  Auffassungen  sind
nämlich  mehr  eine  Unterströmung  in  den  Werken  ihrer  vornehmsten
Vertreter,  als  daß  sie  dort  eindeutig  formuliert  wären.  Jedesmal,  wenn
sie  sie  definieren  wollten,  taten  sie  es  (und  einige  ihrer  Schüler  erkennen
das  bereitwillig  an) 1 ),  in  einer  unbestimmten  und  oft  widerspruchsvollen
Weise.  Auch  sind  ihre  Grundgedanken  bei  den  verschiedenen  Schriftstellern, ­
  die  sich  zur  historischen  Methode  bekennen,  nicht  übereinstimmend
formuliert.
Um  ermüdende  Wiederholungen  und  zahllose  Diskussionen  zu  vermeiden, ­
  werden  wir  daher  damit  beginnen,  eine  gedrängte  Übersicht
über  die  äußere  Entwicklung  der  historischen  Schule  zu  geben,  —  dann
werden  wir  das  Ganze  ihrer  kritischen  Arbeit  untersuchen,  —  und  zum
Schluß  uns  bemühen,  ihre  positiven  Auffassungen  über  die  Natur  und
den  Gegenstand  der  politischen  Ökonomie  auseinanderzusetzen.  Hierin
liegt  natürlich  für  den  Historiker  der  Doktrinen  der  interessanteste  Teil
ihres  Werkes.

§  1.  Der  Ursprung  und  die  Entwicklung  der
historischen  Schule.
Der  Gründer  der  Schule  ist  unbestritten  Wilhelm  Roscher,  Professor ­
  an  der  Universität  Göttingen,  der  1843  seinen  Grundriß  zu  Vorlesungen ­
  über  die  Staatswissenschäft  nach  GESCHICHTLICHER ­
  Methode 2 )  veröffentlichte.  In  dem  Vorwort  zu  diesem  kleinen
Werk  legt  er  schon  die  Richtlinien  fest,  die  ihn  leiten  sollten,  Richtlinien,
die  er  später  in  seinem  berühmten  System  der  Volkswirtschaft,
dessen  erste  Ausgabe  (die  Grundlagen)  1854  erschien,  ausführlich
entwickelte.  Er  erhebt  nicht  den  Anspruch,  sich  mit  etwas  Anderem
als  mit  Wirtschaftsgeschichte  zu  befassen.  „Unser  Zweck“,  sagt  er,  ,j st
die  Beschreibung  dessen,  was  die  Völker  in  wirtschaftlicher  Hinsicht
gewollt  und  gefühlt  haben,  der  Zwecke,  die  sie  verfolgten  und  erreichten,
der  Ursachen,  für  welche  sie  sie  verfolgt  und  erreicht  haben 3 ).“  Eine
1 )  Siehe  unter  Anderem  auch  die  Aufsätze  von  Max  Weber  in  Schmoller’s  Jahrbuch ­
  für  Gesetzgebung,  Verwaltung  und  Volkswirtschaft  im  Deutschen
Reich  aus  den  Jahren  1903,  S.  1881  und  1905,  S.  1323.  Die  methodologischen  Ir r '
tümer  Roscher’s,  Knies’  und  Hildebrand’s  werden  dort  ausgiebig  kritisiert.
2 )  Grundriß  zu  Vorlesungen  über  die  Staatswirtschaft  nach  geschichtlicher ­
  Methode,  Göttingen  1843.
3 )  Grundriß,  Vorwort,  S.  IV.
        <pb n="442" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  419

derartige  Untersuchung,  fügt  er  hinzu,  kann  nur  gemacht  werden,  „indem ­
  man  in  enger  Verbindung  mit  den  anderen  Wissenschaften  des  nationalen ­
  Lebens  bleibt,  hauptsächlich  mit  der  Rechtsgeschichte,  mit  der
politischen  Geschichte  und  der  Geschichte  der  Zivilisation“.  Er  verwahrt
sich  zugleich  dagegen,  der  Schule  Ricardo’s  Opposition  machen  zu  wollen.
»Ich  bin  weit  davon  entfernt,“  so  fährt  er  fort,  „diesen  Weg  als  den  einzigen
oder  den  kürzesten  zu  betrachten,  um  die  Wahrheit  zu  erreichen;  aber
ich  zweifle  nicht  daran,  daß  er  in  besonders  schöne,  und  fruchtbare  Gegenden ­
  führt,  die,  einmal  aufgeschlossen,  niemals  wieder  vollständig  verlassen ­
  werden.“
Das,  was  Roscher  sich  hier  vorsetzt,  ist  daher  lediglich  die  Ergänzung ­
  der  gewöhnlichen  Theorie  durch  eine  Geschichte  der  Ereignisse
und  der  wirtschaftlichen  Meinungen.  In  Wahrheit  hat  sich  auch  Roscher
io  der  Reihe  der  sich  folgenden  Bände  seines  Systems,  die  mit  wachsender
Gunst  von  dem  gebildeten  Deutschland  aufgenommen  wurden,  damit
begnügt,  neben  die  Darlegung  der  klassischen  Doktrinen  zahlreiche
gelehrte  Betrachtungen  über  die  wirtschaftlichen  Tatsachen  und  Ideen
der  Vergangenheit  zu  stellen 1 ).
Roscher  bezeichnete  sein  Unternehmen  als  den  Versuch,  die  von
Savigny  in  die  Jurisprudenz  eingeführte  und  dort  bewährte  historische
Methode  auf  die  Nationalökonomie  anzuwenden 2 ).  Aber  die  Analogie
ls t,  wie  Karl  Menger 3 )  ganz  richtig  gezeigt  hat,  rein  äußerlich.  Savigny
batte  die  Geschichte  benutzt,  um  den  organischen  und  spontanen  Ursprung ­
  der  bestehenden  Einrichtungen  dem  Verständnis  näher  zu  bringen.
Gr  wollte  hierdurch  ihre  Berechtigung  gegenüber  den  radikalen  Anschauungen ­
  des  reformatorischen  Rationalismus,  der  dem  18.  Jahrhundert
'■'gen  war,  nachweisen.  Bei  Roscher,  der  sich  selbst  zum  Liberalismus
bekennt  und  seine  reformatorischen  Bestrebungen  teilt,  ist  nichts  Derar
 tiges  der  Fall.  Bei  ihm  dient  die  Geschichte  besonders  dazu,  die  wirtsehaftliche
  Theorie  zu  illustrieren,  sie  mit  Beispielen  zu  belegen,  die,
Wenn  sie  auch  vielleicht  dem  Staatsmann  keine  Regeln  vorschreiben
rönnen,  doch  wenigstens,  wie  er  sich  ausdrückt,  geeignet  sind,  „den  politischen ­
  Sinn  zu  bilden“.
Richtiger  kann  man  mit  Sciimoller  selbst  die  Bestrebungen
Uoscher’s  als  einen  Versuch  betrachten,  den  Unterricht  der  Nationalökonomie ­
  an  die  Tradition  der  alten  deutschen  „Kameralisten  des  17.

,  uao  seine  metnoae

)  Gerade  dieses  Urteil  fallt  Knies  über  c  ;  lökonom i e  berichtigt“.  (Die
-mehr  die  Geschichtsschreibung  ergänzt,  a  s  die  JNation
Politische  Ökonomie  vom  geschichtlichen  Standpunkt,  ,
s )  Grundriß,  Vorwort  S.  IV—V.  die  Metbode  der  Sozial-3
 )  Karl  Menger,  Untersuchungen  ö b konomi(j  insbeson dere  (Leipzig
Wissenschaften  und  der  politischen
1-883,  S.  200—209).

27*
        <pb n="443" />
        420

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

und  18.  Jahrhunderts  anzuknüpfen 1 ).  Ihre  Aufgabe  war,  die  Studenten
in  die  praktischen  Wissenschaften  der  Verwaltung  und  der  Finanzen
einzuführen  und  vor  Allem,  ihnen  bestimmte  Vorstellungen  von  dem
wirtschaftlichen  und  sozialen  Milieu  zu  geben,  in  dem  sie  ihre  Tätigkeit
ausüben  sollten.  In  Wirklichkeit  stand  auch  die  englisch-französische
Nationalökonomie  in  sehr  engem  Zusammenhang  mit  gewissen  praktischen
Fragen  der  Steuer-  und  Handelspolitik.  Aber  in  einem  Lande  wie  Deutschland, ­
  dessen  industrielle  Entwicklung  viel  weniger  fortgeschritten  war,
als  die  Frankreichs  oder  Englands,  traten  diese  Probleme  in  ganz  anderer
Form  auf,  und  die  Notwendigkeit,  die  klassische  Theorie  für  die  Studenten
mit  der  Wirklichkeit  des  Wirtschaftslebens  in  Verbindung  zu  bringen,
erschien  hier  viel  dringlicher  als  irgendwo  anders.  Die  Neuerung  Roscher’s
hat  daher  mehr  einen  pädagogischen  als  wissenschaftlichen  Charakter.
Er  erneuert  eher  eine  akademische  Tradition,  als  daß  er  eine  neue  wissenschaftliche ­
  Strömung  schafft.
1848  stellte  ein  anderer  deutscher  Professor,  Bruno  Hildebrand,
ein  viel  ehrgeizigeres  Programm  auf.  In  seinem  Buche  „Die  Nationalökonomie ­
  der  Gegenwart  und  Zukunft“ 2 )  war  der  Gegensatz  zu
der  klassischen  Volkswirtschaft  viel  ausgeprägter  als  bei  Roscher.  Die
Geschichte  wurde  hier  nicht  nur  als  ein  Mittel  hingestellt,  die  bestehenden
Theorien  zu  beleben  und  zu  vervollkommnen,  sondern  als  ein  Mittel
vollständiger  Erneuerung  der  Wissenschaft.  Hildebrand  berief  sich
auf  die  Fortschritte,  die  die  historische  Methode  der  Sprachwissenschaft
gebracht  hatte.  Von  nun  an  sollte  die  Nationalökonomie  einzig  „ein p
Lehre  von-  den  ökonomischen  Entwicklungsgesetzen  der  Völker“  sein 3 )-Etwas
  später  ging  Hildebrand  in  der  programmatischen  Einführung ­
  der  neuen  im  Jahre  1863  von  ihm  gegründeten  Zeitschrift  „Jahrbücher ­
  für  Nationalökonomie  und  Statistik“  noch  viel  weiter.
Er  bestreitet  sogar  die  Existenz  der  wirtschaftlichen  Naturgesetze,  so
wie  die  Klassiker  sie  aufgefaßt  hatten  und  macht  Roscher  einen  Vorwurf ­
  daraus,  ihre  Existenz  zugegeben  zu  haben 4 ).  Bei  dieser  gewagten
J )  Schmoller,  op.  cit.  Über  dio  Kameralisten  siehe  die  Geschichte  der  Nationalökonomie ­
  von  Onoken,  Leipzig  1902,  S.  227ff.;  Menger  und  Schmoller  zählen  auch
Roscher  zu  der  historischen  Schule,  die  in  Göttingen  mit  Heeren,  Gervinus  usvim
  ersten  Drittel  des  19.  Jahrhunderts  die  Politik  auf  die  allgemeine  Geschichte  z' 1
gründen  suchte.  Roscher  hatte  unter  ihrem  Einflüsse  Geschichte  studiert  und  sein
Versuch  gleicht  in  allen  Punkten  dem  ihren.  .
2 )  Die  Nationalökonomie  der  Gegenwart  und  Zukunft,  Frankfurt  a.  »  ■
1848,  Bd.  I.
3 )  In  der  Einleitung,  S.  V,  erklärt  er,  daß  der  Zweck  seines  Werkes  darin  b
stehe:  „auf  dem  Gebiete  der  Nationalökonomie  einer  gründlichen  historischen.Richtung
und  Methode  Bahn  zu  brechen  und  diese  Wissenschaft  zu  einer  Lehre  von  1
ökonomischen  Entwicklungsgesetzen  der  Völker  umzugestalten“.  .
4 )  Roscher  hatte  sogar  gesagt,  daß  sie  einen  mathematischen  Charakter  zeig  e
(bystern  d.  Volksw.  Bd.  I,  §  77.)  Dagegen  drückt  sich  Hildebrand  in  einer  char
        <pb n="444" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.

Behauptung  scheint  aber  Hildebarnd  nicht  bemerkt  zu  haben,  daß
er  damit  die  ganze  Grundlage  jeder  Wirtschaftswissenschaft  vernichtete
und  so  diesen  „Entwicklungsgesetzen“  jede  rationelle  Stütze  entzog,
denselben  Gesetzen,  die  von  nun  an  nach  seiner  Ansicht  das  Wesen  der
Wissenschaft  bilden  sollten.
Übrigens  hatten  die  absoluten  Behauptungen  Hildebrand’s  ebensowenig ­
  Einfluß  auf  die  wirtschaftliche  Theorie,  wie  der  Eklektizismus
Roscher’s.  Abgesehen  von  einer  kurzen  Darlegung  eines  allgemeinen
Schemas  der  wirtschaftlichen  Geschichte  der  Völker,  in  der  er  drei  verschiedene ­
  Stufen  unterscheidet:  die  der  Naturalwirtschaft,  der  Geldwirtschaft ­
  und  der  Kreditwirtschaft,  begnügt  er  sich  damit,  fragmentarische ­
  Aufsätze  über  Sonderfragen  der  Statistik  und  der  Geschichte
Zu  veröffentlichen.  Und  in  der  Regel  nimmt  er  die  klassischen  Theorien
über  die  Gütererzeugung  und  -Verteilung  als  feststehende  Wahrheiten  an.
Hildebrand  hatte  1848  versprochen,  seinem  rein  kritischen  Werke
e me  Fortsetzung  folgen  zu  lassen,  in  der  die  Hauptpunkte  der  neuen
Methode  dargelegt  werden  sollten.  Aber  diese  Fortsetzung  ist  nie  erschienen. ­
  Ein  anderer  Professor,  Karl  Knies,  war  es,  der  sich  dieser
schwierigen  Aufgabe  in  einer  großen  Abhandlung  unterzog,  die  1853
Uj iter  dem  Titel  „Die  politische  Ökonomie  vom  Standpunkte
? er  geschichtlichen  Methode“  erschien 1 ).  Seine  Ideen  stimmen
Jedoch  ebensowenig  mit  denen  seiner  beiden  Vorgänger  überein,  wie  diese
Untereinander  Übereinstimmung  zeigen.  Er  bestreitet  nicht  nur  wie
Hildebrand  im  Namen  der  menschlichen  Freiheit  die  Existenz  von
natürlichen  Gesetzen,  sondern  er  bestreitet  sogar  auch  Hildebrand’s
^Entwicklungsgesetze“.  Für  ihn  kann  es  nur  Analogien  und  nicht
* e setze  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  der  verschiedenen  Völker
| e oen.  Knies  teilt  daher  ebensowenig  die  Ideen  Hildebrand’s  und
Hoscher’s,  wie  die  der  Klassiker.  In  seinen  Augen  wird  die  Nationaltßristischen
  Stelle  in  seinem  Aufsatz  über  die  gegenwärtige  Aufgabe  der  Wissen-Ü,
  a Ü  der  Nationalökonomie  (Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und
.  ^tistik,  1863,  Bd.  I,  S.  145)  wie  folgt  aus:  „Die  Nationalökonomie  hat  es  deshalb
.  t  wie  die  Physiologie  des  tierischen  Organismus  oder  andere  Zweige  der  Natur-*ssenschaft
  mit  Naturgesetzen  zu  tun,  sie  hat  nicht  in  der  Mannigfaltigkeit  der  öko-1
 0tnif &amp;gt;chen  Erscheinungen  nach  unwandelbaren,  überall  gleichbleibenden  Gesetzen  zu
orschen,  sondern  sie  hat  in  dem  Wechsel  der  nationalökonomischen  Erfahrungen  den
ortschritt,  in  dem  wirtschaftlichen  Leben  der  Menschheit  die  Vervollkommnung  der
'Menschlichen  Gattung  nachzuweisen.  Ihre  Aufgabe  ist  es,  den  nationalökonomischen
ntwicklungsgang  sowohl  der  einzelnen  Völker,  als  auch  der  gesamten  Menschheit
(j on  Stufe  zu  Stufe  zu  erforschen  und  auf  diesem  Wege  die  Fundamente  und  den  Bau
® r  gegenwärtigen  wirtschaftlichen  Kultur,  sowie  die  Aufgaben  zu  erkennen,  deren
osung  der  Arbeit  der  lebenden  Generation  Vorbehalten  ist.“
..  b  Die  zweite  Ausgabe  erschien  30  Jahre  später,  im  Jahre  1883,  unter  etwas
ränderten  Titel:  Die  politische  Ökonomie  vom  geschichtlichen  Standpunkte.  Den
a ten  liegt  die  zweite  Ausgabe  zugrunde.
        <pb n="445" />
        422

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Ökonomie  einfach  zu  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen  Meinungen  in
den  verschiedenen  Epochen  in  Verbindung  mit  der  historischen  Gesamtentwicklung ­
  einer  Nation.
Sein  Buch  blieb  im  Übrigen  fast  unbemerkt.  Die  Historiker  übersahen ­
  es.  gerade  so  wie  die  Volkswirtschaftler.  Erst  später  als  die  „junge
historische  Schule“  sich  zu  ihrer  vollen  Bedeutung  entwickelt  hatte,
wandte  sich  die  Aufmerksamkeit  dem  alten  Werke  Knies’  zu,  von  dem
eine  zweite  Ausgabe  1883  erschien.  Knies  hat  sich  verschiedentlich
darüber  beklagt,  daß  Roscher  niemals  seine  Ideen  diskutieren  wollte.
Eigentlich  hätte  Knies,  nachdem  er  einen  so  gewaltigen  Anlauf
genommen  hatte,  um  die  Methode  einer  neuen  Ökonomie  zu  begründen,
es  seine  erste  Sorge  sein  lassen  müssen,  ihre  Ergiebigkeit  durch  Anwendung ­
  auf  die  Untersuchung  wirtschaftlicher  Tatsachen  darzutun.  Eigentümlicherweise ­
  hat  er  das  nicht  getan.  Seine  späteren  Arbeiten  über
das  Geld  und  den  Kredit,  die  ihm  eine  berechtigte  Berühmtheit  eingetragen
haben,  zeigen  keine  Spur  von  den  in  seinen  früheren  Schriften  bemerkbaren ­
  historisierenden  Sorgen.
So  hatten  also  die  drei  Gründer  der  Schule  die  klassische  Methode
wohl  kritisiert,  aber  sie  hatten  sich  nicht  über  den  Zweck  und  die  Natur
der  Wissenschaft  verständigen  können  und  überließen  es  Anderen,  ihre
Ideen  zur  Anwendung  zu  bringen.
Die  junge  historische  Schule,  die  sich  nach  1870  um  Schmoller
zusammenschloß,  unternahm  es,  diese  Anwendung  zu  versuchen.  Die
Schriftsteller  der  „jungen  historischen  Schule“  unterscheiden  sich  von
den  Schriftstellern,  über  die  wir  soeben  gesprochen  haben,  in  zwei  Haupt'
punkten:
1.  Sie  lassen  den  unglücklichen  Streit,  den  Hildebrand  und  Knies
über  die  wirtschaftlichen  Gesetze  begonnen  hatten,  völlig  beiseite.  Sie
hüten  sich,  natürliche  Gesetze  und  Regelmäßigkeiten  des  sozialen  Lebens
zu  leugnen,  deren  Untersuchung  gerade  den  Zweck  der  Wissenschaft
darstellt.  Sie  sind  im  Gegenteil  Deterministen.  „Wir  wissen  heute,“
sagt  Schmoller 1 ),  „daß  die  psychische  Kausalität  eine  andere  ist,  als
die  mechanische,  aber  wir  betrachten  sie  als  eine  gleich  notwendige- 1
Sie  bestreiten  nur,  daß  diese  Gesetze  durch  die  klassische  Methode  entdeckt ­
  werden  können.  In  dieser  Hinsicht  haben  sie  die  Kritiken  aller
ihrer  Vorgänger  wieder  aufgenommen,  —  Kritiken,  von  denen  wir  weiter
unten  sprechen  werden.
Was  die  „Entwicklungsgesetze“  anbelangt,  zu  denen  Hildebrand
die  wissenschaftlichen  Untersuchungen  führen  wollte,  so  betrachten
sie  sie  mit  großem  Skeptizismus.  Schmoller  sagt:  „Wir  sprechen,
während  wir  gestehen,  historische  Gesetze  nicht  zu  kennen,  von  wir  -
')  Schmoller,  Grundriß  der  allgemeinen  Volkswirtschaftslehre  (Le'P 211 '’
1908),  Bd.  I,  S.  107.
        <pb n="446" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  423

schaftlichen  und  statistischen  Gesetzen 1 )“.  An  einer  anderen  Stelle
erklärt  er  etwas  melancholisch:  „Schon  die  Frage,  ob  das  ökonomische
Leben  der  Menschheit  eine  Einheit  bilde,  einen  einheitlichen  Entwicklungsprozeß ­
  darstelle,  einen  Fortschritt  zeige,  können  wir  nicht  mit  empirischen
Beweisen  bejahen“ 2 ).  Diese  Stelle  ist  durchaus  charakteristisch,  und
erscheint  wie  die  Zusammenfassung  der  großen  synthetischen  Abhandlung,
die  Schmoller  1908  veröffentlichte 3 ).  Mit  dem  gleichen  Skeptizismus
steht  er  den  Versuchen  der  Geschichtsphilosophie  gegenüber 4  S.  *  *  8 ).
2.  Die  „junge  historische  Schule“  hat  sich  nicht  damit  begnügt,
die  Dringlichkeit  der  Anwendung  der  Geschichte  auf  die  Nationalökonomie
zu  proklamieren.  Sie  hat  die  historische  Methode  wirklich  ins  Werk  gesetzt. ­
  Seit  1860  ungefähr  wenden  sich  die  deutschen  Volkswirtschaftler
mehr  und  mehr  von  den  theoretischen  Fragen  ab.  Sie  gehen  fast  ausschließlich ­
  in  der  Diskussion  praktischer  Probleme  auf,  hauptsächlich
in  der  Untersuchung  sozialer  Fragen  und  in  historischen  und  beschreibenden ­
  Arbeiten.  Die  volkswirtschaftlichen  Monographien  häufen  sich.
Lie  Einrichtungen  des  Mittelalters  und  des  Altertums,  die  alten  Doktrinen, ­
  die  Sozialgeschichte,  die  Statistik,  die  Beschreibung  der  wirtschaftlichen ­
  Organisation  der  modernen  Nationen  bilden  den  Hauptgegenstand ­
  dieser  Arbeiten.  Die  Nationalökonomie  löst  sich  in  dem

l )  Ebenda,  Bd.  I,  S.  109.
s )  Ebenda,  Bd.  II,  S.  653.
*)  Einige  Anhänger  der  historischen  Schule  sind  aber  nicht  so  vorsichtig.  So
schreibtAsHLEY(Histoire  et  doctrines  öconomiques  de  l’Angleterre,  Vorwort,
S.  3  d.  franz.  Übers.,  1900)  folgendes:  „Ebenso,  wie  die  Geschichte  der  Gesellschaft,
trotz  scheinbarer  Rückschritte,  eine  regelmäßige  Entwicklung  enthüllt,  so  hat  es  auch
sine  regelmäßige  Entwicklung  in  der  Geschichte  des  menschlichen  Geisteslebens  gegeben, ­
  und  folglich  auch  in  dem,  was  die  Menschen  über  die  wirtschaftliche  Seite
des  Lebens  gedacht  haben.“  Ebenso  Ingram  (Histoire  de  l’Üconomie  politique,
8.  293  d.  franz.  Übers.,  1893):  „Wie  wir  mehr  als  einmal  dargelegt  haben,  ist  der  Gedanke ­
  der  Entwicklung  oder,  mit  anderen  Worten,  der  einer  geordneten  Veränderung
e 'n  wesentlicher  Teil  der  Idee  des  Lebens.  Daß  eine  derartige  Entwicklung  in  der
Verfassung  oder  in  dem  geordneten  Betrieb  der  Gesellschaft  in  allen  ihren  Bestandteilen
stattfindet,  ist  eine  Tatsache,  die  man  nicht  in  Zweifel  ziehen  kann  ...  Es  ist  ebenfalls ­
  selbstverständlich,  daß  zwischen  den  verschiedenen  sozialen  Bestandteilen  Beziehungen ­
  solcher  Art  bestehen,  daß  eine  Veränderung  in  dem  einen  dieser  Bestandteile
Veränderungen  in  einem  anderen  bedingt  oder  herbeiführt.  Man  sieht  daher  nicht  leicht
ßin,  weshalb  man  so  beständigen  Beziehungen  der  Koexistenz  und  der  Aufeinanderfolge
die  Benennung  „natürliche  Gesetze“  versagen  will.  Da  diese  Gesetze  allgemein  gültig
sind,  gestatten  sie  die  Bildung  einer  abstrakten  Theorie  der  wirtschaftlichen  Entwicklung.“ ­

4 )  Gegenüber  den  Versuchen  der  Geschichtsphilosophie  hat  Schmoller  „die
Empfindung,  daß  die  Wissenschaft  auf  ihrer  heutigen  Stufe  nicht  wieder  davon  lassen
kann,  solche  Versuche  zu  machen,  daß  es  sich  aber  bis  jetzt  doch  mehr  um  wissenschaftliche ­
  Versuche,  teilweise  mehr  um  teleologische  Deutungsversuche,  als  um  für  immer
gesicherte  Wahrheiten  handelt“  (Grundriß,  Bd.  II,  S.  665).
        <pb n="447" />
        424

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Studium  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen  und  der  Geschichte  des
Wirtschaftslebens  auf,  ja  geht  fast  darin  unter.
Das  auf  diese  Weise  von  der  historischen  Schule  geschaffene  Werk
ist"  beträchtlich.  Es  würde  ungerecht  sein,  wenn  man  vergäße,  daß  auch
vor  ihr  ähnliche  Monographien  veröffentlicht  worden  sind,  oder  daß
gewisse  sozialistische  Systeme  wie  das  Kapital  von  Marx  in  Wirklichkeit ­
  große  historische  Synthesen  darstellen.  Aber  der  systematische
Anstoß,  den  die  Wirtschaftshistoriker  dieser  Art  von  Untersuchungen
gegeben  haben,  stellt  ihr  unbestreitbares  Verdienst  vor.  Überall  haben
sie  im  letzten  Viertel  des  19.  Jahrhunderts  ein  neues  Interesse  für  die
Geschichte  und  für  die  Beobachtung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen
geweckt.  Man  kann  hier  nicht  alle  diese  Arbeiten  aufzählen,  die  sich  mit
den  verschiedensten  Gegenständen  beschäftigen.  Wir  werden  späterhin
versuchen,  ihren  Hauptgehalt  klarzustellen.  Die  Namen  Sciimollek,
Brentano,  Held,  Bücher,  Sombart  sind  Allen  bekannt,  die  sich  mit
der  Wirtschaftsgeschichte  beschäftigen.  Einer  der  größten  modernen
Theoretiker,  Marshall,  hat  ihnen  mehr  als  einmal  seine  Bewunderung
zum  Ausdruck  gebracht 1 ).
Von  Deutschland  aus  hat  dieser  Anstoß  auch  auf  das  Ausland  übergegriffen, ­
  wo  er  besonders  günstige  Umstände  fand.
Seit  1870  war  das  praktische  Programm  des  wirtschaftlichen
Liberalismus  fast  überall  verwirklicht.  Neue  Probleme  erhoben  sich
jetzt;  an  erster  Stelle  standen  die  Arbeiterfragen 2 )  mit  ihrer  Forderung
nach  positiven  Lösungen.  Diesen  drängenden  Problemen  gegenüber
gaben  die  Theorien  der  klassischen  Schule  keine  Antwort.  Eine  neue
Untersuchung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen,  der  sozialen  Organisation, ­
  der  Lebensbedingungen  der  Arbeiterklassen  schien  allein  imstande, ­
  dem  Gesetzgeber  die  unumgänglich  nötigen  Kenntnisse  zu  geben.
Um  das  Verständnis  der  Gegenwart  zu  erleichtern,  zwingt  sich  der  Vergleich ­
  mit  der  Vergangenheit  auf.  Allen,  die  soziale  Reformen  wünschten,
erscheint  die  historische  Methode  in  diesem  Augenblick  als  ein  Instrument
des  Fortschrittes,  und  der  Erfolg  der  Methode  wird  von  der  praktischen
*)  Marshall,  Principles  of  Economics,  Bd.  I,  Kap.  IV,  §  8.  Wir  zitieren
nach  der  4.  englischen  Ausgabe.  ,
2 )  Ihr  Einfluß  ist  besonders  von  Toynbee  in  seinem  Aufsatz:  Ricardo  an&amp;lt;
the  old  political  Economy  hervorgehoben  worden:  „Die  Arbeiterfrage,  die  durch
die  Freiheit,  das  einzige  Heilmittel  der  deduktiven  politischen  Schule,  unmöglich  gelös
werden  konnte,  ließ  die  Methode  der  Beobachtung  wieder  aufleben.  Die  Nationalökonomie ­
  ist  von  den  Arbeiterklassen  umgeformt  worden“  (S.  10).  A . n _
anderer  Stelle:  „Man  betrachtet  die  historische  Methode  oft  als  konservativ,  weil  S!C -
das  allmähliche  und  erhabene  Wachstum  unserer  ehrwürdigen  Einrichtungen  beschreit  ^
sie  kann  aber  einen  ganz  entgegengesetzten  Einfluß  ausüben,  indem  sie  die  g r0
Ungerechtigkeiten  nachweist,  die  gerade  während  dieses  Wachstums  blind  veru
worden  sind.“  (Arnold  Toynbee:  The  Industrial  Revolution,  S.  58.)
        <pb n="448" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  425

Wirksamkeit,  die  man  ihr  zuschreibt,  vergrößert.  Rechnen  wir  hierzu
das  Prestige,  das  seit  1871  die  deutsche  Wissenschaft  gewann,  und  die
Tatsache,  daß  sich  in  Deutschland  die  historische  Nationalökonomie
mit  dem  Staatssozialismus  verbündete,  so  wird  man  die  Gunst  verstehen,
die  die  Schule  im  Ausland  erworben  hat.
In  England,  dieser  Hochburg  der  Wirtschaftslehre  Ricardo’s,  macht
sich  der  Einfluß  der  historischen  Schule  nach  1870  ganz  ausgesprochen
fühlbar.
Die  gleichen  methodologischen  Diskussionen,  die  die  deutsche  Nationalökonomie ­
  beschäftigen,  treten  auch  hier  auf.  Cairnes  betont  in  seinem
Buch  „the  character  and  logical  method  of  political  economy“,
das  1875  wieder  herausgegeben  wurde 1 )  mit  Nachdruck  die  Berechtigung
der  Deduktion,  so  wie  die  alte  Nationalökonomie  sie  anwendete.  Aber
1879  antwortete  ihm  Cliffe  Lbslie  in  seinen  „Essays  on  political
and  moral  Philosophy“,  indem  er  alle  Waffen  der  deutschen  historischen ­
  Schule  gegen  die  klassischen  Methoden  ins  Feld  führte.  Die  Induktion ­
  gegenüber  der  Deduktion,  die  Notwendigkeit,  die  Volkswirtschaft
m  Zusammenhang  mit  den  anderen  sozialen  Wissenschaften  zu  bringen,
die  Relativität  der  wirtschaftlichen  Gesetze,  die  Geschichte  als  Auslegungsmethode ­
  der  wirtschaftlichen  Tatsachen,  alle  diese  Ideen  finden  wir  bei
dem  englischen  Schriftsteller  eindrucksvoll  entwickelt.  Zur  gleichen  Zeit
^ e gte  Arnold  Toynbee,  wenn  auch  mit  größerer  Mäßigung,  analoge
Ideen  in  seinen  Abhandlungen  über  die  „industrielle  Revolution“  dar.
Br  erkannte  die  Deduktion  in  der  volkswirtschaftlichen  Untersuchung
als  notwendig  an,  aber  er  sah  in  der  Geschichte  und  der  Beobachtung
das  Mittel,  der  Wirtschaftslehre  Leben  und  praktische  Tragweite  wiederj'
 u geben,  deren  Fehlen  sich  in  den  Theorien  Ricardo’s  immer  mehr  fühlbar ­
  machten.  Die  Sache  der  sozialen  Reformen  sollte  nach  ihm  von  den
neuen  Methoden  stark  profitieren.  Zweifellos  würde  er  einen  bedeutenden
Einfluß  ausgeübt  haben,  wenn  der  Tod  nicht  mit  30  Jahren  eine  Laufbahn ­
  abgeschlossen  hätte,  die  zu  den  höchsten  Hoffnungen  berechtigte
(1883).
Der  Anstoß  war  gegeben.  Von  nun  an  nehmen  in  England  die  Wirtschaftsgeschichte, ­
  die  Beobachtung  der  Einrichtungen,  die  Untersuchung
der  sozialen  Klassen  einen  immer  wachsenden  Platz  in  den  Arbeiten  der
Volkswirtschaftler  ein.  In  jedem  dieser  Gedankenbereiche  sind  bedeutende
Werke  entstanden:  Growth  of  English  industry  and  Commerce
v on  Cunningiiam;  die  Geschichte  und  wirtschaftlichen  Lehren
hes  Mittelalters  von  Ashley;  die  Geschichte  der  Gewerkschaftsbewegung ­
  und  die  industrielle  Demokratie  von  Herrn  und
Frau  Sydney  Webb;  Life  and  labour  of  the  people  von  Boote,  —
b  Pie  erste  Ausgabe  war  1857  erschienen.  Über  Caibnes  siehe  oben  S.  410.
        <pb n="449" />
        426

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

sind  ebensoviele  Beweise  des  tiefgehenden  Einflusses,  den  Jene  Ideenbewegung ­
  auf  die  englischen  Nationalökonomen  ausgeübt  hat.
In  Frankreich  hat  die  historische  Schule  nicht  den  gleichen  Erfolg ­
  aufzuweisen,  aber  das  Bedürfnis,  dem  sie  entsprach,  wurde  trotzdem ­
  nicht  weniger  stark  gefühlt.  Bei  uns  in  Frankreich  hat  sich  keine
wirkliche  Schule  historischer  Nationalökonomen  gegründet.  Die  Wirkung
der  neuen  Ideen  drang  jedoch  durch  zahlreiche  Kanäle  in  den  wissenschaftlichen ­
  Gedankenkreis.  Zunächst  wurde  1878  ein  offizieller  Lehrstuhl ­
  für  Nationalökonomie  bei  der  Rechtsfakultät  errichtet,  und  gerade
infolge  seiner  Berührung  mit  den  juristischen  Disziplinen  nahm  dieser
Unterricht  sogleich  einen  neuen  Charakter  an,  der  ganz  von  geschichtlichem ­
  Geiste  erfüllt  war.  Gleichzeitig  interessierten  sich  die  Historiker
von  Beruf  mehr  und  mehr  für  die  Probleme  der  Wirtschaftsgeschichte
und  leisteten  so  den  Untersuchungen  der  Volkswirtschaft!er  eine  sehr
wertvolle  Hilfe.  Mehrere  unter  den  liberalen  Nationalökonomen  haben
ihre  Arbeiten  der  Einzelbeobachtung  zeitgenössischer  Tatsachen  oder
historischen  Untersuchungen  gewidmet,  ohne  sich  deshalb  zu  Gegnern
der  alten  Schule  aufzuwerfen 1 ).
Ihnen  hat  sich  ferner  eine  neue  Gruppe  von  Mitarbeitern  zugesellt:
die  der  Soziologen.  Die  Soziologie  beschäftigt  sich  in  ihren  Untersuchungen
mit  den  verschiedenartigsten  Einrichtungen,  auf  Grund  derer  die  menschlichen ­
  Gesellschaften  sich  erhalten  und  sich  entwickeln:  sie  sucht  die
Wirkungen  festzustellen,  die  sie  gegenseitig  aufeinander  ausüben.  Nach
den  religiösen,  rechtlichen  politischen  und  sozialen  Einrichtungen  mußte
sie  natürlicherweise  auch  die  wirtschaftlichen  Einrichtungen  in  ihren
Bereich  ziehen,  und  zwar  in  demselben  Geiste  und  nach  derselben  Methode.
Diesen  Untersuchungen  wird  seit  mehreren  Jahren  mit  großem  Eifer
nachgegangen.  Die  Soziologen  haben  den  Mechanismus  und  die  Organisation ­
  des  wirtschaftlichen  Systems  in  verschiedenen  Zeitabschnitten
auf  Grund  der  Beobachtung  und  der  Geschichte  sehr  genau  untersucht-Dieses
  Studium  haben  sie  mit  dem  ganzen  Mißtrauen  gegenüber  Abstraktionen, ­
  mit  der  ganzen  Genauigkeit  eingehender  Beobachtungen,
und  der  Bevorzugung  der  Induktion  gegenüber  der  Deduktion  durchgeführt,
  die  die  historische  Schule  charakterisieren 2 ).
*)  Wir  erwähnen  im  besonderen  Levasseur  und  seine  prächtige  Histoire  des
classes  ouvrieres  en  France,  deren  erste  Ausgabe  aus  dem  Jahre  1867  stammt-2
 )  Es  ist  im  Besonderen  die  um  Dürkheim  und  das  Jahrbuch:  Annee  soci°'
ogi  que  versammelte  Gruppe  von  Mitarbeitern,  die  wir  hier  im  Auge  haben.  Man
Aürde  sich  aber  stark  täuschen,  wenn  man  die  Methode  der  Soziologen  mit  der  der
■  Anhänger  der  historischen  Schule  identifizieren  wollte.  Vgl.  über  diesen  Punkt  SiMJAND,
Methode  historique  et  Science  sociale  in  der  R6vue  de  synthese  lnsto^
rique,  1903.  Siehe  auch  von  demselben:  La  möthode  positive  en  science  eco
nomique,  Paris  1912,  wo  in  einer  Reihe  von  Studien  die  hauptsächlichsten  Problc
der  Methode,  wie  sie  in  der  Volkswirtschaft  angewendet  wird,  untersucht  werden.
        <pb n="450" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  427

§  2.  Die  kritischen  Ideen  der  historischen  Schule.
Man  sieht,  wie  zahlreich  die  Schriftsteller  sind,  die  sich  zur  historischen ­
  Schule  rechnen,  und  über  welche  große  Zeitperiode  sich  ihre  Entwicklung ­
  erstreckt.  Bei  einer  so  bedeutenden  Anzahl  von  Gelehrten
kann  man  eine  vollständige  Übereinstimmung  der  Ansichten  nicht  erwarten. ­
  Wir  haben  schon  auf  gewisse  Unterschiede  hingewiesen,  die  im
besonderen  die  alte  von  der  „jungen“  historischen  Schule  scheiden.  Wir
können  hier  nicht  eine  jede  dieser  Nuancen  darlegen  und  diskutieren,
sondern  müssen  uns  damit  begnügen,  die  Grundideen  der  historischen
Schule  zur  Kenntnis  zu  bringen,  in  denen  ihre  sämtlichen  Anhänger  fast
durchaus  übereinstimmen.  Hin  und  wieder  werden  wir  jedoch  auf  die
besonderen  Ideen  des  Einen  oder  des  Anderen  hinweisen,  wenn  sie  uns.  von
genügender  Bedeutung  erscheinen.
Die  deutsche  historische  Schule  hat  mit  einer  Kritik  der  klassischen
Ökonomik  begonnen.  Wir  beginnen  daher  ebenfalls  mit  einer  Darlegung
ihrer  kritischen  Ideen 1 ).
Obgleich  die  kritischen  Ideen  der  historischen  Schule  schon  von
Knies,  Hildebrand  und  Roscher  formuliert  worden  sind,  haben  sie
doch  eine  eingehendere  Diskussion  erst  ziemlich  spät  hervorgerufen,
a l s  die  „junge  historische  Schule“  schon  in  voller  Blüte  stand.  Das  Buch
des  Wiener  Professors  Karl  Menger  (1883),  das  durch  seinen  Stil  wie
auch  durch  den  Scharfsinn  der  darin  entwickelten  Gedanken  wirklich
klassisch  ist  und  den  Titel:  „Untersuchungen  über  die  Methode
der  Sozialwissenschaften“  trägt 2 ),  eröffnet  die  Ära  zuweilen  sehr
scharfer  Meinungskämpfe.  Dieses  bemerkenswerte  Werk,  in  dem  der
''erfasser  die  Berechtigung  der  reinen  Ökonomik  gegen  die  Angriffe  der

x )  ln  dem  kritischen  Werke  der  deutschen  Wstorischen^chule££
mit  dem  wir  uns  hier  nicht  zu  beschäftigen  hä-  en.  ^ en  ethischen  Gesichtshaben
  einige  ihrer  Anhänger,  wie  Hildebrand,  Nachdru  teilt  den  Optimismus
Punkt  in  der  Nationalökonomie  gelegt,  —  u “ d  h  t  so „ ar  dazu  beigetragen,
eines  Smith  oder  Bastiat.  Ihre  Idee  dos  Relativ  s  „  un a  Hildebrand  selbst,
ihn  zu  zerstören.  Aber  die  bedeutendsten  unter  inne  ,  das  Glaubensbekenntnis
bleiben  überzeugte  Jünger  des  liberalen  Systems  (sie  j a 'j ir j )üc j 1 er  für  National-Hildf.brand’s
  am  Anfang  des  ersten  Bandes  u  ,  (Brentano,  Schmoller)  sich
Ökonomie,  1863,  Bd.  I,  S.  3).  Wenn  mehrere  von 1  j“beschlossen  haben,  aus  der  gegen
mehr  oder  weniger  der  großen  Gedankenstromu  g  §  unten),  so  haben  sie  das
das  Jahr  1872  der  Staatssozialismus  entstand  (sie  n  TeJ1  ihres  Werkes  als  die
in  sehr  verschiedenem  Maße  getan.  Niemals  a  ®  ,.  Gedanken  hervorgebracht,
Hauptsache  betrachtet.  Sie  haben  hier  kem ®  .  •  ij eK t  in  ihrer,persönliclien  Aufund
  ihre  Bedeutung  in  der  Geschichte  der  D
fassung  der  wissenschaftlichen  Methode.
4 )  Untersuchungen  über  die
Leipzig  1883,  291  Seiten

)  Untersuchungen  über  die  Methode  der  Sozialwissenschaften,
        <pb n="451" />
        428

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

deutschen  historischen  Schule  verteidigt,  wurde  von  einigen  Vertretern
dieser  Schule 1 )  mit  einer  gewissen  Verärgerung  aufgenommen,  und  führte
während  der  folgenden  Jahre  zu  einer  Art  allgemeiner  Gewissensprüfung.
Es  ist  daher  nötig,  hier  die  wichtigsten  Punkte  der  Diskussion  auszuführen
und  den  Argumenten  der  historischen  Schule  die  Erwiderungen  ihrer
Gegner  gegenüberzustellen.
Die  historische  Schule  machte  der  klassischen  Nationalökonomie
drei  große  Vorwürfe:  1.  ihren  „Universalismus“;  2.  ihre  rudimentäre
Psychologie,  die  sich  auf  den  Egoismus  gründete;  3.  den  Mißbrauch,
den  sie  mit  der  deduktiven  Methode  treibt.
Betrachten  wir  diese  Vorwürfe  nacheinander:
a)  Was  die  Anhänger  der  historischen  Schule  Smith  und  seinen  Nachfolgern ­
  am  wenigsten  verzeihen,  ist  ihr  „Universalismus“,  wie  Hildebrand ­
  sagt,  ihr  „Absolutismus  oder  ihr  Perpetualismus“,  wie  Knies
sich  ausdrückt.  Sie  sagen,  daß  die  englisch-französische  Schule  geglaubt
habe,  die  von  ihr  formulierten  wirtschaftlichen  Gesetze  verwirklichten
sich  überall  und  zu  jeder  Zeit.  Auch  habe  sie  sich  eingebildet,  daß  die
Nationalökonomie,  die  sie  daraus  ableitete,  allgemein  und  überall  angewendet ­
  werden  könne.  Dieser  Absolutismus,  sagen  die  Anhänger  der  historischen ­
  Schule,  muß  in  der  Zukunft  dem  Relativismus  in  der  Praxis
ebenso  wie  in  der  Theorie  Platz  machen.
Zunächst  in  der  Praxis!  Eine  gleichmäßige  wirtschaftliche  Gesetzgebung ­
  läßt  sich  nicht  unterschiedslos  auf  alle  Epochen  und  alle  Länder
anwenden.  Sie  muß  sich  nach  den  wechselnden  Bedingungen  des  Ortes
und  der  Zeit  richten.  Die  Kunst  des  Staatsmannes  besteht  darin,  die
Prinzipien  neuen  Notwendigkeiten  anzupassen,  und  auf  Grund  neuer
Probleme  originelle  Lösungen  zu  finden.  —  Wir  müssen  aber  mit  Menger
zugeben,  daß  dieses  allgemeine  Prinzip,  das  seit  Jahrhunderten  proklamiert
war,  zu  selbstverständlich  ist,  als  daß  es  nicht  ohne  jeden  Zweifel  die  Zustimmung ­
  Smith’s,  Say’s  und  sogar  Ricardo’s  gefunden  hätte *  2 ),  auch
wenn  sie  es  manchmal  vergaßen,  indem  sie  die  Einrichtungen  der  Vergangenheit ­
  zu  streng  beurteilten,  oder  indem  sie  das  laisser-faire  als  ein
universelles  Heilmittel  hinstellten.

y )  Vgl.  die  Besprechung  des  Buches  von  Menger,  die  Schmoller  in  seiner  Zeitschrift, ­
  Jahrbuch  für  Gesetzgebung,  Volkswirtschaft  und  Statistik,
im  Jahre  1884  veröffentlicht  hat.  Diese  Besprechung  ist  in  etwas  milderer  Form  in
dem  Werk  desselben  Schriftstellers:  Zur  Literaturgeschichte  der  Staats-  und
Sozialwissenschaften  (1888)  abgedruckt.
2 )  Vgl.  Menger,  op.  cit.,  S.  130ff.  Hier  kann  man  die  ironische  Bemerkung
Marshall’s  anwenden  (Principles,  Bd.  I,  Kap.  V,  §  6):  „Die  deutschen  Schriftsteller
haben  wohl  daran  getan,  nachdrücklich  auf  diese  Betrachtungen  hinzuweisen,  aber
sie  täuschen  sich,  wenn  sie  glauben,  daß  die  alten  Ökonomisten  sie  nicht  gekannt  hätten.
Es  ist  eine  englische  Gewohnheit,  viele  Ergänzungen  dem  gesunden  Verstand  des  Lesers
zu  uberlassen  .  .
        <pb n="452" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  429

Aber,  und  auf  diese  zweite  Idee  legt  die  historische  Schule  das  Hauptgewicht, ­
  die  ökonomische  Theorie  und  die  ökonomischen  Gesetze,  die
auf  ihr  beruhen,  besitzen  ebenfalls  nur  einen  relativen  Wert.  Hierin  soll
die  bis  dahin  verkannte  Wahrheit  liegen.  Die  Gesetze  der  Physik  und  der
Chemie,  mit  denen  die  Klassiker  gern  die  wirtschaftlichen  Gesetze  vergleichen, ­
  verwirklichen  sich  notwendigerweise  überall  und  stets.  Mit  den
wirtschaftlichen  Gesetzen  ist  dies  aber  nicht  der  Fall.  Besonders  Knies
hat  auf  diesen  Punkt  hingewiesen.  „Ebenso  wie  die  wirtschaftlichen
Lebenszustände,“  sagt  er,  „so  ist  auch  die  Theorie  der  politischen  Ökonomie,
in  welcher  Form  und  Gestalt,  mit  welchen  Argumenten  und  Resultaten
wir  sie  auch  finden,  ein  Ergebnis  der  geschichtlichen  Entwicklung  .  .  .
Sie  hat  in  dem  geschichtlichen  Leben  den  Fonds  ihrer  Argumentationen,
u nd  sie  muß  ihren  Resultaten  den  Charakter  geschichtlicher  Lösungen
beilegen;  auch  die  „allgemeinen  Gesetze“  der  Nationalökonomie  stellen
sich  nicht  anders,  denn  als  eine  geschichtliche  Explikation  und  fortschreitende ­
  Manifestation  der  Wahrheit  dar,  auf  jeder  Stufe  stehen  sie  als  die
Verallgemeinerung  der  bis  zu  einem  bestimmten  Punkte  der  Entwicklung
erkannten  Wahrheiten  da,  und  weder  der  Summe  noch  der  Formulierung
n ach  können  sie  für  unbedingt  abgeschlossen  erklärt  werden“ 1 )-Diese
  Stelle,  die  übrigens  ziemlich  dunkel  und  verworren,  wie  die
Sprache  Knies’  im  Allgemeinen,  ist,  drückt  einen  wahren  Gedanken
au s,  den  andere  Volkswirtschaftler  schon  in  klarerer  Weise  formuliert
haben,  wenn  sie  sagen,  daß  die  wirtschaftlichen  Gesetze  nur  vorläufig
Un d  bedingungsweise  Geltung  haben.  Vorläufig  in  dem  Sinne,  daß  das
geschichtliche  Leben,  indem  es  neue  Tatsachen  zur  Oberfläche  bringt,
denen  die  bestehenden  Theorien  nicht  genügend  Rechnung  tragen,  die
Volkswirtschaftler  ohne  Unterlaß  dazu  zwingt,  die  Formeln,  mit  denen
sich  bis  dahin  begnügten,  zu  ändern.  Bedingungsweise  in  dem
^bine,  daß  die  wirtschaftlichen  Gesetze  in  der  Wirklichkeit  nur  bestätigt
Worden,  wenn  andere  Umstände  nicht  ihre  Wirkung  behindern;  so  daß
dj e  Geschichte,  indem  sie  diese  Umstände  modifiziert,  die  Wirkungen,
die  man  sich  gewöhnt  hatte,  auf  gewisse  Ursachen  folgen  zu  sehen,  vorübergobend
  zum  Verschwinden  bringen  oder  verschleiern  kann.  Vielleicht
' Var  es  nicht  unnötig,  hierauf  hinzuweisen,  wenigstens  den  Volkswirtw
  l )  Knies,  op.  cit.,  S.24,  25.  Ashley  hat  diesen  doppelten  Gedanken  in  klareren
Worten  ausgedrückt:  „Die  Nationalökonomie  ist  nicht  ein  Ganzes  von  absolut  wahren
gehren,  die  der  Welt  am  Ende  des  letzten  und  am  Anfang  dieses  Jahrhunderts  offenbart
oiden  sind,  sondern  sie  setzt  sich  aus  einer  gewissen  Anzahl  von  Iheorien  und  Ver-Someinerungen
  zusammen,  deren  Wert  mehr  oder  weniger  groß  ist.  .  .  Die  modernen
0l kswirtschaftlichen  Theorien  sind  nicht  universell  wahr.  Sie  sind  weder  für  die  Vergangenheit ­
  wahr,  als  die  Bedingungen  nicht  bestanden,  die  zu  ihrem  Zustandekommen
® otl g  gewesen  wären,  noch  auch  für  die  Zukunft,  wenn  die  Lebensbedingungen  sich
«ändert  haben  werden,  ausgenommen  die  Gesellschaft  bleibt  stationär.“  (Histoire
1  d °ctrines  Sconom’iques  de  PAngleterre,  Vorwort,  franz.  Übers.  S.  2,  3.)
        <pb n="453" />
        430

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

schaftlern  gegenüber,  die  ihre  Theorien  als  eine  Art  endgültiger  Offenbarung
hinstellten  und  glaubten,  absolut  sichere  Voraussagen  auf  sie  gründen  zu
können.
Knies  übertreibt  jedoch  bedeutend,  wenn  er  der  Meinung  ist,  die
Relativität  der  so  definierten  wirtschaftlichen  Gesetze  unterscheide  sie
durchaus  von  anderen  wissenschaftlichen  Gesetzen.  Die  physikalischen
und  chemischen  Gesetze  verändern  sich  ebenso,  worauf  schon  Marshall
sehr  richtig  hingewiesen  hat,  je  nachdem  neue  Tatsachen  alte  Formeln
hinfällig  machen.  Auch  sie  sind  daher  nur  vorläufig.  Sie  unterliegen
ebenso  Bedingungen  in  dem  Sinne,  daß  sie  sich  nur  dann  als  wahr  ergeben, ­
  wenn  keine  störenden  Ursachen  vorhanden  sind,  die  geeignet
wären,  die  Bedingungen  des  Versuchs  zu  verändern.  Für  die  modernen
Gelehrten  sind  die  natürlichen  Gesetze  nicht  untrennbar  mit  den  Dingen
verbunden.  Sie  sind  „ein  intellektuelles  Produkt  des  Menschen“ 1 ).  Daher
schreiten  sie  auch  mit  dieser  Intelligenz  vorwärts.  Sie  sind  einfache  abgekürzte ­
  Formeln,  auf  Grund  deren  man  die  Beziehungen  der  Abhängigkeit
ausdrückt,  die  man  zwischen  Tatsachen  festgestellt  hat.  Zwischen  den
„Gesetzen“,  die  so  vom  menschlichen  Geiste  geschaffen  worden  sind,
besteht  kein  anderer  Unterschied,  als  der  mehr  oder  weniger  große  Grad
der  beobachteten  Abhängigkeit.
Wenn  die  Stetigkeit  und  Sicherheit  der  physikalischen  und  chemischen
Gesetze  denen  der  bisher  formulierten  wirtschaftlichen  Gesetze  sehr
überlegen  sind,  so  beruht  das  einfach  darauf,  daß  die  Bedingungen,  unter
denen  sie  sich  nachweisen  lassen,  viel  allgemeiner  verwirklicht  sind.  Auf
der  anderen  Seite  ist  ihre  Wirkung  oft  meßbar,  und  sie  können  daher  durch
die  Deduktion  den  allgemeinen  Gesetzen  der  Mathematik  angegliedert
werden *  2 ).
Knies  hat  nicht  nur  die  Konsequenzen  der  Relativität  der  wirtschaftlichen ­
  Gesetze  übertrieben,  sondern  der  Vorwurf,  den  er  seinen
Vorgängern  macht,  daß  sie  sie  verkannt  hätten,  war  zu  der  Zeit  schon
nicht  mehr  voll  berechtigt,  in  der  er  schrieb.  Wir  werden  diese  Bemerkung»
die  nicht  ohne  Bedeutung  für  die  Geschichte  der  Doktrinen  ist,  wiederholen ­
  müssen.  Stitart  Mili  hatte  zu  dieser  Zeit  schon  seine  Abhandlung;'
über  Ökonomik  veröffentlicht  und  in  seiner  Logik,  die  1842  erschien,
und  von  der  bis  1853,  dem  Zeitpunkte,  zu  dem  Knies  schrieb,  verschiedene
!)  Karl  Pearson,  La  grammaire  de  la  science,  franz.  Übers  v.  L.  March,
Paris  1912,  S.  140.
2 )  Marshall:  Principles,  4.  Ausg.,  B.  I,  Kap.  6,  §  6.  Das,  was  wir  hier  sage®»
bedeutet  keine  Kritik  der  mathematischen  Methode  in  der  Nationalökonomie.  Mit  e
Hilfe  der  Mathematik  die  Beziehungen  zwischen  wirtschaftlichen  Tatsachen  darste
(wie  es  die  Schule  Walras’  tut),  und  diese  Beziehungen  quantitativ  präzisieren,
daß  man  aus  allgemeinen  Theoremen  der  Mathematik  die  wirtschaftlichen  latsac
einfach  ableiten  kann,  sind  zwei  ganz  verschiedene  Dinge.
        <pb n="454" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  431

Ausgaben  herausgegeben  worden  waren,  präzisiert  er  genau  diesen  Charakter
der  wirtschaftlichen  Gesetze:  „Sie  sind“,  sagt  er,  „auf  die  Annahme  einer
gewissen  Vereinigung  von  Umständen  gegründet  und  besagen,  wie  eine
gegebene  Ursache  unter  diesen  Umständen  wirken  würde,  vorausgesetzt,
daß  keine  anderen  in  Verbindung  mit  ihr  auftreten.  Wenn  die  Bedingungen
einer  bestehenden  Gesellschaft  zur  Voraussetzung  genommen  sind,  so
sind  die  Schlußfolgerungen  für  diese  Gesellschaft  wahr,  ausgenommen
jedesmal,  wenn  die  Wirkung  dieser  Bedingungen  durch  andere,  nicht  in
Berechnung  gezogene,  verändert  worden  ist“ 1 ).  Folglich  kann  die  Soziologie,
  von  der  in  seinen  Augen  die  Volkswirtschaft  nur  ein  Zweig  ist,
»Dicht  eine  Wissenschaft  positiver  Voraussagen,  sondern  nur  eine  Wissenschaft ­
  von  Tendenzen  sein“.  Klarer  kann  niemand  den  nur  „relativen“
Wert  der  wirtschaftlichen  Gesetze  ausdrücken.
Wie  dem  nun  auch  sei,  die  modernen  Volkswirtschaftler  haben  die
Kritiken  der  Anhänger  der  historischen  Schule  für  genügend  begründet
be 'unden,  um  in  größerer  Genauigkeit  einen  Schutz  gegen  ähnliche  Vorwürfe ­
  zu  suchen.  Unter  anderem  definiert  Marshall  die  wirtschaftichen
  Gesetze,  indem  er  den  Ausdruck  Mill’s  wiederaufgreift,  als  „einen
Dsdruck  wirtschaftlicher  Tendenzen“ 2 ).
.  Ihrerseits  haben  die  Gründer  der  reinen  Ökonomik,  deren  Methode
y  a ®  klarsten  von  der  der  historischen  Schule  unterscheidet,  die  gleiche
°rsicht  angewendet.  Sie  gründen  ihre  Schlußfolgerungen  ausdrücklich
I  I  absichtlich  auf  eine  Auswahl  einer  gewissen  Anzahl  vorher  angeführter
ypothesen,  deren  sichere  Verwirklichung  sie  sich  wohl  hüten  zu  behaupten.
ie  reine  Ökonomik“,  sagt  Walras,  „muß  der  Erfahrung  typische
j,,!  ' cr  für  den  Tausch,  das  Angebot,  die  Nachfrage,  die  Kapitalien,  die
üikünfte,  die  produktiven  Dienste  und  die  Produkte  entlehnen.  Von
^esen  wirklichen,  typischen  Bildern  muß  sie  durch  Definition  ideelle
ypcD  abstrahieren,  und  ihre  Schlußfolgerungen  auf  diese  letzteren  aufzuUl’
  Um  zur  Wirklichkeit  nur  zum  Zweck  der  Anwendung  zurück-Unt
  ren ’  wenn  die  Wissenschaft  abgeschlossen  ist 3 ).“  Die  reine  Ökonomik
u  w ^ Uc ht  zum  Beispiel  die  Wirkungen  der  Konkurrenz,  nicht  unter  der
gQ  ?  &amp;lt;ornm enen  Form,  in  der  sie  sich  in  Wirklichkeit  uns  darbietet,
Wo  lf* 1  W * e  s * e  aiJ f  einem  hypothetischen  Markt  funktionieren  würde,
in  v  if  ^’^Kahcnten  ihre  wirklichen  Interessen  genau  kennen  und  ihnen
Der  Ti  Freiheit  und  in  vollständiger  Öffentlichkeit  nachgehen  können.
Ver  -e griff  eines  Grenzzustandes  dieser  Art  gestattet,  wie  durch  ein
uns  r erungs g |as &amp;gt;  die  Folgen  einer  Hypothese  zu  untersuchen,  wie  sie
., l(;  Wirklichkeit  nie  mit  voller  Klarheit  bietet.
—  Man  kann  die  Vorteile  dieser  Methode  bestreiten,  aber  man  kann
&amp;gt;  ? r TUAKT  Mill,  Logik,  franz.  Übers.,  Bd.  II,  S.  494.
3  ^dshall,  Principles  of  economics,  4.  Ausg.,  B.  I,  Kap.  6,  §  6.
alras,  Üconomie  Politique  pure,  4.  Ausg.,  S.  20.
        <pb n="455" />
        432

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

nicht  behaupten,  daß  ihre  Urheber  die  Relativität  der  so  gewonnenen
wirtschaftlichen  Gesetze  verheimlicht  hätten.
Man  mag  den  Anhängern  der  historischen  Schule  dafür  danken,
daß  sie  diesen  Charakterzug  in  einem  Augenblick  klar  hervorheben,
in  dem  einige  Volkswirtschaftler  ihn  vergessen  zu  haben  schienen.  Man
kann  aber  behaupten,  daß  er  heute  von  Allen  im  vollen  Umfang  anerkannt
ist.  Wenn  sich  Knies  dazu  anschickt,  hierauf  eine  absolute  Unterscheidung
zwischen  natürlichen  und  wirtschaftlichen  Gesetzen  zu  begründen,  so
erscheint  dies  vielen,  vielleicht  sogar  der  Mehrzahl  der  Volkswirtschaftler
als  ungerechtfertigt 1 ).
b)  Die  Anhänger  der  historischen  Schule  werfen  weiterhin  den  ersten
Ökonomisten  vor:  daß  ihre  Psychologie  eng  und  ungenügend  gewesen  sei.
Adam  Smith,  Say  und  Ricardo  betrachten  das  Selbstinteresse  als  den
einzigen  Beweggrund  aller  menschlichen  Handlungen.  Sie  bilden  sich  ein,
daß  der  Mensch  einzig  und  allein  von  der  Jägd  nach  dem  Gewinn  beherrscht ­
  sei.  Die  Anhänger  der  historischen  Schule  sagen  nun,  daß  das
Interesse,  sogar  in  wirtschaftlicher  Hinsicht,  durchaus  nicht  der  einzige
Beweggrund  menschlichen  Handelns  sei.  Hierin,  wie  in  anderen  Dingen»
gehorche  der  Mensch  den  verschiedensten  Triebfedern:  der  Eitelkeit,
der  Ruhmsucht,  dem  Tätigkeitstrieb,  Pflichtgefühl,  Mitleid,  Wohlwollen,
der  Nächstenliebe,  oder  einfach  der  Gewohnheit.  Knies  sagt:  „Den  Mensehen
  unwandelbar  und  allgemein  in  seiner  wirtschaftlichen  Tätigkeit
nur  von  eigennützigen  Motiven  geleitet  hinstellen,  ist  tatsächlich  entweder
gleichbedeutend  mit  der  Ableugnung  aller  edleren  und  besseren  Motive
in  jeglichem  Beginnen  des  Menschen,  oder  mit  der  Lehre,  daß  jeder  Mensch
so  und  so  viele  selbständig  nebeneinander  wirkende  Mittelpunkte  seines
geistigen  Lebens  habe“ 1  2 ).
Daß  die  Klassiker  im  persönlichen  Interesse  (nicht  im  Egoismus,
wie  Knies  sagt,  indem  er  diesem  Wort  einen  erniedrigenden  Sinn  gibt)’
den  Ursprung  und  die  grundlegende  Erklärung  der  wirtschaftlichen  Tatsachen ­
  gesehen  haben,  wird  niemand  bestreiten.  Die  Anhänger  der  historischen ­
  Schule  scheinen  sich  aber  auch  hier  getäuscht  zu  haben,  indem
sie  ihrer  Beobachtung  eine  viel  zu  große  Tragweite  gaben.  Damit  beschäftigt, ­
  die  Wirklichkeit  in  ihrer  ganzen  komplizierten  Zusammensetzung
zu  erfassen,  und  mehr  für  das  Spezielle  und  Charakteristische  als  f lir
das  Allgemeine  und  Universelle  interessiert,  haben  die  Anhänger  der  historischen ­
  Schule  vergessen,  daß  die  Volkswirtschaft  als  Wissenschaft  di
wirtschaftlichen  Tatsachen  als  Massentatsachen  betrachtet.  Die  klassi
sehen  Volks  Wirtschaftler  bemühten  sich  das  Allgemeine,  nicht  das  Jn
dividuelle  zu  studieren.  Und  ist  denn  im  Wirtschaftsleben,  wenn  ma&amp;gt;

1 )  Gewisse  Schriftsteller  geben  jedoch  eine  vollständige  Assimilation  nich
Z.  B.  Wagner,  Grundlegung,  Bd.  I,  S.  335.
2 )  Knies,  op.  cit.,  S.  232.
        <pb n="456" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  433

■davon  absieht,  daß  in  irgendeinem  Spezialfall  persönliche  Neigungen
dieses  oder  jenes  Beteiligten  Unterschiede  herbeiführen  können,  der
beständigste  Beweggrund  für  jede  Handlung  nicht  gerade  der  egoistische
Wunsch  des  Wohlseins  oder  des  Gewinnes?  Das  ist  die  Meinung  Adolf
Wagner’s,  der  sich  in  diesen  Fragen  der  Methode  mit  Entschiedenbeit ­
  von  der  historischen  Schule  trennt.  Er  hat  mit  viel  Scharfsinn  die
verschiedenen  Beweggründe,  die  den  Menschen  in  seinem  wirtschaftlichen
Leben  leiten,  untersucht  und  kommt  zu  dem  Schluß,  daß  von  allen  Beweggründen ­
  „der  Egoismus“  der  einzige  wirklich  beständige  und  dauernde  ist.
»Daraus  erklärt  sich  und  rechtfertigt  sich“,  sagt  er,  „daß  die  Methode
der  Deduktion  der  politischen  Ökonomie  gerade  dieses  Motiv  als  Ausgangspunkt ­
  genommen  hat“ 1 ).
Nach  dieser  Feststellung  muß  man  mit  Knies  jedoch  anerkennen,
baß  die  klassischen  Volkswirtschaftler  die  Veränderungen,  die  die  Bestrebungen ­
  des  persönlichen  Interesses  in  der  Wirklichkeit  unter  dem  Einhuß
  anderer  Beweggründe  erleiden,  nicht,  wie  Knies  sagt,  geleugnet,
über  doch  zu  sehr  vernachlässigt  haben.  Sie  sind  hierin  manchmal  soweit
gegangen,  daß  sie  die  Nationalökonomie  in  eine  „einfache  Naturgeschichte
des  Egoismus“,  wie  Hildebrand  sagt,  verwandelt  zu  haben  scheinen.
.  Wir  müssen  aber  hier  die  Bemerkung,  die  wir  eben  gemacht  haben,
Wiederholen.  Zur  Zeit,  als  Knies  seine  Kritik  formulierte,  hatte  sie  schon
uufgehört,  wirklich  berechtigt  zu  sein.  Schon  seit  mehr  als  zehn  Jahren
atte  Stuart  Mill  in  seiner  Logik  die  Aufmerksamkeit  auf  diesen  Punkt
gelenkt.  Er  schrieb:  „Ein  englischer  Volkswirtschaftler,  wie  seine  Landsute
  im  Allgemeinen,  kann  nicht  begreifen,  wie  leicht  es  vorkommt,  daß
1  dem  Verkauf  von  Waren  über  den  Ladentisch  beschäftigte  Leute  mehr
, n  “^^Bequemlichkeit  und  ihre  Eitelkeit  als  an  ihren  klingenden  Gewinn
enken“2).  PQ r  se i nen  Teil  erklärte  er:  „daß  es  im  Leben  eines  Menschen
e  eicht  nicht  eine  einzige  Handlung  gibt,  deren  Ursache  nicht  in  einem
0  r  oder  weniger  ersichtlichen  Beweggrund  läge,  der  nichts  mit  dem
unsch  nach  Bereicherung  zu  tun  hat“ 3 ).  So  ist  schon  für  Stuart  Mill
( j c ' r  c S°istische  Beweggrund,  die  Jagd  nach  dem  Gewinn,  nicht  mehr
»unveränderliche  und  allgemeine“  Beweggrund  des  Menschen.  Wie
g  SC f h0n  * n  dem  vorhergehenden  Kapitel  gesehen  haben,  deckt  sich
lieh  t  '  Stuaht  Mill  der  Egoismus  oder  das  wohlverstandene  persön-^
  luteresse,  wie  er  es  definiert,  mit  dem  Altruismus.
Sch  l  6r  auch  hier  haben  die  Vorwürfe  der  Anhänger  der  historischen
Rieht  tr ° tz  d,rer  Übertreibungen,  ebenfalls  die  Volkswirtschaftler  anderer
ungen  dazu  gezwungen,  ihre  Auffassungsweise  genauer  zu
_  eren.  Heute  behauptet  Marshall,  daß  sich  die  Volkswirtschaftler
1  Wagner,  Grundlegung,  §  67.
)  »tuart  Mill,  Logik,  Bd.  II,  S.  602.
&amp;gt;  Ebenda,  S.  408.
Ido  un«I  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungon.  2.  Aufl.  28
        <pb n="457" />
        434

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

„mit  dem'Menschen,  so  wie  er  ist,  beschäftigen;  nicht  mit  einem  abstrakten
oder  ökonomischen  Menschen,  sondern  mit  einem  Menschen  aus  Fleisch
und  Blut“ 1 ).  „Und  wenn“,  sagt  Marshall,  „unter  den  Beweggründen,
denen  der  Mensch  gehorcht,  der  Volkswirtschaftler  besonders  die  Jagd
nach  dem  persönlichen  Gewinn  studiert,  so  bedeutet  das  nicht,  daß  er
die  Volkswirtschaft  auf  eine  „Naturgeschichte  des  Egoismus“  beschränken
will,  sondern  einfach,  daß  die  Wirkungen  dieser  Triebfeder,  da  sie  sehr
oft  in  Geld  meßbar  sind,  sich  leichter  zu  einer  wissenschaftlichen  Untersuchung ­
  eignen,  als  zum  Beispiel  die  Beweggründe  der  Nächstenliebe,
der  Eitelkeit  oder  des  Pflichtgefühls“ 1  2 ).  Die  Hedonisten,  für  die  die  reine
Ökonomie  auf  einem  Abwägen  von  Lust  und  Unlust  beruht,  weisen  ausdrücklich ­
  darauf  hin,  daß  die  Hypothese,  auf  die  sie  sich  stützen,  nur  eine
bequeme  Vereinfachung  der  Wirklichkeit  ist,  deren  man  nicht  entbehren
kann,  um  die  Analyse  der  Tatsachen  so  weit  wie  möglich  zu  treiben.  Es
ist  eine  notwendige  und  daher  berechtigte  Abstraktion,  aber  doch  eine
Abstraktion.
c)  Hier  tritt  nun  gerade  die  historische  Schule  dazwischen,  um  den
Klassikern  einen  neuen  Vorwurf  zu  machen:  die  mißbräuchliche  Anwendung ­
  der  Abstraktion  und  der  Deduktion,  und  auf  diesen  Vorwurf  legt
sie  vielleicht  den  stärksten  Nachdruck.
An  Stelle  der  Deduktion  möchte  die  Schule  als  vorherrschende
Methode  die  auf  die  Beobachtung  gegründete  Induktion  treten  sehen.
Diese  Kritik  des  deduktiven  Schlußverfahrens  steht  in  enger  Beziehung ­
  zu  dem  vorhergehenden  Punkte.  Da  die  klassischen  Volkswirtschaftler
  im  Menschen  nur  ein  einziges  treibendes  Motiv  sehen  wollten,
so  glaubten  sie,  wie  die  Anhänger  der  historischen  Schule  sagen,  daß
sie  aus  einer  einzigen  Tendenz  auf  Grund  von  Schlußfolgerungen  a  priori
alle  wirtschaftlichen  Gesetze  ableiten  könnten.  Wenn  man  sich  aber
im  Gegenteil  Rechenschaft  von  der  Vielfältigkeit  der  in  der  wirtschaftlichen ­
  Welt  in  Betracht  kommenden  Beweggründe  gebe,  so  springe  die
Mangelhaftigkeit  dieses  Verfahrens  in  die  Augen.  Man  komme  dabei  nicht
zu  einem  Bilde,  sondern  zu  einer  Karrikatur  der  Wirklichkeit.  Nur  eine
geduldige  Beobachtung  gestatte  auf  Grund  von  vorsichtigen  Induktionen
nach  und  nach  die  Schaffung  einer  wirtschaftlichen  Theorie,  die  der  komplizierten ­
  Mannigfaltigkeit  der  Tatsachen  gerecht  wird.  „Und  in  der  Zukunft“, ­
  schreibt  Schm  oller  1883  in  seiner  Antwort  an  Menger,  „wir
für  die  Nationalökonomie  eine  neue  Epoche  kommen,  aber  nur  durci
Verwertung  des  ganzen  historisch-deskriptiven  und  statistischen  Materials,
das  jetzt  geschaffen  wird,  nicht  durch  weitere  Destillation  der  hundertma
destillierten  abstrakten  Sätze  des  alten  Dogmatismus“ 3 ).

1 )  Marshall,  Principles,  B.  I,  Kap.  V,  §  9.
2 )  Ebenda,  B.  I,  Kap.  V,  §  7.
3 )  Schmoller,  Zur  Literaturgeschichte  usw.,  S.  279.
        <pb n="458" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der‘Streit  über  die  Methoden.  435
Auf  diese  Kritik  der  Methode,  hat  die  „junge  historische  Schule“
ganz  besonderen  Nachdruck  gelegt;  und  Menger  hat  sagen  können:
„für  sie  gilt  die  Kunst  abstrakten  Denkens,  und  wäre  das  letztere  auch
in  noch  so  hohem  Maße  durch  Tiefe  und  Originalität  ausgezeichnet,  und
stützte  es  sich  noch  so  sehr  auf  eine  breite  empirische  Grundlage,  kurz
alles,  was  in  den  anderen  theoretischen  Wissenschaften  den  höchsten
Ruhm  der  Forscher  begründet,  neben  den  Produkten  kompilatorischen
Fleißes,  für  etwas  Nebensächliches,  fast  für  ein  Stigma“ 1 ).
In  ihrer  Kritik  der  Abstraktion  und  Deduktion  bei  den  klassischen
Nationalökonomen,  hat  die  historische  Schule  tatsächlich  den  Fehler
begangen,  zwei  Dinge  zu  verwechseln:  Die  Anwendung,  die  die  Klassiker
von  diesen  Methoden  gemacht  haben  und  diese  Methoden  an  sich.
Niemand  wird  leugnen,  daß  die  Klassiker  oft  von  falschen  Prämissen
ausgegangen  sind,  oder  daß  sie,  von  richtigen  Prämissen  ausgehend,
zu  schnell  und  ohne  genügende  Kontrolle  behauptet  haben,  daß  ihre
Schlußfolgerungen  stets  von  den  Tatsachen  bestätigt  würden.  Niemand
wird  bestreiten,  daß  ihre  Analysen  oft  unvollständig  gewesen  sind,  ihre
Verallgemeinerungen  oberflächlich  und  ihre  Formeln  zweideutig 2 ).
Das  ist  aber  noch  lange  kein  Grund,  die  Berechtigung  der  Abstraktion
und  der  Deduktion  anzuzweifeln.  Eine  Kategorie  menschlicher  Beweggründe ­
  zu  isolieren,  um  ihre  Wirkungen  gesondert  zu  untersuchen,  bedeutet
nicht,  das  Dasein  und  den  Einfluß  anderer  Beweggründe  zu  leugnen,
ebensowenig  wie  man  das  Vorhandensein  anderer  Einflüsse  leugnet,
wenn  man  die  Wirkung  der  Schwerkraft  auf  die  Körper  untersucht.  In
einer  Wissenschaft,  wie  der  Nationalökonomie,  wo  der  Versuch  praktisch
unmöglich  ist,  sind  die  Abstraktion  und  die  Analyse  die  einzigen  Mittel,
die  der  Gelehrte  zu  seiner  Verfügung  hat,  um  sich  in  der  Menge  der  Einflüsse, ­
  die  sich  in  der  Wirklichkeit  kreuzen,  zurechtzufinden.  Das  Verfahren,
  auch  wenn  es  ohne  große  praktische  Bedeutung  wäre,  würde
gerechtfertigt  sein,  selbst  wenn  der  so  isolierte  Beweggrund  nebensächlich
wäre.  Dies  um  so  mehr,  da  der  Beweggrund,  um  den  es  sich  hier  handelt,
die  Jagd  nach  Gewinn,  oder  die  Befriedigung  materieller  Bedürfnisse,

r )  K.  Menger,  Untersuchungen  über  du'  “^°bri ti 2en  Ökonomie  gewiß
2 )  „Hier  haben  auch  hervorragende  e  Kap.  1,  §  4,  S.  18).  »Aber
öfters  Fehler  begangen,“  sagt  A.  Wagner  (  Methode,  auch  nicht  solche,  dio
es  waren  dann  regelmäßig  nicht  sowohl  Fehler  F  ehler  in  U nd  bei  der  Anwendung
unvermeidlich  im  Wesen  der  Methode  hegen,  sonue  yiel  Nac hdruck  verteidigt,
d er  Methode.“  Karl  Menger,  der  die  Ded Tf'  Theorie n  zu  erneuern.  Er  sagt:  „Die
h&amp;amp;t  sich  ihrer  gerade,  bedient,  um  die  klassisc  *  nach  die  sogenannte  klassische
nationalökonomische  Theorie,  wie  sie  der  Haup  dag  problem  e j ner  Wissenschaft
»chule  englischer  Nationalökonomen  gestaltete,  We ; se  nicht  m  18sen  ver -
Von  den  Gesetzen  der  Volkswirtschaft  m  belrieuige
niocht“.  Menger,  op.  cit.,  S.  XV.

28*
        <pb n="459" />
        436  Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

auf  die  wirtschaftlichen  Handlungen  unbestreitbar  eine  vorherrschende
Wirkung  ausübt 1 ).
Dieses  Verfahren  ist  so  natürlich,  wir  können  sogar  sagen,  so  unentbehrlich ­
  —  um  dem  Geist  zu  gestatten,  sich  in  der  Vielfältigkeit
der  Tatsachen  zurechtzufinden,  daß  die  Kritik  der  historischen  Schule
den  in  der  wirtschaftlichen  Literatur  seit  etwa  30  Jahren  immer  bezeichnender ­
  werdenden  Aufschwung  der  abstrakten  und  deduktiven
Methode  nicht  verhindert  hat.  Es  ist  wahr,  daß  die  modernen  Nachfolger
der  Klassiker,  wenn  sie  die  abstrakten  Methoden  wieder  zu  Ehren  gebracht
haben,  sie  nicht  mehr  wie  die  ersten  Klassiker  handhaben.  Sie  haben
der  Deduktion  einen  festeren  Ausgangspunkt  gegeben,  indem  sie  eine
exaktere  psychologische  Analyse  der  Bedürfnisse  aufstellen,  die  das  persönliche ­
  Interesse  befriedigen  soll *  2 ).  Auf  der  anderen  Seite  haben  sie
den  Mechanismus  der  Deduktion  vervollkommnet,  indem  sie  sich  nicht
nur  der  Regeln  der  gewöhnlichen  Logik  bedienten,  sondern  auch  die  der
mathematischen  Analyse  anwandten.  Die  Schlußfolgerungen  nun,  zu
denen  sie  in  einer  großen  Anzahl  von  Punkten  kommen,  unterscheiden
sich  außerordentlich  von  denen  der  Klassiker.
Glücklicherweise  bietet  der  Gegensatz  der  induktiven  und  deduktiven ­
  Methode,  der  von  der  historischen  Schule  aufgebracht  worden  ist,
heute  kein  besonderes  Interesse  mehr.  Die  bedeutendsten  Volkswirtschaftler ­
  haben  beide  Methoden  als  gleicherweise  notwendig  angenommen.
Die  verschiedensten  Schriftsteller  sind  übereingekommen,  diese  Fragen
der  Methode  als  nebensächlich  auszuscheiden  und  diesen  Streit,  bei  dem
die  Wissenschaft  nicht  viel  gewonnen  hat,  zu  vergessen.  Es  ist  der  Mühe
wert,  am  Schlüsse  dieses  Absatzes  auf  die  Meinungen  einiger  Gelehrter
hinzuweisen,  die  sehr  verschiedene  Richtungen  vertreten,  aber  doch  in
dieser  Hinsicht  ungefähr  gleich  denken.  „Die  Diskussionen  über  die
Methode“,  sagt  Pareto,  „sind  ein  reiner  Zeitverlust;  der  Zweck  der

*)  Vgl.  Karl  Menger,  Untersuchungen  usw.,  S.  79.  „So  wenig  wie  die  reine
Mechanik  die  Existenz  mit  Luft  erfüllter  Räume,  die  Reibung  usf.,  so  wenig  die  reine
Mathematik  die  Existenz  realer  Körper,  Flächen  und  Linien  leugnet,  ...  so  wenig  die
reine  Chemie  den  Einfluß  physikalischer  und  die  reine  Physik  den  Einfluß  chemischer
Faktoren  boi  Gestaltung  der  realon  Erscheinung  negiert,  ob  zwar  jode  dieser  Wissenschaften ­
  nur  eine  Seite  der  realen  Welt  berücksichtigt,  und  von  allen  anderen  abstrahiert:
so  wenig  behauptet  ein  Nationalökonom,  daß  die  Menschen  faktisch  nur  vom  Eigennütze ­
  geleitet,  oder  aber  unfehlbar  oder  allwissend  seien,  weil  er  die  Gestaltungen  des
sozialen  Lebens  unter  dem  Gesichtspunkte  des  freien,  durch  Nebenrücksichten,  durch
Irrtum  und  Unkenntnis  unbeeinflußten  Spieles  des  menschlichen  Eigeninteresses  zum
Gegenstand  seiner  Forschung  macht.“  Im  gleichen  Sinne:  Adolf  Wagner,  op.  01  ’•&amp;gt;
§  67ff.,  und  Marshall.

2 )  Die  heutigen  deduktiven  Volkswirtschaftler  verachten  die  Psychologie  so
wenig,  daß  man  sogar  gewissen  von  ihnen  (den  Österreichern)  den  Namen  „Psycho
logische  Schule“  gegeben  hat.  Man  kann  behaupten,  daß  sie  in  dieser  Hinsicht  vre
weiter  gegangen  sind,  als  die  historische  Schule.
        <pb n="460" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  437

Wissenschaft  ist  die  Erkenntnis  der  Gleichmäßigkeit  der  Tatsachen,
und  infolgedessen  kommt  es  darauf  an,  irgendeinem  Weg  zu  folgen,  irgendeine ­
  Methode  anzuwenden,  die  diesem  Ziele  näher  führt“ 1 ).  „Wir  werden
stets  nebeneinander  Arbeiter  brauchen“,  sagt  Marshall,  „die  verschiedene
Fähigkeiten  haben  und  verschiedene  Ziele  verfolgen,  von  denen  die  Einen
sich  hauptsächlich  der  Beobachtung  von  Tatsachen  widmen,  die  Anderen
der  wissenschaftlichen  Analyse  .  .  .,  alle  Arbeitsweisen,  die  darauf  hinziclen,
  die  Verbindung  zwischen  Ursache  und  Wirkung  zu  entdecken,
wie  sie  in  den  verschiedenen  Abhandlungen  über  wissenschaftliche  Logik
beschrieben  sind,  müssen  eine  nach  der  anderen  von  den  Volkswirtschaftlern
angewendet  werden“ 2 ).  —  Nach  diesen  Schriftstellern,  die  hauptsächlich
die  deduktive  Methode  gebrauchen,  wollen  wir  jetzt  Anhänger  der  historischen ­
  Schule  zu  Worte  kommen  lassen.  Als  erster  hat  Schmoller  an
einer  Stelle  gesagt:  „Wie  der  rechte  und  der  linke  Fuß  zum  Gehen,  so
gehören  Induktion  und  Deduktion  gleichmäßig  zum  wissenschaftlichen
Denken“ 3 ).  Bemerkenswert  ist  vielleicht  die,Meinung  eines  Volkswirtschaftlers ­
  —  Bücher’s  —,  dem  die  historische  Schule  einige  ihrer  selbständigsten ­
  Beiträge  verdankt.  „Es  ist  darum  mit  großer  Genugtuung
zu  begrüßen,  wenn  nach  einer  Periode  emsiger  Stoffsammlung  in  neuerer
Zeit  die  Probleme  der  modernen  Verkehrswirtschaft  mit  Eifer  wieder
aufgenommen  worden  sind,  und  wenn  die  Berichtigung  und  der  weitere
Ausbau  des  alten  Systems  auf  demselben  Wege  versucht  wird,  auf  dem
‘Feses  entstanden  ist,  nur  mit  Benutzung  eines  viel  reicheren  Tatsachenmaterials. ­
  Denn  es  gibt  in  der  Tat  keine  andere  Forschungsmethode, ­
  mit  welcher  man  der  komplizierten  Verursachung
clor  Verkehrsvorgänge  nahe  kommen  kann,  als  die  isolierende
Abstraktion  und  die  logische  Deduktion.  Das  einzige  induktive
'  erfahren,  welches  daneben  in  Frage  kommen  kann,  das  statistische,
ls t  für  die  meisten  hierhergehörigen  Probleme  nicht  fein  und  eindringend
genug  u n d  kann  nur  als  ergänzendes  oder  kontrollierendes  Hilfsmittel
herangezogen  werden“ 4 ).

*)  Pareto,  Manuale  di  economia  politica,  Mailand  1906,  S.  24.
J )  Marshall,  Principles  of  economics,  4.  Ausg.,  B.  I,  Kap.  VI.
.  *)  Schmoller  im  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften  (Comad)
Artikel:  Volkswirtschaft.  Jena  1911,  Verlag  G.  Fischer,  8.  Bd  S.  478,  Sp.  2,  Reihe  2.
W  seinem  Grundriß  liest  man  noch:  „Diejenigen,  welche  in  der  neueien  deutschen
Nationalökonomie  als  Vertreter  induktiver  Forschung  gelten,  bekämpfen  nicht  die
Deduktion  überhaupt,  sondern  nur  die  aus  oberflächlichen  unzureichenden  Prämissen,
Wft Fhe  sie  glauben,  auf  Grund  besserer  Beobachtung  durch  genauere  Obersatze
er setzen  zu  können-  (Bd.  I  S.  111).  Von  diesem  Gesichtspunkt  aus  kann  ihm  jeder
^stimmen.
„  4 )  Karl  Bücher,  Die  Entstehung  der  Volkswirtschaft,  3.  Ausg.  (1901),
*&amp;gt;•  173.
        <pb n="461" />
        438

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

§  3.  Die  positiven  Ideen  der  historischen  Schule.
Wahrscheinlich  wären  die  Kritiken,  die  die  Anhänger  der  historischen ­
  Schule  gegen  die  Methoden  der  Klassiker  erhoben,  nicht  so  scharf
gewesen,  wenn  sich  in  ihnen  nicht  eine  vollständig  verschiedene  Auffassung ­
  der  Rolle  und  des  Zweckes  der  Nationalökonomie  verborgen
hätte.  Hinter  diesen  Kritiken  liegt,  mehr  oder  weniger  deutlich  ein  prinzipieller ­
  Gegensatz.  Wenn  die  „junge  historische  Schule“  heute  einige
ihrer  Hoffnungen  aufgegeben  hat,  —  so  träumten  doch  die  ersten  Anhänger, ­
  wie  wir  gesehen  haben,  von  einer  vollständigen  Erneuerung  der
Wissenschaft.  In  welchem  Sinn  und  auf  welche  Weise  sollte  dies  nun
geschehen?  Es  ist  von  Bedeutung,  Klarheit  hierüber  zu  haben.  Die  positive
Auffassung,  die  sich  die  historische  Schule  von  der  Ökonomik  gemacht
hat,  ist  für  die  Geschichte  der  Doktrinen  noch  interessanter,  als  ihre
kritische  Leistung.  Denn  in  ihr  liegt  ein  geistiger  Gegensatz,  den  man
zu  fast  allen  Zeiten  in  der  Geschichte  unserer  Wissenschaft  findet.
Das  wirtschaftliche  Leben  kann  von  zwei  verschiedenen  Gesichtspunkten ­
  aus  betrachtet  werden,  die  man  als  den  mechanischen  und
den  organischen  unterscheiden  kann;  auf  den  einen  stellen  sich  die
verallgemeinernden  Denker,  deren  Höchstes  die  Einfachheit  ist;  der  andere
drängt  sich  ganz  natürlich  denen  auf,  die  durch  die  beständigen  Wandlungen ­
  der  konkreten  Wirklichkeit  angezogen  werden.
Die  ersten  Volkswirtschaftler  gingen  in  der  Mehrzahl  vom  mechanischen ­
  Gesichtspunkt  aus.  Unter  der  Menge  der  sozialen  Phänomene
haben  sie  sich  meistens  begnügt,  die  zu  studieren,  die  eine  im  wesentlichen
mechanische  Erklärung  gestatten.  Die  Preisschwankungen,  das  Steigen
und  Fallen  des  Zinsfußes,  des  Lohnes  und  der  Bodenrente,  die  Anpassung
der  Produktion  an  die  Nachfrage  unter  der  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz ­
  erscheinen  ihnen  als  die  Wirkungen  der  fast  automatischen  Tätigkeit ­
  menschlicher  Moleküle,  die  dem  überall  identischen  Beweggrund
des  persönlichen  Interesses  gehorchen.  Die  Einfachheit  dieser  Auffassung
entbehrt  nicht  der  Größe.
Nur  ist  das  so  erhaltene  Bild  des  sozialen  Lebens  außerordentlich
begrenzt.  Es  vernachlässigt  eine  große  Anzahl  von  bedeutungsvollen
und  interessanten  Tatsachen.  Der  konkrete  Ausdruck  der  wirtschaftlichen ­
  Welt  ist  in  Wirklichkeit  außerordentlich  verschieden  und  wechselnd.
Wir  können  in  ihm  Einrichtungen  aller  möglichen  Art  unterscheiden:
Banken,  Handels-  und  Effektenbörsen;  Genossenschaften  der  Arbeitgeber ­
  und  solche  der  Arbeitnehmer,  Handelsgesellschaften  und  Kooperativgesellschaften; ­
  wir  treffen  hier  auf  erbitterte  Kämpfe  zwischen
der  großen  und  der  kleinen  Industrie,  dem  großen  und  kleinen  Handel,
dem  großen  und  kleinen  Landbesitz,  zwischen  sozialen  Klassen,  zwischen
Individuen,  zwischen  dem  Staat  und  den  Einzelpersonen,  zwischen  den
        <pb n="462" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und.  der  Streit  über  die  Methoden.  439

Städten  und  dem  platten  Land.  Wir  sehen,  wie  der  Wohlstand  der  Staaten
wächst  und  verfällt,  wie  die  Konkurrenz  dem  Einen  heute  ein  Übergewicht
gibt,  das  sie  ihm  morgen  wieder  nimmt.  In  diesem  Lande  und  in  jener
Epoche  haben  gewisse  handelspolitische  Richtungen  Erfolg,  die  im  Gegenteil ­
  an  anderen  Stellen  oder  in  anderen  Zeitläuften  fehlschlagen.  Wir
sehen,  wie  in  jedem  Lande  und  zu  jedem  Augenblick  das  wirtschaftliche
Leben  sich  durch  andere  Organe  vollzieht,  sich  beständig  verändert,  sich
den  wechselnden  Bedingungen  der  Technik  anpaßt,  sich  mit  dem  Fortschritt ­
  der  Wissenschaft  umformt,  mit  neuen  Sitten  und  Anschauungen
andere  Formen  zeigt.
Von  all  diesem  sagt  uns  aber  die  mechanische  Auffassung  der  Volkswirtschaft ­
  kein  Wort.  Sie  erklärt  uns  weder  die  wirtschaftlichen  Unterschiede, ­
  die  eine  Nation  von  der  anderen  trennen,  noch  die,  die  eine  Epoche
von  der  anderen  scheiden.  Ihre  Lohntheorie  sagt  uns  nichts  über  die
verschiedenen  Arbeiterkategorien,  ihren  relativen  Wohlstand  in  den
aufeinander  folgenden  Perioden  der  Geschichte,  oder  über  die  rechtlichen
und  politischen  Verhältnisse,  von  denen  dieser  Wohlstand  abhing.  Ihre
Zinstheorie  sagt  uns  nichts  über  die  unzähligen  Formen,  die  die  Funktion
des  Kredites  in  der  Geschichte  angenommen  hat,  über  die  Veränderungen,
die  die  Tauschmittel,  das  Metallgeld  und  das  Papiergeld  erlitten  haben.
Ihre  Theorie  des  Profits  läßt  die  Umformungen  der  Unternehmungen,
ihre  Konzentration  oder  Zersplitterung,  ihren  individuellen  oder  kollektiven ­
  Charakter,  ihre  Sonderstellung  im  Handel,  in  der  Industrie  oder  der
Landwirtschaft  außer  Acht;  denn  die  klassischen  Volkswirtschaftler  haben
einfach  die  allgemeinen  und  beständigen  Tatsachen  gesucht,  in  denen
üh  Rahmen  der  sozialen  Einrichtungen  ihrer  Zeit  die  Tätigkeit  des  homo
°economicus  zum  Ausdruck  kam.
Daher  genügt  die  mechanische  Erklärung  des  Wirtschaftslebens
nicht,  um  uns  über  seine  Vielgestaltigkeit  Rechenschaft  zu  geben.  Sie
uns  wohl  gewisse  sehr  allgemeine  Erscheinungen,  aber  sie  ermöglicht ­
  es  uns  nicht,  ihre  konkreten  und  besonderen  Charakterzüge  zu
verstehen.
Woher  kommt  nun  dieser  Mangel?  Er  beruht  darauf,  daß  die  mechanische ­
  Auffassung  die  wirtschaftliche  Tätigkeit  des  Menschen  aus
dem  wirklichen  Milieu,  in  dem  sie  sich  vollzieht,  isoliert.  Die  Wirtschaft»
hchen  Handlungen  des  Menschen  stehen  in  enger  Verbindung  mit  der
Gesamtheit  der  Bedingungen,  unter  denen  er  lebt.  Ihr  Charakter  und
Ihre  Wirkungen  sind  von  Grund  aus  verschieden,  je  nach  dem  physischen,
sozialen,  politischen  und  religiösen  Milieu,  in  dem  sie  sich  vollziehen.
Die  geographische  Lage  eines  Landes,  seine  natürlichen  Hilfsquellen,
dle  wissenschaftliche  und  künstlerische  Kultur  seiner  Bewohner,  ihr
^oralischer  und  intellektueller  Charakter,  ihr  Regierungssystem  bestimmen
die  Natur  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen,  die  sie  aufgerichtet  haben,
        <pb n="463" />
        440

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

beeinflussen  den  Grad  des  Wohlstandes  oder  des  Reichtums,  dessen  sie
sich  erfreuen.  Allerdings  müssen  die  allgemeinen  Funktionen  der  Gütererzeugung, ­
  der  Verteilung  und  des  Austausches  in  allen  Gesellschaften
vor  sich  gehen.  Aber  jede  menschliche  Gemeinschaft  stellt  ein  besonderes
organisches  Milieu  vor,  dem  sich  diese  Funktionen  anpassen  müssen,
und  das  infolgedessen  dem  wirtschaftlichen  Leben  einer  jeden  seinen
besonderen  Stempel  aufdrückt.  Wenn  man  daher  alle  verschiedenartigen ­
  Seiten  dieses  Lebens  verstehen  will,  muß  man  die  wirtschaftliche ­
  Tätigkeit  nicht  nur  isoliert,  sondern  in  ihren  Beziehungen  zu  dem
sozialen  Milieu  betrachten,  das  allein  das  Verständnis  der  charakteristischen
Züge  gestattet 1 ).
Das  ist  eine  der  historischen  Schule  teuere  Grundidee.  Aus  ihr
ergibt  sich  dann  sogleich  eine  weitere.
Das  soziale  Milieu  ist  nämlich  nicht  etwas  Feststehendes.  Es  ist
beständigem  Wechsel  unterworfen;  es  bildet  sich  um  und  entwickelt
sich;  es  ist  niemals  in  zwei  verschiedenen  Zeitpunkten  gleich:  und  jeder
dieser  aufeinander  folgenden  Zustände  erfordert  eine  Erklärung.  Wo
sollen  wir  diese  Erklärung  finden?  In  der  Geschichte.
Ein  Wort  Goethe’s,  das  als  Epigraph  zu  dem  großen  Grundriß
Schmoller  dient,  sagt:
„Wer  nicht  von  dreitausend  Jahren
sich  weiß  Rechenschaft  zu  geben,
bleibt  im  Dunkeln,  unerfahren,
muß  von  Tag  zu  Tage  leben.“
Und  in  der  Tat,  nur  die  Kenntnis  der  früheren  Zustände,  durch  die
das  wirtschaftliche  Leben  der  menschlichen  Gesellschaften  geschritten
ist,  gibt  uns  den  Schlüssel  zu  ihrer  gegenwärtigen  Gestalt.  Ebenso,  wie
die  Naturforscher  und  die  Geologen  dazu  geführt  worden  sind,  um  den
gegenwärtigen  Zustand  der  Erde  und  der  lebenden  Arten,  die  sie  bevölkern, ­
  zu  verstehen,  die  Entwicklung  des  Lebens  und  der  Erde  in  großen
historischen  Hypothesen  wieder  auferstehen  zu  lassen,  ebenso  muß  der
Gelehrte,  der  das  gegenwärtige  wirtschaftliche  Leben  der  Menschheit
studiert,  bis  in  die  fernste  Vergangenheit  zurückgehen,  um  dort  seinen
Ursprung  und  seine  Quelle  zu  finden.  „Der  Mensch“,  sagt  Hildebrand,
„ist  als  soziales  Wesen  stets  ein  Kind  der  Zivilisation  und  ein  Produkt
der  Geschichte  .  .  .  Seine  Bedürfnisse,  seine  Bildung,  seine  Beziehungen
*)  Roscher:  „Wie  jedes  Leben,  so  ist  auch  das  Volksleben  ein  Ganzes,  dessen
verschiedenartige  Äußerungen  im  Innersten  Zusammenhängen.  Wer  daher  eine  Seite
desselben  wissenschaftlich  verstehen  will,  der  muß  alle  Seiten  kennen.  Und  zwar  sind
es  vornehmlich  folgende  sieben  Seiten,  welche  hier  in  Betracht  kommen:  Sprache,
Religion,  Kunst,  Wissenschaft,  Recht,  Staat  und  Wirtschaft.“  System  der  Volkswirtschaft, ­
  Bd.  I,  Grundlagen  der  Nationalökonomie,  22.  Aufl.,  bearbeitet  von
Robert  Pöhlmann,  Stuttgart  1897,  S.  41.  Vgl.  auch  Hildebrand:  Nationalökonomie
der  Gegenwart  usw.,  S.  29.  Genau  so  denkt  auch  Knies.
        <pb n="464" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  441

zu  den  Sachgütern  wie  zu  den  Menschen  bleiben  niemals  dieselben,  sondern
sind  sowohl  geographisch  verschieden  als  sie  sich  auch  historisch  immer
verändern  und  mit  der  gesamten  Kultur  des  Menschengeschlechts  fortschreiten“ ­
 1 ).
Daher  haben  die  ersten  Volkswirtschaftler,  in  der  Meinung  der  Anhänger ­
  der  historischen  Schule,  der  Wissenschaft  zu  enge  Grenzen  gezogen,
weil  sie  sich  hauptsächlich  auf  die  wirtschaftlichen  Tatsachen  beschränkten,
die  infolge  ihrer  Allgemeinheit  den  Charakter  physischer  Gesetze  besitzen.
Neben  der  Theorie,  wie  sie  sie  aufgefaßt  haben  (einige  sagen  sogar  an  ihrer
Stelle),  muß  man  eine  andere  Untersuchungsmethode,  die  der  Biologie
nähersteht,  anwenden:  die  eingehende  Beschreibung  und  die
Erklärung  auf  Grund  der  Geschichte  des  wirtschaftlichen
Werdens  und  Lebens  jeder  Nation.  Hierin  scheint  uns  zusammenfassend ­
  die  positive  Auffassung  zu  liegen,  die  sich  die  historische  Schule,
wenigstens  in  ihren  Anfängen,  von  der  Nationalökonomie  gemacht  hat,
eine  Auffassung,  die  mehr  oder  weniger  klar  noch  heute  in  vielen  Köpfen
lebendig  ist.
Diese  Auffassung  ist  durchaus  natürlich  und  berechtigt.  Auf  den
ersten  Blick  ist  sie  sogar  sehr  verführerisch.  Trotz  ihrer  anscheinenden
Einfachheit  ist  sie  aber  doch  nicht  ohne  ihre  dunklen  Seiten,  und  die
genauere  Analyse  ihrer  Gegner  hat  in  ihr  Grund  zu  ernsthaften  Einwürfen
gefunden.
Ist  zunächst  wirklich,  ein  konkretes  „realistisches“  Bild  des  Wirtschaftslebens ­
  der  letzte  Zweck  der  Wissenschaft,  wie  die  Anhänger  der
historischen  Schule  gerne  sagen?  Verdient  eine  Disziplin  nicht  im  Gegenteil ­
  den  Namen  Wissenschaft  um  so  rechtmäßiger,  je  größer  der  allgemeine
Charakter  der  Schlußfolgerungen  ist,  zu  denen  sie  gelangt?  Schon
Aristoteles  sagte:  „Es  gibt  nur  eine  Wissenschaft,  die  des  Allgemeinen.“
Ist  die  Beschreibung  der  konkreten  Wirklichkeit,  so  unentbehrlich  sie
^uch  sein  mag,  nicht  nur  der  erste  Schritt  zur  Bildung  der  Wissenschaft?
Ist  die  Wissenschaft  auf  Grund  ihrer  Natur  nicht  mehr  erklärend  als
beschreibend?
Allerdings  beschränken  sich  nicht  alle  Historiker  auf  die  Beschreibung. ­
  Viele  wollen  auch  erklären.  Das  Mittel,  dessen  sie  sich  bedienen,
lst  die  Geschichte.  Ist  dieses  Mittel  nun  wirklich  gut  gewählt  ?
»Die  Geschichte“,  sagt  Marshall,  „lehrt  uns  wohl,  daß  dieses  oder
jenes  Ereignis  auf  dieses  oder  jenes  andere  Ereignis  gefolgt  ist  oder
Kßt  ihm  gleichzeitig  geschah.  Sie  kann  uns  aber  nicht  sagen,  ob  dieses
erste  die  Ursache  jenes  zweiten  gewesen  ist“ 2 ).  Gibt  es  ein  einziges
b  Hildebrand,  Die  Nationalökomonie  der  Gegenwart  und  Zukunft,
29.
,  b  Marshall,  Principles,  B.  I,  Kap.  IV,  §  3.  Wagner  sagt:  „Die  Geschichte
aann  wohl  das  Bestehen  causaler  und  conditionaler  Beziehungen  feststellen  ...  sie
ai &amp;gt;n  sie  aber  nicht  immer  nacliwcisen 1 *  (op.  cit.  §  83).
        <pb n="465" />
        442

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

großes  historisches  Ereignis,  dessen  Ursachen  nicht  noch  beständig  diskutiert ­
  werden?  Noch  lange  wird  man  über  die  wirklichen  Ursachen
der  Reformation  oder  der  Revolution  streiten,  über  die  relative  Bedeutung
der  wirtschaftlichen,  politischen  oder  moralischen  Einflüsse,  die  diesen
großen  Geschehnissen  zugrunde  lagen  oder  sie  begleiteten,  oder  über
die  Einflüsse,  die  auf  die  geschlossene  Hauswirtschaft  die  Geldwirtschaft,
und  auf  diese  wieder  die  Kreditwirtschaft  folgen  ließen.  Damit  die  erzählende ­
  Geschichte  sich  in  erklärende  Geschichte  umwandeln  könne,
muß  sie  vorher  sehr  verschiedene  Gesetze  durch  eine  Reihe  von  Sonderwissenschaften ­
  als  bewiesen  annehmen  können,  deren  Zusammentreffen
zu  den  konkreten  Tatsachen  der  Wirklichkeit  führte 1 ).  Dann  aber  ist  es
nicht  mehr  die  Geschichte,  sondern  es  sind  diese  Wissenschaften,  die  die
wirkliche  Erklärung  geliefert  haben.  Die  Naturgeschichte  hatte  die  Aufeinanderfolge ­
  der  tierischen  Arten  als  eine  Tatsache  hingestellt  und  fand
die  Erklärung  dieser  Aufeinanderfolge  in  der  Erblichkeit  und  der  Auswahl. ­
  Liegt  nun  nicht  gerade  hierin  der  Grund,  weshalb  die  Entwicklung
der  Naturgeschichte  so  fruchtbar  gewesen  ist?  Die  Geschichte  der  menschlichen ­
  Gesellschaften  aber  liefert  uns  keine  Hypothese,  die  durch  ihre
Einfachheit  oder  ihren  erklärenden  Wert  mit  der  Evolutionslehre  verglichen ­
  werden  könnte.  Mit  einem  Wort,  die  Geschichte  bedarf  selbst
erst  der  Erklärung.  Allein  kann  sie  uns  nicht  das  Verständnis  der  Wirklichkeit ­
  vermitteln.  Sie  ersetzt  nicht  die  Nationalökonomie *  2 ).
Die  ersten  Anhänger  der  historischen  Schule  haben  dem  geschichtlichen ­
  Studium  der  Nationalökonomie  eine  noch  bedeutendere  Aufgabe
zugewiesen.  Nach  ihnen  sollte  sie  nicht  nur  die  Erklärung  der  Wirklich-!)
  Zwar  kann  die  Geschichte  erklärend  werden,  aber  in  einem  ganz  besonderen
Sinne:  nicht  indem  sie  die  allgemeinen  Gesetze  der  Tatsachen  entdeckt,  sondern  indem
sie  nachweist,  gerade  welches  besondere  Zusammentreffen  von  Tatsachen  (deren
allgemeine  Gesetze  als  bekannt  angenommen  werden)  irgendein  bestimmtes,  ebenfalls
besonderes  Ereignis  hervorgerufen  hat.  Die  wirklichen  Historiker  wissen  aber  sehr
wohl,  daß  derartige  Erklärungen  stets  einen  äußerst  subjektiven  und  persönlichen
Charakter  tragen.  Als  neuzeitliche  Untersuchung  dieser  Ideen  durch  einen  Historiker
verweise  ich  auf  die  prächtige  und  tiefbegründete  Einführung,  die  der  Geschichtsforscher
E.  Meyer  der  2.  Ausgabe  seiner  Geschichte  des  Alterjjjims  vorausgeschickt  hat.
(Berlin,  1907,  vgl.  auch  Simiand,  op.  cit.,  S.  14,  16.)
2 )  Vgl.  Marshall,  Principles,  B.  I,  Kap.  VI,  §  4  und  besonders  Karl  Menger,
Untersuchungen  usw.,  S.  14—17.  „Wir  gewinnen  das  historische  Verständnis
einer  Tatsache,  indem  wir  seine  individuelle  Genese  suchen,  d.  h.  indem  wir  uns  die
konkreten  Umstände,  innerhalb  derer  es  mit  seinem  ihm  eigentümlichen  Charakterzügen, ­
  inmitten  derer  es  entstanden  ist,  mit  ihren  ihnen  eigentümlichen  Seiten  vorstellen ­
  ...  Wir  gewinnen  das  theoretische  Verständnis  einer  konkreten  Tatsache  .  •  •&amp;gt;
wenn  wir  es  als  einen  Sonderfall  von  einer  gewissen  Regelmäßigkeit  (Gesetz)  der  Aufeinanderfolge ­
  oder  Koexistenz  der  Tatsachen  betrachten  oder  mit  anderen  Worten,
wir  gelangen  zum  Verständnis  des  Daseinszweckes,  dir  Existenz  und  der  Natur  einer
Tatsache,  indem  wir  lernen,  in  ihr  im  Wesentlichen  den  Beweis  eines  Tatsachengesetzes
zu  sehen.“
        <pb n="466" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  443

keit  gestatten,  sondern  auch  wirkliche  „Gesetze  der  wirtschaftlichen
Entwicklung“,  der  Völker  formulieren.  Dieser  Gedanke  —  den  durchaus
nicht  alle  Anhänger  der  historischen  Schule  teilen  —  wird  übrigens  auch
von  denen,  die  ihn  aufgestellt  haben,  nicht  in  gleicher  Weise  dargelegt.
Für  die  Einen,  zum  Beispiel  für  Knies,  besteht  ein  allgemeines  Entwicklungsgesetz ­
  der  Menschheit,  das  folglich  alle  Nationen  umfaßt.  Diese
Auffassung  berührt  sich  mit  der  Saint-Simon’s.  Für  Andere,  wie  zum  Beispiel ­
  für  Roscher,  bestehen  in  der  Geschichte  der  verschiedenen  Nationen
„Parallelismen“,  —  d.  h.  eine  gleiche  Aufeinanderfolge  der  wirtschaftlichen
Zustände  oder  Perioden.  Diese  Übereinstimmungen  würden  geschichtliche ­
  Gesetze  bedeuten.  Wenn  wir  sie  genau  in  den  vergangenen  Zivilisationen
  untersuchen,  so  werden  sie  es  uns  ermöglichen,  die  Zukunft  der''-gegenwärtigen
  Gesellschaften  vorauszusehen 1 )-Keiner
  dieser  beiden  Gesichtspunkte  erscheint  uns  ganz  richtig.
Auch  wenn  wir  annehmen,  daß  die  Menschheit  einem  allgemeinen  und
einzigen  Gesetz  der  Entwicklung  gehorcht,  fehlt  uns  doch  jedes  Mittel,
diese  Entwicklung  vorauszusehen,  denn  die  wissenschaftliche  Voraussage ­
  läßt  sich  nur  auf  Tatsachen,  die  sich  wiederholen,  anwenden.  Gegenüber ­
  einer  Tatsache,  deren  bezeichnendster  Zug  gerade  darin  liegt,  einzigartig ­
  zu  sein,  ist  sie  unmöglich.  Man  kann  sehr  wohl  versuchen,  die  Zukunft ­
  zu  erraten,  aber  erraten  ist  nicht  wissen:  und  Prophezeiungen  dieser
Art  sind  fast  stets  fehlgeschlagen 1  2 ).  —  Auch  die  historischen  Parallelitäten
beruhen  auf  keiner  festeren  Basis.  Eine  Nation  ist  nicht  mit  einem  lebenden
Organismus  vergleichbar,  der  notwendigerweise  durch  die  Jugend,  das

1 )  Dieser  Gedanke  wird  in  seinem  Grundriß  dargelegt,  aber  von  Knies  im  Namen
4er  Auffassung  einer  einheitlichen  Entwicklung  bekämpft  (op.  cit.  S.  42).
2 )  Über  diese  neue  Auffassung  sagt  ein  Philosoph,  Renouvier:  „Sobald  man  sieh
eine  andere  Frage,  als  die  schon  ziemlich  schwierige  über  das  Wo,  Wann  und  Wie,
dnd  in  bezug  auf  welche  Gegenstände  die  verschiedenen  Völker  im  Guten  und  Wa  ren
Fortschritte  oder  Rückschritte  gemacht  und  ihre  Erwerbungen  oder  Verluste  nacükorninenden
  Geschlechtern  übermittelt  haben,  vorlegt;  sobald  man  ein  wissenschatthches,
  d.  h.  fatalistisches  Gesetz  der  Geschichte  zu  kennen  glaubt  und  folglich  einen
^weck  der  menschlichen  Gesellschaften  (gewöhnlich  beginnen  diese  Art  Kenntnisse
®it  diesem  Zweck),  ist  man  in  der  Lage  eines  religiösen  Offenbarem,  der  sich  nicht
für  fähig  hält,  aus  sich  selbst  heraus  die  Wahrheit  und  die  Zukunft  zu  verkünden,  un
d er  seinen  Zuhörern  die  Notwendigkeit  darlegt,  in  der  sie  sich  befinden  er  selbst  und
das  zu  glauben  und  auszuführen,  was  auf  Grund  des  Vorhergehenden  unzweifelhaft ­
  sein  wird.  Die  philosophische  und  religiöse  Einbildung  sucht  in  der  äußeren
Beobachtung  die  Elemente  einer  Zuversicht,  die  sie  nicht  in  sich  selbst  hat,  für  sie
Wlrd  die  Geschichte  ein  Gott  der  Eingebung;  aber  die  Hlusion,  die  ihren  Gegenstand
Wechselt,  ändert  nicht  ihr  Wesen,  denn  der  neue  Gott  ist  nicht  objektiver,  als  es  in  den
Aigen  der  Ungläubigen  die  alten  Götter  waren,  und  er  inspiriert  nur  das  was  man
Slauben  möchte“.  Renouvier,  Introduction  ä  la  philosophie  analytique  de
*  histoire  2  Aus 0,  Bd  I  S  121  —Auch  die  Philosophie  Bergson  s  gelangt  dazu,
4ie  Möglichkeit  zu  bestreiten,  die  Zukunft  mit  Hilfe  der  Gegenwart  zu  erkennen.  Vgl.
lm  Bes.  sein  Werk:  L’Gvolution  crdatrice.
        <pb n="467" />
        444

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Mannesalter  und  das  Greisenalter  hindurch  geht.  Nichts  berechtigt  uns
zu  dem  Glauben,  daß  die  aufeinander  folgenden  Zustände,  die  eine  Nation
durchläuft,  der  Prototyp  sei,  dem  die  anderen  folgen  werden.  Höchstens
könnte  man  sagen,  daß  die  gleichen  Ereignisse,  die  sich  in  zwei  Nationen
einer  verwandten  Zivilisation  begeben,  analoge  Wirkungen  nach  sich
ziehen  werden.  So  hat  die  große  Industrie  in  den  meisten  der  westeuropäischen ­
  Gesellschaften  gleiche  Phänomene  hervorgerufen.  Es  folgt
aber  daraus  "nicht,  daß  man  hierin  ein  besonderes  Gesetz  sehen  müsse.
Es  ist  dies  einfach  die  Anwendung  des  Prinzips:  gleiche  Ursachen,  gleiche
Wirkungen.  Diese  Analogien  bleiben  stets  zu  zweifelhaft,  um  als  Gesetze
bezeichnet  zu  werden.  „Wahrscheinlich“,  sagt  Adolf  Wagner,  „übersteigt ­
  die  Aufgabe,  solche  Gesetze  oder  ein  solches  Gesetz  zu  finden,
selbst  wenn  sie  bestehen,  die  Leistungsfähigkeit  der  menschlichen
Geisteskräfte“ 1 ).  Wir  haben  weiter  oben  gesehen,  daß  Schmoller  selbst
in  dieser  Hinsicht  den  Skeptizismus  seines  Kollegen  teilt.
Bevor  wir  schließen,  müssen  wir  hier  eine  Bemerkung  einschieben  .  .  .
Zwischen  den  Ideen,  die  wir  eben  dargelegt  haben,  und  den  Gedanken
eines  Philosophen,  dessen  direkter  Einfluß  auf  die  ökonomische  Forschung
sehr  schwach,  fast  null,  gewesen  ist,  besteht  eine  höchst  auffallende  Analogie, ­
  und  wir  können  uns  nicht  versagen,  ihn  hier  zu  erwähnen:  es  ist  dies
Auguste  Comte.
Eigentümlicherweise  haben  die  ersten  Vertreter  der  historischen
Schule  ihn  nicht  gekannt.  Ebenso  wie  sie  Stuart  Mill  nicht  gekannt
haben,  haben  sie  auch  den  Cours  de  Philosophie  positive  von  Auguste
Comte,  der  doch  bereits  seit  1842  vollendet  war,  nicht  gelesen.  Und  doch
stellte  Comte  in  diesem  Werke  Gedanken  auf,  die  denen  Knies’  und
Hildebrand’s  sehr  verwandt  waren.  Diese  Verwandtschaft  ist  so  ausgeprägt, ­
  daß  positivistische  Volkswirtschaftler  wie  Ingram  und  H.  Denis
geglaubt  haben,  die  historischen  Bestrebungen  in  der  Nationalökonomie
mit  der  positivistischen  Philosophie  in  Verbindung  bringen  zu  können 1  2 ).
Die  drei  wesentlichen  Grundgedanken,  von  denen  wir  gesagt  haben,
daß  sie  die  Grundlage  der  Auffassung  der  Anhänger  der  historischen
Schule  bilden,  finden  sich  schon  bei  Auguste  Comte  ganz  klar  formuliert.
Der  erste  ist  die  Notwendigkeit,  die  wirtschaftlichen  Tatsachen  in  ihren
Beziehungen  zu  allen  anderen  Phänomenen  zu  untersuchen:  „Die  wirtschaftliche ­
  und  industrielle  Analyse  der  Gesellschaft“,  sagt  er 3 ),  „kann
nicht  in  positiver  Weise  durchgeführt  werden,  wenn  man  ihre  intellektuelle,
moralische  und  politische  Analyse,  sei  es  die  der  Vergangenheit  oder
die  der  Gegenwart,  beiseite  läßt.“  —  Der  zweite  ist  die  Anwendung  der
1 )  A.  Wagner,  Grundlegung,  Bd.  I,  Kap.  2,  §  90,  S.  239.
2 )  Vgl.  Ingram,  History  of  political  economy,  Kap.  IV  und  Denis,  Histoire
  des  syst&amp;amp;mes  6eonomiques  et  socialistes,  Bd.  I,  S.  34.
3 )  A.  Comte,  Cours  de  philosophie  positive,  Bd.  IV,  S.  198.
        <pb n="468" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  445

Geschichte  als  Untersuchungsmittel  in  der  sozialen  Wissenschaft.  Wie
er  sagt,  muß  auch  sie  sich  auf  die  „rationelle  Analyse  der  Gesamtheit
der  bis  zu  unseren  Tagen  erfolgten  Entwicklung  in  den  höchststehenden
Vertretern  der  Menschheit  stützen,“  und  als  günstig  für  die  Erneuerung
der  Volkswirtschaft  als  Wissenschaft  nimmt  er  an;  „daß  die  Vorliebe
für  historische  Arbeiten  in  unserem  Jahrhundert  immer  und  überall
im  Wachsen  begriffen  ist“ 1 ).  —  Schließlich  ist  er  überzeugt,  daß  diese
Methode  die  rationelle  Voraussicht  gestatten  wird,  „ein  Attribut,
das  die  Gesamtheit  der  verschiedenen  Bedingungen  zusammenfaßt,  deren
Bestimmung  es  ist,  den  wirklichen  Grundcharakter  der  positiven  Politik
zu  bezeichnen“ 2 ).  .
In  Summa  ist  das,  was  Comte  gründen  wollte,  die  „Soziologie“,
und  von  ihr  ist  die  Nationalökonomie  nur  ein  Teil.  Auch  die  historische
Schule  wollte  mehr  oder  weniger,  hauptsächlich  mit  Knies,  eine  soziologische ­
  Auffassung  der  Nationalökonomie  durchsetzen.  Davon  rühren
gewisse  Analogien  her,  über  die  Knies  sich  erst  viel  später  Rechenschaft
gegeben  hat,  die  aber  die  „junge  historische  Schule“  nicht  verkannte,
Nur  bestanden  unter  ihnen  ganz  wesentliche  Unterschiede  in  den  Gesichtspunkten, ­
  die  eine  Verschmelzung  der  beiden  Richtungen  nicht
gestatteten.
Zunächst  hatte  Comte  „das  tiefe  Gefühl  der  unabänderlichen  Gesetze“ ­
 3 ),  das  den  'Begründern  der  historischen  Schule  völlig  abging.
Andererseits  verstand  er  unter  historischer  Methode  etwas  ganz  Verschiedenes ­
  von  dem,  was  die  Historiker  damals  und  noch  heute  unter
diesen  Worten  verstehen.
Indem  er  einen  Gedanken  Saint-Simon’s  anwendet,  nennt  Comte
»historische  Methode“  die  Aufstellung  von  ansteigenden  und  abfallenden ­
  Reihen  der  wichtigsten  Arten  sozialer  Tatsachen.  Er  zieht,  wenn
*)mn  so  sagen  darf,  die  Kurve  jeder  Einrichtung  —  und  schließt  aus  ihrer
Richtung  auf  ihren  wahrscheinlichen  Fortschritt  oder  Verfall.  Er  definieit
dieses  Verfahren  selbst  wie  folgt:  „Das  Wesen  dieser  historischen  Methode
^eigentlichen  Sinne  scheint  mir  in  dem  rationellen  Gebrauch  sozialer
Reihen  zu  bestehen,  nämlich  in  aufeinander  folgender  Würdigung  der
Verschiedenen  Zustände  des  Menschengeschlechts,  die,  auf  Grund  der
Gesamtheit  der  historischen  Tatsachen,  das  beständige  Wachstum  jeder
eliebigen  physischen,  intellektuellen,  moralischen  oder  politischen  An-^ge,
  im  Zusammenhang  mit  dem  andauernden  Sinken  der  gegenteiligen
Mage  aufzeigen;  hierauf  muß  sich  dann  die  wissenschaftliche  Voraussage
v ° n  dem  endgültigen  Aufstieg  der  einen  und  dem  definitiven  Verfall  der
^deren  ergeben,  vorausgesetzt,  daß  eine  solche  Schlußfolgerung  in  jeder

l )  A.  Comte,  ebenda,  S.  168  und  207.
)  A.  Comte,  ebenda,  S.  227.
)  A.  Comte,  ebenda,  S.  139,  143,  147.
        <pb n="469" />
        446

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Hinsicht  vollständig  in  Übereinstimmung  mit  dem  System  der  allgemeinen
Gesetze  menschlicher  Entwicklung  steht,  dessen  unentbehrliches,  soziologisches ­
  Übergewicht  niemals  verkannt  werden  darf“ 1 ).  —  Auf  Grund
dieser  Methode  hatte  Saint-Simon  das  Kommen  des  Industrialismus
vorausgesagt,  und  auf  Grund  der  gleichen  Methode  sagte  Comte  den
Triumph  des  Positivismus  über  den  metaphysischen  und  religiösen  Geist
voraus.
Zwischen  dem  Ebengesagten,  und  dem,  was  man  heute  die  historische
Methode  nennt 2 ),  liegt  ein  weiter  Abstand,  und  die  Behauptung,  daß
Comte  ein  Vorläufer  dieser  Methode,  wie  sie  sich  seitdem  entwickelt
hat,  gewesen  sei,  scheint  uns  ganz  und  gar  unberechtigt.  —  Trotzdem
ist  die  Übereinstimmung  zwischen  seinen  Ansichten  und  denen  Knies
und  Hilde  brand’s  nicht  weniger  interessant,  weil  sie  ein  neuer  Beweis ­
  für  das  Bewußtsein  ist,  das  gewisse  bedeutende  Denker  um  die  Mitte
des  Jahrhunderts  von  der  Notwendigkeit  hatten,  die  in  den  „großen
Gesetzen“  versteinerte  Nationalökonomie  durch  neue  Methoden  wieder
zu  beleben.

Es  scheint  uns  daher,  als  ob  die  historische  Schule  sich  Illusionen
hingegeben  habe,  als  sie  in  der  Geschichte  das  Hauptinstrument  sah)
-  x )  A.  Comte,  ebenda,  S.  328.
2 )  Es  ist  interessant,  die  Meinung  der  Geschichtsforscher  über  diesen  Punkt
zu  hören.  Nach  E.  Meyer  liegt  der  Zweck  der  Geschichte  nicht  darin,  allgemein®
Entwicklungsgesetze  zu  entdecken,  —  sondern  die  konkreten  und  besonderen  Ei'
eignisse  in  ihrem  Zusammenhang,  sowie  ihre  Aufeinanderfolge  zu  beschreiben  und
zu  erklären.  Um  sie  zu  beschreiben,  gebraucht  sie  die  Regeln  der  historischen
Kritik;  —  um  sie  zu  erklären,  gebraucht  sie  im  Wesentlichen  die  Analogie.  ,,D aS
Mittel,  welches  der  historische  Schluß  verwendet,  ist  die  Analogie.  Sie  beherrscht
alle  Schlüsse  über  die  äußeren  Kräfte,  welche  die  Gestalt  des  Ereignisses  beeinflußt
haben,  bis  zu  den  rein  mechanischen  Vorgängen  hinab,  vor  Allem  aber  alle  Urteile  auf
dem  reizvollsten  Gebiet  der  Geschichte,  dem  der  inneren  Momente  oder  der  psychologischen ­
  Faktoren  .  .  .  Hier  tritt  uns  die  Tatsache  hindernd  entgegen,  daß  die  Vorgänge ­
  in  der  Seele  eines  Anderen  sich  jeder  unmittelbaren  Erkenntnis  entziehen  und
nur  aus  seinen  Handlungen  durch  einen  Analogieschluß  auf  uns  selbst  erschlossen
werden  können.  Die  innere  Einheit  der  psychischen  Vorgänge  in  einem  Menschen
läßt  sich  vollends  nur  durch  Intuition  künstlerisch  erfassen,  aber  niemals  wissenschaftlich ­
  erkennen  .  .  .  Wir  stehen  also  hier  hart  an  der  Grenze  dessen,  was  überhaupt  noch
selbst  innerhalb  des  problematischen  Schlusses  als  wissenschaftlich  erkennbar  bezeichnet
werden  kann“.  (Vgl.  Ed.  Meyer,  Geschichte  des  Altertums,  Einleitung,  2.  Ausg-&amp;gt;
§  14.)  Zwischen  dieser  Methode  und  der,  von  der  uns  Auguste  Comte  spricht,  entdeckt ­
  man  keine  Art  irgendwelcher  Beziehungen.  Hiervon  kann  man  sich  noch  weite 1
überzeugen,  wenn  man  die  Introduction  aux  dtudes  historiques  von  Langdo is
und  Seignobos  (1898)  liest  oder  die  Untersuchung  G.  Monod’s  über  die  historische
Methode  in:  De  la  m6thode  dans  les  Sciences  (Paris  1909),  oder  weiter  die  übe^
diese  Fragen  der  Metho.de  in  der  Revue  de  Synthese  historique  zahlreich  er
schienenen  Aufsätze.
        <pb n="470" />
        Kapitel  I.  Die  historische  Schule  und  der  Streit  über  die  Methoden.  447

das  eine  Erklärung  der  Gegenwart  gestatte,  und  hoffte,  auf  Grund  der
Geschichte  besondere  Gesetze  entdecken  zu  können,  die  sich  als  die  Entwicklungsgesetze ­
  der  Völker  ausweisen  würden.
Dagegen  hat  sie  mit  großer  Berechtigung  verlangt,  daß  neben  der
eigentlichen  wirtschaftlichen  Theorie  dem  Studium  der  Einrichtungen,
der  Statistik  und  der  Wirtschaftsgeschichte  ein  viel  größerer  Platz  eingeräumt ­
  werde.  Nicht  nur  bietet  die  Beschreibung  des  konkreten,  wirtschaftlichen ­
  Lebens  an  und  für  sich  ein  bedeutendes  Interesse,  sondern
sie  ist  die  grundlegende  Bedingung  aller  theoretischen  Spekulation.  Der
Theoretiker  kann  die  genaueste  Beobachtung  der  Tatsachen  nicht  entbehren. ­
  Ohne  sie  schweben  seine  Gebäude  in  der  Luft.  Die  abstraktesten
Volkswirtschaftler  haben  dies  ohne  weiteres  anerkannt.  Unter  anderen
schrieb  Jevons  schon  1879,  daß  nach  seiner  Ansicht,  „sich  auf  alle  Fälle
eine  Wissenschaft  der  Entwicklung  der  wirtschaftlichen  Formen  und
Beziehungen,  oder  eine  ökonomische  Soziologie  bilden  müsse“ 1 ).

In  dem  Augenblick,  in  dem  die  Wissenschaft  erschöpft  zu  Boden  zu
smken  schien,  lag  in  der  neuen  Auffassung  der  historischen  Schule,  bei
em  Fehlen  großer  synthetischer  Rekonstruktionen,  die  nur  den  größten
e nkern  Vorbehalten  sind,  ein  kostbares  Mittel,  sie  wieder  zu  beleben,
a nzuspornen  und  sie  von  Neuem  in  Berührung  mit  dem  ganzen  zeitgenössischen ­
  Leben  zu  bringen.
Dies  hat  die  historische  Schule  getan,  indem  sie  unsere  Kenntnis  der
tschaftlichen  Vergangenheit  völlig  erneuerte  und  mit  einer  oft  bewunderungswürdigen ­
  Genauigkeit  gewisse  höchst  interessante  und  verekelte ­
  Einrichtungen  der  Gegenwart  beschrieb 2 ),
fra  ' ir  ^atur  der  Sache  nach  kann  ein  derartiges  Werk  freilich  nur
J mentar isch  sein.  Die  historische  Schule  hat  bewunderungswürdiges
erial  zusammengetragen.  Sie  hat  leider  noch  nicht  das  harmonisch
zu  ^I^ougefügte  Gebäude  errichtet,  unter  dessen  Bild  wir  uns  —  vielleicht
den  nrec ^  ~~  die  Wissenschaft  der  Zukunft  vorzustellen  lieben.  Sie  hat
» e uen  Faden  der  Ariadne  noch  nicht  gefunden,  der  uns  gestatten
Uns  6 ’  ^ em  Labyrinth  der  Tatsachen  des  wirtschaftlichen  Lebens  sicher
r  ' ires  TVeges  zu  gehen.  Hierüber  darf  man  nicht  erstaunt  sein,  wenn
auso- an  ^ W(; d' R l  denkt,  die  wir  soeben  über  die  Fähigkeit  der  Geschichte
llI1( . b ?| ! .P roc ben  haben,  uns  diesen  Faden  in  die  Hand  zu  geben.  Anscheinend,
lerauf  muß  hingewiesen  werden,  wird  sie  selbst  sich  dessen  bewußt.
»Di  - LI5Y  schrieb  in  einem  vor  nicbt  langer  Zeit  erschienenen  Aufsatz:
’’  6  Kritiken  der  historischen  Schulen  haben  uns  bisher  noch  nicht  zur

gäbe  (187q ANI,EY  Jevons &amp;gt;  The  Theory  of  political  economy,  Vorrede  zur  2.  Aus-2\
  m  '*
h  besonders  das  von  Schmoller  geleitete  Jahrbuch  beschreibende
die  v ;^gen  über  den  zeitgenössischen  Mechanismus  des  Handels  und  der  Industrie,
Vor bddlich  sind.
        <pb n="471" />
        448

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Errichtung  einer  neuen  Ökonomik  auf  historischer  Grundlage  geführt;
sogar  in  Deutschland  haben  sich  erst  in  diesen  allerletzten  Jahren  unseren
Augen  einige  der  Richtlinien  einer  solchen  Nationalökonomie  unbestimmt
in  dem  großen  Werk  G.  Schmoller’s  gezeigt“ 1 ).
Und  gerade  deswegen  hätte  die  historische  Schule  nachsichtiger  sein
sollen  hinsichtlich  der  zunächst  von  den  Klassikern  und  dann  von  den
Hedonisten  gemachten  Versuche,  auf  einem  anderen  Wege  jenes  instinktive ­
  Bedürfnis,  zu  befriedigen,  das  dem  menschlichen  Geiste  innewohnt
und  das  darin  besteht,  die  Wirklichkeit  zu  vereinfachen,  um  sie  besser
zu  verstehen 2 ).

Kapitel  II.
Der  Staatssozialismus.

Das  neunzehnte  Jahrhundert  begann  im  Mißtrauen  gegen  die  R®'
gierung  und  im  Enthusiasmus  aller  Schriftsteller  für  die  wirtschaftlich®
Freiheit  und  die  individuelle  Initiative.  Es  endigte  inmitten  beständig® 1 "
Rufe  nach  der  Einmischung  des  Staates  in  die  wirtschaftliche  und  sozial®
Organisation.  In  allen  Ländern  ist  die  Anzahl  der  Schriftsteller  und  Volks-Wirtschaftler,
  die  eine  Ausdehnung  der  ökonomischen  Funktionen  des
Staates  befürworteten,  stetig  gewachsen  und  bildet  heute  sicherlich  die
Mehrheit.  Dieser  Meinungsumschwung  ist  einigen  Schriftstellern  so  be-*)

  Ashley:  The  present  Position  of  political  Economy  (im  Economy
Journal,  1907,  S.  487).
2 )  Die  Geschichte  der  Statistik  hat  in  diesem  Buche  keinen  Platz.  Doch  * st
diese  Wissenschaft,  obgleich  sie  unabhängig  von  der  Volkswirtschaft  besteht,  ein®

so  wertvolle  Hilfe,  daß  ihre  Fortschritte  in  gewisser  Weise  parallel  verlaufen

Seit

etwa  20  Jahren  haben  sich  nun  die  Methoden  der  Auslegung  der  Statistik  W 11
sprechen  hier  nicht  von  ihren  Beobachtungsmethoden)  außerordentlich  vervol
kommnet.  Die  logischen  Probleme,  zu  denen  sie  Anlaß  geben,  sind  mit  großem  Schaf  ^
sinn  untersucht  worden,  und  die  Anwendung  der  Mathematik  auf  diese  Fragen  n&amp;amp;
sich  als  äußerst  fruchtbar  erwiesen.  Die  Theorien  der  Assoziation  und  der  Korrelation
die  über  Beobachtungsfehler  usw.,  gehören  zu  denen,  deren  Kenntnis  ein  Student
sozialen  Wissenschaften  nur  schwer  entbehren  kann.  Ihre  Geschichte  (in  der  m®
Anzahl  von  Namen,  von  Quetelet  bis  K.  Pearson,  aüfzuzählen  wären)  würde  es  vl  ^
leicht  verdienen,  in  einem  Kapitel  über  die  Geschichte  der  Methoden  ausgeführt  *
werden,  wenn  man  damit  nicht  Gefahr  liefe,  auf  diese  Weise  eine  ganze  Abhandlu
über  Statistik  einzuschmuggeln.  Wir  begnügen  uns  daher,  den  Leser  auf  das  BU
von  G.  Udny  Yule,  An  introduction  to  the  theory  of  statistics  (London,  19
hinzuweisen.  Er  führt  wohl  zurzeit  am  besten  in  die  Diskussion  über  die  Metbo  ^
der  Sozialwissenschaft  ein  und  gibt  eine  unentbehrliche  Ergänzung  zu  dem  Studi
der  im  vorliegenden  Kapitel  untersuchten  Probleme.
        <pb n="472" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

449

deutend  erschienen,  daß  sie  darin  eine  wirklich  neue  Doktrin  gesehen
haben,  der  sie  in  den  verschiedenen  Ländern  verschiedene  Namen,  wie
»Staatssozialismus“  oder  „Kathedersozialismus“  in  Deutschland,  „Interventionismus“ ­
  in  Frankreich,  gegeben  haben.
In  Wirklichkeit  haben  wir  es  hier  nicht  mit  einem  ökonomischen
System  eigentlichen  Sinnes  zu  tun,  sondern  mit  einer  Auffassung  der
praktischen  Politik,  zu  der  man  von  den  verschiedensten  theoretischen
Gesichtspunkten  aus  gelangen  kann.  Die  Frage  nach  den  Grenzen  der
Kegierungstätigkeit  in  der  Güterproduktion  und  Verteilung  ist  eins  der
bedeutendsten  Probleme  der  Wirtschaftspolitik;  mit  Unrecht  sieht  man
aber  in  ihm  eine  grundlegende  wissenschaftliche  Frage,  die  gestatten  würde,
die  Volkswirtschaftler  gemäß  den  verschiedenen  Lösungen,  die  sie  ihr
geben,  zu  klassifizieren.  Es  ist  klar,  daß  diese  Lösungen  nicht  nur  von  rein
ökonomischen  Betrachtungen  abhängen,  sondern  auch  von  sozialen  und
politischen  Rücksichten,  dem  besonderen  Begriff,  den  man  sich  von  dem
allgemeinen  Interesse  macht,  und  von  dem  Vertrauen,  das  die  Natur  und
die  Form  der  Regierung  zu  jeder  Zeit  und  in  jedem  Lande  einflößen 1 ).
Ebenso  klar  ist,  daß  diese  Frage  sich  stets  von  Neuem  erheben  wird  solange, ­
  als  eine  Gesellschaft  und  eine  Regierung  bestehen  werden,  und  daß
Sle  beständig  neue  Antworten  erfordern  wird,  die  sich  den  neuen  Umständen, ­
  die  die  Geschichte  schafft,  anpassen  müssen.
Wie  erklärt  sich  nun  die  außerordentliche  Bedeutung,  die  in  einem
pgebenen  Augenblick  diese  Frage  in  der  Geschichte  der  Doktrinen  erjagt ­
  hat?
Wenn  die  Debatte  stets  auf  dem  Boden  geblieben  wäre,  auf  den
bMiTH  sie  gestellt  hatte,  würde  sie  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  nicht
einem  so  leidenschaftlichen  Streit  Anlaß  gegeben  haben.  Hatte  doch
ßiöTH  das  Laisser-faire  hauptsächlich  auf  Grund  rein  wirtschaftlicher  Argumente ­
  verteidigt.  Unter  dem  wachsenden  Einfluß  des  politischen  Individualismus ­
  und  Liberalismus  trat  jedoch  fast  überall  an  die  Stelle  dieser
uitifachen  und  wohl  überlegten  Theorie  des  Laisser-faire  ein  prinzipielles
iß  trauen  gegen  den  Staat,  während  die  Überlegenheit  der  Einzelpersonen
wirtschaftlicher  Faktoren  sogar  außerhalb  der  Bedingungen
er  Konkurrenz  und  des  Ansporns  des  persönlichen  Interesses
Ur  alle  Schriftsteller  zu  einem  Axiom  wurde.
^  Kiese  Art  und  Weise,  die  Frage  anzusehen,  tritt  ganz  besonders  bei
öastiat  hervor.  Für  ihn  ist  der  Hauptcharakterzug  der  Regierung  nicht
&amp;lt;Jle  Vertretung  der  Kollektivinteressen,  sondern  die  Tatsache,  daß  sie
b  b  So  sagt  Dupont-White  an  einer  Stelle,  daß  der  Staat  eigentlich  erst  seit  1789
Schl'  r  Der  Sfcaat ’  den  er  mit  allen  Tu g endel1  ausstattet,  ist  daher,  unter  Ausp
  ‘ucöiing  aller  anderen,  der  konstitutionelle,  liberale  und  demokratische  Staat.  Der
ior  j? iSt  kann  sich  eine  derartige  Einschränkung  erlauben.  Bei  einem  Geschichtssc
 her  oder  einem  Theoretiker  wäre  sie  nicht  statthaft.
Gl de  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  29
        <pb n="473" />
        450

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

nicht  anders  als  mit  zwingender  Gewalt  handelt 1 ),  während  die  Tätigkeit
des  Individuum  sich  im  Gegenteil  durch  die  Freiheit  charakterisiert.  Jeder
Ersatz  der  Individuen  durch  den  Staat  ist  daher  ein  Sieg  der  Gewalt  über
die  Freiheit  und  muß  infolgedessen  verurteilt  werden.  Wieweit  haben
wir  uns  hier  von  Adam  Smith  entfernt,  und  nichts  ist  lehrreicher,  wenn
man  den  Abstand  würdigen  will,  als  die  Darlegung  der  Funktionen  des
Staates  bei  diesen  beiden  Volkswirtschaftlern  zu  vergleichen.  Zu  seiner
Aufgabe,  die  innere  und  äußere  Sicherheit  zu  wahren,  fügt  Smith:  „die
Pflicht,  gewisse  öffentliche  Werke  und  Anstalten  zu  errichten  und  zu
unterhalten,  deren  Errichtung  und  Unterhaltung  niemals  im  Interesse
eines  Privatmannes  oder  einer  kleinen  Zahl  von  Privatleuten  liegen  kanü,
weil  der  Gewinn  daran  niemals  einem  Privatmann  oder  einer  kleinen  Zahl
von  Privatleuten  Befriedigung  gewähren  würde,  obgleich  er  eine  große
Nation  oft  mehr  als  schadlos  hält“ 2 ).  Dies  ist  noch  ein  ziemlich  ausgedehnter ­
  Bereich.  Bei  Bastiat  dagegen  finden  wir  nur  zwei  Aufgaben
für  die  Regierung:  „Über  die  öffentliche  Sicherheit  zu  wachen  und  den
gemeinsamen  Besitz  zu  verwalten“ 3 ).  Auf  diesen  neuen  Boden  übertragen,
wird  die  Frage  der  Einmischung  der  Regierung,  statt  rein  ökonomisch
zu  bleiben,  zu  einem  Streit  politischer  Metaphysik  —  über  die  Natur,  die
Aufgabe  und  die  berechtigten  Funktionen  des  Staates  —  erweitert,  ein
Streit,  in  dem  die  individuellen  Temperamente  und  die  sozialen  Traditionen ­
  eine  größere  Rolle  spielen,  als  die  ökonomische  Logik  und  sogar
die  Beobachtung.  Noch  mehr,  gewissen  Köpfen  scheint  es,  als  habe  di®
ganze  wirtschaftliche  Wissenschaft  nur  einem  einzigen  Ziele  zuzustreben:
der  Verteidigung  der  Freiheit  und  der  Rechte  des  Individuums.
Gegen  diese  doktrinären  Übertreibungen  mußte  notwendigerweise
eine  Reaktion  einsetzen,  und  ganz  natürlich  wurde  die  Betonung  der
Rechte  des  Staates  bei  einzelnen  Schriftstellern  ebenso  einseitig  gehandhabt.
  Schon  1856  hatte  in  Frankreich  ein  vereinzelt  gebliebener  Schrift
steiler,  Dupont-White,  in  einem  kleinen  Werke:  l’Individu  et  l’ßtat
gegen  diese  beständige  Herabsetzung  des  Staates  Front  gemacht.  Sei)) 6
Ideen  stehen  denen  des  deutschen  Staatssozialismus  so  nahe,  daß  sie  mit
ihnen  verschmelzen,  und  der  Einfachheit  halber  werden  wir  sie  zusammen
darlegen.  Seine  Stimme  fand  jedoch  keinen  Widerhall.  Die  aufgeklärte
Meinung  war  unter  dem  zweiten  Kaiserreiche  wenig  dazu  geneigt,  einem
Manne  Gehör  zu  schenken,  auch  wenn  er  in  der  Politik  dem  Liberalismus
*)  „Gerade  dieser  Sondercharakter,  als  gezwungene  Hilfskraft  auf  die  Va
angewiesen  zu  sein,  muß  uns  ...  die  Ausdehnung  und  die  Grenzen  (der  Eigenschai
des  Staates)  enthüllen.  Ich  sage:  die  Regierung  betätigt  sich  nur  durch  &amp;lt;
Dazwischentroten  der  Gewalt;  daher  ist  ihre  Tätigkeit  nur  dort
rechtfertigt,  wo  das  Dazwischen  treten  der  Gewalt  selbst  an  und
sich  gerechtfertigt  ist.“  Harmonies,  10.  Ausg.,  S.  552  und  553.
2 )  Völkerreichtum,  4.  Buch,  Kap.  IX,  vorletzter  §,  S.  160,  Bd.  II-3
 )  Harmonies,  10.  Ausg.,  S.  556.
        <pb n="474" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

451

huldigte,  der  davon  sprach,  die  Macht  der  Regierung  zu  stärken  und
ihren  wirtschaftlichen  Einfluß  zu  erweitern.  Um  eine  wirkliche  Wandlung
in  der  öffentlichen  Meinung  zu  schaffen,  mußten  günstigere  Umstände
eintreten.  Das  war  erst  im  letzten  Drittel  des  Jahrhunderts  der  Fall,/und
es  war  in  Deutschland,  wo  dieser  Umschwung  sich  vollzog.
Er  bestand,  so  scheint  es  uns,  weniger  in  der  Schaffung  einer  neuen
Lehre  als  in  der  Verschmelzung  einer  doppelten  Strömung  älterer  Ideen,
die  wir  zunächst  untersuchen  müssen.
Man  sieht  auf  der  einen  Seite  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  eine
Reihe  von  Volkswirtschaftlern,  obgleich  sie  von  den  grundlegenden  Gedanken ­
  Smith’s  ausgegangen  sind,  dennoch  das  Prinzip  des  Laisser-faire
nach  und  nach  einschränken,  seinen  wissenschaftlichen  Beweis  nicht  mehr
als  feststehend  ansehen  und  in  einer  großen  Zahl  von  Fällen  die  Einmischung ­
  des  Staates  verlangen.--  —
Auf  der  eineiTSeite  findet  man  einige  Sozialisten,  die  opportunistischer
als  die  anderen  sind.  Auch  wenn  sie  dem  Privateigentum  und  der  Produktionsfreiheit ­
  feindlich  gegenüberstehen,  so  wollen  sie  doch  schon  jetzt
and  so  schnell  wie  möglich  eine  Erleichterung  des  Elends  der  Arbeiterklasse ­
  herbeiführen.  Zu  diesem  Zweck  wenden  sie  sich  an  die  bestehenden
Regierungen.
Der  Staatssozialismus  vollzieht  die  Vereinigung  dieser  beiden  Strömungen. ­
  Durch  sein  robustes  Vertrauen  in  den  geistigen  Hochstand  der
Machthaber  geht  er  etwas  weiter  als  die  Einen;  von  den  Anderen  trennt
jhn  seine  Anhänglichkeit  an  das  Privateigentum:  aber  die  hauptsächlichsten ­
  Punkte  seines  Programms  entlehnt  er  den  Einen  wie  den  Anderen.
Ls  kommt  daher  zunächst  darauf  an,  darzulegen,  wie  diese  beiden  Strömungen ­
  sich  gebildet  haben.  Später  werden  wir  sehen,  unter  der  Herrschaft ­
  welcher  Umstände  ihr  Zusammentreffen  sich  vollzogen  hat.

§  1.  Die  Kritik  des  Laisser-faire  bei  den  Ökonomisten.
Zunächst  wurden  die  wirtschaftlichen  Argumente  des  Laisser-faire
seit  Adam  Smitii  einer  immer  schärfer  werdenden  Analyse  unterworfen.
Line  ununterbrochene  Kette  von  Schriftstellern,  die  nicht  Sozialisten
"mren,  haben  im  Laufe  des  19.  Jahrhunderts  in  seine  Auffassungen  Bresche
gelegt  und  nachgewiesen,  wie  sehr  die  praktischen  Schlußfolgerungen  des
großen  schottischen  Volkswirts  die  Tragweite  seiner  Beweise  überschritten.
Lür  Adam  Smith  beruhte  die  Politik  des  Laisser-faire  auf  dem  I  nnzip
'kr  natürlichen  Identität  der  privaten  und  der  allgemeinen  Interessen.
Lr  hatte  nachgewiesen,  daß  die  Konkurrenz  selbsttätig  die  Preise  auf  das
, 1Ve au  der  Produktionskosten  erniedrigt,  daß  das  Angebot  sich  durch
e men  automatischen  Mechanismus  der  Nachfrage  anpaßt,  und  daß  die
29»
        <pb n="475" />
        452

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Kapitalien  wie  durch  ein  natürliches  Gefälle  den  ertragreichsten  Anlagen
zufließen.
Aber  schon  nach  Maltiius  und  Ricardo,  nach  den  Theorien  der
Bodenrente  und  der  Bevölkerung,  ist  das  Prinzip  der  natürlichen  Identität
der  Interessen  stark  erschüttert,  obgleich  diese  beiden  Schriftsteller  noch
durchaus  an  der  Freiheit  festhalten.
Da  greift  Sismondi  ein.  Er  beschreibt  uns  die  Übel  der  Konkurrenz,
unter  der  mit  Notwendigkeit  die  soziale  Ungleichheit  der  Kontrahenten
den  Schwächeren  dem  Willen  des  Stärkeren  unterwirft,  und  sein  ganzes
Buch  ist  eine  einzige  Widerlegung  des  Vorsehungsoptimismus  Smith’s.
In  Deutschland  hatte  der  Volks  Wirtschaftler  Hermann,  der  die  Ausarbeitung ­
  der  klassischen  Theorien  in  glänzender  Weise  fortsetzte,  nacbgewiesen,
  daß  das  persönliche  Interesse  oft  entweder  im  Gegensatz  zu  dem
öffentlichen  Interesse  steht,  oder  zu  schwach  ist,  es  zu  verwirklichen.  Er
erklärte  schon  1832,  daß  man  die  Behauptung  der  meisten  Volkswirtschaftler ­
  seit  Adam  Smith  nicht  unterschreiben  könne,  nach  der  die  von
persönlichen  Interessen  getriebene  Tätigkeit  der  Individuen  für  alle  Notwendigkeiten ­
  der  Volkswirtschaft  genüge 1 ),  und  daß  man  auch  dem
Gemeinsinn  einen  Platz  einräumen  müsse.
Dann  steht  List  auf,  der  seine  ganze  Beweisführung  stützt  auf  den
Gegensatz  zwischen  den  augenblicklichen  Interessen,  die  die  einzige  Richtschnur ­
  der  Individuen  sind,  und  den  beständigen  und  dauernden  Interessen
der  Nation,  die  nur  von  einer  Regierung  vertreten  werden  können.
Einige  Jahre  später  diskutiert  Stuart  Mill  nicht  einmal  mehr  in
dem  berühmten  fünften  Buch  seiner  Prinzipien  der  Volkswirtschaft
die  These  der  natürlichen  Übereinstimmung  der  Interessen,  so  wenig
haltbar  erschien  sie  ihm.  Um  im  Prinzip  die  Einmischung  der  Regierung
auszuschalten,  läßt  er  nur  ein  einziges  wirtschaftliches  Argument  gelten:
die  Überlegenheit,  die  den  Individuen  der  Beweggrund  des  persönlichen
Interesses  gibt.  Er  beeilt  sich  aber  nachzuweisen,  wie  vielen  Beschränkungen ­
  dieses  Prinzip  unterliegt:  natürliche  Unfähigkeit  der  Kinder  und
der  Schwachsinnigen,  die  Unkenntnis  seiner  wirklichen  Interessen  auf
seiten  des  Verbrauchers,  die  häufige  Unmöglichkeit,  auch  für  die,  die  sie
kennen,  dieses  Interesse  ohne  die  Hilfe  der  Gesellschaft  zu  verwirklichen
(z.  B.  in  der  Frage  der  Dauer  der  Arbeitszeit  für  die  Arbeiter).  Mill  weist
auch  darauf  hin,  wie  oft  in  unserer  modernen  industriellen  Organisation
dieser  Beweggrund  nicht  vorhanden  ist:  in  Aktiengesellschaften,  in  denen
die  Aktionäre  nicht  ohne  das  Zwischenglied  eines  bezahlten  Vertreters
auskommen  können,  oder  in  Wohltätigkeitsanstalten,  in  denen  nur  das
Interesse  Anderer  in  Betracht  kommt.  Weiterhin  kann  sich  auch  das
Privatinteresse  sehr  oft  in  Widerspruch  mit  dem  allgemeinen  Interesse
l )  Hermann,  Staafcswissenschaftliche  Untersuchungen,  1.  Ausgabe,
S.  12—18.
        <pb n="476" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

453

befinden:  so  zum  Beispiel  in  den  Unternehmungen  der  städtischen  Wasserund
  Gasanstalten,  die  Monopole  darstellen,  und  in  denen  der  individuelle
Unternehmer  notwendigerweise  den  Maximalprofit  zu  erreichen  sucht.
In  der  Mehrzahl  dieser  Fälle  ist  Stuart  Mill  geneigt,  die  Einmischung
des  Staates  zuzulassen 1 ).
Zur  gleichen  Zeit  beglückwünschte  Michel  Chevalier  von  seinem
Lehrstuhl  im  College  de  France  herab  Stuart  Mill  dazu:  „die  Regierungen
wieder  in  die  ihnen  zustehenden  Machtbefugnisse  eingesetzt  zu  haben“ 2 ).
Die  Personen,  die  da  glauben,  die  wirtschaftliche  Ordnung  einzig  und
allein  auf  Grund  der  Konkurrenz  und  des  persönlichen  Interesses  errichten
zu  können,  „lassen  sich“,  so  meint  er,  „von  einem  Spiegelbild  täuschen“
oder  „bewegen  sich  in  einem  Kreis  von  Irrtümern“.  Für  ihn  ist  die  Regierung ­
  „der  Geschäftsführer  der  nationalen  Assoziation“.  Sie  muß  daher
„überall  dort,  wo  das  Gemeininteresse  in  Frage  steht“  eingreifen.  Er
protestiert  gegen  die,  die  ihre  Befugnisse  auf  die  eines  „Polizisten“  beschränken ­
  wollen 3 ).  Indem  er  diese  Prinzipien  auf  die  öffentlichen  Arbeiten
anwendet,  weist  er  nach:  „daß  dieselben  durchaus  und  in  jeder  Hinsicht
Angelegenheiten  des  Staates  sind“,  und  daß  die  Garantien  einer  guten
Ausführung  nicht  weniger  gut  unter  der  Kontrolle  des  Staates,  als  unter
der  einer  Privatgesellschaft  verwirklicht  werden.
Im  Jahre  1863  schnitt  Coürnot,  ein  Schriftsteller,  dessen  Ruf  bedeutend ­
  geringer  war  als  der  Chevalier’s  oderMiLL’s,  dessen  scharfsinnige
Gedanken  trotz  ihres  geringen  sofortigen  Einflusses  aber  eine  große
Bedeutung  für  die  Geschichte  der  Doktrinen  haben,  das  gleiche  Problem
di  seinen  „Principes  de  la  thöorie  des  richesses“  an.  Er  erfaßt
sofort  den  Kern  des  Problems  und  fragt  sich,  ob  es  überhaupt  möglich
se h  das  allgemeine  Interesse  einer  Gesellschaft  klar  zu  definieren,  nämlich
das  zu  verwirklichende  wirtschaftliche  Optimum,  und  infolgedessen  a
Priori  die  Überlegenheit  eines  Systems  über  ein  anderes  zu  behaupten.  Er
bemerkt  mit  Recht,  daß  das  Problem  unlösbar  ist.  Denn  in  der  Tat  wird
die  Produktion  von  der  Nachfrage  bestimmt.  Diese  wieder  hängt  von  der

•««Tn  "RupTip  Essay  on  libcrty,  in
*)  Man  findet  die  gleiche  Auffassung  m  sei  hrt«  und  daß  infolge-4em
  er  behauptet,  daß  „Handeltreiben.eine  soziale:  T  H  ft  unterliegt “,  un d  daß
dessen  jeder  Kaufmann  „der  Gerichtsbarkeit  der  "  r  hre  des  Freihandels  nicht
„das  Prinzip  der  individuellen  Freiheit,  da  es  ™  .  die  hinsichtlich  der  Grenzen
berührt  wird,  ebensowenig  in  den  meisten  der  &amp;gt;  darum  handelt,  zu  wissen,
dieser  Lehre  auftreten,  in  Frage  steht,  z.  B.  wen  eg  durch  Verfälschungen
welche  Ausdehnung  der  Kontrolle  zur  Vertun  g  e jte e bcm  sanitäre  Vorsichtsstatthaft ­
  ist,  oder  bis  zu  welchem  «eTr  ingeIÄn  Beschäftigungen  verlege ­
 111  oder  Einrichtungen  zum  So ^% e  .  .  is f es  unbestreitbar,  daß  (die  Staatswendeten ­
  Arbeiter  auferlegen  soll  .  •  •  Zwecke  kontrolliert  werden  können“
burger)  gerechtfertigterweise  hinsichtlich  dieser  /.wec
(S.  174).

2 )  Miohel  Chevalier,  Zehnte  Eröffnungsrede,  Cours,  Bd.  I,  221.
3 )  Cours,  Bd.  I,  S.  211,  214;  Bd.  II,  S.  38,  115.
        <pb n="477" />
        454

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

vorhergegangenen  Verteilung  der  Einkommen  und  den  Geschmacksrichtungen ­
  der  Verbraucher  ah.  Wie  sollen  wir  nun  imstande  sein,  mit
Sicherheit  die  der  Gesellschaft  nützlichste  Verteilung  der  Einkommen  zu
definieren?  —  oder  die  für  ihre  Entwicklung  günstigsten  Geschmacksrichtungen ­
  festzulegen?  Das  ist  selbstverständlich  unmöglich.  Wie  kann
man  daraus,  daß  die  wirtschaftliche  Freiheit  die  Nachfrage  am  besten
zu  befriedigen  gestattet,  schließen,  daß  sie  die  bestmögliche  Wirtschaftsform ­
  darstelle?  Einen  Schritt  weiter,  und  Cournot  würde  den  von  Pareto
heute  so  klar  formulierten  Unterschied  zwischen  dem  „Nützlichkeitsmaximum“, ­
  einem  ungenauen  und  schwankenden  Begriff,  und  dem
„Ophelimitätsmaximum“  aufgestellt  haben,  dessen  Erforschung  „ein
genau  umrissenes  Problem  darstellt,  das  ausschließlich  der  Volkswirtschaft ­
  zugehört“ 1 ).
Ergibt  sich  nun  hieraus  für  Cournot,  daß  man  sich  in  der  Nationalökonomie ­
  jedes  Urteils  über  Gut  und  Böse  enthalten  und  auf  jede  Verbesserung ­
  verzichten  soll  ?  Durchaus  nicht.  Auch  wenn  man  das  absolut
Beste  nicht  in  einer  Definition  festlegen  kann,  so  darf  man  hieraus  nicht
schließen,  daß  man  nicht  dazu  gelangen  könne,  ein  relativ  Gutes  klar
herauszuarbeiten.  „Wenn  sich  in  irgendeinem  Teile  des  wirtschaftlichen
Systems“,  sagt  Cournot,  „eine  Änderung  vollzieht,  die  nicht  darauf
angelegt  ist,  eine  Einwirkung  auf  den  Rest  des  Systems  auszuüben,  und
wenn  sich  diese  Veränderung  auf  vergleichbare  Dinge  erstreckt,  so  wird
man  einen  Fortschritt,  eine  Verbesserung  konstatieren  können“ 2 ).  Dieser
Fortschritt  beruht  nicht  notwendigerweise  auf  dem  Einfluß  des  Privatinteresses. ­
  Wie  Sismondi  vor  ihm,  so  führt  auch  er  zahlreiche  Fälle  an,
in  denen  dieses  Interesse  im  Gegenteil  im  Widerspruch  zu  dem  allgemeinen
Interesse  steht,  und  er  ■  weist  besonders  auf  die  hin,  bei  denen  die  Einmischung ­
  des  Staates  nützlich  sein  könnte.
Alle  diese  Schriftsteller  lassen  daher  in  verschiedenen  Abstufungen
die  Einmischung  des  Staates  in  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  zu.
Immerhin  bleibt  in  ihren  Augen  die  Freiheit  das  grundlegende  Prinzip
aller  Wirtschaftspolitik.  Sismondi  begnügt  sich  damit,  nur  schüchtern
Wünsche  zu  formulieren,  so  groß  erscheinen  ihm  die  Schwierigkeiten
einer  wirklichen  Einmischung.  Stuart  Mill  will,  daß  in  jedem  einzelnen
Fall  die  Beweislast  für  die  Notwendigkeit  der  Einmischung  ihren  Anhängern ­
  obliege.  Für  Cournot  „bietet  sich  der  Gedanke  der  Freiheit  noch
immer  als  das  natürlichste  und  einfachste  Kriterium  dar“,  und  wenn  der
Staat  sich  einmischt,  so  kann  das  nur  unter  der  Bedingung  geschehen,
„daß  die  Wissenschaft  klar  den  Zweck  definiert  und  die  Wirksamkeit  des
Mittels  positiv  nachgewiesen  hat“.  —  Aber  für  Alle,  und  hierin  liegt  der
wesentliche  Fortschritt,  hat  die  Freiheit  aufgehört  ein  Wissenschaft-*)
  Pareto,  Cours  d’economie  politique,  1897,  Bd.  II,  §  656.
2 )  Cournot,  Principes,  S.  422.
        <pb n="478" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

455

liches  Prinzip  zu  sein.  Cournot  nennt  sie  „ein  Erbwort  praktischer
Weisheit“ 1 ).  Stuart  Mill  verteidigt  sie  hauptsächlich  aus  politischen
Gründen,  als  das  beste  Mittel,  bei  den  Bürgern  die  Eigenschaften  der
Initiative  und  der  Verantwortlichkeit  zu  entwickeln.  —  Für  Alle  ist  der
Staat  durchaus  nicht  ein  Notbehelf  oder  ein  notwendiges  Übel,  sondern
er  hat,  wie  jedes  Individuum  eine  berechtigte  Einflußsphäre,  und  die
Schwierigkeit  liegt  nur  darin,  sie  genau  zu  umschreiben 2 ).  Dieser  Aufgabe
unterzog  sich  schon  Walras  mit  bemerkenswertem  Erfolg  in  seinen  Vorträgen ­
  über  die  Theorie  der  Gesellschaft,  die  er  von  1867—1868  in  Paris
hielt 3 ).
Der  Fortschritt  der  Gedankenarbeit  hat  daher,  seit  Adam  Smith,
bei  den  besten  Schriftstellern  schon  die  Meinungen  bezüglich  der  wirtschaftlichen ­
  Bolle  des  Staates  einschneidend  verändert.  Zwar  hat  ihr
Einfluß  die  Mehrzahl  der  Schriftsteller  nicht  sofort  völlig  erfaßt.  Die
meisten  bleiben,  auch  in  dem  zweiten  Drittel  des  Jahrhunderts,  den  Ideen
des  optimistischen  Individualismus  noch  treu.  Als  aber  der  Staatssozialismus ­
  sich  gegen  den  letzteren  erhob,  brauchte  er  nur,  um  sich  ein  wissenschaftliches ­
  Arsenal  zu  beschaffen,  die  Ergebnisse  je&amp;amp;er  Studien  sich  anzueignen. ­
  Dies  hat  er  auch  nicht  unterlassen,  und  deshalb  können,  aus
verschiedenen  Gründen,  die  soeben  besprochenen  Schriftsteller,  wenn  nicht
als  seine  Vorläufer,  so  doch  als  seine  unfreiwilligen  Helfer  gelten.
§2.  Die  sozialistischen  Ursprünge  des  Staatssozialismus.
Rodbertus  und  Lassalle.
Der  Staatssozialismus  ist  nicht  nur  eine  wirtschaftliche  Lehre.  Er
besitzt  eine  soziale  und  moralische  Grundlage.  Er  stützt  sich  auf  ein  gewisses ­
  Gerechtigkeitsideal  und  auf  eine  selbständige  Auffassung  der  Gesellschaft ­
  und  des  Staates.  Dieses  Ideal  und  diese  Auffassung  kommen
ihm  nicht  von  den  Ökonomisten,  sondern  von  den  Sozialisten  —  und
hauptsächlich  von  zwei  unter  ihnen,  Rodbertus  und  Lassalle,  die  versucht ­
  haben,  eine  Art  Kompromiß  zwischen  der  bestehenden  Gesellschaftsordnung ­
  und  der  zukünftigen  Gesellschaft  zu  finden,  indem  sie  die  Macht
des  modernen  Staates  als  Hebel  benutzten.
Die  Idee  eines  derartigen  Kompromisses  war  nicht  neu.  Im  Laufe
x )  Ebenda,  S.  444,  462,  621.  ,  ,  ,  ,,  .
2 )  Stuart  Mill,  hat  es  versucht  aber  in  einer  Formel,  die  nicht  sehr  klar  ist:
,„Die  Individualität“’  sagt  er,  „soll  den  Teil  des  Lebens  regieren,  der  besonders  das
Individuum  interessiert,  und  die  Gesellschaft  jenen  anderen  Teil,  der  die  Gesellschaft
besonders  interessiert.“  Essay  on  liberty,  Kap.  IV;  Franz.  Übers.  S.  136.
_  3 )  In  seinen  Ütudes  d’dconomie  sociale  (1896)  wieder  abgedruckt.  Siehe
die  kurze  Zusammenfassung,  die  wir  weiter  unten  im  Kapitel  über  die  Rente  geben.
        <pb n="479" />
        456

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

des  neunzehnten  Jahrhunderts  ist  sie  verschiedentlich  aufgetaucht.  In
Frankreich  besonders  sind  wir  ihr  schon  gegen  Ende  der  Juli-Monarchie
begegnet.  Zu  diesem  Zeitpunkt  fordern  Louis  Blanc,  und  neben  ihm
Männer,  wie  Vidal,  die  ihren  Zielen  nach  Sozialisten  waren,  das  Eingreifen ­
  des  Staates,  und  zwar  nicht  nur,  um  die  Ungerechtigkeiten  der
bestehenden  Gesellschaft  abzuschaffen,  sondern  um  ohne  plötzliche  Erschütterung ­
  die  Geburt  der  zukünftigen  Gesellschaft  vorzubereiten.  Daher
ist  Louis  Blanc  der  erste  sozialistische  Vorläufer  des  Staatssozialismus.  —
Trotzdem  waren  in  dem  Lande,  in  dem  er  seinen  größten  Erfolg  haben
sollte,  in  Deutschland,  Rodbertus  und  Lassalle  seine  unmittelbarsten
Urheber.
Der  Einfluß  von  Rodbertus  und  Lassalle  auf  den  deutschen  Staatssozialismus ­
  beruht  aber  nicht  nur  auf  dem,  was  er  ihnen  entlehnt  hat.
Persönliche  Beziehungen  verbanden  sie  mit  den  Männern,  die  ihn  geschaffen ­
  oder  verwirklicht  haben,  und  man  kann  den  Einfluß  ganz  klar
erkennen,  den  sie  auf  ihre  Freunde  ausgeübt  haben.  Im  Mittelpunkt
der  Gruppe  steht  Rodbertus.  Von  1862—1864  unterhält  er  einen  lebhaften ­
  Briefwechsel  mit  Lassalle.  Ein  gemeinsamer  Freund,  Lothar
Bücher,  ein  alter  Demokrat  von  1848,  der  später  der  Vertraute  Bisharck’s
  wurde,  hatte  sie  zusammengeführt.  Bismarck  selbst  verschmähte
es  nicht,  zur  Zeit  des  Höhepunktes  von  Lassalle’s  sozialistischer  Agitation ­
  ziemlich  mysteriöse  Beziehungen  mit  ihm  zu  pflegen 1 ).  Auf  der
anderen  Seite  war  Rodbertus  seit  1870  in  häufigem  Verkehr  mit  Adolf
Wagner,  dem  bedeutendsten  Vertreter  des  Staatssozialismus,  der  niemals
gezögert  hat,  den  großen  Einfluß  anzuerkennen,  den  Rodbertus  auf  die
Bildung  seiner  eigenen  Ideen  gehabt  hat.  Adolf  Wagner  wieder  wurde
oft  zum  Fürsten  Bismarck  gerufen  und  von  ihm  um  Rat  gefragt.
Aber  auch  außerhalb  ihrer  Beziehungen  zu  dem  Staatssozialismus
verdienen  Rodbertus  und  Lassalle,  die  Aufmerksamkeit  des  Historikers
der  volkswirtschaftlichen  Doktrinen  auf  sich  zu  ziehen.  Der  erste  ist  ein
Theoretiker  von  einer  ganz  ungewöhnlichen  Kraft,  ein  glänzender  Schriftsteller, ­
  dessen  Gedanken  außerordentlich  anregend  sind.  Der  zweite  ist
ein  Agitator,  der  mehr  zur  Verbreitung  der  Ideen  als  zu  ihrer  Bildung
beigetragen  hat,  aber  der  in  der  deutschen  Arbeiterbewegung  eine  tiefgehende ­
  Spur  hinterließ.  Daher  legen  wir  hier  ihre  Gedanken,  besonders
die  Rodbertus’,  etwas  ausführlicher  dar  und  werden  versuchen  die  Rolle
und  den  Charakter  der  beiden  Männer  zu  kennzeichnen.
A.  Rodbertus.
In  der  Geschichte  der  Doktrinen  nimmt  Rodbertus  eine  besondere
Stelle  ein.  Durch  ihn  sind  die  Gedanken  Sismondi’s  und  die  der  Saintx
 )  Siehe  über  das  Leben  Lassalle’s  im  Allgemeinen  und  seine  Beziehungen  zu
Bismarck  im  besonderen:  Hermann  Oncken,  Lasalle,  Stuttgart,  1904,  4ö0  Seiten.
        <pb n="480" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismns.

457

Simonisten  dem  letzten  Viertel  des  Jahrhunderts  überliefert  worden.
Seine  grundlegenden  Auffassungen,  die  er  aus  französischen  Quellen  geschöpft ­
  hat 1 ),  haben  sich  um  1837  gebildet,  als  er  seine  Forderungen
der  arbeitenden  Klassen,  die  die  Augsburger  Allgemeine  Zeitung ­
  sich  aufzunehmen  weigerte,  verfaßte.  Sein  erstes  Werk  erschien
1842 2 ),  und  seine  drei  ersten  Sozialen  Briefe 3 )  von  1850  bis  1851.
Sie  blieben  aber  damals  ziemlich  unbemerkt,  und  erst  später,  als  Lassalle
ihn  in  seinen  Reden  von  1862  als  den  größten  deutschen  Nationalökonomen ­
  anführte,  als  konservative  Schriftsteller,  wie  Rudolf  Meyer  und
Adolf  Wagner  ihm  nach  1870  einen  neuen  Ruf  verschafften,  erwecken
seine  Bücher  die  verdiente  Aufmerksamkeit.  Sie  haben  in  Deutschland
einen  großen  Einfluß  auf  die  Nationalökonomen  des  letzten  Drittels  des
Jahrhunderts  ausgeübt.  Seine  Ideen  sind  die  des  französischen  Sozialismus
in  seinen  Anfängen,  als  er  noch  rein  intellektuell  war  und  noch  nicht  das
Mißtrauen  hervorrief,  das  die  sozialen  Kämpfe  der  Juli-Monarchie  später

&amp;gt;)  Der  französische  Ursprung  der  Ideen  Rodbertus’  wird  nicht  mehr  bestritten,
seitdem  A.  Menger  in  seinem  Buch:  Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag
(1.  Ausg.  1886)  dies  besonders  hervorgehoben  hat.  Nur  gibt  ihm  Menger  als  geistige
Väter  Proudhon  und  die  Saint-Simonisten.  Mit  Bezug  auf  die  letzteren  werden  wir
im  Text  die  wichtigsten  Anleihen,  die  Rodbertus  bei  ihnen  gemacht  hat,  erwähnen.
Wir  glauben  aber,  daß  an  Stelle  Proudhon’s  Sismondi  zu  setzen  ist.  Die  einzige  auf
Proudhon  zurückzuführende  Idee,  die  man  bei  Rodbertus  findet,  ist  die  Idee,  den
Wert  „zu  bilden“  (constituer).  Diese  Idee  ist  aber  nicht  entlehnt.  Rodbertus  erwähnt ­
  dies  selbst  in  seinem  zweiten  sozialen  Briefe  (Schriften,  Bd.  II,  S.  46,  Anm.).
Er  behauptet,  daß  sie  zuerst  von  ihm  formuliert  sei,  sagt  aber  nicht  wo.  Er  muß  aber
a uf  eine  Stelle  in  den  Forderungen  anspielen,  wo  dieser  Gedanke  sehr  klar  ausgedrückt
* s t.  Indem  er  von  der  Arbeitswerttheorie  spricht,  wie  sie  Ricardo  ausgearbeitet  hatte,
schreibt  er:  „Nur  darin  irrt  sie,  daß  sie  das,  was  erst  in  der  Idee  gilt,  wonach  die  Wirklichkeit ­
  einstweilen  nur  gravitiert,  was  erst  die  Zukunft  festzuhalten  hat,  als  in  der
Gegenwart,  bestehend  ansieht“  (Schriften,  Bd.  III,  S.  120).  Dies  drückt  klar  aus,  daß
uie  Bildung  des  Wertes  die  Aufgabe  der  Zukunft  ist.  Die  Forderungen  nun,  die  schon
alle  entscheidenden  Gedanken  Rodbertus’  enthalten,  stammen  aus  dem  Jahre  1867,
sind  also  um  9  Jahre  älter  als  die  Contradictions  economiques  von  Proudhon,
die  im  Jahre  1846  erschienen,  und  in  denen  der  Gedanke  der  Wertbildung  von  ihm  zum
ersten  Male  auf  gestellt  wurde.  ...  ...
a )  Zur  Erkenntnis  unserer  staatswissenschaftlichen  Zustande  (Neu-Brandenburg,
  1842).  Das  Werk  sollte  drei  Hefte  umfassen,  von  denen  nur  das  erste
erschienen  ist.  Bisher  ist  kein  Neudruck  herausgegeben  worden.
,  8 )  Die  drei  ersten  „sozialen  Briefe“  wurden  ebenso  wie  die  „Forderungen
arbeitenden  Klassen“  in  den  Schriften  von  Dr.  Karl  Rodbertus-Jagetzow
(Berlin  1899,  3.  Bde.)  neu  herausgegeben.  Wir  zitieren  nach  dieser  Ausgabe.  Der  vierte
soziale  Brief,  der  den  Titel  „das  Kapital“  trägt,  wurde  1852  abgefaßt,  erschien  aber
er st  nach  dem  Tode  Rodbertus’.  Er  bildet  den  ersten  Band  der  Schriften.  Die  vergelten ­
  Aufsätze  Rodbertus’  sind  in  zwei  Sammlungen  erschienen  Die  eine  von
**•  Meyer  unter  dem  Titel:  Briefe  und  Sozialpolitische  Aufsatze  von  Dr.
B°dbertus-Jagetzow  Berlin  1882;  die  andere  von  Moritz  Wirth  unter  dem  Titel
Kleine  Schriften  'Berlin  1890.  Eine  vollständige  Bibliographie  der  Werke  Rod-Be
 *tus’  findet  sich  in  Andler,  Le  Socialisme  d-’ßtat  en  Allemagne,  Paris  1897.
        <pb n="481" />
        458

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

gegen  ihn  erwecken.  Durch  die  Kraft  seiner  Logik  und  durch  sein  Bedürfnis ­
  zu  systematischer  Ordnung  seiner  Gedanken  und  auch  durch
seine,  seinen  Vorgängern  außerordentlich  überlegenen  volkswirtschaftlichen ­
  Kenntnisse  gibt  Rodbertüs  diesen  Ideen  ein  so  scharfes  Gepräge,
wie  sie  es  vorher  nie  besaßen.  Dieser  „Ricardo  des  Sozialismus“,  wie  ihn
Adolf  Wagner  mit  Recht  nennt 1 ),  hat  für  die  Lehre  seiner  Vorgänger  das
getan,  was  Ricardo  für  die  eines  Smith  und  Malthüs  getan  hatte:  er
zeigte,  wie  mit  einem  Vergrößerungsglas,  ihre  Folgen  und  ihre  grundlegenden ­
  Voraussetzungen.
Rodbertüs  ist  daher,  auf  Grund  seines  Ursprungs,  jenem  demokratischen ­
  und  radikalen  Sozialismus  vollständig  fremd  geblieben,  der
ein  Kind  der  populären  Agitation  war,  und  dessen  Vertreter  Marx  wurde.
Für  Marx  sind  Sozialismus  und  Revolution,  Wirtschaft  liehe  Theorie  und
politische  Handlung  untrennbar  verknüpft 1  2 ).  Rodbertüs  dagegen  ist
ein  liberaler  Großgrundbesitzer,  der  in  der  preußischen  Nationalversammlung ­
  1848  seinen  Platz  auf  dem  linken  Zentrum  einnimmt,  und  dessen
politisches  Programm  sich  in  folgenden  beiden  Worten  zusammenfaßt:  konstitutionelle ­
  Regierung,  nationale  Einheit 3 ).  Die  Erfolge  der  Politik  Bismarck’s
  nähern  ihn  am  Ende  seines  Lebens  mehr  und  mehr  der  konservativen ­
  Monarchie 4 ).  So  träumt  er  auch  von  einer  sozialistischen  Partei,
die  sich  einzig  und  allein  auf  den  sozialen  Boden  stellt  und  auf  jede  politische ­
  Handlung  verzichtet.  Obgleich  er  persönlich  ein  Anhänger  des  allgemeinen ­
  Wahlrechts  war,  schlägt  er  es  1863  Lassalle  ab,  in  dessen
„Arbeiterverein“  einzutreten,  weil  Lassalle  diese  politische  Reform  zü
einem  der  Punkte  seines  Programms  gemacht  hatte 5  6 ).  Später  definiert
er  die  Partei  der  Zukunft  wie  folgt:  „monarchisch,  national,  sozial“,  oder
1 )  In  der  Einführung  zu  den  Briefen  von  Lassalle  an  Rodbertüs,  Berlin
1878,  S.  8.
2 )  Menger  hat  mit  Recht  hervorgehoben,  daß  die  theoretischen  Quellen  MarX !
mehr  englisch  als  französisch  sind.  Dies  ist  ein  weiterer  Punkt,  in  dem  sich  die  beiden
Sozialisten  unterscheiden.
3 )  Abgeordneter  der  preußischen  Nationalversammlung  von  1848,  nahm  Rodbertüs
seinen  Platz  im  Zentrum  ein  und  war  einige  Tage  Kultusminister.  Am  4.  Juli  zum
Minister  ernannt,  gab  er  nach  14  Tagen  seine  Entlassung,  weil  seine  Kollegen  sich
weigerten,  die  Rechte  des  Frankfurter  Parlaments  so  rücksichtslos  anzuerkonnen,  wie
er  es  gewünscht  hätte.
4 )  Ein  charakteristisches  Zeichen  dieser  Entwicklung  ist  die  Ersetzung  des
Wortes  „Volkswille“  in  der  zweiten  Ausgabe  der  sozialen  Briefe  durch  das  Wort  „Staatswille“ ­
  überall  dort,  wo  sich  dieses  Wort  fand.  Diese  zweite  Ausgabe,  die  den  zweiten
und  dritten  Brief  umfaßt,  wurde  von  ihm  im  Jahre  1875  unter  dem  Titel:  Zur  Beleuchtung ­
  der  sozialen  Frage  herausgegeben.
6 )  Brief  an  R.  Meyer  vom  30.  Nov.  1871,  Nr.  61,  S.141.  Dieser  Gesichtspunkt  wird
von  ihm  ausführlich  in  seinem:  Offener  Brief  an  das  Komitee  des  deutschen
Arbeitervereins,  Leipzig,  vom  10.  April  1863,  dargelegt  (v.  Moritz  Wirth  in  den
Kleinen  Schriften  veröffentlicht).
        <pb n="482" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

459

auch  „sozial  und  konservativ“ 1 ).  Zur  gleichen  Zeit  hat  er  aber  auch  kein
Bedenken  zu  schreiben:  „Soweit  der  Kern  der  Sozialdemokratie  ein  rein
wirtschaftlicher  ist,  gehöre  ich  ihr  mit  ganzer  Seele  an 2 ).“
Wenn  er  auch  imstande  war,  die  monarchische  Politik  mit  dem  sozialistischen ­
  Programm  zu  vereinigen,  so  weigerte  er  sich  doch,  soweit  die
wirtschaftliche  Lehre  in  Betracht  kommt,  irgendein  Kompromiß  einzugehen. ­
  Dazu  war  er  doch  zu  scharfsinnig.  Der  gleichen  Ursache  liegt  auch
seine  Feindschaft  gegen  die  Kathedersozialisten  zugrunde.  Er  ist  der  erste,
anzuerkennen,  daß  in  der  Praxis  der  Sozialismus  sich  heute  mit  Übergangsmitteln ­
  begnügen  muß,  aber  er  gibt  niemals  zu,  daß  der  Kompromiß
zum  Schluß  selbst  Doktrin  werde.  Er  nennt  die  Kathedersozialisten
„Zuckerwassersozialisten“ 3 ).  Er  lehnt  es  ab,  an  dem  Kongreß  von  Eisenach
1872  teilzunehmen,  den  er  „den  Eisenacher  Sumpf“  und  „äußerst  komisch“
nennt.  Die  Arbeitergesetzgebung  nennt  er  „human-soziale  Kapriolen“ 4 ).
Wenn  er  sein  Programm  in  einigen  tönenden  Formeln  zusammenfaßt,  wie:
„Staat  gegen  Staatslosigkeit“ 5 )  muß  man  sich  daher  hüten,  hierin  auch
nur  eine  entfernte  Zustimmung  zu  den  nach  seiner  Ansicht  viel  zu  verschwommenen ­
  Doktrinen  des  Staatssozialismus  zu  sehen 6 ).  Trotzdem
war  er,  gegen  seinen  Willen,  einer  seiner  einflußreichsten  Vorläufer.  Und
hierin  liegt  gerade  das  Besondere  seiner  Rolle.
Die  ganze  Theorie  Rodbertus’  beruht  auf  der  Idee,  daß  die  Gesellschaft ­
  ein  durch  die  Arbeitsteilung  geschaffener  Organismus  ist.  Diese
große  Tatsache,  deren  Tragweite  nach  seiner  Ansicht  Adam  Smith  kaum
e ist  in  ihren  Umrissen  gesehen  hat,  ist  es,  die  alle  Menschen  in  einer  natur-Qotwendigen
  Solidarität  verbindet,  sie  aus  der  Vereinzelung  heraushebt
u ad  sie  aus  einer  bunt  zusammen  gewürfelten  Menge  zu  einer  wirklichen
Gemeinschaft  umbildet,  —  einer  Gemeinschaft,  deren  Ausdehnung  nicht
durch  nationale  Grenzen  beschränkt  wird,  sondern  keine  anderen  Grenzen
Ze igt,  als  die  Arbeitsteilung  selbst,  die  ihrerseits  darauf  hinstrebt,  die
ganze  Welt  zu  umfassen 7 )!  Mit  dem  Tage,  an  dem  jedes  Individuum  auf
b  Brief  an  R.  Meyer,  vom  12.  März  1872.  —  Vgl.  auch  die  Briefe  vom  23.  Januar
u nd  3.  Februar  1871.
b  Brief  an  denselben  vom  30.  Nov.  1871,  Brief  Nr.  61,  S.  141.  1874  denkt  er
«an,  sich  als  sozialistischen  Reichstagskandidaten  aufstellen  zu  lassen.  „Aber  ,
schreibt  er,  ,,erst  muß  der  Staat  im  Militäretat  und  in  dem  Kirchengesetz  stärkei
werden“  (an  denselben,  vom  14.  Januar  1874,  Brief  Nr.  140,  S.  352).
3 )  Brief  an  dens.  v.  17.  Okt.  1872.
b  Brief  an  dens.  v.  6.  Januar  1873,  Brief  Nr.  117,  S.  290.  .
*)  Brief  an  dens.  v.  10.  März  1872,  und  Physiokratie  und  Anthropokratie,
m  de n  Briefen  und  Sozialpolitischen  Aufsätzen,  S.  621  und  522.
6 )  In  einem  Briefe  v.  26.  August  1872,  weist  er  energisch  den  Namen  „Katheder-Sozialist“
  zurück.  In  dem:  „Emanzipationskampf  des  vierten  Standes“
Berlin  1874,  S.  60—63  zitiert"  Rudolf  Meyer  ausführlich  eine  nachdrückliche  Kritik
Kathedersozialismus,  die  in  einem  Privatbrief  Rodbertus  enthalten  ist.
7 )  „Die  Teilung  der  Arbeit  sollte  gerade  Gemeinschaft  der  Arbeit  heißen  .  .
        <pb n="483" />
        460

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

diese  Weise  in  die  wirtschaftliche  Gesellschaft  eingefügt  ist,  hört  sein
Wohl  auf,  von  ihm  und  seinem  natürlichen  Milieu  abzuhängen.  Es  beruht
von  jetzt  an  auf  allen  anderen  Produzenten.  Es  unterliegt  nun  der  richtigen ­
  Ausführung  gewisser  Funktionen,  die  einen  wesentlich  sozialen
Charakter  haben,  und  deren  Aufzählung  Rodbertus  teilweise  der  Lehre
Saint-Simon’s  entnimmt.  Es  sind  dies  die  folgenden:
1.  Anpassung  der  Produktion  an  die  Bedürfnisse.
•  2.  Die  Aufrechterhaltung  der  Produktion  auf  dem  Niveau  der  vorhandenen ­
  Hilfsmittel.
3.  Die  gerechte  Verteilung  des  gemeinsamen  Produktes  unter  die
Produzenten.
Wie  sollen  sich  nun  diese  Funktionen  vollziehen?  Selbsttätig  oder
auf  Grund  förmlicher  Übereinkunft  ?  Hierin  liegt  für  ihn  die  große  Frage,
das  große  Problem.  Für  die  Volkswirtschaftler  aus  der  Schule  Smith’s
sind  die  sozialen  Organismen  dasselbe,  wie  lebende  Organismen.  Das  freie
Spiel  der  natürlichen  Gesetze  hat  den  gleichen  wohltuenden  Einfluß,  wie
der  unbehinderte  Blutumlauf  im  menschlichen  Körper.  Die  Freiheit  soll
die  regelmäßige  Erfüllung  der  sozialen  Funktionen  sicher  stellen?  Welcher
Irrtum!  sagt  Rodbertus.  „Die  Staaten  sind  nicht  so  glücklich  oder  so
unglücklich,  daß  sich  ihre  Lebensfunktionen  von  selbst  mit  Naturnotwendigkeit ­
  vollziehen.  Wie  sie  als  geschichtliche  Organismen  sich  selbst
organisierende  Organismen  sind,  sich  ihre  Gesetze  und  Organe  selbst  zu
geben  haben,  so  gehen  auch  die  Funktionen  ihrer  Organe  nicht  mit  Notwendigkeit ­
  vor  sich,  sondern  sie,  die  Staaten  selbst,  haben  sie  in  Freiheit
zu  regeln,  zu  unterhalten,  zu  fördern 1 ).“  Deshalb  schlägt  Rodbertus
schon  1837  vor,  die  natürliche  Freiheit  durch  ein  „System  staatlicher
Leitung“  zu  ersetzen 2 ),  und  sein  ganzes  Werk  ist  nichts  als  ein  Versuch,
die  Notwendigkeit  dieses  Systems  nachzuweisen.  Untersuchen  wir  seine
Beweisführung  und  gehen  wir  zu  diesem  Zweck  mit  ihm  die  verschiedenen
wirtschaftlichen  Funktionen  durch,  so  wie  wir  sie  oben  definiert  haben-Betrachten
  wir,  wie  sie  sich  ihm  zufolge  heute  vollziehen,  und  wie  sie
sich  in  einer  besser  organisierten  Gesellschaft  vollziehen  müßten:
(Kapital,  S.  79—80)  und:  „Die  Weltarbeitsteilung  entspricht  erst  ihrem  vollen  Begriff- 1 '
Weiterhin  legt  er  Nachdruck  darauf,  daß  man  nicht  „sozial“  mit  „national“  verwechsle. ­
  Br  nimmt  die  Geschichtsphilosophie  der  Saint-Simonisten  an  und  führt  aus,
wie  „die  Geschichte  ein  Vereinigungsprozeß  ist,  —  und  zwar  ein  Vereinigungsprozeü,
der  sich  zu  immer  weiteren  Kreisen  verschlingt  und  zu  immer  größerer  Innigkeit  vertieft“. ­
  (Zur  Geschichte  der  römischen  Tributsteuern  seit  Augustus  in
den  Jahrbüchern  der  Nationalökonomie  und  Statistik,  1865,  Bd.  V,  S.  27.  •
Rodbertus:  Untersuchungen  auf  dem  Gebiete  der  Nationalökonomie  des  klassische*
Altertums.  —  Und  an  anderer  Stelle:  „Der  geschichtliche  Verlauf  besteht  in  nichts
als  der  Verallgemeinerung  des  Kommunismus“  (Kapital,  S.  94,  Anm.)
*)  Physiokratie  und  Anthropokratie  in  den  Briefen  und  Sozia
politischen  Aufsätzen,  Bd.  II,  S.  619,  Berlin  1881.
2 )  Schriften,  Bd.  III,  S.  216.
        <pb n="484" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

461

1.  Zunächst  kann  man  in  der  gegenwärtigen  Gesellschaftsordnung
nicht  genau  von  einer  Anpassung  der  Produktion  an  die  sozialen  Bedürfnisse ­
  sprechen,  sondern  nur  an  die  wirksame  Nachfrage,  nämlich ­
  an  die  Nachfrage,  die  sich  in  einem  Geldangebot  ausdrückt.  Diese
Tatsache,  auf  die  übrigens  Adam  Smith  schon  hingewiesen  hatte,  und  auf
die  Sismondi  besonderen  Nachdruck  legte,  führt,  so  sagt  uns  Rodbertus,
zu  einer  schwerwiegenden  Folgeerscheinung:  es  werden  nämlich  nur  die
Bedürfnisse  derjenigen,  die  schon  etwas  besitzen,  befriedigt 1 ).  Derjenige,
der  nichts  Anderes  auf  dem  Markte  anzubieten  hat,  als  seine  Arbeit,  erhält,
wenn  sich  herausstellt,  daß  nach  dieser  Arbeit  keine  Nachfrage  besteht,
überhaupt  keinen  Teil  des  sozialen  Erzeugnisses.  Umgekehrt  bestimmt
derjenige,  der  ein  Einkommen  besitzt,  auch  wenn  er  es  gar  keiner  persönlichen ­
  Arbeit  verdankt,  durch  diese  wirksame  Nachfrage  die  Produktion
der  Gegenstände,  die  er  wünscht.  So  sieht  man  oft,  daß  die  notwendigsten
Bedürfnisse  der  Einen  nicht  befriedigt  werden,  während  zur  gleichen  Zeit
Andere  in  allen  Annehmlichkeiten  des  Luxus  schwelgen.
Nichts  ist  wahrer.  Rodbertus  hat  tausendfach  recht,  auf  das  Grundübel
  eines  Systems  hinzuweisen,  das  logisch  die  Arbeitslosigkeit,  diese
moderne  Form  der  Hungersnot,  als  eine  einfache,  vorübergehende  Überproduktion ­
  von  Waren  ansieht,  und  bisher  nur  dazu  gelangt  ist,  das  Prinzip
der  durch  die  wirksame  Nachfrage  beschränkten  Produktion  durch  private
°der  öffentliche  Wohltätigkeit  zu  mildern.  Betrachten  wir  nun  das  Heilmittel, ­
  das  er  vorschlägt.  Ihm  zufolge  müßte  die  Gesellschaft  an  Stelle
der  Produktion  für  die  Nachfrage  ständig  und  gänzlich  die  Produktion
Bir  das  „soziale  Bedürfnis“  setzen.  Hierfür  würde  es  genügen,  sich  im
v °raus  zu  vergewissern,  welche  Zeit  ein  jeder  fähig  ist,  produktiver  Arbeit
zu  widmen 2 ).  Gleichzeitig  würde  man  einen  Überblick  haben  über  die
Gegenstände,  die  erzeugt  werden  müssen,  und  in  welchen  Mengen  sie  benötigt ­
  werden.  Denn,  so  sagt  Rodbertus:  „die  Bedürfnisse  bilden  im
Allgemeinen  bei  jedermann  ..  .  eine  gleiche  Reihenfolge,  und  es  ist  auch
‘üs  bekannt  vorauszusetzen,  welche  und  wie  viele  Befriedigungsmittel  nir
nie  einzelnen  Bedürfnisse  erforderlich  sind“ 3 ).  Da  man  so  die  Arbeitszeit
nennt,  über  die  die  Gesellschaft  verfügen  kann,  und  da  auf  der  anderen
^eite  die  Reihe  der  sozialen  Bedürfnisse  gegeben  ist,  würde  das  Problem,
niese  Zeit  zwischen  den  verschiedenen  Produktionen  zu  verteilen,  keine
chwierigkeit  mehr  bieten.
,  ')  „Zuvörderst  wird  in  diesem  Zustande  überhaupt  nicht  für  die  Bedürfnisse
“ er  Arbeit,  sondern  für  die  Bedürfnisse  des  Besitzes  produziert^  (Kapital,
•  193).  Vgl.  auch  Kapital,  S.  52ff.
.  ,  ä )  „Wenn  nur  die  Zeitarbeit  bekannt  ist,  die  jeder,  der  sich  mit  produktiver
?. rbei t  beschäftigt,  zu  leisten  übernimmt,  so  läßt  sich  auch  erkennen,  wieweit  die
^'ttel  in  der  Deckung  der  Bedürfnisreihe  eines  jeden  reichen“  (Kapital,  S.  125).
*)  Ebenda,  S.  125.  *
        <pb n="485" />
        462

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Diese  Behauptung  ist  etwas  überstürzt;  sie  drückt  sich  um  den  gewichtigsten ­
  Einwurf  herum,  denn  die  angeblich  gleichmäßige  Bedürfnisreihe, ­
  von  der  uns  Rodbertüs  spricht,  besteht  nur  in  seiner  Einbildung.
In  Wirklichkeit  gibt  es  eine  kleine  Anzahl  von  Kollektivbedürfnissen  und
eine  unendliche  Mannigfaltigkeit  von  Einzelbedürfnissen.  Das  „soziale  Bedürfnis“ ­
  ist  nur  ein  unbestimmter  Ausdruck,  um  zur  gleichen  Zeit  beides  zu
bezeichnen.  Die  einfachste  Beobachtung  zeigt  uns  bei  jedem  Individuum
eine  besondere  Reihe  von  Bedürfnissen  und  Neigungen.  Wenn  man  die
Produktion  auf  ein  angebliches  „soziales  Bedürfnis“  gründet,  so  bedeutet
dies  tatsächlich  die  Abschaffung  der  Freiheit  des  Verbrauchs  und  der
Nachfrage.  Es  läuft  auf  dasselbe  hinaus,  als  ob  die  Gesellschaft  allen
Menschen  eine  willkürliche  Skala  von  zu  befriedigenden  Bedürfnissen  vorschreiben ­
  und  aufzwingen  würde.  Das  Heilmittel  Rodbertüs’  würde
daher  schlimmer  als  das  Übel  sein.
Die  Beweisführung  Rodbertüs’  ist  aber  nicht  mit  der  Gegenüberstellung ­
  von  „sozialem  Bedürfnis“  und  „wirksamer  Nachfrage“  erschöpft-Es
  genügt  auch  nicht,  diesen  Gegensatz  festzustellen.  Er  muß  erklärt
werden.  Warum  lassen  sich  die  Produzenten  von  der  Nachfrage  und  nicht
von  dem  Bedürfnis  leiten?  Er  antwortet,  dies  beruhe  darauf,  daß  die
Besitzer  der  Arbeitsmittel  unter  der  heutigen  Ordnung  ihre  Produktion
nur  im  Hinblick  auf  ihr  eigenes  Interesse  einrichten.  Ihr  Interesse  liege
nun  darin,  ihre  Produktionsmittel  auf  die  Erzeugung  derjenigen  Gegenstände ­
  zu  verwenden,  die  ihnen  den  größten  Nettoertrag  bringen.  Die
Rentabilität  und  nicht  die  Produktivität  (nämlich  die  zur  Befriedigung ­
  des  sozialen  Bedürfnisse,  bestimmten  Erzeugnisse)  interessiert  sie-„Sie
  veranlassen  irgendwelche  Produktion  überhaupt  nicht  mehr  zum
Zweck  der  Deckung  des  Nationalbedürfnisses,  sondern  weil  sie  ihnen
Rente,  Gewinn  verheißt“  (Kapital,  S.  143).
Dieser  Gegensatz  zwischen  der  Rentabilität  und  der  Produktivität
ist  bedeutsam  genug,  um  einen  Augenblick  dabei  zu  verweilen.  Schon
Spsmondi  hat  darauf  hingewiesen,  der,  wie  wir  wissen,  das  Streben  nach
dem  Nettoertrag  dem  nach  dem  Bruttoertrag  gegenüber  stellt.  Zahlreiche
Schriftsteller  haben  sich  seitdem  mit  dieser  Frage  beschäftigt.  In  der
Geschichte  der  Doktrinen  spielt  sie  daher  eine  bedeutende  Rolle 1 )-')
  Die  Frage  des  Netto-  und  des  Bruttoertrages  ist  eine  der  wesentlichen  Beschäftigungen ­
  der  Volkswirtschaftler  dieser  Zeit.  Vidal  (Röpartition  des  richesses,
Paris  1846,  S.  219),  und  Ott  (Traitfi  d’6*eonomie  sociale,  1851,  S.  95ff.)  bestehen
nachdrücklich  darauf.  Seitdem  haben  sie  Cournot,  Dühring  und  weiterhin  Effert*
und  Landry  von  neuem  in  Angriff  genommen.  Die  meisten  definieren  „Produktivität'
in  verschiedener  Weise  (wenn  sie  sich  überhaupt  zu  einer  Definition  herbeilassen),
so  daß  es  in  Wirklichkeit  nicht  dieselbe  Frage  ist,  die  sie  behandeln.  Bei  Rodbertüs
hat,  wie  wir  im  Texte  zeigen  werden,  das  Wort  Produktivität  einen  zu  unbestim 1 » 6 ® 11
Sinn,  um  überhaupt  als  Grundlage  einer  Diskussion  dienen  zu  können.  In  Wirklich'
keit^ist  in  einer  auf  der  Arbeitsteilung  beruhenden  Produktionsordnung  die  R eI1 '
        <pb n="486" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

463

Auch  hierin  hebt  Rodbertus  wieder  eine  unbestreitbare  Tatsache
hervor.  Selbstverständlich  ist  es  das  Streben  nach  dem  größten  Nettoertrag, ­
  das  den  Produzenten  leitet.  Die  Würdigung,  die  er  dieser  Tatsache
gibt,  unterliegt  aber  ganz  außerordentlich  der  Kritik.  Wenn  der  zu  verfolgende ­
  Zweck  die  Befriedigung  dessen  ist,  was  er  das  soziale  Bedürfnis
nennt,  und  nicht  die  der  Nachfrage,  so  muß  man  sich  allerdings  seiner
Meinung  anschließen.  Dann  ist  es  ein  charakteristischer  Fehler  der  gegenwärtigen ­
  Gesellschaft,  sich  auf  die  Rentabilität  zu  stellen,  denn  ein  derartiger ­
  Standpunkt  gestattet  nur,  die  Nachfrage  von  Einzelpersonen  zu
befriedigen.  Wenn  aber,  wie  wir  oben  gezeigt  haben,  das  Wort  „soziales
Bedürfnis“  keinen  fest  umrissenen  Sinn  hat,  so  fehlt  auch  dem  Worte
Produktivität  jede  genaue  Bedeutung.  Und  wenn  eine  Gesellschaft  ihren
Gliedern  keine  willkürliche  Skala  von  zu  befriedigenden  Bedürfnissen  aufzwingen ­
  will,  wenn,  mit  anderen  Worten,  die  Nachfrage  und  der  Verbrauch
Bei  bleiben,  so  hat  sogar  eine  kollektivistische  Gesellschaft  nur  ein  mögliches ­
  System,  um  zu  wissen,  ob  die  erlangte  Befriedigung  die  aufgewendete
Mühe  lohne:  sie  muß  gleichfalls  die  gegenwärtige  oder  künftige  Rentabilität ­
  eines  Produktionszweiges,  d.  h.  die  Differenz  zwischen  Gestehungsund
  Verkaufspreis  messen 1 ).  Einer  der  interessantesten  Nachweise  eines
heutigen  Volkswirtschaftlers,  Pareto,  liegt  darin,  daß  die  kollektivistische
Gesellschaft,  um  die  soziale  Nachfrage  zu  befriedigen,  sich  ebenso,  wie  die
gegenwärtige,  auf  die  von  den  Preisen  gelieferten  Angaben  stützen  muß.
2.  Was  die  Ausübung  der  zweiten  von  Rodbertus  erwähnten  Funk-Gon
  anlangt,  die  volle  Ausnutzung  der  Produktionsmittel,  so  begnügt  sich
unser  Schriftsteller  damit,  die  Kritiken  der  Saint-Simonisten  über  das
Pehlen  einer  Leitung  anzuführen,  das  die  heutige  Ordnung  charakterisiert,
in  der  „die  wirtschaftliche  Leitung  erblichen  Eigentümern  übertragen  ist“,
und  er  weist,  wie  Sismondi,  darauf  hin,  daß  die  Einstellung  der  Produktivkräfte ­
  nur  von  der  Laune  der  kapitalistischen  Besitzer  abhängt 2 ).  In
diesem  Punkte  begnügt  er  sich  damit,  seinen  gewöhnlichen  Quellen  zu
folgen,  ohne  die  dort  ausgeführten  Gedanken  durch  irgendeinen  selbständigen ­
  Beitrag  zu  bereichern.

tabihtät  das  wesentliche  Kriterium.  Allerdings  haben  die  Arbeiter  eines  Betriebes
ei ? e  wesentlich  andere  Auffassung  davon,  wann  aus  dem  Grunde  ungenügenden  Ge-'vmnes
  eine  Produktionsänderung  erforderlich  ist,  als  der  gegen  ihr  Geschick  gleich-S^ltige
  Fabrikherr,  der  sie  nach  Belieben  entlassen  kann.

