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        <title>Die Frau und die Arbeit</title>
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            <forname>Olive</forname>
            <surname>Schreiner</surname>
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            <idno>1029343713</idno>
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        OLIVE  SCHREINER
DIE  FRAU  UND  DIE
ARBEIT

ÜBERSETZT  VON  LEOPOLDINE  KULKA

VERLEGT  BEI  EUGEN  DIEDERICHS  IN  JENA
1914
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        O LIVE  SCHREINER  ist  jetzt  in  London,“  sagte  mir
vor  einigen  Wochen  eine  befreundete  Schriftstellerin,
„da  können  Sie  Ihre  alte  Sehnsucht  stillen  und  die  Dichterin ­
  bei  mir  sehen.“
Ich  möchte  sie  sehr  gerne  sehen,  die  unvergleichliche  und
unverglichene  Vorkämpferin  der  Frauenbefreiung,  der  wir
die  gedankenvollen  „Dreams“,  die  phantasievolle  und  dabei
so  holländisch-derbe  Erzählung  aus  dem  Leben  der  Bauern
in  Südafrika  „The  Story  of  an  African  Farm“,  dann  die  wie
aus  Erz  gegossene  unvergeßliche  Gestalt  des  Reiters  „Peter
Halket  of  Mashonaland“,  endlich  das  vorliegende  Werk  verdanken. ­
  Aber  ich  bin  klüger  geworden  im  Laufe  der  Jahre
und  habe  weise  Enthaltsamkeit  gelernt:  mein  Idealbild  von
Olive  Schreiner  soll  mir  durch  die  irdische  Unvollkommenheit ­
  ihrer  wirklichen  Erscheinung  nicht  entheiligt  werden.
Olive  Schreiner,  die  Tochter  eines  deutschen  Pastors  und
einer  englischen  Mutter,  ist  auf  dem  „Veldt“  Südafrikas
aufgewachsen  und  hat  den  Kampf  der  Rassen  und  Klassen
in  seiner  unverhülltesten  Nacktheit  gesehen.  Eine  solche
Umgebung  läßt  in  der  Seele  keinen  Raum  für  so  schwächliche ­
  Dinge  wie  Geschmack  und  Umschreibung.  Olive
Schreiner  nennt  die  Dinge  beim  rechten  Wort;  sie  ist  in
ihrer  Kunst  so  realistisch  wie  nur  irgendein  alttestamentlicher
  Prophet.  Kommt  zu  solch  unbestechlicher  Wahrheitsliebe ­
  noch  Naturgefühl  und  visionäre  Einbildungskraft  hinzu, ­
  so  gibt  das  Werke  von  der  Art  des  „Peter  Halkett“‘  —  überzeugendste ­
  Menschendarstellung  im  Rahmen  stimmungsvoller ­
  Landschaft  und  erfüllt  vom  Geiste  apostolischer  Sendung. ­
  Olive  Schreiner  schrieb  vor  dem  Ausbruch  des  Burenkrieges ­
  gegen  die  Unmenschlichkeit,  mit  der  die  Engländer
in  Südafrika  hausten,  gegen  das  ganze  System  der  englischen ­
  Besiedelungspolitik.  Sie  wurde  nicht  gehört.  Da
kehrte  sie  zu  ihrem  alten  Gegenstand,  der  Frauenfrage  zurück, ­
  der  alle  ihe  Gedanken  durch  mehr  als  zwei  Jahrzehnte
gehört  hatten.  Ihr  Werk  war  fertig  —  ins  Reine  geschrie ­
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        ben  für  den  Druck.  Sie  hatte  das  letzte  Wort  gesagt  im
Kampfe  des  Weibes  um  eine  menschenwürdige  Existenz.
Da  überfiel  die  Soldateska  während  des  Krieges  ihr  Haus.
Die  Schublade  ihres  Schreibtisches  wurde  erbrochen,  das
Manuskript  ihres  Lebenswerkes  herausgezerrt  und  der
Haufe  gelockerter  Blätter  in  Flammen  gesteckt.  Als  sie
nach  dem  Kriege  in  ihr  Haus  zurückkehrte,  fand  sie  die
verkohlten  Reste.  Das  vorliegende  Buch,  von  dessen  Entstehung ­
  während  des  Krieges  die  Autorin  in  der  Einleitung
erzählt,  ist  ein  Fragment,  eine  Erinnerung  an  das  zerstörte
große  Werk.  Aber  wir  haben  alle  Ursache  der  Übersetzerin ­
  zu  danken,  daß  sie  es  den  deutschen  Lesern  vermittelt, ­
  denn  es  gibt  kaum  eine  Schrift,  die  das  Recht  des
Weibes  auf  Arbeit  mit  solch  edlem  Pathos  und  zugleich
mit  so  überzeugender  Verstandesmäßigkeit  bewiese.  Olive
Schreiner  trägt  ihre  Botschaft  mit  der  Inbrunst  jener  glaubensstarken ­
  Naturen  vor,  die  aus  dem  Zusammenbruch  der
puritanischen  Weltanschauung  die  gehaltvollen  Abbreviaturen ­
  Gleichheit  und  Gerechtigkeit  in  unsere  sittlich  verarmte ­
  Zeit  herübergerettet  haben.  Dieser  biblische  Geist
gibt  allen  Schriften  der  Olive  Schreiner  vorgeschichtliche
Einfachheit,  elementare  Kraft  und  dichterische  Weihe.
Daß  sie  in  ihrem  Werke  über  Frauenarbeit  ihr  Pathos
eindämmt  und  die  Logik  der  Tatsachen  sprechen  läßt,  erhöht ­
  die  Wirkung  ihrer  Botschaft.  Ihre  der  Kulturgeschichte
und  Soziologie  entnommenen  Gründe  für  die  wirtschaftliche ­
  Emanzipation  der  Frau  werden  ohne  Leidenschaft
vorgetragen,  prägen  sich  aber  ein  vermöge  des  eigenen  Gewichts. ­
  Und  alles,  was  Olive  Schreiner  in  diesem  Buche
sagt,  ist  so  gehalten,  so  maßvoll,  so  bildhaft  und  eindringlich, ­
  daß  auch  Gegner  des  Frauenrechts  es  nicht  ohne  Erhebung ­
  aus  der  Hand  legen  werden.

LONDON,  OSTERN  1914

LEON  KELLNER
        <pb n="4" />
        EINLEITUNG

I ch  muß  diesem  Buch  einige  erklärende  Worte  vorausschicken. ­
  Sein  ursprünglicher  Titel  lautete:  „Gedanken
über  die  Frau  und  die  Arbeit“.
Wie  dieser  Name  besagt,  ist  es  also  eine  Sammlung  von
Gedanken  über  einzelne  Punkte,  die  mit  der  Frauenarbeit  Zusammenhängen. ­

In  früher  Jugend  begann  ich  ein  Werk  über  die  Frau  und
arbeitete  bis  vor  zwölf  Jahren  daran.  Es  berührte  naturgemäß, ­
  wenn  auch  in  unvollständiger  Weise,  die  meisten  Fragen, ­
  in  denen  das  Geschlecht  eine  Rolle  spielt.
Ich  begann  damit,  die  Verschiedenheiten  der  Geschlechtsfunktionen ­
  in  ihren  frühesten  Erscheinungsformen  bei  den
Lebewesen  dieser  Erde  zu  zeichnen;  nicht  nur  in  der  Tierwelt,
wo  mit  der  Vereinigung  zweier  amöboider  Kügelchen  der
Zeugungsprozeß  fast  unmerklich  beginnt,  sondern  auch  seine
noch  primitiveren  Offenbarungen  im  Pflanzenleben.  In  den
ersten  drei  Kapiteln  zeichnete  ich,  soweit  ich  es  vermochte,
die  geschlechtliche  Entwicklung  bei  den  verschiedenen  Gruppen ­
  nicht-menschlicher  Lebewesen.  Als  ich  in  dieser  Richtung ­
  weiterforschte,  überraschten  mich  viele  bedeutsame
Tatsachen  durch  ihre  Beziehungen  zum  ganzen  modernen
Geschlechtsproblem,  Tatsachen,  wie  diese:  daß  bei  der  großen ­
  Mehrzahl  der  auf  der  Erde  lebenden  Arten  das  Weibchen
dem  Männchen  an  Größe  und  Kraft  und  oft  auch  an  räuberischem ­
  Instinkt  überlegen  ist;  daß  die  geschlechtlichen  Beziehungen ­
  fast  jede  Form  annehmen  können,  je  nachdem  die
Lebensbedingungen  variieren;  daß  selbst  imVerhältnis  der
Geschlechter  gegenüber  ihrer  Nachkommenschaft  jene  Verschiedenheiten, ­
  die  wir  gewöhnlich  als  unzertrennlich  vom
mütterlichen  oder  väterlichen  Geschlechtswesen  annehmen,
keineswegs  inhärent  sind.  (So  kann  man  Krötenarten  beobachten, ­
  bei  denen  das  Weibchen  seine  Eier  in  Vertiefungen ­
  auf  den  Rücken  des  Männchens  legt,  wo  sie  verwahrt

I  Schreiner,  Die  Frau

I
        <pb n="5" />
        und  ausgebrütet  werden,  oder  manche  Seetiere,  bei  denen
das  Männchen  die  Jungen  mit  sich  trägt  und  sie  in  einem
Beutel  aus  seiner  eigenen  Körpersubstanz  großzieht,  und
zahllose  andere  derartige  Beispiele.)  Was  sich  mir  aber  schon
als  Kind  aufdrängte,  wenn  ich  allein  durch  den  afrikanischen ­
  Busch  wanderte  und  den  ineinander  greifenden  Tönen ­
  des  Liebessangs  der  Cock-o-veets  *  lauschte  oder  beobachtete, ­
  wie  die  kleinen  Singvögel  zusammen  ihr  Nest
bauen  und  nicht  nur  für  ihre  Jungen,  sondern  auch  für
einander  sorgen  und  einander  behüten,  war  die  Tatsache,
die  seither  alles,  was  ich  über  geschlechtliche  Dinge
dachte  und  fühlte,  mächtig  beeinflußt  hat,  daß  das  Geschlechtsleben ­
  der  Vögel  bei  einigen  Arten  seine  höchste,
schönste,  man  möchte  fast  sagen,  geistige  Entwicklung  auf
der  Erde  erreicht  hat:  eine  Höhe  der  Entwicklung,  zu  der
noch  keine  menschliche  Rasse  als  Ganzes  gelangt  ist,  und
die  eine  Verwirklichung  des  höchsten  geschlechtlichen
Ideals  darstellt,  von  dem  die  Menschheit  träumt.
Als  diese  drei  Kapitel  beendet  waren,  ging  ich  daran,
mich,  soweit  als  möglich,  mit  der  Stellung  der  Frau  in  den
allerprimitivsten,  den  unzivilisierten  und  halbzivilisierten
Gemeinwesen  zu  befassen.  Ich  habe  von  Kindheit  an  mit
außerordentlichem  Interesse  die  Lage  der  eingeborenen
afrikanischen  Frauen  um  mich  her  in  ihrem  primitiven  Gesellschaftszustand ­
  beobachtet.  Mit  achtzehn  Jahren  sprach
ich  einmal  mit  einem  Kaffernweib,  das  noch  in  unberührt
primitiven  Zuständen  lebte,  und  kein  mit  der  Stellung  der
Frau  zusammenhängendes  Erlebnis  hat,  mit  Ausnahme
eines  einzigen,  einen  so  tiefen  Eindruck  auf  mich  gemacht
wie  dieses  Gespräch.  Es  war  eine  Frau,  die  mir,  so  oft
ich  an  sie  denke,  als  geniales  Wesen  erscheint.  In  einer
Sprache,  die  beredter  und  eindringlicher  war  als  alles,  was
ich  je  von  weiblichen  Lippen  vernommen,  schilderte  sie  die
Lage  der  Frauen  ihrer  Rasse.  Die  Arbeit  der  Frau,  das
*  Kleine  Singvögel,  die  in  Südafrika  leben.  Anm.  d.  Übers.

2
        <pb n="6" />
        I

3

Elend  der  Frau,  wenn  sie  älter  wird,  die  Schranken,  in  die
ihr  Leben  gebannt  ist,  und  die  Leiden,  die  ihr  Polygamie
und  Abhängigkeit  auferlegen,  all  das  schilderte  sie  mit
einer  Leidenschaft  und  Eindringlichkeit  ohnegleichen.  Und
doch  —  und  das  war  für  mich  das  Interessante,  als  ich
weiter  mit  ihr  sprach  —,  trotz  ihrer  tiefen,  fast  glühenden
Erbitterung  über  das  Leben  und  die  unsichtbaren  Mächte,
die  die  Frau  und  ihre  Lage  in  solcher  Weise  gestaltet
haben,  hatte  sie  nicht  ein  Wort  der  Bitterkeit  gegen  den
einzelnen  Mann,  noch  irgend  Wille  oder  Absicht,  sich  aufzulehnen. ­
  Sie  nahm  vielmehr  mit  ernster,  fast  majestätischer ­
  Haltung  das  Leben  und  die  Lage  ihres  Geschlechtes ­
  als  ein  Unabänderliches  hin.  Gerade  dieses  Gespräch
drängte  mir  eine  Wahrheit  auf,  die  ich  später  beinahe  als
Axiom  betrachten  lernte:  die  Frauen  keiner  Rasse  oder
Klasse  werden  sich  je  erheben  oder  eine  gewaltsame  Verbesserung ­
  ihrer  Lage  in  der  Gesellschaft  versuchen,  seien
ihre  Leiden  auch  noch  so  tief  und  mögen  sie  sich  ihrer
auch  noch  so  klar  bewußt  sein,  solange  die  Wohlfahrt  und
der  Bestand  der  Gemeinschaft  ihre  Unterwerfung  fordern.
Wo  immer  ein  allgemeiner  Versuch  der  Frau  irgendeiner
Gesellschaft,  ihre  Lage  zu  verbessern,  unternommen  wurde,
wird  eine  genaue  Untersuchung  immer  zeigen,  daß  ein  veränderter ­
  oder  sich  verändernder  Gesellschaftszustand  die
Unterordnung  der  Frau  nicht  länger  nötig  oder  wünschenswert ­
  gemacht  hatte.
Ein  anderer  Punkt,  den  ich  in  diesem  Teile  des  Buches  zu
behandeln  versuchte,  war  die  mir  fast  zur  Gewißheit  erwachsene ­
  Wahrscheinlichkeit,  daß  die  physischen  Leiden
und  die  Schwäche  der  Frau  bei  der  Geburt  und  in  gewissen
anderen  Beziehungen  der  Preis  waren,  den  die  Frau  für  den
Übergang  der  Menschheit  aus  der  Haltung  der  Vierfüßer
und  Vierhänder  zu  der  aufrechten  zahlen  mußte,  einer  Haltung, ­
  die  unbedingt  notwendig  war,  wenn  die  Menschheit
das  werden  sollte,  was  sie  ist  (dies  wurde  selbstverständ-
        <pb n="7" />
        4

lieh  in  einer  physiologischen  Studie  über  die  weibliche
Körperbildung  behandelt).  Ferner  beschäftigte  ich  mich
mit  der  höchstwahrscheinlichen,  wenn  auch  unbewiesenen
und  vielleicht  unbeweisbaren  Hypothese,  daß  es  hauptsächlich ­
  eine  Folge  des  Zwanges  war,  unter  dem  die  Frau
stand,  indem  sie  ihre  hilflosen  Jungen  in  den  Armen  tragen
und  gleichzeitig  für  diese  und  sich  selbst  Nahrung  suchen
oder  mit  ihnen  vor  dem  Feind  fliehen  mußte,  welche  zu  der
vollkommen  aufrechten  Haltung  des  Menschen  führte.
Diese  und  viele  andere  Punkte,  die  ein  interessantes  Licht
auf  die  spätere  Entwicklung  der  Frau  werfen  (wie  die  Beziehungen ­
  zwischen  Ackerbau  und  Hörigkeit  der  Frau),
behandelte  dieser  Teil  des  Buches,  der  sich  mit  den  Frauen
der  primitiven  und  halbbarbarischen  Gesellschaft  befaßte.
Als  dieser  Teil  beendet  war,  ließ  ich  ihn  mit  der  Maschine ­
  abschreiben  und  im  Jahre  1888  mit  den  drei  ersten
Kapiteln  in  einen  Band  binden;  dann  arbeitete  ich  an  dem
bereits  begonnenen  letzten  Teile  weiter.
Dieser  behandelte  die  Probleme,  die  allgemeiner  als
Frauenfrage  bekannt  sind:  Die  Ursachen,  die  im  modernen ­
  Europa  Frauen  veranlaßten,  eine  Neugestaltung  ihrer
Stellung  im  sozialen  Organismus  anzustreben,  die  Richtung, ­
  in  der  diese  Neugestaltungen  sich  bewegen,  und  die
Ergebnisse,  die  solche  Neuordnungen  in  Zukunft  wahrscheinlich ­
  zeitigen  werden.
Nach  elf  Jahren,  im  Jahre  1899,  wurden  auch  diese  Kapitel ­
  beendet  und  mit  den  beiden  ersten  Teilen  in  einen
starken  Band  vereint.  Es  erübrigte  nur  noch,  das  Buch
durchzusehen  und  das  Vorwort  zu  schreiben.  Den  trockenen ­
  Erörterungen  hatte  ich  in  jedem  Kapitel  eine  oder
mehrere  Allegorien  hinzugefügt  *;  denn,  wenn  es  auch  leicht
*  Dje  Allegorie  „Drei  Träume  in  der  Wüste",  die  ich  vor  19  Jahren
veröffentlichte,  war  diesem  Buche  entnommen,  und  ich  habe  bemerkt,
daß  sie,  aus  dem  Zusammenhang  gerissen,  vielleicht  nicht  jedermann
klar  wurde.
        <pb n="8" />
        ist,  abstrakte  Gedanken  in  logischer  Prosa  auseinanderzusetzen, ­
  die  Empfindungen,  die  diese  Gedanken  auslösen,
fühlte  ich  mich  nicht  fähig  anders  als  in  jener  Form  voll
und  ganz  auszudrücken.  Ich  hatte  auch  versucht,  den
Gegenstand  überall  mit  solchen  Fällen  aus  der  Menschenund
  Tierwelt  zu  illustrieren,  die  ich  persönlich  beobachtet
hatte  und  die  mir  zur  Bildung  der  gegebenen  Schlüsse  behilflich ­
  waren,  da  mir  immer  bei  soziologischen  Fragen  die
Kenntnis  der  genauen  Art  und  Weise,  durch  die  der
Schriftsteller  zu  seinen  Ansichten  gelangt  ist,  zur  Beurteilung ­
  ihres  Wertes  notwendig  schien.  Das  Werk  hatte  einen
großen  Teil  meines  Lebens  in  Anspruch  genommen,  und
ich  hatte  gehofft,  daß  es,  welches  auch  seine  Mängel  sein
mögen,  wenigstens  andere  Geister  unter  günstigeren  Umständen ­
  zu  eingehenderem  Studium  der  Frage  anregen
würde.
Im  Jahre  1899  lebte  ich  in  Johannisburg,  als  mir  eines
Leidens  wegen  plötzlich  verordnet  wurde,  für  einige  Zeit
eine  tiefer  gelegene  Gegend  aufzusuchen.  Nach  Ablauf  von
zwei  Monaten  brach  der  Burenkrieg  aus.  Zwei  Tage  nachdem ­
  der  Krieg  erklärt  worden  war,  kam  ich  auf  dem  Rückwege ­
  nach  Transvaal  in  De  Aar  an.  Dort  war  bereits  der
Kriegszustand  proklamiert,  und  die  Militärbehörden  verwehrten ­
  mir  die  Rückkehr  nach  Johannisburg  und  schickten ­
  mich  in  die  Kolonie.  Man  erlaubte  mir  auch  nicht,
an  irgend  jemand  eine  Nachricht  zu  senden,  der  meine
Habseligkeiten  hätte  in  Obhut  nehmen  können.  Ungefähr
acht  Monate  später,  als  die  britischen  Truppen  Johannisburg ­
  genommen  und  die  Stadt  besetzt  hatten,  schrieb  mir
ein  Freund,  der  auf  englischer  Seite  stand  und  dem  man
gestattet  hatte,  hinzureisen,  daß  er  mein  Haus  besucht  und
geplündert  gefunden  habe,  daß  alle  Wertgegenstände  gestohlen ­
  oder  zerstört  worden  seien,  mein  Schreibtisch  gewaltsam ­
  aufgebrochen  und  sein  Inhalt  in  der  Mitte  des
Zimmer  angezündet  worden  war,  so  daß  die  Decke  ober-5
        <pb n="9" />
        6

halb  des  Haufens  verbrannter  Papiere  geschwärzt  sei.  Er
fügte  hinzu,  daß  nur  noch  wenig  von  den  Überbleibseln
zu  verwenden  sein  dürfte,  doch  habe  er  die  Fragmente
gesammelt  und  werde  sie  aufbewahren,  bis  ich  die  Erlaubnis ­
  zur  Rückkehr  erhielte  und  sie  sehen  könnte.  So  erfuhr ­
  ich,  daß  mein  Buch  zerstört  war.
Als  der  Krieg  schon  ein  paar  Monate  gewährt  hatte,  war
ich  —  viele  hundert  Meilen  von  der  Küste  und  von  Johannisburg ­
  entfernt  —  in  einem  kleinen,  landeinwärts  gelegenen ­
  Dorfe  eingeschlossen.  Die  Flamme  des  Krieges
begann  eben  auch  unsere  nächste  Umgebung  zu  ergreifen;
de  Wet  hatte  den  Oranjefluß  überschritten,  und  man  vermutete ­
  ihn  nur  wenige  Meilen  von  uns  entfernt,  während
die  britischen  Truppen  hin-  und  herstreiften.  Ich  lebte  zu
jener  Zeit  in  einem  kleinen  Hause  am  Rande  des  Dorfes,
in  einem  einzigen  Zimmer,  das  mit  einer  Tragbahre  und
zwei  Kisten  möbliert  war.  Mein  kleiner  Hund  war  meine
Gesellschaft.  Sechsunddreißig  bewaffnete  afrikanische  Eingeborene ­
  bewachten  Tag  und  Nacht  Türen  und  Fenster
meines  Hauses,  und  ich  durfte  nur  zu  Mittag,  während  bestimmter ­
  Stunden,  ausgehen,  um  Wasser  vom  Brunnen  zu
holen  oder  mir  das  Nötige  zu  kaufen.  Auch  durfte  ich
weder  Bücher  noch  Zeitungen  empfangen.  Ein  hoher,  von
bewaffneten  Eingeborenen  bewachter  Stacheldrahtzaun  umgab ­
  das  Dorf;  jeder  Versuch,  hier  zu  entfliehen,  wäre  sicherer ­
  Tod  gewesen.  Während  des  ganzen  Tages  hörte  man
in  kurzen  Intervallen  die  Pompongeschütze  der  Panzerzüge,
die  auf  der  neun  Meilen  entfernten  Eisenbahnlinie  manövrierten, ­
  und  nachts  das  Gespräch  der  bewaffneten  Eingeborenen, ­
  die  sich  an  die  Fenster  lehnten,  und  die  taktmäßigen ­
  Schritte  und  das  endlose  „Wer  da  ?“  der  Wache,
die  während  der  langen  dunklen  Stunden,  in  denen  man
weder  eine  Kerze  anzünden  noch  ein  Streichholz  in  Brand
setzen  durfte,  die  Runde  um  den  Drahtzaun  machte.  Wenn
ein  Scharmützel  in  der  Nähe  stattgefunden  hatte,  wurden
        <pb n="10" />
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die  Toten  und  Verwundeten  hereingebracht.  Drei  Männer
aus  unserem  Dorfe  wurden  zur  Hinrichtung  geführt.  Auf
dem  kleinen  Marktplatz  wurden  Todesurteile  verlesen.  Das
Gefängnis  war  mit  unseren  Landsleuten  gefüllt,  und  wir
wußten  von  Stunde  zu  Stunde  nicht,  was  die  nächste  jedem
von  uns  bringen  würde.  Unter  solchen  Verhältnissen  empfand ­
  ich  das  Bedürfnis,  zuweilen  meine  Gedanken  gewaltsam ­
  von  den  Schrecknissen  der  Welt  um  mich  her  abzulenken ­
  und  bei  irgendeiner  abstrakten  Frage  zu  verweilen.
So  wurde  dieses  kleine  Buch  geschrieben,  das  vornehmlich
die  Wiedergabe  eines  einzigen  Kapitels  des  größeren
Buches  bildet.  Da  die  bewaffneten  Eingeborenen  vor  meinen ­
  vorhanglosen  Fenstern  Wache  standen,  war  es  unmöglich, ­
  die  Läden  zu  öffnen,  und  das  Zimmer  war  daher
immer  so  dunkel,  daß  selbst  die  physische  Arbeit  des
Schreibens  schwierig  war.
Einundeinhalb  Jahre  später,  als  der  Krieg  vorüber  und  der
Friede  schon  seit  mehr  als  vier  Monaten  verkündet  war,
erhielt  ich  mit  vieler  Mühe  die  Erlaubnis,  den  Transvaal ­
  zu  besuchen.  Ich  fand  unter  den  verbrannten  Überresten ­
  den  Lederrücken  meines  Buches  unversehrt,  aber
von  den  Blättern  die  vordere  Hälfte  weggebrannt;  der  hintere ­
  Teil  der  Blätter,  nächst  dem  Deckel,  war  vorhanden,
aber  von  den  Flammen  so  gebräunt  und  versengt,  daß  sie
bei  der  Berührung  zerfielen.  Es  blieb  nichts  übrig,  als  alles
zu  vernichten.  Selbst  damals  hatte  ich  noch  die  Hoffnung,
daß  ich  das  ganze  Buch  in  künftigen  Tagen  nochmals
schreiben  könnte.  Aber  das  Leben  ist  kurz,  und  ich  habe  erkannt, ­
  daß  ich  das  Buch  nicht  nur  niemals  wiederschreiben
werde,  sondern  daß  meine  Gesundheit  es  mir  nicht  einmal
gestattet,  diese  kleine  Erinnerung  daran  zu  vervollständigen ­
  und  abzurunden.
Nur  mit  ernstlicher  Sorge  gebe  ich  daher  dieses  Fragment ­
  heraus.  Mich  tröstet  nur  der  Gedanke,  daß  vielleicht
jedes  aufrichtige  und  ernste  Suchen  nach  Wahrheit,  selbst
        <pb n="11" />
        I

wenn  es  sie  nicht  erreicht,  ihr  oft  so  nahe  kommt,  daß
andere  glücklichere  Geister,  indem  sie  Begrenztheit  und
Irrtümer  erkennen,  zu  einer  weiteren  Einsicht  gelangen.
Ich  habe  diese  lange  und  sehr  uninteressante  Erklärung
nicht  etwa  gegeben,  um  durch  die  Darlegung  der  Bedingungen, ­
  unter  denen  das  kleine  Buch  geschrieben  wurde,
irgendwelche  Wiederholungen  oder  literarische  Mängel  zu
entschuldigen;  denn  das  ist  unwesentlich,  sondern  —  und
dies  ist  sehr  wesentlich  —  weil  es  leicht  zu  Mißverständnissen ­
  über  die  Sache  selbst  führen  könnte,  wenn  man  die
Entstehungsart  des  Büchleins  nicht  genau  kennen  würde.
Das  Buch  bietet  keineswegs  einen  Überblick  über  das
ganze  große  Gebiet  von  Erscheinungen,  die  mit  der  Stellung ­
  der  Frau  in  Zusammenhang  stehen;  es  bedeutet  nicht
einmal  einen  Blick  aus  der  Vogelschau  über  die  ganze
Frage  der  Beziehungen  der  Frau  zur  Arbeit.
In  dem  ursprünglichen  Werk  beschäftigte  sich  unter  zwölf
Kapiteln  nur  eines  mit  dem  Thema  des  Parasitismus  der
Frau,  und  hauptsächlich  aus  diesem  Kapitel  ist  das  vorliegende ­
  Buch  entstanden;  die  Frage  des  Parasitismus  der
Frau  ist,  wie  mir  scheint,  sehr  wichtig,  sehr  wesentlich;
sie  erklärt  viele  Erscheinungen,  die  sich  durch  nichts  sonst
erklären  lassen,  und  ihre  Bedeutung  wird  noch  wachsen.
Aber  für  den  Moment  gibt  es  noch  andere  Gesichtspunkte,
unter  denen  die  Beziehungen  der  Frau  zur  Arbeit  zu  betrachten ­
  eigentlich  ebenso  dringend  wäre.  In  dem  größeren ­
  Buch  hatte  ich  ein  ganzes  Kapitel  der  Untersuchung
dessen  gewidmet,  was  die  Frau  an  Arbeit  geleistet  hat  und
in  der  modernen  Welt  noch  leistet,  und  welch  ungeheure
Übel  aus  der  Tatsache  erwachsen,  daß  ihre  Arbeit,  speziell
die  häusliche  Arbeit,  oft  die  mühseligste  und  endloseste,
die  das  Menschengeschlecht  kennt,  nicht  entsprechend
anerkannt  und  bewertet  wird.  Besonders  in  dieser  Hinsicht,
fürchte  ich,  könnte  das  vorliegende  Buch  zu  einem  Mißverständnis ­
  führen  durch  den  großen  Nachdruck,  den  es
8
        <pb n="12" />
        auf  das  Problem  des  Geschlechtsparasitismus  legt,  und  die
leichtere  Behandlung  der  anderen  Gesichtspunkte,  wodurch
der  Eindruck  erweckt  werden  könnte,  daß  die  häusliche  Arbeit ­
  der  Frau  der  Gegenwart  (die  etwas  durchaus  Verschiedenes ­
  von  den  geschlechtlichen  Beziehungen  von  Mann  und
Frau  ist,  wenn  sie  auch  indirekt  damit  in  Zusammenhang
steht)  nicht  hoch  und  aufs  höchste  anzuerkennen  und  zu  bewerten ­
  sei.  Ich  glaube,  daß  in  der  Zukunft  die  Frau,  die  ihr
selbständiges  Arbeitsgebiet  aufgibt,  um  häusliche  und  eheliche ­
  Pflichten  irgendwelcher  Art  zu  übernehmen,  ihren
Teil  am  Einkommen  des  Mannes  nicht  mehr  als  eine  mehr
oder  weniger  almosenartige  Unterstützung  erhalten  wird,
die  sie  in  die  Lage  der  Untergebenen  versetzt,  sondern  als
einen  ihr  in  gerechter  Teilung  zukommenden  gleichen  Anteil ­
  zwischen  gleichberechtigten  Partnern.*
Besonders  fürchte  ich,  daß  die  in  diesem  kleinen  Buch,
losgelöst  von  anderen  Seiten  der  Frage,  behandelten  Punkte
zu  der  Annahme  führen  könnten,  ich  hielte  es  für  möglich
oder  wünschenswert,  daß  die  Frau  neben  ihrer  Aufgabe
des  Gebärens  auch  noch  den  Pflichtanteil  des  Mannes  übernehmen ­

  und  nicht  nur  ihm  gegenüber  alle  häuslichen
Pflichten  erfüllen,  sondern  auch  für  den  Unterhalt  seines
Kindes  und  für  sich  selbst  sorgen  solle.  In  dem  ursprünglichen ­
  Buch  hatte  ich  in  dem  Kapitel  über  die  Arbeit  des
Mannes  in  bezug  auf  Frau  und  Kinder  mehr  als  hundert

*  Man  wird  vielleicht  einwenden,  wo  Mann  und  Frau  einander  würdig
hielten,  sich  unter  allen  Menschen  zu  lebenslänglicher  physischer  Vereinigung ­
  zu  erwählen,  sei  es  unstatthaft  anzunehmen,  daß  eine  Regelung
ökonomischer  Verhältnisse  irgend  notwendig  wäre.  Die  Liebe  rechnet
nicht!  Und  ein  jeder  kenne  nur  den  Wunsch,  den  andern  an  Hingabe  zu
überbieten.  Daß  dem  so  sein  sollte,  ist  richtig,  daß  es  in  dem  Fall  der
Vereinigung  zweier  moralisch  vollkommen  entwickelter  Menschen  so  ist,
ist  ebenfalls  richtig,  und  daß  dieser  Zustand  in  einer  entfernten  Zukunft
ein  fast  allgemeiner  sein  wird,  ist  sicher  richtig.  Aber,  wenn  wir  die
Sache  als  praktische  Gegenwartsfrage  betrachten,  so  handelt  es  sich
nicht  um  das,  was  sein  sollte  oder  was  sein  wird,  sondern  was  unter
den  gegebenen  Überlieferungen  und  Einrichtungen  unserer  Gesellschaft
heute  tatsächlich  besteht.
        <pb n="13" />
        Seiten  daran  gewendet,  zu  beleuchten,  wie  wichtig  für  die
Humanisierung  und  Zivilisierung  des  Mannes  und  damit
der  ganzen  Menschheit  eine  gesteigerte  geschlechtliche
und  väterliche  Verantwortlichkeit  wäre  und  eine  höhere
Gerechtigkeit  gegenüber  der  Frau  als  häuslicher  Arbeiterin.
In  dem  zweitenTeil  desselben  Kapitels  behandelte  ich  dann
ausführlich  eine  mir  momentan  fast  noch  dringender  erscheinende ­
  praktische  Frage  der  Geschlechter  —  die  Haltung ­
  des  Mannes  gegenüber  jenen  Frauen,  die  nicht  im
Hause  beschäftigt  sind,  gegenüber  der  großen  und  an  Zahl
immer  zunehmenden  Gruppe  von  Frauen,  die  durch  die
Entwicklung  der  modernen  Verhältnisse  in  den  Strom  des
Erwerbslebens  hinausgetrieben  werden,  sich  selbst  und
andere  durch  ihre  eigene  Arbeit  erhalten  müssen  und  die
da  an  Händen  und  Füßen  gebunden  sind,  nicht  durch  die
geistigen  oder  körperlichen  Schranken  ihrer  Natur,  sondern ­
  durch  künstliche  Einschränkungen  und  Vorurteile,  den
Überbleibseln  eines  vergangenen  Gesellschaftzustandes.
Es  ist  gerade  dieser  Mißstand,  der,  wenn  man  die  Sache
eingehend  in  all  ihren  Folgeerscheinungen  studiert,  als  die
Wurzel  und  Hauptquelle  des  entsetzlichsten  sozialen  Übels,
unter  dem  wir  leiden,  erkannt  werden  wird.
Keine  andere  Tatsache  in  dem  ganzen  Verhältnis  der  Frau
zu  unserer  heutigen  Gesellschaft  nähert  sich  so  sehr  einem
willkürlichen  und  unerhörten  „Rechtsbruch“,  als  die,  daß
es  bei  gleicher,  von  Mann  und  Frau  gleich  gut  verrichteter
Arbeit  Gesetz  geworden  ist,  die  Frau  einzig  auf  Grund
ihres  Geschlechtes  niedriger  zu  entlohnen.
Es  ist  mir  immer  unbegreiflich  gewesen,  daß  Männer  von
Aufklärung  und  Billigkeit  das  Bestehen  einer  solchen  Ungleichheit ­
  auch  nur  eine  Stunde  lang  dulden  können,  und  es
ist  nur  erklärlich  als  Folge  des  verblendenden  Einflusses
von  Gewohnheit  und  Herkommen.  Ich  persönlich  habe
dieses  Unrecht  immer  so  tief  empfunden,  daß  dieser
Punkt  und  nur  noch  ein  anderer  im  Verhältnis  von  Mann

io
        <pb n="14" />
        und  Frau  die  einzigen  in  der  Frauenfrage  sind,  bei  denen
ich,  so  oft  ich  daran  denke,  mit  aller  Gewalt  meine  Entrüstung ­
  niederringen  und  in  Schranken  halten  muß,  um
mir  die  Objektivität  der  Betrachtung  zu  wahren.  Ich
würde  es  daher  sehr  bedauern,  wenn  die  leichte,  nebensächliche ­
  Art,  in  der  diese  Frage  in  dem  vorliegenden  kleinen ­
  Buch  berührt  wurde,  sie  von  weniger  eminenter  Bedeutung ­
  erscheinen  ließe,  als  sie  mir  zu  sein  dünkt.
Im  letzten  Kapitel  des  ursprünglichen  Buches,  dem  längsten ­
  und  wie  ich  glaube  wichtigsten,  behandelte  ich  die
Probleme  der  Ehe  und  des  persönlichen  Verhältnisses  von
Mann  und  Frau  in  der  modernen  Welt.  Hier  versuchteich
auszudrücken,  was  ich  für  eine  große  Wahrheit  halte,  über
die  das  Urteil  kommender  Generationen  herauszufordern
ich  mich  nicht  scheue  —  daß  nämlich  die  Richtung  aller
Bestrebungen  der  Frauen,  sich  den  neuen  Lebensbedingungen ­
  anzupassen,  nicht  zu  größerer  Lockerung  geschlechtlicher ­
  Beziehungen,  nicht  zu  Promiskuität  oder
Zügellosigkeit  führen,  sondern  zu  einer  höheren  Bewertung ­
  der  Heiligkeit  aller  Geschlechtsbeziehungen,  einer
klareren  Erkenntnis  des  Geschlechtsverhältnisses  zwischen
Mann  und  Frau  als  der  Grundlage  der  menschlichen  Gesellschaft, ­
  von  deren  Lauterkeit,  Schönheit  und  Gesundheit
die  Gesundheit  und  Schönheit  des  menschlichen  Lebens
als  Ganzes  abhängig  ist.  Vor  allem  aber  werden  diese  Bestrebungen ­
  zu  einer  engeren,  dauernderen,  gefühl-  und  geisterfüllteren
  und  innigeren  Verbindung  zwischen  Mann  und
f  rau  als  Individuen  führen.  Und  wenn  in  dem  jetzigen  ordnungslosen ­
  Übergangsstadium  unseres  gesellschaftlichen
Wachstums  die  Ehescheidung  als  ein  notwendiges  Mittel
der  Regelung  zulässig  erscheint,  so  geschieht  es  nicht,
weil  eine  solche  Regelung  leicht  genommen  werden  soll;
sondern  wir  müssen,  wie  bei  einem  komplizierten,  feinen
Mechanismus,  der  von  einer  zentralen  Feder  bewegt  wird,
in  das  Werk  eingreifen,  um  die  Feder  anzupassen  und  zu
        <pb n="15" />
        12

regulieren,  weil  von  der  absoluten  Vollkommenheit  ihrer
Funktion  die  ganze  Bewegung  des  Mechanismus  abhängt.
Auf  den  letzten  Seiten  des  Buches  endlich  suchte  ich
einer,  wie  mir  scheint,  tiefen  und  oft  übersehenen  Wahrheit ­
  Ausdruck  zu  geben.  Mit  der  langsam  fortschreitenden
Entwicklung  der  Menschheit  und  der  menschlichen  Gesellschaft ­
  aus  ihrem  gegenwärtigen  barbarischen  und  halbbarbarischen ­
  zu  einem  höheren  Zustand  auf  dem  Gebiet
des  Geschlechtslebens  wird  es  sich  immer  deutlicher  zeigen, ­
  daß  neben  und  über  der  Funktion,  den  Strom  des
physischen  Lebens  zu  erzeugen  und  weiter  zu  leiten  (einer
Funktion,  die  das  Gattungsleben  der  Menschheit  mit  dem  der
niedrigsten  Tiere  und  Pflanzenteilt,  die  aber  selbst  von  bedeutenden ­
  Denkern  der  Gegenwart  als  dessen  einzig  mögliche
betrachtet  zu  werden  scheint),  das  Geschlecht  und  die  geschlechtliche ­
  Verbindung  von  Mann  und  Frau,  ganz  abgesehen ­
  von  der  physischen  Fortpflanzung,  auch  ästhetische, ­
  geistige  und  seelische  Funktionen  und  Ziele  besitzt.
So  vornehm  die  Aufgabe  der  physischen  Fortpflanzung  der
Menschheit  durch  die  Vereinigung  von  Mann  und  Frau
an  sich  ist,  so  liegen  in  ihr,  richtig  besehen,  noch  andere
höhere  Formen  schöpferischer  Energie  und  lebenspendender ­
  Kraft  verborgen,  deren  Geschichte  auf  Erden  kaum
begonnen  hat.  So  wie  die  erste  wilde  Rose,  als  sie  an
ihrem  Stengel  saß,  mit  ihrem  Kreis  von  Staubfäden  und
Stempel  und  einem  einzigen  Wirtel  blasser  Blumenblätter
erst  ihren  Lauf  begonnen  hatte  und  dazu  bestimmt  war,  im
Laufe  der  Zeiten  Staubfaden  um  Staubfaden,  Blatt  um
Blatt  zu  entwickeln,  bis  sie  hunderte  Formen  der  Freude
und  Schönheit  annahm.
Und  es  möchte  fast  scheinen,  daß,  während  der  Mann
so  oft  auf  anderen  Wegen  der  Führende  war,  hier  auf  dem
Wege  zu  höherem  Geschlechtsleben  auf  Erden  es  vielleicht ­
  die  Frau  sein  wird,  die  auf  Grund  jener  selben  geschlechtlichen ­
  Bedingungen,  die  sie  in  der  Vergangenheit
        <pb n="16" />
        iß

niedergedrückt  und  gefesselt  haben,  nun  die  Führende
sein  wird  und  der  Mann  wird  folgen.  So  daß  endlich  die
Geschlechtsliebe,  dieser  müde  Engel,  der  die  Zeiten  hindurch ­
  den  Gang  der  Menschheit  geleitet  hat,  mit  irrem
Auge  und  gebrochenen  Schwingen,  die  Flügel  so  vom
Schlamm  der  Lust  und  Gier  beschmutzt,  die  goldenen
Locken  so  vom  Schutt  des  Unrechts  und  der  Unterdrükkung
  besudelt,  daß,  die  ihn  erblickten,  entsetzt  aufschrien:
„Er  ist  das  Unheil,  nicht  das  Heil  des  Lebens“,  und  ihn
auszutreiben  versuchten  —  daß  dieser  Engel  nun  im  Strom
der  Freundschaft  und  Freiheit,  vom  Kot  und  Staub  der
Jahrhunderte  reingebadet,  sich  aufschwingt  mit  ausgebreiteten ­
  weißen  Schwingen,  die  im  Sonnenschein  einer  fernen
Zukunft  erglänzen  —  das  wahrhaft  Gute  und  Schöne  des
menschlichen  Lebens.
Ich  habe  dieses  Büchlein  meiner  Freundin  Lady  Constance
  Lytton  gewidmet,  nicht  weil  ich  es  ihrer  wert  erachte,
noch  auch  um  der  glänzenden  Rolle  willen,  die  sie  in  dem
Kampf,  den  die  Frauen  Englands  gegenwärtig  für  gewisse
Formen  der  Freiheit  führen,  gespielt  hat.  Ich  tue  es,  weil,
wenn  ich  dies  ohne  die  Heiligkeit  naher  persönlicher
Freundschaft  zu  verletzen,  sagen  darf,  sie  neben  ein
oder  zwei  anderen  Männern  und  Frauen,  die  ich  gekannt
habe,  für  mich  das  höchste  Ideal  menschlicher  Natur  verkörpert, ­
  in  dem  geistige  Kraft  und  Stärke  des  Willens  mit
unendlicher  Zartheit  und  weitherzigem,  menschlichem  Mitgefühl ­
  verbunden  sind,  eine  Vereinigung,  die,  ob  sie  sich
nun  bei  Mann  oder  Frau  findet,  das  Wesen  des  voll  abgerundeten, ­
  harmonischen  Menschen  ausmacht.  Wie  es  eine
geniale  Engländerin  in  eine  Zeile  zusammenfaßte,  als  sie
ihre  große  französische  Schwester  apostrophierte:  „Du  großdenkende ­
  Frau  und  mildherziger  Mann!“
N  och  einWort  will  ich  hinzufügen,  da  ich  nicht  mehr  über  diesen ­
  Gegenstand  reden  oder  schreiben  dürfte.  Zu  den  Männern
und  Frauen  der  kommenden  Generation  möchte  ich  spre ­
        <pb n="17" />
        gi
B

chen:  „Ihr  werdet  mit  Verwunderung  auf  uns  zurückblicken!
Ihr  werdet  staunen  über  die  leidenschaftlichen  Anstrengungen, ­
  die  so  wenig  erreichten,  über  die,  euch  so  klaren
.Wege,  die  wir  nicht  fanden;  über  die  unerträglichen  Übel,
denen  gegenüber  wir,  wie  es  euch  scheinen  wird,  untätig
blieben;  über  die  großen  Wahrheiten,  die  uns  ins  Gesicht
blickten  und  die  Vir  nicht  erkannten;  über  die  Wahrheiten,
nach  denen  unsere  Hände  langten,  ohne  sie  ganz  erfassen
zu  können.  Ihr  werdet  euch  wundem  über  diese  Arbeit,  die
so  wenig  erreichte  —  aber  eins  werdet  ihr  nicht  wissen,
daß  es  der  Gedanke  an  euch  war,  der  uns  den  Kampf
kämpfen  ließ,  den  wir  kämpften  und  das  Wenige  erreichen, ­
  das  wir  erreicht  haben  „der  Gedanke  an  euere  höhere
Vollendung,  an  euer  reicheres  Leben,  in  dem  wir  Trost
fanden  für  die  Wertlosigkeit  unseres  eigenen.“
„Was  ich  zu  sein  gestrebt,  nicht  was  ich  war,  das  ist  mein  Trost.“
o.  s.

14
        <pb n="18" />
        15

I.  PARASITISMUS

er  aufmerksam  den  Streit  verfolgt,  der  sich  fn  der

W  modernen  Welt  erhoben  hat,  in  dem  bald  dies,  bald
jenes  durch  und  für  große  Frauengruppen  gefordert
wird,  der  kann  als  Grundton  unter  all  dem  wirren  Lärm
den  Ruf  heraushören:  Gebt  uns  Arbeit  und  die  Bildung, ­
  die  uns  zur  Arbeit  befähigt!  Wir  fordern
dies  nicht  allein  für  uns,  sondern  um  der
Menschheit  willen.
Wir  wollen  diese  Forderung  folgendermaßen  logisch
entwickeln:  Gebt  uns  Arbeit!  Unzählige,  Tausende,  Millionen ­
  Jahre  haben  wir  gearbeitet.  Als  der  Mann  der
Urzeit  unstät  umherwanderte,  der  nackte,  kaum  zu  aufrechtem ­
  Gang  gelangte  Wilde  jagte  und  focht,  wanderten
wir  mit  ihm;  jeder  seiner  Wege  war  der  unsere.  In  unseren ­
  Leibern,  auf  unseren  Schultern  trugen  wir  das  Geschlecht; ­
  wir  suchten  Wurzeln  und  Kräuter  für  seine  Nahrung; ­
  wir  bereiteten  das  Wild,  das  der  befiederte  Pfeil
oder  die  Schlinge  des  Mannes  erreichte.  Seite  an  Seite
wanderten  wir,  der  wilde  Mann  und  die  wilde  Frau,  und
frei  arbeiteten  wir  gemeinsam.  Und  wir  waren  zufrieden!
Dann  trat  ein  Wandel  ein.  Die  Wanderungen  hörten  auf;
wir  ließen  uns  auf  einem  Fleck  Erde  nieder;  wieder  ward
die  Arbeit  unseres  Lebens  zwischen  uns  geteilt.  Während
der  Mann  zur  Jagd  auszog  oder  in  den  Kampf  gegen  den
Feind,  der  all  unseren  Besitz  bedrohte,  bearbeiteten  wir  das
Land.  Wir  lockerten  die  Erde,  wir  schnitten  das  Korn,  wir
erbauten  die  Wohnungen,  wir  woben  die  Kleider,  wir  formten ­
  die  irdenen  Gefäße  und  zeichneten  Linien  darauf,  der
erste  Versuch  der  Menschheit  in  häuslicher  Kunst.  Wir
studierten  die  Eigenschaften  und  den  Nutzen  der  Pflanzen,
und  unsere  alten  Frauen  waren  die  ersten  Ärzte  der  Rasse,
wie  auch  oft  ihre  ersten  Priester  und  Propheten.
Wir  ernährten  das  Geschlecht  an  unseren  Brüsten,  wir
        <pb n="19" />
        16

trugen  es  in  unseren  Armen,  durch  uns  ward  es  gebildet,
ernährt  und  bekleidet.  Mühsamer  und  endloser  war  unsere
Arbeit  als  jene  des  Mannes,  und  dennoch  klagten  wir  nie,
daß  sie  uns  zu  schwer  fiele.  Während  der  wilde  Mann  im
Sonnenschein  auf  seinen  Fellen  lag,  ausruhte,  um  neue
Kräfte  für  Jagd  und  Krieg  zu  sammeln,  oder  seine  todbringenden ­
  Waffen  schnitzte,  aß  und  trank  er,  was  unsere
Hände  für  ihn  bereitet  hatten.  Und  wenn  wir  über  unserem
Mühlstein  knieten  oder  die  Felder  auf  harkten,  vielleicht
mit  einem  Kinde  im  Leibe  und  einem  andern  auf  dem
Rücken,  arbeiteten,  bis  der  junge  Körper  vorzeitig  alterte
—  jammerten  wir  jemals,  daß  die  uns  zugeteilte  Arbeit  zu
hart  sei?  Wußten  wir  nicht,  daß  das  Weib,  das  sich  seiner
Bürde  entledigte,  dem  Manne  glich,  der  in  der  Schlacht
seinen  Schild  wegwarf  —  ein  Feigling  und  Verräter  seines
Volkes?  Der  Mann  kämpfte  —  das  war  seine  Aufgabe;  wir
ernährten  und  zogen  das  Geschlecht  auf  —  das  war  die
unsere.  Wir  wußten,  daß  von  unserer  Arbeit  wie  von  der
des  Mannes  das  Leben  und  Wohlbefinden  des  Volkes  abhing, ­
  das  wir  geboren  hatten.  Wir  ertrugen  unsere  schwere
Arbeit  ruhig,  wie  der  Mann  seine  Wunden,  und  wir  waren
zufrieden.
Dann  kam  wieder  ein  Wandel.  Jahrhunderte  vergingen,
und  es  kam  eine  Zeit,  wo  nicht  mehr  alle  Männer  auf  die
Jagd  oder  in  den  Krieg  mußten,  wo  nur  einer  von  fünf  oder
von  zehn  oder  von  zwanzig  fortwährend  hiervon  in  Anspruch ­
  genommen  wurde;  da  nahm  unser  Gefährte  einen
Teil  unserer  Arbeit  auf  sich;  denn  sein  altes  Arbeitsfeld
bot  nicht  mehr  genug  Beschäftigung.  Auch  er  begann  das
Feld  zu  bebauen,  Häuser  zu  errichten,  Korn  zu  mahlen,
oder  seine  Sklaven  mußten  es  tun;  und  die  Harke,  die
Töpferscheibe  und  sogar  der  Mahlstein,  den  wir  zuerst  aufgelesen ­
  und  geglättet  hatten,  um  die  Nahrung  unserer  Kinder ­
  zu  mahlen,  alles  ging  von  unseren  Händen  in  die  seinen ­
  über.  Das  alte  schöne  Leben  im  Freien  hatte  für  uns
        <pb n="20" />
        2  Schreiner,  Die  Frau

17

ein  Ende;  wir  zogen  uns  in  die  Häuser  zurück,  wo  die  Zeit
langsamer  vergeht  und  die  Welt  trauriger  erscheint  als
unter  freiem  Himmel;  doch  wir  hatten  unsere  Arbeit  und
wir  waren  zufrieden.  Wenn  wdr  auch  die  Nahrung  unseres ­
  Volkes  nicht  mehr  unter  unseren  Händen  reifen  sahen,
so  bereiteten  wir  sie  doch;  wenn  wir  auch  den  Flachs  und
den  Hanf  nicht  immer  mehr  selbst  pflanzten  und  vorrichteten, ­
  so  webten  wir  doch  die  Gewänder  für  die  Unseren;
wenn  wir  auch  die  Wände  unserer  Häuser  nicht  mehr  errichteten, ­
  so  bedeckten  wir  sie  doch  mit  Teppichen,  die
das  Werk  unserer  Hände  waren.  Wir  brauten  das  Bier,
kochten  und  verordneten  die  Heiltränke,  die  als  Arzneien
dienten,  und  unter  unseren  Augen  wuchsen  die  Kinder,  die
wir  geboren,  heran  von  der  Geburt  bis  zur  Mannheit;
ihre  Stimme  konnte  uns  immer  erreichen.  Wir  saßen
spinnend  vor  der  Haustüre  und  blickten  über  die  Felder
hin,  die  wir  einst  selbst  bestellt  hatten  —  und  wir  waren
zufrieden.  Adlige,  Bäuerinnen  und  Bürgersfrauen,  wir  alle
hatten  unser  Teil  Arbeit  zugemessen!
Hätte  man  vor  tausend  Jahren  irgendeine  Edeldame  gefragt, ­
  ob  sie  nicht  in  den  Kampf  ziehen  wolle  oder  im
Ratssaal  Recht  sprechen,  oder  neue  Gesetze  beraten  wolle,
sie  hätte  sicher  geantwortet:  „Bin  ich  verrückt,  daß  man
solche  Fragen  an  mich  richtet?  Habe  ich  nicht  hundert
Mägde  am  Spinnrad  und  am  Stickrahmen  sitzen  ?  Muß  ich
nicht  mit  eigenen  Händen  Hunderten  meiner  Leute  das
Brot  zuteilen?  Geh  in  die  große  Halle  und  sieh  dir  die
Teppiche  an,  die  ich  in  jahrelanger  Arbeit  mit  meinen
Mägden  geschaffen  und  an  denen  wir  noch  zwanzig  Jahre
zu  arbeiten  haben,  daß  sie  meinen  Kindeskindern  einst
Zeugnis  ablegen  von  den  großen  Taten  ihrer  Vorväter.
Geh  in  meine  Vorratskammer  und  sieh  die  Salben  und
Heiltränke,  die  ich  mit  eigenen  Händen  bereitete,  um
meine  Leute  und  die  Kranken  der  Umgebung  zu  heilen.
Es  würde  schlimm  stehen,  wenn  die  Männer  heim  kämen

I
        <pb n="21" />
        von  Krieg  und  Kampf  gegen  wilde  Tiere,  müde  und  wund,
und  das  Weibervolk  wäre  abwesend,  um  zu  fechten  und  zu
jagen,  und  niemand  wäre  da,  ihre  Wunden  zu  verbinden,
ihr  Mahl  zu  bereiten,  den  Haushalt  zu  führen  und  zu  regieren. ­
  Weit  eher  könnte  mein  Herr  und  sein  Gefolge  uns
in  unserer  Arbeit  beistehen,  als  daß  wir  ihnen  hülfen.  Du
hast  wohl  deinen  Verstand  verloren!  Was  sollte  aus  dem
Lande  werden,  wenn  die  Frauen  ihre  Arbeit  verließen?“
Und  hätte  man  die  Bürgersfrau  gefragt,  warum  sie  nicht
im  Laden  ihres  Mannes  mitarbeite  oder  Waren  auf  den
Markt  oder  in  fremde  Länder  trüge,  sie  würde  sicher  geantwortet ­
  haben:  „Raube  mir  meine  Zeit  nicht  mit  solchen
Fragen.  Das  Brot  ist  im  Backofen,  ich  rieche  schon,  wie
es  sich  bräunt.  Der  Winter  naht  heran,  meine  Kinder  brauchen ­
  wollene  Unterkleider,  und  mein  Mann  braucht  einen
warmen  Rock.  Ich  habe  sechs  Bottiche  Bier  zu  brauen,
meine  Töchter  muß  ich  spinnen  und  nähen  lehren,  und
meine  Jüngsten  hängen  an  meinen  Röcken.  Und  du  fragst
mich,  warum  ich  nicht  Arbeit  außer  Haus  suche!  Mein
Gott,  sollte  ich  meinen  Haushalt  verlassen  und  dann  im
Sommer  verhungern  und  im  Winter  erfrieren  und  meine
Kinder  verwahrlosen  lassen,  während  ich  herumirre  nach
neuer  Arbeit.  Der  Mann  muß  seinen  Wanst  gefüllt  und
etwas  Warmes  auf  dem  Leib  haben,  das  ist  das  erste.  Wer
sollte  spinnen  und  backen  und  brauen  und  die  Kinder
pflegen  und  erziehen,  wenn  ich  in  die  Fremde  zöge?  Noch
mehr  Arbeit,  wenn  schon  jetzt  die  Tage  nicht  reichen  und
ich  bis  in  die  Nacht  hinein  arbeiten  muß!  Ich  habe  keine  Zeit
mit  Narren  zu  reden!  Wer  sollte  für  den  Nachwuchs  sorgen ­
  und  ihn  aufziehen,  wenn  nicht  ich?“
Und  das  junge  Mädchen,  das  an  der  Haustür  am  Spinnrad ­
  sitzt,  sie  hätte  auf  die  Frage,  wieso  sie  zufrieden  wäre,
warum  sie  nicht  nach  Arbeitsfeldern  suche,  sicher  geantwortet ­
  :  „Laß  mich  in  Frieden,  ich  habe  keine  Zeit  dir  zuzuhören. ­
  Siehst  du  nicht,  daß  ich  spinne,  daß  auch  ich  das
        <pb n="22" />
        eigene  Heim  ersehne?  Ich  webe  das  Linnen  für  meinen
Haushalt,  für  die  Jahre,  die  kommen.  Die  Schränke  müssen
gefüllt  sein,  ehe  ich  ans  Heiraten  denken  darf.  Du  kannst
es  nicht  hören;  ich  aber  höre,  wenn  ich  allein  sitze  und
spinne  zwischen  dem  Schnurren  des  Spinnrades  in  weiter
Ferne  die  Stimme  meiner  noch  ungeborenen  Kinder,  und
sie  rufen  mir  zu:  „O  Mutter,  eile  doch,  wir  wollen  leben!“
—  und  manchmal,  wenn  ich,  über  mein  Rad  hinweg,  in  die
Sonne  zu  blicken  scheine,  sehe  ich  die  Glut  meines  eigenen ­
  Kamins,  und  der  Schein  erhellt  die  Gesichter,  die  ihn
umgeben;  und  ich  spinne  eifriger  und  schneller,  wenn  ich
an  die  Zukunft  denke.  Und  mich  frägst  du,  warum  ich
nicht  im  Felde  arbeite  mit  dem  Burschen,  den  ich  gewählt  ?
Ist  denn  seine  Arbeit  wichtiger  für  die  Errichtung  unseres
Heims,  als  die  meine?  O,  unverdrossen  will  ich  für  ihn  und
meine  Kinder  arbeiten,  viele,  viele  Jahre.  Jetzt  kann  ich
aber  nicht  länger  mit  dir  plaudern.  Die  Stimmen  meiner
Kinder  rufen,  und  ich  muß  mich  beeilen.  Und  mich  frägst
du,  warum  ich  nicht  neue  Arbeit  suche,  die  ich  alle  Hände
voll  zu  tun  habe?  Wer  soll  meinem  Volk  neue  Menschen
geben,  wenn  nicht  ich  ?“
So  hätte  unsere  Antwort  in  Europa  in  vergangenen  Zeiten
gelautet,  wenn  man  uns  gefragt  hätte,  wie  es  komme,  daß
wir  mit  unserem  Arbeitsfelde  zufrieden  seien  und  nichts
weiter  suchten.  Der  Mann  hatte  seine  Arbeit;  wir  hatten
die  unsere.  Wir  wußten,  daß  wir  unsere  Welt  auf  unseren
Schultern  trugen,  und  daß  sie  durch  unserer  Hände  Arbeit
gestärkt  und  erhalten  wurde  —  und  wir  waren  zufrieden.
Aber  jetzt  kam  wieder  ein  Wandel.
Etwas  ganz  Neues  trat  in  den  menschlichen  Arbeitskreis,
und  nichts  blieb,  wie  es  vorher  gewesen.
Im  Arbeitsfeld  des  Mannes  hat  sich  der  Wandel  vollzogen ­
  und  vollzieht  sich  immer  rascher.  Auf  einem  Stück
Land,  auf  dem  sich  einst  fünfzig  Männer  und  Burschen
mit  Zugvieh  plagten,  arbeitet  jetzt  ein  Dampfpflug,  nur  von
2*

19
        <pb n="23" />
        20

wenigen  Händen  geführt,  und  eine  automatische  Mähmaschine ­
  schneidet,  bindet  und  bereitet  für  den  Speicher
das  Produkt  von  Feldern,  das  einst  hundert  starke  Männerarme ­
  zur  Ernte  erfordert  hätte.  Die  eisernen  Werkzeuge
und  Waffen,  von  denen  jedes  einzelne  Stück  unsern  Vorvätern ­
  monatelange,  schwere  Mühe  kostete,  bis  das  Metall
aus  dem  Erz  geschieden,  geformt  und  gehärtet  war,  —
sie  werden  jetzt  von  dampfgetriebenen  Maschinen  herausgeschüttet, ­
  wie  aus  dem  Mühlbach  das  Wasser  hervorschießt. ­
  Und  sogar  im  Kriege,  des  Mannes  ältestem
und  ureigenstem  Gebiet,  auch  darin  griff  ein  völliger  Umsturz ­
  der  alten  Ordnung  ein.  Es  gab  eine  Zeit,  wo  die  Muskelkraft ­
  der  Schenkel  und  Arme,  die  Größe  und  Stärke  des
Körpers  hauptsächlich  die  Eignung  des  Mannes  für  den
Krieg  entschied,  wo  ein  Achilles  oder  ein  Richard  Löwenherz ­
  den  Feind  vor  sich  her  jagte,  obwohl  er  nur  mit  einem
Speer  oder  einer  Streitaxt  bewaffnet  war;  heute  kann  das
schwächlichste  Männchen  in  voller  Sicherheit,  hinter  einer
modernen  Maximkanone  postiert,  eine  Phalanx  von  Helden
niedermähen,  die  ein  griechischer  Gott  um  ihre  Arm-  und
Schenkelmuskeln  beneidet  hätte,  die  aber  kraftlos  hinsinken ­
  mußten,  weil  sie  nicht  die  modernen  Kriegswaffen  besitzen. ­
  Die  Tage,  da  der  höchste  Wert  für  die  Menschheit
in  Krieg  und  Frieden  in  des  Mannes  Streck-  und  Beugemuskeln ­
  lag,  sind  vorbei  für  immer,  und  der  Tag,  da  die
Verfeinerung  und  Tätigkeit  von  Gehirn  und  Nerven  die
entscheidende  Wichtigkeit  besitzen,  ist  bereits  erschienen.
Der  Geist  eines  einzigen  lungenkranken  deutschen  Chemikers, ­
  der  einen  neuen  Explosivstoff  in  seinem  Laboratorium ­
  mischt,  beeinflußt  die  Kriege  der  modernen  Völker
mehr,  als  zehntausend  kämpfende  Arme  und  Beine;  und
die  Gehirntätigkeit  eines  Mannes,  der  eine  arbeitsparende
Maschine  erfindet,  verrichtet  eine  Arbeit,  die  sonst  das
Leben  von  Hunderttausenden  seiner  kräftigen  Genossen
ausgefüllt  hätte.
        <pb n="24" />
        Jedes  Jahr,  jeden  Monat,  fast  jede  Stunde  zeigt  sich  wachsend ­
  dieser  Umschwung  auf  den  Gebieten  moderner  Arbeit, ­
  und  immer  tiefer  sinkt  der  Wert  der  rohen  Muskelkräfte ­
  von  Menschen  und  Tieren  auf  dem  Arbeitsmarkt,
während  geistige  Kraft,  Reife,  Gewandtheit  und  jene  Bildung, ­
  die  zur  Herrschaft  über  die  leblosen  Naturkräfte,
zur  Erfindung  von  Maschinen  führt,  im  Verein  mit  der  feinen ­
  Handfertigkeit,  die  zu  deren  Bedienung  erforderlich
ist,  immer  größere  Wichtigkeit  für  die  Menschheit  erlangen. ­
  Schon  stehen  wir  mit  gespannter  Erwartung  am  Vorabend ­
  einer  Erfindung,  einer  einfachen,  billigen  Methode
zur  Dienstbarmachung  verbreiteter,  überall  erreichbarer
Naturkräfte  (wie  z.  B.  der  Kraft  von  Ebbe  und  Flut).
Dann  wird  plötzlich  mit  einem  Schlage  und  für  immer
der  schon  im  jetzigen  Zivilisationsstadium  verhältnismäßig
geringe  Wert  roher,  mechanischer,  menschlicher  Kraft
verschwinden.  Der  physisch  noch  so  kräftige  Mensch,  der,
nach  Art  der  Maschine,  nichts  kann  als  stoßen,  ziehen
und  heben,  wird  auf  den  Gebieten  menschlicher  Arbeit
keinen  Wert  mehr  besitzen.
Daher  sehen  wir  schon  heute  überall,  wo  die  Bedingungen ­
  moderner  Zivilisation  vorherrschen  und  in  dem  Maße  in
dem  sie  vorherrschen,  überall  wo  die  Kräfte  des  Dampfes,
der  Elektrizität,  des  Windes  und  Wassers  durch  menschlichen ­
  Geist  als  Bewegungskräfte  in  den  Dienst  der  Vervollkommnung ­
  menschlicher  Arbeit  gezwungen  sind,  wo
fein  angepaßte,  wissenschaftlich  konstruierte  Maschinen  an
die  Stelle  einfacher  Handarbeit  getreten  sind,  in  der  ganzen ­
  Welt  große  Gruppen  von  Männern,  denen  ihre  alten
Arbeitsgebiete  entschwunden  sind  oder  im  Begriff  sind
zu  entschwinden,  und  die  vor  der  Tatsache  stehen,  daß  die
moderne  Welt  weder  Platz  noch  Bedarf  für  sie  hat.
Je  mehr  unsere  Zivilisation  fortschreitet,  um  so  mehr  finden ­
  wir  an  unseren  Hafenplätzen,  in  den  Straßen  und  auf
den  Feldern  überall  Männer,  deren  Gestalt  und  Körper21 ­
        <pb n="25" />
        kraft  sie  in  primitiveren  Zeiten  als  Krieger  zu  unschätzbaren ­
  Mitgliedern  der  Gemeinschaft  gemacht  hätte,  und  die
selbst  noch  in  Zeiten  geringerer  Zivilisation  als  der  unseren ­
  wertvoll  als  Arbeitsmaschinen  gewesen  wären,  heute
aber,  mangels  intellektueller  oder  manueller  Ausbildung,
der  Gesellschaft  keine  wirklich  notwendige  Leistung  zu
bieten  haben  und  daher  das  große  „Heer  der  Arbeitslosen“
bilden  —  Menschen,  deren  einziger  Besitz  an  Fähigkeiten
bei  ihren  Nebenmenschen  so  wenig  Anwert  findet,  daß  sie
trotz  intensivster  physischer  Anstrengung  kaum  das  Nötigste ­
  verdienen.  Die  materiellen  Lebensbedingungen  haben ­
  sich  rapid  verändert,  aber  der  Mensch  nicht  mit  ihnen.
Maschinen  haben  größtenteils  sein  Arbeitsfeld  eingenommen; ­
  er  aber  hat  kein  neues  dafür  gefunden.
Von  diesen  Männern,  die,  vom  allgemein  menschlichen
Standpunkt  betrachtet,  oft  zu  den  liebenswürdigsten  und
interessantesten  Typen  gehören,  und  die  in  primitiveren
Zeiten,  wo  physische  Kraft  als  Hauptfaktor  galt,  vielleicht
die  Führer,  Helden  und  Häuptlinge  ihres  Volkes  gewesen
wären,  von  diesen  geht  in  der  modernen  Welt  der  bittere
Schrei  der  Arbeitslosen  aus:  „Gebt  uns  Arbeit,  wir  sterben.* ­

Und  doch  ist  es  nur  ein  Teil,  und  zwar  ein  verhältnismäßig ­
  kleiner  Teil  der  Männer  der  modernen,  zivilisierten
Welt,  auf  die  der  Umschwung  der  materiellen  Lebensbedingungen ­
  so  gewirkt  hat,  daß  er  sie  um  alle  nützliche
Beschäftigung  gebracht  und  sie  gänzlich  oder  teilweise  unnütz ­
  für  die  Gesellschaft  gemacht  hat.  Wenn  die  Arbeitsgelegenheit ­
  des  modernen  Mannes  auf  der  einen  Seite,  der
physischen,  abgenommen  hat,  so  hat  sie  auf  der  anderen,
*  Das  Problem  der  Arbeitslosigkeit  des  Mannes  ist  natürlich  lange  nicht
so  neu,  wie  das  der  Arbeitslosigkeit  der  Frau.  In  England  ist  es  schon
im  15.  Jahrhundert,  als  die  wirtschaftlichen  Veränderungen  anfingen,  den
Landarbeiter  von  seinem  Boden  zu  trennen  und  ihn  seiner  alten  Arbeitsarten ­
  zu  berauben,  fast  in  seiner  heutigen  Form  aufgetaucht.  Und  doch
muß  man  das  Problem  in  seiner  schärfsten  Form  ein  modernes  nennen.
        <pb n="26" />
        23

der  intellektuellen,  unermeßlich  zugenommen.  Wenn  Maschinen ­
  und  die  Herrschaft  über  die  Naturkräfte  des  Mannes ­
  physische  Kraft  verhältnismäßig  entwerteten,  so  wuchs
die  Nachfrage  nach  seinen  geistigen  Fähigkeiten,  seiner
nervösen  Energie  und  nach  feinerer  manueller  Geschicklichkeit ­
  in  der  Arbeit  des  täglichen  Lebens  ins  Unabsehbare. ­

