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        <title>Die Frau und die Arbeit</title>
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        ﻿
        <pb n="3" />
        ﻿OLIVE SCHREINER

DIE FRAU UND DIE
ARBEIT

ÜBERSETZT VON LEOPOLDINE KULKA

VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS IN JENA

1914
        <pb n="4" />
        ﻿
        <pb n="5" />
        ﻿OLIVE SCHREINER ist jetzt in London,“ sagte mir
vor einigen Wochen eine befreundete Schriftstellerin,
„da können Sie Ihre alte Sehnsucht stillen und die Dich-
terin bei mir sehen.“

Ich möchte sie sehr gerne sehen, die unvergleichliche und
unverglichene Vorkämpferin der Frauenbefreiung, der wir
die gedankenvollen „Dreams“, die phantasievolle und dabei
so holländisch-derbe Erzählung aus dem Leben der Bauern
in Südafrika „The Story of an African Farm“, dann die wie
aus Erz gegossene unvergeßliche Gestalt des Reiters „Peter
Halket of Mashonaland“, endlich das vorliegende Werk ver-
danken. Aber ich bin klüger geworden im Laufe der Jahre
und habe weise Enthaltsamkeit gelernt: mein Idealbild von
Olive Schreiner soll mir durch die irdische Unvollkommen-
heit ihrer wirklichen Erscheinung nicht entheiligt werden.

Olive Schreiner, die Tochter eines deutschen Pastors und
einer englischen Mutter, ist auf dem „Veldt“ Südafrikas
aufgewachsen und hat den Kampf der Rassen und Klassen
in seiner unverhülltesten Nacktheit gesehen. Eine solche
Umgebung läßt in der Seele keinen Raum für so schwäch-
liche Dinge wie Geschmack und Umschreibung. Olive
Schreiner nennt die Dinge beim rechten Wort; sie ist in
ihrer Kunst so realistisch wie nur irgendein alttestament-
licher Prophet. Kommt zu solch unbestechlicher Wahrheits-
liebe noch Naturgefühl und visionäre Einbildungskraft hin-
zu, so gibt das Werke von der Art des „Peter Halkett“‘ — über-
zeugendste Menschendarstellung im Rahmen stimmungs-
voller Landschaft und erfüllt vom Geiste apostolischer Sen-
dung. Olive Schreiner schrieb vor dem Ausbruch des Buren-
krieges gegen die Unmenschlichkeit, mit der die Engländer
in Südafrika hausten, gegen das ganze System der eng-
lischen Besiedelungspolitik. Sie wurde nicht gehört. Da
kehrte sie zu ihrem alten Gegenstand, der Frauenfrage zu-
rück, der alle ihe Gedanken durch mehr als zwei Jahrzehnte
gehört hatten. Ihr Werk war fertig — ins Reine geschrie-
        <pb n="6" />
        ﻿ben für den Druck. Sie hatte das letzte Wort gesagt im
Kampfe des Weibes um eine menschenwürdige Existenz.
Da überfiel die Soldateska während des Krieges ihr Haus.
Die Schublade ihres Schreibtisches wurde erbrochen, das
Manuskript ihres Lebenswerkes herausgezerrt und der
Haufe gelockerter Blätter in Flammen gesteckt. Als sie
nach dem Kriege in ihr Haus zurückkehrte, fand sie die
verkohlten Reste. Das vorliegende Buch, von dessen Ent-
stehung während des Krieges die Autorin in der Einleitung
erzählt, ist ein Fragment, eine Erinnerung an das zerstörte
große Werk. Aber wir haben alle Ursache der Über-
setzerin zu danken, daß sie es den deutschen Lesern ver-
mittelt, denn es gibt kaum eine Schrift, die das Recht des
Weibes auf Arbeit mit solch edlem Pathos und zugleich
mit so überzeugender Verstandesmäßigkeit bewiese. Olive
Schreiner trägt ihre Botschaft mit der Inbrunst jener glau-
bensstarken Naturen vor, die aus dem Zusammenbruch der
puritanischen Weltanschauung die gehaltvollen Abbrevia-
turen Gleichheit und Gerechtigkeit in unsere sittlich ver-
armte Zeit herübergerettet haben. Dieser biblische Geist
gibt allen Schriften der Olive Schreiner vorgeschichtliche
Einfachheit, elementare Kraft und dichterische Weihe.

Daß sie in ihrem Werke über Frauenarbeit ihr Pathos
eindämmt und die Logik der Tatsachen sprechen läßt, er-
höht die Wirkung ihrer Botschaft. Ihre der Kulturgeschichte
und Soziologie entnommenen Gründe für die wirtschaft-
liche Emanzipation der Frau werden ohne Leidenschaft
vorgetragen, prägen sich aber ein vermöge des eigenen Ge-
wichts. Und alles, was Olive Schreiner in diesem Buche
sagt, ist so gehalten, so maßvoll, so bildhaft und eindring-
lich, daß auch Gegner des Frauenrechts es nicht ohne Er-
hebung aus der Hand legen werden.

LONDON, OSTERN 1914

LEON KELLNER
        <pb n="7" />
        ﻿EINLEITUNG

Ich muß diesem Buch einige erklärende Worte voraus-
schicken. Sein ursprünglicher Titel lautete: „Gedanken
über die Frau und die Arbeit“.

Wie dieser Name besagt, ist es also eine Sammlung von
Gedanken über einzelne Punkte, die mit der Frauenarbeit Zu-
sammenhängen.

In früher Jugend begann ich ein Werk über die Frau und
arbeitete bis vor zwölf Jahren daran. Es berührte naturge-
mäß, wenn auch in unvollständiger Weise, die meisten Fra-
gen, in denen das Geschlecht eine Rolle spielt.

Ich begann damit, die Verschiedenheiten der Geschlechts-
funktionen in ihren frühesten Erscheinungsformen bei den
Lebewesen dieser Erde zu zeichnen; nicht nur in der Tierwelt,
wo mit der Vereinigung zweier amöboider Kügelchen der
Zeugungsprozeß fast unmerklich beginnt, sondern auch seine
noch primitiveren Offenbarungen im Pflanzenleben. In den
ersten drei Kapiteln zeichnete ich, soweit ich es vermochte,
die geschlechtliche Entwicklung bei den verschiedenen Grup-
pen nicht-menschlicher Lebewesen. Als ich in dieser Rich-
tung weiterforschte, überraschten mich viele bedeutsame
Tatsachen durch ihre Beziehungen zum ganzen modernen
Geschlechtsproblem, Tatsachen, wie diese: daß bei der gro-
ßen Mehrzahl der auf der Erde lebenden Arten das Weibchen
dem Männchen an Größe und Kraft und oft auch an räube-
rischem Instinkt überlegen ist; daß die geschlechtlichen Be-
ziehungen fast jede Form annehmen können, je nachdem die
Lebensbedingungen variieren; daß selbst imVerhältnis der
Geschlechter gegenüber ihrer Nachkommenschaft jene Ver-
schiedenheiten, die wir gewöhnlich als unzertrennlich vom
mütterlichen oder väterlichen Geschlechtswesen annehmen,
keineswegs inhärent sind. (So kann man Krötenarten be-
obachten, bei denen das Weibchen seine Eier in Vertiefun-
gen auf den Rücken des Männchens legt, wo sie verwahrt

I Schreiner, Die Frau

I
        <pb n="8" />
        ﻿

und ausgebrütet werden, oder manche Seetiere, bei denen
das Männchen die Jungen mit sich trägt und sie in einem
Beutel aus seiner eigenen Körpersubstanz großzieht, und
zahllose andere derartige Beispiele.) Was sich mir aber schon
als Kind aufdrängte, wenn ich allein durch den afrika-
nischen Busch wanderte und den ineinander greifenden Tö-
nen des Liebessangs der Cock-o-veets * lauschte oder be-
obachtete, wie die kleinen Singvögel zusammen ihr Nest
bauen und nicht nur für ihre Jungen, sondern auch für
einander sorgen und einander behüten, war die Tatsache,
die seither alles, was ich über geschlechtliche Dinge
dachte und fühlte, mächtig beeinflußt hat, daß das Ge-
schlechtsleben der Vögel bei einigen Arten seine höchste,
schönste, man möchte fast sagen, geistige Entwicklung auf
der Erde erreicht hat: eine Höhe der Entwicklung, zu der
noch keine menschliche Rasse als Ganzes gelangt ist, und
die eine Verwirklichung des höchsten geschlechtlichen
Ideals darstellt, von dem die Menschheit träumt.

Als diese drei Kapitel beendet waren, ging ich daran,
mich, soweit als möglich, mit der Stellung der Frau in den
allerprimitivsten, den unzivilisierten und halbzivilisierten
Gemeinwesen zu befassen. Ich habe von Kindheit an mit
außerordentlichem Interesse die Lage der eingeborenen
afrikanischen Frauen um mich her in ihrem primitiven Ge-
sellschaftszustand beobachtet. Mit achtzehn Jahren sprach
ich einmal mit einem Kaffernweib, das noch in unberührt
primitiven Zuständen lebte, und kein mit der Stellung der
Frau zusammenhängendes Erlebnis hat, mit Ausnahme
eines einzigen, einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht
wie dieses Gespräch. Es war eine Frau, die mir, so oft
ich an sie denke, als geniales Wesen erscheint. In einer
Sprache, die beredter und eindringlicher war als alles, was
ich je von weiblichen Lippen vernommen, schilderte sie die
Lage der Frauen ihrer Rasse. Die Arbeit der Frau, das
* Kleine Singvögel, die in Südafrika leben. Anm. d. Übers.

2
        <pb n="9" />
        ﻿Elend der Frau, wenn sie älter wird, die Schranken, in die
ihr Leben gebannt ist, und die Leiden, die ihr Polygamie
und Abhängigkeit auferlegen, all das schilderte sie mit
einer Leidenschaft und Eindringlichkeit ohnegleichen. Und
doch — und das war für mich das Interessante, als ich
weiter mit ihr sprach —, trotz ihrer tiefen, fast glühenden
Erbitterung über das Leben und die unsichtbaren Mächte,
die die Frau und ihre Lage in solcher Weise gestaltet
haben, hatte sie nicht ein Wort der Bitterkeit gegen den
einzelnen Mann, noch irgend Wille oder Absicht, sich auf-
zulehnen. Sie nahm vielmehr mit ernster, fast majestäti-
scher Haltung das Leben und die Lage ihres Geschlech-
tes als ein Unabänderliches hin. Gerade dieses Gespräch
drängte mir eine Wahrheit auf, die ich später beinahe als
Axiom betrachten lernte: die Frauen keiner Rasse oder
Klasse werden sich je erheben oder eine gewaltsame Ver-
besserung ihrer Lage in der Gesellschaft versuchen, seien
ihre Leiden auch noch so tief und mögen sie sich ihrer
auch noch so klar bewußt sein, solange die Wohlfahrt und
der Bestand der Gemeinschaft ihre Unterwerfung fordern.
Wo immer ein allgemeiner Versuch der Frau irgendeiner
Gesellschaft, ihre Lage zu verbessern, unternommen wurde,
wird eine genaue Untersuchung immer zeigen, daß ein ver-
änderter oder sich verändernder Gesellschaftszustand die
Unterordnung der Frau nicht länger nötig oder wünschens-
wert gemacht hatte.

Ein anderer Punkt, den ich in diesem Teile des Buches zu
behandeln versuchte, war die mir fast zur Gewißheit er-
wachsene Wahrscheinlichkeit, daß die physischen Leiden
und die Schwäche der Frau bei der Geburt und in gewissen
anderen Beziehungen der Preis waren, den die Frau für den
Übergang der Menschheit aus der Haltung der Vierfüßer
und Vierhänder zu der aufrechten zahlen mußte, einer Hal-
tung, die unbedingt notwendig war, wenn die Menschheit
das werden sollte, was sie ist (dies wurde selbstverständ-

I

3
        <pb n="10" />
        ﻿lieh in einer physiologischen Studie über die weibliche
Körperbildung behandelt). Ferner beschäftigte ich mich
mit der höchstwahrscheinlichen, wenn auch unbewiesenen
und vielleicht unbeweisbaren Hypothese, daß es haupt-
sächlich eine Folge des Zwanges war, unter dem die Frau
stand, indem sie ihre hilflosen Jungen in den Armen tragen
und gleichzeitig für diese und sich selbst Nahrung suchen
oder mit ihnen vor dem Feind fliehen mußte, welche zu der
vollkommen aufrechten Haltung des Menschen führte.

Diese und viele andere Punkte, die ein interessantes Licht
auf die spätere Entwicklung der Frau werfen (wie die Be-
ziehungen zwischen Ackerbau und Hörigkeit der Frau),
behandelte dieser Teil des Buches, der sich mit den Frauen
der primitiven und halbbarbarischen Gesellschaft befaßte.

Als dieser Teil beendet war, ließ ich ihn mit der Ma-
schine abschreiben und im Jahre 1888 mit den drei ersten
Kapiteln in einen Band binden; dann arbeitete ich an dem
bereits begonnenen letzten Teile weiter.

Dieser behandelte die Probleme, die allgemeiner als
Frauenfrage bekannt sind: Die Ursachen, die im moder-
nen Europa Frauen veranlaßten, eine Neugestaltung ihrer
Stellung im sozialen Organismus anzustreben, die Rich-
tung, in der diese Neugestaltungen sich bewegen, und die
Ergebnisse, die solche Neuordnungen in Zukunft wahr-
scheinlich zeitigen werden.

Nach elf Jahren, im Jahre 1899, wurden auch diese Ka-
pitel beendet und mit den beiden ersten Teilen in einen
starken Band vereint. Es erübrigte nur noch, das Buch
durchzusehen und das Vorwort zu schreiben. Den trocke-
nen Erörterungen hatte ich in jedem Kapitel eine oder
mehrere Allegorien hinzugefügt *; denn, wenn es auch leicht

* Dje Allegorie „Drei Träume in der Wüste", die ich vor 19 Jahren
veröffentlichte, war diesem Buche entnommen, und ich habe bemerkt,
daß sie, aus dem Zusammenhang gerissen, vielleicht nicht jedermann
klar wurde.

4
        <pb n="11" />
        ﻿ist, abstrakte Gedanken in logischer Prosa auseinanderzu-
setzen, die Empfindungen, die diese Gedanken auslösen,
fühlte ich mich nicht fähig anders als in jener Form voll
und ganz auszudrücken. Ich hatte auch versucht, den
Gegenstand überall mit solchen Fällen aus der Menschen-
und Tierwelt zu illustrieren, die ich persönlich beobachtet
hatte und die mir zur Bildung der gegebenen Schlüsse be-
hilflich waren, da mir immer bei soziologischen Fragen die
Kenntnis der genauen Art und Weise, durch die der
Schriftsteller zu seinen Ansichten gelangt ist, zur Beurtei-
lung ihres Wertes notwendig schien. Das Werk hatte einen
großen Teil meines Lebens in Anspruch genommen, und
ich hatte gehofft, daß es, welches auch seine Mängel sein
mögen, wenigstens andere Geister unter günstigeren Um-
ständen zu eingehenderem Studium der Frage anregen
würde.

Im Jahre 1899 lebte ich in Johannisburg, als mir eines
Leidens wegen plötzlich verordnet wurde, für einige Zeit
eine tiefer gelegene Gegend aufzusuchen. Nach Ablauf von
zwei Monaten brach der Burenkrieg aus. Zwei Tage nach-
dem der Krieg erklärt worden war, kam ich auf dem Rück-
wege nach Transvaal in De Aar an. Dort war bereits der
Kriegszustand proklamiert, und die Militärbehörden ver-
wehrten mir die Rückkehr nach Johannisburg und schick-
ten mich in die Kolonie. Man erlaubte mir auch nicht,
an irgend jemand eine Nachricht zu senden, der meine
Habseligkeiten hätte in Obhut nehmen können. Ungefähr
acht Monate später, als die britischen Truppen Johannis-
burg genommen und die Stadt besetzt hatten, schrieb mir
ein Freund, der auf englischer Seite stand und dem man
gestattet hatte, hinzureisen, daß er mein Haus besucht und
geplündert gefunden habe, daß alle Wertgegenstände ge-
stohlen oder zerstört worden seien, mein Schreibtisch ge-
waltsam aufgebrochen und sein Inhalt in der Mitte des
Zimmer angezündet worden war, so daß die Decke ober-

5
        <pb n="12" />
        ﻿halb des Haufens verbrannter Papiere geschwärzt sei. Er
fügte hinzu, daß nur noch wenig von den Überbleibseln
zu verwenden sein dürfte, doch habe er die Fragmente
gesammelt und werde sie aufbewahren, bis ich die Erlaub-
nis zur Rückkehr erhielte und sie sehen könnte. So er-
fuhr ich, daß mein Buch zerstört war.

Als der Krieg schon ein paar Monate gewährt hatte, war
ich — viele hundert Meilen von der Küste und von Jo-
hannisburg entfernt — in einem kleinen, landeinwärts ge-
legenen Dorfe eingeschlossen. Die Flamme des Krieges
begann eben auch unsere nächste Umgebung zu ergreifen;
de Wet hatte den Oranjefluß überschritten, und man ver-
mutete ihn nur wenige Meilen von uns entfernt, während
die britischen Truppen hin- und herstreiften. Ich lebte zu
jener Zeit in einem kleinen Hause am Rande des Dorfes,
in einem einzigen Zimmer, das mit einer Tragbahre und
zwei Kisten möbliert war. Mein kleiner Hund war meine
Gesellschaft. Sechsunddreißig bewaffnete afrikanische Ein-
geborene bewachten Tag und Nacht Türen und Fenster
meines Hauses, und ich durfte nur zu Mittag, während be-
stimmter Stunden, ausgehen, um Wasser vom Brunnen zu
holen oder mir das Nötige zu kaufen. Auch durfte ich
weder Bücher noch Zeitungen empfangen. Ein hoher, von
bewaffneten Eingeborenen bewachter Stacheldrahtzaun um-
gab das Dorf; jeder Versuch, hier zu entfliehen, wäre siche-
rer Tod gewesen. Während des ganzen Tages hörte man
in kurzen Intervallen die Pompongeschütze der Panzerzüge,
die auf der neun Meilen entfernten Eisenbahnlinie manö-
vrierten, und nachts das Gespräch der bewaffneten Ein-
geborenen, die sich an die Fenster lehnten, und die takt-
mäßigen Schritte und das endlose „Wer da ?“ der Wache,
die während der langen dunklen Stunden, in denen man
weder eine Kerze anzünden noch ein Streichholz in Brand
setzen durfte, die Runde um den Drahtzaun machte. Wenn
ein Scharmützel in der Nähe stattgefunden hatte, wurden

6
        <pb n="13" />
        ﻿die Toten und Verwundeten hereingebracht. Drei Männer
aus unserem Dorfe wurden zur Hinrichtung geführt. Auf
dem kleinen Marktplatz wurden Todesurteile verlesen. Das
Gefängnis war mit unseren Landsleuten gefüllt, und wir
wußten von Stunde zu Stunde nicht, was die nächste jedem
von uns bringen würde. Unter solchen Verhältnissen emp-
fand ich das Bedürfnis, zuweilen meine Gedanken gewalt-
sam von den Schrecknissen der Welt um mich her abzu-
lenken und bei irgendeiner abstrakten Frage zu verweilen.
So wurde dieses kleine Buch geschrieben, das vornehmlich
die Wiedergabe eines einzigen Kapitels des größeren
Buches bildet. Da die bewaffneten Eingeborenen vor mei-
nen vorhanglosen Fenstern Wache standen, war es un-
möglich, die Läden zu öffnen, und das Zimmer war daher
immer so dunkel, daß selbst die physische Arbeit des
Schreibens schwierig war.

Einundeinhalb Jahre später, als der Krieg vorüber und der
Friede schon seit mehr als vier Monaten verkündet war,
erhielt ich mit vieler Mühe die Erlaubnis, den Trans-
vaal zu besuchen. Ich fand unter den verbrannten Über-
resten den Lederrücken meines Buches unversehrt, aber
von den Blättern die vordere Hälfte weggebrannt; der hin-
tere Teil der Blätter, nächst dem Deckel, war vorhanden,
aber von den Flammen so gebräunt und versengt, daß sie
bei der Berührung zerfielen. Es blieb nichts übrig, als alles
zu vernichten. Selbst damals hatte ich noch die Hoffnung,
daß ich das ganze Buch in künftigen Tagen nochmals
schreiben könnte. Aber das Leben ist kurz, und ich habe er-
kannt, daß ich das Buch nicht nur niemals wiederschreiben
werde, sondern daß meine Gesundheit es mir nicht einmal
gestattet, diese kleine Erinnerung daran zu vervollständi-
gen und abzurunden.

Nur mit ernstlicher Sorge gebe ich daher dieses Frag-
ment heraus. Mich tröstet nur der Gedanke, daß vielleicht
jedes aufrichtige und ernste Suchen nach Wahrheit, selbst

7
        <pb n="14" />
        ﻿



I

wenn es sie nicht erreicht, ihr oft so nahe kommt, daß
andere glücklichere Geister, indem sie Begrenztheit und
Irrtümer erkennen, zu einer weiteren Einsicht gelangen.

Ich habe diese lange und sehr uninteressante Erklärung
nicht etwa gegeben, um durch die Darlegung der Bedin-
gungen, unter denen das kleine Buch geschrieben wurde,
irgendwelche Wiederholungen oder literarische Mängel zu
entschuldigen; denn das ist unwesentlich, sondern — und
dies ist sehr wesentlich — weil es leicht zu Mißverständ-
nissen über die Sache selbst führen könnte, wenn man die
Entstehungsart des Büchleins nicht genau kennen würde.

Das Buch bietet keineswegs einen Überblick über das
ganze große Gebiet von Erscheinungen, die mit der Stel-
lung der Frau in Zusammenhang stehen; es bedeutet nicht
einmal einen Blick aus der Vogelschau über die ganze
Frage der Beziehungen der Frau zur Arbeit.

In dem ursprünglichen Werk beschäftigte sich unter zwölf
Kapiteln nur eines mit dem Thema des Parasitismus der
Frau, und hauptsächlich aus diesem Kapitel ist das vor-
liegende Buch entstanden; die Frage des Parasitismus der
Frau ist, wie mir scheint, sehr wichtig, sehr wesentlich;
sie erklärt viele Erscheinungen, die sich durch nichts sonst
erklären lassen, und ihre Bedeutung wird noch wachsen.
Aber für den Moment gibt es noch andere Gesichtspunkte,
unter denen die Beziehungen der Frau zur Arbeit zu be-
trachten eigentlich ebenso dringend wäre. In dem größe-
ren Buch hatte ich ein ganzes Kapitel der Untersuchung
dessen gewidmet, was die Frau an Arbeit geleistet hat und
in der modernen Welt noch leistet, und welch ungeheure
Übel aus der Tatsache erwachsen, daß ihre Arbeit, speziell
die häusliche Arbeit, oft die mühseligste und endloseste,
die das Menschengeschlecht kennt, nicht entsprechend
anerkannt und bewertet wird. Besonders in dieser Hinsicht,
fürchte ich, könnte das vorliegende Buch zu einem Miß-
verständnis führen durch den großen Nachdruck, den es

8
        <pb n="15" />
        ﻿auf das Problem des Geschlechtsparasitismus legt, und die
leichtere Behandlung der anderen Gesichtspunkte, wodurch
der Eindruck erweckt werden könnte, daß die häusliche Ar-
beit der Frau der Gegenwart (die etwas durchaus Verschie-
denes von den geschlechtlichen Beziehungen von Mann und
Frau ist, wenn sie auch indirekt damit in Zusammenhang
steht) nicht hoch und aufs höchste anzuerkennen und zu be-
werten sei. Ich glaube, daß in der Zukunft die Frau, die ihr
selbständiges Arbeitsgebiet aufgibt, um häusliche und ehe-
liche Pflichten irgendwelcher Art zu übernehmen, ihren
Teil am Einkommen des Mannes nicht mehr als eine mehr
oder weniger almosenartige Unterstützung erhalten wird,
die sie in die Lage der Untergebenen versetzt, sondern als
einen ihr in gerechter Teilung zukommenden gleichen An-
teil zwischen gleichberechtigten Partnern.*

Besonders fürchte ich, daß die in diesem kleinen Buch,
losgelöst von anderen Seiten der Frage, behandelten Punkte
zu der Annahme führen könnten, ich hielte es für möglich
oder wünschenswert, daß die Frau neben ihrer Aufgabe
des Gebärens auch noch den Pflichtanteil des Mannes über-

nehmen und nicht nur ihm gegenüber alle häuslichen
Pflichten erfüllen, sondern auch für den Unterhalt seines
Kindes und für sich selbst sorgen solle. In dem ursprüng-
lichen Buch hatte ich in dem Kapitel über die Arbeit des
Mannes in bezug auf Frau und Kinder mehr als hundert

* Man wird vielleicht einwenden, wo Mann und Frau einander würdig
hielten, sich unter allen Menschen zu lebenslänglicher physischer Ver-
einigung zu erwählen, sei es unstatthaft anzunehmen, daß eine Regelung
ökonomischer Verhältnisse irgend notwendig wäre. Die Liebe rechnet
nicht! Und ein jeder kenne nur den Wunsch, den andern an Hingabe zu
überbieten. Daß dem so sein sollte, ist richtig, daß es in dem Fall der
Vereinigung zweier moralisch vollkommen entwickelter Menschen so ist,
ist ebenfalls richtig, und daß dieser Zustand in einer entfernten Zukunft
ein fast allgemeiner sein wird, ist sicher richtig. Aber, wenn wir die
Sache als praktische Gegenwartsfrage betrachten, so handelt es sich
nicht um das, was sein sollte oder was sein wird, sondern was unter
den gegebenen Überlieferungen und Einrichtungen unserer Gesellschaft
heute tatsächlich besteht.
        <pb n="16" />
        ﻿Seiten daran gewendet, zu beleuchten, wie wichtig für die
Humanisierung und Zivilisierung des Mannes und damit
der ganzen Menschheit eine gesteigerte geschlechtliche
und väterliche Verantwortlichkeit wäre und eine höhere
Gerechtigkeit gegenüber der Frau als häuslicher Arbeiterin.
In dem zweitenTeil desselben Kapitels behandelte ich dann
ausführlich eine mir momentan fast noch dringender er-
scheinende praktische Frage der Geschlechter — die Hal-
tung des Mannes gegenüber jenen Frauen, die nicht im
Hause beschäftigt sind, gegenüber der großen und an Zahl
immer zunehmenden Gruppe von Frauen, die durch die
Entwicklung der modernen Verhältnisse in den Strom des
Erwerbslebens hinausgetrieben werden, sich selbst und
andere durch ihre eigene Arbeit erhalten müssen und die
da an Händen und Füßen gebunden sind, nicht durch die
geistigen oder körperlichen Schranken ihrer Natur, son-
dern durch künstliche Einschränkungen und Vorurteile, den
Überbleibseln eines vergangenen Gesellschaftzustandes.

Es ist gerade dieser Mißstand, der, wenn man die Sache
eingehend in all ihren Folgeerscheinungen studiert, als die
Wurzel und Hauptquelle des entsetzlichsten sozialen Übels,
unter dem wir leiden, erkannt werden wird.

Keine andere Tatsache in dem ganzen Verhältnis der Frau
zu unserer heutigen Gesellschaft nähert sich so sehr einem
willkürlichen und unerhörten „Rechtsbruch“, als die, daß
es bei gleicher, von Mann und Frau gleich gut verrichteter
Arbeit Gesetz geworden ist, die Frau einzig auf Grund
ihres Geschlechtes niedriger zu entlohnen.

Es ist mir immer unbegreiflich gewesen, daß Männer von
Aufklärung und Billigkeit das Bestehen einer solchen Un-
gleichheit auch nur eine Stunde lang dulden können, und es
ist nur erklärlich als Folge des verblendenden Einflusses
von Gewohnheit und Herkommen. Ich persönlich habe
dieses Unrecht immer so tief empfunden, daß dieser
Punkt und nur noch ein anderer im Verhältnis von Mann

io
        <pb n="17" />
        ﻿und Frau die einzigen in der Frauenfrage sind, bei denen
ich, so oft ich daran denke, mit aller Gewalt meine Ent-
rüstung niederringen und in Schranken halten muß, um
mir die Objektivität der Betrachtung zu wahren. Ich
würde es daher sehr bedauern, wenn die leichte, neben-
sächliche Art, in der diese Frage in dem vorliegenden klei-
nen Buch berührt wurde, sie von weniger eminenter Be-
deutung erscheinen ließe, als sie mir zu sein dünkt.

Im letzten Kapitel des ursprünglichen Buches, dem läng-
sten und wie ich glaube wichtigsten, behandelte ich die
Probleme der Ehe und des persönlichen Verhältnisses von
Mann und Frau in der modernen Welt. Hier versuchteich
auszudrücken, was ich für eine große Wahrheit halte, über
die das Urteil kommender Generationen herauszufordern
ich mich nicht scheue — daß nämlich die Richtung aller
Bestrebungen der Frauen, sich den neuen Lebensbedin-
gungen anzupassen, nicht zu größerer Lockerung ge-
schlechtlicher Beziehungen, nicht zu Promiskuität oder
Zügellosigkeit führen, sondern zu einer höheren Bewer-
tung der Heiligkeit aller Geschlechtsbeziehungen, einer
klareren Erkenntnis des Geschlechtsverhältnisses zwischen
Mann und Frau als der Grundlage der menschlichen Ge-
sellschaft, von deren Lauterkeit, Schönheit und Gesundheit
die Gesundheit und Schönheit des menschlichen Lebens
als Ganzes abhängig ist. Vor allem aber werden diese Be-
strebungen zu einer engeren, dauernderen, gefühl- und geist-
erfüllteren und innigeren Verbindung zwischen Mann und
f rau als Individuen führen. Und wenn in dem jetzigen ord-
nungslosen Übergangsstadium unseres gesellschaftlichen
Wachstums die Ehescheidung als ein notwendiges Mittel
der Regelung zulässig erscheint, so geschieht es nicht,
weil eine solche Regelung leicht genommen werden soll;
sondern wir müssen, wie bei einem komplizierten, feinen
Mechanismus, der von einer zentralen Feder bewegt wird,
in das Werk eingreifen, um die Feder anzupassen und zu
        <pb n="18" />
        ﻿regulieren, weil von der absoluten Vollkommenheit ihrer
Funktion die ganze Bewegung des Mechanismus abhängt.

Auf den letzten Seiten des Buches endlich suchte ich
einer, wie mir scheint, tiefen und oft übersehenen Wahr-
heit Ausdruck zu geben. Mit der langsam fortschreitenden
Entwicklung der Menschheit und der menschlichen Gesell-
schaft aus ihrem gegenwärtigen barbarischen und halb-
barbarischen zu einem höheren Zustand auf dem Gebiet
des Geschlechtslebens wird es sich immer deutlicher zei-
gen, daß neben und über der Funktion, den Strom des
physischen Lebens zu erzeugen und weiter zu leiten (einer
Funktion, die das Gattungsleben der Menschheit mit dem der
niedrigsten Tiere und Pflanzenteilt, die aber selbst von bedeu-
tenden Denkern der Gegenwart als dessen einzig mögliche
betrachtet zu werden scheint), das Geschlecht und die ge-
schlechtliche Verbindung von Mann und Frau, ganz ab-
gesehen von der physischen Fortpflanzung, auch ästhe-
tische, geistige und seelische Funktionen und Ziele besitzt.
So vornehm die Aufgabe der physischen Fortpflanzung der
Menschheit durch die Vereinigung von Mann und Frau
an sich ist, so liegen in ihr, richtig besehen, noch andere
höhere Formen schöpferischer Energie und lebenspen-
dender Kraft verborgen, deren Geschichte auf Erden kaum
begonnen hat. So wie die erste wilde Rose, als sie an
ihrem Stengel saß, mit ihrem Kreis von Staubfäden und
Stempel und einem einzigen Wirtel blasser Blumenblätter
erst ihren Lauf begonnen hatte und dazu bestimmt war, im
Laufe der Zeiten Staubfaden um Staubfaden, Blatt um
Blatt zu entwickeln, bis sie hunderte Formen der Freude
und Schönheit annahm.

Und es möchte fast scheinen, daß, während der Mann
so oft auf anderen Wegen der Führende war, hier auf dem
Wege zu höherem Geschlechtsleben auf Erden es viel-
leicht die Frau sein wird, die auf Grund jener selben ge-
schlechtlichen Bedingungen, die sie in der Vergangenheit

12
        <pb n="19" />
        ﻿niedergedrückt und gefesselt haben, nun die Führende
sein wird und der Mann wird folgen. So daß endlich die
Geschlechtsliebe, dieser müde Engel, der die Zeiten hin-
durch den Gang der Menschheit geleitet hat, mit irrem
Auge und gebrochenen Schwingen, die Flügel so vom
Schlamm der Lust und Gier beschmutzt, die goldenen
Locken so vom Schutt des Unrechts und der Unterdrük-
kung besudelt, daß, die ihn erblickten, entsetzt aufschrien:
„Er ist das Unheil, nicht das Heil des Lebens“, und ihn
auszutreiben versuchten — daß dieser Engel nun im Strom
der Freundschaft und Freiheit, vom Kot und Staub der
Jahrhunderte reingebadet, sich aufschwingt mit ausgebrei-
teten weißen Schwingen, die im Sonnenschein einer fernen
Zukunft erglänzen — das wahrhaft Gute und Schöne des
menschlichen Lebens.

Ich habe dieses Büchlein meiner Freundin Lady Con-
stance Lytton gewidmet, nicht weil ich es ihrer wert erachte,
noch auch um der glänzenden Rolle willen, die sie in dem
Kampf, den die Frauen Englands gegenwärtig für gewisse
Formen der Freiheit führen, gespielt hat. Ich tue es, weil,
wenn ich dies ohne die Heiligkeit naher persönlicher
Freundschaft zu verletzen, sagen darf, sie neben ein
oder zwei anderen Männern und Frauen, die ich gekannt
habe, für mich das höchste Ideal menschlicher Natur ver-
körpert, in dem geistige Kraft und Stärke des Willens mit
unendlicher Zartheit und weitherzigem, menschlichem Mit-
gefühl verbunden sind, eine Vereinigung, die, ob sie sich
nun bei Mann oder Frau findet, das Wesen des voll abge-
rundeten, harmonischen Menschen ausmacht. Wie es eine
geniale Engländerin in eine Zeile zusammenfaßte, als sie
ihre große französische Schwester apostrophierte: „Du groß-
denkende Frau und mildherziger Mann!“

N och einWort will ich hinzufügen, da ich nicht mehr über die-
sen Gegenstand reden oder schreiben dürfte. Zu den Männern
und Frauen der kommenden Generation möchte ich spre-

iß
        <pb n="20" />
        ﻿



gi

B

chen: „Ihr werdet mit Verwunderung auf uns zurückblicken!
Ihr werdet staunen über die leidenschaftlichen Anstren-
gungen, die so wenig erreichten, über die, euch so klaren
.Wege, die wir nicht fanden; über die unerträglichen Übel,
denen gegenüber wir, wie es euch scheinen wird, untätig
blieben; über die großen Wahrheiten, die uns ins Gesicht
blickten und die Vir nicht erkannten; über die Wahrheiten,
nach denen unsere Hände langten, ohne sie ganz erfassen
zu können. Ihr werdet euch wundem über diese Arbeit, die
so wenig erreichte — aber eins werdet ihr nicht wissen,
daß es der Gedanke an euch war, der uns den Kampf
kämpfen ließ, den wir kämpften und das Wenige errei-
chen, das wir erreicht haben „der Gedanke an euere höhere
Vollendung, an euer reicheres Leben, in dem wir Trost
fanden für die Wertlosigkeit unseres eigenen.“

„Was ich zu sein gestrebt, nicht was ich war, das ist mein Trost.“

o. s.

14
        <pb n="21" />
        ﻿I.	PARASITISMUS

er aufmerksam den Streit verfolgt, der sich fn der

W modernen Welt erhoben hat, in dem bald dies, bald
jenes durch und für große Frauengruppen gefordert
wird, der kann als Grundton unter all dem wirren Lärm
den Ruf heraushören: Gebt uns Arbeit und die Bil-
dung, die uns zur Arbeit befähigt! Wir fordern
dies nicht allein für uns, sondern um der
Menschheit willen.

Wir wollen diese Forderung folgendermaßen logisch
entwickeln: Gebt uns Arbeit! Unzählige, Tausende, Mil-
lionen Jahre haben wir gearbeitet. Als der Mann der
Urzeit unstät umherwanderte, der nackte, kaum zu auf-
rechtem Gang gelangte Wilde jagte und focht, wanderten
wir mit ihm; jeder seiner Wege war der unsere. In unse-
ren Leibern, auf unseren Schultern trugen wir das Ge-
schlecht; wir suchten Wurzeln und Kräuter für seine Nah-
rung; wir bereiteten das Wild, das der befiederte Pfeil
oder die Schlinge des Mannes erreichte. Seite an Seite
wanderten wir, der wilde Mann und die wilde Frau, und
frei arbeiteten wir gemeinsam. Und wir waren zufrieden!

Dann trat ein Wandel ein. Die Wanderungen hörten auf;
wir ließen uns auf einem Fleck Erde nieder; wieder ward
die Arbeit unseres Lebens zwischen uns geteilt. Während
der Mann zur Jagd auszog oder in den Kampf gegen den
Feind, der all unseren Besitz bedrohte, bearbeiteten wir das
Land. Wir lockerten die Erde, wir schnitten das Korn, wir
erbauten die Wohnungen, wir woben die Kleider, wir form-
ten die irdenen Gefäße und zeichneten Linien darauf, der
erste Versuch der Menschheit in häuslicher Kunst. Wir
studierten die Eigenschaften und den Nutzen der Pflanzen,
und unsere alten Frauen waren die ersten Ärzte der Rasse,
wie auch oft ihre ersten Priester und Propheten.

Wir ernährten das Geschlecht an unseren Brüsten, wir

15
        <pb n="22" />
        ﻿trugen es in unseren Armen, durch uns ward es gebildet,
ernährt und bekleidet. Mühsamer und endloser war unsere
Arbeit als jene des Mannes, und dennoch klagten wir nie,
daß sie uns zu schwer fiele. Während der wilde Mann im
Sonnenschein auf seinen Fellen lag, ausruhte, um neue
Kräfte für Jagd und Krieg zu sammeln, oder seine tod-
bringenden Waffen schnitzte, aß und trank er, was unsere
Hände für ihn bereitet hatten. Und wenn wir über unserem
Mühlstein knieten oder die Felder auf harkten, vielleicht
mit einem Kinde im Leibe und einem andern auf dem
Rücken, arbeiteten, bis der junge Körper vorzeitig alterte
— jammerten wir jemals, daß die uns zugeteilte Arbeit zu
hart sei? Wußten wir nicht, daß das Weib, das sich seiner
Bürde entledigte, dem Manne glich, der in der Schlacht
seinen Schild wegwarf — ein Feigling und Verräter seines
Volkes? Der Mann kämpfte — das war seine Aufgabe; wir
ernährten und zogen das Geschlecht auf — das war die
unsere. Wir wußten, daß von unserer Arbeit wie von der
des Mannes das Leben und Wohlbefinden des Volkes ab-
hing, das wir geboren hatten. Wir ertrugen unsere schwere
Arbeit ruhig, wie der Mann seine Wunden, und wir waren
zufrieden.

Dann kam wieder ein Wandel. Jahrhunderte vergingen,
und es kam eine Zeit, wo nicht mehr alle Männer auf die
Jagd oder in den Krieg mußten, wo nur einer von fünf oder
von zehn oder von zwanzig fortwährend hiervon in An-
spruch genommen wurde; da nahm unser Gefährte einen
Teil unserer Arbeit auf sich; denn sein altes Arbeitsfeld
bot nicht mehr genug Beschäftigung. Auch er begann das
Feld zu bebauen, Häuser zu errichten, Korn zu mahlen,
oder seine Sklaven mußten es tun; und die Harke, die
Töpferscheibe und sogar der Mahlstein, den wir zuerst auf-
gelesen und geglättet hatten, um die Nahrung unserer Kin-
der zu mahlen, alles ging von unseren Händen in die sei-
nen über. Das alte schöne Leben im Freien hatte für uns

16
        <pb n="23" />
        ﻿ein Ende; wir zogen uns in die Häuser zurück, wo die Zeit
langsamer vergeht und die Welt trauriger erscheint als
unter freiem Himmel; doch wir hatten unsere Arbeit und
wir waren zufrieden. Wenn wdr auch die Nahrung unse-
res Volkes nicht mehr unter unseren Händen reifen sahen,
so bereiteten wir sie doch; wenn wir auch den Flachs und
den Hanf nicht immer mehr selbst pflanzten und vorrich-
teten, so webten wir doch die Gewänder für die Unseren;
wenn wir auch die Wände unserer Häuser nicht mehr er-
richteten, so bedeckten wir sie doch mit Teppichen, die
das Werk unserer Hände waren. Wir brauten das Bier,
kochten und verordneten die Heiltränke, die als Arzneien
dienten, und unter unseren Augen wuchsen die Kinder, die
wir geboren, heran von der Geburt bis zur Mannheit;
ihre Stimme konnte uns immer erreichen. Wir saßen
spinnend vor der Haustüre und blickten über die Felder
hin, die wir einst selbst bestellt hatten — und wir waren
zufrieden. Adlige, Bäuerinnen und Bürgersfrauen, wir alle
hatten unser Teil Arbeit zugemessen!

Hätte man vor tausend Jahren irgendeine Edeldame ge-
fragt, ob sie nicht in den Kampf ziehen wolle oder im
Ratssaal Recht sprechen, oder neue Gesetze beraten wolle,
sie hätte sicher geantwortet: „Bin ich verrückt, daß man
solche Fragen an mich richtet? Habe ich nicht hundert
Mägde am Spinnrad und am Stickrahmen sitzen ? Muß ich
nicht mit eigenen Händen Hunderten meiner Leute das
Brot zuteilen? Geh in die große Halle und sieh dir die
Teppiche an, die ich in jahrelanger Arbeit mit meinen
Mägden geschaffen und an denen wir noch zwanzig Jahre
zu arbeiten haben, daß sie meinen Kindeskindern einst
Zeugnis ablegen von den großen Taten ihrer Vorväter.
Geh in meine Vorratskammer und sieh die Salben und
Heiltränke, die ich mit eigenen Händen bereitete, um
meine Leute und die Kranken der Umgebung zu heilen.
Es würde schlimm stehen, wenn die Männer heim kämen



I

2 Schreiner, Die Frau

17
        <pb n="24" />
        ﻿von Krieg und Kampf gegen wilde Tiere, müde und wund,
und das Weibervolk wäre abwesend, um zu fechten und zu
jagen, und niemand wäre da, ihre Wunden zu verbinden,
ihr Mahl zu bereiten, den Haushalt zu führen und zu re-
gieren. Weit eher könnte mein Herr und sein Gefolge uns
in unserer Arbeit beistehen, als daß wir ihnen hülfen. Du
hast wohl deinen Verstand verloren! Was sollte aus dem
Lande werden, wenn die Frauen ihre Arbeit verließen?“
Und hätte man die Bürgersfrau gefragt, warum sie nicht
im Laden ihres Mannes mitarbeite oder Waren auf den
Markt oder in fremde Länder trüge, sie würde sicher ge-
antwortet haben: „Raube mir meine Zeit nicht mit solchen
Fragen. Das Brot ist im Backofen, ich rieche schon, wie
es sich bräunt. Der Winter naht heran, meine Kinder brau-
chen wollene Unterkleider, und mein Mann braucht einen
warmen Rock. Ich habe sechs Bottiche Bier zu brauen,
meine Töchter muß ich spinnen und nähen lehren, und
meine Jüngsten hängen an meinen Röcken. Und du fragst
mich, warum ich nicht Arbeit außer Haus suche! Mein
Gott, sollte ich meinen Haushalt verlassen und dann im
Sommer verhungern und im Winter erfrieren und meine
Kinder verwahrlosen lassen, während ich herumirre nach
neuer Arbeit. Der Mann muß seinen Wanst gefüllt und
etwas Warmes auf dem Leib haben, das ist das erste. Wer
sollte spinnen und backen und brauen und die Kinder
pflegen und erziehen, wenn ich in die Fremde zöge? Noch
mehr Arbeit, wenn schon jetzt die Tage nicht reichen und
ich bis in die Nacht hinein arbeiten muß! Ich habe keine Zeit
mit Narren zu reden! Wer sollte für den Nachwuchs sor-
gen und ihn aufziehen, wenn nicht ich?“

Und das junge Mädchen, das an der Haustür am Spinn-
rad sitzt, sie hätte auf die Frage, wieso sie zufrieden wäre,
warum sie nicht nach Arbeitsfeldern suche, sicher geant-
wortet : „Laß mich in Frieden, ich habe keine Zeit dir zu-
zuhören. Siehst du nicht, daß ich spinne, daß auch ich das
        <pb n="25" />
        ﻿eigene Heim ersehne? Ich webe das Linnen für meinen
Haushalt, für die Jahre, die kommen. Die Schränke müssen
gefüllt sein, ehe ich ans Heiraten denken darf. Du kannst
es nicht hören; ich aber höre, wenn ich allein sitze und
spinne zwischen dem Schnurren des Spinnrades in weiter
Ferne die Stimme meiner noch ungeborenen Kinder, und
sie rufen mir zu: „O Mutter, eile doch, wir wollen leben!“
— und manchmal, wenn ich, über mein Rad hinweg, in die
Sonne zu blicken scheine, sehe ich die Glut meines eige-
nen Kamins, und der Schein erhellt die Gesichter, die ihn
umgeben; und ich spinne eifriger und schneller, wenn ich
an die Zukunft denke. Und mich frägst du, warum ich
nicht im Felde arbeite mit dem Burschen, den ich gewählt ?
Ist denn seine Arbeit wichtiger für die Errichtung unseres
Heims, als die meine? O, unverdrossen will ich für ihn und
meine Kinder arbeiten, viele, viele Jahre. Jetzt kann ich
aber nicht länger mit dir plaudern. Die Stimmen meiner
Kinder rufen, und ich muß mich beeilen. Und mich frägst
du, warum ich nicht neue Arbeit suche, die ich alle Hände
voll zu tun habe? Wer soll meinem Volk neue Menschen
geben, wenn nicht ich ?“

So hätte unsere Antwort in Europa in vergangenen Zeiten
gelautet, wenn man uns gefragt hätte, wie es komme, daß
wir mit unserem Arbeitsfelde zufrieden seien und nichts
weiter suchten. Der Mann hatte seine Arbeit; wir hatten
die unsere. Wir wußten, daß wir unsere Welt auf unseren
Schultern trugen, und daß sie durch unserer Hände Arbeit
gestärkt und erhalten wurde — und wir waren zufrieden.

Aber jetzt kam wieder ein Wandel.

Etwas ganz Neues trat in den menschlichen Arbeitskreis,
und nichts blieb, wie es vorher gewesen.

Im Arbeitsfeld des Mannes hat sich der Wandel voll-
zogen und vollzieht sich immer rascher. Auf einem Stück
Land, auf dem sich einst fünfzig Männer und Burschen
mit Zugvieh plagten, arbeitet jetzt ein Dampfpflug, nur von

2*

19
        <pb n="26" />
        ﻿wenigen Händen geführt, und eine automatische Mäh-
maschine schneidet, bindet und bereitet für den Speicher
das Produkt von Feldern, das einst hundert starke Männer-
arme zur Ernte erfordert hätte. Die eisernen Werkzeuge
und Waffen, von denen jedes einzelne Stück unsern Vor-
vätern monatelange, schwere Mühe kostete, bis das Metall
aus dem Erz geschieden, geformt und gehärtet war, —
sie werden jetzt von dampfgetriebenen Maschinen her-
ausgeschüttet, wie aus dem Mühlbach das Wasser her-
vorschießt. Und sogar im Kriege, des Mannes ältestem
und ureigenstem Gebiet, auch darin griff ein völliger Um-
sturz der alten Ordnung ein. Es gab eine Zeit, wo die Mus-
kelkraft der Schenkel und Arme, die Größe und Stärke des
Körpers hauptsächlich die Eignung des Mannes für den
Krieg entschied, wo ein Achilles oder ein Richard Löwen-
herz den Feind vor sich her jagte, obwohl er nur mit einem
Speer oder einer Streitaxt bewaffnet war; heute kann das
schwächlichste Männchen in voller Sicherheit, hinter einer
modernen Maximkanone postiert, eine Phalanx von Helden
niedermähen, die ein griechischer Gott um ihre Arm- und
Schenkelmuskeln beneidet hätte, die aber kraftlos hinsin-
ken mußten, weil sie nicht die modernen Kriegswaffen be-
sitzen. Die Tage, da der höchste Wert für die Menschheit
in Krieg und Frieden in des Mannes Streck- und Beuge-
muskeln lag, sind vorbei für immer, und der Tag, da die
Verfeinerung und Tätigkeit von Gehirn und Nerven die
entscheidende Wichtigkeit besitzen, ist bereits erschienen.

Der Geist eines einzigen lungenkranken deutschen Che-
mikers, der einen neuen Explosivstoff in seinem Labora-
torium mischt, beeinflußt die Kriege der modernen Völker
mehr, als zehntausend kämpfende Arme und Beine; und
die Gehirntätigkeit eines Mannes, der eine arbeitsparende
Maschine erfindet, verrichtet eine Arbeit, die sonst das
Leben von Hunderttausenden seiner kräftigen Genossen
ausgefüllt hätte.

20
        <pb n="27" />
        ﻿Jedes Jahr, jeden Monat, fast jede Stunde zeigt sich wach-
send dieser Umschwung auf den Gebieten moderner Ar-
beit, und immer tiefer sinkt der Wert der rohen Muskel-
kräfte von Menschen und Tieren auf dem Arbeitsmarkt,
während geistige Kraft, Reife, Gewandtheit und jene Bil-
dung, die zur Herrschaft über die leblosen Naturkräfte,
zur Erfindung von Maschinen führt, im Verein mit der fei-
nen Handfertigkeit, die zu deren Bedienung erforderlich
ist, immer größere Wichtigkeit für die Menschheit erlan-
gen. Schon stehen wir mit gespannter Erwartung am Vor-
abend einer Erfindung, einer einfachen, billigen Methode
zur Dienstbarmachung verbreiteter, überall erreichbarer
Naturkräfte (wie z. B. der Kraft von Ebbe und Flut).
Dann wird plötzlich mit einem Schlage und für immer
der schon im jetzigen Zivilisationsstadium verhältnismäßig
geringe Wert roher, mechanischer, menschlicher Kraft
verschwinden. Der physisch noch so kräftige Mensch, der,
nach Art der Maschine, nichts kann als stoßen, ziehen
und heben, wird auf den Gebieten menschlicher Arbeit
keinen Wert mehr besitzen.

Daher sehen wir schon heute überall, wo die Bedingun-
gen moderner Zivilisation vorherrschen und in dem Maße in
dem sie vorherrschen, überall wo die Kräfte des Dampfes,
der Elektrizität, des Windes und Wassers durch mensch-
lichen Geist als Bewegungskräfte in den Dienst der Ver-
vollkommnung menschlicher Arbeit gezwungen sind, wo
fein angepaßte, wissenschaftlich konstruierte Maschinen an
die Stelle einfacher Handarbeit getreten sind, in der gan-
zen Welt große Gruppen von Männern, denen ihre alten
Arbeitsgebiete entschwunden sind oder im Begriff sind
zu entschwinden, und die vor der Tatsache stehen, daß die
moderne Welt weder Platz noch Bedarf für sie hat.

Je mehr unsere Zivilisation fortschreitet, um so mehr fin-
den wir an unseren Hafenplätzen, in den Straßen und auf
den Feldern überall Männer, deren Gestalt und Körper-

21
        <pb n="28" />
        ﻿kraft sie in primitiveren Zeiten als Krieger zu unschätz-
baren Mitgliedern der Gemeinschaft gemacht hätte, und die
selbst noch in Zeiten geringerer Zivilisation als der unse-
ren wertvoll als Arbeitsmaschinen gewesen wären, heute
aber, mangels intellektueller oder manueller Ausbildung,
der Gesellschaft keine wirklich notwendige Leistung zu
bieten haben und daher das große „Heer der Arbeitslosen“
bilden — Menschen, deren einziger Besitz an Fähigkeiten
bei ihren Nebenmenschen so wenig Anwert findet, daß sie
trotz intensivster physischer Anstrengung kaum das Nö-
tigste verdienen. Die materiellen Lebensbedingungen ha-
ben sich rapid verändert, aber der Mensch nicht mit ihnen.
Maschinen haben größtenteils sein Arbeitsfeld eingenom-
men; er aber hat kein neues dafür gefunden.

Von diesen Männern, die, vom allgemein menschlichen
Standpunkt betrachtet, oft zu den liebenswürdigsten und
interessantesten Typen gehören, und die in primitiveren
Zeiten, wo physische Kraft als Hauptfaktor galt, vielleicht
die Führer, Helden und Häuptlinge ihres Volkes gewesen
wären, von diesen geht in der modernen Welt der bittere
Schrei der Arbeitslosen aus: „Gebt uns Arbeit, wir ster-
ben.*

Und doch ist es nur ein Teil, und zwar ein verhältnis-
mäßig kleiner Teil der Männer der modernen, zivilisierten
Welt, auf die der Umschwung der materiellen Lebensbe-
dingungen so gewirkt hat, daß er sie um alle nützliche
Beschäftigung gebracht und sie gänzlich oder teilweise un-
nütz für die Gesellschaft gemacht hat. Wenn die Arbeits-
gelegenheit des modernen Mannes auf der einen Seite, der
physischen, abgenommen hat, so hat sie auf der anderen,

* Das Problem der Arbeitslosigkeit des Mannes ist natürlich lange nicht
so neu, wie das der Arbeitslosigkeit der Frau. In England ist es schon
im 15. Jahrhundert, als die wirtschaftlichen Veränderungen anfingen, den
Landarbeiter von seinem Boden zu trennen und ihn seiner alten Arbeits-
arten zu berauben, fast in seiner heutigen Form aufgetaucht. Und doch
muß man das Problem in seiner schärfsten Form ein modernes nennen.
        <pb n="29" />
        ﻿der intellektuellen, unermeßlich zugenommen. Wenn Ma-
schinen und die Herrschaft über die Naturkräfte des Man-
nes physische Kraft verhältnismäßig entwerteten, so wuchs
die Nachfrage nach seinen geistigen Fähigkeiten, seiner
nervösen Energie und nach feinerer manueller Geschick-
lichkeit in der Arbeit des täglichen Lebens ins Unabseh-
bare.