T  Es  handelt  sich  selbstverständlich  hier  nur  um  Einzelbedürfnisse.  Di«|  Rea
Labilität  kann  nicht  der  einzige  Leitgedanke  der  Produktion  sein.  Viele  Kollektivhedürfnisse
  müssen  befriedigt  werden,  deren  Befriedigung  nicht  notwendigerweise
gewinnbringend  bt  Es  kommt  darauf  an,  sie  zu  bestimmen.  Rodbertus  spricht  aber
gerade  hier  nur  von  Privatbedürfnisson:  die  öffentlichen  Bedürfnisse  hat  er  wohlbedaehterweise
  beiseite  gestellt.  Daher  kann  es  sich  hier  einzig  und  allem  um  diese  privaten
^edürfnisse/liandeln.
2 )  Kapital.
        <pb n="487" />
        464

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

3.  Es  bleibt  nun  noch  die  dritte  und  in  den  Augen  Rodbertüs’  die
bedeutsamste  wirtschaftliche  Funktion  übrig,  die  die  Gesellschaft  zu  erfüllen ­
  hat:  die  gerechte  Verteilung  des  sozialen  Produktes.  Die  Untersuchung ­
  dieser  Frage  ist  der  Hauptgegenstand  seiner  Bemühungen.  Ihre
Lösung  ist  die  Grundaufgabe  der  Wissenschaft.  Gleich  Sismondi  und  den
Sozialisten,  von  denen  er  ausgeht,  betrachtet  er  die  Erklärung  des  Pauperismus ­
  und  der  Krisen  als  die  dringlichste  Aufgabe  der  Nationalökonomie-Was
  ist  nun  eine  gerechte  Verteilung?  Rodbertüs  antwortet:  die,
die  jedem  Arbeiter  das  Erzeugnis  seiner  Arbeit  gibt 1 ).  Wird  nun  dieser
Erfolg  in  der  bestehenden  Ordnung  der  freien  Konkurrenz  und  des  Privateigentums ­
  erzielt?
Um  dies  zu  erfahren,  müssen  wir  den  Mechanismus  der  Verteilung,
so  wie  er  heute  besteht,  untersuchen.  Die  Beschreibung,  die  Rodbertüs
davon  gibt,  unterscheidet  sich  nicht  von  der,  die  J.-B.  Say  davon  geben
j  würde.  Sie  stimmt  in  allen  Punkten  mit  dem  klassischen  Schema  überein.
Auf  der  einen  Seite  kauft  der  Unternehmer  die  Dienste  der  Arbeit,  des
Kapitals  und  des  Bodens;  auf  der  anderen  verkauft  er  die  Erzeugnisse,  die
aus  ihrem  Zusammenwirken  entstehen.  Der  Preis,  den  er  für  diese  Dienste
zahlt,  und  der,  den  er  selbst  vom  Verbraucher  erhält,  ergibt  sich  auf  jedem
dieser  Märkte  aus  dem  Stand  des  Angebotes  und  der  Nachfrage.  Der  Gewinn ­
  ist  das,  was  nach  Bezahlung  der  Löhne,  der  Zinsen  und  der  Bodenrente ­
  von  dem  Verkaufspreise  übrig  bleibt 2 ).
So  vollzieht  sich  die  Verteilung  des  Profites  durch  den  Mechanismus
des  Tausches,  und  dessen  Wirkung  besteht  darin,  dem  Besitzer  eines  jeden
produktiven  Dienstes  den  Marktwert  dieses  Dienstes  zu  verschaffen.  Anscheinend ­
  gibt  es  nichts  Gerechteres.  .  .  aber  eben  nur  anscheinend,  denn
wenn  wir  die  soziale  und  moralische  Wirklichkeit,  die  sich  unter  diesem
automatischen  Mechanismus  verbirgt,  untersuchen,  so  bemerken  wir  sogleich, ­
  daß  er  auf  eine  Beraubung  des  Arbeiters  durch  die  Besitzer  d eS
Bodens  und  des  Kapitals  hinausläuft.  Woher  kommen  nämlich  alle  die
Produkte,  die  der  Tausch  unter  so  viele  verschiedene  Nutznießer  verteilt  •
Einzig  und  allein  vom  Arbeiter.  Sie  haben  nichts  als  Arbeit,  ja  sogar»
nichts  als  Handarbeit  gekostet.  Nicht  als  ob  Rodbertüs  die  intellektuelle
oder  die  wirtschaftliche  Arbeit  der  Leitung  verachtete.  Weit  davon  en  -
fernt.  Aber  auf  Grund  einer  recht  seltsamen  Auffassung  erscheint  ihn 1
die  Intelligenz  als  eine  unerschöpfliche  Kraft,  deren  Verbrauch  infolge
dessen  keine  Kosten  verursacht,  ebenso  wie  der  Verbrauch  der  natürliche
Kräfte  der  Natur  nichts  kostet.  Nur  die  Handarbeit  bedingt  einen  ver
brauch  an  Kraft  und  Zeit,  also  das  Opfer,  die  Aufgabe  einer  bestimm  eI
*)  Übrigens  fügt  Rodbertüs  hinzu,  daß  ein  Teil  des  Gesamterzeugnisses
jeden  ihm  genommen  werden  soll,  um  den  öffentlichen  Bedürfnissen  zu  dienen  (Kap  i
J )  Kapital.
        <pb n="488" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

465

Sache,  die  man,  einmal  verausgabt,  nicht  wiederfindet 1 ).  Noch  weniger
gibt  Rodberttjs  zu,  daß  die  Güter  Voraussicht  oder  Ersparnisse,  d.  h.
eine  moralische  und  gleichzeitig  intellektuelle  Anstrengung  gekostet  hätten
(der  Name,  den  man  ihr  gibt,  hat  keine  Bedeutung),  auf  Grund  deren  ein
sofortiger  Genuß  aufgeschoben  wird,  um  die  Summe  der  zukünftigen'
Güter  zu  steigern 2 ).  So  übernimmt  Rodberttjs,  indem  er  ihn  präzisiert
und  weiter  entwickelt,  jenen  Satz,  mit  dem  Smith  seinen  „Völkerreichtum“
eröffnet:  „Die  jährliche  Arbeit  eines  Volkes  ist  der  Fonds,  der  dasselbe  mit
allen  Bedürfnissen  und  Annehmlichkeiten  des  Lebens  versorgt,  die  es
jährlich  verbraucht.“
Weisen  wir  sogleich  auf  den  Unterschied  der  Haltung  zwischen  Rodj
  b ertüs  und  Marx  hin.  Dieser  ist  durchaus  von  der  englischen  Nationalökonomie ­
  und  dem  englischen  Sozialismus  durchtränkt,  geht  von  der
Theorie  des  Tausches  aus  und  macht  die  Arbeit  zur  Quelle  allen  Wertes.
Rodberttjs,  der  auf  den  Saint-Simonisten  fußt,  geht  von  der  Produkten ­
  aus  und  macht  die  Arbeit  zur  einzigen  Quelle  aller  Produkte,  eine
Behauptung,  die  einfacher  und  wahrer  als  die  vorhergehende  ist,  wenn  sie
au ch  noch  immer  unvollkommen  bleibt.  Rodberttjs  sagt  nicht  nur  nicht,
daß  die  Arbeit  allein  den  Wert  schaffe,  sondern  er  bestreitet  dies  aus-I
  j'rücklich  und  an  verschiedenen  Stellen,  indem  er  diese  seine  Meinung
be g r ündet 3 ).  Nach  seiner  Ansicht  muß  der  soziale  Fortschritt  gerade

l )  Vgl.  Zur  Erkenntnis  usw.  S.  7—10:  „Alle  wirtschaftlichen  Guter  kosten
Reiter  nichts  als  Arbeit“....  (Auf  Grund  des  franz.  Textes.  Anm.  des  Ubers.)  In  dem
■hatten  sozialen  Brief  drückt  er  diesen  Gedanken  in  der_folgenden  etwas  verschiedenen ­
  Form  aus:  „Nur  diejenigen  Güter  gehören  zu  den  wirtschaftlichen,  welche
Arbeit  gekostet  haben“  (Schriften,  Bd.  II,  S.  105-106)  und  indem  er  diesen  Gedanken ­
  entwickelt,  sagt  er,  daß  diese  Formel  bedeute:  1.  „daß  alle  wirtschaftlichen
Guter  nur  Arbeitsprodukte  sind“;  2.  daß  „sie  für  die  wirtschaftliche  Auffassung  ment
als  Produkte  der  Natur  oder  irgendeiner  anderen  Kraft,  „sondern  nur  der  Arbeit
gelten“;  3.  „daß  die  guter,  wirtschaftlich  genommen,  nur  das  Produkt  derjenigen
r beit  sind,  welche  die  materiellen  Operationen,  die  dazu  notwendig  sin  ,  verric  e
la t“.  Hinsichtlich  seiner  Gedanken  über  die  industrielle  Leitung  und  ihre  1  n  0  u  g
Wh  Schriften,  Bd.  II,  S.  219.  ,  A  -,9«
,  2 )  Vgl.  hierüber  Rist,  „Le  Capital  provient-il  umquement  du  travail.  (stammt
öas  Kapital  einzig  aus  der  Arbeit?)  in  der  Revue  d  Fconomie  Politique,
Februar  1906.
Rodber

die  Güter  hätten  nur
,  .wjijuertus  sagt  ausdrücklich,  daß  die  ^Produktes  immer  der  Kosten-Arbeit
  gekostet,  nicht  bedeutet,  „daß  der  heute  schon  einen  Maßstab  des
arbeit  adäquat  ist;  mit  anderen  Worten,  daßdieA  b  das  scho n  in  den  Forde-Wertes
  abgeben  könne“.  (Ebd.  S.  104—106.)  Ei'  b "  rk enntnis  usw.  S.  129-131
jungen,  im  Jahre  1837.  1842  wies  er  m  dem  *  h  den  Kosten  der  Arbeit
die  Gründe  nach,  weshalb  der  Wert  eines  die  Kapitalgewinne  auszus
 e'&amp;gt;  die  es  erfordert  hat.  Sie  sind:  1.  I} 1 ®  1  .  ,  n  gutes  sich  auf  die  Kosten  dergleichen; ­
  2.  die  Tatsache,  daß  der  Preis  jedes  emze^  en  ist  In  seinem  Z  wei  ten
lemgen  Einheit  gründet,  deren  Reproduktm  Arbeitswertes  nur  ein  Ideal  ist
Sozialen  Briefe  wiederholt  er,  daß  die:  Iheor  e  all  Rudolf  Meyer  vom
(Kapital,  franz.  Übers.,  Anhang  S.  279).  ln  eme  30
Ui &amp;lt;le  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmcmungen.
        <pb n="489" />
        466

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

darin  bestehen,  den  Wert  „herzustellen“,  ihn  mit  der  in  den  Gegenständen
enthaltenen  Arbeitsmenge  in  Übereinstimmung  zu  bringen 1 ).  Dies  ist
aber  das  Werk  der  Zukunft  und  nicht  der  Gegenwart 2 ).  Welche  Schlußfolgerung ­
  soll  man  nun  hieraus  ziehen?  Wenn  es  auf  der  einen  Seite  wahr
ist,  daß  allein  der  Arbeiter  alle  Erzeugnisse  schafft,  und  wenn  auf  der
anderen  Seite,  auf  Grund  des  Austausches,  die  Boden-  und  Kapitalienbesitzer ­
  allein  infolge  der  Tatsache  ihres  Besitzes,  und  ohne  an  der  Produktion ­
  unmittelbaren  Anteil  zu  haben,  unter  der  Form  von  Zinsen  oder
Pacht  einen  Teil  dieser  Erzeugnisse  erhalten,  so  ist  offenbar  die  Formel
der  Gerechtigkeit  in  der  Verteilung  verletzt.  Diese  Entwendung  von  Produkten ­
  zugunsten  der  Nichtproduzierenden  und  zum  Schaden  der  Arbeitenden ­
  geschieht  übrigens  ohne  jede  effektive  Gewalttätigkeit,  ganz
einfach  durch  das  Spiel  des  Freihandels  und  unter  der  Herrschaft  des
Privateigentums.  Seine  einzige  Ursache  liegt  darin,  daß  in  unserem  sozialen ­
  System  „andere  wie  die  Produzenten  selbst,  nämlich  die  bloßen  I
Privatbesitzer  von  Boden  und  Kapital,  als  bei  der  Produktion  beteiligt
und  deshalb  zu  einem  Anteil  am  Nationaleinkommen  berechtigt  anzusehen ­
  sind“ 3 ).
Hiermit  wird  also  das  doppelte  Gesicht  der  Verteilung  enthüllt:
wirtschaftlich  überliefert  der  Tausch  dem  Kapital,  dem  Boden  und
der  Arbeit  einen  Teil  des  Produktes,  der  mit  dem  Wert  übereinstimmt,
zu  dem  ihre  Dienste  auf  dem  Markt  eingeschätzt  werden;  sozial  gestattet
er,  daß  den  einzigen  Schöpfern  des  Produktes,  den  Arbeitern,  ein  Teil
dieses  Produktes  genommen  wird,  ein  Teil,  der  das  darstellt,  was  R° D '
bertus  mit  einem  einzigen  Wort  „die  Rente“  nennt,  unter  welchem  Wort
er  das  Einkommen  der  Großgrundbesitzer  und  der  Kapitalisten  zU '
sammenfaßt.
Kein  anderer  Volks  Wirtschaftler  hat  mit  solcher  Klarheit  diese  beiden

7.  Januar  1872,  Bf.  Nr.  70,  S.  160),  verweist  er  ihn  auf  die  Beweisführung,  die  er  g e
geben  hat,  „daß  sich  im  heutigen  Verkehr  die  Güter  nicht  nach  Arbeit  vertausche
und  (des  Kapitals  wegen)  vertauschen  können,“  und  er  fügt  bezeichnenderweise  hinz
„was  sich  seinerzeit  einmal  gegen  Marx  gebrauchen  läßt“.
J )  „So  ist  auch  die  Kongruenz  des  Tauschwertes  der  Produkte  mit  den  Arbe'tsquanten,
  die  sie  gekostet,  keine  Tatsache,  sondern  die  großartigste  staatswirtschafthe 1
Idee,  die  je  ihre  Verwirklichung  angestrebt  hat.“  (Zweiter  sozialer  Brie  •&amp;gt;
Kapital,  Bd.  II,  S.  68—69).  .
*)  Hin  und  wieder  gibt  Rodbertus  als  Hypothese  und  zum  Nachweis  gewisse
Beweisführungen  einer  Tendenz  der  Preise  zu,  schon  heute  mit  den  Arbeitskosten  ü  c
einzustimmen;  aber  seine  Grundlehre  braucht  diese  Hypothese  nicht,  die  bei  ihn 1  n
eine  augenblickliche  Hilfsrolle  spielt.  In  seiner  (übrigens  völlig  irrtümlichen)  Thp 31
der  Teilung  des  Einkommens  ohne  Arbeit  zwischen  Grundeigentümern  und  Kapitales
gibt  ergänz  vorübergehend  in  dem  Dritten  sozialen  Briefe  (Schriften,  Bd.II,  »•
zu:  „daß  der  Tauschwert  jedes  fertigen  Produktes,  wie  eines  jeden  Teiles  1
Produktes  gleich  seinem  Wert  an  Arbeit  ist“,  (nach  dem  franz.  Text,  Anm.  des  Ube  •)•
3 )  Kapital,  S.  119.
        <pb n="490" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

467

Seiten  der  Güterverteilung  herausgearbeitet.  Er  zeigt  mit  unvergleichlicher
Kraft  den  ewigen  Widerspruch,  der  für  so  viele  Denker  ein  Stein  des  Anstoßes ­
  gewesen  ist,  und  der  zwischen  unserem  Gerechtigkeitsgefühl,  das
die  Entlohnung  eines  jeden  im  Verhältnis  zu  seiner  Leistung  verlangt,
und  der  Gleichgültigkeit  der  Gesellschaft  besteht,  die,  vor  allem  Anderen
mit  der  Befriedigung  ihrer  Bedürfnisse  beschäftigt,  einzig  und  allein  den
Marktwert  der  Dienste  und  der  Produkte  in  Betracht  zieht,  ohne  sich  über
ihren  Ursprung  oder  die  Anstrengungen,  die  sie  gekostet  haben,  Gedanken
zu  machen,  —  und  unterschiedslos  die  Tagesarbeit  des  Arbeiters  und  das
von  dem  ersten  besten  Müßiggänger  ererbte  Kapital  in  gleicher  Weise
entlohnt.  Es  ist  das  unzweifelbare  Verdienst  Rodbertus’,  diese  Wahrheit
aus  den  oft  verworrenen  Auseinandersetzungen  der  früheren  Schriftsteller
herausgearbeitet  und  sie  mit  unbestreitbarer  Autorität  der  Aufmerksamkeit ­
  der  Volkswirtschaftler  aufgezwungen  zu  haben.
Hierbei  bleibt  aber  die  Kritik  Rodbertus’  nicht  stehen  —  und  wenn
auch  vom  Gesichtspunkt  der  Geschichte  der  Doktrinen  der  Nachweis,
den  wir  eben  zusammengefaßt  haben  (der  Unterschied  in  der  Verteilung  vom
sozialen  und  vom  rein  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  aus)  sein  hauptsächlichstes ­
  Verdienst  vorstellt,  —  so  müssen  wir  doch  noch  auf  die  Folgerungen, ­
  die  er  daraus  zieht,  eingehen.
Was  Rodbertus  von  seinem  Standpunkt  aus  am  meisten  interessiert,
ist  nicht,  —  wie  man  schon  bemerkt  haben  wird,  —  die  Art  und  Weise,
'^e  sich  die  Höhe  des  Lohnes,  der  Zinsen  oder  der  Pacht  festsetzt.  In
seinen  Augen  ist  dies  ein  durchaus  nebensächliches,  fast  gleichgültiges
Problem,  im  Vergleich  zu  der  viel  wichtigeren  sozialen  Frage:  welches
siud  die  proportionalen  Anteile,  die  die  Arbeiter  und  die  Nichtarbeiter ­
  am  nationalen  Produkt  erhalten?  Er  glaubt  nachgewiesen  zu
haben,  daß  die  Arbeiter  beraubt  werden;  aber  wird  diese  Beraubung  ewig
dauern?  Strebt  im  Gegenteil  der  wirtschaftliche  Fortschritt  nicht  darauf
du,  „die  Rente“,  nämlich  das  arbeitslose  Einkommen,  nach  und  nach  zu
verringern,  und  zwar  zugunsten  des  Lohnes?  Bastiat  und  Carey  haben
ues  geglaubt.  Sie  behaupteten,  daß  der  proportionale  Anteil  des  Kapitals
y . rn i  Produkt  beständig  geringer  werde,  und  zwar  zugunsten  des  auf  die
Arbei t  entfallenden  Anteils.  Ricardo  hatte  sich  dieselbe  Frage  vorgelegt
Ur| d  war,  auf  Grund  der  unvermeidlichen  Preissteigerung  der  Nahrungsmittel,
  zu  dem  Schluß  gekommen,  daß  der  Anteil  der  Großgrundbesitzer
zuni  Nachteil  der  beiden  anderen  beständig  größer  werde.  J.-B.  Say
hatte  sich  schon  zur  Zeit  der  ersten  Ausgaben  seines  Traite  diese  Frage
^gelegt,  aber  ohne  sie  zu  beantworten.  Rodbertus  nimmt  weder  die
Losung  Bastiat’s,  noch  die  Ricardo’s  an.  Für  ihn  ist  es  sicher,  daß  der
Proportionale  Anteil  des  Arbeiters  am  Produkt  zugunsten  der  beiden
änderen  sinkt 1 ).
*)  »Wenn  der  Verkehr  "in  bezug  auf  die  Verteilung  des  Nationalproduktes  sich
30*
        <pb n="491" />
        468

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

In  Übereinstimmung  mit  seinen  theoretischen  Gewohnheiten  genügt
ihm  eine  einfache  logische  Deduktion,  um  dies  nachzuweisen.  Die  Höhe
des  Lohnes  —  das  hat  er  soeben  anerkanntwird  durch  den  Stand  des
Angebotes  und  der  Nachfrage  auf  dem  Arbeitsmarkte  bestimmt.  Aber
der  Marktpreis  der  Arbeit,  wie  der  der  Produkte,  strebt  nach  einem  Normalwert ­
  hin,  und  dieser  Wert  ist  nichts  anderes,  als  der  notwendige  Lohn
Kicardo’s.  „Der  Anteil  der  Produzenten  am  Produkt  richtet  sich  zuletzt
und  im  Allgemeinen  nicht  nach  dem  Ergebnis  ihrer  Produktion,  sondern
nach  dem  Produktquantum,  das  hinreicht,  um  ihnen  die  Kräfte  für  Weiterarbeit ­
  und  die  Mittel  zur  Aufzucht  neuer  Arbeiter  zu  geben“ 1 ).  Es  ist  dies
das  berühmte  Eherne  Lohngesetz,  aus  dem  Lassalle  einige  Jahre
später  den  Grundstein  seiner  Propaganda  macht,  das  aber  im  Gegenteil
Marx  niemals  formell  angenommen  hat.
Wenn  man  dieses  Gesetz  einmal  anerkennt  hat,  so  genügt  es,  zu
konstatieren,  daß  die  Produktivität  der  Arbeit  täglich  wächst,  und  daß
sich  daher  die  Menge  der  Produkte  regelmäßig  vermehrt,  um  dann  ganz
arithmetisch  zu  dem  Schluß  zu  kommen,  daß,  da  die  absolute  Menge,
die  von  den  Arbeitern  ständig  von  dieser  wachsenden  Menge  genommen
wird,  stets  dieselbe  bleibt,  dies  mit  Notwendigkeit  einen  stets  geringeren
Verhältnisanteil  darstellt,  im  Maßstabe,  wie  die  ganze  Menge  sich
vermehrt.
Gleichzeitig  erhalten  wir  so  die  Erklärung  der  Krisen.  Im  Bemühen,
sich  auf  der  Höhe  zu  halten,  sagt  Rodbertus,  vermehren  die  Unternehmer
beständig  ihre  Produktivität,  und  zwar  innerhalb  der  Grenze  der  Anteile
des  sozialen  Produktes,  die  jeder  Klasse  zukommen,  weil  diese  Anteile  die
Ausdehnung  der  Nachfrage  bestimmen 2 ).  Während  nun  die  Produktion
größer  wird,  verringert  sich  der  Anteil  der  Arbeiter  mit  jeder  neuen  Periode,
so  daß  die  Nachfrage  nach  einem  großen  Teil  der  sozialen  Produkte  beständig ­
  hinter  der  Produktion  zurückbleibt.  „Wenn  nun  also  ...  auf  diese
Weise  den  Unternehmern  ohne  ihr  Verschulden  fortwährend  und  unerselbst

  überlassen  bleibt,  bewirken  gewisse  mit  der  Entwicklung  der  Gesellschaft  verbundene ­
  Verhältnisse,  daß  bei  steigender  Produktivität  der  gesellschaftlichen  Arbe&amp;gt;
der  Lohn  der  arbeitenden  Klassen  ein  immer  kleinerer  Teil  des  Nationalproduktes
wird.“  Zweiter  sozialer  Brief  (Schriften,  Bd.  II,  S.  37.)
1 )  Kapital,  S.  184.
2 )  Diese  Auffassung,  daß  die  Unternehmer  ihre  Produktion  auf  die  Größe  der
sozialen  Anteile  basieren,  ist  befremdend.  Trotzdem  hat  ihr  Rodbertus  in  eigene 11
Worten  Ausdruck  gegeben:  „Sie  (die  Klassen)  gelten  nur  nach  der  Grüße  ihres  Antex
am  Nationalprodukt  auf  dem  Markt  ....  Der  Größe  dieser  Anteile  gemäß  müssen  die
Unternehmer  den  Umfang  der  einzelnen  Produktionen  einzurichten  suchen.“  Kapip
S.  52—53.  Vgl.  auch  S.  206.)  —  Es  ist  jedoch  klar,  daß  die  Unternehmer  ihre  Produkt^
einzig  auf  die  Nachfrage  nach  den  Gegenständen  gründen,  die  sie  irn  Besonderen  fab n
zieren,  und  höchst  gleichgültig  gegenüber  den  Anteilen  sind,  die  die  sozialen  Klasse
aus  dem  Gesamtprodukt  zu  erhalten  haben.-
        <pb n="492" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

469

wartet  der  Boden  unter  den  Füßen  schwände“^. 1 )  Diese  Theorie  über  die
Krisen,  die  fast  genau  mit  der  Sismondi’s  übereinstimmt 2 )  —  und  die
eher  die  chronischen  Depressionen  als  die  eigentlichen  Krisen  erklärt,  —
hat  ebensoviel  oder  ebensowenig  Wert,  wie  die  Theorie  der  proportionalen
Verteilung  der  Produkte  unter  die  sozialen  Klassen.
Diese  Theorie  nun,  der  Rodbertus  eine  so  außerordentliche  Bedeutung ­
  beilegte,  die  er  schon  1837  in  seinen  Forderungen  der  arbeitenden ­
  Klassen  aufgestellt  hatte  und  hauptsächlich  in  seinen  Sozialen
Briefen  entwickelte  (in  denen  er  ausdrücklich  sagt,  daß  sie  der  Grundstein
seines  Systems  ist,  zu  dem  alle  anderen  in  Wirklichkeit  nur  Vorarbeiten
sind),  diese  Theorie,  für  die  er  sein  ganzes  Leben  hindurch  hoffte,  die
statistische  Bestätigung  zu  finden,  ist  weit  davon  entfernt,  die  Tragweite
zu  haben,  die  er  ihr  zuschrieb.
Zunächst  ist  das  Argument,  auf  das  er  sich  stützt  —  das  eherne  Lohngesetz ­
  —  heute  nicht  nur  von  den  bürgerlichen  Volkswirtschaftlern,  sondern ­
  sogar  von  den  Sozialisten  selbst  aufgegeben  worden.  Aber  sogar,
wenn  das  eherne  Lohngesetz  wahr  wäre,  würde  die  Beweisführung  Rodeertus’
  noch  nicht  schlüssig  sein,  denn  der  Anteil  der  Arbeiter  an  dem
Totalprodukt  hängt  nicht  von  nur  einem,  sondern  von  zwei  Faktoren  ab:
der  Höhe  des  Lohnes  und  der  Zahl  der  Arbeiter.  Rodbertus  begeht
einen  Fehler,  der  dem  Bastiat’s  ähnlich  ist,  als  er  den  Anteil  des  Kapitals
arn  Totalprodukt  mit  Hilfe  eines  einzigen  Faktors  bestimmen  wollte,  der
Höhe  des  Zinsfußes,  während  dieser  Anteil  gleichzeitig  von  der  Höhe  des
Zinsfußes  und  der  Menge  der  vorhandenen  Kapitalien  abhängt.
Alles,  was  man  zugeben  kann,  ist,  daß,  wenn  die  Argumente,  mit
denen  Rodbertus  seine  Theorie  verteidigt,  auch  nicht  mehr  wert  sind  als
die  Bastiat’s,  so  doch  seine  Theorie  an  und  für  sich  mit  den  von  der  Statistik ­
  dargebotenen  Tatsachen  mehr  übereinzustimmen  scheint,  —  denn
einzig  und  allein  die  Statistik,  und  nicht  irgendwelche  Beweisführung
a  priori  kann  diese  Frage  lösen.  Die  Tatsachen  scheinen  es  wahrscheinlich
Zu  machen,  daß  in  gewissen  Ländern  der  proportionale  Anteil  der  Arbeit
am  Produkt  seit  dem  Beginn  des  Jahrhunderts  eher  geringer  geworden  ist.
.  Hur  ergibt  sich  hieraus  keineswegs,  daß  die  Lage  der  Arbeiter  sich
mcht  verbessert  habe;  denn  diese  Verminderung  des  Arbeitsanteils  im  All  -
bßmeinen  hat  nicht  die  Erhöhung  des  individuellen  Lohnes  verhindert.
H'les,  was  man  daraus  schließen  kann,  ist,  daß  die  Einkommen  aus  Arbeit
Kapital,  S.  54.
iik  ^  ^ an  w *rd  sich  von  der  fast  vollständigen  Übereinstimmung  der  beiden  Theorien
^erzeugen,  wenn  man  sich  die  Mühe  nehmen  will,  die  Stelle  des  Aufsatzes:  „Balance
T es  consommations  avec  les  productions“  von  Sismondi,  als  Anhang  zu  den
^.°uveaux  Principes,  Bd  II,  S.  430  veröffentlicht,  nachzulesen.  Rodbertus  weist
^! e  Sismondi,  darauf  hin,  daß  sich  auf  die  Dauer  das  Gleichgewicht  wieder  hersteilen
Jh  7  aber  (wie  Sismondi)  stellt  er  fest,  daß  die  Krise  eintreten  wird,  bevor  dies  ge-“
 e hen  sein  kann  (Kapital,  S.  206,  Anm.).  Vgl.  oben  S.  207.
        <pb n="493" />
        470

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

nicht  ebenso  schnell  gewachsen  sind,  wie  die  aus  dem  Kapital 1 );  das
hat  aber  die  Arbeiter  nicht  gehindert,  am  Fortschritt  teilzunehmen.
Was  sind  nun  die  praktischen  Schlußfolgerungen,  die  Rodbertus
aus  seiner  Theorie  zieht?  Logisch  würde  folgen,  wie  man  auf  den  ersten
Blick  sieht:  die  Abschaffung  des  Privateigentums  und  der  individuellen
Produktion.  Sobald  die  Gemeinschaft  alleinige  Eigentümerin  der  Produktionsmittel ­
  geworden  ist,  verschwindet  das  Einkommen  ohne  Arbeit;
jeder  ist  gezwungen,  zur  Produktion  beizutragen,  und  jeder  nimmt  am
Verbrauch  im  Verhältnis  zu  seiner  Arbeit  teil;  die  Dauer  der  Arbeit  und
ihre  Intensität  bestimmen  den  Wert  der  Gegenstände,  und  da  die  Anpassung ­
  des  Angebotes  an  das  soziale  Bedürfnis  (weiter  oben  haben  wir
das  „wie“  gesehen)  beständig  gesichert  sein  würde,  so  bleibt  dieser  Maßstab ­
  beständig  genau  und  richtig,  und  die  Gerechtigkeit  in  der  Verteilung
ist  verwirklicht.
Vor  dieser  Lösung  schrickt  Rodbertüs  aber  zurück,  und  so  verwandelt ­
  sich  unser  Sozialist  in  einen  einfachen  Staatssozialisten.  Das,
was  ihn  erschreckt,  ist  nicht  die  ungeheuerliche  Tyrannei  eines  solchen
Systems,  in  dem  die  Produktion  und  sogar  der  Verbrauch  den  Verordnungen ­
  der  Behörde  unterworfen  sein  würde:  „Personen  und  Wille  sind
so  frei,  wie  sie  überhaupt  nur  in  der  Gesellschaft  sein  können“,  sagt  er
an  einer  Stelle 2 ),  und  „Gesellschaft“  bedeutet  für  ihn  notwendigerweise
Zwang.  Seine  Befürchtungen  liegen  wo  anders.  Zunächst  in  seinem  Abscheu ­
  vor  jeder  revolutionären  Umwälzung.  Und  dann  erschreckt  ihn  die
mangelhafte  Erziehung  der  Massen:  sie  würden  heute  noch  nicht  die  Notwendigkeit ­
  verstehen,  einen  gewissen  Teil  ihres  Einkommens  zu  opfern,
um  einigen  Menschen  zu  gestatten,  in  Frieden  die  Künste  und  die  Wissen-!)
  Wir  haben  oben  gesehen  (S.  371,  Anm.  2  und  372,  Anm.  1),  daß  dies  der  Schluß
ist,  zu  demConsoN  (Cours.Bd.III,  S.366)  kommt.  Ebenso  ist  es  das  Ergebnis  der  Untersuchungen ­
  Chatelain’s  über  den  Census  der  Vereinigten  Staaten.  Nach  ihm  (Questions
  pratiques  de  lögislation  ouvriöre,  Juni-Juli  1908)  ist  in  der  amerikanischen ­
  Metallurgie  von  1890  bis  1905  der  Anteil  des  Arbeiters  am  Gesamtprodukt
von  71  Hundertstel  auf  68  Hundertstel  gefallen,  während  der  des  Kapitals  von  28  Hundertstel ­
  auf  32  Hundertstel  gestiegen  ist.  Trotzdem  ist  der  jährliche  Lohn  des  Arbeiters
von  551  auf  626  Dollar  gestiegen,  und  der  Profitsatz  ist  von  9%  auf  8%  gefallen.
Wir  wollen  noch  hinzufügen,  daß  trotz  dieser  Verminderung  des  Anteils  der  Arbeit
man  hieraus  nichts  hinsichtlich  der  Erhöhung,  oder  Verringerung  des  Einkommens
der  Arbeiterklasse  im  Allgemeinen  schließen  kann.  Ein  Teil  der  Arbeiter  besitz*
ein  kleines  Kapital.  Zwar  ist  es  heute  noch  äußerst  klein,  doch  nichts  steht  dem  Glauben
entgegen,  daß  es  in  Zukunft  größer  werden  wird.
Man  sieht,  wie  kompliziert  diese  Frage  ist,  und  welche  Genauigkeit  sie  erforder  •
Man  muß  in  ihr  wenigstens  drei  Begriffe  unterscheiden:  den  des  individuelle
Lohnes,  den  des  Anteils  der  Arbeit  am  Produkt,  und  den  des  Einkommens
der  Arbeiterklasse.  Vgl.  über  diese  Frage  die  Ideen  Edwin  Cannan’s  im  Quarter  y
Journal  of  Economics,  1905,  und  was  er  darüber  in  seinem  Buch  Productio
and  Distribution,  1776—1848,  sagt.
2 )  Kapital,  S.  212.
        <pb n="494" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

471

schäften  zu  pflegen,  diese  beiden  schönsten  Früchte  der  Zivilisation.  Weiterhin ­
  ist  heute  überall  das  ungerechte  Eigentum  mit  dem  von  der  Arbeit
geschaffenen  Eigentum  verschmolzen:  „Es  (das  Grundeigentum)  hat
seinem  Unrecht  so  viel  Recht  beigemischt“,  sagt  er,  „daß  man  das  wahre
Eigentum  nur  mit  empören  würde,  wenn  man  sofort  schon  Hand  an  das
falsche  legen  wollte“ 1 ).
Daher  muß  auf  alle  Fälle  ein  Kompromiß  gefunden  werden.  Da  von
beiden  Einrichtungen,  die  heute  die  Quelle  der  Ungerechtigkeit  sind  —
dem  Eigentum  und  der  Vertragsfreiheit  —,  das  erste  nicht  ohne  Nachteil
abgeschafft  werden  kann,  so  versuchen  wir  wenigstens,  die  zweite  zum  Verschwinden ­
  zu  bringen.  Behalten  wir  (vorläufig)  das  Eigentum  bei:  aber
schaffen  wir  die  Vertragsfreiheit  ab.  Hierdurch  werden  wir,  auch  wenn
ivir  das  arbeitslose  Einkommen  nicht  sofort  zerstören  können,  zum  wenigsten ­
  seinen  schwerstwiegenden  Nachteil  verbessern:  das  Sinken  des  proportionalen ­
  Anteils  der  Arbeit  an  dem  Produkt.  Auf  diese  Weise  werden
zur  gleichen  Zeit  der  Pauperismus  und  die  Krisen  verschwinden l  2 ).
Schon  heute  kann  dies  geschehen.  Möge  der  Staat  den  Wert  des
sozialen  Gesamtproduktes  in  Arbeit  einschätzen,  möge  er  den  Bruchteil
dieses  Wertes,  den  die  Arbeiter  zu  erhalten  haben,  festsetzen,  möge  er
für  diese  Summe  an  die  Unternehmer  (jedem  gemäß  der  Anzahl  der  von
ihm  beschäftigten  Arbeiter)  Lohnbons  verteilen,  gegen  welche  die  Unternehmer ­
  in  öffentlichen  Niederlagen  eine  gleichwertige  Menge  Produkte
abliefern  müssen  (deren  Wert  in  Arbeit  geschätzt  ist),  und  zum  Schluß
’nögen  sich  die  Arbeiter,  die  von  ihren  Unternehmern  in  Lohnbons  bezahlt ­
  werden,  in  den  öffentlichen  Niederlagen  auf  Grund  dieser  Lohnbons
uüt  dem,  dessen  sie  bedürfen,  versehen.  Die  Schätzung  des  in  Arbeit  ausgedrückten ­
  nationalen  Produktes  würde  von  Zeit  zu  Zeit  wiederholt  werden
uiüssen.  Damit  der  Bruchteil  dieses  Produktes,  der  den  Lohn  darstellt,
stets  der  gleiche  bleibt,  muß  der  Staat  die  absolute  Zahl  dieser  Lohnbons
uiit  dem  E'ortschritt  der  Produktion  vermehren.  So  würde  der  von  Roduertus
  verfolgte  Zweck,  die  automatische  Beteiligung  der  Arbeiterklassen
am  Fortschritt  der  nationalen  Produktion,  erreicht  sein 3 ).  Dies  ist  das
r °jekt  unseres  Autors.
l )  Ebenda,  S.  228.  .  .
„Daher  glaube  ich,  wie  die  Geschichte  von  jeher  (nur  in  Kompromissen  fortgeschritten ­
  ist&amp;gt;  auch  nut  ein  Kompromiß  zwischen  Arbeit  und  Grund-  und  Kapital-®‘gentum
  die  nächste  Aufgabe  unserer  Wissenschaft  ist. 4  Kapital,  S.  228.)  In  einem
lle{  vom  18.  September  1873  an  R.  Meyer  (Bf.  Nr.  130,  S.  318—319)  erklärt  er,  daß
„das  große  Problem“  darin  besteht,  uns  „auf  friedlichem  Entwicklungswege  aus  unserer
®; u £  dem  Grund-  und  Kapitaleigentum  beruhenden  abgelebten  Staatenordnung  in  die
sesehichtlieli  ihr  folgende,  auf  dem  Verdienst  oder  reinem  Einkommenseigentum  sich
gründende,  schon  in" 5  *  *  8  den  meisten  sozialen  Verhältnissen  wie  zur  Geburt  sich  regende
1111(1  rührende  höhere  Staatenordnung  allmählich  einzuführen“.
8 )  Vgl.  Kapital,  S.  125ff.  und  besonders  seinen  Aufsatz:  der  Normalarbeits-
        <pb n="495" />
        472

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Es  ist  unnötig  (ohne  von  den  praktischen  Schwierigkeiten  zu  sprechen),
hier  auf  die  wirtschaftlichen  Unmöglichkeiten  dieses  Vorschlages  einzugehen. ­
  Wenn  wir  ihn  erwähnt  haben,  so  beruht  dies  auf  zwei  Gründen.
Zunächst  um  die  Mühe  darzulegen,  die  Rodbertüs  sich  gemacht  hat,
um  ein  „Kompromiß“,  wie  er  sagt,  zwischen  der  bestehenden  Gesellschaft
und  der  kollektivistischen  Gesellschaft  der  Zukunft  zu  finden.  Während
Marx  anscheinend  gleichgültig  der  wachsenden  Proletarisierung  der  Arbeiter ­
  zusieht,  die  er  als  Vorstufe  zu  ihrer  endgültigen  Erlösung  betrachtet,
will  Rodbertüs  so  schnell  wie  möglich  den  drückendsten  Übelständen
Abhilfe  schaffen  und  schon  jetzt  die  Lage  der  Arbeiter  verbessern 1 ).  Aber
dieser  Plan  zeigt  vor  Allem  das  außerordentliche  Vertrauen,  das  Rodbertus
  in  die  Allmacht  des  Staates  hat,  in  die  Macht  der  Regierungen,
diejenigen  menschlichen  Handlungen  ihrem  Willen  zu  unterwerfen,  deren
Unabhängigkeit  der  Mensch  bisher  am  eifersüchtigsten  gewahrt  hat,  und
gleichzeitig  seine  völlige  Gleichgültigkeit  für  die  individuelle  Freiheit  als
Hebel  der  Wirtschaft.
Im  Maße,  wie  der  Gedanke  Rodbertüs’  sich  entwickelt,  wandelt  sich
diese  Gleichgültigkeit  gegenüber  der  individuellen  Freiheit  in  eine  immer
lebhaftere  Feindschaft.  Sein  Vertrauen  in  die  Zentralgewalt  wird  dagegen
immer  stärker,  und  in  seinen  letzten  historischen  Werken  legt  er  eine
organische  Gesellschaftstheorie  dar,  die  ihr  als  Rechtfertigung  dienen  soll.
Er  sagt:  ebenso  wie  in  der  Stufenleiter  der  Lebewesen  die  höchststehenden ­
  diejenigen  sind,  die  zugleich  die  am  höchsten  differenzierten  und  die
am  besten  integrierten  Organe  besitzen,  so  auch  in  der  Geschichte;  im
Maßstabe,  wie  man  von  einer  niederen,  sozialen  Form  zu  einer  höheren
Form  übergeht,  „nimmt  der  Staat  an  Umfang  und  an  Wirksamkeit  extensiv
und  intensiv  zu.  Die  staatliche  Organisation  in  diesem  Sinne  wird  nicht
bloß  von  Stufe  zu  Stufe  mannigfaltiger,  d.  h.  jede  besondere  Funktion
wird  immer  mehr  an  ein  besonderes  Organ  gebunden  —  die  soziale  Organisation ­
  wirkt  auch  von  Stufe  zu  Stufe  übereinstimmender,  d.  h.  die  immer
mannigfaltiger  werdenden  sozialen  Organe  kommen  in  immer  größere
Abhängigkeit  von  einem  Zentralorgan  —,  mit  anderen  Worten,  auch  auf
der  Stufenleiter  der  sozialen  Organismen  entscheiden  Teilung  der  Arbeit
und  Zentralisation  über  den  Grad  der  Vollkommenheit  der  Organisation,
über  die  Höhe  der  Stufe,  welche  der  Organismus  einnimmt“ 2 )-tag,
  der  1871  erschien  und  in  den  Briefen  und  sozialpolitischen  Aufsätzen,
S.  552ff.  wieder  abgedruckt  worden  ist.  —  Der  Gedanke,  den  Wert  zu  bilden,  wie
es  hier  Rodbertüs  versucht,  war  schon  1847  von  Marx  in  seiner  Misere  de  la  phij°*
sophie  mit  Bezug  auf  Proudhon  kritisiert  worden.  Für  ihn  zieht  die  Sozialisation
der  Produktion  die  des  Tausches  nach  sich.  Auch  das  ist  ein  Punkt,  in  dem  Marx  un
Rodbertüs  verschiedener  Meinung  sind.
1 )  Vgl.  Kapital,  S.  229,  Anm.
2 )  Zur  Geschichte  der  römischen  Tributsteuern,  in  den  Jahrbüchern
für  Nationalökonomie  und  Statistik,  1867,  Bd.  VIII,  S.  447,  Anm.-
        <pb n="496" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

473

So  werden  wir  am  Schluß  zu  der  am  Anfang  von  Rodbertüs  als
grundlegend  aufgestellten  Urage  zurückgeführt  (s.  S.  460).  Vollziehen
sich  die  sozialen  Funktionen  selbständig  zum  Wohl  des  sozialen  Körpers
oder  können  sie  sich  nur  durch  das  Zwischenglied  eines  besonderen  Organes,
des  Staates  oder  der  Regierung,  betätigen?  Ist  die  Antwort,  die  er  uns
gibt,  wirklich  befriedigend?
Gleich  am  Anfang  muß  ein  erster  Widerspruch  auffallen:  die  Grenzen
der  wirtschaftlichen  Gemeinschaft  und  die  der  politischen  Gemeinschaft
stimmen  nicht  überein.  Die  eine  wird  durch  die  Arbeitsteilung  geschaffen
und  dehnt  sich  mit  ihr  aus:  die  andere  entsteht  aus  den  wechselnden
Gluckszufällen  der  Geschichte.  Logischerweise  müßte  daher  die  wirtschaftliche ­
  Regierung  andere  Organe  besitzen  und  andere  Grenzen  haben
uls  die  politische  Regierung.  Und  trotzdem  vertraut  Rodbertüs  dem
Staat,  so  wie  er  sich  aus  der  Geschichte  entwickelt  hat,  die  Rolle  des
leitenden  Organes  an.  Zwischen  der  Definition  der  wirtschaftlichen  Gemeinschaft ­
  Rodbertüs’  und  seiner  endgültigen  Zuflucht  in  die  Arme  des
nationalen  und  monarchischen  Staates  besteht  ein  entschiedener  Widerspruch, ­
  ein  Widerspruch,  der  sich  in  gleicher  Weise  für  jeden  anologen
Versuch  eines  „nationalen“  Sozialismus  ergibt.

Auf  der  anderen  Seite:  um  nachzuweisen,  daß  die  selbstentstandenen
sozialen  Mechanismen  nicht  ausreichen,  hat  Rodbertüs,  wie  wir  gesehen
haben,  die  Definition  der  wirtschaftlichen  Funktionen,  wie  sie  in  der  Wirklichkeit ­
  bestehen,  mit  dem  Ideal  vertauscht,  das  er  sich  davon  macht.
Daher  fällt  ihm  der  Nachweis  nicht  schwer,  daß  diese  idealen  Funktionen
sich  heute  noch  nicht  vollziehen.  Es  ist  sicher,  daß  die  Produktion  noch
mcht  auf  dem  „sozialen  Bedürfnis“  beruht,  und  daß  die  Güter  sich  nicht
im  Verhältnis  zur  geleisteten  Arbeit  verteilen.  Wir  haben  aber  auch  gcsehen,
  daß  das  „soziale  Bedürfnis“,  so  wie  es  Rodbertüs  auffaßt,  ein
durchaus  unbestimmter  Begriff  ist.  Die  logische  Anwendung  der  erteilungsformel,
  die  er  aufstellt,  „jedem  das  Produkt  seiner  Arbeit  ,  s  o
a af  Unmöglichkeiten,  und  die  Sozialisten  geben  selbst  zu,  daß  es  wct  cr
die  Ansprüche  der  Menschheit  noch  die  der  Produktion  befriedigen  wur  e.
Damit  die  Beweisführung  Rodbertüs’  überzeugend  wirken  könnte,  durfte
se ine  Definition  der  sozialen  Funktionen  nicht  schon  an  und  für  sich  so
große  Schwierigkeiten  verursachen.  .
Geben  wir  ihm  aber  immerhin  zu,  daß  die  Existenz  einer  Gese  sc  la
den  guten  Ablauf  gewisser  Funktionen  bedingt,  deren  Definition  hier  ohne
■Bedeutung  ist.  Dann  bleibt  immer  noch  die  Frage  offen,  und  in  ihr  legt
Je  schwerstwiegende  Kritik:  ob  die  Kontrolle  und  die  Voraussicht  der
^enschen  sich  nicht  in  einer  anderen  Weise,  als  durch  die  Einmischung
es  Staates,  betätigen  können?  Für  Rodbertüs  gibt  es  nur  eine  Alter-*jative:
  entweder  absoluter  Individualismus  oder  alleinige  Leitung  durch
den  Staat.  Aber  weder  die  Natur  noch  die  Geschichte  lassen  sich  ii

m  einem
        <pb n="497" />
        474

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

derartigen  Dilemma  fangen.  Sein  Vergleich  der  Gesellschaft  mit  einem
biologischen  Organismus  hat  nur  den  Wert  eines  einfachen  Gleichnisses,
das  heute  fast  allgemein  verworfen  wird.  Ihm  erscheinen  der  wirtschaftliche ­
  Individualismus  und  die  persönliche  Freiheit  als  untrennbar.  Er
teilt  eine  Illusion,  die  zu  jener  Zeit  fast  allen  Volks  Wirtschaftlern  gemeinsam ­
  war.  Es  schien  damals  unmöglich,  über  den  Individualismus  zu
triumphieren,  ohne  die  Freiheit  zu  zerstören.  Wir  wissen  aber  heute,
daß  diese  Ideenverbindung,  wie  viele  andere  ähnliche,  nicht  ewig  ist.  Unser
heutiges  wirtschaftliches  Leben,  das  zwischen  dem  Individuum  und  dem
Staat  eine  immer  größere  Vielfältigkeit  freier  wirtschaftlicher  Genossenschaften ­
  emporkommen  sieht,  beweist  seine  Unhaltbarkeit  mit  jedem
Tage  mehr.
Es  ist  jetzt  leicht,  das  aufzuzeigen,  was  in  der  Lehre  Rodbertus’
so  ausgesprochen  konservative  Köpfe  wie  die  modernen  Staatssozialisten
anziehen  konnte,  die  doch  von  dem  Streben  beseelt  sind,  mehr  Gerechtigkeit ­
  in  unser  wirtschaftliches  Leben  zu  bringen.  Es  ist  dies  zunächst  die
von  Rodbertus  selbst  verwirklichte  Trennung  der  Politik  von  dem  wirtschaftlichen ­
  Sozialismus  und  seine  Abneigung  gegen  jede  Revolution.  An
zweiter  Stelle  steht  seine  „organische“  Auffassung  der  Gesellschaft,  die
seihen  ganzen  Gedankengang  durchdringt.  Der  Staatssozialismus  nimmt
mit  ihm  an,  daß  die  Produktion  und  die  Verteilung  der  Güter  mehr  und
mehr  den  Charakter  „sozialer  Funktionen“  haben;  mit  ihm  kommt  er
zu  dem  Schluß,  daß  sie  sich  der  Kontrolle  der  Individuen  entziehen,  und
daß  sie  eine  immer  mehr  zentralisierte  Leitung  erfordern,  die  dem  Staat
übertragen  werden  muß.  Dagegen  weigert  sich  der  Staatssozialismus,  sich
der  von  Rodbertus  ausgesprochenen  radikalen  Verurteilung  des  Privateigentums ­
  und  des  arbeitslosen  Einkommens  anzuschließen.  Auf  diese
Weise  wird  die  Umformung  des  „Kompromisses“  Rodbertus’  in  ein
sich  selbst  genügendes  System  zur  Hauptaufgabe  der  Staatssozialisten.
Anstatt  hierin  eine  Art  verkleinerten  Sozialismus  zu  sehen,  behaupten
sie  im  Gegenteil,  im  Sozialismus  eine  einfache  Übertreibung  ihrer  eigenen
Lehre  zu  erblicken 1 ).
B.  Lassalle.
Rodbertus  hat  dem  Staatssozialismus  seine  grundlegende  soziale
Theorie  geliefert;  aber  Lass  alle  sollte  dem  Gedanken  der  staatlichen
Einmischung  seine  ganze  Stoßkraft  verleihen.
Die  Kürze  und  der  Glanz  seiner  politischen  Rolle,  die  Macht  seiner
*)  „Der  extreme  Sozialismus,  sagt  Adolf  Wagner,  ist  nur  eine  Übertreibung
eines  partiellen  Sozialismus,  welcher  in  der  geschichtlichen  Entwicklung  des  g e *
sellschaftlichen  und  volkswirtschaftlichen  Lebens  aller,  besonders  der  Kulturvölker
längst  bestanden  hat.“  (Grundlegung,  3.  Ausg.,  Lpg.  1892,  S.  756,  4.  B.,  2.  Kap.,  §  29o-l
        <pb n="498" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

475

volkstümlich  ansprechenden  und  rhetorisch  vollendeten  Beredsamkeit,
die  Ursprünglichkeit  einer  Natur,  die  für  die  Wissenschaft  und  für  kraftvolle ­
  Handlung  gleich  leidenschaftlich  begeistert  war,  das  Romanhafte
und  Theatralische  seiner  bewegten  Existenz  verlieh  allen  seinen  Worten
einen  außerordentlichen  Widerhall.  23  Jahre  alt,  hatte  er  1848  zusammen
mit  Marx  an  der  revolutionären  Agitation  teilgenommen.  Seitdem  beschäftigte ­
  er  sich  fast  ausschließlich  mit  philosophischen,  juristischen
und  literarischen  Arbeiten.  Nach  einem  langen  Stillschweigen  betritt  er
1862  von  neuem  die  Arena.  Zu  dieser  Zeit  konzentriert  sich  das  ganze
deutsche  politische  Leben  in  dem  kleinlichen  Kampf  der  preußischen  Fortschrittspartei ­
  gegen  Bismarck  in  der  Yerfassungsfrage.  Lassalle  erklärt
beiden,  der  Regierung  und  der  bürgerlichen  Opposition,  den  Krieg,  der
letzteren  vielleicht  noch  energischer  als  der  ersteren,  und  indem  er  sich
an  die  Arbeiter  wendet,  ruft  er  sie  auf,  eine  neue  Partei  zu  gründen,  die,
unter  verächtlicher  Beiseitelassung  der  rein  politischen  Fragen,  ihre  wirtschaftliche ­
  Befreiung  vorbereiten  soll.  Zwei  Jahre  lang,  von  1862—1864
hallt  Deutschland  von  seinen  Ansprachen  wieder,  erregen  seine  Broschüren
und  seine  Verteidigungsreden  vor  den  Gerichtshöfen  das  größte  Aufsehen,
und  leuchten  die  Flammen  seiner  zündenden  Propaganda  für  den  „Allgemeinen ­
  Deutschen  Arbeiterverein“,  den  er  1863  in  Leipzig  gegründet
hatte,  weit  über  die  Grenzen  der  verschiedenen  deutschen  Staaten.  Während ­
  ihn  die  Arbeiter  am  Rhein  wie  einen  Triumphator  mit  Gesängen
u nd  Blumenguirlanden  empfangen,  bekämpfen  die  liberalen  Zeitungen
rücksichtslos  den  Agitator,  der  die  seit  1848  unterbrochene  demokratische
u nd  soziale  Propaganda  wieder  aufgenommen  hatte,  und  beschuldigen  ihn
So gar,  durch  seine  unerwarteten  Angriffe  vollständig  aus  dem  Gleichgewicht ­
  gebracht,  im  Geheimen  mit  der  Regierung  zu  paktieren.  Und
dann,  mit  einem  Schlage,  ist  all  dieser  große  Lärm  verhallt!  Am  31.  August
1864  stirbt  Lassalle  an  den  Folgen  eines  Duells 1 )  und  von  seiner  ganzen
Arbeit  bleibt  nur  der  „Deutsche  Arbeiterverein“  übrig,  der  Embryo  der
großen  sozialdemokratischen  Partei  Deutschlands,  und  die  Erinnerung
au  seine  ätzenden  Angriffe  gegen  den  individualistischen  Liberalismus.

Als  Theoretiker  ist  Lassalle  ein  Sozialist,  dessen  Grundauffassungen
®ioh  kaum  von  denen  Marx’  unterscheiden.  Die  ganze  geschichtliche
Entwicklung  besteht  für  ihn  in  einer  immer  wachsenden  Beschränkung
der  Rechte  des  Eigentums 2 ),  einer  Beschränkung,  die  in  hundert  oder

D  Der  große  englische  Schriftsteller  G.  Meredith  hat  dieses  tragische  Abenteuer
zum  Gegenstand  eines  Romans  gemacht,  in  dem  die  Psychologie  Lassalle  s  bewundernswürdig ­
  dargestellt  wird:  The  tragic  comedians.  Vgl.  auch  Lassalle  von
borg  Brandes  und  oben,  S.  456,  Anm.
a )  System  der  erworbenen  Rechte,  1.  Teil:  Die  Theorie  der  erworbenen
Rechte  und  die  Kollision  der  Gesetze,  Lpg.  1861,  S.  259,  Anm.
        <pb n="499" />
        476

Viertes  Buch,  Die  Abtrünnigen.

zweihundert  Jahren  zu  seinem  vollständigen  Verschwinden  führen  muß 1 ).
Lass  alle  ist  aber  in  erster  Linie  ein  Mann  der  Tat;  er  dürstet  nach  praktischen ­
  Erfolgen.  In  diesem  Augenblick  beginnt  nun  gerade  die  deutsche
Arbeiterschaft  zu  politischem  Leben  zu  erwachen.  Noch  ist  sie  unsicher
über  den  Weg,  den  sie  einschlagen  soll.  1863  suchen  einige  Arbeiter,  ihre
Kameraden  in  einem  Kongreß  zu  vereinigen.  Sie  wenden  sich  an  Lassalle,
wie  an  andere  bekannte  Demokraten,  um  seine  Meinung  über  die  Arbeiterfrage ­
  zu  hören  und  geben  ihm  so  die  gewünschte  Gelegenheit,  sich  eine
Partei  zu  schaffen  und  ihr  Führer  zu  werden.  Welches  Programm  aber
soll  gewählt  werden?  Die  Arbeiter  brauchen,  sagt  Lassalle,  „etwas
Genaues,  Faßbares“ 2 ).  Auf  der  anderen  Seite  „darf  man  das  dem  Mob
freilich  heute  noch  nicht  sagen“ 8 ),  darf  ihm  die  letzten  Ziele  einer  derartigen ­
  Agitation  nicht  enthüllen.  Ohne  daher  seine  Propaganda  mit
einem  zu  entfernten  Ideal  zu  belasten,  konzentriert  er  seine  ganzen  Anstrengungen ­
  auf  zwei  sofort  realisierbare  Forderungen;  eine  politische
und  eine  wirtschaftliche:  das  allgemeine  Wahlrecht  und  die  Schaffung  von
vom  Staat  unterstützten  Produktivgenossenschaften.  Um  die  Massen
für  diese  Reformen  zu  gewinnen,  weist  er  nicht  auf  die  Ausbeutung  der
Arbeiter  durch  die  Besitzenden  hin,  was  die  bürgerliche  Klasse  zu  sehr
erschreckt  haben  würde 4 ),  sondern  nur  auf  das  „eherne  Lohngesetz“,
eine  recht  glückliche  Formel,  die  er  gefunden  hat,  um  Ricardo’s  Theorie
des  notwendigen  Lohnes  zu  bezeichnen.
Wie  Rodbertüs  sehr  gut  gesehen  hat,  muß  man  einen  „exoterischen“
und  einen  „esoterischen“  Lassalle  unterscheiden 6 ),  oder  einfacher:  einen

Briefe  Lassalle’s  an  Rodbertüs,  Berlin  1878,  S.  46.
‘)  Ebd.  S.  44.
3 )  Ebd.  S.  46.
4 )  „Kein  Arbeiter  wird  jemals  vergessen,  daß  jedes  gesetzlich  erworbene  Eigen'
tum  absolut  unberührbar  und  gerecht  ist“,  sagt  er  in  seiner  Rede  vom  12.  April  1862
an  die  Arbeiter  Berlins,  die  unter  dem  Namen  Arbeiterprogramm  bekannt  ist
(Ausg.  Pfau,  Bd.  I,  S.  197).  An  anderer  Stelle  verteidigt  er  sich  gegen  den  Vorwurf,
die  Nichtbesitzenden  gegen  die  Besitzenden  aufzuwiegeln;  er  behauptet  im  Gegenteil,
eine  rein  demokratische  Agitation  zu  entfalten  (Ebd.  II,  S.  141)  und  die  Vereinigung
der  Klassen  zu  erleichtern  (Ebd.  II,  S.  126—127).
6 )  Einführung  Adolf  Wagner’s  zu  den  Briefen  Lassalle’s  an  Rodbeetus,  S.  j -
Lassalle  hat  selbst  diese  etwas  macchiavelistische  Haltung  in  einem  Briefe  an  Mab*
aus  dem  Jahre  1859  im  Voraus  definiert,  in  dem  er  von  seinem  Drama  über  FkaNZ
von  Sickingen  spricht  und  erklärt:  „Unter  diesen  Umständen  scheint  es  ein  Triumph
übergreifender  realistischer  Klugheit  seitens  der  Revolutionsführer,  mit  den  gegebenen
endlichen  Mitteln  zu  rechnen,  die  wahren,  letzten  Zwecke  der  Bewegung  Anderen  .  ■  •
geheim  zu  halten  und  durch  beabsichtigte  Täuschung  der  herrschenden  Klassen,  P
durch  die  Benutzung  dieser,  die  Möglichkeit  zur  Organisation  der  neuen  Kräfte
gewinnen,  um  so  durch  dies  klug  erlangte  Stück  Wirklichkeit  die  Wirklichkeit  selbs
dann  zu  besiegen“  (Briefe  von  Lassalle,  Marx  und  Engels:  Aus  dem  literarischen
Nachlaß  von  K.  Marx,  F.  Engels  und  Lassalle;  veröffentlicht  von  F.  MehkiN
Stuttgart  1902,  Bd.  IV,  S.  133).
        <pb n="500" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

477

Politiker,  der  zum  Volk  spricht,  und  einen  Theoretiker  des  Studierzimmers;
der  Theoretiker  äußerst  kühn,  der  Politiker  mehr  opportunistisch.  Seine
Zeitgenossen  haben  nur  den  Politiker  gekannt.  Seine  seitdem  veröffentlichten ­
  Briefe  zeigen,  daß  man  der  von  ihm  vorgeschlagenen  Reform  nicht
mehr  Bedeutung  beimessen  darf,  als  er  ihr  selbst  beilegte.  Abgesehen
davon,  daß  sie  dem  Plan  der  sozialen  Werkstätten  Loois  Blanc’s  entnommen ­
  ist,  schreibt  er  selbst  an  Rodbertus,  daß  er  bereit  ist,  sie  aufzugeben, ­
  wenn  man  ihm  eine  bessere  zeigen  kann.  Die  Idee  der  Genossenschaft ­
  war  übrigens  der  deutschen  liberalen  Partei  keineswegs  fremd.
Nicht  zum  erstenmal  predigte  man  sie  der  Arbeiterklasse.  Der  Abgeordnete
Schulze  (aus  Delitzsch),  die  Zielscheibe  der  meisten  Angriffe  Lassalle’s,
hatte  durch  eine  energische  Propaganda  seit  1849  eine  große  Zahl  von
Kredit-  und  Konsumgenossenschaften  geschaffen,  die  sich  allerdings
weniger  aus  Arbeitern  als  aus  Handwerkern  zusammensetzten  und  deren
Hauptzweck  darin  lag,  ihnen  den  Einkauf  der  Rohstoffe  zu  erleichtern.
Grundsatz  dieser  Genossenschaften  allerdings  war  der  Ausschluß  jeder
staatlichen  Einmischung.
Neu  war  daher  bei  Lassalle  nur  sein  Ruf  nach  der  Intervention
des  Staates.  Hierdurch,  durch  seinen  energischen  Protest  gegen  das  ewige
Laisser-faire,  machte  er  auf  die  öffentliche  Meinung  Eindruck.  Er  selbst
gefiel  sich  darin,  seine  Agitation  in  diesem  Licht  darzustellen.  In  seiner
Rede  an  die  Arbeiter  Frankfurts  am  19.  Mai  1863  rief  er  aus:  „Das,  sage
ich  Ihnen,  ist  der  prinzipielle  Punkt  (der  der  staatlichen  Einmischung),
u m  den  es  sich  in  dieser  ganzen  Agitation  handelt,  und  für  den  ich  mich  zu
derselben  entschlossen  habe.  Hier,  mit  dieser  Frage,  steht  und  fällt  die
Schlacht,  die  ich  schlage“ 1 ).
In  jeder  seiner  hauptsächlichsten  Schriften  kommt  er  auf  diesen  Gedanken ­
  zurück.  Er  hat  ihn  jedoch  ganz  besonders  in  seiner  Rede  an  die
berliner  Arbeiter  im  Jahre  1862  entwickelt.  Hier  tritt  er  uns  in  seiner
ganzen  Kraft  entgegen.  Er  stellt  hier  der  „bürgerlichen“  Auffassung  die
jiWahre“  Auffassung  vom  Staat  gegenüber,  die,  wie  er  sagt,  die  der  Arbeiterklasse ­
  ist.  Für  die  Bourgeoisie  hat  der  Staat  keinen  anderen  Zweck,
a's  die  Freiheit  und  das  Eigentum  der  Individuen  zu  beschützen.  Diese
'(Passung  würde  genügen,  wenn  wir  alle  „gleich  stark,  gleich  gescheit,
gleich  gebildet  und  gleich  reich  wären“ 2 ).  Da  aber  diese  Gleichheit  nicht
,  l )  Werke,  Ausg  Pfau  Bd.  II,  S.  99.  Diese  Rede  ist  unter  dem  Titel  Arbeiterles
 ebuch  gedruckt  worden.  Gerade  diese  Haltung  hat  ihm  Marx  zum  Vorwurf  gemacht.
einem  seiner  Briefe  an  Schweitzer,  vom  13.  Oktober  1868,  den  Mehring  (Aus  dem
'terarischen  usw  IV  S  362)  anführt,  schreibt  er:  „Er  ließ  sich  zu  sehr  durch  die
^(mittelbaren  Zeitumstände  beherrschen.  Er  machte  den  kleinen  Ausgangspunkt  —
«'nen  Gegensatz  zu  einem  Zwerg,  wie  Schulze-Delitzsch  —  zum  Zentralpunkt  seiner
8'tation:  Staatshilfe  gegen  Selbsthilfe.“
2 )  Werke,  Ausgabo  Pfau,  Bd.  I,  S.  194.
        <pb n="501" />
        478

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

besteht,  so  bedeutet  die  Beschränkung  der  Rolle  des  Staates  auf  die  eines
„Nachtwächters“  die  Auslieferung  des  Schwachen  an  die  Ausbeutung
durch  den  Starken.  In  Wirklichkeit  ist  der  Zweck  des  Staates  etwas  ganz
Anderes.  Die  Geschichte  der  Menschheit  ist  nur  ein  langer  Kampf,  sich
die  Freiheit  gegenüber  der  Natur  zu  erobern,  gegenüber  den  Unterdrückungen ­
  aller  Art:  Elend,  Unwissenheit,  Armut,  Schwachheit,  mit
denen  sie  den  Menschen  umgibt.  In  diesem  Kampfe  bleibt  das  vereinzelte
Individuum  ohnmächtig;  der  Zusammenschluß  ist  ihm  unentbehrlich.
Der  Staat  ist  es  nun,  der  diesen  Zusammenschluß  schafft,  und  sein  Zweck
ist  daher  „die  menschliche  Bestimmung,  —  d.  h.  die  Kultur,  deren  das
Menschengeschlecht  fähig  ist,  —  zum  wirklichen  Dasein  zu  gestalten;  er
ist  die  Erziehung  und  Entwicklung  des  Menschengeschlechts  zur  Freiheit“  *)•
Wie  man  sieht,  ist  dies  eine  mehr  metaphysische,  als  wirtschaftliche
Formel.  Sie  ist  denen  auffallend  ähnlich,  durch  die  der  Philosoph  Hegel
die  Rolle  und  die  Natur  des  Staates  definierte 2 ).  Lass  alle  ist  auch  tatsächlich ­
  ein  Schüler  Hegel’s  und  Fichte’s 3 ).  Durch  seine  Vermittlung
J )  Ebenda,  Bd.  I,  S.  196.
2 )  Siehe  unter  Anderem  in  Levy-Bruehl  (L’Allemagne  depuis  Leibnitz,
Paris  1890)  das  Kapitel  überschrieben:  „Hegel  et  la  theorie  de  l’Ütat.“  —  („Hegel
und  die  Theorie  vom  Staat“)  besonders  S.  398.  Nach  Hegel  ist  der  Staat  „der  Geist,
in  so  weit  er  sich  bewußt  in  der  Welt  verwirklicht,  während  die  Natur  der  Geist  ist,
in  so  weit  er  sich  unbewußt,  als  das  Andere  Sich,  als  der  schlafende  Geist,  verwirklicht ­
  ...  Der  Fortgang  Gottes  in  der  Welt  bewirkt,  daß  der  Staat  besteht.  Seine  Grundlage ­
  ist  die  Kraft  des  Verstandes,  die  sich  ,als  Wille  verwirklicht  .  .  .  Man  darf  sich
nicht  diesen  oder  jenen  Staat  vor  Augen  halten,  diese  oder  jene  Einrichtung,  sondern
man  muß  ihrem  Wesen  nach  die  Idee,  diesen  wirklichen  Gott,  betrachten.  Jeder  Staat
nimmt  an  diesem  göttlichen  Wesensgrund  teil.“  Vgl.  dazu:  Franz  Rosenzweig,  Hegel
und  der  Staat,  2  Bde.,  Oldenbourg  1920.  Für  Alles,  was  die  philosophischen
Ursprünge  des  Staatssozialismus  betrifft  Andler,  Le  Socialisme  d’fitat  en  Allemagne
  (1897).  —  In  seiner  Philosophie  der  Geschichte  schreibt  Hegel  (S.  44):
der  Staat  ist  .  .  .  die  selbstbewußte,  sittliche  Substanz,  der  vernünftige,  göttliche  Wille,
der  sich  so  organisiert  hat,  eine  Persönlichkeit“  (Anm.  d.  Übers.).
3 )  Fichte  hat  1800  ein  höchst  bemerkenswertes  Werk,  Der  geschlossene
Handelsstaat  (im  3.  Bd.  seiner  Vollständigen  Werke,  Berlin  1845)  veröffentlicht, ­
  in  dem  man  eine  in  gewisser  Hinsicht  dem  Staatssozialismus  sehr  ähnliche  Auffassung ­
  findet.  Nach  Fichte  darf  sich  der  Staat  nicht  damit  begnügen,  einem  jeden
Bürger  sein  Eigentum  zu  erhalten,  sondern:  „es  sei  die  Bestimmung  des  Staates,  jedem
erst  das  Seinige  zu  geben,  ihn  in  sein  Eigentum  erst  einzusetzan,  und  sodann  erst,
ihn  dabei  zu  schützen.“  (S.  399).  Um  diese  Aufgabe  erfüllen  zu  können,  muß  zunächst
ein  jeder  zu  leben  haben,  denn  „der  Zweck  aller  menschlichen  Tätigkeit  ist  der,  leben
zu  können;  und  auf  diese  Möglichkeit  zu  leben,  haben  Alle,  die  von  der  Natur  in  das
Leben  gestellt  wurden,  den  gleichen  Rechtsanspruch.“  (S.  402.)  (Das  ist,  wie  man  sieht,
die  Proklamation  des  Rechtes  auf  Dasein.)  Solange  das  nicht  der  Fall  ist,  darf  der
Luxus  nicht  geduldet  werden;  „Es  sollen  erst  Alle  satt  werden  und  fest  wohnen,  eh e
Einer  seine  Wohnung  verziert,  erst  Alle  bequem  und  warm  gekleidet  sein,  ehe  Bine r
sich  prächtig  kleidet.“  (S.  409.)  .  .  .  „Es  geht  nicht,  daß  Einer  sage:  ich  aber  kann  es
bezahlen  Es  ist  eben  unrecht,  daß  Einer  das  Entbehrliche  bezahlen  könne,  indes  irg&amp;lt;m
einer  seiner  Mitbürger  das  Notdürftige  nicht  vorhanden  findet,  oder  nicht  bezahle
kann;  und  das,  womit  der  Erstere  bezahlt,  ist  gar  nicht  von  Rechts  wegen  und  im  * er
        <pb n="502" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

479

^ringen  die  Theorien  der  deutschen  idealistischen  Philosophen  in  die
Diskussionen  der  Volkswirtschaftler  ein  und  schwellen  so,  von  der  unvergleichlichen ­
  Kraft  seiner  Beredsamkeit  getragen,  die  Flut,  die  sehr  bald
den  manchesterlichen  Liberalismus  hinwegschwemmen  wird.

§  3.  Der  eigentliche  Staatssozialismus.
Der  Zeitraum,  der  zwischen  dem  1864  erfolgten  Tode  Lassalle’s
^  dem  Kongreß  zu  Eisenach  im  Jahr  1872  liegt,  ist  für  die  Bildung
es  deutschen  Staatssozialismus  entscheidend.
jo 7  ^ un ächst  mindern  die  glänzenden  Erfolge  Bismarck’s  von  1866  und
T».  die  politische  Bedeutung  der  Führer  der  liberalen  Partei,  deren
mdheit  im  Gegensatz  zu  dem  vorausschauenden  Scharfsinn  der  Reklar
  zutage  getreten  ist.  Ein  Schatten  dieses  Vorwurfs  fiel  auch
den  wirtschaftlichen  Liberalismus,  dessen  Führer  in  Deutschland  teildie
 1S Q  *^ ese ^ en  waren &amp;gt;  wie  die  der  liberalen  Partei 1 ).  Dagegen  erhielt
btaatsidee,  wie  sie  im  Kanzler  des  jungen  Reiches  verkörpert  war,
en  n euen  Glanz.  Zur  gleichen  Zeit  gewöhnt  die  historische  Schule,
| ? taate  das  Seinige  (S.  409).“  —  Indem  Fichte  von  diesem  Prinzip  ausgeht,
(Lanf t - er  VOr ’  einen  Staat  zu  organisieren,  in  dem  die  Mitglieder  eines  jeden  Berufes
der  i rte ’  Handwerker,  Händler  usw.)  einen  kollektiven  Kontrakt  mit  den  Mitgliedern
Arh eron  Berufe  abzuschließen,  —  in  dem  sie  ihnen  versprechen,  sie  nicht  in  ihrer
kerst'p  b . eeintr ächtigen,  sondern  ihnen  die  Lieferung  der  Gegenstände,  die  sie  selbst
daß  a-  '’  in  genügender  Menge  zu  garantieren.  Der  Staat  würde  darüber  wachen,
, 10  Anzahl  der  Personen  in  jedem  Berufe  nicht  zu  groß  und  nicht  zu  klein  sei.  Er
h er „  C ,  ,. n  Breis  der  Waren  festsetzen.  Da  jedoch  der  Außenhandel  dies  durch  Kontrakt
Gleichgewicht  stören  würde,  dessen  Folge  die  Verbürgung  der  Existenz-Seschl
  6lt  e * neS  i eden  ware &amp;gt;  müßte  der  Handelsstaat  durch  Zollschranken  völlig  abin ­
  sei° SSCn  Werden -  —  Bas  ganze  Werk  ist  originell  und  interessant.  A.  Mengek,  der
kurze 1 '/ 111  ^ ucb:  »Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag,  im  2.  Kap.  eine
kegi  ^ Usam menfassung  davon  gibt,  glaubt,  daß  Fichte  zu  seinem  Buch  durch  die
Haxim 1111 ^  ^ es  Konvents  während  der  Schreckensperiode,  durch  die  Einrichtung  des
Won],  Um !  und  der  Assignaten,  vielleicht  auch  durch  die  Ideen  Babeuf’s  angeregt
Uich t etl  S6 -'‘  kiCHTE  unterläßt  aber  nicht,  darauf  hinzuweisen,  daß  sein  Handelsstaat
dßshalh  W - 6  61  ' bn  au Hührt,  verwirklicht  werden  kann,  daß  aber  ein  Buch,  wie  das  seinige
Iqjt  nicht  weniger  nützlich  ist,  da  es  dem  Politiker  allgemeine  Grundregeln  gibt.
| aru i  u  e  des  großen  Krieges  hat  man  oft  von  der  wirtschaftlichen  Organisation  Deutsch-'
 v ähr  wi Sa lP’  daß  sie  das  FiCHTE’sche  Ideal  verwirklicht  hätte.  Aber  alle  Staaten  haben
Gleich  &amp;lt;lieser  Periode  den  Versuch  gemacht,  durch  Verordnungen  eine  Art  von
halten  Wicbt  zwi schen  den  lebenswichtigen  Zweigen  der  Erzeugung  aufrecht  zu  er-Weiß"’
  unter  möglichst  vollkommener  Ausschließung  der  fremden  Einfuhren.  Man
welchen  Schwierigkeiten!
in  o  lr otzdem  ist  es  bemerkenswert,  daß  die  meisten  der  zwischen  1866  und  1875
jjn^  ^ütsehland  eingeführten  Handels-  und  Finanzmaßnahmen  (Maß-  und  Gewichtndttelh
  kieldsystem,  Organisation  der  Banken,  Industrieordnung,  Zollpolitik)  unöar
  auf  den  Prinzipien  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  beruhten.
        <pb n="503" />
        480

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

deren  Zeitschrift,  die  Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  seit  1863
erschienen  und  sich  zum  wirklichen  Organ  der  volkswirtschaftlichen  Professoren ­
  entwickelte,  die  Gemüter  an  den  Gedanken  der  notwendigen
Relativität  der  wirtschaftspolitischen  Prinzipien  und  bereitet  sie  auf  eine
neue  Orientierung  vor.
Hauptsächlich  hatten  aber  die  Arbeiterfragen  plötzlich  eine  bis  dahin
unbekannte  Bedeutung  erlangt.  Die  Revolution  von  1848  hatte  in  Deutschland ­
  einen  fast  rein  politischen  Charakter  gehabt.  Die  kapitalistische  Großindustrie ­
  war  noch  weit  von  der  Entwicklung  entfernt,  die  sie  in  Frankreich ­
  und  in  England  erreicht  hatte,  und  es  ist  eine  bedeutsame  Tatsache,
daß  die  beiden  großen  deutschen  Sozialisten  Rodbertus  und  Marx,
alle  ihre  Beispiele  nicht  ihrem  Vaterlande,  sondern  diesen  beiden  Ländern
entnommen  haben.  Seit  1848  hatte  sich  aber  die  deutsche  Industrie  mit
Riesenschritten  entwickelt;  eine  wirkliche  Arbeiterklasse  war  geboren,
und  Lassalle  hat  die  Umwandlung  besonders  hervorgehoben,  indem  er
sich  zur  Gründung  seiner  Partei  als  Erster  auf  den  sozialen  Boden  stellte-Der
  von  ihm  geschaffene  Verein  blieb  nach  seinem  Tode  bestehen.  Parallel
mit  ihm  beginnt  eine  andere  Agitation,  die  unmittelbarer  von  Marx
ausgeht.  Ihre  Führer  sind  Liebknecht  und  Bebel.  Beide  wurden  1867
als  Abgeordnete  des  neuen  Reichstages  des  norddeutschen  Bundes  g e '
wählt  und  gründen  1869  die  sozialdemokratische  Arbeiterpartei,  die  dazu
berufen  war,  seitdem  eine  so  bedeutende  Rolle  zu  spielen.
So  zwingen  sich  plötzlich  die  Arbeiterfragen  der  öffentlichen  Auf'
merksamkeit  auf,  gerade  wie  früher  in  Frankreich  unter  der  Juli-Monarchie-Gerade
  wie  dort  eine  Strömung  der  öffentlichen  Meinung,  die  plötzlich
vom  Staatsstreich  aufgehalten  wurde,  einen  ganzen  Teil  der  gebildete 11
Klassen  dazu  gedrängt  -  hatte,  das  Dogma  des  absoluten  laisser-faire  zu
verwerfen  und  die  Hilfe  der  Regierung  im  Kampf  gegen  den  Pauperismus
anzurufen,  so  gelangen  auch  in  Deutschland  immer  zahlreichere  Schrift'
steiler  zu  der  Überzeugung,  daß  eine  rein  passive  Haltung  den  neu  auf'
tauchenden  sozialen  Problemen  gegenüber  nicht  länger  möglich  ist.  I )ie
Aufgabe,  die  Gegensätze  zwischen  Kapital  und  Arbeit  auszugleichen,
scheint  ihnen  nicht  die  verjüngten  Kräfte  des  neuen  Reiches  zu  übersteigern
Eine  Aufsehen  erregende  Kundgebung  dieser  neuen  Bestrebungen
erfolgte  1872  zu  Eisenach.  Ein  aus  Professoren,  Volks  Wirtschaftlern,
Juristen  und  Beamten  zusammengesetzter  Kongreß  vereinigte  sich  d° r
und  sagte  in  einem  schnell  berühmt  gewordenen  Manifest  der  „manchesterliehen
  Schule“  den  Kampf  an.  Er  erklärte  darin,  daß  der  Staat  „das  groß®
Moralinstitut  zur  Erziehung  der  Menschheit  sei“;  er  forderte  von  ihm,
ihn  ein  großes  Ideal  beseele“,  das  darin  bestände,  „einen  immer  zab
reicheren  Teil  unseres  Volkes  an  den  hohen  Gütern  der  Zivilisation  tm
nehmen  zu  lassen“.  Zur  gleichen  Zeit  treten  die  Mitglieder  des  Kongresse
im  Verein  für  Sozialpolitik  zusammen,  der  beauftragt  wurde,
        <pb n="504" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

481

für  diese  neue  Politik  notwendigen  wissenschaftlichen  Materialien  zu
sammeln.  Der  „Kathedersozialismus“  war  geboren.  Diesen  Namen  gaben
nämlich  die  Liberalen  spöttisch  den  neuen  Bestrebungen,  auf  Grund  der
großen  Anzahl  von  Professoren,  die  an  dem  Kongreß  teilgenommen  hatten.
Es  genügte,  diesen  Ideen  eine  etwas  radikalere  Form  zu  geben,  um  sie  in
Staatssozialismus  zu  verwandeln.  Dies  war  hauptsächlich  das  Werk
Adolf  Wagner’s 1 )  in  seiner  1876  erschienenen  Grundlegung 2 ).
Wir  werden  nun  versuchen,  die  selbständigen  Beiträge  des  Staatssozialismus ­
  von  denjenigen  Bestandteilen  seiner  Lehre  zu  sondern,  die  er
'len  früheren  Nationalökonomen  verdankt.  Die  Aufgabe  ist  nicht  leicht.
Wie  jede  praktische  Lehre,  die  hauptsächlich  dazu  bestimmt  ist,  die  Ziele
oiner  Gruppe  von  Menschen  oder  einer  Epoche  zusammenzufassen  und  als
Vermittlerin  zwischen  oft  unvereinbaren  Prinzipien  zu  dienen,  entbehrt  sie
der  scharfen  Umrisse,  die  ein  individuelles  und  rein  theoretisches  System
charakterisieren.  Sie  hat  ihre  Gedanken  verschiedenen  Quellen  entlehnt,
ohne  sich  immer  darum  zu  bemühen,  sie  in  Übereinstimmung  zu  bringen.
Vor  allem  ist  sie  eine  Reaktion,  nicht  gegen  die  grundlegenden  Gedanken ­
  der  englischen  Klassiker,  wie  es  manchmal  geglaubt  wird,  sondern
§ e gen  die  Übertreibungen  ihrer  späteren  Schüler,  der  Bewunderer  Bastiat’s
°der  Gobden’s,  der  Optimisten  in  Frankreich  und  der  „Manchester-Männer“
  in  Deutschland.  Das  auf  dem  Kongreß  zu  Eisenach  von  Schmolcer
  verfaßte  Manifest  spricht  nur  von  der  „Manchesterschule“.  Die
Klassiker  erwähnt  es  nicht 3 ).  Allerdings  sind  bei  vielen  deutschen  Schriftord

  ^  Keben  Adolf  Wagner  kann  man  Albert  Schäffle  anführen,  der  eine  außergliche
  literarische  Tätigkeit  entfaltet  hat,  aber  eben  so  sehr  Soziologe,  wie  Volks-&amp;lt;187?
 llaftlcr  ' St '  In  seinem  großen  Werk:  Bau  und  Leben  des  sozialen  Körpers
„  , 5 "1878)  hat  er  eine  organische  und  biologische  Theorie  der  Gesellschaft  niederdem
  S6 * n  bekanntestes  Buch  ist  aber  eine  kurze  Darlegung  des  Sozialismus  unter
set  e  Quintessenz  des  Sozialismus  (1875),  das  in  viele  Sprachen  überz
  '  ^orden  ist,  darunter  von  Benoit  Malon  ins  Französische,
des  v  ^  Hauptwerke  Adolf  Wagner’s,  in  denen  sich  die  Ideen  und  das  Programm
sei  “^^Sozialismus  niedergelegt  finden,  sind:  seine  Grundlegung  (1.  Ausg.  1876);
e  Finanzwissenschaf  t;  sein  Aufsatz  Staat  im  Handwörterbuch  der  Staats-^.ssenschaften,
  und  besonders  zwei  Aufsätze,  die  unter  dem  Namen:  Finanzssenschaft
  und  Staatssozialismus  in  der  Zeitschrift  für  die  gesamte
^  Ratswissenschaft  1887,  S.  37—122  und  S.  675—746  veröffentlicht  wnrden.  —
wird  man  mit  Nutzen  auch  zwei  Reden  von  ihm  lesen:  die  eine  vom  29.  März
Sozialismus,  Sozialdemokratie,  Katheder-  und  Staatssozialismus;
Me  andere  vom  21.  April  1892,  Das  neue  sozialdemokratische  Programm.
Auf  k  Es  * St  z '  Mteressant,  festzustellen,  daß  die  Definition  des  Bereiches  und  der
^  gaben  des  Staates,  wie  sie  Wagner  gibt,  sich  sehr  der  von  uns  oben  angeführten
sch  A.  Smith’s  nähert,  aber  im  Gegenteil  sich  stark  von  der  Bastiat’s  unterer ­
  rIa® 1  sa gl:  »Die  allgemeine  Regel  lautet:  der  Staat  hat  diejenigen  Tätigkeiten
Wed  K  . ie di&amp;amp;ung  der  Bedürfnisse  seiner  Angehörigen  selbst  zu  übernehmen,  welche
v ,  ,' ir .  b* e  Privatwirtschaften,  noch  freie,  noch  andere  Zwangswirtschaften  (Selbstli„
  altu ngskörp er )  überhaupt  oder  welche  alle  diese  nur  weniger  gut  oder  nur  kostspie-RUsführen
  können.“  (Grundlegung,  3.  Ausg.  1892,  S.916,  6.Bd.,  5.Kap.,  §377.)
Gi&amp;lt; le  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  31
        <pb n="505" />
        482

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

steilem  „Smithianismus“  und  „Manchestertum“  gleichbedeutend.  Dies
sind  jedoch  Auswüchse  der  Polemik,  denen  man  keine  zu  große  Bedeutung
beilegen  darf.  Der  Liberalismus  war  nirgends  in  seiner  doktrinären  Unduldsamkeit ­
  so  weit  gegangen,  wie  gerade  in  Deutschland.  Prince  Smith,
sein  charakteristischer  Vertreter,  war  im  Anschluß  an  Dunoyer  dazu  gelangt,
  dem  Staat  jede  andere  Rolle,  als  die  eines  „Sicherheitsproduzenten 1
abzusprechen,  und  jede  andere  Solidarität  zwischen  den  wirtschaftlichen
Kräften  als  die,  die  sich  aus  ihren  Beziehungen  zu  dem  gemeinsamen
Markt  ergaben,  zu  leugnen.  „Die  volkswirtschaftliche  Gemeinde  als
solche“,  sagte  er,  „ist  nur  Marktgenossenschaft;  sie  besitzt,  wie  besagt,
weiter  kein  gemeinsames  Institut  als  eben  den  Markt,  und  sie  hat  auch
weiter  nichts  zu  gewähren,  als  freien  Zutritt  zu  dem  Markte“ 1 ).
Für  die  Staatssozialisten  besteht  im  Gegenteil  zwischen  den  Individuen ­
  und  den  Klassen  der  gleichen  Nation  eine  moralische  Solidarität,
die  viel  tiefer  geht  als  diese  wirtschaftliche:  sie  beruht  auf  der  Gemeinschaft ­
  der  Sprache,  der  Sitten  und  der  politischen  Einrichtungen.  Der
Staat  ist  das  Organ  dieser  moralischen  Solidarität,  und  aus  diesem  Grunde
hat  er  nicht  das  Recht,  dem  materiellen  Elend  eines  Teiles  des  Volkes
gleichgültig  gegenüber  zu  stehen.  Er  hat  daher  mehr  als  nur  eine  einfache
Schutzpflicht  gegen  äußere  oder  innere  Gewalttätigkeit  zu  erfüllen,  es
liegt  ihm  eine  wirkliche  Aufgabe  ob:  nämlich,  „für  Kultur  und  WohlfaJhrtszweck
  zu  sorgen“ 2 ).  Hier  stellt  sich  der  Staatssozialismus  auf  den
philosophischen  Boden,  den  Lassalle  erwählt  hatte.  Er  schließt  sich  seiner
Auffassung  von  der  Aufgabe  und  historischen  Rolle  der  Regierungen  an-Und
  er  tritt,  indem  er  sich  mit  Entschiedenheit  auf  den  nationalen  Standpunkt ­
  stellt,  in  enge  Beziehung  zu  Friedrich  List.
Man  wird  sich  nun  fragen,  ist  der  Staat  überhaupt  imstande,  diese
Aufgabe,  die  man  ihm  zuweist,  zu  erfüllen?  Wenn  er  sie  nicht  mit  Nutzen
erfüllen  kann,  so  hat  es  gar  keine  Bedeutung,  daß  man  sie  ihm  zuspricht-Ist
  die  völlige  Unfähigkeit  des  Staates  als  wirtschaftliche  Kraft  nicht
schon  längst  nachgewiesen  ?  —  Adolf  Wagner  und  seine  Freunde  haben
sich  bemüht,  gerade  gegen  diese  Idee  anzukämpfen.  Der  selbständigst®
Teil  ihrer  Lehre  besteht  in  einem  Versuch,  den  Staat  zu  rehabilitieren-Den
  Optimisten  der  Schule  Bastiat’s  erschien  die  Regierung  als  die  verkörperte ­
  Unfähigkeit.  Den  Staatssozialisten  ist  im  Gegenteil  die  Regierung
eine  wirtschaftliche  Kraft,  gerade  wie  jede  andere  und  sogar  sympathischer

*)  An  anderer  Stelle  schrieb  er:  „Aber  dem  Staat  erkennt  der  Freihandel  k e ’ n
andere  Aufgabe  zu,  als  eben  die  eine:  die  Produktion  von  Sicherheit.“  Von  Schönbeb
im  Handbuch  der  politischen  Ökonomie  angeführt,  2.  Aufl.  Tübingen  ’
S.  59,  §  34,  Reihe  53.  Die  Zitierung  ist  dem  Handwörterbuch  der  Volkswirtscha  ^
lehre  von  Rentzsch,  Aufsätze  über  Freihandel,  und  über  Handelsfreiheit  entlehn  &amp;gt;
Bpg.  1866  (Verlag  Gustav  Meyer),  S.  440,  Reihe  1.
2 )  (Wagner,  Grundlegung,  S.  885.)
        <pb n="506" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

483

als  jede  andere.  Der  größte  Teil  ihrer  Argumente  besteht  einfach  darin,
zugunsten  der  Regierung  ein  Vorurteil  zu  schaffen,  demjenigen  gerade
entgegengesetzt,  das  der  Individualismus  nach  und  nach  verbreitet  hatte.
Hierin  liegt  die  eigentliche  Aufgabe,  die  er  sich  gestellt  hat.
Zu  diesem  Zweck  wird  zunächst  auf  die  Schwäche  der  einzelnen
ökonomischen  Person  hingewiesen.  Man  wiederholt  nochmals,  wie  es
schon  Sismondi  und  die  Sozialisten  getan  haben,  die  sozialen  Unzuträglichkeiten ­
  der  freien  Konkurrenz,  die  übrigens  fast  stets  mit  der  wirtschaftlichen ­
  Freiheit  verwechselt  wird 1 ).  Man  hebt,  gleich  ihnen,  die
schon  von  A.  Smith  bemerkte  soziale  Ungleichheit  der  Kapitalisten  und
Arbeiter  in  ihren  Verhandlungen  über  den  Arbeitsvertrag  hervor,  wie
auch  den  allgemeinen  Gegensatz  zwischen  „Schwachen“  und  „Starken“.
Weiterhin  kennzeichnet  man  die  Unfähigkeit  der  Einzelpersonen,  gewisse
große  Kollektivinteressen  zu  befriedigen.
In  Frankreich  hatte  schon  1856  Dupont-White  mit  noch  größerer
Schärfe  gezeigt,  „wie  alle  Wege  der  Zivilisation  von  demselben  ewig  sich
wiederholenden  Hindernis  starren:  dem  Individuum  mit  seiner  Unfähigkeit
and  Böswilligkeit“ 2 ).  Auch  hatte  er  nachgewiesen,  wie  die  Kollektivinteressen ­
  in  unseren  immer  komplizierter  werdenden  Gemeinwesen:  „eine
Größe  und  Ausdehnung  erlangen,  die  sie  immer  mehr  dem  Bereich  des
Individuums  entziehen“ 3 ).  „Es  gibt“,  sagte  er,  in  einer  Formel,  die  ausgezeichnet ­
  die  notwendigen  Fälle  einer  Intervention  zusammenfaßt,  „in
jeder  Gesellschaft  Angelegenheiten  von  vitaler  Bedeutung,  die  das  In-^viduum
  niemals  tun  wird,  entweder  weil  sie  seine  Kraft  übersteigen, ­
  oder  weil  sie  ihm  keinen  entsprechenden  Gegenwert
bieten,  oder  aber,  weil  sie  nur  unter  Beihilfe  Aller  zustande
kommen  können,  die  man  aber  nicht  durch  freundliches  Zureden ­
  erhalten  kann.  Für  alle  diese  Dinge  ist  der  Staat  der  gegebene
Unternehmer,  die  berufene  Triebkraft“ 4 ).
Wie  wir  wissen,  hat  man  aber  in  Frankreich  nicht  auf  ihn  gehört.
In  gleicher  Weise  beruft  sich  Adolf  Wagner  zugunsten  des  Staates
auf  die  ganze  Geschichte;  er  beschreibt  uns  seine  je  nach  den  Zeitumständen
  verschiedenen  wesentlichen  Funktionen,  so  daß  man  wohl  dazu
gelangen  muß,  ihm  keine  definitiven  Grenzen  stecken  zu  können.  Das
mdividuelle  Interesse,  die  barmherzige  Hilfstätigkeit  und  die  autoritäre
Tätigkeit  des  Staates  haben  sich  zu  jeder  Zeit  in  das  wirtschaftliche  leid
geteilt.  Nicht  nur  hat  das  Erste  niemals  genügt,  sondern  es  tritt  in  den
1 )  Wagner  Grundlegung.  Die  Staatssozialisten  gebrauchen  stets,  und  sehr
Z ' 1  Unrecht,  die  beiden  Ausdrücke:  „freie  Konkurrenz“  und  „Wirtschaftlichkeit
a 's  synonym.
2 )  Dupont-White,  L’Individu  et  l’Btat,  5.  Ausg.,  S.  9.
3 )  Ebenda,  S.  267.
4 )  Vorwort  zu  Essay  on  Liberty  v.  Stuart  Mill  (1860),  S.  LXX.
31*
        <pb n="507" />
        484

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

großen,  modernen  Nationen  mehr  und  mehr  vor  der  Dritten  zurück.  Von
hier  darauf  zu  schließen,  daß  diese  Ausdehnung  nützlich  und  notwendig
ist,  daß  sie  „ein  wirkliches  historisches  Gesetz“  sei 1 ),  ist  nur  ein  Schritt.
Fast  ohne  besonders  darauf  hingewiesen  zu  werden,  gelangt  man  von  der
Tatsache  zu  ihrer  Berechtigung.  Adolf  Wagner  sagt:  „Wer,  was  namentlich ­
  für  volkswirtschaftliche,  soziale  und  politische  Entwicklungen  das
Entscheidende  ist,  die  immanente  Tendenz  der  Bewegung  erkannt
hat  .-.  .,  der  kann  und  darf  bei  einer  solchen  geschichtlichen  Auf
fassung  des  gesellschaftlichen  Entwicklungsprozesses  sehr  wohl  ...  für
die  gegebene  Zeit  Postulate  in  betreff  dessen,  was  geschehen  soll,
aufstellen“ 2 ).  Auf  Grund  dieses  Gedankens  verlangt  man  daher  die  Ausdehnung ­
  des  staatlichen  Machtbereiches,  den  man  durch  seine  Funktion
„der  Kultur  und  des  Wohlfahrtszweckes“  rechtfertigt.  Es  fällt  nicht
schwer,  hierin  den  Gedanken  Rodbertus’  und  seine  Theorie  der  wachsenden ­
  Entwicklung  der  Organe  wiederzuerkennen,  die  zur  Ausübung  der
Regierung  bestimmt  sind 3 ),  im  Maßstabe,  wie  man  in  der  Stufenfolge
der  sozialen  Formen  fortschreitet.
Auch  hierin  ist  die  Übereinstimmung  mit  Dupo  nt-White,  wenn  sie
auch  vielleicht  zufällig  ist,  deshalb  nicht  weniger  merkwürdig  und  muß
angeführt  werden.  Auch  er  verlangt  für  den  Staat  eine  Funktion  der
„Wohltätigkeit“  und  der  „Mildtätigkeit“ 4 ).  Auch  er  weist  nach,  wie
der  moderne  Staat  nach  und  nach  sein  Bereich  vergrößert,  indem  er  an
die  Stelle  der  Lokalregierungen  tritt,  an  die  Stelle  des  Despotismus  der
Klassen  und  der  Familie,  wie  er  nacheinander  die  Frau,  das  Kind  und
den  Sklaven  unter  seinen  Schutz  nimmt,  und  so  den  Kreis  seiner  Pflichten
und  seiner  Verantwortlichkeiten  in  dem  Maße  vergrößert,  wie  die  Fortschritte ­
  der  Zivilisation  und  der  Freiheit  sich  vollziehen.  „Mehr  Leben“,
sagt  er,  „braucht  mehr  Organe,  vermehrte  Kräfte,  mehr  Regeln.  Die
Regel  und  das  Organ  einer  Gesellschaft  ist  aber  der  Staat“ 1 ).  Von  seinem
Enthusiasmus  überwältigt,  ging  er  so  weit,  auszurufen:  „Der  Staat  ist
der  Mensch,  frei  von  allen  Leidenschaften,  der  Mensch,  zu  einer  Höhe
emporgehoben,  wo  er  in  inniger  Berührung  mit  der  reinen  Wahrheit  ist,
wo  er  nur  Gott  und  seinem  Gewissen  gegenüber  steht  .  .  .  Welche  Verfassung ­
  auch  immer  er  habe,  der  Staat  ist  besser  als  die  Individuen“ 6 )-Dies
  grenzt  schon  an  Mystizismus.

*)  Wagner,  Grundlegung,  3.  Ausg.,  S.  892ff.
2 )  Finanzwiss.  und  Staatsoz.,  S.  106.  Diese  Aufsätze  finden  sich  in  seiner
Polemik  gegen  L.  von  Stein  und  erschienen,  wie  schon  gesagt  (S.  481  Anm.  2),  18“'
in  der  Tübinger  „Zeitschrift  für  die  gesamte  Staatswissenschaft.“  (Anm.  d.  übers.1
3 )  Siehe  oben,  S.  472.
4 )  Dupont-White,  Capital  et  Travail  (1847),  S.  353  und  LDndividu  e
l’fitat,  S.  81.
5 )  L’Individu  et  l’Ltat,  S.  65.
•)  L’Individu  et  Pfitat,  S.  163—164.
        <pb n="508" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

485

Ohne  so  weit  zu  gehen,  und  gar  ohne  mit  Adolf  Wagner  zuzugeben,
daß  der  einfache  Nachweis  einer  historischen  Entwicklung  genüge,  um
eine  Politik  zu  rechtfertigen,  muß  man  es  dem  Staatssozialismus  zum
Verdienst  anrechnen,  das  systematische  Mißtrauen  des  Liberalismus  gegenüber ­
  der  Regierung  bekämpft  zu  haben.  Wenn  man  im  Prinzip  den  regelnden ­
  Einfluß  einer  Zentralgewalt  auf  die  sozialen  Beziehungen  anerkennt,
läßt  es  sich  in  der  Tat  nur  schwer  verstehen,  weshalb  diesem  Einfluß
a  priori  gewisse  wirtschaftliche  Beziehungen  entzogen  werden  müßten.
Nur  bleibt,  auch  wenn  das  Prinzip  anerkannt  ist,  die  wirkliche
Schwierigkeit  durchaus  bestehen:  wie  soll  man  den  Machtbereich  des
Staates  von  dem  des  Individuums  abgrenzen  ?  Wie  weit,  innerhalb  welcher
Grenzen,  auf  Grund  welcher  Regeln  soll  der  Staat  einschreiten  ?  Um
jeden  Preis  müssen  die  Befugnisse  abgegrenzt  werden,  da  es,  so  erklärt
Adolf  Wagner,  unmöglich  ist,  das  Motiv  des  Privatinteresses  ganz  und
gar  durch  das  des  Gemeininteresses  zu  ersetzen,  wie  das  die  Kollektivisten
tun  wollen:  dazu  müßte  man  einen  grundstürzenden  Wandel  der  menschlichen ­
  Psychologie  annehmen.
Dupont-White  hatte  das  Problem  für  unlösbar  erklärt 1 ).  Auch
Adolf  Wagner  erklärt  es  für  unmöglich,  eine  absolute  Regel  aufzustellen. ­
  Es  ist  Aufgabe  des  Staatsmannes,  in  jedem  Einzelfall  gemäß
den  Umständen  zu  entscheiden.  Jedoch  liefert  er  einige  allgemeine  Fingerzeige. ­
  Im  Prinzip  soll  sich  der  Staat  nicht  an  die  Stelle  des  Individuums
setzen 2 ),  sondern  sich  „um  die  allgemeinen  Bedingungen  seiner  Entwicklung ­
  kümmern“.  Die  Selbsttätigkeit  des  Individums  muß  der  wesentliche ­
  Hebel  des  wirtschaftlichen  Fortschrittes  bleiben.  Auf  den  ersten
Blick  ist  dies  dasselbe  Prinzip,  das  Stuart  Mill  aufstellte.  Zwischen
beiden  besteht  aber  ein  bedeutsamer  Unterschied.  Stuart  Mill  wünscht
der  Sphäre  der  individuellen  Tätigkeit  so  wenig  wie  möglich  zu  nehmen:
Adolf  Wagner  wünscht  die  der  Regierung  so  viel  */ie  möglich  auszudehnen. ­
  Stuart  Mill  legt  besonderen  Nachdruck  auf  die  negative  Rolle
der  Regierung,  Adolf  Wagner  dagegen  auf  seine  positive  Rolle,  die  nach
ihm  darin  besteht:  „eine  umfassendere  Teilnahme  der  Masse  der  Bevölkerung ­
  ...  an  den  materiellen  Früchten  und  an  den  Kulturgütern,
D  „Bis  heute  bietet  sich  Nichts,  das  als  Kriterium  dienen  könnte,  um  zu  unterscheiden, ­
  was  dem  Staat  und  was  dem  Individuum  zusteht,  .  .  .  doch  ist  das  gleichgültig, ­
  da  man  stets,  in  jedem  besonderen  Fall,  diese  beiden  Kräfte  gemäß  gleicherweise ­
  besonderen  Tatsachen  ins  Gleichgewicht  bringen  kann  (Dupont-White,  L  Inüividu
  et  l’Ltat,  S.  301  und  298).  An  anderer  Stelle,  im  Vorwort  zu  Stuart  Mill’s
Bssay  on  Liberty,  franz.  Übers,  sagt  er  noch:  „Ist  diese  Definition  möglich?  Ich
glaube  es  nicht.  Man  bedenke  doch,  wenn  man  vom  Individuum  und  der  Gesellschaft
?P r icht,  daß  es  sich  um  zwei  Kräfte  handelt,  das  Leben  und  das  Recht  (S.  VII)  .  .  .
Bas  Recht  muß  Schritt  für  Schritt  dem  Leben  folgen,  indem  es  das  Leben  entweder
ei &amp;amp;engt  oder  steigert,  je  nachdem  es  sich  zu  wenig  oder  zu  stark  bestätigt 15  (S.  XIII).
2 )  Wagner,  Grundlegung,  S.  887.
        <pb n="509" />
        486

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

welche  die  Zunahme  der  Produktionskräfte  überhaupt  zu  erringen  erlaubt ­
  .  .  zu  ermöglichen.  Er  würde  es  ganz  in  der  Ordnung  finden,
wenn  sich  etwas  mehr  Kommunismus  in  unserer  Gesellschaft  durchsetze.
Man  muß  „die  Volkswirtschaft  aus  der  privatwirtschaftlichen  mehr  in  die
gemeinwirtschaftlichc  Organisationsform  hinüber  führen“ 1 ),  sagt  er  an
einer  Stelle,  die  unmittelbar  von  Rodbertus  eingegeben  scheint.  Für
ihn  jedoch  wie  für  Mill  darf  die  Regierungstätigkeit  nicht  weiter  gehen
als  bis  zu  dem  Punkte,  wo  die  Entwicklung  der  Individualität  in  Gefahr
gerät 2 ).
Die  praktische  Anwendung  dieser  Ideen  berührt  sowohl  die  Güterverteilung, ­
  wie  die  Gütererzeugung.  Hier  aber  tut  der  Staatssozialismus
nichts  Anderes,  als  Ideen  zu  übernehmen,  die  lange  vor  ihm  geäußert
worden  sind.
Plinsichtlich  der  Verteilung  steht  er  auf  demselben  Standpunkt,  wie
Sismondi,  den  man  bei  ihm  fast  vollständig  wiederfindet.  Keine  prinzipielle ­
  Verurteilung  des  Profits  oder  des  Zinses,  wie  bei  den  Sozialisten;
Beibehaltung  des  Privateigentums  als  grundlegender  Einrichtung;  aber
doch  eine  genauere  Anpassung  des  Einkommens  an  das  „Verdienst“ 3 );
Beschränkung  der  übertriebenen  Profite,  wie  die  „wirtschaftliche  Konjunktur“ ­
  dies  gestattet,  auf  ein  „gerechtes  Maß“;  und,  als  Gegenstück,
eine  Erhöhung  der  Löhne  auf  ein  Niveau,  das  eine  „menschenwürdige
Existenz“  erlaubt.  Man  muß  sich  eingestehen,  daß  all  dies  recht  unbestimmt ­
  ist 4 ).

*)  Überall,  wo  möglich,  müssen  staatliche  Produktionsunternehmungen  empfohlen
werden,  „nicht  nur  aus  jenen  spezifischen  Gründen,  welche  es  etwa
nach  der  Natur  der  einzelnen  Anstalt  Tätlich  erscheinen  lassen,  sie
zu  verstaatlichen  .  .  .,  sondern  aus  sozialpolitischen  Gründen,  um  so
die  Volkswirtschaft  aus  der  privatwirtschaftlichen  mehr  in  die  gemeinwirtschaftliche
  Or^anisationsform  hinüber  zu  führen“  (Finanzwiss.  und
Staatssoz.  S.  115  s.  o:  S.  481,  Anm.  2).
2 )  Dupont-White  ist,  wie  Wagner,  Individualist,  —  was  beweist,  daß  man  Individualist ­
  sein  kann,  ohne  deshalb  liberal  sein  zu  müssen.  „Der  Verfasser  des  Essay
on  Liberty  (sagt  er  in  seinem  Vorwort  zu  derfranz.  Übers,  dieses  Buches,  S.  LXXXlX)
hat  ein  lebhaftes  Gefühl  für  den  Individualismus,  das  ich  in  jeder  Hinsicht  teile,  ohne
mich  aber  gleich  ihm  über  die  Zukunft  dieses  unveränderlichen  Bestandteils  zu  sorgen  .  •  ■
Der  Individualismus  ist  das  Leben  .  .  .  Aus  diesem  Grunde  ist  der  Individualismus
unvergänglich.“
3 )  Vgl.  z.  B.  Schmoller,  Offenes  Sendschreiben  an  H.  v.  Treitschke  (1874—1875),
Lpg.  1898.  Gegen  den  Einwurf,  daß  auf  Grund  dieses  Prinzipes  die  Zivilliste  Ger
Herrscher  zu  verurteilen  sei,  antwortet  Schmoller:  „daß  er  vom  Durchschnitt  der
Menschen  spricht,  und  der  Durchschnitt  der  Hohenzollern  wenigstens  war  und  ist  so,
daß  ihr  Einkommen  mir  durchaus  nicht  zu  groß  gegenüber  ihrem  Verdienst  erscheint^
(S.  82).  Würde  dieses  Argument  außerhalb  Deutschlands  als  zwingend  erscheinen-Wir
  bezweifeln  es.  Vielleicht  wird  es  sogar  im  Jahre  1919  in  Deutschland  selbst  nicht
mehr  ebenso  zwingend  erscheinen  wie  im  Jahre  1875.
*)  Wagner  sieht  den  Einwurf  der  Willkür  voraus.  „Sie  ist“,  sagt  er,  „formet
        <pb n="510" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

487

Der  Staat  würde  derart  die  Aufgabe  haben,  in  der  Güterverteilung
die  Achtung  einer  moralischen  Regel  durchzusetzen,  die  mit  dem  Gefühl
jeder  Epoche  übereinstimmt.  Das  Mittel  dieser  Reformen  soll  in  den
Steuern  gefunden  werden.  Dupont-White  hatte  schon  1847  in  seinem
Buch:  Capital  et  Travail 1 )  die  genaue  Formel  dieser  Projekte  gegeben: ­
  „die  oberen  Klassen  mit  einer  Steuer  zu  belegen  und  deren  Ertrag
zur  Unterstützung  und  Entlohnung  der  Arbeit  zu  verwenden.“  Auch
Adolf  Wagner  sagt  nichts  Anderes.  „Der  folgerichtige  Staatssozialismus
muß  sich  daher  zweierlei  zur  Aufgabe  machen,  was  freilich  eng  zusammenhängt: ­
  Hebung  der  unteren,  arbeitenden  Klassen  an  sich  und  auf  Kosten
der  oberen  besitzenden  Klassen;  und  absichtliche  Hemmung  der
übermäßigen  Reichtumsanhäufung  bei  einzelnen  Kreisen  und
Gliedern  der  Besitzenden.“ 2 )
Was  die  Gütererzeugung  anlangt,  so  hat  der  Staatssozialismus  sozusagen ­
  nur  die  Liste  wieder  zur  Geltung  zu  bringen,  die  Mill,  Chevalier
und  Cournot  schon  vor  ihm  aufgestellt  haben,  die  Fälle,  in  denen  kein
■wirtschaftliches  Prinzip  der  direkten  Leitung  oder  der  Kontrolle  eines
Unternehmens  durch  den  Staat  widerspricht.  Als  allgemeine  Regel  kann
sich,  nach  Adolf  Wagner,  der  Staat  jedesmal  mit  einer  Industrie  befassen, ­
  wenn  dieselbe  einen  besonders  beständigen  Charakter  in  der  Zeit
oder  im  Raume  besitzt,  —  jedesmal,  wenn  sie  eine  gleichmäßige  oder
sogar  einheitliche  Leitung  verlangt  und  daher  Gefahr  laufen  würde,  in
den  Händen  von  Privatpersonen  zu  einem  Monopol  zu  werden,  —  und
endlich  stets,  wenn  sie  der  Befriedigung  eines  sehr  allgemeinen  Bedürfnisses ­
  dient,  ohne  daß  es  möglich  wäre,  den  besonderen  Vorteil,  den  jeder
einzelne  Verbraucher  davon  hat,  zu  bestimmen.  Aus  diesen  Gründen  ist
die  Verwaltung  der  Wasserwege,  der  Wälder,  der  Straßen  und  der  Kanäle,
die  Nationalisation  der  Eisenbahnen  und  sogar  der  Emissionsbanken  durch
den  Staat  gerechtfertigt,  wie  auch  die  der  kommunalen  Unternehmungen
für  Gas-  und  Wasseranlagen  usw.
Man  sieht  jetzt  den  Hauptcharakter  des  Staatssozialismus  klarer
hervortreten.  Sein  Ausgangspunkt  ist  nicht,  wie  für  die  Sozialisten,  die
Gndringende  Kritik  des  Eigentums  oder  des  Einkommens  ohne  Arbeit.
Er  ist  in  der  Hauptsache  moralisch  und  national.  Eine  vollkommenere
Gerechtigkeit  in  der  Verteilung,  ein  höherer  Wohlstand  der  Arbeiterklassen ­
  erscheinen  ihm  als  die  Bedingung  der  Aufrechterhaltung  jener
berechtigt,  materiell  dagegen  unberechtigt,  da  es  eben  gerade  die  willkürliche  und
-®aßlose  Anhäufung  von  Privatreichtum  in  wenigen  Händen  unter  der  Herrschaft
des  Konkurrenzsystems  nach  recht  wohl  (!)  aufstellbaren  und  in  der  Praxis  der  Gesetzgebung ­
  und  Verwaltung  zur  Geltung  zu  bringenden  Gesichtspunkten  billiger  Erwägung
Und  sozialer  Zweckmäßigkeit  zu  bekämpfen  gilt“  (Finanzwiss.  und  Staatssozialism
 us,  S.  719;  s.  o.  S.  481,  Anm.  2).
l )  Dupont-White,  Capital  et  Travail,  S.  398.
a )  Wagner,  Finanzwiss.  u.  Staatssozialismus,  S.  718  (S.  481,  Anm.  2).
        <pb n="511" />
        488

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

nationalen  Einheit,  deren  Vertreter  der  Staat  ist.  Aber  er  bezeichnet  die
Kegeln  dieser  Gerechtigkeit  nirgends  mit  Genauigkeit  und  gibt  ebensowenig ­
  die  Grenzen  an,  wo  diese  Verbesserungen  Halt  machen  sollen.  Ebenso
ist  die  Vermehrung  der  kollektivistischen  Einrichtungen  öffentlichen
Interesses  für  ihn  ein  Mittel,  die  moralische  Solidarität  zu  entwickeln,
indem  sie  das  Feld  der  rein  egoistischen  Betätigung  beschränkt.  Die  Aufrechterhaltung ­
  des  Privateigentums  und  der  individuellen  Initiative  erscheint ­
  ihm  aber  zur  Steigerung  der  Produktion  unentbehrlich  und  läßt
ihn  dem  Kollektivismus  feindlich  gegenüber  stehen.  Dieser  hauptsächlich
moralische  Charakter  erklärt  den  Unterschied  zwischen  der  Genauigkeit
seiner  einzelnen  positiven  Forderungen  und  dem  etwas  unbestimmten
Charakter  seiner  allgemeinen  Prinzipien,  die  ein  jeder,  je  nach  seiner  Gemütsverfassung, ­
  mehr  oder  weniger  weitgehend  anwenden  kann.  Unleugbar ­
  sind  seine  Kriterien  im  wesentlichen  subjektiv.  Dies  erklärt  die
äußerst  scharfe  Kritik  von  seiten  gewisser  Volkswirtschaftler,  denen  es
hauptsächlich  um  theoretische  Genauigkeit  zu  tun  ist,  und  den  nicht
weniger  lebhaften  Beifall,  den  sie  bei  allen  praktischen  Reformern  gefunden
haben.  Der  Staatssozialismus  war  sozusagen  der  Schnittpunkt,  in  dem
sich  die  Richtungen  des  christlichen  Sozialismus,  des  aufgeklärten  Konservativismus, ­
  der  fortschrittlichen  Demokratie  und  des  opportunistischen
Soziaüsmus  kreuzten.
Sein  Erfolg  erklärt  sich  aber  vielleicht  weniger  aus  dem  Wert  seiner
Prinzipien,  als  aus  der  Förderung,  die  ihm  die  politische  und  wirtschaftliche ­
  Entwicklung  am  Ende  des  neunzehnten  Jahrhunderts  brachte.  In
Deutschland  war  sein  bester  Bundesgenosse  in  der  Ausbreitung  seiner
Ideen  der  Fürst  Bismarck.  Die  Theorie  des  Staatssozialismus  ließ  ihn
völlig  kalt.  Zur  Rechtfertigung  seiner  Sozialpolitik  zog  er  es  vor,  sich  auf
die  Prinzipien  des  Christentums  oder  auf  die  des  preußischen  Landrechtes
zu  stützen 1 ).  In  Wirklichkeit  lag  es  diesem  großen  Politiker,  nachdem  er
die  deutsche  Einheit  geschaffen  hatte,  hauptsächlich  daran,  sie  zu  be-*)
  Die  Kaiserliche  Botschaft  Vom  17.  November  1881,  die  die  Reihe  der  berühmten
Versicherungsgesetze  ankündigte,  erklärt  eine  ausgesprochenere,  staatliche  Einmischung
für  notwendig:  „Für  diese  Fürsorge  die  rechten  Mittel  und  Wege  zu  finden,  ist  eine
schwierige,  aber  auch  eine  der  höchsten  Aufgaben  jedes  Gemeinwesens,  welches  auf
den  sittlichen  Fundamenten  des  christlichen  Volkslebens  steht.“  (Zitiert  nach  An.
Wagner:  Grundlegung  1893,  I.  Teil,  2.  Halbband  (Buch  4—6),  S.  706.  Anm.  des
Übers.)  Bismarck  sagte  in  seiner  Rede  vom  9.  Mai  1884:  „Ich  erkenne  ein  Recht  auf
Arbeit  unbedingt  an  und  stehe  dafür  ein,  solange  ich  auf  diesem  Platz  sein  werde.  Ich
befinde  mich  damit  nicht  auf  dem  Boden  des  Sozialismus,  sondern  auf  dem  Boden
des  preußischen  Landrechts.“  (Zitiert  nach  Brodnitz:  Bismarck’s  nationalökonomische
Ansichten,  S.  136).  Der  §  2,  Abs.  XIX  des  2.  Teiles  des  preußischen  Landrechtes  vom
5.  Februar  1794  besagt:  „Denjenigen,  welchen  es  nur  an  Mittel  oder  Gelegenheit,  ihren
und  der  Ihrigen  Unterhalt  selbst  zu  verdienen,  ermangelt,  sollen  Arbeiten,  die  ihren
Kräften  und  Fähigkeiten  gemäß  sind,  angewiesen  werden.“  In  Wirklichkeit  handelt
dieser  Text,  trotz  der  allgemein  gehaltenen  Form,  nur  von  der  Unterstützung.
        <pb n="512" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

489

festigen  und  zu  kräftigen.  Ein  System  von  Arbeiterversicherungen,  das
vom  Staat  finanziell  geleitet  und  unterhalten  wurde,  erschien  ihm  als  das
beste  Mittel,  die  Arbeiter  von  dem  revolutionären  Sozialismus  fern  zu
halten,  indem  es  ihnen  die  positive  Sympathie  der  Regierung  bewies  und
sie  durch  ein  pekuniäres  Interesse  mit  dem  Reiche  verband.  Auf  gleiche
Weise  hatte  die  französische  Revolution  die  Bauern  durch  den  Verkauf
der  nationalen  Güter  an  sich  gefesselt.  Diese  Meinung  drückte  auch  Bismarck ­
  aus,  als  er  im  Hinblick  auf  die  Arbeiterversicherungsgesetze  sagte:
»Wenn  wir  700000  kleine  Rentner,  die  vom  Reiche  ihre  Rente  beziehen,
haben,  gerade  in  diesen  Klassen,  die  sonst  nicht  viel  zu  verlieren  haben
und  bei  einer  Veränderung  irrtümlich  glauben,  daß  sie  viel  gewinnen
können,  so  halte  ich  das  für  einen  außerordentlichen  Vorteil;  wenn  sie
auch  nur  M.  115—200  zu  verlieren  haben,  so  erhält  sie  doch  das  Metall
in  ihrer  Schwimmkraft;  es  mag  noch  so  gering  sein,  es  erhält  sie  aufrecht“ 1 ).
Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  sind  die  großen  Arbeiterversicherungsgesetze ­
  gegen  Krankheit,  Unfall,  Invalidität  und  Alter  in  den  Jahren  1881
bis  1889  erlassen  worden.  Weil  aber  der  Kanzler  keine  gleichen,  greifbar
pekuniären  Vorteile  in  den  eigentlichen  Arbeiterschutzgesetzen  (Gesetz
über  die  Arbeitsdauer,  Sonntagsruhe,  Fabrikhygiene  und  Aufsicht  usw.)
sah,  zeigte  er  sich  ihrer  Ausdehnung  wenig  geneigt.  Es  bedurfte  erst  des
in  den  beiden  berühmten  Erlassen  vom  4.  Februar  1890  ausgedrückten
Willens  Kaiser  Wilhelms  II.,  um  dieser  Gesetzgebung  in  Deutschland
einen  neuen  Anstoß  zu  geben.
In  Deutschland  hat  der  intelligente  Konservatismus  einer  fast  absoluten ­
  Regierung  außerhalb  jeder  Doktrin  einen  Teil  des  Programms
des  Staatssozialismus  verwirklicht.  In  Frankreich,  in  England  und  in
den  Ländern  politischer  Freiheit  waren  ähnliche  Maßnahmen  der  Ausdruck ­
  der  demokratischen  Bewegung  selbst.  Im  Maße,  wie  die  Arbeiterklassen ­
  einen  immer  größeren  Anteil  an  der  Regierung  genommen  haben,
haben  sie  versucht,  von  der  Gesetzgebung  zu  ihrem  Nutzen  Gebrauch  zu
machen.  Die  progressive  Einkommensteuer,  die  Versicherungsgesetze,  die
Schutzvorschriften,  die  immer  häufigeren  Einmischungen  der  Regierung
m  die  Arbeitsbedingungen  sind  der  Ausdruck  dieser  Bestrebungen,  die
sich  unabhängig  von  jeder  vorgefaßten  Doktrin  entwickelt  haben.
Die  Regelung  des  Verhältnisses  zwischen  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer ­
  war  der  Hauptgegenstand  des  gesetzgeberischen  Staatssozialismus.
Aber  die  Regierungen  und  die  Stadtverwaltungen  haben  ihre  Einmischung
mich  auf  die  Produktion  ausgedehnt.  Sie  wurden  dazu  weniger  von  der
Theorie  als  von  dem  neuen  Charakter  des  sozialen  Lebens  gedrängt.  Die
großen  öffentlichen  Arbeiten  (Straßen,  Kanäle,  Transporte)  haben  sich  im
Laufe  des  19.  Jahrhunderts  dank  der  neuen  Macht  der  Produktivkräfte
9  Rede  vom  18.  März  1889,  angeführt  von  Brodnitz:  Bismarck’s  nationalökonomische
  Ansichten,  Verlag  G.  Fischer,  Jena,  1902,  S.  141.
        <pb n="513" />
        490

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

vervielfältigt.  Öffentliche  Wohlfahrtsbehörden  haben  sich  infolge  der
wachsenden  Konzentration  der  Bevölkerung  in  den  Städten  entwickelt.
Das  Gemeinschaftsleben  greift  immer  mehr  auf  die  Gebiete  des  isolierten
und  zerstreuten  Lebens  von  früher  über;  die  Interessengemeinschaft,  die
sich  früher  auf  die  Grenzen  des  Dorfes  oder  der  Landstadt  beschränkte,
hat  sich  auf  die  der  großen  Städte  und  der  Nation  ausgedehnt.  Zur  gleichen
Zeit  vereinheitlicht  sich  die  Industrie  täglich  mehr  und  schränkt  so  selbsttätig ­
  das  Bereich  der  freien  Konkurrenz  ein.  Auf  dem  Markte  der  Arbeit
wie  auf  dem  der  Produkte,  auf  dem  des  Geldes  wie  auf  dem  der  Waren,
nimmt  die  Konzentration  immer  mehr  den  Platz  der  früheren  Zersplitterung ­
  ein.  Überall  gibt  es  Monopole.  Die  Kollektivunternehmung  hat  aufgehört, ­
  eine  Ausnahme  zu  sein:  sie  wird  immer  mehr  zur  Begeh  Und  die
öffentliche  Meinung  befreundet  sich  ohne  Mühe  mit  dem  Gedanken,  den
Staat,  das  Kollektivwesen  par  excellence,  seinerseits  zur  industriellen
Betätigung  übergehen  zu  sehen.
Wie  konnte  es  unter  solchen  Umständen  ausbleiben,  daß  die  Entwicklung ­
  des  Staatssozialismus  so  groß  wurde,  um  ihm  in  kurzer  Zeit
eine  vorherrschende  Stellung  in  der  öffentlichen  Meinung  zu  verschaffen?
Er  hat  das  große  Verdienst  gehabt,  den  noch  ziemlich  verworrenen
praktischen  Zielen  und  Bestrebungen  einer  neuen  Periode  politischer  und
wirtschaftlicher  Geschichte  Ausdruck  zu  geben,  ohne  doch,  wie  der  Sozialismus, ­
  durch  die  Perspektive  eines  radikalen  Umsturzes  der  Gesellschaft ­
  Schrecken  zu  erregen.  Er  hat  den  Gesetzgebern  und  den  politischen
Schriftstellern  die  notwendigen  Gründe  für  die  neue  Politik,  die  sie  einführen ­
  wollten,  geliefert;  er  hat  einen  Boden  gefunden,  auf  dem  sich  die
verschiedensten  Parteien  und  die  sich  widersprechendsten  Meinungen  zu
gemeinsamer  Arbeit  finden  konnten.  Liegt  hierin  nicht  das  große  Verdienst ­
  einer  Lehre,  die  vor  allen  Dingen  sofortige  Erfolge  erstrebte?
So  hat  durch  eine  vielleicht  merkwürdige,  aber  in  der  Geschichte  der
Ideen  nicht  unerhörte  Wandlung  der  Staatssozialismus  zu  Ende  des  19.
Jahrhunderts  dieselbe  Rolle  gespielt,  die  sein  großer  Gegner,  der  liberale
Optimismus,  während  der  ersten  Hälfte  innegehabt  hatte.  Dessen  großes
Verdienst  war  es  gewesen,  einer  Politik  der  fortschreitenden  Selbständigkeit ­
  und  Freiheit  die  Wege  zu  bereiten,  einer  Politik,  die  für  den  Fortschritt ­
  der  großen  Industrie  unentbehrlich  war.  So  wurde  der  liberale
Optimismus  der  Dolmetscher  der  großen  wirtschaftlichen  Strömungen
seiner  Zeit.  Im  Dienste  dieser  ausschließlichen  Aufgabe  hatte  er  allmählich ­
  alle  wissenschaftliche  Selbständigkeit  und  die  Ausgestaltung  der
ökonomischen  Theorie  vernachlässigt,  namentlich  in  bezug  auf  die  für
jedes  Gedankensystem  unerläßliche  Schärfe  der  Beweisführung.
Auf  dieselbe  Weise  hat  der  Staatssozialismus  allen  denen  als  Banner
gedient,  die  die  Notwendigkeit  begriffen,  die  sozialen  Übelstände  der  bis
zu  ihren  letzten  Grenzen  getriebenen  wirtschaftlichen  Freiheit  einzu-
        <pb n="514" />
        Kapitel  II.  Der  Staatssozialismus.

491

schränken,  allen  denen,  die  mit  Recht  die  elende  Lage  einer  immer  zahlreicheren ­
  Arbeiterklasse  mit  Sorge  erfüllte.  Ausschließlich  mit  diesen
sofortigen  Zielen  beschäftigt,  haben  die  Begründer  des  Staatssozialismus
hauptsächlich  die  Prinzipien  der  praktischen  Volkswirtschaftspolitik  bearbeitet, ­
  ohne  die  eigentliche  wirtschaftliche  Wissenschaft  besonders
zu  fördern  .  .  .  Jetzt  sehen  sie  sich  übrigens  ihrerseits  bedroht.
Das  allen  politischen  Lehren  gemeinsame  Los  erwartet  den  Staatssozialismus.
  Und  schon  jetzt  kann  man  sich  fragen,  ob  nicht  gerade  die  Vielfältigkeit ­
  der  Regierungseinmischungen  im  Begriff  ist,  bei  den  Verbrauchern
wie  bei  den  Unternehmern,  und  sogar  bei  den  Arbeitern,  ein  immer  wachsendes ­
  Mißtrauen  mit  Hinsicht  auf  die  wirtschaftlichen  Fähigkeiten  des
Staates  zu  erregen 1 ).
Auf  jeden  Fall  kann  man  eine  recht  charakteristische  Tatsache  bemerken. ­
  Während  im  19.  Jahrhundert  der  Sozialismus  alle  seine  Angriffe
gegen  den  Liberalismus  und  die  wirtschaftliche  Orthodoxie  richtete,  —
greift  im  Gegenteil  der  neo-marxistische  Syndikalismus  fast  ausschließlich
die  Staatssozialisten  an.  Sorel  hat  auf  die  engen  gedanklichen  Bande
hingewiesen,  die  den  Marxismus  mit  dem  Manchestertum  verbinden.  Er
stimmt  sogar  in  mehr  als  einem  Punkte  mit  einem  „Liberisten“  wie
Pa  re  to  überein;  dagegen  findet  er  keine  Ausdrücke,  die  ihm  kräftig
genug  erscheinen,  um  die  Vertreter  des  „sozialen  Friedens“  und  des  Interventionismus ­
  zu  bekämpfen,  die  ihm  als  die  Verführer  der  Arbeiterklasse
erscheinen.  Zur  gleichen  Zeit  haben  die  Gewerkschaftler  —  wenigstens
viele  unter  ihnen  —  mehr  als  einmal  ihr  Mißtrauen  gegen  den  Staat  kundgegeben ­
  und  energisch  Gesetzesvorschläge  zurückgewiesen,  die  in  ihrem
Interesse  eingebracht  waren,  wie  zum  Beispiel  das  Gesetz  über  Arbeiterpensionen. ­
  Wahrscheinlich  muß  diese  Haltung  dem  Einfluß  anarchistischer ­
  Ideen  auf  die  Führer  der  Gewerkschaftsbewegung  in  Frankreich
zugeschrieben  werden.
Das  Zusammenfallen  dieser  doppelten  Ideenströmung  —  neo-marxistisch ­
  und  anarchistisch  ,—  die  die  französische  Arbeiterklasse  dem  Staatssozialismus ­
  abwendig  macht,  ist  eine  interessante  Tatsache,  deren  politische ­
  Folgen  leicht  sehr  beträchtlich  werden  können 2 ).

l )  Der  Krieg  hat  einen  Staatssozialismus  notwendig  gemacht,  wie  man  ihn  vorher
n *e  gekannt  hatte.  Aber  wir  glauben  nicht,  daß  diese  Erfahrung  geeignet  ist,  ihm  Sympathien ­
  zu  erwerben.  Es  ist  für  jedermann  offenkundig  geworden,  daß  es  der  Regierung
unmöglich  ist  (selbst  wenn  sie  durch  den  unerschöpflichen  patriotischen  guten  Willen
der  Öffentlichkeit  gestützt  wird)  die  Erzeugung,  die  Verteilung  und  die  Preise  zu  regulieren.
  Das  System  ist  nur  durch  die  Notenausgabe  unter  Hochdruck  und  den  daraus
folgenden  Scheinreichtum  möglich  geworden.  .
*)  Wir  bedauern,  daß  es  uns  nicht  möglich  gewesen  ist,  weder  m  diesem  noch
dem  vorhergehenden  Kapitel  einen  hervorragenden  deutschen  Nationalökonomen  zu
erwähnen,  der  aber  ebensowenig  der  historischen  Schule  wie  dem  Staatssozialismus
angehört;  es  ist  das  der  Göttinger  Professor  Lexis.  Er  hat  Arbeiten  über  die  ver-
        <pb n="515" />
        492

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Kapitel  III.
Der  Marxismus.
I.
Karl  Marx.
Wie  Jedermann  weiß,  ist  die  marxistische  Lehre  die  neueste  Form
des  Sozialismus.  Seit  ungefähr  vierzig  Jahren  hat  sie  alle  anderen,  die
von  ihr  verächtlich  als  utopistisch  bezeichnet  werden,  in  den  Schatten

schiedensten  Gegenstände  veröffentlicht,  wie  über  Währungsfragen,  Bevölkerungstheorie ­
  und  allgemeine  volkswirtschaftliche  Theorie.  Diese  Arbeiten  sind  in  Zeitschriften ­
  und  Rundschauen  verstreut,  —  besonders  in  den  Jahrbüchern  für
Nationalökonomie  und  Statistik,  in  Schönberg’s  Handbuch  und  in  dem
großen  Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften.  Sie  zeichnen  sich  alle
durch  ihre  elegante  Klarheit  und  einen  bemerkenswerten  wissenschaftlichen  Sinn  aus.
Lexis  scheint  die  Überlieferung  der  klassischen  Volkswirtschaftler  fortzusetzen,  verwirft ­
  aber  ihren  Optimismus,  den  man  nur  zu  oft  als  untrennbar  von  dieser  Tradition
betrachtet.  1910  hat  Lexis  seine  allgemeine  Lehre  endlich  in  einer  Allgemeinen
Volkswirtschaftslehre  zusammengefaßt,  in  der  man  eine  Gesamtansicht  der  wirtschaftlichen ­
  Welt  als  eines  riesigen  Güterumlaufs  findet.  Außer  einer  höchst  interessanten ­
  Krisentheorie,  auf  die  wir  hier  nicht  näher  eingehen  können,  scheint  uns  der
selbständigste  Teil  des  Buches  in  der  Theorie  über  die  Verteilung  des  sozialen  Produktes ­
  zwischen  Arbeitern  und  Kapitalisten  zu  bestehen.  Nach  Lexis  besteht  die
Gesamtmenge  der  (materiellen)  Güter  aus  Arbeitserzeugnissen  und  kann  sogar  an
der  Arbeit  gemessen  werden.  Woher  kommt  dann  aber  das  Einkommen  der  Kapitalisten? ­
  Sein  Profit  stammt  nicht,  (wie  Marx  meinte),  von  einer  Ausbeutung  des
Arbeiters  in  der  Sphäre  der  Produktion,  sondern  davon,  daß  er  auf  den  Verkaufspreis
der  Gegenstände,  auf  die  Summe,  die  den  Lohn  des  Arbeiters  vorstellt,  eine  Summe
aufschlägt,  die  den  Zinsen  seines  Kapitals  entspricht.  Daher  liege  der  Ursprung  des
Profites  in  der  Sphäre  des  Umlaufs.  Wozu  dient  den  Kapitalisten  aber  die  Erhöhung
des  Verkaufspreises,  da  doch  unter  diesen  Umständen  die  Arbeiter  die  von  ihnen  erzeugten ­
  Gegenstände  auf  dem  Markt  nicht  allein  aus  ihrem  Lohn  zurückkaufen  können?
—  Es  genügt,  daran  zu  denken,  daß  die  Arbeiter  nicht  nur  Gegenstände  herstellen,
  die  zu  ihrem  eigenen  Verbrauch  dienen,  sondern  auch  solche,  die  zu  dem  der
Kapitalisten  bestimmt  sind.  Mit  dem  in  der  Herstellung  dieser  letzteren  Produkte
verdienten  Lohn  ist  die'  Arbeiterklasse,  als  Klasse,  imstande,  die  ihr  notwendigen
Gegenstände  zum  Marktpreise  zu  bezahlen,  d.  h.  also,  einschließlich  der  Zinsen,  die
den  Gewinn  des  Kapitalisten  darstellen.  Beim  Ankauf  ihrer  eigenen  Verbrauchsgegenstände ­
  zahlen  die  Kapitalisten  sich  gegenseitig  die  Zinsen,  die  im  Warenpreise  enthalten
sind.  Als  Klasse  verändert  sich  ihre  Lage  daher  nicht,  aber  für  jeden  Unternehmer
gerät  individuell  der  Profit  in  ein  gleiches  Verhältnis  zu  seinem  Kapital.  Auf  diese
Weise  wird  der  größte  Einwurf  gegen  das  von  Marx  zur  Erklärung  der  Erhebung  de»
Profites  aufgestellte  Schema  beseitigt.  Diese  Erklärung  des  von  den  Kapitalisten
eingestrichenen  Mehrwertes  ist  äußerst  scharfsinnig.  Wie  man  sieht,  ist  Lexis  stark
von  Rodbertus  und  Marx  beeinflußt,  deren  lebensfähigste  Prinzipien  er  sich  zu  eigen
gemacht  zu  haben  scheint.  Trotz  der  Einwürfe,  die  sein  Buch  hervorruft,  ist  es  doch
eins  der  selbständigsten  Werke,  die  in  den  letzten  Jahren  erschienen  sind.
        <pb n="516" />
        gestellt.  Es  verdient  jedoch  besonders  hervorgehoben  zu  werden,  daß
diese  sozialistische  Lehre,  im  Unterschied  von  denen,  die  ihr  vorausgegangen ­
  sind,  —  z.  B.  dem  Kommunismus  und  dem  Fourierismus,  —
sich  keineswegs  als  ketzerisch  darstellt.  Sie  erhebt  im  Gegenteil  den
Anspruch,  durch  ein  genaueres  Verständnis  die  großen  klassischen  Doktrinen ­
  zu  verjüngen  und  weiterzuführen.
Wenn  uns  auch  selbstverständlich  der  Gedanke  fern  liegt,  in  einem
Kapitel  eine  Lehre  zusammenzudrängen,  die  sich  mit  allen  grundlegenden
Prinzipien  der  ökonomischen  Wissenschaft  beschäftigt  und  vorgibt,  sie
zu  erneuern,  so  werden  wir  doch  versuchen,  die  zwei  wichtigsten  wirtschaftlichen ­
  Gedanken  Marx’  darzustellen 1 );  der  eine  ist  die  Theorie  der
Mehrarbeit  und  des  Mehrwertes;  der  andere  ist  das  Gesetz  der  auto-*)
  Karl  Marx  wurde  am  6.  Mai  1818  in  Trier  geboren.  Er  war  nicht  Jude,  wie
man  oft  gesagt  hat,  sondern  der  Sohn  jüdischer,  zum  Protestantismus  übergetretener
Eltern.  Er  stammte  aus  einer  bürgerlichen  Beamtenfamilie  und  heiratete  die  Tochter
eines  deutschen  Barons,  so  daß  nichts  ihn  zu  einem  streitbaren  Sozialisten  vorauszubestimmen ­
  schien.  Und  doch  sollte  er  diesen  Weg  gehen.  25  Jahre  alt  begab  er  sich
1843,  nach  der  Unterdrückung  einer  Zeitung,  die  er  redigierte,  zuerst  nach  Paris  und
dann  nach  Brüssel.  Während  der  Revolution  von  1848,  an  der  er  tätigen  Anteil  nahm,
nach  Deutschland  zurückgekehrt,  wurde  er  ausgewiesen  und  verbrachte  den  Rest
seines  Lebens,  etwa  30  Jahre,  in  London.  Er  starb  am  14.  März  1883.
Obgleich  Marx  einer  der  Gründer  und  Leiter  der  berühmten  „Internationalen
Arbeiterassoziation“,  kurz  „Internationale“  genannt,  war,  die  von  1863  bis  1872  das
Schreckbild  aller  europäischen  Regierungen  vorstellte,  darf  man  in  ihm  keinen  Verschwörer, ­
  nach  dem  Beispiel  Bakunin’s,  oder  einen  Volkstribunen,  wie  Lassalle,
sehen.  Er  war  ein  Mann  der  Studierstube,  ein  guter  Familienvater  wie  Proudhon,
e &amp;gt;n  unermüdlicher  Arbeiter  und  von  ganz  hervorragender  geistiger  Bildung.
Das  berühmteste  -seiner  Werke,  das  allerdings  oft  angeführt  wird,  ohne  gelesen
w Mden  zu  sein,  ist  Das  Kapital,  dessen  erster  Band,  der  einzige,  der  zu  seinen  Lebzeiten ­
  erschien,  1867  herauskam  (franz.  Übers,  von  Roy,  1875,  vom  Verfasser  durchwehen ­
  (Bei  der  Übertragung  ins  Deutsche  ist  die  erste,  1867  bei  Otto  Meisner  in
Hamburg  erschienene  Ausgabe,  sowie  auch  die  IV.  Auflage  benutzt  worden,  Anm.  d.
Ubers.).  Die  beiden  anderen  Bände  sind  erst  nach  seinem  Tode  erschienen,  und
^ar  1885  und  1894;  die  Herausgabe  wurde  von  Engels  besorgt.
Dieses  monumentale  Werk  hat  wie  die  Bibel  oder  die  Pandekten  unzählige
Kommentatoren  und  Exegeten  gefunden.  Sicherlich  hat  von  der  ganzen  Literatur  des
Hh  Jahrhunderts  kein  Buch  einen  gleich  tief-  und  weitreichenden  Einfluß  ausgeübt.
U)rausgegangen  war  das  „kommunistische  Manifest“,  veröffentlicht  im  Januar
das  zur  Zeit  seines  Erscheinens  als  einfache  Broschüre  weiter  kein  Aufsehen
® rr egte,  von  dem  aber  Labriola  in  seinem  Essai  sur  la  conception  materialiste
,  6  PHistoire,  S.  21,  nicht  ohne  einige  Übertreibung  hat  sagen  können:  „Das  Datum
(seines  Erscheinens)  bezeichnet  den  Beginn  der  neuen  Ara“.  Immerhin  ist  es  wahr,
der  ganze  zeitgenössische  Sozialismus  von  diesem  Brevier  lebt.  Man  mußte  es  vollständig ­
  anführen.  Keiner  cbr  Sätze,  die  es-enthält,  verfehlt  sein  Ziel  und  fast  ein  jeder
&amp;gt; s t  tausendfach  wiederholt  worden.  Vgl.  die  franz.  Ausg.,  die  1901  mit  einer  sehr  gelehrten ­
  Einführung  Andlek’s  veröffentlicht  wurde.  (Die  angeführten  Stellen  des  kommunistischen ­
  Manifests  sind  der  sechsten  Ausgabe,  Berlin  1896  entnommen.  Anm.
d-  Übers.).  Die  übrigen  Würkc  sind  gleichfalls  wichtig,  wenn  sie  auch  seltener  zitiert
Wurden,  namentlich  La  mi^ve  de  la  Philosophie,  veröffentlicht  1847  als  Antwort  auf
        <pb n="517" />
        494

Viertes  Buch..  Die  Abtrünnigen.

matischen  Expropriation  oder,  wie  man  allgemeiner,  wenn  auch
weniger  klar  sagt:  das  Gesetz  der  Konzentration.  Der  erste  gründet
sieh  auf  eine  besondere  Auffassung  des  Tausches  und  des  Wertes,  der  zweite
auf  eine  besondere  Auffassung  der  wirtschaftlichen  Entwicklung;  den  einen
könnte  man  statisch,  den  anderen  dynamisch  nennen,  um  die  Bezeichnungen
Auguste  Comte’s  anzuwenden.

§  1.  Die  Mehrarbeit  und  der  Mehrwert.
Um  von  der  mühsamen  Darlegung,  die  folgt,  nicht  gleich  am  Anfang'
abgeschreckt  zu  werden,  wird  es  gut  sein,  zunächst  zu  erfahren,  wohin
sie  führt.  Letzten  Zieles  handelt  es  sich  um  die  Darlegung,  wie  es  kommt,
daß  die  besitzende  Klasse  auf  Kosten  der  Lohnklasse  lebt.  Der  Gedanke
selbst  ist  nicht  neu.  Wir  haben  ihn  schon  verschiedentlich  formuliert
gesehen,  besonders  bei  Sismondi,  Saint-Simon,  Proudhon  und  Ronbertüs.
  Ihre  Kritik  war  aber  mehr  sozial,  als  volkswirtschaftlich:  sie
richtete  sich  hauptsächlich  gegen  die  Herrschaft  des  Eigentums  und  seine
Ungerechtigkeiten.  Karl  Marx  dagegen-  entlehnt  seine  Waffen  mehr
der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  und  den  Gesetzen  des  Tausches.
Er  versucht  nachzuweisen,  daß  das,  was  man  Ausbeutung  nennt,  keine
andere  als  die  bestehende  Form  haben  kann.  Die  Ausbeutung  ist  das  unvermeidliche ­
  Ergebnis  des  Tausches,  eine  ökonomische  Notwendigkeit,
der  die  Arbeitgeber  ebensowenig  wie  die  Arbeitnehmer  entgehen  können-Um
  das  zu  verstehen,  müssen  wir  etwas  zurückgehen,  und  zwar  zu
dem  Begriff  des  Wertes.  Marx  beginnt  mit  der  Darlegung,  daß  die  Arbeit
nicht  nur  der  Maßstab  oder  die  Ursache  —  sondern  die  Substanz  des
Proudhon’s  Buch  „La  philosophie  de  la  misere“  (Untertitel  seines  Werkes  „System^
des  contradictions  öconomiques“)  und  die  Kritik  der  Politischen  Ökonomie  1859.
Es  ist  eine  sehr  umstrittene  Frage,  ob  und  in  welchem  Maße  Karl  Marx  voffl
französischen  Sozialismus  beeinflußt  worden  ist,  besonders  von  dem  Pecqueur’s  und
Proudhon’s  (siehe  hierüber  einen  Aufsatz  Bourguin’s  in  der  Revue  d’Lconoinie
Politique  von  1892,  Des  rapports  entre  Proudhon  et  K.  Marx).  Auf  jede 11
Fall  hat  er  Proudhon  sehr  gut  gekannt,  da  eins  seiner  Bücher  sich  die  Aufgabe  stellt»
den  „kleinen  Bourgeois“,  wie  er  ihn  nannte,  zu  widerlegen.  Wir  werden  im  Folgenden
einige  Übereinstimmungen  feststellen,  die  wohl  auf  eine  Verwandtschaft  der  Lehren
hinweisen  dürften.  Doch  ist  es  wahrscheinlich  mehr  bei  den  ersten  englischen  Sozialisten
(wie  Anton  Menger  bemerkt),  besonders  bei  Thompson  (s.  o.  S.  264),  wo  man  die  Anreger
von  Marx  suchen  muß.
Neben  Marx  darf  man  seinen  unzertrennlichen  Freunf'  und  Mitarbeiter  Friede 10 ®
Engels  nicht  vergessen,  der  aber  bescheiden  im  Schatten  d’s  Meisters  lebte.  Doch  hat
gerade  er  an  dem  kommunistischen  Manifest  von  1848  mit  gearbeitet;  nach  dem  Tode
Marx’  hat  er  treulich  die  drei  Bände  seiner  posthumen  Wi  rke  gesammelt  und  herausgegeben.
  Es  ist  recht  schwierig,  den  Anteil  zu  bestimmen,  d.  u  er  am  Werke  Karl  MaR*
gehabt  hat,  doch  dürfte  er  nicht  gering  gewesen  sein.
        <pb n="518" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

495

^ertes  ist.  Wie  wir  gesehen  haben,  war  dies  schon  die  Idee  Ricardo’s,
!j er  sie  aber  nur  zögernd  aussprach  (s.  o.  S.  162  f.).  Marx  jedoch  behauptet
jere  Richtigkeit  kategorisch.  Gewiß,  er  bestreitet  nicht,  daß  die  Nützlichk
 pit  die  notwendige  Bedingung  jeden  Wertes  sei,  und  sogar  die  einzige,
die  in  Betracht  kommt,  wenn  es  sich  um  den  Gebrauchswert  handelt.
Aber  der  Nutzen  kann  den  Tauschwert  nicht  erklären,  da  jedem  Tausch
etwas  Gemeinsames  zugrunde  liegt,  etwas  Identisches  zwischen  den  ausptauschten
  Waren.  Woher  kommt  aber  diese  Identität?  Sicherlich
Kann  sie  nicht  aus  dem  Nutzen  bestehen,  da  im  Gegenteil  der  Nutzen
Jeder  Ware  verschieden  ist,  und  gerade  dieser  Unterschied  die  einzige
Ursache  des  Austausches  darstellt.  Dieses  gemeinsame  Quid,  in  dem  auch
® le  heterogensten  Waren  homogen  sind,  ist  die  Arbeitsmenge,  die  sie
A'le  enthalten,  mehr  oder  weniger.  „Als  Werte  sind  die  Waren
pchts  als  kristallisierte  Arbeit“.  Sie  sind  mehr  oder  weniger  wert,  je  nach
sie  mehr  oder  weniger  von  dieser  sozialen  Arbeit  enthalten,  die  sich
an  der  Durchschnittszahl  der  auf  ihre  Herstellung  verwendeten  Arbeitsstunden ­
  mißt 1 ).
Hie  Richtigkeit  dieser  Annahme  vorausgesetzt,  betrachten  wir  einen
Arbeiter,  einen  Lohnempfänger,  der  mit  irgendeiner  Arbeit  beschäftigt  ist
Un 't  täglich  10  Stunden  arbeitet.
Was  wird  der  Tauschwert  des  Produktes  seiner  Arbeit  sein?  Zehn
.  tunden,  was  auch  immer  dieses  Produkt  sei,  Schuhe,  Tuch,  Kohle  oder
|peiid  etwas  anderes.  Und  da,  auf  Grund  des  Lohnvertrages,  der  Arbeitgeber ­
  —  d er  Kapitalist,  wie  Marx  ihn  stets  nennt  —  sich  immer  das
pgentum  an  dem  Arbeitserzeugnis  Vorbehalten  hat,  so  verkauft  er  dieses
Zeugnis  zu  seinem  Wert,  nämlich  für  10  Stunden.
Was  gibt  aber  der  Arbeitgeber  dem  Arbeiter?  Seinen  Lohn,  weiter
lc hts!  Was  stellt  nun  dieser  Lohn  vor?  Das  Lohnsystem  besteht  darin,
a ß  der  Kapitalist  die  Arbeitskraft  des  Arbeiters  kauft,  um  sie  nach  seinem
hab  ^ ARX  we ’ s t  darauf  hin,  daß  schon  Aristoteles  sich  über  die  Tatsache  gewundert
an  verschiedene  Gegenstände  etwas  Gemeinsames  haben,  da  sie  sich  gegeneinander
^  s  p  sehen,  und  folglich  gerade  durch  diesen  Austausch,  als  gleichwertig  erklärt
jP  Wl -  Man  sagt,  5  Betten  sind  gleich  einem  Haus.  „Worin  besteht  nun  aber  das,
Und'fi—  ni °kt  recht  was,  gleichwertige,  d.  h.  die  gemeinsame  Substanz,  die  das  Haus
lißj.  .  ßetten  darstellen  ?  —  EtwasDerartiges“,  sagt  Aristoteles,  „kann  doch  eigent-G]
  .  U'cht  bestehen.  —  Warum  nicht?  Das  Haus  stellt  gegenüber  den  Betten  etwas
uches  dar:  nämlich  die  menschliche  Arbeit“.
«in  man  vom  Gebrauchswert  der  Warenkörper  ab,  bleibt  ihnen  nur  noch
ni  ?  % e nschaft,  die  von  Arbeitsprodukten  ...  Es  (das  Arbeitsprodukt)  ist  auch
0(1  lä nger  das  Produkt  der  Tischlerarbeit  oder  der  Bauarbeit  oder  der  Spinnarbeit
Arh  • Sons l'  einer  bestimmten  produktiven  Arbeit.  Mit  dem  nützlichen  Charakter  der
oeitsprodukte  verschwindet  der  nützliche  Charakter  der  in  ihnen  dargestellten
W  e ! ten »  es  verschwinden  also  auch  die  verschiedenen,  konkreten  Formen  dieser
ih P  eit , en ’  sie  unterscheiden  sich  nicht  länger,  sondern  sind  allesamt  reduziert  auf  gleiche
ns chlichc  Arbeit,  abstrakt  menschliche  Arbeit“  (Kapital,  B.  I,  S.  4,  IV.  Aufl.).
        <pb n="519" />
        496

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Belieben  zu  verwenden.  Welchen  Preis  zahlt  er  dafür?  Den  Preis  ihres
richtigen  Wertes.  Wie  aber  wird  dieser  Wert  bestimmt?  Von  demselben
Gesetz,  das  alle  Tauschwerte  regelt,  und  das  wir  soeben  formuliert  haben.
Die  Arbeitskraft,  die  Arbeit,  ist  eine  Ware  wie  jede  andere  und  ihr  Wert
wird  in  gleicher  Weise  durch  die  zur  Produktion  dieses  spezifischen  Artikels
notwendige  Arbeitszeit  bestimmt 1 ).  Hier  wollen  wir  einen  Augenblick
Halt  machen.
„Die  zur  Produktion  der  Arbeitskraft  notwendige  Arbeitszeit“  —
klingt  zunächst  etwas  erstaunlich!  Für  die,  die  am  Anfang  des  Studiums
der  MARx’schen  Lehre  stehen,  ist  dieser  Punkt  der  am  schwersten  verständliche, ­
  und  trotzdem  ist  er  die  Hauptsache,  denn  Alles  beruht  auf  ihm,
wie  auf  einem  Grundstein.  Und  doch  ist  das  Rätsel  nicht  so  schwer  z u
lösen.  Nehmen  wir  an,  daß  es  sich,  anstatt  um  die  Arbeit  eines  Arbeiters,
um  die  Arbeit  einer  Maschine  handele;  kein  Ingenieur  würde  es  wunderbar
finden,  daß  man  ihn  fragt,  wieviel  eine  Pferdekraft  kostet.  Er  wird,  ]®
nachdem  antworten:  sie  kostet  1  oder  2  kg  Kohle  pro  Stunde,  8  oder  10  kg
pro  Tag,  und  da  der  Wert  dieser  Kohle  selber  nur  eine  gewisse  Meng e
Arbeit  eines  Bergmannes  darstellt,  so  ist  nichts  leichter,  als  sie,  wenn  rhan
will,  in  Arbeit  zu  werten.  Unter  der  Herrschaft  des  Lohnsystems  ist  aber
der  Arbeiter  nichts  Anderes  als  eine  Maschine,  und  soweit  der  Wert  m
Betracht  kommt,  unterscheidet  sich  die  Arbeit  des  Einen  in  nichts  von  der
Arbeit  der  Anderen.  Der  Arbeitstag  oder  die  Arbeitsstunde  eines  Menscher 1
kostet  diejenige  Menge  von  Subsistenzmitteln,  die  nötig  sind,  um  einen
Arbeiter  während  eines  Tages  oder  einer  Stunde  im  Zustande  der  Pr°"
duktionsfähigkeit  zu  erhalten.  Jeder  Arbeitgeber,  der  mit  Naturalie 11
entlohnte  Arbeiter  beschäftigt,  was  bei  landwirtschaftlichen  Arbeite 11
noch  vorkommt,  weiß  sehr  wohl  diese  Rechnung  aufzumachen;  gen ;iU
dasselbe  tritt  in  dem  Falle  ein,  wo  der  Lohn  in  Geld  gezahlt  wird,  da  d aS
gezahlte  Geld  nichts  weiter  als  die  Kosten  dieser  Subsistenzmittel  vorstellt-Gehen
  wir  nun  einen  Schritt  weiter.  Der  Wert  der  zum  Unterhalt
irgendeiner  Arbeit  notwendigen  Subsistenzmittel  ist  niemals  dem  Wert e
des  Erzeugnisses  dieser  selben  Arbeit  gleich.  In  dem  Beispiel,  das  ' vir
gewählt  haben,  wird  er  nicht  10  Stunden,  sondern  nur,  sagen  wir  5  od eI
noch  weniger  Stunden  wert  sein.  Stets  ergibt  sich  für  die  menschlich 0

9  „Was  also  die  kapitalistische  Epoche  charakterisiert,  ist,  daß  die  Arbeitskraft
für  den  Arbeiter  selbst  die  Form  einer  ihm  gehörigen  Ware,  seine  Arbeit  daher  (Iie
Form  der  Lohnarbeit  erhält“  (Kapital,  B.  I,  S.  133,  Anm.  41,  IV.  Aufl.).  „Gleich  alle 11
anderen  Waren  besitzt  sie  (diese  Ware:  die  Arbeitskraft),  einen  Wert.  Wie  wird  er  bestimmt? ­
  Durch  die  .  .  .  zur  Produktion  notwendige  Arbeitszeit.  Zu  seiner  ErhaltneS
bedarf  das  lebendige  Individuum  einer  gewissen  Summe  von  Lebensmitteln.  Die  z uf
Produktion  der  Arbeitskraft  notwendige  Arbeitszeit  löst  sich  also  auf  in  die  zur  P r °'
duktion  dieser  Lebensmittel  notwendige  Arbeitszeit,  oder  der  Wert  der
Arbeitskraft  ist  der  Wert  der  zur  Erhaltung  ihres  Besitzers  notwendigen  Lebensmittel
(Ebenda).
        <pb n="520" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

497

Arbeit  unter  normalen  Bedingungen  ein  Wertüberschuß  des  produzierten
Wertes  über  den  verbrauchten  Wert  hinaus 1 ).
Hiermit  kommen  wir  nun  zu  dem  Kernpunkt  der  Beweisführung.
Hierin  „liegt  das  Geheimnis  der  kapitalistischen  Produktion  enthüllt“.
Man  beachte:  der  durch  die  Arbeit  erzeugte  Wert  ist  der,  den  der  Kapitalist
durch  den  Verkauf  der  Erzeugnisse  einstreicht,  und  der  von  der  Arbeit
verbrauchte  Wert  ist  der,  den  der  Arbeiter  als  Lohn  empfängt.  Daraus
folgt  notwendigerweise,  daß  der  ganze  Unterschied  zwischen  diesen  beiden
Werten  in  den  Händen  des  Kapitalisten  zurückbleibt.  Während  der
Kapitalist  das  Erzeugnis  für  10  Arbeitsstunden  (entstandener  Wert)  verkauft, ­
  gibt  er  den  Arbeitern  nur  den  Gegenwert  von  5  Arbeitsstunden
(konsumierter  Wert)  und  streicht  den  Überschuß  ein.  Diesem  Überschuß
gibt  Marx  den  berühmt  gewordenen  Namen  Mehrwert 2 ).
Hieraus  folgt,  daß  der  Kapitalist  10  Arbeitsstunden  des  Arbeiters
einsteckt  und  ihm  nur  5  auszahlt 3 ).  Mit  anderen  Worten,  der  Arbeiter
liefert  dem  Kapitalisten  5  Stunden  unbezahlte  Arbeit.  Während  der
5  ersten  Stunden  erzeugt  er  den  Gegenwert  seines  Lohnes,  von  der  sechsten
Stunde  an  arbeitet  er  umsonst.  Diesen  Überschuß  nicht  bezahlter  Arbeitsstunden, ­
  die  den  Mehrwert  erzeugen,  nennt  Marx  die  Mehrarbeit:  er
will  damit  eine  überpflichtige  Arbeit  bezeichnen,  von  der  der  Arbeiter
r )  Dieser  Beweis  schließt  daher  ein,  daß  der  vom  Arbeiter  erhaltene  Lohn  notwendigerweise ­
  an  Wert  gleich  dem  Wert  der  zu  seinem  Unterhalt  notwendigen  Lebens-Mittel
  ist.  Das  ist  zuletzt  das  alte  klassische  Gesetz  eines  Turgot  und  Ricardo  (siehe
S-  171  f.),  dasselbe,  das  der  Zeitgenosse  und  Rivale  Marx’,  Lass  alle,  mit  dem
tönenden  Namen  des  ehernen  Lohngesetzes  bezeichnete.  Marx  gibt  diesem  Gesetz
®*ne  angeblich  wissenschaftlichere  Grundlage,  weiter  nichts.  ,
Dieser  Beweis  schließt  aber  auch  ein  Postulat  ein,  das  ebenfalls  bewiesen  werdmi
Müßte,  nämlich  daß  die  zur  Erzeugung  des  Unterhalts  des  Arbeitenden  notwer«Bk
Arbeitsmenge  stets  geringer  ist,  als  die,  die  der  Arbeitende  liefern  k(HHp
was  beweist  denn  ,aber,  daß  der  arbeitende  Mensch  mehr  Wert  schafft,  als  er  WP
braucht?  Liegt  hierin  eine  Naturnotwendigkeit?  —  Marx  liefert  hierfür  keinen  Beweis
ünd  scheint  dies  als  Axiom  anzunehmen.  Es  scheint  in  Wahrheit  durch  die  Tatsachen  j
ünd  die  Geschichte  erwiesen,  daß  die  Arbeit  des  Menschen  nicht  in  ihrer  Gesamtheit
v °n  den  Notwendigkeiten  des  Lebens  aufgebraucht  wird;  denn,  wenn  es  so  wäre,  hätte
s 'ch  das  Menschengeschlecht  niemals  vermehren  können,  hätte  es  niemals  Kapitalien
schaffen  können  und  hätte  niemals  die  Zivilisation,  die  Frucht  der  Freizeit,  gekannt.
Ist  es  aber  zuletzt  nicht  der  „Reinertrag“  der  Physiokraten,  den  wir  hier  wiederinden, ­
  nur  mit  dem  Unterschiede,  daß  er,  anstatt  ein  Privilegium  der  landwirtschaftlichen ­
  Arbeit  zu  sein,  eine  jeder  Arbeit  anhaftende  Eigenschaft  ist?
2 )  Siehe  oben  (S.  200—201)  was  hinsichtlich  Sismondi  und  seiner  Auffassung  des
Oberwertes  gesagt  wird.
3 )  Ist  es  nötig,  darauf  hinzuweisen,  daß  diese  Proportion  der  Hälfte  für  den  Wert
der  Arbeitskraft,  was  100  %  für  den  Mehrwert  vorstellt,  hier  nur  wegen  der  Klarheit
er  Ausführung  angewendet  wird?  Und  doch  behaupten  einige  Marxisten,  wie  Jules
Ouesde,  daß  sie  mit  der  Wirklichkeit  übereinstimmt.  Wahrscheinlich  würde  Marx
m  seiner  Schätzung  zurückhaltender  gewesen  sein.
Gide  und  Rist.  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  02
        <pb n="521" />
        498

“Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

keinen  Nutzen  irgendwelcher  Art  hat,  eine  für  ihn  nutzlose  Mehrbelastung,
die  nur  dazu  dient,  den  Kapitalisten  zu  bereichern.
Natürlicherweise  liegt  es  im  Interesse  des  Kapitalisten,  soviel  wie
möglich  den  Mehrwert,  der  seinen  Profit  darstellt,  zu  vermehren.  Dies
gelingt  ihm  durch  eine  Reihe  von  Handlungen,  deren  Analyse  einen  der
merkwürdigsten  Teile  der  marxistischen  Lehre  darstellt,  die  man  aber
unter  zwei  Hauptpunkten  zusammenfassen  kann:
a)  die  Dauer  des  Arbeitstages  so  viel  wie  möglich  verlängern,  um  die
Anzahl  der  Mehrarbeitsstunden  zu  vermehren.  Wenn  zum  Beispiel  der
Arbeitgeber  den  Arbeitstag  auf  12  Stunden  bringen  könnte,  so  ist  sein
Mehrwert  7  Stunden  am  Tage  statt  5.  Das  Streben  aller  Fabrikanten
ging  nun  gerade  darauf  hin,  dies  zu  tun,  bis  zu  dem  erst  vor  kurzem  eingetretenen ­
  Zeitpunkte,  an  dem  die  Gesetze  die  Dauer  des  Arbeitstages
(aber  nur  dort,  wo  sie  anwendbar  waren!)  beschränkten  und  so  die  erste
Quelle  des  Mehrwertes  zum  Versiegen  brachten.  Daher  stammt  die  Wichtigkeit ­
  der  Verkürzung  der  Arbeitszeit  in  der  MARx’schen  Lehre.  Marx
erinnert,  um  seine  Darlegung  zu  stützen,  an  die  Petition  der  englischen
Fabrikanten,  worin  sie  erklärten,  daß  lediglich  die  letzte  Arbeitsstunde ­
  ihnen  ihren  Gewinn  bringe.
Und  der  Arbeitstag  zählte  damals  14  bis  15  Stunden!  Was  hätten
sie  gesagt,  wenn  sie  den  Achtstundentag  hätten  voraussehen  können!
b)  die  auf  die  Erzeugung  des  Lebensunterhaltes  des  Arbeiters  verwendete ­
  Anzahl  Stunden  zu  verringern.  Wenn  der  Arbeitgeber  sie  von
5  Stunden  auf  3  Stunden  beschränken  kann,  so  ist  es  klar,  daß  er  durch
dieses  Verfahren,  obgleich  es  das  Gegenteil  des  vorhergehenden  ist,  ebenfalls ­
  seinen  Mehrwert  von  5  auf  7  Stunden  erhöht.  Diese  Verringerung
tritt  nun  selbsttätig  ein,  und  zwar  auf  Grund  all  der  industriellen  Vervollkommnungen ­
  oder  irgendwelcher  Organisationen,  die  darauf  abzielen,  die
Kosten  des  Lebensunterhaltes  zu  verbilligen,  wie  zum  Beispiel  durch
Schaffung  kooperativer  Konsumvereine 1 ).  Der  Kapitalist  kann  aber
hierzu  auch  seinerseits  beitragen,  besonders  durch  die  Errichtung  von

*)  Auch  die  Entwicklung  des  Maschinismus  strebt  nach  der  Theorie  des
Marxismus  darauf  hin,  die  Kosten  des  Lebensunterhaltes  zu  verringern  und  infolge'
dessen  auch  den  Preis  der  Arbeit,  indem  der  Preis  der  Kleidung,  der  Möbel  usw.,  und
sogar  (wenn  auch  in  geringerem  Maßstab)  der  der  Nahrungsmittel  fällt.
Aber,  wird  man  einwerfen,  der  Maschinismus  muß  doch  infolge  derselben  Gründe
den  Wert  der  Arbeitserzeugnisse  zum  Sinken  bringen  und  daher  auch  den  Mehrwert
vermindern?  -—  Durchaus  nicht!  Man  darf  nicht  die  Wertverminderung  jeder  durch
die  Maschine  hergestellten  Einheit  mit  dem  gesamten  Wert  der  durch  die  Maschine
hergestellten  Erzeugnisse  verwechseln.  Der  Meter  Tuch,  der  auf  der  Webmaschine
hergestellt  ist,  ist  viel  weniger  wert,  als  der  Meter  Tuch,  der  mit  der  Hand  hergestelW
ist,  aber  der  tägliche  Wert  der  auf  der  Maschine  hergestellten  Menge  Tuch  muß  de®
Wert  des  mit  der  Hand  hergestellten  Tuches  gleich  bleiben,  unter  der  Annahme,  da»
dieselbe  Anzahl  Stunden  auf  seine  Herstellung  Verwendet  worden  ist.
        <pb n="522" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

499

sogenannten  philanthropischen  Wirtschaftseinrichtungen,  oder  durch  die
Beschäftigung  von  Frauen  und  Kindern,  die  zu  ihrem  Unterhalt  eine
geringere  Menge  Lebensmittel  bedürfen,  als  erwachsene  Arbeiter.  Wiederum
haben  sich  nun  die  Fabrikanten  beeilt,  dies  zu  tun,  —  indem  sie  die  Beschäftigung ­
  von  Frauen  und  Kindern  so  verallgemeinerten,  daß  dem
Manne  bald  keine  andere  Arbeit  übrig  blieb,  als  das  Haus  zu  bewahren
und  über  die  Mittagssuppe  zu  wachen!  —  bis  zu  dem  Tage,  an  dem  auch
hier  wieder  die  Gesetze  einschritten,  und  durch  das  Verbot  oder  die  Regelung ­
  der  Frauen-  und  Kinderarbeit  dieser  Taktik  ebenfalls  ein  Ziel  setzten 1 ).
Dies  ist  in  kürzestem  Abriß  die  Beweisführung  von  Marx.  Die
wirklich  selbständige  Ursprünglichkeit  dieses  Nachweises  liegt  darin,  daß
sie  nicht  aus  banalen  Vorwürfen  und  Anklagen  gegen  die  Ausbeutung  der
Arbeiter  und  die  Habsucht  der  Ausbeutenden  besteht,  sonderndaß  si^_^
klar  erklärt,  wie  der  Arbeiter  bestohlen  wird,  trotn4em~~5T  ~cfas,  was
ihm  zukommt,  erhält 2 ).  Der  Kapitalist  bestiehlt  den  Arbeiter  nicht:
e r  hat  die  Arbeitskraft  zu  ihrem  vollen  Werte  bezahlt,  worunter  ihr  wirklicher ­
  Tauschwert  zu  verstehen  ist.  „Das  Kunststück  ist  endlich  gelungen ­
  .  .  .  alle  Bedingungen  des  Problems  sind  gelöst  und  die  Gesetze
des  Warenaustausches  in  keiner  Weise  verletzt.  Äquivalent  wurde  gegen
Äquivalent  ausgetauscht.“  Da  die  kapitalistische  Ordnung  ein  gegebener
Zustand  ist,  wie  auch  der  freie  Arbeitsmarkt  und  das  Wertgesetz,  so
können  sich  die  Dinge  unmöglich  anders  vollziehen.  Vielleicht  ist  der
Arbeiter  von  dem  unerwarteten  Ergebnis  dieser  Operation  überrascht,
die  ihm  nur  die  Hälfte  des  Wertes  seines  Arbeitsertrages  läßt,  und  davon
e benso  erstaunt,  wie  irgendein  Gaffer  von  den  Künsten  eines  Taschen-*)
  Es  gibt  noch  andere  Mittel,  die  Marx  anführt,  die  zur  Mehrarbeit  antreiben
Und  folglich  den  Mehrwert  erhöhen:  wir  erwähnen  nur  die  Intensivierung  der''
Arbeit  —  nicht,  daß  sie  den  Wert  des  Produktes  erhöhe,  da  derselbe  einzig  auf  der
Arbeitszeit  beruht  und  nicht  auf  ihrer  Intensität,  sondern  weil  sie  die  Produktionskosten
uer  Unterhaltsmittel  verringert.  .
q  „Unser  .  .  .  Kapitalist  muß  die  Waren  zu  ihrem  Wert  kaufen,  zu  ihrem  Wert
Verkaufen,  und  dennoch  am  Ende  des  Prozesses  mehr  Wert  herausziehen,  als  er  hinein-.
  .  .  Di es  sind  die  Bedingungen  des  Problems.  Hic  Rhodusl  hic  salta!“
'Kapital,  S.  129,  I.  Aufl.)
Vgl.  oben  (S.  234f.),  was  hinsichtlich  des  Saint-Simonismus  gesagt  worden  ist
URd  über  die  verschiedenen  Phasen,  durch  die  diese  Idee  der  Ausbeutung  des  Lohn-(;
 ®pl'ängers  gegangen  ist.
Obgleich  nach  der  marxistischen  Theorie  der  Kapitalist  den  Arbeiter  nicht  befiehlt, ­
  obgleich  er  sich  nichts  Vorzuwerfen  hat,  da  er  nur  von  einer  Gesamtheit  Von
IQs tänden  profitiert,  die  er  selbst  nicht  ändern  kann,  so  hindert  das  doch  Marx  nicht,
*hn  mit  (j er  äußersten  Strenge  zu  behandeln  (was  von  seinem  Standpunkt  aus  recht
^gerechtfertigt  erscheint).  Nennt  er  das  Kapital  doch  „verstorbene  Arbeit,  die  sich
vampirartig  durch  Einsaugung  lebendiger  Arbeit  belebt,  und  um  so  mehr  lebt,
V  mehr  sie  davon  einsaugtl-  (Kapital,  Bd.I,  S.194,  IV.  Aufl.)  Freilich  könnte  Marx
fwidern,  daß  auch  der  Vampir  sich  nichts  vorzuwerfen  hat,  ebensowenig  wie  der
Kapitalist,  da  auch  er  nur  einer  seiner  Natur  innewohnenden  Notwendigkeit  gehorcht.
32*
        <pb n="523" />
        500

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Spielers,  aber  er  kann  nichts  dagegen  einwenden.  Alles  verläuft  ordnungsmäßig. ­
  Sicherlich  weiß  der  Kapitalist  in  seiner  Schlauheit  sehr  gut,  daß
er,  indem  er  die  Arbeitskraft  kauft,  ein  gutes  Geschäft  macht,  weil  sie  die
einzige  Ware,  das  einzige  Instrument  ist,  das  die  mysteriöse  Kraft  be'sitzt,
eine  Wertquelle  zu  sein  und  mehr  Wert  zu  erzeugen,  als  sie  in  sich  selbst
besitzt 1 ).  Der  Kapitalist  hat,  wie  Marx  sagt,  „den  Casus,  der  ihn  lachen
macht,  vorgesehen“  (Kapital,  IV.Ausg.  S.157;  Anm.  d.  Übers.).  Jedoch
„liegt  hierin  ein  besonders  günstiger  Zufall  für  den  Käufer,  der  in  Nichts
die  Rechte  des  Verkäufers  verletzt“,  und  der  infolgedessen  dem  Arbeiter
keine  Möglichkeit  einer  Klage  auf  Schadenersatz  gibt,  und  zwar  nicht
nur  vom  rechtlichen,  sondern  auch  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt
aus,  —  ebenso  wenig  wie  einem  Bauer,  der  eine  Kuh  verkauft,  die,  ohne
daß  er  es  weiß,  trächtig  ist!
Bis  jetzt  haben  wir  nur  von  der  Arbeit  gesprochen,  aber  die  Hauptperson, ­
  der  Held  des  Buches  von  Karl  Marx,  ist  das  Kapital,  wie  ja  auch
der  Titel  besagt.  Unsere  Darlegung  der  marxistischen  Lehre  über  die  Produktion ­
  würde  daher  sehr  unvollkommen  sein,  wenn  wir  nicht  auch  ausführten, ­
  wie  Marx  die  Rolle  des  Kapitals  in  der  Produktion  versteht.
An  und  für  sich  ist  das  Kapital  selbstverständlich  und  ohne  jede
Frage  steril,  da  ja  die  Voraussetzung  lautet,  daß  die  Arbeit  allein  den
Wert  schafft.  Die  Arbeit  kann  aber  ihre  produktiven  Fähigkeiten  nicht
ausüben,  ohne  eine  gewisse  Menge  Kapital  zu  verbrauchen,  und  es  kommt
darauf  an,  zu  erfahren,  wie  das  Kapital  sich  mit  der  Arbeit  verbindet-Marx
  unterscheidet  im  Kapital  zwei  Teile:
1.  Denjenigen,  der  dazu  dient,  die  Arbeiterbevölkerung  in  Gestalt
von  Löhnen  oder  Existenzmitteln  zu  erhalten.  Die  alten  Ökonomisten
nannten  dies  den  Lohnfonds,  und  er  selbst  nennt  es  das  variable  Kapital-Wenn
  dieses  variable  Kapital  auch  nicht  selbst  produziert,  so  erzeugt  eS
doch,  indem  es  von  der  Arbeit  verbraucht  wird,  den  Wert  und  den  Mehr'
wert.  —
2.  Denjenigen,  der  einfach  dazu  dient,  die  Arbeit  in  Gestalt  von
Werkzeugen,  Maschinen,  Gebäuden  und  so  weiter  zu  unterstützen,  und
den  Marx  das  konstante  Kapital  nennt.  Da  es  nicht  wie  das  and ere
von  der  menschlichen  Arbeit  absorbiert  und  belebt  wird,  kann  es  keinen
Mehrwert  hecken.  Es  produziert  nichts,  aber  es  reproduziert  doch  etwas»
nämlich  seinen  eigenen  Wert,  in  dem  Maße  wie  dieser  im  Laufe  des  P f °'
duktionsprozesses  verbraucht  wird.  Tatsächlich  ist  dieses  konstant
Kapital  offenbar  selbst  nur  das  Produkt  einer  Arbeit;  es  ist  geronnene
] )  „Es  ist  also  eine  Naturgabe  der  sich  betätigenden  Arbeitskraft,  der  lebendig®®
Arbeit,  Werte  zu  erhalten,  indem  sie  Wert  zusetzt  ...  die  Erhaltung  des  vorhanden
Kapitalwerts“  (S.  173,  I.  Aufl.).  „Der  Kapitalist  hat  durch  den  Kauf  der  Arbeitskr^
die  Arbeit  selbst  als  lebendigen  Gärungsstoff  den  toten  von  ihm  gleichfalls  besesse
Bildungselementen  des  Produktes  eiiiverleibt“  (S.  150,  I.  Aufl.).
        <pb n="524" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

501

Arbeit,  und  sein  Wert  wird,  wie  der  eines  jeden  anderen  Erzeugnisses,
von  der  Zahl  von  Arbeitsstunden  bestimmt,  die  es  gekostet  hat.  Dieser
Wert  muß  sich  daher  wieder  finden,  —  gerade  wie  der  der  Rohstoffe,
gerade  wie  der  der  Arbeitskraft  selbst,  —  und  zwar  im  Wert  des  endgültigen ­
  Produktes:  mehr  aber  nicht.  Es  ist  das,  was  die  Volkswirtschaftler
Amortisation  nennen.  Jedermann  weiß  aber,  daß  Amortisation  nicht
Profit  ist 1 ).
Von  diesem  Standpunkt  aus  erscheint  es  nun  selbstverständlich,  daß
es  dem  Kapitalisten  hauptsächlich  darauf  ankommen  müßte,  nur  variables
Kapital  zu  verwenden  oder  wenigstens,  wenn  er  die  Hilfe  des  konstanten
Kapitals  nicht  entbehren  kann,  dieses  auf  das  unentbehrlichste  Minimum
z u  beschränken 2 )!
Wenn  aber  das  konstante  Kapital  wirklich  von  Natur  steril  ist,  woher
kommt  es  dann,  daß  die  Großindustrie  es  in  immer  größerem  Maßstabe
verwendet,  in  Fabrikanlagen,  Maschinen,  Hochöfen,  Eisenbahnen  usw.,
und  daß  man  sie  gerade  an  diesem  charakteristischen  Zuge  erkennt  ?  Nach
ker  eben  aufgestellten  Rechnung  müßte  sie  doch  viel  weniger  Profit
realisieren  als  die  kleine  Handindustrie  oder  die  Landwirtschaft!  Aus  den
klARx’schen  Vordersätzen  ergibt  sich  als  logischer  Schluß,  daß  der  Gewinnsatz ­
  von  Unternehmung  zu  Unternehmung  verschieden  sein  muß  je  nach
der  „Zusammensetzung“  des  Kapitals  aus  variablen  und  konstanten
Bestandteilen:  aber  dieser  Schluß  widerstreitet  dem  axiomatisch  wahren
und  unbestrittenen  Satze,  daß  der  Gewinnsatz  aller  Kapitale  überall  der
gleiche  ist,  die  unter  völlig  freier  Konkurrenz  und  unter  gleichem  Risiko
funktionieren,
*)  Ein  Töpfer  z.  B.  macht  einen  Topf  an  jedem  Arbeitstag  von  10  Stunden,
’ndem  er  nur  seine  Hände  zu  seiner  Arbeit  benutzt:  jeder  Topf  ist  daher  10  Stunden
'vert.  Nun  bedient  sich  aber  der  Töpfer  eines  Instrumentes,  eines  Drehtisches,  das
e ’ n  konstantes  Kapital  vorstellt.  Um  den  Drehtisch  herzustellen,  hat  er  100  Arbeits-Kunden
  aufwenden  müssen.  Wenn  er  fortfährt,  nur  einen  Topf  täglich  zu  machen  (eine
Unständig  widersinnige  Annahme,  da  er  in  diesem  Fall  sich  nicht  die  Mühe  genommen
,  a ben  würde,  den  Drehtisch  anzufertigen!  doch  wollen  wir  diesen  Einwurf  unbeachtet
so  würde  der  Wert  eines  jeden  Topfes  von  jetzt  ab  10  Arbeitsstunden  plus
7  ? 1 '^ 1 'f , °Gsstunden  geteilt  durch  x,  sagen  wir  1000,  sein;  hierbei  stellt  1000  die
a hl  der  Töpfe  vor,  die  der  Drehtisch  bis  zu  seinem  endgültigen  Verbrauch  herzustellen
Scstattet.  Dann  hat  also  jeder  Topf  den  Wert  10  +  Jogg -  =  ^^Jg'
in  -D  ^  Nehmen  wir  zwei  Unternehmungen  A  und  B,  die  jede  ein  Kapital  von  1000
01  Betrieb  stecken  haben.  In  dem  Unternehmen  A  besteht  dieses  Kapital  zu  900  aus
Gablern  Kapital  und  zu  100  aus  konstantem  Kapital,  während  im  Unternehmen  B
umgekehrt  100  auf  das  variable  und  900  auf  das  konstante  Kapital  entfällt.
Wenn  wir  annehmen,  daß  die  Höhe  des  Mehrwerts,  wie  in  unserem  Beispiel,  das
«oben  angeführt  wurde,  100%  sei,  dann  muß  man  sagen,  daß  in  dem  Unternehmen  A
j  er  -^ürwert  900  beträgt  (oder  für  ein  Kapital  von  1000  ein  Satz  von  90%),  während
v  &amp;lt;  em  Unternehmen  B'  der  Mehrwert  nur  100  ausmacht  (oder  für  das  gleiche  Kapital
011  1000  nur  ein  Satz  von  10%).
        <pb n="525" />
        502

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Hier  begegnet  die  MARx’sche  These  einem  Widerspruch  mit  den  Tatsachen, ­
  der  die  Ausleger  des  Meisters  zur  Verzweiflung  getrieben  hat,
und  auch  ihm  selbst  keine  kleine  Verlegenheit  gewesen  ist,  wenn  man
nach  der  mühseligen  Erläuterung  urteilen  darf,  durch  die  er  jene  Antinomie
'aufzulösen  versucht 1 ).
Marx  antwortet,  daß  in  der  Tat  die  Höhe  des  Profits  für  alle  Kapitalien ­
  eines  Landes  gleich  ist,  daß  aber  diese  Höhe  sich  bildet  als  Durchschnitt ­
  aller  Unternehmungen,  —  mit  anderen  Worten,  daß  die  Höhe  des
Profits  die  sei,  die  eintreten  würde,  wenn  alle  Unternehmungen  eines
Landes,  unter  Beibehaltung  der  Verhältnisse  zwischen  ihren  variablen
und  konstanten  Kapitalien,  nur  eine  einzige  bilden:  eine  Art  nationalen
Trust.  Hierbei  handelt  es  sich  nicht  um  einen  einfachen,  statistischen
Durchschnitt,  sondern  um  einen  Durchschnitt,  der  durch  die  Konkurrenz
allen  Unternehmungen  aufgezwungen  wird 2 ).  Hieraus  ergibt  sich  nun
eine  unerwartete  Folge!  Die  Unternehmungen  nämlich,  in  denen  das
variable  Kapital  vorherrscht,  wie  z.  B.  in  der  Landwirtschaft,  müssen,
da  die  Höhe  ihres  Profits  auf  den  Durchschnitt  zurückgeführt  wird,  viel
Weniger  erhalten  als  den  Mehrwert,  auf  den  die  Zusammensetzung  ihrer
Kapitalien  ihnen  zu  rechnen  gestatten  sollte.  —  Daher  nennt  sie  auch
Marx  „Unternehmungen  niederer  organischer  Zusammensetzung“.  "
Im  Gegenteil  dazu  erhalten  die  Unternehmungen,  bei  denen  das  konstante

J )  Diese  Erklärung  findet  sich  besonders  in  den  nach  seinem  Tode  veröffentlichte! 1
Bänden  des  Kapital.
Allerdings  hatte  Marx  diesen  Widerspruch  in  seinem  ersten  Bande  bemerkt
und  für  die  Erklärung  auf  die  folgenden  Bände  verwiesen.  Er  schreibt  (Kapital-S.
  285—286,  I.  Aufl.),  nachdem  er  behauptet  hat,  daß  die  Mengen  der  Mehrwerte  iu
direktem  Verhältnis  zu  der  Proportion  an  variablen  Kapitalien,  die  in  den  Betrieben
stecken,  stehen:  „Dies  Gesetz  widerspricht  offenbar  jeder  auf  den  Auge«'
schein  gegründeten  Erfahrung.  Jedermann  weiß,  daß  ein  Baumwollspinnerder ­
  die  Prozentteile  des  angewandten  Gesamtkapitals  berechnet,  relativ  viel  konstantes ­
  und  wenig  variables  Kapital  anwendet,  deswegen  keinen  kleineren  Gewinn
oder  Mehrwert  erbeutet  als  ein  Bäcker,  der  relativ  viel  variables  und  wenig  konstantes
Kapital  in  Bewegung  setzt.  Zur  Lösung  dieses  scheinbaren  Widerspruchs  bedarf  eS
noch  vieler  Mittelglieder,  wie  es  vom  Standpunkt  der  elementaren  Algebra  viele 1
Mittelglieder  bedarf,  um  zu  verstehen,  daß  eine  wirkliche  Größe  darstellen  kann-Obgleich
  sie  das  Gesetz  nie  formuliert  hat,  hängt  die  klassische  Ökonomie  instinktiv
daran  fest,  weil  es  eine  notwendige  Konsequenz  des  Wertgesetzes  überhaupt  ist.
Wahrscheinlich  ist  Marx  nicht  sehr  mit  seiner  Erklärung  zufrieden  gewesenda
  er  die  Bände,  in  denen  er  sie  zu  formulieren  sucht,  nicht  selbst  herausgegeben  bata
 )  Nehmen  wir,  wie  in  dem  vorhergehenden  Beispiel  an,  daß  A  und  B  alle  Industrien ­
  ihres  Landes  vorstellen:  die  Nationalindustrie  würde  dann  aus  900  pln s  r
variablem  und  aus  100  plus  900  konstantem  Kapital  zusammengesetzt  sein,  also  n®
ganzen  aus  2000  bestehen.  Wenn  wir  nun  annehmen,  daß  der  Mehrwert  100%  ( fur
das  variable  Kapital)  sei,  so  wird  der  Gosamtm  ehr  wert  900  plus  100,  oder  1000  erreich® 1 -
was  für  ein  Gesamtkapital  von  2000  einen  Gewinnsatz  von  50%  ausmacht.
        <pb n="526" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

503

Kapital  vorherrscht,  mehr  als  das,  was  die  Zusammensetzung  ihres  Kapitals
ihnen  zu  erhoffen  gestatten  sollte!  —  Daher  nennt  sie  Marx  auch  Unternehmungen ­
  „höherer  organischer  Zusammensetzung“ 1 ).  Dies  erklärt,
weshalb  die  Unternehmungen  mit  großer  Ausstattung  sich  so  stark  vermehren, ­
  im  Gegensatz  zu  dem,  was  der  erste  Blick  vermuten  lassen  könnte.
Denn  gerade  sie  werden  begünstigt,  weil  sie  höhere  Profite  erzielen,
Ms  die  von  ihnen  beschäftigte  Mehrarbeit  und  der  normalerweise  darauf
beruhende  Mehrwert  sonst  ergeben 2 ).
Bei  aller  Hochachtung  vor  dieser  geistsprühenden  Dialektik  dürfen
wir  uns  nicht  soweit  davon  blenden  lassen,  daß  wir  die  brutale  Tatsache
nicht  mehr  sehen,  die  sie  zu  verhüllen  bezweckt  und  dennoch  implizite
zugeben  muß,  nämlich,  daß  die  Höhe  des  Profits  (also  auch  der  Wert  des
Produktes,  was  wohl  zu  beachten  ist,  da  das  Eine  das  Andere  bedingt!)
durch  die  Konkurrenz  geregelt  wird,  d.  h.  durch  das  Gesetz  des  Angebotes
und  der  Nachfrage,  ohne  jede  notwendige  Verbindung  mit  der  Menge
der  aufgewandten  Arbeit!  Und  die  Erklärung  enthält  auch  das  Eingeständnis, ­
  daß  der  Unternehmer,  anstatt  seine  Gewinne  im  gleichen  Maßstabe, ­
  wie  er  weniger  menschliche  Arbeit  verwendet,  geringer  werden  zu
sehen,  dadurch  im  Gegenteil  einen  immer  größeren  Vorteil  hat!  Dieser
Widerspruch  ist  gerade  einer  der  Bisse,  die,  wie  wir  sehen  werden,  den
Zusammenbruch  des  majestätischen  marxischen  Gebäudes  nach  sich
Mehen  sollten.

J )  So  würde  in  dem  auf  der  vorhergehenden  Seite,  Anm.  2  angeführten  Beispiel,
da  das  Mittel  zwischen  900  und  100  =  500  ist,  das  Unternehmen  A,  anstatt  90  %  Mehrwert, ­
  nur  50  %  erhalten,  und  das  Unternehmen  B,  anstatt  nur  10  %  aufzuweisen,  würde
60  %  einstreichen.
2 )  Wenn  wir  in  dieser  Darlegung  häufig  das  Wort  Profit  an  Stelle  Mehrwert
gebraucht  haben,  so  geschieht  das,  um  durch  den  Gebrauch  eines  bekannteren  Wortes
an  Klarheit  zu  gewinnen.  Wir  müssen  aber  darauf  besonders  aufmerksam  machen,
daß  die  beiden  Worte  keineswegs  vollständig  synonym  sind.  Der  Mehrwert  ist  alles
das,  was  im  Wert  des  Produktes  die  Unterhaltskosten  der  Arbeit  übersteigt,  ist  also
das  riesige  Stück  des  Kuchens,  in  das  sich  alle  Gesellschaftsklassen,  außer  der  Arbeiterklasse, ­
  teilen,  d.h.  nicht  nur  die  Industriellen,  sondern  auch  die  Kaufleute,  Rentiers  usw.,
~~  während  der  Profit  nur  jener  Teil  des  Mehrwertes  ist,  der  in  den  Händen  der  Unternehmer ­
  bleibt,  die  unmittelbar  Lohnempfänger  beschäftigen.  Die  Höhe  des  Profits
Jst  übrigens  ganz  verschieden  von  der  des  Mehrwertes,  wie  wir  oben  besonders  erwähnt
haben.

Wir  weisen  daher  nochmals  darauf  hin  (siehe  S.  408,  Anm.  2,  al.  3  [S.409]),  daß  im
Wort  Profit  verschiedene  Bedeutungen  unterschieden  werden  müssen.  Im  Sprachgebrauch ­
  von  Marx,  wie  in  dem  aller  englischen  Volkswirtschaftler,  umfaßt  das  Wort
r ofit  das  ganze  Einkommen  aus  Kapital,  so  wie  es  unter  der  Herrschaft  der  freien
Konkurrenz  auftritt,  ohne  Unterscheidung  zwischen  dem  eigentlichen  Profitgewinn  und
Zinsen,  während  man  heute  unter  Profit  das  Einkommen  des  Unternehmers,  das
hf  gewissen  günstigen  Umständen,  besonders  auf  dem  unvollkommenen  Spiel  der
Konkurrenz  beruht,  als  verschieden  von  dem  des  Kapitalisten  versteht.
d  Bei  dieser  letzteren  Auffassung  nun  würde  es  unsinnig  sein,  von  einem  Gesetz
w  Gleichheit  der  Profite  zu  sprechen,  da  der  Profit,  so  wie  wir  ihn  eben  definiert
ab en,  notwendigerweise,  wie  die  Bodenrente,  ein  differentielles  Einkommen  darstellt.
        <pb n="527" />
        504

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

§  2.  Das  Gesetz  der  Konzentration  oder  Expropriation.
Die  MAKx’sche  These 1 )  lautet,  daß  das  sogenannte  Gesetz  der  Konzentration ­
  und  die  richtig  ausgelegte  Wirtschaftsgeschichte  beweisen:  daß  die
uns  umgebende  Ordnung,  die  des  Privatunternehmens  und  der  privaten
Aneignung,  im  Begriff  steht,  einer  neuen  Ordnung  der  Dinge  Platz  zu
machen,  die  das  System  der  kollektiven  Unternehmung  und  des  gesellschaftlichen ­
  Eigentums  sein  wird,  das  man  aus  diesem  Grunde  mit  dem
Namen  Kollektivismus  bezeichnet 2 ).  Der  Beweis  wird  wie  folgt  geliefert. ­

Auch  diesmal  muß  man  etwas  weit  zurückgehen:  bis  ins  16.  Jahrhundert. ­
  Dort  liegen  die  Anfänge  der  heutigen,  sogenannten  kapitalistischen
Wirtschaftsperiode.  Bis  dahin  gab  es  kein  Kapital  und  sogar  keine  Kapitalisten. ­
  Zwar  existierte  natürlich  das  Kapital  in  dem  Sinne,  den  die
Ökonomisten  diesem  Worte  geben,  d.  h.  unter  der  Form  von  Produktionsmitteln. ­
  Das  Wort  Kapital  hat  aber  für  die  Sozialisten  eine  andere
Bedeutung,  die,  wie  man  zugeben  muß,  dem  Sprachgebrauch  näher  steht:

*)•  Um  dem  Leser  das  Verständnis  der  Darlegung  zu  erleichtern,  beginnen  wir
damit,  ihren  Schluß  darzustellen;  aber  es  bleibt  dem  Leser  unbenommen,  wenn  er
glaubt,  daß  dadurch  die  Marx  schuldige  Achtung  besser  gewahrt  wird,  anzunehmen,
daß  seine  Lehre  rein  objektiv  und  durch  keine  revolutionäre  Absicht  eingegeben  ist,
im  Gegensatz  zu  derjenigen  Bastiat’s,  der  im  umgekehrten  Sinne  Apologet  war,  und
daraus  kein  Geheimnis  machte.
Ein  so  großer  Geist  man  aber  auch  sein  möge,  wir  sind  doch  der  Meinung,  daß
in  allen  Wissenschaften  man  nur  das  finden  wird,  was  man  sucht,  und  es  dürfte  schwer
sein,  leugnen  zu  wollen,  daß  Marx  nicht  nur  lange,  bevor  er  das  Kapital  geschrieben
hat,  Sozialist  war,  sondern  auch  bevor  er  sein  System  aufgebaut  hat.  Hiermit  glauben
wir  mit  nichten,  ihn  irgendwie  zu  verkleinern.
2 )  Es  ist  aber  zu  bemerken,  daß  der  allgemeine  Gebrauch  des  Wortes  „Kollektivismus“ ­
  nichts  mit  Marx  zu  tun  hat,  denn  das  kommunistische  Manifest  gebraucht
nur  das  Wort  „Kommunismus“,  das  es  auf  jeder  Seite  wiederholt.
Wenn  man  James  Guillaume  (Vorrede  zum  Bd.  II  des  ffiüvres  de  Bakounine,
S.  XXXVI)  Glauben  schenken  soll,  wäre  der  Ursprung  des  Wortes  „Kollektivismus 1 -
der  folgende:  „Auf  dem  4.  allgemeinen  Kongreß  der  Internationale  zu  Basel  (1869)
sprachen  sich  die  Delegierten  der  Internationale  fast  einstimmig  für  das  Wort  „Kollektiveigentum“
  (Propriete  collective)  aus;  man  konnte  aber  wahrnehmen,  daß  unter  ihnen
zwei  verschiedene  Strömungen  herrschten;  die  Einen,  Engländer,  Deutsche,  Deutsch-Schweizer,
  waren  Staatskommunisten,  die  Anderen,  Belgier,  Spanier,  französische
Schweizer  und  fast  alle  Franzosen,  waren  anti-autoritäre  Kommunisten,  Föderalisten
oder  Anarchisten,  die  den  Namen  Kollektivisten  annahmen.  Bakunin  gehörte
zu  dieser  zweiten  Partei,  unter  der  sich  auch  der  Belgier  de  Paepe  und  der  Franz°® e
Varlin  befanden.“  —  Es  ist  auch  bemerkenswert,  daß  Bakunin  sich  selbst  als  Kollcktivisten
  bezeichnet  (was  Marx  niemals  getan  hat),  aber  nicht  als  Kommunisten:  ers
seit  Kropotkln  ist  der  Anarchismus  wieder  kommunistisch  geworden  (vgl.  unten  üb e
die  anarchistischen  Lehren).
        <pb n="528" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

505

Kapital  ist  das,  was  eine  Rente  erzeugt,  und  das  Wort  Rente  bedeutet
ein  nicht  durch  die  Arbeit  des  Kapitalisten,  sondern  durch  die  Arbeit
Anderer  erzeugtes  Einkommen.  Nun  waren  aber  unter  der  Zunftordnung
die  meisten  Arbeiter  Eigentümer  ihrer  Produktionsmittel.
Dann  aber  trat  eine  Reihe  von  Ursachen  auf,  die  wir  hier  nicht  untersuchen ­
  können,  deinen  äußerst  dramatische  Darlegung  man  aber  in  den
Büchern  Marx’  nachlesen  mag,  —  die  Eröffnung  neuer  Verbindungswege,
nnd  infolgedessen  neuer  Märkte,  dank  den  großen  überseeischen  Entdeckungen ­
  und  der  Errichtung  der  großen  modernen  Staaten,  die  Schaffung
der  Großbanken  und  der  großen  Kolonisationsgesellschaften,  die  Entstehung ­
  der  Staatsschulden  usw.,  —  die  Alle  nach  und  nach  die  Ansammlung
des  Kapitals  in  den  Händen  Einiger  herbeiführten,  und  die  Expropriation
der  kleinen  Handwerkerbesitzer  verursachten.
Dies  war  aber  nur  der  Anfang.  Damit  das  Kapital,  im  eigentlichen
Sinne  dieses  Wortes,  d.  h.  als  Mittel,  sich  durch  die  Arbeit  Anderer  ein
Einkommen  zu  verschaffen,  entstehen  und  sich  entwickeln  konnte,  damit
die  Phänomene  der  Mehrarbeit  und  des  Mehrwerts,  die  wir  soeben  analysiert
haben,  auftreten  und  zur  Schaffung  und  zum  Unterhalt  dieses  Kapitals
dienen  könnten,  war  es  notwendig,  daß  der  Kapitalist  auf  dem  Markte
jene  Ware  kaufen  konnte,  die  die  wunderbare  Eigenschaft  besitzt,  den
Mehrwert  zu  hecken.  Damit  aber  die  Arbeitskraft  gekauft  werden  konnte,
mußte  sie  verfügbar,  von  ihren  Produktionsinstrumenten  und  ihrem
Milieu  losgelöst,  sowie  aller  Bande  des  Kleinbesitzes,  der  Hörigkeit  und  der
Zunftordnung  entledigt  sein.  Die  Arbeit  mußte  frei  werden,  wie  man  so
Sa gt;  oder  besser,  sie  mußte  sich  im  Gegenteil  gezwungen  finden,  „sich  freiwillig ­
  zu  verkaufen,  weil  dem  Arbeiter  nichts  anderes  zu  verkaufen  blieb“.
Lange  Zeit  hindurch  hatte  der  Handwerker  dem  Publikum  seine  Produkte ­
  ohne  Zwischenhändler  verkauft;  es  kam  aber  ein  Tag,  an  dem  er
seine  Erzeugnisse  nicht  mehr  absetzen  konnte  und  gezwungen  war,  sich
selbst  zu  verkaufen 1 ).
Zur  Schaffung  des  neuen  Eigentums,  das  sich  auf  die  Arbeit  Anderer
gründen  sollte,  war  es  also  nötig,  daß  die  Entwicklung  sich  vollzog,  die
das  auf  eigene  Arbeit  begründete  Eigentum  vernichtete  und  durch  das
moderne  Proletariat  ersetzte.  An  dieser  Aufgabe  der  Vernichtung  arbeitete
die  Bourgeoisie  drei  Jahrhunderte  hindurch,  und  die  Proklamation  der
Arbeitsfreiheit  und  der  Menschenrechte  war  nur  die  Proklamation  ihres

*)  Beim  ...  verwandelt  sich,  so  scheint  es,  schon  in  etwas  die  Physionomie  unserer
•Gamatis  personae.  Der  ehemalige  Geldbesitzer  schreitet  voran  als  Kapitalist,
( kr  Arbeitskraft-Besitzer  folgt  ihm  nach  als  sein  Arbeiter;  der  eine  bedeutungsvoll
schmunzelnd  und  geschäftseifrig,  der  andere  scheu,  widerstrebsam,  wie  jemand,  der
seine  eigene  Haut  zu  Markte  getragen  und  nichts  anderes  zu  erwarten  hat  als  die
Berberei.“  (Kapital,  S.  140—141,  I.  Aufl.)
        <pb n="529" />
        506

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Sieges.  Ihr  Werk  war  beendet:  die  Expropriation  des  Handwerkers,  der
von  nun  an  in  die  Masse  des  Proletariats  versinken  mußte,  war  vollendet.
In  Wahrheit  ist  sie  sogar  in  den  Ländern,  in  denen  die  kapitalistische
Herrschaft  am  höchsten  gediehen  ist,  noch  nicht  vollständig  durchgeführt,
aber  sie  vollendet  sich  von  selbst,  ganz  selbsttätig,  auf  Grund  der  folgenden
Ursachen:
a)  Durch  die  beständige  Entwicklung  der  Großproduktion,  sei  es
unter  der  Form  des  Maschinenbetriebes,  sei  es  unter  der  Form  von  Organisationen, ­
  die  Marx  selbst  noch  nicht  kannte,  die  aber  seitdem  entstanden
sind,  und  seine  Voraussagen  bestätigt  haben,  wie  die  Industriesyndikate
und  die  Trusts,  —  hauptsächlich  aber  diese  letzteren,  deren  sozialistische
Bedeutung  außerordentlich  groß  ist,  da  sie  jetzt  die  kleinen  Kapitalisten
zugunsten  der  Milliardäre  expropriieren.  So  hat  die  Entwicklung  der
Großproduktion  als  Gegenstück  die  wachsende  Proletarisierung  der  Massen
im  Gefolge;  so  arbeitet  der  Kapitalismus  unablässig  daran,  die  Menge  der
Arbeiter,  der  Lohnempfänger,  d.  h.  die  Zahl  der  geborenen  Feinde  des
Kapitals  zu  vermehren.  „Sie  (die  Bourgeoisie)  produziert  vor  allem  ihre
eigenen  Totengräber“ 1 ).
b)  Durch  die  Überproduktion,  die  die  Arbeitslosigkeit  nach  sich  zieht,
und  die  einen  Überfluß  an  Arbeiterbevölkerung  schafft,  die  sich  stets  auf
dem  Markt  anbietet,  eine  wirkliche  „industrielle  Reservearmee“,  aus
der  der  Kapitaüst  nach  Belieben  schöpfen  kann,  elende  Wracks,  die  von
der  Ebbe  und  Flut  der  krampfhaften  industriellen  Krisen  beständig  an  die
Küste  gespült  und  wieder  weggeschwemmt  werden 1  2 ).
c)  Durch  die  Konzentration  der  ländlichen  Bevölkerung  in  den  Städten,
die  wieder  durch  das  Verschwinden  des  Kleinbesitzes  verursacht  wird,
durch  den  Ersatz  des  Getreidebaues  durch  Weidewirtschaft  usw.,  der
ebenfalls  dazu  beiträgt,  eine  stetig  wachsende  Zahl  von  bis  dahin  unabhängigen ­
  Besitzern  und  Produzenten  dem  expropriierten  Proletariat  einzureihen. ­

Auf  diese  Weise  ist  die  kapitalistische  Klasse  geboren  worden  und  so
ist  sie  aufgewachsen.  „Sie  kam  zur  Welt,  über  und  über  mit  Blut  beschmiert.“ ­
  Man  sieht,  wie  ihre  wirkliche  Geschichte  wenig  mit  jener
idyllischen  Geschichte,  die  uns  die  Ökonomisten  erzählen,  übereinstimnit,
die  uns  das  Kapital  als  die  langsam  gereifte  Frucht  der  persönlichen  Arbeit
und  Enthaltsamkeit  darstellen,  und  die  uns  das  Nebeneinander  der  beiden
Klassen,  der  Kapitalisten  und  der  Lohnempfänger,  erklären,  „auf  Grund

1 )  Kommunistisches  Manifest,  S.  18.
2 )  Es  muß  aber  bemerkt  werden,  daß  die  Trusts  gerade  die  Aufgabe  haben,  “ ie
Überproduktion  zu  vermeiden,  aber  doch  die  Arbeitslosigkeit  nicht  verhindern:  n®
Gegenteill  eins  ihrer  Mittel  besteht  gerade  darin,  schlecht  gelegene  Fabriken  stu*
zulegen.
        <pb n="530" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

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1*  60^
\  %
einer  zufälligen  Begebenheit,  die  sich  einige  Tage  nach  der  Erschaffung
der  Welt  zugetragen  hat“,  damals,  als  die  Guten  und  die  Klugen  den  Weg
nach  Oben  nahmen,  die  Faulen  und  Lasterhaften  aber  den  Weg  nach
Unten  wählten!
So  ist  die  kapitalistische  Ordnung  aus  dem  Kampf  der  Klassen  hervorgegangen. ­
  Und  der  Klassenkampf  wird  sie  auch  vernichten.  Ebenso,
wie  sie  begonnen  hat,  wird  sie  endigen:  „Die  Expropriatoren  werden
expropriiert  werden.“  Wie  wird  sich  diese  Expropriation  vollziehen?
Hierüber  gibt  Karl  Marx  keine  Einzelheiten:  er  enthält  sich  jeder  Voraussage ­
  über  die  Zukunft  und  unterscheidet  sich  dadurch  vorteilhaft  von
all  jenen  Fabrikanten  sozialistischer  Romane:  „Im  Jahre  2000!“  Er  begnügt ­
  sich  mit  dem  Nachweis,  daß  dieselben  Gesetze,  die  die  Schaffung
und  Entwicklung  der  kapitalistischen  Ordnung  bestimmt  haben,  auch  ihren
Untergang  bestimmen 1 ).  Der  natürliche  Lauf  der  Dinge  wird  ihn  herbeiführen: ­
  ihr  Ende  ist  Selbstzerstörung.  „Der  Kapitalismus“,  sagt  ein
Sozialist  der  marxistischen  Schule,  „schafft  selbst  seine  eigene  Vernichtung,
and  dies  mit  der  Fatalität,  die  den  Umwandlungen  in  der  Natur  zugrunde
liegt“ 1  2 ).  Im  Folgenden  führen  wir  einige  der  Tatsachen  an,  die  uns  ankündigen, ­
  daß  diese  Selbstzerstörung  schon  jetzt  am  Werke  ist:
a)  Die  Krisen  der  Überproduktion  (oder  vielmehr  der  Unterkonsumtion) ­
  werden  chronisch.  Sie  ruinieren  den  Kapitalismus  und  sind
doch  mit  ihm  unlöslich  verbunden.  Denn  das  beständige  Anwachsen  des
konstanten  Kapitals  im  Verhältnis  zum  variablen  Kapital  (mit  anderen
Worten'die  Verwendung  von  Maschinen,  die  eine  Verminderung  der  menschlichen ­
  Arbeit  nach  sich  zieht),  drängt  beständig  auf  ein  Fallen  des  Mehrwertes ­
  hin.  Um  gegen  diesen  Rückgang  anzukämpfen,  sind  die  Kapitalisten
gezwungen,  ohne  Unterlaß  die  Produktion  zu  vermehren,  oder,  wie  man
Sa gt  „die  Menge  muß  es  bringen“.  Auf  der  anderen  Seite  ist  es  den  Arbeitern
ttiehr  und  mehr  unmöglich,  mit  ihrem  Lohn  die  Erzeugnisse  ihrer  Arbeit
zurückzukaufen,  weil  sie  niemals  einen  mit  dem  Erzeugnis  ihrer  Arbeit
gleichen  Wert  als  Lohn  erhalten,  und  weil  sie  sich  außerdem  periodisch
ohne  Arbeit  finden,  —  zeitweilig  zur  Arbeitslosigkeit  verdammt  sind.  Wie
Vir  schon  gesehen  haben,  ist  dies  auch  ein  Gedanke  Proudhon’s,  auf  den
er  besonderen  Nachdruck  legte,  und  wir  haben  hier  einen  der  Fälle,  in
denen  es  schwer  sein  dürfte,  den  Einfluß  Proudhon’s  auf  Marx  zu  leugnen.
Die  bezeichnendste  Idee  der  marxistischen  Theorie  ist  daher,  daß
jede  Krise  von  einer  Störung  des  Gleichgewichts  zwischen  dem  variablen
Un &amp;lt;l  dem  konstanten  Kapital  herrührt,  weil  das  beständige  Wachstum
des  letzteren  in  einem  gegebenen  Augenblick  diesem  die  Unterlage  entzieht
^daß  aber  die  Krisis  selbst,  indem  sie  den  Zusammenbruch  eines  Teiles
1 )  Dieses  angebliche  Gesetz  wird  hauptsächlich  ün  kommunistischen  Manifest
UHt  großer  Beredsamkeit  dargelegt.
2 )  Labriola  (Anton).
        <pb n="531" />
        508

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

des  konstanten  Kapitals  hervorruft,  dem  Mehrwert  gestattet,  einen  neuen
Aufschwung  zu  nehmen  —  bis  eine  neue  Übertreibung  der  Kapitalisation
eintritt,  eine  neue  Krise  nach  sich  zieht  und  so  im  Kreislauf  weiter 1 ).
b)  Die  Entwicklung  des  Pauperismus,  der  selbst  wieder  sich  aus
diesen  Krisen  und  der  Arbeitslosigkeit  ergibt.  Die  kapitalistische  Klasse
„ist  unfähig  zu  herrschen,  weil  sie  unfähig  ist,  ihren  Sklaven  die  Existenz
selbst  innerhalb  ihrer  Sklaverei  zu  sichern,  weil  sie  gezwungen  ist,  sie  in
eine  Lage  herabsinken  zu  lassen,  wo  sie  sie  ernähren  muß,  anstatt
von  ihnen  ernährt  zu  werden“ 1  2 ).
c)  Die  Vermehrung  der  Aktiengesellschaften.  Hierdurch  verflüchtigt ­
  sich  das  individuelle  Eigentum  in  Papierfetzen;  an  diesem  Stück
Papier,  an  der  Aktie,  klebt  der  Rechtstitel,  und  nicht  einmal  der  Name
des  Besitzers  kommt  in  Betracht.  In  Wirklichkeit  ist  das  Stück  Papier
ohne  Namen  der  Besitzer.  Der  Profit  erscheint  in  seiner  ganzen  Nacktheit,
als  Dividende,  die  von  jeder  Arbeit  unabhängig  ist,  als  ein  Abzug  vom
Arbeitsertrag  des  Arbeiters.  Die  Unternehmerfunktion  ist  hier  von  jedem
Charakter  einer  Leitung,  einer  Initiative  oder  einer  persönlichen  Arbeit
entkleidet,  der  früher  dazu  diente,  sie  mit  einem  Mäntelchen  zu  umgeben
und  sie  in  den  individuellen  Unternehmungen  zu  rechtfertigen;  sie  löst
sich  in  zwei  Funktionen  auf:  —  auf  der  einen  Seite  der  parasitische  Großaktionär, ­
  —  auf  der  anderen  Seite  der  besoldete  Direktor.
An  dem  Tage,  an  dem  alle  Unternehmungen  eines  Landes  die  Form
von  Aktiengesellschaften  angenommen  haben  werden,  oder  noch  besser,
zu  Trusts  geworden  sind,  die  die  Aktiengesellschaft  am  vollkommensten
zum  Ausdruck  bringen,  sind  sie  zur  sozialistischen  Expropriation  reif,
es  dann  genügen  wird,  mit  einem  einfachen  Federstrich  alle  Rechtstitel,
die  auf  die  Namen  der  Aktionäre  lauteten,  auf  den  der  Nation  zu  übertragen. ­
  Man  wird  sogar  nicht  einmal  bemerken,  daß  irgend  etwas  in  dem
wirtschaftlichen  Mechanismus  verändert  ist.
So  wird  also  die  Expropriation  der  bürgerlichen  Klasse  viel  leichter
vor  sich  gehen  als  vor  einigen  Jahrhunderten  die  Expropriation  der  Handwerker ­
  durch  die  Kapitalisten!  Zur  Durchführung  der  Expropriation
von  gestern  war  „die  Expropriation  der  großen  Masse  durch  einige  Usurpatoren“ ­
  erforderlich,  während  es  für  die  von  morgen  dank  dem  Gesetz
1 )  „Die  ganze  Bewegungsform  der  modernen  Industrie  erwächst  also  aus  der
beständigen  Verwandlung  eines  Teiles  der  Arbeiterbevölkeruhg  in  unbeschäftigte  oder
halbbeschäftigte  Hände.  Die  Oberflächlichkeit  der  politischen  Ökonomie  zeigt  sic»
u.  a.  darin,  daß  sie  die  Expansion  und  Kontraktion  des  Kredits,  das  bloße  Sympto®
der  Wechselperioden  des  industriellen  Zyklus,  zu  deren  Ursache  macht.  Ganz  wie
die  Himmelskörper,  sobald  sie  durch  den  ersten  Stoß  in  eine  bestimmte  Bewegung
geschleudert  sind,  dieselbe  Bewegung  stets  reproduzieren,  so  die  gesellschaftliche  Pf 0 '
duktion,  sobald  sie  einmal  in  jene  Bewegung  wechselnder  Expansion  und  Kontraktion
geworfen  ist“  (Kapital,  S.  619,  I.  Aufl.).
2 )  Kommunistisches  Manifest,  S.  18.
        <pb n="532" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

509

der  Konzentration  genügen  wird,  „die  Expropriation  weniger  Usurpatoren
durch  die  große  Masse“  auszuführen.
Was  ist  nun  zum  Schluß  —  wir  wollen  nicht  sagen,  der  Zweck  oder
das  Ziel,  da  der  Marxismus  sich  weigert,  ein  solches  anzugeben  —  aber  zum
wenigsten  die  Voraussage  des  marxistischen  Programms?  Gewöhnlich
sagt  man:  die  Abschaffung  des  Privateigentums,  und  hierzu  ist  man  um
so  mehr  berechtigt,  da  das  kommunistische  Manifest  dies  in  klaren
Worten  ausspricht:  „In  diesem  Sinn  können  die  Kommunisten  ihre  Theorien
in  dem  einen  Ausdruck:  Aufhebung  des  Privateigentums  —  zusammenfassen“ ­
 1 ).
Das  Manifest  führt  aber  zugleich  aus,  wie  dies  zu  verstehen  ist.  Das
Privateigentum,  um  dessen  Abschaffung  es  sich  handelt,  ist  nicht  das
Recht  des  Arbeiters  auf  das  Erzeugnis  seiner  Arbeit,  sondern  das  Recht
auf  das  Erzeugnis  der  Arbeit  Anderer,  der  Arbeit  des  Lohnempfängers.
Es  ist  die  Form  des  Besitzes,  die  Privateigentum  genannt  wird,  die  man
aber  genauer  bürgerliches  Eigentum  nennen  sollte,  und  die  bestimmt  ist,
unter  der  kollektivistischen  Ordnung  zu  verschwinden.  Was  das  Eigentumsrecht ­
  des  Menschen  an  dem  Produkt  seiner  Arbeit  anlangt,  wie  es
früher  unter  der  Herrschaft  der  Zünfte  und  der  bäuerlichen  Landwirtschaft
existierte,  so  hat  es  vom  Kollektivismus  nichts  zu  fürchten:  der  Kapitalismus ­
  ist  es,  der  im  Zuge  ist,  es  zu  zerstören,  indem  er  es  durch  das  Lohnsystem ­
  ersetzt!  Weit  davon  entfernt,  dieses  Eigentumsrecht  zu  vernichten, ­
  wird  es  der  Kollektivismus  wieder  ins  Leben  rufen  —  nicht  mehr
unter  der  veralteten  und  individualistischen  Form  des  Eigentums  des
Arbeiters  an  der  von  seiner  Arbeit  erzeugten  Sache,  denn  dies  ist  in  Zukunft ­
  mit  den  Bedingungen  der  Großproduktion  und  der  Arbeitsteilung
unverträglich,  —  sondern  unter  der  Form  eines  Anrechtes  auf  einen  dem
Erzeugnis  seiner  Arbeit  entsprechenden  Wert 2 ).
9  Engels  sagt  auch:  „Die  Aufgabe  des  kommunistischen  Manifestes  war  die
Proklamation  des  unvermeidlich  bevorstehenden  Untergangs  des  heutigen  bürgerhchen
  Eigentums“  (Vorwort  zum  kommunistischen  Manifest,  S.  6).
Heute  jedoch  zieht  man  vor,  als  Ziel  des  kollektivistischen  Sozialismus  die  Abschaffung ­
  des  Lohnsystems  hinzustellen,  —  da  die  Abschaffung  des  Eigentums  nur
u? s  unvermeidliche  Mittel  zur  Erreichung  dieses  letzten  Zieles  ist.  So  sagt  Labriola
(Essai  sur  la  Conception  Matfirialiste,  2.  Ausg.,  S.  62):  „Sie  (die  Proletarier)
gelangen  zu  dem  Verständnis,  daß  sie  nur  ein  Ziel  vor  Augen  haben  müssen:  die  Abschaffung ­
  des  Lohnsystems.“
Das  gleiche  Ziel  wird  aber  auch  von  Anderen,  als  den  Sozialisten  erstrebt,  von
r en  Assozialisten,  den  Kooperativisten,  und  von  der  radikal-sozialistischen  Partei;
'ndem  diese  sich  auf  den  entgegengesetzten  Standpunkt  stellen,  glauben  sie,  daß  das
einzige  Mittel,  um  dieses  Ziel  zu  erreichen,  in  der  Vermehrung  des  Eigentums  bestehe,
^ährend  seine  Abschaffung  ganz  im  Gegenteil  die  Verallgemeinerung  des  Lohnsystems
bedinge.
2 )  „Der  Kommunismus  nimmt  keinem  die  Macht,  sich  gesellschaftliche  Produkte
a nzueignen,  er  nimmt  nur  die  Macht,  sich  durch  diese  Aneignung  fremde  Arbeit  zu
Unterjochen“  (Kommunistisches  Manifest,  S.  20).
        <pb n="533" />
        510

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Welches  praktische  Mittel  soll  mm  diesen  zwiefachen  Zweck  erfüllen?
Die  Rückgängigmachung  dessen,  was  der  Kapitalismus  getan  hat,  die
Enteignung  der  Kapitalisten  aus  ihrem  Besitze  an  den  Produktionsmitteln
und  deren  Rückgabe  an  die  Arbeiter,  —  nicht  individuell,  denn  das  ist
unter  den  neuen  Bedingungen  der  Produktion  unmöglich,  sondern  kollektiv.
Dieses  Mittel  ist,  um  die  überall  an  erster  Stelle  in  den  Parteiprogrammen
eingeschriebene  Formel  zu  gebrauchen:  die  Vergesellschaftung  der
Produktionsmittel,  Land,  Boden,  Untergrund,  Fabriken,  Kapitalien.
Dann  wird  das  Arbeitsprodukt  Aller  verteilt,  nach  Abzug  der  für  das
Allgemeinwohl  erforderlichen  Beträge,  und  zwar  im  Verhältnis  zur  Arbeit
eines  Jeden.  So  wird  die  Mehrarbeit  und  der  Mehrwert,  den  sie  erzeugt,
mit  einem  Male  verschwinden.
Diese  Expropriation  der  Kapitalisten  wird  die  letzte  der  Geschichte
sein,  da  sie  sich  diesmal  nicht  mehr  wie  die  vorhergehenden  Expropriationen
im  Nutzen  einer  anderen  Klasse,  —  nicht  einmal  der  Arbeiterklasse  —
sondern  im  Nutzen  Aller,  der  Nation  selbst,  vollziehen  wird.  Die  Form
des  Eigentums  wird  endlich  der  der  Produktion  entsprechen,  wie  sie  der
Lauf  der  Dinge  ihr  bereits  aufgezwungen  hat:  beide  werden  jetzt
kollektiv  sein.
II.
Die  marxistische  Schule.
Nach  dieser  summarischen  Darlegung  der  wichtigsten  Theorien  Karl
Marx’,  werden  wir  jetzt  eine  Darlegung  der  allgemeinen  Charakterzüge
der  sozialistischen  Schule,  die  seinen  Namen  trägt,  versuchen 1 )  und  aus-1
 )  Marx  als  das  Haupt  einer  großen  sozialistischen  Schule  zu  bezeichnen,  wäre
zu  wenig  gesagt;  man  muß  unbedingt  zugeben,  daß  die  ungeheure  Mehrzahl  alle 1
derjenigen,  die  sich  in  allen  Ländern  Sozialisten  nennen,  in  engerem  oder  weiterem
Sinn  seine  Schüler  sind.  Die  anderen  sozialistischen  Schulen,  wie  die  Anarchisten,
die  Fabier  in  England,  die  Colinsiens  in  Belgien,  die  Anhänger  Henry  George ? s  in  den
Vereinigten  Staaten,  sind  neben  den  marxistischen  Sozialisten  ohne  Bedeutung.
Hauptsächlich  in  Deutschland  und  Rußland  hat  der  Marxismus  die  meisten
Anhänger,  und  in  England  die  wenigsten.  In  Frankreich  haben  Jules  Guesde  und
Laeargue  (dieser  letztere  ein  Schwiegersohn  Marx ! )  sich  seit  1878  zu  Vorkämpfer
des  reinen  Marxismus  gemacht.  Eine  große  Anzahl  der  französischen  Sozialisten  aber
haben  die  marxistische  Lehre  nicht  in  ihrer  ganzen  Starrheit  angenommen,  auch  wenn
sie  das  kollektivistische  Programm  vertreten.  Sie  haben  nur  die  drei  großen  Grundsätze
der  Sozialisation  der  Produktionsmittel,  des  Klassenkampfes,  und  des
Arbeiter-Internationalismus  übernommen,  lassen  aber  im  Allgemeinen  die  Wert'
theorie  und  besonders  ten  historischen  Materialismus  beiseite.  Sie  haben  nicht  m 1
der  französischen  sozialistischen  Überlieferung  brechen  wollen,  die  höchst  idealistisch
war.  Benoit  Malon,  der  im  Jahre  1885  die  Revue  Socialiste  gründete,  war  einer
der  ersten  Vertreter  dieses  französischen  Kollektivismus,  und  seine  Nachfolger  waren
zuerst  George  Renard  und  später  Fourniere.
        <pb n="534" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

511

frihren,  wie  sie  sich  von  den  hier  schon  untersuchten  sozialistischen  Schulen
unterscheidet.
a)  Stolz  beansprucht  sie  den  Titel:  wissenschaftlicher  Sozialismus.
^°ch  muß  dieses  Beiwort  in  seiner  richtigen  Bedeutung  aufgefaßt  werden.
:~ er  Marxismus  verhöhnt  schärfer,  als  es  die  Ökonomisten  jemals  getan
naben,  alle  Phalansterien  und  alle  Republiken  in  Ikaria,  und  ebenso
uUe  mehr  oder  weniger  vollständigen  Genossenschaftssysteme.  Er  behauptet ­
  nicht,  einen  neuen  Plan  aufgestellt  zu  haben,  sondern  gibt  sich
nur,  sagt  Labriola,  als  „die  wissenschaftliche  und  überlegte  Offenbarung
des  Weges,  den  unsere  bürgerliche  Gesellschaft  durchläuft  (möge  der
^hatten  Fourier’s  mir  verzeihen!)“ 1 ).  Er  beschränkt  sich  darauf,  den
“inn  der  Entwicklung  aufzudecken,  die  nolens  volens  die  menschlichen
^Seilschaften  vorwärts  treibt,  und  den  Punkt  zu  bezeichnen,  auf  den
um  der  Lauf  der  Dinge  gerichtet  ist.
Diese  Methode  nähert  den  Marxismus  eher  der  klassischen  National-°konomie
  und  ihrer  Auffassung  der  natürlichen  Gesetze,  als  dem  Sozialismus. ­
  Und  weiter  steht  es  unbezweifeibar  fest:  die  Theorien  Marx’  beruhen ­
  auf  denen  der  großen  Ökonomisten  aus  dem  Anfang  des  19.  Jahrhunderts ­
  und  im  Besonderen  auf  denen  Ricardo’s.  Von  ihm  stammt  der
Marxismus  in  gerader  Linie  ab.  Er  ist  sein  Erbe  nicht  nur  auf  Grund
girier  sich  auf  die  Arbeit  gründenden  Werttheorie,  nicht  nur  durch  die
theorie  des  Antagonismus  zwischen  Profit  und  Lohn,  nicht  nur  durch
der  Rente,  durch  all  diese  Lehren  Ricardo’s,  die  kaum  verändert  in
me  marxistische  Doktrin  übergegangen  sind  und  ihr  als  mächtiges  Gerüst
le nen,  sondern,  so  paradox  diese  Behauptung  im  ersten  Augenblick  wohl
^scheinen  mag,  er  ist  sein  Erbe  auch  auf  Grund  seiner  abstrakten,  dogmaschen
  Methode  und  durch  die  dunkle  Fassung  seiner  Formeln,  die  seinen
^  Gnilern  stets  gestattet,  ihnen  einen  esoterischen  Sinn  zu  geben  und  zu
■3?®,  daß  man  ihn  noch  nicht  verstanden  habe,  genau  wie  bei  Ricardo 2 ).
,  stützt  sich  zwar  auf  eine  reiche  Beobachtung  der  Tatsachen  —  wir
a ben  übrigens  schon  dargelegt,  daß  auch  Ricardo  selbst,  mehr  als  man
m'kt,  d er  Beobachtung  der  Tatsachen  verdankt,  —  aber  er  vereinfacht
J.  verallgemeinert  sie,  um  darauf  ein  rein  schematisches  Gebäude  zu
Achten,  gerade  wie  Ricardo  selbst  und  seine  Schüler  nach  ihm  es  getan
n.  Und  dies  ist  so  wahr,  daß  hierin  heute  die  einzige  Zuflucht  liegt,
^^den  noch  im  Starrsinn  verharrenden  Marxisten  offen  bleibt,  um  die--
 1 )  Artoine  Labriola,  La  conception  matörialiste  de  PHistoire,  S.  24.
„  ®  au ch  die  Saint-Simonisten  hatten  denselben  Anspruch  erhoben.  |  Es  würde  daher
ihn  6recllt  sein &amp;gt;  si e  unter  die  Utopisten  einzureihen,  und  einige  der  Marxisten  erkennen
en  a uch  in  der  Tat  dieses  Recht  der  Priorität  zu.
j,  2 )  Ein  Schüler  von  Marx,  Georges  Sorel,  hat  völlig  im  Ernste  geschrieben:
y  a ®  Beispiel  der  marxistischen  Werttheorie  zeigt  uns,  welche  Bedeutung  die  Un-&amp;lt;j
  Ländlichkeit  haben  kann,  um  einer  Lehre  Nachdruck  zu  verleihend  Les  Illusions
P r ogres,  S.  91—92.  Und  das  ist  auch  tatsächlich  ganz  richtig!
        <pb n="535" />
        512

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

jenigen  Theorien  des  Meisters  verteidigen  zu  können*  die  unhaltbar  erscheinen, ­
  wie  z.  B.  die  des  Arbeitswertes.  Sie  sagen,  daß  Marx  eine  Gesellschaft ­
  angenommen  habe  (hier  haben  wir  das:  „Angenommen,  daß  •  •  •
Ricardo’s!),  in  der  die  Arbeit  überall  gleichartig  sei,  usw. 1 ).
Der  Marxismus  ist  daher  ein  auf  den  klassischen  Baum  gepfropfte 1
Zweig,  und  so  sehr  sich  auch  der  Baum  über  die  eigentümlichen  Früchte,
die  man  ihn  zu  tragen  zwingt,  erstaunt  und  entrüstet,  so  ist  er  es  doch
gewesen,  der  sie  mit  seinem  Saft  genährt  hat.  Daher  hat  man  schreiben
können,  daß  Das  Kapital  „nicht  das  erste  Buch  des  kritischen  Kon 1 '
munismus,  sondern  das  letzte  große  Buch  der  bürgerlichen  Volkswirtschaft ­
  sei“ 2 ).
Nicht  nur  setzt  der  Marxismus  die  Wissenschaft  der  Ökonomik  fort,
die  er  hochachtet,  —  wenn  er  die  Volkswirtschaftler  heftig  angreift,  sö
tut  er  dies  nur,  um  ihnen  zu  beweisen,  daß  sie  sie  schlecht  verstanden
haben  —,  sondern,  was  überraschender  ist,  er  zollt  dem  Kapitalismus
seine  Achtung 3 ).  Die  Marxisten  bewundern  das  große  Werk,  das  er  durch'
geführt  hat.  Sie  sind  ihm  für  die  wirklich  revolutionäre  Rolle  (so  drücke®

x )  Vgl.  z.  B.  was  Georges  SoKEtin  der  Revue  Internationale  de  Sociolog*  |
1900  (Les  polemiques  pour  Finterpretation  du  marxisme,  S.  248)  schre 1 .i,
„Bei  Marx  gibt  es  keine  eigentliche  Werttheorie  in  dem  Sinne,  den  man  gewöhn®
mit  diesem  Ausdruck  verbindet,  sondern  eine  Theorie  des  wirtschaftlichen  ^jj,
gewichts,  die  auf  den  Fall  einer  bis  ins  äußerste  vereinfachten  Gese
schaft  zurückgeführt  ist.  Man  unterstellt,  daß  alle  Industrien  gleichwer
sind,  und  daß  die  Arbeiter  einen  gleichförmigen  Typus  bilden;  die  Leistung  ein ,
Arbeitsstunde  einer  Gruppe  von  10  Arbeitern  wird  überall  dasselbe  erzeugen;  sie  J
ganz  gleich  in  welchem  Zweige  der  Beschäftigung,  die  gleiche  intensive  Größe
gewissen  Menge  leisten,  die  das  vorstellt,  was  das  Vergleichungsmoment  der  ™ a
ausmacht:  den  Wert...  So  erhält  man  ein  Bild,  das  keinen  anderen  Nutzen  zu  n®
scheint,  als  die  Möglichkeit,  nachzuweisen,  durch  wohldurchdachte  künstl 10
Konstruktionen  die  Theorie  des  Zeitwertes  mit  dom  Marktpreis  in  Übe rc
Stimmung  zu  bringen. 1 *  ^
2 )  Labriola,  Conception  matfirialiste,  S.  91.  Und  G.  Sorel  sagt:  ^
Wirklichkeit  steht  der  Marxismus  der  sogenannten  manchesterlichen  Volkswirt 86
viel  näher,  als  dem  Utopismus.  Dieser  Punkt  hat  seine  große  Bedeutung“  (k a
composition  du  marxisme,  S.  44).
3 )  „Die  Rolle  der  Bourgeoisie  in  der  Geschichte  ist  ganz  außerordentlich
volutionär  gewesen  .  ..  Gerade  der  Bestand  der  Bourgeoisie  bedingt  eine  bestan
Umformung  der  Produktionsmittel,  und  daher  der  Produktionsbedingungen,  un  ^ s
folgedessen  auch  der  gesamten  sozialen  Bedingungen  .  .  .  Zerbrochen  sind  ^  ^
dahin  unveränderlichen  sozialen  Bande,  die  Bande,  die  bis  dahin  mit  dem  S a fleJ1 ,
Anhang  ihrer  alten  und  ehrwürdigen  Gedanken  und  Vorstellungen  wie  zusam  jjt
gerostet  waren.  Alles  das,  was  den  Kastengeist  und  das  feste  Gefüge  vorstellt,  8  s
in  Rauch  auf,  Alles,  was  als  heilig  gegolten  hatte,  wird  profaniert“  (Kommunist 18
Manifest,  S.  11).  c jfrig
Übrigens  arbeitet,  nach  der  Meinung  der  Marxisten,  der  Kapitalismus  ®  e „
an  seiner  Selbstzerstürung,  was  doch  wirklich  das  non  plus  ultra  eines  revolutm
Charakters  istl
        <pb n="536" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

513

sie  selbst  sieh  aus 1 )),  die  er  gespielt  hat,  unendlich  dankbar,  wie  auch
dafür,  daß  er  das  Nest  so  gut  hergerichtet  hat,  in  dem  der  Kollektivismus
sich,  fast  ohne  etwas  daran  ändern  zu  müssen,  wird  einrichten  können.
Jedoch  erheben  die  Marxisten  gegen  eben  diese  Ökonomisten  der
klassischen  Schule  eine  große  Anklage.  Sie  werfen  ihnen  vor,  nicht  erkannt
zu  haben  —  offenbar,  weil  sie  in  ihrer  Eigenschaft  als  Konservative  und
Bourgeois  Interesse  daran  hatten,  es  nicht  zu  sehen,  —  wie  relativ  und  vorübergehend ­
  der  Charakter  der  sozialen  Ordnung,  die  sie  studierten,  sei.
Glaubten  und  lehrten  doch  diese  Nationalökonomen  z.  B.,  daß  das  Eigentum ­
  und  das  Lohnsystem  endgültige  Einrichtungen  wären!  Sie  haben  sich
eingebildet,  daß  die  Welt  für  immer  in  dem  jetzigen,  dem  bürgerlichen
Zustande  bleiben  würde  und  haben  sich  gegen  die  Erkenntnis  verschlossen,
üaß  er  nur  eine  „historische  Kategorie“  sei,  die  vergehen  wird,  wie  die
anderen 2 ).
b)  Von  den  früheren  sozialistischen  Schulen  unterscheidet  sich  der
Marxismus  dadurch,  daß  er  jeden  ideologischen  Gedanken  an  Gerechtigkeit ­
  und  Brüderlichkeit  absichtlich  ausschaltet,  die  einen  so  großen  Platz
m  der  französischen  sozialistischen  Bewegung  eingenommen  hatten.  Es
handelt  sich  nicht  darum,  zu  wissen,  was  am  gerechtesten  sein  wird,
sondern  einfach  um  die  Kenntnis  dessen,  was  sein  wird.  —  „Die  theoretischen ­
  Sätze  der  Kommunisten  beruhen  keineswegs  auf  Ideen,  ...  sie
sind  nur  allgemeine  Ausdrücke  tatsächlicher,  gegebener  Verhältnisse 3 ).“
Und  nicht  nur  im  Bereich  der  Volkswirtschaft  legen  sie  den  Tatsachen ­
  eine  so  überwiegende  Bedeutung  bei:  das  Gleiche  gilt  für  sie  auch
Zur  Erklärung  aller  sozialen  Beziehungen,  sogar  derjenigen,  die  sozusagen
^on  erster  Ordnung  sind,  der  Politik,  der  Literatur,  der  Kunst,  der  Moral,
üer  Religion.  Alle  lassen  sich  durch  Tatsachen  des  Wirtschaftslebens
er klären:  zunächst  durch  die,  die  mit  der  Produktion  in  Beziehung  stehen,
^d  unter  diesen  wieder  im  Besonderen  durch  die,  die  die  technischen
Bistrumente  und  ihre  In-Betriebsetzung  betreffen.  So  erklärt  z.  B.  die
Technik  der  Brotbereitung  und  innerhalb  derselben  wieder  die  Stufenr
 eihe  der  Formen  von  der  Handmühle  des  Altertums  über  die  Wasserl

 )  „So  hat  der  Kapitalismus  die  Fragen  gelöst,  für  die  die  Utopisten  umsonst
■Vollständig  eitle  Lösungen  suchten;  so  hat  er  Bedingungen  geschaffen,  die  den  Übergang ­
  zu  einer  neuen  sozialen  Form  gestatten  werden:  der  Sozialismus  braucht  weder
neue  wissenschaftliche  Werkzeuge  zu  erfinden,  noch  die  Menschen  ihren  Gebrauch
zu  lehren“  usw.  (Sorel,  Döcomposition  du  marxisme,  S.  41).
T  2 )  Für  die  Volkswirtschaftler  „sind  die  Institutionen  des  Feudalismus  künstliche
Institutionen,  die  der  Bourgoisie  natürliche.  Somit  sind  die  Verhältnisse  (die  der
bürgerlichen  Produktion)  selbst  von  dem  Einflüsse  der  Zeit  unabhängige  Naturgesetze.
Es  sind  ewige  Gesetze  welche  stets  die  Gesellschaft  zu  regieren  haben.  Somit  hat
® s  eine  Geschichte  gegeben,  aber  es  gibt  keine  mehr“  (Marx,  Misere  de
la  Philosophie,  deutsch  von  Ed.  Bernstein  und  K.  Kaittsky,  Elend  der  Philosophie
Stuttgart  1885,  ’s.  115).
3 )  Kommunistisches  Manifest,  S.  18.

Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.

83
        <pb n="537" />
        514

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

mühle  des  Mittelalters  bis  zur  Dampfmühle  der  Gegenwart,  den  Übergang
von  der  Hausindustrie  über  die  kapitalistische  zur  Großindustrie  viel
besser,  als  dies  der  Fortschritt  der  freiheitlichen  Ideen  oder  anderer  „bürgerlicher ­
  Seifenblasen“  des  gleichen  Kalibers  tun  können.  Das  Gleiche  gilt
von  der  Sklaverei,  der  Hörigkeit  und  dem  Lohnsystem,  wie  überhaupt
von  den  aufeinander  folgenden  Zuständen  der  Zivilisation  im  Allgemeinen.
Hier  haben  wir  die  wirklichen  Grundlagen,  oder  wie  man  sagt,  den  Unterbau, ­
  worauf  alles  Übrige  sich  auf  baut.  Diese  Auffassung,  die  weit  über
den  Rahmen  der  eigentlichen  Volkswirtschaft  hinausgeht  und  eine  ganze
Geschichtsphilosophie  darstellt,  ist  unter  dem  Namen  des  historischen
Materialismus  berühmt  geworden 1 ).

x )  Indem  die  Menschen  die  Produktionsmethoden  ändern,  ändern  sie  auch  ihr®
sozialen  Beziehungen.  „Die  Handmühle  ergibt  eine  Gesellschaft  mit  Feudalherren»
die  Dampfmühle  eine  Gesellschaft  mit  industriellen  Kapitalisten“  (Elend  der  Philosophie, ­
  S.  101).  Doch  muß  man  in  diesem  oft  wiederholten  Satz  mehr  eine  pittoreske
Illustration  als  eine  wissenschaftliche  Formel  des  historischen  Materialismus  sehem
Marx  drückt  sich  in  dem  Vorwort  seines  Buches  Zur  Kritik  der  politischen
Ökonomie  (herausg.  von  Kautsky,  Stuttgart  1909,  3.  Aufl.  gemäßigter  aus.  " ir
führen  die  bedeutendste  Stelle  dieser  berühmten  Seite  an  (Vorwort,  S.  LV).
„In  der  gesellschaftlichen  Produktion  ihres  Lebens  gehen  die  Menschen  bestimmte’
notwendige,  von  ihrem  Willen  unabhängige  Verhältnisse  ein,  Produktionsverhältnisse'
die  einer  bestimmten  Entwicklungsstufe  ihrer  materiellen  Produktivkräfte  entsprechen-Die
  Gesamtheit  dieser  Produktionsverhältnisse  bildet  die  ökonomische  Struktur
Gesellschaft,  die  reale  Basis,  worauf  sich  ein  juristischer  und  politischer  Überbau  ® r
hebt,  und  welcher  bestimmte  gesellschaftliche  Bewußtseinsformen  entsprechen.  D*®
Produktionsweise  des  materiellen  Lebens  bedingt  den  sozialen,  P°  !"
tischen  und  geistigen  Lebensprozeß  überhaupt.  Es  ist  nicht  das  Bewußte®' 11
des  Menschen,  das  ihr  Sein,  sondern  umgekehrt  ihr  gesellschaftliches  Sein,  das  ihr  i&amp;gt; e '
wußtsein  bestimmt.“  .
Das  Wort  „bestimmt“,  auch  wenn  es  durch  „im  Allgemeinen“  abgesehwä® 11
wird  (das  Wort  „überhaupt“  des  angeführten  deutschen  Textes  ist  in  der  vom  Verfass®
benutzten  franz.  Übersetzung  durch  „en  göneral“  wiedergegeben  worden.  D.  Übers-h
erschien  trotzdem  etwas  stark,  und  der  heutige  Marxismus  hat  es  durch  das  Wo
„erklärt“  ersetzt,  das  eher  annehmbar  ist.  So  schreibt  Labriola:  „Es  handelt  sic
letzten  Endes  nur  darum,  alle  historischen  Tatsachen  des  wirtschaftlichen  Unterbau
zu  erklären“  (Conception  mat6rialiste,  S.  120).
Diese  These  des  historischen  Materialismus  findet  sich  in  verblüffenden  P^
alt

die

doxen  in  La  Constitution  Sociale  von  Loria  entwickelt.  Man  sieht  da,  wie
ganze  Geschichte,  alle  Kriege,  die  Welfen  und  die  Ghibellinon,  die  Reformation,
französische  Revolution  und  sogar  Christi  Tod  auf  Golgatha,  auf  dem  „wirtscha
liehen  Unterbau“  beruhen,  —  doch  ist  für  Loria  der  Hauptfaktor,  der  allen  and® reI ^
als  Grundlage  dient,  nicht  die  industrielle  Technik,  sondern  die  Ordnung  des  Bode®
besitzes.  (Siehe  weiter  unten  im  Kap.  über  die  Rente.)
Doch  würde  es  ungenau

sein,  im  Marxismus  den  Ausdruck  eines  Fatalist 1 '*
oder  auch  nur  eines  bis  zum  äußersten  getriebenen  Determinismus  zu  sehen.  V

Marxismus  erhebt  den  Anspruch,  ein  Erzieher  zur  Energie  zu  sein,  was  er  auch  wirk! 1 ®
ist.  Die  Arbeiter  müssen,  nachdem  sie  klar  gesehen  haben,  wo  ihre  Interessen  P e % e J
mit  allen  ihren  Kräften  in  dieser  Richtung  arbeiten.  Nur  brauchen  sie  zum  Han d ®
sich  nicht  vorher  ein  zu  erreichendes  Ziel  zu  stecken.  „Alles,  was  in  der  Geschm
        <pb n="538" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

515

Diese  materialistische  Auffassung  —  im  landläufigen  Sinne  dieses
Wortes  —  scheint  den  Marxismus  von  jedem  moralischen  Bedenken,  jeder
Gefühlsaufwallung  zu  trennen,  und,  wie  Schäffle  in  einem  oft  erwähnten
Wort  sagt:  die  soziale  Frage  zu  einer  „Magenfrage“  zu  machen.  Daher
ist  sie  auch  nur  mit  Schwierigkeit  von  den  französischen  Sozialisten  aufgenommen ­
  worden,  die  sich  alle  Mühe  gegeben  haben,  sie  mit  einer  Art
Heiligenschein  zu  umgeben 1 ).
Die  reinen  Marxisten  sagen  aber,  daß  diese  Schönfärberei  unnötig
’st  und  nur  ein  vollständiges  Verkennen  dessen  zeigt,  was  der  Materialismus
wirklich  ist.  Denn  im  richtigen  Sinn,  d.  h.  im  esoterischen  Sinn  aufgefaßt,
wie  sich  dies  überhaupt  für  die  ganze  marxistische  Lehre  gehört,  schließt
Her  historische  Materiahsmus  keineswegs  den  Idealismus  aus:  was  er  ausschließt,
  ist  die  Ideologie,  und  das  ist  etwas  ganz  Verschiedenes.  Er  unterwirft ­
  den  Menschen  durchaus  nicht  der  Fatalität  eines  materiellen  Milieus:
im  Gegenteil,  er  sieht  die  Entwicklung  in  „dem  bewußten,  wenn  auch
behinderten  Streben  der  Menschen,  den  sozialen  Bedingungen,  unter
denen  sie  leben,  zu  entrinnen“ 2 ).  So  wäre  also  der  historische  Materialismus
zuletzt  eine  Art  Philosophie  des  Strebens 3 ).  Man  wird  verstehen,  wie
schwierig  es  ist,  so  nebelhafte  Doktrinen  zu  kritisieren.
c)  Der  marxistische  Sozialismus  unterscheidet  sich  von  den  früheren
sozialistischen  Bichtungen  dadurch,  daß  er  ausschließlich  Sozialismus  der
Arbeiterklasse  sein  will.  Dieser  Zug  gibt  ihm  sein  besonderes  Gepräge,
Utl( l  in  ihm  liegt  seine  Stärke.  Nur  so  läßt  sich  verstehen,  daß  er  seine
ganze  Anziehungskraft  bewahrt  hat  um'  vtr:  ■&amp;gt;  '  oer  neuen  Formen

ei nw e ,  e . n . ist ’  * s t  das  Werk  des  Menschen  gewesen,  doch  war  es  nur  selten  das  Ergebnis
Stelle-  T SChen  Wahl  0&amp;lt;ier  eines  vernünftigen  Willens“  (Ebd.  S.  133).  An  anderer
schuf  ”  ,  dem  der  Mensch  nach  und  nach  die  verschiedenen  sozialen  Milieus  schuf,..  .
er  sich  selbst“  (Labriola,  ebd.,  S.  131—132).
■^etanl  Werden  aus  dem  Rahmen  dieses  Buches  fallen  und  uns  auf  den  Boden  der
w.,  Hsik  hegeben,  wenn  wir  diese  Lehre  klarer  darstellen  wollten,  —  was  sie  übrigens
^notwendig  braucht.
Le  ^h-he  besonders  die  Bücher  von  Jahres,  fitudes  socialistes;  Georges  Renard,
gime  socialiste;  Fourniere,  L’Individu,  l’Association  et  l’fitat.
®°ciar  ABRI ° LA ’  °P'  C1 *-  Vandervelde  (L’Idöalisme  marxiste  in  der  Revue
Hon  M 1Ste ’  H ; h ruar  1904)  schreibt,  daß  „sich  in  letzter  Analyse  die  Beweisführung
Jeder  au *  e * n  Postulat  der  Moral  gründet.  Die  Gerechtigkeit  verlangt,  daß  ein
rbeitende  den  vollkommenen  Ertrag  seiner  Arbeit  erhalte“.
Verf a  lc m  genau  dasselbe  sagt  Landet  (in  einem  Band,  der  Vorträge  verschiedener
Aach SSe ^  Ltudes  sur  la  Philosophie  morale  au  XIX e  siede,  S.  164).
m 0u ii Se ’ ner  Ansicht  ist  die  Moral  Marx’  possibilistisch,  d.  h.  er  nennt  alles  das
all es  cl  ’ WaS  die  wirtschaftliche  Entwicklung  zu  schaffen  bestrebt  ist,  und  unmoralisch
3 , as ’  was  sie  zu  zerstören  sucht.
diej}  '  daher  bringt  man  heute  den  Neo-Marxismus  mit  Gedanken  in  Verbindung,
sopijj  ®  ansc heinend  kontradiktorisch  gegenüberstehen,  nämlich  mit  den  neueren  philo-Phi],,!
  ,  b e hren  des  Pragmatismus  und  denen  Bergson’s  (siehe  Guy  Grand,  La
So Phi e  syndicaliste).

33*
        <pb n="539" />
        516

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

auflebt,  —  den  Theorien  seines  Begründers  nicht  mehr  viel
aufrecht  steht,  wie  wir  noch  sehen  werden,  —  während  alle  anderen  sozialistischen ­
  Systeme  in  Mißkredit  geraten  und  in  nichts  zerronnen  sind.
Die  Sozialisten  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  umfaßten  in
weitherziger  Humanität  alle  Menschen,  ohne  Unterschied  zwischen  Arbeitern ­
  und  Bürgern.  Wie  wir  gesehen  haben,  rechneten  Owen,  Saint-Simon
  und  Fourier  sogar  auf  die  Reichen,  auf  die  besitzenden  Klassen,
um  die  Gesellschaft  der  Zukunft  zu  gründen.  Nichts  dergleichen  aber  gilt
für  den  Marxismus.  Mit  der  äußersten  Heftigkeit  verwirft  er  jedes  Einverständnis ­
  und  sogar  jedes  zeitweilige  Übereinkommen  mit  der  Bourgeoisie, ­
  worunter  er  nicht  nur  die  Kapitalisten,  sondern  auch  die  Intellektuellen ­
 1 )  und  „den  ganzen  Oberbau  der  Schichten  versteht,  die  heute
die  offizielle  Gesellschaft  darstellen“.  Für  ihn  ist  der  wirkliche  Sozialismus
nichts  Anderes,  als  die  Gesamtheit  der  Interessen  der  Arbeiterklasse,  und
seine  vollständige  Verwirklichung  ist  nur  dadurch  möglich,  daß  sie  endgültig ­
  zur  Macht  gelangt.
Zweifellos  kann  man  sagen,  daß  zu  jeder  Zeit  der  Sozialismus  nur  die
Anklage  der  Armen  gegen  die  Reichen  gewesen  ist,  aber  diese  Anklage
hatte  auf  dem  Boden  der  ausgleiehenden  Gerechtigkeit  begonnen  und
mußte  infolgedessen  unentschieden  bleiben.  Mit  dem  Marxismus  wird
dieser  Antagonismus  zu  einem  wissenschaftlichen  Gesetz  unter  dem  Namen
Klassenkampf  erhoben  —  Arbeiterklasse  gegen  Kapitalistenklasse,  was
nicht  dasselbe  ist,  wie  Arme  gegen  Reiche,  denn  es  handelt  sich  hier  nicht
um  einen  qualitativen,  sondern  um  einen  konstitutiven  Unterschied.
Klassenkampf!  ein  Feldgeschrei,  das  nicht  wenig  zum  Erfolg  des  Marxismus
beigetragen  hat,  denn  auch  die,  die  kein  Wort  von  seinen  Theorien  verstehen ­
  (also  ungefähr  die  Gesamtheit  der  Arbeiterklasse),  können  diese
Formel  nicht  vergessen:  sie  genügt,  den  Dampf  stets  unter  Druck  z u
halten.
Der  Klassenkampf  ist  keine  neue  Tatsache:  „Die  Geschichte  aller
bisherigen  Gesellschaften  ist  die  Geschichte  von  Klassenkämpfen s )-!)
  Kommunistisches  Manifest.  Man  beabsichtigt  nicht,  die  Intellektuelle 11
ganz  zum  Verschwinden  zu  bringen,  sondern  sie  in  die  Rolle  von  Lohnempfänger 11
hinabzudrücken.  „In  der  marxistischen  Auffassung  wird  die  Revolution  von  d el1
Produzenten  (was  sicherlich  die  nur  mit  der  Hand  Arbeitenden  heißen  soll)  gemach  ,
die,  an  die  Ordnung  der  Werkstatt  in  der  Großindustrie  gewöhnt,  die  Intellektuelle 11
als  einfache  Angestellte  verwenden  werden,  deren  Aufgabe  die  Erfüllung  möglich*
wenig  zahlreicher  Arbeiten  sein  wird“  (Sorel,  Decomposition  du  Marxisme,  S.  pW*
Wie  man  weiß,  ist  dieses  Programm  von  den  marxistischen  Bolschewisten  in  die  Wirklichkeit ­
  übertragen  worden.  .  ,
2 )  Manifest,  S.  9.  Wir  müssen  jedoch  wiederholen,  daß  schon  die  Sam
Simonisten  diesen  Gegensatz  ausgeführt  hatten,  indem  sie  nicht  von  Reichen  und  Arme 11 ’
sondern  von  Müßiggängern  und  Arbeitenden  sprachen.  Hierin  liegt  sichern
eine  wirtschaftliche  Unterscheidung.  Es  ist  aber  noch  nicht  die  marxistische  Un  e
        <pb n="540" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

517

Wenn  er  aber  zu  jeder  Zeit  bestanden  hat,  so  wird  er  doch  nicht  immer
bestehen  bleiben.  Der  Klassenkampf,  dessen  Zeugen  wir  sind,  und  hierin
Hegt  das  tragische  Interesse,  wird  der  letzte  sein,  weil  die  Herrschaft
des  Kollektivismus,  „indem  sie  gerade  die  Bedingungen  aus  der  Welt
schafft,  die  den  Antagonismus  der  Klassen  herbeiführen,  auch  die  Klassen
selbst  zum  Verschwinden  bringen  wird“.  Nebenbei  möchten  wir  bemerken,
daß  diese  Prophezeiung  nicht  einer  starken  Dosis  jenes  utopistischen
Optimismus  entbehrt,  den  die  Marxisten  mit  solcher  Entrüstung  unseren
alten  französischen  Sozialisten  vorwerfen.
d)  Zum  Schluß  unterscheidet  sich  der  Marxismus  von  den  meisten
der  früheren  sozialistischen  Schulen  durch  einen  klar  ausgedrückten
revolutionären,  oder  wie  man  manchmal  sagt,  katastrophalen
Charakter.  Schon  das  Wort  „Klassenkampf“,  seine  Devise,  drückt  dies
klar  genug  aus.  Wenn  man  daran  denkt,  daß  dieses  Beiwort  „revolutionär“
von  den  Marxisten  gerade  auf  die  Handlungsweise  der  Bourgeoisie  angewendet ­
  wird,  so  wird  man  empfinden,  daß  man  es  hier  nicht  ganz  und
gar  in  dem  gewöhnlichen  Sinne  gebrauchen  darf.  —
Die  Revolution  wird  in  der  Beseitigung  der  besitzenden  Klasse  durch
die  Arbeiterklasse  bestehen,  aber  diese  Ausschaltung  bedingt  keineswegs
die  Guillotine,  nicht  einmal  Straßenkämpfe.  Sie  kann  ganz  friedlich  durchgeführt ­
  werden:  —  sei  es  auf  politischem  und  gesetzlichem  Wege,  wenn  die
Arbeiterklasse  die  Majorität  in  den  Parlamenten  erlangt,  ein  Geschehnis,
das  durchaus  im  Bereich  der  Möglichkeit  zu  hegen  scheint,  da  sie  ja  schon
die  Mehrheit  der  Wählermassen,  wenigstens  in  den  Ländern  mit  allgemeinem
Stimmrecht,  hinter  sich  hat;  —  sei  es  auf  wirtschaftlichem  Wege,  wenn
z -  B.  die  Arbeitergenossenschaften  dazu  gelangen,  alle  wirtschaftlichen
Dienste  direkt  zu  organisieren,  und  den  Kapitaüsmus  als  leere  Schale
liegen  zu  lassen 1 ).
Auch  kann  das  Ende,  die  Katastrophe,  in  einer  anderen  Art  und  Weise
Antreten,  die  sogar  von  den  Marxisten  als  die  wahrscheinlichste  betrachtet
w ird  und  zwar  unter  der  Form  einer  wirtschaftlichen  Krisis,  in  der  der
Kapitalismus  untergehen  wird,  einer  Krisis,  die  geradezu  die  notwendige
Folgeerscheinung  der  kapitalistischen  Ordnung  ist,  so  daß  er  in  einer  Art
Selbstmord,  in  „Selbstzerstörung“  endet.  Wie  wir  gesehen  haben(S.507f.),
spielen  die  Krisen  eine  recht  große  Rolle  in  der  marxistischen  Lehre.
S( hcidung,  denn  für  die  Saint-Simonisten  waren  die  Arbeitgeber,  die  Bankiers  usw.,
ebenso  und  noch  vielmehr  Arbeitende,  als  die  Arbeiter  (vgl.  oben,  Saint-Simonismus,
s -  249).
1  heute  in  Frankreich  der  erste  dieser  beiden  Wege  (die
Gewalt)  durch  das,  was  man  den  Socialisme  unifie
r  zweite  (die  direkte  wirtschaftliche  Beeinflussung  außer-I
 ‘ alb  jeder  “politischen  Handlung),  durch  den  parti  syndicaliste  und  hauptsächlich
ÜUr ch  die  Confdddration  G6n6rale  du  Travail  (siehe  unten,  S.  525ff.).

J )  Wie  man  weiß,
Eroberung  der  öffentlicl
Uennt,  vorgestellt-  —  ,in
        <pb n="541" />
        518

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Wenn  aber  der  Marxismus  nicht  notwendigerweise  die  Anwendung
von  Gewalt  bedingt,  so  schließt  er  sie  doch  auch  nicht  aus.  Er  betrachtet
sie  sogar  als  ziemlich  wahrscheinlich,  weil  der  Entwicklungsvorgang  kaum
genügen  wird,  die  neuen  sozialen  Formen  aus  den  alten  ohne  Störung
zur  Entfaltung  zu  bringen,  den  Schmetterling  aus  der  Puppe  zu  lösen.
„Die  Gewalt  ist  die  Hebamme  jeder  gebärenden  Gesellschaft“ 1 ).
Hier  ist  keine  falsche  Gefühlsseligkeit  am  Platze.  Elend  und  Leiden
sind  unentbehrliche  Triebfedern  der  Entwicklung.  Wenn  man  die  Sklaverei,
die  Hörigkeit,  die  Expropriation  der  Handwerker  durch  die  Kapitalisten
usw.  hätte  verhindern  können,  so  würde  man  diese  Triebfedern  der  Entwicklung ­
  verbogen  haben  und  es  wäre  mehr  Übel,  als  Gutes  daraus  entstanden ­
 2 )-  Jeder  Zustand  bringt  gewisse  unglückselige,  aber  für  das
Kommen  der  höheren  Formen  unentbehrliche  Bedingungen  mit
sich.  Aus  diesem  Grunde  würden  die  Reformbestrebungen  der  bürgerlichen ­
  Philanthropen  und  ihre  Predigten  vom  sozialen  Frieden  verderblich
sein,  wenn  sie  Erfolg  hätten.  „Ohne  Antagonismus  kein  Fortschritt. 1
Man  darf  nicht  übersehen,  daß  diese  hochmütige  Gleichgültigkeit  für  die
mit  Übergangsperioden  verbundenen  Leiden  selbst  ein  Erbteil  der  klassischen ­
  Schule  und  eine  weitere  Ähnlichkeit  mit  ihr  ist.  Geradeso  drückte
auch  sie  sich  aus,  wenn  sie  auf  die  Konkurrenz,  den  Maschinismus,  und  die
Vernichtung  der  Kleinindustrie  durch  die  Großindustrie  zu  sprechen  kam.
Der  Marxismus  läßt  als  Reformen  nur  die  gelten,  die  den  Zweck  haben,
nicht  „die  Gesellschaft  zu  reformieren“,  sondern  der  Revolution  Vorschub
zu  leisten  und  sie  zu  beschleunigen,  die  „die  Geburtswehen  abkürzen  und
mildern  können“ 3 ).

III.
Die  Krisis  des  Marxismus  und  der  Neo-Marxismus.
Um  schon  jetzt  von  dem  Neo-Marxismus  zu  sprechen,  müssen  wir
der  chronologischen  Folge  unserer  Darstellung  etwas  voraus  eilen,  da  diese
Lehre  neuesten  Datums  ist,  doch  sind  wir  durch  den  GedankenzusammeU'
hang  dazu  gezwungen.  Außerdem  enthebt  uns  dies  der  Aufgabe,  selbst
J )  Marx,  Misere  de  la  Philosophie.  „Was  bedeutet  übrigens  das  Wort  Revolte  ?
Einfach  die  Tatsache  des  Ungehorsams  gegen  die  Gesetze.  Was  für  Gesetze  regiere 11
uns  nun  aber  ?  Produkte  des  bürgerlichen  Milieus,  genau  wie  die  Einrichtungen,  deren
Schutz  sie  bezwecken.  Die  Revolution  wird  einfach  darin  bestehen,  diese  Gesetze
durch  andere  Gesetze  zu  ersetzen;  hierfür  ist  es  aber  unerläßlich,  daß  sie  ihren  Stützpunkt ­
  außerhalb  derselben  nimmt.“
2 )  „Die  schlechte  Seite  ist’s,  welche  die  Bewegungen  ins  Leben  ruft,  welche  die
Geschichte  macht,  dadurch  daß  sie  den  Kampf  zeitigt“  (Elend  der  Philosoph^)
S.  116).
3 )  Vorwort  zum  Kapital,  S.  XI.
        <pb n="542" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

519

den  Marxismus  zu  kritisieren,  da  eben  dies  die  Leistung  des  Neo-Marxismus
gewesen  ist 1 ).
In  dieser  „Krisis  des  Marxismus“,  wie  man  gesagt  hat,  müssen  aber
zwei  Phasen  unterschieden  werden:  die  eine  ist  mehr  kritisch,  —  wenn
man  will,  kann  man  sie  auch  reformistisch  nennen,  —  und  ihr  hauptsächlichster ­
  Vertreter  ist  Bernstein;  —  die  andere  bemüht  sich  im  Gegenteil, ­
  den  Marxismus  wieder  zu  beleben;  sie  trägt  den  Namen  Syndikalismus. ­


§  1.  Der  reformistische  Neo-Marxismus.
Wenn  wir  die  wirtschaftlichen  Theorien  Marx’,  so  wie  wir  sie  aufgeführt ­
  haben,  eine  nach  der  anderen  vornehmen,  so  sehen  wir,  daß  jede
von  ihnen  Spuren  starker  Erschütterung  zeigt,  und  daß  von  der  wichtigsten
nichts  mehr  aufrecht  steht.  Man  kann  sagen,  daß  diese  Zerstörungsarbeit
teils  das  posthume  Werk  von  Marx  selbst  gewesen  ist,  da  gerade  die
Veröffentlichung  seiner  letzten  Bände  die  Aufmerksamkeit  auf  gewisse
schwerwiegende  Widersprüche  gelenkt  hat,  die  sich  aus  einem  Vergleich
dieser  Bände  mit  dem  ersten  zu  ergeben  schienen.  Hierdurch  ist  der
Marxismus  gerade  dem  Gesetze  zum  Opfer  gefallen,  das  er  der  kapitalistischen ­
  Ordnung  voraussagte,  dem  der  Selbstzerstörung.  Die  Marx-Gläubigen
  haben  allerdings  eine  Rechtfertigung  versucht,  indem  sie  sagen,
daß  diese  Widersprüche  „keine  Widersprüche  des  Buches  mit  sich  selbst
sind,  keine  Verleugnung  seiner  Prämissen  von  seiten  des  Verfassers,
•  •  .  sondern  auf  den  antithetischen  Bedingungen  selbst  beruhen,  die  der
kapitalistischen  Produktion  anhaften  und,  in  Formeln  gefaßt,  den  Eindruck
von  Widersprüchen  hervorrufen“ 2 ).  So  wäre  also  das  Kapital  eine  Art
Neuausgabe  der  Contradictions  6conomiques  Proudhon’s,  die
gerade  Marx  mit  seinem  Spott  verfolgt  hatte.  Wenn  es  aber  wahr  ist,
daß  die  kapitalistische  Ordnung  so  voller  Widersprüche  ist,  die  in  ihrer
Natur  begründet  sind,  wie  schwierig  ist  es  dann,  zu  bestimmen,  ob  sie  uns
in  der  Tat  zum  Kollektivismus  führen  wird!  All  die  sogenannten  wissenschaftlichen ­
  Voraussagen  von  der  Selbstzerstörung  und  der  Endkatastrophe
erscheinen  dann  nur  um  so  verwegener 3 ).
1 )  Über  die  Entwicklung  des  Marxismus  siehe  das  so  lebendig  geschriebene  Buch
von  W.  Sombart,  Sozialismus  und  soziale  Bewegung  im  19.  Jahrhundert
(6-  Ausg.  1908),  wie  auch  die  Broschüre  von  Georges  Soree:  La  dScomposition
du  marxisme  (1908).
2 )  Labriola,  Socialisme  et  Philosophie,  S.  29.  —  Andere  sagen  unumwundener, ­
  daß  „diese  dunklen  Formeln  (es  handelt  sich  um  die  Mehrarbeit)  zweideutig ­
  sind  und  aus  der  Wissenschaft  verbannt  werden  müßten“  (Soree,  Revue
Intern,  de  Sociologie,  1900,  S.  270).
3 )  Sorel  sagt  von  der  revolutionären  Bewegung:  „Alles  an  ihr  ist  unvoraussehbar“
10Gcomposition  du  marxisme,  S.  62).
        <pb n="543" />
        520

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Was  die  Grundtheorie  anbelangt,  die  des  Arbeitswertes,  so  ist  sie
heute  von  den  meisten  der  Marxisten  verlassen  worden,  die  sich  mehr
und  mehr  zu  der  Theorie  „des  Grenznutzens“  oder  zu  der  des  „wirtschaftlichen ­
  Gleichgewichtes“  bekennen 1 ).  Trotz  seinem  Bekenntnis  zum  Arbeitswerte ­
  sah  sich  Karl  Marx  selbst  beständig  dazu  gezwungen,  als  selbstverständliche ­
  Folgerung  oder  sogar  ganz  ausdrücklich 1  2 )  zuzugeben,  daß
der  Wert  von  Angebot  und  Nachfrage  abhänge,  —  wobei  wir  besonders
auf  das  hinweisen,  was  wir  weiter  oben  über  die  Höhe  des  Profits  gesagt
haben.  Nachdem  er  den  Arbeitswert  als  Axiom  an  die  Spitze  seines  ersten
Bandes  gestellt  hat,  führt  er  ihn  in  den  folgenden  nur  als  eine  Art  schematischer ­
  Ausdrucksweise  an,  um  so  das  Verständnis  der  Tatsachen  zu  erleichtern. ­

Da  aber  in  der  Beweisführung  von  Marx  die  Theorien  der  Mehrarbeit ­
  und  des  Mehrwertes  nur  Folgerungen  aus  dem  Prinzipe  des  Arbeitswertes ­
  sind,  so  folgt  daraus,  daß  der  Zusammenbruch  dieses  ersten  Prinzipes
auch  die  beiden  anderen  hinfällig  macht.  Wenn  die  Arbeit  nicht  notwendigerweise ­
  den  Wert  schafft,  oder  wenn  der  Wert  ohne  sie  geschaffen
werden  kann,  so  beweist  nichts,  daß  die  Arbeit  notwendigerweise  einen
Mehrwert  erzeugt;  und  folglich  auch  nicht,  daß  der  Profit  des  Kapitalisten
in  nichtbezahlter  Arbeit  besteht.  Allerdings  antworten  die  Neo-Marxisten,
1 )  Der  italienische  Syndikalist  Arthur  Labriola  (Revue  Socialiste,  1899,
Bd.  I,  S.  674)  schreibt:  „Während  wir  Marxisten  es  uns  sauer  werden  ließen,  den  Mantel
des  Meisters  zu  flicken,  um  ihn  uns  umzuwerfen,  hatte  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft ­
  täglich  Fortschritte  gemacht  .  .  .  Man  vergleiche,  Kapitel  um  Kapitel,  das
„Kapital“  von  Marx  und  die  „Principles  of  political  Economy“  von  Marshall;  inan
wird  daraus  ersehen,  wie  Probleme,  die  wenigstens  hunderte  von  Seiten  im  Kapital
beanspruchen,  bei  Marshall  in  einigen  Zeilen  gelöst  werden.“  B.  Croce  (Materialismo
storico  ed  Economia  marxistica,  1900,  S.  106)  schreibt:  „Was  mich  anbelangt,
so  bleibe  ich  fest  bei  der  wirtschaftlichen  Konstruktion  der  hedonistischen  Schule  .  •  •  &amp;gt;
doch  befriedigt  das  nicht  meinen  Wunsch  nach  einer  soziologischen  Aufklärung  über
den  Profit  des  Kapitals,  und  diese  Aufklärung  ist  ohne  die  vergleichenden  Betrachtungen, ­
  die  uns  Marx  vorschlägt,  unmöglich.“
Endlich  sagt  Sorel  (Saggi  di  critica  del  marxismo,  1903,  S.  13):  „E s
ist  notwendig,  jede  Anwandlung,  den  Sozialismus  zur  Wissenschaft  zu  machen,  aufzugeben.“ ­

2 )  Besonders  in  der  von  Bernstein  angeführten  Stelle:  „Es  ist  in  der  Tat  das
Gesetz  des  Wertes,  daß  nicht  nur  auf  jede  einzelne  Ware  nur  die  notwendige  Arbeitszeit ­
  Verwandt  ist,  sondern  daß  von  der  gesellschaftlichen  Gesamtarbeitszeit  nur  das
nötige  proportionelle  Quantum  in  den  verschiedenen  Gruppen  verwandt  ist.  Denn
Bedingung  bleibt  der  Gebrauchswert  .  .  .  Das  gesellschaftliche  Bedürfnis
d.  h.  Gebrauchswert  auf  gesellschaftlicher  Potenz  erscheint  hier  bestimmend  für  die
Quota  der  gesellschaftlichen  Gesamtarbeitszeit,  die  den  verschiedenen  besonderen
Produktionssphären  anheimfallen.“  (Marx,  Das  Kapital,  Bd.  III,  2,  S.  175—176)  -y"
und  Bernstein  fügt  hinzu:  „Dieser  Satz  allein  macht  es  unmöglich,  sich  über  die
GossEN-BöHM’sche  Theorie  mit  einigen  überlegenen  Redensarten  hinwegzusetzen.
(Die  Voraussetzungen  des  Sozialismus  und  die  Aufgaben  der  Sozialdemokratie, ­
  Stuttgart  1904,  S.  42,  Anm.  2).
        <pb n="544" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

521

daß  die  Tatsache  der  Mehrarbeit  und  der  des  Mehrwertes  ganz  offenbar
auch  ohne  die  Theorie  des  Arbeitswertes  bestehen  bleiben  —  und  überreichlich ­
  durch  die  Existenz  einer  Klasse  von  Menschen  in  der  Gesellschaft ­
  bewiesen  wird,  die  leben  ohne  zu  arbeiten.  Denn  hieraus  ergibt
sich  ganz  selbstverständlich,  daß  sie  nur  von  dem  Erzeugnis  der  Arbeit
anderer  leben  können 1 ).  Zugegeben!  Dann  aber  bleibt  gar  nichts  weiter
übrig  als  die  schon  lange  vorher  von  Sismondi  und  den  kritischen  Nationalökonomen ­
  der  englischen  Schule  deutlich  herausgearbeitete  Tatsache  —
»des  nicht  verdienten  Einkommens“,  so  wie  sie  der  ganzen  Lehre  Saint-Simon’s
  und  Rodbertus’  zugrunde  liegt,  und  wie  sie  heute  wieder  von
der  englischen  „Schule  der  Fabier“  aufgenommen  worden  ist.
Es  ist  daher  nicht  recht  ersichtlich,  was  Marx  als  logischen  Beweis
dem  hinzugefügt  hat,  und  der  alte  Streit  über  die  Frage,  ob  die  Arbeiter
ausgebeutet  werden,  ob  die  von  den  sogenannten  müßigen  Klassen  bezogenen ­
  Einkünfte  mit  einer  wirklichen  Schaffung  von  Werten  übereinstimmen ­
  oder  nicht,  bleibt  offen.  Man  kann  nur  sagen,  daß  durch  die
historische  Darlegung,  die  er  von  der  Entwicklung  der  kapitalistischen
Ordnung  gegeben  hat,  Marx  gewisse  eindrucksvolle  Beweise  beibringt,
and  hierin  liegt  in  der  Tat  noch  der  solideste  Bestandteil  seines  Werkes.
Wenn  wir  zu  dem  Gesetz  der  Konzentration,  das  das  Rückgrat  der
marxistischen  Lehre  ist,  übergehen,  so  ist  auch  dies  stark  erschüttert.
Ein  Sozialist,  Bernstein,  hat  ihr  den  meisten  Abbruch  getan 2 ),  indem
er  Tatsachen  zusammenstellte,  die  sie  widerlegen,  auf  die  aber  übrigens
schon  seit  langem  von  den  bürgerlichen  Nationalökonomen  hingewiesen
worden  war.  Wenn  auch  unzweifelhaft  die  Großunternehmungen  immer
zahlreicher  und  mächtiger  werden,  so  beweist  dies  keineswegs,  daß  sie
die  Kleinindustrie  und  den  Kleinhandel  ausschalten.  Die  Statistik  zeigt
!m  Gegenteil,  daß  die  Anzahl  der  Kleinindustriellen  (diese  Handwerker,
deren  Aufsaugung  nach  der  marxistischen  Doktrin  schon  seit  dem  14.  Jahrhundert ­
  begonnen  hat)  im  Steigen  begriffen  ist!  Und  wir  sehen  beständig,
wie  irgendeine  neue  Erfindung  wie  die  Photographie,  die  Fahrräder,  die
Verwendung  der  Elektrizität  im  Hause,  die  Vorliebe  für  Blumen,  einer
Menge  kleiner  Industrien  und  kleiner  Handelszweige  eine  Existenz  verschafft. ­

Weiterhin  tritt  die  Konzentration  aber  in  den  landwirtschaftlichen
*)  „Ob  die  MARx’sche  Werttheorie  richtig  ist  oder  nicht,  ist  für  den  Nachweis
er  Mehrarbeit  ganz  und  gar  gleichgültig.  Sie  ist  in  dieser  Hinsicht  keine  Beweisthese
sondern  nur  Mittel  der  Analyse  und  der  Veranschaulichung“  (Bernstein,  ebenda,
ö.  42).  _  Marx  muß  aber  doch  seine  Werttheorie  nicht  für  so  ganz  unbedeutend  gehalten ­
  haben,  da  er  sie  nicht  nebenher,  sondern  gerade  am  Anfang  seines  Buches  formuliert ­
  hat.
a )  In  dem  oben  angeführten  1899  veröffentlichten  Buch.  1900  erschien  eine  allera
 mgs  unvollständige  französische  Übersetzung  unter  dem  Titel:  Socialisme  theori
 que  et  Social-dßmocratie  pratique.
        <pb n="545" />
        522

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Betrieben  in  keiner  Weise  in  Erscheinung.  Bis  heute  haben  sich  die  Kollektivsten ­
  umsonst  bemüht,  auch  diese  Industrie  durch  Beispiele,  die  sie
den  Vereinigten  Staaten  oder  den  landwirtschaftlichen  Statistiken  europäischer ­
  Länder  entlehnen,  unter  ihr  Lieblingsgesetz  zu  beugen.  Obgleich
die  statistischen  Angaben  so  verworren  sind,  daß  man  daraus  auch  das
Gegenteil  beweisen  kann,  so  haben  sie  sich  doch  nur  schwierig  zu  dieser
Auslegung  benutzen  lassen  und  scheinen  viel  eher  Gründe  zugunsten
der  entgegengesetzten  These  zu  liefern,  nämlich  für  eine  allmähliche
Abnahme  der  durchschnittlichen  landwirtschaftlichen  Betriebsgröße  im
Verhältnis  zum  Wachstum  der  Bevölkerung;  —  eine  Tatsache,  deren
Bestätigung  der  marxistischen  Lehre  einen  doppelten  Schlag  versetzen
würde.  Dies  würde  nämlich  bedeuten,  daß  der  landwirtschaftliche  Kleinbetrieb ­
  sich  nicht  nur  entwickelt,  sondern  daß  der  Kleinbetrieb  sich  gerade
deshalb  entwickelt,  weil  er  produktiver  als  der  Großbetrieb  ist.
Nehmen  wir  aber  einmal  als  Hypothese  an,  daß  das  Gesetz  der  Konzentration ­
  der  Unternehmungen  wirklich  begründet  sei,  Dies  würde  immer
noch  nicht  genügen,  um  die  Richtigkeit  der  marxistischen  Theorie  außer
Zweifel  zu  stellen,  solange  dieses  Gesetz  nicht  von  einer  Konzentration
des  Eigentums  auf  eine  immer  kleiner  werdende  Anzahl  von  Menschen
begleitet  wird.  Weit  davon  entfernt,  die  marxistische  Theorie  zu  stützen,
widerlegen  die  statistischen  Zahlen  sie  gerade  hierin.  Das  Auftauchen
jener  neuen  Spezies,  der  amerikanischen  Milliardäre,  darf  uns  hierüber
nicht  täuschen.  Es  ist  ja  richtig,  daß  es  reichere  Menschen  gibt  als  es
jemals  gegeben  hat,  aber  es  gibt  auch  mehr  reiche  Menschen,  als  es
jemals  gegeben  hat.  Der  Prozentsatz  nicht  nur  der  sehr  großen,  sondern
auch  der  mittleren  und  der  kleinen  Vermögen  steigt  in  allen  Ländern
beständig.  Gerade  die  Aktiengesellschaften,  in  denen  die  marxistische
Schule  eine  Bestätigung  ihrer  These  gesucht  hat,  dienen  im  Gegenteil  dazu,
das  Eigentum  an  eine  unendliche  Zahl  von  Personen  zu  verteilen,  woraus
sich  ergibt,  daß  die  Konzentration  der  Unternehmungen  und  die  Konzentration ­
  des  Eigentums  zwei  ganz  verschiedene  Dinge  sind.  Die  sich
immer  stärker  entwickelnden  Kooperativgenossenschaften  haben,  wer
kann  sagen,  wie  viele  Proletarier  in  kleine  Besitzer  verwandelt!  Und
wieviel  Millionen  kleiner  Rentner  mag  der  große  Krieg  erschaffen  haben-Die
  Behauptung  Marx’,  daß  die  Expropriation  der  Zukunft  viel
leichter  durchführbar  sein  wird  als  die  der  Vergangenheit,  weil  es  genüge* 1
wird,  „Einige  zugunsten  der  Masse  zu  expropriieren“,  ist  daher  vollständig
unrichtig.  Nicht  etwa  nur  eine  Oligarchie,  sondern  die  Masse,  und  zwar
eine  Masse,  die  stetig  wächst,  müßte  expropriiert  werden.  Schon  heute
besitzt  sicherlich  die  Hälfte  aller  Franzosen  irgendwelches  Eigentum-Wertpapiere,
  Grund  und  Boden,  oder  Häuser.  Früher  sprachen  die  Kollek'
tivisten  mit  Verachtung  von  jenen  Fetzen  oder  sogar  von  „jenen  Lumpen
Eigentums  und  sagten,  daß  sie  am  Tage  der  Expropriation  voller  Freude
        <pb n="546" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

523

für  die  Vorteile  weggeworfen  werden  würden,  die  sich  aus  einem  sozialen
Miteigentum  ergeben.  Aber  der  Beweis,  daß  sie  heute  nicht  mehr  daran
glauben,  ist,  daß  sie  selbst  schon  eine  andere  Sprache  führen  und  sich
verpflichten,  diese  „Eigentumsfetzen“  ihren  Besitzern  zu  erhalten.
In  dieser  Hinsicht  hat  ihr  Programm  schon  einige  Veränderungen,
wenn  nicht  einige  Risse  erhalten.  Als  es  in  dem  kommunistischen
Manifest  formuliert  worden  war,  vor  mehr  als  einem  halben  Jahrhundert,
rechnete  man  damit,  daß  das  kleine  Eigentum  sehr  bald  verschwinden
würde.  Da  dann  der  ganze  Besitz  in  einer  kleinen  Anzahl  von  Händen
konzentriert,  und  andererseits  die  Masse  der  Proletarier  um  all  die  expropriierten ­
  früheren  kleinen  Besitzer  vermehrt  sein  würde  —  so  würden
die  Proletarier  nur  eine  Handbewegung  zu  machen  brauchen,  um  die
besitzenden  Klassen,  sei  es  auf  dem  Wege  der  Revolution,  sei  es  einfach
durch  den  zum  Gesetz  erhobenen  Willen  der  Mehrheit,  hinwegfegen  zu
können.
Zum  Unglück  für  die  Ausführung  dieses  Programms  mußte  man  leider
konstatieren,  daß  „der  Verfall  des  bürgerlichen  Eigentums“  weder  unvermeidlich ­
  noch  nahe  bevorstehend  erschien.  Nicht  nur  befand  sich  das
kapitalistische  Großeigentum  außerordentlich  wohl  —  worin  natürlich
eine  Bestätigung  der  marxistischen  Theorie  und  nicht  ihre  Widerlegung
liegt  —  sondern  auch  das  Kleineigentum  und  die  Kleinindustrie  wollten
augenscheinlich  durchaus  noch  nicht  das  Zeitliche  segnen.  Was  sollte
man  nun  tun?  Man  konnte  nicht  hoffen,  die  Verwirklichung  der  sozialen
Revolution  ohne  oder  gegen  den  Willen  dieser  riesigen  Menge  von  Land-Ruten,
  Handwerkern,  Krämern  usw.  durchzuführen  —  und  zwar  ebensowenig ­
  durch  Anwendung  von  Gewalt  als  durch  Anwendung  der  parlamentarischen ­
  Machtmittel,  denn  diese  Masse  bildet  gerade  den  zur  Mehrheit
unentbehrlichen  Bestandteil,  wenn  sie  nicht  schon  an  sich  die  Mehrheit
vorstellt:  und  wie  sollte  man  hoffen,  sie  um  ein  Programm  zu  scharen,
das  ihre  eigene  Expropriation  enthielt  ?
Daher  hat  man  einen  Unterschied  gemacht.  Die  Sozialisation  der
Produktionsmittel  wird  nur  auf  den  Großbesitz  und  die  Großindustrie
augewandt,  auf  diejenigen,  die  Lohnempfänger  beschäftigen;  der  kleine
Besitz  dessen,  der  von  seiner  Arbeit  lebt,  wird  aber  geschont.  Gegen
den  Vorwurf  der  Inkonsequenz  oder  des  Opportunismus  verteidigt  man
s ieh,  indem  man  sagt,  daß  man  sich  auf  diese  Weise  nur  dem  Gang  der
Entwicklung  anpasse.  Man  beginnt  mit  der  Expropriation  der  Industrien,
die  schon  zur  kapitalistischen  Lohnordnung,  zum  Stadium  des  Mehrwertes ­
  gelangt  sind.
Diese  Schlußfolgerung  läßt  sich  in  der  Tat  rechtfertigen,  da  sie  sich
iogisch  auf  den  Prämissen  aufbaut.  In  Wirklichkeit  ist  es  aber  nicht
so  leicht,  zu  wissen,  was  man  mit  diesem  individuellen  Kleinbesitz  tun
soll.  Wird  man  ihn  leben  und  sich  neben  dem  gesellschaftlichen  Eigentum
        <pb n="547" />
        524

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

entwickeln  lassen  ?  Man  versteht  kaum,  wie  diese  beiden  Zustände  nebeneinander ­
  und  miteinander  vermischt  bestehen  sollen,  und  wie  es  der
Einzelperson  frei  stehen  soll,  zwischen  ihnen  zu  wählen.  So  nehmen  denn
auch  die  marxistischen  Kollektivsten  jene  dem  bäuerlichen  Eigentum ­
  gemachten  Versprechen  nicht  allzuernst;  sie  erblicken  darin  nichts
mehr  als  ein  nur  vorläufiges,  der  Ängstlichkeit  der  kleinen  Besitzer  ge'
machtes  Zugeständnis,  und  man  rechnet  darauf,  daß  sie  von  selbst  ihren
elenden  Besitz  aufgeben  werden,  um  an  den  Wohltaten  der  neuen  Ordnung
teilzunehmen,  oder  aber,  daß  sie  mit  oder  ohne  ihren  Willen  durch  deren
wirtschaftliche  Überlegenheit  ausgeschieden  werden.  Da  diese  Aussichten
aber  nichts  besonders  Anziehendes  für  die  haben,  auf  die  sie  sich  beziehen,
läßt  man  sie  gern  im  Dunkeln.
Was  wird  nun  aus  dem  Klassenkampf  im  Neomarxismus?  —  Man
leugnet  ihn  nicht,  aber  er  wird  dadurch  sehr  abgeschwächt,  daß  inan
ihn  nicht  mehr  als  einen  Kampf  auf  Tod  und  Leben  zwischen  den  beiden
Klassen  darstellt,  sondern  als  ein  recht  verworrenes  Kampfgetümmel
zwischen  einer  großen  Anzahl  von  Klassen,  dessen  Ausgang  infolgedessen
schwer  vorauszusehen  ist.  Die  Vorstellung  von  der  Gesellschaft,  als  ob
sie  nur  aus  zwei  übereinander  liegenden  Schichten  bestände,  ist  eben
allzu  einfach.  Wir  sehen  im  Gegenteil  eine  immer  wachsende  Differenzierung ­
  gerade  innerhalb  der  Kapitalistenklasse.  Andere  Kämpfe  gehen
vor  sich  hauptsächlich  zwischen  den  Geldsuchenden  und  den  Rentiers,
zwischen  den  Fabrikanten  und  den  Händlern,  zwischen  den  Industriellen
und  den  landwirtschaftlichen  Grundbesitzern;  —  besonders  dieser  letztere
Kampf,  dessen  Bedeutung  in  der  politischen  Geschichte  so  allgemein
gewesen  ist,  erscheint  durch  alle  Zeitalter  hindurch  auch  heutigen  Tages
wieder  unter  der  Form  der  großen  parlamentarischen  Kämpfe  zwischen
der  konservativen  und  liberalen  Partei,  zwischen  Tories  und  Whigs  usW-Und
  diese  Nebenkämpfe  komplizieren  oft  in  der  dramatischsten  Weise
und  auf  das  unvorhergesehenste  den  Hauptkampf,  weil  jeder  der  Kämpfe 1 )'
den  sich  auf  das  Proletariat  zu  stützen  sucht.  So  haben  in  England  di®
Industriellen  gegen  die  landwirtschaftlichen  Besitzer  die  Aufhebung
der  Kornzölle  durchgesetzt,  aber  diese  wieder  haben  ihrerseits  geg en
die  ersteren  die  Arbeitergesetzgebung  durchgebracht,  und  in  beiden
Fällen  hat  die  Arbeiterklasse  den  Gewinn  davon  getragen,  war  der  Tertiu s
gaudens!  Dann  wiederum  gehen  innerhalb  der  Arbeiterklasse  Kämp ie
vor  sich.  Schon  gibt  es  solche  (ohne  von  denen  der  roten  und  gelbe 11
Gewerkschaften  zu  sprechen)  zwischen  den  organisierten  und  den  nieh'
organisierten,  zwischen  den  qualifizierten  Arbeitern  (skilled  workm eB &amp;gt;
wie  die  Engländer  sagen)  und  denen  einer  untergeordneten  Kategor 10 '
Schon  erscheint,  wie  P.  Leroy-Beaulieü  sagt,  unterhalb  des  vierte 11
Standes  ein  fünfter!
Und  was  wird  aus  der  Katastrophentheorie?  Was  wird  aus  de
        <pb n="548" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

525

„großen  Kladderadatsch“?  Die  Neomarxisten  glauben  nicht  mehr  daran 1 ).
Die  wirtschaftlichen  Krisen,  die  das  Hauptargument  zugunsten  dieser
These  bilden,  scheinen  heute  nicht  mehr  so  drohend  für  den  Kapitalismus
zu  sein,  wie  Marx  sie  auffaßte.  Sie  treten  nicht  mehr  wie  die  Erschütterungen ­
  eines  Erdbebens  auf,  sondern  wie  der  periodische  Rhythmus
von  Ebbe  und  Flut,  deren  Eintreten  man  innerhalb  gewisser  Grenzen
vorausberechnen  kann.
Und  was  wird  aus  dem  historischen  Materialismus?  —  „Jeder  nicht
Voreingenommene  wird  die  Formel  Bernstein’s  unterschreiben:  „die
Notwendigkeiten  der  technisch-wirtschaftlichen  Entwicklung  bestimmen
immer  weniger  die  Entwicklung  der  anderen  sozialen  Einrichtungen“ 2 ).
Wieviele  Beweise  sind  nicht  schon  zusammengetragen  worden,  um  diesen
Satz  zu  stützen!  Der  Marxismus  liefert  sie  selbst,  denn  gerade  das  Prinzip
des  Klassenkampfes  und  des  „Klassenbewußtseins“  schöpft  seine  Kraft
aus  dem  Gefühl  einer  Auflehnung  gegen  die  wirtschaftlichen  Fatalitäten,
und  infolgedessen  aus  einem  gewissen  Ideal.  Sicherlich  beeinflussen  alle
Tatsachen  verschiedener  Ordnung,  ökonomische,  politische,  moralische
und  so  weiter,  einander,  aber  ohne  daß  man  sagen  könne,  eine  davon
bestimme  alle  anderen.  Daher  begnügt  man  sich  in  der  Volkswirtschaft
heute  eher  damit,  die  aufeinander  einwirkenden  Beziehungen  zwischen
den  Tatsachen  zu  untersuchen,  als  sich  mit  der  Frage  zu  beschäftigen,
welche  Tatsache  Ursache  und  welche  Wirkung  ist.
Was  bleibt  nun  zum  Schluß  vom  Marxismus  im  Neo-Marxismus
übrig  ?  Es  ist  nicht  so  leicht,  dies  festzustellen!  „Enthält  er  weiter  nichts
als  Formeln,  die  man  anführt,  und  deren  Wert  mehr  und  mehr  diskutierbar ­
  erscheint?  Ist  er  nicht  vielmehr  eine  philosophische  Auffassung, ­
  die  geeignet  ist,  die  sozialen  Kämpfe  zu  beleuchten  .  .  . 3 )?“
Bernstein  sagt,  daß  der  Sozialismus  eine  Bewegung  ist,  und  er  fügt
hinzu:  „Das  Ziel  ...  ist  mir  gar  nichts,  die  Bewegung  Alles“ 4 ).
§  2.  Der  syndikalistische  Neo-Marxismus.
Während  derart  der  doktrinäre  Marxismus  im  Begriff  stand,  sich  zu
verflüchtigen,  befestigte  und  bewahrheitete  er  sich  andererseits  voll-1
 )  Sie  glaubten  wenigstens  vor  dem  Kriege  nicht  mehr  daran.  Wenn  aber  die
bolschewistische  Revolution  in  Rußland,  in  Ungarn,  und  vielleicht  anderswo  glücken
sollte,  würde  die  Katastrophentheorie  natürlich  dadurch  sehr  gestützt  werden.
2 )  G.  Sorel,  Des  poRmiques  pour  Rinterprdtation  du  marxisme  in
der  Revue  internationale  de  Sociologie,  1900.
3 )  Sorel,  D6composition  du  marxisme,  S.  33.
4 )  Bernstein,  Zusammenbruchstheorie  und  Kolonialpolitik,  1898,  erschienen ­
  in  der  Sammlung:  Zur  Theorie  und  Geschichte  des  Sozialismus  1904,  Teil  II,
s -  95.  Man  hat  uns  vor  kurzem  mitgeteilt,  daß  es  sich  hier  um  einen  Vorabdruck  der
Philosophie  Bergson’s  handelt!
        <pb n="549" />
        526

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

ständig  —  so  behauptet  wenigstens  eine  Gruppe  seiner  Schüler  —  in
einer  Bewegung,  die  diesmal  aber  im  praktischen  Sinne  des  Wortes  wirklich ­
  ausschließlich  eine  Arbeiterberwegung  ist,  nämlich  in  der  syndikalistischen ­
  Bewegung.
Es  handelt  sich  hierbei  durchaus  nicht  um  den  Reformsyndikalismus
(Gewerkschaftsbewegung),  den  man  auch  trade-unionism  nennt  —
ihn  überläßt  man  Bernstein  und  den  Neo-Marxisten  seiner  Schule 1 ),
—  es  handelt  sich  um  den  kämpfenden  Syndikalismus,  der  zunächst
nur  in  Frankreich  und  in  Italien  besteht,  und  der  in  Frankreich  durch
die  Confederation  Gen6rale  du  Travail  vertreten  wird.
Welche  Verwandtschaft  besteht  nun  zwischen  dem  Marxismus  und
diesem  Syndikalismus?  Ein  überlegtes  und  bewußtes  Band  gibt  es  nicht:
die  Arbeiter,  die  die  Confederation  Generale  du  Travail  leiten,  haben
sicherlich  niemals  Marx  gelesen  und  kümmern  sich  nicht  darum,  seine
Lehren  anzuwenden.  Man  hat  aber  letzthin  ausgeführt,  daß  das  Programm
der  „C.G.T.“  bewunderungswürdig  mit  der  marxistischen  Lehre  übereinstimme, ­
  und  daß  sie  den  Marxismus  auf  den  richtigen  Weg  zurückgeführt
habe,  —  während  der  reformerische  Neo-Marxismus  sich  auf  dem  falschen
Wege  befände,  —  und  zwar  besonders  in  Folgendem:
a)  Es  betont  den  ausschließlich  proletarischen  Charakter  des  Sozialismus ­
  —  und  gleichzeitig  den  Wert  und  die  Schönheit  der  Arbeit,
nicht  jeder  Arbeit  überhaupt,  sondern  der  Arbeit,  die  die  Materie  verändert ­
  und  umformt,  der  Handarbeit.  Mit  den  Arbeitgebern  und  den
Kapitalisten  gibt  es  keine  Verständigung.  Und  ebensowenig  von  nun  an
mit  den  Intellektuellen  und  den  Politikern;  da  die  berufliche  Arbeitergewerkschaft, ­
  auf  Grund  ihrer  Definition,  nur  Arbeiter  umfaßt,  hat  sie
sich  nur  mit  den  Interessen  der  Arbeiter  zu  beschäftigen 2 ).  Wir  haben
schon  auf  die  zur  Schau  getragene  Verachtung  hingewiesen,  die  der
Marxismus  den  Intellektuellen  gegenüber  zeigt  (S.  516,  Anm.  1).
Kein  Milieu,  heißt  es,  ist  besser  als  die  Gewerkschaft  dazu  geeignet,
Der  Gesichtspunkt  wird  in  einem  Aufsatze  Berth’s  (Mouvement  Socialiste,
  Mai  1908,  S.  393)  sehr  klar  ausgeführt.  „Vom  rein  kritischen  und  negativen
Standpunkt  aus  waren  wir  mit  Bernstein  gegen  die  Orthodoxie  Kautsky’s.  Was
setzt  aber  Bernstein  an  die  Stelle  des  übrigens  durchaus  rhetorischen  Revolutionarismus
  der  deutschen  Sozialdemokratie?  Eine  einfache  demokratische  und  reformistische
Entwicklung,  die  die  bürgerlichen  liberalen  Einrichtungen  nachahmt,  und  die  sich
einbildet,  die  Emanzipation  der  Arbeiter  zu  erreichen,  indem  sie  den  bürgerlichen
Liberalismus  unter  der  doppelten  Form  einer  vollständigen  politischen  Demokratie
und  einer  vollständigen  wirtschaftlichen  Demokratie  auf  die  Spitze  treibt.  Hier  trennen
wir,  die  revolutionären  Syndikalisten,  uns  entschieden  von  Bernstein,  denn  wenn  wir
auch  die  Entwicklung  wollen,  so  wollen  wir  doch  eine  Entwicklung,  die  neue  soziale
Formen  schafft,  eine  revolutionäre  Entwicklung“.
3 )  „Eine  Organisation  der  Produzenten,  die  ihre  eigenen  Angelegenheiten  besorgen, ­
  ohne  die  Erleuchtung  nötig  zu  haben,  die  die  Vertreter  der  bürgerlichen  Ideologie ­
  besitzen“  (G.  Sorel,  Decomposition  du  marxisme,  S.  60—61).
        <pb n="550" />
        Kapitel  III.  Der  Marxismus.

527

das  „Klassenbewußtsein“  zu  entwickeln,  nämlich  das  Gefühl  der  Interessengemeinschaft, ­
  das  alle  Proletarier  gegen  alle  Besitzenden  vereinen
soll.  Das  Bewußtsein  tritt  erst  dort  auf,  wo  eine  Organisation  vorhanden
ist,  und  dies  gilt  im  Bereiche  des  Wirtschaftslebens  nicht  weniger  als
un  Bereiche  der  Biologie:  —  deshalb  ist  gerade  die  Gewerkschaft  das,  was
notwendig  ist,  um  die  alte  sozialistische  Auffassung  in  wirklichen  Sozialismus ­
  zu  verwandeln.  Als  Marx  schrieb,  konnte  er  diese  Macht  noch
nicht  voraussehen.  Wenn  er  sie  gekannt  hätte,  wie  sehr  würde  er  sich
darin  wiedererkannt  haben!  Die  Vertreter  dieses  Neo-Marxismus  schlagen
lyrische  Töne  an,  wenn  sie  von  der  Gewerkschaft  sprechen.  In  dem  bürgerlichen ­
  Sumpfe  ist  sie  die  einzige  Quelle  neuer  Energie.  Die  Gewerkschaft
trägt  die  Keime  einer  neuen  Gesellschaft,  einer  neuen  Philosophie  und
sogar  einer  neuen  Moral  in  sich,  die  man  die  Moral  des  Produzenten  nennen
kann:  Berufsehre,  Solidaritätsgefühl,  Stolz  auf  vollbrachte  Leistungen,
Kortschrittsbegeisterung  usw. x ).
b)  in  der  täglichen  und  praktischen  Betonung  und  Verwirklichung
des  Klassenkampfes,  des  wirklichen,  richtigen  und  einzigen  revolutionären
Kampfes  zwischen  Lohnempfängern  und  Kapitalisten,  des  Kampfes,
der  gerade  auf  dem  Klassenbewußtsein  beruht,  und  der  alle  Kriegsmittel,
Streiks,  Gewalt  usw.  anwendet  —  des  Kampfes,  der  jede  Hilfe  der  bürgerdchen
  Klassen  zurückweist,  jede  Einmischung  des  Staates,  jede  aufgezwungene ­
  Reform,  und  der  alles  nur  sich  selbst,  der  Selbsthilfe  (action
directe),  verdanken  will 2 ).
Nur  dieser  Kampf  bringt  das  neue  Recht  der  Zukunft,  soweit  es
1,1  Widerspruch  mit  den  heutigen  juristischen  Auffassungen  steht,  die

')  „Der  revolutionäre  Syndikalismus  ist  die  größte  erzieherische  Macht,  die  die
heutige  Gesellschaft  besitzt,  um  die  Arbeit  der  Zukunft  vorzubereiten“  (Sokel,  R6-Gexions
  sur  la  violence,  1909,  S.  244).
„In  dem  totalen  Zusammenbruch  der  Einrichtungen  und  der  Sitten  bleibt  etwas
Machtvolles,  Neues  und  Unberührtes  bestehen:  das,  was  ganz  eigentlich  die  Seele  des
Woletariats  ausmacht  und  nicht  in  den  allgemeinen  Verfall  der  moralischen  Werte
hineingezogen  werden  wird,  wenn  die  Arbeitenden  genügend  Energie  haben,  um  den
bürgerlichen  Verführern  den  Weg  zu  sperren,  indem  sie  ihr  Entgegenkommen  mit  der
^gesprochensten  Brutalität  zurückweisen“  (ebenda,  S.  253).
.,  Diese  Moral  steht  übrigens  im  Gegensatz  zu  der  Moral  des  Verbrauchers,  t  em
ea l  des  Rentiers  und  der  „gelehrten  Müßiggänger“,  die  die  sozialen  Vereinigungen
'  er  Käufer  und  die  Konsumgenossenschaften  die  Oberhand  gewinnen  sehen  mochten
Ggl.  oben,  S.  373).
.  2 )  Dieser  ununterbrochene  Kampf  ist  das,  was  G.  Sorel  die  „Gewalt“  —  la  violence ­
  —  nennt,  und  die  er  für  außerordentlich  heilsam  erklärt.  „Ich  habe  nachgewiesen,
aß  üi e  proletarische  Gewalt  eine  ganz  andere  historische  Bedeutung  hat,  als  die,  die
J hr  oberflächliche  Gelehrte  und  Politiker  beilegen“.  Man  muß  aber  darauf  hmweisen,
«aß  man  ihm  zu  Unrecht  vorgeworfen  hat,  die  Sabotage  gut  zu  heißen:  „Die  Sabotage“,
ba gt  er,  „ist  ein  Verfahren  des  alten  Regime  (?)  und  dient  keineswegs  dazu,  den  Arbeiter
  auf  den  Weg  der  Emanzipation  zu  führen“  (Mouvement  socialiste,  1.  und
15 -  November,  1905).
        <pb n="551" />
        528

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

die  Bourgeoisie  geschaffen  hat.  Daher  muß  dieser  Geist  des  Kampfes
mit  allen  Mitteln  genährt  werden,  nicht  gerade  um  den  Haß  zu  schüren,
wohl  aber,  um  die  Flamme  lebendig  zu  halten.  Dies  ist  die  Aufgabe,  die
Pflicht  des  Sozialismus.
Es  ist  zu  bemerken,  daß  dieser  Kampf  von  nun  an  als  einziges  Ziel
der  Tätigkeit  des  revolutionären  Syndikalismus  genügt,  denn  er  braucht
sich  jetzt  nicht  mehr,  wie  die  Sozialisten  früherer  Zeit,  um  die  Organisation ­
  der  Arbeit  und  der  Gesellschaft  zu  kümmern.  Alles  das  ist  schon
vom  Kapitalismus,  und  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  aus  sogar
auf  das  beste,  organisiert.  Es  ist  nur  noch  nötig,  seinen  Platz  einzunehmen ­
 1 ).
c)  in  der  Wiederaufnahme  der  These  von  der  Endkatastrophe,  nicht
mehr  unter  der  Form  einer  kapitalistischen  Krise,  sondern  unter  der  des
Generalstreiks.  Gegen  diese  Taktik  sind  alle  Generäle  und  alle  Bajonette
der  bürgerlichen  Klasse  ohnmächtig.  Was  soll  gegen  die  Arbeiter  geschehen,
die,  um  das  ganze  soziale  Leben  zum  Stillstand  zu  bringen,  nur  die  Arme
zu  kreuzen  brauchen  und  gerade  dadurch  beweisen  können,  daß  nur  die
Arbeit  der  Schöpfer  alles  Reichtums  ist?  Und  auch  wenn  man  annimmt,
daß  der  Generalstreik  sich  niemals  verwirklichen  könne  —  man  scheint
in  dieser  Hinsicht  ziemlich  skeptisch  zu  sein,  —  so  wird  der  Begriff  doch
als  machtvoller  Ansporn,  als  Mythus,  sagt  G.  Soreij,  seinen  Einfluß
nicht  verfehlen,  ähnlich  wie  das  Erwarten  des  Millenniums  bei  den  Christen
der  ersten  Jahrhunderte.
Dieses  Wort  „Mythus“  hat  einen  glänzenden  Erfolg  gehabt.  Wenig#
allerdings  bei  den  Syndikalisten  selbst,  denen  es  sehr  wenig  behagtßs
aber  bei  den  Intellektuellen.  Denn  reizt  es  nicht  zu  einem  Lächeln,  wenn
man  darauf  hinweist,  daß  diese  Auffassung  eines  ausschließlichen  Arbeitersozialismus, ­
  der  nicht  nur  antikapitalistisch,  sondern  ganz  ausgesprochen
antiintellektuell  ist,  und  der  „jedes  bürgerliche  Entgegenkommen  mit  der
äußersten  Brutalität  beantworten  soll“,  einzig  und  allein  von  einer  Grupp e
Intellektueller  stammt,  deren  Geist  aufs  schärfste  geschliffen  ist,  und  die
sich  zu  der  BERGsoN’schen  Philosophie  bekennen 2 )?
Ein  Mythus!  —  Mag  das  sein;  doch  sich  von  einem  Mythus  leiten
lassen,  ist  ungefähr  dasselbe,  wie,  gleich  den  drei  Königen  aus  dem
Morgenlande,  dem  Sterne  folgen,  oder  wie  Israel  der  Rauch-  und  Feuer-*)
  „Von  nun  an  wird  man  nicht  mehr  danach  suchen,  wie  die  Menschen  sich
einzurichten  haben,  um  das  zukünftige  Glück  zu  genießen;  alles  besteht  in  der  revolutionären ­
  Schulung  des  Proletariats“  (Sorel,  ebenda,  Einleitung,  S.  37).
*)  Diese  Gruppe  wird  von  der  Zeitschrift  Le  Mouvement  Socialiste,  ( * H!
Lagardelle  leitet,  vertreten.  Übrigens  hat  sich  Sorel  schon  vor  dem  Kriege  davon
zurückgezogen  und  kämpft  jetzt  für  den  „katholischen  Nationalismus“.
Die  vor  dem  Kriege  über  den  Syndikalismus  veröffentlichten  Untersuchunge 11
sind  sehr  zahlreich;  wir  haben  schon  auf  La  Philosophie  Syndicaliste  von  GuV
Grand  hingewiesen.
        <pb n="552" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

529

Säule,  die  es  ins  gelobte  Land  führte.  Und  mit  dieser  Hoffnung,  und
diesem  der  Ecclesia  militans  et  triumphans  der  ersten  Jahrhunderte
entlehnten  Glauben,  mit  dieser  ganzen  Auffassung,  die  ein  leidenschaftlicher, ­
  fast  heroischer  Atem  beseelt,  wie  fern  sind  wir  doch  dem  historischen ­
  Materialismus,  und  wie  nahe  jenem  Utopismus,  den  Marx  verhöhnte, ­
  und  den  er  dem  französischen  Sozialismus  so  schneidend  vorwarf! ­
  Gesteht  doch  Sorel  selbst,  daß  „es  selten  einen  Mythus  gegeben
hat,  der  von  jeder  utopistischen  Beimischung  durchaus  frei  war“ 1 ).

Kapitel  IV.
Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.
Im  Neuen  wie  im  Alten  Testament,  in  den  Verwünschungen  der
Propheten  gegen  die  Händler  und  gegen  die  Landräuber,  in  den  Gleichnissen ­
  Christi,  in  den  Predigten  der  Kirchenväter  über  die  Pflichten  der
Reichen  gegenüber  den  Armen  bis  zu  der  Kanzelrede  Bossuet’s  über  die
»eminente  Würde  der  Armen“,  in  den  In-folios  der  Kanoniker  und  in
der  „Summa“  Thomas’  von  Aquino  —  sind  die  Stellen  unzählbar,  die
wirtschaftliche  und  soziale  Fragen  berühren,  oder  sich  sogar  in  kategorischen ­
  Befehlen  mit  ihnen  befassen.  Viele  von  ihnen  sind  nicht  weniger
heftig  als  die  der  revolutionären  Sozialisten  unserer  Tage l  2 ).
Jedoch  hat  man  erst  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  christlichsoziale
  Lehren  und  Schulen  mit  einem  festen  Programm  aufkommen
l )  Reflexions  sur  la  violence,  S.  XXXV.  Seit  diese  Zeilen  geschrieben
Wurden,  hat  übrigens  die  furchtbare  Erschütterung  des  Krieges  die  Mythen  in  nichts
Verblasen  und  die  Reihen  aufgelöst.  In  allen  Ländern  hat  der  rechte  Flügel  der  so-2
 .  stischen  Partei  sich  zum  Nationalismus  bekannt,  während  die  linke  versucht  hat,
Ie  Diktatur  des  Proletariats  zu  organisieren.  Auf  der  anderen  Seite  hat  der  Marxismus,
^nk  seinem  deutschen  Ursprung,  die  Rückwirkung  der  Niederlage  zu  tragen.  Karl
ist  während  des  Krieges  oft  als  einer  der  Schuldigen  des  Pangermanismus  angeklagt
  worden.  Man  vergleiche  zur  Widerlegung  dieser  Behauptung  Longuet’s  Buch
»La  politique  internationale  du  Marxisme.“  Was  den  Syndikalismus  betrifft,  so  hat  er,
nach  Überwindung  der  durch  den  Krieg  verursachten  Desorganisation,  einen  erstaunichen
  Aufschwung  genommen:  heute  verlangt  jedermann,  einbegriffen  die  Beamten
ond  Künstler,  die  Aufnahme  in  die  C.  G.  T.  Es  ist  schwer  vorauszusagen,  was  aus  dieser
Gärung  hervorgehen  wird.  Im  übrigen  scheint  der  Syndikalismus  sich  nicht  mehr,
w ! (!  einst,  zu  weigern,  die  Mittel  zu  suchen,  um  eine  Entente,  sei  sie  nun  „cordiale“
ooer  nicht,  zwischen  den  Arbeitern  und  dem  Kapital  herbeizuführen  —  freilich  unter
er  Bedingung,  daß  die  Arbeit  der  Organisator  sei.
.  2 )  Es  genügt,  darauf  hinzuweisen,  daß  die  ganze  Theorie  des  Wuchers  und  die
lc h  darauf  aufbauende  Gesetzgebung  das  Werk  der  kanonischen  Rechtsgelehrten  ist.
Qi  de  und  Rist,  Geseh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeimmgen.  2.  Aufi.  34
        <pb n="553" />
        530

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

sehen,  das  darin  besteht,  in  den  Lehren  der  Religion  die  Lösung  der  volkswirtschaftlichen ­
  Probleme  und  den  Plan  einer  Erneuerung  der  Gesellschaft
zu  suchen 1 ).
Die  Ursachen,  die  ihre  Entstehung  bestimmten,  sind  leicht  genug
nachzuweisen.  Es  war  zunächst  eine  Reaktion  gegen  den  Sozialismus,
eine  Reaktion,  die  in  dem  Maße,  wie  der  Sozialismus  sich  immer  mehr
materialistisch  und  antichristlich  gebärdete,  immer  stärker  zum  Ausdruck
kam;  es  war  die  Pflicht  der  Kirche,  mit  dieser  neuen  Religion  um  die  Seele
der  Völker  zu  ringen:  es  war  die  Furcht,  das  Volk,  ihr  Volk,  sich  um  das
rote  Banner  des  Antichrist  scharen  zu  sehen 2 ).  Doch  wäre  es  kindisch
und  ungenau,  hierin  nur  eine  Konkurrenzfrage  erblicken  zu  wollen.  Man
muß  hierbei  vielmehr  ein  Erwachen  des  christlichen  Gewissens  verstehen,
das  sich  prüft,  ob  die  Kirche  nicht  Christum  verraten  habe,  ob  sie  über
ihrer  göttlichen  Aufgabe  die  irdische,  die  sie  ebenfalls  zu  erfüllen  hat,
nicht  mißverstanden  habe;  ob  sie,  wenn  sie  die  Bitten  des  Vaterunser
wiederholt:  „Dein  Reich  komme!“  und  „Unser  täglich  Brot  gib  uns
heute!“  nicht  aus  dem  Auge  verloren  habe,  daß  dies  Reich  sich  schon
auf  dieser  Erde  verwirklichen  solle,  und  daß  das  tägliche  Brot,  um  das  zu
bitten  ist,  nicht  nur  das  des  Almosen,  sondern  der  Lohn  der  Arbeit  sei!
Übrigens  unterscheiden  sich  diese  Lehren  und  diese  Schulen  sehr
bedeutend  voneinander,  und  wir  werden  sehen,  wie  sie  vom  autoritärsten
Konservatismus  bis  zum  revolutionärsten  Anarchismus  reichen.  Kur
indem  wir  ihnen  etwas  Gewalt  antun,  ist  es  uns  möglich,  sie  in  den  Rahmen
eines  Kapitels  zu  bringen.  Man  kann  jedoch  gewisse  positive  und  vor
Allem  gewisse  negative  Charakterzüge  herausarbeiten,  die  ihnen  allen
gemeinsam  sind  und  sie  zu  einer  einzigen  Familie  machen.
In  negativer  Hinsicht  verwerfen  alle  diese  Lehren  den  LiberaliS'
mus  der  klassischen  Schule.  Nicht,  daß  sie  Alle  nun  bereit  wären,  di®
Hilfe  des  Staates  anzurufen,  da,  wie  wir  sehen  werden,  Einige  von  ihnen
antistaatlich  sind.  Nicht,  daß  sie  die  Existenz  einer  natürlichen  Ordnung
leugnen,  die  sie  gerade  als  Ausdruck  des  Willens  Gottes  unter  dem  Namen
der  Vorsehung  verehren.  Aber  der  freigeschaffene  Mensch  hat  sich  gegen
diese  Ordnung  aufgelehnt,  —  die  Worte  Sündenfall  und  Sünde  bezeichnen
*)  Im  Jahre  1832  schrieb  ein  heute  vergessener  katholischer  Professor,  de  CoüX,
in  einem  Essai  dUlconomie  Politique  betitelten  Buche:  „In  seinen  praktischen
Konsequenzen  schließt  der  Katholizismus  das  bewunderungswürdigste  sozialökonomische
System  ein,  das  jemals  auf  Erden  gegeben  worden  ist“.
2 )  „Gegenüber  dem  Sozialismus,  der  sich  auf  den  Ruinen  des  liberalen  System 8
erhebt,  bleibt  nur  der  Katholizismus  bestehen,  der  allein  stark  genug  ist,  um  ihm
Stand  zu  halten“  (Comte  de  Mun,  La  question  sociale  au  XIX e  siede,  1900).
„Man  darf  nicht  zu  dem  Glauben  Anlaß  geben,  als  ob  die  Kirche  ein  Uolizis
im  Priesterrock  wäre,  der  sich  im  Interesse  des  Kapitals  dem  Volke  entgegenWJri  •
man  muß  im  Gegenteil  stets  darauf  hinweisen,  daß  sie  im  Interesse  und  für  die  * er '
teidigung  der  Schwachen  handelt“  (Derselbe,  Discours,  April,  1893).
        <pb n="554" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

531

diese  Auflehnung  —,  und  jetzt  ist  er  nicht  mehr  imstande,  aus  eigener
Kraft  den  Weg  zurückzufinden.  Daher  ist  die  Annahme  widersinnig,
es  genüge,  den  natürlichen  Menschen  „gehen  zu  lassen“,  so  wie  das  laisserfaire
  es  vorschreibt,  nämlich  dem  persönlichen  Interesse  freies  Spiel  zu
gewähren,  damit  dieses  den  Menschen  zum  Guten  zurückführe  und  ihn
den  Weg  zum  verlorenen  Paradies  wiederfinden  lasse.  Das  gilt  im  wirtschaftlichen ­
  Leben  ebensogut  wie  im  religiösen.  Im  Gegenteil,  die  christlichen ­
  Schulen  erklären,  daß  der  natürliche  Mensch,  —  das,  was  im  Neuen
Testament  der  alte  Adam  genannt  wird,  —  in  uns  absterben  müsse,  um
einem  neuen  Menschen  Platz  zu  machen.  Alle  göttlichen,  moralischen
ünd  sozialen  Kräfte  müssen  aufgerufen  werden,  um  ihm  zu  helfen,  den
Abhang  wieder  empor  zu  steigen,  auf  dem  ihn  die  Selbstsucht  hinabgleiten ­
  läßt 1 ).
Diese  Schulen  unterscheiden  sich  aber  nicht  minder  vom  Sozialismus, ­
  selbst  wenn  sie  ihn  in  der  Heftigkeit  ihrer  Anathemata  gegen  den
Kapitalismus  und  die  bestehende  wirtschaftliche  Ordnung  übertreffen.
Der  Unterschied  liegt  darin,  daß  sie  nicht,  wie  er,  glauben,  es  genüge,
die  wirtschaftlichen  Bedingungen  und  das  Milieu  zu  ändern,  um  eine
neue  Gesellschaft  zu  schaffen,  —  nein,  zur  gleichen  Zeit  muß  auch  das
Individuum  geändert  werden.  Denen,  die  ihn  fragten,  wann  das  Reich
Gottes  kommen  werde,  antwortete  Christus:  „Das  Reich  Gottes  kommt
nicht  mit  äußerlichen  Gebärden  .  .  .  Das  Reich  Gottes  ist  inwendig  in
Euch“ 2 ),  womit  er  sagen  wollte,  daß  die  soziale  Gerechtigkeit  erst  herrschen
werde,  wenn  sie  zuvor  in  den  Herzen  verwirklicht  sein  wird.  Das  Programm
des  christlichen  Sozialismus  darf  daher  nicht  mit  dem  der  freiheitlichen
Sozialisten  oder  sogar  der  Assozialisten  verwechselt  werden,  da  diese
glauben,  der  Mensch  sei  von  Natur  gut  und  nur  durch  die  Zivilisation
Verderbt,  und  ebensowenig  mit  dem  marxistischen  Kollektivismus,  der
nls  Grundlage  den  historischen  Materialismus  und  den  Klassenkampf
hat.  Und  wenn  auch  einige  der  christlichen  Schulen  bereit  sind,  mit  dem
Staatssozialismus  sympathisch  zusammen  zu  arbeiten,  so  kommt  doch
a )  Die  Christlich-Sozialen  weisen  darauf  hin,  daß  auch  dann,  wenn  man  das
ogma  von  der  Schöpfung  durch  die  Entwicklungstheorie,  und  Adam  durch  irgend-°inen
  Gorilla  ersetzen  wollte,  ihre  These  dadurch  nur  stärker  wird,  denn  dann  würde
??  nur  um  so  notwendiger  sein,  den  alten  Menschen  zu  ertöten!  „Wir  leben  nur 1 -,  schrieb
-dRünetiH^  „von  dem  Siege,  den  wir  täglich  über  das  Verhängnis  unseres  Ursprungs
avontragen  müssen“  (Revue  des  deux  Mondes,  1.  Mai  1895).
In  einem  1894  erschienenen  englischen  Buche,  das  einen  riesigen  Erfolg  hatte,
wocial  Evolution  Von  Kidd)  überträgt  der  Verfasser  die  darwinistische  Theorie
*ns  Christliche.  Nach  ihm  sind  der  Kampf  ums  Leben  und  die  natürliche  Auswahl
Wohl  Triebfedern  des  Fortschrittes.  Aber  der  Kampf  und  die  Auswahl  vollziehen  sich
fischen  denen,  die  bereit  sind,  ihre  individuellen  Interessen  dem  Interesse  der  Allgemeinheit ­
  zu  opfern,  und  die  Religion  ist  ihre  einzige  zwingende  Gewalt,  die  ein  derar
 Gges  Opfer  auferlegen  kann.
s )  Luk,  Evgl.  17,  20—21.

34*
        <pb n="555" />
        532

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

die  zwingende  Einmischung  der  Staatsgewalt  bei  ihnen  erst  an  zweiter
Stelle,  da  für  sie  die  familienmäßige,  die  korporative  oder  die  kooperative
Assoziation  an  erster  Stelle  stehen.  Wie  könnte  dies  auch  anders  sein,
da  jede  Kirche,  schon  auf  Grund  der  Bedeutung  des  Wortes,  eine  Assoziation ­
  ist.  Vor  allen  Anderen  ist  dies  die  römisch-katholische  Kirche,
und  was  man  auch  sonst  über  sie  denken  möge,  sie  ist  jedenfalls  die  großartigste ­
  und  die  am  festesten  zusammengefügte  Assoziation,  die  jemals
unter  den  Menschen  bestanden  hat,  da  sie  durch  die  Bande  einer  Solidarität, ­
  die  sogar  das  Grab  nicht  lösen  kann,  die  Ecclesia  militans  hier
unten  und  die  Ecclesia  triumphans  dort  oben,  hier  die  Lebenden  umfaßt,
die  für  die  Toten  beten,  und  dort  oben  die  Heiligen,  die  für  die  Sünder
eintreten.
Vom  Gesichtspunkte  ihrer  Gesellschaftskonstruktion  aus  aber  entziehen ­
  sich  diese  Schulen  jeder  Klassifizierung.  Man  kann  freilich  sagen,
daß  sie  alle  eine  Gesellschaft  erstreben,  in  der  alle  Menschen  als  Söhne
des  gleichen  himmlischen  Vaters 1 )  Brüder  sein  werden.  Aber  es  gibt  viele
unterschiedliche  Arten,  diese  brüderliche  Gleichheit  zu  verstehen.  Auch
kann  man  sagen,  daß  sie  alle,  wie  schon  die  Kanoniker  des  Mittelalters
taten,  von  dem  gerechten  Preise  und  von  dem  gerechten  Lohne  sprechen,
womit  gesagt  werden  soll,  daß  sie  sieh  weigern,  zuzugeben,  die  Arbeit
des  Menschen  sei  nur  eine  Ware,  die  dem  Spiel  des  Gesetzes  von  Angebot
und  Nachfrage  überliefert  ist;  sie  sehen  in  der  menschlichen  Arbeit  etwas
Heiliges:  und  schon  das  römische  Recht  gab  nicht  zu,  daß  die  Res  sacrae
Gegenstände  des  Handels  werden  dürften.  Sobald  es  sich  aber  darum
handelt,  ein  Programm  aufzustellen,  trennen  sich  die  Wege.  Denn  wenn
in  der  Heiligen  Schrift  die  Stellen  über  die  wirtschaftlichen  und  sozialen
Fragen  zahlreich  genug  sind,  so  sind  sie  auch  allgemein  genug,  um  den
verschiedensten  Lehren  als  Stützpunkte  dienen  zu  können.
Vielleicht  wird  man  denken,  daß  es  nicht  recht  lohne,  diesen  Doktrinen ­
  ein  besonderes  Kapitel  zu  widmen,  einmal  wegen  ihres  mehr  moralischen ­
  als  wirtschaftlichen  Charakters,  und  dann,  weil  wir  hier  nicht’
wie  in  den  vorhergehenden  Kapiteln,  die  Namen  bedeutender  Meister
finden,  die  die  Wissenschaft  mit  selbständigen  Beiträgen  bereichert  haben
—,  abgesehen  von  Le  Play,  der  aber  doch  nur  in  recht  loser  Verbindung
mit  dieser  Schule  steht.  Es  gibt  jedoch  große  Gedankenströmungen,
die  an  fast  keine  Namen  gebunden  sind:  die  Bedeutung  einer  Lehre  soll
sich  auch  weniger  aus  dem  Ruhm  ihrer  Urheber  als  aus  ihrem  Einfluß
auf  die  Gemüter  ergeben;  und  es  kann  nicht  geleugnet  werden,  daß  dm
christlich-sozialen  Ideen  einen  wirklichen  und  tiefgehenden  Einfluß  aU
*)  Nicht  ein  Christlich-Sozialer,  sondern  der  Gründer  dos  PositiVismus,  Auguste
Comte,  hat  gesagt:  „Die  ursprüngliche  Gleichheit  der  Menschen  ist  nicht  eine  a
Beobachtung  beruhende  Tatsache  .  .  .  Klar  ist  sie  zum  ersten  Male  vom  Christentu
behauptet  worden'*  (Trait6  de  Politique,  Bd.  I,  S.  407).
        <pb n="556" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

533

eine  bedeutend  größere  Anzahl  von  Gläubigen  ausgeübt  haben,  als  die
eines  Fourier,  eines  Saint-Simon  oder  eines  Proudhon,  und  mit  der
Entwicklung  von  wirtschaftlichen  Einrichtungen  von  großer  Tragweite
in  Verbindung  stehen,  wie  z.  B.  mit  dem  Versuch  der  Wiederaufrichtung
der  Zünfte  in  Österreich,  den  landwirtschaftlichen  Darlehenskassen  in
Deutschland  und  in  Frankreich,  den  kooperativen  Gesellschaften  in  England, ­
  den  Vereinen  gegen  den  Mißbrauch  des  Alkohols,  dem  Kampf  um
die  Sonntagsruhe  usw.
Auch  darf  nicht  vergessen  werden,  daß  die  Männer,  die  man  als
die  Urheber  der  Arbeiterschutzgesetzgebung  und  Wohlfahrtseinrichtung ­
  des  ersten  Viertels  des  19.  Jahrhunderts  ansehen  kann,  Lord
Shaftesbüry  in  England,  Pfarrer  Oberlin  (Elsässer,  Anm.  d.  Übers.)
und  der  Industrielle  Daniel  Legrand  in  Frankreich,  schon  Christlich-Soziale
  waren.

§  1.  Die  Schule  Le  Play’s.
Unter  den  christlich-sozialen  Schulen  steht  die  Schule  Le  Play’s 1 )
dem  klassischen  Liberalismus  am  nächsten,  und  einige  ihrer  Vertreter
gehören  sogar  beiden  Lagern  gleichzeitig  an.  Sie  hat  die  gleiche  Antipathie ­
  gegen  den  Sozialismus  und  das  gleiche  Mißtrauen  gegen  die  Einmischung ­
  des  Staates.
Auf  der  anderen  Seite  aber  trennt  sie  sich  durchaus  von  der  liberalen
Schule,  hauptsächlich  in  deren  optimistischer  französischer  Form,  und
zwar  durch  die  kategorische  Leugnung  des  Prinzips,  daß  das  Wohl  des
Individuums  sich  automatisch  verwirklichen  wird.  Nein,  der  Mensch
kennt  das  Gute  nicht.  „Der  Irrtum“  ist  in  der  sozialen  Wissenschaft
die  Tatsache,  die  am  zahlreichsten  und  klarsten  zutage  tritt.  Jeder  Neugeborene, ­
  der  zur  Welt  kommt,  bringt  die  Neigung  zum  Übel  mit  sich,
und  Le  Play  sagt  eindrucksvoll:  „Jede  neue  Generation  gleicht  einem-*)
  Frederic  le  Play  (1806—1882),  Schüler  der  „Öcole  polytechnique  \  Berg
mgenieur,  dann  Professor  an  der  „Lcole  des  mines“  und  Staatsrat,  veröffentlichte
1855  eine  Sammlung  von  Monographien  über  Arbeiterfamilien  unter  dem  Titel:  Les
Ouvriers  europöens,  in  einem  In-folio  Bande  (die  zweite  Ausgabe  erschien  1887
«nd  umfaßt  6  Bände  in  8°).  Im  Jahre  1864  legt  er  seine  Lehre  in  dem  Buche  La  Rcforme
  Sociale  dar,  ein  Buch,  das  Montalembert  als  „das  originellste,  tapferste,
nützlichste  und  in  jeder  Hinsicht  gewaltigste  dieses  Jahrhunderts  bezeichnete.  Diese
Epitheta  müssen  sich  zwar  viele  Abstriche  gefallen  lassen,  doch  ist  es  sicheilich  wahr,
daß  die  pessimistischen  Voraussagen  dieses  Buches  über  die  Zukunft  Frankreichs  sich
1,1  vielen  Punkten  bewahrheitet  haben.  .
Le  Play  schuf  1856  La  Sociötö  d ! Economie  Sociale,  die  seit  1881  eine  Zeitschrift ­
  La  Reforme  Sociale  herausgibt.  Er  war  der  Organisator  der  Weltausstellung
V( m  1867  und  der  Begründer  der  ersten  sozial-wirtschaftlichen  Ausstellungen.  Vgl.
als  Zusammenfassung  seines  Lebens  und  seines  Werkes:  Frederic  Le  Play  d^apres
ül-mgme,  von  Auburtin,  Paris  (1906).
        <pb n="557" />
        534

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Einfall  kleiner  Barbaren;  wenn  die  Eltern  es  versäumen,  sie  durch  die
Erziehung  zu  zähmen,  ist  der  Verfall  unausbleiblich“ 1 ).
Unter  diesen  Irrtümern  greift  Le  Play  mit  der  größten  Heftigkeit
besonders  die  an,  auf  die  der  bürgerliche  Liberalismus  sich  beruft,  „die
falschen  Dogmen  von  1789“ 1  2 ).  Jede  Gesellschaft,  die  leben  will,  muß
sich  reformieren,  anstatt  sich  von  sogenannten  natürlichen  Gesetzen
regieren  zu  lassen,  die  nichts  weiter  als  Instinkte  sind,  die  gezähmt
werden^  müssen.  Deshalb  nennt  sich  das  wichtigste  Buch  Le  Play’s
La  Reforme  Sociale,  und  die  Schule,  die  er  gegründet  hat,  hat  den
gleichen  Namen  angenommen.
Eine  Autorität  ist  daher  unumgänglich  nötig.  Wem  soll  diese
Autorität  nun  anvertraut  werden?  Vor  Allem  dem  Haupt  der  Familie:
in  ihm  kann  sie  sich  aus  zwei  Gründen  am  wirksamsten  entfalten:  —
1.  weil  ihr  Ursprung  in  der  Natur,  und  nicht  in  einem  Kontrakt  oder  in
einer  Verordnung  begründet  ist;  —  2.  weil  ihr  Einfluß  durch  Liebe  und
nicht  durch  Zwang  wirkt.  So  soll  denn  die  unter  die  Autorität  des  Familienhauptes ­
  gestellte  Familie,  in  der  unter  der  patriarchalischen  Herrschaft ­
  die  ganze  gesellschaftliche  Ordnung  bestand,  auch  jetzt  noch  das
ganze  Gerüst  der  Gesellschaft  bilden,  sogar  wenn  sie  so  kompliziert  geworden ­
  ist  wie  unsere  modernen  Gesellschaften.  Die  väterliche  Autorität
genügt  aber  freilich  nicht,  weil  ihr  Träger  selbst  durch  die  Aufgaben  des
Lebens  zu  sehr  beschäftigt  ist,  und  ihr  müssen  daher  noch  weitere  „soziale
Autoritäten“  beigesellt  werden.  Soll  dies  der  Staat  sein?  Nein,  wenn
man  es  vermeiden  kann.  Zunächst  kommen  die  natürlichen  Autoritäten,
die  sich  selbständig  entwickelt  haben,  in  Betracht:  der  Adel,  dort,  wo
er  nicht  wie  leider  in  Frankreich,  seine  Aufgabe  verfehlt  hat,  die  Großgrundbesitzer, ­
  die  Arbeitgeber,  die  „Weisen“,  worunter  nicht  Gelehrte,
sondern  Menschen  mit  Lebenserfahrung  zu  verstehen  sind,  und  dort,  wo
sie  fehlen,  die  Lokalautoritäten,  die  dem  Interessierten  am  nächsten
stehen,  die  Gemeinde  vor  dem  Kreise,  und  der  Kreis  vor  dem  Staate.
Die  Einmischung  des  Staates  läßt  sich  nur  dort  nicht  entbehren,  wo
alle  diese  sozialen  Autoritäten  nicht  genügen  —  zum  Beispiel,  um  die
Sonntagsruhe  durchzusetzen  dort,  wo  die  besitzenden  Klassen  das  Beispiel ­
  zu  ihrer  Verletzung  gegeben  haben  —;  die  Notwendigkeit  einer
Staatseinmischung  bezeichnet  daher  geradezu  einen  krankhaften  Zustand,

1 )  Programm  der  „Unions  de  la  Paix  sociale^,  Kap.  I.
2 )  „Der  schwerste  und  gefährlichste  Irrtum,  der  wirkliche  Urgrund  unserer  Bevolutionen,
  ist  das  falsche  Prinzip,  das  die  Erneuerer  Von  1789  praktisch  auszuführen
Vorgaben,  das  Prinzip,  das  die  ursprüngliche  Vollkommenheit  behauptet  .  .  .  und  das
besagt,  die  aus  natürlichen  Menschen  zusammengesetzte  Gesellschaft  würde  ohne  Anstrengung ­
  Frieden  und  Glück  genießen,  die  sozusagen  die  spontanen  Früchte  jeder  freien
Gesellschaft  wären.“
        <pb n="558" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

535

und  der  Grad  dieser  Einmischung  gestattet  in  gewisser  Weise,  die  Größe
des  Übels  zu  messen 1 ).
Wenn  Le  Play  der  Familie  eine  so  große  Bedeutung  beilegt,  so  ist
es  selbstverständlich,  daß  er  der  Ordnung  des  Erbschaftswesens  eine  nicht
geringere  zuspricht,  da  ja  auf  der  Erbschaft  die  Dauer  der  Familie  beruht.
Hierin  liegt  auch  der  Kernpunkt  des  Le  PLAY’schen  Systems.  Er  unterscheidet ­
  drei  Haupttypen  der  Familie:
1.  Die  patriarchalische  Familie.  —  Der  Vater  ist  der  alleinige
Eigentümer  oder  genauer  der  alleinige  Verwalter  aller  Güter  der  Familie,
und  bei  seinem  Tode  gehen  alle  diese  Güter  ohne  weiteres  auf  den  ältesten
Sohn  über.  Es  ist  -dies  das  antike  System,  wie  es  zur  Zeit  der  Hirtenvölker
bestand,  und  wie  es  heute  noch  unter  den  Nomaden  des  Orientes  herrscht.
2.  Die  Wahl-Erbfolge-Familie  („La  famille-souche“).  —  Die
Kinder  und  Enkel  bleiben  nicht  mehr  unter  der  väterlichen  Autorität
zusammen.  Sie  zerstreuen  sich  und  gründen  neue  Familien;  nur  ein
einziger  bleibt  im  Hause.  Dies  ist  der  vom  Vater  bezeichnete  Erbe,
der  seine  Stelle  einnehmen  wird,  nachdem  er  während  seines  ganzen
Lebens  mit  ihm  zusammen  gearbeitet  hat.  Die  Wahl  dieses  Erben  beruht ­
  aber  hier  auf  dem  väterlichen  Willen  und  ist  nicht  durch  ein
zwingendes  „Recht  des  Ältesten“  beschränkt.  Die  Erbschaft  geht  auf
den  Würdigsten  über  oder  auf  alle  Fälle  auf  den,  der  am  besten  dazu
geeignet  ist,  sie  zu  bewahren.  Diese  Einrichtung  genügt,  wie  Le  Play
sagt,  um  die  außerordentliche  Stabilität  Chinas  zu  erklären.  Auf  ihr
beruht,  auch  wenn  sie  schon  etwas  erschüttert  ist,  die  Kraft  und  die
Lebensfähigkeit  Englands.  Noch  gibt  es  in  Frankreich  einige  Gegenden, ­
  wo  dieses  System,  trotz  des  Code  civil,  sich  hat  halten  können.  Die
Geschichte  der  Familie  Melouga,  Bauern  der  Pyrenäen,  kehrt  jeden  Augenblick-wie ­
  ein  Leitmotiv  in  den  Schriften  Le  Play’s  und  seiner  Schüler
wieder.  (Übrigens  ist  diese  Familie  heute  ausgestorben.)
3.  Die  unbeständige  Familie  („La  famille  instable“).  —
In  ihr  verlassen  alle  Kinder,  sobald  sie  das  Alter  der  Selbständigkeit
erreicht  haben,  das  Haus,  ein  jedes  für  sich.  Beim  Tode  des  Vaters  wird
die  schon  verstreute  Familie  definitiv  aufgelöst;  das  Erbe  wird  durch
die  gleiche  Zwangsteilung  zerstückelt,  und  der  landwirtschaftliche  oder
industrielle  Betrieb,  wenn  es  einen  gibt,  wird  liquidiert.  Dies  System
bat  sich  aus  dem  Individualismus  ergeben  und  charakterisiert  fast  alle
modernen  Gesellschaften  und  besonders  Frankreich.
Von  diesen  drei  typischen  Familienordnungen  ist  nur  die  zweite
Le  Play  völlig  sympathisch,  weil  sie  es  ist,  die  am  besten  das  Gleichgewicht ­
  zwischen  den  beiden  antagonistischen  Kräften  aufrecht  erl

 )  „Es  ist  das  große  Unglück  Frankreichs,  daß  hier  die  Familie  in  der  Gemeinde,
“ie  Gemeinde  im  Departement,  und  das  Departement  im  Staate  aufgeht“  (La  Ref  orme
s °ciale,  III,  B.  7).
        <pb n="559" />
        536

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

hält,  die  für  das  soziale  Leben  gleicherweise  unentbehrlich  sind,
nämlich  das  Streben  auf  Beibehaltung  des  Alten  und  das  Streben  auf
Einführung  des  Neuen.  Unter  der  Herrschaft  der  patriarchalischen
Familie  tritt  das  erste  zu  stark  hervor 1 );  aber  unter  der  der  unbeständigen ­
  Familie  verschwindet  es  zu  sehr.  Infolge  der  Erbteilung  bei  jedem
Todesfall  wird  jedes  Unternehmen  zu  einem  Gewebe  der  Penelope,  wo
die  Arbeit  jeder  Generation  jedesmal  ganz  und  gar  neu  zu  tun  ist 2 ).  Und
diese  periodische  Teilung  gibt  nicht  einmal  die  versprochene  Gleichheit:
denn,  da  alle  Bande  der  Solidarität  zwischen  den  Brüdern  gelöst  sind,
so  bereichern  sich  die  Einen,  während  die  Anderen  im  Elend  verkommen:
ein  jeder  für  sich!  Eine  derartige  Ordnung  der  Dinge  endigt  notwendigerweise ­
  in  der  Sterilität,  wovon  Frankreich  einen  schlagenden  Beweis  liefert.
Da  die  Kinder  nämlich  nur  so  lange  bei  ihren  Eltern  bleiben,  als  sie  ihrer
Hut  bedürfen,  und  sie  verlassen,  sobald  sie  imstande  sind,  sich  selbst
zu  genügen,  wie  die  Jungen  der  Tiere,  so  ist  es  klar,  daß  die  Eltern  ein
Interesse  daran  haben,  so  wenig  wie  möglich  Kinder  zu  zeugen.
Im  Gegensatz  dazu  vertraut  die  Wahl-Erbfolge-Familie  dem  Sohn,
der  zu  Hause  bleibt,  die  Hut  der  Überlieferung  an,  und  überläßt  es  den
Söhnen,  die  in  die  Ferne  ziehen,  ihren  Unternehmungsgeist  zu  betätigen.
Auf  diese  Weise  hat  England  die  Weit  erobert.  Zur  gleichen  Zeit  hält
diese  Einrichtung  die  wirkliche  Familiengleichheit  aufrecht,  indem  das
Heim  stets  denen  als  Zufluchtsort  offen  steht,  die  sich  dahin  zurückziehen ­
  wollen,  weil  sie  in  der  Welt  keinen  Erfolg  gehabt  haben.  Hierin
liegt,  um  nur  ein  Beispiel  anzuführen,  die  Lösung  der  Frage,  wie  die
schmerzliche  Lage  der  alten  Jungfern  freundlicher  gestaltet  werden
könne 3 ).
Um  zu  versuchen,  die  Wahl-Erbfolge-Familie  in  Frankreich  wiederaufzurichten, ­
  gibt  es  außer  der  moralischen  Reform  nur  ein  einziges  Mittel;
es  besteht  darin,  die  Testierungsfreiheit  wiedereinzuführen  oder  zum
allerwenigsten  den  frei  verfügbaren  Teil  genügend  zu  vergrößern,  damit
der  Vater  imstande  sei,  den  Grund  und  Boden  oder  das  Unternehmen
in  seiner  Gesamtheit  einem  seiner  Kinder  zu  hinterlassen,  mit  der  Bedingung, ­
  daß  dieses  seine  Geschwister  entschädigt,  wenn  der  Rest  des
Erbes  nicht  genügt,  jedem  seinen  Teil  zu  sichern 4 ).
*)  „Sie  (die  Patriarchal-Ordnung)  hält  in  der  Arbeitsordnung  und  in  der  Gesamt"
heit  der  sozialen  Beziehungen  mehr  die  Anhänglichkeit  an  die  Vergangenheit  als  die
Sorge  um  die  Zukunft,  den  Gehorsam  mehr  als  die  Initiative  aufrecht  .  ..  Die  Familiengemeinschaft
  hemmt  den  Aufschwung,  den  die  bedeutenden  Individualitäten  in  der
Familie  in  unabhängiger  Lage  hätten  nehmen  können“  (Reforme  Sociale,  B.  III)-2
 )  „Um  zusammenzufassen:  ich  habe  niemals  eine  soziale  Organisation  angetroffen,
die  im  gleichen  Grade  die  Gesetze  der  materiellen  und  der  moralischen  Ordnung
verletzt.“
3 )  Ihre  Zahl  wird  durch  den  Krieg  in  fürchterlicher  Weise  angeschwollen  sein.
4 )  Le  Play,  der  einen  gewissen  Einfluß  auf  Napoleon  III.  hatte,  versuchte  von
        <pb n="560" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

537

Wenn  die  Autorität  des  Vaters  über  seine  Kinder  ein  für  die  Stabilität ­
  der  Gesellschaft  unentbehrliches  Element  darstellt,  so  ist  doch  die
Autorität  des  Arbeitgebers  über  seine  Arbeiter  ebenfalls  äußerst  bedeutsam, ­
  wenn  sie  sich  auch  aus  der  ersteren  ableiten  läßt.  Von  ihr  hängt
der  soziale  Friede  noch  viel  unmittelbarer  ab.  Der  soziale  Friede  ist  der
Hauptgegenstand  der  sozialen  Wissenschaft 1 ).  Dieser  Ausdruck  kehrt
beständig  in  den  Schriften  Le  Play’s  und  seiner  Schüler  weder,  und
so  nennen  sich  die  von  ihnen  zur  Pflege  der  Lehre  gegründeten,  über
ganz  Frankreich  verbreiteten  Gesellschaften  „Unions  de  la  paix  sociale“.
Der  erste  Versuch  einer  sozialökonomischen  Ausstellung  im  Jahre
1867,  der  Le  Play  zu  verdanken  war  (wie  übrigens  der  ganze  bewunderungswürdige ­
  Plan  der  Anlage  dieser  Ausstellung),  bezweckte,  die  Einrichtungen ­
  zu  belohnen,  die  bestimmt  waren,  „die  gute  Harmonie  zwischen
Personen,  die  an  den  gleichen  Arbeiten  zusammen  tätig  sind“,  zu  entwickeln. ­
  Man  kann  sagen,  daß  die  ganze  Bewegung  der  Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen, ­
  die  im  Jahre  1850  in  Mühlhausen  mit  Dollfus
durch  das  berühmte  Wort:  „der  Arbeitgeber  schuldet  dem  Arbeiter  mehr
als  den  Lohn“  eingeleitet  wurde,  auf  dem  Geiste  Le  Play’s  beruht 2 ).
Es  ist  dies  das  sog.  „System  des  guten  Arbeitgebers“.  Natürlicherweise
stellte  sich  der  Apostel  der  Wahl-Erbfolge-Familie  auch  die  Fabrik  als
eine  Familie  vor,  die,  nach  dem  Vorbild  der  Familie,  sich  durch  Stabilität,
Beständigkeit  der  Anstellung 3 ),  geregelte  Anordnung  und  Autorität
eines  freiwillig  respektierten  Hauptes  charakterisiert.
Diese  für  Le  Play  so  bezeichnende  These,  daß  das  Heil  der  Arbeiterklasse ­
  nur  von  Oben  kommen  kann,  scheint  weniger  noch  begründet,
'hm  einen  GesetzesVorschlaj*  za  erhalten,  um  den  „Code  civil“  in  diesem  Sinne  abzuändern-. ­
  Obgleich  der  Kaiser  diesem  Gedanken  sympathisch  gegenüberstand,  und
trotz  seiner  fast  absoluten  Macht,  wagte  er  es  doch  nicht,  das  öffentliche  Gefühl  zu
■'erletzen,  denn  in  Wirklichkeit  wenden  die  Familienväter  nicht  einmal  die  beschränkte
z u  ihrer  Verfügung  stehende  Quote  an,  die  das  Gesetz  ihnen  zugesteht.  Das  Übel  liegt
daher,  wenn  es  überhaupt  ein  Übel  ist,  viel  tiefer,  als  Le  Play  dachte:  es  ist  mehr  in
den  Sitten  als  im  „Code“  begründet.
x )  „Der  Zweck  der  Tätigkeit  der  menschlichen  Gesellschaften  ist  weniger  die
Entwicklung  der  Reichtümer  an  und  für  sich,  als  die  Erlangung  von  Wohlstand  für
die  Menschen.  Der  Wohlstand  bedeutet  das  tägliche  Brot,  aber  er  besteht  nicht  außerhalb ­
  des  sozialen  Friedens“  (Claudio  Jannet,  Quatre  Ecoles  d-Lconomie  Sociale, ­
  1890).
2 )  Man  muß  jedoch  sagen,  daß  dies  damals  die  herrschenden  Ideen  waren.  Schon
1840  schrieb  Villerme  in  seinem  berühmten  Tableau  de  Petat  moral  et  physique
des  ouvriers:  „Diese  wohlverstandene  Bevormundung  von  seiten  des  Arbeitsgebers
hann  am  wirksamsten  zur  Besserung  der  Lage  und  der  Moral  der  Arbeiter  beitragen“
DL  S.  372).
3 )  Man  bekommt  eine  Idee  von  der  Bedeutung,  die  Le  Play  der  Beständigkeit
der  Dienstverträge  beimaß,  wenn  man  erfährt,  daß  ihm  aus  diesem  Grunde  die  Abschaffung ­
  der  Sklaverei  ein  gewisses  Bedauern  verursachte!  (Ref  orme  Sociale,
Ka P-  65,  X).
        <pb n="561" />
        538

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

als  diei  entgegengesetzte  des  Syndikalismus,  der  behauptet,  daß  das
Heil  nur  von  der  Arbeiterklasse  selbst  kommen  kann.  Schon  im  Voraus
ist  sie  durch  den  schönen  Satz  Stuart  Mill’s 1 )  widerlegt:  „Man  kann
keine  Zeit  anführen,  in  der  die  oberen  Klassen  eine  Rolle  gespielt  haben,
die  mit  der,  welche  ihnen  diese  Theorie  zuweist,  auch  nur  entfernt  übereinstimmte.
  Stets  haben  sie  sich  ihrer  Macht  zur  Förderung  ihrer  selbstsüchtigen ­
  Zwecke  bedient  ...  Ich  will  nicht  behaupten,  daß  das,  was
gewesen  ist,  immer  sein  muß  .  .  .  Jedoch  scheint  es  wenigstens  außer
Zweifel  zu  stehen,  daß,  bevor  die  oberen  Klassen  genügende  Fortschritte
gemacht  haben,  um  in  entsprechender  Weise  die  Vormundschaft,  die
man  ihnen  übertragen  will,  führen  zu  können,  die  unteren  Klassen  viel
weiter  fortgeschritten  sein  werden,  als  daß  man  sie  auf  diese  Weise  regieren
könne.“
Neben  dem  Arbeitgeber  und  dem  Staate  gibt  es  noch  einen  weiteren
Faktor  des  sozialen  Fortschritts,  dem  man  heute  die  erste  Stelle  zuweist; ­
  es  sind  dies  die  Arbeitergenossenschaften.  Man  könnte  glauben,
daß  diese  Arbeitergenossenschaften  Le  Play  um  so  sympathischer  gewesen ­
  wären,  weil  sie  von  der  Revolution  verboten  worden  waren.  Aber
das  durch  das  bekannte  Gesetz  Le  Chapelxer  ausgesprochene  Verbot
hat  nicht  hingereicht,  um  Le  Play  mit  dem  Koalitionsrecht  auszusöhnen:
er  erwartet  von  ihnen  nichts  Gutes,  ebensowenig  unter  ihrer  kooperativen
wie  unter  ihrer  korporativen  Form 2 ).  Die  Genossenschaft  erscheint  ihm
als  eine  unnötige  Konkurrenz,  die  der  natürlichen  und  durchaus  ausreichenden ­
  Genossenschaft,  wie  sie  die  erweiterte  Familie  vorstellt,  eher
verderblich  sein  kann.  Allerdings  hat  Le  Play  die  Arbeitergewerkschaften
nicht  an  der  Arbeit  gesehen.  Es  ist  aber  kaum  wahrscheinlich,  daß  dadurch
seine  Meinung  geändert  worden  wäre:  wenigstens  stehen  seine  Schüler
ihnen  nicht  sehr  freundlich  gegenüber.
Man  wird  vielleicht  einwerfen,  daß  alle  diese  Gedanken  nichts  besonders ­
  Neues  an  sich  haben?  Nichts  würde  Le  Play  größere  Freude
gemacht  haben,  als  dies  zu  hören,  denn,  erklärt  er:  „in  sozialen  Dingen
gibt  es  nichts  Neues  zu  erfinden:  das  ist  die  einzige  Entdeckung,  die  ich
gemacht  habe!“
Diese  Entdeckung  „von  der  wesenhaften  Verfassung  der  Menschheit“, ­
  wie  er  sie  nannte,  verdankte  er,  wie  er  glaubte,  seiner  Beobachtungsmethode, ­
  denn  die  Schule  Le  Play’s  charakterisiert  sich
nicht  nur  durch  eine  gewisse  Lehre,  sondern  auch  durch  eine  Methode,
die  übrigens  mehr  Erfolg  gehabt  hat  als  die  Doktrin  und  heute
J )  Principles,  B.  II,  S.  302—311.
2 )  „Unter  den  Panazeen,  die  man  zu  unserer  Zeit  gerühmt  hat,  ist  die  Genossenschaft ­
  dasjenige,  mit  dem  man  den  meisten  Mißbrauch  getrieben  hat  .  .  .  Die  Gesellschaften ­
  können  vom  Gesichtspunkt  des  Erfolges  aus  nicht  dieselben  Vorteile  bieten,
wie  die  individuelle  Arbeit  oder  das  wohlverstandene  Arbeitgeberpatronat“.
        <pb n="562" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

539

imstande  zu  sein  scheint,  ein  unabhängiges  Leben  zu  führen.  Le  Play
war  Bergingenieur  und  besonders  für  die  Zeit,  in  der  er  lebte,  ein  großer
Reisender 1 ).  20  Jahre  lang  durchstreifte  er  ganz  Europa  bis  an  den
Ural,  und  von  dort  brachte  er  seine  Methode  der  Monographien  von
Arbeiterfamilien  zurück,  die  er  der  von  ihm  verachteten  „Erfindungsmethode“ ­
 2 )  gegenüberstellte.
Die  Monographie  einer  Familie 3 )  nach  der  Methode  Le  Play’s  aufsteilen,
  bedeutet  nicht  nur  ihre  Geschichte  erzählen,  ihre  Lebensweise
beschreiben  und  ihre  Existenzmittel  analysieren,  sondern  alle  Handlungen ­
  ihres  Lebens  im  Rahmen  einer  „amerikanischen  Buchführung“
—  nach  Einnahmen  und  Ausgaben  —  zusammenfassen,  in  der  im  Voraus
alle  Rubriken  numeriert  und  mit  Aufschriften  versehen  sind,  so  daß  alle
sich  stets  auf  das  genaueste  vergleichen  lassen.  Sicherlich  liegt  viel  Gemachtes ­
  und  etwas  Kindisches  in  dieser  anscheinend  so  genauen  Methode,—
wo  nicht  nur  die  wirtschaftlichen  Bedürfnisse,  sondern  der  Unterricht,
die  Erholung,  die  Getränke,  die  Tugenden  und  Laster  katalogisiert  und
in  Mark  und  Pfennigen  beziffert  sind.  Ihr  Vorzug  besteht  aber  darin,
auch  den  unerfahrensten  Beobachter  zu  leiten,  da  er  gezwungen  ist,  jede
dieser  mit  Aufschriften  versehenen  Schachteln  mit  etwas  zu  füllen,  so
daß  er  folglich  keine  Tatsache  übersehen  kann 4 ).
Wenn  Le  Play  allerdings  erklärt,  daß  diese  Methode  ihm  die  Wahret ­
  enthüllt,  nämlich  die  Lehre,  die  wir  soeben  zusammenfassend  darlegten, ­
  so  scheint  er  sich  doch  recht  großen  Illusionen  hingegeben  zu
haben.  Von  anderen  Forschern  angewandt,  kann  sie  ihnen  ebenso  leicht
ganz  das  Gegenteil  offenbaren,  was  auch  in  Wirklichkeit  eingetreten  ist.
Le  Play  sagt,  seine  Methode  habe  nachgewiesen,  daß  nur  die  Familien

*)  „Oft  habe  ich  tausend  Kilometer  im  Postwagen  zurückgelegt,  um  einen  bedeutenden ­
  Großgrundbesitzer  am  Ende  der  europäischen  Welt  um  Rat  zu  fragen
(Brief  an  de  Ribbes  vom  3.  Oktober  1867).
2 )  „Diese  Methode  stützt  sich  auf  die  genau  beobachtete  Tatsache  und  ihre
exakte  Geschichte  .  .  .  Sie  entlehnt  weder  die  Einbildung,  noch  der  Metaphyhk,  noch
auch  den  Parteileidenschaften  irgend  etwas;  sie  ist  ganz  ausschließlich  ein  Work  der
Wissenschaft  und  der  Wahrheit 1 *  (La  Reforme  en  Europe).  ,
3 )  Diese  Monographien  erschienen  zuerst  in  dem  großen  Werke  le-Play-s.  Des
Ouvriers  EuropSens  im  Jahre  1854.  Sie  wurden  späterhin  von  seiner  Schule  unter
dem  Namen:  OuVriers  des  Deux-Mondes  fortgesetzt  und  ihre  Za,hl  übersteigt
heute  das  erste  Hundert.  Man  hat  diese  Methode  erweitert,  indem  man  Monographien
v °n  Industrien,  Monographien  von  Gemeinden  usw.  aufstellte.
Diese  Methode  erfordert  übrigens  eine  Vervollständigung  durch  Enqueten,  die
s iuh.  auf  große  Zahlen  erstrecken,  wie  Bevölkerung,  Höhe  der  Löhne  usw.,  und  daher
Uur  von  den  Regierungen  ausgeführt  werden  können.
4 )  Die  Gegenüberstellung  von  Ausgaben  und  Einnahmen  muß  notwendigerweise
bis  dahin  unbemerkt  gebliebene  Verluste  aufdecken,  ebenso  wie  das  doppelte  Wägen
®Ees  Körpers  und  seiner  Rückstände  die  Verluste  der  chemischen  Analyse  anzeigt 1 - 1
U*adl  Btoeau,  L’CEuvre  d^Henri  de  Tourville).
        <pb n="563" />
        540

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

glücklich  seien,  die  sieh  unter  einer  väterlichen  Autorität  Zusammenschlüßen ­
  und  sich  den  Zehn  Geboten  unterwerfen 1 ).  Zugegeben!  Was
versteht  er  aber  unter  „glücklichen  Familien“?  Die,  die  in  Einigkeit
und  Beständigkeit,  im  Vertrauen  auf  Gott  leben.  Er  stellt  daher  ein
gewisses  Kriterium  a  priori  des  Glückes  auf,  aber  nichts  beweist,  daß
die  „unbeständige  und  ungeordnete“  Familie  eines  Arbeiters  der  Vorstädte ­
  von  Paris  sich  nicht  unendlich  viel  glücklicher  gefühlt,  als  die
Wahl-Erbfolge-Familie  der  Melouga  oder  die  patriarchalische  Familie
der  Baschkiren  in  Turkestan.
Man  könnte  glauben,  daß  Le  Play  und  seine  Richtung  der  deutschen
historischen  Schule  verwandt  seien,  sowohl  wegen  der  Bedeutung,  die
sie  der  Methode  der  Beobachtung,  und  des  Gewichtes,  das  sie  den  Einrichtungen ­
  der  Vergangenheit  beimißt,  als  wegen  ihrer  Reaktion  gegen
den  Liberalismus  und  den  klassischen  Optimismus.  Die  Ähnlichkeit
ist  aber  nur  oberflächlich.  Im  Grunde  sind  die  beiden  Schulen  nicht
nur  verschieden,  sondern  sie  streben  auch  verschiedenen  Zielen  zu.  Die
deutsche  Schule  sucht  in  der  Vergangenheit  die  Erklärung  der  Gegenwart:
die  Schule  Le  Play’s  sucht  dort  Lehren.  Die  eine  untersucht  dort  den
Keim  der  späteren  Entwicklung,  während  die  andere  dort  den  Typus,
das  Modell  bewundert,  dem  man  nacheifern  muß.  Die  eine  dient  der
Entwicklung,  die  andere  der  Überlieferung.  Die  erstere  gelangt  zu  sehr
radikalen,  fast  sozialistischen  Schlußfolgerungen;  die  zweite  endet  im
Konservativismus.
Daher  schien  uns  der  richtige  Platz  Le  Play’s  nicht  im  Kapitel
über  die  historische  Schule,  sondern  in  dem  über  die  christlich-sozialen
Doktrinen  zu  sein 2 ).
Seine  grundlegende  Anschauung  von  der  angeborenen  Neigung
des  Menschen  zum  Irrtum  und  zum  Übel  genügt,  um  ihn  zu  klassifizieren.
Trotzdem  darf  diese  Doktrin  nicht  mit  dem  sozialen  Katholizismus  verwechselt ­
  werden,  da  Le  Play  sich  beständig  auf  die  Zehn  Gebote,  die
ein  mosaisches  Gesetz  sind,  beruft,  fortwährend  als  Beispiel  das  protestantische ­
  England  hinstellt  und  ebenso  oft  auf  China  und  die  islami'
tischen  Länder  verweist.  Auf  der  anderen  Seite  räumt  Ln  Play  unter

*)  Mit  einer  gewissen  Naivität  erklärt  er  sogar,  oft  denen  eine  Belohnung  versprochen ­
  zu  haben,  die  ihm  eine  einzige  Familie  nachweisen  könnten,  die  außerhalb
dieser  Bedingungen  glücklich  sei.  „Aber,“  fügt  er  an,  „alle  meine  Bemühungen  sind
erfolglos  geblieben“  (Des  Ouvriers  Europeens,  IV,  Einleitung).
2 )  Wenn  uns  Le  Play  zum  Beispiel  lehrt,  daß  „die  wesentliche  Konstitution'
jeder  Gesellschaft:
zwei  Grundlagen  umfaßt;  die  Zehn  Gebote  und  die  väterliche  Autorität;
zwei  Bindemittel:  Religion  und  Königtum;
drei  Bestandteile,  Gemeinschaft,  Privateigentum  und  Patronatsordnung;  s0
ist  die  Bemerkung  gestattet,  daß  die  sogenannte  Beobachtungsmethode  nicht  einer
starken  Dosis  Dogmatismus  entbehrt.
        <pb n="564" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

541

den  sozialen  Kräften  der  römisch-katholischen  Kirche  und  dem  Klerus 1 )
nur  mit  einem  gewissen  Mißtrauen  einen  recht  kleinen  Platz  ein.  Ferner
ist  sein  Reformprogramm,  wie  wir  es  eben  dargelegt  haben,  von  dem
des  sozialen  Katholizismus,  den  wir  untersuchen  werden,  ganz  verschieden. ­


1885  trat  in  der  Le  PnAY’schen  Schule  eine  Spaltung  ein.  Die
!,Unions  de  la  Paix  sociale“  mit  ihrem  Organ  ,,La  Reforme  Sociale“
sind  dem  Programm,  das  wir  eben  gezeichnet  haben,  treu  geblieben.
Der  Teil,  der  sich  von  ihr  trennte,  hat  sich  unter  der  Führung  von  Demolins
  und  dem  Abbe  de  Toübville  in  der  Richtung  eines  Ultra-Individualismus
  und  Spencerianismus  entwickelt,  so  daß  er  nur  noch
durch  seine  Ursprünge  mit  den  in  diesem  Kapitel  dargestellten  Lehren
zusammenhängt.

Die  Schule  der  sozialen  Wissenschaft  (Science  sociale)
wie  sie  sich  nennt  —  wenigstens  ist  dies  der  Name,  den  sie  der  Zeitschrift
gegeben  hat,  die  sie  als  ihr  Organ  benutzt,  —  behauptet,  die  Methode
Le  Play’s  wieder  aufzunehmen  und  fortzuführen,  wenigstens  die  durchaus ­
  objektive,  die  er  während  des  ersten  Teiles  seiner  Laufbahn  verfolgte.
Sie  wirft  ihm  nur  vor,  es  nicht  verstanden  zu  haben,  seine  eigene  Methode
nutzbar  zu  machen  und  seiner  Aufgabe  nicht  gerecht  geworden  zu  sein,
die  darin  bestand,  aus  dieser  Methode  eine  positive  Wissenschaft  zu  entwickeln. ­
  Diese  neue  Schule  zieht  der  Methode  der  Monographien  die
Methode  der  Klassifikation  vor,  die,  um  die  Tatsachen  zu  verstehen,
sie  in  ihrem  natürlichen  Zusammenhang  hinstellt  und  zunächst  das  Band
sucht,  das  sie  mit  dem  geographischen  Milieu  verbindet 2 ).  Dieses  „Milieu“,
das  schon  bei  Le  Play  eine  so  große  Bedeutung  hatte,  nimmt  in  der  Schule
der  „sozialen  Wissenschaften“  einen  außerordentlichen  großen  Raum  ein.
Man  zeigt  hier,  um  nur  ein  einziges  Beispiel  anzuführen,  wie  die  Gestalt
des  norwegischen  Fjords  durch  die  Spärlichkeit  kultivierbaren  Bodens,
durch  die  Notwendigkeit  des  Fischfanges,  durch  die  begrenzte  Größe
der  Fischerboote,  die  Sonderart  der  Familie,  der  Wirtschaft  und  sogar
der  Politik  der  angelsächsischen  Gesellschaft  geschaffen  habe!  In  gleicher
Weise  habe  die  große  asiatische  Steppe  einen  anderen,  ihr  eigentümlichen
Zivilisationstypus  hervorgerufen  usw.  Es  ist  dies  der  historische  Materialismus ­
  der  Marxisten,  der  hier  unter  der  pittoreskeren  und  nach  unserer

l )  „Der  hauptsächlichste  Zweck,  der  zü  ist ’ {  ^hinzu:um  es  auf
Möglich  das  kirchliche  Personal  zu  verringern.-  Allerdings  iug
ä "  TÄ/gS'Äto"«..  ■&amp;gt;»  ™
a lle  anderen  Formen  der  Assoziation.
,  1  Eine  s.ti.l.  Tatsache  ist  vollständig  l’«“,Ä"‘
Milieu  betrachtet  wird.  Die  gante  soziale  Wissenschaft  beruht  aul  diesem  ftoseti
(Pemolins,  La  Classification  sociale).
        <pb n="565" />
        542  Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.
Ansicht  anregenderen  Form  eines  geographischen  Materialismus  in  Erscheinung ­
  tritt 1 ).
Noch  weniger  ist  diese  Schule  dem  sozialen  Reformprogramm  Le
Play’s  treu  geblieben,  besonders  nicht  hinsichtlich  der  Familie.  Das
Ziel,  das  sie  aufstellt,  ist  weniger  die  Erhaltung  der  Familie,  als  vielmehr, ­
  jedes  Kind  in  die  Lage  zu  bringen,  sobald  wie  möglich  eine  eigene
Familie  zu  gründen.  Nicht  die  Solidarität  der  Familie  und  der  Gemeinde,
sondern  die  Selbsthilfe  (Self-help),  nicht  die  Wahl-Erbfolge-Familie,
sondern  die  Einzelfamilie  unter  Betonung  der  Individualität  eines
jeden  Familienmitgliedes,  nicht  die  englische,  sondern  die  amerikanische
Familie  schwebt  ihr  als  Ziel  vor  Augen.  Demolins  war  ein  Anhänger
des  Kampfes  ums  Dasein  (struggle  for  life).  Niemand  ist  der  solidaristischen
Lehre  mit  größerer  Heftigkeit  entgegengetreten  als  er.  „Es  ist  mit  dem
sozialen  Heil“,  sagt  er,  „gerade  wie  mit  dem  Heil  der  Seele;  es  ist  eine
durchaus  persönliche  Angelegenheit“,  eine,  in  Parenthese,  höchst  ketzerische
Erklärung,  denn  wenn  das  Heil  eine  rein  individuelle  Angelegenheit  ist,
wozu  dient  dann  die  Kirche 1  2 )?

§  2.  Der  soziale  Katholizismus.
Man  sagt  manchmal  katholischer  Sozialismus;  im  Allgemeinen
protestieren  die  Katholiken  aber  gegen  diese  zu  weit  gehende  Bezeichnung,
die  in  Wirklichkeit  auch  nur  auf  eine  Minderheit  unter  ihnen  paßt.  Das
Wort  christlicher  Sozialismus  wurde  zum  ersten  Male  von  einem
Franzosen,  Fraqois  Huet,  in  einem  Buch:  Le  regne  social  du  christianisme,
  die  soziale  Herrschaft  des  Christentums  (1853)  gebraucht 3 )-Schon
  vor  ihm  aber  können  Buciiez  (Essai  d’un  traitß  complet
de  philosophie  au  point  de  vue  du  catholicisme  et  du  progres,
1838—1840,  —  Versuch  eines  vollständigen  Grundrisses  der  Philosophie
1 )  Der  hier  angeführte  Vergleich  hat  verschiedene  heftige  Proteste  Von  seiten
einiger  Anhänger  dieser  Schule  hervorgerufen.  Er  hat  aber  nichts  verletzendes,  wenn
man  daran  denken  will,  daß  diese  Bezeichnung  „historischer  Materialismus“  nicht
mit  dem  philosophischen  Materialismus  im  alten  Sinne  des  Wortes  zusammengeworfen
werden  darf  und  einen  gewissen  Idealismus  nicht  ausschließt.  Siehe  o.  S.  515.
2 )  Dieser  Zweig  der  Le  PLAY’schen  Schule,  der  zunächst  als  Führer  den  Abb6
de  Tourville  und  Demolins  (dessen  Buch  Do  la  Supf  riorite  des  Anglo-SaxonS
großes  Aufsehen  erregte)  hatte,  hat  doch  eine  gewisse  Anzahl  ausgezeichneter  Werke
hervorgebracht,  wie  z.  B.  die  Von  de  Rousiers  über  die  industriellen  Produzenten-Syndikate,
  die  von  du  Maroussem,  usw.  Wir  erwähnen  besonders  die  Bücher  von  Pa® 1
Bureau:  Le  contrat  de  travail  (1902);  La  participation  aux  b6n6fices&amp;gt;
La  crise  morale  des  temps  nouveaux,  in  denen  ein  hochstehender  moralischer
Leitgedanke  der  Sicherheit  und  Objektivität  der  Tatsachenanalyse  keinen  Abbruch  tut.
3 )  Huet  war  Professor  in  Gent,  weshalb  er  gewöhnlich  als  Belgier  bezeichnet
wird,  ebenso  wie  Walras  als  Schweizer.
        <pb n="566" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

54B

vom  Gesichtspunkt  des  Katholizismus  und  des  Fortschrittes  aus  —),
und  sogar  der  feurige  Abb6  de  Lamennais  (La  question  du  travail,
1848)  zum  wenigsten  auf  den  Titel  Vorläufer  Anspruch  erheben.  Bekanntlich ­
  war  Btjchez  der  Gründer  der  Produktivgenossenschaften  (1832),
aber  weniger  bekannt  ist,  daß  Lamennais  die  Kreditgenossenschaften
in  ungefähr  derselben  Form  empfohlen  hat,  die  Raiffeisen  in  Deutschland
verwirklichen  sollte 1 ).
Der  jetzige  soziale  Katholizismus  spricht  ungern  von  diesen  seinen
drei  Vorgängern.  Sie  wollten  alle  drei  die  Kirche  der  Revolution  vermählen ­
 2 ).  Heute  begnügen  sich  die  vorgeschrittensten  Katholisch-Sozialen
  mit  dem  Versuch,  sie  der  Demokratie  zu  vermählen;  ein  Programm,
das  Marc  -Sangnier,  der  Gründer  des  Sillon  vor  kurzem  wieder  aufgenommen
  hat.
Wenig  später  predigte  der  Bischof  von  Mainz,  von  Ketteler,  eine
Lehre,  die  mit  den  „falschen  Dogmen  von  1789“  wie  sie  bald  genannt
Werden  sollten,  nicht  das  geringste  mehr  zu  tun  hat,  sondern  die  im  Gegenteil ­
  auf  die  mittelalterlichen  Einrichtungen  zurückgreift:  er,  Und  besonders ­
  seine  Jünger,  der  Domherr  Moufang  und  der  Abbe  Hitze,  schlagen
den  Berufsverband  (l’association  professionelle),  die  Zunft,  als  den  richtigen
Angelpunkt  der  sozial-katholischen  Organisation  vor 3 ).
_  Der  soziale  Katholizismus,  der  in  Frankreich  unter  dem  zweiten
Kaiserreich  geschlummert  hatte,  erwachte  nach  dem  Unglück  von  1870.
Lraf  Albert  de  Mun  trat  an  seine  Spitze  und  gab  ihm  durch  seine  warmherzige ­
  Beredsamkeit  und  wohl  auch  durch  die  Schaffung  von  katho-Lsehen
  Arbeitervereinen  einen  kräftigen  Ansporn.  Zur  gleichen
^eit  erschien  die  Zeitschrift  „l’Association  catholique“,  deren  Programm, ­
  das  sie  getreulich  eingehalten  hat,  die  Untersuchung  aller  wirt-Sc
 haftlichen  Tatsachen  im  Geiste  des  Katholizismus  war.

1 )  Er  bat  in  der  Tat  das  so  fruchtbare  Prinzip  der  Solidarität  zwischen  Schuldnern
a  8  eine  Möglichkeit  für  den  Armen,  die  wirkliche  Sicherheitshinterlegung  zu  ersetzen,
entdeckt.  „Warum  kann  der  Arbeiter  sich  nichts  borgen?  Weil  er  keine  andere  Sicheret ­
  als  seine  zukünftige  Arbeit  anzubieten  hat.  .  .  Damit  aber  diese  zukünftige  Arbeit
e 'n  wirkliches  Pfand  werde,  muß  sie  zu  einer  Sicherheit  werden,  und  sie  wird  es  durch
le  Assoziation.  Die  Solidarität  der  Mitglieder  bringt  die  Ursachen  der  Unsicherheit
Verschwinden,  die,  indem  sie  den  Wert  des  Pfandes  vermindern,  das  Darlehen
abschreckt“  (La  question  du  travail,  S.  25).
,,  „Das  zu  lösende  Problem  besteht  darin,  zu  einem  solchen  Zustande  zu  kommen,
a ß  die  Arbeitenden  in  Zukunft  für  sich  selbst  arbeiten  und  nicht  iür  Andere  .  .  .  Der
,; a S  wird  kommen,  an  dem  keiner  von  dem  Felde  ernten  wird,  wo  er  nicht  gesät  hat,
11  dem  ein  jeder  die  Frucht  seiner  Arbeit  pflücken  wird  ,  Ebenda).
*  2 )  „Der  menschliche  Zweck  des  Christentums  ist  genau  derselbe  wie  der  der
g e V ( dution:  jenes  hat  diese  inspiriert.“  (Buchez,  Traitö  de  la  Politique,  Bd.  II,
3 )  Seine  wichtigsten  Schriften  wurden  gesammelt  und  1864  unter  dem  Titel:
le  Arbeiterfrage  und  das  Christentum  veröffentlicht.
        <pb n="567" />
        544

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Ganz  besonders  wurde  die  zunftmäßige  Organisation  an  die  Spitze
des  katholisch-sozialen  Programmes  gestellt 1 ).  Nicht  daß  die  „Familie  ,
aus  der  Le  Play  den  Eckstein  des  sozialen  Gebäudes  machen  wollte,
verworfen  wurde,  aber  man  war  der  Überzeugung,  daß,  wenn  die  Famihe
der  Mittelpunkt  der  moralischen  Reform  bleiben  sollte,  man  als  Basis
einer  wirtschaftlichen  Reform  eine  Assoziation  mit  wirtschaftlichem
Charakter  wählen  müsse.
Zunächst  erregt  dies  einiges  Erstaunen.  Man  versteht  nicht  recht,
welche  verwandten  Beziehungen  der  Berufsverband  mit  dem  Evangelium ­
  haben  kann,  oder  welche  Mittel  ihm  zu  Gebote  stehen,  um  die
Gesellschaft  im  christlichen  Sinne  umzuwandeln.  Man  darf  aber  nicht
übersehen,  daß,  wenn  die  Zunftordnung  nicht  im  Evangelium  steht,
sie  wenigstens  die  ganze  mittelalterliche  Periode  gekennzeichnet  hat,
in  der  die  Herrschaft  der  Kirche  am  festesten  begründet  war.  Solange
diese  Zunftordnung  gedauert  hat,  gab  es  das  nicht,  was  man  heute  soziale
Frage  nennt,  so  daß  man  auf  den  Gedanken  kommen  kann,  sie  habe  in
sich  selbst  die  notwendigen  Tugenden  gehabt,  um  den  Frieden  zwischen
Kapital  und  Arbeit  aufrecht  zu  erhalten.  Es  scheint  freilich  nicht,  daß
die  Gewerkschaft  heute  schon  diese  Rolle  spielt,  aber  vielleicht  würde
es  genügen,  den  Berufsverband  wieder  unter  die  Herrschaft  des  religiösen
Geistes  zu  beugen,  um  die  gleichen  Tugenden  wieder  zu  beleben,  die  ihn
auszeichneten,  als  Zunft  und  religiöse  Bruderschaft  noch  eins  waren.
Es  handelt  sich  aber  keineswegs  darum,  wie  die  Gegner  des  sozialen
Katholizismus  sagen,  die  mit  diesem  billigen  Argument  Mißbrauch  treiben,
die  Zunft-  und  Brüderschaftsordnung  des  Mittelalters  wieder  einzuführen-Die
  sozialen  Katholiken  wollen  sich  geradezu  auf  die  moderne  Gewerkschaft, ­
  auf  das  Gewerkschaftswesen  stützen;  und  der  Beweis,  daß  dies
keine  zu  schmale  Basis  ist,  um  darauf  eine  neue  Gesellschaft  zu  errichten,
liegt  darin,  daß  die  Neo-Sozialisten,  die  erst  viel  später  darauf  gekommen
sind,  ebenfalls  keine  andere  haben  wollen.  Sie  erwarten  von  ihr  sogm
nicht  nur  eine  neue  Gesellschaft,  sondern  auch  eine  neue  Moral  (siehe
oben  S.  527).  Man  kann  daher  sagen,  daß  die  sozial-katholische  Politik)

J )  „Wir  müssen  alle  unsere  individuellen  Bestrebungen  und  alle  unsere  öffenV
liehe  Forderungen  lenken  und  richten  auf  die  grundlegende  Reform:  D  1  \
KORPORATIVE  REORGANISATION  DER  GESELLSCHAFT,

(Programm  des  CEuvre  des  cercles  ouvriers  April,  1894).
Die  kooperative  Arbeitergenossenschaft  wird  daher  beiseite  geschoben.  Die  sozialkatholischen
  Schulen  zeigen  sich  ihr  recht  wenig  sympathisch,  und  noch  weniger,  wen®
sie  sich  unter  der  Form  des  kooperativen  Konsumvereins  darstellt.  Es  beruht  dies
darauf,  daß  sie  hauptsächlich  eine  Gefahr  für  die  Klasse  der  kleinen  Krämer  und  kleinen
Handwerker  ist,  die  der  katholischen  Schule  besonders  am  Herzen  liegt.  Im  Gegensatz
dazu  ist  daher  die  katholische  Schule  der  Kreditgenossenschaft  sehr  günstig,  weil  sie
hauptsächlich  den  Mittelklassen,  den  kleinen  Krämern  und  kleinen  Handwerkern
zugute  kommt.
        <pb n="568" />
        Kapitel  IY.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

545

die  ihnen  auf  diesem  Boden  vorausgegangen  ist,  sich  wohlunterrichtet
gezeigt  hat.
Am  Anfang  der  Bewegung  suchte  man  den  gemischten  Verband
(syndicat  mixte)  zu  organisieren,  in  dem  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer
vereinigt  sind,  und  der  die  besten  Garantien  für  den  sozialen  Frieden
zu  bieten  schien.  Die  Ergebnisse  waren  aber  recht  entmutigend 1 ).  Man
hat  diesen  Gedanken  aufgegeben  und  sich  mit  der  korporativen  und
getrennten  Organisation  der  Arbeitgeber  und  der  Arbeitnehmer  begnügen
müssen,  die  aber  zusammen  die  Regelung  der  Arbeit  und  die  Beilegung
von  Streitigkeiten  betreiben.  Diese  nicht  gemischten,  sondern  parallelen
Berufsverbände  sollen  nach  und  nach  die  Organe  der  Arbeitergesetzgebung ­
  werden,  die  der  Staat  ihnen,  die  mehr  Erfahrung  als  er  selbst
haben,  überlassen  Soll.  Anstatt  daß  starre  Gesetzesvorschriften  Alles  regeln,
was  mit  den  Interessen  der  Berufe  zu  tun  hat,  wie  Arbeitsdauer,  Sonntagsruhe, ­
  Lehrlingswesen,  Werkstättenhygiene,  Frauen-  und  Kinderarbeit
und  sogar  Minimallohn,  Gesetze,  die  in  ihrer  brutalen  Starrheit  fast  stets
Unanwendbar  bleiben,  würde  alles  dies  von  da  an  allein  den  Beschlüssen
der  Berufsverbände  unterstehen.  Diese  Vorschriften  sollen  dann  für
a Üe,  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer,  die  dem  gleichen  Berufszweige  angehören, ­
  obligatorisch  sein.  Es  soll  jedem  freistehen,  dem  Berufsverbande
beizutreten  oder  nicht,  doch  darf  niemand  den  Verordnungen  des  Berufsverbandes ­
  entgegenhandeln,  damit  den  Mitgliedern  keine  Konkurrenz
durch  Verschlechterung  der  Arbeitsbedingungen  gemacht  werden  könne.
Heute  gilt  die  Formel:  „Freie  Assoziation  innerhalb  der  organisierten
Berufe“ 2 ).
Wenn  die  Liberalen  sich  darüber  aufregen,  daß  einfache  private
Genossenschaften  gesetzgeberische  Macht  erhalten  sollen,  so  antwortet
018,11  ihnen,  daß  die  Arbeitsgemeinschaft  eine  ebenso  natürliche

h  Im  Jahre  1894  erklärte  der  Kongreß  der  katholischen  '„Cercles“  in  Reims,
^ a ß  „ohne  uns  die  Schwierigkeiten  zu  verhehlen,  die  sieh  einer  Verallgemeinerung  es
gemischten  Syndikates  entgegenstellen  .  .  .  muß  doch  die  Bildung  dieser  Syndikate
da s  Ziel  unserer  Bestrebungen  sein.' 1  Und  im  Jahre  1904  sagte  der  Pater  Rotten,
einer  der  Führer  der  katholischen  syndikalistischen  Bewegung  in  Belgien,  in  einem
Bericht  über  die  syndikalistische  Bewegung:  „Wir  verwerfen  die  Form  des  gemischten
Syndikates  nicht,  und  wir  geben  gerne  zu,  daß  sie  in  der  Theorie  die  voll-ommenste
lst -  Das  ist  aber  kein  Grund,  um  die  Augen  dem  Lichte  zu  verschließen  un  sich
darauf  zu  versteifen,  nicht  anerkennen  zu  wollen,  daß  das  gemischte  Syn  ikat  jetzt
'n  wenigstens  90  %  der  großen  industriellen  Gemeinden  des  Landes  eine  nicht  zu  verwirklichende ­
  Utopie  ist“  (angeführt  von  Dechesne,  Syndicats  ouvriers  beiges,
19 06,  S.  76).  „  .  ,  T ..  ,  .  ,
,  2 )  Dieses  Programm  wird  besonders  in  Österreich,  einem  der  Lander,  in  denen
! ler  soziale  Katholizismus  ziemlich  mächtig  ist,  empfohlen.  Das  Zunftwesen  ist  dort
111  Wirklichkeit  niemals  verschwunden,  und  man  hat  seit  einigen  Jahren  Versucht,
—  wenigstens  in  den  kleinen  Industrien  —  ein  neues  Leben  zu  geben,  und  zwar
,n  der  Form  von  Zünften  mit  für  alle  Mitglieder  des  Berufs  obligatorischen  Statuten.

6 i&amp;lt;ie  nnd  Rist,  Gösch,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeimmgen.  2.  Aufl.

35
        <pb n="569" />
        546

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

und  notwendige  Genossenschaftsform  sei,  —  worunter  zu  verstehen  ist,
eine  von  einer  freiwilligen  Übereinstimmung  der  Beteiligten  ebenso  unabhängige ­
  Genossenschaftsform,  —  wie  die  Wohnsitzgemeinschaft.
Nun  gibt  aber  jedermann  zu,  daß  alle  Einwohner  der  gleichen  Gemeinde
sich  dem  Gesetz  der  organisierten  Mehrheit  unterwerfen  müssen.  Warum
sollte  das  nun  in  der  Korporation,  in  dem  Berufsverbande,  anders  als
in  der  Gemeinde  sein? 1 )
Man  geht  sogar  so  weit,  den  Berufsgenossenschaften  eine  offizielle
politische  Rolle  zuzusprechen,  indem  man  ihre  Organisation  zur  Basis
eines  neuen  Wahlsystems  macht,  zum  wenigsten  für  eine  der  beiden
Kammern.  *
Es  ist  etwas  schwierig,  —  doch  auf  keinen  Fall  schwieriger,  als
bei  allen  anderen  Plänen  sozialer  Erneuerung  —  sich  eine  nach  diesem
Muster  errichtete  Gesellschaft  vorzustellen.
Zunächst  erscheint  es,  als  ob  es  nur  eine  der  katholischen  Religion
angehörende  Gesellschaft  sein  könne 2 ).  Sobald  nämlich  im  Rahmen
dieser  Berufsgenossenschafts-Organisation  Feinde  der  Religion  oder
auch  nur  religiös  Gleichgültige  die  Oberhand  erhielten,  würde  Alles  zusammenbrechen. ­
  Das  allein  schon  macht  die  Verwirklichung  äußerst
fragwürdig.  Lassen  wir  dies  aber  beiseite.

*)  „Die  erstere  (die  Gemeinde)  ist  zu  jeder  Zeit  organisiert  gewesen;  die  zweite
nicht.  Warum?  In  beiden  Fällen  stellen  sich  besondere  Verhältnisse  ein,  entstehen
ähnliche  Bedürfnisse,  treten  erzwungene  Konkurrenzen,  Interessenverbindungen  und
-gegensätze  auf,  eine  Gesamtheit  von  Beziehungen,  deren  Koordination  auf  Grund
einer  regelmäßigen  normalen  Ordnung  notwendig  ist,  um  Alle  zu  schützen  und  eine®
Jeden  die  Fähigkeit  zu  gewährleisten,  sein  Ziel  zu  verfolgen  (Henri  Lorin,  Principes
  de  ^Organisation  professionelle,  UAssociation  Catholiqu e &amp;gt;
15.  Juli  1892).
Man  kann  hierauf  allerdings  antworten,  daß  in  der  Gemeinde  die  Mehrzahl  den
Ausschlag  gibt,  während  in  der  freien  Korporation  dies  oft  die  Minderheit  sein  würde.
Dem  kann  andererseits  entgegengehalten  werden,  daß  in  der  Gemeinde  die  sogenannte
Mehrheit  des  Gemeinderats,  die  regiert,  oft  nur  eine  Minderheit  von  Wählern  vertritt, ­
  und  noch  dazu  eine  im  Verhältnisse  zur  Gesamtheit  der  Einwohner  viel  geringe®
Minderheit,  besonders  wenn  man  die  Frauen  dazu  rechnet,  die  kein  Stimmrecht
haben;  —  und  übrigens  auch,  daß  dem  Berufsverbande,  mit  dem  Tage,  an  dem  seine
Vorschriften  obligatorisch  sein  würden,  ohne  Zweifel  die  Mehrheit  und  sogar  die  Gesamtheit ­
  der  Arbeiter  des  betreffenden  Berufes  angehören  würde.
2 )  Der  Pater  Antoine  sagt  in  seinem  Cours  d-’Economie  Sociale  (S.  154);
„Die  soziale  Frage  kann  vollständig  nur  durch  die  Wiederherstellung  christliche!'
Sitten  gelöst  werden.“  Noch  viel  kategorischer  ist  die  Erklärung  Leon  IIarmel’s  in
der  Association  Catholique  vom  Dezember  1889:  „Wir  haben  nur  ein  einziges
.  Heilmittel:  daß  die  Autorität  des  Papstes  in  der  ganzen  Welt  anerkannt  sei  und  seine
'  Leitung  von  allen  Völkern  angenommen  werde.“
Doch  ist  in  den  Semaines  Sociales,  jährlichen  Studienvereinigungen,  5®
heute  die  bedeutendste  Kundgebung  des  sozialen  Christentums  sind,  und  in  denen
alle  aktuellen  wirtschaftlichen  Fragen  diskutiert  werden,  das  Programm  nicht  m e h r
rein  katholisch  und  läßt  alle  die  zu,  die  sich  zum  Christentum  bekennen.
        <pb n="570" />
        Kapitel  IY.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

547

Diese  Gesellschaft  würde  im  vollen  Sinne  des  Wortes  auf  der  Brüderlichkeit ­
  beruhen  —  und  sogar,  wie  wir  soeben  gesagt  haben,  auf  der
einzigen  Brüderlichkeit,  die  einen  wirklichen  Grund  für  sich  anführen  kann:
den  der  gemeinsamen  Vaterschaft  Gottes,  —  aber  nicht  auf  der  Gleichheit ­
  im  sozialistischen  Sinne  des  Wortes,  denn  in  einer  Familie  verhindert
die  Tatsache,  Kinder  des  gleichen  Vaters  zu  sein,  nicht  die  Ungleichheiten ­
  und  bedingt  sogar,  wenn  nicht  das  Kecht,  so  doch  die  Pflicht  des
Ältesten.  Ebenso  soll  in  der  Berufsgenossenschaft  die  Gleichheit  in  dem
Sinne  herrschen,  daß  die  Würde  der  niedrigsten  Arbeit  ebenso  hochstehend, ­
  wie  die  der  vornehmsten  Arbeit  sein  wird,  und  daß  ein  Jeder
mit  dem  Platze,  an  den  es  Gott  gefallen  hat,  ihn  zu  stellen,  zufrieden
und  sogar  stolz  darauf  sein  kann 1 ).
Aber  diese  Gesellschaft  wird  hierarchisch  sein.  Auf  der  Seite
der  Arbeitgeber  steht  die  Autorität  mit  all  ihrer  Verantwortung  und
all  ihren  Pflichten;  auf  der  Seite  der  Arbeitnehmer:  geachtete  Rechte,
die  durch  den  Minimallohn  gesicherte  Existenz,  und  die  wiederhergestellte
Familie 2 ).
Der  soziale  Katholizismus  erklärt  sich  gegen  den  ersten  Artikel  des
sozialistischen  Programms,  in  dem  gesagt  wird:  „daß  die  Emanzipation
der  Arbeiter  nur  das  Werk  der  Arbeiter  selbst  sein  kann“.  Sie  wird  gerade
umgekehrt  mit  der  Hilfe  der  Arbeitgeber  und  aller  anderen  sozialen
Klassen  geschehen.  Zu  ihnen  sind  auch  die  berufslosen  Klassen,  wie  die
Grundbesitzer,  die  Rentiers,  und  sogar  die  Verbraucher  zu  rechnen 3 ).
Sie  alle  zusammen  müssen  es  lernen,  die  Verantwortlichkeit,  die  ihnen
ihre  verschiedene  Stellung  auferlegt,  und  die  besonderen  Pflichten  zu
erkennen,  die  ihnen  daraus  erwachsen,  nämlich,  ebenso  wie  der  Haushalter
un  Gleichnis,  „mit  den  Gaben,  die  ihm  der  Meister  anvertraut  hat,  zu
'wuchern“.
Die  zum  größten  Teil  aus  Katholiken  gebildeten  christlichen
Gewerkvereine  Deutschlands  fangen  an,  zu  großer  Bedeutung  zu
gelangen  und  manchmal  sogar  den  roten  sozialistischen  Gewerkschaften
die  Wage  zu  halten.  Sie  legen  Gewicht  auf.  eine  Einigung  zwischen  Arbeitgebern ­
  und  Arbeitnehmern,  protestieren  aber  trotzdem  energisch
*)  „Die  unter  der  Vormundschaft  der  Religion  gebildeten  Korporationen  werden
bewirken,  alle  ihre  Mitglieder  mit  ihrem  Schicksal  zufrieden  zu  machen,  geduldig  in
’hrer  Arbeit  und  geneigt,  ein  ruhiges  und  stilles  Leben  zu  führen  (sua  Sorte  contentos,
operumque  patientes  et  ad  quietam  ac  tranquillam  vitam  agendam  inducant“)  (Enc
 yklika  „Quod  Apostolici“,  Leo ? s  XIII.  vom  28.  Dezember  1878).
Vgl.:  L’Histoire  des  Corporations  von  Martin  Saint-Leon.
2 )  „Die  Korporation  ist  ihrem  Wesen  nach  ein  Abbild  der  Kirche.  Für  die  Kirche
®bd  alle  Gläubigen  vor  Gott  gleich,  aber  damit  hört  die  Gleichheit  auf.  Für  alles  Andere
s ®dsiehierarchisiert“(Segur-Lamoignon,AssociationCatholiquevom  13.  Juli  1894).
3 )  La  Ligue  Sociale  d J acheteurs,  in  Paris  im  Jahre  1900  gegründet,  beruht
attf  sozial-katholischer  Grundlage.

35*
        <pb n="571" />
        548

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

gegen  jede  Verwechslung  mit  den  „Gelben“,  d.  h.,  sie  erklären  sich  ebenso
unabhängig  von  den  Arbeitgebern  wie  von  den  Sozialisten.
Die  Einmischung  des  Staates  wird  am  Anfang  nötig  sein,  um  die
berufsmäßige  Organisation  aufzubauen;  sobald  sie  aber  einmal  fertig
dastehen  wird,  wird  sie  nach  und  nach,  wie  wir  gesehen  haben,  die  Macht
der  gesetzgebenden  Gewalt  und  der  Verwaltungspolizei  an  sich  ziehen,
wenigstens  im  Bereich  der  Arbeitergesetzgebung,  und  besonders  in  bezug
auf  den  Hauptpunkt,  nämlich  die  Festsetzung  des  Lohnes 1 )  und  alles
was  davon  abhängt,  wie  die  Organisation  der  Altersversorgung.  Die
gesetzgebende  Macht  wird  aber  reichlichen  Stoff  zur  Betätigung  außerhalb ­
  der  beruflichen  Interessen  finden,  wie  besonders  in  der  Regelung
der  Eigentumsrechte,  dem  Wucherverbot,  dem  Schutz  der  Landwirtschaft ­
  usw. 2 ).
Der  Staat,  sagt  die  Encyklika  Immortale  Dei  Leo’s  XIII.  —
der  hierin  übrigens  nur  eine  Stelle  des  Apostel  Paulus  wiederholt,  —
ist  „der  Diener  Gottes  zum  Guten“.  Paulus  sagt  aber  an  einer  anderen
Stelle,  daß  das  Gesetz  der  Zuchtmeister  sei,  der  uns  zu  Christum  führen
solle,  und  wenn  man  das  Wort  so  versteht,  daß  es  die  Aufgabe  des  Gesetzes ­
  sei,  zur  brüderlichen  Solidarität  zu  führen,  so  hat  man  eine  ziemlich
genaue  Vorstellung  davon,  wie  der  soziale  Katholizismus  die  Rolle  des
Staates  auffaßt.
Der  soziale  Katholizismus  hat  manchmal  sehr  fortgeschrittene  Bestrebungen ­
  bekundet,  die  sich  stark  dem  eigentlichen  Sozialismus  näherten-Doch
  sind  sie  nur  individuelle  Kundgebungen  geblieben  und  übrigens
formell  von  Rom  verdammt  worden;  gewöhnlich  haben  sich  die,  die  sie
geäußert  hatten,  löblich  unterworfen.
Zunächst  griff  1888  Lcesewitz  in  der  Association  Catholique
die  sogenannte  Produktivität  des  Kapitals  heftig  an 3 ):  dies  erregte  einen

J )  „Über  ihrem  freien  Willen  (dem  der  Arbeitgeber  und  der  Arbeitnehmer  in
dem  Arbeitsvertrag)  steht  ein  höheres  und  ein  älteres  Gesetz  natürlicher  Gerechtigkeit
daß  nämlich  der  Lohn  nicht  ungenügend  sein  darf,  um  einen  ruhigen  und  ehrlichen
Arbeiter  bestehen  zu  lassen  .  .  .  Aber  in  der  Befürchtung,  daß  in  diesem  Falle  und
in  anderen  ähnlichen,  wie  z.  B.  mit  Hinsicht,  auf  den  Arbeitstag  die  öffentliche  Gewalt
sich  nicht  zur  richtigen  Zeit  einmischen  möchte,  und  angesichts  besonders  der  Mannigfaltigkeit ­
  der  zeitlichen  und  örtlichen  Umstände  würde  es  vorzuziehen  sein,  daß  i®
Prinzip  die  diesbezügliche  Lösung  den  Korporationen  und  Borufsverbänden  vorbehalten
  wird“  (Encyklika:  „Rerum  novarum“,  auch:  „Über  die  Lage  der  Arbeiter“ ­
  genannt,  1891).
s )  Die  Katholisch-Sozialen  sind  gewöhnlich  und  in  allen  Ländern  Schutzzöllner,
weil  sie  glauben,  daß  „ihr  korporatives  Regime  sich  nicht  ohne  wirksamen  Schutz
gegen  die  ausländische  Konkurrenz  halten  könne“,  (Programme  de  DCEuvre  des
cercles  ouvriers,  §  7)  —  und  auch  deshalb,  weil  sie  in  den  landwirtschaftlichen
Syndikaten  die  meisten  Anhänger  haben.
s )  „Die  angebliche  Produktivität  des  Kapitals,  die  die  große  Ungerechtigkeit
der  heidnischen  Gesellschaften,  und  vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkt  die  letzte
        <pb n="572" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

549

ziemlichen  Skandal  und  führte  dazu,  daß  der  Graf  de  Mün  dagegen  auftrat. ­
  Später  wurde  dieses  Programm  das  der  sogenannten  „Partei  der
jungen  Abbes“.  Auch  darf  die  Bewegung  des  Sillon  (von  1890—1910)
nicht  vergessen  werden,  die  in  politischer  Hinsicht  sich  bemühte,  die  Kirche
mit  der  Demokratie  und  sogar  mit  der  Republik  zu  versöhnen  und  in
volkswirtschaftlicher  Hinsicht  bis  zur  Abschaffung  des  Lohnsystems
und  des  Unternehmertums  ging,  —  gerade  wie  die  Syndikalisten,  denn
der  §  2  der  Statuten  der  Confederation  Generale  du  Travail  stellt  ebenfalls ­
  als  Endzweck  auf:  „das  Verschwinden  des  Lohnsystems  und  des
Unternehmertums“.  Anstatt  die  Lösung  in  einer  parallelen  Tätigkeit
der  Syndikate  der  Arbeitgeber  und  der  der  Arbeitnehmer  zu  suchen,
strebt  die  Bewegung  des  Sillon  danach,  die  Ersten  abzuschaffen,  um  nur
die  Zweiten  bestehen  zu  lassen,  die  dann  Herren  ihrer  Produktionsmittel
geworden  sind  und  so  den  vollen  Ertrag  ihrer  Arbeit  für  sich  selbst  behalten
können 1 ).  Sie  unterscheidet  sich  jedoch  von  dem  Syndikalismus  hauptsächlich ­
  vom  moralischen  Gesichtspunkt  aus  durch  die  Betonung  eines
höheren  Ideals,  als  es  die  Eroberung  der  materiellen  Wohlfahrt  ist,  und
stellt  dieses  Ideal  als  noch  unentbehrlicher  für  die  Emanzipation  der
Arbeiterklasse  hin.  Wie  man  weiß,  hat  sich  der  Sillon  auf  Grund  eines
päpstlichen  Befehls  auflösen  müssen,  doch  besteht  diese  ausgesprochen
syndikalistische  Arbeiterbewegung  trotzdem  fort.
Wenn  die  katholische  Schule  Mühe  gehabt  hat,  sich  einen  linken
Flügel  zu  schaffen,  so  hat  sie  doch  stets  einen  rechten  besessen,  der  sich
natürlich  durch  das  Überwiegen  des  Unternehmerelements  charakterisiert. ­
  „Das  Problem  ist  nicht,  den  Arbeiter  durch  sich  selbst  zu  retten,
sondern  seine  Rettung  durch  den  Arbeitgeber  zu  bewirken 2 ).“  Es  ist
Ursache  der  sozialen  Leiden  ist,  ist  nichts  Anderes,  als  ein  Wort,  dazu  erfunden,  um
die  wirkliche  Tatsache  zu  Verschleiern:  die  Aneignung  der  Früchte  der  Arbeit
Ruderer  durch  die  Besitzer  der  Arbeitsmittel“  (Loesewitz,  Association
Latholique,  1886,  Aufsatz:  Lögislatiowdu  travail).
*)  Auszug  eines  Berichtes  über  eine  Versammlung  des  „Sillon“  vom  November ­
  1907:
•  +  ,.”Uarc  Sangnier:  „Die  soziale  Umformung,  Kameraden,  von  der  wir  träumen,
pt  für  die  Entwicklung  des  Individuums  und  nicht  für  seine  Aufsaugung  gemacht.
Wir  wollen,  daß  die  Fabriken,  die  Bergwerke  und  die  Industrien  Arbeitergruppen,
a ber  nicht  dem  Staate  gehören.“
Zwischenruf:  „Das  ist  Sozialismus!“
.  Marc  Sangnier:  „Nennt  es  Sozialismus,  soviel  ihr  wollt,  das  stört  mich  nicht;
es  ist  aber  nicht  der  Sozialismus  der  Sozialisten,  der  Sozialismus  der  „Unifiös“  .  .  .  Wir
Wollen  die  Proletarier  von  der  Herrschaft  der  Arbeitgeber  befreien,  nicht  um  sie  unter
J: er  Herrschaft  eines  großen  und  alleinigen  Patrons,  des  Staates,  zu  stellen,  sondern
a amit  die  Proletarier  kollektiv  ihre  eigenen  Arbeitgeber  werden  können. 5 *
2 )  Milcent  in  der  Association  Catholique,  1897,  Bd.  II,  S.  58.
Es  gibt  auch  einen  individualistischen  und  liberalen  Sozial-Katholizismus,  den
er  verstorbene  Professor  Charles  Perin  in  Löwen  vertrat:  La  Richesse  et  le
        <pb n="573" />
        550

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

das  die  Lehre  vom  „guten  Arbeitgeber“,  die  wir  schon  von  der  Schule
Le  Play’s  aufgestellt  gesehen  haben.  Im  Übrigen  meint  diese  Rechte
des  sozialen  Katholizismus,  daß  die  bestehenden  Einrichtungen  vollständig ­
  genügend  sein  würden,  um  das,  was  man  die  soziale  Frage  nennt,
zu  lösen,  wenn  sie  nur  von  dem  richtigen  christlichen  Geist  erfüllt  wären,
und  wenn  die  herrschenden  Klassen  es  verständen,  „ins  Volk  zu  gehen“.

§  3.  Der  soziale  Protestantismus.
Es  ist  eine  weitverbreitete  Idee,  daß  der  Protestantismus  notwendigerweise ­
  individualistisch  ist 1 ),  weil  das  Kennzeichen  dieser  Konfession
darin  liegt,  daß  jeder  Gläubige  seinen  persönlichen  Glauben  habe  und
zur  Erlösung  außer  Christo  keines  Mittlers  zwischen  Gott  und  sich  selbst
bedürfe,  während  der  Katholik  nur  durch  die  Kirche,  durch  die  große
Gemeinschaft  der  Gläubigen,  das  Heil  erlangen  kann.  Und  da  der  Protestantismus ­
  das  Bekenntnis  zur  Selbsthilfe,  „self-help“  ist,  so  unterstellt ­
  man,  daß  er  diese  dogmatische  Auffassung  auch  in  seine  soziale
Lehre  übernehmen  mußte.  Man  weist  außerdem  darauf  hin,  daß  der
Protestantismus  anfänglich  mit  der  liberalen  Bourgeoisie  verbunden
war,  und  schließt  aus  alledem,  daß,  wenn  er  sich  im  politischen  Leben
gewöhnlich  auf  dem  linken  Flügel  der  Parteien  befindet,  er  im  wirtschaftlichen ­
  Leben  auf  der  äußersten  Rechten  steht 2 ).
Wieviel  Wahrheit  auch  immer  diese  Würdigung  vom  dogmatischen
und  historischen  Gesichtspunkt  aus  haben  möge,  so  hindert  dies  doch
nicht,  daß,  soweit  das  wirtschaftliche  Leben  in  Betracht  kommt,  der
soziale  Protestantismus  viel  weiter  gegangen  ist,  als  der  soziale  Katholizismus. ­
  Wie  wir  sehen  werden,  begnügt  sich  seine  äußerste  Linke  nicht,
wie  die  äußerste  katholische  Linke,  damit,  die  Abschaffung  des  Lohnsystems ­
  zu  verlangen,  sondern  sie  besteht  sogar  auf  der  Abschaffung

Socialisme  chr§tien,  ebenso  wie'auch  Rambaud,  Cours  d ! Histoire  des  D.octrines.

Mit  dieser  Gruppe  der  liberalen  Rechten  kann  man  die  landwirtschaftlichen
Kreditkassen  nach  dem  Vorbild  Raiffeisen’s  in  Deutschland,  Frankreich,  Belgien
und  Italien  in  Verbindung  bringen,  —  obgleich  sie  in  dem  letzteren  Lande  ihr  Entstehen ­
  einem  Israeliten,  Wollemborö,  verdanken.
x )  Das  ist  z.  B.  die  Ansicht  NittBs  in  seinem  Buch  über  den  Sozialisme  Catholique
  und  der  wenig  stichhaltige  Grund,  weshalb  er  ihm  nur  einige  wenige  Seiten
seines  Buches  widmet.
2 )  In  diesem  Sinne  könnte  man  einige  geschichtliche  Betrachtungen  verwerten,
besonders  die  Tatsache,  daß,  während  die  katholische  Kirche  stets  den  Wucher  verboten ­
  hat,  es  im  Gegenteil  Calvin  und  die  Calvinisten  waren,  wie  Saumaise  und  de
berühmte  Rechtsgelehrte  Dumoulin,  die  die  Berechtigung  des  Geldzinses  wieder  nach
wiesen.  v
        <pb n="574" />
        Kapitel  IY.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

551

des  persönlichen  Eigentums  und  macht  daher  erst  an  der  Grenze  Halt,
die  auch  der  Kommunismus  nicht  überschreiten  kann.
Den  Tag  der  Geburt  des  sozialen  Protestantismus  kann  man  mit
großer  Sicherheit  festlegen.  Er  entstand  1850,  als  in  England  die  Gesellschaft ­
  „for  promoting  workingmen’s  associations“  (zur  Förderung  von
Arbeitergenossenschaften)  und  die  Zeitung  The  Christian  Socialist 1 )
gegründet  wurde,  welch  letztere  ihm  als  Organ  dienen  sollte.  Die  Begründer
der  erwähnten  Gesellschaft  waren  zwei  Geistliche  (später  Professoren
der  Theologie  in  Cambridge)  Charles  Kingsley  und  Maurice,  sowie
einige  Juristen,  Lüdlow,  Hughes  und  Vansittart  Neale.  Besonders
der  erste  erregte  damals  große  Aufmerksamkeit  nicht  nur  durch  seine
Beredsamkeit,  sondern  auch  durch  den  Erfolg  seines  Romans  Alton
Locke  (1850),  der  vielleicht  der  erste  soziale  Roman  war:  er  behandelt
die  Geschichte  eines  Schneidergesellen,  der  unter  der  Herrschaft  des
sweating  system’s  arbeiten  muß,  dessen  Schrecken  damals  der  Öffentlichkeit ­
  zum  ersten  Male  enthüllt  wurden 2 ).
Die  Gruppe  der  „Christian-Socialists“,  mit  welchem  Namen
sie  von  da  an  bezeichnet  wurde 3 ),  hatte  als  Programm,  wie  schon  der
Name  ihrer  Vereinigung  zeigt,  die  Organisation  von  Arbeitergenossenschaften. ­
  In  welcher  Form?  Den  Berufsverband,  die  „trade-unions“
verwarf  sie.  Weshalb?  Vielleicht  weil  diese  Verbände  damals  nur  wenig
bekannt  waren  und  auch  keinen  besonders  anziehenden  Anblick  boten,
da  sie  noch  an  den  ersten  Kinderkrankheiten  litten.  Zweifellos  aber  auch

x )  Ihr  war  eine  andere  Zeitschrift,  Politics  for  the  People  vorausgegangen,
die  1848  gegründet  worden  war,  bis  zu  welchem  Jahr  man  den  Anfang  der  Bewegung
zurückverfolgen  kann.  Auf  jeden  Fall  ist  sie  zur  Zeit  der  französischen  Revolution
Von  1848  entstanden.

Es  ist  nur  gerecht,  den  (1842  gestorbenen)  amerikanischen  Pfarrer  Channing
Wenigstens  als  Vorläufer  anzuführen,  dessen  Schriften,  soweit  sie  soziale  Fragen  berühren, ­
  ins  Französische  übersetzt  worden  sind:  Les  ceuvres  sociales  de  Chanmng,
Vorwort  von  Ed.  Laboulaye.  .
Über  die  Geschichte  des  christlichen  Sozialismus  und  für  weitere  Einzelheiten
über  diese  Bewegung  siehe  ein  amerikanisches  Nachschlagewerk:  The  new  Encyclo-Pedia
  of  social  Reform.  .  .  ..
2 )  Im  folgenden  Jahr  hielt  Charles  Kingsley  in  London  eine  Predigt,  die  einen
großen  Skandal  verursachte,  und  auf  der  Stelle  den  Widerspruch  des  Pfarrers  der  betreffenden ­
  Parochie  hervorrief.  Kingsley  sagte  z.  B.:  „Jedes  soziale  System,  das  die
Ansammlung  von  Kapital  in  einigen  wenigen  Händen  begünstigt,  das  die  Masse  vom
Boden  ausschließt,  den  ihre  Väter  bearbeitet  haben,  und  das  sie  zu  Tagelöhnern  und
Sklaven  herabwürdigt,  die  von  Lohn  und  Almosen  leben  .  .  .  ist  dem  Reich  Gottes,
*fas  Christus  verkündigt  hat,  zuwider.“  Diese  Predigt  wurde  später  unter  dem  Titel:
Botschaft  der  Kirche  an  die  Arbeiter  veröffentlicht.
s )  Maurice  sagte:  „Wenn  ihr  Christen  seid,  müßt  ihr  Sozialisten  sein“,  aber  in
Einern  Munde  hatte  das  Wort  Sozialist  nicht  die  Bedeutung,  die  es  seitdem  erhalten
bat,  was'  dadurch  bewiesen  wird,  daß  Maurice  es  selbst  wie  folgt  definiert.  „Der  Wahls
 Pruch  des  Sozialisten  ist  Kooperation;  der  des  Anti-Sozialisten:  Rivalität.“
        <pb n="575" />
        552

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

deshalb,  weil  diese  Genossenschaften  sich  vorwiegend  mit  ihren  Berufsinteressen
  und  ihren  Lohnkämpfen  beschäftigten  und  nicht  dazu  geeignet
schienen,  den  Geist  der  Opferwilligkeit  und  Nächstenliebe  zu  entwickeln,
der  zur  Verwirklichung  des  christlichen  Sozialismus  unumgänglich  nötig
ist.  Ebensowenig  sagte  ihnen  aber  die  Konsumgenossenschaft  zu.  Trotz
des  frischen  Erfolges  der  Pioniere  von  Rochdale  lehnten  sie  diese  Organisationsform ­
  ebenfalls  ab,  sei  es,  weil  diese  Genossenschaft  als  von  dem
ausgesprochen  religionsfeindlichen  Geiste  Owen’s  inspiriert  schien  (siehe
oben  Seite  258),  sei  es,  weil  ihr  einziges  Ziel  darin  bestand,  das  Leben
des  Arbeiters  billiger  und  angenehmer  zu  gestalten,  so  daß  sie  alles  in
allem  weiter  nichts  als  Krämerläden  (stores)  vorstellten,  die  den  „Christian-Socialists“
  keine  wünschenswerte  Stätte  für  das  kommende  Reich  Gottes
zu  sein  schienen.  Sie  wendeten  sich  daher  der  Arbeiterproduktiv-Genossenschaft
  zu,  ebenso  wie  es  übrigens  auch  die  ersten  katholischen  Sozialisten
getan  hatten.  Doch  waren  es  nicht  die  Anschauungen  Büchez’,  den  sie
nicht  gekannt  zu  haben  scheinen,  die  sie  ihren  Bestrebungen  zugrunde
legten,  sondern  vielmehr  die  assozialistische  Bewegung  von  1848,  die
schon  Stuart  Mill  in  ihren  Bann  gezogen  hatte  (siehe  oben  Seite  404).
Ludlow  befand  sich  damals  in  Paris  und  hatte  die  Produktivgenossenschaft ­
  zur  Zeit  ihrer  vollen,  wenn  auch  kurzen  Blüte  gesehen.  Es  schien
ihm,  daß  gerade  Genossenschaften  dieser  Art  das  gesuchte  wirtschaftliche
Werkzeug  seien,  um  die  Lohnarbeiter  in  freie  Produzenten  zu  verwandeln,
und  zu  gleicher  Zeit  eine  sehr  gute  Schule,  um  die  Unterordnung  des  persönlichen ­
  Interesses  unter  das  allgemeine  Interesse  zu  lehren.  Diese
Hoffnungen  wurden  aber  noch  schneller  und  noch  vollständiger  enttäuscht ­
  als  in  Frankreich.  Kaum  daß  man  von  einem  Beginn  der  Verwirklichung ­
  sprechen  kann.
Doch  hatten  die  Leiter  des  Bundes  nicht  ganz  umsonst  gearbeitet.
Als  sie  ihre  Ohnmacht  einsahen,  die  Arbeiter  anzuspornen,  und  die  Hindernisse ­
  kennen  lernten,  die  die  damalige  Gesetzgebung  der  Bildung  von
Arbeitergenossenschaften  in  den  Weg  legte,  wendeten  sie  sich  an  den
Staat  und  eröffneten  einen  Feldzug,  um  eine  liberalere  Gesetzgebung  zu
erhalten.  In  Wirklichkeit  sind  ihnen  auch  fast  allein  die  Gesetze  von
1852  und  von  1862  (Industrial  and  Provident  Societies  Acts)
zuzuschreiben,  die  zum  ersten  Male  den  Genossenschaften  den  Charakter
juristischer  Personen  verliehen,  und  von  denen  alle  anderen  Arbeiterverbände ­
  Nutzen  gezogen  haben.
Übrigens  legten  die  christlichen  Sozialisten  nur  geringes  Gewicht
auf  die  äußere  Form,  die  der  Verwirklichung  ihres  Ideals  dienen  sollte.
Sie  wußten  aus  Erfahrung,  daß  die  Arbeitergenossenschaft  und  sogar
die  Gesetzgebung  keine  Früchte  tragen  konnten,  solange  die  geistige
Verfassung  der  Arbeiter  nicht  anders  geworden  wäre 1 ).  Ihre  Reform
1 )  Kingsley  schrieb  1856:  „Die  Assoziation  wird  die  nächste  Form  der  indu-
        <pb n="576" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

55B

war  daher  vor  allem  eine  Reform  der  Moral.  Das  Wort  „Kooperation“
bedeutete  in  ihrem  Munde  weniger  die  Verwirklichung  dieses  oder  jenes
industriellen  Sytsems,  als  die  Antithesis  der  Herrschaft  der  Konkurrenz,
des  Kampfes  ums  Dasein.  Ihr  eigentlicher  Gedankeninhalt  findet  sich
vielleicht  am  besten  in  einem  von  Ludlow  an  Maurice  gerichteten  Briefe,
der  aus  Paris  (März  1848)  datiert  ist,  und  die  Notwendigkeit  betont,
„den  Sozialismus  zu  christianisieren“.
Der  christliche  Sozialismus  hat  in  England  seine  Gründer  überlebt, ­
  hat  aber  sein  Programm  geändert.  Den  Traum  der  Produktivgenossenschaft ­
  hat  er  fallen  lassen:  er  fördert  jetzt  die  anderen  Formen
der  Kooperation.  Hauptsächlich  beschäftigt  er  sich  aber  mit  einer  Umformung ­
  des  Großgrundbesitzes,  eine  in  England  besonders  brennende
Frage,  wo  der  latifundiale  Grundbesitz  einer  ganz  geringen  Anzahl  von
„Landlords“  gehört 1 ).  Der  von  der  Bibel  inspirierte  christliche  Sozialismus ­
  erinnerte  sich  der  Worte:  „Die  Erde  ist  mein,  sagt  der  Ewige!“  und
ihres  Niederschlages  im  mosaischen  Gesetze  über  das  Jubeljahr,  das  die
Erde  alle  49  Jahre  (7  Wochen  von  Jahren)  den  ursprünglichen  Besitzern
zurüekgab.  Er  verbreitete  dann  das  System  Henry  George’s,  der  vielleicht ­
  selbst  der  Gruppe  der  Christlich-Sozialen  zuzurechnen  ist.  Außer
in  der  Agrarfrage  tritt  der  christliche  Sozialismus  in  England  auch  als
Verteidiger  der  Arbeiterklasse  auf.  Viele  englische  Kirchen,  die  „Institutional
  Churches“  (Werk-Kirchen)  genannt  werden,  umgeben
sich  mit  einem  Netz  von  Werken,  die  für  alle  materiellen,  intellektuellen
und  moralischen  Bedürfnisse  des  Arbeiterlebens  Fürsorge  tragen.  Mehrere
der  Führer  der  sozialistischen  Arbeiterbewegung,  besonders  Keir  Hardie,
sind  überzeugte,  tätige  Christen.  Die  Föderation  der  Brotherhoods
umfaßt  heute  beinahe  2000  Gesellschaften  mit  einer  Million  Arbeiter,

striellen  Entwicklung  sein;  an  ihrem  Erfolg  zweifle  ich  nicht;  vorausgehen  muß  ihr
aber  eine  Lehrzeit  von  zwei  Generationen,  sowohl  für  die  Moral,  wie  für  die  Fähigkeiten, ­
  damit  der  Arbeiter  imstande  sei,  sich  ihrer  zu  bedienen.“
Was  die  Einmischung  des  Staates  betrifft,  so  urteilt  Kingsuey  hierüber  wie  folgt:
„Der  Teufel  ist  stets  bereit,  uns  dazu  anzutreiben,  eine  Änderung  der  Gesetze  und  der
Regierung,  des  Himmels  und  der  Erde  zu  fordern,  ohne  uns  jedoch  jemals  die  vorwitzige
  Idee  zuzuflüstern,  daß  wir  vielleicht  uns  selbst  ändern  könnten.
D  In  den  Kreisen  der  anglikanischen  Kirche  ist  sein  Organ:  The  Economic
Review,  die  in  Oxford  erscheint,  —  und  die  man  nicht  mit  The  Economic  Journal,
Jas  ebenfalls  in  Oxford  herauskommt,  aber  rein  wissenschaftlich  ist,  verwechseln  darf.
[Man  muß  außerdem  zwischen  der  anglikanischen  und  den  Dissidenten  (non
conformists)  unterscheiden.  Aus  dem  Schoße  der  ersten  ist  die  im  Jahre  1890
gegründete  Christian  Social  Union  hervorgegangen.  Die  übrigen  haben  fast  sämtlich
einen  organisierten  sozialen  Dienst.  Man  plant  jetzt  einen  Verband  dieser  verschiedenen ­
  Organisationen]  (Zusatz  des  Verfassers  für  die  2.  deutsche  Auflage).
        <pb n="577" />
        554

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

in  deren  eifriger  Propaganda  das  Evangelium  und  der  Sozialismus  eng
vereinigt  sind 1 ).
In  den  Vereinigten  Staaten  trat  der  christliche  Sozialismus  noch
viel  schärfer  gegen  den  Kapitalismus  auf,  den  er  in  biblischer  Sprache
„Mammonismus“  nennt.  Die  erste  Gesellschaft  von  Christian  Socialists
  scheint  in  Boston  im  Jahre  1889  gegründet  worden  zu  sein.
Seitdem  sind  viele  gefolgt.  Die  letzte  definiert  in  ihren  Statuten  ihr  Ziel
wie  folgt:  „die  soziale  Botschaft  Christi  in  die  Kirchen  eindringen  zu  lassen,
und  zu  zeigen,  daß  der  Sozialismus  notwendigerweise  der  wirtschaftliche
Ausdruck  des  christlichen  Lebens  ist“;  und  ein  wenig  weiter:  „überzeugt,
daß  das  Ideal  des  Sozialismus  mit  dem  der  Kirche  übereinstimmt,  und
daß  das  Evangelium  von  der  kooperativen  Republik  (cooperative  Commonwealth) ­
  nichts  Anderes  ist  als  das  Evangelium  vom  Reiche  Gottes  wirtschaftlich ­
  ausgedrückt  .  .  .“ 2 ).
Die  äußerste  Rechte  des  sozialen  Protestantismus  muß  man  im
Gegenteil  in  Deutschland  suchen.  Im  Jahre  1878  gründeten  die  Pastoren
Stöcker  und  Todt  die  „christlich-soziale  Arbeiterpartei“,  deren  Anhänger ­
  jedoch  trotz  ihres  Namens  hauptsächlich  aus  dem  Mittelstände
stammten,  und  die  in  der  Arbeiterklasse  keinen  Fuß  fassen  konnte,  so

1 )  E.  Gounelle,  Le  Mouvement  des  Fraternitfis  (Broschüre).
2 )  Jos  iah  Strong,  Direktor  des  Instituts  für  soziale  Dienste  (des  sozialen  Museums)
in  New  York  gibt  eine  Zeitschrift  heraus:  The  Gospel  of  the  Kingdom  (Das  Evangelium ­
  Vom  Reiche  Gottes),  in  der  erklärt  wird:  „daß  es  selbstverständlich  ist,  daß
die  Welt  nicht  eher  christianisiert  werden  kann,  bevor  nicht  die  Industrie  christlich
geworden  ist“,  und  deren  Programm  in  der  Untersuchung  der  wirtschaftlichen  Tatsachen ­
  im  Lichte  des  Evangeliums  besteht.  So  findet  man  z.  B.  über  die  Frage  der
Arbeitslosigkeit  die  Stelle:  Matth.  20,  6,  und  über  die  noch  technischere  Frage  der
Berechtigung  des  „openor  closed  shop“  (d.  h.  über  die  Frage,  ob  die  Fabrik  nichtorganisierte
  Arbeiter  beschäftigen  soll  oder  nicht)  den  133.  Psalm,  Vers  1  und  im
1.  Brief  an  die  Korinther,  Kap.  12,  Vers  16  und  26  angeführt.
Zu  erwähnen  ist  auch  das  beredt  geschriebene  Buch  von  Rauschenbusch:
Christianity  and  the  social  crisis.
Der  extremste  leader  dieser  Bewegung  in  den  Vereinigten  Staaten  war  Herroto
dessen  Auftreten  einigen  Lärm  und  Aufsehen  verursachte;  er  predigte,  daß  man  weit
über  den  Kollektivismus  hinausgehen  müsse,  den  er  für  „viel  zu  konservativ  und  sogar
für  reaktionär  halte“  —  Und  erklärte  sogar,  daß  neben  Christo  Karl  Marx  nur  ein  verknöcherter ­
  Konservativer  sei,  denn:  „die  Annahme  der  Berechtigung  des  Eigentums
in  irgendeiner  Form,  sei  es  auch  nur  für  die  Gebrauchsgegenstände,  ist  eine  Verwerfung
Christi“.  Indessen  hat  Herr  Herron  inzwischen  dem  christlichen  Kommunismus  den
Rücken  gewandt;  er  hat  während  des  Krieges  eine  kräftige  Propaganda  für  das  bewaffnete ­
  Eingreifen  der  Union  entfaltet.
[Die  Protestant  Episcopal  American  Church  hat  eine  großartige  Organisation
für  soziale  Studien  und  Soziale  Praxis  ausgebaut;  örtliche  und  provinziale  Komitees,
ein  Nationalkomitee,  Kongresse,  Publikationen  usw.  Ihr  Programm  ist  nicht  eigentlich ­
  sozialistisch,  sondern  hat  vielmehr  die  Absicht,  „die  sympathischen  Beziehungen
zwischen  Kapital  und  Arbeit“  zu  ermutigen.]  (Zusatz  des  Verf.  zur  2.  deutschen
Auflage.)
        <pb n="578" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

555

daß  man  sehr  bald  das  Wort  „Arbeiter“  im  Titel  streichen  mußte.  Später
wurde  Stöckek  Hofprediger,  was  der  Bewegung  einen  halb  offiziellen
Charakter  verlieh.  Damals  sagte  Stöcker:  „Ich  habe  die  feste  Überzeugung,
daß  wir  die  soziale  Revolution  in  das  Bett  sozialer  Reformen  leiten
können“ 1 ).  1890  aber  verabschiedete  Kaiser  Wilhelm  II.  seinen  Hofprediger ­
  und  mit  ihm  den  offiziellen  christlichen  Sozialismus 1  2 ).
Etwas  später,  auf  dem  Kongreß  zu  Erfurt  im  Jahre  1896,  versuchten
zwei  andere  junge  Pastoren,  Naumann  und  Göhre 3 ),  die  Arbeiterklasse
mit  sich  fortzureißen,  indem  sie  die  protestantischen  Kirchen  in  eine
mehr  sozialistische  Bahn  bringen  sollten.  Aber  diese  Bewegung,  die  von
den  offiziellen  evangelischen  Kirchen  verurteilt  und  von  den  Arbeitgebern
bekämpft  wurde,  und  die  wenig  Unterstützung  bei  der  Sozialdemokratie
fand,  ist  fehlgeschlagen,  und  ihre  Führer  haben  sich  der  Politik  zugewandt. ­

Auch  in  der  Schweiz  entfaltet  sich  die  Bewegung  kräftig  und  hat
sogar  ihre  fortgeschrittendsten  Führer  in  der  Person  des  Professors  Ragaz
und  der  Pastoren  Kutter 4 )  und  Pflüger  (der  seitdem  Abgeordneter
geworden  ist)  gefunden.
Ebenso  gibt  es  in  Frankreich  eine  und  sogar  mehrere  protestantischsoziale ­
  Richtungen.  Da  sie  aber  nur  einen  kleinen  Bruchteil  des  Protestantismus ­
  umfassen,  der  selbst  nur  eine  ganz  kleine  Minorität  im  Lande
vorstellt,  so  kann  ihr  Einfluß  nicht  beträchtlich  sein:  doch  findet  man  ihn
auf  dem  Grunde  oder  an  der  Spitze  der  verschiedenen  sozialen  Bewegungen,
wie  z.  B.  im  Kampfe  gegen  den  Alkoholismus  und  die  Pornographie,  im
Wiedererwachen  des  Kooperativismus  und  in  der  Schaffung  der  Volks-1

 )  Auf  der  Konferenz  zu  Genf  im  Jahre  1891.
-Auf  dieser  Konferenz  definierte  Stöcker  sein  Programm  wie  folgt:  „Wir  glauben,
daß  wir  ohne  die  Hilfe  des  Staates  nicht  durchdringen  können,  aber  wir  wenden  uns
auch  an  den  Geist  der  Assoziation  .  .  .  Wir  haben  den  Arbeitgebern  gesagt,  daß  es
ihre  Pflicht  wäre,  ein  Opfer  zu  bringen,  und  daß  sie  die  Frage  zusammen  mit  den
Arbeitern  lösen  müssen.  Den  Arbeitern  haben  wir  gesagt,  daß,  wenn  sie  nicht  fleißig,
wirtschaftlich  und  gemäßigt  seien,  sie  niemals  in  eine  bessere  Lage  gelangen  würden.“
(Dieser  Vortrag,  den  Stöcker  auf  eine  Aufforderung  der  Genfer  deutschen  Gemeinde
hielt,  ist  nicht  gedruckt  worden,  doch  berichten  verschiedene  französische  Zeitungen
darüber,  denen  anscheinend  das  Zitat  entnommen  ist.  Anm.  des  Übers.)
a )  Der  Kaiser  exkommunizierte  ihn  sogar  in  aller  Form  in  einem  Telegramm,
das  er  1896  an  einen  mächtigen  Fabrikherrn,  „den  König  des  Saargebietes“,  den  Freiherrn
  Stumm  sandte.
3 )  Göhre  ist  der  Verfasser  eines  Buches:  Drei  Monate  Fabrikarbeiter,  das
großen  Erfolg  hatte.  Der  vor  kurzem  verstorbene  Naumann  ist  während  des  Krieges
durch  sein  Buch  „Mitteleuropa“  berühmt  geworden.
•)  Ein  Buch  des  Pastor  Kutter,  „Sie  müssen«  (ins  Franz,  übersetzt  unter
dem  Titel  „Dieu  les  mene“)  erregte  großes  Aufsehen.  Der  Verfasser  shcht  nachauweisen,
  daß  die  Sozialisten  heute  die  wirklichen  und  einzigen  Nachfolger  Christi
sind,  der  von  der  Kirche  verleugnet  wird.
        <pb n="579" />
        556

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

häuser,  die  Solidarites  genannt  werden.  Eine  „Gesellschaft  zum  praktischen ­
  Studium  der  sozialen  Fragen“  (Association  pour  Pötude  pratique
des  questions  sociales)  wurde  1887  von  Pastor  Goüth  gegründet 1 ).  Sie
hält  sich  in  recht  gemäßigten  Grenzen  und  geht  nicht  über  den  Kooperativismus ­
  als  Aktionsmittel  und  über  den  Solidarismus  als  Doktrin  hinaus 2 ).
Diese  neue  Lehre  von  der  Solidarität  —  obgleich  sie  mehr  radikalen  Ursprungs ­
  und,  wie  wir  später  sehen  werden,  eher  eine  Antithese  zu  dem
Geiste  der  Nächstenliebe  ist  —  wurde  vom  sozialen  Protestantismus
mit  Enthusiasmus  aufgenommen.  Er  hat  sie  auch  sogleich  für  sein  geistiges
Eigentum  erklärt  und  beklagt  sich,  daß  man  sie  ihm  genommen  habe,
denn,  sagt  er,  wo  findet  man  das  Gesetz  der  Solidarität  energischer  ausgedrückt ­
  als  in  dem  doppelten  christlichen  Dogma  von  dem  Sündenfall
und  der  Erlösung  —  alle  Menschen  durch  den  Fall  eines  einzigen:  Adam
—  verloren  —  alle  Menschen  durch  das  Verdienst  eines  einzigen:  Christus
—,  gerettet?
Aber  eine  Gruppe  junger  Pastoren,  die  ziemlich  genau  dem  entspricht, ­
  was  man  in  dem  sozialen  Katholizismus  die  Partei  der  Abbes
nennt,  begnügt  sich  nicht  mit  diesem  Zuckerwasserprogramm,  wie  sie
es  nennt,  und  drängt  wie  ihre  amerikanischen  Kollegen  zum  Kollektivismus ­
 3 ).  Auf  jeden  Fall  verlangt  sie,  daß  die  Frage  des  Eigentums
wenigstens  „aufgeworfen  werde“.
Alles  in  Allem  zeigt  das  soziale  Christentum  im  Protestantismus

*)  Ihr  Präsident  ist  seit  20  Jahren  de  Boyve,  'der  Führer  der  kooperativen  Bewegung ­
  in  Frankreich.  Hierdurch  tritt  die  Verwandtschaft  der  beiden  Bewegungen
zutage,  die  beide  aus  der  Schule  von  Nimes  stammen.
Sie  hält  periodische  Kongresse  ab  und  ihr  Organ  ist  die  Zeitschrift  Le  Christianisme
  Social.
2 )  Der  Mann,  der  der  Begründer  dieser  Bewegung  war,  Pastor  Tomy  Fallot,
bezeichnete  den  zu  befolgenden  Weg,  indem  er  sagte:  „Der  Schwerpunkt  liegt  in  der
Durchführung  des  vollkommenen  Typus,  der  Kooperation  heißt  ...  Er  stellt  heute
schon  die  Prophezeiung  besserer  Zeiten  dar“  (L-’action  Bonne).  Es  ist  das  dieselbe
Formel,  wie  die  des  englischen  Theologen  Maurice  (siehe  oben  S.  551  Anm.  3).
„Wir  sind  christlich-sozial,  weil  wir  Solidaristen  sind.  Indem  wir  die  Solidarität
suchten,  haben  wir  den  Messias  und  sein  Reich  gefunden  .  .  .  „Solidarität  ist  das
Wort  des  Laien,  „Reich  Gottes“  das  Wort  des  Christen;  beide  bezeichnen  dasselbe“
(Gouneiae,  L’Avant-Garde,  1907).
3 )  Diese  Gruppe  rekrutierte  sich  am  Anfang  aus  den  jungen  Pastoren,  die  ihr
Amt  in  großen  Industriestädten  verwalteten  (Wilfred  Monod  in  Rouen,  GouneiAE
in  Roubaix)  und  so  das  Elend,  das  Leiden  und  das  Gefühl  der  Auflehnung  im  Volke
in  der  Nähe  sahen.  Doch  hat  sie  auch  unter  Laien  einige  Anhänger  gefunden,  wie
Fr;6deric  Passy,  einen  der  Söhne  des  Volkswirtschaftlers,  der  früher  das'Haupt  der
liberalen  Schule  war.  [Sein  Sohn  Paul  hat  in  Ostfrankreich  eine  kleine  kommunistische
Siedlung  begründet,  die  „Liefra  (Liberty,  Egalitü,  Fraternitü)  genannt  wird.]  (Zusatz
des  Verf.  zur  2.  deutschen  Aufl.)
Diese  Gruppe  Christlich-Sozialer  hat  als  besonderes  Organ  eine  kleine  Zeitschrift:
L ! Espoir  du  Monde.
        <pb n="580" />
        Kapitel  IV.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

557

aller  Länder  die  Tendenz,  sich  in  „christlichen  Sozialismus“  umzuwandeln.
Diese  einfache  Umstellung  der  Worte  drückt  auch  den  Programmwechsel
aus.  Sie  besagt,  daß  die  sozialen  Protestanten  die  wesentlichen  Grundsätze ­
  des  internationalen  Sozialismus  annehmen  (Sozialisation  der  Produktionsmittel, ­
  Klassenkampf,  Internationalismus)  und  ihre  vollständige
Übereinstimmung  mit  den  Geboten  des  Evangeliums  behaupten.
Jedoch  gerade  dort,  wo  der  soziale  Protestantismus  sich  als  wirtschaftliches ­
  Programm  mit  dem  Kollektivismus  deckt,  trennt  er  sich
von  ihm  durch  eine  kategorische  Betonung  der  Notwendigkeit  einer
moralischen,  individuellen  Reform,  ebenso  wie  umgekehrt  er  sich  vom
individualistischen  Christentum  durch  die  Betonung  unterscheidet,  daß
das  individuelle  Heil  ohne  eine  Umwandlung  der  Gesellschaft  unmöglich
ist 1 ):  die  Herzensänderung  schließt  auch  die  Milieuänderung  ein.  Welchen
Zweck  soll  es  haben,  Leuten,  die  Keuschheit  zu  predigen,  die  dazu  gezwungen ­
  sind,  im  gleichen  Zimmer  ohne  Unterschied  des  Geschlechtes
oder  des  Alters  zusammen  zu  schlafen?  „Die  Gesellschaft“,  sagt  Fallot,
„muß  so  organisiert  sein,  daß  das  Heil  einem  jeden  zugänglich  ist.“  „Die
Herrschaft  der  Großindustrie“,  sagt  Goünelle,  „ist  das  größte  Hindernis
der  Erlösung  des  Sünders,  das  Christus  jemals  angetroffen  hat!“  Dieser
protestantische  Sozialismus  bleibt  in  dem  Sinne  individualistisch,  daß
e r  den  Individualismus,  den  er  in  seiner  Form  als  Egoismus,  als  zentripetale
Kraft  zu  bekämpfen  sucht,  als  Prinzip  uneigennütziger  Tätigkeit,  als
expansive  und  zentrifugale  Kraft  beibehalten  und  kräftigen  will.  Gern
nimmt  er  als  Devise  die  Worte  Vinet’s,  die  an  seinem  Denkmal  in  Lausanne
geschrieben  stehen:  „Ich  will,  daß  der  Mensch  Herr  über  sich  selbst  sei,
damit  er  um  so  besser  der  Diener.Aller  sein  könne 2 ).“
.[Der  christliche  Sozialismus,  und  zwar  namentlich  derjenige  protestantischer ­
  Herkunft,  hatte  sich  tätig  an  der  Friedensbewegung  beteiligt 3 ),
a ber  nur  wenige  seiner  Anhänger  sind  während  des  Krieges  ihrem  Ideal
treu  geblieben.  Fast  Alle,  die  einem  der  kriegführenden  Länder  angehörten,
haben  sich  —  ganz  wie  die  anderen  Sozialisten  —  mit  dem  Kriege  abgefunden, ­
  ja,  haben  im  Neuen  Testament  nach  Gründen  seiner  Rechtfertigung ­
  gesucht  (und  wäre  es  auch  nur  der  Grund,  daß  dieser  Krieg
den  Krieg  ausrotten  werde)] 4 ).
.  *)  „Ich  will  für  meine  Brüder  Anathema  sein,  sagt  Paulus.  Mit  anderen  Worten,
’ch  will  nicht  allein  gerettet  werden  .  .  .  Erst  dann  werde  ich  vollkommen  erlöst  sein,
wenn  die  ganze  Menschheit  erlöst  ist.  So  ordnet  die  Lehre  des  Evangeliums  die  volle
Verwirklichung  meiner  persönlichen  -Erlösung  der  Erlösung  der  anderen  unter 5 *
(W.  Monod,  La  notion  apostolique  du  salut.  —  Der  apostolische  Erlösungsoegriff).