Nach  zahllosen  neuen  Richtungen  eröffneten  sich  dem
modernen  Manne  ehrende  und  einträgliche  soziale  Arbeiten,
von  denen  sich  seine  Ahnen  nichts  träumen  ließen,  und
täglich  wachsen  sie  noch  an  Zahl  und  Wichtigkeit.  Dampfschiff, ­
  hydraulischer  Lift,  Eisenbahn,  elektrische  Trambahn, ­
  Dampfmühle,  Maximgeschütz  und  Torpedoboot  mögen, ­
  wenn  sie  fertig  sind,  ihre  Arbeit  mit  Leitung  und
Hilfe  verhältnismäßig  weniger  Hände  verrichten;  aber  zu
ihrer  Erfindung,  Konstruktion  und  Erhaltung  bedarf  es
einer  ganzen  Armee  von  Gelehrten,  Technikern  und  tüchtig ­
  geschulten  Arbeitern.  Im  Bereich  der  Kunst,  Wissenschaft, ­
  Literatur  und  vor  allem  in  der  Politik  und  Verwaltung ­
  hat  eine  fast  unendliche  Vermehrung  der  Männerarbeit ­
  stattgefunden.  Während  in  primitiver  Zeit  die  Frau
oft  der  einzige  Baumeister  war  und  die  Muster,  die  sie  auf
die  Wände  ihrer  Hütte  oder  auf  irdene  Gefäße  kleckste,
die  einzigen  Versuche  bildender  Kunst  waren,  und  während ­
  später  wenige  Männer  genügten,  um  da  oder  dort  ein
Königsschloß,  ein  Gotteshaus  zu  errichten  oder  es  mit  Statuen ­
  und  Bildern  zu  schmücken,  ist  heute  eine  Millionen
starke  Armee  beschäftigt,  bildende  Kunst  zu  schaffen,  hohe
und  niedere,  vom  Plakat  und  den  Illustrationen  in  Pfennigjournalen ­
  bis  zu  den  Bildern  und  Statuen,  welche  unsere
Nationalgalerien  schmücken,  und  die  einst  nur  jagenden
und  kämpfenden  Männer  haben  ein  mächtig  großes  Arbeitsfeld ­
  gewonnen.  Wo  einst  eine  alte  Wunderdoktorin
vielleicht  das  einzige  Geschöpf  in  der  ganzen  Gegend  war,
das  die  Naturkräuter  und  Gesteine  .studierte,  oder  ein
        <pb n="27" />
        24

Zauberer,  der  mit  Giften  experimentierte,  weit  und  breit
das  einzige  Individuum,  das  sich  mit  der  Natur  beschäftigte, ­
  und  wo  früher  ein  paar  Dutzende  von  Alchimisten
und  Astrologen  die  Zusammensetzung  der  Stoffe  oder  die
Bewegung  der  Planeten  studierten,  da  arbeiten  heute  Tausende ­
  in  jeder  zivilisierten  Gesellschaft  daran,  die  Geheimnisse ­
  der  Natur  zu  enträtseln,  und  der  praktische  Chemiker, ­
  der  Arzt,  der  Anatom,  der  Ingenieur,  der  Astronom,
der  Mathematiker,  der  Elektriker  bilden  eine  mächtige
und  immer  einflußreichere  Armee  von  männlichen  Arbeitern. ­
  Wo  einst  ein  Barde  die  Nation  mit  Literatur  versorgte ­
  oder  später  einige  Tausende  Priester  und  Gelehrte
für  die  wenigen  schrieben,  die  lesen  konnten,  da  arbeitet
heute  eine  Menge  von  Literaten,  zahllos  wie  ein  Heuschreckenschwarm. ­
  Vom  Reporter  bis  zum  Künstler  und
Denker,  für  alle  \vächst  stündlich  die  Nachfrage  nach  ihrer
Arbeit.  Wo  einst  ein  Ausrufer  mit  starken  Beinen  und  kräftigen ­
  Lungen  genügte,  um  die  Neuigkeiten  in  Stadt  und
Land  zu  verbreiten,  da  sitzen  heute  eine  Menge  von  Männern, ­
  um  die  Spalten  der  Morgenblätter  zu  füllen,  und  Hunderte ­
  von  Schriftsetzern  sind  bis  tief  in  die  Nacht  mit  einer
Arbeit  beschäftigt,  die  mehr  manuelle  und  geistige  Kultur ­
  verlangt,  als  die  meisten  Führer  und  Könige  alter  Zeit
besaßen.  Sogar  im  Kriegshandwerk,  dem  brutalsten  und
primitivsten  aller  Geschäfte,  das  auf  der  zivilisierten  Welt
noch  aus  ihrem  Zustand  der  Wildheit  lastet,  auch  darin  ist
der  Bedarf  an  geistiger  Arbeit  ganz  außerordentlich.  Die
Erfindung,  Konstruktion  und  Herstellung  einer  Kruppkanone, ­
  deren  Abfeuerung  kaum  mehr  Muskelkraft  erfordert, ­
  als  ein  Wilder  zum  Werfen  seines  Bumerangs  braucht,
ist  das  Resultat  unendlicher  Mühe  und  Gedankenarbeit,
weit  größerer  als  die  Herstellung  aller  Waffen  einer  primitiven ­
  Armee  kostete.  Vor  allem  aber  auf  dem  Gebiete  der
Politik  und  Verwaltung,  wo  einst  ein  König  oder  eine  Königin ­
  mit  einigen  Räten  die  Herrschaftsführung  und  Gesetz ­
        <pb n="28" />
        gebung  ausübten,  ist  es  heute,  dank  der  schnellen  Verkehrsmittel, ­
  der  Druckerpresse  und  der  daraus  sich  ergebenden ­
  Verbreitung  politischer  und  sozialer  Kenntnisse,
zum  erstenmal  für  jeden  Erwachsenen  der  Gemeinschaft
möglich  geworden,  über  alle  öffentlichen  Angelegenheiten
stets  genau  informiert  zu  sein,  und  in  allen  Kulturstaaten
ist  jeder  einfache  Mann  fast  gezwungen,  seinen,  wenn  auch
kleinen  Teil,  an  den  Pflichten  und  Arbeiten  der  Gesetzgebung ­
  und  Regierung  zu  übernehmen.  So  erschloß  sich
der  großen  Menge  der  Männer  ein  weites  Arbeitsgebiet,
von  dem  sich  ihre  Ahnen  nichts  träumen  ließen.  Die  Veränderung, ­
  welche  die  Zivilisation  hervorgerufen  hat,  erweiterte ­
  das  Feld  männlicher  Arbeit  nach  jeder  Richtung
unendlich,  während  nur  eine  verhältnismäßig  geringe  Anzahl ­
  von  Männern,  die  der  Gesellschaft  nichts  als  ihre
Muskelkraft  zu  bieten  hatten,  dadurch  viele  und  unverdiente ­
  Leiden  erdulden  mußten.  Solange  die  Welt  besteht,
war  das  Gebiet  männlicher  Berufsarbeit  niemals  so  vielfältig, ­
  interessant  und  in  seinen  Resultaten  für  die  Gesellschaft ­
  so  wichtig  wie  jetzt;  niemals  war  im  großen  und
ganzen  das  männliche  Geschlecht  so  voll  und  angestrengt
beschäftigt  wie  heute.
Wie  in  früheren  Gesellschaftszuständen  eine  ungeheure,
fast  niederschmetternde  Last  der  wichtigsten  physischen
Arbeit  der  Frau  zufiel,  so  fällt  heute  unter  den  wohlhabenden ­
  und  hochzivilisierten  Klassen  ein  ungebührlich
großer  Anteil  dem  Manne  zu.  Der  dem  modernen  Leben
eigene,  ungesunde  Zustand,  welcher  Gehirn  und  Nerven
angreift  und  das  Leben  Tausender  unserer  Gesellschaft
verkürzt,  gemeinhin  als  „Überanstrengung“  oder  „Nervöse ­
  Erschöpfung“  bekannt,  ist  nur  ein  Beweis  des
Übermaßes  der  geistigen  Arbeit  der  Männer  unserer  gebildeten ­
  Klassen,  die  nicht  nur  sich,  sondern  auch  eine
Anzahl  vollständig  parasitischer  Frauen  zu  erhalten  haben.
Was  aber  auch  das  den  Mann  betreffende  Resultat  des  Um-25
        <pb n="29" />
        Schwunges  in  der  modernen  Zivilisation  sein  mag,  er  kann
sicher  nicht  klagen,  daß  er  des  Arbeitsfeldes  beraubt  wurde,
daß  sein  Anteil  an  den  Geschäften  des  Lebens  vermindert
wäre  oder  daß  er  zu  krankhafter  Untätigkeit  verurteilt  worden ­
  sei.
Ganz  anders  gestalteten  sich  die  Dinge  im  Arbeitsfelde
der  Fraul  Der  Wandel  in  den  letzten  Jahrhunderten,  den
wir  in  dem  vielsagenden  Wort  „moderne  Zivilisation“  zusammenfassen, ­
  führt  dahin,  die  Frau  nicht  nur  teilweise,
sondern  gänzlich  der  wichtigsten  ihrer  alten  Domänen  produktiver ­
  und  sozialer  Arbeit  zu  berauben,  und  wo  sie  nicht
entschlossenen  und  zielbewußten  Widerstand  leistete,  eröffnete
  sich  ihr  nirgends  spontan  neue  und  ausgleichende
Gelegenheit  zur  Arbeit.
Diese  Tatsache  ist  es,  die  unser  modernes  „Problem  der
Frauenarbeit“  bildet.
Unsere  Spinnräder  sind  zerbrochen;  in  Tausenden  von  Riesengebäuden ­
  produzieren  dampfgetriebene  Webstühle,  von
mehreren  hunderttausend,  oft  männlichen  Händen  bedient,
die  Bekleidung  der  halben  Welt,  und  wir  dürfen  nicht
mehr,  wie  ehedem,  stolz  sagen,  daß  wir  und  wir  allein  unser ­
  Volk  bekleiden.
Unsere  Harken  und  Mahlsteine  hatten  wir  schon  längst
an  den  Pflüger  und  Müller  abgegeben;  aber  eine  Zeitlang
war  uns  noch  der  Backtrog  und  die  Braukufe  geblieben.
Heute  wird  unser  Brot  oft  in  der  Fabrik  mit  Dampfkraft
geknetet,  und  die  fertigen  Laibe  werden  uns  ins  Haus  gestellt, ­
  vielleicht  mittels  eines  von  Männerhand  geleiteten
Motorwagens  1  Die  Entstehung  unserer  Getränke  kennen
wir  nicht  mehr;  wir  sehen  sie  erst  bei  Tische.  Von  Tag  zu
Tag  nehmen  maschinenbereitete,  in  Fabriken  gefertigte
Nahrungsmittel  einen  größeren  Raum  sowohl  im  Haushalt
der  Reichen,  wie  der  Armen  ein.  Die  Arbeiterfrau  wird
bald  nur  wenig  Selbstbereitetes  auf  ihren  Tisch  setzen;  in
den  wohlhabenden  Klassen  aber  haben  sich  die  Dinge  der ­
        <pb n="30" />
        27

art  verändert,  daß  man  nicht  selten  Männer  in  Haus  und
Küche  arbeiten  oder  bei  Tisch  hinter  unseren  Stühlen
stehen  sieht  und  uns  Frauen  nichts  zu  tun  übrig  bleibt,  als
den  Bissen  zwischen  unsere  weiblichen  Lippen  zu  stecken.
Das  Heer  rosiger  Milchmägde  ist  dahin  für  immer,  um
den  Milchzentrifugen  und  den  größtenteils  von  Männerhänden ­
  bedienten  Buttermaschinen  Platz  zu  machen.  In
jeder  Beziehung  wird  mit  fortschreitender  Zivilisation  die
alte  Redensart,  daß  die  Bereitung  der  Lebensmittel  ausschließlich ­
  Sphäre  der  Frau  sei,  zur  veralteten  Lüge.
Selbst  die  untergeordneten  häuslichen  Beschäftigungen
werden  bald  nicht  mehr  in  den  Kreis  der  Frauenarbeit  fallen. ­
  In  den  modernen  Großstädten  läßt  man  durch  Maschinen ­
  oder  außerhäusliche,  oft  männliche  Arbeitskräfte  Teppiche ­
  klopfen,  die  Fenster  putzen,  die  Fußböden  bürsten.
Und  auch  bei  der  Herstellung  der  Bekleidung  greift  die
Veränderung  schon  viel  weiter,  als  bloß  auf  die  Vorrichtung ­
  des  Materials.  Schon  beginnt  die  Nähmaschine  im
Hause,  die  fast  ganz  die  alte  Nähnadel  verdrängt,  zu  veralten, ­
  und  die  Tausende  von  einer  Zentraldampfkraft  getriebenen ­
  Maschinen  der  Fabriken  versorgen  nicht  nur  Mann
und  Sohn,  sondern  die  Frau  selbst  mit  fast  allen  Einzelheiten ­
  ihrer  Kleidung  von  der  Unterjacke  bis  zum  Mantel.
In  den  wohlhabenden  Klassen  sind  männliche  Kostümzeichner ­
  und  Hunderte  männlicher  Schneider  und  Putzmacher ­
  daran,  dem  alten  Märchen,  daß  die  Herstellung
der  Gewänder  für  sich  und  ihre  Familie  ausschließlich
Aufgabe  der  Frau  sei  und  einen  Teil  ihrer  häuslichen  Arbeit ­
  bilde,  endgültig  den  Garaus  zu  machen.
Jahr  für  Jahr,  Tag  für  Tag  engt  sich  unmerklich,  aber
entschieden  die  Sphäre  weiblicher  Hausarbeit  mehr  und
mehr  ein,  und  diese  Einengung  schreitet  genau  im  Verhältnis ­
  mit  jenen  komplizierten  Tatsachen  fort,  die  wir
„moderne  Zivilisation“  heißen.
Sie  zeigt  sich  deutlicher  in  England  und  Amerika,  als  in
        <pb n="31" />
        28

Italien  oder  Spanien,  mehr  in  den  großen  Städten,  als  am
flachen  Land,  mehr  unter  den  wohlhabenden  Klassen,  als
unter  den  Besitzlosen  und  ist  ein  untrügliches  Zeichen  dieser ­
  fortschreitenden  modernen  Zivilisation.*
Aber  nicht  nur  und  nicht  hauptsächlich  auf  dem  Gebiet
der  Hausarbeit  haben  die  Veränderungen  die  Frauen  berührt ­
  und  ihr  altes  Arbeitsfeld  eingeschränkt.  Es  gab  eine
Zeit,  da  die  Frau  ihre  Kinder  unter  den  Augen  behielt,
bis  sie  erwachsen  waren.  Ihrer  Erziehung,  ihrem  Einfluß
dankten  sie  ihr  Wesen.  Von  dem  ersten  Augenblick,  da
das  Kind  an  ihrer  Brust  lag,  bis  die  Tochter  das  Haus
*  Es  ist  tatsächlich  manchmal  etwas  Rührendes  in  der  Haltung  manches
alten  Mütterchens,  das  da  oder  dort,  inmitten  der  modernen  Zivilisation
lebend,  ganz  verwirrt  wird  durch  den  Wandel  in  den  Pflichten  und  Aufgaben ­
  der  Frau.  In  den  Augen  einer  Altersgenossin,  die  gleich  ihr
eine  vergangene  Kulturepoche  überlebt  hat,  sucht  sie  die  Bestätigung
ihrer  Lebensanschauung.  Ein  beunruhigender  Zweifel  hat  sogar  ihre
Seele  beschlichen.  „Ich,“  sagt  sie,  „habe  immer  selbst  die  Schinken  geräuchert ­
  und  die  Socken  gestrickt  und  die  Wäsche  in  der  Hand  genäht;
wie  wir  junge  Mädchen  waren,  haben  wir  das  alles  gemacht;  aber  meine
Töchter  wollen  es  nicht  mehr  tun!“  Und  die  andere  antwortet:  „Ja  freilich, ­
  wir  haben  das  alles  gemacht  und  so  gehört  sich’s  auch;  aber  es
kommt  so  hoch,  und  die  fertigen  Dinge  sind  so  viel  billiger.“  Und  die  Alten
schütteln  die  Köpfe,  und  die  Welt  scheint  ihnen  seltsam  aus  den  Angeln,
wenn  Pflicht  nicht  mehr  Pflicht  ist.  Solche  Frauen  sind  wie  eine  gute
alte  Entenmutter,  die  ihre  Entlein  durch  Jahre  immer  in  denselben  Teich
geführt  hat  und,  wenn  nun  dieser  Teich  abgeleitet  und  der  eingetrocknete
Schlick  zurückgeblieben  ist,  dennoch  darauf  besteht,  ihre  Jungen  dorthin
zu  bringen  und  nun  flügelschlagend  und  ängstlich  schnatternd  an  seinem
Rand  hin  und  her  watschelt  und  sie  zu  bewegen  sucht,  hineinzugehen.
Aber  die  Entlein  mit  ihrem  jungen  frischen  Instinkt  hören  in  der  Ferne
das  köstliche  Rieseln  des  neuen  Wehrs,  in  dem  hoch  oben  das  Wasser
aufgefangen  worden  ist,  und  sie  riechen  die  Vogelmiere  und  das  hohe
Gras,  das  an  seinem  Rande  wächst,  und  wollen  nichts  davon  wissen,
sich  an  dem  vertrockneten  Schlamm  zu  ergötzen  oder  Würmer  zu  suchen,
wo  keine  sind.  Und  sie  lassen  ihre  alte  Mutter  an  ihrem  Teich  quaken
und  machen  sich  auf,  neue  Futterplätze  zu  suchen  —  vielleicht  verirren
sie  sich?  —  vielleicht  finden  sie  welche?  Der  alten  Mutter  aber  möchte
man  sagen:  „Gute,  alte  Entenmutter,  siehst  du  nicht,  daß  die  Welt  sich
verändert  hat?  Du  kannst  das  Wasser  nicht  in  den  alten  Teich  zurückbringen! ­
  Vielleicht  war  es  besser  und  schöner  wie  es  da  war;  aber  es  ist
weg  auf  immer,  und  wenn  du  und  die  Deinen  noch  schwimmen  wollen,
muß  es  in  anderem  Wasser  sein.  Neue  Zeit  bringt  neue  Pflichten.“
        <pb n="32" />
        verließ,  um  zu  heiraten  und  der  Sohn  in  die  Reihe  der
Männer  trat,  standen  die  Kinder  fortwährend  unter  dem
Einfluß  der  Mutter.  Heute  aber  sind  selbst  die  einfacheren ­
  und  formalen  Zweige  der  Erziehung  so  kompliziert
geworden,  so  gewaltig  und  unnachsichtig  sind  die  Forderungen ­
  der  modernen  Zivilisation  an  die  spezialisierte
Unterweisung  und  Erziehung  jedes  einzelnen,  der  unter
den  heutigen  Lebensbedingungen  bestehen  und  sich  nützlich ­
  erweisen  soll,  daß  das  Kind  von  den  frühesten  Lebensjahren ­
  an  größtenteils  den  Händen  der  Mutter  entzogen
und  verschiedenen  eigens  geschulten  Erziehern  übergeben
wird.  Bei  den  besitzenden  Klassen  wird  das  Kind,  kaum
geboren,  in  die  Hände  einer  geschulten  Pflegerin  gelegt,
aus  denen  es  in  die  des  geprüften  Erziehers  gelangt;  mit
neun  oder  zehn  Jahren  verläßt  in  manchen  Ländern  der
Knabe  für  immer  das  Elternhaus,  um  in  eine  Erziehungsanstalt, ­
  dann  ins  College  und  auf  die  Universität  zu  kommen; ­
  während  das  Mädchen  unter  der  Aufsicht  von  Erzieherinnen ­
  und  Dienerinnen  aufwächst  und  seine  Erziehung
und  Bildung  meistenteils  auch  nur  in  geringem  Maße
dem  mütterlichen  Einfluß  dankt.  In  den  besitzlosen  Klassen ­
  wieder  entzieht  zuerst  der  Kindergarten  und  die  Volksschule, ­
  später  die  Schulung  für  ein  Handwerk  oder  Gewerbe ­
  den  Sohn  und  oft  auch  die  Tochter  ebenso  vollständig ­
  der  mütterlichen  Aufsicht,  und  das  um  so  mehr,  je
weiter  die  Zivilisation  fortschreitet.  So  auffallend  ist  der
Wandel  auf  diesem  ehemaligen  Gebiet  weiblicher  Tätigkeit, ­
  daß  fast  in  allen  Ständen  Frauen,  die  mehrere  Kinder
zur  Welt  gebracht  haben,  in  noch  mittleren  Jahren  allein  in
ihrem  leeren  Hause  sitzen,  weil  all  ihre  Kinder  in  der
Fremde  sind,  um  ihre  Erziehung  und  Bildung  von  anderen
zu  erhalten.  Die  alte  Behauptung,  daß  die  Erziehung  und
Bildung  der  Kinder  ausschließlich  die  Aufgabe  der  Mütter
sei,  so  wahr  sie  in  bezug  auf  die  ferne  Vergangenheit  sein
mag,  ist  jetzt  vollständig  unrichtig;  und  die  Frau,  die  heut ­
        <pb n="33" />
        30

zutage  darauf  bestehen  würde,  ihr  Kind  ganz  allein  zu  erziehen, ­
  würde  es  in  neun  Fällen  von  zehn  unverbesserlich
schädigen,  weil  sie  dazu  unfähig  ist.
Aber  womöglich  noch  tiefer  und  einschneidender  haben
die  Veränderungen  der  modernen  Zivilisation  unser  altes
Leistungsgebiet  in  einer  andern  Richtung  ergriffen  —  in
jenem  Teil  menschlichen  Schaffens,  das  unser  besonderes
und  ureigenstes  ist  und  uns  niemals  ganz  genommen  werden ­
  kann.  Hier  ist  die  Einschränkung  größer  als  in  irgendeiner ­
  andern  Richtung  und  berührt  uns  als  Frauen  am
wesentlichsten.
Es  gab  eine  Zeit  —  und  heute  noch  ist  es  so  bei  allen
primitiven  und  wilden  Völkern  —,  da  die  erste  und
wichtigste  Pflicht  der  Frauen  gegenüber  der  Gesellschaft
die  war,  zu  gebären,  viel  zu  gebären,  unablässig  zu  gebären! ­
  Von  der  hinreichenden  und  wiederholten  Erfüllung
dieser  passiven  Leistung  und  von  dem  erfolgreichen  Nähren ­
  und  Aufziehen  der  Jungen  an  der  Mutterbrust  hing
nicht  nur  die  Wohlfahrt,  sondern  oft  auch  die  Existenz  des
Stammes  und  Volkes  ab.  Wo,  wie  es  fast  bei  allen  barbarischen ­
  Völkern  der  Fall  ist,  die  Kindersterblichkeit
eine  hohe  ist,  wo  die  fortwährenden  Unfälle  durch  Krieg,
Jagd  und  Gewaltakte  die  Zahl  der  erwachsenen  Männer
vermindert,  wo  die  wundärztliche  Kunst  noch  so  in  den
Kinderschuhen  steckt,  daß  die  meisten  Wunden  todbringend ­
  werden,  wo  vor  allem  immer  wiederkehrende  Pest
und  unvorhergesehene  Hungersnot,  vor  der  es  kein  Entrinnen ­
  gab,  das  Volk  dezimierten,  war  es  von  der  höchsten
Wichtigkeit,  daß  die  Frau  ihre  schöpferische  Kraft  bis  zur
äußersten  Grenze  anstrengte,  wenn  das  Geschlecht  nicht
auf  einmal  hinschwinden  und  aussterben  sollte.  „Möge  der
Leib  deines  Weibes  nie  aufhören  zu  gebären“,  ist  noch
heute  der  höchste  Ausdruck  des  Wohlwollens  seitens  eines
afrikanischen  Häuptlings  gegenüber  dem  scheidenden  Gast.
Denn  nicht  nur  das  Wohl  und  die  Stärke  ihres  Volkes  als
        <pb n="34" />
        Ganzes  fördert  die  fruchtbare  Frau  in  primitiven  Gesellschaftszuständen, ­
  sondern  auch  das  ihres  eigenen  männlichen ­
  Gefährten  und  ihrer  Familie.  Wo  die  sozialen
Lebensverhältnisse  so  einfach  sind,  daß  außer  dem  Gebären ­
  und  Säugen  des  Kindes  auch  seine  Pflege  und  Ernährung ­
  während  der  Kindheit  fast  ausschließlich  Arbeit
und  Sache  der  Mutter  ist  und  seine  Erziehung  und  Bildung ­
  der  Familie  oder  dem  Stamm  keinerlei  Auslagen  verursacht, ­
  überwiegt  der  Wert  der  Erwachsenen  sowohl  für
den  Staat  als  den  einzelnen  Mann  unendlich  die  Mühen
und  Kosten  der  Aufzucht,  die  fast  ganz  der  Mutter  zufallen. ­
  Der  Mann,  der  mit  seinen  zwanzig  Kindern  zwanzig
künftige  Krieger  und  Arbeiter  besitzt,  ist  um  soviel  reicher
und  mächtiger  als  der,  der  bloß  eines  hat;  der  Staat
aber,  dessen  Frauen  fruchtbar  sind  und  für  ihre  Kinder
arbeiten  und  sie  großziehen,  ist  sichergestellt  gegen  Untergang. ­
  Ununterbrochenes  und  ausdauerndes  Kindergebären
ist  demnach  wirklich  die  höchste  Pflicht  und  die  sozial
höchstgewertete  Tätigkeit  der  primitiven  Frau,  die  in  ihrer
Wichtigkeit  für  die  Allgemeinheit  die  Arbeit  des  Mannes
in  Krieg  und  Jagd  vollkommen  aufwiegt.  Selbst  in  jenem
Kulturzustand,  der  in  den  Jahrhunderten  herrschte,  die
zwischen  primitiver  Wildheit  und  hoher  Zivilisation  lagen,
war  die  Forderung  nach  fortgesetztem  unablässigen  Kindergebären ­
  als  höchste  soziale  Pflicht  der  Frau  im  ganzen
kaum  weniger  gebieterisch.  Während  des  Mittelalters  und
fast  bis  zu  unseren  Tagen  herab  war  in  Europa  die  Kindersterblichkeit ­
  beinahe  ebenso  groß  wie  im  Zustand  der
Wildheit;  medizinische  Unwissenheit  zerstörte  unzählige
Leben;  da  die  antiseptische  Wundbehandlung  noch  unbekannt ­
  war,  verliefen  ernstliche  Verwundungen  fast  noch
immer  tödlich;  bei  dem  niedrigen  Stand  der  Hygiene  waren
Seuchen,  wie  die  zur  Zeit  Justinians,  die  sich  über  die
ganze  zivilisierte  Welt  von  Indien  bis  nach  Norwegen  verbreitete ­
  und  nahe  daran  war,  den  Erdball  zu  entvölkern,
        <pb n="35" />
        32

oder  wie  der  „schwarze  Tod“  von  1349,  der  in  England
allein  mehr  als  die  Hälfte  der  Inselbewohner  dahinraffte,
nur  extreme  Formen  der  chronischen  Menschenvernichtung
durch  Infektionskrankheiten;  dazu  waren  die  Kriege  nicht
nur  weit  häufiger,  sondern  zerstörten  infolge  der  Hungersnöte, ­
  die  sie  fast  unfehlbar  nach  sich  zogen,  noch  viel
mehr  Menschenleben,  als  in  unsern  Tagen,  und  gewaltsame
Tötungen  sowohl  seitens  des  Staates,  als  infolge  persönlicher ­
  Feindseligkeiten  waren  etwas  Alltägliches  in  allen
Ländern.  Unter  diesen  Verhältnissen  würde  die  Enthaltung ­
  der  Frauen  von  unablässigem  Kindergebären  fast  zu
denselben  ernsten  Folgen  der  Verminderung  oder  selbst
des  Aussterbens  ihres  Volkes  geführt  haben;  wie  in  der  Periode ­
  der  Wildheit.  Auch  hing  der  Bestand  der  Zivilisation
dieser  Zeit  von  der  Hervorbringung  einer  immensen  Zahl
von  Individuen  ab,  die  sich  als  Lasttiere  mit  ihrer  rohen
Muskelkraft  in  den  Dienst  der  Landarbeit  und  des  Gewerbes
stellten  und  ohne  die  jene  Zwischenstufen  der  Zivilisation
bei  dem  Mangel  von  Maschinen  unmöglich  gewesen  wären.
Zwanzig  Männer  mußten  geboren,  an  der  Mutterbrust  genährt ­
  und  aufgezogen  werden,  um  jene  grobe  Arbeit  zu
verrichten,  die  heute  ein  kleiner,  gut  gebauter  Dampfkrahn
leistet,  und  der  Bedarf  an  großen  Massen  menschlicher
Geschöpfe  als  bloße  Kraftreservoire  zur  Verrichtung  der
einfachsten  Prozesse  war  eine  Notwendigkeit.  So  stark  war
tatsächlich  das  Bewußtsein  der  gesellschaftlichen  Notwendigkeit ­
  fortwährenden  Gebärens  durch  die  Frau,  daß
Luther  noch  in  der  Mitte  des  sechzehnten  Jahrhunderts
schrieb:  „Wenn  eine  Frau  erschöpft  wird  und  endlich
stirbt,  weil  sie  Kinder  gebärt,  so  tut  es  nichts;  laßt  sie
nur  am  Gebären  sterben,  denn  dazu  ist  sie  da,“  und  er  gab
damit  zweifellos,  wenn  auch  in  einer  etwas  ungeschliffenen
und  brutalen  Form,  einer  Anschauung  Ausdruck,  die  von
der  Mehrzahl  seiner  Zeitgenossen,  Männern  wie  Frauen,
geteilt  wurde.
        <pb n="36" />
        Heute  haben  sich  diese  Verhältnisse  fast  vollständig  umgekehrt. ­

Die  Fortschritte  der  Wissenschaft  und  die  Verbesserungen ­
  der  physischen  Lebensbedingungen  führen  zu  einer
rapiden  Abnahme  der  Sterblichkeit  unter  den  Menschen.
Die  Kindersterblichkeit  ist  bei  den  oberen  Ständen  in  den
modernen  Staaten  um  mehr  als  die  Hälfte  gesunken,  und
auch  in  den  besitzlosen  Klassen  beginnt  sie,  wenn  auch
langsam,  zu  fallen.  Durch  die  zunehmende  Kenntnis  der
Gesetze  der  Hygiene  ist  die  Entvölkerung  durch  Seuchen
bei  allen  zivilisierten  Völkern  zu  einer  Sache  der  Vergangenheit ­
  geworden,  und  die  Entdeckungen  der  nächsten
zwanzig  oder  dreißig  Jahre  werden  wahrscheinlich  auch
die  Gefahren  der  Infektionskrankheiten  für  immer  bannen. ­
  Hungersnöte  jener  verzweifelten  Art  früherer  Zeiten
sind  eine  Unmöglichkeit  geworden,  da  die  schnellen  Verkehrsmittel ­
  den  Mangel  des  einen  Landes  mit  dem  Überfluß ­
  des  andern  decken;  Kriege  und  Gewalttaten,  die  zwar
noch  nicht  ganz  verschwunden  sind,  sind  doch  schon  zu
Episoden  im  Leben  der  Völker  wie  der  Individuen  geworden; ­
  während  durch  die  großartigen  Fortschritte  der  Chirurgie ­
  und  Antiseptik  die  Folgen  von  Verwundungen  und
Verstümmelungen  nur  zum  kleinen  Teil  mehr  tödlich  sind.
All  diese  Veränderungen  haben  dahin  geführt,  die  Sterblichkeit ­
  zu  vermindern  und  das  Menschenleben  zu  verlängern, ­
  so  daß  es  schon  heute  für  ein  Volk  möglich  ist,  mit
einem  verhältnismäßig  kleinen  Aufwand  an  weiblicher  Lebenskraft ­
  für  die  passive  Leistung  des  Gebärens  nicht
nur  seine  Zahl  zu  erhalten,  sondern  sie  zu  vermehren.
Aber  noch  bedeutender  hat  sich  die  Anforderung  an  die
weibliche  Gebärkraft  durch  den  Wandel  in  einer  anderen
Beziehung  vermindert.
Jede  technische  Erfindung,  durch  die  der  Bedarf  an  grober, ­
  ungelernter  menschlicher  Muskelkraft  abnimmt,  vermindert ­
  auch  die  soziale  Anforderung  an  die  Frau,  große

3  Schreiner  Die  Frau

33
        <pb n="37" />
        34

Massen  derartiger  Arbeiter  hervorzubringen.  Wir  haben
schon  durchweg  in  der  modernen  zivilisierten  Welt  einen
Punkt  erreicht,  an  dem  nicht  mehr  ein  Bedarf  nach  menschlichen ­
  Geschöpfen  besteht,  die  im  großen  ganzen  nur  als
Lasttiere  verwendet  werden,  sondern  eher  und  ausschließlich ­
  nach  Individuen,  die  sich  durch  ihre  Erziehung  und
Bildung  zur  Verrichtung  der  komplizierten  Pflichten  des
modernen  Lebens  eignen.  Was  wir  gegenwärtig  brauchen,
sind  nicht  mehr  viele  Menschen,  sondern  lieber  wenige,
aber  diese  wenigen  wohlentwickelt  von  Geburt  und  durch
Erziehung.
Die  Frau,  die  heute  zwölf  Kinder  zur  Welt  bringt  und
säugt  und  sie  dann  ihrer  Gemeinde  oder  der  Familie  überläßt, ­
  wird  mit  Recht  als  ein  Fluch  und  Schädling,  nicht  als
eine  produktive  Kraft  dieser  Gesellschaft  betrachtet  werden. ­
  Tatsächlich  ist  es  in  der  modernen  Welt  so  schwer
und  kostspielig  geworden,  auch  nur  ein  Individuum  so  aufzuziehen ­
  und  auszubilden,  wie  es  der  Kampf  mit  den  Kompliziertheiten ­
  und  Schwierigkeiten  unseres  Daseins  erfordert, ­
  daß  sowohl  für  Familie  als  Staat  grenzenlose  Fruchtbarkeit ­
  der  Frau  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  ein  nicht  gutzumachendes ­
  Übel  bedeutet.  Der  Handarbeiter,  der  mit
größten  Opfern  seine  Kinder  bis  zum  zwölften  oder  vierzehnten ­
  Jahr  erhalten  und  erziehen  muß,  wenn  sie  sich
nur  irgendwie  als  Arbeiter  fortbringen  sollen,  bricht,
wenn  die  Familie  groß  ist,  oft  unter  der  Last  zusammen
und  muß  seine  Sprößlinge  zu  verwahrlosten,  ununterrichteten, ­
  unnützen  Geschöpfen  werden  lassen.  Für  den  Mann
der  gebildeten  Stände,  der  gezwmngen  ist,  durch  geistige
Arbeit  mit  riesigen  Kosten  seine  Söhne,  bis  sie  zwanzig
Jahre  und  darüber  sind,  zu  verpflegen  und  auszubilden  und
die  Töchter  oft,  wenn  sie  nicht  heiraten,  ihr  Leben  lang
zu  erhalten,  ist  eine  große  Familie  nicht  weniger  verhängnisvoll. ­
  Der  Staat  aber,  dessen  Frauen  unbekümmert  große
Massen  von  Individuen  gebären,  mehr  als  sie  zu  ernähren
        <pb n="38" />
        3 :

35

und  aufzuziehen  imstande  sind,  ginge  der  Gefahr  des
Ruins  entgegen.  Für  die  moderne  Frau  lautet  das  Gebot
nicht  mehr  einfach:  „Du  sollst  Kinder  gebären“,  sondern
vielmehr:  „Du  sollst  nicht  mehr  Kinder  gebären,  als  du
ordentlich  erhalten  und  erziehen  kannst“.  Die  Frau,  die
heute  mit  zwölf  Kindern  vor  dem  Tor  des  Werkhauses
oder  vor  der  Ärmenbehörde  erschiene  und  für  sich  und  die
Kinder  anständigen  Unterhalt  fordern  würde  als  Entgelt
ihrer  Leistung,  die  Kinder  zur  Welt  gebracht  zu  haben,
würde  kaum  viel  Gehör  finden.  Und  der  moderne  Mann,
den  man  heute  an  seinem  Hochzeitstag  den  guten  Wunsch
von  ehedem  darbringen  würde,  er  möge  Vater  von  zwanzig ­
  Söhnen  und  zwanzig  Töchtern  werden,  würde  dies  eher
als  Fluch,  denn  als  Segensspruch  betrachten.  Es  ist  sicher,
daß  die  Zeit  herannaht,  da  Kindergebären  nicht  mehr  als
eine  Leistung  an  sich  angesehen  wird,  die  unter  allen  Bedingungen ­
  für  die  Gesellschaft  von  Vorteü  ist,  sondern
vielmehr  als  ein  hohes  Privileg,  das  nur  jenen  zukommt,
die  ihre  Fähigkeit  beweisen,  ihre  Sprößlinge  rechtschaffen
zu  erziehen  und  zu  versorgen.*
*  Die  Verschiedenheit  zwischen  den  primitiven  und  modernen  Anschauungen ­
  über  diesen  Gegenstand  wird  treffend  und  eigenartig  durch  folgende ­
  zwei  Vorfälle  beleuchtet.  Einst  begegnete  mir  ein  Bantu-Weib,  das
besser  erhalten,  weniger  abgearbeitet  und  glücklicher  als  die  Mehrzahl
ihrer  Genossinnen  aussah.  Auf  meine  Erkundigung  erfuhr  ich,  daß  sie
zwei  Brüder  habe,  die  impotent  wären,  und  deshalb  hatte  sie  selbst  nicht
geheiratet,  aber  vierzehn  Kinder,  die  sie  mit  verschiedenen  Männern  gezeugt, ­
  hatte  sie  alle,  so  wie  sie  erwachsen  waren,  den  Brüdern  geschenkt.
„Sie  haben  mich  lieb,  weil  ich  ihnen  soviel  Kinder  geschenkt  habe;
darum  brauche  ich  nicht  zu  arbeiten  wie  die  andern  Weiber,  und  die
Brüder  geben  mir  reichlich  Nahrung  und  Milch,“  erzählte  sie  selbstzufrieden, ­
  „und  unsere  Familie  wird  nicht  aussterben.“  Diese  Person,  deren
Lebensführung  vom  modernen  Standpunkt  betrachtet,  so  entschieden
antisozial  war,  wurde  offenbar  als  höchst  wertvoll  für  ihre  Familie  und
Gesellschaft  bloß  um  ihrer  Fruchtbarkeit  willen  angesehen.  —  Als  Gegensatz ­
  hierzu:  Vor  einigen  Wochen  stand  in  den  Londoner  Blättern  von
einem  Frauenzimmer,  das  in  Eastend  wegen  irgendeines  Vergehens  aufgegriffen ­
  wurde  und  vor  Gericht  schluchzend  vorbrachte,  daß  sie  Mutter
von  zwanzig  Kindern  sei.  „Schämen  Sie  sich  nicht,“  rief  der  Richter,
        <pb n="39" />
        Teils  infolge  dieser  verminderten  Forderung  nach  Nachwuchs, ­
  die  aus  den  außerordentlichen  Schwierigkeiten  und
Kosten  der  Ernährung  und  Erziehung  entsteht,  teils  infolge ­
  noch  vieler  anderer  verwickelter  sozialer  Verhältnisse, ­
  auf  die  wir  später  zurückkommen,  sind  Millionen
von  Frauen  unserer  modernen  Gesellschaft  gezwungen,
nicht  nur  vollkommen  kinderlos,  sondern  auch  ohne  Geschlechtsverbindung ­
  welcher  Art  immer,  durchs  Leben  zu
gehen;  während  ein  anderes  großes  Heer  von  Frauen
durch  die  Verschrobenheit  unserer  Zivilisation  auf  Geschlechtsverbindungen ­
  angewiesen  ist,  die  tatsächlich  das
Gebären  ausschließen  und  deren  einzige  Frucht  körperliches ­
  und  moralisches  Verderben  ist.
So  ist  es  gekommen,  daß  Frauen  in  großer  Menge  durch
die  modernen  Gesellschaftsverhältnisse  überhaupt  vom
Gebären  ausgeschlossen  sind,  und  daß  selbst  jene,  die
gebären,  im  Verhältnis  zu  dem  Grade  der  Zivilisation
ihrer  Klasse  oder  Rasse  in  der  Zahl  ihres  Nachwuchses
beschränkt  sind,  so  daß  auch  für  sie  das  Kindergebären
und  Säugen  nicht  mehr  das  ganze  Frauenleben  von  der
Pubertät  bis  zum  Ende  des  mittleren  Lebensalters  ausfüllt,
sondern  zu  einer  vorübergehenden  Beschäftigung  wird,  die
drei  bis  vier,  höchstens  zehn  bis  zwanzig  von  den  siebzig
Jahren  des  menschlichen  Lebens  einnimmt.  Unter  solchen
Umständen  ist  die  Behauptung  (die  vollkommen  richtig
ist,  solange  es  sich  um  wilde  Völker  handelt,  und  selbst
noch  zutreffend  in  bezug  auf  die  Zwischenstadien  der  Zivilisation), ­
  daß  die  hauptsächliche  und  fortdauernde  Beschäftigung ­
  aller  Frauen  von  der  Reife  bis  ins  Alter  das
Gebären  und  Nähren  der  Kinder  sei,  und  daß  diese  Beschäftigung ­
  alle  ihre  Ansprüche  an  soziale  Arbeit  und
„eine  Person,  die  sich  so  aufführt,  ist  zu  allem  fähig  I“  und  sie  wurde
unbarmherzig  verurteilt.  Zweifellos  hat  dieser  Richter,  wenn  auch  in
etwas  brutaler  Weise,  den  modernen  Anschauungen  über  leichtsinniges,
übermäßiges  Kindergebären  richtigen  Ausdruck  gegeben.
        <pb n="40" />
        37

Leistung  voll  und  ganz  befriedige,  zu  einer  veralteten  und
vollständigen  Unwahrheit  geworden.*
Wenn  wir  die  Dinge  rund  um  uns  her  mit  der  größten
Unparteilichkeit  betrachten,  so  finden  wir,  daß  das  ganze
Gebiet  ehemaliger  und  traditioneller  Frauenarbeit  um
volle  drei  Viertel  seines  Umfanges  für  immer
zusammengeschrumpft  ist,  und  daß  das  restliche ­
  Viertel  dahin  neigt,  sich  noch  mehr  einzuengen. ­

Diese  große,  so  oft  völlig  übersehene  Tatsache  ist  es,
die  als  treibende  Kraft  der  mächtigen,  rastlosen  „Frauenbewegung“, ­
  die  unsere  Zeit  kennzeichnet,  zugrunde  liegt.
Diese  Tatsache  ist  es,  die,  ob  nun  klar  und  verstandesmäßig ­
  erfaßt,  oder,  wie  es  viel  öfter  der  Fall,  nur  unklar
und  schmerzlich  gefühlt,  in  den  Herzen  der  tüchtigsten ­
  Frauen  des  modernen  Europa  den  leidenschaftlichen,
manchmal  unlogisch  scheinenden  Ruf  nach  neuen  Arbeitsformen ­
  und  neuen  Tätigkeitsgebieten  auslöst.
*  Im  Hinblick  auf  die  modernen  Staaten  finden  wir,  daß  jene,  deren
Geburtsraten  am  höchsten,  keineswegs  die  glücklichsten,  aufgeklärtesten
oder  mächtigsten  sind;  ja  es  zeigt  sich,  daß  selbst  die  Bevölkerungszahl ­
  nicht  immer  im  Verhältnis  zu  den  Geburten
wächst.  Frankreich,  das  in  vielen  Beziehungen  in  der  Zivilisation  vorangeht, ­
  hat  eine  der  niedrigsten  Durchschnitts-Geburtsraten  in  Europa,
und  bei  der  freien  und  aufgeklärten  Völkerschaft  der  Schweiz  und  Skandinaviens ­
  ist  die  Geburtenziffer  auffallend  niedrig,  während  Irland,  eines
der  unglücklichsten  und  schwächsten  Länder  Europas,  lange  Zeit  eine
der  höchsten  Geburtsraten  hatte,  ohne  daß  die  Bevölkerung  oder
ihre  Macht  im  Verhältnis  zugenommen  hätte.  In  bezug  auf
die  verschiedenen  Klassen  derselben  Gesellschaft,  sind  die  Erscheinungen ­
  dieselben.  Die  Geburtenziffer  ist  im  Verhältnis  zur  Zahl  der
Frauen  unter  den  niedrigsten  und  ungebildetsten  Volksklassen  in  den
Armenvierteln  unserer  Großstädte  weit  höher,  als  bei  den  Frauen  der
oberen  gebildeten  Stände,  hauptsächlich,  weil  das  Heiratsalter  mit  der
wachsenden  Kultur  und  Bildung  der  Individuen  zu  steigen  pflegt,  aber
auch  durch  die  Regulierung  der  Geburten  in  der  Ehe.  Dennoch  ist
die  Zahl  der  herangewachsenen  Kinder  in  den  gebildeten  Ständen  wahrscheinlich ­
  nicht  geringer,  vielleicht  sogar  höher  als  in  den  unteren
Klassen,  infolge  der  hohen  Kindersterblichkeit  dort,  wo  die  Geburtenzahl ­
  übergroß  ist.
        <pb n="41" />
        38

In  streng  logische  Form  gebracht,  ist  unsere  Forderung: ­
  Wir  verlangen  nicht,  daß  das  Rad  der  Zeit  sich
zurückdrehe  oder  der  Strom  des  Lebens  nach  rückwärts
fließe.  Wir  verlangen  nicht,  daß  unsere  alten  Spinnräder
wieder  hergestellt  und  in  unsere  Hände  gelegt  werden  sollen; ­
  wir  verlangen  nicht,  daß  unsere  alten  Mühlsteine  und
Harken  uns  wiedergegeben  werden,  oder  daß  der  Mann
wieder  ganz  in  sein  altes  Bereich  von  Krieg  und  Jagd
zurückkehre  und  uns  alle  häusliche  und  bürgerliche  Arbeit
überlasse.  Wir  fordern  nicht  einmal,  daß  die  Gesellschaft
sich  unmittelbar  so  umgestalte,  daß  jede  Frau  wieder  Kinder ­
  gebären  kann  (so  tief  und  überwältigend  die  Sehnsucht ­
  nach  Mutterschaft  in  jedem  reifen  weiblichen  Herzen
lebt!),  noch  fordern  wir,  daß  die  Kinder,  die  wir  zur  Welt
bringen,  wieder  ausschließlich  unserer  Erziehung  überlassen ­
  bleiben  sollen.  Wir  wissen,  daß  das  alles  nicht  sein
kann.  Die  Lebensbedingungen  der  Vergangenheit  sind  tot
für  uns;  kein  Menschenwille  kann  sie  wiedererwecken.
Aber  dieses  ist  unsere  Forderung:  In  dieser  neuen  fremden ­
  Welt,  die  gleicherweise  für  Männer  und  Frauen
erstanden  ist,  wo  nichts  ist;  wie  es  war  und  alle  Dinge
neue  Gestalt  und  neue  Beziehungen  annehmen,  in  dieser
neuen  Welt  wollen  auch  wir  unsern  Teil  ehrenvoller  und
sozial  nützlicher  Tätigkeit  erhalten,  die  volle  Hälfte  der
Arbeit  aller,  die  vom  Weibe  geboren  sind.  Wir  fordern
nichts  mehr  als  dies  und  werden  uns  mit  nichts  weniger
zufrieden  geben.  Dies  ist  unser  „Frauenrecht“  1
        <pb n="42" />
        39

II.  PARASITISMUS

W erden  in  Zukunft  Maschinen  und  die  gefesselten  Naturkräfte ­
  bei  der  Erzeugung  der  Nahrung  und  Kleidung ­
  der  Nationen  die  Stelle  von  Menschenhänden  vertreten ­
  und  diese  Industriezweige  nicht  länger  die  häusliche
Arbeit  bilden?  Nun,  dann  fordern  wir  in  der  Fabrik,  im
Warenhaus,  auf  allen  Gebieten,  wo  immer  die  Maschine  von
unseren  alten  Arbeitsfeldern  Besitz  ergriffen  hat,  unseren
Platz  als  Leiter,  Aufseher,  Besitzer.  Wird  Kindergebären
nur  mehr  die  Aufgabe  eines  Teiles  unseres  Geschlechtes
bilden?  Nun,  dann  fordern  wir  für  jene  unter  uns,  die  zugestandenermaßen ­
  nicht  daran  Teil  haben,  Ersatz  und
gleich  ehrenvolle  und  wichtige  Felder  sozialer  Arbeit.  Wird
die  Aufzucht  menschlicher  Wesen  eine  immer  beschwerlichere ­
  und  mühevollere  Aufgabe,  ihre  Erziehung  und  Bildung ­
  immer  mehr  eine  hohe,  Vielseitigkeit  und  Wissen  erfordernde ­
  Kunst?  Ist  es  so,  dann  fordern  wir  diese  hohe
und  vielseitige  Bildung  und  Erziehung,  die  uns  befähigt,
das  Geschlecht,  das  wir  zur  Welt  bringen,  auch  zu  erziehen.
Wird  die  Notwendigkeit,  Kinder  in  die  Welt  zu  setzen,  sich
so  verringern,  daß  selbst  jene  unter  uns,  die  Gebärerinnen
sind,  nicht  mehr  als  ein  halb  Dutzend  von  den  siebenzig
Jahren  eines  menschlichen  Lebens  damit  ausfüllen?  Nun,
dann  fordern  wir  andere  Gelegenheit  zur  Betätigung,
um  die  übrige  Zahl  der  Jahre  mit  Würde  und  Wert  zu
erfüllen.  Wird  geistige  Arbeit  immer  mehr  und  in  höherem
Grade  an  Stelle  roher  Muskelkraft  treten?  Nun,  dann
fordern  wir  Bildung  und  Handlungsfreiheit,  die  allein  uns
Lebenserkenntnis  und  geistige  Kraft  und  Stärke  geben,  uns
befähigen  können,  denselben  Teil  der  geistigen  Arbeit
auf  uns  zu  nehmen,  den  wir  früher  an  physischer  Arbeit
im  Leben  verrichtet  haben.  Werden  künftig  nicht  mehr
Könige  und  Königinnen,  sondern  die  Massen  der  Völker
die  Beherrscher  des  Menschengeschlechts  sein  ?  Dann  for-
        <pb n="43" />
        40

HHH

mmm

dem  wir,  als  die  Hälfte  de6  Volkes,  unseren  vollen  Königinnenanteil ­
  an  den  Pflichten  und  der  Arbeit  der  Regierung ­
  und  Gesetzgebung.  Langsam,  aber  sicher,  so
wie  die  alten  Arbeitsfelder  sich  verschließen
und  hinter  uns  versinken,  fordern  wir  den  Eintritt ­
  in  die  neuen.
Wir  erheben  diese  Forderung  nicht  allein  um  unsertwillen, ­
  sondern  zum  Wohle  der  Menschheit.
Ein  Reiter,  der  allein  in  finsterer  Nacht  durch  unbekanntes ­
  Land  reist,  dem  mag  es  geschehen,  daß  er  plötzlich
sein  Pferd  unter  sich  scheuen  fühlt,  ja,  daß  es  sich  aufbäumt ­
  und  ihn  fast  zur  Erde  schleudert.  In  der  Finsternis
wird  er  dem  Tiere  fluchen  und  meinen,  es  wolle  ihn  einfach ­
  abwerfen,  um  sich  für  immer  von  seiner  Last  zu  befreien. ­
  Aber,  wenn  dann  der  Morgen  anbricht  und  die  Hügel ­
  und  Täler  beleuchtet,  die  er  durchwandert  hat,  wird
er  rückwärts  blickend  erkennen,  daß  die  Stelle,  an  der
sein  Tier  gescheut  hat,  an  der  es  wie  festgenagelt  stehen
blieb  und  an  der  es  sich  weigerte,  auf  dem  alten  Weg  zu
bleiben,  tatsächlich  der  Rand  eines  gewaltigen  Abgrunds
war.  Ein  Schritt  weiter,  und  Roß  und  Reiter  wären  hinabgestürzt. ­
  Und  er  wird  sich  sagen,  daß  ein  Instinkt,  weiser
als  sein  eigener,  das  Tier  im  Dunkel  geleitet  hatte,  es  zurückweichen ­
  und  einen  neuen  Pfad  suchen  ließ,  auf  dem
sie  beide  vorwärts  konnten.*
In  der  Verwirrung  und  der  Dunkelheit  der  Gegenwart
mag  es  manchem  scheinen,  daß  die  Frau  in  ihrem  Streben ­
  nach  neuen  Wegen  und  Arbeitsgebieten  nur  von  unverantwortlichem ­
  Impuls  getrieben  sei,  oder  daß  sie  selbstsüchtig ­
  nur  ihren  eigenen  Vorteil  im  Auge  habe  auf
Kosten  der  Menschheit,  für  deren  Gedeihen  sie  so  lang
und  treulich  gesorgt  hat.  Aber,  wenn  eine  hellere  Zukunft ­
  anbricht  und  die  verdunkelnden  Nebel  der  Gegen-*
  Wird  nicht  berichtet,  daß  selbst  der  Esel,  den  Bileam  ritt,  den  Engel
mit  dem  feurigen  Schwert  sah,  nicht  aber  Bileam  selbst?
        <pb n="44" />
        wart  zerstreut,  wird  es  sich  dann  nicht  klar  erweisen,  daß
die  Frau  nicht  für  sich  allein,  sondern  für  die  ganze
Menschheit  neue  Wege  gesucht  hat?
Betrachten  wir  genau,  welche  Stellung  wir  Frauen,  die
wir  heute  neue  Arbeitsfelder  und  eine  Umgestaltung  unserer ­
  Lebensverhältnisse  verlangen,  einnehmen.
Man  sagt  oft,  daß  das  Problem  der  Arbeit  der  Frau  und
das  des  beschäftigungslosen,  halb  oder  unnütz  beschäftigten ­
  Mannes  genau  das  gleiche  wäre,  und  daß  daher  mit  der
Lösung  des  Problems  der  Arbeit  für  den  Mann  unserer  Zeit
auch  das  der  Frau  notwendig  seine  Lösung  finden  wird.
Diese  Behauptung,  so  sehr  sie  einen  gewissen  äußeren
Schein  von  Wahrheit  besitzt,  ist,  wie  wir  meinen,  von
Grund  aus  falsch.  Es  ist  wahr,  daß  die  beiden  Probleme
unserer  Zeit,  das  der  männlichen  wie  der  weiblichen  Arbeit, ­
  ihren  Ursprung  großenteils  in  denselben  rapiden
äußeren  Veränderungen  haben,  die  während  der  letzten
Jahrhunderte,  besonders  in  den  letzten  neunzig  Jahren,  das
Angesicht  der  Welt  vollständig  verwandelt  haben.
Beide,  Männer  und  Frauen,  wurden  durch  diese  Veränderungen ­
  ihrer  alten  ergiebigen  Felder  sozialen  Wirkens
beraubt.  Hier  endet  aber  die  Ähnlichkeit.  Der  Mann,  dem
die  Veränderungen  der  modernen  Zivilisation  seine  alten
Arbeitsfelder  genommen  haben,  hat  nur  eine  Wahl  übrig:
neue  Arbeitsgebiete  finden  oder  zugrunde  gehen.  Die  Gesellschaft ­
  wird  ihn  bei  vollständiger  Untätigkeit  und  fast
voller  Nutzlosigkeit  schließlich  nicht  länger  erhalten.Wenn
er  sich  nicht  in  irgendeiner  Weise  —  und  sei  es  selbst  in
schadenbringender  —  ernstlich  anstrengt,  so  wird  er  endlich ­
  zugrunde  gehen.  Einzelne  Drohnen  mögen  sowohl  in
den  wohlhabendsten  als  in  den  ärmsten  Klassen  (Millionärssöhne,
  Prinzen  und  Bettler)  erhalten  bleiben  und  sich
fortpflanzen  ohne  jede  körperliche  oder  geistige  Anstrengung ­
  oder  Tätigkeit;  aber  eine  ganze  Klasse  von  Männern, ­
  die  ihre  alte,  soziale  Verwendung  verloren  hat  und  in
        <pb n="45" />
        42

keiner  Weise  nach  einer  neuen  trachtet,  würde  in  nicht
langer  Zeit  aussterben.  Es  gab  niemals  und  wird,  soweit
es  sich  voraussehen  läßt,  niemals  eine  Zeit  geben,  in  der
die  Mehrheit  der  Männer  irgendeiner  Gesellschaft  im  Zustande ­
  völliger  geistiger  und  körperlicher  Untätigkeit  von
dem  anderen  Teil  der  Männer  versorgt  würde.  „Arbeite
oder  stirb“  ist  die  Wahl,  vor  die  schließlich  jeder  Mann
heute,  ebensowohl  wie  in  der  Vergangenheit,  gestellt  ist.
Und  das  ist  es,  was  für  ihn  das  Arbeitsproblem  bedeutet.*
Die  Arbeit  des  Mannes  mag  nicht  immer  nützlich  im  höchsten ­
  Sinne  für  die  Gesellschaft  sein,  ja,  sie  kann  sogar  entschieden ­
  schädlich  und  antisozial  sein,  wie  im  Falle  der
Raubritter  des  Mittelalters,  die  vom  Fang  und  der  Plünderung ­
  der  an  ihren  Schlössern  Vorbeiziehenden  lebten,
oder  im  Falle  der  Spekulanten,  Börsenjobber,  Trustbarone ­
  und  Karteilisten  von  heute,  die  sich  von  der  produktiven ­
  Arbeit  der  Gesellschaft  ernähren,  ohne  irgend
etwas  zu  ihrer  Wohlfahrt  beizutragen.  Aber  selbst  die  in
solcher  Weise  beschäftigten  Männer  müssen  einen  hohen
Grad  von  Energie  und  selbst  ein  gewisses  Maß  von  Intelligenz ­
  an  ihr  Gewerbe  wenden,  und  so  schädlich  sie  auch
für  die  Gesellschaft  sein  mögen,  sind  sie  doch  nicht  in  persönlicher ­
  Gefahr,  eine  entnervte,  erschlaffte  Konstitution
an  ihre  Nachkommen  weiterzugeben.  Ob  nun  zum  Vorteil
*  Die  größte  Annäherung  zu  einem  vollen  Parasitismus  einer  großen
Gruppe  von  Männern  findet  sich  vielleicht  im  alten  Rom  zur  Zeit  des
Verfalls  und  Untergangs  des  Kaiserreiches,  als  die  Masse  der  Bevölkerung, ­
  Männer  wie  Frauen,  sich  von  importiertem  Korn,  Wein  und  öl
nährte  und  ihr  sogar  Feste  geboten  wurden  ohne  Arbeitsleistung  irgendwelcher ­
  Art  von  ihrer  Seite;  aber  dieser  Zustand  war  nur  von  kurzer
Dauer  und  beschleunigte  den  Untergang  des  hinsiechenden  Kaisertums.
Unter  den  wohlhabenden  sogenannten  höheren  Klassen  ist  es  wiederholt
vorgekommen,  daß  die  männlichen  Mitglieder  einer  Aristokratie  im  Verlaufe ­
  der  Zeit  zu  vollständigem  Parasitismus  hinneigten;  aber  dieser  Zustand ­
  hat  immer  eine  rasche  und  strenge  Abhilfe  erfahren,  das  Geschlecht ­
  ist  entweder  herabgekommen  oder  erloschen.  Die  Lage  der
Männer  der  oberen  Klasse  in  Frankreich  vor  der  Revolution  gibt  hierzu ­
  eine  interessante  Illustration.
        <pb n="46" />
        43

oder  Nachteil,  der  Mann  muß  im  allgemeinen  entweder
Verstand  oder  Muskeln  anstrengen  oder  aber  sterben.
Die  Stellung  der  unbeschäftigten  Frau  im  modernen  Leben ­
  ist  eine  weit  andere.  Für  sie  ist  die  Wahl,  nachdem  die
alten  Felder  häuslicher  Arbeit  ihr  entglitten  sind,  in  der
Regel  oder  oftmals  nicht  die  zwischen  neuen  Arbeitsfeldern ­
  oder  dem  Tod,  sondern  eine  in  ihrer  weittragenden
Bedeutung  für  die  Menschheit  als  Ganzes  noch  viel  ernstere: ­
  es  ist  die  Wahl,  neue  Arbeitsformen  zu  finden  oder
aber  langsam  hinabzusinken  in  einen  Zustand  des  mehr
oder  weniger  vollständigen  passiven  Geschlechtsparasitismus.* ­
  Wieder  und  wieder  hat  sich  in  der  Geschichte
*  Es  ist  von  hohem  Interesse,  die  verschiedenen  Phänomene  von  Geschlechtsparasitismus ­
  in  der  Tierwelt  zu  betrachten,  sowohl  bei  Männchen ­
  als  Weibchen.  Obwohl  in  der  größeren  Zahl  von  Spezies  in  der
Tierwelt  die  Weibchen  größer  und  stärker  als  die  Männchen  sind  (z.  B.
unter  den  Raubvögeln,  bei  Adlern,  Falken,  Geiern  etc.),  erscheint  der
Geschlechtsparasitismus  bei  beiden  Geschlechtern.  Bei  gewissen  Seetieren ­
  beispielsweise  tragen  die  Weibchen  in  den  Falten  ihrer  Umhüllung ­
  drei  oder  vier  winzige,  ganz  bewegungslose  Männchen,  die  vollständig ­
  passiv  und  von  ihnen  abhängig  sind.  Unter  den  Termiten  andererseits ­
  ist  das  Weibchen  so  degeneriert,  daß  es  alle  Fähigkeit,  sich  fortzubewegen, ­
  verloren  hat,  weder  für  seine  eigene  noch  für  die  Nahrung  der
Jungen  sorgen,  sich  nicht  verteidigen,  nicht  einmal  sich  reinigen  kann.
Es  ist  ein  bloßer  unbeweglicher,  ausgedehnter  Eiersack  ohne  Intelligenz
oder  Aktivität  und  lebt  mitsamt  seinen  Jungen  nur  von  der  Tätigkeit  der
Arbeiter  der  Gemeinschaft.  Unter  anderen  Insekten,  z.  B.  gewissen
Zecken,  herrscht  ebenfalls  eine  Art  Parasitismus  der  Weibchen  vor.
Während  das  Männchen  ein  entwickeltes,  sehr  lebhaftes,  beflügeltes  Tierchen ­
  ist,  hat  das  Weibchen,  das  sich  mit  dem  Kopf  in  das  Fleisch  lebender ­
  Tiere  festheftet  und  deren  Blut  aussaugt,  die  Flügel  und  alle  Beweglichkeit ­
  verloren.  Es  ist  zu  einer  bloßen  aufgeblähten  Blase  geworden,
die,  sobald  sie  mit  Eiern  gefüllt  ist,  zerplatzt  und  damit  seine  parasitische
Existenz,  die  kaum  je  Leben  war,  beendet.  Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,
daß  eben  diese  Degeneration  und  der  Parasitismus  der  Weibchen  auch
der  Entwicklung  der  Ameisen  Grenzen  gesetzt  hat,  dieser  Geschöpfe,  die
in  mancher  Beziehung  eine  fast  ebenso  hohe  geistige  Entwicklung  wie
der  Mensch  erreicht  haben  und  doch  merkwürdig  unveränderlich  stationär
geblieben  sind.  Die  ganze  Frage  des  Geschlechtsparasitismus  unter  den
Tieren  würde  vielsagende,  lehrreiche  Schlaglichter  auf  menschliche  Sozialprobleme ­
  werfen;  aber  sie  ist  zu  ausgedehnt,  um  hier  darauf  eingehen
zu  können.
        <pb n="47" />
        44

der  Vergangenheit,  so  oft  eine  gewisse  Stufe  materieller
Kultur  erreicht  war,  eine  seltsame  Tendenz  zum  Parasitentum ­
  der  Frauen  gezeigt.  Die  sozialen  Bedingungen  gehen
dahin,  die  Frauen  jeder  Art  tätiger,  bewußter,  sozialer  Arbeit ­
  zu  berauben  und  sie  gleich  der  Zecke  allein  auf
die  passive  Ausübung  ihrer  Geschlechtsfunktionen  zu  beschränken. ­

Das  Resultat  des  Parasitismus  aber  war  unabänderlich
der  Verfall  der  Lebenskraft  und  Intelligenz  des  weiblichen
Geschlechtes,  dem  nach  einer  längeren  oder  kürzeren
Periode  auch  der  Verfall  der  männlichen  Nachkommenschaft ­
  und  ihrer  ganzen  Gesellschaftsklasse  folgte.
Nichtsdestoweniger  haben  in  der  Vergangenheit  die  Gefahren ­
  des  Geschlechtsparasitismus  niemals  mehr  als  einen
kleinen  Teil  des  weiblichen  Geschlechtes  bedroht,  ausschließlich ­
  die  Frauen  irgendeiner  verhältnismäßig  kleinen ­
  herrschenden  Rasse  oder  Klasse,  während  die  Masse
der  Frauen  doch  gezwungen  blieb,  mannigfache  Arten  anstrengender ­
  Tätigkeit  auszuüben.  In  der  Jetztzeit  aber,
unter  den  besonderen  Umständen  unserer  modernen  Zivilisation ­
  ist  es  das  erstemal,  daß  der  Geschlechtsparasitismus ­
  früher  oder  später  zu  einer  Gefahr  für  die  Masse
der  zivilisierten  Frauen,  vielleicht  endlich  für  ihre  Gesamtheit ­
  wird.
Auf  der  frühesten  Stufe  menschlicher  Entwicklung  war
der  Geschlechtsparasitismus  und  die  Degeneration  des  Weibes ­
  keine  denkbare  Quelle  sozialer  Gefahr.  Wo  die  Lebensbedingungen ­
  es  unausweichlich  machten,  daß  alle  Arbeit  in
einer  Gemeinschaft  von  den  Mitgliedern  dieser  Gemeinschaft ­
  selbst  ausgeführt  werden  mußte  ohne  Hilfe  von
Sklaven  oder  Maschinen,  hat  immer  mehr  die  Tendenz  bestanden, ­
  den  Frauen  eine  übergroße  Arbeitslast  aufzubürden. ­
  Unter  keinen  Verhältnissen,  zu  keiner  Zeit,  nirgends
in  der  Weltgeschichte  haben  die  Männer  irgendeiner  Periode, ­
  irgendeiner  Nation  oder  Klasse  die  leiseste  Neigung
        <pb n="48" />
        45

gezeigt,  ihre  eigenen  Frauen  untätig  oder  parasitisch  werden ­
  zu  lassen,  solange  die  zu  ihrer  Ernährung  und  Bekleidung ­
  nötige  Muskelarbeit  in  diesem  Falle  auf  sie  selbst
überwälzt  worden  wäre.
Der  Parasitismus  der  Frau  wird  erst  dann  eine  Möglichkeit, ­
  wenn  ein  Grad  der  Zivilisation  erreicht  ist,  bei  dem
(wie  in  den  alten  Kulturen  Griechenlands,  Roms,  Persiens,
Assyriens,  Indiens  und  in  den  heutigen  orientalischen,  wie
China  und  dieTürkei)  dank  der  ausgedehnten  Verwendung
von  Sklavenarbeit  oder  der  Arbeit  unterworfener  Stämme
oder  Klassen  die  herrschende  Rasse  oder  Klasse  so  reichlich ­
  mit  materiellen  Lebensgütern  versorgt  ist,  daß  die
rein  physische  Arbeit  von  seiten  der  eigenen  Frauen  unnötig ­
  geworden  ist.  Erst  wenn  dieses  Stadium  erreicht  war
und  niemals  vorher,  sind  die  Symptome  von  weiblichem
Parasitismus  in  der  Vergangenheit  fast  jedesmal  zutage
getreten  und  zu  einer  sozialen  Gefahr  geworden.  Die  Männer ­
  der  herrschenden  Klasse  suchten  fast  immer  die  neuen
geistigen  Beschäftigungen,  welche  durch  die  verminderte
Notwendigkeit  der  alten  Formen  physischer  Arbeit  innerhalb ­
  der  Gesellschaft  möglich  geworden  waren,  für  sich
in  Anspruch  zu  nehmen;  und  die  Frauen  der  herrschenden ­
  Rasse  oder  Klasse,  für  deren  Muskelarbeit  auch  keine
Verwendung  mehr  war  und  denen  es  nicht  gelang,  diese
neuen  Arbeitsformen  zu  ergreifen  und  zu  erreichen,  sanken
in  einen  Zustand,  in  dem  sie  keinerlei  Art  aktiver  sozialer
Pflichten  erfüllten,  sondern  allein  in  der  passiven  Erfüllung ­
  ihrer  Geschlechtsfunktionen  lebten.  Ob  mit  oder  ohne
Befriedigung,  darüber  können  wir  nichts  wissen,  da  wir
keine  literarischen  Aufzeichnungen  der  Frauen  der  Vergangenheit ­
  und  ihrer  Wünsche  oder  Sorgen  besitzen.  So
trat  an  Stelle  des  tätigen,  wirkenden  Weibes,  deren  Arbeit
die  Gesellschaft  erhielt,  die  erschlaffte  Ehef-au,  die  Konkubine ­
  oder  Prostituierte,  die  sich  in  feine  Gewänder,  dem
Werk  fremder  Hände  kleidete,  mit  kostbaren  Gerichten,
        <pb n="49" />
        ’äM.