Nach zahllosen neuen Richtungen eröffneten sich dem
modernen Manne ehrende und einträgliche soziale Arbeiten,
von denen sich seine Ahnen nichts träumen ließen, und
täglich wachsen sie noch an Zahl und Wichtigkeit. Dampf-
schiff, hydraulischer Lift, Eisenbahn, elektrische Tram-
bahn, Dampfmühle, Maximgeschütz und Torpedoboot mö-
gen, wenn sie fertig sind, ihre Arbeit mit Leitung und
Hilfe verhältnismäßig weniger Hände verrichten; aber zu
ihrer Erfindung, Konstruktion und Erhaltung bedarf es
einer ganzen Armee von Gelehrten, Technikern und tüch-
tig geschulten Arbeitern. Im Bereich der Kunst, Wissen-
schaft, Literatur und vor allem in der Politik und Verwal-
tung hat eine fast unendliche Vermehrung der Männerar-
beit stattgefunden. Während in primitiver Zeit die Frau
oft der einzige Baumeister war und die Muster, die sie auf
die Wände ihrer Hütte oder auf irdene Gefäße kleckste,
die einzigen Versuche bildender Kunst waren, und wäh-
rend später wenige Männer genügten, um da oder dort ein
Königsschloß, ein Gotteshaus zu errichten oder es mit Sta-
tuen und Bildern zu schmücken, ist heute eine Millionen
starke Armee beschäftigt, bildende Kunst zu schaffen, hohe
und niedere, vom Plakat und den Illustrationen in Pfennig-
journalen bis zu den Bildern und Statuen, welche unsere
Nationalgalerien schmücken, und die einst nur jagenden
und kämpfenden Männer haben ein mächtig großes Ar-
beitsfeld gewonnen. Wo einst eine alte Wunderdoktorin
vielleicht das einzige Geschöpf in der ganzen Gegend war,
das die Naturkräuter und Gesteine .studierte, oder ein

23
        <pb n="30" />
        ﻿Zauberer, der mit Giften experimentierte, weit und breit
das einzige Individuum, das sich mit der Natur beschäf-
tigte, und wo früher ein paar Dutzende von Alchimisten
und Astrologen die Zusammensetzung der Stoffe oder die
Bewegung der Planeten studierten, da arbeiten heute Tau-
sende in jeder zivilisierten Gesellschaft daran, die Geheim-
nisse der Natur zu enträtseln, und der praktische Chemi-
ker, der Arzt, der Anatom, der Ingenieur, der Astronom,
der Mathematiker, der Elektriker bilden eine mächtige
und immer einflußreichere Armee von männlichen Ar-
beitern. Wo einst ein Barde die Nation mit Literatur ver-
sorgte oder später einige Tausende Priester und Gelehrte
für die wenigen schrieben, die lesen konnten, da arbeitet
heute eine Menge von Literaten, zahllos wie ein Heu-
schreckenschwarm. Vom Reporter bis zum Künstler und
Denker, für alle \vächst stündlich die Nachfrage nach ihrer
Arbeit. Wo einst ein Ausrufer mit starken Beinen und kräf-
tigen Lungen genügte, um die Neuigkeiten in Stadt und
Land zu verbreiten, da sitzen heute eine Menge von Män-
nern, um die Spalten der Morgenblätter zu füllen, und Hun-
derte von Schriftsetzern sind bis tief in die Nacht mit einer
Arbeit beschäftigt, die mehr manuelle und geistige Kul-
tur verlangt, als die meisten Führer und Könige alter Zeit
besaßen. Sogar im Kriegshandwerk, dem brutalsten und
primitivsten aller Geschäfte, das auf der zivilisierten Welt
noch aus ihrem Zustand der Wildheit lastet, auch darin ist
der Bedarf an geistiger Arbeit ganz außerordentlich. Die
Erfindung, Konstruktion und Herstellung einer Krupp-
kanone, deren Abfeuerung kaum mehr Muskelkraft erfor-
dert, als ein Wilder zum Werfen seines Bumerangs braucht,
ist das Resultat unendlicher Mühe und Gedankenarbeit,
weit größerer als die Herstellung aller Waffen einer primiti-
ven Armee kostete. Vor allem aber auf dem Gebiete der
Politik und Verwaltung, wo einst ein König oder eine Köni-
gin mit einigen Räten die Herrschaftsführung und Gesetz-

24
        <pb n="31" />
        ﻿gebung ausübten, ist es heute, dank der schnellen Ver-
kehrsmittel, der Druckerpresse und der daraus sich er-
gebenden Verbreitung politischer und sozialer Kenntnisse,
zum erstenmal für jeden Erwachsenen der Gemeinschaft
möglich geworden, über alle öffentlichen Angelegenheiten
stets genau informiert zu sein, und in allen Kulturstaaten
ist jeder einfache Mann fast gezwungen, seinen, wenn auch
kleinen Teil, an den Pflichten und Arbeiten der Gesetz-
gebung und Regierung zu übernehmen. So erschloß sich
der großen Menge der Männer ein weites Arbeitsgebiet,
von dem sich ihre Ahnen nichts träumen ließen. Die Ver-
änderung, welche die Zivilisation hervorgerufen hat, er-
weiterte das Feld männlicher Arbeit nach jeder Richtung
unendlich, während nur eine verhältnismäßig geringe An-
zahl von Männern, die der Gesellschaft nichts als ihre
Muskelkraft zu bieten hatten, dadurch viele und unver-
diente Leiden erdulden mußten. Solange die Welt besteht,
war das Gebiet männlicher Berufsarbeit niemals so viel-
fältig, interessant und in seinen Resultaten für die Gesell-
schaft so wichtig wie jetzt; niemals war im großen und
ganzen das männliche Geschlecht so voll und angestrengt
beschäftigt wie heute.

Wie in früheren Gesellschaftszuständen eine ungeheure,
fast niederschmetternde Last der wichtigsten physischen
Arbeit der Frau zufiel, so fällt heute unter den wohl-
habenden und hochzivilisierten Klassen ein ungebührlich
großer Anteil dem Manne zu. Der dem modernen Leben
eigene, ungesunde Zustand, welcher Gehirn und Nerven
angreift und das Leben Tausender unserer Gesellschaft
verkürzt, gemeinhin als „Überanstrengung“ oder „Ner-
vöse Erschöpfung“ bekannt, ist nur ein Beweis des
Übermaßes der geistigen Arbeit der Männer unserer ge-
bildeten Klassen, die nicht nur sich, sondern auch eine
Anzahl vollständig parasitischer Frauen zu erhalten haben.
Was aber auch das den Mann betreffende Resultat des Um-

25
        <pb n="32" />
        ﻿Schwunges in der modernen Zivilisation sein mag, er kann
sicher nicht klagen, daß er des Arbeitsfeldes beraubt wurde,
daß sein Anteil an den Geschäften des Lebens vermindert
wäre oder daß er zu krankhafter Untätigkeit verurteilt wor-
den sei.

Ganz anders gestalteten sich die Dinge im Arbeitsfelde
der Fraul Der Wandel in den letzten Jahrhunderten, den
wir in dem vielsagenden Wort „moderne Zivilisation“ zu-
sammenfassen, führt dahin, die Frau nicht nur teilweise,
sondern gänzlich der wichtigsten ihrer alten Domänen pro-
duktiver und sozialer Arbeit zu berauben, und wo sie nicht
entschlossenen und zielbewußten Widerstand leistete, er-
öffnete sich ihr nirgends spontan neue und ausgleichende
Gelegenheit zur Arbeit.

Diese Tatsache ist es, die unser modernes „Problem der
Frauenarbeit“ bildet.

Unsere Spinnräder sind zerbrochen; in Tausenden von Rie-
sengebäuden produzieren dampfgetriebene Webstühle, von
mehreren hunderttausend, oft männlichen Händen bedient,
die Bekleidung der halben Welt, und wir dürfen nicht
mehr, wie ehedem, stolz sagen, daß wir und wir allein un-
ser Volk bekleiden.

Unsere Harken und Mahlsteine hatten wir schon längst
an den Pflüger und Müller abgegeben; aber eine Zeitlang
war uns noch der Backtrog und die Braukufe geblieben.
Heute wird unser Brot oft in der Fabrik mit Dampfkraft
geknetet, und die fertigen Laibe werden uns ins Haus ge-
stellt, vielleicht mittels eines von Männerhand geleiteten
Motorwagens 1 Die Entstehung unserer Getränke kennen
wir nicht mehr; wir sehen sie erst bei Tische. Von Tag zu
Tag nehmen maschinenbereitete, in Fabriken gefertigte
Nahrungsmittel einen größeren Raum sowohl im Haushalt
der Reichen, wie der Armen ein. Die Arbeiterfrau wird
bald nur wenig Selbstbereitetes auf ihren Tisch setzen; in
den wohlhabenden Klassen aber haben sich die Dinge der-
        <pb n="33" />
        ﻿art verändert, daß man nicht selten Männer in Haus und
Küche arbeiten oder bei Tisch hinter unseren Stühlen
stehen sieht und uns Frauen nichts zu tun übrig bleibt, als
den Bissen zwischen unsere weiblichen Lippen zu stecken.
Das Heer rosiger Milchmägde ist dahin für immer, um
den Milchzentrifugen und den größtenteils von Männer-
händen bedienten Buttermaschinen Platz zu machen. In
jeder Beziehung wird mit fortschreitender Zivilisation die
alte Redensart, daß die Bereitung der Lebensmittel aus-
schließlich Sphäre der Frau sei, zur veralteten Lüge.

Selbst die untergeordneten häuslichen Beschäftigungen
werden bald nicht mehr in den Kreis der Frauenarbeit fal-
len. In den modernen Großstädten läßt man durch Maschi-
nen oder außerhäusliche, oft männliche Arbeitskräfte Tep-
piche klopfen, die Fenster putzen, die Fußböden bürsten.
Und auch bei der Herstellung der Bekleidung greift die
Veränderung schon viel weiter, als bloß auf die Vorrich-
tung des Materials. Schon beginnt die Nähmaschine im
Hause, die fast ganz die alte Nähnadel verdrängt, zu ver-
alten, und die Tausende von einer Zentraldampfkraft getrie-
benen Maschinen der Fabriken versorgen nicht nur Mann
und Sohn, sondern die Frau selbst mit fast allen Einzel-
heiten ihrer Kleidung von der Unterjacke bis zum Mantel.
In den wohlhabenden Klassen sind männliche Kostüm-
zeichner und Hunderte männlicher Schneider und Putz-
macher daran, dem alten Märchen, daß die Herstellung
der Gewänder für sich und ihre Familie ausschließlich
Aufgabe der Frau sei und einen Teil ihrer häuslichen Ar-
beit bilde, endgültig den Garaus zu machen.

Jahr für Jahr, Tag für Tag engt sich unmerklich, aber
entschieden die Sphäre weiblicher Hausarbeit mehr und
mehr ein, und diese Einengung schreitet genau im Ver-
hältnis mit jenen komplizierten Tatsachen fort, die wir
„moderne Zivilisation“ heißen.

Sie zeigt sich deutlicher in England und Amerika, als in

27
        <pb n="34" />
        ﻿Italien oder Spanien, mehr in den großen Städten, als am
flachen Land, mehr unter den wohlhabenden Klassen, als
unter den Besitzlosen und ist ein untrügliches Zeichen die-
ser fortschreitenden modernen Zivilisation.*

Aber nicht nur und nicht hauptsächlich auf dem Gebiet
der Hausarbeit haben die Veränderungen die Frauen be-
rührt und ihr altes Arbeitsfeld eingeschränkt. Es gab eine
Zeit, da die Frau ihre Kinder unter den Augen behielt,
bis sie erwachsen waren. Ihrer Erziehung, ihrem Einfluß
dankten sie ihr Wesen. Von dem ersten Augenblick, da
das Kind an ihrer Brust lag, bis die Tochter das Haus

* Es ist tatsächlich manchmal etwas Rührendes in der Haltung manches
alten Mütterchens, das da oder dort, inmitten der modernen Zivilisation
lebend, ganz verwirrt wird durch den Wandel in den Pflichten und Auf-
gaben der Frau. In den Augen einer Altersgenossin, die gleich ihr
eine vergangene Kulturepoche überlebt hat, sucht sie die Bestätigung
ihrer Lebensanschauung. Ein beunruhigender Zweifel hat sogar ihre
Seele beschlichen. „Ich,“ sagt sie, „habe immer selbst die Schinken ge-
räuchert und die Socken gestrickt und die Wäsche in der Hand genäht;
wie wir junge Mädchen waren, haben wir das alles gemacht; aber meine
Töchter wollen es nicht mehr tun!“ Und die andere antwortet: „Ja frei-
lich, wir haben das alles gemacht und so gehört sich’s auch; aber es
kommt so hoch, und die fertigen Dinge sind so viel billiger.“ Und die Alten
schütteln die Köpfe, und die Welt scheint ihnen seltsam aus den Angeln,
wenn Pflicht nicht mehr Pflicht ist. Solche Frauen sind wie eine gute
alte Entenmutter, die ihre Entlein durch Jahre immer in denselben Teich
geführt hat und, wenn nun dieser Teich abgeleitet und der eingetrocknete
Schlick zurückgeblieben ist, dennoch darauf besteht, ihre Jungen dorthin
zu bringen und nun flügelschlagend und ängstlich schnatternd an seinem
Rand hin und her watschelt und sie zu bewegen sucht, hineinzugehen.
Aber die Entlein mit ihrem jungen frischen Instinkt hören in der Ferne
das köstliche Rieseln des neuen Wehrs, in dem hoch oben das Wasser
aufgefangen worden ist, und sie riechen die Vogelmiere und das hohe
Gras, das an seinem Rande wächst, und wollen nichts davon wissen,
sich an dem vertrockneten Schlamm zu ergötzen oder Würmer zu suchen,
wo keine sind. Und sie lassen ihre alte Mutter an ihrem Teich quaken
und machen sich auf, neue Futterplätze zu suchen — vielleicht verirren
sie sich? — vielleicht finden sie welche? Der alten Mutter aber möchte
man sagen: „Gute, alte Entenmutter, siehst du nicht, daß die Welt sich
verändert hat? Du kannst das Wasser nicht in den alten Teich zurück-
bringen! Vielleicht war es besser und schöner wie es da war; aber es ist
weg auf immer, und wenn du und die Deinen noch schwimmen wollen,
muß es in anderem Wasser sein. Neue Zeit bringt neue Pflichten.“

28
        <pb n="35" />
        ﻿verließ, um zu heiraten und der Sohn in die Reihe der
Männer trat, standen die Kinder fortwährend unter dem
Einfluß der Mutter. Heute aber sind selbst die einfache-
ren und formalen Zweige der Erziehung so kompliziert
geworden, so gewaltig und unnachsichtig sind die Forde-
rungen der modernen Zivilisation an die spezialisierte
Unterweisung und Erziehung jedes einzelnen, der unter
den heutigen Lebensbedingungen bestehen und sich nütz-
lich erweisen soll, daß das Kind von den frühesten Lebens-
jahren an größtenteils den Händen der Mutter entzogen
und verschiedenen eigens geschulten Erziehern übergeben
wird. Bei den besitzenden Klassen wird das Kind, kaum
geboren, in die Hände einer geschulten Pflegerin gelegt,
aus denen es in die des geprüften Erziehers gelangt; mit
neun oder zehn Jahren verläßt in manchen Ländern der
Knabe für immer das Elternhaus, um in eine Erziehungs-
anstalt, dann ins College und auf die Universität zu kom-
men; während das Mädchen unter der Aufsicht von Er-
zieherinnen und Dienerinnen aufwächst und seine Erziehung
und Bildung meistenteils auch nur in geringem Maße
dem mütterlichen Einfluß dankt. In den besitzlosen Klas-
sen wieder entzieht zuerst der Kindergarten und die Volks-
schule, später die Schulung für ein Handwerk oder Ge-
werbe den Sohn und oft auch die Tochter ebenso vollstän-
dig der mütterlichen Aufsicht, und das um so mehr, je
weiter die Zivilisation fortschreitet. So auffallend ist der
Wandel auf diesem ehemaligen Gebiet weiblicher Tätig-
keit, daß fast in allen Ständen Frauen, die mehrere Kinder
zur Welt gebracht haben, in noch mittleren Jahren allein in
ihrem leeren Hause sitzen, weil all ihre Kinder in der
Fremde sind, um ihre Erziehung und Bildung von anderen
zu erhalten. Die alte Behauptung, daß die Erziehung und
Bildung der Kinder ausschließlich die Aufgabe der Mütter
sei, so wahr sie in bezug auf die ferne Vergangenheit sein
mag, ist jetzt vollständig unrichtig; und die Frau, die heut-
        <pb n="36" />
        ﻿zutage darauf bestehen würde, ihr Kind ganz allein zu er-
ziehen, würde es in neun Fällen von zehn unverbesserlich
schädigen, weil sie dazu unfähig ist.

Aber womöglich noch tiefer und einschneidender haben
die Veränderungen der modernen Zivilisation unser altes
Leistungsgebiet in einer andern Richtung ergriffen — in
jenem Teil menschlichen Schaffens, das unser besonderes
und ureigenstes ist und uns niemals ganz genommen wer-
den kann. Hier ist die Einschränkung größer als in irgend-
einer andern Richtung und berührt uns als Frauen am
wesentlichsten.

Es gab eine Zeit — und heute noch ist es so bei allen
primitiven und wilden Völkern —, da die erste und
wichtigste Pflicht der Frauen gegenüber der Gesellschaft
die war, zu gebären, viel zu gebären, unablässig zu ge-
bären! Von der hinreichenden und wiederholten Erfüllung
dieser passiven Leistung und von dem erfolgreichen Näh-
ren und Aufziehen der Jungen an der Mutterbrust hing
nicht nur die Wohlfahrt, sondern oft auch die Existenz des
Stammes und Volkes ab. Wo, wie es fast bei allen bar-
barischen Völkern der Fall ist, die Kindersterblichkeit
eine hohe ist, wo die fortwährenden Unfälle durch Krieg,
Jagd und Gewaltakte die Zahl der erwachsenen Männer
vermindert, wo die wundärztliche Kunst noch so in den
Kinderschuhen steckt, daß die meisten Wunden todbrin-
gend werden, wo vor allem immer wiederkehrende Pest
und unvorhergesehene Hungersnot, vor der es kein Ent-
rinnen gab, das Volk dezimierten, war es von der höchsten
Wichtigkeit, daß die Frau ihre schöpferische Kraft bis zur
äußersten Grenze anstrengte, wenn das Geschlecht nicht
auf einmal hinschwinden und aussterben sollte. „Möge der
Leib deines Weibes nie aufhören zu gebären“, ist noch
heute der höchste Ausdruck des Wohlwollens seitens eines
afrikanischen Häuptlings gegenüber dem scheidenden Gast.
Denn nicht nur das Wohl und die Stärke ihres Volkes als

30
        <pb n="37" />
        ﻿Ganzes fördert die fruchtbare Frau in primitiven Gesell-
schaftszuständen, sondern auch das ihres eigenen männ-
lichen Gefährten und ihrer Familie. Wo die sozialen
Lebensverhältnisse so einfach sind, daß außer dem Ge-
bären und Säugen des Kindes auch seine Pflege und Er-
nährung während der Kindheit fast ausschließlich Arbeit
und Sache der Mutter ist und seine Erziehung und Bil-
dung der Familie oder dem Stamm keinerlei Auslagen ver-
ursacht, überwiegt der Wert der Erwachsenen sowohl für
den Staat als den einzelnen Mann unendlich die Mühen
und Kosten der Aufzucht, die fast ganz der Mutter zu-
fallen. Der Mann, der mit seinen zwanzig Kindern zwanzig
künftige Krieger und Arbeiter besitzt, ist um soviel reicher
und mächtiger als der, der bloß eines hat; der Staat
aber, dessen Frauen fruchtbar sind und für ihre Kinder
arbeiten und sie großziehen, ist sichergestellt gegen Unter-
gang. Ununterbrochenes und ausdauerndes Kindergebären
ist demnach wirklich die höchste Pflicht und die sozial
höchstgewertete Tätigkeit der primitiven Frau, die in ihrer
Wichtigkeit für die Allgemeinheit die Arbeit des Mannes
in Krieg und Jagd vollkommen aufwiegt. Selbst in jenem
Kulturzustand, der in den Jahrhunderten herrschte, die
zwischen primitiver Wildheit und hoher Zivilisation lagen,
war die Forderung nach fortgesetztem unablässigen Kin-
dergebären als höchste soziale Pflicht der Frau im ganzen
kaum weniger gebieterisch. Während des Mittelalters und
fast bis zu unseren Tagen herab war in Europa die Kin-
dersterblichkeit beinahe ebenso groß wie im Zustand der
Wildheit; medizinische Unwissenheit zerstörte unzählige
Leben; da die antiseptische Wundbehandlung noch unbe-
kannt war, verliefen ernstliche Verwundungen fast noch
immer tödlich; bei dem niedrigen Stand der Hygiene waren
Seuchen, wie die zur Zeit Justinians, die sich über die
ganze zivilisierte Welt von Indien bis nach Norwegen ver-
breitete und nahe daran war, den Erdball zu entvölkern,
        <pb n="38" />
        ﻿oder wie der „schwarze Tod“ von 1349, der in England
allein mehr als die Hälfte der Inselbewohner dahinraffte,
nur extreme Formen der chronischen Menschenvernichtung
durch Infektionskrankheiten; dazu waren die Kriege nicht
nur weit häufiger, sondern zerstörten infolge der Hungers-
nöte, die sie fast unfehlbar nach sich zogen, noch viel
mehr Menschenleben, als in unsern Tagen, und gewaltsame
Tötungen sowohl seitens des Staates, als infolge persön-
licher Feindseligkeiten waren etwas Alltägliches in allen
Ländern. Unter diesen Verhältnissen würde die Enthal-
tung der Frauen von unablässigem Kindergebären fast zu
denselben ernsten Folgen der Verminderung oder selbst
des Aussterbens ihres Volkes geführt haben; wie in der Pe-
riode der Wildheit. Auch hing der Bestand der Zivilisation
dieser Zeit von der Hervorbringung einer immensen Zahl
von Individuen ab, die sich als Lasttiere mit ihrer rohen
Muskelkraft in den Dienst der Landarbeit und des Gewerbes
stellten und ohne die jene Zwischenstufen der Zivilisation
bei dem Mangel von Maschinen unmöglich gewesen wären.
Zwanzig Männer mußten geboren, an der Mutterbrust ge-
nährt und aufgezogen werden, um jene grobe Arbeit zu
verrichten, die heute ein kleiner, gut gebauter Dampfkrahn
leistet, und der Bedarf an großen Massen menschlicher
Geschöpfe als bloße Kraftreservoire zur Verrichtung der
einfachsten Prozesse war eine Notwendigkeit. So stark war
tatsächlich das Bewußtsein der gesellschaftlichen Not-
wendigkeit fortwährenden Gebärens durch die Frau, daß
Luther noch in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts
schrieb: „Wenn eine Frau erschöpft wird und endlich
stirbt, weil sie Kinder gebärt, so tut es nichts; laßt sie
nur am Gebären sterben, denn dazu ist sie da,“ und er gab
damit zweifellos, wenn auch in einer etwas ungeschliffenen
und brutalen Form, einer Anschauung Ausdruck, die von
der Mehrzahl seiner Zeitgenossen, Männern wie Frauen,
geteilt wurde.

32
        <pb n="39" />
        ﻿Heute haben sich diese Verhältnisse fast vollständig um-
gekehrt.

Die Fortschritte der Wissenschaft und die Verbesserun-
gen der physischen Lebensbedingungen führen zu einer
rapiden Abnahme der Sterblichkeit unter den Menschen.
Die Kindersterblichkeit ist bei den oberen Ständen in den
modernen Staaten um mehr als die Hälfte gesunken, und
auch in den besitzlosen Klassen beginnt sie, wenn auch
langsam, zu fallen. Durch die zunehmende Kenntnis der
Gesetze der Hygiene ist die Entvölkerung durch Seuchen
bei allen zivilisierten Völkern zu einer Sache der Vergan-
genheit geworden, und die Entdeckungen der nächsten
zwanzig oder dreißig Jahre werden wahrscheinlich auch
die Gefahren der Infektionskrankheiten für immer ban-
nen. Hungersnöte jener verzweifelten Art früherer Zeiten
sind eine Unmöglichkeit geworden, da die schnellen Ver-
kehrsmittel den Mangel des einen Landes mit dem Über-
fluß des andern decken; Kriege und Gewalttaten, die zwar
noch nicht ganz verschwunden sind, sind doch schon zu
Episoden im Leben der Völker wie der Individuen gewor-
den; während durch die großartigen Fortschritte der Chi-
rurgie und Antiseptik die Folgen von Verwundungen und
Verstümmelungen nur zum kleinen Teil mehr tödlich sind.
All diese Veränderungen haben dahin geführt, die Sterb-
lichkeit zu vermindern und das Menschenleben zu verlän-
gern, so daß es schon heute für ein Volk möglich ist, mit
einem verhältnismäßig kleinen Aufwand an weiblicher Le-
benskraft für die passive Leistung des Gebärens nicht
nur seine Zahl zu erhalten, sondern sie zu vermehren.

Aber noch bedeutender hat sich die Anforderung an die
weibliche Gebärkraft durch den Wandel in einer anderen
Beziehung vermindert.

Jede technische Erfindung, durch die der Bedarf an gro-
ber, ungelernter menschlicher Muskelkraft abnimmt, ver-
mindert auch die soziale Anforderung an die Frau, große

3 Schreiner Die Frau

33
        <pb n="40" />
        ﻿Massen derartiger Arbeiter hervorzubringen. Wir haben
schon durchweg in der modernen zivilisierten Welt einen
Punkt erreicht, an dem nicht mehr ein Bedarf nach mensch-
lichen Geschöpfen besteht, die im großen ganzen nur als
Lasttiere verwendet werden, sondern eher und ausschließ-
lich nach Individuen, die sich durch ihre Erziehung und
Bildung zur Verrichtung der komplizierten Pflichten des
modernen Lebens eignen. Was wir gegenwärtig brauchen,
sind nicht mehr viele Menschen, sondern lieber wenige,
aber diese wenigen wohlentwickelt von Geburt und durch
Erziehung.

Die Frau, die heute zwölf Kinder zur Welt bringt und
säugt und sie dann ihrer Gemeinde oder der Familie über-
läßt, wird mit Recht als ein Fluch und Schädling, nicht als
eine produktive Kraft dieser Gesellschaft betrachtet wer-
den. Tatsächlich ist es in der modernen Welt so schwer
und kostspielig geworden, auch nur ein Individuum so auf-
zuziehen und auszubilden, wie es der Kampf mit den Kom-
pliziertheiten und Schwierigkeiten unseres Daseins erfor-
dert, daß sowohl für Familie als Staat grenzenlose Frucht-
barkeit der Frau in der Mehrzahl der Fälle ein nicht gut-
zumachendes Übel bedeutet. Der Handarbeiter, der mit
größten Opfern seine Kinder bis zum zwölften oder vier-
zehnten Jahr erhalten und erziehen muß, wenn sie sich
nur irgendwie als Arbeiter fortbringen sollen, bricht,
wenn die Familie groß ist, oft unter der Last zusammen
und muß seine Sprößlinge zu verwahrlosten, ununterrich-
teten, unnützen Geschöpfen werden lassen. Für den Mann
der gebildeten Stände, der gezwmngen ist, durch geistige
Arbeit mit riesigen Kosten seine Söhne, bis sie zwanzig
Jahre und darüber sind, zu verpflegen und auszubilden und
die Töchter oft, wenn sie nicht heiraten, ihr Leben lang
zu erhalten, ist eine große Familie nicht weniger verhäng-
nisvoll. Der Staat aber, dessen Frauen unbekümmert große
Massen von Individuen gebären, mehr als sie zu ernähren

34
        <pb n="41" />
        ﻿und aufzuziehen imstande sind, ginge der Gefahr des
Ruins entgegen. Für die moderne Frau lautet das Gebot
nicht mehr einfach: „Du sollst Kinder gebären“, sondern
vielmehr: „Du sollst nicht mehr Kinder gebären, als du
ordentlich erhalten und erziehen kannst“. Die Frau, die
heute mit zwölf Kindern vor dem Tor des Werkhauses
oder vor der Ärmenbehörde erschiene und für sich und die
Kinder anständigen Unterhalt fordern würde als Entgelt
ihrer Leistung, die Kinder zur Welt gebracht zu haben,
würde kaum viel Gehör finden. Und der moderne Mann,
den man heute an seinem Hochzeitstag den guten Wunsch
von ehedem darbringen würde, er möge Vater von zwan-
zig Söhnen und zwanzig Töchtern werden, würde dies eher
als Fluch, denn als Segensspruch betrachten. Es ist sicher,
daß die Zeit herannaht, da Kindergebären nicht mehr als
eine Leistung an sich angesehen wird, die unter allen Be-
dingungen für die Gesellschaft von Vorteü ist, sondern
vielmehr als ein hohes Privileg, das nur jenen zukommt,
die ihre Fähigkeit beweisen, ihre Sprößlinge rechtschaffen
zu erziehen und zu versorgen.*

* Die Verschiedenheit zwischen den primitiven und modernen Anschau-
ungen über diesen Gegenstand wird treffend und eigenartig durch fol-
gende zwei Vorfälle beleuchtet. Einst begegnete mir ein Bantu-Weib, das
besser erhalten, weniger abgearbeitet und glücklicher als die Mehrzahl
ihrer Genossinnen aussah. Auf meine Erkundigung erfuhr ich, daß sie
zwei Brüder habe, die impotent wären, und deshalb hatte sie selbst nicht
geheiratet, aber vierzehn Kinder, die sie mit verschiedenen Männern ge-
zeugt, hatte sie alle, so wie sie erwachsen waren, den Brüdern geschenkt.
„Sie haben mich lieb, weil ich ihnen soviel Kinder geschenkt habe;
darum brauche ich nicht zu arbeiten wie die andern Weiber, und die
Brüder geben mir reichlich Nahrung und Milch,“ erzählte sie selbstzufrie-
den, „und unsere Familie wird nicht aussterben.“ Diese Person, deren
Lebensführung vom modernen Standpunkt betrachtet, so entschieden
antisozial war, wurde offenbar als höchst wertvoll für ihre Familie und
Gesellschaft bloß um ihrer Fruchtbarkeit willen angesehen. — Als Gegen-
satz hierzu: Vor einigen Wochen stand in den Londoner Blättern von
einem Frauenzimmer, das in Eastend wegen irgendeines Vergehens auf-
gegriffen wurde und vor Gericht schluchzend vorbrachte, daß sie Mutter
von zwanzig Kindern sei. „Schämen Sie sich nicht,“ rief der Richter,

3:

35
        <pb n="42" />
        ﻿Teils infolge dieser verminderten Forderung nach Nach-
wuchs, die aus den außerordentlichen Schwierigkeiten und
Kosten der Ernährung und Erziehung entsteht, teils in-
folge noch vieler anderer verwickelter sozialer Verhält-
nisse, auf die wir später zurückkommen, sind Millionen
von Frauen unserer modernen Gesellschaft gezwungen,
nicht nur vollkommen kinderlos, sondern auch ohne Ge-
schlechtsverbindung welcher Art immer, durchs Leben zu
gehen; während ein anderes großes Heer von Frauen
durch die Verschrobenheit unserer Zivilisation auf Ge-
schlechtsverbindungen angewiesen ist, die tatsächlich das
Gebären ausschließen und deren einzige Frucht körper-
liches und moralisches Verderben ist.

So ist es gekommen, daß Frauen in großer Menge durch
die modernen Gesellschaftsverhältnisse überhaupt vom
Gebären ausgeschlossen sind, und daß selbst jene, die
gebären, im Verhältnis zu dem Grade der Zivilisation
ihrer Klasse oder Rasse in der Zahl ihres Nachwuchses
beschränkt sind, so daß auch für sie das Kindergebären
und Säugen nicht mehr das ganze Frauenleben von der
Pubertät bis zum Ende des mittleren Lebensalters ausfüllt,
sondern zu einer vorübergehenden Beschäftigung wird, die
drei bis vier, höchstens zehn bis zwanzig von den siebzig
Jahren des menschlichen Lebens einnimmt. Unter solchen
Umständen ist die Behauptung (die vollkommen richtig
ist, solange es sich um wilde Völker handelt, und selbst
noch zutreffend in bezug auf die Zwischenstadien der Zivi-
lisation), daß die hauptsächliche und fortdauernde Be-
schäftigung aller Frauen von der Reife bis ins Alter das
Gebären und Nähren der Kinder sei, und daß diese Be-
schäftigung alle ihre Ansprüche an soziale Arbeit und

„eine Person, die sich so aufführt, ist zu allem fähig I“ und sie wurde
unbarmherzig verurteilt. Zweifellos hat dieser Richter, wenn auch in
etwas brutaler Weise, den modernen Anschauungen über leichtsinniges,
übermäßiges Kindergebären richtigen Ausdruck gegeben.
        <pb n="43" />
        ﻿Leistung voll und ganz befriedige, zu einer veralteten und
vollständigen Unwahrheit geworden.*

Wenn wir die Dinge rund um uns her mit der größten
Unparteilichkeit betrachten, so finden wir, daß das ganze
Gebiet ehemaliger und traditioneller Frauenarbeit um
volle drei Viertel seines Umfanges für immer
zusammengeschrumpft ist, und daß das rest-
liche Viertel dahin neigt, sich noch mehr ein-
zuengen.

Diese große, so oft völlig übersehene Tatsache ist es,
die als treibende Kraft der mächtigen, rastlosen „Frauen-
bewegung“, die unsere Zeit kennzeichnet, zugrunde liegt.
Diese Tatsache ist es, die, ob nun klar und verstandes-
mäßig erfaßt, oder, wie es viel öfter der Fall, nur unklar
und schmerzlich gefühlt, in den Herzen der tüchtig-
sten Frauen des modernen Europa den leidenschaftlichen,
manchmal unlogisch scheinenden Ruf nach neuen Arbeits-
formen und neuen Tätigkeitsgebieten auslöst.

* Im Hinblick auf die modernen Staaten finden wir, daß jene, deren
Geburtsraten am höchsten, keineswegs die glücklichsten, aufgeklärtesten
oder mächtigsten sind; ja es zeigt sich, daß selbst die Bevöl-
kerungszahl nicht immer im Verhältnis zu den Geburten
wächst. Frankreich, das in vielen Beziehungen in der Zivilisation vor-
angeht, hat eine der niedrigsten Durchschnitts-Geburtsraten in Europa,
und bei der freien und aufgeklärten Völkerschaft der Schweiz und Skan-
dinaviens ist die Geburtenziffer auffallend niedrig, während Irland, eines
der unglücklichsten und schwächsten Länder Europas, lange Zeit eine
der höchsten Geburtsraten hatte, ohne daß die Bevölkerung oder
ihre Macht im Verhältnis zugenommen hätte. In bezug auf
die verschiedenen Klassen derselben Gesellschaft, sind die Erschei-
nungen dieselben. Die Geburtenziffer ist im Verhältnis zur Zahl der
Frauen unter den niedrigsten und ungebildetsten Volksklassen in den
Armenvierteln unserer Großstädte weit höher, als bei den Frauen der
oberen gebildeten Stände, hauptsächlich, weil das Heiratsalter mit der
wachsenden Kultur und Bildung der Individuen zu steigen pflegt, aber
auch durch die Regulierung der Geburten in der Ehe. Dennoch ist
die Zahl der herangewachsenen Kinder in den gebildeten Ständen wahr-
scheinlich nicht geringer, vielleicht sogar höher als in den unteren
Klassen, infolge der hohen Kindersterblichkeit dort, wo die Geburten-
zahl übergroß ist.

37
        <pb n="44" />
        ﻿In streng logische Form gebracht, ist unsere Forde-
rung: Wir verlangen nicht, daß das Rad der Zeit sich
zurückdrehe oder der Strom des Lebens nach rückwärts
fließe. Wir verlangen nicht, daß unsere alten Spinnräder
wieder hergestellt und in unsere Hände gelegt werden sol-
len; wir verlangen nicht, daß unsere alten Mühlsteine und
Harken uns wiedergegeben werden, oder daß der Mann
wieder ganz in sein altes Bereich von Krieg und Jagd
zurückkehre und uns alle häusliche und bürgerliche Arbeit
überlasse. Wir fordern nicht einmal, daß die Gesellschaft
sich unmittelbar so umgestalte, daß jede Frau wieder Kin-
der gebären kann (so tief und überwältigend die Sehn-
sucht nach Mutterschaft in jedem reifen weiblichen Herzen
lebt!), noch fordern wir, daß die Kinder, die wir zur Welt
bringen, wieder ausschließlich unserer Erziehung über-
lassen bleiben sollen. Wir wissen, daß das alles nicht sein
kann. Die Lebensbedingungen der Vergangenheit sind tot
für uns; kein Menschenwille kann sie wiedererwecken.
Aber dieses ist unsere Forderung: In dieser neuen frem-
den Welt, die gleicherweise für Männer und Frauen
erstanden ist, wo nichts ist; wie es war und alle Dinge
neue Gestalt und neue Beziehungen annehmen, in dieser
neuen Welt wollen auch wir unsern Teil ehrenvoller und
sozial nützlicher Tätigkeit erhalten, die volle Hälfte der
Arbeit aller, die vom Weibe geboren sind. Wir fordern
nichts mehr als dies und werden uns mit nichts weniger
zufrieden geben. Dies ist unser „Frauenrecht“ 1

38
        <pb n="45" />
        ﻿II.	PARASITISMUS

Werden in Zukunft Maschinen und die gefesselten Na-
turkräfte bei der Erzeugung der Nahrung und Klei-
dung der Nationen die Stelle von Menschenhänden ver-
treten und diese Industriezweige nicht länger die häusliche
Arbeit bilden? Nun, dann fordern wir in der Fabrik, im
Warenhaus, auf allen Gebieten, wo immer die Maschine von
unseren alten Arbeitsfeldern Besitz ergriffen hat, unseren
Platz als Leiter, Aufseher, Besitzer. Wird Kindergebären
nur mehr die Aufgabe eines Teiles unseres Geschlechtes
bilden? Nun, dann fordern wir für jene unter uns, die zu-
gestandenermaßen nicht daran Teil haben, Ersatz und
gleich ehrenvolle und wichtige Felder sozialer Arbeit. Wird
die Aufzucht menschlicher Wesen eine immer beschwer-
lichere und mühevollere Aufgabe, ihre Erziehung und Bil-
dung immer mehr eine hohe, Vielseitigkeit und Wissen er-
fordernde Kunst? Ist es so, dann fordern wir diese hohe
und vielseitige Bildung und Erziehung, die uns befähigt,
das Geschlecht, das wir zur Welt bringen, auch zu erziehen.
Wird die Notwendigkeit, Kinder in die Welt zu setzen, sich
so verringern, daß selbst jene unter uns, die Gebärerinnen
sind, nicht mehr als ein halb Dutzend von den siebenzig
Jahren eines menschlichen Lebens damit ausfüllen? Nun,
dann fordern wir andere Gelegenheit zur Betätigung,
um die übrige Zahl der Jahre mit Würde und Wert zu
erfüllen. Wird geistige Arbeit immer mehr und in höherem
Grade an Stelle roher Muskelkraft treten? Nun, dann
fordern wir Bildung und Handlungsfreiheit, die allein uns
Lebenserkenntnis und geistige Kraft und Stärke geben, uns
befähigen können, denselben Teil der geistigen Arbeit
auf uns zu nehmen, den wir früher an physischer Arbeit
im Leben verrichtet haben. Werden künftig nicht mehr
Könige und Königinnen, sondern die Massen der Völker
die Beherrscher des Menschengeschlechts sein ? Dann for-

39
        <pb n="46" />
        ﻿HHH

mmm

dem wir, als die Hälfte de6 Volkes, unseren vollen Köni-
ginnenanteil an den Pflichten und der Arbeit der Regie-
rung und Gesetzgebung. Langsam, aber sicher, so
wie die alten Arbeitsfelder sich verschließen
und hinter uns versinken, fordern wir den Ein-
tritt in die neuen.

Wir erheben diese Forderung nicht allein um unsert-
willen, sondern zum Wohle der Menschheit.

Ein Reiter, der allein in finsterer Nacht durch unbekann-
tes Land reist, dem mag es geschehen, daß er plötzlich
sein Pferd unter sich scheuen fühlt, ja, daß es sich auf-
bäumt und ihn fast zur Erde schleudert. In der Finsternis
wird er dem Tiere fluchen und meinen, es wolle ihn ein-
fach abwerfen, um sich für immer von seiner Last zu be-
freien. Aber, wenn dann der Morgen anbricht und die Hü-
gel und Täler beleuchtet, die er durchwandert hat, wird
er rückwärts blickend erkennen, daß die Stelle, an der
sein Tier gescheut hat, an der es wie festgenagelt stehen
blieb und an der es sich weigerte, auf dem alten Weg zu
bleiben, tatsächlich der Rand eines gewaltigen Abgrunds
war. Ein Schritt weiter, und Roß und Reiter wären hinab-
gestürzt. Und er wird sich sagen, daß ein Instinkt, weiser
als sein eigener, das Tier im Dunkel geleitet hatte, es zu-
rückweichen und einen neuen Pfad suchen ließ, auf dem
sie beide vorwärts konnten.*

In der Verwirrung und der Dunkelheit der Gegenwart
mag es manchem scheinen, daß die Frau in ihrem Stre-
ben nach neuen Wegen und Arbeitsgebieten nur von un-
verantwortlichem Impuls getrieben sei, oder daß sie selbst-
süchtig nur ihren eigenen Vorteil im Auge habe auf
Kosten der Menschheit, für deren Gedeihen sie so lang
und treulich gesorgt hat. Aber, wenn eine hellere Zu-
kunft anbricht und die verdunkelnden Nebel der Gegen-

* Wird nicht berichtet, daß selbst der Esel, den Bileam ritt, den Engel
mit dem feurigen Schwert sah, nicht aber Bileam selbst?

40
        <pb n="47" />
        ﻿wart zerstreut, wird es sich dann nicht klar erweisen, daß
die Frau nicht für sich allein, sondern für die ganze
Menschheit neue Wege gesucht hat?

Betrachten wir genau, welche Stellung wir Frauen, die
wir heute neue Arbeitsfelder und eine Umgestaltung un-
serer Lebensverhältnisse verlangen, einnehmen.

Man sagt oft, daß das Problem der Arbeit der Frau und
das des beschäftigungslosen, halb oder unnütz beschäftig-
ten Mannes genau das gleiche wäre, und daß daher mit der
Lösung des Problems der Arbeit für den Mann unserer Zeit
auch das der Frau notwendig seine Lösung finden wird.

Diese Behauptung, so sehr sie einen gewissen äußeren
Schein von Wahrheit besitzt, ist, wie wir meinen, von
Grund aus falsch. Es ist wahr, daß die beiden Probleme
unserer Zeit, das der männlichen wie der weiblichen Ar-
beit, ihren Ursprung großenteils in denselben rapiden
äußeren Veränderungen haben, die während der letzten
Jahrhunderte, besonders in den letzten neunzig Jahren, das
Angesicht der Welt vollständig verwandelt haben.

Beide, Männer und Frauen, wurden durch diese Verän-
derungen ihrer alten ergiebigen Felder sozialen Wirkens
beraubt. Hier endet aber die Ähnlichkeit. Der Mann, dem
die Veränderungen der modernen Zivilisation seine alten
Arbeitsfelder genommen haben, hat nur eine Wahl übrig:
neue Arbeitsgebiete finden oder zugrunde gehen. Die Ge-
sellschaft wird ihn bei vollständiger Untätigkeit und fast
voller Nutzlosigkeit schließlich nicht länger erhalten.Wenn
er sich nicht in irgendeiner Weise — und sei es selbst in
schadenbringender — ernstlich anstrengt, so wird er end-
lich zugrunde gehen. Einzelne Drohnen mögen sowohl in
den wohlhabendsten als in den ärmsten Klassen (Millio-
närssöhne, Prinzen und Bettler) erhalten bleiben und sich
fortpflanzen ohne jede körperliche oder geistige Anstren-
gung oder Tätigkeit; aber eine ganze Klasse von Män-
nern, die ihre alte, soziale Verwendung verloren hat und in
        <pb n="48" />
        ﻿keiner Weise nach einer neuen trachtet, würde in nicht
langer Zeit aussterben. Es gab niemals und wird, soweit
es sich voraussehen läßt, niemals eine Zeit geben, in der
die Mehrheit der Männer irgendeiner Gesellschaft im Zu-
stande völliger geistiger und körperlicher Untätigkeit von
dem anderen Teil der Männer versorgt würde. „Arbeite
oder stirb“ ist die Wahl, vor die schließlich jeder Mann
heute, ebensowohl wie in der Vergangenheit, gestellt ist.
Und das ist es, was für ihn das Arbeitsproblem bedeutet.*
Die Arbeit des Mannes mag nicht immer nützlich im höch-
sten Sinne für die Gesellschaft sein, ja, sie kann sogar ent-
schieden schädlich und antisozial sein, wie im Falle der
Raubritter des Mittelalters, die vom Fang und der Plün-
derung der an ihren Schlössern Vorbeiziehenden lebten,
oder im Falle der Spekulanten, Börsenjobber, Trust-
barone und Karteilisten von heute, die sich von der pro-
duktiven Arbeit der Gesellschaft ernähren, ohne irgend
etwas zu ihrer Wohlfahrt beizutragen. Aber selbst die in
solcher Weise beschäftigten Männer müssen einen hohen
Grad von Energie und selbst ein gewisses Maß von Intelli-
genz an ihr Gewerbe wenden, und so schädlich sie auch
für die Gesellschaft sein mögen, sind sie doch nicht in per-
sönlicher Gefahr, eine entnervte, erschlaffte Konstitution
an ihre Nachkommen weiterzugeben. Ob nun zum Vorteil

* Die größte Annäherung zu einem vollen Parasitismus einer großen
Gruppe von Männern findet sich vielleicht im alten Rom zur Zeit des
Verfalls und Untergangs des Kaiserreiches, als die Masse der Bevöl-
kerung, Männer wie Frauen, sich von importiertem Korn, Wein und öl
nährte und ihr sogar Feste geboten wurden ohne Arbeitsleistung ir-
gendwelcher Art von ihrer Seite; aber dieser Zustand war nur von kurzer
Dauer und beschleunigte den Untergang des hinsiechenden Kaisertums.
Unter den wohlhabenden sogenannten höheren Klassen ist es wiederholt
vorgekommen, daß die männlichen Mitglieder einer Aristokratie im Ver-
laufe der Zeit zu vollständigem Parasitismus hinneigten; aber dieser Zu-
stand hat immer eine rasche und strenge Abhilfe erfahren, das Ge-
schlecht ist entweder herabgekommen oder erloschen. Die Lage der
Männer der oberen Klasse in Frankreich vor der Revolution gibt hier-
zu eine interessante Illustration.

42
        <pb n="49" />
        ﻿oder Nachteil, der Mann muß im allgemeinen entweder
Verstand oder Muskeln anstrengen oder aber sterben.

Die Stellung der unbeschäftigten Frau im modernen Le-
ben ist eine weit andere. Für sie ist die Wahl, nachdem die
alten Felder häuslicher Arbeit ihr entglitten sind, in der
Regel oder oftmals nicht die zwischen neuen Arbeitsfel-
dern oder dem Tod, sondern eine in ihrer weittragenden
Bedeutung für die Menschheit als Ganzes noch viel ern-
stere: es ist die Wahl, neue Arbeitsformen zu finden oder
aber langsam hinabzusinken in einen Zustand des mehr
oder weniger vollständigen passiven Geschlechtspara-
sitismus.* Wieder und wieder hat sich in der Geschichte

* Es ist von hohem Interesse, die verschiedenen Phänomene von Ge-
schlechtsparasitismus in der Tierwelt zu betrachten, sowohl bei Männ-
chen als Weibchen. Obwohl in der größeren Zahl von Spezies in der
Tierwelt die Weibchen größer und stärker als die Männchen sind (z. B.
unter den Raubvögeln, bei Adlern, Falken, Geiern etc.), erscheint der
Geschlechtsparasitismus bei beiden Geschlechtern. Bei gewissen See-
tieren beispielsweise tragen die Weibchen in den Falten ihrer Um-
hüllung drei oder vier winzige, ganz bewegungslose Männchen, die voll-
ständig passiv und von ihnen abhängig sind. Unter den Termiten anderer-
seits ist das Weibchen so degeneriert, daß es alle Fähigkeit, sich fortzu-
bewegen, verloren hat, weder für seine eigene noch für die Nahrung der
Jungen sorgen, sich nicht verteidigen, nicht einmal sich reinigen kann.
Es ist ein bloßer unbeweglicher, ausgedehnter Eiersack ohne Intelligenz
oder Aktivität und lebt mitsamt seinen Jungen nur von der Tätigkeit der
Arbeiter der Gemeinschaft. Unter anderen Insekten, z. B. gewissen
Zecken, herrscht ebenfalls eine Art Parasitismus der Weibchen vor.
Während das Männchen ein entwickeltes, sehr lebhaftes, beflügeltes Tier-
chen ist, hat das Weibchen, das sich mit dem Kopf in das Fleisch leben-
der Tiere festheftet und deren Blut aussaugt, die Flügel und alle Beweg-
lichkeit verloren. Es ist zu einer bloßen aufgeblähten Blase geworden,
die, sobald sie mit Eiern gefüllt ist, zerplatzt und damit seine parasitische
Existenz, die kaum je Leben war, beendet. Es ist nicht unwahrscheinlich,
daß eben diese Degeneration und der Parasitismus der Weibchen auch
der Entwicklung der Ameisen Grenzen gesetzt hat, dieser Geschöpfe, die
in mancher Beziehung eine fast ebenso hohe geistige Entwicklung wie
der Mensch erreicht haben und doch merkwürdig unveränderlich stationär
geblieben sind. Die ganze Frage des Geschlechtsparasitismus unter den
Tieren würde vielsagende, lehrreiche Schlaglichter auf menschliche So-
zialprobleme werfen; aber sie ist zu ausgedehnt, um hier darauf eingehen
zu können.

43
        <pb n="50" />
        ﻿der Vergangenheit, so oft eine gewisse Stufe materieller
Kultur erreicht war, eine seltsame Tendenz zum Parasiten-
tum der Frauen gezeigt. Die sozialen Bedingungen gehen
dahin, die Frauen jeder Art tätiger, bewußter, sozialer Ar-
beit zu berauben und sie gleich der Zecke allein auf
die passive Ausübung ihrer Geschlechtsfunktionen zu be-
schränken.

Das Resultat des Parasitismus aber war unabänderlich
der Verfall der Lebenskraft und Intelligenz des weiblichen
Geschlechtes, dem nach einer längeren oder kürzeren
Periode auch der Verfall der männlichen Nachkommen-
schaft und ihrer ganzen Gesellschaftsklasse folgte.

Nichtsdestoweniger haben in der Vergangenheit die Ge-
fahren des Geschlechtsparasitismus niemals mehr als einen
kleinen Teil des weiblichen Geschlechtes bedroht, aus-
schließlich die Frauen irgendeiner verhältnismäßig klei-
nen herrschenden Rasse oder Klasse, während die Masse
der Frauen doch gezwungen blieb, mannigfache Arten an-
strengender Tätigkeit auszuüben. In der Jetztzeit aber,
unter den besonderen Umständen unserer modernen Zi-
vilisation ist es das erstemal, daß der Geschlechtsparasi-
tismus früher oder später zu einer Gefahr für die Masse
der zivilisierten Frauen, vielleicht endlich für ihre Ge-
samtheit wird.

Auf der frühesten Stufe menschlicher Entwicklung war
der Geschlechtsparasitismus und die Degeneration des Wei-
bes keine denkbare Quelle sozialer Gefahr. Wo die Lebens-
bedingungen es unausweichlich machten, daß alle Arbeit in
einer Gemeinschaft von den Mitgliedern dieser Gemein-
schaft selbst ausgeführt werden mußte ohne Hilfe von
Sklaven oder Maschinen, hat immer mehr die Tendenz be-
standen, den Frauen eine übergroße Arbeitslast aufzubür-
den. Unter keinen Verhältnissen, zu keiner Zeit, nirgends
in der Weltgeschichte haben die Männer irgendeiner Peri-
ode, irgendeiner Nation oder Klasse die leiseste Neigung

44
        <pb n="51" />
        ﻿gezeigt, ihre eigenen Frauen untätig oder parasitisch wer-
den zu lassen, solange die zu ihrer Ernährung und Beklei-
dung nötige Muskelarbeit in diesem Falle auf sie selbst
überwälzt worden wäre.