*)  Oder  wie  er  an  anderer  Stelle  in  einem  beredten  Wort  sagt:  „Um  sich  hinzugeben, ­
  muß  man  sich  gehören.“
8 )  Ein  Kongreß  sollte  gerade  zur  Zeit  des  Kriegsausbruchs  in  Basel  stattfinden.
.  4 )  Die  in  r1  stehenden  Worte  sind  ein  Zusatz  des  Verfassers  für  die  2.  deutsche
Auflage.
        <pb n="581" />
        558

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

§  4.  Die  Mystiker.
Eine  Übersicht  der  auf  dem  Christentum  beruhenden  Doktrinen,
so  skizzenhaft  sie  auch  sei,  kann  die  Namen  einiger  bedeutender  Männer
nicht  übergehen,  die,  ohne  daß  sie  dieser  Schule  zuzurechnen  sind,  und
ohne  daß  sie  sich  unter  die  Nationalökonomen 1 )  oder  die  eigentlichen
Sozialisten  rechnen  lassen,  als  Schriftsteller,  Historiker  oder  sogar  Verfasser ­
  von  Romanen  diese  Lehren  mit  leidenschaftlicher  Beredsamkeit
unterstützt  haben.
Die  beiden  bedeutendsten  Vertreter  dieser  an  der  Peripherie  des
sozialen  Christentums  stehenden  Bewegung  sind  der  Engländer  Ruskin
und  der  Russe  Tolstoi,  doch  könnte  man  noch  viele  Andere  erwähnen 2 ).
Diese  beiden  großen  Greise,  beide  als  Achtzigjährige  vor  einigen  Jahren
dahingeschieden,  sind  für  unsere  Zeitgenossen  das,  was  früher  die  Propheten ­
  in  Israel  waren.  Wie  Jesaias  und  Jeremias  verfluchen  sie  die
Händler  von  Tyrus  und  Sidon,  die  heute  Kapitalisten  heißen,  und  künden
das  neue  Jerusalem  an,  wo  „die  Gerechtigkeit  wohnen  wird“.  Auch
sprechen  sie  fast  die  gleiche  Sprache  wie  die  Propheten,  besonders  Ruskin,
dessen  Geist  an  der  Bibel  genährt  ist 3 ).  Beide  verwerfen  das  hedonistische
Prinzip  des  persönlichen  Interesses,  insoweit  es  das  bestimmende  Prinzip
der  wirtschaftlichen  Tätigkeit  sein  soll.  Sie  verurteilen  das  Geld,  das  der
Mensch  als  Mittel  gebraucht,  um  Seinesgleichen  zu  erniedrigen  und  zu
versklaven 4 ),  und  sie  predigen  eine  Rückkehr  zur  Handarbeit  als  dem
mächtigen  Hebel  der  Befreiung  und  Wiedergeburt.  Doch  unterscheiden
sie  sich  in  Hinsicht  auf  ihre  Auffassung  der  zukünftigen  Gesellschaft,
x )  Doch  legte  Ruskin  seinen  wirtschaftlichen  Theorien  keine  geringe  Bedeutung
bei!  In  seinem  Vorwort  zu  Munera  Pulveris  (1871)  schrieb  er:  „Die  folgenden  Seiten
enthalten,  glaube  ich,  die  erste  genaue  (accurate)  Analyse  der  Gesetze  der  Volkswirtschaft, ­
  die  bis  heute  in  England  veröffentlicht  worden  ist“  (sic)l  —  Siehe  auch
das  Vorwort  zu  Unto  this  Last,  dessen  Untertitel  lautet:  Four  Essays  on  the
first  principles  on  Political  Economy  (1862).
2 )  Besonders  in  der  Literatur  des  sogenannten  „sozialen  Romans“.  Was  England
anlangt,  siehe  das  Buch  Cazamian’s,  das  diesen  Titel  trägt.
John  Ruskin  (1819—1900)  war  in  England  schon  lange  sehr  berühmt,  während
man  ihn  in  Frankreich  kaum  kannte.  Erst  seit  seinem  Tode  hat  man  begonnen,  seine
Bücher,  die  bizarre  und  symbolische  Titel  tragen,  zu  übersetzen  wie  Unto  This  Last,
Fors  Clavigera,  Munera  Pulveris,  usw.  Siehe  das  Buch  von  Jacques  Babdoux,
John  Ruskin,  und  die  von  La  Sizeranne,  die  kürzlich  über  ihn  verfaßt  worden  sind-3
 )  Dies  geht  so  weit,  daß  man  ein  Buch:  La  Bible  et  Ruskin  (von  Madame
Brunhes)  hat  schreiben  können.  Wie  man  weiß,  hat  auch  Tolstoi  eine  Ausgabe  der
Evangelien  herausgegeben,  die  angeblich  genauer  sein  soll  als  der  kanonische  Text.
*)  Siehe  Fors  Clavigera  passim.  Ebenso  Tolstoi:  „Das  Geld  ist  nur  ein  konventionelles ­
  Zeichen,  daß  das  Recht  oder  besser  die  Möglichkeit  gibt,  sich  der  Arbeit
zu  bedienen.  Wenn  übrigens  das  Geld  allmächtig  ist,  um  die  Armen  auszubeuten,
so  ist  es  doch  vollständig  ohnmächtig,  ihnen  Gutes  zu  tun.“  Siehe  die  merkwürdige
Ausführung  dieses  Gedankens  in  dem  Buche  „Was  tun?“.
        <pb n="582" />
        Kapitel  IY.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

559

die  nach  Ruskin  aristokratisch,  ritterlich,  heroisch  sein  muß,  während
s ie  nach  Tolstoi  gleichheitlich,  kommunistisch  und  ländlich  sein  soll;
der  Eine  sieht  sie  mit  dem  Auge  des  Ästheten,  und  der  Andere  mit  dem
eines  Muschik;  der  Eine  wünscht  vor  Allem  Helden,  der  Andere  vor  Allem
Heilige.
Hier  müssen  wir  auch  Thomas  Caelyle  erwähnen,  den  Verfasser,
außer  zahlreichen  anderen  Werken,  einer  Geschichte  der  französischen
Revolution  (1837)  und  des  berühmten  Buches:  Heroen  und  Heroenv
 Wehrung.  Chronologisch  etwas  jünger  als  die  beiden  Autoren,  die  wir
•'den  erwähnt  haben,  hat  er  in  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen  Doktrinen ­
  einen  noch  größeren  Einfluß  ausgeübt,  und  wenn,  man  ihn  auch
incht  unter  die  christlichen  Sozialisten  rechnen  kann,  da  er  eher  der
tamilie  der  Individualisten  von  der  Art  eines  Nietzsche  und  Ibsen  zuphört,
  so  läuft  doch  sein  Einfluß  mit  dem  Ruskin’s  parallel.  Ihre  Anklagen ­
  gegen  die  bestehende  wirtschaftliche  Ordnung  antworten  sich
Echos  oder  vielmehr  wie  die  Wechselgesänge  der  Chöre  in  den  antiken
Tragödien 1 ).
Caelyle  hat  am  heftigsten  gegen  die  liberale  klassische  Schule
wurm  gelaufen.  Er  war  es,  der  die  politische  Ökonomik,  wenigstens
wie  sie  zu  seiner  Zeit  gelehrt  wurde,  als  die  dismal  Science  (die  unkeilbringende ­
  Wissenschaft)  an  den  Schandpfahl  nagelte.  Er  war  es,
uer  ihre  Abstraktion  des  Homo  oeconomicus  mit  Spott  überschüttete
kud  die  folgende  Definition  der  Rolle  ihres  Staates  gab:  Anarchie  plus
jpüzei  (anarchy  plus  constable).  Er  war  es,  der  das  laisser-faire  für
bankerott  erklärte l  2 ).
Doch  beschränkt  er  sich  auf  die  Kritik  und  legt  kein  Programm
Sozialer  Reformen  vor,  —  ausgenommen  das  der  Reform  des  inneren
Lesens,  und  hierin  nähert  er  sich  stark  der  christlichen  Schule 3 ).

l )  „Dreimal  verflucht,  dreimal  ruchlos  ist  die  Lehre  der  Oekonomisten.  Suche
jprst  deinen  eigenen  Vorteil,  der  zum  Schluß  der  Vorteil  Aller  sein  wird!  Unser  Meister
a t  das  nicht  gesagt  .  .  (Ruskin,  Crown  of  wild  olive,  H).
*)  Besonders  in  der  berühmten  Stelle:  „Sie  (die  Oekonomik)  wirf  1  r  p  1  o-5?Phisch-politisch-wirtschaftliches
  Senkblei  in  das  Meer  der  menschlichen  Leiden.
Wenn  sie  uns  dann  mitgeteilt  hat,  wie  tief  und  unendlich  groß  der  Abgrund  ist,  bietet
Sle  uns  als  einzigen  Trost,  daß  der  Mensch  nichts  dagegen  tun  kann,  —  außer  dabei
P  Stehen  und  neugierig  das  Wetter  zu  beobachten  und  dem  Spiel  der  natürlichen
^setze  zuzusehen!  Ohne  uns  gerade  den  Selbstmord  zu  empfehlen,  nimmt  sie  dann
't  diesen  Worten  gleichmütig  von  uns  Abschied  (Caelyle,  Chartism).
3 )  „Wenn  du  darauf  bestehst,  wissen  zu  wollen,  was  zu  tun  sei?  —  so  laß  mich
7.antworten:  jetzt  fast  nichts  ...  Du  mußt  auf  den  Grund  deines  Wesens  hinabpigen;
  vielleicht  findest  du  dort  noch  den  letzten  Rest  einer  Seele.  Dann  werden
P s  nicht  nur  eine  einzelne  Tat,  sondern,  wenn  auch  mehr  oder  weniger  trübe  und  unestimmt,
  unzählige  Legionen  von  Taten  entgegentreten,  die  getan  werden  können-Ue
  zuerst  das  Erste“  (Past  and  Present,  Einleitung,  Kap.  VI).
        <pb n="583" />
        560

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Buskin  hat  dagegen  ein  ganzes  Programm  sozialer  Erneuerung
aufgestellt,  das  wie  folgt  zusammengefaßt  werden  kann 1 ):
1.  Obligatorische  Handarbeit  für  Alle.  —  Buskin  verfehlt  nicht
auf  die  Worte  Pauli  hinzuweisen:  qui  non  laborat  non  manducet.
Weshalb  das?  Weil  es  widersinnig  und  unmoralisch  ist,  daß  ein  Mensch
im  Müßiggang  leben  kann,  indem  er  die  Dienste  Seinesgleichen  mit  ererbtem ­
  Gelde  bezahlt:  „mit  seinem  Leben  muß  man  zahlen“,  oder  mit
anderen  Worten:  ein  jeder  muß  die  heutige  Arbeit  mit  heutiger  Arbeit
bezahlen,  denn  es  ist  widersinnig,  daß  man  leben  könne  auf  Grund  toter
Arbeit,  —  doch  muß  diese  Arbeit  eine  wirklich  menschliche  Arbeit  sein,
die  durch  den  Verzicht  auf  den  Gebrauch  von  Maschinen  geadelt  ist.
Ausgenommen  jedoch  sind  die  Maschinen,  die  der  Wind  oder  das  Wasser
oder  die  elementaren  Kräfte  in  Bewegung  setzen,  da  sie  im  Gegensatz
zu  der  Kohle  nicht  beschmutzen  sondern  reinigen.
Buskin  will,  daß  jede  Arbeit  künstlerisch  werde,  und  daß  der  Nah®
Handwerker  wieder  gleichbedeutend  mit  Künstler  werde  wie  im  Mittelalter
  (so  sagt  man,  aber  vielleicht  verallgemeinert  man  ein  wenig).  1®
der  Praxis  ist  das  nicht  sehr  leicht  durchzuführen.  Einige  Schüler  Buskin  s
haben  sich  der  Herstellung  künstlerischer  Einbände  von  Luxusbüchern
gewidmet;  der  Absatz  ist  aber  ziemlich  beschränkt.
Tolstoi  dagegen  erstrebt  nicht  die  künstlerische  Arbeit,  sonder®
die  ländliche  Arbeit,  die  er  majestätisch  „Brotarbeit“  nennt,  und  die  ih®
auch  ohne  jede  Verschönerung  als  edel  genug  erscheint.
2.  Gesicherte  Arbeit  für  Alle,  worin  die  Ergänzung  und  die  V er '
besserung  der  vorhergehenden  Kegel  liegt,  —  nämlich,  wenn  es  keil®
Müßiggänger  geben  soll,  so  soll  es  auch  keine  Arbeitslosen  gebe®
In  der  heutigen  Gesellschaft  ist  die  Arbeit  nicht  obligatorisch:
eine  große  Anzahl  von  Menschen  ist  es  aber  die  Arbeitslosigkeit!  “)
Diese  unnatürliche  Ordnung  muß  in  ihr  Gegenteil  verkehrt  werdenist ­
  aber  nicht  zu  befürchten,  daß  an  dem  Tage,  an  dem  jedermann  arbeitet,
es  nicht  mehr  für  alle  genügend  Arbeit  geben  würde?  Nein,  denn  d aS
Ergebnis  wird  nicht  eine  Vermehrung  der  Arbeitslosigkeit,  sondern  ein e
Vermehrung  der  Mußezeit  sein:  welcher  Unterschied!
3.  Arbeit,  die  nicht  mehr  nach  dem  Gesetz  des  Angebotes  und  d®
Nachfrage,  auf  Grund  der  Gleichstellung  der  menschlichen  Arbeit  i®
einer  Ware,  entlohnt  wird  —  sondern  nach  der  Gerechtigkeit,  die  übrig 6 ® *  2  3  *  *
kein  geschriebenes  Gesetz  zu  sein  braucht:  die  Gewohnheit  würde  g e '
nügen,  gerade  wie  sie  heute  genügt,  um  die  Honorare  des  Arztes,  11(33
*)  Siehe  besonders  Fors  Clavigera.  ^
2 )  „Es  gibt  auf  dieser  Welt  nicht  einen  Arbeiter  auf  vier  Füßen,  der  nicht  Arb
fände,  und  mehr  als  ihm  lieb  ist!  Wenn  es  sich  aber  um  den  Arbeiter  auf  zwei  Fu
ahndelt,  wird  ihm  gesagt:  das  ist  unmöglich“  (Carlyle,  ebenda,  Kap.  III  und  aU
Chartism,  Kap.  IV).
        <pb n="584" />
        Kapitel  IY.  Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.

561

Advokaten,  des  Professors  festzusetzen.  Sicherlich  gibt  es  auch  in  diesen
Professionen  individuelle  Ungleichheiten,  doch  existiert  eine  Norm,  und
es  ist  gegen  die  professionelle  Würde,  oft  ist  es  sogar  durch  die  Standesvorschriften ­
  verboten,  weniger  anzunehmen  —  und  sogar,  würde  Ruskin
gern  hinzufügen,  mehr  anzunehmen.  Welchen  Beruf  auch  immer  ein  Mensch
ausübe,  sei  er  Arbeiter,  Soldat  oder  Kaufmann,  er  soll  nicht  für  seinen
Gewinn  arbeiten,  sondern  im  Dienste  der  Gesamtheit.  Zweifellos  muß
er  entsprechend  entlohnt  werden,  damit  die  Würde  des  Arbeiters  gesichert, ­
  und  die  Arbeit  selbst  in  gebührender  Weise  ausgeführt  wird,
aber  es  ist  eine  Umkehrung  des  wahren  Verhältnisses,  den  Gewinn  zum
Zweck  und  die  Arbeit  zum  Mittel  zu  machen.
4.  Die  Nationalisierung  aller  natürlichen  Hilfsquellen  (Boden,  Bergwerke, ­
  Wasserfälle)  ebenso  wie  die  der  Verkehrswege.
5.  Eine  soziale  Hierarchie,  die  in  Übereinstimmung  mit  den  geleisteten ­
  Diensten  sich  aufbaut,  freiwillig  anerkannt  und  ohne  niedrigen
Neid  geachtet  wird,  —  die  Wiedererrichtung  einer  neuen  Ritterlichkeit, ­
  ohne  die  „keine  industrielle  Gesellschaft,  ebensowenig,  wie  eine
militärische  Gesellschaft,  leben  kann“,  und  ein  offener  Kreuzzug  gegen
den  elenden  Mammondienst 1 ).
6.  Und  vor  Allem  die  Erziehung,  aber  nicht  nur  der  Unterricht;  denn
das,  was  vor  Allem  gelehrt  werden  muß,  ist  die  Reinlichkeit,  die  Schönheit, ­
  der  Gehorsam,  die  Bereitwilligkeit,  Anderen  zu  dienen  und  das,
dessen  Erwerb  vor  allem  Anderen  Not  tut:  „die  Fähigkeiten  der  Bewuiideru
 ng,  der  Hoffnung  und  der  Liebe“ 1  2 ).
Von  dem  ganzen  Programm  Rüskin’s  ist  bis  jetzt  nur  der  letzte
Punkt  auf  dem  Wege  zur  Verwirklichung,  aber  er  genügt,  um  dem  Meister
einen  Platz  in  der  Geschichte  der  wirtschaftlichen  Doktrinen,  wie  auch
m  der  Geschichte  der  Geschehnisse  zu  sichern.  Seine  Anregungen  haben
mcht  nur  zur  Schaffung  von  Arbeiteruniversitäten  in  Oxford  und  an
anderen  Plätzen,  unter  dem  Namen  „Ruskin  Colleges“  geführt,  sondern
uuch  zur  Schaffung  von  Gartenstädten  (Garden-cities) 3 ):  Städte  neuer
1 )  In  Übereinstimmung  mit  diesem  Ideal  organisierte  Ruskin  die  Gesellschaft
»Guild  of  Saint-George“.  Sein  Ideal  war  also  mit  Ritterlichkeit  und  Militarismus
S,efärbt,  während  Tolstoi  bekanntlich  jeden  gewaltsamen  „Widerstand  gegen  das
Gbel“  und  sogar  jeden  sogenannten  Verteidigungskrieg  verwarf.
Vgl.  den  Aufsatz  des  Professor  Marshall,  (obgleich  in  demselben  Ruskin
jucht  erwähnt  wird):  The  social  possibilities  of  economic  Chivalry
(Economic  Journal,  März  1907).
2 )  Als  die  Christian  Socialists  im  Jahre  1854  in  London  Arbeiterkurse  eruffneten,
  wollte  Ruskin  Unterricht  geben,  aber  nicht  in  Volkswirtschaft  oder  Geschichte,
s °ndern  im  Zeichnen.
3 )  Man  nennt  so  die  Arbeiterstädte  von  Port-Sunlight  und  Bournville;  außerdem
jjt  aber  1902  von  einer  auf  RusKiN’scher  Grundlage  beruhenden  Gesellschaft  eine  vorbildliche ­
  Stadt  in  Hitchin,  unweit  von  Cambridge,  vollständig  neu  geschaffen  worden.
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen,  ü.  Aull.  36
        <pb n="585" />
        562

Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

Art,  die  besonders  errichtet  worden  sind,  um  die  Arbeiterklasse  aus  dem
Gefängnis  der  alten  Industriestädte  zu  erlösen,  und  die  so  geplant  sind,
daß  sie  weder  jetzt  noch  später  die  Schönheit  der  Natur  oder  che  Gesundheit ­
  der  Menschen  beeinträchtigen  können.
Obgleich  Ruskin  sich  selbst  als  Ehrentitel  den  Beinamen  „Rötester
der  Kommunisten“  zulegt,  so  ist  doch  sein  Kommunismus  aristokratisch
und  ästhetisch.  Daher  hat  er  einen  gewissen  Erfolg  in  der  hohen  englischen ­
  Gesellschaft  gehabt.  Tolstoi  dagegen  ist  ein  wirklicher  Kommunist.
Er  verspottet  „den  niedrigen  und  tierischen  Instinkt,  den  die  Menschen
das  Gefühl  oder  das  Recht  des  Eigentums  nennen“ 1 ).  Sein  Programm
ist  die  Rückkehr  zum  Boden  und  seine  gemeinsame  Bewirtschaftung:
der  „Mir“.  Es  handelt  sich  nicht  darum,  irgendeine  beliebige  Arbeit
zu  tun:  zunächst  muß  ein  jeder  sein  eigenes  Brot  erzeugen:  „hierin  liegt
das  unabänderliche  Gesetz  des  menschlichen  Daseins“ *  2 ).  Was  dann  das
Gesetz  der  Arbeitsteilung  anlangt,  das  von  den  Volkswirtschaftlern  so
gerühmt  wird,  und  durch  das  es  den  Menschen  gelungen  ist,  das  Gebot
Gottes  zu  umgehen,  so  ist  es  weiter  nichts  als  „eine  teuflische  und  arglistige ­
  Theorie“.  Zum  wenigsten  darf  es  nur  im  Verhältnis  zu  den  Bedürfnissen ­
  angewendet  werden,  und  zwar  auf  Grund  einer  ausdrückliche»
Übereinkunft  zwischen  den  Beteiligten,  aber  nicht  aufs  Geratewohl,  weil
daraus  die  Konkurrenz,  die  Überproduktion  und  die  Krisen  entstehe»-Wenn
  diese  Lehren  buchstäblich  genommen  werden  sollten,  wie
Tolstoi  alle  Worte  Christi  buchstäblich  aufzufassen  fordert,  dann  würde
die  Gesellschaft,  von  der  er  träumt,  noch  weit  über  das  Ideal  des  Kor»'
munismus  hinausgehen.  Keine  Städte,  kein  Handel,  keine  Trennu»£
der  Berufszweige,  kein  Geld,  keine  Kunst  um  der  Kunst  willen  .  .  .  6111
wirtschaftliches  Nirwana!

x )  Geschichte  eines  Pferdes,  1861,  in  den  Ersten  Novellen.
2 )  Siehe  das  Buch  Die  Arbeit,  das  eine  Betrachtung  des  Muschik  Bondabe^
über  die  Worte  der  Genesis  enthält:  „Im  Schweiße  Deines  Angesichts  sollst  Du  De lD
Brot  essen“.,  —  der  ein  langer  Kommentar  TolstoPs  folgt.
        <pb n="586" />
        36*

Fünftes  Buch.
Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Am  Eingang  der  vorhergehenden  Bücher  haben  wir  ohne  zu  große
Mühe  die  Hauptzüge  der  volkswirtschaftlichen  Gedanken  jeder  Epoche
im  Umriß  zusammenfassen  können.  Aber  die  Schwelle  dieses  letzten
Buches  überschreiten  wir  nur  mit  einigem  Zögern.  Es  fehlt  uns  die  Perspektive. ­
  Um  die  Tragweite  einer  Entwicklung,  die  sich  unter  unseren
Augen  vollzieht,  ohne  Voreingenommenheit  ins  Auge  fassen  und  schätzen
zu  können,  braucht  man  einen  größeren  Abstand  .  Hier,  vielleicht  mehr
als  an  anderen  Stellen,  laufen  wir  Gefahr,  unsere  Auswahl  als  willkürlich
bezeichnet  zu  sehen.
Doch  scheint  es  uns,  als  ob  man  in  den  wirtschaftlichen  Gedanken
a m  Ausgang  des  19.  und  am  Anfang  des  20.  Jahrhunderts  vier  große
Hauptströmungen  unterscheiden  könne:
1.  Zunächst  ein  unerwartetes  Wiederaufleben  der  theoretischen  Bemühungen. ­
  Die  reine  volkswirtschaftliche  Theorie,  die  von  den  Historikern,
den  Staatssozialisten  und  den  Christlich-Sozialen  absichtüch  vernachlässigt ­
  worden  war,  hat  gegen  1872  hervorragende  Vertreter  gleichzeitig
m  Frankreich,  in  England  und  in  Österreich  gefunden.  Indem  sie  Ideen
'weder  aufnahmen,  die  seit  Condillac  fast  vergessen  waren,  indem  sie  die
seit  Cournot  vernachlässigte  mathematische  Methode  anwandten,  haben
s ie  mit  wachsendem  Erfolg  eine  geistreiche  und  bestechende  Auffassung
der  Preisbildung  an  die  Stelle  des  verfallenen  Gebäudes  der  klassischen
Theorien  gesetzt.  Ihre  Anwendung  in  fast  allen  Bereichen  der  Wissenschaft ­
  zeigt  sich  mit  jedem  Tage  fruchtbarer.  Nach  Walras,  Jevons  und
Menger  haben  eine  Menge  Schriftsteller  in  Amerika  und  in  Europa  (ausgenommen ­
  jedoch  in  Frankreich)  diesen  Weg  weiter  verfolgt.  Diagramme,
^gebraische  Formeln  und  scharfsinnige  Beweisführungen  füllen  von  Neuem
die  Werke  der  Volkswirtschaftler.  Die  seit  Ricardo  so  verschriene  reine
Ökonomik  hat  ihre  Adelstitel  wieder  aufgefunden.  Trotz  lebhafter  Opposition ­
  hat  sie  sich  überall  der  Aufmerksamkeit  aufgezwungen.  Das  ist
v ?m  Gesichtspunkt  der  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  aus  vielleicht
die  bemerkenswerteste  Tatsache  dieser  letzten  Jahre.
        <pb n="587" />
        564

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

2.  Mit  ihr  gleichlaufend  vollzieht  sich  im  Sozialismus  eine  tiefeingreifende ­
  Veränderung.  Schon  im  vorhergehenden  Buche  haben  wir  die
Umwandlung  beschrieben,  die  die  Ideen  Marx’  bei  den  Marxisten  selbst
erlitten  haben.  Ihr  Verfall  ist  auch  sonst  nicht  weniger  augenfällig.  Der
Sozialismus  verzichtet  auf  den  Anspruch,  der  „bürgerlichen“  Ökonomik
eine  „Arbeiter“-Ökonomik  gegenüber  zu  stellen.  „Man  muß  jeder  Anwandlung ­
  widerstehen“,  schreibt  Sorel,  „den  Sozialismus  zur  Wissenschaft
umformen  zu  wollen.“  In  Wirklichkeit  sammeln  sieh  französische  Syndikalisten, ­
  fabische  Sozialisten  in  England,  Bevisionisten  in  Deutschland
mehr  oder  weniger  freiwillig  um  die  wissenschaftlichen  Gedanken  eines
Marshall,  eines  Pareto  oder  eines  Böhm-Bawerk.  Doch  tun  sie  dies
nur,  um  sich  mit  um  so  größerem  Nachdruck  den  sozialistischen  und  politischen ­
  Forderungen  des  Sozialismus  zu  widmen.  Der  Generalstreik,  die
Schaffung  von  Gewerkschaften  und  Genossenschaften,  der  Sozialismus  m
den  städtischen  Verwaltungen,  nehmen  sie  immer  mehr  in  Anspruch,  j e
gleichgültiger  sie  der  Theorie  des  Mehrwertes  gegenüber  werden.  Noch
besser,  wir  sehen,  wie  einige  unter  ihnen,  die  Anhänger  einer  Nationalisierung ­
  des  Bodens,  eine  Art  Aussöhnung  zwischen  dem  Liberalismus  und
dem  Sozialismus  versuchen,  indem  sie  sich  auf  die  vor  allen  anderen
klassische  Theorie:  die  Theorie  der  Bodenrente  stützen.
3.  Dies  ist  nicht  die  einzige  Umwandlung,  die  man  im  Sozialismus
bemerken  kann.  Als  der  Kollektivismus  herrschte,  war  das  Ideal  der
Arbeiterklasse  eine  autoritäre  und  straff  zentralisierte  Ordnung.  Die
Organisation  der  Kollektivsten  in  einer  großen  politischen  Partei,  die
in  manchen  Ländern  an  der  Gesetzgebung  und  sogar  an  der  Regierung
teilnimmt,  hat  diesen  Zug  noch  stärker  ausgeprägt.  Aber  der  alte  revolutionäre ­
  und  individualistische  Geist,  der  stets  und  besonders  in  den
lateinischen  Ländern  lebendig  ist,  beginnt  sich  über  diese  Folgen  zu  b e '
unruhigen.  Wir  wohnen  daher  einer  eigentümlichen  Renaissance  des
Liberalismus  in  der  Arbeiterklasse  bei,  —  eines.  Liberalismus,  der  ganz
sicherlich  von  dem  der  Gründer  verschieden  ist,  der  sich  viel  schärfer  und
heftiger  ausdrückt,  eines  Liberalismus,  den  Smith  und  Bastiat  ohne
jeden  Zweifel  abgelehnt  haben  würden,  und  der,  um  mit  dieser  alten  Lehre
nicht  verwechselt  zu  werden,  den  Beinamen  „libertaire“  (befreiend)
angenommen  hat  —,  der  aber  deshalb  nicht  weniger  authentisch  istes
  ist  dies  der  Anarchismus.  Die  libertaire  oder  anarchistische  Tendenz
die  schon  in  der  Internationale  zu  spüren  ist,  beginnt  immer  sichtbarer
ihre  Herrschaft  über  die  Arbeiterklassen  auszuüben  —  und  hat  den  letzten
gewerkschaftlichen  Bewegungen  in  Frankreich  und  Italien  ihren  Stempf
aufgedrückt.  Zur  gleichen  Zeit  tritt  bei  vielen  Schriftstellern  der  Bourgeoisie
eine  Art  philosophischer  und  moralischer  Anarchismus  zutage,  der  ebenfalls ­
  die  Erneuerung  des  Individualismus  anzukündigen  scheint.
4.  Gegenüber  diesen  Wandlungen  des  Individualismus  und  des  So ­
        <pb n="588" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

565

zialismus  unterliegt  auch  die  zwischen  beiden  stehende  Lehre,  die  wir
im  vorhergehenden  Buch  unter  dem  Namen  Staatssozialismus  studiert
haben,  einer  Umwandlung.  Sie  wird,  wenigstens  in  Frankreich,  zum  Solidarismus,
  der  sich  gleichzeitig  bemüht,  die  Einmischung  des  Staates  zu
rechtfertigen,  indem  er  sie  auf  neue  Grundlagen  stellt,  und  sie  doch  auf
ihre  rechten  Grenzen  zu  beschränken.  Er  versucht  auf  diese  Weise  die
Synthese  des  Individualismus  und  des  Sozialismus  herzustellen.
Dies  sind  die  großen  Strömungen,  die  wir  in  den  folgenden  Kapiteln
zu  beschreiben  versuchen  werden.  Indem  wir  sie  unter  dem  Namen  „Lehren
der  neuesten  Zeit“  zusammenfassen,  haben  wir  damit  weniger  die  Zeit
ihrer  Entstehung  (die  oft  ziemlich  weit  zurückliegt)  bezeichnen  wollen,
als  das  Bestreben,  die  älteren  Lehren,  deren  Ausdruck  sie  sind,  mit  neuem
Leben  zu  erfüllen.  Vielleicht  hätten  wir,  —  indem  wir  einem  anderen
wissenschaftlichen  Bereich  eine  bekannter  gewordene  Bezeichnung  entlehnten ­
  —  sie  als  „modernistische“  Lehren  betiteln  sollen,  wenn  es  uns
nicht  verwegen  erschienen  wäre,  unter  einem  allzu  bezeichnenden  Ausdruck
so  verschiedenartige  Auffassungen  zusammen  zu  fassen,  die  untereinander ­
  nur  durch  ein  chronologisches  Band  verbunden  sind.

Kapitel  I.
Die  Hedonisten.
-§  1.  Die  Pseudo-Renaissance  der  klassischen  Schule.
Um  dieser  neuen  Doktrin  ihren  richtigen  Platz  anzuweisen,  muß  man
auf  das  Kapitel  über  die  historische  Schule  zurückgreifen.  Wir  haben  gesehen, ­
  wie  diese  Schule  die  klassische  Richtung  kritisiert  hatte,  indem  sie
sich  hauptsächlich  auf  den  Gesichtspunkt  der  Methode  stellte,  den  Glauben
an  angeblich  beständige  und  allgemeingültige,  natürliche  Gesetze  zurückwies, ­
  und  die  Möglichkeit  leugnete,  auf  sie  eine  Wissenschaft,  nämlich  ein
System  zusammenhängender  Lehrsätze  zu  gründen.  Sie  hatte  aus  der
Nationalökonomie  eine  Art  von  Klassifikation  von  beobachteten  Tatsachen
gemacht.
Es  war  vorauszusehen,  daß  der  Pendelschlag,  der  die  Zeit  in  der  Geschichte ­
  der  Ideen  mißt,  die  der  abstrakten  Methode  günstige  Stunde
wieder  herbeiführen  würde.  Dies  ist  denn  auch  eingetreten.  Gerade  in
dem  Augenblick,  als  die  Lehren  der  historischen  Schule  im  Zenith  standen,
gegen  1872—1874,  beanspruchten  mehrere  hervorragende  Volkswirt-
        <pb n="589" />
        566

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

schattier,  gleichzeitigj  in  Österreich,  in  England,  in  der  Schweiz  und  in
Amerika,  mit  Nachdruck  für  die  Nationalökonomie  das  Kecht,  sich  als
exakte  Wissenschaft  aufzubauen,  oder,  wie  sie  sagten,  reine  Ökonomik
zu  sein.  Wie  zu  erwarten,  rief  dieser  Anspruch  einen  lebhaften  Streit
zwischen  den  Vorkämpfern  der  historischen  und  denen  der  neoklassischen
Schule  hervor,  hauptsächlich  zwischen  den  Professoren  Schmoller  und
Kare  Menger.
Das  wichtigtse  Kennzeichen  dieser  neuen  Schule  liegt  darin,  daß  sie
als  das  klarste  Prinzip,  auf  das  sich  diese  Wissenschaft  gründen  ließe,  die
Tatsache  findet,  daß  jeder  Mensch  die  Lust  sucht  und  die  Unlust  scheut
und  sich  unter  allen  Umständen  bemüht,  das  Maximum  der  Einen  mit  dem
Minimum  der  Anderen  zu  erreichen 1 ).  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  eine  so
folgenschwere  Tatsache  —  die  übrigens  weit  über  das  Bereich  der  Wirtschaft
hinausgeht,  da  sie  überall  in  der  Natur  als  das  „Prinzip  des  kleinsten
Mittels“  herrscht,  —  den  klassischen  Volkswirtschaftlern  nicht  entgangen
war.  Nur  nennen  sie  es  einfach  persönliches  Interesse;  heute  heißt  es
|  hedonistisches  Prinzip,  von  dem  griechischen  Wort  fjäov17  Vergnügen,
Annehmlichkeit.  Daher  stammt  der  Name,  unter  dem  wir  diese  beiden
Schulen  zusammengefaßt  haben.
Indem  auf  diese  Weise  alle  Beweggründe,  die  die  Tätigkeit  des  Menschen ­
  bestimmen,  auf  einen  einzigen  zurückgeführt  werden,  will  diese
Schule  sicherlich  nicht  alle  anderen  leugnen.  Sie  behauptet  nur,  das
Recht  zu  haben,  die  Abstraktion  anzuwenden,  ohne  die  eine  exakte
Wissenschaft  unmöglich  ist,  das  Recht,  aus  dem  Beobachtungsfeld  alle
anderen  Faktoren  als  den,  den  man  untersuchen  will,  aüszuschließen.
Den  anderen  sozialen  Wissenschaften  bleibt  es  überlassen,  die  anderen
Beweggründe  der  menschlichen  Handlungen  zu  studieren.  Der  Homo
oeconomicus,  den  man  bei  den  Klassikern  so  stark  verspottet  hatte,  ist
wieder  zu  Ehren  gebracht  und  sogar  noch  vereinfacht  worden:  er  ist  zu
einem  schematischen  Menschen  geworden.  Die  Menschen  werden  nur
noch  als  Kräfte  betrachtet,  die  durch  Pfeile,  wie  in  den  Zeichnungen  eines
Lehrbuches  der  Mechanik,  dargestellt  werden.  Es  handelt  sich  darum,
nachzuweisen,  was  sich  aus  ihren  Beziehungen  untereinander  oder  ihren
Rückwirkungen  auf  die  Umwelt  ergibt.
Wir  werden  auch  sehen,  daß  diese  Schule  ungefähr  zu  dem  gleichen
Schluß  kommt,  nämlich,  daß  die  absolut  freie  Konkurrenz  das  Maximum
an  Befriedigung  für  einen  Jeden  verwirklicht.  Auch  hierin  erneuert  sie,

*)  „Die  im  Folgenden  ausgeführte  Theorie  ist  vollständig  auf  eine  rechnerische  E®'
Stellung  des  Vergnügens  und  der  Mühe  [der  Lust  und  der  Unlust]  aufgebaut;  die  Aufgabe
der  Volkswirtschaft  besteht  darin,  das  Maximum  an  Glück,  das  verwirklicht  werden  kann,
zu  bestimmen,  indem  die  größtmögliche  Menge  an  Vergnügen  mit  der  geringstmöglichen ­
  Mühe  erworben  wird“  (Stanley  Jevons,  Theory  of  political  economyb
        <pb n="590" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

567

abgesehen  von  den  Vorbehalten,  die  wir  weiter  unten  machen  werden,  die
große  klassische  Überlieferung.
So  zeigt  sich  daher  die  neue  Richtung  der  alten  klassischen  Schule
eher  sympathisch  gesinnt.  Sie  drückt  ihr  gegenüber  sogar  eine  Art  kindlicher ­
  Anhänglichkeit  aus 1 ).
Nichtsdestoweniger  wirft  sie  der  klassischen  Schule  zwar  nicht  grobe
Irrtümer  vor,  —■  da  sie  ja  ihrerseits  zu  ungefähr  den  gleichen  Folgerungen
kommt,  —  aber  sie  beschuldigt  sie  doch,  nicht  imstande  gewesen  zu  sein,
ihre  Behauptungen  zu  beweisen  und  sich  allzu  leicht  mit  Schlüssen  begnügt ­
  zu  haben,  die  nichts  als  Kreisschlüsse  waren.  Das  ist  ihr  besonders
geschehen,  so  oft  sie  versuchte,  die  Kausalzusammenhänge  festzustellen,
ohne  sich  oft  darüber  klar  zu  werden,  daß  die  Ursache  ebenso  leicht
Wirkung  wie  die  Wirkung  Ursache  sein  kann.  Man  muß  sich
damit  begnügen,  die  Beziehungen  oder  die  Übereinstimmungen  zwischen
Tatsachen  zu  untersuchen,  und  das  eitle  Bestreben  aufgeben,  herauszufinden, ­
  was  Ürsache  und  was  Wirkung  ist.
Es  handelt  sich  im  Besonderen  um  die  drei  großen  Gesetze,  die  das
Gerüst  des  Gebäudes  der  wissenschaftlichen  Ökonomik  waren;  das  Gesetz
des  Angebots  und  der  Nachfrage,  das  Gesetz  der  Produktionskosten,  das
Gesetz  der  Verteilung  zwischen  den  drei  Faktoren  der  Produktion.  Sie
sind  nicht  zu  halten.  Gehen  wir  sie  kurz  durch.
Das  Gesetz,  auf  Grund  dessen  „der  Preis  im  direkten  Verhältnis  zur
Nachfrage  und  im  umgekehrten  Verhältnis  zum  Angebot  schwankt“,  hat
ein  so  mathematisches  Aussehen,  daß  es  wie  dazu  geschaffen  war,  die  Aufmerksamkeit ­
  der  neuen  Schule  auf  sich  zu  ziehen.  Es  hat  auch  tatsächlich
als  Brücke  zwischen  der  alten  und  neuen  Ökonomik  gedient  —  aber  einmal^
hinübergelangt,  hat  die  neue  Schule  diese  Brücke  abgebrochen.  Es  kostete
sie  keine  Mühe,  nachzuweisen,  daß  dies  vorgebliche  Gesetz,  das  von  der
Nationalökonomie  wie  ein  geometrisches  Axiom  betrachtet  worden  war,
wie  ein  Quid  inconcussum,  auf  das  sie  alle  ihre  Gebäude  errichtet
hatte,  gerade  ein  echtes  Schulbeispiel  für  die  Kreisschlüsse  war,  von
denen  wir  eben  gesprochen  haben.  Unter  den  Volkswirtschaftlern  erregte
es  großes  Aufsehen,  als  man  sich  um  die  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  dazu
gezwungen  sah,  dies  anzuerkennen.  In  der  Tat,  wenn  der  Preis  von  dem
Angebot  und  der  Nachfrage  bestimmt  wird,  so  ist  es  nicht  weniger  wahr,
daß  Angebot  wie  Nachfrage  ihrerseits  vom  Preise  bestimmt  werden,  so
daß  es  unmöglich  wird,  zu  wissen,  welches  von  beiden  Ursache  und  welches
Wirkung  ist.  Übrigens  hatte  Stuart  Mill  diesen  Widerspruch  schon
bemerkt  und  hatte  ihn  in  der  Weise,  die  wir  auf  S.  392  f.  ausgeführt  haben,

l )  „Die  Irrtümer  der  klassischen  Volkswirtschaftler  sind,  sozusagen,  nur  die
gewöhnlichen  Kinderkrankheiten  (ordinary  diseases  of  childhood)  einer  jeden  Wissenschaft.“ ­
  Böhm-Bawerk,  The  Austrian  Economists,  in  „Annals  of  the  American
Academy  of  Political  and  Social  Science“,  Januar  1891).
        <pb n="591" />
        568

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

verbessert.  Er  wußte  aber  nicht,  daß  schon  vor  ihm  und  besser  als  er
Coürnot  die  Formel,  die  wir  soeben  wieder  angeführt  haben,  zerstört
hatte,  indem  er  ihr  die  gegenüberstellte,  die  in  Wirklichkeit  die  hedonistische ­
  Methode  einführt:  „Die  Nachfrage  ist  eine  Funktion  des  Preises 1 ), 1 '
womit  gesagt  werden  sbll,  daß  sie  sich  zu  dem  Preis  verhält  wie  eine  Schale
der  Wage  zur  anderen,  d.  h.  bei  steigendem  Preise  fällt  und  bei  fallendem
steigt.  Aber  auch  das  Angebot  ist  eine  Funktion  des  Preises,  nur  in  einer
ganz  verschiedenen  Beziehung,  da  es  ihm  in  seinen  Bewegungen  parallel
folgt,  und  mit  ihm  steigt  und  fällt.  So  verhalten  sich  Preis,  Angebot  und
Nachfrage  wie  die  drei  fest  verbundenen  Teile  eines  Mechanismus,  die
sich  nicht  ein  Jeder  für  sich  bewegen  können.  Es  handelt  sich  nun  darum,
die  Gesetze  ihrer  gegenseitigen  Abhängigkeit  zu  bestimmen.
Dies  will  nicht  besagen,  daß  das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage ­
  von  nun  an  aus  dem  wirtschaftlichen  Wörterbuche  gestrichen  ist,
sondern  nur,  daß  es  eine  andere  Bedeutung  erhalten  hat.  Heute  drückt
man,  wie  wir  sehen  werden,  das  Gesetz  des  Angebots  und  der  Nachfrage
durch  das  aus,  was  man  „die  Kurve  der  Nachfrage“  oder  des  Angebotes
nennt,  Kurven,  die  einfach  das  Theorem  Cournot’s,  daß  die  Nachfrage
eine  Funktion  des  Preises  ist,  graphisch  darstellen.
Ebenso  geht  es  mit  dem  Gesetz,  nach  dem  „die  Produktionskosten
den  Wert  bestimmen“.  Die  gleiche  petitio  principii!  Wer  kann  nicht
sehen,  daß  gerade  im  Gegenteil  der  Unternehmer  seine  Produktionskosten
nach  dem  Preise  einstellt  und  regelt?  Die  klassische  Schule  hatte  dies
wohl  für  eines  der  Elemente  dieser  Kosten  erkannt;  sie  hatte  erkannt,
daß  der  Preis  die  Bodenrente  bestimmt,  und  nicht  die  Bodenrente  den
Preis.  Dies  ist  aber  nun  ebenso  für  alle  anderen  Preisbestandteile  richtig,
’  oder  vielmehr,  auch  diese  neue  Formel  ist  ebensowenig  korrekt.  Man  muß
diesen  eitlen  Versuch,  die  Ursachen  und  Wirkungen  zu  finden,  auf  geben
und  sich  mit  der  Feststellung  begnügen,  daß  zwischen  den  Produktionskosten ­
  und  dem  Preise  eine  Beziehung  besteht,  die  das  Streben  hat,  die
Gleichheit  herzustellen,  nicht  auf  Grund  irgendeiner  geheimnisvollen
Solidarität,  sondern  weil  dort,  wo  diese  Koinzidenz  nicht  besteht,  die  Verminderung ­
  oder  Vermehrung  der  erzeugten  Mengen  das  Gleichgewicht
sogleich  wiederherzustellen  bestrebt  ist.  Diese  Abhängigkeitsbeziehung
zwischen  zwei  Werten,  obgleich  sie  sicherlich  höchst  bedeutsam  ist,  ist
weit  davon  entfernt,  die  einzige  zu  sein:  sie  ist  nur  ein  Einzelfall  in  einer
Menge  von  Fällen,  wo  ein  Wert  als  Funktion  eines  anderen  Wertes  sich
verändert,  Fälle,  die  die  hedonistische  Schule  mit  der  größten  Aufmerksamkeit ­
  sammelt.
Das  gleiche  gilt  auch  für  das  Gesetz  der  Verteilung,  d.  h.  für  Lohn,
Zins  und  Bodenrente.  Wie  bestimmte  man  in  der  klassischen  Lehre  jeden
Becherehes  sur  les  Principes  mathfimatiques  de  la  th§orie  des
richesses.
        <pb n="592" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

569

dieser  Teile?  In  höchst  naiver  Weise.  Wenn  es  sich  darum  handelte,
die  Bodenrente  zu  bestimmen,  so  sagte  man:  man  braucht  von  dem  Totalwerte ­
  des  Erzeugnisses  nur  den  Lohn,  die  Zinsen  und  den  Profit  abzuziehen-, ­
  das,  wa^  übrig  bleibt,  ist  die  Rente.  Handelte  es  sich  darum,  den
Profit  zu  bestimmen,  so  zog  man  zunächst  die  Rente,  wenn  sie  in  Frage
kam,  ab,  dann  den  Lohn  und  die  Zinsen,  unter  denen  man  die  Produktionskosten ­
  verstand,  und  das,  was  übrig  blieb,  war  der  Profit.  Ebenso
läuft,  wie  Böhm-Bawerk  geistreich  ausführt,  die  Behauptung,  daß  der
Lohn  von  der  Produktivität  der  Arbeit  bestimmt  sei,  nur  darauf  hinaus,
daß  der  Lohn  alles  das  ist,  was  vom  Preise  übrig  bleibt,  wenn  die  anderen
Mitarbeiter  sich  ihren  Anteil  genommen  haben.  Jeder  der  Mit-Anteil-Habenden
  wird  daher  als  derjenige  betrachtet,  der  ein  Recht  auf  den
Rest  hat,  wenn  die  Anderen  ihren  Teil  haben,  als  the  residual  claimant,
  was  darauf  hinausläuft,  daß  man,  um  den  unbekannten  Teil  eines
jeden  der  drei  zu  bestimme^,  die  Teile  der  beiden  anderen  als  bekannt
voraussetzt 1 ).
Aber  diese  alte  theologische  Dreieinigkeit  läßt  die  neue  Schule  kalt.
Man  kann  keinen  der  Produktionsfaktoren  für  sich  allein  ins  Auge  fassen,
da  sie  notwendigerweise  solidarisch  oder,  wie  die  hedonistische  Schule
sagt,  komplementär  bei  dem  Werke  der  Produktion  sind.  Auf  jeden
Fall  muß  man,  um  einen  jeden  zu  bestimmen,  zwischen  ihnen  ebensoviel
Beziehungen  herstellen,  als  es  Unbekannte  gibt.  Diunit  gelangen  wir
dazu,  mathematische  Gleichungen  und  Formeln  anzuwenden.
Jedoch  ist  der  Gebrauch  der  Mathematik  nicht  bei  allen  Hedonisten
die  Regel.  Die  psychologische  Schule,  —  in  ihr  besonders  die  Richtung,
die  den  Namen  österreichische  Schule  trägt,  —  hält  es  für  unnötig,
darauf  zurückzugreifen.  Andererseits  erklären  viele  mathematische  Volkswirtschaftler, ­
  daß  sie  es  keineswegs  nötig  haben,  die  Psychologie  zu  Hilfe
zu  rufen,  und  besonders,  daß  sie  ohne  das  berühmte  Prinzip  des  Grenznutzens ­
  auskommen  können,  das,  wie  wir  sehen  werden,  den  Hauptinhalt
der  österreichischen  Lehre  ausmacht *  2 ).
')  Wenn  man  den  bekannten  Wert  des  Produktes  durch  P  ausdrückt  und  den
Lohn,  die  Zinsen  und  die  Rente  durch  x,  y  und  z,  so  erhält  man:
x  +  y  +  z  =  P
Es  ist  klar,  daß  diese  Gleichung  mit  drei  Unbekannten  allein  nicht  lösbar  ist;
nian  erhält  auch  kein  besseres  Ergebnis,  wenn  man  wie  .folgt  schreibt:
x  =  P  —  (y  4-  z)
y  =  p  —  (x  +  z)
z  =  P  —  (x  +  y).
2 )  „Die  Theorien  des  wirtschaftlichen  Gleichgewichts  sind  unabhängig  von  den
Theorien  der  Nützlichkeit  (des  Grenznutzens).  Die  allgemeine  Auffassung  dagegen
Verschmilzt,  identifiziert  diese  beiden  Arten  von  Theorien“  (Vilfredo  Pareto,  L ! £con
 °mie  pure,  Broschüre,  1902).
        <pb n="593" />
        570

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Es  ist  daher  für  die  Klarheit  der  Darlegung  besser,  in  der  hedonistischen ­
  Schule  die  Gruppe  der  Psychologen  und  die  der  Mathematiker
getrennt  zu  studieren.

§  2.  Die  psychologische  Schule.
Das  Hauptmerkmal  der  psychologischen  Schule  liegt  darin,  Alles  auf
den  Grenznutzen  zu  beziehen.  Was  ist  hierunter  zu  verstehen 1 )?
Es  ist  dies  der  Nutzen  im  Sinn  der  alten  klassischen  Ökonomisten,

!)  Der  Name  ist  je  nach  den  Schriftstellern  und  den  Ländern  ein  wenig  verschieden: ­
  Jevons  sagt:  f  i  n  all  degree  of  utility  (letzter  Nützlichkeitsgrad),  die
Amerikaner  sprechen  von  „marginal  utility“  (Randnutzen),  und  Walbas  wendet
intensite  du  dernier  besoin  satisfait  (Stärke  der  letztbefriedigten  Bedürfnisses)
an.  Es  ist  das  auch  das,  was  Walras  „rarete“  (Seltenheit)  nennt,  indem  er  dieses
Wort  in  dem  rein  subjektiven  Sinne  nimmt,  als  das  Ungenügende  einer  Menge  für  den
gegenwärtigen  Bedarf.  Gerade  der  Überfluß  dieser  Termini  deutet  auf  eine  gewisse
Nebelhaftigkeit  der  Ideen  hin.  Wenn  wir  wählen  sollten,  würde  uns  der  Ausdruck
„marginal“  (Rand  —)  klarer  als  „final“  (Grenz-)  erscheinen,  doch  ist  „final“  —  (finale)
in  Frankreich  schon  in  den  Sprachgebrauch  übergegangen.  Die  erste  Idee  des  Grenznutzen, ­
  der  die  psychologische  Schule  charakterisiert,  scheint  einem  französischen
Ingenieur,  Dopuit,  zuzusprechen  zu  sein.  (S.  auch  weiter  unten  Coup.not,  S.  578  Anm.)
Sie  wird  in  zwei  Abhandlungen  über  La  mösure  de  l ! utilit6  des  travaux  publics
(1844)  und  über  L ! utilit6  des  voies  de  Communications  (1849)  ausgesprochen,
die  beide  in  den  Annales  des  Ponts  et  Chaussees  (Jahrbüchern  derWegeverwaltung)
veröffentlicht  wurden,  deren  Bedeutung  aber  erst  viel  später  erkannt  worden  ist.  Auch
Gossen  hatte  sie  in  dem  weiter  unten  angeführten  Werk  (vgl.  S.  578  Anm.)  herausgearbeitet. ­

In  ihrer  heutigen  Form  wurde  sie  gleichzeitig  von  Stanley  Jevons  in  seiner
Theory  of  Political  Economy  (1871)  und  von  Karl  Menger  in  seinen  Grundsätzen ­
  der  Volkswirtschaftslehre  (1871)  dargelegt.  Auf  der  anderen  Seite  ist
die  Auffassung  Walras’  von  der  Seltenheit  ganz  ähnlich  und  ungefähr  gleichzeitig
(1874).  Endlich  scheint  der  amerikanische  Professor  Clark  in  seiner  Philosophy
of  Value,  obgleich  sie  etwas  später  erschienen  ist  (1881),  unmittelbar,  aber  auf  einem
anderen  Wege  zu  demselben  Gedanken  gekommen  zu  sein.  Es  ist  das  ein  bemerkenswertes ­
  Beispiel  des  übrigens  ziemlich  häufigen  Zusammentreffens  der  Entdeckungen
in  der  Geschichte  der  Ideen.
Trotz  ihrer  kosmopolitischen  Ursprünge  hat  diese  Schule  den  Namen  der  „österreichischen ­
  Schule“  erhalten,  weil  sie  in  Österreich  ihre  bedeutendsten  Vertreter  gefunden ­
  hat,  unter  denen,  außer  dem  sijhon  genannten  Professor  Karl  Menger,  der
Professor  Sax,  Das  Wesen  und  die  Aufgabe  der  Nationalökonomie  (1884),
zu  erwähnen  ist;  weiterhin:  v.  Wieser,  Der  natürliche  Wert  (1889),  und  besonders
v.  Böhm-Bawerk,  Grundzüge  der  Theorie  des  wirtschaftlichen  Güterwerts ­
  (Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  1886),  und  sein  berühmtes  Buch
über  Kapital  und  Kapitalzins.  .  ,
Man  kann  aber  sagen,  daß  heute  diese  Lehre  mehr  amerikanisch  als  österreichisch  j
geworden  ist:  die  Professoren  J.  B.  Clark,  Patten,  Irving  Fisher,  Carver,  Fetter  usw.  |
pflegen  den  „Randnutzen“  mit  Leidenschaft,  besonders  in  der  Untersuchung  der  Güter-Verteilung
  und  vor  Allem  in  der  Auffassung  von  Kapital  und  Zins.
        <pb n="594" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

571

den  sie  Gebrauchswert  nannten  —  und  dem  sie  wohl  ihre  Reverenz
erwiesen,  den  sie  dann  aber  als  belanglos  liegen  ließen.  —  Dieser  Gebrauchswert ­
  erlebt  nun,  wenn  auch  stark  verwandelt,  seine  Wiedergeburt.
Zunächst  wird  er  endgültig  von  der  Nützlichkeit  im  landläufigen  und
wortbegrifflichen  Sinne  dieses  Ausdruckes  getrennt,  von  der  Nützlichkeit,
die  im  Gegensatz  zu  Schädlichkeit  oder  Überflüssigkeit  steht:  er  drückt
weiter  nichts  aus,  als  die  Fähigkeit,  irgendeinen  Wunsch  des  Menschen
zufrieden  zu  stellen,  sei  er  vernünftig,  dumm  oder  verbrecherisch,  Brot,
Diamant  oder  Opium,  ganz  gleichgültig 1 ).
Zweitens  handelt  es  sich  nicht  mehr  um  die  irgendeinem  Gut  innewohnende ­
  Nützlichkeit,  z.  B.  den  Nutzen  des  Wassers,  des  Eisens  oder  der
Kohle  mit  Hinsicht  auf  die  Bedürfnisse  der  Menschheit,  sondern  um  die
Nützlichkeit  einer  konkreten  Einheit,  die  das  Objekt  unseres  Interesses
als  Tauschender,  Produzent  oder  Verbraucher,  darstellt.  Es  handelt  sich
niemals  darum,  das  Brot  zu  kaufen,  sondern  Brote.  Die  Nützlichkeit
des  Brotes  im  Allgemeinen  ist  mir  gleichgültig;  wie  sollte  ich  sie
übrigens  auch  messen?  Was  mich  interessiert,  ist  allein  der  Nutzen
des  Brotes,  das  ich  brauche.  Diese  einfache  Verschiebung  des
Gesichtspunktes  gestattet  sofort,  die  Dunkelheit  zu  zerstreuen,  in  die  sich
die  klassische  Schule  verirrt  hatte *  2 ).  Und  zwar  folgendermaßen:
1.  Warum  ist  zunächst  die  Wertidee  von  der  der  Seltenheit  untrennbar? ­
  Weil  der  Nutzen  jeder  Einheit  von  der  Stärke  des  bestehenden  und
unmittelbaren  Bedürfnisses,  das  sie  befriedigen  soll,  abhängt 3 )  —  und
*)  Um  die  Verwirrung,  die  aus  dem  Gebrauch  desselben  Wortes  zur  Bezeichnung
zweier  so  verschiedener  Begriffe  entsteht,  zu  vermeiden,  da  sie,  was  man  auch  dagegen
tun  möge,  doch  das  Vorstellungsvermögen  trübt,  hat  Vilfekdo  Pareto  das  Wort
Nützlichkeit  durch  Ophelimität  ersetzt;  ich  wende  in  meinen  Principes  d ! Economie
Politique  seit  1883  das  Wort  desirabilitö  dafür  an.
2 )  „Der  Gedanke  des  Grenznutzens  ist  der:  Sesam,  öffne  dich!,  die  Formel,
die  den  Schlüssel  zu  den  verwickeltsten  Vorgängen  des  wirtschaftlichen  Lebens  gibt
und  gestattet,  die  unentwirrbarsten  Probleme  der  Wissenschaft  zu  lösen“  (Böhm-Bawerk,
  The  Austrian  Economists,  Annals  of  the  American  Academy
°f  political  and  social  Science,  1891).
3 )  Condiixac  hatte  diese  Tatsache  schon  sehr  richtig  bemerkt  (siehe  oben  S.  64f.)
und  vor  ihm  hatte  Buffon  gesagt:  daß  „der  Taler  des  Armen,  der  zur  Bezahlung  eines
unbedingt  notwendigen  Gegenstandes  dient,  und  der  Taler,  der  dem  Geldsack  des
Pinanzherrn  als  letzter  zugefügt  wird,  in  den  Augen  des  Mathematikers  zwei  Einheiten
gleicher  Ordnung  sind,  aber  im  moralischen  ist  der  eine  ein  Goldstück,  während
der  andere  nicht  einen  Pfennig  wert  ist* 1  (Essai  d*arithmetique  morale).
Dieses  Verbindungssystem  zwischen  Menge  und  Bedarf  kann  durch  eine  Kurve
uusgedrückt  werden,  in  der  Art,  daß  es  eine  Nützlichkeitskurve,  wie  eine  Kurve  der
Nachfrage  gibt  (siehe  weiter  unten  S.  681ff.).  Um  sie  einzutragen,  genügt  es,  auf  einer
Horizontalen  die  verbrauchten  Mengen  1,  2,  3,  4  usw.  anzumerken  und  auf  jedem  dieser
Punkte  eine  Vertikale  zu  errichten,  die  die  Stärke  des  Begehrs,  die  zu  jeder  dieser
Mengen  gehört,  proportional  ausdrückt.  Man  wird  diese  Vertikalen  (Ordinaten)  mehr
oder  weniger  schnell  an  Höhe  abnehmen  sehen,  je  nachdem  die  Menge  steigt,  —  um
z um  Schluß  auf  Null  zu  sinken.
        <pb n="595" />
        572

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

folglich  auch,  weil  sie  von  der  schon  im  Besitz  befindlichen  Menge  bestimmt ­
  wird,  da  es  ein  gleichzeitig  physiologisches  und  psychologisches
Gesetz  ist,  daß  jedes  Bedürfnis  begrenzt  ist,  und  folglich  auch,  daß  jedes
Bedürfnis  mit  der  erlangten  Befriedigung  auf  einen  Nullpunkt  herabsinkt, ­
  der  Sättigung  genannt  wird.  Über  diesen  Punkt  hinaus  kann  es
sogar  negativ  werden  und  sich  in  Widerwillen  verwandeln.  Ein  Gegenstand ­
  irgendwelcher  Art  kann  daher  nur  nützlich  sein,  wenn  er  nicht  im
Überfluß  vorhanden  ist.
Solange  man  sich  an  den  Begriff  der  Nützlichkeit  en  bloc,  in  genere
hielt,  bemerkte  man  nicht  das  notwendige  Band  zwischen  Nützlichkeit
und  Seltenheit.  Man  sah  wohl,  daß  jede  Erklärung  des  Wertes  hinkte,
die  sich  nur  auf  den  einen  oder  den  anderen  der  beiden  Begriffe  stützte,
wußte  aber  nicht  weshalb.  Von  nun  an  springt  die  feste  Verbindung
beider  in  die  Augen.  Die  Nützlichkeit  erscheint  als  eine  Funktion  der
Menge,  und  der  Grad  der  Nützlichkeit  ist  gerade  das,  was  man  Wert  nennt.
2.  Ebenso  wie  der  Begriff  des  Grenznutzens  das  Problem  löste,  das
den  Volkswirtschaftlern  so  viel  zu  schaffen  gemacht  hatte,  weshalb  nämlich ­
  Wasser  weniger  wert  sei  als  ein  Diamant,  löst  es  auch  ein  anderes,
das  sie  seit  den  Zeiten  der  Physiokraten  nicht  weniger  Kopfzerbrechen
gekostet  hatte:  wie  ist  es  möglich,  daß  der  Austausch,  der  nach  seinem
Begriff  selbst  den  gleichen  Wert  der  ausgetauschten  Gegenstände  einschließt, ­
  jedem  der  beiden  Teile  Gewinn  bringen  kann?  —  Des  Rätsels
Lösung  lautet  wie  folgt:  im  Austausch  kommt  es  nur  auf  den  Grenznutzen ­
  an,  keineswegs  auf  die  Totalnutzen.  Wo  soll  man  nun  die  für
den  Austausch  wesentliche  Gleichwertigkeit  suchen?  Sie  liegt  für  jeden
der  beiden  Austauschenden  im  Gleichgewicht  zwischen  dem  letzten  erworbenen ­
  und  dem  letzten  hingegebenen  Teil.
Stellen  wir  uns  zwei  Händler  im  Kongogebiet  vor:  Primus  hat  Salz
und  Secundus  Reis.  Sie  wollen  tauschen.  Zu  welchem  Preise  ?  Das  wissen
sie  noch  nicht.  Sie  tasten.  Primus  gibt  einige  Salzkörner  und  erhält
dafür  einige  Handvoll  Reis.  Er  vergleicht  durch  einen  Blick  die  beiden
Haufen,  die  sich  bilden  und  allmählich  größer  werden.  In  dem  Maße  aber,
wie  der  Haufen  Reis  zunimmt,  stellt  jede  neue  Handvoll,  die  dazu  kommt,
einen  abnehmenden  Nutzen  vor,  denn  er  wird  bald  genug  für  seine  Bedürfnisse ­
  haben.  Im  Gegenteil  jedoch,  so  wie  der  Haufen  Salz  größer  wird,
stellt  jedes  Salzkorn,  das  er  hingibt,  für  ihn  einen  steigenden  Nutzen  vor,
denn  er  weiß,  daß  ihm  bald  nicht  mehr  genug  für  seine  Bedürfnisse  übrig
bleiben  wird.  Da  nun  mit  jeder  ausgetauschten  Handvoll  der  Nutzen  der
hingegebenen  Einheit  steigt  und  der  Nutzen  der  erworbenen  Einheit
sinkt,  so  ist  es  selbstverständlich,  daß  in  einem  gegebenen  Augenblicke
beide  gleich  sein  werden.  In  diesem  Augenblicke  nun  wird  Primus  mß e '
halten.  Der  Austausch  wird  sich  auf  Grund  des  Verhältnisses  der  beiden
Haufen  vollziehen,  das  auch  den  Preis  bestimmt.  Selbstverständlich
        <pb n="596" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

573

/

wird  in  diesem  Augenblick  der  erworbene  Haufen  Reis  für  Primus  einen
bedeutend  höheren  Totalnutzen  vorstellen,  als  der  hingegebene  Haufen  Salz.
Man  wird  nun  einwerfen,  daß  es  sich  nicht  allein  um  Primus  handelt,
und  daß  es  darauf  ankommt,  zu  wissen,  ob  auch  Secundus  bereit  sein  wird,
im  gleichen  Augenbück  innezuhalten!  Das  ist  nicht  wahrscheinlich;
sollte  er  sich  entschlossen  haben,  mit  dem  Tausch  aufzuhören,  ehe  die
gegebene  Menge  Reis  genügend  ist,  um  Primus  zu  befriedigen,  so  ist  es
klar,  daß  der  Tausch  nicht  zustande  kommen  wird.  Es  muß  daher  angenommen ­
  werden,  daß  ein  jeder  der  beiden  Tauschenden  geneigt  ist,  die
Grenze,  die  der  andere  sich  im  Stillen  gezogen  hat,  zu  überschreiten;
dann  wird  der  Punkt  des  Abschlusses  durch  einen  Feilschhandel  bestimmt
werden 1 ).

!)  Hier  ersetzen  nun  Ziffern  und  Diagramme  vorteilhaft  lange  Ausführungen.
Wenn  wir  nämlich  eine  aufsteigende  Kurve  zeichnen,  die  die  Nützlichkeit  jeder  Handvoll
  hingegebenen  Salzes  vorstellt,  und  eine  absteigende  Kurve,  die  die  Nützlichkeit
jeder  Handvoll  erworbenen  Reises  vorstellt,  so  müssen  sich  diese  Kurven  notwendigerweise ­
  schneiden,  da  sie  in  umgekehrter  Richtung  verlaufen:  der  Punkt,  an  dem  sie  sich
schneiden,  ist  nun  gerade  der,  an  dem  beide  ausgetauschten  Handvoll  gleich  sind.
Hier  muß  aber  eine  Verwechslung  vermieden  werden:  man  ist  geneigt  zu  glauben,
daß  jeder  Austausch  eine  Gleichwertigkeit  bedeutet,  d.  li.  eine  Gleichheit  des  Grenzßutzens
  einer  jeden  Ware  für  die  beiden  Austauschenden.  Das  ist  durchaus  nicht  der
Fall.  Zwischen  dem  Wunsch  des  Einen  und  dem  des  Anderen  besteht  kein  gemeinsames
Maß  —  keine  Brücke  (no  bridge),  wie  die  englischen  Hedonisten  sagen  —,  sondern
es  handelt  sich  um  die  Gleichheit  des  Grenznutzens  der  beiden  Waren  für  denselben ­
  Austauschenden.  Im  Innern  eines  jeden  geschieht  das  Wägen.  Und  der
a uf  dem  Markte  verwirklichte  Austausch  ist  nur  die  Resultante  aller  dieser  möglichen
Täusche.
Die  österreichische  Schule  zieht  zur  Erklärung  des  Tausches  eine  Hypothese
zu  Hilfe,  die  vielleicht  nicht  unentbehrlich  ist,  denn  andere  Volkswirtschaftler,  wie
Walkas,  sind  sehr  gut  ohne  sie  ausgekommen;  es  ist  das,  was  sie  das  Grenzpaar
ttennt.  Man  muß  sich  Verkäufer  und  Käufer  in  zwei  Reihen  einander  gegenüber  aufgestellt ­
  denken.  Auf  seiten  der  Verkäufer  mißt  ein  jeder  dem  Gegenstände,  den  er
besitzt  und  verkaufen  will,  eine  verschiedene  Nützlichkeit  bei;  auf  seiten  der  Käufer
Ittt  ein  jeder  dasselbe  mit  Hinsicht  auf  den  zu  erwerbenden  Gegenstand.  Zwischen  dem
Verkäufer  nun,  der  dem  von  ihm  zu  verkaufenden  Gegenstand  die  größte  Nützlichkeit
beimißt,  der  also  am  wenigsten  zum  Verkauf  geneigt  sein  wird,  und  dem
Käufer,  der  im  Gegenteil  dem  von  ihm  zu  erwerbenden  Gegenstand  die  geringste  Nützlichkeit ­
  beimißt,  dem  also,  der  am  wenigsten  zum  Kauf  geneigt  sein  wird,
wird  sich  hier  der  erste  Austausch  vollziehen,  der  den  Marktpreis  für  alle  anwesenden
Parteien  festlegt.  Auf  den  ersten  Blick  erscheint  es  unverständlich,  wie  das  Geschäft
Von  den  Gliedern  der  beiden  Parteien  eröffnet  werden  kann,  die  am  wenigsten  Neigung
zu  einem  Abschluß  haben.  Es  würde  natürlicher  erscheinen,  daß  der  Handel  zunächst
Zwischen  dem  Verkäufer,  der  am  meisten  zu  einem  Verkauf  gedrängt  ist  und  nötigenfalls
si °h  mit  10  Fr.  für  den  Hektoliter  zufrieden  geben  würde,  und  dem  Käufer,  der  am
Listen  zum  Kauf  gedrängt  ist  und  der  schließlich  auch  30  Fr.  für  den  Hektoliter
zahlen  würde,  zustande  kommen  müsse!  Bei  einigem  Nachdenken  wird  man  aber
S(! ben,  daß  der  Preis  gerade  deshalb,  weil  beide  bereit  sind,  zu  jedem  Preise  abzuschließen,
aiibestimmt  bleiben  wird.  Diese  beiden  Ungeduldigen  werden  sicherlich  abwarten,
bis  die  am  wenigsten  zu  einem  Abschluß  Gedrängten  zu  einem  Einverständnis  gelangt
        <pb n="597" />
        574

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

3.  Eine  weitere  Frage:  Warum  gibt  es  auf  dem  Markte  nur  einen
gleichen  Preis  für  gleiche  Gegenstände?  —  Wenn  doch  diese  Nützlichkeit ­
  in  jeder  Einheit  besonders  und  für  jedes  Individuum  subjektiv  in
Betracht  gezogen  werden  soll,  so  scheint  es,  als  ob  es  fast  ebensoviel  verschiedene ­
  Werte,  wie  Einheiten  geben  müsse,  da  eine  jede  sehr  verschiedene
Bedürfnisse  befriedigen  kann.  Warum  hat  daher  in  diesem  Fall  ein  Brot
keinen  anderen  Wert  für  einen  verhungernden  Armen  als  für  einen  satten
Reichen,  oder  sogar  für  mich  selbst  keinen  anderen  Wert,  wenn  ich  hungrig,
als  wenn  ich  satt  bin  ?  —  Einfach  deshalb,  weil  die  Annahme  widersinnig
sein  würde,  daß  identische  und  vertretbare  Güter  verschiedene  Tausch^
werte  auf  demselben  Markte  haben  können  und  dies  in  noch  jhöherem
Maß  für  die  gleiche  Person.  Dieses  Gesetz  des  Einheitspreises *  1 )  beruht
selbst  wieder  auf  einem  anderen  Gesetz,  dem  die  psychologische  Schule
mit  Recht  eine  sehr  große  Bedeutung  beimißt,  und  das  eines  seiner  bedeutendsten ­
  wissenschaftlichen  Errungenschaften  ist,  das  Gesetz  der
Substitution.  Es  bedeutet,  daß  jedesmal,  wenn  zur  Befriedigung  irgendeines ­
  Bedürfnisses  ein  Gut  durch  ein  anderes  ersetzt  werden  kann,  das
ersetzte  nicht  mehr  wert  sein  kann,  als  das  ersetzende 2 ).
Was  ist  nun  eine  Substitution  von  Gütern?  —  Ein  wenigstens  möglicher, ­
  wenn  auch  nicht  stets  ausgeführter  Austausch.  Nun  schließt  aber
jeder  Austausch  die  Gleichheit  der  Werte  ein.
Wenn  es  nun  eine  ganze  Reihe  von  Gütern  gibt,  die  einander  substituiert ­
  werden  können,  so  kann  keins  mehr  Wert  haben,  als  dasjenig e
der  ganzen  Reihe,  das  den  geringsten  Wert  vorstellt.
Dies  ist  der  Grund,  weshalb,  wenn  jeder  Mensch  100  Gläser  Wasser
zu  seiner  Verfügung  haben  kann  —  was  fast  stets  der  Fall  ist,  außer  in
der  Sahara  —,  keins  dieser  Gläser,  und  nicht  einmal  das,  für  welches  icb&amp;gt;
wenn  ich  ganz  verdurstet  bin,  sein  Gewicht  in  Gold  geben  würde,  mehr
als  das  hundertste  Glas  wert  ist,  nämlich  nichts.  Dies  hundertste  i st
immer  da,  stets  bereit,  irgendeines  der  anderen  zu  ersetzen.
Vielleicht  das  beste  Mittel,  sich  eine  klare  Vorstellung  des  Grenzsind.

  Es  ist  natürlich,  daß  die,  die  am  wenigsten  voneinander  entfernt  sind,  zu crs
Zusammenkommen.  Diese  beiden  Austauschenden  nun,  die  so  das  Marktgesetz  f® 8 ^
legen,  nennt  man  „das  Grenzpaar“.
1 )  Stanley  Jevons  gibt  ihm  einen  recht  ausdrucksvollen  Namen:  Das  Gesetz
der  Indifferenz,  was  besagen  will,  daß  zwei  Gegenstände,  mögen  sie  auch  zwei  i®
ihrer  Stärke  höchst  ungleichen  Begierden  entsprechen,  doch  nicht  verschiedene  Wer te
haben  können,  wenn  wir  unterschiedslos  zwischen  ihnen  wählen  können.
z )  Das  Gesetz  der  Substitution  tritt  nicht  nur  in  Erscheinung,  wenn  es  sich  u  ^
verschiedene  Gegenstände  handelt,  die  geeignet  sind,  das  gleiche  Bedürfnis  zu  befn
digen,  sondern  oft  auch,  wenn  es  sich  um  Dinge  handelt,  die  verschiedenen
nissen  entgegenkommen,  soweit  diese  Bedürfnisse  selbst  eins  durch  das  andere
werden  können:  Wein  kann  durch  Tee,  Tee  durch  Kaffee,  das  Leben  in  einem
durch  Reisen  und  Badeaufenthalte  ersetzt  werden.

Bedürfersetzt ­

Schl° ß
        <pb n="598" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

575

nutzens  zu  machen,  besteht  darin,  niemals  direkt  die  Nützlichkeit  des
Gegenstandes,  den  man  bewerten  will,  ins  Auge  zu  fassen,  sondern  nur
die  des  Gegenstandes,  der  seine  Stelle  einnehmen  kann 1 ).  Dann  erscheint
es  als  völlig  klar,  daß,  wenn  ich  einen  Gegenstand  A  verliere,  an  dem  ich
sehr  hänge,  den  ich  aber  in  jeder  Hinsicht  durch  einen  Gegenstand  B
ersetzen  kann,  A  in  diesem  Fall  nicht  mehr  als  B  wert  ist;  und  wenn  ich
die  Wahl  habe,  ihn  auch  durch  C  zu  ersetzen,  und  daß  C  noch  weniger
als  B  wert  ist,  dann  ist  auch  A  nicht  mehr  als  C  wert.
Wir  gelangen  schließlich  dazu,  dieses  Gesetz,  das  eine  ebenso  große
Tragweite  hat,  wie  nur  irgendein  Gesetz  der  Physik,  wie  folgt  zu  formulieren: ­
  der  Wert  eines  jeden  Gutes  wird  bestimmt  durch  den  am  wenigsten
nützlichen  Gebrauch,  den  man  davon  machen,  durch  die  geringste  Befriedigung, ­
  die  man  daraus  ziehen  kann.
Bis  hierher  haben  wir  gesehen,  wie  der  Begriff  des  Grenznutzens  dazu
dient,  die  Probleme  des  Wertes  und  des  Tausches  zu  lösen.  Wird  ihm
aber  die  gleiche  Eigenschaft  innewohnen,  wenn  man  ihn  auf  andere  Bereiche ­
  der  Volkswirtschaft,  auf  die  der  Produktion,  der  Verteilung  und
des  Verbrauches  überträgt?
Für  die  Hedonisten  unterliegt  das  keinem  Zweifel,  da  alle  Produktions-, ­
  Verteilungs-  und  Verbrauchshandlungen  nur  veränderte  Formen
des  Tausches  sind.
Das  gilt  zunächst  für  die  Produktion.  Warum  regelt  sich  der  Wert
der  Gegenstände  unter  der  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  nach  den
Produktionskosten?  Weil  jede  Ordnung  der  freien  Konkurrenz  auf  Grund
ihrer  Definition  eine  Ordnung  ist,  in  der  ein  jeder  Gegenstand  in  jedem
Augenblick  durch  einen  gleichartigen  Gegenstand  ersetzt  werden  kann,
Uß d  weil  dieser  selbst  nur  das  Ergebnis  einer  gewissen  Umformung  von
Rohstoffen  darstellt.  Das  Gesetz  der  Substitution  tritt  daher  auch  hier
ln  Erscheinung,  und  wenn  die  Produktionskosten  den  Wert  aller  gleichurtigen
  Gegenstände  regeln,  so  beruht  dies  einfach  darauf,  weil  diese  Produktionskosten ­
  in  jedem  Augenblick  den  letzten  der  ersetzbaren  Werte
v or  stellen.
Ebenso  für  den  Verbrauch.  Wie  verteilt  ein  jeder  von  uns  seinen
Verbrauch  oder  seine  Ausgaben?  Selbstverständlich  so,  daß  er  daraus
den  größten  Nutzen  zieht,  nämlich,  das  sie  ihm  das  Maximum  an  Annehmlichkeiten ­
  verschaffen,  das  mit  einem  gegebenen  Einkommen  ver-Gubar
  ist.  Unbewußt  versucht  man  hier  und  da  Änderungen.  Man  verehrt ­
  die  im  Budget  für  die  Wohnung  ausgeworfene  Summe  und  verändert ­
  dafür  die,  die  zur  Beschaffung  der  Nahrung  bestimmt  ist,  oder
Ulan  vermehrt  die,  die  für  Almosen  verwendet  werden  soll,  und  beschneidet

l )  „Der  Nutzen  der  unwichtigsten  Einheit,  die  an  Stelle  der,  die  wir  entbehren,
^ r eten  kann,  wird  von  uns  mit  Grenznutzen  bezeichnet“  (BöHM-BAWERK,The  American
^conomists.  American  Academy  of  political  and  social  Science,  1891).
        <pb n="599" />
        576

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

die,  aus  denen  man  seine  Theaterbesuche  bestreitet,  bis  man  eine  Gleichgewichtslage ­
  gefunden  hat.  Diese  Gleichgewichtslage  ist  erreicht:  sobald ­
  der  Grenznutzen  der  letzten  ausgetauschten  Gegenstände, ­
  oder,  wenn  man  will,  die  Stärke  der  letzten  befriedigten
Bedürfnisse  gleich  sind.  Wenn  nämlich  der  Groschen,  den  man  für
die  Erwerbung  der  letzten  Zigarre  ausgibt,  die  man  am  Tage  raucht,
nicht  die  gleiche  Befriedigung  gewährt,  wie  der  Groschen,  mit  dem  man
die  letzte  Abendzeitung  kauft,  so  würde  man,  sobald  einem  dies  klar  geworden ­
  ist,  die  Verwendung  dieses  Groschens  ändern,  und  eine  Zigarre
weniger  rauchen,  um  eine  Zeitung  mehr  zu  kaufen.  Der  Verbrauch
regelt  sich  daher  in  einer  Art  von  Austausch,  für  den  unser  Innerstes  der
Markt,  und  unsere  sich  bekämpfenden  Wünsche  die  Feilschenden  sind 1 )-Auch
  im  Bereich  der  Verteilung  hat  sich  schließlich  die  Theorie  des
Grenznutzens  wie  in  einem  eroberten  Lande  eingerichtet:  hier  sind  es
besonders  die  Amerikaner,  vor  allem  Professor  J.  B.  Clark,  die  sich  bemüht ­
  haben,  von  hier  aus  alle  Gesetze  der  Rente,  des  Zinses  und  des  Lohnes
zu  erneuern.  Wir  können  hier  diese  scharfsinnigen  Analysen  nicht  darlegen, ­
  an  denen  die  volkswirtschaftlichen  ,,  Quarterlies“  der  amerikanischen
Universitäten  sich  ergötzen,  höchst  wahrscheinlich  als  Reaktion  gegen
ein  soziales  Milieu,  das  mit  Pragmatismus  und  Realismus  durchdrängt
ist.  Wir  erwähnen  daher  nur  das  Prinzip  der  Lohntheorie.  Wie  jeder
Wert  wird  auch  der  Lohn  durch  den  Grenznutzen  bestimmt.  Aber  der
Grenznutzen  von  was?  der  Grenznutzen  für  wen?  Der  Grenznutzen  der
Dienste  des  Arbeiters  für  den  Unternehmer.  —  Nun  bestimmt  aber  dort)
wo  es  sich  um  die  Faktoren  der  Produktion  handelt,  ihr  Produktivitätsgrad
ihren  Nützlichkeitsgrad,  —  der  Lohn  wird  daher  von  der  Grenzpro-*)

  Hinsichtlich  des  Verbrauches  hat  die  neue  Schule  aus  dem  Gesetz  des  ati
jedem  Markt  herrschenden  Einheitspreises  eine  merkwürdige  Folgerung  gezogen.  Obgleich ­
  es  nämlich  nur  einen  Preis  für  alle  Käufer  gibt,  sagen  wir  für  Getreidekäufe 1 '
so  ist  doch  der  Grenznutzen  für  einen  jeden  der  Verbraucher  äußerst  ungleich.  Angenommen, ­
  der  unter  den  oben  ausgeführten  Bedingungen  zustande  gekommene  P rt:If
sei  20  Fr.;  dieser  oder  jener  Käufer  würde  aber  bereit  gewesen  sein,  26  Fr.  zu  zahlen
und  hätte  diesen  Preis,  wenn  notwendig,  gegeben;  ein  anderer  hätte  24  Fr.,  ein  anderer
23  Fr.,  22  Fr.  usf.  gezahlt.  Folglich  fällt  einem  jeden  von  ihnen,  die  ja  nur  20  Fr.  zahle 11 '
ein  Gewinn  zu,  und  zwar  unter  der  Form  einer  Ausgabeersparnis.  Das  nennt  Profess® 1
Marshaxl  die  Rente  des  Verbrauchers  (Principles,  Bd.  III,  Kap.  VI).  Er  wähl 1
diese  Bezeichnung,  um  sie  mit  der  berühmten  Rente  des  Produzenten  in  Verbindung
zu  bringen,  die  lange  vor  der  hedonistischen  Schule  entdeckt  worden  ist,  die  aber
der  gleichen  Ursache  beruht,  d.  h.  auf  wechselnden  Unterschieden  —  jür  jeden  Produzenten ­
  —  zwischen  dem  auf  dem  Markt  festgelegten  Verkaufspreis  und  den  Produktion 8
kosten  oder  Opfern  eines  jeden  von  ihnen,  ln  Wirklichkeit  besteht  die  Identität  zwisch e  ^
diesen  beiden  Rentenkategorien  kaum  mehr  als  auf  dem  Papier,  denn  die  Rente  des  Ve 1
brauchers  ist  rein  subjektiv,  während  die  des  Produzenten  einen  Handelswert  ® a  ‘
Es  genügt  ganz  einfach,  wenn  man  sagt,  daß  in  den  meisten  Fällen  der  Tausch  de
Menschen  ungleiche  Befriedigungen,  auch  bei  gleichem  Preise,  gewährt.
        <pb n="600" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

577

duktivität  bestimmt,  nämlich  von  dem  Wert,  den  ein  Zusatzarbeiter
(der  Grenzarbeiter)  zu  erzeugen  vermag,  den  der  Unternehmer  noch
mit  einem  Differential  von  Gewinn  verwenden  kann.  Der  Wert,  den
dieser  fast  überzählige  Arbeiter  hervorbringt,  bestimmt  das  Maximum
dessen,  was  der  Unternehmer  ihm  geben  kann,  und  setzt  zur  gleichen  Zeit
den  Lohn  aller  anderen,  mit  ihm  vertauschbaren  Arbeiter  fest 1 ),  nämlich
der,  die  mit  der  gleichen  Arbeitsart  beschäftigt  sind  und  dasselbe  leisten
(obgleich  der  von  den  anderen  Arbeitern  geschaffene  Wert  wahrscheinlich ­
  größer  ist  als  der,  den  der  Grenzarbeiter  liefert).-  Gerade  so  wie  unter
hundert  verfügbaren  Gläsern  Wasser  das  am  wenigsten  nützliche  den
Wert  bestimmt,  den  alle  anderen  für  den  Durstigen  haben.
Hierdurch  wird  die  Theorie  des  Lohnes,  die  ihn  auf  die  Produktivität
der  Arbeit  gründet,  gleichzeitig  bestätigt  und  verbessert:  wohl  handelt
es  sich  um  die  Produktivität,  aber  um  die  Produktivität  „der  am  wenigsten ­
  produktiven  Arbeit“  —  der  Arbeit,  die  kaum  mehr  ergibt,  als  die
Unterhaltungskosten  des  Arbeiters  betragen.  Hierdurch  wird  die  Theorie
der  Produktivität  ihres  ganzen  optimistischen  Charakters  entkleidet  und
fast  auf  das  Niveau  des  ehernen  Lohngesetzes  gebracht.
Das  Gleiche  gilt  für  die  Höhe  der  Zinsen:  das  Kapital,  das  unter  den
ungünstigsten  Produktivbedingungen  angelegt  ist,  das  Grenzkapital,
regelt  den  Zinsfuß,  und  zwar  stets  auf  Grund  des  Gesetzes  der  Substitution,
das  sich  noch  besser  auf  Kapitalien,  als  auf  Arbeiter  anwenden  läßt,  da
unter  der  Form  des  gemünzten  Geldes  alle  Kapitalien  vollständig  identisch ­
  und  nicht  voneinander  zu  unterscheiden  sind 2 ).
Was  die  Bodenrente  anlangt,  so  wird  sie  ausführlicher  in  dem  folgenden ­
  Kapitel  behandelt  werden.  —
So  gelangt  die  psychologische  Schule  von  einigen  wirtschaftlichen
Tatsachen  aus  —  die  auf  den  ersten  Blick  so  bedeutungslos  und  für  die
Wissenschaft  von  so  wenig  Interesse  erscheinen,  wie  z.  B.  der  Ersatz  des
Kaffees  durch  Zichorie,  den  eine  Köchin  vornimmt,  oder  das  Wegwerfen
uines  alten  Handschuhes,  —  und  durch  allmähliche  logische  Ableitung
Zu  ganz  allgemeingültigen  Theorien,  die  eine  unendliche  Zahl  von  Tatsachen ­
  umfassen  —  wie  das  Gesetz  der  Substitution  oder  das  der  Komplenientärgüter.
  Diese  Arbeit  der  Deduktion  gewährt  einen  höchst  eindrucksvollen ­
  Anblick,  ähnlich  den  Erscheinungen  des  Geistes  in  Tausend
Und  einer  Nacht,  der,  aus  dem  engen  Gefäß,  in  dem  er  seit  tausend  Jahren
*)  Es  ergibt  sich  von  selbst,  daß  das  Gesetz  keine  Geltung  mehr  hat,  wenn  die
Arbeiter  nicht  untereinander  ausgetauscht  werden  können,  weil  sie  verschiedene  Fähigsten ­
  haben,  denn  das  Gesetz  setzt  die  freie  Konkurrenz  voraus;  in  diesem  Falle  aber
^  ürde  jeder  Arbeiter  eine  Art  persönlichen  Monopols  haben.
2 )  Anders  ist  es  jedoch,  wenn  die  Kapitalien  in  der  Form  fester  Anlagen  untergebracht
  sind;  dann  gilt  das  Gesetz  der  Substitution  nicht  mehr,  und  die  Einkünfte
j nnen  höchst  verschieden  sein.
Ui  de  und  Rist,  Gesellt,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  37
        <pb n="601" />
        578

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

versiegelt  war,  erlöst,  nach  und  nach  bis  zu  den  Wolken  wächst.  Dieser
Geist  war  aber  nur  —  und  man  muß  nun  abwarten,  ob  diese  großartigen ­
  hedonistischen  Theorien  ihm  vielleicht  nicht  auch  hierin  ähnlich
sind?

§  3.  Die  mathematische  Schule 1 ).
Kann  man  von  einer  mathematischen  Schule  sprechen?  Offenbar
hat  doch  die  mathematische  Methode  keine  notwendige  Beziehung  zu
den  hedonistischen  oder  irgend  welchen  anderen  Lehren;  sondern  sie  ist

*)  Das  Entstehungsdatum  der  mathematischen  volkswirtschaftlichen  Schule  ist  —
wie  heute  allgemein  zugestanden  wird  —  das  Erscheinen  des  Buches  Cournot’s:  B e ‘
cherches  sur  les  principes  mathdmatiques  de  la  thdorie  des  richesses
(1838),  obgleich  man  auch  hier,  wie  immer,  einige  Vorläufer  anführen  kann.  Tatsächlich
aber  hat  diese  Methode  erst  ungefäht  40  Jahre  später  angefangen,  Schule  zu  machen-Cotjrnot,
  der  im  Jahre  1877  gestorben  ist,  war  ein  Schulinspektor,  der  philosophische
Bücher  hinterlassen  hat,  die  heute  immer  mehr  und  mehr  geschätzt  werden.  S 0 ®
Buch  über  Volkswirtschaft  ist  ein  bemerkenswertes  Beispiel  für  das  Mißgeschick,  das
jeden  trifft,  der  seiner  Zeit  vorauseilt.  Während  vieler  Jahre  wurde  nicht  ein  einzig eS
Exemplar  seines  Buches  verkauft.  Umsonst  versuchte  der  Verfasser  die  Gleichgültig'
keit  des  Publikums  zu  besiegen,  indem  er  1863  ungefähr  das  gleiche  Buch,  aber  ohne
die  algebraischen  Formeln  der  ersten  Ausgabe  veröffentlichte,  und  zwar  unter  de®
Titel:  Principes  de  la  thdorie  des  richesses,  dem  er  1876  unter  einer  noch  ei®
fächeren  Form  eine  weitere  Ausgabe  unter  dem  Titel:  Revue  sommaire  des  do®
trines  dconomiques  folgen  ließ,  —  übrigens  ebenso  erfolglos,  wie  zuvor.  Erst  g anZ
kurz  vor  seinem  Tode  zollte  ihm  ein  englischer  Volkswirtschaftler,  Stanley  jEVOflSt
die  gebührende  Anerkennung.
Das  Buch  des  Deutschen  Gossen,  Entwicklung  der  Gesetze  des  menschlichen ­
  Verkehrs,  erschien  zwar  etwas  später  (1853),  hatte  aber  ebenfalls  nicht  meh r
Glück.  Der  Verfasser  blieb  ein  unbekannter  Schreiber  bei  einer  Verwaltung,  und  sein
Buch  wurde  erst  viel  später  und  zufällig  von  dem  englischen  Professor  Adamson
British  Museum  entdeckt  (es  war,  so  glaubt  man,  das  einzige  Exemplar,  das  noch
existierte).  Wie  sein  Vorgänger,  verdankt  auch  er  seine  Rehabilitierung  Stahle!
Jevons.  In  dem  Kapitel  über  die  Rente  wird  man  eine  leider  nur  kurze  Zusammen*
fassung  dieses  Buches  finden  (s.  S.  624ff.).
Stanley  Jevons,  der  1882  starb,  gehörte  zur  gleichen  Zeit  der  mathematische 11
und  der  psychologischen  Schule  des  Grenznutzens  an.  Sein  prächtiges  Buch:  Theo!)
of  Political  Economy  stammt  aus  dem  Jahre  1871,  wurde  aber  erst  1909  in  ( ' cr
Bibliothöque  Internationale  d’Lconomie  Politique  insFransözisclieübersetz  -
Leon  Walras  war  Franzose,  auch  wenn  man  sich  darauf  versteift,  ihn  zu  eine 10
Schweizer  zu  stempeln,  weil  er  die  größte  Zeit  seines  Lebens  an  der  Universität  Lausanne
zugebracht  hat  (weshalb  man  auch  von  einer  Lausanner  Schule  spricht).  Er  hat
synthetische  Darlegung  der  ganzen  volkswirtschaftlichen  Wissenschaft  in  mathematisch 0
Form  in  seinem  Buch:  Elements  d’Lconomie  Politique  pure  gegeben,  desse
erster  Teil  1874  herauskam.  ,
Heute  ist  die  mathematische  Methode  in  allen  Ländern  vertreten:  durch  MarsHA
und  Edgeworth  in  England,  Launhardt,  Auspitz  und  Lieben  in  Deutschland,  "
fkedo  Pareto  und  Barone  in  Italien,  Irving  Fisher  in  den  Vereinigten  Staaten  u
        <pb n="602" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

579

nichts  als  ein  Werkzeug,  das  von  den  verschiedensten  Schulen  angewendet
werden  kann.  Und  so  scheint  es,  kann  sie  in  unserer  Klassifikation  keine
eigene  Abteilung  beanspruchen 1 ).
Dennoch  scheint  die  Anwendung  der  mathematischen  Methode  eine
ganz  eigene  Auffassung  der  politischen  Ökonomie  mit  sich  zu  bringen,  sie
nämlich  ganz  und  gar  auf  den  Tauschakt  zurückzuführen.
Nun  setzt  aber  jeder  Austausch  ein  Verhältnis  zwischen
ausgetauschten  Mengen  voraus,  das  sich  im  Preise  ausdrückt  und
durch  ihn  formuliert  wird,  womit  wir  sofort  mitten  in  der  Mathematik
stehen.
Nun  mag  man  denken,  daß  diese  Methode  nur  ein  sehr  beschränktes
Anwendungsfeld  habe,  wenn  sie  den  Bereich  des  Austausches  nicht  verlassen ­
  kann.  Das  ist  jedoch  ein  Irrtum.  Einer  der  geistreichsten  und
fruchtbarsten  Beiträge  der  neuen  Schule  liegt  gerade  in  der  Darlegung,
wie  dieser  Kreis  sich  erweitert,  bis  er  die  ganze  volkswirtschaftliche  Wissenschaft ­
  umfaßt.
Verteilung,  Produktion  und  selbst  Verbrauch,  Alles  gehört  in  diese
Lehre  vom  Tausche.  Zunächst  die  Verteilung  —,  denn  was  ist  der  Lohn,
der  Zins,  die  Rente,  mit  einem  Wort  die  Einkünfte?  —  Der  Preis  gewisser ­
  Dienste,  der  von  den  Faktoren  der  Produktion,  Arbeit,  Kapital
und  Boden  geleisteten  Dienste,  die  der  Unternehmer  bezahlt.  Folglich
s ind  sie  das  Ergebnis  eines  Austausches.
Was  heißt  produzieren?  —  Einen  Nutzen  gegen  einen  anderen  auslauschen, ­
  eine  gewisse  Menge  Rohstoffe  und  Arbeit  gegen  eine  gewisse
Menge  verbrauchbarer  Güter  austauschen.  Um  die  Einen  zu  erlangen,
Müssen  die  Anderen  geopfert  werden.  Man  kann  die  Natur  mit  einem
Kaufmann  vergleichen,  der  uns  seine  Erzeugnisse  im  Tausche  gegen  unsere
Arbeit  überläßt,  und  Xenophon  hatte  schon  diese  geistreiche  Theorie
vorausgeahnt,  als  er  schrieb:  „die  Götter  verkaufen  uns  alle  Güter  zum
Preise  unserer  Arbeit“.  Um  die  Analogie  besser  aufzuzeigen,  kann  man

'len  Russen  Bortkiewicz,  jetzt  Professor  in  Berlin.  Frankreich  jedoch,  die  Heimat
®&amp;gt;nes  Cournot  und  eines  Walras,  besitzt  keinen  mathematischen  Volkswirtscha  I  tler.
"ir  erwähnen  jedoch  das  Buch  Aupetit’s,  Theorie  dö  la  Monnaie,  das,  wenn  es
a uch  über  einen  besonderen  Gegenstand  handelt,  eine  allgemeine  Einführung  über  die
1 nathematische  Nationalökonomie  enthält.  .
J )  Diesen  Einwand  hat  namentlich  Vilfredo  Pareto  in  seinem  Iraite  de  Socio-°gie
  (I,  87  Anm.)  gegen  uns  erhoben.  Er  protestiert  gegen  einen  Absatz  der  ersten  Auflage,
  wo  wir  ihn  neben  Walras  zu  den  Hedonisten  stellten.  Er  erklärt,  keiner  Schule
anzugehören  und  keine  andere  Methode  zu  haben,  als  diejenige,  „aus  der  Nationalökonomie ­
  eine  Wissenschaft  zu  machen,  gerade  wie  Chemie,  Physik  öder  Astronomie“.
Aber  unsere  Klassifikation  hatte  keinen  anderen  Sinn,  als  diejenigen  in  die  gleiche
Rubrik  einzuordnen,  die  aus  der  Nationalökonomie  eine  „exakte  Wissenschaft“  machen
Sollen.

37*
        <pb n="603" />
        580

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

sie  umkehren,  indem  man  sagt,  daß  jeder  Tausch  in  Wirklichkeit  ein  Akt
der  Produktion  ist,  denn,  wie  Pa.ntai.kom  sich  elegant  ausdrückt:  „Wir
können  den  Tauschpartner,  mit  dem  wir  verhandeln,  betrachten,  als  wäre
er  ein  zu  bearbeitendes  Feld  oder  ein  auszubeutendes  Bergwerk“ 1 ).
Was  bedeutet  kapitalisieren,  anlegen,  darleihen?  —  Einen  Austausch
gegenwärtiger  Güter  und  heutiger  Annehmlichkeiten  gegen  Güter  und
Annehmlichkeiten  der  Zukunft.
Gerade  dadurch,  daß  Böhm-Bawerk,  wie  wir  weiter  unten  sehen
werden,  das  Gelddarlehen  mit  einem  Tausch  verglich,  wurde  er  zu  seiner
berühmten  Zinstheorie  geführt;  doch  vertritt  er  die  österreichische  und
nicht  die  mathematische  Schule.
Auch  der  Verbrauch  selbst,  oder  wenigstens  die  Verwendung  der
Einkommen,  setzt  einen  beständigen  Austausch  voraus,  denn,  da  unsere
Mittel  begrenzt  sind,  bedeutet  jeder  Konsum  die  Wahl  zwischen  dem
Gegenstand,  den  wir  kaufen,  und  dem,  auf  dessen  Erwerb  wir  seufzend
verzichten  müssen.  Den  Besuch  einer  Theatervorstellung  dem  Kaufe
eines  Buches  opfern,  bedeutet  ein  Vergnügen  gegen  ein  anderes  austauschen,
  und  dieser  Austausch  erfolgt  nach  den  gleichen  Gesetzen  wie
alle  anderen *  2 ).
Überall  gilt  das  Gleiche:  Steuern  zahlen  bedeutet  einen  Teil  seiner
Güter  aufgeben,  um  dafür  im  Austausch  die  Sicherheit  des  Restes  zu  erhalten; ­
  Kinder  in  die  Welt  setzen  bedeutet  einen  Teil  seiner  Behaglichkeit
und  seiner  Ruhe  opfern,  um  dafür  die  Freuden  der  Familie  zu  genießen
und  sich  um  sein  Vaterland  verdient  gemacht  zu  haben.
So  ist  es  möglich,  zwischen  den  Tatsachen  aus  dem  Bereich  der  Volkswirtschaft ­
  Abhängigkeitsverhältnisse  zu  finden,  die  man  versuchen  kann,
in  algebraischen  Formeln  auszudrücken,  sogar  dann,  wenn  man  nicht
imstande  ist,  sie  durch  Ziffern  darzustellen.  Die  Kunst  der  mathematischen ­
  Volkswirtschaftler  besteht  darin,  diese  Verhältnisse  zu  entdecken
und  sie  in  Gleichungen  zu  fassen.

b  Des  difförences  d^opinion  entre  economistes,  Genf  1897,  in  dem
Band:  „Scritti  varii  di  Economia“,  S.  1—48  (1904)  abgedruckt.
2 )  Der  Wert  selbst,  dieser  Grundstein  der  klassischen  Volkswirtschaft,  wird  in
der  mathematischen  Volkswirtschaft  zu  einem  einfachen  Tauschverhältnis  und  verliert
dadurch  alles  persönliche,  wenn  ich  so  sagen  darf.  Da  es  sich  aber  nicht  um  eine  Sache
an  sich,  sondern  um  einen  einfachen  Ausdruck  handelt,  ist  es  lächerlich,  sich  mit  dem
Suchen  nach  Ursachen  oder  Gründen  oder  dem  Wesen  zu  befassen,  wie  es  die
alte  Schule  tut.  Deshalb  schlug  Stanley  Jevons  vor,  das  Wort  „Wert“  überhaupt
zu  verbannen  und  einfach  „Tauschbeziehung“  an  seine  Stelle  zu  setzen.  Auch
Aupetit  legt  Nachdruck  hierauf:  „Der  Ausdruck  Wert,  der  heute  jedes  Inhalts  bat
ist,  scheint  uns  daher  bestimmt  zu  sein,  aus  einem  wissenschaftlichen  Wortschatz  z u
verschwinden  ...  Es  hat  keinen  irgendwie  bemerkenswerten  Nachteil,  diesen  parasitischen ­
  Bestandteil,  so  wie  wir  es  getan  haben,  zu  vernachlässigen  und  das  wirtschaftliche ­
  Gleichgewicht  in  seiner  Gesamtheit  zu  betrachten,  ohne  auch  nur  das  Wort  W er
zu  erwähnen“  (Theorie  de  la  Monnaie,  S.  85).
        <pb n="604" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

581

Wir  wissen  z.  B.,  daß  die  Nachfrage  fällt,  wenn  der  Preis  einer  Ware
steigt  und  umgekehrt.  Hier  haben  wir  also  Quantitäten,  von  denen
die  eine  stets  in  einem  „Funktionalverhältnis“  zur  anderen  schwankt 1 ).
Betrachten  wir  nun,  wie  die  mathematischen  Volkswirtschaftler  das
Gesetz  der  Nachfrage  in  dieser  neuen  Form  ausdrücken.
Wenn  man  auf  einer  Horizontalen  von  einem  feststehenden  Ausgangspunkt ­
  aus  in  gleichen  Abständen  Punkte  einträgt,  die  die  Preise
1,  2,  3,  4,  5  usw.  bis  10  bezeichnen,  und  wenn  man  auf  jedem  dieser  Punkte
eine  Vertikale  errichtet,  die  die  zu  diesen  Preisen  nachgefragte  Menge
darstellt,  deren  Höhe  proportional  zu  dieser  Menge  ist,  und  zum  Schluß
die  Spitzen  aller  dieser  Vertikalen  (die  man  die  Koordinaten  nennt)  durch
eine  Linie  verbindet,  so  erhält  man  eine  Kurve,  die  von  einem  sehr  hohen
Punkte  ausgeht,  der  die  niedrigsten  Preise  bezeichnet  und  fortschreitend
für  die  höheren  Preise  fällt,  bis  sie  mit  der  Horizontalen  in  einem  gewissen
Punkte  zusammenfällt,  welcher  Punkt  mit  dem  Preise  übereinstimmt,  an
dem  die  Nachfrage  Null  wird 2 ).
Das  Interessante  dabei  ist,  daß  diese  Kurve  für  jede  Kategorie  von
Produkten  verschieden  ist  —  für  die  eine  langsam,  für  die  andere  steil
abfallend,  je  nachdem  die  Nachfrage,  wie  Marshall  sagt,  mehr  oder
!)  Indem  man  die  Nachfrage  durch  d,  den  Preis  durch  p  bezeichnet,  schreibt  man:
d  =  f  (p),  was  besagen  will,  daß  die  Nachfrage  als  Funktion  des  Preises  schwankt.
Man  kann  diese  Beziehungen  auch  durch  geometrische  Linien  ausdrücken,  anstatt
Gleichungen  anzuwenden,  da  in  der  Mathematik  jede  Kurve  durch  eine  Gleichung
wiedergegeben  werden  kann.  Die  geometrische  Darstellung  gibt  ein  anschaulicheres
Bild,  wenigstens  für  die  Uneingeweihten,  als  algebraische  Formeln,  besonders  wenn
man,  wie  Cournot  und  andere,  die  Bezeichnungen  der  Infinitesimalrechnung  an-Wendet,
  —  aber  gleichzeitig  bietet  sie  auch  viel  geringere  Darstellungsmöglichkeiten,
denn  die  geometrische  Figur  zeigt  nur  die  Beziehung  zwischen  zwei  Mengen,  einer
feststehenden  und  einer  veränderlichen  (oder  dreier  Mengen,  von  denen  zwei  veränderlich ­
  sind,  wenn  man  auf  die  dreidimensionale  Geometrie  zurückgreift,  doch  ist
111  diesem  Fall  die  in  der  Projektion  gezeichnete  Figur  nicht  sehr  klar),  während  die
Algebra  Beziehungen  zwischen  beliebig  vielen  Mengen  herzustellen  gestattet  vorausgesetzt, ­
  man  ist  imstande,  ebensoviel  Gleichungen  aufzustellen,  als  man  Veränder-Üche
  hat.
a )  Dupuit,  ein  Ingenieur,  ist  der  erste,  der  in  seinem  oben  (S.  570  Anm.)  angeführten ­
  Buche  die  Kurve  der  Nachfrage  gezeichnet  hat.  Aber  schon  vor  ihm  hatte
Cournot  das  von  ihpi  sogenannte  Gesetz  des  Absatzes  •—  „loi  de  d6bit“  entwickelt;
stellte  dieses  Gesetz  mit  bewunderungswürdiger  Klarheit  dar,  indem  er  als  Beispiel
einen  höchst  einfachen  Fall  setzte:  den.Verkauf  eines  Mineralwassers  in  Flaschen,  dessen
Heilkraft  angenommenerweise  äußerst  stark  sein  soll.  Bei  einem  sehr  geringen  Preis
wird  die  Nachfrage  oder  der  Absatz  sehr  groß  sein,  —  wenn  auch  nicht  unbegrenzt,
denn  jedes  Bedürfnis  hat  eine  Grenze.  Bei  einem  sehr  hohen  Preis  wird  die  Nachfrage
oder  der  Absatz  gleich  Null  sein.  Zwischen  diesen  beiden  Punkten  wird  er  alle  Zwischenstufen ­
  durchlaufen.  Hier  ist  nicht  die  Stelle,  die  geistreichen  Folgerungen  darzulegen,
die  Cournot  vom  Gesichtspunkt  einer  Monopolordnung,  wie  auch  von  dem  des
inehr  oder  weniger  großen  Zwiespaltes  zwischen  Monopol  und  Allgemeininteresse
hieraus  zieht.
        <pb n="605" />
        582

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

&amp;lt;

weniger  elastisch  ist,  —  so  daß  sozusagen  eine  jede  Ware  ihre  charakteristische ­
  Kurve,  ihr  Kennzeichen,  ihre  Nummer  hat,  die  ihr  Erkennen
(theoretisch  wenigstens)  unter  hundert  anderen  gestattet 1 ).
Die  Kurve  des  Angebotes  verhält  sich  natürlich  umgekehrt  wie  die
vorhergehende,  steigt,  wenn  der  Preis  steigt,  und  fällt,  wenn  der  Preis
fällt.  Hieraus  ergibt  sieh,  daß  es  niemals  ein  Angebot  zum  Nullpreis  gibt,
während  im  Gegenteil  die  Nachfrage  zum  Nullpreis  ganz  außerordentlich
—  wenn  auch  nicht  unendlich  —  groß  ist,  und  keine  Grenzen  hat,  als
die  der  Verbrauchsfähigkeit *  2 ).

*)  Die  Kurve  der  Nachfrage  ist  gewöhnlich  konkav  und  diese  charakteristische
Form  ist  nur  der  geometrische  Ausdruck  einer  bekannten  Tatsache,  daß  nämlich  der
Absatz  sogleich  schnell  steigt,  wenn  der  Preis  niedrig  genug  ist,  um  der  großen  Masse
zugänglich  zu  sein,  weil  die  kleinen  Börsen  viel  zahlreicher  sind  als  die  großen,  und
daher  eine  auch  nur  geringe  Erniedrigung  des  Preisniveaus  die  Ware  viel  weiteren  Bevölkerungsschichten ­
  zugänglich  macht.  Doch  kann  die  Kurve  die  verschiedensten
Formen  annehmen.  Für  gewisse  Produkte,  wie  das  Getreide  oder  das  Salz,  zieht  eine
starke  Preiserniedrigung  keine  große  Absatzerhöhung  nach  sich.  Für  andere  wieder,
wie  z.B.  dieDiamanten,  würde  eine  starke  Preisemiedrigung  vielleicht  den  Erfolg  haben,
indem  sie  die  jetzige  Wertschätzung  in  das  Gegenteil  verkehrt,  jede  Nachfrage  zuin
Aufhören  zu  bringen.
Die  Kurve  des  Angebots  dagegen  ist  gewöhnlich  konvex,  weil  das  Angebot,  das
nur  bei  einem  gewissen  Preis,  auf  tritt,  gegen  Preiserhöhungen  sehr  empfindlich  ist  und
beim  geringsten  Steigen  der  Preise  schnell  zunimmt,  aber  bald  zu  einem  Stillstand
gelangt,  weil  die  Produktion  nur  langsam  zu  folgen  vermag,  pede  claudo;  es  ist  sogar
möglich,  daß  von  einem  bestimmten  Punkte  an  das  Angebot  geringer  wird,  einfach  weil
es  keine  verfügbaren  Produkte  mehr  auf  dem  Markte  gibt.
2 )  Das  folgende  Schaubild  zeigt  die  beiden  Kurven,  die  des  Angebots  und  der
Nachfrage:

Die  arabischen  Ziffern  der  Horizontalen ­
  bezeichnen  die  Preise;  die  römischen
Ziffern  der  Vertikalen  die  nachgefragten
Mengen.  So  ist  in  dem  obigen  Bilde  bei
einem  Preise  von  1  (eine  Mark,  ein
Franken,  ein  Pfennig,  wie  man  will)  die
nachgefragte  Menge  VII;  bei  einem  Preise
von  9  ist  die  nachgefragte  Menge  0.
Die  punktierte  Linie  des  Angebotes
zeigt  beim  Preis  1  das  Angebot  mit  HD
beim  Preise  6  steigt  das  Angebot  auf  VII
und  bleibt  fast  stationär  ...  In  keinem
Fall  erreicht  die  Kurve  des  Angebots  die
Achse  der  Ordinate,  da  diese  Achse  bei
Preis,0  liegt,  und  das  Angebot  lange  voi
dem  Preise  0,  d.  h.  wenn  Gegenstände
umsonst  zu  haben  sind,  aufhürt.
Selbstverständlich  kann  der  Austausch ­
  nur  zustande  kommen,  im  Fal e

*-  J  V  W  IfOiUDUU.  JU.UX  ZiUai/tX-UU-U  xw-lu-llav/aa,  ,
und  Nachfrage  zu  einem  Gleichgewicht  gelangen,  und  dieser  Punkt  b  ist  gern
        <pb n="606" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

583

Doch  genügt  es  nicht,  wenn  man  sagt,  daß  die  Angebotskurve  umgekehrt ­
  symmetrisch  zu  der  der  Nachfrage  ist.  Sie  ist  viel  komplizierter,
weil  das  Angebot  selbst  durch  die  Produktionskosten  bedingt  wird.  In
gewissen  Zweigen  der  Produktion,  besonders  in  der  Landwirtschaft,
steigen  die  Produktionskosten  viel  schneller  als  der  Absatz;  in  anderen,
in  der  Pegel  in  der  Industrie,  sinken  die  Produktionskosten  für  die  Einheit
in  dem  Maße,  wie  der  Absatz  wächst.
(Die  mathematische  Nationalökonomie  begnügt  sich  nicht  damit,
gegenseitige  Abhängigkeiten  zwischen  vereinzelten  Tatsachen  zu  suchen:
sie  behauptet,  sie  alle  in  einer  Gesamtanschauung  zusammenzufassen.
Sie  erkennt  sie  als  in  einem  Gleichgewichtszustand  befindlich,  —
ein  stabiles  Gleichgewicht  in  dem  Sinne,  daß  es  sich  jedesmal  von  selbst
wieder  einzustellen  sucht,  wenn  es  gestört  worden  ist 1 ).  Die  Feststellung
dieser  Gleichgewichtsbedingungen  ist  die  wirkliche  Aufgabe  der  reinen
Ökonomik.
Der  bedeutendste  Versuch  einer  Systematisierung,  der  in  dieser  Hinsicht ­
  gemacht  worden  ist,  ist  der  des  Professors  Walras,  der  in  seinen
Formeln  kühn  alle  Teile  des  Wirtschaftslebens  umfaßt,  —  vergleichbar
etwa  dem  LAPLACE’schen  Weltsystem *  2 )!
Stellen  wir  uns  die  gesamte  Gesellschaft  in  einem  einzigen  Saale  versammelt ­
  vor,  ähnlich  wie  die  Börse  in  Paris;  der  Saal  ist  mit  den  betäubender, ­

  in  dem  sich  die  beiden  Linien  des  Schaubildes  schneiden,  nämlich  dort,  wo  die
Menge  mit  V  mit  dem  Preise  2  zusammentrifft.
Die  vertikalen  Linien  heißen  Ordinaten,  und  die,  die  als  Ausgangspunkt  dient
(hier  0—X),  heißt  Koordinatenachse.
Die  Entfernungen  von  dieser  Linie  (auf  der  Horizontalen  eingezeichnet)  heißen
Abszissen.  Jeder  Punkt  der  Kurve  wird  von  der  Entfernung  bestimmt,  die  ihn  von
der  Achse  der  Ordinaten  und  der  Abszissen  trennt.  Um  z.  B.  zu  erfahren,  was  der
Punkt  a  bedeutet,  fälle  ich  zwei  Senkrechte,  eine  auf  die  Achse  der  Ordinaten  und  die
andere  auf  dje  Achse  der  Abszissen;  die  erstere  zeigt  de».Preis,  die  zweite  die  nachgefragte-Menge:
  es  sind  daher  VII  Einheiten  zu  1  (Mark,  Franken  usw.)  nachgefragt
Worden.  }  .  ,  fi*
In  dem  obigen  Schaubild  stellen  die  Ordinaten  die  Preise  und  die  Abszissen  die
Mengen  vor;  selbstverständlich  kann  man  ebensogut  beides  vertauschen.
*)  Die  mathematische  Volkswirtschaft  untersucht  übrigens  auch  andere  Gleichgewichtszustände, ­
  die  aber  verwickelter  und  weniger  von  Bedeutung  sind,  nämlich
die  Zustände  des  instablen  Gleichgewichts.
2 )  Pareto  spricht  von  ihm  wie  folgt:  „Es  war  Walras,  der  zuerst  eins  dieser
Gleichungssysteme  gefunden  hat  und  zwar  das,  das  sich  mit  dem  Zustande  der  freien
Konkurrenz  beschäftigt.  Diese  Entdeckung  ist  von  höchster  Bedeutung  und  man
kann  das  Verdienst  dieses  Gelehrten  nicht  zu  hoch  einschätzen.  Natürlich  hat  sich
die  Wissenschaft  seitdem  schon  weiter  entwickelt  und  wird  fortfahren,  sich  auch  in
der  Zukunft  zu  entwickeln,  doch  verringert  das  in  Nichts  die  Bedeutung  der  Entdeckung
Walras’,  ebenso  wie  der  Fortschritt  in  den  Berechnungsmethoden  der  Himmelskörper
keineswegs  der  Bedeutung  der  Principia  Newton’s  Abbruch  tut:  im  Gegenteil“
(Economie  pure,  Broschüre,  1902,  S.  11).
        <pb n="607" />
        584

-Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

den  Rufen  aller  derer  erfüllt,  die  kaufen  und  verkaufen  wollen,  und  ihre
Preise  ausschreien!
In  der  Mitte  —  wie  die  Makler  inmitten  des  Kreises,  den  man  „la
corbeille“,  die  Schranken  oder  das  Parkett  nennt  —  sitzt  der  Unternehmer ­
  (der  Fabrikant,  Händler  oder  der  Landwirt).  Er  erfüllt  gleichzeitig
eine  doppelte  Funktion:
Mit  der  einen  Hand  kauft  er  den  Produzenten  (den  ländlichen  oder
städtischen  Grundbesitzern,  den  Kapitalisten  und  Arbeitern)  ihre,  wie
sie  Walras  nennt,  „produktiven  Dienste“  ab,  nämlich  die  Fruchtbarkeit
ihrer  Felder,  die  Produktivität  ihrer  Kapitalien,  die  Arbeitskraft  der
Arbeiter,  die  Dienste  der  freien  Berufe;  und  indem  er  ihnen  den  von  den
Tauschgesetzen  bedingten  Preis  zahlt,  bestimmt  er  das  Einkommen  eines
Jeden:  dem  Grundbesitzer  zahlt  er  die  Bodenrente,  dem  Kapitalisten
die  Zinsen,  dem  Arbeiter  den  Lohn.
Zu  welchem  Preise  aber?  Wie  setzt  sich  dieser  Preis  fest?  Wie  an
der  Börse  für  irgendwelche  Werte  durch  das  Gesetz  des  Angebots  und
der  Nachfrage!  Der  Unternehmer  verlangt  so  und  so  viel  Dienste  zu  dem
und  dem  Preise.  Der  Eigentümer,  der  Kapitalist  oder  der  Arbeiter  bietet
so  und  so  viel  zu  dem  und  dem  Preise  an.  Der  Preis  steigt  oder  fällt,  bis
die  angebotenen  und  nachgefragten  Mengen  von  Diensten  übereinstimmen.
Mit  der  anderen  Hand  verkauft  der  Unternehmer  die  landwirtschaftlichen ­
  oder  fabrizierten  Erzeugnisse,  die  aus  seinem  Gut  oder  seiner
Fabrik  stammen.  Wem  verkauft  er  sie  aber?  Denselben  Leuten,  die  das
Kostüm  gewechselt  und  sich  zu  Verbrauchern  verwandelt  haben.  Es  sind
auch  in  der  Tat  dieselben  Eigentümer,  Kapitalisten  und  Arbeiter,  die,
nachdem  sie  als  Verkäufer  von  Diensten  aufgetreten  sind,  wieder  als  Käufer
von  Produkten  auftreten;  —  wer  sonst  sollte  es  denn  auf  der  Bühne  des
Wirtschaftslebens  auch  anders  sein?  Aus  welcher  Kulisse  sollten  sie  auftreten? ­

Und  auf  diesem  Markte  der  Erzeugnisse  bestimmen  sich  die  Preise
in  der  gleichen  Weise  wie  auf  dem  anderen.
Hier  aber  entdeckt  man  plötzlich  eine  neue  und  noch  großartigere
Seite  dieses  Gleichgewichts.  Ist  es  nämlich  nicht  offenbar,  daß  der  Gesamtwert ­
  der  produktiven  Dienste  auf  der  einen  Seite  und  der  Gesamtwert ­
  der  Produkte  auf  der  anderen  Seite  mathematisch  gleich  sein  müssen,
da  die  Unternehmer  als  Zahlung  für  die  dem  Verbraucher  gelieferten  Produkte ­
  nicht  mehr  erhalten  können,  als  sie  diesen  gleichen  Personen,  die
vorher  Produzenten  waren,  als  Zahlung  für  ihre  Dienste  gegeben  haben?
Wo  sonst  sollten  diese  denn  das  Geld  hernehmen?  Es  ist  ein  geschlossener
Kreislauf,  wo  die  gleiche  Menge  Flüssigkeit,  die  aus  einem  Hahn  ausgelaufen ­
  ist,  durch  einen  anderen  wieder  zugeführt  wird.
Wir  finden  hier  etwas  Ähnliches  wie  das  berühmte  Tableau  öconorriJ-
        <pb n="608" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

585

que  Qdesnay’s  (siehe  oben  S.  20),  nur  nähert  es  sich  mehr  der  Wirklichkeit ­
  *).
Es  gibt  daher  zwei  nebeneinander  bestehende  Märkte,  den  der
Dienste  und  den  der  Produkte 2 ):  und  auf  jedemvon  ihnen  werden  die  Preise
von  den  gleichen  drei  Gesetzen  bestimmt:

q  Wenn  jedoch  dieses  Schaubild  als  der  Ausdruck  der  Wirklichkeit  angesehen
werden  soll,  so  ergibt  sich  die  merkwürdige  und  unvorhergesehene  Folgerung,  daß
der  Unternehmer,  der  als  Preis  seiner  Produkte  gerade  denselben  Wert  erhält,  den
er  für  die  Produktivdienste  gezahlt  hat,  keinen  Profit  gewinnt.
In  der  Tat  geben  auch  Walras,  wie  Pantaleoni  vollständig  die  Richtigkeit
dieses  anscheinenden  Paradoxon  zu;  der  normale  Profit  ist,  sagt  er,  gleich  Null,  unter
der  Voraussetzung  absoluter  freier  Konkurrenz;  und  wenn  man  ferner  (was  die  englische
Schule  nicht  tut)  den  Profit  durchaus  von  den  Zinsen  trennt;  die  Zinsen  werden  als
einer  der  Bestandteile  der  Produktionskosten  betrachtet.
Übrigens  liegt  hierin  nichts  Überraschendes,  da  es  ja  auf  dasselbe  hinausläuft,
wie  die  wohlbekannte  Formel,  daß  der  Verkaufspreis  unter  der  Herrschaft  der  freien
Konkurrenz  notwendigerweise  mit  den  Produktionskosten  übereinstimmt.
Selbstverständlich  hindert  diese  theoretische  Aufhebung  des  Profits  nicht,  in  Wirklichkeit ­
  das  Bestehen  des  Profits  in  allen  Gesellschaften  anzuerkennen,  doch  erklärt
man  es  einfach  aus  den  beständigen  Oszillationen  des  Systems  um  einen  festen  Punkt,
bei  dem  es  nie  stehen  bleibt.  Der  Profit  ist  in  dieser  Auffassung  wie  die  Wogen  des
Meeres,  —  was  uns  nicht  daran  hindert,  das  Niveau  des  Meeres  als  horizontal  anzusehen ­
  und  sogar  auf  diese  Annahme  die  Messung  aller  Höhenunterschiede  der  Erde  zu
gründen.  Wird  der  Tag  kommen,  an  dem  bei  vollständig  verwirklichtem  Gleichgewicht
es  keinen  Profit  mehr  geben  wird  ?  .  .  .  Viel)/'cht  wohl,  aber  an  dem  Tage,  an  dem  in
der  physischen  und  wirtschaftlichen  Welt  das  Gleichgewicht  vollständig  verwirklicht
sein  wird,  wird  die  Uhr  stehen  bleiben  und  die  Welt  ihr  Ende  finden.
•  3 )  Um  das  System  von  Walras  richtig  darzustellen,  muß  man  sagen,  daß  es
nicht  nur  zwei,  sondern  drei  Märkte  gibt,  die  ineinander  geschachtelt  sind,  denn,
ebenso  wie  auf  dem  Markte,  wo  Produkte  ausgetauscht  werden,  die  Menge  dieser  Produkte ­
  von  der  mehr  oder  weniger  großen  Menge  produktiver  Dienste  (Boden,  Arbeit
nnd  Kapital)  abhängt,  ebenso  hängt  wiederum  die  Menge  der  produktiven  Dienste,
oder  wenigstens  die  der  Kapitalien,  von  der  mehr  oder  weniger  großen  Aktivität  der
Bildung  neuer  Kapitalien  (Eisenbahnen,  Bergwerke,  Maschinen)  ab.  Diese  wieder
wird  ihrerseits  von  der  Höhe  der  Spartätigkeit  bedingt.  Hierin  besteht  der  dritte
Markt:  der  der  Kapitalisation.  Da  die  neuen  Kapitalien  nur  aus  den  Ersparnissen
gezahlt  werden  können  (d.  h.  mit  demjenigen  Teil  des  Einkommens,  den  die  Produzenten ­
  nicht  auf  den  Ankauf  von  Gebrauchsgütern  verwendet  haben),  muß  der  Preis
dieser  Kapitalien  so  beschaffen  sein,  daß  er  die  Menge  der  neu  gebildeten  Kapitalien
nnd  die  in  bar  realisierte  Menge  des  Gesparten  zusammenfallen  läßt,  und  wenn  man
z.  B.  mehr  Ersparnisse  als  Kapitalien  gebildet  hat,  wird  der  Preis  dieser  letzteren  steigen.
Wenn  man  aber  sagt,  daß  der  Preis  der  Kapitalien  steigt,  so  heißt  das  in  anderen
Worten,  daß  der  Zinsfuß  (oder  wie  Walras  sagt:  die  Miete  der  Ersparnisse)  sinkt.  Das
Sinken  des  Zinsfußes  wird  nun  aber  diejenigen,  die  sparen,  abschrecken.  Hieraus  wird
sich  ergeben,  daß  auf  dem  Markte  der  Kapitalbildung  im  Gleichgewicht  zwischen  Angebot ­
  und  Nachfrage  ein  Wechsel  eintritt,  der  Preis  neuer  Kapitalien  wird  sinken,
der  Zinsfuß  steigt,  usf.
Um  zusammenzufassen:  „Der  maximale  Gesamtnutzen  auf  der  einen
Seite,  die  Einheit  des  Preises  auf  der  anderen,  —  sei  es  der  Produkte  auf
Markt  der  Produkte,  sei  es  der  Dienste  auf  dem  Markte  der  Dienste,  sei  es
        <pb n="609" />
        a)  auf  dem  Markt  gibt  es  nur  einen  einzigen  Preis  für  alle  Produkte
der  gleichen  Kategorie;
b)  dieser  Preis  muß  so  beschaffen  sein,  daß  er  die  angebotenen  und
die  nachgefragten  Mengen  genau  übereinstimmen  läßt;
c)  dieser  Preis  muß  so  beschaffen  sein,  daß  er  der  größtmöglichen
Anzahl  von  Käufern  und  Verkäufern  gestattet,  den  Markt  befriedigt
zu  verlassen.
Alle  diese  Gesetze  können  mit  mathematischer  Genauigkeit  ausgedrückt ­
  werden  und  stellen  genau  das  dar,  was  man  Gleichgewichtsprobleme ­
  nennt.
In  Summa  führt  die  neue  Schule  die  ganze  wirtschaftliche  Wissenschaft ­
  auf  eine  Mechanik  des  Tausches  zurück  und  glaubt  sich  hierzu
um  so  mehr  berechtigt,  als  das  hedonistische  Prinzip,  „das  Maximum
an  Befriedigung  mit  dem  Minimum  an  Anstrengung  zu  erreichen“  nur
ein  Prinzip  der  reinen  Mechanik  ist,  das  man  das  Prinzip  „des  kleinsten
Mittels  zum  größten  Zweck“  oder  „der  Kraftersparnis“  nennt.  Man
betrachtet  jedes  Individuum  als  dem  Ansporn  des  persönlichen  Interesses
unterliegend,  ebenso  wie  die  vom  Queue  gestoßene  Billardkugel,  und
man  muß  wie  jeder  gute  Spieler  die  komplizierten  Figuren  berechnen 1 ),
die  sieh  aus  dem  Zusammentreffen  der  Kugeln  untereinander  und  mit
der  Bande  ergeben.
Ein  anderes  Gleichgewichtsproblem  besteht  darin,  zu  untersuchen,
in  welchen  Verhältnissen  sich  die  verschiedenen  Bestandteile  bei  der
Ausführung  der  Produktion  vereinigen  müssen.  Stanley  Jevons  hatte
diese  Ausführung  der  Produktion  mit  der  der  Hexen  Macbeths  verglichen,
die  in  ihrem  Kessel  ein  höllisches  Gebräu  kochen.  Diese  Bestandteile
sind  nicht  zufällig  gemischt,  sondern,  sagt  Pareto,  in  Übereinstimmung
mit  dem  in  der  Chemie  bekannten  Gesetz  der  „bestimmten  Verhältnisse“,

der  Einkommen  auf  dem  Markte  der  Kapitalien.  —  das  ist  daher  immer  die
doppelte  Bedingung,  gemäß  der  sich  die  Welt  der  wirtschaftlichen  Interessen  zu
ordnen  strebt,  genau  wie  die  Welt  der  astronomischen  Bewegungen  sich  selbst  durch
die  Anziehung  im  direkten  Verhältnis  der  Massen  und  im  umgekehrten  Verhältnis
zum  Quadrat  der  Entfernungen  ordnet.  ...  In  beiden  Fällen  umschließt  eine  Formel
von  zwei  Linien  die  ganze  Wissenschaft  und  liefert  die  Erklärung  einer  Unzahl  von
Einzeltatsachen“  (Walras,  Öconomie  politique  pure,  S.  306).
x )  Professor  Edgeworth  wendet  ein  ähnliches  Bild  an  und  vergleicht  den  ökonomischen ­
  Menschen  mit  einem,  von  einem  Kutscher  geleiteten  Wagen.  Er  führt
aus:,,Ein  System  eines  solchen  Wagens  und  Kutschern  stellt  die  soziale  Wissenschaft
vor“  (Mathematical  psychics,  S.  24).  Und  an  anderer  Stelle:  „Die  soziale  Mechanik
wird  eines  Tages  neben  die  Lehre  von  der  Mechanik  der  Himmelskörper  gestellt  werden
können;  beide  beruhen  auf  dem  Prinzip  des  Energiemaximums  (oder  Maximum  der
Befriedigung),  das  der  höchste  Gipfel  der  sozialen,  wie  der  physischen  Wissenschaft  ist
(Ebd.  S.  12).
Für  Pareto  ist  die  Volkswirtschaft  nur  das  Studium  der  Gegensätze  zwischen
Wünschen  und  Hindernissen.
        <pb n="610" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

587

das  den  Molekülen  der  Körper  nicht  gestattet,  sich  in  anderer  Weise
als  gemäß  gewissen  unveränderlichen  Mengenverhältnissen  zu  verbinden.
In  Wirklichkeit  unterliegt  die  Verbindung  der  Produktionsfaktoren  in
den  Unternehmungen  nicht  so  starren  Gesetzen,  wie  die  des  Wasserstoffs
und  Sauerstoffs  in  der  Zusammensetzung  des  Wassers.  Man  kann  den
gleichen  Erfolg  mit  mehr  Arbeit  und  weniger  Kapital,  oder  umgekehrt
mit  mehr  Kapital  und  weniger  Arbeit  erreichen.  Es  gibt  aber  ein  Optimumverhältnis ­
  für  ein  jedes,  das  das  Nutzenmaximum  zu  erreichen  gestattet. ­
  Dieser  Optimumzustand  wird  durch  die  gleichen  Mittel  wie  bei
den  anderen  Gleichgewichtszuständen  erlangt,  nämlich,  indem  man  die
Mengen  Arbeit  und  Kapital  verändert,  bis  der  Grenznutzen  des  Einen
und  des  Anderen  gleich  sind  (siehe  oben  S.  579  f.).  Dieses  Gesetz  setzt
nun,  allgemein  gesprochen,  dem  unbeschränkten  Wachstum  der  Unternehmungen ­
  ein  Ziel,  denn  es  genügt,  daß  ein  einziger  der  Bestandteile
begrenzt  sei  (entweder  Boden,  oder  Kapital,  oder  Arbeit,  oder  Aufsicht,
oder  Absatzgebiete),  um  auch  die  anderen  mittelbar  zu  begrenzen,  —
oder  wenigstens  um  die  Zusammensetzung  des  Unternehmens  fehlerhaft
und  verlustbringend  zu  gestalten.  Vilfkedo  Pareto  legt  mit  Recht
diesem  Gesetz  eine  große  Bedeutung  bei.  Es  genügt  in  der  Tat,  daran  zu
denken,  daß  es  dem  berühmten  Gesetz  der  Konzentration  entgegenwirkt,
um  seine  Tragweite  ermessen  zu  können.
Dieser  Zustand  gegenseitiger  Abhängigkeit,  der  zwischen  den  verschiedenen ­
  Faktoren  der  Produktion  festgestellt  ist,  ist  aber  nicht  der
einzige:  die  neue  Schule  hat  die  Aufmerksamkeit  auch  auf  viele  andere
gelenkt,  nämlich  auf  eine  ganze  Reihe  von  Fällen  gegenseitiger  Abhängigkeit, ­
  in  denen  der  Wert  gewisser  Güter  nicht  isoliert  wechseln  kann,  da
sie  komplementäre  Güter  sind.  Welchen  Wert  hat  ein  einzelner  Handschuh ­
  oder  ein  einzelner  Schuh?  Ein  Automobil  ohne  Benzin?  Ein  Tafelservice ­
  ohne  Gläser?  —  Dies  gilt  für  die  Verbrauchsgüter,  aber  für  die  der
Produktion  ist  es  ebenso:  der  Wert  des  Koks  ist  notwendigerweise  mit
dem  des  Gases  verbunden,  da  man  das  Eine  nur  durch  das  Andere  herstellen
kann;  und  ebenso  für  jedes  Produkt  in  seinen  Beziehungen  zu  seinen
Nebenprodukten:  die  Mögüchkeit  ihrer  Verwendung  drückt  den  Wert
des  Grundproduktes  herab.

§  4.  Die  Kritik  der  hedonistischen  Doktrinen.
Den  Lehren,  die  wir  eben  zusammengefaßt  haben,  ist  es  durchaus
nicht  gelungen,  überall  durchzudringen.  In  England,  in  Italien,  in  Deutschland ­
  und  besonders  in  dem  anscheinend  allen  abstrakten  Spekulationen
a m  wenigsten  geneigten  Lande,  in  den  Vereinigten  Staaten,  haben  sie
Anhänger  und  Lehrstühle  gefunden,  und  die  großen  Zeitschriften  haben
        <pb n="611" />
        588

\

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

ihnen  weit  ihre  Tore  geöffnet.  Frankreich  jedoch  ist  ihnen  bis  heute  hartnäckig ­
  verschlossen  gebheben.  Nicht  nur  ist  der  Doyen  dieser  Schule,
Walras,  gezwungen  gewesen,  Frankreich  zu  verlassen,  um  im  Auslande
ein  günstigeres  Feld  für  seine  Lehrtätigkeit  zu  suchen,  sondern  man  hätte
bis  vor  kurzem  kein  Buch  und  keine  Vorlesung  finden  können,  wo  diese
Doktrinen  dargelegt  oder  auch  nur  kritisiert  worden  wären 1 ).
Man  würde  diese  Antipathie  leichter  verstehen,  wenn  Frankreich,
wie  Deutschland,  schon  von  der  historischen  Schule  erobert  worden
wäre:  in  diesem  Fall  hätten  allerdings  diese  beiden  Richtungen  nicht
nebeneinander  bestehen  können.  Wir  haben  aber  schon  gesehen,  daß  dies
nicht  der  Fall  ist,  denn  die  große  Mehrzahl  der  französischen  Volkswirtschaftler ­
  ist  der  liberalen  Schule  treu  geblieben.  Anscheinend  hätte  man
sich  daher  wohlwollender  gegenüber  einer  Schule  zeigen  sollen,  die  doch
schließlich  neo-klassisch  ist  und  nie  etwas  Anderes  wollte,  als  die  Lehre
der  Meister  besser  darzustellen 2 ).

x )  In  den  letzten  Jahren  hat  Colson  in  seiner  großen  Abhandlung  über  Lconomie
politique  den  mathematischen  Theorien  des  Angebots  und  der  Nachfrage  einen  Platz
eingeräumt;  Landry  hat  in  seinem  Manuel  d’Üconomique  die  Theorien  der  österreichischen ­
  Schule  dargelegt.  Wir  haben  schon  (S.  579  Anm.)  das  Buch  Aupetit’s
über  das  Geld  angeführt.  Weiterhin  müssen  noch  die  Übersetzungen  des  Manuel
d’Bconomie  Politique  Vilfredo  Pareto’s  und  der  Thöorie - de  l-’Lconomie
Politique  von  Stanley  Jevons  erwähnt  werden.
s )  Paul  Leroy-Beaulieu  ist  besonders  scharf  gegen  die  mathematische  Schule
aufgetreten;  „Sie  ist  eine  reine  Chimäre,  der  reine  Betrug.  .77  Sie  hat  weder  eins  wissenschaftliche ­
  Grundlage,  noch  irgendwelche  praktische  Anwendungsmöglichkeit.  Sie
bietet  nur  reine  Gedankenspielereien  ...  die  dem  Berechnen  der  Folge  der  Glücksnummern ­
  am  Roulette  in  Monaco  ähnlich  sind.“  —  „Die  angeblichen  Kurven  der
Nützlichkeit  wie  die  der  Nachfrage“,  sagt  er  an  anderer  Stelle,  „entbehren  jeder  praktischen ­
  Bedeutung,  weil  man  Bier  oder  Apfelwein  trinken  wird,  wenn  der  Preis  für  '
Wein  steigt.  Jedes  Produkt  hat  Ersatzprodukte  neben  sich,  die  seine  Bewegung  begrenzen“ ­
  (Traitö  d’Bconomie  Politique,  Bd.  I,  S.  85  und  Bd.  III,  S.  62).
Diese  letztere  Kritik  kommt  wirklich  etwas  unerwartet.  Wie  kann  man  den
Hedonisten  vorwerfen,  von  dem  Gesetz  der  Substitution  keine  Kenntnis  zu  haben,
da  sie  es,  wie  wir  eben  gesehen  haben,  wenn  auch  nicht  entdeckt,  so  doch  außerordentlich
ausgebaut  haben?  Es  ist  daher  doch  wahrscheinlich,  daß  ein  etwa  bestehender  Widerspruch ­
  zwischen  diesem  Gesetz  und  ihrer  Lehre  ihnen  nicht  entgangen  sein  würde.
Übrigens  können  wir  diesen  Widerspruch  nicht  finden.  Bier  und  Apfelwein  können  den
Wein  ersetzen:  aber  jedes  dieser  Getränke  hat  seine  eigene  Nachfragekurve.  Daß  die
Möglichkeit,  von  der  einen  zur  anderen  gehen  zu  müssen,  das  Problem  erschwert,  da
in  diesem  Fall  der  mathematische  Volkswirtschafttler  es  mit  zwei  oder  drei,  anstatt
mit  nur  einer  Kugel  zu  tun  hat,  die  er  ins  Gleichgewicht  bringen  muß,  —  das  ist  ganz
richtig!  Aber  gerade  für  diese  Art  von  Schwierigkeiten  eignet  sich  die  Mathematik
am  ehesten,  ja  ihre  Anwendung  drängt  sich  fast  geradezu  auf.  Diese  Solidarität  zwischen
verschiedenen  Werten,  komplementären  und  supplementären  Gütern,  ist  gerade  eins
der  Probleme,  das  die  Hedonisten  mit  Vorliebe  pflegen  (siehe  Pantaleoni,  Economia
pura).
In  einer  Abhandlung  Simxand’s  findet  sich  eine  Kritik  der  mathematischen  Volks-
        <pb n="612" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

589

Aber  gerade  diese  Art  und  Weise,  die  Alten  in  die  Schule  nehmen
zu  wollen,  und  Prinzipien  von  Neuem  zu  entdecken,  die  als  bequeme
Ruhekissen  gegolten  hatten,  mißfiel  ganz  gewaltig.
Eine  ganze  Anzahl  dieser  Kritiken  kann  jedoch  von  Vornherein
abgewiesen  werden.
Die  häufigste  und  platteste  dieser  Kritiken  behauptet,  daß  die  Begierden ­
  und  Bedürfnisse  der  Menschen  der  quantitativen  Messung  unzugänglich ­
  sind,  und  daß  das  Vorgeben,  sie  in  mathematische  Gleichungen
fassen  zu  können,  mit  dem  freien  Willen  unvereinbar  sei.  Die  mathematische
Schule  hat  aber  niemals  etwas  Derartiges  behauptet.  Sie  nimmt  im  Gegenteil ­
  an,  daß  jeder  Mensch  in  aller  Freiheit  sein  Interesse  verfolgt,  trahit
sua  quemque  voluptas,  und  sie  begnügt  sich  damit,  zu  untersuchen,
wie  dieser  Mensch  es  anstellt,  um  sich  das  Maximum  der  Befriedigung
mit  den  Mitteln,  die  er  besitzt,  und  trotz  der  Hindernisse,  die  er  überwinden ­
  muß,  zu  beschaffen.  Sie  sagt  keineswegs,  daß  dieser  oder  jener
Mensch  dazu  gezwungen  ist,  Getreide  zu  kaufen  oder  zu  verkaufen,  sondern
daß,  wenn  er  es  tut,  ein  jeder  es  mit  dem  festen  Willen  tut,  das  bestmögliche ­
  Geschäft  dabei  zu  machen,  und  daß  in  diesem  Falle  die  Dinge
sich  in  der  und  der  Form  abwickeln  werden,  und  sie  behauptet,  daß  die
Kombinationen  dieser  Willensäußerungen  der  Berechnung  zugänglich
sind.  Kann  nicht  die  Bewegung  der  Billardkugeln  berechnet  werden,
und  in  wiefern  beeinträchtigt  das  die  Freiheit  der  Spieler 1 )?
Ebenso  geben  die  mathematischen  Volks  Wirtschaftler  durchaus
nicht  vor,  unsere  Begierden  ziffernmäßig  auszudrücken.  Auch  wenn
sie  es  tun  sollten,  würde  dies  durchaus  nicht  widersinnig  sein,  da  wir
es  ja  selbst  Tag  für  Tag  tun,  wenn  wir  in  Mark  und  Pfennigen  den  Preis
bestimmen,  den  wir  auf  die  Erwerbung  oder  die  Hergabe  des  begehrten
Gegenstandes  setzen.  Aber  die  mathematische  Ökonomik  verwendet
überhaupt  keine  Zahlen,  da  sie  nur  mit  algebraischen  Formeln  oder  geometrischen ­
  Figuren,  also  mit  abstrakten  Größen,  arbeitet.  Eine  Gleichung
aufstellen,  bedeutet  einfach,  nachweisen,  daß  das  Problem  gelöst  werden
kann,  und  wie  es  zu  lösen  ist:  weiter  gehen  diese  Volks  Wirtschaftler  nicht.
Niemals  ist  es  ihnen  in  den  Sinn  gekommen,  den  Preis  des  Getreides  oder
den  irgendeines  anderen  Gegenstandes  ausrechnen  zu  wollen.  Diese  Aufgabe ­
  überlassen  sie  den  Spekulanten 2 ).
Wirtschaft,  La  mSthode  positive  en  Science  ßconomique  (Revue  de  MStaphysique
de  Morale,  November  1908)  und,  vom  entgegengesetzten  Standpunkte,  eine  gute
Verteidigung  in  La  mßthode  mathematique  en  ßconomie  politique  von  Bouvier
x )  Walras  sagt  sehr  richtig:  „Niemals  haben  wir  versucht,  die  Entscheidungen
'rer  menschlichen  Freiheit  zu  berechnen:  wir  haben  nur  versucht,  ihre  Wirkungen
mathematisch  darzulegen“  (iMüments  d-’Pconomie  Politique  pure,  S.  23g).
2 )  „Wir  kennen  die  genaue  Beziehung  nicht,  die  die  Funktion  an  das  Wandelbare,
die  Stärke  des  übrigbleibenden  Bedürfnisses  an  die  vorher  verbrauchte  Menge  kettet,
        <pb n="613" />
        Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Von  den  Gegnern  der  Klassiker,  womit  ich  sagen  will,  von  den  Wirtschaftshistorikern, ­
  den  Interventionisten,  den  Solidaristen  und  all  den
verschiedenen  „sozialistelnden“  Richtungen  haben  die  Hedonisten  eine
nicht  weniger  scharfe,  aber  ebensowenig  gerechtfertigte  Kritik  gefunden.
Sie  sahen  in  den  hedonistischen  Doktrinen  den  Versuch  einer  Wiederaufrichtung ­
  der  alten  manchesterlichen  oder  optimistischen  Lehren  —  mit
ihrem  ganzen  Gepäck  an  Individualismus,  Egoismus,  Vorzügen  der  freien
Konkurrenz,  Harmonie  des  persönlichen  und  des  allgemeinen  Interesses,
Rechtfertigung  der  Bodenrente,  des  Zinses  und  des  erbärmlichsten  Lohnes
im  Namen  einer  rätselhaften  Wesenheit,  die  man  Grenznutzen  nennt;
und  zu  guterletzt  den  Beweis,  daß  die  bestehende  wirtschaftliche  Ordnung
die  beste  aller  möglichen  sei  —,  eine  um  so  gefährlichere,  oder  auf  jeden
Fall  um  so  unerträglichere  Wiederherstellung,  da  sie  sich  auf  die  reine
Wissenschaft  beruft  und  Anspruch  auf  mathematische  Unfehlbarkeit
erhebt.
Auch  diese  Kritik  ist  nur  ein  Zerrbild.  Daß  die  neue  Schule  es  sich
zur  Aufgabe  gesetzt  hat,  das  Werk  der  Klassiker  fortzuführen,  ist  sicher,
und  hierin  kann  man  sie  nicht  tadeln.  Die  wirkliche  Wissenschaft  ernennt ­
  man  daran,  daß  sie  den  geraden  Weg  verfolgt,  die  Königsstraße,
und  nicht  kleine  Fußpfade,  die  sich  in  alle  Wiesen  verlieren.  Und  was  die
Wissenschaft  der  Nationalökonomie  anbelangt,  so  ergeben  sich  für  sie
keine  Fortschritte,  wenn  jede  Generation  die  von  der  vorhergehenden
erworbenen  Resultate  über  Bord  wirft,  sondern  nur  dann,  ,venn  man
das  Gute  behält  und  das  Schlechte  seinem  Schicksal  überläßt.  Dies  bemüht
sich  die  hedonistische  Schule  zu  tun.
Die  Theorien  des  Gleichgewichts  oder  des  Grenznutzens  bedeuten
an  und  für  sich  keine  Rechtfertigung  der  bestehenden  Ordnung *  1 )  "
wenn  man  diesen  Ausdruck  in  seinem  apologetischen  und  normativen
Sinne  nimmt  —,  sie  erklären  sie,  was  etwas  ganz  anderes  ist.  Aus  dieser
Erklärung  ergibt  sich  allerdings,  daß  auf  einem  freien  Markte  die  Ding e
in  der  Weise  vor  sich  gehen,  daß  die  größtmögliche  Anzahl  der  AustaU'
sehenden  den  größtmöglichen  Vorteil  erzielen  muß.  Das  Wort  Vorteil
muß  aber  in  seinem  hedonistischen  Sinne  genommen  werden.  Es  schließt
keine  Vorstellung  von  ausgleichender  Gerechtigkeit  ein  und  kümmert
sich  weder  um  die  Bedingungen,  die  dem  Austausche  zugrunde  liege»!
noch  um  die  Folgen,  die  er  möglicherweise  haben  kann.  So  z.  B.  hat  der
Austausch  zwischen  Jakob  und  Esau,  bei  dem  dieser  sein  Erstgeburtsrecht ­
  für  ein  Linsengericht  abtrat,  für  beide,  und  nicht  nur  für  Jakob,

aber  wir  nehmen  an,  daß  jedem  Wert  der  zweiten  Reihe  ein  bestimmter  Wert  der  ers  e
Reihe  gegenüber  steht“  (Aupetit,  Theorie  de  la  Monnaie,  S.  42).
1 )  Als  tiefschürfende  Widerlegung  dieser  Kritik  siehe  zwei  Aufsätze  von  Ri  *
Lconomie  optimiste  et  Lconomie  scientifique  in  der  Revue  de  MStaphysifl
et  de  Morale,  Juli  1904  und  Sept.  1907.
        <pb n="614" />
        Kapitel  i  Die  Hedonisten.

591

dag  hedonistische  Maximum,  das  mit  den  gegebenen  Bedingungen  verträglich ­
  war,  verwirklicht:  wird  doch  gesagt,  daß  Esau  Hungers  starb 1 ),
und  war  es  in  diesem  Fall  für  ihn  nicht  äußerst  vorteilhaft,  Nahrungsmittel ­
  zu  erhalten  ?  Und  wenn  Jakob  ihm,  statt  der  Linsen,  eine  Flasche
Absinth  verkauft  hätte,  so  würde  vom  hedonistischen  Gesichtspunkt
aus  der  Tausch  ebenso  das  Maximum  an  Befriedigung  verwirklicht  haben,
denn  der  Grenznutzen  oder  die  Ojphelimität  haben  ebensowenig  etwas
mit  der  Hygiene  wie  mit  der  Moral  zu  schaffen.
Alles,  was  ein  Hedonist  in  dem  vorliegenden  Falle  sagen  kann,  ist
folgendes:  wenn  es  anstatt  eines  einzigen  mehrere  Jakobs  gegeben  hätte,
die  Linsen  anboten,  so  würde  Esau  einen  vorteilhafteren  Handel  haben
absehließen  können 2 ).  In  diesem  Sinne  behauptet  daher  die  hedonistische
Schule  die  Überlegenheit  der  Konkurrenz  über  das  Monopol.  Es  wäre
aber  falsch,  ihre  Meinung  so  zu  verstehen,  daß  Esau  nicht  von  Jakob  ausgebeutet ­
  worden  sei  oder  daß  sie  diejenigen  rechtfertigen  wolle,  die  seitdem
von  ihren  Brüdern  ausgebeutet  worden  sind 8 ).
Ebenso  erklärt  v.  Böhm-Bawerk  hinsichtlich  des  Zinses  ganz  ausdrücklich ­
  in  der  berühmten  Theorie,  die  seinen  Namen  trägt,  daß  er  nur
e ine  Erklärung  der  Tatsache  des  Zinses,  und  nicht  eine  Rechtfertigung
suche.  Böiim-Bawerk  kritisiert  die  normativen  Erklärungen  des  Zinses,
die  man  seit  Jahrhunderten  zu  finden  gesucht  hat.  Er  bemüht  sich  im
besonderen,  nachzuweisen,  daß  der  Zins  weder  eine  Gewinnbeteiligung
an  der  Produktivität  des  Kapitals  ist,  noch  auch  eine  Mietszahlung  für
den  Gebrauch  des  Kapitals,  noch  ein  von  der  Börse  dem  ausgebeuteten
Borger  auferlegter  Tribut,  sondern  daß  der  Zins  der  Preis  für  die  Zeit
ls t;  oder,  anders  ausgedrückt,  der  Wertunterschied  zwischen  einem
heutigen  Gute  und  demselben,  aber  zukünftigen  Gute.  Er  ist  die
Tatsache  eine  Austausches,  des  Tausches  eines  gegenwärtigen  gegen  ein
zukünftiges  Gut.  Denn  100  Fr.,  die  in  einem  Jahre  zahlbar  sind,  sind  nicht

9  Der  Verfasser  bezieht  sich  hier  auf  die  franz.  Bibelübersetzung,  wahrscheinlich
die  von  L.  Segond,  die  I.  Moses  25,  32  lautet:  „Voici,  je  m’eri  vais  mourir“  (Siehe  ich
bin  am  Sterben).  In  der  LuTHER’schen  Übersetzung  heißt  es:  „Siehe,  ich  muß  doch
Sterben“  und  in  der  kritischen  Bibelübersetzung  von  Kautzsch  (3.  Aufl.  1909),  „Ach
ich  muß  schließlich  doch  sterben“.
Bei  den  Schlußfolgerungen  des  Verfassers  darf  nicht  vergessen  werden,  daß  er
anninimt,  Esau  sei  dem  Tode  nahe  gewesen  (Anm.  d.  Übers.).
2 )  Er  könnte  auch  noch  sagen,  daß  der  Handel  für  Esau  vorteilhafter  gewesen
wäre,  wenn  Jakob  viel  mehr  Linsen  gehabt  hätte,  als  er  überhaupt  verbrauchen  konnte,
denn,  sogar  unter  der  Herrschaft  des  Monopols  sind  für  den  Käufer  günstige  Umstände
möglich.
3)  Vixfredo  Pareto  sagt:  „Zum  Zwecke  unserer  Demonstration  haben  wir  angenommen, ­
  daß  die  wirtschaftlichen  Güter  in  Besitz  genommen  sind.  Es  würde  daher
eine  petitio  principii  sein,  wenn  man  aus  dem  eben  bewiesenen  Theorem  den  Schluß
ziehen  wollte,  daß  die  Besitzergreifung  der  wirtschaftlichen  Güter  ein  Maximum ­
  an  Wohlstand  hervorruft.
        <pb n="615" />
        592

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

dasselbe  wie  100  Fr.,  die  heute  gezahlt  werden;  die  Gleichwertigkeit
wird  nur  wieder  hergestellt,  indem  man  auf  die  Wagschale,  die  in  einem
Jahre  die  100  Fr.  erhalten  soll,  einen  Wertzuschuß  legt,  der  Zins  heißt,
oder  indem  man  von  der  Wagschale,  die  heute  die  100  Fr.  trägt,  einen  Bruchteil ­
  hinweg  nimmt,  der  Diskont  genannt  wird 1 ).
Was  das  Lohngesetz  anlangt,  nach  dem  der  Lohn  sich  nach  der
Produktivität  des  „Grenzarbeiters“  regelt,  so  ist  es  so  wenig  optimistisch,
daß  es,  worauf  wir  schon  hingewiesen  haben,  eher  das  eherne  Lohngesetz
bestätigt,  denn  es  besagt,  daß  der  an  letzter  Stelle  angestellte  Arbeiter  —
der,  nach  welchem  der  Unternehmer  weiter  keinen  mehr  anstellt,  weil
jeder  mehr  angenommene  ihm  Verlust  bringen  würde  —  nur  gerade  den
Gegenwert  seiner  Unterhaltsmittel  erzeugt  und  erhält.
Kurz,  die  hedonistische  Schule  hat  kein  Verteilungsgesetz  und  will
auch  keines  haben:  sie  kennt  keine  Anteilhaber  am  Gesamtprodukt,
sondern  nur  produktive  Dienste,  deren  Wert  sie  berechnet.  Die  Kenntnis
des  Teiles,  der  in  Wirklichkeit  dem  Kapital  oder  der  Arbeit  in  jeder  erzeugten
Einheit  zufällt,  ist  eins:  etwas  Anderes  ist  die  Untersuchung,  ob  Kapitalisten ­
  oder  Arbeiter  ungerecht  behandelt  werden.
Übrigens  liegt  der  beste  Beweis  dafür,  daß  die  Hedonisten  keineswegs ­
  das  Laisser-faire  befürworten,  in  der  von  ihren  Führern  eingenommenen
Haltung.  Allerdings  hat  sich  die  österreichische  Schule  ziemlich  gleichgültig ­
  demgegenüber  gezeigt,  was  man  soziale  oder  Arbeiterfrage  nennt *  2 )-Doch
  es  war  sicherlich  ihr  Recht,  sich  auf  die  reine  Ökonomik  zu  beschränken. ­
  Aber  andere  Führer  dieser  Schule  haben  es  sehr  wohl  verstanden, ­
  darzulegen,  daß  sie  sich  durch  ihre  Methode  keineswegs  dem
Optimismus  und  dem  Quietismus  verschrieben  hätten.  Ohne  von  Stanley
Jevons  zu  sprechen,  der  sich  in  seinem  Buch  „Social  Reforms“  klar
und  deutlich  zum  Interventionismus  bekennt,  hat  sich  Walras  in  die
Vorhut  der  Agrarsozialisten  gestellt.  Wenn  er  aus  dem  Bereich  der  Nützlichkeit ­
  in  den  der  Gerechtigkeit  übergeht  (er  selbst  hat  mit  großem  Naeh-*)

  Diese  Theorie  wird  nicht  von  allen  hedonistischen  Volkswirtschaftlern  angenommen, ­
  besonders  nicht  von  Walkas,  der  sie  in  der  vierten  Ausgabe  seiner  Kconomie
pure  kritisiert.  In  neueren  Werken  haben  sich  A.  Landey  in  IntdrSt  du  capital
(1904)  und  Professor  Ibving  Fisher  in  The  rate  of  interest  (1907)  bemüht,  diese
Theorie  nicht  gerade  zu  zerstören,  aber  doch  sie  durch  eine  noch  tiefergehende  Analy se
der  Gefühle  zu  verändern,  die  in  jedem  Individuum  die  Schätzung  seines  zukünftige 0
Einkommens  bestimmen.  —  Diese  Schätzung  (time  preference)  ist  übrigens  je  nach
der  Vermögenslage  eines  jeden  und  noch  anderer  Umstände  verschieden.
2 )  Wir  haben  dies  eben  hinsichtlich  der  Theorie  Böhm-Bawerk’s  festgestellt.
Übrigens  behält  auch  hierin  die  hedonistische  Schule  eine  der  Methoden  der
klassischen  Schule  bei,  auf  die  Courcelle-Seneui  und  Chekbuliez  mit  Nachdruck
hingewiesen  hatten:  die  Notwendigkeit,  die  Wissenschaft  unbedingt  von  der  Kunst,
die  reine  Ökonomik  von  der  angewandten  Ökonomie  getrennt  zu  halten.  Wie
sehr  richtig  sagt:  das  Maximum  an  Ophelimität  kann  in  einer  Gleichung  ausgedrück
werden,  das  Maximum  an  Gerechtigkeit  nicht.
        <pb n="616" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

593

druck  darauf  hingewiesen,  daß  es  sieh  hier  um  zwei  verschiedene  Welten
handelt),  so  sucht  er  doch  so  viel  wie  möglich  die  Herrschaft  der  freien
Konkurrenz  zu  verwirklichen.  Aber  nicht  etwa  wie  die  liberale  Schule
durch  das  Laisser-faire,  sondern  durch  die  Abschaffung  jeden  Monopols,
—  und  zu  allererst  durch  die  Abschaffung  des  Monopols,  das  die  Grundlage ­
  aller  anderen  bildet,  des  Besitzes  am  Boden.  Das  System,  das  er  in
seiner  Sozialökonomie  darlegt,  führt  aus,  daß  der  Boden  dem  Staat
gehören  muß,  und  daß  alle  Steuern  abgeschafft  werden  müssen.  Die  beiden
Reformen  stützen  sich  gegenseitig,  da  der  Staat  statt  der  Steuern  die
Bodenrente  einziehen  soll,  und  beide  haben  den  gleichen  Zweck:  die
freie  Konkurrenz  zu  ermöglichen  und  hierdurch  einem  Jeden  das  unverkürzte ­
  Produkt  seiner  Arbeit  zu  sichern  —  ein  Produkt,  das  unter  der
bestehenden  Herrschaft  durch  einen  doppelten  Abzug  verringert  wird  —,
den,  den  die  Grundbesitzer  in  Gestalt  der  Bodenrente  nehmen,  und  den,
den  der  Staat  in  Form  von  Steuern  erhebt 1 ).  Wenn  man  sich  weiterhin
ins  Gedächtnis  zurückruft,  daß  der  Gleichgewichtspunkt  des  wirtschaftlichen ­
  Systems  Walbas’  dort  hegt,  wo  für  jeden  Gegenstand  eine  vollständige ­
  Übereinstimmung  zwischen  den  Produktionskosten  und  dem
Verkaufspreis  verwirklicht  ist,  und  wo  infolgedessen  der  Gewinn  auf  Null
gesunken  ist,  so  muß  ein  jeder  selbst  erkennen,  wie  weit  wir  damit  von
einer  Apologie  der  bestehenden  Wirtschaftsordnung  entfernt  sind!
Pantaleoni  dringt  noch  tiefer  in  das  Gebiet  der  reinen  und  transzendenten ­
  Wissenschaft,  denn  er  erklärt  mit  ruhiger  Erhabenheit,  daß  man
an  Stelle  des  rein  egoistischen  Prinzips  sehr  wohl  das  rein  altruistische
Prinzip  setzen  könne,  ohne  daß  dies  die  Ergebnisse  der  Berechnung
lr gendwie  ändern  würde,  gerade  wie  es  in  einer  algebraischen  Gleichung
ohne  Einfluß  bleibt,  wenn  man  überall  die  Pluszeichen  durch  Minuszeichen
ersetzt.  Die  Selbstlosigkeit  aller  würde  die  gleichen  Ergebnisse  wie  der
Egoismus  hervorbringen:  Wettbewerb  der  Opferfreudigkeit  anstatt  wie
heute,  Wettbewerb  der  persönlichen  Interessen.  An  Stelle  des  Austausches
y on  Nützlichem  würde  der  Austausch  von  Aufopferungen  treten,  der  aber
von  den  gleichen  Gesetzen  beherrscht  wird.  Für  den  Hedonisten  hat  all
dies  wenig  Bedeutung.  Wenn  ein  bestimmter  wirtschaftlicher  Zustand
gegeben  ist,  handelt  es  sich  einfach  darum,  seine  Wirkungen  zu  berechnen,
*)  Nach  Walras  würde  dieses  System  einen  anderen  Vorteil  aufweisen,  der  in  der
Erleichterung  der  Einführung  des  Freihandels  besteht,  „der  das  Ideal  der  Wissenschaft
*st“,  indem  es  die  hauptsächlichsten  Einwürfe  widerlegt,  die  auf  der  Ungleichheit  der
Steuerlasten  in  dem  einen  und  dem  anderen  Lande  und  auf  der  ungleichen  Fruchtbarkeit
'ks  Bodens  beruhen.  Der  Freihandel  bedeutet  die  Abschaffung  der  Steuern  und  die
Nationalisierung  des  Bodens,  weil  nur  unter  dieser  Bedingung  Kapital  und  Arbeit
sich  frei  bewegen  und  dorthin  gehen  können,  wo  ihre  Verwendung  am  vorteilhaftesten
“st“  (La  Paix  par  la  justice  sociale  et  par  le  libre-öchange  —  Der  Friede  auf
Grund  der  sozialen  Gerechtigkeit  und  dem  Freihandel  —,  in  Questions  pratiques
c  e  Legislation  ouvri&amp;amp;re,  Sept./Okt.  1907).
Oide  und  Rist,  Geseh.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.

08
        <pb n="617" />
        594

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

ebenso  wie  es  die  Aufgabe  eines  Ingeiiieurs  ist,  die  mögliche  Kraftleistung
einer  gegebenen  Maschine  rechnerisch  festzustellen 1 ).
Die  gewichtigste  Kritik,  die  man  gegen  die  Hedonisten  gerichtet  hat,
ist,  daß  sie  schließlich  nichts  entdeckt  hätten,  was  man  nicht  schon  kannte.
—  Jawohl,  antworten  sie,  aber  man  kannte  es  nur  schlecht,  man  bewies
es  nicht,  sondern  behauptete  es  nur.  Der  Beweis  ungewisser  oder  geahnter
Wahrheiten  stellt  einen  nicht  weniger  bedeutsamen  Beitrag  zum  wissenschaftlichen ­
  Fortschritt  vor,  als  die  wirkliche  Entdeckung.  Die  vollkommenste ­
  aller  Wissenschaften,  die  Astronomie,  ist  nur  so  vorwärts
gekommen.  Wohl  behaupteten  die  klassischen  Volkswirtschaftler  z.  B.,
daß  die  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  der  bestmögliche  Zustand  sei,
aber  sie  konnten  weder  nachweisen,  warum,  noch  unter  welchen  Bedingungen.
Die  mathematischen  Volkswirtschaftler  haben  nun  das  Warum  gefunden:
—  nämlich  weil  diese  wirtschaftliche  Ordnung  das  Maximum  an  Befriedigung ­
  und  das  Minimum  an  Opfern  für  jeden  der  Austauschenden  verwirklicht. ­
  Das  Gleiche  gilt  auch  für  die  sogenannten  Gesetze  des  Angebotes
und  der  Nachfrage,  des  Einheitspreises,  der  Produktionskosten,  des
Lohnes,  der  Zinsen,  der  Rente  usw.  Es  ist  sicherlich  eine  Leistung,  diesen
intuitiven  Behauptungen *  2 ),  die  nichts  als  formlose  und  unbestimmte
Theorien  waren,  die  Kraft  eines  unwiderleglichen  Beweises  gegeben  zu
haben.  Dieser  Homo  oeconomicus,  den  man  verlacht,  ist  nur  ein  Skelett,
aber  gerade  dieses  Skelett  gestattet  der  Wissenschaft,  wie  dem  organischen
Wesen,  zu  stehen  und  zu  gehen!  Für  die  Entwicklung  der  nationalökonomischen ­
  Wissenschaft  liegt  hierin  ein  Fortschritt,  der  dem  vergleichbar
ist,  der  in  der  biologischen  Entwicklung  den  Übergang  der  Wirbellosen
zu  den  Wirbeltieren  bezeichnet.
Mag  dies  alles  sein!  Ein  letzter  Einwurf,  oder  doch  ein  Zweifel  bleibt
aber  übrig,  nämlich  ob  die  Wissenschaft,  auch  wenn  sie  diese  Wahrheiten
für  endgültig  nachgewiesen  hält,  wie  die  Hedonisten  glauben,  so  viel
Gewinn  daraus  ziehen  kann,  wie  sie  annehmen.
Die  Hedonisten  erweisen  sich  nicht  gerade  als  allzu  bescheiden  in
bezug  auf  die  Vorzüge  ihrer  Methode:  sie  sind  hier  nicht  frei  von  einem
dogmatischen  Hochmut,  der  an  die  utopistischen  Sozialisten  und  selbst
an  Fourier  gemahnt:  so  z.  B.  wenn  Prof.  Böhm-Bawerk  erklärt,  daß
die  neuen  Theorien  über  die  Produktionskosten  für  die  Nationalökonomie

J )  Ebenso  kann  man  bei  den  amerikanischen  Volkswirtschaftlem  feststellen,
daß  die  hedonistische  Methode  Volle  Unabhängigkeit  des  Programms  verbürgt.  Wenn
sie  den  Professor  Clark  zu  einer  gewissen  Rechtfertigung  der  bestehenden  wirtschaftlichen ­
  Ordnung  und  zum  Glauben  an  die  Wirksamkeit  der  freien  Konkurrenz  geneigt
macht,  so  führt  sie  Professor  Patten  zu  einem  ausgesprochenen  Interventionismus,
der  dem  List’s  ziemlich  ähnlich  ist.
2 )  Die  Volkswirtschaft  wird  mit  dem  Tage  eine  Wissenschaft  werden,  an  dem
sie  sich  dazu  zwingt,  „das  naehzuweisen,  was  sie  sich  bis  heute  begnügt  hat,  allgemein
zu  behaupten“  (Walras,  Kconomie  Politique  pure,  S.  427).
        <pb n="618" />
        Kapitel  I.  Die  Hedonisten.

595

ebenso  grundlegend  sind,  wie  es  die  Ersetzung  des  ptolemäischen  Systems
durch  das  des  Kopernikus  für  die  Astronomie  war“ 1 ).  Weiter  oben  sahen
wir,  wie  das  Gleichgewichtssystem  Walras’  mit  dem  Newton’s  verglichen ­
  wird.  Zwischen  diesem  Ehrgeiz  und  den  erzielten  Ergebnissen
besteht  ein  nicht  unbedeutendes  Mißverhältnis.
Man  hat  sehr  richtig  gesagt,  daß  die  Mathematik  nur  einer  Mühle
gleiche,  die  das  Korn,  das  man  ihr  zugetragen  hat,  als  Mehl  wiedergibt,
aber  man  muß  noch  untersuchen,  was  es  für  Korn  war.  Hier  haben  wir
eine  Menge  von  Abstraktionen,  die  man  in  das  mathematische  Räderwerk ­
  geworfen  hat  —  einen  Einheitsmarkt,  Individuen,  deren  einzige
Triebfeder  das  hedonistische  Prinzip  ist,  die  Identität  beider  Austauschender ­
  vom  Gesichtspunkt  ihrer  Begehrungen  aus *  2 ),  die  Allgegenwart  des
Kapitals  und  der  Arbeit,  eine  vollständig  unbehinderte  Substitutionsfähigkeit ­
  usw.  —  Es  kann  also  nichts  Anderes  herauskommen,  als  was
man  hineingetan  hat,  und  das  heißt  eine  rein  theoretische  Volkswirtschaft,
eine  Welt,  die  mit  der  bestehenden  Wirklichkeit  ebensowenig,  wie  die
fourieristische  oder  die  saint-simonistische  oder  die  anarchistische  Welt
zu  tun  hat,  und  deren  Verwirklichung  noch  unwahrscheinlicher  ist  oder
eine  ebenso  wunderbare  Umwälzung  zur  Voraussetzung  hat.  Dies  geben
die  Hedonisten  nun  auch  offen  zu:  hierin  liegt  sogar  eine  Überlegenheit,
die  sie  über  die  klassischen  Ökonomisten  haben,  die,  wenn  sie  über  die  freie
Konkurrenz  ihre  Gedanken  darlegen,  stets  denken:  „Es  ist  erreicht!“
Dabei  ist  aber  zu  bemerken,  daß  alle  diese  Kritiken  gegen  die  Anwendung ­
  der  Mathematik  von  solchen  Nationalökonomen  herrühren,
die  nichts  davon  verstehen:  und  so  würde  es  uns  schlecht  anstehen,  die
Ergebnisse  derjenigen  herunterzumachen,  die  sich  der  mathematischen
Methode  zu  bedienen  verstehen.  Wir  sind  also  völüg  bereit,  zuzugeben,
daß  die  Anwendung  der  Mathematik  in  der  Geschichte  der  Doktrinen  einen
Abschnitt  bezeichnet,  der  nicht  wieder  vergehen  kann:  aber  es  wird  uns
gestattet  sein,  mit  den  Worten  eines  Volkswirtschaftlers  dieses  Kapitel
abzuschließen,  der,  selbst  ein  Meister  dieser  und  der  klassischen  Schule,
eine  gewisse  Berechtigung  hat,  über  sie  zu  urteilen 3 ):  „Die  glücklichsten
Anwendungen  der  Mathematik  auf  die  Nationalökonomie  sind  die,  die
kurz  und  einfach  sind,  die  wenige  Zeichen  verwenden,  und  deren  Zweck

*)  Böhm-Bawerk,  The  Austrian  Economists,  op.  cit.  —  Dagegen  schreibt
Anhänger  dieser  Schule,  Laitory:  „Heute  kann  man  die  Tätigkeit  der  österreichischen
«chuie  als  fast  erschöpft  ansehen“  (L ! f5cole  öconomique  autrichienne,  in  der
Bivista  di  Scienza,  Mailand,  1907)-  '—  Nach  35  Jahren!  Ist  das  nicht  ein  recht
kurzes  Leben!
2 )  Man  muß  „auf  alle  in  Betracht  gezogenen  Individuen  und  für  jedes  Produkt
asselbe  Gesetz  der  veränderlichen  Stärke  des  Bedürfnisses  anwenden“  (Aupetit  La
Monnaie,  S.  93).
3 )  Marshall,  Distribution  and  Exchange,  Economic  Journal,  März  1898.
38*
        <pb n="619" />
        596

.Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

es  ist,  eher  einen  Lichtstrahl  auf  irgendeinen  Einzelpunkt  der  unabsehbar
großen  wirtschaftlichen  Welt  zu  werfen,  als  sie  in  ihren  unendlichen
Verwicklungen  darzustellen 1 ).“

Kapitel  II.
Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.
In  der  allgemeinen  Erneuerung  der  klassischen  Theorien,  wie  sie  uns
das  Studium  der  modernen  Hedonisten  gezeigt  hat,  muß  eine  besonders
hervorgehoben  werden.  Es  ist  dies  die  Theorie  der  Bodenrente.  Hat
sie  doch  in  den  Arbeiten  der  Nationalökonomen,  besonders  während  des
letzten  Drittels  des  19.  Jahrhunderts,  viel  Raum  eingenommen.  Ihre
Ausgestaltung  hat  sowohl  theoretische,  wie  praktische  Bedeutung.
Theoretische  Bedeutung:  —  denn  der  wirtschaftliche  Begriff  der
Rente,  der  in  Hinsicht  auf  eine  besondere  Tatsache,  das  Einkommen  der
Grundbesitzer,  geschaffen  worden  ist,  zeigte  sich  der  verschiedensten  Anwendungen ­
  fähig  und  erleuchtet  mehr  als  eine  dunkle  Stelle  des  Wirtschaftslebens. ­
  Unter  anderen  schien  er  besonders  geeignet,  eine  Klasse  von
Einkünften  zu  erklären,  von  denen  wir  bisher  noch  keine  Gelegenheit
hatten,  zu  sprechen:  es  ist  dies  der  Unternehmergewinn  als  von  dem
Kapitalzins  wohl  unterschiedenes  Einkommen.
Praktische  Bedeutung:  —  denn  die  Bodenrente  ist  vor  allem  Anderen
ein  „nicht  erworbenes  Einkommen“,  ein  unearned  increment,  mit
anderen  Worten  ein  Einkommen,  das  sich  durch  keine  Arbeit  rechtfertigt.
Man  ahnt  daher  sofort  die  sozialen  Theorien,  die  sich  auf  diese  Feststellung
aufbauen  lassen.  Alle  Systeme  der  Nationalisierung  des  Bodens,  alle  Projekte ­
  der  Sozialisation  der  Rente  beruhen  auf  der  Theorie  Ricardo’s,
und  diese  Systeme  sind  sehr  zahlreich.
Wir  beabsichtigen,  in  diesem  Kapitel  die  Theorie  der  Bodenrente
in  dieser  doppelten  Hinsicht  zu  untersuchen.  Zuerst  wollen  wir  die  Ausgestaltung ­
  studieren,  die  sie  durch  die  Ökonomisten  erhalten  hat,  nämlich
als  wissenschaftliche  Theorie  und  Hilfsmittel  zur  Erklärung  der  Tatsachen;
und  zweitens  ihre  Anwendung  zu  Vorschlägen  wirtschaftlicher  Reform.
*)  Übrigens  sind  die  Hedonisten  durchaus  nicht  in  die  Anwendung  der  mathematischen ­
  oder  abstrakten  Methode  verrannt,  und  verkennen  keineswegs  die  Berechtigung ­
  des  Gebrauches  der  historischen  oder  sogar  der  biologischen  Methode.  Nur
können  die  Anderen  nicht  Anspruch  darauf  erheben,  eine  exakte  Wissenschaft  zu
schaffen.  Professor  Marshall  erklärt  ausdrücklich,  die  biologische  Methode  vorzuziehen,
und  die  Verwendung  von  Diagrammen  und  Kurven  als  Darstellung  der  wirtschaftlichen
Tatsachen  so  viel  wie  möglich  zu  vermeiden  (Economic  Journal,  März,  1898,  S.  50)-
        <pb n="620" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  597

Unser  Zweck  ist  hauptsächlich,  die  Kenntnis  der  neueren  Theorien  zu
vermitteln.  Wir  werden  jedoch  gezwungen  sein,  auch  öfters  auf  ältere
Theorien  zurückzugreifen,  und  müssen  bis  zu  Stuart  Mill  und  sogar  bis
zu  Ricardo  zurückgehen;  dies  ist  der  einzige  Weg,  der  zum  Verständnis
der  Entwicklung  der  Gedanken  führen  kann.

§  1.  Die  theoretische  Ausweitung  des  Rentenbegriffes.
Wir  haben  in  einem  vorhergehenden  Kapitel  die  von  Carey  und
Bastiat  gemachten  erfolglosen  Versuche  betrachtet,  die  bezweckten,
die  Rententheorie  Ricardo’s  zu  erschüttern.  Sicherlich  forderte  diese
Theorie  zur  Kritik  heraus,  aber  ihre  Gegner  gingen  in  ihrer  Widerlegung
soweit,  daß  sie  sogar  die  Tatsache  des  Bodenwertes  an  und  für  sich
leugneten.
Diese  Übertreibung  wurde  recht  drastisch  durch  eine  der  charakteristischen ­
  Tatsachen  des  19.  Jahrhunderts  widerlegt:  durch  das  Steigen
der  Bodenpreise  in  den  großen  Städten.  Das  vergangene  Jahrhundert
war  das  Jahrhundert  der  Großstädte.  Kein  anderer  Zeitabschnitt  weist
eine  gleiche  Blüte  der  städtischen  Mittelpunkte  auf.  England,  die  Vereinigten ­
  Staaten,  Deutschland  und  in  geringerem  Grade  auch  Frankreich
haben  an  dieser  Entwicklung  teil.  Diese  rapide  Zusammenhäufung  der
Bevölkerung  auf  beschränktem  Raume  hat  als  Folge  gehabt,  dem  Boden
unerhörte  Mehrwerte  zu  geben.  In  Chicago  ist  die  Geschichte  jenes  viertel
Ackers  berühmt,  der  1830  für  20  Dollar  gekauft  wurde,  damals,  als  die
Bevölkerung  noch  nicht  50  Einwohner  überschritt,  und  1836  25  000  Dollar
wert  war,  um  nach  der  Weltausstellung  von  1894  den  Preis  von  1  250  000
Dollar  zu  erzielen.  In  London  schätzt  man  die  Steigerung  der  an  die
Grundbesitzer  gezahlten  Pachtsummen  auf  7  700  000  Pfund  Sterling  für
den  Zeitraum  von  1870—1895  und  zwar  nur  für  die  Miete  des  nackten
Bodens.  Der  Hyde  Park,  der  1652  von  dem  Unterhaus  für  425  000  Fr.
gekauft  worden  war,  stellt  heute  einen  Wert  von  über  200  Millionen  Fr.
dar.  In  Paris  führt  d’Avenel  ein  dem  Krankenhause  „Hotel-Dieu“
gehörendes  Gelände  an,  das  1775  6,40  Fr.  für  den  Quadratmeter  kostete
und  heute  1000  Fr.  der  Quadratmeter  wert  ist 1 );  Leroy-Beaulieu  erwähnt ­
  ein  im  Stadtteil  des  Are  de  Triomphe  gelegenes  Stück  Land,  dessen
Wert  von  1881—1904,  also  in  23  Jahren  von  400  auf  800  Fr.  der  Quadrat-9

  Wir  entlehnen  diese  Mitteilungen  der  sehr  gehaltvollen  Broschüre  Einaudi’s  •
Pa  . n ? unici P ali sati°n  du  sol  dans  les  grandes  villes,  1898  (Giardund  Briäre
rtio  ’  Auszu S  aus  dem  Devenir  Social.  Vgl.  die  interessante  Marxistische  Revue
s  |V Untcr .der  Leitung  Alfred  Bonnet’s  von  1892  bis  1898  bei  Giard  und  Briere  er-
        <pb n="621" />
        &amp;lt;

l

598

Fünftes  Buch.

der  neuesten  Zeit.

meter  gestiegen  ist 1 ).  Es  sind  dies  vereinzelte,  wenn  auch  sehr  bezeichnende
Beispiele  einer  allgemeinen  und  unbestreitbaren  Tatsache.
Carey  und  Bastiat  haben  daher  auch  nur  eine  geringe  Anzahl  von
Bekehrungen  bewirkt.  Die  große  Menge  der  Volkswirtschaftler  ist
entweder  der  Auffassung  Ricardo’s  treu  geblieben  oder  hat  sich
bemüht,  sie  zu  vertiefen  und  zu  entwickeln,  ohne  aber  ein  mit  dem  Boden
verbundenes  Einkommen  zu  leugnen.  Es  ergibt  sich  daraus  eine  doppelte
und  höchst  merkwürdige  Entwicklung  der  Theorie  der  Bodenrente.
Einesteils  entdeckte  man  nach  und  nach  eine  ganze  Reihe  differentieller ­
  Einkommen,  ganz  von  der  Art  der  Bodenrente,  —  und  das
geht,  nach  dem  Ausdruck  eines  großen  zeitgenössischen  Nationalökonomen,
sojweit,  „daß  sie  (die  Bodenrente)  nicht  mehr  als  eine  Einzeltatsache,
sondern  als  die  Hauptspezies  eines  sehr  verbreiteten  Genus  erscheint“ *  2 ).
Auf  der  anderen  Seite  (und  diese  zweite  Entwicklung  ist  vielleicht  noch
merkwürdiger  als  die  erste)  sehen  die  modernen  Theoretiker  in  ihr  nureine
  normale  Folge  des  regelmäßigen  Verlaufs  der  Wertgesetze,  während
bei  Ricardo  die  Bodenrente  als  eine  wirtschaftliche  Anomalie  erscheint,
die  auf  bestimmten  Umständen  beruht  (ungleicher  Fruchtbarkeit  der
Felder  und  dem  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages).  Daher  fügen  sich
die  Bodenrente  und  andere  gleichartige  Renten  in  die  allgemeine  Preistheorie ­
  ein,  und  die  von  den  Klassikern  so  mühsam  aufgebaute  Theorie
der  Rente  verflüchtigt  sich  sozusagen,  und  wird  überflüssig.  Nachdem
sie  während  des  ganzen  19.  Jahrhunderts  eine  so  große  Rolle  gespielt
hat,  wird  sie  vielleicht  in  wenigen  Jahren  nur  noch  eine  historische  Merkwürdigkeit ­
  sein.
Diese  doppelte  Entwicklung  der  Lehre  beruht  auf  der  gleichzeitigen
Tätigkeit  einer  großen  Anzahl  von  Forschern.  Es  ist  schwierig,  einen
regelmäßigen  Fortschritt  von  einem  zum  anderen  aufzuzeigen.  Wir  werden
daher  die  Entwicklung  an  und  für  sich  darstellen  und  uns  darauf  beschränken, ­
  die  Namen  der  Gelehrten,  die  dazu  beigetragen  haben,  an
entsprechender  Stelle  anzuführen.  Wir  werden  uns  aber  so  viel  wie  möglich
auf  ihre  Texte  stützen 3 ).
a)  Zunächst,  sagten  wir,  hat  man  sehr  bald  neben  dem  Einkommen
der  Grundbesitzer  eine  Reihe  anderer  differentieller,  ihm  ganz  gleicher
Einkommen  bemerkt.  Dieselbe  Menge,  oder  wie  die  Engländer  sagen,

*)  P.  Leroy-Beaulieu,  Lrart  de  placer  et  g§rer  sa.fortune,  S.  34.
2 )  Marshall,  Principles,  Vorwort  der  1.  Ausg.
3 )  Man  findet  gute  Darstellungen  der  Entwicklung,  die  wir  hier  kurz  darstellen,
in  einem  schon  älteren  Werk:  Versuch  einer  kritischen  Dogmengeschichte
der  Grundrente,  von  Eduard  Berens  (Leipzig  1868,  399  Seiten),  besonders  aber  in
La  theorie  de  la  rente  et  son  extension  recente  Von  PaulFrezouls  (Montpellier
1908,318  Seiten)  undin  den  sehr  interessanten  Aufsätzen  von  Schumpeter:  Das  Rentenprinzip ­
  in  der  Verteilungslehre,  die  in  Schmoller’s  Jahrbuch  1907,  S.31  und  591
erschienen  sind.
        <pb n="622" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  599

dieselbe  „Dosis“  an  Kapital  und  Arbeit,  die  auf  verschiedenen  Feldern
sich  betätigt,  bringt  verschiedene  Einkünfte  ein.  Ricardo  sah  die  Ursache
dafür  in  einer  dem  Boden  allein  eigentümlichen  Erscheinung:  dem  sinkenden ­
  Ertrage  und  der  ungleichen  Fruchtbarkeit  der  Felder,  wie  auch  ihrer
ungleichen  Entfernung  vom  Markte.  Die  Landwirtschaft  ist  nun  durchaus
nicht  der  einzige  Bereich,  in  dem  man  eine  ungleiche  Produktivität  des
Kapitals  und  der  Arbeit  feststellen  kann.
Zunächst  befinden  sich  die  Bergwerke,  die  Salinen  und  die  Fischereien
—  alle  natürlichen  Güterquellen  —  in  der  gleichen  Lage.  Ihre  Produktivität ­
  ist  nicht  übereinstimmend;  ihre  Fruchtbarkeit,  wenn  man  so  sagen
kann,  bietet  die  gleichen  Unterschiede  dar,  wie  die  der  bewirtschafteten
Felder,  und  ihre  Lage  im  Verhältnis  zum  Markte  zeigt  die  gleiche  Mannigfaltigkeit. ­
  Daher  ergibt  sich  für  alle  Bergwerke,  Sahnen  oder  Fischereiunternehmungen, ­
  die  ertragreicher  oder  besser  gelegen  sind,  als  die  wenigst
begünstigten,  eine  differentielle  Rente.  Ricardo  hatte  schon  hierauf
mit  Bezug  auf  die  Bergwerke  hingewiesen,  und  Stuart  Mill  hat  dasselbe
mit  größerem  Nachdruck  getan 1 ).
Aber  noch  mehr!  Die  Erde  dient  nicht  nur  der  Bodenkultur;  ihre
Oberfläche  dient  auch  als  Standort.  Diese  Dienste  sind  nicht  weniger
wichtig  als  die  anderen,  und  zwischen  den  verschiedenen  Standorten
gibt  es  die  gleichen  Unterschiede,  wie  zwischen  bewirtschafteten  Feldern.
Ihre  kommerzielle  Produktivität,  wenn  man  sich  so  ausdrücken  will,  ist
verschieden.  „Die  Miete  des  Standortes  eines  Hauses  in  einem  kleinen
Dorfe“,  sagt  Stuart  Mild,  „ist  kaum  größer,  als  die  eines  gleich  großen
Feldstückes,  aber  die  Miete  eines  Standortes  für  ein  Haus  in  Cheapside
(einer  der  verkehrsreichsten  Straßen  Londons)  übersteigt  sie  um  den
ganzen  Betrag,  mit  dem  man  die  größere  Möglichkeit  bewertet,  an  einem
so  belebten  Orte  Geld  zu  verdienen.“  „So  wird  der  Wert  dieses  Standortes“,
sagt  der  Schüler  Ricardo’s,  „von  den  gewöhnlichen  Prinzipien  der  Bodenrente ­
  beherrscht“ 2 ).
Warum  sollen  wir  uns  aber  auf  den  Boden  und  seine  Dienste  beschränken? ­
  Auch  in  der  Industrie  treten  die  gleichen  Unterschiede  der
Produktivität  oder  der  Lage  für  das  Kapital  hervor.  Von  einer  Fabrikanlage ­
  zur  anderen  sind  die  Maschinen  mehr  oder  weniger  gut,  die  Gebäude ­
  mehr  oder  weniger  richtig  angelegt,  die  Arbeitsteilung  mehr  oder
weniger  richtig  fortgeschritten,  gemäß  der  Menge  des  zur  Verfügung
stehenden  Kapitals;  daher  übersteigt  die  Produktivität  der  ersten  Klasse
die  der  zweiten  und  sichert  ihr  einen  Zusatzgewinn 3 ).  —  Gleicherweise
q  Ricardo,  Principles,  Kap.III:  Über  die  Bergwerksrente.  Vgl.  Stuart  Mill,
Principle  Bd.  III,  Kap.  V,  §  3.
2 )  Stuart  Mill,  ebenda.
3 )  Der  Fall  wurde  1832  von  Hermann  in  seinen  höchst  bemerkenswerten  Staatswissenschaftlichen ­
  Untersuchungen  (München,  1832)  auf  S.  166  angeführt:
        <pb n="623" />
        600

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

ist  auch  die  Produktivität  von  einem  Arbeiter  zum  anderen  ungleich:
Der  eine  schafft,  ohne  sich  mehr  zu  ermüden,  mehr  als  sein  Nachbar,
und  verdient  mehr.  Es  gibt  also  auch  für  den  Arbeiter  einen  Zuwachsgewinn,
  eine  Differentialrente!  —  Aber  nicht  nur  die  Fähigkeiten  der
Arbeiter,  auch  die  der  Unternehmer  sind  Verschieden.  Die  „Geschicklichkeitsrente“ ­
  spielt  sogar  eine  wesentliche  Rolle  in  dem  wechselnden  Erfolg
der  Unternehmungen  und  in  den  ungleichen  Einkünften,  die  man  davon
bezieht.  „Die  Zusatzgewinne,  die  ein  Fabrikant  oder  eirl  Händler  auf
Grund  seiner  höheren  kaufmännischen  Begabung  erwirbt,  ouer  die  in  einer
besseren  Organisation  seines  Unternehmens  begründet  sind,  sind  ihrer
Natur  nach  der  Bodenrente  analog.“  So  drückt  sich  Stuart  Mill 1 )
aus,  indem  er  sich  damit  begnügt,  einen,  wie  wir  wissen,  schon  1836  von
Senior  in  seiner  Political  Economy  dargelegten  Gedanken  wieder  aufzunehmen, ­
  wo  Senior  jeder  „außergewöhnlichen  Entlohnung“  für  „außergewöhnliche ­
  körperliche  oder  geistige  Eigenschaften“  den  Namen
Rente  gab 2 ).
Der  einfache  Hinweis,  dem  wir  bei  Mill  und  bei  Senior  begegnen,

„Ein  durchaus  analoger  Fall  (zur  Bodenrente)  tritt  ein,  wenn  in  einem  Land  einige
ausländische  Maschinen  funktionieren,  deren  Vermehrung  schwierig  ist  —  z.  B.  infolge
eines  Ausfuhrverbotes  im  Ursprungslande  (das  war  damals  der  Fall  für  englische
Maschinen).  .  .  .  Nehmen  wir  an,  daß  der  Preis  der  auf  diesen  Maschinen  hergestellten
Produkte  steigt.  Wenn  man  im  Lande  selbst  nur  Maschinen  herstellen  kann,  die  teurer
sind  und  trotzdem  wegen  ihrer  mangelhaften  Konstruktion  weniger  leisten  —,  so  bleiben
die  Preise  höher  als  die  Produktionskosten  bei  den  besseren  Maschinen  (denen  fremder
Herkunft);  so  wird  den  Besitzern  dieser  letzteren  der  Vorteil,  den  ihnen  die  Preiserhöhung
Verschafft,  gesichert“.  —  Ebenso  schreibt  Mangoldt  (Die  Lehre  Vom  Unternehmergewinn, ­
  Leipzig  1855)  auf  S.  55  wie  folgt:  „Die  Rente  zeigt  sich  am  klarsten  und  ausgedehntesten ­
  auf  dem  von  der  Landwirtschaft  in  Gebrauch  genommenen  Boden;  sie
ist  aber  in  allen  Kapitalien,  die  nicht  vermehrbar  sind,  oder  die  man  nur  durch  andere,
die  teurer  sind,  ersetzen  kann,  oder  die  eine  geringere  Produktivität  aufweisen,  nicht
weniger  sichtbar  usw.“  (nach  dem  franz.  Text,  d.  Übers.).  Ricardo  selbst  hat  vielleicht
an  die  Kapitalrente  gedacht,  als  er  sagte:  „Der  Tauschwert  aller  Produkte,  seien,sie
Manufakturerzeugnisse,  oder  Erzeugnisse  der  Bergwerke  oder  des  Bodens,  wird
stets  nicht  von  der  geringsten  Menge  Arbeit,  die  zu  ihrer  Produktion  notwendig  ist,
geregelt,  .  .  .  sondern  Von  der  größten  Menge  Arbeit,  die  notwendigerweise
auf  sie  verwendet  werden  muß,  und  zwar  von  denen,  die  fortfahren,  sie  unter  den
schlechtesten  Bedingungen  herzustellen,  worunter  die  Bedingungen  zu  verstehen  sind,
die  man  notgedrungen  annehmen  muß,  um  die  nachgefragte  Menge  des  Produktes  zu
erzeugen“  (Principles,  Kap.  II,  §  27).  —  Doch  sprechen  die  englischen  Schriftsteller
nur  selten  von  der  Kapitalrente,  weil  für  sie  die  Rente  stets,  in  Analogie  mit  dem  Boden,
natürliche  Unterschiede  in  der  Produktivität  voraussetzt,  Unterschiede,  die  nicht
dem  Eingreifen  des  Menschen  unterworfen  sind.
*)  Stuart  Mill,  Principles,  B,  III,  Kap.  X,  §  4.
2 )  „Denn“,  sagt  er:  „es  ist  selbstverständlich  ein  Überschuß  (ein  Differentialgewinn), ­
  da  die  Arbeit  schon  zu  dem  normalen  Lohnsatz  bezahlt  worden  ist,  und  zwar
ein  Überschuß,  der  ein  spontanes  Geschenk  der  Natur  darstellt“  (angeführt  von  Cannan.
Production  and  Distribution  S.  198).  Vgl.  oben  S.  382.
        <pb n="624" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  601

hat  zu  einer  ausführlichen  Theorie  des  Unternehmerprofits  Anlaß  gegeben, ­
  in  der  man  jeden  Profit  als  die  Entlohnung  einer  außergewöhnlichen
Fähigkeit  betrachtet.  Es  ist  die  von  dem  Amerikaner  Francis  Walker
1883  in  seinem  „Grundriß  der  politischen  Ökonomie“  niedergelegte
Theorie,  die  er  später  eingehender  in  dem  Quarterly  Journal  of  Economics, ­
  1887,  wieder  aufnahm 1 ).
Wir  haben  schon  auf  die  Neigung  zu  einem  gewissen  Optimismus
bei  den  Amerikanern  hingewiesen.  Carey  hat  uns  dafür  ein  Beispiel
geliefert.  Walker  gibt  ein  neues.  Schon  in  seinem  1876  veröffentlichten
Werke,  The  Wages  Question  (Die  Lohnfrage)  hatte  Walker  mit  Erfolg
die  für  die  Arbeiter  entmutigende  Theorie  des  Lohnfonds  bekämpft.
An  ihre  Stelle  hatte  er  die  Theorie  gesetzt,  die  den  Lohn,  zum  Teil  wenigstens, ­
  von  der  zu  erhoffenden  Produktivität  des  Unternehmens  abhängen
läßt.  Der  Nachweis,  daß  der  Lohn  möglicherweise  mit  der  wachsenden
Produktivität  der  Industrie  wächst,  genügte  aber  nicht,  um  die  Gemüter
zu  beruhigen.  Auch  wollte  Walker  den  Sozialisten  gegenüber  feststellen,
daß  der  Profit  keineswegs  aus  der  Ausbeutung  der  Arbeiter  stamme,  —;
und  die  Rententheorie  schien  ihm  hierfür  ein  ausgezeichnetes  Beweismittel ­
  zu  liefern.
Unter  „Profit“  versteht  Walker  die  besondere  Entlohnung  des
Unternehmers *  2 )  unter  Ausschluß  der  Zinsen  seines  Kapitals.  Hierin
unterscheidet  er  sich  von  den  meisten  Volkswirtschaftlern  englischer
Zunge,  die  trotz  des  auf  dem  Kontinent  angenommenen  Sprachgebrauches
lange  Zeit  dabei  beharrten,  die  verschiedenen  Funktionen  des  Unternehmers ­
  und  des  Kapitalisten  zusammenzuwerfen.  Walker  weigert
sich  auch,  die  Funktion  des  Unternehmers  auf  die  bloße  Tätigkeit  der
Leitung  und  der  Überwachung  zu  beschränken,  aus  der  er  höchstens
auf  ein  Einkommen  Anspruch  machen  könnte,  das  dem  Gehalt  eines
bezahlten  Direktors  entspräche.  Die  Funktion  des  Unternehmers  steht

*)  The  Source  of  business  Profit,  in  dem  Quarterly  Journal  of  Economics, ­
  April  1887.
2 )  Walker  ist  einer  der  ersten  englischen  Schriftsteller,  der  diese  Unterscheidung
gemacht  hat  und  dem  Wort  Profit  seinen  enger  umschriebenen  Sinn  gibt,  indem  er
ihn  einerseits  von  den  Zinsen  und  andererseits  vom  Lohn  unterscheidet  (Wages
Question,  2.  Ausg.,  1891,  S.  230ff.).  Er  trennt  vom  Profit  sogar  den  Lohn  der  Überwachung ­
  und  Leitung,  weil  diese  Überwachungsfunktionen  übertragen  werden  können,
während  die  eigentliche  Funktion  des  Unternehmers  (die  Anpassung  der  Produktion
an  die  Nachfrage)  allein  eine  besondere  Entlohnung  bedingt:  den  Profit.  —  Es  wirkt
erheiternd  und  gibt  ein  klares  Bild  von  der  Isolierung,  in  der  die  Volkswirtschaftler
der  verschiedenen  Länder  voneinander  leben,  wenn  Walker  erklärt,  daß  ihm  kein
Volkswirtschaftler  bekannt  sei,  außer  seinem  Vater,  Amasa  Walker,  der  vor  ihm  die
Trennung  der  Funktionen  des  Unternehmers  und  des  Kapitalisten  vorgenommen  habe.
Labei  hat  schon  J.-B.  Say  ganz  klar  diese  Unterscheidung  aufgestellt,  und  fast  alle
Volkswirtschaftler  des  Kontinents  haben  sie  seit  dem  Anfang  des  19.  Jahrhunderts
gebraucht.
        <pb n="625" />
        602

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

aber  höher.  Die  besteht  darin,  alle  industriellen  Schwankungen  vorauszusehen ­
  und  die  Produktion  entsprechend  zu  organisieren,  mit  einem
Wort,  in  der  Anpassung  der  Produktion  an  die  Nachfrage.  Der  Unternehmer ­
  ist  der  wirkliche  „Führer“  des  gesellschaftlichen  Fortschrittes 1 ),
der  wahre  „General“  der  Industrie.
Dies  festgestellt,  so  bestehen  zwischen  den  industriellen  Unternehmungen, ­
  sagt  Walker,  die'gleichen  Einkommensunterscheide,  wie  zwischen
landwirtschaftlichen  Betrieben.  Die  einen  erzielen  überhaupt  keinen
Profit;  wenn  sie  ihre  Kapitalien  und  Arbeiter  in  normaler  Höhe  entlohnt
haben,  verschaffen  sie  dem  Unternehmer  nur  gerade  genug,  um  ihn  davon
abzuhalten,  das  Unternehmen  aufzugeben.  Andere  bringen  ein  wenig
mehr  ein,  und  so  gelangt  man  fast  unmerklich  von  diesen  mittelmäßigen
Unternehmungen  zu  vorteilhafteren  Anlagen  und  zum  Schluß  zu  denen,
die  ihren  Besitzern  ungeheuere  Profite  abwerfen.  Sind  nun  diese  Profite
nicht  von  dem  Lohn  der  Arbeiter  genommen?  Keineswegs.  Oft  sind  die
Löhne  dort  am  höchsten,  wo  der  Profit  am  höchsten  ist.  Woher  kommen
sie  daher,  wenn  man  alles  Andere  als  gleich  annimmt  ?  Sie  beruhen  einzig
und  allein  auf  den  größeren  persönlichen  Fähigkeiten  des  Unternehmers.
Es  sind  dies  „Überschüsse“,  che  in  jeder  Hinsicht  der  Bodenrente  gleichen.
„Unter  einer  Herrschaft  der  freien  und  vollkommenen  Konkurrenz“,
sagt  Walker,  „würde  der  erfolgreiche  Arbeitgeber  eine  Entlohnung  erhalten, ­
  die  genau  an  der  Zusatzmenge  von  Gütern  gemessen  werden  kann,
die  er  mit  einer  gegebenen  Menge  von  Arbeit  und  Kapital  mehr  erzeugt,
als  (mit  der  gleichen  Menge  Kapital  und  Arbeit)  die  Arbeitgeber  der  letzten
Kategorie  erzeugen  können,  —  nämlich  die,  die  überhaupt  keinen  Gewinn
erzielen,  —  genau  wie  die  Bodenrente  den  Mehrertrag  der  besseren  Felder
an  dem  mißt,  was  mit  der  gleichen  Menge  Kapital  und  Arbeit  auf  den
wenigst  produktiven  Feldern  hervorgebracht  wird,  die  zur  Versorgung
des  Marktes  noch  unentbehrlich  sind,  und  die  selbst  keine  Rente  mehr
abwerfen *  2 ).“
Die  Theorie  Walker’s  enthält  einen  guten  Teil  Wahrheit,  doch
ist  sie  nicht  so  neu,  wie  er  es  denkt.  Der  Beweis  dafür  liegt  in  den  Ausführungen ­
  Mill’s  und  Senior’s,  von  denen  weiter  oben  gesprochen  wurde.
Auch  könnte  man  hier  mehr  als  einen  Volkswirtschaftler  des  Kontinents
anführen,  von  J.-B.  Say  über  Hermann 3 )  bis  auf  Mangoldt.  Auch
ist  auf  der  anderen  Seite  seine  Lehre  unter  den  neuesten  Volkswirtschaftlern
  nicht  vollständig  durchgedrungen.  Die  meisten  der  zeitgenössischen
*■)  Er  faßt  seine  Funktionen  wie  folgt  zusammen:  „Besitz  technischer  Geschicklichkeit, ­
  kaufmännischer  Kenntnisse  und  administrativer  Fähigkeiten,  Übernahme  von
Verantwortlichkeiten,  wachsame  Bereitschaft  gegenüber  allen  Ereignissen,  Formgebung ­
  und  Leitung  der  Produktion,  Organisation  und  Kontrolle  der  ganzen  industriellen
Maschinerie“  (Wages  Question,  S.  245).
2 )  Walker,  Quarterly  Journal  of  Economics,  April  1887,  S.  278.
3 )  Hermann,  Untersuchungen,  S.  206;  betreffend  J.-B.  Say,  vgl.  obenS.  122f.
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        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  603

Schriftsteller  erkennen  ohne  weiteres  in  dem  Profit  eine  Form  der  Rente
an,  die  teilweise  auf  den  persönlichen  Eigenschaften  des  Unternehmers
beruht,  doch  lehnen  sie  es  ab,  hierin  den  einzigen  Bestandteil  des  Profits
zu  sehen 1 ).  Bald  entdecken  sie  in  ihm,  wie  Marshall 1  2 ),  noch  einen  anderen
Teil,  der  eine  Versicherungsprämie  gegen  das  Risiko  darstellt  und  einen
dritten,  der  bestimmt  ist,  die  zur  geistigen  Bildung  des  Unternehmers
notwendigen  Auslagen  wiederzuerstatten 3 ).  Bald  verwerfen  sie  mit  Walras
diese  beiden  letzten  Bestandteile  und  nehmen  an,  daß  im  statischen  Zustand ­
  (nämlich  im  Zustand  des  vollkommenen  Gleichgewichts  der  Produktion) ­
  der  Unternehmer  weder  Gewinn  noch  Verlust  hat.  Die  Quelle
des  Profits  kann  daher  nur  in  den  „dynamischen“  dienten  liegen,  nämlich
in  denen,  die  sich  aus  der  beständigen  Verschiebung  des  Gleichgewichts
in  einer  fortschreitenden  Gesellschaft  ergeben.  Nur  sind  diese  dynamischen
Renten  äußerst  verschieden  und  hängen  nicht  alle  von  der  persönlichen
Qualifikation  des  Unternehmers  ab.
Andere,  wie  Clark 4 ),  stimmen  mit  Walras  überein,  daß  der  Profit
aus  Renten  besteht.  Doch  erkennen  sie  neben  den  dynamischen  Renten
die  Existenz  von  Renten  sogar  im  statischen  Zustand  an.  Die  für  Walras
notwendige  Hypothese  eines  gleichen  Gestehungspreises  für  alle  Unternehmungen ­
  verwerfen  sie  als  zu  weit  von  der  Wirklichkeit  entfernt.  Für
sie  erzielt  nur  der  am  wenigsten  begünstigte  Unternehmer  (oder,  wie  die
Engländer  sagen,  der  Grenzunternehmer,  d.  h.  derjenige,  dessen  Produktionskosten ­
  am  höchsten  sind),  weder  Gewinn  noch  Verlust.  Was  die  anderen
anlangt,  so  können  sie,  auch  in  Abwesenheit  jeder  Gleiehgewiehtsverschiebung,
  noch  eine  Reihe  von  Renten  erhalten,  die  auf  all  den  Umständen,
die  wir  oben  auf  gezählt  haben,  beruhen:  Nähe  des  Marktes,  vervollkommnte ­
  Maschinen,  Zentralisation  der  Kapitalien  usw.  Für  diese  Volkswirt-1
 )  Pantaleoni  (Economia  pura,  Teil  III,  Kap.  IV)  scheint  uns  der  einzige
Schriftsteller  zu  sein,  der  fast  ohne  Einschränkung  die  Theorie  Walker’s  annimmt.
2 )  Manfindet  seine  Kritik  Walker’s  in  dem  Quarterly  Journal  of  Economics,
1887,  S.  479  upd  in  seinen  Principles,  4.  Ausg.,  S.  705,  Anm.  Marshall  bleibt  übrigens
dabei,  in  Übereinstimmung  mit  der  englischen  Überlieferung,  den  Kapitalzins  der  dem
Unternehmer  persönlich  gehörenden  Kapitalien  in  den  Profit  einzuschließen.
3 )  Auch  diese  Unterscheidung  wird  von  Pantaleoni  gemacht:  „Der  Profit“,  sagt
er ,  „kann  auf  einer  höheren  Geschicklichkeit  beruhen,  die  auf  Grund  eines  eingehenden
Studiums  oder  einer  langen  Vorbereitung  erworben  worden  ist.  In  diesem  Fall  haben
w *r  es  weniger  mit  einer  Rentenart,  als  mit  einem  charakteristischen  Profit  zu  tun,
der  sehr  ergiebig  sein  kann,  aber  einem  ganz  verschiedenen  Gesetze  unterliegt,  als  dem,
das  im  allgemeinen  die  Anlage  von  Kapitalien  regelt“  (Economia  Pura,  Teil  III,
Kap.  IV).  Dagegen  lehnt  es  Pantaleoni  ab,  im  Profit  eine  Versicherungsprämie  gegen
Risiken  zu  sehen,  weil,  wie  er  sagt,  wenn  die  Prämie  richtig  berechnet  ist,  d.  h.  in  genauer
Proportion  mit  dem  Risiko,  „sie  im  Durchschnitt  nach  Verlauf  einer  gewissen  Anzahl
v °u  Jahren,  ihr  gleich  sein  muß,  so  daß  die  Nettorente  gleich  Null  wird“*  (ebd.).
4 )  Vgl.  Clark,  Distribution  of  wealth  (1899)  und  Essentials  of  economic
theory  (1908),  S.  156.
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        604

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

schaftler  besteht  der  Profit,  nach  dem  Ausdruck  Marshall’s,  aus  einer
„zusammengesetzten—  composite“  —  Rente 1 ).
Die  volkswirtschaftliche  Lehre  hat  also  die  Theorie  Walker’s  nicht
ohne  Vorbehalte  angenommen.  Um  sich  klar  zu  werden,  wie  einseitig
und  übertrieben  sie  ist,  braucht  man  nur  daran  zu  denken,  daß  die  an
Aktionäre  verteilten  Dividenden  vom  Profit  genommen  werden.  Kann
an  sagen,  daß  diese  Dividenden  auFden  außergewöhnlichen  Fähigkeiten
;r  Aktionäre  beruhen 2 )?