dem  Erzeugnis  fremder  Mühe,  nährte,  sich  von  den  Händen ­
  anderer  bedienen  und  warten  ließ.  Nachdem  das  Bedürfnis ­
  nach  ihrer  physischen  Arbeit  geschwunden  und
geistige  Tätigkeit  nicht  an  deren  Stelle  getreten  war,
schminkte  und  parfümierte  sie  ihren  Körper  oder  ließ  ihn
schminken  und  parfümieren,  lag  am  Sofa  oder  fuhr  im
Wagen  spazieren,  belud  sich  mit  Juwelen  und  suchte  durch
Zerstreuungen  die  unbestimmte  Leere  auszufüllen,  die  der
Mangel  an  produktiver  Tätigkeit  zurückgelassen  hatte.  Und
ihre  Hände  wurden  immer  weicher  und  ihr  Leib  immer
verweichlichter,  bis  zuletzt  selbst  die  Pflichten  der  Mutterschaft, ­
  der  einzige  Inhalt,  der  ihrem  Leben  geblieben,  ihr
widerwärtig  wurden  und  das  Kind  von  dem  Moment,  da
es  feucht  aus  ihrem  Schoße  kam,  in  fremde  Hände  überging, ­
  die  es  warteten  und  aufzogen.  Und  von  der  Kindheit
bis  ins  Alter  schuldete  ihr  Sprößling  oft  nichts  ihrer  persönlichen ­
  Arbeit.  In  vielen  Fällen  war  ihre  Entnervtheit
so  vollständig,  daß  schließlich  selbst  die  Freude,  Leben  zu
spenden,  der  Stolz  und  die  Seligkeit  reifer  Weiblichkeit,  ihr
zur  Last  wurde  und  sie  sich  ihr  zu  entziehen  suchte.  Nicht
etwa  um  gebieterischen  Pflichten  gegenüber  den  bereits
Geborenen  oder  gegenüber  der  Gesellschaft  keinen  Eintrag ­
  zu  tun,  sondern  nur,  weil  ihr  untätiges  Leben  sie  aller
Freude  an  mutigem  Anstrengen  und  Erdulden,  welcher
Art  immer,  beraubt  hatte.  Fein  gekleidet,  in  wohligem  Heim,
wurde  das  Leben  für  sie  rein  nur  die  Befriedigung  ihrer
eigenen  physischen  und  geschlechtlichen  Begierden  und
der  Begierden  des  Mannes,  durch  deren  Reizung  sie  sich
versorgen  konnte.  Ob  nun  als  ausgehaltenes  Eheweib,
als  ausgehaltene  Maitresse  oder  Prostituierte,  sie  trug
nichts  zu  der  schaffenden  oder  erhaltenden  Arbeit  der  Gesellschaft ­
  bei.  In  seiner  vollen  Entwicklung  ist  dieser  Typus ­
  ebenso  im  modernen  Paris,  Newyork  oder  London,  wie
im  alten  Griechenland,  Assyrien  und  Rom,  in  allen  seinen
Zügen,  seiner  Natur  und  seinen  Resultaten  ein  und  der-
        <pb n="50" />
        47

selbe.  Es  ist  der  Typus  der  „feinen  Dame“,  des  weiblichen
Parasiten,  der  tödlichsten  Mikrobe,  die  auf  der  Oberfläche
irgendeines  sozialen  Organismus  auftreten  kann.*  Wo  immer
in  der  Geschichte  der  Vergangenheit  dieser  Typus  seine
volle  Entwicklung  erreicht  hat  und  die  Masse  der  Frauen
einer  herrschenden  Rasse  oder  Klasse  ihn  angenommen
hat,  war  dies  die  Ankündigung  des  Verfalls.  In  Assyrien,
Griechenland,  Rom,  Persien,  sowie  heute  in  der  Türkei
haben  dieselben  materiellen  Bedingungen  dieselben  sozialen ­
  Übel  unter  den  wohlhabenden  und  herrschenden  Klassen ­
  hervorgebracht,  und  wieder  und  wieder,  wo  derartig
affizierte  Völker  in  Berührung  mit  gesünder  beschaffenen
kamen,  hat  dieser  krankhafte  Zustand  zu  ihrem  Untergang
beigetragen.
Im  antiken  Griechenland,  zur  Zeit  seiner  wundervollen,
mannhaften  Jugend,  waren  die  Frauen  reichlich  und
selbst  überreichlich  mit  Arbeit  versehen.  Nicht  allein  die
Masse  der  Frauen,  sondern  auch  Königinnen  und  Fürstentöchter ­
  sehen  wir  zum  Brunnen  gehen,  um  Wasser  zu  tragen, ­
  im  Flusse  die  Wäsche  waschen,  Nahrung  und  Arzneien ­
  für  den  Haushalt  bereiten,  die  Kleidung  für  ihre
Angehörigen  anfertigen  und  selbst  einen  Teil  der  höchsten ­
  gesellschaftlichen  Ämter  als  Priesterinnen  und  Prophetinnen ­
  ausüben.  Dem  Schoße  solcher  Frauen  sind  die
Geschlechter  von  Helden,  Denkern  und  Künstlern  ent* ­
  Der  Zusammenhang  des  allgemeinen  weiblichen  Parasitismus  mit  dem
speziellen  Phänomen  der  Prostitution  ist  von  fundamentaler  Bedeutung.
Man  kann  sich  nicht  eingehend  mit  dem  Problem  der  Prostitution  weder
vom  moralischen  noch  vom  wissenschaftlichen  Standpunkt  aus  befassen,
ohne  dessen  Zusammenhang  mit  dem  allgemeinen  Phänomen  des  weiblichen ­
  Parasitismus  voll  zu  erkennen.  Der  Mangel  dieser  Erkenntnis  ist
es,  der  so  oft  das  peinliche  Gefühl  des  Unreifen  hinterläßt,  wenn  man
die  meisten  modernen  Äußerungen  über  die  Frage,  sei  es  vom  Gefühlsstandpunkt ­
  des  Moralreformers  oder  vom  Intellektstandpunkt  des  wissenschaftlich ­
  sein  Wollenden,  mit  anhört.  Man  hat  die  Empfindung,  daß  sie
sich  mit  der  Sache  wohl  befassen,  sie  aber  nicht  erfaßt,  sie  nicht
an  der  Wurzel  gepackt  haben.
        <pb n="51" />
        48

sprossen,  die  Griechenlands  Größe  begründet  haben.  Diese
Frauen  bilden  den  Unterbau  ihrer  Gesellschaft,  so  wie  die
festen,  tief  gegrabenen  Grundmauern  die  Basis  für  die
sichtbaren  und  schmuckreicheren  Teile  eines  großen  Tempels ­
  bilden  und  seinen  Aufbau  und  seine  Haltbarkeit  ermöglichen. ­
  Nach  Ablauf  einer  bestimmten  Zeitepoche  aber
fand  man  in  Griechenland  bei  den  oberen  Ständen  keine
derart  kraftvoll  arbeitenden  Frauen  mehr.  Der  angehäufte
Wohlstand  der  herrschenden  Rasse,  der  durch  die  Arbeit
der  Sklaven  und  unterworfenen  Völker  gesammelt  worden
war,  hatte  so  ungeheuer  zugenommen,  daß  kein  Bedürfnis
mehr  nach  physischer  Arbeit  von  Frauen  der  herrschenden ­
  Klasse  bestand.  Als  Gattinnen  oder  Maitressen,  eingesperrt ­
  innerhalb  der  vier  Wände  ihres  Hauses,  bedient
von  Sklaven  oder  Untergebenen,  leisteten  sie  weder  für
ihre  eigene  Person,  noch  für  ihr  Volk  das  Geringste.  Die
geistige  Arbeit  war  von  den  Männern  in  Anspruch  genommen, ­
  die  physische  verrichteten  die  Sklaven  und  Unterworfenen. ­
  Einen  Moment  allerdings  gab  es  zu  Ende
des  fünften  und  Beginn  des  vierten  Jahrhunderts,  wo
die  Frauen  Griechenlands  innerlich  schon  ganz  in  Verfall ­
  geraten  waren,  unter  ihren  Männern  aber  eine  glänzende ­
  Blüte  des  Geistes  herrschte,  gleich  den  prächtigen
Farben  des  Abendhimmels,  wenn  die  Sonne  bereits  hinabgesunken ­
  ist;  aber  das  Mark  Griechenlands  war  bereits
angefault  und  seine  Lebenskraft  im  Erlöschen.  Es  vollzog
sich  eine  immer  wachsende  Scheidung  und  Ungleichheit
zwischen  Mann  und  Weib,  als  der  Mann  in  seiner  Bildung
immer  fortschritt  und  neue  Gebiete  geistiger  Arbeit  betrat,
während  das  Weib  untätig  zurück-  und  hinabfiel  von  der
Lebensleiter,  so  daß  zuletzt  eine  Kluft  entstand,  die  selbst
die  Geschlechtsliebe  nicht  zu  überbrücken  vermochte.  Die
unnatürliche  Institution  anerkannter  Homosexualität  in  den
höchsten  Schichten  war  ein,  und  zwar  das  ernsteste  Resultat
dieser  Scheidung.  Der  unausweichliche,  unüberwindliche
        <pb n="52" />
        Wunsch  aller  höher  entwickelten  menschlichen  Naturen,
mit  dem  geschlechtlichen  Verkehre  ihre  höchsten  geistigen
Interessen  und  Sympathien  zu  verbinden,  konnte  unmöglich ­
  Befriedigung  und  Widerhall  finden  in  dem  Verkehr
zwischen  den  zurückgezogenen,  verhältnismäßig  unwissenden ­
  und  hilflosen  Frauen  der  oberen  Klasse  Griechenlands
und  den  glänzend  gebildeten  und  vielseitigen  Männern,  die
dessen  herrschende  Klasse  im  fünften  und  vierten  Jahrhundert ­
  bildeten.  Der  Mann  hielt  sich  an  den  Mann,  und
die  Elternschaft,  die  göttliche  Gabe,  Leben  zu  zeugen,  ward
getrennt  von  den  erhabensten  und  tiefsten  Phasen  menschlichen ­
  Empfindens.  Xanthippe  verzankte  ihr  unwissendes
erbärmliches  Dasein  zwischen  den  vier  Wänden  ihres  Hauses, ­
  und  Sokrates  lag  in  der  Agora  und  diskutierte  mit  Alkibiades
  die  Probleme  der  Philosophie  und  Ethik;  und  der
griechische  Stamm  ward  im  innersten  Mark  faul*.  Hie
und  da  durchbricht  eine  Aspasia  oder  früher  noch  eine
Sappho  die  fesselnden  Bande  des  weiblichen  Zustandes,
und  mit  der  Kraft  des  unwiderstehlichen  Genies  betritt  sie
triumphierend  neue  Felder  der  Tätigkeit  und  kraftvollen
geistigen  Lebens  Seite  an  Seite  mit  dem  Mann;  aber  dies
waren  eben  Ausnahmefälle.  Wären  diese  Frauen  oder  andere ­
  imstande  gewesen,  einen  Weg  zu  bahnen,  auf  dem  dfe
Masse  der  griechischen  Frauen  ihnen  hätte  folgen  können,
wäre  es  für  die  Mehrzahl  der  Frauen  der  herrschenden
Klasse  Griechenlands  zu  Ende  des  fünften  Jahrhunderts
möglich  gewesen,  sich  aus  dem  Zustande  träger  Untätigkeit ­
  und  Unwissenheit  zu  erheben  und  an  der  geistigen
Arbeit  und  ernsten  Tätigkeit  ihres  Volkes  teilzunehmen,  so
würde  Griechenland  nie  so  zerfallen  sein,  wie  es  zu  Ende
des  vierten  Jahrhunderts  zerfiel,  so  unmittelbar  und  vollständig, ­
  wie  ein  fauler  Staubschwamm,  den  ein  gesunder
*  Siehe  Platos  „Gastmahl“;  aber  erst  das  Studium  der  ganzen  griechischen ­
  Literatur  des  5.  und  4.  Jahrhunderts  wirft  volle  Lichter  auf  diese
wichtige  Frage.

4  Schreiner,  Die  Frau.

49
        <pb n="53" />
        50

Finger  berührt,  erst  durch  die  Bestechungen  Philipps  und
dann  noch  vollständiger  durch  die  Waffen  seines  noch
kriegerischeren  Sohnes,  der  ja  auch  der  Sohn  der  feurigen,
kraftvollen,  standhaften  Olympia  war*.
Auch  würde  Griechenland  einige  Jahrhunderte  später
nicht  von  Thessalien  bis  Sparta,  von  Korinth  bis  Ephesus ­
  hinweggefegt,  seine  Tempel  zerstört,  seine  erschlafften ­
  Weiber  gefangen  worden  sein  von  den  Horden  der
Goten  —  einem  Volk,  das  viel  weniger  gut  bewaffnet  und
viel  weniger  kultiviert  war  als  die  Nachkommen  des  Perikies ­
  und  Leonidas,  das  aber  ein  Zweig  des  großen  teutonischen ­
  Stammes  bildete,  dessen  monogames  häusliches
Leben  im  Kern  gesund  war  und  dessen  furchtlose,  arbeitende ­
  und  entschlossene  Frauen  von  sich,  wie  einst  die
Spartanerinnen,  sagen  konnten,  daß  sie  ihren  Männern,
denen  sie  bis  ans  Ende  der  Erde  folgten,  auch  Männer
gebären.
In  Rom,  in  den  Tagen  der  Kraft  und  Reinheit,  arbeitete
die  römische  Matrone  eifrig  und  trug  die  volle  Hälfte  sozialer ­
  Last  auf  ihren  Schultern,  wenn  auch  ihre  Arbeits-  und
Einflußsphäre  etwas  kleiner  war,  als  die  ihrer  teutonischen ­
  Schwester,  deren  Abkömmlinge  bestimmt  waren,
einst  die  ihrigen  zu  verdrängen.  Von  der  vestalischen  Jungfrau ­
  bis  zur  Matrone,  versah  die  römische  Frau  in  den
Zeiten  nationaler  Gesundheit  und  nationalen  Wachstums
gewichtige  Funktionen  und  trug  die  ganze  Schwere  der
häuslichen  Arbeit.  Von  den  Tagen  der  großen  Lucretia,
die  mit  ihren  Mägden  spann  bis  tief  in  die  Nacht  hinein
*  Wie  fast  alle  im  Guten,  oder  Bösen  hervorragenden  Männer  hatte
Alexander  seine  bedeutendsten  Eigenschaften,  seinen  Mut,  seine  geistige
Beweglichkeit,  seinen  Ehrgeiz,  dem  jedes  Mittel  rechtwar,  wenn  esnurzum
Ziele  führte,  von  der  Mutter  geerbt.  Furchtlos  war  sie  im  Leben,  furchtlos
sah  sie  dem  Tod  ins  Angesicht,  mit  einem  Mut,  würdig  ihrer  Stellung  und
ihres  ganzen  gebieterischen  Wesens,  als  die  Stunde  der  Vergeltung  gekommen ­
  war.  Alexander  wird  erst  verständlich,  wenn  wir  ihn  als  dem
Schoße  der  Olympia  entsprossen,  erkennen.
        <pb n="54" />
        4'

51

und  die  ihre  Ehre  so  hoch  hielt,  daß  sie  den  Tod  ihrem
Verluste  vorzog,  bis  zu  den  Tagen  der  Mutter  der
Gracchen,  einer  der  letzten  Frauen  dieser  großen  Reihe,
finden  wir  überall  die  aufrechte,  tätige,  entschlossene
Römerin,  die  Männer  zur  Welt  brachte,  die  Roms  Größe
schufen.  Wenige  Jahrhunderte  später  und  Rom  hatte  ebenfalls ­
  jenen  gefährlichen  Punkt  sozialen  Wandels  erreicht,
den  Griechenland  Jahrhunderte  früher  erlebt  hatte.  Sklavenarbeit ­
  und  der  Besitz  einer  unermeßlichen  Beute  unterworfener ­
  Stämme  hatten  dem  Bedarf  nach  physischer  Arbeit ­
  von  seiten  der  Mitglieder  des  herrschenden  Stammes
für  immer  ein  Ende  gemacht.  Es  kam  die  Epoche,  in  der
die  Männer  sich  wohl  noch  mit  den  Pflichten  des  Krieges,
der  Regierung,  der  Gesetzgebung  und  Kultur  abgaben,  die
römische  Matrone  aber  bereits  für  immer  ihrer  Aufgaben
sich  entledigt  hatte.  Bedeckt  mit  Juwelen  und  kostbaren
Gewändern,  die  auf  Kosten  unsäglicher  menschlicher  Arbeit ­
  von  den  Enden  der  Welt  herbeigebracht  wurden,  genährt ­
  mit  den  wohlschmeckendsten  Gerichten,  die  andere
Hände  bereitet  hatten,  suchte  sie  nur  mit  Vergnügungen
ihr  Leben  zu  verbringen,  das  ihr  nicht  länger  die  Anregungen ­
  und  Freuden  einer  produktiven  Tätigkeit  bot.
Sie  besuchte  die  Theater  und  Bäder,  lag  auf  ihrem  Sofa
oder  fuhr  in  ihrem  Wagen,  und  ganz  wie  ihr  modernes
Seitenstück  schminkte  sie  sich,  trug  Schönheitspflästerchen, ­
  affektierte  einen  künstlerischen  Gang  und  bot  die
Hand  zum  Gruß  mit  erhobenem  Ellbogen  und  herabhängenden ­
  Fingern.  Ihre  Kinder  wurden  von  Dienerinnen  aufgezogen. ­
  An  der  geistigen  Arbeit  und  der  Regierung  ihres
Landes  nahm  sie  geringen  Anteil  und  war  auch  nicht  geeignet, ­
  ihn  irgend  zu  nehmen.
Es  fehlt  nicht  an  Schriftstellern  und  Denkern,  die  klar
erkannten,  wohin  diese  Entnervtheit  der  Frauen  führte,
und  sie  sparten  nicht  mit  Anklagen.  So  schreibt  ein  römischer ­
  Autor  dieser  Epoche:  „Es  gab  eine  Zeit,  da  die  Ma ­
        <pb n="55" />
        52

trone  die  Spindel  drehte  und  dabei  nach  dem  Kochtopf
ausschaute,  damit  die  Suppe  nicht  überkoche;  aber  jetzt,“
fügt  der  Autor  hinzu,  „da  die  Weiber  mit  Juwelen  beladen, ­
  auf  weichen  Kissen  ruhen  oder  in  Bädern  und  Theater ­
  Zerstreuung  suchen,  gehen  die  Dinge  abwärts  und  der
Staat  verfällt.“  Aber  weder  er,  noch  einer  aus  der  Menge
der  Schriftsteller  und  Denker,  die  erkannten,  zu  welchen
Zuständen  der  Dekadenz  der  weibliche  Parasitismus  die
Gesellschaft  führen  mußte,  wußte  eine  Abhilfe  dagegen.*
Denkende  Männer  seufzten  über  die  Gegenwart,  sehnten
sich  nach  der  Vergangenheit  und  schienen  doch  nicht  begriffen ­
  zu  haben,  daß  diese  unwiderruflich  vorbei  war;
daß  die  Römerin,  die,  um  es  ihrer  Ahnin  gleich  zu  tun,
mit  ihren  hundert  müßig  herumstehenden  Dienerinnen  den
Krug  auf  dem  Kopfe  zum  Brunnen  hinausgegangen  wäre,
während  der  eingeleitete  Wasserstrahl  im  Hofraum  jedes
Hauses  hervorschoß,  die  Rolle  einer  Heuchlerin  gespielt
hätte;  daß  die  Römerin,  die  damals  darauf  bestanden  hätte,
ihren  Webstuhl  hervorzuholen  und  die  ganzen  Nächte  am
Spinnrad  zu  sitzen,  doch  niemals  solche  Gewebe  zustande
gebracht  hätte,  wie  sie  ihr  Haushalt  erforderte  und  nur  recht
kindisch  gehandelt  hätte;  daß  sie  nicht  durch  Rückkehr
zu  den  alten  und  für  immer  verschlossenen  Arbeitsfeldern,
sondern  allein  durch  den  Eintritt  in  neue  ihrem  Volke
nützen  und  sich  selbst  hätte  Würde  und  Kraft  erhalten
können.  Nicht  durch  Wassertragen  und  Leinenweben,  sondern ­
  indem  sie  sich  selbst  dazu  erzogen  und  geschult  hätte,
ihren  Arbeitsteil  an  der  gerechten  und  weisen  Leitung
eines  großen  Reiches  zu  übernehmen  und  ein  Geschlecht
von  Männern  dazu  heranzuziehen,  eine  erleuchtete,  barmherzige ­
  und  wohltätige  Herrschaft  über  die  große  Masse
unterworfener  Völker  zu  führen  —  so  und  nur  so  hätte  sie
*  Muß  nicht  auch  tatsächlich  der  Protest  und  die  Abhilfe  in  allen  solchen ­
  Fällen  ihren  Ausgang  von  der  betroffenen  Klasse  selbst  nehmen,
wenn  sie  von  irgend  welcher  Wirkung  sein  sollen?
        <pb n="56" />
        53

ihrer  Pflicht  gegenüber  der  neuen  Gesellschaft  genügen
und  deren  Last  gemeinsam  mit  dem  Manne  tragen  können,
wie  ihre  Vorfahrinnen  in  vergangenen  Zeiten  die  ihrige  getragen ­
  hatten.
Daß  in  dieser  Richtung  und  in  dieser  allein  die  einzig
mögliche  Abhilfe  für  den  Zustand  der  Frauen  lag,  war  eine
Vorstellung,  die  augenscheinlich  niemand  erfaßte.  Und  so
sank  das  Weib  tiefer  und  tiefer  herab  zu  dem  Bild  jener
parasitischen  Römerin,  die  in  toller  Jagd  nach  Vergnügen
und  Sinneslust  die  Leere  auszufüllen  suchte,  die  der  Mangel
an  ehrlicher  Arbeit  hinterlassen  hatte,  die  Lust  anstatt
Liebe,  Bequemlichkeit  anstatt  Tätigkeit  hinnahm,  maßlos ­
  konsumierte  anstatt  zu  produzieren  und  endlich  zu  entnervt ­
  war,  um  auch  nur  Kinder  zur  V/elt  bringen  zu  wollen,
da  sie  vor  jeder  Art  Leiden  und  Ertragen  zurückschreckt.
So  bleibt  die  Römerin  jener  Zeit  —  der  auch  in  ihrer  Erniedrigung ­
  noch  eine  Spur  der  alten  römischen  Intensität
anhaftet  —  selbst  heutigen  Tages  noch  das  vollendetste  und
darum  abstoßendste  Bild  des  parasitischen  Weibes,  daß  die
Erde  jemals  hervorgebracht  hat  —  ein  Bild,  dessen  Widerlichkeit ­
  nur  noch  durch  seine  Tragik  übertroffen  wird.
Wir  begreifen,  daß  es  unausweichlich  war,  daß  diese
Frauen,  die  durch  ihre  Stellung  dazu  geboren  schienen,  eine
Welt  zu  lenken  und  zu  erleuchten,  und  anstatt  dessen  nur
auf  Kosten  dieser  Welt  lebten,  zuletzt  auch  nur  kraftlose
Männer  gebären  konnten,  und  daß  beide  schließlich  hinweggefegt ­
  wurden  bei  dem  Auftreten  jenes  teutonischen
Stammes,  dessen  mannhafte  Frauen  auch  Männer  gebären ­
  konnten.  Ein  Volk,  bei  dem  es  Sitte  war,  daß  die
Frau  an  ihrem  Hochzeitsmorgen  von  dem  Manne,  der
ihr  Gefährte  fürs  Leben  werden  sollte,  nicht  irgendein  verächtliches ­
  Geschmeide,  um  Hals  oder  Glieder  damit  zu
behängen,  zum  Geschenk  erhielt,  sondern  Schild,  Speer
und  Schwert  und  ein  Joch  Ochsen,  während  sie  dem  Mann
als  Gegengabe  eine  volle  Rüstung  bot,  als  Zeichen,  daß
        <pb n="57" />
        54

sie  beide  hinfort  eins  sein  wollten  in  Arbeit  und  Gefahr,
daß  auch  sie  mit  ihm  die  Wagnisse  des  Krieges  und  die
Sorgen  des  Friedens  tragen  wollte.  Ein  Volk,  von  dem  ein
Schriftsteller  uns  berichtet,  daß  seine  Frauen  nicht  bloß
die  Geschlechter  gebären,  an  ihrer  Brust  nähren  und  ohne
fremde  Hilfe  großziehen,  sondern  auch  die  ganze  Bewirtschaftung ­
  von  Haus  und  Land  übernehmen,  damit  die
Männer  für  Krieg  und  Jagd  frei  seien.  Suetonius  erzählt
uns,  daß  Kaiser  Augustus  als  Geiseln  von  einem  Stamm
dieses  Volkes  Frauen,  nicht  Männer  nahm,  weil  er  aus  Erfahrung ­
  wußte,  daß  jene  angesehener  wären.  Und  Strabo
spricht  davon,  daß  die  germanischen  Völker  den  Verstand
ihrer  Frauen  so  hoch  schätzen,  daß  sie  diese  als  erleuchtet
ansehen  und  in  keinen  Krieg  ziehen  und  nichts  Großes
unternehmen,  ohne  ihren  Rat  und  ihre  Meinung  gehört  zu
haben.  Von  den  Frauen  der  Zimbem,  die  ihre  Männer  bei
Idem  Einfall  in  Italien  begleiteten,  schritten  manche  barfuß ­
  inmitten  des  Zuges;  kenntlich  durch  ihre  lichten  Haare
und  weißen  Gewänder,  galten  sie  als  Seherinnen,  und  Florus
  sagt  von  ihnen  bei  Beschreibung  eines  römischen  Sieges: ­
  „Nicht  weniger  heftig  und  hartnäckig  war  der  Kampf
mit  den  Frauen  der  Besiegten.  Mit  ihren  Karren  und  Wagen ­
  bildeten  sie  eine  Schlachtenreihe,  und  von  dieser  erhöhten ­
  Stellung  verfolgten  sie,  wie  von  Festungstürmen
aus,  die  Römer  mit  ihren  Streitäxten  und  Lanzen*.  Ihr
Tod  war  so  glorreich  wie  ihr  Kampfesmut.  Als  sie  alles
verloren  sahen,  erdrosselten  sie  ihre  Kinder  und  töteten
sich  selbst  in  gegenseitigem  Schlachten  oder  knüpften
sich  mit  ihren  Haarbändern  an  die  Äste  der  Bäume  oder
an  das  Dach  des  Wagens  auf.“  Valerius  Maximus  sagt
von  diesen  Frauen:  „Hätten  die  Götter  am  Tage  der
Schlacht  die  Männer  mit  gleichem  Mut  erfüllt,  so  hätte
Marius  sich  niemals  eines  Sieges  über  die  Teutonen  rüh* ­
  Die  südafrikanischen  Burenfrauen  scheinen  nach  zweitausend  Jahren
die  Taktik  ihrer  Ahninnen  noch  nicht  ganz  vergessen  zu  haben.
        <pb n="58" />
        55

men  können.“  UndTacitus  gibt  folgende  Schilderung  von
den  Frauen,  die  die  Männer  in  den  Krieg  begleiteten:  „Sie
sind  die  trautesten  Zeugen  seiner  Taten,  die  Beifallspender
seiner  Tapferkeit,  gleich  geliebt  und  geehrt.  Die  Verwundeten ­
  suchen  ihre  Mütter  und  Weiber  auf;  unerschrocken
vor  ihrem  Anblick,  zählen  die  Frauen  jede  ehrenvolle
Wunde  und  saugen  das  hervorquellende  Blut  auf.  Sie  sind
sogar  kühn  genug,  sich  unter  die  Kämpfenden  zu  mischen,
um  Erfrischungen  auszuteilen  und  sie  zu  Taten  der  Tapferkeit ­
  anzufeuern.“  Und  er  fügt  hinzu:  „Es  ist  eine  Eigenheit ­
  der  Germanen,  sich  mit  einem  Weib  zu  begnügen,
sowie  auch  die  Frau  sich  mit  einem  Manne  begnügt,
gleichwie  mit  einem  Leben,  einem  Leib  und  einer  Seele.“
Es  war  unabwendbar,  daß  durch  die  Söhne  solcher  Frauen
die  Söhne  der  parasitischen  Römerinnen  von  der  Erde  hinweggefegt ­
  werden  mußten,  so  wie  die  Jungen  der  in  Gefangenschaft ­
  lebenden  Kanarienvögel  im  Kampf  mit  den  Jungen ­
  der  frei  lebenden  unterliegen.
Wieder  und  wieder,  in  ermüdender  Wiederholung,  spielt
sich  dieselbe  Entwicklung  ab.  Bei  den  Juden  sehen  wir  in
den  Tagen  der  Gesundheit  und  des  Wachstums  die  Frauen
den  Hauptteil  der  landwirtschaftlichen  und  häuslichen  Arbeit ­
  leisten,  stets  sich  mühen  und  sorgen,  von  Rahel  angefangen, ­
  der  Jakob  begegnete,  als  sie  die  Herde  ihres  Vaters ­
  tränkte,  bis  zu  Ruth,  der  Ahnherrin  einer  Königsund ­
  Heldenreihe,  die  Boas  im  Felde  beim  Ährenlesen  antraf; ­
  von  Sarah,  die  für  Abrahams  prophetische  Gäste  die
Kuchen  knetete  und  buk,  bis  zu  Miriam,  der  Prophetin  und
Sängerin  und  zu  Deborah,  die  unter  den  Palmen  wohnte
und  über  die  Kinder  Israels  Recht  sprach,  „und  das  Land
war  stille  vierzig  Jahre“.
Überall  erscheint  die  Frau  bei  den  alten  Juden  als  eine
erhaltende  Kraft  ihres  Volkes,  und  die  jüdischen  Schriften ­
  enthalten  das  vielleicht  vornehmste  Bild  der  arbeitenden ­
  Frau,  das  in  irgendeiner  Literatur  zu  finden  ist,  und
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        56

zwar  stammt  dasselbe  aus  eben  der  Zeit,  da  zum  ersten
Male  bei  einem  Teil  des  jüdischen  Volkes  die  fleißige
Frau  zu  verschwinden  anfing*  und  bereits  Salomons  sie-*
  Das  Idealbild  der  arbeitenden  im  Gegensatz  zu  der  parasitischen
Frau  findet  sich  in  den  Sprüchen  Salomonis  unter  der  Überschrift
„Worte  des  Königs  Lamuel,  die  Lehre,  die  ihn  seine  Mutter  lehrte.“
Auf  die  Gefahr  hin,  den  Leser  ein  ihm  allzu  Vertrautes  zu  bieten,  sei
die  Stelle  hierher  gesetzt,  die  mit  Berücksichtigung  der  Verschiedenheit ­
  der  materiellen  und  geistigen  Verhältnisse  auch  das  Ideal  der
arbeitenden  Frau  der  Gegenwart  und  Zukunft  darstellt:
„Sie  ist  viel  edler,  denn  die  köstlichsten  Perlen,
Ihres  Mannes  Herz  darf  sich  auf  sie  verlassen,
Und  Nahrung  wird  ihm  nicht  mangeln.
Sie  tut  ihm  Liebes  und  kein  Leides  sein  Leben  lang,
Sie  gehet  mit  Wolle  und  Flachs  um
Und  arbeitet  gern  mit  ihren  Händen.
Sie  ist  wie  ein  Kaufmannschiff,
Das  seine  Nahrung  von  Ferne  bringt.
Sie  steht  des  Nachts  auf
Und  gibt  Futter  ihrem  Hause
Und  Essen  ihren  Dirnen.
Sie  denkt  nach  einem  Acker  und  kauft  ihn,
Und  pflanzet  einen  Weinberg  von  den  Früchten  ihrer  Hände.
Sie  gürtet  ihre  Lenden  fest
Und  stärkte  ihre  Arme.
Sie  merkt  wie  ihr  Handel  Frommen  bringt;
Ihre  Leuchte  erlöscht  des  Nachts  nicht.
Sie  streckt  ihre  Hand  nach  dem  Rocken,
Und  ihre  Finger  fassen  die  Spindel.
Sie  breitet  ihre  Hände  aus  zu  den  Armen
Und  reicht  ihre  Hand  dem  Dürftigen.
Sie  fürchtet  ihres  Hauses  nicht  vor  dem  Schnee,
Denn  ihr  ganzes  Haus  hat  zweifache  Kleider.
Sie  macht  selbst  Decken,
Weiße  Seide  und  Purpur  ist  ihr  Kleid.
Ihr  Mann  ist  berühmt  in  den  Toren,
Wenn  er  sitzt  bei  den  Ältesten  des  Landes.
Sie  macht  einen  Rock  und  verkauft  ihn,
Einen  Gürtel  gibt  sie  dem  Krämer.
Ihr  Schmuck  ist,  daß  sie  reinlich  und  fleißig  ist
Und  wird  hernach  lachen.
Sie  tut  ihren  Mund  auf  mit  Weisheit,
Und  auf  ihrer  Zunge  ist  holdselige  Lehre.
Sie  schauet,  wie  es  in  ihrem  Hause  zugeht
Und  isset  ihr  Brot  nicht  mit  Faulheit.
        <pb n="60" />
        benhundert  parasitische  Weiber  und  dreihundert  parasitische ­
  Kebsweiber  am  Horizont  des  nationalen  Lebens  auftauchten. ­
  Die  traten  nun  an  Stelle  der  Herden  hütenden
Rahel  und  der  Ähren  lesenden  Ruth;  aber  keine  von  ihnen
hat  in  ihren  Palästen  aus  Gold  und  Zedernholz  einem  Joseph
oder  David  das  Leben  gegeben,  wohl  aber  einem  Rehobeam,
  unter  dessen  Händen  das  Königtum  seinem  Fall
entgegenging.
Im  Osten  spielt  sich  heute  derselbe  leidige  Vorgang  ab.
In  China,  wo  die  gegenwärtige  Lebenskraft  und  -macht
der  ältesten  bestehenden  Zivilisation  genau  an  der  Länge
der  Frauenschuhe  gemessen  werden  kann;  im  türkischen
Harem,  wo  eine  der  vornehmsten,  hervorragendsten  arischen ­
  Rassen,  die  die  Welt  hervorgebracht  hat,  langsam  in
den  Armen  einer  parasitischen  Weiblichkeit  erstickt  und
tatsächlich  schon  längst  hinweggetilgt  wäre,  wenn  nicht
immer  von  neuem  einige  Mannhaftigkeit  und  Kraft  durch
gekaufte  Frauen  zugeführt  würde,  die  ihre  Kindheit  und
frühe  Jugend  in  tätigem  Leben  auf  dem  Lande  zugebracht
haben.  Überall,  in  Vergangenheit  wie  Gegenwart,  ist  der
weibliche  Parasitismus  der  Vorbote  des  Verfalls  einer  Nation ­
  oder  Klasse  und  zeigt  so  unabänderlich  einen  ungesunden ­
  Zustand  an,  wie  Pocken  auf  der  Haut  die  Existenz
eines  eitrigen  Giftstoffes  im  Körper.
Wir  sind  selbstverständlich  weit  davon  entfernt,  zu  behaupten, ­
  daß  die  untergegangenen  Zivilisationen  der  Vergangenheit ­
  ihren  Verfall  einzig  dem  Parasitismus  ihrer
Frauen  schulden.  Große,  weittragende  soziale  Phäno-Ihre
  Söhne  kommen  auf  und  preisen  sie  selig;
Ihr  Mann  lobt  sie:
Viele  Töchter  bringen  Reichtum,
Du  aber  übertriffst  sie  alle,
Lieblich  und  schön  sein  ist  nichts,
Ein  Weib,  das  den  Herrn  fürchtet,  soll  man  loben.
Sie  wird  gerühmt  werden  von  den  Früchten  ihrer  Hände,
Und  ihre  Werke  werden  sie  loben  in  den  Toren. 1 *
(Kap.  31.  Luthers  Übersetzung.)

57
        <pb n="61" />
        58

mene  haben  unwandelbare  Ursachen  und  Rückwirkungen,
die  weitaus  zu  kompliziert  sind,  um  unter  ein  so  einfaches ­
  Gesetz  zusammengefaßt  zu  werden.  Hinter  dem
Phänomene  des  weiblichen  Parasitismus  ist  jedesmal  ein
anderes  und  noch  größeres  gelegen.  Jedesmal  ging,  wie
wir  gesehen,  die  Unterjochung  großer  Menschengruppen
voran,  sei  es  in  Form  von  Sklaverei  oder  Unterwerfung
von  Völkerschaften  oder  Klassen,  und  die  Folge  der  übermäßigen ­
  Arbeit  dieser  Schichten  war  immer  die  Anhäufung ­
  nicht  erarbeiteter  Reichtümer  in  den  Händen  der
herrschenden  Klassen  oder  Rassen.  Es  war  immer  auf
Kosten  dieser  Reichtümer,  dem  Resultate  erzwungener ­
  oder  schlecht  bezahlter  Arbeit,  daß
die  Frauen  der  herrschenden  Klasse  oder  Rasse  in  der
Vergangenheit  ihre  Arbeitsamkeit  verloren  und  dahin  gelangten, ­
  rein  nur  der  passiven  Erfüllung  ihrer  Geschlechtsfunktionen ­
  zu  leben.  Ohne  Sklaverei  oder  unterworfene
Klassen,  welche  die  rohe  physische  Arbeit  ausführten
und  überflüssige  Güter  erzeugten,  wäre  der  Parasitismus
der  Frau  in  der  Vergangenheit  eine  Unmöglichkeit  gewesen. ­

Es  ist  daher  eine  tiefe  Wahrheit  in  der  allgemeinen  Anschauung, ­
  daß  der  Verfall  großer  Nationen  und  Zivilisationen ­
  der  Vergangenheit  aus  der  Entnervtheit  resultiert,
die  übergroßer  Reichtum  und  Luxus  verursacht,  und  eine
womöglich  noch  tiefere  Wahrheit  liegt  der  Behauptung  zugrunde, ­
  daß  der  Untergang  schließlich  die  Folge  der  Entkräftung ­
  der  ganzen  Rasse  von  Männern  wie  Frauen  war.
Aber  wenn  wir  weiter  danach  fragen,  in  welcher  Weise
sich  dieser  Prozeß  des  Verfalls  entwickelte,  finden  wir,  daß
die  Rolle,  die  der  Parasitismus  der  Frau  dabei  spielt,  eine
wesentliche  war.  Der  bloße  Gebrauch  von  materiellen  Arbeitsprodukten, ­
  die  wir  Güter  nennen,  kann  niemals  an
sich  den  körperlichen  oder  geistigen  Verfall  hervorbringen,
der  dem  Untergang  großer  zivilisierter  Nationen  voran-
        <pb n="62" />
        geht.  Das  bloße  Essen  von  Lachs,  der  zehn  Schilling  das
Pfund  kostet,  kann  an  sich  die  moralische,  geistige  und
physische  Konstitution  des  Menschen,  der  ihn  verspeist,
nicht  mehr  schwächen  und  verderben,  als  die  seines  nackten ­
  Vorvaters,  der  sich  den  Lachs  aus  dem  Flusse  fischte.
Daß  ein  Mensch  ein  Kleid  trägt,  welches  aus  dem  Gespinst
eines  Wurms  hergestellt  wurde,  kann  die  körperlichen  Anlagen ­
  ebensowenig  verschlechtern,  als  wenn  das  Gewand
aus  Schafwolle  ist;  ein  ganzes  Volk,  das  in  Marmorpalästen
wohnt,  Delikatessen  speist,  sich  in  Samt  und  Seide  kleidet
und  von  den  herrlichsten  Erzeugnissen  der  Literatur  und
Kunst  umgeben  ist,  wird  niemals  dadurch  entkräftet  werden, ­
  solange  diese  Paläste,  Speisen,  Gewänder  und  Kunstprodukte ­
  das  Resultat  seiner  eigenen  Arbeit  sind.  Die  verderbliche ­
  Wirkung  des  Reichtums  setzt  erst  genau  in  dem
Moment,  niemals  früher  ein,  in  welchem  die  Beschaffung
der  materiellen  Bedürfnisse  und  Annehmlichkeiten  und
der  ästhetischen  Genüsse  die  Individualität  hemmt,  indem
diese  sich  mit  dem  bloßen  passiven  Besitz  der  Erzeugnisse
fremder  Arbeit  zufrieden  gibt,  ohne  das  Bedürfnis  oder
den  Wunsch  nach  fernerer  eigener,  produktiver  Tätigkeit
zu  empfinden.*
Die  äußern  Bedingungen,  unter  denen  dieser  Punkt  erreicht ­
  wird,  werden  nicht  immer  genau  dieselben  sein;  ;sie
werden  nicht  nur  nach  Alter  und  Rasse,  sondern  auch  nach
dem  Individuum  verschieden  sein.  Ein  Marc  Aurel  war
fähig,  sich  in  seinem  Palast  aus  Gold  und  Marmor  seine
Einfachheit  und  Männlichkeit  so  vollkommen  zu  erhalten,
als  wenn  er  in  der  Hütte  eines  Kuhhirten  gelebt  hätte;  wäh-*
  Von  den  andern  verderblichen  Wirkungen  nicht  erarbeiteten  Reichtums ­
  auf  die  ihn  besitzenden  Personen  oder  Klassen,  die  Abnahme
menschlicher  Teilnahme  etc.  wollen  wir  jetzt  nicht  sprechen;  denn  obwohl ­
  auch  diese  Dinge  unzweifelhaft  indirekt  dazu  beitragen,  eine  Gesellschaft ­
  zu  zersetzen,  so  müssen  sie  dieselbe  doch  nicht  notwendig
und  unmittelbar  entkräften,  und  diese  Entkräftung  ist  der  Punkt,  den  wir
augenblicklich  ins  Auge  fassen.

59
        <pb n="63" />
        60

rend  es  andererseits  durchaus  möglich  ist,  daß  die  Frau
eines  afrikanischen  Häuptlings,  die  auch  nur  vier  Sklaven ­
  besitzt,  um  ihr  Korn  und  Milch  zu  .schaffen  und  Felle
in  die  Sonne  zu  breiten,  fast  ebenso  rein  parasitisch  wird,
wie  die  verzärteltsten  Modedamen  des  alten  Rom  oder  modernen ­
  Paris,  London  und  Newyork.  Die  Höhe,  welche  unverdienter ­
  materieller  Wohlstand  erreichen  muß,  um  innerhalb ­
  derselben  Gesellschaft  das  einzelne  Individuum  zu
entkräften,  ist  verschieden  und  steht  im  genauen  Verhältnis ­
  zu  den  intellektuellen  und  moralischen  Anlagen  und  der
Stärke  oder  Schwäche  des  individuellen,  natürlichen  Tätigkeitsdranges. ­
  *
Der  schwächende  Einfluß  nicht  erarbeiteten  Wohlstandes
liegt  demnach  nicht  in  der  Natur  irgendeiner  materiellen
Lebensverbesserung  an  sich,  sondern  in  der  Möglichkeit,
dem  Individuum  jeden  Ansporn  zur  Tätigkeit  zu  rauben
und  so  die  geistigen  und  körperlichen  und  schließlich
auch  die  sittlichen  Anlagen  zu  zerstören.  Unsere  Untersuchung ­
  wird  zeigen,  daß  es  in  allen  Zivilisationen  der
Vergangenheit  fast  ausnahmslos  die  Frau  war,  die  zuerst
an  diesem  Punkte  anlangte,  und  daß  Entkräftung  und
Verfall  fast  immer  von  ihr  aus  sich  auf  den  Mann  übertragen ­
  hat.
Warum  das  so  sein  mußte,  ist  klar.  Erstens  ist  es  die
Sphäre  häuslicher  Tätigkeit,  in  die  Sklavenarbeit  oder  gedungene ­
  Dienste  am  leichtesten  eindringen.  Die  Macht
der  Peitsche  und  des  Mietschillings  vermag  viel  leichter
Arbeiter  zu  verschaffen,  die  Nahrung  und  Kleidung  herstellen
  und  selbst  auch  die  Kinder  pflegen,  als  Arbeiter,
*  Es  ist  in  der  modernen  Gesellschaft  nichts  Ungewöhnliches,  daß
Frauen  von  verhältnismäßig  sehr  bescheidenem  Wohlstand,  die  von  ihren
männlichen  Verwandten  mit  ganz  beschränkten  Mitteln,  ohne  daß  sie
etwas  arbeiten,  erhalten  werden,  wie  die  Frauen  und  Töchter  kleiner
Kaufleute  oder  Angehöriger  liberaler  Berufe  ebenso  vollkommen  parasitisch ­
  und  nutzlos  werden,  wie  Frauen,  die  über  ungezählte  Reichtümer
verfügen.
        <pb n="64" />
        denen  man  die  Aufgaben  des  Krieges  und  der  Regierung
anvertrauen  kann,  jener  Geschäfte,  welche  ip  der  Vergangenheit ­
  die  besondere  Sphäre  des  Mannes  waren.  Die
Frauen  Roms  waren  schon  durch  Generationen  aus  ihrem
Gebiete  der  häuslichen  Arbeit  und  der  Erziehung  und  Pflege
ihrer  Nachkommen  verdrängt  worden  und  hatten  längst
einen  verächtlichen  Parasitismus  erreicht,  ehe  noch  Roms
Männer  imstande  waren,  ihre  eigene  Arbeit  durch  die  von
Mietlingen  oder  Barbaren  im  Heer  oder  bei  mechanischen
Verwaltungsgeschäften  zu  ersetzen.
Ferner  ist  die  Frau,  indem  sie  mit  dem  Akt  des  Gebärens
eine  hochwichtige,  wenn  auch  passive  Funktion  erfüllt,  die
ihr  nicht  abgenommen  werden  kann  und  die  ausschließlich
mit  ihrer  eigenen  Person  verknüpft  ist,  und  dadurch,  daß
ihre  rein  geschlechtlichen  Attribute  ein  Gegenstand  der
Wünsche  und  Begierden  des  Mannes  sind,  ganz  besonders
ausgesetzt,  in  einer  eigenartig  trügerischen  und  allmählichen ­
  Weise  mit  ihrem  Unterhalt  von  dieser  geschlechtlichen ­
  Funktion  allein  abhängig  zu  werden.  So  sehr  ist
dies  der  Fall,  daß  ihr,  selbst  wenn  sie  diese  Funktion
gar  nicht  ausübt,  doch  der  Ruhm  derselben  anhaften  bleibt,
und  daß  in  ihren  eigenen  Augen,  sowie  in  denen  der  Gesellschaft ­
  die  bloße  Fähigkeit  zu  dieser  Leistung,
mag  sie  sie  auch  niemals  erfüllen,  mit  deren  wirklichen  Erfüllung ­
  verwechselt  wird.  Unter  der  mächtigen  Ägide  der
Frau,  die  die  Nachkommenschaft  zur  Welt  bringt  und
großzieht  und  in  anderen  Richtungen  ansehnliche  wertvolle
Arbeit  ihrem  Volke  leistet,  schleicht  sich  unbemerkt  und
allmählich  die  Frau  ein,  die  nichts  von  alle  dem  tut.  Von
der  kräftig  arbeitenden  Frau,  die  menschliche  Wesen  nach
dem  vollen  Maß  ihrer  Kräfte  gebiert,  die  ihre  Kinder
ohne  fremde  Hilfe  aufzieht  und  gleichzeitig  ernste  soziale
Arbeit  in  anderer  Beziehung  leistet  (und  die  unzweifelhaft, ­
  wo  immer  sie  sich  findet,  die  produktivste  Kraft
ist,  die  das  Menschengeschlecht  kennt),  ist  nur  ein  Schritt,

61
        <pb n="65" />
        62

wenn  auch  ein  großer,  zu  der  Frau,  die  wohl  einen  reichlichen ­
  Nachwuchs  erzeugt,  aber  ihn  nicht  selbst  aufzieht
und  keine  andere  soziale  Arbeit  verrichtet.  Von  dieser
Frau  wieder;  bis  zu  der,  die  nur  wenig  oder  gar  keine
Kinder  hat  und  keinerlei  andere  produktive  Arbeit  leistet,
sondern,  sei  es  als  Frau  oder  Maitresse,  allein  von  der
Ausübung  ihrer  Geschlechtsfunktionen  lebt,  ist  der  Schritt
nur  mehr  ein  kurzer.  Nur  ein  Schritt  weiter  noch  ist  es
zur  Prostituierten,  die  zu  keiner  Art  produktiver  Arbeit
geneigt  ist  und  die  an  Stelle  von  Leben  anerkanntermaßen
Krankheit  und  Tod  erzeugt,  aber  dank  ihrer  geschlechtlichen ­
  Attribute  eine  parasitische  Existenz  führt.  So  riesig
der  Abstand  zwischen  den  zwei  extremen  Typen  dieser
Gruppen  von  Frauen  und  so  scharf  entgegengesetzt  ihre
Stellung  in  der  Welt  ist,  so  besteht  doch  im  praktischen
Leben  keine  scharfe,  klare,  feste  Grenzlinie,  welche  die
eine  Frauentype  von  der:  andern  trennt.  Sie  fließen  ineinander ­
  über  in  feinen,  unmerklichen  Abstufungen.  Und
diese  schiefe  Ebene  unwillkürlich  hinabzugleiten,  das  ist
die  Gefahr,  die  der  Frau  der  zivilisierten  Rassen  besonders ­
  droht.  Indem  sie  von  der  vornehmen  Höhe  eines
Zustandes  angestrengtester  sozialer  Tätigkeit  in  den  Zustand ­
  eines  vollkommen  hilflosen,  untätigen  Parasitismus
hinabsinkt,  ohne  sich  selbst  der  Tatsache  klar  bewußt
zu  werden  und  ohne,  daß  die  Gesellschaft  sich  darüber
klar  würde,  verbirgt  die  Frau,  die  aufgehört  hat,  ihr
Kind  selbst  aufzuziehen  oder  überhaupt  zu  gebären,  und
die  auch  keine  andere  produktive  soziale  Funktion  ausübt, ­
  diese  Tatsachen  vor  ihren  eigenen  Augen,  indem  sie
darauf  beharrt,  daß  sie  eine  Frau  sei,  in  der  jene  Eigenschaften ­
  wenigstens  latent  liegen.*
*  Es  besteht  eine  interessante  analoge  Tendenz  auch  allenthalben  auf
Seiten  des  parasitischen  Mannes,  seinen  tatsächlichen  Zustand  vor  seinen
Augen  und  denen  der  Welt  zu  verbergen,  indem  er  die  alten  Formen
männlicher  Arbeit  zum  Scheine  weiterübt.  Meist  rühmt  er  sich  laut,  hilflose ­
  Frauen  und  die  Gesellschaft  zu  beschützen,  während  in  Wahrheit  er
        <pb n="66" />
        63

Diese  Besonderheiten  ihres  Zustandes  haben  in  allen
zivilisierten  Gemeinwesen  die  Frauen  früher,  und  ernstlicher ­
  den  Angriffen  des  Parasitismus  ausgesetzt  als  die
Männer,  und  während  die  Akkumulierung  von  Reichtümern
immer  die  Voraussetzung  war  und  die  Degenerierung  und
Erschöpfung  des  Mannes  die  endliche  und  sichtbare  Ursache ­
  des  Verfalls  großer  Rassen  der  Vergangenheit,  lag
doch  immer  zwischen  diesen  beiden  Phänomenen  als  Mittelglied ­
  der  Parasitismus  der  Frauen,  ohne  welchen  die  erste
Tatsache  unwirksam  und  die  zweite  unmöglich  geworden
wäre.
selbst  durch  die  Tätigkeit  von  Militär,  Polizei,  Gerichten  und  Gesellschaft
geschützt  wird;  fast  ausnahmslos  liebt  er  es,  ein  Schwert  oder  irgend
eine  andere  Waffe  an  der  Seite  baumeln  zu  haben  und  irgendeine  Uniform ­
  zu  tragen;  denn  die  Anmaßung  des  Militarismus,  ohne  dessen  ernste
Arbeit,  ist  ihm  Wonne.  In  einer  entarteten  Travestie  der  alten  Jagd
(durch  die  seine  Ahnherren  mit  Gefahr  ihres  Lebens  und  unter  männlichen ­
  Strapazen  ihr  Volk  mit  Nahrung  versorgten  und  vor  dem  Angriff
wilder  Tiere  schützten)  findet  er  seine  Hauptbefriedigung.  Sie  verhilft
ihm  dazu,  ihn  und  andere  die  Herabgekommenheit  und  Nutzlosigkeit
seiner  Existenz  weniger  deutlich  erkennen  zu  lassen,  als  wenn  er  sein  Leben ­
  im  Lehnstuhl  verbrächte.  In  den  Mooren  von  Yorkshire  kann  man
Rasenwälle  aufgerichtet  sehen,  hinter  denen  sich  männliche  Gestalten
verbergen,  während  von  Sonnenaufgang  an  Leute  unermüdlich  tätig
sind,  ihnen  Vögel  zuzutreiben.  Wenn  die  Vögel  herbeigetrieben  sind,  erheben ­
  die  Jäger  hinter  dem  Wall  ihre  Waffe,  und  der  Vogel,  den  aufzuscheuchen ­
  und  herzuschaffen  soviel  Mühe  gekostet  hat,  fällt  tot  zu
ihren  Füßen,  und  damit  erhöht  sich  großartig  der  Ruhm  des  Jägers,  der
nach  den  Mühen  der  Jagd  zur  Stadt  heimgekehrt,  seine  Jagdtasche  vorweist. ­
  Fast  glaubt  man,  aus  dem  Heideboden  die  Geister  der  alten  teutonischen ­
  Ahnen,  deren  Staub  hier  lange  geruht,  sich  erheben  und  verächtlich ­
  mit  den  Fingern  auf  ihre  degenerierten  Nachkommen  weisen  zu  sehn,
die  da  hinter  ihrem  Erdwall  hervorlugen.  Zur  Zeit  des  spätem  römischen
Kaiserreichs,  in  den  Tagen  des  Verfalls,  ließCommodusmitgroßenKosten
wilde  Tiere  aus  fernen  Ländern  kommen,  um  sich  den  Ruhm  zu  verschaffen, ­
  sie  im  römischen  Zirkus  zu  erschlagen,  und  er  ließ  Medaillen  prägen,
die  ihn  als  Herkules  im  Kampf  mit  dem  nemeischen  Löwen  darstellten.
Es  ist  uns  bisher  auf  dem  Gebiete  der  Plastik  noch  keine  Darstellung
des  Jagdhelden  hinter  dem  Rasenwall  bekannt;  aber  die  Weltgeschichte
wiederholt  sich,  und  so  mag  auch  das  noch  kommen.  Es  ist  bemerkenswert, ­
  daß  diese  Jäger  nicht  etwa  Jungens  sind,  sondern  oft  vollkommen
reife  Männer,  vor  denen  alle  hohen  Genüsse  und  Beschäftigungen  des
modernen  Lebens  offen  liegen.
        <pb n="67" />
        64

Weder  die  Sklaverei  noch  die  große  Anhäufung  von
Reichtümern  allein  könnte  eine  Nation  durch  Entnervung
verderben,  wenn  ihre  Frauen  tätig,  kraftvoll  und  arbeitsam
blieben.
Die  Vorstellung,  die  wieder  und  wieder  die  aufeinander
folgenden  Kulturen  beherrscht  zu  haben  scheint,  daß  es
für  den  Mann  eine  Möglichkeit  gäbe,  an  körperlicher  und
geistiger  Kraft  zuzunehmen,  während  seine  weibliche  Gefährtin ­
  stationär  und  untätig  bliebe,  ohne  andern  Anteil  an
der  Arbeit  der  Gesellschaft  als  der  passiven  Erfüllung  der
Geschlechtsfunktionen,  ist  von  den  Tatsachen  immer  widerlegt ­
  worden.  Es  endete,  wie  das  Experiment  enden  würde,
gute  Rennpferde  mit  ungeübten,  kurzatmigen,  x-beinigen
Mähren  aufzüchten  zu  wollen.  Nein,  noch  weit  verhängnisvoller ­
  1  Denn  während  das  weibliche  Tier  sein  Wesen  an  die
Nachkommenschaft  einzig  oder  hauptsächlich  durch  Vererbung ­
  im  Keim  überträgt  und  durch  den  Einfluß,  den  es
während  der  Trächtigkeit  ausübt,  prägt  beim  Menschen  die
Mutter,  indem  sie  die  ganze  geistige  und  moralische  Atmosphäre ­
  bereitet,  in  der  das  Kind  die  ersten  Lebensjahre
verbringt,  ihr  Wesen  viel  untilgbarer  ihrem  Sprößling  ein.
Nur  tüchtige  und  arbeitsame  Frauen  können  auf  die  Dauer
tüchtige,  arbeitsame  Männer  gebären;  nur  kraftlose,  untätige ­
  Männer  können  schließlich  von  kraftlosen,  untätigen
Frauen  geboren  werden.  Der  frisierte,  parfümierte,  schlaffe
Zärtling,  mit  der  faden  Sprechweise  und  der  feinen  Kleidung, ­
  dem  die  Seltenheit  und  Mannigfaltigkeit  der  Speisen ­
  zum  Studium  wird  und  dessen  schwerste  Arbeit  die
Suche  nach  Vergnügungen  ist,  für  den  selbst  die  Jagd,  die
seinen  Vorvätern  eine  stärkende,  männliche  Arbeit  von
wesentlicher  Bedeutung  für  das  Leben  ihres  Volkes  war,
zur  luxuriösen,  possenhaften  Spielerei  wird  —  diese  Art
Mann,  wo  immer  man  ihr  begegnet,  ob  im  späten  römischen ­
  Kaisertum,  ob  im  heutigen  türkischen  Harem  oder
in  unserer  nördlichen  Zivilisation,  ist  nur  dadurch  möglich
        <pb n="68" />
        5  Schrei  Her,  Die  Frau

65

geworden,  daß  Generationen  parasitischer  Frauen  ihm
vorangegangen  sind.  Ist  solch  ein  Mann  auch  als  Produkt
eines  noch  fortgeschritteneren  Verfalls  nocj^abstoßender  als
die  parasitische  Frau,  so  ist  es  doch  das  Parfüm  aus  dem
Boudoir  seiner  Mutter,  das  uns  aus  seinem  Haar  entgegenduftet. ­
  Wie  die  kahlen  Stellen  und  die  verfaulte  Wolle  am
Rücken  eines  räudigen  Schafes,  welche  anzeigen,  daß  tief
unter  der  Hautoberfläche  sich  ein  schmarotzendes  Insekt  in
das  Fleisch  eingefressen  hat,  sind  diese  Männer  nicht  so  sehr
die  Ursachen  des  Übels  als  seine  Erkennungszeichen.
Wie  gesagt,  das  menschliche  Weib  prägt  sein  eigenes
Wesen  der  männlichen  und  weiblichen  Nachkommenschaft
nicht  nur  durch  Keimvererbung  und  den  Einfluß  in  der
Zeit  der  Schwangerschaft  auf,  sondern  durch  die  geistige
Atmosphäre,  die  es  bereitet  und  in  der  das  Kind  die  frühesten ­
  eindrucksfähigsten  Jahre  verbringt;  dies  ist  es,  warum ­
  die  Lebensverhältnisse  der  kindergebärenden  Frauen
zu  einem  höchsten  Interesse  der  Menschheit  werden.  Diese
Tatsache  macht,  daß  selbst  die  Prostitution,  die  in  vielen
anderen  Beziehungen  die  abstoßendste  aller  Formen  des
weiblichen  Schmarotzertums  ist,  vielleicht  dem  Fortschritt
und  selbst  der  Erhaltung  einer  gesunden,  kräftigen  Gesellschaft ­
  nicht  abträglicher  ist  als  der  Parasitismus  der  gebärenden ­
  Frauen.  Denn  die  Prostituierte,  so  schwer  sie
auch  die  Gesellschaft  belastet,  der  sie  für  ihren  Unterhalt ­
  nichts  als  Krankheit,  geistigen  und  sittlichen  Zerfall
bietet,  greift  doch  nicht  so  unmittelbar  in  die  kommende
Generation  ein,  als  die  ausgehaltene  Ehefrau  oder  Maitresse,
  die  ihr  kraftloses  Bild  unauslöschlich  dem  folgenden ­
  Geschlecht  einprägt  *.
*  Man  kann  es  nicht  oft  genug  wiederholen,  daß  die  Frau,  die  nur
Kinder  zur  Welt  bringt  und  es  dann  andern  überläßt,  sie  zu  nähren  und
großzuziehen,  nicht  einmal  die  Hälfte  der  Arbeit  geleistet  hat,  die  die
Schaffung  eines  menschlichen  Wesens  bedeutet.  In  diesem  Fall  ist  es
die  Amme  und  die  Pflegerin,  nicht  die  Mutter,  die  die  wichtigste  Arbeit
leistet.
        <pb n="69" />
        66

Noch  kein  Mann  der  Erde  ist  weiter  entfernt  von  seiner
Mutter  zur  Welt  gekommen,  als  ihre  Nabelschnur  lang  war.
Es  ist  die  Frau,  die  schließlich  den  Stand  der  Rasse  bestimmt, ­
  von  dem  auf  die  Länge  der  Zeit  keine  Abweichung
in  irgendeiner  Richtung  möglich  ist;  wenn  ihr  Hirn  geschwächt ­
  ist,  so  auch  das  des  Mannes,  den  sie  gebiert,
wenn  ihre  Muskeln  schlaff  sind,  so  auch  die  seinen,  wenn
sie  entartet,  so  verfällt  auch  ihr  Volk.
Andere  Ursachen  mögen  und  werden  zur  Entkräftung
und  Degeneration  einer  Klasse  oder  Rasse  führen;  der
Parasitismus  der  gebärenden  Frau  muß  dahin  führen.
Wir,  die  europäischen  Frauen  unserer  Zeit,  stehen  heute
dort,  wo  in  der  Vergangenheit  die  Frauen  anderer  Rassen
wieder  und  wieder  gestanden  haben.  Aber  unser  Zustand
ist  noch  ernster  und  von  noch  größerer  Bedeutung  für  die
ganze  Menschheit  als  es  der  ihre  je  war.  Sehen  wir  näher
zu,  weshalb  dem  so  ist.
        <pb n="70" />
        5*

67

III.  PARASITISMUS
(Fortsetzung)
W ir  haben  gesehen,  daß  in  der  Vergangenheit  etwas
derartiges,  wie  der  Parasitismus  aller  oder  auch  nur
der  großen  Mehrheit  der  Frauen  irgendeines  Erdstrichs
unmöglich  war.  Neben  jener  Gruppe  von  Frauen  der  herrschenden ­
  Klasse  oder  Rasse,  die  weder  geistig  noch  körperlich ­
  arbeitete,  gab  es  notwendigerweise  immer  eine  weit
größere  Masse  von  Frauen,  die  nicht  nur  die  vor  Einführung ­
  maschineller  Produktionsmethoden  für  die  Gesellschaft ­
  so  bedeutungsvolle  physische  Arbeit  verrichteten,
sondern  auch  gezwungen  waren,  um  so  intensiver  zu  arbeiten, ­
  als  sie  mit  ihrer  physischen  Arbeit  eine  über  ihnen
stehende  müßige  Klasse  zu  erhalten  hatten.  Je  mehr  das
weibliche  Parasitentum  früherer  Zeit  in  einer  Rasse  oder
Klasse  gedieh,  um  so  sicherer  waren  alle  Frauen  der  andern ­
  Klassen  oder  Rassen  gezwungen,  nur  zu  übermäßig
zu  arbeiten,  und  endlich  waren  diese  Frauen  und  ihre
Nachkommenschaft  dazu  bestimmt,  die  entnervte  Klasse
oder  Rasse  zu  ersetzen.  In  Ermanglung  von  Maschinen
und  der  ausgedehnten  Anwendung  der  Naturkräfte  konnte
das  Schmarotzertum  nur  einen  verhältnismäßig  kleinen
Teil  einer  Gemeinschaft  bedrohen  und  nur  einen  minimen
Teil  der  gesamten  menschlichen  Gesellschaft.  Der  weibliche ­
  Parasitismus  der  Vergangenheit  glich  der  Gicht,  einer
Krankheit,  die  nur  den  zu  Wohlgenährten,  Überfütterten,
den  Wenigen  gefährlich  wird,  niemals  einer  Bevölkerung
als  Ganzes.
Heutzutage  hat  der  Ersatz  der  rohen  physischen  Menschenkraft ­
  durch  Maschinenkräfte  solch  enorme  Fortschritte ­
  gemacht  (dienen  doch  heute  selbst  maschinell  hergestellte ­
  Saugflaschen  und  künstliche  Nährmittel  als  Ersatz ­
  der  Muttermilch!),  daß  es  nun  nicht  mehr  bloß  für
einen  kleinen  wohlhabenden  Tei 1  der  Frauen  jeder  zivili-
        <pb n="71" />
        68

sierten  Gemeinschaft  möglich  ist,  sich  zu  erhalten,  ohne
die  alte  rohe,  physische  Arbeit  ihres  Geschlechtes  zu  verrichten ­
  und  ohne  die  Abhängigkeit  der  Sklaverei  oder  einen
großen  Zuwachs  von  Arbeit  durch  eine  andere  Klasse  von
Frauen  zu  erleiden;  vielmehr  hat  bereits  jene  breite  Masse
von  Frauen,  welche  die  Mittelklasse  zwischen  Arm  und
Reich  in  der  modernen  Gesellschaft  bilden,  diesen  Zustand ­
  erreicht  oder  neigt  dahin,  ihn  zu  erreichen.  In  den
nächsten  fünfzig  Jahren  werden  sich  unzweifelhaft  die
technischen  Errungenschaften  der  Zivilisation  so  rasch
verbreiten,  und  zwar  sowohl  in  der  modernen  Gesellschaft
als  auch  dort,  wo  bisher  diese  materielle  Zivilisation  noch
nicht  eingedrungen  ist,  daß  die  alte  Form  der  weiblichen,
häuslichen,  physischen  Arbeit  selbst  von  den  Frauen  der
untersten  Klassen  wenig  mehr  gefordert  werden  dürfte,  da
sie  durch  immer  mehr  fortschreitende,  arbeitsparende  Maschinen ­
  ersetzt  wird.
Auf  diese  Weise  bedroht  der  weibliche  Parasitismus,  der
in  der  Vergangenheit  nur  einen  minimen  Teil  der  Erdbewohnerinnen ­
  betraf,  unter  den  heute  bestehenden  Verhältnissen ­
  breite  Massen  und  kann  in  der  Zukunft  das  weibliche ­
  Geschlecht  als  Ganzes  bedrohen.
Wenn  die  Frauen  sich  darein  finden,  den  Männern  alle
Arbeit  auf  den  neuen  höchst  wichtigen  Gebieten  zu  überlassen, ­
  die  sich  dem  Menschengeschlecht  unausgesetzt  erschließen, ­
  wenn  sie,  so  wie  die  alten  Formen  häuslicher
Arbeit  für  immer  verschwinden,  nicht  nach  Neuem  greifen, ­
  ist  es  unausweichlich,  daß  endlich  nicht  nur  eine  Klasse,
sondern  große  Massen  von  Frauen  der  zivilisierten  Gesellschaft ­
  in  einen  Zustand  mehr  oder  minder  vollständiger ­
  Abhängigkeit  von  ihrer  Geschlechtsfunktion  allein  geraten. ­
  *
*  Wie  sehr  diese  scheinbar  sehr  fernliegende  Gefahr  tatsächlich  besteht, ­
  illustriert  in  interessanter  Weise  der  ernst  gemeinte  Vorschlag,  der
vor  einigen  Jahren  von  einer  bekannten  Persönlichkeit  in  England  gemacht
        <pb n="72" />
        Wenn  wir  die  Beherrschung  neuer  Formen  der  Naturkräfte ­
  und  die  vervollkommnete  Anwendung  der  Maschinen
erreichen,  wird  es  für  die  männliche  Hälfte  aller  zivilisierten ­
  Rassen  (und  daher  schließlich  für  alle)  leicht  möglich
sein,  alle  Felder  geistiger  Arbeit  und  gelernter  Handarbeit ­
  für  sich  allein  zu  beanspruchen;  es  wäre  denkbar,  daß
die  weibliche  Hälfte  des  Geschlechts  aufhört,  irgendwelche ­
  Form  aktiver  Arbeit  zu  leisten,  und  sei  es  als
Prostituierte,  als  Maitresse  oder  Ehefrau,  als  passives
Werkzeug  der  Geschlechtsfortpflanzung  oder  bei  noch  stärkerer ­
  Dekadenz  als  bloßes  Instrument  geschlechtlicher  Befriedigung ­
  in  einen  Zustand  von  vollkommen  hilflosem
Geschlechtsparasitismus  verfiele.
Der  Geschlechtsparasitismus  stellt  sich  daher  zu  Ende
cles  neunzehnten  und  Beginn  des  zwanzigsten  Jahrhunderts ­
  in  einem  Gewände  dar,  das  er  nie  früher  getragen.
Wir,  die  Frauen  Europas  des  neunzehnten  und  zwanzigsten ­
  Jahrhunderts,  befinden  uns  daher  in  einer  Lage,  deren
Ernst  und  Bedeutung  bei  unsern  Vorläuferinnen  in  den
alten  Kulturen  nicht  ihresgleichen  hatte.  Je  nachdem,  wie
wir  die  Schwierigkeiten  unserer  Lage  bemeistern  und  darüber ­
  hinwegkommen  oder  aber  von  ihnen  besiegt  werden,
wird  die  Zukunft  nicht  nur  unserer  eigenen  Klasse  oder
auch  nur  unserer  eigenen  Rasse,  sondern  darüber  hinaus ­
  aller  jener  sich  gestalten,  die  den  Spuren  unserer

wurde.  Der  Mann  schlug  vor,  daß  obligatorisch  für  alle  Frauen,  mindestens ­
  der  Ober-  und  Mittelklassen  Fürsorge  getroffen  werden  solle,  so
daß  sie  lebenslang  ganz  erhalten  werden,  ohne  Rücksicht  darauf,  ob  sie
vgendwelche  produktive  Arbeit  leisten  und  ohne  daß  selbst  die  passive
Leistung  geschlechtlicher  Fortpflanzung  notwendig  von  ihnen  gefordert
würde.  Es  mag  den  Mann,  der  diesen  Vorschlag  machte,  überrascht
haben,  daß  derselbe  bei  jenen  Frauen,  die  eine  Umgestaltung  der  Stellung ­
  der  Frau  im  modernen  Leben  anstreben,  keine  Zustimmung,  sondern
nur  Spott  fand;  aber  ebensoviel  Grund  hätte  er,  überrascht  zu  sein,  wenn
etwa  Leute,  die  sich  vor  irgend  einer  ansteckenden  Krankheit  fürchten,
nicht  auf  den  Vorschlag  eingingen,  ihnen  allen  diese  Krankheit  in  ihrer
schwersten  Form  einzuimpfen  I