Der Parasitismus der Frau wird erst dann eine Möglich-
keit, wenn ein Grad der Zivilisation erreicht ist, bei dem
(wie in den alten Kulturen Griechenlands, Roms, Persiens,
Assyriens, Indiens und in den heutigen orientalischen, wie
China und dieTürkei) dank der ausgedehnten Verwendung
von Sklavenarbeit oder der Arbeit unterworfener Stämme
oder Klassen die herrschende Rasse oder Klasse so reich-
lich mit materiellen Lebensgütern versorgt ist, daß die
rein physische Arbeit von seiten der eigenen Frauen un-
nötig geworden ist. Erst wenn dieses Stadium erreicht war
und niemals vorher, sind die Symptome von weiblichem
Parasitismus in der Vergangenheit fast jedesmal zutage
getreten und zu einer sozialen Gefahr geworden. Die Män-
ner der herrschenden Klasse suchten fast immer die neuen
geistigen Beschäftigungen, welche durch die verminderte
Notwendigkeit der alten Formen physischer Arbeit inner-
halb der Gesellschaft möglich geworden waren, für sich
in Anspruch zu nehmen; und die Frauen der herrschen-
den Rasse oder Klasse, für deren Muskelarbeit auch keine
Verwendung mehr war und denen es nicht gelang, diese
neuen Arbeitsformen zu ergreifen und zu erreichen, sanken
in einen Zustand, in dem sie keinerlei Art aktiver sozialer
Pflichten erfüllten, sondern allein in der passiven Erfül-
lung ihrer Geschlechtsfunktionen lebten. Ob mit oder ohne
Befriedigung, darüber können wir nichts wissen, da wir
keine literarischen Aufzeichnungen der Frauen der Ver-
gangenheit und ihrer Wünsche oder Sorgen besitzen. So
trat an Stelle des tätigen, wirkenden Weibes, deren Arbeit
die Gesellschaft erhielt, die erschlaffte Ehef-au, die Kon-
kubine oder Prostituierte, die sich in feine Gewänder, dem
Werk fremder Hände kleidete, mit kostbaren Gerichten,

45
        <pb n="52" />
        ﻿’äM.



dem Erzeugnis fremder Mühe, nährte, sich von den Hän-
den anderer bedienen und warten ließ. Nachdem das Be-
dürfnis nach ihrer physischen Arbeit geschwunden und
geistige Tätigkeit nicht an deren Stelle getreten war,
schminkte und parfümierte sie ihren Körper oder ließ ihn
schminken und parfümieren, lag am Sofa oder fuhr im
Wagen spazieren, belud sich mit Juwelen und suchte durch
Zerstreuungen die unbestimmte Leere auszufüllen, die der
Mangel an produktiver Tätigkeit zurückgelassen hatte. Und
ihre Hände wurden immer weicher und ihr Leib immer
verweichlichter, bis zuletzt selbst die Pflichten der Mutter-
schaft, der einzige Inhalt, der ihrem Leben geblieben, ihr
widerwärtig wurden und das Kind von dem Moment, da
es feucht aus ihrem Schoße kam, in fremde Hände über-
ging, die es warteten und aufzogen. Und von der Kindheit
bis ins Alter schuldete ihr Sprößling oft nichts ihrer per-
sönlichen Arbeit. In vielen Fällen war ihre Entnervtheit
so vollständig, daß schließlich selbst die Freude, Leben zu
spenden, der Stolz und die Seligkeit reifer Weiblichkeit, ihr
zur Last wurde und sie sich ihr zu entziehen suchte. Nicht
etwa um gebieterischen Pflichten gegenüber den bereits
Geborenen oder gegenüber der Gesellschaft keinen Ein-
trag zu tun, sondern nur, weil ihr untätiges Leben sie aller
Freude an mutigem Anstrengen und Erdulden, welcher
Art immer, beraubt hatte. Fein gekleidet, in wohligem Heim,
wurde das Leben für sie rein nur die Befriedigung ihrer
eigenen physischen und geschlechtlichen Begierden und
der Begierden des Mannes, durch deren Reizung sie sich
versorgen konnte. Ob nun als ausgehaltenes Eheweib,
als ausgehaltene Maitresse oder Prostituierte, sie trug
nichts zu der schaffenden oder erhaltenden Arbeit der Ge-
sellschaft bei. In seiner vollen Entwicklung ist dieser Ty-
pus ebenso im modernen Paris, Newyork oder London, wie
im alten Griechenland, Assyrien und Rom, in allen seinen
Zügen, seiner Natur und seinen Resultaten ein und der-
        <pb n="53" />
        ﻿selbe. Es ist der Typus der „feinen Dame“, des weiblichen
Parasiten, der tödlichsten Mikrobe, die auf der Oberfläche
irgendeines sozialen Organismus auftreten kann.* Wo immer
in der Geschichte der Vergangenheit dieser Typus seine
volle Entwicklung erreicht hat und die Masse der Frauen
einer herrschenden Rasse oder Klasse ihn angenommen
hat, war dies die Ankündigung des Verfalls. In Assyrien,
Griechenland, Rom, Persien, sowie heute in der Türkei
haben dieselben materiellen Bedingungen dieselben sozia-
len Übel unter den wohlhabenden und herrschenden Klas-
sen hervorgebracht, und wieder und wieder, wo derartig
affizierte Völker in Berührung mit gesünder beschaffenen
kamen, hat dieser krankhafte Zustand zu ihrem Untergang
beigetragen.

Im antiken Griechenland, zur Zeit seiner wundervollen,
mannhaften Jugend, waren die Frauen reichlich und
selbst überreichlich mit Arbeit versehen. Nicht allein die
Masse der Frauen, sondern auch Königinnen und Fürsten-
töchter sehen wir zum Brunnen gehen, um Wasser zu tra-
gen, im Flusse die Wäsche waschen, Nahrung und Arz-
neien für den Haushalt bereiten, die Kleidung für ihre
Angehörigen anfertigen und selbst einen Teil der höch-
sten gesellschaftlichen Ämter als Priesterinnen und Pro-
phetinnen ausüben. Dem Schoße solcher Frauen sind die
Geschlechter von Helden, Denkern und Künstlern ent-

* Der Zusammenhang des allgemeinen weiblichen Parasitismus mit dem
speziellen Phänomen der Prostitution ist von fundamentaler Bedeutung.
Man kann sich nicht eingehend mit dem Problem der Prostitution weder
vom moralischen noch vom wissenschaftlichen Standpunkt aus befassen,
ohne dessen Zusammenhang mit dem allgemeinen Phänomen des weib-
lichen Parasitismus voll zu erkennen. Der Mangel dieser Erkenntnis ist
es, der so oft das peinliche Gefühl des Unreifen hinterläßt, wenn man
die meisten modernen Äußerungen über die Frage, sei es vom Gefühls-
standpunkt des Moralreformers oder vom Intellektstandpunkt des wissen-
schaftlich sein Wollenden, mit anhört. Man hat die Empfindung, daß sie
sich mit der Sache wohl befassen, sie aber nicht erfaßt, sie nicht
an der Wurzel gepackt haben.

47
        <pb n="54" />
        ﻿sprossen, die Griechenlands Größe begründet haben. Diese
Frauen bilden den Unterbau ihrer Gesellschaft, so wie die
festen, tief gegrabenen Grundmauern die Basis für die
sichtbaren und schmuckreicheren Teile eines großen Tem-
pels bilden und seinen Aufbau und seine Haltbarkeit er-
möglichen. Nach Ablauf einer bestimmten Zeitepoche aber
fand man in Griechenland bei den oberen Ständen keine
derart kraftvoll arbeitenden Frauen mehr. Der angehäufte
Wohlstand der herrschenden Rasse, der durch die Arbeit
der Sklaven und unterworfenen Völker gesammelt worden
war, hatte so ungeheuer zugenommen, daß kein Bedürfnis
mehr nach physischer Arbeit von Frauen der herrschen-
den Klasse bestand. Als Gattinnen oder Maitressen, ein-
gesperrt innerhalb der vier Wände ihres Hauses, bedient
von Sklaven oder Untergebenen, leisteten sie weder für
ihre eigene Person, noch für ihr Volk das Geringste. Die
geistige Arbeit war von den Männern in Anspruch ge-
nommen, die physische verrichteten die Sklaven und Un-
terworfenen. Einen Moment allerdings gab es zu Ende
des fünften und Beginn des vierten Jahrhunderts, wo
die Frauen Griechenlands innerlich schon ganz in Ver-
fall geraten waren, unter ihren Männern aber eine glän-
zende Blüte des Geistes herrschte, gleich den prächtigen
Farben des Abendhimmels, wenn die Sonne bereits hin-
abgesunken ist; aber das Mark Griechenlands war bereits
angefault und seine Lebenskraft im Erlöschen. Es vollzog
sich eine immer wachsende Scheidung und Ungleichheit
zwischen Mann und Weib, als der Mann in seiner Bildung
immer fortschritt und neue Gebiete geistiger Arbeit betrat,
während das Weib untätig zurück- und hinabfiel von der
Lebensleiter, so daß zuletzt eine Kluft entstand, die selbst
die Geschlechtsliebe nicht zu überbrücken vermochte. Die
unnatürliche Institution anerkannter Homosexualität in den
höchsten Schichten war ein, und zwar das ernsteste Resultat
dieser Scheidung. Der unausweichliche, unüberwindliche

48
        <pb n="55" />
        ﻿Wunsch aller höher entwickelten menschlichen Naturen,
mit dem geschlechtlichen Verkehre ihre höchsten geistigen
Interessen und Sympathien zu verbinden, konnte unmög-
lich Befriedigung und Widerhall finden in dem Verkehr
zwischen den zurückgezogenen, verhältnismäßig unwissen-
den und hilflosen Frauen der oberen Klasse Griechenlands
und den glänzend gebildeten und vielseitigen Männern, die
dessen herrschende Klasse im fünften und vierten Jahr-
hundert bildeten. Der Mann hielt sich an den Mann, und
die Elternschaft, die göttliche Gabe, Leben zu zeugen, ward
getrennt von den erhabensten und tiefsten Phasen mensch-
lichen Empfindens. Xanthippe verzankte ihr unwissendes
erbärmliches Dasein zwischen den vier Wänden ihres Hau-
ses, und Sokrates lag in der Agora und diskutierte mit Al-
kibiades die Probleme der Philosophie und Ethik; und der
griechische Stamm ward im innersten Mark faul*. Hie
und da durchbricht eine Aspasia oder früher noch eine
Sappho die fesselnden Bande des weiblichen Zustandes,
und mit der Kraft des unwiderstehlichen Genies betritt sie
triumphierend neue Felder der Tätigkeit und kraftvollen
geistigen Lebens Seite an Seite mit dem Mann; aber dies
waren eben Ausnahmefälle. Wären diese Frauen oder an-
dere imstande gewesen, einen Weg zu bahnen, auf dem dfe
Masse der griechischen Frauen ihnen hätte folgen können,
wäre es für die Mehrzahl der Frauen der herrschenden
Klasse Griechenlands zu Ende des fünften Jahrhunderts
möglich gewesen, sich aus dem Zustande träger Untätig-
keit und Unwissenheit zu erheben und an der geistigen
Arbeit und ernsten Tätigkeit ihres Volkes teilzunehmen, so
würde Griechenland nie so zerfallen sein, wie es zu Ende
des vierten Jahrhunderts zerfiel, so unmittelbar und voll-
ständig, wie ein fauler Staubschwamm, den ein gesunder

* Siehe Platos „Gastmahl“; aber erst das Studium der ganzen griechi-

schen Literatur des 5. und 4. Jahrhunderts wirft volle Lichter auf diese
wichtige Frage.

4 Schreiner, Die Frau.

49
        <pb n="56" />
        ﻿Finger berührt, erst durch die Bestechungen Philipps und
dann noch vollständiger durch die Waffen seines noch
kriegerischeren Sohnes, der ja auch der Sohn der feurigen,
kraftvollen, standhaften Olympia war*.

Auch würde Griechenland einige Jahrhunderte später
nicht von Thessalien bis Sparta, von Korinth bis Ephe-
sus hinweggefegt, seine Tempel zerstört, seine erschlaff-
ten Weiber gefangen worden sein von den Horden der
Goten — einem Volk, das viel weniger gut bewaffnet und
viel weniger kultiviert war als die Nachkommen des Peri-
kies und Leonidas, das aber ein Zweig des großen teutoni-
schen Stammes bildete, dessen monogames häusliches
Leben im Kern gesund war und dessen furchtlose, arbei-
tende und entschlossene Frauen von sich, wie einst die
Spartanerinnen, sagen konnten, daß sie ihren Männern,
denen sie bis ans Ende der Erde folgten, auch Männer
gebären.

In Rom, in den Tagen der Kraft und Reinheit, arbeitete
die römische Matrone eifrig und trug die volle Hälfte sozia-
ler Last auf ihren Schultern, wenn auch ihre Arbeits- und
Einflußsphäre etwas kleiner war, als die ihrer teutoni-
schen Schwester, deren Abkömmlinge bestimmt waren,
einst die ihrigen zu verdrängen. Von der vestalischen Jung-
frau bis zur Matrone, versah die römische Frau in den
Zeiten nationaler Gesundheit und nationalen Wachstums
gewichtige Funktionen und trug die ganze Schwere der
häuslichen Arbeit. Von den Tagen der großen Lucretia,
die mit ihren Mägden spann bis tief in die Nacht hinein

* Wie fast alle im Guten, oder Bösen hervorragenden Männer hatte
Alexander seine bedeutendsten Eigenschaften, seinen Mut, seine geistige
Beweglichkeit, seinen Ehrgeiz, dem jedes Mittel rechtwar, wenn esnurzum
Ziele führte, von der Mutter geerbt. Furchtlos war sie im Leben, furchtlos
sah sie dem Tod ins Angesicht, mit einem Mut, würdig ihrer Stellung und
ihres ganzen gebieterischen Wesens, als die Stunde der Vergeltung ge-
kommen war. Alexander wird erst verständlich, wenn wir ihn als dem
Schoße der Olympia entsprossen, erkennen.

50
        <pb n="57" />
        ﻿und die ihre Ehre so hoch hielt, daß sie den Tod ihrem
Verluste vorzog, bis zu den Tagen der Mutter der
Gracchen, einer der letzten Frauen dieser großen Reihe,
finden wir überall die aufrechte, tätige, entschlossene
Römerin, die Männer zur Welt brachte, die Roms Größe
schufen. Wenige Jahrhunderte später und Rom hatte eben-
falls jenen gefährlichen Punkt sozialen Wandels erreicht,
den Griechenland Jahrhunderte früher erlebt hatte. Skla-
venarbeit und der Besitz einer unermeßlichen Beute unter-
worfener Stämme hatten dem Bedarf nach physischer Ar-
beit von seiten der Mitglieder des herrschenden Stammes
für immer ein Ende gemacht. Es kam die Epoche, in der
die Männer sich wohl noch mit den Pflichten des Krieges,
der Regierung, der Gesetzgebung und Kultur abgaben, die
römische Matrone aber bereits für immer ihrer Aufgaben
sich entledigt hatte. Bedeckt mit Juwelen und kostbaren
Gewändern, die auf Kosten unsäglicher menschlicher Ar-
beit von den Enden der Welt herbeigebracht wurden, ge-
nährt mit den wohlschmeckendsten Gerichten, die andere
Hände bereitet hatten, suchte sie nur mit Vergnügungen
ihr Leben zu verbringen, das ihr nicht länger die An-
regungen und Freuden einer produktiven Tätigkeit bot.
Sie besuchte die Theater und Bäder, lag auf ihrem Sofa
oder fuhr in ihrem Wagen, und ganz wie ihr modernes
Seitenstück schminkte sie sich, trug Schönheitspfläster-
chen, affektierte einen künstlerischen Gang und bot die
Hand zum Gruß mit erhobenem Ellbogen und herabhän-
genden Fingern. Ihre Kinder wurden von Dienerinnen auf-
gezogen. An der geistigen Arbeit und der Regierung ihres
Landes nahm sie geringen Anteil und war auch nicht ge-
eignet, ihn irgend zu nehmen.

Es fehlt nicht an Schriftstellern und Denkern, die klar
erkannten, wohin diese Entnervtheit der Frauen führte,
und sie sparten nicht mit Anklagen. So schreibt ein römi-
scher Autor dieser Epoche: „Es gab eine Zeit, da die Ma-

4'

51
        <pb n="58" />
        ﻿trone die Spindel drehte und dabei nach dem Kochtopf
ausschaute, damit die Suppe nicht überkoche; aber jetzt,“
fügt der Autor hinzu, „da die Weiber mit Juwelen bela-
den, auf weichen Kissen ruhen oder in Bädern und The-
ater Zerstreuung suchen, gehen die Dinge abwärts und der
Staat verfällt.“ Aber weder er, noch einer aus der Menge
der Schriftsteller und Denker, die erkannten, zu welchen
Zuständen der Dekadenz der weibliche Parasitismus die
Gesellschaft führen mußte, wußte eine Abhilfe dagegen.*
Denkende Männer seufzten über die Gegenwart, sehnten
sich nach der Vergangenheit und schienen doch nicht be-
griffen zu haben, daß diese unwiderruflich vorbei war;
daß die Römerin, die, um es ihrer Ahnin gleich zu tun,
mit ihren hundert müßig herumstehenden Dienerinnen den
Krug auf dem Kopfe zum Brunnen hinausgegangen wäre,
während der eingeleitete Wasserstrahl im Hofraum jedes
Hauses hervorschoß, die Rolle einer Heuchlerin gespielt
hätte; daß die Römerin, die damals darauf bestanden hätte,
ihren Webstuhl hervorzuholen und die ganzen Nächte am
Spinnrad zu sitzen, doch niemals solche Gewebe zustande
gebracht hätte, wie sie ihr Haushalt erforderte und nur recht
kindisch gehandelt hätte; daß sie nicht durch Rückkehr
zu den alten und für immer verschlossenen Arbeitsfeldern,
sondern allein durch den Eintritt in neue ihrem Volke
nützen und sich selbst hätte Würde und Kraft erhalten
können. Nicht durch Wassertragen und Leinenweben, son-
dern indem sie sich selbst dazu erzogen und geschult hätte,
ihren Arbeitsteil an der gerechten und weisen Leitung
eines großen Reiches zu übernehmen und ein Geschlecht
von Männern dazu heranzuziehen, eine erleuchtete, barm-
herzige und wohltätige Herrschaft über die große Masse
unterworfener Völker zu führen — so und nur so hätte sie

* Muß nicht auch tatsächlich der Protest und die Abhilfe in allen sol-
chen Fällen ihren Ausgang von der betroffenen Klasse selbst nehmen,
wenn sie von irgend welcher Wirkung sein sollen?

52
        <pb n="59" />
        ﻿ihrer Pflicht gegenüber der neuen Gesellschaft genügen
und deren Last gemeinsam mit dem Manne tragen können,
wie ihre Vorfahrinnen in vergangenen Zeiten die ihrige ge-
tragen hatten.

Daß in dieser Richtung und in dieser allein die einzig
mögliche Abhilfe für den Zustand der Frauen lag, war eine
Vorstellung, die augenscheinlich niemand erfaßte. Und so
sank das Weib tiefer und tiefer herab zu dem Bild jener
parasitischen Römerin, die in toller Jagd nach Vergnügen
und Sinneslust die Leere auszufüllen suchte, die der Mangel
an ehrlicher Arbeit hinterlassen hatte, die Lust anstatt
Liebe, Bequemlichkeit anstatt Tätigkeit hinnahm, maß-
los konsumierte anstatt zu produzieren und endlich zu ent-
nervt war, um auch nur Kinder zur V/elt bringen zu wollen,
da sie vor jeder Art Leiden und Ertragen zurückschreckt.
So bleibt die Römerin jener Zeit — der auch in ihrer Er-
niedrigung noch eine Spur der alten römischen Intensität
anhaftet — selbst heutigen Tages noch das vollendetste und
darum abstoßendste Bild des parasitischen Weibes, daß die
Erde jemals hervorgebracht hat — ein Bild, dessen Wider-
lichkeit nur noch durch seine Tragik übertroffen wird.

Wir begreifen, daß es unausweichlich war, daß diese
Frauen, die durch ihre Stellung dazu geboren schienen, eine
Welt zu lenken und zu erleuchten, und anstatt dessen nur
auf Kosten dieser Welt lebten, zuletzt auch nur kraftlose
Männer gebären konnten, und daß beide schließlich hin-
weggefegt wurden bei dem Auftreten jenes teutonischen
Stammes, dessen mannhafte Frauen auch Männer ge-
bären konnten. Ein Volk, bei dem es Sitte war, daß die
Frau an ihrem Hochzeitsmorgen von dem Manne, der
ihr Gefährte fürs Leben werden sollte, nicht irgendein ver-
ächtliches Geschmeide, um Hals oder Glieder damit zu
behängen, zum Geschenk erhielt, sondern Schild, Speer
und Schwert und ein Joch Ochsen, während sie dem Mann
als Gegengabe eine volle Rüstung bot, als Zeichen, daß

53
        <pb n="60" />
        ﻿sie beide hinfort eins sein wollten in Arbeit und Gefahr,
daß auch sie mit ihm die Wagnisse des Krieges und die
Sorgen des Friedens tragen wollte. Ein Volk, von dem ein
Schriftsteller uns berichtet, daß seine Frauen nicht bloß
die Geschlechter gebären, an ihrer Brust nähren und ohne
fremde Hilfe großziehen, sondern auch die ganze Bewirt-
schaftung von Haus und Land übernehmen, damit die
Männer für Krieg und Jagd frei seien. Suetonius erzählt
uns, daß Kaiser Augustus als Geiseln von einem Stamm
dieses Volkes Frauen, nicht Männer nahm, weil er aus Er-
fahrung wußte, daß jene angesehener wären. Und Strabo
spricht davon, daß die germanischen Völker den Verstand
ihrer Frauen so hoch schätzen, daß sie diese als erleuchtet
ansehen und in keinen Krieg ziehen und nichts Großes
unternehmen, ohne ihren Rat und ihre Meinung gehört zu
haben. Von den Frauen der Zimbem, die ihre Männer bei
Idem Einfall in Italien begleiteten, schritten manche bar-
fuß inmitten des Zuges; kenntlich durch ihre lichten Haare
und weißen Gewänder, galten sie als Seherinnen, und Flo-
rus sagt von ihnen bei Beschreibung eines römischen Sie-
ges: „Nicht weniger heftig und hartnäckig war der Kampf
mit den Frauen der Besiegten. Mit ihren Karren und Wa-
gen bildeten sie eine Schlachtenreihe, und von dieser er-
höhten Stellung verfolgten sie, wie von Festungstürmen
aus, die Römer mit ihren Streitäxten und Lanzen*. Ihr
Tod war so glorreich wie ihr Kampfesmut. Als sie alles
verloren sahen, erdrosselten sie ihre Kinder und töteten
sich selbst in gegenseitigem Schlachten oder knüpften
sich mit ihren Haarbändern an die Äste der Bäume oder
an das Dach des Wagens auf.“ Valerius Maximus sagt
von diesen Frauen: „Hätten die Götter am Tage der
Schlacht die Männer mit gleichem Mut erfüllt, so hätte
Marius sich niemals eines Sieges über die Teutonen rüh-

* Die südafrikanischen Burenfrauen scheinen nach zweitausend Jahren
die Taktik ihrer Ahninnen noch nicht ganz vergessen zu haben.

54
        <pb n="61" />
        ﻿men können.“ UndTacitus gibt folgende Schilderung von
den Frauen, die die Männer in den Krieg begleiteten: „Sie
sind die trautesten Zeugen seiner Taten, die Beifallspender
seiner Tapferkeit, gleich geliebt und geehrt. Die Verwun-
deten suchen ihre Mütter und Weiber auf; unerschrocken
vor ihrem Anblick, zählen die Frauen jede ehrenvolle
Wunde und saugen das hervorquellende Blut auf. Sie sind
sogar kühn genug, sich unter die Kämpfenden zu mischen,
um Erfrischungen auszuteilen und sie zu Taten der Tap-
ferkeit anzufeuern.“ Und er fügt hinzu: „Es ist eine Eigen-
heit der Germanen, sich mit einem Weib zu begnügen,
sowie auch die Frau sich mit einem Manne begnügt,
gleichwie mit einem Leben, einem Leib und einer Seele.“

Es war unabwendbar, daß durch die Söhne solcher Frauen
die Söhne der parasitischen Römerinnen von der Erde hin-
weggefegt werden mußten, so wie die Jungen der in Gefan-
genschaft lebenden Kanarienvögel im Kampf mit den Jun-
gen der frei lebenden unterliegen.

Wieder und wieder, in ermüdender Wiederholung, spielt
sich dieselbe Entwicklung ab. Bei den Juden sehen wir in
den Tagen der Gesundheit und des Wachstums die Frauen
den Hauptteil der landwirtschaftlichen und häuslichen Ar-
beit leisten, stets sich mühen und sorgen, von Rahel ange-
fangen, der Jakob begegnete, als sie die Herde ihres Va-
ters tränkte, bis zu Ruth, der Ahnherrin einer Königs-
und Heldenreihe, die Boas im Felde beim Ährenlesen an-
traf; von Sarah, die für Abrahams prophetische Gäste die
Kuchen knetete und buk, bis zu Miriam, der Prophetin und
Sängerin und zu Deborah, die unter den Palmen wohnte
und über die Kinder Israels Recht sprach, „und das Land
war stille vierzig Jahre“.

Überall erscheint die Frau bei den alten Juden als eine
erhaltende Kraft ihres Volkes, und die jüdischen Schrif-
ten enthalten das vielleicht vornehmste Bild der arbeiten-
den Frau, das in irgendeiner Literatur zu finden ist, und

55
        <pb n="62" />
        ﻿zwar stammt dasselbe aus eben der Zeit, da zum ersten
Male bei einem Teil des jüdischen Volkes die fleißige
Frau zu verschwinden anfing* und bereits Salomons sie-

* Das Idealbild der arbeitenden im Gegensatz zu der parasitischen
Frau findet sich in den Sprüchen Salomonis unter der Überschrift
„Worte des Königs Lamuel, die Lehre, die ihn seine Mutter lehrte.“
Auf die Gefahr hin, den Leser ein ihm allzu Vertrautes zu bieten, sei
die Stelle hierher gesetzt, die mit Berücksichtigung der Verschieden-
heit der materiellen und geistigen Verhältnisse auch das Ideal der
arbeitenden Frau der Gegenwart und Zukunft darstellt:

„Sie ist viel edler, denn die köstlichsten Perlen,

Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen,

Und Nahrung wird ihm nicht mangeln.

Sie tut ihm Liebes und kein Leides sein Leben lang,

Sie gehet mit Wolle und Flachs um
Und arbeitet gern mit ihren Händen.

Sie ist wie ein Kaufmannschiff,

Das seine Nahrung von Ferne bringt.

Sie steht des Nachts auf
Und gibt Futter ihrem Hause
Und Essen ihren Dirnen.

Sie denkt nach einem Acker und kauft ihn,

Und pflanzet einen Weinberg von den Früchten ihrer Hände.

Sie gürtet ihre Lenden fest
Und stärkte ihre Arme.

Sie merkt wie ihr Handel Frommen bringt;

Ihre Leuchte erlöscht des Nachts nicht.

Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken,

Und ihre Finger fassen die Spindel.

Sie breitet ihre Hände aus zu den Armen
Und reicht ihre Hand dem Dürftigen.

Sie fürchtet ihres Hauses nicht vor dem Schnee,

Denn ihr ganzes Haus hat zweifache Kleider.

Sie macht selbst Decken,

Weiße Seide und Purpur ist ihr Kleid.

Ihr Mann ist berühmt in den Toren,

Wenn er sitzt bei den Ältesten des Landes.

Sie macht einen Rock und verkauft ihn,

Einen Gürtel gibt sie dem Krämer.

Ihr Schmuck ist, daß sie reinlich und fleißig ist
Und wird hernach lachen.

Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit,

Und auf ihrer Zunge ist holdselige Lehre.

Sie schauet, wie es in ihrem Hause zugeht
Und isset ihr Brot nicht mit Faulheit.

56
        <pb n="63" />
        ﻿benhundert parasitische Weiber und dreihundert parasi-
tische Kebsweiber am Horizont des nationalen Lebens auf-
tauchten. Die traten nun an Stelle der Herden hütenden
Rahel und der Ähren lesenden Ruth; aber keine von ihnen
hat in ihren Palästen aus Gold und Zedernholz einem Joseph
oder David das Leben gegeben, wohl aber einem Reho-
beam, unter dessen Händen das Königtum seinem Fall
entgegenging.

Im Osten spielt sich heute derselbe leidige Vorgang ab.
In China, wo die gegenwärtige Lebenskraft und -macht
der ältesten bestehenden Zivilisation genau an der Länge
der Frauenschuhe gemessen werden kann; im türkischen
Harem, wo eine der vornehmsten, hervorragendsten ari-
schen Rassen, die die Welt hervorgebracht hat, langsam in
den Armen einer parasitischen Weiblichkeit erstickt und
tatsächlich schon längst hinweggetilgt wäre, wenn nicht
immer von neuem einige Mannhaftigkeit und Kraft durch
gekaufte Frauen zugeführt würde, die ihre Kindheit und
frühe Jugend in tätigem Leben auf dem Lande zugebracht
haben. Überall, in Vergangenheit wie Gegenwart, ist der
weibliche Parasitismus der Vorbote des Verfalls einer Na-
tion oder Klasse und zeigt so unabänderlich einen unge-
sunden Zustand an, wie Pocken auf der Haut die Existenz
eines eitrigen Giftstoffes im Körper.

Wir sind selbstverständlich weit davon entfernt, zu be-
haupten, daß die untergegangenen Zivilisationen der Ver-
gangenheit ihren Verfall einzig dem Parasitismus ihrer
Frauen schulden. Große, weittragende soziale Phäno-

Ihre Söhne kommen auf und preisen sie selig;

Ihr Mann lobt sie:

Viele Töchter bringen Reichtum,

Du aber übertriffst sie alle,

Lieblich und schön sein ist nichts,

Ein Weib, das den Herrn fürchtet, soll man loben.

Sie wird gerühmt werden von den Früchten ihrer Hände,
Und ihre Werke werden sie loben in den Toren.1*

(Kap. 31. Luthers Übersetzung.)

57
        <pb n="64" />
        ﻿mene haben unwandelbare Ursachen und Rückwirkungen,
die weitaus zu kompliziert sind, um unter ein so ein-
faches Gesetz zusammengefaßt zu werden. Hinter dem
Phänomene des weiblichen Parasitismus ist jedesmal ein
anderes und noch größeres gelegen. Jedesmal ging, wie
wir gesehen, die Unterjochung großer Menschengruppen
voran, sei es in Form von Sklaverei oder Unterwerfung
von Völkerschaften oder Klassen, und die Folge der über-
mäßigen Arbeit dieser Schichten war immer die Anhäu-
fung nicht erarbeiteter Reichtümer in den Händen der
herrschenden Klassen oder Rassen. Es war immer auf
Kosten dieser Reichtümer, dem Resultate er-
zwungener oder schlecht bezahlter Arbeit, daß
die Frauen der herrschenden Klasse oder Rasse in der
Vergangenheit ihre Arbeitsamkeit verloren und dahin ge-
langten, rein nur der passiven Erfüllung ihrer Geschlechts-
funktionen zu leben. Ohne Sklaverei oder unterworfene
Klassen, welche die rohe physische Arbeit ausführten
und überflüssige Güter erzeugten, wäre der Parasitismus
der Frau in der Vergangenheit eine Unmöglichkeit ge-
wesen.

Es ist daher eine tiefe Wahrheit in der allgemeinen An-
schauung, daß der Verfall großer Nationen und Zivili-
sationen der Vergangenheit aus der Entnervtheit resultiert,
die übergroßer Reichtum und Luxus verursacht, und eine
womöglich noch tiefere Wahrheit liegt der Behauptung zu-
grunde, daß der Untergang schließlich die Folge der Ent-
kräftung der ganzen Rasse von Männern wie Frauen war.

Aber wenn wir weiter danach fragen, in welcher Weise
sich dieser Prozeß des Verfalls entwickelte, finden wir, daß
die Rolle, die der Parasitismus der Frau dabei spielt, eine
wesentliche war. Der bloße Gebrauch von materiellen Ar-
beitsprodukten, die wir Güter nennen, kann niemals an
sich den körperlichen oder geistigen Verfall hervorbringen,
der dem Untergang großer zivilisierter Nationen voran-

58
        <pb n="65" />
        ﻿geht. Das bloße Essen von Lachs, der zehn Schilling das
Pfund kostet, kann an sich die moralische, geistige und
physische Konstitution des Menschen, der ihn verspeist,
nicht mehr schwächen und verderben, als die seines nack-
ten Vorvaters, der sich den Lachs aus dem Flusse fischte.
Daß ein Mensch ein Kleid trägt, welches aus dem Gespinst
eines Wurms hergestellt wurde, kann die körperlichen An-
lagen ebensowenig verschlechtern, als wenn das Gewand
aus Schafwolle ist; ein ganzes Volk, das in Marmorpalästen
wohnt, Delikatessen speist, sich in Samt und Seide kleidet
und von den herrlichsten Erzeugnissen der Literatur und
Kunst umgeben ist, wird niemals dadurch entkräftet wer-
den, solange diese Paläste, Speisen, Gewänder und Kunst-
produkte das Resultat seiner eigenen Arbeit sind. Die ver-
derbliche Wirkung des Reichtums setzt erst genau in dem
Moment, niemals früher ein, in welchem die Beschaffung
der materiellen Bedürfnisse und Annehmlichkeiten und
der ästhetischen Genüsse die Individualität hemmt, indem
diese sich mit dem bloßen passiven Besitz der Erzeugnisse
fremder Arbeit zufrieden gibt, ohne das Bedürfnis oder
den Wunsch nach fernerer eigener, produktiver Tätigkeit
zu empfinden.*

Die äußern Bedingungen, unter denen dieser Punkt er-
reicht wird, werden nicht immer genau dieselben sein; ;sie
werden nicht nur nach Alter und Rasse, sondern auch nach
dem Individuum verschieden sein. Ein Marc Aurel war
fähig, sich in seinem Palast aus Gold und Marmor seine
Einfachheit und Männlichkeit so vollkommen zu erhalten,
als wenn er in der Hütte eines Kuhhirten gelebt hätte; wäh-

* Von den andern verderblichen Wirkungen nicht erarbeiteten Reich-
tums auf die ihn besitzenden Personen oder Klassen, die Abnahme
menschlicher Teilnahme etc. wollen wir jetzt nicht sprechen; denn ob-
wohl auch diese Dinge unzweifelhaft indirekt dazu beitragen, eine Ge-
sellschaft zu zersetzen, so müssen sie dieselbe doch nicht notwendig
und unmittelbar entkräften, und diese Entkräftung ist der Punkt, den wir
augenblicklich ins Auge fassen.

59
        <pb n="66" />
        ﻿

rend es andererseits durchaus möglich ist, daß die Frau
eines afrikanischen Häuptlings, die auch nur vier Skla-
ven besitzt, um ihr Korn und Milch zu .schaffen und Felle
in die Sonne zu breiten, fast ebenso rein parasitisch wird,
wie die verzärteltsten Modedamen des alten Rom oder mo-
dernen Paris, London und Newyork. Die Höhe, welche un-
verdienter materieller Wohlstand erreichen muß, um inner-
halb derselben Gesellschaft das einzelne Individuum zu
entkräften, ist verschieden und steht im genauen Verhält-
nis zu den intellektuellen und moralischen Anlagen und der
Stärke oder Schwäche des individuellen, natürlichen Tätig-
keitsdranges. *

Der schwächende Einfluß nicht erarbeiteten Wohlstandes
liegt demnach nicht in der Natur irgendeiner materiellen
Lebensverbesserung an sich, sondern in der Möglichkeit,
dem Individuum jeden Ansporn zur Tätigkeit zu rauben
und so die geistigen und körperlichen und schließlich
auch die sittlichen Anlagen zu zerstören. Unsere Unter-
suchung wird zeigen, daß es in allen Zivilisationen der
Vergangenheit fast ausnahmslos die Frau war, die zuerst
an diesem Punkte anlangte, und daß Entkräftung und
Verfall fast immer von ihr aus sich auf den Mann über-
tragen hat.

Warum das so sein mußte, ist klar. Erstens ist es die
Sphäre häuslicher Tätigkeit, in die Sklavenarbeit oder ge-
dungene Dienste am leichtesten eindringen. Die Macht
der Peitsche und des Mietschillings vermag viel leichter
Arbeiter zu verschaffen, die Nahrung und Kleidung her-
stellen und selbst auch die Kinder pflegen, als Arbeiter,

* Es ist in der modernen Gesellschaft nichts Ungewöhnliches, daß
Frauen von verhältnismäßig sehr bescheidenem Wohlstand, die von ihren
männlichen Verwandten mit ganz beschränkten Mitteln, ohne daß sie
etwas arbeiten, erhalten werden, wie die Frauen und Töchter kleiner
Kaufleute oder Angehöriger liberaler Berufe ebenso vollkommen para-
sitisch und nutzlos werden, wie Frauen, die über ungezählte Reichtümer
verfügen.

60
        <pb n="67" />
        ﻿denen man die Aufgaben des Krieges und der Regierung
anvertrauen kann, jener Geschäfte, welche ip der Vergan-
genheit die besondere Sphäre des Mannes waren. Die
Frauen Roms waren schon durch Generationen aus ihrem
Gebiete der häuslichen Arbeit und der Erziehung und Pflege
ihrer Nachkommen verdrängt worden und hatten längst
einen verächtlichen Parasitismus erreicht, ehe noch Roms
Männer imstande waren, ihre eigene Arbeit durch die von
Mietlingen oder Barbaren im Heer oder bei mechanischen
Verwaltungsgeschäften zu ersetzen.

Ferner ist die Frau, indem sie mit dem Akt des Gebärens
eine hochwichtige, wenn auch passive Funktion erfüllt, die
ihr nicht abgenommen werden kann und die ausschließlich
mit ihrer eigenen Person verknüpft ist, und dadurch, daß
ihre rein geschlechtlichen Attribute ein Gegenstand der
Wünsche und Begierden des Mannes sind, ganz besonders
ausgesetzt, in einer eigenartig trügerischen und allmäh-
lichen Weise mit ihrem Unterhalt von dieser geschlecht-
lichen Funktion allein abhängig zu werden. So sehr ist
dies der Fall, daß ihr, selbst wenn sie diese Funktion
gar nicht ausübt, doch der Ruhm derselben anhaften bleibt,
und daß in ihren eigenen Augen, sowie in denen der Ge-
sellschaft die bloße Fähigkeit zu dieser Leistung,
mag sie sie auch niemals erfüllen, mit deren wirklichen Er-
füllung verwechselt wird. Unter der mächtigen Ägide der
Frau, die die Nachkommenschaft zur Welt bringt und
großzieht und in anderen Richtungen ansehnliche wertvolle
Arbeit ihrem Volke leistet, schleicht sich unbemerkt und
allmählich die Frau ein, die nichts von alle dem tut. Von
der kräftig arbeitenden Frau, die menschliche Wesen nach
dem vollen Maß ihrer Kräfte gebiert, die ihre Kinder
ohne fremde Hilfe aufzieht und gleichzeitig ernste soziale
Arbeit in anderer Beziehung leistet (und die unzweifel-
haft, wo immer sie sich findet, die produktivste Kraft
ist, die das Menschengeschlecht kennt), ist nur ein Schritt,

61
        <pb n="68" />
        ﻿wenn auch ein großer, zu der Frau, die wohl einen reich-
lichen Nachwuchs erzeugt, aber ihn nicht selbst aufzieht
und keine andere soziale Arbeit verrichtet. Von dieser
Frau wieder; bis zu der, die nur wenig oder gar keine
Kinder hat und keinerlei andere produktive Arbeit leistet,
sondern, sei es als Frau oder Maitresse, allein von der
Ausübung ihrer Geschlechtsfunktionen lebt, ist der Schritt
nur mehr ein kurzer. Nur ein Schritt weiter noch ist es
zur Prostituierten, die zu keiner Art produktiver Arbeit
geneigt ist und die an Stelle von Leben anerkanntermaßen
Krankheit und Tod erzeugt, aber dank ihrer geschlecht-
lichen Attribute eine parasitische Existenz führt. So riesig
der Abstand zwischen den zwei extremen Typen dieser
Gruppen von Frauen und so scharf entgegengesetzt ihre
Stellung in der Welt ist, so besteht doch im praktischen
Leben keine scharfe, klare, feste Grenzlinie, welche die
eine Frauentype von der: andern trennt. Sie fließen in-
einander über in feinen, unmerklichen Abstufungen. Und
diese schiefe Ebene unwillkürlich hinabzugleiten, das ist
die Gefahr, die der Frau der zivilisierten Rassen beson-
ders droht. Indem sie von der vornehmen Höhe eines
Zustandes angestrengtester sozialer Tätigkeit in den Zu-
stand eines vollkommen hilflosen, untätigen Parasitismus
hinabsinkt, ohne sich selbst der Tatsache klar bewußt
zu werden und ohne, daß die Gesellschaft sich darüber
klar würde, verbirgt die Frau, die aufgehört hat, ihr
Kind selbst aufzuziehen oder überhaupt zu gebären, und
die auch keine andere produktive soziale Funktion aus-
übt, diese Tatsachen vor ihren eigenen Augen, indem sie
darauf beharrt, daß sie eine Frau sei, in der jene Eigen-
schaften wenigstens latent liegen.*

* Es besteht eine interessante analoge Tendenz auch allenthalben auf
Seiten des parasitischen Mannes, seinen tatsächlichen Zustand vor seinen
Augen und denen der Welt zu verbergen, indem er die alten Formen
männlicher Arbeit zum Scheine weiterübt. Meist rühmt er sich laut, hilf-
lose Frauen und die Gesellschaft zu beschützen, während in Wahrheit er

62
        <pb n="69" />
        ﻿Diese Besonderheiten ihres Zustandes haben in allen
zivilisierten Gemeinwesen die Frauen früher, und ernst-
licher den Angriffen des Parasitismus ausgesetzt als die
Männer, und während die Akkumulierung von Reichtümern
immer die Voraussetzung war und die Degenerierung und
Erschöpfung des Mannes die endliche und sichtbare Ur-
sache des Verfalls großer Rassen der Vergangenheit, lag
doch immer zwischen diesen beiden Phänomenen als Mittel-
glied der Parasitismus der Frauen, ohne welchen die erste
Tatsache unwirksam und die zweite unmöglich geworden
wäre.

selbst durch die Tätigkeit von Militär, Polizei, Gerichten und Gesellschaft
geschützt wird; fast ausnahmslos liebt er es, ein Schwert oder irgend
eine andere Waffe an der Seite baumeln zu haben und irgendeine Uni-
form zu tragen; denn die Anmaßung des Militarismus, ohne dessen ernste
Arbeit, ist ihm Wonne. In einer entarteten Travestie der alten Jagd
(durch die seine Ahnherren mit Gefahr ihres Lebens und unter männ-
lichen Strapazen ihr Volk mit Nahrung versorgten und vor dem Angriff
wilder Tiere schützten) findet er seine Hauptbefriedigung. Sie verhilft
ihm dazu, ihn und andere die Herabgekommenheit und Nutzlosigkeit
seiner Existenz weniger deutlich erkennen zu lassen, als wenn er sein Le-
ben im Lehnstuhl verbrächte. In den Mooren von Yorkshire kann man
Rasenwälle aufgerichtet sehen, hinter denen sich männliche Gestalten
verbergen, während von Sonnenaufgang an Leute unermüdlich tätig
sind, ihnen Vögel zuzutreiben. Wenn die Vögel herbeigetrieben sind, er-
heben die Jäger hinter dem Wall ihre Waffe, und der Vogel, den auf-
zuscheuchen und herzuschaffen soviel Mühe gekostet hat, fällt tot zu
ihren Füßen, und damit erhöht sich großartig der Ruhm des Jägers, der
nach den Mühen der Jagd zur Stadt heimgekehrt, seine Jagdtasche vor-
weist. Fast glaubt man, aus dem Heideboden die Geister der alten teuto-
nischen Ahnen, deren Staub hier lange geruht, sich erheben und verächt-
lich mit den Fingern auf ihre degenerierten Nachkommen weisen zu sehn,
die da hinter ihrem Erdwall hervorlugen. Zur Zeit des spätem römischen
Kaiserreichs, in den Tagen des Verfalls, ließCommodusmitgroßenKosten
wilde Tiere aus fernen Ländern kommen, um sich den Ruhm zu verschaf-
fen, sie im römischen Zirkus zu erschlagen, und er ließ Medaillen prägen,
die ihn als Herkules im Kampf mit dem nemeischen Löwen darstellten.
Es ist uns bisher auf dem Gebiete der Plastik noch keine Darstellung
des Jagdhelden hinter dem Rasenwall bekannt; aber die Weltgeschichte
wiederholt sich, und so mag auch das noch kommen. Es ist bemerkens-
wert, daß diese Jäger nicht etwa Jungens sind, sondern oft vollkommen
reife Männer, vor denen alle hohen Genüsse und Beschäftigungen des
modernen Lebens offen liegen.

63
        <pb n="70" />
        ﻿Weder die Sklaverei noch die große Anhäufung von
Reichtümern allein könnte eine Nation durch Entnervung
verderben, wenn ihre Frauen tätig, kraftvoll und arbeitsam
blieben.

Die Vorstellung, die wieder und wieder die aufeinander
folgenden Kulturen beherrscht zu haben scheint, daß es
für den Mann eine Möglichkeit gäbe, an körperlicher und
geistiger Kraft zuzunehmen, während seine weibliche Ge-
fährtin stationär und untätig bliebe, ohne andern Anteil an
der Arbeit der Gesellschaft als der passiven Erfüllung der
Geschlechtsfunktionen, ist von den Tatsachen immer wider-
legt worden. Es endete, wie das Experiment enden würde,
gute Rennpferde mit ungeübten, kurzatmigen, x-beinigen
Mähren aufzüchten zu wollen. Nein, noch weit verhängnis-
voller 1 Denn während das weibliche Tier sein Wesen an die
Nachkommenschaft einzig oder hauptsächlich durch Ver-
erbung im Keim überträgt und durch den Einfluß, den es
während der Trächtigkeit ausübt, prägt beim Menschen die
Mutter, indem sie die ganze geistige und moralische Atmo-
sphäre bereitet, in der das Kind die ersten Lebensjahre
verbringt, ihr Wesen viel untilgbarer ihrem Sprößling ein.
Nur tüchtige und arbeitsame Frauen können auf die Dauer
tüchtige, arbeitsame Männer gebären; nur kraftlose, un-
tätige Männer können schließlich von kraftlosen, untätigen
Frauen geboren werden. Der frisierte, parfümierte, schlaffe
Zärtling, mit der faden Sprechweise und der feinen Klei-
dung, dem die Seltenheit und Mannigfaltigkeit der Spei-
sen zum Studium wird und dessen schwerste Arbeit die
Suche nach Vergnügungen ist, für den selbst die Jagd, die
seinen Vorvätern eine stärkende, männliche Arbeit von
wesentlicher Bedeutung für das Leben ihres Volkes war,
zur luxuriösen, possenhaften Spielerei wird — diese Art
Mann, wo immer man ihr begegnet, ob im späten römi-
schen Kaisertum, ob im heutigen türkischen Harem oder
in unserer nördlichen Zivilisation, ist nur dadurch möglich

64
        <pb n="71" />
        ﻿geworden, daß Generationen parasitischer Frauen ihm
vorangegangen sind. Ist solch ein Mann auch als Produkt
eines noch fortgeschritteneren Verfalls nocj^abstoßender als
die parasitische Frau, so ist es doch das Parfüm aus dem
Boudoir seiner Mutter, das uns aus seinem Haar entgegen-
duftet. Wie die kahlen Stellen und die verfaulte Wolle am
Rücken eines räudigen Schafes, welche anzeigen, daß tief
unter der Hautoberfläche sich ein schmarotzendes Insekt in
das Fleisch eingefressen hat, sind diese Männer nicht so sehr
die Ursachen des Übels als seine Erkennungszeichen.

Wie gesagt, das menschliche Weib prägt sein eigenes
Wesen der männlichen und weiblichen Nachkommenschaft
nicht nur durch Keimvererbung und den Einfluß in der
Zeit der Schwangerschaft auf, sondern durch die geistige
Atmosphäre, die es bereitet und in der das Kind die frühe-
sten eindrucksfähigsten Jahre verbringt; dies ist es, war-
um die Lebensverhältnisse der kindergebärenden Frauen
zu einem höchsten Interesse der Menschheit werden. Diese
Tatsache macht, daß selbst die Prostitution, die in vielen
anderen Beziehungen die abstoßendste aller Formen des
weiblichen Schmarotzertums ist, vielleicht dem Fortschritt
und selbst der Erhaltung einer gesunden, kräftigen Gesell-
schaft nicht abträglicher ist als der Parasitismus der ge-
bärenden Frauen. Denn die Prostituierte, so schwer sie
auch die Gesellschaft belastet, der sie für ihren Unter-
halt nichts als Krankheit, geistigen und sittlichen Zerfall
bietet, greift doch nicht so unmittelbar in die kommende
Generation ein, als die ausgehaltene Ehefrau oder Mai-
tresse, die ihr kraftloses Bild unauslöschlich dem folgen-
den Geschlecht einprägt *.

* Man kann es nicht oft genug wiederholen, daß die Frau, die nur
Kinder zur Welt bringt und es dann andern überläßt, sie zu nähren und
großzuziehen, nicht einmal die Hälfte der Arbeit geleistet hat, die die
Schaffung eines menschlichen Wesens bedeutet. In diesem Fall ist es

die Amme und die Pflegerin, nicht die Mutter, die die wichtigste Arbeit
leistet.

5 Schrei Her, Die Frau

65
        <pb n="72" />
        ﻿Noch kein Mann der Erde ist weiter entfernt von seiner
Mutter zur Welt gekommen, als ihre Nabelschnur lang war.
Es ist die Frau, die schließlich den Stand der Rasse be-
stimmt, von dem auf die Länge der Zeit keine Abweichung
in irgendeiner Richtung möglich ist; wenn ihr Hirn ge-
schwächt ist, so auch das des Mannes, den sie gebiert,
wenn ihre Muskeln schlaff sind, so auch die seinen, wenn
sie entartet, so verfällt auch ihr Volk.

Andere Ursachen mögen und werden zur Entkräftung
und Degeneration einer Klasse oder Rasse führen; der
Parasitismus der gebärenden Frau muß dahin führen.

Wir, die europäischen Frauen unserer Zeit, stehen heute
dort, wo in der Vergangenheit die Frauen anderer Rassen
wieder und wieder gestanden haben. Aber unser Zustand
ist noch ernster und von noch größerer Bedeutung für die
ganze Menschheit als es der ihre je war. Sehen wir näher
zu, weshalb dem so ist.

66
        <pb n="73" />
        ﻿III.	PARASITISMUS

(Fortsetzung)

Wir haben gesehen, daß in der Vergangenheit etwas
derartiges, wie der Parasitismus aller oder auch nur
der großen Mehrheit der Frauen irgendeines Erdstrichs
unmöglich war. Neben jener Gruppe von Frauen der herr-
schenden Klasse oder Rasse, die weder geistig noch kör-
perlich arbeitete, gab es notwendigerweise immer eine weit
größere Masse von Frauen, die nicht nur die vor Einfüh-
rung maschineller Produktionsmethoden für die Gesell-
schaft so bedeutungsvolle physische Arbeit verrichteten,
sondern auch gezwungen waren, um so intensiver zu ar-
beiten, als sie mit ihrer physischen Arbeit eine über ihnen
stehende müßige Klasse zu erhalten hatten. Je mehr das
weibliche Parasitentum früherer Zeit in einer Rasse oder
Klasse gedieh, um so sicherer waren alle Frauen der an-
dern Klassen oder Rassen gezwungen, nur zu übermäßig
zu arbeiten, und endlich waren diese Frauen und ihre
Nachkommenschaft dazu bestimmt, die entnervte Klasse
oder Rasse zu ersetzen. In Ermanglung von Maschinen
und der ausgedehnten Anwendung der Naturkräfte konnte
das Schmarotzertum nur einen verhältnismäßig kleinen
Teil einer Gemeinschaft bedrohen und nur einen minimen
Teil der gesamten menschlichen Gesellschaft. Der weib-
liche Parasitismus der Vergangenheit glich der Gicht, einer
Krankheit, die nur den zu Wohlgenährten, Überfütterten,
den Wenigen gefährlich wird, niemals einer Bevölkerung
als Ganzes.

Heutzutage hat der Ersatz der rohen physischen Men-
schenkraft durch Maschinenkräfte solch enorme Fort-
schritte gemacht (dienen doch heute selbst maschinell her-
gestellte Saugflaschen und künstliche Nährmittel als Er-
satz der Muttermilch!), daß es nun nicht mehr bloß für
einen kleinen wohlhabenden Tei1 der Frauen jeder zivili-

5*

67
        <pb n="74" />
        ﻿sierten Gemeinschaft möglich ist, sich zu erhalten, ohne
die alte rohe, physische Arbeit ihres Geschlechtes zu ver-
richten und ohne die Abhängigkeit der Sklaverei oder einen
großen Zuwachs von Arbeit durch eine andere Klasse von
Frauen zu erleiden; vielmehr hat bereits jene breite Masse
von Frauen, welche die Mittelklasse zwischen Arm und
Reich in der modernen Gesellschaft bilden, diesen Zu-
stand erreicht oder neigt dahin, ihn zu erreichen. In den
nächsten fünfzig Jahren werden sich unzweifelhaft die
technischen Errungenschaften der Zivilisation so rasch
verbreiten, und zwar sowohl in der modernen Gesellschaft
als auch dort, wo bisher diese materielle Zivilisation noch
nicht eingedrungen ist, daß die alte Form der weiblichen,
häuslichen, physischen Arbeit selbst von den Frauen der
untersten Klassen wenig mehr gefordert werden dürfte, da
sie durch immer mehr fortschreitende, arbeitsparende Ma-
schinen ersetzt wird.

Auf diese Weise bedroht der weibliche Parasitismus, der
in der Vergangenheit nur einen minimen Teil der Erdbe-
wohnerinnen betraf, unter den heute bestehenden Verhält-
nissen breite Massen und kann in der Zukunft das weib-
liche Geschlecht als Ganzes bedrohen.

Wenn die Frauen sich darein finden, den Männern alle
Arbeit auf den neuen höchst wichtigen Gebieten zu über-
lassen, die sich dem Menschengeschlecht unausgesetzt er-
schließen, wenn sie, so wie die alten Formen häuslicher
Arbeit für immer verschwinden, nicht nach Neuem grei-
fen, ist es unausweichlich, daß endlich nicht nur eine Klasse,
sondern große Massen von Frauen der zivilisierten Ge-
sellschaft in einen Zustand mehr oder minder vollständi-
ger Abhängigkeit von ihrer Geschlechtsfunktion allein ge-
raten. *

* Wie sehr diese scheinbar sehr fernliegende Gefahr tatsächlich be-
steht, illustriert in interessanter Weise der ernst gemeinte Vorschlag, der
vor einigen Jahren von einer bekannten Persönlichkeit in England gemacht

68
        <pb n="75" />
        ﻿Wenn wir die Beherrschung neuer Formen der Natur-
kräfte und die vervollkommnete Anwendung der Maschinen
erreichen, wird es für die männliche Hälfte aller zivilisier-
ten Rassen (und daher schließlich für alle) leicht möglich
sein, alle Felder geistiger Arbeit und gelernter Handar-
beit für sich allein zu beanspruchen; es wäre denkbar, daß
die weibliche Hälfte des Geschlechts aufhört, irgend-
welche Form aktiver Arbeit zu leisten, und sei es als
Prostituierte, als Maitresse oder Ehefrau, als passives
Werkzeug der Geschlechtsfortpflanzung oder bei noch stär-
kerer Dekadenz als bloßes Instrument geschlechtlicher Be-
friedigung in einen Zustand von vollkommen hilflosem
Geschlechtsparasitismus verfiele.