'  .  |  Die  Erklärung  des  Profits  ist  die  interessanteste  Ausweitung  der
' h -'  4 '  'Rententheorie.  Aber  sie  ist  durchaus  nicht  die  einzige.  Von  der  Lehre
.  M  .  Ricard  o’s  ausgehend,  kommt  man  dazu,  ebenso  viele  verschiedene  Renten
zu  entdecken,  wie  es  verschiedenartige  Lageverhältnisse  in  der  wirtschaftlichen ­
  Welt  gibt.  Die  derartig  verallgemeinerte  Rententheorie  ist  der
Hauptschlüssel,  der  alle  individuellen  Verschiedenheiten  der  Einkommen
zu  erklären  gestattet.  „In  Wirklichkeit“  sagt  Mild,  „stellen  alle  Vorteile,
die  ein  Konkurrent  über  einen  anderen  hat,  seien  sie  natürlich  oder  erworben ­
 8 ),  seien  sie  persönlich  oder  beruhen  sie  auf  gesellschaftlichen
Bedingungen  ..  ..,  den  Besitzer  dieser  Vorteile  sofort  auf  die  gleiche  Stufe,
wie  einen  Rentenempfänger.“  So  führt  die  klassische  Volkswirtschaft
in  die  Theorie  der  Güterverteilung  wieder  ein  wenig  von  der  Mannigfaltigkeit ­
  des  wirklichen  Lebens  ein,  die  sie  durch  ihre  starre  Lehre  von  der
Gleichheit  des  Zinsfußes  und  der  Gleichförmigkeit  der  Lohnhöhe  zu  sehr
aus  ihr  vertrieben  hatte 4 ).  Die  Theorie  der  Rente  wird  eine  unentbehrliche
Ergänzung  dieser  Lehre;  sie  vollendet  sie  und  gibt  ihr  ihre  endgültige
Gestalt.  Sie  ist  sozusagen  der  Schlußstein  des  Gewölbes.
b)  Die  Rententheorie  hat  aber  noch  weitere  Veränderung  erlitten.
Wie  wir  gesehen  haben,  ist  die  Rente  für  Ricardo  im  Wesentlichen

J )  Übrigens  kann  der  Unternehmer  gezwungen  sein,  einen  Teil  dieser  zusammengesetzten ­
  Rente,  sei  es  dem  Grundbesitzer,  sei  es  dem  Kapitalbesitzer,  dem  er  seine
Kapitalien  entliehen  hat,  sei  es  den  besonders  geschickten  Arbeitern,  von  denen  er
profitiert,  abzutreten.  Welchen  Teil  aber  nun?  Das  ist  die  schwierige  Frage,  die  Marshall
in  seinen  Principles,  B.  V,  Kap.  X,  §  4,  und  B.  VI,  Kap.  VIII,  §  9ff.  untersucht.
2 )  Walker  würde  vielleicht  antworten,  daß  Dividenden  einfache  Kapitalzinsen
sind!  Dieser  Auffassung  können  wir  aber  nicht  beistimmen.
3 )  Mill,  Principles,  B.  III,  Kap.  5,  §  4.  Dieses  Wort  „erworben“  (acquis)
steht  nicht  mit  der  reinen  Theorie  über  die  Rente  im  Einklang,  denn  wenn  diese  Vorteile ­
  erworbene  sind,  muß  die  Entlohnung,  die  sie  erhalten,  wie  die  Zinsen  eines  aufgewendeten ­
  Kapitals  betrachtet  werden.
4 )  Mill  sagt:  „Löhne  und  Profite  stellen  die  allgemeinen  Bestandteile  der  Produktion ­
  vor,  während  die  Rente  als  Vertreter  des  differentiellen  oder  besonderen  Bestandteils ­
  betrachtet  werden  kann:  jeder  Unterschied  zugunsten  gewisser  Produzenten
oder  zugunsten  der  Produktion  ist  unter  gewissen  Umständen  eine  Quelle  von  Gewinn,
der,  auch  wenn  er  nicht  den  Namen  Rente  trägt  —  solange  seine  Auszahlung  nicht
periodisch  erfolgt  —,  von  völlig  gleichen  Gesetzen  regiert  wird“  (Stuart  Mill,  Principles, ­
  B.  III,  Kap.  VI,  §  4).
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        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  605

ein  Differentialeinkommen 1 ).  Ihren  Ursprung  verdankt  sie  den  Verschiedenheiten ­
  in  der  Fruchtbarkeit  des  Bodens.  Wenn  alle  Felder
gleichmäßig  fruchtbar  wären,  würde  sie  nicht  bestehen.  Ebenso  haben
alle  anderen  seitdem  entdeckten  Renten  denselben  Charakter:  ob  es  sich
um  ein  Stück  Bauland  oder  einen  kräftigeren  Arbeiter  oder  einen  intelligenteren ­
  Unternehmer  handelt,  stets  ist  es  ein  natürlicher  Unterschied, ­
  der  die  Rente  erklärt.  Alle  diese  Renten  sind  von  gleichem  Typus.
In  gewisser  Weise  kann  man  die  Unternehmer,  die  die  gleiche  Ware  herstellen,
  die  Arbeiter,  die  denselben  Beruf  ausüben,  die  Kapitalien,  die  in
dem  gleichen  Geschäftszweige  angelegt  sind,  in  eine  Skala  sinkender
Produktivität  einstellen,  so  wie  es  Ricard  o  mit  den  verschiedenen  Feldern
getan  hatte.  Der  letzte  Unternehmer,  der  letzte  Arbeiter,  das  letzte
Kapital  der  Skala  bringen  nur  gerade  genügend  hervor,  um  sie  noch  in
Tätigkeit  zu  erhalten.  Alle  anderen  erzeugen  mehr.  Da  sie  trotzdem  ihre
Waren  oder  ihre  Dienste  zu  dem  gleichen  Preise  verkaufen,  gewinnen
sie  aber  eine  Rente,  die  um  so  höher  ist,  je  mehr  ihre  Produktivität  die  des
letzten  der  Skala  übersteigt.  Bei  Einschluß  der  ganzen  wirtschaftlichen
Welt  würde  es  eine  Art  „Gesetz  ungleicher  Fruchtbarkeit“  geben,  nicht
nur  für  die  Felder,  sondern  auch  für  die  Kapitaüen  und  die  individuellen
Fähigkeiten,  —  ein  Gesetz,  das  genügen  würde,  um  alle  Ungleichheiten
im  Einkommen  der  Produktionsfaktoren  zu  erklären.
Liegt  aber  in  dieser  Auffassung  nicht  etwas  außerordentlich  Gekünsteltes? ­
  Lassen  sich  die  Verschiedenheiten  des  Einkommens  nicht
durch  ein  einfacheres,  allgemeineres  Prinzip  erklären?  Wäre  es  nicht
möglich,  sich  unmittelbar  darüber  Rechenschaft  zu  verschaffen?  —  Ist
nötig,  in  einem  so  allgemeinen  Phänomen  eine  Ausnahme  und  eine
Art  Anomalie  zu  sehen?  Es  konnte  nicht  ausbleiben,  daß  man  sich  diese
Fragen  stellte  und  es  dauerte  nicht  lange,  bis  man  die  Antwort  gefunden ­
  hatte.
Der  erste  Zweifel  stieg  auf,  als  man  bemerkte,  daß  der  Boden  sehr
wohl  eine  Rente  liefern  kann,  auch  ohne  daß  irgendeine  Ungleichheit ­
  in  der  Fruchtbarkeit  bestände.  „Wenn  der  ganze  Boden  eines
Landes  für  die  landwirtschaftliche  Bewirtschaftung  benötigt  wäre,“  sagt
schon  Stuart  Mill 2 ),  „so  würde  seine  Gesamtheit  eine  Rente  abwerfen.“
■Man  braucht  hierfür  nur  anzunehmen,  daß  die  Nachfrage  genügend  stark,
und  die  Produktion  genügend  beschränkt  sei,  um  den  Getreidepreis  über
den  Produktionskosten  zu  halten 3 ).  Auch  wenn  die  Fruchtbarkeit  ungleich
Q  „Man  muß  sich  erinnern,  daß  die  Rente  der  Unterschied  zwischen  dem
durch  gleiche  Teile  Arbeit  und  Kapital  erhaltenen  Produkt  auf  Feldern  gleicher  oder
verschiedener  Qualität  ist‘ !  (Ricardo,  Principles,  Kap.  IX,  §  56.  —  Vgl.  oben
S.  164  f.).
2 )  Mill,  Principles,  B.  II,  Kap.  XVI,  §  2.
3 )  Schon  Ricardo  hatte  nebenbei  diese  Hypothese  aufgestellt  und  gesagt:  „Nehmen
wir  an,  daß  die  Notwendigkeit  der  Lage  eine  Million  Zentner  Getreide  erfordert,  und
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        606

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Ab
.  M

ist,  so  kann  doch  das  schlechteste  Feld  noch  eine  Rente  abwerfen.  Stuart
Mill  glaubt,  daß  dieser  Fall  für  die  Felder  ziemlich  selten,  aber  für  die
Bergwerke  ziemlich  häufig  eintritt 1 ).  Woher  kommt  nun  hier  die  Rente  ?
Sicherlich  nicht  von  dem  Unterschied  in  der  Fruchtbarkeit  der  Felder,
da  diese  Rente  auch  auf  dem  schlechtesten  zum  Vorschein  kommt.  Die
Ursache  der  Rente  liegt  also  wo  anders.  Stuart  Mill  hat  dies  sehr  gut
gesehen:  „Das  Produkt  hat  in  Wirklichkeit  einen  Seltenheitswert“ 2 ).
Wenn  aber  dies  die  Erklärung  der  Rente  ist,  insofern  sie  auf  dem
letzten  in  Anbau  genommenen  Felde  erscheint  —,  warum  soll  die  Erklärung ­
  anders  lauten,  wenn  es  sich  um  die  Rente  besserer  Felder  handelt  ?
Man  versteht  nicht  recht,  weshalb  Stuart  Mill  diese  Folgerung  nicht
gezogen  hat.
Wie  erklärt  er  selbst  das  Entstehen  der  Rente  auf  dem  Felde  Nr.  1  ?
Da  die  Erzeugung  für  die  Nachfrage  nicht  genügt,  sagt  er,  steigen  die
Preise,  und  nur  wenn  sie  eine  genügende  Höhe  erreicht  haben,
um  in  normaler  Weise  das  Kapital  und  die  Arbeit,  die  in  die  neuen  Felder
gesteckt  worden  sind,  zu  entlohnen,  wird  man  Felder  zweiter  Qualität  in
Bewirtschaftung  nehmen 8 ).
Was  ist  nun  hier  die  Ursache  der  Rente?  Sie  beruht  offenbar  auf
dem  Steigen  der  Nachfrage  und  nicht  auf  der  Inangriffnahme  des  Andaß

  diese  Million  Zentner  auf  der  jetzt  unter  Kultur  stehenden  Fläche  geerntet  sei;
nehmen  wir  weiter  an,  daß  die  Fruchtbarkeit  dieser  Fläche  sich  so  verändere,  daß  sie
nur  noch  900000  Zentner  hervorbringt:  da  die  Nachfrage  immer  noch  eine  Million
Zentner  beträgt,  so  wird  der  Getreidepreis  steigen,  und  man  wird  so
den  Augenblick  vorwegnehmen,  an  dem  man  schlechtere  Felder  urbar
gemacht  haben  würde,  wenn  die  Fruchtbarkeit  des  alten  Bodens  auf
demselben  Punkte  stehen  geblieben  wäre“  (Ricardo,  franz.  Übers.  S.  377)’
Übrigens  scheint  Ricardo  am  Ende  seines  Lebens  mehr  zu  einer  Auffassung  geneigt
zu  haben,  die  der  J.-B.  Say ? s  nahe  kommt.  Vgl.  bei  Früsouls  (op.  cit.  S.  21;  s.  o.  S.  S9Ö
Anm.  2)  merkwürdige  Zitate.
*)  „Sicherlich  kann  in  gewissen  Fällen  eine  Ware  eine  Rente  abwerfen,  sogar
wenn  sie  unter  den  ungünstigsten  Umständen  hergestellt  worden  ist,  aber  nur,  wenn
sie  sich  in  diesem  Augenblick  in  der  Lage  eines  Gutes  befindet,  dessen  Angebot  absolut
beschränkt  ist,  und  das  sich  infolgedessen  zu  einem  Seltenheitspreise  verkauft;  dies
ist  niemals  der  Fall  gewesen,  ist  es  auch  heute  nicht  und  kann  auch  niemals  irgendwie
andauernd  der  Fall  irgendeiner  der  großen  Waren  sein,  die  eine  Rente  geben“  (MmG
Principles,  B.  II,  Kap.  V,  §  4).  Über  die  Bergwerke  siehe  dasselbe  Kapitel,  §  3'
s )  Ebenda:  Hier  vergleicht  Stuart  Mild  die  Rente  mit  einem  Monopoleinkommen.
„Eine  Sache,“  sagt  er  (B.II,  Kap.  XVI,  §  2),  „deren  Menge  begrenzt  ist,  ist,  auch  wen 11
die  Eigentümer  nicht  in  Übereinstimmung  handeln,  trotz  alledem  ein  Monopol.“  Ov'
gleich  dieser  Ausdruck  von  vielen  Schriftstellern  aufgenommen  worden  ist,  kann
doch  bestritten  werden.  Das,  was  das  Monopol  charakterisiert,  besteht  darin,  daß  oo
oder  die  Monopolisten  im  voraus  die  Menge  des  Produktes,  daß  sie  auf  dem  M» lK
anbieten  werden,  festsetzen,  und  zwar  in  der  Weise,  um  den  größtmöglichen  T°*  * a
gewinn  zu  erzielen.  Das  ist  nicht  der  Fall  für  die  Besitzer  des  Grund  und  Bodens.  Wen
es  ein  Monopol  ist,  so  ist  es  auf  alle  Fälle  ein  unvollständiges  Monopol.
3 )  Stuart  Mill,  Principles,  B.  III,  Kap.  V,  §  1.
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        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  |  ^07
%  '
baues  auf  den  Feldern  Nr.  2,  da  diese  Inangriffnahme  nach  der  Preiserhöhung ­
  eintritt 1 ).  Und  weiter!  Die  Wirkung  dieser  neuen  Bewirtschaftung ­
  wird  nicht  darin  bestehen,  die  Bildung  der  Rente  hervorzurufen,
sondern  im  Gegenteil  ihr  entgegen  zu  wirken  —,  indem  sie  dem  weiteren
Steigen  der  Preise  Einhalt  tut,  weil  dieser  Steigerung  durch  die  Vermehrung ­
  der  auf  dem  Markt  befindlichen  Menge  Grenzen  gezogen  werden.
Die  Rente  von  den  Feldern  Nr.  1  ist  daher  eine  Seltenheitsrente,  die  unmittelbar ­
  auf  dem  Steigen  der  Nachfrage  beruht  und  von  jeder  Verschiedenheit ­
  in  der  Güte  der  Felder  unabhängig  ist.  Die  wirkliche  Ursache  der
Rente  auf  allen  Feldern  (auf  denen  der  besten  wie  der  schlechtesten  Beschaffenheit) ­
  ist  daher  stets  dieselbe:  die  Unzulänglichkeit  des  Angebots
im  Verhältnis  zur  Nachfrage.
Der  gleiche  Gedankengang  läßt  sich  auf  alle  anderen  Differentialrenten ­
  anwenden,  die  in  dem.  vorhergehenden  Paragraphen  aufgeführt
worden  sind,  —  womit  sich  dann  die  Schlußfolgerung  aufdrängt,  daß
die  Rente  unter  allen  ihren  Formen  nicht  eine  Anomalie,  sondern  eine
durchaus  normale  Folge  der  allgemeinen  Wertgesetze  ist.  Überall  dort,  \
wo  aus  irgendeinem  Grunde  der  Preis  eines  Produktes  einen  Seltenheitswert ­
  erlangt  und  die  Produktionskosten  übersteigt  (diese  Gründe  können
zahlreich  sein),  ergibt  sich  für  den  Verkäufer  dieses  Produktes  eine  Rente.
Dies  ist  die  allgemeine  Formel,  zu  der  man  auf  diese  Weise  geführt  wird,
eine  Formel,  die  von  dem  Gesetz  des  sinkenden  Ertrages  oder  der  ungleichmäßigen ­
  Fruchtbarkeit  der  Felder  durchaus  unabhängig  ist 2 ).
Zu  dieser  Folgerung  ist  man  jedoch  nicht  so  ohne  weiteres  gelangt.
Die  englische  Volkswirtschaftslehre,  die  ganz  von  den  Ideen  Ricaedo’s
durchtränkt  ist,  hängt  auch  heute  noch  an  der  Auffassung  der  Differentialj^nte.
  Die  festländischen  Volkswirtschaftler  haben  im  Gegenteil  in  der
Rente  sehr  bald  eine  einfache  Anwendung  des  Gesetzes  von  Angebot
l )  Dieses  Argument  führt  schon  J.-B.  Say  in  seiner  Polemik  gegen  Ricardo  an.
^  sagt:  „Wer  sieht  nicht  ein:  wenn  das  Anwachsen  der  gesellschaftlichen  Bedürfnisse
e n  Getreidepreis  auf  eine  Höhe  treibt,  die  es  gestattet,  die  schlechtesten  Felder  in
°wirtschaftung  zu  nehmen,  vorausgesetzt  man  kann  auf  ihnen  den  Lohn  seiner  Arbeit
Uüd  den  Profit  seines  Kapitales  finden,  erst  dies  Anwachsen  der  gesellschaftlichen
edürfnisse  und  der  Preis,  den  die  Gesellschaft  zu  zahlen  imstande  ist,  um  Getreide  zu
erlangen,  es  ermöglichen,  einen  Grund-  und  Bodenprofit  auf  den  besseren  oder  günstiger
gelegenen  Feldern  zu  finden?“  (Traitö,  6.  Ausg.  S.  410).  Er  fährt  fort,  indem  er  sagt:
’  .  ■  Ricardo  zeigt  in  demselben  Kapitel  sehr  gut,  daß  der  Grund-  und  Bodenprofit
ni cht  die  Ursache,  sondern  die  Wirkung  des  Bedürfnisses  ist,  das  für  Getreide  besteht;,
Ull d  die  Gründe,  die  er  anführt,  können  dazu  dienen,  um  gegen  ihn  zu  beweisen,  daß  die
äderen  Produktionskosten,  besonders  die  Arbeitslöhne,  ebensowenig  die  Ursache
®°ndern  die  Wirkung  des  Marktpreises  der  Produkte  sind.“  —  Kicardo  scheint  nahe
a ran  gewesen  zu  sein,  sich  überzeugen  zu  lassen.  Siehe  S.  605  Anm.  3.
*)  Die  Theorie  des  wirtschaftlichen  Gleichgewichts  gestattet  noch  besser,  die
Allgemeinheit  der  Tatsache  der  Bodenrente  hervortreten  zu  lassen.  Wir  verweisen
'erüber  auf  den  Cours  von  PARETOund  das  Werk  von  Sensi,  La  teoria  della  rendita.
H°m  1912.
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        608

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

und  Nachfrage  erkannt.  Schon  J.-B.  Say  erklärte  die  Grundrente  durch
„die  Ausdehnung  der  Bedürfnisse  der  Gesellschaft  und  den  Preis,  den  sie
imstande  ist,  für  das  Getreide  zu  zahlen 1 ).  Mit  viel  größerer  Genauigkeit
legte  ein  deutscher  Volkswirtschaftler,  Hermann,  Professor  in  München,
in  seinen  selbständigen  und  scharfsinnigen  Staatswirtschaftlichen
Unter  fchmiiungen,  die  1832  veröffentlicht  wurden,  die  Bodenrente
als  einen  einfachen  Sonderfall  der  Rente  fixer  Kapitalien  dar.  Während
die  umlaufenden  Kapitalien,  so  erklärte  er,  infolge  der  Leichtigkeit  ihrer
Übertragung  fast  stets  das  gleiche  Einkommensniveau  haben,  können  die
fixen  Kapitalien  weder  so  schnell  an  anderer  Stelle  angelegt,  noch  auch
so  schnell  vermehrt  werden.  Daraus  ergibt  sich  sehr  oft  für  sie  ein  Einkommen, ­
  das  höher  ist,  als  das  der  umlaufenden  Kapitaüen:  eine  Rente.
Und  anstatt  vorübergehend  zu  sein,  kann  ihnen  diese  Rente  dauernd
verbleiben,  wenn  die  neuen  fixen  Kapitalien,  die  mit  den  ersten  in  Konkurrenz ­
  treten,  nicht  die  gleiche  Produktivität  haben.  Dies  tritt  nun  gerade
für  Felder  ein *  2 ).  —  Etwas  später  definierte 1  ein  anderer  Deutscher,  Mangoldt,
  die  Rente  als  eine  „Seltenheitsprämie“,  von  der  „nicht  alle  Bestandteile ­
  der  Produktion,  sondern  nur  die,  die  man  nicht  vermehren  kann“,
Gewinn  haben.  Wenn  uns  die  Rente  oft  unter  einem  Differentialcharakter
erscheint,  so  beruht  dies  einfach  darauf,  daß  die  Seltenheit  oft  relativ
ist  und  vermindert  werden  kann,  indem  man  an  Stelle  des  Seltenheitsfaktors ­
  der  Produktion  andere  setzt,  die  einen  geringeren  Ertrag  geben 3 )-Ebenso
  weist  Schäffle  1867  in  einem  teilweise  der  Rente  gewidmeten
Werke 4  *  *  *  *  *  *  * )  mit  Nachdruck  auf  den  Gedanken  hin,  daß  der  Boden  eine  Rente
ab  wirft,  nicht  weil  er  ein  Geschenk  der  Natur  ist,  sondern  einfach  deshalb)

!)  Vgl,  vorhergehende  Seite  Anm.  1.
2 )  Hermann,  Staatswissenschaftliehe  Untersuchungen.  5.  Teil.  V olB
Gewinn.  Im  Vorwort  sagt  er  schon:  „Die  Lehre  von  der  Bodenrente  konnte  hier  m 11 '
ein  Einzelfall  in  der  Darlegung  des  Gesetzes  sein,  dem  der  Gewinn  aus  einem  fest  angelegten ­
  Kapital  im  allgemeinen  folgt.“  ,
3 )  Mangoldt,  Die  Lehre  vom  Unternehmergewinn  (Leipzig  1855)  S.  109»  •
l )  Schae^fle,  Die  nationalökonomische  Theorie  der  ausschließenden
Absatzverhältnisse,  Tübingen  1867.  In  diesem  Werk  bemüht  sich  SchaeffiD
eine  Rechtfertigung  der  Renten  im  Allgemeinen  und  der  Bodenrente  im  Besondere
zu  erbringen.  Er  sieht  in  dep  Renten  Prämien,  die  der  erhält,  der  seine  persönlich®
Fähigkeiten  oder  seine  Kapitalien  oder  seinen  Boden  in  einer  besonders  nutzbringend®
Art  und  Weise  zu  verwenden  weiß.  Die  Rente  ist  ein  Lockbissen,  die  Quelle  allen  Vot
Schrittes  und  aller  wirtschaftlichen  Tätigkeit,  eine  Art  natürliches  Urheberrecht,
die  Gesellschaft  ganz  spontan  denen  zuerkennt,  die  es  verstehen,  ihr  zu  dienen,  das  a  ^
die  Konkurrenz  dann  wieder  zur  rechten  Zeit  beseitigt.  Auch  die  Bodenrente  w
durch  diesen  Charakterzug  gerechtfertigt,  ausgenommen,  wo  sie  durch  die  Gesetzgebu  o
verfälscht  oder  zu  einem  Mißbrauch  verkehrt  worden  ist.  —  Diese  Verteidigung 81 ^
zugunsten  der  Rente  ist  sehr  interessant  und  die,  die  in  der  Bodenrente  nur  ein  »  ^
earned  increment‘‘  sehen,  würden  gut  tun,  über  diese  wirtschaftliche  Funktion
nicht  erworbenen  Einkommens  nachzudenken.
        <pb n="632" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  609

weil  der  Boden  unbeweglich  ist  und  infolgedessen  keine  Ortsveränderung
oder  Vermehrung  gestattet,  wie  die  anderen  Kapitalien.  —  Als  endlich
Kart.  Menger  1872  in  seinen  Grundsätzen  der  Volkswirtschaftslehre ­
  den  Grund  der  modernen  Wertlehre  legte,  beeilte  er  sich,  die  Theorie
der  Rente  in  die  allgemeine  Preistheorie  einzubeziehen,  indem  er  kategorisch ­
  behauptete:  „Die  Bodenbenutzungen  stehen  demnach  rücksichtlieh ­
  ihres  Wertes  unter  keinen  anderen  allgemeinen  Gesetzen  als  z.  B.  die
Nutzungen  von  Maschinen,  Werkzeugen,  Wohnhäusern,  Fabriken,  ja
als  alle  übrigen  ökonomischen  Güter,  welcher  Art  sie  auch  immer  sein
mögen“ 1 ).
Den  einzigen  Unterschied,  den  die  heutigen  Nationalökonomen  zwischen ­
  den  so  verstandenen  Renten  anerkennen,  ist  ihre  mehr  oder  weniger
lange  Dauer.  Die  einen,  wie  die  von  einer  Maschine  höherer  Qualität
gelieferten,  verschwinden  sehr  schnell,  da  man  mit  Leichtigkeit  neue,
konkurrierende  Maschinen  herstellen  kann;  andere  bleiben  im  Gegenteil
während  einer  langen  Zeit  an  das  gleiche  produktive  Element  gebunden:
es  sind  dies  alle  die,  die  auf  natürliche  Qualitäten,  sei  es  des  Bodens,  sei
es  des  Menschen  beruhen.  Um  die  Ausdrucksweise  Pareto’s  anzuwenden 1  2 ),
sind  die  von  einem  bestimmten  Kapital  gelieferten  Renten  mehr  oder
weniger  dauerhaft,  je  nachdem  die  Ersparnisse  sich  mehr  oder  weniger ­
  leicht  in  ein  solches  Kapital  verwandeln  lassen.  In  der  Zusammenfassung ­
  seiner  scharfsinnigen  Erklärungen  über  den  vorliegenden ­
  Gegenstand  erklärt  Marshall:  „Wenn  wir  von  den  freien  Geschenken
der  Natur  zu  den  ständigen  Meliorationen  des  Bodens,  von  da  zu  weniger
dauerhaften  Verbesserungen,  und  von  diesen  wieder  zu  landwirtschaft1 ­

 )  Menger,  Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre,  S.  148.
2 )  „Die  Summe,  die  man  für  den  Gebrauch  des  Bodens  zahlt,  unterscheidet
s *ch  in  nichts  von  der  Summe,  die  man  für  den  Gebrauch  jedes  anderen  Kapitals  zahlt,
z -  B.  den  einer  Maschine.  Wenn  man  den  Boden  —  oder  die  Maschine  —  im  gleichen
Zustand,  wie  man  sie  erhalten  hat,  zurückgibt,  so  zahlt  man  noch  etwas  dazu,  einfach
deshalb,  weil  diese  Kapitalien  wirtschaftlich  selten  sind,  d.  h.  weil  sie  in  unserer
Reichweite  nicht  in  einer  Menge  vorhanden  sind,  die  die  übersteigt,  deren  wir  bedürfen.
Was  den  Boden  von  der  Maschine  unterscheidet,  ist,  daß  das  Gesparte  sich  leicht  in
neue  Maschinen  umwandeln  läßt,  während  es  sich  gewöhnlich  nicht  in  neuen  Boden
Verwandeln  kann,  oder  wenigstens  kann  diese  Umwandlung  nur  zu  Preisen  geschehen,
die  sie  wirtschaftlich  unmöglich  machen.“  Pareto,  Cours  d ! öconomie  politique,
B.  II,  ■§  759).  —  In  analogen  Ausdrücken  sagt  Marshall:  „Der  Unterschied  zwischen
der  Bodenrente  und  den  Quasi-Renten  anderer  Gegenstände  (Marshall  nennt  Quasi-Renten
  die  Einkommen,  die  der  Bodenrente  ähnlich  sind,  aber  nicht  aus  Naturquellen
Hießen)  beruht  auf  der  Tatsache,  daß  der  Mietpreis  der  anderen  Gegenstände,  unter
gewöhnlichen  Umständen  und  auf  die  Dauer,  die  normalen  Profite,  die  sich  über  die
Produktionskosten  hinaus  ergeben,  nicht  weit  übersteigen  kann,  während  das  Angebot
a n  fruchtbarem  Boden  sich  der  Nachfrage  nach  solchem  Boden  nicht  schnell  genug
a nzupassen  vermag;  deshalb  vermag  das  Einkommen,  das  daraus  gezogen  werden  kann,
ständig  die  normalen  Profite,  die  sich  über  die  Ausgaben  für  die  Vorbereitung  des  Bodens
a uf  die  Kultur  ergeben,  weit  zu  übersteigen 1 *  (Principles,  B.  V,  Kap.  IX,  §  4).
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  39
        <pb n="633" />
        610

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

liehen  oder  Fabrikgebäuden,  zu  Dampfmaschinen  usw.  und  endlich  zu
weniger  dauerhaften  Instrumenten,  die  sich  am  schnellsten  wieder  hersteilen ­
  lassen,  übergehen,  so  finden  wir  eine  fortlaufende  Skala  (von
Kenten)“ 1 ).
Und,  so  können  wir  anfügen,  die  Skala  läuft  bis  zu  dem  Punkte  fort,
wo  die  Rente  negativ  wird,  nämlich  bis  zu  dem  Punkt,  an  dem  die  Bedingungen ­
  des  Angebots  und  der  Nachfrage,  nachdem  sie  einen  Zusatzgewinn ­
  gestattet  haben,  das  Einkommen  aus  dem  Produktivmittel  unter
die  normale  Höhe  drücken.  Thünen  hatte  schon  die  negative  Rente
aufgezeigt,  und  Pareto  hat  diesen  Begriff  wieder  aufgenommen.
Für  die  modernen  Schriftsteller  ergeben  sich  daher  die  Renten  einfach ­
  aus  den  Gesetzen  des  Angebots  und  der  Nachfrage.  Hierdurch  gewinnt ­
  der  Begriff  der  Rente  seine  ganze  Allgemeinheit.  Zu  gleicher  Zeit
hört  er  auf,  eine  Merkwürdigkeit  oder  eine  Anomalie  zu  sein.  Das  angebliche ­
  Gesetz  des  sinkenden  Ertrages  verliert  derart  viel  von  seiner
wirtschaftlichen  Bedeutung,  und  die  Theorie  Ricardo’s,  die  sich  darauf
stützt,  erscheint  stark  bedroht.  Nachdem  sie  mehr  als  irgendeine  andere
die  volkswirtschaftliche  Polemik  angefacht  hatte,  scheint  diese  Theorie
nahe  daran  zu  sein,  mit  der  klassischen  Werttheorie  unter  die  Doktrinen
eingereiht  zu  werden,  mit  denen  sich  wohl  der  Historiker  noch  beschäftigt,
von  denen  aber  der  Volkswirtschaftler  keinen  Gebrauch  mehr  macht *  2 ).

*)  Marshall,  Principles,  B.  V,  Kap.  IX,  §  5.
2 )  Wenn  es  der  Raum  gestattete,  würde  hier  der  Platz  sein,  auf  die  letzte  Er*
scheinungsform  einzugehen,  die  die  Idee  der  Rente  in  dem  Werke  des  amerikanischen
Volkswirtschaftlers  Clark,  Distribution  of  wealth  (1899)  angenommen  hat.  In
diesem  Buche,  dessen  Verfasser  einen  berechtigten  Ruf  genießt,  werden  nacheinander
alle  Einkommen  als  Renten  hingestellt.  Und  in  der  Tat,  wenn  wir  das  Kapital  einer
Gesellschaft  als  gegeben  annehmen  und  aufeinanderfolgende  und  immer  zahlreichere
Dosen  Arbeit  hinzufügen,  so  wird  eine  jede  neue  Dosis  Arbeit  etwas  weniger  als  die
vorhergehende  produzieren.  Die  Produktivität  der  letzten  Dosis  regelt  jedoch  die
Entlohnung  aller  vorhergehenden,  und  es  wird  sich  daher  ein  Überschuß  an  erzeugtem
Wert  heraussteilen,  der  die  Produktivität  des  Kapitals  darstellt  und  durchaus  einer
Rente  gleich  sein  wird.  —  Nehmen  wir  nun  im  Gegenteil  die  Arbeitsmenge  als  gegeben
an,  und  fügen  wir  aufeinander  folgende  Dosen  Kapital  hinzu:  diese  werden  ihrerseits
eine  sinkende  Produktivität  zeigen,  und  da  die  Entlohnung  einer  jeden  Dosis  gleich  der
Produktivität  der  letzten  zugefügten  Dosis  ist  —  so  wird  der  ganze  Überfluß  als  eine
der  Arbeit  zustehende  Rente  anzusehen  sein.  Und  so  fort.  Das  Buch  enthält  höchst
geistreiche  Konstruktionen,  die  sich  aber  nicht  in  einer  Anmerkung  behandeln  lassen.
Unserer  Meinung  nach  wird  die  Theorie  des  wirtschaftlichen  Gleichgewichts  den,  Tatsachen ­
  der  Güterverteilung  auf  einfachere  Weise  gerecht,  und  der  gewisse  Optimismus,
zu  dem  die  Theorie  Clark’s  gelangt,  scheint  uns  nicht  genügend  gerechtfertigt.  Seme
Bemühung,  die  Idee  der  Randproduktivität  und  die  des  sinkenden  Bodenertrags  z u
vereinigen,  ist  ein  neuer  Beweis  des  andauernden  Einflusses,  den  die  Ideen  Ricard 0  s
auf  die  angelsächsischen  Volkswirtschaftler  ausüben.
        <pb n="634" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  611

§  2.  Der  Begriff  des  „unearned  increment’s“  und  die  Wegsteuerung ­
  der  Rente.
Ricardo  scheint  nicht  geahnt  zu  haben,  mit  wie  großen  Gefahren
seine  Rententheorie  das  Grundeigentum  bedrohte.  Es  genügte  ihm,  aus
ihr  Argumente  gegen  die  Getreidezölle  zu  ziehen.  Er  gibt  sich  ebenso
wenig  damit  ab,  das  Einkommen  aus  Boden,  wie  das  aus  Kapital  zu  rechtfertigen. ­
  Beide  erscheinen  ihm  als  untrennbar  vom  Eigentum.
Aber  andere  Schriftsteller  waren  anspruchsvoller.  Trotz  aller  gegenteiligen ­
  Beweise,  die  die  Wirklichkeit  liefert,  ist  es  eine  tief  in  den^Gemütern
  wurzelnde  moralische  Idee,  daß  alles  Einkommen  sich  durch  eine
persönliche  Anstrengung  des  Nutznießers  rechtfertigen  muß.  Die  Bodenrente ­
  nun,  so  wie  sie  in  der  Theorie  Ricaedo’s  erscheint,  ist  vor  allen  anderen
ein  Einkommen  ohne  Arbeit,  ein  nicht  erworbenes  Einkommen,  ein  „unearned ­
  increment“.  Daher  ist  die  Bodenrente  illegitim.  Dies  ist  der  Schluß,
den  man  sehr  bald  aus  den  Prämissen  Ricardo’s  gezogen  hat.
Diese  Schlußfolgerung  mußte  sich  auch  um  so  natürlicher  aufdrängen,
da  sie  in  einer  sehr  alten  Auffassung,  die  schon  aus  der  Zeit  vor  Ricardo
stammt,  eine  Stütze  fand:  die  Idee  der  Ungerechtigkeit  nicht  nur  des  aus
dem  Grundbesitz  stammenden  Einkommens,  sondern  des  Grundbesitzes
an  und  für  sich.  Das  bewegliche  Eigentum  ist  eine  persönliche  Schöpfung
des  Menschen,  eine  Frucht  der  Sparsamkeit  und  der  Arbeit,  wenn  auch
nicht  immer  des  gegenwärtigen,  so  doch  zum  wenigsten  eines  früheren
Besitzers.  Aber  der  Boden!  Ist  er  nicht  eine  Gabe  der  Natur,  ein  freies
Geschenk  der  Vorsehung,  das  allen  ohne  Ausnahme  dargeboten  wird?
Man  kennt  den  berühmten  Ausruf  Proudhon’s:  „Wer  hat  die  Erde  gemacht? ­
  —  Gott.  —  Daher,  fort  mit  Dir,  Besitzer!“ 1 )  Für  diese  ursprüngliche ­
  und  sehr  alte  Auffassung  hat  Ricardo  wider  Willen  einen  neuen
Beweis  geliefert.
Der  Gedanke  eines  natürlichen  Anrechtes  der  Gemeinschaft  auf  den
Boden  lebt  in  allen  Ländern.  Doch  hat  er  in  England  zahlreichere  Anhänger
Ms  in  anderen  Ländern  gehabt,  vielleicht  infolge  der  dort  bestehenden
Vorherrschaft  des  Großgrundbesitzes  und  der  Mißbräuche,  zu  denen  dies
Anlaß  gab.  Dieser  Gedanke  hat  seine  Wurzeln  sogar  in  den  juristischen
Uberheferungen  der  Nation.  „Unsere  Gesetze“,  sagt  der  Rechtsgelehrte
Brederic  Pollock 1  2 )  „kennen  als  absolutes  Grundeigentumsrecht  nur  das
der  Krone.  Der  ganze  Boden  wird  so  angesehen,  als  ob  er  mittelbar  oder
unmittelbar  von  der  Krone  zu  Lehen  gegeben  worden  wäre,  auch  dort,
wo  keine  Abgabe  oder  Dienstleistung  darauf  ruht,  und  ohne  daß  die  Archive
irgendeinen  von  der  Krone  ausgestellten  Übertragungstitel  enthalten“.

1 )  Proudhon,  Qu ! est-ee  que  la  proprißtA?  S.  74.
2 )  Pollock,  The  Land  Laws,  S.  12  (London,  1883).
        <pb n="635" />
        612

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Schon  im  17.  Jahrhundert  behauptete  Locke  in  seinem  kleinen  Buch
„On  civil  government“,  daß  „Gott  die  Erde  den  Menschenkindern  zum
gemeinsamen  Besitz  gegeben  habe“.
Seit  dem  Ende  des  18.  Jahrhunderts  trifft  man  immer  häufiger  die
Behauptung  eines  Rechtes  der  Gemeinschaft,  den  ungerechterweise  angeeigneten ­
  Boden  zurückzunehmen.  Manchmal  stammt  sie  von  unbekannten ­
  Reformern,  oft  aber  auch  von  bedeutenden  oder  berühmten
Schriftstellern.  1775  schlug  ein  Lehrer  in  Newcastle,  Thomas  Spence,
in  einem  in  der  philosophischen  Gesellschaft  dieser  Stadt  gehaltenen  Vortrage ­
  vor,  daß  das  Eigentumsrecht  am  Boden  wieder  den  Gemeinden
zufallen  solle.  Daraufhin  sah  er  sich  gezwungen,  nach  London
zu  flüchten,  wo  er  nicht  ohne  Erfolg  eine  lebhafte  Propaganda  seiner
Ideen  ins  Werk  setzte.  1781  veröffentlichte  ein  angesehener  Professor
der  Universität  Aberdeen,  W.  Ogilvie,  anonym  einen  „Versuch  über  das
das  Recht  des  Grundeigentums“,  in  dem  er  vorschlug,  durch  eine  Steuer
den  ganzen  Wert  des  Bodens,  soweit  er  nicht  auf  die  Meliorationsarbeiten
des  Besitzers  zurückzuführen  sei,  zu  konfiszieren.  Seine  Gedanken  sollen
angeblich  die  Zustimmung  des  Philosophen  Reid  gefunden  haben.  Thomas
Paine  führte  1797  in  einer  Broschüre  ähnliche  Gedanken  aus 1 ).  Im  19.
Jahrhundert  finden  wir  von  Neuem  ihre  Verteidigung  bei  einem  gewissen
Patrick  Edward  Dove  in  seinem  1850  veröffentlichten  Werke 1  2 ).  Im
folgenden  Jahre  erklärte  der  berühmte  Philosoph  Herbert  Spencer  in
seiner  Sozialen  Statik 3 ),  daß  die  Wieder-in-Besitz-nahme  des  Bodens
durch  den  Staat  „mit  dem  höchsten  Zustand  der  Zivilisation  im  Einklang
stehe“  und  ebenfalls  in  völliger  Harmonie  mit  dem  Sittengesetze  sei.
Allerdings  gab  Spencer  in  einem  späteren  Werke  zu,  daß  „alles  was  die
Gemeinschaft  gerechterweise  verlangen  kann,  die  Oberfläche  des  Bodens
im  Urzustand  ist“ 4 ),  und  sprach  ihr  jedes  Recht  ab  „auf  den  Wert,  den
der  Boden  durch  Abholzung,  Urbarmachung,  andauernde  Bewirtschaftung,
Drainage,  Straßenbauten,  landwirtschaftliche  Gebäude  usw.  erhalten
habe“.  Trotz  dieser  bedeutsamen  Einschränkung  wird  das  Prinzip  von  ihm
nicht  weniger  klar  anerkannt.
Außerhalb  Englands  wurde  das  Urrecht  der  Gemeinschaft  am  Boden
mehr  als  einmal  proklamiert.  Neben  wirklichen  Sozialisten,  wie  Proudhon

1 )  Agrarian  Justice  opposed  to  agrarian  law  and  agrarian  monopoly
  (Agrargerechtigkeit  gegenüber  Agrarrecht  und  Agrarmonopol)  London,  1797.
2 )  The  theory  of  human  progression  and  natural  probability  of
a  reign  of  justice  (Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes  und  natürliche  Wahrscheinlichkeit ­
  einer  Herrschaft  der  Gerechtigkeit).  Vgl.  über  Spenge,  Ogilvie,  Dove,
Paine  die  Dissertation  Escarra ! s:  Nationalisation  du  sol  et  Socialisme,  Paris,
1904.  Wir  entlehnen  ihm  die  Einzelheiten  über  die  verschiedenen  Schriftsteller,  deren
Texte  wir  nicht  vor  Augen  gehabt  haben.
3 )  Social  Statics,  1851,  Kap.  IX,  Abt.  8.
4 )  Herbert  Spencer,  Justice,  franz.  Übers.,  S.  107  (1893).
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        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  613
und  dem  belgischen  Baron  Colins,  oder  christlichen  Sozialisten,  wie
Francois  Huet,  findet  man  es  von  Philosophen,  wie  Renouvier,  Fouillee
und  Secretan  bestätigt.  Sie  gehen  soweit,  ein  Entschädigungsrecht
zugunsten  der  jetzigen  Generation  anzuerkennen,  das  zu  tasten  der  Gesellschaft ­
  zu  gehen  hat,  die  die  früheren  Usurpationen  duldete.
So  verkündete  eine  schon  alte  Auffassung,  die  von  jeder  wirtschaftlichen ­
  Theorie  über  die  Bente  unabhängig  ist,  das  Urrecht  eines  jeden
Menschen  am  Boden  und  forderte  die  Wiederaufrichtung  dieses  Rechtes.
Wir  finden  übrigens  ihr  Echo  bei  fast  allen  Anhängern  der  Nationalisierung ­
  des  Bodens,  Stuart  Mill,  Wallace,  Henry  George  und
Walras 1 )  wieder.  Hierdurch  stehen  sie  in  enger  Verbindung  mit  den
Schriftstellern,  von  denen  wir  eben  gesprochen  haben.  Nur  einer,  Gossen,
macht  eine  Ausnahme.
Doch  es  führt  nicht  sehr  weit,  die  Unrechtmäßigkeit  des  Grundbesitzes ­
  nur  zu  behaupten.  Denn  wenn  die  Aneignung  des  Bodens  eine
Ungerechtigkeit  vorstellt,  so  liegt  diese  Ungerechtigkeit  so  weit  zurück,
daß  ihre  Urheber  seit  langem  durch  Verjährung  gedeckt  sind.  Die  meisten
der  jetzigen  Grundbesitzer,  wenn  nicht  alle,  haben  den  Boden  nicht  mit
Gewalt  usurpiert,  sondern  durch  die  Früchte  ihrer  Arbeit  und  ihrer  Ersparnisse ­
  regelrecht  erworben.  In  ihren  Händen  ist  der  Boden  ein  ebenso
rechtmäßig  besessenes  Produktionsmittel,  wie  irgendein  Kapital,  eine
Maschine  zum  Beispiel.  Es  ihnen  ohne  Entschädigung  nehmen,  würde
das  alte  Unrecht  nicht  wieder  gut  machen,  sondern  es  nur  mit  einem
neuen  Unrecht  krönen.  Daher  hatte  die  Theorie  des  Rechtes  der  Gemeinschaft ­
  am  Boden  ein  nur  platonisches  Interesse  bis  zu  dem  Tage,  an  dem
sie  durch  eine  neue  Theorie:  die  der  Rente,  verstärkt  wurde.
Was  beweist  Ricardo  nämlich?  Daß  das  Privilegium  des  Grundbesitzes ­
  sich  sozusagen  unter  unseren  Augen  verewigt.  Der  Boden  genießt
einen  Vorteil,  den  kein  anderes  Kapital  genießt.  Selbsttätig,  automatisch,
außerhalb  jeder  Betätigung  des  Besitzers,  wächst  sein  Einkommen.  Die
Erstreckung  der  Bewirtschaftung  auf  neue  Felder,  das  Wachstum  der  Be-*)
  Stuart  Mill:  „Die  Erde  ist  das  ursprüngliche  Erbe  der  gesamten  Menschheit.“
(Pissertations  and  Discussions,  Bd.  IV,  S.  243;  vgl.  auch  S.  256).  In  seinen
Principles  of  Political  Economy  (Bd.  II,  Kap.  II,  §  5)  drückt  er  sich  wie  folgt
a us:  „Da  das  wesentliche  Prinzip  des  Eigentums  darin  besteht,  einem  Jeden  das,  was
e f  durch  seine  Arbeit  erzeugt  und  durch  seine  Enthaltsamkeit  angesammelt  hat,  zu  j
sichern,  so  kann  sich  dieses  Prinzip  nicht  auf  das  beziehen,  was  kein  Arbeitserzeugnis  .
’st:  das  Rohmaterial  der  Erde.“  —  Walras  (Theorie  de  la  proprietS  in  den  Ütudes  ‘
"’eeonomie  sociale,  S.  218)  schreibt:  „Auf  Grund  des  natürlichen  Rechtes  ist  der
®oden  das  Eigentum  des  Staates.“  —  Henry  George  (Progress  and  Poverty,
ßuch  VII,  Kap.  I;  S.  297  der  deutschen  Übers,  von  F.  Dobbert  „Fortschritt  und
Wmut“,  Halle/S.  Verlg.  0.  Hendel)  sagt:  „Das  gleiche  Recht  aller  Menschen  auf  die
-Nutznießung  von  Grund  und  Boden  ist  ebenso  klar  wie  das  gleiche  Recht  auf  die  Luft,
c  Ie  wir  einatmen  —  es  ist  ein  Recht,  verbürgt  durch  die  Tatsache  ihrer  Existenz.“
        <pb n="637" />
        614

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

völkerung,  die  sich  hieraus  ergebende  Nachfrage  nach  Nahrungsmitteln
sichern  der  Erde  einen  ins  Endlose  wachsenden  Wert.  Der  Wille,  die  Intelligenz ­
  oder  die  Initiative  des  Besitzers  haben  damit  nichts  zu  schaffen.
Die  Umstände,  das  soziale  Milieu  sind  seine  einzige  Quelle.  Dieser  Wert,
der  aus  der  Gemeinschaft  erwächst,  gehört  ihr;  und  trotzdem  usurpiert
ihn  der  Grundbesitzer  heute  geradeso,  wie  er  im  Anfang  den  Boden  selbst
usurpierte.  Warum  soll  er  nicht  daran  gehindert  werden  ?
„Stellen  wir  uns  vor“,  schreibt  Stuart  Mill,  „daß  es  eine  Art  Einkommen ­
  gäbe,  die  das  Bestreben  hat,  beständig  ohne  jede  Anstrengung
und'ohne  jedes  Opfer  von  seiten  des  Besitzers  größer  zu  werden,  so  daß
diese  Besitzer  in  der  Gemeinschaft  eine  Klasse  darstellen,  die  sich  auf
GrundJdes  natürlichen  Laufes  der  Dinge  fortschreitend  bereichert,  obgleich ­
  sie  eine  absolut  passive  Rolle  spielt.  Es  würde  dann  keine  Verletzung
irgendwelcher  Prinzipien  sein,  auf  denen  das  Privateigentum  beruht,
wenn  der  Staat  sich  diesen  Zuwachs  des  Reichtums  oder  einen  Teil  dieses
Zuwachses,  im  Maße  wie  er  sich  bildet,  aneignet.  Eigentlich  würde  er  niemandem ­
  etwas  nehmen,  sondern  einen  durch  die  Umstände  geschaffenen
Zuwachs  des  Reichtums  nur  zum  Nutzen  der  Gesellschaft  verwenden,
anstatt  ihn  als  einen  unverdienten  Vermögenszuwachs  einer  Sonderklasse
zufließen  zu  lassen.  In  genau  diesem  Fall  befindet  sich  nun  die  Rente“ 1 ).
Gegen  dieses  Argument  scheint  sich  wirklich  nichts  Entscheidendes
einwenden  zu  lassen.  Auf  jeden  Fall  schlug  man  sofort  nach  dem  Erscheinen ­
  des  Werkes  Ricardo’s  die  Konfiskation  der  Rente  zugunsten
des  Staates  vor.
Schon  1821  schrieb  sein  Freund  James  Mill,  daß  der  Staat  mit  vollem
Recht  nicht  nur  die  jetzige  Rente,  sondern  auch  die  zukünftige  Steigerung ­
  der  Bodenrente  für  sich  in  Anspruch  nehmen  können,  um  damit
die  öffentlichen  Ausgaben  zu  decken *  2 ).  Etwas  später  drückten  die  Saint-Simonisten
  den  gleichen  Gedanken  aus 3 ).  Hauptsächlich  war  es  aber  der
Sohn  von  James  Mill,  Stuart  Mill,  der  diesem  Gedanken  anhing.
Schon  in  seinen  Principles  of  Political  Economy  legt  er  den  allgemeinen ­
  Plan  dieser  Reform  dar.  Nach  1870  findet  man  ihn  noch  besser
in  dem  Programm  der  von  ihm  gegründeten  Liga  der  „Land  tenure  Reform
Association“  ausgeführt,  die  seine  Ideen  verbreiten  sollte,  sowie  in  den
Reden  und  Kommentaren,  die  damit  Zusammenhängen 4 ).
*)  Principles,  B.  V,  Kap.  II,  §  ö.
2 )  James  Mill;  Elements  of  Political  Economy,  Kap.  IV,  Abt.  5  (franz.
Übers,  von  1823,  SS.  270—271).  „Diese  fortwährende  Erhöhung  der  Bodenrente,
die  auf  Umständen  beruht,  die  sich  aus  der  Gemeinschaft  ergeben  und  nicht  aus  dem
Tun  und  Lassen  irgendeines  Besitzes,  scheint  nicht  weniger  dazu  geeignet,  in  besonderer
Weise  den  Bedürfnissen  des  Staates  dienstbar  gemacht  zu  werden,  als  das  Einkommen
aus  Boden  in  einem  Lande,  wo  der  Boden  niemals  Privateigentum  gewesen  ist.“
3 )  Vgl.  oben  S.  257.
ä )  Principles  of  Political  Economy,  Bd.  V,  Kap.  II,  §  5.  Vgl.  auch  im  selben
        <pb n="638" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  615

Die  Grundzüge  waren  die  folgenden:  1.  Der  Staat  kann  sich  nur  die
zukünftige  Bodenrente  aneignen,  soweit  sie  sich  nach  der  Durchführung
der  Reform  bildet,  da  die  Eigentümer  ein  Recht  auf  die  bestehende  Rente
erworben  haben.  2.  In  der  Praxis  wird  man  mit  einer  Abschätzung  der
Gesamtheit  des  Bodens  beginnen;  auf  Grund  einer  noch  festzulegenden
Basis  wird  man  dann  in  bestimmten  Zeitabschnitten  den  Wertzuwachs
zu  schätzen  suchen,  der  ihm  in  seiner  Gesamtheit  zugefallen  ist.  Eine
allgemeine  Steuer  würde  dann  gestatten,  diesen  Zuwachs  einzuziehen 1 ).
3.  Damit  kein  Besitzer  sich  für  benachteiligt  halten  könne,  muß  der  Staat
es  ihm  stets  freisteilen,  entweder  die  neue  Steuer  zu  bezahlen,  oder  ihm
seinen  Besitz  zu  dem  Geldpreis  zu  verkaufen,  den  er  dafür  zur  Zeit  der
Einführung  der  Reform  hätte  erhalten  können.
Was  die  sofortige  Nationalisierung  des  Bodens  anlangt,  so  erklärt
sich  Mill  dagegen.  Nicht  daß  er  sie  ungerecht  fände,  im  Gegenteil.  Er
hat  aber  eine  zu  schlechte  Meinung  von  der  Verwaltung  durch  den  Staat
oder  durch  die  Städte,  um  an  die  Nützlichkeit  einer  derartigen  Maßnahme
zu  glauben.  Er  fürchtet,  daß  „viele  Jahre  vergehen  müssen,  bevor  das
vom  Staat  erzielte  Einkommen  genügend  sei,  um  die  Entschädigung
zu  bezahlen,  die  die  enteigneten  Grundbesitzer  mit  Recht  verlangen
können“ 2 ).
Stuart  Mill  verhehlte  sich  nicht,  daß  die  finanziellen  Ergebnisse
der  Reform  ziemlich  gering  und  ihre  sofortige  Tragweite  bescheiden  sein
würden.  Einige  Jahre  später  schlug  ein  anderer  Schriftsteller  eine  viel
radikalere  Maßnahme  vor,  die  eine  wirkliche  soziale  Erneuerung  nach
sich  ziehen  sollte.  Das  Projekt,  das  Henry  George  auf  die  Theorie  der
Rente  aufbaute,  war  in  der  Tat  bestimmt,  das  Elend  abzuschaffen  und
die  Gerechtigkeit  in  der  Güterverteilung  wiederherzustellen.
Henry  George  (1839—1897)  war  kein  Nationalökonom  von  Beruf;
er  war  ein  „self-made-man“,  ein  Autodiktat,  der,  ehe  er  Schriftsteller
wurde,  die  verschiedensten  Beschäftigungen  ausgeübt  hatte.  Mit  16  Jahren
schiffte  er  sich  als  Matrose  ein  und  führte  lange  Zeit  ein  Wanderleben,
bis  er  1861  in  San-Franzisko  als  Setzer  in  eine  Druckerei  eintrat  und  schließlich ­
  Leiter  einer  Zeitung  wurde.  Er  erlebte  den  rapiden  Aufschwung
San-Franziskos  und  der  ganzen  Umgebung,  der  infolge  des  Zuströmens
der  Goldsucher  und  der  landwirtschaftlichen  Inbetriebnahme  Westamerikas ­
  einsetzte.  Er  sah  das  enorme  Wachsen  der  Bodenwerte  unter

Suche,  Kap.  III,  §§  2  und  6.  Siehe  das  Programm  der  Liga  in  Dissertations  and
diseussions,  B.  IV.
*)  Mill  hält  es  für  unmöglich,  auf  jedem  Stück  Land  für  sich  den  Mehrwert,
der  auf  allgemeine  Umstände  zurückzuführen  ist,  von  dem  zu  unterscheiden,  der  auf
den  vom  Besitzer  gemachten  Aufwendungen  beruht.  Deshalb  erscheint  ihm  eine  allgemeine ­
  Steuer  die  einzig  gerechte  Art  und  Weise,  die  Bodenrente  zu  konfiszieren.
2 )  Dissertations  and  diseussions,  Bd.  IV,  S.  256.
        <pb n="639" />
        616

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

diesen  Einflüssen  und  das  Spekulationsfieber,  das  sich  daraus  ergab.
1879  ließ  er  das  Werk  erscheinen,  das  ihn  berühmt  machte,  und  zu  dem
diese  Umstände  den  Anstoß  gegeben  hatten:  Fortschritt  und  Armut
(Progress  and  Poverty) 1 ).
Dies  Buch  erregte  gewaltiges  Aufsehen.  Es  ist  mit  dem  ganzen
Schwung  eines  Journalisten  und  mit  der  Beredsamkeit  eines  Redners
geschrieben.  Man  darf  in  ihm  weder  die  Genauigkeit  noch  die  Schärfe
eines  wissenschaftlichen  Werkes  suchen.  Man  kann  in  ihm  zahlreiche
volkswirtschaftliche  Irrlehren  nachweisen.  Aber  sein  Erfolg  lag  gerade
an  seinem  volkstümlichen  Charakter.  Übrigens  hat  es  sogar  auf  Volkswirtschaftler ­
  einen  großen  Einfluß  ausgeübt,  da  es  das  dargestellte  Phänomen ­
  mit  großer  Schärfe  vor  Augen  stellt *  2 ).  Und  endlich  war  es  der
Ausgangspunkt  einer  politischen  Agitation,  die  noch  heute  nicht  erloschen ­
  ist.
Henry  George  führt  aus,  daß  die  Grundbesitzer  sich  durch  ihr
Monopol  nicht  nur  eines  Teiles,  sondern  der  Gesamtheit  des  Gewinnes
bemächtigen,  den  das  Wachstum  der  Bevölkerung  und  die  Vervollkommnung ­
  der  Produktionsmittel  der  Gemeinschaft  verschafft.  Mit
dem  Fortschritt  der  Zivilisation  wird  der  Unterschied  zwischen  den
Reichen  und  den  Armen  immer  größer.  Während  die  Rente  steigt,  fällt
der  Zinsfuß,  und  der  Lohn  des  Arbeiters  ,sin  kt  auf  das  Existenzminimum
herab.  In  allen  Ländern  sehen  wir  daher  gleichzeitig  die  äußerste  Armut
neben  dem  äußersten  Reichtum  immer  größer  werden,  wie  Äste  desselben
Stammes.
Wie  soll  man  diese  Tatsachen  erklären?
Soll  man  das  Gesetz  Malthus’  und  das  des  sinkenden  Bodenertrages
anklagen?  Soll  man  mit  Malthus,  Ricardo  und  Mill  glauben,  daß
das  Elend  auf  dem  Überhandnehmen  der  Bevölkerung  beruht,  die  schneller
als  die  Menge  der  Nahrungsmittel  zunimmt?  Keineswegs,  antwortete
Henry  George,  denn  die  Erfahrung  zeigt  uns,  daß  überall  der  Reichtum
schneller  als  die  Zahl  der  Arme  wächst,  und  daß  die  gemeinschaftliche
Arbeit  der  Menschen  unter  den  ungünstigsten  Umständen  Wundertaten
verrichtet 3 ).
1)  Es  ist  übrigens  nicht  sein  erstes  Werk.  1871  ließ  er  Our  Land  and  Land
Policy,  1874  The  Land  Question  erscheinen.  Später  veröffentlichte  er  noch  Protection ­
  or  Freetrade  (1886),  worin  er  sich  als  begeisterter  Anhänger  des  Freihandels
zeigt,  und  1891  einen  Offenen  Brief  an  den  Papst  Leo  XIII.  über  die  Lage  der
Arbeiter.  Progress  and  Poverty  wurde  von  Monnier  1887  ins  Französische  übersetzt. ­
  (Die  angeführten  Zitate  sind  der  oben  S.  613  erwähnten  deutschen  Übersetzung
von  F.  Dobbert  entnommen,  Anna.  d.  Übers.)
2 )  Clark  erklärt  in  seinem  Buch  Distribution  of  Wealth,  Henry  Georgedie
  Methode  entlehnt  zu  haben,  mit  der  er  sich  bemüht,  die  einem  jeden  Produktions
faktor  eigentümliche  Produktivität  zu  bestimmen.
3 )  „Zwanzig  Leute  werden  in  einem  von  der  Natur  stiefmütterlich  bedachten
Lande  bei  gemeinschaftlicher  Arbeit  mehr  als  den  zwanzigfachen  Güterbetrag  erzeugen,
        <pb n="640" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  617

Soll  man  mit  den  Sozialisten  die  Ausbeutung  der  Arbeit  durch  das
Kapital  anklagen?  Ebensowenig.  George  betrachtet  im  Gegenteil  diese
beide  Faktoren  als  auf  das  engste  miteinander  verbunden  und  gleichmäßig ­
  von  den  Grundbesitzern  ausgebeutet.  Nach  ihm  kann  der  Mensch
seine  Tätigkeit  nach  Belieben  auf  die  Produktion  von  Kapital  oder  auf
die  von  Arbeit  richten.  Das  Kapital  und  die  Arbeit  sind  zwei  Äußerungen
einer  und  derselben  Kraft:  der  menschlichen  Anstrengung.  Der  Gewinn,
den  man  aus  der  Kapitalbildung,  und  der,  den  man  aus  der  Arbeit  ziehen
kann,  streben  danach,  sich  das  Gleichgewicht  zu  halten;  wenn  sie  es  nicht
täten,  würde  der  Mensch  dazu  kommen,  bald  mehr  Kapital  und  bald  mehr
Arbeit  zu  produzieren,  bis  ihr  Ertrag  von  Neuem  gleich  ist;  die  Höhe  der
Zinsen  und  die  des  Lohnes  können  daher  nicht  im  umgekehrten  Verhältnisse ­
  variieren 1 ).
Aber  wenn  man  weder  das  Zuviel  an  Bevölkerung,  noch  die  Ausbeutung ­
  der  Arbeit  und  des  Kapitals  anklagen  kann,  woher  kommt  dann
die  elende  Lage  des  Arbeiters  ?  —  Einzig  und  allein  von  den  Fortschritten
der  Bodenrente.  —  Und  Henry  George,  der  vorher  gewisse  Theorien
Kicardo’s  so  scharf  angriff,  zieht  hier  aus  der  Lehre  von  der  Bodenrente
ihre  äußersten  logischen  Folgerungen.
Infolge  der  Konkurrenz  zwischen  Arbeitern  und  Kapitalisten,  sagt
uns  George,  werden  Lohn  und  Zins  der  Höhe  nach  bestimmt  durch  den
Ertrag  des  Kapitals  und  der  Arbeit,  die  auf  dem  letzten  in  Anbau  gefrömmenen ­
  Felde  tätig  sind,  das  noch  keine  Rente  liefert.  Das  Monopol
der  Grundbesitzer  gestattet  ihnen,  als  Preis  der  Benutzung  der  anderen
Böden,  alles  das,  was  diesen  Minimalbetrag  übersteigt,  zu  fordern.  Daher
kann  die  Rente  bis  ins  Unendliche  anwachsen.  Denn  die  Grenzen  des  Anhaus ­
  werden  immer  weiter  zurückgedrängt.  In  dem  Maße  wie  die  Bevölkerung ­
  wächst,  in  dem  Maße  wie  ihre  Bedürfnisse  immer  ausgedehnter  und

aen  ein  einzelner  Mensch  im  fruchtbarsten  Lande  hervorbringen  kann“  (S.  132).  Vgl.
das  ganze  zweite  Buch,  das  sich  gegen  die  Theorie  Malthus  richtet.
T  „Kapital  und  Arbeit  sind  nur  verschiedene  Formen  desselben  Dinges:  der
Menschlichen  Anstrengung  (human  exertion).  Das  Kapital  wird  durch  die  Arbeit
hervorgebracht;  es  ist  in  der  Tat  nichts  als  Arbeit,  die  in  einem  Stoffe,  einem  Produkte
a afgehäuft  ist  .  .  .  Die  Verwendung  von  Kapital  in  der  Produktion  ist  demnach  nur
eine  Form  von  Arbeit..  .  Daher  bewirkt  das  Prinzip,  welches  unter  Umständen,  die  eine
freie  Konkurrenz  möglich  machen,  dahin  führt,  daß  die  Löhne  in  den  verschiedenen
Branchen  sich  ausgleichen,  und  der  Gewinn  sich  im  Wesentlichen  gleichmäßig  gestaltet,
~~  das  Prinzip,  daß  die  Menschen  ihre  Bedürfnisse  mit  dem  geringsten  Kraftmaße  zu
efriedigen  suchen  —  dieses  Prinzip  also  bewirkt  auch,  daß  ein  Gleichgewicht  zwischen
Lohn  und  Zins  hergestellt  und  erhalten  wird  ...  Und  wenn  das  festgestellt  ist,  so  leuchtet
es  ein,  daß  Zinsfuß  und  Lohn  zusammen  steigen  und  fallen  müssen,  und  daß  der  Zinsfuß
frfrht  steigen  kann,  ohne  daß  er  auch  den  Lohn  hebt,  noch  der  Lohn  sinken  kann,  ohne
au eh  den  Zins  herabzudrücken“  (Ebenda,  Bd.  III,  Kap.  V,  S.  174—175).  Es  ist  unnötig,
f-af  die  Kindlichkeit  dieser  Auffassung  der  Beziehungen  zwischen  Lohnsatz  und  Zinsfuß
inzu  weisen.
        <pb n="641" />
        618

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

mannigfaltiger  werden,  in  dem  Maße  wie  die  technischen  Fortschritte
in  ihrer  Vervollkommnung  dazu  gelangen,  immer  mehr  Arme  frei  zu
setzen,  kommt  man  dazu,  auf  mehr  Felder  und  infolgedessen  auf  weniger
ergiebige  Felder  zurückgreifen  zu  müssen.  Daraus  ergibt  sich  für  die
früher  bewirtschafteten  Felder  eine  immer  höhere  Kente.  Deshalb  ergeben
die  Fortschritte  der  Zivilisation  unter  allen  ihren  Formen  immer  dasselbe ­
  Resultat,  ziehen  stets  dieselbe  und  identische  Wirkung  nach  sich:
die  Steigerung  der  Bodenrente  zum  immer  größeren  Gewinn  der  Grundbesitzer ­
 1 ).
„Hier  ist  ein  kleines  Dorf,“  sagt  Henry  George,  „in  zehn  Jahren
wird  es  eine  große  Stadt  sein;  in  zehn  Jahren  wird  die  Eisenbahn  die
Postkutsche,  das  elektrische  Licht  die  Kerze  verdrängt  haben;  der  Ort
wird  dann  überreich  mit  all  den  Erfindungen  und  Maschinen  versehen
sein,  die  die  effektive  Arbeitskraft  so  ungeheuer  vervielfältigen.  Wird  in
zehn  Jahren  der  Zinsfuß  höher  sein  als  jetzt?  —  Nein.  —  Wird  der  durchschnittliche ­
  Arbeitslohn  höher  sein?  —  Nein.  —  Was  wird  denn  höher
sein?  —  Die  Bodenrente,  der  Wert  des  Landes.  Geh  und  erwirb  Dir  bald-*)

  Diese  Theorie  der  Güterverteilung,  deren  fast  kindliche  Einfachheit  genügen
müßte,  um  Mißtrauen  zu  erwecken,  wird  von  Henry  George  im  V.  Buch,  Kap.  II,
wie  folgt  zusammengefaßt:  „Nach  jeder  Richtung  hin  hat  die  zunehmende  Zivilisation
die  unmittelbare  Tendenz,  die  Kraft  der  menschlichen  Arbeit  zur  Befriedigung  menschlicher ­
  Bedürfnisse  zu  erhöhen,  die  Armut  auszurotten  und  den  Mangel  samt  der  Furcht
davor  zu  bannen....  Aber  dennoch  kann  die  Arbeit  nicht  die  Früchte  der  zunehmenden
Zivilisation  ernten,  weil  ihr  dieselben  vorenthalten  werden.  Da  die  Benutzung  des
Landes  für  die  Arbeit  unumgänglich  nötig  ist,  dasselbe  sich  aber  in  Privatbesitz  befindet:
so  erhöht  jede  Vermehrung  der  produktiven  Arbeitskraft  nur  die  Bodenrente,  —  d.  hden
  Preis,  welchen  die  Arbeit  für  die  Gelegenheit  zahlen  muß,  ihre  Kraft  betätigen  zu
können;  und  so  kommen  alle  durch  den  materiellen  Fortschritt  geschaffenen  Vorteile
nur  den  Grundeigentümern  zugute,  und  der  Arbeitslohn  steigt  nicht“  (op.  cit.  B.  V,
Kap.  II,  SS.  248—249).  Henry  George  behauptet  übrigens  nicht,  daß  der  wirkliche
Lohn  fällt;  denn  die  technischen  Fortschritte  können  es  ermöglichen,  am  neuen  Kulturrande ­
  ebensoviel,  wie  am  alten  zu  produzieren.  Doch  wird  dieser  Erfolg  höchstens
dem  Kapital  und  der  Arbeit  gestatten,  ihre  frühere  Entlohnung  aufrecht  zu  erhalten;
er  wird  ihnen  aber  nicht  gestatten,  wirklich  am  Fortschritt  teilzunehmen,  so  daß  man
sagen  kann,  Lohn  und  Zinsen  sind,  verglichen  mit  der  Bodenrente,  gefallen.  „Wenn
ich  sage:  der  Lohn  fällt,  wie  die  Rente  steigt,  so  meine  ich  damit  nicht,  daß  das  Quantum
von  Gütern,  das  die  Arbeiter  als  Lohn  erhalten,  gerade  kleiner  werden  müsse,  sondern
daß  es  einen  kleineren  Teil  Von  dem  ganzen  Ertrage  ausmachen  muß.  Der  Lohn  kann
ein  geringer  Bruchteil  werden,  während  das  Ganze  des  Ertrages  gleich  bleibt  oder  g ar
wächst“  (op.  cit.,  B.  III,  Kap.  VI  S.  191,  vgl.  auch  B.  IV,  Kap.  III).  Henry  Georg®'
wie  Ricardo  und  viele  Sozialisten  (Lassalle,  Rodbertus),  werfen  zwei  verschiedene
Probleme  durcheinander:  das  des  Preises  der  produktiven  Dienste  und  das  der  p r °'
portioneilen  Verteilung  der  Produkte  unter  die  Produktionsfaktoren  (siehe  oben,
S.  470).  George  fügt  jedoch  an:  daß  die  Spekulation,  indem  sie  die  Grenzen  des  Anbau
über  den  Punkt  hinaustreibt,  an  dem  die  Verminderung  der  Produktivität  durch
technische  Fortschritte  ausgeglichen  wird,  manchmal  sogar  den  wirklichen  Lohn
des  Arbeiters  verringern,  und  folglich  seine  Lage  nicht  nur  relativ,  sondern  auch  absoiu
verschlechtern  kann  (B.  IV,  Kap.  IV).
        <pb n="642" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  619

möglichst  daselbst  ein  Grundstück  und  halte  es  fest  ...  Ihr  könnt  Euch
niedersetzen  und  Eure  Pfeife  rauchen.  Ihr  könnt  Euch  in  die  Sonne
legen,  wie  die  Lazzaroni  Neapels  oder  die  Leprakranken  Mexiko’s  tun.
Ihr  könnt  in  einem  Luftballon  herumsegeln  oder  Euch  in  einer  Erdhöhle
verkriechen.  Ohne  die  geringste  Arbeit  zu  verrichten,  ohne  ein  Jota  von
Gütern  dem  Gesamtbestand  hinzuzufügen,  werdet  Ihr  in  zehn  Jahren
ein  reicher  Mann  sein.  In  der  neuen  Stadt  werdet  Ihr  ein  prächtiges  Haus
bewohnen  können,  aber  unter  den  öffentlichen  Gebäuden  derselben  wird
es  ein  Armenhaus  geben“ 1 ).
Daher  ist  für  Henry  George  die  Bodenrente  nicht  nur,  wie  für
Stuart  Mill,  ein  Einkommen,  das  sich  besonders  dazu  eignet,  besteuert
zu  werden:  es  ist  die  eigentliche  Wurzel  aller  sozialen  Übel.  Schafft  die
Rente  ab,  und  ihr  schafft  die  Armut  ab,  die  Ungleichheit  des  Besitzes,
ja  sogar  die  Krisen,  die  er  einzig  auf  die  Bodenspekulation  zurückführt.
Hiervon  ausgehend  genügt  es  ihm  auch  nicht,  das  zukünftige  Wachstum
der  Rente  zu  treffen.  Die  verderblichen  Folgen  des  Privilegiums  der  Besitzer ­
  würden  bestehen  bleiben,  wenn  man  ihnen  den  Genuß  der  jetzigen
Renten  überließe.  Daher  muß  die  ganze  jetzt  bestehende  Rente  weggesteuert ­
  werden 2 ).  Diese  Steuer  würde  genügen,  um  alle  Staatsausgaben
zu  bestreiten,  und  würde  alle  anderen  Steuern  überflüssig  machen.  Hiermit
kommen  wir  zu  der  single  tax,  der  Einheitssteuer  auf  den  Grundbesitz  ...
Und  so  ist,  —  ein  merkwürdiger  Rücklauf  in  der  Geschichte  der  Doktrinen,
—  die  Schlußfolgerung  Henry  George’s  dieselbe  wie  die  der  Physiokraten!

Gegen  das  System  Henry  George’s  erheben  sich  vom  Standpunkte
der  Ökonomik  undlvon  dem  der  Gerechtigkeit  aus  recht  schwerwiegende
Bedenken.  Volkswirtschaftlich  ist  es  klar,  daß  das  Eigentum  am  Boden
dem  Besitzer  den  Vorteil  eines  mögüchen  Mehrwertes  verleiht.  Es  ist  aber
nicht  nachgewiesen'(und  die  These  Henry  George’s  ist  in  diesem  Punkte
unhaltbar),  daß  dieser  Mehrwert  den  ganzen  Vorteil  des  sozialen  Fortschritts ­
  aufzehrt.  Es  ist  kindlich,  in  dem  Wachstum  der  Bodenrente  die
einzige  Ursache  des  Elends  zu  sehen,  und  von  der  Konfiskation  der  Rente
die  Beseitigung  des  Elends  zu  erwarten.
Vom  rechtlichen  Gesichtspunkt  aus  liegt  es  auf  der  Hand,  daß,  wenn
Henry  George  eine  Ungerechtigkeit  abschafft,  er  sie  durch  eine  andere
e rsetzt.  Den  jetzigen  Rentenbesitzern  die  Rente,  die  sie  erheben,  ohne
Entschädigung  wegnehmen,  bedeutet  einfach,  sie  der  Vorteile  zu  berauben, ­
  die  viele  von  ihnen  sich  durch  ihre  Arbeit  und  Sparsamkeit  mühsam ­
  erworben  haben.  Denn  heute  wird  der  Boden  gekauft  und  nicht
ni  ehr  durch  Okkupation  angeeignet.  Da  sich  heute  fortwährend  Boden
*)  Fortschritt  und  Armut,  SS.  259—260,  B.  V,  Kap.  II.j
2 )  Selbstverständlich  wird  man  den  Besitzern  das  lassen,  was  in  ihrem  Einkommen
Zinsen  der  Kapitalien  vorstellt,  die  von  ihnen  in  den  Boden  gesteckt  worden  sind.
        <pb n="643" />
        620

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

gegen  Kapital  und  umgekehrt  austauscht,  kann  man  das  Einkommen
aus  Grundbesitz  nicht  als  illegitim  belasten,  während  man  dasjenige  der
anderen  Kapitalien  respektiert.  Die  Konfiskation  ist  nur  mit  Hinsicht
auf  den  ersten  Besitzergreifer  zu  rechtfertigen.  Wie  viele  davon  bleiben
aber  noch  übrig?
Und  weiterhin,  wenn  man  dem  Grundbesitzer  die  Rente  nimmt,
die  auf  dem  Fortschritt  der  Zivilisation  beruht,  so  muß  man  ihn,  um
gerecht  zu  sein,  auch  für  jede  Wertminderung,  die  ihn  ohne  sein  Verschulden
trifft,  entschädigen.  Stuart  Mill  sah  diesen  Einwurf  voraus 1 )  und  gab
dem  Besitzer,  der  mit  der  Zahlung  der  Steuer  unzufrieden  ist,  das  Recht,
dem  Staat  das  Gut  zu  dem  Verkehrs  werte  zu  verkaufen,  den  es  zur  Zeit
der  Einführung  der  Reform  hatte 2 ).  Hieran  hat  Henry  George  aber  nicht
gedacht.  Es  ist  wahr,  daß  nach  seiner  Ansicht  eine  Wertverminderung
durchaus  außergewöhnlich  sein  würde,  denn  der  Mehrwert  des  Bodens
erscheint  ihm  ebenso  sicher,  wie  die  bestbegründeten  Gesetze  der  Physik.
Wenn  sich  das  System  Mill’s  auch  in  gemäßigterer  Form  als  das
Henry  George’s  darstellt,  so  ist  es  doch  ebenfalls  nicht  gegen  jeden
Einwurf  geschützt.  Der  Gedanke,  der  ihm  und  Henry  George  gemeinsam
ist,  der  des  unearned  increment,  fordert  eine  doppelte  Kritik  heraus;
die  der  Sozialisten  und  die  der  bürgerlichen  Ökonomisten.
Ihr  wollt,  sagen  die  Sozialisten,  das  arbeitslose  Einkommen  abschaffen? ­
  Ausgezeichnet!  Warum  aber  wollt  ihr  dann  nicht  auch  die
Kapitalzinsen  abschaffen  ?  Sind  sie  nicht,  ebenso  wie  die  Pacht,  ein  nicht
erworbenes  Einkommen?  Kostet  den  Kapitalisten  die  Dividende,  die  er
einstreicht,  mehr  Arbeit  als  den  Grundbesitzer  die  Rente  ?  Genau  wie  ihr,
beabsichtigen  auch  wir  das  arbeitslose  Einkommen  zu  vernichten,  aber,
logischer  als  ihr,  haben  wir  den  Mut,  es  in  allen  seinen  Formen  zu  vernichten. ­
  —  Stuart  Mill  und  seine  Anhänger  sind  hiergegen  nicht  völlig
wehrlos,  denn  in  ihren  Augen  sind  die  Zinsen  eine  gerechtfertigte  Entlohnung,
wenn  nicht  der  Arbeit,  so  doch  der  Abstinenz  des  Kapitalisten.  Die  Zinsen
*)  Mili»  schreibt:  „Die  Antwort  (auf  obigen  Einwurf)  ist,  daß  das  Recht,  den
Boden  zu  einem  Preis  aufzugeben,  in  dem  man  die  beiden  Möglichkeiten  (Gewinn  und
Verlust)  in  Rechnung  setzt,  das  Gleichgewicht  wieder  herstellt.  „Der  Staat“,  fügt
er  hinzu,  würde  hierbei  nichts  verlieren,  „denn  jedes  Sinken  des  Wertes  an  einer  Stelle
(insoweit  es  nicht  durch  ein  allgemeines  Sinken  des  Wohlstandes  verschuldet  wird),
bedingt  ein  entsprechendes  Steigen  an  einer  anderen  Stelle,  ein  Steigen,  dessen  Vorteil
dem  Staat  zugute  kommen  würde“  (Dissertations  and  discussions,  B.  IV  S.  294
und  295).
")  Doch  weist  Einaudi  in  seinen  ausgezeichneten  Studi  sugli  effetti  delle
imposte  S.  125  (Turin  1902)  darauf  hin,  daß  dieses  Prinzip  der  Entschädigung  auf
Grund  von  Verlusten  „unmittelbar  zu  einer  staatlichen  Garantierung  der  Werte  führen
würde,  eine  Garantie,  deren  Zulässigkeit  zum  wenigsten  diskutierbar  ist“.  Und  an
zweiter  Stelle  macht  er  darauf  aufmerksam,  daß  die  Rückzahlung  oft  zu  Händen  einer
anderen  Person  geschehen  würde,  als  der,  die  die  Steuern  gezahlt  hat,  im  Falle  das
Besitztum  in  der  Zwischenzeit  den  Besitzer  gewechselt  hat.
        <pb n="644" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  621
sind  der  Gegenwert  dieses  Opfers 1 ).  —  Doch  die  Sozialisten  lassen  sich
nicht  überzeugen.  Sie  weigern  sich,  die  durchaus  negative  Anstrengung
des  Kapitalisten  und  die  positive  Tätigkeit  des  Arbeiters  gegeneinander
aufzurechnen.  Die  meisten  von  ihnen  haben  auch  mit  ihrem  Spott  über  die
Furchtsamkeit  Mill’s  und  seiner  Freunde  nicht  gekargt.
Und  nun  die  bürgerlichen  Ökonomisten!  Ihr  findet,  sagen  sie,  die
Bodenrente  ungerechtfertigt,  weil  der  Fortschritt  der  Gesellschaft  mehr
als  die  Arbeit  des  Besitzers  daran  beteiligt  ist?  Gegen  welches  Einkommen ­
  kann  aber  eine  derartige  Kritik  nicht  erhoben  werden?  Liegt
nicht  allen  Einkommen  ein  durchaus  soziales  Element  zugrunde,  eben
das,  das  auch  die  Bodenrente  geschaffen  hat:  die  Nachfrage  nach  Gütern?
Das  Wachstum  der  sozialen  Nachfrage  bringt  dem  Kapital  wie  dem  Boden,
und  der  Arbeit  wie  dem  Kapital  unerwartete  und  manchmal  sehr  hohe
Einkünfte.  Hat  die  Entwicklung  der  Nationalökonomie  nicht  nach  und
nach  das  Bestehen  einer  Menge  von  Renten  zu  unserer  Kenntnis  gebracht,
die  sich  von  der  Bodenrente  nur  durch  ihr  kürzere  Dauer  unterscheiden?
War  das  Vermögen  des  berühmten  Buckligen  der  Rue  Quincampoix 2 )
zur  Glanzzeit  des  Systems  Law  weniger  eine  Wirkung  der  Umstände,
als  das  des  Herzogs  von  Westminster,  des  Besitzers  ausgedehnter  Wohnviertel ­
  in  London?  Ist  der  Mehrwert,  den  die  alten  Kapitalien  durch  das
Sinken  des  Zinsfußes  erhalten,  in  seinen  Ursprüngen  weniger  gesellschaftlich ­
  verursacht,  als  der  Zuwachs  des  Bodenwertes  unter  dem  Einfluß
einer  wachsenden  Bevölkerung?  Das  unearned  increment!  Überall
findet  es  sich  in  den  modernen  Gesellschaften,  denn  die  Gesellschaft
verteilt  die  Einkommen  nicht  wie  ein  Schullehrer,,  der  den  fleißigsten
und  bravsten  Schüler  belohnt.  Die  Gesellschaft  zahlt  für  die  seltensten
Dienste  eine  Prämie,  ohne  sich  darum  zu  kümmern,  ob  sie  Opfer  gekostet
*)  Über  die  Unterscheidung  zwischen  der  Berechtigung  des  mobilen  und  immobilen ­
  Eigentums  vgl.  Stuart  Mill,  Principles,  B.  II,  Kap.  II,  §  1  und  Henry
George,  Fortschritt  und  Armut,  B.  VII,  Kap.  I.  „Die  Einrichtung  des  Eigentums,
Stuart  Mill  an  dieser  Stelle,  „besteht,  wenn  man  es  auf  seine  hauptsächlichsten
Bestandteile  zurückführt,  in  der  Anerkennung  des  Hechtes  einer  jeden  Person,  ausschließlich ­
  über  die  Dinge  zu  verfügen,  die  sie  durch  ihre  eigene  Anstrengung  erzeugt
hat,  oder  die  sie  von  denen,  die  sie  erzeugt  haben,  sei  es  als  Geschenk,  sei  es  auf  Grund
eines  Vertrages,  ohne  Gewalt  oder  Betrug  erhalten  hat.“  Eine  derartige  Definition
bedeutet  allerdings  die  Unrechtmäßigkeit  des  Grundbesitzes.  —  Die  Definition  Henry
George’s  ist  eine  Wiederholung  der  von  Mill.  Er  nimmt  das  Haus  als  von  dem  Grund
nnd  Boden,  auf  dem  es  steht,  unterschieden  an,  und  findet  das  Besitzrecht  am  Hause
berechtigt,  das  am  Grund  und  Boden  unberechtigt.
’)  Zur  Zeit,  als  das  System  Law’s  auf  seinem  Höhepunkt  stand  und  ganz  Paris
die  Türen  der  Bank  Law’s  in  der  rue  Quincampoix  bestürmte,  um  Aktien  seiner  „Com-P
 a gnie  d’Oecident“  zu  zeichnen  (die  sich  mit  der  Ausbeutung  Kanadas  und  des  Mississippiteles
  befassen  sollte),  erwarb  ein  kleiner  Buckliger  in  wenigen  Wochen  ein  bedeutendes
Vermögen,  indem  er  weiter  nichts  tat,  als  seinen  Buckel  gegen  Entgelt  als  Tisch  beim
AusfüUe n  und  Unterschreiben  der  Zeichnungsformulare  herzugeben  (Anm.  d.  Übers.).
        <pb n="645" />
        622

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

haben  oder  nicht,  und  sie  tut  dies  nur  zu  dem  Zwecke,  das  stärkere  Bedürfnis
auszudrücken,  das  sie  nach  diesen  Diensten  hat.  Mit  welchem  Recht
kann  man  daher  eine  einzige  dieser  Renten  herausgreifen  ?  Entweder  muß
man  sie  alle  konfiszieren  oder  keine.
Stuart  Mill  hat  schon  die  einzig  mögliche  Antwort  auf  diese  Argumente ­
  gegeben:  daß  nämlich  keine  der  angeführten  Renten  die  Dauer
oder  die  Allgemeinheit  der  Bodenrente  hat 1 ).  Die  Antwort  erschien  stark
genug,  um  eine  lebhafte  Bewegung  zugunsten  einer  teilweisen  Anwendung
der  Ideen  George’s  und  Mm’s  zu  rechtfertigen.
Zahlreiche  Vereine  sind  in  England,  in  Amerika  und  Australien  um
das  Jahr  1880  gegründet  worden,  um  das,  was  die  Anhänger  Henry
George’s  seine  „erhabenen  Wahrheiten“  nennen,  zu  verbreiten.  Ihr
Einfluß  ist  seit  einigen  Jahren  bedeutend  gesunken.  Dagegen  sind  häufig
Versuche;  gemacht  worden,  um  den  Mehrwert  des  Bodens,  hauptsächlich
in  den  großen  Städten *  2 ),  durch  besondere  Steuern  zu  treffen.  In  Frankreich ­
  gestattet  schon  seit  1807  ein  Gesetz,  von  den  Grundbesitzern,  deren
Gelände  von  großen  öffentlichen  Arbeiten  berührt  wird,  eine  Sonderentschädigung ­
  zu  erheben,  wenn  diese  Arbeiten  für  sie  einen  Mehrwert  bedeuten ­
  sollten 3 ).  Es  wird  aber  selten  angewendet.  In  London  besteht
das  gleiche  Prinzip  seit  dem  17.  Jahrhundert,  war  aber  ebenfalls  außer
Gebrauch  gekommen 4 ).  Heute  erfreut  sich  der  Gedanke  im  Gegenteil
in  England  und  Deutschland  großer  Beliebtheit.  Es  sind  zahlreiche  Vorschläge ­
  gemacht  worden,  um  besonders  den  Mehrwert  des  unbebauten

4 )  Mill,  Dissertations  and  Discussions,  B.  1Y,  S.  298.
2 )  Besonders  in  England  sind  seit  zehn  Jahren  zahlreiche  derartige  Projekte
vorgelegt  und  vor  parlamentarischen  Kommissionen  diskutiert  worden.  In  dem  oben
angeführten  Werke  Einaudi’s  sind  sie  in  scharfsinniger  Weise  erörtert  worden,  wie
auch  in  einem  Aufsatz  Edgeworth’s  im  Economic  Journal  vom  Jahre  1906,  der
Recent  Schemes  for  rating  urban  land  values  betitelt  ist.
3 )  Der  Artikel  30  des  Gesetzes  vom  16.  Sept.  1807  besagt:  „Wenn  infolge  von
Arbeiten,  die  im  vorliegenden  Gesetz  schon  aufgeführt  worden  sind,  wenn  zur  Öffnung
neuer  Straßen,  zur  Bildung  neuer  Plätze,  .  .  .  zur  Konstruktion  von  Kaianlagen  oder
für  irgendwelche  anderen  öffentlichen  Arbeiten  .  .  .,  Privatbesitz  eine  auffällige  Wert-Steigerung
  erfahren  hat,  kann  solcher  Besitz  zur  Zahlung  einer  Entschädigung  herangezogen ­
  werden,  die  bis  zur  Hälfte  der  so  Von  ihm  erworbenen  Vorteile  gehen  darf.“
Doch  sind  die  Anwendungen  dieses  Prinzips  ziemlich  selten  gewesen.  BerthelemY
(Traitö  ölömentaire  de  Droit  administratif,  1908,  S.  624)  zählt  nur  etwa  20  Fälle
im  ganzen  Verlauf  des  19.  Jahrhunderts  auf.
ä )  Seligmann  (Essays  on  Taxation,  5.  Ausg.  S.  341)  führt  ein  englisches  Gesetz
von  1662  über  die  Verbreiterung  gewisser  Straßen  in  Westminster  an,  in  dem  dieser
Grundsatz  klar  ausgedrückt  ist.  Als  aber  1890  ein  Gesetzentwurf  eingebracht  wurde,
um  diesen  Grundsatz  bei  gewissen  Arbeiten  in  London  zur  Anwendung  zu  bringen,
wurde  er  heftig  bekämpft.  Erst  1895  wurde  er  von  neuem  anerkannt  und  in  dem  Gesetz
vom  gleichen  Jahre  über  den  Bau  der  großen  Towerbrücke  in  London  angewendet.  —
In  Amerika  wird  der  Grundsatz  häufig  unter  dem  Namen  „special  assessments“  oder
„betterment“  angewendet.
        <pb n="646" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  623

städtischen  Geländes  zu  besteuern,  und  einige  davon  sind  verwirklicht
worden.  In  dem  vielbesprochenen  englischen  Budget  von  1909,  das  zu
dem  großen  Verfassungskonflikt  zwischen  dem  Oberhaus  und  der  liberalen
Regierung  Anlaß  gab,  war  eine  diesbezügliche  Bestimmung  einer  der
Punkte,  die  am  meisten  Widerspruch  hervorriefen!  Was  die  Volkswirtschaftler ­
  anlangt,  so  sind  sie  über  die  Nützlichkeit  dieser  Steuern  sehr
geteilter  Meinung.  In  Deutschland  hat  die  Anwendung  einer  Wertzuwachssteuer ­
  in  einigen  Städten  erst  kürzlich  in  Zeitschriften  und  Büchern
heftige  Debatten  hervorgerufen,  die  aber  die  kaiserliche  Regierung  nicht
gehindert  haben,  das  Prinzip  dieser  Steuern  1911  durch  ein  Reichsgesetz
testzulegen.
In  Frankreich  haben  diese  Ideen  weniger  Widerhall  erweckt.  Auf
der  einen  Seite  ist  hier  der  Grundbesitz  viel  gleichmäßiger  gestückelt
als  in  England;  die  Rente  verteilt  sich  daher  unter  eine  viel  größere  Anzahl ­
  von  Personen  und  ruft  deshalb  weniger  Gegnerschaft  hervor.  Auf
der  anderen  Seite  hat  sich  das  Problem  dank  des  so  langsamen  Wachstums
der  französischen  Bevölkerung  sogar  in  den  Städten,  mit  Ausnahme  von
Paris,  nicht  mit  der  gleichen  Schärfe  gestellt,  wie  in  Deutschland,  wo  die
Arbeiterbevölkerung  einen  immer  größeren  Teil  ihres  Lohnes  von  der
•^ete  aufgezehrt  sieht.  Jedoch  in  Frankreich  wie  in  anderen  Ländern
steht  dieser  Punkt  auf  der  Tagesordnung  und  muß  früher  oder  später  seine
Lösung  finden.
Der  Krieg  hat  auch  hier  viele  Ängstlichkeiten  beseitigt.  Die  Bemühung
tast  aller  kriegführenden  Staaten,  die  Kriegsgewinne  zu  erfassen  und  anzueignen,
  hat  zahlreiche  neueMethoden  ausgebildet  um  die  „Bereicherung“
der  Steuerpfüchtigen  (auch  in  bezug  auf  ihr  Kapital)  zu  schätzen,  indem
üian  von  einem  als  Basis  genommenen  Jahre  ausgeht.  Die  deutsche
Ariegssteuer  bietet  einen  besonders  schlagendes  Beispiel  dafür.

§  3.  Systeme  der  Nationalisierung  des  Bodens.
Die  Systeme,  von  denen  wir  jetzt  zu  sprechen  haben,  begnügen  sich
icht  damit,  einen  Teil  des  Einkommens  aus  Bodenrente  zu  konfiszieren.
le  verlangen  den  Heimfall  des  Bodens  selbst  an  den  Staat.
Anscheinend  sind  sie  radikaler  als  die  im  Vorhergehenden  besprochenen
ysteme  —  zum  wenigsten  als  das  System  Stuart  Mill’s.  In  Wirklichst ­
  beruhen  sie  auf  einem  viel  einfacheren  Prinzip.  Wie  Mill,  schlagen
jFich  die  Anhänger  der  Nationalisierung  vor,  dem  Staat  den  Mehrwert
es  Rodens  vorzubehalten;  wie  er,  glauben  sie  an  die  Dauer  und  die  Behäbigkeit ­
  dieses  Mehrwerts;  wie  er,  behaupten  sie  das  Urrecht  der  Geschäft ­
  auf  den  Besitz  des  Bodens.  Sie  betonen  aber  besonders,  daß  sie
en  gegenwärtigen  Besitzern  nichts  nehmen  wollen.  Sie  unterscheiden
        <pb n="647" />
        624

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

in  den  Einkommen  dieser  Besitzer  nicht,  was  verdient  und  was  nicht
verdient  ist,  „earned“  oder  „unearned“:  sie  lassen  es  als  Ganzes  als
gerechtfertigt  gelten.  Sie  wollen  nicht  wie  Mill  dem  Grundbesitz  zurufen:
bis  hierher  und  nicht  weiter!  Sie  schlagen  ganz  einfach  eine  Enteignung  i
aus  Gründen  des  öffentlichen  Nutzens  vor,  eine  Enteignung,  die  übrigens
mit  allen  nur  möglichen  Garantien  umgeben  wird,  und  in  der  eine  Entschädigung ­
  die  Grundbesitzer  nicht  nur  für  den  Verlust  ihres  jetzigen
Einkommens,  sondern  auch  für  den  Verlust  des  zukünftigen  Einkommens,
auf  das  sie  hätten  rechnen  können,  schadlos  hält.  Was  kann  einfacher
und  gerechter  sein?
Das  praktische  Interesse  derartiger  Systeme  ist  natürlich  von  sehr
geringer  Bedeutung.  Solche  tiefgehende  Umwälzungen  des  Grundbesitzes
sind  in  alten  Ländern  nur  in  Revolutionszeiten  möglich,  und  Revolutionen
werden  nicht  leichten  Herzens  und  ohne  zwingende  Notwendigkeit  unternommen. ­
  Nun  haben  aber  gerade  all  die  großen,  seit  einem  Jahrhundert
eingetretenen  Umwandlungen  des  Großgrundbesitzes  (in  Frankreich
während  der  Revolution,  in  Rußland  bei  der  Aufhebung  der  Leibeigenschaft,
in  Irland  seit  etwa  30  Jahren)  alle  den  Zweck  gehabt,  den  persönlichen
Besitz  nicht  zu  begrenzen,  sondern  im  Gegenteil,  ihn  zu  stärken  und  sogar
zu  schaffen.  Noch  heute  beschäftigt  man  sich  in  Rußand,  von  StoltpiN  !
bis  zu  den  Bolschewisten,  gerade  mit  dieser  Aufgabe.  Für  die  Nationalisierung ­
  haben  diese  Vorgänge  wenig  Ermutigendes!  —  Vielleicht  liefern
die  neuen  Länder  ein  besseres  Versuchsfeld.  Vielleicht  wird  es  dort  leichter
sein,  dem  Staat  die  Hauptrolle  vorzubehalten.  In  Wirklichkeit  denkt
man  aber  gerade  dort  am  wenigsten  daran,  weil  die  Mißbräuche  des  Grund'
grundeigentums  dort  noch  nicht  Zeit  gehabt  haben,  sich  fühlbar  zu  machen.  j
Dieser  utopistische  Charakter  der  Systeme,  die  wir  jetzt  untersuchen,
enthebt  uns  der  Aufgabe,  auf  die  Einzelheiten  der  Organisation  einzugehen,
die  nach  Durchführung  der  Reform  einzuführen  wären,  Einzelheiten,  die
die  Anhänger  der  Nationalisierung  manchmal  recht  eingehend  auszumalen
lieben.
Es  ist  aber  interessant,  sowohl  die  Ideen,  in  deren  Namen  man  diesen  -
Rücklauf  verlangt,  wie  auch  die  wirtschaftlichen  Vorgänge,  die  ihn  verwirklichen ­
  sollen,  zu  studieren.  Die  in  dieser  Hinsicht  bemerkenswertesten
Systeme  sind  die  von  Gossen  und  Walras.  Das  erste  ist  in  einem  sehr  j
merkwürdigen  Werke  dargelegt:  Die  Entwicklung  der  Gesetze  des
menschlichenVerkehrs;das  zweite  wird  in  einer  Denkschrift  entwickelt
die  der  Verfasser  1880  der  Waadtländischen  Gesellschaft  der  Naturwissenschaften ­
  vorlegte.  Beide  enthalten  allgemeine  Gedanken,  aus  denen  der
Volkswirtschaftler  großen  Nutzen  ziehen  kann.  Zum  Schluß  werden  v'ü
in  einigen  Worten  von  den  Schriftstellern  sprechen,  die  im  Rückka 11
hauptsächlich  das  Mittel  sehen,  allen  „freien  Boden“  anzubieten.
        <pb n="648" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  nnd  ihre  Anwendungen.

625

a)  Das  Buch  Gossen’s  erschien  1853 1 ).  Ein  interessantes  Zusammentreffen ­
  ließ  in  Deutschland  fast  im  gleichen  Augenblick,  in  dem  Bastiat
in  Frankreich  und  Carey  in  Amerika  zwei  Systeme  ausgesprochen  optimistischer ­
  Volkswirtschaftslehre  schufen,  in  Gossen  einen  noch  überzeugteren ­
  Optimisten  erstehen,  der  zudem  auf  jeden  Fall  viel  wissenschaftlicher
zu  Werke  ging.  Gossen  denkt,  wie  die  Physiokraten,  daß  die  Vorsehung
die  soziale  Welt  wohltätigen  Gesetzen  unterstellt  hat,  deren  Kenntnis
und  Befolgung  genügt,  um  glücklich  zu  werden.  Diese  Gesetze  sind  die  des
»Genusses“,  heute  würden  wir  sagen  der  Nützlichkeit  oder  der  Ophelimität,
  und  zwar  sind  diese  Gesetze  so  vortrefflich,  daß  es  genügt,  wenn  der
Mensch  sein  eigenes  Glück  verfolgt,  um  zur  gleichen  Zeit  zum  größten
Glück  der  ganzen  Gesellschaft  beizutragen.  Bei  Gossen  finden  wir  schon,
in  einer  bemerkenswert  genauen  Form,  die  sich  auf  eine  höchst  geistreiche ­
  Analyse  der  Bedürfnisse  stützt,  das  hedonistische  Theorem  vom
Maximum  der  Ophelimität  —,  nach  dem  die  Individuen,  indem  ein  Jedes
der  Befriedigung  seiner  Wünsche  nachstrebt,  unter  der  Herrschaft  der
freien  Konkurrenz  selbsttätig  das  Maximum  der  Befriedigung  für  die
Gesamtheit  verwirklichen.
Wenn  das  Streben  eines  Jeden  nach  dem  Maximum  des  persönlichen
Genusses  als  Folge  das  Maximum  des  Wohlseins  Aller  hat,  so  muß  ein  Jeder
in  den  Stand  gesetzt  werden,  in  Freiheit  sein  Streben  nach  Wohlstand
zu  betätigen.  Dem  stehen  aber  zwei  große  Hindernisse  entgegen.  Das  erste
ist  der  Mangel  an  Kapital:  dem  hilft  Gossen  durch  die  Schaffung  einer
großen  Darlehnskasse  unter  der  Leitung  des  Staates  ab,  deren  Einrichtung
er  bis  in  die  geringsten  Einzelheiten  beschreibt.  Das  zweite  Hindernis
!st  der  private  Bodenbesitz.  Um  nämlich  seine  ganze  Tätigkeit  entfalten
zu  können  und  die  größtmögliche  Menge  von  Gütern  zu  schaffen,  muß  der
Mensch  nicht  nur  imstande  sein,  frei  seine  Arbeit  zu  wählen,  sondern  es
ßruß  ihm  auch  möglich  sein,  sich  den  vorteilhaftesten  Ort  für  seine
Arbeit  auszusuchen.  Diese  freie  Wahl  verhindert  der  Privatbesitz.  „Hier
haben  nämlich“,  sagt  Gossen,  „auch  die  menschlichen  Institutionen,
anstatt  die  Beseitigung  dieses  Hindernisses  zu  erleichtern,  dasselbe  in
Unzähligen  Fällen  zu  einem  unüberwindlichen  gemacht  durch  Einführung
l )  H.  H.  Gossen,  „Entwicklung  der  Gesetze  des  menschlichen  Verkehrs  und  der
«araus  fließenden  Regeln  für  menschliches  Handeln“,  von  Hebmann  Heineich  Gossen,
königlich  preußischem  Regierungs-Assessor  außer  Dienst.  Neue  Ausgabe,  Berlin,  Verla
 g  von  R.  L.  Prager,  1889  (Neudruck).  Das  Werk  blieb  zu  dieser  Zeit  (1853,  s.  o.
s -  578,  Anm.)  vollständig  unbeachtet,  und  noch  im  Jahre  1900  wußte  die  zweite  Ausgabe
des  großen  Handwörterbuches  der  Staatswissenschaften  nichts  von  ihm.  Die
dritte  Ausgabe  hat  diese  Lücke  gefüllt.  Über  die  Beziehungen  der  Ideen  Gossen’s  zu
üenen  von  Walras  und  Jevons  vgl.  den  interessanten  Aufsatz  von  Walras:  Un  öcono-U'Gte
  inconnu,  Hermann  Henri  Gossen,  der  1885  im  Journal  des  Üconomistes
Veröffentlicht  wurde  und  in  seinen  Ütudes  d^Lconomie  Sociale,  S.351ff.  Von  Neuem
^gedruckt  ist.
ß id  e  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmoinun^en.  2.  Auü.  40
        <pb n="649" />
        626

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

des  Privateigentums  an  Grund  und  Boden,  weil  es  durch  diese  Einführung
dem  Eigensinn  eines  einzelnen  Menschen  oft  ganz  und  gar  anheimgegeben
ist,  ob  er  einen  ihm  zugehörigen  Fleck  des  Erdbodens  zu  dem  zweckmäßigsten ­
  Produktionszweige  hergeben  und  einrichten  will  oder  nicht,
und  es  ist  eine  zu  bekannte  Tatsache,  wie  unzählige  Male  dieser  Eigensinn
die  zweckmäßigste  Einrichtung  eines  Produktionszweiges  verhindert,  als
daß  es  hier  nötig  wäre,  besondere  Tatsachen  namhaft  zu  machen.  Hat
man  es  darum  sogar  nötig  gefunden,  bei  Industriezweigen,  die  eine  großartigere ­
  Einrichtung  heischen,  wie  beim  Bergbau,  beim  Bau  von  Chausseen
und  Eisenbahnen,  das  Expropriationsrecht  einzuführen!“ 1 )
Daher  muß  der  Gemeinschaft  der  Besitz  am  Boden  wiedergegeben
werden,  und  zwar  in  einer  solchen  Weise,  daß  Allen  die  Möglichkeit  gegeben
ist,  Boden  zur  Benutzung  zu  beanspruchen  und  ihn  zum  Gebrauch  zu
erhalten.  So  würde  nicht  nur  jede  Industrie  den  für  ihre  Anlage  günstigsten
Standort  aussuchen  können,  sondern  die  Gemeinschaft  würde  auch  sicher
sein,  indem  sie  den  Gebrauch  des  Bodens  versteigert  und  ihn  dem  überweist, ­
  der  die  höchste  Pacht  verspricht,  daß  ein  jeder  Teil  des  Bodens
von  der  Person  bewirtschaftet  wird,  die  persönlich  am  fähigsten  ist,  den
höchsten  Nutzen  daraus  zu  ziehen.  Auf  diese  Weise  wird  zu  jedem  Augenblick ­
  und  im  Rahmen  der  gegebenen  menschlichen  Kenntnisse  die  der
Produktion  günstigste  Organisation  gewährleistet *  2 ).
b)  Walkas  stellt  sich  nicht  auf  einen  so  ausschließlichen  Nützlichkeitsstandpunkt, ­
  wie  Gossen.  Seine  Reform  beruht  auf  den  Auffassungen
über  die  Rollen  des  Individuums  und  des  Staates,  wie  er  sie  schon  1867
in  seinen  Vorträgen  über  die  Theorie  gönörale  de  la  Sociötö  (allgemeine ­
  Gesellschaftstheorie)  dargelegt  hat.  Wie  Henky  George,  sucht
auch  Walras  eine  Aussöhnung  zwischen  dem  Sozialismus  und  dem  Individualismus ­
 3 )  zu  verwirklichen,  eine  Aussöhnung,  die  er  selbst  mit  dem

B  Entwicklung  der  Gesetze,  usw.,  S.  250.
2 )  Gossen  sieht  in  dieser  Reform  noch  andere  Vorteile,  die  er  auf  Seite  273  aufzählt:
  1.  Indem  man  den  Einzelpersonen  den  Genuß  der  Bodenrente  entzieht,  entzieh*
man  Vielen  die  Möglichkeit,  ohne  Arbeit  zu  leben,  wodurch  man  ihre  aktive  Tätigkeit
erhöht;  2.  die  rechtlichen  Verhältnisse  des  Eigentums  werden  außerordentlich  vereinfacht; ­
  3.  die  Produzenten  haben  kein  Kapital  nötig,  um  erst  einmal  ein  Stück  Land
zu  kaufen;  4.  zum  Schluß  wird  die  Bodenrente  im  weitesten  Maße  die  Steuern  ersetzen
und  ihre  Erhebung  von  aller  Belästigung  und  Ungerechtigkeit  befreien  (obd.  S.  273)-3
 )  Vgl.  in  den  Ütudes  d ! Üconomie  Sociale  den:  Möthode  de  conciliation
ou  de  synthöse  überschriebenen  Abschnitt.  Im  Vorwort  zu:  Fortschritt  und
Armut  erklärt  Henry  George:  „Was  ich  in  diesem  Buch  getan  habe  .  .  .,  ist,  die  von
der  Schule  Smith’s  und  Ricardo’s  geschaute  Wahrheit,  mit  der  Wahrheit,  die  ProupUoV
und  Lassalle  leuchtete,  zu  verbinden,  und  nachzuweisen,  daß  das  laisser-faire  (in  seinem
wahren  und  vollen  Sinne)  den  edlen  Träumen  des  Sozialismus  den  Weg  Öffnet“  (En®'
lische  Ausg.,  Verlag  Kegan  Paul,  Trench,  Trübner  &amp;amp;  Co.,  Ltd.,  London  1908  S.  VID&amp;gt;
Anm.  d.  Übers.).
        <pb n="650" />
        MB

Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  nnd  ihre  Anwendungen.

627

Namen  liberaler  Sozialismus  oder  auch  synthetischer  Sozialismus,  oder
einfach  „Synthetismus“  bezeichnet 1 ).
Für  ihn  stehen  das  Individuum  und  der  Staat  nicht  im  Gegensatz
zueinander,  sondern  ergänzen  sich.  Beide  sind,  mit  einem,  unserer  Ansicht
nach  höchst  richtigen  Ausdruck  „Abstraktionen“.  Die  einzige  Wirklichkeit ­
  ist  der  soziale  Mensch,  nämlich  der  in  Gesellschaft  lebende  Mensch.
Der  wirkliche  Mensch,  der  Mensch,  so  wie  wir  ihn  kennen,  hat  zwei  Reihen
von  Interessen:  die,  auf  Grund  deren  er  in  Gegensatz  zu  Seinesgleichen
tritt  und  die  ihm  als  Persönlichkeit  eigen  sind;  und  die,  die  er  mit  Seinesgleichen ­
  gemein  hat  und  deren  Verteidigung  und  Aufrechterhaltung  die
Fortdauer  der  Gattung  sichern.  Diese  Interessengruppen  sind  gleichberechtigt, ­
  da  ihre  Befriedigung  in  gleicher  Weise  zum  Leben  des  sozialen
Menschen  notwendig  ist.  Der  Staat  und  das  Individuum  sind  einfach
zwei  Ausdrücke,  mit  denen  wir  den  sozialen  Menschen  bezeichnen  —  je
nachdem  wir  ihn  bei  Verfolgung  seiner  kollektiven  Interessen  oder  seiner
besonderen  und  persönlichen  Interessen  betrachten.  Beide  haben  ihr
eigenes  Reich,  das  durch  die  Natur  der  Dinge  abgegrenzt  ist.
Der  Staat  hat  die  Aufgabe,  die  allgemeinen  —  allen  Menschen
gemeinsamen  —  Existenzbedingungen  zu  sichern.  Die  Aufgabe
des  Individuums  ist  es,  seine  persönliche  Stellung  innerhalb  der
Gesellschaft  gemäß  seinen  eigenen  Fähigkeiten,  seiner  Arbeit  und  Ausdauer ­
  zu  verwirklichen.  Damit  beide,  der  Staat  wie  das  Individuum,
ihre  Aufgabe  erfüllen  können,  müssen  beide  im  Besitz  der  notwendigen
Hilfsmittel  sein:  das  Individuum  im  Besitz  der  Hilfsmittel,  die  sich  aus
seiner  Arbeit  und  seiner  Spartätigkeit  ergeben,  der  Staat  im  Besitz  des
Einkommens,  das  sich  aus  dem  allgemeinen  sozialen  Fortschritt  ergibt,
nämlich  der  Bodenrente.  So  ausgestattet  braucht  der  Staat  nicht  mehr
den  Einzelpersonen  durch  Steuern  einen  Teil  der  Früchte  ihrer  Arbeit
z ü  nehmen.  Gemeinsamer  Besitz  des  Bodens  und  seines  Ertrages,  Privatbesitz ­
  am  Kapital,  an  der  Arbeit  und  ihren  Erträgen,  —  das  ist  die  soziale
Organisation,  die  die  Formel  der  Gerechtigkeit  nach  Walras  verwirklichen
'wird:  Gleichheit  der  Bedingungen,  Ungleichheit  der  Lage 2 ).
Wenn  auch  der  Ausgangspunkt  der  Reform  verschieden  ist,  so  sind
doch  die  Bedingungen  ihrer  Verwirklichung  für  Gossen,  wie  für  Walras
genau  dieselben.  Beide  haben  die  weitestgehende  Achtung  vor  den  von  den
Eigentümern  erworbenen  Rechten.  Nach  ihnen  hat  der  Staat  nicht  das
Hecht,  nach  dem  Vorschläge  Mill’s  die  zukünftige  Rente 3 )  mit  Beschlag
b  fitudes  d’ficonomie  Sociale,  S.  239.
)  Vgl.  im  Besonderen  den  ganzen  prächtigen  6.Abschnitt  der  Theorie  generale
&amp;lt;ie  la  Soci§t6  in  den  Stüdes  d’ßconomie  Sociale.
a )  .  .  Selbst  der  Umstand  läßt  sich  nicht  zur  Beschönigung  irgendeiner  Maßr
 ®gel  anführen,  deren  Wirkung  auch  nur  Schmälerung  der  Grundrente  für  den  Eigentüa
 er  ist,  daß’  die  Rente  ohne  Zutun  des  Eigentümers  unausgesetzt  steigt.  Denn  das
40*

m

I
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        628

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

zu  belegen,  auf  die  sie  rechnen  können,  und  ebensowenig  hat  er  das  Recht,
die  gegenwärtige  Rente  für  sich  zu  beanspruchen,  wie  Henry  George
vorschlägt.  Das  einzige  Mittel,  die  Operation  in  gerechter  Weise  durchzuführen, ­
  besteht  darin,  den  Boden  zurückzukaufen,  und  der  Rückkaufspreis ­
  muß  schon  die  von  den  Besitzern  erwarteten  Mehrwerte  enthalten. ­
  Dieser  Rückkauf  würde  sich  praktisch  auf  Grund  einer  Ausgabe
von  Rentenbriefen  durchführen  lassen,  die  den  Grundbesitzern  als  Bezahlung ­
  ihres  Grundbesitzes  angeboten  werden.  Auf  Grund  der  von  da
an  dem  Staate  zufallenden  Pachtsummen,  deren  ständiges  Steigen  nicht
ausbleiben  kann,  wird  der  Staat  imstande  sein,  nicht  nur  die  Zinsen  dieser
Schuld  zu  zahlen,  sondern  auch  sie  nach  und  nach  zu  amortisieren.  Nach
etwa  50  Jahren  würde  das  Kapital  zurückgezahlt  sein,  und  der  Staat  allein
über  die  Bodenrente  verfügen 1 ).
Dieser  Auffassung  würde  nichts  weiter  hinzuzufügen  sein,  wenn
Walras  nicht  selbst  einen  Einwurf  erhoben  hätte,  der  ihn  dazu  brachte,
seine  Auffassung  vom  Fortschritt  der  Bodenrente  in  der  interessantesten
Art  und  Weise  zu  präzisieren.
Wenn,  sagt  Walras,  der  Staat  den  Grundbesitzern  den  mathematischen ­
  Wert  ihres  Bodens  zahlt,  indem  er  in  diesen  Preis  eine,  das
zukünftige  Wachstum  der  Bodenrente  eskomptierende  Summe  einschließt,
wie  soll  er  hoffen  können,  diese  Summe  zu  amortisieren?  Wenn  der  Wert
des  Bodens  genau  berechnet  wird,  dann  müssen  auch  die  Zinsen  des  Rückkaufspreises ­
  und  die  als  Pachtsummen  erhobenen  Beträge  sich  genau
die  Wage  halten,  da  die  Einen  nur  den  Preis  der  Anderen  vorstellen;  daher
wird  der  Staat  niemals  aus  der  Bodenrente  das  Schuldkapital  zurückzahlen
können.  Die  Operation  würde  weder  Vorteile  noch  Nachteile  haben.
Wie  soll  man  diesem  Einwurf  begegnen?
Höchst  einfach.  Wenn  er  wirklich  begründet  wäre,  so  müßte  er  schon
heute  gegen  jede  Terrainspekulation  seine  Geltung  haben.  Wenn  die
Einzelkäufer  den  Verkäufern  einen  Preis  zahlen  sollten,  der  genau  den

Steigen  der  Renten  in  einem  bestimmten  Verhältnis  zur  Zeit  mußte,  sobald  es  wahrgenommen ­
  wurde,  bei  Berechnung  des  Kaufpreises  berücksichtigt  werden,  gerade
deshalb/weil  dieser  Preis,  wie  wir  sahen,  ja  nur  durch  Rechnung  gefunden  wird.  Darum
hat  also  der  Käufer,  da  der  Kauf  unter  der  Bürgschaft  der  Gesetze  stattgefunden  hat,
unzweifelhaft  das  Recht  auf  alle  Schwankungen  in  der  Rente,  wie  diese  auch  beschaffe 11
sein  mögen,  mit  erkauft.  ...  Ja  selbst  dann,  wenn  man  den  Grundeigentümern  als
Entschädigung  eine  ewige  Rente  in  dem  Betrage,  wie  die  zahlbare  Rente  des  Grundeigentums ­
  beim  Übergang  an  den  Staat  gefunden  wurde,  zusichern  wollte,  wie  dies
jetzt  bei  Expropriationen  zu  geschehen  pflegt,  würde  die  Ungerechtigkeit  aus  dem
angeführten  Grunde  nur  Vermindert,  nicht  vermieden  werden“  (H.  H.  Gossen,  En*'
Wicklung  der  Gesetze  usw.  S.  257/258).
x )  Gossen  führt  die  Gründe  an,  weshalb  der  Staat,  da  er  sich  in  besserer  Lag 6
als  die  Einzelpersonen  befindet,  den  Besitzern  bessere  Bedingungen  als  die  der  g e "
wohnlichen  Käufer  anbieten  kann:  unter  Anderem  kann  der  Staat  zu  leichteren  B e '
dingungen  Anleihen  aufnehmen  und  folglich  einen  höheren  Preis  bieten.
        <pb n="652" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  629

Gegenwert  aller  zukünftigen  Mehrwerte  darstellt,  so  würden  sie  sich  im
Voraus  der  Vorteile,  die  sie  erhoffen,  begeben.  Wie  aber  ein  Jeder  weiß,
tritt  nichts  Derartiges  ein.  Spekulationen  dieser  Art  finden  jeden  Tag  statt,
und  zwar  aus  dem  guten  Grunde,  weil  der  Mehrwert  stets  in  gewisser
Weise  auf  dem  Zufall  beruht.  Der  Käufer,  der  besser  unterrichtet  oder
weitsichtiger  als  der  Verkäufer  ist,  glaubt  fester,  als  dieser  an  das  Steigen
des  Wertes  oder  behält  sich  vor,  diese  Steigerung  selbst  durch  entsprechende
Maßnahmen  herbeizuführen.  Der  Staat  würde  nun,  nach  dem  Rückkauf
in  derselben  Lage  sein,  wie  der  fragliche  Spekulant.  Nach  Walras  ist  es
unausbleiblich,  daß  der  Mehrwert  des  Bodens  in  der  Zukunft  schneller
steigt,  als  sich  die  jetzigen  Besitzer  dies  vorstellen,  und  zwar  infolge  einer
wirtschaftlichen  Entwicklung,  die  wohl  die  Besitzer  verkennen  mögen,
auf  die  aber  der  Staat  im  Gegenteil  mit  voller  Sicherheit  rechnen  kann 1 ).
„Ich  glaube  mit  mehreren  anderen  kompetenten  Volkswirtschaftlern“,
  sagt  er,  „daß  die  Menschheit  zurzeit  in  einer  höchst  beträchtlichen
wirtschaftlichen  Entwicklung  begriffen  ist,  indem  sie  von  der  landwirtschaftlichen ­
  Wirtschaftsstufe,  auf  der  sie  seit  einigen  Jahrtausenden  lebte,
zur  Industrie-  und  Handelsstufe  übergeht,  die  sich  im  Wesentlichen  durch
die  Tatsache  kennzeichnet,  daß  der  landwirtschaftliche  Betrieb  sehr  große
Kapitalien  anwenden  muß,  um  eine  viel  zahlreichere  Bevölkerung  zu
ernähren.  Ich  glaube,  daß  diese  Entwicklung,  deren  Ergebnis  ein  neuer
Mehrwert  der  Bodenrente,  ohne  Vermehrung  der  Seltenheit  oder  des
Wertes  der  landwirtschaftlichen  Erzeugnisse,  sein  wird,  bisher  von  den
Besitzern  noch  nicht  eskomptiert  werden  konnte,  da  er  erst  von  einigen
wenigen  offenen  und  klaren  Köpfen  bemerkt  worden  ist.  Daher  bin  ich
der  Meinung,  daß,  wenn  der  Staat  den  Boden  vor  dieser  Entwicklung,
um  die  es  sich  hier  handelt,  zurückkaufte,  und  dann  Alles  täte,  was  in
seiner  Macht  steht,  um  diese  Entwicklung  zu  begünstigen  (und  der  Rückkauf ­
  an  sich  würde  schon  in  diesem  Sinne  wirken),  so  würde  er  in  dem
normalen  Mehrwert  reichliche  Mittel  finden,  um  den  Rückkaufspreis
z u  amortisieren“ 2 ).
*)  Auf  einer  analogen  Psychologie  beruht  auch  das  Rückkaufsprojekt,  das  Gide
111  einem  Aufsatz  im  Journal  des  Lconomistes  (S.  190)  im  Juli  1888  entwickelt
hat.  „Der  Staat  würde  den  Besitzern  Vorschlägen,  ihnen  ihren  Grund  und  Boden  gegen
sofortige  bare  Zahlung  abzukaufen,  unter  der  Bedingung  der  Übereignung  nach  Ablauf
v on  99  Jahren.  Es  ist  kaum  denkbar,  daß  unter  solchen  Bedingungen  ein  Besitzer
Uicht  auf  dieses  Anerbieten  eingehen  würde,  und  zwar  sogar  gegen  eine  sehr  geringe
Entschädigung;  denn  da  eine  Zeit  von  99  Jahren  für  einen  Jeden  von  uns  „auf  immer 1 *
bedeutet,  würde  der  gezahlte  Preis  für  den  Besitzer  ein  wirkliches  Geschenk  sein,  und
er  würde  keinen  Grund  haben,  besonders  hohe  Forderungen  zu  stellen.“
2 )  Walras,  Btudes  d’hconomie  sociale,  S.  368.  Die  mathematische  Untersuchung ­
  der  Theorie  findet  sich  in  der  Theorie  mathhmatique  du  prix  des  terres;
Sle  ist  in  gewöhnlicher  Sprache  in  dem  Aufsatz:  „Un  economiste  inconnu,  S.  365ff.,
^nd  noch  einfacher  in  den  Ausführungen  über  das  Probihme  fiscal  zusammengefaßt
' s -  446—449).
        <pb n="653" />
        630  Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Walras  ist  also  wie  Ricardo,  dessen  Lehre  hier  eine  Art  von  Auferstehung ­
  erlebt,  davon  überzeugt,  daß  wir  in  der  Zukunft  ein  Wachsen
des  Mehrwerts  der  „Bodendienste“  (services  fonciers)  erleben  werden,
das  auf  der  begrenzten  Menge  des  Bodens  beruht.  Nur  verwirft  seine
Theorie,  anstatt  sich  wie  die  Ricardos’  auf  das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages ­
  zu  stützen,  im  Gegenteil  die  Möglichkeit  einer  Verminderung
der  landwirtschaftlichen  Produktion.  Sie  gründet  sich  einfach  auf  den
sicheren  Übergang  vom  landwirtschaftlichen  zum  industriellen  und  Handelszustand, ­
  von  der  extensiven  zur  intensiven  Bewirtschaftung,  die  dem
Boden  einen  steigenden  Wert  verleihen  wird.  Indem  der  Staat  selbst
diesen  Übergang  durch  entsprechende  Maßnahmen  begünstigt,  kann  er
zu  dem  Erfolge  dieser  riesenhaften  Operation  beitragen,  die  übrigens
nicht  die  einzige  sein  wird:  denn  der  Rückkauf  der  Bergwerke,  der  Eisenbahnen ­
  und  anderer  wirtschaftlicher  Monopole  muß  notwendig  damit
verbunden  werden 1 ).
c)  Die  von  den  Anhängern  der  Nationalisierung  angeführten  Gründe
sind,  wie  wir  gesehen  haben,  ziemlich  verschiedenartig.  Gossen  will  das
Maximum  an  Produktivität  verwirklichen;  Walras  denkt  zunächst  daran,
dem  Staat  die  notwendigen  Mittel  zu  sichern;  eine  letzte  Kategorie  von
Schriftstellern  sieht  darin  hauptsächlich  das  Mittel,  Allen  den  freien  Zugang ­
  zum  Boden,  den  freien  Boden,  zu  gewährleisten.  Dieses  Bestreben
leitet  besonders  Alfred  Rüssel  Wallace,  den  großen  englischen  Naturforscher, ­
  in  dem  von  ihm  seit  1882  geführten  Feldzug  zugunsten  der
Nationalisierung  des  Bodens  und  liegt  dem  Buch,  in  dem  er  seine  Beweisführung ­
  zusammenfaßt,  zugrunde:  Die  Nationalisierung  des  Bodens,
ihre  Notwendigkeit  und  ihre  Ziele *  2 ).
Für  Wallace  muß  nämlich  notwendigerweise  die  Möglichkeit,  freien
Boden  in  Besitz  zu  nehmen,  der  Abhängigkeit  des  Arbeiters  gegenüber
dem  Kapitalisten  ein  Ziel  setzen.  Niemand  wird  zu  einem  Hungerlohn
arbeiten  wollen,  wenn  er  sicher  ist,  auf  einem  freien  Stück  Boden  sein  tägliches ­
  Brot  finden  zu  können.  Auch  wird  niemand  unter  Arbeitslosigkeit
zu  leiden  haben,  da  er'stets  ein  Stück  Feld  zur  Bewirtschaftung  finden  kann.
Der  freie  Zugang  zum  Boden  löst  daher  sowohl  das  Problem  des  Pauperismus, ­
  wie  das  der  Arbeitslosigkeit,  und  das  wird  die  glücklichste  Folge
der  Nationalisierung  sein 3 ).

x )  „Die  gleiche  Kombination  würde  auf  den  Rückkauf  der  Bergwerke,  der  Eisenbahnen ­
  und  anderer  natürlicher  und  notwendiger  Monopole  anwendbar  sein,  wo  das
Prinzip  der  freien  Konkurrenz  nicht  wirken  kann,  und  die  Vom  Gesichtspunkt  des
Mehrwertes  in  einer  fortschreitenden  Gesellschaft  den  gleichen  Charakter  haben,  vde
der  Boden  (Ktudes  d ! dconomie  sociale,  S.  347,  Anm.;  vgl.  auch  S.  237ff.).
2 )  Land  Nationalization,  its  necessity  and  its  aims,  1882.
3 )  Vgl.  Escarra,  op.  cit.  S.  224;  siehe  auch  Laveleye,  Le  Socialisme  contemporain,
  8.  Ausg.,  Anhang  I.
        <pb n="654" />
        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  631

„Die  Hauptsache“,  sagt  er,  „ist,  jedem  Arbeiter  die  Freiheit  zu
geben,  ein  Stück  Boden  zu  besitzen  und  zu  bewirtschaften“ 1 ).  Er  schlägt
daher  vor,  sobald  der  Boden  nationalisiert  ist,  daß  dann  jeder  Bürger  das
Recht  habe,  einmal  in  seinem  Leben,  sich  unter  den  noch  freien  Bodenparzellen ­
  ein  Stück  von  1  bis  5  Acker  auszusuchen,  unter  der  Bedingung,
es  in  Besitz  zu  nehmen  und  persönlich  zu  bewirtschaften 2 ).
Der  große  Vorzug  dieser  Auffassung  liegt  in  ihrer  außerordentlichen
Einfachheit.  Sie  beruht  nicht,  wie  die  vorher  besprochenen,  auf  einer
verwickelten  und  gelehrten  wirtschaftlichen  Theorie.  Daher  ist  sie  auch
eine  ausgezeichnete  politische  Plattform.  Bei  näherem  Zusehen  erscheint
sie  aber  ein  wenig  kindlich.
Die  Bewirtschaftung  auch  des  kleinsten  Feldes  erfordert  Kapitalien.
Die  Anhänger  des  freien  Bodens  scheinen  dies  zu  vergessen.  Und  diese
Kapitalien  sind  oft  mehr  als  das,  worüber  ein  einfacher  Arbeiter  verfügen
kann.  Auch  trägt  die  Erde  nicht  das  ganze  Jahr  hindurch;  der  Saat  muß
Zeit  gelassen  werden,  zu  keimen.  Wenn  dem  Arbeiter  genügend  Mittel
zur  Verfügung  stehen,  um  die  Ernte  abzuwarten,  wird  er  vermutlich  auch
genügend  Mittel  haben,  um  im  Falle  der  Arbeitslosigkeit  neue  Arbeit  abwarten
  zu  können.  Etwas  Geld  in  der  Sparkasse,  über  das  er  sofort  verfügen ­
  kann,  wird  ihm  zweifellos  mitten  im  Winter  größere  Hilfe  gewähren,
als  irgendein  Stückchen  Land,  das  sich  vielleicht  in  weiter  Entfernung
befinden  mag.  Und  dann  verlangt  die  Bewirtschaftung,  auch  mit  Kapitalien,
gewisse  Fähigkeiten.  Landwirt  wird  man  nicht  im  Handumdrehen.  Man
kann  ein  ausgezeichneter  Fabrikarbeiter  und  doch  ein  sehr  schlechter
Bauer  sein.  Die  Erfahrungen,  die  man  mit  landwirtschaftlichen  Kolonien
gemacht  hat,  beweisen,  daß  die  Arbeitslosen  im  Allgemeinen  mittelmäßige
Landarbeiter  sind.  Die  Anhänger  des  freien  Bodens  scheinen  sich  daher
über  die  Wirksamkeit  ihres  Heilsmittels  Illusionen  hinzugeben*  und  wir
fürchten,  daß  ein  praktischer  Versuch  ihnen  nur  zu  schnell  eine  grausame
Enttäuschung  bringen  würde 3 ).
*)  Angeführt  von  Metin:  Le  Socialisme  en  Angleterre  (1897),  S.  179.
2 )  „Der  Besitz  eines  Stück  Landes  gestattet  dem  Arbeiter,  sich  der  Abhängigkeit ­
  von  dem  Kapitalisten,  die  eine  Ursache  des  Pauperismus  ist,  zu  entziehen.  Der
Arbeiter,  der  Boden  besitzt,  ist  frei;  wenn  er  keine  Arbeit  hat,  bleibt  ihm  stets  Etwas
zu  tun  übrig.“  Und  an  anderer  Stelle;  „Wenn  den  Arbeitern  eine  gewisse  Menge  Boden
überlassen  wird,  so  wird  ihr  Lohn  mit  Sicherheit  steigen,  denn  niemand  würde  für  jemand
Anderen  arbeiten,  wenn  er  dabei  nicht  mehr  verdient,  als  er  verdienen  kann,  wenn  er
für  sich  selbst  arbeitet.“  Angeführt  von  Escarba,  Dissertation,  S.  224,  Anm.  Man
trifft  übrigens  die  gleiche  Idee  bei  Henry  George,  obgleich  sie  nicht  an  die  erste  Stelle
gerückt  ist  (Escarra,  op.  eit-,  S.  229).
3 )  Wenn  wir  auch  zu  unserem  Bedauern  gezwungen  gewesen  sind,  die  italienischen
Volkswirtschaftler  aus  unserem  Programm  auszuschließen,  so  wäre  doch  hier  der  richtige
Platz,  einige  Worte  über  die  Ideen  des  Volkswirtschaftlers  Achille  Loria  zu  sagen.
Niemand  hat  die  Kunst,  über  national-ökonomische  Fragen  zu  schreiben,  zu  größerer
Vollkommenheit  als  er  gebracht.  Über  dem  Gedanken  des  freien  Bodens  hat  er  ein
        <pb n="655" />
        632

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

§  4.  Sozialistische  Ausweitungen  des  Rentenbegriffes.
Die  Schriftsteller,  von  denen  wir  bisher  gesprochen  haben,  sind
sämtlich  Individualisten.  Sie  haben  nichts  gegen  das  Eigentum  als  solches,
und  unter  ihnen  finden  sich  keine  Gegner  des  Kapitalzinses.  Noch  weniger
sind  sie  den  Vorteilen,  die  ein  Jeder  aus  seinen  Fähigkeiten  und  Begabungen
ziehen  kann,  feindlich  gesinnt.  Von  allen  diesen  vorhergehenden  Systemen
unterscheidet  sich  nun  der  Sozialismus  durch  die  Feindschaft,  die  er  sowohl
gegen  den  Kapitalzins  wie  auch  gegen  die  Bodenrente  hegt.  Einige  Sozialisten ­
  gehen  sogar  so  weit,  den  besonderen  Vorteilen,  die  ein  Einzelner
aus  seinen  außergewöhnlichen  Fähigkeiten  ziehen  kann,  jede  Berechtigung
abzusprechen,  sobald  diese  Vorteile  den  reinen  Ertrag  seiner  Arbeit  übersteigen. ­

Diese  beiden  Auffassungen  scheinen  wie  durch  einen  Abgrund  voneinander ­
  getrennt.  Gibt  es  keine  Möglichkeit,  ihn  zu  schließen?
Sicherlich,  antworten  einige  Schriftsteller,  und  zwar  höchst  einfach:
es  genügt,  die  Kapitalzinsen  und  das  Einkommen  aus  besonderen  Fähigkeiten ­
  als  Renten  anzusehen.  So  wird  die  Theorie  der  Rente  nicht  nur
die  Enteignung  des  Bodens  zugunsten  der  Allgemeinheit,  sondern  auch  den
—  i
ganzes,  großartiges  Gebäude  wirtschaftlicher,  sozialer  und  politischer  Geschichte,  ja
sogar  das  einer  Geschichte  der  Religion  errichtet  und  in  zahlreichen  Bänden  entwickelt,
in  denen  sich  sicherlich  eine  ganz  außerordentliche  Vorstellungskraft  ausspricht.  Man
findet  eine  Zusammenfassung  davon  in  einem  Vortrag,  der  1892  in  der  Revue  d’.Kconomie
  Politique,  ins  Französische  übersetzt  unter  dem  Titel:  La  terre  et  le  Systeme
ocial  erschienen  ist.  Wir  können  hier  nicht  näher  auf  das  System  Loria’s  eingehen.
Der  Hinweis  muß  genügen,  daß  Loma  in  seiner  Constituzione  economica  odierna
(1900)  verlangt,  das  Gesetz  solle  einem  jeden  Menschen  das  Anrecht  auf  Boden  zusprechen;
sei  es  auf  eine  Grund-Einheit  (unitfi  fonciere)  (d.  h.  auf  die  Feldgröße,  die  notwendig ­
  ist,  um  ihm  zu  gestatten,  von  seiner  Arbeit  als  selbständiger  Besitzer  zu  leben),
wenn  die  Bevölkerungsdichte  und  die  Oberfläche  des  Landes  dies  gestatten;  sei  es  auf
nur  einen  Teil  dieser  Einheit,  wenn  die  verfügbare  Oberfläche  das  erstere  unmöglich
macht.
Es  ist  das  jedoch  eine  theoretische  Lösung.  In  der  Praxis  zeigt  sein  Heilmittel
eine  mildere  Form  in  der  Gestalt  eines  Bodenlohnes  (salaire  territorial).  Es
würde  darin  bestehen,  daß  der  Arbeitgeber  verpflichtet  wäre,  seinen  Arbeitern  „außer
dem  notwendigen  Lohn  am  Ende  einer  Anzahl  von  n  Jahren  eine  Bodeneinheit  zu  geben.
Wenn  während  dieser  Periode  von  n  Jahren  der  Arbeiter  nacheinander  von  verschiedenen
Kapitalisten  beschäftigt  worden  wäre,  würde  jeder  von  ihnen  für  einen  Teil  aufzukommen
  haben,  der  im  Verhältnis  zu  der  Zeit  steht,  während  der  er  den  Arbeiter  beschäftigt ­
  hat.“
Auf  diese  Weise  würden  nach  einer  Anzahl  von  n  Jahren  alle  Arbeiter  nach  und
nach  Grundbesitzer  werden.  Sie  würden  sich  in  dem  gleichen  Zustand,  wie  in  der  Primärperiode, ­
  der  Naturwirtschaft,  befinden  und  könnten  dann  untereinander  oder  mit  den
früheren  Besitzern  die  Assoziation  des  Kapitals  und  der  Arbeit  auf  der  Grundlage  der
Gleichheit  bilden,  die  in  den  Augen  Loria’s  die  produktivste  Organisation  ist.
Während  dieser  n  Jahre  müßten  die  Besitzer  unter  einem  entsprechenden  Zwang
stehen.
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        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  633

absoluten  Kollektivismus  rechtfertigen.  —  Diese  Auffassung  ist  in  England
entstanden.
England,  die  eigentliche  Heimat  des  Sozialismus,  das  England  eines
Godwin,  Hall,  Thompson  und  Owen  hat  nach  dieser  ersten  Ideenbewegung ­
  im  Laufe  von  70  Jahren  kein  sozialistisches  System  mehr  hervorgebracht. ­
  Abgesehen  von  Stuart  Mill,  auf  den  der  französische  Sozialismus ­
  seinen  Einfluß  ausgeübt  hat,  ist  es  sogar  den  Ideen  gegenüber,  die  den
Kontinent  bewegten,  ziemlich  gleichgültig  geblieben.  Karl  Marx  hat  sein
Kapital  in  London  durcharbeiten  und  verfassen  können,  ohne  daß
irgendein  englischer  Volkswirtschaft!er  dies  bemerkt  zu  haben  scheint.
Es  bedurfte  der  Bildung  der  sozialistischen  Parteien  in  Deutschland  und
Frankreich  nach  1870,  ehe  die  Gedanken  des  großen  Kollektivsten  ein
wirkliches  Interesse  in  Großbritannien  erregten.  Erst  dann  bildete  sich
dort  1880  eine  kleine  marxistische  Partei 1 ).  Zur  gleichen  Zeit  bemühte
sich  aber  eine  andere  Gruppe,  eine  selbständige  und  spezifisch  englische
sozialistische  Doktrin  aufzustellen:  es  sind  dies  die  fabischen  Sozialisten.
Die  Fabian  Society  ist  1884  entstanden.  Sie  umfaßte  am  Anfang ­
  eine  kleine  Anzahl  junger  Leute,  die  dem  Bürgertum  angehörten
und  sich  von  einer  älteren  Gesellschaft  abgetrennt  hatten,  die  gegründet
worden  war,  „um  die  Rasse  durch  Höherbildung  des  individuellen  Charakters ­
  friedlich  zu  erneuern *  2 ).“  Einigen  von  ihnen  erschien  das  Ziel  als  zu
weit  gesteckt.  Von  dem  Wunsche  beseelt,  schnellere  Erfolge  zu  erzielen,
ließen  sie  sich  von  Ideen,  die  dem  Marxismus  und  dem  Anarchismus  des
Kontinents  entlehnt  waren,  verführen.  —  Sehr  bald  verzichteten  sie  aber
auf  revolutionäre  Gedanken,  die  so  wenig  mit  dem  englischen  Charakter
übereinstimmen,  und  nahmen,  um  den  Unterschied  gegenüber  den  Anhängern ­
  von  Gewaltmaßregeln  und  den  Gläubigen  einer  „sensationellen
historischen  Krisis“ 3 )  besser  hervorzuheben,  den  Namen  „die  Fabier“
au,  der  sich  auf  Fabius  Cunctator,  den  berühmten  Gegner  Hannibals,
bezieht.  Sie  waren,  und  sind  heute  noch  kritische,  sogar  höchst  kritische
Köpfe,  die  die  Lächerlichkeit  fürchten  und  nichts  mit  dem  Enthusiasmus
der  Apostel  zu  tun  haben.  Stets  bereit^,  sich  selbst  zu  verspotten 4 ),  ihre
alten  Götzen  zu  verbrennen,  verwandelten  sie  sich,  da  sie  jedes  soziale

0  Die  Social-democratic  Federation,  die  1881  von  Hyndman  gegründet
Wurde.  Vgl.  MferiN,  Le  socialisme  en  Angleterre,  Kap.  VI  (1897).
2 )  Bernard  Shaw,  The  Fabian  Society,  what  it  has  done  and  how  it  has
doil e  it.  (Fabian  Tract,  No.  41)  1892.
3 )  Report  on  Fabian  Policy,  dem  internationalen  sozialistischen  Kongreß
Zu  London  im  Jahre  1896  vorgelegt  (Fabian  Tract,  No.  70).
4 )  „Denn  zu  dieser  Zeit,“  sagt  Shaw,  „nahmen  wir  die  unschätzbare  Gewohnheit
fröhlich  über  uns  selbst  zu  lachen,  eine  Gewohnheit,  die  uns  stets  ausgezeichnet
h , at  und  uns  von  all  dem  unnötigen  Wortballast  der  Enthusiasten  befreite,  die  ihre
®*genen  persönlichen  Gefühlswallungen  für  Strömungen  der  öffentlichen  Meinung  halten“
'°P.  cit.).
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        634  Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Credo  und  jede  definitive  Politik  verwarfen,  sehr  schnell  in  eine  einfache
Studien-  und  Propagandagesellschaft,  deren  Rolle  vorwiegend  intellektuell
ist  und  die:  „da  meint,  daß  in  der  Philosophie  des  Sozialismus  das  Licht
eine  größere  Macht  ist,  als  die  Wärme“ 1 ).
Trotz  dieser  für  den  Erfolg  einer  sozialen  Predigt  wenig  günstigen
Umstände  haben  die  fabischen  Sozialisten  eine  ziemlich  tiefgehende  Wirkung ­
  ausgeübt,  weniger  allerdings  auf  die  Arbeiter,  als  auf  die  bürgerlichen
Klassen.  Mehrere  von  ihnen  sind  hervorragende  Schriftsteller,  wie  der
Dramatiker  und  Kritiker  Bernard  Shaw,  der  Historiker  Sydney  Webb
und  Frau  Webb,  der  Romanschriftsteller  H.  G.  Wells.  Durch  ihren
Verkehr  in  den  verschiedenartigsten  Gesellschaftskreisen,  durch  ihre
Mitarbeit  an  Zeitungen  und  Zeitschriften  jeder  Art  und  jeder  Partei,
durch  Veröffentlichung  von  Broschüren  und  Veranstaltung  von  Vorträgen
ist  es  ihnen  gelungen,  die  Diskussion  ihrer  Ideen  zu  erzwingen.  Diese
Ideen  sind  in  einer  merkwürdigen  Sammlung  von  Aufsätzen  unter  dem
Titel  „Fabian  Essays“,  die  1889  erschienen,  zusammengefaßt.  Man
findet  hierin  zwar  nicht  den  Ausdruck  der  Anschauungen  der  fabischen
Gesellschaft  selbst,  aber  den  der  hauptsächlichsten  Fabier.  Denn  man  darf
nicht  vergessen,  daß  die  Gesellschaft  als  solche  nur  eine  praktische,  aber
keine  theoretische  Lehre  vertritt.  Sie  nennt  sich  ausdrücklich  sozialistisch 2 )
und  erstrebt  die  Umformung  des  Privateigentums  in  Kollektiveigentum.
Sie  erklärt  aber,  daß  „sie  keine  besondere  Meinung  irgendwelcher  Art
über  die  Frage  der  Ehe,  der  Religion,  der  Kunst,  der  theoretischen  Volkswirtschaft, ­
  der  geschichtlichen  Entwicklung,  des  Geldumlaufs  oder  über
irgendeinen  anderen  Gegenstand  hat,  ausgenommen  über  ihr  eigenes  und
besonderes  Ziel:  die  Demokratie  und  den  praktischen  Sozialismus“ 3 ).
Die  wirtschaftlichen  Theorien,  die  uns  hier  interessieren,  sind  daher  bloß
persönliche  Ansichten  gewisser  Mitglieder  dieser  Gesellschaft.  Sie  läßt
sie  natürlich  als  Leitsätze  gelten,  aber  sie  haben  nicht  ihre  offizielle  Be-*)

  Report  on  Fabian  Policy  (Fabian  Tract,  No.  70).
2 )  „Der  Sozialismus,  so  wie  ihn  die  fabische  Gesellschaft  versteht,  bedeutet  die
Organisation  und  die  Leitung  der  notwendigen  Industrien  des  Landes,  wie  auch  die
Aneignung  aller  Formen  der  ökonomischen  Rente  des  Bodens  und  des  Kapitals,  durch
die  Gesamtheit  der  Nation,  durch  das  Zwischenglied  der  am  besten  dazu  geeigneten
öffentlichen  Gewalten,  wie  kirchgemeindlichen,  provinzialen  und  anderen  Behörden
Der  von  der  fabischen  Gesellschaft  geforderte  Sozialismus  ist  ausschließlich  der  Staatssozialismus.“ ­
  (Dieses  Wort  wird  im  Gegensatz  zu  dem  anarchistischen  Sozialismus
angewendet.)  .  .  .  Andererseits  „verwirft  die  fabische  Gesellschaft  nachdrücklichst
jeden  Plan,  der  darauf  abzielt,  einer  Person  oder  einer  Gruppe  Von  Personen  den  vollen
Arbeitsertrag  zu  garantieren.  Sie  erkennt  an,  daß  der  Reichtum  in  seinen  Ursprüngen
sozial  ist  und  in  seiner  Verteilung  sozial  bleiben  muß,  da  die  industrielle  Entwicklung
es  unmöglich  gemacht  hat,  den  Sonderbeitrag  einer  jeden  Person  zum  gemeinsamen
Gesamtprodukt  zu  unterscheiden  oder  seinen  Wert  zu  schätzen“  (Report  on  Fabian
policy).
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        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  635

stätigung  erhalten  und  werden  nicht  von  allen  ihren  Anhängern  unterschrieben ­
 1 ).
Besonders  Webb  hat  versucht,  dem  fabischen  Kollektivismus  eine
neue  theoretische  Basis  zu  geben.  Da  er  die  marxistische  Theorie  des
Arbeitswertes  unbedingt  verwirft  und  eher  den  modernen  Theorien  eines
Jevons,  Mars  hall  oder  der  Österreicher  zuneigt,  mußte  er  für  die  Aneignung ­
  der  Produktionsmittel  durch  die  Kollektivität  eine  andere  Begründung, ­
  als  Marx  finden.  Als  echter  Engländer  konnte  er  sich  dem  besonderen
Zauber,  den  auch  heute  noch  Ricardo  auf  die  Volkswirtschaftler  seines
Landes  ausübt,  nicht  entziehen  und  geht  daher  auf  die  Theorie  der  Grundrente ­
  des  großen  Schriftstellers  zurück,  die  in  seinen  Augen  „der  wirkliche
Eckstein  der  kollektivistischen  Volkswirtschaft  ist“ *  2 )-  Zunächst  rechtfertigt ­
  die  Theorie  der  Rente  —  dies  bedarf  keines  Beweises  —  die  kollektivistische ­
  Aneignung  der  Einkünfte  des  Bodens,  indem  sie  nachweist,
daß  dieses  Einkommen  auf  dem  Mehrertrag  der  besten  Felder  gegenüber
dem  schlechtesten  beruht,  auf  dem  der  Arbeiter  nichts  Anderes  als  nun
gerade  seinen  Lohn  erzeugt.  Soweit  also  nichts  Neues.
Sie  rechtfertigt  aber  nicht  weniger  auch  die  Konfiskation  des  Einkommens ­
  aus  Kapitalien.  Denn  zwischen  den  verschiedenen  Kapitalien,
nämlich  zwischen  den  verschiedenen  Maschinen,  den  Instrumenten  und
Gebäuden  aller  Art,  die  der  Produktion  dienen,  bestehen  die  gleichen
Qualitätsunterschiede,  und  folglich  auch  die  gleichen  Unterschiede  in
der  materiellen  Produktivität,  wie  zwischen  den  verschiedenen  Feldern.
Der  „nur  mit  dem  Grenzkapital  ausgestattete  Arbeiter“,  d.  h.  derjenige
Arbeiter,  der  nur  mit  dem  Minimum  an  Werkzeugen  ausgestattet  ist,
ohne  das  keine  Arbeit  möglich  ist,  verdient  nur  seinen  Lohn.  Alles,  was
dieses  Minimum  übersteigt,  können  die  Kapitalisten,  als  Zahlung  für  den
höheren  Ertrag  der  Kapitalien,  die  sie  darleihen,  für  sich  beanspruchen.
Der  Zins  ist  daher  nichts  als  ein  Differentialeinkommen,  eine  Rente,
unter  der  Bedingung,  daß  er  in  der  allein  richtigen  Weise  definiert  wird,

*)  Außer  den  Fabian  Essays,  die  1889  erschienen,  sind  die  hauptsächlichsten
Veröffentlichungen,in  denen  man  den  Ausdruck  der  fabischen  Ideen  findet,  die  Fabian
Tracts,  sehr  zahlreiche  Broschüren  über  die  verschiedensten  Gegenstände;  weiterhin
die  Werke  von  Herrn  und  Frau  Webb:  History  of  Trade-Unionism  (franz.  Übers.
Von  Mktin)  und  besonders  Industrial  Democracy,  hauptsächlich  Kap.  I  und  II
des  3.  Teiles;  und  endlich  die  Problems  of  modern  industry  (1898),  eine  Zusammenstellung ­
  der  Vorträge  und  Aufsätze  derselben  Verfasser.
2 )  Herr  und  Frau  Webb  verwerfen  in  ihrer  History  of  Trade-Unionism
(S.  116  d.  franz.  Übers.)  „jene  aufgeblähte  Simili-Wissenschaft,  und  das  Vorurteil,
das  Generationen  von  Sozialisten  dazu  führte,  A.  Smith  und  den  klassischen  Volkswirtschaftlern ­
  die  falsche  Theorie  zu  entlehnen,  als  ob  die  Arbeit  allein  den  Wert  schaffe,
ohne  das  den  Händen  stets  entgleisende  und  bei  weitem  schwierigere  Gesetz  der  ökonomischen ­
  Rente  zu  beherrschen,  das  der  wirkliche  Eckstein  der  kollektivistischen  Volkswirtschaft ­
  ist“.
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        636

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

nämlich  als  „eine  bestimmte  Teilmenge  am  Produkt“,  und  nicht  als  so
und  so  viel  vom  Hundert 1 ).
Und  weiterhin  produzieren  alle  diejenigen,  die  höhere  Fähigkeiten
besitzen,  als  der  „Grenzarbeiter“,  der  nicht  nur  mit  dem  Minimum  an
Boden  und  Kapital,  sondern  auch  mit  dem  Minimum  an  Intelligenz  und
Geschicklichkeit  arbeitet,  —  sie  alle  produzieren  mehr,  und  können  diesen
Überschuß  für  sich  selbst  behalten.  Auch  hierin  liegt  ein  Differentialeinkommen: ­
  die  Geschicklichkeitsrente.  Diese  Rente  ist  übrigens  im  Allgemeinen ­
  die  Wirkung  der  besseren  Erziehung,  die  die  Kinder  der  Besitzer
und  Kapitalisten  empfangen,  und  ergibt  sich  infolgedessen  mittelbar
aus  dem  Privateigentum 1  2 ).
So  geistreich  sie  ist,  ist  doch  diese  Beweisführung  nicht  sehr  überzeugend. ­
  Denn  auch,  wenn  man  zugibt,  daß  die  Zinsen  und  die  meisten
Löhne  nichts  Anderes  als  Differentialeinkommen  sind,  so  verlangt  ihre
Konfiskation  doch  eine  besondere  Rechtfertigung.  Die  Eigenschaften
des  Kapitals  sind  nicht,  wie  die  des  Bodens  in  der  Theorie  Ricardo’s,
natürliche  Eigenschaften,  sondern  ihm  vom  Menschen  verliehene  Eigenschaften. ­
  Und  was  die  besonderen  Fähigkeiten  des  Menschen  anlangt,
so  muß  noch  bewiesen  werden,  daß  es  der  Gesellschaft  zum  Vorteil  gereicht,
den  ganzen  darauf  beruhenden  Gewinn  zu  konfiszieren.  —  Auch  als  wissenschaftliche ­
  Erklärung  der  Güterverteilung  scheint  uns  diese  Auffassung
nicht  sehr  glücklich.  Die  Verteilung  der  Einkünfte  wird  im  Tauschverkehr
bewirkt  und  hängt  vom  Preis  der  Dienste  ab;  Webb  abstrahiert  nun  vom
Preise  und  faßt  nur  das  materielle  Produkt  ins  Auge.  Wir  leugnen  nicht,
daß  die  fixen  Kapitalien  ebenso  wie  der  .Boden  eine  Rente  abwerfen  können,
wenn  sie  durch  einen  Vergleich  mit  dem  geltenden  Zinsfuß  gemessen  werden.
Es  scheint  uns  aber  nach  den  Arbeiten  Böhm-BaWerk’s  und  Irving
Fischer’s  unmöglich  zu  sein,  diesen  Zinsfuß  selbst  durch  die  materielle

1 )  „Die  Zinsen,  mit  denen  wir  uns  hier  beschäftigen,  müssen  selbstverständlich
eine  „definierbare  Produktmenge“  sein  (a  definable  quantity  of  product).  (The
National  Dividend  and  its  distribution  in  den  Problems  of  modern
industry  S.  227)  Wir  entlehnen  diesem  Aufsatz  die  Darlegung  der  Lehre.
2 )  Die  gleiche  Theorie  ist  indem  Tract  No.  15,  English  Progress  towards
Social-Democracy  ausgeführt.  „Die  Individuen  oder  die  Klassen,  die  die  soziale
Macht  besitzen,  haben  stets,  bewußt  oder  uubewußt,  diese  Macht  dazu  benutzt,  der
Mehrheit  ihrer  Genossen  faktisch  nichts  über  das  örtlich  übliche  Unterhaltsniveau
hinaus  zu  lassen.  Das  Zusatzprodukt,  das  von  den  relativen  Unterschieden  in  der  produktiven ­
  Wirksamkeit  der  verschiedenen  Landstriche,  Felder,  Kapitalien  und  Geschicklichkeitsquellen ­
  innerhalb  der  Bewirtschaftungsgrenze  bestimmt  wird,  geht  in  die  Hände
derer  über,  die  diese  kostbaren  und  seltenen  Produktionsfaktoren  besitzen.  Diese
Schlacht  um  den  Überschuß  oder  die  „ökonomische  Rente“  ist  der  Schlüssel  der  verworrenen ­
  Geschichte  des  europäischen  Fortschritts  und  der  tiefliegende,  wenn  auch
unbewußte  Grund  aller  Revolutionen“.  Vgl.  auch  The  difficulties  of  individualis®
in  den  Problems  of  modern  industry,  S.  237—239.
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        Kapitel  II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.

637

Produktivität  der  Kapitalien  zu  erklären.  Und  doch  liegt  hierin  der
Kernpunkt  der  Theorie  Webb’s.
Der  Versuch,  den  ganzen  Kollektivismus  auf  die  Rententheorie
Ricardo’s  zu  gründen  —  dieser  letzte  Versuch,  mit  Gewalt  aus  dem
alten  Ökonomisten  revolutionäre  Schlußfolgerungen  zu  ziehen  —  ist
daher  fehlgeschlagen.  Sogar  die  Freunde  Webb’s  haben  sich  ihm  nicht
angeschlossen 1 ),  obgleich  auch  sie  beständig  auf  die  „drei  Monopole“
verweisen.
Der  Versuch  ist  weniger  an  sich,  denn  als  Symptom  interessant.
Schon  in  Frankreich  und  Deutschland  haben  wir  gesehen,  daß  Marx’
nächste  Schüler  seine  Werttheorie  verwarfen  und  zum  Teil  zur  Theorie
des  Grenznutzens  übergingen.  Ein  Teil  der  englischen  Sozialisten  nimmt
dieselbe  Entwicklung.  —Der  Sozialismus  scheint  in  allen  Ländern  den
Anspruch  aufzugeben,  eine  neue  „Arbeiter“-Volkswirtschaft  neben  der
»bürgerlichen“  Volkswirtschaft  zu  schaffen,  und  zu  der  Einsicht  zu  kommen,
daß  es  nur  eine  einzige  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  geben  kann,
die  von  allen  Parteien  und  sozialen  Idealen  unabhängig  ist,  und  deren
Rolle  einfach  darin  besteht,  die  wirtschaftlichen  Tatsachen  wissenschaftlich
zu  erklären.
In  ihrer  Reaktion  gegen  die  marxistischen  Theorien  gehen  die  Fabier
sogar  bedeutend  weiter,  als  die  Syndikalisten.  Nicht  nur  verwerfen  sie
die  Werttheorie  von  Marx,  sondern  auch  seine  ganze  soziale  Lehre.  Ihre
Opposition  erstreckt  sich  hauptsächlich  auf  zwei  Punkte  und,  obgleich
vir  uns  damit  von  dem  eigentlichen  Gegenstand  dieses  Kapitals,  der  Rententheorie, ­
  entfernen,  so  ist  es  doch  notwendig,  auf  sie  hinzuweisen,  um  unsere
Darlegung  der  fabischen  Gedanken  zu  vervollständigen.
Die  soziale  Lehre  Marx’  beruht  auf  dem  Klassenkampf:  für  ihn  ist
der  Sozialismus  die  Lehre  des  Proletariats.  Ihr  Triumph  ist  der  Triumph
des  Proletariats  über  die  Bourgeoisie.  Ihre  Prinzipien  stehen  denen  der
bestehenden  Gesellschaft  ebenso  gegenüber,  wie  die  Interessen  der  beiden
Klassen  sich  gegenüberstehen.  Nichts  Derartiges  findet  sich  bei  den  Fabiern,
h  ür  sie  ist  der  Sozialismus  nur  eine  Fortsetzung  des  demokratischen  bürgerlichen ­
  Ideals.  Sie  begnügen  sich  damit,  logisch  die  Prinzipien  zu  entwickeln,
mR  denen  schon  heute  die  Gesellschaften  beruhen.  „Das  wirtschaftliche
Rild  des  demokratischen  Ideals“,  sagt  Webb,  „ist  tatsächlich  der  Sozialismus ­
  selbst“ 2 ).  Es  handelt  sich  nicht  darum,  die  Vorherrschaft  des  Bürgertu
 ms  durch  die  Vorherrschaft  des  Proletariats  zu  ersetzen,  noch  auch  den
Arbeiter  von  dem  Lohnsystem  zu  erlösen  (unter  der  Herrschaft  des  Sozialismus ­
  wird  jedermann  Lohnempfänger  sein,  sagen  die  Fabier),  sondern  die
j  x )  Bernard  Shaw  unterscheidet  z.  B.  in  seiner  Economic  basis  of  socialism
»  mn  Fabian  Essa  vs  scharf  zwischen  den  eigentlichen  Zinsen  und  der  ökonomischen
heute.
a )  Fabian  Essays,  S.  35.
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        638  Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Industrie  im  Interesse  der  „gesamten  Gemeinschaft“  zu  organisieren.
„Nicht  nur  für  die  Grubenarbeiter,  die  Schuhmacher  oder  die  Handelsangestellten ­
  verlangen  wir  die  Leitung  oder  den  Profit  der  Industrie,
sondern  für  alle  Bürger“ 1 ).  Der  Sozialismus  ist  daher  nicht  eine  Klassendoktrin,
  sondern  eine  Philosophie  des  Allgemeinwohles.  „Der  Sozialismus ­
  ist  ein  Plan,  um  Allen  gleiche  Hechte  und  gleiche  Möglichkeiten ­
  zu  sichern I  2 ).“  Webb  bestreitet  sogar,  daß  in  England
ein  Klassenkampf  im  marxistischen  Sinn  des  Wortes  bestehe 3 ).  Noch
besser:  „Angesichts  der  Tatsache,  daß  die  sozialistische  Bewegung  bisher
von  Mitgliedern  des  Mittelstandes  und  des  Bürgertums  begonnen,  ins
Werk  gesetzt  und  geleitet  worden  ist  .  .  .  protestiert  die  fabische  Gesellschaft ­
  gegen  den  Widerspruch,  der  darin  liegt,  daß  die  Sozialisten  die
Klasse,  aus  der  der  Sozialismus  stammt,  beschuldigen,  ihm  besonders
feindlich  gegenüberzustehen“ 4 ).  Wie  man  sieht,  verstehen  sich  die  Fabier
nicht  mit  den  französischen  Syndikalisten.
Auch  ihre  Geschichtsphilosophie  trägt  ein  ganz  anderes  Gepräge.
Für  Marx  ist  die  Haupttatsache  des  19.  Jahrhunderts  die  Konzentration
des  Eigentums  in  den  Händen  der  Privilegierten  und  die  gleichzeitige
Proletarisierung  der  Massen.  Eine  Doppeltatsache,  deren  notwendige
Folge  die  revolutionäre  Enteignung  der  ersteren  durch  die  zweiten  sein
wird.
Die  Fabier  bestreiten  die  Konzentration  des  Eigentums  nicht.  Sie
sind  aber  Optimisten.  Weit  davon  entfernt,  eine  damit  parallel  verlaufende
Versklavung  der  Massen  zu  erkennen,  ist  in  ihren  Augen  die  Haupttatsache ­
  des  19.  Jahrhunderts  die  Verringerung  der  Macht  der  Kapitalisten,
die  wachsende  Bedeutung  der  kollektiven  Organisation  in  der  Volkswirtschaft ­
  und  die  schon  begonnene  Enteignung  der  Müßiggänger  zum  Nutzen
der  Arbeiter.  Nach  Sydney  Webb  ist  der  Sozialismus  im  Begriff,  sieb
geräuschlos,  und  ohne  daß  es  seinen  Opfern  zum  Bewußtsein  kommt,
zu  verwirklichen:  „Stück  für  Stück  hat  das  Kapital  von  seinem  Profit
hergeben  müssen  und  zwar  dank  wohltätigen  sozialen  Beschränkungen,
die  der  vollen  Verfügungsfreiheit  des  Besitzers  Abbruch  taten.  Stück  für
Stück  mußten  die  Nutznießer  von  der  Rente  und  dem  Zins  hergeben
durch  die  Abwälzung  der  Steuern  von  den  Schultern  des  Verbrauchers
auf  die  der  Personen,  die  ein  höheres  Einkommen  genossen.  Heute  werden
fast  alle  denkbaren  Industrien  in  einer  oder  der  anderen  Weise  von  den

I )  Socialism  true  and  false,  Tract  No.  51.
J )  What  socialism  is;  Tract  No.  13,  S.  3.
3 )  In  seinem  Vorwort  zu  dem  deutschen  Buche  von  Kurella:  Sozialis®“ 9
in  England  (1898)  weist  er  darauf  hin,  daß  in  England  die  Arbeiterklasse  in  zahlreich 6
Korporationen  geteilt  ist,  die  sich  gegenseitig  beneiden  oder  verachten,  die  aber  k c)D
eigentliches  Klassenbewußtsein  besitzen  (S.  10).
4 )  Report  on  Fabian  Policy,  S.  7.
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        Dorfgemeinden,  den  städtischen  Verwaltungen  oder  der  Regierung  selbst
geleitet,  ohne  daß  irgendeine  Mittelsperson  oder  ein  Kapitalist  dazwischentritt. ­
  Die  Gemeinde  schafft  und  unterhält  ihre  eigenen  Parkanlagen,
Kunstmuseen,  Bibliotheken,  Hörsäle,  Straßen,  Wege,  Brücken,  Märkte,
Schlachthäuser,  Feuerspritzen,  Leuchttürme,  Lootsen,  Fähren,  Schlepper,
Rettungsboote,  Friedhöfe,  öffentliche  Bäder,  Waschanstalten,  Tierasyle,
Häfen,  Kais,  Armenhäuser,  Krankenhäuser,  Polikliniken,  Gasanstalten,
Wasserleitungen,  Straßenbahnen,  Telegraphenkabel,  Felder,  Wiesen,
Arbeiterhäuser,  Schulen,  Kirchen,  Lesehallen  usw.“  Zur  gleichen  Zeit
wie  der  Staat  der  Privatindustrie  Konkurrenz  macht,  beaufsichtigt  und
überwacht  er  sie:  „Der  Staat  schreibt  in  den  meisten  der  großen  industriellen
Unternehmungen  das  Alter  des  Arbeiters,  die  Arbeitsdauer,  die  Menge
an  Luft,  Licht  und  Raum,  die  Temperatur,  den  Zustand  der  Aborte,  die
Zeit  der  Mahlzeiten  und  der  Ruhepausen  vor;  ebenso  wie  den  Ort,  die  Zeit
ünd  die  Art  und  Weise,  in  der  die  Löhne  zu  zahlen  sind;  in  welcher  Weise
Treppen,  Maschinen,  Aufzüge,  Bergwerke,  Steinbrüche  durch  Schranken
ünd  Schutzvorrichtungen  geschützt  werden  müssen;  wann  und  wie  die
Maschinen  gereinigt,  ausgebessert  und  in  Betrieb  zu  setzen  sind  ...  Von
allen  Seiten  wird  der  individualistische  Kapitalist  inspiriert,  kontrolliert
ünd  nötigenfalls  von  der  Kollektivität  ersetzt“ 1 ).
Man  sieht,  ruft  Webb  aus,  daß  wir  schon  mitten  im  Sozialismus
stehen!  Unsere  Gesetzgeber  sind  schon  alle,  ohne  es  zu  wissen,  Sozialisten,
ünd  „die  Wirtschaftsgeschichte  des  Jahrhunderts  ist  eine  fast  ununterbrochene ­
  Kette  des  Fortschrittes  des  Sozialismus“ 2 ).  Die  Sozialisten  —
so  wiederholen  die  Fabier  nach  dem  Vorbild  der  Saint-Simonisten  —  tun
Weiter  nichts,  als  klar  die  Entwicklung  auszudrücken,  zu  der  ein  Jeder
unbewußt  beiträgt.  „Anstatt  unbewußte  Faktoren  zu  bleiben,  machen
wir  uns  bewußt  und  absichtlich  zu  ihren  Trägern,  sei  es,  um  die  Umwand-IUngen,
  die  wir  bemerken,  zu  begünstigen,  sei  es,  um  sie  zu  bremsen 3 ).“
Hiermit  sind  wir  weit  von  Karl  Marx  entfernt  und  noch  weiter
v °u  seinen  syndikalistischen  Schülern.  In  Wirklichkeit  werden  wir  damit
z ü  der  Geschichtsphilosophie  der  Staatssozialisten  zurückgeführt.  Sollten
oie  Fabier  etwa  nichts  Anderes  als  Staatssozialisten  sein,  die  ihren  wirkten ­
  Namen  nicht  eingestehen  wollen?
Mithin  ist  der  „Fabische  Sozialismus“,  genau  genommen,  überhaupt
*)  Fabian  Essays,  S.  48—49.
2 )  Ebenda,  S.  31.
3 )  Sidney  Webb,  The  difficulties  of  individualism  in  den  Problems  of
Hadern  industry,  S.  231.  Daher  erklärt  Webb  auch  in  den  Fabian  Essays,  S.  35:
” Di e  Sozialisten  wie  die  Individualisten  kommen  zu  der  Einsicht,  daß  die  Grundbedin-|
 Un gen  bedeutender  organischer  Veränderungen  sind:  1.  demokratisch  zu  sein  .  .  .;
•  a Umählich  .  .  .;  3.  von  der  Masse  des  Volkes  nicht  als  unmoralisch  angesehen  zu
Werden  .  .  .;  4.  ZU m  mindesten  in  England,  konstitutionell  und  friedlich  zu  sein. 45
        <pb n="663" />
        640

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit,

V

keine  neue  wissenschaftliche  Doktrin.  Er  vertritt  vielmehr,  gegenüber
dem  etwas  abgenutzten  Liberalismus,  der  noch  bei  vielen  englischen
Schriftstellern  in  Ehren  steht,  die  Gedanken  der  wirtschaftlichen  Zentralisation, ­
  die  überall  in  Europa  sich  aus  den  Bedingungen  des  modernen
Lebens  ergeben  haben.  Denn  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  wird  die  gesetzgeberische ­
  Entwicklung  dieser  letzten  30  Jahre  in  der  recht  bescheidenen
Gestalt  einer  fortschreitenden  Zentralisation  in  die  Erscheinung  treten,
wenn  auch  ihre  Gegner,  und  sogar  viele  ihrer  Anhänger,  sie  mit  dem
tönenden  Namen  „Sozialismus“  bezeichnen.
Während  die  englische  praktische  Politik  seit  langem  begonnen  hatte,
sich  vom  Individualismus  zu  befreien,  behielt  die  philosophische  und
politische  Doktrin  der  radikalen  Utilitarier,  wie  sie  zu  Beginn  des  19.  Jahrhunderts ­
  von  Bentham  und  seinen  Freunden  formuliert  worden  war,
ihren  ganzen  Einfluß,  von  dem  sie  auch  heute  noch  nichts  verloren  hat.
Die  Fabier  haben  sich  zu  Gegnern  dieser  Lehre  aufgeworfen.  Gern  betrachten ­
  sie  sich  als  die  intellektuellen  Nachfolger  der  radikalen  Utilitarier,
und  behaupten  übrigens,  einfach  den  neuen  Bedürfnissen  eines  großen
industriellen  und  demokratischen  Landes  Ausdruck  zu  geben.  Die  schon
so  gehäufte  Arbeitergesetzgebung,  der  Munizipalsozialismus,  der  sich
selbsttätig  in  den  großen  Städten  entwickelt  "hat,  der  Glanz  der  großen
Genossenschaftsverbände  in  Manches!  :  und  Glasgow  liefern  ihnen  beredte ­
  Beispiele  für  den  praktischen  Sozialismus,  den  sie  predigen.  „Nicht
der  Sozialismus  der  fremden  Arbeiter  ist  es,“  sagt  Frau  B.  Sydney  Webb,
„die  eine  anarchistische,  durch  eine  blutige  Revolution  zu  verwirklichende
Utopie  fordern,  sondern  der  spezifisch  englische  Sozialismus,  der  Sozialismus, ­
  der  sich  in  Taten  und  nicht  in  Worten  ausdrückt,  der  Sozialismus,
der  sich  lautlos  in  den  Fabiikgesetzen,  in  den  Gesetzen  gegen  das  Trucksystem, ­
  der  Unfallgesetzgebung,  in  den  Gesetzen  über  die  öffentliche  Gesundheit, ­
  die  Arbeiterwohnungen,  den  öffentlichen  Unterricht  verkörpert
hat  —  in  dieser  ganzen  Masse  von  Wohlfahrtsgesetzen,  die  das  Individuum
zwingt,  sich  in  den  Dienst  und  unter  den  Schutz  des  Staates  zu  stellen“ 1 )-*
  sic
*
Die  Fabische  Theorie  ist  die  letzte  Verkörperung  der  Lehre  Ricardo’s-Es
  scheint  heute  unmöglich,  weitere  neue  Schlußfolgerungen  aus  ihr  z 11
ziehen:  man  hat,  glauben  wir,  Alles  aus  ihr  herausgepreßt,  was  sie  geben
konnte.  —  Wird  man  versuchen,  sie  noch  einmal  zu  beleben,  ihr  neue

B.  Potter  (Frau  Sydney  Webb),  The  Cooperative  Movement,  2.  Aus?-’
S.  16  (1899).  Seitdem  ist  auch  in  England  ein  aggressiverer  Syndikalismus  aufgekomi ne, n
dessen  berufener  Wortführer  zur  Stunde  Mr.  Cole  zu  sein  scheint.  Das  Econoff^
Journal  von  Juni  1919  enthält  eine  Darstellung  seiner  Bücher  aus  der  Feder  vo
L.  L.  Price.
        <pb n="664" />
        Kapitel  III.  Die  Solidarisier!.

641

Waffen  gegen  die  unverdienten  Einkünfte  zu  entlehnen?  Voraussehen
läßt  sich  dies  kaum.  Es  scheint  uns  aber  höchst  unwahrscheinlich,  wenn
man  daran  denkt,  daß  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  in  der  Tatsache ­
  der  Rente  nicht  mehr  die  merkwürdige  Anomalie  sieht,  die  sie  früher
inmitten  der  anderen  wirtschaftlichen  Tatsachen  zu  sein  schien.  Ihre  Rolle
wird  nicht  bestritten,  aber  ihr  ist  viel  vc  der  sozialen  Bedeutung  genommen ­
  worden,  die  ihr  Ricardo  und  seine  Schüler  zusprachen,  und
daher  auch  viel  von  dem,  was  man  ihre  revolutionäre  Fruchtbarkeit  nennen
könnte.

Kapitel  III.
Die  Solidaristen.
§  1.  Die  Ursachen  der  Entwicklung  des  Solidarismus.
Das  Wort  Solidarität,  das  früher  nur  in  der  Rechtssprache 1 )  gebraucht ­
  wurde,  hallt  seit  20  Jahren,  wenigstens  in  Frankreich,  auf  allen
Straßen  wieder.  Nicht  nur  ist  es  das  Schlußwort  aller  offiziellen  Reden,
aller  sozialen  Vorträge,  aller  Aufrufe,  um  Streiks  zu  entfesseln  oder  an  den
Beutel  zu  appellieren,  sondern  es  erscheint  auch  mehr  und  mehr  als  Kapitelüberschrift ­
  in  den  Abhandlungen  über  Moral  und  Pädagogik.  Daher  verlangt ­
  es  auch  in  der  Geschichte  der  französischen  wirtschaftlichen  Doktrinen
seinen  Platz 2 ).
0  Etymologisch  ist  das  Wort  Solidarität  eine  Verbildung  des  Wortes  solidum,
das  bei  den  römischen  Rechtsgelehrten  die  Verpflichtung  bezeichnete,  die  auf  den
Schuldnern  lastete,  wenn  ein  Jeder  von  ihnen  gehalten  war,  für  das  Ganze  (in  solidum)
aufzukommen.  Anscheinend  hätte  das  Wort  sich  zu  soliditö  (Solidität)  wandeln
®°llen,  und  dieses  Wort  wird  auch  von  den  französischen  Juristen  des  alten  Regime,
besonders  Von  Pothier,  gebraucht.  Erst  die  Verfasser  des  Code  Civil  haben  es  durch
«as  Wort  „Solidarite“  ersetzt.
2 )  Man  würde  kaum  ein  Ende  finden  können,  wenn  man  die  Texte  anführen  sollte,
111  denen  die  Vorzüge  der  Solidarität  Verherrlicht  werden;  es  genügt  auf  gut  Glück
offizielle  Reden  oder  Zeitungsaufsätze  herauszugreifen.  Wir  geben  hier  zwei  als  Probe:
Millerand,  damals  Handelsminister,  sagte  in  der  Eröffnungsrede  der  Weltausstellung ­
  von  1900:  „Die  Wissenschaft  liefert  den  Menschen  das  Geheimnis  der  materiellen
und  moralischen  Größe  der  Gesellschaften,  —  das  in  einem  Wort  beschlossen  liegt:
Solidarität“.
Deherme,  der  Begründer  der  Bewegung  für  Volks-Universitäten,  schreibt:  „Wir
ßjüssen  die  Torheit  der  Solidarität  ergreifen,  wie  die  Märtyrer  die  Torheit  Christi  ergriffen,
bis  handelt  sich  darum,  die  Demokratie  zu  organisieren  .  .  .“  (La  Cooperation  des
ld 6es,  vom  16.  Juni  1900).
Gide  und  Rist,  Geseb.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  41
        <pb n="665" />
        642

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Selbstverständlich  ist  der  Gedanke,  den  das  Wort  „solidarite“  —
Solidarität  —  ausdrückt,  nämlich  daß  alle  Menschen  ein  Ganzes  bilden,
wie  die  Glieder  eines  selben  Körpers,  nichts  Neues.  Ipi  Altertum  haben
schon  der  Apostel  Paulus  und  Markus  Aurelius,  ohne  von  der  bekannten
Parabel  des  Menenius  Agrippa  zu  sprechen;  den  Gedanken  in  ungefähr
der  gleichen  Weise  ausgedrückt 1 ).
Eine  andere  Art  von  Solidarität,  die  sich  nicht  im  Baum,  sondern
in  der  Zeit  erkennen  läßt,  die  die  Toten  mit  den  Lebendigen  durch  die
Erblichkeit  der  Tugend  oder  der  Laster  verbindet,  war  ebenfalls  von  den
Alten  nicht  unbemerkt  geblieben,  Ohne  vom  Dogma  der  Erbsünde  zu
sprechen,  dem  furchtbarsten  Beispiel  der  Solidarität,  das  die  Geschichte
der  Ideen  jemals  aufzuzeichnen  gehabt  hat,  genügt  es  den  Vers  des  Horaz
anzuführen:
HC,  Delicta  majorum  immeritus  lues.
Nicht  nur  als  philosophische  Idee  oder  als  Dogma  hat  sich  die  Solidarität ­
  in  der  Vergangenheit  behauptet;  sie  ist  auch  in  Taten  verwirklicht,
durch  Gesetz,  Religion  und  Sitte  geheiligt  worden  und  zwar  nachdrücklicher ­
  als  es  heute  geschieht:  es  genügt  auf  die  kollektive  Verantwortlichkeit ­
  aller  Mitglieder  der  Familie  im  Kriminalrecht  hinzuweisen,  die  noch
heute  in  der  korsischen  Vendetta  lebt.
Schließlich  gibt  es  noch  eine  andere  Form  der  Solidarität,  auf  die
bereits  lange  vor  Smith’s  prachtvoller  Darstellung,  griechische  Denker
hingewiesen  haben  —  die  Arbeitsteilung,  die  Abhängigkeit  Aller  von  Allen
in  der  Befriedigung  ihrer  Bedürfnisse  (siehe  oben  S.  63  :f.).
So  war  also  die  Solidarität,  obgleich  sie  noch  keinen  Namen  trug,
schon  in  ihren  hauptsächlichsten  Ausdrucksformen  bekannt:  biologisch,
soziologisch,  moralisch,  religiös,  juristisch  und  wirtschaftlich,  —  aber  jede
dieser  Formen  erschien  vereinzelt  und  ohne  notwendige  Verbindung  mit
den  anderen.  Erst  in  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  hat  man  unter  dieser
Vielfältigkeit  die  Einheit  eines  großen  Gesetzes  gesucht.  Wir  haben  schon
gesehen,  daß  Pierre  Leroüx,  die  Schüler  Foürier’s  und  sogar  BastiaT
dem  Begriffe  und  dem  Worte  „Solidarität“  eine  neue  Bedeutung  verliehen
hatten.  Es  war  aber  Auguste  Comte,  der  ihm  eine  unerwartete  Ausdehnung ­
  gab.  „Die  Gesamtheit  der  neuen  Philosophie  läßt  die  Verbindung
eines  Jeden  mit  Allen  unter  einer  Menge  von  verschiedenartigen  Zügen
so  stark  hervortreten,  daß  unwillkürlich  das  tiefe  Gefühl  der  sozialen
- 1 )  „Denn  gleicher  Weise,  als  wir  in  einem  Leibe  viele  Glieder  haben,  aber  all e
Glieder  nicht  einerlei  Geschäfte  haben,  —  also  sind  wir  viele  ein  Leib  in  Christo,  abei
untereinander  ist  einer  des  anderen  Glied“  (Römer  12,  4—5).
„Das  gleiche  Einheitsverhältnis,  das  die  Glieder  des  Körpers  untereinander  haben,
haben  auch  die  vernünftigen  Wesen  untereinander,  weil  sie,  obgleich  voneinander  g e '
trennt,  dazu  geschaffen  sind,  an  einem  gemeinsamen  Werk  zu  arbeiten“  (MakcU®
Aurelius,  VII,  13).
        <pb n="666" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.  043

Solidarität  zu  aller  Zeit  und  an  allen  Orten  zum  innerlichen  Erlebnis
werden  muß.“ 1 )
Man  mußte  aber  noch  einige  Zeit  warten,  bis  dieser  neue  Gedanke
die  Aufmerksamkeit  des  Publikums  und  sogar  die  der  Volks  Wirtschaftler
auf  sich  zog.  Vielleicht  würde  er  niemals  fruchtbar  gewirkt  haben,  ebensowenig ­
  wie  das  Saatkorn  im  Gleichnis,  das  auf  den  steinigen  Weg  gefallen
ist,  wenn  nicht  eine  Menge  überall  neu  auftauchender  Tatsachen  in  einer
Art  von  Anschauungsunterricht  den  Solidarismus  verbreitet  hätten.
Diejenige  dieser  Tatsachen,  die  vielleicht  am  lebhaftesten  die  Gemüter ­
  erregte,  und  von  allen  solidaristischen  Rednern  zu  einer  wirkungsvollen ­
  Illustration  benutzt  wurde,  zu  einer  Reklame  in  feurigen  Buchstaben,
war  die  Mikrobiologie.  Zu  allen  Zeiten  wußte  man  sehr  wohl,  daß  es  übertragbare ­
  und  epidemische  Krankheiten  gab,  und  stets  hatten  sie  die  Menschen ­
  mit  Schrecken  erfüllt.  Es  wirkte  aber  wie  ein  elektrischer  Schlag,
als  man  erfuhr,  daß  die  gefährlichsten,  wenn  nicht  alle  Krankheiten,  vom
Menschen  auf  den  Menschen  durch  unsichtbare  Bazillen  übertragen  werden,
so  daß  die  Mehrzahl  aller  derjenigen,  die  da  glauben,  eines  natürlichen
Todes  zu  sterben,  in  Wirklichkeit  von  Ihresgleichen  getötet  worden  sind.
Man  hörte  mit  Entsetzen,  daß  der  Schwindsüchtige,  früher  der  sympathische
Held  vieler  sentimentaler  Romane,  jeden  Tag  Milliarden  von  tödlichen
Keimen  aushustet,  deren  Menge  genügen  würde,  eine  Stadt  zu  entvölkern,
oder  daß  eins  der  Kinder  der  königlichen  Familie  Englands  gestorben  sei,
weil  es  einen  Anzug  getragen  habe,  der  von  einem  Schneider,  dessen  Kind
an  Scharlachfieber  krank  lag,  in  Hausarbeit  angefertigt  worden  war.
Zu  erwähnen  ist  noch,  daß  diese  pathologische  Solidarität  jeden  Tag  durch
die  Vermehrung  und  größere  Schnelligkeit  des  Verkehrs  verstärkt  wird.
Es  war  viel  mehr  Aussicht  dafür  vorhanden,  daß  der  in  Mekka  aufgenommene
Pestbazillus  während  der  langen  Reise  der  Karawanen  durch  die  Wüste
zugrunde  ging,  als  dies  in  Zukunft  auf  der  Eisenbahn  der  Fall  sein  wird,
die  den  Pilger  in  einigen  Stunden  durch  die  Wüste  trägt.  Der  Reisende  zu
Euß  oder  zu  Pferde  von  gestern  war  sicherlich  weniger  der  Gefahr  ausgesetzt,
Bazillen  aufzunehmen,  als  der,  der  auch  nur  für  einige  Minuten  mit  der
Stadtbahn  fährt.
Auch  die  Soziologie  hat  ihren  Teil  an  Tatsachen  und  Theorien  beigetragen. ­
  Sie  hat  geglaubt,  nachweisen  zu  können,  daß  die  alte  Erzählung
vom  Magen  und  den  Gliedern  der  genaue  Ausdruck  der  Wirklichkeit  sei,
daß  jede  Gesellschaft  einen  „Organismus“  darstelle,  und  zwar  genau  im
Sinne  dieses  Wortes  und  infolgedessen  auch  mit  der  gleichen  engen  Solidarität ­
  aller  Teile,  wie  sie  zwischen  den  Organen  desselben  Körpers  besteht.
End  diesen  Vergleich  führt  sie  mit  ernsthaftester  Genauigkeit  oder  mit
O  Discours  sur  l’Esprit  positif.  Und  in  seinem  Cours  de  Philosophie
spricht  Comte  sich  selbst  die  etwas  offenherzige,  aber  sehr  verdiente  Anerkennung  aus:
&amp;gt;:Eine  wirkliche  grundlegende  und  durchaus  moderne  Auffassung.

41*
        <pb n="667" />
        644

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

höchst  unterhaltsamer  Phantasie  bis  auf  die  geringsten  anatomischen  Einzelheit ­
  en  durch.  Die  Funktionen  sind  gleich:  —  nicht  nur  die  des  Umlaufs,
der  Zirkulation,  die  nicht  einmal  den  Namen  zu  wechseln  braucht,  sondern
auch  die  Ernährung,  die  zur  Produktion  wird,  die  Reproduktion,  die  Kolonisation ­
  genannt  wird,  die  Anhäufung  von  Fettreserven  in  den  Geweben,
die  zur  Kapitalansammlung  wird,  —  deshalb  wurden  in  Florenz  im  Mittelalter
  die  Bürger  „die  Fetten“,  und  die  Arbeiter  „die  Mageren“  genannt!
—  die  Organe  sind  gleich:  das  Netz  der  Arterien  und  Venen  wird  zum  Eisenbahnnetz ­
  mit  seinen  doppelten,  nach  beiden  Richtungen  führenden  Schienensträngen; ­
  aus  den  Nerven  werden  Telegraphendrähte,  die  die  gleiche  Bestimmung ­
  haben,  Empfindungen  und  Neuigkeiten  schnell  zu  übermitteln;
das  Gehirn  wird  zum  Sitz  der  Regierung;  das  Herz  zur  Börse!  —  ohne  zu
vergessen,  daß  zwischen  diesen  beiden  Organen  eine  besonders  enge  Abhängigkeit ­
  besteht.  Und  sogar  die  weißen  Blutkörperchen  haben  im
sozialen  Organismus  ihr  Gegenstück  gefunden,  denn  seitdem  man  ihre
wunderbare  Rolle  entdeckt  hat,  die  darin  besteht,  sich  in  großer  Anzahl
an  einem  bedrohten  Punkte  des  Organismus  zu  sammeln,  um  dort  die
Krankheitskeime  gefangen  zu  nehmen  und  zu  ersticken,  erkennt  man
leicht  in  diesen  „Phagozyten“  die  Polizeibeamten 1 ).
•  Wenn  auch  diese  mehr  geistreichen,  als  wissenschaftlichen  soziologischen ­
  Angleichungen  nur  ein  Leben  kurzen  Ruhmes  gehabt  haben 2 ),
so  sind  doch  einige  Feststellungen  übrig  geblieben,  deren  Richtigkeit
endgültig  erwiesen  scheint,  und  aus  denen  die  Solidaristen  die  Grundlage ­
  ihrer  Lehre  gemacht  haben,  nämlich:
a)  Die  Solidarität,  worunter  die  gegenseitige  Abhängigkeit
aller  Teile  desselben  Körpers  zu  verstehen  ist,  ist  das  Charakteristikum ­
  des  Lebens.  Sie  fehlt  allen  anorganischen  Körpern,  die  einfache ­
  Aggregate  voneinander  unabhängiger  Teile  dar  stellen.  Was  ist  der
Tod  anders,  als  die  Auflösung  der  geheimnisvollen  Bande,  die  die  Teile
des  früher  lebendigen  Wesens  zusammenhielten,  und  deren  Verschwinden
es  zum  Kadaver  macht,  nämlich  zu  wieder  voneinander  unabhängig  g e '

!)  Als  Ausgangspunkt  dieser  biologisch-sozialen  Lehre  kann  man  das  Werk  des
Professors  Sohaeffle  betrachten:  Bau  und  Leben  des  sozialen  Körpers  (1875—1878)
oder  sogar  die  Schriften  Rodbertus’,  der  Sohaeffle  beschuldigt,  ihn  „geplündert
zu  haben.  Siehe  auch  die  Principles  of  Sociology  Von  Herbert  Spencer.  —  Schon
Aristoteles  hatte  gesagt:  „Man  muß  zugeben,  daß  das  Tier  wie  eine  wohlgeordnete
Stadt  gebaut  ist“  (De  motu  animalium),  ein  Ausspruch,  den  man  nur  umzukehren
braucht,  um  die  organizistische  Gesellschaftsauffassung  zu  erhalten.
2 )  Sie  haben  jedoch  noch  Anhänger;  siehe  das  Buch  von  Worms:  Organis® 6
et  Sociötd,  und  das  von  Lilienfeld:  Pathologie  Sociale.
Herbert  Spencer  jedoch,  der  zuerst  zu  ihrer  Verbreitung  beigetragen  hatte,
hat  sie  dann  aufgegeben.  Auguste  Comte,  der  bei  der  Soziologie  Pate  gestanden  hatte,
hat  die  Soziologen  im  Voraus  vor  dieser  Methode  gewarnt,  die  er  als  irrationell  bezeichne  •
        <pb n="668" />
        Kapitel  III.  Die  Solidarisier!.

645

wordenen  Elementen,  die  sich  nach  allen  Seiten  zerstreuen,  um  nach  dem
Rufe  der  Natur  neue  Verbindungen  einzugehen?
b)  Die  Solidarität  ist  um  so  vollkommener  und  um  so  stärker,  je  höher
das  Niveau  in  der  biologischen  Stufenleiter  ist,  auf  dem  sich  das  Wesen
befindet.  Die  niederen,  einfach  gebauten  Wesen  unterscheiden  sich  kaum
von  einfachen  Aggregaten:  man  kann  sie  entzwei  schneiden  oder  wenigstens
amputieren,  ohne  daß  dies  nachteilige  Folgen  für  sie  ergebe;  ein  jeder  Teil
lebt  sein  unabhängiges  Leben,  oder  das  abgeschnittene  Glied  ersetzt  sich
wieder.  Manche  dieser  Wesen  vollziehen  sogar  die  Operation  —  die  Autotomie
  genannt  wird  —  von  selbst,  nur  zu  dem  Zwecke  ihrer  Reproduktion
oder  Verjüngung.  Bei  den  höheren  Wesen  dagegen  zieht  die  Abtrennung
irgendeines  Organes  den  Tod  des  ganzen  Organismus  nach  sich  oder  bringt
wenigstens  das  Leben  aller  anderen  Teile  in  große  Gefahr.
c)  Die  Solidarität  steht  mit  der  Differenzierung  der  Teile  im  gleichen
Verhältnis:  dort,  wo  alle  Teile  homogen  sind,  kann  sich  jeder  selbst  genügen,
aber  dort,  wo  sie  alle  verschieden  sind,  ergänzt  einer  den  anderen  und
kann  daher  weder  allein  handeln,  noch  allein  leben.
Man  hat  auch  nicht  verfehlt,  darauf  hinzuweisen,  daß  ebenso  auch
in  den  primitiven  Gesellschaften  eine  solche  Trennung  von  der  Gesamtheit ­
  für  das  Einzelwesen  einen  bedeutend  geringeren  Nachteil  vorstellt,
als  es  der  Nachteil  ist,  den  z.  B.  der  Boykott,  diese  neue  Form  der  Exkommunikation, ­
  einem  Mitgliede  einer  zivilisierten  Gesellschaft  zufügt.
Neben  der  großen,  aber  schon  seit  langem  bekannten  Tatsache  der
Arbeitsteilung  machte  die  Volkswirtschaft  ihrerseits  auf  viele  andere
Fälle  gegenseitiger  Abhängigkeit  zwischen  den  Menschen  aufmerksam;  —
die  Krisen  z.  B.  zeigen,  wie  ein  Krach  in  New  York,  oder  eine  schlechte
Reisernte  in  Indien  genügen,  um  die  Banken  in  Paris  oder  in  London  zu
e rschüttern  und  die  Arbeiter  der  Diamanten-  oder  der  Automobilindustrie
z ur  Arbeitslosigkeit  zu  verdammen  —,  oder  noch  weniger  als  dies,  die
Handbewegung  des  Sekretärs  einer  Gewerkschaft  von  Elektrizitätsarbeitern
reicht  hin,  um  Dunkelheit  auf  eine  ganze  Stadt  herabsinken  zu  lassen.
Her  Generalstreik,  der  seit  einiger  Zeit  als  Schreckgespenst  gegen  den
»Bourgeois“  dient,  verdankt  natürlicherweise  seine  Furcht  erregende
Wirkung  nur  dem  Gedanken  der  Solidarität,  da  ihm  weiter  nichts  zugrunde
Hegt,  als  daß  an  dem  Tage,  an  dem  eine  genügende  Anzahl  von  Arbeitern
die  Arme  kreuzt,  die  gesamte  Gesellschaft  sofort  entweder  kapitulieren
oder  zugrunde  gehen  muß.
Hierzu  können  wir  noch  die  staunenerregende  Entwicklung  der
Presse  und  der  Telegraphenagenturen  fügen,  die  jeden  Tag,  jede  Minute
die  Menschen  aller  Länder  auf  Grund  dieses  oder  jenes  Vorfalls,  der  früher
ll yr  einen  ganz  kleinen  Punkt  der  Welt  in  Bewegung  gesetzt  hätte,  in
einer  gleichen  Aufregung  der  Wut  oder  der  Freude  erzittern  lassen 1 ),?—
b  „Die  riesige  Ausdehnung  des  Transportes  mit  Hilfe  des  Dampfes  und  die  den
        <pb n="669" />
        646

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

oder  sogar  auch  jene  mysteriösen  Bande  zwischen  den  Menschen,  die  noch
verworren  und  dunkel  in  den  Phänomenen  des  Spiritismus  oder  der  Telepathie ­
  erscheinen.  So  haben  sich  von  allen  Seiten  aus  den  Berührungen
des  täglichen  Lebens,  wie  aus  den  Nebelreichen  des  Okkultismus  Tatsachen
und  Ideen  in  Menge  erhoben,  die  alle  nachzuweisen  streben,  daß  das  „Einer
für  Alle,  und  Alle  für  Einen“  nicht  nur  eine  Maxime,  sondern  Wirklichkeit
ist,  daß  das  Wohl  oder  Wehe  des  Anderen  mehr  oder  weniger  unser  eigenes
Wohl  oder  Wehe  ausmacht,  und  daß,  wie  man  richtig  gesagt  hat,  das  Ich
ein  soziales  Produkt  ist.  Aus  diesen  von  allen  Punkten  der  Windrose
gekommenen  Quellflüssen  hat  sich  der  große  Strom  des  Solidarismus
gebildet.
Und  dies  ist  noch  nicht  Alles.  Nicht  nur  schien  sich  diese  Idee  der
Solidarität  aller  Orten  zu  erheben,  sondern  sie  schien  auch  im  richtigen
Augenblick  gekommen  zu  sein,  um  alle  die  zu  befriedigen,  die  nichts
mehr  von  dem  individualistischen  Liberalismus  wissen  wollten,  und  die  doch
dem  Kollektivismus  oder  dem  Staatssozialismus  abweisend  gegenüberstanden. ­

Besonders  in  Frankreich  gab  es  eine  politische  Partei,  die  in  der  Bildung
begriffen  war  und  ein  Banner  suchte.  Sie  wollte  ein  wirtschaftliches  Programm, ­
  das  ihr  gestatten  sollte,  sich  einen  Weg  zwischen  der  alten  liberalen
Partei  und  dem  Sozialismus  zu  bahnen,  —  das  Laisser-faire  zu  verwerfen,
aber  ebenso  die  Sozialisation  des  individuellen  Eigentums  —,  die  Rechte
des  Individuums,  die  Menschenrechte,  aufrecht  zu  erhalten  und  mit  Nachdruck ­
  zu  vertreten,  aber  zur  gleichen  Zeit  dem  Einzelnen  gewisse  Opfer
im  Interesse  der  Gesamtheit  aufzuerlegen  und  abzufordern.  Es  war  das
die  Partei,  die  sich  damals  radikal  nannte,  und  die  sich  heute  radikalsozialistisch ­
  nennt.  Allerdings  besagt  das  Programm  des  deutschen  Staatssozialismus, ­
  so  wie  es  zu  dieser  Zeit  gelehrt  wurde  (siehe  S.  483  f.)
ungefähr  dasselbe,  aber  seine  Auffassung  der  historischen  Rolle  des  Staates,
der  über  allen  Klassen-  und  Parteiinteressen  schwebt,  war,  wenn  sie  auch
in  einem  Lande  wie  Preußen  leicht  verständlich  ist,  für  Franzosen  doch
viel  weniger  einleuchtend  und  sympathisch.  Die  Geschichte  der  beiden
Länder  gibt  ihnen  in  dieser  Hinsicht  nicht  die  gleichen  Lehren.  Der  Solidarismus
  mag,  wenn  man  will,  Staatssozialismus  sein,  jedoch  in  französischem ­
  Gewände  und  von  größerer,  liebenswürdigerer  Höflichkeit,  weil
er  nicht  notwendigerweise  die  Zwangseinmischung  des  Staates  bedingt
und  der  Freiheit  des  Individuums  mehr  Achtung  entgegenbringt.
Das  Wort  Solidarität  leistete  aber  den  Demokraten  noch  einen

ganzen  Erdball  umspannenden  Telegraphenlinien  haben  aus  dem  modernen  Industrieorganismus ­
  eine  Art  von  riesenhaften  Polypen  gemacht,  von  dem  kein  Glied  verletzt
werden  kann,  ohne  den  ganzen  Körper  in  Mitleidenschaft  zu  ziehen,  ein  (äya
das  in  todeskampfähnliche  Zuckungen  verfällt,  so  bald  es  irgendwo  eine  Wunde  erhält
(Nicholson,  Effects  of  Machinery  on  wages).
        <pb n="670" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

647

weiteren  Dienst:  es  gestattete  ein  anderes  Wort  zu  verbannen,  dessen  man
sich  um  seines  religiösen  Beiklangs  willen  nicht  bedienen  wollte,  das  der
„Mildtätigkeit“.  Auch  das  Wort  Brüderlichkeit,  das  seit  der  Revolution
von  1848  an  seine  Stelle  getreten  war,  schien  mit  einem  recht  veralteten
Sentimentalismus  behaftet  zu  sein.  Dafür  hatte  im  Gegenteil  das  Wort
Solidarität  ein  eindrucksvolles,  wissenschaftliches  Aussehen,  ohne  jede
Spur  von  Ideologie.  Von  ihm  gedeckt,  kann  man  jetzt  alle  Opfer,  die
man  für  andere  verlangt,  wie  Subventionen  an  Gesellschaften  gegenseitiger ­
  Hilfe,  an  Arbeitsgenossenschaften  oder  an  Gesellschaften  zur
Beschaffung  billiger  Wohnungen,  an  Arbeiterpensionskassen  und  sogar
Armenunterstützungen,  nicht  im  Hamen  der  Mildtätigkeit,  sondern  in
dem  der  Solidarität  verlangen;  und  bei  jeder  Gelegenheit  hört  man  die
mit  Beifall  aufgenommene  Formel  wiederholen:  „Unser  Ziel  ist  kein
Werk  der  Mildtätigkeit,  sondern  der  Solidarität;  die  Mildtätigkeit  erniedrigt, ­
  die  Solidarität  adelt“!
§  2.  Die  solidaristischen  Thesen.
Um  aber  aus  dem  Solidarismus  eine  Allen  verständliche,  eine  volkstümliche ­
  Lehre  zu  machen,  mußte  man  ihn  genauer  fassen.  Die  Fluten
des  Stromes,  die  sich  aus  so  verschiedenen  Quellflüssen  o-enährt  hatten,
waren  zu  trübe:  sie  mußten  filtriert  werden 1 ).
*)  1890  erschien  ein  Buch  von  Marion  „La  solidaritß  morale“;  es  war  aber
ganz  vom  psychologischen  Standpunkt  aus  verfaßt.  1889  wurde,  wenn  wir  uns  nicht
ttren,  die  Solidarität  zum  ersten  Male  als  Wahlspruch  in  einem  Vortrage  einer  neuen
wirtschaftlichen  Schule  vorgeschlagen,  der  sich  geradezu  L’ficole  Nouvelle  nannte.
Dieser  Vortrag  wurde  in  einem  kleinen  Buche,  zusammen  mit  drei  anderen,  unter  der
Überschrift:  Quatre  ficoles  d’Bconomie  Sociale  (Genf,  1890)  (L’lilcole  liberale
von  Frederic  Passy;  L’ficole  catholique  von  Claudio  Jannet;  L’Bcole  socialiste
von  Stiegler;  L’Bcole  nouvelle  Von  Gide)  veröffentlicht.  In  dieser  letzteren  sagt
der  Verfasser,  nachdem  er  die  drei  vorhergehenden  Schulen  als  die  Vertreter  der  Freiheit,
der  Autorität  und  der  Gleichheit  bezeichnet  hat:  „Wenn  man  nun  von  mir  verlangt,
diese  neue  Schule  mit  einem  einzigen  Wort,  wie  die  vorhergehenden,  zu  definieren,
^  würde  ich  sie  die  Schule  der  Solidarität  nennen.  .  .  .  Die  Solidarität  ist  nicht  wie  die
Dreiheit,  die  Gleichheit  und  sogar  die  Brüderlichkeit  ein  volltönendes  Wort  oder  ein
re ines  Ideal:  sie  ist  eine  Tatsache,  eine  der  von  der  Wissenschaft  und  der  Geschichte
sichersten  nachgewiesenen  Tatsachen,  sie  ist  die  bedeutendste  Entdeckung  unserer
Zei t.  Und  diese  Tatsache  der  Solidarität  gewinnt  täglich  an  Bedeutung.“
In  Wirklichkeit  hätten  wir  besser  getan,  eine  „neue  Bewegung“  als  eine  „neue
Schule“  anzukünden,  denn  eine  große  Anzahl  höchst  verschiedener  und  sogar  höchst
entgegengesetzter  Schulen,  die  des  biologischen  Naturalismus  wie  die  des  Christentums,
jße  des  Anarchismus  wie  die  des  Staatssozialismus  haben  sich  seitdem  auf  die  Solidarität
berufen.
1896  kam  das  Buch  von  Leon  Bourgeois  heraus,  das  Epoche  gemacht  hat;  wir
Werden  sofort  davon  handeln.  Seitdem  ist  in  Frankreich  eine  üppige  Literatur,  in  Zeitschriften ­
  und  in  Büchern,  über  den  Solidarismus  erschienen  —  zuerst  in  den  Veröffent-
        <pb n="671" />
        648

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Hierin  liegt  das  Verdienst  eines  der  Führer  der  radikal-sozialistischen ­
  Partei,  Leon  Bourgeois,  der  dies  versucht  hat,  indem  er  die  noch
etwas  nebelhafte  und  metaphysische  Idee  der  Solidarität  in  eine  juristische
Formel  brachte,  in  die  des  Quasi-Kontraktes.  Infolge  der  hervorragenden ­
  Stellung  ihres  Urhebers *  1 )  erregte  diese  These,  die  sich  gerade
zur  rechten  Zeit  einstellte,  in  den  so  großen  und  umfassenden  Kreisen
der  Lehrerwelt  mit  ihren  hunderttausend  Volksschulen,  ihren  Universitäten, ­
  Hochschulen,  Gymnasien  usw.,  wie  auch  in  den  demokratischen
Zeitungen  und  Vereinen  das  größte  Aufsehen.  Glaubte  man  doch,  in
ihr  die  Grundlage  der  lang  eisehnten  Laienmoral  zu  finden.  Daher  sind
wir  der  Meinung,  sie  etwas  eingehender  analysieren  zu  müssen,  als  es
der  kleine  Umfang  des  Buches,  in  dem  sie  dargelegt  wird,  nötig  erscheinen
lassen  möchte 2 ).  Man  muß  unter  dieser  Theorie  Folgendes  verstehen:
Vorausgeschickt  muß  werden,  daß  diese  Theorie  keineswegs  die
Ausdehnung  oder  Übertragung  der  natürlichen  Solidarität  auf  die
moralische  oder  soziale  Ordnung  ist.  Im  Gegenteil!  Sie  bemüht  sich,
ihre  Unebenheiten  zu  glätten  und  sie  zu  verbessern.  Sie  geht  von  der
Tatsache  aus,  daß  die  natürliche  Solidarität  ungerecht  oder  wenigstens
„gerechtigkeitslos“  ist,  weil  nämlich  die  Einen  durch  sie  unverdiente
Vorteile  genießen,  während  Andere  ebenso  unverdiente  Nachteile  erleiden.
Daher  muß  die  Gerechtigkeit  dazwischen  treten,  damit  die  vom  Zufall
Begünstigten  den  Benachteiligten  ihre  Schuld  erstatten.  Die  Gerechtigkeit ­
  muß  den  Einen  das  nehmen,  was  ihre  blinde  Schwester  —  das  Glück  —-ihnen
  zu  viel  gegeben  hat,  um  es  auf  die  Anderen  zu  übertragen,  denen
es  rechtmäßig  zukäme.  Denn  ebenso  wie  der  Mensch  für  seine  Zwecke
die  Naturkräfte,  gegen  die  er  zu  kämpfen  hat,  zu  verwenden  weiß,  so

lichungen  der  protestantisch-sozialen  Schule,  von  Charles  Secrätan,  Charles  Bois,
Eecolin.  Weiterhin  sind  anzuführen  das  Buch  von  Herrn  von  Eichthal:  La  solidarite
sociale  et  ses  nouvelles  formules  (1903);  eine  lange  Debatte  in  der  Acadönie  des  Sciences
Morales  et  Politiques  (Jahresbericht  1903);  Bougle’s  Buch  über  den  Solidarismus  und
Fleurant’s  Buch  über  die  Solidarität,  beide  von  1907.  Seitdem  gibt  es  kein  einziges
Lehrbuch  der  Moral  für  den  Schulgebrauch,  in  dem  sich  nicht  irgendein  Abschnitt  über
diesen  Gegenstand  fände.
1 )  LhoN  Bourgeois  ist  mehrere  Male  Minister,  sowie  Präsident  der  französischen
Kammer  gewesen.  (Anm.  d.  Übers.)
*)  Die  Untersuchung  Leon  Bourgeois*  über  La  Solidarite  erschien  zuerst  in
der  Form  Von  Aufsätzen,  1896,  in  der  Nouvelle  Revue,  und  dann  1897  in  Buchform.
Sie  ist  von  allen  Seiten  in  einer  Reihe  von  Vorträgen  beleuchtet  worden,  die  verschiedene
Redner  an  der  „ficole  des  Hautes  Ltudes  sociales“,  unter  dem  Vorsitz  Leon  Bourgeois^
selbst  hielten.  Diese  Vorträge  wurden  dann  in  einem  Band  unter  dem  Titel  Essai
d-’une  philosophie  de  la  Solidaritd  (1902)  vereinigt.  —  Eine  zweite  Reihe  von  Vorträgen ­
  ist  1904  unter  dem  Titel  „Applications  sociales  de  la  Solidarität  erschienen.
1895  wurde  unter  dem  Namen  Sociätä  d’Edueation  Sociale  eine  Vereinigung  für
die  Verbreitung  dieser  Lehren  gegründet:  sie  hielt  sogar  zur  Zeit  der  Weltausstellung
einen  internationalen  Kongreß  ab,  hat  aber  seitdem  kein  Lebenszeichen  gegeben.
        <pb n="672" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

649

soll  auch  die  Gerechtigkeit  eine  wohl  überlegte  Solidarität  anwenden,
um  die  rohe  Solidarität  zu  verbessern;  an  diesem  Werke  wird  sie  wachsen,
ja  sich  erneuern 1 ).
Die  natürliche  Solidarität  lehrt  uns  also,  daß  infolge  der  Arbeitsteilung, ­
  der  Erblichkeit,  der  tausend  Ursachen,  die  wir  eben  zusammengefaßt ­
  haben,  ein  jeder  Mensch  denen,  die  vor  ihm  gelebt  haben,  wie
seinen  Zeitgenossen  den  besten  Teil  dessen  schuldet,  was  er  besitzt
und  sogar,  was  er  ist.  Wie  Auguste  Comte  sagte:  „Wir  werden  geboren
mit  einer  Last  von  Verpflichtungen  aller  Art  gegenüber  der  Gesellschaft.“ ­
  Zahlreich  sind  die  Texte  der  französischen  Verfassungen,  in
denen  sich  das  Wort  „Schuld“  (dette)  findet;  es  steht  schon  in  der  Verfassung ­
  von  1793,  wo  von  einer  „heiligen  Schuld“  (dette  sacröe)  gesprochen
wird,  und  zwar  in  bezug  auf  die  Unterstützungspflicht.  Aber  dieses  Wort
hatte  mehr  die  etwas  unbestimmte  Bedeutung  einer  moralischen  Verpflichtung, ­
  eines  „Schuldigsein“  —  etwa  in  dem  Sinn,  wie  man  sagt:
„Adel  verpflichtet“  oder  „Reichtum  verpflichtet.“  Man  überließ  es  dem
Gewissen  eines  jeden,  sich  dieser  Verpflichtung  nach  seinem  Gutdünken
zu  entledigen.  Es  handelt  sich  aber  darum,  dieses  „Schuldigsein“
in  eine  „Schuld“  zu  verwandeln,  indem  man  ihr  eine  rechtliche  Grundlage ­
  gibt,  so  daß  ihr  gegenüber,  im  Fall  sie  nicht  freiwillig  erfüllt  wird,
ein  Rechtsanspruch  besteht.  Wie  sollte  dies  ausgeführt  werden?  —
Es  genügt  hierzu,  den  „Code  civil“  aufzuschlagen,  Artikel  1371—1381,
Kapitel  von  den  „Quasi-Kontrakten“;  es  ist  das  eine  Unterabteilung
des  Absatzes  IV,  der  von  den  Verpflichtungen,  die  sich  ohne  besonderes ­
  Übereinkommen  bilden,  handelt.
Dieser  Gesetzesabschnitt  erkennt  also  das  Bestehen  von  Verpflichtungen ­
  im  eigentlichen  Sinne  an,  die  ohne  Vertrag  entstehen,  d.  h.  ohne
die  Willensäußerung  der  Beteiligten:  zunächst  die,  die  sich  aus  jedem,
auch  unfreiwillig  einem  Anderen  zugefügten  Schaden  ergeben,  und  die
man  Quasi-Delikte  nennt,  —  und  weiterhin  die,  die  sich  in  verschiedenen, ­
  vom  Gesetzbuch  aufgezählten  Fällen  bilden,  die  unter  die  Rubrik
Quasi-Kontrakte  zusammengefaßt  werden,  im  Besonderen  z.  B.:
wenn  ich  die  Zahlung  einer  Summe  erhalte,  die  mir  nicht  zukommt,  oder
Wenn  ich  ohne  Auftrag  die  Angelegenheiten  eines  Dritten  führe.  Auch
gibt  es  noch  andere:  —  die  Annahme  einer  Erbschaft,  die  für  die  Erben
x )  „Die  Solidarität  bestellt  als  Tatsache,  aber  ihre  Ergebnisse  stimmen  nicht
mit  der  Gerechtigkeit  überein.  Zur  Verwirklichung  der  Gerechtigkeit  muß  der  Mensch
d*e  Gesetze  der  Solidarität  beobachten:  nachdem  er  sie  festgelegt  hat,  muß  er  sich  ihrer
bedienen,  um  ihre  Wirkungen  zugunsten  der  Gerechtigkeit  zu  wandeln..  ..  Solidaritätstatsache, ­
  Solidaritätspflicht!  Verwechseln  wir  niemals  Eins  mit  dem  Anderen,  denn
Sle  sind  Gegensätze.  Es  war  aber  unumgänglich  nötig,  die  erste  festzustellen,  um  die
moralische  Notwendigkeit  der  zweiten  zu  erkennen.“  (Leon  Bourgeois,  Philosophie
de  K  Solidaritü,  S.  13,  17.)
        <pb n="673" />
        650

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

die  Verpflichtung  nach  sich  zieht,  die  Schulden  des  Erblassers  zu  bezahlen; ­
  —  die  unfreiwillige  Assoziation,  die  zwischen  verschiedenen
Personen  auf  Grund  der  Nachbarschaft  bestehen  kann,  wie  z.  B.  zwischen
Mietern  in  demselben  Hause  oder  zwischen  Besitzern  von  Nachbargrundstücken; ­
  —■  eine  gewisse  Identität  der  Lage,  wie  z.  B.  die  zwischen  Mitvormündern ­
  oder  Miterben,  die,  in  verschiedenen  Fällen,  eine  gewisse
Verantwortlichkeit  mit  sich  bringen  kann.
Nun  behauptet  Bourgeois,  daß  alle  diese  charakteristischen  Umstände ­
  des  Quasi-Kontrakts  sich  auch  in  den  menschlichen  Gesellschaften
finden,  und  es  ist  eben  die  tatsächliche  Solidarität,  die  natürliche  Solidarität, ­
  die  sie  verursacht:  —  zunächst  immer  die  tatsächliche  auf  der
Nachbarschaft  beruhende  Assoziation,  aber  auch  sehr  häufig  die  Geschäftsführung ­
  für  dritte,  infolge  der  Arbeitsteilung  —•  die  Bereicherung
zum  Schaden  Anderer  durch  unberechtigte  Aneignung  von  Werten  (unearned
  increment),  worunter  an  erster  Stelle  gerade  die  zu  rechnen  sind,
die  sich  aus  der  Annahme  von  Erbschaften  ergeben  —  welche  Schaffung
von  Ungleichheiten  liegt  nicht  gerade  hierin!  —,  ohne  weiterhin  die  beständige ­
  Benachteiligung  Dritter  zu  vergessen,  die  ihrerseits  unter  das
Quasi-Delikt  fallen.  Man  kann  daher  von  diesem  Gesichtspunkt  aus
mit  Recht  sagen,  daß  die  ganze  Gesellschaft  zwar  nicht,  wie  Rousseau
annahm,  auf  einem  ausdrücklichen  Kontrakt,  wohl  aber  auf  einem  Quasi-Kontrakt
  beruht;  einem  Kontrakt,  der  auch  ohne  die  bewußte  Zustimmung
der  Parteien  genau  die  gleichen  gesetzlichen  Folgen  haben  muß  wie  ein
wirklicher  Vertrag.
Gehen  wir  einen  Schritt  weiter.  Wenn  in  allen  diesen  Fällen  zwischen
Mensch  und  Mensch  eine  Schuld  besteht,  muß  sie  wie  alle  andere  Schulden
bezahlt  werden.
Wer  soll  sie  zahlen?  —  Alle  die,  die  aus  der  Tatsache  der  natürlichen
Solidarität  Nutzen  gezogen  haben,  alle  Wohlhabenden,  deren  Vermögen
dank  tausender  vergangener  und  gegenwärtiger  namenloser  Mitarbeiter ­
  entstehen  konnte.  Sie  alle  haben  mehr  als  ihren  Teil  erhalten;
ihr  Konto  zeigt  ein  Debet-Saldo.  Daher  müssen  sie  bezahlen;  und  wenn
sie  es  freiwillig  tun,  mögen  sie  sich  nicht  etwa  einbilden,  daß  sie,  wie  man
es  ihnen  bisher  vorredete,  freigebig  seien!  Mögen  sie  sich  nicht  mit  jenem
Reichen  des  Evangeliums  vergleichen,  der  zahlte,  weil  er  gut  war,  quia
bonus:  nein,  sie  zahlen  nur,  was  sie  schuldig  sind 1 ).  Und  ebensowenig
wie  ein  anderer  Schuldner  können  sie  sich  nicht  als  frei  und  im  Besitz

„Es  gibt  Schulden,  von  denen  man  nichts  wußte,  und  die  man  doch  bezahlen
muß“  (op.  cit.  S.  60).  „Es  gibt  ein  Recht  dort,  wo  wir  nur  die  Moral  sahen,  und  eine
Schuld  dort,  wo  wir  nur  an  ein  Opfer  glaubten.“
Es  ist  bemerkenswert,  daß  schon  das  Neue  Testament  sagt:  „Denn  welchem  viel
gegeben  ist,  bei  dem  wird  man  viel  suchen“  (Lukas,  XII,  48)  —  und  auch:  1.  Korinther
Kap.  IV,  7:  „Was  hast  Du  aber,  das  Du  nicht  empfangen  hast?“
        <pb n="674" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

651

der  freien  Verfügung  über  ihre  Güter  betrachten,  solange  als  sie  nicht
ihre  ganze  Schuld  abgetragen  haben.  Dann  —  aber  auch  erst  dann  —
kann  der  Besitzer  sagen,  mein  Besitz  ist  frei  von  jeder  Schuldenlast;
er  gehört  mir.  Daher  wird  der  persönliche  Besitz  in  dieser  Doktrin  geachtet ­
  und  bleibt  frei,  aber  nur,  nachdem  er  sich  seiner  sozialen  Schulden
entledigt  hat.  Bis  zu  ihrer  Höhe  liegt  auf  dem  Privatbesitz  in  Wahrheit
eine  Hypothek 1 ).
Wem  soll  gezahlt  werden?  —  Allen  denen,  die,  anstatt  von  der
natürlichen  Solidarität  Gewinn  gezogen  zu  haben,  darunter  leiden  mußten,
allen  denen  daher,  die  man  ganz  richtig  die  „Enterbten“  nennt 1  2 ).  Sie
sind  die  Gläubiger,  weil  sie  ihren  Anteil  an  der  durch  die  soziale  Kooperation ­
  geschaffenen  Gütermenge  nicht  erhalten  haben.  Wohl  kann  man
sie  nicht  alle  mit  Kamen  anführen,  aber  sie  werden  vom  Staat  oder  der
großen  Menge  der  Einrichtungen  repräsentiert,  die  früher  Wohltätigkeitsanstalten ­
  hießen  und  heute  Gegenseitigkeits-  oder  Solidaritätsanstalten
genannt  werden.
Wie  soll  gezahlt  werden?  —  Durch  freiwillige  Beiträge  zu  den  Werken
der  Solidarität  oder  durch  obligatorische  Beiträge,  Steuern  und  sogar
progressive  Steuern,  denn  „es  besteht  eine  Art  Progression  in  dem  Gewinn,
den  wir  aus  dem  nationalen  Werkgut  ziehen,  je  nachdem  wir  über  stärkere
und  mannigfaltigere  Hilfsmittel  verfügen“ 3 ).  Daher  nehmen  die  Steuern
einen  fast  heiligen  Charakter  an,  erscheinen  sie  doch  als  Tilgung  der  sozialen ­
  Schuld.
Man  schreie  nicht  über  Staatssozialismus,  denn  es  liegt  keine  Übertreibung ­
  der  staatlichen  Macht  darin,  jemanden  zur  Zahlung  dessen  zu
zwingen,  was  er  schuldig  ist,  „da  die  natürliche  Funktion  des  Staates
die  des  Hüters  der  Verträge  ist“ 4 ).
Wieviel  soll  gezahlt  werden?  —■  Auch  hier  ist  es  recht  schwierig,
eine  Ziffer  festzusetzen.  „Die  zugrunde  liegenden  Regeln“,  sagt  Bourgeois,
»werden  diejenigen  sein,  die  die  Gesellschafter  angenommen  haben  würden,
wenn  sie  vorher  frei  gewesen  wären  und  in  gleicher  Freiheit  die  Bedin1 ­
 )  „Solange  der  Mensch  ein  Schuldner  ist,  ist  er  nicht  frei.  Er  wird  erst  frei,  wenn
«  bezahlt  hat.“  „Die  Lehre  der  Solidarität  ist  der  Rückkauf  des  Eigentums  und  der
individuellen  Freiheit“  (op.  cit.  S.  45).
2 )  Doch  Leon  Bourgeois  bezeichnet  auch  unsere  Nachfolger  als  Gläubiger  —
ebenso  wie  es  unsere  Vorfahren  uns  gegenüber  waren.  Das  ist  nicht  mehr  dasselbe,
Und  hier  erscheint  die  Lehre  etwas  schwankend.  Ist  es  doch  in  Wirklichkeit  eine  erstaunliche ­
  Neuerung,  daß  Gläubiger,  die  seit  Jahrhunderten  gestorben  sind,  die  Forderung,
die  sie  uns  gegenüber  haben,  an  noch  ungeborene  Geschlechter  übertragen!  Welcher
Sprung  über  unsere  Köpfe  hinweg!
3 )  Philosophie  de  la  Solidaritd,  S.  94.
4 )  Gerade  die  Stellen  des  Code  civil,  die  diese  Theorie  im  Auge  hat,  laden  dazu
ein -  Der  Artikel  1370  bezeichnet  neben  dem  Quasi-Kontrakt  und  dem  Quasi-Delikt»
und  zwar  an  erster  Stelle,  das  Gesetz  als  verallgemeinernde  Ursache  der  Verpflichtung
        <pb n="675" />
        652

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

gungen  ihres  Übereinkommens  hätten  festlegen  können.“  Mit  anderen
Worten,  Alles  soll  geregelt  werden,  als  ob  die  Gesellschaft  das  Ergebnis
einer  ausdrücklichen  Übereinkunft  oder  vielmehr  „eines  mit  rückwirkender
Kraft  abgeschlossenen  Vertrages“  wäre.  —  Wie  soll  man  nun  herausfinden, ­
  auf  Grund  welcher  Bedingungen  jedes  Individuum  seinen  Beitritt ­
  erklärt  haben  würde?  —  Indem  man  die  zu  finden  sucht,  die  es  aufstellen ­
  würde,  wenn  der  Vertrag  jetzt  von  Neuem  abzuschließen  wäre.
Aber  auch  das  Individuum  weiß  hierüber  nichts,  so  daß  wir  keinen
Schritt  weiter  gekommen  sind!  Indem  man  daher  die  Lösung  dieses
unlösbaren  Problems  aufgibt,  begnügt  man  sich  damit,  einen  Minimalanspruch ­
  für  die  Enterbten  festzusetzen,  nämlich  die  Versicherung  gegen
die  Zufälle  des  Lebens.  Die  Gesellschaft  würde  folglich  eine  Versicherungsgesellschaft ­
  auf  Gegenseitigkeit  werden,  in  der  das  schlechte  und  das
gute  Geschick  gemeinsam  getragen  werden 1 ).
Gut!  Wie  weit  sind  wir  aber  damit  von  dem  Quasi-Kontrakt  entfernt: ­
  denn  ein  Kontrakt,  oder  ein  Quasi-Kontrakt,  der  sich  auf  die
Gleichwertigkeit  der  Werte,  auf  das  do  ut  des  gründet,  ist  etwas
anderes,  als  eine  Gesellschaft  auf  Gegenseitigkeit,  deren  Charakteristikum
gerade  darin  liegt,  den  Gedanken  einer  genauen  Gleichwertigkeit  der
Leistungen  auszuschließen.  Die  erste  dieser  Auffassungen  führt  den
Solidarismus  zum  Individualismus  zurück:  die  zweite  stellt  ihn  auf  den
Sozialismus  ein.
Es  beruht  dies  darauf,  daß  die  Idee  des  Quasi-Kontraktes  —  obgleich ­
  sie  stark  zum  Erfolg  der  Theorie  von  Leon  Bourgeois  bei1 ­

 )  „Gegenüber  der  augenscheinlichen  Unmöglichkeit,  in  der  auf  dem  sozialen
Quasi-Kontrakt  beruhenden  Assoziation  den  Wert  der  persönlichen  Anstrengung  eines
jeden,  den  Wert  der  Schuld  der  Einen  und  der  Forderung  der  Anderen  genau  festzusetzen ­
  .  .  .  haben  wir  gesagt,  daß  das  einzige  Mittel  zur  Lösung  der  Schwierigkeit  darin
besteht,  diese  Risiken  und  diese  Vorteile  in  ein  Gegenseitigkeitsverhältnis
zu  bringen,  sie  zu  mutualisieren,  was  darauf  hinausläuft,  im  Voraus,  und  ohne  zu
wissen,  wer  das  Risiko  tragen,  und  wer  von  dem  Vorteil  Gewinn  haben  wird,  festzusetzen,
daß  die  Risiken  in  Gemeinschaft  getragen  werden,  und  daß  der  Zugang  zu  den  verschiedenen ­
  sozialen  Vorteilen  Allen  offen  steht“  (Leon  Bourgeois,  Essai  d’une  Philosophie ­
  de  la  solidaritd,  S.  81).
Das  Ende  dieser  Stelle  steht  nicht  ganz  und  gar  mit  den  gesperrt  gedruckten
Worten  in  Einklang,  denn  es  zeigt,  daß  es  sich  nur  um  die  Mutualisation  der  Risiken,
aber  nicht  um  die  der  Vorteile  handelt.  Für  diese  letzteren  wird  man  sich  mit  dem
Versuch  begnügen,  die  Gleichheit,  soweit  die  Zugangsmöglichkeiten  in  Betracht  kommen,
zu  verwirklichen.  Tatsächlich  sieht  man  nicht  recht  ein,  auf  Grund  welchen  PrinzipeS
die  Solidarität  in  dem  einen  Falle  so  vollständig,  und  in  dem  anderen  so  beschränkt  ist-Wenn
  ich  im  Namen  der  Solidarität  gehalten  bin,  meinen  Anteil  an  dem  Zugrundegehen
dieses  Trinkers  zu  tragen,  weshalb  kann  ich  dann  nicht  auf  Grund  desselben  Gesetzes
meinen  Anteil  an  dem  Vermögen  jenes  glücklichen  Spekulanten  beanspruchen?
Beruht  dies  nicht  einfach  darauf,  daß  die  logische  Anwendung  dieser  Regel  zum  Kommunismus ­
  führen  würde?
        <pb n="676" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

653

getragen  hat  —  dieser  Theorie  nichts  hinzufügt,  die  sehr  wohl  ohne‘ ;: sie
auskommen  könnte 1 ).  Sie  ist  ein  geistreicher  Kunstgriff,  fast  ein  Wortspiel, ­
  dazu  bestimmt,  den  gesetzlichen  Beitrag  zu  rechtfertigen,  indem
sie  ihm  eine  angenommene  rückwirkende  Zustimmung  zugrunde  legt,
und  —  eine  Verbeugung  vor  der  Freiheit.  Dem  Steuerzahler,  der  gegen
die  Steuern  für  die  Arbeiterpensionen  protestiert,  sagt  man:  diese  Steuer
schuldest  Du,  nicht  weil  das  Gesetz  Dich  dazu  zwingt,  sondern  aus  dem
Rechtsgrund  einer  eingegangenen,  oder  wenigstens  einer  quasi  eingegangenen ­
  Verpflichtung.
Welchen  Nutzen  soll  aber  diese  ironische  Ausflucht  haben?  Wenn
man  der  Ansicht  ist,  daß  bei  dem  unleugbaren  Tiefstand  der  moralischen
Erziehung  das  Gesetz  bei  denen,  die  kein  Gewissen  haben,  an  Stelle  des
Gewissens  treten  und  gewisse  soziale  Pflichten  heiligen  muß,  nämlich
die,  die  zum  Leben  und  Bestehen  der  Gesellschaft  notwendig  sind,  wenn
man  an  all  das  denkt,  dann  soll  man  es  auch  nur  sagen,  so  wie  es  die
Staatssozialisten  tun.  Wenn  man  aber  im  Gegenteil  glaubt,  daß  der
moralische  Fortschritt  eher  in  einer  Umformung  der  Schuld  in  eine  sittliche ­
  Pflicht,  als  der  sittlichen  Pflicht  in  eine  zwangsweise  beizutreibende
Schuld  besteht 2 ),  dann  sollte  man  sich  eher  bemühen,  die  Einrichtungen
der  freien  Solidarität  zu  vermehren,  wie  die  Gesellschaften  auf  Gegenseitigkeit, ­
  kooperativen  Genossenschaften  und  Gewerkschaften.
Die  Theorie  des  Quasi-Kontraktes  bezweckt  auch  noch,  dem  Schuldner
die  Gewähr  zu  geben,  daß  man  ihm  nichts  über  den  Betrag  der  Schuld
hinaus  abverlangen  wird 3 ).  Aber  das  ist  doch  eine  recht  illusorische
Garantie,  da,  wie  wir  soeben  gesehen  haben  (S.  651  f.),  der  Betrag  dieser
Schuld  nicht  feststeht.  Das  Gesetz  soll  ihn  festlegen:  ganz  richtig,  nur
kann  man  dann  ebensogut  mit  dem  Gesetz  beginnen!
Gesetzlich  jedoch  ist  die  Schuld  sehr  mäßig,  wenn  der  Gesetzgeber
sich  an  die  Abschätzung  hält,  die  Leon  Bourgeois  vornimmt.  Sie  läßt
sich  in  drei  Paragraphen  zusammenfassen:
1.  Freier  Unterricht  in  allen  Schulen  und  Lehranstalten;  denn
6a  das  intellektuelle  Kapital  mehr  als  irgendein  anderes  ein  Werk  der
Kollektivität  ist,  muß  es  auch  Allgemeingut  bleiben:  frei  muß  ein  jeder

x )  Man  muß  übrigens  sagen,  daß  das  Wort  Quasi-Kontrakt  viel  weniger  oft  von
h&amp;amp;ON  Bourgeois  als  von  seinen  Schülern  gebraucht  wird.  Wie  dies  stets  geschieht,
haben  die  letzteren  die  These  auf  die  Spitze  getrieben.  In  seinen  Vorträgen  im  Band:
Essai  d’une  Philosophie  de  solidarite  spricht  er  kaum  von  dieser  Theorie  und
scheint  die  der  Mutualisation  an  ihre  Stelle  zu  setzen.
2 )  Wie  es  z.  B.  der  Philosoph  Guyau  in  seinem  prächtigen  Buche:  „Essai  d'une
m °rale  sans  Obligation  ni  sanction“  erhofft.
s )  „Das  einzige,  was  die  Gerechtigkeit  verlangt,  ist  die  Bezahlung  unserer  Schulden:
darüber  hinaus  haben  wir  nicht  das  Recht,  den  Menschen  irgendeine  Verpflichtung
a ufzuerlegen“  (op.  cit.  S.  45  und  56).
        <pb n="677" />
        654

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

daraus  schöpfen  können.  Hand  in  Hand  mit  dieser  Forderung  geht  die
Begrenzung  der  Arbeitszeit,  ohne  die  das  Recht  auf  Unterricht  ein  leeres
Wort  bleibt.
2,  Die  Garantie  eines  Existenzminimums  für  einen  Jeden;
denn  bei  der  Annahme  eines  Kontraktes  mit  rückwirkender  Kraft  würde
es  widersinnig  sein,  anzunehmen,  daß  Menschen  übereingekommen  wären,
in  eine  Gesellschaft  einzutreten,  wenn  diese  Gesellschaft  ihnen  nicht
zum  wenigsten  das  Recht  auf  Leben  garantiert  hätte..  Hierin  finden  der
Garantismus  Sismondi’s  und  Fourier’s,  wie  das  Recht  auf  Arbeit
Louis  Blanc’s  und  Considerant’s  eine  neue  Bedeutung  und  verjüngtes
Leben.
3.  Versicherung  gegen  die  Zufälle  des  Lebens,  denn  sie
sind  auf  Grund  ihres  Charakters  Allen  gemeinsam.  Man  weiß,  wie  schnell
das  Gefühl  der  Solidarität  jedesmal  zum  Durchbruch  gelangt,  wenn  eine
dieser  Gefahren  sich  in  großem  Maßstab  verwirklicht  hat  und  den  Umfang ­
  einer  Katastrophe  annimmt;  sobald  aber  nur  ein  Einzelner  davon
betroffen  wird,  sollte  es  nicht  anders  sein.
Wenn  die  Theorie  der  Solidarität  Bourgeois’  einen  politisch-juristischen ­
  Charakter  hat,  so  stellt  sich  die  von  Dürkheim  auf  den  durchaus
verschiedenen  Boden  der  Soziologie  und  der  Moral.
Der  Verfasser  unterscheidet  zwei  Arten  von  Solidarität:
1.  Eine  untergeordnete,  die  auf  den  Ähnlichkeiten  beruht  und
rein  mechanisch  ist,  wie  die  Kohäsion  der  gleichartigen  Atome  in  dem.
gleichen  Körper;
2.  eine  andere,  die  auf  den  Unähnlichkeiten  beruht  und  an  die
Arbeitsteilung  gebunden  ist:  diese  zweite  besteht  in  den  lebenden  Wesen
und  macht  ihre  Einheit  aus.
Dürkheim  legt  dieser  zweiten  einen  unvergleichlichen  Wert  bei,
und  zwar  weniger  in  ihren  wirtschaftlichen,  als  in  ihren  moralischen
Folgen:  „sie  wird  zur  Grundlage  der  moralischen  Ordnung“.  Warum?
Weil  der  Kampf  ums  Dasein  um  so  weniger  scharf  ist,  je  verschiedener
die  Endziele  sind,  die  ein  Jeder  verfolgt 1 ).  Und  auch  deshalb,  weil  dank
dieser  Verschiedenheit  Jedes  und  Aller,  es  dem  individuellen  Bewußtsein
gelingt,  sich  von  dem  Kollektivbewußtsein  frei  zu  machen.  Hierauf  bei
ruht  die  grundlegende  Rolle,  die  Dürkheim  der  Gewerkschaft  bei  der
Ausarbeitung  des  neuen  Rechtes  zuweist.
Ohne  die  Wahrheit  dieser  Unterscheidung  bestreiten  zu  wollen,
glauben  wir,  daß  weder  diese  Verachtung  für  die  Solidarität  auf  Grund
')  „Dank  ihrer  sind  die  Rivalen  nicht  verpflichtet,  sich  gegenseitig  zu  vertilgen,
sondern  können  nebeneinander  bestehen.  .  .  .  Wenn  wir  uns  spezialisieren,  so  geschieht
das  nicht,  um  mehr  zu  produzieren  (wie  die  Volkswirtschaftler  lehren,  meint  der  Verfasser), ­
  sondern  um  unter  den  neuen  Daseinsbedingungen  leben  zu  können,  die  sieb
eingestellt  haben“  (Dürkheim,  De  la  Division  du  Travail  Social).
        <pb n="678" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

655

von  Ähnlichkeiten,  noch  dieser  Enthusiasmus  für  die  Solidarität  auf
Grund  von  Verschiedenheiten  gerechtfertigt  ist.  Wir  hoffen  im  Gegenteil,
daß  die  Zukunft  der  ersteren  gehören  wird.  Liegt  das  Endziel  der  Entwicklung ­
  nicht  gerade  darin,  aus  dem  banalen  Wort  „Unseresgleichen“
eine  Wirklichkeit  zu  machen?  Strebt  die  Welt,  anstatt  nach  wachsender
Verschiedenheit,  nicht  vielmehr  nach  wachsender  Einheit  hin?  Dies  erscheint ­
  für  die  physische  Welt  klar  nachweisbar:  die  Berge  werden  niedriger,
die  Meere  füllen  sieh  aus,  die  Wärme  zerstreut  sich  im  Weltall,  die  Unterschiede ­
  der  Temperatur  verringern  sich  bis  zum  endgültigen  Gleichgewicht ­
  spunkte 1 ).  Ebenso  werden  auch  unter  den  Menschen  die  Verschiedenheiten ­
  der  Kasten,  die  Bangabstufungen  der  Sitten,  der  Kleidung,
der  Sprache,  der  Maße  und  Gewichte  immer  geringer.  Der  Frack  und  der
schreckliche  Zylinderhut  oder,  seit  dem  Kriege,  der  runde  Hut  sind  beredte ­
  Symbole  für  dieses  Streben  zur  Einheit.  Was  nun  den  Kampf  ums
Dasein  anbelangt,  so  scheint  es  nach  dem  Zeugnis  der  Geschichte  erwiesen, ­
  daß  die  Kämpfe  zwischen  Fremden  —  Fremde  der  Kasse,  der
Religion,  der  Kultur,  der  Erziehung,  d.  h.  also,  zwischen  Verschiedenartigen ­
  —  stets  am  heftigsten  gewesen  sind,  und  daß  daher  jeder  Fort-  f
schritt  zur  Einheit  ein  Fortschritt  zum  Frieden  ist 2 ).
Diese  letzte  Auffassung  scheint  uns  am  besten  der  Idee  zu  entsprechen, ­
  die  wir  uns  von  der  Solidarität  machen  müssen,  und  sie  hat  auch
den  größten  moralischen  Wert:  denn  wenn  ich  für  Übel,  die  der  Andere
erleidet,  verantwortlich  und  Mittäter  des  Übels,  das  er  verübt,  sein  soll,
so  ist  dies  nur  in  dem  Maße  richtig,  wie  der  Andere  Ich  selbst  ist 3 ).  Das
hat  ZU r  praktischen  Folge,  daß  wir  die  Arten  der  Assoziation  bevor-Zu
 gen  müssen,  die  die  Menschen  auf  Grund  ihrer  allgemeinsten  Charakterz
 üge  zusammenschließen,  gegenüber  denen,  die  sie  auf  Grund  besonderer
pharakteranlagen  gruppieren,  z.  B.  die  Konsumgenossenschaft  gegenüber ­
  der  Gewerkschaft,  denn  diese  stellt  das  Interesse  der  Produzenten
^  1 )  „Jeder  Fluß,  der  seiner  Mündung  zuströmt,  jede  Lampe,  die  brennt,  jedes
"urt,  das  ausgesprochen  wird,  jede  Bewegung,  die  man  macht,  vermindern  die  Unter-Sc
 hiede  im  Weltall“  (Lalande,  De  la  Dissolution).
.  a )  In  diesem  Sinne  hatte  der  Lausanner  Philosoph  Charles  Secretan  die  Solidarität ­
  in  seinem  Buche:  La  Civilisation  et  la  Croyance  verstanden,  und  so  findet
sich  auch  bei  Alfred  FouillIse  :  „Die  Solidarität  hat  den  Wert  einer  Gedankenkraft
Wee-force),  die  Anerkennung  einer  tiefgehenden  Identität  unter  den  Menschen,  eines
Ideals  vollkommener  Einheit;  aus  diesem  Grunde  wird  sie,  als  höchster  Gegenstand
aes  rationellen  Wünschens,  für  das  vernunftbegabte  Wesen  zu  einer  Pflicht.  .  .  .  Wir
dessen  die  Einheit  des  Menschengeschlechts  vorwegnehmen,  die  noch  nicht  vollständig
! st  und  es  niemals  sein  wird,  indem  wir  handeln,  als  ob  wir  schon  Alle  in  Einem  und  Einer
n  Allen  wären“  (Revue  des  Deux  Mondes,  15.  Juli  1901).
.  .  3 )  Mit  seiner  gewöhnlichen  Autorität  hatte  Auguste  Comte  gesagt:  „Die  Soliarrtät
  beruht  gerade  darauf,  daß  die  Menschen  sich  als  gegenseitig  Einer  für  den  Anderen
»antwortlich  betrachten 1 - 1  (Trait6  de  Politique,  B.  II,  S.  336).
        <pb n="679" />
        656

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

dem  des  Publikums  entgegen,  während  jene  die  allgemeinste  Form  der
Vergesellschaftung  ist,  die  man  sich  vorstellen  kann,  da  alle  Menschen
nur  eine  Eigenschaft  gemeinsam  haben,  nämlich,  Konsumenten  zu  sein.