69
        <pb n="73" />
        7  o

Zivilisation  folgen.  Die  Entscheidung,  die  zu  treffen  wir
berufen  sind,  ist  entscheidend  für  die  Menschheit;  hinter
uns  schreiten  unzählige  Millionen.
Es  ist  demnach  die  Behauptung,  die  selbst  von  denkenden ­
  Menschen  erhoben  wird,  unwahr,  daß  die  Arbeiterfrage ­
  und  die  Frauenfrage  unserer  Zeit  vollständig  eins
seien,  und  daß  die  Frauen  Europas  nur  geduldig  zu  warten ­
  brauchten,  bis  die  Männer  allein  die  Frage  für  sich
gelöst  hätten,  um  gleichzeitig  auch  ihr  eigenes  Frauenproblem ­
  gelöst  zu  finden.  Angenommen,  das  ganze  heutige ­
  Arbeitsproblem  des  Mannes  wäre  morgen  geordnet,
es  wären  all  die  arbeitslosen  oder  nutzlos  beschäftigten
Männer,  welche  durch  die  Umwandlungen  der  modernen
Verhältnisse  an  den  beiden  Polen  der  Gesellschaft  ihrer
alten  Arbeitsformen  beraubt  worden  sind,  so  erzogen  und
geschult,  daß  sie  sich  vollkommen  den  neuen  Lebensbedingungen ­
  anpaßten,  und  es  wären  der  materielle  Ertrag
und  die  intellektuellen  Möglichkeiten,  welche  der  Ersatz
menschlicher  durch  Maschinenkräfte  nun  der  Menschheit
gewährt,  nicht  mehr  allein  in  den  Händen  Weniger,  sondern ­
  der  volle  Arbeitsertrag  käme  allen  Männern  zugute,
so  wäre  doch  das  Frauenproblem  ebensoweit  von  einer  befriedigenden ­
  Lösung  entfernt  als  heute,  und  wenn  es  überhaupt ­
  beeinflußt  worden  wäre,  so  zum  Schlechteren.  Es
ist  ganz  unrichtig,  daß  1000  oder  ioooo  Mark,  die  der
Mann  mit  physischer  oder  geistiger  Arbeit  verdient  hat  und
von  denen  er  einen  Teil  zur  Erhaltung  nicht  arbeitender
Frauen,  seien  es  Prostituierte,  Ehefrauen  oder  Maitressen,
verwendet,  für  die  Frau  oder  die  Gesellschaft  dasselbe  bedeuten, ­
  wie  dieselbe  Summe,  wenn  sie  von  Frauen  durch
ihre  eigene  Arbeit  erworben  wurde,  ob  nun  direkt  als  Lohn
oder  indirekt  durch  Arbeit  für  den  Mann,  von  dessen  Einkommen ­
  sie  leben.  Für  den  Moment  allerdings  wird  die  vom
Manne  versorgte  Frau  weicher  und  wärmer  gebettet  sein,  als
jene,  die  gezwungen  ist,  sich  selbst  anzustrengen;  schließ-
        <pb n="74" />
        71

lieh  aber  wird  der  geistige,  moralische  und  selbst  physische ­
  Effekt  für  das  Individuum  wie  für  die  Rasse  so  verschieden ­
  sein,  wie  Aufstieg  und  Niedergang,  wie  Leben  und
Tod.  Der  zunehmende  Wohlstand  des  Mannes  hebt  und
fördert  die  Frau,  über  die  er  ihn  ausgießt,  ebensowenig,
als  der  zunehmende  Reichtum  seiner  Herrin  einen  Pudel
geistig  oder  körperlich  fördert,  weil  er  nun  ein  Daunenstatt ­
  eines  Federkissens  oder  Hühnerbraten  statt  Rindfleisch ­
  erhält.  Je  wohlhabender  die  Männer  einer  Gesellschaft ­
  werden,  um  so  größer  wird  die  Versuchung  sowohl
für  sie  selbst,  als  für  die  von  ihnen  abhängigen  Frauen,
dem  weiblichen  Parasitismus  zuzusteuem.
Wenn  die  Verbesserung  der  Lage  der  männlichen  Arbeiter ­
  zu  einer  gleichmäßigeren  Verteilung  der  Güter  unter ­
  den  Männern  führte,  so  würde  dies  tatsächlich  ein
wenig  die  Tendenz  zum  Parasitismus  unter  den  Frauen  der
wohlhabendsten  Klassen  vermindern;  aber  es  würde  andererseits ­
  genau  dieselben  Vorbedingungen  des  Parasitismus ­
  für  Millionen  von  Frauen  zeitigen,  die  heute  ein  gesundes ­
  und  tätiges  Leben  führen.*
Daß  die  zwei  Probleme  nicht  gleichbedeutend  sind,  beweist, ­
  wenn  ein  Beweis  überhaupt  nötig  ist,  die  Tatsache,
daß  jene  Männer,  die  am  eifrigsten  die  Umwandlung  der
Lage  der  arbeitenden  Männer  anstreben,  oft  gerade  die
*  Die  Tatsache  kann  nicht  oft  genug  betont  werden,  daß  der  Parasitismus ­
  keineswegs  von  einem  bestimmten  Grad  des  Reichtums  abhängig  ist.
Irgendeine  Summe,  die  ein  Individuum  soweit  befriedigt,  daß  es  sein
Leben  ohne  jede  Arbeit  hinbringen  kann,  vermag  dasselbe  zu  vollständigem ­
  Parasitismus  zu  führen,  während  große  Reichtümer  (so  ungesund
ihr  Einfluß  gewöhnlich  zu  sein  pflegt)  auf  manche  seltene  und  edle  Naturen ­
  kaum  irgendeine  entnervende  oder  verderbliche  Wirkung  ausüben.
Ein  unterhaltendes  Beispiel,  wie  verschieden  der  Grad  des  Reichtums
sein  kann,  bei  dem  verschiedene  Frauen  seinem  Einfluß  unterliegen,  habe
ich  selbst  erlebt.  Eine  Frau,  Witwe  und  Tochter  kleiner  Beamter,
kam  einmal  zu  einer  amerikanischen  Millionärin.  Diese  bemerkte,  daß
es  bei  ihrem  Gast  sowohl  mit  Nahrung,  als  Kleidung  recht  knapp  bestellt
war  und  schenkte  der  Frau  eine  Hammelkeule  und  zwei  gute  Kleider.
Die  aber  fing  nun  zu  jammern  an,  daß  sie  niemanden  habe,  um  die
        <pb n="75" />
        7  2

bittersten  Feinde  der  Bestrebungen  der  Frauen  sind,  die
ihre  Lage  verbessern  wollen.  Nicht  einmal  die  Angehörigen ­
  jener  Berufe,  die  gewöhnlich  als  das  Bollwerk  von
Konservatismus  und  Vorurteil  gelten,  haben  sobald  eine
kurzsichtigere  Opposition  gegen  die  Versuche  der  Frauen,
in  neue  Arbeitsgebiete  einzudringen,  geübt,  als  wieder
und  wieder  die  männlichen  Arbeiter,  sowohl  als  Individuen, ­
  wie  in  der  organisierten  Macht  der  Tradeunions.*
  Sie  haben,  wenigstens  einige  von  ihnen,  die
Frauen  nicht  nur  von  neuen  Feldern  geistiger  und  sozialer
Arbeit  auszuschließen  gesucht,  sondern  selbst  von  den  al-Sachen
  nach  Hause  zu  bringen,  und  es  fiel  ihr  nicht  ein,  sie  selbst  zu  tragen, ­
  trotzdem  sie  vollständig  gesund  und  kräftig  war.  Die  Amerikanerin,
ein  Abkömmling  von  Generationen  tüchtiger,  tätiger  Puritaner,  nahm  die
Hammelkeule  unter  den  einen  und  das  Paket  Kleider  unter  den  andern
Arm  und  ging  damit  durch  die  Straßen  der  Stadt  nach  der  Wohnung  der
staunend  hinter  ihr  hertrottenden  Schmarotzerin.
Der  Fall  hilflosester,  weiblicher  Dekadenz,  der  mir  je  begegnet  ist,  war
der  einer  Tochter  eines  armen  englischen  Reserveoffiziers,  der  von  einer
sehr  kleinen  Pension  lebte.  Diese  Person  konnte  weder  kochen,  noch
nähen,  noch  hatte  sie  irgendwelche  geistige,  soziale  oder  künstlerische
Beschäftigung.  Sie  konnte  wohl  eine  Nacht  durchtanzen  oder  einen
Nachmittag  Tennis  spielen,  war  aber  kaum  imstande,  sich  selbst  zu
frisieren  oder  anzukleiden  und  schien  absolut  alle  Fähigkeit  verloren  zu
haben,  sich  zu  irgendeiner  Sache  zu  zwingen,  die  ihr  im  Moment  unangenehm ­
  oder  anstrengend  war,  wie  dies  eben  bei  jeder  Arbeit  vorkommt,
wieviel  Befriedigung  sie  auch  schließlich  bringen  mag.  In  den  achtundzwanzig ­
  Jahren  ihres  Lebens  hatte  diese  Frau  wahrscheinlich  nicht  eine
einzige  Stunde  ernster  physischer  oder  geistiger  Arbeit  zu  der  Totalsumme ­
  menschlicher  produktiver  Leistungen  beigetragen.  Hätte  sie  inmitten ­
  vieler  Morgen  kultivierbaren  Landes  gelebt,  so  würde  sie  doch
wahrscheinlich  lieber  Hungers  gestorben  sein,  als  daß  sie  auch  nur  einen
halben  Acker  zu  ihrer  Nahrung  bestellt  hätte.  Das  ist  ein  extremer  Fall;
aber  das  schließliche  Resultat  des  Parasitismus  ist  immer  eine  Lähmung
des  Willens  und  die  Unfähigkeit,  sich  selbst  zu  irgendeiner  Handlungsweise ­
  zu  zwingen,  die  momentan  unangenehm  oder  anstrengend  ist.
Die  Verhältnisse  scheinen  in  den  anglikanischen  Ländern  etwas  ant
 * ers  zu  liegen  als  bei  uns,  wo  der  Arbeiter  in  der  Frau  wohl  die  Lohndrückerin ­
  bekämpft,  die  Gleichberechtigung  der  Frauen  aber  gerade  von
der  organisierten  Arbeiterschaft  in  unserer  Zeit  voll  anerkannt  wird
und  Arbeiter-  und  Frauenbewegung,  so  verschieden  sie  in  ihrem  Wesen
sind,  von  gleichem  Zukunftsglauben  und  persönlichem  Opfermut  getragen ­
  werden.  Anm.  d.  Ubers.
        <pb n="76" />
        73

ten  Gebieten  des  Textilgewerbes  und  des  Handwerks,  die
zu  allen  Zeiten  der  Vergangenheit  der  Frau  gehörten.
Die  offenkundige  und  unleugbare  Tatsache,  daß,  wo  die
Arbeiterbewegung  gedeiht,  auch  die  Frauenbewegung  anwächst, ­
  kommt  nicht  daher,  daß  die  beiden  identisch  sind,
sondern  daher,  daß  dieselben  heilsamen  und  kräftigenden
Zustände  innerhalb  einer  Rasse  oder  Gesellschaft  beiden
den  Boden  bereiten.
Wie  zwei  Ströme,  die  einer  Quelle  entfließen  und  deren
Lauf  lange  Strecken  hindurch  parallel  geht,  dennoch  ganz
getrennt  bleiben  können,  der  eine  seinen  Weg  zum  Meere
findet,  während  der  andere  sich  in  Sand  verläuft  oder
versumpft,  so  können  auch  unsere  moderne  Arbeiter-  und
Frauenbewegung,  obwohl  sie  denselben  materiellen  Bedingungen ­
  unserer  Kultur  entspringen  und  obwohl  sich
zahllose  und  nahe  Analogien  in  ihrer  Entwicklung  ergeben,
doch  vollständig  voneinander  getrennt  bleiben.  Durch
beide  Bewegungen  muß  die  Zukunft  des  Menschengeschlechts ­
  eine  tiefgehende  Veränderung  erfahren,  zum
Guten  oder  zum  Bösen;  beide  berühren  die  Menschheit  in
vitalster  Weise;  aber  beide  werden  unabhängig  voneinander ­
  auf  ihrem  eigenen  Boden  ausgefochten  werden  müssen, ­
  und  nur  durch  entschlossene,  bewußte  und  beharrliche ­
  Tätigkeit  von  seiten  der  Frauen  wird  die  Lösung
ihrer  eigenen  Arbeitsfragen  gleichmäßig  mit  der  der  Männer ­
  fortschreiten.
Wie  verschieden,  trotz  der  Ähnlichkeit,  die  grundlegenden ­
  Motive  der  beiden  Bewegungen  sind,  spricht  sich  am
deutlichsten  in  der  Tatsache  aus,  daß,  während  die  Bergung ­
  der  Männer  hauptsächlich  unter  der  armen  oder
handarbeitenden  Klasse  entstand,  wo  der  materielle  Druck
des  Lebens  am  schwersten  lastet  und  wo  die  Gefahr  physischen ­
  Leidens  und  selbst  der  Vernichtung  durch  diesen
Druck  am  meisten  empfunden  wird  —  die  Frauenbewegung ­
  ihren  Ursprung  fast  ausschließlich  unter  den  wohl-
        <pb n="77" />
        74

habenden,  kultivierten,  geistig  arbeitenden  Klassen  hat,
wo  allein  gegenwärtig  die  Gefahr  der  Entkräftung  durch
Müßiggang  und  der  Degeneration  durch  Abhängigkeit
von  den  Geschlechtsfunktionen  existiert.  Das  Arbeitsproblem ­
  ist  für  die  Frau  unserer  Tage  letzten  Endes  das  Bestreben ­
  von  seiten  eines  Teils  des  Geschlechts,  sich  selbst
vor  Untätigkeit  und  Degeneration  zu  schützen  und  dies
sogar  auf  Kosten  eines  momentanen  schweren  Verlustes
an  materiellem  Behagen  und  Wohlleben  für  die  Individuen,
die  die  Frage  aufwarfen.  Das  Arbeitsproblem  des  Mannes
ist  direkt  und  in  erster  Linie  ein  materielles  und,  wenigstens ­
  oberflächlich,  mehr  oder  weniger  eigennützig,  obwohl ­
  die  schließliche  Wirkung  auf  die  Gesellschaft  durch
die  Befreiung  der  ärmeren  Mitglieder  aus  Erniedrigung,
Abhängigkeit  und  Not  imzweifelhaft  durchaus  sozial  und
unbedingt  notwendig  für  das  Wohl  und  die  weitere  Entwicklung ­
  der  Menschheit  ist.  In  der  Frage  der  Frauenarbeit ­
  unserer  Zeit,  die  ihren  Ursprung  wesentlich  unter
Frauen  der  gebildeten  und  wohlhabenden  Klassen  hat
und  die  hauptsächlich  in  dem  Verlangen  nach  Öffnung  beruflicher, ­
  politischer  und  höherer,  gelernter  Arbeit  besteht,
kann  das  endliche  Resultat  nur  auf  Kosten  mehr  oder  weniger ­
  heftiger,  augenblicklicher  persönlicher  Leiden  und  Entbehrungen ­
  erreicht  werden,  obwohl  ein  befriedigender  Abschluß ­
  zweifellos  zum  materiellen  und  physischen  Wohl
der  Frauen  selbst,  sowie  ihrer  männlichen  Genossen  und
der  Nachkommenschaft  gereichen  wird.
Das  nächste  halbe  Jahrhundert  wird  eine  Zeit  besonderer
Anspannung  sein,  da  die  Menschheit  unausgesetzt  danach
trachtet,  die  Begriffe  der  Moral,  die  sozialen  Verhältnisse
und  die  allgemeinen  Einrichtungen  des  Lebens  den  neuen
und  sich  fortwährend  entfaltenden  materiellen  Bedingungen ­
  anzupassen.  Wenn  die  beiden  großen  Bewegungen  unserer ­
  Zeit,  die  diese  zum  Gegenstände  haben,  zu  voller
Übereinstimmung  und  engem  Zusammenwirken  gebracht
        <pb n="78" />
        werden  können,  so  wird  diese  Anpassung  sich  um  so
schneller  und  schmerzloser  vollziehen;  für  den  Moment
aber  bleiben  die  beiden  Bewegungen,  so  ähnlich  sie  in
ihrem  Ursprung  und  in  vielen  Methoden  ihrer  Entwicklung ­
  sind,  voneinander  getrennt.
Das  Bewußtsein  der  Frauen,  die  an  der  heutigen  Bewegung ­
  teilnehmen,  daß  ihre  Bestrebungen  nicht  von
momentanem  Vorteil  für  sie  selbst  sind  und  sein  können,
sondern  fast  notwendig  zu  Opfern  und  Entsagen  führen,
verleiht  der  Bewegung  ihre  besondere  Note,  weist  ihr  eine
besondere  Stellung  an  unter  der  großen  Menge  ökonomischer ­
  Bewegungen  und  stellt  sie  eher  in  eine  Linie  mit
jenen  großen  religiösen  Entwicklungen,  welche  in  Zwischenräumen ­
  von  Jahrhunderten  die  Menschheit  mit  fortgerissen
haben,  sie  unwiderstehlich  umwandelnd  und  neu  gestaltend. ­

Es  ist  die  Empfindung  dieser  Tatsache,  daß  sie  nicht  für
sich  selbst,  noch  auch  allein  für  ihre  Mitschwestern,  sondern ­
  zum  Wohle  der  Menschheit  als  Ganzes  sich  dem  Leben ­
  anzupassen  suchen  muß,  was  den  meist  oberflächlichen,
oft  scheinbar  kleinlichen  Anpassungsversuchen  der  modernen ­
  Frau  eine  gewisse  Würde  und  Bedeutung  verleiht.
Es  ist  diese  tief  verborgene  Überzeugung,  welche  jede
kleine  Frauenrechtlerin,  die  ihr  Banner  schwingt,  aus  der
Sphäre  der  Lächerlichkeit  emporhebt  und  uns  selbst  die
leidenschaftlichen,  nicht  immer  sehr  weisen  Anklagen  vergeben ­
  läßt,  in  denen  sie  die  Leiden  und  die  Nöte  der  Frau
als  ein  ihr  absichtlich  zugefügtes  Unrecht  darstellt,  während ­
  diese  doch  bloß  unausweichliche  Folgen  einer  jahrhundertelangen ­
  Entwicklung  sind.
Es  ist  dieses  dunkle  Bewußtsein  einer  großen  unpersönlichen ­
  Verpflichtung,  welche  selbst  die  Handlungsweise  jedes ­
  einzelnen  jungen  Mädchens  über  die  Sphäre  des  Geringwertigen ­
  und  Gleichgültigen  hinaushebt,  wenn  es  sein
luxuriöses  und  behagliches  Heim  verläßt,  um  es  mit  einer

i.V.
1

i§_

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        <pb n="79" />
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Dachstube  zu  vertauschen,  um  in  Einsamkeit  und  unter
jenem  schweren  Druck,  den  jeder  empfindet,  der  gegen
die  Anschauungen  seiner  Umgebung  anzukämpfen  hat,
sich  die  Wege  und  nötigen  Kenntnisse  zu  neuen  Arbeitsfeldern ­
  sucht.  Es  ist  dieses  tiefe  Bewußtsein,  welches  die
arme,  kleine,  halb  verhungerte  Studentin  geradezu  heroisch ­
  erscheinen  läßt,  wenn  sie,  dem  gigantischen  Vorsprung ­
  trotzend,  sich  neben  dem  Manne  auf  den  Feldern
moderner,  geistiger  Arbeit  behaupten  will,  und  die,  ob  es
nun  gelingt  oder  fehlschlägt,  einen  Meilenstein  auf  der
Straße  der  menschlichen  Entwicklung  bedeutet.  Es  ist  dies
Bewußtsein  großer  unpersönlicher  Ziele,  die  es  zu  erreichen ­
  gilt  und  zu  deren  Erlangung  jede  einzelne  ihr  wenn
auch  noch  so  kleines  Teil  beizutragen  hat,  was  der  Handlungsweise ­
  jeder  Frau,  die  auch  nur  der  Tyrannei  der  sie
im  Kampfe  nach  neuen  Anpassungsformen  hindernden
Mode  in  Bekleidung,  Betragen  oder  Sitte  widerstrebt,  aus
dem  Bereich  des  Nichtigen  zu  Wichtigkeit  erhebt.
Es  ist  dieses  Bewußtsein,  welches  dem  Streben  jeder  einzelnen ­
  nach  physischer  und  geistiger  Selbsterziehung  und
Entwicklung  eine  fast  ehrfurchtgebietende  Bedeutung  verleiht ­
  ;  es  ist  dies  Bewußtsein,  das  mit  hohem  Enthusiasmus
das  Herz  des  jungen  Mädchens  erfüllt,  wenn  es  vielleicht
auf  einer  entlegenen  Farm  Afrikas  oder  Amerikas  bis  tief
in  die  Nacht  über  seine  Bücher  gebückt  sitzt  mit  jener
Leidenschaft  und  Inbrunst,  mit  der  einst  die  ersten  Christen ­
  sich  über  die  Seiten  der  Schrift  beugten,  in  dem  Gefühl ­
  sich  durch  jede  Erweiterung  seines  Wissens  für  irgendwelche ­
  unbekannten  kommenden  Pflichten  gegenüber  der
Welt  vorzubereiten.  Es  ist  dieses  Bewußtsein  großer,  unpersönlicher ­
  Ziele,  denen  uns  ihre  Handlungsweise,  wenn
auch  langsam  und  unmerklich  ein  klein  wenig  näher
bringt,  das  so  mancher  Frau  die  Kraft  des  Verzichtens
gibt,  wenn  sie  jede  niedere  Art  von  Geschlechtsverbindung
selbst  eine  mit  allen  äußeren  Ehren  eines  legalen  Bun-
        <pb n="80" />
        s

77

des  verknüpfte  —  von  sich  weist,  weil  dieselbe  ihr  nur  Entnervtheit
  und  Schmarotzertum  zu  bieten  hätte.  Dies  Bewußtsein ­
  befähigt  sie,  Armut,  Mühe  und  geschlechtliche
Vereinsamung  (eine  Vereinsamung,  die  für  die  Frau  noch
schrecklicher  ist  als  für  jeden  Mann)  hinzunehmen,  ja
selbst  den  Verzicht  auf  Mutterschaft,  diese  höchste  Seligkeit ­
  des  weiblichen  Daseins,  die  allein  vollen  Ersatz  für
die  natürlichen  Leiden  ihres  Weibtums  zu  bieten  vermag.
Sie  tut  es  in  der  Überzeugung,  dadurch  eine  vollere  und
höhere  Entwicklung  der  Mutterschaft  und  Ehe  für  kommende ­
  Frauengenerationen  zu  ermöglichen.  Es  ist  dieses
Bewußtsein,  welches  auch  der  geringsten  Frau,  die  an  die
geschlossenen  Pforten  pocht,  welche  sie  von  den  neuen
Feldern  physischer  und  geistiger  Arbeit  abschließt,  eine
achtunggebietende  Bedeutung  gibt:  sie  ist  überzeugt,  nicht
für  sich  selbst,  sondern  im  Dienste  der  ganzen  Menschheit
an  diese  Pforten  zu  pochen.  Es  ist  dieses  beständige  Bewußtsein ­
  eines  über  persönliches  Leben  und  individuelles
Interesse  hinausreichenden  Zieles,  welches  das  religiöse
Element  der  Frauenbewegung  unserer  Tage  ausmacht  und
mit  einem  gemeinsamen  Band  unpersönlicher  Begeisterung ­
  die  Frauen  der  verschiedensten  Rassen,  Klassen  und
Nationen  in  ihrem  Kampf  um  Anpassung  an  das  moderne
Leben  verbindet.
Dies  ist  es  auch,  was,  ungeachtet  der  Mängel  und  Fehler ­
  der  einzelnen,  doch  diese  Frauen  in  ihrer  Gesamtheit
zu  einer  der  eindrucksmächtigsten  und  unwiderstehlichsten ­
  modernen  Kräfte  macht.  Jeder  gemeine  Soldat  einer
großen  siegreichen  Armee  ist  gerade  auch  nicht  immer  ein
imponierendes  Wesen,  wenn  er  die  Dorfstraße  entlang
schlendert,  die  Mütze  schief  auf  dem  Kopf,  das  Bajonett
zwischen  den  Beinen  baumelnd,  noch  macht  er  immer
einen  gewaltigen  Eindruck,  wenn  er  seine  Uniform  putzt
oder  seinen  Eßnapf  auswischt;  und  doch  sind  es  Individuen ­
  dieser  Art,  aus  denen  die  große  Armee  besteht,  die
        <pb n="81" />
        78

vielleicht  morgen,  wenn  sie  geschlossen  einherschreitet,  die
Welt  mit  ihrem  Tritt  erschüttern  wird.
Vielleicht  ist  nicht  eine  unter  zehn,  ja  vielleicht  nicht
eine  unter  zwanzigtausend  Frauen,  die  an  dem  Kampf  teilnehmen, ­
  die  klar  und  bündig  von  den  Ursachen  Rechenschaft ­
  geben  könnte,  die  zu  der  Disharmonie  in  der  gegenwärtigen ­
  Lage  der  Frau  geführt  haben,  oder  die  Vorteile
einer  Umwandlung  klar  darzulegen  wüßte;  ebenso  wie
kaum  ein  Soldat  in  einer  Armee  von  zehn-  oder  zwanzigtausend, ­
  die  bereit  sind,  ihr  Leben  für  ihr  Vaterland  zu
lassen,  imstande  wäre,  in  Klarheit  und  Kürze  Aufschluß
über  die  Geschichte  des  Landes  und  die  Verhältnisse,
welche  den  Krieg  herbeigeführt  haben,  zu  geben  und  ebensowenig ­
  ein  genaues  und  detailliertes  Bild  von  den  Folgen
seines  Kampfes.  Er  weiß  nur,  daß  sein  Vaterland  ihn  ruft,
und  kennt  nur  den  Platz,  an  dem  er  zu  stehen,  und  die  Arbeit, ­
  die  er  zu  leisten  hat.
Möglicherweise  hat  nicht  eine  von  zehntausend  Frauen
es  mit  wissenschaftlicher  Exaktheit  erfaßt,  und  noch  weniger ­
  vermag  sie  es  mit  dialektischer  Schärfe  auszudrücken,
welches  die  großen  treibenden  Kräfte  sind,  die  sie  zum
Handeln  bewegen  und  zwingen.  Sie  wird  vielleicht  nicht
das  große,  im  Mittelpunkt  stehende  Faktum  klar  erfaßt
haben,  daß  jede  neue  Generation  der  Menschheit  hindurchgehen ­
  muß  durch  den  Leib  ihrer  Frauen  wie  durch  eine
Gußform,  aus  der  sie  mit  unverwischbaren  Kennzeichen
hervorkommt.  Wie  der  Kopf  des  Kindes  bei  der  Geburt
durch  den  weiblichen  os  cervix  hindurch  muß,  der  einen
Ring  bildet,  der  für  immer  die  Größe  des  menschlichen
Kopfes  bestimmt,  und  nur  wenn  dieser  os  cervix  sich  erweitern ­
  würde,  sich  im  Laufe  der  Zeiten  auch  der  Umfang
des  Kopfes  vergrößern  könnte,  ganz  ebenso  bilden  die
Geistesfähigkeiten,  die  Körperkräfte  und  die  Gemütstiefe
der  Frau  einen  unüberschreitbaren  Ring,  der  für  jede  folgende ­
  Generation  die  Grenze  des  Wachstums  der  mensch-
        <pb n="82" />
        79

liehen  Rasse  bestimmt.  Selbst  dieses  Faktum  aber  wird  die
Mehrzahl  der  Frauen  nicht  klar  genug  verstandesmäßig
erfaßt  haben,  um  es  in  die  Form  einer  logischen  Darlegung
zu  bringen.
Die  Fortentwicklung  des  Menschengeschlechtes  auf  Erden ­
  (eine  Entwicklung,  die  je  mehr  die  alten  Mythen  und
Träume  einer  beschränkten  persönlichen  Unsterblichkeit
verblassen,  der  Seele  Hoffnung  ist,  deren  Licht  uns  leuchtet), ­
  eine  Entwicklung,  von  der  wir  erhoffen,  daß  die
Menschheit  einer  fernen  Zukunft  an  Geisteskraft  und
Weite  des  sozialen  Empfindens  die  höchsten  Menschen
der  Jetztzeit  um  so  viel  überragen  werde,  als  diese  unsere
ersten  Urahnen  überragen,  die  mit  zitternden  Schenkeln
sich  zu  aufrechtem  Gang  erhoben,  und  deren  Lippen  die
ersten  Worte  formten  —  diese  Entwicklung  ist  nur  dann
möglich,  wenn  die  männliche  und  weibliche  Hälfte  des
Menschengeschlechts  gemeinsam  fortschreiten,  auch  künftig ­
  Seite  an  Seite  wachsend,  wie  es  in  der  Vergangenheit
war.  Aber  auch  diese  tiefe  Wahrheit  haben  möglicherweise
nur  wenige  Frauen  deutlich  und  logisch  als  die  Grundlage
ihres  Handelns  erkannt.  Wie  aus  den  ersten  primitiven
Männern  und  Frauen,  die  kaum  die  Zahl  ihrer  Finger  zählen, ­
  die  keine  abstrakte  Idee  fassen  konnten,  keine  hemmende ­
  Kraft  eines  sozialen  Empfindens  kannten,  sich  in
einer  höheren  Kultur  eineSappho,  ein  Aristoteles,  einSchelling
  nur  dann  entwickeln  konnten,  wenn  Mann  und  Frau
sich  Seite  an  Seite,  Schritt  für  Schritt  zusammen  entwickelten, ­
  wenn  mit  den  Windungen  des  männlichen  Gehirns
auch  die  des  weiblichen  Zunahmen,  wenn  so  wie  ihre  Stirne
höher  ward,  auch  die  seine  wuchs:  so  wird  auch  in  Zukunft, ­
  wenn  je  der  lange  Aufstieg  der  Menschheit  sich  vollziehen ­
  soll,  Mann  und  Frau  Seite  an  Seite  marschieren
müssen,  durch  Vererbung  aufeinander  einwirkend  und
rückwirkend,  wenn  nicht  jeder  Fortschritt  unmöglich  werden ­
  soll.  i
        <pb n="83" />
        80

So  wie  die  Existenz  selbst  des  Buschmanns  unmöglich
wäre,  ohne  die  Existenz  einer  gleichgearteten,  gleichbegabten ­
  Buschmännin,  wie  ein  Geschlecht,  das  unter  seinen ­
  Männern  einen  William  Clifford,  Tolstoj  oder  Robert ­
  Browning  hervorbrachte,  unmöglich  und  undenkbar
wäre,  wenn  es  nicht  auch  Frauen  wie  Sophie  Kowalewska,
George  Eliot  oder  Louise  Michel  hätte  hervorbringen  können, ­
  ebenso  wird  auch  in  Zukunft  das  höhere  und  sozialisiertere
  Menschengeschlecht,  von  dem  wir  träumen,  nur
erstehen  können,  wenn  sich  beide  Geschlechter  zusammen
entfalten,  wenn  der  Ball  des  Lebens  bald  von  dem  einen,
bald  von  dem  anderen  aufgefangen  und  zurückgeworfen,
sich  leise  und  unmerklich  vergrößert  und  verschönert,
während  er  durch  ihre  Hände  geht.  Ohne  die  Rückwirkung ­
  der  gegenseitigen  Entwicklung  der  Geschlechter ­
  ist  kein  tatsächlicher  und  dauernder  menschlicher  Fortschritt ­
  möglich.  Ohne  eine  befreite,  denkende  Frau,  die
ihn  zur  Welt  bringt,  kein  freier  Mann;  ohne  einen  freien,
empfindungstiefen  Mann,  der  sie  zeugt,  keine  freie,  verstehende ­
  Frau,  ohne  freien  Adam  und  freie  Eva  kein  freies
und  schönes  Menschengeschlecht  auf  Erden;  Stillstand  des
einen  bedeutet  Stillstand  für  beide  und  für  den  Aufstieg
des  ganzen  Menschengeschlechtes.  Wenn  die  Frau  heute
nach  ihrem  langen  Aufstieg  Seite  an  Seite  mit  dem  Mann,
nachdem  sie  durch  zahllose  Zeitalter  ihre  Geistes-  und  Körperkräfte ­
  entwickelt  hat,  nun  endlich  an  der  letzten  Grenze
ihres  Wachstums  angekommen  wäre,  über  die  sie  nicht
hinaus  kann  —  dann  würde  hier  und  heute  auch  das
Wachstum  des  menschlichen  Geistes  aufhören  und  auf  derselben ­
  Stelle,  auf  der  die  Frau  halt  macht,  müßte  die  Fahne
des  Menschengeschlechtes  endgültig  aufgepflanzt  werden
für  immer  und  ewig:  —  wenn  dieses  Schmarotzerwesen,
das  sich,  mit  Tand  beladen,  ein  Spielzeug  und  Zeitvertreib
des  Mannes,  auf  seinem  Ruhebett  hinstreckt,  wirklich  die
bleibende  und  endliche  Manifestation  weiblichen  Lebens
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        wäre,  dann  wäre  dieses  Ruhebett  auch  das  Totenbett  aller
menschlichen  Entwicklung.  All  diese  tiefen,  grundlegenden ­
  Wahrheiten  hat  vielleicht  nicht  eine  von  zwanzigtausend ­
  Frauen,  die  für  die  Umgestaltung  kämpfen,  scharf
und  klar  genug  erfaßt,  um  sie  in  Worte  zu  kleiden,  und
doch  wird  jede  von  ihnen,  auch  die  schwächste  und  unbedeutendste, ­
  die  an  unseren  Bestrebungen  nach  Anpassung ­
  und  Entwicklung  teilnimmt,  von  diesem  unklaren  Gefühl ­
  getrieben.  Hinter  den  kleinen  Übeln,  die  sie  durch  ihr
momentanes  persönliches  Tun  zu  bessern  sucht,  hegen,
das  fühlt  sie,  große  Übel,  von  denen  jene  bloß  Schößlinge ­
  sind;  hinter  den  kleinen  Gütern,  die  sie  zu  erreichen
sucht,  hegt,  daran  glaubt  sie,  eine  große,  für  alle  zu  erstrebende ­
  Glückseligkeit;  hinter  dem  kleinen  Kampf  des
Tages  hegt  der  große  Kampf  der  Jahrhunderte,  an  dem
weder  sie  allein,  noch  ihr  Geschlecht  allein,  sondern  die
ganze  Menschheit  beteiligt  ist.
Diese  Geistesverfassung  des  Durchschnitts  der  Frauen,
die  heute  an  der  Reformbewegung  ihres  Geschlechtes
teilnehmen  und  von  der  Rednerbühne  und  in  der  Literatur ­
  so  oft  bloß  sekundäre  Argumente  anführen,  unfähig
die  dahinter  hegenden  treibenden  Verhältnisse  klar  darzulegen, ­
  wird  manchmal  als  Zeichen  der  Erfolglosigkeit  und
des  wahrscheinlichen  endlichen  Fehlschlagens  der  Bewegung ­
  hingestellt.  In  Wirklichkeit  ist  dem  nicht  so.  Es
ist  eher  ein  Zeichen  dafür,  wie  gesund  und  tief  im  Menschenwesen ­
  ruhend,  die  Wurzeln  dieser  Bewegung  sind
und  wie  sie  eine  von  jenen  großen  Reformbewegungen  ist,
die  im  Laufe  der  Jahrhunderte  das  Menschenleben  gewandelt ­
  haben.  Denn  diese  großen  Bewegungen,  die  bleibend ­
  den  Zustand  der  Menschheit  veränderten,  sind  niemals ­
  von  gelehrten  Weisheitskrämern  ausgegangen,  ihre
Lebenskraft  ist  niemals  aus  rein  intellektuellen  und  abstrakten ­
  Theorien  erwachsen.  Sie  sind  immer  als  Folge
von  weitverbreiteten  materiellen  und  geistigen  Zuständen
        <pb n="85" />
        82

entstanden,  die  in  weiten  Kreisen  menschliche  Bedürfnisse
schufen  und  indem  sie  auf  das  einzelne  Individuum  ihren
Druck  ausübten,  schließlich  eine  fortlaufende,  wenn  auch
oft  unsichere  und  schwankende  Bewegung  in  bestimmter
Richtung  hervorriefen.  Die  bloße  intellektuelle  Erkenntnis
mag  die  großen  Bewegungen  der  Menschheit  lenken,  hemmen ­
  oder  beschleunigen;  aber  niemals  hat  sie  sie  geschaffen. ­
  Selbst  das  ist  fraglich,  ob  die  Führer,  die  jene  großen
erfolgreichen  Bewegungen  zu  schaffen  und  zu  organisieren
schienen,  ob  sie  in  ihrer  Mehrzahl  oder  je  die  ganzen
Zusammenhänge  der  Bewegungen,  die  sie  scheinbar  beherrschten, ­
  verstanden  haben.  Sie  waren  vielmehr  von  der
großen  allgemeinen  Not  durchdrungen,  und  da  sie  mehr
Willenskraft,  Leidenschaft,  Stärke  oder  Intelligenz  besaßen,
vermochten  sie  dem  Stimme  zu  verleihen,  was  in  den  andern ­
  stumm  blieb,  und  dem  bewußte  Richtung  zu  geben,
was  für  die  anderen  unbewußter  Wunsch  war;  sie  waren
nur  der  Kamm  auf  der  großen  Woge  der  Notwendigkeit,
aber  sie  haben  nicht  selbst  die  Woge  geschaffen,  die  sie
und  die  Menschheit  aufwärts  trägt.  Jene  künstlichen  Bewegungenj
  welche  ihren  Ursprung  dem  eigenmächtigen
Willen  eines  einzelnen  verdanken,  mögen  sie  mit  noch  so
viel  Entschlossenheit  und  Verstand  geleitet  werden,  haben
sich  notwendig  immer  als  ephemär  und  mißlungen  erwiesen. ­
  Ein  Alexander  mochte  Griechenland  und  Asien  zusammenschweißen ­
  wollen,  ein  Napoleon  aus  einem  vielgestaltigen ­
  Europa  einen  vereinigten  Staat  schaffen  wollen, ­
  und  vermöge  ihrer  Geschicklichkeit  und  Energie  mag
es  für  den  Moment  geschienen  haben,  als  könnten
sie,  was  sie  wünschten,  auch  erreichen;  aber  sobald  das
treibende  Individuum  hinw r eg  ist,  schmilzt  der  Gegenstand
ihrer  Bemühungen  dahin,  wie  ein  Häuflein  feuchten  Sandes, ­
  das  die  Hand  eines  Kindes  am  Meeresufer  zusammengescharrt, ­
  hinweggeweht  wird  vom  Wind,  hinweggewaschen
von  den  Wogen  im  Augenblick,  da  die  Hand,  die  es  ge-
        <pb n="86" />
        bildet,  nicht  mehr  da  ist;  während  die  kleine,  weiche,  formlose, ­
  wässerige  Qualle  daneben,  obwohl  hin-  und  hergeschleudert ­
  von  Wasser  und  Wind,  doch  Gestalt  behält  und
wächst,  weil  ihre  Teile  durch  eine  innere  organische  Kraft
verbunden  sind.
Unsere  Frauenbewegung  erinnert  in  dieser  Beziehung  in
hohem  Grade  an  die  gigantischen  religiösen  und  geistigen
Bewegungen,  die  Jahrhunderte  hindurch  das  Leben  Europas ­
  durchrüttelt  haben  und  deren  endliches  Ergebnis  die
Emanzipation  der  menschlichen  Vernunft,  die  Freiheit  des
Menschengeistes  war.  Wenn  man  von  dem  überlegenen
Standpunkt  der  Gegenwart  zurückblickt,  erscheint  diese
Vergangenheit  als  eine  große,  stetige,  fortlaufende  Bewegung, ­
  die,  wie  von  einem  menschlichen  Intellekt  geleitet, ­
  unverwandt  auf  ihr  Ziel  losgeht.  Aber  jener  Masse
menschlicher  Individuen,  die  daran  teilnahmen,  erschien
sie  weit  anders.  Bald  hier,  bald  dort  wurde  von  einzelnen
oder  kleinen  Gruppen  gekämpft,  oft  für  scheinbar  kleine,
fast  persönliche  Zwecke,  die  oberflächlich  besehen,  zuweilen ­
  wenig  Gemeinsames  hatten.  Bald  war  es  Giordano
Bruno,  der  in  Rom  verbrannt  wurde,  weil  er  eine  abstrakte
Theorie  über  die  letzten  Ursachen  der  Dinge  verteidigte;
bald  wurde  der  Albigenser  aus  seinen  Bergen  vertrieben,
weil  er  sich  nicht  von  seiner  alten  Bibel  trennen  konnte;
bald  bestieg  eine  holländische  Bäuerin  gelassen  den  Scheiterhaufen, ­
  weil  sie  ihr  Haupt  nicht  vor  zwei  gekreuzten
Stäben  beugen  wollte;  später  wieder  wurde  Servet  von
dem  Protestanten  Calvin  in  Genf  verbrannt,  wurde  Spinoza
von  seinem  Stamm  und  seinem  Volk  ausgestoßen,  weil  er
in  allem  nur  Gott  erkannte,  wurde  ein  Rousseau  und  Voltaire ­
  verbannt,  ein  Bradlaugh  verfolgt,  bis  endlich  in  unseren ­
  Tagen  der  Nachhall  des  langen  Kampfes,  gleich
einem  ersterbenden  Echo  ausklingt  in  manch  kindischen
Versuchen,  Personen  um  ihrer  abstrakten  Überzeugungen
willen  von  allgemeinen  Rechten  auszuschließen.  Die  Vor-
        <pb n="87" />
        84

hut  der  Menschheit  hat  in  ihrem  Kampf  um  Gedankenfreiheit ­
  den  Sieg  erfochten.
Jenen  Männern  und  Frauen  aber,  die  an  diesem  gewaltigen ­
  Kampfe  im  Laufe  vieler  Jahrhunderte  der  Vergangenheit ­
  teilgenommen  haben,  war  wahrscheinlich  in  ihrer
Mehrheit  nichts  anderes  klar,  als  ihr  eigenes  momentanes
Vorgehen.  Auch  die  Führer  kannten  nicht  den  ganzen  Umfang ­
  des  Schlachtfeldes,  auf  dem  sie  im  Kampf  standen,
oder  erfaßten  genau,  was  der  Ausgang  bedeutete  —  am
wenigsten  der  gute  alte  Luther,  selbst  als  er  sein  unsterbliches: ­
  „Ich  kann  nicht  anders  1“  sprach,  diese  ewig  gültige ­
  Rechtfertigung  aller  Reformatoren  und  Erneuerer.
Auch  der  kühne  Engländer,  der,  als  die  Flammen  des
Scheiterhaufens  über  ihm  zusammenschlugen,  seinem  Todesgefährten ­
  zurief:  „Sei  guten  Muts,  Ridley,  wir  zünden
heute  in  England  ein  Licht  an,  das  mit  Gottes  Hilfe  nie
mehr  erlöschen  wird!“  sah  zweifellos  in  diesem  Licht
nur  die  Talgkerze  der  Freiheit  einer  kleinen  englischen
Sekte  und  wußte  nicht,  daß  es  nur  ein  Strahl  der  großen
allgemeinen  Morgenröte  der  Denk-  und  Geistesfreiheit  war,
deren  Licht  endlich  nicht  nur  England,  sondern  die  ganze
Erde  überströmen  sollte.  Nichtsdestoweniger  liegt  unzweifelhaft ­
  hinter  all  diesem  beschränkten  Streben  für  scheinbar ­
  oberflächliche,  beschränkte  Ziele,  ein  tiefes,  wenn
auch  unklares  Bewußtsein,  das  die  Herzen  dieser  Männer ­
  und  Frauen  während  all  dieser  Jahrhunderte  erfüllte,
ein  Bewußtsein,  daß  ihr  Handeln  einem  Ziele,  das  größer
sei  als  sie  klar  erkannten,  einer  allgemeinen  Verpflichtung, ­
  einer  großen  Notwendigkeit  diene.
Daß  die  Frauenbewegung  unserer  Tage  ihren  Ursprung
nicht  bloß  von  irgendwelchen  theoretischen  Argumentationen ­
  nahm,  daß  sie  bald  hier,  bald  dort  in  verschiedenen
und  manchmal  scheinbar  unvereinbaren  Formen  an  den
Tag  tritt,  daß  die  Mehrzahl  der  Teilnehmerinnen  infolge
eines  momentanen  Druckes  der  Lebensverhältnisse  zum
        <pb n="88" />
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Handeln  getrieben  wird  und  nicht  immer  fähig  ist,  die
Natur  der  Ursachen,  die  sie  treibt,  verstandesmäßig  festzustellen ­
  oder  die  Folgen  ihrer  Handlungen  klar  zu  zeichnen
—  dies  alles  scheidet  die  Frauenbewegung  keineswegs  von
den  großen  Reformbewegungen  der  Menschheit,  sondern
stellt  sie  vielmehr  mit  ihnen  in  eine  Linie,  indem  es  beweist,
wie  lebensvoll,  spontan,  wie  durchaus  organisch  und  ungekünstelt ­
  sie  ihrem  Wesen  nach  ist.
Die  Tatsache,  daß  sie  sich  an  einem  Ort  als  leidenschaftliche, ­
  manchmal  fast  zusammenhanglose  Forderung  nach
rechtmäßiger  Teilnahme  an  öffentlichen  un  d  sozialen  Pflichten ­
  äußert,  während  sie  sich  anderwärts  als  entschlossenes
Streben  nach  Bildung  fühlbar  macht,  daß  sie  sich  in  einem
Land  hauptsächlich  im  Kampf  um  die  Erweiterung  der
Gebiete  weiblicher  Lohnarbeit  verkörpert,  während  sie
sich  in  einem  andern  in  erster  Linie  in  dem  Bestreben,  das
persönliche  Verhältnis  der  Geschlechter  neu  zu  gestalten,
ausdrückt,  daß  sie  bei  einem  Individuum  sich  in  leidenschaftlichem ­
  und  manchmal  lärmendem  Kampf  um  persönliche ­
  Handlungsfreiheit  äußert,  bei  einem  andern  still
in  der  Tiefe  des  eigenen  Innern  —  diesem  Hauptschlachtfeld, ­
  auf  dem  alle  Fragen  menschlichen  Fortschritts  endgültig ­
  ausgefochten  und  entschieden  werden  —  durchgekämpft ­
  wird:  all  diese  Verschiedenheiten  und  die  Tatsache, ­
  daß  die  Durchschnittsfrau  ganz  von  der  Arbeit  auf
ihrem  eigenen  kleinen  Gebiet  in  Anspruch  genommen  ist,
beweist  nicht  die  Schwäche,  sondern  die  Stärke  der  Bewegung, ­
  die  als  Ganzes  betrachtet  eine  stetige  und  fortlaufende ­
  ist  in  der  Richtung  zunehmender  Tätigkeit  und  Bildung ­
  und  der  Abwehr  jeder  Möglichkeit  weiblichen  Parasitentums. ­
  Langsam  und  unbewußt,  wie  das  Kind  sich  im
Mutterleibe  bildet,  wächst  diese  Bewegung  im  Schoße  unserer ­
  Zeit  und  fordert  ihren  Platz  neben  jenen  großen
menschlichen  Entwicklungen,  von  denen  die  Menschen  angesichts ­
  ihrer  Ursprünglichkeit  und  ihres  Zusammenhangs
        <pb n="89" />
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in  der  Sprache  früherer  Zeiten  zu  sagen  pflegten:  „Sie
sind  nicht  Menschenwerk,  sondern  Gotteswille.“
Wer  heute  eine  große  gotische  Kathedrale  in  ihrer  endgültigen ­
  Gestalt  betrachtet,  glaubt  darin  die  Verkörperung
des  Traumes  eines  einzigen  genialen  Menschengeistes  zu
sehen.  Tatsächlich  aber  war  die  Entstehung  eine  ganz  andere.
Jahrhunderte  lagen  zwischen  der  Zeit,  in  der  der  Grundstein
gelegt,  und  jener,  in  der  der  letzte  Spitzturm  oder  die  letzte
Zinne  gebildet  ward.  Und  die  Hand,  die  den  Grundstein
legte,  war  niemals  dieselbe,  die  den  Schlußstein  aufsetzte.
Generationen  folgten  oft  aufeinander,  arbeiteten  an  den
Wasserspeiern,  den  Rosenfenstern,  den  Helmen  und  starben ­
  und  hinterließen  ihr  Werk  andern;  der  Meister,  der
die  ersten  rohen  Umrisse  zeichnete,  ging  dahin  und  ihm
folgten  andere,  und  die  Einzelheiten  des  vollendeten  Werkes ­
  hatten  oft  nur  eine  blasse  Ähnlichkeit  mit  seinem  Entwurf ­
  ;  keiner  verstand  ganz,  was  die  andern  geschaffen  oder
schufen,  aber  jeder  arbeitete  an  seinem  Platz,  und  das  vollendete ­
  Werk  war  eine  Einheit;  es  drückte  nicht  die  Wünsche
und  Bedürfnisse  eines  einzelnen  aus,  sondern  den  Geist  jener ­
  Zeit.  Und  für  den  Bestand  des  Gebäudes  war  die  Arbeit ­
  des  Steinmetzen,  der  sein  Leben  lang  hingebend  an
den  Wasserspeiern  und  Fensterrosetten  meißelte,  nicht
weniger  von  Wichtigkeit,  als  die  des  größten  Meisters,
der  den  Plan  schuf.  Und  vielleicht  war  jener  noch  der  heroischere; ­
  denn  für  den  Meister,  der,  wenn  auch  nur  unklar, ­
  ein  Bild  dessen  vor  Augen  hatte,  was  das  Werk  bedeuten ­
  würde,  wenn  der  letzte  Stein  daran  gefügt  und  die
letzte  Spitzsäule  aufgerichtet  sein  würde,  war  es  leicht,  mit
Hingabe  und  Eifer  zu  arbeiten,  wenn  er  auch  wußte,  daß
nicht  er  es  sein  werde,  der  diesen  letzten  Stein  fügen  und
diese  letzte  Spitzsäule  aufrichten,  und  daß  er  den  Bau  in
seiner  vollen  Schönheit  und  Größe  niemals  sehen  werde;
aber  für  den  Tagelöhner,  der  seine  Pflicht  tat  und  Monat
auf  Monat  an  seinem  kleinen  Wasserspeier  oder  an  dem
        <pb n="90" />
        Maßwerk  seines  kleinen  Erkers  arbeitete  und  meißelte,
ohne  Bild  des  Ganzen,  war  es  nicht  so  leicht.  Nichtsdestoweniger ­
  bedurfte  es  seiner  gewissenhaften  Arbeit,  bedurfte
es  der  Haufen  behauener  und  verdorbener  Steine  ringsumher, ­
  damit  endlich  der  Bau  in  seiner  ganzen  Größe  und
Schönheit  dastehe.
Für  einen  Moses,  der  vom  Berg  Pisga  aus,  wenn  auch
durch  den  Nebel  bitterer  Tränen,  das  Land  der  Verheißung ­
  vor  sich  liegen  sah,  ein  Land,  das  sein  Fuß  niemals
betreten  und  dessen  Früchte  seine  Hand  niemals  pflücken
sollte,  war  es  doch  vielleicht  nicht  so  schwer,  umzukehren
und  zu  sterben,  denn  wie  in  einem  Traum  hatte  er  das
Land  erblickt.  Aber  für  die  Tausende,  die  den  Pisga
nicht  ersteigen  konnten,  die  ihre  Gebeine  in  der  Wüste
bleichen  lassen  mußten,  ohne  auch  nur  ferne  das  Land
winken  zu  sehen,  die  auf  dem  langen  Marsch  nicht  einmal ­
  die  Bundeslade  tragen,  nicht  den  Cymbal  schlagen
durften,  sondern  nur  ihr  eigenes  Hausgerät  und  ihre  geringe ­
  Habe  schleppten,  für  sie  war  es  vielleicht  noch
schwerer,  in  der  Wüste  zu  sterben,  nur  mit  dem  Bewußtsein, ­
  daß  irgendwo  in  der  Ferne  das  Land  der  Verheißung
liege.  Nichtsdestoweniger  war  es  ihr  langsamer  und  manchmal ­
  schwankender  Zug,  durch  den  das  Volk  endlich  das
Land  erreichte.
So  ist  es  auch  für  diejenigen  Frauen,  deren  Weitblick
sie  befähigt,  den  großen  Segen  zu  schauen,  zu  dem  die
Kämpfe  und  Leiden  der  heutigen  Generation  führen,  die
hinter  der  Gegenwart,  wenn  auch  in  einer  Zukunft,  die  sie
selbst  nicht  mehr  erleben  werden,  ein  freieres  und  stärkeres ­
  Frauengeschlecht  erblicken  und  mit  ihm  eine  kräftigere ­
  und  entwickeltere  Menschheit,  nicht  so  schwer  zu
entsagen  und  mit  unerschütterlichem  Zielbewußtsein  zu
arbeiten;  aber  für  jene,  die  das  nicht  sehen  und  doch
weiterkämpfen,  zumeist  nur  von  dem  unklaren  Bewußtsein
getrieben,  daß  irgendwo  in  der  Zukunft  ein  großes  Ziel
        <pb n="91" />
        88

)

ist,  zu  dem  ihr  Streben  führt,  die  Jahr  um  Jahr  an  den
kleinen  Wasserspeiern  irgendeines  Wahlrechtes  oder  dem
Zuhauen  des  Grundsteines  irgendeiner  Erziehungsreform
arbeiten  oder  einen  Stein  einfiigen,  der  vielleicht  nie  ganz
den  Fleck  ausfüllt,  für  den  er  bestimmt  war  und  weggeworfen ­
  werden  muß,  oder  die  ihr  ganzes  Leben  lang  an
dem  Tragstein  irgendeiner  Reform  in  dem  Verhältnis  der
Geschlechter  meißeln,  um  endlich  zu  sehen,  wie  er  unter
ihrem  Stichel  zerbricht,  die  über  viele  Enttäuschungen  vielleicht ­
  zu  keinem  Erfolg  oder  nur  zu  so  geringem  oder  so
verborgenem  gelangen,  daß  nie  ein  Auge  ihn  sehen  wird,
für  die  mag  es  nicht  leicht  sein,  zu  arbeiten  ohne  müde  zu
werden.  Und  doch  sind  es  diese  Myriaden  Arbeiterinnen,
die  jede  in  ihrer  eigenen  winzigen  Sphäre  arbeiten,  mit
ihrem  engen  Ausblick  unter  endlosem  Mißlingen  und  vielen ­
  Enttäuschungen,  durch  deren  Arbeit  zuletzt  ein  höheres
und  schöneres  Verhältnis  der  Frau  zum  Leben  erstehen
wird,  wenn  ein  solches  überhaupt  kommen  soll.
Wenn  auf  dem  Grunde  des  Meeres  ein  Seestern  am  Fuß
eines  steilen  Felsens  liegt,  scheint  es  dem  Zuschauer,  als
ob  nichts  die  träge  Masse  in  Bewegung  bringen  und  das
Tier  niemals  den  Felsen  hinanklimmen  könnte.  Aber  gebt
nur  acht.  Auf  der  Unterseite,  den  Blicken  verborgen,  hat
es  tausend  feiner  Fühlfäden,  und  aus  dem  Nervenzentrum
strahlen  Willensimpulse  in  alle  Teile  des  Körpers,  und  jedes ­
  winzige  Fäserchen,  dünn  wie  ein  Haar,  dehnt  sich  langsam ­
  aus  und  klammert  sich  an  der  nächstliegenden  kleinsten ­
  Rauheit  des  Felsens  an;  bald  läßt  ein  winziger  Fühlfaden ­
  seinen  Halt  fahren,  bald  hält  ersieh  wieder  fest,  und  so
gelangt  langsam,  langsam  die  ganze  träge  Masse  zum  Gipfel.
I n  diesen  Versuchen  einer  Neuanpassung  der  Frau  an
das  Leben  spricht  man  oft  von  den  Führerinnen,  als  von
der  „Neuen  Frau“,  und  zwar  so,  als  ob  sie  etwas  Unheilverkündendes, ­
  Unerhörtes  in  der  Menschengeschichte  wären.
        <pb n="92" />
        In  Wahrheit  sind  wir  aber  gar  nicht  neu.  Wir,  die  wir
diese  heutige  Bewegung  leiten,  sind  von  jenen  alten,  alten
teutonischen  Frauengeschlechtem,  die  vor  zwanzig  Jahrhunderten ­
  an  der  Seite  ihrer  männlichen  Gefährten  ihren
Weg  durch  Europas  Wälder  und  Moräste  bahnten,  die  mit
den  Zimbem  nach  Italien,  mit  den  Franken  nach  dem
Rhein,  mit  den  Warägern  nach  Rußland  und  den  Alemannen ­
  nach  der  Schweiz  zogen,  die  Skandinavien  bevölkerten
und  in  England  eindrangen,  deren  Priesterinnen  ihre  Altäre ­
  in  den  deutschen  Wäldern  hatten  und  über  Krieg
oder  Frieden  entschieden.  In  uns  fließt  das  Blut  eines
Frauengeschlechtes,  das  niemals  gekauft  und  verkauft
ward,  das  keinen  Schleier  trug  und  dessen  Füße  nie  gebunden ­
  waren,  dessen  verwirklichtes  Eheideal  die  Kameradschaft ­
  der  Geschlechter  war  und  die  Gleichheit  in
Pflichten  und  Arbeit,  das  dem  geliebten  Mann  zur  Seite
stand  im  Krieg  wie  im  Frieden,  und  dessen  Kinder  Mannheit ­
  aus  Mutterbrüsten  saugten  und  schon  im  Mutterleibe
ein  mutiges  Herz  über  sich  schlagen  fühlten.  Wir  sind
Frauen  einer  Rasse,  deren  Stammesideal  keine  griechische
Helena  ist,  die  von  der  Hand  eines  Mannes  in  die  eines
andern  überging  wie  Gold  oder  Blei,  sondern  jene  Brunhild,
  die  Sigurd  in  Helm  und  Brünne  gekleidet  auffand,  die
Walküre,  die  ihm  den  Rat  gab,  „den  tiefsten,  der  jemals
einem  lebenden  Manne  gegeben  ward“,  und  die  ihn  „aufrief, ­
  große  Taten  zu  vollbringen“,  die,  als  er  starb,  den
Holzstoß  hoch  aufrichtete  und  sich  neben  ihn  bettete  mit
den  Worten:  „Des  Helden  heiligste  Ehre  zu  teilen,  verlangt ­
  mein  eigener  Leib.“  Wir  sind  von  einem  Weibergeschlecht, ­
  das  von  altersher  keine  Furcht  kannte,  den
Tod  nicht  fürchtete,  ein  großes  Leben  lebte  und  hohe
Hoffnungen  nährte,  und  wenn  auch  heute  manche  von  uns
gesunken  sind  in  böser,  entarteter  Zeit,  so  pocht  doch  noch
das  alte  Blut  in  uns.
Und  stehen  wir  auch  heute  nicht  physisch  auf  dem
        <pb n="93" />
        90

Schlachtfeld  neben  unseren  Männern  und  geht  der  Marsch
auch  nicht  durch  Wälder  und  Moräste,  so  ist  es  doch  der
alte  Geist,  der  ungetrübt  durch  zwei  Jahrtausende  sich  in
uns  rührt,  nur  in  tieferer  und  feinerer  Weise;  es  ist  noch
der  Ruf  des  freien  nordischen  Weibes,  der  heute  die  Welt
durchklingt.  Wenn  auch  heute  für  uns  alle  das  Schlachtfeld ­
  in  Laboratorien  und  Werkstätten,  im  Gerichtshof  oder
Studierzimmer  liegt,  im  Versammlungssaal,  auf  dem  Markte
oder  der  politischen  Arena,  wenn  wir  auch  mit  der  Feder
anstatt  mit  dem  Schwert,  mit  dem  Kopf,  nicht  mit  dem
Arm  kämpfen,  so  stehen  wir  doch  den  Männern,  die  wir
lieben,  zur  Seite,  „mit  ihnen  im  Kampfe  zu  wagen  und  im
Frieden  zu  leiden“,  wie  es  einst  der  Römer  von  unseren
alten  nordischen  Frauen  geschrieben.  Diese  Frauen,  von
denen  uns  die  alten  Schriftsteller  erzählen,  daß  sie  barfuß
und  weiß  gekleidet  dem  nordischen  Heerbann  auf  dem
langen  Marsch  nach  Italien  voranschritten,  sie  waren  von
dem  Gedanken  beseelt,  ihr  Volk  in  ein  Land  zu  führen,  in
dem  die  Sonne  wärmer  scheint  und  reichere  Früchte  gedeihen ­
  ;  und  wir  heute  glauben,  ein  Land  zu  erkennen,  das
in  herrlicheres  als  in  leuchtendes  Sonnenlicht  gebadet  ist
und  reichere  Früchte  trägt  als  die  Sinne  erfassen  können;
und  hinter  uns,  glauben  wir,  folgt  uns  eine  längere  Heerschar, ­
  als  irgendeine  unseres  Volks  oder  Geschlechts;  der
Schall  der  Tritte,  den  wir  hinter  uns  hören,  ist  der  der
Frauen  der  ganzen  Erde,  die  in  sich  die  ganze  Menschheit
tragen.  Der  noch  kaum  sichtbare  Pfad,  den  wir  heute  austreten, ­
  wird,  so  glauben  wir,  die  breiteste  und  ebenste
Straße  des  Lebens  sein,  auf  der  die  Menschenkinder  in
höherer  Gemeinschaft  und  Harmonie  dahinschreiten  werden. ­
  Das  Banner,  das  wir  heute  entfalten,  ist  nicht  neu:  es
ist  das  Banner  der  alten,  freien,  monogamen,  arbeitenden
Frau,  das  schon  vor  zweitausend  Jahren  über  den  Wäldern
Europas  wehte.  Wir  werden  es  weiter  tragen,  jede  Generation, ­
  die  fällt,  wird  es  der  folgenden  weiterreichen,  bis  wir
        <pb n="94" />
        I
I

9i

es  so  hoch  aufpflanzen  können,  daß  alle  Völker  der  Erde
es  sehen;  bis  die  Frauen  auch  der  niedersten  menschlichen
Rassen  sich  unter  ihren  Falten  sammeln  und  kein  Kind  ins
Leben  treten  wird,  das  nicht  in  ihrem  Schatten  geboren
wäre.
Wir  sind  nicht  neu!  Wenn  ihr  uns  verstehen  wollt,  so
schaut  zweitausend  Jahre  zurück  und  studiert  unsere  Herkunft ­
  ;  unsere  Abstammung  ist  unsere  Erklärung.  Wir  sind
die  Töchter  unserer  Väter  sowohl  als  unserer  Mütter.  In
unseren  Träumen  hören  wir  noch  das  Klirren  der  Schilder,
die  unsere  Vorväter  vor  der  Schlacht  zusammenschlugen
mit  dem  Ruf  nach  „Freiheit“!  Diesen  Ruf  hören  wir  in
unseren  Träumen,  und  wenn  wir  wachen,  tönt  er  von  unseren ­
  Lippen!  Wir  sind  die  Töchter  jener  Männer.
Aber  man  wird  vielleicht  ein  wenden:  „Sind  nicht  Frauen
unter  euch,  die  das  Losungswort  Freiheit  und  Arbeit  nur
benützen  werden,  damit  sich  ihnen  die  Tore  zu  noch  größerer, ­
  raffinierterer  Genußsucht,  zu  noch  gewinnbringenderem ­
  und  genußreicherem  Parasitismus  öffnen?  Gibt  es
nicht  Frauen,  die  unter  dem  Schein  von  Arbeit  nur  nach
neuen  Wegen  zu  sinnlicher  Lust  und  Zügellosigkeit  suchen,
für  die  die  Bildung  des  Geistes  und  die  Erschließung  neuer
Arbeitsfelder  an  der  Seite  des  Mannes  nur  neue  Mittel
sind,  um  sich  bemerkbar  zu  machen  und  zu  schmarotzen  ?“
Unsere  Antwort  ist:  Es  mag  sein,  daß  solche  unter  uns
sind,  aber  —  sie  gehören  nicht  zu  uns.  Wir  selbst  wenigstens ­
  lassen  uns  selten  von  ihnen  täuschen;  die  Schafe  erkennen ­
  gewöhnlich  den  Wolf,  so  sorgfältig  er  sich  in  den
Schafpelz  kleidet,  wenn  sie  ihn  auch  nicht  immer  aus  der
Herde  zu  vertreiben  vermögen  und  wenn  der  Zuschauer
ihn  auch  nicht  erkennt!  Die  Außenstehenden  mögen  durch
sie  irregeführt  werden;  wir,  die  Schulter  an  Schulter  mit
ihnen  stehen,  kennen  sie  schon;  es  sind  ihrer  weder  viele,
n °ch  sind  sie  etwas  Neues.  Sie  gehören  zu  den  ältesten
Überbleibseln,  zum  Urbestand  der  Menschheit.  Sie  sind
        <pb n="95" />
        92

so  alt  wie  Loki  unter  den  Göttern,  wie  Luzifer  unter  den
Kindern  des  Lichts,  wie  die  Schlange  im  Garten  Eden,  wie
Pein  und  Verirrung  im  Gang  des  menschlichen  Lebens.
Solche  Frauen  sind  so  alt,  wie  die  ersten  Frauen  der  Urzeit, ­
  die  mit  ihren  Genossen  Holz  sammeln  gingen  für  den
gemeinsamen  Haushalt  und  Gras  unter  ihre  Bündel  steckten, ­
  damit  es  aussähe,  als  trügen  sie  dieselbe  Last,  während ­
  sie  nichts  trugen;  sie  sind  so  alt,  wie  der  erste  Mann,
der  seinen  Schild  in  der  Schlacht  wegwarf  und  wenn  die
Schlacht  vorüber  war,  sich  unter  die  Sieger  mischte,  um
die  Beute  zu  teilen;  so  alt,  wie  Feigheit  und  Gier  in  der
Menschen-  und  Tierwelt  ist,  die  immer  bestanden  und  erst
auf  hören  werden,  wenn  vielleicht  eine  höhere  und  größere
Menschheit  die  letzte  Häutung  hinter  sich  hat.
Jede  Armee  hat  ihre  Mitläufer,  die  nicht  zu  den  rechtmäßigen ­
  Soldaten  gehören,  aber  ihrem  Zug  folgen,  bereit,
die  Gefallenen  auf  beiden  Seiten  zu  überfallen  und  auszuplündern. ­
  Fremde  mögen  sie  für  Soldaten  halten,  aber  die
Soldaten  wissen,  wer  sie  sind.  Beim  heiligen  Abendmahl
saßen  der  Meister  und  scheinbar  zwölf  Apostel;  in  Wahrheit
aber  waren  allesamt  nur  zwölf  von  der  Gemeinde,  und  einer
war  nicht  von  den  ihrigen.  Einen  solchen  Dreizehnten  gab
es  seit  jeher  bei  jeder  heiligen  Gemeinschaft,  seitdem  die
Welt  besteht,  wo  immer  die  Träger  einer  großen  Sache
geistiges  Brot  gebrochen  haben;  aber  es  ist  die  Frage,  ob
je  dieser  Dreizehnte  imstande  war,  irgendeine  große  Bewegung ­
  zu  zerstören  oder  auch  nur  aufzuhalten.  Judas
konnte  den  Meister  durch  einen  Kuß  ans  Kreuz  liefern;
aber  seine  Stimme  konnte  er  nicht  zum  Schweigen  bringen,
durch  Jahrtausende  klang  sie  aus  diesem  judäischen  Grab
heraus.  Wieder  und  wieder,  in  sozialen,  politischen,  geistigen ­
  Bewegungen  verrät  der  Verräter,  aber  die  Sache
schreitet  vorwärts,  über  seinen  Leib  hinweg.
Es  gibt  Frauen,  wie  es  Männer  gibt,  deren  politische,  soziale, ­
  wissenschaftliche  oder  philanthropische  Arbeit  die
        <pb n="96" />
        93