Der Geschlechtsparasitismus stellt sich daher zu Ende
cles neunzehnten und Beginn des zwanzigsten Jahrhun-
derts in einem Gewände dar, das er nie früher getragen.
Wir, die Frauen Europas des neunzehnten und zwanzig-
sten Jahrhunderts, befinden uns daher in einer Lage, deren
Ernst und Bedeutung bei unsern Vorläuferinnen in den
alten Kulturen nicht ihresgleichen hatte. Je nachdem, wie
wir die Schwierigkeiten unserer Lage bemeistern und dar-
über hinwegkommen oder aber von ihnen besiegt werden,
wird die Zukunft nicht nur unserer eigenen Klasse oder
auch nur unserer eigenen Rasse, sondern darüber hin-
aus aller jener sich gestalten, die den Spuren unserer

wurde. Der Mann schlug vor, daß obligatorisch für alle Frauen, minde-
stens der Ober- und Mittelklassen Fürsorge getroffen werden solle, so
daß sie lebenslang ganz erhalten werden, ohne Rücksicht darauf, ob sie
vgendwelche produktive Arbeit leisten und ohne daß selbst die passive
Leistung geschlechtlicher Fortpflanzung notwendig von ihnen gefordert
würde. Es mag den Mann, der diesen Vorschlag machte, überrascht
haben, daß derselbe bei jenen Frauen, die eine Umgestaltung der Stel-
lung der Frau im modernen Leben anstreben, keine Zustimmung, sondern
nur Spott fand; aber ebensoviel Grund hätte er, überrascht zu sein, wenn
etwa Leute, die sich vor irgend einer ansteckenden Krankheit fürchten,
nicht auf den Vorschlag eingingen, ihnen allen diese Krankheit in ihrer
schwersten Form einzuimpfen I

69
        <pb n="76" />
        ﻿Zivilisation folgen. Die Entscheidung, die zu treffen wir
berufen sind, ist entscheidend für die Menschheit; hinter
uns schreiten unzählige Millionen.

Es ist demnach die Behauptung, die selbst von denken-
den Menschen erhoben wird, unwahr, daß die Arbeiter-
frage und die Frauenfrage unserer Zeit vollständig eins
seien, und daß die Frauen Europas nur geduldig zu war-
ten brauchten, bis die Männer allein die Frage für sich
gelöst hätten, um gleichzeitig auch ihr eigenes Frauen-
problem gelöst zu finden. Angenommen, das ganze heu-
tige Arbeitsproblem des Mannes wäre morgen geordnet,
es wären all die arbeitslosen oder nutzlos beschäftigten
Männer, welche durch die Umwandlungen der modernen
Verhältnisse an den beiden Polen der Gesellschaft ihrer
alten Arbeitsformen beraubt worden sind, so erzogen und
geschult, daß sie sich vollkommen den neuen Lebensbe-
dingungen anpaßten, und es wären der materielle Ertrag
und die intellektuellen Möglichkeiten, welche der Ersatz
menschlicher durch Maschinenkräfte nun der Menschheit
gewährt, nicht mehr allein in den Händen Weniger, son-
dern der volle Arbeitsertrag käme allen Männern zugute,
so wäre doch das Frauenproblem ebensoweit von einer be-
friedigenden Lösung entfernt als heute, und wenn es über-
haupt beeinflußt worden wäre, so zum Schlechteren. Es
ist ganz unrichtig, daß 1000 oder ioooo Mark, die der
Mann mit physischer oder geistiger Arbeit verdient hat und
von denen er einen Teil zur Erhaltung nicht arbeitender
Frauen, seien es Prostituierte, Ehefrauen oder Maitressen,
verwendet, für die Frau oder die Gesellschaft dasselbe be-
deuten, wie dieselbe Summe, wenn sie von Frauen durch
ihre eigene Arbeit erworben wurde, ob nun direkt als Lohn
oder indirekt durch Arbeit für den Mann, von dessen Ein-
kommen sie leben. Für den Moment allerdings wird die vom
Manne versorgte Frau weicher und wärmer gebettet sein, als
jene, die gezwungen ist, sich selbst anzustrengen; schließ-

7 o
        <pb n="77" />
        ﻿lieh aber wird der geistige, moralische und selbst phy-
sische Effekt für das Individuum wie für die Rasse so ver-
schieden sein, wie Aufstieg und Niedergang, wie Leben und
Tod. Der zunehmende Wohlstand des Mannes hebt und
fördert die Frau, über die er ihn ausgießt, ebensowenig,
als der zunehmende Reichtum seiner Herrin einen Pudel
geistig oder körperlich fördert, weil er nun ein Daunen-
statt eines Federkissens oder Hühnerbraten statt Rind-
fleisch erhält. Je wohlhabender die Männer einer Gesell-
schaft werden, um so größer wird die Versuchung sowohl
für sie selbst, als für die von ihnen abhängigen Frauen,
dem weiblichen Parasitismus zuzusteuem.

Wenn die Verbesserung der Lage der männlichen Ar-
beiter zu einer gleichmäßigeren Verteilung der Güter un-
ter den Männern führte, so würde dies tatsächlich ein
wenig die Tendenz zum Parasitismus unter den Frauen der
wohlhabendsten Klassen vermindern; aber es würde an-
dererseits genau dieselben Vorbedingungen des Parasitis-
mus für Millionen von Frauen zeitigen, die heute ein ge-
sundes und tätiges Leben führen.*

Daß die zwei Probleme nicht gleichbedeutend sind, be-
weist, wenn ein Beweis überhaupt nötig ist, die Tatsache,
daß jene Männer, die am eifrigsten die Umwandlung der
Lage der arbeitenden Männer anstreben, oft gerade die

* Die Tatsache kann nicht oft genug betont werden, daß der Parasitis-
mus keineswegs von einem bestimmten Grad des Reichtums abhängig ist.
Irgendeine Summe, die ein Individuum soweit befriedigt, daß es sein
Leben ohne jede Arbeit hinbringen kann, vermag dasselbe zu vollstän-
digem Parasitismus zu führen, während große Reichtümer (so ungesund
ihr Einfluß gewöhnlich zu sein pflegt) auf manche seltene und edle Na-
turen kaum irgendeine entnervende oder verderbliche Wirkung ausüben.
Ein unterhaltendes Beispiel, wie verschieden der Grad des Reichtums
sein kann, bei dem verschiedene Frauen seinem Einfluß unterliegen, habe
ich selbst erlebt. Eine Frau, Witwe und Tochter kleiner Beamter,
kam einmal zu einer amerikanischen Millionärin. Diese bemerkte, daß
es bei ihrem Gast sowohl mit Nahrung, als Kleidung recht knapp bestellt
war und schenkte der Frau eine Hammelkeule und zwei gute Kleider.
Die aber fing nun zu jammern an, daß sie niemanden habe, um die

71
        <pb n="78" />
        ﻿bittersten Feinde der Bestrebungen der Frauen sind, die
ihre Lage verbessern wollen. Nicht einmal die Angehöri-
gen jener Berufe, die gewöhnlich als das Bollwerk von
Konservatismus und Vorurteil gelten, haben sobald eine
kurzsichtigere Opposition gegen die Versuche der Frauen,
in neue Arbeitsgebiete einzudringen, geübt, als wieder
und wieder die männlichen Arbeiter, sowohl als In-
dividuen, wie in der organisierten Macht der Tra-
deunions.* Sie haben, wenigstens einige von ihnen, die
Frauen nicht nur von neuen Feldern geistiger und sozialer
Arbeit auszuschließen gesucht, sondern selbst von den al-

Sachen nach Hause zu bringen, und es fiel ihr nicht ein, sie selbst zu tra-
gen, trotzdem sie vollständig gesund und kräftig war. Die Amerikanerin,
ein Abkömmling von Generationen tüchtiger, tätiger Puritaner, nahm die
Hammelkeule unter den einen und das Paket Kleider unter den andern
Arm und ging damit durch die Straßen der Stadt nach der Wohnung der
staunend hinter ihr hertrottenden Schmarotzerin.

Der Fall hilflosester, weiblicher Dekadenz, der mir je begegnet ist, war
der einer Tochter eines armen englischen Reserveoffiziers, der von einer
sehr kleinen Pension lebte. Diese Person konnte weder kochen, noch
nähen, noch hatte sie irgendwelche geistige, soziale oder künstlerische
Beschäftigung. Sie konnte wohl eine Nacht durchtanzen oder einen
Nachmittag Tennis spielen, war aber kaum imstande, sich selbst zu
frisieren oder anzukleiden und schien absolut alle Fähigkeit verloren zu
haben, sich zu irgendeiner Sache zu zwingen, die ihr im Moment unan-
genehm oder anstrengend war, wie dies eben bei jeder Arbeit vorkommt,
wieviel Befriedigung sie auch schließlich bringen mag. In den achtund-
zwanzig Jahren ihres Lebens hatte diese Frau wahrscheinlich nicht eine
einzige Stunde ernster physischer oder geistiger Arbeit zu der Total-
summe menschlicher produktiver Leistungen beigetragen. Hätte sie in-
mitten vieler Morgen kultivierbaren Landes gelebt, so würde sie doch
wahrscheinlich lieber Hungers gestorben sein, als daß sie auch nur einen
halben Acker zu ihrer Nahrung bestellt hätte. Das ist ein extremer Fall;
aber das schließliche Resultat des Parasitismus ist immer eine Lähmung
des Willens und die Unfähigkeit, sich selbst zu irgendeiner Handlungs-
weise zu zwingen, die momentan unangenehm oder anstrengend ist.

Die Verhältnisse scheinen in den anglikanischen Ländern etwas an-
t*ers zu liegen als bei uns, wo der Arbeiter in der Frau wohl die Lohn-
drückerin bekämpft, die Gleichberechtigung der Frauen aber gerade von
der organisierten Arbeiterschaft in unserer Zeit voll anerkannt wird
und Arbeiter- und Frauenbewegung, so verschieden sie in ihrem Wesen
sind, von gleichem Zukunftsglauben und persönlichem Opfermut ge-
tragen werden. Anm. d. Ubers.

7 2
        <pb n="79" />
        ﻿ten Gebieten des Textilgewerbes und des Handwerks, die
zu allen Zeiten der Vergangenheit der Frau gehörten.
Die offenkundige und unleugbare Tatsache, daß, wo die
Arbeiterbewegung gedeiht, auch die Frauenbewegung an-
wächst, kommt nicht daher, daß die beiden identisch sind,
sondern daher, daß dieselben heilsamen und kräftigenden
Zustände innerhalb einer Rasse oder Gesellschaft beiden
den Boden bereiten.

Wie zwei Ströme, die einer Quelle entfließen und deren
Lauf lange Strecken hindurch parallel geht, dennoch ganz
getrennt bleiben können, der eine seinen Weg zum Meere
findet, während der andere sich in Sand verläuft oder
versumpft, so können auch unsere moderne Arbeiter- und
Frauenbewegung, obwohl sie denselben materiellen Be-
dingungen unserer Kultur entspringen und obwohl sich
zahllose und nahe Analogien in ihrer Entwicklung ergeben,
doch vollständig voneinander getrennt bleiben. Durch
beide Bewegungen muß die Zukunft des Menschenge-
schlechts eine tiefgehende Veränderung erfahren, zum
Guten oder zum Bösen; beide berühren die Menschheit in
vitalster Weise; aber beide werden unabhängig voneinan-
der auf ihrem eigenen Boden ausgefochten werden müs-
sen, und nur durch entschlossene, bewußte und beharr-
liche Tätigkeit von seiten der Frauen wird die Lösung
ihrer eigenen Arbeitsfragen gleichmäßig mit der der Män-
ner fortschreiten.

Wie verschieden, trotz der Ähnlichkeit, die grundlegen-
den Motive der beiden Bewegungen sind, spricht sich am
deutlichsten in der Tatsache aus, daß, während die Be-
rgung der Männer hauptsächlich unter der armen oder
handarbeitenden Klasse entstand, wo der materielle Druck
des Lebens am schwersten lastet und wo die Gefahr phy-
sischen Leidens und selbst der Vernichtung durch diesen
Druck am meisten empfunden wird — die Frauenbewe-
gung ihren Ursprung fast ausschließlich unter den wohl-

73
        <pb n="80" />
        ﻿habenden, kultivierten, geistig arbeitenden Klassen hat,
wo allein gegenwärtig die Gefahr der Entkräftung durch
Müßiggang und der Degeneration durch Abhängigkeit
von den Geschlechtsfunktionen existiert. Das Arbeitspro-
blem ist für die Frau unserer Tage letzten Endes das Be-
streben von seiten eines Teils des Geschlechts, sich selbst
vor Untätigkeit und Degeneration zu schützen und dies
sogar auf Kosten eines momentanen schweren Verlustes
an materiellem Behagen und Wohlleben für die Individuen,
die die Frage aufwarfen. Das Arbeitsproblem des Mannes
ist direkt und in erster Linie ein materielles und, wenig-
stens oberflächlich, mehr oder weniger eigennützig, ob-
wohl die schließliche Wirkung auf die Gesellschaft durch
die Befreiung der ärmeren Mitglieder aus Erniedrigung,
Abhängigkeit und Not imzweifelhaft durchaus sozial und
unbedingt notwendig für das Wohl und die weitere Ent-
wicklung der Menschheit ist. In der Frage der Frauen-
arbeit unserer Zeit, die ihren Ursprung wesentlich unter
Frauen der gebildeten und wohlhabenden Klassen hat
und die hauptsächlich in dem Verlangen nach Öffnung be-
ruflicher, politischer und höherer, gelernter Arbeit besteht,
kann das endliche Resultat nur auf Kosten mehr oder weni-
ger heftiger, augenblicklicher persönlicher Leiden und Ent-
behrungen erreicht werden, obwohl ein befriedigender Ab-
schluß zweifellos zum materiellen und physischen Wohl
der Frauen selbst, sowie ihrer männlichen Genossen und
der Nachkommenschaft gereichen wird.

Das nächste halbe Jahrhundert wird eine Zeit besonderer
Anspannung sein, da die Menschheit unausgesetzt danach
trachtet, die Begriffe der Moral, die sozialen Verhältnisse
und die allgemeinen Einrichtungen des Lebens den neuen
und sich fortwährend entfaltenden materiellen Bedingun-
gen anzupassen. Wenn die beiden großen Bewegungen un-
serer Zeit, die diese zum Gegenstände haben, zu voller
Übereinstimmung und engem Zusammenwirken gebracht

74
        <pb n="81" />
        ﻿werden können, so wird diese Anpassung sich um so
schneller und schmerzloser vollziehen; für den Moment
aber bleiben die beiden Bewegungen, so ähnlich sie in
ihrem Ursprung und in vielen Methoden ihrer Entwick-
lung sind, voneinander getrennt.

Das Bewußtsein der Frauen, die an der heutigen Be-
wegung teilnehmen, daß ihre Bestrebungen nicht von
momentanem Vorteil für sie selbst sind und sein können,
sondern fast notwendig zu Opfern und Entsagen führen,
verleiht der Bewegung ihre besondere Note, weist ihr eine
besondere Stellung an unter der großen Menge ökonomi-
scher Bewegungen und stellt sie eher in eine Linie mit
jenen großen religiösen Entwicklungen, welche in Zwischen-
räumen von Jahrhunderten die Menschheit mit fortgerissen
haben, sie unwiderstehlich umwandelnd und neu gestal-
tend.

Es ist die Empfindung dieser Tatsache, daß sie nicht für
sich selbst, noch auch allein für ihre Mitschwestern, son-
dern zum Wohle der Menschheit als Ganzes sich dem Le-
ben anzupassen suchen muß, was den meist oberflächlichen,
oft scheinbar kleinlichen Anpassungsversuchen der mo-
dernen Frau eine gewisse Würde und Bedeutung verleiht.
Es ist diese tief verborgene Überzeugung, welche jede
kleine Frauenrechtlerin, die ihr Banner schwingt, aus der
Sphäre der Lächerlichkeit emporhebt und uns selbst die
leidenschaftlichen, nicht immer sehr weisen Anklagen ver-
geben läßt, in denen sie die Leiden und die Nöte der Frau
als ein ihr absichtlich zugefügtes Unrecht darstellt, wäh-
rend diese doch bloß unausweichliche Folgen einer jahr-
hundertelangen Entwicklung sind.

Es ist dieses dunkle Bewußtsein einer großen unpersön-
lichen Verpflichtung, welche selbst die Handlungsweise je-
des einzelnen jungen Mädchens über die Sphäre des Ge-
ringwertigen und Gleichgültigen hinaushebt, wenn es sein
luxuriöses und behagliches Heim verläßt, um es mit einer

i.V.

1



i§_

75
        <pb n="82" />
        ﻿Dachstube zu vertauschen, um in Einsamkeit und unter
jenem schweren Druck, den jeder empfindet, der gegen
die Anschauungen seiner Umgebung anzukämpfen hat,
sich die Wege und nötigen Kenntnisse zu neuen Arbeits-
feldern sucht. Es ist dieses tiefe Bewußtsein, welches die
arme, kleine, halb verhungerte Studentin geradezu hero-
isch erscheinen läßt, wenn sie, dem gigantischen Vor-
sprung trotzend, sich neben dem Manne auf den Feldern
moderner, geistiger Arbeit behaupten will, und die, ob es
nun gelingt oder fehlschlägt, einen Meilenstein auf der
Straße der menschlichen Entwicklung bedeutet. Es ist dies
Bewußtsein großer unpersönlicher Ziele, die es zu errei-
chen gilt und zu deren Erlangung jede einzelne ihr wenn
auch noch so kleines Teil beizutragen hat, was der Hand-
lungsweise jeder Frau, die auch nur der Tyrannei der sie
im Kampfe nach neuen Anpassungsformen hindernden
Mode in Bekleidung, Betragen oder Sitte widerstrebt, aus
dem Bereich des Nichtigen zu Wichtigkeit erhebt.

Es ist dieses Bewußtsein, welches dem Streben jeder ein-
zelnen nach physischer und geistiger Selbsterziehung und
Entwicklung eine fast ehrfurchtgebietende Bedeutung ver-
leiht ; es ist dies Bewußtsein, das mit hohem Enthusiasmus
das Herz des jungen Mädchens erfüllt, wenn es vielleicht
auf einer entlegenen Farm Afrikas oder Amerikas bis tief
in die Nacht über seine Bücher gebückt sitzt mit jener
Leidenschaft und Inbrunst, mit der einst die ersten Chri-
sten sich über die Seiten der Schrift beugten, in dem Ge-
fühl sich durch jede Erweiterung seines Wissens für irgend-
welche unbekannten kommenden Pflichten gegenüber der
Welt vorzubereiten. Es ist dieses Bewußtsein großer, un-
persönlicher Ziele, denen uns ihre Handlungsweise, wenn
auch langsam und unmerklich ein klein wenig näher
bringt, das so mancher Frau die Kraft des Verzichtens
gibt, wenn sie jede niedere Art von Geschlechtsverbindung
selbst eine mit allen äußeren Ehren eines legalen Bun-

76
        <pb n="83" />
        ﻿des verknüpfte — von sich weist, weil dieselbe ihr nur Ent-
nervtheit und Schmarotzertum zu bieten hätte. Dies Be-
wußtsein befähigt sie, Armut, Mühe und geschlechtliche
Vereinsamung (eine Vereinsamung, die für die Frau noch
schrecklicher ist als für jeden Mann) hinzunehmen, ja
selbst den Verzicht auf Mutterschaft, diese höchste Selig-
keit des weiblichen Daseins, die allein vollen Ersatz für
die natürlichen Leiden ihres Weibtums zu bieten vermag.
Sie tut es in der Überzeugung, dadurch eine vollere und
höhere Entwicklung der Mutterschaft und Ehe für kom-
mende Frauengenerationen zu ermöglichen. Es ist dieses
Bewußtsein, welches auch der geringsten Frau, die an die
geschlossenen Pforten pocht, welche sie von den neuen
Feldern physischer und geistiger Arbeit abschließt, eine
achtunggebietende Bedeutung gibt: sie ist überzeugt, nicht
für sich selbst, sondern im Dienste der ganzen Menschheit
an diese Pforten zu pochen. Es ist dieses beständige Be-
wußtsein eines über persönliches Leben und individuelles
Interesse hinausreichenden Zieles, welches das religiöse
Element der Frauenbewegung unserer Tage ausmacht und
mit einem gemeinsamen Band unpersönlicher Begeiste-
rung die Frauen der verschiedensten Rassen, Klassen und
Nationen in ihrem Kampf um Anpassung an das moderne
Leben verbindet.

Dies ist es auch, was, ungeachtet der Mängel und Feh-
ler der einzelnen, doch diese Frauen in ihrer Gesamtheit
zu einer der eindrucksmächtigsten und unwiderstehlich-
sten modernen Kräfte macht. Jeder gemeine Soldat einer
großen siegreichen Armee ist gerade auch nicht immer ein
imponierendes Wesen, wenn er die Dorfstraße entlang
schlendert, die Mütze schief auf dem Kopf, das Bajonett
zwischen den Beinen baumelnd, noch macht er immer
einen gewaltigen Eindruck, wenn er seine Uniform putzt
oder seinen Eßnapf auswischt; und doch sind es Indivi-
duen dieser Art, aus denen die große Armee besteht, die

s

77
        <pb n="84" />
        ﻿vielleicht morgen, wenn sie geschlossen einherschreitet, die
Welt mit ihrem Tritt erschüttern wird.

Vielleicht ist nicht eine unter zehn, ja vielleicht nicht
eine unter zwanzigtausend Frauen, die an dem Kampf teil-
nehmen, die klar und bündig von den Ursachen Rechen-
schaft geben könnte, die zu der Disharmonie in der gegen-
wärtigen Lage der Frau geführt haben, oder die Vorteile
einer Umwandlung klar darzulegen wüßte; ebenso wie
kaum ein Soldat in einer Armee von zehn- oder zwanzig-
tausend, die bereit sind, ihr Leben für ihr Vaterland zu
lassen, imstande wäre, in Klarheit und Kürze Aufschluß
über die Geschichte des Landes und die Verhältnisse,
welche den Krieg herbeigeführt haben, zu geben und eben-
sowenig ein genaues und detailliertes Bild von den Folgen
seines Kampfes. Er weiß nur, daß sein Vaterland ihn ruft,
und kennt nur den Platz, an dem er zu stehen, und die Ar-
beit, die er zu leisten hat.

Möglicherweise hat nicht eine von zehntausend Frauen
es mit wissenschaftlicher Exaktheit erfaßt, und noch weni-
ger vermag sie es mit dialektischer Schärfe auszudrücken,
welches die großen treibenden Kräfte sind, die sie zum
Handeln bewegen und zwingen. Sie wird vielleicht nicht
das große, im Mittelpunkt stehende Faktum klar erfaßt
haben, daß jede neue Generation der Menschheit hindurch-
gehen muß durch den Leib ihrer Frauen wie durch eine
Gußform, aus der sie mit unverwischbaren Kennzeichen
hervorkommt. Wie der Kopf des Kindes bei der Geburt
durch den weiblichen os cervix hindurch muß, der einen
Ring bildet, der für immer die Größe des menschlichen
Kopfes bestimmt, und nur wenn dieser os cervix sich er-
weitern würde, sich im Laufe der Zeiten auch der Umfang
des Kopfes vergrößern könnte, ganz ebenso bilden die
Geistesfähigkeiten, die Körperkräfte und die Gemütstiefe
der Frau einen unüberschreitbaren Ring, der für jede fol-
gende Generation die Grenze des Wachstums der mensch-

78
        <pb n="85" />
        ﻿liehen Rasse bestimmt. Selbst dieses Faktum aber wird die
Mehrzahl der Frauen nicht klar genug verstandesmäßig
erfaßt haben, um es in die Form einer logischen Darlegung
zu bringen.

Die Fortentwicklung des Menschengeschlechtes auf Er-
den (eine Entwicklung, die je mehr die alten Mythen und
Träume einer beschränkten persönlichen Unsterblichkeit
verblassen, der Seele Hoffnung ist, deren Licht uns leuch-
tet), eine Entwicklung, von der wir erhoffen, daß die
Menschheit einer fernen Zukunft an Geisteskraft und
Weite des sozialen Empfindens die höchsten Menschen
der Jetztzeit um so viel überragen werde, als diese unsere
ersten Urahnen überragen, die mit zitternden Schenkeln
sich zu aufrechtem Gang erhoben, und deren Lippen die
ersten Worte formten — diese Entwicklung ist nur dann
möglich, wenn die männliche und weibliche Hälfte des
Menschengeschlechts gemeinsam fortschreiten, auch künf-
tig Seite an Seite wachsend, wie es in der Vergangenheit
war. Aber auch diese tiefe Wahrheit haben möglicherweise
nur wenige Frauen deutlich und logisch als die Grundlage
ihres Handelns erkannt. Wie aus den ersten primitiven
Männern und Frauen, die kaum die Zahl ihrer Finger zäh-
len, die keine abstrakte Idee fassen konnten, keine hem-
mende Kraft eines sozialen Empfindens kannten, sich in
einer höheren Kultur eineSappho, ein Aristoteles, einSchel-
ling nur dann entwickeln konnten, wenn Mann und Frau
sich Seite an Seite, Schritt für Schritt zusammen entwickel-
ten, wenn mit den Windungen des männlichen Gehirns
auch die des weiblichen Zunahmen, wenn so wie ihre Stirne
höher ward, auch die seine wuchs: so wird auch in Zu-
kunft, wenn je der lange Aufstieg der Menschheit sich voll-
ziehen soll, Mann und Frau Seite an Seite marschieren
müssen, durch Vererbung aufeinander einwirkend und
rückwirkend, wenn nicht jeder Fortschritt unmöglich wer-
den soll.	i

79
        <pb n="86" />
        ﻿So wie die Existenz selbst des Buschmanns unmöglich
wäre, ohne die Existenz einer gleichgearteten, gleichbe-
gabten Buschmännin, wie ein Geschlecht, das unter sei-
nen Männern einen William Clifford, Tolstoj oder Ro-
bert Browning hervorbrachte, unmöglich und undenkbar
wäre, wenn es nicht auch Frauen wie Sophie Kowalewska,
George Eliot oder Louise Michel hätte hervorbringen kön-
nen, ebenso wird auch in Zukunft das höhere und soziali-
siertere Menschengeschlecht, von dem wir träumen, nur
erstehen können, wenn sich beide Geschlechter zusammen
entfalten, wenn der Ball des Lebens bald von dem einen,
bald von dem anderen aufgefangen und zurückgeworfen,
sich leise und unmerklich vergrößert und verschönert,
während er durch ihre Hände geht. Ohne die Rück-
wirkung der gegenseitigen Entwicklung der Geschlech-
ter ist kein tatsächlicher und dauernder menschlicher Fort-
schritt möglich. Ohne eine befreite, denkende Frau, die
ihn zur Welt bringt, kein freier Mann; ohne einen freien,
empfindungstiefen Mann, der sie zeugt, keine freie, ver-
stehende Frau, ohne freien Adam und freie Eva kein freies
und schönes Menschengeschlecht auf Erden; Stillstand des
einen bedeutet Stillstand für beide und für den Aufstieg
des ganzen Menschengeschlechtes. Wenn die Frau heute
nach ihrem langen Aufstieg Seite an Seite mit dem Mann,
nachdem sie durch zahllose Zeitalter ihre Geistes- und Kör-
perkräfte entwickelt hat, nun endlich an der letzten Grenze
ihres Wachstums angekommen wäre, über die sie nicht
hinaus kann — dann würde hier und heute auch das
Wachstum des menschlichen Geistes aufhören und auf der-
selben Stelle, auf der die Frau halt macht, müßte die Fahne
des Menschengeschlechtes endgültig aufgepflanzt werden
für immer und ewig: — wenn dieses Schmarotzerwesen,
das sich, mit Tand beladen, ein Spielzeug und Zeitvertreib
des Mannes, auf seinem Ruhebett hinstreckt, wirklich die
bleibende und endliche Manifestation weiblichen Lebens

80
        <pb n="87" />
        ﻿wäre, dann wäre dieses Ruhebett auch das Totenbett aller
menschlichen Entwicklung. All diese tiefen, grundlegen-
den Wahrheiten hat vielleicht nicht eine von zwanzigtau-
send Frauen, die für die Umgestaltung kämpfen, scharf
und klar genug erfaßt, um sie in Worte zu kleiden, und
doch wird jede von ihnen, auch die schwächste und un-
bedeutendste, die an unseren Bestrebungen nach Anpas-
sung und Entwicklung teilnimmt, von diesem unklaren Ge-
fühl getrieben. Hinter den kleinen Übeln, die sie durch ihr
momentanes persönliches Tun zu bessern sucht, hegen,
das fühlt sie, große Übel, von denen jene bloß Schöß-
linge sind; hinter den kleinen Gütern, die sie zu erreichen
sucht, hegt, daran glaubt sie, eine große, für alle zu er-
strebende Glückseligkeit; hinter dem kleinen Kampf des
Tages hegt der große Kampf der Jahrhunderte, an dem
weder sie allein, noch ihr Geschlecht allein, sondern die
ganze Menschheit beteiligt ist.

Diese Geistesverfassung des Durchschnitts der Frauen,
die heute an der Reformbewegung ihres Geschlechtes
teilnehmen und von der Rednerbühne und in der Lite-
ratur so oft bloß sekundäre Argumente anführen, unfähig
die dahinter hegenden treibenden Verhältnisse klar darzu-
legen, wird manchmal als Zeichen der Erfolglosigkeit und
des wahrscheinlichen endlichen Fehlschlagens der Be-
wegung hingestellt. In Wirklichkeit ist dem nicht so. Es
ist eher ein Zeichen dafür, wie gesund und tief im Men-
schenwesen ruhend, die Wurzeln dieser Bewegung sind
und wie sie eine von jenen großen Reformbewegungen ist,
die im Laufe der Jahrhunderte das Menschenleben ge-
wandelt haben. Denn diese großen Bewegungen, die blei-
bend den Zustand der Menschheit veränderten, sind nie-
mals von gelehrten Weisheitskrämern ausgegangen, ihre
Lebenskraft ist niemals aus rein intellektuellen und ab-
strakten Theorien erwachsen. Sie sind immer als Folge
von weitverbreiteten materiellen und geistigen Zuständen
        <pb n="88" />
        ﻿entstanden, die in weiten Kreisen menschliche Bedürfnisse
schufen und indem sie auf das einzelne Individuum ihren
Druck ausübten, schließlich eine fortlaufende, wenn auch
oft unsichere und schwankende Bewegung in bestimmter
Richtung hervorriefen. Die bloße intellektuelle Erkenntnis
mag die großen Bewegungen der Menschheit lenken, hem-
men oder beschleunigen; aber niemals hat sie sie geschaf-
fen. Selbst das ist fraglich, ob die Führer, die jene großen
erfolgreichen Bewegungen zu schaffen und zu organisieren
schienen, ob sie in ihrer Mehrzahl oder je die ganzen
Zusammenhänge der Bewegungen, die sie scheinbar be-
herrschten, verstanden haben. Sie waren vielmehr von der
großen allgemeinen Not durchdrungen, und da sie mehr
Willenskraft, Leidenschaft, Stärke oder Intelligenz besaßen,
vermochten sie dem Stimme zu verleihen, was in den an-
dern stumm blieb, und dem bewußte Richtung zu geben,
was für die anderen unbewußter Wunsch war; sie waren
nur der Kamm auf der großen Woge der Notwendigkeit,
aber sie haben nicht selbst die Woge geschaffen, die sie
und die Menschheit aufwärts trägt. Jene künstlichen Be-
wegungenj welche ihren Ursprung dem eigenmächtigen
Willen eines einzelnen verdanken, mögen sie mit noch so
viel Entschlossenheit und Verstand geleitet werden, haben
sich notwendig immer als ephemär und mißlungen erwie-
sen. Ein Alexander mochte Griechenland und Asien zu-
sammenschweißen wollen, ein Napoleon aus einem viel-
gestaltigen Europa einen vereinigten Staat schaffen wol-
len, und vermöge ihrer Geschicklichkeit und Energie mag
es für den Moment geschienen haben, als könnten
sie, was sie wünschten, auch erreichen; aber sobald das
treibende Individuum hinwreg ist, schmilzt der Gegenstand
ihrer Bemühungen dahin, wie ein Häuflein feuchten San-
des, das die Hand eines Kindes am Meeresufer zusammen-
gescharrt, hinweggeweht wird vom Wind, hinweggewaschen
von den Wogen im Augenblick, da die Hand, die es ge-

82
        <pb n="89" />
        ﻿bildet, nicht mehr da ist; während die kleine, weiche, form-
lose, wässerige Qualle daneben, obwohl hin- und herge-
schleudert von Wasser und Wind, doch Gestalt behält und
wächst, weil ihre Teile durch eine innere organische Kraft
verbunden sind.

Unsere Frauenbewegung erinnert in dieser Beziehung in
hohem Grade an die gigantischen religiösen und geistigen
Bewegungen, die Jahrhunderte hindurch das Leben Euro-
pas durchrüttelt haben und deren endliches Ergebnis die
Emanzipation der menschlichen Vernunft, die Freiheit des
Menschengeistes war. Wenn man von dem überlegenen
Standpunkt der Gegenwart zurückblickt, erscheint diese
Vergangenheit als eine große, stetige, fortlaufende Be-
wegung, die, wie von einem menschlichen Intellekt gelei-
tet, unverwandt auf ihr Ziel losgeht. Aber jener Masse
menschlicher Individuen, die daran teilnahmen, erschien
sie weit anders. Bald hier, bald dort wurde von einzelnen
oder kleinen Gruppen gekämpft, oft für scheinbar kleine,
fast persönliche Zwecke, die oberflächlich besehen, zu-
weilen wenig Gemeinsames hatten. Bald war es Giordano
Bruno, der in Rom verbrannt wurde, weil er eine abstrakte
Theorie über die letzten Ursachen der Dinge verteidigte;
bald wurde der Albigenser aus seinen Bergen vertrieben,
weil er sich nicht von seiner alten Bibel trennen konnte;
bald bestieg eine holländische Bäuerin gelassen den Schei-
terhaufen, weil sie ihr Haupt nicht vor zwei gekreuzten
Stäben beugen wollte; später wieder wurde Servet von
dem Protestanten Calvin in Genf verbrannt, wurde Spinoza
von seinem Stamm und seinem Volk ausgestoßen, weil er
in allem nur Gott erkannte, wurde ein Rousseau und Vol-
taire verbannt, ein Bradlaugh verfolgt, bis endlich in un-
seren Tagen der Nachhall des langen Kampfes, gleich
einem ersterbenden Echo ausklingt in manch kindischen
Versuchen, Personen um ihrer abstrakten Überzeugungen
willen von allgemeinen Rechten auszuschließen. Die Vor-
        <pb n="90" />
        ﻿hut der Menschheit hat in ihrem Kampf um Gedankenfrei-
heit den Sieg erfochten.

Jenen Männern und Frauen aber, die an diesem gewalti-
gen Kampfe im Laufe vieler Jahrhunderte der Vergangen-
heit teilgenommen haben, war wahrscheinlich in ihrer
Mehrheit nichts anderes klar, als ihr eigenes momentanes
Vorgehen. Auch die Führer kannten nicht den ganzen Um-
fang des Schlachtfeldes, auf dem sie im Kampf standen,
oder erfaßten genau, was der Ausgang bedeutete — am
wenigsten der gute alte Luther, selbst als er sein unsterb-
liches: „Ich kann nicht anders 1“ sprach, diese ewig gül-
tige Rechtfertigung aller Reformatoren und Erneuerer.
Auch der kühne Engländer, der, als die Flammen des
Scheiterhaufens über ihm zusammenschlugen, seinem To-
desgefährten zurief: „Sei guten Muts, Ridley, wir zünden
heute in England ein Licht an, das mit Gottes Hilfe nie
mehr erlöschen wird!“ sah zweifellos in diesem Licht
nur die Talgkerze der Freiheit einer kleinen englischen
Sekte und wußte nicht, daß es nur ein Strahl der großen
allgemeinen Morgenröte der Denk- und Geistesfreiheit war,
deren Licht endlich nicht nur England, sondern die ganze
Erde überströmen sollte. Nichtsdestoweniger liegt unzwei-
felhaft hinter all diesem beschränkten Streben für schein-
bar oberflächliche, beschränkte Ziele, ein tiefes, wenn
auch unklares Bewußtsein, das die Herzen dieser Män-
ner und Frauen während all dieser Jahrhunderte erfüllte,
ein Bewußtsein, daß ihr Handeln einem Ziele, das größer
sei als sie klar erkannten, einer allgemeinen Verpflich-
tung, einer großen Notwendigkeit diene.

Daß die Frauenbewegung unserer Tage ihren Ursprung
nicht bloß von irgendwelchen theoretischen Argumenta-
tionen nahm, daß sie bald hier, bald dort in verschiedenen
und manchmal scheinbar unvereinbaren Formen an den
Tag tritt, daß die Mehrzahl der Teilnehmerinnen infolge
eines momentanen Druckes der Lebensverhältnisse zum

84
        <pb n="91" />
        ﻿Handeln getrieben wird und nicht immer fähig ist, die
Natur der Ursachen, die sie treibt, verstandesmäßig festzu-
stellen oder die Folgen ihrer Handlungen klar zu zeichnen
— dies alles scheidet die Frauenbewegung keineswegs von
den großen Reformbewegungen der Menschheit, sondern
stellt sie vielmehr mit ihnen in eine Linie, indem es beweist,
wie lebensvoll, spontan, wie durchaus organisch und un-
gekünstelt sie ihrem Wesen nach ist.

Die Tatsache, daß sie sich an einem Ort als leidenschaft-
liche, manchmal fast zusammenhanglose Forderung nach
rechtmäßiger Teilnahme an öffentlichen un d sozialen Pflich-
ten äußert, während sie sich anderwärts als entschlossenes
Streben nach Bildung fühlbar macht, daß sie sich in einem
Land hauptsächlich im Kampf um die Erweiterung der
Gebiete weiblicher Lohnarbeit verkörpert, während sie
sich in einem andern in erster Linie in dem Bestreben, das
persönliche Verhältnis der Geschlechter neu zu gestalten,
ausdrückt, daß sie bei einem Individuum sich in leiden-
schaftlichem und manchmal lärmendem Kampf um per-
sönliche Handlungsfreiheit äußert, bei einem andern still
in der Tiefe des eigenen Innern — diesem Hauptschlacht-
feld, auf dem alle Fragen menschlichen Fortschritts end-
gültig ausgefochten und entschieden werden — durchge-
kämpft wird: all diese Verschiedenheiten und die Tat-
sache, daß die Durchschnittsfrau ganz von der Arbeit auf
ihrem eigenen kleinen Gebiet in Anspruch genommen ist,
beweist nicht die Schwäche, sondern die Stärke der Be-
wegung, die als Ganzes betrachtet eine stetige und fortlau-
fende ist in der Richtung zunehmender Tätigkeit und Bil-
dung und der Abwehr jeder Möglichkeit weiblichen Para-
sitentums. Langsam und unbewußt, wie das Kind sich im
Mutterleibe bildet, wächst diese Bewegung im Schoße un-
serer Zeit und fordert ihren Platz neben jenen großen
menschlichen Entwicklungen, von denen die Menschen an-
gesichts ihrer Ursprünglichkeit und ihres Zusammenhangs

85
        <pb n="92" />
        ﻿in der Sprache früherer Zeiten zu sagen pflegten: „Sie
sind nicht Menschenwerk, sondern Gotteswille.“

Wer heute eine große gotische Kathedrale in ihrer end-
gültigen Gestalt betrachtet, glaubt darin die Verkörperung
des Traumes eines einzigen genialen Menschengeistes zu
sehen. Tatsächlich aber war die Entstehung eine ganz andere.
Jahrhunderte lagen zwischen der Zeit, in der der Grundstein
gelegt, und jener, in der der letzte Spitzturm oder die letzte
Zinne gebildet ward. Und die Hand, die den Grundstein
legte, war niemals dieselbe, die den Schlußstein aufsetzte.
Generationen folgten oft aufeinander, arbeiteten an den
Wasserspeiern, den Rosenfenstern, den Helmen und star-
ben und hinterließen ihr Werk andern; der Meister, der
die ersten rohen Umrisse zeichnete, ging dahin und ihm
folgten andere, und die Einzelheiten des vollendeten Wer-
kes hatten oft nur eine blasse Ähnlichkeit mit seinem Ent-
wurf ; keiner verstand ganz, was die andern geschaffen oder
schufen, aber jeder arbeitete an seinem Platz, und das voll-
endete Werk war eine Einheit; es drückte nicht die Wünsche
und Bedürfnisse eines einzelnen aus, sondern den Geist je-
ner Zeit. Und für den Bestand des Gebäudes war die Ar-
beit des Steinmetzen, der sein Leben lang hingebend an
den Wasserspeiern und Fensterrosetten meißelte, nicht
weniger von Wichtigkeit, als die des größten Meisters,
der den Plan schuf. Und vielleicht war jener noch der he-
roischere; denn für den Meister, der, wenn auch nur un-
klar, ein Bild dessen vor Augen hatte, was das Werk be-
deuten würde, wenn der letzte Stein daran gefügt und die
letzte Spitzsäule aufgerichtet sein würde, war es leicht, mit
Hingabe und Eifer zu arbeiten, wenn er auch wußte, daß
nicht er es sein werde, der diesen letzten Stein fügen und
diese letzte Spitzsäule aufrichten, und daß er den Bau in
seiner vollen Schönheit und Größe niemals sehen werde;
aber für den Tagelöhner, der seine Pflicht tat und Monat
auf Monat an seinem kleinen Wasserspeier oder an dem

86
        <pb n="93" />
        ﻿Maßwerk seines kleinen Erkers arbeitete und meißelte,
ohne Bild des Ganzen, war es nicht so leicht. Nichtsdesto-
weniger bedurfte es seiner gewissenhaften Arbeit, bedurfte
es der Haufen behauener und verdorbener Steine ringsum-
her, damit endlich der Bau in seiner ganzen Größe und
Schönheit dastehe.

Für einen Moses, der vom Berg Pisga aus, wenn auch
durch den Nebel bitterer Tränen, das Land der Verhei-
ßung vor sich liegen sah, ein Land, das sein Fuß niemals
betreten und dessen Früchte seine Hand niemals pflücken
sollte, war es doch vielleicht nicht so schwer, umzukehren
und zu sterben, denn wie in einem Traum hatte er das
Land erblickt. Aber für die Tausende, die den Pisga
nicht ersteigen konnten, die ihre Gebeine in der Wüste
bleichen lassen mußten, ohne auch nur ferne das Land
winken zu sehen, die auf dem langen Marsch nicht ein-
mal die Bundeslade tragen, nicht den Cymbal schlagen
durften, sondern nur ihr eigenes Hausgerät und ihre ge-
ringe Habe schleppten, für sie war es vielleicht noch
schwerer, in der Wüste zu sterben, nur mit dem Bewußt-
sein, daß irgendwo in der Ferne das Land der Verheißung
liege. Nichtsdestoweniger war es ihr langsamer und manch-
mal schwankender Zug, durch den das Volk endlich das
Land erreichte.

So ist es auch für diejenigen Frauen, deren Weitblick
sie befähigt, den großen Segen zu schauen, zu dem die
Kämpfe und Leiden der heutigen Generation führen, die
hinter der Gegenwart, wenn auch in einer Zukunft, die sie
selbst nicht mehr erleben werden, ein freieres und stär-
keres Frauengeschlecht erblicken und mit ihm eine kräf-
tigere und entwickeltere Menschheit, nicht so schwer zu
entsagen und mit unerschütterlichem Zielbewußtsein zu
arbeiten; aber für jene, die das nicht sehen und doch
weiterkämpfen, zumeist nur von dem unklaren Bewußtsein
getrieben, daß irgendwo in der Zukunft ein großes Ziel
        <pb n="94" />
        ﻿ist, zu dem ihr Streben führt, die Jahr um Jahr an den
kleinen Wasserspeiern irgendeines Wahlrechtes oder dem
Zuhauen des Grundsteines irgendeiner Erziehungsreform
arbeiten oder einen Stein einfiigen, der vielleicht nie ganz
den Fleck ausfüllt, für den er bestimmt war und wegge-
worfen werden muß, oder die ihr ganzes Leben lang an
dem Tragstein irgendeiner Reform in dem Verhältnis der
Geschlechter meißeln, um endlich zu sehen, wie er unter
ihrem Stichel zerbricht, die über viele Enttäuschungen viel-
leicht zu keinem Erfolg oder nur zu so geringem oder so
verborgenem gelangen, daß nie ein Auge ihn sehen wird,
für die mag es nicht leicht sein, zu arbeiten ohne müde zu
werden. Und doch sind es diese Myriaden Arbeiterinnen,
die jede in ihrer eigenen winzigen Sphäre arbeiten, mit
ihrem engen Ausblick unter endlosem Mißlingen und vie-
len Enttäuschungen, durch deren Arbeit zuletzt ein höheres
und schöneres Verhältnis der Frau zum Leben erstehen
wird, wenn ein solches überhaupt kommen soll.

Wenn auf dem Grunde des Meeres ein Seestern am Fuß
eines steilen Felsens liegt, scheint es dem Zuschauer, als
ob nichts die träge Masse in Bewegung bringen und das
Tier niemals den Felsen hinanklimmen könnte. Aber gebt
nur acht. Auf der Unterseite, den Blicken verborgen, hat
es tausend feiner Fühlfäden, und aus dem Nervenzentrum
strahlen Willensimpulse in alle Teile des Körpers, und je-
des winzige Fäserchen, dünn wie ein Haar, dehnt sich lang-
sam aus und klammert sich an der nächstliegenden klein-
sten Rauheit des Felsens an; bald läßt ein winziger Fühl-
faden seinen Halt fahren, bald hält ersieh wieder fest, und so
gelangt langsam, langsam die ganze träge Masse zum Gipfel.

In diesen Versuchen einer Neuanpassung der Frau an
das Leben spricht man oft von den Führerinnen, als von
der „Neuen Frau“, und zwar so, als ob sie etwas Unheilver-
kündendes, Unerhörtes in der Menschengeschichte wären.

88

)
        <pb n="95" />
        ﻿In Wahrheit sind wir aber gar nicht neu. Wir, die wir
diese heutige Bewegung leiten, sind von jenen alten, alten
teutonischen Frauengeschlechtem, die vor zwanzig Jahr-
hunderten an der Seite ihrer männlichen Gefährten ihren
Weg durch Europas Wälder und Moräste bahnten, die mit
den Zimbem nach Italien, mit den Franken nach dem
Rhein, mit den Warägern nach Rußland und den Aleman-
nen nach der Schweiz zogen, die Skandinavien bevölkerten
und in England eindrangen, deren Priesterinnen ihre Al-
täre in den deutschen Wäldern hatten und über Krieg
oder Frieden entschieden. In uns fließt das Blut eines
Frauengeschlechtes, das niemals gekauft und verkauft
ward, das keinen Schleier trug und dessen Füße nie ge-
bunden waren, dessen verwirklichtes Eheideal die Kame-
radschaft der Geschlechter war und die Gleichheit in
Pflichten und Arbeit, das dem geliebten Mann zur Seite
stand im Krieg wie im Frieden, und dessen Kinder Mann-
heit aus Mutterbrüsten saugten und schon im Mutterleibe
ein mutiges Herz über sich schlagen fühlten. Wir sind
Frauen einer Rasse, deren Stammesideal keine griechische
Helena ist, die von der Hand eines Mannes in die eines
andern überging wie Gold oder Blei, sondern jene Brun-
hild, die Sigurd in Helm und Brünne gekleidet auffand, die
Walküre, die ihm den Rat gab, „den tiefsten, der jemals
einem lebenden Manne gegeben ward“, und die ihn „auf-
rief, große Taten zu vollbringen“, die, als er starb, den
Holzstoß hoch aufrichtete und sich neben ihn bettete mit
den Worten: „Des Helden heiligste Ehre zu teilen, ver-
langt mein eigener Leib.“ Wir sind von einem Weiber-
geschlecht, das von altersher keine Furcht kannte, den
Tod nicht fürchtete, ein großes Leben lebte und hohe
Hoffnungen nährte, und wenn auch heute manche von uns
gesunken sind in böser, entarteter Zeit, so pocht doch noch
das alte Blut in uns.

Und stehen wir auch heute nicht physisch auf dem
        <pb n="96" />
        ﻿Schlachtfeld neben unseren Männern und geht der Marsch
auch nicht durch Wälder und Moräste, so ist es doch der
alte Geist, der ungetrübt durch zwei Jahrtausende sich in
uns rührt, nur in tieferer und feinerer Weise; es ist noch
der Ruf des freien nordischen Weibes, der heute die Welt
durchklingt. Wenn auch heute für uns alle das Schlacht-
feld in Laboratorien und Werkstätten, im Gerichtshof oder
Studierzimmer liegt, im Versammlungssaal, auf dem Markte
oder der politischen Arena, wenn wir auch mit der Feder
anstatt mit dem Schwert, mit dem Kopf, nicht mit dem
Arm kämpfen, so stehen wir doch den Männern, die wir
lieben, zur Seite, „mit ihnen im Kampfe zu wagen und im
Frieden zu leiden“, wie es einst der Römer von unseren
alten nordischen Frauen geschrieben. Diese Frauen, von
denen uns die alten Schriftsteller erzählen, daß sie barfuß
und weiß gekleidet dem nordischen Heerbann auf dem
langen Marsch nach Italien voranschritten, sie waren von
dem Gedanken beseelt, ihr Volk in ein Land zu führen, in
dem die Sonne wärmer scheint und reichere Früchte ge-
deihen ; und wir heute glauben, ein Land zu erkennen, das
in herrlicheres als in leuchtendes Sonnenlicht gebadet ist
und reichere Früchte trägt als die Sinne erfassen können;
und hinter uns, glauben wir, folgt uns eine längere Heer-
schar, als irgendeine unseres Volks oder Geschlechts; der
Schall der Tritte, den wir hinter uns hören, ist der der
Frauen der ganzen Erde, die in sich die ganze Menschheit
tragen. Der noch kaum sichtbare Pfad, den wir heute aus-
treten, wird, so glauben wir, die breiteste und ebenste
Straße des Lebens sein, auf der die Menschenkinder in
höherer Gemeinschaft und Harmonie dahinschreiten wer-
den. Das Banner, das wir heute entfalten, ist nicht neu: es
ist das Banner der alten, freien, monogamen, arbeitenden
Frau, das schon vor zweitausend Jahren über den Wäldern
Europas wehte. Wir werden es weiter tragen, jede Genera-
tion, die fällt, wird es der folgenden weiterreichen, bis wir

90
        <pb n="97" />
        ﻿es so hoch aufpflanzen können, daß alle Völker der Erde
es sehen; bis die Frauen auch der niedersten menschlichen
Rassen sich unter ihren Falten sammeln und kein Kind ins
Leben treten wird, das nicht in ihrem Schatten geboren
wäre.

Wir sind nicht neu! Wenn ihr uns verstehen wollt, so
schaut zweitausend Jahre zurück und studiert unsere Her-
kunft ; unsere Abstammung ist unsere Erklärung. Wir sind
die Töchter unserer Väter sowohl als unserer Mütter. In
unseren Träumen hören wir noch das Klirren der Schilder,
die unsere Vorväter vor der Schlacht zusammenschlugen
mit dem Ruf nach „Freiheit“! Diesen Ruf hören wir in
unseren Träumen, und wenn wir wachen, tönt er von unse-
ren Lippen! Wir sind die Töchter jener Männer.

Aber man wird vielleicht ein wenden: „Sind nicht Frauen
unter euch, die das Losungswort Freiheit und Arbeit nur
benützen werden, damit sich ihnen die Tore zu noch größe-
rer, raffinierterer Genußsucht, zu noch gewinnbringende-
rem und genußreicherem Parasitismus öffnen? Gibt es
nicht Frauen, die unter dem Schein von Arbeit nur nach
neuen Wegen zu sinnlicher Lust und Zügellosigkeit suchen,
für die die Bildung des Geistes und die Erschließung neuer
Arbeitsfelder an der Seite des Mannes nur neue Mittel
sind, um sich bemerkbar zu machen und zu schmarotzen ?“
Unsere Antwort ist: Es mag sein, daß solche unter uns
sind, aber — sie gehören nicht zu uns. Wir selbst wenig-
stens lassen uns selten von ihnen täuschen; die Schafe er-
kennen gewöhnlich den Wolf, so sorgfältig er sich in den
Schafpelz kleidet, wenn sie ihn auch nicht immer aus der
Herde zu vertreiben vermögen und wenn der Zuschauer
ihn auch nicht erkennt! Die Außenstehenden mögen durch
sie irregeführt werden; wir, die Schulter an Schulter mit
ihnen stehen, kennen sie schon; es sind ihrer weder viele,
n°ch sind sie etwas Neues. Sie gehören zu den ältesten
Überbleibseln, zum Urbestand der Menschheit. Sie sind

I

I

9i
        <pb n="98" />
        ﻿so alt wie Loki unter den Göttern, wie Luzifer unter den
Kindern des Lichts, wie die Schlange im Garten Eden, wie
Pein und Verirrung im Gang des menschlichen Lebens.

Solche Frauen sind so alt, wie die ersten Frauen der Ur-
zeit, die mit ihren Genossen Holz sammeln gingen für den
gemeinsamen Haushalt und Gras unter ihre Bündel steck-
ten, damit es aussähe, als trügen sie dieselbe Last, wäh-
rend sie nichts trugen; sie sind so alt, wie der erste Mann,
der seinen Schild in der Schlacht wegwarf und wenn die
Schlacht vorüber war, sich unter die Sieger mischte, um
die Beute zu teilen; so alt, wie Feigheit und Gier in der
Menschen- und Tierwelt ist, die immer bestanden und erst
auf hören werden, wenn vielleicht eine höhere und größere
Menschheit die letzte Häutung hinter sich hat.