§  3.  Die  praktische  Anwendung  der  solidaristischen
Lehren 1 ).
Es  gibt  keine  klar  umrissene  solidaristische  Schule  in  dem  Sinne,
wie  wir  von  einer  historischen  oder  liberalen  oder  marxistischen  Schule
gesprochen  haben.  Der  Solidarismus  ist  vielmehr  ein  Banner,  das  von
den  verschiedensten  Schulen  aufgepflanzt  worden  ist  und  dazu  dient,
oft  recht  auseinanderstrebende  Richtungen  zu  rechtfertigen.  Und  dann
steht  er,  wie  wir  schon  gesagt  haben,  mehr  im  Dienste  einer  politischen
Partei,  der  der  Radikalsozialisten,  als  in  dem  einer  doktrinären  Schule.
Aber  hinter  ihm  stand  auch  die  interventionistische  Schule  oder  der
Staatssozialismus.  Alle  sozial-politischen  Gesetze  dieser  letzten  20  Jahre,
und  die,  deren  Durchführung  bevorsteht  —  wie  Reglementierung  der
Arbeit,  Hygiene  der  Werkstätten  und  der  Städte,  sanitäre  und  Schutzgesetze ­
  gegen  ansteckende  Krankheiten,  Unfall-  und  Altersversicherung
der  Arbeiter,  obligatorische  Unterstützung  der  Kranken  und  Altersschwachen ­
 2 ),  Organisation  der  Gesellschaften  zu  gegenseitiger  Hilfe,
der  landwirtschaftlichen  Kreditkassen,  Erbauung  billiger  Wohnhäuser
und  Einrichtungen  von  Schulküchen  für  Schulkinder;  Unterstützung
aller  dieser  Assoziationen  —  und  —  zur  Zahlung  dieser  Unterstützungen  —o
*)  Siehe  eine  Sammlung  Von  Vorträgen  verschiedener  Verfasser  unter  dem  Titel 1
Les  applications  sociales  de  la  Solidaritö,  1904.
2 )  Diese  Unterstützungsgesetze  sind  die  bemerkenswertesten  praktischen  Kundgebungen ­
  der  solidaristischen  Bewegung.  Sie  stellen  in  Frankreich  eine  neue  Tatsache
vor,  denn  bis  dahin  war  die  Unterstützung  von  seiten  des  Staates,  der  Departements
und  der  Gemeinden  rein  fakultativ  (ausgenommen  in  einigen  besonderen  Fällen:  verlassene ­
  Kinder  und  Geisteskranke).  Um  nur  die  wichtigsten,  und  zwar  nur  für  FranK"
reich  anzuführen:  Das  Gesetz  Vom  15.  Juli  1893  hat  in  den  Gemeinden  die  Unterstützung
aller  bedürftigen  Kranken  in  der  Form  ärztlichen  Beistandes  obligatorisch  gemacht;
das  Gesetz  vom  14.  Juli  1905  hat  dieses  Recht  auf  alle  Invaliden  und  Kranken  V°
70  Jahren  unter  der  Form  von  Altersrenten  ausgedehnt,  deren  Betrag  je  nach  u e
Orten  wechselt;  —  endlich  hat  das  Gesetz  vom  5.  April  1910  allen  Arbeitern  im  An
von  60  Jahren  eine  Pension  zugesichert,  deren  Lasten  zwischen  den  Arbeitgebern,  &amp;lt;*«
Staat  und  den  Arbeitern  selbst  verteilt  sind.  Man  muß  hierin  eine  Zahlung  sehen,
die  gegenwärtige  Generation  den  Überlebenden  der  vorhergehenden  macht.  ^ r
Diese  Unterstützung  hat  ganz  den  Charakter  der  sozialen  Schuld,  wie  sie  m
Theorie  des  Quasi-Kontraktes  begründet  ist,  denn  einerseits  stellt  sie,  je  nac ^ a ,„ a t
betreffenden  Fall,  eine  Verpflichtung  für  die  Gemeinde,  das  Departement,  den  8  ^
oder  die  Arbeitgeber  vor,  und  zwar  in  Verhältnissen,  die  durch  das  Gesetz  festge se
sind,  eine  Verpflichtung,  der  sie  sich  nicht  entziehen  können,  —  und  auf  der  an
Seite  hat  der  Nutznießer  genau  wie  ein  Gläubiger  einen  Rechtsanspruch.
        <pb n="680" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

657

progressive  Besteuerung  der  Erbschaften  und  Einkommen  —  all  dies
segelt  unter  der  Flagge  der  Solidarität  und  wird  auch  in  Zukunft  unter
ihr  segeln.  Daher  nennt  man  auch  alle  diese  Gesetze  „Gesetze  sozialer
Solidarität“.  —  Aber  nicht  allein  die  Arbeiter  gewinnen  von  diesem  neuen
Prinzip.  Auch  die  protektionistische  oder  nationalistische  Partei  beruft
sich  auf  die  „Solidarität“.  Sie  ist  es  sogar,  die  vor  allen  Anderen  und  zusammen ­
  mit  den  Mutualisten  dieses  Wort  am  meisten  in  ihrem  Programm
anwendet.  Wenn  sich  die  Steuerzahler  beklagen,  daß  man  ihnen  Geld
abverlangt,  um  gewissen  Eigentümern  oder  Fabrikanten  Prämien  zu
gewähren,  oder  wenn  die  Verbraucher  darüber  seufzen,  daß  sie  infolge
der  Einfuhrzölle  die  Produkte  teurer  bezahlen  müssen,  so  stopft  man
ihnen  sogleich  den  Mund  mit  dem  Hinweis,  daß  sie  aus  Solidaritätsgefühl
ihren  Landsleuten  den  Vorzug  zu  geben  haben 1 ).
Auch  die  fiskalische  Reform,  mit  ihrem  doppelten  Charakter  einer
Progressivsteuer  am  Gipfel  und  vollständiger  Abgabenfreiheit  an  der
Basis,  beruft  sich  auf  das  Prinzip  der  Solidarität,  denn  diese  Reform
rechtfertigt  die  Progression  als  gerechte  Entschädigung,  geschuldet  von
denen,  die  die  Früchte  vom  Baum  der  Zivilisation  gepflückt  haben,  an
die,  durch  deren  Arbeit  er  gewachsen  ist;  und  ebenso  rechtfertigt  sie  die
Abgabenfreiheit,  indem  sie  ausführt,  daß  man  von  den  Enterbten  nichts
verlangen  kann,  da  im  Gegenteil  sie  es  sind,  die  umgekehrt  das  Recht
haben,  eine  Forderung  gegen  die  Gesellschaft  geltend  zu  machen.
Was  aber  den  praktischen  Solidarismus  vom  Staatssozialismus  trotz
ihrer  nahen  Verwandtschaft  unterscheidet,  ist,  wie  wir  schon  erwähnt
haben,  daß  er  sich  ebensogut  und  besser  durch  die  Vergesellschaftung
verwirklichen  läßt,  die  er  mit  neuer  Lebenskraft  erfüllt  hat.  Syndikalisten, ­
  Mutualisten,  Genossenschaftler,  sie  alle  berufen  sich  auf  die
Solidarität,  aber  auf  die  freie  Solidarität,  und  nicht  mehr  auf  die  erzwungene ­
  Solidarität  des  Staatssozialismus 1  2 ).  Nicht,  daß  sie  nicht  in
vielen  Fällen  die  Notwendigkeit,  ja  sogar  die  Überlegenheit  der  letzteren

1 )  Man  hat  letzthin  eine  ziemlich  merkwürdige  Anwendung  dieser  „nationalen
Solidarität“  erfunden.  Von  jetzt  an  soll  die  Regierung  keine  ausländischen  Anleihen
Frankreich  gestatten  dürfen,  wenn  die  betreffenden  Länder  sich  nicht  verpflichten,
willen  Teil  ihrer  Aufträge  der  französischen  Industrie  vorzubehalten.  Dies  läuft  auf
°hie  Verbindung  des  französischen  Rentiers  und  Industriellen  auf  Grund  einer  errungenen ­
  Solidarität  hinaus,  indem  der  erste  sein  Geld  nur  ausleihen  darf,  wenn  es
zum  Teil  in  der  Form  einer  Bezahlung  seiner  Produkte  wieder  an  den  zweiten  zurücküießt.
  Und  dann  kommt  ihrerseits  die  Arbeiterklasse,  die  mit  Recht  ihren  Teil  am
Schutzzoll  in  Form  eines  garantierten  Minimallohnes  verlangt!
2 )  Die  Lehre  vom  Quasi-Kontrakt  kann  ebensogut  zu  dem  Einen  wie  zum  Anderen
führen.  Auch  scheint  Leon  Bourgeois  selbst  jetzt  mehr  zur  Vergesellschaftung  zu
feigen.  „Die  radikale  Partei  hat  eine  soziale  Doktrin.  Diese  Doktrin  läßt  sich  in  einem
" 01 't  zusammenfassen:  die  Assoziation“  (Vorwort  zu  dem  Buch  Buisson’s:  La
°btique  radicale).
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungcn.  2.  Aufl.  42
        <pb n="681" />
        658

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

gegenüber  der  Herrschaft  der  freien  Konkurrenz  anerkennen,  aber  sie
halten  sie  trotzdem  für  moralisch  geringerwertig  gegenüber  der  ersterem
Hier  müssen  jedoch  recht  heterogene  Elemente  unterschieden  werden.
Zunächst  die  Syndikalisten,  die  nichts  außerhalb  der  berufsmäßigen
Genossenschaft  anerkennen  wollen,  und  aus  ihr,  wie  wir  gesehen  haben,
die  Basis  nicht  nur  einer  neuen  wirtschaftlichen  Organisation,  sondern
sogar  einer  neuen  Moral  machen  wollen  (siehe  S.  527).  Hier  lodert  die
Flamme  der  Solidarität  am  heftigsten,  weil  das  Syndikat  sich  zum  Feind
der  bürgerlichen  Klasse  erklärt,  und  weil  zu  jeder  Zeit  der  Kampf  das
Gefühl  der  Solidarität  am  festesten  geschmiedet  hat.  Der  Kampf  allein
gibt  ihm  die  wirklich  disziplinierte  Form.  Die  Anstrengungen,  die  die
Syndikate  machen,  um  diese  Solidarität  nicht  nur  ihren  Mitgliedern,,
sondern  auch  den  Arbeitern,  die  sich  nicht  bei  ihnen  einreihen  lassen
.wollen,  aufzuzwingen,  die  Verfolgung  der  „Gelben“,  die  Entwicklung
jener  Streiks,  die  man  bezeichnend  „Solidaritäts-Streiks“  und  in  England
„Sympathie-Streiks“  nennt,  bilden  eine  der  interessantesten  Seiten  der
gewerkschaftlichen  Bewegung.
Und  dann  die  Mutualisten!  Sie  berufen  sich  am  häufigsten  und
lautesten  auf  die  Solidarität 1 ).  Dies  ist  auch  verständlich,  denn  ihre
Aufgabe  ist  der  Kampf  gegen  das  Übel  in  allen  seinen  Formen,  Krankheit, ­
  Invalidität,  Alter,  Arbeitslosigkeit  und  Tod:  gerade  im  Unglück
empfinden  die  Menschen  am  lebhaftesten  das  Bedürfnis,  sich  Einer  auf
den  Anderen  zu  stützen.  Trotzdem  ist  aber  die  Solidarität,  die  die  Mutualisten ­
  vereinigt,  nicht  sehr  fest,  genügt  keinesfalls  um  sie  dazu  zu
bewegen,  beträchtliche  Opfer  zu  bringen.  Sie  benutzen  die  Solidarität
hauptsächlich  dazu,  um  den  Staat,  die  Gemeinden  oder  die  Ehrenmitglieder
aufzufordern,  für  sie  zu  bezahlen *  2 ),  ihnen  die  Verwaltung  der  Arbeiterversicherung ­
  zu  übertragen,  und  ihnen  die  Aufgabe  der  Verteilung  d ßr

&amp;gt;)  Bei  Gelegenheit  eines  Festmahles  von  30000  Mutualisten  war  die  erste  Seite
einer  Pariser  Morgenzeitung  in  riesigen  Buchstaben  überschrieben:  Die  Apotheose  der
Solidarität!
2 )  Die  Mutualisten  sind  so  von  der  Solidarität  eingenommen,  daß  sie  entrüstet
dagegen  protestieren,  wenn  sie  zufällig  bei  sich  das  Wort  Wohltätigkeit  oder  Nächstenliebe ­
  hören.  Ein  jeder,  so  sagen  sie,  verlangt  nur,  was  rechtens  sein  ist;  es  ist  das  gena' 1
die  These  Leon  Bourgeois’.  Trotzdem  aber  verlangte  die  Zeitung:  L’Avenir  de  l a
Mutualitß  (Februar  1909)  für  die  Gesellschaften  gegenseitiger  Hilfe  (Societös  de  secours
mutuels)  das  Recht,  Lotterien  und  Tombolas  zu  veranstalten,  indem  sie  sich  auf  deü
Text  des  Gesetzes  vom  21.  Mai  1836  stützte,  das  Lotterien  „Werken  vorbehält,  die  sie* 1
ausschließlich  mit  der  Wohltätigkeit  befassen“.  Und  die  Zeitung  L ! Avenir  de
Mutualitö  zögerte  zur  Rechtfertigung  ihrer  Forderung  nicht  mit  dem  Zugeständn )S ’
daß  die  Gesellschaften  gegenseitiger  Hilfe  „einen  nicht  auf  Gegenseitigkeit  beruhende* 1
Einschlag  von  Wohltätigkeit  zulassen  .  .  .,  den  man  ganz  mit  Recht  mit  dem  höheie 11
modernen  Prinzip  der  sozialen  Solidarität  in  Verbindung  bringt,  der  aber  nichtsdesto
weniger  die  Anwendung  der  im  Gesetz  von  1836  angeführten  Vergünstigung  r eCl1
fertigt 1 *.
        <pb n="682" />
        Subventionen  zu  überweisen.  Da  übrigens  die  Anhänger  dieser  Gesellschaften ­
  auf  Gegenseitigkeit  sich  größtenteils  unter  den  Angestellten
und  den  Mittelklassen  finden,  haben  sie  keine  irgendwie  revolutionär
gerichteten  Neigungen  und  auch  nicht  den  geringsten  Plan  einer  sozialen
Reorganisation.
Vor  Allem  ist  es  das  Genossenschaftswesen,  das  infolge  seines  umfassenden ­
  und  vielseitigen  Programms  das  Recht  hat,  sich  als  die  Verwirklichung ­
  des  Solidarismus  zu  geben.
Doch  zeigt  die  Kooperation  zwei  charakteristische  Formen,  und
zwar  auf  Grund  von  gänzlich  verschiedenen  Programmen,  deren  Endziele ­
  weit  auseinander  liegen.
Die  ältere  Bewegung,  in  der  noch  die  Überlieferungen  der  Brüderlichkeit ­
  aus  der  Zeit  von  1848  lebendig  sind,  ist  die  der  Arbeiter-Produktivgenossenschaften, ­
  von  denen  wir  schon  gesprochen  haben  (S.  279).
Sie  bemühen  sich,  die  Emanzipation  der  Arbeiterklasse  zu  verwirklichen,
indem  sie  die  Organisation  der  Republik  auf  die  Werkstatt  übertragen,
und  beginnen  zunächst  mit  dem  „Garantismus“,  den  Sismondi  von  den
Arbeitgebern  verlangte,  und  den  Fourier  von  der  freien  phalansterischen
  Genossenschaft  erwartete 1 ).  Obgleich  ihre  Entwicklung  ziemlich
stetig  gewesen  ist,  bilden  sie  doch  nur  einen  winzigen  Bruchteil  der
Arbeiterklasse.
Die  Konsumgenossenschaften  dagegen  haben  eine  viel  größere
Bedeutung  erlangt:  ihre  Mitglieder  zählen  nach  Millionen  und  bilden
in  einigen  Städten  Englands,  Deutschlands  und  der  Schweiz  schon  die
Mehrheit  der  Bevölkerung.  Außerdem  sind  sie  imstande  gewesen,  riesige
Großhandelsgenossenschaften  zu  bilden,  die  sehr  wohl  binnen  kurzem
eine  vollständige  Umwälzung  in  der  Organisation  des  Handels  bewirken
können,  wenn  man  sein  Urteil  nicht  nur  auf  die  Höhe  der  erreichten
Umsatzziffern  stützt,  sondern  auch  die  unter  den  Handeltreibenden  hervorgerufene ­
  Erregung  in  Betracht  zieht,  die  in  allen  Ländern  zur  Forderung
von  staatlichen  Schutzmaßregeln  geführt  hat.  Obgleich  diese  Gesellschaften ­
  sich  in  Frankreich  stark  vermehrt  haben,  können  sie  hier  doch
nicht  entfernt  die  gleichen  praktischen  Erfolge  aufweisen;  -—  was  ihnen
am  meisten  fehlt,  ist  gerade  das  Solidaritätsgefühl.  Dafür  ist  es  ihnen
aber  gelungen,  ein  soziales  Erneuerungsprogramm  aufzustellen,  das  einer  i)
i)  „Die  Solidarität  ist  nur  ein  leeres  Wort,  wenn  sie  sich  nicht  auf  besondere
Organisationen  stützt,  die  sie  wirksam  machen.  Deshalb  haben  die  Arbeiter-Assoziationen ­
  den  Garantismus  geschaffen.  .  .  .“
„Die  reinste  Kundgebung  der  Idee  der  Solidarität  besteht  darin,  einen  Teil  des
von  der  Arbeit  geschaffenen  Reichtums  dazu  zu  benutzen,  das  Elend  wieder  gut  zu
wachen,  das  die  schlechte  Organisation  der  Arbeit  verursacht  und  den  Arbeiter  und  die
^einigen  den  schwersten  Leiden  aussetzt,  wenn  Krankheit,  Alter  oder  Schicksalsschläge
ihn  treffen.“  (Programm  auf  dem  Umschlag  der  Association  Ouvriere,  Organ  der
Woduktivgenossensehaften.)
42*

I

J
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        660

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

gewissen  Größe  nicht  entbehrt  und  sich  übrigens  auf  das  Programm  der
„Pioniere  von  Rochdale“  gründet 1 ).

*)  Dieses  neugenossenschaftliche  Programm  ist  in  Frankreich  allgemein  als  das
der  „Schule  Von  Nimes“  bekannt.  In  Wirklichkeit  ist  es  nur  die  Weiterführung  in
großem  Maßstabe  des  1844  von  den  Pionieren  von  Rochdale  lakonisch  aufgestellten
Grundgedankens.  Bourguin,  der  es  in  seinen  Systhmes  socialistes  aufgenommen
hat,  hält  dafür,  daß  es  an  Klarheit  fehlen  lasse.  Es  scheint  uns  aber  wenigstens  ebenso
klar  wie  irgendein  anderes  sozialistisches  Programm,  das  die  Zukunft  vorwegnimmt,
und  hat  den  Vorzug  voraus,  daß  es  sich  auf  Ansätze  zu  seiner  Verwirklichung  stützen
kann,  die  heute  schon  Beachtung  verdienen.  Im  Folgenden  fassen  wir  es  kurz  zusammen,
und  zwar  nach  einem,  schon  vor  20  Jahren  gelegentlich  der  Hundertjahrfeier  der  Revolution ­
  in  einer  Rede  dargelegten  Programm  (in  dem  Buch  Cooperation  von  Gide:
Des  transformations  que  la  coopfiration  est  appelde  ä  rdaliser  dans
l’ordre  economique.  —  (Über  die  Umwandlungen,  die  die  Kooperation  in  der  wirtschaftlichen ­
  Ordnung  zu  verwirklichen  berufen  ist).  —  Es  ist  Sache  der  Verbraucher
und  nicht  der  Produzenten,  die  Gesellschaft  zu  reorganisieren,  weil  die  letzteren  sich
nur  von  Berufsinteressen  leiten  lassen  können,  während  die  ersteren  notwendigerweise
das  Allgemeininteresse  im  Auge  haben.  Daher  haben  die  Verbraucher  sich  nur  zusammenzutun, ­
  um  für  alle  ihre  Bedürfnisse  zu  sorgen:  —  indem  sie  erstens  alles,  was
sie  verbrauchen,  direkt  von  den  Produzenten  kaufen,  und  indem  sie  es,  sobald  sie  wohlhabend ­
  und  zahlreich  genug  geworden  sind,  selbst  in  ihren  Fabriken  und  auf  ihren
Ländereien  herstellen.  Hierdurch  eignen  sie  sich  zunächst  den  Gewinn  des  Kaufmanns,
und  dann  den  des  Fabrikanten  an,  behalten  davon  aber  nur  das,  was  zur  Ausdehnung
der  Bewegung  notwendig  ist  und  geben  den  Rest  den  Verbrauchern  pro  rata  ihrer  Einkäufe ­
  zurück,  was  auf  die  Abschaffung  des  Profits  hinausläuft.  Wir  haben  gesehen,
daß  diese  Abschaffung  des  Profits  schon  die  Gedanken  Stuart  Mill’s  beschäftigte
und  sich  für  ihn  mit  einer  ganz  neuen  Entwicklungsphase  verband,  die  er  den  stationären
Zustand  nannte  (siehe  oben  S.408f.);  wir  haben  ferner  gesehen,  daß  auch  die  Hedonisten
zu  demselben  Ergebnis  gelangten,  wenn  auch  auf  einem  der  Kooperation  gerade  entgegengesetzten ­
  Wege,  nämlich  dem  der  vollkommen  freien  Konkurrenz.
Es  muß  darauf  hingewiesen  werden,  daß  diese  Revolution  sich  vollziehen  würde,
ohne  irgendwie  an  dem  zu  rühren,  was  man  die  Grundlage  der  sozialen  Ordnung  nennt:
Eigentum,  Erbrecht,  Zinsen,  und  ohne  andere  Enteignung,  als  die,  die  sich  aus  dem  freien
Spiel  der  heutigen  wirtschaftlichen  Gesetze  ergäbe.  Diejenigen,  die  derart  zusammen
arbeiten  würden,  wollen  die  bestehenden  Kapitalien  unberührt  lassen:  sie  beabsichtigen,
neue  zu  bilden,  die  die  anderen  überflüssig  machen  werden.  Warum  auch  nicht?  Wenn
die  bestehenden  Kapitalien  nur  auf  das  aufgehäufte  Ergebnis  durch  die  Arbeit  verwirklichter ­
  Gewinne  sind,  warum  sollte  die  Arbeit  nicht  imstande  sein,  dasselbe  noch
einmal  zu  leisten?  Nur  mit  dem  Unterschied,  daß  sie  diese  Kapitalien  jetzt  für  sich
behalten  würde  1
Man  hat  diesem  System  vorgeworfen,  daß  es,  auch  wenn  es  durchgeführt  wäre,
doch  nicht  die  Abschaffung  des  Lohnsystems  verwirklichen  würde,  weil  alle  Arbeiter
dann  für  diese  Genossenschaften  arbeiten  würden,  ebenso  wie  sie  heute  im  Dienste
von  Arbeitgebern  stehen.  Darauf  antworten  wir,  daß  der,  der  im  Dienste  einer  Genossenschaft ­
  arbeitet,  der  er  selbst  als  Mitglied  angehört,  recht  nahe  daran  ist,
sein  eigener  Herr  zu  sein.
Übrigens,  wer  hat  denn  das  Recht,  einen  derartigen  Einwurf  zu  machen  ?  Sicherlich
nicht  die  Verteidiger  der  heutigen  wirtschaftlichen  Ordnung,  die  erklären,  daß  der
Lohnvertrag  der  endgültige  Typus  des  freien  Kontraktes  ist.  Ebensowenig  die  Kollektivsten, ­
  da  nach  ihrem  System  alle  Menschen  Angestellte  im  Dienste  der  Nation  sein
würden.  Daher  würden  die  einzigen,  die  einen  Grund  hätten,  diese  Kritik  zu  erheben,
        <pb n="684" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

661

Auch  auf  dem  Lande  wird  die  Solidarität  gepredigt,  und  obgleich
sie  hier  an  dem  ganz  besonders  individualistischen  Charakter  des  Bauern
Widerstand  findet,  beginnt  sie  doch,  sich  in  der  Form  zahlloser  Genossenschaften ­
  verschiedener  Art  zu  verwirklichen  —  unter  denen  die  des  gegenseitigen ­
  Kredites  die  interessantesten  sind,  weil  ihr  bezeichnendster  Zug
gerade  darin  liegt,  ihren  Mitgliedern  die  Haftung  „in  solidum“  für  alle
Schulden  der  Genossenschaft  aufzuerlegen 1 ).  Haftbarkeit  Aller  für  die
Verpflichtung  jedes  Einzelnen:  das  ist  die  goldene  Regel,  der  die  bäuerlichen ­
  Kreditgenossenschaften  nach  Raiffeisen  ihren  wunderbaren
Erfolg  verdankt.
Die  praktischen  Folgen  der  solidaristischen  Idee  sind  übrigens  bei
weitem  noch  nicht  erschöpft.  Sie  können  hauptsächlich  in  der  Form
einschneidender  Veränderungen  in  der  Auffassung  und  den  Eigenschaften
des  Besitzrechtes  in  Erscheinung  treten.  Die  alte  Formel,  „der  Besitz,
eine  soziale  Funktion“,  die  sieh  in  dem  streng  individualistischen  Eigentum, ­
  dem  dominium  ex  jure  quiritum  gegenüberstellte,  bis  heute
jedoch  nur  eine  Metapher  geblieben  ist,  kann,  dank  der  Solidarität,  zur
Wirklichkeit  werden.  Da  das  Eigentum  immer  ausgesprochener  als  das
Ergebnis  anonymer  Kooperation  erscheint,  eines  Zusammentreffens  von
Ursachen,  die  zum  guten  Teil  unpersönlich  sind,  strebt  es  darauf  hin,
sich,  wenn  auch  nicht  in  der  kollektivistischen  Sozialisation  zu  verflüchtigen, ­
  so  doch  zum  wenigsten  den  kollektiven  Endzielen  mehr  und
mehr  anzupassen.  Ein  französischer  Philosoph,  Alfred  FoüilliejD),
hat  diese  Seite  des  gesellschaftlichen  Miteigentums,  die  mit  allem  individuellen ­
  Besitz  unlösbar  verknüpft  ist,  besonders  nachdrucksvoll
herausgearbeitet.
Dieser  Einfluß  des  Solidarismus  auf  das  Recht  hat  eine  ganze  Bewegung ­
  geschaffen,  der  von  einigen  der  Name  Rechts  Sozialismus
die  sein,  die  an  die  Zukunft  und  die  Entwicklung  der  kleinen  selbständigen  Produktion
glauben.  Ihnen  erwidern  wir,  daß  die  einzige  Möglichkeit,  die  sie  haben,  ihr  Ideal  verwirklicht ­
  zu  sehen,  das  auch  das  Ideal  eines  Teiles  der  Kooperativisten  ist,  in  der  Organisation ­
  von  Produktivgenossenschaften  unter  der  Kontrolle  und  mit  der  Hilfe  von
Konsumgenossenschaften  besteht.  In  der  Tat  ist  die  Herrschaft  der  Konsumgenossenschaft, ­
  auch  wenn  sie  unter  der  föderalistischen  Form  verallgemeinert  ist,  nicht  mit
dem  Bestände  einer  gewissen  selbständigen  Produktion  unvereinbar,  und  zwar  auf
Grund  verschiedener  Möglichkeiten,  deren  Darlegung  an  dieser  Stelle  unnötig  ist.
*)  In  Frankreich  ist  diese  Regel  der  Solidarität  zuerst  nur  in  den  Gruppen  der
katholischen  Kreditgenossenschaften,  die  den  Namen  „Union  Durand“  tragen,  zur
Anwendung  gelangt;  obgleich  sie  heute  auch  Von  anderen  als  diesen  Genossenschaften
a usgeübt  wird,  ist  sie  doch  noch  die  Ausnahme,  während  die  gleiche  Regel  in  20000
deutschen  Genossenschaften  und  sogar  in  italienischen,  schweizer  usw.  Genossenschaften
stets  befolgt  wird,  —  ein  weiterer  Beweis,  daß,  wenn  auch  der  Gedanke  der  Solidarität
hauptsächlich  französischen  Ursprungs  ist,  man  doch  seine  Anwendung  in  anderen
bändern  suchen  muß.
2 )  La  Propriötü  sociale  et  la  Democratie.
        <pb n="685" />
        662

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

beigelegt  worden  ist,  eine  Bezeichnung,  die  allerdings  nicht  ganz  klar
scheint.  Die  Juristen,  die  sich  bemühen,  das  bestehende  Recht  auf  Grund
dieses  Prinzips  zu  erneuern,  nehmen  keineswegs  den  Quasi-Kontrakt  als
Grundlage  ihrer  juristischen  Rekonstruktionen  an,  wie  es  die  Solidaristen
tun,  sondern  sie  erkennen  das  Eigentumsrecht  in  seinem  absoluten  Sinne
nicht  mehr-  an,  auf  Grund  dessen  es  für  den  Eigentümer  keine  Verantwortlichkeit ­
  mit  sich  bringt,  solange  er  innerhalb  seines  Rechtes  als
Eigentümer  handelt  (qui  suo  jure  utitur  neminem  laedere  videtur).
  —  Sie  ordnen  es  im  Gegenteil  dem  Rechte  der  Gemeinschaft
unter,  indem  sie  sich  auf  die  neue  Theorie  des  sogenannten  „Rechtsmißbrauches“ ­
  stützen.  In  geistreicher  Weise  suchen  und  finden  sie  tausend
Fälle,  in  denen  der  Eigentümer  verantwortlich  gemacht  werden  muß,
auch  wenn  keine  Schuld  von  seiner  Seite  vorliegt.  Diese  Verantwortlichkeit ­
  besteht  einfach  in  den  Lasten  und  Aufgaben,  die  seiner  wirtschaftlichen ­
  Funktion  inhärent  sind 1 ).  Auch  leugnen  sie  die  Existenz  aller
„erworbenen  Rechte“,  die  der  Schaffung  eines  neuen  Rechtes  hinderlich
sein  könnten,  selbst  wenn  man  sie  nur  indirekt  unter  der  Form  eines
Entschädigungsanspruches  aufrecht  erhalten  wollte *  2 ).
§  4.  Die  Kritik  des  Solidarismus.
Trotz  der  Gunst,  deren  sich  das  Wort  „Solidarität“  und  die  von
uns  dargestellten  Versuche  ihrer  Verwirklichung  erfreuen,  haben  dennoch
q  So  wird  schon  heute  die  Verantwortlichkeit  der  Arbeitgeber,  im  Falle  ihre
Arbeiter  das  Opfer  eines  Unglücksfalles  sind,  zugegeben,  was  sich  zweifellos  bald  auch
auf  Krankheitsfälle  erstrecken  wird.  Sie  können  auch  schon  heute  zur  Zahlung  von
Entschädigungen  bei  ungerechtfertigter  Entlassung  herangezogen  werden.  Ebenso
können  heute  die  städtischen  Grundbesitzer  nicht  mehr  nach  ihrem  Gutdünken  bauen
und  sind  von  der  Enteignung  ohne  Entschädigung  bedroht,  wenn  es  sich  um  die  öffentliche ­
  Gesundheit  handelt  usw.  Man  braucht  diese  Beispiele  nur  fortzusetzen,  um  zum
juristischen  Sozialismus  zu  gelangen.  —  Siehe:  Les  transformations  du  droit  civil
von  Charmont  und  Le  Droit  social  et  le  Droit  individuel  Von  Duguit.
2 )  Der  Wiener  Professor  Anton  Menger  ist  der  hauptsächlichste  Verbreiter  dieses
juristischen  Solidarismus  gewesen.  Siehe  besonders  sein  Buch:  Das  bürgerliche
Recht  und  die  besitzlosen  Volksklassen  (1890).  Ein  anderes  seiner  Bücher:
Das  Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  ist  mit  einem  interessanten  Vorwort
Von  Andler  ins  Französische  übersetzt  worden.  Menger  erklärt,  daß  es  in  der  Wirtschaftsordnung ­
  drei  grundlegende  Rechtsbegriffe  gibt  (wie  in  der  politischen  Ordnung
die  Düclaration  des  Droits  de  l’Homme)  nämlich:  1.  das  Recht  des  Arbeite lS
auf  den  vollen  Ertrag  seiner  Arbeit;  2.  das  Recht  auf  Dasein;  3.  das  Recht  auf  Arbeit-Alles
  dies  findet  sich  schon  in  den  Forderungen  der  französischen  Sozialisten  aus  der
Zeit  von  1848,  Considerant,  Louis  Blanc  und  Proudhon.
Siehe  auch  das  Buch  Lassalle’s:  System  der  erworbenen  Rechte,  das  m&amp;gt;t
einer  Einführung  von  Andler  ins  Französische  übersetzt  worden  ist.  In  Frankreich
muß  noch  angeführt  werden:  Emmanuel  Levy,  Lyon,  der  verschiedene  Aufsätze  m
diesem  Sinn  veröffentlicht  hat,  z.  B.  die  Broschüre:  Capital  et  Travail.
        <pb n="686" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

663

die  solidaristisehen  Lehren  keineswegs  überall  sympathische  Aufnahme
gefunden.  Sie  riefen  im  Gegenteil  sehr  lebhafte  Kritiken  hervor,  und
zwar  zunächst  von  seiten  der  liberalen  volkswirtschaftlichen  Schule.
Zwar  leugnet  oder  tadelt  sie  das  Gesetz  der  Solidarität  durchaus
nicht,  da  sie  es  sich  im  Gegenteil  zur  Ehre  anrechnet,  es  unter  den  Formen
der  Arbeitsteilung  und  des  Güteraustausches  entdeckt  und  seine  großartigen ­
  Wirkungen  nachgewiesen  zu  haben.  (Siehe  oben  Bastiat,  S.374f.)
Sie  beschränkt  es  aber  auf  diese  wirtschaftliche  Solidarität,  die  ihr
genügend  erscheint,  und  die  sie  für  die  beste  hält,  die  man  sich  vorstellen
kann,  auch  wenn  es  von  uns  abhänge,  sie  neu  zu  organisieren.  Selbst
der  ausschweifendste  Traum  kann  nichts  Besseres  schaffen,  als  eine  Ordnung, ­
  die  auf  Grund  der  Teilung  der  Funktionen  tagtäglich  für  alle  Menschen
die  Reziprozität  der  geleisteten  Dienste  verwirklicht,  wie  Bastiat  sagt,
die  Fabel  vom  Blinden  und  Lahmen  ins  Leben  überträgt:
„Ich  werde  für  dich  gehen,  und  du  wirst  für  mich  sehen.“
Es  genügt,  sagt  die  liberale  Schule,  die  Dinge  gehen  zu  lassen,  um,
unter  dem  Druck  der  Konkurrenz,  den  Grundsatz  „Einer  für  Alle“  zu
verwirklichen:  liegt  es  denn  nicht  im  Interesse  eines  jeden  Produzenten,
die  Bedürfnisse,  den  Geschmack,  die  Phantasien  des  Marktes  in  Betracht
zu  ziehen  und  sich  zu  bemühen,  sie,  so  gut  er  kann,  zu  befriedigen?  Wenn
er  anders  handelt,  so  geht  er  zugrunde.  Ihn  zwingt  also,  und  zwar  mit
viel  größerer  Kraft  als  eine  sittliche  Pflicht  es  tun  könnte,  die  berufliche
Notwendigkeit  selbst  zum  Altruismus,  —  denn  was  ist  Altruismus  anders
als  die  beständige  Sorge,  den  Bedürfnissen  Anderer  zu  genügen  oder  sogar
für  Andere  zu  leben 1 ).  Solidarität  besteht  aber  nicht  nur  zwischen  Produzenten ­
  und  Verbrauchern,  sondern  auch  zwischen  Kapital  und  Arbeit.
Kann  doch  keiner  dieser  beiden  Faktoren  für  sich  allein  produzieren,
und  ist  doch  ihr  Interesse  das  gleiche,  nämlich:  daß  die  zwischen  ihnen
zu  verteilende  Menge  so  groß  wie  möglich  sei.  Ebenso  besteht  aber  auch
zwischen  Nationen  Solidarität,  da  eine  jede  um  so  mehr  Aussicht  hat,
Absatzmärkte  für  ihre  Produkte  zu  finden,  je  reicher  die  anderen  Länder
sind,  usw.
Auch  sind  alle  diese  Solidaritäten  in  Übereinstimmung  mit  der
Gerechtigkeit,  da  ein  jeder  den  Gegenwert  dessen,  das  er  liefert,  erhält.
Und  was  will  denn  nun  der  Solidarismus  dieser  bewunderungswürdigen,  i)

i)  „Der  Produzent  sorgt  sich  jeden  Augenblick  um  ihr  Wohlsein  (das  seiner
Kunden)...  sein  Gefühl  umfaßt  die  ganze  Menschheit...  der  Kaufmann,  der  Spediteur
sind  auf  der  Suche  nach  dem,  was  den  Leuten,  für  die  sie  arbeiten,  am  besten  Zusagen
könne,  durch  welche  Kombinationen  sie  neue  Kunden  finden,  d.  h.  immer  mehr  Personen
Dienste  leisten  können.“  Diese  Zeilen,  von  denen  man  glauben  könnte,  daß  Bastiat
sie  geschrieben  habe,  sind  einem  merkwürdigen  kleinen  Buche  von  Yves  Guyot  entnommen: ­
  La  Morale  de  la  Concurrence.
        <pb n="687" />
        664

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

von  der  Natur  gegebenen  Organisation  hinzufügen?  —  ganz  einfach  den
Parasitismus 1 ).
Seine  These  ist  doch,  daß  Alle,  die  in  der  Gesellschaft  eine  gewisse-Überlegenheit
  der  Stellung,  des  Reichtums  oder  der  Intelligenz  haben,
diese  Überlegenheit  durch  eine  kecke  Rollenvertauschung  an  sich  gerissen ­
  haben  und  in  Wahrheit  nur  die  Schuldner  derjenigen  sind,  diekeine
  Erfolge  erringen  konnten;  so  daß  es  vielmehr  diese  sind,  die  das
Recht  beanspruchen  könnten,  auf  Kosten  jener  zu  leben  —  aber  dabei
vergißt  man,  daß  viele  dieser  angeblichen  Schuldner  am  meisten  zu  der
Schöpfung  des  materiellen  und  geistigen  Besitzes  der  Gesellschaft  beigetragen ­
  haben.  Man  sucht  so  in  der  ganzen  Gesellschaft  immer  dichtere
Schichten  von  Leuten  zu  schaffen,  die  von  der  Solidarität  leben,  wie  es
früher  solche  gab,  die  vom  Bettel  lebten.  Aber  diese  Leute  sind  viel  gefährlicher, ­
  denn  sie  werden  nicht  mehr  von  der  Erniedrigung,  um  Almosenbitten ­
  zu  müssen,  zurückgehalten:  sie  verlangen,  daß  man  ihnen  gebe,
was  man  ihnen  schuldig  ist:  nicht  „um  Gottes  Willen“,  sondern  im  Namen
eines,  man  weiß  nicht  recht  welches  Quasi-Kontraktes  und  mit  dem
Schutzmann  hinter  sich,  für  den  Fall,  daß  der  sogenannte  Schuldner
nicht  mit  der  nötigen  ergebenen  Bereitwilligkeit  die  Forderung  erfülle.
Daher  kommt  das  Überhandnehmen  der  pensionierten  Arbeiter,  der
Invaliden,  der  Rentenempfänger  und  Arbeitslosen,  der  Opfer  eines  mehr
oder  weniger  wirklichen  Unglücksfalles,  der  Eltern,  deren  Kinder  in  den
Schulküchen  umsonst  essen,  der  Fabrikanten  und  Besitzer,  die  unter
der  Form  eines  Einfuhrzolles  direkte  oder  indirekte  Prämien  erhalten,
und  der  Angestellten  öffentlicher  Behörden,  die  im  Namen  der  beruflichen ­
  Solidarität  die  nationale  Solidarität  mit  Füßen  treten  und
unbekümmert  die  Interessen  der  Verbraucher  und  der  Steuerzahler  preisgeben. ­

Gewiß  behaupten  die  Nationalökonomen  nicht,  daß  die  gegenseitige
Gerechtigkeit,  das  do  ut  des,  für  Alles  ausreiche:  sie  geben  zu,  daß  sich
noch  ein  weites  Feld  jenseits  der  Gerechtigkeit  erstreckt,  —  das  Reich
der  Mildtätigkeit:  aber  sie  halten  es  für  verderblich,  diesen  Bezirk  dem
Gebiet  der  Gerechtigkeit  einzuverleiben,  indem  man  sich  der  Solidarität
als  Vorwand  für  die  Berechtigung  dieser  Einverleibung  bedient.
In  Summa  gibt  es  eben  kein  Mittel,  dem  Dilemma  zu  entgehen:
entweder  erhält  ein  Jeder  den  Gegenwert  dessen,  das  er  gibt,  und  in  dem

1 )  „Die  Solidarität  dient  den  Leuten  als  Vorwand,  die  von  der  Frucht  der  Arbeit-Anderer
  profitieren  wollen,  den  Politikern,  die  das  Bedürfnis  empfinden,  sich  auf  Kosten
der  Steuerzahler  Anhänger  zu  suchen:  es  ist  einfach  ein  neuer  Name,  den  man  einer
Art  Von  höchst  ungesundem  Egoismus  gegeben  hat“  (Vilfredo  Pareto,  Le  ptrü
socialiste,  Journal  des  Kconomistes  15.  Mai,  1900).
„Die  solidaristischen  Theorien,  die  fortschreitend  und  ins  Unendliche  die  Zahl
der  Unfähigen  vermehren“  (Demolins,  Sup§riorit§  des  Anglo-Saxons).
        <pb n="688" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

665

Falle  haben  wir  das  Tauschsystem,  oder  aber,  es  gibt  Leute,  die  mehr
erhalten,  als  sie  geben,  und  diese  sind,  unter  allen  Umständen,  und  wie
man  sie  auch  immer  nennen  möge,  Parasiten  oder  Unterstützte,  sie  fallen
entweder  unter  die  Rubrik  Ausbeutung  oder  öffentliche  Wohltätigkeit.
Eine  andere  Kritik  am  Solidarismus  besteht  darin,  daß  er  der  Entwicklung ­
  hindernd  in  den  Weg  trete  und  infolgedessen  rückschrittlich
wirke.  Sehen  wir  doch  überall  und  sogar  in  dem  Bereich  der  Biologie
ein  beständiges  Streben  der  Wesen  nach  Autonomie,  nach  Unabhängigkeit ­
 1 ),  eine  beständige  Arbeit,  um  das  Individuum  von  den  Ketten  alter
Solidaritäten  zu  befreien,  vom  Saatkorn  angefangen,  das  sich  müht,
die  Scholle  zu  durchbrechen  und  dem  Himmel  entgegenzuwachsen,  bis
zum  Luftschiffer  und  Flieger,  die  sich  daran  begeistern,  endlich  die  scheinbar ­
  festesten  Bande  der  Solidarität,  die  der  Schwerkraft,  die  ihn  an  den
Boden  fesselte,  gebrochen  zu  haben.  Im  Strafrecht  z.  B.  lehnen  wir  uns
mit  Entrüstung  gegen  die  kollektive  Verantwortlichkeit  der  Familie
und  des  Stammes  auf,  die  den  primitiven  Gesellschaften  so  gerecht  erschien, ­
  die  den  Söhnen  der  Atriden  und  sogar  den  Kindern  Adams  die
Sünden  ihrer  Väter  auf  erlegte 2 ).  Dort,  wo  die  Natur  sie  uns  aufzwingt,
können  wir  freilich  nicht  anders,  als  sie  auf  uns  zu  nehmen.  Wir  müssen
leider  anerkennen,  daß  der  Unschuldige  für  die  Fehler  Anderer  leidet,
daß  das  Kind  des  Alkoholikers  ohne  eigene  Schuld  an  dem  Laster  des
Vaters  stirbt.  Diese  Solidaritäten  aber  nennen  wir  Geißeln  und  bekämpfen
sie.  Wir  denken  nicht  daran,  diesen  mitleidlosen  Eumeniden  Altäre  zu
errichten,  wie  der  Wilde  seinen  Fetischen.  Dieser  Solidarität,  die  mit
einem  anderen  Namen  Ansteckung  heißt,  setzen  wir  den  Individualismus
entgegen,  der  die  Antisepsis  ist.  Die  zahllosen  Solidaritäten  der  mittelalterlichen ­
  Zünfte  und  Gilden  wurden  durch  den  großen  Sturm  der  französischen ­
  Revolution  gebrochen  und  hinweggefegt.  Warum  sollen  wir
uns  daher  bemühen,  neue  Ketten  zu  schmieden,  und  warum  sollen  wir
jedem  Menschen  eine  Hypothek  auf  alle  übrigen  ausstellen?
Auch  die  Moralisten  erheben  ihrerseits  viele  Einwürfe  gegen  den
Solidarismus.  Sie  fragen,  wo  denn  das  neue  Moralprinzip  sei,  das  er
1 )  Die  Entwicklung  erscheint  durch  ein  wachsendes  Bestreben  der  organisierten
w esen  nach  Unabhängigkeit  gegenüber  dem  Milieu,  und  nach  Spezialisierung  gekennzeichnet“ ­
  (De  Launay,  L’histoire  de  la  Terre).  Er  sagt,  daß  die  Gruppierung  des
Kristalls  um  ein  Zentrum  in  einer  polyedrischen  Kristallisationsform  schon  eine  Form
der  Verteidigung,  also  der  Unabhängigkeit  ist.  Das  Kristall  war  die  erste  Individualität,
der  es  gelang,  sich  aus  dem  Milieu  auszuscheiden.
Das  im  Meere  entstandene  Tier,  das  sich  in  seinem  Körper  sein  eigenes,  abgeschlossenes ­
  Milieu  erschafft,  tut  den  zweiten  Schritt,  usw.
2 )  „Der  primitive  Zustand  war  das  Zeitalter  der  Solidarität.  Sogar  das  Verbrechen
w urde  hier  nicht  als  individuell  betrachtet;  einen  Schuldigen  durch  einen  Unschuldigen
zu  ersetzen,  erschien  ganz  natürlich:  die  Schuld  übertrug  sich  und  wurde  erblich.  Im
^eitalter  der  Überlegung  erscheinen  derartige  Dogmen  unsinnig“  (Renan,  Avenir
de  la  Science,  S.  307).
        <pb n="689" />
        666

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

bringe?  Wenn  man  mir  klar  und  deutlich  nachgewiesen  hat,  daß  die
Krankheit  meines  Nächsten  mich  töten  wird,  was  für  ein  Gefühl  wird
die  Feststellung  dieser  Solidarität  in  mir  wohl  hervorrufen?  Liebe?
Durchaus  nicht,  sondern  den  Wunsch,  ihn  von  mir  soweit  wie  möglich
zu  entfernen,  mich  seiner  zu  entledigen,  wenn  auch  nicht  gerade  durch
seine  Vernichtung,  wie  man  dies  mit  den  Pestratten  tut,  so  doch  wenigstens,
indem  man  ihn  in  irgendein  Sanatorium  sperrt.  Höchstwahrscheinlich
werde  ich  nicht  abgeneigt  sein,  mein  Geld  für  dieses  Sanatorium  zu  geben:
aber  die  einzige  Triebfeder  dieser  Handlung  wird  die  Furcht,  oder  wenn
dies  Wort  zu  unangenehm  wirkt,  das  persönliche  Interesse  sein.  In  den
Vereinigten  Staaten  haben  sich  Vereine  „gegen  das  Küssen“  gebildet,
doch  hat  der  Puritanismus  hiermit  nichts  zu  tun,  sondern  nur  die  Bazillenfurcht. ­
  Bald  wird  es  zweifellos  aus  demselben  Grunde  Vereine  gegen
„das  Händeschütteln“  geben,  eine  merkwürdige  Folge  der  Solidarität,
die  doch  überall  durch  zwei  sich  gefaßt  haltende  Hände  bildlich  dargestellt ­
  wird! 1 )
So  enthält  die  Solidarität  in  sich  selbst  kein  Prinzip  der  Liebe  und
strebt  außerdem  darauf  hin,  das  Gefühl  der  Verantwortlichkeit  zu  unterdrücken ­
  oder  abzuschwächen,  indem  sie  der  Gesellschaft,  dem  Milieu,
die  bestimmenden  Ursachen  unserer  Fehler,  unserer  Laster  und  unserer
Verbrechen  aufbürdet.  Und  doch  liegt  gerade  in  der  persönlichen  Verantwortlichkeit ­
  die  Grundlage  des  Moralgesetzes.
Diese  Kritiken  stammen  von  den  individualistischen  Volks  Wirtschaftlern! ­
  Man  darf  aber  nicht  glauben,  daß  der  Solidarismus  von  seiten
der  Sozialisten,  Anarchisten  und  Syndikalisten  eine  bessere  Aufnahme
gefunden  habe.  Wenn  er  den  Klassenkampf  leugnet  und  davon  faselt,
Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer,  Arme  und  Reiche  in  einer  kindischen
Verbrüderung  im  Gefühlsdusel  zu  versöhnen,  so  erscheint  ihnen  das  als
nichts  Anderes  als  ein  Versuch,  dem  Sozialismus  die  Sehnen  seiner  Kraft
zu  durchschneiden *  2 ).
Alle  diese  Kritiken  erscheinen  uns  jedoch  nicht  überzeugend.  'Sie
mögen  vielleicht  genügen,  um  den  Gedanken  einer  sozialen  Schuld  in
seiner  juristischen  Zwangsform  auszuscheiden,  aber  sie  können  nicht
aus  der  Welt  schaffen,  daß  der  Solidarismus  der  sozialen  Ökonomie  und
sogar  der  Moral  höchst  wertvolle  Beiträge  geleistet  hat.
*)  In  dem  Buche  Von  Paul  Bureau:  La  Grise  morale  des  temps  nouveaux
findet  man  eine  lange  und  lebhafte  Kritik  des  Solidarismus  vom  moralischen  Gesichtspunkte ­
  aus.  ,
2 )  Wie  man  sie  z.  B.  in  Le  Mouvement  Socialiste  würdigt,  zeigt  folgende
Stelle:  „Die  Entwicklung  des  Solidarismus  ist  eins  der  beunruhigendsten  Zeichen  der
Zeit.  Sie  ist  das  Kennzeichen  und  die  Ursache  einer  tiefen,  sehr  großen  Abschwächung
der  Energie“  (Julinummer,  1907.  —  Paul  Olivier,  Bericht  über  den  Solidarism e
von  Bougle).
        <pb n="690" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

667

Freilich  kann  die  Solidarität  nicht  aus  sich  selbst  ein  Prinzip  de3
moralischen  Handelns  liefern,  da  sie  nur  eine  natürliche  Tatsache  und  '
als  solche  durchaus  amoralisch  ist.  Es  sind  keine  Beweise  nötig,  um  darzutun, ­
  daß  jedesmal,  wenn  wir  die  Solidarität  als  ein  Übel  verurteilen,
dieser  Verurteilung  die  Tatsache  zugrunde  liegt,  daß  wir  unser  Kriterium
des  Bösen  und  Guten  von  Außen  her  nehmen.  Ebenso  wenig  unterliegt
es  einem  Zweifel,  daß  die  Tatsache  der  Solidarität  zugunsten  des  Egoismus
ausgebeutet  werden  kann.  Wenn  die  Solidaiität  nur  ein  Band  ist,  das
uns  verbindet,  so  ist  es  sehr  leicht  möglich,  daß  irgend  jemand  sich  seiner
bediene,  um  sich  mühelos  in  die  Höhe  ziehen  zu  lassen,  während  ein
anderer  es  gebraucht,  um  Andere  in  die  Höhe  zu  ziehen.  Wenn  man  hiergegen ­
  nicht  auf  der  Hut  ist,  werden  sogar  wahrscheinlich  die  Ersteren
die  zahlreicheren  sein.  Hierin  liegt  kein  Grund  zum  Erstaunen,  denn
alles  das,  was  zur  Ausbreitung  der  Macht  des  Guten  dient,  dient  ebenso
zur  Ausbreitung  der  Macht  des  Bösen.  Aber  nichtsdestoweniger  muß
man  doch  das  Kommen  dieser  neuen  Mächte  herbeisehnen,  in  der  Hoffnung, ­
  daß  das  Gute  zum  Schluß  den  Sieg  über  das  Böse  davon  tragen
wird.  Wenn  es  also  auch  feststeht,  daß  die  Solidarität  nicht  genügt,  um
aus  sich  selbst  ein  Prinzip  moralischer  Lebensführung  denen  zu  liefern,
die  sonst  kein  solches  besitzen,  so  ist  doch  nicht  zu  leugnen,  daß  sie,  sobald
irgendein  solches  Prinzip,  gleichgültig  ob  Egoismus  oder  Altruismus,
anerkannt  ist,  einen  Hebel  von  unvergleichlicher  Kraft  in  seinen  Dienst
stellt.  In  ihr  liegen  drei  große  Lehren  beschlossen:
1.  Sie  lehrt  uns,  daß  jedes  Gute,  das  einem  Anderen  zufällt,  zu
unserem  eigenen  Wohl  beiträgt,  und  daß  alles  Übel,  das  einem  Anderen
zustößt,  unser  eigenes  Übel  werden  kann;  daß  wir  daher  das  Eine
wollen  und  das  Andere  hassen  müssen.  Ein  feiges  Beiseitestehen  ist  dann
nicht  mehr  möglich.
Auch  wenn  wir  zugeben,  daß  in  dieser  Morallehre  ein  guter  Teil
Utilitarismus  enthalten  ist,  so  ist  es  immer  etwas,  den  Egoisten  dazu
zu  zwingen,  aus  sich  herauszugehen  und  sich  um  Andere  zu  sorgen.  Das
Herz,  das  einmal  für  Andere  geschlagen  hat,  sei  es  auch  nur  aus  egoistischer  2^
Durcht,  ist  doch  etwas  weiter  geworden.  Auch  ist  es  sicherlich  zu  viel  •
verlangt,  wenn  man  einen  Altruismus  will,  der  ganz  und  gar  seiner
selbst  vergißt;  sagt  doch  sogar  das  Evangelium:  „Du  sollst  Deinen  Nächsten
lieben,  wie  Dich  selbst.“  Das  Gleiche  sagt  auch  die  Solidarität,  weder
mehr  noch  weniger:  nur  weist  sie  nach,  daß  mein  Nächster  in  Wirklichkeit ­
  mein  eigenes  Selbst  vorstellt.
2.  Sie  lehrt  uns,  daß  unsere  Handlungen  sich  um  uns  bis  ins  Unmidliche
  in  Wellen  dei  Freude  oder  des  Leidens  fortpflanzen,  und  drückt
So  auch  der  geringsten  unter  ihnen  einen  ernsten,  fast  majestätischen
Charakter  auf,  der  eine  hohe  moralische  Erziehung  begünstigt.  Sie  gibt
u ns  auf,  Seelen  zu  hüten.  Und  ebenso,  wie  wir  auf  Grund  des  Vorher-
        <pb n="691" />
        668

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

gehenden  das  Recht  verloren  haben,  zu  sagen:  „das  geht  mich  nichts  an“,
so  müssen  wir  jetzt  einen  anderen,  nicht  weniger  hassenswerten  Ausspruch
verbannen:  „das  geht  nur  mich  an“.  Daher  schwächt  die  Solidarität
nicht,  wie  man  ihr  vorwirft,  unser  Verantwortlichkeitsgefühl,  sondern
erweitert  es  im  Gegenteil  ins  Unendliche.  Sie  gewöhnt  uns  daran,  gleich
Majestäten,  „Wir“  zu  sagen.
3.  Wahr  ist  allerdings,  daß  in  umgekehrter  Wirkung  die  Solidarität
uns  nachsichtiger  gegenüber  den  Fehlern  Anderer  macht,  indem  sie  uns
zeigt,  daß  wir  sehr  oft  unbewußte  Mithelfer  gewesen  sind;  doch  liegt
hierin  ebenfalls  moralisch  etwas  Gutes,  da  wir  uns  infolgedessen  gezwungen ­
  sehen,  nachsichtiger  gegen  Aridere,  und  strenger  gegen  uns  selbst
zu  sein.
Wenn  es  vom  Gesichtspunkt  der  soziologischen  Entwicklung  aus
wahr  ist,  daß  viele  alte  Formen  der  Solidarität  sich  auflösen,  so  bilden
sich  doch  unablässig  neue.  Man  kann  sogar  eher  feststellen,  daß  die  Kreise
der  Solidarität:  Familie,  Stadt,  Vaterland,  Menschheit  sich  ohne  Unterlaß ­
  vergrößern,  und  daß  sich  gerade  aus  dieser  Vergrößerung  eine  doppelte
und  glückliche  Folgeerscheinung  ergibt:  der  korporative  Egoismus  veredelt ­
  sich,  indem  er  sich  bis  zu  der  Grenze  ausdehnt,  wo  er  alle  Menschen
umfassen  wird,  und  die  feindlichen  Zusammenstöße  antagonistischer
Solidaritäten  werden  immer  seltener.  Was  die  Unabhängigkeit  anbelangt,
so  ist  dieses  alte  Argument  schon  im  Kampfe  gegen  die  Arbeitsteilung
fadenscheinig  geworden.  Der  Grad  der  Unabhängigkeit  ist  keineswegs
der  Maßstab,  mit  dem  man  den  Grad  der  Persönlichkeit  messen  kann:
ganz  im  Gegenteil:  der  Wilde,  der  auf  seinem  Baume  sitzt,  ist  unabhängig'»
vielleicht  ist  es  auch  der  Held  Ibsen’s,  der  sich  gegen  die  Gesellschaft
auflehnt,  während  der  König  auf  dem  Thron  höchst  abhängig  ist:  der
Erste  ist  aber  gerade  auf  Grund  seiner  Unabhängigkeit  ganz  ohnmächtig»
während  der  Zweite  gerade  infolge  seiner  Abhängigkeit  sehr  mächtig  ist.
Daher  vermindert  die  Solidarität  die  Individualität  in  Nichts  —  nicht,
wenn  sie  natürlich  ist,  und  noch  weniger,  wenn  sie  auf  freier  Übereinstimmung ­
  beruht,  wie  die,  auf  Grund  derer  die  Soldaten  sich  um  die
Fahne  scharen  oder  der  Führer  in  den  Alpen  sich  an  das  Seil  bindet,  das
ihn  vielleicht  in  den  Abgrund  reißt.  Wenn  es  wahr  ist,  daß  der  Kristall,
wie  man  gesagt  hat,  nur  die  erste  Bemühung  des  Wesens  war,  sich  von
seiner  Umgebung  unabhängig  zu  machen,  so  muß  man  wohl  bedenken,
daß  diese  Unabhängigkeit  sich  in  der  Gestalt  einer  Assoziation  von  Mole*
külen  verwirklicht.
Was  nun  schließlich  die  Behauptung  der  Volkswirtschaftler  anlangt,
daß  die  Tauschwirtschaft  schon  Alles  an  Solidarität  darstellt,  was  wünschenswert ­
  und  mit  der  Gerechtigkeit  vereinbar  ist,  so  treten  alle  Schulen,
deren  Geschichte  wir  in  diesem  Buche  verfolgt  haben,  dieser  Behauptung
entgegen.  Die  Tauschhandlungen  zwischen  einem  Esau  und  einem  Jakoo,
        <pb n="692" />
        Kapitel  III.  Die  Solidaristen.

669

zwischen  der  Kongogesellschaft  und  den  Schwarzen,  den  Unternehmern
und  den  Heimarbeiterinnen  sind  vom  hedonistischen  Gesichtspunkt  aus
untadelig  (siehe  oben  S.  590f.).  Niemand  aber  wird  wagen,  diese
brutalen  Tauschhandlungen,  die,  wie  Proudhon  beredt  sagt,  auf  dem
Wiedervergeltungsrecht,  —  Auge  um  Auge,  Zahn  um  Zahn  —  beruhen,
als  eine  Verwirklichung  der  Solidarität  hinzustellen.
Trotz  seiner  anscheinend  mathematischen  Gleichwertigkeit,  und
obschon  er  als  Symbol  die  Wage  führt,  vermittelt  der  Austausch  den
Austauschenden  niemals  gleiche  Teile,  weil  sie  selbst  niemals  auf  dem
Fuße  völliger  Gleichheit  zueinander  stehen,  selbst  wenn  nicht  irgendein
Brennus  sein  Schwert  in  eine  der  Wagschalen  wirft.
Was  kann  man  hiergegen  tun,  wird  man  fragen?  Wohl  oder  übel
sich  damit  abfinden?  Nein,  im  Gegenteil:  man  muß  sich  als  Ideal  eine
Gesellschaft  vorstellen  in  der  die  Beziehungen  zwischen  den  Menschen,
statt  einzig  durch  den  Tausch  und  seine  Unterarten,  wie  Verkauf,  Darlehen, ­
  Pacht,  Lohnkontrakt  bestimmt  zu  sein,  sich  durch  das  Mittel  der
Assoziation  bilden,  sei  das  nun  die  berufliche,  die  mutualistische  oder  die
kooperative.
In  dem  Maße,  wie  man  auf  diesem  Wege  fortschreitet,  geht  man,
°b  man  es  wolle  oder  nicht,  von  dem  System  der  Tauschwirtschaft  zu
dem  des  Solidarismus  über.
In  der  Tat  hat  die  Assoziation  sogar  bei  Gewinnabsicht  einen
Moralischen  Wert,  der  dem  des  Tausches  überlegen  ist:
1.  indem  sie  nicht  nur  wie  der  Tausch  eine  Geldzahlung  bedingt,
sondern  ein  gewisses  persönliches  Opfer  unserer  Zeit,  unserer  Mühe  und
Unserer  Unabhängigkeit,  wäre  es  auch  nur  die  Verpflichtung,  den  Versammlungen ­
  beizuwohnen  und  die  Statuten  zu  beachten;
2.  indem  sie  nicht  nur  wie  der  Tausch  eine  einzelne  augenblickliche
und  ein  für  alle  Male  ausgeführte  Handlung  bedingt,  sondern  ein  unbegrenztes ­
  Zusammenarbeiten  der  Beteiligten.
3.  indem  sie  im  Allgemeinen  kein  genaues  Äquivalent  zwischen  der
yon  dem  einzelnen  Mitglied  beigesteuerten  Leistung  und  dem  empfangenen
Vorteil  mit  sich  führt.

Wenn  z.  B.  der  Arbeiter  Beiträge  an  seine  Gewerkschaft  zahlt,  so
tut  er  es  im  Interesse  seiner  Klasse:  er  rechnet  natürlich  darauf,  duich
sio  zu  höherem  Lohn  zu  gelangen,  aber  zwischen  dem  Geweikschaftsbßitrag
  und  dem  möglichen  Gewinn  gibt  es  keine  notwendige  Beziehung.
Iu  gleicher  Weise  steuert  das  Mitglied  einer  Versicherung  auf  Gegenseitigst ­
  zu  seiner  Gesellschaft  bei,  um  sich  Sicherheit  gegen  Gefahren  und
Schäden  zu  verschaffen  j  er  rechnet  darauf,  daß  die  Gesellschaft  seinen
^fzt  bezahlt,  wenn  er  krank  wird,  aber  viele  zahlen  ihr  ganzes  Leben
umdurch,  ohne  die  Hilfe  der  Gesellschaft  in  Anspruch  zu  nehmen,  und
Vle le  erhalten  bedeutend  mehr,  als  sie  eingezahlt  haben:  die  Gesunden
Wahlen  so  für  die  Gebrechlichen.  Auch  das  Mitglied  einer  Konsumgenossen-
        <pb n="693" />
        670

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

schaft  sucht  weniger  Gewinn,  als  bessere  Befriedigung  der  Bedürfnisse
Aller.  Mit  einem  Wort:  während  unter  der  heutigen  Ordnung  des  allgemeinen ­
  Wettkampfes  ein  Jeder  bestrebt  ist,  seinen  Konkurrenten  beiseite ­
  zu  schieben,  wird  unter  der  Ordnung  der  Assoziation  ein  Jeder  sich
bemühen,  seinen  Nebenmenschen  zu  benutzen.  An  die  Stelle  des  „do
ut  des“ 1 )  tritt  die  Solidarität,  an  die  Stelle  des  „Einem  Jeden  das  Seine“
tritt:  „Jeder  für  Alle“.

Kapitel  IV.
Die  Anarchisten.

Die  anarchistische  Lehre  ist  das  Produkt  einer  eigentümlichen  Verschmelzung ­
  der  liberalen  und  sozialistischen  Ideen.  Dem  Liberalismus
entlehnt  sie  ihre  wirtschaftliche  Kritik  des  Staates,  ihren  Fanatismus
für  die  freie  Initiative,  ihren  Begriff  einer  spontanen  wirtschaftlichen
Ordnung.  Dem  Sozialismus  entnimmt  sie  ihre  Kritik  des  Eigentums
und  ihre  Theorie  der  Ausbeutung  des  Arbeiters.
Indem  sie  aber  beide  verbindet,  und  gerade  weil  sie  beide  verbindet,
geht  sie  weit  über  beide  hinaus.  Auch  der  extremste  Liberalismus,  der
eines  Dunoyer  zum  Beispiel,  behielt  dem  Staat  noch  eine  wesentliche
Funktion  vor,  die  eines  „Sicherheits-Produzenten“.  Als  echter  Bourgeois
des  Jahres  1830  sieht  Dunoyer  in  der  Ordnung  das  primäre  Bedürfnis
jeder  Gesellschaft 2 ).  Mit  den  Waffen  der  sozialistischen  Kritik  ausgerüstet,
verwerfen  die  Anarchisten  auch  diese  letzten  Funktion  des  Staates,  denn
in  ihren  Augen  ist  die  Sicherheit,  von  der  Dunoyer  spricht,  einzig  und
allein  die  Sicherheit  des  Eigentümers,  die  Ordnung,  die  die  Besitzer
brauchen,  um  die  Angriffe  der  Besitzlosen  zurückzuweisen.  Auf  der
anderen  Seite  behalten  die  Sozialisten,  vielleicht  mit  Ausnahme  FourieR  s
(und  die  Anarchisten  nehmen  Fourier  als  einen  der  Ihrigen  in  Anspruch),
auch  wenn  sie  das  Eigentum  bekämpfen,  dem  Staat  eine  wichtige  Aufguß

D  Das  System  der  Solidarität  unterscheidet  sich  sowohl  von  dem  des  Austausche*,
wie  von  dem  der  Nächstenliebe.  Die  Tauschwirtschaft  besteht  in  einer  Leistung  1111
dem  Zwecke,  eine  genau  gleichwertige  Gegenleistung  zu  erhalten.  Die  Nächstenlie
ist  eine  Leistung  ohne  irgendwelche  Reziprozität,  d.  h.  sie  ist  das,  was  man  ein  Op le
nennt.  Was  die  Solidarität  anlangt,  so  erweckt  ja  freilich  jede  Aufforderung  zur  So
darität  die  Idee  eines  gewissen  Opfers,  —  aber  eines  Opfers,  das  nicht  vollkonun®
selbstlos  ist:  es  ist  das  Opfer  eines  Teiles  unseres  individuellen  Ich’s,  um  einen  An
am  kollektiven  Ich  zu  erwerben.  n
2 )  Vergleiche  z.  B.  seinen  Artikel  „Gouvernement“  in  dem  Wörterbuche  v
COQUELIN  &amp;amp;  GUIIXAOMIN.
        <pb n="694" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

671

vor,  nämlich  die  Leitung  der  ganzen  sozialen  Produktion.  Die  Anarchisten
aber,  gestützt  auf  die  liberale  Kritik,  verwerfen  diese  Funktion  des  Staates,
da  ihnen  seine  völlige  administrative  und  wirtschaftliche  Unfähigkeit
als  klar  nachgewiesen  erscheint.  „Freiheit  ohne  Sozialismus“,  sagt
Bakunin,  „ist  Privilegium  und  Ungerechtigkeit:  und  Sozialismus  ohne
Freiheit  ist  Sklaverei  und  Brutalität“ 1 ).
Daher  kann  es  nicht  wundernehmen,  am  Ende  dieses  Buches  einige
Seiten  einer  Doktrin  gewidmet  zu  sehen,  die  die  Verschmelzung  der  beiden
großen  sozialen  Bestrebungen  vollzieht,  die  das  ganze  19.  Jahrhundert
erfüllen.
Jedoch  tritt  sie  uns  nicht  zum  erstenmal  entgegen.  Proudhon
hatte  sie  schon  formuliert  und  ihr  ihren  Namen  gegeben.  Proudhon
ist  auch  tatsächlich  der  wahre  Vater  des  modernen  Anarchismus.  Wenn
man  noch  weiter  in  der  Geschichte  der  Doktrinen  zurückgeht,  kann
man  leicht  ähnliche  Lehren  entdecken,  z.  B.  bei  -Godwin  am  Ende  des
18.  Jahrhunderts.  Doch  sind  das  alles  nur  vereinzelte  Kundgebungen 2 ).
Die  Beziehungen  des  PnouDHON’schen  Anarchismus  zu  dem  politischen
und  sozialen  Anarchismus  dieser  letzten  dreißig  Jahre  lassen  sich  dagegen ­
  unzweideutig  feststellen.  Nicht  nur  muß  die  Analogie  der  Gedanken ­
  auffallen,  sondern  ihr  Übergang  von  Proudhon  auf  Bakunin,
und  dann  auf  Kropotkin,  auf  Reclus  und  Jean  Grave  ist  ebenfalls
leicht  nachweisbar.
Neben  dem  politischen  und  sozialen  Anarchismus,  der  den  Hauptgegenstand ­
  dieses  Kapitels  bildet,  hat  sich  eine  andere  Form  des  Anarchismus ­
  entwickelt,  die,  philosophisch  und  literarisch,  als  besonders
auffälligen  Charakterzug  eine  fast  krankhafte  Übertreibung  des  Ich  zeigt.
Diese  Lehre  stammt  aus  Deutschland.  Ihr  bekanntester  Vertreter  ist
aIax  Stirner,  dessen  Buch  „Der  Einzige  und  sein  Eigentum“
1844  erschien 3 ),  also  ungefähr  gleichzeitig  mit  den  ersten  Werken
')  Bakunin,  (Euvres,  Bd.  I,  S.  59  (Federalisme,  socialisme  et  antitMologisme).
„  2 )  Adler  zeigt  in  seinem  Aufsatz  Anarchismus  im  Handwörterbuch  der
ktaatswissenschaften  und  in  seiner  Geschichte  des  Sozialismus  und  Kommunismus ­
  (1899,  von  der  nur  der  erste  Teil  erschienen  ist),  daß  das  anarchistische
Ideal  zu  jeder  Zeit  existiert  hat  und  bis  auf  die  griechische  Philosophie  zurückgeht.
3 )  Der  Einzige  und  sein  Eigentum.  Das  Werk  wurde  1882  und  1893  neu
gedruckt.  1902  wurde  es  ins  Französische  übersetzt.  Stirner  ist  auch  der  Verfasser
'‘er  deutsehen  Übersetzung  von  Adam  Smith  und  J.-B.  Say.  Über  das  Leben  Stirner’s
hnd  den  Kreis,  in  dem  er  lebte,  findet  man  höchst  interessante  Einzelheiten  in  dem  Werk
“eines  Schülers  J.-H.  Mackay;  Max  Stirner,  sein  Leben  und  sein  Werk  (Berlin  1898,
Seiten),  dem  wir  die  verschiedenen  Einzelheiten,  die  der  Text  bringt,  entnehmen.
:“ er  wirkliche  Name  Stirner’s  war  Kaspar  Schmidt.  Er  wurde  1806  in  Bayreuth  in
sayem  geboren  und  starb  1856  in  Berlin  im  tiefsten  Elend  und  fast  vollständig  verassen.
  Über  die  Ideen  der  „Hegelianischen  Linken“  und  über  Stirner  wird  man  mit
Uteresse  die  Aufsätze  Saint-Rene  Taillandier’s  lesen,  die  zwischen  1842  und  1850
11  4er  Revue  des  Deux  Mondes  erschienen.
        <pb n="695" />
        672

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Proudhon’s.  Lange  Zeit  vergessen,  obgleich  es  bei  seinem  Erscheinen
einen  lauten,  aber  nur  vorübergehenden  Erfolg  zu  verzeichnen  hatte,
ist  dieses  Buch  wieder  ausgegraben  worden,  als  die  Gedanken  Nietzsche’s
die  große  literarische  Volkstümlichkeit  gewonnen  hatten,  die  auch  heute
noch  andauert.  Man  entdeckte  damals,  daß  Nietzsche  einen  Vorläufer
gehabt  hatte,  —•  dessen  Existenz  ihm  selbst  wahrscheinlich  unbekannt
geblieben  war  —•  und  Stirner  hat  als  erster  der  „Immoralisten“  eine
posthume  Berühmtheit  erlangt.  Es  ist  nötig,  hierüber  einige  Worte  zu
sagen,  sei  es  auch  nur,  um  auf  die  wichtigsten  Punkte  hinzuweisen,  die
seine  Lehre  von  dem  Anarchismus  Peoudhon’s,  Bakunin’s  oder  Kkopotkin’s
  unterscheiden 1 ).

§  1.  Der  philosophische  Anarchismus  Stirner’s  und  die
Anbetung  des  ICH.
Das  Buch  Stirner’s  macht  den  Eindruck  eines  schlechten  Scherzes.
Um  seinen  Ursprung  zu  verstehen,  muß  man  sich  in  die  Zeit  und  das
besondere  Milieu  zurückversetzen,  in  dem  es  entstanden  ist.  Stirne®
gehört  zu  jener  Gruppe  von  jungen  deutschen  Radikalen  und  Demokraten, ­
  die  seit  1840,  von  Feuerbach  angeregt,  sich  um  Bruno  Baue®
scharten  und  die  extremen  Folgerungen  der  hegelianischen  Philosoph* 6
zogen.  Ihr  Ideal  war  die  Verwirklichung  der  völligen  Geistesfreibeit.
Im  Namen  dieser  Freiheit  kritisiert  en  sie  Alles,  was  ihr  entgegen  zu  stehen
schien,  und  griffen  übrigens  ebenso  den  gerade  aufkommenden  Kommunismus, ­
  wie  das  offizielle  Christentum  der  Theologen  und  den  Absolutismus
der  Regierungen  an.  Aus  ihnen  gingen  die  intellektuellen  Koryphäe®
der  deutschen  Revolution  von  1848  hervor,  und  die  Reaktion  von  1850
fegte  sie  hinweg.  Einige  unter  ihnen,  die  sich  regelmäßig  in  einem
Restaurant  in  Berlin  trafen,  hatten  den  Namen  „die  Freien“  angenommen.
Auch  Marx  und  Engels  nahmen  einige  Zeit  lang  an  diesen  Versammlungen ­
  teil,  ließen  sie  aber  bald  wieder  im  Stich,  und  richteten  späte*
gegen  diese  Gruppe  ihr  Pamphlet  „die  heilige  Familie“,  ein  ironischer
Name,  mit  dem  sie  Bruno  Bauer  und  seine  Freunde  bezeichneten.  Spätere
liberale  deutsche  Volkswirtschaftler,  unter  anderen  Julius  Fauche®;

1 )  Man  wird  sich  vielleicht  wundern,  daß  wir  hier  nicht  auf  Nietzsche  eingehe®»
da  wir  in  ihm  einen  Nachfolger  Stirner’s  sehen.  In  Wirklichkeit  ist  Nietzsche  ab er
fast  ausschließlich  Philosoph  und  Moralist.  Das  Buch  Stirner’s  dagegen  hat  eine  hauptsächlich ­
  soziale  und  politische  Tragweite.  Wir  geben  zu,  daß  auch  das  Werk  Stirne®  s
nur  noch  ziemlich  entfernt  mit  der  Volkswirtschaft  in  Verbindung  steht,  und  daß  cS
vielleicht  mit  mehr  Recht  in  einer  Geschichte  der  politischen  Doktrinen  seinen  P latz
finden  würde.  Eine  Untersuchung  der  Ideen  Nietzsche’s  würde  uns  noch  weiter  y° n
dem  eigentlichen  Bereich  der  vorliegenden  Geschichte  entfernen,  die  nicht  das  Studio® 1
aller  individualistischen  Doktrinen  umfaßt.
        <pb n="696" />
        Kapitel  IY.  Die  Anarchisten.

673

-besuchten  ebenfalls  diese  Abende.  Einer  der  regelmäßigsten  Teilnehmer
war  Stirner,  der,  ohne  viel  zu  reden,  den  lebhaften  Debatten  seiner
Freunde  zuhörte;  damals  bereitete  er  das  Buch  vor,  mit  dem  er  sich  anschickte, ­
  sie  Alle  in  Erstaunen  zu  versetzen,  und  in  dem  er  darlegte,  daß
die  Kritik  der  Kritischsten  unter  ihnen  noch  nicht  kritisch  genug  war.
Denn  diese  extremen  Radikalen  standen  noch  unter  der  Herrschaft
einer  ganzen  Reihe  von  Ideen,  die  für  Stirner  nichts  als  Phantome  sind.
Menschheit,  Gesellschaft,  Wahrheit,  das  Gute:  all  das  sind  veraltete
Abstraktionen,  Fetische,  die  unsere  eigenen  Hände  geschnitzt  haben,
vor  denen  wir  uns  ehrfurchtsvoll  verbeugen,  und  deren  Autorität  wir
demütig  anerkennen,  wie  die  Gläubigen  die  ihres  Gottes.  Diese  Abstraktionen ­
  haben  aber  ebensowenig  Wirklichkeit,  wie  die  Götter  des
Olymps  oder  die  Gespenster,  die  das  kindliche  Gemüt  schrecken.  Die
einzige  Wirklichkeit  ist  das  individuelle  Ich.  Eine  andere  kennen  wir
Dicht.  Jedes  Individuum  stellt  eine  unabhängige  und  selbständige  Kraft
vor.  Sein  einziges  Gesetz  ist  das  seines  persönlichen  Interesses.  Die
'Grenzen  seiner  Entwicklung  fallen  mit  denen  seiner  Interessen  und  seiner
Kraft  zusammen.  Ein  jeder  Mensch  muß  sich  sagen:  „Ich  will  Alles  sein
und  Alles  haben,  was  ich  sein  und  haben  kann.“ 1 )  Bastiat  schrieb:  „Alle
berechtigten  Interessen  sind  harmonisch.“  Stirner  erklärt:  „Alle
Interessen  sind  berechtigt  .  .  .  vorausgesetzt  sie  haben  die  Macht.“  „Der
Tiger,  der  Mich  anfällt,  hat  Recht  und  Ich,  der  ihn  niederstößt,  habe
auch  Recht“ 2 ).  „Wer  die  Gewalt  hat  der  hat  —  Recht;  habt  Ihr  jene
nicht,  so  habt  Ihr  auch  dieses  nicht.“ 3 )
Da  das  Ich  die  einzige  Wirklichkeit  ist,  verschwinden  alle  angeblichen
Kollektivitäten,  die  mein  Ich  begrenzen  und  es  in  ihren  Dienst  pressen
wollen,  wie  Staat,  Familie,  Gesellschaft  und  Nation.  Sie  besitzen  keinen
5,Leib“,  keine  Wirklichkeit 4 ).  Sie  haben  über  mich  nicht  mehr  Autorität
als  die,  die  ich  ihnen  beilege.  Einfache  Geschöpfe  meines  Geistes,  verlieren ­
  sie  mit  dem  Tage,  an  dem  ich  aufhöre,  sie  anzuerkennen  und  sie
zu  achten,  jedes  Recht  über  mich,  und  ich  bin  wirklich  frei.  „Ich  bin

l )  Der  Einzige  und  sein  Eigentum  (Verlag  Otto  Wiegand,  Leipzig,  1901,
3 -  Aufl.)  S.  143.
a )  Ebenda,  J3.  195.
a )  Ebenda,  S.  196.
*)  „Du  zwar  bist  leibhaftig,  auch  Du  und  Du,  —  aber  Ihr  zusammen  seid  nur
Leiber,  kein  Leib.  Mithin  hätte  die  einige  Gesellschaft  zwar  Leiber  zu  ihrem  Dienste,
aber  keinen  einigen  und  eigenen  Leib.  Sie  wird  eben,  wie  die  „Nation“  der  Politiker
nichts  als  ein  „Geist“  sein,  der  „Leib  an  ihm  nur  Schein.“  (S.  120).  Liegt  nicht  ein
r echt  grober  Materialismus  darin,  aus  dem  Dasein  eines  „Leibes“  das  Kriterium  einer
Wirklichkeit  zu  machen  ?  Auf  diese  Weise  würde  weder  ein  Gesetz,  noch  eine  Gewohnheit
Und  nicht  einmal  die  Sprache  eines  Volkes  Wirklichkeit  sein.  Eine  historische  Tatsache,
®‘ne  Schlacht,  eine  Revolution  haben  ebenfalls  keinen  Körper,  trotzdem  sind  ihre  „wirklichen“ ­
  Folgen  unberechenbar!
ßlde  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.

43
        <pb n="697" />
        674

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

berechtigt,  Zeus,  Jehova,  Gott  usw.  zu  stürzen,  wenn  Ich  kann;  .  .  *
Ich  bin  durch  Mich  berechtigt  zu  morden,  wenn  Ich  Mir’s  selbst  nicht
verbiete,  wenn  Ich  selbst  Mich  nicht  vor’m  Morde,  als  vor  einem  „Unrecht“ ­
  fürchte  .  .  .  Ich  entscheide,  ob  es  in  Mir  das  Rechte  ist;  außer  Mir
gibt  es  kein  Recht.  Möglich,  daß  es  darum  den  Andern  noch  nicht  recht
ist;  das  ist  ihre  Sorge,  nicht  Meine;  sie  mögen  sich  wehren.“ 1 )  Die  Arbeiter, ­
  die  sich  darüber  beklagen,  ausgebeutet  zu  werden,  die  Elenden,,
die  jedes  Besitzes  entbehren,  haben  nur  eins  zu  tun:  sich  selbst  dieses
Recht  zuzusprechen  und  das  Eigentum,  das  ihnen  zusagt,  zu  nehmen.
„Der  Egoismus  schlägt  einen  anderen  Weg  ein,  um  den  besitzlosen  Pöbel
auszurotten.  Er  sagt  nicht:  Warte  ab,  was  dir  die  Billigkeitsbehörde  .  ,.
schenken  wird  ...,  sondern:  Greifezu  und  nimm,was  du  brauchst!“ *  2 )  „Die
Erde  .  .  .  gehört  dem,  der  sie  zu  nehmen  weiß,  oder  dem,  der  sie  sich  nicht
nehmen,  sich  nicht  darum  bringen  läßt.  Eignet  er  sie  sich  an,  so  gehört
ihm  nicht  bloß  die  Erde,  sondern  auch  das  Recht  dazu“ 3 ).
Welche  Gesellschaft  sollte  aber  unter  solchen  Umständen  bestehen
können?  Nur  eine  einzige  ist  denkbar:  „Die  Vereinigung  der  Egoisten“,,
d.  h.  die  Vereinigung  von  Menschen,  die  sich  ihres  Egoismus  bewußt
sind  und  sich  hüten,  in  der  Vereinigung  etwas  anderes  zu  suchen,  als  eine‘
Vermehrung  ihrer  persönlichen  Befriedigungen.  Heute  beherrscht  die
Gesellschaft  das  Individuum  und  macht  aus  ihm  ihr  Instrument.  Die
Vereinigung  der  Egoisten  wird  „das  Instrument“  des  Individuums.  Es
wird  sie  ohne  Skrupel  verlassen,  falls  es  keine  Vorteile  mehr  aus  ihnen
ziehen  kann.  Ein  jeder  Mensch  sagt  dann  zu  seinem  Nächsten:  „Ich  will
an  dir  Nichts  anerkennen  oder  respektieren,  weder  den  Eigentümer,  noch
den  Lump,  noch  auch  nur  den  Menschen,  sondern  Dich  verbrauchen.“ 4 )
Dies  wird  der  „Krieg  Aller  gegen  Alle“  (S.  265)  sein,  der  nur  durch
schwankende  und  vorübergehende  Bündnisse  abgeschwächt  wird.  Aber
hierin  wird  auch  die  Freiheit  für  Alle  liegen.
Merkwürdige  und  paradoxale  Behauptungen,  die  man  nur  bekämpfen
kann,  wenn  man  den  Ausgangspunkt  Stirner’s  leugnet:  daß  das  Individuum ­
  die  einzige  Wirklichkeit  und  die  Gesellschaft  eine  Unwirklichkeit ­
  sei.  Wenn  das  Individuum  die  einzige  Wirklichkeit  ist,  dann  ist  es
richtig,  der  Gesellschaft  und  der  Nation  nur  den  Wert  einer  Abstraktion
zuzusprechen,  die  der  Mensch  geschaffen  hat,  und  die  er  nach  seinem
Gefallen  wieder  zerstören  kann.  Hierin  liegt  aber  nun  gerade  der  Irrtum-Das
  Individuum  existiert  nicht  außerhalb  der  Gesellschaft.  Es  ist  nicht
mehr  wirklich  als  sie.  Es  ist  nur  ein  Bestandteil  der  Gesellschaft  und
besteht  nicht  unabhängig  für  sich;  nicht  von  ihm  hängt  es  ab,  daß  sie

*)  Ebenda,  S.  193—194.
2 )  Ebenda,  S.  265.
3 )  Ebenda,  S.  195.
        <pb n="698" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

675

bestehe  oder  nicht  bestehe.  Die  Gesellschaft  ist  nicht  eine  begriffliche
Vorstellung:  sie  ist  eine  natürliche  Tatsache.  Mit  demselben  Recht  könnte
man  auch  das  Individuum  zu  einer  Abstraktion  stempeln,  das  dann  das
wahre  Phantom  sein  würde.  Das  Individuum  ohne  Gesellschaft  ist  in
der  Gesellschaft  ebensowenig  anzutreffen,  wie  die  Gesellschaft  ohne
Individuum.
Der  große  Unterschied  zwischen  Stirnek  und  den  Anarchisten,
von  denen  wir  jetzt  sprechen  werden,  besteht  darin,  daß  sie  die  Wirklichkeit ­
  der  sozialen  Tatsache  gerade  anerkennen,  die  Stirner  mit  Unrecht ­
  leugnet.  Hierin  liegt  übrigens  der  entscheidende  Gegensatz,  den
man  überall  zwischen  dem  literarischen  und  politischen  Anarchismus
findet J ).
§  2.  Der  politische  und  soziale  Anarchismus  und  die
Kritik  der  Autorität.
Stirner  verbrachte  sein  Leben  zwischen  seinem  Arbeitszimmer
und  dem  Restaurant  Hippel,  dem  Sammelpunkt  seiner  Freunde.  Männer
wie  Bakunin  und  Kropotkin  sind  aus  einem  anderen  Stoff.  Ohne  Zögern
haben  sie  ihr  Leben  und  ihre  Freiheit  eingesetzt.  Die  Saat,  die  sie  in  ungebildete ­
  Herzen  gestreut  haben,  hat  oft  bedauerliche  Früchte  getragen,
aber  man  kann  keinem  von  ihnen  Mut  absprechen,  und  mehrere,  wie
z.  B.  Kropotkin  und  Reclus,  zeichnen  sich  durch  hohen  Adel  des  Geistes
und  des  Charakters  aus.
Die  Ideen  Bakunin’s  haben  sich  in  dem  gleichen  intellektuellen
Milieu  wie  die  Stirner’s  gebildet *  2 ).  Bakunin  gehörte  einer  adligen
')  In  einer  Broschüre  stellt  ein  syndikalistischer  Schriftsteller,  Berth  (Les  nouveaux
  aspects  du  socialisme,  Paris  1908)  dem  Anarchismus  den  Syndikalismus
gegenüber.  Er  sieht  in  der  Anerkennung  der  Wirklichkeit  der  Gesellschaft  durch
Proudhon  ein  Kriterium,  das  gestattet,  die  beiden  Doktrinen  zu  unterscheiden.  Der
Anarchismus,  den  Berth  im  Auge  hat,  ist  einzig  der  Anarchismus  Stirner’s.  Wie  man
aber  weiter  unten  sehen  wird,  leugnen  weder  Bakunin,  noch  Kropotkin  die  Wirklichkeit
der  Gesellschaft.  Im  Gegenteil,  gerade  in  der  Betonung  dieser  Wirklichkeit  liegt  der
ihrer  Lehre  eigentümlichste  Punkt.  Man  kann  daher  ganz  im  Gegenteil  zu  den  Schlußfolgerungen ­
  Berth’s  sagen,  daß  die  anarchistischen  Ideen  viele  Berührungspunkte  mit
denen  des  Syndikalismus  haben.  —  Doch  werden  wir  weiterhin  auch  sehen,  daß  Jean
Grave  sich  dem  naiven  Individualismus  Stirner’s  nähert.
2 )  Über  Bakunin,  vgl.  seine  Biographie,  die  von  seinem  Freunde  James  Guillaume
dem  2.  Bande  seiner  Werke  vorangestellt  worden  ist,  wie  auch  die,  die  Dragomanoff
Michael  Bakunin ? s  sozial-politischem  Briefwechsel  mit  Herzen  und  Ogajoff
(Stuttgart  1895),  vorausschickt.  Eine  ausführliche  Biographie,  die  aber  unveröffentlicht
geblieben  ist,  wurde  von  Nettlau  geschrieben,  Wie  es  scheint,  befindet  sich  eine  Abschrift ­
  in  der  Bibliotheque  nationale.  (Vgl.  den  Aufsatz  von  Lagardelle  über  Bakunin
öi  der  Revue  politique  et  parlamentaire  von  1909.)  Die  Werke  Bakunin’s  sind
'ü  französischer  Sprache  (CEuvres  de  Bakounine)  in  fünf  Bänden,  der  erste  1895,
43*
        <pb n="699" />
        676

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

russischen  Familie  an  und  wurde  Offizier.  1834,  20  Jahre  alt,  reichte
er  seinen  Abschied  ein  und  widmete  sich  dem  Studium  der  Philosophie.
Wie  Stirner,  Proüdhon  und  Marx  unterlag  auch  er  dem  damals  allgemein ­
  herrschenden  Einfluß  Hegel’s.  1840  begab  er  sich  nach  Berlin,
wo  er  sich  vier  Jahre  hindurch  an  der  geistigen  Bewegung  der  jungen
Radikalen,  von  der  wir  oben  gesprochen  haben,  beteiligte.  Von  1844
bis  1847  finden  wir  ihn  in  Paris,  wo  er  oft  ganze  Nächte  in  Diskussionen
mit  Proüdhon  zubringt.  Der  Einfluß  dieses  letzteren  auf  Bakunin  ist
sehr  tief  gewesen.  In  den  Schriften  des  russischen  Anarchisten  könnte
man  oft  nachweisen,  daß  er  nur  die  Ideen  Proudhon’s  entwickelt,  die
dieser  in  irgendeinem  seiner  Werke  ausgeführt  hatte,  wie  z.  B.  die  Allgemeine ­
  Idee  der  Revolution  im  19.  Jahrhundert.  Das  Jahr
1848  zeigte  diesem  großen  Herrn,  der  sich  bis  dahin  nur  als  Dilettant
betätigt  hatte,  seinen  wirklichen  Beruf,  den  des  Revolutionärs.  Nacheinander ­
  nimmt  er  an  der  Erhebung  in  Prag  und  an  der  sächsischen  Revolution ­
  in  Dresden  teil.  Verhaftet  und  zweimal  zum  Tode  verurteilt,
in  Sachsen  und  in  Österreich,  wird  er  an  Rußland  ausgeliefert  und  in  der
Peter-Paulsfestung  eingekerkert,  in  der  er  infolge  Skorbut  fast  alle  seine
Zähne  verliert.  Seit  1857  nach  Sibirien  verbannt,  gelingt  es  ihm,  1861
zu  flüchten;  er  begibt  sich  nach  London,  von  wo  aus  er  eine  unermüdliche
revolutionäre  Propaganda  in  der  Schweiz,  in  Italien  und  auch  in  Frankreich
führt.  Während  des  Krieges  1870/71  versucht  er,  in  Lyon  einen  Volksaufstand ­
  zu  erregen.  Beenard  Lazare  beschreibt  ihn  uns  als  „einen
behaarten  Riesen,  mit  gewaltigem  Kopf,  der  durch  ein  Gestrüpp  von
Haaren  und  einen  ungepflegten  Bart  noch  größer  erscheint“,  der  sich
gestiefelt  und  gespornt  zu  Bette  legt,  der,  heimats-  und  vaterlandslos,
stets  bereit  ist,  als  Apostel  insWeite  zu  ziehen,  der  stets,  zu  jeder  Stunde
und  an  jedem  Tage,  unterwegs  ist.
Der  entscheidende  Punkt  seiner  Laufbahn  ist  sein  Bruch  mit  Karl
Marx  auf  dem  letzten  Kongreß  der  Internationale  im  Haag  1872.  Bakunin
war  1869  in  die  Internationale  eingetreten.  Aber,  abgestoßen  von  den
autoritären  Bestrebungen  seines  geschäftsführenden  Ausschusses,  den
Karl  Marx  beherrschte,  empfahl  er  eine  föderalistische  Organisation
der  Assoziation,  die  jeder  Sektion  weitgehendes  Selbstbestimmungsrecht
ließ.  Unterstützt  wurde  er  von  den  schweizer  Delegierten  der  Juraföderation, ­
  wie  auch  von  vielen  französischen,  belgischen,  spanischen
und  von  allen  italienischen  Abgeordneten.  Trotzdem  wurde  er  von  Marx’
Freunden  aus  der  Internationale  ausgeschlossen.  Der  offizielle  Bruch

die  anderen  1907,  1908,  1909  und  1912  in  Paris,  im  Verlag  von  Stock  erschienen.  —
Gewisse  Schriften,  darunter  die  Statuts  de  l’Alliance  internationale  de  la  democratie
  socialiste  sind  in  dieser  Ausgabe  nicht  enthalten;  wir  entlehnen  den  Text
den  Anhängen,  die  sich  am  Ende  des  oben  erwähnten  Briefwechsels  von  Dragomanoff
  befinden.
        <pb n="700" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

677

zwischen  den  marxistischen  und  den  anarchistischen  Sozialisten  —  deren
Rivalität  seitdem  immer  größer  geworden  ist  —  datiert  von  diesem  Tage.
Der  Kongreß  im  Haag  bezeichnet  übrigens  das  Ende  der  Internationale,
so  wie  Marx  sie  geschaffen  hatte.  Ihre  Geschäftsstelle  wurde  von  Marx
nach  den  Vereinigten  Staaten  verlegt;  seitdem  hat  sie  keinen  Kongreß
mehr  abgehalten.  Zur  gleichen  Zeit  zog  sich  Bakunin  vom  Kampfe  zurück,
nachdem  er  mit  den  Freunden,  die  ihm  treu  geblieben  waren,  in  Genf  einen
neuen  Verein  gebildet  hatte.  Er  starb  1876  in  Bern.
Im  Jura,  in  der  Umgebung  von  Neuenburg,  wo  Bakunin  zahlreiche
Anhänger  unter  der  individualistischen  und  etwas  mystisch  gesinnten
Bevölkerung  jener  Gegend  hatte,  empfing  Kropotkin,  1872  j ),  während
einer  Reise,  den  Keim  der  anarchistischen  Ideen,  deren  Propaganda  er
seitdem  sein  Leben  gewidmet  hat.  Ohne  Bakunin  persönlich  gekannt
zu  haben,  wurde  er  so  sein  unmittelbarer  Nachfolger.
Auch  der  Fürst  Kropotkin  gehört  der  russischen  Aristokratie  an.
Auch  er  trat  in  die  Armee  ein,  nachdem  er  seine  Studien  im  Pagenkorps
vollendet  hatte.  Er  tat  sich  bald  durch  geographische  und  naturgeschichtliche ­
  Arbeiten  hervor,  und  seine  Gedanken  sind  ganz  von  den  Entwicklungstheorien ­
  Darwin’s  durchtränkt.  Die  Wissenschaft  nahm  ihn  aber
nicht  ausschließlich  in  Anspruch.  1871  war  es  nicht  mehr  der  Einfluß
Hegel’s,  der  in  Rußland  herrschte;  die  junge  russische  Intelligenz  sah
das  Heil  der  Zukunft  im  Volk.  Das  Schlagwort  hieß:  „Hin  zum  Volk“;
mit  ihm  sollte  man  in  Berührung  treten,  um  es  zu  belehren,  um  sein  Vertrauen ­
  zu  gewinnen  und  es  darauf  vorzubereiten,  das  Joch  der  Selbstherrschaft ­
  abzuwerfen.  Kropotkin  beteiligte  sich  an  dieser  Bewegung.
Er  selbst  hat  erzählt,  wie  er  nach  einem  Diner  in  irgendeinem  reichen
Hause  oder  sogar  im  Winterpalast  einen  Wagen  nahm,  bei  einem
Freunde  seine  eleganten  Kleider  und  sein  seidenes  Hemd  gegen  das  baumwollene ­
  Hemd  und  die  hohen  Stiefel  des  Bauern  vertauschte,  einen  Schafpelz ­
  umtat  und  sich  in  einem  entfernt  liegenden  Vorort  St.  Petersburgs
zu  den  Arbeitern  gesellte,  die  er  sich  zu  unterrichten  bemühte.  Diese

*)  „Ich  kam  Von  dieser  Reise  mit  fest  abgeschlossenen  soziologischen  Vorstellungen
zurück,  die  ich  bis  heute  behalten  habe,  und  ich  habe  Alles  getan,  was  ich  konnte,  um
ihnen  eine  immer  klarere  und  konkretere  Gestalt  zu  geben“  (Autour  d-’une  vie,  S.  295).
Die  hauptsächlichsten  Werke  Kropotkin’s  sind:  Paroles  d’un  Revolte  (1885);
La  ConquSte  du  Pain,  (1890)  (deutsch:  Der  Wohlstand  für  Alle,  Zürich  1896),
eine  Autobiographie:  Autour  d?une  vie  (1902)  (deutsch  von  Pannwitz,  3.  Aufl.,
2  Bände,  Stuttgart  1903)  und  sein  Buch  L ? Entr ? aide  (1906)  (deutsch:  Gegenseitige
Hilfe,  von  Gustav  Landauer,  Leipzig  1908).  Außerdem  hat  er  eine  große  Anzahl  von
Broschüren  veröffentlicht,  unter  anderen:  L’anarchie,  sa  philosophie,  son  id£al
(1896).  Wir  haben  einige  Zitate  dem  Werk  Eltzbacheb’s  L’Anarchisme  (franz.  Übers.
1902)  entlehnt,  einem  Werke,  das  sich  fast  ausschließlich  aus  Zitaten  zusammensetzt,
die  in  eine  kleine  Anzahl  von  Rubriken  gebracht  sind,  und  deren  Unparteilichkeit  die
anarchistischen  Schriftsteller,  darunter  auch  Kropotkin,  anerkannt  haben.
        <pb n="701" />
        Propaganda  wurde  aber  schnell  unterbrochen.  1874,  als  er  das  Gebäude
der  geographischen  Gesellschaft  verließ,  wo  ihm  nach  einem  bemerkenswerten ­
  Bericht  der  Vorsitz  einer  der  Sektionen  angeboten  worden  war,
wurde  Kropotkin  unter  der  Anschuldigung,  politische  Propagandagesellschaften ­
  organisiert  zu  haben,  verhaftet  und  in  der  Peter-Paulsfestung
gefangen  gesetzt.  1876  gelang  es  ihm  zu  entkommen.  Er  flüchtete  nach
England,  und  wurde  1884  zu  Unrecht  in  einen  anarchistischen  Prozeß
in  Lyon  verwickelt  und  zu  drei  Jahren  Gefängnis  in  Clairvaux  verurteilt.
Man  hatte  damals  das  recht  ungewöhnliche  Schauspiel  eines  Strafgefangenen, ­
  dem  die  Akademie  der  Wissenschaften  in  Paris  und  Ernest
Renan  ihre  Bibliotheken  zur  Verfügung  stellten,  um  ihm  die  Fortsetzung
seiner  wissenschaftlichen  Arbeiten  zu  ermöglichen.  Schon  vorher,  während
seiner  Haft  in  Rußland,  hatte  die  geographische  Gesellschaft  von  St.
Petersburg  das  gleiche  Beispiel  gegeben.  Seitdem  lebt  Fürst  Kropotkin
in  England. 1 )  Eine  große  Anzahl  Broschüren  und  Bücher  anarchistischer
Propaganda  entstammen  seiner  Feder,  ohne  daß  er  aufgehört  hätte,
seine  naturwissenschaftlichen  Studien  zu  betreiben.
Die  bekanntesten  französischen  Anarchisten,  der  Geograph  Elise  e
Reclus  und  Jean  Grave *  2 )  beschränken  sich  im  Wesentlichen  darauf,
die  Gedanken  Kropotkin’s  vorzutragen,  bei  dem  man  wieder  mit  Leichtigkeit ­
  die  Spuren  der  Anschauungen  Bakunin’s  und  Proudhon’s
finden  kann.
Uns  interessiert  hier  allein  die  Fassung  der  anarchistischen  Ideen
bei  diesen  kompetentesten  Vertretern  der  Lehre.  Wir  übergehen  die  oft
sehr  zugespitzten,  aber  auch  weniger  durchdachten  Darstellungen,  die
sie  bei  unbekannteren  Schriftstellern  gefunden  haben 3 ).
Als  Grundlage  der  Lehre  finden  wir  zunächst  die  gleiche  Übertreibung
der  Rechte  des  Individuums  und  die  gleiche  leidenschaftliche  Hingabe
an  die  freie  und  vollständige  Entwicklung  der  Persönlichkeit,  auf  die
wir  schon  bei  Stirner  hingewiesen  haben.  „Jeder  Gehorsam  ist  eine
Abdankung“,  erklärt  Elisee  Reclus 4 ).  „Das  Menschengeschlecht  will
regiert  werden:  man  wird  es  regieren.  Ich  schäme  mich  meines  Ge*) ­
  Fürst  Kropotkin  ist  im  Frühjahr  1921  in  Rußland,  wohin  er  sich  nach  der
Revolution  begeben  hatte,  gestorben  (Anm  d.  Übers.).
2 )  Vgl.  L’Üvolution,  la  Revolution  et  l’idAal  anarchique  von  Ülisee
Reolus  (Paris  1898)  und  La  societe  future  von  Jean  Grave  (1895).
3 )  Über  den  heutigen  Zustand  der  anarchistischen  Ideen  in  Frankreich  Vgl-R.
  de  Marmande:  Les  Forces  rdvolutionnaires  en  France,  in  der  Grande  Revue
vom  10.  August  1911.
4 )  L ! Üvolution,  la  Revolution  usw.,  S.  88,  und  er  fügt  hinzu:  „Unser  Ideal
umfaßt  ...  für  einen  jeden  Menschen  die  volle  und  absolute  Freiheit,  seinen  Gedanken
über  jeden  Gegenstand  Ausdruck  zu  geben,  ...  es  umfaßt  ebenfalls  für  einen  Jeden
das  Recht,  zu  handeln,  wie  es  ihm  beliebt,  und  zu  tun,  was  er  will“  (S.  143).  Nur  unter
dieser  Bedingung  kann  sich  der  Mensch  „zu  einem  moralischen  Wesen  entwickeln
(S.  141).
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        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

679

schlechts“,  schrieb  Proudhon  1850  in  seinem  Gefängnis  zu  Doullens 1 ).
„Meine  Freiheit,“  sagt  Bakunin,  „öder  was  auf  dasselbe  hinausläuft,  .  .  .
meine  Menschenwürde  .  .  .  besteht  darin,  keinem  anderen  Menschen  zu
gehorchen  und  meine  Handlungen  nach  Nichts  als  nach  meinen  eigenen
Überzeugungen  zu  bestimmen“ *  2 ).  Nach  Jean  Grave  kann  die  Gesellschaft ­
  dem  Individuum  „keine  Beschränkung  auferlegen,  .  .  .  außer  denen,
die  schon  auf  Grund  der  natürlichen  Existenzbedingungen  bestehen,
inmitten  deren  es  lebt“ 3 ).
Jedoch  beruht  diese  Anbetung  des  Ichs,  die  man  überall  in  den
anarchistischen  Werken  wiederfindet,  auf  einer  Auffassung,  die  der
.Stirner’s  diametral  entgegengesetzt  ist.  Für  ihn  ist  jeder  Mensch  ein
„Einziger“,  der  kein  anderes  Gesetz  als  seinen  Egoismus  kennt.  Für
die  Anarchisten  Proudiion'sch  er  Färbung  ist  jeder  Mensch  im  Gegenteil
etwas  dem  Individuum  überlegenes,  ein  Teil  der  Menschheit.  „Das,  was
ich  an  meinem  Nächsten  achte,“  sagt  Proudhon,  ,,.  .  .  ist  seine  Würde
als  Mensch“ 4 ).  Gerade  diese  Menschenwürde  ist  es,  die  der  Anarchist
zur  Geltung  bringen  will,  indem  er  die  Achtung  seiner  Freiheit  durchsetzt,
denn  „die  Freiheit“,  schreibt  Bakunin,  „ist  der  höchste  Zweck  aller
menschlichen  Entwicklung“ 5 ).  Es  ist  daher  nicht  der  Triumph  des  egoistischen ­
  Ichs,  sondern  der  Triumph  der  „Menschenwürde“  eines  Jeden,
den  die  Anarchisten  herbeisehnen.  —  Sie  fordern  die  Freiheit  nicht  nur
für  sich  selbst,  sondern  für  Alle.  Weit  davon  entfernt,  Ihresgleichen,  wie
Stirner  dies  will,  „verbrauchen“  zu  wollen,  wollen  sie  für  Alle  die  gleiche
Achtung  vor  der  menschlichen  Würde.  „Behandle  die  Anderen,  wie
du  selbst  von  ihnen  unter  gleichen  Umständen  behandelt  zu  werden
wünschst“,  sagt  Kropotkin  in  einer  kantischen  und  sogar  christlichen
Formel 6 ).  Für  Bakunin,  der  hierin  seinem  Meister  Proudhon  getreu
folgt,  ist  die  Grundlage  aller  Moral  die  „menschliche  Achtung“,
nämlich  die  „Anerkennung  der  Menschlichkeit,  des  Menschenrechtes  und
der  Menschenwürde  in  jedem  Menschen,  welches  auch  seine  Basse,  seine
Farbe,  der  Grad  der  Entwicklung  seiner  Intelligenz  und  sogar  seiner
Moral  sei“ 7 ).  Er  sagt  daher  auch:  „Wirklich  frei  werde  ich  nur  durch

*)  Auszug  aus  den  Carnets,  am  16.  Januar  1909  im  Figaro  erschienen.
2 )  (Euvres,  Bd.  I,  S.  281.
3 )  Jean  Grave,  La  Soci6t6  future,  S.  157.  Vgl.  auch  S.  199:  „Nein,  das  Individuum ­
  darf  keine  Beschränkungen  seiner  Entwicklung  dulden,  darf  sich  dem  Joch
•keiner  Autorität  beugen,  was  auch  immer  der  Vorwand  sei,  auf  die  sie  sich  stütze.“
4 )  Justice  dans  la  Revolution,  Bd.  I,  S.  185.
5 )  Bakunin,  (Euvres,  I,  S.  105.
°)  Angeführt  von  Eltzbacheb,  op.  cit.,  S.  199.
7 )  Bakunin,  (Euvres,  I,  S.  281:  „Ich  bin  nur  dann  wahrhaftig  frei,  wenn  alle
menschlichen  Wesen  um  mich,  Männer  und  Frauen,  ebenfalls  frei  sind.  Die  Freiheit
der  Anderen,  weit  davon  entfernt,  eine  Begrenzung  oder  Verneinung  meiner  Freiheit
-zu  sein,  ist  im  Gegenteil  ihre  notwendige  Bedingung  und  Bestätigung“  (Ebenda).
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        680

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

die  Freiheit  der  Anderen.  .  .  .  Die  Freiheit  ergibt  sich  nicht  aus  der  Vereinzelung, ­
  sondern  aus  Gegenseitigkeitsbeziehungen,  nicht  aus  der  Ausschließung, ­
  sondern  im  Gegenteil  aus  der  Verbindung;  die  Freiheit  eines
jeden  Individuums  ist  nichts  Anderes,  als  der  Widerschein  seiner  Menschlichkeit ­
  oder  seines  Menschenrechtes  im  Bewußtsein  aller  freien  Menschen,
die  seine  Brüder,  Seinesgleichen  sind 1 ).“  Dieser  Humanitätsgedanke,
der  von  Proudhon  den  späteren  Anarchisten  überliefert  worden  ist,,
ist  Stirner  nicht  nur  fremd,  sondern  ist  gerade  eines  der  Phantome,
die  er  am  heftigsten  bekämpft  hat *  2 ).
Mit  dieser  Erhöhung  der  individuellen  Freiheit  geht  bei  den  politischen ­
  Anarchisten,  wir  bei  Stirner,  der  Haß  gegen  jede  Autorität  Hand
in  Hand.  Denn  jede  von  einem  Menschen  auf  einen  Anderen  ausgeübte
Autorität  ist  eine  „Ausbeutung  des  Menschen  durch  den  Menschen“,
oder  eine  Verkleinerung  der  Menschlichkeit  im  Menschen.
Der  Staat  ist  die  Autorität,  die  alle  anderen  zusammenfaßt.  Auf
ihn  konzentriert  sich  daher  hauptsächlich  der  Haß  der  Anarchisten;
durch  seine  Einmischung  in  alle  menschlichen  Verhältnisse,  durch  seine
Gesetze,  die  die  Handlungen  der  Bürger  regeln,  durch  seine  Beamten,
die  sie  anwenden,  durch  seine  Armee,  die  sie  erzwingt,  durch  seine  Gerichtshöfe, ­
  die  sie  auslegen,  durch  seine  Priester,  die  die  Achtung  davor  predigen
und  durch  seine  Professoren,  die  sie  erklären  und  rechtfertigen,  ist  der
Staat  der  vornehmste  Träger  der  Ausbeutung  und  der  Unterdrückung 3 )..
Daher  ist  er  auch  für  die  Anarchisten  der  Erzfeind.  Der  Staat,  sagt
Bakunin,  ist  „die  Summe  der  Verneinungen  der  individuellen  Freiheiten
aller  seiner  Glieder“.  Er  ist  ein  „unabsehbarer  Begräbnisplatz,  auf  dem
sich  alle  Kundgebungen  des  individuellen  Lebens  opfern,  wo  sie  sterben,
und  begraben  werden“.  Er  ist  „die  ausgesprochene  Verneinung  der

0  Bakunin,  B.  I,  S.  277.
2 )  Der  Gedanke,  im  Menschen  die  Menschheit  zu  achten,  ist  einer  der  Gedanken,
die  Stirner  am  heftigsten  kritisiert.  Er  nennt  Proudhon  als  ihren  Vertreter.  Dieser
Gedanke  lag  auch  Feuerbach  besonders  am  Herzen,  der  überall  den  Begriff  des  Göttlichen ­
  durch  den  des  Menschlichen  ersetzen  wollte.
3 )  Auch  hier  hat  Proudhon  das  Vorbild  geliefert:  „Wer  regiert  wird,“  sagt  er,
(Idöe  gönörale  de  la  Revolution,  S.  341)  „wird  bei  jeder  Handlung,  jedem  Geschäft
jeder  Bewegung  aufnotiert,  einregistriert,  nachgezählt,  taxiert,  gestempelt,  nachgemessen, ­
  rubriziert,  abgeschätzt,  besteuert,  veranlagt,  autorisiert,  visiert,  ermahnt,,
behindert,  Verbessert,  eingerenkt  und  korrigiert.  Unter  dem  Vorwände  des  öffentlichen
Nutzens  oder  des  Allgemeinwohls  wird  er  gebrandschatzt,  geschuhriegelt,  eingesperrt,
ausgebeutet,  monopolisiert,  konzessioniert,  ausgesogen,  mystifiziert  und  bestohlen;  bei
dem  geringsten  Widerstand,  bei  der  ersten  Klage  unterdrückt,  bestraft,  begeifert,
geärgert,  gehetzt,  angeschnauzt,  totgeschlagen,  entwaffnet,  geknebelt,  eingekerkert,,
erschossen,  in  Stücke  gerissen,  abgeurteilt,  verurteilt,  deportiert,  geopfert,  verkauft
und  verraten;  und  damit  auch  Nichts  fehle,  wird  er  betölpelt,  genasführt,  beschimpft,
geschmäht  und  entehrt.  Das  ist  die  Regierung,  das  ist  ihre  Gerechtigkeit  und  ihre'
Moral. 1 *
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        Kapitel  IV-  Die  Anarchisten.

681

Menschlichkeit“ 1 ).  Wie  Bastiat,  und  dies  ist  nicht  die  letzte  Analogie,
die  wir  zwischen  ihnen  finden  werden,  —  definiert  auch  Bakunin  den
Staat  auf  Grund  der  Tatsache,  daß  er  die  Macht  darstellt:  „als  die
prahlende  Überhebung  und  trunkene  Narrheit  der  Gewalt“.  Dadurch
allein  ist  er  das  Böse  an  sich,  denn  der  Zweck  der  Menschheit  ist  die  Freiheit; ­
  die  Gewalt  aber  ist  die  „ständige  Verneinung  der  Freiheit“ *  2 ).
Als  notwendiger  Träger  der  Unterdrückung  ist  die  Regierung  auch
unweigerlich  der  Träger  der  Korruption.  Alles,  was  sie  berührt,  verfault,
und  zu  allererst  ihre  eigenen  Vertreter.  „Der  beste,  der  intelligenteste,
der  warmherzigste,  der  reinste  Mensch  muß  unbedingt  in  diesem  Beruf
verderbt  werden  .  .  .  Jeder,  sei  es  politisch,  sei  es  wirtschaftlich  privilegierte ­
  Mensch  ist  ein  geistig  und  moralisch  verkommenes  Wesen.“  So
spricht  Bakunin 3 ),  und  für  Elisee  Reclus  „ist  es  ein  Naturgesetz,
daß  ein  jeder  Baum  seine  eigene  Frucht  trage,  und  daß  die  Blüten  und
Früchte  jeder  Regierung  sprunghafte  Launen,  Vergewaltigungen,  Wucher,
Gemeinheit,  Mord  und  Elend  sind“ 4  5 ).  —  Der  Staat  demoralisiert  die
Regierenden;  aber  ebenso  demoralisiert  er  auch  die  Regierten  und  stets
aus  dem  gleichen  Grunde.  Verursacht  er  doch,  „sogar  wenn  er  das  Gute
verordnet“,  in  Wirklichkeit  das  Böse;  denn  „das  Gute,  sobald  es  verordnet ­
  wird  .  .  .  wird  zum  Übel.  Die  Freiheit,  die  Moralität  und  die
menschliche  Würde  bestehen  gerade  darin,  daß  der  Mensch  das  Gute
nicht  deshalb  tue,  weil  es  ihm  befohlen  wird,  sondern  weil  er  es  versteht,
will  und  liebt“ 6 ).
Daher  ist  auch  die  Form  der  Regierung  ohne  große  Bedeutung.
Absolute  oder  konstitutionelle  Monarchie,  demokratische  oder  aristokratische ­
  Republik,  Regierung  auf  Grund  eines  allgemeinen  oder  eines
beschränkten  Wahlrechtes,  sie  haben  alle  den  gleichen  Wert,  denn  alle
setzen  den  Staat  voraus.  Die  Autorität,  sei  es  die  einer  Majorität  oder
die  eines  Despoten,  bleibt  stets  Autorität;  stets  ein  fremder  Wille,  der
den  meinen  unterjocht.  Der  große  Fehler  aller  Revolutionen  war  eben
der,  eine  Regierung  nur  gestürzt  zu  haben,  um  sie  sogleich  durch  eine
andere  zu  ersetzen.  Die  einzige  wahre  Revolution  wird  die  sein,  die
gerade  die  Tatsache  der  Regierung  an  sich  —  das  Prinzip  der  Autorität
selbst  —  vernichtet.
Wenn  man  den  Staat,  den  naturnotwendigen  Unterdrücker,  etwas,
eingehender  untersucht,  so  bemerkt  man,  daß  er  nur  das  Instrument
einer  noch  tiefer  liegenden  Unterdrückung  ist;'  nämlich  die  der  Besitzlosen ­
  durch  die  Besitzenden.  Hatte  nicht  Adam  Smith  schon  wörtlich

ß  Bakunin,  CEuvres,  B.  I,  S.  143,  227,  151.
2 )  Ebenda,  S.  228.
3 )  Ebenda,  B.  I,  S.  176;  B.  III,  S.  53.
4 )  Revolution,  la  Revolution  et  l ! id6al  anarchique,  S.  164.
5 )  Bakunin,  CEuvres,  B.  I,  S.  280.
        <pb n="705" />
        €82

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

gesagt:  „die  Zivilregierung  ...  ist  in  Wirklichkeit  eingerichtet,  um  die,
die  Etwas  besitzen  gegen  die,  die  Nichts  besitzen,  zu  verteidigen“ 1 )?  Dieser
Gedanke  ist  von  den  Anarchisten  in  Hunderten  von  Variationen  ausgelegt ­
  worden.
Nach  Kropotkin  lassen  sich  alle  Gesetze  in  drei  Kategorien  teilen:
ihr  Zweck  ist  entweder  der  Schutz  der  Personen,  der  Schutz  der  Regierung
oder  der  Schutz  des  Eigentums 1  2 ).  In  Wirklichkeit  hätte  er  sie  aber  alle
in  dieser  letzten  Klasse  zusammenfassen  können;  denn  in  den  Augen  der
Anarchisten  beruhen  die  Delikte  gegen  Personen  zumeist  auf  dem  Elend  —
indirekt  also  auf  dem  Eigentum 3 )  —,  und  da  die  wesentliche  Funktion
der  Regierung  der  Schutz  des  Eigentums  ist,  so  sind  die  Gesetze,  die  sie
beschützen,  hauptsächlich  Gesetze  zum  Schutze  des  Besitzes.
Das  Eigentum  nun  —  und  in  diesem  Punkt  begnügen  sich  die  Anarchisten ­
  damit,  die  Kritik  der  Sozialisten  unverändert  zu  übernehmen 4 )  —-1

 )  Vgl.  oben  Seite  86,  Anm.  1,  Ende  des  ersten  Absatzes:  „Die  bürgerliche
Regierung  ist,  insofern  sie  zur  Sicherung  des  Eigentums  eingeführt  ward“,
usw.,  hat  Adam  Smith  allerdings  gesagt,  was  zu  der  Annahme  berechtigt,  daß  dies  in
■den  Augen  des  großen  Volkswirtschaftlers  nicht  ihr  ausschließlicher  Zweck  war.  Aber
auf  jeden  Fall  war  es  eine  ihrer  Hauptaufgaben.
2 )  Kropotkin,  Paroles  d ! un  Rfivolte.  S.  236.  „Wenn  man  die  Millionen  Gesetze
studiert,  die  die  Menschheit  regieren,  so  läßt  sich  leicht  bemerken,  daß  sie  in  drei  große
Klassen  eingeteilt  werden  können:  Schutz  des  Eigentums,  Schutz  der  Begierung,  Schutz
der  Person.  Wenn  man  nun  diese  drei  Kategorien  analysiert,  gelangt  man  in  Hinsicht
auf  eine  Jede  von  ihnen  zu  dem  logischen  und  notwendigen  Schluß:  Nutzlosigkeit
und  Schädlichkeit  des  Gesetzes.“
3 )  „Die  Gesellschaft  fabriziert  selbst  jeden  Tag  Wesen,  die  unfähig  sind,  ein
ehrliches  Leben  der  Arbeit  zu  führen,  Wesen,  die  mit  antisozialen  Gefühlen  getränkt
sind.“  Kropotkin,  angeführt  von  Eltzbacher,  op.  cit.  S.  221.  „Da  die  Organisation
der  Gesellschaft  stets  und  überall  die  einzige  Ursache  der  von  den  Menschen  verübten
Verbrechen  ist,  so  ist  es  eine  Heuchelei  oder  eine  klare  Widersinnigkeit  von  seiten  der
Gesellschaft,  die  Verbrecher  zu  bestrafen,  denn  eine  jede  Strafe  setzt  die  Schuld  voraus,
und  die  Verbrecher  sind  niemals  schuldig  .  .  .  Wir  leugnen  den  freien  Willen  und  das
angebliche  Becht  der  Gesellschaft,  Strafen  zu  verhängen  .  .  .  Jedes  menschliche  Individuum ­
  ist  das  unwillkürliche  Produkt  eines  natürlichen  und  sozialen  Milieus,  in  dem
es  geboren  worden  ist,  sich  entwickelt  hat,  und  dessen  Einfluß  fortgesetzt  auf  ihm  lastet.
Die  drei  großen  Ursachen  der  menschlichen  Immoralität  sind:  Ungleichheit,  sowohl
im  politischen  wie  im  wirtschaftlichen  und  sozialen  Sinne;  Unwissenheit,  die  sich  mit
Naturnotwendigkeit  daraus  ergibt,  und  ihre  notwendige  Folgeerscheinung:  Sklaverei“
(Bakunin,  Programme  de  l’Alliance  im  Social-politischen  Briefwechsel,
S.  332—333).
„Das  Eigentum  und  das  Elend  sind  die  großen  Grundursachen  der  Verbrechen  ..  •
Wenn  nun  die  schlechte  soziale  Organisation  die  Grundursache  der  Verbrechen  ist,  so
müssen  sie  mit  ihr  verschwinden“  (Jean  Grave,  La  Sociötfi  future,  S.  137—138).
4 )  „Muß  man  denn“,  sagt  Bakunin,  „die  unwiderstehlichen  Argumente  des
Sozialismus  wiederholen,  Argumente,  deren  Zerstörung  bisher  keinem  bürgerlichen
Volkswirtschaftler  gelungen  ist?  Was  ist  denn  das  Eigentum,  was  ist  denn  das  Kapital
in  ihrer  heutigen  Form?  Für  den  Kapitalisten  und  für  den  Eigentümer  ist  es  die
vom  Staate  garantierte  und  beschützte  Macht  und  das  Recht,  ohne  Arbeit  zu  leben;
        <pb n="706" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

683

ist  nichts  Anderes  als  die  Organisation  der  Ausbeutung,  indem  eine  Minderheit ­
  von  Besitzern  durch  sie  die  Massen  in  einer  ewigen  Versklavung  hält,
und  sie  dazu  zwingt,  für  ein  Spottgeld  zu  arbeiten,  während  sie  selbst
sich  die  Muße,  die  Annehmlichkeiten  des  Luxus  und  der  Kultur  und  alle
Wohltaten  der  Zivilisation  vorbehält.  Das  Privateigentum  ist  das  Privilegium ­
  par  excellence,  von  dem  alle  anderen  abstammen.  Der  Staat
ist  weiter  nichts  als  die  Schutzmauer  des  Eigentums.  „Ausbeutung
und  Regierung,“  sagt  Bakunin,  „von  denen  die  erste  die  Mittel  zum
Regieren  gibt  und  die  notwendige  Basis,  wie  auch  den  Zweck  einer  jeden
Regierung  vorstellt,  die  ihrerseits  wieder  die  Macht  der  Ausbeutung  garantiert ­
  und  gesetzlich  festlegt,  sind  die  unvermeidlichen  Bezeichnungen  für
all  das,  was  man  Politik  nennt 1 ).“  „Die  Erfahrung  zeigt,“  sagte  schon
Proudhon *  2 ),  „daß  überall  und  stets  eine  jede  Regierung,  wie  volkstümlich ­
  sie  auch  am  Anfang  gewesen  sei,  sich  für  die  aufgeklärtere  und
reichere  Klasse  und  gegen  die  ärmere  und  zahlreichere  Klasse  entschieden
hat“ 3 ).
Welche  Ordnung  des  Eigentums  wird  nun  die  Arbeiter  von  der  Ausbeutung ­
  durch  die  Besitzenden  befreien  und  so  die  Einrichtung  des  Staates
unnötig  machen  ?  Dies  ist  eine  Frage,  über  die  die  Anarchisten  nicht  einig
sind.  Wie  man  sich  erinnern  wird,  hatte  Proudhon  gehofft,  durch  seine
Tauschbank  das  Eigentum  in  den  bloßen  Besitz  zu  verwandeln.  Bakunin
im  Gegenteil  steht  unter  dem  Einfluß  der  marxistischen  Ideen  und  tritt
für  den  Kollektivismus  ein.  Die  Arbeitsmittel  und  der  Boden  werden
von  der  Gemeinschaft  in  Besitz  genommen;  sie  können  nur  von  den  Arbeitern ­
  benutzt  werden,  die,  in  industriellen  oder  landwirtschaftlichen
Assoziationen  vereinigt,  gemäß  ihrer  Arbeit  entlohnt  werden 4 ).  Bei  Kround

  da  weder  das  Eigentum  noch  das  Kapital  auch  nur  das  Geringste  erzeugen,  wenn
sie  nicht  durch  die  Arbeit  befruchtet  sind,  so  bedeutet  dies  die  Macht  und  das  Recht,
von  der  Arbeit  Anderer  zu  leben,  die  Arbeit  derer  auszubeuten,  die,  ohne  Eigentum
und  ohne  Kapital,  gezwungen  sind,  ihre  produktiven  Kräfte  den  glücklichen  Besitzern
des  einen  oder  des  anderen  zu  verkaufen“  ((Euvres,  B.  III,  S.  191).  Vgl.  auch  Keovotkin,
  La  Conquöte  du  Pain:  „Häuft  nur  die  Beispiele,  wählt  sie  aus  wo  ihr  wollt;
denkt  einmal  nach  über  den  Ursprung  all  der  großen  und  kleinen  Vermögen,  ob  sie
nun  vom  Handel,  der  Bank,  der  Industrie  oder  dem  Boden  herkommen.  Überall  werdet
ihr  feststellen,  daß  der  Reichtum  der  Einen  aus  dem  Elend  der  Anderen  besteht.“  S.  56.
Dieser  Satz  faßt  eine  ganze  lange,  vorhergehende  Beweisführung  zusammen.
x )  Bakunin,  (Euvres,  Bd.  I,  S.  324.
2 )  Proudhon,  Id6e  gfin6rale  de  la  Revolution,  S.  119.
3 )  „Das  Gesetz  ...  ist  weiter  nichts  als  ein  Instrument  zur  Aufrechterhaltung
der  Ausbeutung  und  der  Herrschaft  der  reichen  Müßiggänger  über  die  arbeitenden
Massen  ...  Es  hat  nur  eine  Aufgabe:  die  Aufrechterhaltung  der  Ausbeutung“  (Kro-J’Oxkin,
  Paroles  d ! un  Revolte,  S.  235).
ä )  Bakunin,  Programme  de  l’alliance  internationale  de  la  dSmocr
 atie  socialiste  als  Anhang  zum  Sozial-politischen  Briefwechsel  abgedruckt
S.  339.
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        684

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

potkin  jedoch  wird  das  anarchistische  Ideal  rein  kommunistisch.  Die
kollektivistische  Unterscheidung  zwischen  Arbeitsmitteln  und  Gebrauchsgegenständen ­
  scheint  ihm  völlig  müßig.  Sind  die  Nahrung,  die  Kleidung,
die  Feuerung  für  den  Arbeiter  nicht  ebensoviele  zur  Arbeit  notwendige
Bedingungen,  ja  vielleicht  in  noch  höherem  Grade,  als  Werkzeuge  und
Maschinell?  Wozu  daher  diese  Haarspalterei?  Die  Gesamtheit  der  sozialen ­
  Hilfsmittel  muß  der  Gesamtheit  der  Arbeitenden  zur  Verfügung
stehen 1 ).
Aber  der  Staat  und  das  Eigentum  erschöpfen  noch  nicht  die  Liste
der  tyrannischen  Bedrückungen.  Die  Freiheit  des  Individuums  verträgt
sich  ebensowenig  mit  unwiderruflichen  Gelöbnissen,  mit  Versprechungen,
die  den  zukünftigen  Willen  des  Menschen  auf  Grund  seines  heutigen
Willens  für  immer  binden,  wie  mit  der  Unterwerfung  unter  eine  außer
ihm  stehende  Autorität.  Die  heutige  Ehe  ist  der  Typus  dieser  unwiderruflichen ­
  Gelöbnisse.  An  ihre  Stelle  muß  die  freie  Verbindung  treten,
eine  Verbindung,  die  freiwillig  eingegangen  und  freiwillig  fortgesetzt
wird,  die  einzige  Form  der  Ehe,  die  mit  der  Würde  und  der  Gleichheit
zwischen  Mann  und  Weib  vereinbar  ist *  2 ).  Der  freie  Vertrag  an  Stelle
eines  aufgezwungenen  Gesetzes  ist  übrigens  die  einzige  allgemeine  Form
einer  Verpflichtung,  die  die  Anarchisten  anerkennen:  freier  Vertrag
zwischen  Mann  und  Weib,  zwischen  Individuum  und  Genossenschaft,
freie  Verträge  zwischen  Genossenschaften  in  bezug  auf  gemeinsame  Aufgaben, ­
  freie  Verträge  zwischen  den  Gemeinden  und  den  Bezirken  eines
Landes  und  zwischen  verschiedenen  Ländern.  Diese  Verpflichtungen
sind  aber  stets  widerruflich;  sie  dürfen  nicht  zu  einer  neuen  Kette  werden,
die  der  Mensch  sich  selbst  auferlegt.  Denn  jeder  Vertrag,  sobald  er  nicht
mehr  durch  die  freiwillige  und  beständig  zu  erneuernde  Zustimmung
der  beiden  Parteien  aufrecht  erhalten  wird,  wird  tyrannisch,  wird  drückend
und  steht  im  Gegensatz  zu  der  menschlichen  Freiheit.  „Weil  Ich  gestern
ein  Narr  war,“  fragt  Stirner,  „müßte  Ich’s  zeitlebens  bleiben?“ 3 )  und
in  diesem  Punkte  stimmen  Bakunin,  Kropotkin,  Reclus,  Jean  Grave,
wenn  nicht  Proudiion  durchaus  mit  ihm  überein.
Jedoch  —  und  diese  Bemerkung  entbehrt  nicht  der  Bedeutung,
denn  sie  zeigt  recht  augenfällig  das  ganze  naive  Vertrauen  dieser  Schriftsteller, ­
  —  das  anarchistische  Ideal  ist  keineswegs  die  Herrschaft  der  unumschränkten ­
  Laune.  Man  würde  sich  sogar  sehr  täuschen,  wenn  man
es  so  auffassen  wollte.

!)  Kropotkin,  Conqugte  du  Pa  in,  S.  61—62.
2 )  „Jawohl,  die  Anarchisten  wollen  die  freie  Ehe,  die  nur  auf  gegenseitiger  Zuneigung, ­
  Selbstachtung  und  Achtung  der  Würde  Anderer  beruht,  und  in  diesem  Sinne
sind  sie,  so  liebevoll  und  hingebend  sie  auch  für  die  sein  mögen,  deren  Leben  mit  dem
ihren  verbunden  ist,  doch  Feinde  der  Familie“.  Llisee  Reclus,  op.  cit.,  S.  145—146.
8 )  Der  Einzige  und  sein  Eigentum,  S.  200.
        <pb n="708" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

685

Diese  vernichtende  Kritik  aller  Autoritäten  läßt  nämlich  eine  in
Geltung,  die,  mag  sie  noch  so  abstrakt  sein,  deshalb  doch  nicht  weniger
gebieterisch  dasteht:  die  Autorität  der  Vernunft  oder  der  Wissenschaft.
„Die  Herrschaft  der  Vernunft“  ist  einer  der  wesentlichen  Bestandteile
der  anarchistischen  Gesellschaft  Proudhon’s 1 ).  Das,  was  Proudhon
Vernunft  nennt,  nennt-Bakunin  Wissenschaft,  vor  der  er  sich  nicht
weniger  ehrerbietig  verneigt.  Er  sagt:  „Wir  erkennen  die  absolute  Autorität ­
  der  Wissenschaft  an;  gegenüber  den  Naturgesetzen  gibt  es  für  den
Menschen  nur  eine  einzige  Möglichkeit,  frei  zu  sein,  nämlich  sie  anzuerkennen ­
  und  sie  immer  mehr  und  mehr  anzuwenden  .  .  .  Man  muß  z.  B.
ein  Narr,  oder  ein  Theologe,  oder  zum  wenigsten  ein  Metaphysiker,  Jurist
oder  bürgerlicher  Volkswirtschaftler  sein,  um  sich  gegen  das  Gesetz  aufzulehnen, ­
  daß  2  und  2  gleich  4  ist.“  Höchstens  kann  der  Mensch  in  dieser
Hinsicht  das  Beeht  beanspruchen,  den  natürlichen  Gesetzen  nur  zu  gehorchen ­
  „weil  er  sie  selbst  als  solche  erkannt  hat  und  nicht,  weil  sie  ihm
von  Außen  durch  einen  fremden  Willen  aufgezwungen  worden  sind“ 2 ).
Und  wie  Bakunin  sich  der  Wissenschaft  beugt,  beugt  er  sich  auch
der  technischen  und  wissenschaftlichen  Zuständigkeit.  „Wenn  es  sich
um  Stiefel  handelt,  vertraue  ich  der  Autorität  des  Schuhmachers;  wenn
es  sich  um  ein  Haus  handelt,  einen  Kanal  oder  eine  Eisenbahn,  ziehe  ich
den  Architekten  oder  den  Ingenieur  zu  Bäte“  ..  .  Aber  das,  was  er  in  ihnen
achtet,  ist  nicht  ihre  Funktion,  sondern  ihre  Wissenschaft,  ist  nicht  der
Mensch,  sondern  sein  Wissen.  „Ich  lasse  mir  weder  den  Schuhmacher,
noch  den  Architekten,  noch  auch  den  Gelehrten  aufzwingen.  Frei  höre  ich
sie  an  und  mit  aller  Achtung,  die  ihre  Intelligenz,  ihr  Charakter,  ihr  Wissen
verdient,  indem  ich  mir  jedoch  stets  mein  unantastbares  Becht  der  Kritik
und  der  Kontrolle  Vorbehalte 3 ).“  Bakunin  zweifelt  nicht  daran,  daß  die
Mehrzahl  der  Menschen  sich  gern  und  freiwillig  dieser  natürlichen  Autorität
der  Wissenschaft  beugt.  Mit  Descartes  glaubt  er,  und  drückt  es  fast
jn  den  gleichen  Worten 4 )  aus,  daß  „der  gesunde  Menschenverstand  das
ist,  was  sich  am  Weitesten  in  der  Welt  verbreitet  findet“.  Der  gesunde

J )  Vgl.  Idee  gönerale  de  la  Revolution,  S.  281  und  S.  342:  „Die  Revolution
t°lgt  auf  die  Offenbarung.  Die  Vernunft,  von  der  Erfahrung  unterstützt,  zeigt  dem
Menschen  die  Gesetze  der  Natur  und  der  Gesellschaft  und  sagt  ihm  dann:  diese  Gesetze
geruhen  auf  der  Notwendigkeit  selbst.  Kein  Mensch  hat  sie  gemacht;  niemand  zwingt
s &amp;gt;e  dir  auf.  Nach  und  nach  sind  sie  entdeckt  worden,  und  ich  bestehe  nur  deshalb
darauf,  um  für  sie  zu  zeugen.  Wenn  Du  ihnen  folgst,  wirst  du  gerecht  und  gut  sein.
Wenn  &amp;lt;j u  s ; e  verletzest,  ungerecht  und  böse.  Einen  anderen  Beweggrund  schlage  ich
nicht  vor.“
2 )  Bakunin,  CEuvres,  Bd.  III,  S.  51.
3 )  Ebenda,  S.  55.
4 )  „Im  Allgemeinen  kann  man  sagen,  daß  die  große  Menge  der  Menschen  sich
* n  ihrem  täglichen  Leben  fast  vollständig  vom  gesunden  Menschenverstände  leiten
‘aßt“  (CEuvres,  Bd.  III,  S.  50).
        <pb n="709" />
        i

686  Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.
Menschenverstand  ist  nun  nichts  Anderes  als  „die  Summe  der  allgemein
anerkannten  Gesetze“;  Gleich  den  Physiokraten  glaubt  er  an  die  Evidenz
der  natürlichen  Gesetze,  deren  Herrschaft  er  von  ganzem  Herzen  herbeisehnt. ­
  Wie  sie  glaubt  auch  er,  daß  „ein  weitherziges  System  der  Volkserziehung ­
  und  des  Volksunterrichtes“  es  erreichen  wird,  daß  sie  von  Allen
erkannt  und  angenommen  werden.  Mit  dem  Tage,  an  dem  sie  so  „in  das
Bewußtsein  aller  Menschen  eingedrungen  sein  werden,  wird  auch  die
Frage  der  Freiheit  vollständig  gelöst  sein“ 1 ).  Wieder,  wie.  schon  öfter,
bemerken  wir  diesen  Nachklang  des  optimistischen  Rationalismus  des
18.  Jahrhunderts,  diesen  den  Anarchisten  und  den  Liberalen  gemeinsamen
Glauben  an  den  „vernunftbegabten  Menschen“.  Bakunin  unterscheidet
sich  von  den  Physiokraten  nur  durch  seinen  Haß  gegen  den  Despoten,
den  jene  herbeisehnten.
Eine  Gesellschaft  freier,  .durchaus  autonomer  Menschen,  von  denen
jeder  nur  sich  selbst  gehorcht,  und  die  sich  Alle  in  gleicher  Weise  der  Vernunft ­
  und  der  Wissenschaft  unterwerfen,  das  ist  also  das  Ideal,  das  die 1
Anarchisten  uns  Vorschlägen,  ein  Ideal,  dessen  Voraussetzung  der  Umsturz ­
  aller  bestehenden  Autoritäten  ist,  „Weder  Gott,  noch  Herr“,
schließt  Jean  Grave,  „nur  seinem  eigenen  Willen  gehorcht  ein  Jeder 1  2 ).“
§  3.  Die  gegenseitige  Hilfe  und  die  anarchistische  Auffassung ­
  von  der  Gesellschaft.
Auf  den  ersten  Blick  scheint  eine  derartige  Auffassung,  die  die  Individualität ­
  eines  Jeden  auf  den  Schild  erhebt,  und  die  vollständige  Selbstherrlichkeit ­
  jedes  Individuums  proklamiert,  die  Gesellschaft  in  ebenso
viele  unabhängige  Persönlichkeiten  zu  atomisieren.  Alle  sozialen  Bande
lösen  sich.  Es  bleiben  weiter  nichts  als  nebeneinander  stehende  Individuen
übrig.  Die  Gesellschaft,  das  „Kollektivwesen“  verschwindet.
Eine  derartige  Auslegung  des  anarchistischen  Ideals  würde  aber
durchaus  falsch  sein.  Es  gibt  im  Gegenteil  keine  Lehre,  in  der  die  Worte
Solidarität  und  Brüderlichkeit  häufiger  wiederkehren.  Das  individuelle
und  das  soziale  Glück  sind  hier  untrennbar.  Die  Gesellschaft  Hobbes’
und  Stirner’s,  in  der  ein  jeder  Mensch  der  Feind,  der  Tyrann  aller  Anderen
ist,  erregt  ihren  Abscheu.  Sie  ist  nur  ein  Abbild  der  heutigen  Gesellschaft.
Der  Mensch  ist  in  ihren  Augen  vor  allen  Dingen  ein  im  höchsten  Maße
soziales  Wesen.  Das  Individuum  und  die  Gesellschaft  sind  zwei  sich  ergänzende ­
  Begriffe,  die  man  sich  nicht  ohne  einander  vorstellen  kann.
Niemand  hat  diesen  sozialen  Charakter  des  Menschen  besser  ausgedrückt, ­
  und  vielleicht  sogar  stärker  empfunden,  als  Bakunin.  Wir

1 )  Bakunin,  CEuvres,  Bd.  III,  S.  51.
2 )  La  Soci6t6  future,  S.  303.
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        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

687

müssen  ihn  nochmals  anführen.  „Beginnen  wir  damit,“  sagt  er,  „ein  für
allemal  das  einzelne  oder  absolute  Individuum  der  Idealisten  aus  dem
Wege  zu  räumen.  Dieses  Individuum  ist  ebenso  eine  Fiktion,  wie  der
Begriff  von  Gott 1 ).  .  .  Die  Gesellschaft  geht  dem  Individuum  voraus  und
überlebt  es,  genau  wie  die  Natur;  wie  die  Natur  ist  sie  ewig,  oder  vielmehr,
von  der  Erde  geboren,  wird  sie  so  lang  dauern,  wie  unsere  Erde  selbst 1  2 ).....
Der  Mensch  wird  nur  zum  Menschen  und  gelangt  nur  insoweit  zu  dem
Bewußtsein  und  der  Verwirklichung  seines  Menschtums,  wie  er  in  der
Gesellschaft  lebt  und  den  kollektiven  Einfluß  der  ganzen  Gesellschaft
auf  sich  wirken  läßt.  Er  befreit  sich  von  dem  Joch  der  äußeren  Natur
hur  durch  die  kollektive  und  soziale  Arbeit,  die  allein  imstande  ist,  die
Oberfläche  der  Erde  zu  einem  der  Entwicklung  der  Menschheit  günstigen
Aufenthaltsort  umzugestalten.  Er  kann  sich  von  dem  Joch  seiner  eigenen
Natur  nicht  befreien;  d.  h.  er  kann  die  Instinkte  und  Bewegungen  seines
eigenen  Körpers  der  Leitung  seines  Geistes  nur  in  dem  Maße  unterwerfen,
wie  dieser  durch  Erziehung  und  Unterricht  entwickelt  wird:  beides  sind
aber  durchaus  soziale  Dinge.  Ohne  die  Gesellschaft  würde  der  Mensch
ewig  ein  wildes  Tier  geblieben  sein 3 ).“
Proudhon  wie  Kropotkin,  beide  betonen  immer  wieder  mit  gleichem
Nachdruck:  das  Gesellschaftswesen  ist  wirklich;  die  Gesellschaft  ist  älter
als  das  Individuum,  ist  mindestens  gleichzeitig  mit  ihm  entstanden.  Nur
e inige  anarchistische  Schriftsteller,  wie  z.  B.  Jean  Grave,  scheinen  die
alte  und  unfruchtbare  Gegenüberstellung  von  Individuum  und  Gesellschaft ­
  aufrecht  halten  zu  wollen,  den  Begriff  einer  Gesellschaft,  die  sich
aüs  Individuen  aufbaut  wie  ein  Haus  aus  Ziegelsteinen.
Besteht  aber  zwischen  diesem  Gedanken  und  der  früheren  ProklacJerung
  der  individuellen  Autonomie  kein  Widerspruch  ?  Wie  kann  man
gleichzeitig  das  soziale  Leben  preisen  und  die  Abschaffung  aller  traditionellen ­
  Bande  verlangen 4 )?

1 )  Bakunin,  (Euvres,  Bd.  I,  S.  298.
2 )  Bakunin,  (Euvres,  Bd.  I,  S.  286.
3 )  Bakunin,  (Euvres,  Bd.  I,  S.  277.
4 )  Noch  auf  seinem  Sterbebette  erklärte  Bakunin  seinem  Freunde  Reichel:
^Unsere  ganze  Philosophie  geht  von  einer  falschen  Grundlage  aus!  Beginnt  sie  doch
lrt uner  damit,  den  Menschen  als  Individuum  zu  betrachten,  und  nicht,  wie  sie  es  doch
3 °llte,  als  ein  Wesen,  das  einer  Gemeinschaft  angehört.“  (Angeführt  von  Guillaume,.
V °rwort  z.  Band  II  der  (Euvres,  S.  LX).  —  In  seiner  Philosophie  du  Progres
((Euvres  Bd.  XX,  S.  36—38)  schreibt  Proudhon:  „Alles,  was  die  Vernunft  weiß  und
behauptet,  ist,  daß  das  Wesen  ebenso  wie  die  Idee  nur  eine  Gruppe  ist,  .  .  .  Alles,
Was  besteht,  ist  gruppiert,  Alles,  was  eine  Gruppe  bildet,  ist  Eins,  ist  folglich  wahrnehmbar,,
ünd  Ist  daher  .  .  .  Außerhalb  der  Gruppe  gibt  es  nur  Abstraktionen  und  Phantome.
Wf  Grund  dieser  Auffassung  des  Wesens  im  Allgemeinen  .  .  .  halte  ich  es  für  möglich,,
o' e  positive  Wirklichkeit  und  bis  zu  einem  gewissen  Punkte  die  Ideen  (die  Gesetze)  des
. s °zialen  Ich  und  der  Menschengruppe  zu  beweisen,  und  über  und  außerhalb  unserer
'üdividuellen  Existenz  dasDasein  einer  höheren  Individualität  des  kollektiven  Menschen:
        <pb n="711" />
        688

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Diese  scheinbare  Antinomie  läßt  sich  leicht  durch  eine  Unterscheidung ­
  beseitigen,  die  der  Anarchismus  wieder  dem  Liberalismus  entlehnt
hat:  die  Unterscheidung  zwischen  Gesellschaft  und  Regierung  —■
die  Gesellschaft:  ein  selbständiges  und  lebensnotwendiges  Gebilde;  die
Regierung:  ein  künstliches  und  parasitisches  Organ,  das  sich  der  Gesellschaft ­
  aufgedrängt  hat  und  sie  aufzusaugen  sucht 1 ).  Nur  hatten  sich  die
Liberalen  seit  Adam  Smith  begnügt,  diese  Unterscheidung  auf  die  wirtschaftlichen ­
  Einrichtungen  anzuwenden.  Die  Anarchisten  beziehen  sie
auf  die  Gesamtheit  der  sozialen  Einrichtungen.  Nicht  nur  das  wirtschaftliche ­
  Leben,  sondern  das  soziale  Leben  unter  allen  seinen  Erscheinungsformen ­
  stammt  aus  einem  tief  menschlichen  Instinkt:  dem  Instinkt  der
Soziabilität,  der  Solidarität,  der  die  Menschen  dazu  treibt,  mit  ihresgleichen ­
  zusammenzuarbeiten,  einander  zu  helfen  und  untereinander
Gruppen  zu  bilden.  Kkopotkin  hat  diesen  Instinkt  gegenseitige  Hilfe

festzustellen  und  kund  zu  tun.“  Die  Ausführung  der  gleichen  Idee  findet  sich  noch  an
verschiedenen  anderen  Stellen,  z.  B.  in  dem  Petit  Catechisme  politique,  der  den
Schluß  des  ersten  Bandes  der  Justice  dans  la  Revolution  usw.  bildet,  wie  auch
in  der  Id6e  gönßrale  de  la  Revolution.
Nach  Kropoxion  hat  der  Mensch  niemals  anders  als  in  Gesellschaft  gelebt.  „Soweit ­
  wir  in  der  Paläo-Ethnologie  der  Menschheit  zurückgehen  können,  finden  wir
Menschen,  die  in  Gesellschaft  leben—in  Stämmen,  ähnlich  denen  der  höchsten  Säugetiere“ ­
  (Gegenseitige  Hilfe  S.  71—72).  „Der  Mensch  hat  nicht  die  Gesellschaft  geschaffen,die ­
  Gesellschaft  war  vor  dem  Menschen,“  sagt  er  an  anderer  Stelle  (The  State;
its  historic  role,  Brosch.  London  1898,  S.  6).  Jean  Grave  dagegen  schreibt:  „Das
Individuum  war  vor  der  Gesellschaft...  Zerstört  das  Individuum,  und  es  gibt  keine
Gesellschaft  mehr.  Wenn  die  Vergesellschaftung  sich  auflöst,  wenn  die  Individuen
vereinzelt  leben,  so  werden  sie  schlecht  leben,  zum  wilden  Zustand  zurückkehren  und
ihre  Fähigkeiten  werden,  anstatt  fortzuschreiten,  sich  zurückentwickeln,  aber  schließlich
werden  sie  doch  fortfahren,  zu  existieren“  (La  societe  future,  S.  160  und  162).  Diese
Auffassung  Jean  Grave’s  ist  ihm  durchaus  persönlich  und  stimmt  mit  der  Lehre  der
wirklichen  Gründer  der  Theorie  Bakunin,  Kropotkin,  Proudhon  nicht  überein.  —*
Übrigens  ist  es  klar,  daß  diese  letzteren  der  Wahrheit  viel  näher  kommen,  denn  es  ist
ebenso  unmöglich,  das  Individuum  ohne  die  Gesellschaft,  als  die  Gesellschaft  ohne  das
Individuum  zu  begreifen.  Das  Individuum  ist,  wie  Bakunin  sehr  richtig  sagt,  eine
Fiktion,  oder,  wie  Wakras  sich  ausdrückt,  eine  Abstraktion.  Viele  wird  es  einige  Mühe
kosten,  diesen  Gedanken  anzuerkennen,  doch  ist  er  trotzdem  der  einzige,  der  mit  den
Tatsachen  der  Geschichte  und  der  Naturgeschichte  übereinstimmt.  Man  kann  sich  das
Individuum  außerhalb  der  Gesellschaft  ebensowenig  vorstellen  wie  einen  Fisch  außer
Wasser.  Ohne  Wasser  bleibt  der  Fisch  zwar  immer  noch  ein  Fisch,  aber  doch  nur  ein  .  •  •
•toter  Fisch.
x )  Bastiat  spricht  von  dem  „Irrtum,  der  der  verderblichste  ist,  der  jemals  die
Wissenschaft  behaftet  habe,  und  der  darin  besteht,  die  Gesellschaft  und  die  Regierung
:zu  verwechseln“;  er  stellt  das  Problem  der  Rolle  des  Staates  wie  folgt  hin:  „in  den
großen  Kreis,  der  sich  Gesellschaft  nennt,  den  Kreis  entsprechend  einzuzeichnen,  der
sich  Regierung  nennt“  (Harmonies,  S.  539  und  540).  Dunoyer  drückt  an  verschiedenen ­
  Stellen  den  gleichen  Gedanken  aus.
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        83-  I
■  *

genannt  (Mutual  aid) 1 ).  Er  ist  dem  Menschen  ebenso  natürlich  und  für
die  Erhaltung  der  Arten  sogar  notwendiger,  als  der  Kampf  ums  Dasein.
Schon  heute  ist  es  nicht  der  Zwang,  der  das  gemeinsame  Leben  kittet
und  die  wirkliche  Verbindung  der  Menschen  untereinander  ausmacht,
wie  dies  die  Privilegierten  sich  vorstellen,  der  Zwang  (der  nur  notwendig
ist,  um  ihre  Privilegien  zu  verteidigen),  sondern  gerade  dieser  tiefe  Instinkt ­
  der  gegenseitigen  Hilfe  und  des  wechselseitigen  Verstehens,  dessen
Macht  und  Kraft  man  verkennt.  „In  der  menschlichen  Natur“,  sagt
Kropotkin,  „gibt  es  einen  Kern  sozialer  Gewohnheiten,  ein  Erbe  der
Vergangenheit,  das  man  noch  nicht  gebührend  gewürdigt  hat;  diese  Gewohnheiten ­
  beruhen  nicht  auf  Zwang;  sie  sind  stärker  als  jeder  Zwang.“ *  2 )
Weit  davon  entfernt,  diesen  sozialen  Instinkt  zu  schaffen,  setzen
die  Gesetze  ihn  voraus.  Nur  auf  ihm  fußend  können  sie  angewendet
werden,  und  sie  kommen  außer  Gebrauch,  wenn  er  sie  nicht  länger  anerkennt. ­
  Weit  davon  entfernt,  diesen  Instinkt  zu  entwickeln,  setzt  die
Regierung  sich  im  Gegenteil  mit  ihm  durch  ihre  starren  und  stereotypen
Einrichtungen  in  Widerspruch  und  zieht  ihm  Grenzen,  die  seine  volle
Entfaltung  verhindern.  Die  Befreiung  des  Individuums  von  äußerem
Zwang  bedeutet  daher  auch  die  Befreiung  der  Gesellschaft;  sie  gibt  ihr
ihre  ganze  Bildsamkeit  zurück  und  befähigt  sie,  beständig  die  neuen  Formen
anzunehmen,  die  am  besten  dazu  geeignet  sind,  das  Glück  und  den  Wohlstand ­
  des  Menschengeschlechts  zu  verbürgen 3 ).  In  seinem  prächtigen
Buch  Gegenseitige  Hilfe  häuft  Kropotkin  die  Beispiele  dieses  Instinktes ­
  der  Soziabilität  und  verfolgt  seinen  Ursprung  und  seine  verschiedenen ­
  Formen  in  zahllosen  wirtschaftlichen,  wissenschaftlichen,
J )  Dies  ist  der  Titel  des  englischen  Buches  Kropotkin’s,  das  ins  Französische  unter
dem  Namen:  L ! Entr ! aide  (Paris,  1906)  und  ins  Deutsche  unter  dem  Namen:  Gegenseitige ­
  Hilfe  (Leipzig,  1908)  übersetzt  worden  ist.
2 )  Kropotkin,  Autour  d*une  vie,  S.  414.  Vgl.  auch:  Paroles  d*un  Revolte,
S.  221  ff.
3 )  Dieser  Gedanke  wird  von  Reclus  und  Kropotkin  häufig  ausgedrückt.
„Die  Tatsache  allein,  das  mehr  oder  weniger  zusammenhanglose  Ganze  der  heutigen
Politischen,  religiösen,  moralischen  und  sozialen  Auffassungen  eingerichtet,  geregelt,
in  Paragraphen  gefaßt,  mit  Zwangsmitteln,  Strafen,  Polizisten  und  Gefängniswärtern
eingerahmt  zu  haben,  um  sie  so  den  Menschen  von  Morgen  aufzuzwingen,  diese  an  und
für  sich  widersinnige  Tatsache  kann  nur  widerspruchsvolle  Folgen  haben.  Das  Leben,
stets  unvorhergesehen,  stets  erneuert  kann  sich  nicht  mit  Bedingungen  abfinden,  die
eine  Zeit  ausgearbeitet  hat,  die  nicht  mehr  ist- 1  (£lisee  Reclus,  op.  cit.,  S.  108—109.
Kropotkin  sagt  (L ! anarchie,  sa  Philosophie,  son  idöal,  1896,  S.  17  und  18):
»Die  anarchistische  Gesellschaft  ist  eine  Gesellschaft,  der  die  vorbestimmten  im  Gesetz
kristallisierten  Formen  widerstreben,  die  die  Harmonie  in  dem  stets  wechselnden  und
flüchtigen  Gleichgewicht  zwischen  der  Menge  der  verschiedenen  Kräfte  und  Einflüsse
jeder  Art  sucht,  die  ihrer  eigenen  Bahn  folgen,  Kräfte  und  Einflüsse,  die  gerade,  weil
sie  sich  dann  frei  am  hellen  Licht  des  Tages  auswirken  und  ihr  gegenseitiges  Gleichgewicht
erreichen  können,  die  Energien  zu  wecken  vermögen,  die  ihnen  auf  ihrem  Wege  zum
Fortschritt  günstig  sind.“
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  44

i
        <pb n="713" />
        690

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

pädagogischen,  sportlichen  und  hygienischen  Gruppen,  in  Anstalten  der
Wohltätigkeit  des  modernen  Europas,  in  dem  Zunftwesen  und  dem  städtischen ­
  Leben  des  Mittelalters,  bis  herab  zu  den  tierischen  Gesellschaften.
Die  meisten  von  diesen,  so  sagt  er,  hätten  niemals  über  die  natürlichen
Gefahren,  die  sie  bedrohen,  triumphieren  können,  wenn  sie  nicht  diesen
machtvollen  Instinkt  des  Zusammenhangs  und  des  gegenseitigen  Verständnisses ­
  besäßen,  der  auch  die  Grundlage  jeder  menschlichen  Gesellschaft ­
  ist.
Wir  dürfen  uns  daher  die  anarchistische  Gesellschaft  nicht  als  einen
Krieg  Aller  gegen  Alle  vorstellen,  sondern  vielmehr  als  einen  Bund  freier,
selbsttätig  entstandener  Assoziationen,  dem  ein  Jeder  zu  jeder  Zeit  nach
seinem  Belieben  beitreten,  und  den  er  ebenso  verlassen  kann.  „Diese  Gesellschaft,“ ­
  erklärt  Kropotkin,  „wird  aus  einer  Vielheit  von  Genossenschaften ­
  bestehen,  die  untereinander  für  alles  das,  was  eine  gemeinsame
Arbeit  verlangt,  verbunden  sind.  Sonderbünde  der  Produzenten  für  alle
Arten  landwirtschaftlicher,  industrieller,  geistiger  und  künstlerischer  Produktion; ­
  Vereinigungen  für  die  Konsumtion,  die  sich  mit  der  Beschaffung
alles  dessen  befassen,  was  zur  Wohnung,  zur  Beleuchtung,  zur  Heizung,
zur  Nahrung,  zur  Hygiene  dient,  usw.;  Verbände  der  Gemeinden  unter
sich,  und  Verbände  der  Gemeinden  mit  den  Produktionsgruppen;  schließlich ­
  noch  weiter  spannende  Gruppen,  die  ein  ganzes  Land  oder  sogar
mehrere  Länder  umfassen,  zusammengesetzt  aus  Personen,  die  gemeinsam ­
  an  der  Befriedigung  derjenigen  wirtschaftlichen,  geistigen  und  künstlerischen ­
  Bedürfnisse  arbeiten,  die  nicht  auf  ein  bestimmtes  Gebiet  beschränkt ­
  sind.  Alle  diese  Gruppen  werden  ihre  Bemühungen  auf  Grund
eines  gegenseitigen  Einverständnisses  frei  vereinigen,  ...  in  der  Entwicklung ­
  neuer  Formen  der  Produktion,  Erfindung  und  Organisation  wird
volle  Freiheit  herrschen,  die  individuelle  Initiative  wird  angespornt  und
jede  Tendenz  zur  Uniformierung  und  Zentralisation  wird  bekämpft
werden“ 1 ).
Die  Übereinstimmung  des  allgemeinen  und  des  Privatinteresses,  nach
der  die  bürgerlichen  Liberalen  bisher  vergeblich  gesucht  haben,  wird  in
einer  solchen  Gesellschaft  endlich  auf  Grund  der  vollständigen  Freiheit
der  Individuen  und  Gruppen,  und  durch  das  Verschwinden  jedes  Antagonismus ­
  zwischen  den  Besitzenden  und  Nicht-Besitzenden,  zwischen
den  Regierenden  und  den  Regierten  verwirklicht  sein.  Wir  weisen  hier
nochmals  auf  jene  Rückkehr  zu  dem  Optimismus  des  18.  Jahrhunderts
in  seiner  ausgesprochensten  Form  hin *  2 ):  dem  Glauben  an  die  selbsttätige ­
  Harmonie  der  Interessen.
J )  Autour  d ! une  vie,  S.  410.
2 )  Schon  Proudhon  faßte  das  Problem  wie  folgt  zusammen:  „Eine  Lebensform
finden,  die  alle  politischen  und  wirtschaftlichen  Gegensätze  löst,  indem  sie  die  Verschiedenheit ­
  der  Interessen  auf  eine  Einheit  zurückführt,  das  Wohl  der  Einzelnen  und
        <pb n="714" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

691

Ein  so  verführerisches  Bild  konnte  nicht  verfehlen,  Einwürfe  hervorzurufen. ­
  Die  anarchistischen  Schriftsteller  haben  sie  vorausgesehen  und
sind  gerüstet,  einem  jeden  zu  begegnen.
Zunächst  —  wird  es  bei  diesem  Übermaß  individueller  Freiheiten
keine  Mißbräuche  geben,  keine  ungerechtfertigten  Kontraktbrüche,  keine
Verbrechen  und  keine  Vergehen?  Wird  man  nicht  eine  beständige  Unsicherheit ­
  schaffen,  in  der  die  gewissenhaften  Menschen  stets  die  Opfer
der  Phantasten  und  Wankelmütigen  sein  werden?
Sicherlich  muß  man,  sagen  die  Anarchisten,  sich  auf  Seitensprünge
gefaßt  machen  oder,  wie  sich  Jean  Grave  in  einem  belustigenden  Euphemismus ­
  ausdrückt:  „auf  inkorrekte  Handlungen,  die  völlig  jeder  augenscheinlichen ­
  Logik  entbehren“. 1 )  Zur  Unterdrückung  dieser  antisozialen
Instinkte  muß  auf  die  Kritik  und  das  Mißfallen  der  Allgemeinheit  gerechnet
werden.  Da  die  öffentliche  Meinung  dann  nicht  mehr  durch  die  heutigen
Einrichtungen  gefälscht  sein  wird,  wird  sie  auch  eine  viel  größere  Zwangsgewalt ­
  ausüben *  2 ).  Auf  jeden  Fall  sind  es  nicht  die  Gefängnisse,  diese
„Universitäten  des  Verbrechens“,  wie  Kropotkin  sagt,  die  die  antisozialen ­
  Instinkte  vermindern  können.  „Die  Freiheit  bleibt  immer  noch
das  sicherste  Mittel  gegen  die  vorübergehenden  Unzuträglichkeiten  der
Freiheit“. 3 )  Übrigens  wird  es  noch  einen,  allen  anderen  überlegenen  Einfluß ­
  geben,  nämlich  die  Weigerung  der  anderen  Gesellschafter,  mit  denen
das  Wohl  der  Gesamtheit  verschmilzt  und  die  natürliche  Ungleichheit  durch  die  Erziehung ­
  zum  Verschwinden  bringt;  eine  Form,  in  der  ein  jedes  Individuum  in  gleicher
Weise  und  synonym  Produzent  und  Verbraucher,  Bürger  und  Fürst,  Verwalter  und
Verwalteter  ist;  eine  Form,  in  der  die  Freiheit  eines  Jeden  beständig  wächst,  ohne  daß
er  jemals  nötig  habe,  etwas  davon  aufzugeben;  in  der  sein  Wohlstand  ohne  Ende  größer
wird,  ohne  daß  er  durch  das  Bestehen  der  Gesellschaft  oder  das  Dasein  seiner  Mitbürger
in  seinem  Eigentum,  seiner  Arbeit,  seinem  Einkommen,  oder  in  den  Beziehungen  seiner
Interessen,  Ansichten  und  Neigungen  mit  Seinesgleichen  irgendeinen  Nachteil  finden
könnte“  (Idöe  gönörale  de  la  BAvolution,  S.  145).  Und  Jean  Grave  schreibt:
„Wenn  die  Gesellschaft  auf  natürlichen  Grnndlagen  errichtet  wäre,  dürfte  das  persönliche ­
  und  das  allgemeine  Interesse  niemals  in  Widerspruch  geraten“  (Societö  future,
S.  156).
*)  La  Societd  future,  S.  16.  —  „Wir  verhehlten  uns  nicht,“  sagt  Kropotkin,
„daß  wir  uns  bis  zu  einem  gewissen  Grade  auf  manche  absonderliche  Übertreibungen
unserer  Prinzipien  gefaßt  machen  müßten,  wenn  dem  Individuum  vollständige  Gedanken- ­
  und  Handlungsfreiheit  gelassen  wird“  (Autour  d?une  vie,  S.  413).
2 )  Bakunin,  (Euvres,  Bd.  III,  S.  79,  Anm.:  „Die  einzige  große  allmächtige,
gleichzeitig  natürliche  und  rationelle  Autorität,  die  einzige,  die  wir  achten  können,  ist
die  des  kollektiven  und  öffentlichen  Sinnes  einer  auf  die  Gleichheit  und  Solidarität
gegründeten  Gesellschaft,  die  damit  die  Freiheit  und  die  menschliche  und  gegenseitige
Achtung  aller  ihrer  Mitglieder  verbindet.  .  .  Eine  solche  Gesellschaft  wird  tausendfach
mächtiger  sein  .  .  .,  als  alle  eure  göttlichen,  theologischen,  metaphysischen,  politischen
und  rechtlichen  Autoritäten,  die  die  Kirche  und  der  Staat  eingerichtet  haben,  mächtiger
als  eure  Strafgesetzbücher,  Kerkermeister  und  Henker.“
3 )  Autour  d-’une  vie,  S.  414.  Das  ist  auch  einer  der  Lieblingsgedanken  des
Liberalismus.

44*
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        692

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

zusammen  zu  arbeiten,  auf  deren  Wort  man  sich  nicht  verlassen  kann 1 ).
„Wenn  jemand  zugrunde  gehen  will,  so  steht  ihm  das  frei,  aber  wenn  er
leben  will,  kann  er  dies  nur  tun,  indem  er  Genossen  findet.“ *  2 )
Ein  anderer,  noch  schwerer  wiegender  Einwurf  ist  der  folgende.  Wer
wird  ohne  jeden  Zwang  überhaupt  arbeiten  wollen?  Schon  heute  ist  die
Menge  der  Faulen  ungeheuer.  Wird  sie  ohne  den  Ansporn  der  Notwendigkeit ­
  nicht  noch  weiter  anwachsen?  Kropotkin  selbst  hat  bemerkt,  daß
bei  den  Bienen  im  Falle  „ungewöhnlich  reicher  Vorräte,  .  .  .  wie  z.  B.
in  der  Nähe  der  Zuckerpflanzungen  Westindien's  und  der  Zuckerfabriken
Europas  Räuberei,  Trägheit  und  sehr  oft  Trunksucht  ganz  gewöhnlich
werden“ 3 ).  Werden  die  Menschen  nicht  ebenso  wie  die  Bienen  handeln?
Die  Anarchisten  antworten,  daß  zunächst  viele  der  sogenannten  Faulen
heute  nur  einfach  in  die  Irre  gegangene  Menschen  sind,  denen  die  unbegrenzte ­
  Freiheit  der  zukünftigen  Gesellschaft  gestatten  wird,  ihren  Weg  zu
finden,  und  die  sie  infolgedessen  zu  nützlichen  Arbeitern  umformen  wird 4  * ).  —
Aber  noch  besser!  Wenn  heute  so  viele  Menschen  sich  der  Arbeit  zu  entziehen ­
  bemüht  sind,  so  liegt  das  daran,  daß  unsere  Gesellschaften  sie  in  der
härtesten  und  widerwärtigsten  Weise  organisiert  haben.  10  oder  12  Stunden
täglich  in  einer  oft  ungesunden  Fabrik  arbeiten  zu  müssen,  an  eine  monotone ­
  und  erschöpfende  Arbeit  gefesselt  zu  sein  und  als  Gegenwert  für
diese  Arbeit  einen  elenden  Lohn  zu  erhalten,  der  kaum  genügt,  die  Familie
zu  ernähren,  das  ist  wahrlich  keine  genügend  reizvolle  Aussicht,  um  jemanden ­
  für  die  Arbeit  zu  begeistern!  Die  Arbeit  produktiv  und  gleichzeitig ­
  anziehend  zu  gestalten 6 ),  das  eben  wird  das  wichtigste  Ergebnis,
wie  der  FouRiEß’schen  Phalansterien,  so  auch  der  anarchistischen  Gesellschaft ­
  sein.  Die  Anwendung  der  wissenschaftlichen  Errungenschaften
wird  die  Fabrik  in  einen  gesunden,  luftigen  und  hellen  Aufenthaltsort
umwandeln.  Die  zur  Erleichterung  der  Hausarbeit  geschaffenen  MaJ ­

 )  Kropotkin,  La  Conquöte  du  Pain,  S.  202.
2 )  Jean  Grave,  op.  cit.  S.  297.  Proudhon  ist  viel  strenger:  „Wenn  du  dem  Vertrage ­
  zuschwörst.  .  .,  wirst  du  der  Gesellschaft  freier  Menschen  zugehören  ...  Im  Fall
einer  Vertragsverletzung  von  ihrer  Seite  oder  von  der  deinen,  .  .  .  seid  ihr  für  einander
verantwortlich;  .  .  .  diese  Verantwortlichkeit  kann  ...  die  Ausschließung,  ja  den  Tod
bedeuten“  (Idöe  generale  usw.,  S.  343).
3 )  Kropotkin,  Gegenseitige  Hilfe,  S.  16.
4 )  „Unserer  Meinung  nach  gibt  es  im  genauen  Sinne  des  Wortes  keine  wirklichen
Faulenzer.  Es  gibt  nur  Individuen,  deren  Fähigkeiten  sich  nicht  frei  haben  entwickeln
können,  die  die  soziale  Organisation  daran  gehindert  hat,  für  ihre  Tätigkeit  eine  normale
Richtung  zu  finden...  Schafft  eine  Gesellschaft,  in  der  die  Individuen  ihre  Beschäftigung
wählen  können,  und  ihr  werdet  die  Faulsten  sich  nützlich  machen  sehen.“  Jean  Grave,
La  Sociötö  future,  S.  277—278.  In  dem  gleichen  Sinne:  Kropotkin,  La  Conquöto
du  Pain,  Kap.:  Objections  (Einwürfe).
6 )  Kropotkin,  Autourd ! une  vie,  S.  414,  undLa  Conquöte  du  Pain,  S.  156.
Die  Anarchisten  sind  aber  nicht  für  eine  allgemeine  Einführung  von  Phalansterien  zu
haben  und  ziehen  das  individuelle  Familienleben  vor.
        <pb n="716" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

693

schinen  werden  die  Frau  im  Haushalt  von  einer  Menge  unangenehmer
Arbeiten  befreien.  Die  Gelehrten,  die  heute  jeder  unangenehmen  Arbeit
ledig  sind,  vernachlässigen  diese  Seite  des  Lebens  in  ihren  Erfindungen!
aber  „wenn  ein  Pasteur  auch  nur  5  Stunden  in  den  Abflußkanälen  von
Paris  zubringen  müßte,  so  ist  nicht  daran  zu  zweifeln,  daß  er  ein  Mittel
finden  würde,  um  sie  ebenso  gesund  wie  sein  bakteriologisches  Laboratorium ­
  zu  gestalten“ 1 ).  Und  schließlich  wird,  was  die  Hauptsache  ist,  die
Arbeitsdauer  auf  höchstens  4  oder  5  Stunden  am  Tage  verringert  werden,
zunächst,  weil  es  keine  Müßiggänger  mehr  geben  wird,  und  dann  auch,
weil  die  systematisch  auf  die  Produktion  angewendete  Wissenschaft  ihre
Ergiebigkeit  verzehnfachen  wird.
Die  der  Wissenschaft  zu  verdankende  überwältigende  Ausdehnung
der  Produktion  ist  einer  der  Lieblingsgedanken  der  Anarchisten.  In
seinem  Wohlstand  für  Alle  hat  Kropotkin  bezaubernde  Bilder  hiervon ­
  entworfen.  Er  zeigt  uns  die  Wunder,  die  dank  einer  intensiven  Kultur
von  den  Gemüsegärtnern  der  Umgegend  von  Paris  vollbracht  worden  sind  5
wie  z.  B.  einer  von  ihnen  mit  drei  Arbeitern,  die  12  bis  15  Stunden  täglich
arbeiteten,  aus  einem  einzigen  Hektar  110000  kg  Gemüse  gezogen  hat.
Von  hier  ausgehend,  sieht  er  schon,  wie  die  3600000  Einwohner  der  Departements ­
  Seine  und  Seine-et-Oise  sich  mit  einer  jährlichen  Arbeit  von
58  halben  Tagen  für  jeden  Erwachsenen  alles  Getreide,  alle  Milch,  alles
Gemüse,  alles  Brot  und  alle  Luxusfrüchte,  die  sie  wünschen  können,  verschaffen. ­
  Indem  er  die  gleiche  Berechnung  auf  die  Schaffung  einer  Wohnung ­
  anwendet,  findet  er,  daß  die  Arbeit  von  28  bis  36  Tagen  im  Jahr
einer  Familie  eins  jener  gesunden  und  bequemen  Arbeiterwohnhäuser
schaffen  würde,  wie  man  sie  in  England  baut.  Das  gleiche  gilt  für  die
Kleidung.  Die  amerikanischen  Fabriken  fabrizieren  heute  im  Durchschnitt
auf  den  Arbeiter  40  m  Baumwollstoff  in  10  Stunden:  „Wenn  man  annimmt, ­
  daß  eine  Familie  im  Jahre  200  m  verbraucht,  was  sehr  hoch  gegriffen ­
  ist,  so  ergibt  das  50  Arbeitsstunden  oder  10  halbe  Arbeitstage  von
5  Stunden“ 2 ).  Zusammenfassend  „würde  ein  jeder  Mensch  der  bis  zum
Alter  von  45  oder  50  Jahren  5  oder  4  Stunden  am  Tag  arbeitet,  mit  Leichtigkeit ­
  Alles  hervorbringen  können,  was  nötig  ist,  um  der  Gesellschaft  den
Wohlstand  zu  sichern“ 3 ).  Elisee  Keclus  teilt  diese  Hoffnungen.  Für
ihn  „ist  der  Hunger  in  der  großen  Familie  der  menschlichen  Gesellschaft
nicht  nur  das  Ergebnis  eines  kollektiven  Verbrechens;  er  ist  außerdem  ein
Widersinn,  da  die  Produkte  den  notwendigen  Bedarf  um  das  Doppelte
übersteigen“ 4 ).
Inmitten  eines  solchen  Überflusses  an  Gütern,  in  einer  derart  in  ein

q  Kropotkin,  ConquSte  du  Pain  (Der  Wohlstand  für  Alle),  S.  204.
s )  Kropotkin,  ConquSte  du  Pain,  S.  126.
*)  Kropotkin,  ConquSte  du  Pain,  S.  135.
*)  Llisee  Keclus,  L’  Evolution  usw.,  S.  136—137.
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        694

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Schlaraffenland  verwandelten  Welt  würde  auch  die  Verteilung  der  Güter
aufhören,  ein  schwieriges  Problem  zu  sein.  Nichts  ist  leichter,  als  ihre
Organisation.  „Was  im  Überfluß  vorhanden  ist,  wird  ohneWeiteres  in  beliebiger ­
  Menge  entnommen;  das,  was  gemessen  und  verteilt  werden  muß,
wird  einem  Jeden  zugeteilt“ 1 ).  Dies  ist  das  Prinzip.  In  den  Fällen,  wo
eine  Zuteilung  nötig  ist,  beginnt  man  selbstverständlich  damit,  die  Frauen,
die  Greise,  die  Kinder  und  die  Kranken  zunächst  zu  befriedigen.  Nachher
erst  kommen  die  erwachsenen  Männer.  Es  ist  dies  die  heutige  Praxis
der  „kommunistischen  Suppenanstalten“,  für  die  uns  die  Streiks  zahlreiche ­
  Beispiele  liefern.  Auch  der  Krieg  hat  gezeigt,  daß  die  Rationierung
bei  gewissen  Waren  durchaus  möglich  war,  wenn  auch  die  Kontrolle  nicht
immer  leicht  war.  —■  Was  die  Wertgesetze  anlangt,  auf  Grund  deren  sich
heute  die  Verteilung  der  Güter  vollzieht,  und  die  die  Volkswirtschaft]er
für  unabänderlich  und  notwendig  halten,  so  entlocken  sie  den  Anarchisten
nur  ein  Lächeln  —  oder  vielmehr,  darum  kämmen  sie  sich  überhaupt
nicht 1  2  * ).

§  4.  Die  Revolution.
Wie  soll  nun  dieser  schöne  Traum  verwirklicht  werden  ?  Wie  sollen
wir  aus  der  jammervollen  Gesellschaft,  in  der  wir  leben,  in  das  goldene
Zeitalter  kommen,  das  die  Anarchisten  uns  zeigen?  —  Durch  die  Revolution ­
  !
Die  Theorie  der  Revolution  ist  einer  der  wesentlichen  Bestandteile
der  anarchistischen  Lehre,  der,  den  das  Publikum  am  genauesten  kennt.
Wir  werden  diese  Theorie  jedoch  nur  in  einigen  Worten  streifen,  denn  der
Anarchismus  hat  uns  schon  zu  weit  von  den  eigentlichen  ökonomischen
Ideen  abgeführt.
Zunächst  muß  Peoudhon  beiseite  gelassen  werden.  Wir  haben  gesehen, ­
  daß  er  jede  gewaltsame  Revolution  verwirft  (s.  o.  S.  347,  Anm.  2).
In  seinen  Augen  ist  nur  eine  Revolution  fähig,  die  Anarchie  zu  verwirklichen: ­
  die  Umwandlung  der  Herzen  und  der  Gewissen.  So  langmütig
1 )  Kropotkin,  ConquSte  du  Pain,  S.  79.
2 )  Vgl.  in  Jean  Grave,  La  Socigtü  future,  Kap.  XIV,  La  Valeur.  Die  Anarchisten ­
  beklagen  sich  oft,  daß  ihre  Gedanken  von  den  bürgerlichen  Volks  Wirtschaftlern
verzerrt  wiedergegeben  werden.  Man  kann  das  angeführte  Kapitel  lesen,  um  sich  zu
überzeugen,  mit  welchem  Verständnis  gewisse  Anarchisten  die  Gedanken  ihrer  Gegner
auslegen.  Übrigens  verstehen  viele  Bürgerliche  nicht  mehr  davon  als  die  Anarchisten.
Wir  haben  während  des  Krieges  gehört,  wie  ein  hoher  Beamter  der  Seine-Präfektur,
der  mit  der  furchtbaren  Aufgabe  der  Festsetzung  und  Beaufsichtigung  der  Preise  betraut
war,  erklärte,  das  „Gesetz  von  Angebot  und  Nachfrage* 4  sei  eine  Krankheit,  gleich  der
Diphtherie  oder  der  Pest;  und  die  „Wissenschaft ss  (offenbar  diejenige  der  Beamten),
sei  imstande,  ihm  seine  Virulenz  zu  nehmen!  Freilich  war  seine  Definition  des  „Gesetzes
von  Angebot  und  Nachfrage“  geradeso  phantastisch  wie  die  des  Herrn  Jean  Grave-
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        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

695

sind  aber  seine  Nachfolger  nicht.  Ihnen  erscheint  die  Revolution  als  eine
unabänderliche  Notwendigkeit,  der  man  nicht  entgehen  wird.  Zu  denken,
daß  die  heutigen  Privilegierten  in  einer  neuen  Nacht  des  4.  August 1 )  einwilligen ­
  könnten,  ihre  Privilegien  zu  opfern  und  auf  ihren  Platz  im  Glied
in  der  Armee  der  Menschheit  zurückkehren,  würde  nur  Selbstbetrug  sein.
Und  noch  mehr,  dies  Ereignis  würde,  selbst  wenn  es  möglich  wäre,  kaum
wünschenswert  sein.  Das  Volk,  sagt  Elisee  Reclus,  würde  in  seiner  gewöhnlichen ­
  Großmut  fähig  sein,  sich  hiervon  rühren  zu  lassen,  und  seinen
alten  Herren  zu  sagen:  „Behaltet  eure  Privilegien“.  „Nein“,  ruft  er  aus,
„freie  Bahn  der  Gerechtigkeit!  Damit  die  Dinge  ihr  natürliches  Gleichgewicht ­
  wieder  gewinnen,  müssen  die  Unterdrückten  sich  aus  eigener
Kraft  erheben,  müssen  die  Beraubten  das  ihnen  Geraubte  wieder  nehmen,
müssen  die  Sklaven  ihre  Freiheit  wieder  erobern.  Niemals  werden  sie  sie
wirklich  besitzen,  wenn  sie  sie  nicht  im  offenen  Kampfe  erstritten  haben“ *  2 ).
Man  soll  indessen  nicht  glauben,  daß  Bakunin,  Kropotkin  oder
ihre  Schüler  blutdürstig  wären  und  an  der  Entfesselung  von  Gewalttätigkeiten ­
  Gefallen  fänden.  Nein,  so  unvermeidlich  und  von  einer  Revolution ­
  untrennbar  auch  das  Blutvergießen  sein  mag,  so  ist  es  doch  an  und
für  sich  nicht  weniger  abscheulich  und  muß  auf  das  Minimum  beschränkt
werden.  „Blutige  Revolutionen  sind  manchmal  infolge  des  menschlichen
Stumpfsinnes  notwendig,  doch  sind  sie  stets  ein  Übel,  ein  entsetzliches
Übel  und  ein  großes  Unglück.  Nicht  nur  wegen  der  Opfer,  sondern  auch
wegen  der  Reinheit  und  Vollkommenheit  des  Zweckes,  der  zu  verfolgen  ist,
und  in  dessen  Namen  man  sie  durchführt“ 3 ).  „Worauf  es  ankommt“,
sagt  Kropotkin 4  * )  „ist  nicht  so  sehr,  zu  wissen,  wie  man  die  Revolution
vermeiden  soll,  als  die  Mittel  zu  finden,  durch  die  die  besten  Ergebnisse  erzielt ­
  werden;  wie  man  den  Bürgerkrieg  so  viel  wie  möglich  einschränken
und  die  Zahl  der  Opfer  verringern  kann,  indem  von  beiden  Seiten  der
Kampf  mit  so  wenig  Erbitterung  wie  möglich  geführt  wird.“  Hierfür  muß
man  zunächst  auf  die  Instinkte  des  Volkes  rechnen,  das  durchaus  nicht
blutdürstig  ist,  „das  ein  zu  gutmütiges  Herz  hat,  als  daß  ihm  die  Grausamkeit ­
  nicht  bald  zuwider  würde“ 6 ).  Vor  Allem  aber  müssen  die  Angriffe
9  In  der  Nackt  des  4.Aug.  1789  beschloß  die  Assemblöe  Nationale  Constituante,
die  sich  aus  den  Vertretern  der  drei  Stände  zusammensetzte,  die  Abschaffung  aller
Standesvorrechte  und  die  Aufhebung  der  Frohndienste.  (Anm.  d.  Übers.)
2 )  Involution,  usw.,  S.  154  Kropotkin:  Alle,  die  den  Triumph  der  Gerechtigkeit ­
  wollen,  Alle,  die  die  neuen  Ideen  praktisch  ausführen  wollen,.  .  .  verstehen  die  Notwendigkeit ­
  eines  revolutionären  Sturmwindes,  der  diese  ganze  Fäulnis  hinwegfegt,
mit  seinem  Atem  die  erschlafften  Herzen  anfeuert  und  der  Menschheit  Hingabe,  Selbstverleugnung, ­
  Heroismus  bringt,  ohne  die  eine  Gesellschaft  gemein  wird,  sich  zersetzt
und  verfällt- 4  (Paroles  d ! un  R6volt6,  S.  280).
3 )  Bakunin,  Sozialpolitischer  Briefwechsel,  S.  297  und  309.
4 )  Autour  d ! une  vie,  S.  297.
6 )  Kropotkin,  nach  Eltzbacher  angeführt;  S.  236.  „Seitdem  die  Revolution
den  Charakter  des  Sozialismus  angenommen  hat,  hat  sie  aufgehört,  blutig  und  grausam
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Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

weniger  gegen  die  Menschen,  als  gegen  die  Einrichtungen,  weniger  gegen
die  Individuen,  als  gegen  die  sozialen  Umstände  gerichtet  werden,  und  deshalb ­
  erklärt  Bakunin  es  für  das  Wichtigste,  beim  Ausbruch  der  Revolution
zunächst  die  Archive  zu  verbrennen,  che  Papiere  aller  Art,  die  als  Besitztitel ­
  dienen,  zu  vernichten,  sofort  die  Gerichte,  die  Polizei  abzuschaffen,
die  Armee  aufzulösen,  und  ohne  Zögern  die  Produktionsinstrumente,  Häuser, ­
  Fabrikanlagen,  Bergwerke  usw.  zu  konfiszieren  .  .  .  Und  im  Wohlstand ­
  für  Alle  zeigt  uns  Kropotkin,  wie  die  Einwohner  einer  aufständigen ­
  Gemeinde  sich  vor  allen  Dingen  der  Wohnungen  bemächtigen,
um  sie  in  Gebrauch  zu  nehmen,  die  Kleidermagazine  besetzen,  „damit  ein
Jeder  nehmen  könne,  was  er  braucht“,  —•  und  vom  Boden  gemeinsam
Besitz  ergreifen,  um  ihn  zu  bewirtschaften  und  seine  Erzeugnisse  untereinander ­
  zu  verteilen.  Wenn  man  in  dieser  Weise  vorgeht  (anstatt,  wie
dies  die  Kommune  1871  tat,  naiverweise  die  Schatzkammern  der  Banque
de  France  zu  respektieren),  wird  die  Revolution  schnell  durchgeführt,  und
die  selbsttätige  Reorganisation  der  Produktion  auf  unzerstörbarer  Grundlage ­
  und  mit  dem  Minimum  an  Blutvergießen  gesichert  sein.
Aber  diese  verhältnismäßig  maßvollen  Darlegungen  haben  manchmal ­
  viel  schärferen  Ausdrücken  Platz  gemacht.  Bakunin  hat,  wenigstens
während  einer  gewissen  Zeit  seines  Lebens,  die  gewaltsame  und  erbarmungslose ­
  Revolution  gegen  die  Privilegierten  gepredigt.  Mit  Recht  hat
man  ihn  als  den  Erfinder  der  „Propaganda  der  Tat“  bezeichnen  können,
—  deren  Anwendung  vor  einigen  Jahren  von  verzweifelten  Fanatikern
versucht  wurde  und  die  ganze  öffentliche  Meinung  gegen  den  Anarchismus
erregte.  „Wir  verstehen  unter  Revolution“,  hat  er  irgendwo  geschrieben,
„die  Entfesselung  alles  dessen,  was  man  heute  die  niedrigen  Leidenschaften
nennt,  und  die  Vernichtung  alles  dessen,  was  man  heute  in  derselben
Sprache  als  öffentliche  Ordnung  bezeichnet“.  „Das  Räuberwesen“,
schreibt  er  an  einer  anderen  Stelle,  „ist  eine  der  ehrenhaftesten  Formen  des
politischen  Lebens  in  Rußland  .  .  .  Der  Räuber  ist  ein  Held,  ein  Verteidiger ­
  und  Erretter  des  Volkes“ *  1 ).  Und  in  einer  Art  Proklamation,  den
„Prinzipien  der  Revolution“  —  von  der  man  allerdings  bestreitet,
daß  sie  von  Bakunin  stamme,  die  aber  doch,  wenigstens  zu  einer  gewissen ­
  Zeit,  seine  eigenen  Gedanken  widergespiegelt  zu  haben  scheint,  —
predigt  er  ohne  Einschränkung  die  Vernichtung  um  der  Vernichtung
willen.  ,.Die  gegenwärtige  Generation“,  wird  dort  gesagt,  „muß  Alles,
was  existiert,  ohne  Unterschied  blind  zerstören,  nur  von  dem  einen  Gezu ­

  sein.  Das  Volk  ist  durchaus  nicht  grausam;  aber  die  privilegierten  Klassen  sind  es....
Gewöhnlich  ist  das  Volk  gut  und  menschlich.  Es  leidet  selbst  zu  sehr,  um  nicht  mit
dem  Leiden  Mitgefühl  zu  haben.“  (Bakunin,  Bd.  III,  S.  184—185).  Der  gleiche  Gedanke
findet  sich  bei  Sorel,  RÄflexions  sur  la  violence.
l )  Bakunin ä s  sozialpolitischer  Briefwechsel,  S.  335  und  353.
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        Kapitel  IY.  Die  Anarchisten.

697

danken  beseelt:  so  viel  wie  möglich  und  so  schnell  wie  möglich“ 1 ).  Was
die  Mittel  betrifft,  so  kommen  die  verschiedensten  in  Betracht:  „Gift,
Dolch,  Strick  usw.  In  dieser  Hinsicht  heiligt  die  Revolution  Alles.  Das
Feld  ist  daher  frei“ 2 ).  Bakunin  hat  stets  eine  Neigung  für  die  Rolle  eines
Verschwörers  gehabt.  Man  findet  in  den  „Statuten  der  internationalen
Brüder“,  die  die  Leitsätze  und  Vorschriften  einer  Art  revolutionärer  Brüderschaft ­
  sind,  die  er  1864  schuf,  Stellen,  die  eine  fast  ebenso  leidenschaftliche
Wildheit  atmen  wie  der  berühmte  „revolutionäre  Katechismus“  von
Netschajeff 3 ).  Es  ist  jedenfalls  schwierig,  einen  noch  kräftigeren  Ausdruck ­
  der  revolutionären  Verzweiflung  zu  finden,  als  die  folgende  Stelle  der
Statuten  der  internationalen  sozialistischen  Alliance,  des
wirklichen  Programms  der  Anarchie,  die  den  Gedanken  Bakunin’s  richtig
auszudrücken  scheint,  und  mit  der  wir  diese  Darlegung  schließen.  „Wir
wollen“,  schreibt  er,  „die  allgemeine,  gleichzeitig  soziale,  philosophische,
wirtschaftliche  und  politische  Revolution,  damit  von  der  gegenwärtigen
Ordnung  der  Dinge,  die  sich  auf  das  Eigentum,  auf  die  Ausbeutung,  aut
die  Unterdrückung  und  auf  das  Prinzip  der  Autorität  gründet,  sei  das
nun  eine  religiöse,  metaphysische  oder  bürgerlich-doktrinäre,  oder  sogar
eine  revolutionär-jakobinische  Autorität,  —  damit  von  dieser  Ordnung  zunächst ­
  in  Europa,  und  dann  in  der  ganzen  Welt  auch  nicht  ein  Stein  auf
dem  anderen  bleibe.  ...  Mit  dem  Rufe:  Friede  den  Arbeitern,  Freiheit
allen  Unterdrückten,  Tod  den  Unterdrückern,  Ausbeutern  und  Bevormündern ­
  aller  Art  wollen  wir  alle  Staaten  und  alle  Kirchen  zerstören,  mit
allen  ihren  Einrichtungen  und  religiösen,  politischen,  juristischen,  finanziellen, ­
  Polizei-  oder  Schulgesetzen,  seien  sie  wirtschaftlich  oder  sozial,
damit  endlich  alle  jene  Millionen  von  armen,  unglücklichen,  menschlichen ­
  Wesen,  die  getäuscht,  versklavt,  gequält  und  ausgebeutet  worden
sind,  in  voller  Freiheit  aufatmen  können,  erlöst  von  allen  ihren  verantwortlichen ­
  und  unverantwortlichen  Leitern  und  Wohltätern,  mögen  es
Gesellschaften  oder  Individuen  sein“ 4 ).
1 )  Bakunin ! s  sozial-politischer  Briefwechsel,  S.  361.  In  Wirklichkeit
handelt  es  sich  hier  um  eine  Proklamation  an  die  russische  Jugend,  erlassen  in  dem
Augenblick,  als  der  Zar  Alexander  II.,  nachdem  er  mit  der  Aufhebung  der  Leibeigenschaft ­
  dem  Liberalismus  entgegengekommen  war,  zu  dem  System  der  Unterdrückung
und  der  grausamen  Vergeltung  seines  Vaters  Nikolas  I.  zurückkehrte  und  dadurch
die  Fortschrittsparteien  um  so  mehr  zur  Verzweiflung  trieb,  als  sie  für  einen  Augenblick ­
  die  Pforten  der  Freiheit  sich  hatten  öffnen  sehen.  Auch  befand  sich  gerade  in
diesem  Augenblick  Bakunin  unter  dem  Einfluß  eines  skrupellosen  Fanatikers,  Netscha-JEff,
  dessen  wilde  und  düstere  Energie,  gepaart  mit  einer  Art  Mystizismus  des  Verbrechens ­
  im  Dienste  der  Revolution,  vorübergehend  Gewalt  über  ihn  erlangt  hatte.
Später  hat  er  energisch  diese  verbrecherischen  Taten  verurteilt  und  erklärt,  getäuscht
Worden  zu  sein.
8 )  Ebenda.
3 )  Der  französische  Text  dieses  Katechismus  findet  sich  in  Bakunin ! s  sozialpolitischem ­
  Briefwechsel.
*)  Bakunin ! s  sozialpolitischer  Briefwechsel,  S.  332.
        <pb n="721" />
        698

Fünftes  Buch.  Die  Lehren,  der  neuesten  Zeit.

Es  ist  nicht  unsere  Aufgabe,  die  anarchistische  Lehre  zu  kritisieren.
Derartigen  Verallgemeinerungen,  die  keiner,  aber  auch  nicht  der  geringsten ­
  Einschränkung  unterliegen,  steht  die  Kritik  ohnmächtig  gegenüber. ­
  Diese  sogenannten  „Theorien“  sind  in  der  Hauptsache  leidenschaftliche ­
  Gefühlsergüsse;  ist  es  nötig,  sie  noch  besonders  zu  „widerlegen“? ­
  Begnügen  wir  uns  damit,  ihren  Einfluß  kurz  darzulegen.
Wir  sprechen  hier  nicht  von  den  verbrecherischen  Attentaten,  wie
sie  durch  Ansprachen  und  Lehren  hervorgerufen  wurden,  die  sich  allzuoft ­
  an  ungebildete,  vom  Elend  zur  Verzweiflung  getriebene  Köpfe
wandten,  die  unfähig  waren,  ein  Gegengewicht  gegen  die  Formeln  einfältiger ­
  Gewalttätigkeit  zu  finden.  Ohne  jede  Möglichkeit  einer  Rechtfertigung ­
  finden  die  als  Propaganda  der  Tat  bezeichneten  Attentate  doch
eine  Erklärung  in  der  ungenügenden  Urteilsfähigkeit  und  dem  fanatischen
Überschwang  ihrer  Urheber.  Man  darf  hierfür  aber  nicht  eine  soziale
Lehre  verantwortlich  machen,  die,  je  nach  dem,  als  die  Philosophie  der
gewalttätigsten  Zerstörungswut  oder  als  der  höchste  Ausdruck  des  Ideals
der  menschlichen  Brüderlichkeit  und  des  individuellen  Fortschrittes  angesehen ­
  werden  kann.
Der  Einfluß,  von  dem  wir  hier  sprechen  wollen,  ist  der,  den  der  Anarchismus ­
  auf  die  Arbeiterklasse  im  Allgemeinen  ausgeübt  hat.  Unzweifelhaft ­
  hat  er  in  ihr  ein  Wiedererwachen  des  Individualismus  herbeigeführt,
eine  Reaktion  gegen  den  zentralisierenden  Sozialismus  Marx’.  Sein
Erfolg  ist  besonders  in  den  lateinischen  Ländern  groß  gewesen,  aber  auch
in  Österreich  hat  der  Anarchismus  während  einer  gewissen  Zeit  den  Sozialismus ­
  gänzlich  zu  verdrängen  gedroht.  Doch  der  Fortschritt  des  Anarchismus ­
  ist  besonders  in  Frankreich,  in  Italien  und  in  Spanien  bemerkbar
gewesen.  Sind  ausgesprochene  Individualitäten  in  diesen  Ländern  zahlreicher ­
  vertreten,  als  in  anderen?  Dies  ist  nicht  wahrscheinlich.  Aber  in
diesen  erst  vor  Kurzem  der  Freiheit  geöffneten  Ländern  erscheinen  Ordnung ­
  und  Disziplin,  auch  wenn  sie  freiwillig  angenommen  worden  sind,
noch  gar  zu  oft  als  unerträgliche  Hörigkeit.
Eine  wirkliche  „anarchistische  Partei“  wurde  zwischen  1880  und  1895
gegründet.  Sie  ist  seitdem  immer  kleiner  geworden.  Der  Einfluß  des
Anarchismus  ist  deshalb  nicht  verschwunden,  nur  drückt  er  sich  jetzt  in
anderer  Weise  aus.  Man  hat  —  hauptsächlich  in  Frankreich  —  viele  alte
Anarchisten  in  die  Arbeitergewerkschaften  eindringen  und  zuweilen  sogar
die  Leitung  der  Gewerkschaftsbewegung  übernehmen  sehen.  Unter  ihrem
Einfluß  versucht  man  —  in  der  Gewerkschaft  —  mehr  und  mehr,  sich  von
der  Vorherrschaft  der  sozialistischen  Partei  zu  befreien.  Die  Confcderation
  Genörale  du  Travail  hat  zwei  Worte  als  Devise  angenommen,  die  man
überall  in  den  anarchistischen  Schriften  beieinander  findet:  „Wohlstand
und  Freiheit“.  Sie  predigt  die  „Selbsthilfe“  (1’Action  directe),  nämlich  die
von  der  öffentlichen  Macht  unabhängige,  revolutionäre  Taktik  ..  .  Ferner
        <pb n="722" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

699

betont  sie  die  Gleichgültigkeit  gegenüber  der  Politik  und  das  Aufgehen
der  Arbeiter  im  rein  wirtschaftlichen  Kampf.
Was  die  Theoretiker  des  revolutionären  Syndikalismus  anlangt,  so
verwerfen  sie  heute  jedes  Kompromiß  mit  dem  Anarchismus.  Trotz  ihrer
Proteste  ist  es  aber  nicht  schwer,  zwischen  ihren  Ideen  und  denen  eines
Bakunin  und  Kropotkin  zahlreiche  Analogien  nachzuweisen.  Übrigens
sind  sie  ebenso  sehr  von  Proüdhon,  wie  von  Marx  inspiriert  und,  wie  wir
gesehen  haben,  liegen  auch  den  anarchistischen  Lehren  die  Gedanken
Proüdhon’s  zugrunde!
Zunächst  ähneln  sie  sich  durch  ihre  Auffassung  der  Gewalt  als  des
Mittels  zur  Erneuerung  und  Reinigung  des  sozialen  Lebens.  „Der  Gewalt
verdankt  der  Sozialismus“,  sagt  Sorel,  „die  hohen  moralischen  Werte,
auf  Grund  deren  er  der  modernen  Welt  das  Heil  bringt“ 1 ).  Ebenso  ist
für-  die  Anarchisten  die  Revolution  das  Gewitter,  das  die  drückende  Atmosphäre ­
  der  Sommertage  reinigt  und  den  Himmel  von  Neuem  klar  und
freundlich  erglänzen  lassen  wird.  Kropotkin  ruft  zur  Revolution  auf,
nicht  nur  um  die  wirtschaftliche  Ordnung  umzustürzen,  sondern  auch,
„um  die  Gesellschaft  in  ihrem  intellektuellen  und  moralischen  Leben
aufzurütteln,  aus  ihrem  Stumpfsinn  aufzuwecken  die  Sitten  zu  erneuern
und  inmitten  der  niedrigen  und  kleinlichen  Leidenschaften  des  Augenblicks ­
  das  belebende  Feuer  edler  Leidenschaftlichkeit,  begeisterter  Hoffnungsfreude ­
  und  warmherziger  Aufopferung  aufflammen  zu  lassen“ *  2 ).
In  zweiter  Linie  finden  sich  die  moralischen  Gedanken,  die  der  Philosophie ­
  Marx’  vollständig  fehlen,  bei  Sorel  und  den  Anarchisten  in  gleichem
Grade  wieder.  Wir  haben  gesehen,  wie  Bakunin,  Kropotkin  und  besonders ­
  Proüdhon  von  jedem  Individuum  besonders  die  „Achtung  des
Menschen“  fordern,  durch  die  es  selbst  erst  der  Freiheit  würdig  wird.  Sie
proklamieren  die  Herrschaft  der  Vernunft,  die  allein  erst  die  Menschen
in  der  ganzen  Bedeutung  des  Wortes  frei  machen  wird.  Nachdem  Sorel
erklärt  hat,  daß  die  „neue  Schule  sich  schnell  von  dem  offiziellen  Sozialismus ­
  geschieden  hat,  indem  sie  die  Notwendigkeit  anerkennt,  die  Sitten
zu  verbessern“,  fügt  er  an:  „Ich  erhebe  durchaus  keinen  Widerspruch,
wenn  man  mich  von  diesem  Gesichtspunkt  aus  ,anarchisierend‘  nennt“ 3 ).
Schließlich  ist  auch  ihr  soziales  und  politisches  Ideal  das  gleiche:
die  Abschaffung  des  Eigentums  und  des  Staates.  Der  Syndikalismus
haßt  den  Staat  genau  so  wie  der  Anarchismus..  „Er  sieht  im  Staat“,
sagt  uns  einer  seiner  Anhänger,  „den  Schmarotzer  par  excellence,  den
Unproduktiven,  der  sich  auf  dem  Produktiven  häuslich  eingerichtet  hat
und  von  seinem  Lebensmark  zehrt“ 4 );  und  für  Sorel  ist  „der  Sozialismus
*)  Rßflexions  sur  la  violence,  S.  253.
2 )  Paroles  d ! un  RfiVoltS,  S.  17—18.
s )  Röflexions  sur  la  violence,  S.  218.
*)  Berth,  Les  nouveaux  aspects  du  socialisme,  S.  3.
        <pb n="723" />
        700

Fünftes  Bach.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

zu  einem  vorbereitenden  Unterricht  der  von  der  Großindustrie  beschäftigten ­
  großen  Massen  geworden,  die  den  Staat  und  das  Eigentum  abschaffen ­
  wollen“ 1 ).  Die  freien  Produzenten,  die  in  einer  Werkstatt  ohne
Herren  arbeiten“ *  2 ),  dies  ist,  immer  nach  Sokel,  das  Ideal  des  Syndikalismus. ­
  Daher  findet  sich  auch  bei  beiden  die  gleiche  Feindschaft  gegen
die  herrschende  Demokratie,  die  sich  auf  die  Macht  des  Staates  stützt.
Trotz  so  vieler  Berührungspunkte  bewahren  die  beiden  Auffassungen
doch  ihre  Verschiedenheiten.  Der  Anarchismus  hat  Vertrauen  in  die
selbsttätige  Macht  der  allgemeinen  Freiheit,  die  Gesellschaft  zu  erneuern.
Der  Syndikalismus  dagegen  stützt  sich  auf  ein  besonderes  und  klar  bezeichntes ­
  Instrument:  die  Arbeiter-Gewerkschaft,  die  als  Hauptwerkzeug
im  Kampf  der  Klassen  betrachtet  wird.  Auf  dieser  Grundlage  errichtet
er  das  Ideal  einer  Gesellschaft  von  Produzenten,  die  sich  auf  die  Arbeit
gründet,-und  aus  der  der  Intellektualismus  verbannt  ist,  —  während  der
Anarchismus  sich  in  dem  Zukunftsbild  einer  Gesellschaft  gefällt,  deren
Natur  die  Syndikalisten  für  ebenso  chimärisch  wie  gefährlich  halten.
Es  war  indessen  nicht  überflüssig,  die  zwischen  den  beiden  Ideenströmungen ­
  bestehende,  sehr  bezeichnende  Ähnlichkeit  hervorzuheben,
denn  diese  Ideen  haben  in  den  letzten  fünfzehn  Jahren  den  tiefsten  Einfluß ­
  auf  die  Arbeiterklasse  ausgeübt,  und  beide  bezeichnen  ein  charakteristisches ­
  Wiedererwachen  des  Individualismus.