Schminke  ist,  die  sie  auflegen,  wie  die  Dirne  die  Farbe,
und  zu  keinem  anderen  Zweck:  aber  sie  können  den  Fortschritt ­
  der  großen  Masse  lebensvoller  und  ehrlicher  Frauen
so  wenig  aufhalten,  als  das  Treibholz  auf  der  Oberfläche
eines  mächtigen  Stromes  seine  Wasser  hindern  kann,  das
Meer  zu  erreichen.
        <pb n="97" />
        IV.  DIE  FRAU  UND  DER  KRIEG

W ir  dürften  ferner  dem  Einwand  begegnen:  Gesetzt,  ihr
habt  vollkommen  recht,  daß  die  Frau,  der  die  alten  Arbeitsgebiete ­
  verloren  gehen,  nach  neuen  greifen  muß,  wenn
sie  nicht  in  volle  Abhängigkeit  von  ihren  Geschlechtsfunktionen ­
  geraten  will  und  nicht  alle  anderen  Elemente  ihres
menschlichen  Wesens  aus  Mangel  an  Übung  gehemmt
und  vernichtet  werden  sollen.  Gesetzt,  es  sei  wahr,  daß  mit
dem  Stillstand  ihrer  Entwicklung  auch  die  Entwicklung
der  ganzen  Menschheit  aufhören  würde.  All  dies  vollständig ­
  zugegeben  und  auch  zugegeben,  daß  die  menschliche
Arbeit  im  großen  ganzen  dahin  neigt,  mehr  und  mehr  eine
geistige  und  immer  weniger  eine  rein  mechanische  zu  werden, ­
  je  mehr  vervollkommnete  Maschinen  die  rohe  Menschenkraft ­
  ersetzen,  und  daß  daher  die  Frau,  um  sich
selbst  vor  Degeneration  und  Parasitismus  und  die  ganze
Menschheit  vor  Stillstand  zu  retten,  eine  Erziehung  erhalten ­
  muß,  die  all  ihre  geistigen  und  körperlichen  Anlagen
ausbildet  und  ihr  die  Freiheit  gibt,  sie  zu  benützen  —  würde
es  nichtsdestoweniger  möglich  und  vielleicht  gut  sein,  irgendeine ­
  Teilung  zwischen  männlichen  und  weiblichen  Beschäftigungen ­
  vorzunehmen?  Könnten  nicht  vielleicht  die
Frauen  wieder  zur  Landwirtschaft,  zu  Textilgewerbe  und
Handel,  Haushaltungsgeschäften,  Jugenderziehung  und
Heilkunst  zurückkehren  und  all  dies  im  Verein  mit  den
Mutterpflichten  ihr  ausschließliches  Arbeitsgebiet  bilden,
während  dem  Mann  das  Studium  der  abstrakten  Wissenschaften, ­
  Rechtskunde,  Politik  und  Kriegshandwerk  überlassen ­
  bliebe?  Sowie  in  alten  Zeiten  Krieg  und  Jagd  Sache
des  Mannes,  alle  anderen  Arbeiten  die  der  Frau  waren,
warum  sollte  nicht  auch  ferner  eine  gerechte  gleiche  Teilung ­
  der  sozialen  Arbeitsgebiete  bestehen?
Oberflächlich  besehen  scheint  dieser  Vorschlag  ganz  rationell ­
  und  hat  wenigstens  das  für  sich,  daß  er  mit  dem
        <pb n="98" />
        95

Lauf  der  menschlichen  Entwicklung  in  der  Vergangenheit
übereinzustimmen  scheint.  Bei  näherer  Betrachtung  aber
zeigt  es  sich,  daß  ihm  jede  praktische  oder  wissenschaftliche ­
  Basis  fehlt  und  jede  Übereinstimmung  mit  den
modernen  Lebensbedingungen.  In  vergangenen  primitiven
Gesellschaftsordnungen  wurde  durch  die  bloße  Muskelkraft ­
  und  Größe  des  Mannes  einerseits,  durch  die  fortwährende ­
  Inanspruchnahme  der  Frau  für  Gebären,  Säugen ­
  und  Aufziehen  der  Kinder  andererseits,  diese  Arbeitsteilung ­
  nach  Geschlechtern  in  fast  allen  Ländern  (Ägypten ­
  vielleicht  ausgenommen)*  unausweichlich.  Die  Frauen
übernahmen  naturgemäß  die  schwere  landwirtschaftliche
und  häusliche  Arbeit,  weil  sich  diese  immerhin  eher  als  die
Beschäftigungen  des  Mannes  in  Jagd  und  Krieg  mit  der
fortwährenden  Inanspruchnahme  durch  die  Kinder  vereinbaren ­
  ließ.  Es  war  nichts  Künstliches  in  einer  solchen
Teilung.  Wohl  lag  die  schwerste  Last  der  ermüdendsten
und  gleichförmigsten  Arbeit  auf  den  Schultern  der  Frau;
aber  beide  Geschlechter  arbeiteten  in  der  gebotenen  Weise
für  die  Existenz  der  Gemeinschaft,  und  jedes  überlieferte
dem  anderen  mittels  Vererbung  die  Früchte  seiner  durch
stete  Übung  zunehmenden  Kräfte,  und  die  Rasse  gedieh.
Einzelne  Frauen  mögen  manchmal,  ja  sogar  öfters,  Häuptlinge ­
  eines  Stammes  gewesen  sein;  der  König  der  Ashantees
  mag  mit  seinen  gefürchteten  weiblichen  Kriegsscharen ­
  in  den  Kampf  gezogen  sein,  und  Männer  mögen
hier  und  da  für  ihre  Kinder  das  Feld  bebaut  und  das  Gewand ­
  gewoben  haben;  aber  in  der  Hauptsache  war  in  den
meisten  Gemeinschaften  die  Teilung  der  Arbeit  eine  natürliche, ­
  gerechte  und  segensreiche,  und  es  war  unausweichlich, ­
  daß  eine  derartige  Teilung  stattfand.  Wenn
*  Die  Arbeitsteilung  unter  den  Geschlechtern  im  alten  Ägypten  und
anderen  Ländern,  in  denen  Ausnahmeverhältnisse  bestanden,  ist  ein
Gegenstand  von  hohem  Interesse,  doch  kann  hier  nicht  näher  darauf  eingegangen ­
  werden.
        <pb n="99" />
        96

heute  eine  Schar  zivilisierter  Männer,  Frauen  und  Kinder
in  völlig  nacktem  und  schutzlosem  Zustand  in  eine  Wildnis ­
  verschlagen  würde,  vollständig  abgeschnitten  von  aller
Zivilisation,  so  würde  unzweifelhaft  fast  ganz  die  alte
Arbeitsteilung,  wenigstens  für  kurze  Zeit,  wieder  Platz
greifen.  Die  Männer  würden  nach  Steinen  und  Stöcken
suchen,  um  sich  Waffen  zum  Schutz  gegen  wilde  Tiere
und  Feinde  zu  schaffen,  auf  die  Jagd  gehen,  mit  den  Wilden ­
  kämpfen  und  das  gezähmte  Vieh  hüten.*  Die  Frauen
würden  ihre  Kinder  säugen,  das  Fleisch  kochen,  das  die
Männer  heimbrächten,  Hütten  aufrichten,  nach  Wurzeln
suchen  und  womöglich  sie  anpflanzen.  Sicherlich  gäbe
es  keine  Müßiggänger  in  der  Gesellschaft;  denn  die  Frau,
die  nicht  für  ihr  Kind  arbeiten,  und  der  Mann,  der  nicht
auf  die  Jagd  gehen  oder  die  Gemeinschaft  gegen  Angriffe ­
  verteidigen  wollte,  sie  würden  von  ihren  Genossen
nicht  erhalten  werden  und  bald  zugrunde  gehen.  Wenn
später  die  wilden  Tiere  ausgerottet  und  andere  gezähmt
und  die  Kriegswaffen  verbessert  wären,  so  daß  man  nicht
mehr  aller  Männer  für  Krieg  und  Jagd  bedürfte,  dann
würden  sie  daheim  bleiben  und  beim  Pflanzen  und  Bauen
helfen.  Viele  Frauen  würden  sich  dann  zu  Hausarbeit  und
Handwerk  zurückziehen,  und  die  ganze  ehemalige  Entwicklung ­
  würde  sich  im  kleinen  Maßstab  wiederholen.  In  der
Gegenwart  aber,  innerhalb  der  neuen  Felder  geistiger  Arbeit ­
  oder  gelernter  Handarbeit,  die  an  Stelle  der  alten  Arbeitsformen ­
  getreten  sind,  sehen  wir  nirgend  eine  solche
natürliche,  spontane  Arbeitsteilung,  die  auf  natürlichen
Geschlechtsverschiedenheiten  basieren  würde.
Es  ist  ja  möglich,  obwohl  in  der  Gegenwart  keinerlei  Anzeichen ­
  dafür  sprechen  und  es  sehr  unwahrscheinlich  klingt,
daß  irgendein  entfernter,  jetzt  noch  unwahrnehmbarer  Zusammenhang ­
  besteht  zwischen  der  zu  bestimmten  Geistes-Die
  jungen  gefangenen  Tiere  würden  wahrscheinlich  von  den  Frauen
gezähmt  und  aufgezogen  werden.
        <pb n="100" />
        7  Schreiner,  Die  Frau

97

arbeiten  befähigenden  Gehirn-  und  Nervenbeschaffenheit
und  den  Geschlechtsfunktionen  eines  Individuums.  Es  mag
sein,  so  unerklärlich  es  auch  scheint,  daß  sich  schließlich
irgendein  Zusammenhang  findet  zwischen  dem  Gehirn-  und
Nervenzustand,  der  das  Individuum,  sagen  wir,  zum  Studium
der  Mathematik  befähigt,  und  der  Natur  seiner  Geschlechtsattribute. ­
  Die  bloße  Tatsache  aber,  daß  von  der  Handvoll
Frauen,  die  sich  bisher  abstrakten  Studien  widmen  durften, ­
  einige  sich  in  der  höheren  Mathematik  auszeichneten,
beweist  noch  nicht  notwendig,  daß  das  weibliche  Geschlecht ­
  für  mathematische  Fächer  eine  höhere  Eignung
als  etwa  für  Staatswissenschaften,  für  Recht  oder  Verwaltung ­
  besitze,  Gebiete,  zu  welchen  Frauen  bisher  tatsächlich
noch  keinen  Zutritt  erhielten.  Man  behauptet  manchmal,
weil  einige  geniale  Frauen  der  neueren  Zeit  ihre  schöpferische ­
  Kraft  in  der  Erzählungskunst  zum  Ausdruck  zu
bringen  suchten,  daß  ein  innerer  Zusammenhang  im  menschlichen ­
  Gehirn  bestehen  müsse  zwischen  den  Geschlechtsfunktionen ­
  des  Eierstocks  und  der  Kunst  der  Erzählung.
Tatsächlich  verhält  es  sich  vielmehr  so:  Da  die  moderne
Erzählungskunst  eine  bloße  Beschreibung  des  menschlichen ­
  Lebens  in  seinen  verschiedenen  Phasen  und  die  einzige ­
  Kunst  ist,  die  keiner  speziellen  Schulung  und  besonderer ­
  Vorkehrungen  bedarf,  kann  die  Frau  sie  in  jenen
Momenten  ausüben,  die  sie  den  mannigfaltigen,  ihr  Leben
ausfüllenden,  geisttötenden  Beschäftigungen  abstiehlt.
Und  so  wurde  sie  auf  diesen  Ausweg,  als  den  einzigen,
der  sich  ihren  Kräften  bot,  gedrängt.  In  welchen  anderen ­
  Richtungen  ihre  Begabung  bei  naturgemäßer  Entwicklung ­
  zum  Ausdruck  gelangt  wäre,  ist  ihr  selbst  nur
teilweise  bewußt,  und  was  die  Welt  durch  dieses  in  eine
bestimmte  Richtung  Zwingen  von  Begabungen,  die  vielleicht ­
  in  dieser  Ausdrucksform  nicht  ihre  naturgemäßeste
oder  nicht  ihre  einzige  Form  gefunden  haben,  verloren
bat,  kann  niemand  berechnen.  Selbst  in  den  unbedeuten ­
        <pb n="101" />
        den  Novellistinnen  dritten  Ranges,  deren  Produktionenden
Markt  überschwemmen,  können  wir  oft  eine  ergreifende
Erscheinung  erblicken,  wenn  wir  ahnen,  daß  unter  ihren
mißlungenen  künstlerischen  Versuchen  die  Begabung  eines
tüchtigen  Gesetzgebers,  eines  geschickten  Architekten,  eines
originellen  wissenschaftlichen  Forschers  oder  eines  guten
Richters  begraben  liegen  mag.  Wissenschaftlich  ist  ein  organischer ­
  Zusammenhang  zwischen  dem  weiblichen  Gehirn ­
  und  der  Erzählungskunst  ebensowenig  bewiesen,  wie
ein  organischer  Zusammenhang  zwischen  der  weiblichen
Hand  und  der  Schreibmaschine.  Beide,  die  Schriftstellerin
wie  die  Stenotypistin,  suchen  jede  innerhalb  ihrer  Sphäre
ihren  Kräften  ein  Ventil  zu  öffnen  in  der  Richtung  des
schwächsten  Widerstands.  Die  momentane  Tendenz  der
Frauen  zu  bestimmten  Arbeitsformen  beweist  nichts,  als
daß  in  dem  verworrenen,  eingeengten,  gebundenen  Zustand ­
  der  Frau  der  Gegenwart  dies  die  Richtungen  sind,
in  denen  ihr  eine  Tätigkeit  am  ehesten  möglich  wird.
Möglich,  daß  in  späteren  Zeiten,  wenn  Mann  und  Frau
geistig  gleich  vorgebildet  sind,  die  gleiche  Erziehung,
gleiche  Anregung  und  gleiche  Entlohnung  erhalten  werden, ­
  ein  oder  die  andere  Fähigkeit  als  parallel  laufend
mit  der  Art  der  Geschlechtsfunktionen  erkannt  werden
wird,  sobald  man  die  Menschheit  als  Ganzes  betrachtet.
Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  der  Historiker  der  Zukunft, ­
  der  auf  unzählige  Generationen  geistig  befreiter
und  tätiger  Geschlechter  zurückblicken  wird,  bei  sorgfältiger, ­
  ausgedehnter  Vergleichung  eine  entschiedene  Eignung ­
  des  weiblichen  Intellekts  für  Mathematik,  Technik
oder  Politik  und  ebenso  etwa  eine  ausgesprochene  Neigung ­
  des  männlichen  Geistes  für  Schauspielkunst,  Musik
oder  Astronomie  erkennen  wird.  Aber  in  der  Gegenwart
haben  wir  keinerlei  ausreichende  wissenschaftliche  Anhaltspunkte, ­
  aus  denen  derartige  Schlüsse  zu  ziehen  wären,
und  jeder  Versuch  einer  Teilung  der  Arbeitsgebiete  in
        <pb n="102" />
        männliche  und  weibliche  ist  ein  künstlicher  und  willkürlicher, ­
  um  nichts  rationeller  und  wissenschaftlicher,  als
etwa  ein  Versuch  wäre,  einen  Jungen  nach  der  Farbe  seiner ­
  Augen  oder  der  Form  und  Stärke  seiner  Beine  zum
Astronomen  oder  Kupferstecher  zu  bestimmen.  Jene  physischen ­
  Verschiedenheiten  innerhalb  der  Menschheit,  welche
Rassen  und  Nationen  trennen  —  nicht  bloß  die  Rassenunterschiede ­
  zwischen  Juden  und  Schweden  oder  Japaner
und  Engländer,  die  doch  unendlich  größer  sind,  als  je  der
Gegensatz  zwischen  Mann  und  Frau  derselben  Rasse,  sondern ­
  auch  die  feinen  Abweichungen,  die  nah  verwandte
Rassen,  wie  Engländer  und  Deutsche  unterscheiden  —
scheinen  oft  mit  subtilen  Verschiedenheiten  in  der  geistigen
Veranlagung  verbunden  zu  sein.  Aber  selbst  in  bezug  auf
diese  Unterschiede  ist  es  fast  unmöglich,  wissenschaftlich
festzustellen,  inwiefern  sie  das  Resultat  von  nationalen
Traditionen,  Umgebung  und  Erziehung,  und  inwiefern  das
Resultat  organischer  Gestaltung  sind.*
Kein  Studium  der  bloßen  physischen  Verschiedenheiten
zwischen  Individuen  oder  Rassen  würde  uns  Kenntnisse
über  ihre  geistige  Veranlagung  verschafft  haben,  noch  kann
*  In  bezug  auf  die  körperlichen  Geschlechtsunterschiede  muß  sich  der
zivilisierte  Mensch  der  modernen  Welt  immer  davor  hüten,  sich  unbewußt
durch  die  sehr  übertriebenen  äußern  Geschlechtsunterscheidungen  irreführen ­
  zu  lassen,  welche  unsere  unnatürliche  Art  der  Kleidung  und  der
Haartracht  mit  sich  bringt.  Im  unbekleideten  natürlichen  Zustand  ist  der
Körper  von  Mann  und  Weib  nicht  stärker  von  einander  unterschieden,
als  der  von  Löwe  und  Löwin.  Unsere  angelsächsischen  Altvordern  mit
ihren  großen,  fast  nackten  weißen  Körpern  und  den  langen  fliegenden
Haaren,  die  beide  Geschlechter  trugen,  unterschieden  sich  wenig  von  einander, ­
  während  bei  ihren  modernen  Abkömmlingen,  der  kurzhaarige,  dunkel ­
  gekleidete,  offenkundig  zweibeinige  Mann  von  der  gewöhnlich  langhaarigen, ­
  farbig  herausgeputzten,  mit  vielen  Röcken  angetanen  Frau  vollständig ­
  verschieden  ist.  Wären  die  organischen  Verschiedenheiten  zwischen ­
  Mann  und  Frau  nur  halb  so  auffallend  als  die  augenfälligen  künstlichen, ­
  so  wären  sie  nicht  nur  größer  als  alle  Unterschiede  zwischen  einer
Menschenrasse  und  der  anderen,  sondern  so  groß  wie  die  zwischen  verschiedenen ­
  Ordnungen  der  Tierwelt.  Nur  ein  besonders  analytischer,
ängstlich  scheidender  Verstand  wird  sich  durch  die  gewohnten  äugen-
        <pb n="103" />
        die  Tatsache,  daß  bestimmte  Individuen  einer  menschlichen ­
  Art  gewisse  Fähigkeiten  besitzen,  einen  vernünftigen ­
  Grund  bilden,  alle  Individuen  dieser  Art  in  ein  bestimmtes ­
  Arbeitsgebiet  zu  zwingen.
Keine  noch  so  genaue  Analyse  der  physischen  Konstitution ­
  der  Juden  konnte  ohne  jahrhundertelange  praktische
Erfahrungen  a  priori  annehmen  und  noch  weniger  beweisen, ­
  daß  parallel  mit  irgendwelchen  physischen  Merkmalen,
welche  sie  von  ihren  Mitmenschen  unterscheiden,  eine  angeborene ­
  einzigartige  intellektuelle  Begabung  für  Religion
geht.  Die  Tatsache,  daß  während  dreier  Jahrtausende,  von
Moses  bis  Jesaias,  von  Jesus  und  Paulus  bis  zu  Spinoza,
die  jüdische  Rasse  Männer  hervorgebracht  hat,  die  der
halben  Welt  ihren  religiösen  Glauben  und  ihr  religiöses
Feuer  geliehen  haben,  beweist,  daß  irgendwo  und  irgendwie, ­
  entweder  organisch  mit  der  physischen  Konstitution
der  Juden  zusammenhängend  oder  als  Resultat  von  Traditionen ­
  und  Erziehung,  diese  Begabung  für  religiöse  Dinge
besteht.  Trotzdem  finden  wir  andererseits  Millionen  Juden,
denen  dieser  Sinn  total  und  ausgesprochen  abgeht,  und
irgendwelche  praktischen  Vorschriften  für  das  Individuum
auf  diese  erwiesene  geistige  Veranlagung  der  Rasse  als
Ganzes  zu  basieren,  wäre  ebenso  offenkundig  lächerlich
wie  verfehlt.  Ein  noch  markanteres  Beispiel  bieten  die
Deutschen.  Keinerlei  Betrachtung  ihrer  physischen  Eigentümlichkeiten, ­
  selbst  bei  subtilster  Untersuchung  von  Nerven, ­
  Knochen,  Muskeln  könnte  bei  dem  jetzigen  Stand  der
Wissenschaft  erweisen,  daß  mit  dieser  organischen  Konstitution ­
  der  Deutschen  eine  einzigartige  Veranlagung  für
Musik  verknüpft  ist.  Wohl  besteht  immer  die  Möglichkeit
einer  Verwechselung  von  angeborner  Anlage  mit  den  Refälligen
  Verfälschungen  nicht  irreführen  lassen.  Es  gibt  vielleicht  nicht
einen  Mann  oder  eine  Frau  unter  vielen  Tausenden,  die  nicht  in  ihren  Vorstellungen ­
  über  die  körperlichen  und  geistigen  Geschlechtsunterschiede
aufs  stärkste  von  den  grotesken  Übertreibungen  der  modernen  Tracht
und  künstlich  geschaffenen  Sitten  beeinflußt  wären.
        <pb n="104" />
        sultaten  von  Erziehung  und  äußern  Umständen;  aber
wenn  wir  die  Leidenschaft,  welche  die  Deutschen  für  Musik ­
  bewiesen  haben,  und  die  Tatsache  bedenken,  daß  die
größten  Musiker,  die  die  Welt  kennt,  von  Bach,  Beethoven,
Mozart  bis  zu  Wagner  dieser  Nation  angehörten,  so  erscheint ­
  es  höchst  wahrscheinlich,  daß  eine  Beziehung
zwischen  dem  Körperbau  des  Deutschen  und  seiner  musikalischen ­
  Begabung  existiert.  Ähnliche  geistige  Besonderheiten ­
  scheinen  mit  äußeren  Verschiedenheiten,  die  andere ­
  Rassen  kennzeichnen,  einherzugehen.  Nichtsdestoweniger ­
  würde  jeder  Versuch  in  einer  Kolonie,  in  der  Personen ­
  all  dieser  Nationen  zusammenlebten,  auf  Grund
dieser  anscheinend  erprobten  nationalen  Eignung  oder
Nichteignung  jede  auf  ein  bestimmtes  Arbeitsgebiet  zu
beschränken,  als  verrückt  angesehen  werden.  Darauf  zu
bestehen,  daß  alle  Juden  und  nur  Juden  religiöse  Gegenstände ­
  zu  behandeln  und  zu  unterrichten  hätten,  daß  alle
Engländer  und  nur  Engländer  Handel  zu  treiben  hätten,
jeder  Deutsche  sich  mit  Musik  seinen  Lebensunterhalt
verdienen  müßte  und  niemand  außer  Deutschen  Musik
betreiben  dürfte,  würde  jeden  einzelnen  unglücklichen
Engländer,  dessen  ausgesprochenster  Mangel  in  der  Richtung ­
  von  Finanz-  und  Geschäftswesen  liegen  mag,  jeden
Juden,  dessen  religiöse  Instinkte  rudimentär  sind,  jeden
Deutschen,  der  keine  Note  von  der  andern  zu  unterscheiden ­
  vermag,  einfach  zur  Verzweiflung  bringen.  Und  die
Gesellschaft  als  Ganzes  würde  einen  unersetzlichen  Verlust ­
  erleiden,  einen  der  schwersten  Verluste,  die  eine  Gesellschaft ­
  betreffen  kann  —  die  Nichtausnützung  der  höchsten ­
  Fähigkeiten  all  ihrer  Mitglieder.
Es  mag  sein,  daß  wie  bei  den  Rassen,  so  auch  bei  den
Geschlechtern  die  feinsten  physischen  Differenzen  ihr  feines
 &amp;gt;  geistiges  Korrelat  besitzen;  aber  keine  abstrakte  Betrachtung ­
  des  menschlichen  Körpers  bezüglich  seiner  Geschlechtsfunktionen ­
  kann  bei  dem  jetzigen  Stand  unserer
        <pb n="105" />
        Wissenschaft  erweisen,  welche  geistigen  Fähigkeiten  dahin ­
  neigen,  mit  den  sexuellen  Organen  zu  variieren,  und
nichts  im  gegenwärtigen  oder  vergangenen  Zustand  von
Mann  und  Frau  gibt  uns  mehr  als  die  allerleisesten  Andeutungen ­
  einer  Möglichkeit  der  Relation  zwischen  geistigen ­
  Anlagen  und  Geschlechtsfunktionen.  Und  selbst  wenn
durch  jahrhundertelange  Erfahrungen  erwiesen  wäre,  daß
mit  den  weiblichen  Geschlechtsfunktionen  mehr  Neigung
zu  außerordentlichen  Fähigkeiten  in  mathematischen  als
in  naturwissenschaftlichen  Fächern  zusammenfällt  oder
mehr  Eignung  für  Politik  als  für  technische  Erfindungen,
wenn  es  erwiesen  wäre,  daß  im  allgemeinen  von  zwanzigtausend ­
  Frauen,  die  sich  dem  juristischen,  und  zwanzigtausend, ­
  die  sich  dem  medizinischen  Studium  widmen,  eine
verhältnismäßig  größere  Zahl  auf  dem  Gebiete  der  Rechtskunde ­
  etwas  leistet,  so  wäre  noch  immer  kein  gesunder  und
vernünftiger  Grund  vorhanden,  die  Tätigkeit  der  einzelnen
Frau  auf  die  Richtung  zu  beschränken,  in  der  die  Frau
durchschnittlich  öfter  Hervorragendes  zu  leisten  schien.*
Daß  auch  nur  ein  Individuum  in  einer  Gesellschaft  von
derjenigen  Arbeit,  für  die  es  am  besten  geeignet  ist,  ausgeschlossen ­
  sein  soll,  bedeutet  einen  unnötigen  Ausfall  in
dem  geistigen  Besitzstand  der  Gesellschaft.  Wenn  ein
männlicher  Fröbel  an  seiner  Arbeit  als  Pädagoge  gehemmt ­
  oder  verhindert  worden  wäre,  weil  Kindererziehung
als  Gebiet  der  Frau  galt,  oder  nur  eine  Frau,  die  die
Gabe  zum  Staatsmann  besitzt,  gezwungen  sein  soll,  im
Kindergarten  zu  unterrichten,  wozu  sie  vielleicht  nicht  die
*  Wer  nicht  scharf  zu  unterscheiden  versteht,  ist  immer  geneigt,  den
nur  scheinbaren  Zusammenhang  für  Ursache  und  Wirkung  zu  nehmen.
Wie  oft  hören  wir  ernsthaft  behaupten,  daß  der  Irländer  mit  Kartoffeln,
Schweinen  und  Lehmhütten  organisch  verwachsen  sei;  wer  aber  in  den
Kolonien  gelebt  hat,  weiß,  daß  innerhalb  zweier  Generationen,  der  besser
erzogene  Abkömmling  des  Lehmhüttenbewohners  oft  ein  erfolgreicher
Politiker,  ein  wohlhabender  Finanzmann  oder  guter  Richter  wird  und
nicht  mehr  Vorliebe  für  Kartoffel,  Schweine  und  Lehmhütten  bewahrt
als  ein  Abkömmling  irgend  einer  andern  Rasse.

102
        <pb n="106" />
        leiseste  Begabung  hat,  ist  eine  fortlaufende  Verschwendung ­
  sozialen  Lebensbluts.
,  Freiheit  der  Arbeit  und  Gleichheit  der  Vorbildung,  körperlicher ­
  wie  geistiger,  ist  unbedingt  notwendig,  um  über  die
natürliche  Veranlagung  eines  Geschlechts  oder  einer  Klasse
zu  entscheiden.  Und  darum  geht  unsere  Forderung  dahin,
daß  nicht  künstliche  Einschränkungen,  sondern  die  natürlichen ­
  Bedingungen  es  sein  sollen,  die  unerbittlich,  aber
wohltätig  über  die  Arbeit  jedes  einzelnen  entscheiden.
So  wie  es  nicht  nötig  ist,  den  Hindus,  von  denen  man  gewöhnlich ­
  annimmt,  daß  sie  keine  natürliche  Begabung  für
Sport  besitzen,  diesen  zu  verbieten  —  denn  wenn  sie  kein
Talent  dazu  haben,  werden  sie  ihm  ohnehin  unterlassen  —,
und  wie  es  trotz  dieser  angenommenen  allgemeinen  Unbegabtheit ­
  für  Sport  möglich  ist,  daß  einmal  ein  einzelner
Hindu  der  beste  Kricketspieler  seiner  Zeit  wird,  so  ist  auch
keinerlei  Notwendigkeit  vorhanden,  die  Frau  in  der  Wahl
ihrer  Arbeitsgebiete  gesetzlich  zu  beschränken.  Denn  die
natürliche  Unfähigkeit  eines  Individuums  wird,  wo  sie  besteht, ­
  viel  mächtiger  wirken  als  irgendeine  künstliche,  gesetzliche ­
  oder  soziale  Absperrung,  und  es  kann  Vorkommen, ­
  daß  das  eine  Individuum  unter  zehntausend,  welches
ein  bei  seinen  Artgenossen  jm  allgemeinen  nicht  beliebtes
Arbeitsfeld  wählt,  die  Menschheit  durch  die  Resultate  seines ­
  besonderen  Talents  bereichert.  Daß  in  der  Welt  geistiger
Kultur  und  Arbeit  alle  von  demselben  Punkt  starten  dürfen ­
  und  unserer  alten  Mutter  Natur  das  Schiedsrichteramt,
das  Verteilen  der  Preise  und  Streichen  der  Unfähigen  aus  der
Liste,  überlassen  bleibe,  dasistalles,  was  wir  fordern,  aber  das
fordern  wir  entschieden.  Werft  den  jungen  Hund  ins  Wasser ­
  :  schwimmt  er  —  gut,  sinkt  er  —  auch  gut,  aber  bindet  ihm
nicht  einen  Strick  mit  einem  Stein  um  den  Hals  und  sagt
dann,  er  war  nicht  imstande,  sich  über  Wasser  zu  halten.
Für  heute  muß  unser  Ruf  lauten:  „Jede  Arbeit  gehört ­
  in  unser  Gebiet!“

103
        <pb n="107" />
        104

Vom  Richterstuhl  bis  zum  Parlamentssitz,  vom  Kabinett
des  Staatsmannes  bis  zum  Kontor  des  Kaufmanns,  vom
chemischen  Laboratorium  bis  zur  Sternwarte,  nirgend  ist
eine  Stelle  oder  eine  Arbeitsgelegenheit,  für  die  wir  nicht
die  Absicht  hätten,  uns  tauglich  zu  machen.  Es  gibt  keine
verschlossene  Tür,  die  wir  nicht  aufbrechen  wollen,  und
es  gibt  keine  Frucht  im  Garten  der  Erkenntnis,  von  der
wir  nicht  zu  essen  entschlossen  wären.  Wir  wissen,  daß  die
Natur  in  uns  und  durch  uns  arbeitet  und  erbarmungslos
unsere  Mängel,  unsere  Kräfte  auf  decken  wird.  Vorderhand ­
  aber  gehört  jede  Arbeit  in  unser  Gebiet!
Aber  man  wird  nun  einwenden:  „Und  was  ist  mit  dem
Krieg,  dieser  Art  menschlichen  Ringens,  das  sein  Ziel
durch  physische  Gewalt  und  um  den  Preis  fremden  Lebens ­
  erreicht  —  wollt  ihr  daran  auch  teilnehmen  ?“  Darauf
antworten  wir:  Ja,  ganz  besonders  beabsichtigen  wir,  auf
diesem  Feld  unsere  Rolle  zu  spielen.  Seit  jeher  haben  wir
unser  Teil  an  den  Lasten  des  Krieges  getragen.  Nicht  nur
in  primitiven  Zeiten,  wo  wir  unter  der  Zerstörung  der  Felder, ­
  die  wir  bestellt,  und  der  Häuser,  die  wir  gebaut,  zu
leiden  hatten  oder  in  späteren  Jahrhunderten,  wo  wir  als
die  ungezählten  häuslichen  Arbeiter  und  Produzenten  an
Abgaben,  Verlusten,  Lebensmitteln  und  persönlicher  Arbeit ­
  soviel  wie  die  Männer  an  Kriegskosten  beizusteuern
hatten.  Nicht  nur  weil  in  der  neueren  Zeit  manche  von
uns  als  Kriegspflegerinnen  oder  in  früheren  Epochen  hier
und  da  als  Führerinnen  und  Häuptlinge  unser  Teil  trugen;
noch  selbst,  weil  die  Entschlossenheit  der  Frauen  und
ihre  Bereitschaft,  zu  leiden,  in  allen  Zeiten  wieder  und
wieder  aufs  stärkste  das  Schicksal  kriegführender  Völker
beeinflußt  haben  —  nicht  aus  diesen  Ursachen  allein
fordern  wir  ein  Recht  der  Mitbestimmung,  wo  es  sich  um
den  Krieg  handelt.  Unsere  Beziehungen  zum  Krieg  sind
weit  engere,  persönlichere  und  unlösbarere  als  diese.  Die
Männer  haben  Bumerangs,  Bogen,  Schwerter  und  Ka ­
        <pb n="108" />
        105

nonen  erzeugt,  um  sich  gegenseitig  zu  töten,  wir  aber  haben ­
  die  Männer  erzeugt,  die  töten  und  getötet  werden!
Wir  haben  zu  allen  Zeiten  um  enormen  Preis  die  wichtigste ­
  Kriegsmunition  geliefert,  ohne  die  keine  andere  existiert ­
  hätte.
Es  gibt  kein  Schlachtfeld  der  Erde,  noch  hat  es  je  eines
gegeben,  mit  wieviel  Erschlagenen  es  auch  bedeckt  sein
mochte,  das  die  Frauen  des  betreffenden  Volkes,  die  es  mit
Kämpfern  zu  versorgen  hatten,  nicht  mehr  an  Blut  und
Qualen  gekostet  hätte  als  die  Männer,  die  da  liegen.  Wir
sind  es,  die  die  Hauptkosten  aller  Menschenleben ­
  zahlen.
Indem  sie  die  Männer  für  das  Blutbad  der  Schlachtfelder
liefern,  haben  die  Frauen  nicht  nur  tatsächlich  mehr  Blut
vergossen,  und  in  den  langen  Monaten,  die  sie  das  Kind
getragen  und  endlich  unter  Schmerzen  geboren  haben,
mehr  Qualen  und  Leiden  ausgestanden  als  die  Männer,
die  das  Schlachtfeld  bedecken;  sondern  sie  haben  in  den
langen  Jahren,  da  sie  die  Kinder  großzogen,  so  lange  und
geduldig  Strapazen  ertragen,  wie  sie  kein  schwer  bepackter
Soldat  auf  dem  längsten  Marsch  ärger  zu  erdulden  hatte.
Und  was  das  Sterben  anlangt,  so  ist  unter  allen  zivilisierten ­
  Völkern  die  Wahrscheinlichkeit  für  die  Frau,  im  Kindbett ­
  zu  sterben,  durchschnittlich  unendlich  größer  als  für
den  Mann  die,  auf  dem  Schlachtfeld  zu  fallen.
Es  gibt  kaum  eine  Frau,  ob  sie  nun  Kinder  geboren  hat
oder  nicht,  die  über  ein  mit  Gefallenen  bedecktes  Schlachtfeld ­
  gehen  könnte,  ohne  daß  ihr  der  Gedanke  käme:  „Wie
vieler  Mütter  Söhne!  Wie  viele  Menschenleiber  zur  Welt
gebracht,  um  nun  hier  zu  liegen!  Wie  viele  Monde  von
Mühsal  und  Leiden,  bevor  diese  Glieder  und  Muskeln  sich
im  Mutterleibe  gestalteten,  wieviel  Stunden  der  Angst  und
Qual,  damit  Leben  werde;  wie  viele  Kinderlippen  mußten ­
  Leben  saugen  aus  Mutterbrüsten  —  und  all  dies,  damit
  nun  diese  Männer  daliegen  mit  stieren  Ausjänfeln,  mit
        <pb n="109" />
        106

gedunsenen  Leibern,  mit  starren,  blauen,  geöffneten  Lippen, ­
  mit  weggerissenen  Gliedern  —  um  einige  Äcker  mit
Menschenfleisch  zu  düngen,  daß  im  nächsten  Jahr  das  Gras
grüner  oder  Mohn  und  Heidekraut  röter  stehen,  wo  sie  gelegen, ­
  oder  der  Sand  der  Ebene  weißer  schimmern  wird  von
Totengebein  1“  Und  wir  rufen:  „Nein,  ohne  unerbittliche  Ursache ­
  darf  das  nicht  sein!“  Keine  Frau,  die  wahrhaft  Frau
ist,  wird  je  von  einem  Menschenleib  sagen:  „Er  ist  wertlos  I“
Der  Tag,  an  dem  die  Frau  neben  dem  Mann  ihren  Platz
in  der  Lenkung  und  Regelung  der  auswärtigen  Angelegenheiten ­
  ihres  Volkes  finden  wird,  wird  auch  der  Tag  sein,
der  das  Ende  der  Kriege  als  eines  Mittels,  menschliche ­
  Streitfragen  zu  schlichten,  verkündet.  Kein  Fanfarenschmettern ­
  und  Bannerrauschen  wird  schließlich  Frauen
zu  dem  Wahnsinn  verführen,  rücksichtslos  Leben  zu  zerstören ­
  oder  vorsätzliches  Töten  mit  einem  anderen  Namen
als  Mord  zu  beschönigen,  ob  es  sich  nun  um  das  Schlachten ­
  von  Tausenden  oder  Einzelner  durch  Einzelne  handelt.
Und  dies  nicht  etwa,  weil  die  geschlechtlichen  Funktionen
der  Mütterlichkeit  notwendig  eine  tiefere  moralische  Einsicht ­
  verleihen  als  die  der  Vaterschaft  oder  eine  höhere
Art  sozialen  Instinkts.  Männer  haben  zu  allen  Zeiten  ebenso ­
  vornehm  wie  Frauen  auf  mancherlei  Pfaden  hochherziger ­
  Güte  gewandelt  und  hinan  zu  höherem  sozialen  Empfinden; ­
  ja  zu  manchen  Zeiten  sind  sie,  als  die  Freieren
und  Höhergebildeten,  weiter  und  kühner  vorangeschritten.
(Daß  die  Frau  nicht  etwa  eine  natürliche,  allseitige  moralische ­
  Überlegenheit  gegenüber  dem  Manne  oder  einen
höheren  sozialen  Instinkt  als  er  besitzt,  ist  vielleicht  am
klarsten  durch  eine  sehr  unscheinbare,  seltsame  Tatsache
bewiesen:  Die  zwei  Ausdrücke,  die,  in  fast  allen  Sprachen
intime  menschliche  Beziehungen  bezeichnend,  die  übelste
antisoziale  Bedeutung  besitzen,  haben  beide  das  Wort
„Mutter“  als  Wurzel  und  bezeichnen  weibliche  Verwandte
—  die  Worte  „Schwiegermutter“  und  „Stiefmutter“.)
        <pb n="110" />
        1

I

107

■■  I

In  der  ganzen  Menschheitsgeschichte  hat  sich  der  Mann
in  bezug  auf  soziale  Solidarität  und  Großherzigkeit  der
Frau  mindestens  ebenbürtig  erwiesen.
Aber  andererseits  wird  die  Frau  nicht  aus  Mangel  an
Mut  vor  dem  Kriege  zurückschrecken.  Die  Frauen  aller
Länder  und  Generationen  haben  Leiden  und  Tod  mit
einem  Gleichmut  ins  Auge  gesehen,  der  von  keinem  Krieger ­
  auf  dem  Schlachtfeld  je  übertroffen  und  von  wenigen
erreicht  worden  ist.  Und  wo  es  sich  im  Krieg  um  den
Schutz  von  Leben,  Land  oder  Freiheit  handelte,  haben  tüchtige, ­
  noch  nicht  parasitisch  gewordene  Frauengeschlechter ­
  stets  tätig  teilzunehmen  und  zu  sterben  verstanden.
Auch  wird  der  Einfluß  der  Frau  nicht  deshalb  sich  gegen
den  Krieg  kehren,  weil  die  Frau  der  Zukunft  physisch  unfähig ­
  wäre,  daran  teilzunehmen.  Die  geringere  Kraft  ihrer
Muskeln,  die  für  sie  von  entscheidendem  Nachteil  gewesen
wäre,  solange  Kriege  mit  der  Streitaxt  und  dem  Schwert
im  Einzelkampf  geführt  wurden,  würde  jetzt  wenig  oder
nichts  bedeuten.  Wenn  die  Frau  es  darauf  absähe,  sich
für  den  Krieg  zu  schulen,  so  könnte  sie  wohl  ebenso  die
Geschicklichkeit  erwerben,  ein  Maximgeschütz  abzufeuern
oder  den  Feind  mit  einem  Lee-Metford-Gewehr  aus  dreitausend ­
  Metern  Entfernung  niederzuknallen,  wie  irgendein ­
  Mann,  und  unzweifelhaft  war  es  nicht  einzig  das  Hirtenmädchen ­
  von  Orleans,  in  der  sich  latent  die  Gaben
bargen,  die  den  großen  Feldherrn  ausmachen.  Wenn  die
Völker  Europas  in  ihrem  gegenwärtigen  halbzivilisierten
Zustand,  der  den  Krieg  ermöglicht,  noch  durch  einige
Generationen  verharren  sollten,  so  ist  es  höchst  wahrscheinlich, ­
  daß  Frauen  im  Finanzdepartement,  in  der  Intendantur, ­
  bei  der  Approvisionierung  und  Bekleidung  der
Armeen  eine  Hauptrolle  spielen  werden  und  daß  die  Nation, ­
  die  als  erste  ihre  Frauen  so  verwendet,  zu  Kriegszeiten ­
  in  großem  Vorteil  gegenüber  den  anderen  sein  wird.
Also  nicht,  weil  die  Frau  zu  feige  oder  unfähig  ist,  noch
        <pb n="111" />
        108

weil  ihre  Moral  im  allgemeinen  eine  höhere  ist,  wird  sie
dem  Krieg  ein  Ende  bereiten,  sobald  ihre  Stimme  allgemein, ­
  entscheidend  und  klar  sich  in  der  Staatenlenkung
Gehör  verschaffen  wird  —  sondern  weil  in  diesem  einen
Punkt  und  fast  allein  in  diesem  einen  das  Wissen  der  Frau,
einfach  als  Frau,  dem  des  Mannes  überlegen  ist.  Sie  kennt
die  Geschichte  des  menschlichen  Fleisches,  sie  weiß,  was
es  kostet,  er  nicht.*
In  einer  belagerten  Stadt  mag  es  Vorkommen,  daß  die
Leute  in  den  Straßen,  um  die  Breschen  zu  verstopfen,  die
der  Feind  in  die  Wälle  geschlagen,  Statuen  und  Marmorbilder ­
  aus  öffentlichen  Gebäuden  und  Galerien  reißen  und
sie  hinwerfen,  unbedenklich,  nur  weil  sie  ihnen  gerade  zur
Hand  sind,  ohne  sie  höher  zu  achten,  als  wären  sie
Pflastersteine.  Aber  einer  wird  das  nie  tun  —  der  Bildhauer ­
  !  Er,  der,  wenn  auch  kein  Werk  seines  eigenen  Meißels ­
  darunter  ist,  doch  wohl  weiß,  was  jedes  dieser  Kunstwerke ­
  gekostet  hat,  aus  Erfahrung  weiß,  wieviel  Jahre  des
Kampfes  und  Studiums,  welche  unendliche  Mühe  das
Schaffen  jedes  einzelnen  Gliedes  kostet,  das  Meißeln  jeder ­
  dieser  vollendeten  Linien,  er  könnte  niemals  gedanken-
  und  sorglos  so  verfahren.  Instinktiv  würde  er  nach
anderen  Dingen  suchen,  Hausrat,  selbst  alles  Gold  und
Silber,  das  die  Stadt  besitzt,  hinwerfen,  ehe  er  diese  Kunstwerke ­
  opferte!
Menschenleiber  sind  die  Kunstwerke  von  uns  Frauen.
Gebt  uns  die  Macht,  es  zu  hindern,  und  wir  werden  sie  nie
achtlos  hinwerfen,  um  damit  die  Risse  auszufüllen,  die
durch  internationalen  Ehrgeiz  oder  Habgier  indenmensch* ­
  Es  ist  bemerkenswert,  daß  selbst  Katharina  v.  Rußland,  eine  Herrscherin ­
  und  Staatsmännin  von  männlichem  und  hartem  Typus  und  im  allgemeinen ­
  nicht  von  moralischen  Skrupeln  geplagt,  dennoch  mit  Entrüstung ­
  das  Angebot  Friedrichs  des  Großen,  der  sie  reichlich  für  eine
kleine  Anzahl  russischer  Rekruten  bezahlen  wollte,  zurückwies,  zu  einer
Zeit,  da  das  Verheuern  von  Soldaten  allgemein  unter  den  Herrschern
Europas  üblich  war.
        <pb n="112" />
        Bm

109

liehen  Beziehungen  entstanden  sind.  Uns  Frauen  wird  niemals ­
  der  Gedanke  kommen:  „Werft  Menschenleiber  hin,
um  die  Sache  zum  Austrag  zu  bringen.“  Schiedsspruch
und  Entschädigungen  würden  uns  so  naturgemäß  als  das
billigere  und  einfachere  Mittel  erscheinen,  die  Spaltungen
in  den  nationalen  Beziehungen  zu  überbrücken,  wie  es  dem
Bildhauer  natürlich  ist,  alles  andere  eher  hinzuwerfen  als
Statuen,  obwohl  er  zuletzt  auch  dazu  getrieben  werden
kann!
Es  ist  dies  einer  der  nicht  sehr  zahlreichen,  aber  äußerst
wichtigen  Punkte  im  menschlichen  Leben,  in  welchen  der
Mann  als  Mann  und  die  Frau  als  Frau,  bloß  auf  Grund
der  Verschiedenheit  ihrer  geschlechtlichen  Funktionen  in
bezug  auf  die  Fortpflanzung,  auf  einem  einigermaßen  verschiedenen ­
  Standpunkt  stehen  und  stehen  müssen.  Der
physische  Schöpfungsakt  von  Menschenleben,  der,  soweit
der  Mann  daran  beteiligt  ist,  nur  in  wenigen  Momenten
physischen  Genusses  besteht,  bedeutet  für  die  Frau  immer
Monate  der  Last  und  körperlicher  Leiden,  die  in  Lebensgefahr ­
  gipfeln.  Für  den  Mann  ist  Leben  zeugen  Lust,  für  die
Frau  Blut,  Angst  und  manchmal  Tod.  Hier  berühren  wir
einen  der  wenigen,  aber  bedeutsamen  Unterschiede  zwischen ­
  Mann  und  Frau  als  solche.
Die  zwanzigtausend  Männer,  die  vorzeitig  auf  dem
Schlachtfeld  fallen,  bedeuten  für  die  Frauen  ihres  Volkes
zwanzigtausend  menschliche  Wesen,  die  sie  durch  Monate
tragen,  unter  Qualen  gebären,  an  ihrer  Brust  nähren  und
unter  Mühen  aufziehen  müssen,  wenn  die  Zahl  ihres  Stammes ­
  und  die  Stärke  ihres  Volkes  erhalten  bleiben  soll.  Bei
Völkern,  die  fortwährend  Krieg  führen,  ist  den  Frauen
fortwährendes,  ununterbrochenes  Kindergebären  durch  den
Krieg  auferlegt,  wenn  der  Staat  weiterbestehen  soll.  Und
wann  immer  Kriege  Vorkommen,  muß,  wenn  die  Bevölkerungszahl ­
  erhalten  bleiben  soll,  die  Zahl  der  Geburten  zunehmen. ­
  Das  bedeutet  für  die  Frauen  als  solche  eine  Kriegs-
        <pb n="113" />
        Steuer,  mit  welcher  verglichen  alles  was  Männer  für  militärische ­
  Rüstungen  auf  wen  den,  verhältnismäßig  wenig  ist.
Die  Beziehungen  der  Frau  zur  Fortpflanzung  beeinflussen
unzweifelhaft  selbst  ihr  Verhältnis  zu  Tieren  und  allen
Lebewesen.  „Heut  ist  ein  schöner  Tag,  gehen  wir
Vögel  schießen,“  ruft  der  typische  Mann  gewisser  Völker ­
  ganz  instinktiv.  „Da  ist  ein  Vöglein^  aus  dem  Nest
gefallen,  retten  wir  es,“  sagt  die  Durchschnittsfrau  fast
ebenso  instinktiv.  Gewiß  ist  es  wahr,  daß  die  Frau  imstande ­
  ist,  ebenso  unbarmherzig  und  grausam  das  Leben
einer  gehaßten  Rivalin  oder  eines  Feindes  zu  opfern,  wie
nur  irgendein  Mann,  aber  sie  weiß  dabei,  was  sie  tut,  sie
kennt  den  Wert  des  Lebens,  das  sie  raubt  1  Für  die  normale
Frau  gibt  es  kein  leichtherziges,  sorgloses  Hinopfern  von
Leben;  ihr  Instinkt,  von  praktischer  Erfahrung  belehrt,
schreckt  davor  zurück.  Sie  kennt  den  Wert  des  Lebens  und
weiß,  daß  es  leichter  ist,  es  zu  zerstören,  als  zu  erschaffen.
Allerdings  ist  es  sicher,  daß  die  Verdammung  des  Krieges, ­
  die  in  den  fortgeschrittenen  Menschengeistern  erwacht ­
  ist,  vom  höchsten  Standpunkte  aus  in  keiner  Weise
mit  den  besonderen  Geschlechtsfunktionen  in  Verbindung
steht.  Ganz  gleich,  ob  Mann  oder  Frau,  alle  jene,  die  mit
Jesaias  auf  den  Hügeln  Palästinas  oder  mit  Buddha  unter ­
  den  Palmen  Indiens  die  Wesenseinheit  alles  fühlenden
Lebens  erkannt  haben  und  die  daher  im  Krieg  nur  ein
Symptom  jener  rohen  Disharmonie  erblicken,  unter  der
das  Leben  auf  Erden,  noch  uneins  mit  sich  selbst,  in  seinen ­
  frühen  Entwicklungsstufen  leidet;  die  als  endliches,
in  weiter  Ferne  hinter  den  Kuppen  unzähliger  kommender
Zeitalter  verborgenes  Ziel  der  Menschheit,  die  Harmonie
zwischen  allen  Formen  bewußten  Lebens  erkennen,  wie  es
der  alte  Hebräer  in  dem  Bilde  zeichnete:  „Die  Wölfe
werden  bei  den  Lämmern  wohnen  und  die  Pardel  bei  den
Böcklein  liegen,  ein  kleiner  Knabe  wird  Kälber  und  junge
Löwen  und  Mastvieh  miteinander  treiben“  —  für  alle,
        <pb n="114" />
        ob  Mann  oder  Frau,  die  diesen  Standpunkt  erreicht  haben,
bedarf  es  nicht  der  Erleuchtung  durch  den  Instinkt  der
Gebärerin  als  solche.  Denn  ihre  Verurteilung  des  Krieges
erwächst  nicht  so  sehr  aus  der  Tatsache  vergeuderischer
Zerstörung  von  Menschenfleisch,  als  daraus,  daß  sie  im
Krieg  ein  Zeichen  des  Mangels  jener  Einheit,  jener  Harmonie ­
  erkennen,  die  in  dem  Rufe  lebt:  „Kinder,  liebet  einander ­
  !“
Aber  für  die  große  Masse  der  Menschen  wird  wahrscheinlich ­
  noch  durch  Generationen  der  instinktive  Antagonismus ­
  der  Gebärerin  gegen  die  rücksichtslose  Zerstörung
dessen,  was  sie  um  so  hohen  Preis  geschaffen  hat,  nötig
sein,  um  die  Menschheit  zu  klarem  Begreifen  der  Bestialität ­
  und  des  Wahnsinnes  des  Krieges  zu  erziehen.
Der  Krieg  wird  auf  hören,  sobald  Bildung  und  Tätigkeit
es  der  Frau  ermöglicht  haben  werden,  ihren  Teil  an  Herrschaft ­
  und  Einfluß  im  Leben  der  modernen  Nationen  zu
erlangen;  er  wird  wahrscheinlich  nicht  früher  verschwinden ­
  und  kaum  viel  später.  Speziell  in  der  Domäne  des
Kriegs  haben  wir,  die  wir  die  Männer  gebären  und  damit
das  wertvollste  Kriegsmaterial  liefern,  wir,  die  zwar  nicht
in  der  Hitze  des  Gefechts,  aber  einsam  und  allein  mit  verzweifeltem ­
  Mut  unser  Blut  vergießen  und  dem  Tod  ins
Antlitz  schauen,  daß  dem  Schlachtfeld  sein  Futter  werde,
ein  Futter,  das  uns  teurer  ist  als  unser  Herzblut  —  speziell ­
  wir  haben  in  der  Domäne  des  Kriegs  unser
Wort  dreinzureden,  ein  Wort,  das  kein  Mann  für  uns
sprechen  kann.  Es  ist  unser  Wille,  auch  in  das  Gebiet  des
Kriegs  einzudringen  und  solange  darin  zu  arbeiten,  bis  wir
ihm  im  Laufe  der  Generationen  ein  Ende  bereitet  haben.
Wenn  wir  heute  auf  allen  Gebieten  Arbeit  fordern,  so
fordern  wir  sie  auf  jenen  Feldern  besonders,  auf  denen
die  Unterschiede  der  Geschlechtsfunktionen  Mann  und
Frau  auf  einigermaßen  verschiedenem  Standpunkt  dem
menschlichen  Leben  gegenüberstellen.

111
        <pb n="115" />
        112

V.  GESCHLECHTSUNTERSCHIEDE

enn  wir  die  physischen  Geschlechtsphänomene  beim

w  Menschen  untersuchen,  so  finden  wir  in  den  allerersten ­
  Lebensstadien,  im  Keim,  keine  mit  den  uns  bisher
zur  Verfügung  stehenden  Mitteln  erkennbaren  Unterschiede
zwischen  jenen  Keimen,  aus  denen  sich  ein  männliches,
und  jenen,  aus  denen  sich  ein  weibliches  Wesen  entwickeln
soll.  Später,  beim  Fötus,  bei  der  Geburt  und  während  der
Kindheit,  bilden  die  Geschlechtsorgane  wohl  die  Erkennungszeichen ­
  der  Geschlechter,  aber  Bau  und  Tätigkeit
des  Organismus  unterscheiden  sich  im  allgemeinen  wenig
oder  gar  nicht  nach  dem  Geschlecht.
Selbst  dann,  wenn  die  Pubertät  erreicht  ist  und  die
enorme  Entwicklung  des  sexuellen  und  Fortpflanzungstriebes ­
  die  betreffenden  Teile  umbildet  und  gewisse  sekundäre
Geschlechtsmerkmale  hervorbringt,  wird  der  größte  Teil
der  menschlichen  Organe  und  ihrer  Funktionen  durch  die
geschlechtlichen  Veränderungen  wenig  oder  gar  nicht  beeinflußt. ­
  Auge,  Ohr,  Tastsinn,  die  Verdauungs-,  Atmungsund ­
  Willensorgane  sind  in  der  Hauptsache  gleich  und  oft
unter  Personen  desselben  Geschlechtes  abweichender  als
zwischen  solchen  verschiedenen  Geschlechtes.  Selbst  am
Seziertisch  sind  oft  die  Zellgewebe  von  männlichen  und
weiblichen  Körpern  nicht  unterscheidbar.
Erst  wenn  wir  die  Reproduktionsorgane  selbst,  ihre  Form
und  Tätigkeit  betrachten  und  jene  Teile  des  Organismus,
die  mit  ihnen  in  direkter  Verbindung  stehen,  finden  wir
tatsächlich  sich  weitgehend  voneinander  unterscheidende,
aber  einander  vollkommen  ergänzende  Merkmale.  So  wie
wir  uns  den  Reproduktionsorganen  nähern,  zeigen  sich
die  Abweichungen  des  männlichen  vom  weiblichen  Körper, ­
  so  wie  wir  uns  davon  entfernen,  werden  die  Organe
ähnlich  oder  ganz  identisch.  Nehmen  wir  das  Auge,  das
vielleicht  höchst  entwickelte,  komplizierteste  Organ  des
        <pb n="116" />
        Bai  55  -  8.  7.  5  8.

8  Schrriner,  Die  Frau

13

menschlichen  Körpers,  das,  wenn  der  Ausdruck  hier  gestattet ­
  ist,  geistigste  Sinnesorgan,  so  finden  wir  es  bei  Mann
und  Frau  in  allen  Perioden  des  Lebens  gleich  in  Bau,  Aussehen ­
  und  Funktion.  Während  die  Brust,  die  enge  Beziehung
zur  Fortpflanzung  hat,  wohl  in  der  Kindheit  bei  beiden  Geschlechtern ­
  gleich  ist,  sobald  aber  der  Fortpflanzungstrieb
wirksam  wird,  eine  weit  verschiedene  Gestalt  annimmt.
Wenden  wir  uns  zu  den  verschiedenen  Phasen  des  psychischen ­
  Lebens,  so  zeigen  sich  genau  analoge  Erscheinungen. ­
  Bei  der  Geburt  des  Kindes  unterscheiden  sich  Verstand, ­
  Empfindungen  und  Triebe  in  keiner  wahrnehmbaren
Weise,  ob  das  Geschlecht  nun  männlich  oder  weiblich  ist.
Und  jene  psychischen  Verschiedenheiten,  die  in  der  späteren ­
  Kindheit  scheinbar  bestehen,  sind  unzweifelhaft  großenteils ­
  das  Resultat  künstlicher  Anerziehung,  welche  psychische ­
  Geschlechtsverschiedenheiten  viel  früher  aufzwingt
als  sie  naturgemäß  in  Erscheinung  träten.  So,  wenn  Spiele
und  Beschäftigungen  kleinen  Kindern  auf  Grund  ihrer  angeblichen ­
  geschlechtlichen  Nichteignung  verboten  werden,
wenn  man  kleine  Mädchen  gewaltsam  vom  Klettern  oder
Lärmen  abhält  oder  Knaben  davon,  sich  mit  Nadel  und
Faden  oder  mit  Puppen  zu  unterhalten.  Selbst  beim  ganz
erwachsenen  Menschen,  ungeachtet  der  Verschiedenheit
der  Erziehung,  scheinen  die  psychischen  Funktionen  auf
weiten  Gebieten  des  Lebens  absolut  die  gleichen.  Das
männliche  wie  das  weibliche  Gehirn  eignet  sich  Sprachen
an &amp;gt;  löst  mathematische  Probleme,  beherrscht  wissenschaftliche ­
  Einzelheiten  in  ganz  ununterscheidbarer  Weise,  was
durch  die  an  modernen  Universitäten  von  männlichen
und  weiblichen  Studenten  gelieferten  schriftlichen  Arbeiten, ­
  die  in  der  Regel  den  genau  gleichen  Charakter
Vagen,  bewiesen  ist.  Unter  gleichen  äußern  Verhältnissen ­
  ist  der  Geschmack  und  das  Empfinden  auf  weiten ­
  Lebensgebieten  gleich,  und  in  unzähligen  Fällen,  in
denen  scheinbar  Geschlechtsverschiedenheiten  bestehen,
        <pb n="117" />
        114

wird  man  bei  genauerer  Untersuchung  finden,  daß  es  sich
um  rein  künstlich  Erzeugtes  handelt,  da  bei  andern  Rassen
oder  Klassen  dieselben  Sexualmerkmale  nicht  existieren.
So,  wenn  im  modernen  Europa  von  unwissenden  Beurteilern
  der  Frau  eine  dem  Manne  fremde,  natürliche  Vorliebe ­
  für  farbige  Gewänder  und  Schmuck  zugeschrieben
wird,  während  die  Beobachtung  anderer  Rassen  und  vergangener ­
  Epochen  lehrt,  daß  der  Mann  oft  noch  mehr
darauf  hielt,  sich  prächtig  zu  kleiden  und  mit  glänzenden
Juwelen  zu  schmücken,  oder,  wenn  bei  manchen  wilden
Stämmen  der  Gebrauch  des  Tabaks  als  ein  ausschließlich ­
  weibliches  Prärogativ  gilt,  während  in  der  modernen
Gesellschaft  das  Tabakrauchen  mit  Männlichkeit  in  Verbindung ­
  gebracht  wird.*
*  Die  Männer  der  heutigen  wilden  Stämme  mit  ihrer  Bemalung,  ihren
Federn,  Katzenschwänzen  und  ihrem  Halsschmuck  sind  unendlich  auffallendere, ­
  geputztere  Erscheinungen  als  ihre  Weiber,  selbst  wenn  diese
mit  Perlen  und  Armringen  zum  Tanz  geschmückt  sind.  Die  Männer  des
Orients  konnten  manchmal  unter  der  Last  ihres  Schmuckes  kaum  aufrecht ­
  gehen  und  vor  einigen  Jahrhunderten  waren  die  Männer  Europas
mit  ihren  gepuderten  Perrücken,  Spitzen-Jabots,  Manschetten  und  falschen ­
  Edelsteinschnallen,  ihren  federgeschmückten  Dreimastern  und
Schönheitspflästerchen  ganz  ebenso  lächerlich  in  ihrer  Überladenheit  wie
die  gleichgestellten  Frauen  ihrer  Zeit  oder  die  parasitischesten  Frauen
der  Jetztzeit.  Sowohl  bei  Klasse  als  Individuum,  bei  Mann  wie  Frau  ist
eine  starke  Vorliebe  für  Putz  und  auffallenden  Schmuck  fast  immer  die
unabänderliche  Begleiterscheinung  und  Folge  des  Parasitismus.  Wenn
die  parasitische  Frau  aus  unserer  heutigen  Gesellschaft  verschwinden
würde,  so  würde  auch  jene  französische  Mode  mit  all  ihren  grotesken
und  gezwungenen  Formen  (die  weder  schön,  noch  nützlich,  sondern  nur
auffallend  sein  wollen)  aussterben.  Das  Maß,  in  dem  heute  eine  Frau,  die
nicht  der  parasitischen,  sondern  einer  arbeitenden  Schicht  angehört,  den
Moden  der  ersteren  zu  folgen  sucht,  kann  gewöhnlich  als  fast  sicheres
Zeichen  angesehen  werden  für  die  Leichtigkeit,  mit  der  sie,  sobald  die
Gelegenheit  sich  bietet,  dem  Parasitismus  anheimfallen  würde.  Die  Neigung ­
  der  heutigen  gebildeten,  geistig  arbeitenden  Frau,  eine  rationellere
Art  des  Anzugs  anzunehmen,  die  weniger  geeignet  ist,  die  Aufmerksamkeit ­
  auf  sich  zu  lenken,  als  Bequemlichkeit  zu  bieten  und  den  Wegfall
alles  Behindernden,  wird  oft  als  ein  Versuch  sklavischer  Nachahmung
des  männlichen  Wesens  bezeichnet.  Tatsächlich  aber  sind  es  nur  die
gleichen  Ursachen,  die  gleiche  Wirkungen  auf  menschliche  Wesen  mit
gemeinsamen  Eigenschaften  ausüben.
        <pb n="118" />
        8*

US

Aber  es  bleiben  einige  Unterschiede  im  Seelenzustand
von  Mann  und  Frau  als  solche,  die  angeboren  und  nicht
künstliche  sind,  und  auch  auf  psychischem  Gebiet  ist  es  genau
so,  daß  da  wo  wir  uns  der  Sphäre  der  sexuellen  und  Fortpflanzungstätigkeit ­
  und  den  direkt  damit  verbundenen  Gefühlen ­
  und  Instinkten  nähern,  die  Verschiedenheiten  auftreten.