Jede Armee hat ihre Mitläufer, die nicht zu den recht-
mäßigen Soldaten gehören, aber ihrem Zug folgen, bereit,
die Gefallenen auf beiden Seiten zu überfallen und auszu-
plündern. Fremde mögen sie für Soldaten halten, aber die
Soldaten wissen, wer sie sind. Beim heiligen Abendmahl
saßen der Meister und scheinbar zwölf Apostel; in Wahrheit
aber waren allesamt nur zwölf von der Gemeinde, und einer
war nicht von den ihrigen. Einen solchen Dreizehnten gab
es seit jeher bei jeder heiligen Gemeinschaft, seitdem die
Welt besteht, wo immer die Träger einer großen Sache
geistiges Brot gebrochen haben; aber es ist die Frage, ob
je dieser Dreizehnte imstande war, irgendeine große Be-
wegung zu zerstören oder auch nur aufzuhalten. Judas
konnte den Meister durch einen Kuß ans Kreuz liefern;
aber seine Stimme konnte er nicht zum Schweigen bringen,
durch Jahrtausende klang sie aus diesem judäischen Grab
heraus. Wieder und wieder, in sozialen, politischen, geisti-
gen Bewegungen verrät der Verräter, aber die Sache
schreitet vorwärts, über seinen Leib hinweg.

Es gibt Frauen, wie es Männer gibt, deren politische, so-
ziale, wissenschaftliche oder philanthropische Arbeit die

92
        <pb n="99" />
        ﻿Schminke ist, die sie auflegen, wie die Dirne die Farbe,
und zu keinem anderen Zweck: aber sie können den Fort-
schritt der großen Masse lebensvoller und ehrlicher Frauen
so wenig aufhalten, als das Treibholz auf der Oberfläche
eines mächtigen Stromes seine Wasser hindern kann, das
Meer zu erreichen.

93
        <pb n="100" />
        ﻿IV.	DIE FRAU UND DER KRIEG

Wir dürften ferner dem Einwand begegnen: Gesetzt, ihr
habt vollkommen recht, daß die Frau, der die alten Ar-
beitsgebiete verloren gehen, nach neuen greifen muß, wenn
sie nicht in volle Abhängigkeit von ihren Geschlechtsfunk-
tionen geraten will und nicht alle anderen Elemente ihres
menschlichen Wesens aus Mangel an Übung gehemmt
und vernichtet werden sollen. Gesetzt, es sei wahr, daß mit
dem Stillstand ihrer Entwicklung auch die Entwicklung
der ganzen Menschheit aufhören würde. All dies vollstän-
dig zugegeben und auch zugegeben, daß die menschliche
Arbeit im großen ganzen dahin neigt, mehr und mehr eine
geistige und immer weniger eine rein mechanische zu wer-
den, je mehr vervollkommnete Maschinen die rohe Men-
schenkraft ersetzen, und daß daher die Frau, um sich
selbst vor Degeneration und Parasitismus und die ganze
Menschheit vor Stillstand zu retten, eine Erziehung erhal-
ten muß, die all ihre geistigen und körperlichen Anlagen
ausbildet und ihr die Freiheit gibt, sie zu benützen — würde
es nichtsdestoweniger möglich und vielleicht gut sein, ir-
gendeine Teilung zwischen männlichen und weiblichen Be-
schäftigungen vorzunehmen? Könnten nicht vielleicht die
Frauen wieder zur Landwirtschaft, zu Textilgewerbe und
Handel, Haushaltungsgeschäften, Jugenderziehung und
Heilkunst zurückkehren und all dies im Verein mit den
Mutterpflichten ihr ausschließliches Arbeitsgebiet bilden,
während dem Mann das Studium der abstrakten Wissen-
schaften, Rechtskunde, Politik und Kriegshandwerk über-
lassen bliebe? Sowie in alten Zeiten Krieg und Jagd Sache
des Mannes, alle anderen Arbeiten die der Frau waren,
warum sollte nicht auch ferner eine gerechte gleiche Tei-
lung der sozialen Arbeitsgebiete bestehen?

Oberflächlich besehen scheint dieser Vorschlag ganz ra-
tionell und hat wenigstens das für sich, daß er mit dem
        <pb n="101" />
        ﻿Lauf der menschlichen Entwicklung in der Vergangenheit
übereinzustimmen scheint. Bei näherer Betrachtung aber
zeigt es sich, daß ihm jede praktische oder wissenschaft-
liche Basis fehlt und jede Übereinstimmung mit den
modernen Lebensbedingungen. In vergangenen primitiven
Gesellschaftsordnungen wurde durch die bloße Muskel-
kraft und Größe des Mannes einerseits, durch die fort-
währende Inanspruchnahme der Frau für Gebären, Säu-
gen und Aufziehen der Kinder andererseits, diese Arbeits-
teilung nach Geschlechtern in fast allen Ländern (Ägyp-
ten vielleicht ausgenommen)* unausweichlich. Die Frauen
übernahmen naturgemäß die schwere landwirtschaftliche
und häusliche Arbeit, weil sich diese immerhin eher als die
Beschäftigungen des Mannes in Jagd und Krieg mit der
fortwährenden Inanspruchnahme durch die Kinder verein-
baren ließ. Es war nichts Künstliches in einer solchen
Teilung. Wohl lag die schwerste Last der ermüdendsten
und gleichförmigsten Arbeit auf den Schultern der Frau;
aber beide Geschlechter arbeiteten in der gebotenen Weise
für die Existenz der Gemeinschaft, und jedes überlieferte
dem anderen mittels Vererbung die Früchte seiner durch
stete Übung zunehmenden Kräfte, und die Rasse gedieh.

Einzelne Frauen mögen manchmal, ja sogar öfters, Häupt-
linge eines Stammes gewesen sein; der König der Ashan-
tees mag mit seinen gefürchteten weiblichen Kriegs-
scharen in den Kampf gezogen sein, und Männer mögen
hier und da für ihre Kinder das Feld bebaut und das Ge-
wand gewoben haben; aber in der Hauptsache war in den
meisten Gemeinschaften die Teilung der Arbeit eine na-
türliche, gerechte und segensreiche, und es war unaus-
weichlich, daß eine derartige Teilung stattfand. Wenn

* Die Arbeitsteilung unter den Geschlechtern im alten Ägypten und
anderen Ländern, in denen Ausnahmeverhältnisse bestanden, ist ein
Gegenstand von hohem Interesse, doch kann hier nicht näher darauf ein-
gegangen werden.



95
        <pb n="102" />
        ﻿heute eine Schar zivilisierter Männer, Frauen und Kinder
in völlig nacktem und schutzlosem Zustand in eine Wild-
nis verschlagen würde, vollständig abgeschnitten von aller
Zivilisation, so würde unzweifelhaft fast ganz die alte
Arbeitsteilung, wenigstens für kurze Zeit, wieder Platz
greifen. Die Männer würden nach Steinen und Stöcken
suchen, um sich Waffen zum Schutz gegen wilde Tiere
und Feinde zu schaffen, auf die Jagd gehen, mit den Wil-
den kämpfen und das gezähmte Vieh hüten.* Die Frauen
würden ihre Kinder säugen, das Fleisch kochen, das die
Männer heimbrächten, Hütten aufrichten, nach Wurzeln
suchen und womöglich sie anpflanzen. Sicherlich gäbe
es keine Müßiggänger in der Gesellschaft; denn die Frau,
die nicht für ihr Kind arbeiten, und der Mann, der nicht
auf die Jagd gehen oder die Gemeinschaft gegen An-
griffe verteidigen wollte, sie würden von ihren Genossen
nicht erhalten werden und bald zugrunde gehen. Wenn
später die wilden Tiere ausgerottet und andere gezähmt
und die Kriegswaffen verbessert wären, so daß man nicht
mehr aller Männer für Krieg und Jagd bedürfte, dann
würden sie daheim bleiben und beim Pflanzen und Bauen
helfen. Viele Frauen würden sich dann zu Hausarbeit und
Handwerk zurückziehen, und die ganze ehemalige Entwick-
lung würde sich im kleinen Maßstab wiederholen. In der
Gegenwart aber, innerhalb der neuen Felder geistiger Ar-
beit oder gelernter Handarbeit, die an Stelle der alten Ar-
beitsformen getreten sind, sehen wir nirgend eine solche
natürliche, spontane Arbeitsteilung, die auf natürlichen
Geschlechtsverschiedenheiten basieren würde.

Es ist ja möglich, obwohl in der Gegenwart keinerlei An-
zeichen dafür sprechen und es sehr unwahrscheinlich klingt,
daß irgendein entfernter, jetzt noch unwahrnehmbarer Zu-
sammenhang besteht zwischen der zu bestimmten Geistes-

Die jungen gefangenen Tiere würden wahrscheinlich von den Frauen
gezähmt und aufgezogen werden.

96
        <pb n="103" />
        ﻿arbeiten befähigenden Gehirn- und Nervenbeschaffenheit
und den Geschlechtsfunktionen eines Individuums. Es mag
sein, so unerklärlich es auch scheint, daß sich schließlich
irgendein Zusammenhang findet zwischen dem Gehirn- und
Nervenzustand, der das Individuum, sagen wir, zum Studium
der Mathematik befähigt, und der Natur seiner Geschlechts-
attribute. Die bloße Tatsache aber, daß von der Handvoll
Frauen, die sich bisher abstrakten Studien widmen durf-
ten, einige sich in der höheren Mathematik auszeichneten,
beweist noch nicht notwendig, daß das weibliche Ge-
schlecht für mathematische Fächer eine höhere Eignung
als etwa für Staatswissenschaften, für Recht oder Verwal-
tung besitze, Gebiete, zu welchen Frauen bisher tatsächlich
noch keinen Zutritt erhielten. Man behauptet manchmal,
weil einige geniale Frauen der neueren Zeit ihre schöp-
ferische Kraft in der Erzählungskunst zum Ausdruck zu
bringen suchten, daß ein innerer Zusammenhang im mensch-
lichen Gehirn bestehen müsse zwischen den Geschlechts-
funktionen des Eierstocks und der Kunst der Erzählung.
Tatsächlich verhält es sich vielmehr so: Da die moderne
Erzählungskunst eine bloße Beschreibung des mensch-
lichen Lebens in seinen verschiedenen Phasen und die ein-
zige Kunst ist, die keiner speziellen Schulung und beson-
derer Vorkehrungen bedarf, kann die Frau sie in jenen
Momenten ausüben, die sie den mannigfaltigen, ihr Leben
ausfüllenden, geisttötenden Beschäftigungen abstiehlt.
Und so wurde sie auf diesen Ausweg, als den einzigen,
der sich ihren Kräften bot, gedrängt. In welchen ande-
ren Richtungen ihre Begabung bei naturgemäßer Ent-
wicklung zum Ausdruck gelangt wäre, ist ihr selbst nur
teilweise bewußt, und was die Welt durch dieses in eine
bestimmte Richtung Zwingen von Begabungen, die viel-
leicht in dieser Ausdrucksform nicht ihre naturgemäßeste
oder nicht ihre einzige Form gefunden haben, verloren
bat, kann niemand berechnen. Selbst in den unbedeuten-







7 Schreiner, Die Frau

97
        <pb n="104" />
        ﻿den Novellistinnen dritten Ranges, deren Produktionenden
Markt überschwemmen, können wir oft eine ergreifende
Erscheinung erblicken, wenn wir ahnen, daß unter ihren
mißlungenen künstlerischen Versuchen die Begabung eines
tüchtigen Gesetzgebers, eines geschickten Architekten, eines
originellen wissenschaftlichen Forschers oder eines guten
Richters begraben liegen mag. Wissenschaftlich ist ein or-
ganischer Zusammenhang zwischen dem weiblichen Ge-
hirn und der Erzählungskunst ebensowenig bewiesen, wie
ein organischer Zusammenhang zwischen der weiblichen
Hand und der Schreibmaschine. Beide, die Schriftstellerin
wie die Stenotypistin, suchen jede innerhalb ihrer Sphäre
ihren Kräften ein Ventil zu öffnen in der Richtung des
schwächsten Widerstands. Die momentane Tendenz der
Frauen zu bestimmten Arbeitsformen beweist nichts, als
daß in dem verworrenen, eingeengten, gebundenen Zu-
stand der Frau der Gegenwart dies die Richtungen sind,
in denen ihr eine Tätigkeit am ehesten möglich wird.

Möglich, daß in späteren Zeiten, wenn Mann und Frau
geistig gleich vorgebildet sind, die gleiche Erziehung,
gleiche Anregung und gleiche Entlohnung erhalten wer-
den, ein oder die andere Fähigkeit als parallel laufend
mit der Art der Geschlechtsfunktionen erkannt werden
wird, sobald man die Menschheit als Ganzes betrachtet.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Historiker der Zu-
kunft, der auf unzählige Generationen geistig befreiter
und tätiger Geschlechter zurückblicken wird, bei sorgfälti-
ger, ausgedehnter Vergleichung eine entschiedene Eig-
nung des weiblichen Intellekts für Mathematik, Technik
oder Politik und ebenso etwa eine ausgesprochene Nei-
gung des männlichen Geistes für Schauspielkunst, Musik
oder Astronomie erkennen wird. Aber in der Gegenwart
haben wir keinerlei ausreichende wissenschaftliche An-
haltspunkte, aus denen derartige Schlüsse zu ziehen wären,
und jeder Versuch einer Teilung der Arbeitsgebiete in
        <pb n="105" />
        ﻿männliche und weibliche ist ein künstlicher und willkür-
licher, um nichts rationeller und wissenschaftlicher, als
etwa ein Versuch wäre, einen Jungen nach der Farbe sei-
ner Augen oder der Form und Stärke seiner Beine zum
Astronomen oder Kupferstecher zu bestimmen. Jene phy-
sischen Verschiedenheiten innerhalb der Menschheit, welche
Rassen und Nationen trennen — nicht bloß die Rassen-
unterschiede zwischen Juden und Schweden oder Japaner
und Engländer, die doch unendlich größer sind, als je der
Gegensatz zwischen Mann und Frau derselben Rasse, son-
dern auch die feinen Abweichungen, die nah verwandte
Rassen, wie Engländer und Deutsche unterscheiden —
scheinen oft mit subtilen Verschiedenheiten in der geistigen
Veranlagung verbunden zu sein. Aber selbst in bezug auf
diese Unterschiede ist es fast unmöglich, wissenschaftlich
festzustellen, inwiefern sie das Resultat von nationalen
Traditionen, Umgebung und Erziehung, und inwiefern das
Resultat organischer Gestaltung sind.*

Kein Studium der bloßen physischen Verschiedenheiten
zwischen Individuen oder Rassen würde uns Kenntnisse
über ihre geistige Veranlagung verschafft haben, noch kann

* In bezug auf die körperlichen Geschlechtsunterschiede muß sich der
zivilisierte Mensch der modernen Welt immer davor hüten, sich unbewußt
durch die sehr übertriebenen äußern Geschlechtsunterscheidungen irre-
führen zu lassen, welche unsere unnatürliche Art der Kleidung und der
Haartracht mit sich bringt. Im unbekleideten natürlichen Zustand ist der
Körper von Mann und Weib nicht stärker von einander unterschieden,
als der von Löwe und Löwin. Unsere angelsächsischen Altvordern mit
ihren großen, fast nackten weißen Körpern und den langen fliegenden
Haaren, die beide Geschlechter trugen, unterschieden sich wenig von ein-
ander, während bei ihren modernen Abkömmlingen, der kurzhaarige, dun-
kel gekleidete, offenkundig zweibeinige Mann von der gewöhnlich lang-
haarigen, farbig herausgeputzten, mit vielen Röcken angetanen Frau voll-
ständig verschieden ist. Wären die organischen Verschiedenheiten zwi-
schen Mann und Frau nur halb so auffallend als die augenfälligen künst-
lichen, so wären sie nicht nur größer als alle Unterschiede zwischen einer
Menschenrasse und der anderen, sondern so groß wie die zwischen ver-
schiedenen Ordnungen der Tierwelt. Nur ein besonders analytischer,
ängstlich scheidender Verstand wird sich durch die gewohnten äugen-
        <pb n="106" />
        ﻿die Tatsache, daß bestimmte Individuen einer mensch-
lichen Art gewisse Fähigkeiten besitzen, einen vernünfti-
gen Grund bilden, alle Individuen dieser Art in ein be-
stimmtes Arbeitsgebiet zu zwingen.

Keine noch so genaue Analyse der physischen Konstitu-
tion der Juden konnte ohne jahrhundertelange praktische
Erfahrungen a priori annehmen und noch weniger bewei-
sen, daß parallel mit irgendwelchen physischen Merkmalen,
welche sie von ihren Mitmenschen unterscheiden, eine an-
geborene einzigartige intellektuelle Begabung für Religion
geht. Die Tatsache, daß während dreier Jahrtausende, von
Moses bis Jesaias, von Jesus und Paulus bis zu Spinoza,
die jüdische Rasse Männer hervorgebracht hat, die der
halben Welt ihren religiösen Glauben und ihr religiöses
Feuer geliehen haben, beweist, daß irgendwo und irgend-
wie, entweder organisch mit der physischen Konstitution
der Juden zusammenhängend oder als Resultat von Tradi-
tionen und Erziehung, diese Begabung für religiöse Dinge
besteht. Trotzdem finden wir andererseits Millionen Juden,
denen dieser Sinn total und ausgesprochen abgeht, und
irgendwelche praktischen Vorschriften für das Individuum
auf diese erwiesene geistige Veranlagung der Rasse als
Ganzes zu basieren, wäre ebenso offenkundig lächerlich
wie verfehlt. Ein noch markanteres Beispiel bieten die
Deutschen. Keinerlei Betrachtung ihrer physischen Eigen-
tümlichkeiten, selbst bei subtilster Untersuchung von Ner-
ven, Knochen, Muskeln könnte bei dem jetzigen Stand der
Wissenschaft erweisen, daß mit dieser organischen Kon-
stitution der Deutschen eine einzigartige Veranlagung für
Musik verknüpft ist. Wohl besteht immer die Möglichkeit
einer Verwechselung von angeborner Anlage mit den Re-

fälligen Verfälschungen nicht irreführen lassen. Es gibt vielleicht nicht

einen Mann oder eine Frau unter vielen Tausenden, die nicht in ihren Vor-
stellungen über die körperlichen und geistigen Geschlechtsunterschiede

aufs stärkste von den grotesken Übertreibungen der modernen Tracht
und künstlich geschaffenen Sitten beeinflußt wären.
        <pb n="107" />
        ﻿sultaten von Erziehung und äußern Umständen; aber
wenn wir die Leidenschaft, welche die Deutschen für Mu-
sik bewiesen haben, und die Tatsache bedenken, daß die
größten Musiker, die die Welt kennt, von Bach, Beethoven,
Mozart bis zu Wagner dieser Nation angehörten, so er-
scheint es höchst wahrscheinlich, daß eine Beziehung
zwischen dem Körperbau des Deutschen und seiner musi-
kalischen Begabung existiert. Ähnliche geistige Besonder-
heiten scheinen mit äußeren Verschiedenheiten, die an-
dere Rassen kennzeichnen, einherzugehen. Nichtsdesto-
weniger würde jeder Versuch in einer Kolonie, in der Per-
sonen all dieser Nationen zusammenlebten, auf Grund
dieser anscheinend erprobten nationalen Eignung oder
Nichteignung jede auf ein bestimmtes Arbeitsgebiet zu
beschränken, als verrückt angesehen werden. Darauf zu
bestehen, daß alle Juden und nur Juden religiöse Gegen-
stände zu behandeln und zu unterrichten hätten, daß alle
Engländer und nur Engländer Handel zu treiben hätten,
jeder Deutsche sich mit Musik seinen Lebensunterhalt
verdienen müßte und niemand außer Deutschen Musik
betreiben dürfte, würde jeden einzelnen unglücklichen
Engländer, dessen ausgesprochenster Mangel in der Rich-
tung von Finanz- und Geschäftswesen liegen mag, jeden
Juden, dessen religiöse Instinkte rudimentär sind, jeden
Deutschen, der keine Note von der andern zu unterschei-
den vermag, einfach zur Verzweiflung bringen. Und die
Gesellschaft als Ganzes würde einen unersetzlichen Ver-
lust erleiden, einen der schwersten Verluste, die eine Ge-
sellschaft betreffen kann — die Nichtausnützung der höch-
sten Fähigkeiten all ihrer Mitglieder.

Es mag sein, daß wie bei den Rassen, so auch bei den
Geschlechtern die feinsten physischen Differenzen ihr fei-
nes&gt; geistiges Korrelat besitzen; aber keine abstrakte Be-
trachtung des menschlichen Körpers bezüglich seiner Ge-
schlechtsfunktionen kann bei dem jetzigen Stand unserer
        <pb n="108" />
        ﻿Wissenschaft erweisen, welche geistigen Fähigkeiten da-
hin neigen, mit den sexuellen Organen zu variieren, und
nichts im gegenwärtigen oder vergangenen Zustand von
Mann und Frau gibt uns mehr als die allerleisesten An-
deutungen einer Möglichkeit der Relation zwischen geisti-
gen Anlagen und Geschlechtsfunktionen. Und selbst wenn
durch jahrhundertelange Erfahrungen erwiesen wäre, daß
mit den weiblichen Geschlechtsfunktionen mehr Neigung
zu außerordentlichen Fähigkeiten in mathematischen als
in naturwissenschaftlichen Fächern zusammenfällt oder
mehr Eignung für Politik als für technische Erfindungen,
wenn es erwiesen wäre, daß im allgemeinen von zwanzig-
tausend Frauen, die sich dem juristischen, und zwanzig-
tausend, die sich dem medizinischen Studium widmen, eine
verhältnismäßig größere Zahl auf dem Gebiete der Rechts-
kunde etwas leistet, so wäre noch immer kein gesunder und
vernünftiger Grund vorhanden, die Tätigkeit der einzelnen
Frau auf die Richtung zu beschränken, in der die Frau
durchschnittlich öfter Hervorragendes zu leisten schien.*
Daß auch nur ein Individuum in einer Gesellschaft von
derjenigen Arbeit, für die es am besten geeignet ist, aus-
geschlossen sein soll, bedeutet einen unnötigen Ausfall in
dem geistigen Besitzstand der Gesellschaft. Wenn ein
männlicher Fröbel an seiner Arbeit als Pädagoge ge-
hemmt oder verhindert worden wäre, weil Kindererziehung
als Gebiet der Frau galt, oder nur eine Frau, die die
Gabe zum Staatsmann besitzt, gezwungen sein soll, im
Kindergarten zu unterrichten, wozu sie vielleicht nicht die

* Wer nicht scharf zu unterscheiden versteht, ist immer geneigt, den
nur scheinbaren Zusammenhang für Ursache und Wirkung zu nehmen.
Wie oft hören wir ernsthaft behaupten, daß der Irländer mit Kartoffeln,
Schweinen und Lehmhütten organisch verwachsen sei; wer aber in den
Kolonien gelebt hat, weiß, daß innerhalb zweier Generationen, der besser
erzogene Abkömmling des Lehmhüttenbewohners oft ein erfolgreicher
Politiker, ein wohlhabender Finanzmann oder guter Richter wird und
nicht mehr Vorliebe für Kartoffel, Schweine und Lehmhütten bewahrt
als ein Abkömmling irgend einer andern Rasse.

102
        <pb n="109" />
        ﻿leiseste Begabung hat, ist eine fortlaufende Verschwen-
dung sozialen Lebensbluts.

, Freiheit der Arbeit und Gleichheit der Vorbildung, körper-
licher wie geistiger, ist unbedingt notwendig, um über die
natürliche Veranlagung eines Geschlechts oder einer Klasse
zu entscheiden. Und darum geht unsere Forderung dahin,
daß nicht künstliche Einschränkungen, sondern die natür-
lichen Bedingungen es sein sollen, die unerbittlich, aber
wohltätig über die Arbeit jedes einzelnen entscheiden.

So wie es nicht nötig ist, den Hindus, von denen man ge-
wöhnlich annimmt, daß sie keine natürliche Begabung für
Sport besitzen, diesen zu verbieten — denn wenn sie kein
Talent dazu haben, werden sie ihm ohnehin unterlassen —,
und wie es trotz dieser angenommenen allgemeinen Unbe-
gabtheit für Sport möglich ist, daß einmal ein einzelner
Hindu der beste Kricketspieler seiner Zeit wird, so ist auch
keinerlei Notwendigkeit vorhanden, die Frau in der Wahl
ihrer Arbeitsgebiete gesetzlich zu beschränken. Denn die
natürliche Unfähigkeit eines Individuums wird, wo sie be-
steht, viel mächtiger wirken als irgendeine künstliche, ge-
setzliche oder soziale Absperrung, und es kann Vorkom-
men, daß das eine Individuum unter zehntausend, welches
ein bei seinen Artgenossen jm allgemeinen nicht beliebtes
Arbeitsfeld wählt, die Menschheit durch die Resultate sei-
nes besonderen Talents bereichert. Daß in der Welt geistiger
Kultur und Arbeit alle von demselben Punkt starten dür-
fen und unserer alten Mutter Natur das Schiedsrichteramt,
das Verteilen der Preise und Streichen der Unfähigen aus der
Liste, überlassen bleibe, dasistalles, was wir fordern, aber das
fordern wir entschieden. Werft den jungen Hund ins Was-
ser : schwimmt er — gut, sinkt er — auch gut, aber bindet ihm
nicht einen Strick mit einem Stein um den Hals und sagt
dann, er war nicht imstande, sich über Wasser zu halten.

Für heute muß unser Ruf lauten: „Jede Arbeit ge-
hört in unser Gebiet!“

103
        <pb n="110" />
        ﻿Vom Richterstuhl bis zum Parlamentssitz, vom Kabinett
des Staatsmannes bis zum Kontor des Kaufmanns, vom
chemischen Laboratorium bis zur Sternwarte, nirgend ist
eine Stelle oder eine Arbeitsgelegenheit, für die wir nicht
die Absicht hätten, uns tauglich zu machen. Es gibt keine
verschlossene Tür, die wir nicht aufbrechen wollen, und
es gibt keine Frucht im Garten der Erkenntnis, von der
wir nicht zu essen entschlossen wären. Wir wissen, daß die
Natur in uns und durch uns arbeitet und erbarmungslos
unsere Mängel, unsere Kräfte auf decken wird. Vorder-
hand aber gehört jede Arbeit in unser Gebiet!

Aber man wird nun einwenden: „Und was ist mit dem
Krieg, dieser Art menschlichen Ringens, das sein Ziel
durch physische Gewalt und um den Preis fremden Le-
bens erreicht — wollt ihr daran auch teilnehmen ?“ Darauf
antworten wir: Ja, ganz besonders beabsichtigen wir, auf
diesem Feld unsere Rolle zu spielen. Seit jeher haben wir
unser Teil an den Lasten des Krieges getragen. Nicht nur
in primitiven Zeiten, wo wir unter der Zerstörung der Fel-
der, die wir bestellt, und der Häuser, die wir gebaut, zu
leiden hatten oder in späteren Jahrhunderten, wo wir als
die ungezählten häuslichen Arbeiter und Produzenten an
Abgaben, Verlusten, Lebensmitteln und persönlicher Ar-
beit soviel wie die Männer an Kriegskosten beizusteuern
hatten. Nicht nur weil in der neueren Zeit manche von
uns als Kriegspflegerinnen oder in früheren Epochen hier
und da als Führerinnen und Häuptlinge unser Teil trugen;
noch selbst, weil die Entschlossenheit der Frauen und
ihre Bereitschaft, zu leiden, in allen Zeiten wieder und
wieder aufs stärkste das Schicksal kriegführender Völker
beeinflußt haben — nicht aus diesen Ursachen allein
fordern wir ein Recht der Mitbestimmung, wo es sich um
den Krieg handelt. Unsere Beziehungen zum Krieg sind
weit engere, persönlichere und unlösbarere als diese. Die
Männer haben Bumerangs, Bogen, Schwerter und Ka-

104
        <pb n="111" />
        ﻿nonen erzeugt, um sich gegenseitig zu töten, wir aber ha-
ben die Männer erzeugt, die töten und getötet werden!
Wir haben zu allen Zeiten um enormen Preis die wich-
tigste Kriegsmunition geliefert, ohne die keine andere exi-
stiert hätte.

Es gibt kein Schlachtfeld der Erde, noch hat es je eines
gegeben, mit wieviel Erschlagenen es auch bedeckt sein
mochte, das die Frauen des betreffenden Volkes, die es mit
Kämpfern zu versorgen hatten, nicht mehr an Blut und
Qualen gekostet hätte als die Männer, die da liegen. Wir
sind es, die die Hauptkosten aller Menschen-
leben zahlen.

Indem sie die Männer für das Blutbad der Schlachtfelder
liefern, haben die Frauen nicht nur tatsächlich mehr Blut
vergossen, und in den langen Monaten, die sie das Kind
getragen und endlich unter Schmerzen geboren haben,
mehr Qualen und Leiden ausgestanden als die Männer,
die das Schlachtfeld bedecken; sondern sie haben in den
langen Jahren, da sie die Kinder großzogen, so lange und
geduldig Strapazen ertragen, wie sie kein schwer bepackter
Soldat auf dem längsten Marsch ärger zu erdulden hatte.
Und was das Sterben anlangt, so ist unter allen zivilisier-
ten Völkern die Wahrscheinlichkeit für die Frau, im Kind-
bett zu sterben, durchschnittlich unendlich größer als für
den Mann die, auf dem Schlachtfeld zu fallen.

Es gibt kaum eine Frau, ob sie nun Kinder geboren hat
oder nicht, die über ein mit Gefallenen bedecktes Schlacht-
feld gehen könnte, ohne daß ihr der Gedanke käme: „Wie
vieler Mütter Söhne! Wie viele Menschenleiber zur Welt
gebracht, um nun hier zu liegen! Wie viele Monde von
Mühsal und Leiden, bevor diese Glieder und Muskeln sich
im Mutterleibe gestalteten, wieviel Stunden der Angst und
Qual, damit Leben werde; wie viele Kinderlippen muß-
ten Leben saugen aus Mutterbrüsten — und all dies, da-
mit nun diese Männer daliegen mit stieren Ausjänfeln, mit

105
        <pb n="112" />
        ﻿gedunsenen Leibern, mit starren, blauen, geöffneten Lip-
pen, mit weggerissenen Gliedern — um einige Äcker mit
Menschenfleisch zu düngen, daß im nächsten Jahr das Gras
grüner oder Mohn und Heidekraut röter stehen, wo sie ge-
legen, oder der Sand der Ebene weißer schimmern wird von
Totengebein 1“ Und wir rufen: „Nein, ohne unerbittliche Ur-
sache darf das nicht sein!“ Keine Frau, die wahrhaft Frau
ist, wird je von einem Menschenleib sagen: „Er ist wertlos I“
Der Tag, an dem die Frau neben dem Mann ihren Platz
in der Lenkung und Regelung der auswärtigen Angelegen-
heiten ihres Volkes finden wird, wird auch der Tag sein,
der das Ende der Kriege als eines Mittels, mensch-
liche Streitfragen zu schlichten, verkündet. Kein Fanfaren-
schmettern und Bannerrauschen wird schließlich Frauen
zu dem Wahnsinn verführen, rücksichtslos Leben zu zer-
stören oder vorsätzliches Töten mit einem anderen Namen
als Mord zu beschönigen, ob es sich nun um das Schlach-
ten von Tausenden oder Einzelner durch Einzelne handelt.
Und dies nicht etwa, weil die geschlechtlichen Funktionen
der Mütterlichkeit notwendig eine tiefere moralische Ein-
sicht verleihen als die der Vaterschaft oder eine höhere
Art sozialen Instinkts. Männer haben zu allen Zeiten eben-
so vornehm wie Frauen auf mancherlei Pfaden hochherzi-
ger Güte gewandelt und hinan zu höherem sozialen Emp-
finden; ja zu manchen Zeiten sind sie, als die Freieren
und Höhergebildeten, weiter und kühner vorangeschritten.
(Daß die Frau nicht etwa eine natürliche, allseitige mo-
ralische Überlegenheit gegenüber dem Manne oder einen
höheren sozialen Instinkt als er besitzt, ist vielleicht am
klarsten durch eine sehr unscheinbare, seltsame Tatsache
bewiesen: Die zwei Ausdrücke, die, in fast allen Sprachen
intime menschliche Beziehungen bezeichnend, die übelste
antisoziale Bedeutung besitzen, haben beide das Wort
„Mutter“ als Wurzel und bezeichnen weibliche Verwandte
— die Worte „Schwiegermutter“ und „Stiefmutter“.)

106
        <pb n="113" />
        ﻿■■ I



	

In der ganzen Menschheitsgeschichte hat sich der Mann
in bezug auf soziale Solidarität und Großherzigkeit der
Frau mindestens ebenbürtig erwiesen.

Aber andererseits wird die Frau nicht aus Mangel an
Mut vor dem Kriege zurückschrecken. Die Frauen aller
Länder und Generationen haben Leiden und Tod mit
einem Gleichmut ins Auge gesehen, der von keinem Krie-
ger auf dem Schlachtfeld je übertroffen und von wenigen
erreicht worden ist. Und wo es sich im Krieg um den
Schutz von Leben, Land oder Freiheit handelte, haben tüch-
tige, noch nicht parasitisch gewordene Frauengeschlech-
ter stets tätig teilzunehmen und zu sterben verstanden.
Auch wird der Einfluß der Frau nicht deshalb sich gegen
den Krieg kehren, weil die Frau der Zukunft physisch un-
fähig wäre, daran teilzunehmen. Die geringere Kraft ihrer
Muskeln, die für sie von entscheidendem Nachteil gewesen
wäre, solange Kriege mit der Streitaxt und dem Schwert
im Einzelkampf geführt wurden, würde jetzt wenig oder
nichts bedeuten. Wenn die Frau es darauf absähe, sich
für den Krieg zu schulen, so könnte sie wohl ebenso die
Geschicklichkeit erwerben, ein Maximgeschütz abzufeuern
oder den Feind mit einem Lee-Metford-Gewehr aus drei-
tausend Metern Entfernung niederzuknallen, wie irgend-
ein Mann, und unzweifelhaft war es nicht einzig das Hir-
tenmädchen von Orleans, in der sich latent die Gaben
bargen, die den großen Feldherrn ausmachen. Wenn die
Völker Europas in ihrem gegenwärtigen halbzivilisierten
Zustand, der den Krieg ermöglicht, noch durch einige
Generationen verharren sollten, so ist es höchst wahr-
scheinlich, daß Frauen im Finanzdepartement, in der In-
tendantur, bei der Approvisionierung und Bekleidung der
Armeen eine Hauptrolle spielen werden und daß die Na-
tion, die als erste ihre Frauen so verwendet, zu Kriegs-
zeiten in großem Vorteil gegenüber den anderen sein wird.
Also nicht, weil die Frau zu feige oder unfähig ist, noch

1

I

107
        <pb n="114" />
        ﻿weil ihre Moral im allgemeinen eine höhere ist, wird sie
dem Krieg ein Ende bereiten, sobald ihre Stimme allge-
mein, entscheidend und klar sich in der Staatenlenkung
Gehör verschaffen wird — sondern weil in diesem einen
Punkt und fast allein in diesem einen das Wissen der Frau,
einfach als Frau, dem des Mannes überlegen ist. Sie kennt
die Geschichte des menschlichen Fleisches, sie weiß, was
es kostet, er nicht.*

In einer belagerten Stadt mag es Vorkommen, daß die
Leute in den Straßen, um die Breschen zu verstopfen, die
der Feind in die Wälle geschlagen, Statuen und Marmor-
bilder aus öffentlichen Gebäuden und Galerien reißen und
sie hinwerfen, unbedenklich, nur weil sie ihnen gerade zur
Hand sind, ohne sie höher zu achten, als wären sie
Pflastersteine. Aber einer wird das nie tun — der Bild-
hauer ! Er, der, wenn auch kein Werk seines eigenen Mei-
ßels darunter ist, doch wohl weiß, was jedes dieser Kunst-
werke gekostet hat, aus Erfahrung weiß, wieviel Jahre des
Kampfes und Studiums, welche unendliche Mühe das
Schaffen jedes einzelnen Gliedes kostet, das Meißeln je-
der dieser vollendeten Linien, er könnte niemals gedan-
ken- und sorglos so verfahren. Instinktiv würde er nach
anderen Dingen suchen, Hausrat, selbst alles Gold und
Silber, das die Stadt besitzt, hinwerfen, ehe er diese Kunst-
werke opferte!

Menschenleiber sind die Kunstwerke von uns Frauen.
Gebt uns die Macht, es zu hindern, und wir werden sie nie
achtlos hinwerfen, um damit die Risse auszufüllen, die
durch internationalen Ehrgeiz oder Habgier indenmensch-

* Es ist bemerkenswert, daß selbst Katharina v. Rußland, eine Herr-
scherin und Staatsmännin von männlichem und hartem Typus und im all-
gemeinen nicht von moralischen Skrupeln geplagt, dennoch mit Ent-
rüstung das Angebot Friedrichs des Großen, der sie reichlich für eine
kleine Anzahl russischer Rekruten bezahlen wollte, zurückwies, zu einer
Zeit, da das Verheuern von Soldaten allgemein unter den Herrschern
Europas üblich war.

108
        <pb n="115" />
        ﻿Bm

liehen Beziehungen entstanden sind. Uns Frauen wird nie-
mals der Gedanke kommen: „Werft Menschenleiber hin,
um die Sache zum Austrag zu bringen.“ Schiedsspruch
und Entschädigungen würden uns so naturgemäß als das
billigere und einfachere Mittel erscheinen, die Spaltungen
in den nationalen Beziehungen zu überbrücken, wie es dem
Bildhauer natürlich ist, alles andere eher hinzuwerfen als
Statuen, obwohl er zuletzt auch dazu getrieben werden
kann!

Es ist dies einer der nicht sehr zahlreichen, aber äußerst
wichtigen Punkte im menschlichen Leben, in welchen der
Mann als Mann und die Frau als Frau, bloß auf Grund
der Verschiedenheit ihrer geschlechtlichen Funktionen in
bezug auf die Fortpflanzung, auf einem einigermaßen ver-
schiedenen Standpunkt stehen und stehen müssen. Der
physische Schöpfungsakt von Menschenleben, der, soweit
der Mann daran beteiligt ist, nur in wenigen Momenten
physischen Genusses besteht, bedeutet für die Frau immer
Monate der Last und körperlicher Leiden, die in Lebensge-
fahr gipfeln. Für den Mann ist Leben zeugen Lust, für die
Frau Blut, Angst und manchmal Tod. Hier berühren wir
einen der wenigen, aber bedeutsamen Unterschiede zwi-
schen Mann und Frau als solche.

Die zwanzigtausend Männer, die vorzeitig auf dem
Schlachtfeld fallen, bedeuten für die Frauen ihres Volkes
zwanzigtausend menschliche Wesen, die sie durch Monate
tragen, unter Qualen gebären, an ihrer Brust nähren und
unter Mühen aufziehen müssen, wenn die Zahl ihres Stam-
mes und die Stärke ihres Volkes erhalten bleiben soll. Bei
Völkern, die fortwährend Krieg führen, ist den Frauen
fortwährendes, ununterbrochenes Kindergebären durch den
Krieg auferlegt, wenn der Staat weiterbestehen soll. Und
wann immer Kriege Vorkommen, muß, wenn die Bevölke-
rungszahl erhalten bleiben soll, die Zahl der Geburten zu-
nehmen. Das bedeutet für die Frauen als solche eine Kriegs-

109
        <pb n="116" />
        ﻿Steuer, mit welcher verglichen alles was Männer für mili-
tärische Rüstungen auf wen den, verhältnismäßig wenig ist.

Die Beziehungen der Frau zur Fortpflanzung beeinflussen
unzweifelhaft selbst ihr Verhältnis zu Tieren und allen
Lebewesen. „Heut ist ein schöner Tag, gehen wir
Vögel schießen,“ ruft der typische Mann gewisser Völ-
ker ganz instinktiv. „Da ist ein Vöglein^ aus dem Nest
gefallen, retten wir es,“ sagt die Durchschnittsfrau fast
ebenso instinktiv. Gewiß ist es wahr, daß die Frau im-
stande ist, ebenso unbarmherzig und grausam das Leben
einer gehaßten Rivalin oder eines Feindes zu opfern, wie
nur irgendein Mann, aber sie weiß dabei, was sie tut, sie
kennt den Wert des Lebens, das sie raubt 1 Für die normale
Frau gibt es kein leichtherziges, sorgloses Hinopfern von
Leben; ihr Instinkt, von praktischer Erfahrung belehrt,
schreckt davor zurück. Sie kennt den Wert des Lebens und
weiß, daß es leichter ist, es zu zerstören, als zu erschaffen.

Allerdings ist es sicher, daß die Verdammung des Krie-
ges, die in den fortgeschrittenen Menschengeistern er-
wacht ist, vom höchsten Standpunkte aus in keiner Weise
mit den besonderen Geschlechtsfunktionen in Verbindung
steht. Ganz gleich, ob Mann oder Frau, alle jene, die mit
Jesaias auf den Hügeln Palästinas oder mit Buddha un-
ter den Palmen Indiens die Wesenseinheit alles fühlenden
Lebens erkannt haben und die daher im Krieg nur ein
Symptom jener rohen Disharmonie erblicken, unter der
das Leben auf Erden, noch uneins mit sich selbst, in sei-
nen frühen Entwicklungsstufen leidet; die als endliches,
in weiter Ferne hinter den Kuppen unzähliger kommender
Zeitalter verborgenes Ziel der Menschheit, die Harmonie
zwischen allen Formen bewußten Lebens erkennen, wie es
der alte Hebräer in dem Bilde zeichnete: „Die Wölfe
werden bei den Lämmern wohnen und die Pardel bei den
Böcklein liegen, ein kleiner Knabe wird Kälber und junge
Löwen und Mastvieh miteinander treiben“ — für alle,
        <pb n="117" />
        ﻿ob Mann oder Frau, die diesen Standpunkt erreicht haben,
bedarf es nicht der Erleuchtung durch den Instinkt der
Gebärerin als solche. Denn ihre Verurteilung des Krieges
erwächst nicht so sehr aus der Tatsache vergeuderischer
Zerstörung von Menschenfleisch, als daraus, daß sie im
Krieg ein Zeichen des Mangels jener Einheit, jener Har-
monie erkennen, die in dem Rufe lebt: „Kinder, liebet ein-
ander !“

Aber für die große Masse der Menschen wird wahrschein-
lich noch durch Generationen der instinktive Antagonis-
mus der Gebärerin gegen die rücksichtslose Zerstörung
dessen, was sie um so hohen Preis geschaffen hat, nötig
sein, um die Menschheit zu klarem Begreifen der Besti-
alität und des Wahnsinnes des Krieges zu erziehen.

Der Krieg wird auf hören, sobald Bildung und Tätigkeit
es der Frau ermöglicht haben werden, ihren Teil an Herr-
schaft und Einfluß im Leben der modernen Nationen zu
erlangen; er wird wahrscheinlich nicht früher verschwin-
den und kaum viel später. Speziell in der Domäne des
Kriegs haben wir, die wir die Männer gebären und damit
das wertvollste Kriegsmaterial liefern, wir, die zwar nicht
in der Hitze des Gefechts, aber einsam und allein mit ver-
zweifeltem Mut unser Blut vergießen und dem Tod ins
Antlitz schauen, daß dem Schlachtfeld sein Futter werde,
ein Futter, das uns teurer ist als unser Herzblut — spe-
ziell wir haben in der Domäne des Kriegs unser
Wort dreinzureden, ein Wort, das kein Mann für uns
sprechen kann. Es ist unser Wille, auch in das Gebiet des
Kriegs einzudringen und solange darin zu arbeiten, bis wir
ihm im Laufe der Generationen ein Ende bereitet haben.

Wenn wir heute auf allen Gebieten Arbeit fordern, so
fordern wir sie auf jenen Feldern besonders, auf denen
die Unterschiede der Geschlechtsfunktionen Mann und
Frau auf einigermaßen verschiedenem Standpunkt dem
menschlichen Leben gegenüberstellen.

111
        <pb n="118" />
        ﻿V.	GESCHLECHTSUNTERSCHIEDE

enn wir die physischen Geschlechtsphänomene beim

w Menschen untersuchen, so finden wir in den aller-
ersten Lebensstadien, im Keim, keine mit den uns bisher
zur Verfügung stehenden Mitteln erkennbaren Unterschiede
zwischen jenen Keimen, aus denen sich ein männliches,
und jenen, aus denen sich ein weibliches Wesen entwickeln
soll. Später, beim Fötus, bei der Geburt und während der
Kindheit, bilden die Geschlechtsorgane wohl die Erken-
nungszeichen der Geschlechter, aber Bau und Tätigkeit
des Organismus unterscheiden sich im allgemeinen wenig
oder gar nicht nach dem Geschlecht.

Selbst dann, wenn die Pubertät erreicht ist und die
enorme Entwicklung des sexuellen und Fortpflanzungstrie-
bes die betreffenden Teile umbildet und gewisse sekundäre
Geschlechtsmerkmale hervorbringt, wird der größte Teil
der menschlichen Organe und ihrer Funktionen durch die
geschlechtlichen Veränderungen wenig oder gar nicht be-
einflußt. Auge, Ohr, Tastsinn, die Verdauungs-, Atmungs-
und Willensorgane sind in der Hauptsache gleich und oft
unter Personen desselben Geschlechtes abweichender als
zwischen solchen verschiedenen Geschlechtes. Selbst am
Seziertisch sind oft die Zellgewebe von männlichen und
weiblichen Körpern nicht unterscheidbar.

Erst wenn wir die Reproduktionsorgane selbst, ihre Form
und Tätigkeit betrachten und jene Teile des Organismus,
die mit ihnen in direkter Verbindung stehen, finden wir
tatsächlich sich weitgehend voneinander unterscheidende,
aber einander vollkommen ergänzende Merkmale. So wie
wir uns den Reproduktionsorganen nähern, zeigen sich
die Abweichungen des männlichen vom weiblichen Kör-
per, so wie wir uns davon entfernen, werden die Organe
ähnlich oder ganz identisch. Nehmen wir das Auge, das
vielleicht höchst entwickelte, komplizierteste Organ des

112
        <pb n="119" />
        ﻿Bai 55	- 8. 7. 5 8.

menschlichen Körpers, das, wenn der Ausdruck hier ge-
stattet ist, geistigste Sinnesorgan, so finden wir es bei Mann
und Frau in allen Perioden des Lebens gleich in Bau, Aus-
sehen und Funktion. Während die Brust, die enge Beziehung
zur Fortpflanzung hat, wohl in der Kindheit bei beiden Ge-
schlechtern gleich ist, sobald aber der Fortpflanzungstrieb
wirksam wird, eine weit verschiedene Gestalt annimmt.

Wenden wir uns zu den verschiedenen Phasen des psy-
chischen Lebens, so zeigen sich genau analoge Erschei-
nungen. Bei der Geburt des Kindes unterscheiden sich Ver-
stand, Empfindungen und Triebe in keiner wahrnehmbaren
Weise, ob das Geschlecht nun männlich oder weiblich ist.

Und jene psychischen Verschiedenheiten, die in der späte-
ren Kindheit scheinbar bestehen, sind unzweifelhaft großen-
teils das Resultat künstlicher Anerziehung, welche psy-
chische Geschlechtsverschiedenheiten viel früher aufzwingt
als sie naturgemäß in Erscheinung träten. So, wenn Spiele
und Beschäftigungen kleinen Kindern auf Grund ihrer an-
geblichen geschlechtlichen Nichteignung verboten werden,
wenn man kleine Mädchen gewaltsam vom Klettern oder
Lärmen abhält oder Knaben davon, sich mit Nadel und
Faden oder mit Puppen zu unterhalten. Selbst beim ganz
erwachsenen Menschen, ungeachtet der Verschiedenheit
der Erziehung, scheinen die psychischen Funktionen auf
weiten Gebieten des Lebens absolut die gleichen. Das
männliche wie das weibliche Gehirn eignet sich Sprachen
an&gt; löst mathematische Probleme, beherrscht wissenschaft-
liche Einzelheiten in ganz ununterscheidbarer Weise, was
durch die an modernen Universitäten von männlichen
und weiblichen Studenten gelieferten schriftlichen Arbei-
ten, die in der Regel den genau gleichen Charakter
Vagen, bewiesen ist. Unter gleichen äußern Verhält-
nissen ist der Geschmack und das Empfinden auf wei-
ten Lebensgebieten gleich, und in unzähligen Fällen, in
denen scheinbar Geschlechtsverschiedenheiten bestehen,

8 Schrriner, Die Frau

13
        <pb n="120" />
        ﻿wird man bei genauerer Untersuchung finden, daß es sich
um rein künstlich Erzeugtes handelt, da bei andern Rassen
oder Klassen dieselben Sexualmerkmale nicht existieren.
So, wenn im modernen Europa von unwissenden Beurtei-
lern der Frau eine dem Manne fremde, natürliche Vor-
liebe für farbige Gewänder und Schmuck zugeschrieben
wird, während die Beobachtung anderer Rassen und ver-
gangener Epochen lehrt, daß der Mann oft noch mehr
darauf hielt, sich prächtig zu kleiden und mit glänzenden
Juwelen zu schmücken, oder, wenn bei manchen wilden
Stämmen der Gebrauch des Tabaks als ein ausschließ-
lich weibliches Prärogativ gilt, während in der modernen
Gesellschaft das Tabakrauchen mit Männlichkeit in Ver-
bindung gebracht wird.*

* Die Männer der heutigen wilden Stämme mit ihrer Bemalung, ihren
Federn, Katzenschwänzen und ihrem Halsschmuck sind unendlich auf-
fallendere, geputztere Erscheinungen als ihre Weiber, selbst wenn diese
mit Perlen und Armringen zum Tanz geschmückt sind. Die Männer des
Orients konnten manchmal unter der Last ihres Schmuckes kaum auf-
recht gehen und vor einigen Jahrhunderten waren die Männer Europas
mit ihren gepuderten Perrücken, Spitzen-Jabots, Manschetten und fal-
schen Edelsteinschnallen, ihren federgeschmückten Dreimastern und
Schönheitspflästerchen ganz ebenso lächerlich in ihrer Überladenheit wie
die gleichgestellten Frauen ihrer Zeit oder die parasitischesten Frauen
der Jetztzeit. Sowohl bei Klasse als Individuum, bei Mann wie Frau ist
eine starke Vorliebe für Putz und auffallenden Schmuck fast immer die
unabänderliche Begleiterscheinung und Folge des Parasitismus. Wenn
die parasitische Frau aus unserer heutigen Gesellschaft verschwinden
würde, so würde auch jene französische Mode mit all ihren grotesken
und gezwungenen Formen (die weder schön, noch nützlich, sondern nur
auffallend sein wollen) aussterben. Das Maß, in dem heute eine Frau, die
nicht der parasitischen, sondern einer arbeitenden Schicht angehört, den
Moden der ersteren zu folgen sucht, kann gewöhnlich als fast sicheres
Zeichen angesehen werden für die Leichtigkeit, mit der sie, sobald die
Gelegenheit sich bietet, dem Parasitismus anheimfallen würde. Die Nei-
gung der heutigen gebildeten, geistig arbeitenden Frau, eine rationellere
Art des Anzugs anzunehmen, die weniger geeignet ist, die Aufmerksam-
keit auf sich zu lenken, als Bequemlichkeit zu bieten und den Wegfall
alles Behindernden, wird oft als ein Versuch sklavischer Nachahmung
des männlichen Wesens bezeichnet. Tatsächlich aber sind es nur die
gleichen Ursachen, die gleiche Wirkungen auf menschliche Wesen mit
gemeinsamen Eigenschaften ausüben.

114
        <pb n="121" />
        ﻿Aber es bleiben einige Unterschiede im Seelenzustand
von Mann und Frau als solche, die angeboren und nicht
künstliche sind, und auch auf psychischem Gebiet ist es genau
so, daß da wo wir uns der Sphäre der sexuellen und Fort-
pflanzungstätigkeit und den direkt damit verbundenen Ge-
fühlen und Instinkten nähern, die Verschiedenheiten auf-
treten.

In der Tierwelt finden sich alle psychischen Abweichun-
gen bald mit der männlichen, bald mit der weiblichen
Geschlechtsform verbunden. Bei Insekten und Fischen, wo
der weibliche Teil gewöhnlich größer und stärker als der
männliche ist, sind die Weibchen gewöhnlich auch kampf-
lustiger und räuberischer als die Männchen. Bei den Raub-
vögeln, bei denen ebenfalls die Weibchen größer und stär-
ker sind, finden sich sehr geringe psychische Unterschiede.
Bei Adlern und ähnlichen streng monogamen Arten ist
die Liebe des Weibchens zum Männchen so groß, daß es
sich angeblich, wenn das Männchen stirbt, nie mit einem
zweiten gattet, und beide wachen über das Junge und sor-
gen für dasselbe mit außerordentlicher Vorsicht. Die
Straußenmännchen, obgleich größer als dieWeibchen, teilen
sich mit diesen im Ausbrüten der Eier, indem sie zu be-
stimmten Stunden des Tages die Henne ablösen, und die
Sorgfalt für das ausgebrütete Junge ist bei beiden Teilen
gleich groß. Bei den Singvögeln, bei denen die beiden
Geschlechter manchmal ununterscheidbar ähnlich sind
und die ebenfalls monogam leben, beweisen nicht nur
Männchen und Weibchen die gleiche leidenschaftliche
Liebe füreinander (die südafrikanischen Cock-o-veets sin-
gen ein Liebeslied, einen Wechselgesang; das Männ-
chen singt zwei oder drei Töne und das Weibchen ant-
wortet mit zwei oder drei anderen), sondern sie bauen
auch ihre Nester gemeinsam und ziehen die Jungen mit
gleicher Hingebung auf. Die kleinen am Kap lebenden
Kapokvögel bauen beide zusammen ein schönes, weißes,

8*

US
        <pb n="122" />
        ﻿flaumiges, rundes Nest aus dem weißen Flaum einer be-
stimmten Pflanze, und unmittelbar unter dem Eingang der
Höhlung, in der das kleine Weibchen auf den Eiern sitzt,
ist ein kleiner Sims oder Körbchen, wo das zierliche
Männchen seinen Platz hat, um sein Weibchen zu behü-
ten und zu bewachen. Einige Vogelarten gibt es, bei denen
die Äußerungen des Geschlechtslebens ihre harmonischeste
und poetischeste Form auf Erden erreicht zu haben schei-
nen. Bei den polygam lebenden Hühnerarten andererseits,
wo der Hahn viel größer und kampflustiger ist als die
Henne, gewinnt dieser das Weibchen nicht durch Gesang,
sondern faßt es mit Gewalt und zeigt wenig oder gar kein
Interesse an seinen Jungen, beteiligt sich weder am Brüten
noch am Füttern, ja packt manchmal sogar einen locken-
den Bissen, den das Junge oder die Henne entdeckt hat.