§  5.  Die  bolschewistische  Lehre.
Seit  der  letzten  Auflage  dieses  Werkes  hat  die  russische'  Revolution
ein  Wort  in  Jedermanns  Mund  gebracht,  das  die  alten  Namen  Sozialismus
und  Anarchismus  zu  ersetzen  strebt:  das  Wort  Bolschewismus.  Üv
Es  bedeutet  gleichzeitig  eine  Regierungsform  und  eine  wissenschaftliche ­
  Lehre.  Die  erstere  zu  betrachten  ist  nicht  unseres  Amtes,  nur  der
Lehre  wollen  wir  einige  Seiten  widmen.  Freilich  handelt  es  sich  um  eine
Wirklichkeit  gewordene  Lehre,  und  so  ist  es  ein  etwas  künstliches  Verfahren
sie  von  ihren  Anwendungen  zu  scheiden:  „an  seinen  Früchten  soll  man
ihn  erkennen“.  Jedoch  würde  uns  ein  Urteil  dieser  Art,  selbst  wenn  wir
die  sämtlichen  Momente  in  der  Hand  hätten,  auf  Grund  deren  es  gefällt
werden  könnte,  viel  zu  weit  von  der  Erörterung  der  volkswirtschaftlichen
Ideen  abführen,  die  den  eigentlichen  Gegenstand  dieses  Buches  bilden.
Das  Eine  darf  man  indessen  schon  heute  aussprechen,  daß;  der  Bolschewismus, ­
  wenn  er  als  politische  Regierungsform  Bestand  haben  sollte  —
was  wir  nicht  wissen  können  —  bestehen  wird,  nicht  etwa  dank  den  volks3 ­

 )  R6flections  sur  la  violence,  Einleitung,  S.  37.
2 )  Ebenda,  S.  237.
        <pb n="724" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

701

wirtschaftlichen  Gedanken,  an  denen  er  sich  begeistert,  sondern  gerade
umgekehrt  trotz  ihnen,  und  genau  in  dem  Maße,  wie  er  ihnen  untreu
sein  wird.  Diejenigen,  die  ihn  aus  der  Nähe  beobachten,  behaupten,
daß  die  Scheidung  zwischen  der  Theorie  und  der  Praxis  des  Bolschewismus
von  Tag  zu  Tag  schroffer  wird 1 ).  Gerade  deshalb  ist  es  um  so  bedeutsamer,
die  wesentlichen  Elemente  der  Lehre  kurz  darzustellen  und  ihre  Berührungspunkte ­
  mit  den  älteren  sozialistischen  Lehren  aufzuzeigen.
Der  Bolschewismus  in  der  Gestalt,  wie  wir  ihn  aus  der  Gesamtheit
der  Schriften  Lenin’s  kennen *  2 ),  ist  eine  Auslegung  und  Verschmelzung
älterer  revolutionärer  Lehren,  vor  allem  des  Anarchismus  und  des  Marxismus, ­
  die  in  den  Dienst  eines  politischen  Gedankens  gestellt  werden.  Aber
statt,  wie  Sokel,  den  Marxismus  mit  freiheitlichem  Anarchismus  zu
durchtränken,  prägt  Lenin  im  Gegenteil  dem  anarchistischen  Ideal  den
Stempel  des  schärfsten  marxistischen  Autoritarismus  auf.
Lenin  bezeichnte  sich  selbst  als  Kommunisten,  und  das  ist  auch  der
offizielle  Name  seiner  Partei 3 ).  Er  knüpft  sich  derart  unmittelbar  an  die

0  Vgl.  z.  B.  Labry:  „L’industrie  russe  et  la  revolution“  (Verlag  Payot);  Antonelli: ­
  „La  Russie  bolchöviste“  (Verlag  Grasset);  Launat:  „L’experience  bolchßviste
au  point  de  vue  socialiste“  (Verlag  der  France  libre),  Paris  1919.  In  seiner  Rede  vom
März-April  1918:  „Über  die  nächsten  Aufgaben  der  Sowjetmacht“  stellt  Lenin  selbst
fest,  daß  die  Regierung  „einen  Schritt  rückwärts“  von  ihren  Grundsätzen  hat  tun
müssen:  zuerst  durch  die  Bewilligung  hoher  Gehälter  für  die  Dienste  der  wichtigsten
unter  den  bürgerlichen  Technikern  (S.  19),  und  dann  durch  den  Kompromiß  mit  den
Genossenschaften,  durch  den  Verzicht  darauf,  die  Bourgeois  aus  ihrer  Leitung  auszuschließen ­

2 )  Wenigstens  derer,  die  uns  zugänglich  waren.  Die  Hauptschrift,  der  wir  die
Darlegung  der  bolschewistischen  Gedanken  entlehnen,  trägt  den  Titel:  „Staat  und
Revolution,  Die  Lehre  des  Marxismus  vom  Staat  und  die  Aufgaben  des  Proletariats
in  der  Revolution“  (Bern,  Verlag  Promachos,  1918,  190  Seiten).  Sie  ist  vom  August
1917  datiert  und  ist  um  einige  Wochen  älter  als  die  bolschewistische  Revolution  vom
17.  Oktober,  die  Lenin  zur  Macht  geführt  hat,  und  deren  vollständiges  Programm
sie  bereits  in  schlagender  Klarheit  enthält  —  Zwei  Reden  Lenin’s  an  das  zentrale  Exekutivkommitee
  der  Abgeordneten  der  Arbeiter,  Bauern,  Soldaten  und  Kosaken  sind
in  deutscher  Sprache  in  gleichem  Verlage  als  Broschüre  erschienen:  „Die  nächsten  Aufgaben ­
  der  Sowjetmacht“  (April  1918,  64  Seiten,  auch  in  französischer  Übersetzung  erschienen) ­
  ;  und  „Der  Kampf  ums  Brot“  (36  Seiten)  Der  russischen  Sprache  nicht  mächtig,
können  wir  bedauerlicherweise  den  Originaltext  nicht  zu  Rate  ziehen.  Ebensowenig
war  es  uns  möglich,  uns  die  Reden  zu  verschaffen,  die  Lenin  vor  der  russischen  Revolution ­
  gehalten  hat.  Auch  die  von  Antonelli  angeführten  Schriften  über  den  russischen ­
  Kapitalismus,  die  Agrarfrage  usw„  von  denen  nur  die  erste  ins  deutsche  übersetzt, ­
  aber  vergriffen  ist,  waren  uns  unzugänglich.
s )  Das  Wort  „Bolschewiki“  (Mehrheitler)  „drückt  nichts  als  die  zufällige  Tatsache ­
  aus,  daß  wir  1903  auf  dem  Kongreß  von  Brüssel  und  London  die  Mehrheit  hatten
(Lenin,  Staat  und  Revolution,  S.  120).  Der  offizielle  Name  der  Partei  lautet  jetzt:
Kommunistische  Partei,  mit  dem  Zusatz  in  Klammern:  Bolschewiki.  Der  Kongreß
Von  Brüssel-London  ist  der  zweite  Kongreß  der  russischen  sozialdemokratischen  Arbeiterpartei ­
  (Antonelli,  Russie  bolchiviste,  S.  46).  (Die  Zitate  sind  sämtlich  aus  dem  Französischen ­
  übersetzt,  also  nicht  mit  dem  deutschen  Original  verglichen.  Anm.  d.  Übers.)
        <pb n="725" />
        702

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

alte  Überlieferung  des  MARx-ENGEÜschen  „Manifestes“  an.  Warum
nennt  er  sich  nicht  Sozialist?  Er  hat  gegen  die  Bezeichnung  nichts  einzuwenden, ­
  nur,  daß  der  Sozialismus  seiner  Ansicht  nach  lediglich  eine
Vorstufe  der  künftigen  wirtschaftlichen  Entwicklung  darstellt.  Auf
dieser  Stufe  beschränkt  sich  die  Sozialisierung  auf  die  Produktionsinstrumente; ­
  sie  erstreckt  sich  noch  nicht  auf  die  Konsumgüter  und  läßt  noch
viele  Rechtsnormen  bestehen,  die  im  ausgebildeten  Kommunismus  keinen
Raum  mehr  haben  können.  Der  Sozialismus  ist  also  nichts  als  eine  einfache ­
  Etappe,  freilich  eine  wichtige,  weil  sie  mit  der  Diktatur  des  Proletariats ­
  zusammenfällt,  —  aber  doch  nur  eine  schnell  vorübergehende
Vorstufe  vor  dem  endgültigen  Heraufstieg  der  „obersten  Phase  der  kommunistischen ­
  Gesellschaft“ x ).
Wie  ist  diese  „oberste  Phase“  nun  beschaffen?  Sie  ist  gar  nichts
anderes  als  die  einfache  Kopie  des  Anarchistenparadieses  Bakunin’s
und  Kropotkin’s.  Das  von  Lenin  entworfene  Gemälde  ist  ihnen  Zug
für  Zug  entlehnt,  und  es  wäre  schwer  anzugeben,  worin  es  sich  von  ihnen
unterschiede.
Die  gleiche  Verheißung  einer  unerhörten  Vermehrung  der  gesellschaftlichen ­
  Produktivität  in  der  Zukunft.  „Wir  können  mit  der  größten  Bestimmtheit ­
  behaupten,  daß  die  Expropriation  der  Kapitalisten  eine  unerhörte ­
  Entfaltung  der  produktiven  Kräfte  der  menschlichen  Gesellschaft ­
  nach  sich  ziehen  wird.“ 2 )  —  Die  gleiche  Versicherung,  daß  es
keines  Zwanges  bedarf,  die  Menschen  zur  Arbeit  zu  bringen:  „Die  Menschen
werden  derart  daran  gewöhnt  sein,  die  grundlegenden  Prinzipien  des
Lebens  in  der  Gemeinschaft  zu  achten,  und  ihre  Arbeit  wird  so  ergiebig  geworden ­
  sein,  daß  sie,  jeder  nach  seinen  Fähigkeiten,  frei  arbeiten  werden.“ 3 )
Und,  in  Symmetrie  mit  der  Regel  „Jedem  nach  seiner  Fähigkeit“  das
gleiche  Prinzip  der  Verteilung:  „Jedem  nach  seinen  Bedürfnissen“:  „Die
Verteilung  der  Erzeugnisse  wird  keine  gesellschaftliche  Regulierung
der  an  die  Einzelnen  zu  verteilenden  Mengen  erfordern,  denn  Jeder  wird
frei  nach  seinen  Bedürfnissen  entnehmen.“ 4 )  —  Derselbe  Glaube,  daß
das  Verbrechen  mit  dem  Elend  von  selbst  verschwinden  wird:  „Wissen
wir  nicht,  daß  in  letzter  Analyse  die  gesellschaftliche  Ursache  aller  Übertretungen ­
  der  Regeln  des  Gemeinschaftslebens  in  der  Ausbeutung  der
Volksmassen,  ihrer  Armut  und  Not,  ihre  Wurzeln  hat?“ 6 )  Das  gleiche
Vertrauen  in  die  selbsttätige  Unterdrückung  der  unvermeidlichen  „individuellen ­
  Zusammenstöße“.  Sie  wird  sich  „mit  derselben  Leichtigkeit
vollziehen,  mit  der  bis  in  unsere  jetzige  Gesellschaft  empor  eine  Gruppe

J )  Staat  und  Revolution,  S.  149/150.
2 )  S.  146.
3 )  S.  146.
*)  1.  c„  S.  147.
E )  S.  138.
        <pb n="726" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

703

zivilisierter  Männer  einer  Prügelei  ein  Ende  macht  oder  eine  schutzlose
Frau  verteidigt“. 1 )  —  Die  gleiche  Überzeugung  auch  von  der  Überflüssigkeit ­
  des  Staates,  dem  nur  noch  übrig  bleibt,  in  Schönheit  zu  sterben:
„Mit  dem  Verbrechen  verschwindet  auch  der  Staat.“ *  2 )  Und  schließlich
die  gleiche  Heftigkeit  in  der  immer  wiederholten  Behauptung,  daß  man
den  Staat  „zerstören“,  „vernichten“,  „in  Stücke  schlagen“,  „von  Antlitz
der  Erde  vertilgen“  müsse 3 ),  alles  Ausdrücke,  an  denen  sich  Lenin  mit
einer  Art  von  Wollust  ergötzt,  der  Widerhall  des  giftigen  Hasses  eines
Bakunin,  wenn  er  sich  darin  gefiel,  die  blutige  Abenddämmerung  der
modernen  Gesellschaft  auszumalen 4 ).
Ist  denn  nun  Lenin  Anarchist?  Durchaus  nicht!  Im  Gegenteil,
er  überschüttet  die  „anarchistischen  Träumereien“  mit  seinen  Sarkasmen 5  6 ).
Bilden  sie  sich  doch  ein,  man  könne  durch  einfache  Abschaffung  des
Staates  schlankweg  in  den  Kommunismus  hineinspazieren!  Welche
Illusion!  Zwischen  ihrem  Ideal  und  der  gegenwärtigen  Gesellschaft  bleibt
eine  unumgängliche  Zwischenstufe  zu  durchschreiten:  die  Diktatur  des
Proletariats.  Und  dadurch  ist  Lenin  Marxist.
Jener  von  ihm  selbst  in  so  verführerischen  Farben  ausgemalte  Kommunismus ­
  wird  sich,  Lenin  sagt  es  ausdrücklich,  so  bald  nicht  verwirklichen. ­
  Selbstverständlich  wird  er  sich  ja  eines  Tages  verwirklichen.
Sagt  doch  Marx,  daß  der  Kommunismus  im  Kapitalismus  enthalten  sei!
Aber  wann  wird  er  aus  ihm  hervorgehen?  Wer  kann  das  sagen?  „Man
weiß“,  sagt  Lenin  mit  einem  Ernst,  der  heiter  stimmen  kann,  „daß  es
sich  hier  um  einen  sehr  langsamen  Prozeß  handelt“  (S.  128).  Die  „Gewohnheit, ­
  spontan  die  Regeln  des  Gemeinschaftslebens  zu  beachten“,
läßt  sich  nicht  von  heute  auf  morgen  erwerben.  Man  kann,  ohne  in  Utopien
zu  verfallen,  unmöglich  annehmen,  daß  die  Menschen  sofort  nach  der
Beendigung  des  kapitalistischen  Zustandes,  ohne  jede  Rechtsvorschrift,
gelernt  haben  sollten,  zum  Nutzen  der  Allgemeinheit  zu  arbeiten.“  Der
kommunistische  Staat  setzt  zu  gleicher  Zeit  eine  Ergiebigkeit  der  Arbeit
und  einen  menschlichen  Typus  voraus,  sehr  verschieden  von  dem  Menschen
von  heute,  dem  Menschen  von  kindischer  Ungeduld,  der  imstande  ist,
im  gleichen  Augenblicke  öffentliche  Magazine  zu  schädigen  und  das  Blaue
vom  Himmel  zu  verlangen.“  Wann  aber  wird  denn  nun  dieser  neue  Typus
das  Licht  der  Welt  erblicken?  Darauf  erhalten  wir  in  allen  Tonarten

*)  S.  138.
*)  S.  139.
3 )  S.  152.
4 )  Lenin  selbst  merkt  die  Ähnlichkeit  an:  „Marx  begegnet  sich  mit  Proudhon
darin,  daß  beide  Anhänger  der  „Vernichtung“  der  heutigen  Staatsmaschine  sind.
Weder  die  Opportunisten  (Bernstein)  noch  die  um  Kautsky  wollen  diese  Ähnlichkeit
zwischen  dem  Marxismus  und  dem  Anarchismus  (dem  Proudhon’s  wie  dem  Bakunin’s)
einsehen;  denn  in  diesem  Punkte  haben  sie  dem  Marxismus  den  Rücken  gekehrt.“
6 )  S.  73.
        <pb n="727" />
        704

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

die  Antwort:  „Das  wissen  wir  nicht  und  können  wir  nicht  wissen.“ 1 )
Glaubt  Lenin  selbst,  daß  er  jemals  erstehen  wird?  Man  kann  ernsthaft
daran  zweifeln,  wenn  er  irgendwo  mit  tiefster  Verachtung  von  den  anarchistischen ­
  Träumern  spricht,  die  die  Revolution  ad  calendas  graecas
vertagen  „bis  zu  dem  Tage,  wo  die  Menschen  anders  geworden  sein
werden“ *  2 ).  Die  „oberste  Phase  des  Kommunismus“  scheint  in  der  Lehre
die  Rolle  einer  Art  von  Mahomets-Paradies  zu  spielen,  dessen  man  sich
bedient,  um  die  Gläubigen  zu  begeistern  und  bei  Geduld  zu  erhalten.
Aber  man  verlegt  es  mehr  und  mehr  ins  jenseitige  Leben  und  beschäftigt
sich  lieber  mit  näher  liegenden  Aufgaben.
Die  nächste  Aufgabe  ist  die  Revolution.  Die  Revolution  aber  wird
nicht  von  imaginären  Menschen,  sondern  von  „Menschen  gemacht  werden,
wie  sie  heute  sind,  Menschen,  die  weder  der  Unterordnung,  noch  der  Macht,
noch  der  Aufsicht  entraten  können“ 3 ).  Die  Revolution  bedingt  also
„Unterordnung,  Macht  und  Aufsicht“,  und  das  heißt  in  anderen  Worten,
Regierung  und  sogar  Diktatur.  Die  Revolution  schafft  den  Staat  nicht
ab,  sondern  sie  beschränkt  sich  darauf,  eine  Staatsform  durch  eine  andere
zu  ersetzen  —  den  bürgerlichen  Staat  durch  „die  revolutionäre  Diktatur
des  Proletariats“.  Ihr  fällt  die  Aufgabe  zu,  jenen  für  immer  zu  zerstören,
seine  Rückkehr  unmöglich  zu  machen  und  sogar  für  die  Zukunft  das
Verschwinden  des  Staates  in  jeglicher  Gestalt  vorzubereiten.  Aber  bis
dahin  ist  „der  Staat  des  bewaffneten  und  als  herrschende  Klasse  organisierten ­
  Proletariats“ 4  * )  ein  Staat  in  aller  Bedeutung  des  Wortes,  ausgestattet ­
  mit  all  den  Attributen,  die  der  Begriff  in  sich  schließt.
Die  Beschreibung  des  proletarischen  Staates  ist  der  originellste  Teil
des  LENiN’schen  Buches,  wenn  man  denn  von  Originalität  sprechen  kann
gegenüber  einem  Gemälde,  das  überall  durch  die  Trockenheit  und  Pedanterie ­
  des  Stils  einen  vernünftelnden  unversöhnlichen  Haß  gegen  die
gegenwärtige  Gesellschaftsordnung,  den  bitteren  Hauch  der  „Klassenrache“ ­
  und,  bei  viel  Verschlagenheit,  eine  Art  von  sardonischer  Freude
an  der  Demagogie  durchschimmern  läßt.  Die  „Diktatur  des  Proletariats“
ist  eine  marxistische  Formel.  Aber  es  ist  eben  nur  eine  Formel!  Marx
und  Engels  haben  sie  geschaffen,  aber  ihren  Inhalt  im  Dunklen  gelassen.
Lenin  hat  auf  den  dünnen  Canevas,  den  ihm  einige,  teils  dem  kommunistischen ­
  Manifest,  teils  Briefen  und  politischen  Flugschriften  seiner
beiden  Meister  entlehnte  Phrasen  geliefert  haben,  —  denn  das  „Kapital“
führt  er  nirgends  an  —  das  vollständige  Bild  der  Ordnung  gestickt,  die
der  Bolschewismus  zu  verwirklichen  gesucht  hat 6 ).  Man  kann  hier,  drei

x )  Vgl.  den  Text  S.  144,  146,  147.
2 )  S.  73.
3 )  S.  73.
*)  1.  c.,  S.  83,  96.
6 )  Man  könnte  über  die  Treue  der  Auslegung,  die  Lenin  an  den  zitierten  Texten
        <pb n="728" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.  705

Monate  vor  seinem  Aufstieg  zur  Macht,  das  ganze  Programm  des  Diktators
Rußlands  lesen.
Was  ist  ein  Staat  seinem  Prinzip  nach?  So  fragt  der  Jünger  von
Marx.  Und  er  antwortet:  das  Wesen  des  Staates  ist  die  Unterdrückung
(S.  12).
Engels  hat  gesagt,  daß  „der  Staat  eine  spezifische  Macht  der  Repression ­
  ist“.  Eine  andere,  ebenfalls  von  Engels  herrührende  Definition
lautet:  „Der  Staat  ist  eine  organisierte  Maschinerie  für  die  Unterdrückung
einer  Klasse  durch  die  andere.“  Der  Staat,  sagt  Lenin  selbst,  ist  „die
systematische  Anwendung  derWaffengewalt  einer  Klasse  gegen  die  andere“. 1 )
Alle  diese  Kennzeichen,  wenn  auch  der  Erfahrungstatsache  der  kapitalistischen ­
  Staaten  entlehnt,  gehören  dennoch,  sagt  Lenin,  nicht  zum
Begriff  nur  einer  bestimmten  Staatsform,  sondern  zu  dem  des  Staates
an  sich.  Und  er  schließt  daraus  ohne  weiteres,  daß  der  proletarische
Staat,  eben  als  Staat,  alle  diese  Kennzeichen  wird  darbieten  müssen.
Er  muß  repressiv-unterdrückerisch  sein  und  als  Organ  einer  Klasse
),systematisch  die  Gewalt  der  Waffen  gegen  eine  andere  Klasse  anwenden“.
l  , j  werden  die  Rollen  einfach  vertauscht  sein,  die  unterdrückende  Klasse
wird  die  unterdrückte  und  umgekehrt.  Die  Schauspieler  wechseln  die
Kostüme,  aber  das  Stück  bleibt  das  alte.
Man  wird,  so  schreibt  Lenin,  von  „der  Staatsmacht  als  einer  für
die  Unterdrückung  einer  bestimmten  Klasse  organisierten  Kraft  übergehen
zur  Unterdrückung  der  Ausbeuter  durch  die  vereinigte  Kraft  der  Mehrheit
des  Volkes,  der  Arbeiter  und  der  Bauern.“  —  „Das  Organ  der  Unterdrückung ­
  ist  hier  nicht  mehr  die  Minderheit  des  Volkes,  wie  es  bisher,
in  den  Formen  der  Sklaverei,  der  Hörigkeit  und  des  Lohnsystems,  immer
der  Fall  gewesen  ist,  sondern  die  Mehrheit.  Und  (so  fügt  Lenin  mit
drohender  Ironie  hinzu),  wenn  erst  einmal  die  Mehrheit  des  Volkes  sich
daran  macht,  die  Ausbeuter  beharrlich  zu  unterdrücken,  dann  ist  ein

vornimmt,  eine  Abhandlung  schreiben.  Wieweit  entsprechen  diese  Sätze,  diese  isolierten
Worte  zuweilen,  in  Wahrheit  den  Gedanken  von  Marx?  Oder  wieweit  sind  sie  nichts
als  Zugeständnisse  an  die  revolutionäre  Phraseologie  der  Partei  ?  Um  das  entscheiden
zu  können,  müßte  man  wissen,  bis  zu  welchem  Grade  Marx  und  Engels  noch  Revolutionäre ­
  in  dem  Sinne  der  Bereitschaft  zu  Putschen  geblieben  waren,  als  sie  diese
Sätze  schrieben.  Bernstein  betrachtet  in  einem  Anhang  zu  dem  vor  kurzem  erschienenen ­
  Buche  von  Palyi:  „Der  Kommunismus,  sein  Wesen,  sein  Ziel,  seine  Wirtschaft“,
Berlin,  1919,  den  Bolschewismus  „nicht  als  eine  Entwicklung  über  Marx  hinaus,  sondern
als  einen  Rückschritt  zum  vormarxistischen  Sozialismus“  (S.  102).
Die  MARX’scho  Schrift,  auf  die  Lenin  sich  beruft,  ist  vor  allem  das  Rundschreiben
v °ni  5.  Mai  1875  über  das  Gothaer  Programm,  das  in  der  „Neuen  Zeit“,  1891,  Bd.  XX
Veröffentlicht  ist.  Hier  findet  sich  folgende  Auslassung:  „Zwischen  der  kapitalistischen
Und  der  kommunistischen  Gesellschaft  findet  sich  eine  Periode  des  Übergangs.  Ihr
e ntspricht  auch  eine  politische  Übergangsperiode,  deren  Staatsform  keine  andere  sein
kann  als  die  Diktatur  des  Proletariats.“
l )  Vgl.  S.  27,  119—92.
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.

45
        <pb n="729" />
        706

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

„Spezialorgan“  der  Unterdrückung  nicht  mehr  vonnöten.  Schon  in
diesem  Betracht  beginnt  der  Staat  sich  aufzulösen.  An  Stelle  besonderer
Körperschaften,  die  der  bevorrechtigten  Minderheit  angehören  (die
privilegierten  Beamten,  die  Offiziere  des  stehenden  Heeres),  kann  die
Mehrheit  selbst  sich  damit  beschäftigen;  und  je  volkstümlicher  die  Ausübung ­
  der  Funktionen  der  Regierungsmacht  wird,  um  so  leichter  ist
es,  auf  diese  Macht  zu  verzichten“ 1 ).
Von  der  Freiheit  für  Alle  kann  keine  Rede  sein.  „Die  Diktatur  des
Proletariats  kennzeichnet  sich  durch  eine  Reihe  von;  Einschränkungen
der  Unterdrücker,  Ausbeuter  und  Kapitalisten“.  Demokratie?  Freilich:
aber  „Demokratie  für  die  ungeheure  Mehrheit  des  Volkes,  aber  gewalttätige ­
  Vernichtung,  d.  h.  Ausschluß  der  Ausbeuter  und  Unterdrücker  aus  der
Demokratie“  (S.  135).
Der  Staat  bleibt  also  in  dem  bestehen,  was  sein  Wesen  ist,  als  Unterdrückung. ­
  Die  „Vereinigung  der  Worte  Freiheit  und  Staat  ist  ein  Unsinn“. ­
  —  „So  lange  es  einen  Staat  gibt,  gibt  es  keine  Freiheit,  und  es  wird
keinen  Staat  mehr  geben,  wenn  die  Freiheit  bestehen  wird“  (S.  145).
Nur  daß  diese  Ordnung  der  Unterdrückung,  um  zu  funktionieren,
einer  neuen  „Maschinerie“  bedarf.  Die  alte  bureaukratische  und  militärische ­
  „Maschine“  verschwindet,  und  eine  neue  nimmt  ihren  politischen
und  wirtschaftlichen  Platz  ein.
Die  politische  Maschine  interessiert  uns  hier  nicht.  Lenin  hat  sein
Modell  der  Pariser  Commune  von  1871  entlehnt,  wie  Marx  sie  in  seinen
„Bürgerkriegen  in  Frankreich“  beschrieben  hat 2 ).  Ihre  wesentlichen
Grundelemente  finden  sich  in  der  Verfassung  der  Sowjetrepublik  wieder.
Was  nun  die  ökonomische  Maschine  anbetrifft,  so  ist  es  der  Kollektivismus ­
  in  seiner  bekanntesten  und  trivialsten  Gestalt 3 ):  Vergesellschaftung ­
  aller  Arbeitsmittel,  Pflichtarbeit  für  Alle,  Bezahlung  entsprechend ­
  der  geleisteten  Arbeit,  gleiche  Entlohnung  für  die  Geistesund ­
  die  Handarbeiter,  und  schließlich  Kontrolle  dieser  ganzen  Organisation
durch  das  bewaffnete  Proletariat.

!)  S.  S.  65  und  64.
*)  Folgendes  sind  die  Hauptzüge:  Ernennung  von  Delegierten  in  jeder  Kommune
durch  allgemeines  Stimmrecht;  dauerndes  Recht,  diese  Abgeordneten  abzurufen  und
zu  ersetzen;  Verschwinden  des  Parlamentarismus,  da.  die  Kommune  die  gesetzgebende
und  die  exekutive  Gewalt  zusammen  besitzt;  Festsetzung  des  Gehalts  der  Beamten
auf  die  Höhe  des  Lohnes  der  Arbeiter;  Beaufsichtigung  der  Beamten  durch  das  bewaffnete ­
  Proletariat;  kurz,  kraftvolle  Zentralisation  der  Macht  in  einer  aus  Vertretern
der  Kommunen  zusammengesetzten  Versammlung.  (Lenin  verwirft  sehr  lebhaft  das
föderative  Prinzip,  wie  Proudhon  es  im  Sinne  hatte.)
s )  Vgl.  z.  B.  S.  140  die  klassische  Beschreibung  der  kollektivistischen  Ordnung)
mit  Verkaufsmagazinen,  mit  Arbeitsbons,  die  das  Recht  auf  einen  bestimmten  Verzehr
geben  usw.  „Das  Ganze  der  Gesellschaft,  sagt  er  S.  154,  wird  eine  einzige  Fabrik,  ein
einziges  Bureau,  mit  gleicher  Arbeit  und  gleichem  Lohn  für  Alle.“
        <pb n="730" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

\  %

Es  findet  sich  in  dem  Schema,  wie  man  sieht,  nichts  Originelleres.
Indessen  verdienen  zwei  Züge  die  Aufmerksamkeit  zu  fesseln,  weil  Lenin
sie  fortwährend  mit  absichtlichem  Nachdruck  mit  einer  Art  von  zynischer
Offenheit,  betont:  das  wirtschaftliche  Regime  wird  weder  frei  noch
gerecht  sein.
Erstens  einmal  nicht  frei.  Der  Arbeiter  wird  in  der  sozialistischen
Werkstatt  nicht  weniger  eng  unter  Zwang  stehen  als  in  der  kapitalistischen
Ordnung:
„Bis  zur  Verwirklichung  der  obersten  Phase  des  Kommunismus
beanspruchen  die  Sozialisten  für  die  Gesellschaft  und  den  Staat  die
schärfste  Kontrolle 1 )  des  Ausmaßes  sowohl  der  geleisteten  Arbeit
wie  auch  der  Verzehrung.  Nur  muß  diese  Kontrolle  mit  der  Expropriation
der  Kapitalisten  durch  die  Arbeiter  anfangen  und  soll  nicht  durch  die
Vermittlung  eines  bureaukratischenStaates,  sondern  durch  die  des
Staates  der  bewaffneten  Arbeiter  ausgeübt  werden“  (S.  148).  „Reglementierung ­
  und  Kontrolle,  sagt  er  an  anderer  Stelle  (S.  153),  das  ist  das
Wesen  dessen,  was  für  die  Ankurbelung  und  den  glatten  Lauf  der  kommunistischen ­
  Gesellschaft  in  ihrer  ersten  Periode  nötig  ist.  Alle  Bürger
werden  hier  beauftragte  Angestellte  des  aus  den  bewaffneten  Arbeitern
bestehenden  Staates.  Alle  Bürger  werden  Angestellte  und  Arbeiter
der  einen  und  einzigen  großen  Gewerkschaft  des  Staates.  Es  handelt
sich  um  nichts  weiter,  als  daß  Alle  gleichmäßig  arbeiten,  den  Takt  der
Arbeit  in  seinem  Gleichmaß  erhalten  und  den  gleichen  Lohn  beziehen.
Man  wird  das  erreichen,’indem  man  in  den  großen  Industrien  die  Zucht  mit
eiserner  Strenge  aufrechterhält.“ 1  2 )
Freilich  spricht  Lenin  vor  Allem  von  der  Kontrolle  über  „die  zu
Angestellten  gewordenen  Kapitalisten“  und  über  „die  Herren  Gebildeten
mit  den  kapitalistischen  Allüren“.  Wenn  (liese  erst  einmal  gewaltsam
gezähmt  sind,  wird  alles  Andere  von  selbst  folgen.  Aber  das  ist  nur  eine
demagogische  Vergoldung  für  die  Pille,  die  die  Arbeiter  schlucken  sollen.
Denn  selbstverständlich  muß  sich  die  Kontrolle  in  einem  sozialistischen
Staatswesen,  wo  Alle  arbeiten,  auch  auf  Alle  erstrecken.  Und  in  der  Tat
betrachtet  Lenin  es  bereits  in  einem  Bericht  vom  29.  April  1918 3 )  als  die
dringlichste  Aufgabe,  die  Arbeitsdisziplin  auf  die  revolutionären  Arbeiter
anzuwenden.  „Man  muß  es  lernen,  den  stürmischen  Demokratismus  der
Arbeitermassenversammlungen,  der  wie  eine  Frühlingsüberschwemmung
über  seine  Ufer  schwillt,  mit  eiserner  Disziplin  während  der  Arbeit,
mit  einer  blinden  Unterwerfung  unter  den  Willen  einer  einzigen
Persönlichkeit,  des  sowjetistischen  Direktors,  zusammenzufassen.“ 4 )

1 )  Die  Sperrung  rührt  von  Lenin  her.

2 )  S.  153  und  74.

3 )  „Die  nächsten  Aufgaben  der  Sowjetmacht“,  S.  56.

4 )  Die  nächsten  Aufgaben,  S.  56.

45*
        <pb n="731" />
        708

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Diese  Kontrolle  durch  die  „bewaffneten“  Arbeiter  ist  eine  recht
beunruhigende  Erscheinung.  Ohne  von  dem  mit  ihm  verbundenen  Terrorismus ­
  sprechen  zu  wollen  (an  dem  der  Verfasser  übrigens  am  wenigsten
Anstoß  nimmt):  ist  es  wirklich  möglich,  zuzugeben,  daß  die  Gesamtheit
der  Arbeiter  sich  dazu  eignet,  das  verwickelte  Zusammenspiel  einer  Fabrik
zu  beaufsichtigen?  Ist  das  nicht  eine  technische  Aufgabe,  die  wie  jede
andere  eine  Lehrzeit  verlangt  ?  Durchaus  nicht,  sagt  Lenin.  Die  Aufsicht
ist  heute  das  einfachste  aller  Dinge,  dank  gerade  dei3&amp;gt;  Kapitalismus!
Ihm  haben  wir  es,  so  erklärt  er  mit  dem  größten  Ernst,  zu  danken,  daß
„die  Aufsicht  sich  auf  die  allerelementarsten  Funktionen  der  Überwachung
und  Verrechnung  beschränkt,  die  jedem  Menschen  mit  einfacher  Volksschulbildung ­
  erreichbar  sind,  nämlich  auf  die  vier  Rechnungsspezies
und  die  Einrichtung  der  entsprechenden  Quittungen“ 1 ).  Daher  können
alle  Mitglieder  der  Gesellschaft  der  Reihe  nach  daran  teilnehmen,  und
ein  Staat,  wo  eine  allgemeine  Aufsicht  dieser  Art  ausgeübt  wird,  hört
schon  beinahe  auf,  ein  Staat  zu  sein,  sondern  bereitet  jenes  allmähliche
Verschwinden  des  Staates  vor,  dem  wir  zusteuern.  Da  übrigens  „die
bewaffneten  Arbeiter  keinen  Spaß  verstehen,  weil  sie  Männer  des  praktischen
Lebens  und  nicht  gefühlsselige  und  weibische  Intellektuelle  sind“ 2 ),
wird  die  „Notwendigkeit“,  sich  zu  unterwerfen,  bald  zur  Gewohnheit
werden  und  derart  der  neuen  Gesellschaft  die  Tür  öffnen.
Wird  nun  diese  „eiserne  Disziplin“  wenigstens  durch  die  endlich
erreichte  Gerechtigkeit  in  der  Entlohnung  der  Arbeit  entgolten  werden?
Macht  euch  keine  Illusionen,  sagt  Lenin,  der  seinen  Lesern  jegliche  Selbsttäuschung ­
  verbietet.  Die  Gleichheit  des  Lohnes  und  der  Arbeit  ist  durchaus
nicht  die  Gerechtigkeit.  Hier  muß  man  ihn  wörtlich  zitieren:
„Jedes  Recht  ist  die  Anwendung  einer  identischen  Norm  auf  verschiedene ­
  Menschen,  die  in•  Wirklichkeit  nicht  von  gleicher  Art  sind;
darum  ist  „das  gleiche  Recht  eine  Verletzung  der  Gleichheit  und  eine
Ungerechtigkeit.  Gewiß  erhalten  Alle,  die  die  gleiche  Menge  gesellschaftlicher ­
  Arbeit  liefern,  einen  gleichen  Anteil  des  gesellschaftlichen  Vorrats
an  Verzehrungsmitteln  (nach  gewissen  Abzügen).  Aber  die  Individuen
sind  unter  sich  nicht  gleich:  der  Eine  ist  stärker,  der  Andere  schwächer;
der  Eine  ist  verheiratet,  der  Andere  nicht;  der  Eine  hat  mehr,  der  Andere
weniger  Kinder  .  .  .  Mithin  können  Gleichheit  und  Gerechtigkeit  in  dieser
ersten  Periode  des  Kommunismus  noch  nicht  herrschen“ 3 ).  Nur  ein
einziger  Schritt  zur  Gerechtigkeit  hat  stattgefunden:  die  Ausbeutung
durch  die  Individuen  ist,  dank  der  Vergesellschaftung  der  Produktionsmittel ­
  verschwunden.  Aber  was  für  eine  bruchstückhafte  Gerechtigkeit!
x )  Staat  und  Revolution,  S.  154.
*)  Ibid.  S.  156.
8 )  Staat  und  Revolution,  S.  141/2.  „Verschiedenheiten  des  Wohlstandes  und
zwar  ungerechte  Verschiedenheiten  bestehen  fort“,  heißt  es  weiterhin  in  diesem  Absatz.
        <pb n="732" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

709

Wie  viel  drückende  Überbleibsel  aus  der  Zeit  der  Bourgeosie  läßt  sie  noch
in  der  neuen  Gesellschaft  bestehen!  Denn  (das  erstaunliche  Geständnis
muß  im  Gedächtnis  behalten  werden),  „wer  Recht  sagt,  sagt  Bourgeoisie.“
„Wir  kennen  keine  anderen  Rechtsregeln  als  die  der  bürgerlichen  Gesellschaft.“ ­
 1 )  Der  Kommunismus  aber,  dem  Lenin  sich  zusehnt,  ist  gerade
eine  Gesellschaft  ohne  Recht.
Man  kann  also  die  wirtschaftliche  Theorie  des  Bolschewismus  folgender
maßen  zusammenfassen:
Für  die  Zukunft  —  eine  Zukunft,  die  man  in  die  nebelhafteste  Ferne
hinausrückt,  —  eine  anarchistische  Utopie,  die  gleichzeitig  voraussetzt ­
  „Menschen,  die  von  den  heute  lebenden  verschieden  sind“  und  Erzeugnisse ­
  in  unbegrenzter  Menge:  eine  sehr  bequeme  Doppelhypothese,
die  der  neuen  Gesellschaft  jede  rechtliche  und  wirtschaftliche  Organisation
erspart.
Für  die  Gegenwart  —  eine  Gegenwart,  deren  Ende  man  nicht  absieht,
eine  wirtschaftliche  Ordnung,  der  Kollektivismus,  der  nach  dem  eigenen
Geständnis  des  Verfassers  den  Arbeitern  nicht  mehr  an  Freiheit  und  kaum
mehr  an  Gerechtigkeit  bescheert,  indem  er  sich  darauf  beschränkt,  an
die  Stelle  der  privaten  Unternehmer  den  Staat  als  allgemeinen  Arbeitgeber
zu  setzen.
Noch  ärger:  ein  bis  zur  Siedehitze  aufgepeitschter  Klassenkampf  —
eine  Ordnung  der  systematischen  Unterdrückung  der  Minderheit  durch
die  Mehrheit  —  das  „bewaffnete  Proletariat“  nimmt  in  brutaler  Weise
Rache  für  die  Leiden  seiner  Vergangenheit:  eine  demokratische  Diktatur
nicht  zum  Nutzen  Aller,  sondern  „unter  Ausschluß  der  Demokratie  der
Ausbeuter  und  Unterdrücker  des  Volkes“  (S.  135).
In  einem  Worte,  und  es  ist  Lenin  selbst,  der  den  Schluß  zieht:  „Im
Kommunismus  bleibt  eine  gewisse  Zeit  hindurch  nicht  nur
das  Recht,  sondern  sogar  der  Staat  der  bürgerlichen  Gesellschaft ­
  erhalten“  (S.  155).  Der  bürgerliche  Staat  ohne  die
Bourgeoisie!  —  der  bürgerliche  Staat,  der  natürlich  mit  aller  Häßlichkeit, ­
  mit  aller  Unterdrückung  und  aller  Ungerechtigkeit  geziert  ist,  für
die  ihn  die  marxistische  Lehre  verantwortlich  macht,  in  dem  aber  die
Bourgeois  durch  die  bewaffneten  Proletarier  ersetzt  sind;  das  ist  die  von
Lenin  selbst  gegebene  Definition  der  von  ihm  eingerichteten  neuen  Ordnung
Rußlands.
Wodurch  rechtfertigt  sich  nun  eine  Umwälzung  von  solcher  Größe?
Die  neue  Organisation  wird  eingestandenermaßen  weder  die  Freiheit
noch  die  Gerechtigkeit  bringen  —  sie  wird  eine  unverhohlene  Tyrannei
sein,  für  die  angebliche  Überlegenheit  in  der  Ergiebigkeit  der  Gütererzeugung ­
  versucht  man  nicht  einmal  den  Nachweis  zu  erbringen.  Mit

*)  Ibid.  S.  144.
        <pb n="733" />
        710

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

welchem  vernünftigen  Grunde  kann  unter  diesen  Umständen  der  Urheber
eines  solchen  Systems  seine  Einführung  rechtfertigen?
Durch  eine  Geschichtsphilosophie!  Der  Bolschewismus  Leninis
ist  die  fast  wörtliche  Anwendung  der  Theorie  des  historischen  Materialismus. ­
  Das  ist  ein  weiterer  Grund,  warum  er  sich  als  marxistisch  bezeichnen
kann.  Aber  niemals  ist  die  Geschichtsphilosophie  —  jene  ewige,  und  so
überaus  gefährliche  Quelle  von  Illusionen  und  Irrungen,  aus  denen  so
viele  verderbenschwangere  „Mythen“  ihre  Kraft  gewonnen  haben  —
mit  gleicher  rudimentärer  Einfalt  in  die  Tat  umgesetzt  worden.  Majrx
hat  die  Entwicklung  des  Kapitalismus  zum  Kollektivismus,  und  dieses
zum  Kommunismus  vorausgesagt.  Diese  Entwicklung  braucht  zu  ihrer
Vollendung  eines  Zwischenstadiums,  der  Diktatur  des  Proletariats.  Es
ist  die  geschichtliche  Mission  der  russischen  Revolution,  die  Entwicklung
über  diese  Etappe  fortzuführen.  Das  ist  der  von  Lenin  ausgedrückte
Gedanke  in  seiner  vollen  Nacktheit.  Man  muß  ihn  in  seinen  eigenen
Worten  lesen:
„Die  ganze  Theorie  von  Mabx,  schreibt  er,  ist  eine  Anwendung  der
Entwicklungslehre  in  ihrer  folgerichtigsten,  vollkommensten,  vertiertesten
und  inhaltsreichsten  Gestalt  auf  den  modernen  Kapitalismus  .  .  .  Welche
Daten  besitzen  wir,  um  das  Problem  der  zukünftigen  Entwicklung  des
kommenden  Kommunismus  zu  stellen?  Wir  müssen  ausgehen  von  der
Tatsache,  daß  der  Kommunismus  aus  dem  Kapitalismus  hervorgeht,
daß  er  in  historischer  Betrachtung  vom  Kapitalismus  erzeugt  ist  und
das  Ergebnis  der  Handlungen  ist  jener  öffentlichen  Macht,  die  aus  dem
Kapitalismus  erwächst  .  .  .  Mabx  stellt  das  Problem  des  Kommunismus,
wie  ein  Naturforscher  das  Problem  der  Entwicklung  irgendeiner  neuen
biologischen  Art  stellt,  von  der  man  weiß,  daß  sie  aus  der  und  der  Materie
entstanden  ist  und  sich  in  der  und  der  bestimmten  Richtung  verändert“
(S.  528/9).
Von  dem  gleichen  Gesichtspunkt  aus  rechtfertigt  sich  die  Diktatur
des  Proletariats.  „Der  erste  Punkt,  der  absolut  gewiß  ist,  der  durch  die
ganze  Theorie  der  Entwicklung  und  durch  alle  Wissenschaft  im  Allgemeinen ­
  (!)  bestätigt  wird  ...  ist  der  folgende:  daß  historisch  ein  besonderes ­
  Stadium  oder  eine  besondere  Etappe  gegeben  sein  muß,  die  als
Übergang  vom  Kapitalismus  zum  Kommunismus  dient.  .  .  Der  Übergang
von  der  kapitalistischen  Gesellschaft,  die  sich  im  kommunistischen  Sinne
entwickelt,  zum  Kommunismus  hin,  ist  undenkbar  „ohne  eine  Periode
des  politischen  Übergangs“  (Zitat  aus  Mabx),  und  der  Staat  dieser  Periode
kann  nichts  Anderes  als  die  Diktatur  des  revolutionären  Proletariats
sein“  (S.  130/1).
So  viel  für  die  schulmäßige  Erklärung.  Denn  man  versteht  ohne
weiteres,  daß  diese  graue  historische  Theorie,  der  keine  Triebkraft  auf  die
Menschen  zukommt,  nicht  die  Erklärung  der  wirklichen  Diktatur,  nicht
        <pb n="734" />
        Kapitel  IV.  Die  Anarchisten.

711

der  Motor  ist,  mit  dem  man  die  Massen  in  Bewegung  setzt.  Für  sie  gilt
eine  ganz  andere  Formel,  diejenige,  die  wir  Lenin  soeben  aussprechen
hörten;  die  Bourgeoisie  ohne  die  Bourgeois.  Das  ist  einfach  und
allgemeinverständlich.  Da  die  Bourgeoisie  als  eine  Minderheit  von  Leuten
definiert  worden  ist,  die  genießen  und  ausbeuten,  wird  die  Mehrheit  also
eine  Mehrheit  von  Leuten  sein,  die  genießen  und  ausbeuten.  Je  mehr
das  Volk,  dem  man  einen  so  lockenden  Köder  hinhält,  in  seiner  Kultur
rückständig  und  in  seinen  Instinkten  primitiv  ist,  je  mehr  es  vorher  unter
einer  von  seiner  Regierung  verschuldeten  brutalen  und  schrankenlosen
Ausbeutung  gelitten  hat:  um  so  mehr  kann  dieses  Programm  auf  Erfolg
rechnen,  und  um  so  mehr  wird  es  natürlich  auch  von  Grausamkeit  und
Ungerechtigkeit  umgeben  sein.  Das  macht  aus  der  Doktrin  ein  so  wirksames
Werkzeug  der  Demagogie.
Aber  auf  der  anderen  Seite,  zufolge  einer  unwidersprechlichen  Logik,
wächst  die  Aussicht,  daß  aus  der  Zerstörung  der  alten  bürgerlichen  Ordnung,
an  Stelle  des  tausendjährigen  Reiches  des  Kommunismus,  den  man  der
Mystik  der  Gläubigen  vorspiegelt,  eine  neue  Form  wirtschaftlicher  Bourgeoisie ­
  hervorgehe,  um  so  mehr,  je  mehr  dieses  Programm  der  auf  den
Kopf  gestellten  Bourgeoisie  sich  der  Geister  bemächtigt.  Und  gerade  das
scheint  —  soweit  man  unterrichtet  sein  kann  —  sich  jetzt  in  Rußland
abzuspielen.  Das  deutlichste  Ergebnis  der  Revolution  scheint  —  die  Folge
des  Ansturms  der  Bauern  auf  die  Güter  der  großen  Grundbesitzer  —
eine  gewaltsame  Aufteilung  des  Bodens  zu  sein,  und  das  bedeutet  die
Schöpfung  einer  Demokratie  grundbesitzender  Bauern.  Durch  ein  Paradoxon, ­
  das  in  der  Logik  der  Dinge,  vielleicht  sogar  der  Worte  gegeben  ist,
wird  das  bleibende  Ergebnis  des  LENiN’schen  Kommunismus  ohne  Zweifel
das  Verschwinden  der  letzten  Reste  von  Kommunismus  in  der  Agrarverfassung ­
  Rußlands  sein.
Die  Lehre,  die  wir  dargestellt  haben,  ist  also  viel  weniger  eine  wirtschaftliche ­
  als  eine  politische  Doktrin.  Als  Wirtschaftsordnung  ist  die
kollektivistische  Diktatur  des  Proletariats  unmöglich.  Und  da  der  vollkommene ­
  Kommunismus,  auf  den  sie  angeblich  hinführen  soll,  ein  Traum
bleiben  muß,  so  wird  Rußland,  um  leben  zu  können,  eine  Form  des  Kapitalismus ­
  wiederfinden  müssen,  die  ihm  erlaubt  zu  produzieren  —  und  es
sucht  diese  Form  bereits.
Auf  der  anderen  Seite,  gesehen  von  dem  Standpunkt  des  politischen
Systems,  stellt  sich  die  Diktatur  des  Proletariats  einfach  dar  als  die  Ersetzung ­
  eines  Personals  und  einer  Regierungsgewalt  durch  ein  anderes
Personal  und  eine  andere  Regierungsgewalt.  Diese  Ersetzung  war  verhältnismäßig ­
  leicht  in  einem  Lande,  wo  die  Bourgeoisie  niemals  die  Zeit
gehabt  hatte,  politische  Kampfkörper  zu  bilden  und  eine  winzige  Minderheit ­
  darstellt  gegenüber  der  ungeheuren  Mehrheit  der  bäuerlichen  Bevölkerung. ­
  Die  sogenannten  „bürgerlichen“  oder  „kapitalistischen“
        <pb n="735" />
        712

Fünftes  Buch.  Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.

Interessen,  und  das  heißt  zusammengefaßt:  diejenigen  des  mobilen  Eigentums, ­
  haben  nicht,  wie  in  den  westlichen  Ländern,  Zeit  gehabt,  ihre  Verästelungen ­
  durch  alle  Klassen  der  Gesellschaft,  selbst  die  der  Bauern
und  Arbeiter,  zu  erstrecken.  Was  das  ländliche  Großgrundeigentum
anlangt,  so  bilden  seine  Vertreter  eine  notwendigerweise  jeder  Erhebung
der  armen  ländlichen  Klassen  auf  Gnade  und  Ungnade  ausgelieferte
Minderheit.  Unter  solchen  Umständen  ließ  das  gleichzeitige  Verschwinden
der  allgemein  verhaßten  zaristischen  Bureaukratie  und  des  Heeres,  das
ihr  als  Stütze  gedient  hatte,  freien  Spielraum  für  eine  Partei,  die  sich
auf  die  gewalttätigsten  und  einfachsten  Gefühle,  diejenigen  „der  Arbeiter
und  der  ärmsten  Bauern“  stützte 1 ).
Wenn  man  nun,  trotz  alledem,  in  der  Doktrin  Lenin’s  mehr  erblicken
will,  als  ein  fadenscheiniges  Mäntelchen,  das  die  Blöße  der  „Eroberung
der  öffentlichen  Gewalt“  verhüllen  soll,  und  wenn  man,  um  sein  Urteil
zu  fällen,  von  jedem  nicht  in  ihr  selbst  enthaltenen  Gesichtspunkt  abstrahiert, ­
  so  kann  man  an  sie  in  ökonomischer  und  moralischer  Hinsicht
nur  zwei  Kriterien  anlegen:
Da  sie  behauptet,  eine  überlegene  Ordnung  der  Gütererzeugung
einzuführen,  muß  man  fragen,  ob  der  durchgeführte  Versuch  die  Behauptung ­
  bestätigt?
Da  sie  behauptet,  die  Ungerechtigkeit  der  Unterdrückung  der  Mehrheit ­
  durch  die  Minderheit  durch  die  nach  ihrer  Ansicht  geringere  Ungerechtigkeit ­
  der  Unterdrückung  der  Minderheit  durch  die  Mehrheit
zu  ersetzen,  so  muß  man  fragen,  ob  sie  sicher  ist,  die  Mehrheit  wenigstens
hinter  sich  zu  haben?  Und  ob  sie  es  wirklich  aufrichtig  will?
Auf  die  erste  Frage  scheint  die  Geschichte  bereits  heute  ihr  Urteil
gesprochen  zu  haben.
Was  aber  die  zweite  anlangt,  so  ist  Lenin  offenbar  durchaus  nicht
davon  überzeugt,  die  Bestrebungen  und  Wünsche  der  Mehrheit  zu  vertreten. ­
  „Die  Diktatur  des  Proletariats,  sagt  er,  ist  die  Erhöhung  der
Avant-garde  der  ausgebeuteten  Klassen  in  die  Stellung  als  herrschende
Klasse  zum  Zwecke  der  Vernichtung  der  Exploiteure“  (S.  134).  An  anderer
Stelle  (S.  41/2)  rechtfertigt  er  die  Diktatur  nicht  nur  mit  der  Notwendigkeit, ­
  den  Widerstand  der  Ausbeuter  zu  zermalmen,  sondern  auch  mit  der
Notwendigkeit,  „die  große  Masse  der  Bevölkerung,  der  Bauern,  der  Kleinbürger ­
  und  der  Halbproletarier  während  der  Einrichtung  der  sozialistischen
Wirtschaftsordnung  zu  lenken.“  Das  heißt  also,  daß  diese  große  Masse
nicht  freiwillig  Gefolgschaft  leistet.  Wo  aber  kann  man  dann  die  Rechtfertigung ­
  dieser  neuen  Oligarchie  entdecken?

An  diese  beiden  Kategorien  von  Personen  appelliert  Lenin  andauernd.
        <pb n="736" />
        Schlußwort.
Erfordert  eine  Geschichte  der  wirtschaftlichen  Doktrinen  wirklich
ein  Schlußwort?
Die  Geschichte  aller  Wissenschaft  hört  nur  mit  ihrem  endgültigen
Abschluß  auf.  Die  am  weitesten  fortgeschrittenen  Wissenschaften  nun,
die  Physik,  die  Chemie  und  sogar  die  Mathematik,  verändern  sich  täglich,
schreiten  vorwärts,  geben  in  ihrem  Fortschritt  früher  nützliche,  heute
aber  veraltete  Auffassungen  preis  und  ersetzen  sie  durch  Auffassungen,
die,  wenn  auch  nicht  immer  vollständig  neu,  doch  zum  wenigsten  verständlicher ­
  und  fruchtbarer  sind.  Jedoch  noch  mehr,  wir  sehen,  wie  sich
nicht  nur  die  Einzelwissenschaften  unter  unseren  Augen  umformen,  sondern ­
  wie  sich  auch  der  Begriff  der  Gesämtwissenschaft  ändert.  Mit  dem
Fortschritt  der  Wissenschaften  wandelt  sich  auch  die  Auffassung,  die
wir  uns  von  der  Wissenschaft  machen.  Heute  wie  früher  sucht  der  Gelehrte ­
  die  Wahrheit.  Der  Begriff  aber  der  wissenschaftlichen  Wahrheit  ist
am  Anfang  des  20.  Jahrhunderts  nicht  mehr  mit  dem  identisch,  der  am
Anfang  des  19.  herrschte,  und  alles  weist  darauf  hin,  daß  ihm  noch  weitere
Veränderungen  bevorstehen.  Um  so  weniger  kann  auch  die  Nationalökonomie, ­
  diese  so  junge  Wissenschaft,  die  noch  kaum  über  die  ersten
tastenden  Versuche  hinaus  ist,  von  heute  an  unveränderlich  bleiben.
Der  Geschichtsschreiber  der  Doktrinen  kann  sich  nur  die  Aufgabe  stellen,
den  durchlaufenen  Weg  zu  messen,  ohne  daran  denken  zu  dürfen,  die
Straße,  die  noch  vor  uns  liegt,  erraten  zu  wollen.  Sein  Ehrgeiz  muß  sich
darauf  beschränken,  die  zunächst  liegenden  Aufgaben  zu  würdigen,  die
nach  all  den  so  verschiedenartigen  Anstrengungen,  die  wir  in  den  vorhergehenden ­
  Kapiteln  beschrieben  haben,  sich  den  Forschern  aufdrängen.
Möge  man  uns,  um  den  Eindruck  zu  verbildlichen,  der  sich  aus  einer
Geschichte  der  wirtschaftlichen  Ideen  dieser  anderthalb  Jahrhunderte
ergibt,  einen  Vergleich  gestatten.  Wenn  man  das  Gesamtwerk  betrachtet,
so  steht  man  wie  vor  einem  offenen  Fächer.  Am  Griff  liegen  seine  Rippen
so  fest  übereinander,  daß  sie  ein  Ganzes  scheinen.  Je  mehr  sich  das  Auge
dem  äußeren  Rande  näher,  sieht  es,  wie  die  Strahlen  sich  nach  und  nach
voneinander  entfernen,  als  wenn  sie  ins  Unendliche  divergierende  Rieh-
        <pb n="737" />
        714

Schlußwort.

tungen  einschlagen  wollten.  Und  doch  trennen  sie  sich  nicht  gänzlich.
Denn  in  dem  Maße  wie  sie  sich  voneinander  entfernen  sieht  man  zwischen
ihnen  ein  gemeinsames  Gewebe  sich  entfalten,  das  ein  Band  unter  ihnen
schafft,  eine  neue  Einheit,  ebenso  —  wenn  nicht  mehr  —  widerstandskräftig ­
  wie  die  scheinbare  Einheit,  die  am  Griff  sich  aus  dem  Übereinanderliegen ­
  der  Rippen  ergibt.
So  erscheint  die  Volkswirtschaft  bei  den  Physiokraten  und  noch
mehr  bei  Adam  Smith  als  ein  festgefügtes  Lehrgebäude  von  edler  Einfachheit. ­
  Ein  Bück  gestattet,  das  Ganze  zu  umfassen.  Doch  die  Zeit
vergeht.  Die  Wissenschaft  schreitet  fort  und  man  wird  gewahr,  daß  die
Einheit  des  Anfangs  mehr  scheinbar  als  wirklich  ist.  Die  sich  oft  widersprechenden ­
  Theorien,  die  Smith  zu  vereinigen  gewußt  hatte,  erzeugen
neue  Gedankenströmungen  die  in  immer  schärferen  Gegensatz  zueinander ­
  treten,  in  dem  Maße  wie  sie  sich  zu  immer  größerer  Unabhängigkeit
entwickeln.  Verschiedene  Theorien  der  Güterverteilung  und  des  Wertes,
die  historische  und  die  abstrakte  Methode,  Liberalismus  und  Sozialismus,
—  ebenso  viele  Auffassungen,  die  eine  jede  ihren  Weg  mit  verschiedenem
Glück  und  durch  zahlreiche  Verkörperungen  hindurch  verfolgen.  Zu
ihrer  Verteidigung  umgibt  sich  jedoch  eine  Jede  mit  einem  Netz  von  Beobachtungen ­
  und  Tatsachen,  bringt  ihren  eigenen  Beitrag  an  neuen  Wahrheiten ­
  und  nützlichen  Bemerkungen,  —  und  so  bildet  sich  nach  und  nach
um  jeden  bedeutenden  Mittelpunkt  wirtschaftlicher  Gedanken  ein  Gewebe,
das  mehr  und  mehr  widerstandsfähig,  mehr  und  mehr  ausgedehnt  wird,
das  eine  Art  gemeinsamer  wissenschaftlicher  Grundlage  bildet,  unter  dem
man  noch  die  Hauptzüge  der  großen  Systeme  durchschimmern  sieht.  Und
weiter,  von  einem  gewissen  Augenblick  an,  sind  es  nicht  mehr  die  Strahlen
des  Fächers,  die  den  Blick  auf  sich  ziehen,  sondern  das  gemeinsame  Gewebe, ­
  in  dem  nach  dem  Rande  zu  alle  Strahlen  sich  verlieren  und  verschwinden, ­
  nämlich  die  Gesamtheit  der  erworbenen  Wahrheiten,  die  das
bleibende  Ergebnis  der  Systeme  vorstellen.  Nur  das  wollen  wir  heute
betrachten.
Das  Ergebnis  so  vieler  Diskussionen  und  Polemiken  ist  daher  die
Errichtung  eines  wirküch  gemeinsamen  Reiches,  in  dem,  was  auch  immer
ihre  sozialen  und  politischen  Hoffnungen  sein  mögen,  die  Nationalökonomen ­
  sich  treffen  können.  Dieses  Reich  ist  das  der  eigentlichen  volkswirtschaftlichen ­
  Wissenschaft,  der  Wissenschaft,  die  sich  nicht  darum  sorgt,
vorzuschreiben,  was  sein  soll,  sondern  einfach,  das  zu  erklären  und  zu
verstehen,  was  ist.  Die  Überlegenheit  einer  Theorie  mißt  sich  einzig  an
ihrem  erklärenden  Wert.  Es  ist  von  geringer  Bedeutung,  ob  man  dann
in  der  Praxis  Interventionist  oder  liberal,  Protektionist  öder  Freihändler,
Soziaüst  oder  Individuaüst  sei:  jeder  wahrhaftige  Geist  beugt  sich  notwendigerweise ­
  vor  einer  genauen  Beobachtung  oder  einer  befriedigenden
Erklärung.
        <pb n="738" />
        Schlußwort.

715

Während  nun  so  die  Verschiedenheiten  der  Schulen  das  Bestreben
zeigen,  sich  in  der  Einheit  der  besser  verstandenen  Wissenschaft  aufzulösen, ­
  sieht  man  im  Hintergründe  sich  neue  Unterscheidungen  bilden,  die,
weniger  scholastisch  und  fruchtbringender  für  den  Fortschritt  der  Wissenschaft, ­
  einen  neuen  Fächer  unter  dem  alten  zu  bilden  scheinen.
Zunächst  tritt  in  der  Methode  der  Unterschied  zwischen  reiner
Ökonomie  und  beschreibender  Ökonomie  immer  schärfer  hervor,
oder  wenn  man  dies  vorzieht:  die  Unterscheidung  zwischen  der  theoretischen ­
  Systematisation  und  der  Beobachtung  der  wirklichen  Tatsachen,
—  zwei  Untersuchungsarten,  die  gleichmäßig  notwendig  sind,  und  die
geistigen  Begabungen  entsprechen,  die  nur  selten  in  der  gleichen  Person
sich  vereinigt  finden.  Die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  kann  aber
weder  der  Theorie  noch  der  Beobachtung  entraten.  Wir  empfinden  heute
noch  ebenso  brennend  wie  früher  den  Wunsch,  die  wirtschaftlichen  Geschehnisse ­
  in  ihrer  Verkettung  zu  begreifen  und  ihre  gegenseitigen  Beziehungen ­
  zu  verstehen.  Wenn  aber  auf  der  anderen  Seite  die  wirtschaftliche ­
  Organisation  der  Welt  in  beständiger  Umformung  begriffen  ist,  wenn
die  Form  und  das  Wesen  der  Industrie  und  des  Handels  sich  täglich  ändern, ­
  wie  wäre  es  möglich,  daß  wir  darauf  verzichten  könnten,  diese  Vorgänge ­
  zu  beobachten  und  von  Neuem  zu  beschreiben?  So  entwickeln  sich
beide  Methoden  gleichzeitig  unter  unseren  Augen  und  schreiten  gleichzeitig ­
  vorwärts.  Ihr  heftiger  Streit  um  die  Vorherrschaft  scheint  heute
endgültig  beigelegt.
Und  weiterhin  sehen  wir,  wie  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft
sich  in  verschiedene  Wissenschaften  zerlegt,  die  das  Bestreben  haben,  mehr
und  mehr  selbständig  zu  werden.  Diese  Trennung  bedeutet  aber  nicht
länger  den  Kampf,  sondern  einfach  die  Arbeitsteilung.
In  ihren  Anfängen  war  die  ganze  wirtschaftliche  Wissenschaft  in  ein
oder  zwei  Bänden  beschlossen.  Unter  den  drei  großen  Teilüberschriften:
Produktion,  Verbrauch,  Güterverteilung  glaubten  Say  und  seine  Nachfolger, ­
  leicht  die  Theorien  und  die  wesentlichen  Tatsachen  zusammenfassen ­
  zu  können,  deren  Kenntnis  damals  genügte,  einen  Volkswirtschaftler
zu  bilden.  Seitdem  hat  sich  unsere  Wissenschaft,  wie  alle  anderen,  in  eine
große  Zahl  verschiedener  Zweige  geteilt.  .Was  man  früher  Physik  oder
Chemie  nannte,  ist  nur  noch  ein  elastischer  Rahmen,  der  eine  Menge  von
Spezialwissenschaften  umfaßt  (Elektrizität,  Optik,  Thermodynamik,  biologische ­
  Chemie  usw.),  und  von  denen  jede  genügt,  die  Arbeit  eines  ganzen
Menschenlebens  auszufüllen.  So  ist  auch  heute  das  Wort  Nationalökonomie
ein  unbestimmter,  wenn  auch  bequemer  Ausdruck  geworden,  den  man
gebraucht,  um  Forschungen  zu  bezeichnen,  die  oft  sehr  weit  voneinander
entfernt  verlaufen.  Die  Preistheorie  und  die  der  Güterverteilung  sind  zu
neuen  Entwicklungen  fortgeschritten,  die  sie  fast  zu  besonderen  Zweigen
der  Wissenschaft  machen;  —  die  soziale  Ökonomie  hat  sich  ihr  eigenes
        <pb n="739" />
        716

Schlußwort.

Reich  errichtet  und  lebt  ihr  eigenes  Leben;  —  die  Bevölkerungstheorie  hat
sich  zu  einer  besonderen  Wissenschaft:  der  Demographie  erweitert;  —
"Ldie  Steuertheorie  hat  den  Namen  Finanzwissenschaft  angenommen;  —
*  die  Statistik  hat  ihre  besonderen  Methoden  und  steht  mit  allen  anderen
Zweigen  in  enger  Berührung;  —  die  Beschreibung  des  Mechanismus  des
Handels  und  der  Industrie,  der  Banken  und  Börsen,  die  Aufzählung  der
Formen  der  Industrie,  das  Studium  ihrer  Umwandlungen,  sind  für  die
Volkswirtschaft  das,  was  die  beschreibende  Zoologie  und  Botanik  und  die
Morphologie  für  die  Naturwissenschaft  bedeuten.  Obgleich  nicht  immer
besondere  Namen  jede  einzelne  dieser  Disziplinen  bezeichnen,  sind  sie
doch  in  Wirklichkeit  ebenso  viele  Spezialwissenschaften,  deren  Beziehungen ­
  und  tief  liegende  Einheit  nicht  immer  leicht  zu  entdecken  sind.
Auf  einem  Gebiete  jedoch  bleiben  nicht  nur  die  Unterschiede,  sondern ­
  auch  die  Kämpfe  bestehen,  und  werden  auch  aller  Wahrscheinlichkeit
nach  niemals  aufhören:  auf  dem  Gebiet  der  wirtschaftlichen  und
sozialen  Politik.
Während  sich  zwischen  den  Nationalökonomen  allmählich  eine  gemeinsame ­
  wissenschaftliche  Grundlage  herausbildet,  sind  die  Meinungsverschiedenheiten ­
  über  die  in  der  wirtschaftlichen  Politik  zu  verfolgenden
Zwecke  und  anzuwendenden  Mittel  heute  nicht  weniger  lebhaft,  als  früher.
Alle  die  großen,  in  diesem  Buche  dargestellten  Lehrmeinungen  haben  auch
heute  noch  ihre  Vertreter.  Liberale,  Sozialisten,  Interventionisten,  Staatssozialisten ­
  und  christliche  Sozialisten  fahren  fort,  sich  ihre  Ideale  und
ihre  praktischen  Methoden  entgegen  zu  halten.  Wird  sie  nun  die  Wissenschaft ­
  zusammenführen?  Sicherlich  nicht,  denn  die  Gründe,  auf  die  sie
sich  stützen,  stammen  zu  einem  guten  Teil  aus  anderen  Quellen  als  der
Wissenschaft.  Religiöser  Glaube  und  Moralanschauungen,  politische  und
soziale  Überzeugungen,  individuelle  Gefühle  und  Neigungen,  bis  zu  persönlichen ­
  Interessen  und  Erfahrungen  spielen  hier  ihre  Rolle  und  tragen
dazu  bei,  den  Standpunkt  eines  Jeden  zu  bestimmen.  In  der  ersten  Hälfte
des  19.  Jahrhunderts  hatte  die  Wissenschaft  einen  Bund  mit  einer  besonderen ­
  Lehre,  dem  Liberalismus,  geschlossen.  Dieser  Bund  wurde  ihr
verderblich.  Mit  dem  Tage,  an  dem  der  Verdacht  aufsteigen  konnte,  als
ob  die  wissenschaftlichen  Theorien  nichts  Anderes  seien  als  Plaidoyers
von  Klassenadvokaten  zugunsten  einer  besonderen  Politik,  büßten  sie
einen  großen  Teil  ihres  Ansehens  ein.  Doch  diese  Erfahrung  ist  nicht
verloren  gegangen,  und  nichts  wäre  für  die  Entwicklung  unserer  Wissenschaft ­
  gefährlicher,  als  sie  von  Neuem  unter  die  Botmäßigkeit  irgendeiner
Schule  zu  stellen.  Wohl  kann  die  Wissenschaft  der  Wirtschaftspolitik
eine  kostbare  Stütze  liefern,  indem  sie  ihr  gestattet,  die  wahrscheinlichen
Ergebnisse  dieser  oder  jener  Maßnahme  vorauszusehen,  und  man  muß
hoffen,  daß  ihre  Voraussagen,  die  heute  noch  allzuoft  recht  unsicher  sind,
        <pb n="740" />
        Schlußwort.

717

in  Zukunft  immer  genauer  werden.  Aber  es  ist  nicht  ihre  Aufgabe,  der
Wirtschaftspolitik  Ideal  oder  Ziel  zu  weisen.
Geben  wir  uns  daher  nicht  der  Hoffnung  hin,  eines  Tages  die  großen
Meinungsströmungen  verschwinden  zu  sehen,  die  sich  heute  Liberalismus, ­
  Sozialismus,  Solidarismus,  Syndikalismus  und  sogar  Anarchismus
nennen.  Vielleicht  werden  sie  in  der  Zukunft  andere  Namen  tragen.  Unter
der  einen  oder  der  anderen  Form  jedoch  werden  sie  nebeneinander  bestehen ­
  bleiben,  weil  sie  tief  wurzelnden  menschlichen  Seelentrieben  oder
dauernden  Gruppeninteressen  entsprechen,  die  abwechselnd  die  Oberhand
gewinnen.
Soll  man  das  bedauern?  Nach  unserer  Ansicht  nicht.  Die  Einheit
des  Glaubens  erscheint  uns  ein  trügerisches  Ideal,  und  vom  rein  praktischen ­
  Gesichtspunkte  aus  stehen  wir  auf  der  Seite  derer,  die  gerade  im
Interesse  der  Ziele,  die  ihnen  am  Herzen  liegen,  nicht  wünschen  können,
eines  Tages  diese  Ziele  streitlos  und  allein  das  Feld  behaupten  zu  sehen.
Zusammenfassend  dürfen  wir  wohl  sagen:  Wachsende  Einheit  und
Mitarbeit  auf  dem  Boden  der  Wissenschaft  dank  der  Vervollkommnung
der  Methoden.
Auf  der  anderen  Seite:  Mannigfaltigkeit  und  sogar  Kampf  auf  dem
Boden  des  praktischen  Lebens  zwischen  den  verschiedenen  wirtschaftlichen ­
  Idealen,  die  weiter  untereinander  um  die  Vorherrschaft  streiten.
Dies  wird  zweifellos  das  Bild  der  künftigen  Ökonomik  sein.
So  ist  denn  der  Eindruck,  der  sich  aus  einer  Geschichte  der  Doktrinen ­
  löst,  vielleicht  etwas  trübe,  oder  doch  zum  wenigsten  dazu  angetan,
uns  mit  dem  Gefühl  einer  gewissen  Demut  zu  erfüllen.  So  viele  Lehren,
die  man  für  endgültig  nachgewiesen  hielt,  verblassen,  und  so  viele  andere,
die  man  tot  glaubte,  leben  wieder  auf.  Die  aber,  die  verblassend  dahinsterben, ­
  sterben  und  verschwinden  nie  ganz,  und  die,  die  wieder  neues
Leben  erfüllt,  kehren  doch  nie  als  ganz  dieselben  wieder.
Was  nun  aber  der  Wissenschaft  und  dem  Unterricht  am  dringendsten
not  tut,  um  sich  zu  entwickeln,  ist  vollständige  Freiheit:  Freiheit  der
Methode,  Freiheit  der  Theorien,  Freiheit  aber  auch  in  den  Idealen  und  den
Systemen,  —  denn  gerade  sie,  die  auch  den  Gefühlen  ihren  Anteil  belassen, ­
  sind  oft  sehr  wertvolle  Ansporne  zu  wissenschaftlicher  Forschung.
Nichts  ist  verderblicher  als  der  Dogmatismus,  komme  er,  woher  er  wolle.
Leider  sind  in  diesem  Punkt  keine  Schule  und  kein  Land  außer  dem  Bereiche ­
  der  Kritik.
Schon  Sismondi  klagte  den  triumphierenden  Liberalismus  an,  die
Volkswirtschaft  in  eine  Orthodoxie  zu  verwandeln.  Aber  der  Liberalismus
ist  nicht  der  einzige,  der  sich  diesen  Vorwurf  gefallen  lassen  muß.  Vor
wenigen  Jahren  erklärte  der  Führer  der  historischen  Schule  in  Deutschland, ­
  Schmoller,  in  einer  Rede,  die  er  als  Rektor  der  Universität  von
Berlin  hielt,  daß  man  in  Zukunft  auf  öffentlichen  Lehrstühlen  „weder
        <pb n="741" />
        718

Schlußwort.

reine  Marxisten,  noch  reine  Jünger  Smith’s“  zulassen  könne.  Sollte  die
historische  deutsche  Schule  gegen  ihre  Gegner  jenen  Ostrazismus  wieder
einführen  wollen,  unter  dem  sie  früher  selbst  am  meisten  gelitten  hat?
Wir  können  uns  aber  auch  in  Frankreich  nicht  rühmen,  weniger  exklusiv
gewesen  zu  sein.  Die  Gleichgültigkeit  und  sogar  Feindschaft,  mit  der
lange  Zeit  hindurch  die  mathematische  Schule  bei  uns  in  Frankreich  behandelt ­
  wurde,  macht  uns  wenig  Ehre.  Und  diese  gleiche  Intoleranz,  die
man  der  „bürgerlichen“  Nationalökonomie  mit  so  viel  Recht  vorwirft,
findet  sich  ebenso  sehr  im  Sozialismus.  Als  gewisse  Marxisten  in  die
Theorie  Marx’  Bresche  gelegt  hatten,  sah  man  zu  ihrer  Verteidigung
Kämpfer  erstehen,  die  an  autoritärem  Starrsinn  den  Verteidigern  des
Liberalismus  nichts  nachgaben,  als  dieser  sich  von  Neuerungen  bedroht
glaubte.
Daher  ist  die  einzige  große  Nutzanwendung,  die  sich  aus  der  Geschichte ­
  der  Doktrinen  ergibt  die,  daß  der  Geist  der  Kritik  immer  auf
dem  Plane  sein  muß,  immer  bereit,  die  erworbenen  Wahrheiten  aufs  Neue
zu  prüfen  und  neue  Beobachtungen  und  Erfahrungen  mit  Bereitwilligkeit
anzuerkennen,  damit  das  Reich  der  Ökonomik  sich  ohne  Ende  ausbreite
und  festige.
        <pb n="742" />
        I.
§  1.
§  2.
§3.
II,
§  1.
§  2.
§  3.
§  4.

Analytische  Inhaltsübersicht.
Erstes  Buch,
Die  Begründer.
Kapitel  I.
Die  Physiokraten
Die  politische  Ökonomie  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts  1—2.
Dr.  Quesnay  und  die  Schule  der  Physiokraten  3.
Das  System.
Die  natürliche  Ordnung
Die  verschiedenen  Auffassungen  dieses  Wortes  6—11.
Die  praktischen  Folgen;  das  laisser-faire  12—13.
Der  Reinertrag
Die  produktiven  und  die  sterilen  Klassen  13—16.
Erklärung  und  Kritik  dieser  Formeln  17—20.
Der  Umlauf  der  Güter
Das  „Tableau  ficonomique“  20—24.
Die  physiokratische  Auffassung  des  Grundbesitzes  24—29.
Die  drei  Kategorien  der  Vorschüsse  25.
Die  drei  Kategorien  des  Eigentums  27—28.
Die  Wirtschaftspolitik.
Der  Handel
Die  Sterilität  des  Tausches  30.
Die  physiokratische  Auffassung  vom  Freihandel  31—36.
Die  schutzzöllnerischen  Gegner:  Galiani  und  Necker  35—36.
Die  Freiheit  des  Zinses:  Turgot  37.
Die  Rolle  des  Staates
Theorie  des  Despotismus  39—41.
Die  Funktion  des  Staates  41—42.
Über  die  Steuern
Die  einzige  Steuer  auf  den  Reinertrag  44—47.
Zurückweisung  der  Einwürfe  gegen  die  einzige  Steuer  47—49.
Der  Versuch  des  Markgrafen  Karl  Friedrich  von  Baden  49.
Zusammenfassung  der  physiokratischen  Doktrin.  Die
Kritiker  und  die  Abtrünnigen
Die  Beiträge  der  Physiokraten  zur  politischen  Ökonomie  51—53.

1—56
        <pb n="743" />
        720  Analytische  Inhaltsübersicht.

Ihre  falsche  Auffassung  des  Wertes  52.
Die  abweichenden  Ansichten  Turgot’s  52—53.
Selbständigkeit  der  Theorien  Condillac ? s  53—56.

Seite

Kapitel  II.
Adam  Smith  57—127
Bedeutung  des  Buches  von  Adam  Smith  57—59.
Die  Vorgänger  Adam  Smith’s:  Hutcheson,  Hume,  Mandeville  und  die
Physiokraten  59—62.
§  1.  Die  Arbeitsteilung  63
Die  Kollektivarbeit,  Quelle  des  nationalen  Reichtums  63—65.
Die  Arbeitsteilung,  als  Form  selbsttätiger  Kooperation  65—66.
Ihre  Nachteile  und  Grenzen  66—67.
Ungleichmäßige  Produktivität  der  verschiedenen  Arbeiten  68—71.
Smith’s  Stellung  zu  den  Arbeitern  und  den  Industriellen  72—74.
Seine  Vorliebe  für  die  Landwirte  74—75.
§  2.  Der  Naturalismus  und  Optimismus  Adam  Smith ! s  75
Die  Idee  der  Spontaneität  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen  75—76.
Ursprung  der  Arbeitsteilung  77.
Ursprung  des  Geldes  78.
Ursprung  des  Kapitals  79.
Die  Preistheorie  82.
Selbsttätige  Anpassung  der  Produktion  an  die  Warennachfrage  89.
Bevölkerungstheorie  90.
Geldtheorie  90—92.
Das  persönliche  Interesse  als  Triebfeder  des  Wirtschaftslebens  94—96.
Der  Optimismus  Smith’s  96—98.
Seine  ungenügende  Beweisführung  99.
Sein  Gegensatz  zu  dem  Optimismus  Bastiat’s  und  dem  der  Hedonisten
  100—101.
§3.  Die  wirtschaftliche  Freiheit  und  die  Theorie  vom  internationalen ­
  Handel  101
Kritik  der  Regierung  102—103.
Abschwächung  des  Prinzips  des  laisser-faire  104.
Unvollständige  Kritik  des  Schutzzollsystems  106—108.
Mäßigung  in  den  praktischen  Schlußfolgerungen  109—110.
§  4.  Einfluß  und  Verbreitung  der  Gedanken  Adam  Smith ! s;  —
J.-B.  Say  111
Umstände,  die  der  Verbreitung  der  Gedanken  Smith’s  günstig  waren
112—114.
Übersetzungen  seines  Buches  114—115.
Rolle  J.-B.  Say’s  116—118.
Seine  Auffassung  des  „Unternehmers“  und  seine  Theorie  der  Güterverteilung ­
  122,  123.
Gegensatz  zu  Ricardo  123.
Theorie  der  Absatzwege  und  der  Krisen  124,  125.
        <pb n="744" />
        Analytische  Inhaltsübersicht.

721

Kapitel  III.
Die  Pessimisten.

Seite

127—183

Grund  dieser  Bezeichnung  127—129.
I.  Malthus.
Das  Bevölkerungsgesetz  130
Die  optimistischen  Theorien  GodwiiT's  und  Oondorcet’s  131—133.
Die  Theorie  Malthus’:  seine  beiden  Reihen  133—136.
Die  präventiven  und  die  repressiven  Hemmungen;  was  ist  unter
moralischer  Enthaltsamkeit  zu  verstehen?  137—138.
Utilitaristische  Konzessionen  diesem  Prinzip  gegenüber  140—141.
Kritik  der  Voraussagungen  Malthus-’  141—144.
Der  Neo-Malthusianismus  145—146.
Bedauerliche  Folgen  der  malthusianischen  lehre  145—146.
Ihre  Anwendungen  auf  die  Nächstenliebe  und  das  Almosengeben  147.
Die  modernen  Bevölkerungstheorien  148,  149.
II.  Ricardo.  —  Seine  Bedeutung  für  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft ­
  149—152.
§  1.  Das  Gesetz  der  Bodenrente  152
Vorgeschichte  der  Theorie  Ricardo’s  152—154.
Theorie  der  Bodenrente  155—157.
Ihre  Anwendung  auf  die  landwirtschaftliche  Krisis  in  England  157.
Das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages  158—159.
Die  von  der  Rententheorie  vorausgesetzten  Postulate;  das  Gesetz  des
Einheitspreises  160,  161.
Das  Gesetz  der  Maximalkosten  162—164.
Die  Differential-  und  die  absolute  Rente  164.
Warum  die  Bodenrente  eine  so  große  Bedeutung  hat  165—171.
Die  Folgen  vom  Gesichtspunkt  des  Freihandels  167.
Die  Folgen  vom  Gesichtspunkt  des  Grundbesitzes  166,  168.
Die  Folgen  vom  Gesichtspunkt  der  Zukunft  der  Gesellschaften  168.
§  2.  Das  Gesetz  des  Lohnes  und  Profits  171
Das  Lohngesetz  Turgot’s  171.
Die  Lohngesetze  von  Ricardo  und  Malthus  172—173.
Der  Antagonismus  zwischen  Profit  und  Lohn  174.
Das  unvermeidliche  Sinken  des  Profits  175—176.
Die  Verteilungstheorie  nach  Ricardo  177.
§  3.  Das  Gesetz  der  Handelsbilanz  und  die  Quantitätstheorie

des  Geldes  177—180
Die  Tendenz  des  internationalen  Handels  zum  unmittelbaren  Gütertausch ­
  180.
§  4.  Die  Reglementierung  der  Banknotenausgabe  und  das
Papiergeld  180—183
Über  die  Abschaffung  des  Papiergeldes  181.
Die  direkten  Schüler  Ricardo’s  182,  183.
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.  46
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        722  Analytische  Inhaltsübersicht.
Zweites  Buch.
Die  Gegner.
Kapitel  I.
Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.
Triumph  des  volkswirtschaftlichen  Liberalismus  185—186.
Der  Pauperismus  187.
Die  Krisen  187,  188.
§  1.  Methode  und  Objekt  der  Nationalökonomie
Veranlassung  zur  Veröffentlichung  der  „Nouveauz  Principes“  189.
Mißtrauen  gegenüber  der  Abstraktion  190—193.
Kritik  der  „Chrematistik“  193—194.
Begriff  der  Sozialökonomie  194.
§  2.  Kritik  der  Überproduktion  und  der  Konkurrenz
Leiden  der  Übergangsperioden  195.
Die  Maschinen  196—198.
Die  Konkurrenz  und  die  Beraubung  des  Arbeiters  199—201.
Das  persönliche  Interesse  dem  allgemeinen  Interesse  entgegengesetzt
202.
§  3.  Die  Trennung  des  Eigentums  und  der  Arbeit.  Die  Erklärung ­
  des  Pauperismus  und  der  Krisen
Das  Gesetz  der  Konzentration  des  Eigentums  203—204.
Die  Bevölkerungs-  und  Lohntheorie  205.
„Nettoertrag“  und  „Bruttoertrag“  206—207.
Krisentheorie  208,  209.
§  4.  Die  Reformprojekte  Sismondi’s.  Sein  Einfluß  in  der  Geschichte ­
  der  Doktrinen
Vorschlag  von  Produktionseinschränkungen  210.
Befürwortung  der  Wiederherstellung  der  Kleinindustrie  und  des
kleinbäuerlichen  Besitzes  211—212.
Die  „berufliche  Garantie“  212—213.
Beziehungen  Sismondi’s  zur  historischen  Schule  214.
Beziehungen  Sismondi’s  zum  Interventionismus  214.
Beziehungen  Sismondi’s  zum  Sozialismus  216.

Seite

.  185—216

189

194

203

209

§  1.

Kapitel  II.
Saint-Simon,  die  Saint-Simonisten  und  der  Ursprung  des
Kollektivismus
Der  Sozialismus  des  18.  Jahrhunderts  und  der  Revolutionsperiode
216—220.
Saint-Simon  und  der  Industrialismus
Leben  und  Charakter  220—221.
Die  „Parabel“  222.
Der  Industrialismus  223—224.
Die  „Müßiggänger“  und  die  „Arbeiter“  224,  225.
Die  Werkstatt  als  Modell  der  Gesellschaft  226.

216—250

220
        <pb n="746" />
        Analytische  Inhaltsübersicht.

723

Seite
Die  Ersetzung  der  politischen  Regierung  durch  die  wirtschaftliche
Regierung  227.
§  2.  Die  Saint-Simonisten  und  die  Kritik  des  Privateigentums ­
  230
Die  Schüler  Saint-Simon’s  230—232.
Die  Ausbeutung,  ein  Ergebnis  des  Besitzrechtes  233.
Verschiedene  Bedeutung  des  Wortes  „Ausbeutung“  bei  den  Sozialisten ­
  234—235.
Die  wirtschaftliche  Anarchie  als  Ergebnis  des  Eigentums  236,  237.
Zentralisation  der  Kapitalien  in  den  Banken  und  Abschaffung  des
Erbrechts  237—240.
Historische  Entwicklung  des  Eigentums  und  Geschichtsphilosophie
243—244.
§  3.  Die  Bedeutung  des  Saint-Simonismus  in  der  Geschichte
der  Doktrinen  245
Praktische  Betätigung  der  Saint-Simonisten  245—246.
Den  späteren  Sozialisten  überlieferte  Formeln  und  Gedanken  247.
Grundlegende  Gegensätze  zu  den  klassischen  Schriftstellern  248.
Verschiedene  Auffassung  über  die  Verteilung  der  Einkommen  248.
Verschiedene  Auffassung  über  das  persönliche  und  Allgemeininteresse;
das  Interesse  des  Produzenten  über  das  des  Verbrauchers  gestellt
248,  249.
Die  künstliche  Organisation  ist  der  selbsttätigen  Organisation  vorzuziehen ­
  250.

Kapitel  III.
Die  Assozialisten  251—286
Kennzeichen  dieser  Schule.  Warum  wird  sie  utopistisch  genannt?
251—253.
Reaktion  gegen  die  Revolution  von  1789  253.
Gegenüberstellung  Owen ? s  und  Fourier’s  254.
I.  Robert  Owen  255;  Seine  Betätigung  als  sozialistischer  Arbeitgeber
256—257.

§  1.  Die  Schaffung  des  sozialen  Milieus  257
Deterministischer  Charakter  dieses  Systems  258.
§  2.  Die  Abschaffung  des  Profits  259
Die  Arbeitsnoten  260.
Die  „Labour  Exchange“  261.
Die  Konsumvereine  263.
Sein  Schüler  Thompson  264.

II.  Charles  Fourier  265.  Seine  Verschrobenheiten  265.
§  1.  Das  Phalanstere  266—268
Die  Ersparnisse  im  Kollektivhaushalt  277.
Die  Dienstbotenfrage  268.
§  2.  Die  Vollgenossenschaft  (eooperation  integrale)  268
Die  Formel  der  Verteilung  269.

46*
        <pb n="747" />
        Grundgedanke  Proudhon’s:  die  Reform  des  „Umlaufs“  315.
Kritik  des  Eigentums  und  des  Sozialismus
„Eigentum  ist  Diebstahl“  316—318.
Selbständige  Erklärung  der  Beraubung  319.
Kritik  des  Sozialismus  320.
Die  Idee  des  Gleichgewichts,  die  Idee  der  Gerechtigkeit  und  der  „Mutualismus“ ­
  321—324.
Die  Revolution  von  1848  und  der  Niedergang  des  Sozialismus ­

Einfluß  des  Jahres  1848  auf  die  Geschichte  der  Ideen  325.
Das  „Recht  auf  Arbeit“  und  die  nationalen  Werkstätten  325—328.
„Die  Organisation  der  Arbeit“  und  die  Kommission  im  Luxemburgpalast ­
  328—330.
Die  Arbeitergenossenschaften  330—331.
Die  Theorie  der  Tauschbank
Der  Geldzins,  Grund  der  Ungerechtigkeit  334—335.
Seine  Abschaffung  durch  eine  Tauschbank  335—336.
Folgen  des  Systems:  „Die  Anarchie“  336.
Unmöglichkeit  des  Systems  337—338.
Notwendiges  Wiedererstehen  des  Zinses  338—339.
Teilwahrheit:  der  gegenseitige  Kredit  340.
Vergleich  mit  ähnlichen  Systemen:  die  „Arbeitsnoten“  Owen’s,  die  Bank
Mazel,  der  „Comptabilismus“  (Buchungssystem)  Solvay’s  341—346.
Die  Idee  der  Volksbank  346.
§  4.  Der  Einfluß  Proudhon’s  nach  1848
Proudhon  und  Marx  347.
Die  „neue  Schule“  von  Sorel  348.

Drittes  Buch.
Der  Liberalismus.
Die  beiden  liberalen  Schulen;  die  englische  und  die  französische.
349—379.
Kapitel  I.
Die  Optimisten
Kennzeichen  der  französischen  optimistischen  Schule  351—354.
Die  Verbindung  des  wirtschaftlichen  und  des  politischen  Liberalismus ­
  354.
Carey  und  Bastiat  355—357.
Der  Glaube  an  die  providentielle  Harmonie  358.
1.  Die  Theorie  des  Dienstwertes
Die  Definition  des  Wertes  360—361.
Die  Zweideutigkeit  des  Wortes  „Dienst“  362—363.

350—379

360
        <pb n="748" />
        726  Analytische  Inhaltsübersicht.

§  2.  Das  Gesetz  des  unentgeltlichen  Nutzens  und  der  Rente
Der  vom  Fortschritt  verwirklichte  Kommunismus  366—367.
Die  Theorie  Carey’s  über  die  Rente  367—369.
§  3.  Das  Gesetz  der  Verteilung  zwischen  Kapital  und  Arbeit
Das  Sinken  des  Zinsfußes  371.
§  4.  Die  Unterordnung  des  Produzenten  unter  den  Verbraucher
Falsche  Idee,  daß  die  Verbrauchskraft  ohne  Organisation  auskommen
kann  373.
§  5.  Das  Gesetz  der  Solidarität
Besondere  Bedeutung,  die  Bastiat  dem  Worte  beilegte  375.
Auffassung  Carey’s  375.
§  6.  Das  Bevölkerungsgesetz
Carey  376—377.
Charles  Dunoyer  377—379.
Der  Freihandel  378.
Die  immateriellen  Werte  379.

Seite
364

374

376

386

Kapitel  II.
Höhepunkt  und  Niedergang  der  klassischen  Schule.  Stuart  Mill.  380—412
Zustand  des  volkswirtschaftlichen  Unterrichts  in  England  in  der  Zeit
nach  Ricardo  380.
Nassau  Senior  381.
Theorie  der  „Abstinenz“  382.
Erweiterung  des  Begriffs  der  Rente  382.
John  Stuart  Mill  384.
Seine  Person,  seine  Werke  und  sein  Platz  in  der  Geschichte  384—386.
§  1.  Die  Großen  Gesetze
Der  „Homo  oeconomicus“  387.
1.  Das  Gesetz  des  persönlichen  Interesses  387.
Was  ist  der  Individualismus:  Unterschiede  mit  dem  Liberalismus
387—388.
2.  Das  Gesetz  der  freien  Konkurrenz  388.
Das  Manchestertum  390.
3.  Das  Gesetz  der  Bevölkerung  391.
4.  Das  Gesetz  des  Angebotes  und  der  Nachfrage:  Stuart  MilTs  Verbesserungen ­
  392.
5.  Das  Lohngesetz,  Mill’s  Bekehrung  393.
6.  Das  Gesetz  der  Rente  395.
7.  Das  Gesetz  des  internationalen  Austausches  396.
Entwicklung  der  Theorie  der  internationalen  Werte  397—398.
Die  Zugeständnisse  Stuart  Mill’s  an  den  Protektionismus  398—399
§  2.  Das  individualistisch-sozialistische  Programm  Stuart
Mill’s  ‘
Seine  Zugeständnisse  an  den  Sozialismus;  sein  Programm  sozialer
Reform  402—404.
Die  Abschaffung  des  Lohnsystems  durch  die  Produktivgenossenschaft
404—405.

400
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        Analytische  Inhaltsübersicht.

727

Seite
Die  Abschaffung  der  Rente  durch  die  Steuer  405.
Der  kleinbäuerliche  Besitz  407.
Die  Beschränkung  des  Erbrechtes  407.
Der  „stationäre  Zustand“  408—409.
§  3.  Die  Nachfolger  Stuart  Mill’s  410
Oairnes,  Michel  Chevalier,  Courcelle-Seneuil  und  Cherbuliez  410—412

Viertes  Buch.
Die  Abtrünnigen.
Kapitel  I.
Die  historische  Schule  und  der  Streit  der  Methoden.  .  .  .  415—448
Die  „Bleichsucht“  der  Volkswirtschaft  um  1842  416.
Frühere  Versuche,  sie  durch  die  Geschichte  wieder  zu  beleben  417.
Doppelter  Charakter  der  historischen  Schule:  kritisch  und  konstruktiv
417—418.
§  1.  Der  Ursprung  und  die  Entwicklung  der  historischen
Schule  _  418
Wilhelm  Roscher  418.
Bruno  Hildebrand  420.
Karl  Knies  422.
Die  „junge  historische  Schule“  und  Schmoller  423.
Verbreitung  der  historischen  Schule  in  England  425.
Verbreitung  der  historischen  Schule  in  Frankreich  426.
§  2.  Die  kritischen  Ideen  der  historischen  Schule  427;  Untersuchungen ­
  über  die  Methode  der  sozialen  Wissenschaften ­
  von  Karl  Menger  427
a)  Die  Idee  des  Relativismus  der  wirtschaftlichen  Gesetze  428.
Die  Haltung  Stuart  Mill’s  430.
Die  Haltung  Marshall’s  und  Walras’  431.
b)  Die  Kritik  des  Egoismus  als  psychologische  Triebfeder  432.
Die  Haltung  Wagner’s,  Mill’s  und  Marshall’s  433—434.
c)  Die  Kritik  der  Abstraktion  und  der  Deduktion  434.
Neuere  Tendenz  auf  Einigung  bei  Marshall,  Pareto,  Schmoller
und  Bücher  436—437.
§3.  Die  positiven  Ideen  der  historischen  Schule  438
Die  „mechanischen  und  organischen“  Gesichtspunkte  in  der  Nationalökonomie ­
  438.
Die  Geschichte  als  Erklärungsverfahren  440.
Das  Unzureichende  derselben  441.
Angebliche  „historische  Gesetze“  442—443.
Die  Ideen  August  Comte’s  444.
Die  Methode  der  „steigenden  und  fallenden  Reihen“  445.
Schlußfolgerungen  Jevon’s  und  Ashley’s  447—448.
        <pb n="750" />
        728

Analytische  Inhaltsübersicht.

Seite
Kapitel  II.
Der  Staatssozialismus  448—492
Verschiedener  Standpunkt  gegenüber  der  Rolle  des  Staates  bei  Adam
Smith  und  Bastiat  449—450.
Doppelte  Ideenströmungen  im  Anfang  des  Staatssozialismus  451.
§  1.  Die  Kritik  des  laisser-faire  bei  den  Ökonomisten  451
Sismondi,  Hermann,  List  und  Mill  452.
Chevalier  und  Cournot  453—454.
Der  Liberalismus  ein  „Erbwort  praktischer  Weisheit“  455.
§  2.  Die  sozialistischen  Ursprünge  des  Staatssozialismus.  455
A)  Rodbertus  456—474.
Die  sozialen  Funktionen  ein  Ergebnis  der  Arbeitsteilung  459.
Das  soziale  Bedürfnis  461—462.
Rentabilität  und  Produktivität  462—463.
Theorie  der  Verteilung  464—466.
Anteil  des  Kapitals  und  der  Arbeit  am  Erzeugnis  467—469.
Das  Unzureichende  dieser  Theorie  469—471.
Das  notwendige  „Kompromiß“  471—472.
Biologische  Auffassung  der  Gesellschaft  473.
Kritik  Rodbertus’  473—474.
B)  Lassalle  474—479.
Seine  historische  Rolle  475—-476.
Seine  Verhöhnung  der  „Nachtwächteridee“  vom  Staate  478.
§  3.  Der  eigentliche  Staatssozialismus  479
Der  Eisenacher  Kongreß  480.
Die  Idee  der  nationalen  Solidarität  482.
Dupont-White  und  Adolf  Wagner;  Höherschätzung  des  Staates  und
Minderschätzung  des  Individuums  483—485.
Grenzen  ihrer  Aufgaben  485—486.
Anwendungen  auf  die  Güterverteilung  und  Gütererzeugung  486—488.
Historische  Umstände,  die  dem  Staatssozialismus  günstig  sind;  die
Rolle  Bismarcks  488—490.
Anzeichen  eines  Rückschlags  491.

Kapitel  III.
Der  Marxismus  492—529
I.  Karl  Marx.  Lebensbeschreibung  493.
§  1.  Die  Mehrarbeit  und  der  Mehrwert  494
Theorie  des  Arbeitswertes  495.
Die  Arbeitskraft  des  Arbeiters  496—497.

Das  Geheimnis  der  kapitalistischen  Produktion  497.
Der  „Mehrwert“  497.
Die  „Mehrarbeit“  497.
Die  Mittel  des  Kapitalisten,  den  Mehrwert  zu  erhöhen  498—499.
Wie  der  Arbeiter  beraubt  wird,  ohne  bestohlen  zu  werden  499.
        <pb n="751" />
        Analytische  Inhaltsübersicht.

729

Das  variable  und  das  konstante  Kapital  500—501.
Die  Unternehmungen  „höherer  und  niedriger  organischer  Zusammensetzung“ ­
  502—503.
§  2.  Das  Gesetz  der  Konzentration  oder  Expropriation  ....  504
Woher  kommt  der  Name  Kollektivismus  504.
Die  Entwicklung  der  kapitalistischen  Ordnung  504.
Die  Umwandlung  der  unabhängigen  Produzenten  in  Lohnempfänger
505—506.
Die  Selbstzerstörung  der  kapitalistischen  Ordnung  507.
Die  Krisen  508.
Das  Endziel  der  kollektivistischen  Entwicklung  509.
Die  Vergesellschaftung  der  Produktionsmittel  510.
II.  Die  Marxistische  Schule  510.
Die  Schüler  510.
a)  Warum  beansprucht  sie  den  Namen  wissenschaftlicher  Sozialismus? ­
  511.
Ihre  Verwandtschaft  mit  der  Schule  Ricardo’s;  was  sie  der  klassischen
Nationalökonomie  vorwirft  511—613.
b)  Der  historische  Materialismus  513—514;  Bedeutung  dieses  Ausdrucks ­
  515.
c)  Ihr  ausschließlicher  proletarischer  Charakter  515;  der  Klassenkampf ­
  516—517.
d)  Die  These  der  Endkatastrophe  517;  der  Nutzen  des  Elends  518.
III.  Die  Krisis  des  Marxismus  und  der  Neo-Marxismus  518.
§  1.  Der  reformistische  Neo-Marxismus  519
Kritik  der  Theorien  Marx’  519—520.
Kritik  des  Mehrwerts  520—521.
Kritik  des  Gesetzes  der  Konzentration  521.
Bernstein  521.
Die  der  Sozialisierung  des  Eigentums  gezogenen  Grenzen  522.
Abschwächung  der  These  vom  Klassenkampf  524.
Abschwächung  der  These  von  der  Endkatastrophe  525.
§  2.  Der  syndikalistische  Neo-Marxismus  525
Verwandtschaftsbeziehungen  zwischen  dem  Marxismus  und  dem  Syndikalismus ­
  526.
Erziehlicher  Einfluß  der  Gewerkschaft  526.
Die  Selbsthilfe  627.
Der  „Mythus“  vom  Generalstreik  528.

Kapitel  IV.
Die  auf  dem  Christentum  beruhenden  Lehren.  .  .  .  529—562
Ursachen,  die  das  Entstehen  dieser  Schulen  bestimmt  haben  530.
Ihre  Mannigfaltigkeit  und  ihr  gemeinsamer  Charakter  530.
Ihr  Antagonismus  zum  Liberalismus  630.
Ihr  Unterschied  vom  Sozialismus  531.
Die  Bedeutung  des  Einflusses,  den  sie  ausgeübt  haben  532.
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        Analytische  Inhaltsübersicht.

Die  Schule  Le  Play’s
Die  falschen  Dogmen  von  1789  534.
Die  patriarchalische  Familie,  die  Wahl-Erbfolgefamilie,  die  unbeständige
Familie  534—536.
Wohlfahrtseinrichtungen  der  Unternehmer  537—538.
Die  monographische  Methode  539—540.
Illusionen  dieser  Methode  539.
Unterschiede  gegenüber  der  deutschen  historischen  Schule  540.
Spaltung  in  der  Schule  Le  Play’s  541.
Die  Schule  der  „Science  Sociale“  541.
§  2.  Der  soziale  Katholizismus
Die  Vorläufer  dieser  Schule  542—543.
Die  der  Korporation  beigelegte  Bedeutung  544.
Übertragung  von  Verwaltungsbefugnissen  an  die  Berufsverbände  545:
Notwendigkeit  der  Hierarchie  547.
Bolle  des  Staates  548.
Der  linke  Flügel  der  katholischen  Schule  649.
Der  Sillon  549.
Der  rechte  Flügel  der  katholischen  Schule  549.
§  3.  Der  soziale  Protestantismus
Die  soziale  Färbung  des  Protestantismus  550.
Die  Christlich-Sozialen  von  1850  (Christian  Socialists)  551.
Das  Vertrauen  in  die  Produktivgenossenschaft  552.
Die  Entwicklung  des  christlichen  Sozialismus  in  England  553.
Die  Entwicklung  des  christlichen  Sozialismus  in  den  Vereinigten
Staaten  554.
Die  Entwicklung  des  christlichen  Sozialismus  in  Deutschland  564.
Die  Entwicklung  des  christlichen  Sozialismus  in  Frankreich  555.
Die  protestantischen  Gesellschaften  zum  Studium  sozialer  Fragen  556.
Individualistischer  Charakter  des  sozialen  Protestantismus  567.
§  4.  Die  Mystiker
Die  christlich-soziale  Literatur  558.
Die  Anathemata  Carlyle’s  559.
Das  sozial-ethische  Programm  Ruskin’s  560.
Die  Verpflichtung  zur  Handarbeit  und  ihre  Verherrlichung  560.
Die  „wirtschaftliche  Ritterlichkeit“  561.
Die  Kunst  fürs  Volk;  die  „Gartenstädte“  561.
Das  kommunistische  Programm  Tolstoi’s  562.

Seite
533

542

550

558

Fünftes  Buch.
Die  Lehren  der  neuesten  Zeit.
Die  vier  großen  Hauptströmungen  der  Gegenwart  563.
Umformung  der  klassischen  Doktrinen  563.
Umformung  der  sozialistischen  Doktrinen  564.
Renaissance  des  Individualismus  564.
        <pb n="753" />
        Analytische  Inhaltsübersicht.

731

Kapitel  I.
Die  Hedonisten.

Seite
565—596

|  1.  Die  Pseudo-Renaissance  der  klassischen  Schule  565
Auferstehung  des  „homo  oeconomieus“  566.
Kritik  der  großen  klassischen  Doktrinen  567.
Kritik  des  Gesetzes  des  Angebots  und  der  Nachfrage  567.
Kritik  des  Gesetzes  der  Produktionskosten  568.
Kritik  des  Gesetzes  der  Verteilung  568—569.
§  2.  Die  psychologische  Schule  .  570
Woher  der  Name  „österreichische  Schule“?  570.
Prinzip  des  „Grenznutzens“  571.
Wie  es  die  Probleme  des  Wertes  und  des  Tausches  löst  571.
Das  „Grenz-Paar“  573  Anm.
Das  Gesetz  des  Einheitspreises  oder  das  Gesetz  der  „Indifferenz“  574.
Das  Gesetz  der  „Substitution“  574.
Das  Gesetz  der  Verteilung  der  Ausgaben  575.
Die  „Rente  des  Verbrauchers“  576.
Das  Gesetz  „des  Grenzlohnes“  577.
§  3.  Die  mathematische  Schule  57g
Geschichtliches  über  diese  Schule  678.
Wie  sie  jede  wirtschaftliche  Handlung  auf  den  Tausch  zurückführt  579.
Abschaffung  des  Wortes  „Wert“  580.
Die  Kunst,  Alles  in  Gleichungen  auszudrücken  581.
Die  Kurven  des  Angebots  und  der  Nachfrage  582.
Der  Gleichgewichtszustand  583.
Das  System  des  allgemeinen  wirtschaftlichen  Gleichgewichtszustandes
von  Walras  583.
Die  drei  Märkte  und  die  Gesetze,  die  sie  regieren  585.
Der  Mechanismus  des  Tausches  586.
Das  „Gesetz  der  bestimmten  Verhältnisse“  586.
Die  „Komplementär-Güter“  587.
§  4.  Die  Kritik  der  hedonistischen  Doktrinen  587
Ihr  geringer  Erfolg  in  Frankreich  588.
Ob  es  wahr  ist,  daß  Wünsche  nicht  in  Gleichungen  ausgedrückt
werden  können?  689.
Ob  es  wahr  ist,  daß  die  Hedonisten  nur  den  wiedererstandenen  Optimismus ­
  verkörpern?  590.
Die  Erklärung  der  Zinsen  von  v.  Böhm-Bawerk  591.
Der  Agrar-Sozialismus  von  Walras  593.
Ausschluß  jeder  ethischen  Rücksicht  593.
Ob  es  wahr  ist,  daß  die  Hedonisten  nichts  Neues  entdeckt  haben  ?  594.
Haben  sie  ihrer  Methode  nicht  zu  viel  zugemutet?  594—595.

Kapitel  II.
Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  .  .  596—641

§  1.  Die  theoretische  Ausweitung  des  Rentenbegriffes
Die  städtische  Bodenrente  im  19.  Jahrhundert  597.

597
        <pb n="754" />
        Analytische  Inhaltsübersicht.

Seite
a)  Die  Ausweitung  des  Rentenbegriffes  auf  andere  Arten  von  Reiehtümern
  als  der  Boden  598.
Die  Theorie  des  Profites  von  Francis  Walker  601.
Unterschiede  zwischen  den  Theorien  vori  Walras  und  Clark  603.
b)  Begriff  der  Rente  als  „Differentialeinkommen“  oder  als  „Seltenheitsprämie“ ­
  604.
Erfolg  dieser  letzten  Auffassung  bei  den  kontinentalen  Volkswirtschaftlern.' ­
  Hermann,  Mangoldt,  Schäffle,  Menger,  Pareto  607—609.
„Negative“  Rente  610.
Der  Begriff  des  „unearned  increment“  und  die  Wegsteuerung ­
  der  Rente  611
Ältere  Kritiken  des  Grundeigentums  611—612.
Die  Theorie  Ricardo’s  gibt  ihnen  neue  Kraft  613.
Vorschläge  James  Mill’s  und  John  Stuart  Mill’s  614.
Die  Theorie  Henry  George’s  616.  t
Kritiken  der  Theorien  George’s  und  Mill’s  619.
Anwendungsversuche  622.
Systeme  der  Nationalisierung  des  Bodens  623
Ihr  utopistischer  Charakter  624.
Der  Vorschlag  Gossen’s  625.
Der  Vorschlag  von  Walras  626.
Der  Vorschlag  von  Wallace  630.
Der  Vorschlag  Loria’s,  „Der  freie  Boden“  631  Anm.
Sozialistische  Ausweitungen  des  Rentenbegriffes  632
Die  „Fabian  Society“  633.
Versuch  Webb ? s,  den  Kapitalzins  auf  den  Gedanken  der  Rente  zurückzuführen
  635.
Widerstand  der  „Fabier“  gegen  den  Marxismus  637.
„Spezifisch  englischer  Sozialismus“  640.

Kapitel  III.
Die  Solidaristen  641—670
Die  Ursachen  der  Entwicklung  des  Solidarismus  641

Etymologie  des  Wortes  Solidarität  641  Anm.
Vorgeschichte  der  solidaristischen  Doktrin  642.
Einfluß  der  Mikrobiologie  643.
Einfluß  der  Sozialbiologie  643.
Einfluß  wirtschaftlicher  Faktoren  645.
Einfluß  politischer  Faktoren  645—647.
Die  solidaristischen  Thesen  647
Die  Theorie  des  Quasi-Kontraktes  von  L6on  Bourgeois  648.
Die  soziale  Schuld  649.
Wer  soll  sie  bezahlen?  650.
Wem  soll  gezahlt  werden?  651.
Wie  soll  gezahlt  werden?  651.
Die  Mutualisation  der  Risiken  652  Anm.
Fiktion  des  Quasi-Kontraktes  überflüssig  653.
Praktische  Schlußfolgerungen  aus  dieser  Theorie  653.
        <pb n="755" />
        Analytische  Inhaltsübersicht.

733

Die  Theorie  der  Arbeitsteilung  Durkheim’s  654.
Die  Solidarität  ist  das  Streben  nach  Einheit  655.
§  3.  Die  praktische  Anwendung  der  solidaristischen  Lehren  656
Die  Gesetze  über  obligatorische  Unterstützung  656.
Die  fiskalischen  Gesetze:  Progressivsteuer  657.
Die  Solidarität  durch  die  freie  Assoziation  657.
Die  Syndikalisten  658.
Die  Mutualisten  658.
Die  Konsumgenossenschaften  659.
Das  Programm  der  „Schule  von  Nimes“  660—661  Anm.
Das  soziale  Eigentum  661.
Der  Rechtstozialismus  661.
§  4.  Die  Kritik  des  Solidarismus  662
Die  Kritik  der  liberalen  Schule  663.
Die  Kritik  der  Moralisten  665.
Die  Kritik  der  Sozialisten  666.
Entgegnung  auf  diese  Kritiken  666.
Die  durch  die  Tatsache  der  Solidarität  dem  Moralgesetz  geleisteten
Dienste  667.
Die  Tauschordnung  zur  Verwirklichung  der  Solidarität  unzureichend
669.

Kapitel  VI.
Die  Anarchisten  670—712
Doppelter  Ursprung  der  Lehre:  liberal  und  sozialistisch  670.
§  1.  Der  philosophische  Anarchismus  Stirner’s  und  die  Anbetung ­
  des  ICH  672
Das  Milieu  seiner  Entwicklung  672.
Das  Ich,  die  einzige  Wirklichkeit  673.
§  2.  Der  politische  und  soziale  Anarchismus  und  die  Kritik
der  Autorität  675

Leben  Bakunin’s  675.
Leben  Kropotkin’s  677.
Die  Übertreibung  des  Ich-Begriffs  und  die  Idee  der  „Menschheit“  679.
Kritik  des  Staates  680.
Kritik  des  Eigentums  683.
Kritik  der  unwiderruflichen  Gelübde  684.
Die  einzige  Autorität:  Vernunft  und  Wissenschaft  685.
§  3.  Die  gegenseitige  Hilfe  und  die  anarchistische  Auffassung
von  der  Gesellschaft  686
Der  Mensch  ein  Gesellschaftstier  687.
Den  Liberalen  entlehnte  Unterscheidung  zwischen  der  Gesellschaft
und  der  Regierung  688.
Die  Anarchie,  eine  freie  Vereinigung  von  Individuen  und  Genossenschaften ­
  690.
Erwiderungen  auf  Einwürfe  691.
Das  Wachstum  der  Produktion  693.
        <pb n="756" />
        734  Analytische  Inhaltsübersicht.

Seite

§  4.  Die  Revolution  .  694

Ihre  Notwendigkeit  695.
Muß  sich  mehr  gegen  Machtpositionen  als  gegen  Menschen  richten  696.
Bakunin  und  Netschajeff  697.
Einfluß  und  Verbreitung  der  anarchistischen  Ideen  698.
Beziehung  des  Anarchismus  zum  Syndikalismus  699—700.
j  5.  Die  bolschewistische  Lehre  700
Bedeutung  des  Wortes  Bolschewismus  700.
Die  wesentlichen  Elemente  der  Lehre  701.
Zusammenfassung  der  wirtschaftlichen  Theorie  des  Bolschewismus  709.
Das  bleibende  Ergebnis  des  Leninschen  Kommunismus  711.
Kritik  der  Doktrin  Lenin  712.

Schlußwort  713—718
Wie  die  Verschiedenheiten  der  Schulen  sich  in  einer  höheren  Einheit
auszugleichen  streben  713.
Wie  die  volkswirtschaftliche  Wissenschaft  sich  in  Sonderwissenschaften ­
  zu  teilen  bestrebt  ist  715.
Warum  die  Verschiedenheiten  in  der  Volkswirtschaft  bestehen  bleiben
werden  716.
Wie  sich  aus  der  Geschichte  der  Doktrinen  die  Lehre  ergibt,  den
Dogmatismus  zu  meiden  717.
        <pb n="757" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.
Die  Zahlen  verweisen  auf  die  Seiten,  auf  denen  die  betreffenden  Schriftsteller
erwähnt  sind;  die  fett  gedruckten  Zahlen  geben  die  Seiten  an,  auf  denen  die  Gesamtheit ­
  der  Lehren  der  betreffenden  Schriftsteller  ausgeföhrt  ist.  Die  mit  einem  *  versehenen ­
  Zahlen  verweisen  auf  die  Anmerkung  der  betreffenden  Seite.

Adamson  578*.
Adler  (Georg)  XIV;  671*.
Aftalion  201*.
Alembert  (d’)  VIII*.
Allix  127*;  225*.
Anderson  161*.
Andler  294*;  348*;  457,  478*;  493*;  662*.
Antoine  (Pater)  546*.
Antonelli  271*;  701*.
Argenson  (Marquis  d’)  12*.
Aristoteles  193.
„Chrematistisch“  193.
Definition  der  Wissenschaft  441.
Definition  des  Wertes  495*.
Solidarismus  644*.
Arkwright  72.
Ashley  VI;  385*.
seine  Meinung  über  die  historische
Schule  423*.
über  die  wirtschaftlichen  Theorien  425;
429*.
kritisiert  die  historische  Schule  447.
Auburtin  533*.
Aucuy  343*.
Aulard  218*.
Aupetit  595*;  579*;  688*.
verwirft  das  Wort  „Wert“  580*.
Auspitz  678*.
Avenel  (Vicomte  d’)  597.
Babbage  74.
Babeuf  (Gracchus)  218;  479*.
Baden  (Markgraf  Karl  Friedrich  von)  4*;
49.

Bakunin  504*;  671;  675—700.
Bardoux  (Jacques)  558*.
Barone  578*.
Barres  (Maurice)  276*.
Bastable  300*.
Bastiat  357—377;  V;  X;  413.
Verwandtschaft  mit  den  Physiokraten
sein  Optimismus  von  dem  Smith’s  ver-__
  schieden  100.
Ähnlichkeiten  mit  Say  127.
—  mit  den  Saint-Simonisten  242*.
Streit  mit  Proudhon  über  die  Zinsen
362*.
Ähnlichkeiten  mit  Ricardo  397*.
—  mit  Stuart  Mill  399.
seine  Auffassung  der  Regierung  449  bis
450.
Gegensatz  zu  Rodbertus  über  die  Frage
der  proportionalen  Anteile  467;  469.
Rolle  des  Staates  481*.
Schiffbruch  seiner  Rententheorie  597;
598.
Vorläufer  des  Solidarismus  642;  663.
Verwandtschaft  mit  Yves  Guyot  663*.
mit  Stirner  verglichen  673.
mit  den  Anarchisten  verglichen  681.
liefert  den  Anarchisten  die  Unterscheidung ­
  zwischen  Regierung  und  Gesellschaft ­
  688*.
Baudeau  3*.
seine  Definition  der  Physiokraten  3*.
seine  Werke  4*.
        <pb n="758" />
        736

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

Meinung  über  das  „Tableau  6conomique“
  21*.
über  das  Grundeigentum  24.
über  die  Regierung  Chinas  41*.
über  den  Unterricht  42.
über  den  Patriotismus  42*.
über  die  Steuern  43*;  44.
über  die  gleichen  Interessen  zwischen
Herrscher  und  Volk  46.
Bauer  (Bruno)  672.
Bauer  (Stephan)  21*.
Bazard  219*.
kennt  Fourier  nicht  219*.
Verf.  der  „Doctrine  Saint-Simonienne“;
vgl.  Saint-Simoniens  230—232.
Bebel  480.
Benoit-Levy  (Georges)  272*.
Bentham  105*.
Meinung  über  die  Zinsen  105*.
von  den  Fabiern  kritisiert  640.
Berens  (Eduard)  698*.
Bergson  (Henri)  443*;  515*;  525*.
Bernstein  521—525;  705*.
Kritik  der  marxistischen  Thesen  621ff.
trägt  zur  Krisis  des  Marxismus  bei  519.
Beurteilung  Böhm-Bawerk’s  520*.
Meinung  über  die  Marx’sche  Werttheorie
521*.
Berth  526*.
Meinung  über  die  Anarchisten  675*.
über  den  Staat  699*.
BerthMemy  622*.
Bismarck  456;  479;  488.
Blanc  (Louis)  277—286.
seine  Organisation  der  Arbeit  277.
von  Sismondi  inspiriert  215.
die  Saint-Simonisten  sind  ihm  vorausgeeilt ­
  246.
Meinung  Proudhon’s  über  ihn  320*.
seine  Rolle  während  der  Revolution
von  1848  326—331.
Vorläufer  des  Staatssozialismus  456.
Lassalle  entlehnt  ihm  sein  Projekt  der
Arbeiterassoziationen  477.
Blanqui  (Adolphe)  215*,  319.
Block  (Maurice)  411.
Böhm-Bawerk  (von)  79*.
Meinung  über  Adam  Smith  86*.
über  Bastiat  und  Carey  357.
seine  Ideen  von  gewissen  Sozialisten
angenommen  520.
Urteil  über  die  Klassiker  567*.

;  Kritik  an  ihnen  569.
seine  Meinung  über  den  Grenznutzen
570*;  571*.
seine  Definition  des  Grenznutzens  575*.
seine  Zinsentheorie  691—592;  680.
Bedeutung,  die  er  den  hedonistischen
Theorien  beilegt  594.
verschieden  von  den  Fabiern  636.
Bois  (Charles)  648*.
Boisguillebert  33*;  37*;  60.
Bonar  (James)  58*;  131.
Bondareff  562*.
Bonnard  (Bank)  343*.
Booth  (Charles)  425.
Bortkiewicz,  L.  v.  578*.
Bossuet  529.
BouglS  315*;  648*.
Bourgeois  (Leon)  647—653;  657*;  658*.
Theorie  des  Quasi-Kontrakts  649.
Abschätzung  der  sozialen  Schuld  653.
Bourgin  (Hubert)  103*;  219*;  266*;  287*.
Bourgin  (Maurice)  250*;  347*;  494*;  660*.
Bouvier  589*.
Boyve  (de)  556*.
Brandes  (Georg)  475*.
Brants,  VI.
Braun  (Karl)  403.
Bray  342.
Brentano  (Lujo)  424;  427*.
Bresciani-Turoni  309*.
Briand  (Aristide)  271*.
Bright  (John)  400.
Brissot  de  Warville  218*;  316*.
Brodnitz  488*.
Brook-Farm  276*.
Bruhnes  (Frau)  558*.
Brunetiüre  (Ferdinand)  531*.
Buccleugh  (Herzog  von)  57*.
Buchanan  58*;  155.
Bücher  (Lothar)  456.
Bücher  (Karl)  273*.
leitet  die  Arbeit  vom  Spiel  ab  273*.
seine  Meinung  über  die  Aufeinanderfolge
der  wirtschaftlichen  Perioden  293*.
über  die  Methode  424;  437.
Buchez  279.
nachgeahmt  von  Louis  Blanc  279.
Vorläufer  der  Arbeiter-Assoziationen
331.
des  katholischen  Sozialismus  542.
den  Christlich-Sozialen  unbekannt  552.
Buffon  131;  571*.
        <pb n="759" />
        Ruisson  (Ferdinand)  657*.
Buonarotti  277.
Bureau  (Paul)  149;  539*;  542*;  666*.
Buret  215.
Cabet  285;  253;  266;  320*.
von  Proudhon  kritisiert  321.
Cairnes  410.
seine  Meinung  über  die  Methode  425.
Calvin  550*.
Campanella  218*;  266.
Cannan  (Edwin)  58*;  470*.
Herausgeber  von  Adam  Smith  58*.
Meinung  über  die  drei  Faktoren  63*.
über  die  Arbeitsteilung  Smith's  67*.
über  die  Theorie  vom  Kapital  bei  Smith
79*.
über  die  Theorie  der  Beraubung  bei
Smith  87*.
Enclosures  und  Getreidepreis  168*.
Cantilion  (Richard)  52.
Carey  367—369.
seine  Grundrententheorie  367.
beruft  sich  auf  die  Physiokraten  32.
im  voraus  Von  J.-B.  Say  widerlegt  124.
seine  Theorie  über  den  Schutzzoll
305—308.
Beziehungen  zu  Bastiat  355.
seine  Werttheorie  367.
seine  Theorie  über  die  Assoziation  und
die  Bevölkerung  375.
Gegensatz  zu  Rodbertus  in  der  Frage
der  proportioneilen  Verteilung  467.
Fehlschlag  seiner  Kritik  Ricardo’s  597
bis  598.
Carey  (Matthew)  301.
Carlyle  559;  —  128;  214.
Carnot  (Hippolyte)  230;  232*.
Carnot  (Sadi)  401*.
Carrel  (Armand)  230.
Carver  570*.
Cauwös  308*.
Cazamian  658*.
Channing  276*;  551*.
Chaptal  121;  300*;  304*.
Charlety  245*.
Charmont  662*.
Chatelain  56*;  403*;  470*.
Cherbuliez  411;  592*.
Chevalier  (Michel)  411.
seine  Beziehungen  zu  den  Saint-Simonisten
  230;  231.
Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!

Vertrag  von  1860

Unterhändler  bei  dem  Vertrag  von  1860
245.
von  List  beurteilt  313*.
seine  Ideen  über  die  Rolle  des  Staates
453.
Vorläufer  des  Staatssozialismus  487.
Child  60.
Clark  (J.  B.)  570*.
Grenznutzen  570*.
erneuert  die  Theorie  der  Verteilung  576.
seine  optimistischen  Neigungen  594*.
Gegensatz  zu  Walras  und  Walker  603.
seine  Theorie  der  Verteilung  610*.
von  Henry  George  beeinflußt  616*.
Claviöres  116.
Cliffe  Leslie  214;  425.
Cobden  356*.
seine  Liga  von  Bastiat  nachgeahmt  356*.
sein  Lohngesetz  394.
der  Freihandel  400.
Unterhändler  beim
411.
Colbert  302.
Colins  (Baron)  168.
Colinsiens  510.
Colson  470*;  588*.
Einkommenverteilung  372*.
Comte  (Auguste)  444—446.
seine  Auffassung  der  Volkswirtschaft
444.
seine  Auffassung  des  Despotismus  40*.
Beziehungen  zu  den  Saint-Simonisten
219*;  222;  230.
Theorie  der  drei  Stände,  Saint-SJmon
entlehnt  241.
seine  Kritik  des  Liberalismus  359.
Gegensatz  zu  Bastiat  359.
die  „soziale  Funktion“-  363.
Einfluß  auf  Stuart  Mill  384;  402.
von  Stuart  Mül  kritisiert  410*.
stellt  die  Statik  der  Dynamik  gegenüber ­
  494.
Christentum  532*.
Vorläufer  des  Solidarismus  642.
mißtraut  dem  Organizismus  644*.
Idee  von  der  solidarischen  Verantwortlichkeit ­
  649;  655*.
Comte  (Charles)  225.
Condillac  53—56.
hält  die  Bekanntschaft  mit  den  falschen
Doktrinen  für  nützlich  VIII.
kritisiert  die  Physiokraten  53.
Lehrmeinungen.  2.  Auf!  47
        <pb n="760" />
        738

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

von  A.  Smith  nicht  gekannt  und  übertroffen ­
  82.
inspiriert  Say  118.
von  Say  falsch  verstanden  118*.
hilft  Say,  Smith  zu  korrigieren  127.
seine  Gedanken  von  den  Hedonisten
wieder  aufgenommen  571*.
Condorcet  132;  243.
Consid6rant  (Victor)  276.
von  Proudhon  kritisiert  320*.
verteidigt  das  Recht  auf  Arbeit  325.
in  die  Kommission  des  Luxemburg  berufen ­
  329.
Vorläufer  des  Solidarismus  654.
Cooper  (William)  264.
Coquelin  (und  Guillaumin)  325;  670.
Cossa  (Luigi)  VI;  XIV;  401;  411.
Courcelle-Seneuil  343*;  344*;  411;  592*.
-Cournot  V.
glaubt  nicht  an  den  Einfluß  der  Volkswirtschaftler ­
  auf  den  Gang  der  Ereignisse ­
  VI.
bekämpft  den  Freihandel  287*.
kritisiert  das  Gesetz  von  Angebot  und
Nachfrage  393*.
kritisiert  den  Optimismus  453;  454.
sieht  im  Liberalismus  ein  „Erbwort
praktischer  Weisheit“  455.
unterstützt  den  Staatssozialismus  462*;
487.
die  Nachfrage  eine  Preisfunktion  568.
gebraucht  algebraische  Formeln  578*;
581*.
das  Gesetz  des  Absatzes  581*.
Coux  (de)  530*.
Croce  (Benedetto)  520*.
Cromwell  (Acts  of  navigation,  Schifffahrtsakte) ­
  110*.
Cunningham  425.
Curmont  15*.
Damaschke  (Adolf)  XIV.
Darimon  333*;  343*.
Darwin  131;  358;  677.
Dechesne  545*.
Deherme  641*.
Demolins  541;  664*.
Denis  (Hector)  VI.
Meinung  über  die  Physiokraten  2*;  21*.
Schaubilder  zur  Erklärung  der  physiokratischen
  Theorie  9*;  21*.

seine  Auslegung  des  „Überwertes“  Sismondi’s
  201*.
Kritik  des  Tauschlagers  Owen’s  262*.
bringt  A.  Comte  mit  der  historischen
Schule  in  Verbindung  444.
Descartes  685.
Desehamps  V*;  VI*.
Diderot  8.
Diehl  (K.)  344*.
Dobbert  (F.)  613*.
Dolleans  (Ed.)  256*;  258*;  264.
Dollfus  537.
Doubleday  149*.
Dove  (Patrik  Edward)  612.
Dragomanoff  675*.
Drome  (M.  de  la)  328.
Droz  215.
Drysdale  145.
Dubois  VI.
Duguit  662*.
Dühring  (E.)  XIII;  126;  227*;  312*;  462*.
Dumas  220*.
Dumont  (Arsene)  148.
Dumoulin  550*.
Dunoyer  355;  377—379.
Beziehungen  zu  Saint-Simon  225.
empfiehlt  die  Konkurrenz  352*.
Gegner  der  Assoziation  353*.
gehört  zur  „hartherzigen“  Schule  363*.
internationaler  Austausch  396.
von  Prince-Smith  nachgeahmt  481;  482.
Unterschiede  von  und  Ähnlichkeiten  mit
den  Anarchisten  670.
Dupin  (Baron)  300*.
Dupont  de  Nemours  2;  4*.
seine  Werke  4*.
seine  Definition  der  Physiokratie  6.
seine  Auffassung  der  sozialen  Gesetze  7*;
8*;  9;  10.
seine  Meinung  über  den  Despotismus  39*.
über  die  Grundbesitzer  44*;  45*.
Definition  der  natürlichen  Gesetze  386*.
Dupont-White  483—487.
über  die  historische  Methode  241.
Mitglied  der  Kommission  des  Luxemburg ­
  329.
betrachtet  hauptsächlich  den  modernen
demokratischen  Staat  449*.
unter  dem  zweiten  Kaiserreich  wenig
beachtet  450.
Vorläufer  des  Staatssozialismus  487.
Dupuit  570*;  581*.
        <pb n="761" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

739

Durand  661*.
Dürkheim  67,  426*.
solidaritd  654—655.
Duvergcr  231.
Eden  (Vertrag)  114;  400.
Edgeworth  (Frl.)  129*.
Edgeworth  (F.Y.)  578*;  586*;  622*.
Effertz  (Otto)  462*.
Eheberg  (von)  288*.
Eichthal  (Gustave  d’)  409*.
Einaudi  (Luigi)  597*;  620*.
Eisenach  (Kongreß  zu)  480.
Beurteilung  von  seiten  Rodbertus !  459.
Eisenhart  (H.)  XIII.
Eltzbacher  677*;  682*.
Ely  (Richard)  382*.
Encyclopädisten  57*.
Enfantin  219*.
Beziehungen  zu  Fourier  219*.
gründet  „Le  Producteur“  230.
wandelt  den  Saint-Simonismus  zu  einer
Religion  230.
Entwicklung  seiner  Ideen  232*.
seine  Profit-  und  Lohntheorie  235*.
Bedeutung,  die  er  den  Banken  beilegt
238*.
seine  praktische  Tätigkeit  245.
seine  Definition  des  Kredits  246*.
seine  Auffassung  des  Allgemein-Interesses
  249.
projektiert  den  Kanal  von  Suez  411.
Engels  (Friedrich)  226*;  705.
„Tod“  des  Staates  226*.
seine  Beurteilung  Saint-Simon’s  227;
247.
Freund  und  Herausgeber  V.  Marx  494*.
kündigt  die  Abschaffung  des  Privateigentums ­
  an  509*.
verkehrt  mit  den  „Freien“  672.
Escarra  612*;  630*.
Esmein  38*;  39*.
Espinas  VI*.
Fabier  (Gesellschaft)  630-641;  241;  510*.
Faguet  272*.
Fallot  (Tomy)  556*;  557.
Faucher  (Julius)  672.
Ferrara  (Francesco)  361*.
Ferrier  301*.
Festy  (Octave)  280*.
Fetter  570*.

Feuerbach  672;  680*.
Fichte  478*.
Fisher  (Irving)  79*  r  92*;  570*;  578*;
592*;  636.
Fix  (Theodore)  215.
Fleurant  648*.
Fontenay  (Roger  de)  158*.
Bodenrente  367*.
Fouille  (Alfred)  613;  655*;  661.
Fourier  265—271.
seine  Meinung  über  die  Bevölkerung
149*.
von  Sismondi  bekämpft  211.
Einfluß  auf  Enfantin  219*.
Beziehungen  zu  Owen  254.
Meinung  über  die  Freiheit  des  Tausches
287*.
von  Proudhon  kritisiert  320*;  321*.
Anhänger  des  Rechtes  auf  Arbeit  325.
will  sich  auf  die  regierenden  Klassen
stützen  516.
eilt  dem  Solidarismus  voraus  642;  654.
von  den  Anarchisten  als  einer  der  ihren
beansprucht  670.
eilt  den  Anarchisten  durch  das  „Phalanstüre“
  voraus  692*.
Fourniere  510*;  515*.
Foville  (A.  de)  169*.
Foxwell  265*;  342*.
Franklin  356*.
Frezouls  (Paul)  598*;  606*.
Fridrichowitz  (Eugen)  XIV.
Fröbcl  274.

Galiani  (Abbe)  35;  52;  53.
Gargon  50*.
Garnier  (Joseph)  319;  416.
Garnier  (Baron  Germain)  416*.
Übersetzer  Smith’s  112,  115.
seine  Meinung  über  die  Physiokraten
117.
seine  Meinung  über  die  immateriellen
Erzeugnisse  118.
über  die  Überproduktion  125.
George  (Henry)  615—620;  V.
widmet  den  Physiokraten  eins  seiner
Bücher  50*.
die  Saint-Simonisten  sind  ihm  vorausgeeilt ­
  153;  168;  247.
Marx  an  Bedeutung  nachstehend  510*.
von  den  englischen  Christlich-Sozialen
verbreitet  553.

47*
        <pb n="762" />
        740

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

proklamiert  das  Recht  auf  den  gemeinschaftlichen ­
  Besitz  des  Bodens  613.
Ähnlichkeiten  und  Unterschiede  mit
Walras  626—627.
Anhänger  des  „freien  Bodens“  631*.
Görvinus  420*.
Gibbon  113.
Gide  (Charles)  265*.
Fourier  266*.
Kritik  Bastiats  363*;  372*.
„desirabilite  571*.
Rückkauf  des  Bodens  629*.
Solidarismus  647*.
Godin  (Andre)  276.
Godwin  131.
über  Malthus  141.
Meinung  über  die  Bevölkerung  Frankreichs ­
  148*.
Unterschied  von  dem  Saint-Simonismus
218*.
Vorfahr  der  Anarchisten  671.
Göhre  (Paul)  555.
Goethe  XIII;  440.
Gossen  625—627.
seine  Beurteilung  durch  Bernstein  520*.
Geschichte  seines  Buches  578*;  625*.
Theorie  der  Nationalisierung  des  Bodens
625—626.
Gounelle  554*;  556*;  557.
Gournay  (Vincent  de)  5*;  12*.
Gouth  656.
Grave  (Jean)  671;  675*.
Schüler  Kropotkin’s  678.
übertriebene  Schätzung  des  Individuums
679.
Ansicht  über  die  Ursachen  der  Verbrechen ­
  682*.
über  das  Unverbrüchliche  der  Verträge
684.
„weder  Gott,  noch  Herr“  686.
Unterschied  gegenüber  Kropotkin  über
die  respektive  Rolle  des  Individuums
und  der  Gesellschaft  688*.
glaubt  an  die  selbsttätige  Harmonie
der  Interessen  691*.
Meinung  über  die  Nichtstuer  692.
Meinung  über  die  Werttheorie  694.
Grün  (Karl)  323*;  350*.
Guesde  (Jules)  497*;  510*.
Guillaume  (James)  504*;  675*;  687*.
Guillaumin  (vgl.  Coquelin)  320;  670*
Guise  (Familistüre  de)  276.

Gustav  III.  5.
Guy  Grand  515*;  528*.
Guyau  653*.
Guyot  (Yves)  374*;  390*;  663*.
Halevy  (filie)  129*;  225*;  249*.
Hall  633.
Hamilton  300.
Iiargreaves  72.
Harmel  (Ldon)  546*.
Harmony'(New-)  255*;  261*.
Harvey  20.
Hasbach  76.
Hawthorne  276*.
Heeren  420*.
Hegel  478*;  676;  677.
Held  424.
Hermann  452;  599*;  602;  608  u.  *.
Herron  554*.
Higgs  5*.
Hildebrand  (Bruno)  420—422.
Sismondi  ist  ihm  vorausgeeilt  214.
seine  Theorie  der  wirtschaftlichen
Perioden  293*.
Ansicht  über  List  417*.
von  Max  Weber  kritisiert  418*.
Analogien  mit  Comte  444;  446.
Hirst  (Margaret  E.)  298*;  300*.
Hitze  (Abbe)  543  u.  *.
Hobbes  686.
Holyoake  264*.
Howarth  (Charles)  264.
Huet  (Francois)  542;  613.
Hughes  551.
Hume  59.
seine  Freundschaft  mit  Adam  Smith  57*.
seine  Meinung  über  die  Handelsbilanz  60.
seine  Meinung  über  die  Rente  71*;  162*.
die  quantitative  Geldtheorie  92*;  180.
über  den  „Völkerreichtum“  113;
115.
Beziehungen  zu  Malthus !  Vater  130*.
von  Smith  gelobt  296*.
Iluskisson  287;  289.
Ilutcheson  59.
Hyndman  633*.

Ibsen  559.
Ikaria  266;  285.
Ingersoll  (Charles)  300*.
Ingram  VI;  423*;  444.
        <pb n="763" />
        Internationale  (Internationale  Arbeiterassoziation) ­
  348;  677.
Janet  (Paul)  275.
Jannet  (Claudio)  537*;  647*.
Jaures  515*.
Jenks  ,307*.
Jevons  (Stanley)  127.
Meinung  über  die  französische  Schule
127*.
Meinung  über  die  historische  Methode
416;  447.
definiert  die  Aufgabe  der  Volkswirtschaft ­
  566*.
der  „Grad  des  Grenznutzens“  570*;  586.
das  „Gesetz  der  Indifferenz“  574*.
rehabilitiert  Cournot  578*.
sein  Buch  578*.
schlägt  vor,  das  Wort  „Wert“  nicht
mehr  anzuwenden  580*.
Produktionsvorgäng  586—587.
ist  Interventionist  592.
mit  Gossen  -verglichen  626*.
Joseph  II.  5.
Katharina  II.  5;  38.
Kautsky  301*;  526*.
Kautz  (Julius)  XIII.
Ketteier  (Bischof  von)  543.
Kidd  (B.)  531*.
King  (Gregory)  60.
Kingsley  (Charles)  551;  552*.
Knies  421—433.
seine  ungerechte  Kritik  Smith’s  97*.
reiht  Sismondi  unter  die  Sozialisten
ein  214*;  417*.
von  Max  Weber  kritisiert  418*.
seine  Meinung  über  Roscher  419*.
seine  Theorie  des  Relativismus  428—430;
kritisiert  den  Mißbrauch  des  egoistischen
Beweggrundes  433.
seine  Auffassung  der  historischen  Gesetze ­
  443.
Analogie  mit  A.  Comte  444;  446.
Köhler  (Kurt)  300*.
Korinther  (Bf.  an  die)  554*;  650*.
Kraus  114*.
Kropotkin  677—700;  504*.
Kurella  638*.
Kutter  555.
Laboulaye  (Edouard  de)  551*.

Labriola  (Antonio)  493*;  507*;  509*;  511;
512*;  514*;  519*.
Labriola  (Arturo)  41*;  520*.
Labry  701*.
Lacordaire  284.
Lafargue  510*.
Lafayette  2,90.
Lagardelle  528*;  675*.
Lalande  655*.
Lamartine  326*;  328.
Lamennais  543.
Lanark  (New)  255*;  256.
Landry  462*.
Meinung  über  die  Moral  Marx !  515*.
über  die  Zinstheorie  592.
über  die  österreichische  Schule  588*;
595*.
Langlois  446*.
Laskine  226*.
Lassalle  474—479.
im  voraus  von  Smith  widerlegt  80*.
ehernes  Lohngesetz  173;  394;  468.
Beziehungen  zu  Louis  Blanc  283.
kritisiert  Bastiat  357.
sucht  ein  Kompromiß  zwischen  der
bestehenden  Gesellschaft  und  dem
Sozialismus  455.
seine  persönlichen  Beziehungen  zu  Rodbertus
  und  Bismarck  456.
seine  Apologie  Rodbertus*  457.
versucht  erfolglos  Rodbertus  zum  Beitritt ­
  zu  seiner  Arbeitervereinigung
zu  bewegen  458.
mit  Henry  George  verglichen  618*;  626*.
juristischer  Sozialismus  662*.
Lauderdale  118*.
Launat  701*.
Launay  (de)  665*.
Launhardt  678*.
Laveleye  (de)  242;  412,  630*.
Lavergne  406*.
Lavoisier  17;  135.
Lazare  (Bernard)  676.
Le  Chapelier  253*.
Ledru-Rollin  328.
Legendre  12*.
Legrand  (Daniel)  533.
Lenin  701—712.
bezeichnet  sich  als  Kommunist  701.
Schriften  Lenin’s  701*.
oberste  Phase  der  kommunistischen  Gesellschaft ­
  702.
        <pb n="764" />
        742

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

die  Diktatur  des  Proletariats  703.
Programm  des  Diktators  Rußlands  705.
Definition  der  von  Lenin  eingerichteten
neuen  Ordnung  Rußlands  709.
Kritik  der  Doktrin  Lenin’s  712.
Leo  XIII.  547*;  548.
Leopold  (von  Toskana)  5.
Le  Play  533—542.
seine  Meinung  über  die  Bevölkerung
149.
Beziehungen  zu  Sismondi  214.
Mitglied  der  Luxemburg-Kommission
329.
am  Rande  des  Christlich-Sozialismus
532.
Leroux  (Pierre)  255*.
erfindet  das  Wort  ..Sozialismus“  255*;
285*.
wie  auch  das  Wort  „Solidarismus“  285;
374*;  642.
Leroy-Beaulieu  (Paul)  411*.
über  die  Natalität  148.
über  Fourier  276*
nimmt  die  Theorie  Bastiat’s  über  die
proportioneile  Verteilung  an  371*.
über  den  Fünften  Stand  524.
seine  Meinung  über  die  mathematische
Methode  588*.
über  den  Mehrwert  der  Grundstücke
598  u.  *.
Lesseps  (Ferdinand  de)  230.
Le  Trosne  4*;  17*;  21*;  30*;  65.
Levasseur  353*;  426*.
Levy-Brühl  478*.
Levy  (Emmanuel),  juristischer  Sozialismus
662*.
Lexis  (W.),  Erklärung  des  Mehrwertes
491*.
Lichtenberger  218*.
Lieben  578*.
Liebknecht  480.
Lilienfeld  644*.
List  (Friedrich)  286-313;  IX;  120;  185;
241.
Vorläufer  der  historischen  Schule  417.
sein  Einfluß  auf  den  Staatssozialismus
452;  482.
Littre  241*.
Locke  612.
Loesewitz  548.
Longe  395.
Longuet  529*.

Loria  (Achille)  514*.
der  freie  Boden  631*.
Lorin  (Henri)  546*.
Lukas  (Evangelist)  531*;  650*.
Ludlow  551;  552;  553.
Luxemburg  (Kommission)  328.
Mably  218.
Macaulay  74.
MacCulloch  193;  381*;  415.
gibt  den  Völkerreichtum  heraus  58*.
nimmt  die  Theorie  der  immateriellen
Produkte  an  74;  118*.
Schüler  Ricardo’s  163*;  182.
sein  Streit  mit  Sismondi  191;  193.
Mackay  J.-H.  671*.
MacWickar  380.
Malon  (Benolt)  481*;  510*.
Malthus  130—149;  IX;  20.
Gegner  der  Theorie  der  immateriellen
Produkte  118*.
Polemik  mit  Say  über  die  Krisen  119;
125*;  126.
seine  Rententheorie  154.
das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages
165;  168.
seine  Lohntheorie  172.
ist  Schutzzöllner  178.
Einfluß  auf  Sismondi  190;  205.
eilt  den  Saint-Simonisten  voraus  247.
Haltung  Bastiat’s  ihm  gegenüber  350.
von  Bastiat  und  Carey  kritisiert  374;
375.
von  Stuart  Mill  übertroffen  391.
in  welchem  Maße  er  zur  Kritik  des
Laisser-faire  beigetragen  hat  452.
von  Henry  George  kritisiert  616.
Mandeville  (Bernard  de)  60;  78*.
Mangoldt  600*;  602;  608.
Manu  143.
Mantoux  (P.)  73*;  106*;  112.
Marat  217*.
Marcus  Aurelius  642.
Marcet  (Frau)  129*;  380.
March  (Lucien)  430*.
Marie  326;  327*.
Marion  647*.
Marmande  (de)  678*.
Marmontel  8.
Marousscm  (du)  542*.
Marrast  (Armand)  328.
Marshall  363.
        <pb n="765" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

743

Ritterlichkeitsgeist  364.
Meinung  über  die  deutschen  Volkswirtschaftler ­
  424;  434.
über  das  Wesen  der  wirtschaftlichen
Gesetze  430—432.
lehnt  den  „homo  oeconomicus“  ab
433—434.
bedient  sich  sowohl  der  Induktion  wie
der  Deduktion  437.
kritisiert  die  Geschichte  als  Mittel  zur
Tatsachenerklärung  441.
von  Arthur  Labriola  mit  Marx  vor-•
  glichen  620*.
mit  Ruskin  verglichen  561*.
seine  Gedanken  werden  von  gewissen
Sozialisten  angenommen  564.
Rente  des  Verbrauchers  576*
Kurve  der  Nachfrage  581.
Meinung  über  die  mathematische  Methode ­
  595*;  596*.
über  den  Begriff  der  Rente  598*.
seine  Auffassung  des  Profits  603*.
die  „Composite-Rente“  604.
sieht  in  der  Bodenrente  den  Bestandteil ­
  einer  langen  Reihe  610.
Martineau  (Frl.)  129*;  380.
Marx  (Karl)  492—518;  IV.
seine  Meinung  über  Smith  72*.
seine  Werttheorie  von  Smith  formuliert
85.
Verwandtschaft  mit  Ricardo  129;  150.
Analogie  mit  den  Klassikern  197.
Unterschied  zwischen  seinem  „Mehrwert“ ­
  und  dem  „Überwert**  Sismondi’s
  201.
das  Gesetz  der  kapitalistischen  Konzentration ­
  bei  Sismondi  203;  204.
seine  zahlreichen  Anleihen  bei  Sismondi
215.
seine  Theorie  der  Ausbeutung  verschieden ­
  von  der  der  Saint-Simonisten
235*;  234—235.
seine  Anleihen  bei  den  Saint-Simonisten
244.
sein  System  eine  Geschichtsphilosophie
241;  514;  525.
Worin  es  sich  von  dem  der  Saint-Sim'onisten
  unterscheidet  244;  245*.
Unterschied  zwischen  seiner  Werttheorie ­
  und  der  Proudhon’s  317*.
Kritik  der  Tauschbons  Bray’s  342*.
heftiger  Angriff  gegen  Proudhon  348.

sein  Triumph  über  ihn  in  der  Internationale ­
  348.
Unterschied  von  Stuart  Mill  403*.
sein  Revolutionarismus  als  im  Gegensatz ­
  zu  dem  Konservativismus  Rodbertus* ­
  458.
seine  Theorie  .  des  Arbeitswertes  von
Rodbertus  zurückgewiesen  465.
nimmt  das  eherne  Lohngesetz  nicht
formell  an  468.
hat  es  weniger  eilig  als  Rodbertus,  die
Lage  der  Arbeiter  zu  bessern  472.
gemeinsames  Handeln  mit  Lassalle  im
Jahre  1848  475.
seine  Theorien  teilweise  von  Lasalle
angenommen  475.
kritisiert  die  Haltung  Lassalle’s  477*.
entlehnt  seine  Beobachtungen  mehr
englischen,  als  deutschen  Verhältnissen ­
  480.
sein  geringer  Einfluß  in  England  633.
Gegensätze  zu  den  Fabiern  637;  638;
640.
verkehrt  mit  den  „Freien“  672.
seine  Beziehungen  zu  Bakunin  676.
sein  Einfluß  von  den  Anarchisten  bekämpft ­
  698—699.
Auslassungen  über  die  „Diktatur  des
Proletariats“  705*.
sagt  die  Entwicklung  des  Kapitalismus
zum  Kollektivismus  voraus  709.
Mathieu  (de  la  Drome)  328.
Maurice  551;  553*.
Mazel  (Fulcrand)  343  u.  *.
Mehring  (F.)  476*;  477*.
M61ine  20*.
Mülouga  (die  Familie)  535;  540.
Menenius  Agrippa  642.
Menger  (Anton)  228.
Meinung  über  die  Lehre  der  Saint-Simonisten
  230.
Ansicht  über  die  Quellen  Rodbertus*
250*;  457*.
über  die  von  Marx  458*;  494*.
über  Fichte  479*.
Beziehungen  zu  dem  „juristischen  Sozialismus“ ­
  662*.
Menger  (Karl)  427;  82.
Meinung  über  Roscher  419;  420*.
seine  Polemik  mit  Schmoller  427;  566.
Meinung  über  den  „Relativismus“  427.
Anhänger  der  deduktiven  Methode  435;
        <pb n="766" />
        744

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

Unterschied  zwischen  der  „historischen“
und  der  „theoretischen“  Sinnbedeutung ­
  einer  Tatsache  442*.
Grenz-Nützlichkeit  570*.
schließt  die  Rententheorie  in  die  allge-,
meine  Preistheorie  ein  609.
Mercier  de  la  Riviere  4*.
seine  Werke  4*.
Auffassung  der  natürlichen  Ordnung  6.
Harmonie  des  persönlichen  und  des  allgemeinen ­
  Interesses  12.
die  Unproduktivität  der  Handwerker  14.
Meinung  über  das  Eigentum  24*.
der  Handel  ein  „notwendiges  Übel“  31.
die  parasitischen  Kaufleute  32.
widerlegt  den  Merkantilismus  33*;  34.
Beziehungen  zu  Katharina  II.  von  Rußland ­
  38.
Verwandtschaft  mit  Owen  und  Fourier
252.
Meredith  (George)  475*.
Meslier  (cur6)  218*.
Metin  631*;  635*.
Meyer  (E.)  442*;  446*.
Meyer  (Rudolph)  457;  458*;  459*:  471*.
Milcent  549*.
Mill  (James)  168;  183;  381*;  614.
Mill  (Frau  Stuart  Mill)  384*;  392.
Mill  (John-Stuart)  380—409;  X.
bekämpft  die  Theorie  der  immateriellen
Produkte  69;  118*.
„Kapital  begrenzt  die  Industrie“  79*.
korrigiert  Smith’s  Definition  der  Nützlichkeit ­
  83*.
Smith  in  der  Theorie  des  internationalen
Handels  überlegen  107.
der  hauptsächlichste  Vorteil  des  internationalen ­
  Handels  ist  die  Einfuhr
108.
gibt  das  Bestehen  immaterieller  Produkte ­
  nicht  zu  118*.
Rentengesetz  ist  „die  Eselsbrücke“  der
Studenten  152.
der  stationäre  Zustand  176.
schreibt  an  Laveleye  242*.
Meinung  über  Saint-Simon  und  Fourier
277.
nimmt  den  Gedanken  eines  Schutzzolles
für  entstehende  Industrien  an  303.
widerlegt  Carey  306—307.
hat  er  List  gelesen  ?  308*.

verdient  nicht  die  Kritiken  der  Historischen ­
  Schule  416.
die  Volkswirtschaft  eine  Wissenschaft
der  „Tendenzen“  433.
nimmt  den  Egoismus  als  einzige  wirtschaftliche ­
  Triebfeder  nicht  an  433.
seine  Meinung  über  die  Rolle  der  Regierung ­
  452—455.
seine  Haltung  mit  der  Adolf  Wagner ! s
verglichen  485;  487.
widerlegt  Le  Play  538.
berichtigt  das  Gesetz  des  Angebotes
und  der  Nachfrage  392;  567.
erweitert  die  Theorie  Ricardo’s  über
die  Bodenrente  599—606.
Rente  von  Bergwerken  599.
seine  Profittheorie  604.
nimmt  das  Recht  der  Gemeinschaft  auf
den  Boden  an  613*.
seine  Theorie  der  Besteuerung  der
Bodenrente  614—622.
Unterschiede  mit  Walras  und  mit  Gossen
624;  627.
der  Kooperation  günstig  660*.
Millerand  641*.
Mirabeau  (Marquis  de)  4*.
seine  Werke  4*.
spricht  die  Formel  „laisser-faire“  Gournay
  zu  12*.
Ansicht  über  das  „Tableau  economique“
21*.
Meinung  über  das  Darleihgeschäft  36.
über  die  Bevölkerung  131.
Mohl  (von)  XIV*.
Moormeister  (Ed.)  XIV*.
Moses  143.
Molinari  42.
definiert  die  Funktionen  des  Staates
wie  die  Physiokraten  42.
sieht  in  den  Aktiengesellschaften  die
Lösung  der  sozialen  Frage  269.
seine  Beschreibung  Bastiat’s  357*.
sein  Glaube  an  die  freie  Konkurrenz
377*;  390*.
Mollien  (Graf)  340.
Monod  (Gabriel)  446*.
Monod  (Wilfred)  556*;  557*.
Montalembert  533*.
Montchrötien  (A.  de)  1.
Montesquieu  39;  131.
Morellet  (Abbö)  52.
Morelly  218.
        <pb n="767" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

745

Morris  (William)  272.
Morus  (Thomas)  218;  266.
Moufang  543.
Müller  (Adam)  301*.
Mun  (Comte  A.  de)  530*;  543.
Napoleon  I.,  seine  Beziehungen  zu  Say  116.
Napoleon  III.  303;  350.
die  Handelsverträge  400.
Aufsätze  Proudhon’s  gegen  ihn  346.
die  Arbeiterfragen  411.
Beziehungen  zu  Le  Play  536*.
Naumann  (Friedrich)  294*;  555.
Necker  35;  36.
schafft  die  Freiheit  des  Getreidehandels
ab  35.
legt  das  erste  französische  Budget  vor
44*.
formuliert  das  eherne  Lohngesetz  171.
Neill  (Patrick)  300*.
Netschajeff  697.
Nettlau  675*.
New  Harmony  255*;  261*.
New  Lanark  255*;  256.
Newton  inspiriert  Say  120.
Nicholson  58*,  647*.
Nietzsche  559;  672*.
Nim  es  (Schule  von)  660*.
Nitti  550*.
North  (Budley)  60.
North  (Lord)  113.
Oberlin  533.
Oceana  109.
Ogilvie  (W.)  612.
Olivier  (Paul)  666*.
Ollivier  (Kinile)  352.
Oncken  (August)  XIV;  3*;  12*;  19;  21*;
33;  420*.
Oncken  (Hermann)  456*.
Orbiston  255*.
Owen  (Robert)  255—264;  188*.
Unterschied  von  Sismondi  200;  201.
von  Sismondi  kritisiert  212.
den  Saint-Simonisten  unbekannt  219*.
Ähnlichkeit  mit  den  Physiokraten  252.
mit  Fourier  verglichen  254.
von  Fourier  kritisiert  265.
Unterschied  von  Louis  Blanc  279;  282.
seine  Bank  mit  der  Proudhon’s  verglichen ­
  342.
keinen  Einfluß  auf  Stuart  Mill  405.

will  sich  auf  die  reichen  Klassen  stützen
516.
Beziehungen  zu  den  Christian  Socialists
  552.
Paepe  (de)  504*.
Paillotet  373*.
Paine  (Thomas)  612.
Palyi  705*.
Pantaleoni  41*.
Meinung  über  die  Rolle  der  Physiokraten ­
  41*.
setzt  die  Produktion  dem  Austausch
gleich  580.
seine  Auffassung  der  reinen  Ökonomik
593.
teilt  die  Meinung  Walker’s  über  den
Profit  603*.
Pareto  (Vilfredo)  79*.
Definition  des  volkswirtschaftlichen
Problems  84*.
unterscheidet  die  Ophelimität  von  der
Nützlichkeit  107;  454;  571*.
seine  Kritik  des  Sozialismus  250*.
der  internationale  Austausch  311*.
Auffassung  über  die  Methode  436.
Preise  auch  in  einer  kollektivistischen
Gesellschaft  notwendig  ,454;  463.
in  Übereinstimmung  mit  Sorel  491.
Meinung  über  Walras  583*.
Wünsche  und  Hindernisse  586*.
Gesetz  der  bestimmten  Verhältnisse  587.
über  die  Berechtigung  des  Eigentums
591*.
Erklärung  der  Rente  durch  die  Schwierigkeit, ­
  Ersparnisse  in  Kapital  zu  verwandeln ­
  607*;  609*.
die  „negative“  Rente  609.
kritisiert  die  „Solidarität“  664*.
Passy  (FrödPric)  556*;  647*.
Passy  (Hippolyte)  406*.
Patten  309*;  570*;  594*.
Pearson  (Karl)  430*;  448*.
Pecqueur  329;  494*.
Peel  (Robert)  303.
Pellarin  266*.
Pöreire  (Isaac  und  Eugüne)  230;  245.
P&amp;amp;rin  (Charles)  549*.
Pervinquicre  16*.
Pettv  (William)  60.
Pflüger  555.
Physiokraten,  die  1—56;  IX.
        <pb n="768" />
        746

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

persönliche  Beziehungen  zu  Smith  57.
was  Smith  ihnen  entlehnt  hat  61.
mit  Smith  verglichen  67.
Smith  nimmt  im  besonderen  ihre  These
über  die  Produktivität  der  Landwirtschaft ­
  an  69—72.
ebenso  die  über  das  selbsttätige  Entstehen ­
  der  wirtschaftlichen  Tatsachen
76.
verschiedene  Auffassungen  der  natürlichen ­
  Gesetze  bei  Smith  95.
weiter  gefaßte  Ideen  Smith’s  über  die
wirtschaftliche  Freiheit  und  den
Außenhandel  101;  105;  106.
Meinung  Garnier’s  und  Say’s  über  sie
117.
ihr  Begriff  der  natürlichen  Ordnung
mit  dem  Smith’s  und  Say’s  verglichen
119.
Verteilungstheorie  bei  Say  bedeutender
122—123.
ihr  Begriff  der  Bodenrente  verglichen
mit  dem  malthusischen  und  ricardosehen ­
  153;  154.
von  Sismondi  kritisiert  202.
Einfluß  auf  die  Revolution  218*.
mit  Owen  Verglichen  252.
bereiten  Proudhon  den  Weg  vor  340.
begründen  den  Optimismus  350;  353.
inspirieren  Bastiat  359.
Gegensatz  zu  Dunoyer  379.
Auffassung  der  natürlichen  Gesetze  386.
setzen  die  „Vernunft“  an  Stelle  des
persönlichen  Interesses  387.
der  „Reinertrag“  verglichen  mit  dem
Mehrwert  Marx !  406;  497*.
Analogie  mit  Bakunin  686.
einfacher  Charakter  der  Volkswirtschaft
in  ihren  Büchern  714.
Pitt  113,  114.
Place  (Francis)  173*.
Plato  218.
Pollock  (Sir  Fredcrik)  611.
Potter  (Beatricc,  vgl.  Webb)  640*.
Prince-Smith  412;  481.
Proudhon  314-848;  —  V;  IX;  —  184;
494*.
wird  von  den  Saint-Simonisten  inspiriert ­
  227.
sein  Streit  mit  Bastiat  333*;  362*.
weist  Marx  gegenüber  den  Gedanken
an  eine  Revolution  zurück  347*.

hat  Rodbertus  nicht  inspiriert  457*.
die  „Wert-Bildung“  von  Marx  kritisiert
472*.
Beziehungen  zu  Marx  607;  519.
Meinung  über  das  Grundeigentum  611.
Wiedervergeltungsgesetz  669.
Vorläufer  des  Anarchismus  671.
Beziehungen  zu  Bakunin  676.
Überschwenglichkeit  hinsichtlich  der
Freiheit  680*.
Die  Regierung  der  geschaffene  Beschützer ­
  der  Eigentümer  683.
proklamiert  die  Herrschaft  des  Verstandes ­
  685.
sieht  in  der  Gesellschaft  ein  wirkliches
Wesen  687*.
glaubt  an  die  selbsttätige  Harmonie
der  Interessen  690*.
will  die  Revolution  der  Gewissen  herbeiführen ­
  694.
sein  Einfluß  auf  den  Syndikalismus  699.
Prudhommeaux  286*.
Puech  348*;  350*.
Quesnay  verdient  den  Namen  Gründer  2.
Smith  will  ihm  sein  Buch  widmen  3.
seine  Bücher  3*.
sieht  in  der  Volkswirtschaft  eine  Physiologie ­
  9.
seine  Auffassung  von  der  natürlichen
Ordnung  10.
formuliert  das  hedonistische  Prinzip  12.
Auffassung  des  „richtigen  Preises“  (bon
prix)  17;  18.
Tableau  economique  21*;  22.
Sozialist,  ohne  es  zu  wissen  24.
seine  Achtung  vor  dem  Eigentum  28.
der  internationale  Handel  ein  „Notbehelf^ ­
  31.
Theorie  der  Zinsen  36.
ehernes  Lohngesetz  48.
Werttheorie  62.
persönliche  Beziehungen  zu  Smith  61.
Urteil  Adam  Smith’s  96.
Urteil  Enfantin’s  219*.
mit  Owen  verglichen  252.
von  Proudhon  in  Anspruch  genommen
322.
mit  Walras  verglichen  585.
Quetelet  448*.

Rae  (John)  58*;  71*;  73*;  105*.
        <pb n="769" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

747

Ragaz  555.
Raiffaisen  543  ;  550*.
Rambaud  VI;  300*;  550*.
Rau  383;  416.
Rauschenbusch  (Walter)  554*.
Raymond  300*.
Reclus  (Ülisee)  671;  678—691.
Recolin  648*.
Reid  612.
Renan  (B.)  665*.
Renard  (Georges)  510*;  515*.
Renouvier  (Ch.)  443*;  613.
Rentzsch  482*.
Reybaud  (Louis)  331;  386;  414.
Ricardo  149—183;  —  V;  IX;  209;  416.
„Rente“  und  „Nettoprodukt“  19;  27*.
nicht  der  gleichen  Meinung  wie  Smith
über  die  Landlords  75.
verbessert  die  Definition  der  Nützlichkeit ­
  Smith’s  83*.
beschäftigt  sich  hauptsächlich  mit  der
Verteilung  88.  ’
verbessert  die  Tneorie  des  internationalen ­
  Handels  Smith ! s  107;  109.
Gegensatz  zu  Say  117;  123;  126.
ist  Philanthrop  129.
geistiger  Vater  Marx !  129.
von  Sismondi  kritisiert  190,  191.
widerlegt  und  überzeugt  Sismondi  193.
merkwürdige  Meinung  über  die  Maschinen ­
  196*.
kritisiert  die  These  Sismondi’s  über
diesen  Punkt  197.
falsche  Beziehung,  die  zwischen  hohen
Löhnen  und  Bevölkerung'hergestellt
worden  ist  206.
inspiriert  die  Saint-Simonisten  247.
von  List  abgelehnt  292*;  311.
von  Bastiat  kritisiert  349;  351;  364.
Carey  leugnet  sein  Gesetz  der  Rente
367.
seine  Schüler  381*.
seine  Rententheorie  von  Senior  erweitert ­
  383.
bereitet  Stuart  Mill  den  Weg  vor  388;
406.
Theorie  des  internationalen  Handels
verglichen  mit  der  Mill’s  und  Bastiat’s
ggy.  .399.
Sinken  der  Profite  408.
von  Sismondi  und  List  kritisiert  417.
Meinung  Roscher’s  über  ihn  419.

Von  den  Anhängern  der  historischen
Schule  kritisiert  432.
Beitrag  zur  Kritik  des  laisser-faire  452.
seine  Theorie  des  Arbeitswertes  von
Rodbertus  kritisiert  457*.
seine  Lösung  des  Problems  der  proportionellen
  Verteilung  467.
seine  Theorie  des  notwendigen  Lohnes,
von  Lassalle  „ehernes  Lohngesetz“
genannt  468;  476.
eilt  Marx  voraus  495.
seine  Methode  dieselbe  wie  die  von
Marx  511.
gibt  Anlaß  zum  Entstehen  der  Nationalisierungsidee ­
  596.
Erweiterung  seiner  Rententheorie  durch
verschiedene  Schriftsteller  599—601.
Ersetzung  der  Differentialidee  durch
die  der  Seltenheit  als  Erklärung  der
Rente  605—606.
Umformung  seiner  Auffassung  durch
Mill  und  George  600;  611—612;  626*.
unterhöhlt  das  Eigentumsrecht  613.
Unterschied  seiner  Auffassung  von  der
von  Walras  630.
sein  Einfluß  auf  die  Fabier  635.
Richelot  287*.
Rist  187*;  371*.
Kritiken  Rodbertus’  und  Bastiat’s  465*.
Verteidigung  der  Hedonisten  590*.
Rochdale  (Pioniere  von)  264.
Rodbertus  455—474.
im  voraus  von  Smith  kritisiert  80*.
seine  Anleihen  bei  Sismondi  215.
Beziehungen  zu  Louis  Blanc  283.
Analogien  mit  Proudhon  318.
seine  „Arbeitsbons“  Verglichen  mit  den
„Umlaufbons“  Proudhon’s  342.
Gegensatz  zu  Bastiat  371*.
Übereinstimmung  mit  Stuart  Mill  403.
sein  Urteil  über  Lassalle  476.
nimmt  seine  Beobachtungen  außerhalb
Deutschlands  480.
inspiriert  Adolf  Wagner  486.
Analogien  mit  Marx  541.
Analogien  mit  Henry  George  618*.
Organizismus  644*.
Rodrigues  (Eugöne)  230.
Rodrigues  (Olinde)  221;  223*;  230.
Rogers  (Thorold)  58*.
Römer  (Bf.  an  die)  642*.
Roscher  418—419.
        <pb n="770" />
        748

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

Sismondi  ist  ihm  zuvorgekommen  214.
Erscheinung  des  „Grundrisses“  415.
kennt  Sismondi  nicht  417*.
Unterschiede  von  Hildebrand  und  Knies
422.
seine  Gedanken  verspätet  diskutiert  427.
seine  Theorie  historischer  „Parallelismen“ ­
  440*;  443.
Rosenzweig  (Franz)  478*.
Rossi  (Pellegrino)  341*;  383;  416.
Verbrauchskooperation  341*.
Vorgänger  Chevalier’s  am  College  de
France  411.
Roubaud  (Abbö)  4*.
Rousiers  (P.  de)  542*.
Rousseau  (J.-J.)  1.
Aufsatz  in  der  Encyclopädie  1.
der  „Contrat  Social“  mit  der  natürlichen ­
  Ordnung  verglichen  6*.
im  Gegenpol  der  Physiokraten  7*;  8*.
in  Beziehungen  zu  dem  Vater  Malthus 5
130*.
Eigentumsrecht  und  die  französische
Revolution  218*.
,,1’Ümile“  und  Robert  Owen  258*.
der  Quasi-Kontrakt  650.
Rowton-House  267.
Ruskin  214,  272;  558—562.
Rutten  (Pater)  545*.
Sainte-Beuve  210;  316;  323*.
Saint-Leon,  Martin  547*.
Saint-Rene  Taillandier  671*.
Saint-Simon  216—229;  IX.
Anti-Schutzzöllner  287*.
Einfluß  auf  Proudhon  336*.
Einfluß  auf  Stuart  Mill  384.
Einfluß  auf  Michel  Chevalier  411.
gibt  A.  Comte  seine  Theorie  der  „historischen ­
  Reihen“  ein  445.
Vorbereitung  für  Marx  494,  521.
schreibt  für  die  wohlhabenden  Klassen
516.
Saint-Simonisten  229—250;  121;  184.
Analogie  mit  Sismondi  200.
Meinung  über  Sismondi  210.
Unterschiede  mit  den  Assozialisten  251.
die  Frauenfrage  275.
ihre  Schule  von  kürzerer  Dauer  als  der
Fourierismus  276.
Buchez  einer  von  ihnen  279.
Schutzzollsystem  313*.

Beziehungen  zu  Proudhon  317;  321.
Einfluß  auf  Stuart  Mill  402;  407.
Vorläufer  der  historischen  Schule  417.
ihre  Gedanken  von  Rodbertus  wieder
aufgegriffen  463;  465.
mit  Marx  verglichen  499.
verdienen  nicht  den  Namen  Utopisten
511*.
haben  die  Idee  des  Klassenkampfes  516.
eilen  Henry  George  voraus  614.
Sand  (George)  285.
Sangnier  (Marc)  543;  549*.
Sartorius  115.
Saumaise  550*.
Savigny  419.
Sax  570*.
Say  (Louis)  287*.
Say  (J.-B.)  111-127;  —  V;  IX,;  —  88.
hält  die  Geschichte  der  Irrtümer  für
nutzlos  VIII.
definiert  den  Unternehmer  72*;  122;  123.
Unterschied  von  Aifam  Smith  77.
die  Güterverteilung  101.
Meinung  über  die  Unabhängigkeit  Nordamerikas ­
  112.
Briefwechsel  mit  Ricardo  151*.
Meinung  über  das  Elend  der  Arbeiter
120*;  187.
Polemik  mit  Sismondi  193.
verwirft  seine  Definition  der  Volkswirtschaft ­
  191.
widerlegt  die  Krisentheorie  Sismondi’s
193.
Meinung  über  die  Maschinen  197.
Überlegenheit  Sismondi’s  ihm  gegenüber ­
  198.
glaubt  an  das  Unzureichende  der  Produktion ­
  211.
Meinung  Enfantin’s  über  ihn  219*.
Analogie  mit  Saint-Simon  225.
Meinung  Saint-Simon’s  über  ihn  228*.
Gegensatz  zu  den  Sozialisten  248.
von  List  gelesen  292.
von  List  als  Merkantilist  bezeichnet  302.
Von  Proudhon  nachgeahmt  und  übertrieben ­
  322;  340.
von  Bastiat  gelesen  356*.
Sinn  des  Wortes  „Dienst“  (Service)  363*.
Unterschied  von  Bastiat  365*.
Unterschied  von  Dunoyer  379*.
Sinn  des  Wortes  „Profit“  409*.
        <pb n="771" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

749

Vorgänger  Chevalier’s  am  College  de
France  411*.
von  der  historischen  Schule  kritisiert  432.
seine  Theorie  der  Verteilung  von  Rodbertus
  entlehnt  464.
stellt  die  Frage  der  proportionalen  Verteilung ­
  auf  467.
unterscheidet  vor  Walker  die  Funktionen ­
  des  Unternehmers  601*,  602.
kritisiert  die  Rententheorie  Ricardo’s
606*;  607*.
seine  Erklärung  der  Grundrente  608,
Schaffle  481*.
prägt  das  Wort  „Assozialisten“  251*.
seine  Werke  481*.
die  soziale  Frage  eine  Magenfrage  515.
seine  Rechtfertigung  der  Bodenrente
608.
seine  biologische  Auffassung  der  Gesellschaft ­
  644*.
Schatz  60*;  389*;  408*.
Schelle  5*;  13*.
Schmidt  (H.)  58*.
Schmidt  (Kaspar)  vgl.  Stirner.
Schmoller  (Gustav)  422-424.
Sismondi  eilt  ihm  voraus  214.
Meinung  über  Roscher  419.
Polemik  mit  Karl  Menger  428*;  566.
Auffassung  über  die  Volkswirtschaft
der  Zukunft  434.
Meinung  über  die  Methode  437.
führt  Goethe  an  440.
sein  Skeptizismus  hinsichtlich  der  historischen ­
  Schule  444.
von  Ashley  anerkannt  448.
redigiert  das  Manifest  des  Eisenacher
Kongresses  481.
Meinung  über  die  Verdienste  der  Hohenzollern
  486*.
ungenügend  liberal  717.
Schönberg  482*.
Schulze-Delitzsch  V;  412;  477.
Schumpeter  598*.
Schuster  350.
Schweitzer  477*.
Seager  380*.
Secr§tan  (Ch.).  613;  648*;  655*.
Sfigur-Lamoignon  547*.
Seignobos  446*.
Seligman  (Edwin  R.  A.)  380*;  622*.
Senior  (Nassau)  381—384;  391;  415.
nimmt  die  Theorie  der  immateriellen
Produkte  an  118*.

Schüler  Ricardo’s  183.
übertreibt  den  Begriff  der  Rente  396.
betrachtet  die  Erbschaft  als  eine  Rente
407.
kommt  Walker  in  dessen  Rententheorie
zuvor  600;  602.
Sensi  607*.
Shaftesbury  (Lord)  74;  257;  533.
Shaw  (Bernard)  633*;  634;  637*.
Sillon  (Le)  543;  549.
Simiand  (Francois)  426*;  442*;  588*.
Sismondi  185—216;  V;  IX;  —  180.
Streit  mit  Say  120;  125;  126;  193.
Unterschied  seiner  Ausbeutungstheorie
mit  der  der  Saint-Simonisten  und
der  Marx’-  234—236;  495.
von  den  Saint-Simonisten  beurteilt  248*.
inspiriert  Louis  Blanc  277;  284.
Gegner  des  Schutzzollsystems  287*.
mit  List  verglichen  313.
inspiriert  Stuart  Mill  402.
beschäftigt  sich  mit  dem  Kleingrundbesitz ­
  406.
Vorläufer  der  historischen  Schule  417.
kritisiert  das  laisser-faire  452.
Schüchternheit  seiner  Einmischung  454.
inspiriert  Rodbertus  457*.
Anleihen,  die  Rodbertus  bei  ihm  macht
461;  462;  463;  469.
„Mehrwert“  und  „Überwert“  497;  521.
sein  Garantismus  vom  Solidarismus
wiederholt  654.
Kritik  des  Dogmatismus  der  Liberalen
717.
Sizerranne  (R.  de  la)  558*.
Smith  (Adam)  57—127;  —  IX.
seine  Definition  der  Volkswirtschaft  1.
seine  Beziehungen  zu  den  Physiokraten
  3.
Turgot  gegenübergestellt  5*.
Meinung  über  die  Produktivität  des
Bodens  19.
seine  Gedanken  von  Say  klarer  dargestellt ­
  117.
von  Say  verschiedene  Auffassung  der
wirtschaftlichen  Gesetze  und  der
Volkswirtschaft  117,  118.
mehr  um  die  Landwirtschaft  besorgt
als  Say  121.
spricht  nicht  vom  Unternehmer  122.
fehlerhafte  Verteilungstheorie  123—124.
anregender  als  Say  126.
        <pb n="772" />
        750

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

mit  Ricardo  verglichen  149.
seine  Rententheorie  153*;  155*.
der  Wert  im  Verhältnis  zur  Arbeit  162;
168.
Gegensatz  zu  Ricardo  hinsichtlich  der
Landwirte  167*.
weniger  freihändlerisch  als  Ricardo  167.
quantitative  Geldtheorie  177.
inspiriert  Sismondi  189—190.
Meinung  über  die  Konkurrenz  199.
seine  Ansicht  über  das  Zusammenfallen
des  persönlichen  und  allgemeinen  Interesses ­
  von  Sismondi  kritisiert  202.
seine  Bevölkerungstheorie  von  Sismondi
angenommen  205.
von  Saint-Simon  gelobt  228*.
Meinung  über  die  Rolle  der  Regierung
236.
im  Gegensatz  zu  den  Sozialisten  248.
Erfolg  seiner  Lehren  in  Europa  281,  287.
ungerechte  Kritik  List’s  292;  296;  302.
hinsichtlich  Proudhon’s  340;  341.
bereitet  den  Optimismus  vor  350,  354.
mit  Stuart  Mill  verglichen  388*.
von  List  kritisiert  417.
zu  Unrecht  von  den  Anhängern  der
historischen  Schule  kritisiert  424*;
428.
Beschränktheit  seiner  Psychologie  nach
Ansicht  der  Anhänger  der  historischen
Schule  429.
Rolle  des  Staates  450.
seine  Verteidigung  der  Theorie  des
laisser-faire  mit  der  anderer  Volkswirtschaftler ­
  verglichen  449—451.
Grundlage  seines  Liberalismus  455.
von  Rodbertus  kritisiert  459.
unterscheidet  vor  Rodbertus  das  „soziale
Bedürfnis“  und  die  „effektive  Nachfrage“ ­
  460.
seine  Gedanken  bei  Rodbertus  entwickelt ­
  465.
steht  Wagner  näher  als  Bastiat  481*.
von  den  Fabiern  kritisiert  635*.
Vorläufer  der  Solidaristen  642.
von  den  Anarchisten  ausgeschmückt
682.
einfacher  Charakter  seiner  Volkswirtschaft ­
  714.
Solvay  262.
soziale  Buchungen  344.
Sombart  (Werner)  293*;  424;  519*.

Sonnenstadt  266.
Sorel  (Georges)  526—528.
Beziehungen  zu  den  Saint-Simonisten
228  u.  *.
seine  Bewunderung  Proudhon’s  348.
in  Übereinstimmung  mit  Pareto  491.
der  Marxismus  dem  Manchestertum
verglichen  512*.
Gegensatz  der  Produzierenden  zu  den
Intellektuellen  516*.
Ansicht  über  die  Revolution  519*.
der  Sozialismus  ist  keine  Wissenschaft
520*.
mit  den  Anarchisten  verglichen  699.
Souchon  VI.
Spence  (Thomas)  612.
Spencer  (Herbert)  VIII.
der  Konflikt  der  Interessen  zum  Fortschritt ­
  notwendig  388.
gibt  das  Anrecht  der  Gemeinschaft  auf
den  Boden  zu  412;  612.
seine  organizistisehe  Auffassung  der
Gesellschaft  644*.
Stael  (Frau  von)  188*.
Stangeland  131*.
Stanislaus  (König  von  Polen)  5.
Stein  (Lorenz  von)  318*.
Stein  (Minister,  von)  115*.
Stewart  (Dugald)  58*.
Stiegler  647*.
Stirner  (Max)  671-675;  678.
Übersetzer  A.  Smith’s  58*.
Stöcker  554.
Stolypin  624.
Storch  415.
Strong  (Josiah)  554*.
Sully  19.
Thierry  (Augustin)  230.
'Thiers  (Adolphe)  328.
Thomas  (von  Aquino)  529.
Thomas  (Emile)  326.
Thompson  (Robert)  169*.
Thompson  (William)  220;  219*;  264;
494*.
Thornton  395;  406*.
Thünen  (J.  H.  von)  161*;  383;  610.
Todt  654.
Tolstoi  560—562.
Tooke  118*..
Torrens  (Robert)  381*.
Tourville  (Abb6  de)  541;  542*.
        <pb n="773" />
        Alphabetisches  Namenverzeichnis.

751

Townshend  (Charles)  57*.
Toynbee  (Arnold)  214.
Sismondi  eilt  ihm  voraus  214.
könnte  ein  Schüler  Mill’s  sein  410.
von  der  Arbeiterfrage  beeinflußt  424*.
seine  Meinung  über  die  klassischen
Volkswirtschaftler  425.
historische  Methode  426.
Tucker  (Josiah)  60.
Turgot  5.
sein  Leben  und  sein  Werk  5*.
das  Allumfassende  und  Unveränderliche
der  natürlichen  Ordnung  11.
schreibt  die  Formel  des  laisser-faire
Legendre  zu  12*.
nennt  die  Handwerker  „Stipendienempfänger“ ­
  15.
Bergwerke  geben  keinen  Reinertrag
16.
vergleicht  den  Umlauf  der  Produkte
mit  dem  des  Blutes  20.
faßt  das  „Tableau  economique“  zusammen ­
  23*.
unterscheidet  sich  Von  den  Physiokraten
hinsichtlich  der  Meinung  über  die
Berechtigung  des  Grundbesitzes  28*.
sein  Edikt:  Abschaffung  der  Zünfte  30*.
Meinung  über  die  Stetigkeit  der  Preise
33*.
befreit  den  Getreidehandel  35.
Anhänger  der  Freiheit  des  Gelddailehnsgeschäftes
  36.
gibt  für  die  Fabrikanten  gewisse  Privilegien ­
  als  berechtigt  zu  42*.
ehernes  Lohngesetz  47.
seine  Werttheorie  52.
hauptsächlichste  Unterschiede  mit  den
Physiokraten  53.
Theorie  über  das  Entstehen  des  Zinses
56*.
Einfluß  auf  A.  Smith  61.
Einfluß  auf  J.-B.  Sa.y  127.
formuliert  das  Gesetz  des  sinkenden
Bodenertrages  159.
eilt  Ricardo  voraus  171.
eilt  A.  Comte  voraus  241*.
Meinung  der  Saint-Simonisten  über  ihn
248*.
Proudhon  beruft  sich  besonders  auf  ihn
322.
Marx  gegenübergestellt  497*.

Ure  (Andrew)  74;  186*.
Utopia  109,  266.
Vandervelde  241,  515*.
Vansittart  Neale  551.
Varlin  504*.
Vidal  (Francois)  280;  329;  330;  456;  462*.
Villeneuve-Bargemont  215.
Villermß  (Dr.)  187;  537*.
Villey  (E.)  355*.
Vinet  557.
Voltaire  verspottet  die  Physiokraten  5.
Meinung  über  Galiani  36.
der  Mann  mit  40  Talern  47*;  48.
von  Smith  bewundert  57*.
Wagner  (Adolf)  481—487.
sein  Gegensatz  zur  historischen  Schule
241;  432—433.
kritisiert  die  Anwendung,  aber  nicht
die  Verwendung  der  deduktiven  Methode ­
  und  der  Abstraktion  435*.
glaubt  nicht  an  „historische  Gesetze“
441.
seine  persönlichen  Beziehungen  zu  Rodbertus
  und  Bismarck  456.
sein  Urteil  über  Rodbertus  456.
der  Sozialismus,  eine  Übertreibung  des
Verstaatlichunggedankens  474*.
Wakefield  (Gibbon)  381*.
Walker  (Amasa)  601*.
Walker  (Francis)  395*,;  601—604.
Wallace  (Alfred  Russell)  613;  630.
Wallace  (Graham)  173*.
Walras  (Leon)  583—586;  578*.
seine  Auffassung  des  wirtschaftlichen
Gleichgewichts  583—586.
den  Physiokraten  gegenübergestellt  34.
Analogien  mit  J.-B.  Say  82;  124.
Analogien  mit  Senior  383.
Auffassung  der  reinen  Ökonomie  431.
definiert  die  Rolle  des  Staates  und  des
Individuums  455.
Stärke  der  letztbefriedigten  Bedürfnisse ­
  570*.
Unterschied  von  der  österreichischen
Schule  573*.
in  Frankreich  verkannt  688.
verwirft  den  Determinismus  589.
kritisiert  die  Theorie  Böhm-Bawerk’s
592.
Agrar-Sozialist  593.
        <pb n="774" />
        752

Alphabetisches  Namenverzeichnis.

Zukunft  der  volkswirtschaftlichen
Wissenschaft  594*.
Unterschied  von  Walker  603.
natürliches  Recht  des  Staates  am  Boden
613.
Bodenrückkaufssystem  626—630.
Watt  (James)  72.
Webb  (Herr  und  Frau  Sidney)  635—639;
—  186;  241.
Verbindung-  mit  der  historischen  Schule
425.
Mitglieder  der  fa'bischen  Gesellschaft  634.
legen  der  Rententheorie  große  Bedeutung ­
  bei  und  betrachten  die  Zinsen
als  eine  Differentialrente  635.
der  Sozialismus  stammt  von  der  Demokratie ­
  ab  638.
Gegensatz  zu  Marx  und  zu  den  französischen ­
  Gewerkschaftlern  638—639.
Weber  (Max)  418*.
Weil  220*;  245*.

Weitling  350.
Wells  (H.  G.)  634.
West  (Edward)  160*;  162*.
Weulersse  5*;  29*.
Wickar  (Mac)  380.
Wieser.  (von)  570*.
Wilhelm  II.  (Kaiser)  489,  555.
Wilson  (George)  105*.
Wirth  (Moritz)  457*.
Wollemborg  550*.
Wolowsky  329.
Worms  (Renö)  644*.

Xenophon  579.

Young  (Arthur)  148*;  406.
Yule  (G.  Udny)  448*.

Zola  252;  276*.
Zollverein  290,  308.
        <pb n="775" />
        Sachregister.
Die  Zahlen  verweisen  auf  die  Seiten.  Ein  Unterschied  zwischen  Text  und
Anmerkungen  ist  nicht  gemacht  worden.

A.
Abdankung  des  Staates  214.
Abfall  der  amerikanischen  Kolonien  112.
Abgabenfreiheit  (bei  den  Solidaristen)  657.
Abhängigkeit  der  Produktionsfaktoren
voneinander  587.
Abkürzung  der  Arbeit  79.
Abnahme  der  durchschnittlichen  landwirtschaftlichen ­
  Betriebsgröße  522.
Absatz,  Gesetz  des  581.
Absatzgebiete  109.
Absatzwege  124.
—  Theorie  der  124.
Abschaffung  der  Armengesetze  147.
—  Binnenzollschranken  in  Frankreich  288.
—  Binnenzollschranken  (bei  List)  312.
—  des  Eigentums  (bei  den  revolutionären
Syndikalisten)  699.
—  des  Einkommens  ohne  Arbeit  (bei
Proudhon)  324.
—  des  Erbrechts  (bei  den  Saint-Simonisten)
  184,  240.
—  der  Geburtsprivilegien  240.
—  des  Geldes  als  Wertmesser  346.
—  der  Geldzinsen  334.
—  des  Lohnes  271.
—  des  Lohnsystems  (bei  Fourier)  272.
(bei  Labriola)  509.
_  —  (bei  Stuart  Mill)  404,  406.
(bei  Marc  Sangnier)  549.
(bei  den  Syndikalisten)  549.
—  des  Metallgeldes  (bei  Ricardo)  181.
—  —  (bei  Solvay)  344.
der  Monopole  (bei  den  Saint-Simonisten)
  253.
(bei  Walras)  593.
—  des  Papiergeldes  181.

Abschaffung  des  Privateigentums  (bei
F.  Engels)  509.
(bei  den  Saint-Simonisten)  184.
—  des  Profits  (bei  Owen)  259.
(bei  den  Solidaristen)  660.
—  des  Staates  (bei  den  revolutionären
Syndikalisten)  699.
—  der  Steuern  (bei  Walras)  595.
—  des  Unternehmertums  (bei  Marc  Sangnier) ­
  649.
(bei  den  Syndikalisten)  549.
—  der  Vertragsfreiheit  (bei  Rodbertus)
470,  471.
—  des  Zinses  auf  Grund  gegenseitigen
Übereinkommens  339.
—  der  Zünfte  30.
Abschätzung  des  Bodens  615.
Absoluter  Freihandel  109.
Absolutismus  der  klassischen  Nationalökonomie ­
  428.
Abstinenz  (bei  Nassau  Senior)  381.
Abstinenz,  Entlohnung  der  409.
Abstraktion,  Methode  der  434.
Abstraktionen  (bei  Ricardo)  150.
—  (bei  Walras)  627.
Abtreibung  139.
Abwanderung  von  Kapitalien  311.
Abzüge  86.
—  von  dem  Arbeitserträge  101.
Acts  of  navigation  110.
Actionnariat  ouvrier  270,  272.
Achtung  vor  dem  Eigentum  (bei  den
Männern  der  franz.  Revolution  217.
(bei  den  Physiokraten)  11.
Achtung  des  Menschen  679,  699.
—  vor  der  Produktion  229.
Agents  naturels  118.

Gide  und  Rist,  Gesch.  der  Volkswirtschaft!.Lehrmeinungen.  2.  Aufl.

48
        <pb n="776" />
        754

Sachregister.

Agitation,  politische,  in  den  nationalen
Werkstätten  326.
Agrarfrage  (bei  den  Christian-Socialists)
553.
Agrar-Schutzzöllner,  moderne  178.
Agrarsozialismus  (bei  Walras)  592.
Agrarsystem  Loria’s  632.
Agrartheorie,  physiokratische  19.
Agrikultur-Manufakturstaat  310.
Agrikulturstaat  310.
Aktie  508.
Aktieneigentum  (bei  Fourier)  269,  270.
—  Verwandlung  des  Privat-  —  in  269.
Aktiengesellschaft  331.
Aktiengesellschaften  522.
—  (bei  Marx)  508.
—  (bei  Molinari)  269.
—  (bei  A.  Smith)  104.
Allgemeininteresse  95.
—  und  Monopol,  Zwiespalt  zwischen  581.
—  Unterordnung  ■  des  Privatinteresses
unter  das  372.
Allmacht  der  Wissenschaft  132.
Almosen  (bei  Malthus)  147.
Ältesten,  Recht  des  (bei  Le  Play)  535.
Abschaffung  des  233.
Altruismus  (bei  Stuart  Mill)  433.
Altruist  und  Egoist  (bei  Bastiat)  372.
Amerikanische  Konkurrenz,  die  33,  303.
Amortisation  500.
Analogien  445.
—  zwischen  den  Marxisten  und  den
Saint-Simonisten  244.
—  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  421.
Analyse  der  Bedürfnisse  625.
psychologische  436.
Anarchie  (bei  Proudhon)  336.
—  wirtschaftliche  (bei  den  Saint-Simonisten) ­
  237.
—  der  Produktion  (bei  den  Saint-Simonisten) ­
  237.
—  Programm  der  697.
Anarchismus  564.
—  literarischer  671.
—  philosophischer  671.
—  politischer  671.
—  sozialer  671.
—  Einfluß  des,  auf  die  Arbeiterklasse
698.
Anarchisten  52,  504,  670ff.
Anarchisten,  doktrinäre  131.
Anbaugrenze  166.

Ancien  regime,  Finanzwirtschaft  des  46.
Aneignung  des  Gemeindelandes  158.
—  Herrschaft  der  privaten  504.
—  kollektivistische,  der  Bodeneinkünfte
635.
—  staatliche,  aller  Formen  der  ökonomischen ­
  Rente  634.
Angebot  (bei  Condillac)  56.
—  Kurve  des  582.
—  und  Nachfrage,  Gesetz  des  123,  392.
(bei  Cournot)  392,  568.
(bei  den  Hedonisten)  567,  568.
Verhältnis  zwischen  (bei  A.  Smith)
84.
(bei  Stuart  Mill)  392,  568.
Animalisches  Leben,  Prinzip  des  81.
Anleihen,  Emission  ausländischer  311.
Anlage  von  Kapitalien  98.
Anpassung  des  Angebots  an  die  Nachfrage
(bei  A.  Smith)  81.
—  des  Einkommens  an  das  Verdienst  486.
—  der  Gütererzeugung  an  die  Nachfrage
89.
—  des  Menschen  an  seine  Umgebung  257.
—  der  Notenmenge  an  die  Nachfrage  93.
—  der  Produktion  an  die  Bedürfnisse
460,  461.
an  die  Nachfrage  (bei  A.  Smith)  89.
—  —  an  die  Nachfrage  (bei  Walker)  601,
602.
an  den  Verbrauch  246.
—  Schwierigkeiten  der  (bei  Sismondi)
195,  196.
Anpassungstheorie  (bei  A.  Smith)  89.
Ansammlung  von  Kapitalien  80.
Antagonismus  251.
—  zwischen  Arbeiter  und  Kapitalist  (bei
Ricardo)  173,  174.
—  der  Interessen  (bei  Sismondi)  204.
—  zwischen  Profit  und  Lohn  401.
(bei  Marx)  511.
(bei  Ricardo)  173,  511.
Anteil  an  der  Arbeit  am  Gesamtprodukt
371.
—  des  Arbeiters  am  Produkt,  wachsender
242.
—  der  Bodenrente  am  Einkommen  176.
—  des  Kapitals  am  Einkommen  177.
am  Gesamtprodukt  (bei  Bastiat)
370,  371,  372.
—  des  Lohnes  am  Einkommen  177.
Antimilitarismus  (bei  Fourier)  275.
        <pb n="777" />
        Sachregister.

755

48*

Anziehung,  Gesetz  der  passioneilen  252.
Arbeit  (bei  Marx)  465.
—  (bei  Proudhon)  317,  318.
—  (bei  Rodbertus)  463,  464.
•—  als  Einkommensquelle  (bei  A.  Smith)
68.
—  als  Grundlage  des  Wertes  (bei  Ricardo)
152.
—  als  Maßstab  des  Wertes  (bei  Ricardo)
152.
—  als  Substanz  des  Wertes  (bei  K.  Marx)
494.
—  als  Ursache  des  Wertes  (bei  Ricardo)
152.
(bei  A.  Smith)  84.
—  als  Wertfaktor  162.
—  und  Spiel  (bei  Bücher)  273.
(bei  Fourier)  273,  274.
—  anziehende  273.
—  gegenwärtige  201.
—  gesicherte  560.
—  nationale  357.
—  obligatorische  660.
—  primäre  201.
—  produktive  19,  69.
—  unbezahlte  497.
—  unproduktive  69.
—  Abkürzung  der  79.
—  Anteil  der,  am  Gesamtprodukte  (bei
Bastiat)  371,  467.
am  Produkt  (bei  Cärey)  467.
—  Assoziation  zwischen  Kapital  und  (bei
Condillac)  56.
—  —  (bei  Loria)  632.
—  Ausbeutung  der,  durch  das  Kapital
(bei  Henry  George)  616.
—  Bedürfnisse  der  461.
—  Befreiung  der  (bei  Marx)  505.
—  Begriff  der  (bei  den  Christlich-Sozialen) ­
  532.
—  Belohnung  der  (bei  A.  Smith)  90.
•—  Einkommen  aus  201.
—.—  ohne  (bei  Proudhon)  317.
—  Entlohnung  der  (bei  A.  Smith)  70,
—  gerechte  Entlohnung  der  (bei  Ruskin)
561.
—  Ergebnis  der  (bei  den  Physiokraten)  19.
—  Erleichterung  der  79.
—  Freiheit  der  (bei  Fourier)  274.
—  —  (bei  den  Physiokraten)  30.
—  Intensivierung  der  499.
—  Konzentration  der  203.

Arbeit,  landwirtschaftliche,  Vorherrschen
der  273.
—  der  Leitung  (bei  Rodbertus)  464.
—  Marktpreis  der  (bei  Rodbertus)  468.
—  Nachfrage  nach  (bei  Sismondi)  204.
—  Neugestaltung  der  (bei  den  Anarchisten)
692,  693.
—  Normalwert  der  (bei  Rodbertus)  468.
—  Organisation  der  277,  328,  330.
—  natürlicher  Preis  der  (bei  Ricardo)  171.
—  Produktion  von  (bei  Henry  George)
616.
—  Produktivität  der  (bei  Dunoyer)  379.
—  ausschließliche  Produktivität  der  (bei
Proudhon)  317.
—  steigende  Produktivität  der  (bei  Bastiat) ­
  365.
—  —  (bei  Rodbertus)  468.
—  Recht  auf  (bei  Considdrant)  276.
(bei  Fourier)  325.
(bei  A.  Menger)  662.
—  —  (bei  den  Solidaristen)  654.
—  Solidarität  zwischen  Kapital  und  663.
—  Trennung  zwischen  Eigentum  und  203,
205.
—  unbezahlte,  Theorie  der  (bei  Thompson)
264.
Arbeiten,  die  öffentlichen  42.
—  ungleichmäßige  Produktivität  der  verschiedenen ­
  68,  71.
Arbeiter,  landwirtschaftliche  29.
-—Internationalismus  510.
—Produktiv-Genossenschaft  659.
•—Volkswirtschaft  637.
—  proportionaler  Anteil  des,  am  Produkt
(bei  Rodbertus)  467,  468.
—  Assoziation  mit  dem  Unternehmer  404.
—  Ausbeutung  des  (bei  den  Anarchisten)
670.
(bei  Lösewitz)  548.
—  —  (bei  Marx)  520.
—  —  (bei  Walker)  601.
—  Beraubung  des  (bei  Rodbertus)  464
467.
(bei  Sismondi)  200.
(bei  A.  Smith)  86.
—  Differentialrente  der  600.
—  Emanzipation  der  (bei  Louis  Blanc)
283.
(im  Sozial-Katholizismus)  547.
—  Fertigkeit  der  66.
—  Freizügigkeit  der  105.
        <pb n="778" />
        756

Sachregister.

Arbeiter,  Koalitionsrecht  der  (bei  Sismondi)
  212.
—  Konkurrenz  zwischen,  und  Kapitalisten ­
  (bei  Henry  George)  617.
—  hohe  Löhne  der  73.
—  organisierte,  Monopol  der  396.
—  und  Müßiggänger  (bei  Saint-Simon)
224.
—  Produktivität  der  79.
—  Proletarisierung  der  (bei  Karl  Marx)
472.
(bei  Rodbertus)  472.
—  Regierungskommission  für  die  328.
—  Rückgabe  der  Produktionsmittel  an
die  510.
—  Verblödung  des  66.
—  Vergesellschaftung  spezialisierter  283.
—  Vermehrung  der  (bei  A.  Smith)  90.
—  Versklavung  des  198.
Arbeiterassoziation,  internationale  348,
676.
Arbeiterbevölkerung,  Überfluß  an  606.
Arbeiterbewegung  265,  348,  626.
—  syndikalistische  348.
—  Geschichte  der  174.
Arbeiterelend  187.
Arbeiterfamilien,  Monographien  über  533.
Arbeiterfragen  414,  424,  479,  480.
Arbeiterfürsorge  (bei  Sismondi)  212.
Arbeitergenossenschaften  330.
Arbeitergenossenschaft  (bei  den  Christian-Socialists)
  551.
—  (bei  Le  Play)  538.
—  (bei  den  sozial-katholischen  Schulen)
544.
Arbeitergesetzgebung  (bei  den  Christlich-Sozialen)
  545.
—  (in  England)  640.
—  (bei  Fourier)  276.
—  französische  330.
—  (bei  Owen)  256.
—  (bei  Rodbertus)  459.
—  (bei  Sismondi)  214.
Arbeitergewerkschaft  700.
Arbeitergewerkschaften,  Taktik  der  198.
Arbeitergewinnbeteiligung  270,  271.
Arbeiterklasse  (bei  Saint-Simon)  228,  229.
—  Einkommen  der  469.  ,
—  Emanzipation  der  246.
—  Interessen  der  516.
—  Lebensbedingungen  der  424.

Arbeiterklasse,  Rolle  der  (bei  den  Saint-Simonisten
  219.
—  Vermehrung  der  172.
—  Verminderung  der  172.
—  Wohlstand  der  172.
—  Beseitigung  der  besitzenden  Klasse
durch  die  517.
—  Einfluß  des  Anarchismus  auf  die  698.
—  —  Owen-’s  auf  die  258.
Arbeiterlage,  Einfluß  des  Bevölkerung?
gesetzes  auf  die  171.
—  Einfluß  des  Bodenrentengesetzes  auf
die  171.
Arbeitermassen,  wachsende  Proletarisierung ­
  der  216.
Arbeiterorganisationen  372.
Arbeiterpartei,  christlich-soziale  554.
—  sozialdemokratische  480.
Arbeiterpensionen  375.
Arbeiterprogramm  476.
Arbeiterproduktivgenossenschaft  (beiLouis
Blanc)  27R  284.
—  (bei  den  Christian-socialists)  552.
Arbeiterschutz,  gesetzliche  Verpflichtung
des  375.
Arbeiterschutzgesetze  489.
Arbeiteruniversitäten  561.
Arbeiterverein  458,  475.
—  katholischer  543.
Arbeiterversicherung  (bei  Bismarck)  489.
Arbeiterversicherungsgesetze  489.
Arbeiterwohlfahrtseinrichtungen  (bei  Le
Play)  537.
—  (bei  der  liberalen  Schule)  352.
—•  Owen’s  256.
Arbeitgeber,  Autorität  des  537.
—  Lehre  vom  guten  (im  sozialen  Katholizismus) ­
  550.
—  System  des  guten  (bei  Le  Play)  537.
—  Verantwortlichkeit  des  662.
Arbeitnehmer,  Assoziation  der  405.
Arbeitsanteil,  Verminderung  des  469.
Arbeitsbedingungen,  Einmischung  der  Regierung ­
  in  die  489.
Arbeitsbörse  261.
Arbeitsertrag,  voller  (bei  den  Fabiern)  634.
—  Recht  auf  den  vollen  (bei  A.  Menger)
662.
—  Abzüge  von  dem  101.
—  Profit  als  Abzug  vom  508.
Arbeitsfreiheit,  Proklamation  der  505.
Arbeitsgemeinschaft  545.
        <pb n="779" />
        Sachregister.

757

Arbeitsgesetzgebung,  Urheber  der  74.
Arbeitsinstrumente  92.
Arbeitskostenpreis  (bei  Proudhon)  342.
Arbeitskraft  (bei  Sismondi  und  Marx)  216.
—  Entwertung  der  171.
—  Produktionskosten  der  396.
—  Wert  der  496,  497.
Arbeitslose  327.
Arbeitslosigkeit  (bei  Marx)  S06.
—  (bei  Eodbertus)  461.
—  Lösung  des  Problems  der  630.
Arbeitslohn  (bei  A.  Smith)  71,  86.
Arbeitsmenge  495.
Arbeitsmittel  (Grund  und  Boden  und
Kapital)  246.
—  (bei  den  Saint-Simonisten)  233.
—  Vergesellschaftung  der  (bei  den  Saint-Simonisten)
  240.
Arbeitsnoten  Owen’s  261.
—  Ersetzung  des  Geldes  durch  261.
Arbeitsprodukt,  Eigentumsrecht  am  eigenen ­
  609.
Arbeits-Reihen  273.
Arbeitsstaat,  volkstümlicher,  Menger’s  228.
Arbeitsstätte  für  Arbeitslose  326.
Arbeitstag,  Dauer  des  497.
Arbeitstauschbörse  261,  263.
Arbeitsteilung  (bei  Dürkheim)  654.
—  (bei  Fourier)  274.
—  (bei  List)  297.
—  (bei  Rodbertus)  459.
—  (bei  A.  Smith)  63ff.
—  (bei  Tolstoi)  562.
—.  internationale  (bei  Carey)  306.
(bei  List)  309.
(bei  Ricardo)  178.
—  nationale  (bei  List)  309.
—  als  Form  der  Solidarität  642.
—  als  Form  selbsttätiger  Kooperation  64,
65.
—  als  Grundlage  der  Moral  67.
—  Grenzen  der  (bei  A.  Smith)  67.
—  Nachteile  der  (bei  A.  Smith)  66.
—  Produktionsordnung  der  462.
—  Ursprung  der  77.
Arbeitsteilung,  Vorteile  der  65.
Arbeitsvermögen  (bei  Sismondi)  216.
Arbeiterwachstum  109.
Arbeitswert  361.
—  (bei  Marx)  495,  512,  520.
—  (bei  Ricardo)  162,  163,  164.
—  (bei  Rodbertus)  465.

Arbeitswert  (bei  Adam  Smith)  84,  85,163.
—  (bei  Turgot)  63.
—  und  Geldwert  der  Produkte  (in  der
Arbeitstauschbörse)  263.
Arbeitswerttheorie  Ricardo’s  (bei  Rodbertus) ­
  457.
Arbeitszeit  496.
—  Begrenzung  der  (bei  Sismondi)  198,212.
(bei  den  Solidaristen)  654.
Arme  und  Reiche  (bei  Sismondi)  192,  193,
203.
Armengesetze,  Abschaffung  der  147.
—•  Vorwürfe  Sismondi’s  gegen  212.
Armut  der  industriellen  Gemeinschaften,
relative  211.
Ärzte  96.
Assoziation  251.
—  (bei  Louis  Blanc)  279.
—  (bei  Löon  Bourgeois)  657.
—  (bei  Carey)  375.
—  (bei  Dunoyer)  353.
—  (bei  Le  Play)  541.
—  (bei  Stuart  Mill)  404.
—  (bei  der  liberalen  Schule)  352.
—  (bei  den  Solidaristen)  659.
—  der  Arbeiter  mit  dem  Unternehmer  404.
—•  der  Arbeitnehmer  404.
—  als  Ausbeutungsmittel  (bei  Buchez)
281.
—  Freiheit  der  (bei  der  liberalen  Schule)
352.
—  freie  (bei  den  sozial  -  katholischen
Schulen)  546.
—  Gefahren  der,  für  die  Freiheit  des  Individuums ­
  253.
—  der  Intelligenz,  der  Arbeit  und  des
Kapitals  271.
—  zwischen  Kapital  und  Arbeit  (bei  Condillac)
  56.
(bei  Loria)  632.
—  Kraft  der  (bei  Carey)  375.
—  Ordnung  der  670.
—  als  produktive  Organisation  247.
Assoziationsfreiheit  (bei  Stuart  Mill)  395.
Assozialisten  184,  251,  509.
Ätiologie  257.
Attraction  sympathique  267.
Aufbau  der  ökonomischen  Welt,  selbsttätiger ­
  77.
Auffassung,  atomistische  417.
—  biologische,  von  der  Gesellschaft  472.
—  deterministische  258.
        <pb n="780" />
        Aufgabe  des  Individuums  627.
—  der  Kirche  529,  530.
—  des  kommunistischen  Manifestes  509.
—  der  Nationalökonomie  (bei  Hildebrand)
421.
—  der  Regierung  (bei  Bastiat)  450.
(bei  Saint-Simon)  225,  226,  227.
(bei  A.  Smith)  450.
—  der  Sozialpolitik  198.
—  und  Bereich  des  Staates  (bei  A.  Wagner) ­
  481.
—  des  Staates  (bei  Dupont-White)  483,
484.
(bei  den  Fabiern)  639.
(bei  Fichte)  478.
—  (bei  Prince  Smith)  482.
(bei  Walras)  626.
—  des  Staatssozialismus  483,  487.
Aufhebung  des  Privateigentums  (bei  K.
Marx)  509.
—  der  Schutzzölle  in  England  169.
Auflösung  der  Großstädte  272.
—  des  Regierungssystems  in  der  Wirtschaftsordnung ­
  336.
Aufrechterhaltung  des  Privateigentums
271.
Aufschwung  der  Konsumgenossenschaft
405.
Ausbeutung  (bei  Henry  George)  617.
—  (bei  Karl  Marx)  234,  235,  495.
—  (bei  den  Saint-Simonisten)  233,  234.
—  (bei  Sismondi)  234,  235.
—  der  Arbeiter  (bei  Lösewitz)  548.
(bei  Marx)  520.
—-  —  (bei  Walker)  601.
durch  den  Kapitalisten  216.
—  des  Menschen  durch  den  Menschen  246;
680.
(bei  den  Saint-Simonisten)  233.
—  des  Schwachen  durch  den  Starken  477.

Ausbeutung,  Eigentum  als  Organisation
der  (bei  den  Anarchisten)  683.
—  verschiedene  Phasen  der  499.
—  Unvermeidlichkeit  der  494.
Ausbeutungsmittel,  Assoziation  als  (bei
Buchez)  281.
Ausbeutungstheorie  (bei  den  Anarchisten)
670,  680.
Ausbreitung  des  Privateigentums  271.
Ausdehnung  der  Industrie  126.
—  industrieller  Unternehmungen  404.
—  des  kleinbäuerlichen  Eigentums  406.
—  der  Kollektivinteressen  483.
—  des  Marktes  67.
—  der  Produktion,  wissenschaftliche  (bei
den  Anarchisten)  693.
Ausfuhr,  Verlangsamung  der  179.
Ausfuhrland  108.
Ausfuhrverbot  106.
Ausfuhrwert  396.
Ausgangspunkte,  Gleichheit  der  239.
Ausgangspunkt,  Ungleichheit  am  345.
Ausland,  Handel  mit  dem  67.
Ausnahmeprivilegium  309.
Ausnahmslage  234.
Ausnutzung  der  Produktionsmittel,  volle
463.
Ausrottung  278.
Aussaugung  des  Bodens  307.
Außenhandel  31,  106.
—  Freiheit  des  176.
(böi  den  Physiokraten)  51.
Aussöhnung,  künstliche,  der  Interessen
(bei  den  Saint-Simonisten)  250.
Austausch,  internationaler  (bei  Dunoyer)
396.
(bei  Paroto)  311.
—  Prinzip  des  freien  311.
Auswahl  des  Tüchtigsten  131.
Auswanderung  160.
Autarchie,  wirtschaftliche  309.
Autonomie,  wirtschaftliche  309.
—  Streben  der  Wesen  nach  665.
Autorität  (bei  den  Physiokraten)  38.
—  (bei  Le  Play)  534.
—  Notwendigkeit  einer  534.
—  väterliche  535.
—  des  Arbeitgebers  537.
—  Vernichtung  des  Prinzips  der  681.
Autoritäten  soziale  534.
Avances  annuelles  26.
        <pb n="781" />
        Sachregister.

759

Avances  foncieres  25,  26.
—  primitives  26.
B.
Bank  von  Amsterdam  93.
—  von  England  180.
Bankbetrieb  93.
Banken  (bei  Proudhon)  343.
—  (bei  den  Saint-Simonisten)  238,  343.
—  (bei  A.  Smith)  105.
—  Aufgabe  der  (bei  den  Saint-Simonisten)
246.
—  Einfluß  der  großen,  auf  das  moderne
Wirtschaftsleben  245.
—  Theorien  Ricardo’s  über  die  177.
Bankmaßregeln  105.
Banknoten  92,  93.
—  Entwertung  der  151,  181.
—  Minimalnennbetrag  der  105.
—  Bolle  der  150.
—  Wertverminderung  der  181.
Banknotenausgabe,  Reglementierung  der
180,  182.
Banknotenwert,  Garantie  des  182.
Bankoperationen  92.
Banque  de  France,  Umformung  der  329.
Banksystem,  allgemeines,  der  Saint-  Simonisten
  237.
Bankwesen,  Fragen  des  151.
Bargeld,  Export  von  92.
—  Import  von  92.
Barverkauf:  Identifizierung  mit  dem
Kreditverkauf  345.
Barrengoldreserve  182.
Bauerngüter,  kleine  französische  148.
Bauernschaft,  französische  407.
Baumwollenindustrie  72.
Beamten,  Besoldung  der  104.
Bedienung,  Ersatz  der  persönlichen  durch
die  kollektive  268.
Bedingungen,  Gleichheit  der  627.
—  soziale,  Umformung  der  512.
Bedürfnisse,  Analyse  der  625.
—  Anpassung  der  Produktion  an  die  460,
461.
—  der  Arbeit  461.
—  des  Besitzes  461.
—  Gleichheit  der  217.
—  Reihenfolge  der  (bei  Rodbertus)  461.
—  psychologische  Analyse  der  436.
Bedürfnis,  gesellschaftliches  (bei  K.  Marx)
620.