In  der  Tierwelt  finden  sich  alle  psychischen  Abweichungen ­
  bald  mit  der  männlichen,  bald  mit  der  weiblichen
Geschlechtsform  verbunden.  Bei  Insekten  und  Fischen,  wo
der  weibliche  Teil  gewöhnlich  größer  und  stärker  als  der
männliche  ist,  sind  die  Weibchen  gewöhnlich  auch  kampflustiger ­
  und  räuberischer  als  die  Männchen.  Bei  den  Raubvögeln, ­
  bei  denen  ebenfalls  die  Weibchen  größer  und  stärker ­
  sind,  finden  sich  sehr  geringe  psychische  Unterschiede.
Bei  Adlern  und  ähnlichen  streng  monogamen  Arten  ist
die  Liebe  des  Weibchens  zum  Männchen  so  groß,  daß  es
sich  angeblich,  wenn  das  Männchen  stirbt,  nie  mit  einem
zweiten  gattet,  und  beide  wachen  über  das  Junge  und  sorgen ­
  für  dasselbe  mit  außerordentlicher  Vorsicht.  Die
Straußenmännchen,  obgleich  größer  als  dieWeibchen,  teilen
sich  mit  diesen  im  Ausbrüten  der  Eier,  indem  sie  zu  bestimmten ­
  Stunden  des  Tages  die  Henne  ablösen,  und  die
Sorgfalt  für  das  ausgebrütete  Junge  ist  bei  beiden  Teilen
gleich  groß.  Bei  den  Singvögeln,  bei  denen  die  beiden
Geschlechter  manchmal  ununterscheidbar  ähnlich  sind
und  die  ebenfalls  monogam  leben,  beweisen  nicht  nur
Männchen  und  Weibchen  die  gleiche  leidenschaftliche
Liebe  füreinander  (die  südafrikanischen  Cock-o-veets  singen ­
  ein  Liebeslied,  einen  Wechselgesang;  das  Männchen ­
  singt  zwei  oder  drei  Töne  und  das  Weibchen  antwortet ­
  mit  zwei  oder  drei  anderen),  sondern  sie  bauen
a uch  ihre  Nester  gemeinsam  und  ziehen  die  Jungen  mit
gleicher  Hingebung  auf.  Die  kleinen  am  Kap  lebenden
Kapokvögel  bauen  beide  zusammen  ein  schönes,  weißes,
        <pb n="119" />
        116

flaumiges,  rundes  Nest  aus  dem  weißen  Flaum  einer  bestimmten ­
  Pflanze,  und  unmittelbar  unter  dem  Eingang  der
Höhlung,  in  der  das  kleine  Weibchen  auf  den  Eiern  sitzt,
ist  ein  kleiner  Sims  oder  Körbchen,  wo  das  zierliche
Männchen  seinen  Platz  hat,  um  sein  Weibchen  zu  behüten ­
  und  zu  bewachen.  Einige  Vogelarten  gibt  es,  bei  denen
die  Äußerungen  des  Geschlechtslebens  ihre  harmonischeste
und  poetischeste  Form  auf  Erden  erreicht  zu  haben  scheinen. ­
  Bei  den  polygam  lebenden  Hühnerarten  andererseits,
wo  der  Hahn  viel  größer  und  kampflustiger  ist  als  die
Henne,  gewinnt  dieser  das  Weibchen  nicht  durch  Gesang,
sondern  faßt  es  mit  Gewalt  und  zeigt  wenig  oder  gar  kein
Interesse  an  seinen  Jungen,  beteiligt  sich  weder  am  Brüten
noch  am  Füttern,  ja  packt  manchmal  sogar  einen  lockenden ­
  Bissen,  den  das  Junge  oder  die  Henne  entdeckt  hat.
Unter  den  Säugetieren  ist  das  Männchen  gewöhnlich  etwas ­
  größer  als  das  Weibchen,  obwohl  nicht  immer  (die
weiblichen  Walfische  beispielsweise  sind  größer  als  die
männlichen);  die  Männchen  pflegen  auch  kampflustiger
und  weniger  sorgfältig  gegen  die  Jungen  zu  sein,  doch  ist
auch  diese  Regel  nicht  ohne  Ausnahmen.  Bei  den  südafrikanischen ­
  Meerkatzen  z.  B.  ist  das  Weibchen  viel  streitbarer ­
  und  schwerer  zu  zähmen  als  das  Männchen,  und  es
ist  das  Männchen,  das  vom  Augenblick  der  Geburt  an  mit
der  leidenschaftlichsten  und  zartesten  Sorgfalt  über  das
Junge  wacht,  es  unter  seinem  Körper  warm  hält,  es  in  seinem ­
  Maul  an  einen  sicheren  Ort  trägt  und  es  füttert,  bis
es  ganz  erwachsen  ist.  Und  das  nicht  nur  gegenüber  seinen
eigenen  Jungen,  sondern  gegenüber  jedem  Jungen,  das  in
seine  Nähe  gebracht  wird.  Wir  hatten  eine  männliche  Meerkatze, ­
  die  so  ausdauernd  ganz  fremde  Junge  fütterte  und
ihnen  jeden  Bissen  von  ihrem  eigenen  Futter  gab,  daß  wir
sie  beim  Füttern  allein  in  einen  Raum  sperren  mußten,
sonst  hätte  sie  sich  zu  Tode  gehungert.  Während  die
männliche  Meerkatze  also  genau  jene  psychischen  Eigen-
        <pb n="120" />
        117

schäften  zeigte,  die  gewöhnlich  als  spezifisch  weiblich  angesehen ­
  werden,  waren  die  Weibchen  andererseits  untereinander ­
  viel  kampflustiger  als  die  Männchen.
Gewöhnlich  sind  bei  den  Säugetieren,  abgesehen  von  der
größeren  Kampflust  der  Männchen  untereinander  und  der
größeren  Sorgfalt,  welche  die  Weibchen  meistens,  wenn
auch  nicht  immer,  den  Jungen  gegenüber  beweisen,  die
psychischen  Unterschiede  zwischen  den  Geschlechtern  nicht
groß.  Wenn  man  Jagdhunde  beobachtet,  so  findet  man,
daß  bei  den  jungen  Hunden  zwischen  männlichen  und
weiblichen  ebensowenig  Unterschied  in  geistiger  wie  körperlicher ­
  Beziehung  besteht,  und  wenn  sie  dann  erwachsen
zur  Jagd  kommen,  diesem  großen,  außergeschlechtlichen
Gebiet,  auf  dem  sie  ihre  größten  geistigen  und  körperlichen ­
  Fähigkeiten  entfalten,  so  zeigt  sich  wenig  oder  nichts,
worin  sich  Männchen  und  Weibchen  sachlich  unterscheiden ­
  würden;  ihre  Art  und  Weise  zu  jagen  und  ihre  Geschwindigkeit ­
  ist  die  gleiche,  in  ihrer  Anhänglichkeit  an
den  Menschen  sind  sie  genau  dieselben.*  Erst  in  dem  Moment, ­
  wo  das  Element  der  Fortpflanzung  ins  Spiel  kommt,
hört  die  Ähnlichkeit  und  Gleichartigkeit  auf.  An  Intensität ­
  des  erwachenden  Geschlechtstriebs  sind  sie  gleich;  die
Hündin  springt  aus  dem  Fenster,  klettert  über  Mauern  und
scheut  selbst  Lebensgefahr  nicht,  um  zu  dem  Männchen  zu
gelangen,  das  sie  erwartet,  und  dasselbe  tut  das  Männchen,
das  sie  gewinnen  will.  Aber  wenn  die  Hündin  daliegt  mit
ihren  sechs  Jungen,  die  Leben  aus  ihrer  Brust  saugen,  mit
angstvoller,  gespannter  Aufmerksamkeit  nach  jeder  Hand
blickt,  die  die  Jungen  berühren  will,  eine  Welt  von  Empfindungen ­
  sich  auf  die  blinden  Geschöpfchen  konzentriert
und  ein  ganz  neuer  Komplex  geistiger  Fähigkeiten  zutage
tf itt,  indem  sie  für  sie  sorgt  —  da  ist  es,  wo  die  seelische
*  Es  wird  oft  behauptet,  daß  die  Hündin  intelligenter  wäre,  aber  ich
möchte  dies  nach  langen  und  genauen  Beobachtungen  von  männlichen
und  weiblichen  Hunden  bezweifeln.
        <pb n="121" />
        .  «fltStifekSäSKa*:*  -  ^*»C'«S&amp;lt;5*äfl»«B)I^N®SÄliÄ0S)(®liÄ£&amp;lt;!#S^KÄ^^IWMSBS®i*^S®B®!5 5 *^*l^&amp;amp;^£*^^5i~. , 'i5*i?f^lLi**i}*i*!ii5i^»Irl!'«t  -I-;  ••  *

Verschiedenheit  zwischen  ihr  und  dem  Männchen,  das  die
Jungen  mit  ihr  zeugte,  aber  sich  nicht  weiter  um  sie  kümmert, ­
  eine  wahrhafte  und  große  wird.  Gleichartig  in  ihren
Spielen  als  junge  Hündchen  und  ihren  außergeschlechtlichen ­
  Trieben  zur  Zeit  der  Reife,  gleichartig  in  ihrem  Geschlechtsinstinkt, ­
  welcher  das  eine  Geschlecht  zum  anderen ­
  zieht,  öffnet  sich  in  dem  Augenblick,  da  es  sich  um  die
geschlechtliche  Fortpflanzung  handelt,  dem  Weibchen  eine
Welt  von  Empfindungen  und  Erfahrungen,  von  der  das
Männchen  für  immer  ausgeschlossen  ist.
Ebenso  liegt  es  in  der  Menschenwelt:  gleich  in  den  Spielen, ­
  Freuden  und  Leiden  der  Kindheit;  gleich  in  den  außergeschlechtlichen ­
  Arbeiten  des  Lebens;  gleich  selbst  in
jenem  Instinkt,  der  Geschlecht  zu  Geschlecht  zieht  und,  nur
in  Formen  und  Äußerungen  leicht  abweichend,  bei  beiden
von  gleicher  Heftigkeit  ist  —  treten  in  dem  Moment,  da  die
Fortpflanzung  wirksam  wird,  Mann  und  Frau  in  Sphären
von  Gefühlen,  Vorstellungen,  Empfindungen,  Wünschen
und  Wissen,  die  nicht  die  gleichen  sind  und  nicht  die  gleichen ­
  sein  können.  Zwischen  dem  Mann,  der  in  einem  Moment ­
  sorglosen  Genusses  das  Kind  zeugt  (der  es  selbst  in
einem  Stadium  halbtrunkener  Bewußtlosigkeit  gezeugt  haben ­
  mag  und  vielleicht  durch  Monate  oder  Jahre  nach  seiner ­
  Geburt  oder  überhaupt  nie  mehr  etwas  davon  erfährt,
der  unter  keinen  Umständen  irgendeine  unmittelbare  sinnliche ­
  Wahrnehmung  des  Zusammenhangs  mit  demselben
haben  kann),  und  der  Frau,  die  das  Kind  durch  Monate ­
  ununterbrochen  in  ihrem  Leib  trägt,  die  es  mit
Schmerzen  zur  Welt  bringt  und  die  es,  wenn  es  am  Leben
bleibt,  durch  Monate  mit  ihrem  eignen  Blut  ernähren  muß
(oder  wenigstens  in  primitiven  Zeiten  mußte)  —  zwischen
diesen  beiden  besteht  notwendig  innerhalb  einer  begrenzten, ­
  aber  hochwichtigen  Sphäre  menschlicher  Interessen
und  Lebenserscheinungen  eine  ausgesprochen  verschiedene
seelische  Verfassung.  In  diesem  einen  Punkt  stehen  die

118
        <pb n="122" />
        zwei  Hälften  der  Menschheit  bestimmten  weittragenden
Elementen  des  menschlichen  Daseins  gegenüber  auf  nicht
gleichem  Standpunkt.  Von  dem  Moment  an,  da  die  allgemein ­
  erwachende  geschlechtliche  Anziehung  sich  in
dem  ersten  körperlichen  Sexualakt  inkarniert,  bis  zu  der
Zeit,  da  der  Sprößling  die  Reife  erreicht  hat,  ist  kein
Schritt  auf  dem  Wege  der  Fortpflanzung  oder  in  dem
Verhältnis  zur  Nachkommenschaft  genau  derselbe  für
Mann  und  Weib.  Und  diese  Divergenz  der  Erfahrungen
innerhalb  menschlicher  Beziehungen  muß  zurückwirken  auf
ihre  Haltung  gegenüber  jener  speziellen  Gruppe  menschlicher ­
  Interessen,  die  unmittelbar  mit  der  geschlechtlichen
Fortpflanzung  in  Verbindung  stehen,  und  eben  auf  diesen
Feldern  menschlicher  Tätigkeit,  wo  das  Geschlecht  als  solches ­
  beteiligt  ist,  hat  die  Frau  als  Frau  eine  Rolle  zu
spielen,  die  sie  niemandem  andern  abtreten  kann.
Man  mag  aufrichtig  eingestehen,  daß  die  Frau  als  solche
im  Laboratorium  und  Zeichensaal,  in  Industrie  und  Handel, ­
  in  Mathematik  und  auf  allen  Gebieten  rein  abstrakter
unpersönlicher  Arbeit,  obwohl  ihr  Eintritt  in  diese  Gebiete ­
  das  Gesamtresultat  menschlicher  Arbeit  erhöhen
würde,  und  obwohl  ihr  Ausschluß  eine  schwere  Ungerechtigkeit ­
  gegen  die  einzelne,  die  vielleicht  gerade  nur  für
diese  Tätigkeit  geeignet  ist,  bedeutet,  doch  wahrscheinlich ­
  auf  all  diesen  Gebieten  nur  wenig  oder  nichts  zu
bieten  hätte,  was  von  der  Arbeit  des  Mannes  innerlich
durchaus  verschieden  wäre;  es  würde  wohl  ein  Unterschied ­
  in  der  Menge,  nicht  aber  in  der  Art  der  Arbeit
für  die  Gesamtleistung  erwachsen.
Aber  in  jenen  Sphären  sozialer  Arbeit,  die  sich  speziell
mit  menschlichen  Verhältnissen  beschäftigen,  haben  die
Geschlechter  als  solche  auf  Grund  ihrer  verschiedenen,
sich  ergänzenden  Beziehungen  zur  Fortpflanzung  des  Menschengeschlechts, ­
  jedes  seine  eigene  Rolle  zu  spielen,  die
das  andere  nicht  spielen  kann.  Jedes  Geschlecht  besitzt
        <pb n="123" />
        130

seine,  aus  Phasen  menschlicher  Erfahrung  gewonnene  Erkenntnis, ­
  die  das  andere  nicht  besitzt.  Hier  haben  die  Frauen
als  Frauen  etwas  durchaus  Verschiedenes  zu  der  Totalsumme ­
  der  menschlichen  Erkenntnis  beizutragen,  und  ihre
Mitwirkung  ist  nicht  nur  als  die  von  Individuen,  sondern
als  die  einer  Gesamtheit,  einer  Klasse,  von  Bedeutung.
Die  Forderung  um  Zulassung  zu  den  Wahlen  und  schließlich ­
  zu  den  gesetzgeberischen  und  Verwaltungsaufgaben,
die  heute  in  allen  demokratischen,  verfassungsmäßigen
Staaten  erhoben  wird,  beruht  auf  zweierlei  Gründen:  dem
weiteren  und  wichtigeren,  daß  die  Frauen  nichts  in  der
Natur  ihrer  Geschlechtsfunktionen  wahrnehmen,  das  sie
als  Menschen  von  ihrer  Verpflichtung,  an  den  Aufgaben
der  Leitung  und  Regierung  des  Staates  teilzunehmen,  entbinden ­
  würde,  und  dem  engeren,  aber  ebenfalls  wichtigen
Grund,  daß,  insofern  sie  sich  in  einer  Richtung,  nämlich
in  der  besonderen  Art  ihrer  Geschlechtsfunktionen  vom
Mann  unterscheiden,  sie  eine  Klasse  bilden,  deren  Interessen
zu  vertreten  sie  verpflichtet  sind  und  in  die  dem  Staat  Einblick ­
  zu  verschaffen,  in  mancher  Hinsicht  wertvoll  ist.
Diejenigen,  welche  annehmen,  daß  das  Verhältnis  der
großen  politischen  Parteien  irgendeiner  Gemeinschaft  ernstlich ­
  durch  die  Zulassung  der  Frauen  zum  öffentlichen  Leben ­
  verändert  würde,  sind  unzweifelhaft  ganz  im  Irrtum.
Die  grundsätzliche  Scheidung  der  Menschen  in  solche,  die
geneigt  sind,  am  Vergangenen  festzuhalten  und  alles  Bestehende ­
  zu  verteidigen,  und  jene,  die  auf  die  Zukunft  hoffen ­
  und  bestrebt  sind,  das  Neue  einzuführen,  wird  sich
wahrscheinlich  bei  Männern  wie  Frauen  jeder  Gemeinschaft, ­
  in  ziemlich  demselben  Verhältnis  finden,  und  die
Männer  und  Frauen  jeder  Klasse  werden  im  großen  und
ganzen  die  Fehler,  Tugenden  und  Vorurteile  ihrer  Klasse
teilen.  Das  Individuum  mag  dadurch  verlieren,  daß  es  auf
Grund  seines  Geschlechtes  von  der  Anteilnahme  am  öffentlichen ­
  Leben  ausgeschlossen  und  um  einen  Teil  seines
        <pb n="124" />
        rechtlichen  persönlichen  Einflusses  innerhalb  seiner  Gemeinschaft ­
  beraubt  ist,  und  die  Gesellschaft  als  Ganzes
mag  daran  verlieren,  daß  sie  nur  unter  einer  kleineren  Zahl
ihrer  Mitarbeiter  zu  wählen  vermag.  Was  aber  die  Mehrzahl ­
  der  sozialen,  politischen  und  internationalen  Fragen
betrifft,  so  werden  unzweifelhaft  die  Schlüsse,  zu  denen
das  eine  Geschlecht  gelangt,  genau  dieselben  sein,  wie  die,
zu  denen  das  andere  kommt.
Wenn  eine  Körperschaft  etwa  über  die  Aussprache  des
Griechischen  zu  entscheiden  oder  die  Feinheit  von  Wolloder
  Leinengeweben  zu  vergleichen  hat,  wird  das  Geschlecht ­
  der  Personen,  welche  die  Körperschaft  bilden,
wahrscheinlich  keinerlei  Einfluß  auf  das  Resultat  üben;
es  gibt  keinen  vernünftigen  Grund,  anzunehmen,  daß  gleich
gut  unterrichtete  Männer  und  Frauen  in  Fragen  des  griechischen ­
  Akzents  oder  der  Dicke  von  Tuchen  voneinander
abweichen  würden.  Hier  spielt  das  Geschlecht  keine  Rolle.
Die  Erfahrung  und  Kenntnisse  des  Individuums  beweisen,
ihre  geschlechtlichen  Attribute  sind  gleichgültig.
Aber  es  gibt  Fragen,  verhältnismäßig  wenige,  ja  sehr
wenige  an  Zahl,  aber  von  wesentlicher  Bedeutung  für  das
menschliche  Leben,  in  denen  das  Geschlecht  eine  Rolle  spielt.
Es  ist  nicht  gleichgültig,  ob  eine  Körperschaft,  die  über
die  Frage,  ob  der  Handel  mit  Frauenkörpern  für  geschlechtliche ­
  Zwecke  eine  vom  Staat  anerkannte  und  geförderte ­
  Handelsform  bilden  soll  oder  nicht;  ob  das  Recht
der  Frau  an  das  Kind,  das  sie  geboren,  dem  des  Mannes,
der  es  gezeugt  hat,  gleich  sein  soll  oder  nicht;  ob  ein  Akt
der  Untreue  von  seiten  des  Mannes  den  Vertrag,  der  seine
Ehegenossin  an  ihn  bindet,  ebenso  vollständig  lösen  soll,
als  ein  Akt  der  Untreue  von  ihrer  Seite  ihr  Recht  an  ihn
aufhebt  —  es  ist  nicht  gleichgültig,  ob  eine  Körperschaft,
die  über  derartige  Fragen  zu  entscheiden  hat,  aus  Männern ­
  allein,  aus  Frauen  allein  oder  aus  beiden  vereint  besteht. ­
  Je  nachdem,  ob  die  einen  oder  die  andern  oder  beide

12  I
        <pb n="125" />
        122

darin  vertreten  sind,  wird  die  Antwort  nicht  nur  eine  andere, ­
  sondern  in  manchen  Fällen  eine  direkt  entgegengesetzte ­
  sein.  Hier  gelangen  wir  zu  dem  sehr  beschränkten,
aber  wichtigen  Gebiet,  wo  das  Geschlecht  als  solches  eine
offenkundige  Rolle  spielt,  wo  der  Mann  als  Mann  und  die
Frau  als  Frau  je  ihre  Erfahrungen  und  Begriffe  haben,  die
nicht  gemeinsam  sind,  hier  kann  das  eine  Geschlecht  das
andere  nicht  entsprechend  vertreten.  Hier  ist  es,  wo  jedes
Geschlecht  etwas  grundlegend  Verschiedenes  zu  dem  Wissen ­
  der  Menschheit  beizutragen  hat.
Wir  erklären  heute  jede  Arbeit  für  unser  Gebiet!  Wir
suchen  in  die  geschlechtlichen  Gebiete  geistiger  und  physischer ­
  Arbeit  einzudringen,  weil  wir  nicht  zu  erkennen  vermögen, ­
  daß  das  Geschlecht  hier  irgendeine  trennende
Schranke  aufrichtet,  welche  uns  ausschließen  würde.  Und
wir  sind  ebenso  entschlossen,  jene  Gebiete  zu  betreten,  in
denen  die  Geschlechtsverschiedenheit  eine  Rolle  spielt,
weil  gerade  hier  die  Frau,  die  Gebärerin  der  Menschheit,
an  der  Seite  des  Mannes,  des  Zeugenden,  zu  stehen  hat,
wenn  es  eine  vollkommenere  menschliche  Erkenntnis,  eine
Einsicht,  die  das  Menschenleben  von  allen  Standpunkten
betrachtet,  und  ein  Streben,  das  im  Einklang  mit  allem
Erkennen  und  allen  Instinkten  der  menschlichen  Rasse
steht,  je  geben  soll.  Hier  kann  der  Mann  nicht  für  die
Frau  und  die  Frau  nicht  für  den  Mann  handeln,  sondern
beide  müssen  zusammen  wirken.  Hier  hat  jede  Hälfte  der
Menschheit,  so  nahe  und  ununterscheidbar  sie  sonst  verschmolzen ­
  sind,  ihren  eigenen  Teil  zu  der  Gesamtsumme
menschlicher  Erkenntnis  und  menschlichen  Wissens  beizutragen. ­
  Weder  die  Frau  ohne  den  Mann,  noch  der  Mann  ohne
die  Frau  vertritt  die  menschliche  Vernunft  voll  und  ganz.
Darum  fordern  wir  heute  alle  Arbeit  als  unser ­
  Gebiet!  Jene  weiten  Gebiete,  auf  denen  das  Geschlecht ­
  keine  Rolle  zu  spielen  scheint,  und  ebenso  jene
begrenzteren,  auf  denen  es  eine  Rolle  spielt.
        <pb n="126" />
        123

VI.  EINIGE  EINWÄNDE

E s  wird  manchmal,  öfters  indirekt  als  in  direkter,  offener
Weise  behauptet  (denn  diese  Behauptung  ist  eine  von
jenen,  welche  man  kaum  bestimmt  aussprechen  kann,  ohne
daß  sie  in  nichts  zerfließen!),  daß  die  Frauen  auch  in  der
neu  rund  um  uns  her  erstehenden  Welt  nicht  nach  Arbeitsfeldern ­
  zu  suchen  brauchen,  da  sie  ja  immer  noch  ihre  Aufgabe ­
  als  Gebärerinnen  behalten,  eine  Aufgabe,  die  ihrem
eigenen  Zeugnis  nach  eine  aufreibende  und  gefährliche  ist,
wenn  die  Frau  sie  auch  liebt  wie  der  Soldat  die  Schlacht.
Die  Frau  soll  einzig  ihre  Geschlechtsfunktion  erfüllen  und
es  dem  Mann  oder  dem  Staat  überlassen,  sie  als  die  zum
Gebären  Bestimmte  zu  erhalten,  ob  sie  nun  tatsächlich  Kinder ­
  zur  Welt  bringe  oder  nicht.*
Es  ist  nicht  leicht,  auf  solche  durchaus  trügerischenTheorien
zu  erwidern.  Ganz  abgesehen  davon,  daß  alle  Argumente
gegen  den  Klassen-  und  Rassenparasitismus  ihnen  widersprechen, ­
  heutzutage,  wo  noch  mehr  als  die  Hälfte  aller  mühsamsten ­
  und  schlechtest  bezahlten  Arbeit  der  ganzen  Welt
von  Frauen  verrichtet  wird  (vom  Tee-  und  Kakaopflücken  in
Indien  bis  zum  Waschen,  Kochen  und  all  der  Plackerei  unserer ­
  Arbeiterfrauen,  für  die  neben  der  schwersten,  endlosesten ­
  Arbeit  das  Kindergebären  nur  eine  kleine  Zugabe ­
  bildet),  wo  in  einzelnen  Ländern  die  Anzahl  der
Frauen  die  der  Männer  um  eine  Million  übersteigt,  so  daß,
wenn  auch  jeder  Mann  eine  Frau  zu  erhalten  hätte,  noch
immer  eine  Million  Frauen  übrig  bliebe,  für  die  es  keine  legitime ­
  Geschlechtsverbindung  gäbe,  —  ist  es  wirklich
sehr  schwer,  der  Behauptung,  „die  Frauen  mögen  es  sich
*  Ein  derartiger  Vorschlag  wurde,  wie  früher  erwähnt,  tatsächlich  vor
einigen  Jahren  von  einem  englischen  Schriftsteller  gemacht;  aber  er  war
klug  genug,  ihn  nur  auf  die  Frauen  der  oberen  Klassen  zu  beziehen,  dagegen ­
  die  Arbeiterinnen,  die  heute  die  Masse  der  Engländerinnen
bilden,  all  ihrer  schlecht  bezahlten  Plackerei  und  gleichzeitig  den  Mühen
der  Mutterschaft  zu  überlassen!
        <pb n="127" />
        134

an  ihrer  göttlichen  Aufgabe  der  Mutterschaft  genügen  lassen ­
  und  nichts  anderes  begehren“,  mit  Ernst  zu  begegnen.
Wäre  es  der  Mühe  wert,  auf  solche  müßige  Theorien  im
Ernst  einzugehen,  so  würden  wir  entgegnen:  Während  all
der  Jahrhunderte  der  Vergangenheit,  da  wir  mit  schwerem
Schoß  und  hartgearbeiteten  Händen  physische  Arbeit  an
der  Seite  des  Mannes  verrichteten,  mit  unserer  Hände  Arbeit ­
  die  Welt  um  uns  her  aufbauten,  fiel  es  niemandem  ein,
uns  zu  sagen:  „Ihr,  die  ihr  der  Menschheit  Kinder  gebäret,
erfüllt  mit  dieser  einen  Leistung  eine  Aufgabe,  die  alle  andern ­
  aufwiegt,  darum  beschwören  wir  euch,  laßt  alle  andere ­
  Arbeit,  laßt  das  Pflanzen  und  Bauen,  bückt  euch  nicht
länger  über  den  Mahlstein,  sitzt  nicht  bis  tief  in  die  Nacht
hinein  am  Webstuhl  bei  den  Gewändern  für  uns  und  unsere
Kinder!  Überlaßt  das  alles  uns,  wir  wollen  für  euch  säen
und  ernten  und  weben  und  arbeiten  und  uns  plagen  für
euch,  geheiligte  Mütter!"  Diesen  Ruf  haben  wir  in  all  den
finsteren  Zeiten  arbeitsschwerer  Vergangenheit  nie  vernommen. ­

Und  heute  ?  Wie  ist  es  denn  da  um  den  edlen  Theoretiker
bestellt,  der  im  Salon  mit  fleckenloser  Hemdbrust  und
tadellos  sitzendem  Anzug  vor  dem  Kamin  stehend,  über  die
Hoheit  der  Mutterschaft  peroriert,  über  den  gewaltigen
Wert  dieser  mütterlichen  Leistung,  die  jede  andere  überragt ­
  und  die  Frau  von  der  niedem  und  rohen  Arbeit  des
Mannes  enthebt  —  ist  es  so  sicher,  daß  er  sich  auch  im  Alltagsleben ­
  immer  seiner  Theorien  erinnert?  Wie,  wenn  er
des  Morgens  erwacht  und  die  alte  Hausmagd,  die  beim
Morgengrauen,  während  er  noch  ruhig  schläft,  aufsteht,
um  seine  Schuhe  zu  putzen  und  seinen  Tee  zu  kochen,  einmal ­
  die  Schuhe  schlecht  bürstet  oder  den  Tee  später  bringt,
wird  er  sie  nicht  scharf  anlassen  und  ihr  zu  verstehen
geben,  daß  er  sie  nicht  brauchen  kann,  wenn  sie  nicht  früher ­
  aufsteht  und  mehr  arbeitet?  Oder  wird  er  sie  anrufen:
„Göttliche  Gebärerin,  du,  der  die  heilige  Kraft  zur  Mutter-
        <pb n="128" />
        Schaft  gegeben  ist,  warum  sollst  du  meine  Stiefel  putzen
und  mein  Frühstück  kochen,  während  ich  im  warmen  Bette
liege  ?  Ist  es  nicht  genug,  daß  dir  die  hohe,  geheimnisvolle
Kraft  innewohnt,  Menschen  zur  Welt  zu  bringen  ?  Laß  dir
daran  genügen.  Und  ich  will  hinfort  beim  Morgengrauen
auf  stehen  und  mir  selbst  meinen  Tee  machen  und  meine
Schuhe  putzen  und  will  dich  genau  so  zahlen  wie  bisher.“
Oder  wenn  seine  Hausfrau,  die  eben  ihr  neuntes  Kind  erwartet, ­
  ihm  ein  schlechter  gekochtes  Mittagessen  auf  den
Tisch  setzen  oder  vergessen  würde,  seinen  Kohlenkübel  zu
füllen,  würde  er  die  erstaunte  Hauswirtin  also  apostrophieren: ­
  „Trägerin  der  Geschlechter!  Menschenschöpferin!
Kannst  du  dir  nicht  an  deiner  hohen  und  edlen  Aufgabe
genügen  lassen,  ohne  dich  abzurackern  ?  Wozu  schleppst  du
den  schweren  Kohlenkübel  vom  Keller  herauf,  und  wozu
bückst  du  dich  über  den  heißen  Herd  und  erschöpfest  Nerven, ­
  Gehirn  und  Muskeln,  die  für  weit  höhere  Pflichten  bewahrt ­
  bleiben  sollen  ?  Wir,  die  Männer  des  Volkes,  wollen
alle  die  niedern,  schmutzigen  und  aufreibenden  Arbeiten
verrichten.  Den  Frauen  sei  Schönheit,  Ruhe  und  Frieden!
Ihre  Aufgabe  ist  es,  Leben  zu  spenden,  nicht  es  durch  Arbeit ­
  zu  erhalten.  Mutter!  Mutter!  wie  wundervoll  das
klingt!  Mühet  euch  nicht  mehr  —  Ruhe  gebührt  euch,  Arbeit ­
  und  Plage  uns!“  —  Wird  er  ihr  nicht  vielmehr  erklären, ­
  daß  er  die  Wohnung  aufgeben  werde,  wenn  sie  ihn
nicht  aufmerksamer  und  emsiger  bediene,  so  daß  sie  dann
ihren  Mietzins  nicht  aufbringen  könnte  und  vielleicht  mit
ihren  Kindern  und  ihrem  kranken  oder  trunkenen  Mann,
den  sie  zu  erhalten  hat,  auf  der  Straße  stünde  ?  Denn  auffallenderweise ­
  ist  es  nicht  die  Arbeit  der  Frau  oder  das
Maß  der  Körper  und  Geist  gleich  erschöpfenden  Arbeit,
wogegen  diese  Art  von  Theoretikern  sich  wendet,  sondern
es  ist  nur  die  Form  der  Arbeit  und  die  Höhe  der  Entloh-°ung.
  Nicht  über  die  physisch  arbeitende  Frau  regt  er  sich
auf,  selbst  nicht  über  die  seiner  eigenen  Gesellschaftsklasse,
        <pb n="129" />
        126

die  infolge  der  aufreibenden  endlosen  Hausarbeit  mit  vierzig ­
  Jahren  vorzeitig  altert  und  verbraucht  ist,
„Von  früh  bis  abends  regt  der  Mann  die  Hände,
Der  Hausfrau  Arbeit  aber  kennt  kein  Ende.“
auch  nicht  über  die  ausgemergelte,  unter  der  Last  ihrer  Arbeit ­
  zusammenbrechende  Frau,  die  seine  Hemden  bügelt,
oder  über  die  künftige  Mutter,  die  ihre  Gesundheit  und  Jugend ­
  zerstört,  indem  sie  Tag  und  Nacht  an  dem  Anzug
näht,  mit  dem  er  dann  im  Salon  so  glänzende  Figur  macht
—  all  diese  alterieren  ihn  nicht.  Sondern  was  ihn  aufregt,
das  ist  der  Gedanke  an  den  weiblichen  Doktor,  an  die  Ärztin, ­
  die  mit  einem  Einkommen  von  einigen  tausend  Mark
jährlich,  im  Wagen  zu  ihren  Patienten  fährt  oder  sie  in
ihrem  Ordinationszimmer  empfängt,  die  ihre  Abende  am
Kamin  lesend  und  rauchend  beim  Studium  oder  mit  ihren
Gästen  verbringt;  der  Gedanke  an  den  weiblichen  Parlamentarier, ­
  der  vielleicht  sechs  Stunden  des  Tags  in  den  gepolsterten ­
  Fauteuils  der  Kammer  lehnt  und  hie  und  da,
wenn  es  nicht  gerade  zu  reden  oder  zu  stimmen  gilt,  die
Langeweile  der  Verhandlung  in  den  Couloirs  oder  am  Büfett ­
  unterbricht;  der  Gedanke  an  den  weiblichen  Universitätsprofessor, ­
  der  für  sechs-  oder  achttausend  Mark  im  Jahr
ein  Dutzend  Vorlesungen  in  der  Woche  zu  halten  hat  und
Muße  genug  behält,  die  Gesellschaft  von  Gatten  und  Kindern ­
  zu  genießen  und  sich  ihren  Ideen  und  Studien  zu
widmen  —  der  Gedanke  an  diese  ist  es,  der  sein  Herz  bewegt. ­
  Nicht  der  Gedanke  an  die  Frau,  die  auf  allen  Vieren
liegend,  für  zwei  Mark  per  Tag  den  Boden  reibt,  erfüllt  ihn
mit  Angst  um  die  Weiblichkeit,  diese  an  die  Vierfüßler  gemahnende ­
  Stellung  erscheint  ihm  echt  weiblich  und  widerspricht ­
  durchaus  nicht  seinem  Ideal  der  Mutter  und  Kindergebärerin. ­
  Und  auch,  daß  vielleicht  in  seinem  eigenen
Haus  oder  in  dem  seines  Freundes  irgendein  erschöpftes
Mädchen  bis  tief  in  die  Nacht  hinein  mit  schmerzendem
Rücken  und  müdem  Kopf  sein  zahnendes  weinendes  Kind
        <pb n="130" />
        127

herumträgt,  gegen  einen  Lohn  von  vierhundert  Mark  im
Jahr,  während  er  mit  der  Frau,  die  er  sich  zu  seinem  Vergnügen ­
  hält,  Konzerte  oder  Gesellschaften  besucht,  auch
das  macht  ihm  nicht  die  geringste  Sorge.  Aber  daß  dieselbe ­
  Person  vielleicht  als  Beamtin  2000  Mark  verdienen
und  ihr  eigenes  anständiges  Heim  und  freie  Abende  für
ihr  Vergnügen  oder  Studium  haben  könnte,  das  erregt  ihn
tief.  Nicht  so  sehr  die  Arbeit  oder  das  Maß  der  Arbeit  ist
es,  als  viel  mehr  die  Höhe  des  Lohnes,  was  seinem  Ideal
des  Ewig-Weiblichen  widerspricht;  er  ist  in  der  Regel
ganz  damit  einverstanden,  daß  die  Frau  für  ihn  arbeitet,  sei
es  nun  als  Plantagenarbeiterin,  als  Waschfrau  oder  als  Pflegerin ­
  der  Kinder,  die  er  in  die  Welt  setzt,  —wenn  nur  die
Bezahlung,  die  sie  erhält,  nicht  hoch  ist,  und  wenn  es  sich
nicht  um  jene  Arbeitsgebiete  handelt,  die  er  für  sich  selbst
reserviert  wissen  will.  —
Ein  Mann  hatte  zusammen  mit  seinem  Esel  eine  schwere
Last  einen  steilen  Berg  hinaufgeschleppt;  sie  waren  über
schroffe  Felsen  und  über  gleitendes  Gerolle  gewandert,  wo
es  kein  Wasser  und  nur  karges  Gras  gab.  Als  sie  nun  auf
die  Höhe  des  Berges  kamen  und  sich  vor  ihren  Blicken  die
grünen  Matten  erstreckten,  als  sie  durch  breite,  halbgeöffnete ­
  Tore  das  wogende  Laub  der  Bäume  schimmern  sahen
und  Quellen  rieseln  hörten,  da  sprach  der  Herr  zu  seinem
Esel:  „Mein  gutes  Tier,  ruhe  dich  jetzt  aus,  ich  kann  die
Last  jetzt  schon  allein  tragen,  bleib  du  nur  ruhig,  du  armes
Vieh,  du  hast  dich  genug  geplagt,  ich  werde  allein  weitergehen.“ ­
  Da  flüstert  aber  selbst  das  Grautier  mit  einem
Blick  auf  das  offene  Tor  und  die  grünen  Wiesen  dahinter:
„Herr,  wir  haben  den  hohen  Berg  zusammen  erklommen,
die  Steine  haben  mir  die  Hufe  zerschnitten  wie  Euch  die
Sohlen.  Hättet  Ihr  am  Fuß  des  Berges  gefunden,  die  Last
sei  zu  schwer  für  mich,  und  mir  zugeredet,  liegen  zu  bleiben,
vielleicht  hätte  ich  Euch  gehorcht.  Aber  jetzt,  wo  ich  hier
die  offenen  Tore  sehe,  den  ebenen  Weg  und  die  grünen
        <pb n="131" />
        Matten,  denke  ich,  dieses  Stückchen  könnte  ich  noch
gehen.  Wir  beide  haben  zusammen  den  Berg  erklommen,
ich  meine,  wir  sollen  auch  weiter  Seite  an  Seite  wandern.“
Und  also  entringt  es  sich  dem  Herzen  der  arbeitenden
Frauen  von  heute,  denen  die  Männer  einreden  möchten,  sie
brauchten  nicht  nach  neuen  Arbeitsfeldern  zu  suchen,  sie
leisteten  ihr  Teil,  wenn  sie  nur  Kinder  gebären:  „Wagt  ihr
es  wirklich,  uns  nun  zu  sagen,  wir  taugten  zu  nichts  als  zum
Gebären?  Uns,  die  in  all  den  vergangenen  Jahrhunderten,
wo  es  beständig,  fortwährend  gebären  hieß,  dies  kaum  als
Mühe,  eher  als  Lohn  für  unsere  Arbeit  ansahen?  Haben
unsere  Hände  ihre  Geschicklichkeit,  unsere  Herzen  ihre
Kraft  verloren,  daß  ihr  heute,  da  die  Arbeit  der  Menschheit ­
  so  viel  leichter  und  ihr  Werk  so  viel  klarer  wird,  zu  uns
sagt,  wir  könnten  nichts  als  Kinder  zur  Welt  bringen?
Wagt  ihr,  uns  das  zu  sagen,  da  der  Weg,  den  die  Menschheit ­
  emporstieg,  mit  dem  Schweiß  unseres  Angesichtes  getränkt ­
  und  die  Straße,  die  die  Menschheit  zur  Höhe  gewandert, ­
  am  Rande  mit  den  Gebeinen  von  Frauen  bedeckt
ist,  die  arbeitend  an  der  Seite  ihrer  Männer  gefallen  sind  ?
Wagt  ihr,  uns  das  zu  sagen,  da  ihr  selbst  heute  noch  die
Speisen,  mit  denen  ihr  euch  nährt,  die  Kleidung,  die  ihr
tragt,  die  Bequemlichkeit,  die  ihr  genießt,  zum  großen  Teil
der  endlosen  physischen  Arbeit  von  Frauen  verdankt?“
So  wie  die  Frau  der  Vorzeit  das  Feld  bebaute  und  das
Korn  mahlte,  um  die  Kinder,  die  sie  gebar,  zu  nähren,  so
wie  die  Jungfrau  der  Vorzeit  das  Leinen  spann  für  ihren
Haushalt  und  sich  das  Recht  erwarb,  Menschen  zu  gebären, ­
  so  wollen  auch  wir,  ob  wir  uns  auch  nicht  mehr  über
den  Mahlstein  bücken  oder  mit  der  Hand  weben,  arbeiten,
auf  neuen  Arbeitsfeldern  arbeiten,  um  uns  auch  die  Kraft
und  das  Recht  zu  erwerben,  Menschen  zur  Welt  zu  bringen.
Und  wir  glauben,  der  Tag  wird  kommen,  an  dem  kein
Mann  sich  erkühnen  wird,  zu  sagen:  „Die  Frau  hat  ihr  Teil
am  Leben,  wenn  sie  nur  Kinder  gebiert,“  wo  es  vielmehr
        <pb n="132" />
        9  Schreiner,  Die  Frau

129

heißen  wird:  „Welche  ernste  Arbeit  hat  diese  Frau  geleistet, ­
  daß  sie  das  Vorrecht  haben  soll,  Kinder  in  die  Welt
zu  setzen  ?“
Aber  man  wendet  weiter  ein:  „Wie,  wenn  die  weibliche
Hälfte  der  Menschheit  wohl  imstande  ist,  außer  ihren  Aufgaben ­
  als  Geschlechtswesen  auch  einen  Teil  der  gesellschaftlichen ­
  Arbeit  auf  den  neuen  Arbeitsgebieten,  wie
einst  auf  den  alten,  zu  leisten,  aber  doch  in  mancher  Beziehung ­
  weniger  fruchtbare  als  die  Männer?  Wie,  wenn  im
großen  ganzen  das  Arbeitsresultat  der  beiden  Hälften  der
Menschheit  kein  gleich  großes  wäre?“
Darauf  läßt  sich  nun  folgendes  erwidern:  Es  liegt  gewiß
im  Bereich  der  Möglichkeit,  daß  ein  geheimnisvoller  Zusammenhang ­
  besteht  zwischen  den  Geschlechtsfunktionen
des  Mannes  und  irgendwelchen  Anlagen,  die  ihn  mehr  als
die  Frau  zu  einer  nützlichen  und  segensreichen  Tätigkeit
für  die  Menschheit  in  ihrem  derzeitigen  Entwicklungsstadium ­
  befähigen.  Doch  wir  sehen  den  Grund  nicht,  warum
dem  so  sein  müßte,  und  bei  dem  gegenwärtigen  Stand  unseres ­
  Wissens  wird  kein  vernünftiger  Mensch  ein  Urteil
darüber  fällen,  aber  möglich  ist  es.  Andererseits  könnte  es
sich  auch  bei  Betrachtung  aller  Zweige  produktiver  Arbeit
im  Laufe  der  Zeit  heraussteilen,  daß  im  großen  ganzen  der
Wert  der  Arbeit  beider  Hälften  der  Menschheit  sich  so  die
Wage  hält,  daß  keinerlei  Überlegenheit  eines  oder  des  andern ­
  Teiles  auch  bei  genauester  Untersuchung  festzustellen
wäre.  Auch  das  ist  möglich.
Aber  es  könnte  auch  geschehen,  daß  künftige  Zeiten,  die
das  Ganze,  die  Totalsumme  menschlicher  Tätigkeit  überblicken, ­
  den  Wert  der  weiblichen  Arbeit  in  der  Welt,  die
um  uns  her  ersteht,  dem  der  männlichen  Arbeit  in  Qualität
oder  Quantität  überlegen  finden.  Wir  haben  keinen  Grund,
anzunehmen,  daß  dem  so  sein  werde;  es  liegt  nichts  in  der
Natur  der  weiblichen  Geschlechtsfunktionen,  das  notwendig ­
  eine  solche  Überlegenheit  bedingen  würde.  Aber  im-
        <pb n="133" />
        130

merhin  könnte  es  sein,  daß  mit  der  geringeren  Körperkraft
und  den  zarteren  Muskeln,  dem  Übergewicht  von  Gehirnund
  Nervensubstanz  gegenüber  der  Substanz  von  Knochen
und  Muskeln,  wie  dies  beim  Menschen  gewöhnlich,  wenn
auch  nicht  durchweg  das  weibliche  gegenüber  dem  männlichen ­
  Geschlecht  charakterisiert,  geistige  Eigenschaften
einhergehen,  welche  die  Frau  für  die  Arbeit  der  Zukunft
besonders  geeignet  machen.
Es  könnte  sein,  daß  —  während  in  einem  frühem  Entwicklungsstadium
  der  Menschheit  der  geringe  Besitz  an  bloßer
Muskel-  und  Knochenstärke,  welche  Elemente  von  größter,
Macht  verleihender  Bedeutung  waren,  die  Frau  gegenüber ­
  ihrem  männlichen  Genossen  sozial  benachteiligten  —
nun  unter  den  neuen  Lebensverhältnissen,  in  denen  der  Wert
roher  mechanischer  Kraft  hinter  dem  hoher  Lebenskraft
und  Nervenstärke  verschwindet,  der  Frau  ihre  Schwäche
ebenso  zum  Vorteil  gereichen  werde,  wie  einst  dem  Manne
seine  Körperstärke.
Es  ist  leicht  möglich,  daß  in  der  neuen  Welt,  die  um  uns
her  entsteht,  der  für  die  Gesellschaft  nützlichste  und  für
die  zukünftigen  Verhältnisse  bestgeeignete,  in  den  meisten
Tätigkeitsformen  überragende  Typus  nicht  jener  der  Muskel- ­
  und  Fauststarken  sein  wird,  sondern  der  Typus  der  Gewandten, ­
  Beweglichen,  Lebendigen,  Anpassungsfähigen,
Empfänglichen  und  physisch  zarter  Gebauten.  Und  da  dieser ­
  Typus  —  obgleich  ebensowenig  wie  der  muskelstarke,
schwerfällige  nur  einem  Geschlecht  eigentümlich  oder  darauf ­
  beschränkt  —  doch  immerhin  öfter  in  Verbindung  mit
dem  weiblichen  Organismus  angetroffen  wird,  so  ist  es
wohl  möglich,  daß  im  großen  und  ganzen  die  weibliche
Hälfte  der  Menschheit  dank  ihrer  organischen  Angepaßtheit
  als  die  geeignetste  für  die  Hauptgebiete  menschlicher
Zukunftsarbeit  sich  erweisen  wird.
So  wie  bei  Individuen  und  Rassen  können  auch  bei  den
Geschlechtern  unter  veränderten  sozialen  Bedingungen  ge-
        <pb n="134" />
        rade  jene  feineren  Eigenschaften,  die  in  dem  einen  Gesellschaftsstadium ­
  von  Nachteil  sind,  in  dem  andern  höchsten
sozialen  Vorteil  verleihen.
Der  erfahrene  Diplomat  oder  Politiker,  so  einflußreich  er
in  seiner  Sphäre  sein  mag,  wird  während  eines  Sturmes  an
Bord  eines  Schiffes  plötzlich  von  viel  weniger  Wert  und
Bedeutung  sein  als  der  einfachste  Seemann,  der  ein  Segel
zu  raffen  oder  das  Steuer  zu  führen  versteht.  Und  fände
sich  eine  Gesellschaft  hochzivilisierter  Männer  und  Frauen
plötzlich  wieder  in  den  Naturzustand  zurückversetzt,  so
würde  sich,  wie  schon  früher  bemerkt,  der  Wert  ihrer  Mitglieder ­
  vollständig  umkehren;  nackt  und  schutzlos  auf  einer
wüsten  Insel  ausgesetzt,  im  Kampfe  mit  Raubtieren  und
Wilden,  genötigt,  der  Natur  Nahrung  abzuringen,  würde
sich  die  primitive  menschliche  Rangordnung  sofort  wieder
hersteilen.  Nicht  der  mächtige  Finanzier,  der  gelehrte
Richter,  der  große  Dichter  oder  Gelehrte  wären  die  Gesuchten, ­
  sondern  der  einfältigste  Tagelöhner,  der  nur  einen
Stein  so  zu  schleudern  vermag,  daß  er  einen  Vogel  trifft,
und  in  einem  Tag  eine  Mauer  aufzuführen,  die  allen  Schutz
gewährt.  Der  Mann  aber,  der  stark  genug  wäre,  mit  seinem
Knüttel  einen  Feind  oderein  wildes  Tier  zu  erschlagen,  würde
sofort  gesellschaftliches  Ansehen  und  persönliche  Auszeichnung ­
  und  wahrscheinlich  eine  Machtstellung  erlangen.
Nicht  eine  Tänzerin,  die  in  unserer  Zivilisation  in  einer
Nacht  Hunderte  Pfund  verdient,  nicht  die  gebrechliche,
zarte  Schönheit,  sondern  die  Magd  mit  breitem  Rücken
und  starken  Armen,  die  Holz  sammeln  und  Wasser  tragen
kann,  wird  das  wertvollste  und  gesuchteste  Weib  in  solch
einer  Gemeinschaft  sein.  Selbst  in  der  Tierwelt  besteht  dieselbe ­
  Umwertung,  je  nachdem  die  äußeren  Umstände  sich
ändern.  Der  Löwe,  der  in  der  Wildnis,  dank  seiner  unbezähmbaren ­
  Wildheit,  Größe  und  Raubgier,  alle  andern  Geschöpfe ­
  beherrscht,  fällt  dem  Untergang  und  dem  Aussterben ­
  anheim,  wenn  er  mit  den  neuen  Zuständen  inner-9*
  131
        <pb n="135" />
        132

halb  der  Menschen  weit  in  Kontakt  kommt,  während  die
ihm  an  Größe  und  Wildheit  so  unendlich  inferioren  Hunde
ihn  in  der  Gefangenschaft  überleben  und  sich  vermehren,
gerade  weil  ihr  kleinerer  Bau  und  ihre  geringeren  Körperkräfte ­
  dahin  führen,  jene  sozialen  Instinkte  und  jene  Formen ­
  der  Intelligenz  zu  entwickeln,  die  sie  den  neuen  Lebensbedingungen ­
  zugänglich  und  für  dieselben  wertvoll
machen.  Dieselbe  Umwertung  der  Werte  läßt  sich  in  der
Geschichte  menschlicher  Rassen  nachweisen.  Der  Jude,
dessen  Geschichte  eine  lange  Kette  von  Unterdrückungen
seitens  physisch  kräftigerer  Völker  mit  stärkeren  Muskeln
und  Fäusten  war,  der  zuerst  unter  der  Peitsche  des  Ägypters ­
  Ziegel  formte  und  später  im  Exil  seine  Harfe  an  die
Weiden  Babylons  hing,  der  durch  achtzehn  Jahrhunderte
von  den  europäischen  Völkern  gemartert,  verachtet  und
mit  Füßen  getreten  wurde,  von  Rassen,  die  ihn  wohl  an
Körperkraft  und  Stärke  der  Faust,  nicht  aber  an  Lebenskraft, ­
  Scharfsinn,  Intelligenz  und  Zähigkeit  übertreffen,  er
ist  durch  die  langsame  Drehung  des  Lebensrades  nach
oben  gekommen.  Die  ägyptischen  Fronvögte  und  Krieger
sind  dahingegangen,  von  den  Babyloniern  kennen  wir  nichts
mehr  als  einige  Gedenktafeln  und  Inschriften,  die  von  Siegen ­
  und  Kriegen  künden.  Die  einst  gefangenen  Juden  aber
sehen  wir  heute  auf  allen  Straßen  und  in  allen  Städten.
Und  die  Abkömmlinge  jener,  die  ausspieen,  wenn  sie  von
Juden  sprachen,  die  ihnen  gewaltsam  die  Zähne  ausrissen,
um  ihnen  Geld  zu  erpressen,  antichambrieren  heute  geduldig ­
  vor  ihren  Bureaus  und  Palästen,  Adelige  freien  ihre
Töchter,  Könige  lassen  sich  in  der  Hoffnung  auf  goldene ­
  Krumen  gern  zu  ihrer  Tafel  laden,  und  die  Entscheidung ­
  über  Krieg  und  Frieden  liegt  oft  in  der  Hand
eines  kleinen,  asthmatischen  Juden.  Nach  langen  Jahrtausenden ­
  von  Verachtung  und  Pariatum  ist  die  Zeit  gekommen, ­
  ob  zum  Heil  oder  Unheil,  wo  gerade  jene  Qualitäten
gebraucht  werden,  welche  den  Juden  eigen  sind  und  die  sie
        <pb n="136" />
        133

subtil  von  andern  unterscheiden,  während  jene  Eigenschaften, ­
  die  ihnen  fehlen,  unnütz  geworden  sind.  Eben
jenes  mehr  nachdenkliche  als  kampflustige  Wesen,  das  sie
einst  zu  Sklaven  machte,  bewahrte  sie  auch  davor,  durch
Kriege  dahingerafft  zu  werden,  und  die  Beweglichkeit  ihres
Verstandes,  der  vorsichtige  Scharfsinn,  die  beharrliche  geistige ­
  Emsigkeit  und  Selbstbeherrschung,  die  sie  in  jenen
Zeiten  nicht  vor  Erniedrigung  bewahren  oder  für  ihren
Mangel  an  Knochen  und  Muskeln  entschädigen  konnten,
sind  jene  Eigenschaften,  die  die  moderne  Welt  braucht
und  ehrt.  Die  Tage  des  Goliath  mit  seiner  Keule  und  seinen ­
  Flüchen  schwinden  dahin,  und  der  Tag  des  David  mit
der  Harfe  und  der  kunstfertig  erdachten  Schlinge  kommt
näher  und  näher.
Die  Eigenschaften,  die  einem  Tier,  einer  Rasse  oder
einem  Individuum  höheren  Nutzen  oder  soziale  Vorherrschaft ­
  verleihen,  werden  immer  von  jeder  Veränderung  der
äußern  Verhältnisse  beeinflußt.  Sowie  das  Rad  des  Lebens
sich  langsam  umdreht,  kommt  das,  was  zu  unterst  war,
langsam  zu  höchst,  und  der  Herrschende  wird  zum  Untergebenen. ­

Infolge  ihres  verhältnismäßig  geringeren  Gewichts  und  der
schwächeren  Entwicklung  ihrer  Muskeln,  welche  fast  allen
weiblichen  Geschöpfen,  die  ihre  Jungen  säugen,  eigen  sind,
und  infolge  der  geringen  Kampflust,  die  fast  alle  ihre  Jungen
lebend  zur  Welt  bringenden  Weibchen  charakterisiert,
haben  der  Frau  zahllose  Generationen  hindurch  die  beiden
Eigenschaften  gefehlt,  die  den  Individuen  ein  Herrschaftsrecht ­
  in  der  Gesellschaft  verliehen  haben.  Möglicherweise
aber  wird  es  sich  in  Zukunft  heraussteilen,  daß  die  Entwicklung, ­
  welche  mit  der  Unentbehrlichkeit  von  Muskelkraft ­
  und  Faustrecht  aufgeräumt  hat,  auch  den  Platz  der
Frau  auf  der  Leiter  sozialer  Werte  verändert  habe.
Gleich  dem  Juden,  dem  Mannestypus,  der  von  dem  in  der
Vergangenheit  herrschenden  am  weitesten  ab  weicht,  dürfte
        <pb n="137" />
        künftighin  auch  die  Frau  finden,  daß  eben  jene  Eigenschaften, ­
  die  in  einer  früheren  Periode  ihren  sozialen  Wert  und
ihre  Arbeitsfähigkeit  verminderten,  diese  weiterhin  nicht
schmälern,  sondern  erhöhen;  daß  die  Feinheit  ihrer  Hand,
die  Zartheit  ihres  Baues,  die  verhängnisvoll  waren,  solange
die  Hauptarbeit  des  Lebens  darin  bestand,  eine  Streitaxt  zu
schwingen  oder  eine  Last  zu  heben,  kein  Hindernis  mehr,
sondern  sogar  einen  Vorteil  auf  den  geistigen  Gebieten  und
den  Feldern  feinerer  mechanischer  Arbeit  bilden  werden;
daß  das  Übergewicht  an  Nerven  gegenüber  Muskeln  und
die  Neigung  zu  erhaltender  und  schöpferischer  gegenüber
kampflustiger  und  zerstörender  Tätigkeit,  weit  davon  entfernt, ­
  sie  von  den  wichtigsten  Gebieten  menschlicher  Arbeit ­
  auszuschließen,  ihre  Eignung  für  dieselben  steigern
wird.  Wir  haben  dafür  in  der  Gegenwart  keine  Beweise;
aber  vielleicht  wird  es  sich  in  Zukunft  zeigen,  daß  die  langen ­
  Jahre  der  Knechtschaft  und  physischen  Unterwerfung,
sowie  die  Erfahrung  als  Gebärerin  und  Beschützerin  des
Kindes  der  Frau  als  eine  Art  sekundären  Geschlechtsmerkmals ­
  einen  erhöhten  sozialen  Instinkt,  ein  besonders  starkes ­
  menschliches  Mitgefühl  und  instinktives  Verständnis
verliehen  haben.  In  diesem  Falle  wäre  es  nicht  nur  möglich, ­
  sondern  sicher,  daß  in  kommenden  Zeiten,  in  denen
die  Arbeit  des  Menschengeschlechtes  eine  mehr  erhaltende
als  zerstörende  sein  wird,  in  denen  das  Aufbauen  und  Entwickeln ­
  der  Menschheit  und  nicht  die  gegenseitige  Vernichtung ­
  die  Hauptarbeit  bilden  werden,  die  Frau  als  Frau,
kraft  jener  Merkmale,  die  sie  vom  Manne  unterscheiden,
berufen  sein  werde,  eine  hochwichtige  Rolle  in  der  Tätigkeit ­
  der  Menschheit  zu  spielen.  Dieser  Gegenstand  ist  von
ausgesuchtem  und  eigenartigem  Interesse;  aber  in  praktischer ­
  Beziehung  ist  es  für  die  Menschheit  nicht  so  sehr 1  von
Wichtigkeit,  welches  von  den  beiden  Geschlechtern,  die
stets  zusammen  bestehen  müssen,  am  besten  für  diese  oder
jene  Arbeit  zu  dieser  oder  jener  Zeit  geeignet  ist,  noch
        <pb n="138" />
        «35

selbst  welches  Geschlecht  am  meisten  zu  der  Totalsumme
menschlicher  Leistungen  beizutragen  hat.  Wichtig  vor  allem
ist,  daß  jedes  einzelne  Mitglied  der  Menschheit,  unabhängig
von  Rasse,  Geschlecht  oder  Typus,  genau  jenes  Arbeitsfeld
findet,  auf  dem  es  sich  am  besten  entwickeln  kann  und  sich
am  glücklichsten  und  wohlsten  fühlt,  und  in  welchem  seine
besondern  Fähigkeiten  und  Gaben  am  wirksamsten  und
segensreichsten  für  seine  Nebenmenschen  verwendet
werden.
Es  bedeutet  für  uns  als  Frauen  nichts,  weniger  als  nichts,
ob  von  den  Kindern,  die  wir  zur  Welt  bringen,  die  Söhne
an  Tüchtigkeit,  Intelligenz  und  Geschicklichkeit  die  Töchter ­
  überragen  oder  die  Töchter  die  Söhne,  wenn  nur  bei
keinem  unserer  Kinder  eine  Entwicklungsmöglichkeit  gänzlich ­
  verloren  geht  oder  an  eine  geringe  Aufgabe  vergeudet
wird,  während  sie  für  eine  höhere,  wertvollere  hätte  verwendet ­
  werden  können.  Wenn  nur  keine  wünschenswerte  Fähigkeit ­
  des  wundersamen  Geschöpfs,  das  wir  unter  Schmerzen
geboren  haben,  unentwickelt  bleibt,  so  ist  es  für  uns  als
Frauen  vollständig  gleichgültig,  welches  Geschlecht  das
andere  an  Tatkraft,  Wissen  und  Vorzüglichkeit  übertrifft,
sofern  nur  beide  ihr  Bestes  erreichen.  Es  gibt  nur  eines
auf  der  Welt,  das  der  Frau  so  kostbar  wäre  wie  die  Tochter, ­
  die  ihrem  Leib  entsprossen  ist  —  der  Sohn.  Es  gibt
nur  eines,  das  der  Frau  teurer  wäre  als  ihr  Selbst  —  der
Mann.  So  wie  kein  vernünftiger  Mensch  sich  darum  kümmert, ­
  ob  seine  rechte  oder  linke  Herzkammer  besser  arbeitet ­
  oder  wichtiger  für  sein  Wohlbefinden  ist,  wenn  nur
beide  gesund  und  kräftig  sind,  sowie  keine  vernünftige
Frau  sich  sorgen  wird,  ihre  rechte  Brust  könnte  die  linke
an  Schönheit  und  Fülle  übertreffen,  so  wird  kein  vernünftiger ­
  Mann  und  keine  vernünftige  Frau  ängstlich  die  Vorzüge ­
  von  Mann  und  Frau  vergleichen.  Und  Liebe  rechnet
nicht.  Was  wir  vom  Leben  fordern,  ist,  daß  das  Werkzeug
in  jene  Hand  gelegt  werde,  die  es  am  besten  zu  gebrauchen
        <pb n="139" />
        136

weiß,  daß  der  weniger  Tüchtige  nicht  an  den  Platz  des
Tüchtigeren  gestellt  werde  und  daß  keine  künstliche
Schranke  je  die  Tätigkeit  der  einzelnen  Individuen,  die  wir
Frauen  zur  Welt  bringen,  einenge.
Aber  man  wird  uns  vielleicht  weiter  einwenden:  Wie,
wenn  alle  eure  Träume  und  Hoffnungen  für  die  Frau  und
die  Zukunft  des  Menschengeschlechtes  Luftschlösser  wären? ­
  Wenn,  so  wünschenswert  es  auch  sein  möge,  die
Frauen  nicht  ausschließlich  auf  ihre  Geschlechtsfunktion
angewiesen  wären  und  auch  in  Zukunft  an  produktiver
Tätigkeit  wenigstens  ebensoviel  Teil  hätten  wie  in  der  Vergangenheit ­
  —  wie,  wenn  die  Frau  nicht  imstande  ist,
denselben  großen  Teil  der  komplizierten  und  hauptsächlich
geistigen  Arbeit  der  Zukunft  zu  leisten,  den  sie  an  der
größtenteils  physischen  Arbeit  der  Vergangenheit  leistete?
Wie,  wenn  sie  trotz  aller  ihrer  Anstrengungen  und  Opfer
zur  Erreichung  des  Zieles,  eben  jetzt,  da  die  Arbeit  der  zivilisierten ­
  Gesellschaft  eine  mehr  geistige  als  mechanische
wird,  nicht  ausreicht  ?
In  den  Gebirgsteilen  der  Schweiz  begegnet  der  Reisende
manchmal  einer  einsam  die  Bergfelder  hinanklimmenden
Frauengestalt,  die  auf  ihren  breiten  Schultern  eine  gewaltige ­
  Ladung  Futter  für  das  Vieh  oder  Dünger  für  das  Feld
trägt.  Fest  und  unerschrocken  blicken  die  Augen  unter  der
tiefgefurchten  Stirn  euch  entgegen,  und  ein  Haarsträhn,
der  vielleicht  so  weiß  leuchtet  wie  der  Schnee  auf  den  Gipfeln, ­
  sieht  unter  dem  Rand  des  Kopftuches  hervor.  Das
durchfurchte  verbrannte  Antlitz  trägt  die  tiefen  Spuren
von  Arbeit  und  Leiden,  wie  die  Berglehne  die  Spuren  von
Sturm  und  Lawinen.  Es  ist  das  Antlitz  einer,  die  mit  Mühen
und  Sorgen  Kinder  zur  Welt  gebracht,  und  die  schwer  gearbeitet ­
  hat,  sie  zu  erhalten.  Und  wessen  Auge  nicht  blind
ist  für  die  Phasen  menschlichen  Daseins,  der  wird  in  dieser
abgearbeiteten  Gestalt  einen  der  mächtigen  Pfeiler  erblikken,
  die  in  den  langen  Jahrhunderten  der  Vergangenheit
        <pb n="140" />
        das  Leben  der  Menschheit  auf  Erden  erhalten  und  seine
spätere  Entwicklung  ermöglicht  haben;  und  arg  müßte  der
Flitterglanz  des  Lebens  den  geblendet  haben,  der  nicht  mit
Ehrfurcht  auf  diese  Gestalt  blickte  und  nicht  im  Geist  das
Haupt  beugte  vor  diesem  Typus  der  schwer  arbeitenden
Frau,  die  Leben  auf  gebaut  hat.
Was  nun  aber,  wenn  in  künftigen  Zeiten  nie  mehr  ein
Mann  sich  mit  derselben  Ehrfurcht  vor  solch  einer  Arbeitsgewaltigen ­
  der  Erde,  die  zugleich  Frau  und  Mutter  wäre,
wird  beugen  können?  Was  dann,  wenn  die  Frau,  die  ihre
Mutterschaft  mit  der  endlosesten  körperlichen  Arbeit  zu
vereinen  wußte,  schlaff  und  hilflos  würde,  sobald  es  sich
um  geistige  Arbeit  handelt  ?  Wie,  wenn  sie  trotz  aller  Anstrengung ­
  in  Zukunft  nichts  mehr  sein  könnte,  als  das  am
Sofa  liegende,  verhätschelte,  in  seinem  Seidenfell  zitternde
Schoßhündchen  der  Menschheit  ?  Wie,  wenn  es  bestimmt
sein  sollte,  daß  den  Frauen  trotz  ihres  ernsten  Strebensund
ihrer  entschlossensten  Anstrengungen  in  der  neuerstehenden ­
  Welt  infolge  ihrer  geistigen  Unfähigkeit  nur  Mißerfolg
beschieden  wäre  ?
Es  ließe  sich  auf  diesen  Einwand  erwidern:  Oft  schon  ist
mit  Recht  gesagt  worden,  daß  die  üblichen  Beschäftigungen
der  Frau,  zu  allen  Zeiten  und  in  allen  Gesellschaftsklassen,  in
denen  sie  nicht  parasitisch  war,  nicht  nur  physische,  sondern ­
  auch  vielseitige  geistige  Fähigkeiten  erforderten,  daß
die  Edelfrau  des  Mittelalters,  die  ihren  großen  Haushalt
leitete,  dazu  wahrscheinlich  mehr  Intelligenz  brauchte  als  ihr
Gatte  zu  Jagd  und  Kampf,  daß  heute  die  Frau  eines  Buchhalters ­
  oder  Konzeptbeamten  vielleicht  mehr  Verstand,  Gedanken, ­
  Umsicht  und  Gedächtnis  zur  Wirtschaftsführung  in
ihrem  kleinen  Haushalt  aufwenden  muß  als  der  Mann  bei
seiner  weit  einfacheren,  einförmigen  Rechenarbeit,  daß
ebenso  wie  der  Schneider  oder  Schuster  zu  seinem  Berufe
nicht  weniger  Intelligenz  braucht,  als  der  Soldat  oder  Preisfechter, ­
  die  Frauen  der  Vergangenheit  in  der  Mehrzahl