Unter den Säugetieren ist das Männchen gewöhnlich et-
was größer als das Weibchen, obwohl nicht immer (die
weiblichen Walfische beispielsweise sind größer als die
männlichen); die Männchen pflegen auch kampflustiger
und weniger sorgfältig gegen die Jungen zu sein, doch ist
auch diese Regel nicht ohne Ausnahmen. Bei den süd-
afrikanischen Meerkatzen z. B. ist das Weibchen viel streit-
barer und schwerer zu zähmen als das Männchen, und es
ist das Männchen, das vom Augenblick der Geburt an mit
der leidenschaftlichsten und zartesten Sorgfalt über das
Junge wacht, es unter seinem Körper warm hält, es in sei-
nem Maul an einen sicheren Ort trägt und es füttert, bis
es ganz erwachsen ist. Und das nicht nur gegenüber seinen
eigenen Jungen, sondern gegenüber jedem Jungen, das in
seine Nähe gebracht wird. Wir hatten eine männliche Meer-
katze, die so ausdauernd ganz fremde Junge fütterte und
ihnen jeden Bissen von ihrem eigenen Futter gab, daß wir
sie beim Füttern allein in einen Raum sperren mußten,
sonst hätte sie sich zu Tode gehungert. Während die
männliche Meerkatze also genau jene psychischen Eigen-

116
        <pb n="123" />
        ﻿schäften zeigte, die gewöhnlich als spezifisch weiblich an-
gesehen werden, waren die Weibchen andererseits unter-
einander viel kampflustiger als die Männchen.

Gewöhnlich sind bei den Säugetieren, abgesehen von der
größeren Kampflust der Männchen untereinander und der
größeren Sorgfalt, welche die Weibchen meistens, wenn
auch nicht immer, den Jungen gegenüber beweisen, die
psychischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht
groß. Wenn man Jagdhunde beobachtet, so findet man,
daß bei den jungen Hunden zwischen männlichen und
weiblichen ebensowenig Unterschied in geistiger wie kör-
perlicher Beziehung besteht, und wenn sie dann erwachsen
zur Jagd kommen, diesem großen, außergeschlechtlichen
Gebiet, auf dem sie ihre größten geistigen und körper-
lichen Fähigkeiten entfalten, so zeigt sich wenig oder nichts,
worin sich Männchen und Weibchen sachlich unterschei-
den würden; ihre Art und Weise zu jagen und ihre Ge-
schwindigkeit ist die gleiche, in ihrer Anhänglichkeit an
den Menschen sind sie genau dieselben.* Erst in dem Mo-
ment, wo das Element der Fortpflanzung ins Spiel kommt,
hört die Ähnlichkeit und Gleichartigkeit auf. An Intensi-
tät des erwachenden Geschlechtstriebs sind sie gleich; die
Hündin springt aus dem Fenster, klettert über Mauern und
scheut selbst Lebensgefahr nicht, um zu dem Männchen zu
gelangen, das sie erwartet, und dasselbe tut das Männchen,
das sie gewinnen will. Aber wenn die Hündin daliegt mit
ihren sechs Jungen, die Leben aus ihrer Brust saugen, mit
angstvoller, gespannter Aufmerksamkeit nach jeder Hand
blickt, die die Jungen berühren will, eine Welt von Emp-
findungen sich auf die blinden Geschöpfchen konzentriert
und ein ganz neuer Komplex geistiger Fähigkeiten zutage
tfitt, indem sie für sie sorgt — da ist es, wo die seelische

* Es wird oft behauptet, daß die Hündin intelligenter wäre, aber ich
möchte dies nach langen und genauen Beobachtungen von männlichen
und weiblichen Hunden bezweifeln.

117
        <pb n="124" />
        ﻿

. «fltStifekSäSKa*:* - ^*»C'«S&lt;5*äfl»«B)I^N®SÄliÄ0S)(®liÄ£&lt;!#S^KÄ^^IWMSBS®i*^S®B®!55*^*l^&amp;^£*^^5i~.,'i5*i?f^lLi**i}*i*!ii5i^»Irl!'«t -I-; •• *

Verschiedenheit zwischen ihr und dem Männchen, das die
Jungen mit ihr zeugte, aber sich nicht weiter um sie küm-
mert, eine wahrhafte und große wird. Gleichartig in ihren
Spielen als junge Hündchen und ihren außergeschlecht-
lichen Trieben zur Zeit der Reife, gleichartig in ihrem Ge-
schlechtsinstinkt, welcher das eine Geschlecht zum ande-
ren zieht, öffnet sich in dem Augenblick, da es sich um die
geschlechtliche Fortpflanzung handelt, dem Weibchen eine
Welt von Empfindungen und Erfahrungen, von der das
Männchen für immer ausgeschlossen ist.

Ebenso liegt es in der Menschenwelt: gleich in den Spie-
len, Freuden und Leiden der Kindheit; gleich in den außer-
geschlechtlichen Arbeiten des Lebens; gleich selbst in
jenem Instinkt, der Geschlecht zu Geschlecht zieht und, nur
in Formen und Äußerungen leicht abweichend, bei beiden
von gleicher Heftigkeit ist — treten in dem Moment, da die
Fortpflanzung wirksam wird, Mann und Frau in Sphären
von Gefühlen, Vorstellungen, Empfindungen, Wünschen
und Wissen, die nicht die gleichen sind und nicht die glei-
chen sein können. Zwischen dem Mann, der in einem Mo-
ment sorglosen Genusses das Kind zeugt (der es selbst in
einem Stadium halbtrunkener Bewußtlosigkeit gezeugt ha-
ben mag und vielleicht durch Monate oder Jahre nach sei-
ner Geburt oder überhaupt nie mehr etwas davon erfährt,
der unter keinen Umständen irgendeine unmittelbare sinn-
liche Wahrnehmung des Zusammenhangs mit demselben
haben kann), und der Frau, die das Kind durch Mo-
nate ununterbrochen in ihrem Leib trägt, die es mit
Schmerzen zur Welt bringt und die es, wenn es am Leben
bleibt, durch Monate mit ihrem eignen Blut ernähren muß
(oder wenigstens in primitiven Zeiten mußte) — zwischen
diesen beiden besteht notwendig innerhalb einer begrenz-
ten, aber hochwichtigen Sphäre menschlicher Interessen
und Lebenserscheinungen eine ausgesprochen verschiedene
seelische Verfassung. In diesem einen Punkt stehen die

118
        <pb n="125" />
        ﻿zwei Hälften der Menschheit bestimmten weittragenden
Elementen des menschlichen Daseins gegenüber auf nicht
gleichem Standpunkt. Von dem Moment an, da die all-
gemein erwachende geschlechtliche Anziehung sich in
dem ersten körperlichen Sexualakt inkarniert, bis zu der
Zeit, da der Sprößling die Reife erreicht hat, ist kein
Schritt auf dem Wege der Fortpflanzung oder in dem
Verhältnis zur Nachkommenschaft genau derselbe für
Mann und Weib. Und diese Divergenz der Erfahrungen
innerhalb menschlicher Beziehungen muß zurückwirken auf
ihre Haltung gegenüber jener speziellen Gruppe mensch-
licher Interessen, die unmittelbar mit der geschlechtlichen
Fortpflanzung in Verbindung stehen, und eben auf diesen
Feldern menschlicher Tätigkeit, wo das Geschlecht als sol-
ches beteiligt ist, hat die Frau als Frau eine Rolle zu
spielen, die sie niemandem andern abtreten kann.

Man mag aufrichtig eingestehen, daß die Frau als solche
im Laboratorium und Zeichensaal, in Industrie und Han-
del, in Mathematik und auf allen Gebieten rein abstrakter
unpersönlicher Arbeit, obwohl ihr Eintritt in diese Ge-
biete das Gesamtresultat menschlicher Arbeit erhöhen
würde, und obwohl ihr Ausschluß eine schwere Ungerech-
tigkeit gegen die einzelne, die vielleicht gerade nur für
diese Tätigkeit geeignet ist, bedeutet, doch wahrschein-
lich auf all diesen Gebieten nur wenig oder nichts zu
bieten hätte, was von der Arbeit des Mannes innerlich
durchaus verschieden wäre; es würde wohl ein Unter-
schied in der Menge, nicht aber in der Art der Arbeit
für die Gesamtleistung erwachsen.

Aber in jenen Sphären sozialer Arbeit, die sich speziell
mit menschlichen Verhältnissen beschäftigen, haben die
Geschlechter als solche auf Grund ihrer verschiedenen,
sich ergänzenden Beziehungen zur Fortpflanzung des Men-
schengeschlechts, jedes seine eigene Rolle zu spielen, die
das andere nicht spielen kann. Jedes Geschlecht besitzt
        <pb n="126" />
        ﻿seine, aus Phasen menschlicher Erfahrung gewonnene Er-
kenntnis, die das andere nicht besitzt. Hier haben die Frauen
als Frauen etwas durchaus Verschiedenes zu der Total-
summe der menschlichen Erkenntnis beizutragen, und ihre
Mitwirkung ist nicht nur als die von Individuen, sondern
als die einer Gesamtheit, einer Klasse, von Bedeutung.

Die Forderung um Zulassung zu den Wahlen und schließ-
lich zu den gesetzgeberischen und Verwaltungsaufgaben,
die heute in allen demokratischen, verfassungsmäßigen
Staaten erhoben wird, beruht auf zweierlei Gründen: dem
weiteren und wichtigeren, daß die Frauen nichts in der
Natur ihrer Geschlechtsfunktionen wahrnehmen, das sie
als Menschen von ihrer Verpflichtung, an den Aufgaben
der Leitung und Regierung des Staates teilzunehmen, ent-
binden würde, und dem engeren, aber ebenfalls wichtigen
Grund, daß, insofern sie sich in einer Richtung, nämlich
in der besonderen Art ihrer Geschlechtsfunktionen vom
Mann unterscheiden, sie eine Klasse bilden, deren Interessen
zu vertreten sie verpflichtet sind und in die dem Staat Ein-
blick zu verschaffen, in mancher Hinsicht wertvoll ist.

Diejenigen, welche annehmen, daß das Verhältnis der
großen politischen Parteien irgendeiner Gemeinschaft ernst-
lich durch die Zulassung der Frauen zum öffentlichen Le-
ben verändert würde, sind unzweifelhaft ganz im Irrtum.
Die grundsätzliche Scheidung der Menschen in solche, die
geneigt sind, am Vergangenen festzuhalten und alles Be-
stehende zu verteidigen, und jene, die auf die Zukunft hof-
fen und bestrebt sind, das Neue einzuführen, wird sich
wahrscheinlich bei Männern wie Frauen jeder Gemein-
schaft, in ziemlich demselben Verhältnis finden, und die
Männer und Frauen jeder Klasse werden im großen und
ganzen die Fehler, Tugenden und Vorurteile ihrer Klasse
teilen. Das Individuum mag dadurch verlieren, daß es auf
Grund seines Geschlechtes von der Anteilnahme am öffent-
lichen Leben ausgeschlossen und um einen Teil seines

130
        <pb n="127" />
        ﻿rechtlichen persönlichen Einflusses innerhalb seiner Ge-
meinschaft beraubt ist, und die Gesellschaft als Ganzes
mag daran verlieren, daß sie nur unter einer kleineren Zahl
ihrer Mitarbeiter zu wählen vermag. Was aber die Mehr-
zahl der sozialen, politischen und internationalen Fragen
betrifft, so werden unzweifelhaft die Schlüsse, zu denen
das eine Geschlecht gelangt, genau dieselben sein, wie die,
zu denen das andere kommt.

Wenn eine Körperschaft etwa über die Aussprache des
Griechischen zu entscheiden oder die Feinheit von Woll-
oder Leinengeweben zu vergleichen hat, wird das Ge-
schlecht der Personen, welche die Körperschaft bilden,
wahrscheinlich keinerlei Einfluß auf das Resultat üben;
es gibt keinen vernünftigen Grund, anzunehmen, daß gleich
gut unterrichtete Männer und Frauen in Fragen des grie-
chischen Akzents oder der Dicke von Tuchen voneinander
abweichen würden. Hier spielt das Geschlecht keine Rolle.
Die Erfahrung und Kenntnisse des Individuums beweisen,
ihre geschlechtlichen Attribute sind gleichgültig.

Aber es gibt Fragen, verhältnismäßig wenige, ja sehr
wenige an Zahl, aber von wesentlicher Bedeutung für das
menschliche Leben, in denen das Geschlecht eine Rolle spielt.

Es ist nicht gleichgültig, ob eine Körperschaft, die über
die Frage, ob der Handel mit Frauenkörpern für ge-
schlechtliche Zwecke eine vom Staat anerkannte und ge-
förderte Handelsform bilden soll oder nicht; ob das Recht
der Frau an das Kind, das sie geboren, dem des Mannes,
der es gezeugt hat, gleich sein soll oder nicht; ob ein Akt
der Untreue von seiten des Mannes den Vertrag, der seine
Ehegenossin an ihn bindet, ebenso vollständig lösen soll,
als ein Akt der Untreue von ihrer Seite ihr Recht an ihn
aufhebt — es ist nicht gleichgültig, ob eine Körperschaft,
die über derartige Fragen zu entscheiden hat, aus Män-
nern allein, aus Frauen allein oder aus beiden vereint be-
steht. Je nachdem, ob die einen oder die andern oder beide

12 I
        <pb n="128" />
        ﻿darin vertreten sind, wird die Antwort nicht nur eine an-
dere, sondern in manchen Fällen eine direkt entgegenge-
setzte sein. Hier gelangen wir zu dem sehr beschränkten,
aber wichtigen Gebiet, wo das Geschlecht als solches eine
offenkundige Rolle spielt, wo der Mann als Mann und die
Frau als Frau je ihre Erfahrungen und Begriffe haben, die
nicht gemeinsam sind, hier kann das eine Geschlecht das
andere nicht entsprechend vertreten. Hier ist es, wo jedes
Geschlecht etwas grundlegend Verschiedenes zu dem Wis-
sen der Menschheit beizutragen hat.

Wir erklären heute jede Arbeit für unser Gebiet! Wir
suchen in die geschlechtlichen Gebiete geistiger und phy-
sischer Arbeit einzudringen, weil wir nicht zu erkennen ver-
mögen, daß das Geschlecht hier irgendeine trennende
Schranke aufrichtet, welche uns ausschließen würde. Und
wir sind ebenso entschlossen, jene Gebiete zu betreten, in
denen die Geschlechtsverschiedenheit eine Rolle spielt,
weil gerade hier die Frau, die Gebärerin der Menschheit,
an der Seite des Mannes, des Zeugenden, zu stehen hat,
wenn es eine vollkommenere menschliche Erkenntnis, eine
Einsicht, die das Menschenleben von allen Standpunkten
betrachtet, und ein Streben, das im Einklang mit allem
Erkennen und allen Instinkten der menschlichen Rasse
steht, je geben soll. Hier kann der Mann nicht für die
Frau und die Frau nicht für den Mann handeln, sondern
beide müssen zusammen wirken. Hier hat jede Hälfte der
Menschheit, so nahe und ununterscheidbar sie sonst ver-
schmolzen sind, ihren eigenen Teil zu der Gesamtsumme
menschlicher Erkenntnis und menschlichen Wissens beizu-
tragen. Weder die Frau ohne den Mann, noch der Mann ohne
die Frau vertritt die menschliche Vernunft voll und ganz.

Darum fordern wir heute alle Arbeit als un-
ser Gebiet! Jene weiten Gebiete, auf denen das Ge-
schlecht keine Rolle zu spielen scheint, und ebenso jene
begrenzteren, auf denen es eine Rolle spielt.

122
        <pb n="129" />
        ﻿VI.	EINIGE EINWÄNDE

Es wird manchmal, öfters indirekt als in direkter, offener
Weise behauptet (denn diese Behauptung ist eine von
jenen, welche man kaum bestimmt aussprechen kann, ohne
daß sie in nichts zerfließen!), daß die Frauen auch in der
neu rund um uns her erstehenden Welt nicht nach Arbeits-
feldern zu suchen brauchen, da sie ja immer noch ihre Auf-
gabe als Gebärerinnen behalten, eine Aufgabe, die ihrem
eigenen Zeugnis nach eine aufreibende und gefährliche ist,
wenn die Frau sie auch liebt wie der Soldat die Schlacht.
Die Frau soll einzig ihre Geschlechtsfunktion erfüllen und
es dem Mann oder dem Staat überlassen, sie als die zum
Gebären Bestimmte zu erhalten, ob sie nun tatsächlich Kin-
der zur Welt bringe oder nicht.*

Es ist nicht leicht, auf solche durchaus trügerischenTheorien
zu erwidern. Ganz abgesehen davon, daß alle Argumente
gegen den Klassen- und Rassenparasitismus ihnen widerspre-
chen, heutzutage, wo noch mehr als die Hälfte aller müh-
samsten und schlechtest bezahlten Arbeit der ganzen Welt
von Frauen verrichtet wird (vom Tee- und Kakaopflücken in
Indien bis zum Waschen, Kochen und all der Plackerei un-
serer Arbeiterfrauen, für die neben der schwersten, end-
losesten Arbeit das Kindergebären nur eine kleine Zu-
gabe bildet), wo in einzelnen Ländern die Anzahl der
Frauen die der Männer um eine Million übersteigt, so daß,
wenn auch jeder Mann eine Frau zu erhalten hätte, noch
immer eine Million Frauen übrig bliebe, für die es keine le-
gitime Geschlechtsverbindung gäbe, — ist es wirklich
sehr schwer, der Behauptung, „die Frauen mögen es sich

* Ein derartiger Vorschlag wurde, wie früher erwähnt, tatsächlich vor
einigen Jahren von einem englischen Schriftsteller gemacht; aber er war
klug genug, ihn nur auf die Frauen der oberen Klassen zu beziehen, da-
gegen die Arbeiterinnen, die heute die Masse der Engländerinnen
bilden, all ihrer schlecht bezahlten Plackerei und gleichzeitig den Mühen
der Mutterschaft zu überlassen!

123
        <pb n="130" />
        ﻿an ihrer göttlichen Aufgabe der Mutterschaft genügen las-
sen und nichts anderes begehren“, mit Ernst zu begegnen.

Wäre es der Mühe wert, auf solche müßige Theorien im
Ernst einzugehen, so würden wir entgegnen: Während all
der Jahrhunderte der Vergangenheit, da wir mit schwerem
Schoß und hartgearbeiteten Händen physische Arbeit an
der Seite des Mannes verrichteten, mit unserer Hände Ar-
beit die Welt um uns her aufbauten, fiel es niemandem ein,
uns zu sagen: „Ihr, die ihr der Menschheit Kinder gebäret,
erfüllt mit dieser einen Leistung eine Aufgabe, die alle an-
dern aufwiegt, darum beschwören wir euch, laßt alle an-
dere Arbeit, laßt das Pflanzen und Bauen, bückt euch nicht
länger über den Mahlstein, sitzt nicht bis tief in die Nacht
hinein am Webstuhl bei den Gewändern für uns und unsere
Kinder! Überlaßt das alles uns, wir wollen für euch säen
und ernten und weben und arbeiten und uns plagen für
euch, geheiligte Mütter!" Diesen Ruf haben wir in all den
finsteren Zeiten arbeitsschwerer Vergangenheit nie ver-
nommen.

Und heute ? Wie ist es denn da um den edlen Theoretiker
bestellt, der im Salon mit fleckenloser Hemdbrust und
tadellos sitzendem Anzug vor dem Kamin stehend, über die
Hoheit der Mutterschaft peroriert, über den gewaltigen
Wert dieser mütterlichen Leistung, die jede andere über-
ragt und die Frau von der niedem und rohen Arbeit des
Mannes enthebt — ist es so sicher, daß er sich auch im All-
tagsleben immer seiner Theorien erinnert? Wie, wenn er
des Morgens erwacht und die alte Hausmagd, die beim
Morgengrauen, während er noch ruhig schläft, aufsteht,
um seine Schuhe zu putzen und seinen Tee zu kochen, ein-
mal die Schuhe schlecht bürstet oder den Tee später bringt,
wird er sie nicht scharf anlassen und ihr zu verstehen
geben, daß er sie nicht brauchen kann, wenn sie nicht frü-
her aufsteht und mehr arbeitet? Oder wird er sie anrufen:
„Göttliche Gebärerin, du, der die heilige Kraft zur Mutter-

134
        <pb n="131" />
        ﻿Schaft gegeben ist, warum sollst du meine Stiefel putzen
und mein Frühstück kochen, während ich im warmen Bette
liege ? Ist es nicht genug, daß dir die hohe, geheimnisvolle
Kraft innewohnt, Menschen zur Welt zu bringen ? Laß dir
daran genügen. Und ich will hinfort beim Morgengrauen
auf stehen und mir selbst meinen Tee machen und meine
Schuhe putzen und will dich genau so zahlen wie bisher.“
Oder wenn seine Hausfrau, die eben ihr neuntes Kind er-
wartet, ihm ein schlechter gekochtes Mittagessen auf den
Tisch setzen oder vergessen würde, seinen Kohlenkübel zu
füllen, würde er die erstaunte Hauswirtin also apostrophie-
ren: „Trägerin der Geschlechter! Menschenschöpferin!
Kannst du dir nicht an deiner hohen und edlen Aufgabe
genügen lassen, ohne dich abzurackern ? Wozu schleppst du
den schweren Kohlenkübel vom Keller herauf, und wozu
bückst du dich über den heißen Herd und erschöpfest Ner-
ven, Gehirn und Muskeln, die für weit höhere Pflichten be-
wahrt bleiben sollen ? Wir, die Männer des Volkes, wollen
alle die niedern, schmutzigen und aufreibenden Arbeiten
verrichten. Den Frauen sei Schönheit, Ruhe und Frieden!
Ihre Aufgabe ist es, Leben zu spenden, nicht es durch Ar-
beit zu erhalten. Mutter! Mutter! wie wundervoll das
klingt! Mühet euch nicht mehr — Ruhe gebührt euch, Ar-
beit und Plage uns!“ — Wird er ihr nicht vielmehr erklä-
ren, daß er die Wohnung aufgeben werde, wenn sie ihn
nicht aufmerksamer und emsiger bediene, so daß sie dann
ihren Mietzins nicht aufbringen könnte und vielleicht mit
ihren Kindern und ihrem kranken oder trunkenen Mann,
den sie zu erhalten hat, auf der Straße stünde ? Denn auf-
fallenderweise ist es nicht die Arbeit der Frau oder das
Maß der Körper und Geist gleich erschöpfenden Arbeit,
wogegen diese Art von Theoretikern sich wendet, sondern
es ist nur die Form der Arbeit und die Höhe der Entloh-
°ung. Nicht über die physisch arbeitende Frau regt er sich
auf, selbst nicht über die seiner eigenen Gesellschaftsklasse,
        <pb n="132" />
        ﻿die infolge der aufreibenden endlosen Hausarbeit mit vier-
zig Jahren vorzeitig altert und verbraucht ist,

„Von früh bis abends regt der Mann die Hände,

Der Hausfrau Arbeit aber kennt kein Ende.“

auch nicht über die ausgemergelte, unter der Last ihrer Ar-
beit zusammenbrechende Frau, die seine Hemden bügelt,
oder über die künftige Mutter, die ihre Gesundheit und Ju-
gend zerstört, indem sie Tag und Nacht an dem Anzug
näht, mit dem er dann im Salon so glänzende Figur macht
— all diese alterieren ihn nicht. Sondern was ihn aufregt,
das ist der Gedanke an den weiblichen Doktor, an die Ärz-
tin, die mit einem Einkommen von einigen tausend Mark
jährlich, im Wagen zu ihren Patienten fährt oder sie in
ihrem Ordinationszimmer empfängt, die ihre Abende am
Kamin lesend und rauchend beim Studium oder mit ihren
Gästen verbringt; der Gedanke an den weiblichen Parla-
mentarier, der vielleicht sechs Stunden des Tags in den ge-
polsterten Fauteuils der Kammer lehnt und hie und da,
wenn es nicht gerade zu reden oder zu stimmen gilt, die
Langeweile der Verhandlung in den Couloirs oder am Bü-
fett unterbricht; der Gedanke an den weiblichen Universi-
tätsprofessor, der für sechs- oder achttausend Mark im Jahr
ein Dutzend Vorlesungen in der Woche zu halten hat und
Muße genug behält, die Gesellschaft von Gatten und Kin-
dern zu genießen und sich ihren Ideen und Studien zu
widmen — der Gedanke an diese ist es, der sein Herz be-
wegt. Nicht der Gedanke an die Frau, die auf allen Vieren
liegend, für zwei Mark per Tag den Boden reibt, erfüllt ihn
mit Angst um die Weiblichkeit, diese an die Vierfüßler ge-
mahnende Stellung erscheint ihm echt weiblich und wider-
spricht durchaus nicht seinem Ideal der Mutter und Kinder-
gebärerin. Und auch, daß vielleicht in seinem eigenen
Haus oder in dem seines Freundes irgendein erschöpftes
Mädchen bis tief in die Nacht hinein mit schmerzendem
Rücken und müdem Kopf sein zahnendes weinendes Kind

126
        <pb n="133" />
        ﻿herumträgt, gegen einen Lohn von vierhundert Mark im
Jahr, während er mit der Frau, die er sich zu seinem Ver-
gnügen hält, Konzerte oder Gesellschaften besucht, auch
das macht ihm nicht die geringste Sorge. Aber daß die-
selbe Person vielleicht als Beamtin 2000 Mark verdienen
und ihr eigenes anständiges Heim und freie Abende für
ihr Vergnügen oder Studium haben könnte, das erregt ihn
tief. Nicht so sehr die Arbeit oder das Maß der Arbeit ist
es, als viel mehr die Höhe des Lohnes, was seinem Ideal
des Ewig-Weiblichen widerspricht; er ist in der Regel
ganz damit einverstanden, daß die Frau für ihn arbeitet, sei
es nun als Plantagenarbeiterin, als Waschfrau oder als Pfle-
gerin der Kinder, die er in die Welt setzt, —wenn nur die
Bezahlung, die sie erhält, nicht hoch ist, und wenn es sich
nicht um jene Arbeitsgebiete handelt, die er für sich selbst
reserviert wissen will. —

Ein Mann hatte zusammen mit seinem Esel eine schwere
Last einen steilen Berg hinaufgeschleppt; sie waren über
schroffe Felsen und über gleitendes Gerolle gewandert, wo
es kein Wasser und nur karges Gras gab. Als sie nun auf
die Höhe des Berges kamen und sich vor ihren Blicken die
grünen Matten erstreckten, als sie durch breite, halbgeöff-
nete Tore das wogende Laub der Bäume schimmern sahen
und Quellen rieseln hörten, da sprach der Herr zu seinem
Esel: „Mein gutes Tier, ruhe dich jetzt aus, ich kann die
Last jetzt schon allein tragen, bleib du nur ruhig, du armes
Vieh, du hast dich genug geplagt, ich werde allein weiter-
gehen.“ Da flüstert aber selbst das Grautier mit einem
Blick auf das offene Tor und die grünen Wiesen dahinter:
„Herr, wir haben den hohen Berg zusammen erklommen,
die Steine haben mir die Hufe zerschnitten wie Euch die
Sohlen. Hättet Ihr am Fuß des Berges gefunden, die Last
sei zu schwer für mich, und mir zugeredet, liegen zu bleiben,
vielleicht hätte ich Euch gehorcht. Aber jetzt, wo ich hier
die offenen Tore sehe, den ebenen Weg und die grünen

127
        <pb n="134" />
        ﻿Matten, denke ich, dieses Stückchen könnte ich noch
gehen. Wir beide haben zusammen den Berg erklommen,
ich meine, wir sollen auch weiter Seite an Seite wandern.“
Und also entringt es sich dem Herzen der arbeitenden
Frauen von heute, denen die Männer einreden möchten, sie
brauchten nicht nach neuen Arbeitsfeldern zu suchen, sie
leisteten ihr Teil, wenn sie nur Kinder gebären: „Wagt ihr
es wirklich, uns nun zu sagen, wir taugten zu nichts als zum
Gebären? Uns, die in all den vergangenen Jahrhunderten,
wo es beständig, fortwährend gebären hieß, dies kaum als
Mühe, eher als Lohn für unsere Arbeit ansahen? Haben
unsere Hände ihre Geschicklichkeit, unsere Herzen ihre
Kraft verloren, daß ihr heute, da die Arbeit der Mensch-
heit so viel leichter und ihr Werk so viel klarer wird, zu uns
sagt, wir könnten nichts als Kinder zur Welt bringen?
Wagt ihr, uns das zu sagen, da der Weg, den die Mensch-
heit emporstieg, mit dem Schweiß unseres Angesichtes ge-
tränkt und die Straße, die die Menschheit zur Höhe ge-
wandert, am Rande mit den Gebeinen von Frauen bedeckt
ist, die arbeitend an der Seite ihrer Männer gefallen sind ?
Wagt ihr, uns das zu sagen, da ihr selbst heute noch die
Speisen, mit denen ihr euch nährt, die Kleidung, die ihr
tragt, die Bequemlichkeit, die ihr genießt, zum großen Teil
der endlosen physischen Arbeit von Frauen verdankt?“

So wie die Frau der Vorzeit das Feld bebaute und das
Korn mahlte, um die Kinder, die sie gebar, zu nähren, so
wie die Jungfrau der Vorzeit das Leinen spann für ihren
Haushalt und sich das Recht erwarb, Menschen zu gebä-
ren, so wollen auch wir, ob wir uns auch nicht mehr über
den Mahlstein bücken oder mit der Hand weben, arbeiten,
auf neuen Arbeitsfeldern arbeiten, um uns auch die Kraft
und das Recht zu erwerben, Menschen zur Welt zu bringen.
Und wir glauben, der Tag wird kommen, an dem kein
Mann sich erkühnen wird, zu sagen: „Die Frau hat ihr Teil
am Leben, wenn sie nur Kinder gebiert,“ wo es vielmehr
        <pb n="135" />
        ﻿heißen wird: „Welche ernste Arbeit hat diese Frau gelei-
stet, daß sie das Vorrecht haben soll, Kinder in die Welt
zu setzen ?“

Aber man wendet weiter ein: „Wie, wenn die weibliche
Hälfte der Menschheit wohl imstande ist, außer ihren Auf-
gaben als Geschlechtswesen auch einen Teil der gesell-
schaftlichen Arbeit auf den neuen Arbeitsgebieten, wie
einst auf den alten, zu leisten, aber doch in mancher Be-
ziehung weniger fruchtbare als die Männer? Wie, wenn im
großen ganzen das Arbeitsresultat der beiden Hälften der
Menschheit kein gleich großes wäre?“

Darauf läßt sich nun folgendes erwidern: Es liegt gewiß
im Bereich der Möglichkeit, daß ein geheimnisvoller Zu-
sammenhang besteht zwischen den Geschlechtsfunktionen
des Mannes und irgendwelchen Anlagen, die ihn mehr als
die Frau zu einer nützlichen und segensreichen Tätigkeit
für die Menschheit in ihrem derzeitigen Entwicklungssta-
dium befähigen. Doch wir sehen den Grund nicht, warum
dem so sein müßte, und bei dem gegenwärtigen Stand un-
seres Wissens wird kein vernünftiger Mensch ein Urteil
darüber fällen, aber möglich ist es. Andererseits könnte es
sich auch bei Betrachtung aller Zweige produktiver Arbeit
im Laufe der Zeit heraussteilen, daß im großen ganzen der
Wert der Arbeit beider Hälften der Menschheit sich so die
Wage hält, daß keinerlei Überlegenheit eines oder des an-
dern Teiles auch bei genauester Untersuchung festzustellen
wäre. Auch das ist möglich.

Aber es könnte auch geschehen, daß künftige Zeiten, die
das Ganze, die Totalsumme menschlicher Tätigkeit über-
blicken, den Wert der weiblichen Arbeit in der Welt, die
um uns her ersteht, dem der männlichen Arbeit in Qualität
oder Quantität überlegen finden. Wir haben keinen Grund,
anzunehmen, daß dem so sein werde; es liegt nichts in der
Natur der weiblichen Geschlechtsfunktionen, das notwen-
dig eine solche Überlegenheit bedingen würde. Aber im-

9 Schreiner, Die Frau

129
        <pb n="136" />
        ﻿merhin könnte es sein, daß mit der geringeren Körperkraft
und den zarteren Muskeln, dem Übergewicht von Gehirn-
und Nervensubstanz gegenüber der Substanz von Knochen
und Muskeln, wie dies beim Menschen gewöhnlich, wenn
auch nicht durchweg das weibliche gegenüber dem männ-
lichen Geschlecht charakterisiert, geistige Eigenschaften
einhergehen, welche die Frau für die Arbeit der Zukunft
besonders geeignet machen.

Es könnte sein, daß — während in einem frühem Entwick-
lungsstadium der Menschheit der geringe Besitz an bloßer
Muskel- und Knochenstärke, welche Elemente von größter,
Macht verleihender Bedeutung waren, die Frau gegen-
über ihrem männlichen Genossen sozial benachteiligten —
nun unter den neuen Lebensverhältnissen, in denen der Wert
roher mechanischer Kraft hinter dem hoher Lebenskraft
und Nervenstärke verschwindet, der Frau ihre Schwäche
ebenso zum Vorteil gereichen werde, wie einst dem Manne
seine Körperstärke.

Es ist leicht möglich, daß in der neuen Welt, die um uns
her entsteht, der für die Gesellschaft nützlichste und für
die zukünftigen Verhältnisse bestgeeignete, in den meisten
Tätigkeitsformen überragende Typus nicht jener der Mus-
kel- und Fauststarken sein wird, sondern der Typus der Ge-
wandten, Beweglichen, Lebendigen, Anpassungsfähigen,
Empfänglichen und physisch zarter Gebauten. Und da die-
ser Typus — obgleich ebensowenig wie der muskelstarke,
schwerfällige nur einem Geschlecht eigentümlich oder dar-
auf beschränkt — doch immerhin öfter in Verbindung mit
dem weiblichen Organismus angetroffen wird, so ist es
wohl möglich, daß im großen und ganzen die weibliche
Hälfte der Menschheit dank ihrer organischen Angepaßt-
heit als die geeignetste für die Hauptgebiete menschlicher
Zukunftsarbeit sich erweisen wird.

So wie bei Individuen und Rassen können auch bei den
Geschlechtern unter veränderten sozialen Bedingungen ge-

130
        <pb n="137" />
        ﻿rade jene feineren Eigenschaften, die in dem einen Gesell-
schaftsstadium von Nachteil sind, in dem andern höchsten
sozialen Vorteil verleihen.

Der erfahrene Diplomat oder Politiker, so einflußreich er
in seiner Sphäre sein mag, wird während eines Sturmes an
Bord eines Schiffes plötzlich von viel weniger Wert und
Bedeutung sein als der einfachste Seemann, der ein Segel
zu raffen oder das Steuer zu führen versteht. Und fände
sich eine Gesellschaft hochzivilisierter Männer und Frauen
plötzlich wieder in den Naturzustand zurückversetzt, so
würde sich, wie schon früher bemerkt, der Wert ihrer Mit-
glieder vollständig umkehren; nackt und schutzlos auf einer
wüsten Insel ausgesetzt, im Kampfe mit Raubtieren und
Wilden, genötigt, der Natur Nahrung abzuringen, würde
sich die primitive menschliche Rangordnung sofort wieder
hersteilen. Nicht der mächtige Finanzier, der gelehrte
Richter, der große Dichter oder Gelehrte wären die Ge-
suchten, sondern der einfältigste Tagelöhner, der nur einen
Stein so zu schleudern vermag, daß er einen Vogel trifft,
und in einem Tag eine Mauer aufzuführen, die allen Schutz
gewährt. Der Mann aber, der stark genug wäre, mit seinem
Knüttel einen Feind oderein wildes Tier zu erschlagen, würde
sofort gesellschaftliches Ansehen und persönliche Aus-
zeichnung und wahrscheinlich eine Machtstellung erlangen.
Nicht eine Tänzerin, die in unserer Zivilisation in einer
Nacht Hunderte Pfund verdient, nicht die gebrechliche,
zarte Schönheit, sondern die Magd mit breitem Rücken
und starken Armen, die Holz sammeln und Wasser tragen
kann, wird das wertvollste und gesuchteste Weib in solch
einer Gemeinschaft sein. Selbst in der Tierwelt besteht die-
selbe Umwertung, je nachdem die äußeren Umstände sich
ändern. Der Löwe, der in der Wildnis, dank seiner unbe-
zähmbaren Wildheit, Größe und Raubgier, alle andern Ge-
schöpfe beherrscht, fällt dem Untergang und dem Aus-
sterben anheim, wenn er mit den neuen Zuständen inner-

9*	131
        <pb n="138" />
        ﻿halb der Menschen weit in Kontakt kommt, während die
ihm an Größe und Wildheit so unendlich inferioren Hunde
ihn in der Gefangenschaft überleben und sich vermehren,
gerade weil ihr kleinerer Bau und ihre geringeren Körper-
kräfte dahin führen, jene sozialen Instinkte und jene For-
men der Intelligenz zu entwickeln, die sie den neuen Le-
bensbedingungen zugänglich und für dieselben wertvoll
machen. Dieselbe Umwertung der Werte läßt sich in der
Geschichte menschlicher Rassen nachweisen. Der Jude,
dessen Geschichte eine lange Kette von Unterdrückungen
seitens physisch kräftigerer Völker mit stärkeren Muskeln
und Fäusten war, der zuerst unter der Peitsche des Ägyp-
ters Ziegel formte und später im Exil seine Harfe an die
Weiden Babylons hing, der durch achtzehn Jahrhunderte
von den europäischen Völkern gemartert, verachtet und
mit Füßen getreten wurde, von Rassen, die ihn wohl an
Körperkraft und Stärke der Faust, nicht aber an Lebens-
kraft, Scharfsinn, Intelligenz und Zähigkeit übertreffen, er
ist durch die langsame Drehung des Lebensrades nach
oben gekommen. Die ägyptischen Fronvögte und Krieger
sind dahingegangen, von den Babyloniern kennen wir nichts
mehr als einige Gedenktafeln und Inschriften, die von Sie-
gen und Kriegen künden. Die einst gefangenen Juden aber
sehen wir heute auf allen Straßen und in allen Städten.
Und die Abkömmlinge jener, die ausspieen, wenn sie von
Juden sprachen, die ihnen gewaltsam die Zähne ausrissen,
um ihnen Geld zu erpressen, antichambrieren heute gedul-
dig vor ihren Bureaus und Palästen, Adelige freien ihre
Töchter, Könige lassen sich in der Hoffnung auf gol-
dene Krumen gern zu ihrer Tafel laden, und die Ent-
scheidung über Krieg und Frieden liegt oft in der Hand
eines kleinen, asthmatischen Juden. Nach langen Jahrtau-
senden von Verachtung und Pariatum ist die Zeit gekom-
men, ob zum Heil oder Unheil, wo gerade jene Qualitäten
gebraucht werden, welche den Juden eigen sind und die sie

132
        <pb n="139" />
        ﻿subtil von andern unterscheiden, während jene Eigen-
schaften, die ihnen fehlen, unnütz geworden sind. Eben
jenes mehr nachdenkliche als kampflustige Wesen, das sie
einst zu Sklaven machte, bewahrte sie auch davor, durch
Kriege dahingerafft zu werden, und die Beweglichkeit ihres
Verstandes, der vorsichtige Scharfsinn, die beharrliche gei-
stige Emsigkeit und Selbstbeherrschung, die sie in jenen
Zeiten nicht vor Erniedrigung bewahren oder für ihren
Mangel an Knochen und Muskeln entschädigen konnten,
sind jene Eigenschaften, die die moderne Welt braucht
und ehrt. Die Tage des Goliath mit seiner Keule und sei-
nen Flüchen schwinden dahin, und der Tag des David mit
der Harfe und der kunstfertig erdachten Schlinge kommt
näher und näher.

Die Eigenschaften, die einem Tier, einer Rasse oder
einem Individuum höheren Nutzen oder soziale Vorherr-
schaft verleihen, werden immer von jeder Veränderung der
äußern Verhältnisse beeinflußt. Sowie das Rad des Lebens
sich langsam umdreht, kommt das, was zu unterst war,
langsam zu höchst, und der Herrschende wird zum Unter-
gebenen.

Infolge ihres verhältnismäßig geringeren Gewichts und der
schwächeren Entwicklung ihrer Muskeln, welche fast allen
weiblichen Geschöpfen, die ihre Jungen säugen, eigen sind,
und infolge der geringen Kampflust, die fast alle ihre Jungen
lebend zur Welt bringenden Weibchen charakterisiert,
haben der Frau zahllose Generationen hindurch die beiden
Eigenschaften gefehlt, die den Individuen ein Herrschafts-
recht in der Gesellschaft verliehen haben. Möglicherweise
aber wird es sich in Zukunft heraussteilen, daß die Ent-
wicklung, welche mit der Unentbehrlichkeit von Muskel-
kraft und Faustrecht aufgeräumt hat, auch den Platz der
Frau auf der Leiter sozialer Werte verändert habe.

Gleich dem Juden, dem Mannestypus, der von dem in der
Vergangenheit herrschenden am weitesten ab weicht, dürfte

133
        <pb n="140" />
        ﻿künftighin auch die Frau finden, daß eben jene Eigenschaf-
ten, die in einer früheren Periode ihren sozialen Wert und
ihre Arbeitsfähigkeit verminderten, diese weiterhin nicht
schmälern, sondern erhöhen; daß die Feinheit ihrer Hand,
die Zartheit ihres Baues, die verhängnisvoll waren, solange
die Hauptarbeit des Lebens darin bestand, eine Streitaxt zu
schwingen oder eine Last zu heben, kein Hindernis mehr,
sondern sogar einen Vorteil auf den geistigen Gebieten und
den Feldern feinerer mechanischer Arbeit bilden werden;
daß das Übergewicht an Nerven gegenüber Muskeln und
die Neigung zu erhaltender und schöpferischer gegenüber
kampflustiger und zerstörender Tätigkeit, weit davon ent-
fernt, sie von den wichtigsten Gebieten menschlicher Ar-
beit auszuschließen, ihre Eignung für dieselben steigern
wird. Wir haben dafür in der Gegenwart keine Beweise;
aber vielleicht wird es sich in Zukunft zeigen, daß die lan-
gen Jahre der Knechtschaft und physischen Unterwerfung,
sowie die Erfahrung als Gebärerin und Beschützerin des
Kindes der Frau als eine Art sekundären Geschlechtsmerk-
mals einen erhöhten sozialen Instinkt, ein besonders star-
kes menschliches Mitgefühl und instinktives Verständnis
verliehen haben. In diesem Falle wäre es nicht nur mög-
lich, sondern sicher, daß in kommenden Zeiten, in denen
die Arbeit des Menschengeschlechtes eine mehr erhaltende
als zerstörende sein wird, in denen das Aufbauen und Ent-
wickeln der Menschheit und nicht die gegenseitige Ver-
nichtung die Hauptarbeit bilden werden, die Frau als Frau,
kraft jener Merkmale, die sie vom Manne unterscheiden,
berufen sein werde, eine hochwichtige Rolle in der Tätig-
keit der Menschheit zu spielen. Dieser Gegenstand ist von
ausgesuchtem und eigenartigem Interesse; aber in prakti-
scher Beziehung ist es für die Menschheit nicht so sehr1 von
Wichtigkeit, welches von den beiden Geschlechtern, die
stets zusammen bestehen müssen, am besten für diese oder
jene Arbeit zu dieser oder jener Zeit geeignet ist, noch
        <pb n="141" />
        ﻿selbst welches Geschlecht am meisten zu der Totalsumme
menschlicher Leistungen beizutragen hat. Wichtig vor allem
ist, daß jedes einzelne Mitglied der Menschheit, unabhängig
von Rasse, Geschlecht oder Typus, genau jenes Arbeitsfeld
findet, auf dem es sich am besten entwickeln kann und sich
am glücklichsten und wohlsten fühlt, und in welchem seine
besondern Fähigkeiten und Gaben am wirksamsten und
segensreichsten für seine Nebenmenschen verwendet
werden.

Es bedeutet für uns als Frauen nichts, weniger als nichts,
ob von den Kindern, die wir zur Welt bringen, die Söhne
an Tüchtigkeit, Intelligenz und Geschicklichkeit die Töch-
ter überragen oder die Töchter die Söhne, wenn nur bei
keinem unserer Kinder eine Entwicklungsmöglichkeit gänz-
lich verloren geht oder an eine geringe Aufgabe vergeudet
wird, während sie für eine höhere, wertvollere hätte verwen-
det werden können. Wenn nur keine wünschenswerte Fähig-
keit des wundersamen Geschöpfs, das wir unter Schmerzen
geboren haben, unentwickelt bleibt, so ist es für uns als
Frauen vollständig gleichgültig, welches Geschlecht das
andere an Tatkraft, Wissen und Vorzüglichkeit übertrifft,
sofern nur beide ihr Bestes erreichen. Es gibt nur eines
auf der Welt, das der Frau so kostbar wäre wie die Toch-
ter, die ihrem Leib entsprossen ist — der Sohn. Es gibt
nur eines, das der Frau teurer wäre als ihr Selbst — der
Mann. So wie kein vernünftiger Mensch sich darum küm-
mert, ob seine rechte oder linke Herzkammer besser arbei-
tet oder wichtiger für sein Wohlbefinden ist, wenn nur
beide gesund und kräftig sind, sowie keine vernünftige
Frau sich sorgen wird, ihre rechte Brust könnte die linke
an Schönheit und Fülle übertreffen, so wird kein vernünf-
tiger Mann und keine vernünftige Frau ängstlich die Vor-
züge von Mann und Frau vergleichen. Und Liebe rechnet
nicht. Was wir vom Leben fordern, ist, daß das Werkzeug
in jene Hand gelegt werde, die es am besten zu gebrauchen

«35
        <pb n="142" />
        ﻿weiß, daß der weniger Tüchtige nicht an den Platz des
Tüchtigeren gestellt werde und daß keine künstliche
Schranke je die Tätigkeit der einzelnen Individuen, die wir
Frauen zur Welt bringen, einenge.

Aber man wird uns vielleicht weiter einwenden: Wie,
wenn alle eure Träume und Hoffnungen für die Frau und
die Zukunft des Menschengeschlechtes Luftschlösser wä-
ren? Wenn, so wünschenswert es auch sein möge, die
Frauen nicht ausschließlich auf ihre Geschlechtsfunktion
angewiesen wären und auch in Zukunft an produktiver
Tätigkeit wenigstens ebensoviel Teil hätten wie in der Ver-
gangenheit — wie, wenn die Frau nicht imstande ist,
denselben großen Teil der komplizierten und hauptsächlich
geistigen Arbeit der Zukunft zu leisten, den sie an der
größtenteils physischen Arbeit der Vergangenheit leistete?
Wie, wenn sie trotz aller ihrer Anstrengungen und Opfer
zur Erreichung des Zieles, eben jetzt, da die Arbeit der zivi-
lisierten Gesellschaft eine mehr geistige als mechanische
wird, nicht ausreicht ?

In den Gebirgsteilen der Schweiz begegnet der Reisende
manchmal einer einsam die Bergfelder hinanklimmenden
Frauengestalt, die auf ihren breiten Schultern eine gewal-
tige Ladung Futter für das Vieh oder Dünger für das Feld
trägt. Fest und unerschrocken blicken die Augen unter der
tiefgefurchten Stirn euch entgegen, und ein Haarsträhn,
der vielleicht so weiß leuchtet wie der Schnee auf den Gip-
feln, sieht unter dem Rand des Kopftuches hervor. Das
durchfurchte verbrannte Antlitz trägt die tiefen Spuren
von Arbeit und Leiden, wie die Berglehne die Spuren von
Sturm und Lawinen. Es ist das Antlitz einer, die mit Mühen
und Sorgen Kinder zur Welt gebracht, und die schwer ge-
arbeitet hat, sie zu erhalten. Und wessen Auge nicht blind
ist für die Phasen menschlichen Daseins, der wird in dieser
abgearbeiteten Gestalt einen der mächtigen Pfeiler erblik-
ken, die in den langen Jahrhunderten der Vergangenheit

136
        <pb n="143" />
        ﻿das Leben der Menschheit auf Erden erhalten und seine
spätere Entwicklung ermöglicht haben; und arg müßte der
Flitterglanz des Lebens den geblendet haben, der nicht mit
Ehrfurcht auf diese Gestalt blickte und nicht im Geist das
Haupt beugte vor diesem Typus der schwer arbeitenden
Frau, die Leben auf gebaut hat.

Was nun aber, wenn in künftigen Zeiten nie mehr ein
Mann sich mit derselben Ehrfurcht vor solch einer Arbeits-
gewaltigen der Erde, die zugleich Frau und Mutter wäre,
wird beugen können? Was dann, wenn die Frau, die ihre
Mutterschaft mit der endlosesten körperlichen Arbeit zu
vereinen wußte, schlaff und hilflos würde, sobald es sich
um geistige Arbeit handelt ? Wie, wenn sie trotz aller An-
strengung in Zukunft nichts mehr sein könnte, als das am
Sofa liegende, verhätschelte, in seinem Seidenfell zitternde
Schoßhündchen der Menschheit ? Wie, wenn es bestimmt
sein sollte, daß den Frauen trotz ihres ernsten Strebensund
ihrer entschlossensten Anstrengungen in der neuerstehen-
den Welt infolge ihrer geistigen Unfähigkeit nur Mißerfolg
beschieden wäre ?

Es ließe sich auf diesen Einwand erwidern: Oft schon ist
mit Recht gesagt worden, daß die üblichen Beschäftigungen
der Frau, zu allen Zeiten und in allen Gesellschaftsklassen, in
denen sie nicht parasitisch war, nicht nur physische, son-
dern auch vielseitige geistige Fähigkeiten erforderten, daß
die Edelfrau des Mittelalters, die ihren großen Haushalt
leitete, dazu wahrscheinlich mehr Intelligenz brauchte als ihr
Gatte zu Jagd und Kampf, daß heute die Frau eines Buchhal-
ters oder Konzeptbeamten vielleicht mehr Verstand, Gedan-
ken, Umsicht und Gedächtnis zur Wirtschaftsführung in
ihrem kleinen Haushalt aufwenden muß als der Mann bei
seiner weit einfacheren, einförmigen Rechenarbeit, daß
ebenso wie der Schneider oder Schuster zu seinem Berufe
nicht weniger Intelligenz braucht, als der Soldat oder Preis-
fechter, die Frauen der Vergangenheit in der Mehrzahl

137
        <pb n="144" />
        ﻿ihrer Berufe nicht weniger Intellekt aufgewendet haben als
die Männer in den ihren. In jenen hoch spezialisierten gei-
stigen Tätigkeiten aber, zu denen eine lange ununter-
brochene Vorbildung in ganz bestimmter Richtung nötig
ist, wie den liberalen Berufen und den Künsten, haben
die Frauen, obgleich sie tatsächlich von dem erforderlichen
Studium und der freien Ausübung dieser Berufe ausge-
schlossen waren, doch kraft ihres angeborenen Talentes
und ihrer Anlagen fortwährend die scheinbar unübersteig-
lichen Hindernisse durchbrochen, oft und oft auch auf die-
sen Arbeitsgebieten den Platz neben dem Mann eingenom-
men und also nicht nur eine bloße Eignung, sondern eine
entschiedene und leidenschaftliche Neigung in diesen Rich-
tungen bewiesen. Mit gleichem Recht ist schon oft erwähnt
worden, daß die Frau in der einzigen Stellung, in der sie
je imstande war, ihre Individualität frei und voll zur Gel-
tung zu bringen, nämlich als Herrscherin (trotzdem sie hier
nur aufs Geratewohl vom Schicksal durch den Zufall der
Geburt oder Heirat aus der Masse von Frauen heraus-
gegriffen war), verhältnismäßig oft die Fähigkeit zu ge-
bieten, zu organisieren bewiesen hat und mit Erfolg im-
stande war, als Regent eines Volkes eine der anspruchsvoll-
sten und schwierigsten Stellungen zu bekleiden. Von den
Tagen der Amalaswintha bis zu Isabella von Spanien, Eli-
sabeth von England, Katharina von Rußland erwiesen sich
Frauen fähig, das Leben von großen, unpersönlichen Ge-
sichtspunkten zu erfassen und mit Erfolg und Kraft zu be-
herrschen, wenn sie jene hohe Stellung einnahmen, die es
von ihnen verlangte. Es mag auch erwähnt werden, was
schon ermüdend oft wiederholt worden ist, daß die Eig-
nung der Frau für die Gebiete moderner geistiger Arbeit
oder gelernter Handarbeit heute nicht mehr Thema der
Diskussion sein kann, da die Zahl der Frauen, die als preis-
gekrönte Mathematikerinnen, als Ärztinnen usw. diese
neuen Gebiete betreten haben, und die guten Resultate der

13*
        <pb n="145" />
        ﻿

Frauen bei allen Hochschulprüfungen, zu denen sie zuge-
lassen wurden, sowie ihre allgemeine erfolgreiche Tätigkeit
im Gemeindedienst, wo immer sie an demselben teilnehmen
durften, ihre geistige und sittliche Eignung für diese neuen
Arbeitsfelder beweisen.

All diese Tatsachen sind sicherlich interessant und dürf-
ten unwiderleglich sein. Und doch — um der Wahrheit die
Ehre zu geben, sind es schließlich nicht diese Gründe, auf
die viele von uns ihre Hoffnungen, ja die Gewißheit basie-
ren, mit der sie in die Zukunft blicken. Unsere Überzeugung
von dem vollen Ausreichen ihrer Kräfte für die Erfüllung
hoher Aufgaben auf diesen neuen Gebieten fußt nicht auf
einer verstandesmäßigen Aufzählung dessen, was einzelne
Frauen oder Frauengruppen in der Vergangenheit oder
Gegenwart erreicht oder geleistet haben; sie hat eine an-
dere Quelle.