Bedürfnis,  Gesetz  der  veränderlichen
Stärke  des  594.
—  soziales  (bei  A.  Smith)  461.
—•  —  (bei  Rodbertus)  461,  473.
Produktion  für  das  462.
Gegensatz  zu  wirksamer  Nachfrage
(bei  Rodbertus)  462.
Bedürfnisgrenze  der  Industrie  172.
Befreiung  der  Gemeinden  223.
Befriedigung,  Prinzip  des  Maximums  der
586.
Begrenzung  der  Arbeitszeit  (bei  Sismondi)
212.
(bei  den  Solidaristen)  654.
—  der  Funktionen  des  Staates  (bei  den
Physiokraten)  51.
—  der  individuellen  Initiative  210.
—  des  Wachstums  der  Unternehmungen
587.
Begünstigungssystem  102.
Belohnung  der  Arbeit  (bei  A.  Smith)  90.
Beraubung  (bei  Proudhon)  318.
—  (bei  Sismondi)  202.
—  des  Arbeiters  (bei  Rodbertus)  464—467.
(bei  Sismondi)  200.
—•  —  (bei  A.  Smith)  86.
Beraubungsproblem,  Lösung  des  (bei  Karl
Marx)  319.
(bei  Proudhon)  319.
(bei  Rodbertus)  319.
Beraubungstheorie  (bei  A..Smith)  79.
Berechtigung  der  reinen  Ökonomie  427.
—  der  Zinsen  (bei  Bastiat)  361,  362.
(bei  Condillac)  56.
—  —  (bei  Turgot)  56.
Bereicherung,  Quelle  der  79.
Bergwerke  16.
—  Differentialrente  der  598,  599.
—  Produktion  der  (bei  A.  Smith)  155.
—  Rückkauf  der  (bei  Walras)  630.
Berufsgenossenschaft  253.
Berufssyndikate  253.
Berufsverband  543.
Beschränkung  des  Arbeitstages  (bei  Owen)
256.
—  der  Bevölkerung,  freiwillige  142.
—  der  Eigentumsrechte,  wachsende  475.
—  der  Geburten  134.
—  der  industriellen  Arbeiten  272.
—  der  Kinderarbeit  (bei  Owen)  187,  256,
257.  .
—  der  Kinderzahl  391.
        <pb n="782" />
        760

Sachregister.

Beschränkungssystem  102.
Besitz,  Bedürfnisse  des  461.
—  der,  eine  soziale  Funktion  661.
—  bäuerlicher,  Vermehrung  des  211.
—  gemeinsamer,  Verwaltung  des  450.
—  kleinbäuerlicher  (bei  Stuart  Mill)  402,
407.
—  patriarchalischer,  Rückkehr  zum  211.
Besitzer,  Verfügungsrecht  des  407,  661.
Besitzergreifung,  die  28.
—-  Recht  der  (bei  Proudhon)  318.
Besitzlosen,  Unterdrückung  der,  durch  die
Besitzenden  (bei  den  Anarchisten)  681.
(bei  A.  Smith)  86,  681.
Besitzrecht  323.
—  Veränderungen  des  661.
Besitztümer,  individuelle  317.
Besitzzustand,  einfacher  323.
Besoldung  der  Beamten  104.
Besserung  der  Lage  der  unteren  Gesellschaftsklassen ­
  129.
Bestimmungsgrund  des  Wertes  (bei  A.
Smith)  86.
Betätigung,  individuelle  104.
Betriebsgröße,  landwirtschaftliche,  Abnahme ­
  der  durchschnittlichen  522.
Betriebskapital  (bei  den  Physiokraten)  26.
Bevölkerung  90.
—  freiwillige  Beschränkung  der  142.
—  Bewegung  der  90,  131.
—  Dichte  der  (bei  Bastiat)  376.
—  Druck  der  166.
—  Einfluß  der  hohen  Löhne  auf  die  206.
—  Gesetz  der  391.
—  Pressung  der  368.
—  Prinzip  der  139.
—  Problem  der  148.
—  Regelung  der,  nach  dem  Einkommen
205.
—  Vermehrung  der  147.
—  Verstadtlichung  der  506.
—  Wachstum  der  142.
Bevölkerungsdichte  165.
Bevölkerungsgesetz  391.
—  (bei  Bastiat)  376.
—  (bei  Carey)  376,  377.
—  (bei  Henry  George)  616.
—  (bei  Leroy-Beaulieu)  148.
—•  (bei  Stuart  Mill)  408.
Bevölkerungskurve,  Bewegung  der  401.
Bevölkerungsmaximum  (bei  Ricardo)  176.
Bevölkerungstheorie  Malthus*  146.

Bevölkerungstheorie  Malthus ! ,  Kritik  der
(bei  Sismondi)  205.
—  (bei  Mirabeau)  131.
—  (bei  A.  Smith)  83,  89,  90.
Bevölkerungsvermehrung,  Prinzip  der  (bei
Nassau  Senior)  381.
—  Schnelligkeit  der  133.
Bevölkerungswachstum  109.
Bevölkerungszuwachs,  Einschränkung  des
140.
Bevormundungssystem  185,  186,  194.
Beweglichkeit  des  Marktpreises  84.
Bewegung,  erste  korporative  331.
—  syndikalistische  525.
—  der  Bevölkerungskurve  401.
—  Sozialismus  als  (bei  Bernstein)  526.
Bewegungen  der  Bevölkerung  90.
Bewirtschaftung  der  römischen  Campagna
207.
Beziehungen,  rechtliche  403.
-—  wirtschaftliche  403.
Bildung  des  Warenpreises  71.
Binnenhandel,  Freiheit  des  (bei  den  Physiokraten) ­
  51.
Binnenmarkt,  Sicherung  des  310.
Binnensteuer  110.
Binnenzollschranken,  Abschaffung  der  (bei
List)  312.
—  in  Frankreich,  Abschaffung  der  288.
Biologie  131.
Boden,  freier,  für  alle  630.
—  als  Einkommensquelle  (bei  A.  Smith)
68.
—  Abschätzung  des  615.
—  Aussaugung  des  307.
—  Eigentumsrecht  an  (bei  Ricardo)  167.
—  Ertragsfähigkeit  des  159.
—  Erzeugnisse  des  17.
—  Gemeinschaftsbesitz  am,  (bei  Cherbuliez)
  142.
—  Heimfall  des,  an  den  Staat  623.
—  gesetzliches  Monopolrecht  am  206.
—  Nationalisierung  des  (bei  Henry  George)
612.
(bei  PI.  H.  Gossen)  625,  626.
(bei  James  Mill)  168.
(bei  Stuart  Mill)  613,  614,  615.
(bei  Herbert  Spencer)  612.
—  : —  (bei  Wallace)  630.
(bei  Walras)  593,  612.
—  besondere  Produktivität  des  63,  72,117.
—  kommerzielle  Produktivität  des  599.
        <pb n="783" />
        Sachregister.

761

Boden,  Rückkauf  des  (bei  Gide)  628.
(bei  Vidal)  329.
(bei  Walras)  628.
—  Rückkehr  zum  (bei  Fourier)  272.
(bei  Tolstoi)  562.
—  Schätzung  des  Wertzuwachses  des  615.
—  Systeme  der  Nationalisierung  des  623ff.
—  Verstaatlichung  des  (bei  Gossen)  626.
—  wachsender  Wert  des  612.
—  Urbarmachung  des  25.
—  Urrecht  der  Gemeinschaft  am  611,  612.
—  Bodenbesitz,  Ordnung  des  (bei  Loria)
514.
—  privater  (bei  Gossen)  626.
Bodendienste,  Wachsen  des  Mehrwerts  der
630.
Bodeneinkünfte,  kollektivistische  Aneignung ­
  der  635.
Bodenertrag,  Gesetz  des  sinkenden  (bei
Ricardo)  128,  136,  159.
(bei  Stuart  Mill)  408.
Bodenkategorien  (bei  Ricardo)  156.
Bodenkreditinstitut  329.
Bodenkultur,  Gang  der  (bei  Carey)  368.
—  Scheidung  der,  zwischen  den  verschiedenen ­
  Ländern  299.
Bodenlohn  (bei  Loria)  632.
Bodenmehrwert,  Beständigkeit  des  623.
—  Wegsteuerung  des  622,  623.
Bodenmonopol  401.
Bodenpreise,  städtische,  Steigen  der  597.
Bodenrente  (bei  Bastiat)  366,  367.
■—  (bei  Carey)  367.
—  (bei  Hermann)  607.
—  (bei  Malthus)  154.
—  (bei  Marshall)  609.
—  (bei  Karl  Menger)  608.
—  (bei  Pareto)  609.
—•  (bei  Ricardo)  598.
—  (bei  J.-B.  Say)  608.
—  (bei  Schäffle)  608.
—  (bei  Stuart  Mill)  405,  600—607.
—  (bei  den  modernen  Theoretikern)  598.
—  als  Schaffung  von  Werten  155.
—  als  Wurzel  aller  sozialen  Übel  619.
—  Aneignung  der  zukünftigen,  durch  den
Staat  614.
—  Anteil  der,  am  Einkommen  176.
—  unendliches  Anwachsen  der  (bei  Henry
George)  617,  618.
—  praktische  Bedeutung  der  596.
—  theoretische  Bedeutung  der  696.

Bodenrente,  differentiale  164.
—  ausschließlich  differentiale  (bei  Ricardo) ­
  165.
—  Erhöhung  der,  im  18.  und  19.  Jahrhundert ­
  157.
—  Erklärung  der  (bei  Malthus)  154.
—  Gesetz  der  (bei  Ricardo)  128,  152.
—  Illegitimität  der  610.
—  Kurve  der,  in  England  169,  170.
—  Sinken  der  169.
—  Stillstand  der  169.
—  Sozialisation  durch  die  Grundsteuer
(bei  Stuart  Mill)  404.
—  Theorie  der  596ff.
—  Ungerechtigkeit  der  Konfiskation  der
619.
—  Wegsteuerung  der  (bei  Henry  George)
619.
(bei  James  Mill)  168.
(bei  Stuart  Mill)  405.
—  Zersplitterung  der  407.
Bodenwertzuwachs,  Wegsteuerung  des  615..
Bolschewismus  700ff.
Bourgeois-Nationalökonomie  357.
Bourgeoisie,  Rolle  der,  in  der  Geschichte
512.
Boykott  645.
Brutto-  und  Nettoertrag,  Frage  des  462.
Bruttoertrag,  Wachstum  des  148.
—  (bei  Sismondi)  206.
—  Gegensatz  zum  Nettoertrag  (bei  Sismondi) ­
  462.
—  und  Nettoertrag,  Unterschied  zwischen
(bei  Sismondi)  206.
Brüderlichkeit  als  Basis  der  Gesellschaft
547.
—  (bei  den  Solidaristen)  646.
Buchungen,  System  sozialer,  Solvay’s  262,
344.
Bullionisten  2.
Bürgerliche  Regierung  86.

C.
Carrying  Trade  98.
Chambre  consultative  des  associations  deproduction
  279.
Chartismus  255.
China,  Kaiser  von  41.
Christianisierung  des  Sozialismus  553.
Christian-Socialists  551.
Christlich-Sozialen,  die  120,  214.
        <pb n="784" />
        762

Sachregister.

Christlich-soziale  Schuhe,  Ursprünge  der
530.
Clearing-houses  344.
Colbertismus  32.
Colbertisten  19.
Confederation  Generale  du  Travail  517,
526,  698.
Communes  223.
Composite  rent  604.
Comptabilisme  social  262.
Contrat  social  2,  6,  7.
Cooperation  integrale  268.
Copartnership  270.
Corn-laws,  Abschaffung  der  191.
Credit-Mobilier  245.
1).
Darlehnsfreiheit  (bei  Bentham)  105.
—•  (bei  der  liberalen  Schule)  352.
Darlehnsgeschäft,  Freiheit  des  (bei  Condillac)
  56.
(bei  Turgot)  56.
Darlehnskasse,  staatliche  (bei  Gossen)  625.
Dasein,  Recht  auf  (bei  A.  Menger)  662.
Decret  de  maximum  218.
—  de  rationnement  218.
Deduktion  (bei  Cairnes)  425.
—  Kritik  der  434.
Definition  des  Eigentums  (bei  Stuart  Mill)
620.
—  der  sozialen  Funktionen  (bei  Rodbertus)
473.
—  des  Staates  (bei  Carlyle)  559.
—  des  Staates  (bei  Hegel)  478.
—  der  Volkswirtschaft  (bei  Ashley)  429.
Deistischer,  Rationalismus  57.
Dekret  „la  Chapelicr“  253.
Demographie  131,  149.
Demographischor  Niedergang  Frankreichs
141.
Demokratie  43.
Depositbanken  246.
Desirabilitü  571.
Despot,  der  aufgeklärte  39.
Despotismus  39.
—  aufgeklärter  95.
—  gesetzlicher  354-—
  militärischer  405.
—  Theorie  des  39.
Deterministen  422.
Deutsche  historische  Schule  190.
Dichtigkeitsgrenze  377.

Dienstbotenfrage,  Lösung  der  268.
Dienst,  sozialer  364.
Dienste  (bei  Bastiat)  360,  361,  363.
—  (bei  Irving  Fisher)  92.
—  (bei  A.  Smith)  69.
—■  Markt  der  585.
—  Preis  der  87.
—  produktive  (bei  J.-B.  Say)  122.
—  produktive  (bei  den  Hedonisten)  363.
(bei  Walras)  584.
Preis  der  (bei  Henry  George)  618.
Dienstwert,  Theorie  360.
Differential-Einkommen,  Profit  als  503.
Differentialrente  der  Arbeiter  600.
—  der  Bergwerke  598,  599.
—•  der  Fischereien  599.
—  in  der  Industrie  599.
—  der  Salinen  599.
Differenzierung  innerhalb  der  Kapitalistenklasse ­
  524.
Diktatur  des  Proletariats  703—712.
Disagio  181.
Diskontierung  von  Wechseln  335.
Diskontierungsbank  335.
Diskontopolitik  der  großen  Zentralbanken
308.
Dismal  Science  128,  559.
Disziplin,  eiserne,  während  der  Arbeit  707,
708.
Dividenden,  Verteilung  der  (bei  Fourier)
269.
Dogmatismus  120,  434.
Doktrinen,  hedonistische,  Kritik  der  587  ff.
Droit  d’aubaine  317.
Druck  der  Bevölkerung  156.
Dry  farming  369.
Dumping  298.
Dünger  306.
Durchschnittlicher  Schätzungswert  (bei
Turgot)  52.
Durchschnittsertrag,  jährlicher  Zuwachs
des  (bei  Turgot)  159.
Durchschnittspreis  des  Getreides  von  1770
bis  1813  in  England  157.
Durchschnittsvermögen  pro  Kopf  in  den
Ver.  Staaten  142.
Dynamische  Auffassung  des  Volkswohlstands ­
  313.
E.
Uconomie  sociale  194.
Eden-Vertrag  114,  291.
        <pb n="785" />
        Sachregister.

763

Edikt  von  Nantes,  Aufhebung  des  295.
Edikte  von  1763—1766  35.
figaux,  Sociüte  des  218.
Egoismus  (bei  Hildebrand)  433.
—  (bei  Knies)  433.
—  (bei  Stuart  Mill)  433.
-—  (bei  A.  Smith)  95.
—  (bei  A.  Wagner)  433.
—  korporativer  669.
Egoist  und  Altruist  (bei  Bastiat)  372.
Ehe  (bei  den  Anarchisten)  684.
—  (bei  Malthus)  137.
Ehelosigkeit,  Pflicht  der  138,  145.
Eheverbot  für  die  Armen  392.
Ehernes  Lohngesetz  48,  173,  394,  468.
Eigennutz  94.
Eigenschaften  des  Bodens,  produktive
und  unverwüstliche  155.
Eigentum  (bei  den  Anarchisten)  682,  683.
—  (bei  Proudhon)  316—318.
—  (bei  den  Pliysiokraten)  7,  27.
—  (bei  den  Saint-Simonisten)  217.
—  (bei  A.  Smith)  86.
—  antisoziales  167.
—  bewegliches  (bei  Turgot)  53.
—  bürgerliches  509.
—  gesellschaftliches  504.
—  an  Grundbesitz  (bei  den  Physiokraten)
  27,  28.
—  an  Sachgütern  242.
—  der  toten  Hand  217.
—  als  Ergebnis  des  Diebstahls  316.
—  und  Disharmonie  der  Interessen  (bei
Rousseau)  7.
—  und  Harmonie  der  Interessen  (bei  den
Physiokraten)  7.
—  als  Organisation  der  Ausbeutung  (bei
den  Anarchisten)  683.
—  Privat-,  Abschaffung  des  (bei  F.
Engels)  609.
—  friedliche  Abschaffung  des  (bei  Proudhon) ­
  332.
—  Abschaffung  (des  bei  den  revolutionären ­
  Syndikalisten)  699.
—  persönliches,  Abschaffung  des  (im
sozialen  Protestantismus)  551.
—  Achtung  vor  dem  (bei  den  Physiokraten) ­
  11.
(bei  den  Männern  der  franz.  Revolution) ­
  217.
—  Angriffe  gegen  das  216.
—  kleinbäuerliches,  Ausdehnung  des  406.

Eigentum,  Begriff  des  (bei  Brissot)  315
—  Berechtigung  des  (bei  Pareto)  591.
—  Definition  des  (bei  Stuart  Mill)  620.
•  (bei  Proudhon)  318.
—  Einkommen  aus  201.
—  kollektive  Form  des  (bei  Marx)  510.
—  verschiedene  Formen  des  (bei  den
Saint-Simonisten)  242.
—  Frage  des  (im  sozialen  Protestantismus)
557.
—  Konzentration  des  (bei  den  Fabiern)
638.
—  Kritik  des  (bei  den  Anarchisten)  670.
(bei  Proudhon)  315.
(bei  den  Saint-Simonisten)  318.
—  soziale  Nützlichkeit  des  248.
-—  Recht  auf  (bei  Brissot)  316.
im  Naturzustand  316.
—  Reform  des  241.
—  Schutz  des  (bei  Kropotkin)  682.
—  Sicherung  des  86.
—  und  Arbeit,  Trennung  zwischen  203—
205.
—  gesetzliche  Übertragung  des  404.
—  Umwandlung  des  (bei  Saint-Simon)
229.
■—  bürgerliches,  Untergang  des  509.
—  Urformen  des  242.
—■  Verallgemeinerung  des  318.
—  Verfassung  des  (bei  Proudhon)  337.
—•  individuelles,  Verflüchtigung  des  508.
—  Vermehrung  des  509.
—  primitives,  Vernichtung  des  505.
—■  Verteilung  des  (bei  Sismondi)  202.
—  Verwandlung  des  Privat-  in  Aktien-269.

—  Vorgeschichte  des  241,  242.
—  Zersplitterung  des  237.
—  Zerstückelung  des  203.
—  Wertverminderung  des  366.
Eigentümer,  Sicherheit  des  670,  671.
Eigentumsrecht  (bei  J.-J.  Rousseau)  218.
—  am  eigenen  Arbeitsprodukt  509.
—  an  Boden  (bei  Ricardo)  167.
—  des  Erfinders  122.
—  Recht  auf  Arbeit  als  Ergänzung  des  276.
—  Regelung  des  548.
Eigentumsrechte,  wachsende  Beschrän
kung  der  475.
Eindämmung  des  Überflusses  an  Produkten ­
  210.
Ein-  und  Ausfuhr,  Gleichgewicht  der  308.
        <pb n="786" />
        764

Sachregister.

Einfluß  des  Anarchismus  auf  die  Arbeiterklasse ­
  698.
—  der  wirtschaftlichen  Faktoren  auf  die
soziale  Entwicklung  (bei  Marx)  514.
Einfuhr,  freie,  überseeischen  Getreides  34,
178.
—-  von  Lebensmitteln,  freie  167.
—  Prämium  auf  die  179.
Einfuhrverbot  106.
Einfuhrwert  396.
Einfuhrzölle  auf  Getreide  75.
—  Berechtigung  der  109.
Einhegungsgesetze  158.
Einheit  des  Landes,  politische  311.
—  —  wirtschaftliche  311.
—■  wirtschaftliche,  Deutschlands  289.
—  des  Preises  585.
Einheitspreis,  Gesetz  des  574.
Einheitssteuer  auf  den  Grundbesitz  (bei
den  Physiokraten)  42  ff.
(bei  Henry  George)  619.
Einkaufsvereine,  soziale  373.
Einkommen  (bei  A.  Smith)  91.
—  arbeitsloses  (bei  Stuart  Mill)  402.
—  (bei  Proudhon)  317.
(bei  Ricardo)  164.
(bei  Saint-Simon)  233.
(bei  den  Sozialisten)  621.
—■  —  Abschaffung  des  (bei  Proudhon)
324.
Teilung  des  (bei  Rodbertus)  466.
—  —  Unrechtmäßigkeit  des  236.
—  nicht  verdientes  (bei  Marx)  520.
—  aus  Arbeit  201.
—  der  Arbeiterklasse  470.
—  aus  Eigentum  201.
—  aus  Grundbesitz  (bei  Ricardo)  153.
—  des  Grundbesitzers  71.
—  der  Nationen,  jährliches  69.
—  Anpassung  des,  an  das  Verdienst  486.
—  aus  Kapital,  Konfiskation  des  635.
—  —  Rechtfertigung  des  382.
—  schlechte  Verteilung  der  (bei  Sismondi)
  207.
—  Wert  des  371.
Einkommensquellen  68.
Einkommensteuer,  progressive  489.
Einkommensunterschiede  zwischen  den
industriellen  Unternehmungen  602.
Einkommensverteilung  (bei  Colson)  371.
—  (bei  Ricardo)  176.

Einmischung  der  Regierung  (bei  Louis
Blanc)  282—284.
in  die  Arbeitsbedingungen  489.
—  des  Staates  (bei  Chavelier)  453.
(bei  Cournot)  454—455.
(bei  Kingsley)  553.
(bei  Lassalle)  475).
(bei  Le  Play)  533—535.
(bei  der  liberalen  Schule)  351.
(bei  Stuart  Mill)  453.
(bei  den  sozial-katholischen  Schulen) ­
  548.
(bei  Stöcker)  555.
—  —  (am  Anfang  des  XIX.  Jahrhunderts)
473.
Einrichtungen,  politische,  als  Produktivkräfte ­
  295.
—  soziale,  unvollkommener  Zustand  der
388.
—  wirtschaftliche,  Spontaneität  der  75—
77.
natürlicher  Ursprung  der  76.
wohltätiger  Charakter  der  (bei
A.  Smith)  75.
Einsatz  (bei  Saint-Simon)  225.
Einschränkung  des  Bevölkerungszuwachses
140.
Einstellung  der  Produktivkräfte  463.
Einverleibungsgesetz  (Act  of  Union)  113.
Einwanderung  134.
Einzelassoziationen  251.
Einzelfamilie  542.
Einzelwesen,  Selbstinteresse  des  95.
Eisenbahnen,  Rückkauf  der  (bei  Walras)
630.
Elementarunterricht  67.
Elend,  physisches  137.
—  des  Arbeiters,  Erklärung  des  (bei  Sismondi)
  204.
—  des  Volkes,  Gleichgültigkeit  der  liberalen ­
  Schule  gegenüber  dem  353.
Emanzipation  der  Arbeiter  (bei  Saint-Simon)
  245.
(im  Sozial-Katholizismus)  547.
durch  die  Genossenschaft  330,  331.
—  der  Arbeiterklasse  (bei  K.  Marx)  245.
—  der  Kinder,  vorzeitige  144.
—  der  Landarbeiterschaft  94.
—  des  Individuums  404.
Emission  ausländischer  Anleihen  312,  657.
Emissionsbank  340.
Emissionstätigkeit,  freie  182.
        <pb n="787" />
        Enclosure  acts  158.
Encyclopedie,  grande  1.
Energiemaximum,  Prinzip  des  586.
Energiequellen,  neue  170.
Englands  Handelspolitik  33.
Enqueten  539.
Enteignung  der  Kapitalisten  (bei  K.  Marx)
610.
—•  —  (bei  Owen)  255.
—  der  erworbenen  Reichtümer  (bei
Thompson)  264.
—  aus  Gründen  des  öffentlichen  Nutzens
624.
—  ohne  Entschädigung  662.
Enteignungsentschädigung  168.
Entente  529.
Entfernung  vom  Markte  (bei  Thünen)
161.
Entfesselung  des  Individuums,  wirtschaftliche ­
  105.
Enthaltsamkeit,  moralische  137,  138,  139,
145.
Enthaltsamkeitswille  in  Frankreich  148.
Enthaltsamkeitszwang,  moralischer  171.
Entlassung,  Entschädigung  bei  ungerechtfertigter ­
  662.
Entlohnung  der  Abstinenz  409.
—  der  Arbeit  (bei  A.  Smith)  70.
gerechte  (bei  Ruskin)  560.
Entlohnung  des  Kapitals  (bei  A.  Smith)
70.
—  des  Kapitalisten  123.
—  des  Unternehmers  123.
—  gemäß  den  Bedürfnissen  258.
Entschädigung  bei  ungerechtfertigter  Entlassung ­
  662.
—  der  Grundbesitzer  (bei  Stuart  Mill)  619.
—  Enteignung  ohne  662.
—  Prinzip  der  (bei  Einaudi)  620.
Entwertung  der  Arbeitskraft  171.
—  der  Banknoten  181.
Entwicklung  der  Großproduktion  506,  507.
—  der  kapitalistischen  Industrie  (in
Deutschland)  480.
—  des  landwirtschaftlichen  Kleinbetriebes
521.
—  der  Lebewesen,  Grenzen  der  170.
—  der  kapitalistischen  Ordnung,  historische ­
  521.
—  des  Pauperismus  508.
—  der  Persönlichkeit,  freie  (bei  den
Anarchisten)  679.

Entwicklung  der  Transportmittel  169.
—  soziale  (bei  Marx)  514.
Antithese  der  323.
Synthese  der  323.
These  der  322.
—  wirtschaftliche  (bei  Walras)  630.
—  Analogien  der  wirtschaftlichen  421.
—  Gesetze  der  wirtschaftlichen  443.
—  Theorie  der  wirtschaftlichen  423.
Entwicklungsgesetze  der  Völker,  ökonomische ­
  421,  422,  423.
Entwicklungsperiode  (bei  A.  Smith)  293.
Entwicklungsphasen  der  Nationen,  wirtschaftliche ­
  293.
Entwicklungstheorie  529.
Enzyklopädie,  Edinburgher  189.
Enzyklopädisten  57.
Epidemien  136.
Epoche,  kapitalistische  496.
Equality  of  opportunity  239.
Erbanfallsteuer,  Festsetzung  der  345.
Erbe,  der  (bei  Nassau  Senior)  383.
—  gleiche  Zwangsteilung  des  535.
Erbrecht  (bei  Stuart  Mill)  402,  404,  407-—
  (bei  Nassau  Senior)  383,  407.
—  gleiches  (bei  Le  Play)  149.
—  Abschaffung  des  (bei  den  Saint-Simonisten)
  184,  240.
—•  Kritik  des  (bei  den  Saint-Simonisten)
237.
Erbschaftsteilung,  gleichmäßige  242.
Erbschaftswesen,  Ordnung  des  (bei  Le
Play)  535.
Erfindungen  66.
—  Verhinderung  der  (bei  Sismondi)  126.
Erfindungsmethode  539.
Ergänzung  der  Nationalökonomie  durch
die  Sozialpolitik  216.
Ergonomie  411.
Erhöhung  der  Bodenrente  im  XVIII.  und
XIX.  Jahrhundert  157.
—  der  Getreidepreise  im  XVIII.  und
XIX.  Jahrhundert  157.
—  des  Getreidepreises,  Ursache  der  157.
—  des  individuellen  Lohnes  469.
—  des  produit  net  (bei  A.  Smith)  68.
—  des  Wechselkurses  179.
Erklärung  des  Mehrwertes  (bei  Lexis)  492.
Erleichterung  der  Arbeit  79.
Ermäßigung  des  Schutzzolles  (bei  Ricardo)
178.
Eroberung  der  öffentlichen  Gewalt  517.
        <pb n="788" />
        766

Sachregister.

Ersatz  der  persönlichen  Bedienung  durch
die  kollektive  Bedienung  268.
Ersatz  des  Familienhaushalts  durch  den
Großhaushalt  267,  268.
Ersetzung  des  Geldes  durch  Arbeitsnoten
261.
Ertrag,  jährlicher  91.
—  Gesetz  des  wachsenden  (bei  List)  298.
Ertragsfähigkeit  des  Bodens  159.
—  physische  Grenze  der  136.
—  wirtschaftliche  Grenze  der  136.
Ertragssteigerung  136.
Erwerbsrecht  407.
Erwerbsschwierigkeitswert  361,  369.
Erzeugnisse,  immaterielle  (bei  G.  Garnier)
416.
(bei  Malthus)  118.
(bei  Stuart  Mill)  71,  118.
—.  —  (bei  J.-B.  Say)  118.
(bei  Nassau  Senior)  118.
—  des  Bodens  17.
Erzeugung  des  Nationalproduktes  65.
Erziehung  (bei  Ruskin)  561.
—.  industrielle  303.
—  —  Schutzzoll  als  297.
—  Rolle  der,  im  System  Owen’s  257.
Erziehungszölle  (bei  List)  297.
—  (bei  Stuart  Mill)  399.
Ütatisme  102.
Evidenz  10.
Evolutionslehre  442.
Evolutionstheorie,  Übertragung  ins  Christliche ­
  531.
Existenzbedingungen,  allgemeine,  Sicherung ­
  der  627.
Existenzminimum  (bei  Fourier)  274.
—  (bei  Henry  George)  616.
—  (bei  der  klassischen  Schule)  401.
—  (bei  Malthus)  172.
—  (bei  Necker)  171.
—  (bei  Sismondi)  171,  208.
—  (bei  A.  Smith)  87.
—  (bei  Turgot)  171.
—  Garantie  eines  (bei  den  Solidaristen)
654.
—  Sinken  des  Lohnes  unter  das  173.
Exklusivität,  Politik  nationaler  303.
Expansion  des  Kredits  507.
Export  von  Bargeld  92.
Expropriation,  sozialistische  508.
—  der  Expropriatoren  507.

Expropriation  der  Handwerker  durch  die
Kapitalisten  508.
—  der  kleinen  Handwerkerbesitzer  506.
—  der  großkapitalistischen  Industrien  623.
—-  der  Kapitalisten  510,  702.
—  der  bürgerlichen  Klasse  508.
—  der  schottischen  Pächter  206.
—  Gesetz  der  504ff.
F.
Fabrikant,  landwirtschaftlicher,  Zustand
des  293.
Fabrikarbeiter,  Klasse  der  186.
—  Lage  der,  in  Frankreich  und  England
186.
Fabrikationsgeheimnisse  89.
Fabriken,  Mißbräuche  in  den  186.
Fabrikgesetzgebung  74.
Fabriksystem  73.
Fähigkeiten,  Gleichheit  der  217.
Faktor  der  Volkswirtschaft,  psychologischer ­
  95.
Faktoren,  wirtschaftliche  (bei  Marx)  514.
Fallen  der  Banknoten  180.
—  des  Profits,  Ursache  des  (bei  Stuart
Mill)  408.
Familie  (bei  Le  Play)  535.
—  glückliche  540.
—  patriarchalische  536.
—  unbeständige  535.
—  Wahl-Erbfolge-  535.
—  Haupttypen  der  536,  536.
Familienhaushalt  (bei  Fourier)  267.
Familistere  276.
Familie  instable  535.
Familie  souche  636.
Februarrevolution  278.
Feilbietung  81.
Fehler  des  liberalen  Systems  189.
Feminismus  (bei  Fourier)  275.
Feudalsystem,  Wiederherstellung  des  (bei
Müller)  301.
Fertigkeit  des  Arbeiters  66.
Festlegung  des  Zinsfußes,  gesetzliche  (bei
A.  Smith)  105.
Festsetzung  der  Höhe  der  Zinsen  (bei
Sismondi)  192.
—  der  Lehrzeit  106.
Finalismus  der  französischen  Schule  357.
Finanzen,  Wissenschaft  der  420.
Finanzfragen  (bei  A.  Smith)  69.
Finanzwirtschaft  des  Ancien  Regime  46.
        <pb n="789" />
        Sachregister.

767

Finanzprojekte  Pitt’s  114.
Fiskalisches  System  der  Physiokraten  50.
—-  —  der  französischen  Revolution  50.
Fischereien,  Differentialrente  der  599.
Fleiß  80.
Föderalisten  504.
Folgen  der  Trennung  von  Eigentum  und
Arbeit  208.
Fonds  des  salaires  23.
Förderindustrien  16.
Formen  der  Solidarität,  alte  669.
neue  669.
Fortpflanzungsgesetz,  biologisches  134.
Fortpflanzungstrieb  143.
—  gesellschaftlicher  Ursprung  des  143.
Fortschritt,  beständiger  (bei  List)  306.
—  moralischer  409.
—  sozialer  (bei  Rodbertus)  464,  465.
—  wirtschaftlicher  (bei  Stuart  Mill)  409.
—  —  (bei  J.-B.  Say)  121.
—  der  landwirtschaftlichen  Wissenschaft
166,  169,  170.
—  einzelner  Industrien  68.
—  der  industriellen  Klasse  223.
—•  Sorge  um  den  wirtschaftlichen  313.
—  Verlangsamung  des  (bei  Sismondi)  126.
Fortschritte  der  Produktionsmethoden  409.
Fortschrittsministerium  328.
Frage,  soziale  (bei  der  österreichischen
Schule)  592.
—•  soziale  (bei  Prince  Smith)  412.
—■  —  als  Magenfrage  515.
—  der  Maschinen  (bei  J.-B.  Say)  122.
Fragen,  soziale  (bei  Sismondi)  209.
Frankreich,  Gesamteinkommen  44.
Frauenarbeit  (bei  Sismondi)  199.
—  (bei  Andrew  Ure)  186.
Frauenfrage  (bei  den  Saint-Simonisten)
275.
„Freien“,  die  672.
Freies  Gut  (bei  Condillac)  54.
Freihandel  (bei  Cobden)  400.
—  (bei  Cournot)  286.
—  (bei  Dunoyer)  .378.
—  (bei  Fourier)  286.
—  (bei  Stanley  Jevons)  593.
—  (bei  Stuart  Mill)  400.
—  (bei  den  Physiokraten)  32.
—  (bei  Ricardo)  167,  179.
—  (bei  A.  Smith)  109.
—■  (bei  Walras)  693.
—  landwirtschaftlicher  (bei  List)  299.

Freihandel  als  Hemmung  des  Steigens  der
Bodenrente  (bei  Ricardo)  167.
—  —  der  Getreidepreise  (bei  Ricardo)  167.
Freihandelspolitik  125.
Freihandelsverband  (bei  Bastiat)  356.
Freiheit  (bei  den  Anarchisten)  678,  679.
—  (bei  A.  Smith)  96.
—  bürgerliche  (bei  List)  295.
—  individuelle  (bei  Proudhon),  Notwendigkeit ­
  der  341.
(bei  Rodbertus)  472.
—  rechtliche  284.
—  tatsächliche  284.
—  wirtschaftliche  (bei  A.  Smith)  101.
(bei  den  Staatssozialisten)  483.
—  Bedeutung  der  (bei  Proudhon)  322.
—  System  der  natürlichen  102.
—  Verbindung  der  politischen  mit  der
wirtschaftlichen  354.
—  Verherrlichung  der  (bei  Dunoyer)  354.
—•  der  Arbeit  30.
—  der  Assoziation  (bei  der  klassischen
Schule)  401.
—  des  Außenhandels  (bei  den  Physiokraten) ­
  51.
—  des  Binnenhandels  (bei  den  Physiokraten) ­
  51.
—  des  Darlehnsgeschäftes  (bei  Condillac) ­
  56.
(bei  Turgot)  56,
—  des  Individuums  (bei  den  Anarchisten)
683.
Verteidigung  der  450.
—  der  Koalition  (bei  der  klassischen
Schule)  401.
,  —  des  Zinses  (bei  Turgot)  36.
—  des  Zinsfußes  (bei  Condillac)  56.
Freizügigkeit  der  Arbeiter  106.
Friede,  sozialer  (im  Marxismus)  491.
(bei  Le  Play)  537.
Fruchtbarkeit,  mögliche  142.
—  wirkliche  142.
—  und  Ernährung  149.
—  und  geistige  Tätigkeit  149.
—  Gesetz  ungleicher  605.
—  Rente  der  natürlichen  367.
Fruchtkulturen  Kaliforniens  273.
Funktion,  soziale  (bei  Auguste  Comte)  363.
—  des  Staates  (bei  Molinari)  42.
(bei  den  Physiokraten)  41.
—  des  Unternehmers  601,  602.
        <pb n="790" />
        768

Sachregister.

Funktionen,  soziale  (bei  Rodbertus)  460,
474.
—  des  Unternehmers  und  des  Kapitalisten,
Trennung  der  601.
Fürsorge  des  Staates  (bei  A.  Smith)  103.
G.
Garantie  des  Banknotenwertes  182.
Garantierung  der  Werte,  staatliche  620.
Garantismus  (bei  Fourier)  275.
—  (bei  den  Solidaristen)  654.
Gartenkultur  (bei  Fourier)  273.
Gartenstädte  272.
—  englische  258,  277,  561.
Gebäude  91.
Gebrauchswert  (bei  den  Hedonisten)  571.
—  (bei  den  Klassikern)  571.
—  (bei  Marx)  495.
—  (bei  A.  Smith)  82.
Geburten,  Beschränkung  der  134.
—  Verringerung  der  137.
Geburtsprivilegien,  Abschaffung  der  240.
Geburtsziffer,  sinkende  148.
Gefahren  der  Assoziation  für  die  Freiheit
des  Individuums  252.
Gegensatz  zwischen  Konkurrenz  und
Assoziation  (bei  Louis  Blanc)  278.
Gegensätze  zwischen  der  Nationalökonomie ­
  und  dem  Sozialismus  250.
—  der  Gesichtspunkte  zwischen  den  Saint-Simonisten
  und  den  Klassikern  247.
Gegenseitigkeit,  Kreditgesellschaften  auf
341.
Gehorsam  (bei  den  Saint-Simonisten)  239.
Geld,  (bei  den  Mystikern)  558.
—  (bei  Owen)  260.
—  (bei  Proudhon)  334.
—  (bei  Adam  Smith)  115.
—  als  Kapital  (bei  Proudhon)  334,  339.
—  als  Tauschbon  334.
—  als  Tauschmittel  339
—  als  Umlaufsmittel  334.
—  als  Wertmesser,  Abschaffung  des  346.
—  als  Zusatzkapital  334.
—  Ausschaltung  des  261.
—  Ersetzung  des,  durch  Arbeitsnoten  261.
—  Marktwert  des  393.
—  Quantitätstheorie  des  393.
(bei  Ricardo)  177,  180.
—  Rückfluß  des  179.
—  Überfluß  des  179.

Geld,  Ursprung  des  (bei  A.  Smith)  78.
—  Wertverminderung  des  179.
Geldausfuhr  179.
Geldkrise  (bei  List)  308.
Geldmarkt,  Spannung  des  308.
Geldmenge  eines  Landes  92.
Geldleihgeschäft  36.
Geldorganisation  58.
Geldstandpunkt  (bei  List)  308.
Geldüberschuß  91.
Geldwert  und  Arbeitswert  der  Produkte
(in  der  Arbeitstauschbörse)  262.
—  Steigen  und  Fallen  des  (bei  A.  Smith)
92.
—  Wechsel  des  180.
Geldwirtschaft  293,  421,  442.
Geldzinsen,  Abschaffung  der  334.
Gemeinde  546.
Gemeindeland,  Aneignung  des  158.
Gemeinden,  Befreiung  der  223.
Gemeineigentum,  Kritik  des  (bei  Proudhon) ­
  322.
Gemeinschaften,  kommunistische  259.
Gemeinsinn  452.
Generalstreik  645.
—  (bei  den  Syndikalisten  528.
Genossen,  Haftpflicht  der  341.
Genossenschaft  (bei  Owen)  257.
—  (bei  Schulze-Delitzsch)  477.
—  freie  251.
Genossenschaften  für  Lebensverbilligung
331.
—  moralische  und  politische  312.
Schaffung  selbständiger  (bei  den
Assozialisten)  254.
Genossenschaftsordnung  Fourier’s  275.
Genossenschaftswesen  als  Verwirklichung
des  Solidarismus  659.
Genuß,  Gesetze  des  625.
Gerechtigkeit  96.
—  steuerliche  50.
—  wirtschaftliche  334.
—  als  Lebensprinzip  323.
Gesamtangebot  an  Gütern  125.
Gesamteinkommen  Frankreichs  44.
Gesamtnachfrage  nach  Gütern  125.
Gesamtnutzen,  maximaler  585.
Gesamtprodukt,  Anteil  der  Arbeit  am  371.
Geschäftspolitik  der  Trusts  und  Kartelle
196.
Geschichte,  politische  419.
        <pb n="791" />
        Sachregister.

769

Geschichte,  Anwendung  der  (bei
A.  Comte)  444,  445.
—  der  Völker,  wirtschaftliche  (bei  Hildebrand) ­
  421.
Geschichtsphilosophie  710.
—  Karl  Marx’  241.
—  der  Saint-Simonisten  244,  417.
Geschicklichkeitsrente  (bei  Stuart  Mill)
600.
—  (bei  Webb)  636.
—  als  Folge  des  Privateigentums  636.
Geschlechtsbeziehungen,  Ordnung  der  (bei
Fourier)  275.
Geschlechtstrieb,  religiöser  Ursprung  des
143.
Gesellschaft  (bei  den  Anarchisten)  686,
687,  688.
—  (bei  Stirner)  674.
—  anarchistische  (bei  Kropotkin)  689,
690.
—  familiale  635.
—  industrielle  203.
(bei  A.  Smith)  73.
—  kooperative  (bei  Owen)  263.
—  anarchistische  Auffassung  von  der
686ff.
—  organische  Auffassung  der  (bei  Rodbertus)
  474.
—  physiokratische  Auffassung  der  68.
—  Begriff  der  (bei  Rodbertus)  470.
—  Hierarchie  der  (bei  den  sozial-katholischen ­
  Schulen)  547.
—  industrielle,  Proudhon’s  Auffassung
einer  336.
—  kritische  Periode  der  244.
—  organische  Periode  der  244.
—  korporative  Reorganisation  544.
—  ökonomische  Struktur  der  514.
—  organische  und  biologische  Theorie  der
(von  Schäffle)  481.
—  Umsturz  der  188.
—  Unterbau  der  614.
—  Unterscheidung  zwischen  Regierung
und  688.
—  als  Versicherungsgesellschaft  auf  Gegenseitigkeit ­
  652.
—  Zweiklassen-  524.
Gesellschaften,  privilegierte  104.
Gesellschaftsauffassung  Saint-Simon’s  243.
Gesellschaftseinkommen  166.
Gesellschaftsklassen,  untere,  Besserung  der
Lage  der  129.

Gesellschaftsordnung,  natürliche  97.
—  der  Physiokraten  97.
Gesellschaftsstufen,  Theorie  der  drei  (von
Auguste  Comte)  241.
Gesellschaftstheorie  Walras’  626.
—  organische  (bei  Rodbertus)  472,  473.
Gesellschaftsverfassung  (bei  A.  Smith)  98.
Gesetz,  ökonomisches  77.
—  physiologisches  135.
—  physisches  154.
—  proportionales,  Ricardo’s  175.
—  quantitatives,  Ricardo’s  175.
—  wirtschaftliches  154.
—  der  passionellen  Anziehung  252.
—  des  Absatzes  (bei  Cournot)  581.
—  des  Angebots  und  der  Nachfrage  164,
392.
(bei  Cournot)  393,  568.
(bei  den  Hedonisten)  567,  568.
(bei  Stuart  Mill)  568.
(bei  Adam  Smith)  123.
—  des  internationalen  Austausches  396.
—  der  Bevölkerung  391.
(bei  Stuart  Mill)  408.
—  des  sinkenden  Bodenertrages  128,  136,
159,  166.
(bei  Malthus)  160,  165,  169.
(bei  Stuart  Mill)  408.
—  der  Bodenrente  128,  395.
(bei  Ricardo)  162.
—•  des  Einheitspreises  574.
—  des  wachsenden  Ertrags  (bei  List)  298.
—  der  Expropriation)  504ff.
—  ungleicher  Fruchtbarkeit  605.
—  der  Gleichheit  der  Profite  503.
—  des  endlos  sinkenden  Gewinnes  175,
176.
—  der  Grundrente,  Einfluß  Malthus’  auf
das  147.
—  der  Handelsbilanz  (bei  Ricardo)  177.
—  der  Indifferenz  (bei  Stanley  Jevons)
160,  574.
—  des  persönlichen  Interesses  387.
—  des  Kapitals  370.
—•  der  Komplementargüter  578.
—  der  freien  Konkurrenz  388.
—  der  Konzentration  504ff.,  522.
—  der  kapitalistischen  Konzentration  (bei
Sismondi)  203.
—  des  Lohnes  (von  Ricardo)  171.
—  des  Lohnfonds  (bei  Cairnes)  410.
—  —.  Einfluß  Malthus’  auf  das  147.
49

Gide  und  Eist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrmeinungen.  2.  Aufl.
        <pb n="792" />
        770

Sachregister.

Gesetz  der  Nachfrage  (in  der  mathematischen ­
  Schule)  681.
—  des  unentgeltlichen  Nutzens  364.
—  der  Produktionskosten  (bei  den  Hedonisten)
  567,  569.
—  der  verglichenen  Produktionskosten
399.
—  des  Profits  von  Ricardo  171.
—  des  allmählich  sinkenden  Profits  (bei
Stuart  Mill)  409.
—-  des  konstant  sinkenden  Profits  128.
—  des  sinkenden  Profitsatzes  371.
—  der  Rente  395.
(bei  Bastiat)  364.
—  —  (bei  Ricardo)  364.
—  der  Solidarität  (bei  Bastiat)  374.
—'—  (bei  Pierre  Leroux)  285.
—  der  veränderlichen  Stärke  des  Bedürfnisses ­
  595.
—  der  Substitution  361,  574,  577.
—  über  obligatorische  Unterstützung  146,
147.
—  der  bestimmten  Verhältnisse  586.
—  der  Verteilung  (bei  den  Hedonisten)
667,  568.
—  —  zwischen  Kapital  und  Arbeit  369.
—  der  internationalen  Werte  398.
—  des  Sinkens  des  Zinsfußes  370.
Gesetze,  historische  443.
—  malthusische  142.
—  menschliche  95.
—  moderne  sozial-politische  656.
—  die  natürlichen  8.
—-  natürliche  (bei  Dupont  de  Nemours)
386.
(bei  Stuart  Mill)  402.
—.  —  Evidenz  der  (bei  Bakunin)  686.
—  ökonomische,  relativer  Wert  der  428.
—  soziale  (bei  Dupont  de  Nemours)  7,10.
—  wirtschaftliche  (bei  Knies)  429.
(bei  Marshall)  431.
(bei  Stuart  Mill)  431.
(bei  Walras  431.
—  große  wirtschaftliche  386ff.
—  wirtschaftliche,  Relativität  der  425,
429—431.
—  Nutzlosigkeit  der  (bei  Kropotkin)  681.
—  Schädlichkeit  der  (bei  Kropotkin)  681.
•—  der  wirtschaftl.  Entwicklung  443.
—  des  Genusses  625.
—  des  Reichtums  (bei  J.-B.  Say)  119.
—  sozialer  Solidarität  657.

Gesetze  der  Verteilung  (bei  Ricardo)  152.
—  der  Vorsehung  (bei  Bastiat)  358.
Gesetzgebung  37.
—  wirtschaftliche  428.
Gesetzmäßigkeit  der  Sozialphänomene  51.
Gesundheit  der  Arbeiter  200.
Getreide,  Einfuhrzölle  auf  75.
—  amerikanisches,  Konkurrenz  des  304.
—  Höchstpreis  des,  in  England  157.
—  Wert  des  (bei  Ricardo)  156.
Getreideausfuhr  34.
Getreidebau,  Ersatz  des,  durch  Weidewirtschaft ­
  506.
Getreideeinfuhr  34.
Getreideertrag  Frankreichs  135.
Getreidepreise,  hohe  113.
—  Erhöhung  der,  im  18.  und  19.  Jahrhundert ­
  157.
Getreidezölle  108.
—  Abschaffung  der  386.
Gewalt  (bei  den  Anarchisten)  699.
—  (bei  den  revolutionären  Syndikalisten)
699.
—  öffentliche,  Eroberung  der  517.
—  proletarische  (bei  Sorel)  527.
Gewerkschaft,  Verherrlichung  der  (bei
den  Syndikalisten)  526.
—  erzieherischer  Einfluß  der  526.
Gewerkschaften,  gelbe  524,  548.
—  rote  524,  547.
Gewerkschaftsbewegung  526.
Gewerkschaftswesen  (bei.  den  sozial-katholischen ­
  Schulen)  544.
Gewerkvereine,  christliche  547.
Gewinn,  hoher  oder  niedriger  71.
—  (bei  den  Physiokraten)  31.
—  des  Unternehmers  (bei  Louis  Blanc)
281.
—  großer,  der  Kapitalisten  73.
—  wirklicher  123.
Gewinnbeteiligung  (bei  Bastiat)  375.
—  (bei  den  Saint-Simonisten)  247.
Gilden,  Wiederherstellung  der  543.
Glasgower  Vorlesungen  (Adam  Smith)  72.
Gleichen,  Manifest  der  219.
—  Wiederkehr  des  77.
Gleichgewicht  der  Ein-  und  Ausfuhr  308.
—  instabiles  583.
—  stabiles  583.
—  Theorie  des  (bei  Sismondi)  196.
Kritik  der  (bei  Quesnay)  39.
vom  wirtschaftlichen  87,  620.
        <pb n="793" />
        Sachregister.

771

Gleichgewicht  der  wirtschaftlichen  Kräfte
(bei  Proudhon)  321.
—  wirtschaftliches  (bei  Walras)  124.
Theorie  des  520.
(bei  Marx)  512.
—  zwischen  Verbrauch  und  Produktion
125.
Gleichgewichtspreis,  Begriff  des  294.
Gleichgewichtsprobleme  (in  der  mathematischen ­
  Schule)  586.
Gleichgewichtszustand  (in  der  mathematischen ­
  Schule)  583.
Gleichheit,  industrielle  225.
—  der  Bedürfnisse  217.
—  der  Fähigkeiten  217.
—  als  Lebensprinzip  323.
—  der  Menschen,  ursprüngliche  532.
—  des  Preises  mit  den  Produktionskosten
82.
Gleichheitssystem,  absolutes  258.
Goldausfuhr,  Verbot  der  181.
Goldabfluß  181.
Grenzen  der  Arbeitsteilung  (bei  A.  Smith)
67.
—  der  Entwicklung  aller  Lebewesen  170.
—  der  Intensivkultur  158.
—  der  politischen  Regierung  473.
—  der  Regierungstätigkeit  449.
—■  der  wirtschaftlichen  Regierung  473.
Grenzarbeiter  (bei  Clark)  577.
—  (bei  Webb)  635.
Grenzbeschaffungskosten  396.
Grenzboden  (bei  Ricardo)  156.
—  (bei  Henry  George)  617.
Grenzkapital  577.
Grenznutzen  (bei  Böhm-Bawerk)  570,  571,
575.
—  (bei  Buffon)  571.
—  (bei  Clark)  570.
—■  (bei  Condillac)  55,  571.
—•  im  Bereiche  der  Produktion  575.
—.  im  Bereiche  des  Verbrauchs  675.
—■  im  Bereiche  der  Verteilung  576.
—  Bestimmung  des  Lohnes  durch  den  576.
—  Definition  des  (bei  Böhm-Bawerk)  575.
—  Gleichzeitigkeit  der  Entdeckung  des
570.
—  Grad  des  (bei  Stanley  Jevons)  570,  587.
—  als  Lösung  des  Tauschproblems  575.
des  Wertproblems  575.
—  Rolle  des,  beim  Tausche  572,  573.
—  Theorie  des  355,  520.

Grenznutzentheorie  (bei  den  englischen
Sozialisten)  637.
Grenznützlichkeit  (bei  Karl  Menger)  571.
Grenzpaar  573.
Grenzproduktivität  577,  610.
Grenzunternehmer  603.
Großaktionär,  parasitischer  508.
Großbanken,  Schaffung  der  605.
Großbesitz,  Sozialisation  der  Produktionsmittel ­
  im  523.
Großgrundbesitz,  Umformung  des  (bei
den  Christian-Socialists)  553.
—  Umwandlungen  des  624.
Großgrundbesitzer  24.
—  Anteil  der,  am  Produkte  (bei  Ricardo)
467.
Großhandel  73,  98.
Großhaushalt  (bei  Fourier)  267,  268.
Großindustrie,  Sozialisation  der  Produktionsmittel ­
  in  der  523.
—  Überhandnehmen  des  konstanten  Kapitals ­
  in  der  502.
Großproduktion,  beständige  Entwicklung
der  506,  507.
—  Zentren  der  186.
Großstädte,  Auflösung  der  272.
Grund  und  Boden,  Verstaatlichung  des
153.
Grundbesitz  (bei  den  Physiokraten)  24  bis
29.
—  (bei  J.-B.  Say)  117.
—  in  bezug  auf  die  Bevölkerungszunahme
148.
—  Einheitssteuer  auf  den  (bei  Henry
George)  619.
(bei  den  Physiokraten)  42ff.
—  Einkommen  aus  (bei  Ricardo)  153.
—  kleiner  148.
—  Miteigentum  des  Herrschers  am  46.
—  Rechtfertigung  des  150.
—  städtischer,  Mehrwert  des  272.
—  Steuer  auf  (bei  Ricardo)  168.
—  Unrechtmäßigkeit  des  613.
—  Zerstückelung  des,  in  Frankreich  148.
Grundbesitzer  (bei  den  Physiokraten)  44,
45.
—  (bei  Henry  George)  616.
—  Einkommen  des  71.
—  Entschädigung  der  (bei  Stuart  Mill)
619.
—  Interesse  des  166,  167.
—  Monopol  der  616.

49*
        <pb n="794" />
        772

Sachregister.

Grundeigentum  (bei  den  Physiokraten)  25.
—  (bei  Proudhon)  611.
—  (bei  Rodbertus)  471.
—  Umformung  des  (bei  Saint-Simon)  228.
Grundeinheit  632.
Grundlage  des  marxistischen  Kollektivismus ­
  216.
—  der  Lehre  der  Solidaristen  645.
—  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  202.
Grundlagen  des  Wertes  123.
Grundprinzipien  der  Nationalökonomie
(bei  Nassau  Senior)  381.
Grundsatz  von  der  Proportionalität  der
Lasten  69.
Grundsätze  des  kollektivistischen  Programms ­
  510.
Grundsteuer  (bei  den  Physiokraten)  45,50.
—  Sozialisation  der  Bodenrente  durch  die
404.
Gründung  von  industriellen  Unternehmungen ­
  295.
Grundursache  des  Reichtums  80.
Gruppe  (bei  den  Anarchisten)  687,  688.
—  (bei  Proudhon)  687.
Gut,  freies  (bei  Condillac)  54.
—  wirtschaftliches  (bei  J.-B.  Say)  118.
Güter,  komplementäre  687.
—  konsumierbare  91.
—  Preis  der  87.
—  Wachstum  an  142.
—  Wertmaß  der  91.
—  wirtschaftliche  (bei  Rodbertus)  465.
Güteraustausch  68.
Gütererzeugung  62.
—  (bei  Hildebrand)  421.
—  Smith’s  soziale  68.
—  Smith’s  Theorie  von  der  88.
Gütertausch  66.
Güterverteilung,  Theorie  der  (bei  Henry
George)  618.
—  (bei  Hildebrand)  421.
—  (bei  Ricardo)  151.
—  doppelter  Charakter  der  (bei  Rodbertus) ­
  467.
—  Mechanismus  der  (bei  J.-B.  Say)  122.
—  Smith’s  Theorie  von  der  88.
—  staatliche  Regelung  der  487.
—  Umwälzung  der  315.
H.
Haftpflicht  der  Genossen  341.
Halbscheidpächter  24.

Handarbeit  (bei  Rodbertus)  464.
—  Verherrlichung  der  (bei  K.  Marx)  526.
Handel,  der  (bei  den  Physiokraten)  30ff.
—  auswärtiger  (bei  List)  294.
—  internationaler  (bei  Ricardo)  150.
—  mit  dem  Ausland  67.
—  mit  den  Kolonien  67.
—  mit  Geld  36.
—  Regelung  des  (bei  den  Physiokraten)  33.
—  Unproduktivität  des  (bei  Dunoyer)  379.
—  internationaler,  Vorteile  des  (bei  Ricardo) ­
  397.
Handelsbeschränkung  298.
Handelsbilanz  34,  60,  90,  107,  177,  179,
303,  308.
—  günstige  303.
—  ungünstige  308.
(bei  Ricardo)  179.
—-  Gesetz  der  (bei  Ricardo)  177.
—  automatisches  Regulieren  der  180.
—  Theorie  der  107.
Handelsdefizit  308.
Handelseffekten  334.
Handelseinheit  Deutschlands  290.
—  Preußens  289.
Handelsfreiheit  (bei  den  Physiokraten)  33.
—  (bei  Adam  Smith)  57,  60.
—  (bei  der  liberalen  Schule)  352.
—  Ära  der,  in  Frankreich  245.
—  Prinzip  der  286.
Handelsgesellschaften  68.
Handelsgesetzgebung,  einheitliche  312.
Handelskrisen  187,  188.
Handelspolitik  Englands  33.
—  (bei  List)  417.
—  Zweck  der  (bei  List)  294.
Handelsschranken  106.
Handelsstaat  (bei  List)  296.
Handelsstörung  in  England  187.
Handelsverein  288,  289.
Handelsvertrag,  liberaler  113.
Handelsverträge,  Politik  der  302.
Händler-Fabrikant,  Zustand  des  landwirtschaftlichen ­
  293.
Handwerker  69.
—  unabhängiger  211.
—  Expropriation  der,  durch  die  Kapitalisten ­
  508.
Handwerkerbesitzer,  kleine,  Expropriation
der  506.
Harmonie  bei  Bastiat  355  ff.
—  (bei  den  Physiokraten)  10.
        <pb n="795" />
        Harmonie  der  Interessen  (bei  der  klassischen ­
  Schule)  19B.
(bei  den  Physiokraten)  10,  167.
(bei  Sismondi)  210.
(bei  A.  Smith)  73,  167.
selbsttätige  (bei  den  Anarchisten)
690.
—  des  Privat-  und  des  Allgemeininteresses
(bei  A.  Smith)  100.
—  der  Privat-  und  Allgemeininteressen,
Kritik  der  188.
Hauptfaktoren  des  Wirtschaftslebens,  Zentralisation ­
  der  246.
Haus-Wirtschaftsperiode  293.
Hauswirtschaft,  geschlossene  442.
Hedonisten  100,  565  ff.
Heimfall  des  Bodens  an  den  Staat  623.
Heimfallsrecht  317.
Heiratsbeschränkung,  gesetzliche  (bei  Malthus)
  146.
Hemmungen,  positive  136.
—  präventive  137,  140,  142,  148.
—  repressive  136,  137.
Herrenrecht  der  Besitzenden  317.
Herrschaft,  feudale,  in  Deutschland  288.
—  patriarchalische  535.
—  der  Manufaktur  72.
—  der  Maschinen  121.
—  des  Privatunternehmens  504.
—  der  Vernunft  (bei  Proudhon)  685.
—  der  Wissenschaft  (bei  Bakunin)  685,
686.
Herrscher,  Vorschüsse  des  43.
Hierarchie  (bei  Proudhon)  336.
—  (bei  den  Saint-Simonisten)  226.
—  gesellschaftliche  38.
—  soziale  (bei  Ruskin)  561.
—  der  Gesellschaft  (bei  den  sozial-katholischen ­
  Schulen)  547.
Hilfe,  gegenseitige  688,  689,  690.
Hilfsmittel,  vorhandene  460.
Hilfsquelle,  natürliche,  Nationalisierung
aller  (bei  Ruskin)  561.
Hirte,  Zustand  des  293.
Höchstertrag  an  Lebensmitteln  206.
Höchstpreis  des  Getreides  in  England  157.
Hoheitsrechte  217.
Hohe  Löhne  der  Arbeiter  73.
Einfluß  der,  auf  die  Bevölkerung
206.
Höhere  Produktivität  der  Landwirtschaft
(bei  A.  Smith)  69.

Ich,  Anbetung  des  (bei  den  Anarchisten)
679.
(bei  Stirner)  673.
—  Übertreibung  des  671,  672.
Idee  der  Nationalität  (bei  List)  292.
Identifizierunj
Kreditverkauf  345.
Identität  der  privaten  und  der  allgemeinen
Interessen  451.
Ideologien,  Ausschaltung  der  (im  Marxismus) ­
  513.
Imperialismus  309.
Import  von  Bargeld  92.
Import-Außenhandel  98.
Indifferenz,  Gesetz  der,
Jevons)  161,  574.
Individualismus  349..
—  (bei  Stuart  Mill)  387,  486.
—  (bei  A.  Smith)  104.
—  absoluter  (bei  Rodbertus)  473.
—  politischer  449.
—  Aussöhnung  zwischen  dem  Sozialismus ­
  und  dem  627.
—  Erneuerung  des  565.
Individualisten  312.
Individualität  (bei  Carey)  375.
Individuum  (bei  den  Anarchisten)  686,
687,  688.
—  (bei  Dupont-White)  483,  485.
—  (bei  Stirner)  673,  674.
—  (bei  Walras)  627.
—  Aufgabe  des  627.
—  Emanzipierung  des  404.
—  wirtschaftliche  Entfesselung  des  105.
—  Freiheit  des  683.
—  Machtbereich  des  485.
—  Selbsttätigkeit  des  (bei  A.  Wagner)  485.
—  Übertreibung  der  Rechte  des  (bei  den
Anarchisten)  678.
        <pb n="796" />
        774

Sachregister.

Individuum,  Wohl  des  389.
Induktion  425,  426.
Industrial  and  Provident  Societies  Acts
552.
Industrialismus  (bei  Fourier)  272.
—  (bei  Saint-Simon)  220,  224,  446.
—  (bei  A.  Smith)  72.
Industrie  98.
—  Anregung  der  246.
—  Auffassung  von  der  (bei  List)  297.
—  Ausdehnung  der  126.
—  Bedürfnisgrenze  der  172.
—  Differentialrente  in  der.  599.
—  kapitalistische,  Entwicklung  der  (in
Deutschland)  480.
—  große,  Folgen  der  443.
—  Konzentration  der  199.
—  zentralisierte  Leitung  der  (bei  den
Saint-Simonisten)  184.
—  maschinelle  72.
—  steigende  Produktivität  der  (bei  Nassau
Senior)  381.
—  Regulieren  der  246.
—  großkapitalistische,  Überhandnehmen
der  (bei  Sismondi)  204.
—  Umwandlung  der  416.
—  Verherrlichung  der  Rolle  der  222.
—  Zukunft  der  170.
Industrien,  großkapitalistische,  Expropriation ­
  der  523.
—  Fortschritt  einzelner  68.
Industriearbeiter  206.
Industrieerzeugnisse,  Wachstum  der  142.
Industrielle,  Konventionen  der  246.
Industriemittel  246.
Industriepartei  224.
Industriesyndikate  506.
Industriesystem,  Verteidiger  des  74.
Initiative,  freie  (bei  den  Anarchisten)  670.
—  individuelle  448.
—  des  Staates  (bei  Michel  Chevalier)
245.
—  Begrenzung  der  individuellen  210.
Inlandsmarkt,  Verengung  des  208.
Innenhandel  (bei  den  Physiokraten)  32.
—  (bei  A.  Smith)  98.
Inquisition,  spanische  295.
Instinkt,  kollektiver  78.
Institutional  Churches  553.
Interesse,  allgemeines  (bei  Enfantin)  249.
-—  augenblickliches  (bei  List)  452.
—  beständiges  (bei  List)  452.

Interesse,  individuelles  389.
—  persönliches  (bei  den  Hedonisten)  586.
(bei  den  Klassikern)  432.
(bei  Marshall)  434.
—  —  (bei  Stuart  Mill)  433,  452.
—  persönliches  (bei  den  Mystikern)  559.
(bei  Adam  Smith)  60,  77,  78,  88,
94,  96.
(bei  den  Solidaristen)  666.
Gesetz  des  387.
—  soziales  389.
—  das  persönliche  (bei  den  Physiokraten)
51.
—  der  Arbeiterklasse  516.
—  allgemeines,  der  Arbeitenden  249.
—  des  Grundbesitzers  (bei  Ricardo)  166,
167.
—  des  Individuums  (bei  List)  452.
—  der  Nation  (bei  List)  452.
—  des  Produzenten  109.
—  künstliche  Aussöhnung  der  (bei  den
Saint-Simonisten)  250.
—  Harmonie  der  (bei  der  chrematistischen
Schule)  195.
(bei  den  Physiokraten).  167.
(bei  Sismondi)  210.
(bei  A.  Smith)  73,  167.
—  Harmonie  des  Privat-  und  des  Allgemein- ­
  (bei  A.  Smith)  100.
—  selbsttätige  Harmonie  der  (bei  den
Anarchisten)  690.
—  Identität  der  privaten  und  der  allgemeinen ­
  451.
—  Prinzip  der  natürlichen  Identität  der
(bei  den  Klassikern)  452.
—  Privat-,  der  Müßiggänger  249.
—  spontane  Versöhnung  der  250.
—  natürliche  Übereinstimmung  der  (bei
J.  Stuart  Mill)  452.
—  Übereinstimmung  des  persönlichen  und
allgemeinen  (bei  Sismondi)  202.
Interessen  Antagonismus  der  (bei  Sismondi) ­
  205,
—  (bei  A.  Smith)  72.
Interessengegensätze  in  der  Gesellschaftsordnung ­
  165.
Interessengemeinschaft,  internationale  108,
Intellektuelle  (bei  Karl  Marx)  516.
Intensivierung  der  Arbeit  499.
—  der  Bodenkultur  158.
Intensivkultur,  Grenze  der  158.
Internationalismus  (bei  List)  292.
        <pb n="797" />
        Sachregister.

775

Internationalismus  (bei  A.  Smith)  97.
Internationalisten  42.
Interventionismus  414,  449.
—  (bei  Malthus)  178.
—  (bei  Patten)  594
—■  (bei  Sismondi)  210.
Isolierung,  Politik  der  309.
J.
Jahreseinkommen,  Verteilung  des  (bei
A.  Smith)  62.
Jahresproduktion  (bei  Sismondi)  192.
Jährliche  Einko&amp;amp;men  der  Nationen  69.
Journal  des  Savants  114.
Justizverwaltung  103.
K.
Kameralisten  119,  419.
Kampf  ums  Dasein  131,  354,  689.
—  um  den  Lohn  253.
—  um  den  Profit  253.
Kämpfe,  parlamentarische  524.
Kanäle  104.
Kanoniker  119.
Kapellmeisterdespotismus,  der  40.
Kapillarität,  Gesetz  der  149.
Kapital  (bei  den  Anarchisten)  683.
—  fest  angelegtes  (bei  A.  Smith)  79,  91.
—  intellektuelles  (bei  List)  295.
—  konstantes  (bei  K.  Marx)  500.
—  natürliches  (bei  List)  295.
—  umlaufendes  (bei  A.  Smith)  79,  91.
■—  variables  (bei  K.  Marx)  500.
—  als  Einkommensquelle  (bei  A.  Smith)
68.
—  als  sozialer  Einsatz  (bei  Saint-Simon)
229,  233.
—  als  Produktionsmittel  504.
—  der  produktiven  Materialen  (bei  List)
295.
—  Anteil  des,  am  Einkommen  (bei
Ricardo)  177.
—■  —  am  Produkt  (bei  Carey)  467.
—  —  am  Gesamtprodukt  (bei  Bastiat)
370,  371,  372,  467.
—  Assoziation  der  Arbeit  und  des  632.
—  Ausbeutung  der  Arbeit  durch  das  (bei
Henry  George)  617.
—  und  Arbeit,  Assoziation  zwischen  (bei
Condillac)  56.
—  Begriff  des  (bei  K.  Marx)  500.

Kapital,  Einkommen  aus  (bei  Nassau
Senior)  381.
—  Entlohnung  des  (bei  A.  Smith)  70.
—  Geld  als  (bei  Proudhon)  334,  335.
—  Mangel  an  (bei  Gossen)  625.
—  Produktion  von  (bei  Henry  Geor&amp;lt;re)
616
—  Produktivität  des  (bei  Lösewitz)  548.
—  Rolle  des  (bei  Turgot)  53.
—  Solidarität  zwischen  Arbeit  und  663.
—  Sterilität  des  (bei  K.  Marx)  500.
—  konstantes,  Überhandnehmen  des,  in
der  Großindustrie  502.
—  Ursprung  des  (bei  A.  Smith)  79.
—  Wachstum  des  (bei  A.  Smith)  79.
—  Wert  des  371.
—  Zinsen  des  (bei  Louis  Blanc)  281.
—  Zusammensetzung  des  (bei  K.  Marx)
501.
Kapitalanlagen  eines  Landes  74.
Kapitalansammlung,  vorherige  67.
—  (bei  Stuart  Mill)  408.
—  Beweggründe  zur  176.
Kapitalgeber  71.
Kapitalgewinn  (bei  A.  Smith)  71,  87.
Kapitalien,  Abwanderung  von  311.
—  Anlage  von  98.
—  Ansammlung  von  80.
—■  Konfiskation  des  Einkommens  aus  635.
—  Prinzip  der  Vereinigung  der  204.
—  geringe  Produktivität  neuer  371.
—  materielle  Produktivität  der  636.
—  Schaffung  neuer  (bei  Owen)  255.
—  Vernichtung  von  409.
—■  Überfluß  an  401.
Kapitalisation,  Markt  der  585.
Kapitalismus  (bei  Fourier)  272.
—  (bei  Lenin)  710.
—  (in  der  marxistischen  Schule)  512.
—■  revolutionäre  Rolle  des  512.
—  Selbstmord  des  517.
—  Selbstzerstörung  des  512.
—  Untergang  des  517.
Kapitalist  (bei  J.-B.  Say)  122.
—  Ausbeutung  des  Arbeiters  durch  den
(bei  K.  Marx)  216.
—  und  Unternehmer,  Trennung  der  Funktionen ­
  der  601.
Kapitalisten,  Enteignung  der  (bei  Owen)
255.
(bei  K.  Marx)  510.
        <pb n="798" />
        776

S  achregister.

Kapitalisten,  Expropriation  der  Handwerker ­
  durch  die  508.
—  Expropriation  der  510.
—  großer  Gewinn  der  (bei  A.  Smith)  73.
—  Konkurrenz  zwischen  Arbeitern  und
(bei  Henry  George)  617.
—•  Verringerung  der  Macht  der  638.
Kapitalistenklasse,  Differenzierung  innerhalb ­
  der  524.
Kapitalkategorien,  Analyse  der  (bei  den
Physiokraten)  51.
Kapitalprofit,  soziologische  Aufklärung
des  520.
—  Verschwinden  des  176.
Kapitalrente  600.
Kapitalvermehrung,  Ursache  der  80.
Kapitalwert  499.
Kapitalzins  71.
Kartelle  196.
Kastenvorteile  233.
Katastrophentheorie  (bei  den  Neo-Marxisten)
  524.
Katechismus,  revolutionärer  697.
Kategorie,  historische  513.
Kathedersozialismus  205,  449,  481.
Katholizismus,  sozialer  542.
—  —  Vorgänger  des  543,  644.
—  als  sozialökonomisches  System'  530.
Kaufleute  69.
Kausalität,  mechanische  422.
—  psychische  422.
Keuschheit  139.
Kinder  (bei  Fourier)  274,  275.
Kinderarbeit  (bei  Owen)  256,  257.
—.  (bei  Sismondi)  199,  212.
—  (bei  Villermß)  187.
—  Beschränkung  der  (bei  Owen)  187,  256.
Kinderzahl,  Beschränkung  der  391.
Kinderaussetzung  139.
Kindererziehung  (bei  Fourier)  274.
Kindergärten  274.
Kindergesellschaften  zur  Übernahme
öffentlicher  Arbeiten  274.
Kindermord  139.
Kindersterblichkeit  90.
Kirche,  Aufgabe  der  529,  530.
Klasse,  besitzende  22.
—  kapitalistische  506.
Unfähigkeit  der  508.
—  landwirtschaftliche  68.
—  produktive  22,  24.
—  unproduktive  14,  16.

Klasse,  sterile  14,  16,  22.
—  der  Fabrikarbeiter  186.
—  besitzende,  Beseitigung  durch  die  Arbeiterklasse ­
  517.
—  bürgerliche,  Expropriation  der  508.
—  industrielle,  Fortschritt  der  223.
Klassen,  Antagonismus  der  517.
—•  Teilung  der  Gesellschaft  203.
—  Verschmelzung  der  (bei  Proudhon)  335.
—  Verschwinden  der  (im  Marxismus)  517.
(bei  den  Saint-Simonisten)  224.
Klassenbewußtsein  (in  England)  638.
—■  Prinzip  des  525.
Klassenkampf  246.
—  (bei  den  Fabiern)  637.
—  im  kollektivistischen  Programm  610.
—  (im  Programm  Fourier’s)  271.
—  (bei  Marx)  507.
—  (im  Marxismus)  516,  517.
—  (im  Neo-Marxismus)  524.
—  (bei  Stuart  Mill)  385.
—  (bei  den  Saint-Simonisten)  517.
—  (bei  den  Solidaristen)  666.
—  und  die  Revolution  von  1789  218.
—  Betonung  des  (bei  den  Syndikalisten)
527.
—.  Prinzip  des  525.
—  Verwirklichung  des  (bei  den  Syndikalisten) ­
  527.
Klassenrache  704.
Klassifikation,  Methode  der  541.
Klassische  Schule,  Kritik  der  (bei  Sismondi) ­
  189.
Kleinbesitz,  individueller  (im  kollektivistischen ­
  Staate)  523.
—  Verschwinden  des  506.
Kleinbetrieb,  landwirtschaftlicher,  die  Entwicklung ­
  des  521.
Kleineigentum,  Aufblühen  des  523.
Kleinindustrie,  Aufblühen  der  523.  &amp;gt;&amp;gt;
Kleinhandel  98.
Kleinunternehmungen,  Sismondi  und  die
211.
—  Wiederaufblühen  der  621.
Koalitionen,  Unterdrückung  der  186.
Koalitionsfreiheit  (bei  Stuart  Mill)  395.
—  (bei  Ollivier)  352.
Koalitionsrecht  der  Arbeiter  (bei  Sismondi)
212.
Koalitionsrechte,  Gewährung  der  Freiheit
der  (in  England)  186.
Kollektivarbeit  (bei  A.  Smith)  63,  64.
        <pb n="799" />
        Sachregister.

777

Kollektiveigentum  504.
—•  Umformung  des  Privateigentums  in
(bei  den  Fabiern)  634.
Kollektivfonds  375.
Kollektivgesellschaft  331.
Kollektivinteressen,  Ausdehnung  der  483i
Kollektivismus  504.
—  französischer  510.
—  Gegensatz  zum  Staatssozialismus  488.
—  marxistischer,  Grundlage  des  216.
—  der  Saint-Simonisten  220,  237.
—  Theorie  der  Kente  als  Rechtfertigung
632,  637.
—  Ursprung  des  216.
Kollektivität,  Ersetzung  des  Kapitalisten
durch  die  639.
Kollektivwillen  76.
Kolonialhandel  104.
Kolonialpolitik  106.
Kolonialsystem  112.
Kolonialverwaltung  58.
Kolonien  86.
—  amerikanische  (bei  Adam  Smith)  296.
—•  englische,  politische  Verfassung  der
(bei  Adam  Smith)  296.
—  Gründung  von  (bei  List)  294.
—  Handel  mit  den  67.
—  landwirtschaftliche  329,  631.
Kolonisation  160.
—  Gang  der  368.
Kolonisationsgesellschaften,  Schaffung  der
großen  505.
Kommanditgesellschaft  331.
Komplementärgüter,  Gesetz  der  578.
Kommunismus  504.
—  (bei  Lenin)  703,  704,  709—711.
—  (bei  Stuart  Mill)  385,  402.
—  Kritik  des  (bei  Proudhon)  322.
Kommunisten  701.
—  inti-autoritäre  604.
Kommunistische  Gemeinschaften  Owen’s
257.
Konfiskation  der  Bodenrente,  Ungerechtigkeit ­
  der  619.
—  des  Einkommens  aus  Kapitalien  635.
Konfiskationen,  geschichtliche  217.
Kongreß  zu  Eisenach  480.
Konkurrenz  (bei  den  Assozialisten)  253.
—  (bei  Louis  Blanc)  278,  282.
—  (bei  Cairnes)  410.
—  (bei  Dunoyer)  355,  377.
—  (bei  der  liberalen  Schule)  355.

Konkurrenz  (bei  Molinari)  377,  390.
—  (bei  Owen)  259,  260.
—  (bei  Sismondi)  203,  452.
—  die  amerikanische  33.
—  (bei  A.  Smith)  104,  451.
—  freie  (bei  den  Physiokraten)  34,  51.
(bei  Ricardo)  178.
(bei  Sismondi)  184.
—  —  (bei  den  Staatssozialisten)  483.
(bei  der  chrematistischen  Schule)
194.
(bei  den  I-Iedonisten)  100,  566.
(bei  der  mathematischen  Schule)
593.
natürliche  Einschränkung  der  490.
—  —  Notwendigkeit  der  (bei  Stuart  Mill)
402.
—  Kritik  der  (bei  Sismondi)  194.199,  215.
—  des  amerikanischen  Getreides  33,  304.
—  zwischen  Arbeitern  und  Kapitalisten
(bei  Henry  George)  617.
—  neue  Auffassung  der  (bei  Louis  Blanc)
282.
—  zwischen  den  Individuen  356.
—  Mißbräuche  der  211.
—  Nachteile  der  246.
—  fremder  Nationen  (bei  List)  298.
—  Regelung  der  Höhe  des  Profits  durch
die  503.
—  Solidarität  in  der  663.
—  Übel  der  (bei  Louis  Blanc)  278,  279.
—  der  Verkäufer  89.
—  zwischen  den  Völkern  (bei  Carey)  356.
Konkurrenzbedingungen  110.
Konkurrenzgesetz,  Cairnes’  Verbesserung
des  410.
Konsignationskäufe  344.
Konsignationsverkäufe  344.
Konsum,  Vollgenossenschaft  des  270.
Konsumgenossenschaft,  Aufschwung  der
405.
—  Bedeutung  der  659.
—  (bei  den  Christian-Socialists)  552.
Konsumtion  108.
Konsumvereine  263.
—  kooperative  498.
—  Regel  der  263.
Kontinentalsperre  157.
—  Aufhebung  der  289.
Kontore,  kommunale  272.
Kontrakt,  individueller,  in  der  Industrie
186.
        <pb n="800" />
        ■H

778

Sachregister.

Kontraktion  des  Kredits  508.
Konvertierung  371.
Konzentration  der  Arbeit  203.
—  Gesetz  der  504ff.,  522.
der  kapitalistischen  (bei  Sismondi)
  203.  .
—  des  Eigentums  (bei  den  Fabiern)  638.
—  der  Industrie  199.
—  des  Reichtums  216.
—  der  Vermögen  (bei  Sismondi)  208.
Kooperation  212.
—  (bei  Cairnes)  410.
—  (bei  den  Christian-Socialists)  553.
—  (bei  Henry  George)  616,  617.
—  (bei  Gide)  660.
—  (bei  Stuart  Mill)  385.
—  (bei  Adam  Smith)  64.
—  freiwillige  184.
—  charakteristische  Formen  der  659.
—  Rolle  der,  in  der  wirtschaftlichen
Ordnung  660.
Kooperativgenossenschaft  402.
Kooperative  Gesellschaft  (bei  Owen)  263.
—  Schule  264.
Kooperativistcn  509.
Kraft  der  Natur  118.
Kräfte,  chemische  170.
—  intramolekulare  170.
—  moralische  (bei  Adam  Smith)  295,  296.
—  produktive  (bei  Dupin)  300.
(bei  List)  295.
(bei  den  Saint-Simonisten  und
List)  313.
—  soziale  541.
—  spontane  soziale  250.
—  wirtschaftliche  (bei  Fourier)  321.
—  Gleichgewicht  der  wirtschaftlichen  (bei
Proudhon)  321.
—  freies  Spiel  der  351.
Kraftersparnis,  Prinzip  der  (bei  den  Hedonisten)
  586.
Kredit  (bei  den  Saint-Simonisten)  246.
Kredit,  gegenseitiger  340.
—  unentgeltlicher  (bei  Proudhon)  332,340.
—  Expansion  des  507.
—  Kontraktion  des  508.
—  Rolle  des,  im  modernen  Wirtschaftsleben ­
  246.
Kredite,  landwirtschaftliche  272.
Kreditgenossenschaft  (bei  Proudhon)  341.
Kreditgenossenschaft  (bei  den  sozialkatholischen ­
  Schulen)  544.

Kreditgenossenschaften,  katholische  661.
Kreditgesellschaften  auf  Gegenseitigkeit
341.
Kreditinstitute,  Schaffung  von  411.
Kreditkassen,  landwirtschaftliche,  von
Raiffeisen  550.
Kreditverkauf,  Identifizierung  des  Barverkaufs ­
  mit  dem  345.
Kreditwirtschaft  (bei  Marshall)  442.
—•  (bei  Hildebrand)  293,  421.
Krieg  136.
Krisen  (bei  Malthus)  119,  126,  129.
—  (bei  J.-B.  Say)  125,  126.
—  (bei  den  Solidaristen)  645.
—  der  Überproduktion  186,  188.
—  wirtschaftliche  (bei  den  Neo-Marxisten)
525.
—  Erklärung  der  (bei  Sismondi)  203,  207.
(bei  Marx)  507.
(bei  Rodbertus)  468.
—  Rolle  der  (in  der  marxistischen  Lehre)
518.
—  Theorie  der  (bei  Lexis)  492.
(bei  Rodbertus)  468,  469.
—  Ursache  der  (bei  Owen)  259.
Kritik  der  Bevölkerungstheorie  Malthus !
(bei  Sismondi)  205.
—  des  Eigentums  (bei  den  Saint-Simonisten)
  318.
(bei  den  Anarchisten)  670.
—  des  Erbrechtes  (bei  den  Saint-Simonisten) ­
  237.
—  des  Gemeineigentums  (bei  Proudhon)
322.
—  der  hedonistischen  Doktrinen  587ff.
—  der  klassischen  Schule  (bei  Sismondi)
190.
—  des  Kommunismus  (bei  Proudhon)  322.
—  der  Konkurrenz  (bei  Sismondi)  194.
—  des  Laisser-faire  451.
—  des  Privateigentums  (bei  den  Saint-Simonisten)
  230,  232.
—  des  Sozialismus  (bei  Proudhon)  320.
—  des  Staatssozialismus  (bei  Rodbertus)
459.
—  der  Überproduktion  (bei  Sismondi)  194.
Kurve,  des  Angebots  und  der  Nachfrage
582.

Labour  notes  262.
Lage,  Ungleichheit  der  627.
        <pb n="801" />
        Sachregister.

770

Laisser-faire,  das  12.
—  das  (bei  den  Assozialisten)  280.
—  (bei  Oairnes)  410.
—  (bei  den  christlich-sozialen  Schulen)
531.
—  (bei  Henry  George)  626.
—  (bei  den  Hedonisten)  592.
—  (bei  der  klassischen  Schule)  390.
—  (bei  Lassalle)  477.
—  (bei  der  liberalen  Schule)  351.
—  (bei  List)  300.
—  (bei  Malthus)  452.
—  (bei  den  Physiokraten)  12.
—  (bei  Sismondi)  452.
—  (bei  A.  Smith)  449,  451.
—  das  (in  England  zur  Zeit  Smith’s)  113.
—  (bei  den  Solidaristen)  646.
—  Einschränkung  des  451.
—  Kritik  des  (bei  der  historischen  Schule)
427.
—  Kritik  des  (bei  den  Ökonomisten)  451.
Land  tenure  relorm  association  614.
Landarbeiter  206.
—  Umwandlung  des  Bauern  zum  206.
Landarbeiterschalt,  Emanzipation  der  94.
Landesverteidigung  103.
Landleute  68.
Landwirt,  Zustand  des  293.
Landwirtschaft  (bei  Fourier)  272.
—  (bei  den  Physiokraten)  14,  20.
—  (bei  A.  Smith)  98.
—  bäuerliche  509.
—•  zukünftige  Entwicklung  der  170.
—  höhere  Produktivität  der  69.
—  Schutz  der  (bei  den  Christlich-Sozialen)
548.
(bei  List)  304.
—  Vorzugstellung  der  (bei  A.  Smith)  76.
Landwirtschafts-Kreditinstitut  329.
Landwirtschaftliche  Arbeiter  70.
—■  Klasse  68.
—  Wissenschaft,  Fortschritte  der  166,
169,  170.
Landwirtschaftliches  Produkt  68.
Lasten,  Proportionalität  der  69.
Laster  140,  144.
Lebenshaltung,  Niveau  der,  der  Arbeiterklasse ­
  173.
Lebensmittel,  Höchstertrag  an  (bei  Sismondi) ­
  206.
—  (bei  Malthus)  135.

Lebensmittel,  freie  Einfuhr  von  (bei  Ricardo) ­
  167,  169.
—  Preis  der  (bei  Adam  Smith)  74.
Lebensmittelmenge,  Wachstum  der  135.
Lebewesen,  Vermehrung  der  142.
Lehre,  bolschewistische  700ff.
—  kommunistisch-sozialistische  219.
—  vom  guten  Arbeitgeber  (im  sozialen
Katholizismus)  550.
—  von  der  Solidarität  (im  sozialen  Protestantismus) ­
  556.
Lehrlingsgesetz,  altes  105,  113.
—  Aufhebung  des  185.
Lehrzeit,  Festsetzung  der  106.
Leiden  der  Übergangsperioden  197.
Leidenschaften  (bei  Fourier)  274.
—  menschliche  (bei  A.  Smith)  94.
Leistung,  individuelle,  Wert  der  319.
Leitung  des  Produktionsvorganges  (bei
Saint-Simon)  226.
—  Arbeit  der  (bei  Rodbertus)  464.
—  Rolle  der  (bei  Fourier)  269.
Liberales  System,  Fehler  des  189.
Liberalismus  349,  354.
—  Kritik  des  (bei  Sismondi)  202.
—■  klassischer  215.
•  Verwerfung  des  530.
—  libertärer  564.
—  ökonomischer  61,  185.
—  wirtschaftlicher  189,  423.
—  —  Grundlage  des  202.
—  Hume’s  60.
—  absoluter,  Reaktion  gegen  den  214.
—  negatives  Programm  des  390.
—  positives  Programm  des  390.
Lohn,  Definition  des  (bei  Condillac)  56.
—  gerechter,  des  Arbeiters  (bei  Sismondi)
234.
—  hoher  oder  niedriger  (bei  A.  Smith)  73.
—  Kampf  um  den  (bei  den  Assozialisten)
253.
—  individueller  470.
—  natürlicher  (bei  Malthus)  173.
des  ehernen  Lohngesetzes  394.
—  notwendiger  394.
—  —  Ricardq’s  Theorie  des  476.
—  Antagonismus  des  Profits  und  des  401.
—  Anteil  des,  am  Einkommen  (bei  Ricardo) ­
  176.
—  Bestimmung  des,  durch  den  Grenznutzen ­
  576.
—  —  (bei  Rodbertus)  468.
        <pb n="802" />
        780

Sachregister.

Lohn,  Bestimmung  des  (bei  Walker)
601.
—  Fallen  des  (bei  Henry  George)  618.
—  und  Profit,  Verhältnis  zwischen  (bei
Ricardo)  174.
Lohnarbeit  (bei  Fourier)  270.
Lohnbons  (bei  Rodbertus)  471.
Lohnerhöhung  (bei  Malthus)  173.
-—  (durch  die  Trade-Unions)  395.
Lohnfonds  393,  500.
—  (bei  Cairnes)  410.
—  (bei  Turgot)  23.
Lohnfondstheorie  (bei  Walker)  601.
Lohngesetz  393.
•—  (bei  Malthus)  173.
—  (bei  Cobden)  394.
—  als  Ausfluß  der  kapitalistischen  Weltordnung ­
  (bei  Lassalle)  173.
—  ehernes  173,  394,  468.
(bei  Lassalle)  476.
(bei  K.  Marx)  468.
(bei  Necker)  171.
(bei  Quesnay)  48.
(bei  Ricardo)  468,  476.
(bei  Rodbertus)  371,  469.
(bei  Turgot)  47.
Lohnsystem  (bei  den  Fabiern)  636.
—•  Abschaffung  des  (bei  den  Assozialisten)
272.
(bei  Fourier)  272.
—  —  (bei  Labriola)  510.
(bei  Stuart)  Mill  404,  405.
(bei  der  radikal-sozialistischen  Partei) ­
  272.
(bei  Marc  Sangnier)  549.
(bei  den  Syndikalisten)  549.
—  Ersastz  durch  die  Produktivgenossenschaft ­
  (bei  Stuart  Mill)  404.
—  Verallgemeinerung  des  509.
—  Wesen  des  495.
Lohntheorie  (bei  Enfantin)  235.
—■  (bei  Malthus)  173.
—  (bei  A.  Smith)  88,  111.
—  (bei  Sismondi)  205.
—  der  Produktivität  der  Arbeit  577.
loi  agraire  219.
Lösung  der  sozialen  Frage  251.
Luxusindustrien  208.
Luxusprodukte,  Zunahme  der  Nachfrage
nach  208.

I..
Machtbereich  des  Individuums  485.
—  des  Staates  485.
—  staatlicher,  Aus:  ehnung  des  484.
Malthusianismus  Stuart  Mill’s  395.
Malthusische  Gesetze  142.
—  Voraussagungen  142.
Mammonismus  554.
Manchestertum  390.
—  (bei  den  Staatssozialisten)  481.
Mangel  an  Nahrungsmitteln  136.
Manifest,  kommunistisches  509.
Aufgabe  des  509.
—  der  Gleichen  219.
Mann  mit  vierzig  Talern,  der  46.
Manufaktur,  Herrschaft  der  72.
—  Verherrlichung  der  (bei  List)  296.
—  die  Vorstufe  des  Fabriksystems  73.
Manufakturen  70.
Manufakturindustrie,  neue  186.
Manufakturmonopol  Englands  310.
Manufakturstaat  296.
Manufaktur-Suprematie  (bei  List)  310.
Market-wage  173.
Markt,  nationaler  309.
—  der  Dienste  585.
—  der  Kapitalisation  585.
—  der  Produkte  585.
—  Ausdehnung  des  67.
—  Entfernung  vom  (bei  Thünen)  161.
—  Produktion  für  den  206.
Märkte,  ausländische  208.
—  neue  505.
Marktlohn  393.
—  (bei  Malthus)  173.
Marktpreis  81,  84,  88,  89.
—  Bestimmung  des  (bei  Ricardo)  163.
—  Beweglichkeit  des  84.
—  der  Arbeit  (bei  Rodbertus)  468.
Marktwert  des  Geldes  393.
Marktgenossenschaft  482.
Marxismus  492ff.,  703.
—  reiner  610.
—  katastrophaler  Charakter  des  517.
—  Krisis  des  519.
—  revolutionärer  Charakter  des  517.
—  als  Erzieher  zur  Energie  515.
Marxisten  197.
Maschine,  ökonomische  706.
—  ihre  geringen  Vorteile  für  die  Arbeiter
198.
        <pb n="803" />
        Sachregister.

781

Maschine,  ihre  große:?’  Vorteile  für  die
Verbraucher  198.
—  Verbilligung  der  Produkte  durch  die
198.
—  Zerstörung  von  187.
Maschinen  (bei  Ricardo)  197
—  (bei  J.-B.  Say)  197.
—  (bei  A.  Smith)  91.
—  Vermehrung  der  (bei  Sismondi)  196.
—  Wertverminderung  durch  die  498.
—  schädliche  Wirkungen  der  (bei  Sismondi) ­
  197.
Maschinenarbeit  (bei  J.-B.  Say)  121.
Maschinenwesen  (bei  Ricardo)  167.
Maschinismus,  Entwicklung  des  (bei  K.
Marx)  498.
Massentatsachen  432.
Maßnahmen,  hygienische  106.
Materialismus  296.
—  geographischer  642.
i—-  historischer  614.
(bei  den  Neo-Marxisten)  625.
Maximum,  döcret  de  218.
—  der  Ophelimität  100.
—  der  Produktion  217.
Mechanismus  der  gesellschaftlichen  Produktion ­
  508.
—  wirtschaftlicher  93.
Meliorationen,  landwirtschaftliche  124,
166.
Mehrarbeit  (bei  K.  Marx)  494ff.
—  Theorie  der  (bei  K.  Marx)  520.
—  Verschwinden  der  510.
Mehrwert  des  Bodens,  Beständigkeit  des
624.
—  der  Bodendienste,  Wachsen  des  630.
—  Definition  des  (bei  K.  Marx)  497.
—  Erklärung  des  (bei  Lexis)  492.
—  des  städtischen  Grundbesitzes  272.
—-  Theorie  des  201.
(bei  K.  Marx)  152,  494ff.,  520.
(bei  Thompson)  264.
—  Verschwinden  des  510.
Mensch,  ökonomischer  434.
—  sozialer  (bei  Walras)  627.
—  Achtung  des  679,  699.
—  Nachfrage  nach  (bei  A.  Smith)  90.
—  sozialer  Charakter  (bei  Bakunin)  686,
687.
—  physisches  Wohlsein  des  193.
Menschenfresserei  136.

Menschenrechte,  Proklamation  der  505,
506.
Mercanti  di  tenute  207.
Merkantilismus  31,  32,  60,  91,  108,  110,
185.
—  List  und  der  302.
Merkantilisten  2,  19,  91,  119.
Merkantilistische  Politik  60,  91.
—  Theorie  91.
Metallgeld  93.
—  (bei  Owen)  260.
—  (bei  A.  Smith)  79.
—  Abschaffung  des  (bei  Ricardo)  182.
—  Rolle  des,  im  internationalen  Handel
179.
Metallgeldpreise  339.
Metallreserve  93,  180.
Methode,  deduktive,  Sismondi’s  Kritik  der
214.
—  deduktive  (bei  A.  Wagner)  435.
Kritik  der  436.
—  historische  (bei  List)  310,  311.
(bei  A.  Comte)  446.
—■  mathematische  563.
—  —  (bei  Marshall)  430.
—  wissenschaftliche  119.
—  der  Klassifikation  541.
—  der  Monographien  539.
—  der  klassischen  Nationalökonomie  428.
Methodenstreit  415.
Mieux-value  201.
Mietssteuer  69.
Mikrobiologie  643.
Mikrokosmen  254.
Mildtätigkeit,  christliche  147.
Milieu,  geographisches  541.
—  künstliches  252.
—  Schaffung  eines  neuen  251.
(bei  Louis  Blanc)  281.
—  Schaffung  eines  günstigen  (bei  Fourier)
267.
—  Schaffung  des  sozialen  (bei  Owen)
257.
—  soziales  (bei  den  Anarchisten)  682.
(bei  den  Historikern)  439.
Schaffung  des  (bei  Labriola)  515.
—  wirtschaftliches  und  soziales  420.
Milieuänderung  557.
Minimalhöhe  des  Profits  (bei  Stuart  Mill)
408,  409.
Minimallohn  (bei  Malthus)  172.
        <pb n="804" />
        782

Sachregister.

Minimallohn  (bei  den  sozial-katholischen
Schulen)  547.
Minimalnennbetrag  der  Banknoten  105.
Minimalproduktionskostenwert  (bei  Bastiat)
  366.
Mißbräuche  in  den  Fabriken  186.
—  der  Konkurrenz  211.
—  des  Privateigentums  207.
Miteigentum,  soziales  661.
—  des  Herrschers  am  Grundbesitz  46.
Mittelalter  105.
Mittel,  Prinzip  des  kleinsten  (bei  den
Hedonisten)  586.
Moderne  Schule  (bei  Blanqui)  215.
Monarchie  39.
—  erbliche  40.
Monographien  über  Arbeiterfamilien  533.
■—  Methode  der  539.
■—  volkswirtschaftliche  423.
Moralischer  Enthaltsamkeitszwang  171.
Moralismus  der  französischen  Schule  357.
moral  restraint  137,  140.
Monopol  (bei  A.  Smith)  104.
—  (bei  Walras)  593.
■—  und  Allgemeininteresse,  Zwiespalt
zwischen  581.
—  der  organisierten  Arbeiter  395.
—  der  Grundbesitzer  616.
•—  künstliches  89
—  natürliches  89.
—  der  Staatsbank  182.
Monopole,  die  drei  637.
—  (bei  Nassau  Senior)  382,  391.
—  Abschaffung  der  253.
—  große,  Organisation  der  253.
—  wirtschaftliche,  Rückkauf  der  (bei
Walras)  630.
—  Überhandnehmen  der  490.
Monopoleinkommen  (bei  Stuart  Mill)  606.
Monopolpreis  (bei  A.  Smith)  89.
—  Rente  als  (bei  A.  Smith)  71.
Monopolrecht  am  Boden,  gesetzliches  206.
Monopolstellungen  260.
Monopolsucht  113.
Moralist,  utilitarischer  140.
Munizipalsozialismus  640.
Müßiggänger,  Arbeiter  und  (bei  Saint-Simon)
  224.
Mutualisation,  Theorie  der  652.
—  der  Risiken  662.
—  der  Vorteile  652.

Mutualismus,  Theorie  des  (bei  Proudhon)
324.
Mutualisten,  Solidarität  bei  den  658.
Mystiker  558.
N.
Nachfrage  (bei  Condillac)  56.
Nachfrage,  absolute  81.
—  effektive  81.
—•  gesellschaftliche  99.
—  Anpassung  der  Produktion  an  die  602.
—  nach  Arbeit  (bei  Sismondi)  204.
—  Gesetz  der  (in  der  mathematischen
Schule)  681.
—  Gesetz  des  Angebots  und  der  393.
—  Kurve  der  581,  682.
—  nach  Menschen  90.
—  nach  Produkten  123.
—  Steigerung  der  158.
•—  wirksame  (bei  Rodbertus)  461.
—  wirksame,  Gegensatz  zum  sozialen
Bedürfnis  (bei  Rodbertus)  462.
—  Verschiebung  der  208.
Nachteile  der  Arbeitsteilung  66.
Nahrungsmittel,  Mangel  an  136.
—  Verteuerung  der  171.
Nahrungsspielraum,  Pressen  der  Bevölkerung ­
  gegen  ihren  154.
Napoleonische  Kriege  112.
Natalität,  Rückgang  der  148.
Nation  (bei  List)  312.
National  Anti-Corn-Law  League  400.
Nationalindustrie  67.
Nationalreichtum  81.
Nationaler  Reichtum,  Wachstum  des  68.
National-Produkt,  Anteil  der  Arbeit  am
(bei  Bastiat  und  Carey)  467.
—  proportionaler  Anteil  des  Arbeiters  am
(bei  Rodbertus)  467.
—  Anteil  der  Arbeiter  und  der  Nichtarbeiter ­
  am  467.
—  Anteil  der  Großgrundbesitzer  am  (bei
Ricardo)  467.
—  Anteil  des  Kapitals  am  (nach  Bastiat
und  Carey)  467.
—  Erzeugung  des  65.
Nationaltypus  309.
Nationalvermögen  (bei  A.  Smith)  79.
—  (bei  Sismondi)  192.
Nationalversammlung  39.
Nationalvorzüge,  natürliche  108.
National-Wirtschaftsperiode  293.
        <pb n="805" />
        Nationalismus  309.
Nationalisation  251.
Nationalisierung  des  Bodens  168.
Hauptfolge  der  630.
Systeme  der  623  ff.
—  —  (bei  Henry  George)  612.
(bei  Gossen)  625,  626.
(bei  James  Mill)  168.
(bei  Stuart  Mill)  613—615.
—  —  (bei  Herbert  Spencer)  612.
(bei  Wallace)  630.
—■  —  (bei  Walras)  593,  612.
—  aller  natürlichen  Hilfsquellen
Ruskin)  561.
Nationalität,  Idee  der  (bei  List)  292,  415.
Nationalökonom,  Rolle  des  (bei  J.-B.  Say)
120.
Nationalökonomie  (bei  List)  293.
—  praktische  119.
—  klassische,  Absolutismus  der  428.
—  Auffassung  der  (bei  den  Historikern)
438.
—  soziologische  Auffassung  der  445.
—  Aufgabe  der  (bei  Hildebrand)  421.
—  Definition  der  (bei  Hildebrand)  420,
421.
(bei  J.-B.  Say)  119.
(bei  Arnold  Toynbee)  416.
—  Ergänzung  der,  durch  die  Sozialpolitik
216.
—  Grundprinzipien  der  (bei  Nassau
nior)  381.
—  Methode  der  (bei  Sismondi)  189.
—  klassische,  Methode  der  427,  428.
—  als  Naturwissenschaft  96.
—  Objekt  der  (bei  Sismondi)  189.
—  klassische,  Perpetualismus,  der  428.
—  —  Psychologie  der  427,  428.
Universalismus  der  472,  428.
—  als  Theorie  der  Wohlfahrt  194.
—  Vater  der  84.
—  eine  moralische  Wissenschaft  (bei  Sismondi) ­
  190.
Nationalökonomische  Vorlesungen  im
Athdnfie  116.
Nationalwohlstand,  dynamische  Auffassung ­
  vom  313.
Nationen  als  politische  und  moralische
Genossenschaften  312.
Nationen,  Solidarität  zwischen  663.
—  wirtschaftliche  Entwicklungsphasen
der  293.

Naturkräfte  70.
Naturordnung  der  Physiokraten  (bei  den
Assozialisten)  252.
Naturprodukte  366.
Naturzustand  7.
Natürliches  Monopol  89.
Natürliche  Ordnung,  Schutz  der  41.
Natürlicher  Preis  (bei  A.  Smith)  87.
—  Ursprung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen ­
  (bei  A.  Smith)  76.
Navigation,  acts  of  110.
Neo-klassische  Schule,  die  12.
—Malthusianer  145,  391.
—-Malthusianismus  141.
-—Marxismus  519  ff.
——  reformatorischer  519.
—  syndikalistischer  525.
-—Sozialisten  544.
Nettoertrag  (bei  Sismondi)  206.
Nettoeinkommen,  Schätzung  des  91.
Nettoertrag,  Gegensatz  zum  Bruttoertrag
(bei  Sismondi)  462.
Netto-  und  Bruttoertrag,  Frage  des  462.
Neugestaltung  der  Arbeit  (bei  den  Anarchisten) ­
  692,  693.
Niedergang  der  Produktivgenossenschaft
403.
Nichteinmischung  der  Regierung  194.
(bei  Sismondi)  210.
—  des  Staates  (bei  Adam  Smith)  67,102,
104.
Nominallohn  172.
—  Steigerung  des  172.
Normal-Lohn,  Begriff  des  294.
—Nation,  Begriff  der  294.
—Preis,  Begriff  des  293.
—Wert  der  Arbeit  (bei  Rodbertus)  468.
Normatives  Wesen  der  Nationalökonomie
119.
Notenmenge,  Anpassung  der,  an  die  Nachfrage ­
  93.
Nutzbarmachung  der  Naturkräfte  170.
Nutzen  (bei  Condillac)  54.
—  gesellschaftlicher  99.
        <pb n="806" />
        784

Sachregister.

Nutzen,  öffentlicher,  Enteignung  aus
Gründen  des  624.
—  persönlicher  97,  104.
—  bei  den  Klassikern  671.
—  Übereinstimmung  des  Privat-  mit  dem
Allgemein-  (bei  A.  Smith)  98.
Nutzenmaximum  687.
Nutzenwert  361.
Nützlichkeit  83.
—  (bei  Dunoyer)  379.
—  (bei  J.-B.  Say)  118.
—  Maximum  an  107.
—  die  soziale  27.
Nützlichkeitskurve  572.
N  ützlichkeitsmaximum  454.
Nützlichkeitswert  (bei  Galiani)  53.
—  seltener  (bei  Nassau  Senior)  383.
Nutzlosigkeit  des  Schutzzollsystems  112.
0.
Obligatorische  Unterstützung,  Gesetz  über
146,  147.
Öffentliche  Arbeiten,  Kindern  übertragen
274.
—  Meinung  (bei  den  Anarchisten)  691.
—  Notstandsarbeiten  122.
—  Schuld,  Anwachsen  der  103.
Öffentlicher  Nutzen,  Übereinstimmung  der
Bodenrente  mit  dem  153.
Ökonomie,  industrielle  (bei  J.-B.  Say)  116,
121.
—  politische  1,  97.
—  reine,  Berechtigung  der  427.
—•  tierische  9.
Ökonomik,  reine  202,  381,  563,  566.
—•  —  (bei  Pantaleoni)  593.
—  —  (bei  Walras)  431.
Okkupation  53.
—  die  einfache  26.
Ophelimität  83,  571.
—  Maximum  an  (bei  den  Hedonisten)  100,
107,  454.
(bei  Gossen)  625.
Opportunisten  703.
Optimismus  52.
—  (bei  A.  Smith)  75,  96,  100.
Optimisten  129,  350.
Optimum,  wirtschaftliches  454.
Optimumverhältnis  587.
Ordnung,  industrielle  219.
—  —  Wohltaten  und  Nachteile  der  213.
—  kapitalistische  499,  507.

Ordnung,  kapitalistische,  Entwicklung
der  521.
Selbstzerstörung  der  507.
—  kollektivistische  509.
—  die  natürliche  (bei  den  Physiokraten)
6,  7,  9,  10,  11,  12,  37.
(bei  Adam  Smith)  119.
—  selbsttätige  wirtschaftliche  95.
—  der  Assoziation  670.
—  wirtschaftliche,  Begriff  einer  spontanen ­
  (bei  den  Anarchisten)  670,  685.
—  des  Bodenbesitzes  (bei  Loria)  514.
—  der  Vorsehung  10.
Organisation,  kollektivistische;  wachsende
Bedeutung  der  638.
—  politische  (bei  List)  292.
—  produktive  247.
—  soziale  628.
—  der  Arbeit  247,  277,  278,  328,  331.
—  der  großen  Monopole  253.
—  Prinzipien  der  sozialen  184.
—  du  travail  277,  284.
—  neuer  Unternehmungsformen  264.
—  der  Verbraucher  373.
—  wirtschaftliche,  Zweck  der  217.
Organisationsplan,  kommunistischer  147.
—  sozialistischer  147.
Organismus,  Umformung  des  257.
Orthodoxie  215.
—  volkswirtschaftliche  191.
Österreichische  Schule  54.
Ostindische  Kompagnie  104.
P.
Pacht  (bei  J.-B.  Say)  124.
Pachtertrag  153.
Pachtgüter,  kleine  französische  148.
Pachtsystem  in  Frankreich  153.
Pächter  (bei  den  Physiokraten)  24.
—  (bei  A.  Smith)  10.
Panik  vom  24.  Februar  1797  180.
Papiergeld  181.
—  (bei  Ricardo)  180.
—  Abschaffung  des  181.
Papiergeldpreise  339.
Parabel  Saint-Simon’s  222,
Parallelismen,  historische  440,  443.
—  der  wirtschaftlichen  Zustände  440.
Parasitismus  664.
Parlamentarismus  224.
Partei,  anarchistische  698,  699-—
  anti-nationale  224.
—  äußerste  demokratische  278.
        <pb n="807" />
        Sachregister.

785

Partei,  kommunistische  701.
—  konservative  524.
—  liberale  477,  524.
—  nationale  224.
—  radikal-sozialistische  271,  509,  646.
—  sozialdemokratische  475.
Partikularsten  312.
Patriarchal-Ordnung  536.
Pauperismus  188.
—  Entwicklung  des  508.
—  Erklärung  des  (bei  Sismondi)  203.
—  Kampf  gegen  den  480.
—■  Lösung  des  Problems  des  630.
Periode,  kritische,  der  Gesellschaft  244.
—  organische,  der  Gesellschaft  244.
Perioden,  wirtschaftliche  (bei  Hildebrand)
293.
Perpetualismus  der  klassischen  Nationalökonomie ­
  428.
Personen,  Schutz  der  (bei  Kropotkin)  682.
Persönlichkeit,,  freie  Entwicklung  der  (bei
den  Anarchisten)  679.
Pessimisten  127  ff.
—  zufriedene  128.
Phalange  268.
Phalanstere  266.
—  Verwirklichung  des,  in  den  Ver.
Staaten  267.
—  verschiedene  Vorteile  des  268.
Phase,  oberste,  der  kommunistischen  Gesellschaft ­
  702.
Philanthropen,  Rolle  der  245.
Philosophie,  ihre  Bedeutung  nach  Saint-Simon
  245.
Physiokraten,  die,  lff.,  57,  61,87,102,105,
106,  119,  153,  354.
—•  ihre  Auffassung  der  Funktionen  des
Staates  40.
—  Gesellschaftsordnung  der  96.
—  Liberalismus  der  106.
—  Steuertheorie  der  42.
—  fiskalisches  System  der  49.
—  Verteilungstheorie  der  20.
—  Volkswirtschaft  der  68.
—  die  Wertidee  der  51,  52.
—  Definition  der  (bei  Dupont  des  Nemours) ­
  6.
Physiokratische  Agrartheorie  19.
—  Auffassung  der  Gesellschaft  68.
—  Ideen,  Niederlage  der  117.
Physiokratisches  System  68,  69.
Physik  120.

Pioniere  von  Rochdale  263,  264,  660.
Philologie  411.
Politik,  liberale  413.
—  merkantilistische  60,  91,  105.
—  praktische  448.
—  nationaler  Exklusivität  303.
—  der  Handelsverträge  302.
—  der  Isolierung  309.
—  Trennung  der,  von  dem  wirtschaftlichen ­
  Sozialismus  474.
—  des  Wirtschaftslebens  312.
Post  102,  105.
Possibilismus  der  Moral  Marx’-  515.
Positivismus  222,  446.
Prämium  auf  die  Einfuhr  179.
Präventivmittel  137,  141,  147.
Präventivverkehr  138.
Preis,  der  gute  17,  18.
—•  natürlicher  (bei  A.  Smith)  85.
—•  der  richtige  (bei  den  Physiokraten)
33,  51.
—  wirklicher  85.
—  der  Dienste  (bei  A.  Smith)  87.
(bei  J.-B.  Say)  123.
—  —  Auffassung  von  Walras  124.
—  der  produktiven  Dienste  (bei  Henry
George)  618.
—  Einheit  des  585.
—  der  Güter  87.
—  der  Lebensmittel  74,  87.
Preiserhöhung  der  landwirtschaftlichen
Erzeugnisse  als  Ursache  der  Rente  156.
Preisschwankungen  88.
Preissturz  126.
Preistheorie  (bei  A.  Smith)  82,  111.
—  (bei  K.  Menger)  609.
Pressen  der  Bevölkerung  gegen  ihren
Nahrungsspielraum  154.
Pressung  der  Bevölkerung  368.
Prinzip,  das  hedonistische  12,  566.
—  hedonistisches  (bei  den  Mystikern)  588.
(bei  Nassau  Senior)  381.
—  der  Bevölkerung  139.
—  der  Bevölkerungsvermehrung  (bei
Nassau  Senior)  381.
—  des  Energiemaximums  586.
—  der  Entschädigung  620.
—  der  Handelsfreiheit  286.
—  des  Klassenbewußtseins  525.
—  des  Klassenkampfes  525.
—  der  Kraftersparnis  586.
—  des  Relativismus  417.

Gide  und  Rist,  Gesch.  d.  Volkswirtschaft!.  Lehrinemungen.  2.  Aufl.

50
        <pb n="808" />
        786

Sachregister.

Prinzip  der  Selbsterhaltung  96,  387.
—  des  freien  Austausches  311.
—  der  Autorität,  Vernichtung  des  681.
—  der  natürlichen  Identität  der  Interessen ­
  (bei  Hermann)  452.
—  —  (bei  den  Klassikern)  452.
—  des  animalischen  Lebens  81.
—  moralischer  Lebensführung,  Solidarität ­
  als  667.
—  des  Maximums  der  Befriedigung  586.
—  des  kleinsten  Mittels  566.
—  —  (bei  den  Hedonisten)  586.
—  der  steigenden  Produktivität  der  Industrie ­
  (bei  Nassau  Senior)  381.
—  der  Solidarität  zwischen  Schuldnern
543.
—  der  nationalen  wirtschaftlichen  Solidarität ­
  312.
—  der  individuellen  Verantwortlichkeit
375.
—  der  Vereinigung  der  Kapitalien  204.
—  —  der  Kräfte  204.
—  der  ursprünglichen  Vollkommenheit
534.
Prinzipien  der  sozialen  Organisation  184.
—  freiheitliche  113.
Privataneignung,  Herrschaft  der  504.
Privatbesitz,  Stärkung  des  624.
Privateigentum  (bei  K.  Marx)  509.
—  (bei  Rodbertus)  470.
—  Abschaffung  des  (bei  den  Saint-Simonisten)
  184.
—  Anerkennung  des  (bei  Sismondi)  216.
—  Angriffe  gegen  das  216.
-—  historisches  Argument  gegen  das  240.
—  Aufhebung  des  (bei  K.  Marx)  509.
—  Aufrechterhaltung  des  272.
—  Ausbreitung  des  272.
—  Kritik  des  188.
(bei  den  Saint-Simonisten)  230,232.
—  Mißbräuche  des  207.
—  Umformung  des,  in  Kollektiveigentum
(bei  den  Fabiern)  634.
—  Verwandlung  des,  in  Aktieneigentum
(bei  Fourier)  269.
Privatinitiative  (bei  Owen,  Fourier  und
Louis  Blanc)  282.
Privatinteresse,  Übereinstimmung  des  allgemeinen ­
  und  des  (bei  den  Anarchisten)
690.
(bei  Proudhon)  690,  691.

Privatinteresse,  Unterordnung  des,  unter
das  Allgemeininteresse  372.
Privatkapital  (bei  Sismondi)  192.
Priratunternehmen,  Herrschaft  des  504.
Privatwohlstand  80.
Privilegium  der  Erde,  einzigartiges  154.
Prix,  le  bon  33.
Problem  der  Arbeitslosigkeit,  Lösung  des
630.
—  der  Bevölkerung  148.
—  des  Netto-  und  Bruttoertrages  (bei
Sismondi)  206.
—  des  Pauperismus,  Lösung  des  630.
Probleme,  industrielle  121.
—  der  Wirtschaftspolitik  449.
Pxoduit  net  13,  43,  153.
—  Erhöhung  des  (bei  A.  Smith)  68.
Produkt,  landwirtschaftliches  68.
—  soziales,  Verteilung  des  (bei  Rodbertus)
463,  464.
Produkte,  Eindämmung  des  Überflusses
an  210.
—  Geldwert  und  Arbeitswert  der  (in  der
Arbeitstauschbörse)  262.
—  immaterielle  (bei  Malthus)  118.
(bei  Stuart  Mill)  69,  118.
(bei  J.-B.  Say)  69.
(bei  Nassau  Senior)  118.
•—  Markt  der  585.
—  Wert  der  ausgetauschten  398.
Produktenüberschuß  67.
Producteur,  Le  230.
Produktion,  gesellschaftliche  (bei  A.  Sn.ith)
91.
—  individuelle  (bei  Rodbertus)  469,  470.
—  industrielle  (bei  Stuart  Mill)  396.
—  unbegrenzte  194.
—  Achtung  vor  der  229.
—  Anarchie  der  (bei  den  Saint-Simonisten
237.
—  Anpassung  an  die  Bedürfnisse  460,
461.
—  Anpassung  an  die  Nachfrage  601,  602.
—  Anpassung  der,  an  den  Verbrauch  246.
—  von  Arbeit  (bei  Henry  George)  616.
—  wissenschaftliche  Ausdehnung  der  (bei
den  Anarchisten)  693.
—  für  das  soziale  Bedürfnis  462.
—  kollektive  Form  der  (bei  Marx)  510.
—  Grenznutzen  im  Bereiche  der  575.
—  von  Kapital  (bei  Henry  George)  616.
—  für  den  Markt  206.
        <pb n="809" />
        Sachregister.

787

Produktion,  Maximum  der  217.
—  gesellschaftliche,  Mechanismus  der  508.
—  Umwälzung  der  315.
—  Vergrößerung  der  industriellen  68.
—  bürgerliche,  Verhältnisse  der  513.
—  Wachstum  der  (bei  Sismondi)  210.
Produktionsbedingungen,  Umformung  der
512.
Produktionsfaktoren,  Abhängigkeit  der,
voneinander  587.
—  Theorie  der  drei  63.
—  Verteilung  der  Produkte  unter  die  (bei
Henry  George)  618.
Produktionsfonds  233.
Produktionsfrage  174.
Produktionsfreiheit  451.
Produktionsgenossenschaft,  die  Phalange
als  268.
—  korporative,  in  Frankreich  331.
Produktionsgenossenschaften,  staatliche
Schaffung  von  (bei  Lassalle)  476.
Produktionskosten  81.
—  reelle  398.
—  virtuelle  398.
—  (bei  A.  Smith)  85.
—  der  Arbeitskraft  394.
—  Gesetz  der  verglichenen  399.
—  Theorie  der  (bei  Adam  Smith)  85.
—•  als  Wertursache  393.
Produktionskostenpreis  164.
Produktionskostentheorie  (in  der  mathematischen ­
  Schule)  595.
Produktionskostenwert  361.
—••  (bei  Bastiat)  366.
—  (bei  den  Hedonisten)  575.
—  (bei  Ricardo)  163.
—•  (bei  Nassau  Senior)  382.
Produktionskräfte  123.
Produktionsmethode,  Fortschritte  der  409.
Produktionsmittel,  volle  Ausnützung  der
463.
—  schlechte  Leitung  der  125.
—  Rückgabe  der,  an  die  Arbeiter  510.
—  Sozialisation  der,  in  der  Großindustrie
523.
—  Umformung  der  512.
—  Vergesellschaftung  der  510.
—  Verstaatlichung  der  243.
Produktionsordnung  der  Arbeitsteilung
462.
Produktionstheorie  89.
—  Dunoyer ? s  378.

Produktionsunfähigkeit  137.
Produktionsverhältnisse  514.
—  Entwicklung  der  (bei  Karl  Marx)  241.
Produktionsvermehrung  und  Bevölkerungsdichtigkeit ­
  377.
Produktionsvorgang,  Leitung  des  226.
Produktionsweise  514.
Produktivgenossenschaft,  heutige  Form
der  270.
—  Ersatz  des  Lohnsystems  durch  die  (bei
Stuart  Mill)  404.
—  Niedergang  der  403.
Produktivkraft,  Idee  der  (bei  List)  292.
Produktivkräfte,  Einstellung  der  (bei
Rodbertus)  463.
Produktivismus  345.
Produktivität  (bei  Rodbertus)  462,  463.
—■  der  Arbeit,  Lohntheorie  der  577.
(bei  Dunoyer)  379.
—  —  ausschließliche  (bei  Proudhon)  317.
—  —  fortschreitende  365.
steigende  468.
—  ungleichmäßige,  der  verschiedenen  Arbeiten ­
  67,  71.
—  der  Arbeiter  79.
—  des  Bodens,  besondere  63,  71,  117.
—  —  kommerzielle  599.
—  Gegensatz  zur  Rentabilität  (bei  Rodbertus) ­
  462.
—  der  Industrie,  steigende  (bei  Nassau
Senior)  381.
—  des  Kapitals  (bei  Lösewitz)  548.
—  neuer  Kapitalien,  geringere  371.
—  der  Kapitalien,  materielle  636.
—  der  Landwirtschaft,  höhere  (bei  A.
Smith)  69.
—  Maximum  an  (bei  Gossen)  630.
—  soziale  Steigerung  der  345.
—  der  Unternehmen  601.
Produzent  82.
—-  nationaler  309.
—  Unterordnung  des,  unter  den  Verbraucher ­
  372.
Produzenten,  Solidarität  zwischen  Verbrauchern ­
  und  663.
Profit  (bei  Clark)  603.
—  (bei  Enfantin)  235.
—  (bei  Marshall)  603.
—  (bei  Stuart  Mill)  604.
—  (bei  Owen)  259  ,  260.
—  (bei  Pantaleoni)  603.
—  (bei  Proudhon)  319.

50*
        <pb n="810" />
        788

Sachregister.

Profit  (bei  J.-B.  Say)  409.
—  (bei  A.  Smith)  71,  72,  123.
—  (bei  Walker)  601.
—  Abschaffung  des  (bei  Owen)  259.
(bei  den  Solidaristen)  660.
—  als  Abzug  \om  Arbeitsertrag  508.
—  Begriff  des  (bei  den  französischen
Ökonomisten)  409.
—•  —  (in  der  mathematischen  Schule)  585.
—  —  (bei  Stuart  Mill)  409.
—  verschiedene  Begriffe  des  503.
—  verschiedene  Bestandteile  des  (bei
Marshall)  603.
—  als  Dividende  608.
•—■  als  differentielles  Einkommen  503.
—  als  besondere  Entlohnung  des  Unternehmers ­
  601.
—  als  Entschädigung  für  das  übernommene ­
  Risiko  72.
—•  Gesetz  des  allmählich  sinkenden  (bei
Stuart  Mill)  408.
—  Gesetz  des  konstant  sinkenden  128.
—  Höhe  des;  Regelung  durch  die  Konkurrenz ­
  503.
—■  Kampf  um  den  253.
—  des  Kapitals,  soziologische  Aufklärung
über  den  520.
—  als  Lohn  für  die  Arbeit  der  Leitung  72.
—  Antagonismus  des,  und  des  Lohnes  401.
—  und  Lohn,  Antagonismus  zwischen  (bei
K.  Marx)  511.
(bei  Ricardo)  511.
—  Minimalhöhe  des  (bei  Stuart  Mill)  408.
—  sinkende  Tendenz  des  (bei  Ricardo)  175.
—  des  Unternehmers  (bei  den  Saint-Simonisten)
  235.
—  Ursache  des  Fallens  des  (bei  Stuart
Mill)  409.
—  Ursprung  des  (bei  Lexis)  492.
—  Verschwinden  des  (bei  Walras)  585.
—  Verteilung  des,  durch  den  Tausch  464.
—  im  Warentauschhandel  263.
Profite,  Gesetz  der  Gleichheit  der  503.
Profitsatz,  fallender  (bei  Ricardo)  177.
—  sinkender,  Gesetz  des  371.
Programm  der  Anarchie  697.
—  Fourier’s  271.
—  kollektivistisches  510.
—  marxistisches  509.
■—  Rodbertus’,  politisches  458.
—•  der  radikal-sozialistischen  Partei  271.
—  sozialer  Reformen  (bei  Ruskin)  560.

Proletarier  171,  395.
—  Auftreten  des  203.
Proletariat,  Schulung  des  527.
—  Seele  des  527.
Proletarisierung  der  Arbeiter  (bei  Kar!
Marx)  472.
(bei  Rodbertus)  472.
—  wachsende,  der  Arbeitermassen  216,
—  der  Massen  606.
Propaganda  der  Tat  696,  698.
Proportionalität  der  Lasten  69.
Prostitution  138.
Protektionismus  302,  386.
—  der  Ver.  Staaten  303.
Protestantismus  als  christlicher  Sozialismus ­
  553.
—  als  wirtschaftliches  Programm  657.
—  sozialer  550.
—■  —  in  Deutschland  554,
in  England  551.
—  —  in  Frankreich  555.  ,
in  d.  Ver.  Staaten  554.
—  Selbsthilfe  im  560.
Prudential  restraint  140.
Psychologie  der  klassischen  Ökonomie  428.
Quantitätstheorie  des  Geldes  393.
(bei  Ricardo)  177,  180.
Quasi-Kontrakt  648,  650,  652.
Quasi-Renten  609.
Quelle  der  Bereicherung  79.
Quellen  neuer  Werte  86.
Quietismus  351.
R.
Rationalismus,  deistischer  57.
—  reformatorischer  419.
Rationnement,  dhcret  de  218.
Realistische  Schule  und  Ricardo  150.
Reallohn  (bei  Ricardo)  172.
Recht,  das  (bei  Louis  Blanc)  284.
—  des  Ältesten  233,  535.
—  auf  Arbeit  325.
als  Ergänzung  des  Eigentumsrechtes ­
  276.
(bei  Bismarck)  488.
(bei  Consid&amp;amp;rant)  276,  325.
—  (bei  Fourier)  325.
(bei  A.  Menger)  662.
(bei  den  Solidaristen)  654.
        <pb n="811" />
        Sachregister.

Recht  auf  den  vollen  Arbeitsertrag  (bei
A.  Menger)  662.
—  der  Besitzergreifung  (bei  Proudhon)
318.
—  auf  Dasein  (bei  Fichte)  478.
(bei  A.  Menger)  662.
—  auf  Eigentum  im  Naturzustand  316.
—  der  Gemeinschaft  am  Boden  (bei  Henry
George)  613.
(bei  Stuart  Mill)  613.
—  natürliches  (bei  Proudhon)  318.
—  neues,  Schaffung  eines  (bei  den  Solidaristen)
  662.
—  auf  Unterricht  (bei  den  Solidaristen)
653,  654.
—  auf  Unterstützung  328.
—  der  Zukunft,  neues  527.
Rechte,  erworbene  (bei  den  Solidaristen)
662.
—  des  Individuums,  Übertreibung  der
678.
—.  —  Verteidigung  der  450.
—  der  Souveränität  217.
Rechtfertigung  der  Zinsen  53.
Rechtsbegriffe  der  Wirtschaftsordnung  (bei
A.  Menger)  662.
Rechtsgelehrte,  kanonische  529.
Rechtsgeschichte  419.
Rechtsmißbrauch,  Theorie  des  661.
Rechtssozialismus  661.
Rechtssystem  96.
Rechtstitei  508.
Reform  des  Tausches  (bei  Proudhon)  324.
Reformation  244.
Reformen,fiskalische  (bei  den  Solidaristen)
657.
—•  soziale  (bei  den  Hedonisten)  592.
—  —  (bei  der  liberalen  Schule)  352.
—  •—  (bei  Stuart  Mill)  403.
—•  —  (bei  Ruskin)  560.
(bei  Arnold  Toynbee)  425.
—  (bei  Walras)  592,
Reform  des  Umlaufs  (bei  Proudhon)  315.
Reformgesetze,  soziale  173.
Reformprogramm  Le  Play’s  541.
Reformsyndikalismus  526.
Regelung  der  Banknotenemission  (bei
Ricardo)  182.
—  der  Bevölkerung  nach  dem  Einkommen ­
  205.
—  des  Handels  33.

Regelung  der  Höhe  des  Profits  durch  die
Konkurrenz  503.
Regierung  siehe  auch  Staat.
—  (bei  den  Anarchisten)  680.
—•  (bei  Bastiat)  449—451.
—  (bei  Proudhon)  680.
—  allwissende  (bei  den  Saint-Simonisten)
185.
—  Aufgaben  der  (bei  Bastiat)  450.
(bei  Saint-Simon)  225  bis  227.
(bei  A.  Smith)  450.
—  bürgerliche  86.
—  bankartige  (bei  den  Saint-Simonisten)
237.
—•  Einmischung  der  (bei  Loius  Blanc)
282—284.
in  die  Arbeitsbedingungen  489.
—  Form  der  (bei  den  Anarchisten)  681.
—  Hauptcharakter  der  (bei  Bastiat)  449.
—■  Kritik  der  (bei  Adam  Smith)  102,  103.
—  Nichteinmischung  der  194.
:  (bei  Sismondi)  210.
—  Pflicht  der  (bei  List)  312.
—  politische,  Grenzen  der  473.
—  Rolle  der  (bei  Chevalier)  453.
—•  negative  Rolle  der  (bei  Stuart  Mill)  485.
—  positive  Rolle  (bei  A.  Wagner)  485.
—  Schutz  der  (bei  Kropotkin)  682.
—  Überflüssigmachen  der  (bei  Saint-Simon)
  225.
—•  Unnötigwerden  der  336.
—  Unterscheidung  zwischen  Gesellschaft
und  688.
—•  als  Verwaltung  der  Sachen  226,  227.
—  Verschwinden  der,  in  der  wirtschaftlichen ­
  Organisation  228.
—  wirtschaftliche,  Grenzen  der  473.
Regierungsform,  parlamentarische  39.
Regierungskommission  für  die  Arbeiter
328.
Regierungskunst  190.
Regierungsorgane,  Theorie  der  wachsenden
Entwicklung  der  484.
Regierungssystem,  Auflösung  des,  in  der
Wirtschaftsordnung  336.
Regierungstätigkeit,  Grenzen  der  449.
Reglementierung  der  Banknotenausgabe
(bei  Ricardo)  180.
Reglementierungssystem  105.
Reiche  und  Arme  (bei  Sismondi)  192,194.
203.
Reichtum  (bei  Sismondi)  194.
        <pb n="812" />
        790

Sachregister.

Reichtum,  Grundursache  des  80.
—  Konzentration  des  216.
—  Wachstum  an  141.
des  nationalen  68.
—  Wissenschaft  des  193.
Reichtümer,  immaterielle  (bei  J.-B.  Say)
379.
—  materielle  (bei  J.-B.  Say)  379.
Reihe,  arithmetische  133.
—  geometrische  133.
Reihenfolge  der  Wirtschaftsstufen,  geschichtliche ­
  293.
Reinertrag  (bei  Buchanan)  155.
—  (bei  Karl  Marx)  497.
—  (bei  den  Physiokraten)  13,  14,  19,  27,
29,  49,  153.
—  (bei  Sismondi)  206.
—  (bei  A.  Smith)  70,  91.
—  Wachstum  des  148.
Relativismus  (bei  der  historischen  Schule)
428.
—  Prinzip  des  417.
Relativität  der  wirtschaftspolitischen
Prinzipien  479.
—  der  wirtschaftlichen  Gesetze  (bei  Cliffe
Leslie)  425.
(bei  Knies)  430.
(bei  Walras)  431.
Religion  der  universalen  Vergesellschaftung ­
  24.4..
Rente  (bei  Clark)  610.
—  (bei  Hermann)  607.
—  (bei  Hume)  71,  162.
—  (bei  Malthus)  154.
—  (bei  Mangoldt)  600.  608.
—  (bei  Marshall)  609).
—•  (bei  Karl  Menger)  608.
—  (bei  Stuart  Mill)  604—607.
—  (bei  Pareto)  607,  609.
—  (bei  Ricardo)  18,  152ff.
—  (bei  Rodbertus)  466,  467.
—  (bei  J.-B.  Say)  608.
—  (bei  Schäffle)  608.
—  (bei  Nassau  Senior)  396,  600,  602.
—  (bei  A.  Smith)  69,  86,  154,  155.
—  (bei  den  Sozialisten)  505.
—  als  Differentialeinkommen  (bei  Ricardo) ­
  605.
—  als  integrierender  Teil  des  Preises  (bei
A.  Smith)  71.
—  als  Monopoleinkommen  (bei  Stuart
Mill)  606.

Rente  als  Monopolpreis  (bei  A.  Smith)  71.
—  als  normale  Folge  der  allgemeinen
Wertgesetze  607.
—  als  Seltenheitsprämie  608.
—•  als  Sonderfall  der  Rente  fixer  Kapitalien ­
  608.
—  Begriff  der  (bei  Marshall)  598.
(bei  Nassau  Senior)  382.
—  dynamische  603.
—  hohe  oder  niedrige  71.
—  Gesetz  der  395.
—  Konfiskation  der  (bei  James  Mill)
614.
—•  negative  (bei  Pareto)  610.
—•  —  (bei  Thünen)  610.
—  ökonomische  634,  636.
—•  —  staatliche  Aneignung  aller  Formen
der  634.
—  Theorie  der  (bei  Bastiat)  596,  597.
(bei  K.  Menger)  599.
—  —  (bei  Malthus)  153.
(bei  Ricardo)  150,  152,  167,  368.
369.
(bei  A.  Smith)  87,  111.
(bei  Sydney  Webb)  635.
—■  Ursache  der  (bei  Ricardo)  156.
—  Ursprung  der  (bei  Ricardo)  605.
—  zusammengesetzte  604.
—  der  Bergwerke  599.
—  der  Fischereien  599.
—  der  natürlichen  Fruchtbarkeit  367.
—•  der  Salinen  599.
—  der  Verbraucher  576.
—  Zins  als  635.
Rentenbriefe  628.
Rentenkategorie,  besondere  156.
—  die  von  der  Quantitätsbegrenzung  bedingte ­
  165.
Rentabilität  (bei  Rodbertus)  462,  463.
—.  Gegensatz  zur  Produktivität  (bei  Rodbertus) ­
  462.
—  (in  einer  kollektivistischen  Gesellschaft)
463.
Reorganisation,  korporative,  der  Gesellschaft ­
  544.
—  der  öffentlichen  Wohlfahrtsbehörde
136.
Reorganisierung  der  Zünfte  543.
Reproduktion  70.
Reproduktionsfähigkeit  134.
Reproduktionsgesetz,  biologisches  135.
Reserve-Armee,  industrielle  506.
        <pb n="813" />
        Sachregister.

791

Revolution,  bolschewistische  701,  710.
—  französische,  von  1789  117,  217.
—  von  1848,  deutsche  672.
—  von  1848,  französische  325.
—  französische,  fiskalisches  System  der
50.
—  industrielle  (bei  Arnold  Toynbee)  425.
.—.  (bei  Bakunin)  695,  696,  697.
—  bei  Kropotkin)  695,  696,  697.
—  (bei  den  Marxisten)  517.
—  (bei  Proudhon)  337,  694.
—  (bei  Rodbertus)  473.
—  (bei  den  Saint-Simonisten)  244.
—  (bei  Sorel)  519.
—  Theorie  der  (bei  den  Anarchisten)  694.
Revolutionarismus,  rhetorischer,  der
deutschen  Sozialdemokratie  526.
Reziprozität  der  Achtung  323.
—  der  Dienste  323.
Reziprozitätspolitik  35.
Richtiger  Preis  51.
Ristorni  263.
Rohbaumwolle  121.
Rolle  des  Kapitals  (bei  Turgot)  53.
—  des  Staates  (bei  Chevalier)  453.
(bei  den  Physiokraten)  37.
Rückerstattungen  263.
Rückfluß  des  Geldes  179.
Rückgabe  der  Produktionsmittel  an  die
Arbeiter  510.
Rückkauf  der  Bergwerke  (bei  Walras)  630.
—  des  Bodens  (bei  Gossen)  627.
(bei  Gide)  629.
—  —  (bei  Walras)  627.
staatlicher  (bei  Vidal)  329.
—  der  Eisenbahnen  (bei  Walras)  630.
—  der  wirtschaftlichen  Monopole  (bei
Walras)  630.
Rückkehr  zum  Boden  (bei  Fourier)  272.
(bei  Tolstoi)  562.
—  zum  patriarchalischen  Besitz  211.
S.
Sachgüter,  Eigentum  an  242.
Saint-Simonismus,  der,  als  Religion  231.
Salinen,  Differentialrente  der  599.
Schaffung  einer  einheimischen  Industrie
310.
—  eines  günstigen  Milieus  (bei  Fourier)
267.
—  eines  neuen  Milieus  261.
(bei  Louis  Blanc)  281.

Schaffung  des  sozialen  Milieus  (bei  Labriola)
  516.
•  (bei  Owen)  257.
Schätzungswert,  durchschnittlicher  (bei
Turgot)  52.
Schätzung  des  Nettoeinkommens  91.
—■  des  Wertzuwachses  des  Bodens  615.
Schicksal,  soziales  238.
Schuld,  Anwachsen  der  öffentlichen  103.
—  Solidarität  als  650.
Schule  des  biologischen  Naturalismus
647.
—  chrematistische  194.
—  christlich-soziale,  Ursprünge  der  530.
—•  —  gemeinsame  Charakterzüge  der  531,
—•  französische,  Finalismus  der  357.
—•  —  Lage  der  350,  351,
Moralismus  der  357.
—  freiheitliche  353.
—  hedonistische  363.
—  historische  415.
und  Le  Play  540.
kritische  Arbeit  der  417.
positive  Arbeit  der  417.
Einfluß  der  425,  426.
—  —  Entwicklung  der  418.
positive  Ideen  der  438.
•—  —  Ursprung  der  418.
—  historisch-ethische  410.
—  individualistische  389.
—  junge  historische  422ff.
-—  klassische  222,  389,  390.
Spaltung  der  349.
—  kritische,  Ursprünge  der  185.
—  kooperative  264.
—  liberale  388.
—  marxistische  510.
—  mathematische  150,  294,  363,  578ff.
—  moderne  (bei  Blanqui)  215.
—  die  neo-klassische  12.
—  österreichische  54.
—  optimistische  389.
—  orthodoxe  351.
—  phalansterische  276.
—  psychologische  436,  570.
—  Le  Play’s  533.
—  der  Solidarität-  (bei  Gide)  647.
—  der  sozialen  Wissenschaft  541.
Schulung,  revolutionäre,  des  Proletariats
(bei  Sorel)  627.
Schutz  des  Eigentums  (bei  Kropotkin)  682.
—  der  Landwirtschaft  304.
        <pb n="814" />
        792

Sachregister.

Schutz  der  natürlichen  Ordnung  41.
—  der  Personen  (bei  Kropotkin)  682.
—  der  Regierung  (bei  Kropotkin)  682.
Schutzzoll  (bei  Bastiat)  357.
—  (bei  Carey)  305,  308.
—  (bei  Chaptal)  301.
—  (bei  List)  291.
—  (bei  A.  Smith)  106—110.
—  Dauer  des  (bei  List)  299.
—  Ermäßigung  des  (bei  Ricardo)  178.
—  als  industrielle  Erziehung  297.
—  landwirtschaftlicher  19.
—  List’sche  Auffassung  vom  297,305,312.
—  nationaler  185.
—  (bei  den  sozial-katholischen  Schulen)
548.
—  als  Übergangssystem  303.
—  als  Waffe  gegen  die  Konkurrenz
fremder  Industrien  301.
Schutzzölle  60.
Schutzzöllner,  moderne,  und  Friedrich
List  308,  309.
Schutzzöllnerische  Bewegung  in  Europa
301.
Schutzzollpolitik  357.
Schutzzollsystem,  das  Nutzlose  des  107.
—  modernes,  Ursprung  des  301.
Schwankungen  der  Bodenrente  169,  170.
—  im  Werte  der  Tauschbons  343.
—  des  Zinsfußes,  periodische  370.
scientia  sinistra  128.
Selbsterhaltung,  Prinzip  der  387.
(bei  A.  Smith)  96,  387.
Selbstentstehung  der  wirtschaftlichen  Einrichtungen ­
  und  Funktionen  93.
Selbsthilfe  (bei  der  Confüdüration  G6n6-rale
  du  Travail)  698.
—  (bei  Lassalle)  477.
—  (im  Protestantismus)  550.
—  (bei  den  Schülern  Le  Play’s)  542.
—  (bei  den  Syndikalisten)  527.
Selbstinteresse  des  Einzelwesens  95.
—  (bei  den  Historikern)  432.
—  (bei  den  Klassikern)  432.
—  (bei  A.  Smith)  94,  95.
Selbstmord  der  Völker  144.
Selbständigkeit,  wirtschaftliche,  der  Nation
309.
Selbsttätiger  Aufbau  der  ökonomischen
Welt  77.
Selbstzerstörung,  Gesetz  der  519.
—  des  Kapitalismus  512.

Selbstzerstörung  der  kapitalistischen  Ordnung ­
  507.
Seltenheit  (bei  Walras)  570.
—  Abhängigkeit  des  Wertes  von  der  571.
—  des  benutzbaren  Bodens  als  Bedingung
der  Rente  155.
—  des  benutzbaren  Bodens  als  Ursache
der  Rente  155.
Seltenheitsprämie,  Rente  als  608.
Seltenheitswert  361.
—  (bei  Galiani)  53.
—  (bei  Stuart  Mill)  606.
—  (bei  Nassau  Senior)  383.
—  des  Bodenproduktes  165.
Sicherheit  des  Eigentümers  670,  671.
—  öffentliche  450.
Sicherheitsproduzent,  Staat  als  482,  670.
Sicherheitsventil  gegen  die  Überproduktion
126.
Sicherung  des  Eigentums  86.
Single  tax  System  50,  619.
Sklaverei  25,  242.
—  (bei  Le  Play)  537.  (
Small  holding  acts  407^
Smithianismus  482.
Socialisme  en  action  241.
Socialisme  unifiö  517.
Sociöte  des  Ügaux  219.
Sonntagsarbeit  212.
Sorge  um  den  wirtschaftlichen  Fortschritt;
313.
Solidarites  556.
Solidarität  147,  641  fl.
—  (bei  Louis  Blanc)  282.
—  (bei  Carey)  375.
—  (bei  Pierre  Leroux)  285.
—  (bei  den  Mutualisten)  658.
—  (bei  den  Syndikalisten)  658.
—  allgemeine  (bei  Proudhon)  817.
—  doppelte  (bei  Dürkheim)  655.
—  nationale  657.
—  natürliche  648.
—  pathologische  643.
—  soziale  642,  643.
—  wirtschaftliche  663.
—  Arbeitsteilung  als  Form  der  642.
—  Forderungen  sozialer  376.
—  alte  Formen  der  669.
—  neue  Formen  der  669.
—  Gefahren  der  664.
—  Gesetze  sozialer  657.
—  Gesetz  der  (bei  Bastiat)  374.
        <pb n="815" />
        Sachregister.

Solidarität  zwischen  Kapital  und  Arbeit
174,  663.
—  in  der  Konkurrenz  663.
—  der  Interessen  370.
—  Lehre  der  (im  sozialen  Protestantismus)
556.
—  zwischen  Nationen  663.
—  Prinzip  der  nationalen  wirtschaftlichen
312.
—  als  Pflicht  649.
—  als  Prinzip  moralischer  Lebensführung
667.
—  als  Schuld  650.
—  zwischen  Produzenten  und  Verbrauchern ­
  663.
—  Schule  der  647.
—  zwischen  Schuldnern,  Prinzip  der  543.
—  in  der  Tauschwirtschaft  669.
—  des  Ungeschicks  und  der  Unfähigkeit
322.
—  rückschrittliche  Wirkung  der  665.
Solidaritätsstreiks  658.
Solidaritätstatsache  649.
Solidarismus  565.
—  Genossenschaftswesen  als  Verwirklichung ­
  des  659.
—  praktische  Folgen  des  661.
Solidaristen,  die  641ff.
—  Grundlage  der  Lehre  der  645.
Souveränität,  Rechte  der  217.
Sozialdemokratie,  deutsche,  rhetorischer
Revolutionarismus  der  526.
Soziale  Physik  120.
Sozialisation  251.
—  der  Bodenrente  durch  die  Grundsteuer
404.
—  der  Produktionsmittel  510.
im  Großbesitz  523.
•  in  der  Großindustrie  523.
Sozialismus  86,  152,  350,  386,  492,  531.
-—  der  Name  265,
—  (bei  Stuart  Mill)  403.
—  (bei  den  Saint-Simonisten)  245.
—  (bei  A.  Wagner)  474.
—  der  Arbeiterklasse  515.
—  christlicher  405,  413,  542,  557.
—  fabischex  639.
—  französischer  494.
,  und  Proudhon  318.
—  früherer  219.
—  juristischer  662.
—  katholischer  542.

Sozialismus,  kollektivistischer  414.
—  liberaler  401,  627.
—  praktischer  634.
—  protestantischer  550.
—  Saint-Simonistischer  219.
—  synthetischer  627.
—  theoretischer  347.
—  utopistischer  552.
—  wissenschaftlicher  511.
—  als  Bewegung  526.
—  als  Philosophie  des  Allgemeinwohles
638.
—  Auferstehung  des,  in  Frankreich  414.
—  Aussöhnung  zwischen  dem  Individualismus ­
  und  dem  627.
—  Begriff  des  (bei  den  Fabiern)  634,  637.
—  proletarischer  Charakter  des  526.
—  Christianisierung  des  553.
—  Geschichte  des  250.
—  internationaler,  Grundsätze  des  557.
—  Kritik  des  320.
der  wirtschaftlichen  Theorien
250.
—  Reaktion  gegen  den  530.
—  wirtschaftlicher,  Trennung  von
Politik  474.
—  kollektivistischer,  Ziel  des  509.

Sozialisten  86,  101,  188.
—  anarchistische  französische  348.
—  fabische  633ff.
—  kollektivistische  deutsche  348.
—■  Einfluß  Sismondi’s  auf  die  213,  215.
Sozialkapital,  beständiges  und  unveräußerliches ­
  280.
Sozialphänomene,  Gesetzmäßigkeit  der  51.
Sozialpolitik  194,  209.
—  Aufgabe  der  198.
—  Ergänzung  der  Nationalökonomie
durch  die  216.
Soziologen,  organizistische  9.
Soziologie  131,  426,  431,  445.
—  ökonomische  447.
—  prähistorische  136.
Spaltung  der  klassischen  Schule  349.
Sparsamkeit  120.
Sphäre  der  individuellen  Tätigkeit
Stuart  Mill)  485.
(bei  A.  Wagner)  485.
Spezialisierung  66.
Spontaneität  der  wirtschaftlichen
richtungen  75.
Sport,  Arbeit  als  273.
        <pb n="816" />
        794

Sachregister.

Sprachwissenschaft  420.
Staat  (bei  den  Anarchisten)  680,  681.
—  (bei  Bastiat)  449,  450,  481,
—  (bei  Berth)  700.
—  (bei  L.  Blanc)  282,
■—  (bei  Chevalier)  453.
—  (bei  Dupont-White)  449,  450.
—  (bei  Lenin)  707,  708,  709.
—  (bei  Molinari)  42.
—  (bei  Proudhon)  336.
—  (bei  den  Physiokraten)  42.
—  (bei  Adolf  Wagner)  483.
—  (bei  Walras)  626.
—  aktive  Rolle  des  (bei  List)  313.
—  demokratischer  449.
—  der  isolierte  161.
—  kommunistischer  703.
—  konstitutioneller  449.
—  proletarischer  704,  705.
—  Abschaffung  des  (bei  den  revolutionären ­
  Syndikalisten)  699.
—  Allmacht  des  (bei  Rodbertus)  472.
—  Aufgabe  des  (bei  Fichte)  478.
(bei  Prince  Smith)  482.
—  —  (bei  Walras)  626.
—  Definition  des  (bei  Carlyle)  659.
—  Definition  des  (bei  Hegel)  478.
—  Eigenschaften  des  (bei  Walras)  449,450.
—&amp;lt;  Einmischung  des  (bei  Chevalier)  453.
(bei  Cournot)  454—455.
(bei  Kingsley)  553.
(bei  Lassalle)  475.
(bei  der  liberalen  Schule)  351.
(bei  Stuart  Mill)  453.
(bei  Le  Play)  533—535.
(bei  den  sozial-katholischen  Schulen) ­
  548.
(bei  Stöcker)  555.
—  Funktion  des  (bei  den  Physiokraten)
41,  51.
—  Fürsorge  des  (bei  A.  Smith)  103.
—  Initiative  des  (bei  Michel  Chevalier)
245.
—  Nichteinmischung  des  (bei  Adam
Smith)  67,  102,  104.
—  Rolle  des  (bei  Dupont  White)  483,  484.
(bei  den  Fabiern)  639.
(bei  den  Physiokraten)  37.
(bei  Rodbertus)  473.
(bei  Walras)  455.
—  Verwaltung  durch  den  (bei  A.  Smith)
103.

Staat  als  Kollektivwesen  490.
—  als  Nachtwächter  477.
—  als  Sicherheitsproduzent  482,  670.
—  Abdankung  des  214.
—  bürgerliche  Auffassung  vom  477.
—  Lassalle’sche  Auffassung  vom  477,  478.
—  Begriff  des  (im  sozialen  Katholizismus)
548.
—  Bereich  und  Aufgaben  des  (bei  A.
Wagner)  481.
—  Ersatz  der  Individuen  durch  den  450.
—  Heimfall  des  Bodens  an  den  623.
—  wirtschaftliche  Kritik  des  (bei  den
Anarchisten)  670.
—  Leitung  der  sozialen  Produktion  durch
den  670,  671.
—  alleinige  Leitung  durch  den  473.
—  Machtbereich  des  485.
—  Mißtrauen  gegen  den  449.
—  Rechte  des  450.
—■  administrative  Unfähigkeit  des  671.
—  wirtschaftliche  Unfähigkeit  des  671.
—  Verfassung  des  336.
—  Zweck  des  (bei  Lassalle)  477.
Staaten,  große  moderne  505.
Staatsausgaben  68.
Staatsbank,  Monopol  der  182.
Staatsbeamten  103.
Staatsschulden,  Entstehung  der  605.
Staatsdomäne,  Verteilung  der  103.
Staatshilfe  477.
Staatskommunisten  504.
Staatskörper  96.
Staatsoberhaupt  102.
Staatsprüfungen  105.
Staatssozialismus  102,  214,  427,  448ff.,
531.
—  (bei  den  Fabiern)  634,  639.
—  eigentlicher  479.
—  geplanter,  von  1848  329.
—  gesetzgeberischer  489.
—  Aufgabe  des  483.
—  Gegensatz  zum  Kollektivismus  487,
488.
—  Grund  des  Erfolges  des  280.
—  Gerechtigkeitsideal  des  455.
—  Hauptcharakter  des  487.
—  Kritik  des  (bei  Rodbertus)  469.
—  sozialistische  Ursprünge  des  465.
—  Vorläufer  des  283.
—  sozialistische  Vorläufer  des  456.
—  Ziele  des  481.
        <pb n="817" />
        Sachregister.

795

Staatssozialisten,  deutsche  202.
Stadt-Wirtschaftsperiode  293.
Stand,  fünfter  (bei  Leroy-Beaulieu)  524.
Standard  of  life  173.
—  Erhöhung  des  395.
Standorte,  verschiedene  Werte  der  599.
Statische  Auffassung  des  Volkswohlstandes
313.
Statistik  119,  420.
—  Auslegungsmethode  der  448.
■—  Beobachtungsmethode  der  448.
—  Geschichte  der  448.
Stauung  auf  den  Märkten,  allgemeine  125.
Stecknadelfabrikation  65.
Steigen  der  städtischen  Bodenpreise  597.
—  der  tauschbaren  Werte  99.
Steigerung  der  Nachfrage  156.
—  der  Sterblichkeit  137.
Sterblichkeit,  große  136.
—  Steigerung  der  137.
Sterilität  des  Tausches  30.
Steuer,  einzige  (bei  Henry  George)  50.
—.  —  (bei  den  Pbysiokraten)  42ff.
(bei  A.  Smith)  68.
—  als  Tilgung  der  sozialen  Schuld  651.
—■  auf  Grundbesitz  (bei  Ricardo)  168.
—  auf  Malz  114.
—•  auf  Wohnhäuser  114.
Steuern  (bei  Baudeau)  43,  44.
—  (bei  A.  Smith)  58,  69.
—  direkte  (bei  den  Physiokraten)  51.
—  indirekte  (bei  den  Physiokraten)  51.
—  (bei  den  Solidaristen)  651.
—  Abschaffung  der  (bei  Walras)  593.
—  gesetzliche  Verpflichtung  der  374.
Steuerpolitik  420.
Steuertheorie  der  Physiokraten  43.
—  Adam  Smith’s  68,  77.
Steuerverweigerung  43.
Stillstand  der  Bodenrente  169.
Stipendienempfänger  18.
Strafgelder,  Abschaffung  der  256.
Strafgesetzbuch  139.
—  des  franz.  Kaiserreiches  186.
Streben  der  Wesen  nach  Autonomie  665.
Streiks  372.
Streikrecht  (bei  Mac  Culloch)  183.
Stufen  der  menschlichen  Industrie  170.
Subjektiver  Wert  83.
Subjektivität  des  Wertes  52.
Subsidienzahlung  180.
Substitution,  Gesetz  der  361,  574,  577.

Sweating-System  551.
Syndikat,  gemischtes  545.
Syndikalismus,  kämpfender  526.
—  neomarxistischer  491.
Syndicaliste,  parti  517.
Syndikalisten,  Solidarität  bei  den  658.
—  revolutionäre,  Ziel  der  527,  528.
Sympathie  (bei  den  Saint-Simonisten)  244.
—  (bei  A.  Smith)  95.
Syntlretismus  627.
System  der  Arbeitbons  Owen’s  342.
—  des  guten  Arbeitgebers  537.
—■  System  der  Ausrottung  278.
—  sozialer  Buchungen  Solvay’s  344.
—  des  gesellschaftlichen  Eigentums  504
—  der  natürlichen  Freiheit  102,  110.
—  staatlicher  Leitung  460.
—  merkantilistischos  102,  108.
—  der  Saint-Simonisten  239.
—  von  Schecks  (bei  Solvay)  344.
—  der  einzigen  Steuer  (bei  Henry  George)
50.
(bei  den  Physiokraten)  42ff.
—  der  kollektiven  Unternehmung  504.
—  der  Vollgenossenschaft  (bei  Fourier)
270.
Systeme  der  Nationalisierung  des  Bodens
623  ff,
T.
Tableau  dconomique  20,  62,  176.
Tätigkeit,  individuelle  (bei  StuartMill)  486.
(bei  A.  Wagner)  485,  486.
Tätigkeit  des  Menschen,  wirtschaftliche
439.
Tatsachenverachtung  120.
Tausch,  der  (bei  den  Physiokraten)  30.
—  Begriff  des,  in  der  mathematischen
Schule  578,  579,  580.
—  Neigung  zum  77.
—  Reform  des  (bei  Proudhon)  324.
—  Rolle  des  Grenznutzens  beim  572,  573.
—  Sterilität  des  30.
Tauschbank  Proudhon’s  262,  315,  335ff.
Tauschbeziehung  580.
Tauschbons  334,  337.
—  Schwankungen  im  Werte  der  343.
Tauschfuß  der  Waren  83.
Tauschgesetze  235.
Tauschmittel,  Geld  als  339.
Tauschproblem,  Grenznutzen  als  Lösung
des  575.
        <pb n="818" />
        796

Sachregister.

Tauschsystem  Proudhon’s  184.
Tauschtrieb  78.
Tauschverhältnis,  Wert  als  580.
Tauschwert  (bei  List)  292,  295.
—  (bei  A.  Smith)  82.
—  gleicher  Produkte  161.
—  Regulierung  des  404.
Tauschwerte,  Summe  der  292.
Tauschwirtschaft,  Solidarität  in  der  669.
Teilhaberschaft  (bei  Fourier)  270.
Teilung  des  arbeitslosen  Einkommens
(bei  Rodbertus)  466.
Teilung  der  Gesellschaft  in  Klassen  203.
Tendenz,  sinkende,  des  Profits  (bei  Ricardo) ­
  175.
Tendenzen,  wirtschaftliche  431.
Testierungsfreiheit  (bei  Dunoyer)  377.
—  (bei  Le  Play)  536.
Teuerung  169.
Textilindustrie  121.
Tlieodicee  Fourier ! s  274.
Theorie,  merkantilistische  91.
—  ökonomische,  relativer  Wert  der  429.
—  der  Absatzwege  (von  J.-B.  Say)  124,
125.
—  der  Anpassung  des  Angebotes  an  die
Nachfrage  (bei  A.  Smith)  81.
—  des  Antagonismus  zwischen  Profit  und
Lohn  (bei  Marx)  611.
(bei  Ricardo)  511.
—■  der  unbezahlten  Arbeit  (bei  Thompson)
264.
—■  des  Arbeitswertes  (bei  Marx)  494,  495,
512,  520.
—  —  (bei  Ricardo)  152.
(bei  Rodbertus)  465,  466.
(bei  A.  Smith)  84.
—  der  Assoziation  448.
—  der  Ausbeutung  des  Arbeiters  (bei  den
Anarchisten)  670.
—  des  Austausches  (bei  J.-B.  Say)  123.
—  der  Bevölkerung  376,  377.
(bei  Fourier)  149.
(bei  Malthus)  146.
(bei  Mirabeau)  131.
(bei  A.  Smith)  90,  91.
■—  der  Bodenrente  564,  596ff.
—  des  Bolschewismus  709.
—  des  Despotismus  39.
—  des  guten  Despoten  252.
—  des  Dienstwertes  360.

Theorie  des  auf  den  Bedürfnissen  beruhenden ­
  Eigentums  (bei  Brissot)  316.
—  der  wirtschaftlichen  Entwicklung  423.
—  der  wachsenden  Entwicklung  der  Regierungsorgane ­
  484.
—  des  wirtschaftlichen  Fortschritts,  pessimistische ­
  (bei  Sismondi)  209.
—  der  Gesellschaft,  organische  und  biologische ­
  (von  Schäffle)  481.
—  der  drei  Gesellschaftsstufen  von
Auguste  Comte  241.
—  des  Gleichgewichts  (bei  Sismondi)  196.
—  vom  wirtschaftlichen  Gleichgewicht
87,  520.
—  des  wirtschaftlichen  Gleichgewichts
(bei  Marx)  512.
—  des  Gleichgewichts,  Kritik  der  (bei
Quesnay)  39.
—  des  Grenznutzens  355,  520,  592  ff.
—  —  (bei  den  englischen  Sozialisten)  637.
—  der  „non  competing  groups“  410.
—  der  Grundrente  (bei  Webb)  635.
—  über  den  internationalen  Handel  (bei
Ricardo)  177.
—  vom  internationalen  Handel  (bei  A.
Smith)  101,  106,  107,  111.
—  über  das  Kapital  (bei  A.  Smith)  79,111.
—  der  Krisen  (bei  J.-B.  Say)  124,  125.
(bei  Sismondi)  469.
—  des  notwendigen  Lohnes  (bei  Ricardo)
476.
—  des  Lohnfonds  (bei  Walker)  601.
—  des  historischen  Materialismus  710.
—  der  Mehrarbeit  (bei  Marx)  520.
—  des  Mehrwertes  (bei  Marx)  152,  247,
201,  520ff.
(bei  Thompson)  264.
—  des  Mutualismus  324.
—  des  Monopolpreises  89.
—■  des  Organismus  643.
—  der  Produktion  (bei  J.-B.  Say)  123.
—  der  drei  Produktionsfaktoren  63.
—  der  Produktionskosten  (in  der  mathematischen ­
  Schule)  595.
—  des  Produktionskostenwertes  Ricardo’s
163.
—  des  Profits  (bei  Enfantin)  235.
(bei  Stuart  Mili)  604.
—  des  Rechtsmißbrauches  661.
—  des  automatischen  Regulierens  der
Handelsbilanz  180.
—  der  Rente  (bei  Bastiat)  597,  598.
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        Sachregister.

797

Theorie  der  Rente  (bei  Carey)  367,  368,
369.
(bei  Malthus)  163.
(bei  K.  Menger)  699.
—■  —  (bei  Pareto)  607,  610.
(bei  Ricardo)  152.
(bei  Nassau  Senior)  396,  408,  410.
als  Rechtfertigung  des  Kollektivismus ­
  633,  637.
—  der  Revolution  (bei  den  Anarchisten)
694.
—  der  drei  Stände  241.
—  der  Tauschbank  332.
—  der  Überbevölkerung  (bei  Sismondi)
205.
—  -  der  Verteilung  (bei  den  Anarchisten)
694.
—  —  (bei  Bastiat)  467,  469.
(bei  Carey)  467.
(bei  Clark)  576,  610.
-  (bei  H.  George)  618.
(bei  Leroy-Beaulieu)  371.
—  —  (bei  Lexis)  491,  492.
(bei  den  Physiokraten)  30.
(bei  Ricardo)  123,  248.
(bei  Rodbertus)  463,  466.
(bei  den  Saint-Simonisten)  248.
(bei  J.-B.  Say)  101,  123,  124,  248.
—  —  (bei  Sismondi)-193.
(bei  A.  Smith)  123,  124,  248.
-  —  (bei  den  Sozialisten)  248.
(bei  Sydney  Webb)  636.
—  der  proportionalen  Verteilung  der
Produkte  unter  die  sozialen  Klassen  469.
—  des  Wertes  siehe  Werttheorie.
—  der  Wirtschaftslehre  122.
—  der  Wohlfahrt  194.
—■  des  Wuchers  529.
—  des  Zeitwertes  512.
Theorien  über  die  Banken  (bei  Ricardo)
177.
These  von  der  Endkatastrophe  (bei  den
Syndikalisten)  628.
Thesen  Malthus’  über  die  Wohltätigkeit
146.
Tier-  und  Pflanzenwelt  136.
Time  preference  (bei  Irving  Fisher)  592.
Trade-Unionism  526.
Trade-Unions  395.
—  (bei  den  Christian-Socialists)  551.
Transitabgabe  317.
Transport,  Arbeit  des  160.

Transporthandel  98.
Transportmittel  (bei  List)  302.
—  Entwicklung  der  169.  *
Trennung  zwischen  Eigentum  und  Arbeit
203,  205.
—  von  Eigentum  und  Arbeit,  Folgen  der
208.
—  der  Funktionen  des  Unternehmers  und
des  Kapitalisten  601.
—  der  Politik  von  dem  wirtschaftlichen
Sozialismus  474.
Trieb  zum  Sparen  80.
Trockenkultur  369.
Trusts  196,  506.
—  sozialistische  Bedeutung  der  506.
—  Herrschaft  der  352.
Tuberkulose  137.
U.
Übereinstimmung  der  Bodenwerte  mit  dem
öffentlichen  Nutzen  154.
—  der  Interessen  128.
—  des  allgemeinen  und  des  Privatinteresses ­
  (bei  den  Anarchisten)  690.
(bei  Proudhon)  690,  691.
—  des  persönlichen  und  des  Allgemeininteresses ­
  (bei  Sismondi)  202.
—-  des  Privat-  mit  dem  Allgemein-Nutzen
(bei  A.  Smith)  98.
Überfluß  an  Geld  179.
—  an  Kapitalien  401.
Überflüssigmachen  der  Regierung  225.
Übergangsperiode,  Leiden  der  197.
Überhandnehmen  der  großkapitalistischen
Industrie  204.
—  des  konstanten  Kapitals  in  der  Großindustrie ­
  502.
Überproduktion  (bei  G.  Garnier)  125.
—  (bei  Marx)  507.
—  (bei  J.-B.  Say)  125.
—  allgemeine  (bei  Sismondi)  192.
—  —  Möglichkeit  einer  206,  207.
—  Krisen  der  (bei  Owen)  259.
(bei  J.-B.  Say)  125.
—  Kritik  der  (bei  Sismondi)  194.
—  Sicherheitsventil  gegen  die  126.
Überschuß  des  Einfuhrwertes  über  den
Ausfuhrwert  396.
Übertrasung  des  Eigentums,  gesetzliche
404.  “
—  der  darwinistischen  Theorie  ins  Christliche ­
  531.
        <pb n="820" />
        798

Sachregister.

Übertreibung  der  Rechte  des  Individuums
(bei  den  Anarchisten)  678.
Übervölkerung'(bei  Malthus)  131,137,140,
145.
—  (bei  Sismondi)  198.
—  Ursache  der  Unmoralität  140.
—  Theorie  der  (bei  Sismondi)  205.
Überwert  (bei  Sismondi)  201.
Umbuchungen  (bei  Solvay)  344.
Umformung  der  sozialen  Bedingungen  512.
■—  des  Großgrundbesitzes  (bei  den  Christian-Socialists)
  553.
—  des  Grundeigentums  (bei  Saint-Simon)
228.
—  der  Materie  118.
—  des  Organismus  257.
—  des  Privateigentums  in  Kollektiveigentum ­
  (bei  den  Fabiern)  634.
—  der  Produktionsbedingungen  512.
—  der  Produktionsmittel  512.
Umlauf  92.
—  großes  Rad  des  91.
—-  Reform  des  (bei  Proudhon)  315.
Umlaufbons  335.
Umlaufsmittel,  Geld  als  (bei  Proudhon)
334.
Umsturz  der  Gesellschaft  188.
Umwälzung,  industrielle  72,  121.
—  der  Güterverteilung  315.
—  der  Produktion  315.
Umwandlung  des  Eigentums  (bei  Saint-Simon)
  229.
—  der  Industrie  416.
—  des  Bauern  zum  Tagelöhner  206.
—  der  Lohnarbeit  in  Teilhaberschaft  270.
Umwandlungen  des  Großgrundbesitzes
624.
Unabhängigkeit  (bei  Proudhon)  322.
—  der  Nation  (bei  List)  309.
Unabhängigkeitskrieg  (d.  engl.  Kolonien
N.-Amerikas)  112.
Unearned  increment  596,  620,  621.
Unfähigkeit  des  Staates,  administrative
671.
—  —  wirtschaftliche  671.
Ungleichheit  am  Ausgangspunkte  345.
—  der  sozialen  Lage  101.
—  der  Vermögen  215.
Unions  de  la  paix  sociale  637,  541.
Unmöglichkeit  der  Abdankung  des  Staate*
214.
Universalismus  97.

Universalismus  der  klassischen  Nationalökonomie ­
  428.
Universalmenschen  238.
Unnötigwerden  der  Regierung  (bei  Proudhon) ­
  336.
Unordnung  der  Produktion,  Ursache  der
(bei  den  Saint-Simonisten)  237.
Unproduktivität  des  Handels  (bei  Dunoyer)
  379.
—  —  (bei  den  Physiokraten)  31ff.
Unrechtmäßigkeit  des  arbeitslosen  Einkommens ­
  236.
Unterbau  der  Gesellschaft  514.
Unterdrückung  der  Besitzlosen  durch  die
Besitzenden  (bei  den  Anarchisten)  681.
(bei  A.  Smith)  86,  681.
Untergang  des  bürgerlichen  Eigentums
509.
Unterhaus  158.
Unterkonsum  (bei  Sismondi)  208.
Unterkonsumtion,  Krisen  der  (bei  Marx)
507.
—  Krisen  der  (bei  Owen)  259.
Unternehmen,  Produktivität  der  604.
Unternehmer  (bei  den  Physiokraten)  48.
—  (bei  J.-B.  Say)  72,  122,  127.
—  Assoziation  mit  dem  Arbeiter  405.
—  Einkommen  des  (bei  Marx)  235.
—  Funktion  des  (bei  Walker)  601,  602.
—  Gewinn  des  (bei  Louis  Blanc)  281.
—  industrieller  72,  123.
—  Profit  des  (bei  den  Saint-Simonisten)
235.
—  Profit  als  besondere  Entlohnung  des
604.
—  und  Kapitalist,  Trennung  der  Funktionen ­
  von  601.
Unternehmerfunktion,  Zerfall  der  508.
Unternehmergewinn  71.
Unternehmertum,  Abschaffung  des  (bei
den  Syndikalisten)  549.
Unternehmung,  kollektive,  System  der
504.
Unternehmungen,  staatliche  (bei  A.  Wagner) ­
  487.
—  höherer  organischer  Zusammensetzung
503.
—  niederer  organischer  Zusammensetzung
502.
—  Ausdehnung  industrieller  404.
—  Begrenzung  des  Wachstums  der  587.
—  zentralisierte,  Einfluß  der  245.
        <pb n="821" />
        Sachregister.

799

Unternehmungen,  industrielle,  Einkommensunterschiede ­
  zwischeit  den  602.
—  —  Gründung  von  295.
—  Verschwinden  der  kleinen  (bei  Sismondi)
  203,  204.
Unternehmungsformen,  Organisation  neuer
(bei  Thompson)  264.
Unterordnung  des  Privatinteresses  unter
das  Allgemeininteresse  372.
—  des  Produzenten  unter  den  Verbraucher
372.
Unterricht  (bei  Malthus)  147.
—  (bei  den  Physiokraten)  41.
—  (bei  Ruskin)  561.
—■  (bei  A.  Smith)  67,  105.
—  freier  (bei  den  Solidaristen)  653.
—  gesetzliche  Verpflichtung  des  375.
•—  unentgeltlicher  (bei  Bastiat)  375.
—  Recht  auf  (bei  den  Solidaristen)  653.
Unterscheidung  zwischen  Bruttoertrag  und
Nettoertrag  (bei  Sismondi)  206.
—  zwischen  dem  jährlichen  Einkommen
und  der  jährlichen  Produktion  (bei  Sismondi) ­
  192.
—  zwischen  dem  festangelegten  und  dem
umlaufenden  Kapital  79.
—  zwischen  der  landwirtschaftlichen  und
der  industriellen  Produktion  396.
Unterstellungen  der  marxistischen  Werttheorie ­
  512.
Unterstützung,  Recht  auf  328.
—  gesetzliche  Verpflichtung  der  374.
Unterstützungsgesellschaften  auf  Gegenseitigkeit ­
  253.
Unterstützungsgesetze  656.
•—  englische  212.
Unterstützungsrecht,  gesetzliches  147.
Untersuchungen,  beschreibende  und  historische ­
  190.
Unvermeidlichkeit  der  Ausbeutung  494.
Urbarmachung  des  Bodens  25.
—  von  geringwertigerem  Boden  165.
Urbesitzer,  die  Rente  für  den  154.
Urheber  der  Arbeitsgesetzgebung  74.
Urrecht  der  Gemeinschaft  am  Boden  611,
612.
Ursache  der  Kapitalvermehrung  80.
—  der  Unordnung  der  Produktion  237.
—  der  relativen  Werte  162.
Utilitarier,  radikale  640.
Utilitarismus  385.

Utilitarismus  (bei  den  Solidaristen)  667.
Utopien,  kommunistische  218.
V.
Valeur  appreciative  53.
—  estimative  53.
—travail  53.
Value  in  exchange  83.
—  in  use  83.
Vater  der  Nationalökonomie  84.
Vaterschaft,  Forschen  nach  der  (bei  Malthus) ­
  148.
Vendetta,  Solidarität  in  der  642.
Verallgemeinerung  des  Eigentums  318..
—  des  Lohnsystems  509.
—  des  Wechsels  337.
Veränderungen,  wirtschaftliche  209.
Veränderung  der  wirtschaftlichen  Lage
304.
Verantwortlichkeit  des  Arbeitgebers  662.
—  (bei  Owen)  258.
—  (bei  den  Solidaristen)  666.
—  individuelle,  Prinzip  der  375.
Verband,  gemischter  545.
Verbilligung  der  Gegenstände  126.
—  der  Produkte  durch  die  Maschinen  198.
Verbindung  der  politischen  Freiheit  mit
der  wirtschaftlichen  Freiheit  354.
Verbindungswege,  Eröffnung  neuer  505.
Verbot  der  Ehe  392.
—  der  Goldausfuhr  181.
Verbrauch,  Grenznutzen,  im  Bereich  des
575.
—  Anpassung  der  Produktion  an  den  246.
Verbraucher  82.
—  Organisation  der  373.
—  Rente  der  164,  576.
—  Solidarität  zwischen  Produzenten  und
663.
—  Unterordnung  des  Produzenten  unter
den  372.
Verbrauchsgenossenschaft,  die  Phalange
als  268.
Verbrauchskooperation  341.
Verbrauchssteuern  50.
Verbrüderung  der  Menschen,  allgemeine
292.
—  der  Völker  124.
Vereinfachung  111.
Vereinigung  der  Egoisten  674.
—  der  Kapitalien,  Prinzip  der  204.
—  der  Kräfte,  Prinzip  der  204.
        <pb n="822" />
        Sachregister.

T

798

800

Über
.&amp;gt;
Übei
14
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—  d.
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—  di
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Umla
—  gi
—  E.
Umla
Umla
334
Umst
Umwi
—  de
—  de
Umw;
Sin
—  de
—  de
—  de:
Um  ws
624
Unabl
—  dei
Unabt
N.-l
Unear
Unfäh
671.
Unglei
—  der
—  der
Union:
Unmöf
214.
Univei

Verfahren,  statistisches  437.
Verfälschung  der  Lebensmittel  362..
Verfassung,  natürliche  95.
—  politische,  der  englischen  Kolonien  296.
—  wirtschaftliche  119.
—  —  Formen  der  293.
—  des  Eigentums  337.
—  des  Staates  336.
Verflüchtigung  des  individuellen  Eigentums ­
  608.
Verfügungsrecht  des  Besitzers  407.
Vergangenheit,  wirtschaftliche  447.
Vergeltungsmaßregeln  110.
Vergeltungszölle  110.
Vergesellschaftung  der  Arbeitsmittel  (bei
den  Saint-Simonisten)  240.
—  spezialisierter  Arbeiter  283.
—  Religion  der  universellen  244.
—  der  Produktionsmittel  610.
—•  Stufen  der  243.
Vergrößerung  der  industriellen  Produktion
68.
Verhältnis  zwischen  Angebot  und  Nachfrage ­
  (bei  A.  Smith)  84.
—  zwischen  Lohn  und  Profit  (bei  Ricardo)
174.
Verhältnisse,  Gesetz  der  bestimmten  586.
—■  der  bürgerlichen  Produktion  613.
Verherrlichung  der  Gewerkschaft  (bei  den
Syndikalisten)  626.
—  der  Handarbeit  (bei  K.  Marx)  526.
—  der  Rolle  der  Industrie  (bei  Saint-Simon)
  222.
Verhinderung  der  Erfindungen  (bei  Sismondi)
  126.
Verkäufer,  Konkurrenz  der  89.
Verkaufslager  263.
Verkehrsfortschritt  181.
Verkehrswirtschaft,  Probleme  der  modernen ­
  437.
Verkürzung  der  Arbeitszeit  (bei  Sismondi)
198,  212.
—  —  (bei  den  Solidaristen)  664.
Verlangsamung  der  Ausfuhr  179.
—  des  Fortschrittes  (bei  Sismondi)  126.
Vermehrung  der  Aktiengesellschaften  508.
—  der  Arbeiter  (bei  A.  Smith)  90.
—  der  Arbeiterklasse  171.
—  des  bäuerlichen  Besitzes  211.
—  des  Eigentums  509.
—  der  Lebewesen  142.
—  der  Maschinen  196.

Vermehrung  der  kleinen  Vermögen  522-—
  der  mittleren  Vermögen  522.
Vermehrungsreihen  135.
Vermeidung  des  Zwischenhandels  263.
Verminderung  des  Arbeitsanteils  469.
—  der  Arbeiterklasse  172.
—  des  Banknotenbetrages  181.
Vermögen  90.
—  Konzentration  der  208.
—  Ungleichheit  der  215.
—•  kleine,  Vermehrung  der  522.
—  mittlere,  Vermehrung  der  522.
Vernichtung  des  primitiven  Eigentums
505.
—  Vernichtung  von  Kapitalien  409.
—•  des  Prinzips  der  Autorität  681.
Vernunft,  Herrschaft  der  (bei  Proudhon)
685.
—■  Rolle  der  132.
Verordnungswesen  72.
Verpflichtung,  gesetzliche,  des  Arbeiterschutzes, ­
  der  Steuern,  des  Unterrichtes,
der  Unterstützung,  der  Versicherung
374.
Verrechnungsstellen  344.
Verringerung  der  Geburten  137.
—  im  Ertrage  der  Kapitalien  160.
Verschiebung  der  Nachfrage  208.
Verschlechterung  der  Gesundheit  der  Arbeiter ­
  200.
Verschmelzung  der  Klassen  335.
Verschwinden  der  Mehrarbeit  510.
—  der  Mehrwerte  510.
—  der  Regierung  in  der  wirtschaftlichen
Organisation  228.
—  der  kleinen  Unternehmungen  203.-—•
  der  Zwischenklassen  203.
Verschwörung  Babeuf’s  218.
Versicherung  (bei  Bastiat)  374.
—  (bei  den  Solidaristen)  654.
—  gesetzliche  Verpflichtung  der  375.
Versicherungsgesellschaften  104.
Versicherungsgesetze,  soziale  212.
Versicherungsprämie  603.
Versklavung  des  Arbeiters  198.
Versöhnung,  spontane,  der  Interessen  250.
Versorgung,  staatliche  (bei  Bastiat)  37o.
Verstaatlichung  siehe  auch  Nationalisierung. ­

—  des  Grund  und  Bodens  153.
—  der  Produktionsmittel  243.
Verstadtlichung  der  Bevölkerung  506.
        <pb n="823" />
        Sachregister.

'g

U'-ien



250-375.

rnali-16.



Verständigung  der  Völker,  internationale
243.
Verständnis,  historisches  442.
—  theoretisches  442.
Verteidiger  des  Industriesystems  74.
Verteilung,  Gesetz  der,  zwischen  Kapital
und  Arbeit  369.
—  Grenznutzen  im  Bereiche  der  575.
—  heutige,  Mechanismus  der  464.
—  vom  sozialen  Standpunkt  466,  467.
—  vom  wirtschaftlichen  Standpunkt  466,
467.
—  gerechte,  des  gemeinsamen  Produktes
460.
—  der  Produktion  zwischen  den  Ländern
108.
—  des  Profits  durch  den  Tausch  464.
—  der  Staatsdomänen  103.
—  der  Produkte  unter  die  Produktionsfaktoren ­
  (bei  Henry  George)  618.
—  Gesetz  der  (bei  den  Hedonisten)  567,
568.
(bei  Ricardo)  152.
—  (bei  Rodbertus)  464,  466,  468.
—  gerechte,  des  sozialen  Produktes  (bei
Rodbertus)  464.
—  des  Eigentums  (bei  Sismondi)  202.
—  der  Einkommen,  schlechte  (bei  Sismondi) ­
  207.
—  der  Produkte,  ungerechte  (bei  Sismondi) ­
  198.
—  des  Jahreseinkommens  (bei  A.  Smith)
62.
Verteilungsfragc  174.
Verteilungsskala  Louis  Blanc’s  281.
Verteilungstheorie  (bei  den  Anarchisten)
694.
—  (bei  Bastiat)  467,  469.
—  (bei  Clark)  576,  610.
—  (bei  Carey)  467.
—  (bei  Fourier)  269.
—  (bei  Henry  George)  618.
—  (bei  Leroy-Beaulieu)  371.
—  (bei  Lexis)  491.
—  (bei  den  Physiokraten)  20.
—  (bei  Ricardo)  123.  248.
—  (bei  Rodbertus7"463,~  466.
—  der  Saint-Simonisten  248.
—  (bei  J.-B.  Say)  101,  123,  124,  248.
—  (bei  Sismondi)  193.
—  (bei  Adam  Smith)  123,  124,  248.
—  der  Sozialisten  248.
Gide  und  Rist,  Gesell,  d.  Volkswirtschaft!.

Verteilungstheorie  (bei  Sydney
636.
Verteilungssystem  Fourier’s  265.
Verteuerung  der  Nahrungsmittel  171.
Vertrag,  freier  (bei  den  Anarchisten)  6i
Vertragsfreiheit,  Abschaffung  der
Rodbertus)  471.
Vervollkommnungen  66.
Verwaltung  des  gemeinsamen  Besit:
450.
—  durch  den  Staat  (bei  A.  Smith)  1(
—  Wissenschaften  der  420.
Verwandlung  des  Privateigentums
Aktieneigentum  269.
Verwerfung  des  klassischen  Liberalism
530.
Verwicklung  der  Tatsachen  111.
Verwirrung  zwischen  Zinsen  u.  Gewii
(bei  A.  Smith)  123.
Völker,  wilde  136.
—  Selbstmord  der  144.
—  Verbrüderung  der  124.
Völkerarmut  131.
Vollkommenheit,  Prinzip  der  ursprün|
liehen  534.
Volksbank  Proudhon’s  346.
Volkseinkommen  192.
Volkserziehung  686.
Volkshäuser,  Schaffung  von  556.
Volksschulunterricht,  obligatorischer  (b
A.  Smith)  67,  105.
Volksunterricht  (bei  Bakunin)  686.
Volkswirtschaft,  nationale  312.
—  Auffassung  der  (bei  A.  Comte)  444.
—  Aufgabe  der  (bei  Stanley  Jevons)  56
—  Definition  der  (bei  Ashley)  429.
(bei  Pareto)  586.
—  klassische  Kritik  der  427  ff.
—  (bei  den  Physiokraten)  68.
Volkswirtschaftslehre  (bei  J.-B.  Say)  12'
—  nationale  286.
Volkswohlstand,  dynamische  Auffassun
des  313.
—  statische  Auffassung  des  313.
Vollgenossenschaft  Fourier’s  268.
—  System  der  (bei  Fourier)  270.
—  des  Konsums  270.
Voraussage  des  marxistischen  Programn
508.
Voraussagungen,  malthusische  142.
Voraussicht,  rationelle  445.
—  der  Armen,  mangelhafte  146.
Lelirmcinungen.  2.  Aufl.  51
        <pb n="824" />
        Sachregister.

2
*'Srgänger  des  sozialen  Katholizismus  543,
ü 544 ’
orherrschen  der  landwirtschaftlichen
Arbeit  273.
“irläufer  des  Staatssozialismus,  sozialistische ­
  456.
Vorrat  67.
Vorschüsse,  grundlegende  25,  26.
-  jährliche  26,  29.
U-  primäre  26,  29.
Vorschüsse  des  Herrschers  43.
orsehung  (bei  Gossen)  625.
-  (bei  den  Physiokraten)  10.
-  (bei  A.  Smith)  97.
~-  Gesetze  der  (bei  Bastiat)  358.
■  orsehungsoptimismus  A.  Smith’s  452.
orteile  der  Arbeitsteilung  65.
orzugstellung  der  Landwirtschaft  (bei
-  A.  Smith)  75.
I  W.
Wachstum  der  Bevölkerung  142.
an  Gütern  142.
1-  der  Industrieerzeugnisse  142.
-  des  Kapitals  79.
T -  der  Lebensmittelmenge  135.
der  Produktion  210.
-  an  Reichtum  141.
des  nationalen  Reichtums  68.
Vage-fund  393.
Wahlrecht,  allgemeines  (bei  den  Chartisten)
255.
(bei  Lassalle)  476.
(bei  Rodbertus)  458.
Wahlsystem,  neues  546.
Taren,  Tauschfuß  der  84.
Warenhäuser  204.
Tarenpreis  (bei  Proudhon)  343.
Bildung  des  (bei  A.  Smith)  71.
Tarentauschhandel,  der  Profit  im  263.
,Tarrants  272.
V  asserversorgungsgesellschaf  ten  104.
Techsel,  ausländische  179.
-  des  Geldwertes  179.
-  Diskontierung  von  336.
-  Verallgemeinerung  des  337.
Wechselkurs,  Erhöhung  des  179.
Vechslergebühren  56.
Vegsteuerung  der  Bodenrente  (bei  Henry
George)  619.
(bei  James  Mill)  168.
(bei  Stuart  Mill)  405.

Wegsteuerung  des  Bodenmehrwertes  621,
622.
—  des  Bodenwertzuwachses  615.
Weidewirtschaft,  Ersatz  des  Getreidebaues ­
  durch  506.
Weinmarke,  berühmte  89.
Weltarbeitsteilung  459.
Weltpolitik  124.
Werkstatt  (bei  Saint-Simon)  225,  228.
—  soziale,  gesetzgeberische  Ordnung  der
282.
Werkstätte,  landwirtschaftliche  329.
—  nationale  278,  326,  327.
—  soziale  (von  Louis  Blanc)  279,  280,  281,
282,  326.
Wert  (bei  Condillac)  54.
—  (bei  A.  Smith)  82,  162,  168.
—  falsche  Auffassung  des  (bei  den  Physiokraten) ­
  53.
—  (in  der  mathematischen  Schule)  580.
—  angenommener  53.
—  normaler  393.
—  sozialer  53.
—  ständiger  393.
—  subjektiver  83.
—  vorübergehender  393.
—  wahrer  84,  85.
—  als  Grad  der  Nützlichkeit  572.
—  als  Tauschverhältnis  581.
—  der  ersparten  Arbeit  360.
—  der  Arbeitskraft  496,  497.
—  des  Bodens,  wachsender  613.
—  des  Einkommens  371.
—  des  Getreides  (bei  Ricardo)  156.
—  des  Kapitals  371.
—  der  individuellen  Leistung  319.
—  der  ausgetauschten  Produkte  398.
—  in  den  zivilisierten  Gesellschaften,  der
162.
—  in  den  primitiven  Gesellschaften,  der
162.
—  Abhängigkeit  vom  Angebot  und  Nachfrage ­
  520.
—  Abhängigkeit  des,  von  der  Seltenheit
571.
,,—“  Abschaffung  des  Wortes  580.
—  Analyse  des  (bei  Galiani)  53.
—  Arbeit  als  Grundlage  des  152.
als  Maßstab  des  152.
als  Substanz  des  494.
als  Ursache  des  (bei  Ricardo)  152.
(bei  A.  Smith)  84.
        <pb n="825" />
        and

Sachregister.

8(

Wert,  Turgots  Auffassung  des  53.
—  Begriff  des  (bei  Marx)  494.
—  Bestimmungsgrund  des  (bei  A.  Smith)
86.
—  die  Frage  des,  bei  den  Physiokraten  52.
—  Grundlagen  des  (bei  J.-B.  Say)  123.
—  seltener  Nützlichkeits-  (bei  Nassau
Senior)  383.
—  relativer,  der  ökonomischen  Gesetze
428.
der  ökonomischen  Theorie  428.
Ursachen  des  (bei  Ricardo)  162.
—  Subjektivität  des  52.
Werte,  immaterielle  379.
—  internationale  180.
—  Gesetz  der  internationalen  398.
—  staatliche  Garantierung  der  620.
—  tauschbare  (bei  J.-B.  Say)  118.
Steigen  der  99.
—  Vermehrung  der  (bei  List)  295.
Wertgesetz,  klassisches  393.
Wertgesetze  (bei  den  Anarchisten)  694.
Wertlehre  152.
Wertmaß  der  Güter  91.
Wertmesser  90.
—  Arbeitsnoten  als  260.
Wertproblem,  Grenznutzen  als  Lösung  des
575.
Wertquelle  71.
Wertreserve  339.
Wertschätzungen  263.
Wertschwankungen,  Erklärung  der  393.
Werttheorie  Bastiat’s  359,  360.
—  Carey’s  360.
—  Ferrara-’s  361.
—  Marx?  493ff,,  521.
—  marxistische,  Unterstellungen  der  512.
—  Marx?  (bei  den  französischen  Sozialisten) ­
  510.
Zusammenbruch  der  520.
—  der  Reproduktionskosten  361.
—  Ricardo’s  150,  152,  161,  164,  360.
(bei  Owen)  262.
—  (bei  Quesnay)  52.
—  (bei  Turgot)  52.
Wertverminderung  der  Banknoten  181.
—  des  Eigentums  366.
—  des  Geldes  179.
—  durch  die  Maschinen  498.
Wertüberschuß  497.
Wertzuwachssteuer  623.

n,
Wiederaufrichtung  der  Zünfte  (in  Östcerreich)
  533.
Wiedereinführung  der  TestierungsfreiliOer
536.  Id-Wiederherstellung
  des  Feudal-Systems  (bf r -
Müller)  301^  6g"
—  des  Monopols  durch  die  Konkurre:^ 1-253.


itik

,ert-’der


ddwe-


cter
en-;ere

ird-:rte


Wiederherstellungsarbeit  des  Kapitals  16,
Wiederkehr  des  Gleichen  77.
Wilde,  der  gute  8.
Wirtschaftseinheit,  endgültige  293.
Wirtschaftsgeschichte  419.
Wirtschaftshistoriker  424.
Wirtschaftsleben,  Politik  des  312.
Wirtschaftsordnung,  Rechtsbegriffe  di 1
(bei  A.  Menger)  662.
Wirtschaftsperiode  (bei  Bücher)  293.
Wirtschaftsperioden  (bei  Hildebrand)  29des.
Wirtschaftspolitik  (bei  A.  Smith)  112.
—-  Pl-obleme  der  449.  der
—■  Relativität  der  Prinzipien  der  480.  jt&amp;amp;t
Wirtschaftsstufen  (bei  List)  241,  293.  j.40
Wissenschaft,  Allmacht  der  132.
—  chrematistische  193.  'rof.
—  Herrschaft  der  (bei  Bakunin)  685,  681  des
Wohl  des  Individuums  389.  aen,
Wohlfahrt,  Theorie  der  194.  sse "
Wohlfahrtsbehörde,  öffentliche  136,  490. llfs "
Wohlstand  (bei  Sismondi)  193.
—  (bei  Adam  Smith)  79.
—  der  Arbeiterklasse  172.
Wohltätigkeit,  Thesen  Malthus?  über  di,ii c h

146.

roß-Wohltätigkeitsanstalten

  452.

unt-Wohltätigkeitswerkstätte

  326.

rar-Wohnsitzgemeinschaft

  546.

9.—

Wohnungsfrage  272.

.  —

Wollindustrie  106.

Die

Wucher  322.

iken
bei  de/ ene

Wucherprofit,  Ausschaltung  des
Physiokraten)  61.

Wucherverbot  548.

Vor-Wünsche

  und  Hindernisse  (bei

Pareto  der

586.

8°.)

Wunschwert  83.

1.—
dem
iden

Z.

ecli-;
  zur

Zeitarbeit  461.

aber

Zeitersparnis  66.

leld-Zeitwert,

  Theorie  des  512.

listi-51*



igen.
iten,
iten,
        <pb n="826" />
        &amp;gt;4

Sachregister.

ntralbanken,  große  Diskontopolitik  der
t)308.
ntralgewalt,  Einfluß  auf  die  sozialen
_Beziehungen  485.
_ntralisation,  wirtschaftliche  312.
__  der  Hauptfaktoren  des  Wirtschaftslebens ­
  246.
pirfall  der  Unternehmerfunktion  508.
^srsplitterung  der  Bodenrente  407.
_jrst.ückelung  des  Eigentums  203.
el  des  kollektivistischen  Sozialismus  509.
■  der  revolutionären  Syndikalisten  527.
ns  (bei  Bentham)  105.
(bei  Böhm-Bawerk)  591,  592.
-  (bei  Proudhon)  338.
-  Freiheit  des  (bei  Turgot)  36.
-  (bei  Walras)  585.
(bei  Webb)  635.
.  -  als  Preis  für  die  Zeit  592.
Ij-  als  Rente  635.
—insen  des  Kapitals  (bei  Louis  Blanc)  281.
—  der  Kapitalien  (bei  A.  Smith)  123.
U-  Berechtigung  der  (bei  Bastiat)  361.
jj-  Festsetzung  der  Höhe  der  (bei  Sismondi)
  192.
pj-  Rechtfertigung  der  (bei  Turgot)  63.
Uinsfuß,  normaler  82.
—  als  Miete  der  Ersparnisse  585.
—  gesetzliche  Festlegung  des  105.
U-  Freiheit  des  (bei  Condillac)  56.
i-  Gesetz  d^s  Sinkens  des  370.
—  periodis  he  Schwankungen  des  370.
—  Sinken  des  (bei  Sismondi)  210.
“instheorie  (bei  Böhm-Bawerk)  580.
Zirkulationsmittel  91.
Zivilisation,  Fehler  der  (bei  Fourier)  265.
Z-  Geschichte  der  419.
— iivileigentum  316.
Zivilisierte  (bei  Fourier)  270.
nvilregierung,  Aufgabe  der  (bei  Adam
u  Smith)  236.
Zölibat  140.
Zollgrenzen  im  Innern  des  deutschen
~  Bundes  289.
Zjölle  106.
— —  fiskalische  110.
— Zolltarif  von  1818,  preußischer  289.
b
U

Zolltarif  von  1821,  preußischer  115.
Zolltarife  108,  297.
—  Erhöhung  der  (bei  Carey)  301.
Zollverein  290.
Zollvereinsblatt  312.
Zuchtwahl,  natürliche  354.
Zufall  der  Geburt  407.
Zukunft  der  landwirtschaftlichen  Industrie
170.
—  neues  Recht  der  527.
Zunahme  der'  Nachfrage  nach  Luxusprodukten ­
  208.
Zunft  (im  sozialen  Katholizismus)  543.
Zünfte,  Abschaffung  der  30.
—  Reorganisierung  der  543.
—  Wiederaufrichtung  der  (in  Österreich)
533.
Zunftordnung  (in  Deutschland)  288.
—  (in  England)  106.
—  (im  Mittelalter)  544.
Zusammenbruch  von  Marx 1  Werttheorie
520.
Zusammenbruchtheorie  (bei  den  Syndikalisten) ­
  528.
Zusammensetzung  des  Kapitals  501.
—  Unternehmungen  höherer  organischer
503.
—  Unternehmungen  niederer  organischer
503.
Zusatzwert  86.
Zusatzkapital,  Geld  als  334.
Zustand,  stationärer  128.
(bei  Stuart  Mill)  408.
(bei  Ricardo)  176.
—■  des  landwirtschaftlichen  Fabrikanten
293.
—  des  landwirtschaftlichen  Händler-Fabrikanten
  293.
—  des  Hirten  293.
■—  des  Landwirtes  293.
■—  des  Wilden  293.
Zwangskurs  180,  182.
Zwangsteilung  des  Erbes  535.
Zweck  der  Handelspolitik  (bei  List)  294.
Zweiklassen-Gesellgchaft  524.
Zwischenhandel,  Vermeidung  des  263.
Zwischenhändler,  Abschaffung  der  261.
Zwischenklassen,  Verschwinden  der  203.

U

G.  Pätz’sche  Bucbdr.  Lippert  &amp;amp;  Co.  G.  m.  b.  H.,  Naumburg  a.  d.  S.
        <pb n="827" />
        Verlag  von  Gustav  Fischer  in  Jena.
Die  Preise  sind  einschliesslich  des  jetzigen  Teuerungszuschlages  des  Verlages  angegeben.  Für  das  Ausland
wird  ferner  der  vom  Börsenverein  der  deutschen  Buchhändler  vorgeschriebene  Valuta-Ausgleich  berechnet.  —
Die  Preise  für  gebundene  Bücher  sind  bis  auf  weiteres  unverbindlich.

Geld  und  Kapital.  Gesammelte  Aufsätze  von  Dr.  Friedrich  Bendixen,
Direktor  der  Hypothekenbank  in  Hambuig.  Zweite,  (lurchgesehene  und  vermehrte ­
  Auflage.  (VIII,  218  S.  gr.  8°.)  1920.  Mk  16.—,  geh.  Mk  22.—
Inhalt:  I.  Zur  Theorie  des  Geldes:  i.  Fünf  Jahre  Geldtheorie.  —  2.  Der
Geldbegriff.  —3J4.  Vom  Geldwert.  —  5*  Vom  Gelde  als  Generalnenner.  —  6.  Geldwertu.  Goldwährung. ­
  —  7.  Das  Gold  im  internationalen  Verkehr.  —  8.  Die  Geldschöpfung.  —  9.  Bemerkungen ­
  zur  Geldschöpfungslehre:  Geld  ■  u.  Kaufkraft.  Geldmenge  und  Umlaufsgeschwindigkeit. ­
  Barzahlung  u.  Giroverkehr.  Geldschöpfung  u.  Kassenbestände.  Geld  als  Kapital.
Das  Geld  als  „Anrecht“.  Das  Problem  des  Endes.—  10.  Vom  theoret.  Metallismus  (Eine  Kritik
der  Lehre  Karl  Diehls):  Das  währungstheoret.  Problem.  Zweierlei  Geldbetrachtung.  Werteinheit ­
  u.  Zahlungsmittel.  Die  vermeintliche  Abschätzung  am  Golde.  Konkretes  Wertmaß  oder
abstrakte  Einheit!  Metallismus  und  Geldschöpfung.  Gold  internat.  Zahlungsmittel  f  Geldqualität ­
  der  Banknoten.  Ursachen  des  Valutastandes.  Inflation  u.Quantitätstheorie.  Die  schwedische ­
  Währung.  Politik  u.  Wissenschaft.  —  II.  Nominalismus  u.  Metallismus  (Eine  Entgegnung
an  L.  v.  Bortkiewicz).  —  II.  Die  Reichsbank  und  ihre  Politik:  12.  DerCharakter
der  Reichsbank.  —  13.  Die  Reichsbank  „auf  Kündigung“.  —  14.  Geldknappheit  u.  Notendeckung. ­
  —  15.  Goldeinfuhr  u.  Goldabfluß.  Ein  Gutachten  zur  Bankenquete.  —  16.  Weitere
Gutachten  zur  B~ankenquete.  —  17.  Devisenh'andel  u.  Reichsbankausweise.  —  18.  Die  Lombardverteuerung ­
  an  den  Quartalsterminen.  —  19.  Die  Lombardverteuerung  in  der  Praxis.  —
III.  Das  Kapital:  20.  Die  nationale  Bedeutung  der  Kapitalbildung.—■  21.  Fremde  Werte
an  deutschen  Börsen.  —  22.  Industrieller  Hypothekarkredit.  —  23.  Die  Amortisationshypothek. ­
  —  Anhang:  Grundriß  eines  Systemes  der  ökonomischen  Theorie  des  Geldes.
Währung  und  Valuta.  Eine  Einführung  in  das  deutsche  Geldproblem  der
Gegenwart.  Von  Dr.  rer.  pol.  Fritte  Terhalle,  ao.  Prof,  an  der  Universität
Jena.  (64  S.  gr.  8°.)  1919.  Mk  5.40
Berliner  Börsenzeitung,  16.  Dez.  1919:
.  .  .  die  „Einführung  in  das  deutsche  Geldproblem  der  Gegenwart“  von  Prof.
Terhalle  ist  ganz  besonders  zu  schätzen,  denn  sie  .  ordnet  den  für  die  Behandlung  des
Problems  erforderlichen  Wissensstoff  in  recht  geschickter  Weise  und  wird  daher  allen  denen,
die  an  der  Diskussion  über  die  Zerrüttung  unseres  Geldwesens  und  über  die  für  die  Besserung ­
  der  Verhältnisse  einzuschlagenden  Wege  teilnehmen  wollen,  ein  vortreffliches  Hilfsmittel ­
  sein.  Der  Verf.  behandelt  in  vier  Abschnitten  „die  deutsche  Geldverfassung  gestern
und  heute“,  „Ursachen  und  Wirkungen  der  Währungsverschlechterung“,  „die  Valuta“  und
„die  Zukunft  von  Währung  und  Valuta“.
Vnn  1Q4.R  hie  haiita  B an h-  und  finanzwissenschaftliche  Studien.  Wesentlich
vuil  IOtö  Uib  IIBUlt;.  gekürzte  Ausgabe  des  Buches:  „Die  deutschen  Großbanken ­
  und  ihre  Konzentration  im  Zusammenhang  mit  der  Entwicklung  der  Gesamtwirtschaft ­
  in  Deutschland“.  Von  Dr.  J.  Riesser,  Geh.  Justizrat  u.  ord.  Honorarprof.
  a.  d.  Univ.  Berlin.  (VIII,  141  S.  gr.  8°.)  1912.  Mk  9.—
Inhalt:  I.  Einleitung.  Die  Aufgaben  des  Bankwesens  im  Wirtschaftsleben.  —
2.  Die  erste  Epoche  (von  der  Mitte  des  19.  Jahrhunderts  bis  zum  Jahre  1870).  —  3.  Die
zweite  Epoche  (von  1870  bis  zur  Gegenwart).  —  4.  Der  gegenseitige  Einfluß  der  Banken
und  Industrie-Konzentration.  —  5.  Die  durch  die  Konzentrationsbewegung  geschaffene
Lage;  Vorteile  und  Gefahren  der  Konzentration;  die  Aussichten  für  die  Zukunft.
Valutafibel.  Eine  Einführung  in  die  Fragen  des  Geldwesens.  Für  Lehr-  und  Vertragszwecke ­
  sowie  zum  Selbstunterricht  unter  besonderer  Berücksichtigung  der
heutigen  Verhältnisse.  Von  Dr.  Alfred  Schmidt-Essen.  (VI,  96  S.  8°.)
1921.  Mk  8.—,  geh.  Mk  11.—
Der  Weltkrieg  und  die  darauffolgende  Zeit  haben  gewaltige  Veränderungen  auf  dem
Gebiete  des  Geldwesens  hervorgerufen.  Diesen  Veränderungen  ist  in  dem  vorliegenden
Lehrbuch  des  Geld  es,  das  eine  erste  Einführung  in  dieses  wichtige  Problem  sein  will,  Rechnung ­
  getragen  worden.  Das  Buch  will  in  erster  Linie  erzieherisch  wirken,  indem  es  zur
tätigen  Teilnahme  an  der  Praxis  des  Geldwesens  anregen  soll.  Als  Einführung  ist  es  aber
auch  dazu  berufen,  den  Leser  zum  Studium  der  grundlegenden  Werke  der  modernen  Geldliteratur ­
  zu  veranlassen  und  ihn  instand  zu  setzen,  den  Kampf  um  die  sogenannte  „metallistische“
  und  die  „nominalistische“  Geldtheorie  verständnisvoll  in  der  Tagespresse  zu  verfolgen.
Die  Benutzung  der  Schrift  für  den  Unterricht  kann  sich  nach  dem  Zweck  richten,
je  nachdem  es  sich  um  Elementarschulen,  Mittelschulen,  Seminare  von  Universitäten,
populäre  Vortragskurse  oder  um  die  oberen  Klassen  der  höheren  Schulen  handelt.
        <pb n="828" />
        G.  Pätz’sche  Buchdr.  Lippert  &amp;lt;fc  Co.  G.  m.  b.  H.,  Naumburg  a.  d.  S.

Zeitungswesen  und  Hochschulstudium.  Einführung  zu  den  Vorlesungen
Uber:  „Das  Zeitungswesen  in  Deutschland  und  im  Ausland“.  Von  Dr.  Otto  Jölilinger,
Leit.  Redakteur  d.  Volkswirtschaft!  Abteilung  d.  „Deutschen  Allgem.  Zeitung“,
Dozent  d.  Staatswissensch.  a.  oriental.  Seminar  d.  Univers.  Berlin.  (IV,  179  S.
gr.8°.)  1919.  Mk  15.—,  geh.  Mk  18.75

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Kölle
—  fis
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Schriftleiter  E.  F.  Beck  (Halle)  schreibt:  .  .  .  Ich  war  überrascht  von  der  Fülle  der
Anregungen,  die  mir  aus  dieser  Lektüre  wurde.  Als  besonders  hervorzuheben  fand  ich  die
klare  und  gefällige  Art  der  Einführung  in  das  Pressestudium.  Ich  entschloß
mich  —  in  der  Praxis  stehend  —  an  Hand  Ihres  Buches  mir  erneut  einen  Ueberblick
über  das  gesamte  Pressewesen  zu  verschaffen.  Ich  darf  wohl  sagen,  daß  der  Gewinn,
der  mir  durch  diese  Arbeit  wurde,  ganz  außerordentlich  war.  Ich  möchte  es  im  Interesse
vieler  Kollegen,  denen  es  nicht  vergönnt  war,  mit  fertigem  Rüstzeug  in  den  Beruf  zu
treten,  wünschen,  daß  das  vortreffliche  Buch  auf  keinem  Redaktionslisch  fehlt  und  daß
sich  die  Herren  Kollegen  seiner  eifrig  bedienen.  Es  gibt,  soviel  ich  weiß,  bis  jetzt  keine
Schrift,  die  so  sehr  geeignet  wäre,  dem  tätigen  Journalisten  Anleitung  zu  geben,  seine
Anschauungen  über  seinen  Beruf  zu  vertiefen  und  seine  Kenntnisse  über  sein  Tätigkeitsgebiet ­
  zu  erweitern,  wie  Ihr  Buch.  .  .  .
Einleitung  in  die  Wirtschaftsstatistik.  SSÄflÄrLaÄ
amts,  Priv.-Doz.  an  der  Technischen  Hochschule  Berlin.  (VI,  329  S.  gr.  8°.)
1920.  Mk  20.—,  geh.  Mk  24.-Die
  Mehrzahl  der  hier  behandelten  Zweige  der  Wirtschaftsstatistik  muH  neu
aufgebaut,  zum  mindesten  stark  umgebaut  werden.  Bei  den  maßgebenden  Statistikern
hat  sich  die  Ueberzeugung  festgesetzt,  daß  dieser  Auf-  und  Umbau  nur  in  gemeinsamer ­
  Arbeit  mit  Sachverständigen  aus  Industrie,  Landwirtschaft,  Handel  vorgenommen ­
  werden  kann,  die  an  den  Ergebnissen  der  Statistik  in  besonderem  Grade
Anteil  nehmen.  Diesem  Kreis  von  Nichtstatistikern  will  das  vorliegende  Werk  ein
Handhabe  bieten,  um  sich  in  die  Probleme  einzuarbeiten,  die  beim  Aufbau  behandelt
werden  müssen.  Der  jüngeren  Generation  der  Statistiker  dürfte  vor  allem  dadurch
ein  Dienst  erwiesen  werden,  daß  einmal  die  Hauptprobleme  der  einzelnen  Zweige
der  Wirtschaftsstatistik  zusammengefaflt  werden,  zum  anderen  jeder  Zweig  in  das
Gebiet  des  Wirtschaftslebens  gestellt  wird,  dem  er  angehört.
Deutsche  Wirtschaftsgeschichte  1815—1914-.  von  Prof.  Dr.  a.  fhi.
Sartorius  von  Waltershausen.  (X,  698  S.  gr.  8°.)  1920.
Mk  60.—,  geb.  Mk  58.—
Die  hundertjährige  Entwicklung  des  wirtschaftlichen  Lebens  seit  1815  auf  dem
Gebiete  des  1871  gegründeten  deutschen  Reiches  zu  einer  in  sich  arbeitsteilig  gegliederten,
verkehrsmäßig  verbundenen,  staatlich  geschlossenen  und  politisch  geführten  Einheit  zu
schildern,  ist  die  Aufgabe  des  vorliegenden  Buches.  Die  Vorgänge  erschöpfen  sich  nicht
in  einer  Aneinanderreihung  von  abstrakten  Zustandsbildern,  sie  geben  vielmehr  eine
Mitteilung  von  Neu-  und  Umbildungen,  von  erfolgreicher  und  erfolgloser  Wirtschaftspolitik,
von  sozialen  und  nationalen  Taten  und  endlich  von  Persönlichkeiten,  die  auf  irgendeinem
Gebiet  Fruchtbares  gebracht  haben.
Der  Inhalt  gliedert  sich  in  6  Abschnitte  und  40  Kapitel.  Am  Schluß  jedes  Abschnittes ­
  ist  eine  Literaturangabe  vorhanden.  Eingefügt  sind  kurze  Einzeldarstellungen,
z.  B.  die  Wirtschaftsgeschichte  der  Stadt  Berlin,  des  Hauses  Krupp  und  des  Hamburger
Handels.  Ein  besonderes  Kapitel  handelt  von  der  Eingliederung  Elsaß-Lothringens  in
die  deutsche  Volkswirtschaft.
Englische  Wirtschaftsgeschichte.  s^aftw r isSS® r Ä M *  s Prof  der
Erster  Band.  (VII,  516  S.  gr.  8«)  1918.  Mk  32.—
Inhalt:  1.  Feudalität  und  Grundherrschaft.  —  2.  Nationalstaat  und  Bauernbefreiung. ­
  —  3.  Stadt  und  Gewerbe.  —  4.  Die  Staatswissensehaft.  —  5.  Die  Erziehung ­
  zum  Kapitalismus.  —  6.  Die  Grundlagen  des  englischen  Kapitalismus.  —
7.  Die  Kommerzialisierung  der  Volkswirtschaft.  —  Register.
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        *  S
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II.  Die  Theorie  der  Bodenrente  und  ihre  Anwendungen.  613
ischen  Baron  Colins,  oder  christlichen  Sozialisten,  wie
r,  findet  man  es  von  Philosophen,  wie  Benouvier,  Fouillee
t  bestätigt.  Sie  gehen  soweit,  ein  Entschädigungsrecht
jetzigen  Generation  anzuerkennen,  das  zu  Lasten  der  Geehen
  hat,  die  die  früheren  Usurpationen  duldete,
dete  eine  schon  alte  Auffassung,  die  von  jeder  wirtschaftj:
  über  die  Rente  unabhängig  ist,  das  Urrecht  eines  jeden
Boden  und  forderte  die  Wiederaufrichtung  dieses  Rechtes,
'rigens  ihr  Echo  bei  fast  allen  Anhängern  der  Nationa-:-.Bodens,
  Stuart  Mill,  Wallace,  Henry  George  und
ier.  Hierdurch  stehen  sie  in  enger  Verbindung  mit  den
von  denen  wir  eben  gesprochen  haben.  Nur  einer,  Gossen,
Lsnahme.
i:  -ührt  nicht  sehr  weit,  die  Unrechtmäßigkeit  des  Grundi
  behaupten.  Denn  wenn  die  Aneignung  des  Bodens  eine
t  vorstellt,  so  liegt  diese  Ungerechtigkeit  so  weit  zurück,
■er  seit  langem  durch  Verjährung  gedeckt  sind.  Die  meisten
rundbesitzer,  wenn  nicht  alle,  haben  den  Boden  nicht  mit
:  )rt,  sondern  durch  die  Früchte  ihrer  Arbeit  und  ihrer  Errecht
  erworben.  In  ihren  Händen  ist  der  Boden  ein  ebenso
.  ssessenes  Produktionsmittel,  wie  irgendein  Kapital,  eine
Beispiel.  Es  ihnen  ohne  Entschädigung  nehmen,  würde
“ßht  nicht  wieder  gut  machen,  sondern  es  nur  mit  einem
krönen.  Daher  hatte  die  Theorie  des  Rechtes  der  Gemeinen ­
  ein  nur  platonisches  Interesse  bis  zu  dem  Tage,  an  dem
neue  Theorie:  die  der  Rente,  verstärkt  wurde,
ist  Ricardo  nämlich?  Daß  das  Privilegium  des  Grund-'zusagen
  unter  unseren  Augen  verewigt.  Der  Boden  genießt
-Gen  kein  anderes  Kapital  genießt.  Selbsttätig,  automatisch,
f  )r  Betätigung  des  Besitzers,  wächst  sein  Einkommen.  Die
;  er  Bewirtschaftung  auf  neue  Felder,  das  Wachstum  der  Behuf. ­
  „Die  Erde  ist  das  ursprüngliche  Erbe  der  gesamten  Menschheit. 1 *
and  Discussions,  Bd.  IV,  S.  243;  vgl.  auch  S.  256).  In  seinen
Mitical  Economy  (Bd.  II,  Kap.  II,  §  5)  drückt  er  sich  wie  folgt  1
--sentliche  Prinzip  des  Eigentums  darin  besteht,  einem  Jeden  das,  was  ]
rbeit  erzeugt  und  durch  seine  Enthaltsamkeit  angesammelt  hat,  zu
sich  dieses  Prinzip  nicht  auf  das  beziehen,  was  kein  Arbeitserzeugnis
rial  der  Erde.“  —  Wauras  (Theorie  de  la  propriete  in  den  Htudes
;iale,  S.  218)  schreibt:  „Auf  Grund  des  natürlichen  Rechtes  ist  der
ntum  des  Staates.“  —  Henry  George  (Progress  and  Poverty,
I;  S.  297  der  deutschen  Übers,  von  F.  Dobbert  „Fortschritt  und
.  Verlg.  0.  Hendel)  sagt:  „Das  gleiche  Recht  aller  Menschen  auf  die
°  Grund  und  Boden  ist  ebenso  klar  wie  das  gleiche  Recht  auf  die  Luft,
—  es  ist  ein  Recht,  verbürgt  durch  die  Tatsache  ihrer  Existenz. 1 *
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