137
        <pb n="141" />
        13*

ihrer  Berufe  nicht  weniger  Intellekt  aufgewendet  haben  als
die  Männer  in  den  ihren.  In  jenen  hoch  spezialisierten  geistigen ­
  Tätigkeiten  aber,  zu  denen  eine  lange  ununterbrochene ­
  Vorbildung  in  ganz  bestimmter  Richtung  nötig
ist,  wie  den  liberalen  Berufen  und  den  Künsten,  haben
die  Frauen,  obgleich  sie  tatsächlich  von  dem  erforderlichen
Studium  und  der  freien  Ausübung  dieser  Berufe  ausgeschlossen ­
  waren,  doch  kraft  ihres  angeborenen  Talentes
und  ihrer  Anlagen  fortwährend  die  scheinbar  unübersteiglichen
  Hindernisse  durchbrochen,  oft  und  oft  auch  auf  diesen ­
  Arbeitsgebieten  den  Platz  neben  dem  Mann  eingenommen ­
  und  also  nicht  nur  eine  bloße  Eignung,  sondern  eine
entschiedene  und  leidenschaftliche  Neigung  in  diesen  Richtungen ­
  bewiesen.  Mit  gleichem  Recht  ist  schon  oft  erwähnt
worden,  daß  die  Frau  in  der  einzigen  Stellung,  in  der  sie
je  imstande  war,  ihre  Individualität  frei  und  voll  zur  Geltung ­
  zu  bringen,  nämlich  als  Herrscherin  (trotzdem  sie  hier
nur  aufs  Geratewohl  vom  Schicksal  durch  den  Zufall  der
Geburt  oder  Heirat  aus  der  Masse  von  Frauen  herausgegriffen ­
  war),  verhältnismäßig  oft  die  Fähigkeit  zu  gebieten, ­
  zu  organisieren  bewiesen  hat  und  mit  Erfolg  imstande ­
  war,  als  Regent  eines  Volkes  eine  der  anspruchsvollsten ­
  und  schwierigsten  Stellungen  zu  bekleiden.  Von  den
Tagen  der  Amalaswintha  bis  zu  Isabella  von  Spanien,  Elisabeth ­
  von  England,  Katharina  von  Rußland  erwiesen  sich
Frauen  fähig,  das  Leben  von  großen,  unpersönlichen  Gesichtspunkten ­
  zu  erfassen  und  mit  Erfolg  und  Kraft  zu  beherrschen, ­
  wenn  sie  jene  hohe  Stellung  einnahmen,  die  es
von  ihnen  verlangte.  Es  mag  auch  erwähnt  werden,  was
schon  ermüdend  oft  wiederholt  worden  ist,  daß  die  Eignung ­
  der  Frau  für  die  Gebiete  moderner  geistiger  Arbeit
oder  gelernter  Handarbeit  heute  nicht  mehr  Thema  der
Diskussion  sein  kann,  da  die  Zahl  der  Frauen,  die  als  preisgekrönte ­
  Mathematikerinnen,  als  Ärztinnen  usw.  diese
neuen  Gebiete  betreten  haben,  und  die  guten  Resultate  der
        <pb n="142" />
        Frauen  bei  allen  Hochschulprüfungen,  zu  denen  sie  zugelassen ­
  wurden,  sowie  ihre  allgemeine  erfolgreiche  Tätigkeit
im  Gemeindedienst,  wo  immer  sie  an  demselben  teilnehmen
durften,  ihre  geistige  und  sittliche  Eignung  für  diese  neuen
Arbeitsfelder  beweisen.
All  diese  Tatsachen  sind  sicherlich  interessant  und  dürften ­
  unwiderleglich  sein.  Und  doch  —  um  der  Wahrheit  die
Ehre  zu  geben,  sind  es  schließlich  nicht  diese  Gründe,  auf
die  viele  von  uns  ihre  Hoffnungen,  ja  die  Gewißheit  basieren, ­
  mit  der  sie  in  die  Zukunft  blicken.  Unsere  Überzeugung
von  dem  vollen  Ausreichen  ihrer  Kräfte  für  die  Erfüllung
hoher  Aufgaben  auf  diesen  neuen  Gebieten  fußt  nicht  auf
einer  verstandesmäßigen  Aufzählung  dessen,  was  einzelne
Frauen  oder  Frauengruppen  in  der  Vergangenheit  oder
Gegenwart  erreicht  oder  geleistet  haben;  sie  hat  eine  andere ­
  Quelle.
Es  war  einmal  ein  Mann,  der  fand  ein  Vogelei;  er  trug  es
heim  und  ließ  es  von  seiner  Haushenne  ausbrüten.  Als  das
Kücken  ausgekrochen  war,  band  der  Mann  es  am  Fuß  an
einen  Pfahl,  damit  es  sich  nicht  verlaufe.  Und  die  Leute
standen  um  das  Kücken  herum  und  studierten,  was  für
ein  Vogel  es  wohl  sein  möge.  Der  eine  sagte:  „Es  ist  sicher
ein  Schwimmvogel,  eine  Ente  oder  eine  Gans;  wenn
wir  es  ins  Wasser  würfen,  würde  es  schwimmen  und  schnattern.“ ­
  Aber  ein  anderer  meinte:  „Es  hat  keine  Schwimmhäute ­
  an  den  Füßen,  es  ist  ein  Haushuhn,  laßt  es  nur  frei,
so  wird  es  mit  den  andern  auf  dem  Misthaufen  scharren
und  gackern.“  Ein  dritter  rief:  „Seht  nur  seinen  gebogenen ­
  Schnabel.  Ein  Papagei  ist  es,  gebt  ihm  Nüsse  zu  knakken.“
  Und  ein  vierter:  „Schaut  nur  seine  Flügel  an,  vielleicht ­
  ist  es  gar  ein  Vogel,  der  hoch  fliegen  kann.“  Aber
da  riefen  andere:  „Unsinn,  nie  hat  ihn  noch  jemand  fliegen
gesehen,  wie  sollte  er  denn  fliegen  können  ?  Wie  kann  man
denn  glauben,  daß  er  etwas  kann,  was  er  noch  nicht  versucht ­
  hat  ?“  Und  der  Vogel  —  der  Vogel  mit  seinem  fest139 ­
        <pb n="143" />
        140

geketteten  Bein  lüftete  die  Flügel.  Sie  saßen  um  ihn  herum
und  spekulierten  und  stritten,  und  einer  sagte  dies  und  der
andere  jenes.  Und  die  ganze  Zeit,  während  sie  sprachen,
saß  der  Vogel  regungslos  und  blickte  unverwandt  in  den
klaren,  blauen  Himmel  hinauf.  Endlich  meinte  einer:  „Wie
wäre  es,  wenn  wir  ihn  losließen,  um  zu  sehen,  was  er  beginnt?“ ­
  Der  Vogel  zitterte,  aber  die  andern  schrien:  „Was
fällt  Euch  ein,  er  ist  viel  zu  wertvoll.  Er  könnte  verloren
gehen,  wenn  er  vielleicht  zu  fliegen  versuchen  würde  und
herunter  fiele  und  das  Genick  bräche.“
Und  der  Vogel  mit  seinem  angeketteten  Fuß  saß  und
blickte  aufwärts  zum  blauen  Himmel,  dem  Himmel,  in  dem
er  noch  niemals  gewesen  —  der  Vogel,  er  wußte,  was  er
wollte  —  denn  —  es  war  ein  junger  Adler!
Viele  von  uns  kennen  eine  Frau,  wie  sie  jeder  Mensch  nur
einmal  auf  Erden  kennt,  und  daß  wir  diese  Frau  kennen,
das  ist  es,  worauf  wir  unsere  Gewißheit  gründen.
Für  jene,  die  keine  solche  Frau  kennen  und  auf  diesen
festen  Grund  nicht  bauen  können,  mag  es  ja  gut  und  nützlich ­
  sein,  sorgsam  Tatsachen  zu  sammeln  und  darüber
nachzudenken  und  darauf  Ansichten  zu  basieren.  Es  mag
selbst  vorteilhaft  sein,  sich  keinerlei  bestimmte  Ansicht  zu
bilden,  sondern  abzuwarten,  bis  die  Jahre  praktischer  Erfahrung ­
  alle  Zweifel  beseitigt  haben.  Für  uns  aber,  die  wir
für  unsere  Überzeugung  einen  Grund  haben,  den  wir
Außenstehenden  nicht  beweisen  können,  für  uns  ist  es  wohl
besser,  furchtlos  zu  handeln  als  viel  zu  argumentieren.
Schließlich  ließe  sich  gegen  den  Eintritt  der  Frauen  in
die  neuen  Arbeitsfelder  vielleicht  noch  folgendes  sagen,
was  auch  tatsächlich  oft  eingewendet  wird:  Wie,  wenn
man  euch  alles,  wonach  ihr  begehrt,  einräumte  —  wenn  es
völlig  anerkannt  würde,  daß  die  alten  Arbeitsgebiete  der
Frau  ihr  entschwinden  und  daß,  wenn  sie  keine  neuen  findet, ­
  sie  in  einen  Zustand  von  Geschlechtsparasitismus  verfiele, ­
  der  sie  von  ihrer  Fortpflanzungsfähigkeit  allein  ab-
        <pb n="144" />
        hängig  machen  würde;  zugegeben,  daß  sie  in  diesem  Falle
degenerieren  müßte  und  daß  ihr  Verfall  auch  die  Degeneration ­
  und  den  Stillstand  sowohl  der  Männer  als  der
Frauen  ihres  Volkes  bedeuten  würde;  zugegeben  auch,  daß
die  Frau  in  der,  Vergangenheit  nicht  nur  Kinder  geboren,
sondern  auch  mehr  als  die  Hälfte  der  ganzen  Last  produktiver ­
  Arbeit  der  Gemeinschaft  getragen  hat;  zugegeben
ferner,  daß  sie  sehr  wohl  imstande  ist,  ihren  Teil  an  der
geistigen  Arbeit  der  Zukunft  zu  tragen,  wie  sie  ihn  an  den
mehr  mechanischen  Arbeiten  der  Vergangenheit  leisten
konnte;  all  das  zugegeben,  könnte  nicht  doch  eine  Seite  der
Sache  unberücksichtigt  geblieben  sein,  die  alle  Schlüsse,
daß  es  wünschenswert  und  zum  Wohle  der  Menschheit  sei,
wenn  die  Frau  eine  größere  Arbeitsfreiheit  erreicht,  umkehren ­
  ?  Wie,  wenn  die  erhöhte  Kultur  und  geistige  Regsamkeit, ­
  deren  die  Frau  zum  Eintritt  in  die  neuen  Arbeitsgebiete ­
  bedarf,  so  wünschenswert  sie  in  anderer  Beziehung
für  sie  selbst  und  die  Allgemeinheit  sein  mögen,  zu  einer
Verminderung  oder  einem  vollkommenen  Erlöschen  der
geschlechtlichen  Anziehung  und  Zuneigung,  die  in  allen
Zeiten  der  Vergangenheit  die  zwei  Menschheitshälften  aneinanderkettete, ­
  führen  sollte?  Zwar  haben  die  schweren
und  unschönen  körperlichen  Arbeiten  der  Vergangenheit
niemals  die  Anziehung  der  Frau  für  den  Mann  ihrer  Gesellschaftsschicht, ­
  noch  die  des  Mannes  für  die  Frau  beeinträchtigt. ­
  Doch  wie,  wenn  ihre  geistige  Tätigkeit  oder
kompliziertere,  feinere  Handarbeit,  ihre  höhere  Intelligenz
und  ihr  weiterer  Horizont  in  ihr  Abneigung  gegenüber  dem
Manne  entstehen  oder  die  Frau  dem  Manne  ohne  Reiz  erscheinen ­
  ließen,  so  daß  das  Menschengeschlecht  aussterben ­
  würde  infolge  des  Mangels  an  geschlechtlicher  Anziehung? ­
  Wie,  wenn  die  Frau  aufhört,  den  Sohn  zu  schätzen, ­
  den  sie  geboren,  oder  Begehren  und  Zärtlichkeit
gegenüber  dem  Manne  zu  empfinden,  der  ihn  gezeugt,  und
der  Mann  aufhören  würde,  das  Weib  und  ihr  Kind  zu  lie-
        <pb n="145" />
        142

ben  und  zu  begehren  ?  Würde  nicht  ein  solches  Ergebnis  in
seinem  Unheil  für  die  Menschheit  gleich  groß  oder  noch
größer  sein,  als  alles,  was  aus  der  Degeneration  und  dem
Parasitismus  der  Frau  erwachsen  könnte?  Wäre  es  nicht
besser,  falls  irgendeine  Möglichkeit  dieser  Gefahr  besteht,
daß  die  Frauen,  so  bewußt  sie  sich  auch  seien,  die  sozialen
Arbeiten  unter  den  neuen  Bedingungen  ebenso  vorzüglich
erfüllen  zu  können  wie  unter  den  alten,  doch  freiwillig  und
bewußt,  mit  offenen  Augen  lieber  in  einen  Zustand  voller
geistiger  Erschlaffung  mit  allen  daran  haftenden  Übeln
versänken,  als  dem  noch  unersetzlicheren  Verlust  entgegenzugehen, ­
  den  ihre  Entwicklung  und  die  Ausübung  ihrer
Gaben  zur  Folge  haben  könnte?  Wäre  es  nicht  besser,  sich
freiwillig  für  das  kleinere  von  beiden  Übeln  zu  entscheiden,
selbst  sein  Wachstum  zu  hemmen  und  seine  Tätigkeit  und
die  Erweiterung  seiner  Fähigkeiten  einzuschränken,  als
irgend  zu  riskieren,  daß  das  Band  des  Begehrens  und  Fühlens
  zwischen  den  beiden  Hälften  der  Menschheit  sich  lokkere
  ?  Wenn  das  Menschengeschlecht  auf  Erden  verblühen
und  verlöschen  soll,  warum  nicht  ebenso  durch  den  Parasitismus ­
  und  den  Verfall  der  Frau  als  durch  das  Verwelken
des  Geschlechtsinstinktes  ?
Es  ist  nicht  leicht  in  vernünftiger  oder  nur  in  ernsterWeise
auf  eine  Annahme  zu  antworten,  die  darauf  basiert  zu  sein
scheint,  daß  ein  plötzlicher  und  vollständiger  Umsturz  der
tiefsten  Elemente,  auf  denen  das  menschliche,  ja  auch  das
tierische  Leben  auf  Erden  ruht,  durch  eine  so  unzulängliche ­
  Ursache  möglich  wäre,  und  man  könnte  mit  Stillschweigen ­
  darüber  hinweggehen,  wenn  dieses  Argument
nicht  in  einer  oder  der  andern,  in  vernünftiger  und  unvernünftiger ­
  Form  immer  wiederkehren  und  selbst  bei  ziemlich ­
  intelligenten  Köpfen  eine  Abneigung  gegen  den  Eintritt ­
  der  Frau  in  neue  Arbeitsgebiete  verursachen  würde.
Es  soll  gleich  offen  zugegeben  werden,  daß,  wenn  auch
nur  die  geringste  tatsächliche  Gefahr  in  dieser  Richtung
        <pb n="146" />
        143

bestünde,  die  Frau  um  ihrer  selbst  und  der  Menschheit  willen ­
  nichts  besseres  tun  könnte,  als  so  rasch  wie  möglich  all
ihre  Bestrebungen  nach  Wissen  und  Erreichung  neuer
Tätigkeitsgebiete  beiseite  zu  legen.
Man  bedenke,  welchen  Faktor  die  geschlechtliche  Anziehung ­
  im  Empfindungsleben  bildet,  von  der  fast  unbewußten ­
  Anziehung  angefangen,  die  Amöbe  zu  Amöbe
zieht,  durch  alle  endlos  fortschreitenden  Lebensformen
hindurch;  wie  sie  bei  den  monogamen  Vogelarten  in
Gesang  und  vielfältigem  Liebeswerben  und  manchmal  in
lebenslanger  ehelicher  Liebe  sich  ausdrückt;  wie  sie
auch  im  Menschengeschlecht  die  verschiedensten  Formen ­
  durchläuft,  von  der  gebieterischen,  aber  fast  rein
physischen  Anziehung  der  Geschlechter  bei  den  Wilden
bis  zu  den  ästhetischen  und  geistigen,  aber  nicht  minder
gebieterischen  Formen,  die  sie  bei  hochentwickelten  Männern ­
  und  Frauen  annimmt,  wo  sie  sich  in  den  Liedern  der
Dichter  und  in  der  oft  unsterblichen  Treue  reichbegabter
Persönlichkeiten  birgt.  So  begegnen  wir  ihr  nicht  nur  allüberall, ­
  sondern  erkennen  in  ihr  das  Fundament,  auf  dem
das  ganze  Empfindungsleben  ruht  —  unausrottbar,  wenn
auch  unendlich  veränderlich  in  Form  und  Ausdruck.  Man
bedenke,  welche  Rolle  die  Anziehung  zwischen  Mann  und
Frau  innerhalb  der  Menschenwelt  spielt,  angefangen  von
den  Schlachten  und  Tänzen  der  Wilden  bis  zu  den  Intrigen
und  Festen  in  Palästen  und  an  modernen  Höfen.  Man  bedenke, ­
  daß  die  leidenschaftliche  religiöse  Askese  aller  Zeiten, ­
  Geißeln  und  Fasten  in  Nonnen-  und  Mönchsklöstern
niemals  imstande  war,  die  Herrschaft  dieses  Gefühls  zu
tilgen  oder  auch  nur  ernstlich  für  den  Moment  zu  schwächen. ­
  Man  bedenke,  daß  in  niedrigster  und  rohester  Unwissenheit ­
  wie  in  höchster  geistiger  Kultur  die  Menschheit ­
  diesem  Gefühl  gleich  stark,  wenn  auch  in  verschiedener ­
  Weise,  unterworfen  blieb.  Und  heute  noch  klingt  es
ebenso  aus  dem  rohen  Gelächter  der  Schnapsbuden,  den
        <pb n="147" />
        144

zynischen  Witzen  der  vornehmen  Klubs,  wie  aus  den
Träumen  der  Poeten  und  dem  edelsten,  Mann  und  Frau
fürs  Leben  aneinander  bindenden  Gattenverhältnis.  Noch
immer  spielt  es  auf  Erden  dieselbe  große  Rolle  wie  zur
Zeit,  da  die  Ungeheuer  der  Vorzeit  durch  Siluriens  Moore
jagten,  noch  immer  bildet  es  am  Webstuhl  des  Lebens  die
Kette  des  Gewebes  und  läuft  wie  ein  endloser  Faden  durch
jede  Zeichnung  und  jedes  Muster  der  einzelnen  menschlichen ­
  Existenzen.  So  erscheint  es  nicht  nur  unausrottbar,
sondern  es  ist  unbegreiflich,  wie  jemand  annehmen  kann,
daß  diese  Anziehung  von  Geschlecht  zu  Geschlecht,  die  mit
Hunger  und  Durst  als  dreieiniger  Instinkt  die  Basis  des
tierischen  Lebens  auf  Erden  bildet,  jemals  durch  eine  verhältnismäßig ­
  so  geringe  Veränderung  getilgt  werden
könnte,  wie  es  die  Verrichtung  dieser  oder  jener  Arbeit
oder  ein  etwas  größeres  oder  geringeres  Wissen  in  einer
oder  der  andern  Richtung  ist.
Daß  die  Frau,  weil  sie  an  einem  dampf  getriebenen  Webstuhl ­
  Dutzende  von  Ellen  Leinen  im  Tage  erzeugt,  weniger
die  Gefährtin  des  zu  ihr  passenden  Mannes  sein  sollte,  als
da  sie  an  ihrem  Spinnrad  mit  Hand  und  Fuß  eine  Elle  fertig ­
  brachte;  daß  der  Mann  weniger  die  Gemeinschaft  mit
der  Frau  wünschen  sollte,  weil  sie  in  ihrem  Konsultationszimmer ­
  Kinder  nach  pharmakologischen  Vorschriften  behandelt, ­
  als  wenn  sie  in  alter  Zeit  Arzneikräuter  auf  den
Hügeln  sammelte;  daß  die  Frau,  die  ein  modernes  Bild
malt  oder  eine  moderne  Vase  zeichnet,  dem  Manne  weniger
liebenswert  erscheinen  sollte  als  ihre  Vorfahrin,  die  den
ersten  Topf  formte  und  mit  einem  Zickzack  verzierte,  dem
Manne  ihrer  Zeit  erschien;  daß  die  Frau,  die  zu  dem  Unterhalt ­
  ihrer  Familie  beiträgt,  indem  sie  Rechtsbeistand  leistet, ­
  sich  weniger  nach  Mutterschaft  und  Ehe  sehnen  sollte
als  diejenige,  die  in  der  Vergangenheit  zu  dem  Unterhalt
der  Familie  beitrug,  indem  sie  über  dem  Mahlstein  hockte
oder  Fußböden  rieb,  und  daß  die  eine  weniger  vom  Manne
        <pb n="148" />
        IO  Schreiner,  Die  Frau

145

geschätzt  werden  sollte  als  die  andere  —  das  sind  Voraussetzungen, ­
  die  sich  mit  irgendeiner  Kenntnis  der  menschlichen ­
  Natur  und  der  sie  beherrschenden  Gesetze  nicht  vereinen ­
  lassen.
Andererseits  wird  die  Annahme,  daß  der  Besitz  von  Gütern ­
  oder  der  Mittel,  sie  zu  erwerben,  den  Mann  der  Frau
abgeneigt  machen  sollte,  von  der  Geschichte  und  aller  täglichen ­
  Erfahrung  widerlegt.  Die  eifrige  Jagd  nach  reichen
Erbinnen  zu  allen  Zeiten  und  unter  allen  Verhältnissen
macht  es  einleuchtend,  daß  der  Mann  sehr  geneigt  ist,  es
an  der  Frau  zu  schätzen,  wenn  sie  zu  den  Ausgaben  der
Familie  beizutragen  vermag.  Und  der  Fall  ist,  glauben  wir,
noch  nicht  dagewesen,  daß  ein  Mann  einer  Frau  darum  abgeneigt ­
  wurde,  weil  er  erfuhr,  daß  sie  über  materielle  Güter ­
  verfüge.  Dieselbe  Frau  wird,  wenn  sie  als  Arzt  oder
Anwalt  zehntausend  Mark  jährlich  verdient,  jederzeit  und
ganz  bestimmt  heute  mehr  Freier  finden,  als  wenn  sie  als
Köchin  oder  Gouvernante  sechshundert  Mark  erhält  und
nicht  minder  schwer  arbeitet.
Wenn  sich  aber  die  Behauptung,  die  Frau,  die  neue  Arbeitsfelder ­
  betritt,  werde  dem  Manne  nicht  mehr  liebenswert ­
  erscheinen,  auf  die  Tatsache  ihrer  größeren  Freiheit
gründet,  so  wird  dies  von  der  Geschichte  und  der  menschlichen ­
  Erfahrung  noch  entschiedener  widerlegt.  Das  Studium ­
  aller  Rassen  und  Zeiten  lehrt,  daß  die  Frau  um  so
höher  im  Geschlechtswert  bei  den  Männern  ihrer  Gesellschaft ­
  stieg,  je  freier  sie  war.  Die  drei  Weiber,  die  der  Indianer ­
  hinter  sich  herschleppt,  nachdem  er  sie  im  Kampf
erbeutet  oder  für  einige  Äxte  oder  ein  paar  Rollen  Tabak
eingetauscht  hat,  und  denen  gegenüber  er  eine  unbeschränkte ­
  Gewalt  über  Leben  und  Tod  ausübt,  haben  wahrscheinlich ­
  in  seinen  Augen  unendlich  geringeren  Wert,  als
die  einzige  Frau  eines  unserer  alten  germanischen  Vorfahren ­
  für  diesen  besaß.  Und  ebenso  haben  die  hundert
Weiber  und  Konkubinen,  die  sich  ein  türkischer  Pascha
        <pb n="149" />
        146

hält,  in  seinen  Augen  wahrscheinlich  auch  nicht  annähernd
den  gleichen  Wert,  wie  für  Tausende  moderner  europäischer
Männer  ihre  verhältnismäßig  freien  Frauen,  die  sie  erst  oft
nach  langer,  mühevoller  Werbung  gewonnen  haben.
Die  Tatsache,  daß  der  Wert  der  Frau  für  den  Mann  mit
ihrer  Freiheit  wächst,  ist  so  sehr  ein  Axiom,  daß  man,  jedesmal, ­
  wenn  von  der  hohen  Wertschätzung  der  individuellen
Frau  berichtet  wird,  auch  mit  Sicherheit  auf  eine  verhältnismäßige ­
  soziale  Freiheit  der  Frau  schließen  kann,  und
überall,  wo  ein  hoher  Grad  von  Freiheit  der  Frau  in  einer
Gesellschaft  gegeben  ist,  kann  man  den  großen  Geschlechtswert ­
  der  einzelnen  für  den  Mann  folgern.
Wenn  schließlich  die  Annahme,  daß  Mann  und  Frau  einander ­
  nicht  mehr  anziehen  werden,  darauf  ruht,  daß  mit
dem  Eintritt  in  neue  Arbeitsgebiete  ihre  Intelligenz  zunehme ­
  und  ihr  Gesichtskreis  sich  erweitere,  so  muß  dem
entgegnet  werden,  daß  die  ganze  Richtung  der  Menschheitsgeschichte ­
  dies  absolut  verneint.  Es  gibt  nirgend
einen  Grund  für  die  Voraussetzung,  daß  erhöhte  Intelligenz
und  Geisteskraft  die  Geschlechtsempfindung  des  Menschen, ­
  sei  es  des  Mannes  oder  der  Frau  verringert.  Der  unwissende ­
  Wilde  in  Vergangenheit  und  Gegenwart,  der  ein
Weib  vergewaltigt  und  es  sich  mit  Gewalt  unterwirft,  mag
von  einer  bestimmten  Art  der  Geschlechtsempfindung  beherrscht ­
  sein  und  ist  es  auch  tatsächlich;  aber  nicht  weniger ­
  waren  es  die  gebildetsten,  bedeutendsten  und  höchst
differenzierten  Geister  unter  den  Männern,  die  die  Menschheit ­
  hervorgebracht  hat.  Ein  Mill,  ein  Shelley,  ein  Goethe,
ein  Schiller,  ein  Perikies  waren  nicht  minder  für  die  Tiefe
und  Stärke  ihres  sexuellen  Empfindens  als  für  ihre  hohen
Geisteskräfte  bekannt.  Und  bei  der  Frau  ist  womöglich
die  Beziehung  zwischen  der  Stärke  ihres  sexuellen  Empfindens ­
  und  der  Höhe  der  Geistesgaben  eine  noch  engere.
Das  Leben  einer  Sofia  Kowalewska,  einer  George  Eliot,
einer  Elisabeth  Browning  waren  nicht  weniger  durch  ein
        <pb n="150" />
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147

tiefes  leidenschaftliches  Geschlechtsempfinden  als  durch
die  seltene  Entwicklung  ihres  Intellekts  gekennzeichnet.
Niemals  in  der  Geschichte  der  Menschheit  hat  hohe  Intelligenz ­
  und  Geisteskraft  dazu  beigetragen,  Mann  oder
Frau  dem  andern  Geschlechte  reizlos  zu  machen.  Keine
noch  so  elegant  gekleidete,  aber  unintelligente  Frau  wird
wohl  je  dieselbe  Intensität  tiefen  Sexualgefühls  selbst  unter
ihr  wesensähnlichen  Männern  erweckt  haben,  wie  es  eine
George  Sand  hervorrief,  die  mit  unsterblicher  Kraft  mehrere ­
  der  bedeutendsten  Männer  ihrer  Zeit  fesselte,  selbst  als
sie  nicht  mehr  jung  war,  dick  und  unförmlich,  in  abgetragenem ­
  schwarzen  Kleid  in  einem  rauchigen  Lokal  Zigaretten ­
  drehte  und  sich  über  allen  Putz,  mit  dem  weniger  anziehende ­
  Frauen  ihre  verborgenen  Mängel  zu  verdecken
suchen,  lustig  machte.  In  keinen  hoffnungsloseren  Irrtum
könnte  ein  Asket  verfallen,  als  wenn  er  sich  einbildete,  die
Ausrottung  der  Geschlechtsliebe  und  der  Anziehung  der
Geschlechter  durch  erhöhte  Reife,  Intelligenz  und  erhöhtes
Wissen  erreichen  zu  können.  Wohl  mag  er  dadurch  diese
Empfindungen  verfeinern  und  stark  konzentrieren,  aber
auch  verstärken,  so  wie  ein  breiter,  seichter,  langsam  fließender ­
  Strom  nicht  versiegt,  sondern  an  Kraft  und  Bewegung ­
  zunimmt,  wenn  sein  Lauf  bestimmt,  sein  Bett  tiefer
eingeschnitten  wird.
Wenn  wir  ferner  jene  sekundären  Offenbarungen  des  Geschlechtsempfindens ­
  in  Betracht  ziehen,  die  sich  im  Verhältnis ­
  der  Erzeuger  zu  ihren  Nachkommen  ausdrücken,  so
sehen  wir  womöglich  noch  deutlicher,  daß  erhöhte  Intelligenz ­
  und  Selbständigkeit  die  Stärke  der  Zuneigung  nicht
vermindert,  sondern  erhöht.  Sowie  der  primitive,  unwissende ­
  Mann,  der  oft  willig  sein  Kind  verkauft,  oder  wenn  es
ein  Mädchen  ist,  es  aussetzt,  mit  wachsender  Kultur  und  Intelligenz ­
  zu  dem  höchst  aufopfernden,  hingebenden  Vater
unserer  zivilisierten  Gesellschaft  wird,  so,  ja  noch  entschiedener, ­
  wird  die  Beziehung  der  Frau  zu  ihrem  Kind  mit  dem
        <pb n="151" />
        148

Anwachsen  ihrer  Bildung,  Intelligenz  und  Reife  tiefer  und
andauernder.  Die  Buschmännin  und  ebenso  die  tiefstehendsten, ­
  rohesten  Frauen  unserer  Gesellschaft  geben  oft  ihr
Kind  für  eine  Flasche  Schnaps  oder  ein  paar  Pfennige  her,
und  selbst  unter  geistig  etwas  entwickelteren  Frauen,  so
stark  auch  ihre  Liebe  durchschnittlich  gegenüber  dem
Neugeborenen  ist,  nimmt  doch  die  Vertraulichkeit  der  Beziehung ­
  zwischen  Mutter  und  Kind  rasch  mit  den  Jahren
ab,  so  daß  dem  Knaben,  wenn  er  zum  Jüngling  geworden
ist,  selten  viel  mehr  als  die  Erinnerung  an  eine  einstige
nahe  Zusammengehörigkeit  übrig  bleibt.  Ehe  die  Frau  den
höchsten  Grad  von  geistigem  Wachstum  und  Verstandesreife
erreicht  hat,  werden  selten  ihre  Beziehungen  zum  Sohn
einen  dauernden,  lebendigen  und  beherrschenden  Faktor
im  Leben  beider  Teile  bilden.  Die  konzentrierte,  alles  absorbierende ­
  Liebe  und  Kameradschaft,  die  zwischen  der
geistig  höchststehenden  Frau,  die  Frankreich  hervorgebracht
  hat  und  ihrem  Sohn  bestand  und  das  Leben  beider
bis  ans  Ende  beherrschte,  die  Kameradschaft  des  englischen ­
  Historikers  mit  seiner  Mutter,  die  ihm  Gefährtin
durchs  Leben  blieb  und  an  allen  seinen  Arbeiten  teilnahm,
das  Verhältnis  des  heiligen  Augustin  zu  seiner  Mutter  sind
Beziehungen,  die  unfaßbar  sind,  wenn  die  Frau  nicht  von
hervorragendem  und  lebhaftem  Geiste  ist  und  wenn  die
bloß  physische,  instinktive  Liebe  nicht  durch  geistige  und
seelische  Bande  ergänzt  wird.
Die  Untersuchung  der  menschlichen  Natur  in  der  Vergangenheit ­
  bietet  also  keinen  Grund  anzunehmen,  daß  die
durch  neue  Arbeitsformen  freier,  wohlhabender  und  intelligenter ­
  gewordene  Frau  an  Bedürfnis  nach  physischer  oder
geistiger  Kameradschaft  mit  dem  Manne  einbüßen,  oder
daß  sein  Verlangen  nach  ihr  abnehmen  würde,  noch  daß  die
sekundären  Geschlechtsrelationen  als  Erzeuger  eine  Veränderung ­
  erleiden  würden,  es  sei  denn  in  der  Richtung
einer  Vertiefung,  Konzentrierung  und  Ausdehnung  der
        <pb n="152" />
        149

elterlichen  Gefühle  auf  das  ganze  Leben.  Die  Vorstellung,
daß  durch  irgendeine  bloße  Veränderung  der  Formen  der
Frauenarbeit  das  Bedürfnis  von  Mann  und  Frau  nacheinander ­
  berührt  oder  die  Gefühle,  welche  die  Geschlechter
aneinander  binden,  zerstört  werden  könnten,  ist  in  ihrer
Unmöglichkeit  so  grotesk  wie  die  Idee,  man  könnte  durch
die  Art,  wie  man  eine  Muschel  an  das  Seeufer  hinlegt,
Ebbe  und  Flut  hintanhalten.
Aber,  wird  man  einwenden,  wenn  so  gar  kein  Grund  für
die  Bildung  einer  derartigen  Ansicht  vorhanden  ist,  wieso
kommt  es,  daß  sie  doch  so  oft  in  einer  oder  der  andern
Form  von  Gegnern  der  modernen  geistigen  Frauenarbeit
vorgebracht  wird?  Wo  Rauch  ist,  muß  doch  wohl  auch
Feuer  sein?
Worauf  zu  erwidern  wäre:  „Sicherlich  ohne  Feuer  kein
Rauch;  aber  sehr  oft  hat  es  den  Anschein  von  Rauch,  wo
weder  Rauch  noch  Feuer  ist.“
Die  Tatsache,  daß  eine  Behauptung  oft  aufgestellt  oder
eine  Ansicht  verbreitet  ist,  bietet  noch  keinen  Wahrscheinlichkeitsgrund ­
  für  ihre  Wahrheit,  wohl  aber  zweifellos  einen
Grund  anzunehmen,  daß  der  Schein  besteht,  der  die  Behauptungwahr ­
  erscheinen  läßt,  und  der  sie  hervorruft.  Die
allgemeine  Vorstellung,  daß  die  Sonne  um  die  Erde  kreist,
war  nicht  nur  falsch,  sondern  die  Umkehrung  der  Wahrheit ­
  ;  zu  ihrer  Annahme  führte  bloß  der  falsche  Schein,  der
sie  suggerierte.
Wenn  wir  die  Behauptung,  daß  der  Eintritt  der  Frau  in
neue  Arbeitsfelder  mit  seinen  wahrscheinlichen  Folgen
größerer  Bewegungsfreiheit,  ökonomischer  Unabhängigkeit
und  höherer  Kultur  zu  einer  Trennung  der  Geschlechter
führen  würde,  näher  untersuchen,  so  wird  es  klar,  worin  der
irreleitende  Schein  liegt,  der  zu  dieser  Annahme  verführt.
Der  Eintritt  der  Frau  in  neue  Arbeitsgebiete  kann,  obwohl ­
  er  ,ihr  erhöhte  Freiheit  und  ökonomische  Unabhängigkeit ­
  bringt  und  Erweiterung  ihrer  Bildung  und  ihres  Wissens
        <pb n="153" />
        150

notwendig  macht,  nicht  die  natürlichen  physischen  Instinkte ­
  verlöschen,  die  die  Geschlechter  in  allen  Klassen
empfindender  Wesen  zueinanderziehen.  Und  noch  weniger ­
  kann  er  das  feinere  geistige  Bedürfnis  vernichten,  das
in  der  höher  entwickelten  Menschheit  die  Geschlechter  in
Gefühlsgemeinschaft  und  innigem  Verkehr  verbindet;  wohl
aber  kann  er  und  wird  er  unzweifelhaft  mächtig  auf  die
Beziehungen  bestimmter  Männer  zu  bestimmten  Frauen
Einfluß  üben  und  umwandelnd  wirken.
Während  die  Anziehung,  die  physische  und  geistige  der
Geschlechter  füreinander,  in  Umfang  und  Stärke  dieselbe
bleibt,  werden  die  Formen,  in  denen  sie  sich  ausdrückt,  und
vor  allem  die  relative  Macht  des  einzelnen,  über  die  Befriedigung ­
  von  Instinkten  und  Wünschen  zu  gebieten,  grundlegend ­
  verändert  und  in  manchen  Fällen  verkehrt  werden.
In  den  barbarischen  Gesellschaftsformen,  wo  die  physische ­
  Kraft  herrschte,  ist  es  der  stärkste  Mann  mit  den
stärksten  Muskeln  und  Fäusten,  den  rohesten  und  tierischsten ­
  Instinkten,  welcher  die  meisten  Frauen  erbeutet  und
besitzt,  und  ohne  Zweifel  wäre  er  berechtigt,  jede  soziale
Änderung,  welche  der  Frau  eine  größere  Freiheit  der  Wahl
gäbe  und  dadurch  dem  weniger  brutalen,  aber  vielleicht
klügeren  Mann,  den  die  Frau  wählt,  eine  gleiche  Gelegenheit ­
  für  die  Befriedigung  seiner  geschlechtlichen  Wünsche
und  für  die  Hervorbringung  einer  Nachkommenschaft
böte,  als  einen  entschiedenen  Verlust  zu  betrachten,  und
von  seinem  rein  persönlichen  Standpunkt  hätte  er  unzweifelhaft ­
  recht,  alles  zu  fürchten,  was  zur  Befreiung  der  Frau
führen  könnte.  Aber  er  wäre  offenbar  nicht  zu  der  Behauptung ­
  berechtigt,  die  größere  Wahlfreiheit  der  Frau  oder  die
Tatsache,  daß  andere  Männer  den  Vorteil,  mehrere  Weiber ­
  zu  haben,  teilen,  vermindere  irgendwie  die  Höhe  der
Sexualempfindungen  oder  die  Innigkeit  der  Beziehungen
zwischen  den  beiden  Hälften  der  Menschheit.  Er  selbst
würde  nicht  mehr  durch  rohe  Gewalt  so  viele  Frauen  be ­
        <pb n="154" />
        sitzen,  noch  eine  so  große  Auswahl  unter  den  neuen  Verhältnissen ­
  haben;  aber  was  er  verliert,  würden  andere  gewinnen, ­
  und  die  Intensität  des  Geschlechtsempfindens  und
die  Innigkeit  und  Leidenschaftlichkeit  der  Beziehungen
zwischen  den  Geschlechtern  würden  in  keiner  Weise  berührt. ­

In  unserer  zivilisierten  Gesellschaft,  wie  sie  heute  besteht,
hat  die  Frau  (vielleicht  oft  mehr  scheinbar  als  tatsächlich!)
eine  einigermaßen  größere  Freiheit  der  geschlechtlichen
Wahl,  sie  wird  nicht  mehr  durch  Muskelkraft  gewonnen;
aber  es  bestehen  noch  immer  Verhältnisse,  die,  ohne  jeden
Zusammenhang  mit  geschlechtlicher  Anziehung  und  Neigung, ­
  in  hohem  'Grade  die  Geschlechtsbeziehungen  beherrschen. ­

Nicht  der  Mann  mit  dem  starken  Arm,  aber  der  Mann  mit
dem  großen  Beutel  ist  es,  der  in  unverhältnismäßiger  und
künstlicher  Weise  heute  das  Geschlechtsleben  beherrscht.
Tatsächlich  ist  die  Frau,  wo  immer  in  der  modernen  Welt
sie  ganz  oder  teilweise  mit  ihrem  Unterhalt  auf  die  Ausübung ­
  ihrer  Geschlechtsfunktionen  angewiesen  ist,  mehr
oder  weniger  abhängig  von  der  Fähigkeit  des  Mannes,  sie
zu  erhalten,  und  insofern  ist  ihre  Freiheit  der  Wahl  ganz
eingeschränkt.  Gewiß  dreiviertel  aller  Geschlechtsverbindungen ­
  in  unserer  modernen  europäischen  Gesellschaft,  ob
sie  nun  illegale  oder  legale  Formen  tragen,  sind  von  der
Kaufkraft  des  Mannes  abhängig  oder  stark  beeinflußt.  In
bezug  auf  die  verbreitete  barbarische  Einrichtung  der  Prostitution, ­
  die  noch  immer  wie  ein  Krebsgeschwür  im  Innersten ­
  unserer  Zivilisation  eingebettet  liegt,  ist  das  eine  offenkundige, ­
  nackte  Tatsache;  die  Kaufkraft  des  Mannes
gegenüber  den  weiblichen  Geschöpfen  erscheint  mit  scheußlicher ­
  Aufdringlichkeit  als  ihre  Grundlage  und  Lebensquelle. ­
  Aber  die  Kaufkraft  des  Mannes  macht  sich  nicht
minder  peinlich,  wenn  auch  etwas  weniger  aufdringlich,  in
den  offener  liegenden  Gesellschaftsschichten  geltend.  Bei
        <pb n="155" />
        dem  schönen,  verblühten  jungen  Mädchen  der  wohlhabenden ­
  Klassen,  das  unter  Tränen  erzählt,  sie  müsse
auf  den  Mann,  den  sie  liebt,  verzichten,  weil  er  sie  mit  zweitausend ­
  Mark  im  Jahre  nicht  erhalten  kann,  wie  bei  dem
Vater,  der  an  den  Freier  seiner  Tochter  offen  die  Frage
stellt,  wieviel  er  ihr  zu  bieten  vermag,  ehe  er  seine  Einwilligung ­
  gibt,  ist  es  Tatsache,  daß  unter  den  bestehenden  Verhältnissen ­
  nicht  die  Geschlechtsanziehung,  Leidenschaft
oder  Neigung,  sondern  der  ganz  außerhalb  liegende  Faktor ­
  des  materiellen  Besitzes  des  Mannes  in  hohem  Maße
v
über  die  Geschlechtsverbindungen  entscheidet.  Der  faulenzende, ­
  unnütze  Dandy,  der  seine  Studien  nicht  zu  Ende
brachte,  der  weder  Männlichkeit  noch  persönlichen  Reiz
oder  Charakter,  wohl  aber  Reichtümer  besitzt,  hat  weit
mehr  Aussicht  auf  unbeschränkte  geschlechtliche  Befriedigung ­
  und  die  Lebensgemeinschaft  mit  dem  schönsten  Mädchen ­
  als  etwa  der  Hofmeister  ihres  Bruders,  der  alle  männlichen ­
  Tugenden,  äußeren  Vorzüge  und  geistigen  Gaben  besitzen ­
  mag.  Und  der  alte  Wüstling,  der  nichts  als  materielle
Güter  sein  eigen  nennt,  hat,  besonders  in  den  sogenannten
oberen  Klassen  unserer  Gesellschaft,  weit  größere  Aussicht, ­
  die  geschlechtliche  Gemeinschaft  mit  jeder  Frau,  die
er  als  Frau,  Maitresse  oder  Prostituierte  wünscht,  zu  erreichen, ­
  als  der  physisch  reizvollste  und  geistig  hochstehendste
Mann,  der  der  abhängigen  Frau  nichts  als  Liebe  und  Geschlechtsgemeinschaft ­
  zu  bieten  hat.
Für  jenen  Mann,  wo  immer  in  unserer  Gesellschaft  er
sich  findet,  der  bei  Eingehung  einer  erwünschten  Geschlechtsverbindung ­
  nicht  auf  die  Kraft,  persönlich  Neigung ­
  zu  gewinnen  und  zu  bewahren,  sondern  auf  die  Kaufkraft ­
  seines  Besitzes  gegenüber  der  Besitzlosigkeit  der
Frauen  seiner  Gesellschaft  angewiesen  ist,  würde  bei  einer
sozialen  Wandlung,  die  der  Frau  eine  größere  ökonomische
Unabhängigkeit  und  damit  größere  Freiheit  der  geschlechtlichen ­
  Wahl  gibt,  der  persönliche  Verlust  ein  ernster  und

152
        <pb n="156" />
        sofort  fühlbarer  sein.  Für  den  jungen  Gecken  einer  gewissen ­
  Type,  der  im  Theater  in  der  vordersten  Reihe  des  Parketts ­
  mit  vorgestrecktem  Kopf  und  hängender  Kinnlade
.  nach  den  unglücklichen  Frauenzimmern  blinzelt,  die  für
Geld  tanzen,  ist  es  nicht  eine  eingebildete  Gefahr,  die  er
heraufkommen  fühlt,  wenn  er  seine  tiefe  Mißbilligung  hervorstammelt ­
  gegenüber  jeder  Erweiterung  des  Wissens
und  der  Freiheit  der  Frau,  sich  Mittel  zum  Unterhalt  auf
geistigen  Gebieten  zu  holen,  und  wenn  er  seine  entschiedene ­
  Vorliebe  für  das  ungebildete  Balletmädel  gegenüber
allen  gebildeten  und  produktiv  arbeitenden  Frauen  der
Welt  ausdrückt.  Ein  feiner  und  tiefer  Instinkt  raunt  ihm
zu,  daß  mit  höherer  Intelligenz  und  ökonomischer  Unabhängigkeit ­
  der  Frau,  er  und  seinesgleichen  schließlich
keine  geschlechtliche  Gemeinschaft  mehr  finden,  sondern
als  nicht  begehrenswerte  männliche  alte  Jungfern  der
Menschheit  sitzen  bleiben  werden.  Andererseits  ist  es  unzweifelhaft ­
  eine  gewisse  Gruppe  von  Frauen,  die  bei  dem
allgemeinen  Fortschreiten  ihres  Geschlechtes  zu  freier  Arbeit ­
  und  ökonomischer  Selbständigkeit  viel  verlieren  würde
oder  zu  verlieren  glaubt.  Die  Frauen,  die  wissentlich  oder
ihrer  Natur  nach  jener  parasitischen  Klasse  angehören,  die
weder  Verstandes-  noch  Körperkräfte  genug  besitzen,  um
irgendeine  Form  produktiver  Arbeit  zu  leisten  und  allein
von  der  passiven  Erfüllung  ihrer  Geschlechtsfunktionen  abhängig ­
  zu  bleiben  wünschen,  werden  unzweifelhaft  sowohl
als  Prostituierte  wie  als  Ehefrauen  einen  schweren  Verlust
erleiden  bei  der  Umwandlung,  die  von  der  Frau  höhere
Kenntnisse  und  Tätigkeit  fordert.  *
Und  wirklich  sind  es  gerade  diese  beiden  Klassen  von
Personen,  von  denen  der  Einwand  ausgeht,  der  Eintritt  der

*  Sie  werden  in  doppelter  Hinsicht  verlieren:  durch  die  soziale  Mißachtung,
die  mit  der  Verallgemeinerung  der  neuen  Verhältnisse  auf  ihnen  lasten
w ird,  und  noch  mehr  durch  die  Konkurrenz  der  entwickelteren  Frauenarten. ­
  Sie  werden  tatsächlich  aussterben.
        <pb n="157" />
        .

1 54

Frauen  in  neue  Arbeitsgebiete  und  ihre  größere  Freiheit
und  Intelligenz  werde  die  Beziehungen  der  Geschlechter  erschüttern, ­
  und  während  sie  von  ihrem  rein  persönlichen
Standpunkt  aus  unzweifelhaft  im  Rechte  sind,  haben  sie  in
bezug  auf  die  Menschheit  als  Ganzes  entschieden  unrecht.
Der  Verlust  eines  kleinen  ungesunden  Teiles  wäre  ein  Gewinn ­
  für  die  Menschheit  als  Ganzes.
Für  den  männlichen  Wollüstling  von  schwachem  Intellekt
und  reizloser  Persönlichkeit,  der  bei  Befriedigung  seiner
Geschlechtsinstinkte  sowohl  bei  dem  schreiend  barbarischen ­
  geschlechtlichen  Handel  außerhalb  der  Ehe,  wie  bei
dem  nicht  minder  barbarischen,  nur  etwas  verschleierteren
Handel  innerhalb  derselben  nicht  auf  seine  Fähigkeit,  die
Neigung  und  Bewunderung  der  Frau  zu  gewinnen,  sondern
nur  auf  ihre  Käuflichkeit  rechnen  kann,  —  für  den  bedeutet
der  Zutritt  der  Frauen  zu  den  neuen  Arbeitsgebieten,  ihre
höhere  Bildung  und  ökonomische  Unabhängigkeit  fast  so
viel  wie  sozialer  Untergang.  Für  jene  Männer  aber,  die
selbst  heute  die  Mehrheit  in  unserer  Gesellschaft  bilden
und  die  mehr  die  Liebe  und  Kameradschaft  der  Frau  als
ihren  bloßen  Besitz  wünschen,  für  die  Männer,  deren  körperliche ­
  und  geistige  Eigenschaften  und  Gaben  geeignet
sind,  abgesehen  von  allen  materiellen  Vorteilen,  die  Neigung ­
  der  Frau  auch  bei  voller  Wahlfreiheit  zu  erwecken,
für  diese  wird  der  Gewinn  ein  entsprechend  großer  sein.
In  einer  Gesellschaft,  in  der  die  Mehrheit  der  Frauen  frei
an  allen  Gebieten  moderner  Arbeit  teilnimmt,  für  ihre  Arbeit ­
  vollwertig  entlohnt  wird  und  sich  dadurch  so  weit
selbst  erhalten  kann,  daß  sie  es  nicht  mehr  nötig  hat,  sich
durch  Heirat  oder  in  einer  andern  Form  als  Geschlechtswesen ­
  zu  verkaufen,  wird  damit  nicht  eine  Verringerung
der  Zahl  dauernder  Geschlechtsverbindungen  herbeigeführt, ­
  sondern  vielmehr  eines  der  schwersten  Hindernisse
derselben  beseitigt  werden.  Ein  allgemein  anerkannter
Mangel  unserer  sozialen  Verhältnisse  ist  die  wachsende
        <pb n="158" />
        Schwierigkeit  für  einen  gewissenhaften  Mann,  eine  Ehe
einzugehen  und  eine  Familie  zu  gründen,  wenn  beschränkte
Einkünfte  im  Falle  seines  Todes  oder  seiner  Arbeitsunfähigkeit ­
  Frau  und  Kinder  hilflos  dem  reißenden  Strom  unseres ­
  wirtschaftlichen  Lebens  aussetzen.  Wenn  man  aber
annehmen  kann,  daß  die  Frau,  im  Falle  der  Mann  dazu  unfähig ­
  ist  oder  stirbt,  seine  Stelle  als  Familienerhalter  einnehmen ­
  kann,  würden  tausend  wertvolle  Ehen,  die  jetzt
nicht  zustande  kommen  können,  eingegangen  werden,  und
das  ernstliche  soziale  Übel,  daß  der  gewissenlose  Egoist
ruhig  heiratet  und  eine  große  Familie  zeugt,  der  gewissenhafte ­
  und  vorsichtige  es  aber  oft  nicht  wagt,  wird  behoben
sein.  Zum  ersten  Male  in  der  Weltgeschichte  würde  die
Prostitution  —  dieser  Ausdruck  in  seinem  weitesten  Sinn
für  jede  Form  erzwungenen  geschlechtlichen  Verkehrs  gebraucht, ­
  der  sich  nicht  auf  freiwillige  Neigung  der  Frau,
sondern  auf  die  Notwendigkeit,  materielle  Güter  für  die  Ausübung ­
  ihrer  Geschlechtsfunktionen  anzunehmen,  gründet
—  erlöschen  und  die  Beziehungen  zwischen  Mann  und  Frau
eine  Gemeinschaft  zwischen  freien,  gleichberechtigten  Menschen ­
  werden.  Weit  entfernt  davon,  die  Geschlechtsliebe
zwischen  Mann  und  Frau  zu  zerstören,  würde  die  ökonomische ­
  Freiheit  und  soziale  Unabhängigkeit  der  Frau  dieselbe ­
  zum  ersten  Male  völlig  befreien.  Das  Element  körperlicher ­
  Kraft  Und  Gewalt,  das  die  primitivsten  Formen
der  Geschlechtsverbindung  beherrschte,  das  noch  entwürdigendere ­
  Element  der  Verführung  und  des  Kaufs  um
Reichtum  und  materielle  Güter,  wie  sie  der  Frau  in  unserer
modernen  Gesellschaft  geboten  werden,  wird  dann  dem  ungefesselten
  Wirken  der  Anziehung  und  Zuneigung  der  Geschlechter ­
  den  Platz  räumen,  und  die  Geschlechtsliebe  wird
nach  langer  Wanderung  durch  die  Wüste  wieder  das  Königszepter ­
  ergreifen.
Aber  abgesehen  von  den  beiden  Klassen  von  Personen,
deren  Einwendungen  gegen  den  Zutritt  der  Frauen  zu
        <pb n="159" />
        neuen  Arbeitsgebieten  mehr  oder  weniger  instinktiv  auf  der
Furcht  vor  persönlichem  Verlust  basiert,  gibt  es  zweifellos
auch  eine  'kleine,  wenn  auch  sehr  kleine  Gruppe  aufrichtiger ­
  Menschen,  deren  Angst,  die  Freiheit  der  Frau  könnte
zu  einer  Trennung  der  Geschlechter  führen,  auf  abstrakteren, ­
  unpersönlicheren  Gründen  ruht.
Es  ist  nicht  ganz  leicht,  durch  genaue  Prüfung  einer  Anschauung ­
  gerecht  zu  werden,  die  sich  meist  in  etwas  nebulöser ­
  und  unklarer  Weise  ausspricht;  aber  wir  glauben  dieselbe ­
  nicht  mißzuverstehen,  wenn  wir  sagen,  daß  es  eine
Klasse  ganz  ehrlicher  .und  sogar  ziemlich  gescheidter  Leute
gibt,  die  ungefähr  folgendes  meinen:  Der  Eintritt  der
Frauen  in  neue  Arbeitsgebiete  erfordert  soviel  Verstandesbildung ­
  und  eine  derartige  geistige  und  körperliche  Entwicklung ­
  der  Frau,  daß  sie  sich  schließlich  zu  einem  so
viel  höher  stehenden  Wesen  als  der  Mann  und  zu  einem  so
weit  von  ihm  verschiedenen  entwickeln  wird,  daß  das
Band  der  Sympathie  zwischen  den  Geschlechtern  dadurch
zerstört  werden  muß  und  durch  die  Ungleichheit  der  Mann
aufhören  wird,  Gegenstand  der  Liebe  und  Anziehung  für
die  Frau  und  die  Frau  für  den  Mann  zu  sein.  In  der  Zukunft, ­
  wie  sie  diesen  Leuten  mehr  oder  weniger  vorschwebt,
würden  die  Männer  genau  so  wie  sie  heute  sind  geblieben,
die  Frauen  aber  zu  ungeahnten  Höhen  der  Bildung  und
Intelligenz  vorgeschritten  sein,  so  etwa,  daß  der  Handwerker, ­
  der  kleine  Beamte  oder  Farmer  dem  weiblichen
Astronomen  oder  Philologen  von  außerordentlichem  Wissen ­
  und  Genie  als  einzig  mögliche  Geschlechtsgefährten
gegenüberstünden,  und  diese  Vision  erweckt  natürlich  bei
diesen  guten  Leuten  einige  Zweifel  daran,  daß  zwei  so  ungleiche ­
  Teile  der  Menschheit  zueinander  passen  und  füreinander ­
  Sympathie  empfinden  könnten.
Wären  die  beiden  Geschlechter  ganz  verschiedene  Spezies, ­
  die,  nachdem  sie  auseinandergehende  Bahnen  der  Entwicklung ­
  eingeschlagen,  sich  jn  dieser  Richtung  durch  un ­
        <pb n="160" />
        157

gezählte  oder  selbst  nur  einige  Generationen  hindurch  weiter ­
  entwickeln  könnten,  ohne  durch  Vererbung  eines  auf
das  andere  rückzuwirken,  so  müßte  es  ohne  weiteres  zugegeben ­
  werden,  daß  eine  solche  Entwicklung  schließlich  zu
einer  Trennung  führen  müßte.
Die  Entwicklung  bestimmter  Zweige  der  Menschheit  hat
bereits  zu  solch  einer  Trennung  von  Rassen  und  Klassen,
die  sich  in  total  verschiedenen  Entwicklungsstadien  befinden, ­
  geführt.  Die  Kluft  zwischen  ihnen  ist  eine  so  weite,
daß  selbst  die  niedersten  Formen  der  Geschlechtsanziehung ­
  sie  kaum  überschreiten  und  die  höheren  Arten  geistigen ­
  und  seelischen  Geschlechtsempfindens  sie  unmöglich
überbrücken  können.  In  der  Welt  des  Geschlechtslebens
sucht  Gleiches  nach  Gleichem,  und  eine  zu  große  Ungleichheit ­
  schließt  die  hohem  Formen  des  Geschlechtsempfindens ­
  und  oft  selbst  die  niedern  rein  tierischen  aus.
Könnte  man  eine  Anzahl  höchst  entwickelter  Frauen  —
George  Sands,  Sophia  Kowalewskas,  oder  selbst  nur  mittelmäßig ­
  gebildeter  Frauen  einer  hochentwickelten  Rasse  —
auf  einer  Insel  aussetzen,  auf  der  keine  andern  Männer  als
Feuerländer  leben,  die  mit  ihren  vorstehenden  Kiefern  und
verfitztem  Haar  sie  unter  wildem  Geschrei  und  mit  Keulenschlägen ­
  empfingen,  so  würden  die  Frauen  ihnen  gegenüber ­
  solches  Grauen  empfinden,  daß  nicht  nur  das  Geschlecht ­
  sich  nicht  fortpflanzen  könnte,  sondern  sie  alle  den
Tod  einer  geschlechtlichen  Annäherung  vorziehen  würden.
Nicht  viel  weniger  ausgesprochen  wäre  die  geschlechtliche
Scheidung,  wenn  wir  uns  an  Stelle  der  gebildeten  entwikkelten
  Frauen  Männer  derselben  Entwicklungsstufe  den
tiefstehendsten  Arten  von  Weibern  gegenübergestellt  denken. ­
  Ein  Darwin,  ein  Schiller,  ein  Keats,  obwohl  lauter
Männer,  die  des  stärksten  Geschlechtsempfindens  und  der
dauerndsten  Geschlechtsliebe  fähig  waren,  würden  wahrscheinlich ­
  kein  anderes  Gefühl  als  Grauen  gegenübereinem
Kreis  von  Buschmänninnen  empfinden,  die  mit  fettigen
        <pb n="161" />
        Leibern  und  funkelnden  Augen  die  rohen  Eingeweide  eines
erschlagenen  Tieres  verschlingen.
Aber  selbst  abgesehen  von  solchen  Extremen,  führt  die
bloße  Verschiedenheit  der  Bildung  und  geistigen  Gewohnheiten, ­
  welche  Individuen  derselben  Rasse,  aber  verschiedener ­
  Klassen  trennt,  leicht  zum  Ausschluß  wenigstens  der
höheren  und  dauernderen  Formen  der  Geschlechtsempfindungen. ­
  Der  hochkultivierte  moderne  Städter  mag  wohl  in
vorübergehende,  zeitweilige  physische  Verbindung  mit  einer
ungebildeten  Bäuerin  oder  Straßendirne  treten;  aber  selten
wird  in  solch  einem  Fall  die  Tiefe  der  Empfindung  und
Sympathie  erwachen,  die  zum  Genuß  der  engen  Vereinigung ­
  ehelichen  Lebens  nötig  ist,  und  es  ist  zweifelhaft,  ob
die  höchsten,  dauerhaftesten  und  innigsten  Formen  der  Geschlechtsneigung ­
  je  zwischen  andern  Menschen  bestehen
können  als  solchen,  die  sich  in  Geschmack,  Gewohnheiten
und  Denken,  in  ihrer  moralischen  und  physischen  Entwicklung ­
  in  hohem  Grade  ähnlich  sind.*  Wenn  es  möglich
wäre,  daß  der  Eintritt  der  Frau  in  neue  Arbeitsgebiete  eine
stärkere  Divergenz  ihrer  Ideale,  ihrer  Bildung  und  ihres
Geschmackes  von  denen  des  Mannes  zur  Folge  hätte,  so
würde  damit  gewiß  jeder,  der  eine  solche  Bewegung  fördert, ­
  eine  schwere  Verantwortung  auf  sich  laden.  Aber
auch  nur  das  oberflächlichste  Studium  des  Lebens  und  der
Geschlechtsbeziehungen  widerlegt  eine  solche  Annahme.
Die  beiden  Geschlechter  sind  keine  verschiedenen  Spezies, ­
  sondern  zwei  Hälften  derselben  und  wirken  stets  aufeinander ­
  durch  Vererbung  ein  und  zurück,  vermischen
sich  miteinander  und  pflanzen  einander  fort  in  jeder  Generation. ­

Die  Frau  ist  in  zwei  Beziehungen  organisch  mit  dem
Mann  ihrer  Gesellschaft  verbunden:  er  ist  ihr  Gefährte  und
*  Wie  schon  an  anderer  Stelle  bemerkt,  scheint  in  Griechenland  in  einer
bestimmten  Periode  der  Mann  der  Frau  so  weit  vorgeschritten  gewesen
iu  sein,  daß  die  Verschiedenheit  zwischen  ihnen  fast  unermeßlich  war;
aber  rasch  sank  der  Mann  wieder  auf  das  Niveau  der  Frau  hinab.

I58
        <pb n="162" />
        159

mit  ihr  der  gemeinsame  Ahne  des  Geschlechtes;  aber  sie
ist  auch  Mutter  der  Männer  jeder  kommenden  Generation,
und  ihre  Persönlichkeit  überträgt  sich  und  prägt  sich  ihnen
auf.  Die  Männer  und  Frauen  jeder  menschlichen  Gesellschaft ­
  sind  gleich  den  Rindern,  die  in  dasselbe  Joch  gespannt ­
  sind:  für  einen  Moment  mag  das  eine  ein  wenig
vorangehen  und  das  andere  stehen  bleiben,  aber  sie  können
nie  sich  weiter  voneinander  entfernen  als  das  Joch,  das  sie
verbindet,  lang  ist,  und  schließlich  müssen  sie  zusammen
Stillstehen  oder  zusammen  vorwärtsgehen.  Was  die  Frauen
einer  Generation  heute  geistig  oder  physisch  sind,  das  zu
werden,  neigen  die  Männer  der  nächsten  durch  Vererbung
und  Erziehung;  es  gibt  keine  Veränderung  und  Bewegung
des  einen  Geschlechtes,  die  nicht  sofort  den  ausgleichenden ­
  Effekt  auf  das  andere  üben  würde;  die  Männer  von
morgen  werden  in  die  Form  der  Frauen  von  heute  gegossen. ­
  Wenn  neue  Ideale,  neue  ethische  Begriffe,  neue
Arten  der  Tätigkeit  die  Gemüter  einer  Frauengeneration
durchdringen,  so  werden  sie  in  den  Idealen,  ethischen  Anschauungen ­
  und  der  Tätigkeit  der  dreißig  Jahre  später  lebenden ­
  Männer  wieder  erscheinen,  und  die  Idee,  daß  die
Männer  einer  Gesellschaft  je  dauernd  weiter  hinter  ihren
Frauen  zurückstehen  können,  als  der  einzelne  Mann  hinter
seiner  Mutter,  die  ihn  geboren  und  erzogen,  ist  in  Widerspruch ­
  mit  allen  Gesetzen  der  Vererbung.
Wenn  wir  uns  aber  von  der  abstrakten  Betrachtung  dieser
Annahme  hinwegwenden  und  Mann  und  Frau  in  der  Wirklichkeit ­
  dieser  modernen  Welt  prüfen,  so  wird  die  Unvernunft ­
  der  Voraussetzung  noch  greifbarer.
Nicht  nur  ist  die  Frauenbewegung  unserer  Zeit  nicht  ein
sporadisches  abnormes  Gewächs,  ein  Krebsgeschwür  ohne
organischen  Zusammenhang  mit  dem  übrigen  sozialen  Organismus, ­
  sondern  sie  ist  ihrem  Wesen  nach  nur  eine  wichtige ­
  Phase  einer  allgemeinen  Umwandlung,  der  das  ganze
moderne  Leben  ausgesetzt  ist.  Jedes  nähere,  sorgfältigere
        <pb n="163" />
        Studium  der  Frage  wird  beweisen,  daß  es  sich  von  Seite
der  Frau  nicht  um  eine  Bewegung  handelt,  die  zu  einer
Scheidung  und  Trennung  der  Geschlechter  führt,  sondern
daß  es  vielmehr  eine  Bewegung  ist,  die  ihrem  ganzenWesen
  nach  die  Frau  dem  Manne  nähert,  die
Geschlechter  einander  enger  verbindet.
Viel  wird  heute  von  der  „neuen  Frau“  gesprochen  (die,
wie  wir  darlegten,  im  wesentlichen  die  alte  nicht  parasitische ­
  Frau  der  Vergangenheit  ist  und  nur  daran  geht,  die
neue  Tracht  des  zwanzigsten  Jahrhunderts  anzulegen),  und
sie  kann  sich  wahrlich  nicht  darüber  beklagen,  zu  wenig
beachtet  zu  werden.  Von  allen  Seiten  wird  sie  beobachtet,
gepriesen,  verurteilt,  verfälscht  und  mißverstanden,  lächerlich ­
  gemacht  oder  vergöttert  —  aber  nirgendwo  wird  ihre
Existenz  übersehen.
Doch  es  besteht  heute  noch  ein  anderes  soziales  Phänomen, ­
  das  ganz  ebenso  wichtig,  ebenso  durchgreifend  und
in  seinen  Wirkungen  auf  Gegenwart  und  Zukunft  womöglich ­
  noch  weitreichender  ist,  aber  obgleich  es  sich  allerwärts
  fühlbar  macht,  nur  wenig  bewußte  Aufmerksamkeit
oder  Kritik  erfährt.  Im  Schatten  eines  Baumes  sitzen  die
Leute  oft  jahraus,  jahrein  ohne  zu  merken,  wie  mit  dem
Wachsen  des  Baumes  der  Schatten  breiter  und  breiter
wird.
Seite  an  Seite  mit  der  „neuen  Frau“,  übereinstimmend
mit  ihr  wie  die  zwei  Seiten  einer  Münze,  die  in  einer  Form
gegossen,  wohl  oberflächlich  voneinander  abweichen,  aber
vom  selben  Metall,  derselben  Größe  und  demselben  Wert
sind;  alt,  wie  sie  alt  ist,  in  dem  Sinne  einer  Wiedergeburt
alter  Daseinsformen  seiner  Rasse  unter  dem  Druck  neuer
Bedingungen;  neu,  wie  sie  neu  ist,  in  dem  Sinn  einer  Anpassung ­
  an  materielle  und  soziale  Verhältnisse,  die  kein  genaues ­
  Widerspiel  in  der  Vergangenheit  haben;  weit  verschiedener ­
  von  seinen  immittelbaren  Vorgängern  als  selbst
die  Frau  von  den  ihren,  Seite  an  Seite  mit  ihr  in  jeder
f6o
        <pb n="164" />
        Gesellschaft  und  jeder  Klasse,  in  der  die  „neue  Frau“  exitiert,
  steht  heute  —  der  „neue  Mann“.
Und  fragt  man  nun,  wenn  der  Mann  unter  dem  Druck
der  Verhältnisse  die  gleiche  Umwandlung  durchmacht:
Wieso  kommt  es,  daß  sie  bei  der  Frau  die  allgemeine  Aufmerksamkeit ­
  auf  sich  zieht,  bei  den  Männern  aber  fast  unbemerkt ­
  bleibt  ?  —  so  liegt  die  Erklärung  darin,  daß  dank
der  geringen  Handlungsfreiheit  der  Frau  in  der  Vergangenheit ­
  jeder  Versuch  einer  Anpassung  von  ihrer  Seite  auf
großen  Widerstand  stößt,  und  der  Lärm  und  die  Reibung
des  Widerstandes  sind  es,  mehr  als  die  tatsächliche  Größe
der  Veränderung,  die  die  Aufmerksamkeit  auf  sich  ziehen.
Wie  ein  Bergstrom,  der  nach  langem  Winterfrost  das  Eis
bricht  und  unter  Lärmen  und  Rauschen  alle  Hindernisse,
die  sich  in  seinem  Bett  angesammelt  haben,  hinwegschwemmt, ­
  die  Aufmerksamkeit  aller  auf  sich  zieht,  während ­
  später  das  viel  größere  Wasser,  das  still  seinen  Weg
geht,  von  niemand  beachtet  wird.  (Eine  interessante  praktische ­
  Illustration  dieser  Tatsache  ist  die  große  Aufregung,
die  es  hervorrief,  als  vor  einigen  dreißig  Jahren  die  ersten
drei  Frauen  in  England  Medizin  zu  studieren  anfingen.
Heute  studieren  jährlich  Hunderte  von  Frauen,  ohne  im
geringsten  allgemeines  Interesse  zu  erwecken;  die  Wandlung, ­
  die  vor  sich  geht,  ist  eine  weit  größere  an  Umfang
und  sozialer  Bedeutung,  aber  nachdem  die  ersten  Hindernisse ­
  beseitigt  sind,  macht  sie  kein  Aufsehen  mehr.)
Es  besteht  keine  größere  Kluft,  vielleicht  nicht  einmal
eine  so  große  zwischen  den  Frauen  der  vergangenen  Generation ­
  und  der  typischsten  modernen  Frau,  als  die  zwischen ­
  den  Männern  jener  Zeit  und  dem  Typus  eines  ganz
modernen  Mannes.
Uie  sexuellen  und  sozialen  Ideale,  welche  der  jagende,
trinkende,  spielende,  ein  lockeres  Leben  führende  Landedelmann ­
  oder  der  Geistliche,  Rechtsanwalt  und  Politiker
hegte,  der  an  der  Spitze  der  Gesellschaft  seiner  Zeit  stand,
161

II  Sehreiner,  Die  Frau
        <pb n="165" />
        162

sind  mindestens  ebenso  weit  von  den  Idealen  Tausender,
heute  ähnliche  Stellungen  einnehmender  Männer  entfernt,
als  es  die  Ideale  unserer  Ururgroßmütter  von  denen  der
modernsten  „neuen  Frau“.
Das,  was  sich  vor  allem  auf  drängt,  als  Resultat  gründlichen ­
  persönlichen  Studiums  jener  Teile  der  modernen
europäischen  Gesellschaft,  in  denen  die  Umwandlung  und
Anpassung  am  raschesten  fortschreitet,  ist,  daß  nicht  bloß
gleich  große  Gruppen  von  Männern  und  Frauen  ihre
sexuellen  und  sozialen  Ideale  und  ihre  Lebensweise  rapid
abändern,  sondern  daß  diese  Veränderung  ausgesprochen
komplementär  ist.
Wenn  das  Ideal  der  modernen  Frau  immer  unvereinbarer
wird  mit  der  passiven  Abhängigkeit  von  der  Entlohnung
ihrer  sexuellen  Qualitäten  durch  den  Mann,  wenn  in  der  Ehe
für  sie  immer  mehr  die  Gemeinschaft  gleicher  Gefährten
an  die  Stelle  des  Verhältnisses  zwischen  Eigentümer  und
Eigentum,  Erhalter  und  Erhaltener  tritt,  so  weicht  das
Ideal  des  typischen  modernen  Mannes  ganz  ebenso  stark
von  dem  seiner  Vorväter  dahin  ab,  in  der  Frau  eine  tätige
Gefährtin  und  Mitarbeiterin  statt  einer  passiven  Untergebenen ­
  zu  suchen.  Wenn  die  Vorstellung  der  modernen
Frau  in  bezug  auf  Elternschaft  sich  von  der  alten  Vorstellung ­
  durch  das  stärkere  Bewußtsein  des  Ernstes  und  der
Verpflichtung  unterscheidet,  die  auf  jedem  ruht,  der  für  die
Hervorbringung  eines  Geschöpfes  verantwortlich  ist,  und
dadurch  ihre  Auffassung  der  Fortpflanzung  sehr  von  der
sorglosen,  gedankenlosen  Mutterschaft  der  Frau  der  Vergangenheit ­
  abweicht,  so  wird  der  typische  moderne  Mann
mindestens  in  demselben  Grade  die  soziale  und  moralische
Verpflichtung  fühlen,  die  die  Zeugung  eines  Menschen
lebens  mit  sich  bringt.  Wenn  das  Ideal,  das  sich  die  neue
Frau  von  ihrem  männlichen  Gefährten  bildet,  den  rohen,
saufenden,  fluchenden,  ausschweifenden,  wenn  auch  reic^
begüterten  Gatten  der  Vergangenheit  ausschließt,  so  w
        <pb n="166" />
        der  moderne  Mann  von  dem  Ideal  seines  Geschlechts  ebenfalls ­
  diese  Type  ausschließen.  Wohl  bestehen  Wettrennen,
Spieltisch,  Bordell  und  ausschweifende  Gewohnheiten  noch
unter  unseren  Männern,  aber  ein  selbst  oberflächliches  Studium ­
  unserer  Gesellschaft  zeigt,  daß  diese  Einrichtungen
und  Sitten  jetzt  einen  andern  Rang  einnehmen.  Der  Politiker, ­
  Geistliche  oder  Jurist  wird  seine  öffentliche  und  soziale
Stellung  durch  starke  Neigungen  in  diesen  Richtungen
nicht  verbessern;  seine  Genossen  unter  den  Tisch  trinken,
notorisch  die  größte  Zahl  illegitimer  Verhältnisse  zu  besitzen, ­
  als  ein  Stammgast  der  Spielsalons  zu  gelten,  erhöht
selbst  nicht  einmal  mehr  den  Ruf  gekrönter  Häupter  und
erweist  sich  beim  gewöhnlichen  Mann  als  Hindernis  des
Erfolges.  Wenn  die  Vorstellung  der  Liebe  zwischen  den
Geschlechtern  bei  der  neuen  Frau  eine  mehr  seelische
und  geistige  als  rohe  und  rein  physische  ist,  so  gelangt
in  der  von  typischen  modernen  Männern  geschaffenen
typischsten  Literatur  und  Kunst  dasselbe  neue  Ideal
mit  einer  von  keiner  Frau  übertroffenen  Kraft  zum  Ausdruck. ­

Wenn  der  modernen  Frau  die  Lebensgemeinschaft  mit
einem  fluchenden  und  saufenden  Landedelmann  unerträglicher ­
  wäre  als  der  Tod  oder  vollständiges  Zölibat,  so  würde
der  moderne  denkende  Mann  nicht  minder  vor  der  Aussicht, ­
  sein  Leben  lang  an  ein  fortwährend  in  Ohnmacht  fallendes, ­
  weinendes  und  schmachtendes  Frauenzimmer  gefesselt ­
  zu  sein,  zurückschrecken.
Wenn  irgendwo  auf  Erden  das  vollendete  Wesen,  das  die
moderne  Frau  sein  möchte,  —  die  arbeitende,  reife,  freie,
starke,  furchtlose  und  gütige  Frau  —  existiert,  so  ist  es  im
Herzen  des  neuen  Mannes,  gezeugt  von  seinem  eigenen
höchsten  Bedürfnis  und  Streben;  und  der  höchst  entwickelte ­
  moderne  Mann  wird  sein  Idealbild  voll  entwickelter
Mannheit  nirgend  eher  finden  als  in  dem  Mannesideal,  das
im  Herzen  der  neuen  Frau  lebt.
        <pb n="167" />
        Wer  in  der  Frauenbewegung  unserer  Tage  eine  geistige
Bewegung  der  Frau  gegen  den  Mann  oder  weg  vom  Manne
erblickt,  hat  manche  von  den  wichtigsten  Erscheinungen  in
unserer  modernen  Welt  übersehen.
Wii  nannten  die  Frauenbewegung  unserer  Zeit  das  Streben ­
  von  seiten  der  Frau  zivilisierter  Völker,  neue  Arbeitsformen ­
  anstatt  der  alten  ihr  entschwindenden  zu  finden,
einen  Versuch,  dem  Parasitismus  und  der  untätigen  völligen ­
  Abhängigkeit  von  ihren  Geschlechtsfunktionen  zu  entgehen. ­
  Aber  von  einer  andern  Seite  betrachtet,  könnte
man  die  Frauenbewegung  mit  ebensoviel  Recht  einen  Teil
der  großen  Bewegung  nennen,  welche  die  Geschlechter  zueinander ­
  führt,  ein  Streben  nach  gemeinsamer  Tätigkeit,
gemeinsamen  Interessen,  gemeinsamen  Idealen  und  nach
einer  tiefer  gegründeten  und  unzerstörbareren  Gefühlsübereinstimmung ­
  zwischen  den  Geschlechtern,  als  die  Welt  sie
je  gesehen.
Hingegen  wird,  und  nicht  ohne  tiefe,  zugrundeliegende
Wahrheit,  eingewendet  werden:  Wie  kommt  es,  daß  bei
einer  solch  nahen  Berührung  der  Linien,  innerhalb  deren
sich  die  fortgeschrittenen  Männer  und  Frauen  entwickeln,
doch  in  unserer  modernen  Gesellschaft  und  oft  gerade  in
jenen  typisch  fortgeschrittensten  Klassen  heute  so  viel  Unrast, ­
  Disharmonie  und  sexuelle  Not  besteht?
Die  Antwort  auf  diesen  treffenden  Einwand  ist,  daß  diese
Disharmonien,  dieses  Ringen  und  die  daraus  folgenden
Leiden,  welche  unzweifelhaft  innerhalb  der  Welt  der  Geschlechtsbeziehungen ­
  und  -ideale  unserer  Zeit  bestehen,
nicht  einer  Disharmonie  der  Geschlechter  als  solche  entspringen, ­
  sondern  ein  Teil  der  allgemeinen  Umwälzung
sind,  der  Konflikte  zwischen  alten  und  neuen  Idealen,  ein
Ringen,  welches  auf  allen  Lebensgebieten  in  der  modernen
Gesellschaft  vorherrscht  und  in  welchem  der  entscheidende
Faktor  nicht  das  Geschlecht,  sondern  der  Entwicklungsgrad ­
  ist,  den  die  Rasse  oder  das  Individuum  erreicht  hat.