Es war einmal ein Mann, der fand ein Vogelei; er trug es
heim und ließ es von seiner Haushenne ausbrüten. Als das
Kücken ausgekrochen war, band der Mann es am Fuß an
einen Pfahl, damit es sich nicht verlaufe. Und die Leute
standen um das Kücken herum und studierten, was für
ein Vogel es wohl sein möge. Der eine sagte: „Es ist sicher
ein Schwimmvogel, eine Ente oder eine Gans; wenn
wir es ins Wasser würfen, würde es schwimmen und schnat-
tern.“ Aber ein anderer meinte: „Es hat keine Schwimm-
häute an den Füßen, es ist ein Haushuhn, laßt es nur frei,
so wird es mit den andern auf dem Misthaufen scharren
und gackern.“ Ein dritter rief: „Seht nur seinen geboge-
nen Schnabel. Ein Papagei ist es, gebt ihm Nüsse zu knak-
ken.“ Und ein vierter: „Schaut nur seine Flügel an, viel-
leicht ist es gar ein Vogel, der hoch fliegen kann.“ Aber
da riefen andere: „Unsinn, nie hat ihn noch jemand fliegen
gesehen, wie sollte er denn fliegen können ? Wie kann man
denn glauben, daß er etwas kann, was er noch nicht ver-
sucht hat ?“ Und der Vogel — der Vogel mit seinem fest-

139
        <pb n="146" />
        ﻿geketteten Bein lüftete die Flügel. Sie saßen um ihn herum
und spekulierten und stritten, und einer sagte dies und der
andere jenes. Und die ganze Zeit, während sie sprachen,
saß der Vogel regungslos und blickte unverwandt in den
klaren, blauen Himmel hinauf. Endlich meinte einer: „Wie
wäre es, wenn wir ihn losließen, um zu sehen, was er be-
ginnt?“ Der Vogel zitterte, aber die andern schrien: „Was
fällt Euch ein, er ist viel zu wertvoll. Er könnte verloren
gehen, wenn er vielleicht zu fliegen versuchen würde und
herunter fiele und das Genick bräche.“

Und der Vogel mit seinem angeketteten Fuß saß und
blickte aufwärts zum blauen Himmel, dem Himmel, in dem
er noch niemals gewesen — der Vogel, er wußte, was er
wollte — denn — es war ein junger Adler!

Viele von uns kennen eine Frau, wie sie jeder Mensch nur
einmal auf Erden kennt, und daß wir diese Frau kennen,
das ist es, worauf wir unsere Gewißheit gründen.

Für jene, die keine solche Frau kennen und auf diesen
festen Grund nicht bauen können, mag es ja gut und nütz-
lich sein, sorgsam Tatsachen zu sammeln und darüber
nachzudenken und darauf Ansichten zu basieren. Es mag
selbst vorteilhaft sein, sich keinerlei bestimmte Ansicht zu
bilden, sondern abzuwarten, bis die Jahre praktischer Er-
fahrung alle Zweifel beseitigt haben. Für uns aber, die wir
für unsere Überzeugung einen Grund haben, den wir
Außenstehenden nicht beweisen können, für uns ist es wohl
besser, furchtlos zu handeln als viel zu argumentieren.

Schließlich ließe sich gegen den Eintritt der Frauen in
die neuen Arbeitsfelder vielleicht noch folgendes sagen,
was auch tatsächlich oft eingewendet wird: Wie, wenn
man euch alles, wonach ihr begehrt, einräumte — wenn es
völlig anerkannt würde, daß die alten Arbeitsgebiete der
Frau ihr entschwinden und daß, wenn sie keine neuen fin-
det, sie in einen Zustand von Geschlechtsparasitismus ver-
fiele, der sie von ihrer Fortpflanzungsfähigkeit allein ab-

140
        <pb n="147" />
        ﻿hängig machen würde; zugegeben, daß sie in diesem Falle
degenerieren müßte und daß ihr Verfall auch die Degene-
ration und den Stillstand sowohl der Männer als der
Frauen ihres Volkes bedeuten würde; zugegeben auch, daß
die Frau in der, Vergangenheit nicht nur Kinder geboren,
sondern auch mehr als die Hälfte der ganzen Last produk-
tiver Arbeit der Gemeinschaft getragen hat; zugegeben
ferner, daß sie sehr wohl imstande ist, ihren Teil an der
geistigen Arbeit der Zukunft zu tragen, wie sie ihn an den
mehr mechanischen Arbeiten der Vergangenheit leisten
konnte; all das zugegeben, könnte nicht doch eine Seite der
Sache unberücksichtigt geblieben sein, die alle Schlüsse,
daß es wünschenswert und zum Wohle der Menschheit sei,
wenn die Frau eine größere Arbeitsfreiheit erreicht, um-
kehren ? Wie, wenn die erhöhte Kultur und geistige Reg-
samkeit, deren die Frau zum Eintritt in die neuen Arbeits-
gebiete bedarf, so wünschenswert sie in anderer Beziehung
für sie selbst und die Allgemeinheit sein mögen, zu einer
Verminderung oder einem vollkommenen Erlöschen der
geschlechtlichen Anziehung und Zuneigung, die in allen
Zeiten der Vergangenheit die zwei Menschheitshälften an-
einanderkettete, führen sollte? Zwar haben die schweren
und unschönen körperlichen Arbeiten der Vergangenheit
niemals die Anziehung der Frau für den Mann ihrer Ge-
sellschaftsschicht, noch die des Mannes für die Frau be-
einträchtigt. Doch wie, wenn ihre geistige Tätigkeit oder
kompliziertere, feinere Handarbeit, ihre höhere Intelligenz
und ihr weiterer Horizont in ihr Abneigung gegenüber dem
Manne entstehen oder die Frau dem Manne ohne Reiz er-
scheinen ließen, so daß das Menschengeschlecht ausster-
ben würde infolge des Mangels an geschlechtlicher An-
ziehung? Wie, wenn die Frau aufhört, den Sohn zu schät-
zen, den sie geboren, oder Begehren und Zärtlichkeit
gegenüber dem Manne zu empfinden, der ihn gezeugt, und
der Mann aufhören würde, das Weib und ihr Kind zu lie-
        <pb n="148" />
        ﻿



ben und zu begehren ? Würde nicht ein solches Ergebnis in
seinem Unheil für die Menschheit gleich groß oder noch
größer sein, als alles, was aus der Degeneration und dem
Parasitismus der Frau erwachsen könnte? Wäre es nicht
besser, falls irgendeine Möglichkeit dieser Gefahr besteht,
daß die Frauen, so bewußt sie sich auch seien, die sozialen
Arbeiten unter den neuen Bedingungen ebenso vorzüglich
erfüllen zu können wie unter den alten, doch freiwillig und
bewußt, mit offenen Augen lieber in einen Zustand voller
geistiger Erschlaffung mit allen daran haftenden Übeln
versänken, als dem noch unersetzlicheren Verlust entgegen-
zugehen, den ihre Entwicklung und die Ausübung ihrer
Gaben zur Folge haben könnte? Wäre es nicht besser, sich
freiwillig für das kleinere von beiden Übeln zu entscheiden,
selbst sein Wachstum zu hemmen und seine Tätigkeit und
die Erweiterung seiner Fähigkeiten einzuschränken, als
irgend zu riskieren, daß das Band des Begehrens und Füh-
lens zwischen den beiden Hälften der Menschheit sich lok-
kere ? Wenn das Menschengeschlecht auf Erden verblühen
und verlöschen soll, warum nicht ebenso durch den Para-
sitismus und den Verfall der Frau als durch das Verwelken
des Geschlechtsinstinktes ?

Es ist nicht leicht in vernünftiger oder nur in ernsterWeise
auf eine Annahme zu antworten, die darauf basiert zu sein
scheint, daß ein plötzlicher und vollständiger Umsturz der
tiefsten Elemente, auf denen das menschliche, ja auch das
tierische Leben auf Erden ruht, durch eine so unzuläng-
liche Ursache möglich wäre, und man könnte mit Still-
schweigen darüber hinweggehen, wenn dieses Argument
nicht in einer oder der andern, in vernünftiger und unver-
nünftiger Form immer wiederkehren und selbst bei ziem-
lich intelligenten Köpfen eine Abneigung gegen den Ein-
tritt der Frau in neue Arbeitsgebiete verursachen würde.

Es soll gleich offen zugegeben werden, daß, wenn auch
nur die geringste tatsächliche Gefahr in dieser Richtung

142
        <pb n="149" />
        ﻿bestünde, die Frau um ihrer selbst und der Menschheit wil-
len nichts besseres tun könnte, als so rasch wie möglich all
ihre Bestrebungen nach Wissen und Erreichung neuer
Tätigkeitsgebiete beiseite zu legen.

Man bedenke, welchen Faktor die geschlechtliche An-
ziehung im Empfindungsleben bildet, von der fast un-
bewußten Anziehung angefangen, die Amöbe zu Amöbe
zieht, durch alle endlos fortschreitenden Lebensformen
hindurch; wie sie bei den monogamen Vogelarten in
Gesang und vielfältigem Liebeswerben und manchmal in
lebenslanger ehelicher Liebe sich ausdrückt; wie sie
auch im Menschengeschlecht die verschiedensten For-
men durchläuft, von der gebieterischen, aber fast rein
physischen Anziehung der Geschlechter bei den Wilden
bis zu den ästhetischen und geistigen, aber nicht minder
gebieterischen Formen, die sie bei hochentwickelten Män-
nern und Frauen annimmt, wo sie sich in den Liedern der
Dichter und in der oft unsterblichen Treue reichbegabter
Persönlichkeiten birgt. So begegnen wir ihr nicht nur all-
überall, sondern erkennen in ihr das Fundament, auf dem
das ganze Empfindungsleben ruht — unausrottbar, wenn
auch unendlich veränderlich in Form und Ausdruck. Man
bedenke, welche Rolle die Anziehung zwischen Mann und
Frau innerhalb der Menschenwelt spielt, angefangen von
den Schlachten und Tänzen der Wilden bis zu den Intrigen
und Festen in Palästen und an modernen Höfen. Man be-
denke, daß die leidenschaftliche religiöse Askese aller Zei-
ten, Geißeln und Fasten in Nonnen- und Mönchsklöstern
niemals imstande war, die Herrschaft dieses Gefühls zu
tilgen oder auch nur ernstlich für den Moment zu schwä-
chen. Man bedenke, daß in niedrigster und rohester Un-
wissenheit wie in höchster geistiger Kultur die Mensch-
heit diesem Gefühl gleich stark, wenn auch in verschie-
dener Weise, unterworfen blieb. Und heute noch klingt es
ebenso aus dem rohen Gelächter der Schnapsbuden, den



143
        <pb n="150" />
        ﻿zynischen Witzen der vornehmen Klubs, wie aus den
Träumen der Poeten und dem edelsten, Mann und Frau
fürs Leben aneinander bindenden Gattenverhältnis. Noch
immer spielt es auf Erden dieselbe große Rolle wie zur
Zeit, da die Ungeheuer der Vorzeit durch Siluriens Moore
jagten, noch immer bildet es am Webstuhl des Lebens die
Kette des Gewebes und läuft wie ein endloser Faden durch
jede Zeichnung und jedes Muster der einzelnen mensch-
lichen Existenzen. So erscheint es nicht nur unausrottbar,
sondern es ist unbegreiflich, wie jemand annehmen kann,
daß diese Anziehung von Geschlecht zu Geschlecht, die mit
Hunger und Durst als dreieiniger Instinkt die Basis des
tierischen Lebens auf Erden bildet, jemals durch eine ver-
hältnismäßig so geringe Veränderung getilgt werden
könnte, wie es die Verrichtung dieser oder jener Arbeit
oder ein etwas größeres oder geringeres Wissen in einer
oder der andern Richtung ist.

Daß die Frau, weil sie an einem dampf getriebenen Web-
stuhl Dutzende von Ellen Leinen im Tage erzeugt, weniger
die Gefährtin des zu ihr passenden Mannes sein sollte, als
da sie an ihrem Spinnrad mit Hand und Fuß eine Elle fer-
tig brachte; daß der Mann weniger die Gemeinschaft mit
der Frau wünschen sollte, weil sie in ihrem Konsultations-
zimmer Kinder nach pharmakologischen Vorschriften be-
handelt, als wenn sie in alter Zeit Arzneikräuter auf den
Hügeln sammelte; daß die Frau, die ein modernes Bild
malt oder eine moderne Vase zeichnet, dem Manne weniger
liebenswert erscheinen sollte als ihre Vorfahrin, die den
ersten Topf formte und mit einem Zickzack verzierte, dem
Manne ihrer Zeit erschien; daß die Frau, die zu dem Unter-
halt ihrer Familie beiträgt, indem sie Rechtsbeistand lei-
stet, sich weniger nach Mutterschaft und Ehe sehnen sollte
als diejenige, die in der Vergangenheit zu dem Unterhalt
der Familie beitrug, indem sie über dem Mahlstein hockte
oder Fußböden rieb, und daß die eine weniger vom Manne

144
        <pb n="151" />
        ﻿geschätzt werden sollte als die andere — das sind Voraus-
setzungen, die sich mit irgendeiner Kenntnis der mensch-
lichen Natur und der sie beherrschenden Gesetze nicht ver-
einen lassen.

Andererseits wird die Annahme, daß der Besitz von Gü-
tern oder der Mittel, sie zu erwerben, den Mann der Frau
abgeneigt machen sollte, von der Geschichte und aller täg-
lichen Erfahrung widerlegt. Die eifrige Jagd nach reichen
Erbinnen zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen
macht es einleuchtend, daß der Mann sehr geneigt ist, es
an der Frau zu schätzen, wenn sie zu den Ausgaben der
Familie beizutragen vermag. Und der Fall ist, glauben wir,
noch nicht dagewesen, daß ein Mann einer Frau darum ab-
geneigt wurde, weil er erfuhr, daß sie über materielle Gü-
ter verfüge. Dieselbe Frau wird, wenn sie als Arzt oder
Anwalt zehntausend Mark jährlich verdient, jederzeit und
ganz bestimmt heute mehr Freier finden, als wenn sie als
Köchin oder Gouvernante sechshundert Mark erhält und
nicht minder schwer arbeitet.

Wenn sich aber die Behauptung, die Frau, die neue Ar-
beitsfelder betritt, werde dem Manne nicht mehr liebens-
wert erscheinen, auf die Tatsache ihrer größeren Freiheit
gründet, so wird dies von der Geschichte und der mensch-
lichen Erfahrung noch entschiedener widerlegt. Das Stu-
dium aller Rassen und Zeiten lehrt, daß die Frau um so
höher im Geschlechtswert bei den Männern ihrer Gesell-
schaft stieg, je freier sie war. Die drei Weiber, die der In-
dianer hinter sich herschleppt, nachdem er sie im Kampf
erbeutet oder für einige Äxte oder ein paar Rollen Tabak
eingetauscht hat, und denen gegenüber er eine unbe-
schränkte Gewalt über Leben und Tod ausübt, haben wahr-
scheinlich in seinen Augen unendlich geringeren Wert, als
die einzige Frau eines unserer alten germanischen Vor-
fahren für diesen besaß. Und ebenso haben die hundert
Weiber und Konkubinen, die sich ein türkischer Pascha

IO Schreiner, Die Frau

145
        <pb n="152" />
        ﻿hält, in seinen Augen wahrscheinlich auch nicht annähernd
den gleichen Wert, wie für Tausende moderner europäischer
Männer ihre verhältnismäßig freien Frauen, die sie erst oft
nach langer, mühevoller Werbung gewonnen haben.

Die Tatsache, daß der Wert der Frau für den Mann mit
ihrer Freiheit wächst, ist so sehr ein Axiom, daß man, jedes-
mal, wenn von der hohen Wertschätzung der individuellen
Frau berichtet wird, auch mit Sicherheit auf eine verhält-
nismäßige soziale Freiheit der Frau schließen kann, und
überall, wo ein hoher Grad von Freiheit der Frau in einer
Gesellschaft gegeben ist, kann man den großen Ge-
schlechtswert der einzelnen für den Mann folgern.

Wenn schließlich die Annahme, daß Mann und Frau ein-
ander nicht mehr anziehen werden, darauf ruht, daß mit
dem Eintritt in neue Arbeitsgebiete ihre Intelligenz zu-
nehme und ihr Gesichtskreis sich erweitere, so muß dem
entgegnet werden, daß die ganze Richtung der Mensch-
heitsgeschichte dies absolut verneint. Es gibt nirgend
einen Grund für die Voraussetzung, daß erhöhte Intelligenz
und Geisteskraft die Geschlechtsempfindung des Men-
schen, sei es des Mannes oder der Frau verringert. Der un-
wissende Wilde in Vergangenheit und Gegenwart, der ein
Weib vergewaltigt und es sich mit Gewalt unterwirft, mag
von einer bestimmten Art der Geschlechtsempfindung be-
herrscht sein und ist es auch tatsächlich; aber nicht we-
niger waren es die gebildetsten, bedeutendsten und höchst
differenzierten Geister unter den Männern, die die Mensch-
heit hervorgebracht hat. Ein Mill, ein Shelley, ein Goethe,
ein Schiller, ein Perikies waren nicht minder für die Tiefe
und Stärke ihres sexuellen Empfindens als für ihre hohen
Geisteskräfte bekannt. Und bei der Frau ist womöglich
die Beziehung zwischen der Stärke ihres sexuellen Emp-
findens und der Höhe der Geistesgaben eine noch engere.
Das Leben einer Sofia Kowalewska, einer George Eliot,
einer Elisabeth Browning waren nicht weniger durch ein

146
        <pb n="153" />
        ﻿» -	l:' 'J- i:



iSSJ

tiefes leidenschaftliches Geschlechtsempfinden als durch
die seltene Entwicklung ihres Intellekts gekennzeichnet.
Niemals in der Geschichte der Menschheit hat hohe In-
telligenz und Geisteskraft dazu beigetragen, Mann oder
Frau dem andern Geschlechte reizlos zu machen. Keine
noch so elegant gekleidete, aber unintelligente Frau wird
wohl je dieselbe Intensität tiefen Sexualgefühls selbst unter
ihr wesensähnlichen Männern erweckt haben, wie es eine
George Sand hervorrief, die mit unsterblicher Kraft meh-
rere der bedeutendsten Männer ihrer Zeit fesselte, selbst als
sie nicht mehr jung war, dick und unförmlich, in abge-
tragenem schwarzen Kleid in einem rauchigen Lokal Ziga-
retten drehte und sich über allen Putz, mit dem weniger an-
ziehende Frauen ihre verborgenen Mängel zu verdecken
suchen, lustig machte. In keinen hoffnungsloseren Irrtum
könnte ein Asket verfallen, als wenn er sich einbildete, die
Ausrottung der Geschlechtsliebe und der Anziehung der
Geschlechter durch erhöhte Reife, Intelligenz und erhöhtes
Wissen erreichen zu können. Wohl mag er dadurch diese
Empfindungen verfeinern und stark konzentrieren, aber
auch verstärken, so wie ein breiter, seichter, langsam flie-
ßender Strom nicht versiegt, sondern an Kraft und Bewe-
gung zunimmt, wenn sein Lauf bestimmt, sein Bett tiefer
eingeschnitten wird.

Wenn wir ferner jene sekundären Offenbarungen des Ge-
schlechtsempfindens in Betracht ziehen, die sich im Ver-
hältnis der Erzeuger zu ihren Nachkommen ausdrücken, so
sehen wir womöglich noch deutlicher, daß erhöhte Intelli-
genz und Selbständigkeit die Stärke der Zuneigung nicht
vermindert, sondern erhöht. Sowie der primitive, unwis-
sende Mann, der oft willig sein Kind verkauft, oder wenn es
ein Mädchen ist, es aussetzt, mit wachsender Kultur und In-
telligenz zu dem höchst aufopfernden, hingebenden Vater
unserer zivilisierten Gesellschaft wird, so, ja noch entschie-
dener, wird die Beziehung der Frau zu ihrem Kind mit dem

ie*

147
        <pb n="154" />
        ﻿Anwachsen ihrer Bildung, Intelligenz und Reife tiefer und
andauernder. Die Buschmännin und ebenso die tiefstehend-
sten, rohesten Frauen unserer Gesellschaft geben oft ihr
Kind für eine Flasche Schnaps oder ein paar Pfennige her,
und selbst unter geistig etwas entwickelteren Frauen, so
stark auch ihre Liebe durchschnittlich gegenüber dem
Neugeborenen ist, nimmt doch die Vertraulichkeit der Be-
ziehung zwischen Mutter und Kind rasch mit den Jahren
ab, so daß dem Knaben, wenn er zum Jüngling geworden
ist, selten viel mehr als die Erinnerung an eine einstige
nahe Zusammengehörigkeit übrig bleibt. Ehe die Frau den
höchsten Grad von geistigem Wachstum und Verstandesreife
erreicht hat, werden selten ihre Beziehungen zum Sohn
einen dauernden, lebendigen und beherrschenden Faktor
im Leben beider Teile bilden. Die konzentrierte, alles ab-
sorbierende Liebe und Kameradschaft, die zwischen der
geistig höchststehenden Frau, die Frankreich hervorge-
bracht hat und ihrem Sohn bestand und das Leben beider
bis ans Ende beherrschte, die Kameradschaft des engli-
schen Historikers mit seiner Mutter, die ihm Gefährtin
durchs Leben blieb und an allen seinen Arbeiten teilnahm,
das Verhältnis des heiligen Augustin zu seiner Mutter sind
Beziehungen, die unfaßbar sind, wenn die Frau nicht von
hervorragendem und lebhaftem Geiste ist und wenn die
bloß physische, instinktive Liebe nicht durch geistige und
seelische Bande ergänzt wird.

Die Untersuchung der menschlichen Natur in der Ver-
gangenheit bietet also keinen Grund anzunehmen, daß die
durch neue Arbeitsformen freier, wohlhabender und intelli-
genter gewordene Frau an Bedürfnis nach physischer oder
geistiger Kameradschaft mit dem Manne einbüßen, oder
daß sein Verlangen nach ihr abnehmen würde, noch daß die
sekundären Geschlechtsrelationen als Erzeuger eine Ver-
änderung erleiden würden, es sei denn in der Richtung
einer Vertiefung, Konzentrierung und Ausdehnung der

148
        <pb n="155" />
        ﻿elterlichen Gefühle auf das ganze Leben. Die Vorstellung,
daß durch irgendeine bloße Veränderung der Formen der
Frauenarbeit das Bedürfnis von Mann und Frau nachein-
ander berührt oder die Gefühle, welche die Geschlechter
aneinander binden, zerstört werden könnten, ist in ihrer
Unmöglichkeit so grotesk wie die Idee, man könnte durch
die Art, wie man eine Muschel an das Seeufer hinlegt,
Ebbe und Flut hintanhalten.

Aber, wird man einwenden, wenn so gar kein Grund für
die Bildung einer derartigen Ansicht vorhanden ist, wieso
kommt es, daß sie doch so oft in einer oder der andern
Form von Gegnern der modernen geistigen Frauenarbeit
vorgebracht wird? Wo Rauch ist, muß doch wohl auch
Feuer sein?

Worauf zu erwidern wäre: „Sicherlich ohne Feuer kein
Rauch; aber sehr oft hat es den Anschein von Rauch, wo
weder Rauch noch Feuer ist.“

Die Tatsache, daß eine Behauptung oft aufgestellt oder
eine Ansicht verbreitet ist, bietet noch keinen Wahrschein-
lichkeitsgrund für ihre Wahrheit, wohl aber zweifellos einen
Grund anzunehmen, daß der Schein besteht, der die Be-
hauptungwahr erscheinen läßt, und der sie hervorruft. Die
allgemeine Vorstellung, daß die Sonne um die Erde kreist,
war nicht nur falsch, sondern die Umkehrung der Wahr-
heit ; zu ihrer Annahme führte bloß der falsche Schein, der
sie suggerierte.

Wenn wir die Behauptung, daß der Eintritt der Frau in
neue Arbeitsfelder mit seinen wahrscheinlichen Folgen
größerer Bewegungsfreiheit, ökonomischer Unabhängigkeit
und höherer Kultur zu einer Trennung der Geschlechter
führen würde, näher untersuchen, so wird es klar, worin der
irreleitende Schein liegt, der zu dieser Annahme verführt.

Der Eintritt der Frau in neue Arbeitsgebiete kann, ob-
wohl er ,ihr erhöhte Freiheit und ökonomische Unabhängig-
keit bringt und Erweiterung ihrer Bildung und ihres Wissens

149
        <pb n="156" />
        ﻿notwendig macht, nicht die natürlichen physischen In-
stinkte verlöschen, die die Geschlechter in allen Klassen
empfindender Wesen zueinanderziehen. Und noch weni-
ger kann er das feinere geistige Bedürfnis vernichten, das
in der höher entwickelten Menschheit die Geschlechter in
Gefühlsgemeinschaft und innigem Verkehr verbindet; wohl
aber kann er und wird er unzweifelhaft mächtig auf die
Beziehungen bestimmter Männer zu bestimmten Frauen
Einfluß üben und umwandelnd wirken.

Während die Anziehung, die physische und geistige der
Geschlechter füreinander, in Umfang und Stärke dieselbe
bleibt, werden die Formen, in denen sie sich ausdrückt, und
vor allem die relative Macht des einzelnen, über die Be-
friedigung von Instinkten und Wünschen zu gebieten, grund-
legend verändert und in manchen Fällen verkehrt werden.

In den barbarischen Gesellschaftsformen, wo die phy-
sische Kraft herrschte, ist es der stärkste Mann mit den
stärksten Muskeln und Fäusten, den rohesten und tierisch-
sten Instinkten, welcher die meisten Frauen erbeutet und
besitzt, und ohne Zweifel wäre er berechtigt, jede soziale
Änderung, welche der Frau eine größere Freiheit der Wahl
gäbe und dadurch dem weniger brutalen, aber vielleicht
klügeren Mann, den die Frau wählt, eine gleiche Gelegen-
heit für die Befriedigung seiner geschlechtlichen Wünsche
und für die Hervorbringung einer Nachkommenschaft
böte, als einen entschiedenen Verlust zu betrachten, und
von seinem rein persönlichen Standpunkt hätte er unzwei-
felhaft recht, alles zu fürchten, was zur Befreiung der Frau
führen könnte. Aber er wäre offenbar nicht zu der Behaup-
tung berechtigt, die größere Wahlfreiheit der Frau oder die
Tatsache, daß andere Männer den Vorteil, mehrere Wei-
ber zu haben, teilen, vermindere irgendwie die Höhe der
Sexualempfindungen oder die Innigkeit der Beziehungen
zwischen den beiden Hälften der Menschheit. Er selbst
würde nicht mehr durch rohe Gewalt so viele Frauen be-

150
        <pb n="157" />
        ﻿sitzen, noch eine so große Auswahl unter den neuen Ver-
hältnissen haben; aber was er verliert, würden andere ge-
winnen, und die Intensität des Geschlechtsempfindens und
die Innigkeit und Leidenschaftlichkeit der Beziehungen
zwischen den Geschlechtern würden in keiner Weise be-
rührt.

In unserer zivilisierten Gesellschaft, wie sie heute besteht,
hat die Frau (vielleicht oft mehr scheinbar als tatsächlich!)
eine einigermaßen größere Freiheit der geschlechtlichen
Wahl, sie wird nicht mehr durch Muskelkraft gewonnen;
aber es bestehen noch immer Verhältnisse, die, ohne jeden
Zusammenhang mit geschlechtlicher Anziehung und Nei-
gung, in hohem 'Grade die Geschlechtsbeziehungen be-
herrschen.

Nicht der Mann mit dem starken Arm, aber der Mann mit
dem großen Beutel ist es, der in unverhältnismäßiger und
künstlicher Weise heute das Geschlechtsleben beherrscht.

Tatsächlich ist die Frau, wo immer in der modernen Welt
sie ganz oder teilweise mit ihrem Unterhalt auf die Aus-
übung ihrer Geschlechtsfunktionen angewiesen ist, mehr
oder weniger abhängig von der Fähigkeit des Mannes, sie
zu erhalten, und insofern ist ihre Freiheit der Wahl ganz
eingeschränkt. Gewiß dreiviertel aller Geschlechtsverbin-
dungen in unserer modernen europäischen Gesellschaft, ob
sie nun illegale oder legale Formen tragen, sind von der
Kaufkraft des Mannes abhängig oder stark beeinflußt. In
bezug auf die verbreitete barbarische Einrichtung der Pro-
stitution, die noch immer wie ein Krebsgeschwür im Inner-
sten unserer Zivilisation eingebettet liegt, ist das eine offen-
kundige, nackte Tatsache; die Kaufkraft des Mannes
gegenüber den weiblichen Geschöpfen erscheint mit scheuß-
licher Aufdringlichkeit als ihre Grundlage und Lebens-
quelle. Aber die Kaufkraft des Mannes macht sich nicht
minder peinlich, wenn auch etwas weniger aufdringlich, in
den offener liegenden Gesellschaftsschichten geltend. Bei
        <pb n="158" />
        ﻿dem schönen, verblühten jungen Mädchen der wohl-
habenden Klassen, das unter Tränen erzählt, sie müsse
auf den Mann, den sie liebt, verzichten, weil er sie mit zwei-
tausend Mark im Jahre nicht erhalten kann, wie bei dem
Vater, der an den Freier seiner Tochter offen die Frage
stellt, wieviel er ihr zu bieten vermag, ehe er seine Einwilli-
gung gibt, ist es Tatsache, daß unter den bestehenden Ver-
hältnissen nicht die Geschlechtsanziehung, Leidenschaft
oder Neigung, sondern der ganz außerhalb liegende Fak-
tor des materiellen Besitzes des Mannes in hohem Maße

v

über die Geschlechtsverbindungen entscheidet. Der fau-
lenzende, unnütze Dandy, der seine Studien nicht zu Ende
brachte, der weder Männlichkeit noch persönlichen Reiz
oder Charakter, wohl aber Reichtümer besitzt, hat weit
mehr Aussicht auf unbeschränkte geschlechtliche Befriedi-
gung und die Lebensgemeinschaft mit dem schönsten Mäd-
chen als etwa der Hofmeister ihres Bruders, der alle männ-
lichen Tugenden, äußeren Vorzüge und geistigen Gaben be-
sitzen mag. Und der alte Wüstling, der nichts als materielle
Güter sein eigen nennt, hat, besonders in den sogenannten
oberen Klassen unserer Gesellschaft, weit größere Aus-
sicht, die geschlechtliche Gemeinschaft mit jeder Frau, die
er als Frau, Maitresse oder Prostituierte wünscht, zu errei-
chen, als der physisch reizvollste und geistig hochstehendste
Mann, der der abhängigen Frau nichts als Liebe und Ge-
schlechtsgemeinschaft zu bieten hat.

Für jenen Mann, wo immer in unserer Gesellschaft er
sich findet, der bei Eingehung einer erwünschten Ge-
schlechtsverbindung nicht auf die Kraft, persönlich Nei-
gung zu gewinnen und zu bewahren, sondern auf die Kauf-
kraft seines Besitzes gegenüber der Besitzlosigkeit der
Frauen seiner Gesellschaft angewiesen ist, würde bei einer
sozialen Wandlung, die der Frau eine größere ökonomische
Unabhängigkeit und damit größere Freiheit der geschlecht-
lichen Wahl gibt, der persönliche Verlust ein ernster und

152
        <pb n="159" />
        ﻿sofort fühlbarer sein. Für den jungen Gecken einer gewis-
sen Type, der im Theater in der vordersten Reihe des Par-
ketts mit vorgestrecktem Kopf und hängender Kinnlade
. nach den unglücklichen Frauenzimmern blinzelt, die für
Geld tanzen, ist es nicht eine eingebildete Gefahr, die er
heraufkommen fühlt, wenn er seine tiefe Mißbilligung her-
vorstammelt gegenüber jeder Erweiterung des Wissens
und der Freiheit der Frau, sich Mittel zum Unterhalt auf
geistigen Gebieten zu holen, und wenn er seine entschie-
dene Vorliebe für das ungebildete Balletmädel gegenüber
allen gebildeten und produktiv arbeitenden Frauen der
Welt ausdrückt. Ein feiner und tiefer Instinkt raunt ihm
zu, daß mit höherer Intelligenz und ökonomischer Unab-
hängigkeit der Frau, er und seinesgleichen schließlich
keine geschlechtliche Gemeinschaft mehr finden, sondern
als nicht begehrenswerte männliche alte Jungfern der
Menschheit sitzen bleiben werden. Andererseits ist es un-
zweifelhaft eine gewisse Gruppe von Frauen, die bei dem
allgemeinen Fortschreiten ihres Geschlechtes zu freier Ar-
beit und ökonomischer Selbständigkeit viel verlieren würde
oder zu verlieren glaubt. Die Frauen, die wissentlich oder
ihrer Natur nach jener parasitischen Klasse angehören, die
weder Verstandes- noch Körperkräfte genug besitzen, um
irgendeine Form produktiver Arbeit zu leisten und allein
von der passiven Erfüllung ihrer Geschlechtsfunktionen ab-
hängig zu bleiben wünschen, werden unzweifelhaft sowohl
als Prostituierte wie als Ehefrauen einen schweren Verlust
erleiden bei der Umwandlung, die von der Frau höhere
Kenntnisse und Tätigkeit fordert. *

Und wirklich sind es gerade diese beiden Klassen von
Personen, von denen der Einwand ausgeht, der Eintritt der

* Sie werden in doppelter Hinsicht verlieren: durch die soziale Mißachtung,
die mit der Verallgemeinerung der neuen Verhältnisse auf ihnen lasten
wird, und noch mehr durch die Konkurrenz der entwickelteren Frauen-
arten. Sie werden tatsächlich aussterben.
        <pb n="160" />
        ﻿.

Frauen in neue Arbeitsgebiete und ihre größere Freiheit
und Intelligenz werde die Beziehungen der Geschlechter er-
schüttern, und während sie von ihrem rein persönlichen
Standpunkt aus unzweifelhaft im Rechte sind, haben sie in
bezug auf die Menschheit als Ganzes entschieden unrecht.
Der Verlust eines kleinen ungesunden Teiles wäre ein Ge-
winn für die Menschheit als Ganzes.

Für den männlichen Wollüstling von schwachem Intellekt
und reizloser Persönlichkeit, der bei Befriedigung seiner
Geschlechtsinstinkte sowohl bei dem schreiend barbari-
schen geschlechtlichen Handel außerhalb der Ehe, wie bei
dem nicht minder barbarischen, nur etwas verschleierteren
Handel innerhalb derselben nicht auf seine Fähigkeit, die
Neigung und Bewunderung der Frau zu gewinnen, sondern
nur auf ihre Käuflichkeit rechnen kann, — für den bedeutet
der Zutritt der Frauen zu den neuen Arbeitsgebieten, ihre
höhere Bildung und ökonomische Unabhängigkeit fast so
viel wie sozialer Untergang. Für jene Männer aber, die
selbst heute die Mehrheit in unserer Gesellschaft bilden
und die mehr die Liebe und Kameradschaft der Frau als
ihren bloßen Besitz wünschen, für die Männer, deren kör-
perliche und geistige Eigenschaften und Gaben geeignet
sind, abgesehen von allen materiellen Vorteilen, die Nei-
gung der Frau auch bei voller Wahlfreiheit zu erwecken,
für diese wird der Gewinn ein entsprechend großer sein.
In einer Gesellschaft, in der die Mehrheit der Frauen frei
an allen Gebieten moderner Arbeit teilnimmt, für ihre Ar-
beit vollwertig entlohnt wird und sich dadurch so weit
selbst erhalten kann, daß sie es nicht mehr nötig hat, sich
durch Heirat oder in einer andern Form als Geschlechts-
wesen zu verkaufen, wird damit nicht eine Verringerung
der Zahl dauernder Geschlechtsverbindungen herbeige-
führt, sondern vielmehr eines der schwersten Hindernisse
derselben beseitigt werden. Ein allgemein anerkannter
Mangel unserer sozialen Verhältnisse ist die wachsende



154
        <pb n="161" />
        ﻿Schwierigkeit für einen gewissenhaften Mann, eine Ehe
einzugehen und eine Familie zu gründen, wenn beschränkte
Einkünfte im Falle seines Todes oder seiner Arbeitsunfä-
higkeit Frau und Kinder hilflos dem reißenden Strom un-
seres wirtschaftlichen Lebens aussetzen. Wenn man aber
annehmen kann, daß die Frau, im Falle der Mann dazu un-
fähig ist oder stirbt, seine Stelle als Familienerhalter ein-
nehmen kann, würden tausend wertvolle Ehen, die jetzt
nicht zustande kommen können, eingegangen werden, und
das ernstliche soziale Übel, daß der gewissenlose Egoist
ruhig heiratet und eine große Familie zeugt, der gewissen-
hafte und vorsichtige es aber oft nicht wagt, wird behoben
sein. Zum ersten Male in der Weltgeschichte würde die
Prostitution — dieser Ausdruck in seinem weitesten Sinn
für jede Form erzwungenen geschlechtlichen Verkehrs ge-
braucht, der sich nicht auf freiwillige Neigung der Frau,
sondern auf die Notwendigkeit, materielle Güter für die Aus-
übung ihrer Geschlechtsfunktionen anzunehmen, gründet
— erlöschen und die Beziehungen zwischen Mann und Frau
eine Gemeinschaft zwischen freien, gleichberechtigten Men-
schen werden. Weit entfernt davon, die Geschlechtsliebe
zwischen Mann und Frau zu zerstören, würde die ökono-
mische Freiheit und soziale Unabhängigkeit der Frau die-
selbe zum ersten Male völlig befreien. Das Element kör-
perlicher Kraft Und Gewalt, das die primitivsten Formen
der Geschlechtsverbindung beherrschte, das noch entwür-
digendere Element der Verführung und des Kaufs um
Reichtum und materielle Güter, wie sie der Frau in unserer
modernen Gesellschaft geboten werden, wird dann dem un-
gefesselten Wirken der Anziehung und Zuneigung der Ge-
schlechter den Platz räumen, und die Geschlechtsliebe wird
nach langer Wanderung durch die Wüste wieder das Kö-
nigszepter ergreifen.

Aber abgesehen von den beiden Klassen von Personen,
deren Einwendungen gegen den Zutritt der Frauen zu
        <pb n="162" />
        ﻿neuen Arbeitsgebieten mehr oder weniger instinktiv auf der
Furcht vor persönlichem Verlust basiert, gibt es zweifellos
auch eine 'kleine, wenn auch sehr kleine Gruppe aufrich-
tiger Menschen, deren Angst, die Freiheit der Frau könnte
zu einer Trennung der Geschlechter führen, auf abstrakte-
ren, unpersönlicheren Gründen ruht.

Es ist nicht ganz leicht, durch genaue Prüfung einer An-
schauung gerecht zu werden, die sich meist in etwas nebu-
löser und unklarer Weise ausspricht; aber wir glauben die-
selbe nicht mißzuverstehen, wenn wir sagen, daß es eine
Klasse ganz ehrlicher .und sogar ziemlich gescheidter Leute
gibt, die ungefähr folgendes meinen: Der Eintritt der
Frauen in neue Arbeitsgebiete erfordert soviel Verstandes-
bildung und eine derartige geistige und körperliche Ent-
wicklung der Frau, daß sie sich schließlich zu einem so
viel höher stehenden Wesen als der Mann und zu einem so
weit von ihm verschiedenen entwickeln wird, daß das
Band der Sympathie zwischen den Geschlechtern dadurch
zerstört werden muß und durch die Ungleichheit der Mann
aufhören wird, Gegenstand der Liebe und Anziehung für
die Frau und die Frau für den Mann zu sein. In der Zu-
kunft, wie sie diesen Leuten mehr oder weniger vorschwebt,
würden die Männer genau so wie sie heute sind geblieben,
die Frauen aber zu ungeahnten Höhen der Bildung und
Intelligenz vorgeschritten sein, so etwa, daß der Hand-
werker, der kleine Beamte oder Farmer dem weiblichen
Astronomen oder Philologen von außerordentlichem Wis-
sen und Genie als einzig mögliche Geschlechtsgefährten
gegenüberstünden, und diese Vision erweckt natürlich bei
diesen guten Leuten einige Zweifel daran, daß zwei so un-
gleiche Teile der Menschheit zueinander passen und für-
einander Sympathie empfinden könnten.

Wären die beiden Geschlechter ganz verschiedene Spe-
zies, die, nachdem sie auseinandergehende Bahnen der Ent-
wicklung eingeschlagen, sich jn dieser Richtung durch un-
        <pb n="163" />
        ﻿gezählte oder selbst nur einige Generationen hindurch wei-
ter entwickeln könnten, ohne durch Vererbung eines auf
das andere rückzuwirken, so müßte es ohne weiteres zuge-
geben werden, daß eine solche Entwicklung schließlich zu
einer Trennung führen müßte.

Die Entwicklung bestimmter Zweige der Menschheit hat
bereits zu solch einer Trennung von Rassen und Klassen,
die sich in total verschiedenen Entwicklungsstadien befin-
den, geführt. Die Kluft zwischen ihnen ist eine so weite,
daß selbst die niedersten Formen der Geschlechtsanzie-
hung sie kaum überschreiten und die höheren Arten gei-
stigen und seelischen Geschlechtsempfindens sie unmöglich
überbrücken können. In der Welt des Geschlechtslebens
sucht Gleiches nach Gleichem, und eine zu große Ungleich-
heit schließt die hohem Formen des Geschlechtsempfin-
dens und oft selbst die niedern rein tierischen aus.

Könnte man eine Anzahl höchst entwickelter Frauen —
George Sands, Sophia Kowalewskas, oder selbst nur mit-
telmäßig gebildeter Frauen einer hochentwickelten Rasse —
auf einer Insel aussetzen, auf der keine andern Männer als
Feuerländer leben, die mit ihren vorstehenden Kiefern und
verfitztem Haar sie unter wildem Geschrei und mit Keulen-
schlägen empfingen, so würden die Frauen ihnen gegen-
über solches Grauen empfinden, daß nicht nur das Ge-
schlecht sich nicht fortpflanzen könnte, sondern sie alle den
Tod einer geschlechtlichen Annäherung vorziehen würden.
Nicht viel weniger ausgesprochen wäre die geschlechtliche
Scheidung, wenn wir uns an Stelle der gebildeten entwik-
kelten Frauen Männer derselben Entwicklungsstufe den
tiefstehendsten Arten von Weibern gegenübergestellt den-
ken. Ein Darwin, ein Schiller, ein Keats, obwohl lauter
Männer, die des stärksten Geschlechtsempfindens und der
dauerndsten Geschlechtsliebe fähig waren, würden wahr-
scheinlich kein anderes Gefühl als Grauen gegenübereinem
Kreis von Buschmänninnen empfinden, die mit fettigen

157
        <pb n="164" />
        ﻿Leibern und funkelnden Augen die rohen Eingeweide eines
erschlagenen Tieres verschlingen.

Aber selbst abgesehen von solchen Extremen, führt die
bloße Verschiedenheit der Bildung und geistigen Gewohn-
heiten, welche Individuen derselben Rasse, aber verschie-
dener Klassen trennt, leicht zum Ausschluß wenigstens der
höheren und dauernderen Formen der Geschlechtsempfin-
dungen. Der hochkultivierte moderne Städter mag wohl in
vorübergehende, zeitweilige physische Verbindung mit einer
ungebildeten Bäuerin oder Straßendirne treten; aber selten
wird in solch einem Fall die Tiefe der Empfindung und
Sympathie erwachen, die zum Genuß der engen Vereini-
gung ehelichen Lebens nötig ist, und es ist zweifelhaft, ob
die höchsten, dauerhaftesten und innigsten Formen der Ge-
schlechtsneigung je zwischen andern Menschen bestehen
können als solchen, die sich in Geschmack, Gewohnheiten
und Denken, in ihrer moralischen und physischen Entwick-
lung in hohem Grade ähnlich sind.* Wenn es möglich
wäre, daß der Eintritt der Frau in neue Arbeitsgebiete eine
stärkere Divergenz ihrer Ideale, ihrer Bildung und ihres
Geschmackes von denen des Mannes zur Folge hätte, so
würde damit gewiß jeder, der eine solche Bewegung för-
dert, eine schwere Verantwortung auf sich laden. Aber
auch nur das oberflächlichste Studium des Lebens und der
Geschlechtsbeziehungen widerlegt eine solche Annahme.

Die beiden Geschlechter sind keine verschiedenen Spe-
zies, sondern zwei Hälften derselben und wirken stets auf-
einander durch Vererbung ein und zurück, vermischen
sich miteinander und pflanzen einander fort in jeder Gene-
ration.

Die Frau ist in zwei Beziehungen organisch mit dem
Mann ihrer Gesellschaft verbunden: er ist ihr Gefährte und

* Wie schon an anderer Stelle bemerkt, scheint in Griechenland in einer

bestimmten Periode der Mann der Frau so weit vorgeschritten gewesen
iu sein, daß die Verschiedenheit zwischen ihnen fast unermeßlich war;
aber rasch sank der Mann wieder auf das Niveau der Frau hinab.

I58
        <pb n="165" />
        ﻿mit ihr der gemeinsame Ahne des Geschlechtes; aber sie
ist auch Mutter der Männer jeder kommenden Generation,
und ihre Persönlichkeit überträgt sich und prägt sich ihnen
auf. Die Männer und Frauen jeder menschlichen Gesell-
schaft sind gleich den Rindern, die in dasselbe Joch ge-
spannt sind: für einen Moment mag das eine ein wenig
vorangehen und das andere stehen bleiben, aber sie können
nie sich weiter voneinander entfernen als das Joch, das sie
verbindet, lang ist, und schließlich müssen sie zusammen
Stillstehen oder zusammen vorwärtsgehen. Was die Frauen
einer Generation heute geistig oder physisch sind, das zu
werden, neigen die Männer der nächsten durch Vererbung
und Erziehung; es gibt keine Veränderung und Bewegung
des einen Geschlechtes, die nicht sofort den ausgleichen-
den Effekt auf das andere üben würde; die Männer von
morgen werden in die Form der Frauen von heute ge-
gossen. Wenn neue Ideale, neue ethische Begriffe, neue
Arten der Tätigkeit die Gemüter einer Frauengeneration
durchdringen, so werden sie in den Idealen, ethischen An-
schauungen und der Tätigkeit der dreißig Jahre später le-
benden Männer wieder erscheinen, und die Idee, daß die
Männer einer Gesellschaft je dauernd weiter hinter ihren
Frauen zurückstehen können, als der einzelne Mann hinter
seiner Mutter, die ihn geboren und erzogen, ist in Wider-
spruch mit allen Gesetzen der Vererbung.

Wenn wir uns aber von der abstrakten Betrachtung dieser
Annahme hinwegwenden und Mann und Frau in der Wirk-
lichkeit dieser modernen Welt prüfen, so wird die Unver-
nunft der Voraussetzung noch greifbarer.

Nicht nur ist die Frauenbewegung unserer Zeit nicht ein
sporadisches abnormes Gewächs, ein Krebsgeschwür ohne
organischen Zusammenhang mit dem übrigen sozialen Or-
ganismus, sondern sie ist ihrem Wesen nach nur eine wich-
tige Phase einer allgemeinen Umwandlung, der das ganze
moderne Leben ausgesetzt ist. Jedes nähere, sorgfältigere

159
        <pb n="166" />
        ﻿Studium der Frage wird beweisen, daß es sich von Seite
der Frau nicht um eine Bewegung handelt, die zu einer
Scheidung und Trennung der Geschlechter führt, sondern
daß es vielmehr eine Bewegung ist, die ihrem gan-
zenWesen nach die Frau dem Manne nähert, die
Geschlechter einander enger verbindet.

Viel wird heute von der „neuen Frau“ gesprochen (die,
wie wir darlegten, im wesentlichen die alte nicht parasi-
tische Frau der Vergangenheit ist und nur daran geht, die
neue Tracht des zwanzigsten Jahrhunderts anzulegen), und
sie kann sich wahrlich nicht darüber beklagen, zu wenig
beachtet zu werden. Von allen Seiten wird sie beobachtet,
gepriesen, verurteilt, verfälscht und mißverstanden, lächer-
lich gemacht oder vergöttert — aber nirgendwo wird ihre
Existenz übersehen.

Doch es besteht heute noch ein anderes soziales Phäno-
men, das ganz ebenso wichtig, ebenso durchgreifend und
in seinen Wirkungen auf Gegenwart und Zukunft womög-
lich noch weitreichender ist, aber obgleich es sich aller-
wärts fühlbar macht, nur wenig bewußte Aufmerksamkeit
oder Kritik erfährt. Im Schatten eines Baumes sitzen die
Leute oft jahraus, jahrein ohne zu merken, wie mit dem
Wachsen des Baumes der Schatten breiter und breiter
wird.

Seite an Seite mit der „neuen Frau“, übereinstimmend
mit ihr wie die zwei Seiten einer Münze, die in einer Form
gegossen, wohl oberflächlich voneinander abweichen, aber
vom selben Metall, derselben Größe und demselben Wert
sind; alt, wie sie alt ist, in dem Sinne einer Wiedergeburt
alter Daseinsformen seiner Rasse unter dem Druck neuer
Bedingungen; neu, wie sie neu ist, in dem Sinn einer An-
passung an materielle und soziale Verhältnisse, die kein ge-
naues Widerspiel in der Vergangenheit haben; weit ver-
schiedener von seinen immittelbaren Vorgängern als selbst
die Frau von den ihren, Seite an Seite mit ihr in jeder

f6o
        <pb n="167" />
        ﻿Gesellschaft und jeder Klasse, in der die „neue Frau“ exi-
tiert, steht heute — der „neue Mann“.

Und fragt man nun, wenn der Mann unter dem Druck
der Verhältnisse die gleiche Umwandlung durchmacht:
Wieso kommt es, daß sie bei der Frau die allgemeine Auf-
merksamkeit auf sich zieht, bei den Männern aber fast un-
bemerkt bleibt ? — so liegt die Erklärung darin, daß dank
der geringen Handlungsfreiheit der Frau in der Vergan-
genheit jeder Versuch einer Anpassung von ihrer Seite auf
großen Widerstand stößt, und der Lärm und die Reibung
des Widerstandes sind es, mehr als die tatsächliche Größe
der Veränderung, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
Wie ein Bergstrom, der nach langem Winterfrost das Eis
bricht und unter Lärmen und Rauschen alle Hindernisse,
die sich in seinem Bett angesammelt haben, hinweg-
schwemmt, die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht, wäh-
rend später das viel größere Wasser, das still seinen Weg
geht, von niemand beachtet wird. (Eine interessante prak-
tische Illustration dieser Tatsache ist die große Aufregung,
die es hervorrief, als vor einigen dreißig Jahren die ersten
drei Frauen in England Medizin zu studieren anfingen.
Heute studieren jährlich Hunderte von Frauen, ohne im
geringsten allgemeines Interesse zu erwecken; die Wand-
lung, die vor sich geht, ist eine weit größere an Umfang
und sozialer Bedeutung, aber nachdem die ersten Hinder-
nisse beseitigt sind, macht sie kein Aufsehen mehr.)

Es besteht keine größere Kluft, vielleicht nicht einmal
eine so große zwischen den Frauen der vergangenen Ge-
neration und der typischsten modernen Frau, als die zwi-
schen den Männern jener Zeit und dem Typus eines ganz
modernen Mannes.

Uie sexuellen und sozialen Ideale, welche der jagende,
trinkende, spielende, ein lockeres Leben führende Land-
edelmann oder der Geistliche, Rechtsanwalt und Politiker
hegte, der an der Spitze der Gesellschaft seiner Zeit stand,

161

II Sehreiner, Die Frau
        <pb n="168" />
        ﻿sind mindestens ebenso weit von den Idealen Tausender,
heute ähnliche Stellungen einnehmender Männer entfernt,
als es die Ideale unserer Ururgroßmütter von denen der
modernsten „neuen Frau“.

Das, was sich vor allem auf drängt, als Resultat gründ-
lichen persönlichen Studiums jener Teile der modernen
europäischen Gesellschaft, in denen die Umwandlung und
Anpassung am raschesten fortschreitet, ist, daß nicht bloß
gleich große Gruppen von Männern und Frauen ihre
sexuellen und sozialen Ideale und ihre Lebensweise rapid
abändern, sondern daß diese Veränderung ausgesprochen
komplementär ist.

Wenn das Ideal der modernen Frau immer unvereinbarer
wird mit der passiven Abhängigkeit von der Entlohnung
ihrer sexuellen Qualitäten durch den Mann, wenn in der Ehe
für sie immer mehr die Gemeinschaft gleicher Gefährten
an die Stelle des Verhältnisses zwischen Eigentümer und
Eigentum, Erhalter und Erhaltener tritt, so weicht das
Ideal des typischen modernen Mannes ganz ebenso stark
von dem seiner Vorväter dahin ab, in der Frau eine tätige
Gefährtin und Mitarbeiterin statt einer passiven Unter-
gebenen zu suchen. Wenn die Vorstellung der modernen
Frau in bezug auf Elternschaft sich von der alten Vorstel-
lung durch das stärkere Bewußtsein des Ernstes und der
Verpflichtung unterscheidet, die auf jedem ruht, der für die
Hervorbringung eines Geschöpfes verantwortlich ist, und
dadurch ihre Auffassung der Fortpflanzung sehr von der
sorglosen, gedankenlosen Mutterschaft der Frau der Ver-
gangenheit abweicht, so wird der typische moderne Mann
mindestens in demselben Grade die soziale und moralische
Verpflichtung fühlen, die die Zeugung eines Menschen
lebens mit sich bringt. Wenn das Ideal, das sich die neue
Frau von ihrem männlichen Gefährten bildet, den rohen,
saufenden, fluchenden, ausschweifenden, wenn auch reic^
begüterten Gatten der Vergangenheit ausschließt, so w

162
        <pb n="169" />
        ﻿der moderne Mann von dem Ideal seines Geschlechts eben-
falls diese Type ausschließen. Wohl bestehen Wettrennen,
Spieltisch, Bordell und ausschweifende Gewohnheiten noch
unter unseren Männern, aber ein selbst oberflächliches Stu-
dium unserer Gesellschaft zeigt, daß diese Einrichtungen
und Sitten jetzt einen andern Rang einnehmen. Der Poli-
tiker, Geistliche oder Jurist wird seine öffentliche und soziale
Stellung durch starke Neigungen in diesen Richtungen
nicht verbessern; seine Genossen unter den Tisch trinken,
notorisch die größte Zahl illegitimer Verhältnisse zu be-
sitzen, als ein Stammgast der Spielsalons zu gelten, erhöht
selbst nicht einmal mehr den Ruf gekrönter Häupter und
erweist sich beim gewöhnlichen Mann als Hindernis des
Erfolges. Wenn die Vorstellung der Liebe zwischen den
Geschlechtern bei der neuen Frau eine mehr seelische
und geistige als rohe und rein physische ist, so gelangt
in der von typischen modernen Männern geschaffenen
typischsten Literatur und Kunst dasselbe neue Ideal
mit einer von keiner Frau übertroffenen Kraft zum Aus-
druck.

