86 in der Sprache früherer Zeiten zu sagen pflegten: „Sie sind nicht Menschenwerk, sondern Gotteswille.“ Wer heute eine große gotische Kathedrale in ihrer end gültigen Gestalt betrachtet, glaubt darin die Verkörperung des Traumes eines einzigen genialen Menschengeistes zu sehen. Tatsächlich aber war die Entstehung eine ganz andere. Jahrhunderte lagen zwischen der Zeit, in der der Grundstein gelegt, und jener, in der der letzte Spitzturm oder die letzte Zinne gebildet ward. Und die Hand, die den Grundstein legte, war niemals dieselbe, die den Schlußstein aufsetzte. Generationen folgten oft aufeinander, arbeiteten an den Wasserspeiern, den Rosenfenstern, den Helmen und star ben und hinterließen ihr Werk andern; der Meister, der die ersten rohen Umrisse zeichnete, ging dahin und ihm folgten andere, und die Einzelheiten des vollendeten Wer kes hatten oft nur eine blasse Ähnlichkeit mit seinem Ent wurf ; keiner verstand ganz, was die andern geschaffen oder schufen, aber jeder arbeitete an seinem Platz, und das voll endete Werk war eine Einheit; es drückte nicht die Wünsche und Bedürfnisse eines einzelnen aus, sondern den Geist je ner Zeit. Und für den Bestand des Gebäudes war die Ar beit des Steinmetzen, der sein Leben lang hingebend an den Wasserspeiern und Fensterrosetten meißelte, nicht weniger von Wichtigkeit, als die des größten Meisters, der den Plan schuf. Und vielleicht war jener noch der he roischere; denn für den Meister, der, wenn auch nur un klar, ein Bild dessen vor Augen hatte, was das Werk be deuten würde, wenn der letzte Stein daran gefügt und die letzte Spitzsäule aufgerichtet sein würde, war es leicht, mit Hingabe und Eifer zu arbeiten, wenn er auch wußte, daß nicht er es sein werde, der diesen letzten Stein fügen und diese letzte Spitzsäule aufrichten, und daß er den Bau in seiner vollen Schönheit und Größe niemals sehen werde; aber für den Tagelöhner, der seine Pflicht tat und Monat auf Monat an seinem kleinen Wasserspeier oder an dem