164
        <pb n="168" />
        Es  kann  nicht  zu  oft  gesagt  werden,  selbst  auf  die  Gefahr
ermüdender  Wiederholungen  hin,  daß  unsere  Gesellschaft
sich  im  Stadium  rapider  Entwicklung  und  Umwandlung
befindet.  Die  sich  fortwährend  wandelnden  materiellen
Lebensbedingungen  mit  ihrer  Reaktion  auf  das  Denken
und  Fühlen  in  allen  menschlichen  Angelegenheiten  macht
unsere  Gesellschaft  zu  der  kompliziertesten  und  vielleicht
bewegtesten  und  unsichersten,  die  je  dagewesen.  Als  Folge
dieser  Wandlungen  und  Verwicklungen  muß  fortwährend
ein  hoher  Grad  von  Disharmonie  und  folglich  von  Leid
entstehen.
In  einer  stationären  Gesellschaft,  in  der  eine  Generation
der  andern  durch  Jahrhunderte,  ja  vielleicht  durch  Jahrtausende ­
  unter  geringen  oder  gar  keinen  Veränderungen
der  materiellen  Verhältnisse  folgt,  haben  sich  die  Ansprüche, ­
  Institutionen  und  moralischen  Grundsätze  der
Menschen,  ihre  religiösen,  politischen,  häuslichen  und
sexuellen  Einrichtungen  nach  und  nach  in  Einklang  mit  den
Verhältnissen  gestaltet,  und  eine  gewisse  Harmonie,  Gleichartigkeit ­
  und  Ruhe  herrscht  in  der  Gesellschaft.
In  Zeiten  von  solch  raschem  Wechsel  der  Zustände  wie  in
unserer  modernen  Gesellschaft,  wo  nicht  bloß  jedes  Jahrzehnt, ­
  sondern  jedes  Jahr  und  fast  jeder  Tag  neue  Kräfte
und  Bedingungen  ins  Leben  ruft,  sind  nicht  nur  viele  Leiden
und  soziale  Gebrechen,  wie  sie  jeder  rasche,  ungewöhnliche
und  plötzliche  Umschwung  in  einem  Organismus  mit  sich
bringt,  unausweichlich,  sondern  die  neuen  Zustände,  die
mit  verschiedener  Stärke  auf  die  verschiedenen  Individuen,
je  nach  ihrer  Stellung  und  Intelligenz  einwirken,  erzeugen
eine  Gesellschaft  von  so  erstaunlicher  Kompliziertheit  und
Ungleichheit  ihrer  einzelnen  Teile,  daß  die  tiefsten  Risse
und  Disharmonien  zwischen  den  Individuen  die  Folge
sein  müssen.  Und  die  sexuellen  Ideale  und  Verhältnisse
haben  Teil  an  diesem  allgemeinen  Zustand.
In  einer  primitiven  Gesellschaft,  in  der  (wenn  eine  einigeres ­
        <pb n="169" />
        maßen  weitschweifige  Illustration  gestattet  ist)  durch  unzählige ­
  Generationen  die  Lebensbedingungen  absolut  unverändert ­
  geblieben  sind,  wo  durch  Jahrhunderte  die  Männer ­
  sich  dem  Kampf  gegen  wilde  Tiere  und  gefährliche
Feinde  widmen  mußten,  mag  die  Polygamie  eine  allgemeine ­
  Notwendigkeit  gewesen  sein,  wenn  die  Rasse  bestehen ­
  und  an  Zahl  nicht  abnehmen  sollte,  und  in  Erkenntnis ­
  dessen  wurde  sie  anerkannt  und  unterwarf  sich  die  Gesellschaft ­
  der  Polygamie  als  einer  allgemeinen  Institution,
so  viel  Leid  sie  auch  mit  sich  bringen  mochte.
Solange  Not  an  Nahrungsmitteln  herrschte,  mag  die  Vernichtung ­
  überzähliger  Greise  und  Kinder  eine  Notwendigkeit ­
  für  das  Wohl  des  einzelnen  wie  der  Allgemeinheit  gewesen ­
  sein,  und  die  ganze  Gesellschaft  wird  ohne  moralische ­
  Zweifel  darein  gewilligt  haben.  Wäre  einmal  eine
Sonnenfinsternis  mit  dem  Erscheinen  eines  imbekannten
Insekts  zusammengefallen,  so  hätte  man  dieses  für  einen
Gott  gehalten,  der  die  Finsternis  herbeiführte,  und  Jahrhunderte ­
  würden  vergehen,  ohne  daß  ein  Zweifel  an  diesem ­
  Glauben  erwachte.  Es  gäbe  keine  sozialen  und  religiösen ­
  Probleme,  und  die  Meinung  des  einen  wäre  die  Anschauung ­
  aller,  und  alle  befänden  sich  mehr  oder  weniger
in  Übereinstimmung  mit  den  bestehenden  Einrichtungen
und  Sitten.
Aber  nehmen  wir  nun  an,  es  erschienen  plötzlich  Fremde,
die  mit  überlegenen  Waffen  und  Wissen  ausgestattet  wären,
die  alle  wilden  Tiere  ausrotten  würden  und  den  Kampf  und
damit  den  Verlust  zahlreicher  Männer  zu  einer  Sache  der
Vergangenheit  machten,  so  würde  nicht  nur  der  Mann  gezwungen, ­
  in  die  weibliche  Domäne  landwirtschaftlicher  und
häuslicher  Arbeit  einzudringen,  sondern  die  Zahl  der  Männer ­
  würde  auch,  da  ihrer  nicht  mehr  so  viele  umkämen,  die
der  Frauen  erreichen  oder  sie  überragen.  Es  würde  dann
nicht  bloß  eine  Streitfrage,  ein  „Problem“  werden,  welche
Arbeiten  von  den  Männern  und  welche  von  den  Frauen

166
        <pb n="170" />
        167

ausgeübt  werden  sollen,  sondern  sehr  bald  würden  nicht
die  Frauen  und  nicht  die  Männer  allein,  sondern  beide  dazu
geführt  werden,  über  die  Notwendigkeit  und  Erwünschtheit
  der  Polygamie  nachzudenken,  die,  sobald  es  ebensoviel ­
  Männer  wie  Frauen  gibt,  viele  Männer  ohne  Geschlechtsverbindung ­
  ließe.  Die  intelligenteren  und  fortgeschritteneren ­
  Individuen  der  Gemeinschaft  würden  fast
gleichzeitig  zu  dem  Schluß  kommen,  die  Polygamie  anzugreifen, ­
  und  die  furchtlosesten  würden  ihre  Theorie  in  die
Tat  umzusetzen  suchen;  die  unwissendsten  und  rückständigsten ­
  würden  entschieden  an  den  alten  Einrichtungen
festhalten,  wie  sie  sie  aus  der  Vergangenheit  übernommen
haben,  ohne  zu  fragen  und  zu  rechten.  Verschiedenheiten
der  Ideale  würden  Konflikte  und  Zwietracht  in  allen  Teilen
des  Gesellschaftskörpers  hervorbringen  und  Leiden  mit
sich  bringen,  wo  alles  früher  feststehend  und  bestimmt  war.
Ebenso  würde  auch,  wenn  die  Fremden  neue  verbesserte
Methoden  des  Ackerbaues  einführten,  so  daß  Nahrungs
mittel  reichlich  vorhanden  wären,  die  weitblickendsten  und
anpassungsfähigsten  Mitglieder  der  Gemeinschaft,  Männer
wie  Frauen,  auf  einmal  von  dem  Gedanken  erfaßt  werden,
daß  keine  Notwendigkeit  mehr  bestünde,  ihre  Kinder  umzubringen; ­
  alte  Männer  und  Frauen  würden  anfangen,  sich
einem  vorzeitigen  Tod  ernstlich  zu  widersetzen,  sobald  sie
erkannt  hätten,  daß  sie  auch  bei  außerordentlich  hohem  Alter
nicht  notwendig  dem  Hungertod  ins  Auge  sehen  müßten.
Die  beschränktesten  und  zähesten  Mitglieder  der  Gesellschaft ­
  würden  unter  dem  Einfluß  traditioneller  Vorurteile
immer  noch  fortfahren,  ihre  Eltern  und  Kinder  zu  opfern,
wenn  längst  die  Notwendigkeit  nicht  mehr  bestünde.  Viele
Personen  wären  in  einem  Zustand  moralischen  Zweifels,
welchen  Weg  sie  einschlagen  sollen,  den  alten  oder  den
neuen,  und  bittere  Kämpfe  über  alle  diese  Punkte  würden
in  der  Gemeinschaft  wüten.  Und  wenn  nun  die  Fremden
ein  Teleskop  mit  sich  brächten,  mittels  welchem  es  plötzlich
        <pb n="171" />
        168

klar  würde,  daß  die  Sonnenfinsternis  nur  dadurch  entstand,
daß  der  Mond  vor  die  Sonnenscheibe  trat,  so  würden  die
intelligenteren  Mitglieder  der  Gemeinschaft  plötzlich  zu
dem  Schluß  kommen,  daß  nicht  das  Insekt  die  Ursache
der  Finsternis  gewesen  sei;  sie  würden  auf  hören,  es  als
einen  Gott  zu  betrachten  und  es  vielleicht  sogar  töten.  Die
beschränkteren  und  am  Alten  haftenden  Teile  der  Gemeinschaft ­
  würden  es  ablehnen,  durch  das  Teleskop  zu  schauen.
Und  wenn  sie  hineinschauten,  würden  sie  leugnen  zu  sehen,
daß  der  Mond  die  Finsternis  verursacht,  und  ihre  eingewurzelte ­
  Verehrung  für  das  Insekt,  die  sich  im  Lauf  der  Zeit
herausgebildet,  würde  sie  dahin  führen,  jene  Individuen,  die
seine  Gottheit  leugnen,  gottlos  zu  nennen,  und  es  könnte  dies
vielleicht  sogar  die  Vernichtung  dieser  ersten  Ungläubigen
zur  Folge  haben.  Die  Gesellschaft,  die  einst  so  homogen
und  einig  in  allen  ihren  Teilen  war,  würde  auf  einmal  durch
moralische  und  soziale  Probleme  zerklüftet  werden,  und  endlose ­
  Leiden  müßten  für  das  Individuum  aus  seinen  Versuchen, ­
  die  Ideale,  Sitten  und  Einrichtungen  der  Gesellschaft
mit  den  neuenVerhältnissen  in  Einklang  zu  bringen,  erstehen.
Es  mag  daraus  unendlicher  Gewinn  in  vielen  Richtungen
fließen,  Leben,  die  sonst  geopfert  würden,  erspart  bleiben,
ein  höheres  und  befriedigenderes  Dasein  beginnen,  aber
die  Disharmonie  und  der  Kampf  würden  unvermeidlich
sein,  bis  die  Gesellschaft  wieder  das  Gleichgewicht  zwischen ­
  ihrem  Wissen,  ihren  materiellen  Verhältnissen  und
ihren  sozialen,  religiösen  und  sexuellen  Institutionen  hergestellt ­
  hätte.
Ein  ähnlicher,  aber  weit  komplizierterer  Zustand  besteht
heute  in  unserer  eigenen  Gesellschaft.  Unsere  materielle
Umgebung  weicht  in  jeder  Beziehung  von  der  unserer
Großeltern  ab  und  hat  nur  wenig  oder  gar  keine  Ähnlichkeit ­
  mit  der  vor  wenigen  Jahrhunderten.  Hie  und  da  mögen ­
  selbst  innerhalb  unserer  Zivilisation  in  entlegenen  ländlichen ­
  Gegenden  die  alten  sozialen  Verhältnisse  teilweise
        <pb n="172" />
        ßj

169

unverändert  bestehen.  Aber  im  großen  ganzen  haben  der
Ersatz  der  Handarbeit  durch  Maschinen,  die  große  Verbreitung ­
  von  Kenntnissen  durch  den  immer  billiger  werdenden ­
  Buchdruck,  der  rapid  wachsende  Zufluß  von  Menschen ­
  nach  der  Großstadt,  das  Zusammendrängen  von  Tausenden, ­
  ja  Millionen  unter  physischen  und  geistigen  Bedingungen, ­
  die  alle  soziale  Ordnung  der  Vergangenheit  umkehren, ­
  die  zunehmend  raschen  Verkehrsmittel,  die  durch
die  schnellen  Verkehrswege  erleichterte  Verbindung  zwischen ­
  entfernten  Rassen  und  Länder,  —  all  dies  hat  den
menschlichen  Horizont  in  jeder  Richtung  erweitert  und  verändert. ­
  Es  hat  eine  so  komplizierte  und  raschem  Wandel
unterworfene  Gesellschaftsordnung  erzeugt,  daß  soziale
Harmonie  all  ihrer  Teile  unmöglich  ist  und  soziale  Unruhe,
Gegensätzlichkeit  der  Ideale  in  Anschauungen  und  Einrichtungen ­
  und  damit  auch  menschliche  Leiden  unausweichlich ­
  sind.  Ebenso  wie  die  alten  Gewehre  und  Ackerbaugeräte, ­
  die  unsere  Väter  verwendeten,  in  den  Händen
ihrer  Nachkommen  wertlos  wurden  und  die  Muster,  die
unsere  Mütter  webten,  und  die  Strümpfe,  die  sie  strikten,
durch  den  modernen  Webstuhl  überflüssig  geworden  sind,
werden  ihre  sozialen  Einrichtungen,  ihr  Glaube  und  ihre
Lebensgewohnheiten  täglich  in  noch  höherem  Grade  für
uns  unpassend,  und  Reibungen  und  Leiden  werden  unausweichlich, ­
  besonders  für  die  fortgeschrittensten  und  differenziertesten ­
  Individuen  unserer  Gesellschaft.
Diese  Leiden  erwachsen,  wenn  wir  es  genau  betrachten,
aus  drei  Ursachen:
Erstlich  aus  der  Tatsache,  daß  die  bloße,  außerordentlich
rasche  Veränderung  meist  schmerzvoll  wird,  indem  bereits
gefestigte  Gewohnheiten  und  Anschauungsweisen  gewaltsam ­
  verletzt  werden,  wie  ein  sehr  rasch  wachsender  Baum
seine  Rinde  sprengt  und  seine  inneren  Säfte  ausscheidet.
Zweitens  erwachsen  sie  daraus,  daß  zwischen  Individuen
derselben  Gesellschaft,  die  sich  nicht  im  selben  Tempo  den
        <pb n="173" />
        170

neuen  Bedingungen  anpassen  oder  ihnen  in  verschiedenem
Grade  ausgesetzt  sind,  eine  weitgehende  und  fast  beispiellose ­
  Ungleichheit  entsteht,  so  daß  Seite  an  Seite  mit  Männern ­
  und  Frauen,  die  sich  rasch  angepaßt  haben  oder  so
erfolgreich  dem  neuen  Wissens-  und  Lebenstatsachen  anzupassen ­
  suchen,  daß  sie  in  geordneten  Gesellschaftszuständen ­
  der  Zukunft  vielleicht  kaum  antiquiert  erscheinen
würden,  sich  Männer  und  Frauen  finden,  die  sich  mit  ihren
sozialen,  religiösen  und  ethischen  Idealen  noch  in  Harmonie ­
  mit  den  fernen  Ahnen  des  Menschengeschlechtes
fänden.  Und  zwischen  diesen  extremen  Gruppen  steht  die
große  Masse  in  einem  Zwischenstadium  der  Entwicklung.
Diese  Verschiedenheit  muß  Reibungen  und  Leiden  im  Zusammenleben ­
  der  Glieder  der  Gesellschaft  herbeiführen,
besonders  da  die  einzelnen  Individuen  der  verschiedenen
Typen  nicht  in  Klassen  und  Familien  getrennt,  sondern
in  allen  Klassen  und  Schichten  unserer  Gesellschaft  zerstreut ­
  sind.*
Personen,  die  durch  die  engsten  Bande  des  Blutes  und
gesellschaftliche  Berührung  zu  fortwährendem  Verkehr  gezwungen ­
  sind,  sind  oft  am  weitesten  in  ihrer  Anpassungsstufe ­
  an  die  neuen  Lebensverhältnisse  voneinander  verschieden, ­
  und  die  sozialen  Reibungen  und  daraus  folgenden ­
  Leiden,  die  aus  dieser  Tatsache  erwachsen,  sind  so
empfindlich  und  fast  unberechenbar,  daß  es  kaum  möglich
ist,  in  trockenen  Theorien  ein  Bild  davon  zu  geben,  sondern ­
  nur  durch  das  Medium  der  Kunst,  wo  bestimmte  konkrete ­
  Individuen  handelnd  und  aufeinander  einwirkend  gezeigt ­
  werden,  im  Drama  oder  im  Roman.  Wir  sind  wie
Schachfiguren,  die  nicht  nach  Bauern,  Königen  und  Königinnen, ­
  Läufern  und  Türmen  geordnet,  sondern  in  einer

*  In  bezug  auf  die  Anschauungen  über  die  Stellung  des  weiblichen
Geschlechtes  war  eine  der  fortgeschrittensten  Frauen,  der  wir  je  begegnet ­
  sind,  eine  Schustersfrau  in  Yorkhampshire,  die  sich  ihren  Unterhalt ­
  mit  dem  Nähen  von  Schuhoberteilen  verdiente.
        <pb n="174" />
        Schachtel  bunt  durcheinandergeworfen  und  vermischt  sind.
In  den  stationären  Gesellschaftsstadien,  wo  alle  Individuen
von  denselben  politischen,  religiösen  und  moralischen
Ideen  durchdrungen  waren  und  jede  Klasse  ihre  eigenen
ererbten  feststehenden  Traditionen  in  Handeln  und  Gewohnheiten ­
  besaß,  bestanden  selbstverständlich  diese  Ursachen ­
  der  Reibung  oder  Leiden  nicht;  persönliche  Differenzen ­
  und  Zwiespalt  mögen  durch  persönliche  Habgier,
Ehrgeiz  oder  Selbstsucht  entstanden  sein,  nicht  aber  durch
widersprechende  Auffassung  von  Recht  und  Unrecht,  von
dem,  was  erstrebbar  und  nicht  erstrebenswert  auf  allen  Gebieten ­
  des  menschlichen  Lebens  sei.*
Drittens  beruht  die  Unrast  und  die  Not,  die  unserer  Zeit
eigen  ist,  auf  Konflikten,  die  sich  in  dem  Individuum  selbst
abspielen.  Die  Veränderungen  in  unserer  Umgebung  und
dem  Stand  des  Wissens  sind  so  rasche,  daß  man  im  Lauf
eines  einzigen  Menschenlebens  durch  ein  halbes  Dutzend
Phasen  des  Wachstums  hindurchgeht.  In  bestimmten  Ideen
und  Gewohnheiten  geboren  und  aufgewachsen,  haben  er
oder  sie,  ehe  das  mittlere  Lebensalter  erreicht  ist,  wiederholt
Gelegenheit,  ihre  Traditionen  zu  erweitern,  zu  ändern  oder
ganz  beiseite  zu  werfen.  Im  Innern  dieses  Menschen  besteht ­
  in  verstärkter  Form  derselbe  Kampf,  derselbe  Konflikt ­
  und  dieselbe  Disharmonie,  welche  in  der  Gesellschaft
als  ganzes  zwischen  ihren  verschiedenen  Mitgliedern  entsteht. ­
  Und  es  ergeben  sich  schmerzliche  Momente  für  das
*  Nur  wer  in  Berührung  mit  solch  stationären  und  homogenen  Gesellschaftskörpem
  gekommen  ist,  wie  mit  afrikanischen  Stämmen,  ehe  sie
mit  Europäern  in  Kontakt  kamen,  oder  mit  den  Buren  in  Südafrika  vor
zwanzig  Jahren,  kann  sich  eine  richtige  Vorstellung  machen,  wie  vollständig ­
  frei  von  ethischen  und  sozialen  Problemen  und  sozialen  Reibungen
solch  eine  Gesellschaft  sein  kann.  Bei  dem  Studium  derartiger  Gesellschaftszustände ­
  drängt  sich  lebhaft  die  Gewißheit  auf,  daß  der  Schlüssel
zum  Verständnis  der  Hälfte  und  mehr  als  der  Hälfte  der  Erscheinungen
in  unserer  eigenen  Welt  nur  in  dem  raschen  Wandel  der  Verhältnisse  zu
finden  ist,  der  notwendig  einen  gleich  raschen  Wandel  unserer  Vorstellungen, ­
  Ideale  und  Einrichtungen  mit  sich  bringt.

171
        <pb n="175" />
        172

Individuum,  wenn  es  die  Notwendigkeit,  neue  Wege  einzuschlagen, ­
  neue  Wahrheiten  anzunehmen  oder  sich  neuen
Verhältnissen  anzupassen,  erkennt  und  sich  doch  noch  von
der  Macht  traditioneller  Überzeugungen  gefesselt  fühlt.
Männer  und  Frauen,  die  ihr  Leben  den  neuen  materiellen
Verhältnissen  anzupassen  und  mit  den  neuen  Kenntnissen
in  Einklang  zu  bringen  suchen,  sind  manchmal  fast  gezwungen, ­
  die  Kontinuität  ihres  eigenen  Seelenlebens  zu
durchbrechen.
Aus  diesen  Verhältnissen  erwächst  auch  die  so  oft  bemerkte ­
  Tatsache,  daß  die  Kunst  unserer  Zeit  entschieden
dahin  neigt,  sich  mit  subtilen  sozialen,  religiösen,  politischen ­
  und  sexuellen  Problemen  zu  beschäftigen,  wie  dies
in  der  Kunst  der  Vergangenheit  nicht  ihresgleichen  hat.
Und  es  kann  auch  nicht  anders  sein,  weil  der  Künstler,  der,
dem  künstlerischen  Instinkt  gehorchend,  das  treue  Bild  der
Welt  um  sich  her  entwirft,  das  zeichnen  muß,  was  ihr  innerstes ­
  Wesen  ausmacht.  Das  „Problemstück“,  die  „Problemdichtung“ ­
  ist  in  unserer  Zeit  so  unvermeidlich,  wie  es
unvermeidlich  war,  daß  die  Dichter  des  elften  Jahrhunderts ­
  Turniere,  Schlachten  und  Rittertum  darstellten,  weil
diese  das  herrschende  Element  in  dem  Leben  rings  um  sie
her  waren.
Auch  ist  es  unvermeidlich,  daß  diese  Leiden  und  Konflikte
sich  in  der  schärfsten  Weise  gerade  bei  den  fortgeschrittensten ­
  Individuen  unserer  Gesellschaft  geltend  machen.  Der
Schwimmer,  der  als  erster  in  den  gefrorenen  Strom  springt,
ist  es,  den  das  Eis  am  schärfsten  schneidet;  die  nachfolgenden ­
  finden  es  bereits  gebrochen  und  der  letzte  überhaupt
nicht  mehr.  Die  Männer  oder  Frauen,  die  als  erste  den
Pfad  betreten,  auf  dem  die  Masse  schließlich  folgen  wird,  sie
sind  es,  die  sich  schließlich  in  einer  Einsamkeit  finden,  in
der  das  Schweigen  tödlich  ist.  Die  Tatsache,  daß  jeder
Weg,  auf  dem  menschliches  Handeln  zu  einer  Umwandlung ­
  leitet,  ebenso  auch  zu  unmittelbaren  Leiden  führt,  in ­
        <pb n="176" />
        173

dem  es  das  Individuum  von  der  Masse  seiner  Mitmenschen
scheidet,  ist  kein  Gegenargument.  Einsamkeit  und  Leid  ist
die  Dornenkrone,  die  das  Königtum  des  irdischen  Messias
kennzeichnet  —  es  ist  das  Kennzeichen  des  Führers.
So  durchdringen  soziale  Disharmonien  und  subjektive
Konflikte  und  Leiden  das  Leben  unserer  Zeit  und  machen
sich  auf  jedem  Gebiet  des  Menschenlebens,  dem  religiösen,
politischen,  häuslichen  fühlbar,  und  wenn  sie  sich  im  Geschlechtsleben ­
  stärker  bemerkbar  und  heftiger  fühlbar
machen  als  auf  jedem  andern  Gebiet,  selbst  als  auf  dem
der  Religion,  so  ist  es,  weil  wir,  sobald  wir  das  Sexualgebiet ­
  betreten,  das  Rückenmark  des  menschlichen  Daseins
angreifen,  den  Zentralnerv,  bei  dem  jede  Berührung  am
heftigsten,  jeder  Schmerz  oder  Freude  am  lebhaftesten
fühlbar  ist.  Nicht  die  geschlechtliche  Disharmonie  ist  die
Wurzel  unserer  Unrast,  sondern  die  allgemeine  Disharmonie ­
  ist  es,  die  selbst  die  Welt  der  Geschlechtsphänomene
beeinflußt.
Die  Grenzen,  welche  die  fortschrittlichen  Gruppen  von
Personen,  die  sich  den  neuen  Lebensverhältnissen  anzupassen ­
  suchen,  von  den  reaktionären  scheidet,  fällt  keineswegs ­
  mit  der  Grenze  des  Geschlechtes  zusammen.  Eine
George  Sand  und  ein  Henrik  Ibsen  gehören  weit  eher  in  ein
und  dieselbe  Gruppe  der  modernen  Entwicklung,  als  jeder
von  beiden  in  irgendeine  Gruppe  ihres  eigenen  Geschlechtes.
Wenn  wir  die  Menschheit  nach  Typen  einteilen,  so  wird
jede  Gruppe  Männer  und  die  ihnen  entsprechenden  Frauen
umfassen.  Neben  dem  altbekannten  Typus  der  Dime,  die
sich  an  der  Straßenecke  zum  Kaufe  anbietet,  steht  der  uralte ­
  Typus  des  Mannes  —  mit  oder  ohne  Firnis  der  Zivilisation ­
  —,  der  begierig  ist,  sie  zu  kaufen.  Neben  der  parasitischen ­
  Frau,  die  im  Verhältnis  zum  Mann  nur  Genuß
und  Luxus  sucht,  steht  der  Mann,  der  in  der  Verbindung
mit  ihr  nur  zügellose  Genussucht  befriedigt.  Neben  der
neuen  Frau,  die  Arbeit  begehrt  und  beim  Mann  die  Liebe
        <pb n="177" />
        174

"ium  iiiTiurrniiiry'm  r  ~iti

und  Kameradschaft  sucht,  die  sie  ihm  gibt,  steht  der  neue
Mann,  der  gerade  das  zu  besitzen  sich  sehnt,  was  sie  ihm
bietet.  Wenn  die  soziale  Bewegung,  in  der  die  fortgeschrittensten ­
  Frauen  unserer  Tage  sich  neuen  Lebensbedingungen ­
  anzupassen  suchen,  sie  unendlich  von  gewissen  primitiven ­
  Männertypen  entfernt,  so  entfernt  dieselbe  Bewegung
ebenso  den  neuen  Mann  von  jenem  alten  Frauentypus.  Die
sexuelle  Tragik  des  modernen  Lebens  liegt  nicht  in  der
Tatsache,  daß  Frau  und  Mann  sich  von  Grund  aus  verschieden ­
  entwickeln,  sondern  darin,  daß  in  der  ungeheuren
Verworrenheit  unseres  modernen  Lebens  forwährend  die
vorgeschrittensten  Männer-  und  Frauentypen  in  regster
persönlicher  Verbindung  mit  den  antiquiertesten  Typen  des
anderen  Geschlechtes  stehen,  daß  zwischen  Vater  und
Tochter,  Mutter  und  Sohn,  Bruder  und  Schwester,  Mann
und  Frau  manchmal  nicht  Jahre,  sondern  Jahrhunderte  sozialer ­
  Entwicklung  zu  liegen  scheinen.
Nicht  der  Mann  als  Mann  widersetzt  sich  dem  Anpassungsversuche ­
  der  Frau  an  die  neuen  Lebensbedingungen,
sondern  noch  öfter  vielleicht  kommt  die  Opposition  von
seiten  ihrer  eigenen  zurückgebliebenen  Geschlechtsgenossinnen. ­
  Und  es  ist  eine  Tatsache,  die  keinen,  der  die  modernen ­
  Zustände  kennt,  überraschen  wird,  daß  unter  den
literarischen  Werken  aller  Sprachen,  die  am  entschiedensten ­
  für  die  Zulassung  der  Frau  in  neue  Arbeitsgebiete  eintreten,
  die  am  rückhaltlosesten  ihre  erweiterte  Bildung  und
volle  Handlungsfreiheit  fordern  und  die  am  leidenschaftlichsten ­
  alle  künstlichen  Schranken  zwischen  Mann  und
Frau  niederzureißen  suchen,  viele  der  besten  und  weitgehendsten ­
  Werke  von  Männern  sind.
Der  moderne  Mann  und  die  moderne  Frau  gleichen  nicht
Leuten,  die,  auf  gleicher  Höhe  stehend,  vom  gleichen  Ausgangspunkte ­
  aus  zwei  Straßen  gehen,  die  sich  um  so  mehr
voneinander  entfernen,  je  weiter  man  ihre  Richtung  verfolgt ­
  ;  sie  ähneln  vielmehr  zwei  Menschen,  die  jeder  von
        <pb n="178" />
        einer  andern  Seite  aus  ein  Vorgebirge  zu  erklimmen  suchen
und  einander  um  so  näher  kommen,  je  höher  sie  gelangen,
bis  sie  sich  auf  der  Spitze  endlich  begegnen  müssen.
Selbst  die  Opposition,  die  die  Männer  oft  gegen  den  Eintritt ­
  der  Frau  in  neue,  bisher  von  ihnen  monopolisierte  Arbeitsgebiete ­
  erheben,  ist  im  Grunde  nicht  sexueller  Natur.
Die  Männer,  die  bisher  dieses  Monopol  eines  Berufes  oder
Standes  innehatten,  würden  sich  ebenso  und  vielleicht  mit
noch  größerer  Erbitterung  dagegen  wehren,  die  Tore  Mitgliedern ­
  ihres  eignen  Geschlechtes,  die  bisher  ausgeschlossen ­
  waren,  die  sie  in  ihrem  Gewinn  verkürzen  und  ihre
Privilegien  teilen  wollten,  zu  öffnen.  Was  sich  hier  äußert,
ist  der  primitive,  brutale  Instinkt,  ohne  Rücksicht  auf  Gerechtigkeit ­
  und  Menschlichkeit  so  viel  als  möglich  für  sich
selbst  zu  behalten,  ein  Instinkt,  welcher  alle  tiefstehenden
Menschentypen,  sowohl  von  Männern  als  Frauen  beherrscht.
Der  Advokat  oder  Arzt,  der  sich  der  Zulassung  der  Frau  zu
seinem  schwer  zugänglichen  Beruf  widersetzt,  würde  sich
wahrscheinlich  noch  entschiedener  dagegen  sträuben,  den
Damm  von  Beschränkungen  und  Kosten  niederreißen  zu
lassen,  der  andere  Männer  davon  abhält,  seinem  Beruf  zuzuströmen. ­
  Der  Arbeiter  an  der  Maschine,  der  sich  gegen
den  Eintritt  der  Frauen  in  sein  spezielles  Arbeitsfeld  wehrt,
würde  dies  unzweifelhaft  ebenso,  vielleicht  noch  harnäckiger
  gegenüber  dem  Eindringen  anderer  Männer  tun,  wenn
es  irgend  möglich  wäre.
Man  nimmt  manchmal  an,  die  Opposition  des  tiefer
stehenden  Mannestypus  gegen  den  Eintritt  der  Frau  in  Berufe, ­
  die  bisher  sein  Gebiet  waren,  schließe  die  Entstehung
von  Kameradschaft  und  Neigung  zwischen  gemeinschaftlich ­
  arbeitenden  Männern  und  Frauen  völlig  aus;  des  Mannes ­
  Eifersucht  im  Beruf  müßte  notwendig  ein  Gefühl  des
Hasses  und  der  Gegnerschaft  gegen  jeden,  der  sein  Arbeitsgebiet ­
  teilt,  hervorbringen.  Aber  schon  die  oberflächlichste ­
  Beobachtung  des  Lebens  widerlegt  diese  Voraus-175
        <pb n="179" />
        176

Setzung.  Wenn  wir  die  Gesellschaft  als  Ganzes  betrachten,
finden  wir  bei  den  Männern  trotz  gelegentlicher  beruflicher
Eifersüchteleien  und  Gegnerschaft,  daß  die  gemeinschaftlichen ­
  Interessen  und  vor  allem  gemeinsame  Arbeit  die
stärksten  Mittel  sind,  innige  Verbindungen  herzustellen,  ja,
sie  erscheinen  tatsächlich  als  wesentliche  Voraussetzung
für  die  Bildung  der  engsten  und  dauerndsten  Freundschaftsbeziehungen. ­
  In  allen  Kreisen,  sei  es  welchen  Gewerbes ­
  oder  Berufes,  immer  finden  wir  Männer,  die  sich
aus  freier  Wahl  zu  Männern  ihres  eigenen  Berufes  gesellen
und  oft  die  tiefsten  und  dauerhaftesten  Freundschaften  mit
ihnen  eingehen.  Unter  den  intimsten  Freunden  eines
Rechtsanwaltes  findet  sich  fast  immer  ein  Kollege;  der  Geschäftsmann ­
  wird  am  öftesten  in  Gesellschaft  seiner  Geschäftsfreunde ­
  zu  finden  sein;  der  Arzt  findet  seine  intimsten
Freunde  in  vielen  Fällen  unter  seinen  ehemaligen  Studiengenossen, ­
  die  mit  ihm  die  verschiedenen  Stadien  des  Berufslebens ­
  durchschritten  haben;  der  Freund  und  freigewählte ­
  Genosse  des  Schauspielers  ist  in  der  Regel  der
Schauspieler,  der  des  Gelehrten  der  Gelehrte,  der  des  Landwirtes ­
  der  Landwirt,  der  des  Seemanns  der  Seemann.  So
allgemein  ist  dies,  daß  es  fast  auffallen  und  komisch  wirken ­
  würde,  wenn  der  Zechgenosse  eines  Kapitäns  ein  führender ­
  Politiker,  der  Duzfreund  des  Geistlichen  Schauspieler ­
  und  der  intime  Freund  eines  Farmers  Astronom  wäre.
Gleich  und  gleich  gesellt  sich  gern.  Die  meisten  Männer
suchen  Klubs  auf,  in  denen  sie  Berufsgenossen  finden,  und
besonders  in  vorgerückteren  Jahren,  wenn  die  Männer  immer ­
  mehr  in  ihrem  Beruf  aufgehen,  suchen  sie  Kameradschaft ­
  hauptsächlich  unter  ihren  Mitarbeitern.  Und  das  ist
auch  unausweichlich;  zwischen  jungen  Leuten  mögen  gemeinschaftliche ­
  Vergnügungen  eine  Art  Band  knüpfen,
aber  gemeinsame  Arbeit,  auf  Grund  gleicher  Kenntnisse,
gleicher  Gewohnheiten  und  gleicher  Denkweise  bilden  ein
festeres  Band,  das  die  Menschen  viel  mächtiger  zu  nahem
        <pb n="180" />
        12  Schreiner,  Die  Frau

177

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Verkehr  und  persönlicher  Freundschaft  und  Neigung  verbindet, ­
  als  die  zentrifugalen  Kräfte  der  Berufseifersüchteleien ­
  sie  zu  trennen  vermögen.
Daß  dieselben  Bedingungen  herrschend  würden,  sobald
Frauen  die  Arbeitsgefährten  des  Mannes  wären,  läßt  sich
theoretisch  folgern,  und  die  praktische  Erfahrung  bestätigt
es.  Der  Schauspieler  heiratet  meistens  eine  Schauspielerin,
der  Musiker  eine  Musikerin;  im  Empfangszimmer  der
Schriftstellerin  oder  Malerin  findet  man  immer  Männer
ihres  Berufes;  der  weibliche  Arzt  ist  in  fortwährendem  Verkehr ­
  mit  seinen  männlichen  Kollegen  und  heiratet  oft  einen
von  ihnen.  Und  je  größer  die  Zahl  der  Frauen  wird,  die
die  bisher  dem  Manne  allein  gehörigen  Arbeitsfelder  mit
ihm  teilen,  um  so  klarer  wird  sich  die  Natur  und  Stärke  der
aus  gemeinsamer  Arbeit  erwachsenden  Sympathie  erweisen. ­

Die  Teilnahme  von  Männern  und  Frauen  an  gleicher  Arbeit, ­
  welche  gemeinsame  Bildung  und  damit  gemeinsame
Denkgewohnheiten  und  Interessen  erfordert,  würde  dahin
führen,  die  gefährliche  Kluft  auszufüllen,  die  so  oft  im
modernen  Eheleben  entsteht,  die,  sobald  die  erste  Glut
sinnlicher,  nur  durch  den  Reiz  des  Unbekannten  entfachter
Leidenschaft  zu  verblassen  beginnt,  Mann  und  Frau  trennt,
und  aus  der  ein  so  großer  Teil  der  modernen  Ehetragödien
entspringt.  Der  primitive  Mann  konnte  mit  seiner  Frau
über  seinen  Jagdgewinn  und  ihre  Ausbeute  an  Wurzeln
und  Kräutern  sprechen,  so  wie  heute  der  einfache  Bauer
mit  seinem  Weib  über  die  Ernte  und  das  Vieh  spricht,  wovon ­
  beide  etwas  verstehen  und  woran  beide  gleich  interessiert ­
  sind;  es  liegt  nichts  in  ihrer  Lebensweise,  was  geeignet ­
  wäre,  ihre  Denkweise  und  Interessen  voneinander  zu
scheiden.
Im  modernen  Leben  aber,  erzeugt  vielfach  der  völlige
Mangel  an  gemeinsamer  Arbeit  und  gemeinsamen  Jnteressen
  und  die  große  Verschiedenheit  des  Lebens,  das  Mann
        <pb n="181" />
        I 7 8

und  Frau  führen,  eine  fortwährende  zunehmende  Divergenz, ­
  so  daß  lange  noch,  ehe  die  mittleren  Lebensjahre  erreicht ­
  sind,  kein  anderes  Band  der  Zusammengehörigkeit
als  das  der  Gewohnheit  übrig  ist.  Die  Kameradschaft  und
die  beständige  Anregung,  die  aus  dem  Verkehr  mit  Menschen ­
  erwächst,  die  unsere  nächsten  Interessen  teilen  und
das  Leben  vom  selben  Standpunkt  betrachten,  sucht  der
Mann  im  Klub  und  unter  seinen  männlichen  Gefährten,
und  die  Frau  bleibt  einsam  oder  sucht  Zerstreuungen,  die
geeignet  sind,  das  Eheleben  noch  tiefer  zu  spalten.  Eine
gewisse  geistige  Kameradschaft  und  Gemeinsamkeit  unpersönlicher ­
  Interessen  ist  neben  dem  rein  geschlechtlichen
Verhältnis  für  das  Eheleben  absolut  nötig,  wenn  die  Übereinstimmung ­
  eine  lebendige  und  stets  wachsende  sein  soll.
Ganz  besonders  deshalb,  weil  die  Teilnahme  der  Frau  an
der  Arbeit  des  Mannes  geeignet  ist,  die  Kameradschaft  und
das  Bestehen  gemeinsamer  unpersönlicher  Interessen  und
gleicher  Denk-  und  Lebensweise  zu  fördern,  ist  der  Eintritt ­
  der  Frau  in  eben  die  Arbeitsgebiete  des  Mannes  und
nicht  in  andere,  für  sie  besonders  bestimmte,  so  wünschenswert.* ­

*  Die  Antwort  der  Gattin  eines  bekannten  Rechtsanwaltes  auf  die  Frage,
wie  es  käme,  daß  sie  und  ihr  Mann  so  selten  zusammen  zu  sehen  wären,
wirft  ein  trauriges,  aber  wahres  Licht  auf  gewisse  Seiten  unseres  modernen ­
  Lebens,  gegen  die  eben  die  gesamte  Frauenbewegung  rebelliert.
„Mein  Mann,“  sagt  sie,  „ist  immer  mehr  von  seinen  Berufspflichten  in
Anspruch  genommen,  von  denen  ich  nichts  verstehe  und  die  mich  also
auch  nicht  interessieren.  Meine  Kinder  sind  schon  alle  groß  und  gehen
in  die  Schule,  die  Dienerschaft  versieht  mein  Haus.  Wenn  mein  Mann
abends  nach  Hause  kommt  und  ich  ihm  von  den  Dingen  erzählen  will,
die  mich  unter  Tags  beschäftigen,  von  den  Wohltätigkeits-Bazars,  für  die
ich  arbeite,  von  den  Einkäufen  und  Besuchen,  die  ich  gemacht  habe,
langweilt  es  ihn.  Er  trachtet  wegzukommen  zu  seinen  Büchern  und
Freunden,  und  ich  bleibe  ganz  einsam.  Wenn  ich  nicht  Bekannte  hätte,
Frauen  und  Männer,  mit  denen  ich  mehr  gemeinsam  habe,  könnte  ich
das  Leben  nicht  ertragen.  Als  wir  uns  einst  als  junge  Leute  kennen  lernten ­
  und  ineinander  verliebten,  tanzten  wir  zusammen  und  ritten  mit  einander ­
  und  es  schien,  als  wenn  wir  alles  gemeinsam  hätten,  und  nun
haben  wir  nichts  Gemeinsames.  Ich  schätze  meinen  Mann,  und  ich  glaube,
        <pb n="182" />
        TffftfT'Tffffftft'gPffffffi

Es  ist  eine  erfreuliche  Tatsache,  und  jede  Frau,  die  mit
Erfolg  irgendein  Gebiet  männlichen  Schaffens,  sei  es  der
Wissenschaft,  Literatur  oder  eines  anderen  Berufes,  betreten
oder  darin  etwas  geleistet  hat,  wird  es  bestätigen,  daß  die
Hände,  die  sich  ihr  am  freundlichsten  zum  Willkomm  entgegenstreckten, ­
  die  von  Männern  waren,  daß  die  Stimmen,
die  ihrem  Erfolg  am  freigebigsten  Beifall  gespendet  haben,
die  männlicher  Mitarbeiter  auf  demselben  Gebiete  gewesen
sind.  An  keine  Tür  eines  neuen  Arbeitsgebietes  pocht  die
Hand  der  Frau,  ohne  daß  die  Hand  eines  starken,  großmütigen ­
  Mannes  sie  ihr  öffnen  würde,  fast  noch,  ehe  sie
gepocht.
Für  uns,  die  wir  am  Beginn  eines  neuen  Jahrhunderts,  das
Auge  beschattend,  den  Blick  in  die  Zukunft  richten,  um  die
Umrisse  der  in  der  Feme  aufragenden  Nebelgestalten  zu
entdecken,  gibt  es  keine  beglückendere  Hoffnung,  als  daß
wir  schattenhaft  einen  Zustand  zu  erkennen  glauben,  in  welchem ­
  ein  engeres  Band  Mann  und  Frau  verbinden  wird,
als  die  Welt  es  bisher  gesehen  hat:  wo  die  Walhalla  unserer ­
  alten  nordischen  Väter  zur  Wirklichkeit  wird,  die  Walküre ­
  und  ihr  Held  an  derselben  Tafel  in  treuer  Kameradschaft ­
  des  Mahles  Freuden  teilen.
In  unsern  Träumen  hören  wir  die  Tür  des  letzten  Frauenhauses ­
  zufallen;  wir  hören  die  letzte  Münze  klingen,  mit  der
Leib  und  Seele  einer  Frau  gekauft  wird;  wir  sehen  die  letzte
Wand  zusammenbrechen,  die  künstlich  der  Frauen  Tätigkeit ­
  einschränkt  und  sie  vom  Manne  trennt;  wir  malen  uns
immer  wieder  die  Liebe  der  Geschlechter  aus,  die,  einst
ein  blinder,  kriechender  Wurm,  dann  eine  starre,  erdgeer
  schätzt  mich,  aber  das  ist  alles!“  Vielleicht  nur  im  vertrautesten  Geständnis ­
  von  Mann  zu  Mann  oder  Frau  zu  Frau  berührt  man  diese  offene
Wunde,  die  aus  der  Verschiedenheit  der  Erziehung,  der  Lebensgewohnheiten ­
  und  Beschäftigungen  von  Mann  und  Frau  entsteht;  aber  hier  liegt
die  Tragik  von  Millionen  moderner  Ehen,  die  sich  unter  der  glatten
Oberfläche  unseres  gesellschaftlichen  Lebens  verbirgt  und  nur  gelegentlich ­
  in  Enthüllungen  der  Scheidungsprozesse  zutage  tritt.
12*  179
        <pb n="183" />
        bundene  Puppe,  endlich  als  beschwingter  Schmetterling  im
Sonnenschein  der  Zukunft  strahlt.  Täuschen  uns,  die
wir  heute  schwer  gegen  den  Strom  rudern,  unsere  übermüdeten ­
  Augen,  wenn  wir  weit  in  der  Ferne  durch  die
Nebel  der  Ufer  ein  klares,  goldenes  Licht  schimmern  sehen  ?
Ist  es  nur  eine  Gesichtstäuschung,  die  uns  unsere  Ruder
leichter  führen  und  uns  weiter  ausholen  läßt,  obwohl  wir
genau  wissen,  daß  lange  bevor  unser  Schiff  jene  Ferne
erreicht,  andere  Hände  das  Ruder  führen,  das  Steuer  lenken ­
  werden?  Ist  das  alles  ein  Traum?
Der  alte  chaldäische  Seher  hatte  die  Vision  eines  Gartens ­
  Eden,  der  in  ferner  Vergangenheit  lag.  Er  träumte,
daß  Mann  und  Frau  einst  in  Freude  und  Kameradschaft
lebten,  bis  die  Frau  die  Früchte  vom  Baume  der  Erkenntnis ­
  brach  und  dem  Manne  bot  und  beide  ausgestoßen  wurden ­
  und  sich  im  Schweiß  ihres  Angesichtes  ihr  Brot  verdienen ­
  mußten,  weil  sie  von  der  Frucht  genossen.  Auch
wir  haben  unsern  Paradiesestraum,  aber  er  liegt  in  ferner
Zukunft.  Wir  träumen,  daß  die  Frau  gemeinsam  mit  dem
Mann  vom  Baume  der  Erkenntnis  essen  werde,  daß  sie  Seite
an  Seite,  Hand  in  Hand  mit  ihm  durch  Menschenalfer
voll  Arbeit  und  Mühe  ein  neues  Eden  aufrichten  werde,
schöner  als  der  Chaldäer  es  je  geträumt,  ein  Eden,  das  ihre
eigene  Arbeit  erschaffen  hat  und  das  ihre  innige  Kameradschaft ­
  verschönt.
Die  Apokalypse  erschaute  einen  neuen  Himmel  und  eine
neue  Erde,  wir  erschauen  eine  neue  Erde,  aber  in  ihr
wohnt  Liebe  —  die  Liebe  von  Kameraden  und  Arbeitsgenossen. ­

Deshalb,  weil  die  Möglichkeiten  der  Zukunft  uns  so  reich
und  so  herrlich  erscheinen,  die  Rückkehr  zur  Vergangenheit ­
  so  unmöglich  und  die  passive  Ergebung  in  die  Gegenwart ­
  so  tödlich  —  darum  erheben  wir  heute  allüberall  unsern ­
  fremdklingenden  Ruf:  „Gebt  uns  Arbeit  und  Erziehung ­
  zur  Arbeit!“

180
        <pb n="184" />
        S&amp;gt;t$cS2

INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung  i
I.  Parasitismus  15
II.  Parasitismus  39
III.  Parasitismus  67
IV.  Die  Frau  und  der  Krieg  94
V.  Geschlechtsunterschiede  1X2
VI.  Einige  Einwände  123

GEDRUCKT  BEI  OSCAR  BRANDSTETTER  IN  LEIPZIG
        <pb n="185" />
        EUGEN  DIEDERICHS  VERLAG  IN  JENA

ROSA  MAYREDER,  ZUR  KRITIK  DER  WEIBLICHKEIT. ­
  3.  Aufl.  br.  M  5.—,  Lwd.  geb.  M  6.—
Inhalt:  Mutterschaft  und  Kultur  /  Die  Tyrannei  der  Norm  /  Von  der  Männlichkeit ­
  /  Das  Weib  als  Dame  /  Frauen  und  Frauentypen  /  Familienliteratur  /
Der  Kanon  der  schönen  Weiblichkeit  /  Einiges  über  die  starke  Faust  /  Das
subjektive  Geschlechtsidol  /  Perspektiven  der  Individualität.
Die  Propyläen:  Rosa  Mayreder  hätte  ihr  Buch  mit  ebenso  großem  Recht
„Zur  Kritik  der  Männlichkeit“  nennen  können.  Der  gewöhnliche  Begriff
der  Männlichkeit  ist  Aktivität,  wie  man  gewöhnlich  die  Weiblichkeit  als
Passivität  faßt.  Aber  diese  absolute  Aktivität  wird  durch  die  Kultur  verwandelt ­
  und  gebunden.  Der  Macht  aus  körperlicher  Überlegenheit  tritt
immer  mehr  die  Macht  aus  geistiger  Überlegenheit  zur  Seite.  Die  höheren ­
  Vertreter  der  Männlichkeit  leiden  aber  heute  noch  unter  einem  großen
Zwiespalt:  sie  vermögen  noch  nicht  das  Leben  nach  den  Konsequenzen
ihrer  Wesenheit  neu  zu  gestalten,  infolge  der  unsinnigen  und  verlogenen
Stellung,  welche  die  modernen  Kulturvölker  den  geschlechtlichen
Dingen  gegenüber  einnehmen.  Wenn  die  höhere  Männlichkeit  in  der
Entfaltung  und  Steigerung  des  geistigen  Vermögens  besteht,  in  der  Macht
aus  geistiger  Überlegenheit,  so  müßte  sie  sich  vor  dem  gewöhnlichen
Mannestum  zu  allererst  hier  unterscheiden.  Denn  hier,  in  der  Überwindung
eines  die  Persönlichkeit  unterjochenden  Triebes,  liegt  der  Ursprung  und
das  Mittel  aller  Vergeistigung.  So  bleibt  nur  die  Hoffnung,  daß  der  Mann
durch  das  Eintreten  der  Frau  als  soziale  Mitarbeiterin  über  diesen ­
  Notstand  Herr  wird.  Der  Mann  der  Geistigkeit  wird  dann  erst  eine  harmonische ­
  und  machtvolle  Erscheinung  werden,  wenn  die  Konsequenzen
der  Verfeinerung  sich  auch  in  seiner  sexuellen  Persönlichkeit  vollziehen.
Turmhoch  über  der  gewöhnlichen  Frauenliteratur  steht  dieses  Buch  durch
die  Freiheit  und  Vorurteilslosigkeit  auch  dem  Manne  gegenüber,  und  diese
Feinheit  und  Klarheit  bei  so  subtilen  Gedankengängen  war  weiblichen  Denkern ­
  noch  nicht  so  häufig  eigen  —  oder  wenn  die  Anlage  vorhanden  war,  hat  sie
sich  früher  nicht  so  sicher  und  erfolgreich  entwickeln  können  wie  hier.
ROSA  MAYREDER,  ZWISCHEN  HIMMEL  UND
ERDE.  Sonette,  br.  M  3.—,  Lwd.  geb.  M  4.50
Die  Frau:  Vielfältiger,  tiefer,  bewußter  ihres  seelischen  Besitzes  zeigen  all
diese  Verse  das  weibliche  Seelenleben,  als  künstlerische  und  persönliche
Dokumente  früherer  Zeit  es  zeigten.  Enger  scheint  das  spezifisch  frauliche
Empfinden  verknüpft  mit  dem,  was  die  Seele  des  modernen  Mannes  bewegt.
Ein  ganzes  Buch  voller  Liebessonette  handelt  von  den  Täuschungen  des
Eros  im  Sinne  jener  skeptischen  Erfahrung  über  die  unerlösbare  Einsamkeit
der  Seele,  die  so  viele  moderne  Dichter  beklagt  haben.  Hier  ist  das  alles
vom  Standpunkt  der  weiblichen  Seele  aus  gesehen.  Gesehen  und  durchgedacht ­
  —  und  dann  in  Sonettenform  ausgesprochen.
        <pb n="186" />
        EUGEN  DIEDERICHS  VERLAG  IN  JENA

MARGARETE  SUSMANN,  VOM  SINN  DER  LIEBE,
br.  M  2.50,  Hperg.  geb.  M  3.50
Die  Frauenwacht:  Der  Andere  stellt  mir  gegenüber  eine  Form  des  Lebens
dar,  die  ewig  mit  mir  verbunden  ist  durch  den  gleichen  Ursprung  und  doch
ewig  von  mir  getrennt  ist  durch  ihre  besondere  Art  der  Vereinzelung,  durch
ihr  Anderssein.  Dieses  Anderssein  zu  ergründen,  zu  durchdringen  ist  die
große,  heilige  Aufgabe  der  Liebe,  „eine  Welt  des  Zufalls  muß  hinweggeräumt,
muß  unter  Schmerz  und  Inbrunst  durchdrungen  werden“  durch  ihre  handelnde ­
  Kraft.  So  schafft  der  Liebende  am  „Symbol  der  Geliebten“,  denn
immer,  wenn  aus  einem  bloß  Lebenden  das  Geistige  herausgelöst  werden
soll,  entsteht  ein  Symbol.  Dabei  entsteht  als  höchste  Forderung  der  Liebe
zwischen  Mensch  und  Mensch  das  Gebot:  die  unverletzliche  Freiheit  des
anderen  zu  fühlen,  als  Recht  nicht  nur,  sondern  als  Pflicht.  Darum  ist  aber
auch  die  Liebe  tiefstes  Leid;  Leid  am  Anderssein  und  nicht  eins  werden
können,  „denn  nie  wird  Einsamkeit  tiefer  gefühlt  als  in  der  Liebe  zu  einem
andern  Menschen.“  Hier  liegen  die  feinsten  und  zugleich  freiesten  Deutungen ­
  des  Buches,  weil  sie  vom  tiefst  Persönlichen  ausgehend,  zugleich  die
erhabenste  Überwindung  des  in  seinen  egoistischen  Wünschen  befangenen
Persönlichen  ausdrücken.  Hohe  Freiheit  fordert  M.  Susman  auch  angesichts
der  über  uns  durch  die  Natur  verhängten  Geschlechtsliebe.  „Frei  ist  nicht,  wer
das  Dunkle,  Verworrene  von  sich  fern  hält,  es  unter  sich  entgleiten  läßt,
frei  ist  nur,  wer  in  der  Hingabe,  in  der  Vernichtung  die  Fruchtbarkeit  des
Lebens  selbst  erlebt  und  stärker  und  höher  aus  ihr  hervorgeht.“  „Gegenüber ­
  dem  Geschlecht  ist  nur  eineTat  der  Freiheit  möglich;  die  Verwandlung.“
Doch  diese  Verwandlung  ist  für  uns  unendlich  schwer.  Nur  im  Sinne  der
Schönheit  ist  das  Problem  gelöst  worden  in  der  Kunst.  Mit  diesem  Hinweis ­
  auf  die  hohe  Bedeutung  der  Kunst  als  Trägerin  vorausgeahnter  Entwicklungsmöglichkeiten ­
  der  Menschheit  schließt  dieses  Buch  vom  Sinne  der
Liebe,  indem  es  noch  einmal,  rückwendend,  diesen  Sinn  als  ewiges  Streben
nach  Umwandlung,  Höherentwicklung  des  Einzelnen  und  der  Gesamtheit
andeutet.  (Anna  Brunnemann,

ELIZABETH  BARRETT-BROWNING,  SONETTE
NACHDEM  PORTUGIESISCHEN.  Nachdichtung  von
Marie  Luise  Gothein.  2.  Aufl.  ca.  M  2  (in  Vorbereitung)
Preußische  Jahrbücher:  Die  wahrhaft  edle  Frau,  die  in  diesen  Gedichten ­
  ein  Stück  ihres  Lebens  und  ihrer  Seele  verschenkte,  gilt  heute
für  die  größte  Dichterin  Englands.  Diese  Sonette  gehören  zu  den  schönsten ­
  Liebesgedichten,  die  wir  besitzen,  und  sind  doch  ganz  einzig.  Was  uns
Goethes  geistige  Ehe  mit  Frau  von  Stein  geworden,  verdankt  England  dieser
Verbindung:  ein  hohes  Bild  menschlicher  Vereinigung,  in  dem  englisches
Wesen  sich  zu  äußerster  Schönheit  gesteigert  fühlt.  Die  Übertragung  ist  in
jeder  Hinsicht  vortrefflich.  (Ernst  Hardt)
        <pb n="187" />
        EUG  EN  DIEDERICHS  VERLAG  IN  JENA

FRITZ  VOECHTING,  ÜBER  DEN  AMERIKANISCHEN ­
  FRAUENKULT.  Pappband  M  2.—
Hannoverscher  Courier:  Der  Frauenkult  ist  nichts  als  eine  notwendige
Gegenwirkung  der  sonstigen  brutalen  Lebensauffassung  des  Amerikaners.
Alle  idealen  Werte  wurden  auf  das  Weib  übertragen,  es  wurde  zum  alleinigen
Mittelpunkt  aller  feineren  seelischen  Regungen  und  Empfindungen.  Aber
auch  der  flache  Optimismus,  der  einen  wesentlichen  Bestandteil  der  amerikanischen ­
  Weltanschauung  bildet,  die  nationale  Eitelkeit  in  ihren  meist  so
kindlichen  Äußerungen,  der  exaltierte  Kultus  der  Persönlichkeit,  die  blinde
Anbetung  jedes  äußeren  Erfolges,  das  tiefgehende  Interesse  an  allen  gesellschaftlichen ­
  Dingen,  das  bei  den  republikanischen  Amerikanern  bekanntlich ­
  sehr  viel  stärker  als  bei  uns  Europäern  ausgebildet  ist:  das  alles  sind
für  jeden  Kenner  der  Volkspsychologie  deutliche  Zeichen  weiblichen  Einflusses. ­
  Die  bildende  Kunst  dient  einzig  und  allein  der  Sentimentalität  und
Erotik  ;  nur  Weiber  werden  dargestellt  in  den  verschiedensten  Lebensaltern.
Die  christliche  Wissenschaft,  die  Erfindung  jener  berüchtigten  Frau  Eddy,
ist  ein  plumper  Schwindel,  nur  denkbar  in  einem  Lande,  wo  jede  gesunde
männliche  Kritik  in  metaphysischen  Dingen  fehlt  und  die  religiöse  Führung
in  Frauenhänden  liegt.  (Herbert  Stegemann)
GRETE  MEISEL-HESS,  DIE  SEXUELLE  KRISE.
5.  Taus.  br.  M5.50,  Lwd.  geb.  M  6.50
Die  neue  Generation:  Grete  Meisel-Heß,  eine  der  angesehensten  Kämpferinnen ­
  in  der  deutschen  Frauenbewegung,  nimmt  vor  allen  Dingen  durch
ihre  geistvolle  Schilderung  der  Menschen  und  der  gegenwärtigen  Gesellschaftszustände ­
  gefangen.  Ihr  psychologischer  Spürsinn  und  ihre  daraus  folgende  Auffassung ­
  zeittypischer  Handlungen  ist  durchaus  neu  und  eigenartig.  Es  ist  ein
kühnes,  großes  und  schönes  Unternehmen,  nicht  mehr  und  nicht  weniger  als
eine  Enzyklopädie  der  heutigen  Sexualmoral,  die  dabei  das  Schicksal  der  kommenden ­
  Geschlechter  mit  in  Betracht  zieht.  Dieses  schonungslos  wahre  Bild
zeigt  uns,  daß  der  Mensch  nach  jahrhundertlangem  Freiheitsstreben  nur  einen
sehr  geringen  Grad  von  geistiger  und  sinnlicher  Harmonie  mit  der  Umwelt,  mit
sich  selbst  und  mit  seinen  eigenen  Trieben  erreicht  hat.  (Frida  Steenhoff)
HEINRICH  MEYER-BENFEY,  DIE  SITTLICHEN
GRUNDLAGEN  DER  EHE.  Ein  Beitrag  zur  Begründung ­
  einer  Sexualethik,  br.  M  1.50
Die  Schrift  enthält  in  erweiterter  Fassung  den  Vortrag,  den  der  Verfasser  auf
der  2.  Generalversammlung  des  deutschen  Bundes  für  Mutterschutz  gehalten
und  dem  sich  der  Bund  ebenso  wie  den  von  Meyer-Benfey  entworfenen  Leitsätzen ­
  angeschlossen  hat.  Als  alleiniger  Inhalt  der  Sexualethik  bezeichnet
er  den  Satz,  daß  aller  Geschlechtsverkehr  einen  seelischen  Sinn  und  Inhalt
habe,  daß  er  eine  Einheit  leiblichen  und  seelischen  Lebens  darstelle.
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        3Sä

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03

:m  es  das  Individuum  von  der  Masse  seiner  Mitmenschen
heidet,  ist  kein  Gegenargument.  Einsamkeit  und  Leid  ist
e  Dornenkrone,  die  das  Königtum  des  irdischen  Messias
•  mnzeichnet  —  es  ist  das  Kennzeichen  des  Führers.
3o  durchdringen  soziale  Disharmonien  und  subjektive
onflikte  und  Leiden  das  Leben  unserer  Zeit  und  machen
:h  auf  jedem  Gebiet  des  Menschenlebens,  dem  religiösen,
»litischen,  häuslichen  fühlbar,  und  wenn  sie  sich  im  Gehlechtsleben
  stärker  bemerkbar  und  heftiger  fühlbar
achen  als  auf  jedem  andern  Gebiet,  selbst  als  auf  dem
!r  Religion,  so  ist  es,  weil  wir,  sobald  wir  das  Sexualgeet
  betreten,  das  Rückenmark  des  menschlichen  Daseins
‘greifen,  den  Zentralnerv,  bei  dem  jede  Berührung  am
sftigsten,  jeder  Schmerz  oder  Freude  am  lebhaftesten
hlbar  ist.  Nicht  die  geschlechtliche  Disharmonie  ist  die
urzel  unserer  Unrast,  sondern  die  allgemeine  Disharmoe
  ist  es,  die  selbst  die  Welt  der  Geschlechtsphänomene
‘einflußt.
üie  Grenzen,  welche  die  fortschrittlichen  Gruppen  von
‘rsonen,  die  sich  den  neuen  Lebensverhältnissen  anzu--
  ssen  suchen,  von  den  reaktionären  scheidet,  fällt  keinesigs
  mit  der  Grenze  des  Geschlechtes  zusammen.  Eine
iorgeSand  und  ein  Henrik  Ibsen  gehören  weit  eher  in  ein
id  dieselbe  Gruppe  der  modernen  Entwicklung,  als  jeder
n  beiden  in  irgendeine  Gruppe  ihres  eigenen  Geschlechtes,
enn  wir  die  Menschheit  nach  Typen  einteilen,  so  wird
de  Gruppe  Männer  und  die  ihnen  entsprechenden  Frauen
Massen.  Neben  dem  altbekannten  Typus  der  Dime,  die
:h  an  der  Straßenecke  zum  Kaufe  anbietet,  steht  der  ure
  Typus  des  Mannes  —  mit  oder  ohne  Firnis  der  Zivilition
  —,  der  begierig  ist,  sie  zu  kaufen.  Neben  der  paraischen
  Frau,  die  im  Verhältnis  zum  Mann  nur  Genuß
d  Luxus  sucht,  steht  der  Mann,  der  in  der  Verbindung
t  ihr  nur  zügellose  Genussucht  befriedigt.  Neben  der
uen  Frau,  die  Arbeit  begehrt  und  beim  Mann  die  Liebe
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