Wenn der modernen Frau die Lebensgemeinschaft mit
einem fluchenden und saufenden Landedelmann unerträg-
licher wäre als der Tod oder vollständiges Zölibat, so würde
der moderne denkende Mann nicht minder vor der Aus-
sicht, sein Leben lang an ein fortwährend in Ohnmacht fal-
lendes, weinendes und schmachtendes Frauenzimmer ge-
fesselt zu sein, zurückschrecken.

Wenn irgendwo auf Erden das vollendete Wesen, das die
moderne Frau sein möchte, — die arbeitende, reife, freie,
starke, furchtlose und gütige Frau — existiert, so ist es im
Herzen des neuen Mannes, gezeugt von seinem eigenen
höchsten Bedürfnis und Streben; und der höchst entwic-
kelte moderne Mann wird sein Idealbild voll entwickelter
Mannheit nirgend eher finden als in dem Mannesideal, das
im Herzen der neuen Frau lebt.
        <pb n="170" />
        ﻿Wer in der Frauenbewegung unserer Tage eine geistige
Bewegung der Frau gegen den Mann oder weg vom Manne
erblickt, hat manche von den wichtigsten Erscheinungen in
unserer modernen Welt übersehen.

Wii nannten die Frauenbewegung unserer Zeit das Stre-
ben von seiten der Frau zivilisierter Völker, neue Arbeits-
formen anstatt der alten ihr entschwindenden zu finden,
einen Versuch, dem Parasitismus und der untätigen völli-
gen Abhängigkeit von ihren Geschlechtsfunktionen zu ent-
gehen. Aber von einer andern Seite betrachtet, könnte
man die Frauenbewegung mit ebensoviel Recht einen Teil
der großen Bewegung nennen, welche die Geschlechter zu-
einander führt, ein Streben nach gemeinsamer Tätigkeit,
gemeinsamen Interessen, gemeinsamen Idealen und nach
einer tiefer gegründeten und unzerstörbareren Gefühlsüber-
einstimmung zwischen den Geschlechtern, als die Welt sie
je gesehen.

Hingegen wird, und nicht ohne tiefe, zugrundeliegende
Wahrheit, eingewendet werden: Wie kommt es, daß bei
einer solch nahen Berührung der Linien, innerhalb deren
sich die fortgeschrittenen Männer und Frauen entwickeln,
doch in unserer modernen Gesellschaft und oft gerade in
jenen typisch fortgeschrittensten Klassen heute so viel Un-
rast, Disharmonie und sexuelle Not besteht?

Die Antwort auf diesen treffenden Einwand ist, daß diese
Disharmonien, dieses Ringen und die daraus folgenden
Leiden, welche unzweifelhaft innerhalb der Welt der Ge-
schlechtsbeziehungen und -ideale unserer Zeit bestehen,
nicht einer Disharmonie der Geschlechter als solche ent-
springen, sondern ein Teil der allgemeinen Umwälzung
sind, der Konflikte zwischen alten und neuen Idealen, ein
Ringen, welches auf allen Lebensgebieten in der modernen
Gesellschaft vorherrscht und in welchem der entscheidende
Faktor nicht das Geschlecht, sondern der Entwicklungs-
grad ist, den die Rasse oder das Individuum erreicht hat.

164
        <pb n="171" />
        ﻿Es kann nicht zu oft gesagt werden, selbst auf die Gefahr
ermüdender Wiederholungen hin, daß unsere Gesellschaft
sich im Stadium rapider Entwicklung und Umwandlung
befindet. Die sich fortwährend wandelnden materiellen
Lebensbedingungen mit ihrer Reaktion auf das Denken
und Fühlen in allen menschlichen Angelegenheiten macht
unsere Gesellschaft zu der kompliziertesten und vielleicht
bewegtesten und unsichersten, die je dagewesen. Als Folge
dieser Wandlungen und Verwicklungen muß fortwährend
ein hoher Grad von Disharmonie und folglich von Leid
entstehen.

In einer stationären Gesellschaft, in der eine Generation
der andern durch Jahrhunderte, ja vielleicht durch Jahr-
tausende unter geringen oder gar keinen Veränderungen
der materiellen Verhältnisse folgt, haben sich die An-
sprüche, Institutionen und moralischen Grundsätze der
Menschen, ihre religiösen, politischen, häuslichen und
sexuellen Einrichtungen nach und nach in Einklang mit den
Verhältnissen gestaltet, und eine gewisse Harmonie, Gleich-
artigkeit und Ruhe herrscht in der Gesellschaft.

In Zeiten von solch raschem Wechsel der Zustände wie in
unserer modernen Gesellschaft, wo nicht bloß jedes Jahr-
zehnt, sondern jedes Jahr und fast jeder Tag neue Kräfte
und Bedingungen ins Leben ruft, sind nicht nur viele Leiden
und soziale Gebrechen, wie sie jeder rasche, ungewöhnliche
und plötzliche Umschwung in einem Organismus mit sich
bringt, unausweichlich, sondern die neuen Zustände, die
mit verschiedener Stärke auf die verschiedenen Individuen,
je nach ihrer Stellung und Intelligenz einwirken, erzeugen
eine Gesellschaft von so erstaunlicher Kompliziertheit und
Ungleichheit ihrer einzelnen Teile, daß die tiefsten Risse
und Disharmonien zwischen den Individuen die Folge
sein müssen. Und die sexuellen Ideale und Verhältnisse
haben Teil an diesem allgemeinen Zustand.

In einer primitiven Gesellschaft, in der (wenn eine einiger-

es
        <pb n="172" />
        ﻿maßen weitschweifige Illustration gestattet ist) durch un-
zählige Generationen die Lebensbedingungen absolut un-
verändert geblieben sind, wo durch Jahrhunderte die Män-
ner sich dem Kampf gegen wilde Tiere und gefährliche
Feinde widmen mußten, mag die Polygamie eine allge-
meine Notwendigkeit gewesen sein, wenn die Rasse be-
stehen und an Zahl nicht abnehmen sollte, und in Erkennt-
nis dessen wurde sie anerkannt und unterwarf sich die Ge-
sellschaft der Polygamie als einer allgemeinen Institution,
so viel Leid sie auch mit sich bringen mochte.

Solange Not an Nahrungsmitteln herrschte, mag die Ver-
nichtung überzähliger Greise und Kinder eine Notwendig-
keit für das Wohl des einzelnen wie der Allgemeinheit ge-
wesen sein, und die ganze Gesellschaft wird ohne mo-
ralische Zweifel darein gewilligt haben. Wäre einmal eine
Sonnenfinsternis mit dem Erscheinen eines imbekannten
Insekts zusammengefallen, so hätte man dieses für einen
Gott gehalten, der die Finsternis herbeiführte, und Jahr-
hunderte würden vergehen, ohne daß ein Zweifel an die-
sem Glauben erwachte. Es gäbe keine sozialen und reli-
giösen Probleme, und die Meinung des einen wäre die An-
schauung aller, und alle befänden sich mehr oder weniger
in Übereinstimmung mit den bestehenden Einrichtungen
und Sitten.

Aber nehmen wir nun an, es erschienen plötzlich Fremde,
die mit überlegenen Waffen und Wissen ausgestattet wären,
die alle wilden Tiere ausrotten würden und den Kampf und
damit den Verlust zahlreicher Männer zu einer Sache der
Vergangenheit machten, so würde nicht nur der Mann ge-
zwungen, in die weibliche Domäne landwirtschaftlicher und
häuslicher Arbeit einzudringen, sondern die Zahl der Män-
ner würde auch, da ihrer nicht mehr so viele umkämen, die
der Frauen erreichen oder sie überragen. Es würde dann
nicht bloß eine Streitfrage, ein „Problem“ werden, welche
Arbeiten von den Männern und welche von den Frauen

166
        <pb n="173" />
        ﻿ausgeübt werden sollen, sondern sehr bald würden nicht
die Frauen und nicht die Männer allein, sondern beide dazu
geführt werden, über die Notwendigkeit und Erwünscht-
heit der Polygamie nachzudenken, die, sobald es ebenso-
viel Männer wie Frauen gibt, viele Männer ohne Ge-
schlechtsverbindung ließe. Die intelligenteren und fort-
geschritteneren Individuen der Gemeinschaft würden fast
gleichzeitig zu dem Schluß kommen, die Polygamie anzu-
greifen, und die furchtlosesten würden ihre Theorie in die
Tat umzusetzen suchen; die unwissendsten und rückstän-
digsten würden entschieden an den alten Einrichtungen
festhalten, wie sie sie aus der Vergangenheit übernommen
haben, ohne zu fragen und zu rechten. Verschiedenheiten
der Ideale würden Konflikte und Zwietracht in allen Teilen
des Gesellschaftskörpers hervorbringen und Leiden mit
sich bringen, wo alles früher feststehend und bestimmt war.
Ebenso würde auch, wenn die Fremden neue verbesserte
Methoden des Ackerbaues einführten, so daß Nahrungs
mittel reichlich vorhanden wären, die weitblickendsten und
anpassungsfähigsten Mitglieder der Gemeinschaft, Männer
wie Frauen, auf einmal von dem Gedanken erfaßt werden,
daß keine Notwendigkeit mehr bestünde, ihre Kinder um-
zubringen; alte Männer und Frauen würden anfangen, sich
einem vorzeitigen Tod ernstlich zu widersetzen, sobald sie
erkannt hätten, daß sie auch bei außerordentlich hohem Alter
nicht notwendig dem Hungertod ins Auge sehen müßten.
Die beschränktesten und zähesten Mitglieder der Gesell-
schaft würden unter dem Einfluß traditioneller Vorurteile
immer noch fortfahren, ihre Eltern und Kinder zu opfern,
wenn längst die Notwendigkeit nicht mehr bestünde. Viele
Personen wären in einem Zustand moralischen Zweifels,
welchen Weg sie einschlagen sollen, den alten oder den
neuen, und bittere Kämpfe über alle diese Punkte würden
in der Gemeinschaft wüten. Und wenn nun die Fremden
ein Teleskop mit sich brächten, mittels welchem es plötzlich

167
        <pb n="174" />
        ﻿klar würde, daß die Sonnenfinsternis nur dadurch entstand,
daß der Mond vor die Sonnenscheibe trat, so würden die
intelligenteren Mitglieder der Gemeinschaft plötzlich zu
dem Schluß kommen, daß nicht das Insekt die Ursache
der Finsternis gewesen sei; sie würden auf hören, es als
einen Gott zu betrachten und es vielleicht sogar töten. Die
beschränkteren und am Alten haftenden Teile der Gemein-
schaft würden es ablehnen, durch das Teleskop zu schauen.
Und wenn sie hineinschauten, würden sie leugnen zu sehen,
daß der Mond die Finsternis verursacht, und ihre eingewur-
zelte Verehrung für das Insekt, die sich im Lauf der Zeit
herausgebildet, würde sie dahin führen, jene Individuen, die
seine Gottheit leugnen, gottlos zu nennen, und es könnte dies
vielleicht sogar die Vernichtung dieser ersten Ungläubigen
zur Folge haben. Die Gesellschaft, die einst so homogen
und einig in allen ihren Teilen war, würde auf einmal durch
moralische und soziale Probleme zerklüftet werden, und end-
lose Leiden müßten für das Individuum aus seinen Versu-
chen, die Ideale, Sitten und Einrichtungen der Gesellschaft
mit den neuenVerhältnissen in Einklang zu bringen, erstehen.
Es mag daraus unendlicher Gewinn in vielen Richtungen
fließen, Leben, die sonst geopfert würden, erspart bleiben,
ein höheres und befriedigenderes Dasein beginnen, aber
die Disharmonie und der Kampf würden unvermeidlich
sein, bis die Gesellschaft wieder das Gleichgewicht zwi-
schen ihrem Wissen, ihren materiellen Verhältnissen und
ihren sozialen, religiösen und sexuellen Institutionen her-
gestellt hätte.

Ein ähnlicher, aber weit komplizierterer Zustand besteht
heute in unserer eigenen Gesellschaft. Unsere materielle
Umgebung weicht in jeder Beziehung von der unserer
Großeltern ab und hat nur wenig oder gar keine Ähnlich-
keit mit der vor wenigen Jahrhunderten. Hie und da mö-
gen selbst innerhalb unserer Zivilisation in entlegenen länd-
lichen Gegenden die alten sozialen Verhältnisse teilweise

168
        <pb n="175" />
        ﻿unverändert bestehen. Aber im großen ganzen haben der
Ersatz der Handarbeit durch Maschinen, die große Ver-
breitung von Kenntnissen durch den immer billiger wer-
denden Buchdruck, der rapid wachsende Zufluß von Men-
schen nach der Großstadt, das Zusammendrängen von Tau-
senden, ja Millionen unter physischen und geistigen Bedin-
gungen, die alle soziale Ordnung der Vergangenheit um-
kehren, die zunehmend raschen Verkehrsmittel, die durch
die schnellen Verkehrswege erleichterte Verbindung zwi-
schen entfernten Rassen und Länder, — all dies hat den
menschlichen Horizont in jeder Richtung erweitert und ver-
ändert. Es hat eine so komplizierte und raschem Wandel
unterworfene Gesellschaftsordnung erzeugt, daß soziale
Harmonie all ihrer Teile unmöglich ist und soziale Unruhe,
Gegensätzlichkeit der Ideale in Anschauungen und Ein-
richtungen und damit auch menschliche Leiden unaus-
weichlich sind. Ebenso wie die alten Gewehre und Acker-
baugeräte, die unsere Väter verwendeten, in den Händen
ihrer Nachkommen wertlos wurden und die Muster, die
unsere Mütter webten, und die Strümpfe, die sie strikten,
durch den modernen Webstuhl überflüssig geworden sind,
werden ihre sozialen Einrichtungen, ihr Glaube und ihre
Lebensgewohnheiten täglich in noch höherem Grade für
uns unpassend, und Reibungen und Leiden werden unaus-
weichlich, besonders für die fortgeschrittensten und diffe-
renziertesten Individuen unserer Gesellschaft.

Diese Leiden erwachsen, wenn wir es genau betrachten,
aus drei Ursachen:

Erstlich aus der Tatsache, daß die bloße, außerordentlich
rasche Veränderung meist schmerzvoll wird, indem bereits
gefestigte Gewohnheiten und Anschauungsweisen gewalt-
sam verletzt werden, wie ein sehr rasch wachsender Baum
seine Rinde sprengt und seine inneren Säfte ausscheidet.

Zweitens erwachsen sie daraus, daß zwischen Individuen
derselben Gesellschaft, die sich nicht im selben Tempo den

ßj

169
        <pb n="176" />
        ﻿neuen Bedingungen anpassen oder ihnen in verschiedenem
Grade ausgesetzt sind, eine weitgehende und fast beispiel-
lose Ungleichheit entsteht, so daß Seite an Seite mit Män-
nern und Frauen, die sich rasch angepaßt haben oder so
erfolgreich dem neuen Wissens- und Lebenstatsachen an-
zupassen suchen, daß sie in geordneten Gesellschaftszu-
ständen der Zukunft vielleicht kaum antiquiert erscheinen
würden, sich Männer und Frauen finden, die sich mit ihren
sozialen, religiösen und ethischen Idealen noch in Har-
monie mit den fernen Ahnen des Menschengeschlechtes
fänden. Und zwischen diesen extremen Gruppen steht die
große Masse in einem Zwischenstadium der Entwicklung.
Diese Verschiedenheit muß Reibungen und Leiden im Zu-
sammenleben der Glieder der Gesellschaft herbeiführen,
besonders da die einzelnen Individuen der verschiedenen
Typen nicht in Klassen und Familien getrennt, sondern
in allen Klassen und Schichten unserer Gesellschaft zer-
streut sind.*

Personen, die durch die engsten Bande des Blutes und
gesellschaftliche Berührung zu fortwährendem Verkehr ge-
zwungen sind, sind oft am weitesten in ihrer Anpassungs-
stufe an die neuen Lebensverhältnisse voneinander ver-
schieden, und die sozialen Reibungen und daraus folgen-
den Leiden, die aus dieser Tatsache erwachsen, sind so
empfindlich und fast unberechenbar, daß es kaum möglich
ist, in trockenen Theorien ein Bild davon zu geben, son-
dern nur durch das Medium der Kunst, wo bestimmte kon-
krete Individuen handelnd und aufeinander einwirkend ge-
zeigt werden, im Drama oder im Roman. Wir sind wie
Schachfiguren, die nicht nach Bauern, Königen und Köni-
ginnen, Läufern und Türmen geordnet, sondern in einer

* In bezug auf die Anschauungen über die Stellung des weiblichen
Geschlechtes war eine der fortgeschrittensten Frauen, der wir je be-
gegnet sind, eine Schustersfrau in Yorkhampshire, die sich ihren Unter-
halt mit dem Nähen von Schuhoberteilen verdiente.

170
        <pb n="177" />
        ﻿Schachtel bunt durcheinandergeworfen und vermischt sind.
In den stationären Gesellschaftsstadien, wo alle Individuen
von denselben politischen, religiösen und moralischen
Ideen durchdrungen waren und jede Klasse ihre eigenen
ererbten feststehenden Traditionen in Handeln und Ge-
wohnheiten besaß, bestanden selbstverständlich diese Ur-
sachen der Reibung oder Leiden nicht; persönliche Diffe-
renzen und Zwiespalt mögen durch persönliche Habgier,
Ehrgeiz oder Selbstsucht entstanden sein, nicht aber durch
widersprechende Auffassung von Recht und Unrecht, von
dem, was erstrebbar und nicht erstrebenswert auf allen Ge-
bieten des menschlichen Lebens sei.*

Drittens beruht die Unrast und die Not, die unserer Zeit
eigen ist, auf Konflikten, die sich in dem Individuum selbst
abspielen. Die Veränderungen in unserer Umgebung und
dem Stand des Wissens sind so rasche, daß man im Lauf
eines einzigen Menschenlebens durch ein halbes Dutzend
Phasen des Wachstums hindurchgeht. In bestimmten Ideen
und Gewohnheiten geboren und aufgewachsen, haben er
oder sie, ehe das mittlere Lebensalter erreicht ist, wiederholt
Gelegenheit, ihre Traditionen zu erweitern, zu ändern oder
ganz beiseite zu werfen. Im Innern dieses Menschen be-
steht in verstärkter Form derselbe Kampf, derselbe Kon-
flikt und dieselbe Disharmonie, welche in der Gesellschaft
als ganzes zwischen ihren verschiedenen Mitgliedern ent-
steht. Und es ergeben sich schmerzliche Momente für das

* Nur wer in Berührung mit solch stationären und homogenen Gesell-
schaftskörpem gekommen ist, wie mit afrikanischen Stämmen, ehe sie
mit Europäern in Kontakt kamen, oder mit den Buren in Südafrika vor
zwanzig Jahren, kann sich eine richtige Vorstellung machen, wie voll-
ständig frei von ethischen und sozialen Problemen und sozialen Reibungen
solch eine Gesellschaft sein kann. Bei dem Studium derartiger Gesell-
schaftszustände drängt sich lebhaft die Gewißheit auf, daß der Schlüssel
zum Verständnis der Hälfte und mehr als der Hälfte der Erscheinungen
in unserer eigenen Welt nur in dem raschen Wandel der Verhältnisse zu
finden ist, der notwendig einen gleich raschen Wandel unserer Vorstel-
lungen, Ideale und Einrichtungen mit sich bringt.

171
        <pb n="178" />
        ﻿Individuum, wenn es die Notwendigkeit, neue Wege ein-
zuschlagen, neue Wahrheiten anzunehmen oder sich neuen
Verhältnissen anzupassen, erkennt und sich doch noch von
der Macht traditioneller Überzeugungen gefesselt fühlt.
Männer und Frauen, die ihr Leben den neuen materiellen
Verhältnissen anzupassen und mit den neuen Kenntnissen
in Einklang zu bringen suchen, sind manchmal fast ge-
zwungen, die Kontinuität ihres eigenen Seelenlebens zu
durchbrechen.

Aus diesen Verhältnissen erwächst auch die so oft be-
merkte Tatsache, daß die Kunst unserer Zeit entschieden
dahin neigt, sich mit subtilen sozialen, religiösen, politi-
schen und sexuellen Problemen zu beschäftigen, wie dies
in der Kunst der Vergangenheit nicht ihresgleichen hat.
Und es kann auch nicht anders sein, weil der Künstler, der,
dem künstlerischen Instinkt gehorchend, das treue Bild der
Welt um sich her entwirft, das zeichnen muß, was ihr in-
nerstes Wesen ausmacht. Das „Problemstück“, die „Pro-
blemdichtung“ ist in unserer Zeit so unvermeidlich, wie es
unvermeidlich war, daß die Dichter des elften Jahrhun-
derts Turniere, Schlachten und Rittertum darstellten, weil
diese das herrschende Element in dem Leben rings um sie
her waren.

Auch ist es unvermeidlich, daß diese Leiden und Konflikte
sich in der schärfsten Weise gerade bei den fortgeschritten-
sten Individuen unserer Gesellschaft geltend machen. Der
Schwimmer, der als erster in den gefrorenen Strom springt,
ist es, den das Eis am schärfsten schneidet; die nachfolgen-
den finden es bereits gebrochen und der letzte überhaupt
nicht mehr. Die Männer oder Frauen, die als erste den
Pfad betreten, auf dem die Masse schließlich folgen wird, sie
sind es, die sich schließlich in einer Einsamkeit finden, in
der das Schweigen tödlich ist. Die Tatsache, daß jeder
Weg, auf dem menschliches Handeln zu einer Umwand-
lung leitet, ebenso auch zu unmittelbaren Leiden führt, in-

172
        <pb n="179" />
        ﻿dem es das Individuum von der Masse seiner Mitmenschen
scheidet, ist kein Gegenargument. Einsamkeit und Leid ist
die Dornenkrone, die das Königtum des irdischen Messias
kennzeichnet — es ist das Kennzeichen des Führers.

So durchdringen soziale Disharmonien und subjektive
Konflikte und Leiden das Leben unserer Zeit und machen
sich auf jedem Gebiet des Menschenlebens, dem religiösen,
politischen, häuslichen fühlbar, und wenn sie sich im Ge-
schlechtsleben stärker bemerkbar und heftiger fühlbar
machen als auf jedem andern Gebiet, selbst als auf dem
der Religion, so ist es, weil wir, sobald wir das Sexualge-
biet betreten, das Rückenmark des menschlichen Daseins
angreifen, den Zentralnerv, bei dem jede Berührung am
heftigsten, jeder Schmerz oder Freude am lebhaftesten
fühlbar ist. Nicht die geschlechtliche Disharmonie ist die
Wurzel unserer Unrast, sondern die allgemeine Disharmo-
nie ist es, die selbst die Welt der Geschlechtsphänomene
beeinflußt.

Die Grenzen, welche die fortschrittlichen Gruppen von
Personen, die sich den neuen Lebensverhältnissen anzu-
passen suchen, von den reaktionären scheidet, fällt keines-
wegs mit der Grenze des Geschlechtes zusammen. Eine
George Sand und ein Henrik Ibsen gehören weit eher in ein
und dieselbe Gruppe der modernen Entwicklung, als jeder
von beiden in irgendeine Gruppe ihres eigenen Geschlechtes.
Wenn wir die Menschheit nach Typen einteilen, so wird
jede Gruppe Männer und die ihnen entsprechenden Frauen
umfassen. Neben dem altbekannten Typus der Dime, die
sich an der Straßenecke zum Kaufe anbietet, steht der ur-
alte Typus des Mannes — mit oder ohne Firnis der Zivili-
sation —, der begierig ist, sie zu kaufen. Neben der para-
sitischen Frau, die im Verhältnis zum Mann nur Genuß
und Luxus sucht, steht der Mann, der in der Verbindung
mit ihr nur zügellose Genussucht befriedigt. Neben der
neuen Frau, die Arbeit begehrt und beim Mann die Liebe

173
        <pb n="180" />
        ﻿"ium iiiTiurrniiiry'm r ~iti

und Kameradschaft sucht, die sie ihm gibt, steht der neue
Mann, der gerade das zu besitzen sich sehnt, was sie ihm
bietet. Wenn die soziale Bewegung, in der die fortgeschrit-
tensten Frauen unserer Tage sich neuen Lebensbedingun-
gen anzupassen suchen, sie unendlich von gewissen primi-
tiven Männertypen entfernt, so entfernt dieselbe Bewegung
ebenso den neuen Mann von jenem alten Frauentypus. Die
sexuelle Tragik des modernen Lebens liegt nicht in der
Tatsache, daß Frau und Mann sich von Grund aus ver-
schieden entwickeln, sondern darin, daß in der ungeheuren
Verworrenheit unseres modernen Lebens forwährend die
vorgeschrittensten Männer- und Frauentypen in regster
persönlicher Verbindung mit den antiquiertesten Typen des
anderen Geschlechtes stehen, daß zwischen Vater und
Tochter, Mutter und Sohn, Bruder und Schwester, Mann
und Frau manchmal nicht Jahre, sondern Jahrhunderte so-
zialer Entwicklung zu liegen scheinen.

Nicht der Mann als Mann widersetzt sich dem Anpas-
sungsversuche der Frau an die neuen Lebensbedingungen,
sondern noch öfter vielleicht kommt die Opposition von
seiten ihrer eigenen zurückgebliebenen Geschlechtsgenos-
sinnen. Und es ist eine Tatsache, die keinen, der die mo-
dernen Zustände kennt, überraschen wird, daß unter den
literarischen Werken aller Sprachen, die am entschieden-
sten für die Zulassung der Frau in neue Arbeitsgebiete ein-
treten, die am rückhaltlosesten ihre erweiterte Bildung und
volle Handlungsfreiheit fordern und die am leidenschaft-
lichsten alle künstlichen Schranken zwischen Mann und
Frau niederzureißen suchen, viele der besten und weit-
gehendsten Werke von Männern sind.

Der moderne Mann und die moderne Frau gleichen nicht
Leuten, die, auf gleicher Höhe stehend, vom gleichen Aus-
gangspunkte aus zwei Straßen gehen, die sich um so mehr
voneinander entfernen, je weiter man ihre Richtung ver-
folgt ; sie ähneln vielmehr zwei Menschen, die jeder von

174
        <pb n="181" />
        ﻿einer andern Seite aus ein Vorgebirge zu erklimmen suchen
und einander um so näher kommen, je höher sie gelangen,
bis sie sich auf der Spitze endlich begegnen müssen.

Selbst die Opposition, die die Männer oft gegen den Ein-
tritt der Frau in neue, bisher von ihnen monopolisierte Ar-
beitsgebiete erheben, ist im Grunde nicht sexueller Natur.
Die Männer, die bisher dieses Monopol eines Berufes oder
Standes innehatten, würden sich ebenso und vielleicht mit
noch größerer Erbitterung dagegen wehren, die Tore Mit-
gliedern ihres eignen Geschlechtes, die bisher ausgeschlos-
sen waren, die sie in ihrem Gewinn verkürzen und ihre
Privilegien teilen wollten, zu öffnen. Was sich hier äußert,
ist der primitive, brutale Instinkt, ohne Rücksicht auf Ge-
rechtigkeit und Menschlichkeit so viel als möglich für sich
selbst zu behalten, ein Instinkt, welcher alle tiefstehenden
Menschentypen, sowohl von Männern als Frauen beherrscht.
Der Advokat oder Arzt, der sich der Zulassung der Frau zu
seinem schwer zugänglichen Beruf widersetzt, würde sich
wahrscheinlich noch entschiedener dagegen sträuben, den
Damm von Beschränkungen und Kosten niederreißen zu
lassen, der andere Männer davon abhält, seinem Beruf zu-
zuströmen. Der Arbeiter an der Maschine, der sich gegen
den Eintritt der Frauen in sein spezielles Arbeitsfeld wehrt,
würde dies unzweifelhaft ebenso, vielleicht noch harnäcki-
ger gegenüber dem Eindringen anderer Männer tun, wenn
es irgend möglich wäre.

Man nimmt manchmal an, die Opposition des tiefer
stehenden Mannestypus gegen den Eintritt der Frau in Be-
rufe, die bisher sein Gebiet waren, schließe die Entstehung
von Kameradschaft und Neigung zwischen gemeinschaft-
lich arbeitenden Männern und Frauen völlig aus; des Man-
nes Eifersucht im Beruf müßte notwendig ein Gefühl des
Hasses und der Gegnerschaft gegen jeden, der sein Ar-
beitsgebiet teilt, hervorbringen. Aber schon die oberfläch-
lichste Beobachtung des Lebens widerlegt diese Voraus-

175
        <pb n="182" />
        ﻿Setzung. Wenn wir die Gesellschaft als Ganzes betrachten,
finden wir bei den Männern trotz gelegentlicher beruflicher
Eifersüchteleien und Gegnerschaft, daß die gemeinschaft-
lichen Interessen und vor allem gemeinsame Arbeit die
stärksten Mittel sind, innige Verbindungen herzustellen, ja,
sie erscheinen tatsächlich als wesentliche Voraussetzung
für die Bildung der engsten und dauerndsten Freund-
schaftsbeziehungen. In allen Kreisen, sei es welchen Ge-
werbes oder Berufes, immer finden wir Männer, die sich
aus freier Wahl zu Männern ihres eigenen Berufes gesellen
und oft die tiefsten und dauerhaftesten Freundschaften mit
ihnen eingehen. Unter den intimsten Freunden eines
Rechtsanwaltes findet sich fast immer ein Kollege; der Ge-
schäftsmann wird am öftesten in Gesellschaft seiner Ge-
schäftsfreunde zu finden sein; der Arzt findet seine intimsten
Freunde in vielen Fällen unter seinen ehemaligen Studien-
genossen, die mit ihm die verschiedenen Stadien des Be-
rufslebens durchschritten haben; der Freund und freige-
wählte Genosse des Schauspielers ist in der Regel der
Schauspieler, der des Gelehrten der Gelehrte, der des Land-
wirtes der Landwirt, der des Seemanns der Seemann. So
allgemein ist dies, daß es fast auffallen und komisch wir-
ken würde, wenn der Zechgenosse eines Kapitäns ein füh-
render Politiker, der Duzfreund des Geistlichen Schauspie-
ler und der intime Freund eines Farmers Astronom wäre.
Gleich und gleich gesellt sich gern. Die meisten Männer
suchen Klubs auf, in denen sie Berufsgenossen finden, und
besonders in vorgerückteren Jahren, wenn die Männer im-
mer mehr in ihrem Beruf aufgehen, suchen sie Kamerad-
schaft hauptsächlich unter ihren Mitarbeitern. Und das ist
auch unausweichlich; zwischen jungen Leuten mögen ge-
meinschaftliche Vergnügungen eine Art Band knüpfen,
aber gemeinsame Arbeit, auf Grund gleicher Kenntnisse,
gleicher Gewohnheiten und gleicher Denkweise bilden ein
festeres Band, das die Menschen viel mächtiger zu nahem

176
        <pb n="183" />
        ﻿tg8838R£Sl£

afiSSS»88c

Verkehr und persönlicher Freundschaft und Neigung ver-
bindet, als die zentrifugalen Kräfte der Berufseifersüchte-
leien sie zu trennen vermögen.

Daß dieselben Bedingungen herrschend würden, sobald
Frauen die Arbeitsgefährten des Mannes wären, läßt sich
theoretisch folgern, und die praktische Erfahrung bestätigt
es. Der Schauspieler heiratet meistens eine Schauspielerin,
der Musiker eine Musikerin; im Empfangszimmer der
Schriftstellerin oder Malerin findet man immer Männer
ihres Berufes; der weibliche Arzt ist in fortwährendem Ver-
kehr mit seinen männlichen Kollegen und heiratet oft einen
von ihnen. Und je größer die Zahl der Frauen wird, die
die bisher dem Manne allein gehörigen Arbeitsfelder mit
ihm teilen, um so klarer wird sich die Natur und Stärke der
aus gemeinsamer Arbeit erwachsenden Sympathie er-
weisen.

Die Teilnahme von Männern und Frauen an gleicher Ar-
beit, welche gemeinsame Bildung und damit gemeinsame
Denkgewohnheiten und Interessen erfordert, würde dahin
führen, die gefährliche Kluft auszufüllen, die so oft im
modernen Eheleben entsteht, die, sobald die erste Glut
sinnlicher, nur durch den Reiz des Unbekannten entfachter
Leidenschaft zu verblassen beginnt, Mann und Frau trennt,
und aus der ein so großer Teil der modernen Ehetragödien
entspringt. Der primitive Mann konnte mit seiner Frau
über seinen Jagdgewinn und ihre Ausbeute an Wurzeln
und Kräutern sprechen, so wie heute der einfache Bauer
mit seinem Weib über die Ernte und das Vieh spricht, wo-
von beide etwas verstehen und woran beide gleich inter-
essiert sind; es liegt nichts in ihrer Lebensweise, was ge-
eignet wäre, ihre Denkweise und Interessen voneinander zu
scheiden.

Im modernen Leben aber, erzeugt vielfach der völlige
Mangel an gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen Jnter-
essen und die große Verschiedenheit des Lebens, das Mann

12 Schreiner, Die Frau

177
        <pb n="184" />
        ﻿und Frau führen, eine fortwährende zunehmende Diver-
genz, so daß lange noch, ehe die mittleren Lebensjahre er-
reicht sind, kein anderes Band der Zusammengehörigkeit
als das der Gewohnheit übrig ist. Die Kameradschaft und
die beständige Anregung, die aus dem Verkehr mit Men-
schen erwächst, die unsere nächsten Interessen teilen und
das Leben vom selben Standpunkt betrachten, sucht der
Mann im Klub und unter seinen männlichen Gefährten,
und die Frau bleibt einsam oder sucht Zerstreuungen, die
geeignet sind, das Eheleben noch tiefer zu spalten. Eine
gewisse geistige Kameradschaft und Gemeinsamkeit un-
persönlicher Interessen ist neben dem rein geschlechtlichen
Verhältnis für das Eheleben absolut nötig, wenn die Über-
einstimmung eine lebendige und stets wachsende sein soll.
Ganz besonders deshalb, weil die Teilnahme der Frau an
der Arbeit des Mannes geeignet ist, die Kameradschaft und
das Bestehen gemeinsamer unpersönlicher Interessen und
gleicher Denk- und Lebensweise zu fördern, ist der Ein-
tritt der Frau in eben die Arbeitsgebiete des Mannes und
nicht in andere, für sie besonders bestimmte, so wünschens-
wert.*

* Die Antwort der Gattin eines bekannten Rechtsanwaltes auf die Frage,

wie es käme, daß sie und ihr Mann so selten zusammen zu sehen wären,
wirft ein trauriges, aber wahres Licht auf gewisse Seiten unseres moder-
nen Lebens, gegen die eben die gesamte Frauenbewegung rebelliert.
„Mein Mann,“ sagt sie, „ist immer mehr von seinen Berufspflichten in
Anspruch genommen, von denen ich nichts verstehe und die mich also
auch nicht interessieren. Meine Kinder sind schon alle groß und gehen
in die Schule, die Dienerschaft versieht mein Haus. Wenn mein Mann
abends nach Hause kommt und ich ihm von den Dingen erzählen will,
die mich unter Tags beschäftigen, von den Wohltätigkeits-Bazars, für die
ich arbeite, von den Einkäufen und Besuchen, die ich gemacht habe,
langweilt es ihn. Er trachtet wegzukommen zu seinen Büchern und
Freunden, und ich bleibe ganz einsam. Wenn ich nicht Bekannte hätte,
Frauen und Männer, mit denen ich mehr gemeinsam habe, könnte ich
das Leben nicht ertragen. Als wir uns einst als junge Leute kennen lern-
ten und ineinander verliebten, tanzten wir zusammen und ritten mit ein-
ander und es schien, als wenn wir alles gemeinsam hätten, und nun
haben wir nichts Gemeinsames. Ich schätze meinen Mann, und ich glaube,

I78
        <pb n="185" />
        ﻿Es ist eine erfreuliche Tatsache, und jede Frau, die mit
Erfolg irgendein Gebiet männlichen Schaffens, sei es der
Wissenschaft, Literatur oder eines anderen Berufes, betreten
oder darin etwas geleistet hat, wird es bestätigen, daß die
Hände, die sich ihr am freundlichsten zum Willkomm ent-
gegenstreckten, die von Männern waren, daß die Stimmen,
die ihrem Erfolg am freigebigsten Beifall gespendet haben,
die männlicher Mitarbeiter auf demselben Gebiete gewesen
sind. An keine Tür eines neuen Arbeitsgebietes pocht die
Hand der Frau, ohne daß die Hand eines starken, groß-
mütigen Mannes sie ihr öffnen würde, fast noch, ehe sie
gepocht.

Für uns, die wir am Beginn eines neuen Jahrhunderts, das
Auge beschattend, den Blick in die Zukunft richten, um die
Umrisse der in der Feme aufragenden Nebelgestalten zu
entdecken, gibt es keine beglückendere Hoffnung, als daß
wir schattenhaft einen Zustand zu erkennen glauben, in wel-
chem ein engeres Band Mann und Frau verbinden wird,
als die Welt es bisher gesehen hat: wo die Walhalla unse-
rer alten nordischen Väter zur Wirklichkeit wird, die Wal-
küre und ihr Held an derselben Tafel in treuer Kamerad-
schaft des Mahles Freuden teilen.

In unsern Träumen hören wir die Tür des letzten Frauen-
hauses zufallen; wir hören die letzte Münze klingen, mit der
Leib und Seele einer Frau gekauft wird; wir sehen die letzte
Wand zusammenbrechen, die künstlich der Frauen Tätig-
keit einschränkt und sie vom Manne trennt; wir malen uns
immer wieder die Liebe der Geschlechter aus, die, einst
ein blinder, kriechender Wurm, dann eine starre, erdge-

er schätzt mich, aber das ist alles!“ Vielleicht nur im vertrautesten Ge-
ständnis von Mann zu Mann oder Frau zu Frau berührt man diese offene
Wunde, die aus der Verschiedenheit der Erziehung, der Lebensgewohn-
heiten und Beschäftigungen von Mann und Frau entsteht; aber hier liegt
die Tragik von Millionen moderner Ehen, die sich unter der glatten
Oberfläche unseres gesellschaftlichen Lebens verbirgt und nur gelegent-
lich in Enthüllungen der Scheidungsprozesse zutage tritt.

12*	179

TffftfT'Tffffftft'gPffffffi
        <pb n="186" />
        ﻿bundene Puppe, endlich als beschwingter Schmetterling im
Sonnenschein der Zukunft strahlt. Täuschen uns, die
wir heute schwer gegen den Strom rudern, unsere über-
müdeten Augen, wenn wir weit in der Ferne durch die
Nebel der Ufer ein klares, goldenes Licht schimmern sehen ?
Ist es nur eine Gesichtstäuschung, die uns unsere Ruder
leichter führen und uns weiter ausholen läßt, obwohl wir
genau wissen, daß lange bevor unser Schiff jene Ferne
erreicht, andere Hände das Ruder führen, das Steuer len-
ken werden? Ist das alles ein Traum?

Der alte chaldäische Seher hatte die Vision eines Gar-
tens Eden, der in ferner Vergangenheit lag. Er träumte,
daß Mann und Frau einst in Freude und Kameradschaft
lebten, bis die Frau die Früchte vom Baume der Erkennt-
nis brach und dem Manne bot und beide ausgestoßen wur-
den und sich im Schweiß ihres Angesichtes ihr Brot ver-
dienen mußten, weil sie von der Frucht genossen. Auch
wir haben unsern Paradiesestraum, aber er liegt in ferner
Zukunft. Wir träumen, daß die Frau gemeinsam mit dem
Mann vom Baume der Erkenntnis essen werde, daß sie Seite
an Seite, Hand in Hand mit ihm durch Menschenalfer
voll Arbeit und Mühe ein neues Eden aufrichten werde,
schöner als der Chaldäer es je geträumt, ein Eden, das ihre
eigene Arbeit erschaffen hat und das ihre innige Kamerad-
schaft verschönt.

Die Apokalypse erschaute einen neuen Himmel und eine
neue Erde, wir erschauen eine neue Erde, aber in ihr
wohnt Liebe — die Liebe von Kameraden und Arbeitsge-
nossen.

Deshalb, weil die Möglichkeiten der Zukunft uns so reich
und so herrlich erscheinen, die Rückkehr zur Vergangen-
heit so unmöglich und die passive Ergebung in die Gegen-
wart so tödlich — darum erheben wir heute allüberall un-
sern fremdklingenden Ruf: „Gebt uns Arbeit und Er-
ziehung zur Arbeit!“

180
        <pb n="187" />
        ﻿S&gt;t$cS2

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung .................................... i

I.	Parasitismus................................15

II.	Parasitismus.................................39

III.	Parasitismus................................67

IV.	Die Frau und der	Krieg.......................94

V.	Geschlechtsunterschiede.................... 1X2

VI.	Einige Einwände...........................  123

GEDRUCKT BEI OSCAR BRANDSTETTER IN LEIPZIG
        <pb n="188" />
        ﻿

EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA

ROSA MAYREDER, ZUR KRITIK DER WEIB-
LICHKEIT. 3. Aufl. br. M 5.—, Lwd. geb. M 6.—

Inhalt: Mutterschaft und Kultur / Die Tyrannei der Norm / Von der Männ-
lichkeit / Das Weib als Dame / Frauen und Frauentypen / Familienliteratur /
Der Kanon der schönen Weiblichkeit / Einiges über die starke Faust / Das
subjektive Geschlechtsidol / Perspektiven der Individualität.

Die Propyläen: Rosa Mayreder hätte ihr Buch mit ebenso großem Recht
„Zur Kritik der Männlichkeit“ nennen können. Der gewöhnliche Begriff
der Männlichkeit ist Aktivität, wie man gewöhnlich die Weiblichkeit als
Passivität faßt. Aber diese absolute Aktivität wird durch die Kultur ver-
wandelt und gebunden. Der Macht aus körperlicher Überlegenheit tritt
immer mehr die Macht aus geistiger Überlegenheit zur Seite. Die höhe-
ren Vertreter der Männlichkeit leiden aber heute noch unter einem großen
Zwiespalt: sie vermögen noch nicht das Leben nach den Konsequenzen
ihrer Wesenheit neu zu gestalten, infolge der unsinnigen und verlogenen
Stellung, welche die modernen Kulturvölker den geschlechtlichen
Dingen gegenüber einnehmen. Wenn die höhere Männlichkeit in der
Entfaltung und Steigerung des geistigen Vermögens besteht, in der Macht
aus geistiger Überlegenheit, so müßte sie sich vor dem gewöhnlichen
Mannestum zu allererst hier unterscheiden. Denn hier, in der Überwindung
eines die Persönlichkeit unterjochenden Triebes, liegt der Ursprung und
das Mittel aller Vergeistigung. So bleibt nur die Hoffnung, daß der Mann
durch das Eintreten der Frau als soziale Mitarbeiterin über die-
sen Notstand Herr wird. Der Mann der Geistigkeit wird dann erst eine har-
monische und machtvolle Erscheinung werden, wenn die Konsequenzen
der Verfeinerung sich auch in seiner sexuellen Persönlichkeit vollziehen.
Turmhoch über der gewöhnlichen Frauenliteratur steht dieses Buch durch
die Freiheit und Vorurteilslosigkeit auch dem Manne gegenüber, und diese
Feinheit und Klarheit bei so subtilen Gedankengängen war weiblichen Den-
kern noch nicht so häufig eigen — oder wenn die Anlage vorhanden war, hat sie
sich früher nicht so sicher und erfolgreich entwickeln können wie hier.

ROSA MAYREDER, ZWISCHEN HIMMEL UND
ERDE. Sonette, br. M 3.—, Lwd. geb. M 4.50

Die Frau: Vielfältiger, tiefer, bewußter ihres seelischen Besitzes zeigen all
diese Verse das weibliche Seelenleben, als künstlerische und persönliche
Dokumente früherer Zeit es zeigten. Enger scheint das spezifisch frauliche
Empfinden verknüpft mit dem, was die Seele des modernen Mannes bewegt.
Ein ganzes Buch voller Liebessonette handelt von den Täuschungen des
Eros im Sinne jener skeptischen Erfahrung über die unerlösbare Einsamkeit
der Seele, die so viele moderne Dichter beklagt haben. Hier ist das alles
vom Standpunkt der weiblichen Seele aus gesehen. Gesehen und durch-
gedacht — und dann in Sonettenform ausgesprochen.
        <pb n="189" />
        ﻿EUGEN DIEDERICHS VERLAG IN JENA

MARGARETE SUSMANN, VOM SINN DER LIEBE,

br. M 2.50, Hperg. geb. M 3.50

Die Frauenwacht: Der Andere stellt mir gegenüber eine Form des Lebens
dar, die ewig mit mir verbunden ist durch den gleichen Ursprung und doch
ewig von mir getrennt ist durch ihre besondere Art der Vereinzelung, durch
ihr Anderssein. Dieses Anderssein zu ergründen, zu durchdringen ist die
große, heilige Aufgabe der Liebe, „eine Welt des Zufalls muß hinweggeräumt,
muß unter Schmerz und Inbrunst durchdrungen werden“ durch ihre han-
delnde Kraft. So schafft der Liebende am „Symbol der Geliebten“, denn
immer, wenn aus einem bloß Lebenden das Geistige herausgelöst werden
soll, entsteht ein Symbol. Dabei entsteht als höchste Forderung der Liebe
zwischen Mensch und Mensch das Gebot: die unverletzliche Freiheit des
anderen zu fühlen, als Recht nicht nur, sondern als Pflicht. Darum ist aber
auch die Liebe tiefstes Leid; Leid am Anderssein und nicht eins werden
können, „denn nie wird Einsamkeit tiefer gefühlt als in der Liebe zu einem
andern Menschen.“ Hier liegen die feinsten und zugleich freiesten Deu-
tungen des Buches, weil sie vom tiefst Persönlichen ausgehend, zugleich die
erhabenste Überwindung des in seinen egoistischen Wünschen befangenen
Persönlichen ausdrücken. Hohe Freiheit fordert M. Susman auch angesichts
der über uns durch die Natur verhängten Geschlechtsliebe. „Frei ist nicht, wer
das Dunkle, Verworrene von sich fern hält, es unter sich entgleiten läßt,
frei ist nur, wer in der Hingabe, in der Vernichtung die Fruchtbarkeit des
Lebens selbst erlebt und stärker und höher aus ihr hervorgeht.“ „Gegen-
über dem Geschlecht ist nur eineTat der Freiheit möglich; die Verwandlung.“
Doch diese Verwandlung ist für uns unendlich schwer. Nur im Sinne der
Schönheit ist das Problem gelöst worden in der Kunst. Mit diesem Hin-
weis auf die hohe Bedeutung der Kunst als Trägerin vorausgeahnter Ent-
wicklungsmöglichkeiten der Menschheit schließt dieses Buch vom Sinne der
Liebe, indem es noch einmal, rückwendend, diesen Sinn als ewiges Streben
nach Umwandlung, Höherentwicklung des Einzelnen und der Gesamtheit
andeutet.	(Anna Brunnemann,

ELIZABETH BARRETT-BROWNING, SONETTE
NACHDEM PORTUGIESISCHEN. Nachdichtung von
Marie Luise Gothein. 2. Aufl. ca. M 2 (in Vorbereitung)

Preußische Jahrbücher: Die wahrhaft edle Frau, die in diesen Ge-
dichten ein Stück ihres Lebens und ihrer Seele verschenkte, gilt heute
für die größte Dichterin Englands. Diese Sonette gehören zu den schön-
sten Liebesgedichten, die wir besitzen, und sind doch ganz einzig. Was uns
Goethes geistige Ehe mit Frau von Stein geworden, verdankt England dieser
Verbindung: ein hohes Bild menschlicher Vereinigung, in dem englisches
Wesen sich zu äußerster Schönheit gesteigert fühlt. Die Übertragung ist in
jeder Hinsicht vortrefflich.	(Ernst Hardt)
        <pb n="190" />
        ﻿EUG EN DIEDERICHS VERLAG IN JENA

FRITZ VOECHTING, ÜBER DEN AMERIKANI-
SCHEN FRAUENKULT. Pappband M 2.—

Hannoverscher Courier: Der Frauenkult ist nichts als eine notwendige
Gegenwirkung der sonstigen brutalen Lebensauffassung des Amerikaners.
Alle idealen Werte wurden auf das Weib übertragen, es wurde zum alleinigen
Mittelpunkt aller feineren seelischen Regungen und Empfindungen. Aber
auch der flache Optimismus, der einen wesentlichen Bestandteil der ameri-
kanischen Weltanschauung bildet, die nationale Eitelkeit in ihren meist so
kindlichen Äußerungen, der exaltierte Kultus der Persönlichkeit, die blinde
Anbetung jedes äußeren Erfolges, das tiefgehende Interesse an allen ge-
sellschaftlichen Dingen, das bei den republikanischen Amerikanern bekannt-
lich sehr viel stärker als bei uns Europäern ausgebildet ist: das alles sind
für jeden Kenner der Volkspsychologie deutliche Zeichen weiblichen Ein-
flusses. Die bildende Kunst dient einzig und allein der Sentimentalität und
Erotik ; nur Weiber werden dargestellt in den verschiedensten Lebensaltern.
Die christliche Wissenschaft, die Erfindung jener berüchtigten Frau Eddy,
ist ein plumper Schwindel, nur denkbar in einem Lande, wo jede gesunde
männliche Kritik in metaphysischen Dingen fehlt und die religiöse Führung
in Frauenhänden liegt.	(Herbert Stegemann)

GRETE MEISEL-HESS, DIE SEXUELLE KRISE.
5. Taus. br. M5.50, Lwd. geb. M 6.50

Die neue Generation: Grete Meisel-Heß, eine der angesehensten Kämp-
ferinnen in der deutschen Frauenbewegung, nimmt vor allen Dingen durch
ihre geistvolle Schilderung der Menschen und der gegenwärtigen Gesellschafts-
zustände gefangen. Ihr psychologischer Spürsinn und ihre daraus folgende Auf-
fassung zeittypischer Handlungen ist durchaus neu und eigenartig. Es ist ein
kühnes, großes und schönes Unternehmen, nicht mehr und nicht weniger als
eine Enzyklopädie der heutigen Sexualmoral, die dabei das Schicksal der kom-
menden Geschlechter mit in Betracht zieht. Dieses schonungslos wahre Bild
zeigt uns, daß der Mensch nach jahrhundertlangem Freiheitsstreben nur einen
sehr geringen Grad von geistiger und sinnlicher Harmonie mit der Umwelt, mit
sich selbst und mit seinen eigenen Trieben erreicht hat. (Frida Steenhoff)

HEINRICH MEYER-BENFEY, DIE SITTLICHEN
GRUNDLAGEN DER EHE. Ein Beitrag zur Begrün-
dung einer Sexualethik, br. M 1.50

Die Schrift enthält in erweiterter Fassung den Vortrag, den der Verfasser auf
der 2. Generalversammlung des deutschen Bundes für Mutterschutz gehalten
und dem sich der Bund ebenso wie den von Meyer-Benfey entworfenen Leit-
sätzen angeschlossen hat. Als alleiniger Inhalt der Sexualethik bezeichnet
er den Satz, daß aller Geschlechtsverkehr einen seelischen Sinn und Inhalt
habe, daß er eine Einheit leiblichen und seelischen Lebens darstelle.
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:m es das Individuum von der Masse seiner Mitmenschen
heidet, ist kein Gegenargument. Einsamkeit und Leid ist
e Dornenkrone, die das Königtum des irdischen Messias
• mnzeichnet — es ist das Kennzeichen des Führers.

3o durchdringen soziale Disharmonien und subjektive
onflikte und Leiden das Leben unserer Zeit und machen
:h auf jedem Gebiet des Menschenlebens, dem religiösen,
»litischen, häuslichen fühlbar, und wenn sie sich im Ge-
hlechtsleben stärker bemerkbar und heftiger fühlbar
achen als auf jedem andern Gebiet, selbst als auf dem
!r Religion, so ist es, weil wir, sobald wir das Sexualge-
et betreten, das Rückenmark des menschlichen Daseins
‘greifen, den Zentralnerv, bei dem jede Berührung am
sftigsten, jeder Schmerz oder Freude am lebhaftesten
hlbar ist. Nicht die geschlechtliche Disharmonie ist die
urzel unserer Unrast, sondern die allgemeine Disharmo-
e ist es, die selbst die Welt der Geschlechtsphänomene
‘einflußt.

üie Grenzen, welche die fortschrittlichen Gruppen von
‘rsonen, die sich den neuen Lebensverhältnissen anzu-
- ssen suchen, von den reaktionären scheidet, fällt keines-
igs mit der Grenze des Geschlechtes zusammen. Eine
iorgeSand und ein Henrik Ibsen gehören weit eher in ein
id dieselbe Gruppe der modernen Entwicklung, als jeder
n beiden in irgendeine Gruppe ihres eigenen Geschlechtes,
enn wir die Menschheit nach Typen einteilen, so wird
de Gruppe Männer und die ihnen entsprechenden Frauen
Massen. Neben dem altbekannten Typus der Dime, die
:h an der Straßenecke zum Kaufe anbietet, steht der ur-
e Typus des Mannes — mit oder ohne Firnis der Zivili-
tion —, der begierig ist, sie zu kaufen. Neben der para-
ischen Frau, die im Verhältnis zum Mann nur Genuß
d Luxus sucht, steht der Mann, der in der Verbindung
t ihr nur zügellose Genussucht befriedigt. Neben der
uen Frau, die Arbeit begehrt und beim Mann die Liebe

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